— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ vananahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uh hr offen. 2. Lesebreis. Bei Rückgabe eines gekiehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 1 für wöchentlich 2 Bücher: 4 4 Bücher: 6 Bücher: —— anf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 7 3„— 5.„ Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der, Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defetts Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der i zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ————— 2„ —.— Das Schloss Montillo. d ſ. Roman in zwei Theilen. 6 (Frei nach dem Engliſchen.) . * Von * 1 F. r. Hadats. Zweiter Theil. 1 — é—=— Biſt du irgend was? Biſt du ein Gott, ein Engel oder TDeufel, Der ſtarren macht mein Blut, das Haar mirr ſtraͤubt? 4 Gib Rede, was du biſt. Julius Caͤſar. 4 Leipzig, 1824. Im Induſtrie⸗ Comptoir. Inhalt des zweiten Theiles. Erſtes Kapitel.. Der ſonderbare Bote,— mißlungene Plaͤne,— Valedia's Huͤlfe,— das Pläͤnchen,— und der Mord. S. 3. Zweites Kapitel. Neues Wunder,— der Unbekannte,— die Fallthuͤr,— das Grab,— die Zauberin,— die Beſchwoͤrung,— und der Moͤrder wider Willen.— S. 22. Drittes Kapitel. Der Räthſelhafte,— der Monolog im Schlafe,— die TDodes⸗ angſt,— und die Flucht. 3 S. 47. Viertes Kapitel. Die Verkleidung,— der Irrthum,— Fernando de Coello,— die Diener der heiligen Inquiſition,— und Selima. S. 84. Fuͤnftes Kapitel. Das goldene Medaillon,— der Ring,— Ferendez Bildniß,— und Fernando de Coello's Abentheuer. S. 104. Sechstes Kapitel. Die Corſaren,— der Ueberfall,— Sclavenjoch,— die Ver⸗ ſchwoͤrung,— Muſtapha's Erzaͤhlung,— das Linienſchiff,— und der geſpenſtiſche Huſar. S. 127. Siebentes Kapitel. Fortſetzung der Geſchichte,— die beiden Huſaren,— Al— manſor,— der Sturm,— und der arabiſche Renner. S. 155. IV Achtes Kapitel.⸗ Afrika's Sandwuͤſten,— das ſonderbare Schloß,— der Ge⸗ ſang,— der Trunkenbold,— Wanderung nach dem Ha⸗ rem,— die Ueberraſchung— und der Schrecken. S. 172. Neuntes Kapitel. Der Schloßgarten,— das naͤchtliche Rendevous,— Selima's Geſchichte,— die Verwirrung,— das Abſchiedsfeſt,— die Trompetenſtoͤße,— und Namouna's Tod. S. 197. Zehntes Kapitel. Das Gefaͤngniß,— der Todesbote,— Muſtapha,— Rettung in der Noth,— neue Aufklaͤrungen,— die Trauung,— und das Geſpenſt in der Hochzeitsnacht. S. 220. Elftes Kapitel. Der Spaziergang,— der Fiſcher,— wunderbares Zuſammen⸗ treffen,— die Klage,— der Greis,— der Juwelen⸗Pal⸗ laſt— das ſchwarze Gewoͤlbe,— Donna Emira,— und der alte Pedro. S. 243. Zwoͤlftes Kapitel. Der ſchwarze Mann,— die heilige Inquiſition,— und das Verhoͤr. S. 264. Dreizehntes Kapitel. Fortſetzung des Verhoͤres,— der Seufzer,— der Reinigungs⸗ ſchwur,— die blutende Wunde,— der Teufelsvertrag,— die Geiſtererſcheinung,— und gaͤnzliche Aufklaͤrung. — S. 287. Vierzehntes Kapitel. Schluß der Geſchichte. S. 314. 2— — der Ge⸗ h dem Ha⸗ .S. 172. Selima's eni. Dase Das Schloß Montillo. — Rettung rauung,— S. 220, uſammen⸗ 3 Vv l e r T 84 r e 1 i a h 3 4 l. uwelen⸗Hal⸗ nnd das S. 264. Neinigungs⸗ 6,— t u. dheit. 1 Erſtes Kapitel. Der ſonderbare Bote,— mißlungene Plaͤne,— Valedias Huͤlfe,— das Plaͤnchen,— und der Mord. Ma dem feſten Vorſatze, Don Padilla's Stolz durch ſein cavaliermaͤßiges Betragen, ſeine bedeutenden Verbindungen und glaͤnzenden Wuͤrden biegſamer zu machen, kurz ihn zu ſeinem Willen zu bewegen, beſuchte Antonio den Tag nach jenem Abendſpaziergange ſeinen Freund, den Gra⸗ fen Potenza; wurde aber ſehr unangenehm uͤber⸗ raſcht, als er vernahm, daß ſich Almira bereits im Kloſter befaͤnde. Unmöͤglich konnte er ſich bei g Don Padilla's unwuͤrdiger Behandlung ſeiner Tochter einer Aufwallung des Zornes enthalten, die ihm einige bittere Anmerkungen erpreßte. Mit innigem Behagen ergoͤtzte ſich Tevaro aber an Antonio's Verwirrung und beantwortete ſeine Vorwuͤrfe mit ſo beißendem Trotz und Hohn, daß der Marquis bald genug bemerkte, wie es 1* 4 ein Hauptzug in dem Character ſeines Gegners waͤre, das innigſte Vergnuͤgen aus der Betrach⸗ tung des Elendes ſeiner Nebenmenſchen zu ziehen. Durch jenen Hohn auf das Aeußerſte getrieben, be— ſchloß er nichts unverſucht zu laſſen, Almiren zu retten, und eilte zu ſeinem Freunde dem Marquis de Denia, den er tiefſinnig, das geſenkte Haupt in die hohle Hand geſtuͤtzt, in ſeiner Bibliothek ſitzend antraf. „Eben recht, daß Du koͤmmſt, um mich der fuͤrchterlichſten Gedankenfluth zu entreißen,“— rief ihm Albert ſchon beim Eintritte entgegen.„Lei⸗ der! erlebe ich faſt taͤglich die ſonderbarſten und unbegreiflichſten Ereigniſſe, ohne daß es mir moͤglich iſt, ihren Urheber zu ergruͤnden. Kaum wachte ich dieſen Morgen auf, als ich mich halb angekleidet nach meinem Garten begab, die kuͤhlen Stunden zu genießen. Seelenvergnuͤgt uͤber das Gezwitſcher der Voͤgel, welche in ganzen Zuͤgen die Mandel⸗ und Pommeranzenbaumhaine durchſtrichen, ließ ich mich auf einer Raſenbank nieder, als ploͤtzlich Fuß⸗ tritte durch das auf dem Boden liegende duͤrre Laub rauſchten und ich eine lange hagere Figur auf mich zukommen ſah, die ſich in einen ſchwarzen Mantel bis uͤber die Naſe verhuͤllt hatte. Augen⸗ blicklich erinnerte ich mich des Fremden aus der 1 4 2 — ners Kirche zu Calatrava und wollte empor ſpringen, 7, um nach Huͤlfe zu rufen, fand mich aber ploͤtzlich zen. ſo kraftlos, daß es mir reine Unmoͤglichkeit ſchien. he 4 Mit feindſeliger Miene trat mir der ſonderbare n zu Fremde jetzt naͤher, betrachtete mich einige Augen— uis blicke ſchweigend und zog endlich einen ſchwarz ver— ut ſiegelten Brief unter dem Mantel hervor. Schon lhet beim erſten Blick darauf erkannte ich meines Vaters Petſchaft und gerieth in nicht geringe Verwirrung, der als ich auch die Zuͤge ſeiner Hand erkannte.“ „Staunen, Neugierde und Ungeduld uͤbten a jetzt ihre ganze Gewalt in mir; ich oͤffnete mit llß gieriger Haſt das Siegel und las den Auftrag, eine ſ 1 gewiſſe Reiſe, die ich mir feſt vorgenommen hatte, auf keinen Fall anzutreten, ſondern mich unver— i zuͤglich nach dem Landhauſe an den Ufern des Tajo adet zu begeben und daſſelbe ohne der ausdruͤcklichen nden Erlaubniß meines Vaters nicht wieder zu verlaſ⸗ tſcher ſen.“— del„Noch hatte ich mich von meiner Verwunde⸗ ich rung nicht halb erholt, als ich nach dem ſonder⸗ Füh⸗ 2 barem Brieftraͤger blicken wollte, der aber leider duͤrre 3 verſchwunden war, ohne daß ich fruͤher von ſeiner Entfernung das Geringſte bemerkt hatte. So ſchnell als moͤglich ließ ich den ganzen Garten mit ugen⸗ der groͤßten Genauigkell durchſuchen, leider aber — — 6 ohne den gewuͤnſchten Erfolg, und noch bis auf den gegenwaͤrtigen Augenblick kann ich nicht er⸗ rathen, wer dieſer geheimnißvolle Bote geweſen ſeyn mag.“ „Glaubſt Du denn wirklich Deines Vaters Handſchrift zu erkennen,“ fragte Antonio. „Wie leicht iſt es moͤglich, daß Du durch zufaͤl⸗ lige Aehnlichkeit getaͤuſcht wurdeſt und das Ganze ein neuer Verſuch jenes ſchaͤndlichen Entwurfes iſt, den Du auf Deiner Reiſe nach Toledo ſo gluͤck⸗ lich entgingſt.“ „Faſt kann ich mich jenes Verdachtes ſelbſt 7 nicht enthalten,“ verſetzte Denia.„Waͤre aber auch die Schrift nachgeahmt, ſo iſt doch das Sie⸗ gel ganz unbedingt daſſelbe, welches ich ſtets bei mir trage. Unmoͤglich kann daher eine Verfaͤl⸗ ſchung deſſelben ſtatt haben. Eben ſo wenig konn⸗ ten Don Padilla und ſeine Helfershelfer von meiner vorgehabten Reiſe nach dem Schloſſe Mon⸗ tillo wiſſen, da ſie ſo geheim gehalten wurde, daß außer Raolo keiner meiner Bedienten auch nur die geringſte Spur davon hatte.“ „Biſt Du aber von ſeiner Treue ganz uͤber⸗ zeugt à“ fragte Antonio nachdruͤcklich;„Leider iſt die Macht des Goldes nur zu maͤchtig!“ „O nur zu ſehr uͤberzeugt!“ rief der Mar⸗ ap⸗ — 7 quis. Nichts bleibt mir daher in meiner jetzigen Lage zu thun uͤbrig, als den Willen meines laͤngſt verſtorbenen Vaters zu befolgen. Ich will mich jedoch bei einer nochmaligen Zuſammenkunft mit je⸗ nem Unerklaͤrbaren in Zukunft handgreiflich uͤber⸗ zeugen, ob es ein Geiſt oder ein Menſch iſt, mit dem ich zu thun habe.“ „Nathe mir doch um des Himmels willen,“ entgegnete Antonio—„wenn Du Madrid durch⸗ aus nun verlaſſen willſt, auf welche Art ich Al⸗ mira aus dem Kloſter rette; o wie gerne moͤchte ich Padilla's Entwuͤrfen durch Vereinigung ih⸗ res Schickſales mit dem Meinigen Trotz bieten koͤnnen.“ Erſt nach manchem reeiflich uͤberlene Gedanken rieth ihm Denia einen der Moͤnche, die im Klo⸗ ſter Zutritt haͤtten, zu beſtechen, zugleich aber, da Don Padilla in zwei Tagen nach ſeinem Schloſſe zuruͤckkehren werde, ſo vorſichtig als mög⸗ lich zu ſeyn, daß jener vor ſeiner Abreiſe nichts von ihren Anſchlaͤgen entdecke. Leider war Anto⸗ nio aber zu ungeduldig, um Padilla's Abreiſe zu erwarten. Noch an demſelben Tage erſchien er vor dem Sprachgitter, um mit Almiren zu reden. Alle ſeine Hoͤflichkeit, ſammt dem einſchmeichelndſten Benehmen konnte das Herz der gefuͤhlloſen Oberin aber nicht erweichen. Ganz offen beſchuldigte ſie ihn der Abſicht, ein junges Gemuͤth in ſeiner Andacht zu ſtoͤren und den Geiſt weltlicher Luͤſte in ihr Hei— ligthum zu verpflanzen. Erſt nach einer langwei⸗ ligen Abhandlung uͤber ſein ſuͤndenhaftes Begehren entließ ſie ihn mit der Verſicherung, daß ſie Almi⸗ ren nie geſtatten wuͤrde, mit einem andern Manne als ihrem eigenen Vater zu reden, am allerwenig⸗ ſten aber mit einem jungen Herrn, der in der gottloſen Abſicht wie der Wolf um die Huͤrde ſchli⸗ che, um ihrer unſchuldigen Heerde ein Schaͤfchen zu rauben. Nur zu gut ſah Antonio jetzt, daß er die Stangen des Eiſengitters, die ihm den Eingang verwehrten, weit eher zum Mitleid bewegen wuͤrde, als das kalte fuͤhlloſe Herz der Aebtiſſin. Unwil⸗ lig verließ er daher das Kloſter, in dem ſein ein⸗ ziges Lebensgluͤck verſchloſſen war, und gab ſich alle Muͤhe, einen neuen Entwurf zu erſinnen, der ihn zum Ziele fuͤhren ſollte.⸗ Nach mehreren fruchtlos vertraͤumten Tagen nahm er endlich ſeine einzige Zuflucht zu einem der Moͤnche, ſtellte ihm vor, wie ungerecht es ſey, Almira wider ihren Willen einzukerkern, ſchil⸗ derte ihm die Staͤrke ſeiner Leidenſchaft und ver⸗ ſprach, daß er ihm vermoͤge ſeines Ranges und —— 2 9 der Huͤlfe ſeiner Verwandten aus klarer ſchuldiger Erkenntlichkeit geiſtliche Wuͤrden und Ehrenſtellen verſchaffen wolle, zu denen er ſonſt gewiß nie ge⸗ langen wuͤrde. Mit Freude bemerkte de los Velos, daß der letzte Grund erwuͤnſchte Wirkung that. Nach den gewaͤhlteſten Hoͤflichkeitsbezengungen verſprach ihm der Moͤnch unter der Bedingung, daß er ſich mitt⸗ ler Weile in Geduld faſſen moͤchte, in wenigen Tagen Antwort zu bringen. Obgleich dieſer Aufſchub in den Augen des un⸗ geduldigen Antonio ein Jahrhundert ſchien, ſo zwang ihn die Nothwendigkeit doch, ſich darnach zu fuͤgen. Um ſeine Gedanken aber auch nicht im Geringſten von dem Gegenſtande ſeiner Liebe zu kehren, ſo beſuchte er die Kloſterkirche doch regel— maͤßig, und unterſuchte die Lage des ganzen Ge⸗ baͤudes ſo genau als moͤglich, um im Falle der aͤußerſten Noth die Mauern des Kloſters zu uͤber⸗ ſteigen und ſich der geheiligten Beute mit Gewalt zu verſichern. Der angreifbarſte Theil der Feſtung ſchien ihm die Mauer des Gartens, welche nach einer ſchma— len und finſteren Gaſſe fuͤhrte und an mehrere niedrige Haͤuſer ſtieß, deren Einwohner ſaͤmmtlich aus Leuten der aͤrmeren Claſſe beſtanden.— Mit 4 9 jedem Tage wurde er von der Ausfuͤhrbarkeit ſei⸗ nes Entwurfes immer mehr uͤberzeugt, bis endlich der Zeitpunkt heran kam, wo er den Moͤnch erwar⸗ tete. Leider ſchwand ihm aber auch dieſe Hoffnung! Mit der fuͤrchterlichſten Beſtimmtheit brachte er ihm abſchlaͤgige Antwort, indem er die unverletzbare Heiligkeit ſeiner Amtspflichten vorſchuͤtzte. Nichts blieb ihm daher uͤbrig, als auf neue Arten des Angriffes zu ſinnen, die ihn aber noch immer nicht zum Ziele fuͤhrten. Durch den immerwaͤhrenden Wechſel zwiſchen ſuͤßen Hoffnungen und fehlgeſchlagenen Erwartun⸗ gen war Antonio bald ſo ſehr mit ſich ſelbſt be— ſchaͤftiget, daß er ſeinen Freund Denia gaͤnzlich vernachlaͤßigte. Obſchon es ihm auffiel, daß er Madrid niemals beſuchte, fand er ſich doch nicht geneigt, ſeinen ununterbrochenen Aufenthalt auf dem Landhauſe am Tajo einer beſonderen Aufmerkſam⸗ keit zu wuͤrdigen. Stets hatte er neue Plaͤne zu ſchmieden, und ſo gingen denn beinahe zwei Mo⸗ nate voruͤber, ohne daß er in ſeinen Unternehmun— gen nur einen Schritt vorwaͤrts gekommen waͤre. Mit einem Male fiel es ihm ein, den Marquis de Deniga zu beſuchen, und ihn zur Ruͤckkehr zu ——— — — 4 11 bewegen, um ſich ſeines Rathes und ſeiner thaͤti⸗ gen Mitwirkung bedienen zu koͤnnen. Er ertheilte ſeinen Dienern ſogleich den Befehl, alles zur Abreiſe bereit zu halten, und dieſe waren noch theils mit dem Wagen, theils mit der Be⸗ feſtigung des Gepaͤckes beſchaͤftiget, waͤhrend er fuͤhlos am Fenſter ſaß und die Voruͤbergehenden gedankenlos anſah. Da huͤpfte ſein Muͤhmchen Valedia ploͤtzlich in das Zimmer, bemerkte die Unordnung und fragte mit ſchelmiſchem Laͤcheln, ob er vielleicht Willens ſey, eine Reiſe um die Welt zu machen, oder ob es ſonſt in ſeinem Kopfe nicht recht richtig waͤre, wie ſein verwildertes Ausſehen ziemlich deutlich beweiſe?— „O ſchweigt,“— verſetzte Antonio.„Im⸗ mer und ewig ſeyd Ihr munter und froͤhlich; lei⸗ der! bin ich aber gegenwaͤrtig nicht in der Lage, mich an Eurem Humor zu vergnuͤgen.“ „Und warum nicht?“ rief ſie abermals laͤchelnd.„Gewiß iſt Euer Murrſinn nichts weiter als ein Anfall vom Liebesfieber, das Euch ſo klug⸗, ſcheinende Maͤnner gewoͤhnlich zu Narren macht. Ja, bei Gott! ſchon ſehe ich die deutlichſten Symp— tome in Eurem zerruͤtteten Aeußern.“ „Faſt glaube ich, daß Ihr wohl nie ſo richtig gerathen habt,“ entgegnete Antonio. Da es 12 Euch aber an Mitteln und Erfahrung fehlt, mich heilen zu koͤnnen, ſo verlaßt mich denn, gute Va— ledia.“ „Da ſieht man nun, wie ſuperklug Ihr einge⸗ bildete Maͤnner, Ihr Herren der Schoͤpfung ſeyd,“ verſetzte Valedia.„Einen verliebten Mann ſich ſelbſt uͤberlaſſen zu wollen, iſt doch goͤwiß die ſchlechteſte Methode, ihn zu heilen.“ „O ſcherzt nicht uͤber Dinge, die Ihr kaum ahnen koͤnnt,“— rief Antonio jetzt mit ern⸗ ſtem Tone.„Sagt mir, Valedia, habt Ihr jemals geliebt? Um des Himmelswillen aber ernſt⸗ haft geantwortet; ernſthaft, ſage ich, Valedial“— „So ernſthaft als nur immer moͤglich;“— ſeufzte das ſchoͤne Muͤhmchen—„alſo: ja, ich habe geliebt.“ „So laßt uns denn Vertraute werden,“— ſagte Antonio;„glaubt mir, die Liebe iſt eben ſo geſchwaͤtzig wie das Alter.“ „Und auch ſo muͤrriſch,“— verſetzte Vale— dia.„Doch auch ich habe eine Frage an Euch: Habt Ihr keine neuen Nachrichten von Eurem Freunde Fernando?“ „Leider! keine,“— ſeufzte Anronio. „Muß auch zugleich geſtehen, daß ich fuͤrchte, daß das allgemeine Geruͤcht fuͤr dieſes Mal die mich Na Dan Wahrheit ſprach.— Fernando iſt doch nicht Euer Geliebter?“ „Und warum nicht?“ entgegnete Valedia. „Was kann es bei der gegenwaͤrtigen Lage der Dinge ſchaden, wenn ich Euch ein Geheimniß mittheile, das ich lange genug verborgen hielt. Doch ſagt mir nun, Vetter, ob ich Eure erwaͤhlte Dame kenne?“ „Sicher nicht, und werdet ſie leider auch nicht kennen lernen,“— rief Antonio,—„da ſie ſo⸗ wohl fuͤr mich als fuͤr die Welt hinter den Mau— ern eines Kloſters begraben wurde.“ Unter tauſend Seufzern erzaͤhlte ihr der Mar— quis jetzt Almirens Schickfale, kaum hatte er aber geendet, ſo fragte ſie mit ſelbſt zufriedenem Laͤcheln:„Was gebt Ihr mir, wenn ich Euch Zutritt in das Kloſter verſchaffe? Ja, noch mehr, wenn ich Almiren ſelbſt Euren Armen uͤber⸗ liefere?“ „Was Ihr nur immer wuͤnſcht,“— ſchrie Antonto freudig uͤberraſcht.„Zugleich will ich aber auch erkennen, daß die Erfindſamkeit Eures Geſchlechts die geruͤhmte Klugheit und Schlauheit des unſrigen weit uͤbertrifft.“ „Was uns auch ohne Eure Erkenntniß die ganze Welt zugeſteht,“— lachte Valedia.„Lei⸗ 9 14 der ſagt man aber, daß wir nicht immer ſo unei— gennuͤtzig als hinterliſtig ſind. Gewiß kennet Ihr noch kein Beiſpiel, daß ſich ein Maͤdchen wie ich, allen erdenklichen Gefahren ausſetzte, um die Liebe eines jungen, ſchoͤnen Cavaliers, wie Ihr ſeyd, zu einer andern ihres Geſchlechtes zu beguͤnſtigen. Mit dem reiflichſten Nachdenken habe ich die ver— ſchiedenen Verſuche erwogen, die Ihr gemacht habt, die vorzuͤglichſte Schwierigkeit ſcheint mir aber, Eintritt in das Kloſter zu erhalten. Stau⸗ net denn uͤber den heroiſchen Entſchluß eines Maͤd⸗ chens, wie ich bin, die, um dieſes Hinderniß zu beſeitigen und eine Correſpondenz zwiſchen Euch anknuͤpfen zu koͤnnen, eine Koſtgaͤngerin jenes Klo⸗ ſters werden will. Gewiß iſt nichts leichter als die Ausfuͤhrung dieſes Planes. Ohne Geſahr des Verdachtes koͤnnen wir dann unſere Entwuͤrfe aus⸗ fuͤhren, auch zweifle ich nicht im Geringſten, daß ich in Kurzem die Flucht Eurer Geliebten werde bewerkſtelligen koͤnnen.“ Auf das Hoͤchſte entzuͤckt uͤber den ſo vorſichtig als herrlich angelegten Plan, umarmte der Mar⸗ quis ſein ſchoͤnes Muͤhmchen und uͤberließ Ihr die Anordnung und Ausfuͤhrung des Ganzen mit dem feſteſten Vertrauen. Wie natuͤrlich unterblieb jetzt die vorgehabte Reiſe. Indeſſen Valedia gen nas ein nel 3 15 alle Anſtalten zur Aufnahme in das Kloſter auf das Thaͤtigſte betrieb, benachrichtigte er ſeinen Freund Denia von ſeinem neuen, und wie er glaubte, unfehlbaren Anſchlag. Obwohl Valedia's ploͤtzlicher Entſchluß ihre Verwandten uͤberraſchte, ſo ſchoben ſie ihn doch faſt durchgaͤngig auf einige laͤngſt bemerkte melan⸗ choliſche Anfaͤlle, die aus jenen fehlgeſchlagenen Hoffnungen ihrer Jugend entſtanden. Mit Freude ſchloß ſie die Aebtiſſin in ihre Arme, die ſich durch jene Auszeichnung, die ihrem Kloſter durch die Aufnahme eines Frauenzimmers aus einer der erſten Familien Spaniens zu Theil wurde, nicht we⸗ nig geehrt fuͤhlte. Mit dem feinſten Benehmen wußte ſie ſich auch Almirens Vertrauen ſchnell genug zu erwerben, bald konnte ſich Antonio aber mit dem, durch Valedia gluͤcklich eingelei— teten Briefwechſel nicht mehr begnuͤgen und bat Almiren ſo dringend als moͤglich, daß ſie ihm nach zwei Tagen am Rande des Kloſtergartens eine Zuſammenkunft gewaͤhren moͤchte, um ſie von der Reinheit und Aufrichtigkeit ſeiner Abſichten perſoͤnlich uͤberzeugen zu koͤnnen. Obſchon ſich Almira nur mit Furcht und wi⸗ derſtrebendem Herzen zu dieſem heimlichen Unter— nehmen verſtehen wollte, ſo bedachte ſie doch, daß 16 es unbedingt noͤthig ſey, ſobald ſie ſich aus jenen ihr verhaßten Mauern retten wollte. Leider aber toͤnte ihr Seraphinens fuͤrchterliche Prophe⸗ zeihung noch immer in den Ohren und erfuͤllte ſie mit der groͤßten Zaghaftigkeit. Unaufhoͤrlich wie⸗ derholte ſie ſich jenen wunderbaren Auftritt, bis ſie bange und duͤſtere Ahnungen endlich aller Zu— verſicht beraubten. Vergebens ſuchte ſie die Be— klemmung ihres Geiſtes durch alle erdenklichen Ver⸗ nunftgruͤnde zu verbannen und die ganze Scene auf Rechnung ihrer Einbildungskraft zu ſetzen. Mit aͤngſtlicher Genauigkeit zaͤhlte ſie die Tage und ſchauderte jetzt maͤchtig zuſammen, als ſie fand, daß dieſelbe Nacht, in der Antonio die Zuſammenkunft mit ihr verlangte, gerade die Neunte waͤre, ſeit der Weiſſagung jener himmli⸗ ſchen Erſcheinung. „O Gewiß waltet ein geheimnißvolles Schick⸗ ſal uͤber mir,“— jammerte ſie endlich, als ſie ſich etwas erholt hatte.„Mit Rieſenſchritten naͤ⸗ hern ſich nun die Augenblicke, die mich in die Arme meiner verklaͤrten Freundin fuͤhren ſollen. Himmel! und beim Bruche meiner heiligen Pflicht ſollte ich vom Tode uͤberraſcht werden! Nein, ich darf Antonio's Begehren nicht erfuͤllen. Womit 17 z ſinen odͤnnte ich dann vor dem ewigen Richter meine er abr Thorheit und meine Suͤnde entſchuldigen?“ Unaufhoͤrlich quaͤlten dergleichen Gedanken Al⸗ d mira's Gemuͤth, das ihr nicht die geringſte 2 Ruhe goͤnnte, und ſie zu jedem entſcheidenden 6 1 Schritte, das erſchlaffende Gefuͤhl zu uͤberwinden, her d unfaͤhig machte, da ſie lieber das Aergſte erwarten, d de als das Geringſte zum Wiederſtande deſſelben un⸗ i Pen ternehmen wollte. Erſt nach Valedia's drin⸗ Seens gendem Zureden willigte ſie mit den Worten: ſin⸗„Da ich meinem Schickſale in der folgenden Nacht 6 Döge gewiß nicht entgehen werde, ſo iſt es denn einer⸗ als ſie lei, ob ich in meiner Zelle bleibe oder nach dem io die Garten gehe,“— in Valedia's Willen.— de die immli Da Antonio nicht wußte, ob er ſobald wie⸗ der Gelegenheit zu einer perſoͤnlichen Unterredung mit Almiren bekommen wuͤrde, ſo beſchloß er, Schik alles Moͤgliche anzuwenden, ſie zur Flucht zu bere— ils ſie den, wozu er auch alles Noͤthige bereitet hatte. en nä⸗ Eben befahl er ſeinen Reiſewagen zu beſpannen, „Arme da er vielleicht noch dieſe Nacht verreiſen duͤrfte, mmell als der Marquis de Denia ganz mit Staub lte ich bedeckt, in der heftigſten Bewegung in ſein Zimmer 9 darf ſtuͤrzte. Schmerz, Schrecken und Beſtuͤrzung la⸗ Fauu gen auf ſeiner Miene, waͤhrend er Antonio II. Theil. 2 18 mit der heftigſten Eile nach dem innerſten ſeiner Zimmer zog. Erſt nach einer langen Pauſe, in der er wild umher blickte und Antonio die Thuͤre verſchloß, warf ſich Denia auf einen Stuhl und ſchrie wie raſend:„Bedauere mich, Antoniol bedauere mich als den elendeſten, ungluͤcklichſten Menſchen auf der Welt, und zwar aus Urſachen, die mich eben ſo gluͤcklich haͤtten machen koͤnnen. Leider! habe ich meine eigenen Hoffnungen vernichtet, und mein guͤnſtiges Schickſal, mit dem mich der Him⸗ mel ſo gnaͤdig ſegnete, vielleicht auf immer zerſtoͤrt. O Himmel!“— ſchrie er aufſpringend—„toll moͤchte ich werden, meine eigenen Haͤnde habe ich in Virginiens Blut getaucht, vielleicht holt ſie in dieſem Augenblicke den letzten Athemzug! Gott im Himmel! warum muß ich noch leben!“ ſchrie er jetzt abermals mit Thraͤnen in den Au⸗ gen—„warum mußten meine Haͤnde das groͤßte Meiſterſtuͤck, das die Natur hervorbrachte, ver⸗ nichten?!“ „Faſſe Dich doch um des Himmels willen,“— verſetzte de los Velos, als der Marquis endlich einhielt.„Was ſoll ich von Deinen un⸗ zuſammenhaͤngenden unverſtaͤndlichen Worten den⸗ ken?“ en ſeiner eer wild verſchloß, ſchrie wie bedauere Menſchen die mich Leider! htet, und der Him⸗ e zerſtort. —„ ul habe ich eicht holt fthemzug! ſeben!“ den Au⸗ das grͤßte hte, ver⸗ 77,— llen, is Karqut einen un⸗ eten den⸗ 19 „Daß ich Virginien, den Liebling meines Herzens, den einzig geliebten Gegenſtand meiner Seele ermordet habe,“— ſchrie Denia mit faſt erſchoͤpfter Stimme. „Unmoͤglich!“ rief Antonio—„faſt glaube ich, Du raſeſt! oder Du ſprichſt im Traume.“ „Oh daß es ſo waͤre,“— ſchluchzte Albert mit erſticktem Tone.„Viele ſchreckliche Traͤume haben mich ſchon umſchwebt, leider! iſt dieſes aber kein Gaukelſpiel der Phantaſie, ſondern wirk⸗ liche, ſchreckliche Wahrheit! Hier, ſieh dieſe Klinge mit dem edelſten Blute befleckt, das jemals aus dem Herzen der Unſchuld floß! O Himmel! er⸗ barme dich meiner!“ Wie wuͤthend warf Denia ſein Schwert jetzt auf den Boden, ſchlug die Haͤnde in krampfhaften Schmerzeszuckungen zuſammen, und ſchauderte fuͤrchterlich, als er auf die von Blut geroͤthete Klinge niederblickte. „Wie war es moͤglich, daß Du die ſchreckliche That vollbrachteſt?“ fragte Antonio endlich, gewiß geſchah es durch Zufall, als Du ſie aus dem Schloſſe entfuͤhren wollteſt, oder in der Ver⸗ theidigung gegen ihren Vater?“ „Ach nein, nein,“— ſprach Denia jetzt finſter, indem er gleichſam bei der entſetzlichen Er⸗ 2* 20 innerung zuſammenfuhr.„Leider! geſchah es unter meinem eigenen Dache; ich habe nun aber keinen Augenblick Zeit, Dir das Wie zu ſagen. Todtenbleich verließ ich ſie, ſchwach nur ſchwebte das Leben mehr auf ihren blaſſen Lippen, da fuhr ich nach einem Wundarzte hieher, den ich jeden Augenblick erwarte, um mit ihm zuruͤck zu kehren. Wiſſe uͤbrigens auch, warum ich Dich beſuchte. Kaum in Madrid angekommen, begegnete mir der Graf Potenza, und ſagte, daß Don Pa⸗ dilla in der letzten Nacht in ſeinem Hauſe an— gelangt ſey, um vielleicht hunderte von Spionen auszuſchicken, die ihm von allen Deinen Unter⸗ nehmungen Nachricht bringen ſollten. Huͤte Dich daher! jeder Deiner Schritte wird belauſcht, ſelbſt Deine Beſuche an den Kloſtermauern ſind ſchon ſtadtkuͤndig. Glaube mir, Don Padilla iſt nicht der Mann, mit dem ſich ſcherzen laͤßt. Wie vieles haͤtte ich Dir noch zu ſagen, leider habe ich aber nicht einen Augenblick mehr Zeit!“ Kaum hatte Denia geendet, ſo wurde der Wundarzt angemeldet. Mit ungeſtuͤmer Eile fuhr jener in die Hoͤhe und fragte Antonio, ob er ihn nicht nach ſeinem Landhauſe begleiren wolle? „So groß auch meine Neugierde iſt, die Ur⸗ ſache Deiner That zu erfahren, ſo moͤchte ich doch in d abt nich mein mit los 21 ah es in aber noſe Nacht um die Welt ni ſagen. eſend ſeyn,“— verſetzte 8 von Madrid chwebte fae e ſorge denn, daß diih wict hr zu ſtehen koͤmmt und e Gegenöaet c jeden unt d— ſchrie Albert in wild ndie Nih kehren. los 38 Wundarzt in den Wa er Haſt, ſprang heſuchte. elos in Verwunderung Deue Uiß d⸗ ete mir n Pa⸗ uſe an⸗— Spionen Unter⸗ Dich jauſcht, n ſind dilla laͤßt. leider geit! 4 de der e fuhr ob er wolle! ie Ur⸗ h doch Zweites Kapitel. Neues Wunder,— der Unbekannte,— die Fallthuͤr,— das Grab,— die Zauberin,— die Beſchwoͤrung— und der Moͤrder wider Willen.— Oöſchon der Marquis de Denia, bei reif⸗ licherem Nachdenken, niemand als Ja cques fuͤr jenen geheimnißvollen Briefboten hielt, der ihm den Befehl ſeines verſtorbenen Vaters brachte, ſo war er doch feſt entſchloſſen, Madrid zu ver⸗ laſſen, um ſich auf dem Landhauſe an den Ufern des Tajo nieder zu laſſen. Um ſich uͤbrigens vor jedem leicht moͤglichen moͤrderiſchen Anfalle zu ſichern, hatte er die un— terſten Gemaͤcher ſeines Hauſes wohl verwahrt; die Thuͤren, welche in die benachbarten Zimmer derer, die er bewohnte, fuͤhrten, feſt verſchloſſen und ſich nur zwei ſchmale Ausgaͤnge offen behal⸗ ten. Auch ging er nie unbewaffnet und ohne von Raolo begleitet zu werden aus ſeinem Zim⸗ mer. Er glaubte ſich auf dieſe Weiſe vor allen Ueberfaͤllen, die von Menſchen herruͤhrten, ſicher geſtellt zu haben. Mehrere Tage waren auch ſchon verſt ſeine wurd zwar liege 1 durch nen thuͤr,— tung— ei reif⸗ 25 fuͤr er ihm te, ſo u ver⸗ Ufern glichen ie un⸗ vbahrt; immer gloſſen behal⸗ ohne zim⸗ allen ſicher ſchon 23 verſtrichen, ohne daß er durch das Geringſte in ſeiner Ruhe waͤre geſtoͤrt worden, mit einem Male wurde er aber durch einen Vorfall beunruhigt, der zwar innerhalb der Grenzen natuͤrlicher Ereigniſſe zu liegen, ihm aber eine neue Wirkung jener Bosheit zu ſeyn ſchien, die den Frieden ſeines Gemuͤths durch unbegreifliche Ereigniſſe und ſchreckhafte Sce⸗ nen zerſtoͤrt hatte. So froͤhlich, als es ihm in ſeiner Lage nur immer moͤglich war, ging er eines Abends an Raolo's Seite in ſeinem Garten ſpazieren. Un⸗ zaͤhlige Blumen prangten rings umher, ſchoͤn ge' reifte Goldfruͤchte ſchimmerten unter dem Laube der Baͤume, deren Gruͤn ſich in allen nur erdenklichen Abſtufungen dem freudetrunkenen Auge darſtellte, kurz unnennbare Schoͤnheit hatte ſich in der vege— tirenden Natur entwickelt; kaum trat er des andern Morgens aber in dieſes kleine Eden, ſo fuhr er auch ſchon fuͤrchterlich erſchuͤttert zuruͤck. Alle Blu⸗ men und Bluͤthen waren verwelkt, und die Fruͤchte auf den Zweigen eingetrocknet, als haͤtte ſie ein gluͤhender Sirocco aͤberfallen, der in jenem Theile Spaniens noch nie gefuͤhlt wurde. Wie natuͤr⸗ lich ſchrieb er dieſe auffallende Veraͤnderung derſel⸗ ben Macht zu, die ihm, durch einen gaͤhen Wirbel⸗ wind, faſt ein Viertheil ſeines Hauſes eingeſtuͤrzt 24 hatte, und verftel Gemuͤthsſtimmung. Selbſt ſeine Diener hielten dieſe Verwuͤſtung fuͤr Vorbedeutung eines ſchweren Ungluͤcks und bald verbreitete ſich die Sage unter ihnen, daß ihr vielgeliebter Herr vom Tode eben ſo ſchnell und unverhofft hinweg gerafft werden wuͤrde, wie die ploͤtzlich verwelkten Fruͤchte ſeines Gartens. Zu ihrer innigen Freude verging aber ein Monat, ohne daß ſich dieſe Vermuthung bewaͤhrt haͤtte. Auch der Marquis beruhigte ſich endlich wieder, wen⸗ dete ſeine ganze Aufmerkſamkeit auf ſeine Buͤcher⸗ ſammlung und beſchaͤftigte ſich mit zwei der ver⸗ ſchiedenartigſten Studien. Um ſich im Vertrauen auf die Vorſicht zu ſtaͤrken, durchlas er alle reli— gioͤfen Werke, die er fand, mit ſtetem Eifer, aber alle Abhandlungen uͤber die von neuem in die fuͤrchterlichſte zugleich Magie, um wo moͤglich zu erforſchen, in wie weit es den hoͤlliſchen Geiſtern vergoͤnnt ſey, auf die Schickſale der Menſchen einzuwirken, da er ſich ſeit ſeiner Abreiſe aus dem Schloſſe Montillo gleich ſam uͤberzeugt hielt, ſelbſt in dieſer ungluͤcklichen Lage zu ſeyn. In tiefes Nachdenken uͤber dieſen Gegenſtand verſunken, ſaß er eines Tages in ſeinem Studier⸗ zimmer und erſchrack faſt vor ſeinen ſelbſtgeſchaffe⸗ nen Gedanken. Es war Nachmittag, druͤckende Hitze waren gekleit Jhuͤr kaunte Mant hielt, ploͤtz heral dring jetzt Laut auch Sei blich woͤh zui ſtigt eige ſein zeig terlichſte wͤſtung s und n, daß ſchnell e, wie 16. Zu , ohne Auch „wen⸗ Guͤcher⸗ er ver⸗ trauen e reli⸗ ggleich m wo liſchen le der Nbreiſe tzeugt yn. iſtand udier⸗ haffe⸗ 25 Hitze erfuͤllte die Atmosphaͤre. Alle ſeine Diener waren zur Ruhe gegangen, nur er allein ſaß leicht gekleidet am Fenſter, da oͤffnete ſich ploͤtzlich die Thuͤre, und mit Entſetzen ſah er die ihm wohlbe— kannte Geſtalt, in jenen langen, alten ſpaniſchen Mantel gehuͤllt, auf der Schwelle ſtehen. Nie hatte er dieſes Weſen geſehen, ohne ſich der Aehnlichkeit mit der Erſcheinung zu erinnern, die er in ſeinem Traume auf der Wendeltreppe im Schloſſe Montillo geſehen hatte, und obſchon er den Vermummten fuͤr Niemand als fuͤr Jacques hielt, ſo uͤberfiel ihn doch jedesmal, ſo oft er ihm ploͤtzlich erſchien, unnennbare Furcht. Mit weit herabgezogenen Augenbraunen und feurigem, ein⸗ dringendem Blicke ſtarrte der Naͤthſelhafte auch jetzt nach dem Marquis, ohne weiteres einen Laut von ſich zu geben. Vergebens dachte Denia auch dieſes Mal an ſeine Piſtolen, die auf einem Seitentiſche lagen, als er jenen Sonderbaren er⸗ blickte, der ihn gerade als das Gegentheil von ge— woͤhnlichen Geiſtern, welche die Huͤlle der Nacht zu ihrem Erſcheinen waͤhlen, ſtets am Tage belaͤ⸗ ſtigte, und ſich hoͤchſtens in den Schatten ſeiner eigenen Kleidung, oder in die finſtere Wildheit ſeines Geſichtes verhuͤllte. Nach einer langen Pauſe zeigte die Geſtalt endlich nach einer offenen Thuͤr. 26 Kaum wagte es der Marquis aber, auf einen Stuhl zu weiſen, um ihm damit gleichſam anzu⸗ deuten, daß ihr Geſchaͤft eben ſo gut hier, als an einem andern Orte enden koͤnne, ſo zog der Fremde mit Blitzesſchnelle einen Dolch unter ſeinem Man— tel hervor, ſchwenkte ihn in der Luft, und fuhr mit gaͤhem Schritte auf den Marquis los, in— deß er die ſtumme Bewegung nach der offenen Thuͤr mit ſtrengem Ernſte wiederholte. Ob die Erſcheinung nun menſchlicher Art war oder nicht, ſo hatte der Marquis doch weder Macht noch Muth zu widerſtehen. Eben ſo leicht haͤtte er in ſeinem Zimmer, als an einem andern abgelegenen Orte umgebracht werden koͤnnen; er faßte daher den Entſchluß, ſeinem Schickſale zu folgen, wie es auch immer beſchaffen ſeyn mochte. Einmal feſt entſchloſſen, erwachte in ihm der angeborne Muth, der keinen Ruͤckfall mehr zuließ. Mit furchtloſer Beſtimmtheit gab er das Zeichen von ſich, daß er bereit ſey, ihn zu begleiten und augenblicklich ſchritt der Unbekannte mit drohend erhobenem Dolche nach der Thuͤr, durch die ihm der Marquis in einiger Entfernung folgte. Schweigend fuͤhrte er ihn uͤber eine finſtere Stiege nach jenen Zimmern, welche des Marquis Vater bewohnt hatte, die Albert aber ſeit deſ⸗ ſen To zu der kamen an, ſtand, wahrt 5 der J durch Nicht von noch der denke der uuwi ſein auf Mi chen ten, nes feinen anzu⸗ als an Fremde Man⸗ 1; er 27 ſen Tode aus der Urſache mied, weil ſie ihm ſtets zu den traurigſten Gedanken ſtimmten. Endlich kamen ſie in dem Studierzimmer des Verſtorbenen an, welches mit einer Kammer in Verbindung ſtand, wo mehrere hinterlaſſene Schriften aufbe⸗ wahrt lagen. Hier kaum eingetreten, bemerkte Albert in der Mitte des Bodens eine geoͤffnete Fallthuͤr, durch die man in eine grauenvolle dunkle Tiefe ſah. Nicht wenig erſtaunt uͤber dieſe ſeltſame Entdeckung von der er bis auf den gegenwaͤrtigen Augenblick, noch nichts geahnet hatte, blickte er mit zunehmen⸗ der Angſt nach ſeinem Fuͤhrer. Ohne ſich zu be⸗ denken, ſtieg dieſer aber in den Abgrund, indeß der Marquis in die dunkle Tiefe ſpaͤhte und unwillkuͤhrlich erblaßte. Kaum bemerkte jener aber ſein Zoͤgern, ſo warf er einen fuͤrchterlichen Blick auf ihn und hob den Dolch mit wuthentbrannter Miene. Die unbeſchreibliche Finſterniß dieſes ſcheußli⸗ chen Abgrundes ließ Denia jede Minute erwar⸗ ten, in eine unergruͤndliche Tiefe zu ſtuͤrzen, ſei— nes unerbittlichen Fuͤhrers feſte und zuverſichtliche Schritte konnten ihm nur einige Sicherheit ver⸗ ſprechen. Ungefaͤhr dreißig Stuſen hatten ſie be⸗ reits zuruͤckgelegt, als ſie ſich in einem feſten Ge⸗ 28 woͤlbe befanden, nach welchem der ſchwache Schim⸗ mer einer entfernten Fackel ein ungewiſſes Licht ver⸗ breitete, ohne jedoch die dichte Finſterniß zerſtreuen zu kennen. Ohne ſich umzuſehen, ſchritt der Fremde auf dem lockeren Boden vorwaͤrts, indeß Denia jeden Augenblick befuͤrchtete, von irgend einer meuchelmoͤrderiſchen Hand durchbohrt, oder durch einen ploͤtzlichen und unvorgeſehenen Stoß des gezuͤck⸗ ten Dolches ſeines Fuͤhrers ſelbſt ermordet zu werden. Bis auf wenige Schritte waren ſie endlich zur Fackel, die in der Erde ſteckte, gekommen, da erblickte der Marquis einen Haufen friſchgegrabener Erde, und darneben eine zwei Fuß breite und eben ſo tiefe Oeffnung in der Form eines Grabes, wobei ein Spaten lag. Ploͤtzlich blieb der Fremde ſtehen und ſchrie mit triumphirender Miene:„Nun ſtehſt Du am Ziele, Albert de Denia! Wiſſe, Dein letzter Augen⸗ blick iſt gekommen! Zu tief biſt Du unter der Erde, um mir entwiſchen zu koͤnnen. Sobald Du Dein eigenes Grab vollendet haben wirſt, ſo mußt Du ſterben!“ Mit einem Male nahm er jetzt den Mantel vom Geſichte, der es ihm bis zur Haͤlfte verhuͤllt hatte, wobei der Marquis, Jacques wilde Miene, ſammt jenen mordgierigen Zuͤgen erblickte, 2 wie er im Se verſehe nem 30 Un bei der rothen Leider in der der ſe und ſ ſah, D falſch Muni tung dd er er je Ma ihm rieſig jeden 3 ihm im Ton Schim⸗ icht ver⸗ erſtreuen Fremde Denia d einer r durch gezuͤck⸗ werden. lich zur erblickte e Erde, eben ſo wobei ie mit Ziele, Augen⸗ ter der d Du mußt Nantel rhuͤllt wilde licte 29 wie er ihm in der Nacht erſchienen war, als er im Schloſſe Montillo mit Dolch und Lampe verſehen, durch die Oeffnung des Bildes nach ſei— nem Zimmer ſtieg. Unbeſchreiblicher Schauer ergriff Denia jetzt bei dem ſchrecklichen Anblicke, der durch den blut⸗ rothen Schein der Fackel immer fuͤrchterlicher wurde. Leider ſah er ſich nun durch ſeine Unvorſichtigkeit in der unbedingten Gewalt dieſes Schaͤndlichen, der ſich aus doppeltem Beweggrunde, der Rache und ſeiner eigenen Sicherheit wegen, genoͤthiget ſah, ihn auf ewig verſtummen zu machen. Die graͤßlichſte Mordgier blickte ihm aus den falſchen Augen, indeß ein hoͤniſches Laͤcheln ſeinen Mund verzog und er, wie zur eigenen Unterhal⸗ tung eine Bewegung mit dem Arme machte, als ob er den Todesſtoß fuͤhren wollte. Ploͤtzlich ſchlug er jetzt den Mantel zuruͤck, wobei der bebende Marquis ſtatt des feurigen Skelettes, welches ihm im Traume vorgekommen war, nun Jacques rieſige Geſtalt mit einem blanken Bruſtſtuͤck, fuͤr jeden unvermutheten Angriff, verſehen erblickte. Auch das letzte Finkchen Muth entſchwand ihm bei dieſem Anblicke, da ſprach der Boͤſewicht im Gefuͤhle ſeiner Ueberlegenheit mit ſpottendem Tone:„Nun iſt Deine Neugierde befriediget, 30 ſie mich an, und bebe!— So, wie es ſcheint, hieltſt Du mich fuͤr einen wandernden Geiſt, gewiß ſollſt Du meinen Arm aber ſtaͤrker als jemals fin⸗ den. Wiſſe jetzt, ich war es, der Dir in der Calatraver⸗Kirche begegnete; ich war es, der Dir jenen erdichteten Brief uͤbergab, um Dich in meine Schlingen zu locken, aus denen Dich nun die Hoͤlle ſelbſt nicht mehr erloͤſen ſoll. Haͤltſt Du dieſes Grab fuͤr tief genug, Marquis?“ „Fuͤr eben ſo tief, verruchter Moͤrder,“— erwiederte Denia, durch Verzweiflung auf das Aeußerſte getrieben—„als das, in welches Du Ferendez's Leichnam verſcharrteſt!“ Nit zorngluͤhenden Augen rief Jacques, nach dieſen Worten:„Ungluͤcklicher! woran erinnerſt Du mich! Augenblicklich nimm dieſen Spaten und grabe Dein eigenes Grab. Bei dem geringſten Widerſtande ſoll dieſer Dolch ſein Grab in Deinem Aaſe finden!“ Jedes Mittels beraubt, ſich zu widerſetzen, er⸗ griff der Marquis den Spaten, indeß Jacques mit gezuͤcktem Dolche vor ihm ſtand, und ihn mit den ſchrecklichſten Stichworten folterte. Nicht ei— nen Augenblick konnte ſich Denia beſinnen, ploͤtz⸗ lich faßte er in der Verzweiflung aber den einzig moͤgli retten A ques das indeſ Erde Wen ſicht geſta Der Gre möͤg aus ſcheint, gewiß s fin⸗ in der 3, der HDich in ch nun tſt Du nach nnerſt n und ugſten deinem moͤglichen und eben ſo kuͤhnen Anſchlag, um ſich zu retten. Mit der aͤußerſten Wachſamkeit ſtand ihm Jac⸗ ques gegenuͤber und beobachtete, fuͤr den Fall, das er entwiſchen wollte, jede ſeiner Bewegungen, indeß der Marquis ſchon ſeit geraumer Zeit die Erde umgrub, und dem Schurken jetzt mit jaͤher Wendung einen ganzen Spaten voll Erde ins Ge⸗ ſicht warf, der ihn fuͤr den erſten Augenblick der⸗ geſtalt des Gebrauchs ſeiner Augen beraubte, daß Denia Zeit gewann, nach der andern Seite des Grabes zu ſpringen, wo die Fackel brannte. Mit moͤglichſter Geſchwindigkeit rieß er jetzt die Fackel aus der Erde, ſtuͤrzte damit auf den Moͤrder los und ſetzte mit ihr die Kleider deſſelben in Flammen, ehe dieſer, ſich die Erde aus den Augen reibend, noch Zeit hatte, den unerwarteten Angriff abzu⸗ wehren. Raſend vor Wuth, hieb Jacques jetzt die Fackel mit der Spitze ſeines Dolches, der Laͤnge nach mit einem Streiche entzwei, ſo daß die bren— nenden Stuͤcke in das Grab fielen und ihre Fun— ken mit ungewiſſer Helle verſtoben, zugleich aber auch eine unbeſchreibliche ſtinkende Nauchwolke, wie aus einem Feuerofen, um ſich verbreiteten. „Wohlan,“— ſchrie der Marquis jetzt mit donnernder Stimme—„hier, Schurke, iſt das X△ 32 Grab, in das Einer von uns Beiden ſinken ſoll; bereite Dich alſo, Elender, den Lohn Deiner Schandthaten zu empfangen!“— und ſtuͤrzte auf den Meuchelmoͤrder los. Wie ein Daͤmon der Hoͤlle, der zwiſchen Rauch und Flammen ſtreitet, machte der brennende Jac⸗ ques die wuͤthendſten Ausfaͤlle auf den Marquis, welcher ſeinen Spaten ſo geſchickt und nachdrucks⸗ voll fuͤhrte, daß er gerade in dem Augenblicke, als ein Stuͤck der dampfenden Fackel friſch aufloderte, mit ſo wohl berechneter Richtung gegen den Kopf ſeines grimmigen Feindes ſchlug, daß dieſer faſt beſinnungslos am Rande des Grabes hintaumelte und hinein ſtuͤrzte. Bevor er noch Zeit gewann, ſich aufzuraffen, benutzte Denia ſeinen Vortheil und verdoppelte ſeine Streiche auf des Gegners Hirnſchale mit ſolcher Gewalt, daß er im Kurzen regungslos da lag. Eben ſchob er den Ueberwundenen ganz in die Grube hinein, um ihn mit Erde zu bedecken, als er ein leiſes Geraͤuſch hinter ſich vernahm. Raſch ſah er ſich um und erblickte eine Erſcheinung, die ihn wie eingewurzelt auf dem Boden feſthielt. Eine weibliche Geſtalt in mauriſcher Kleidung und einem ſchwarzen Schleier, der bis zu ihren Fuͤßen herab hing, ſchwebte durch die unterirdiſchen Gewoͤlbe gruͤne Hand 4 quis naͤhe den wand berin terlie Kul Kau ihm eben Ohn mit n ſoll; Deiner tte auf Rauch Jac⸗ quis, rucks⸗ je, als oderte, Kopf er faſt umelte wann, rtheil gners durzen in die , als Naſch , die thielt. und Fuͤßen 33 heran. Rund um Kopf und Haare ſchlang ſich ihr ein Band von rothem Feuer, das ihre ganze Per⸗ ſon beleuchtete, gleichſam ihre Schritte durch die grauenvollen Wohnungen melancholiſcher Stille zu leiten ſchien, und das Unheimliche ihres Aeußern, durch eine gewiſſe flimmernde Helle erhoͤhte. Ein ſilberner Speer, deſſen Spitze eine Flamme von gruͤnem Feuer bildete, glaͤnzte in ihrer rechten Hand, und ein Todtenſchaͤdel lag in ihrer Linken. Nur mit vieler Muͤhe konnte ſich der Mar— quis beim Anblicke dieſer Figur, die ſich langſam naͤherte, aufrecht halten. Gleichſam erſtarrt auf den Spaten geſtuͤtzt, glaubte er entweder einen wandernden Geiſt der Finſterniß, oder eine Zau⸗ berin, die in dieſen naͤchtlichen Gewoͤlben die fuͤrch— terlichen Ceremonien ihrer Beſchwoͤrungen ausuͤbt, zu erblicken, zu welchem Glauben ihn ihr mauri— ſches Kleid beſtimmte, da kein Volk auf Erden die Kunſt der Magie mit groͤßerer Emſigkeit trieb. Kaum hatte dieſer Gedanke aber die Oberhand bei ihm erhalten, ſo verminderte ſich ſeine Furcht in eben dem Maße, als ſeine Neugierde zunahm. Ohne auf ihn zu achten, ging die Geſtalt endlich mit majeſtaͤtiſcher Wuͤrde an ihm voruͤber, und augenblicklich folgte ihr der Marquis ſo behut⸗ ſam als moͤglich, bis ſie die Wendung des Gewoͤl⸗ II. Theil. 3 34 bes ploͤtzlich in eine geraͤumige Hoͤhle fuͤhrte. Ver— gebens bemuͤhte ſich das Auge, hier die dichte und gleichſam verkoͤrperte Finſterniß zu durchdringen, die in der aus verſchiedenartigen Erdſchichten zu⸗ ſammen geſetzten Hoͤhle herrſchte, und der Einbil⸗ dungskraft daher auch nicht die geringſten Schran— ken ſetzte, in jener grenzenloſen Leere herum zu ſchweifen. Mit langſamen gemeſſenen Schritten ging die Geſtalt bis gegen die Mitte jenes unterirdiſchen Gewoͤlbes, wo ſie ploͤtzlich inne hielt, den Todten⸗ ſchaͤdel auf den Boden legte, mit entbloͤßten Fuͤßen darauf ſtieg, und ſo einige Augenblicke ohne alle Bewegung ſtand, als ob ſie eine Beſchwoͤrungs⸗ formel murmelte, indeß ihr der lange ſchwarze Schleier das Geſicht bedeckte. Mit einem Male ſtreckte ſie den Speer von ſich, deſſen Spitze in ewiges Feuer getaucht ſchien, beſchrieb damit einen Bogen auf der Erde und augenblicklich war der Feuerkreis vollendet, der in blaßgruͤnen Flaͤmmchen empor loderte und den ſonderbarſten Geruch von ſich gab. Raſch warf ſie jetzt den ſchwarzen Schleier zuruͤck, indeß der Marquis mit unbeſchreiblichem Schauer ein blaſſes, ſchwarzgelbes Geſicht erblickte, in dem ſich die auffallendſten Spuren von Verruͤckt⸗ heit zeugten. Trotz ſeiner Ueberraſchung erinnerte —— er ſi Mol mer die Weil Scer ſtarr aber auf berde Furi ende Sch rend *ren 2 35 Ver⸗ er ſich aber nur zu gut, jene Zuͤge auf dem Schloſſe te und Montillo in dem von Mond beſchienenen Zim— ringen, mer erblickt zu haben. O gewiß, dachte er, ſteht en zu⸗ die gegenwaͤrtige Verrichtung dieſes fuͤrchterlichen Einbil⸗ Weibes im Zuſammenhange mit den ſchrecklichen chran Scenen, die mir dort das Blut in den Adern um zu ſtarren machte. Noch hatte er dieſen Gedanken aber nicht voͤllig gedacht, als ſich die Zauberin ng die auf den Todtenſchaͤdel unter den ſonderbarſten Ge— diſchen berden zu drehen und zu wenden begann, wie eine kodten⸗ Furie der alten Welt. Fuͤßen Endlich hatte ſie den geheimnißvollen Tanz ge⸗ ne alle endet. Mit wilder Miene ſprang ſie jetzt von dem rungs⸗ Schaͤdel herab, zog, ſeine Hoͤhlung nach oben keh— zarze rend, eine Phiole aus ihrem Guͤrtel und goß de⸗ Male ren Inhalt in die Oeffnung deſſelben. Wie mit itze in 4 gluͤhenden Augen blickte ſie nun nach allen vier inen Weltgegenden, beruͤhrte den Schaͤdel mit der Spitze ar der ihres brennenden Speeres und augenblicklich erhob mchen ſich eine ſtarke, praͤchtige Flamme daraus, deren von ſchneefaͤrbiger Rauch ſich in die Geſtalt von Guir— bleier landen um ihr Haupt verbreitete, und ſie wie mit lichem einer wallenden Decke umfloß. Nach einer kurzen blicte Peauſe zog ſie ein kleines Buͤchlein aus ihrem Bu⸗ rrüͤckt ſen, welches mit blutigen Lettern auf Pergament Innerte geſchrieben zu ſeyn ſchien, und las eine unver— 3* 36 ſtaͤndliche und ſonderbare Formel heraus, indeß die Flamme immer heller brannte, der Rauch ſich im⸗ mer mehr verbreitete und wohlriechender Duft den Ort erfuͤllte. In ſpiralfoͤrmigen Wogen wallten die glaͤnzen— den Rauchwolken jetzt bis an den Gipfel des Ge⸗ woͤlbes hinauf, tauchten hier, von der Decke zuruͤck prallend, in den ſonderbarſten Geſtalten wieder herab, ſetzten ſich außerhalb des gezogenen Kreiſes an, und verhuͤllten die Zauberin wie in einen durchſichtig blendenden Tempel, worin die vergroͤßerte Flamme wie ein Koͤrper von gedrungenem Feuer erſchien, in deſſen Mitte die Urheberin der ganzen Scene mit dem fuͤrchterlichen Ausdrucke des bruͤtenden Wahn⸗ ſinnes ſtand. Ohne ſich zu bewegen, blickte der Marquis nach der unheimlichen Scene, waͤhrend verzehrende Hitze ſeinen ganzen Koͤper durchdrang und ein er⸗ ſtickendes Gefuͤhl ſeine Bruſt zuſammen ſchraubte. Trotz dem war er aber voll peinlicher Erwartung uͤber die Dinge, die da kommen ſollten, und feſt entſchloſſen nicht eher zu weichen, als bis er viel— leicht das Graͤßlichſte, was ein Menſchenauge noch je erblickte, erlebt haben wuͤrde. Mit dumpfem Murmeln hatte die Zauberin ihre Spruͤche hergeſagt, bis ſie endlich ploͤtzlich deß die ſich im⸗ uft den gäͤnzen⸗ des Ge⸗ e zuruͤck rherab, an, und ihſichtig Flamme hien, in ene mit Wahn⸗ rquis ehrende ein er⸗ hraubte⸗ vartung nnd feſt er viel⸗ ge noch aubetin plöͤbzlich 37 einhielt, als ob ſie dem Herannahen einer entfern⸗ ten Erſcheinung entgegen ſaͤhe. Wie Feuerſchluͤnde oͤffneten ſich ihre Augen, konvulſiviſch erweiterten ſich ihre Zuͤge, waͤhrend ihr Geſpenſteraͤhnliches Geſicht, von der ſie umwallenden gruͤnen Flamme beleuchtet, das Ausſehen des vernichtenden Todes bekam. „Er naht! Er naht!“ kreiſchte ſie endlich mit dem Tone des hoͤchſten Entſetzens.„Ja, er kommt in unendlichem Zorne!“— Ploͤtzlich faͤrb⸗ ten ſich die bogenartigen Guͤrlanden von bewegli⸗ chem Rauche jetzt mit blutrothem Scheine; ein hohler Ton widerhallte durch die entfernteſten Raͤume, roͤthliche und ſapphirfarbene Blitze durch⸗ zuckten alle Theile der Hoͤhle. Ein heulender Sturmwind brauſete daher und ein Qualm dichter ſchwefelartiger Duͤnſte, der dem bebenden Mar⸗ quis den Athem benahm, durchraͤucherte das ganze Gewoͤlbe. Angſterfuͤllt wollte Albert jetzt mit der Hand vor den Mund fahren, um das Erſticken zu verhindern, leider! waren ſeine Muskeln aber ſo ſehr erſtarrt, daß er ſich weder zu bewegen, noch zu ſchreien vermochte. Wiederholte Donnerſchlaͤge, gleich tauſend Ka⸗ nonenſchuͤſſen widerhalten und erſchuͤtterten jetzt ploͤtzlich die Eingeweide der Erde, ſchmetternde Muſik klang durch die Luft und eine maͤnnliche Geſtalt von gigantiſcher Groͤße ſtand in dem Ge— woͤlbe. Weit uͤber alles menſchliche Maß war ſein Koͤrper, welchen er auf eine Ruthe von gluͤhenden Stahl ſtuͤtzte; ein feuriger Guͤrtel deckte ſeine Bruſt, und an den Fuͤßen teug er gluͤhendes Erz. Fluͤgel, die ſeine Schultern zierten, und weit aus⸗ geſtreckt mit allen Farben des Regenbogens ſtrahl— ten, gaben ihm ein ſchreckenhaftes Ausſehen; ein pechſchwarzer Helm, uͤber welchen eine Feder von verdichteten Wolken hing, bedeckte ſein Haupt, waͤh⸗ rend Stolz und verworfener Hochmuth, den keine Feder beſchreiben, keine menſchliche Einbildungs⸗ kraft denken kann, aus jedem Zuge ſeines Geſichtes hervorblickte. Gleich zackichten Blitzen warfen ſeine großen gluͤ⸗ henden Augen tauſende von Strahlen mit ſolch' durchdringender Kraft umher, als wollten ſie den Erdkoͤrper durchſtechen, und das Innerſte der Na⸗ tur ergruͤnden. Vergebens ſuchte der Marquis ſeine auf die Geſtalt gerichteten Blicke loszureißen. Wie darauf eingewurzelt waren ſie, indeß ſein gan⸗ zes Weſen aus ſeinen Fugen getrieben und faſt aufgeloͤſt wurde, bis er ploͤtzlich ſinnlos zu Boden fiel.—— Als das zuruͤckkehrende Leben ſeine Sinne end⸗ lich! ſam gan, mußt jener ruͤck licht moch zu! unt Wa Sc ein von Ao hal N nnliche n Ge⸗ er ſein henden ſeine 3 Exz. t aus⸗ ſttrahl⸗ ein r von waͤh⸗ 39 lich wieder erweckte, neue Kraft ſeinen Koͤrper lang⸗ ſam erwaͤrmt hatte, fand ſich der Marquis in gaͤnzlich undurchdringliche Finſterniß eingehuͤllt, und mußte ſich lange beſinnen, bevor er die ganze Reihe jener ſchrecklichen Ereigniße in ſein Gedaͤchtniß zu⸗ ruͤck fuͤhren konnte. Obgleich er ſich von der Wirk⸗ lichkeit des Geſehenen nur ſchwer zu uͤberreden ver⸗ mochte, und alles nur fuͤr einen fuͤrchterlichen Traum zu halten geneigt war, ſo uͤberzeugte ihn die dichte unwegſame Finſterniß doch bald genug von der Wahrheit jener Auftritte. Mit der aͤußerſten Schwaͤche ſuchte er ſich vom Boden aufzuraffen, um einen Ausweg aus dieſem Labyrinthe zu ſuchen, von welchem er bis auf die Zeit der gegenwaͤrtigen Abenteuer noch nicht die geringſte Wiſſenſchaft ge⸗ habt hatte, und nun faſt verſucht wurde, an die Moͤglichkeit der Zauberei zu glauben. Nur langſam geſtattete ihm ſeine Schwaͤche, an den Waͤnden umher taſtend, vorwaͤrts zu ſchrei⸗ ten, auch fuͤrchtete er nicht ohne Grund, aufs Neue uͤberfallen zu werden, da es nicht unwahrſcheinlich war, daß ſich Jacques vielleicht wieder erholt habe und, im dunkeln Hinterhalte lauernd, auf ihn hervorſtuͤrzen koͤnnte. Laͤnger als eine Stunde wanderte er ſchon um— her, faſt an der Moͤglicheit, ſich aus dieſem ver⸗ 40 wirrenden Orte heraus zu finden, verzweifelnd, als er endlich einen ſchwachen Schein erblickte, der wie Sternenlicht durch Nebelwolken ſchimmerte. Furcht und Hoffnung bewegten ſeine Bruſt, als er ſich jetzt naͤherte und eine weibliche Geſtalt gewahrte, die ſich auf den Boden herab buͤckte, als ob ſie einer auf demſelben liegenden Perſon Huͤlſe leiſten wollte. Keinen Augenblick zweifelte der Marquis, daß es die fuͤrchterliche Zauberin ſey; die ſich ge— rade bemuͤhte, den Meuchelmoͤrder Jacques ins Leben zuruͤck zu rufen. Nur zu ſicher ſchien ihm ſein Untergang, wenn ſie ihn bemerken ſollte. In unendliche Furcht verſunken ſtand er daher, um zu uͤberlegen, auf welche Art er entfliehen koͤnnte, als ihn die Zauberin jetzt ploͤtzlich erblickte, und vom Grabe empor ſpringend auf ihn zueilte. Gleich bei ihrer erſten Bewegung fluͤchtete der Marquis gegen die Stiege, die dem Grabe ge⸗ genuͤber lag. „Glaube ja nicht zu entkommen!“ ſchrie die Zauberin, ihm nachſetzend.—„Obſchon Du dem Arme jenes Mannes entgingſt, allen meinen Zau⸗ bermitteln Trotz boteſt, und ſelbſt jenen magiſchen Schlummer brachſt, ſo will ich doch jetzt im Na⸗ men jeney Geiſter der Fnſterniß Deine Flucht hem— ung a Dein Kraft zitter ⁸ 41 men und undurchdringliche Blindheit auf Deine Pfade ſtreuen.“ Wie in die Erde eingewachſen ſtand der Mar⸗ quis ploͤtzlich bei dieſen Worten, ein dichter Schleier verhuͤllte ſein Geſicht und mit gewaltiger Anſtreng— ung aller ſeiner Kraͤfte ſchrie er:„Unmoͤglich gleicht Deine Macht, elende Sclavin boͤſer Geiſter, der Kraft des Allmaͤchtigen! Er den Du zu nennen zitterſt, wird mich aus Deinen Haͤnden befreien!“ —— Mit Andacht kreuzte er ſich bei, dieſen Worten und ſah ſich ploͤtzlich an jener Treppe, die nach ſeines Vaters Bibliothek hinauf fuͤhrte. So ſchnell als moͤglich eilte er fort nach dem Zimmer, wo er faſt vor Freude ohnmaͤchtig wurde, als er wieder die freie Luft der Natur athmen und die glorreichen Strahlen der aufgehenden Sonne ſehen konnte. Unbeſchreiblich erſchoͤpft langte er in ſeinem Zimmer an, wo er ſich, nach einer zu ſich genom⸗ menen Erfriſchung, ſogleich auf das Bett hinwarf, Leider! wurde ſein Schlummer aber von verwor⸗ renen ſonderbaren Traͤumen geſtoͤrt. Bei ſeinem Erwachen empfand er fieberhafte Glut alle ſeine Glieder durchſtroͤmen. Obgleich der Marquis ſeinem Diener jene gemachten Endeckungen der unterirdiſchen Gewoͤlbe 42 mittheilen wollte, um dieſe geheimen Schlupfwin⸗ kel mit ihm gemeinſchaftlich zu unterſuchen, ſo war er doch jetzt einer langen und nothwendigen Er⸗ klaͤrung uͤberdruͤßig, auch fuͤhlte er ein ungewoͤhn⸗ liches Sehnen nach ſeinem Freunde Fernando, deſſen Schickſale ihn jetzt nur zu gewiß erſchienen. Eben ſo ſehr wuͤnſchte er ſich mit Antonio zu beſprechen, leider! war jener aber von ſeiner Leidenſchaft zu ſehr eingenoemmen, um Madrid zu verlaſſen. Der Marquis beſchloß daher, ſobald ſeine Geſundheit wieder vollends hergeſtellt ſeyn wuͤrde, ſelbſt nach Madrid zu eilen. Auch das Geheimniß mit dem Briefe ſeines Vaters konnte ſich Denia nun erklaͤren, da der Meuchelmoͤrder Jacques durch jenen geheimen Gang ungehindert Zutritt zu den Handſchriften ſeines Vaters hatte, unter denen ſich wahrſcheinlich noch ein zweites Siegel befand. Zwar wußte er nicht, wer die Frau⸗ engeſtalt ſeyn konnte; ein ſonderbarer Verdacht er⸗ fuͤllte in aber, als er ſich der Vorfaͤlle erinnerte, die ſich im Schloſſe Montillo zutrugen. Bald hegte er nicht mehr den geringſten Zweifel, daß ſie dieſelbe Geſtalt ſey, die Fernando aus einem Grabe in den Gewoͤlben unter der Capelle herauf ſteigen ſah. Auch ſchienen ihm ihre Verrichtungen. mit d Erde F quis verlaſ an ſe und pfwin⸗ ſo war en Er- woͤhn⸗ ando, hienen. konio ſeiner id zu ſobald ſeyn h das konnte hatte, weites Frau⸗ ht er⸗ nerte, Bald daß einem jerauf ungen 43 mit dem Reiche des Todes in den Eingeweiden der Erde auf etwas ganz Beſonderes hinzudeuten. Faſt vierzehn Tage verſtrichen, bis der Mar⸗ quis dergeſtalt geneſen war, um ſein Zimmer verlaſſen zu koͤnnen. Unablaͤſſige Melancholie nagte an ſeinem Herzen, alle ſeine Gedanken waren truͤbe und verwirrt: da endigte ſich ein wunderſchoͤner Tag ploͤtzlich gegen Abend mit heftig wuͤthendem Sturme, der mit raſender Gewalt durch die Wip, fel der Baͤume vor dem Landhauſe tobte. Da der Marquis nun bei jedem unvorher⸗ geſehenen Zufalle neue Uebel ahnete, ſo eilte er auch jetzt mit dem bangen Gefuͤhle, es moͤchte vielleicht ein anderer Theil des Gebaͤudes in Truͤmmer ge— hen, an ſein Fenſter, um nach dem wolkichten Fir⸗ mamente zu ſehen. LangeesPlis er ſtehen und lauſchte nach dem fuͤrchterlichen len des Donners und dem Leuchten der Blitze, bis ſein Gemuͤth endlich anfing, anderen Gedanken Raum zu geben. Mit Verwunderung bemerkte er, daß ihn Raolo nicht zum Abendmahle gerufen habe, da es, wie er nach der Uhr ſah, doch ſchon eilf war. Un— willig uͤber dieſe Nachlaͤſſigkeit ergriff er eine Kerze und ging damit ins Speiſezimmeg. Kaum oͤffnete er aber die Thuͤr, ſo ſprang ihm ein leicht gekleidetes Frauenzimmer entgegen. Da⸗ 44 durch nicht wenig uͤberraſcht, warf er die Kerze aus der Hand und augenblicklich erinnerte er ſich der Zauberin. Die Bewegung der Unbekannten beſtaͤrkte ihn in dieſem Wahne, er meinte, ſie habe die Abſicht, ihn zu morden, rieß wuͤthend ſein Schwert aus der Scheide, und ſtieß es in den Leib der Fremden, die ſeinen Namen nennend, wie todt zur Erde ſank. Außer ſich vor Schrecken eilte Raolo herbei ſich ſeines Armes zu bemaͤchtigen, leider! kam er aber zu ſpaͤt, die ſchreckliche That zu verhindern. Mit verzweiflungsvoller Geberde ſtuͤrzte Gonzalez heran, die fallende Virginia aufzufangen, indeß der zu ſehr beſtuͤrzte Marquis, um das Schreck⸗ liche ſeiner That begreiſen zu koͤnnen, eine Zeit lang ohne Sprache ſtand, mit ſtarren Blichen Virginiens blaſſes Antlitz betrachtend und die Haͤnde auf der Bruſt gefaltet, wie in Todesangſt an einander klammerte. Erſt nach einer langen Pauſe konnte er ſich von ſeinem apathiſchen Staunen erholen; ein tiefer Seufzer drang aus ſeiner Bruſt und er ſtuͤrzte mit dem Ausrufe:„Gott im Himmel, iſt es moͤglich, daß ich Virginiens Moͤrder bin!“— zu den Fuͤßen des Geiſterbleichen Maͤdchens. Die Stimme verſagte ihm; ſein Schmerz hatte keine Spra Arme Unen Gon vollſt ſach wie 9 Geiſ Otil Frar mit zu auf Mo die vor Kerze er ſich annten habe ſein Leib etodt jerbei im er dern. jalez indeß hreck⸗ 45 Sprache, wie wahnſinnig preßte er ſie in ſeine Arme und bemuͤhte ſich, ſie aus jener fuͤrchterlichen Unempfindlichkeit zu erwecken, waͤhrend der alte Gonzalez mit den ſchrecklichſten verzweiflungs⸗ vollſten Klagen das Herz des Marquis tauſend⸗ fach durchbohrte, und ſich das altergraue Haar wie wahnſinnig ausraufte. RNaolo war nooch die einzige Perſon, die Geiſtesgegenwart behielt; mit durchdringender Stimme rief er nach dem Verwalter und deſſen Frau, indeß er ſelbſt nach allen moͤglichen Huͤlfs⸗ mitteln lief. Nach einiger Zeit ſchlug Virginia zu Gonzalez's unnennbarer Freude die Augen auf; jene himmliſchen Augen, in welchen der Marquis ſo oft ſeinen Himmel geſehen hatte, die ihm nun aber ſeine barbariſche Grauſamkeit vorzuwerfen ſchienen. Zu tief war ſein Schmerz, um Worte zu finden, ſtumm blickte er daher, ihre Hand in der ſeinigen haltend, nach den engelſchoͤnen Zuͤgen, indeß ihr Bertha, die Frau ſeines Hausverwalters, die Kleider zerſchnitt, um die Wunde zu unterſuchen, die zum Gluͤcke lange nicht ſo gefaͤhrlich war, als der haͤufige Blutverluſt haͤtte fuͤrchten laſſen. Mit der moͤglichſten Sorgfalt befahl der Marquis nach dieſer troͤſtenden Nachricht aus Bertha's Munde, die Verwundete zu Bette zu bringen, auch bereitete des Hausverwalters Frau, die ſeit ihrer fruͤheſten Jugend alle Mitglieder einer bedeutenden Familie gewartet hatte, und mehr wußte, als die Haͤlfte der Doctoren zu Madrid, einen kuͤhlenden Trank, und verhinderte, daß die Patientin vor der Ankunft des Arztes auch nicht im Geringſten beunruhiget wurde. Ohne die Gefahr zu bedenken, in die er ge⸗ rathen koͤnnte, eilte der Marquis, ſobald der Morgen graute, nach Madrid. Hier kaum aus dem Wagen geſprungen, erkundigte er ſich nach Antonio und einem Wundarzte, da fuͤhrte ihn der Zufall den Grafen Potenza entgegen, der ihm ſo ſchnell als moͤglich von Don Padilla's Ankunft und deſſen Vorkehrungen, ſowohl Anto⸗ nio's als Denia's Unternehmungen auf die Spur zu kommen, Nachricht gab. Wie natuͤrlich ſchrieb der Marquis Padil⸗ la's Anweſenheit Virginiens und des alten Gonzalez Flucht zu, ſo ſehr er davon aber auch uͤberraſcht war, nahm er ſich doch keinen Augen— blick Zeit, um nach den Gruͤnden zu forſchen, die ſie dazu bewogen hatten. , auch ihrer tenden als die lenden n vor ngſten er ge⸗ d der n aus nach te ihn lugen⸗ , die Drittes Kapitel. Der Raͤthſelhafte,— der Monolog im Schlafe,— die Todesangſt— und die Flucht. In raſender Eile kehrte der Marquis mit dem Wundarzte nach ſeinem Schloſſe zuruͤck, wo er Virginien auf den Ausgang ihres Schickſales, wie es auch immer beſchaffen ſeyn mochte, voll⸗ kommen gefaßt fand, von welcher vortheilhaften Gemuͤthsſtimmung ſich der Arzt die beſten Folgen fuͤr die gefaͤhrliche Operation verſprach. Auch wurde die Wunde bei der Unterſuchung weit unbedeuten⸗ der gefunden, als Denia gefuͤrchtet hatte. Mit der Sorgfalt eines Menſchen, deſſen ganze Exiſtenz von dem Ausgange einer Sache abhaͤngt, bewachte Albert ihr Lager, welche Aufmerkſamkeit dem leidenden Maͤdchen ſo angenehm war, daß ſie dem Zufalle ſogar heimlich dankte, der ſie in ihre le— bensgefaͤhrliche Lage gebracht hatte. Erſt nachdem das Fieber zu weichen begann, und die ſchoͤne Leidende in ſanften Schlummer 48 verſiel, benutzte der Marquis den Augenblick, Gonzalezen nach einem anderen Zimmer zu ren, um ihn um die Beweggruͤnde, die ſiensß Flucht angetrieben haͤtten, zu befragen. „Ohne Zweifel“— verſetzte Gonzalez— „erinnert Ihr Euch, Senor, noch all' der fuͤrch, terlichen Vorbedeutungen in Betreff des Schloſſes Montillo. Ach, manche ſchaͤndliche That hat ſeit jener Zeit ſeine dunklen Mauern noch ſchwaͤr— zer gemacht. Alle dieſe Stimmen und warnenden Toͤne ſind nicht umſonſt gehoͤrt worden. Nur zu wohl muͤßt Ihr Euch, Senor, noch der Stimme erinnern, die uns unterbrach, als ich Euch die Geſchichte von Don Padilla's beiden Frauen erzaͤhlte. Wer oder was es war, will ich nicht entſcheiden; ſo viel iſt aber gewiß, daß es nicht lange anſtand, bis es Padilla erfuhr. Obgleich er ſich lange nichts merken ließ, ſo muß ich doch geſtehen, daß ich nur mit unbeſchreiblicher Furcht fuͤr mein Leben unter ſeinem Dache lebte. Seit Eurer Abreiſe aus dem Schloſſe ſprach er in haͤus— lichen Angelegenheiten nie mehr mit mir, kam ich ihm aber von ungefaͤhr in den Weg, ſo verzog er ſein Geſicht in hoͤlliſches Laͤcheln, woraus ich nur zu gut bemerken konnte, daß er mich weit lie⸗ ber unter der Erde wuͤßte. Erſt nach Raolo's lez— r fuͤrch, ihloſſes at hat ſchwaͤr⸗ nenden Nur zu Stimme 49 Flucht erfuhr ich, daß er es auf eine Unterredung mit unſeren Damen abgeſehen hatte. Leider! hielt mich Padilla aber mit in das Complot verbun⸗ den, das er durch einen Brief entdeckte, den er auf Donna Almirens Toilette fand, da er ſeit der Ankunft jenes Fremden, der ſeine Heirath vor dem Altare noch ruͤckgaͤngig machte, ungewoͤhnlich argwoͤhniſch wurde. Vor allem andern unterſuchte er aber gerne die Zimmer ſeiner Toͤchter, als ob er ſie im Verdachte einer Verraͤtherei gegen ihn gehabt haͤtte.“— „Erzaͤhle mir doch um des Himmelswillen! von jenem ſonderbaren Fremden,“— ſagte der Marquis— hier zu Gonzalez— was weißt Du von ihm?“ „Leider! ſah und hoͤrte ich nicht Alles, er⸗ wiederte Gonzalez, denn die Verwirrung der Gaͤſte war zu groß. Nur ſo viel kann ich ſagen, daß Don Padilla ſeine gewoͤhnliche Reiſe nach Granada in dieſem Jahre weit fruͤher als gewoͤhn⸗ lich antrat. Kaum war er aber eine Woche lang abweſend, ſo erhielt ich ein Schreiben von ihm, worin er mir befahl, die beſten Zimmer des Schloſ⸗ ſes bereit zu halten und die kleine Capelle in Ord⸗ nung bringen zu laſſen, da er eine Gattin bei ſei⸗ ner Ruͤckkunft mitbringen wuͤrde, die aus beſon⸗ II. Theil. 4 * ₰ derer Delicateſſe wuͤnſche, daß die Trauung ſo ſtille als moͤglich vollzogen werde. Eigentlich haͤtte ſie die arme Dame lieber gar nicht vollzogen ge— wuͤnſcht; Graf d'Oſorino, ihr Vater, war aber von Padilla's Reichthuͤmern zu ſehr geblendet, um ſich an ſeiner Tochter Abneigung zu kehren, und ſo ſah ſich die Ungluͤckliche zu einer Verbindung gezwungen, die ſie innerhalb gewiß von ganzem Herzen verabſcheute. Ein langer Zug von Be— dienten nebſt einer bedeutenden Anzahl von Gaͤſten begleitete den Grafen und ſeine Tochter nach der Capelle, als der Tag der Trauung heran kam. Altamira erſchien mit aller Pracht, die man ſich denken kann, von ihren Frauen umgeben; die gewaͤhlteſten Edelſteine blitzten ihr im raben⸗ ſchwarzen Haare, indeß das flatternde Gewand, welches die wunderſchoͤne Geſtalt ihres Koͤrpers umhuͤllte, allen ihren Bewegungen eine unnachahm— liche Anmuth und Wuͤrde verlieh. Virginia und Almira folgten ihr; erſtere in Caſtiliani⸗ ſcher Tracht von blaſſem Azur mit Silber, letz⸗ tere in genetztes Zeug gekleidet. Beide ſchienen weit froͤhlicher als die Braut; glaͤnzende Lichtſtrah⸗ len fielen durch die bemalten Fenſterſcheiben auf Virginien, die ich nie liebenswuͤrdiger geſehen hatte. So wie ſie vor mir da ſtand, kam mir je— und ndung anzem Be⸗ von ochter heran , die eben; aben⸗ vand⸗ rpers zahm⸗ inia liani⸗ let⸗ ienen ini⸗ auf ſehen ir je⸗ 5 † ner Abend ins Gedaͤchtniß zuruͤck, da die unter⸗ gehende Sonne das Bildniß ihre Mutter beleuch⸗ tete, wenn Ihr Euch deſſen noch erinnert, Senor?“ „O nur zu wohl,“— ſeufzte der Marquis. „Kaum hatten die Gaͤſte ihre Plaͤtze vor dem Altare eingenommen,“— fuhr Gonzalez fort,— „und der Prieſter die Ceremonie begonnen, als ploͤtz⸗ lich ein ſo polterndes Getoͤſe an dem Thore der Capelle erſcholl, als ob jemand mit Gewalt daſſelbe einſchlagen wollte. Ich wendete meine Blicke auf Don Padilla, deſſen Miene ſich mit einem Male veraͤnderte, als ob ihm ſein Inneres prophezeiht haͤtte, was erfolgen wuͤrde. Alle Gaͤſte wendeten ſich nach der Thuͤr, an der das Laͤrmen immer hef⸗ tiger wurde; ſelbſt der Prieſter ſtand ſtumm und blickte befremdet im Kreiſe herum. Da oͤffete ſich das Thor und ein Fremder zeigte ſich, mit abge⸗ meſſenen Tritten nach dem Altare vorwaͤrts ſchrei⸗ tend. Eine Larve bedeckte ſein Geſicht, mauriſche Kleider trug er am Leibe; ſeine Linke hielt einen Brief, waͤhrend die Rechte mit edler Ruhe auf ſeinem Schwertknopfe ruhte. Nicht ohne Zagen erwartete ich eine Wieder⸗ holung der Scene, wovon ich bei Donna Zida⸗ na's Hochzeit Zeuge war. Ohne ſich gegen die Gaͤſte zu verbeugen, trat der ſtolze Fremde an den 4*ℳ 52 Altar und uͤberreichte Don Padillen den Brief. Kaum hatte er ſeine Augen aber auf die Schrift geworfen, ſo entfaͤrbten ſich ſeine Wangen und er ſchien auf einige Augenblicke alle ſeine Beſinnung vorloren zu haben. Endlich faßte er ſich und ſchrie mit klappernden Zaͤhnen:„„Nur wenn die Erde die Begrabenen wiedergiebt, oder die See ihre Todten ausſpeit, iſt dieſe Maͤhre moͤglich!““ „Mit feierlichem Ernſte luͤftete der Fremde nach dieſen Worten die Larve, laͤchelte veraͤchtlich und ging, nachdem er ſeine Maske wieder vorgenom⸗ men, in ſchauerlicher Stille aus der Capelle. Ohne ein Wort zu verlieren, beſtieg er, wie man mir ſagte, ſeinen Renner im Schloßhofe und ritt hin— weg, ohne daß Padilla es wagte, ihn aufhalten zu laſſen.“ „Erſt nachdem ſich dieſer wieder in gehoͤriger Faſſung befand, wendete er ſich an den Prieſter und hieß ihn die Ceremonie fortſetzen; da trat aber Graf d'Oſorino hervor und erklaͤrte mit nachdruͤcklicher Stimme, daß er ſich nach dieſer geheimnißvollen Unterbrechung einen naͤheren Auf⸗ ſchluß erbitten muͤſſe, bevor er ihm die Hand ſeiner Tochter gebe.“ „„ Und was verlangt Ihr?““ ſchrie Pa⸗ dilla.“ ſein Brief. Schrift ind er nnung ſchrie Erde ihre 74 nach und nom⸗ Ohne mir hin⸗ alten briger rieſter trat mit dieſer Auf⸗ ſeiner pe 53 „„Nichts weiter als dieſen Brief!““— ver⸗ ſetzte d'Oſorino.“ „„So, wie es ſcheint, vergeßt Ihr, daß der Brief mein Eigenthum iſt,““— erwiederte Pa⸗ dilla vom Zorn ergluͤhend.“ „„So wie Altamira zum Gluͤcke noch das Meinige;““— ſchrie der Graf mit durchdringen⸗ dem Tone.“ 4 „„Was ſie auch fuͤr immer bleiben ſoll;““— verſetzte Padilla in einem Anfalle der hoͤchſten Wuth.„„Ja bei den Tiefen der Hoͤlle, eher wuͤrde ich die Beingerippe meiner verſtorbenen Frauen heirathen, als die Tochter eines Mannes, wie Ihr ſeyd.“— „„Zum Gluͤcke ſchaͤtze ich den ehrwuͤrdigen Ort, in dem wir uns befinden, viel zu ſehr, um eine ſolche Aufforderung zu beantworten, ˙— erwie⸗ derte d'Oſorino mit gelaſſenem Tone.„„Ge⸗ wiß giebt es aber unſichtbare Zeugen, die ſie gehoͤrt haben.““ „Mit unbeſchreiblichem Entſetzen blickte Pa⸗ dilla bei dieſen Worten um ſich, indeß der Graf ſeine leichenblaſſe Tochter bei der Hand ergriff, und ſie mit herausfordernder Miene hinwegfuͤhrte.“ „Von dieſer Stunde an verließ Don Padilla ſein Schloß nicht mehr. Alles um ſich her ſchien 54 er im Verdacht zu haben, ja ſogar, ſich ſelbſt nicht mehr zu trauen, was man nur zu deutlich merken konnte, wenn er in Geſellſchaft ſeiner Toͤchter war⸗ Mit heftiger Gier blickte er dann nach Virginien, die ich unmoͤglich beſchreiben kann, beſonders be⸗ nahm er ſich aber gegen mich auffallend zuruͤck— haltend. Bei der ungluͤcklichen Auffindung jenes Briefes, der Raolo's Entwuͤrfe enthielt, brach ſeine Wuth aber mit voller Gewalt uͤber mich los. Eben ſaß ich in meiner Kammer und dachte uͤber alte Geſchichten nach, als Padilla mit ent⸗ ſetzlicher Zornesglut, Raolo's Brief in der ei— nen, das bloße Schwert in der andern Hand hal⸗ tend, herein ſtuͤrzte und mit donnernder Stimme ſchrie:„„Juͤttere ich Dich deswegen, Du Schurke und Verraͤther, daß Du mich zu Tode quaͤlſt und den Kuppler fuͤr ein paar liederliche Zaunhelden machſt? Bereite Dich, Du mußt ſterben; kurz gemeſſen ſind Deine Augenblicke!““ „Noch hatte er nicht geendet, als er mich bei den Haaren ergriff und zu Boden riß. Unter tau⸗ ſend Aengſten bat ich um Barmherzigkeit, und betheuerte hoch und theuer, daß ich nicht im Ge— ringſten wiſſe, was er meine!—„„Du luͤgſt, Schurke!““— ſchrie er wie verruͤckt;„„mit 555 blutigen Zuͤgen will ich Dir aber den Inhalt die⸗ ſes ferne Euch ich dert „, erin bere nicht rerken war ien, 5 be⸗ üruͤck⸗ mme zurke und ſes Brieſes in Dein falſches Herz ſchreiben, wo⸗ ferne Du nicht Alles entdeckeſt!““— „„Wenn Ihr von dem Briefe ſprecht, den Euch der Fremde vor dem Altare gab, ſo ſchwoͤre ich denn bei Allem, was mir heilig iſt,““— erwie⸗ derte ich mit bebender Zunge, daß ich““—— „„Ungluͤcklicher!““ ſchrie er ploͤtzlich,„„woran erinnerſt Du mich? Beim Himmel, Du ſollſt es bereuen, mich ſo gereizt zu haben.“— „Erſt jetzt bemerkte ich, daß ich meine Worte zu einer ſehr uͤblen Zeit geſprochen hatte. Wie Feuer gluͤhten ſeine Augen, die mannigfaltigſten Affecte zeigten ſich auf ſeinem Geſichte, als ploͤtz lich ein Entſchluß in ſeiner Seele zu reifen ſchien. Mit erzwungener Ruhe verließ er die Kammer und ließ mir Zeit uͤber die Lage der Dinge und ſein Benehmen nachzudenken, das mir die ſonderbarſte Zuſammenſetzung von allen nur erdenklichen Wider⸗ ſpruͤchen zu ſeyn ſchien. Haͤtte ich jenen Brief, den der Fremde brachte, ſehen koͤnnen, ſo waͤre mir das Naͤthſel geloͤſt worden, und alle meine Zweifel entſchwunden. Je mehr ich mich mit dieſem Ge⸗ danken aber befaßte, deſto ſtäͤrker wurde meine Neugierde nach dem Inhalte des Briefes und da ich bald darauf erfuhr, daß er Almiren ſelbſt in ein Kloſter nach Madrid bringen wolle, ſo 56 entſchloß ich mich ſogleich jene Neugierde waͤhrend ſeiner Abweſenheit zu befriedigen. Alle offenen Zimmer durchſuchte ich auf das ſorgfaͤltigſte, fand aber auch nicht die geringſte Spur von jenem ge⸗ heimnißvollen Briefe.“— „Nach einer Abweſenheit von einigen Wochen kam Don Padilla mit erzwungener Heiterkeit zuruͤck und ſuchte Virginien, die durch Almi⸗ rens Entfernung aͤußerſt niedergeſchlagen war, unausgeſetzt bei ſich zu haben. Wie natuͤrlich er⸗ weckte dieſe ſchnelle Veraͤnderung den gegruͤndetſten Verdacht in mir, da ich Don Padilla's menſchen⸗ ſcheue Gemuͤthsart kannte, und wußte, wie laͤſtig ihm fruͤher ſelbſt die Geſellſchaft ſeiner Toͤchter war, mit denen er oft Tage lang nicht eine Sylbe ſprach. Dieſes abſichtliche Hinzudraͤngen und Beiſammen⸗ ſeyn mit Virginien ließ mich daher jetzt etwas vermuthen, was alle ſeine weitlaͤuftigen Discourſe uͤber Verwandten und Blutliebe nicht unterdruͤcken konnten. Feſt nahm ich mir daher vor, auf alle ſeine Schritte zu lauern und Virginien, bei dem erſten Anlaſſe zur Ueberzeugung, auf eine feine Weiſe vor gewiſſen Vertraulichkeiten zu warnen, die Padilla zwar als Vater von ihr verlangen durfte, deren Art der Ausuͤbung aber auf etwas viel Schaͤndlicheres hindeuteten.“ 1 ſchla⸗ ch laͤng tritte ich r keine um nen. Lam Geſt im, beke erſte Geſ im rend ſenen fand ge⸗ 57 „Eben lag ich einmal bei der Nacht, halb ſchlafend, halb wachend, auf meinem Bette, als ich zu einer Stunde, da alles im Schloſſe ſchon laͤngſt zur Ruhe gegangen ſeyn ſollte, leiſe Fuß⸗ tritte auf dem Gange vernahm. Sogleich fragte ich mit lauter Stimme, wer es waͤre, da ich aber keine Antwort erhielt, ſo ſprang ich aus dem Bette, um den mitternaͤchtlichen Wanderer kennen zu ler— nen. So ſtill als moͤglich griff ich nach meiner Lampe, ſchlich behutſam hinaus und gewahrte eine Geſtalt, die ungefaͤhr zwanzig Schritte vor mir im Finſtern ging. Abermals rief ich, wer es waͤre, bekam aber eben ſo wenig eine Antwort als das erſte Mal, wodurch ich mich genoͤthiget ſah, der Geſtalt, die, wie ich bald darauf bemerkte, ein Mann im Nachtkleide war, zu folgen. Er focht mit bei— den Armen in der Luft herum und murmelte einzelne Worte, die ich aber nicht verſtehen konnte. Da⸗ durch noch aufmerkſamer gemacht, naͤherte ich mich immer ſchneller und erkannte in ihm Don Pa— dillen, der das voͤllige Ausſehen eines Mondſuͤchti⸗ gen hatte. Ohne mich zu ſehen, ging er auf die Treppe, die nach dem oͤſtlichen Theile des Schloſſes fuͤhrt, zu; dort wandte er ſich um, ſah auf den Weg, den er gekommen war, zuruͤck, um zu ſehen, ob ihm niemand gefolgt ſey, und oͤffnete endlich — —-— F 38 eine Thuͤr, die ich fruͤher noch nie bemerkt hatte, da ſie von gleicher Farbe mit der Wand war. Jetzt erſt konnte ich ſein Geſicht ſehen, das mit Leichenblaͤſſe uͤberzogen und ganz entſtellt war, in— deß die Augen, weit aus ihren Hoͤhlen heraus ge⸗ trieben, vor ſich hinſtarrten.“ „Mit Entſetzen wuͤrde ich umgekehrt ſeyn, waͤre meine Neugierde, durch das ſeltſame dieſes Auf— trittes auf das Hoͤchſte geſpannt, nicht ſtaͤrker ge⸗ weſen als meine Furcht. Nichts ſchien mir ſo ſicher, als daß er mondſuͤchtig ſey oder im Schlafe wandle, daher folgte ich ihm auch mit einer Ent— ſchloſſenheit, uͤber die ich noch jetzt ſchaudere, bis in die gothiſche Halle, wo er mit einer Sicherheit durch die Finſterniß an die Tafel ging, als ob ſie ſpiegelhell beleuchtet waͤre.“ „Mit ſchauerlichem Ernſte ſetzte er ſich auf ei— nen Stuhl und ſprach verſchiedenes, wovon ich aber aus der Entfernung nur den Ton vernehmen konnte. So leiſe als moͤglich ſchlich ich mich laͤngs T der Tapetenwand naͤher, als er ploͤtzlich wie in ſeiner Hochzeitsnacht bei Erſcheinung des Geſpen— und mit kreiſchender Stimme immer wagſt Du es, mich zu be⸗ as willſt Du von mir ſcheinbares hatte, war. s mit 59 Bild des Todten?— Fragſt Du nach ihr, ſo ſuche ſie im Ozean!— doch wie? ſollſt Du wirklich noch leben?— Nein! nein! laͤngſt biſt Du todt, und doch fuͤrchtet Dich meine feige Seele! Ha! Was ſeh' ich?— Wunden!— Eine— zwei— drei!— und noch immer blu— tend?— doch, ja, es iſt vorbei!— die fuͤrch— terliche That iſt geſchehen!— Ha!— was iſt das? ein Dolch!— der Meinige!— und doch hab' ich Dich nicht gemordet.— Nein, nein!— das kannſt Du nicht ſagen!— Ruhe! ruhe!— gequaͤlter Geiſt! ruhe in Frieden!““ „Wild rollten ſeine Augen jetzt, poͤtzlich ſtreckte er die Hand abwehrend von ſich und rief nach einer Pauſe wieder:„„Folge mir nicht, thoͤrichter Geiſt! — Ach Blut! Blut!— unausloͤſchlich ſind Deine Flecken— doch, was bebe ich?— Ein Schwaͤch— ling nur bereut geſchehene Thaten!— feige See— len ſchaudern vor der Vollbringung!— O ich weiß von aͤlteren Berbrechen, Verbrechen, die laͤngſt begraben ſind!““— Mit einem Male hielt Don Padilla jetzt + 6 inne, ſchlug die Arme in einander, ſah auf den Boden und ſprach nach einer langen Pauſe ſo ſtille, daß ich alle Muͤhe hatte, ihn zu verſtehen:„„Ja, 60 Dinge habe ich gewußt, die den ſchlummernden Tod erſchrecken koͤnnten!— Fuͤrchterlicher Ge⸗ danke!— O wollten die Graͤber all' ihre Gerippe ausſpeien, dann wuͤrde man Zeuge von Schand⸗ thaten ſeyn, woruͤber ſich die Sonne abwenden muͤßte.— Koͤnnten alle Ermordeten wieder auf— ſtehen, o dann wuͤrden Legionen von Geſpenſtern uͤber das blutige Gefilde ſchweifen!— doch wahr— lich ſonderbar,““— ſprach er ploͤtzlich mit lauter Stimme und blickte rund um ſich,„„noch vor Kurzem ſah ich ihn vor mir, und jetzt iſt er fort, um zu ſchwaͤrmen mit den Todten!““— „Nur zu gut merkte ich aus dieſen abgeriſſenen unordentlichen Reden, daß Don Padilla's In⸗ neres vom Bewußtſeyn einer ſchweren Schuld ge⸗ martet wuͤrde. Die meiſten Worte wußte ich mir nicht zu erklaͤren, in ſo ferne ſie nicht Bezug auf den Brief hatten, den er von dem Fremden empfing. Mit einem Male ſchien Don Padilla aber be— ruhigt; langſam ging er, ſo ſicher als er gekommen war, durch die finſteren Gaͤnge zuruͤck und verſchloß die Thuͤr, durch die ich nur mit Muͤhe ſchluͤpfen konnte, ohne an ihn zu ſtoßen, eben ſo ordentlich, als wenn er wach geweſen waͤre. So ſtill als moͤglich folgte ich ihm bis an den Eingang ſeines bran ein ich i wagte treten nen fing nicht lichſt gierd nich ſchli naͤhe den dich dil Kal fuh rnden Ge⸗ grippe hand⸗ enden auf⸗ iſtern vahr⸗ auter rzem n zu enen In 61 ſeines Schlafgemaches, in welchem ſtets eine Lampe brannte, wo ich bemerkte, daß er ſich gelaſſen auf ein Sopha ſetzte. Erſt nach einiger Zeit, da ich ihn durch die offene Thuͤr beobachtet hatte, wagte ich es mit der groͤßten Behutſamkeit einzu⸗ treten; da erblickte ich auf einem Schreibpulte ei— nen halb zuſammengelegten Brief!— Gewaltig fing mir das Herz zu pochen an, ich erwartete nichts gewiſſer, als daß es jener von mir ſo ſehn— lichſt gewuͤnſchte Brief ſey; meine heftige Neu— gierde raunte mir zu, eine ſo ſeltene Gelegenheit nicht ungenuͤtzt voruͤber gehen zu laſſen; ich ſchlich daher zitternd aus Furcht und Ungeduld naͤher und haſchte die Beute. Uebergluͤcklich durch den gelungenen Griff hielt ich das Papier ans Licht und las die Worte:„„Wiſſet, Don Pa⸗ dilla, daß Euer beleidigtes Weib noch lebt!““— Kaum hatte ich die erſte Zeile aber uͤberblickt, ſo fuhr der ploͤtzlich erwachte Padilla bei meinem Anblick in die Hoͤhe, ergriff mich ſchnell wie der Blitz am Halſe und ſchrie:„„Ha Schurke, ſo habe ich Dich doch endlich erwiſcht! Sogar um Mitter⸗ nacht ſchleichſt Du Dich bei mir ein und wagſt es, meine Papiere zu durchwuͤhlen! Herrlich will ich Dir Deine Neugierde aber belohnen; wenig⸗ 62 ſtens ſoll das Ge⸗heimniß nicht uͤber Deine Lippen kommen!““ „Sn unausſprechlicher Angſt verſuchte ich alle moͤglichen Entſchuldigungen vorzubringen, leider! beſtanden aber alle nur aus abgeriſſenen Worten, bis ich mich endlich ſo weit faßte, um mit ſchwan⸗ kender Stimme zu verſichern, daß ich aus keiner uͤblen Abſicht gekommen ſey.“ „„Schweige, Schurke!““ ſchrie er—„„laͤngſt kenne ich Deine Schuld, es fehlte nur der Beweis und den haſt Du mir jetzt ſelbſt gegeben! Un⸗ moͤglich kannſt Du mir nun meine Sinne ableug— 11⸗2 ⸗ ner „Hier griff er nach ſeinem Schwerte, indeß ich in jeder Minute den Todesſtreich erwartete und ihm zagend ins Angeſicht blickte. Wider alle Er— wartung nahm er aber die Lampe herunter und befahl mir mit kaltem gelaſſenen Tone zu folgen. Mir ahnete nichts Gutes, ich flehte in den erſchuͤt— terndſten Ausdruͤcken um mein Leben, doch mit Un⸗ geſtuͤm ſchrie Don Padilla:„„Kein Wort mehr, alter Geck! Deine Bitten kommen zu ſpaͤt! Folge mir und ſchweige!““— „Obgleich ich meinem Tode entgegen zu gehen glaubte, ſo hatte ich doch nicht den Muth, mich zu widerſetzen, auch jagten mir ſeine zuͤrnenden lippen alle eider! orten, hwan⸗ keiner bleug⸗ indeß e und e Er⸗ und olgen. ſchutt jt Un⸗ Wort ſpaͤt! gehen mich endel 63 Blicke bei jedem zoͤgernden Schritte Schrecken ein und geboten Eile. Ohne ein Wort zu verlieren, fuͤhrte er mich nach dem oͤſtlichen Fluͤgel des Ge⸗ baͤudes, durch eine Thuͤr zu ebener Erde, worauf wir durch mehrere finſtere Gaͤnge gingen. Die hier herrſchende Stille erfuͤllte mich mit den fuͤrch— terlichſten Beſorgniſſen, welche der zu erwartenden Wirklichkeit nichts im Geringſten nachgaben.“ „Erſt nach langem Vorwaͤrtsſchreiten hielten wir am Ende einer Gallerie, wo Padilla eine große eiſerne Thuͤr oͤffnete, die nach einer verfal⸗ lenen Treppe fuͤhrte. Unmoͤglich konnte ich zwei— feln, daß es der Eingang zu den Kellern des Schloſſes ſey, wo man in fruͤheren Zeiten auch Gefangne aufbewahrte.“ „„Hier ſind wir am Ziele Gonzalez,““— begann Padilla, indem er das bisherige Schwei⸗ gen unterbrach;„„Augenblicklich folge mir!““ „Noch hatte er nicht geendet, als ein Windſtoß durch die Gallerie brauſte und die Thuͤre mit knar⸗ rendem Heulen in ihren verroſteten Angeln bewegte. Ohne ruͤckwaͤrts zu ſehen, ſtieg er, mir noch ein— mal Nachfolge befehlend, uͤber die von herabtrie⸗ fender Naͤſſe ſchluͤpfrigen Stufen. Eine feuchte eis⸗ kalte Luft wehte uns entgegen und trieb moderichte Duͤnſte vor ſich her. Da wir endlich funfzig Stu⸗ r 64 fen zuruͤckgelegt hatten, langten wir in einem tie⸗ fen Gewoͤlbe an. Padilla wandte ſich etwas ſeitwaͤrts, ſchob mit Anſtrengung einen roſtigen Riegel zuruͤck und oͤffnete, ſich mit einem Fuße gegen die Wand ſtemmend, eine ſchwere Thuͤre, die mir die Ausſicht in ein dumpfes ſtinkendes Loch gewaͤhrte, wo es ſo abſcheulich ausſah, daß ich unwillkuͤhrlich einige Schritte zuruͤckbebte und einen lauten Schrei ausſtieß!“— „„Sieh, mein treuer Gonzalez,““— ſagte er mit hoͤhnender Stimme—„„lange habe ich nachgedacht Dir Deinen Lohn zu geben, da fand ich denn, daß ich nichts Beſſeres thun kann, als Dir eine lebenslaͤngliche Wohnung in meinem Schloſſe einzuraͤumen.““ „„Wie!““— rief ich mit Entſetzen— „„Ihr werdet doch nicht etwa ſo unbarmherzig ſeyn, und mich in dieſem Loche, wo ſich nur Un⸗ geziefer aufhaͤlt, einſperren wollen? Nein, nein! ehe Ihr es darauf ankommen laſſet, ſo ſtoßt mir lieber gleich das Schwert durch den Leib!““— „„Wo denkſt Du hin, getreuer Gonza⸗ lez,““— verſetzte er mit teufliſchem Gelaͤchter,— „„ich bin ja kein Moͤrder! Du ſollſt blos deswegen hier bleiben, damit Du ungeſtoͤrt Betrachtungen — n tie⸗ etwas ſtigen habe , da kann, einem en— herzig ir Un⸗ nein! t mir 1— onza⸗ ter, wegen ungen 65 uͤber Alles das anſtellen kannſt, wos Du durch Deinen ungluͤcklichen Vorwitz entdeckteſt.““ „„Verzeiht mir doch um des Himmelswillen meine Thorheit,““— flehte ich in unendlicher Angſt,—„„ich hatte gewiß keine boͤſe Abſicht da⸗ bei. Ja— fuhr ich mit erhoͤhter Stimme fort— bei dem wandernden Geiſte des ungluͤcklichen Gra— fen Ferendez, der vielleicht eben jetzt in dieſem ſchaudervollen Gewoͤlbe umherſtreicht, ſchwoͤre ich, daß ich Wahrheit ſprach!““— „Augenblicklich bemerkte ich aus Don Pa—⸗ dilla's Geſicht, daß ich die rechte Seite getrof⸗ fen hatte. So ſehr er ſich auch bemuͤhte, ſeine Furcht zu verbergen und den Eindruck, den meine Worte auf ihn gemacht hatten, nicht ſichtbar wer⸗ den zu laſſen, ſo bebte er doch an allen Gliedern, ſtarrte um ſich her, und wiederholte mit lallender Zunge den Befehl, daß ich in das vor uns liegende ſchreckliche Gewoͤlbe eintreten ſollte.“ „Verzweiflung ergriff mich, da ich ſah, daß es wirklich ſein Ernſt ſey, mich hier einzuſperren, ja wohl gar des langſamen graͤßlichen Hungertodes ſterben zu laſſen; ſchon wollte ich das Letzte ver— ſuchen und Hand an ihn ſelbſt legen, da erwachte ploͤtzlich ein Gedanke in mir, der mir, klug aus⸗ gefuͤhrt, nicht ohne Nutzen zu ſeyn ſchien.“ II. Theil- 5 66 „Ich naͤherte mich in ſcheinbarer Unterwuͤrfig⸗ keit dem Eingange des Loches, auf einmal fuhr ich aber gewaltig ſchreiend, und ein Kreuz vor mich hinſchlagend zuruͤck:„„Gott im Himmel!““— rief ich—„„was iſt das! Sehe ich recht oder blenden mich meine Augen? O ſprecht Don Pa⸗ dilla, iſt mein armer Herr denn wirklich todt, oder liegt er hier in dieſer dunklen Zelle gefangen?““ „„Was ſagſt Du? Dein Herr? Graf Feren⸗ dez?““— ſchrie er uͤberraſcht, indem ſich ſein Haar empor ſtraͤubte und ſeine Blicke mit Entſetzen nach mir fielen.—„„Was meinſt Du, Gonzalez, mit dieſer ſchrecklichen Frage? Wo iſt Dein Herr?⸗⸗“ „„Dort! dort!““— ſchrie ich mit dem Finger in das dunkle Loch zeigend—„„O ſeht nur, ſeht, wie er blutet!““— „Zu ſehr außer Faſſung, um meine Liſt merken zu koͤnnen, gerieth er bei dieſen Worten faſt in ei— nen ſinnloſen Zuſtand; da warf zufaͤllig ein Wind⸗ ſtoß die obere Thuͤre des Kellers ſo heftig zu, daß ſie mit donnerndem Gepraſſel anſchlug und die morſehen Waͤnde erſchuͤtterte; da glaubte er ſchon die raͤchenden Blitze des Himmels auf ſeinem Haupte zu fuͤhlen, wandte ſich ploͤtzlich um und lief, ohne Kam wuͤr aufß ſiche ſtalt mer So uͤrfig⸗ fuhr mich 2 oder pa oder zun — ren⸗ ſein etzen lez, Dein 67 ſich weiter um mich zu bekuͤmmern, mit faſt kin⸗ diſcher Furcht die Treppe hinauf. Ich ſolgte ihm keuchend nach und verſchloß, da Don Padilla in ſeiner Angſt alle Vorſicht vergaß, die obere Thuͤre, und ſteckte den Schluͤſſel zu mir.“ „So ſchnell als moͤglich begab ich mich auf meine Kammer, mit dem feſten Vorſatze, ſobald es tagen wuͤrde, das Schloß zu verlaſſen und einen Ort aufzuſuchen, wo ich vor Padilla's Rache ge⸗ ſichert waͤre. Ich machte auch wirklich ſchon An⸗ ſtalt hierzu, da ließ er mich zu ſich auf ſein Zim— mer rufen. Ich gehorchte und traf ihn auf dem Sopha ſitzend an. Seine Zuͤge waren entſtellter als je, die Wangen bleich und die rothen Augen verriethen nur zu ſehr eine unter Kummer und Angſt ſchlaflos durchwachte Nacht. Als ich ein⸗ trat, warf er einen drohenden Blick auf mich; nach und nach uͤberzog jedoch eine erzwungene Freund— lichkeit ſein Geſicht, waͤhrend er mit ſchwankender Stimme ſprach, in der ſich der Streit des ange⸗ bohrnen Stolzes mit der Furcht vor einem Men⸗ ſchen, der zum Theil Mitwiſſer ſeiner Geheimniſſe war, ausdruͤckte:„„Du weißt Gonzalez, wie nothwendig es iſt, daß die Geheimniſſe eines Vor— geſetzten beſonders von einem Untergebenen fuͤr unverletzlich gehalten werden. Es kann Dich daher 5* 68 unmoͤglich wundern, daß mich der Zorn uͤber alle Grenzen der Vernunft riß, da ich ein ſo frevel⸗ haftes Benehmen an Dir bemerkte, an Dir, dem ich ſtets mein ganzes Vertrauen ſchenkte. Bei jeder Gelegenheit ließeſt Du Deiner Zunge freien Lauf und ſchwatzteſt ohne Ruͤckhalt und Maͤßigung uͤber Dinge, um die ſich Niemand außer mir kuͤmmern ſollte. Du weißt, was ich Dir einſtens bei ei— ner aͤhnlichen Gelegenheit ſchwur; ich koͤnnte Dir auch jetzt Dein Recht wiederfahren laſſen: um Deiner vormaligen Gebieterin willen ſey Dir jedoch verziehen;— Du kannſt wieder in Deine vor⸗ maligen Dienſte treten, doch nur unter der Be⸗ dingung, daß Du Dich in Zukunft beſcheidener auffuͤhrſt.““ „Unentſchloſſen, was ich nun beginnen ſollte, entfernte ich mich ſchweigend. Alle meine Beſorg— niſſe fuͤr Donna Virginia erwachten aufs Neue in mir; ich glaubte verſichert zu ſeyn, daß außer mir Niemand faͤhig ſey, ſie zu retten und dieſer Grund beſtimmte mich allein, noch laͤnger auf dem Schloſſe zu bleiben.“ „Meine Furcht vergroͤßerte ſich mit jedem Tage mehr; ſicher hatte Virginia noch keinen Verdacht; da ſie in ihrer Unſchuld an nichts dergleichen denken r alle frevel⸗ dem jeder Lauf uͤber mern ei ei⸗ Dir um ſedoch vor⸗ 69 konnte. Don Padilla's Blicke ſprachen aber in ihrer Naͤhe die Niedertraͤchtigkeit ſeines Herzens nur zu deutlich aus.“ „Bis hieher waren alle meine Beobachtungen von der Art, daß ſie im Falle der Noth wohl noch haͤtten zweifelhaft gemacht werden koͤnnen; da ereig⸗ nete ſich aber ein Vorfall, der meinen lange ge— naͤhrten Verdacht endlich ſo ziemlich rechtfertigte.“ „Vom Auspacken eines Transports italieniſcher Waaren ermuͤdet, ſchlief ich eines Tages in dem Zimmer, wo ſie aufbewahrt wurden, unwillkuͤhr⸗ lich ein. Ich gerieth aber in nicht geringes Staunen, als ich erwachte und ſah, daß es ſchon Nacht war. Der Mond ſchien hell durch die Fenſter herein, und ließ mich aus ſeiner Hoͤhe ſchließen, daß er ſchon vor geraumer Zeit auf⸗ gegangen ſeyn muͤßte. Ich raffte mich auf, um nach meiner Kammer zu gehen, zu welcher ich aber nur durch einige Vorzimmer kommen konnte, die zu den Gemaͤchern unſrer weiblichen Herrſchaften fuͤhrten. Ich that dieſes ſo leiſe und ſtille, als moͤglich und trat eben in die lange Gallerie hinaus, als ich am andern Ende derſelben einen Mann erblick⸗ te, der eine Lampe in der Hand haltend mit abge⸗ wandtem Geſichte ſtand und lauſchte. Endlich kehrte er ſich um und ich erkannte in ihm ploͤtzlich Don 70 Padillen. Schon glaubte ich einer zweiten naͤcht⸗ lichen Wanderung im Schlafe beiwohnen zu muͤſſen, bald erkannte ich aber aus ſeiner Behutſamkeit, mit welcher er bei jedem Schritte ſtille ſtand und lauſchte, daß er dieſes mal wach ſey. Die auffallen⸗ den Zeichen der Furcht in ſeinem ganzen Beneh⸗ men ließen mir jedoch keinen Zweifel uͤbrig, daß er auf boͤſen Wegen ſey. So leiſe als moͤglich auftretend, kam er mir laͤngs der Gallerie zur Haͤlfte entgegen, blieb an der aͤußeren Thuͤr von Virginiens Zimmer ſtehen, legte endlich die Hand ans Schloß, um es zu oͤffnen, und blickte wie ein Dieb, der ſchon den Haͤſcher zu hoͤren glaubt, ſcheu und furchtſam um ſich.“ „Ungeheuer! dachte ich mir, ſo iſt dir denn kein Band heilig genug, dich vom Verbrechen ab⸗ zuhalten!“— Lange wußte ich nicht, was ich thun ſollte, um Virginien und mich vom Untergange zu retten. Mit einem Male nohm ich aber meine Zuflucht zur Liſt. Nur zu wohl kannte ich die Wirkung der Furcht auf Padilla's ſeige Seele und ſeufzte daher mit dumpſer Stimme. Augen⸗ blicklich fuhr er jetzt zuruͤck, ſtand einige Secunden ſtill und horchte Abermals wiederholte ich die— ſes Mittel in tieſerem Tone und ſprach endlich in der Gewißheit, doß er mich nicht ſehen koͤnne: naͤcht⸗ nuͤſſen, ꝛmkeit, d und fallen⸗ Beneh⸗ „ daß nöͤglich e zur von h die te wie laubt, denn mab⸗ 71 „„Don Padilla, huͤte Dich!— Wie ich gehofft hatte, machten dieſe Laute auch wirklich den erwuͤnſchten Eindruck auf ihn: der Schrecken uͤbermannte ihn ſo ſtark, daß er nicht einmal nach⸗ forſchte, wo dieſe Worte herkamen, ſondern in moͤglichſter Eile nach ſeinem Zimmer fluͤchtete.“ „Es erforderte die groͤßte Delicateſſe, Virgi⸗ nien den Schleier vom Auge zu nehmen, wozu ich mich leider! nicht geeignet fuͤhlte, und auch nicht den Muth hatte. Mit verſtellter Hand ſchrieb ich daher einen Brief an ſie, worin ich ſie auf das herzlichſte warnte, ſich vor einem fuͤrchterlichen Ungluͤcke zu huͤten, das vielleicht von einer Seite hereinbrechen duͤrfte, wo ſie es am wenigſten ver— muthete. Mit beſtimmten Worten machte ich ihr die Flucht aus dem Schloſſe, und die Wiederver⸗ einigung mit ihrer Schweſter in Madrid zur Pflicht und ſchloß den ganzen Aufſatz mit der Un⸗ terſchrift ihrer Mutter. Vorſichtig benutzte ich die naͤchſte Gelegenheit, ihn auf eine etwas wunder⸗ bar ſcheinende Art in ihre Haͤnde zu ſpielen, und ſah bald zu meiner groͤßten Freude, daß mein Un— ternehmen wohl von ſtatten ging.“ „Gleich am andern Tage rief ſie mich waͤh⸗ rend der Mittagsruhe ihres Vaters zu ſich auf ihr Zimmer, legte mir verſchiedene Fragen uͤber ihre 72 Mutter vor und brachte endlich, ſchuͤchtern und zagend meinen Brief herbei. Wie leicht zu begrei— fen, ſtellte ich mich ſehr uͤberraſcht, bewunderte die Aehnlichkeit der Schrift mit der ihrer Mutter und ſprach nach einigen vorausgegangenen Verſicherun⸗ gen meiner Dienſtwilligkeit und Treue:„„Ja Donna, ſo alt ich bin, ſo will ich Euch, wenn Ihr es wirklich auf die Flucht ankommen laſſen wollet, dennoch begleiten. Gewiß ſtammt dieſe Warnung von einer hoͤheren Macht her, die Ihr um Eures eigenen Beßten willen nicht verachten duͤrfet; und wenn es mir erlaubt waͤre zu reden, ſo moͤchte ich faſt errathen, woher Euch die ange⸗ drohete Gefahr uͤberfallen wird.““ „Plötzlich wurde ihre Neugierde durch dieſe Worte aufgeregt, doch erſt nach vielen Bitten gab ich ihr uͤber Don Padilla's Character mit der groͤßten Vorſicht die noͤthigen Winke und oͤffnete ihr die Augen uͤber tauſend kleine Nebenumſtaͤnde, die ich zu bemerken nur zu oft Gelegenheit hatte. Eben ſo erzaͤhlte ich ihr den Vorfall, dem ich erſt kuͤrzlich beiwohnte, und wirklich drangen meine Worte ſo tief in ihre Seele, daß ſie ſich endlich mit thraͤ⸗ nenden Augen zur Flucht entſchloß.“ „Unter den geheimnißvollſten Zubereitungen kam die Nacht heran, in der wir das Schloß verlaſſen und egrei⸗ te die und erun⸗ „Ja wenn laſſen dieſe Ihr chten eden, ange⸗ dieſe gab tder fnete aͤnde, atte⸗ erſt dorte hraͤ⸗ kam aſſen wollten. Unter Furcht und Beben erwartete ich Virginien auf meiner Kammer, als ſie endlich bleich und zitternd eintrat. Obgleich ich ſelbſt eben keinen Ueberfluß an Muth und Entſchloſſenheit be⸗ ſaß, ſo liſpelte ich ihr doch einige Worte des Tro— ſtes zu, ermahnte ſie auf die Vorſehung Gottes zu bauen und hatte ſie ſchon bis an das Ende der Gallerie gebracht, als wir auf einmal Don Pa— dilla mit fuͤrchterlichem Toben und Laͤrmen, Dro⸗ hungen und Schwuͤren die Treppe herauf ſtuͤrmen hoͤrten.“ „„Gott im Himmel, mein Vater!““ ſchrie Virginia und ſank in meine Arme, waͤhrend Padilla, der uns wahrſcheinlich noch in meiner Kammer vermuthete und blind vor Wuth war, bei uns voruͤber ſtuͤrzte. Mit Anſtrengung aller mei— ner Kraͤfte riß ich Virginien aber mit mir fort und fluͤchtete durch die entgegengeſetzte Thuͤr, die ich ſogleich hinter mir abſchloß.“ „Kaum hatten wir aber die finſtere Wendel⸗ treppe erreicht, ſo hoͤrten wir die Thuͤr berſtend auffliegen und ſeine Schritte hinter uns. Er ſtieß die graͤßlichſten Fluͤche aus, deren Widerhall in allen Gemaͤchern erſcholl und bei der Stille der Nacht, ungemein ſchauerlich ließ. Obſchon ich nun eine Lampe trug, ſo wirkten Ueberraſchung, Furcht 74 und Beſtuͤrzung doch ſo ſehr in mir, daß ich un⸗ gluͤcklicher Weiſe den rechten Weg verfehlte, und in einen Gang gerieth, der nach dem oͤſtlichen Fluͤ⸗ gel des Schloſſes fuͤhrte.“ „Virginia war ſo entkkraͤftet und meine Schritte ſo unſicher, daß uns Don Padilla ſchon ſaſt auf der Ferſe war, als wir uns der Thuͤr im Erdgeſchoſſe des oͤſtlichen Fluͤgels naͤherten, die ſeit jener Nacht, in der ich ihn wider meinen Willen beſucht hatte, noch immer offen ſtand. Ohne einen anderen Gedanken, als das Weite zu gewinnen, waͤhlte ich den erſten Ausweg, der ſich uns darbot, und ſtand in Kurzem vor dem eiſer⸗ nen Thore, welches den Eingang zu jenen abſcheu⸗ lichen Kellergewoͤlben verwahrte. Zum erſten Male blickte ich jetzt zuruͤckk und ſah Don Padilla mit einer Fackel und dem gezogenen Schwerte in den Haͤnden kaum funſzig Schritte von uns ent⸗ fernt. So ſchnell als moͤglich zog ich den Schluͤß ſel zu jener eiſernen Thuͤr hervor, den ich ſeit der Zeit, da er in meine Haͤnde kam, ſtets bei mir trug, oͤffnete die knarrende Pforte, ſchob Virgi⸗ nien mit ſanften Draͤngen hinein und ſchlug das Thor mit raſender Gewalt hinter mir zu.— Erſt nachdem ich es geſchwind wieder abgeſchloſſen hatte und Don Padilla's ohnmaͤchtige Drohungen von zu lich von heu⸗ Nale lla e in ent⸗ luͤß — 7 5 von außen hoͤrte, fing ich an, etwas freier Athem zu holen.“ „Seit jener Nacht, in der ich dieſe ſchauer⸗ lichen Gewoͤlbe zuerſt geſehen hatte, ſuchte ich da— von ſo viel als moͤglich zu erforſchen und erfuhr, daß ein langer Gang nach dem großen Gewoͤlbe unter der Capelle fuͤhre, die andern hingegen eine unbenuͤtzte Waſſerleitung bildeten, woraus ſich das Schloß vor vielen Jahren in Belagerungszeiten mit Waſſer verſah. Auf einem dieſer Wege wollte ich daher auch entfliehen, in ſo ferne Virginia Geiſtesgegenwart und Entſchloſſenheit genug beſitzen ſollte, allen uns umgebenden Schreckniſſen zu trotzen.“ „Jetzt erſt wagte ich es, einige Minuten aus— zuruhen, waͤhrend Virginia faſt kraftlos zu Boden ſank und aͤngſtlich forſchende Blicke um ſich warf.„„Himmel! an welchen Ort haſt Du mich gefuͤhrt,““— rief ſie auf meinen Arm gelehnt. „„wohin fuͤhrt dieſer Gang? Kennſt Du den Weg? 71 7 „Allen Muth zuſammen raffend antwortete ich: „„Seyd unbeſorgt, dieſe Lampe wird uns leuchten. Glaubt mir, die Einbildung iſt oft weit ſchlimmer als die Wirklichkeit. Auch bin ich ſchan einige Mal hier geweſen!““— Indem ich dieſes ſprach 76* merkte ich, daß die Lampe in der dicken faulen Luft zuſehends ſchwaͤcher brannte und eiskalt lief es mir uͤber den Ruͤcken, als ich an jener Zelle vor⸗ bei ging, in der mich Padilla lebendig begraben wollte.“ „„Ach wie traurig ſieht es hier aus,““— begann Virginia, da wir jetzt wieder einige Augenblicke ſtill ſtanden.„„Niemals haͤtte ich vermuthet, daß unter dieſem praͤchtigen Gebaͤude ſolche Gewoͤlbe waͤren, daß das Herz, bei der Moͤg⸗ lichkeit, ſie bewohnen zu muͤſſen, unwillkuͤhrlich er⸗ zittert.““ „„Der Himmel weiß,““ erwiederte ich,— „„wie viele ungluͤckliche Gefangene hier ihr Leben ſchon verſeufzeten, oder manche arme Maurenfamilie ſich vor der Wuth der Sieger verbarg.““— Ploͤtzlich ſtrich ein ſauſender Windſtoß uͤber die triefenden Waͤnde und ſetzte die Flamme unſerer Lampe in flackernde Bewegung.“ „Obſchon mir dieſer Umſtand nicht wenig Freude verurſachte, weil ich aus der Bewegung der Luft im Keller auf eine Verbindung mit der aͤußeren und alſo auf das baldige Daſeyn eines Ausgangs oder ſonſt einer Oeffnung ſchloß, ſo fuhr Vir⸗ ginia doch dabei gewaltig zuſammen.„„Ach, ſcheint es doch,““— ſagte ſie mit leiſer Stimme,— ulen 77 „„als ob jede dieſer Zellen noch einen Gefan⸗ genen enthielte, deren wiederholte Seufzer an uns voruͤberziehen und unſer Mitleid rege machen wollten.““ „Endlich ſetzten wir unſeren Weg fort, der ſich bald auf zwei entgegengeſetzte Seiten theilte und mich in eine qualenvolle Unruhe verſetzte⸗ Virginia merkte meine Verlegenheit und ſah mich mit aͤngſtlichen Blicken an. Ich fand es endlich nach kurzer Ueberlegung fuͤr rathſamer, den Ausweg zu waͤhlen, der weniger Unangenehmes zu enthalten ſchien. Er war ſchmal und niedrig, ſchien aus Quaderſteinen erbaut. Die reinere Luft, die hier wehte, ließ mich vermuthen, daß wir den Kanal der Waſſerleitung vor uns haͤtten. Aufs Neue belebte ſich mein Muth bei dieſer Beobach— tung, waͤhrend wir den mannigfaltigen Kruͤmmungen folgten, die uns, nach der Zeit zu ſchließen, nach einer halben Meile noch kein Ende ſehen ließen. Ploͤtzlich fanden wir unſeren Pfad aber mit Mauer⸗ truͤmmern verſperrt, welche ſich von oben und den beiden Seiten des Ganges abgeloͤſet und angehaͤuft hatten. Wir ſtanden bei dieſem Anblicke wie vom Donner geruͤhrt, denn alle unſere Erwartungen waren dadurch zu Waſſer geworden.“ „Virginia beſonders wurde durch dieſen 78 unvorgeſehenen Zufall ſo beſtuͤrzt, daß ſie ſich in der ſchrecklichſten Verzweiflung auf eines der zer⸗ brochenen Mauerſtuͤcke niederlaſſen mußte, um ſich von der Schwaͤche zu erholen, die ſie zu Boden druͤckte, indeß mein Gemuͤth zum Tummelplatze der aͤngſtlichſten Beſorgniſſe wurde. Mit dem Reſte meiner letzten Kraft unterſtuͤtzte ich meine immer ſchwaͤcher werdende Begleiterin, ſpaͤhte da⸗ bei rund umher, und fand es endlich bei genauerer Betrachtung des Haufens Gemaͤuer, der den Weg hemmte, wahrſcheinlich, daß man gerade unter der Woͤlbung daruͤber wegkriegen koͤnnte.“ „Faſt unmoͤglich ſchien es mir aber, Virgi⸗ nien vorauszuſchicken und eben ſo unmoͤglich, ſie mittlerweile im Finſtern zuruͤck zu laſſen. Nach einigem Ueberlegen machte ich ſie daher mit der unvermeidlichen Nothwendigkeit bekannt, die uns nach ſo vielen Wagniſſen noch bevorſtand und be⸗ muͤhte mich, ihr Muth einzufloͤßen, im Dunklen zu— ruͤck zu bleiben, indeß ich einen Ausweg mit Ge⸗ walt eroͤffnen wollte.“ „Leichenblaͤſſe uͤberzog bei dieſer Nachricht ihr Geſicht, waͤhrend ihr alle Glieder am Leibe bebten. Allen moͤglichen Troſt und Vernunftgruͤnde nahm ich daher zur Hand, und ſprach mit beſaͤnftigen⸗ dem Tone:„„Seht, theure Donna, Ihr machet Euch ſelbſt zu viele Unruhe. Betrachtet dieſen Ort als einen ganz gewoͤhnlichen Keller, ſo wird ſich Eure Angſt zur Haͤlfte vermindern, bildet Euch ein, es ſey Euer Zimmer, da Ihr den Unterſchied im Finſtern doch nicht wahrnehmen koͤnnet, ſo wird auch die andere Haͤlfte verſchwinden. Wollt Ihr aber Licht um Euch, ſo laſſe ich die Lampe zuruͤck, ſuche die Oeffnung im Dunklen und hoffe zu Gott, daß mein Unternehmen einen gluͤcklichen Erfolg ha⸗ ben wird. Sollte ich aber nach einer Stunde nicht wiederkehren, ſo nehmt denn in Himmels Namen die Lampe und ſuchet den Weg ins Schloß zuruͤck.““ „„Nein, nein, nimmer mehr,““ erwiederte ſie—„„an eine Ruͤckkehr iſt jetzt nicht mehr zu denken. Findeſt Du keinen Ausgang, ſo will ich hier auf dieſem Steine enden.““ „Mit der Staͤrke der Verzweiflung raffte ich mich bei dieſen Worten empor, kletterte uͤber die rollenden Truͤmmer und kam ziemlich weit vorwaͤrts, als ich ploͤtzlich mit den Fuͤßen einſank und mich von verwachſenen Wurzeln eingeklammert fuͤhlte. Kaum hatte ich mich von meinem Schrecken er— hohlt, ſo griff ich mit den Haͤnden hinab, mich heraus zu wickeln, als meine Finger auf einen runden weichen Koͤrper trafen. Pruͤfend fuhr ich daruͤber weg und erkannte die Augen, die Naſe 80 und den Mund eines Menſchenkopfs. Bis in das Innerſte meiner Seele erſchuͤttert, fuhr ich ſchau⸗ dernd zuruͤck, als waͤre ich von einer Schlange ge⸗ biſſen worden, die Knie brachen mir, und ich war auf einige Augenblicke zu heftig bewegt, um bei klarem Bewußtſeyn zu bleiben. Erſt nach einer be⸗ deutenden Pauſe wagte ich es die Hand abermals nach dem gefuͤrchteten Gegenſtande auszuſtrecken, um gewiß zu ſeyn, ob ich mich nicht getaͤuſcht haͤtte, und fuhr mit etwas mehr Faſſung aͤber die Stirne hin⸗ weg bis auf die Bruſtknochen, wovon mir einer ge⸗ brochen ſchien.“ „Leider! ſah ich jetzt, daß ich mich nicht be⸗ trogen hatte. Unmoͤglich konnte ich Virginien aber fruͤher durch die Oeffnung bringen, als bis mir das Tageslicht erlaubte, den Leichnam bei Seite zu ſchaffen, und eben ſo das dichte Geſtripp auszureu— ten, welches den Eingang voͤllig uͤberwachſen hatte.“ „So ſchnell als moͤglich kehrte ich daher zuruͤck und fand Virginien mehr todt als lebendig. Nachdem ich ihr durch meine Gegenwart wieder et⸗ was Muth eingefloͤſt und ihr die erfreuliche Nach— richt eines gluͤcklich gefundenen Auswegs mitge⸗ theilt hatte, wagte ich es auch, ſie auf das er⸗ ſchuͤtternde Schauſpiel vorzubereiten, das ihrer wartete. Kurz vorher, ehe der Tag ſeinen daͤmmern⸗ den loſch chen waͤhr und der chen jeden Mor des haͤd Glü 81 den Strahl uͤber das Mauerwerk herein warf, ver⸗ loſch unſere Lampe und ein kuͤhlendes Morgenluͤft⸗ chen ſaͤuſelte lieblich durch die verwachſenen Zweige, waͤhrend wir uns mit vieler Muͤhe uͤber den Schutt und das dichte Geſtripp ins Freie hinaus arbeiteten.“ „Eben zog die purpurne Morgendaͤmmerung in der Entfernung herauf und nicht ein einziges Woͤlk⸗ chen hing am Azurgewoͤlbe des Himmels. Auf jedem Blatte, an jeder Blume hing der Thau des Morgens, dichter Nebel quoll unter den Baͤumen des Waldes heraus, verdunkelte die Ausſicht und huͤllte das Entfernte noch in ungewiſſe Schatten.— Gluͤcklich erreichten wir auf Seitenwegen die Huͤtte des ehrlichen Perez, ehe noch jemand wach war. Mit Staunen und beſorglicher Theilnahme empfing uns der Alte, ſetzte uns einen Fladen mit Milch vor und verſchaffte uns zwei Maulthiere, auf denen wir eben weiter zogen, als die erſten Strahlen der Sonne die Thuͤrme des Schloſſes Montillo zu vergolden begannen und eine graue Nebelhaube uͤber den dunkeln Waͤldern ſchwebte.“ „Virginia war in das Kleid einer von Pe⸗ rez's Toͤchtern gehuͤllt, indeß ich als Landmann einherzog, da wir uns in dieſer Vermummung mehr Sicherheit verſprachen, als uns der ſtaͤrkſte Arm gewaͤhren konnte. Auf dem naͤchſten Wege miethe⸗ II. Theil. 6 82 ten wir einen Fuͤhrer, der ein luſtiger Kauz war, und uns durch ſeine Spaͤße ſo zerſtreute, daß wir alle Gefahren der Reiſe vergaßen. Endlich lang⸗ ten wir wohlbehalten am Ufer des Tajo an; da wir aber die Hauptſtraße vermieden hatten, ſo machte es uns kein geringes Vergnuͤgen, zu hoͤren, daß wir nur noch einige Meilen von Madrid entfernt ſeyen.“ „Mit einem Male ſammelten ſich jetzt aber dunkle Wolken uͤber uns; ein ſchwuͤler Wind, der von Suͤden blies, verkuͤndigte Sturm und Regen. Ich blickte ſehnſuchtsvoll an den Ufern des Fluſſes nach einem Obdache herum, da entdeckte ich in ge⸗ ringer Entfernung das glänzende Dach eines Land⸗ hauſes und zweifelte nicht, daß wir dort Schutz vor dem herannahenden Gewitter finden wuͤrden; leider! uͤberfiel uns der Regen aber ſchon unter Weges ſo, daß wir ganz durchnaͤßt hier anlangten.“ „Wer vermoͤchte es aber unſere Freude zu be⸗ ſchreiben, da wir hoͤrten, daß wir uns auf Eurem Grunde und Boden befaͤnden, und das Ihr, Se⸗ nor! zugegen waͤret! „Virginia's Delikateſſe nahm zwar gleich Anfangs Anſtand, von der Gunſt des Zufalles Ge⸗ brauch zu machen; da ich ihr aber die nachdruͤck⸗ lichſten Vorſtellungen machte und ihr zu beweiſen „ ſo oren, drid aber , der tegen. luſſes in ge⸗ Land⸗ Schut rden; unter gten.“ zu be⸗ Eurem ſuchte, daß hier der Himmel unmittelbar ſeine Hand im Spiele gehabt haben muͤſſe, ſo ließ ſie ſich's endlich gefallen, hier einzutreten und Euch um Euren Beiſtand zu erſuchen.“ „Daß unſer gemeines Ausſehen Eure Diener⸗ ſchaft zu unſerem Vortheile nicht beſonders einnahm, koͤnnet Ihr wohl denken. Zufaͤllig trat aber Raolo ins Vorhaus, wo wir uns befanden, und erkannte uns augenblicklich, wobei er in der Ueberraſchung uͤber unſere unverhoffte Ankunft und in der Eile, uns nach einem Zimmer zu bringen, wo wir unſere naſſen Kleider ablegen koͤnnten, ganz vergaß, Euch Senor unſer Hierſeyn zu melden. Gewiß war es aber auch eine kleine Thorheit von mir, daß ich aus ſeinem Fehler Nutzen ziehen und Euch uͤberraſchen wollte. Ich dachte, Euch eine unerwartete Freude zu machen, ſehe aber nun leider! daß ich mich getaͤuſcht habe. Es ſcheint dem Menſchen nicht erlaubt zu ſeyn, eine Freude ohne Beimiſchung eines Uebels zu ge— nießen!“—— Von Neuem gelobte der Marquis, als Gon⸗ zalez ſeine Erzaͤhlung geendiget hatte, die weit in die Nacht hinein dauerte, Don Padillen die fuͤrchterlichſte Rache, und begab ſich, nach eingeholter Erkundigung uͤber Virginiens Be⸗ finden, endlich zur Ruhe. 6 X Viertes Kapitel. Die Verkleidung.— der Irrthum,— Fernando de Coello, die Diener der heiligen Inquiſition,— Selimg.— Schmetternd begruͤßte die erſte Lerche den her⸗ aufſteigenden jungen Tag, an deſſen Abend Almira den Marquis de los Velos im Kloſtergar⸗ den ſehen ſollte. Valedia wendete alle ihre Be⸗ redſamkeit an, ſie zu dieſer Zuſammenkunft zu be⸗ wegen; Seraphinens Erſcheinung hatte aber einen ſolchen Eindruck auf ſie gemacht, daß ihr die Geſtalt noch immer fortzuwinken ſchien, ſobald ſie nur das Auge zum Schlummer ſchloß. Mit Weh⸗ muth ſah ſie jetzt von der vergitterten Gallerie nach dem Garten, wie ſich die dunklen Schatten der heranruͤckenden Nacht ber die dichte Belaubung verbreiteten, und ſprach mit einem tiefen Seufzer: „O gewiß iſt es das letzte Mal, daß ſich meine Augen an der Daͤmmerung des Abends weiden, denn wahrſcheinlich werden ſie morgen ſchon fuͤr die⸗ ſen praͤchtigen Planeten auf ewig geſchloſſen ſeyn.“ her⸗ ira rgar⸗ Be⸗ be⸗ aber die d ſie Geh⸗ nach mder bung fzer: neine iden, die⸗ 7 eyn. 85 „Warum ſeyd Ihr doch immer ſo traurig?“ fragte Valedia mit zaͤrtlichem Tone.„Seufzt Ihr doch gerade ſo, als ob Euch das Herz brechen wollte.“ „Wahrſcheinlich werde ich wohl nur noch wenige Stunden leben,“— verſetzte Almira mit ruͤhren— dem Ernſte.„Bin ich dann hinuͤber gegangen in die Wohnungen der Seligen, ſo denkt an meine Worte. Doch— horcht!— Hoͤrt Ihr das Veſpergloͤckchen?— Ach, jetzt wird meine Schweſter Virginia ihr Abendlied auf der Laute beginnen, auch ich will nach der Kapelle gehen und ſie in Gedanken begleiten.“ Mit Inbrunſt warf ſich Almira in der Kirche zur Erde und ſchien ſich gewaltſam von allem Ir— diſchen abſondern und nach Dingen ſtreben zu wol⸗ len, die uͤber alles menſchliche Wiſſen hinaus rei— chen. Laͤngſt war der Gottesdienſt ſchon voruͤber, allgemeine Dunkelheit und Stille herrſchte rings herum, kein Licht als die duͤſter brennende Lampe vor dem Bilde des Hochaltares war zu ſehen; als ſie endlich aus ihrer andaͤchtigen Begeiſterung er⸗ wachte und zu Valedia gekehrt ſprach:„Merkt Euch, theure Freundin, was ich Euch nun zu den Fuͤßen des geheiligten Ortes vertrauen werde, da ich aber nicht weiß, wie ſich dieſe Nacht enden 86 wird, ſo ſchweigt entweder, oder redet erſt dann, wenn es der Erfolg der Unſtaͤnde erheiſchen wird. Wiſſet denn, daß mir der Geiſt meiner abge⸗ ſchiedenen Freundin Seraphine erſchienen iſt, und mir eroͤffnete, daß ich in dieſer Nacht noch, „„auf immer hinweg ſeyn wuͤrde.““ Ob nun aus dem Kloſter oder aus der Welt, wird die Zeit entſcheiden.“ Obgleich Valedia ihr anfangs ziemlich ruhig zuhoͤrte, ſo fand ſie ſich doch bei dem Schluſſe ih⸗ rer Rede von unbeſchreiblicher Furcht beklemmt. Nit dringenden Worten erſuchte ſie Almiren in ihrer Erzaͤhlung etwas genauer und ausfuͤhrlicher zu ſeyn, kaum war ſie aber von allen Nebenum— ſtaͤnden unterrichtet, ſo bat ſie die Erzaͤhlende, den erwarteten Beſuh auf keine Weiſe anzunehmen, da nur er die gefuͤrchtete Cataſtrophe herbeifuͤhren koͤnne. „Ich habe mein Wort gegeben, und werde es auch halten,“— verſetzte Almira mit beſtimm— tem Tone. Wie leicht koͤnnte mir Antonio's Falſchheit, verbunden mit dem Gefuͤhle getaͤuſchter Erwartung weit ſchlimmere Folgen zuziehen. Sol⸗ len die Worte meiner verſtorbenen Freundin uͤbri⸗ gens wirklich Bedeutung haben, ſo werde ich auch hier in meiner Zelle vor meinem Schickſale nicht ſche Pro he, Han licht glaͤ tem eint zdann, wird. abge⸗ iſt, noch, nun zeit uuhig ih⸗ umt. n in licher num⸗ den men, hren de es imm⸗ io's ſchter Sol⸗ uͤbri⸗ auch nicht 87 ſicher ſeyn.“—„ Und doch ſagt man, daß die Prophezeihung oft nur deswegen in Erfuͤllung ge⸗ he,“ erwiederte Valedia,„weil wir unſere Handlungen nach der Vorausſetzung der Unvermeid⸗ lichkeit einrichten.“ „So wie es ſcheint, ſeyd Ihr eben ſo aber⸗ glaͤubiſch als ich,“— ſagte Almira unter mat⸗ tem Laͤcheln—„ich denke aber, daß, wenn wir einmal einen Beſchluß gefaßt und etwas fuͤr das Beſte erkannt haben, uns dann weder Furcht noch ſonſt etwas an der Ausfuͤhrung hindern ſollte. Gebt mir fuͤr jetzt Eure Hand, theure Freundin, und geleitet mich nach meiner Zelle zuruͤck, es komme dann, was da wolle, ich will ihm muthig entgegen gehen.“— Eine Stunde nach der andern ging voruͤber, Todtenſtille lag uͤber das ganze Gebaͤude verbreitet⸗ als die Kirchenglocke in feierlich abgemeſſenen Schlaͤ⸗ gen die zwoͤlfte Stunde verkuͤndigte. Jeder Schlag erzitterte durch alle Gemaͤcher, da fuhr Almira raſch empor, ergriff Valedia's Hand und ſprach: „Kommt! Was geſchehen muß, kann nicht ver⸗ ſchoben werden; laſſet uns daher eilen, daß uns die Schweſtern, welche den mitternaͤchtlichen Got⸗ tesdienſt verrichten, nicht entdecken.“ Ohne eine Antwort zu erwarten, nahm ſie die 88 Lampe, welche vor dem Kruzifixe brannte, und ſchlich ſo leiſe und ſchuͤchtern wie das zitternde Reh, wenn ein fallendes Blatt rauſcht, an Valedia's Arm gelehnt uͤber die Stiege. Jeden Augenblick furcht— ſam ruͤckwaͤrts blickend, gingen ſie durch das Kloſter und ſchoben endlich den letzten Riegel zuruͤck, der die Thuͤr nach dem Garten verſchloß. Kuͤhle Luft wehte die wohlriechendſten Duͤfte durch die dicht verwach⸗ ſenen Alleen, waͤhrend ſie den Erdboden mit den Fuͤßen kaum beruͤhrten. Ungefaͤhr vierzig Schritte von dem beſtimmten Orte entfernt verbargen ſie die Lampe unter einem Buſche, und kamen nach wenigen Augenblicken an die Mauer, welche den Garten von der daran ſtoßenden ſchmalen Gaſſe ſchied. Hier kaum angelangt, verkuͤndigte ihnen ein leiſer Ruf Antonio's Gegenwart, der in der naͤchſten Minute auch ſchon vor ihnen ſtand, und mit freudig zitternder Stimme liſpelte:„Tauſend Dank, liebenswuͤrdige Almira, fuͤr Eure grenzen⸗ loſe Guͤte! Wiſſet denn, daß Alles zu unſerer Flucht bereitet iſt; dieſen Augenblick koͤnnet Ihr noch einen Ort verlaſſen, wo nichts als Kummer und Qualen Eurer warten.“ „Leider! ſchmerzt es mich, Antonio,“ ver— ſetzte Almira, als er nach einigen Schmeicheleien hlich venn Arm rcht⸗ oſter 89 und Betheurungen endlich einhielt,—„daß ich Eure Geſinnungen nicht erwiedern kann. Obgleich ich mir biller Weiſe dadurch den Vorwurf der Undank⸗ barkeit zuziehe, ſo fuͤhle ich doch etwas in mir, welches mir ſtrenge verbietet, dieſe Mauern zu uͤber⸗ ſchreiten. Selbſt der Himmel hat es gewollt, daß“—— „O macht mich nicht wahnwitzig!“ fiel ihr Antonio mit leidenſchaftlichem Feuer in die Rede. „Ich kann und will Euch nicht verlaſſen! Jetzt iſt der Augenblick gekommen, der unſere Flucht beguͤnſtiget, o laſſet ihn nicht ungenuͤtzt voruͤber gehen, ich bitte, ich beſchwoͤre Euch, denn glaubt gewiß, wir finden nie einen zweiten mehr!“ „Hoͤrt doch um des Himmelswillen meine Gruͤnde,“— verſetzte Almira.„Sicher iſt Eure Heftigkeit den Wuͤrden und Gefahren dieſes Ortes nicht angemeſſen. Unmoͤglich kann ich es denken, mit einem Manne auf verbotenen Wegen gluͤcklich zu werden; es iſt daher mein feſter Ent— ſchluß, niemals“—— „Haltet ein, o haltet ein!“ rief de los Velos noch heftiger als zuvor.„Sollen denn alle meine lange gehegten Hoffnungen in dieſem Augenblicke mit einem einzigen Schlage vernichtet werden? Ja, beim Himmel! Ihr ſollet, Ihr muͤſ⸗ 90 ſet erſt hoͤren, was ich Euch zu ſagen habe, ehe ich Euren letzten Entſchluß gelten laſſe. Wiſſet, daß Virginia, Eure Schweſter, im Hauſe des Mar⸗ quis de Denia auf den Tod krank liegt, wo⸗ hin ſie ſich, den Unbilden ihres Vaters zu ent, gehen, fluͤchtete. Was wuͤrde ihr wohl mehr Troſt gewaͤhren, was die arme Leidende mehr aufrichten, als wenn ſie Euch um ſich ſehen, den Ton der ſchweſterlichen Stimme hoͤren und von Euren Haͤn⸗ den gepflegt werden koͤnnte!“ „Waͤre es moͤglich!“ ſchrie Almira bei die⸗ ſen Worten—„doch nein, nein, Antonio, Ihr hintergeht mich, und ſeyd mehr als grauſam!“ „Der ewige Vater der Menſchheit ſey mein Zeuge,“— erwiederte Antonio,„daß ich reine und lautere Wahrheit ſprach. Doch laſſet uns ei⸗ len! Koſtbar ſind die Augenblicke. Unſchaͤtzbare, nie mehr zu erkauſende Gelegenheit kann uns ent⸗ gehen, waͤhrend wir hier vergebliche Worte ver, lieren. Huͤllt Euch in meinen Mantel, ſetzt meinen Federhut auf und reicht mir Euren langen ſchwar⸗ zen Schleier, ſo werden wir vor allen Ueberfaͤllen geſichert ſeyn; ſollte mich auch jemand fuͤr eine Nonne halten, ſo werden ihn meine Faͤuſte bald genug des Gegentheils verſichern.“ Der Dame geſfiel dieſe Verwandlung, weil ſie ihr zum lich per und als rau wie 91 ihr Schutz verſprach, und in Kurzem war Almira zum liebenswuͤrdigſten Cavalier umgeſtaltet. Ploͤtz⸗ lich ſchlug die Glocke halb Eins; Almirens Koͤr⸗ per durchfuhr ein leiſer Schauer, alle ihre Furcht und Unentſchloſſenheit kehrte auf einmal zuruͤck als ſie von ihrer Freundin Abſchied nahm.— Da rauſchte es durchs Gebuͤſch: Ein Mann, gerade ſo wie Antonio gekleidet, brach hervor und ſtuͤrzte mit dem Ausrufe:„Ha Schurke, nun ſollſt Du die Staͤrke meines Armes ſuͤhlen!“ mit raſender Wuth auf die verkleidete Almira hin, und bohrte ihr ein hellblinkendes Meſſer in den Buſen. Ehe Antonio es noch verhindern konnte, ſank die Ungluͤckliche ſchon unter dem moͤrderiſchen Streiche zuſammen und liſpelte mit gebrochener Stimme:„Ach Seraphinel Deine Prophe⸗ zeihung iſt ſchrecklich erfuͤllt!“—— Purpurnes Blut quoll ſogleich ſtromweiſe hervor und netzte den Boden. Von Schrecken uͤber dieſen gaͤhen Ueberfall er⸗ griffen war auch Valedia zur Erde geſtuͤrzt, ja ſelbſt Antonio war nahe daran, als ploͤtzlich das Gefuͤhl der Rache in ihm die Oberhand gewann und ihn antrieb dem fliehenden Moͤrnder nachzueilen, der einen verzweiflungsvollen Schrei ausſtieß, als er Almirens Stimme vernahm. Haſtig eilte er 92 uͤber die Mauer und ließ ſich auf derſelben Leiter hinab, uͤber welche Antonio heraufgekommen war, der eben jetzt auf dem oberen Rande der Mauer anlangte, als der Meuchelmoͤrder die Mitte der Leiter ſchon zuruͤckgelegt hatte. Ein in einem Mantel tief verhuͤllter Mann, mit einer Larve vor dem Geſichte, ſtand am Fuß der Lei⸗ ter, hielt eine Blendlaterne in der einen, und das gezogene Schwert in der andern Hand.„Ha! der Marquis de los Velosl“ murmelte er, als er den Meuchelmoͤrder auf der Leiter und die Ge⸗ ſtalt im Nonnenſchleier, der weit umher faatterte, hinter ihm bemerkte. Ohne ein Wort mehr zu reden oder ſeinen Irrthum zu ahnen, empfing er den zuerſt Herabſteigenden mit gewaltigen Hieben und wuͤrde ihn wahrſcheinlich getoͤdtet haben, waͤre er nicht von einer Kugel, die aus einiger Entfernung nach ihm abgeſchoſſen wurde, zur Erde geſtreckt worden. Auch Almirens Moͤrder wankte auf der Leiter, und war dem Herabſturze nahe, als der Fremde, der den Schuß gethan hatte, her⸗ bei ſprang, und ihn noch gluͤcklicher Weiſe mit empor gehaltenen Armen auffing. In eben dem Augenblicke langte auch Antonio im Nonnen—⸗ ſchleier unten an. „Was ſoll das?“— fragte der Fremde, der — 93³ die Piſtole abgefeuert hatte, und Antonio noch immer fuͤr eine Nonne hielt. Waͤre es moͤglich, daß derjenige, den ich hier in meinen Armen halte der Marquis de los Velos ſey, ſo wie ich eben hoͤrte?“— „Barmherziger Gott! welche Stimme! O ſprecht, wer ſeyd Ihr,“— ſchrie de los Ve⸗ los.„Fernando de Coellol“— verſetzte der Fremde—„doch, ſagt nun auch, wer Ihr ſeyd, da Euch rauhe Maͤnnerſtimme aus dem Munde toͤnt, und Ihr doch das Kleid einer Nonne tragt.“ „Leider der Ungluͤcklichſte, der elendeſte Menſch, der Marquis de los Velos!“— antwor⸗ tete Antonio mit von Schmerz erfuͤllter Stimme. „In dieſer Verkleidung war ich Zeuge einer un⸗ ſeligen That! O kommt, Fernando, kommt mit mir in dieſen Garten, wo der blutende Koͤrper Almira's, Eurer Muhme, auf der Erde liegt.“ „Iſt ſie todt?“ fragte der Verwundete, de los Velos zweites Ich, mit einer Stimme, wor— aus Fernando und Antonio augenblicklich Don Padillen erkannten.„Und wer iſt der am Fuße der Leiter,“— fuhr Padilla fort— den Euer Schuß getoͤdtet hat, der wahrſcheinlich mir galt.“ 94 „Keineswegs, Don Padilla,“ verſetzte Fernando mit Kaͤlte,„Dir ſoll Dein Recht erſt zukommen, denn eine hoͤhere Gewalt, als mein Arm, walter uͤber Dir.“ „O laß meinen Dolch ſein Blut trinken!“— ſchrie Antonio jetzt, auf Padilla losſtuͤrzend. „Es iſt ſo nur eine armſelige, erbaͤrmliche Rache fuͤr alle Uebel, die er mir ſchon zufuͤgte.“ „Halt ein!“ ſchrie Fernando, ihn beim Arme ergreifend.„Leider iſt ſchon zu viel Blut vergoſſen worden. Dieſer Menſch, der vor uns liegt, nahm nach den Worten, die er ſprach, Don Padillen fuͤr Dich, da wollte ich Dein Leben retten, als ich ihn erſchoß.“ Neugierig buͤckte ſich Fernando jetzt und hielt die Leuchte an das Geſicht des Todten, und erkannte ſogleich Jacques verwilderte Zuͤge. Kaum hatte Padilla erfahren, daß es Jacques ſey, ſo verfluchte er ſeine Thorheit, mittelſt welcher er eine Verkleidung gewaͤhlt habe, die ihn dem allzu eifrigen Schwerte ſeiner Helfershelfer uͤberantwor⸗ tete, dem er noch am letzten Tage einen Brief geſandt, in welchem ihm befohlen wurde, ſich an dem benannten Orte einzufinden; zu Padilla's Ungluͤck war er aber erſt dann eingetroffen, als ſich jener ſchon uͤber die Leiter, die Antonio an ſette techt nein der Mauer befeſtigte, in den Garten hinauf bege⸗ ben hatte. Kaum hatte Fernando die merkwuͤrdige Ver⸗ kettung der Umſtaͤnde, die ſo augenſcheinlich von einer hoͤheren Macht zu Antonio's Vortheil ge⸗ leitet wurde, eingeſehen, ſo ſtieg er, von de los Velos mehr todt als lebendig begleitet, uͤber die Leiter nach dem Garten, waͤhrend der verwundete Padilla aͤchzend auf dem Pfaaſter zuruͤckblieb. Noch immer lag Valedia bewußtlos bei Al— mirens Koͤrper, und war gerade ſo mit Blut bedeckt, als waͤre ſie gleichfalls getoͤdtet worden. Wie durch Zauberformeln an den Boden gebannt, ſtand Antonio regungslos bei dem ſchrecklichen Anblicke, waͤhrend ſich Fernando bemuͤhte, Al⸗ mira's Koͤrper aus Valedia's Armen zu loͤ⸗ ſen. Gierig legte er ſeine Haͤnde auf ihre Wan— gen, und rief, da er noch einige Waͤrme zu fuͤh⸗ len glaubte, mit innigem Entzuͤcken, daß ſie viel⸗ leicht noch zu retten ſey.„Steht mir bei, An— tonio, fuhr er fort, denn noch lebt Almira!“ — Sanft hoben ſie die beiden Maͤnner jetzt em— por; der Puls ihres Herzens ließ ſich aber nur noch ſchwach erkennen; ein ſchwerer Seufzer drang aus der Tiefe ihres Buſens hervor, und eben ſtreckte ſie ihren Koͤrper mit einigen leichten con— 96 vulſiviſchen Bewegungen aus, als die Uhr des Kloſters Eins ſchlug. „Ach, nun iſt's vorbei!“ ſeufzte Fernando; „arme Almira, dein Daſeyn war von kurzer Dauer. Doch wer iſt die andere Dame, An⸗ tonio? Laß uns wenigſtens ein Leben retten.“ „Ach, auch ich bin Urſache an dieſem erbaͤrm⸗ lichen Trauerſpiele!“ verſetzte Antonio, indem er ſich wie wahnſinnig vor die Stirne ſchlug. Nur zu deutlich ſah jetzt Fernando, daß es umſonſt ſey, ſeinen Freund zur Beſonnenheit zu bringen; ſanft ließ er daher Almirens Koͤrper auf den Boden nieder, und beſchaͤftigte ſich mit Valedia, an der er augenblicklich die deutlichſteu Lebensſpuren fand. Mit dem groͤßten Eifer rieb er ihr die Schlaͤfe, indeß ſie halb zuſammenhaͤn⸗ gende, ſinnloſe Worte ſprach. Endlich oͤffnete ſie die Augen und liſpelte mit matter Stimme:„Wo bin ich? Was ſoll das bedeuten, Almira? Ach, nun erinnere ich mich—o wieelend bin ich!“— Au— genblicklich ſchloß ſie die Augen wieder, und ſank in Bewußtloſigkeit zuruͤck, wobei Fernando in nicht geringe Unruhe gerieth, da die wichtigſten Angelegenheiten ſeine Gegenwart in einem andern Theile Madrids forderten. Nur zufaͤllig war des 97 er in das ſonderbare Abentheuer verwickelt wor⸗ den, woraus er ſich jetzt nicht loszumachen wußte. Tauſend Huͤlfsmittel durchkreuzten eben ſein Gehirn, als er ploͤtzlich verworrenes Getoͤſe auf der Straße vernahm, und der Glanz von vielen Fackeln uͤber die hohe Kloſtermauer in den Garten fiel. Kaum hatte er Zeit, zu muthmaßen, was ſich ereignet haben koͤnne, als er ſchon zwei Die⸗ ner der heiligen Inquiſition, von mehreren Fackel⸗ traͤgern begleitet, in den Garten ſteigen ſah. „Im Namen des heiligen Amtes befehle ich euch Unterwerfung, da ihr meine Gefangenen ſeyd ſchrie der Erſte der Diener.„ Was bedeutet die⸗ ſer gewaltthaͤtige, kirchenraͤuberiſche Anfall auf den Garten der Dominikaner-Nonnen?“— „Leider weiß ich eben ſo wenig davon, als ihr ſelbſt,“ antwortete Fernando, Valedien unterſtuͤtzend.„Noch keine halbe Stunde iſt es, als ich durch dieſe kleine Straße zog, da ich erſt kurz vor dem Thorſchluſſe in Madrid ankam. Von dieſem Edelmanne, der hier im Nonnen— ſchleier gewickelt ſteht, hoͤrte ich, daß eine Dame von ihrem Vater, Don Padilla, im Garten er⸗ mordet worden ſey, und wagte es daher, dieſe ſonſt geheiligten Grenzen zu uͤberſchreiten, um zu ſehen, ob ihr nicht Huͤlfe und Beiſtand geleiſtet II. Theil. 7 174 98 werden koͤnne. Ich bitte euch alſo, mit meiner Ausſage vorlieb zu nehmen und mich zu entlaſſen, weil meine Gefangennehmung die nachtheiligſten Folgen fuͤr mich haben und euch doch keinen wei— tern Vortheil bringen wuͤrde.“ „Hattet Ihr nicht eine Dame bei Euch, als Ihr vor Kurzem zu Madrid ankamt?“ fragte der Eine der Diener, der Fernando's Uniform jetzt bemerkte, und in dem Wachhauſe war, als er durch das Thor in die Stadt fuhr. „So iſt es,“ erwiederte Fernando;„ſie iſt eine Perſon von Rang, und wuͤrde durch meine zu lange Abweſenheit ſehr beunruhigt ſeyn, da ſie ſich hier in einem fremden Lande befindet. Sollte es jedoch noͤthig ſeyn, vor Euren Schranken zu er⸗ ſcheinen, ſo glaubt auf mein Wort, welches ich Euch als Edelmann und Soldat hiermit gebe, daß ich erſcheinen werde, ſobald Ihr es verlanget.“ „Wie iſt Euer Name?“ fragte der Diener aufs Neue. „Fernando de Coello,“ antwortete der Ge⸗ fragte, und erhielt endlich die Erlaubniſt, ſich zu entfernen. Obſchon er eine Anwandlung von Schamhaftigkeit empfand, daß er Antonio nun verlaſſen wollte, ſo wußte er doch, daß er ihm außer den Mauern jener Kerker der heiligen In— quif St koͤn 99 quiſition, wo man Reiche und Arme mit gleicher Strenge behandelte, weit mehr Dienſte leiſten koͤnnte, als wenn er mit ihm eingekerkert wuͤrde. Durch den Ton ſo vieler Stimmen und den Glanz der Fackeln kam Valedia jetzt endlich zu ſich, und rief, ihre Augen auf Fernando gerich⸗ tet:„Himmel! was ſeh' ich, lebe ich noch oder bin ich bereits in einer andern Welt? Seyd Ihr es wirklich ſelbſt, Fernando de Coello?“ „Gerechter Gott! Valedia, meine Jugend⸗ freundinn!“ ſchrie Fernando jetzt, als er ſie, von den Fackeln beleuchtet, erkannte.„Ach, daß ich Euch in dieſer Lage jetzt verlaſſen muß!“— „Mich verlaſſen?“ erwiederte ſie mit verzweif⸗ lungsvoller Stimme, indem ſie die dunklen Geſtal⸗ ten anſah, von welchen ſie umgeben war.„Wo bin ich, redet, o redet, Fernandol wer ſind dieſe fuͤrchterlichen Maͤnner?“ Von neuem uͤberwaͤltigte der Schrecken ihre geſchwaͤchten Nerven. Ungeachtet F Fernando von der Unmoͤglichkeit, ihr zu helfen, gepeiniget wur⸗ de, ſo konnte er ſich doch der Klagen nicht ent— halten, daß er eine junge Dame in ſo mitleids⸗ wuͤrdigem Zuſtande den rauhen Haͤnden von Men⸗ ſchen uͤberlaſſen mußte, die fuͤr jedes zartere Ge⸗ fuͤhl ſchon laͤngſt nicht mehr empfaͤnglich waren. 7*ℳ 100 Waͤhrend des ganzen Auftrittes ſtieß Anto⸗ nio, ſtumpf fuͤr alles Andere, nichts als laute Klagen uͤber Almirens Tod, kurz, die ſchreck— lichſten Racheſchwuͤre gegen Don Padilla aus, und ließ ſich ohne den mindeſten Widerſtand ge⸗ fangen hinweg fuͤhren. Von den mannichfaltigſten Empfindungen erfuͤllt, verließ die ganze Geſellſchaft endlich den Garten und ſtieg in die Straße hinab, wo ſich der wuͤthende Padilla, ungeachtet ſeiner Wunden, von den Leuten, die ihn feſthielten, los⸗ zureißen ſuchte, waͤhrend er ſein Mißgeſchick, ſich ſelbſt und die geſammte Inquiſition wechſelſeitig verfluchte. Eben wollte ſich Fernando entfernen, als es Padilla bemerkte, und mit Anſtrengung aller ſei⸗ ner Kraͤfte ſchrie:„Wie koͤnnt ihr dulden, daß jener Mann entwiſche? Ich beſchuldige ihn hie— mit, mir nach dem Leben geſtrebt zu haben, da ich durch ſein Schwert von ihm verwundet wur⸗ de!“— Sogleich bemaͤchtigten ſich die Diener der Inquiſition Fernando's von neuem, welcher es mit Gefahr ſeines Lebens gewagt haben wuͤrde, ſich zu befreien, um in dieſem Augenblicke nicht aufgehalten zu werden, haͤtte ihn ſein eigenes Ehr⸗ gefuͤhl nicht zuruͤckgehalten. Gluͤcklich genug hatte er aber ſchon zu vielen wirklichen Gefahren beige⸗ nto⸗ laute hreck⸗ aus, d ge⸗ igſten ſchaft inab, ſeiner 101 wohnt, um durch dieſen Einwurf außer Faſſung zu kommen. Augenblicklich zog er ſein Schwert, das bei dem Scheine der Fackeln ſpiegelhell und fleckenlos glaͤnzte, als er es den Dienern der In⸗ quiſition vor die Augen hielt.„ Seht, ſchrie er, hiemit will ich jenen Boͤſewicht Luͤgen ſtrafen! Haͤtte ich dieſes ſcharfe Rachewerkzeug meines Va⸗ terlandes durch ſeinen Koͤrper geſtoßen, ſo waͤren ſeine Augen ſchon laͤngſt mit ewig laſtender Fin⸗ ſterniß bedeckt!“ Die Diener der Kirche hielten dieſen Beweis fuͤr uͤberzeugend, und obgleich der beſchaͤmte Pa⸗ dilla ihn aufs Neue des Mordes an Jacques anklagte, ſo fanden ſeine Behauptungen doch jelzt keinen Glauben mehr. Fernando durfte ſich von dem traurigen Zuge endlich trennen, welchen das Dunkel der Nacht und die Roͤthe der Fackeln uͤber alle Beſchreibung ſchrecklich machten. Mit eiligen Schritten begab ſich Fernando jetzt nach dem Gaſthofe, in welchem er ſich bei ſei⸗ ner Ankunft in Madrid einlogirte. Schon laͤngſt hatten ihn ſeine Diener unter tauſend Aengſten erwartet, und kaum trat er jetzt in ſein Zimmer, ſo flog ihm eine junge Dame in die Arme, die ihre Zufriedenheit uͤber ſeine endliche Zuruͤckkunſt in den froͤhlichſten Blicken zeigte. 102 „Schon fuͤrchtete ich, daß Euch ein Ungluͤck begegnet ſey, unnennbar bebte mir daher das Herz- bei dieſen Gedanken,“— ſprach ſie nach dem erſten Momenten der Freude. „Beruhiget Euch, theure Selima,“— ver⸗ ſetzte Fernando und druͤckte das erroͤthende Maͤd⸗ chen an ſeine Bruſt.„Nun bin ich wieder hier und in Sicherheit.“ „Heiliger Prophet,“— ſchrie die Dame jetzt unwillkuͤhrlich, indem ſie ſchaudernd zuruͤck fuhr. „Blut! Blut iſt hier auf Eurem Kleide. Ihr ſeyd verwundet und verhehlt es mir?“ „Sicher nicht, gebt Euch zufrieden, meine Selima. Nur ein kleines Scharmuͤtzel war es, etwas ſehr gewoͤhnliches in dieſem Lande,“— ver— ſetzte Fernando. Trotz dieſer Verſicherung ſah er ſich durch Se— lima's dringende Fragen doch bald genug zu ei⸗ ner Erklaͤrung genoͤthiget. Er eroͤffnete ihr daher, daß er eben aus dem Palaſte des Marquis de Denia zuruͤckkehrte, den er dort vergeblich auf⸗ geſucht haͤtte, weil er nicht in Madrid ſey, als er in jene Gegend kam, wo ſich das Gefecht ereig— nete, und erzaͤhlte ihr das ganze naͤchtliche Aben— theuer. Nach einigen Vorbereitungen ſagte er ihr aber erſt, daß es ſein Muͤhmchen Almira war, die, ihre dere qu Ihr eine 103 die, dem Himmel ſey es geklagt, durch die Hand ihres eigenen Vaters fiel, und daß Virginia, deren Schweſter, auf dem Landhauſe des Mar⸗ quis de Denia krank darnieder liege, wohin er am naͤchſten Morgen mit ihr abreiſen wolle. „Sicher werdet Ihr dort den beſten Zufluchts⸗ ort finden,“— fuhr er weiter fort—„und koͤnnt Virginiens Pflege uͤbernehmen, waͤhrend ich und der Marquis nach Madrid zuruͤck kehren wollen, um fuͤr unſere gefangenen Freunde wirkſam zu ſeyn. Nicht wahr, theure Selima, es iſt ein trauriges Willkommen, das Ihr gleich bei der An⸗ kunft in der Hauptſtadt meines Vaterlandes erfahrt.“ „Wer koͤnnte es wagen, gegen das Schickſal zu murren,“— verſetzte ſie, deſſen Beſchluͤſſe wir erwarten und annehmen muͤſſen, wie ſie kommen. Mit Freude will ich Virginien umarmen, und hoffe gewiß eine liebende Schweſter in ihr zu fin⸗ den.— Immer mehr ſchwanden die dunklen Schatten der Nacht, als der Marquis jetzt befahl, eine Kutſche bereit zu halten und ſich auf kurze Zeit zur Ruhe begab. „ 104 Fuͤnftes Kapitel. Das goldene Medaillon,— der Ring,— Ferendez Bild⸗ niß und— Fernando de Coellos Abentheuer.— Nach wenigen Stunden ſchon ſaß Fernando im Wagen und fuhr ſo ſchnell als moͤglich nach De— nia's Landhauſe, da er nicht ohne Grund fuͤrch⸗ tete, daß er vielleicht bei dem geringſten Verweilen durch einen Befehl der Inquiſition verhindert wer— den duͤrfte, ſeinen Freund Albert zu ſehen. Un⸗ moͤglich konnte er zweifeln, daß ihn Don Pa⸗ dilla als Jacques Moͤrder angeben wuͤrde, ob⸗ ſchon deſſen Untergang ſein eigenes Leben von der uͤbereilten Wuth ſeiner zu eifrigen Creatur rettete.— Selima ſaß in orientaliſche Tracht gekleidet, uͤber welche ſie einen ſpaniſchen Reiſemantel band, um ſich dadurch dem Angaffen poͤbelhafter Neugierde zu ent⸗ ziehen, an ſeiner Seite, und empfand kein gerin⸗ ges Vergnuͤgen an den reizenden Anſichten der Ge⸗ gend, durch welche ſie reiſeten. Waͤldchen von Oliven⸗, Citronen⸗ und Kaſtanienbaͤumen beſchatteten die miſe ihre bede Ma zen bis Bild⸗ 105 die Straße, gelbe Saffranfelder mit Getraide ver⸗ miſcht ergoͤtzten das Auge, waͤhrend Selima in ihrer Landesſprache die mit zahlloſen Schafheerden bedeckten Wieſen zu Perlenſchnuͤren auf einem Mantel von gruͤnem Sammet verglich. Unter den trefflichſten Bemerkungen ſeiner rei— zenden Begleiterin fuhr Fernando immer weiter, bis ſich der Weg endlich am Ufer des Tajo hin⸗ wand. Zur Rechten widerſtrahlten die Wellen das Laubwerk, welches ſich uͤber den Rand des Ufers woͤlbte, waͤhrend ſich zur Linken waldiges Buſchwerk unabſehlich dahin breitete. Tauſende von Inſekten ſpielten im Strahle der Sonne oder tanzten in luftigen Reigen uͤber den kraͤuſelnden Wellen, wo auch luſtige Fiſche ihre glaͤnzenden Floſ⸗ ſen in munteren Bewegungen auf der Oberflaͤche des Waſſers zeigten. Mit haſtiger Eile ſank die Sonne ſchon hinter die Berge, als ſie noch immer am Ufer des Fluſſes auf einem Wege dahin fuhren, wo die herab haͤngenden Aeſte den Wagen faſt be⸗ ruͤhrten, als ſie der Anblick eines Weibes, das ſich in das Waſſer ſtuͤrzte, aus ihren vergnuͤgten Be⸗ trachtungen empor ſchreckte. Augenblicklich ließ Fernando den Wagen halten, ſprang hinaus und eilte der Stelle zu, wo er die weibliche Geſtalt hatte verſchwinden ſehen. 100 Eben kaͤmpfte die Ungluͤckliche noch mit den Wellen, als er anlangte. Ihre Haare und Kleider ſchwammen aufgeloͤſt auf der Oberflaͤche des Waſ⸗ ſers. Ohne zu unterſuchen, ob ſie zufaͤllig hinein⸗ gefallen oder ſich abſichtlich hinabgeſtuͤrzt habe, riß Fernando jetzt ſein Oberkleid herunter, entledigte ſich ſeines Schwertes, ſprang augenblicklich ins Waſſer und brachte ſie, als ein in allen Leibesuͤbun⸗ gen wohlerfahrner Soldat, fruͤher noch frohlockend ans Ufer, als ſein Diener Zeit fand, die Pferde zu verlaſſen, um ihm beizuſtehen. Auch Selima war aus dem Wagen geſprun⸗ gen, und loͤſte jetzt dem durch gehemmten Blutesum⸗ lauf ſchwaͤrzlich gefaͤrbten Koͤrper der Ungluͤcklichen die Kleider, um den ruͤckkehrenden Pulſen freie Wirkung zu verſchaffen. Mit einem Male bemerkte ſie aber an dem Halſe der Ungluͤcklichen eine gol⸗ dene Kette, an der ſich das Portrait eines Mannes vom Stande befand. Neugierig faßte auch Fernando das Gemaͤlde ins Auge, welches ihm ſehr bekannt ſchien, ohne ſich der Perſon, die es vorſtellte, naͤher zu erinnern. Zufaͤllig wendete er jetzt das Kaͤpschen und entdeckte eine verborgene Feder daran. Er druͤckte daran und augenblicklich fiel bei Eroͤffnung deſſelben ein mit Smaragden beſetzter Ring zur Erde. Bei naͤ⸗ herer Ruͤch einge Fer ſtau jema dann 107 herer Beſichtigung der Kapſel bemerkten ſie auf der Ruͤckſeite den Namen„Tevarro Padilla,“ eingegraben.„Himmel, iſt es moͤglich!“ ſchrie Fernando, uber dieſe Entdeckung unendlich er⸗ ſtaunt,—„daß dieſes Bildniß Don Padillen jemals aͤhnlich war!— O wie ſehr haben ihn dann Zeit und Laſter veraͤndert!“— Auch auf dem zur Erde gefallenen Ring ſtanden Don Padilla's Anfangsbuchſtaben, und eben hatte Selima dieſe Entdeckung gemacht, als die Fremde zu athmen und nach vielen langgedehnten Seufzern die Augen zu oͤffnen begann. Mit fuͤrch— terlichem Schauer fuhr ſie aber zuſammen, als ſie Selima erblickte, die mit mitleidsvoller Geberde uͤber ſie gebeugt kniete. Mit wilden ſtarren Augen ſah die Gerettete Selimen ins Angeſicht, und ſchrie endlich mit herzzerſchneidenden Toͤnen:„Ge— rechter Himmel! ſollte es moͤglich ſeyn?“ „Was ſoll dieſer Ausruf?“— verſetzte Fer⸗ nando;, doch mit aͤußerſt ſchwacher Stimme er⸗ wiederte die Fremde:„Nein, nein, es iſt nicht moͤglich! O bekuͤmmert Euch nicht weiter mehr um mich, und laſſet mich hier vergehen. Wiſſet denn, daß ich eine Elende, Unwuͤrdige bin, die das Licht der Sonne fliehen muß.“ „Heiliger Prophet,“— ſagte Selima jetzt— 108 „ſie iſt wahnſinnig! Bringet ſie in unſeren Wa⸗ gen, wir wollen ſie nach Denia's Landſitz fuͤh⸗ ren.“—— Kaum hatte ſie dieſe Worte vernom⸗ men, ſo ſtraͤubte ſie ſich mit aller Anſtrengung in die Hoͤhe und ſchrie mit fuͤrchterlich verzogenem Antlitze:„O nein, nein, nein! Laſſet mich ſein Geſicht nie mehr ſehen, denn es wuͤrde mich toͤdten. O daß ich hier ruhig enden koͤnnte!“ In wilden Schmerz verſunken, ließ ſie nach dieſen Worten das Haupt auf die Knie herabſinken, wobei ihr das triefende Haar das ganze Geſicht bedeckte, und ein ſo erbarmungswuͤrdiges Ausſehen verlieh, daß ſich Selima eine Mitleidsthraͤne aus den Augen wiſchte. Erſt nach vielem Zureden ließ ſie ſich ge⸗ fallen, daß ſie die Diener nach dem Wagen trugen, der in der groͤßten Eile davon jagte. Trotz allen Vorſtellungen konnte Fernando das ungluͤckliche Geſchoͤpf aber dennoch nicht bewegen, dem Mar⸗ quis vor die Augen zu treten, und mußte endlich bei der Ankunft in Denia's Pallaſt Raolo's Fuͤrſorge uͤberlaſſen werden. Wie natuͤrlich war der Marquis de Denia mit allem, was ſich in der letzten Nacht zu Ma⸗ drid ereignete noch ganz unbekannt, er hatte von Antonio blos oberflaͤchlich gehoͤrt, daß derſelbe gewiſſe Hoffnung zu Almira's Befreiung habe, —,—— 109 worauf er ihm ſeinen Landſitz als ſicheren Zufluchts⸗ ort fuͤr den erſten Rache⸗Anfall Padilla's an⸗ geboten hatte. Nichts ſchien ihm daher gewiſſer, als daß es Antonio und Almira waͤren, da ihm ſein Diener die Ankunft eines Cavaliers in Begleitung einer Dame meldete, welcher ihn allein zu ſprechen wuͤnſchte. Freudig eilte er daher nach dem Beſuchzimmer, doch kaum oͤffnete er die Thuͤr, ſo ſtand er wie verſteinert ſtill. Waͤre Ferendez's Geiſt vor ihm geſtanden, oder Feuer unter ſeinen Fuͤßen aufgefahren, ſo haͤtte ſeine Verwunderung nicht groͤßer ſeyn koͤnnen als jetzt, da er ſeinen laͤngſt ſchon todt geglaubten theuerſten Freund an der Hand eines jungen Maͤdchens erblickte, deren Zuͤge ihm augenblicklich jenes Pertrait ins Gedaͤchtniß zuruͤck riefen, welches ſie in jener ſtuͤrmiſchen Nacht in den mauriſchen Ruinen am Darro fanden! Die junge Dame war mit der groͤßten Pracht gekleidet und ſtellte ſich in einer Geſtalt von un— widerſtehlicher Schoͤnheit dar. Weiße, mit Silber verbraͤmte Atlasbeinkleider, oben weit gefaltet, ver⸗ loren ſich in den gruͤnen Maroquinpantoffeln, ein ſeidener Guͤrtel mit einer reichbeſetzten Perlenſchließe ſchlang ſich um die Huͤften, indeß ihr das mit gol⸗ denen Sternchen geſprenkelte gruͤne Atlaskleid weit herabrauſchte und das gruͤne Netzhaͤubchen, nach 110 der Sitte ihres Landes mit einem halben Mond von Gold verziert, das Haar zuſammenhielt, das ſich in reichwallenden Locken hervor ringeln wollte. Ein reines Gemiſch von Lilien und Roſen bildete ihre Geſichtsfarbe, ihre glaͤnzenden Augen enthuͤll⸗ ten das ſchwaͤrzeſte Feuer und funkelten unter den mit Alkohol gefaͤrbten Braunen hervor, waͤhrend ſich der kleine Mund in ein gruͤbchenvolles Laͤcheln verzog, kurz der ganze Umriß ihres Geſichtes und ihrer Geſtalt die vollendetſte weibliche Liebenswuͤr⸗ digkeit mit Wuͤrde und Grazie vereint darſtellte. Lange unterhielt ſich Fernando an Denia's Erſtaunen, der bald ihn bald Selima anſtarrte, bis er ſich ihm endlich von dem Gefuͤhle der innig⸗ ſten Freundſchaft durchdrungen in die Arme warf, und mit freudiger Stimme ſprach:„Nur zu gut errathe ich Deine Gedanken, theurer Freund! Ja hier iſt die Theure, die ich eher anbetete, als ich ſie noch kannte. Nicht viel weniger als ein Wun⸗ der brachte mich zu ihr, zu ihr, in der ich mein ganzes Gluͤck zu finden hoffe. Doch genug hie⸗ von.— Wie ſteht es mit Virginien?“ „Dem Himmel ſey es gedankt, es geht ihr ſtuͤndlich beſſer,“— verſetzte Denia.„Laſſet uns aber die erſten Augenblicke des Wiederſehens nicht mit Angſt und Zweifeln verbittern. Ja bei — 111 Eott, Deine Dame, Fernando, wird unſerem Lande Ehre machen und all' ihren Freunden ein Augentroſt ſeyn.“— Immer begeiſterter wurden Denia's Ausdruͤcke uͤber Selima's Schoͤnheit, bis ſich Fernando endlich entfernte, um ſeine ganz durchnaͤßten Kleider abzulegen, und ihm Selima mit dem lieblichen Schmelz ihrer Stimme jenes Abentheuer erzaͤhlte, das ſie auf dem Wege von Madrid bis zu ſeinem Landhauſe erlebt hatten. Mit Ungeduld und Staunen hoͤrte der Marquis der Erzaͤhlung zu, und ſchrie endlich, als Selima geendet hatte:„O armes ungluͤckliches Geſchoͤpf, gewiß biſt Du durch Verbrechen gezwungen worden, dieſe letzte Zuflucht der Schuld und Verzweiflung zu waͤhlen. O gewiß iſt ſie diejenige Perſon, die mich zu dem fuͤrchterlichen Irrthum brachte, wodurch ich Virginen verwundete.“ Mit einem Male erblickte Denia jetzt ein Portrait an Selima's Halſe und fragte neu⸗ gierig, weſſen Bild es waͤre, da es Fernando nicht im mindeſten aͤhnlich ſchien. Laͤchelnd erwie— derte Selima:„Zwar weiß ich nicht, ob ich wohl thue, wenn ich Euch in Fernando's Ab⸗ weſenheit damit bekannt mache. Wird er daruͤber verdruͤßlich, ſo mag er es dem Fehler ſeines Ge⸗ 112 ſchlechtes zuſchreiben. Wiſſet denn, daß es das Portrait des Grafen Ferendez iſt.“ Unwillkuͤhrlich wechſelte der Marquis bei die⸗ ſen Worten die Farbe, als er den Namen jenes ſonderbaren Weſens hoͤrte, deſſen Thaten mit ſo vielen uͤbernatuͤrlichen Umſtaͤnden verbunden waren. „So wie es ſcheint, ſeyd Ihr erſtaunt,“— verſetzte Selima, als ſie es bemerkte—„gewiß werdet Ihr es aber noch mehr ſeyn, wenn ich Euch ſage, baß ich ſeine und Donna Zidana's Toch⸗ ter bin.“ „Wie?“ ſchrie Denia uͤberraſcht—„Ihr waͤret jenes unſchuldige, kleine Toͤchterchen, welches wir ſchon laͤngſt barbariſch ermordet glaubten? So ſeyd Ihr ja Almirens Schweſter, und die Er⸗ bin der Granada'ſchen Guͤter, die ſeit vielen Jahren unbenuͤtzt lagen. O ſeyd von ganzem Her— zen willkommen, wollte Gott, daß auch Don Pa—⸗ dilla ſo daͤchte, aber ich fuͤrchte, ich fuͤrchte, er wird uͤber Eure unerwartete RNuͤckkunft eben nicht ſehr erfreut ſeyn.“ „Wohl moͤglich,“ erwiederte Selima mit ſchmerzlicher Stimme.„ War doch mein ganzes Leben bis hieher eine Kette unerwarteter Ereigniſſe, ſonderbarer Schickſale, und ſo geſchah es auch gleich bei meiner Ankunft zu Madrid.“ 3 das ei die⸗ jenes nit ſo varen. 77 / gewiß Euch Toch⸗ & „Ihr velches 1 nicht a mit ganzes gniſſe gleich 113 „Troͤſtet Euch,“ ſprach der Marquis, gewiß habt Ihr erfahren, daß Eure Schweſter Almira ihre Tage hinter Kloſtermauern verſeufzt.“ Noch hatte er aber nicht geendet, ſo brach Se⸗ lima in Thraͤnen aus. „O gewiß,“ begann Albert aufs Neue,— „waret Ihr im Kloſter und habt Almiren nicht gefunden, doch ſeyd ohne Sorgen, Marquis de los Velos, mit dem ich ſie jede Minute zu ſe— hen erwarte, iſt ein Mann von Ehre. „Unerträgliche Folter,“ rief Selima jetzt, waͤhrend ein neuer Thraͤnenſtrom aus ihren Augen quoll.„O ſchweigt, ſchweigt, Marquis! denn ſo wie es ſcheint, wiſſet Ihr noch nichts— habt noch nichts gehoͤrt von Almirens Tode.“ „Almirens Tode!“ kreiſchte der Marquis mit zweifelhafter Miene, ob er auch recht gehoͤrt habe—„ unmoͤglich! Ihr muͤßt Euch irren!“ „O, daß es ſo waͤre,“ erwiederte Selima, als Fernando eben wieder ins Zimmer trat. Ehe er aber noch Zeit hatte, ſich um die Urſache von Selima's Thraͤnen zu erkundigen, war ihm Albert ſchon mit wilder Haſt und blaſſer Miene entgegengeſtuͤrzt:„Iſt Almira's Tod Wahrheit II. Theil. 8 114 oder Taͤuſchung,“— ſchrie er ihn heftig beim Arme faſſend.—„Wo iſt Antonio? O ſagt mir das Schrecklichſte von Allem, was Ihr wiſſet.“ „Leider, iſt Virginiens ungluͤckliche Schwe⸗ ſter durch die Hand ihres eigenen Vaters gefallen, Antonio aber in dieſem Augenblicke Gefangener der Inquiſttion,“— verſetzte Fernando mit dumpfer Stimme. „Heiliger Gott! wie lange wird deine Gerech— tigkeit noch ſchlafen,“— ſchrie Albert jetzt mit zum Himmel gerichteten Blicken,„wenn Don Padilla ſeinen Lohn erhalten!“ „Laß uns hieruͤber ſchweigen,“ erwiederte Fer⸗ nando beſaͤnftigend.„In dieſem Augenblicke ſchon rollt des Ewigen Donner uͤber ſeinem Haup⸗ te.—— Es iſt aber doch wahrlich auffallend, daß alle drei Schweſtern, innerhalb eines Zeitraumes von acht und vierzig Stunden, jede an einem an— deren ſicheren Orte, der Gefahr eines gewaltſamen Todes ausgeſetzt wurden. Faſt ſcheint es, als ob das Schickſal ſein Aeußerſtes angewendet habe, ſie zu verderben. Selbſt meine Selima konnte dem boͤſen Einfluſſe der Geſtirne nicht entgehen, die uͤber dem Hauſe Don Padilla's zu walten ſchei⸗ nen. Da ſie aber weniger mit den Uebrigen in Verbindung ſtand, ſo entkam ſie unverletzt. Eben chwe⸗ allen, gener mit erech⸗ t mit Don Fer⸗ iblickt Haup⸗ daß umes m alu⸗ ſamen es ob e, ſie dem als die Nacht anbrach, eilten wir von Toledo nach Madrid, um uns daher vor jedem Ueber⸗ falle auf dieſem Wege zu ſichern, zog ich meine Piſtolen aus dem Felleiſen; da verwickelte ſich eine davon an dem Riemen dieſes Felleiſens mit dem Schloſſe, ging los und die Kugel fuhr Selima zwiſchen Hals und Nacken durch den Schleier.“ „Oft habt Ihr mit mir uͤber die Thorheit ge— ſprochen,“ fing Selima jetzt an,—„daß es Nenſchen giebt, die an das Unvermeidliche, vor⸗ ausbeſtimmter Schickſale glauben. Sagt mir nun aber mit welchem anderen Namen Ihr nun alle dieſe Vorfaͤlle bezeichnen wollet, da drei Schweſtern von den Haͤnden ihrer Liebhaber dem Tode gleich— ſam in die Arme gefuͤhrt wurden. Faſt haͤttet Ihr mir den Untergang bereitet, da Ihr eben Anſtalt zu meinem Schutze machtet; aus Uebereilung ver⸗ wundete Marquis de Denia Virginien und de los Velos verurſachte Almirens Tod, da er ſie zu ihrer Sicherheit in ſeine eigene Kleidung huͤllte. Doch, daruͤber ein andermal mehr, laſſet mich nun auch Virginien beſuchen.“ So begreiflich Selima's Sehnſucht nach Virginiens Anblick war, ſo bat ſie Albert doch, den Beſuch bei ihr bis zum naͤchſten Mor— gen aufzuſchieben, da er nicht ohne Grund beſorgte, 8* 116 daß dieſe unverhoffte Ueberraſchung Virginiens ſchwachem Geſundheitszuſtande ſchaͤdlich werden duͤrfte. Zwar fand ſie ſich geneigt, auf Alberts Bitte von ihrem Vorhaben abzuſtehen, jedoch nur unter der Bedingung, daß man ihr erlaube, ſie noch heute waͤhrend des Schlafes auf einen Augen⸗ blick zu ſehen. Kaum hatte ſie ſich in dieſer Ab— ſicht fortgeſchlichen, als der Marquis de Denia nach Raolo rief und ihm befahl, Sorge zu tragen, daß die Fremde nicht entfliehe. Da dieſes geſche— hen war, bat der Marquis ſeinen Freund zu ſich auf einen Sopha, entſchuldigte ſich uͤber die Noth— wendigkeit, ihn noch einige Stunden von ſeiner Ruhe abhalten zu muͤſſen, und erſuchte ihn, ſeine Abentheuer ſeit ihrer Trennung auf dem rauhen Ge⸗ birge Sierra Morena zu erzaͤhlen. Bald ließ ſich Fernando hierzu bereit finden und begann: „Noch an dem Tage, da wir uns auf der Spitze jenes Gebirges trennten, beſchloß ich unterweges, nach den Umgebungen von Montillo zuruͤck zu kehren und den Ort am Ufer des Fluſſes zu unter⸗ ſuchen, der ſich unſerem Gedaͤchtniſſe ſo wunderbar eingepraͤgt hatte. Zu ſehr mit mir ſelbſt beſchaͤf⸗ tiget, um auf den Weg zu achten, ſchlug ich den naͤchſten ein, der mir vor das Geſicht kam, bald niens werden berts ch nur de, ſie Augen⸗ ſer Ab⸗ Denia tragen, geſche⸗ zu ſich ⸗Noth⸗ n ſeiner , ſeine gen Ge⸗ ald ließ egann: ar Spibe uweges, jruͤck zu unter⸗ underbar beſchͤf⸗ ich den m, hald 117 wurde er aber ſo fuͤrchterlich und gefaͤhrlich, daß ich fuͤr meine Sicherheit nicht wenig beſorgt wurde. Erſt nach vieler Muͤhe brachte er mich zwar einige Meilen naͤher nach Toloſa, entfernte mich aber gaͤnzlich vom Schloſſe Montillo.“ „Kaum im Hauptquartiere angelangt, erhielt ich Befehl, meine Leute unverzuͤglich nach Granada zuruͤck zu fuͤhren, und dort das Weitere zu erwar— ten. So mußte ich natuͤrlich meinen abentheuer⸗ lichen Zug aufgeben und dem Schloſſe Montillo ſammt Allem, was dazu gehoͤrte, Lebewohl ſagen. So gerne ich uͤbrigens nach meiner Ankunft in Granada jene Mauriſchen Ruinen an dem Ufer des Darro einer neuen Durchſicht gewuͤrdiget haͤtte, ſo mußte auch dieſes Vorhaben unterbleiben,⸗ da die Truppen, welche in Granada zu uns ſto⸗ ßen ſollten, ſchon verſammelt waren, als wir an⸗ kamen, und ihren Marſch nach Malaga, der uns durch das ſehr romantiſche Land fuͤhrte, in un⸗ ſerer Geſellſchaft alſogleich begannen. Weingaͤrten und Pommeranzenhaine verbreiteten ſich auf den Anhoͤhen, waͤhrend mir die Ueberreſte des Mauri⸗ ſchen und Gothiſchen Alterthums fortwaͤhrenden Stoff zur Unterhaltung verſchafft haben wuͤrden, wenn bei unſerer Eile nur die geringſte Verzoͤge⸗ rung moͤglich geweſen waͤre.“ „Erſt zu Malaga hoͤrte ich, daß es unſere Beſtimmung waͤre, nach Ceuta in die Barbarey uͤberzuſchiffen, welcher Ort von den Mauren ſo lange belagert wurde, bis ſich ihr Lager zu einem Dorfe und die Wuͤſte auf einige Meilen herum in einen Garten verwandelt hatte. Furchtbar wa⸗ ren ihre neueſten Anſtalten, daher es auch fuͤr noͤ⸗ thig erachtet wurde, die Beſatzung mit einer aus— giebigen Verſtaͤrkung zu verſehen. Kaum in Ma— laga angekommen, wurden meine Leute in das alte Schloß einquartirt, und ihnen ein Aufenthalt von zwei Tagen beſtimmt, um ſich zum Abmarſche mit allem Noͤthigen zu verſehen.“ „Noch an demſelben Abende unſerer Ankunft war es mein erſtes Geſchaͤft, Dich von meiner Lage zu unterrichten, leider! kam dieſer Brief aber durch beſondere Zufaͤlle nicht in Deine Haͤnde.“ „Der Gegenſtand, der ſeit einiger Zeit ſchon unaufhoͤrlich an mir nagte und zehrte, kurz, alle meine Gedanken auf ſich zog, machte mich fuͤr jede Zerſtreuung unempfindlich. Ob es nun ſo mein Verhaͤngniß wollte, oder eine Art von Wahnſinn war, daß ich den Eindruck, welchen jenes liebens⸗ wuͤrdige Portrait auf mich machte, nicht mehr aus meinem allzugetreuen Gedaͤchtniß bringen konnte, will ich nicht entſcheiden: ſo viel iſt aber gewiß, unſere arbarey eren ſo einem rum in r wa⸗ fuͤr no⸗ er aus⸗ n Ma⸗ das alte alt von ſche mit Ankunft jer Lage er durch it ſchon rz, alle für jebe o mein ahnſinn liebens⸗ ehr aus konnte/ r gewiß 119 daß ich es nicht mehr haͤtte ſchaͤtzen koͤnnen, ſelbſt wenn es als Original lebendig vor mir geſtanden haͤtte. Ich ſtreifte daher auch haͤufig nach abgele⸗ genen Orten, um meinen Schatz, fern von allen Menſchen, ins geheim beſchauen zu koͤnnen. Faſt hatte ich meinen Brief an Dich ſchon zu Ende gebracht, als ich, von neuer unnennbarer Sehuſucht ergriffen, abſetzen mußte. Ich trat ans Fenſter, und ſah nach dem wolkenleeren Firmamente; alle meine Gedanken nahmen ſogleich wieder ihre Rich— tung auf jenen von mir ſo heiß geliebten Gegen⸗ ſtand, mir wurde das Zimmer zu enge, ich beſchloß daher einen Spaziergang an den Kuͤſten des mittel⸗ laͤndiſchen Meeres zu machen, den Brief aber erſt nach meiner Ruͤckkehr zu endigen, um Dir eine Schilderung der dortigen Gegend zu geben, welche Du, leider! nicht an meiner Seite beſuchen konn⸗ teſt.“ „Vertieft in eine lange Reihe von Betrachtun⸗ gen ſchlenderte ich laͤngs dem einſamen Ufer der See dahin. Das regelmaͤßige Anſchlagen der Wellen an die ſandigen Felſen, verurſachte einen ſo melancholi— ſchen Ton, daß ich immer mehr und mehr in mich ſelbſt gekehrt, unwillkuͤhrlich bis an die Stadt vor— waͤrts wanderte, deren Einwohner und ſonſtiges Gewuͤhl ſich ſchon laͤngſt verloren hatte. Feierliche Stille herrſchte uͤberall, nur ein leiſes Luͤftchen ſaͤu⸗ ſelte manchmal am Geſtade, ohne jedoch den Grund des Meeres zu bewegen, das in eine unermeßliche Flaͤche ausgebreitet durch ſeine unerreichbaren Erd⸗ linien der Phantaſie freies Spiel erlaubte. Mit den ſeltſamſten Gefuͤhlen ließ ich mich auf ein Fels⸗ ſtuͤck nieder, welches gegen Oſten gerichtet war, der Abendſtern funkelte heiter am Himmel und kontra— ſtirte lieblich mit dem aufgehenden Monde, der, ei⸗ nen blaſſen Halbkreis auf der Oberflaͤche des Waſ— ſers bildend, langſam empor ſtieg.“ „Freudig beobachtete ich ſeinen majeſtaͤtiſchen Aufſchwung, bis die erſten Strahlen ſeiner Sil⸗ berſcheibe die Oberflaͤche des Waſſers beruͤhrten und mit zitternder Bewegung daruͤber hintanzten. Je— der Luftzug ſchien jetzt verſchwunden zu ſeyn, um die erhabene Miſchung von Licht und Schatten nicht zu ſtoͤren, die das Gemuͤth mit den heiligſten Em— pfindungen erfuͤllte, und in die Regionen des Ueber⸗ irdiſchen begeiſternd fortriß. Als endlich der Mond ganz aufgegangen war, wiederſtrahlten ſelbſt die entfernteſten Gegenſtaͤnde ſein Licht und ich ſah ei— nige Schiffchen, gleich Seevoͤgeln, die ihre Schwin⸗ gen in dem kuͤhlenden Elemente baden, auf dem Waſſer ſtill voruͤber gleiten.“ „Ganz in das angenehme Gefuͤhl aufgelöͤſt, in ſaͤu⸗ Grund eßliche Erd⸗ Mit Fels⸗ , der kontra⸗ er, ei⸗ Waſ⸗ tiſchen r Sil⸗ n und 30 1, um nicht Em⸗ Ueber⸗ Mond ſt die lah ei⸗ chwin⸗ f dem ggelöſt 121 welches dieſes prachtvolle Schauſpiel in mir erregte, ſtuͤhte ich das Haupt in die Haͤnde, um mich an den Wundern der Schoͤpfung zu weiden, als ſich ploͤtzlich harmoniſche Toͤne leiſe in mein Ohr ſtah— len. Freudig horchte ich, da ſchien die Melodie wie von der Entfernung in ſuͤßen Klaͤngen zuzu— nehmen, und ſchwebte von ſanft rauſchenden Ze— phyren getragen zu mir heruͤber.“ „Mit Entzuͤcken und Verwunderung lauſchte ich, denn noch nie hatten mich harmoniſche Toͤne ſo tief ergriffen. Obgleich die Saͤnger unſichtbar blieben, ſo ſchienen die Klaͤnge doch von der Waſ⸗ ſerſeite herzukommen, und unwillkuͤhrlich gerieth ich auf den Gedanken der Sirenen, welche in der al— ten Welt ihres bezaubernden Geſanges wegen ſo beruͤhmt waren. Laͤngſt ſind die Ufer dieſes Meeres in allen romantiſchen Dichtungen als der auser⸗ waͤhlte Ort hoͤherer Weſen gefeiert worden und auch ich uͤberließ mich jetzt den ſchwaͤrmeriſchen Einbil⸗ dungen, deren Entſtehung in meiner Lage wohl etwas zu entſchuldigen geweſen waͤre. Unausſprech⸗ liches Vergnuͤgen empfand ich, als ſich die Toͤne, mit den harmoniſchen Stimmen vermiſcht, zu ei— nem volltoͤnigen Chor aufſchwangen, der mit einem uͤber alle menſchliche Compoſition hinausreichenden Ausdruck geſungen wurde, deſſen folgende Worte ich nie vergeſſen werde:“ „Es ſchimmern die Sterne Aus blaͤulicher Ferne Sehnender Liebe befreundetes Licht. Und fluͤſternde Wogen Die kommen gezogen, Fragen dich:„Schiffſt du zum Liebchen denn nicht?“— „So ſchwankend auf hellen Froh tanzenden Wellen, Lockt dich zur Fahrt nicht der trauliche Kahn?— Oh denk' nur, wie Pfeile Schnell gleit'ſt du in Eile Tief wohl hinab durch die rauſchende Bahn.“ „Ach ſieh! aus den Fluthen Erglaͤnzen die Gluthen Goldener Sterne, im funkelnden Licht. Nur Liebe belebet Die Welle, ſie hebet Sich ſaͤuſelnd, wie Sehnſucht wohl ſpricht.“ „Drum, Sterne und Wogen, Jetzt kommet gezogen, Und kuͤndet ihm, daß ihr durch Sehnen bewegt; Verkuͤndet dem Trauten, In ſaͤuſelnden Lauten, Wie ſich die Lieb' in der Seele mir regt.“ „Immer ſchwaͤcher und ſchmelzender wurden die Toͤne gegen das Ende des Liedes, die unſichtbare Truppe eilte ſpurlos uͤber die wogende Tiefe hin— weg, und ließ mich in jenem himmliſchen Genuſſe zuruͤck, der gewoͤhnlich dann entſteht, wenn ſich Vorte die tbare hin⸗ nuſſe ſch 123 die Seele in einem ihr uͤberlegenen Gegenſtande vertieft hat.“ „Es war mir unmoͤglich, eine ſo reizende Ge⸗ dankenreihe aus freier Willkuͤhr zu unterbrechen. Mit ſuͤßem Hoffen horchte ich daher, den Geſang noch einmal zu hoͤren, bis ſich der Mond endlich hinter einem aufſteigenden Gewoͤlke verbarg und kuͤhle Mitternachtswinde die dunkeln Ufer um⸗ wehten.“ „Ploͤtzlich vernahm ich jetzt entferntes Geraͤuſch wie von bewegten Rudern, die im Waſſer auf und nieder klatſchten, und neugierig blickte ich uͤber das unendliche Meer, ob kein Schiff in der Naͤhe ſey, konnte aber nichts bemerken, da mir die Spitze eines Felſens die Ausſicht nach jener Gegend benahm, von woher das leiſe Plaͤtſchern erſcholl. Nach kurzem Verweilen wollte ich meinen Weg nach Malaga zuruͤcknehmen, als meine Neugierde abermals aufgeregt wurde, da ich das Schiff, wel⸗ ches ſeine Richtung veraͤndert hatte, gerade auf mich zurudern ſah.“ „Durch den Schatten, in welchem ich mich befand, hatte ich den Vortheil, Alles unbemerkt betrachten zu koͤnnen, und blieb daher, ohne mich zu regen, hinter einer Felſenklippe ſtehen. Bis auf geringe Weite naͤherte ſich die Galeere dem EEEEE 124 Ufer, ließ ſodann ein Boot nach dem feſten Lande abſegeln, das in wenig Minuten unweit mir lan⸗ dete. Schweigend ſtiegen jetzt vier Maͤnner, die einen ſchweren Kaſten ſchleppten, herauf, hielten ungefaͤhr dreißig Schritt von dem Orte, wo ich ſtand, ſtill, und ließen ihre Buͤrde auf die Erde nieder. Augenblicklich begannen jetzt drei von ih⸗ nen mit aller Eile den Boden aufzugraben, waͤh⸗ rend der Vierte, haͤnderingend und mit dem Aus⸗ druck des tiefſten Schmerzens, in einer Sprache jammerte und klagte, die ich fuͤr Mauriſch hielt.“ Wie begreiflich, wurde meine Neugierde durch dieſen ſonderbaren Vorfall maͤchtig aufgeregt. Sehn⸗ lich wuͤnſchte ich den Inhalt jenes Kaſtens zu ken⸗ nen, wagte es aber nicht, mich zu naͤhren. Gie⸗ rig faßte ich nun das Schiff und die Leute ſchaͤrfer ins Auge, und trug bald keinen Zweifel mehr, daß es Mauriſche Seeraͤuber waͤren. Waͤhrend ich aber uͤber die Art meiner Handlungsweiſe mit mir ſelbſt noch uneinig war, hatten ſie ſchon eine betraͤchtliche Grube aufgewuͤhlt und ließen den Kaſten, der ſehr gewichtig zu ſeyn ſchien, mit Stricken in die Oeff⸗ nung hinab, wobei meine Neugierde ſo gewaltig uͤberhand nahm, daß es mir aͤußerſt laͤſtig wurde, den Regeln der Vorſicht zu folgen.“ Lande ir lan⸗ ·, dit jielten do ich Erde en ih⸗: waͤh⸗ Aus⸗ prache ielt.” durch Sehn⸗ ken⸗ Gie⸗ haͤrfer , daß aber ſelbſt tliche ſehr Hef⸗ zaaltig , den 125 „Heulend warf ſich der Mann, der ſchon laͤngſt die bitterſten Klagen gefuͤhrt hatte, im hoͤchſten Schmerz nun auf die Erde, indeß die andern, ohne ein einziges Wort zu reden, oder ihn der gering— ſten Aufmerkſamkeit zu wuͤrdigen, die Grube wie⸗ der verſchuͤtteten. Mit einem Male brachte ſie aber ein von der Galeere gegebener Schuß in Alarm, und ihre Arbeit ploͤtzlich beendigend, ſchienen ſie den Trauernden zur Mitfolge zu bereden. Taub fuͤr jede ihrer Vorſtellungen, wies er ſie aber, durch ſtumme Zeichen zuruͤck, bis ſie ihn endlich ergrif⸗ fen, mit Gewalt in das Boot zuruͤck riſſen, und mit ſolcher Eile davon ruderten, die ihnen nicht einmal Zeit ließ, ihre Werkzeuge mitzunehmen.“ „Kaum bemerkte ich, daß ſie unter Segel waren, ſo eilte ich an den Ort, wo der Kaſten vergraben lag, ergriff einen Spaten, und begann, den obern Sand wegzuſcharren, um mich uͤber die⸗ ſes ſeltſame Abentheuer vollends aufzuklaͤren.“ „Das Loch, welches ſie in den lockern Sand gegra⸗ ben hatten, war bedeutend tief und groß, um da— durch vermuthlich das Wegſpuͤlen des Kaſtens durch die See zu verhindern. Mit Rieſenſtaͤrke, welche mir das Wunderbare der Sache und meine Neu— gierde einfloͤßten, ſchaffte ich endlich den groͤßten Theil des Sandes hinweg, der den Deckel des 126 Kaſtens bedeckte, und verſuchte, da ich die ganze Laſt, vermoͤge ihrer Schwere, nicht herausheben konnte, den obern Theil zu oͤffnen. Es gelang— und ich fand einen Pack Leintuͤcher, welche den in— nern Raum bis an den Rand anfuͤllten. Gierig zog ich eines nach dem Andern herab, und ent— deckte endlich, bei den ſchwachen Strahlen des Mondes das Geſicht eines ungemein ſchoͤnen jun— gen Menſchen.“ „Obſchon ich weiter nichts als einen Leichnam zu finden erwartet hatte, ſo hoffte ich doch eine Perſon hoͤheren Alters zu ſehen, mein Schrecken wurde aber nicht wenig vergroͤßert, als ich, nach einer Wunde ſuchend, dem Leichnam einen fein gewebten Shawl von der Bruſt zog, und dadurch entdeckte, daß dieſes reizende Geſchoͤpf ein Maͤdchen war.“—— ganze hheben elang, en in⸗ Gierig ent⸗ m des mjun⸗ hnam eine recken nach fein durch dchen 127 Sechstes Kapitel. Die Corſaren,— der Ueberfall,— Sclavenjoch,— die Verſchwoͤrung— Muſtpha's Erzaͤhlung,— das Linien⸗ ſchiff,— und der geſpenſtiſche Huſar.— „Noch immer ſtand ich, von Erſtaunen ergriffen, und ſtarrte die Geſichtszuͤge des wunderſchoͤnen Maͤdchens an, die noch hinlaͤnglichen Ausdruck hatten, um das innigſte Mitleiden zu erregen, als ich auf einmal Stimmen neben mir vernahm, und dieſelben Maͤnner erblickte, welche zuruͤckgekehrt waren, um ihre Arbeit zu vollenden. Viel zu ſchnell uͤberraſcht, um nur auf Gegenwehr denken zu koͤnnen, fuͤrchtete ich ſchon in der erſten Zor⸗ neswuth unter ihren Saͤbeln zu enden, die, im Kreiſe geſchwungen, uͤber meinem Haupte blitzten.“ „Bald genug uͤberzeugte mich der Ausruf: „„Chriſtenhund!““— daß ich gleich anfangs recht gemuthmaßt hatte. Sicher waͤre ich auch un⸗ ter den Streichen jener Corſarenrotte gefallen, haͤtte ſich diejenige Perſon, welche ich bei Verſenkung 128 des Kaſtens von ſo unbeſchreiblichem Schmerz er⸗ fuͤllt ſah, nicht meines Vortheils angenommen, und darauf gedrungen, daß die Andern erſt hoͤren was meine Abſicht geweſen waͤre. Wie natuͤrlich konnte ich auch nicht das Geringſte zu meiner Entſchuldigung außer der Neugierde anfuͤh⸗ obendrein ſtand ich noch immer zwiſchen ih— Grube, in welcher Lage mir auch nicht ſollten, ren, nen in der die geringſte Hofſnung zur Rettung meines Lebens, oder ſonſtig guͤnſtiger Bedingungen blieb. Sicher kann ich daher noch vom Gluͤcke ſagen, daß jener Mann, der die andern ſchon fruͤher beſtimmte, mich erſt zu hoͤren, nun in ſtrengem Tone befahl mich als Gefangenen an Bord zu bringen, da er meine Uniform bemerkt hatte. 2 „Kaum einen Zoll breit ſchwebten ihre Saͤbel von meinem Halſe entfernt, als ſie mich nach dem Boote hinabfuͤhrten. Unter den heftigſten Vorwuͤr⸗ fen, die ich mir uͤber meine unbeſonnene Neugierde nun ſelbſt machte, blickte ich jetzt, als ich auf dem Boote angekommen war, mit trauriger Miene nach dem Lande zuruͤck, von welchem ich, ohne Hoffnung, es ſobald wieder zu ſehen, gewaltthaͤ⸗ tig entfernt wurde. Das erſte Geſchaͤft der Cor⸗ ſaren war, mich auf dem Verdecke zu feſſeln, wor⸗ auf ſie ſogleich die Segel ſpannten, und in die merz er⸗ nommen, ſt hoͤren Wie gſte zu eanfuͤh⸗ ſchen ih ich nicht Lebens, Sicher aß jener ſtimmte, e beſah . da er 129 offene See ſteuerten. Noch nie hatte ich mich auf dieſem unſtaͤten Elemente befunden, konnte jetzt aber, ungeachtet mir alles, was mich umgab, noch neu war, das Vergnuͤgen doch im Geringſten nicht ge⸗— nießen, welches gewoͤhnlich aus dem Wechſel der Mannigfaltigkeit entſteht. Mit unbeſchreiblicher Sehnſucht richteten ſich meine Augen nach den ent⸗ fernten Ufern, waͤhrend ich in die tiefſten Seuf⸗ zer ausbrach, als mir die ohnehin ziemlich un⸗ deutlichen Gegenſtaͤnde endlich ganz entſchwanden.“ „Sicher war meine Lage nichts weniger als an⸗ genehm, da ſelbſt meine Bitten um die Erlaub— niß, wenigſtens auf dem Verdecke hin und wieder gehen zu duͤrfen, unbeachtet blieben. Nicht ohne Grund fuͤhlte ich daher auch von dieſem rohen Volke als Sclave behandelt zu werden, das ſelbſt die Geſetze der Menſchheit, die auch im Kriegsge⸗ tuͤmmel heilig gehalten werden ſollten, verachtet. Drohende Blicke, Trotz und Hohn waren die Ant⸗ wort auf meine unzaͤhligen Bitten, den Corſarenka⸗ pitain ſprechen zu duͤrfen. 4 „Erſt am naͤchſten Morgen kam er auf's Ver⸗ deck, wobei ich mich uͤberzeugte, daß et dieſelbe Perſon ſey, welche dem ſonderbaren Begraͤbniſſe beigewohnt hatte, von dem ich Zeuge war. Gleich bei ſeinem Erſcheinen entſtand ein heftiger Wort⸗ II. Theil. 9 103 wechſel zwiſchen ihm und einigen ſeiner Leute, waͤh⸗ renddem ich aus ihren Geberden ſchloß, daß ich der Gegenſtand deſſelben ſey. So wie es ſchien, wollte ſie der Capitain beſaͤnftigen; leider! wur— den ſie aber immer wuͤthender, bis er mich endlich ihrer Willkuͤhr uͤbergeben mußte, um die ganze Rotte nicht zum foͤrmlichen Aufſtande zu reizen. Zu meinem Gluͤcke wich er mir aber nicht von der Seite, wodurch er wenigſtens ſo viel verhinderte, daß ich keinen leiblichen Schaden nahm. In wenig Minuten war ich rein ausgepluͤndert, all' meiner Kleider beraubt, und mir ſelbſt das Bild, welches ich ſo ſehr ſchaͤtzte, mit Ungeſtuͤm vom Halſe geriſſen, obgleich der Unmenſch, der es ergriff, deutlich ſah, wie ſehr ich mich darum be⸗ kuͤmmerte. Endlich wurde der Capitain, der waͤh⸗ rend meiner Auspluͤnderung mit Schaam und Un— willen dabei ſtand, durch mein flehendliches Bitten um das Portrait, geruͤhrt, und beſtand darauf, daß es ihm der Matroſe zuruͤckgeben muͤſſe, der den Befehl nur mit Widerwillen befolgte.“ „Kaum hatte er es aber naͤher betrachtet, ſo war er auch ſchon unbeſchreiblich uͤberraſcht, welchen ſonderbaren Zufall ich dem mauriſchen Coſtuͤme zu⸗ ſchrieb. Nach wenigen Secunden befahl er aber, mit einer Stimme, welche deutlich zeugte, daß er „waͤh⸗ aß ich ſchien, wur⸗ endlich ganze reizen. don der nderte, In uͤndert, ſ das geſtuͤm der es um be⸗ rwaͤh⸗ nd Un⸗ Bitten darauf/ ?, der 131 mit allem Ernſte Gehorſam fordere, mich loszulaſ⸗ ſen, und griff in demſelben Augenblick nach einer Piſtole, die er im Guͤrtel trug, um ſich Gehorſam zu erzwingen. Wirklich ſchienen die Matroſen jetzt bei dem Ernſte ihres Capitains, nachdem ſie mich all' meiner Sachen beraubt, und bis auf's Hemd ausgezogen hatten, weit geſchmeidiger zu ſeyn!“ „„Auf welche Art kamſt Du zu dem Beſitze dieſes Gemaͤldes, und wem gleicht es?““— fragte der Kapitain in ſpaniſcher Sprache, als ſich ein Theil ſeiner Leute entfernt hatte.“ „Mit Achtung antwortete ich, daß ich ihm daruͤber eine zu lange Geſchichte eroͤffnen muͤßte⸗ die ich nun aber im bloßen Hemde auf dem Verdecke, gleichſam zur Schau ausgeſtellt, nicht wohl vor⸗ bringen koͤnnte.“ „„So folge mir denn nach meiner Kajuͤte!““— verſetzte er, ging mit mir hinab, reichte mir ein mauriſches Kleid, mit dem ich meine Bloͤße deckte, und einige Erfriſchungen, worauf ich ihm denn die Art und Weiſe, wie es in meine Haͤnde ge⸗ kommen ſey, erzaͤhlte. So oft ich aber den Na— men Don Padilla ausſprach, ergluͤhte ſein Geſicht in hoͤchſter Zorneswuth. Als ich meine Er⸗ zaͤhlung endlich geendet hatte, gab er mir das Bild mit den Worten wieder:„Nimm das Dir ſo 9* 132 theure Gemaͤlde denn zuruͤck, das meiner eigenen Schweſter, Donna Zidana, zum Sprechen aͤhn⸗ lich ſieht. Noch ſehr jung war ich, als Phi— lipp's barbariſches Edikt meine ganze Familie aus Spanien verbannte. Nur Donna Zidana wollte ihr Kind und ihren Gatten nicht verlaſſen, um mir und meinem Bruder Hyraddin ins Elend zu folgen. Leider! war es mir auch bisher unmoͤglich, auſſer einigen unſichern Geruͤchten, et— was Beſtimmtes uͤber das Schickſal, welches ſie und ihr Kind getroffen hatte, zu erfahren. Unfehlbar wird wohl dieſelbe Hand, welche den Grafen Fe⸗ rendez, ihren Gatten, den Untergang bereitete, nicht geruht haben, bis auch ſie bei Seite ge⸗ bracht worden iſt.“— „Wie natuͤrlich, wagte ich es bei unſerer erſten Unterredung nicht, nur das Geringſte von jenem ſonderbaren Abentheuer zur Sprache zu bringen, von welchem ich an den Ufern bei Malaga ſo zu⸗ faͤlig Zeuge war; je mehr ich aber mit dem Ca⸗ pitain Muſtapha vertraut wurde, deſto hoͤher wuchs mein Erſtaunen und meine Neugierde hieruͤ⸗ ber, da ich jene Handlung, die ein ſo barbariſches Ausſehen hatte, mit ſeinem Charakter nicht zu vereinigen wußte.“ „Obwohl mich Muſtapha fuͤr einen Gefange⸗ eigenen n aͤhn⸗ phi⸗ Familie idana rlaſſen, n ins bisher enn, et⸗ ſie Und fehlbar in Fe⸗ reitete, te ge⸗ erſten jenem ringen, ſo zu⸗ m Ca! hoͤher hieru⸗ riſches cht zu tfange⸗ 133 nen ziemlich artig behandelte, ſo geſtattete mir ſeine Eiferſucht doch niemals, ſein Lieblingsweib, das er in einer kleinen ſchmalen Kajuͤte bei ſich hatte, zu ſehen. Auch erwaͤhnte er ihrer nur mit der groͤßten Zuruͤckhaltung, und ſchien ſogleich tief bewegt zu werden, ſobald nur der leiſeſte Wink auf ſie hindeutete.“ „Mehrere Tage lang ſetzten wir unſere Reiſe fort, ohne auf ein fremdes Schiff zu treffen, wo⸗ bei die Matroſen ſich ſowohl in der Hoffnung auf Beute getaͤuſcht ſahen, als auch uͤber die mir ein⸗ geraͤumten Vortheile um ſo mehr mißvergnuͤgt wa⸗ ren, da ſie mir alles Geraubte zuruͤckſtellen mußten, und ihre Unzufriedenheit daher durch lautes Mur⸗ ren aͤuſſerten. Muſtapha war mit der Geſin⸗ nung ſeiner Leute aber nicht unbekannt, und warnte mich, auf der Huth’ zu ſeyn.“ „Schon in der zweiten Nacht ſeit jener War⸗ nung fand ich, daß meine Vorſicht keineswegs un⸗ noͤthig war. Nach geendigtem mit dem Capitain gepflogenem Schachſpiele, das die Mauren unge⸗ mein lieben, begab ich mich ziemlich ſpaͤt nach mei⸗ ner Kajuͤte, und entſchlief ſehr bald. Da traͤumte mir aber, daß ich in dem Hohlwege ſey, wo ich den Geiſt des Grafen Ferendez zum erſten Male geſehen hatte; auch kam es mir vor, als ob die⸗ 134 ſelbe Geſtalt, mit gezogenem Saͤbel in der Hand, auf mich zu eilte, und waͤhrend dem Laufen mit lauter Stimme die Worte:„„Fernando! Fernandol ergreift Euer Schwert und verthel⸗ diget Euch! Erwachet! Erwachet!““— geſchrien haͤtte.“ „Wirklich erwachte ich auch und fand, daß ich mein Schwert aus der Scheide gezogen hatte und in der Hand hielt. Noch wunderte ich mich uͤber den ſonderbaren Zufall, als ich leiſe Schritte in meiner Nähe vernahm, und, als das Schiff ploͤtzlich eine Wendung nach der andern Seite machte, ein Aus— gleiten auf dem Verdecke hoͤrte. Feſt und ſchlag— fertig hielt ich meinen Saͤbel in der Fauſt, als ſich die Perſon, welche den Athem, um mich nicht zu erwecken, abſichtlich an ſich hielt, durch die fin⸗ ſtere Kajuͤte immer naͤher kam.“ „Endlich trat ſie an mein Bett heran, und, beugte ſich uͤber mich, wobei ich deutlich unterſchei⸗ den konnte, wie ſie den Arm aufhob, um mich ohne Zweifel mit ihrem Dolche zu durchbohren. In demſelben Augenblicke ſtieß ich mit der Schwert⸗ ſpitze aber gerade vor mich hin, welche ihr, gluͤck⸗ lich genug fuͤr mich, mitten durch den Hals fuhr. Alles, was ich vernehmen konnte, war ein matter Hand, fen mit ando! verthei⸗ eſchrien daß ich und in ber den meiner lich eine in Aus⸗ ſchlag⸗ ſ, als ch nicht die fin⸗ n, und, nterſchei⸗ um mich pbohren. Schwert⸗ 135 Seufzer, worauf die Perſon augenblicklich zu Bo⸗ den ſank.“ „Wie natuͤrlich ſprang ich jetzt raſch empor, um den gefallenen Meuchelmoͤrder, ſoviel die Dun⸗ kelheit erlaubte, naͤher zu unterſuchen. Noch im— mer hielt der Schurke ſeinen Dolch in der Hand, nur war ſein Arm, der ſich noch vor Kurzem zum mitternaͤchtlichen Meuchelmorde geruͤſtet hatte, ent— nervt und unthaͤtig. Ich fand daher auch keine Muͤhe, ihm ſeine Waffe zu entwinden, die einer von jenen orientaliſchen Dolchen war, deren Wunden unheilbar ſind.“ „Kaum ſah ich mich aber durch meine That aus der Gefahr eines Meuchelmordes gerettet, ſo war meine erſte Betrachtung uͤber die Rache, die ich von den Kammeraden des Gefallenen zu fuͤrch— ten hatte, deren mich Muſtapha mit ſeiner gan⸗ zen Macht vielleicht nicht einmal entreißen konnte. Erſt nach langem Nachdenken beſchloß ich, es auf des Capitains Unwillen zu wagen, ihn zu wecken, in ſoferne es mir moͤglich ſeyn ſollte, mich in der Dunkelheit nach ſeiner Kajuͤte zu finden. Um mich aber gegen jeden Ueberfall auſ dieſem Wege zu ſichern, ſteckte ich mir meine Piſtolen in die Leib⸗ binde, behielt das Schwert in der einen, den 136 Dolch in der andern Hand, und wanderte ſo in aller Stille vorwaͤrts.“ „Noch war ich aber nicht weit von meiner Ka⸗ juͤte entfernt, als verwirrtes Getoͤſe zwiſchen den Schiffsraͤumen erſcholl, und das Klirren zuſammen geſchlagener Schwerter in meine Ohren drang. Ich zweifelte keine Minute, daß das Schiffsvolk rebel⸗ lire, eilte, ſo ſchnell ich konnte, vorwaͤrts, und ſah den ganz mit Blut bedeckten Capitain auch wirklich zwiſchen ſechs oder ſieben von ſeinen eige⸗ nen Leuten wie einen Tieger herumfechten.“ „Angefeuert durch Muſtapha's tapfern Wi⸗ derſtand fiel ich unverzuͤglich mit raſender Wuth diejenigen an, die mir am naͤchſten ſtanden. Waͤh⸗ rend ich mir mit dem Schwerte in der Rechten freie Bahn hieb, um bis zu dem Capitain zu ge⸗ langen, richtete der Dolch in der Linken graͤuliche Verwuͤſtung an. Vier Perſonen hatte ich ſchon zu Boden geſtreckt, als Muſtapha jetzt auf den ſchluͤpfrigen Brettern ausglitt, und niederfiel. Augenblicklich ſprang ein Mohr auf ihn hinauf, und erhob ſeinen Arm, um ihn den Schaͤdel mit einer Streitaxt zu zerſchmettern. Leider! war er aber zu weit von mir entfernt, als daß ich ihn mit meinem Schwerte erreicht haben wuͤrde. Nichts blieb mir daher zu thun, als die linke Hand, die eſo in ner Ka⸗ en den 137 den Dolch hielt, weit von mir zu ſtrecken, um ſo jeden Stoß entfernt zu halten, das Schwert, wel⸗ ches durch eine Kette am Gelenke der Hand befeſti⸗ get war, ſchnell fallen zu laſſen, und nach der Piſtole zu greifen, die ich mit Blitzesſchnelle aus der Binde riß. Ohne mich zu beſinnen, druͤckte ich ab, und wie durch ein gluͤckliches Wunder fuhr die Kugel dem Mohren durch den Kopf, der augen⸗ blicklich zur Erde fiel, wodurch Muſtapha ſo viel Zeit gewann, ſich aufzuraffen.“ „Mit einem Male brachte dieſer Schuß das ganze uͤbrige Schiffsvolk in Aufruhr. Mehrere, die von der Verſchwoͤrung gegen ihren Capitain nichts wußten, eilten jetzt auf den Laͤrm zu Muſtapha's Beiſtand herbei, und ſpogleich wurde das Gefecht allgemein und blutig. Bald reinigten wir aber durch dieſe erhaltene Verſtaͤrkung des Capitains Kajuͤte. Halb ſchon uͤberwunden zo⸗ gen ſich die Aufruͤhrer in der Abſicht, ſich wenig— ſtens des obern Schiffsraumes zu verſichern, an die große Muͤndung hinauf, durch welche die Waaren vom Verdecke auf den Boden des Schiffes gelaſſen werden.“ „Nur durch verzweifelte Maßregeln konnte die Gefahr in dieſer Lage gehoben werden. Die Stiege, welche nach dem Verdeck fuͤhrte, war ſo ſchmal, 138 daß die Aufruͤhrer ohne aller Muͤhe jeden einzel— nen Mann, der ſich ihnen auf dieſem einzigen Wege genaht haben wuͤrde, getoͤdtet haͤtten. Wie der Blitz riß Muſtapha jetzt den Deckel von einem Faͤßchen Schießpulver auf, und beſahl es am Fuße der Treppe hinzuſtellen. Mit raſender Stimme rief er endlich den Meutern zu, welche eben bereit ſtan⸗ den, jeden, der ſich ihnen nahen wuͤrde, herabzu⸗ ſchießen, ſich augenblicklich zu ergeben, und ſchwur beim Mohamed, daß, wenn ſie nicht ſogleich zu ihrer Pflicht zuruͤckkehren, und ihre Waffen abge⸗ ben wuͤrden, er das Pulverfaß entzuͤnden, und ſie entweder alle in die Luft ſprengen, oder ihnen nur den Wrack eines Schiffes nach Tetuan zuruͤck⸗ fuͤhren laſſen wollte, wo ſie dann ſämmtlich an gluͤ⸗ hende Pfeile geſpießt werden wuͤrden.“ „Dieſe ernſthafte Drohung, die brennende Lunte in der Hand des Capitains, und die Anſicht des Pulvers, das an einen Ort gebracht war, wo ſie ein einziger Funke vernichten konnte, that auch wirklich die beſte Wirkung. Augenblicklich erfolgte eine Unterhandlung, wodurch nach dem wechſelſeitigen Verſprechen, das Geſchehene auf ſich beruhen zu laſſen, Friede gemacht wurde.“ Nebſt ſieben oder acht Getoͤdteten waren bei 1 dieſem Aufruhr noch mehrere ſchwer verwundet wor⸗ en einzel⸗ gen Wege Wie der on einem am Fuße mme rief reit ſtan⸗ herabzu⸗ d ſchwur glleich zu fen abge⸗ , und ſie hnen nur 7 zuruͤck han gluͤ⸗ rennende te Anſccht war, wo that auch Ferfolgte ſelleitigen ruhen zu waren bei ndet wor⸗ n 139 den, auch Muſtapha ſelbſt war durch Anſtren⸗ gung und Blutverluſt ſo entkraͤftet, daß mir um ſein Leben bangte; von dieſem Augenblicke an empfing er mich aber ſtets als ſeinen innigſten Freund.“— „Noch immer hatte ich jene ſonderbare Scene nicht aus dem Gedaͤchtniſſe verloren, deren unwill⸗ kuͤhrlicher Zeuge ich an Malaga's Kuͤſte war; ſo oft ich es aber auch wagte, dieſen Punkt zu be⸗ ruͤhren, ſo ſah ich, daß Muſtapha mit den un⸗ angenehmſten Erinnerungen und Vorſtellungen kaͤmpf⸗ te, waͤhrend ſich ſeine Stirne faltete.“ „Als wir uns nach fruchtloſem Herumkreuzen von mehreren Wochen endlich Tetuan nahten, beſſer⸗ ten ſich ſeine Wunden, indeß er mit Zufriedenheit von ſeinem Lande ſprach.„„So groß aber auch die Reize dieſes Landes ſind,““— begann er eines Ta⸗ ges, als er eben wieder uͤber die Freuden ſeiner jetzi⸗ gen Heimath ſprach, nach einer kleinen Pauſe,— „„ſo fuͤhle ich doch nicht daſſelbe Vergnuͤgen, wel— ches ich vor jenem ungluͤcklichen Ereigniſſe gefuͤhlt hatte, von welchem Du ſelbſt Zeuge warſt. Gerne wuͤrde ich Dir dann meinem Bruder Hyraddin als meinen Lebensretter vorgeſtellt haben, leider! darf ich es aber, nach dem, was geſchehen iſt, nun nicht mehr wagen, ihm vor die Augen zu kommen 140 Nur wenige Meilen in das Land hinein liegt ſein Schloß, wie natuͤrlich werde ich aber unter dieſen Umſtaͤnden in Tetuan bleiben, bis ich zu einem neuen Zuge geruͤſtet bin.““— „Es war das erſte Mal, daß er dieſes Vorfalls ſelbſt erwaͤhnte, woruͤber ich mir laͤngſt den Kopf zerbrochen hatte, und ſogleich beſchloß ich den guͤn⸗ ſtigen Augenblick zu benutzen, um das Geheimniß zu enthuͤllen. Nach vorſichtigem Erkundigen fragte ich ihn endlich, ob die ganze Scene nicht einem Zu⸗ falle ihr Entſtehen zuzuſchreiben habe.“ „„O, waͤre es Zufall geweſen, 4˙— verſetzte er mit ſchmerzerfuͤllter Stimme,—„„„ ſo duͤrfte ich mich jetzt nicht ſelbſt verdammen, leider! war es aber die Wirkung blinder Leidenſchaft, deren ewigbohrender Stachel mein verletztes Gewiſſen noch taͤglich verwundet. Selbſt meinen eigenen Leuten auf dem Schiffe iſt die Wahrheit der Sache unbekannt; doch Dir, Fernando, der Du mir das Leben gerettet, will ich jenes Geheim⸗ niß eroͤffnen, welches mir das Daſeyn vergif— tet.“— „„Zaide iſt der Name einer Dame, die ich ihres aufgeweckten Geiſtes wegen zu meiner Reiſe— gefaͤhrtin erwaͤhlte. Waͤhrend der Zubereitungen zu meinem letzten Zuge blieb ſie bei Hyraddin meine naten, bereit Oklat ders! Tetu ſtent unſer ſtänd ſe c Betr Gan ſett ſo 9 auf liegt ſein ter dieſen nem neuen Vorfalls den Kopf den guͤn⸗ zeheimniß en fragte 2 ⸗ linem Zu⸗ verſetzte ſo durſte er! wak t, deren Gewiſſen eigenen vergif⸗ die ich ier Reiſt⸗ ere itungen raddin 141 meinem Bruder, zuruͤck. Vor ungefaͤhr zwei Mo⸗ naten, als endlich alles zum Auslaufen in die See bereitet war, kam ſie ſammt einem wunderſchoͤnen Sklaven, welchen ſie von Zulma, meines Bru⸗ ders Lieblingsweib, empfangen zu haben vorgab, nach Tetuan, und uͤberbrachte mir verſchiedene Ge— ſchenke von Hyraddin. Von dem erſten Tage unſerer Reiſe an bemerkte ich ein gewiſſes Einver⸗ ſtaͤndniß zwiſchen Zaide und dieſem Sclaven, den ſie Haſſan nannte. Wie begreiflich erregte dieſes Betragen Verdacht in mir; obſchon aber mich die Gunſtbezeugungen, welche ſie Haſſan faſt unausge⸗ ſetzt bewies, zu dem ſtaͤrkſten Argwohne reizten, ſo gelang es mir doch nicht, wirklichen Thatſachen auf die Spur zu kommen.““— „„Seit unſerer Abfahrt von Tetuan hatten wir ſtuͤrmiſches Wetter gehabt, ploͤtzlich erhob ſich aber ein voͤlliger Orcan, der uns faſt bis an Spa⸗ niens Kuͤſten warf. Die heiligſte Pflicht mei⸗ nes Amtes erforderte meine ſtete Gegenwart auf dem Verdecke; nach mehreren Stunden der thaͤtig⸗ ſten Arbeit kehrte ich endlich nach meiner Kajuͤte zuruͤck, und traf Haſſan in der ſchmachtendſten Stellung. Innig hielten ſeine Arme Zaiden um⸗ ſchlungen, waͤhrend ſie ihr Haupt auf ſeine Schul⸗ tern neigte, dabei aber ſo vertieft im Geſpraͤche ſchienen, daß ſie meine Annaͤherung nicht bemerk— ten, und ſich endlich ſogar vor meinen Augen kuͤß⸗ 41— ten. „„Siedend heiß ſchoß mein Blut durch die Adern, und noch jetzt begreife ich nicht, wie es moͤglich war, daß ich ſie beide nicht angenblicklich durchbohrt habe. Uebermaaß der Leidenſchaft brachte aber gerade die entgegengeſetzte Wirkung hervor. Schweigend verließ ich den Ort meiner Schande, und dachte mit fuͤrchterlicher Wuth nach, wie ich mich an ihnen auf das Martervollſte raͤchen koͤnnte. Langſam, dachte ich endlich, ſoll er vor ihren Au⸗ gen dahin welken, die roſichte Farbe ſeiner Wan⸗ gen ſoll entſchwinden, ſeine ſprechenden Augen all— maͤhlich erſtarren, und ſein von der Flamme der heftigſten Leidenſchaft erfuͤllter Koͤrper vor den Au— gen der Betruͤgerin zum kalten, bewegungsloſen Leichname auszehren. Gleichſam ſchon als Schat— ten zwiſchen Leben und Tod ſchwankend, ſoll er ihr Lager mit ihr theilen, waͤhrend ſie, eingeſperrt mit dieſem Gegenſtand des ſchrecklichſten Anblickes, von dem taͤglichen Fortgang ſeiner Verweſung Zeuge 7774 ſeyn muß.— Verblendet von raſender Wuth eilte ich die— 771 ſen teufliſchen Entſchluß zu vollfuͤhren. Mit hoͤlli— ſcher Liſt verbarg ich meinen Argwohn, und ließ V wie zu ein Ma ner beu auf dar hatte Vorwa auch di goß ich Giſtes dieſer kürlich in mi Zeuge meinen unſer Herr ſagte er de „ bei m meine dodes üns lodeu ht bemerk⸗ lugen kuͤh⸗ durch die t, wie es genblicklic aft brachte g hervor. Schande, e, wie ich hen koͤnnte⸗ ihren Au⸗ einer Wan⸗ Augen all⸗ glamme der ar den Au⸗ zungeloſen 1 Sdat d, ſoll et ingeſdert Anblickes/ 4 eſung Zeuge ilte ich die Mit höl⸗ und ley wie zu Ehren des gluͤcklich uͤberſtandenen Sturmes ein Mahl bereiten, waͤhrend welchem ich jeden mei— ner Leute, mich in der großen Kajuͤte zu ſtoͤren, auf das Nachdruͤcklichſte unterſagte. Gewoͤhnlich hatte Zaide den Sclaven Haſſan unter dem Vorwande ſeiner Jugend bei ſich am Tiſche, und auch dieſes Mal war es derſelbe Fall. Unbemerkt goß ich jetzt einige Tropfen feinen unheilbaren Giftes in Haſſans Scherbet, und faßte ihn von dieſer Minute an ſcharf ins Auge, obgleich unwill⸗ kuͤrliches Mitleid wegen ſeiner Jugend und Schoͤnheit in mir entſtand. Die Liebkoſungen, wovon ich Zeuge war, erhoben ſich aber wie eine Wolke vor meinen Sinnen, und ſtaͤhlten mir das Herz gegen alles Erbarmen.““ „„Mit den Worten: So will ich denn bei unſerm heiligen Feſte die Geſundheit meines letzten Herrn Hyraddin trinken, welches, wie Du mir ſagteſt, bei den Europaͤern gebraͤuchlich iſt— ſetzte er den Becher an den Mund.““ „„Ploͤtzliche Roͤthe uͤberzog mir das Geſicht bei meines Bruders Namen, und ſchon wollte ich meine Hand ausſtrecken, um ihn den ungluͤcklichen Todestrank zu entreißen, als er haſtig auf Hy rad⸗ dins Geſundheit trank, und augenblicklich einen bedeutenden Theil davon verſchluckte.““ 144 „„Noch in derſelben Minute zeigten ſich die ſchrecklichſten Folgen. Selbſt Zaide außerte ſich gegen mich, daß dieſer Trank das Feuer von Haſ⸗ ſans Augen um ein bedeutendes verſchoͤnere. Dieſe neue Beleidigung brachte mich aber in ſolchen Zorn, daß ich ſie mit den wuͤthendſten Blicken beantwor⸗ tete, waͤhrend ſie mir ein Glas Jeruſalemer-Wein kredenzte, und mit dem Schmelz ihrer Stimme begann:— Wiſſe denn, daß ich Dir ein Geheim⸗ niß zu eroͤffnen habe, welches Du eben ſowohl jetzt als ſpaͤter wiſſen kannſt. Geſtehe nur, Mu⸗ ſtaphal daß Dich die Eiferſucht dieſes ſchoͤnen Sclaven wegen nicht wenig plagte!““ „„Mit liebegluͤhenden Blicken legte ſie ihre Hand bei dieſen Worten vertraulich auf Haſſans Schulter, wobei ich wie raſend empor fuhr, und mit donnernder Stimme ſchrie: Ha! Verwegene! ſo haͤufſt Du denn Beleidigung auf Beleidigung 1 464 „„Statt mir aber zu antworten, brach ſie in ein helltoͤnendes Gelaͤchter aus, und ſprach endlich: So wiſſe denn, daß dieſer kleine Haſſan Deine Nichte Zara iſt!““— „„Noch hatte ich dieſe Worte nicht voͤllig ver⸗ nommen, ſo war ich auch ſchon meines ganzen Bewußtſeyns beraubt. Alle meine Gedanken dreh⸗ ten ſich in fuͤrchterlicher Verwirrung umher, und unw wir Uner Zai Auf geze taͤt n ſich die ußerte ſich von Haſ⸗ te. Dieſe chen Zorn⸗ heantwor⸗ mer⸗Wein Stimme — Geheim⸗ en ſowohl ur, Mu⸗ sux, s ſchoͤnen 3 ſie ihre 5 aſſans fuhr, und vegene! o 10 7— ng! rach ſie in 6 andlich: an Deine voͤllig ver⸗ es ganzen ken dreh⸗ und an 40 6 mhel/ 145 unwillkuͤhrlich ſchloſſen ſich meine Augen, waͤhrend mir das Haupt auf den Tiſch ſank. Von dieſem unerwarteten Ereigniſſe fuͤrchterlich uͤberraſcht, ſtieß Zaide einen lauten Schrei aus, bald wurde ihre Aufmerkſamkeit aber auf die erblaſſende Zara hin⸗ gezogen, deren Herz unter ſchrecklichen Zuckungen toͤdtlicher Kraͤmpfe erbebte.““ „„Erſt durch Zaidens Geſchrei kam ich wieder zu Sinnen, doch, heiliger Prophet! was fuͤhlte ich in dieſem Augenblicke. Zara's geringelte Locken fielen jetzt unter dem Turbane hervor, das Kleid, in welchem ſie zu meinem und ihrem Ungluͤcke ihr Geſchlecht verlaͤugnet hatte, war ihr jetzt des leichtern Athmens wegen geoͤffnet worden, da er⸗ kannte ich an dem wallenden Buſen, daß Zaide nur zu ſichere Wahrheit ſprach. Ach! mit unbe⸗ ſchreiblichem Entſetzen ſah ich ihre wunderſchoͤnen Zuͤge jetzt von den grauſamſten Schmerzen verzo⸗ gen, und wußte, daß es kein Gegengift auf der Erde gaͤbe, welches ſie retten konnte. fuͤrchterlichſten Worten verfluchte ich meine Thor⸗ heit, ſammt dem ſeltſamen Irrthume, der mich dazu verleitete. Mit jedem Augenblick verloſchen In den dem bedaurungswuͤrdigen Maͤdchen die Lebensgeiſter immer mehr, bis ſie der maͤchtige Trank ſelbſt der Sprache beraubte, ihre Sinne verwirrte, ihre II. Theil. 10 146 Glieder konvulſiviſch zuſammenſchraubte, kurz jede Nerve ihres Koͤrpers erzitterte.““ „„Keine Sprache vermag die Qualen auszu⸗ druͤcken, die mein Herz zerfleiſchten, als ich ſie endlich verſcheiden ſah. Wie raſend ſchrie ich: O ungluͤckliche Zaide! da ſiehſt Du nun die Fol⸗ gen Deiner thoͤrichten Verkleidung. Ach! nie, nie kann ich meinem armen Bruder wieder vor die Augen treten, der jetzt die gerechteſte Urſache hat, den Verluſt ſeiner beiden Kinder zu betrauern!““— „„Leider! war es Zara's ſehnlichſter Wunſch, Spanien zu ſehen, welches Land ſie von ihrem Vater ſo oft als das herrlichſte Paradies beſchrei⸗ ben hoͤrte— begann Zaide jetzt, waͤhrend ihr helle klare Schmerzensthraͤnen aus den Augen traͤufel⸗ ten.— Voll ſuͤßer Hoffnungen ihren verlorenen Bruder Ali dort vielleicht zu finden, wollte ſie alles wagen, dahin zu gelangen; zu gut wußte ſie aber, daß ihr, weder Hyraddin noch Du ſelbſt, in dieſe Reiſe gewilligt haben wuͤrdet, und ſo ward denn ich das ungluͤckliche Werkzeug ihres Verder⸗ bens!““— „Noch hatte Muſtapha nicht voͤllig geendet, als wir ploͤtzlich durch einen Schuß auf dem Ver⸗ decke des Schiffes, und durch verwirrtes Getoͤſe un⸗ terbrochenwurden, wodurch wir auf den Gedanken ge⸗ —;—;—ͦᷣ⸗⸗-- kurz jede en auszu⸗ s ich ſie crrie ich: n die Fol⸗ nie, nie die Augen hat, den 11474 rWunſch, von ihrem beſchrei⸗ ihr helle traͤufel⸗ erlorenen wußte ſie ſelbſt, in ſo ward 3 Verder⸗ geinde dem Ver⸗ zetoͤſe un⸗ f⸗ anken 9 147 riethen, daß ſich der Aufruhr auf's Neue gehoben haͤtte. Mit gezogenen Saͤbeln eilten wir daher auf's Ver⸗ deck, und erkannten bald als die Urſache des Laͤr— mens ein großes ſpaniſches Schiff zwiſchen der Kuͤſte und dem unſrigen. Blitzesſchnell ruderte es auf uns zu, und ließ uns ſeiner Geſtalt nach keine Moͤglichkeit zum Entrinnen, da es ein großes Li— nienſchiff, das unſrige aber eine mit Rudern ver⸗ ſehene Galeere war.“ „Augenblicklich erkannte Muſtapha das Miß⸗ liche ſeiner Lage und begann:„„So wie es ſcheint, werde ich nun wohl von Dir, Fernandol! ab⸗ haͤngen, in ſo ferne es auf meine Begnadigung ankoͤmmt. So wie ich ſehe, will ſich das gerechte Schickſal uͤber jene von mir veruͤbte fuͤrchterliche That nun raͤchen. Bei unſerer Freundſchaft be⸗ ſchwoͤre ich Dich aber, ſchuͤtze nur wenigſtens die ungluͤckliche Zaide vor jeder Beleidigung.““— „Kaum hatte ich Zeit, ihn von meiner Bereit⸗ willigkeit zu verſichern, als ſich uns die Schaluppe des Kriegsſchiffes naͤherte, und, da unſere Flagge gleich bei ihrem erſten Schuſſe eingezogen wurde, unſer Schiff ohne allen weitern Widerſtand enterte.“ „Augenblicklich begannen die Spanier uͤber ih⸗ ren leichten Sieg zu frohlocken und zeigten ſich weit uͤbermuͤthiger und roher, als es ihrer Nation 10* 148 zur Ehre gereichte. Mit unbeſchreiblicher Bered⸗ ſamkeit ſtellte ich ihnen das Unwuͤrdige ihres Be⸗ tragens vor; leider! war es aber der Augenblick nicht, wo ſie einer kalten Beſonnenheit faͤhig ge— weſen waͤren. Ich eilte daher nach Muſtapha's Kajuͤte, der ſich bereits ergeben hatte, und ſah Zaiden, der ich wie natuͤrlich meine Fuͤrſprache au⸗ genblicklich zuſagte, zum erſten Male. Unter haͤu⸗ figen Thraͤnen folgte ſie mir nach dem Verdecke, wo ich mit feſtem Tone den Oberoffizier zu ſpre⸗ chen verlangte, und erkannte bei ſeinem Erſchei⸗ nen augenblicklich einen Menſchen in ihm, der mir bedeutende Verbindlichkeiten ſchuldig war, und auch den Poſten, welchen er jetzt bekleidete, meiner Verwendung zu danken hatte.“— „Wie leicht denkbar benutzte ich dieſen gluͤckli⸗ chen Zufall zu unſern Gunſten. Sein Anſehen und meine Vorſtellungen brachten die ſpaniſchen Matroſen endlich zur Ruhe, waͤhrend die Galeere mit dem ſpaniſchen Schiffe zuſammen ſtieß. Un⸗ verzuͤglich ſtiegen wir am Bord, und wurden vor den Befehlshaber gebracht. Gluͤcklich genug gelang es mir, durch meinen Einfluß eine eigene Kajuͤte fuͤr Muſtapha und ſeine Dame zu erhalten.“ „Friſcher Wind trieb uns bald nach dem klei⸗ nen Hafen von Ceuta, wo ich meine Leute traf⸗ die m vermu war ds ſch mit erſtes die( in de ein a ment bega bald mich ſten wen ſeyn N. Vered⸗ hres Be⸗ ugenblick ähig ge⸗ apha's und ſah rache au⸗ tter haͤu⸗ Verdecke, zu ſpre⸗ Erſchei⸗ zm, der dar, und „meiner Galeers eß. Un⸗ den vor gelang Kajuͤte ten.“ gem klei⸗ ute traß 149 die mich eben ſo wenig mehr, als ich ſie zu ſehen vermuthet hatten. Der Dienſt, den ſie verſahen, war aͤußerſt angeſtrengt, da die Mauren, ſo wie es ſchien, eine Belagerung auffuͤhren wollten, die mit jener von Troja wetteifern konnte. Mein erſtes Geſchaͤft war, meinem Freunde Muſtapha die Erlaubniß zu verſchaffen, daß er wenigſtens in der Stadt frei herumgehen durfte. Da er aber ein auf jenem unruhigen und veraͤnderlichen Ele⸗ mente umherſchweifendes Leben gewohnt war, ſo begann die beſchraͤnkte Lebensweiſe auf der Feſtung bald genug an ſeiner Geſundheit zu zehren, welches mich dazu beſtimmte, ſo bald als moͤglich wenig⸗ ſtens einen Verſuch zur Auswechslung zu wagen, wenn ich ihm nicht vielleicht zur Flucht behuͤlflich ſeyn koͤnnte. Die Enge der Belagerung, und die Wachſamkeit der Beſatzung machte es aber faſt un— moͤglich, den Ort zu verlaſſen. Zwar geſtattete mir meine Lage als Hauptmann eines Regiments waͤh⸗ rend des Dienſtes meiner Leute ſo mancherlei Frei⸗ heiten; der Mißbrauch dieſer Freiheiten glich uͤbri⸗ gens aber dem Bruche meines Ehrenwortes, wie ein Ey dem andern, wozu mir denn jenes Freund⸗ ſchaftsverhaͤltniß noch lange nicht hinreichend gewe⸗ ſen waͤre.“ „Ich erforſchte daher Tag fuͤr Tag die Feſtungs⸗ 150 1 4 werke und bemerkte auf einem entfernten Theil von dem Standorte meiner Leute ein Vorwerk, welches ziemlich alt und baufaͤllig zu ſeyn ſchien, und auch leicht erſtiegen werden konnte. Ein einziger Mann hielt die Wache dort, mit dem ich nach kurzem Beſinnen ein Geſpraͤch begann, und bald genug erfuhr, daß er ſich ſchon drei Jahre auf der Feſt⸗ ung befaͤnde. Eben ſo eroͤffnete er mir, daß es nun einmal ſein Loos ſey, auf dieſem Walle oft und vielmals vor⸗ und ruͤckwaͤrts zu trippeln. „„Seht!““— fuhr er fort—„„ſtuͤrmiſche Winde pfiffen mir nicht ſelten um die Ohren, Blitze ſchlugen vor meinen Fuͤßen in die Erde, alles die⸗ ſes iſt aber gerade wie nichts gegen das, was ich in der letzteren Zeit auf meinem Poſten hier erdul— den mußte.“— „„Ihr koͤnnt auch gar nicht glauben wie ſon⸗ derbar mir erſt juͤngſt zu Muthe ward;““— be— gann er nach einer kleinen Pauſe, in der er ſchuͤch⸗ tern umherblickte,—„„als ich laͤngs des Walles hinab ſchreitend beim Mondlichte in das vor mir liegende Land hinausblickte, und einen alten Huſa⸗ ren langſam auf mich zukommen ſah. Es war faſt Mitternacht, auch wußte ich nur zu gut, daß keine Soldaten von dieſer Uniform im Forte laͤgen. Nichts ſchien mir ſicherer, als daß es entweder ein Spio! muͤſſe woltt Stau um ſ Anfau wiei ner einzi gleie man⸗ muͤf ſtag wͤ Theil von k, welches und auch iger Mann ch kurzem ald genug fder Feſt⸗ r, daß es Walle oft trippeln. ſtaͤrmiſche ren, Blitze alles die⸗ „was ich dier erdul⸗ wie ſon⸗ un— be⸗ er ſchuͤch⸗ 5 Walles vor mir en Huſg⸗ war faſt daß keine laͤgen⸗ weder ein 151 Spion oder ein neu angekommener Soldat ſeyn muͤſſe. Raſch trat ich ihm daher entgegen, und wollte ihn anrufen, bemerkte jetzt aber zu meinem Staunen, daß ſich ein Kreis von blaͤulichtem Feuer um ſeinen Helm wand. Unbedingt wuͤrde ich es Anfangs fuͤr des Blitzes Wirkung gehalten haben, wie ich denn ſchon oftmals aͤhnliche Funken an mei⸗ ner Bajonnetsſpitze geſehen hatte; da ich aber kein einziges Woͤlkchen am Himmel bemerkte, ſo ſah ich gleich in dem erſten Augenblicke, daß es ſonſt nie⸗ mand als der leibhafte— Gott ſey bei uns! ſeyn 77774 muͤſſe. „Woraus konnteſt Du das aber ſehen?— fragte ich mit laͤchelnder Miene.“ „„Weil ich das gezackte Feuer,““— verſetzte er,—„„mit dieſen meinen eigenen Augen geſehen und den ſtinkendſten Schwefel gerochen habe, der ihm weit lieblicher als Weihrauch duften ſoll, wie man ſagt. Auch folgten mir ſeine graͤßlichen Blicke uͤberall nach, wo ich nur immer ſtand, bis er end⸗ lich an mir voruͤber ging, und bei der Ciſterne in einem Winkel des jenſeitigen Baſtions verſchwand, waͤhrend ich keines Lautes maͤchtig war. Du lie⸗ ber Himmel, wer konnte es ſonſt wohl ſeyn, als der leibhafte Satan ſelbſt, der daher kam, um 152 fuͤr die Mauren, ſeine Freunde, etwas aus zu ſpio⸗ niren.⸗ „Hat dieſe Erſcheinung auſſer Dir noch nie⸗ mand geſehen?— fragte ich jetzt, durch des Sol⸗ datens Erzaͤhlung neugierig gemacht. Haſt Du auch die Ciſterne nach der Hand nicht unterſucht, und biſt Du gewiß, daß Du Dich nicht ſelbſt betrogſt?“ „Um die Wahrheit ſeiner Erzaͤhlung noch mehr zu bekraͤftigen, ſetzte er jetzt aber ſo viele unge⸗ reimte und laͤcherliche Umſtaͤnde hinzu, daß mein Glaube an das Ganze voͤllig wankend gemacht wurde. Zugleich ſagte er mir auch; daß noch zwei ſeiner Cameraden dieſelbe Erſcheinung geſehen haͤt⸗ ten.“ „Mit dem feſten Vorſatze, die Wahrheit der Geſchichte zu erforſchen, ließ ich mir die Namen jener beiden Soldaten angeben, und nahm ſie des folgenden Tages auch wirklich zu mir, um der Sache wo moͤglich auf die Spur zu kommen. Ihre Antworten waren aber ſo zuruͤckhaltend, daß ſie mich bloß uͤber die Hauptſache verſtaͤndigten.“ „Kaum bemerkten ſie, daß ich Luſt haͤtte, ſelbſt Zeuge eines ſolchen Auftrittes zu ſeyn, ſo brachten ſie tauſend Schwierigkeiten vor. Beide behaupte⸗ ten, daß das Geſpenſt der Geiſt eines Soldaten ſeyn unbeg ab, woller anrede 4 Frat gab! ſagte ahgen die wer zu ſpio⸗ noch nit⸗ des Sol⸗ Haſt Du Unterſucht, icht ſelbſt noch mehr jele unge⸗ daß mein h gemacht noch zwei ghen haͤt theit der ee Namen m ſie des um der kommen. tend, daß igten.“ tt, ſelbſt brachten ſeyn muͤſſe, deſſen Gebeine in jenem Brunnen unbegraben laͤgen, und ſchlugen mir es geradezu ab, mit mir noch ferner etwas gemein haben zu wollen, als ich ihnen ſagte, daß ich die Erſcheinung anreden wollte.“— „Meine einzige Hoffnung war daher noch auf Franzisko, jenen alten Soldaten, gerichtet. Ich be⸗ gab mich daher nach ſeiner Wohnung, wo er mir ſagte, daß es in vergangener Nacht ganz ruhig abgelaufen ſey. Erſt in der vierten Nacht kam die Reihe wieder an Franzisko, auf dem Vor⸗ werke Wache zu halten, wo ich ihm dann Geſell⸗ ſchaft leiſten wollte.“— „Sobald ich Franzisko verlaſſen hatte, ging ich zu Muſtapha, um ihn von der Sache zu unterrichten. Was hindert Dich jetzt,— fuhr ich endlich fort,— die Perſon des alten Huſaren nachzuaͤffen. Auf die leichteſte Art kannſt Du nun in jenen Brunen gelangen, den ich laͤngſt un— terſuchte und hinlaͤnglich geraͤumig fand, daß Du Dich darin verbergen kannſt, um dann gelegent⸗ lich auf das Land zu entfliehen. Biſt Du gluͤcklich entkommen, ſo wird es Dir gewiß nicht ſchwer fallen, Zaiden los zu kaufen, die bis zu dieſem Augenblicke unter meinem Schutze bleiben kann.“ „Lange wollte ſich Muſtapha nicht daran wa⸗ 154 gen, des Geiſtes Rolle zu ſpielen, vor allem an⸗ dern machten ihm jene ſchweflichten Funken auf ſei⸗ nem Haupte die groͤßten Aengſten.“ „Sorge nicht um ſolche Dinge. verſetzte ich. Im Falle der Noth koͤnnen jene Funken ganz gaͤnzlich wegbleiben, da ich deswegen keine Urſache eines ſchlechten Erfolges ſehe. Um jede weitere Ver⸗ folgung zu verhindern, werde ich ſelbſt bei der Wache zugegen ſeyn, da Dir ſowohl Gluͤck als Schickſal den Pfad zufaͤllig vorgezeichnet hat, der Dich zur Freiheit fuͤhren wird.“— „Bald uͤberzeugten Muſtapha meine Reden auch wirklich, daß er nur auf dieſe Art ſeine lang erſehnte Freiheit wieder erlangen koͤnnte. Nachdem er daher, in Betreff Zaidens, noch Einiges mit mir ausgemacht hatte, ſtimmte er mit meinem Vorſchlage uͤberein.“— Fottſe 8 N aufge gung ſeren ras warn ſruh noch fuͤr verl tiget ſiim alles Lie ſcha allem an⸗ ten auf ſei⸗ verſetzte nken ganz ne Urſache eitere Ver⸗ der Wache Schickſal Dich zur ne Reden ſeine lang Nachdem niges mit meinem 155 Siebentes Kapitel. Fortſetzung der Geſchichte,— die beiden Huſaren,— der Sturm— und der arabiſche Renner.— „Nur mit vieler Muͤhe hatte ich ein Huſarenkleid aufgetrieben, und ſtudirte Muſtapha alle Bewe⸗ gungen ein, die er machen mußte, um deſto groͤſ⸗ ſeren Schrecken zu erwecken. Obſchon er, ſeit Za⸗ ras ungluͤcklichem Unternehmen, nicht mehr jene warme Anhaͤnglichkeit an Zaiden fuͤhlte, die ihn fruͤher an ſie gekettet hatte, ſo verließ er ſie doch noch ziemlich ungern. So geſfaͤhrlich iſt es aber fuͤr Weiber, ſich auf die Leidenſchaft der Liebe zu verlaſſen, die, ſo leicht erregt, oft von ſo fluͤch⸗ tiger Dauer iſt.“— „Endlich brach die zu unſerm Unternehmen be⸗ ſtimmte Nacht herein, in der ich, nachdem ſchon alles bereit lag, nach dem Walle voraus eilte. Sie war finſter, und, wie zu dieſem Geiſterſpuck ge— ſchaffen, der Mond im Abnehmen. Franzisko 156 wurde durch meine Ankunft hoͤchlich erfreut, und ſagte mit leiſem Tone:„„Längſt habe ich ſchon die Minuten gezaͤhlt; fuͤrchterlich pfiff der Wind uͤber das Vorwerk, und, aufrichtig geſtanden, habe ich mich vor der Erſcheinung des todten Huſaren ſchon nicht wenig gefuͤrchtet. So wie es ſcheint, werden wir auch noch ein Gewitter bekommen; mag denn nun aber ſeyn, wie es wolle, mag auch der Wind ganz erbaͤrmlich heulen, ſo bin ich es doch recht gern zufrieden, da ich den Sturm nicht ſcheue; leider! liegt mir jener fatale Huſar aber noch ganz gewaltig auf dem Herzen!““— „Recht haſt Du!— verſetzte ich,— Sol⸗ daten muͤſſen gegen Wind und Wetter unempfind⸗ lich ſeyn. Um welche Stunde pflegt das Geſpenſt gewoͤhnlich zu erſcheinen?“ „„Nun, ſo um Mitternacht!““— erwiederte er.—„„Wißt ja ohnehin, daß alle wandernden Geiſter den Nachmittag der Nacht waͤhlen, wo ſich alles Menſchliche zur Ruhe begeben hat.— Doch horcht!— war mir doch, als ob ich Fuß⸗ tritte hoͤrte!““ „Wir verhielten uns ſo ruhig, ſo daß wir un⸗ ſern Athem kaum vernehmen konnten. Die Nacht war zu finſter, als daß wir weit haͤtten ſehen koͤnnen. — So rufe es denn an— ſagte ich nach einer Pauſe Antw „ leiſer nein, ich es ſolle iſt,r „ Schr die o den; dern jetzt und geme drn ſtta wo ſpen freut, und ich ſchon der Wind nen, habe n Huſaren es ſcheint, men; mag der Wind doch recht ht ſcheue; aber noch — Sol⸗ nempfind⸗ Geſpenſ erwiederte vandernden hlen, we en hat⸗ 9 bich Fuß⸗ ß wir un r Nacht wa en konnen. nach Aner Pauſe;— und ſchieße d'rein, bekommſt Du keine Antwort!“— „„Schießen?““— fragte Franzisko mit leiſer Stimme.„„Wozu wuͤrde das nuͤtzen? Nein, nein, ich will mit keinem Geiſte ſtreiten. Da halte ich es mit meinen Cameraden, die da meinen, ich ſollte es ruhig ziehen laſſen, da es doch immer gut iſt, wenn man uͤberall Freunde hat!““— „Endlich unterſchied ich von ferne herannahende Schritte. Es war noch nicht zwoͤlf Uhr, und die Stille der Nacht durch ſonſt nichts, als durch den Zuruf der Wachen von einem Poſten zum an— dern unterbrochen. Mit einem Male zeigte ſich jetzt Muſtapha, deſſen Geberden ausdrucksvoll und majeſtaͤtiſch waren. Langſam ſchritt er mit ab— gemeſſenen Schritten an uns voruͤber, waͤhrend ſich Franzisko's Haare borſtenartig in die Hoͤhe ſtraͤubten. Er ſchien wie feſt gebannt auf dem Platze, wo er ſtand, und verfolgte das vermeintliche Ge⸗ ſpenſt mit aͤngſtlichen Blicken, bis es der bezeichnete Ort, wo Muſtapha hinab ſtieg, unſern Augen end⸗ lich entzog.“— „Kaum war er auf dieſe Art verſchwunden, ſo fragte Franzisko mit ſelbſtgefaͤlliger Miene: „„Wollt Ihr es jetzt nun glauben, da Ihr alles mit eigenen Augen geſehen habt? Faſt haͤtte ich den 158 Geiſt aber ſelbſt nicht gleich erkannt, da keine blauen Flammen um ſeinen Helm ſpielten, auch ſchien er mir weit ſchlanker als gewoͤhnlich.““ „Wer weiß, ob es das Geſpenſt ſelbſt war;— verſetzte ich. Warum hieltſt Du es nicht an?— „„Warum?““— fragte Franzisko mit aͤngſtlicher Stimme.—„„Ey, du lieber Himmel, weil ich mich nicht ruͤhren konnte, und wie auf dem Boden feſtgewurzelt ſtand.““ „Nicht wenig Schaam empfand ich bei dieſen Worten, da ich nun klar und deutlich ſah, daß dasjenige, was ich bisher der erſtarrenden Gewalt aͤbernatuͤrlicher Erſcheinungen zugeſchrieben hatte, von ſonſt nichts als dem Uebermaße des Schrek⸗ kens herkam, welches dem thieriſchen Koͤrper die Bewegungskraft raubt.— Schweigend und gedan⸗ kenvoll ſtand ich, waͤhrend dieſe Ideen in mir ent— ſtanden, Franzisko wagte es nicht, mich darin zu ſtoͤren; ploͤtzlich verkuͤndete aber die Schloßuhr melancholiſche Schlaͤge, die zwoͤlfte Stunde, und noch waren ſie in der dunkeln Nacht nicht voͤllig verklungen, als mich Franzisko mit krampfhaf⸗ ter Gewalt am Arme ergriff, und mich dadurch aus meinen Traͤumereien empor ſchuͤttelte.“ „„Ach der Himmel ſteh' uns bei!““— liſ⸗ pelte erſte( naht flamm 70 nach icht Heilig merte, wurde „ die) waͤhr bieter nraſti todte des weſe weni viel weine ander mann Aae ihter keine blauen h ſchien er ſt war;— t an?— isko mit er Himmel, nd wle auf h bei dieſen h ſah, dah den Gewalt eben hatte, des Schrek⸗ Körper die und gedal in mir ent⸗ nich detin Schloßuhr tunde, und nicht voͤlig krampfhaf⸗ dadurch au6 jſ⸗ 7074— liſ 159 pelte er mit leiſer Stimme.„„Wer mag jene erſte Geſtalt wohl geweſen ſeyn. Seht nur, hier naht das eigentliche Geſpenſt mit den Schwefel— flammen um den Helm!““— „Gleichſam mechaniſch wandte ich den Kopf nach dem Walle hin, und erkannte wirklich das Licht einer dichten blauen Flamme, die wie ein Heiligenſchein uͤber den Helm eines Huſaren flim— merte, der gerade ſo ausſah, wie er mir beſchrieben wurde.“ „Langſam kam die Geſtalt heran, und richtete die Augen mit Blicken voll Entruͤſtung auf mich, waͤhrend ihre dunkelgelbe Geſichtsfarbe mit der ge⸗ bieteriſchen Miene, die ſie annahm, auffallend kon⸗ traſtirte. Bei weitem lag nicht jener ſeelenloſe, todtenaͤhnliche Ausdruck darin, wie in den Zuͤgen des Geiſtes vom Grafen Ferendez, der die ver⸗ weſenen Erdenbewohner ſo ſehr charakteriſirt.“ „Obgleich ich durch den ploͤtzlichen Anblick nicht wenig uͤberraſcht wurde, ſo behielt ich doch noch ſo viel Eeiſtesgegenwart, daß mich das Bewußtſeyn meines eigenen Geheimniſſes auf ein aͤhnliches bei andern ſchließen ließ. So ſchnell wie moͤglich er— mannte ich mich und faßte die Erſcheinung feſt ins Auge. Finſterer Ernſt lag auf den tiefen Furchen ihrer Stirne, ohne mich dadurch aber ſchrecken zu 160 laſſen, zog ich mein Schwert mit dem feſten Ent⸗ füe ſ ſchluſſe, nach ihr zu hauen. Kaum aber bemerkte nug ſie meine Bewegung, ſo blieb ſie ſtehen, und au— Vern genblicklich umgab ſie eine dichte Wolke ſchweflich⸗ fm ter Duͤnſte, die ſie unſerm Geſichte auf wenige Zwe Minuten entzog. Franzisko fiel faſt zur Erde, geſi auch ich bereute jetzt meine Raſchheit und ſtand un⸗ an ſe entſchloßen da, waͤhrend der Huſar in eine dunkle blickl Rauchwolke eingehuͤllt, die einen langen Streifen Lid hinter ſich ließ, laͤngs des Walles hinunter ſchwebte.“ „Mit ſchnellern Schritten naͤherte ſich die Ge⸗ ſalt ſtalt jetzt dem Baſtion, zwiſchen welchem ſich der ſchn Brunnen befand, in welchem Muſtapha verbor⸗ Ihr gen lag. Beſorgt fuͤr ſeine Sicherheit raffte ich te meine ganze Entſchloſſenheit zuſammen und folgte r der Geſtalt nach. Eben wollte ſie uͤber die unebene die und zerbrochene Mauer nach dem Brunnen hinabſtei⸗ zur gen, blieb aber bei Muſtapha's Anblicke, der ſich mit geoͤffneter Blendlaterne zwiſchen einigen Ar. Bromber⸗Straͤuchern gelagert hatte, betroffen ſte— Vo hen.“ „Ein der Geſtalt ploͤtzlich entſchluͤpfter Schrei rrr beſtimmte meinen Entſchluß. Ich trat ihr mit dem zid Schwerte in der Hand immer näher, wodurch dem nait Fremden, welcher bei Muſtapha's Anblick, der— 4. eſti ihm aus dem Brunnen aufzuſteigen ſchien, um ihn feſten Ent⸗ er bemerkte n, und all⸗ ſchweflich⸗ auf wenige zur Erde, d ſtand un⸗ eine dunkle in Streifen ſchwebte.” ſch die Ge⸗ em ſich der ha verbor⸗ t raffte ich und folgte die unebene in hinabſtei nblict, der hen einiget aen ſte⸗ hetroffen T Schrei fter Sch ihr mit dem em wodurch der 6., der pablik, ihn m ih en, u 161 fuͤr ſeine angemaßte Vertraulichkeit mit den Todten zu zuͤchtigen, kein Ausweg blieb. Mit wechſelſeitiger Verwirrung und Erſtaunen ſtanden die beiden Hu⸗ ſaren’, ſich einander angaffend, welches mir keinen Zweifel mehr ließ, den Betrug zu erkennen. Un⸗ geſtuͤm ſtuͤrzte ich daher auf ihn los, und gelobte mit an ſeinen Hals geſetzter Schwertſpitze, ihn augen⸗ blicklich zu durchbohren, ſobald er nur den kleinſten Widerſtand zeige.“— „Mit unerſchrockener Stimme erwiederte die Ge⸗ ſtalt aber:„„Fernando de Coello, ich be— ſchwoͤre Euch im Namen der Dame, deren Portrait Ihr bei Euch tragt, Eurem Arme Einhalt zu gebie⸗ ten. Obgleich ich mich in dieſem Augenblick in Eu— rer Gewalt befinde, ſo ſinket Ihr bei dem erſten Hieb, den Ihr nach mir fuͤhrt, doch ploͤtzlich todt zur Erde.“”— „Und wer ſeyd Ihr, daß Ihr Euch ſolcher Kraft ruͤhmen koͤnnet? fragte ich, durch ſeine Worte ungemein uͤberraſcht.“ „„Derjenige, dem die Geheimniſſe Eures Her⸗ zens, Don Padilla's Verbrechen, und Donna Zidana's Schickſale bekannt ſind, deren Por⸗ trait Ihr bei Euch tragt!““— verſetzte er mit beſtimmtem Tone.“ „„O ſage mir!““— ſchrie Muſtapha II. Theil. 11- 1 1 1 1 162 r jetzt voll Ungeduld,—„„ſage mir, wo ich dieſe laͤngſt verlorne Schweſter wieder finden kann? O ſprich! ſprich! lebt ſie oder iſt ſie todt?““— „„Laͤngſt ſind die Roſen aus ihrem Geſichte entſchwunden, laͤngſt die Gluth ihrer Augen ver⸗ gluͤht, und ihre uͤbrigen Vollkommenheiten welk geworden!““— antwortete er 14 „„O du unbarmherziges Schickſal!““— ſchrie Muſtapha von neuem wie raſend,—„„ſo iſt ſie denn todt!““ „„Wiſſet denn, daß ſie lebt, auf meinem Schloſſe lebt, hier iſt aber weder Zeit noch Ort dazu, mich naͤher zu erklaͤren;“„— erwiederte der Raͤthſel⸗ hafte.—„Ich bin Almanſor, jener reiſende Phyſiker, mit welchem Ihr einſt in Spanien zuſammen kamt, als ich dieſes Land bereiſte, um es auszukundſchaften.““— „So biſt Du denn ein Spion! rief ich, und wollte von Neuem auf ihn loshauen; mit be⸗ rechneter Ruhe fing er aber meinen Arm, und ver⸗ ſetzte:„„Habt Ihr nicht ſchon mehrere Proben von meiner Erfahrung in den Geheimniſſen der Chemie geſehen? Wie ich dieſes kleine Glasroͤhrchen zer— druͤcke, das ich hier in meiner Hand halte, ſo ſin— ket Ihr todt zu meinen Fuͤßen. Ihr ſeyd noch jung, Fernando, unbekannt in der Welt werdet vo ich dieſe kann? 0 dt?44— em Geſichte Augen ver⸗ iheiten well 1— ſchrie — ſo iſ nem Schloſſe t dezu, mich der Räthſe⸗ ener reiſende Spanien bereiſte, um ef ich, und n; mit be⸗ im, und ve Proben von b der Chemie oͤhrchen zer alte, ſo ſi t ſehd nag Welt netde 163 aber bald Erfahrung lernen, auch wird eine Zeit kommen, wo Ihr mich fuͤr Euern maͤchtigſten Freund erkennen werdet. Vernehmt denn, daß ich auch noch andere Geheimniſſe außer denen der Chemie bewahre.— Komm mit mir auf das Feld hinaus, Muſtapha, ſo ſollſt Du eine Perſon ſehen, deren Anblick Dich ungemein erfreuen wird.““— „Vergeßt nicht, erwiederte ich, daß ich hier als Diener meines Landes vor Euch ſtehe und daß jeder dem Widerſtande meines Armes zu be— gegnen hat, der ſich dieſen Wällen in feindlichen Abſichten nahen ſollte.“ „Nicht wenig erſtaunt uͤber die Kenntniſſe die⸗ ſes ſeltſamen Menſchen, nahm ich endlich Abſchied von Muſtapha, und ſtieg wieder auf den Wall hinauf, wo ich Franzisko noch in tiefer Ohn⸗ macht liegen ſah, und ihm der naͤchſten Wache uͤbergeben mußte. Nur mit vieler Muͤhe gelang es mir endlich, Zaiden die Freiheit auszuwirken, worauf ſie denn, waͤhrend des Waffenſtillſtandes unter Begleitung nach Tetuan gebracht wurde. Mit einem Male wagten die Mauren aber einen Generakſturm auf die Feſtung, von dem wir uns den guͤnſtigſten Ausgang fuͤr unſern Theil verſpra⸗ chen, da unſere Beſatzung aus den muthvollſten Leuten beſtand. Auch erfuhren wir durch unſere 11* 164 Spione den Tag, an dem der Anfall ſtatt finden ſollte;— wie natuͤrlich ſetzten wir uns daher in Bereitſchaft, ſie mit allem Nachdrucke zu empfan— gen.“ „Kaum brach der Morgen heran, ſo begannen die Mauren mit einem Feuer aus drei Batterien, welches aber ſo mangelhaft war, daß uns dadurch nur ſehr wenig Schaden zugefuͤgt wurde. Augen⸗ blicklich erſcholl jetzt laͤngs den Waͤllen kriegeriſche Muſik, flatternde Fahnen erhoben ſich in die Luft, die Trommeln riefen zu den Waffen. Sogleich war die ganze Stadt in Verwirrung, die Kranken, Weiber und Kinder heulten ein furchtbares Angſt⸗ geſchrei, und muͤhten ſich an Orten Schutz zu ſuchen, die ſie auch nicht im Geringſten ſchuͤtzen konnten. Bald wurde der Tumult aber immer allgemeiner, das Getoͤſe der Waffen, das Klirren der Schwerter, Kanonendonner und Musketenblitze von allen Seiten begeiſterten jeden Soldaten mit Heldenmuth, und erſtickten auch das letzte Fuͤnkchen von Mitleid und Menſchlichkeit.“ „Ein verwirrter, wuͤthender Haufe draͤngte ſich an den Waͤllen zum Sturme heran, als ob ſie gleicham wie die wilden Thiere der Wuͤſte den Tod in den Rachen laufen wollten. Reihenweiſe wurden ſie aber in den Graben hinabgeſchleudert, ſtatt finden s daher in zu empfan⸗ begannen Batterien, ns dadurch e. Augen⸗ kriegeriſche die Luft, Sogleich t Kranken, ares Angſi Schutz zu en ſchuͤtzen aber immer das Klirren usketenblibe oldaten mit e Fünkchen fe draͤngie als ob ſie Wüſſte da Rihenweſt geſglada der voll vom Menſchenblut war. Wo nur immer eine Sturmleiter angeſetzt und von erzuͤrnten tollkuͤh⸗ nen Mauren beſtiegen wurde, lagen ſie auch ſchon zerſchmettert uͤber die Felſen hinabgeſtuͤrzt; trotz dem fuhren ſie aber deſto unbaͤndiger zu ſtuͤrmen fort.“ „Auf dem Poſten, wohin ich kommandirt war, wagten es einige verwegene Kerls ſogar, ſich am Rande des Walles feſtzuhalten, denen ein gedraͤng— ter Haufe wie ein Bienenſchwarm nachfolgte. Durch dieſen den Mauren gelungenen Streich wichen un— ſere Soldaten zuruͤck, worauf ſie denn mit lautem Siegesgeſchrei und einer Kuͤhnheit, welche alle Maͤßigung und Erfahrenheit nubzlos machte, vor⸗ waͤrts drangen.“ „Wie zum Gluͤck der Unſrigen eilte aber gera⸗ de der Gouverneur der Stadt in dem Augenblicke herbei, als das ungluͤckliche Schickſal der Garniſon an einem einzigen Haare nur mehr zu ſchweben ſchien. Er war von einer Truppe erfahrener Krie⸗ ger begleitet, die fuͤr den aͤußerſten Nothfall auf⸗ geſpart wurden; auch ich ſammelte meine in Un— ordnung gebrachten Leute mit der groͤßten Schnel⸗ ligkeit wieder, wodurch wir denn ploͤtzlich mit un— widerſtehlicher Kraft und ſo guter Ordnung vor' waͤrts drangen, als waͤren wir zur Parade ge⸗ zogen.“ 166 „Mit Blitzesſchnelle brachten unſere Kanoniers einen achtzehnpfuͤnder herbei, den ſie auf den ſtuͤr⸗ menden Haufen abſchoſſen, und dadurch alles in Verwirrung ſetzten. Feſt ſchloſſen ſich unſere Leute jetzt an einander, bildeten mit ihren Picken und Bajonneten eine undurchdringliche Linie, und in Kurzem brach ſich die Wuth der Feinde, die wie eine Schaafheerde uͤber die Waͤlle hinabgetrieben wurden. Mit aller Eile ſetzten wir ihnen nach, und hatten ſie bald ſo ſehr in die Enge getrieben, daß es ihnen zu entkommen faſt unmoͤglich war.“ „Laͤngſt war Mohammeds Fahne in Blut getaucht, waͤhrend Haufen von elenden und erbaͤrmlichen Leu— ten die Laufgraͤben fuͤllten. Hingeriſſen von der Hitze des Sieges fielen wir den Nachtrapp gierig an, und verfolgten ihn, bis wir endlich im freien Felde auf einen Haufen Mauren ſtießen, die ſich ſogleich in Ordnung ſetzten, und mit brennender Rachgier auf uns losſtuͤrzten.“ „Noch war ich nicht entſchloſſen, ob ich zuruͤck⸗ kehren, oder ſo lange fechten ſollte, bis die Be— ſatzung einen neuen Ausfall machen wuͤrde, als ei⸗ ner der Barbaren auf einem wunderſchoͤnen Renner mit geſchwungenem Speer auf mich losſtuͤrzte, um mich nieder zu bohren. Mit gluͤcklichem Saͤbelhieb ſpaltete ich den Speer aber in zwei Theile, worauf der Ste aus und unt de Kanoniers den ſiuͤr⸗ h alles in iſere Leute icken und , und in , die wie bgetrieben nen nach, getrieben, lich war.“ t getaucht, lichen Leu⸗ von der pp gierig im freien „ die ſch grennender ich zuruͤck die Be⸗ Zaͤbelhieh , worauf 167 der kuͤhne Maure in Verfehlung ſeines gewaltigen Stoßes zur Erde taumelte. Augenblicklich riß ich ihn aus dem Sattel, ſchwang mich auf das Pferd, und rief meinen braven Soldaten, die mich thaͤtig unterſtuͤtzten, unaufgehalten vorwaͤrts zu dringen.“ „Neue Truppen kamen uns endlich aus der Feſtung zu Huͤlfe, und ſogleich begann ein langes blutiges Gefecht mit abwechſelndem Gluͤcke und ſchrecklichem Blutbade von beiden Seiten. Ohne etwas zu ahnen, ſah ich mich jetzt aber auf ein Mal von meinen Leuten getrennt, ehe ich noch die Ge⸗ fahr erkannte, in der ich ſchwebte. Dichte Fein⸗ deshaufen befanden ſich ploͤtzlich hinter meinem Ruͤk⸗ ken, die mir den Ruͤckzug wehrten. Feſt faßte ich daher den Zuͤgel des Pferdes in die Linke und ſchlug mit Blitzesſchnelle nach allen Seiten wie ra⸗ ſend um mich, daß mein Schwert gleich der To⸗ desſenſe allenthalben paniſchen Schrecken verbrei⸗ tete, wohin es traf. Mehrere der Feinde ſchoſſen zwar ihre Gewehre hinter mir ab, außer einer leichten Verwundung auf der linken Schulder ent⸗ kam ich aber ohne alle Verletzung, und fand mich endlich durch den pfeilſchnellen Lauf meines Pfer⸗ des bald auf freiem Felde, faſt ganz außer dem Geſichtskreiſe des Fortes von Ceuta.“ „Fuͤrchterlich wuͤthete die Schlacht noch hinter 168 mir, und dichte Staub⸗und Nauchwolken verhuͤll⸗ ten die Streitenden, als ich inne hielt, dieſe ſchreck⸗ liche Scene menſchlicher Raſerei zu betrachten. Das Feuer des großen Geſchuͤtzes erſchien wie das Leuch⸗ ten der Blitze aus ſchweren, ſchwefelvollen Wol⸗ ken, waͤhrend der Wiederhall der Musketenſchuͤſſe dem Gebruͤlle des Donners glich.“ „Mit einem Male begannen die Mauren jetzt das Weite zu ſuchen. In der Furcht von einem ihrer Haufen erreicht zu werden, wendete ich mei⸗ nen Renner daher, und floh mit unnennbarer Schnelle uͤber ſandige Flaͤchen, bis ich endlich von Hitze, Durſt und Anſtrengung voͤllig erſchoͤpft an den Ufern eines kleinen Stromes Halt machte. Gleich dem gejagten Hirſche, der den ſchnellen Hunden entging, lauſchte ich hier, konnte aber weder den Laut eines herannahenden Tumultes vernehmen, noch ſonſt etwas Verdaͤchtiges auf der weiten Ebene erkennen.“ „Die ganze Natur lag in ſchweigende Stille eingelullt um mich her, ſanft und eben wie ein Spiegel glitt der Strom uͤber ſein ſandiges Beet, deſſen Geſtade weder Blumen noch Stauden ſchmuͤck⸗ ten, die ihre Nahrung aus ſeinem Gewaͤſſer zo⸗ gen. Nach ſo vielen Muͤhſeligkeiten endlich die Geligke an dem in den hadete.. „L ſchien oöͤlkten end h jett uͤt aber k hen, tzeen k „ ſiine! als m welche dem verga nehm, ges i „ ausd Adun bewu die en verhuͤll jeſe ſchreck⸗ hten. Das das Leuch⸗ llen Wol⸗ ketenſchuͤſſe uren jetzt oon einem Hich mei⸗ nennbarer ndlich von choͤpft an machte. ſchnellen te aber Tumultes auf der de Stille wie ein 3 Beet, ſchmuͤck⸗ ſſer zo⸗ dlich die 169 Seligkeit der Ruhe zu genießen, legte ich mich an dem Ufer nieder, waͤhrend ſich mein Renner in den klaren Wellen mit ſichtbarem Wohlbehagen badete.“ „Laͤngſt war der Mittag voruͤber, die Natur ſchien unter den gluͤhenden Strahlen der unum— woͤlkten Sonne gleichſam zu ſchmelzen, durchdrin⸗ gend heiß war die Luft, kein Genuß ging daher jetzt uͤber Abkuͤhlung und Ruhe. Leider! war hier aber kein Schatten noch ſonſt ein Platz zu erſpaͤ— hen, der mich vor den brennenden Strahlen ſchuͤ⸗ tzen konnte.“ „Gewiß haben manchem reichen Schlemmer ſeine herrlichſten Weine noch nicht beſſer geſchmeckt, als mir jetzt in meiner Lage, das helle Waſſer, welches mich bald ſo ſehr erquickte, daß ich neben dem wohlthaͤtigen Strome ſogar die Gefahren vergaß, welche mich umgaben, und in die ange⸗ nehmſten Traͤumereien uͤber das Bild verſank, wel⸗ ches ich noch immer auf meiner Bruſt trug.“ „Mit einem Male weckte mich mein Pferd aus dieſen Gedanken, da es ſich baͤumte und un⸗ geduldig auf den Boden ſcharrte. Mit Staunen bewunderte ich den Inſtinkt des Thieres, welches die Abnahme des Tages ohne Zweifel merken, und 170 die Weite des Weges von hier bis zu einem ſichern Ruheort kennen mochte.“ „Augenblicklich ſtand ich auf, ſchwang mich in den Sattel und ſuchte das Thier zum Ruͤckwe⸗ ge auf der Richtung zu zwingen, von wo ich ge— kommen war; da es aber wahrſcheinlich den Weg nach dem Innern des Landes und ſeiner gewohn⸗ ten Weiden kannte, ſo widerſetzte es ſich meiner Leitung, ſprang mit mir in den Strom und ſetzte an das jenſeitige Ufer, von wo es, ohne dem Zuͤgel auch nur die geringſte Folge zu leiſten, in unausgeſetztem Gallopp vorwaͤrts eilte.“— „Voͤllig unmoͤglich war es mir, in den ſandi⸗ gen, unfruchtbaren Feldern das Pferd zu verlaſ⸗ ſen, da ich auf dieſer Wanderung ohne ihm weit fruͤher zu Grunde gegangen waͤre, als bis ich ei— ne Menſchenwohnung gefunden haͤtte. Das Pferd eilte auch mit raſtloſer Schnelligkeit fort, bis die Sonne endlich hinter dieſem Sandmeere verſchwand. Nicht ohne Grund fuͤrchtete ich jetzt, daß Tieger und Hyaͤnen, welche dieſe Wuͤſte ſo unſicher ma— chen, unſere Spur wittern koͤnnten, obendrein ſetzte mir der Hunger auch noch gewaltig zu, waͤh⸗ rend alle Schrecken der fuͤrchterlichen Einſamkeit in mir erwachten, und meine Phantaſie mit den ſchrec auch dem her l lage. inem ſichern hwang mich um Nuͤckwe⸗ wo ich ge⸗ ich den Weg ner gewohn⸗ ſich meiner m und ſehte ohne dem leiſten, in —„— den ſandi⸗ d zu verlaſ⸗ ee ihm weit bis ich ei⸗ Das Pferd ort, bis die ) verſchwand. daß Tieger unſicher ma— obendrein ig zu⸗ waͤh⸗ Einſamkei aſie mit den 171 ſchrecklichſten Einbildungen erfuͤllten. Ich d nich ne geringſte Kenntniß des Le h 1 mich befand; fuͤrchterlich ſchauderte ich d her bei dem Gedanken an meine er⸗chenevole Lage. 7— Achtes Kapitel. Afrikas Sandwuͤſten,— das ſonderbare Schloß,— der Geſang,— der Trunkenbold,— Wanderung nach dem Harem,— die Ueberraſchung— und der Schre⸗ cken.— „Waͤhrend ich noch den Einbildungen meines ver⸗ zweifelnden Gemuͤthes nachhing, bemerkte ich end⸗ lich in einiger Entfernung einen dunklen Gegen— ſtand, der den ſchwachen Hoffnungsſtrahl, einer menſchlichen Wohnung nahe zu ſeyn, in mir er— weckte. Der Mond war noch nicht aufgegangen, die weite unabſehbare Wuͤſte rings umher in un— wegſame Dunkelheit verhuͤllt, welche mit dem fin— ſtern Blau des ſternenbeſaͤeten Firmaments un— merklich zuſammenfloß, und die Geſtirne mit ei— nem Glanz leuchten machte, der uns Europaͤern gaͤnzlich unbekannt iſt, uͤbrigens aber in dieſen gluͤhend heißen Regionen, wo jede Feuchtigkeit in der Sonnenhitze des Tages verduͤnſtet, dazu dient, genſtar eines werken welche Thurr ſoß rund mir berw der, luͤftc Soſ 1. Schloß,— der zanderung nach und der Schre⸗ meines ver⸗ erkte ich end nklen Gegen⸗ trahl, einer in mir er⸗ aufgegangen, mher in un⸗ mit dem fin⸗ namen tirne mi zEuropäern er in dieſen uchtigktit in dient, nts un⸗ t ei⸗ dazl 173 die Nacht weit angenehmer zu machen, und ſie der Nothwendigkeit des milden Mondlichtes zu entheben.“ „Erſt als ich jenem dunklen, geſtaltloſen Ge⸗ genſtande etwas naͤher kam, gewahrte ich die Form eines regulaͤren Gebaͤudes. In Mauern und Vor⸗ werken bildete ſich die verwirrte Maſſe jetzt aus, welche auf jeder Ecke mit einem quadratfoͤrmigen Thurme verſehen war. Ein kryſtallheller Strom floß uͤber ein Beet von Goldkies, welches ſich rund um die Mauern des Gebaͤudes ſchlang, das mir auf dieſer menſchenleeren Einoͤde wie ein Zau⸗ berwerk erſchien, waͤhrend mich ein durchdringen⸗ der Wohlgeruch, der ſelbſt durch die kuͤhlen Nacht— luͤftchen nichts von ſeiner Staͤrke verlor, von der Koſtbarkeit der hier angeſetzten Gewächſe uͤber⸗ zeugte.“ „Unwillig uͤber mein ploͤtzliches Anhalten und zoͤgernd behutſamer Vorſicht, mit der ich diesſeits des Stromes verweilte, ſcharrte mein Renner von neuem am Boden, waͤhrend ich mir in einem ſolchen Schloſſe, wo ſich Verdacht und Mißtrauen nebſt dem Hange zum Vergnuͤgen vereinigt hat⸗ ten, um ſich einen Zufluchtsplatz zu errichten, ge⸗ rade nicht die beſte Aufnahme verſprach.“— —— — ⏑⏑Q,O————— 174 „Erſt nach bedeutendem Innehalten zog ich naͤher an das Schloß heran, aus welchem weder ein einziger Lichtſtrahl nach dem ſchauerlichen Dun— kel ſchimmerte, noch ſonſt der Ton eines lebenden Weſens gehoͤrt wurde. Laͤngs des Gebaͤudes trabte ich mit meinem, Pferde dahin, ohne ein Thor zu bemerken, und ward faſt zu glauben verſucht, daß irgend ein Rieſe oder Schwarzkuͤnſtler Herr dieſes Schloſſes ſey.“ „Mit einem Male erhob der feierliche Mond jetzt ſeine ſilberne Sichel unter den Sternen, als ich mich eben wieder den Schwingen meiner Ein⸗ bildungskraft uͤberließ. In unnennbarer Furcht blickte ich gegen die weit verbreitete Flaͤche un⸗ fruchtbaren Sandes, wo alles Finſterniß, Gefahr und Ungewißheit war, und wendete mich endlich gegen die Fronte des Gebaͤudes, dieſem Bewun— derung erweckenden, gewaltigen Werke menſchli⸗ chen Fleißes, aus dem plötzlich muſikaliſche Toͤne durch die Stille der Nacht an mein Ohr ſchlugen. Mit einem Male verſtummten die Toͤne aber wie⸗ der, die als unregelmaͤßige Accorde gleichſam das Vorſpiel eines Liedes auszumachen ſchienen.“ „Vorſichtig nahte ich mich jetzt jener Seite des Thurms, von wo aus ich die Toͤne vernahm, und unterſchied beim hellen Mondlichte, durch ein alten zog ich velchem weder gerlichen Dun⸗ eines lebenden ebaͤudes trabte dne ein Thor uben verſucht, kuͤnſtler Herr erliche Mond Sternen, als meiner Ein⸗ barer Furcht Flaͤche un⸗ niß, Gefohr mich endlich ſem Bewun⸗ erke menſchli⸗ kaliſche Toͤne he ſchlugen. ne aber wie⸗ leichſam das enen. t jener Seite ne vernahm, ein , durch 175 ſchmales, nicht mit Glas verſehenes Fenſter die ſchwachen Umriſſe einer menſchlichen Geſtalt. Lei⸗ der! war es aber nicht hell genug, um etwas Be⸗ ſtimmtes wahrnehmen zu koͤnnen. Ploͤtzlich begann der Geſang von Neuem, und nur mit aller An⸗ ſtrengung konnte ich ein Lied erhorchen, das mir aus dem Munde eines Gefangenen zu kommen ſchien, da deſſen Inhalt gluͤhende Sehnſucht nach der Freiheit dieſes Lebens war.“ „Beinahe eine Stunde wartete ich nach En⸗ digung des Geſanges in der ſuͤßen Hoffnung, daß ſich die Perſon wieder ſehen laſſen wuͤrde; da ich mich in meiner Erwartung aber leider! getaͤuſcht ſah, ſo fuhr ich endlich mit meinen Nachforſchun⸗ gen um das Schloß herum fort. Endlich entdeck— te ich auf der entgegengeſetzten Seite des Fluſ⸗ ſes, der einen ſchmalen Waſſergraben um das gan⸗ ze Gebaͤude bildete, eine Zugbruͤcke, die zu meinem Verdruß aber aufgezogen war. Ueber verſchiedene Entwuͤrfe nachſinnend ſtand ich am Rande des Stromes, als mein Renner ploͤtzlich alle Geduld verlor, einen raſchen Satz in den Fluß machte, mit mir an das jenſeitige Ufer ſchwamm, und mich in den aͤußern Schloßhof brachte. Rund umher⸗ blickend machte ich hier eine abermalige Pauſe, noch immer ließ ſich aber kein lebendes Weſen ſe⸗ 176 hen, da alle Einwohner wie im tiefen Schlafe begraben ſchienen.“ „Endlich ſtieg ich ab, und ſchritt, den Zaum uͤber den Arm geſchlungen, vorwaͤrts, waͤhrend ich uͤber die Sorgloſigkeit der Bewachung ſtaunte, die mit der Staͤrke des Gebaͤudes auffallend kontra— ſtirte. Von keinem andern Lichte als dem Ster— nengeflimmer geleitet, kam ich jetzt nach dem innern Hofe, wo ich es nach den Bewohnern zu rufen wagte; leider! aber keine Antwort, als den hoh— len Widerhall meiner eigenen Worte erhielt. Muthvoll ging ich endlich an das Thor, das ich feſt verſchloſſen fand, und ſchlug einige Mal mit meinen Schwerte daran, ſtaunte aber nicht wenig, daß ſich auch auf eine ſolche Aufforderung noch nie— mand ſehen ließ.“— „Selbſt mein Renner ſcharrte und wieherte jetzt ohne Erfolg, waͤhrend es, nach dem Monde zu urtheilen, wenigſtens Mitternacht ſeyn mußte.— Nichts war daher zu thun, als das Aeußerſte zu wagen. Ich verließ das Thor und ging durch den ganzen Hof, in dem ſich auch an dem gewoͤhnlichen Theil des Erdgeſchoſſes kein einziges Fenſter be— fand, durch das ich in das Innere des Gebaͤudes haͤtte ſteigen koͤnnen. So wie es ſchien, lief an den obern Fenſtern eine Gallerie rund herum, wo efen Schlafe , den Jaum waͤhrend ich ſtaunte, die llend kontra⸗ dem Ster⸗ dem innern en zu rufen ls den hoh⸗ eete erhielt. dor, das ich ge Mal mit nicht wenig⸗ g noch nit⸗ nd wieherte Monde zu n mußte.— Auaußerſe zu a durch den evoͤnlihen ginſter be⸗ 3 Gebaͤudes jen, lief an herum⸗ wo 177 der Adel unter Baldachinen und Netzwerken in kriegeriſchen Zeiten oder an Feſttagen wahrſcheinlich ſaß, um auf die Schauſpiele im Hofe herabzuſehen.“ „Lange ſtand ich vor dieſem Balkone, ohne die Moͤglichkeit einzuſehen, auf welche Art ich ihn er⸗ klettern koͤnnte. Mit einem Male hoffte ich es aber durch den Beiſtand meines wunderſchoͤnen Pferdes bewerkſtelligen zu koͤnnen. Eiligſt fuͤhrte ich es daher an den hoͤchſten Ort des Hofes und kam von deſſen Ruͤcken endlich mit nicht wenig Muͤhe an den erſehnten Ort.“ „Wenige Schritte brachten mich an eine kleine Thuͤre, welche ich offen fand. Nach kurzem Be⸗ ſinnen wagte ich mich hinein, und durchſchlich meh⸗ rere Gemaͤcher, waͤhrend ich alle Augenblicke inne hielt, um zu horchen, ob ſich Niemand nahte; noch immer aber blieb alles in tiefer Stille.“— „Nichts ſchien mir daher gewiſſer, als daß ich in eine Raͤuberburg gerathen ſey, deren Eigenthuͤ⸗ mer entweder auf Beute ausgegangen waͤren, oder daß Mord und Verrath von Innen auf mich lau⸗ erten, denn noch immer war nicht der leiſeſte Ton aus dem ſchwachen Laut meiner eigenen Tritte zu hoͤren.“ „Ein Zimmer nach dem andern durchging ich, die ſich wie ein Labyrinth aneinander reihten, II Theil. 12 178 leider! ließ mich die Finſterniß aber auch nicht das Geringſte vor der Dekorirung oder Einrichtung derſelben unterſcheiden. Mit einem Male konnte eich endlich ein daͤmmerndes Licht in weiter Entfer⸗ nung wahrnehmen, und mit außerſter Vorſicht ſchlich ich darauf zu, da ich nicht wußte, welchen Empfang ich erwarten durfte. Kaum hatte ich mich aber bis auf eine gewiſſe Entfernung genaͤhert, ſo vernahm ich deutlich menſchliche Laute, die mir wie wiederholte Seufzer vorkamen. Dadurch nicht we⸗ nig verſchuͤchtert ſtand ich noch unentſchloſſen, ob ich es wagen ſollte, weiter zu ſchreiten, als ich eine zweite Perſon in ein ſo heftiges Gelaͤchter aus⸗ brechen hoͤrte, daß ich ungemein uͤberraſcht wurde. Mit gezogenem Saͤbel ſchlich ich endlich bis an die Thuͤr, die kaum zwei Zoll breit offen ſtand, wo⸗ durch ein ſtark glaͤnzendes Licht herausſiel.¹ „Zitternd wagte ich es durch dieſe Oeffnung zu ſehen, und erblickte einen mit dem ganzen Reich⸗ thume orientaliſcher Prachtliebe gezierten großen Saal, deſſen Decke von vergoldetem Taͤfelwerk ſchim⸗ merte, waͤhrend an der gegenuͤber geſetzten Wand das wohlrichende Waſſer eines Springbrunnens durch die Luft rauſchte. Ein reicher Teppich beklei⸗ dete den Fußboden, und rund an den Waͤnden la⸗ er auch nickt er Einrichtung Male konnte weiter Entfer⸗ rſter Vorſccht ußte, welchen hatte ich mich genaͤhert, ſo „die mir wie urch nicht we⸗ Gelaͤchter aus⸗ rraſcht wurde. ch bis an die 0⸗ n ſtand, wo sfiel. dieſe Heffnung , anzen Reich ierten großen ffe elwerk ſchic: zten 2 Wand etzt reingtrannes ich bek klei ſeſe Lnis n Wi aͤnden la⸗ 179 gen carmoiſinfarbene mit goldenen Franſen beſetzte ſeidene Polſter.“— „Obſchon ſich meine Augen mit Vergnuͤgen an dem herrlichen Anblick des Ganzen geweidet haͤtten, ſo erlaubte mir meine Lage doch keine Be⸗ trachtungen, da zwei Menſchen, die ich ihrer Klei⸗ dung nach augenblicklich fuͤr Sclaven erkannte, meine ganze Aufmerkſamkeit auf ſich zogen“— „Einer davon lag ſchwer ſeufzend auf dem Boden, welches das einzige Merkmal war, woraus ich abnehnemen konnte, daß er noch am Leben ſey, waͤhrend der andere mit einer Weinſchale auf ihm oben ſtand, ſeinen gelben Turban freudig um⸗ herſchwang und unter hellſchallendem Gelaͤchter mit ſchwerer Zunge die Worte:„„Langes Leben, Ben⸗ ridden dem Großen, Ueberwinder des maͤchtigen Habil, Herr von Hareme des großen Baſſa, und Oberaufſeher des Haufes, der zugleich groß bei Tiſche und unuͤberwindlich beim Becher ſich um Niemanden bekuͤmmert, und jedem Trotz bietet!“— hervorſtotterte.“ „Kaum hatte er geendet, ſo trafen ſeine Augen, die er im Zimmer herum gleiten ließ, als ob er die Huldigung von Untergebenen aufnehmen wollte, auf meine Geſtalt, da ich bei dem ſonderbaren An⸗ blick unwillkuͤrlich vorwaͤrts getreten war. Entwe⸗ 12* 180 der durch meine fremdartige Kleidung erſchreckt, oder von der Trunkenheit uͤberwaͤltiget, blieb er mit dem einen Fuß auf ſeinem Mitſclaven wie an— geheftet ſtehen, ohne daß er faͤhig geweſen waͤre, ſich aus ſeiner Lage zu reißen, waͤhrend ihm die Schaale in der Hand erbebte.“ „Obgleich ich jetzt aus ſeinem Schrecken den groͤßten Nutzen ziehen konnte, ſo wagte ich es doch nicht, ihn mit Gewalt anzufallen, da ich jene, welche vielleicht in der Naͤhe ſchliefen, dadurch erwecken konnte. Schuͤchtern trat ich daher naͤher und ſagte, daß er nichts ven mir zu fuͤrchten habe.“ „„Kommt Ihr auf des Baſſa's Befehl?“— fragte er endlich nach einigen verwirrten Reden mit ſchwerer Zunge.“ „Koͤnnt Ihr wohl glauben, daß ich es ohne einen ſolchen wagen wuͤrde?— erwiederte ich, da ich muthmaßte, daß der Herr des Schloſſes ab⸗ weſend ſey. Kommt! maͤchtiger Benridden! ich ſehe, daß Ihr Euch ſelbſt ganz herrlich bewir⸗ then koͤnnet, zeiget nun auch Eure Gaſtfreundſchaft an andern, und beweiſet, daß Ihr das Amt eines Haushofmeiſters zu verwalten verſteht.“ „„Mohammed iſt mein Zeuge,““— verſetzte er nach einen mit Fleiſchwerk, Fruͤchten und Wein beſetzten Tiſche wankend,—„„daß Ihr mir, wer ng erſchreckt, get, blieb er laven wie an⸗ zeweſen waͤre/ rend ihm die Schrecken den te ich es doch h jene, welche durch erwecken her und ſagte, abe.“ Sefehl! Reden mit 764— ten ich es ohne erwiedette ü9 Schloſes 1 Henridden! errlich bewir⸗ zaſfrandeüeſ dns Amt dine T 181 2. Ihr auch immer ſeyn moͤgt, recht herzlich willkom⸗ men ſeyd.— Kommt Ihr uͤbrigens auf Befehl des Baſſa's, ſo ſeht Ihr doch gleich, wie ich's zu halten pflege, da ich Nuͤchternheit und Ordnung liebe!“ 5 „Laͤchelnd uͤber tauſend Ungereimtheiten, die er noch vorbrachte, ſetzte ich mich ohne Umſtaͤnde auf einen Polſter, und langte gierig nach den Eßwaaren, die vor mir ſtanden, um meinen bedeu⸗ tenden Hunger zu ſtillen, waͤhrend mir Benrid⸗ den, der zu voll war, um an die Folgen zu den⸗ ken, ſeine Schaale vorhielt.“ „„Seht!““— ſagte er,—„„das iſt's, was ich liebe!““— und ſchlug ein unmaͤßiges Gelaͤchter auf.“ „„Ha, ha, ha! das lob' ich mir, Ihr trinkt doch wie ein Mann!““— ſchrie er endlich, als ich ſie geleert hatte.„„Was aber das Vieh hier, den Habil, betrifft, ſo kann er mit dem Trinken auch gar nicht fort, und doch haſſe ich das Allein⸗ trinken wie ein naſſer Bruder!““— „Vermuthlich ſeyd Ihr der Herr dieſes Schloſ⸗ ſes, ſobald der Baſſa abweſend iſt?— fragte ich als ich, meinen Hunger endlich geſtillt hatte.“ „„So iſt's!“⸗— verſetzte er.„„Ver⸗ nehmt denn, daß ich der erſte Verſchnittene des 182 Harems und Aufſeher aller Sclaven bin. Nach allem, was ich weiß, begreife ich aber nicht, wie Ihr da hereingekommen ſeyd, woferne Ihr nicht uͤber das Dach geworfen wurdet!““— woruͤber er denn von neuem ganz gewaltig lachte.“ „Hoͤrt! Freund Benridden!— begann ich nach einer kleinen Pauſe,— ungemein ange— nehm wuͤrde es mir ſeyn, zu ſehen, welchen Ge— ſchmack der Baſſa in der Wahl ſeines Harems be⸗ ſitzt, da der Aufſeher, wie ich ſehe, ſehr wohl ge— waͤhlt iſt.“ „„Beim Mohammed! da habt Ihr Recht,““ — verſetzte er,—„„trotz dem glaube ich aber doch nicht, daß Euch der Baſſa deßwegen hieher⸗ ſchickte.““— „Keines!— erwiederte ich. Geſchah es Euch denn noch nie, daß Ihr auf Befehl ei⸗ nes Andern wohin gingt, dabei aber Eure eigenen Abſichten ausfuͤhrtet? Kommt! kommt! Freund Benridden, Herr des Harems und Gebieter der Sclaven! Macht uns doch der Wein alle zu Freunden und Vertrauten, auch koͤnnet Ihr auf mich zaͤhlen, daß ich Euer Geheimniß bewahre.“ „„Spart Euch den Gang fuͤr die Zukunft,““— erwiederte er mit Schmunzeln.—„„Sagt mir lie⸗ ber, wenn der Baſſa zuruͤck zu kehren gedenkt?““ bin. Nach er nicht, wie ne Ihr nicht — woruͤber te.“ — begann gemein ange⸗ welchen Ge⸗ Harems be⸗ thr wohl ge⸗ hr Recht, 71ℳ nube ich aber vegen hieher⸗ Geſchah ds fWeſil Eure eigenen mt! Fteund und Gebieter Wein alle zu det Ihr auf 4 hewahre· 464— akunſt, „„ lies 3 mir li Sagt 29 gedent 7 183 „Das moͤgt Ihr nach Eurem eigenen Gutduͤn⸗ ken errathen, antwortete ich.“ „„und vermuthlich auch die Zufaͤlle einer Schlacht;““— fuhr er fort, waͤhrend er eine Portion Wein ausſtuͤrzte, wovon die Haͤlfte auf den Tiſch hinab rann.“ „„Meinetwegen! Hier iſt ſeine Geſundheit, dort ſein Leben oder Tod; die Chriſtenhunde ſind Euch aber auch verdammt zaͤh, und machen ein ziemlich langes Spiel daraus.““ „Wie natuͤrlich errieth ich aus Benriddens Worten, daß ſich der Baſſa bei der Belagerung von Ceuta befinden muͤſſe, wodurch ich die ſchoͤnſte Hoffnung hegte, daß er ſo bald nicht zuruͤckkommen duͤrfte. In der Abſicht, ſo viel als moͤglich von ſeinen haͤuslichen Verhaͤltniſſen zu erfahren, hielt ich dem Weine ſo viele Lobreden, daß ſich Ben⸗ ridden in kurzer Zeit in nicht viel beſſerem Zu⸗ ſtande als ſein Mitſclave befand. Mir blieb kein Zweifel, daß ſich dieſe Beiden auf Rechnung der Abweſenheit ihres Herrn den Saal erleuchtet hatten, um ihrer Eitelkeit und Schwelgerei zu froͤhnen, wodurch es mir nun auch moͤglich war, die Nach⸗ laͤſſigkeit zu deuten, mittelſt welcher ich in das In⸗ nere des Schloſſes dringen konnte.“ „Vertrauend auf des Baſſa's Abweſenheit und begeiſtert durch den Wein, den ich getrunken hatte, ſo wie durch die Sonderbarkeit des Zufalls, ver⸗ achtete ich jede niedrige Bedenklichkeit und beraubte Benridden eines Schluͤſſelbundes, waͤhrend er ruͤcklings auf einem Polſter geſtreckt ganz vernehm⸗ lich ſchnarchte.“ „Sogleich oͤffnete ich eine Thuͤr, welche der⸗ jenigen gegenuͤber ſtand, durch die ich in den Saal kam. Der Eingang war mit hellglänzenden Lampen beleuchtet, und Wohlgeruch duftete mir von allen Seiten entgegen.“ „Es iſt unmoͤglich, daß ich Dir die verſchie⸗ denartige Pracht der Gemaͤcher beſchreibe, durch die ich ging. In jedem derſelben befand ſich ein Springbrunnen von mannigfacher Geſtalt, der durch ſein ſanftes Plaͤtſchern angenehme Kuͤhle verbreitete, waͤhrend jedes dieſer Zimmer durch eine große Lampe vom Mittelpunkte aus erleuchtet wurde. Mit ei⸗ nem Male trat ich aber in ein mit rothſeidenen Tapeten behaͤngtes Zimmer, welches durch wohlrie— chende Fackeln erhellt wurde, die auf großen Leuch— tern in den vier Ecken des Gemaches brannten. Von allen Seiten bemerkte ich die herrlichſten orientaliſchen Gartengewaͤchſe, die einen aromati— ſchen Geruch verbreiteten. Ungeachtet ſo vieler Reizungen aber, die den fluͤchtigen Blick unwillkuͤr⸗ lic fe keit d roſenf Nock Kleid „ unter deß rüha Sch trunken hatte, zufalls, ver— und beraubte waͤhrend er anz vernehm⸗ welche der⸗ in den Saal enden Lampen nir von allen die verſchie⸗ reibe, durch jand ſch ein it, der durch le verbreitete, große kampe de. Mit ei⸗ rothſeidenen urch wohlrie⸗ großen Leuch⸗ es brannten. herrlichſten 4 aromati⸗ ſo vielet ick unwillkuͤ⸗ 185 lich feſthalten wollten, war meine ganze Aufmerkſam⸗ keit doch auf eine Dame gerichtet, die auf einen roſenſarbenen Ruhbette lag und einen durchſichtigen Rock von Purpur trug, unter dem ſich ein anderes Kleid vom feinſten indianiſchen Muſſelin befand.“ „Die bewunderungswuͤrdigſte Geſtalt ſchien unter dem duͤnnen Gewande durchzublicken, in⸗ deß die feine Rundung der unbedeckten Arme ein ruͤhmliches Zeugniß von den Reizen der ſchlafenden Schoͤnen gab. Ich naͤherte mich ſo behutſam als moͤglich, um ihr Geſicht in Augenſchein zu nehmen, welches mit einem leichten Schleier bedeckt war, hob ihn ſachte empor, und ſtand einige Zeit in unbeſchreibliches Entzuͤcken verſunken.“ „Lange wußte ich nicht, ob es Wahrheit oder Taͤuſchung ſey, als ich die reizende Selima, das Original des Portraits erblickte, welches ich ſo lange mit liebender Sorgfalt bei mir getragen hatte. Meine ganze Seele ſog der Liebe Zauber in ſich'; jeder Pulsſchlag goß mir jetzt gleichſam neues Le— ben durch den ganzen Koͤrper. Freudig zitternd nahm ich das Portrait zur Hand, um der erſtau— nenswuͤrdigen Aehnlichkeit nachzuſpuͤren. Wo ſich am Original aber ein Unterſchied zeigte, dort ſchien ihn die Natur zu deſſen Vortheil angebracht zu haben.“ 186 „Alſo deswegen wurde ich durch ſo viele Ge⸗ fahren geleitet? ſagte ich jetzt zu mir ſelbſt, um Dich himmliſch reizendes Geſchoͤpf endlich zu ſehen? Doch, wie finde ich Dich! Als Be⸗ wohnerin des Harems eines nur zu wahrſcheinlich maͤchtigen und eiferſuͤchtigen Tyrannen.— O wie elend bin ich nun, daß ich dieſen auserleſenſten Schatz der Welt nicht eher entdeckte, als bis es mir unmoͤglich wurde, ihn mit Ehre zu beſitzen!“— „Immer lauter ertoͤnte meine Stimme waͤh— rend dieſer Klagen, bis die fremde Dame mit ei⸗ nem ſchwachen Schrei der Ueberraſchung beim An— blick eines Fremden endlich erwachte.“ „Unter tauſend Entſchuldigungen und Betheur⸗ ungen, durch die ich ſie zu beruhigen ſuchte, ſank ich vor ihr unwillkuͤrlich auf die Knie, waͤhrend ein ſanftes Laͤcheln ihr Geſicht erheiterte.“ „„Wie war es moͤglich, Fremdling,““— be— gann ſie endlich mit dem ganzen Schmelz ihrer Silberſtimme,—„„daß Ihr an dieſen Ort gelan⸗ gen konntet. Kennet Ihr aber auch die Gefahr, in der Ihr ſchwebet, wenn der Baſſa ankommen und Euch hier ſinden ſollte? Nur durch ein Wun— der koͤnnet Ihr dann gerettet werden. Das Schick— ſal ſelbſt moͤge daher Eure gluͤckliche Ruͤckkehr ver— hinderr Euch; 6 15 gend, konnen werfet ſagt habt. ſo viele Ge⸗ u mir ſelbſt, pf endlich zu ! Als Be⸗ vahrſcheinlich .— 9 wie auserleſenſten als bis es beſitzen!“— timme wäͤh⸗ Hame mit ei⸗ ng beim An⸗ nd Betheur⸗ ſuchte, ſank te, waͤhrend „,— be⸗ 9/ chmelz ißret mOtt gelan⸗ die Gefahr, ankommen en Wun⸗ ch ein 2d Das Schick⸗ „Ltehr vel⸗ uͤckkehr 187 hindern, wenn Ihr mir nicht ſogleich verſprecht, Euch zu entfernen.““ „Donna,— verſetzte ich, mich tief verbeu⸗ gend, alles haͤttet Ihr ſonſt von mir verlangen koͤnnen, mit Freude wuͤrde ich es vollzogen haben, werfet aber einen Blick auf dieſes Portrait und ſagt mir, ob Ihr das Original jemals gekannt habt.“ „Schon bei dem erſten Blick darauf, rief ſie: „„Großer Mohammed, mein eigenes Bildniß, und doch bin ich meines Wiſſens, nie einem Maler geſeſſen!““— „Vernehmt denn, das ich vor wenigen Mona⸗ ten auf die ſonderbarſte Weiſe zum Beſitze dieſes bezaubernden Bildes kam,— ſagte ich. Mit einer Theilnahme, die ich Euch unmoͤglich beſchrei⸗ ben kann, habe ich das Original aufgeſucht, bis mich endlich eine Reihe der wunderbarſten Aben⸗ theuer in Eure Naͤhe brachte, die Ihr das todte, Gemaͤlde mit ſo vielen himmliſchen Reizen noch unendlich uͤbertrefft!——„„O haltet ein,“— ſchrie ſie jetzt erroͤthend.„„Ueberhaͤufet mich nicht mit ſolch unverdientem Lobe. Obgleich Ihr mich hier vom Glanze umgeben und mit Verſchwen⸗ dung geziert ſeht, ſo bin ich dochs ein armeß elen⸗ des Geſchoͤpf.““. 188 „Iſt es moͤglich, Donna,— ſagte ich,— daß Ihr mitten unter Allem, was die Sinne reizt, die Einbildungskraft bezaubert, und das Le⸗ ben ſchoͤn und herrlich macht, im Beſitze der Gunſt und Liebe des Baſſa ungluͤcklich ſeyn koͤnnet?“— „„Gerade dieſe Liebe iſt das Gift fuͤr meine Seele,““ verſetzte ſie.„„Verhaßt ſind meinem Herzen ſeine Liebkoſungen, waͤhrend mir die Ver⸗ gnuͤgungen, welche mich zum Genuſſe auffordern, ſinnlos und ohne Geſchmack zu ſeyn ſcheinen. Glaubt mir, dort, wo Zwang herrſcht, kann keine wechſelſeitige Zuneigung Statt finden.““ „Liebeathmend blickte ich ihr bei dieſen Wor⸗ ten ins Antlitz, waͤhrend ſich tiefe Seufzer aus meiner Bruſt draͤngten und Selimen ſo verlegen machten, daß ſie ihre Augen erroͤthend zu Boden ſchlug. O gewiß, die Liebe kann ſich durch die Augen allein ſchon verſtaͤndlich machen, und der Ausdruck dieſer Sprache iſt allen Menſchen, ohne Ruͤckſicht auf die Verſchiedenheit ihrer Mundarten, nur zu deutlich. Bald faßte ich aus der Betrach⸗ tung ihrer holden Miene ſo viel Muth, als ich noͤthig hatte, um mit klopfendem Herzen zu erwie— dern: Gewiß ſeyd Ihr, ſchoͤne Donna, noch nicht lange genug innerhalb dieſer Mauern, um das Reizende Eurer Lage gehoͤrig zu empfinden. Viel⸗ leicht feinert Eures der T nur d Yerw in d ſyd n. zut des unte da ſagte ich,— ss die Sinne „und das Le⸗ ſitze der Gunſt koͤnnet?— iſt fuͤr meine t ſind meinem mir die Ver⸗ ſe auffordern, eyn ſcheinen. t, kann keine ℳ 6 dieſen Wor⸗ Seufßzer aus n ſo verlegen dd zu Boden ch durch die en, und der nſchen, ohne r Mundarten, der Betrach⸗ uth, als ich en zu eewie donna, noc jern, um das Piel⸗ nden. Die 189 leicht ſind aber auch Eure Liebesgefuͤhle zu ſehr ver⸗ feinert, um den Gegenſtand derſelben mit Anderen Eures Geſchlechtes zu theilen?“— „„Ihr irret Euch,““— verſetzte ſie in hol⸗ der Verwirrung;„„bis jetzt kannte ich die Liebe nur dem Namen nach, da ich weder Eltern, noch Verwandte oder ſonſt Freunde habe.““ „Wie? waͤre es moͤglich!— rief ich jetzt in der hoͤchſten Aufwallung der Freude. Ihr ſeyd alſo nicht die Geliebte des Baſſa?—— „„Ich bin es nicht und verlange es auch nicht zu werden;““— antwortete ſie mit dem Ausdrucke des tiefſten Abſcheues.„„Lieber moͤchte ich in den unterſten Gewoͤlben dieſes Schloſſes ſchmachten, da ich die eingewurzeltſte Feindſchaft gegen ihn hege.““ „O ſo laſſet uns dann fliehen,— rief ich,— und vertraut auf die Ehre eines Soldaten und Spaniers. Ein ſchoͤner arabiſcher Renner harret meiner im Hofe dieſes Schloſſes, der Baſſa iſt abweſend, auch hat der Tag noch keinen ſeiner Strahlen gezeigt, weit koͤnnen wir daher enttliehen, ohne Verfolgung zu fuͤrchten.“ „„Wohin wollt Ihr mich, die ich Euch bis auf dieſe Stunde gaͤnzlich fremd geweſen bin, nun ploͤtzlich fuͤhren?““ fragte ſie mit bebendem Tone. 190 „„Glaubt Ihr denn wirklich, daß ich Euch ſchon in der erſten Unterredung beiſtimmen ſoll, einen Mann zu verlaſſen, um mit einem andern und noch dazu mit einem Spanier, der ein Feind meines Landes iſt, zu entfliehen? Nein, nein, geht; ich kann es nicht.““ „So wie es ſcheint,— erwiederte ich,— habt Ihr dennoch Achtung fuͤr den Baſſa und fuͤhlt Euch durch ſeine Gunſtbezeugungen und den Banden der Dankbarkeit gefeſſelt, die Euch fruͤher oder ſpaͤter bewegen werden, ſeinen Wuͤnſchen ganz zu willfahren. Laſſet daher dieſes Portrait fuͤr mich ſprechen. Es war mein Begleiter in zahl— loſen Gefahren und hatte wahrſcheinlich geheimen Einfluß auf unſere jetzige wunderbare Begegnung.“ „Eben wollte ſie antworten, als Benrid⸗ dens Geſchrei, der zur Thuͤr herein taumelte, uns empor ſchreckte. Racheſchwoͤrend uͤber den Streich, den ich ihm geſpielt hatte, kam er auf mich zu und ſchrie:„„Da es Euch nicht anſtand, mir zu folgen, als ich Euch rieth, die Frauen allein zu laſſen, ſo moͤget Ihr Euch nun alles Ueble, was daraus hervorgehen wird ſelbſt zuſchreiben.““ „Und was ſoll es nun,— verſetzte ich mit barſchem Tone,— was iſt geſchehen?„„O nichts!““ ſtammelte er—„„ganz und gar nichts, wi ich Euch ſchon en ſoll, einen ndern und noch Feind meines nein, geht; ich jederte ich⸗— en Baſſa und ngen und den ie Euch fruͤher nen Wuͤnſchen dieſes Pottrait gleiter in zahle niich geheimen 1 Begegnung.“ als Benrid' lte, uns taume den Streich, 1 t auf mich zu ir zu nſtand, mir ĩ zuen allein zu 1 was 191 als daß wir geſotten, geroͤſtet, oder gepacken wer⸗ den, und zwar ehe es noch Tag wird. Ich, weil ich mich ſelbſt tractirte, Ihr, weil Ihr es wagtet, hieher zu kommen, und die kleine Selima da, weil ſie an Euch mehr Gefallen fand, als an dem Baſſa, der, um kurz zu reden, ſo eben zuruͤck ge— kommen iſt.““ „„Zuruͤck gekommen?““ ſchrie Selima und erblaßte.“ „Habt Ihr ihn geſehen? Wo iſt er? und was ſprach er? fragte ich, die Hand ans Schwert legend.“ „„Ihn geſehen?““ verſetzte Benridden. „„Dank ſey den Sternen, daß er mich noch nicht geſehen hat. Doch nun gehe ich, mir ſelbſt das Gehirn aus dem Kopfe zu ſchlagen, damit ich ihm die Muͤhe erſpare und will Euch gerathen haben, ein Gleiches zu thun.““ „„O ſprich doch, wer ihn geſehen hat,““— ſagte Selima jetzt, und mit aͤngſtlicher Miene antwortete er:„„Das mag der heilige Prophet wiſſen! So viel iſt aber gewiß, daß ich ſelbſt mit dieſen meinen eigenen Augen ſein milchfarbi— ges Pferd im vordern Hof des Schloſſes ſah.““ „Sein Pferd?— fragte ich erſtaunt,— ſein 192 milchfaͤrbiges Pferd?— O ſeyd ohne Sorgen, gewiß iſt es daſſelbe, welches mich hieher brachte.“ „„Glaubt ja nicht, daß ich ſo ſehr betrunken bin, um die Maͤhre zu glauben, daß er Euch ſein eigenes Leibroß geliehen hat,““— ſchrie Ben— vidden.“ „So wiſſet denn, daß wir jetzt ſo ſicher ſind wie in Abrahams Schooß— begann ich von Neuem mit leichtem Herzen— denn wahrſcheinlich wird der Baſſa die Ruhe dieſes Schloſſes ſobald nicht wieder ſtoͤren.“ „„Mohammed ſey Dank,““— rief Ben⸗ ridden jetzt freudig,—„„dann werden wir doch wenigſtens Zeit finden, alles wieder in Ordnung zu bringen!— Das erſte iſt aber, daß kein lebender Menſch außer dem Baſcha und mir dieſe Zimmer betreten darf!““—— Habt doch einen Au— genblick Geduld, Freund Benridden erwiederte ich,— denn Ihr muͤſſet wiſſen, daß ich in dieſer Dame eine meiner Verwandten fand.“ „„Ey ey,““— murmelte er,—„„das ſind wunderbare Verwandtſchaften! deßwegen aber um nichts beſſer fuͤr den Augenblick.““ „„Geh, geh, theurer Bruder,““ ſprach Selima jetzt zu mir.„„Bei einer ſchicklicheren Gelegenheit ohne Sfetn hieher brachte o ſehr betrunken aß er Euch ſein — ſchrie Ben⸗ t ſo ſicher ſind begann ich bon n wahrſcheinlich Schloſſes ſobald n— rief Ben⸗ verden wir doch in Ordnung zu aß kein lebender dieſe Zimmer doch einen dden erwiederte Au⸗ aß ich in dieſer d 7/6 6 ſind —„n das wegen aber um ſprach Selima eren Gele⸗ ggenhiü 193 will ich Dir Alles erzaͤhlen, was ſich ſeit unſerer Trennung zutrug.““ „Nur mit Widerwillen entfernte ich mich end⸗ lich von Benridden begleitet. Nichts ſchien mir ſicherer, als daß es der Baſſa war, den ich aus dem Sattel geriſſen hatte, worauf er dann vermuthlich in der Schlacht umkam. Nicht genug konnte ich den Umſtand bewundern, daß es gerade das Mißgeſchick meines Nebenbuhlers war, wel⸗ ches mir Mittel an die Hand gab, jene Dame auf⸗ zufinden, die ich ſchon laͤngſt im Geiſte anbetete. Natuͤrlich beſchloß ich daher in jedem Falle auf dem Schloſſe zu bleiben und brachte endlich Benridden durch ein anſehnliches Geſchenk und einige Winke, daß ich ſeine Nachlaͤſſigkeit, mit der er das Schloß verwahrte, im entgegengeſetzten Falle verrathen wuͤrde, ganz auf meine Seite.“ „Bald erfuhr ich von ihm, daß der Baſſa, Selima vor drei Monaten von einem Sclaven⸗ haͤndler zu Algier gekauft habe. Ferner, daß ſie, ihrem Geſchlechte und der Sitte ihres Landes zuwider, bisher allen Anlockungen ihres Herrn wi— derſtanden habe, der umſonſt alle ſeine Ueberredungs⸗ kunſt und Gefaͤlligkeiten an ſie verſchwendete. Ehe er jedoch in den gegenwaͤrtigen Krieg zog, habe er ſie mit den bedeutenden Worten verlaſſen, daß II. Theil. 13 194 ſie ſich nach ſeiner Zuruͤckkunft bereit halten ſollte, eine nachdruͤcklichere Sprache zu hoͤren, wenn ſie ſich bis dahin nicht gefaͤlliger bezeigen wuͤrde.“ „Nicht wenig vergroͤßerte dieſe Nachricht meine Ungeduld, und bewog mich, alles bei Selimen anzuwenden, um ſie zur Flucht aus dieſem, fuͤr ſie ſo gefaͤhrlichen Orte zu beſtimmen. Obgleich ich zwar hinlaͤnglichen Grund hatte zu glauben, daß der Baſſa erſchlagen worden waͤre, ſo war die Art, wie ich die Schlacht verließ, doch nicht ſo geweſen, daß ich mich von ſeinem Tode fuͤr voͤllig uͤberzeugt haͤtte halten koͤnnen.“ „Benridden wies mir endlich ein kleines Schlafzimmer an, und obſchon die Anſtrengungen des vergangenen Tages aͤußerſt ermattend waren, ſo hatte die ſchnelle Abwechslung ſo verſchiedener Ereigniſſe mein Gemuͤth dergeſtalt eingenommen, daß der Schlaf meine Sinne erſt nach langer Zeit mit ſeinem myſtiſchen Schleier umhuͤllen konnte. Endlich aber behauptete die Natur ihre Rechte und wiegte mich in einen tiefen und erquickenden Schlum⸗ mer, aus welchem ich erſt ſpaͤt des andern Tages erwachte.“ „Lange brauchte ich, bis ich mich auf das Ver⸗ gangene beſinnen konnte, und ich hatte mir ſchon einige Mal die ſchlaftrunkenen Augen gerieben, ehe halten ſollte, ren, wenn ſee n wuͤrde.“ fachricht meine dii Selimen dieſem, fur ſi Obgleich ich glauben, daß war die Akt, ht ſo geweſen, ullig uͤberzeugt ich ein kleines Anſtrengungen attend waren, verſchiedenet mmen, — eingenon er Zeit ach langer 5 huͤllen konnte. 195 ich mich in alle fremde Gegenſtaͤnde, die mich umgaben, zu faſſen wußte. Erſt die Einrichtung des Zimmers und die brennende Hitze erinnerten mich, daß ich in Marocco's ſandigen Ebenen ſey, und ſogleich wurden die Abentheuer, die ich hier erlebt hatte, mit meinem Gedaͤchtniſſe wieder vertraut.“ „Sobald ich angekleidet war, eilte ich zu Ben⸗ ridden, der ein Fruͤhſtuͤck bereit hielt und alle naͤheren Umſtaͤnde vor des Baſſa's Tode wiſſen wollte. Die Abweſenheit ſeines Herrn zuſammen⸗ gehalten mit der Anweſenheit ſeines Pferdes er⸗ zeugte bei ihm bald ſo viele Zuverſicht, daß er meinen Worten unbedingt glaubte, ſich die Ober— herrſchaft uͤber alles im Schloſſe anmaßte und ſaͤmmtliche Perſonen mit Stockſtreichen bedrohte, denen es allenfalls geluͤſten ſollte, ſich ſeinen Be— fehlen zu widerſetzen.“ „Mit den dringendſten Worten erſuchte ich ihn, mir abermals Zutritt zu Selima zu geſtat⸗ ten, um mich ihres Geſpraͤchs und ihrer Geſellſchaft erfreuen zu koͤnnen. Leider blieb er aber fuͤr den Augenblick unerbittlich, verſprach mir jedoch, daß er ſie in der naͤchſten Nacht in den Garten bringen wolle, wo wir auch vor dem Zuſammentreffen mit einer der uͤbrigen Frauen des Baſſa ſicher ſeyn 13* 196 wuͤrden, die man ſehr fuͤrchten muͤſſe, weil ſie ſich bei dem mindeſten Argwohne, waͤre es auch nur aus Eiferſucht, im Falle der Baſſa doch wieder zuruͤckkehrte, durch augenblickliche Entdeckung au Selimen raͤchen koͤnnte.“ Dieſer Grund ſchien mir ſo wichtig, daß ich nichts darauf entgegnete, wodurch er ſich um ſo mehr geſchmeichelt fand, da ich meine Meinung hieruͤber ganz deutlich ausſprach, und nicht unter⸗ ließ, ſeinem Scharfſinn in einigen wohlangebrachten Complimenten das gebuͤhrende Lob zu ertheilen.“ „well ſie ſich es auch nur doch wieder entdeckung au tig, daß ich er ſich um ſo ine Meinung d nicht unter⸗ hlangebrachten ertheilen.“ 197 Neuntes Kapitel. Der Schloßgarten,— das naͤchtliche Rendevous,— Se⸗ lima's Geſchichte,— die Verwirrung,— das Ab⸗ ſchiedsfeſt,— die Trompetenſtoͤße— und Namouna's Tod. —V—V— ℳℳA:A „Ma Sehnſucht erwartete ich die Nacht, waͤh— rend ich mich den ganzen Tag im Schloßgarten vergnuͤgte, der mit allem moͤglichen Aufwa ge an⸗ gelegt war. Durchſichtige Stroͤme ſchlaͤngelten ſich in verſchiedenartigen Kruͤmmungen zwiſchen geboge⸗ nen Mimoſen dahin, deren herabhaͤngende Zweige das Auge ergoͤtzten, oder murmelten uͤber hellge⸗ ſchliffene Kieſelſteine mitten in einem Waͤldchen, deſſen Kuͤhle zur ſanften Ruhe einlud. Beeten voll immerwaͤhrender Mignonetten ſchienen von der Natur hick ganz trefflich angebracht zu ſeyn. Arabiens Goldvoͤgel und Perſiens Nachti⸗ gallen niſteten in dem dunkeln Waͤldchen, wo ſich die Modulation ihres Geſanges dergeſtalt mit der Luft vermiſchte, daß der harmoniſche Hauch unter den Blaͤttern der Baͤume zu ſaͤuſeln ſchien. Ein aus Porphyr und pariſchem Marmor in 198 Zirkelform erbauter Tempel prangte in der Mitte des Haines, deſſen Fenſter aus venetianiſchem Glaſe mit Pu rpur gefaͤrbt waren, und ſo jede Einſicht von außen hinderten, innerhalb aber ein daͤmmerndes Licht wie von einer Zuſammenſtellung unzaͤhliger Saphire verbreiteten. Die innere Einrichtung und Verzierung des Tempels entſprach ſeinem glaͤnzenden Aeußern, denn alles war mit dem Geiſte orientaliſcher Prachtliebe angelegt. Auf den Druck einer geheimen Feder athmete eine Floͤ⸗ tenſymphonie die lieblichſten Weiſen. Kryſtallene Vaſen enthielten koͤſtliche Weine, die Nohammeds Geſetzen zu ſpotten ſchienen; koͤſtliche Fruͤchte, ge⸗ reift am brennenden Strahl des Suͤden, luden zum herrlichſten Genuſſe, waͤhrend das Auge rund um ſich her nur Gegenſtaͤnde der Freude und des Vergnuͤgens erblickte, wovon ſich die groͤßte euro⸗ paͤiſche Weichlichkeit kaum einen Begriff machen koͤnnte.“ „Unſtreitig haͤtte man denken ſbllen, daß das menſchliche Herz, von ſo vieler Pracht umgeben, keinen unbefriedigten Wunſch mehr uͤbrig habe; der 8 im Hindergrunde uͤber einem Bade eingegrabene arabiſche Spruch!„Laß ihn nicht ungenoſ⸗ ſen entfliehen, den gegenwaͤrtigen Au⸗ genblick; denn wer ſteht dir, ſterblicher in der Mitte etianiſchem „ und ſo jede halb aber ein ammenſtellung Die innere pels e entſprach ales war mit degrif machen 199 Menſch, fuͤr die folgende Stunde,“— ſprach die Gedanken des Eigenthuͤmers aber hin⸗ laͤnglich aus und entlockte mir einen Seufzer aus tiefer Bruſt.“ „In mich verſunken ſtand ich in der Mitte ſes bezaubernden Ortes, und bildete mir ein, daß er mit einer Anzahl der reizendſten Selavinnen aus des Baſſa Harem erfuͤllt ſey, er aber ſelbſt im Vollgenuſſe aller ſeiner Herrlichkeiten auf einem etwas erhabenen Polſter ſaͤße. Nichts ſchien mir gewiſſer, als daß ihm dann keine Gattung der Freude mangeln koͤnnte. Was wuͤrde nun aber wohl bei einer ſolchen Scene die Wirkung jenes Spruches ſeyn?— Der Gedanke? In einer ein⸗ zigen Stunde koͤnnen alle dieſe Schoͤnen verwelken; der Hunger nach Genuß ausſterben, die Geſund⸗ heit den Koͤrper verlaſſen und das Grab ſeinen Abnenden Rachen aufſperren!“— „Melancholiſch durch dieſe Ideen ging ich mit Derruchaunaen uͤber die Vergaͤnglichkeit der irdiſchen Dinge im Garten hin und wieder, pfluͤckte mir Trauben, die ſchwer und voll wie chriſtallyſirte Weintropfen uͤber mir hingen und ſtreckte mich endlich auf einem Raſen hin, der ſich mit ſanftem Abhange gegen das Waſſer neigte, auf welchem rothe, blaue und gelbe Violen in buntem Ge⸗ 200 miſche wuchſen. Jeden Augenblick zaͤhlte ich mit Ungeduld, bis endlich der Abendſtern ſich zwiſchen den Thuͤrmen des Schloſſes zeigte und die kom— mende Nacht verkuͤndete.“ „Wirklich ermangelte Benridden auch nicht, ſein Verſprechen zu erfuͤllen. Des Baſſa Nicht⸗ Ankunft gab ihm ſo viele Zuverſicht, daß er das Weinglas faſt gar nicht von ſeinen Lippen brachte.“ „Ploͤtzlich ſah ich jetzt Selima's reizende Geſtalt aus der Ferne uͤber den blumichten Raſen heran nahen, unmoͤglich war es mir aber, ſie an dem Orte, wo ich ſaß, zu erwarten. Mit haſtigen Schritten eilte ich ihr daher entgegen, und ſank zu ihren Fuͤßen. Obſchon Benridden nichts von Liebesſachen verſtand, ſo war er doch jetzt ſo ver⸗ nuͤnftig einzuſehen, daß wir ſeiner Gegenwart nicht bedurften. Um uns daher auf einer andern Seite behuͤlflich zu ſeyn, und alle Stoͤrungen von Außen her zu verhindern, begab er ſich an den Eingang des Gartens, waͤhrend wir uns auf dem naͤchſten Raſenſitze niederließen.“ „Hier war es nun, wo ich Selimen das erſte deutlichere Geſtaͤndniß meiner Liebe that, und dafuͤr die ſchmeichelhafteſten Gegenverſicherungen erhielt. Ich beſchrieb ihr Spanien, den Zuſtand meiner Verhaͤltniſſe, die Freuden wechſelſeitiger Zuneigung zaͤhlte ich mit n ſich zwiſchen und die kom⸗ en auch nicht, Baſſa Nicht⸗ t, daß er das ppen brachte.“ ga's reizende michten Raſen r aber, ſie on Mit haſtigen en, und ſank en nichts von h jett ſo ver⸗ egenwart nicht andern Seite en von Auhen u Eingang edem naͤchſten de men das elſe al, und duſit en erhielt ſtand meiner d ger zuneigug 201 und des haͤuslichen Gluͤckes und erfuhr endlich von ihr, daß ſie in fruͤher Jugend ſchon Spanien verließ, daher ihr auch jede ſchwache Erinnerung. an Verwandte oder Freunde aus dem Gedaͤchtniſſe entſchwunden ſey.“ „„Von meiner Amme, oder was ſie ſonſt ge⸗ weſen ſeyn mag,““— fuhr ſie fort,—„„habe ich nachmals oft gehoͤrt, daß zu jener Zeit tauſend Grauſamkeiten ausgeuͤbt worden waͤren, niemals erwähnte ſie aber des Namens meiner Aeltern oder anderer beſonderer Umſtaͤnde, die mich auf eine Spur meiner Abkunft haͤtten fuͤhren koͤnnen. Bis ich unge⸗ faͤhr fuͤnf oder ſechs Jahre alt war, lebten wir zu Tunis, plötzlich wurde ich dann aber heimlich ei⸗ nem Sclavenhaͤndler verkauft.““ „„Um mich beſſer an den Mann zu bringen, hatte ſie mich nach meinem groͤßten Vortheile gekleidet, und nur zu gut erinnere ich mich noch, daß ich eine Perlenſchnur am Halſe trug, wobei der Maͤk⸗ ler darauf beſtand, daß ich ſie umbehalten ſollte, weil ſie mir ein gutes Ausſehen gab.“ „„In Kurzem zog mir ſowohl meine Geſtalt als mein kindiſches Geſchwaͤtz ſeine volle Gunſt zu, ich wurde mit Sorgfalt, nebſt vielem Koſten⸗ aufwande, erzogen, und obgleich er ſchon laͤngſt ergraut war, ſo nahm er doch lebhaften Antheil 202 an meiner Ausbildung in nuͤtzlichen Kenntniſſen. Da ich niemals erfahren hatte, wie ſuͤß wirklicher Aeltern Liebkofungen ſind, ſo iſt es natuͤrlich, daß er ihre Stelle in meinem kleinen Herzen einnahm.““ „„In den Vergnuͤgungen eines freien Lebens, Herumſtreifen in Gaͤrten und Hainen und andern ſchuldloſen Beſchaͤftigungen verlebte ich die Tage l ter vor ungekaͤhr einem Jahre. Da verhandelten meiner Jugend. Ploͤtzlich aber ſtarb mein Wohlthaͤ⸗ mich ſeine geldgierigen Erben an einen Algirer Kaufmann, der mich an Baſſa Hali gab, deſſen Sclavin ich jetzt bin.““— „Von Minute zu Minute gewann unſer Ge⸗ ſpraͤch an Intereſſe, woran die Zaͤrtlichkeit wechſel⸗ ſeitiger Zuneigung ſichtbarlich Theil nahm, und ob⸗ ſchon ich Selimens Furchtvor der Flucht und den ihr noch unbekannten Gefahren der Welt nicht uͤber⸗ waͤltigen konnte, ſo geſtand ſie mir doch, daß, wenn ſie ihrer Beſorgniſſe Meiſter werden koͤnnte, ſie ſich meinem Schutze herzlich gern anvertrauen wuͤrde.“ „Da ich ſie endlich ſo weit gebracht hatte, ſo ſchlug ich ihr vor, Benridden mitzunehmen und ihm, wen wir in Sicherheit waͤren, zur Be⸗ lohnung ein Geſchenk ſammt der Freiheit, ſich nach einem andern Theile von Marocco, der Levante en Kenntniſſen. ſuͤß wirklicher natuͤrlich, daß en einnahm.“ freien Lebens, nen und andern de verhandelten gen Algirer men ti gob, deſſe ann unſer Ge⸗ eit wechſel⸗ dghe ahm, und ob⸗ 44Lan Flucht und den 5 elt nicht uͤber⸗ ir doch, daß⸗ werden koͤnnte, 7„ der Levant⸗ 203 oder wo er ſich ſonſt hin begeben wolle, anzutra⸗ gen. Gewiß wuͤrde er dieſen Vorſchlag auch au⸗ genblicklich angenommen haben, waͤren wir nicht durch das Ausbleiben des Baſſa von ſeinem Tode gleichſam uͤberzeugt geweſen, wodurch wir denn ſo viele Zeit gewannen, unſern Plan genauer zu uͤber⸗ legen und eine ſchickliche Begleitung fuͤr Selima zu erwaͤhlen, da ſie in einem Lande wie Ma⸗ rocco ohne eine ſolche nur mit der aͤußerſten Ge⸗ fahr reiſen konnte.“ „Erſt als der Tag heran brach, ſchied Se⸗ lima, waͤhrend ich mich in meinen freundſchaft⸗ lichen Verhaͤltniſſen mit Benridden mehr als gluͤcklich ſchaͤtzte, da er das Land gut kannte, und Sandflaͤchen leiten konnte, uns ſicher uͤber jene durch welche mich mein wohlabgerichtetes Pferd getragen hatte. Sobald ich die Gelegenheit erha— ſchen konnte, mit Benridden zu ſprechen, er⸗ oͤffnete ich ihm meinen Plan, in den er endlich auch willigte; leider! hatte er auch nicht die ge— Ahnung von der Sehnſucht, Jurcht und Schon in der folgen⸗ den Nacht wollte ich mit ihm und Selimen aus dem Schloſſe in der Welt nicht zu dieſer Eile zu bewegen ge⸗ weſen.“ Hoffnung eines Liebenden. entfliehen. Er waͤre aber um alles 204 „„Seht,““— erwiederte er,—„„ſich bin nun einmal ſo. Keinen Schritt will ich eher von hier weichen, als bis ich mir in der heutigen Nacht noch recht guͤtlich gethan habe. Es iſt ein alter Spruch, daß derjenige, der ſaͤet, nicht weiß, wer erndten wird; der hingegen erndtet, braucht ſich nicht zu bekuͤmmern, wer geſaͤtt hat. Jedem Selaven im Schloſſe will ich in dieſer Nacht noch ein Feſt vor meiner Abreiſe geben, da, wenn es mit dem Tode des Baſſa ſeine Richtigkeit hat, deſſen Bruder viel⸗ leicht ſchon morgen hier eintreffen duͤrfte. Alle Frauen des Harems will ich bei mir in dem herr⸗ lichſten Saale verſammeln, und nie moͤge ich meine Vaterſtadt Smyrna wieder erreichen, wenn eine Perſon nuͤchtern zu Bette geht.““ „Umſonſt bemuͤhte ich mich ihn von der Aus— fuͤhrung ſeines Projectes abzuhalten, ja ich ſah, daß er lieber Leib und Leben aufgeopfert haͤtte, um nur in dieſer Sache ſeinen Willen zu haben.“ — „Alles im E oſſe kam endlich in Verwirrung, ( welches beim Tode oder der Abweſenheit eines Herrn gewoͤhnlich der Fall-iſt. Wenn auch die Seclaven in Eintracht lebten, ſo geſchah es nur deshalb, um ihr eigenes Vergnuͤgen zu foͤrdern. Keinem war jetzt mehr am Scheine etwas gelegen. Ungehin⸗ dert brachte ich daher mehrere Stunden in Se⸗ —„„ich bin h eher von hier gen Nacht noch alter Spruch, , wer erndten ht ſich nicht zu m Sclaven im ein Feſt vor mit dem Tode Bruder viel⸗ dütſte. Ale in dem herr⸗ noge ich meine n, wenn eine Keinem war Ungehin 5 1. ; den in K 205 lima's Geſellſchaft zu und ging endlich allenthal⸗ ben im Schloſſe umher, waͤhrend mich der Anblick von vier Frauen nebſt ihren weiblichen Beglei⸗ terinnen ergoͤtzte, die ſaͤmmtlich in den Zimmern wie leichtfertige Dirnen herum ſprangen, da ſie den Tod des Baſſa in eben demſelben Lichte wie ſeine Sclaven betrachteten. Keine hatte perſoͤnliche Anhaͤnglichkeit fuͤr ihn gefuͤhlt, alle gefielen ſich daher jetzt in dem Wechſel des Zufalls und freuten ſich auf das Feſt, welches ihnen Benridden zu geben verſprochen hatte.“ „Selima ſelbſt war nicht ohne Erwartung und obſchon ich mit der ganzen Anſtalt und der mir daraus erwachſenden Verzoͤgerung nicht ganz zufrieden war, ſo verſprach ich mir doch von den Frauen, die der Freiheit ſchon ſo lange entbehrt hatten, unter den jetzigen Umſtaͤnden vieles Ver⸗ gnuͤgen.“ „Kaum hatten die Damen mich bemerkt, ſo aͤußerten ſie nicht undeutlich ihr Wohlgefallen an meiner Perſon. Vermuthlich hatten ſie aber vor mir noch keinen Europaͤer oder uͤberhaupt ſchwerlich einen anderen Mann außer den Baſſa geſehen. Am auffallendſten bewarb ſich aber eine Dame Na⸗ mens Namouna um meine Bekanntſchaft und gab ſich auch nicht die geringſte Muͤhe, ihre Eifer⸗ 206 ſucht zu verbergen, als ſie meine Vorliebe fuͤr Selima bemerkte. Unaufhoͤrlich ſuchte ſie mich an ihrer Seite zu haben; auch war es mir zuletzt unmoͤglich, mich, ohne ſie zu reizen, von ihr los⸗ zumachen. Obgleich ſie eine Geſtalt beſaß, die ei⸗ ner Perſon vom hoͤchſten Range Ehre gemacht ha⸗ ben wuͤrde, uͤberdieß noch ihre ſchwarzen Feuer⸗ augen Erfurcht geboten, und Grazie und Wuͤrde ſich in ihrem ganzen Benehmen zeigte, ſo konnte ich Selimen doch keinen Augenblick neben ihr vergeſſen.“ „Alle andere Frauen waren mehr oder weniger kindiſch, mit Erſtaunen hoͤrte ich aber von ihnen, daß ſich das Liebliengsweib des Baſſa geweigert habe, an der Unterhaltung Theil zu nehmen, und in ihrem Zimmer den Verluſt eines Mannes be— traure, den ſie geliebt und der ſie zur Mutter zweier laͤngſt geſtorbener Soͤhne gemacht hatte.“ „Unmoͤglich konnte ich mich bei dieſer Nach— richt des Gedankens enthalten, daß ſelbſt dieſes in der Mitte einer Wuͤſte erbaute Schloß ein getreues Abbild der Welt ſey, wo ſich ein Menſch oder eine Nation uͤber dieſelben Dinge freut, die ei⸗ nem oder einer andern Elend und Kummer ver— urſachen.“ „In dieſe und aͤhnliche Gedanken verſunken, chlic hen che ten leme delle lund chon ine Vorliebe füt ſuchte ſie mich ar es mir zuletz en, von ihr los t beſaß, die ei⸗ ſchwarzen Feuer⸗ azie und Puͤrde ſo konnke eigte, blick neben iht r oder weniger aber von ihnen, Baſſa g 18 2u nehmen, und 5 7 Mannes be⸗ „8 65 r Iat nucht hatte⸗“ c⸗ hei die ſer Nach⸗ ſos in h ſelbſt die etreues loß ein getren ehre gemacht har 207 ſchlich ich nach dem Garten und lagerte mich ne⸗ ben einen Springbrunnen, wo ich uͤber die gefaͤhr⸗ liche Reiſe, welche ich am folgenden Tage begin— nen wollte, reiflich nachdachte. Mit einem Male bemerkte ich im Schloſſe eine ſo ungewoͤhnliche Helle, als ob das ganze Gebaͤude in Flammen ſtuͤnde. Neugierig eilte ich dahin zuruͤck, doch ſchon auf halbem Wege kam mir ein Selave ent⸗ gegen, der mir ſich tief beugend verkuͤndete: Daß der große Baſſo nach meiner Gegenwart verlange.“ Der Baſſa?“ rief ich uͤberraſcht.“ „„Wer ſonſt als der Baſſa Benridden““— erwiederte der Seclave laͤchelnd.„„Alle Frauen⸗ zimmer, ſammt einem Chor von Saͤngerinnen und Taͤnzerinnen haben ſich bereits eingefunden, gerade ſo, als ob der Baſſa Hali ſelbſt zugegen waͤre.““ „Unter mancherlei Geſchwaͤtzen fuͤhrte er mich jetzt nach dem ungeheuer großen Saal, in dem das Feſt gefeiert wurde. War ich aber vor weni⸗ gen Tagen ſchon durch den Glanz jener Halle uͤber⸗ raſcht worden, die zu den Zimmern des Harems fuͤhrte, um wie viel mehr mußte dieſes jetzt der Fall ſeyn, als ich dieſen wundervollen Saal be⸗ trat.“ „Er hatte die Geſtalt eines Doms, deſſen 208 Decke mit kleinen Spiegeln beſetzt war, worauf eine zahlloſe Menge ſchimmernder Plaͤttchen prang⸗ ten, ſo daß das Ganze wie der Geſtirnte Himmel erglaͤnzte. Große Luſter von vielfarbigem Glaſe hingen von der Kuppel herab und warfen das Licht vieler Fackeln von wohlriechendem Wachſe zuruͤck, die in verſchiedene Gruppen vertheilt ſtanden, und eine ſolche Helle um ſich verbreiteten, daß mir die Augen beim Eintritte gleich voͤllig verblindeten. Selbſt an den mit geſchlagenem Golde bekleideten und von Blumenguirlanden uͤberwundenen Saͤulen, welche die Kuppel unterſtuͤtzten, brannten einige Tau⸗ ſende von Kerzen.“ „Ich ſtand noch uͤberraſcht und geblendet in der Ferne, als jetzt große, blauſeidene, mit ſil⸗ bernen Sternchen beſetzte Tapeten, die zwiſchen den Saͤulen hingen, empor rauſchten, und einen etwas erhoͤhten, von Palmen umgebenen Thronhimmel zeig— ten. Ungeheure Spiegel, die hinter und neben ihm hingen, vervielfaͤltigten die Gegenſtaͤnde auf eine zaubriſche Weiſe und eroͤffneten allenthalben Ausſichten, die ins Unendliche zu gehen ſchienen. Naͤchſt dem Thronhimmel befand ſich eine mit den ausgeſuchteſten Leckerbiſſen beſetzte Tafel, wobei weder Weine noch ſonſt etwas mangelte, was Hun⸗ ger und Durſt reizen konnte. Der Duft von inde die jeſee heme 1 ſalt nitt t war, worauf Plaͤtcchen prang⸗ eſtirnte Himmel ffarbigem Glaſe warfen das licht Wachſe zuruͤck ilt ſtanden, und n, daß mir die lindeten. Selbſt bekleideten und denen Saulen, Aee, Sail nten einige Tau⸗ nd geblendet in idene, mit ſll⸗ die zwiſchen den und einen etwas ronhinme⸗ zeig⸗ 209 Weihrauch und Sandelholz durchraͤucherte die Luft, indeß ſich bei oen Toͤnen der froͤhlichſten Muſik, die das Ganze mit unbeſchreiblicher Lebhaftigkeit beſeelten unwiderſtehliches Entzuͤcken aller Seelen bemeiſtern mußte.“ „Unmoͤglich konnte ich mich des Laͤchelns ent⸗ halten, als ich Benridden jetzt erblickte, der mitten unter den Frauen ſaß. Er hatte ſich in das beſte Kleid des Baſſa gehuͤllt, trug auf dem Kopfe einen gruͤnen Turban mit Strausfedern, die gravitaͤtiſch in wallenden Biegungen herab⸗ nickten.“ „Wie natuͤrlich blieb meine Aufmerkſamkeit aber nicht lange mit ihm beſchaͤftiget, da ſie durch die herrlichen Geſtalten der Damen, welche in al⸗ len Reizen der Natur und Kunſt prangten, augen⸗ blicklich von ihm abgezogen wurde. Namouna zeigte ſich in Scharlach mit goldenen Saͤumen, welche Farbe ſowohl ihrer majeſtaͤtiſchen Geſtalt als ihrem bruͤnetten Teint ungemein wohl zuſagte. Die andern waren in blau und lilafarbige Trach- ten gekleidet. So ſehr ich ſie aber auch einzeln und ſaͤmmtlich bewunderte, ſo wurde ich doch von Selima's himmliſchen Reizen nur allein bezau⸗ bert. Sie trug ein Kleid vom blendendſten Weiß, das ſo fein war, als waͤre es von aͤtheriſchem Zeuge II. Theil. 14 210 geweſen, eine Schnur orientaliſcher Perlen mit goldenen Knoͤpfchen untermiſcht ſchlang ſich um ihren Hals, der zur Haͤlfte von den mit Blumen beſteck⸗ ten zierlichen Haarzoͤpfen bedeckt war, unter wel— chen das Bluͤmchen Schneeweiß und die ſuͤß⸗ duftende Keura unbeſchreibliche Wirkung machten.“ „Mein ſpaniſches Gewand hatte unter den vielen Turbanen und langen Roͤcken ein ſo ſonder⸗ bares Ausſehen, daß ich ſelbſt laͤcheln mußte, als ich jetzt zwiſchen Selima und Namouna ſaß, die es abſichtlich darauf angelegt hatten, jedes mei— ner Worte zu vernehmen. Benridden ahmte den Baſſa ganz vortrefflich nach, die Damen waren in der beſten Laune und die Taͤnzerinnen durchflogen in bunden Reihen den Saal, der von ſchallenden Inſtrumenten und lachendem Jubel ertoͤnte. Ob— gleich nun die Freude allgemein herrſchte, ſo be— merkte ich doch, daß Namouna nicht ſelten in duͤſtere Gedanken verfiel und ihre Augen ſo durch— dringend auf Selima heftete, daß ich nicht wußte, wie ich ihr Benehmen zu deuten haͤtte. Bald konnte ich aber aus einigen abgeriſſenen Reden nicht mehr zweifeln, daß zuruͤckgehaltene Wuth in ihrem In— nern tobe, auch entging mir der Sinn einiger An— ſpielungen nicht, mit denen ſie mich des Vorzugs hal⸗ ber, den ich Selimen in Allem einraͤumte, aufzog.“ ſcher Perlen mit ang ſich um ihren t Blumen beſteck⸗ war, unter web⸗ iß und die ſuͤh zirkung machten.“ hatte unter den en ein ſo ſonder⸗ heln mußte, als Namouna ſaß, hatten, jedes mei dden ahmte den Damen waren in nen durchflogen hallenden r v on ſch 6⸗ b⸗ züte. 0 bel ertoͤnte.— herrſchte, ſo be⸗ a nich Augen ſo ich nicht wuhte t ſelten in durch⸗ Bald konnte Reden nicht meht ihrem J th in ihrem J wenr einiger A zinn einige 2 a des Vorzugs! aufzog⸗ tte⸗ ſe 1 raͤumte/ 211 „Ich bemuͤhte mich daher, keine mehr, keine weniger auszuzeichnen, da ich fuͤrchtete, daß uns Namouna einen Streich ſpielen moͤchte, der un— ſere Flucht vereitelte und erfuhr endlich von Se— limen, daß ſie den Fandango*) gelernt habe, um ihren erſten Herrn, der laͤngere Zeit in Spa⸗ nien gelebt hatte, damit zu vergnuͤgen.“ „Unmoͤglich konnte ich mich jetzt enthalten, ſie um eine Tour dieſes herrlichen Tanzes zu bitten. So leicht, wie von Zephyren getragen, ſchwebte ſie dahin, waͤhrend ſie mit einer Hand ihr langes Kleid zuruͤckhalten mußte, wodurch ſie ein aͤußerſt munteres Ausſehen bekam und alle ihre Bewegun— gen unnachahmlichen Reiz erhielten.“ „Sowohl die Freiheiten, welche mir der Tanz geſtattete, als der ſi chtbare Ausdruck voller Zufrie⸗ denheit in unſeren ſprechenden Blicken erzeugten uf Namouna's Geſicht die deutlichſten Spu⸗ ten aufſteigender Wuth, die ſie ſchlecht verbergen Wie Feuereſſen gluͤhten ihre Wangen, in— deß ihre Augen zornige Blicke nach uns warfen. deſ konnte. ſen ungeachtet tanzte ich aber in meinem gan⸗ ſen Leben nie feuriger als jetzt, als die Pracht der zerſchiedenartigen Kleider, die Schoͤnheit des Saa— *) Ein ſehr beliebter ſpaniſchor Tanz. 14* 212 les und Selima's Lebhaftigkeit nicht wenig dazu beitrugen, meine Schritte zu befluͤgeln, woruͤber mich Namouna mit mancher ſchaalen, erzwun⸗ genen Hoͤflichkeit uͤberhaͤufte, die die wahren Ge— fuͤhle ihres Herzens ſehr ſchlecht bemaͤntelten.“ „Benridden ſchwamm in einem Meer von Wonne, brachte Unſinn uͤber Unſinn mitt feſſelloſer Schnellzuͤngigkeit hervor, und ſchien ſonſt alles Andere vergeſſen zu haben, als daß er fuͤr den gegenwaͤrtigen Augenblick Herr des Schloſſes war. Unſer Tanz hatte ihn ſo ſehr beluſtiget, daß er aufſtand, um ihn nachzuahmen. Er machte die poſ⸗ ſirlichſten Geſten und ſchnitt Fratzengeſichter, als ob er den Veitstanz haͤtte. Schallende Beifalls⸗ bezeigungen der andern Sclaven belohnten endlich ſeine Muͤhe, immer mehr nahm aber der Tumult zu, als ſie ihn jetzt mit den Fuͤßen auf ſeinem Gallakleide herum ſtrampfen ſahen, und zwar auf jenem Gallakleide, bei deſſen Anblick ſie ſonſt zu zittern und zu beben gewohnt waren, da ſie von dem vormaligen Traͤger deſſelben durch einen ein⸗ zigen Blick in den Staub gedonnert wurden.“ „Endlich fuͤhlte ſich Benridden von ſeinen Anſtrengungen ſo erſchoͤpft, daß er ſich nebſt ſeinem ganzen Anhange in die Speiſezimmer begab, die ebenfalls auf das herrlichſte beleuchtet waren, und nicht wenig dah fuuͤgeln, worut ſchaalen, erzw die wahren G hemaͤntelten.“ einem Meer ve inn nit feſſello ſchien ſonſt all daß er fuͤr de es Schloſſes wi eluſtiget, daß Er machte die h natzengeſichter, 3 hallende belohnten endli aber der Tum auf ſein zwar Fuͤßen en, und bblick ſie ſonſt „ ſie d aten, da durch dnm d nnert wurden.“ dden von ſäi la nebſt ſein mmet tat 1 r waren/ 7 Beifall 213 zurch den Wiederſtrahl der Spiegel Tauſende von Nenſchen zu enthalten ſchienen, die von allen Sei⸗ ten geſehen werden konnten. Benridden, in jeder Unverſchaͤmtheit Meiſter, nahm jetzt ſeinen Platz zu oberſt der Tafel, waͤhrend ſich die uͤbrigen der Geſellſchaft, uͤber ſeine Scherze ſeelenver— gnuͤgt, zu beiden Seiten niederließen.“ „Die ſchmackhafteſten Fruͤchte erhoben ſich in pyramidenfoͤrmigen Haufen auf Tellern von chine⸗ ſſſchem Porzellain und Glas. Scherbet und ver⸗ ſchiedene Weine wurden in goldenen Bechern praͤ— ſentirt, waͤhrend man alle moͤglichen dampfenden Gerichte und leckerhafte Erzeugniſſe orientaliſcher Kochkunſt auftrug.“ „Namouna ſaß mir und Selimen gegen uͤber, und ließ ſich von ihren eigenen Sklavinnen bedienen, denen ſie von Zeit zu Zeit ihre Befehle ins Ohr fluͤſterte. Mit einem Male ſprach ſie aber jetzt zu einer dieſer Sclavinnen mit lauter Stimme:„„Geh, Fatime, bringe mir eine Faſche von jenem perſiſchen Weine, den mir der Baſſa ſchickte. Zwar iſt er nun nicht mehr, meine Freundinnen ſollen aber doch wenigſtens von ſeinem Ueblingsgetränke auf ſein Andenken eine Schale mit mir trinken.““ „Obwohl mir ihre Blicke nicht gefielen, die 214 ſie bei dieſer Rede verlegen im Kreiſe herum ſandte, ſo hatte ich damals doch noch keinen Verdacht. Sorglos goß ich einen Becher von jenem dunklen Jeruſalemer⸗Weine, der vor mir ſtand voll, und bat ſie, mir Beſcheid zu thun, worauf ſie dann nach dem Becher griff und ihn gierig austrank.“ „Kaum war der Wein, nach welchem ſie ge⸗ ſchickt hatte, herbei geholt, ſo ſchenkte ſie ihn be— daͤchtlich ein, wobei ſich ein durchdringender Geruch uͤber die Tafel verbreitete.“— „„Kommt, ſchoͤne Selima,““ begann ſie mit froͤhlicher Miene, nehmt dieſen Becher und leert ihn auf die Geſundheit Eures Spaniers.““*— Ein boshafter Wink aber, der aus Namouna's Augen kam, die von triumphirender Freude zu fun⸗ keln ſchienen, erweckte augenblicklich Verdacht in mir. Der reizenden Zara ungluͤckliches Schickſal kam mir jetzt ins Gedaͤchtniß. Mit Entſchloſſen⸗ heit ſtand ich daher auf und nahm Selimen mit dem Ausrufe: Gift! den Becher aus der Hand, den ſie eben an den Mund fuͤhrte.“ „Todtenbleich ſank Namouna jetzt auf den Polſter nieder, augenblicklich faßte ſie ſich aber, ſprang empor, riß einen Dolch, den ſie zum Stich erhob, aus dem Buſen, und fuhr mit den Worten: „„So ſoll mich denn dieſer Stoß von Dir be⸗ iſe herum ſandie keinen Verdacht en jenem dunkle r mir ſtand vol worauf ſie dan gierig austranke welchem ſie ge henkte ſie ihn be ringender Gerue ,““ begann ſ eſen Becher un ½ 41/— Spaniers. 5 Namon na“ er Freude zu fun kich Verdacht d fͤckliches Schick Mit Entſchloſſ m Selimen m uus der Hand, N 215 freien!““— auf Selima los. Gluͤcklicher Weiſe fiel ich ihr noch zu rechter Zeit in den Arm, als— ein ploͤtzlicher Trompetenſtoß der ſchrecklichen Scene ein Ende machte und allen Frohſinn, alle Munterkeit in einem Augenblicke aus der Geſell⸗ ſchaft verſcheuchte.“ „Wie durch einen Zauberſpruch ſchien alles Le⸗ ben, alle Bewegung aus dem Saale verbannt. Starr und unbeweglich ſtand die ganze Geſellſchaft, bis endlich ein zweiter Trompetenſtoß ertoͤnte, wo— rauf alles in Bewegung kam, und unausſprechliche Verwirrung erfolgte. Angſtgeſchrei erfuͤllte die Luͤfte, alles floh von hinnen und verbarg ſich in dunkle Winkel. Mir fiel der Ungluͤcksbecher aus der Hand, als ich Selimen erblaſſen ſah, die mit den Worten:„„Heiliger Prophet, wir ſind verloren, Fernando! der Baſſa koͤmmt!““— in meine Arme ſank.“ „Zum dritten Male ertoͤnte jetzt die Troömpete und ungeheure Trommelſchlaͤge begleiteten ihren Schall, da dachte Namouna nicht mehr an ei— genhaͤndige Rache. Schnell gefaßt ſprang ſie em— por und ſchrie:„„Elender Chriſt, nun ſollſt Du er⸗ ſahren, was verſchmaͤhte Liebe, was Rache kann! Sollſt erfahren, was es heiße, Namounen je⸗ nes Kind vorzuziehen!““ 216 „Haſtig verließ ſie nach dieſen Worten die Ta⸗ fel und eilte hinweg, waͤhrend die anderen Frauen in Ohnmacht fielen, Benridden aber wie wahn⸗ ſinnig ein Glas Wein um das andere hinabſtuͤrzte, bis er endlich gleichſam leblos auf einen Sopha zuruͤck fiel.“ „Ohne alle Bewegung lag Selima in mei⸗ nen Armen, die außerordentliche Blaͤſſe ihres Ge— ſichtes ließ mich fuͤrchten, daß ſchon jede Huͤlfe zu ſpaͤt ſey, da hoͤrte ich rauhe Fußtritte heran nahen, die mich den Schrecklichen erwarten ließen.“ „Mit wildrollenden Augen trat der Baſſa jetzt von zahlreicher Wache begleitet in den Saal. Zorn und Erſtaunen lagen auf ſeinem Geſichte und be— raubten ihn fuͤr die erſten Augenblicke der Sprache. Sogleich benutzte Namouna die Gelegenheit, trat auf ihn zu und ſprach mit leidenſchaftlicher Heftig⸗ keit:„„Sieh o Herr, die Unordnung und Schwel⸗ gerei, welche in Deiner Abweſenheit hier herrſcht. Vor einigen Tagen ſchon kam dieſer Spanier, der die geheiligten Gemaͤcher Deines Harems durch ſeine Gegenwart befleckte, hier an, ruͤhmte ſich, Dich in der Schlacht getoͤdtet zu haben, und ſeit dieſer Zeit wurde Dein Schloß auch von uͤppigen Gelagen und Ausſchweifungen erfuͤllt. Benrid⸗ den hat er beſtochen, meiner Ehre wollte er Ge⸗ wal Worten die do anderen Frauen aber wie wahn⸗ ere hinabſtuͤtzte einen Sophe elima in mei⸗ zläſſe ihres Ge⸗ n jede Huͤlfe zu te heran nahen, ließen.“ der Baſſa jebt en Saal. Zorn Geſichte und be⸗ cee der Eyracher Gelegenheit, trat zaftlicher Heſtig ud Schwel⸗ errſcht⸗ det ng u t hier h r Spaniet/ Harems durch —, ruͤhmte ſ Faben, und ſeit 1 Hue ich von üͤppige 4 Benrid llt. dt Ge e wollte 217 walt anthun und ſelbſt noch jetzt liegt Deine Se— 7774 lima in ſeinen Armen. „Vor Wuth mit den Zaͤhnen knirſchend trat der Baſſa naͤher, waͤhrend ſich die zitternden Scla⸗ ven hinter den Saͤulen verbargen.“ „„Elender!““ ſchrie er, einen Dolch ziehend, den er im Guͤrtel trug,—„„Du wagteſt ſolche Verbrechen zu begehen, wovon meine Augen Zeuge ſind? Wie kamſt Du in die Geſellſchaft dieſer Frauen? Stirb! mein eigener Arm ſoll mich raͤchen.““ „Mit ſchnellen Schritten ſtuͤrzte er auf mich los, und zuckte ſeine Waffe zum moͤrderiſchen Augenblicklich hielt er aber wieder inne Es iſt derſelbe, Wa⸗ chen, ergreift ihn und ſchleppt ihn nach dem tief⸗ ſten Keller des Schloſſes. Stoße. und ſchrie:„„Ha, was ſeh' ich! der mich im Felde beinahe erſchlagen haͤtte! 7777 „Sogleich ſah ich mich umrungen, waͤhrend viele Saͤbel und Lanzen uͤber meinem Haupte blitz⸗ ten. Obgleich ich mich vertheidigen wollte, ſo zit⸗ terte ich doch zu ſehr fuͤr Selima's Leben, die dabei nur zu leicht verwundet werden konnte. Was wuͤrde mir in der jetzigen Lage mein Widerſtand wohl auch genutzt haben? Blitzesſchnell ward ich 218 gebunden und Selima, die zarte Selima auf rauhe Art von zwei rohen Soldaten ergriffen.“ „„Fort mit ihr!““ ſchrie der Baſſa,— „„uͤbergebt ſie den Weibern! Ich ſchwoͤre es, noch dieſe Nacht ſoll ſie die Meinige werden!““ „Haltet ein, Ungeheuer! ſchrie ich bei die— ſen ſchrecklichen Worten,— Namouna hat Euch belogen, Selima iſt unſchuldig!“ „„Hinweg mit ihm! bringt ihn fort!““— ſchrie der Baſſa aber mit wuͤthender Stimme, ohne auf mich zu hoͤren.„„Schleppt alle dieſe Weiber nach ihren Gemaͤchern, mit naͤchſtem Morgen ſollen ſie als Sclavinnen verkauft, Selima aber, nachdem ich meine Rache an ihr geſaͤttiget, zu den niedrig— ſten Arbeiten verwendet werden.““ „Wahnſinn durchzuckte mein brennendes Ge⸗ hirn, als ich Selimen von zwei Barbaren hin⸗ wegtragen ſah, und hoͤrte, wie ſie um Huͤlfe jam— merte. Ich fuͤhlte Rieſenſtaͤrke in mir, zerriß meine Bande und ſtuͤrzte, meinen Dolch hervor— ziehend, wie raſend auf Hali hin. Es waͤre auch um ihn geſchehen geweſen, haͤtte ſich Namouna mir nicht in den Weg geworfen. Wuͤthend uͤber dieſen Satan von einem Weibe, entwich ich dem Streiche, den ſie mit ihrem eigenen Dolche nach mir fuͤhrte, und ſtieß ihr den meinigen, den ich u 5 verraͤtt „ 4 ich uͤb Roſent Todesl mich d fingen meine Korpe men.“ Selima auf ergrifſen.” er Baſſa,— ſchwoͤre es, werden!“ eich bei die⸗ moung hat 15 fort““ Stimme, ohne ſe Weiber nach gen ſollen ſie ber, nachdem den niedrig⸗ nnendes Ge⸗ arbaren hin⸗ 1 Huͤlfe jam⸗ mir, zertiß polch hervor⸗ wͤre auch Namound uͤthend über iic ich dem dolche nach n, den ich 219 u 3 rni zu Hali's Vernichtung erhoben hatte, in die verraͤtheriſche Bruſt.“ K r 4 un un es aber geſchehen, ſo ſchauderte 16 uͤber die unwillkuͤhrliche That. Ich ſah ih 4 re Nennaen erblaſſen, ihr Geſicht ploͤtzlich von eskraͤ 9 4 wämpfen verzogen, und fuͤhlte kaum, daß 3 ch die Wache aufs Neue ergriff. Meine Augen ngen an ſich zu verdunkeln, Schwaͤche befiel alle meine Glieder, i 33 e Glieder, ich empfand eine Uebelkeit meinen per durchſchleichen und ſank bewußtlos zu men.“— müist Zehntes Kapitel. Das Gefaͤngniß,— der Todesbote,— Muſtapha,— Rettung in der Noth,— Neue Aufklaͤrungen,— die Trauung— und das Geſpenſt in der Hochzeitsnacht. „Al ich endlich wieder zu Sinnen kam, fand ich mich an einem finſtern Orte, den auch nicht ein Lichtſtrahl erhellte. Nur mit Muͤhe konnte ich mich auf den Beinen erhalten und athmen, ich fuͤhlte ein Druͤk⸗ ken auf der Bruſt und ſah, als ich mit der Hand darnach griff, daß mich ein eiſerner Ring um die Mitte des Leibes an der Wand feſthielt, und mich hinderte, einen Schritt vorwaͤrts zu machen.“ „Kaum dachte ich aber an das Vergangene, ſo beraubte mich die Erinnerung faſt zum zweiten Male der Beſinnung. Zaͤhnknirſchend ſchrie ich: Se⸗ lima! theure Selima! Wo biſt Du? was iſt aus Dir geworden?— Dumpf und hohl ga⸗ ben mir die dunklen Raͤume aber nur den Namen Selima zuruͤck.— Die Luft war dick und faſt bis zum Erſticken heiß, da ich mich jedoch nicht von der Stelle zu ruͤhren vermochte, ſo konnte ich auch 1 meines durch ich wie liegen. „6 ſchrei den N terlich ich me erfuͤllt ſo lan konnte Seli gen C 5 7„ lehnte liche meine gewiſß wuͤrde wie tion und ich tritt uſtaphg,— rungen,— chzeitsnacht. , fand ich nicht ein ich mich auf ein Dri⸗ der Hand ng um die und mich hen. angene, ſo diten Male . Se⸗ ch: 9 221 auch nichts als Muthmaßungen uͤber die Geſtalt meines Kerkers anſtellen. Als aber lange Zeit hin— durch kein Laut zu meinen Ohren drang, glaubte ich wirklich tief in den Eingeweiden der Erde zu liegen.“ „Gleich einem Kinde, das ſeinen Zorn mit Ge— ſchrei und Weinen erſchoͤpft, rief ich unaufhoͤrlich den Namen Selima und ſtieß inzwiſchen die fuͤrch⸗ terlichſten Verwuͤnſchungen gegen den Baſſa aus, bis ich mich endlich leichter fuͤhlte. Duͤſterer Ernſt erfuͤllte mein Gemuͤth, ich wunderte mich, daß Hali ſo lange zoͤgerte, ſeine Rache zu befriedigen, und konnte in dem herzzerreißenden Gedanken, daß Selima noch in ſeiner Gewalt waͤre, den einzi⸗ gen Grund dafuͤr finden.“ „Mit Ungeſtuͤm mich an die Stirne ſchlagend, lehnte ich an der dumpfigen Mauer, als mir ploͤtz— lich ein entfernter hohler Ton zu Ohren kam, der meine Aufmerkſamkeit erregte. Nichts ſchien mir ᷣ gewiſſer, als daß man mich zum Tode fuͤhren wuͤrde. Mit ſtandhafter Faſſung und ohne Furcht wie ein Mann; der ſich einer ſchmerzhaften Opera⸗ tion unterziehen muß, die zu ſeinem Beſten geſchieht, und ſie ſchon uͤberſtanden zu haben wuͤnſcht, blickte ich meinem Schickſale entgegen, als die leiſen Fuß⸗ tritte immer naͤher kamen.“ 222 „Meine ſchrecklichen Erwartungen ſchienen ſich immer mehr zu beſtaͤtigen, mit ſchwacher Stimme fragte ich daher, wer ſich nahe, erhielt aber keine Antwort, worauf ich denn meine Augen ſchloß und jeden Augenblick den Todesſtreich erwartete.“ „Ein ploͤtzlicher Laut in der Entfernung ver⸗ anlaßte mich endlich empor zu blicken, und ſogleich bemerkte ich ein blendendes Licht, welches aus einem gewoͤlbten Gange ſchien, waͤhrend eine laute Stimme der Perſon, die ſich ſchon vor mir befand, wie ich jetzt bemerkte, Einhalt gebot.“ „Jetzt erſt erkannte ich die Gefahr, in der ich ſchwebte mit Schaudern und Furcht. Ein ſchwar⸗ zer, blos mit einem blau kattunenen Hemde beklei⸗ deter Sclave, der eine Streitaxt in den Haͤnden hielt, ſtand vor mir. Grauſam und wild war ſeine Miene, auch ſchien er nicht wenig unwillig zu ſeyn, daß man ihn durch jenen Zuruf in ſeiner blutigen Verrichtung aufgehalten habe.“ „Nach wenig Augenblicken naͤherte ſich jetzt eine andere Perſon mit einer Fackel, deren Geſichts⸗ zuͤge ich nicht gleich unterſcheiden konnte.„„Halt ein,““— ſchrie ſie von Neuem,—„„bis ich jenem Elenden eine mir wichtige Frage vorgelegt habe, zerſpalte ihm dann aber auch gleich den Schaͤ— del, wenn er ſie nicht ſchnell beantwortet.““ hatte ie thuͤmer mit bar kamſt D Du R ausgeren das Ge 1ν c nich be „L dß iſt ſchft 7/ bühr ühu, ten d Du, 1:„Die Stimme ſchien mir wohlbekannt, noch ſchienen ſich hatte ich aber nicht errathen koͤnnen, wer der Eigen⸗ ſcher Stimme thuͤmer davon ſey, als er ſich zu mir wandte und 7 elt aber keine en ſchloß und artete.“ tfernung ver⸗ und ſogleich es aus einem aute Stimme befand, wie mit barſcher Simme fragte:„„Auf welche Art kamſt Du, Elender, zum Beſitze des Dolches, womit Du Namouna durchbohrteſt.““ „Auf die ſonderbarſte und Geheimnißvollſte Weiſe,— verſetzte ich; kaum hatte ich aber ausgeredet, ſo hielt er mir die Fackel naͤher an das Geſicht und ſchrie:„„Heiliger Prophet! Du biſt es, Fernando de Coellol] Du, den . ich ¹ ſ d uhte 7— t, in der ih ich laͤngſt todt glaubte? Ein ſchwar⸗„Gott im Himmel, Muſtapha!— er⸗ hemde heklee wiederte ich erſlaunt,— wie biſt Du in meinen den Hoͤnden Kerker gedrungen? O ſprich, ſprich, wo iſt Se⸗ ild wor ſeie lima?“ llig zu ſeyn,„„Bei dem Baſſa, antwortete er, zu dem Du iner blutign mich begleiten mußt.““ „O laß mich hier verſchmachten, ſchrie ich, tte ſch jebt: daß iſt das Einzige, was ich von Deiner Freund⸗ eren Geſchtée ſchaft fordere!“— Halt 3.. te.„Mh„„Beſſer weiß ich, was dem Freunde ge⸗ —„ulis i buͤhrt,““— laͤchelte er.„„Oeffne ſeine Ket⸗ t 4 vorgeleg ten!““ befahl er jetzt den Sclaven,—„„und h den Schi Du, Fernando, folge mir zu dem Baſſa, wo ich f1 tet⸗ 224 Dir Deine Freiheit als Vergeltung fuͤr meine ei— gene verſchaffen will.““ „Freiheit, murmelte ich, o was iſt mir die Freiheit ohne Selima! Was iſt ſelbſt das Le— ben ohne ſie? Muſtapha, Du kennſt das Ge⸗ maͤlde Deiner laͤngſt verſtorbenen Schweſter, wiſſe denn, daß Selima das Seeitenſtuͤck zu dieſem Gemaͤlde iſt, ich beſchwoͤre Dich daher im Namen Deiner Schweſter, befreie ſie aus des Baſſas Ge— walt.“ „„Vertraue auf das Schickſal,““— ver⸗ ſetzte er und brachte mich durch eine dunkle Wen, deltreppe nach dem Schloſſe hinauf. Ich ſchritt, wie aus einen Traume erwacht, neben ihm her, als ich mehrere wohlbekannte Zimmer durchging und dar— unter auch jenes, wo ich Sellma zum erſten Male geſehen hatte. Ploͤtzlich traten wir in eines, wo⸗ rein der Tag daͤmmernde Strahlen durch die mit Netzen verwahrten Fenſter warf und wohlriechende Duͤnſte von der Gartenſeite her emporſtiegen. Die— ſes alles hatte nun aber keinen Reiz mehr fuͤr mich, und ich glaubte vor Schmerz vergehen zu muͤſſen, als ich Selima jetzt ruhig und zufrieden neben dem Baſſa auf einem Sopha ſitzen ſah, das Haupt traulich auf ſeine Schulter gelehnt.“ „Ich ſtand bei dieſem Anblick wie vom Don— ter geri Anter d vetbargen ſog ihre ſete ſie bemiſche nit, mie „„S dauſe,= des zu E dutes Er inmoͤglie ſapha Na Enre ei, da dic rich „Qu ſe Brul ir heſti düll mei d ſie glaubte it ich b fuͤr meine ei s iſt mir die ſelbſt das Le⸗ kennſt das Ge hweſter, wiſe ͤck zu dieſem zer im Namen 5 Baſſas Ge⸗ u“— ver⸗ / e dunk Ich ſchritt, ihm her, als le Wen, ging und dar⸗ im erſeen Nule n eines, wo⸗ durch die mit „NV wohlriechende Die⸗ eſti iegen. le me i fir mi en z nͤſn frieden neben 6 H aupt i, das 0 Doll⸗ vie vom 225 ner geruͤhrt. Da ſchlug ſie endlich ihre Augen, die unter den naſſen Wimpern die feurigſten Blicke verbargen, zu mir empor und eine Roſengluth uͤber⸗ zog ihre Wangen. Mit ſtillem Entzuͤcken betrach⸗ tete ſie Hali und wendete ſich dann mit einem Gemiſche von Neugierde und gemaͤßigtem Zorn zu mir, mich mit durchdringenden Blicken meſſend.“ „„Junger Mann,“ Pauſe,—„„ſo eben hat mir Selima verſchiede⸗ nes zu Eurem Vortheile geſagt, ich ſelbſt war Zeuge Eures Edelmuthes in der Schlacht und kann Euch — begann er nach einer unmoͤglich des Mordes verdaͤchtig halten, den Mu— ſtapha von Euch argwoͤhnte. Wiſſet, daß Seli⸗ ma Eure Loslaſſung von mir begehrte, Ihr ſeyd daher frei, da ich ihr dieſe Bitte, die erſte, die ſie an mich richtete, nicht verweichern will.““ „Qualvoll fuͤhlte ich mir bei dieſen Worten die Bruſt aufſchwellen. Nein! ſchrie ich, von der heftigſten Leidenſchaft bewegt,— nein, ich will mein Leben nicht ihrer Bitte verdanken, da ich ſie ſo ſchmachvoll von der Hoͤhe jener ſicher geglaubten Tugend herabfallen ſehe. Nein, nein, ſeit ich ſie verlor, iſt das Leben ſelbſt ein armſeli— ges unbedeutendes Gut fuͤr mich, das ich aus ihren Haͤnden verſchmaͤhe!“— „Ich war ſo ſehr gereizt, mein Gemuͤth auch II. Theil. 15 226 in einem ſolchen Aufruhr, daß ich nach dieſen Wor⸗ ten zu erſticken glaubte. Die Erinnerung an Se⸗ lima's zaͤrtliches Betragen machte mir jetzt die ganze Groͤße meines Verluſtes nur noch ſichtbarer.“ „Ploͤtzlich befeahl Muſtapha dem zur Auf⸗ wartung im Zimmer befindlichen Sclaven, ſich zu entfernen. Kaum war er fort, ſo wandte ſich Mu⸗ Fernando, und beſaͤnftige Dein Gemuͤth. Ver⸗ nimm denn, daß dieſe Nacht reich an wunderbar ſcheinenden Entdeckungen war. Sieh hier, fuhr er auf den Baſſa zeigend fort,—„„meinen Hyraddin Hali, der zugleich Donna Zida⸗ na's Bruder iſt, erkenne ferner in Selima die Tochter unſerer laͤngſt verlorenen Schweſter und Du, Hyraddin Hali, erkenne in dieſem jungen Manne, Fernando de Coello, meinen Freund, der mir Freiheit und Leben rettete.““ „Ein Anfall unbeſchreiblicher Freude uͤberraſchte meine Sinne bei dieſen Worten, die Bruſt wurde mir zu enge, ich ſchnappte nach Luft, und warf mich endlich in Muſtapha's Arme. Auch Se⸗ lima konnte jetzt nicht einmal durch die Gegen⸗ wart ihrer Oheime zuruͤckgehalten werden, ſie ſtuͤrzte herbei, ergriff meine Hand und druͤckte ſie an die Bruſt, ins Le⸗ „1 Vorter ſtarrten Engel nll chen ſtapha zu mir und ſprach.:„„Setze Dich her, 4 ſeinen Zeit ge eines zu ſpe Dienſe Schick doll 8. ſchloß, ſiehen heit zu ih dieſen Won erung an E mir jetzt d och ſichtbaret. dem zur A laven, ſich; andte ſch R ete Dich hu Hemuͤth. Ve an wunderbe h hier,“ 41 —„v mein Donna Zide Selima di Schweſter une dieſem junge meinen Freun 67 ude überraſch e Bruſt wul üft, und 227 Bruſt, waͤhrend mich ihre Engelsſtimme aufs Neue ins Leben zuruͤck rief.“ „Unmoͤglich konnten wir unſere Gefuͤhle mit Worten ausdruͤcken, mit unbeſchreiblichem Entzuͤcken ſtarrten wir einander an, indeß Selima wie ein Engel des Lichts in unſerer Mitte ſtand.“ „Um mir alles Gegenwaͤrtige deutlicher zu ma⸗ chen, erzaͤhlte mir Muſtapha endlich, daß er ſeinen Bruder mitten in der Schlacht zu rechter Zeit getroffen habe, um ihn gegen das Schwert eines Spaniers zu vertheidigen, welches ſein Haupt zu ſpalten drohte. Erſt nach dieſem wichtigen Dienſte wagte er es, ihn mit Zara's traurigem Schickſale bekannt zu machen, worauf Hyraddin voll Kummer uͤber dieſen Verluſt augenblicklich be⸗ ſchloß, ſich aus dem geſchaͤftigen Leben zuruͤckzu⸗ ziehen und den Reſt ſeiner Tage in Abgeſchieden⸗ heit zu vertrauern.“ „Die ungeheure Verwirrung, die er bei ſeiner Ankunft im Schloſſe antraf, brachte ihn in die fuͤrchterlichſte Zornesgluth, eben ſo gingen ihm Namouna's Worte nahe; er beſchloß daher, ſich durch die Launen einer Sclavin, deren Schoͤnheit und einnehmendes Betragen den tiefſten Eindruck auf ſein Herz gemacht hatten, nicht laͤnger mehr wom Ziele ſeiner Wuͤnſche abhalten zu laſſen.“ 15* 228 „Kaum hatten die Sclaven Selima fortge⸗ ſchleppt, und ſie auf ein Ruhebett gebracht, ſo naͤ⸗ herte ſich ihr Hali mit aufgereizter Leidenſchaftlich⸗ keit. Ihr in Unordnung gebrachter Schleier ent— deckte ihm ihre blaſſen entſtellten Zuͤge und wirklich hielt er ſie in dem erſten Augenblicke des Schrek⸗ kens fuͤr todt. Um in ſeiner Vermuthung ſicher zu ſeyn, beugte er ſich tiefer und bemerkte jenes mit Goldkuͤgelchan beſetzte Halsband um ihren Nak⸗ ken; noch hatte er es aber kaum erblickt, ſo fuhr er auch ſchon mit Entſetzen zuruͤck. Tauſend Ideen und Erinnerungen erwachten in ihm, bis er end⸗ lich wie rafend zu Muſtapha eilte, der mit ihm zugleich auf dem Schloſſe angekommen war und ihm nach Selima's Zimmer fuͤhrte. Auch die⸗ ſer wurde vom Anblicke des Perlenbandes nicht wenig uͤberraſcht, welches ein Geſchenk von ihm ſelbſt war, das er ſeiner Schweſter Zidana am Geburtstage der kleinen Selima gegeben hatte. Kein Zweifel blieb den beiden Bruͤdern mehr, daß Selima ihre Nichte ſey, und ſogleich wur⸗ den alle Anſtalten getroffen, ſie aus der Ohnmacht, in welcher ſie lag, zu erwecken, wornach ſie in Kur⸗ zem zu ſich kam und mit inniger Freude die un⸗ erwartete Kunde vernahm.“ „Eben ſo erfuhr ich, daß Almanſor nach ſeinem Schlon dern von D beſtoch und ſei das G ſahrt icht da er haß de nit ih „ ſor: ir ſie im N allein nit ſetraͤ 3 ſeende digen elima fortg gebracht, ſo n Leidenſchaftlie r Schleier en ge und witklit ke des Schte rmuthung ſich bemerkte jene um ihren Ri eeblickt, ſo fu Tauſend Iden m, bis er end te, der mit ih nwen hrte. 1 lenbandes nic ſchenk von i r Zidana 1 gegeben hat Bruͤdern met nd ſogleich wu Ohnmach 3 der enach ſie il Jran die! 1 K ſor nach war un. Auch die ſeiner 229 Schloſſe ging, um Donna Zidana zu ihren Bruͤ⸗ dern zu bringen. Vor langer Zeit ſchon war er von Don Padilla durch eine bedeutende Summe beſtochen worden, ſie zu ermorden, ihr Schoͤnheit aber und ſein erwachendes Gewiſſen hatten ihn bewogen, das Geruͤcht zu verbreiten, daß ſie bei einer Luſt— fahrt auf dem Waſſer ertrunken ſey, welche Nach— richt Don Padillen um ſo willkommner war, da er dadurch den beruhigenden Glauben erhielt, daß der zu ihrem Morde gedungene Almanſor mit ihr zugleich ſein Grab gefunden habe.“ „So heimlich als moͤglich begab ſich Alman— ſor mit Donna Zidana nach der Barbarei, wo er ſie mehrere Jahre auf einem einſamen Schloſſe am Meeresufer gefangen hielt und von dort aus allein mehrere Reiſen unternahm, auf denen er ſich mit Huͤlfe ſeiner Menſchenkenntniß und Schlauheit betraͤchtliche Reichthuͤmer zu erwerben wußte.“ „Endlich hatte Muſtapha ſeine Erzaͤhlung geendet, worauf wir uns denn ſaͤmmtlich nach ei— nigen zu uns genommenen Erfriſchungen der Ruhe uͤberließen, derer wir alle ſo dringend bedurften. Erſt gegen Abend erwachte ich wieder und ſogleich ließen mich Muſtapha und Hali nach dem Ver⸗ gnuͤgungstempel im Garten holen, wo ſie ſich ſeit Kurzem befanden, um die Kuͤhle des Abends zu 230 genießen. Auf Hali's Anſuchen erzaͤhlte ich ih⸗ nen denn meine Geſchichte und begann von der er⸗ ſten Zuſammenkunft mit jener ſonderbaren Erſchei— nung, die mich als verwundeter Soldat anſprach und ſich dann ſpaͤterhin als wandelnder Geiſt des Grafen Ferendez zeigte.“ „Wie begreiflich geriethen ſie bei meiner Er⸗ zaͤhlung in kein geringes Erſtaunen, auch gewann ich dadurch einen großen Theil ihrer Achtung; lei⸗ der! gereichten mir aber die Umſtaͤnde, daß ich ein Spanier und Don Padilla's Verwandter war, keineswegs zur Empfehlung.“ „Da die orientaliſchen Gebraͤuche den Weibern jede Geſellſchaft der Maͤnner verbieten, ſobald ſie ihnen nicht nahe verwandt ſind, ſo hatte ich auch nie mehr Gelegenheit, mit Selima zu reden, au⸗ ßer wenn ſie ſich heimlich in den Garten ſtahl, wo wir uns denn wechſelſeitig ewige Treue ſchwuren. Mit Sehnſucht ſah ich Almanſors und Zida⸗ na's Ankunft entgegen, da ich hoffte, daß ihr Einfluß meinen Angelegenheiten guͤnſtig werden koͤnnte, ploͤtzlich machte mir Muſtapha aber ei⸗ nen Vorſchlag, wodurch alle meine Erwartungen auf einmal zu Waſſer gemacht wurden.“ „„Deine Leidenſchaft fuͤr meine Nichte Se⸗ lima,““— begann er eines Tages,—„„iſt rweder bennen ſelbſt . Veſitze Erbin aher! dder do ches vo vernuͤn Dein einſter Sohn erzaͤhlte ich i inn von der en erbaren Erſche Soldat anſprac lnder Geiſt de bei meiner E — auch gewan Achtung; le taͤnde, daß i *6 Verwandte he den Weiben ten, ſobald ſ hatte ich auc a zu reden, al zatten ſtahle Treue ſchwurt 231 weder mir noch Hyraddin unbekannt. Wir er⸗ kennen zwar Deine Verdienſte; ſetze Dich nun aber ſelbſt in unſere Lage und ſage, ob Du wohl im Beſitze einer einzigen Verwandten, der alleinigen Erbin eines bedeutenden Vermoͤgens, dieſelbe einem Fremden gutwillig geben wuͤrdeſt. Du kannſt uns daher nicht tadeln, wenn wir ſie Dir verweigern oder doch wenigſtens ein Mittel vorſchlagen, wel⸗ ches von der Art iſt, daß Du Deinen Zweck als vernuͤnftiger Menſch erreichen kannſt, woferne Du Dein Intereſſe mit dem unſrigen verbinden willſt.““ „„Hyraddin hatte, wie ich Dir ſchon ſagte, einſtens zwei Kinder, wovon das aͤltere, ſein Sohn Ali, vor drei Jahren entlief, ohne daß er ſeit jener Zeit nur das Geringſte von ſich hoͤren ließ, waͤhrend die ungluͤckliche Zara, die eben ſo abentheuerlich wie ihr Bruder dachte, durch die Dir ohnehin bekannten Schickſale ums Leben kam. Da nun mein Bruder auf dieſe Art kinderlos wurde, ſo will er Dich an Sohnes Statt anneh⸗ men, ſobald Du jedoch vorher Deinen Glauben abgeſchworen und zu dem unſrigen uͤbergetreten biſt. Gehſt Du dieſen Vorſchlag nicht ein, ſo kann un⸗ ſere Nichte nie Deine Gattin werden.“ „Lange ſtand ich, ohne ſprechen zu koͤnnen, erſt nach einer Pauſe erwiederte ich: Muſtapha! 232 weißt Du ſeit dem erſten Augenblicke unſerer Be⸗ kanntſchaft eine einzige ehrloſe Handlung von mir? Aenderte ich jemals meine Meinung? Oder hoͤr— teſt Du mich heute etwas behaupten, was ich mor⸗ gen nicht noch behauptet haͤtte? Ich bin Soldat, Spanier und Edelmann, als ſolchen kann und darf mich aber kein weltlicher Beweggrund dahin ver— moͤgen, den Glauben, den ich meinem Vaterlande und meinem Schoͤpfer ſchwur, zu entſagen. Jene Meinungen, die ich in meiner Kindheit einſog, ſol⸗ len mich auch ins Grab geleiten. Du ſelbſt mußt mir als Mann von Ehre in Deinem Herzen Recht wiederfahren laſſen, wenn ich in meiner gegen⸗ waͤrtigen Lage alſo rede.“ „Wechſelſeitig unzufrieden ſchieden wir von einander und ſchon entwarf ich neue Plaͤne zur Flucht mit Selima, als Almanſors und Donna Zidana's Ankunft mich auf andere Gedanken brachte.“ „Da die Dame fruͤhzeitig ſchon nach ſpaniſchen Sitten gebildet wurde, ſo war ihr jene verſchloſſene Zuruͤckhaltung, welche den Aſaaten eigen iſt, voͤllig fremd. Sie behandelte mich auf dem Fuße eines Neffen und war herzlich erfreut, als ſie mich von Granada und jenen ihr heimiſchen Gegenden reden hoͤrte. Waͤhrend eines Zeitraumes von zwan⸗ vergeſt ſchwer zerruͤtt ihrer ſchon hatten Anbli⸗ da di irdiſe 1 dan, tragen Gehe wie ke unſerer T lung von mit 32 Oder hi „ was ich me ch bin Solda kann und darf und dahin ver zem Vaterlande ntſagen. Jen heit einſog, ſol Du ſelbſt mube Hetzen Recht meiner gegel den wir von eue Pläͤne zit anſors und ich auf andele nach ſpaniſchen ne verſchloſſene eigen iſt völli em Fuße eines s ſie mich vo ſchen Gegenden mes von zna 233 zig Jahren konnte ſie jene lachenden Landſchaften, wo ſie ſich in ihrer Jugend ergoͤtzt hatte, noch nicht vergeſſen und unterdruͤckte nur mit Muͤhe einige ſchwere Seufzer bei meiner Beſchreibung von dem zerruͤtteten Zuſtande des mauriſchen Schloſſes.“ „Noch immer waren zwar an den Umriſſen ihrer Geſtalt jene fruͤheren Reize zu bemerken, die ſchon im Bilde ſo vielen Eindruck auf mich gemacht hatten; leider! ſtahlen ſich mir bei ihrem erſten Anblick aber die traurigſten Gedanken in die Seele, da die Abnahme ſolcher Reize jene Fluͤchtigkeit alles irdiſchen Lebens im hellen Lichte zeigte!“ „Nie fand ich daher Gelegenheit, Donna Zi⸗ danen meine innigſten Wuͤnſche perſoͤnlich vorzu⸗ tragen, ich wagte es daher Almanſorn mein Geheimniß anzuvertrauen, der meine Thorheiten, wie er ſie nannte, mit laͤchelnder Miene anhoͤrte.“ „„Sagt mir doch,““— erwiederte er,— „„was Ihr Selima's Verwandten als Aequi⸗ valent fuͤr ſie anbieten koͤnnet, oder, wie Ihr ſie aus einem Schloſſe, welches zwei Tagereiſen tief in der Wuͤſte von Ceuta liegt, wegbringen wollt? Zu deutlich ſieht man aus Euren Plaͤnen, daß Ihr noch zu jung ſeyd, um die Erfahrung gemacht zu haben, daß man den Leidenſchaften Anderer ſchmei⸗ cheln muͤſſe, um ſeine eigenen befriedigen zu koͤnnen. 2344 Glaubt mir, Rachſucht iſt eine eben ſo maͤchtige Triebfeder als Liebe. Machet Euch daher anhei ſchig, Don Padillen der Gerechtigkeit zu uͤber— liefern und fordert zu Zidana's Gunſten jene Guͤter in Granada, ſo zweifle ich kaum, daß man Euch Selima verweigern wird. Leicht waͤre es ſogar moͤglich, daß Euch Donna Zidana nach Spanien hinuͤber begleitete, da ſie ohnehin begierig iſt, es wieder zu ſehen.““ „O ſo verſprecht denn Alles, was Ihr wollt, in meinem Namen, und gewiß werdet Ihr mich in der Ausfuͤhrung nicht unthaͤtig finden,— ſchrie ich,— gebt mir Selima und behaltet dann die ganze uͤbrige Welt fuͤr Euch!“ „Laͤchelnd verließ mich Almanſor, unmoͤg⸗ lich kann ich Dir aber meine grauſame Herzenspein beſchreiben, als meine Vorſchlaͤge einige Zeit un— beantwortet blieben. Nach noch mancher Berath— ſchlagung und einem Aufſchube von mehreren Wo⸗ chen willigte Hyraddin wider alles Erwarten zuletzt aber doch ein, mir ſeine Nichte zu geben, nicht ſo wohl um meinetwillen, als weil er fuͤrch— tete, durch eine entſcheidende Abweiſung das Werk⸗ zeug ihres Todes zu werden. Die Ungewißheit, in welcher ſie ſchwebte, zehrte auffallend an ihrer Lebene gen el „ der G Hyra ſeinem abreiſe „ war a bei ge daß welch zu re ganze aber lichen denke 1 auch den ſo maͤchtige h daher anhel tigkeit zu uͤber, Gunſten jene ich kaum, daß d. Liicht waͤr nna Zidang da ſie ohnehin „Ihr wolt, in Ihr mich in aden,— ſchrie zaltet dann die ſor, unmoͤg⸗ ne herzensyein einige Zeit une ancher Vrrat mehteren Vo⸗ lles Erwarten Ungewihheit lend an ihret Lebenskraft und machte die Roſen auf ihren Wan⸗ gen erbleichen.“ „Nachdem ich endlich durch dieſe Entſcheidung der Gluͤcklichſte aller Sterblichen wurde, bat mich Hyraddin aber, noch einen ganzen Monat auf ſeinem Schloſſe zu verleben, ehe wir nach Ceuta abreiſeten.“ „Endlich verging auch dieſer Monat und ſchon war alles Noͤthige zu unſerer Bequemlichkeit her⸗ bei geſchaft, als ſich Hyraddin jetzt erinnerte, daß nach einigen Tagen die Faſtenzeit eintraͤte, in welcher es ſtrenge unterſagt war, aus Vergnuͤgen zu reiſen; ich ſah mich alſo gezwungen, noch einen ganzen Monat warten zu muͤſſen. Da wir ihn aber nach den Sitten des Landes ohne die gewoͤhn⸗ lichen Zerſtreuungen zubrachten, ſo laͤßt es ſich wohl denken, daß uns die Langeweile nicht wenig quaͤlte.“ „Mit unbeſchreiblicher Sehnſuch ſah ich endlich auch den letzten Tag dieſer Zeit im unendlichen Stun— denmeere verrinnen. Schon am naͤchſten Morgen waren unſere Wagen in Bereitſchaft, die Diener erwarteten uns im Schloßhofe, waͤhrend Muſta⸗ pha alle Sclaven in militaͤriſcher Ordnung aufzie— hen ließ. Eine Bande von Muſtikern ſpielte ver— ſchiedene Maͤrſche, in welchen die große indianiſche Trommel erſtaunliche Wirkung that, ſo daß von ihren gewaltigen Schlaͤgen jedes Gemach im Schloſſe wiederhallte.“ „Wie nach einer gewonnenen Schlacht pochte mir das freudige Herz, als wir endlich die Zug— bruͤcke niederrollen ſahen und ſich der ganze Zug nach der Wuͤſte in Bewegung ſetzte. Augenblicklich uͤbernahm ich jetzt das Commando unſerer Leute und trieb ſie aus Furcht, daß uns ein Bote vom Schloſſe einholen koͤnnte, zur moͤglichſten Eile an. Nach wenigen Stunden erſchien uns die ungeheure Burg nur mehr als ein kleiner Fleck auf dem un— uͤberſehbaren Sandſtriche.“ „In einem Anfalle unbeſchreiblicher Freude ſchloß ich Selimen endlich in die Arme, als wir am zweiten Tage unſere Reiſe in Ceuta an—⸗ langten. Jetzt war ſie mein und unſer Loos, wie es ſchien, uͤber jeden Wechſel des Gluͤckes erhaben. Sobald es die Umſtaͤnde erlaubten, beſchworen wir unſere Treue, vor dem heiligen Altare, im Ange— ſichte deſſen, der durch Erſchaffung zweier Geſchlech⸗ ter dieſe ehrwuͤrdige Handlung ſelbſt ſtillſchweigend anbefohlen hatte.“ „Da die kleine Statt Ceuta durch neu an— gekommene Truppen ganz vollgedraͤngt war, ſo fand ich als eine Privatperſon nur mit aller Muͤhe ein kleines Haͤuschen zur Miethe, in dem ich meine Angel der N Nahd macht kleiner ſchaft. 7% Gipfe in ein einige begab eine men Zida nach Alb der ach im Schloſſ zchlaht pocht dlich die Jug⸗ der ganze Zug Augenblicklic unſerer Leutt ein Bote vomn iſten Eile an die ungeheure auf dem un⸗ glicher Freude Arme, als mCeuta an- ſer Loos/ wie ickes erhaben. iſchworen wit re, im Ange⸗ eier Geſchlech⸗ fulſchveien durch neu ah⸗ gt war, ſo it aller Mäͤhe . ine em ich m 237 Angehoͤrigen unterbringen konnte, wodurch ſie vor der Neugierde unverſchaͤmter Fremden ſicher waren. Nachdem wir es uns hier ſo bequem als moͤglich ge⸗ macht hatten, verſammelten wir uns alle bei einem kleinen Male mit Herzen voll Liebe und Freund⸗ ſchaft.“ „Ich hatte in Selima's Beſitz den hoͤchſten Gipfel meiner Wuͤnſche erreicht und ſchwelgte nun in einem Meer von Wonne, als ſie ſich endlich von einigen Sclavinnen begleitet nach ihrem Zimmer begab. Es war eilf Uhr vorbei, ich wartete noch eine halbe Stunde, bis die Sclavinnen zuruͤckka⸗ men und verließ ſodann Almanſors und Donna Zidana's Geſellſchaft, die ſich ebenfalls ſogleich nach ihren Schlafzimmern begaben.“ „Nun ſtehe ich aber auf dem Puncte, Freund Albert, Dir den widrigſten Vorfall mitzutheilen, der mir jemals begegnete.“ „Auf den Fittigen ungeduldiger Sehnſucht eilte ich nach dem Zimmer meiner liebenswuͤrdigen Braut, oͤffnete leiſe die Thuͤr und ward an jedem Gliede von ungeheurem Schrecken gelaͤhmt!— Dieſelbe Geſtalt, die mich auf dem Schloſſe Montillo in das Begraͤbnißgewoͤlbe fuͤhrte, dieſelbe Geſtalt, welche mich als Soldat gekleidet zuerſt in jenem 238 Holwege anhielt, ſaß auf dem Rande vor Seli⸗ ma's Bette.“ „Todtenbleich war ihre entſetzliche Miene, als ſie die Augen mit einem ſo graͤßlichen Blicke nach mir richtete, daß jeder Puls meines Herzens ſtockte. Es iſt unmoͤglich, die Empfindungen zu beſchreiben, die wir bei der Erſcheinung eines koͤrperloſen und uͤbernatuͤrlichen Weſens haben. Je mehr ſich die Denkkraft eines Menſchen beſtrebt, den Knaͤul, der uͤber ſeine Faſſungskraft geht, aufzuloͤſen, je mehr er Betrachtungen daruͤber anſtellt, deſto mehr ver⸗ wirrt er ſich in Schrecken und Verwunderung.“ „So erſchuͤttert als ich aber durch dieſe uner⸗ wartete Erſcheinung jenes fuͤrchterlichen Gaſtes war, ſo kehrten ſich meine Augen doch vorſichtig gegen Selima ſelbſt, die ſanft zu ſchlummern ſchien. Eben ſo aufmerkſam ſpaͤhte aber auch das Geſpenſt auf alle meine Bewegungen und beobachtete ein tiefes und ſchreckliches Stillſchweigen, das ich nicht zu ſtoͤren wagte. Endlich ſchlug die Glocke zwoͤlf, da erhob ſich die Geſtalt langſam vom Bette, ging einige Schritte vorwaͤrts und winkte mir, daß ich mich entfernen ſollte.“ „Ich zoͤgerte dieſem Gebote zu gehorchen, weil es mir unmoͤglich war, Selima mit jenem ſchrecklichen Weſen allein zu laſſen; da blickte mich die( dunkl merkt zu bl˖ 1 „ ich f gegen Ic, Sterl aäͤther geſtuͤ lange die! ſten in et ſeyn „ meine mein allen ich i Din, Kind verſc da unde vor Sel ſche Miene, o chen Blicke ne Herzens ſtock 1 zm beſchreite korperloſen un mehr ſich d den Knaͤul, de ulöſen, je me deſto mehr ver ewunderung.“ urch dieſe unet zen Gaſtes wan vorſichtis Ne lummern ſchien ich das Geſpenſ beobachtete eit n, das ich ni Glocke zwol om Bette, gin⸗ 239 die Geſtalt aber zuͤrnend an, und oͤffnete ihren dunklen Mantel, worunter ich jene Wunden be⸗ merkte, die meinen ſchaudernden Blicken aufs Neue zu bluten ſchienen.“ „Mir brachen die Knie bei dieſen Bewegungen, ich fuͤhlte eine unnennbare Angſt und weiß noch gegenwaͤrtig nicht, wie ich aus dem Zimmer kam. Ich, der ich noch kurz zuvor der Gluͤcklichſte aller Sterblichen war, ſah mich nun ploͤtzlich von der aͤtheriſchen Hoͤhe eingebildeter Gluͤckſeligkeit herab⸗ geſtuͤrzt. Nur zu gut fuͤhlte ich jetzt, daß ich noch lange nicht alle Schwierigkeiten uͤberſtiegen hatte, die mir bevorſtanden und gegenwaͤrtig der haͤrte⸗ ſten aller Proben ausgeſetzt war, ehe Selima in etwas mehr, als dem Namen nach, die Meinige ſeyn ſollte.“ „Da der Schlaf durch dieſes Ereigniß von meinen Augen gebannt war, ſo ſetzte ich mich in meinem Zimmer nieder, und uͤberließ mich dort allen erdenklichen, beaͤngſtigenden Vorſtellungen, die ich in meiner Lage nur haben konnte. Vor allen Dingen ſchien es mir aber noͤthig, dieſes ſonderbare Hinderniß der Welt und meinen Freunden zu verſchweigen. Selima ſollte allein davon wiſſen, da ſie am naͤchſten dabei intereſſirt war.“ „Tauſend Beſorgniſſe verwirrten mich aber, 240 da ich zweifelte, daß Selima jener ſo unwahr⸗ ſcheinlichen Erzaͤhlung Glauben ſchenken wuͤrde, ſo viel hatte ich aber beſchloſſen, daß ich ſie fuͤr den ganzen uͤbrigen Reſt der Nacht nicht aus den Au— gen laſſen wollte.“ „Entſchloſſen alles zu wagen, kehrte ich daher behutſam wieder zuruͤck. Als ich die Thuͤr ihres Zimmers aber von neuem eroͤffnete, ſah ich denſel— ben ſchrecklichen Waͤchter, der noch wie vorhin, auf dem Rande ihres Bettes ſaß und mich ſogleich wieder ins Auge faßte.“ „Meine ganze Entſchloſſenheit verſchwand in demſelben Augenblicke wieder. Athemlos ſank ich auf einen Stuhl, da ſchoß aber wilder, furchtba— rer Zorn aus den Augen des Geſpenſtes. Meine Lippen zitterten, ohne daß ich eines Lautes maͤchtig war, mir graute vor der Naͤhe des unbegreiflichen, ich ſuchte mich ſeinen ſtechenden Blicken zu entzie⸗ hen und verbarg mein Geſicht in meine Haͤnde, ohne daß ich es wagte, jemals wieder nach dieſem verſteinernden Gegenſtande zu ſchauen.“ „Wohl mehrere Stunden mochte ich in dieſem wunderbaren Zuſtande wahrer Bewußtloſigkeit ge⸗ legen ſeyn, als ich endlich meine Augen aufſchlug. Die Morgendaͤmmerung war bereits herangekom— men und das Geſpenſt nicht mehr zu ſehen. Un⸗ von ich weri Hat daß Geiſ keits Geb habe ner ſo unwat nken wuͤrde, ich ſo ſur d t aus den Au thrte ich dahe die Thuͤr ihre ſah ich denſel h wie vorhin d mich ſogleich verſchwand in mlos ſank ich der, furchtba⸗ enſtes. Meine Lautes maͤchtig unbegteiſl chen ſken zu enthie meine Haͤnde er nach dieſen 7 1- 6 in dieſen Hich in die keit N. gen aufſchlug kont 6 hetange u ſehen. un ußtloſig 241 moͤglich kann ich Dir beſchreiben, welche Gefuͤhle ſich jetzt meines Herzens bemaͤchtigten. Mit einer heiligen Scheu, die aus den erhabenſten Gefuͤhlen der Liebe ſtroͤmte, naͤherte ich mich der noch immer ruhig ſchlafenden Selima. Sie ahnete nicht, was um ſie her vorgegangen war, ſanft faßte ich ſie daher bei ihrer Sammet⸗Hand und liſpelte: Ja, dieſe Reinheit, welche ein hoͤheres Weſen ſeines Schutzes wuͤrdig erachtete, ſoll nun auch in Zukunft von mir bewahret werden. Nur erſt dann, wenn ich meine wunderbare Verpflichtung erfuͤllt haben werde, ſollſt Du mein Lohn ſeyn. Auf dieſe ſchoͤne Hand, liebenswuͤrdige Selima, gelobe ich es, daß ich Dich nicht eher beruͤhren will, bis ich den Geiſt Deines ungluͤcklichen Vaters durch Gerechtig⸗ keitspflege an ſeinem Moͤrder verſoͤhnt und ſeine Gebeine neben ſeinen Ahnen zur Ruhe gebracht 174 habe! „Eine„leiſe Beruͤhrung ihrer Lippen mit den meinigen und der Eifer, mit welchem ich ſprach, erweckten Selima. Sie ſchlug ihre Augen auf und erroͤthete bei meinem Anblick gleich einer Roſe im erſten Morgenſtrahl. Nach wenigen ſuͤ— ßen Worten und einem Morgengruſſe, ſagte ich ihr, daß ich ſie auf meinem Zimmer erwarten wolle, II. Theil. 16 — 242 um von dort einen Spaziergang in Gottes herr⸗ liche Natur mit ihr anzutreten, wo ich ihr dann ein Geheimniß mittheilen wuͤrde, deſſen Beſchaf⸗ fenheit von der groͤßten Wichtigkeit fuͤr ſie ſey.“ Gottes herr oich ihr dann deſſen Beſchaf⸗ fuͤr ſie ſeh.“ 243 Elftes Kapitel. Der Spaziergang,— der Fiſcher,— wunderbares Zu⸗ ſammentreffen, die Klage,— der Greis,— der Juwelen⸗Pallaſt,— das ſchwarze Gewoͤlbe,— Donna Emira— und der alte Pedro. „Bis zur Zuruͤckkunft des naͤchſten Schiffes, das von Spanien anlangte, blieben wir in Ceuta, und fuhren dann nach Malaga, wo ich nach ei⸗ ner ſehr angenehmen Reiſe endlich das Vergnuͤgen hatte, meine Braut in ihrem Geburtslande will⸗ kommen zu heißen.“ „Donna Zidana empfand jetzt all' die ſee⸗ ligen Empfindungen, welche uns bei der Ruͤckkehr in ein vielgeliebtes Land nach langjaͤhriger Abweſen⸗ heit ergriffen. Unzaͤhlige ſuͤße Erinnerungen er⸗ wachten in ihr, die ſie mit dem unausſprechlichſten Vergnuͤgen erfuͤllten.“ „Selima und ich bewohnten ein Zimmer, und da ich mich laͤngſt gewoͤhnt hatte, in meinem 2 militariſchen Wachmantel auf den Boden zu ſchla⸗ fen, ſo wurde ich auch jetzt, als ich daſſelbe that, 16* um den mir vorgenommenen Grundſatz nicht zu uͤbertreten, durch jene lange Uebung in meiner Be— quemlichkeit nicht im Geringſten geſtoͤrt. Viel zu bedeutende Dinge beſchaͤftigten mich aber in der erſten Nacht unſerer Landung, ale daß ich die ge⸗ hoͤrige Ruhe genießen konnte, und auch Selima befand ſich im gleichen Zuſtande. Bis faſt gegen Mitternacht ſchwatzten wir daher, wobei denn das ſonderbare Abentheuer, in welches ich unweit die— ſer Stadt verwickelt ward, zum Gegenſtand des Geſpraͤches wurde.“ „Meine Beſchreibung der herrlichen Gegenden, welche das mittellaͤndiſche Meer umgeben, die un— nachahmliche Wirkung des Mondlichtes auf den zit⸗ ternden Waſſerwogen, und die daͤmmernde Landſchaft erregten ſo viel Neugierde bei ihr, daß ſie ſich nicht enthalten konnte, mit mir nach dem Orte zu gehen, an welchem die ungluͤckliche Zara vergraben lag.“ „Die Nacht war eben ſo ſchoͤn, als jene, in der ich dieſen Spaziergang zum erſten Mal machte. Nachdem ich mich daher wohlbewaffnet, und Se— lima, die ſo lange an Marocco's brennendes Klima gewohnt war, mit meinem Mantel verſehen hatte, ſchlichen wir uns aus dem Hauſe.“ „Ungemein ergoͤtzte ſich Selima an den er⸗ habenen Feierlichkeiten der vor ihr liegenden Ge⸗ bend leut aber eine Um Erd durch ren ſche daß ndſatz nicht z in meiner Be⸗ ſſort. Viel zu h aber in der daß ich die ge⸗ auch Selima Bis faſt gegen wobei denn das ich unweit die Gegenſtand des ſchen Gegenden, geben, die un⸗ tes auf den zit⸗ ernde Landſchaſt baß ſie ſich nicht Orte zu gehen vergraben lag. , als jene, in en Mal machte fnet, und St 9˙8 brennendee Nantel verſehen auſe.“ na an den el⸗ T liegenden genſtaͤnde. Sanft blies der Wind uͤber die Wet⸗ len, waͤhrend das gegen den Ufergrund regelwaͤfige Anſchlagen derſelben unſere Seelen mit geheimen Grauen erfuͤllte. Jedes in ſeine eigenen Gedanken uͤber die Unendlichkeit der uns umgebenden Schoͤp⸗ fung verſunken, ſtanden wir Hand in Hand auf einem felſigten Theile des Geſtades, als uns ploͤtz⸗ lich verwirrtes Getuͤmmel entfernter Stimmen auf— merkſam machte, und eben wollte ich mich aus Be⸗ ſorgniß fuͤr Selima's Sicherheit mit ihr ent⸗ ſernen, als ein ſchmerzhafter Schrei an mein Ohr ſchlug, der die innigſte Theilnahme ſowohl in mir als Selimen erregte.“ „Ohne uns lange zu bedenken, eilten wir beide ſogleich nach dem Orte, wo wir die Stimme ge⸗ hoͤrt hatten, und bemerkten bald eine Anzahl to— bender Menſchen am Ufer, die wie ſpaniſche See— leute ausſahen. Bei unſerer Ankunft ergriffen ſie aber augenblicklich die Flucht, und hinterließen eine Perſon, die auf den Sand hingeſtreckt lag. Um ſie naͤher zu unterſuchen, beugte ich mich zur Erde, und fand, daß ſie noch athmete, obſchon ſie durch mehrere ſtarke Schlaͤge die Beſinnung verlo— ren hatte. Die Perſon war uͤbrigens wie ein Fi⸗ ſcher gekleidet, und mit Schauder bemerkte ich, daß die Entflohenen den Sand an ſeiner Seite be⸗ 246 reits aufgewuͤhlt hatten, um ihn wahrſcheinlich nach vollbrachter That zu verſcharren.“ „Gluͤcklicher Weiſe hatte Selima eine ſtarke Eſſenz bei ſich, mit welcher ſie dem Beſinnungs⸗ loſen jetzt die Schlaͤfe rieb, bis er endlich nach ei⸗ niger Zeit undeutlich und gebrochen zu ſprechen be⸗ gann. Seine Stimme hatte mein Ohr kaum er⸗ reicht, als ſie mir auch ſchon bekannt ſchien.“ „Da im mittellaͤndiſchen Meere keine Ebbe und Fluth herrſcht, der Sand an den Ufern daher be⸗ ſtaͤndig trocken bleibt, wenn ihn kein Sturm durch⸗ naͤßt, ſo ſetzten wir uns darauf nieder, um den Anbruch des Tages zu erwarten, waͤhrend ſich un⸗ ſer Patient von Stunde zu Stunde mehr erholte, und ſchon aufrecht ſtehen konnte, als es endlich tagte.“ „Mit Aufmerkſamkeit betrachtete ich jetzt ſeine Geſichtszuͤge und fragte von dunkler Ahnung ge⸗ trieben: Seyd ihr ein Spanier, und virklich Fiſcher?“ „„Das bin ich!““— erwiederte er mit ſchwacher Stimme.„„Durch laͤngere Zeit habe ich einen Theil meines Erwerbes aus mir ſehr wich⸗ tigen Urſachen zuruͤckgelegt, und vergrub ihn hier im Sande, um deſto ſicherer zu ſeyn. Leider! ent⸗ deckten meine Kameraden aber jenen Schatz, da ſie hrſcheinlich nnch ma eine ſiarte im Beſinnunge endlich nach ei zu ſprechen be Ohr kaum er n Sturm durc nieder, um den zaͤhrend ſich um de mehr erh als es endlich ich jebt ſeine ler Ahnung 9 und wirk lich „ m dderte di oſt hab „Zeit hal naere Zelr rholte, 247 mich au u 4 dieſer Stelle belauſchten, und wuͤrden mich o 3 i ch ohne Euern Beiſtand auch wahrlich bracht haben.““ 2n Deutli 3 ich j 1„2 lich merkte ich jetzt aus dem Dialect ſei er— rc ⸗ 2 1 — Sprache, daß er kein Spanier ſey, welches — 4. he h ihm denn auch eroͤffnete. Zwar wurde er b dieſen Worte i ,40 ſen Wortenſfn wenig verlegen, hatte ſich ab ald gefaßt und erwiederte:„„Wer ich 3 n mer bin, Senor! ic do In, un 38 4 enor. ſo habe ich doch hinlaͤngliche Ur— he, Euch fuͤr den mir erwieſenen Dienſt dankb u ſeyn; eben deß ſ a6 zu ſeyn; eben deßwegen erſuche ich Euch aber, mich nu er allei ſſ n hier allein zu laſſen, bis ſich eine Perſo geringerem S re ge gerem Stande naht, die mich nach mei leiten kann.““ dnrchäit L ewiß i i „O gewiß iſt das einer Eurer Landsleute! 1 8 1 1 9— ſagte ich nach dieſen Worten in mauriſcher Sprach b3. e Sprache z elima. Auch erinnert mich ſeine Sti nur zu auffallend an Hyraddin Halil!“ 2 „Noch ho laiche f doch hatte ich dieſen Namen aber nicht voͤl en r— g genannt, ſo fragte uns der junge Fiſcher i derſelbe Svrach 4 derſelben Sprache, ob wir Hyraddin Hali k 3— ali ten.„„Sehr wohl!““ verſetzte Sels 4 8 eli— „„da er mein Oheim iſt. 12 Tro„ n i 3„Freude uͤberzog bei dieſen Worten des Juͤn ings Geſicht, der 6 ,„ der uns jetzt eroͤffn ß i Waen i hn ffnete, daß er ſein 7777 ——— —O⏑Vʒ—;—:——— 248 „Waͤre Zara aus dem Sande, wo ſie begra⸗ ben lag, aufgeſtanden, ſo haͤtte mein Staunen nicht groͤßer ſeyn koͤnnen, als bei dieſer Eroͤffnung des Juͤnglings. Da ich ihn endlich aber fragte, welche ſonderbare Zufaͤlle ihn, als den Sohn eines reichen Baſſa, zu einem armen Fiſcher umgewan⸗ delt haͤtten, erwiederte er:„„Wohl iſt meine Ge⸗ ſchichte wunderbar und abentheuerlich, leider! iſt ſie aber fuͤr meine Kraͤfte und jetzige Lage zu lang. Laͤngſt habe ich meine Luſt zum herumwandelnden Leben genugſam abgebuͤßt, das Geld, was ich mir ſammelte, hatte ich daher auch zur Beſtreitung der Reiſekoſten nach meiner vaͤterlichen Wohnung beſtimmt.““— „Nur mit großer Muͤhe brachten wir Ali jetzt nach Malaga zuruͤck, wo wir Donna Zida⸗ na durch ſeine perſoͤnliche Gegenwart und jenes wun⸗ derbare Zuſammentreffen nicht wenig uͤberraſch⸗ ten.“— „Zufaͤllig geſchah es jetzt auch, daß wir von Don Padilla's Abſicht hoͤrten, ſich in ſeinem hohen Alter noch zum dritten Male zu verehelichen. Aus Mitleid fuͤr die ungluͤckliche Dame, welche durch ihres Vaters Geiz zu dieſer Verbindung ge⸗ zwungen wurde, entwarfen wir aber einen Plan zu ihrer Rettung, deſſen Ausfuͤhrung Almanſor wo ſie begra⸗ mein Staunen eſer Eroffnung h ober fragte in Sohn eines cher umgewan⸗ iſt meine Ge⸗ j, leider! iſ Lage zu lang⸗ rzumwandelnden , was ich mir ur Beſtreitung hen Wohnung wir Ali jebt onna Zido⸗ und jenes wun⸗ nig uͤberraſch⸗ daß wir von ſich in ſeinem elichen. u vereh Dame, welcht gerbindung 9 jzan Plal er einen po anſei Alm. 249 mit allen Schrecken und Wunderbarem uͤber ſich nahm, worauf er ſich ſo herrlich verſteht.“— „Schon war jetzt der Tag beſtimmt, an dem der bereits wieder hergeſtellte Ali ſeine Abreiſe beginnen wollte, und eben hatte ich einige Geſchenke fuͤr unſere mauriſchen Freunde ausgeſucht, als uns ein neuer unangenehmer Vorfall in nicht wenige Verdruͤßlichkeiten ſtuͤrzte.“ „Da die Fiſcher den jungen Ali bloß als ih⸗ res Gleichen kannten, ſo waren ſie ihn jenes Gluͤ⸗ ckes wegen neidig, daß er von Standesperſonen in Schutz genommen wurde. Weil ſie nun nicht wußten, auf welche Art ſie ſich an ihm raͤchen ſoll⸗ ten, ſo verfielen ſie auf den Gedanken, daß ſie ihn ſeiner Erſparniß berauben wollten. Durch Zu⸗ fall hatte Ali ſeine kleine Kaſſe gerade uͤber dem Kaſten verſcharrt, welcher ſeiner Schweſter Koͤrper enthielt. In der Hoffnung, außer jenem Schatze noch etwas zu finden, gruben die Fiſcher von Hab⸗ ſucht angeſpornt immer tiefer, und ſtießen end— lich auch auf jenen Kaſten. Ueberraſchung und Mißvergnuͤgen dieſer fehlgeſchlagenen Hofſnung wegen waren ſo ſtark, als ſie den todten Koͤrper fanden, daß ſie Ali augenblicklich fuͤr den Moͤrder hielten, und nach dem koſtbaren Schawl, in dem ſie den Leichnam gewickelt fanden, auch nicht im 250 Geringſten zweifelten, daß hier betraͤchtliche Beute zu erhaſchen ſey.“ „Sogleich brachten ſie eine Klage gegen ihn vor den Magiſtrat, worauf denn Ali augenblick⸗ lich verhaftet wurde; insgeheim wandte ich mich aber ebenfalls an die Behoͤrde, und theilte ihr die zufaͤlligen Umſtaͤnde mit, welche mich vor beilaͤufig zwoͤlf Monaten zum Zeugen bei dem Begraͤbniſſe jenes Leichnams gemacht hatten. Mit kurzen Wor⸗ ten erzaͤhlte ich endlich den Zuſammenhang jener Abentheuer, und ſagte, daß meine Neugierde, den Ort, wo mir einſt ein ſo ſonderbarer Vorfall be⸗ gegnete, abermals zu ſehen, der einzige Anlaß war, daß ich Ali's Leben retten konnte, auf welches die Fiſcher nun auf eine Art Angriff machten.“ „Durch die Aufrichtigkeit meiner Ausſage und die Beweiſe, die ich ihm vorlegte, wurde der Ma— giſtrat von Ali's Unſchuld endlich uͤberzeugt, wor— auf denn ſaͤmmtliche Fiſcher verhaftet und auf die Galeeren verurtheilt wurden, Ali aber ſeine Freiheit erhielt.“ „Mein dringendſtes Geſchaͤft war jetzt, Zara's Leichnam in einen glaͤſernen Sarg zu legen, und mit einer aus Holz kuͤnſtlich geſchnitzten Truhe verſehen zu laſſen, mit welchem traurigen Geſchenke ſich Ali endlich nach ſeinem Vaterlande begab.“ ſe auf nen u ſerrlic etraͤchtliche Banle Klage gegen iſn Ali augenblic wandte ich mich no theilte ihr die gich vor beilaͤuff dem Begraͤbniſ Mit kurzen Wor mmenhang jene Neugierde, der harer Vorfall b zige Anlaß wan V te, auf welchet — p 1 iff machten. ner Ausſage und Ma „Da uns jetzt nichts mehr in Malaga zu⸗ uͤckhielt, ſo verließen wir es auch in wenigen Ta⸗ gen nach Ali's Abfahrt, und unternahmen die ſſer auf den Wellen des Darro, weil Reiſe zu Wa W dieſe Art weniger anſtrengend fuͤr die Da— Wechſel der ſie auf men wurde, und den mannigfaltigſten herrlichſten An- und Ausſichten gewaͤhrte.“ „Mit inniger Freude erinnerte ſich Donna ana waͤhrend dieſer Fahrt an die fruͤhere Pe— wo ſie ſich auf Granada's Zid riode ihres Lebens, bluͤhenden Gefilden gefuͤhlt hatte. an der Seite eines geliebten Gatten gluͤcklich Auch Selima war ebenſalls von den herrlichen Gegenden ſo uͤber— raſcht, daß ſie innigſt entzuͤckt an meiner Seite denn allgemein zufrieden zu Granada an. und ſo langten wir einer Fahrt von einigen Tagen „Es war mir unmoͤglich, unſer Abentheuer auf dem mauriſchen Schloſſe vergeſſen, und auch Donna Zidana wurde aͤußerſt uns der Gegend nahten, wo wir Ruinen, die jetzt von den Strahlen der Abendſonne geroͤthet wurden, ſchon aus betraͤchtlicher Weite er⸗ kennen konnten.“ ſagte ich „Dort in jenem Thurme, zu Selimen,— war es, wo ich das Portrait I I 1 — 2⁵52 fand, welches meine Phantaſie ſo ploͤtzllich be⸗ geiſterte.“ „„Und doch habt Ihr es mir noch nicht ſe— hen laſſen!““— fiel mir Zidana in die Reder „„Wollt Ihr wohl ſo gefaͤllig ſeyn, Euern Fehler nun zu verbeſſern?““ „Hier iſt es denn,— verſetzte ich. Da das Original nun in meinem Beſitze iſt, ſo hat es ſonſt keinen Werth mehr fuͤr mich, als in ſo ferne es Euch, Donna, in der glaͤnzendſten Peri⸗ ode Eures Lebens gleicht.“ „Haſtig ergriff Donna Zidana das Por⸗ trait, da ſie aber bei dem Anblick deſſelben heftig w let twoch 6 denter t ihr Nal! ind n arage ſider! ſerrſch und: brun te ſ erbebte, ſo ließ ſie es aus den Haͤnden gleiten, es fiel auf den Rand des Kahnes und von da ins Waſſer.“ „Sehr nahe ging mir dieſer Verluſt; Donna Zidana entſchuldigte ſich aber mit ihrer heftigen Gemuͤthsbewegung, welche, wie ſie ſagte, daher kam, weil das Gemaͤlde dem Grafen Ferendez, ihrem Gemah!, gehoͤrt habe, der es ganz ſicher nicht freiwillig hergab.„„Ohne Zweifel wurde er von Raͤubern uͤberfallen,““— fuhr ſie fort,—„„die in den Ruinen einen geheimen Schlupfwinkel ha⸗ ben, da Ihr es in jenem zerſtoͤrten Gebaͤude nebſt einem Buͤndel mauriſcher Kleider fandet. O nur ein Unnel icht n. ch ſe aunte ber wager (an ſew „ euen ad e ſo ploͤtzlich be nir noch nicht ana in die da eyn, Euern Fehle izte ich. Da das iſt, ſo hat ts mich, als in ſo glaͤnzendſten Peri⸗ jdang das Por deſſelben heſti inden gleiten, e und von da ins erluſt; Donna nit ihrer heftigen ſie ſagte, dahet rfen Ferendes ganz ſicher nicht lwurde er n fort, 1 glupfvinkel) ha⸗ Gebaͤude nſ 4 Anu noch jetzt in einer Hoͤhle 2⁵³ uu leicht iſt es moͤglich, daß ſich jene Schaͤndlichen aufhalten, welche ſich unter dem Schloſſe befindet, und wahrlich einzig Ein einziges Nal habe ich ſie in Geſellſchaft des Grafen beſucht und nie haͤtte ich geahnet, in ihrer Art genannt werden darf. daß unter den himmel⸗ dieſes Pallaſtes, der nun nur noch aus Ruinen beſteht, ſolche Pracht herrſchen koͤnnte.““ „Mit Gewalt brach die Nacht herein, nend maͤchtige W anragenden Thuͤrmen leider! waͤh⸗ olkenmaſſen aufſtiegen; nicht ohne Grund fuͤrchtete ich daher einen Sturm, und trach⸗ jete ſo viel als moͤglich zu landen, um die Nacht in einem der Gemaͤcher des Thurmes zubringen zu da wir bei der Anzahl unſerer Leute nicht ſeicht etwas zu befuͤrchten hatten.“ aoͤnnen, „Nach kurzem Streite ward der Vorſchlag end⸗ lich ſchuͤchtern angenommen, mit aller Beredſamkeit ſonnte ich die Damen aber nicht dazu bewegen, ſich über das Erdgeſchoß in die obern Gemaͤcher zu vagen, in welchen erſteren die Waͤnde von Rauch und Flammen ſo ſehr geſchwaͤrzt waren, daß ſie ie widrinſien Vorſtellungen erweckten.“ „Unſere zeuer von duͤrren Baumaͤſten auf dem Diener zuͤndeten endlich ein großes Boden an, und breiteten einige Tapeten aus, worauf wir denn 254 ein Nachtmahl einnahmen. Da wir dem Weine ganz thaͤtig zugeſprochen hatten, uͤbernahmen win ich und Almanſor, beide wohl bewaffnet die Nachtwache, indeß die Damen und unſere Diene auf den Decken zu ſchlafen verſuchten.“ „Schweigend ſaßen wir neben einander, und betrachteten die gluͤhende Aſche auf dem gepflaſterten Boden, welche von Zeit zu Zeit aufflackerte und einen matten Schein auf die geraͤucherten Waͤnde warf, als ich ploͤtzlich durch eine Erſcheinung un— nennbar erſchuͤttert wurde, die mir eben ſo auffal— lend, als unerklaͤrbar vorkam. Leiſe ſah ich in den Winkel des Zimmers, welcher von dem Scheine unſers Feuers nur ſehr matt erleuchtet wurde, ei— nen Stein des Pflaſters in die Hoͤhe heben, wor⸗ auf ſich der Kopf eines alten Mannes, den ein langer grauer Bart zierte, aus dem dadurch ent⸗ ſtandenen Loche erhob. Der Schreck hatte mich bei dieſer Erſcheinung ſo ſehr ergriffen, daß ich unmoͤglich reden konnte; mit aller Macht packte ich Almanſor'n aber am Arme und deutete ſprach⸗ los nach der Urſache meines Entſetzens, die bei un⸗ ſerm Anblicke augenblicklich verſchwand.“ „Raſch ſuhr Almanſor jetzt empor, und ſprach:„„Kommt, Fernando! laßt uns die Sache naͤher unterſuchen!““— „2 merſcht datzuͤnd ſcbie die tat au dittbas dnſoßer a wir dem Win uͤbernahmen wit oohl bewaffnet di und unſere Dine chten.“ ben einander, in if dem gepflaſterte t aufflackerte un eräucherten Waͤnd te Erſcheinung in mir eben ſo auffe eiſe ſah ich in u Seheln von dem Schein. euchtet wurde, 90 vor Hoͤhe heben, wo aller ſotat † 7 U nd deutete l 255 „Ich erſtaunte uͤber ſeine Kaltbluͤtigkeit und erwiederte mit ſchwankender Stimme: O ge⸗ wiß iſt es der Geiſt eines Koͤrpers, der unter die⸗ ſem Steine begraben liegt.“ „„Dann will ich ſein Gerippe unterſuchen!““ — verſetzte er, eine Fackel anzuͤndend.„„Kommt, Fernando! Habt Ihr Euch doch vor dem Geiſte auf den Waͤllen von Ceuta nicht gefuͤrchtet, ſo werdet Ihr auch hier unter gleichen Umſtaͤnden Euch nicht ſchrecken laſſen.““ „Wirklich gefiel mir ſein Muth und ſeine Zu— verſicht ſo ſehr, daß ich endlich eine zweite Fackel anzuͤndete, und ihm nach jenem Winkel folgte, wo wir die ſonderbare Erſcheinung ſahen. Almanſor trat auf den Stein, und bemerkte, daß er zwar etwas locker ſey, aber doch ſo genau an die dar⸗ anſtoßenden paßte, daß es unmoͤglich war, ihn von Außen irgendwo zu packen.“— „Der Dolch, den ich beſtaͤndig bei mir trug, war ziemlich ſlark, ich bohrte deſſen Spitze daher zwiſchen die Fugen und hob den Stein ſo weit empor, bis ich ihn endlich mit den Haͤnden faßen und zuruͤcklegen konnte. Weder aber durch ein Ge⸗ rippe noch durch ein Grab ward unſere Neugierde befriediget, wohl zeigte ſich unſern Blicken aber —— —— 2⁵56 ein ſchwarzer gaͤhnender Abgrund, welchen di Licht unſerer Fackeln kaum in etwas erhellen konnte. „Ohne uns lange zu berathen, ergrifſen wit mit dem feſten Entſchluß, das hier verborgene G heimniß zu enthuͤllen, unſere wohlgeladenen Piſte len, und begannen eine ſchmale Treppe hinabzu ſteigen, die faſt ſenkrecht ſtand, auch eben ſo ge baut war, wie jene, welche auf einen der runde Thuͤrme fuͤhrte.“ „Lange waren wir ſchon abwaͤrts gegangen ohne daß wir noch ein Ende bemerkt haͤtten, oben⸗ drein war die Stiege noch um ſo beſchwerlicher zu gehen, da wir kaum eine Elle breit vor uns ſahe Auch lauſchten wir haͤufig, konnten aber nicht dar kleinſte Geraͤuſch vernehmen. Erſt nachdem wi wenigſtens dreihundert Stufen in faſt ſenkrechte Richtung abwaͤrts geſtiegen waren, kamen wir auf einmal in die ſchoͤnſte Grotte, die ſich die Phanj taſie nur denken kann. Der Widerſchein unſeren zwei brennenden Fackeln, brachten einen ſo unge heuern Lichtſtrahl hervor, daß wir auf einen Au genblick erblindeten, und uns wie in einem Feuer meer befanden.“ „Ein erhabenes kuppelartiges Gewoͤlbe, deſſel Hoͤhe ſchon allein hinlaͤnglich war, Bewunderung zu erregen, ſtellte ſich unſern Blicken dar. Unge heu Zap und und, welchen d das erhellen konnte then, ergriffen w hier verborgene E vohlgeladenen Piß ale , auch eben ſo ff einen der runde ale Treppe hinab abwaͤrts gegange emerkt haͤtten, obe ſo beſchwerlicher greit vor uns ſahe nten aber nicht d Erſt nachdem u in faſt enkrech kamen wir a die Phe ein unſch ren, die ſich Viderſch 5 ſo ung inen ſo ds ten eine einen! vir auf uſ Feue wie in einem „ 416 eſe Gewoͤlbe/ 8 4 Be wundetl 257 heuere in den mannichfaltigſten Farben ſpielende Zapfen hingen von der Decke herab, die Waͤnde und natuͤrlichen Saͤulen beſtanden aus glaͤnzenden mit Goldſtreifen vermiſchten Maſſen, waͤhrend der Boden mit kleinen Stuͤckchen bedeckt war, die wie ausgeſtreute Edelſteine glaͤnzten.“ „Die Wirkung, welche dieſer praͤchtig kryſtalli⸗ ſirte Koͤrper auf uns machte, kann ich Dir un⸗ moͤglich beſchreiben, lange ſtanden wir in angenehme Verwunderung aufgeloͤſt, bis wir uns endlich des Geſchaͤftes wieder erinnerten, das uns hieher brachte. Es ſchien, als ob wir uns in der Schatzkammer der Natur befaͤnden, wo Topaſſe, Smaragde, Ame⸗ thyſte und glaͤnzende Rubinen in verſchiedenen Grup⸗ pen und Parthien aufgehaͤuft laͤgen.“ „Leider! erlaubte uns die Zeit nicht, lange in dieſem Juwelen⸗Pallaſte zu verweilen; wir gin⸗ gen daher feſten Schrittes auf eine Oeffnung zu, die uns gerade gegenuͤber lag, und ſo ſchmal aus⸗ ſah, als ob ſie durch die Kunſt des Meiſels mit aller Muͤhe ausgearbeitet worden waͤre. Ungefaͤhr zwanzig Schritte tief gingen wir hinein, als wir auf eine andere Treppe kamen, die aus Marmor beſtand, und uns an einen Ort brachte, der ſchon hei ſeinem erſten Anblick das Andenken an jenen Juwelen⸗Pallaſt verwiſchte.“ II. Theil. 17 Weiſe einzupraͤgen.“ 258 „Ein großes Gewoͤlbe, deſſen Waͤnde aus po⸗ wa lirtem ſchwarzen Marmor beſtanden, und das Licht ſun unſerer Fackeln wie aus ſchwarzen Spiegeln melan⸗ ſe choliſch widerſtrahlten, ſtellte ſich unſern Blicken dar. und Zu beiden Seiten des Gewoͤlbes ſtanden platte Mar⸗ ſan, morſaͤrge, welche mit arabiſchen Chiffern beſchrieben 1 waren, und die modernden Ueberreſte laͤngſt ver⸗ pfr blichener Eigenthuͤmer dieſes Schloſſes enthielten. ic All' ſeine traurige Pracht ſchien der Tod hier zei⸗ nit gen zu wollen, um dem menſchlichem Auge die ut Nichtigkeit aller irdiſchen Groͤße auf die kraͤftigſte er „Wir machten eine feierliche Pauſe, waͤhrend unſ wir uns in dieſem Aufenthalte abgeſchiedener Groͤße tine umſahen, und nicht wenig erſchrack ich bei dem chen Gedanken, daß ich— ich, der jetzt uͤber das Schick⸗ liche ſal Anderer mit duͤſterer Miene bruͤtend daſtand,— Sch einſt auch gleich ihnen mit dem Staube vermiſcht ſch werden ſollte. Selbſt Almanſor ſchien aͤhnliche M Gedanken zu hegen, waͤhrend wir mit Achtung in dieſem erhabenen Begraͤbnißorte umherblickten, bis ag wir ploͤtzlich durch ſanfte muſikaliſche Toͤne, welche laͤngs der Woͤlbung dieſes wunderbaren Ortes her⸗ na uͤber klangen, aus unſern traurigen Betrachtungen aufgeſchreckt wurden.“ i „Lauſchend ſchlichen wir leiſe vorwaͤrts, und n Waͤnde aus pr⸗ en, und das Licht Spiegeln melan⸗ unſern Blicken dat. unden platte Mar⸗ Lhiffern beſchrieben erreſte läͤngſt ven bloſſes enthielten. der Tod hier zeb hlichem Auge die auf die kraͤftigſte zßrend Pauſe, waͤhrend geſchiedener Groͤße hrack ich bei den t uͤber das Schich nd daſtand,— Staube vermiſch nlich ſchien aͤh Achtung blickten/ bi welch ruͤte or ir mit umher ſche Toͤne,— rharen ortes hi⸗ en Betrachtung 4 und — votwüris/ 259 waren noch nicht weit von dieſem Aſyle der Ver⸗ ſtorbenen entfernt, als wir bemerken konnten, daß die Toͤne einem muſikaliſchen Inſtrumente entlockt und von einer ſchoͤnen Stimme, die das Tedeum ſang, begleitet wurden.“ „Um den Saͤnger nicht zu ſtoͤren, ſchlichen wir vorſichtig weiter, und befanden uns jetzt ploͤtz⸗ lich am Eingange eines geraͤumigen Gemaches, das mit einer bedeutenden Anzahl von Laternen beleuch⸗ tet und auf eine Art eingerichtet war, die uns in Erſtaunen ſetzte.“ „Durchgehends antik ſchienen die Moͤbeln; was unſere Aufmerkſamkeit aber hauptſaͤchlich anzog, war eine Dame in Trauerkleidern, die auf einem muſikali⸗ ſchen Inſtrumente ſpielte, deſſen volle Toͤne erſtaun— liche Wirkung machten. Puͤoͤtzlich hatte ſie der Schein unſerer Fackeln aber aufgeſchreckt; ſie wandte ſich um, und bebte bei dem Anblick zweier fremder Maͤnner.“ „„Himmel!““— rief Almanſor jetzt, als die Dame ihr Antlitz gegen uns wendete,— „„truͤgen mich meine Augen nicht, ſo iſt es Don⸗ na Emira, die wir vor uns ſehen!““ „Wie? Donna Emira!— ich,— diejenige Perſon, deren Portrait ich im Schloſſe Montillo ſah?“ verſetzte 417.* 260 „„Wer erinnert ſich hier meiner noch?““— fragte die Dame jetzt mit feſter Stimme.„„Wa⸗ rum ſeyd Ihr gekommen? und wie kamt Ihr an dieſen ſchrecklichen Ort?““ „Gewiß konnte uns nur die Vorſicht zu Eurer Rettung hieher fuͤhren,— rief ich. Erkennet denn in mir Fernando de Coello, Euert Neffen.“— „„Guͤtiger Himmel, ich danke dir!““— ſchrie ſie nach dieſer Eroͤffnung mit thraͤnenvollen Augen.„„So werde ich vor meinem Tode we⸗ nigſtens doch noch einmal das Licht der Sonne ſe⸗ hen, die reine Luft des Tages athmen, und mich in menſchlicher Geſellſchaft erquicken!““ „„Ganz ſicher werdet, ſollt und muͤßt Ihr das!““— verſetzte Almanſor.„„Frei ſeyd Ihr von dieſem Augenblicke an; doch wie war es moͤglich, daß Ihr ſo lange an dieſem Orte leben konntet? Wie verſchafftet Ihr Euch die noͤthige Nahrung?— oder gibt es hier noch einen an⸗ dern Ausgang ins Freie?““ „„Wohl giebt es einen geheimen Ausgang!““ — antwortete ſie.—„„Wo er aber iſt, weiß ich nicht, da ihn Don Padilla ſtets verborgen hielt. Pedro, der alte Haushofmeiſter des Schloſſes Montillo nebſt Thereſen, meinem Aufwari⸗ ner noch?“ ℳ timme.„Wa⸗ vie kamt Ihr an gorſſcht zu Enrer ich. Erkennet toello, Euern anke dir!““— nit thränenvollen neinem Tode bes zt der Sonne ſe⸗ thmen, und mich und mäͤßt Ihr r. u0 Frei ſend doch ieſem Orke lebel zuch die noͤthige noch einen al wie war es m 1 10 nen Ausgang lber iſ weiß i 3 verborgen jis „ des Schloſſ ſwart meinem Jufwan me 261 maͤdchen, wurden zur Theilnahme meiner Gefangen— ſchaft gezwungen, weil ſie zufaͤllig entdeckt hatten, daß nur eine Wachsfigur in meinem Sarge lag, ich ſelbſt aber in dem oͤſtlichen Theile des Schloſ— ſes Montillo als Gefangene lebte, bis es Don Padilla fuͤr gut fand, mich insgeheim hieher zu fuͤhren.““ „Waͤhrend Donna Emira noch ſprach, trat Thereſe, mit einem Kuchen und einigen einge⸗ machten Fruͤchten herein, erſchrack aber unbeſchreib⸗ lich, als ſie uns bemerkte. Sicher waͤre ſie auch entflohen, haͤtte ihr Emira nicht zugerufen, daß keine Gefahr zu befuͤrchten ſey, und ſich zu gleicher Zeit nach Pedro erkundigt.“ „„Ach leider! hat er ſich von ſeinem Schrek— ken noch nicht erholt!““— antwortete Thereſe mit zitternder Stimme.„„Um durch die Ver⸗ nachlaͤſſigung von Don Padilla's jaäͤhrlichem Beſuche nicht Hunger ſterben zu muͤſſen, irrte er in dieſen unterirdiſchen Gewoͤlben umher, einen Aus⸗ gang zu ſuchen, und hatte auch wirklich jenſeits der Grotte uͤber eine lange ſchmale Stiege, die mit einer ſteinernen Fallthuͤr geſperrt war, einen neuen Weg gefunden. Nur mit Muͤhe hob er den Stein auf, ließ ihn aber ſogleich wieder fallen, da er ei— nen ungeheuern Haufen Raͤuber erblickte, welche 262 um ein großes Feuer lagen, das auf dem Boden brannte.““— „kLaͤchelnd uͤber Thereſens Erzaͤhlung erklaͤrte ich den Zuſammenhang der Sache, welche den al⸗ ten Pedro ſo viele Unruhe gemacht hatte, mit dem wir bald bekannt wurden, und nun uͤber un⸗ ſere wechſelſeitige Furcht lachten.“ „Da Donna Emira ihren jetzigen Aufent⸗ halt, den ſie Anfangs zwar als das widrigſte Ge⸗ faͤngniß betrachtete, nun aber, wenn auch nicht lieb gewonnen, doch durch lange Gewohnheit zu ertragen gelernt hatte: ſo koſtete es nicht wenig Muͤhe, bis wir ſie endlich zu dem Entſchluſſe brach— ten, uns zu folgen. Der einzige Wunſch, ihre Tochter Virginia wieder zu ſehen, konnte ſie dazu beſtimmen. Die Zeit war, waͤhrend unſern Unterſuchungen und den erſten Geſpraͤchen nach un⸗ ſerer Entdeckung ſo ſchnell vergangen, daß es be⸗ reits ſchon tagte, als wir in den obern Gemaͤchern anlangten, wo wir unſere Geſellſchaft noch 9n tie⸗ fen Schlafe fanden.“ „Schnell weckte ich jetzt die Damen, und ſtellte ſie den unerwarteten Fremden vor, enthielt mich da⸗ bei aber jeder naͤhern Erklaͤrung, da ich der Zu⸗ kunft die Aufloͤſung der Sache uͤberließ, welche die beiden Frauen fuͤr den gegenwaͤrtigen Augenblick auf dem Beden tzählung erklͤrte welche den ale nacht hatte, mit nd nun uͤber un⸗ ſetzigen Aufent⸗ das widrigſte Ge⸗ wenn auch nicht „Gewohnheit zu es nicht wenig Entſchluſſe brache ge Punſch, ihre then, konnte ſie üͤhrend unſern waͤ 1 ppraͤchen nach un ngen, daſ ds 19 obern Gemnaͤchert haft noch Win tie⸗ ellte 4 d Schlummer lagen.“ vielleicht in das feindſeligſte Verhaͤltniß haͤtte brin⸗ gen koͤnnen. Den groͤßten Theil des Tages brach— ten wir endlich mit Unterſuchung der Merkwuͤrdig' keiten jener wunderbaren Hoͤhle zu, die ich, nach den Figuren zu ſchließen, welche an verſchiedenen Orten aus dem Felſen gehauen waren, urſpruͤnglich fuͤr ein Werk der Gothen hiett.“ „Endlich brachen wir auf, und mußten uns bei unſerer Ankunft zu Granada ein ganzes Haus miethen, da ſich unſer Zug durch den Zuwachs dieſer drei Perſonen vermehrt hatte. Bald trieb mich meine Ungeduld aber nach Madrid, da ich, erfuhr, daß ſich Don Padilla dort aufhalte, und gewiß war es nicht das unbedeutendſte meiner Abentheuer, als ich gerade in jenem ſo kritiſchen Augenblicke ankam, um Zeuge jenes ungluͤcklichen Vorfalles zu ſeyn.“—— Endlich hatte Fernando de Coello ſeine Erzaͤhlung mit dieſen Worten beendet, worauf ſich beh er als Denia bei ſchon herangekommenem Tage fuͤr kurze Zeit zur Ruhe begaben, waͤhrend ſowohl Biranin ni⸗ als Selima noch im tiefen Zwoͤlftes Kapitel. Der ſchwarze Mann,— die heilige Inquiſition,— und das Verhoͤr. Sobald der Marquis de Denia erwacht war, ſchickte er nach Raolo, um ſich Berenicen's wegen zu erkundigen, wunderte ſich aber nicht we⸗ nig, als er ſeinen treuen Diener mit verſtoͤrter Miene und verwildertem Ausſehen in das Zimmer treten ſah. „Nun wie ſteht's mit Deiner Gefangenen?— fragte er augenblicklich mit der geſpannteſten Miene. Scheu umherblickend verſetzte Raolo aber: „Leider! ſchlecht, Senor! da ſie vermuthlich dorthin gegangen iſt, wo ſie den Lohn all' ihrer Miſſetha⸗ ten endlich erhalten wird.“ „Waͤr' es moͤglich!“ ſchrie der Marquis. „Und dennoch haͤtte ich noch tauſend wichtige Fra⸗ gen an ſie gehabt, die nun leider! unbeantwortet bleiben muͤſſen.— Geh', Raolo, und bringe mir das Portrait, welches ſie am Halſe trug.“ pitel. duiſttion,— und da nig erwacht wat, ch Berenicen's ſch aber nicht we⸗ ner mit verſtoͤrter en in das zimmet Gefangenen?— ſpannteſten Miene⸗ te Raolo aber: vermuthlich dorthi l' ihrer Miſſethat ſe der Marquis⸗ rie „ ae Fra ſſend wichtige R unbeantwornn wae Wlt bringe i , und alſe uug” gar nicht 265 „Vermuthlich hat ſie es ebenfalls mit ſich ge⸗ nommen, da ſie auch nicht die geringſte Spur hin⸗ terließ!“ verſetzte Raolo. „Mit ſich genommen?“— ſchrie der Mar⸗ quis ungemein erſtaunt. So waͤre ſie alſo nicht todt? Augenblicklich bekenne, was geſchah, ſicher haſt Du ſie durch Nachlaͤſſigkeit entfliehen laſſen.“ „Glaubt nur dergleichen Dinge nicht, Senor! Wißt ja, daß ich mir nicht gerne etwas zu Schul⸗ wenn aber ſolche Abgeſandte den kommen laſſe, kommen, wie jener, der ſie holte, dann bin ich auch auf meinem Platze.“— erwiederte Raolo.„O, zeitlebens werde ich den Todes⸗ krampf, in dem ſie lag, nicht vergeſſen. Schon dachte ich Euch, Senor! herbei zu rufen; leider! aber hattet Ihr Euch mit dem Marquis Fernando de Coello ſo feſt verſchloſſen, daß ich nicht ſtoͤ⸗ ren wollte. Weiß ja wohl, daß ſich Soldaten und Freunde, wie Ihr waret, ſo manche alte Geſchichte zu erzaͤhlen haben.— Kaum uͤbergabt Ihr die alte Hexe meiner Vorſorge, ſo reichte ich ihr denn trockene Kleider nebſt einem kleinen Mahle, und ſchloß ſie in das große Zimmer unweit des Thores, um dadurch zu verhindern, daß ſie mir entwiſchen, oder auch im Hauſe Schaden ſtiften köͤnne. Da 266 ich ſie nun auf dieſe Art vollkommen gut verſorgt hatte, ging ich in mein Zimmer, wo ich denn bei einem Glaſe Malaga uͤber mich ſelbſt nachdenken wollte. Bald wurde ich aber in meinem Gedanken uͤber die luſtige Zeit, als wir noch im Felde lagen, durch einen heftigen Schlag an das Hausthor ge⸗ ſtoͤrt. Kaum traute ich meinen Ohren, da ich nicht begreifen konnte, wer um dieſe ungewoͤhnliche Stun— de noch Einlaß fordern ſollte, und wollte eben nach dem Portier rufen, der bereits im tiefen Schlafe lag, als ein zweiter, eben ſo gewaltiger Schlag geſchah.“ „Erboßt uͤber den ungeſtuͤmen Pocher ging ich endlich ſelbſt in die Vorhalle hinab, als es eben Zwöolf ſchlug. Noch war der letzte Schlag nicht ganz verklungen, ſo fragte ich duͤrch das Schluͤſſel— loch, wer ſo ſpaͤt noch Einlaß verlange, und erhielt zur Antwort: daß ein Fremder dringende Bot⸗ ſchaft an Berenicen habe, weßhalb ich augen⸗ blicklich oͤffnen ſollte.“ „Kein Arges ahnend oͤffnete ich auch wirklich das Thor, und ſah einen himmelhohen, ſchwarzen Mann, deſſen wilde Miene ich unmoͤglich beſchrei— ben kann, der ſogleich hereintrat.“ „Ohne ſich viel um mich zu bekuͤmmern, ging er gegen Berenicens Zimmer, blieb aber auf mmen gut verſorg , wo ich denn ba ſelbſt nachdenken meinem Gedanken h im Felde lagen das Hausthor ge⸗ hren, da ich nicht gewöhnliche Stun wolte eben nach im tiefen Schlaft gewaltiger Schlag ab, als es eben t6te Schlag nicht rch das Schluͤſſel⸗ ange, und erhielt dringende Bot⸗ eßhalb ich augen auch wieklich 5 ohen 1 ſ mmöglich beſgen 1 bek chwarzen ümmern, Jin 15 abit al blieb 4 267 halbem Wege ſtehen, und ſprach mit rauher Stimme, waͤhrend ſeine Augen wild umherrollten:„„Geht Raolo und ſagt ihr, daß ich ſie hier erwarte, da ich ihr die wichtigſten Dinge zu eroͤffnen habe.““ „Unmoͤglich kann ich beſchreiben, welchen Eindruck ſeine Worte auf mich machten, nur ſo viel iſt gewiß, daß ich ohne der geringſten Weige⸗ rung ſcheu und furchtſam nach Berenicens Zim⸗ mer ging, wo ich ſie auf dem Boden knieend fand, waͤhrend ihr tief geſunkenes Haupt auf einem Stuhle lag.— Kaum hatte ich ihr aber die Bot⸗ ſchaft mitgetheilt, ſo ſprang ſie mit wilder Geberde 1 Pocher ging ch empor, rang verzweiflungsvoll die Haͤnde und er⸗ wiederte in heftiger Bewegung:„„O nun bin ich verloren! verloren auf ewig!— Geht, guter Raolo, und ſagt ihm, daß ich nicht kommen kann, nicht kommen will!““ „Schaudernd uͤber den Gedanken, mit dieſem wilden Schwarzen noch einmal reden zu muͤſſen, ging ich hin⸗ aus. Kaum hatte ich ihm aber Berenicen s Ant⸗ wort geſagt, ſo laͤchelte er mit ſolcher Bosheit, daß mir das Herz im Leibe erbebte.„„ Wohlan!““— erwiederte er endlich,—„„ſo will ich denn ſelbſt gehen, ſie zu holen, gewiß ſoll ſie meiner Gewalt 7771 nicht entgehen. „Mit unbeſchreiblicher Zuverſicht ſchritt er nach —y— — 268 dieſen Worten durch die Halle, gerade ſo, als oh 0 er im Hauſe hier ſo gut wie ich bekannt geweſen waͤre, und oͤffnete die Thuͤr von Berenicens Zimmer, die jetzt mit aufgeloͤſtem Haare auf dem Boden lag. Noch nicht voͤllig eingetreten, ſchrie 9 9 er mit fuͤrchterlich gebieteriſcher Stimme:„„Bin ich nicht Dein Herr, Dein Gebieter und Herr⸗ ſcher, und dennoch wagſt Du es, unbedeutende Scla⸗ vin, Dich meinen Befehlen zu widerſetzen! Au⸗ genblicklich folge mir!““— „Nur mit der aͤußerſten Anſtrengung raffte ſich die arme Ungluͤckliche jetzt mit zitternden Beinen vom Boden empor. Sie war blaß, geſpenſterbleich und ſelbſt zum Athmen unfaͤhig, daß ich ſie alle Augenblicke verſcheiden zu ſehen glaubte, weßwe⸗ gen ich mich denn auch anbot, ihr Huͤlfe leiſten zu wollen.“ „Kaum hatte ich mich aber dergeſtalt geaͤußert, ſo ſchrie der fuͤrchterliche Wilde:„„Geh, Raolol und bringe ihr ein Glas von jenem Weine, den Du trankſt, als ich an das Thor ſchlug.““ „Da ich nur zu wohl einſah, daß ſich gegen ſeine Befehle nichts eiwenden ließ, ſo ging ich denn, und that, wie er befahl; als ich aber nach wenigen Ninuten wiederkehrte, war auch nicht mehr die geringſte Spur, weder von Berenicen, noch dem und gerade ſo, als t ich bekannt geweſe von Berenicen! tem Haare auf der eingetreten, ſchre Stimme:„„Bil zebieter und Hert unbedeutende Sclo⸗ widerſetzen! Au rrengung raffte ſic zitternden Beinen laß, geſpenſerbleih „daß ich ſie all glaubte, weßwe⸗ hr Huͤlfe leiſten zu „ ett dergeſtalt geiuhn, Geh, Raolo! Weine, den enem 269 leibhaften Luziſer zu ſehen, der es ganz ſicher war, und ſie ſo ploͤtzlich entfuͤhrt haben mochte.“— Mit unnennbarem Staunen hoͤrte Denia Raolo's Erzaͤhlung. Sowohl von ſeines Die⸗ ners Treue, als auch durch jene Geſtalt, welche Bere⸗ nice vor ſeinen eignen Augen in den Kellern ſeines Schloſſes erſcheinen ließ, zu feſt uͤberzeugt, ſetzte er nicht den geringſten Zweifel in Raol's Wort und begab ſich endlich zu ſeinen Gaͤſten, die er ſchon ſaͤmmtlich erwacht fand. Nachdem er Virginien auf die ſie erwartende Freude endlich bereitet hatte, fuͤhrte er ihr Fer⸗ nando und Selima auf, nahm ſich aber wohl in acht, die naͤhern Umſtaͤnde ihrer Geſchichte zu beruͤhren. Doch kaum ward ihr Selima als Fernando's Frau vorgeſtellt, ſo entwand ſich ein leiſer Seufzer aus ihrer Bruſt, waͤhrend ſie ſich mit leiſer Stimme nach ihrer Schweſter Al⸗ mira erkundigte. Um jeder weitern Nachfrage zuvorzukommen, antwortete ihr Fernando, daß er nicht das Ge⸗ ringſte von ihr wiſſe, da er erſt vergangene Nacht zu Madrid angekommen ſey. Eben ſo eroͤffnete ihr Denia nur im Allgemeinen, daß ſowohl ihn als Fernando dringende Geſchaͤfte nach der Stadt riefen, und uͤberließ daher Selimen die —— — — 270 Sorge, Virginien mit tauſend Nebenumſtaͤnda bekannt zu machen, waͤhrend ſie in die Kutſch ſprangen, und nach Madrid fuhren. Hier kaum angekommen, eilten ſie geraden Weges nach dem Inquiſitionshofe, ohne bei De nia's Pallaſte anzuhalten. So unerwartet alt ſchmerzlich fiel es beiden aber, daß man ihnen den Einlaß verweigerte, der Portier auch obendrein noch die Unverſchaͤmtheit hatte, ſowohl Don Poa— dilla's als Antonio de los Velos Gegen⸗ wart in dem Gerichtshauſe zu leugnen. Umſonſt boten ſie ſelbſt die betraͤchtlichſten Geſchenke an, um nur wenigſtens zu erfahren, ob Valedia und de los Velos geſund ſeyen. Selbſt jetzt noch blieb der Portier unbeweglich, woranf ſie dann von quaͤlender Ungewißheit gefoltert nach Denia's Pallaſte zuruͤckfuhren. Da ſie vom Grafen Potenza ſowohl Auf⸗ klaͤrung als Rath erwarteten, ſo ſchickten ſie jetzt augenblicklich zu ihm, und ließen ihn dringend zu ſich laden; leider! gab aber auch er ihnen nicht viel troͤſtende Nachrichten. „Glaubt mir, Freund Denial“— verſetzte er,—„dieſer unſelige Vorfall iſt ſo mannigfach verwickelt, daß ich nicht wegen Antonio beſorgt bin, ſondern, daß ich auch fuͤr Valedia's Schick⸗ ann went wil, zelt nd Nebenumſtaͤnda ſie in die Kutſte fuhren. eilten ſie gerada pfe, ohne bei D So unerwartet o daß man ihnen de jer auch obendrel ſowohl Dou P.* bs Velos Geget leugnen. Umſoni ſten Geſchenke al ob Valedia um Selbſt jebt noch worauf ſie damt ert nach Denia'¹ a ſoehl Au ickten ſie jett ihn dringend hu 3 ihnen nicht eeines Gerichtshofes, ſal fuͤrchte, die ganz ſicher als Mitſchuldige an dem Morde einer Nonne innerhalb der heiligen Grenzen des Kloſters betrachtet werden wird. Da es uͤbri⸗ einen Menſchen, der nicht ſchwimmen gewiß der hoͤchſte Grad von Thorheit iſt, wenn er in einem reißenden Strome untertauchen will, gens fuͤr kann, ſo rathe ich Euch, Fernando, fuͤr8 einige da Euch Don Padilla's Bosheit gewiß auch anklagen wird.“ ſchrie Fernando,— „da ich ſo zufaͤlliger Weiſe Zeuge dieſes Vorfalles wurde, ſo erfordert es meine Ehre, daß ich Rechen— ſchaft daruͤber gebe. ich, vor den Schranken jenes furchtbaren Gerichtes verhoͤrt zu werden.“ „Handelt denn, ſo wie es Euch gefaͤllt!“— verſetzte der Graf.„Uebrigens will ich Euch nur noch bemerken, daß ſelbſt die Gerechtigkeit leider! nicht immer im Stande iſt, der Ruchloſigkeit Ge— webe zu durchſchauen, daß Unſchuld und Wahrheit durch Kuͤhnheit und Falſchheit oft genug unterdruͤckt Auch fuͤrchte ich mit Recht, die Beſchluͤſſe uͤber welche keine weitere Ap⸗ pellation mehr ſtatt findet.“ Noch hatte der Graf nicht vollkommen geendet, als ſich jetzt die Thuͤre des Zimmers oͤffnete, und zwei Zeit Euch verborgen zu halten, „Nimmermehr!“— Ja ſogar darauf dringen werde werden. —— ———O 272 ſchwarz gekleidete Maͤnner ohne alle Ceremonie her⸗ eintraten. Ueberraſcht fuhr ſowohl de los Velos als Denia empor; bevor ſie aber noch Zeit hat⸗ ten, ſich nach der Urſache des unerwarteten Beſuchs zu erkundigen, begann der Eine jener Fremden: „Euch, Marquis de Denia und Euch, Fer⸗ nando de Coello ruft das allerheiligſte Amt vor V ſich. Folget uns und ſchweiget.“ „Sogleich wollen wir Euch folgen!“— ver⸗ ſetzte Fernando;—„vor allem aber muß ich um die Erlaubniß bitten, einen Brief von weſentlicher Wichtigkeit ſchreiben zu duͤrfen, da von demſelben vielleicht das Leben einer Dame abhaͤngt.“ „Koſtbar iſt unſere Zeit, antwortete der zweite jener Fremden. Augenblicklich muͤßt Ihr uns folgen!“— „So ſagt mir doch wenigſtens, wie es meinem Freunde Antonio geht?“ fragte Fernando. Mit muͤrriſchem Tone erwiederte der Fremde aber: „Spart Euch jede Frage, da wir Euch doch 174 keine beantworten werden Durch dieſe ſchnoͤde Behandlung nicht wenig beleidigt, wollte er gegen die Diener der heiligen Inquiſition eben mit vollem Zorne losbrechen, als ihn Denia noch zu rechter Zeit zuruͤckhielt, da er wußte, daß nicht nur die Diener dieſes fuͤrch⸗ alle Ceremonie het⸗ ohl de los Velos aber noch Zeit hat⸗ nerwarteten Beſuche ne jener Fremden: mund Euch, Fer⸗ lerheiligſte Amt vor folgen!“— dete m aber muß ich um ief von weſentlichet „da von demſelben abhaͤngt.“ twortete der zwe muͤßt Ihr uns ite ns, wie es meinen fragte Fernande! eder Fremde aber: da wir Euch doc dung nit wend er heiligen Diener der heilg 6 grechen/ ad ückhielt⸗ füuch 1 ·d it zuru ienet dieſts 273 terlichen Gerichtes, ſondern auch geringere Beam⸗ ten oͤffentlicher Juſtizpflege ihre Gewalt nur zu oft mißbrauchen, indem ſie mit dem Namen ihrer Pflicht eigene Anmaßung, Rohheit und Gewaltthaͤ⸗ tigkeit verdecken. In der geſpannteſten Erwartung ſtiegen ſie end— lich in den Wagen und fuhren unverzuͤglich nach dem fuͤrchterlichen Wohnſitze jenes unumſchraͤnkten Gerichtes, finſtere Gaͤnge und ſchauerliche Treppen, außer einem Stum— men, der ſie mit Nahrung verſorgte, von jedem menſchlichen Weſen entfernt, in eine abgeſonderte wo dann jeder einzeln durch Zelle gebracht wurde.—— Eben bereiteten ſich die Inquiſitoren zum Ver⸗ hoͤre ihrer Gefangenen vor, und da Don Pa— dilla der Ermordeten Vater war, ſo beſchloſſen ſie ihn zuerſt vor die Schranken ihres ſchrecklichen Tribunals zu rufen. Schon die ernſte Miene des oberſten Richters, nebſt den widrigen Geſichtern der Sekretaͤre und offizialen waren hinreichend, den Schuldigen zu ſchrecken, und den Unſchuldigen zu verwirren. Trotz dem war die ungeheure Halle in der Abſicht Jedem, der vor dieſem fuͤrchterlichen Gerichte ſtand, Furcht einzujagen, auch noch mit ſchwarzen Tuͤchern II. Theil. 18 274 nebſt allen moͤglichen Sinnbildern der Gerechtigkeit und des Schreckens verziert. Kaum in den Saal getreten, nahm Don Padilla dem erſten Richter gegenuͤber an der langen Tafel ſeinen Platz ein, waͤhrend er ſeine Augen in der Halle herum warf, und ſich alle Muͤhe gab, eine ernſte Miene zu erzwingen, wodurch er ſeine in— nere Bewegung verbergen wollte. Nach einer fei⸗ erlichen Pauſe, dem gewoͤhnlichen Anfange jedes ſolchen Verhoͤres, forderte ihm denn einer der In— quiſitoren mit gemeſſenem Tone den fuͤrchterlichſten Eid ab, daß er Wahrheit reden, und ſowohl das Geſehene als Gehoͤrte bis in die Grube verſchweigen wolle. Als er ihn endlich geleiſtet hatte, begann der Oberſte des Gerichtes:„Tevaro Padilla, erzaͤhlt uns nun die naͤhern Umſtaͤnde, welche Ihr vom Tode Eurer Tochter wißt, bedenkt aber auch, daß wir unfehlbare Mittel beſitzen, der Sache bis auf den Grund nachzuſpuͤren.“ „Nicht unbekannt iſt es mir, ehrwuͤrdige und heilige Vaͤter!“— antwortete Padilla mit tief geneigtem Kopfe,—„welch' unnennbare Weis⸗ heit Euer Verfahren leitet. Ich bitte Euch daher demuͤthigſt mir nach Eroͤffnung einer Reihe von Thatſachen und unangenehmen Auftritten Gerech⸗ tigkeit zu verſchaffen.“ n der Gerechtigkei hm Don Padille der langen Taſe ſeine Augen in der eMuͤhe gab, eine odurch er ſeine in „ Nach einer fü hen Anfange jedet denn einer der In den fürchterlichſte , und ſowohl dal Grube verſchweigen iſtet hatte, begam evaro Padilla ſſtände, welche Ißt bedenkt aber auch ‚ache bit „n, der Sache zen, d 275 „Ich hatte zwei Toͤchter, die der Troſt meines Alters waren; leider! erblickte ſie der Marquis de Denia nebſt Fernando de Coello, aber auf die zufaͤlligſte Art, und augenblicklich wandten beide alle Mittel an, ſie zu verfuͤhren. Dadurch gezwungen verſetzte ich meine Tochter Almira in das Kloſter der Dominikaner⸗Nonnen, das ich als das allerheiligſte Aſyl gegen alle An⸗ faͤlle laſterhafter Begierden betrachtete, da es ſich Eures beſondern Schutzes zu erfreuen hat. Kaum aber hatte ich Almira durch dieſe Vorkehrung vor Fernando's Nachſtellungen in Sicherheit gebracht, ſo erheiſchten dringende Geſchaͤfte meine Gegenwart in Granada. Unverzuͤglich reiſte ich auch dahin ab, hoͤrte aber bei meiner Zuruͤckkunft nach dem Schloſſe Montillo, daß meine zweite Tochter Virginia entflohen ſey. Augenblicklich eilte ich nach Madrid, ſie aufzuſuchen, aber nicht wenig betruͤbt, als ich vernahm, daß ſie ohne den Segen der Kirche mit dem Marquis de Denia, und zwar in ſeinem eigenen Hauſe auf dem vertrauteſten Fuße lebe. Mit eben ſo ge⸗ rechtem Unwillen hoͤrte ich jetzt auch, daß ſelbſt die geheiligten Mauern des Kloſters nicht vermoͤgend ſeyen, meine Tochter Almira vor dem Gifte der Verfuͤhrung zu bewahren, und wurde von dem mir 18* wurde ———ᷣᷣxÿ:õj-ð-ↄ-/— 5—— 2— —— 276 zugedachten Schimpfe nur zu bald uͤberzeugt, als ich erfuhr, daß der Marquis Antonio de los Velos durch Denia's Anrathen ſogar auf Kir⸗ chenraub ſann, indem er meine Tochter dem Klo⸗ ſter gewaltſam zu entreißen trachtete. Sogleich wuͤrde ich bei dieſer Nachricht die oͤffentliche Ge⸗ rechtigkeit zum Beiſtande aufgefordert haben, haͤtte mich nicht die Beſorgniß fuͤr die Ehre und den guten Ruf meiner Familie davon abgehalten. So geſchah es denn auch, daß ich den Angriff auf meine Tochter durch mich ſelbſt zu hindern ſuchte, da ich Antonio'n bei ſeinen naͤchtlichen Beſuchen an der Kloſtermauer belauſchte.“— „Wie lange wart Ihr ſchon in Madrid?“— unterbrach ihn hier einer der Inquiſitoren.„Wiſ⸗ ſet denn, daß unſere Nachrichten dahin lauten, daß Ihr erſt einen Tag vor dieſem Auftritte zu Ma— drid angekommen ſeyd.“— Seine Unruhe unter Laͤcheln verbergend erwie— derte Don Padilla: „Sehr wahr, ehrwuͤrdige Herren, daß ich nicht laͤnger in Madrid war. Trotz dem ließ ich Antonio doch ſchon mehrere Wochen beobach⸗ ten. An jenem folgenreichen Abende aber befahl ich meinem Diener Jacques, die Grenzen des Klo— ſters zu umgehen, um mir Beobachtungen mitthei⸗ ald uͤberzeugt, als Intonio de lot hen ſogat auf Kir Tochter dem Klo⸗ rachtete. Sogleich die oͤffentlich Eo dert haben, haͤtt die Ehre und den n abgehalten. 60 g den Angtiff au 6 hindern ſuchte, näͤchtlichen Beſuchen in Madrid?“ nquiſttoren.„Wſ dahin lauten, da zu Ma Auftritte 3 nd erwie verberge len zu koͤnnen. 277 Da es mir aber unmoͤglich war, mich bei der Gefahr, die mir drohte, ganz ruhig und unthaͤtig in meinem Hauſe zu verhalten, ſo folgte ich ihm bald ſelbſt nach, um Augenzeuge deſ⸗ ſen zu ſeyn, was er mir mittheilen wuͤrde.“ „Ungefaͤhr um zwoͤlf Uhr kam ich an der Gar⸗ tenmauer an, wo ich denn meinen Diener nicht mehr fand, wohl aber eine Leiter an die Mauer gelehnt ſah, deren Zweck mir nicht zweifelhaft ſchien. Alle Qualen des beleidigten Ehrgefuͤhles erwachf ten in mir und trieben mich zur Rache an. Un⸗ möglich konnte ich mich mehr zuruͤckhalten, ich be⸗ ſtieg die Leiter, um uͤber die geheiligten Mauern in den Garten zu dringen. Denkt Euch nun aber, ehrwuͤrdige Vaͤter! mein Entſetzen, als ich meine Tochter Almira bei dem Schein einer Laterne blutend auf dem Boden erblickte! Antonio de tos Velos ſtand in ihre geweihten Kleider ver⸗ huͤllt neben an, waͤhrend die Nonne Valedia den Koͤrper meines Kindes in des Marquis Mantel wickelte, um iün vevmuͤrhlich deſto leichter fortſchaf⸗ fen zu koͤnnen.“ „Sehr unwahrſcheinlich, ja ſogar der Vernunft zuwider iſt es aber,“— verſetzte der Oberſte der Richter,„daß ein Liebender ſeine Geliebte morden ſollte. Es iſt eine That, die ſich mit der Natur - 278 der Sache unmoͤglich vereinen laͤßt, bedenkt daher wohl, Don Padilla! was Ihr ſagt, und erinnert Euch, daß Ihr uns nicht hintergehen koͤnnt.“ „Wenn es Euch,“— erwiederte Padilla,— unglaublich iſt, daß ein Geliebter, der vielleicht der Gunſtbezeugungen ſeiner Geliebten endlich ſatt und uͤberdruͤſſig wurde, ſich dergeſtalt von ihr zu trennen ſucht, ſo iſt es gewiß weit unwahrſchein⸗ licher, daß ein Vater ſo unnatuͤrlich ſeyn koͤnnte, ſein eigenes Kind zu morden. Wie ſchon geſagt, alſo, von ungeheuerm Schreck gelaͤhmt, floh ich endlich in der Hoffnung zuruͤck, meinen Diener nun angelangt zu ſehen, und fand ihn auch wirk⸗ lich am Fuße der Leiter mit einem Fremden ringen, der, wie ich ſpaͤter erfuhr, Fernando de Coello war. Kaum ſah er mich jetzt die Leiter herabſtei⸗ gen, ſo ſchoß er meinen Diener nieder, und ſtuͤrzte mit dem Schwerte, das er dem fallenden Jac⸗ ques entriſſen hatte, auf mich los, worauf er mich denn ſo ſchwer verwundete, daß ich noch jetzt an dieſen Wunden leide.— Gewiß ſeht Ihr nun durch dieſe Erzaͤhlung, heilige Vaͤter, daß ich ſo⸗ wohl in meiner Ehre gekraͤnkt, als in meiner Si⸗ cherheit durch den Marquis de Denia, Antonio de los Velos und Fernandode Coello gefaͤhr⸗ ißt, bedenkt daher 3 Ihr ſagt, und nicht hintergehen erte Padilla,— ter, der vielleict liebten endlich ſatt geſtalt von ihr zu weit unwahtſcheine üelich ſeyn konnte, Wie ſchon geſagt gelaͤhmt, ſloh ich , meinen Dienet und ihn auch wirb n Fremden ringen, undo de Coello die Leiter herabſte nieder, und ſuͤehu 279 det wurde, demuͤthigſt hoffe ich daher, daß Ihr das mir zugefuͤgte Unrecht nicht ungeſtraft laſſen werdet.“— Kaum hatte er geendet, ſo las man ihm die Ausſage vor, worauf er ſie eigenhaͤndig unterzeich⸗ nete, und endlich nach ſeinem Kerker zuruͤck gefuͤhrt wurde. Sobald ſich ſaͤmmtliche Inquiſitoren ihre Mei⸗ nung uͤber die Geſchichte mitgetheilt hatten, wurde jetzt Antonio de los Velos herbei geholt, der das Gewand trug, in welches alle Gefangenen die⸗ ſes Gerichtes gehuͤllt werden, und kaum aufrecht ſtehen konnte. Mitleid erweckend war ſeine Miene, bleich ſein Geſicht, und truͤb' die Augen, waͤhrend heftiger Gram in ſeinem Innern wuͤthete. Nach dem gewoͤhnlichen Eide forderte ihn der oberſte Richter zum Geſtaͤndniße auf, und ſchloß mit den Worten:„Beſinnet Euch nun, Anto⸗ nio de los Velos, bekennet Eure Verhrechen und baut auf die Barmherzigkeit des heiligen Amtes.“— „ Ja, ich bekenne,“— begann Antonio mit matter Stimme,—„daß ich ſchuldig bin, da ich die Urſache an dem Tode des liebenswuͤrdigſten Geſchoͤpfes war, das je die Erde trug.“ „So geſteht Ihr alſo,“— rief der oberſte Richter mit Verwunderung,„daß Ihr Douna Almirens ——;ʒ 280 Moͤrder ſeyd? Geſteht, das Ihr Kirchenraub an ihr ausuͤben wolltet? und habt noch die Scham⸗ loſigkeit Euch der Verfuͤhrung einer dem Schleier geweihten Nonne ſelbſt anzuklagen?“— Wie von einem fuͤrchterlichen Traume erſchreckt fuhr Antonio bei dieſen Worten zuſammen, und tief wie wahnſinnig:„O, jetzt laſſe den Arm der Gerechtigkeit auf das Haupt des Schuldigen niederfahren, großer, ewiger Richter der Menſch⸗ heit!— Nein, heilige Vaͤter! nicht mit eigener Hand war ich ihr Moͤrder. O ſie war ſo rein als die heiligen Mauern, in denen ſie wohnte; leider! hat meine Liebe ihren guten Ruf aber vernichtet. Zwar kam ſie, um mir zu ſagen, daß ſie ſich dem Himmel zum Gatten gewaͤhlt habe, meine ihr an⸗ gebotene Liebe daher zuruͤckweiſen muͤſſe, da wurde ſie aber durch die barbariſche Hand eines Ungeheu⸗ ers in meiner Gegenwart gemordet. Dem Him⸗ mel ſey es gedankt, noch beſitze ich aber Gewalt jenes Ungeheuer zu Boden zu ſchmettern!“ „Ihr raſet, Marquis!“ unterbrach ihn der oberſte Richter, deſſen Neugierde durch Antonio's letzte Worte rege geworden, und fragte ihn endlich waͤhrend ſich die andern Inquiſitoren heimlich zu⸗ fluͤſterten, was er damit gemeint habe? Da ſich Antonio jetzt beſann, daß, wenn Ihr Kirchenraub m öt noch die Schan⸗ einer dem Schleite in Traume ekſchrect rten zuſommen, und tzt laſſe den Atn ot des Schuldigen Richter der Menſdl ſie war ſo rein ab ſie wohnte; leider! duf aber vernichtet en, daß ſie ſich den abe, meine ihr ah 281 er von Alberts Muthmaßungen etwas eroͤffnen wuürde, jener unausweichlich in ſeine Sache ver⸗ wickelt werden muͤßte, und auch glaubte, daß es nicht rathſam waͤre, ſich auf eine foͤrmliche Anklage des Don Padilla einzulaſſen, da ihnen die ge⸗ hoͤrigen Beweiſe mangelten, ſo unterdruͤckte er ſei⸗ nen Unwillen. Mit ſchwacher Stimme erzaͤhlte er blos ſeine erſte Zuſammenkunft mit Almiren, daß er dann um ſie geworben habe, von Don Pa⸗ dilla, der Almira mit Grauſamkeit zum Klo⸗ ſterleben verdammte, aber hochmuͤthig abgewieſen worden ſey. 1. Schweigend hoͤyten ihn die Inquiſitoren an, und obgleich ihnen ſeine Benehmungsart glaublich machte, daß er an Almirens Tod Anſchuldig ſey, ſo blieb ihnen Don Padilla's Bosheit doch noch immer unerklaͤrbar. Da ſie an dieſem ſeltſamen Auftritte aber die innigſte Theilnahme fuͤhlten, ſo beſchloſſen ſie, ihre Sitze nicht eher zu verlaſſen, als bis ſie der Sache auf den Grund gekommen waͤren. Eiligſt gaben ſie daher ein Zeichen, den Marquis Antonio de los Velos fortzufuͤhren und Fernando zu bringen. Mit Schauder hatte ſich dieſer all' der Ge⸗ richte erinnert, die man uͤber die lange Zoͤgerung und das Geheimnißvolle dieſes erhabenen Tribu⸗ —— 282 nals erzaͤhlt, als er ſammt Albert de Denin in ſeine Zelle gefuͤhrt wurde. Wochen und Monat vergingen, ſo wie es hieß, ohne daß die Gefange nen vorgerufen wuͤrden. Er zitterte daher nicht wenig, ſobald er an die Folgen einer ſo langen Abweſenheit von Selima dachte, die ſich die ſchaͤndlichſten Begriffe von ſeinem ploͤtzlichen und un erklaͤrbarem Verſchwinden machen wußte. Eben war er noch in dieſen Gedanken verſun ken, als er den Riegel der aͤußern Thuͤre aufſchieben hoͤrte, das Gitter und die Ketten von der innern weg nehmen, ſie oͤffnen und zwei Maͤnner vor ſich ſtehen ſah Ohne einen Laut zu verlieren, packten ſie ihn jedet bei einem Arme, und fuͤhrten ihn durch verſchis dene unterirdiſche Gaͤnge, die blos von einer ein zigen Lampe beleuchtet waren, welche gleichſam dar zu diente, ihm die Geſtalt ſeiner Fuͤhrer zu zeigen, deren blaſſe Geſichter und hohle Augen ſie zu dienſt' baren Geiſtern der Unterwelt zu charakteriſiren ſchienen. Fuͤrchterlich ſchauderte Fernando, als ſi ſchweigend wie das Grab mit ihm vorwaͤrts ſchrit⸗ ten, ſchreckliches erhabenes Gefuͤhl erwachte in ſei nem Innern aber, als er in die große Halle trat, wo jeder Gegenſtand das Aushaͤngeſchild des Todet trug. lbert de Dena Wochen und Monte e daß die Gefante zitterte daher niht en einer ſo langn achte, die ſich iie n ploͤtzlichen und un⸗ en wußte. n Gedanken verſun⸗ tn Thüͤre auſſchiebn von der innern wt⸗ ner vor ſich ſtehen ſch⸗ packten ſie ihn ſit ihn durch verſchi⸗ blos von welce gleichſen „Führer zu zei ugen ſi i 8 zu harakteriſn einer eil ſam do Sowohl der Dolch als alle andere Sachen, die er bei ſeiner Einkerkerung bei ſich ſhatte, lagen jetzt gleichſam als Beweis ſeiner vorgeblichen Schuld zur Schau auf der langen Tafel offen, da die Inquiſitoren durch vieljaͤhrige Uebung und Erfahrung in ihrem fuͤrchterlichen Geſchaͤfte nur zu gut wußten, durch was fuͤr geringfuͤgige Umſtaͤnde das Gemuͤth oft zum Verraͤther ſeiner feſten Entwuͤrfe gemacht wer⸗ den koͤnnte. Mit gefaßter Miene ſetzte ſich Fernando aber, und blickte mit Zuverſicht umher. Selbſt ſeine Stimme wurde auch dann nicht ſchwankend, als er zu ſagen aufgefordert wurde, was er in Bezug auf Almirens Tod, ſeinen an Jacques begangenen Morde, und jenen beabſichtigten an Don Padilla angeben koͤnne. „Wiſſet uͤbrigens, daß Ihr uͤber Almira's Tod nicht viel zu erwaͤhnen braucht,“— ſagte der oberſte Richter mit gleichguͤltigem Tone,—„da ſich Antonio ſelbſt ſchon dieſer That fuͤr ſchuldig erklaͤrte.“ „Entweder luͤgt Ihr, oder er!“— ſchrie Fernando bei dieſen Worten mit heftiger Ent⸗ ruͤſtung.—„Es iſt nicht wahr!“— Noch hatte er aber nicht ausgetobt, ſo laͤutete einer der In⸗ quiſitoren, und augenblicklich ſtuͤrzten mehrere 284 Stumme in der Abſicht herein, ſich des Gefange⸗ nen zu bemaͤchtigen, und ihn wegen der Beleidi⸗ gung des Großinquiſitors zu zuͤchtigen. Mit vier ler Maͤßigung winkte ihnen dieſer aber, ſich wie der zu entfernen, waͤhrend Fernando dadurch gewarnet wurde, und mit moͤglichſter Vorſicht zu antworten beſchloß. „Bekennet Ihr Euch des Mordes an Jac⸗ ques, Don Padilla's Diener, ſchuldigt“ fragte der Großinquiſitor nach einer Pauſe. „Ja, ſo iſt's!“— erwiederte Fernando mit ruhigem Tone. „Es war eine That, deren ich mich unter andern Umſtaͤnden erfreut haben wuͤrde, da ſie aber eigent⸗ lich dazu diente, Don Padillen dem Tode durch die Haͤnde ſeines eigenen Werkes der Gottloſigkeit zu entreißen, ſo bereue ich ſie jetzt noch tau⸗ ſendfach.“— „Wiſſet Ihr, daß Eure Worte niedergeſchrie⸗ ben werden!“— ſagte der oberſte Richter. Sich verbeugend verſetzte Fernando aber:„Eben deß⸗ wegen bin ich ſo kurz und aufrichtig!“— „So wie es ſcheint, ſeyd Ihr des Blutes ge⸗ wohnt, und ein verhaͤrteter Verbrecher!“ ſchrie einer der Inquiſitoren mit erboßter Miene. „Oft habe ich das Blut der Feinde meines — , ſich des Gefang⸗ wegen der Beleid⸗ züchtigen. Mit vis ſeſer aber, ſich wie gernando dadurh glichſter Vorſicht ſ Mordes an Jat Diener, ſchuldig einer Pauſe. viederte Fernande ich mich unter anden „da ſie abet eigen len dem Tode durt kes der Gottloſcgke⸗ ſie Worte niedergeſchti ſee jetzt noch tal⸗ Vaterlandes vergoſſen,“— erwiederte Fernando, „und auch das meinige nicht geſchont, ſobald es meine Pflicht erheiſchte.“ Nach einer kurzen Pauſe fragte der Oberrichter, ob Fernando mit Don Padilla verwandt ſey. „Ja, das bin ich!“ verſetzte er,—„und zwar, wie ich glaube, ſein naͤchſter und einziger maͤnn⸗ licher Verwandter; eben deßhalb fuͤhle ich mich aber von einer hoͤheren Macht auserſehen, ihn der Juſtiz anzugeben, und zwar Verbrechen halber, die weit entſetzlicher ſind, als der unvorſetzliche Mord ſeiner einen Tochter.“ 4 „Von was ſprecht Ihr, Fernandol“ fragte der oberſte Richter. Erinnert Euch Eures feierlichen Eides!“ „Nur zu wohl erinnere ich mich deſſen,“— antwortete Fernando.„Weit groͤßere Pflichten liegen mir aber ob, als dieſe, welche mir Euer Gericht auferlegte. Viel zu geringfuͤgig und arm— ſelig boshaft iſt jene Anklage, welche Don Pa⸗ dilla vorbrachte, um Eurer Aufmerkſamkeit wuͤr⸗ dig zu ſeyn. Ich verpflichte mich aber, Don Padillen in's Angeſicht gewiſſer Verbrechen anzuklagen, die er mir ſicher nicht ableugnen ſoll.“ „Keine ſolche Anklage geſtattet die Art unſers Verfahrens!“— erinnerte einer der Richter. 286 „Vor uns muͤßt Ihr daher geſtehen und anklagen, vor uns allein!“ „Niemals werd' ich das!“— ſchrie Fer⸗ nando.„Was ich ſagen wollte, kann ich vor tauſend Zeugen ſagen; einen Menſchen aber hinter ſei⸗ N nem Ruͤcken anklagen kann nur— der Schurke!“— Mit argem Laͤcheln bemerkte einer der Inqui⸗ ſitoren:„Wiſſet, daß wir Mittel haben, Euern kuͤhnen Geiſt zu baͤndigen. Eure Geheimniſſe muſ⸗ ſen wir erfahren.— Wem gehoͤrt dieſer Dolch?“ „Gegenwaͤrtig mir!“— antwortete Fer⸗ nando.—„Die Art und Weiſe, wie ich ihn aber erhielt, werde ich Euch vor Don Padilla ſagen. Sie iſt wahrlich ſonderbar! Ich klage ihn hiermit nicht nur allein des Mordes, ſondern noch viel ſchrecklicherer Verbrechen an; dieſer Dolch ſoll davon zeigen!“— Des Marquis feſte Sprache und die auffallende Sache ſelbſt beſtimmte die Richter endlich, als Fernando entfernt worden war, von der bis⸗ herigen Form des Verhoͤres abzugehen, und die ſchuldige Perſon durch Gegenuͤberſtellung ihres An⸗ klaͤgers außer Faſſung zu bringen. Da beide Ge⸗ fangene ſich in gleichem Zuſtande befanden, ſo ſchien ihnen daraus keine neue Gefahr zu erwachſen, wenn ſie auch ihre Feinde gegenſeitig kennen lernten.— ſtehen und anklagen, ¹4— ſchrie Fen poolte, kann ich ver nſchen aber hinter ſi — der Schurke!“— te einer der Ingut⸗ Nittel haben, Euern re Geheimniſſe m uͤß hoͤrt dieſer Dolch!“ antwortete Fer Peiſe, wie ich ihn or Don Padille⸗ bar! ch klage ihn ddes, ſondern noch 0 0 7; neſtr Oolh ſol 1” Dreizehntes Kapitel. Fortſetzung des Verhoͤres,— der Seufzer,— der Reini⸗ gungsſchwur,— die blutende Wunde,— der Teufels⸗ vertrag,— die Geiſtererſcheinung— und gaͤnzliche Aufklaͤrung.— Die Todtenſtunde der Mitternacht hielten die In⸗ quiſitoren als die ſchicklichſte Zeit zur Fortſetzung dieſes wichtigen Verhoͤres. Um allen Anſtalten aber das emoͤglichſt ſchauerliche Ausſehen zu ver⸗ ſchaffen, wurde jene in den Tiefen der Erde ausge⸗ grabene antike Halle mit den ſchwarz verzierten Waͤn⸗ der noch mit Fackeln von ſchwarzem Wachs beleuch⸗ tet, welche ein ſo graͤßliches Licht verbreiteten, daß ſich die Einbildungskraft in dem hier allenthalben herrſchenden Halbdunkel alle moͤglichen Schreckens⸗ bilder entwerfen konnte. Die in dicht verhuͤllende Gewaͤnder gekleideten ſtummen Beiſitzer hatten in ihrem Aeußern faſt nicht die geringſte Aehnlichkeit mit menſchlichen Geſtalten, waͤhrend der Großinquiſitor mit ſeinen Raͤthen und Secretaͤren in ſchwarzem Anzuge nach ————— — ᷣℳœ!łf — ————4—ß 288 e und abſchreckenden Geſichter ſahen ſo fuͤrchterlich“ aus, daß man das ſcheußlichſte Hoͤllengericht ſelbſt 5 phantaſtiſcher Art gekleidet erſchien. Ihre herben zu erblicken glaubte. Um der Scene uͤbrigens noch das letzte Siegel un des Schauderhaften aufzudruͤcken, hatte man Almi— 1 0„ 4 rens Leichnam auf eine Bahre gelegt, und ihn vor dem gewoͤhnlichen Sitz der Gefangenen hingeſtellt, 4 wäͤhrend Jacques ſchon halb faulender Koͤrper n mit ſchwarzem Tuche bedeckt, und mehreren ſchwar⸗ zen Fackeln beleuchtet, auf der andern Seite lag. 6 Auf dieſe Art hatten die Inquiſitoren denn 1 0 keine Maßregeln geſpart, von deren Wirkſamkeit ſie durch langjaͤhrige Erfahrung uͤberzeugt waren, und 4 beſchloſſen, ſich nun alle Muͤhe zu geben, der i Wahrheit auf die Spur zu kommen. 1 Der von ſeinen Wunden entſtellte, und von ſfr Gewiſſensbiſſen gefolterte Don Padilla war n der Erſte, der ſeinen Platz vor dieſen fuͤrchterlichen Richtern einnahm. Finſtere Wolken lagen auf ſei⸗ ner Stirne, waͤhrend dumpfſinniges Schweigen ſeine Lippen ſchloß. Nur zu gut wußte er, daß k ihn Jacques nun nicht mehr verrathen konnte, und beſchloß daher, ſich auf keine Art zum Be⸗ kenntniſſe zu verſtehen, durch welches er der oͤffent⸗ lichen Schande nur zu ſicher preiß gegeben werden Ihre hetba ſahen ſo fuͤrchterlic rſchien. ſte Hüllengericht ſelht och das leßte Siegun en, hatte man Almb ihre gelegt, und ih Gefangenen hingeſtl alb faulender Koͤrpat und mehreren ſchwar⸗ er andern Seite lag e Inquiſitoren denn dere n Wirkſamkei keit ſin nuat waren zeugtewaten, fühe zu v. zmmen⸗ en niſtellte, und vol⸗ 1 ob er ſeine Verbrechen noch immer zu laͤugnen g „hͤchte. 4) ir aber des Großinquiſitors Frage, der Fernan⸗ doen endlich aufforderte, ſeine Anklage zu wieder⸗ wuͤrde. Unmoͤglich konnte er den Gedanken ertra⸗ gen, daß ſich ſein hochmuͤthiger Geiſt dann im Staube kruͤmmen muͤßte. Don Padillen gegenuͤber ſaßen Antonio d Fernando, um ihn als Almirens und Ferendez's Moͤrder anzuklagen, waͤhrend der der ſeit ſeiner Verhaftung noch nicht verhoͤrt worden war, auf einem einzel⸗ nen Platz geſetzt wurde. Mit einer langen Rede, uͤber die Gnade und Gerechtigkeit ihres Gerichtes ſing der Großinqui⸗ einer fuͤrchterlichen Pauſe endlich die Sitzung an, und erklaͤrte ſich mit ausſchweifend weitlaͤufiger Genauigkeit uͤber die Mittel, welche hm zu Gebote ſtaͤnden, Wahrheit mit Gewalt zu lezwingen. Abermals machte er jetzt eine lange Pauſe und fragte Don Padillen mit beſtimmtem Tone, Marquis de Denia, ſtor nach ge⸗ Mit ſtandhaftem Schweigen beantwortete holen und mit Gruͤnden zu unterſtuͤtzen. Nur zu gut wußte do, daß nun der Augenblick gekommen ſey, von welchem ſein Schick⸗ al abhing. Nach feierlichem Gebete zu ſeinem II. Theil. 19 Fernand —;’— 290 Schoͤpfer, ihm bei dem jetzigen Vorhaben Klarheit und Ruhe zu verleihen, begann er daher von ſein gn ner erſten Zuſammenkunft, die er mit jenem ver⸗g wundeten Soldaten im Hohlwege gehabt hatte, ging dann auf jene ſpaͤtern Abentheuer auf dem Schloſſe 6 Montillo uͤber, kam endlich auf den nicht we⸗ 1 na niger ſonderbaren Vorfall mit Donna Emira, nit und ſchloß ſeine Ausſage mit den Scenen derſelben Nacht, in welcher er zu Madrid angekommen war. Schweigend hoͤrten ihm die Inquiſitoren zu, nicht einer unterbrach die Erzaͤhlung mit Anmer⸗ gih kungen, waͤhrend Don Padilla's Miene ſo finſter de war, daß man von ſeiner innern Bewegung nicht das Geringſte unterſcheiden konnte, obgleich er bei der Aufzaͤhlung jener fuͤrchterlichen Thatſachen, die ie ihm laͤngſt entſchwundene Zeiten ins Gedaͤchtniß en zuruͤck riefen, nicht wenig erbebte. Mit ſtaunenswuͤrdiger Kaͤlte verſetzte er jetzt, als Fernando geendet hatte:„Nun habt Iht eine Geſchichte vernommen, ehrwuͤrdige, heilige Vär ter, die, wenn man ſie als Roman niederſchriebe, g wohl Weiber und Kinder ſchrecken duͤrfte; habt gehoͤrt, von dem wandernden Geiſte eines Mannes, d der vielleicht vor zwanzig Jahren von Raͤubern um, gebracht worden ſeyn ſoll, und vernahmt ein ſonderba⸗ Vorhaben Klathe n er daher von ſe er mit jenem 3 e gehabt hatte, gu er auf dem Schlſ Hauf den nicht we Donna Emirt en Scenen derſelbe adrid angekomme die zaufne 1 ählung mit a's Miene z 6 in Bewegung nic nte, obgleich er 6 chen dhatſechen, ins Gedächtn ten 291 res Maͤhrchen von meinen beiden Frauen, weder das Eine noch das Andere wurde aber mit Beweiſen belegt!“— „Die ich liefern werde, ſobald mir das heilige Gericht erlaubt, daß ich einige Fragen an Euch machen darf!“— ſchrie der Marquis de Denia mit raſchem Tone. „So ſprecht denn!“— erwiederte der In⸗ quiſitor. „Sagt nun, Don Padilla, wem jener Dolch gehoͤrte, der dort auf dem Tiſche liegt?“ begann Denia ſogleich. „Fragt meinen Diener, den Euer Begleiter dort ermordete!“ ſchrie Padilla mit bruͤllen⸗ der Stimme. Ploͤtzlich hoͤrte man aber einen Seufzer, der aus Jacques Koͤrper zu kommen ſchien, und die ganze Verſammlung mit Entſetzen erfullte. Als ſich Denia endlich erholt hatte— begann er von neuem:„Redet! Don Padilla, wenn nicht t Todten ſtatt Euch reden ſollen. Wiſſet denn, aß ich zu der Zeit, als ich mich ſſe? Rontillo befand, und Euern auf dem Schlo ſe; Diener Jacques zur mitternaͤchtlichen Stunde nach dem öſtlichen Fluͤgel des Schloſſes verfolgte, in ein vom Monde beſchienenes Zimmer gelangte. 19* 292 V wo ich eine Scene erblickte, die all' meine Sinne verwirrte.“ Kaum beruͤhrte Denia dieſen Gegenſtand, ſo verloͤſchten beide Fackeln, die neben Jacqucs Leichnam brannten. Dadurch ungemein uͤberraſcht, ſchrie der Großinquiſitor mit barſcher Stimme: „Augenblicklich geſteht, was jenes Gemach enthielt, Don Padillal“ „Wie iſt es moͤglich, daß ich unter einer Zahl von beilaͤufig fuͤnf hundert Zimmern nur ahnen kann, in welchem der Marquis ſeine Nachforſchun⸗ gen hielt!“ verſetzte Padilla mit trotziger Miene. „Feſt bin ich uͤberzeugt, daß Ihr es wißt!“ begann Denia wieder„Wollt Ihr auch noch immer laͤugnen, daß Ihr von dem Schickſale Eurer beiden Weiber wiſſet?“— „So iſt's!“— erwiederte Padilla mit dumpfem Tone. „Wer war es,“— ſchrie Denia jetzt aber mals,—„der mich mit unbeugſamer Wuth ver ſolgte, und mir nach dem Leben ſtrebte? Wer nahm ſeine Zuflucht zu Zaubermitteln, um mich deſt ſen zu berauben? Wart nicht Ihr es, Don Pat dilla, der dem Meuchelmoͤrder Jacques befahl, mie die all' meine Sine teſen Gegenſtand, eneben Jacquet ungemein uͤberraſch barſcher Stimme enes Gemach enthiel ich unter einer Z zimmern nur ahna ſeine Nachforſchu illa mit trohzige da ollt dem S Ihr auch nou hickſale Eun derte Padilla m Ihr es wißt! 293 mich in meinem eigenen Hauſe Nachmittags zu morden?“ „Nur ein Ungeheuer der Natur kann ſolche Verbrechen begehen!“— verſetzte Don Padilla. „Das ſeyd Ihr auch,“— erwiederte Denia. „Machtet Ihr nicht ſelbſt Angriffe auf die Ehre Eurer eignen Tochter? Weſſen Gebeine liegen an den Ufern des Fluſſes naͤchſt Euerm Schloſſe?— Ha! Ihr ſchweigt!— Wohlan denn, Fernando, bringt nun Eure Beweiſe vor, welche die Unver⸗ ſchaͤmtheit jenes Sehuldigen außer Faſſung ſetzen werden.“ „Vor allem andern,“— ſprach Fernando,— „laſſer Don Padillen jetzt zur Leiche ſeiner Tochter treten. Er lege die Hand auf ihre kalte ſeelenloſe Bruſt, und ſchwoͤre beim Himmel, daß er an ihrem Tode unſchuldig ſey!“ Starr ſaß’ Padilla noch immer auf ſeinem alten Platze; kaum hatte Fernando dieſes Be⸗ gehren aber geaͤußert, ſo wurde er leichenblaß und ſchoß vernichtende Blicke nach ihm. „Auf, Padillal“— ſchrie aber der oberſte Richter nun,—„nehmt dieſen Dolch in die Rechte, naͤhert Euch den Leichname, legt Eure Linke auf deſſen Bruſt und ſchwoͤrt beim Himmel, daß Ihr unſchuldig ſeyd!“ 294 Sogleich kehrten ſich jetzt alle Augen nach Pa⸗ dilla, waͤhrend ſeine wechſelnde Geſichtsfarbe die fuͤrchterliche Angſt ſeines Innern verrieth. Mit verzweifelnder Entſchloſſenheit ſtand er endlich auf, ergriff den Dolch und naͤherte ſich der Bahre. Ploͤtzlich ſtand er aber ſtill, und ſprach mit zittern⸗ der Stimme:„Warum verlangt man ſolch' fuͤrch⸗ terliches Zeugniß von mir? Waͤre ich Almirens Moͤrder, wie meine Anklaͤger behaupten, ſo wuͤrde ich uͤber eine ſolche Appellation gewiß nicht ſchau⸗ dern, ſo aber bin ich Almirens Vater, mit deſ⸗ ſen Gefuͤhlen man kein ſo leichtes Spiel treiben ſollte.“ „Die Gefuͤhle Eures vaͤterlichen Herzens ſind es alſo, die Euch erbeben machen?“— verſetzte der Großinquiſitor. „Wer ſagt Euch, daß ich bebe?!“ ſchrie Don Padilla nach dieſen Worten.„Nur der Schuldige zittert!“— „Hin denn!“— verſetzte einer der Inquiſo toren.„Eure Appellation wird gehoͤrt werden, ſo⸗ bald Ihr unſchuldig ſeyd.“ Mit feſten Schritten, Schreck und Verzweif⸗ lung auf dem Geſichte ging Don Padilla jetzt vorwaͤrts, und ſtand einen Augenblick uͤber die Leiche gebeugt. Kaum aber legte er die Hand auf deren —ᷣ(— ale Augen nach Du nde Geſcchtsfarbe de nern vertieth. Mt ſtand er endlich ali⸗ te ſich der Bahr d ſprach mit zittern igt man ſolch fuͤrch zaͤre ich Almirens behaupten, ſo wüne n gewiß nicht ſcha ens Vater, mit 36 äihtes Spiel treiba llichen Herzens ſind hen!“— verſehle 21“ ſchr ich bebe Nur der Vorten. e einer der Inauiſ gehoͤrt werden, ſo chreck und Verzweiſ Don adilla jet blick üͤber die Leich 9 f deret die Hand al 295 eiſige Bruſt, und verſuchte es zu reden, ſo fuhr er auch ſchon mit ungeheurer Beſtuͤrzung zuruͤck, da die Wunde ſogleich zu bluten begann, als er Almirens Koͤrper beruͤhrte. Jetzt ſammelten ſich auf ſeiner Stirne kalte von der Angſt ſeiner Seele erpreßte Schweißtropfen, waͤhrend unnennbares Entſetzen ſich uͤber alle An' weſende verbreitete. Schweigend, mit zur Erde geſenktem Blick, ſtand Don Padilla jetzt. Alle Klugheits⸗Maßregeln ſchien er nun ploͤtzlich vergeſſen zu haben, bis ihn des Oberrichters donnernde Stimme endlich wieder zur Beſinnung brachte. „Ein Beiſpiel der verwegenſten Ehrloſigkeit haben wir in Euch erblickt, Don Padillal“— ſchrie er.„Deutlich iſt Eure Schuld nun zu ſe⸗ hen, auch brauchen wir keine fernere Beſtaͤtigung Eures Mordes an Donna Almira mehr, da der Dolch, mit welchem ſie den Todesſtoß erhielt, nur zu genau in die Scheide paßt, die Ihr im Buſen trugt, als man Euch verhaftete. Auch von Euern beiden Frauen habt Ihr nichts wiſſen wollen, vernehmt nun aber, daß ſie ſiw in dieſem Augenblicke beide in Madrid befinden. Beweiſe wollt Ihr, und ſollt ſie nun erhalten.“ dit zorniger Miene griff er jetzt nach der Glocke, — 296 und gab ein Zeichen, worauf ſich eine entfernte Thuͤre oͤffnete, durch welche zwei ſchwarz gekleidete Maͤnner eintraten, die eine vom Kopfe bis zu den Fuͤßen verhuͤllte Frauensperſon in ihrer Mitte hat⸗ ten. Ploͤtzlich ſchlug ſie den Schleier zuruͤck, und mit unendlichem Schauer blickte Denia in Be⸗ renicens wildes Antlitz. Tief verbeugte ſie ſich jetzt vor den Richtern, und nahm dann ihren Sitz mit allen Zeichen der unterwuͤrfigſten Demuth ein. „Berenicel“— begann der Großinquiſi⸗ tor, als ſie jetzt ſaß,—„ich habe Euch bei der ge⸗ genwaͤrtig wichtigen Veranlaſſung vorgerufen, um gegen Don Padilla zu zeugen, mit welchem Ihr Euch nach eigenem Geſtaͤndniſſe zu einer Reihe der ſchaͤndlichſten Laſterthaten verbunden hattet. Freiwillig warft Ihr Euch in unſere Arme, und geſtandet, den Marquis mit boshaften Beſchwoͤrun⸗ gen und teufliſchem Gaukelſpiele gequaͤlt zu haben. Beginnet daher Eure Buße mit einem ausfuͤhrli⸗ chen Geſtaͤndniſſe.“ „Vor Allem ſagt mir,“— ſchrie Fernando jetzt,—„6b Ihr nicht einſt Amme von Feren⸗ dez's Tochter wart?“— „So iſt's!“— erwiederte Berenice.„Lange Jahre hatte ich ſie bei mir, bis ich ſie endlich an einen wiſſer „ nand Zweif des G von⸗ Gäͤter Y Stelh reni ſtanu aber der! und findeſ gange boren jedes den an, 7 „Stu ſtarl dem ſeyn eine entfernte warz gekleiden pfe bis zu den er Mitte hat⸗ er zuruͤck, und enig in Bei den Richtern, ten Zeichen der r Großinguiſ ich bei der g⸗ orgerufen, um mit welchem zu einer Reihe zunden hattet. e Arme, und Beſchwoͤrun. gaͤlt zu haben. em ausfuͤhrl ßernande rel von Fere 297 einen Sclavenhaͤndler verkaufte, als ich Tunis ge⸗ wiſſer Umſtaͤnde wegen verlaſſen mußte.“ „Dem Himmel ſey's gedankt!“ rief Fer⸗ nando,„So bleibt mir auch nicht der geringſte Zweifel mehr, daß ich dieſen einzigen Sproſſen des Grafen Ferendez, die einzige Erbin ſeiner von Don Padillen ihm ſchaͤndlich geraubten Guͤter ſo zufaͤllig auffand.“ Waͤhrend dieſen Reden hatte Padilla ſeine Stellung noch immer nicht geaͤndert, da ihn Be⸗ renicens Eintritt fuͤr eine Zeitlang faſt aller Be⸗ ſinnung beraubte; mit einem Mal ſchrie er jetzt aber ſich an Fernando wendend:„ Ha, Elen⸗ der! ſchon denkſt Du Dein Ziel erreicht zu haben und traͤumſt Dich deßwegen gluͤcklich Vergnuͤgen findeſt Du nun an dem Gedanken meines Unter⸗ ganges. Jetzt aber, jetzt will ich Dein Herz durch⸗ boren, und Dir fuͤr den Reſt Deiner Lebenstage jedes Fuͤnkchen Seelenruhe rauben. Sieh ihn an, den Mann, welchen Du vernichtet haſt, ſieh ihn 17 6— an, und erkenne in ihm— Deinen Vater „Unmöglich!“— ſchrie Fernando bebend. „Zwar war meine Mutter Eure Schweſter, auch ſtarb mein Vater, ehe ich geboren ward— trotz dem iſt es aber unmoͤglich, daß ich Euer Sohn ſeyn kann!“ 4 298 „O es iſt nur zu wahr!“— lachte Padilla„ mit einer Stimme, daß der ganze Saal widerhallte, „Sowohl mein, als meiner Schweſter Sohn biſt waͤre, Du, und zwar ein Abkoͤmmling der— Blut⸗ zu S G ſchandel“— Auge „Gerechter Gott!“ jammrrte Fernando den mit Todesangſt.„Sollte das wahr ſeyn, o ſo Kerke laß't mich augenblicklich ſterben, laß't mich der Ende 6 Sonne Licht nicht wieder ſehen!“„ „Beruhigt Euch, Fernandol“ fiel Bere⸗ Der nice ihm jetzt in die Rede. an mir liegt es nun, nege die Euch geraubte Seelenruhe wieder zu geben. ich Vor Kurzem wuͤrde mir ein ſolcher Ausgang die⸗ 1 ſer Sache noch ungemeines Vergnuͤgen gemacht auch 1 haben, nun erklaͤre ich aber, daß Don Padilla O6h I nicht Fernando's Vater iſt!“ Ther Haſtig nahm ſie jetzt das Portrait von ihrem ihr Halſe, oͤffnete die Feder, und hielt Don Padil⸗ Feu len einen Ring vor die Augen, den ſie aus der Eur Kapſel nahm. unt „Kennt Ihr dieſes Andenken?“— rief ſie.— verl „Erinnert Ihr Euch noch der Gelegenheit, bei welcher ſchr Ihr es gabt? Ich war es, welche die Perſon kein Eurer Schweſter vorſtellte, da ich merkte, daß Ihr u teufliſch genug geſinnet wart, ſie zu verfuͤhren, waͤhrend ſch mich unwiderſtehbare Leidenſchaft zu Euch hinzog.“ tur te Padille widerhallte, er Sohn biſt — Blut⸗ Fernando ſeyn, o ſo yt mich der ſiel Bere⸗ liegt es nun, r zu geben. Autgang die gen gemacht n padilla t von ihrem on padil⸗ rief ſie⸗— bei welcer die Perſol tte, daß Ir ren, wähtend uch hinzog 299 Padilla ſchaͤumte vor raſender Wuth bei die⸗ ſen Worten, und bruͤllte, als ob er wahnſinnig waͤre, da er gegen den ihm uͤberzeugenden Beweis zu Fernando's Gluͤck nichts einwenden konnte Augenblicklich gebot der Oberſte der Richter aber, den Tobenden zu entfernen, und ihn nach dem Kerker zuruͤckzufuͤhren, wo er ſein fuͤrchterliches Ende zu erwarten habe. „Vernehmt denn endlich auch, Marquis de Denial“— begann Berenice jetzt von neuem, als Padilla entfernt wurde,—„daß ich es war, die aus einer Grotte in den Gaͤrten zu Aranjuez zu Euch ſprach; mich ſaht Ihr auch in jenem von Monde beſchienenen Zimmer des Schloſſes Montillo, wo ich aus verſchiedenen Theilen von Lopezens zerſtuͤcktem Koͤrper, den ihr blutend noch vor mir liegen ſaht, bei gelindem Feuer eine Salbe bereitete, die in ſpaͤtern Zeiten Eure Geſundheit und Zufriedenheit faſt gaͤnzlich untergrub. Eben ſo fand ich durch Padillen verleitet, Mittel, Euch mit jener chemiſchen In⸗ ſchrift in Euern Zimmer zu Schrecken, und hatte kein kleines Vergnuͤgen daran, Euch unter meinen Zauberkuͤnſten dahin welken zu ſehen. Gewiß ge⸗ ſchah es aber mehr aus Schadenfreude und Entar⸗ tung der Seele, als aus perſoͤnlicher Feindſchaft 300 gegen Euch, daß ich mich ſo gewaltiger Huͤlfsmittel bediente, ja ſogar hoͤlliſche Geiſter zu meinem Bei⸗ ſtande anrief. Ich beſitze die ſchreckliche Kunſt uͤber die Daͤmonen der Luft, des Wirbelwindes, und des Sturmes zu befehlen. Auch waret Ihr ohnehin gegenwaͤrtig, wie ich jene fuͤrchterliche Beſchwoͤrung in den Kellern Eures eigenen Hauſes verrichtete, wo ich Luzifer ſelbſt erſcheinen machte. Nur zu gut wußte ich, daß Jacques Entwuͤrfe ſchlechten Erfolg haben wuͤrden, obſchon er ſich anmaßte, mir mit blos menſchlichen Kraͤften den Rang abzulaufen. Meine Abſicht beſtand dazumal in nichts weniger, als Euch an die Muͤndung des Berges Aetna zu bringen; Eure Geiſtesgegen⸗ wart und Gebete aber erzuͤrnten den boͤſen Feind, und zaͤhmten ſeine Kraft. Im fuͤrchterlichen Zorne verließ er mich; da ſah ich mit einem Male, daß meine Erfahrung in der ſchwarzen Kunſt gegen den geheiligten Namen des allerhoͤchſten Weſens nichts vermochte. Ploͤtzlich fing ich an uͤber meine Lage nachzudenken, und Beſorgniſſe zu fuͤhlen, daß ich⸗ mich der gewiſſen Rache jenes hoͤlliſchen Feindes preiß gegeben hatte, der außer der Verfuͤhrung menſchlicher Geſchoͤpfe keinen groͤßern Ruhm zu finden weiß.“ „Der Vertrag, den ich mit ihm abgeſchloſſen, ging! dernd zuruͤck die G mir ve walt digen, kannte ceriſch mich; Furch von; „ meine war d derke⸗ ſchwa⸗ mich Henke Geda waͤhre mann auf! icha mach wollt er Huͤlfsmitte meinem Bei⸗ feckliche Kunſt Wirbelwindes⸗ ch watet Ihr fuͤrchterliche genen Hauſes einen machte⸗ es Entwuͤrfe ſchon er ſich Kräften den tand dazumal Mündung des Geiſtesgegen⸗ böſen deind, erlichen Zorne „Male, daß ſſt gegen den geſens nichs meine lahe en, daß ic hen Feindes Verfuͤhrung z Ruhm abgeſch loſſen 301 ging nach wenigen Jahren ſchon zu Ende. Schau⸗ dernd ſah ich jetzt auf die bereits vergangenen zuruͤck, und legte mir die Frage vor, ob ich wohl die Gluͤckſeligkeit gekoſtet haͤtte, deren Genuß ich mir von dem Beſitze einer ſo unrechtmaͤßigen Ge⸗ walt und Freiheit, alle meine Begierden zu befrie⸗ digen, verſprochen hatte. Mit einem Male er⸗ kannte ich jetzt den ganzen Umfang meiner verbre⸗ cheriſchen Thorheit, kannte aber keine Moͤglichkeit, mich mehr herauszuwinden, und verfiel endlich aus Furcht vor der zu erwartenden Strafe in eine Art von Wahnſinn.“ „Nur durch ein einziges Mittel konnte ich meine Verpflichtungen wieder aufloͤſen. Leider! war dieſes Mittel aber zu ſchrecklich, meine wie⸗ derkehrende Neigung zur Tugend auch viel zu ſchwach, es zu ergreifen, da es nur darin beſtand, mich ſelbſt den Gerichten zu uͤberliefern, und von Henkershand zu ſterben. Ich ſchauderte uͤber den Gedanken eines ſo ſchnellen oͤffentlichen Todes, waͤhrend das ſchrecklichſte Chaos verwirrender und mannigfaltiger Schreckensbilder in meinem Gemuͤthe auf und nieder wogte. Oft dachte ich, daß, wenn ich auch, den fuͤrchterlichen Vertrag ruͤckgaͤngig zu machen, durch die Hand des Scharfreichters ſterben wollte, meine Verbrechen ſicher zu groß waͤren, 302 um auf Vergebung Anſpruch machen zu koͤnnen, daß es daher gewiß das Beſte ſey, wenn ich mein Le⸗ ben eigenmaͤchtig beendigen wuͤrde, bevor noch die wenigen Jahre verliefen. Eben ſo wollte ich manch⸗ mal hinter Kloſtermauern Schutz ſuchen, um mir durch Bußuͤbungen und Gebete jene himmliſche Barmherzigkeit zu verdienen. Welche Gebete wuͤr⸗ den aber hinreichend geweſen ſeyn meine Verbre⸗ chen ungeſchehen zu machen?“ „Von den ſchrecklichſten Gedanken gequaͤlt, und aller Huͤlfsmittel entbloͤßt, uͤberließ ich mich der Klein⸗ muͤthigkeit, und ſprang in einem Anfalle der Ver— zweiflung mit dem feſten Entſchluſſe, mein kuͤnf⸗ tiges Schickſal zu erfahren, in den Fluß.“ „Leider! wollte es aber mein Geſchick nicht ſo. Fernando entriß mich den Wellen, und brachte mich in Denia's Haus. Dort war es, wo ich mein Gemuͤth das erſte Mal zum Himmel erhob, und nach Beiſpielen ſeiner Guͤte und Barm⸗ herzigkeit forſchte. Unzaͤhlige Beweiſe dieſer gren— zenloſen Guͤte ſtiegen jetzt in mir empor, waͤhrend ein Hoffnungsſtrahl die Dunkelheit meiner Seele durchzuckte.“ „Mit einem Male wurde ich in dieſen Be⸗ trachtungen aber durch Raolo's Eintritt unter⸗ brochen, der mir eroͤffnete, daß mich ein fremder ſchwar ſicher ner fuͤ ergeben ges ne wohl? und d Naol Hand, mich Fluſſe morde „ Wurn Gebete nem g en zu koͤnnen, n ich mein be⸗ bevor noch die ollte ich manch⸗ hen, um mit e himmliſche Gebete wuͤr⸗ meine Verbre⸗ gequaͤlt, und mich der Klein⸗ falle der Ver⸗ „mein kͤnf fluß.“ geſchick nicht Gellen, und ort war es, dn himmel e und Barmm⸗ dieſer gren⸗ r wähtend meinet Seele dieſen Be⸗ ntritt unter, ein ftemdet 303 ſchwarzer Mann zu ſprechen verlange. Nur zu ſicher ſchien es mir, daß es niemand ſonſt als je— ner fuͤrchterliche Erzfeind ſeyn koͤnne, dem ich mich ergeben hatte. Zwar ſollte die Zeit unſers Vertra⸗ ges noch einige Jahre dauern, was gelten aber wohl Verſprechungen bei dem Fuͤrſten des Betruges, und dem Vater der Luͤgen? Kaum hatte mich Raolo verlaſſen, ſo beruͤhrte er mich mit der Hand, machte mich dadurch unſichtbar, und fuͤhrte mich in wenigen Augenblicken an die Stelle des Fluſſes, wo ich mich vor Kurzem noch zum Selbſt⸗ morde entſchloſſen hatte.“ „„Schwacher, elender, nichts vermoͤgender Wurm!““— ſchrie er,—„„glaubſt Du mit Gebeten, Reue und Thraͤnen den Himmel zu Dei⸗ nem Beiſtande anzurufen? Dachteſt Du nicht an dieſer Stelle auf Mord an Dir ſelbſt? Wie kann die ewige Gerechtigkeit durch neue Verbrechen be⸗ friediget werden, durch ein Verbrechen, das Dich meiner Gewalt um ſo mehr uͤberliefert hat.— Wiſſe denn, daß unſer Vertrag durch jene ſcheuß⸗ liche That noch vor der Zeit zu Ende ging, nicht mehr lebend ſollſt Du hier vom Platze gehen!““— „Obgleich ich durch den Zorn dieſes ſchrecklichen Ungethuͤmes nicht wenig erſchuͤttert wurde, ſo faßte ich mich doch bald genug, da ich nicht zum erſten 304 Nale in die Fratzenlarven jener uͤbernatuͤrlichen Weſen blickte und ſprach: Glaube jannicht, hoͤl⸗ liſcher Satan, mich zu betruͤgen, waͤhrend Du Dich ſelbſt betruͤgſt. Erinnerſt Du Dich nicht, daß unſer Vertrag null und nichtig iſt, ſobald ich ent⸗ weder durch meine oder Deine Hand eines gewalt⸗ ſamen Todes ſterbe?“ „Mit gluͤhend rothen Augen und einer Stim⸗ me, daß ſich die Aeſte der Baͤume ſchuͤttelten, er⸗ wiederte er:„„Wie? Du wagſt es, mit mir zu rechten, mit mir, der ich Dich in einem Augen⸗ blick zu Staub zermalmen kann?— Warſt Du nicht Zeuge meiner Macht, als ich den Blitz in meiner Fauſt hielt? Sahſt Du mich nicht in Feuer gehuͤlt und dennoch leben? Trotz dem wagſt Du es aber mit mir zu unterhandeln?““ „In meiner hoͤchſten Noth fiel mir jetzt die Wirkung ein, welche der Name des Allerhoͤchſten bei meiner Beſchwoͤrung machte, von der Ihr, Al⸗ bert de Denia, Zeuge waret. Nur durch die⸗ ſes einzige Mittel entkamt Ihr dazumal meiner Macht, ich wich daher jetzt mit Anſtrengung all“ meiner Kraͤfte einige Schritte zuruͤck, und ſchrie: „Elender Prahler! Deiner Macht ruͤhmſt Du Dich, der Du nur ein Werkzeug des himmliſchen Zornes biſt. Im Namen des allerhoͤchſten Welt⸗ geiſtes, Tiefen d ſch Dich truges! „Ka usgeſe e Waͤld uen Füß⸗ ſoch emg lei den „Del aut und nit ſchn ſeheurer lgſt er ſennun „Al nziger ſer Hof iihten dun nac valt, he un wie uͤbernataͤrlichen ja nicht, hoͤl wäͤhrend Du Hich nicht, daß ſobald ich ent⸗ eines gewalt⸗ einer Stim⸗ Huͤttelten, er⸗ e, mit mir zu einem Augen⸗ Warſt Du den Blitz in nicht in Feuet dem wagſt 1“ wir jett die Alerhchſttn der Ihr, A- dur durch die⸗ zumal meinet ) ſtrengung 3 und ſchlie geiſtes, der die Gebirge zittern macht, und die Tiefen des Meeres aufzuruͤhren vermag, beſchwoͤre ich Dich, Du Freund der Finſterniß und des Be⸗ truges! von hier zu fliehen!“— „Kaum hatte ich dieſe nachdrucksvollen Worte ausgeſprochen, als ein fuͤrchterlicher Donnerſchlag die Waͤlder erſchuͤtterte, und die Erde unter mei⸗ nen Fuͤßen bebte, waͤhrend die Wellen des Fluſſes hoch empor rauſchten, die knarrenden Baͤume aber bei den Wurzeln zu borſten ſchienen.“ „Verſchwunden war die Geſtalt des Erzfeindes. Laut und unaufhoͤrlich ziſchend lag eine ſcheußliche mit ſchwarzen Schuppen bedeckte Schlange von un⸗ geheurer Laͤnge aber zu meinen Fuͤßen, welche endlich eiligſt entfloh, und mich ſo verſchuͤchterte, daß ich beſinnungslos zu Boden ſank.“ „Als ich zu mir ſelbſt kam, war es mein einziger Gedanke, mein feſter Entſchluß, mich in der Hoffnung meines zukuͤnftigen Heiles den Ge⸗ richten ſelbſt zu uͤbergeben. Augenblicklich eilte ich nun nach Madrid und uͤbergab mich Eurer Ge⸗ walt, heilige Vaͤter!— Da Ihr meine Geſchichte nun wiſſet, ſo bleibt mir nichts mehr zu erwaͤh⸗ nen uͤbrig, als um eine milde gnaͤdige Strafe zu flehen.“— Mit ſchwacher Stimme und leichenblaſſer Miene II. Theil. 20 506 hatte Berenice ihre Erzaͤhlung geendet, bei de⸗ ren Schluſſe ſelbſt die laͤngſt abgehaͤrteten Inqui⸗ ſitoren nicht unbewegt blieben. Wie zur Ehre der Menſchheit zeigte ſich das innigſte Mitleid auf ihren gewoͤhnlich kalten Geſichtern. Allgemeines Schweigen herrſchte fuͤr einige Zeit in der ganzen Verſammlung, da die Reihe jener graͤßlichen Auf⸗ tritte hinlaͤnglichen Stoff zum Nachdenken gab. Endlich erhob ſich aber der oberſte Richter, ſchlug ein Kreuz und begann. „Sicher ſind die Begebenheiten, die dieſe Nacht enthuͤllte, die wunderbarſten Annalen des Juſtituts. Vorfaͤlle hat die Vorſehung enthuͤllt, welche durch menſchliches Wiſſen ſicher nicht an's Licht gekommen waͤren. Eine lange Kette von Umſtaͤnden und Thatſachen fuͤhrte endlich zu einem entſcheidenden Ausgange, damit die Schulbigen den Lohn ihrer Verbrechen erhalten. Noch immer bleibt aber ein Umſtand unerklaͤrbar, und zwar Fernando's Verhaͤltniß mit dem wandernden Geiſte des Gra⸗ fen Ferendez.“ „Wiſſet denn,“— begann Berenice jetzt,— „daß dieſes ungluͤckliche Phantom Fernando'n ewig verfolgt, ſobald es nicht zur Ruhe gebracht wird. Stets begleitet es ihn unſichtbar, und ſitzt lei di dem b ingſte 5 tenie „Wo nicht geendet, bei de⸗ ehaͤrteten Ingui bie zur Ehre der ſte Mitleid alf en. Allgemeines it in der ganzen graͤßlichen Auf⸗ Nachdenken gab Richter, ſchlag , die dieſe Nacht en des Juſtitutz lt, welche durch s Licht gekomme Umſtaͤnden um m entſcheidende den Lohn ihen er bleibt aber 4 Fernande: Geiſſe des Gin 307 auch in dem gegenwaͤrtigen Augenblick neben Al⸗ mirens Leiche!“— Unwillkuͤhrlich ſchauderte die ganze Verſammlung bei dieſen Worten und richtete ihre Blicke nach dem bezeichneten Orte, konnte aber nicht das Ge⸗ ringſte bemerken! „Wollt Ihr uns mit Maͤhrchen blenden, Be⸗ renicel“ begann der Großinquiſitor endlich. „Wo iſt Ferendez's Geiſt? Warum iſt er nicht auch unſern Augen ſichtbar?“ „Weil Ihr nicht ſo hellſehend ſeyd, wie ich — verſetzte Berenice.„Leider! eine Eigen⸗ ſchaft, die ich mir nur zu theuer erwarb. Wollet Ihr mich aber im Namen der Kirche von meiner Schuld losſprechen, ſo will ich dieſen ungluͤcklichen Geiſt ſichtbar zu werden befehlen, und ihn zu— gleich auch fragen, was ſein beſonderes Begehren iſt, damit er endlich der Ruhe des Grabes theil⸗ haftig werde, wornach dann auch Fernando fuͤr immer von ihm befreit ſeyn ſoll.“— 17 „Wohlan denn! Eure Schuld ſey Euch im Namen der Kirche erlaſſen!“ verſetzte der Ober⸗ richter endlich nach einigem Nachdenken. Schweigend verbeugte ſich Berenice, waͤh⸗ rend ſich die Inquiſitoren mit allem Muthe waff⸗ — 308 neten, da ſie Dinge erblicken ſollten, die menſch⸗ liche Augen noch ſo ſelten geſehen haben. In ſchrecklicher Erwartung beobachteten ſie jede Bewegung dieſes außerordentlichen Weibes, wel— ches ein Cruzifix nahm, das auf dem Tiſche ſtand, ſich einige Schritte aus dem Kreiſe der Geſellſchaft zuruͤck zog, und unverſtaͤndliche Worte murmelnd mit ernſter Miene ſtarr vor ſich hin ſah. So ſtill, daß man jeden Athemzug hoͤrte, war die ganze Geſellſchaft, als endlich dunkle Rauch⸗ wolken die Thuͤre des Saales verhuͤllten, ſich im— mer mehr verbreiteten und eine dunkle noch immer mit Dampfwolken umgebene Geſtalt hervortrat, die mit feierlichen Schritten auf Berenicen zuging. Obſchon darauf vorbereitet fuhr die gange Ge⸗ ſellſchaft bei Erſcheinung des Geſpenſtes doch un— nennbar entſetzt von ihren Plaͤtzen in die Hoͤhe, bald heftete ſie die erſtarrende Gegenwart bes Ge— ſpenſtes aber wieder auf ihre Sitze. Unbeweglich blieb die Geſtalt endlich neben Almirens Leiche ſtehen, waͤhrend ihre Augen ohne Bewegung wa— ren, und ihre bleichen Wangen die auffallendſte Spur der Verweſung trugen. Unbeſchreibliche Furcht ergriff die ganze Ver⸗ ſammlung, Berenice allein behielt nur Geiſtes⸗ gegenwart, und ſchrie, das Cruzifix vor ſich haltend, nit w Grafel Friede N in den ſetzt d lich di Nante Inqui der G Ungeh ſolte len, dere der S n tge, dein en egin hen, und de— vard veiſe ten, die menſch⸗ haben. bachteten ſie jede n Weibes, wel⸗ em Tiſche ſtand, e der Geſellſchaft Worte murmelnd in ſah. zug hoͤrte, wat h dunkle Nauch⸗ huͤlten, ſich im⸗ nkle noch immer t hervortrat, die enicen zuging. r die gange Ge⸗ venſtes doch un⸗ n in die Hoͤhe, genwart bes Ge Unbeweglic mirens Leicht 3 Bewegung 4 die auffallendſ die ganze Ver⸗ nur Geiſti ſich haltend t ell vor 309 mit wilder Miene:„Sprecht nun, Geiſt des Grafen Ferendez, warum beunruhiget Ihr den Frieden der Lebendigen?“— Nicht die geringſte Bewegung ſah man aber an den Lippen der Geſtalt, ſtumm naͤherte ſie ſich jetzt dem Tiſche der furchtbaren Richter, riß ploͤtz⸗ lich die Larve vom Geſichte, warf den ſchwarzen Mantel zur Erde, und augenblicklich erkannten die Inquiſitoren einen ihrer geheimen Verbuͤndeten in der Geſtalt. „Almanſorl“ rief de los Velos jetzt ungeheuer uͤberraſcht—„Almanſor!“ wieder⸗ holte der Marquis de Denia mit heftigem Stau⸗ nen, und unter ſchrecklichen Zuckungen warf ſich Berenice auf die Knie, waͤhrend ſie mit zittern⸗ der Stimme alles, alles zu bekennen verſprach. „Zu ſpaͤt!“— donnerte ihr Almanſor aber entgegen.„Selbſt dieſes heilige Gericht ſollte Deine luͤgenhafte Erzaͤhlung uͤber alle jene Verbre— chen und Morde taͤuſchen, die Du mit Jacques begingſt. Laͤngſt ahnete ich Padilla's Verbre⸗ chen, nur dadurch aber, daß ich die Begebenheiten und meine Handlungen in uͤbernatuͤrliches Dun⸗ kel huͤllte, kam ich der Sache auf die Spur, und ward endlich vermoͤgend, dieſe unumſtoͤßlichen Be⸗ weiſe zu lieſern. Ich war es, Albert und Fer⸗ 310 nando, der Euch als ſchuͤtzender Engel umgab; ich war es, der ſich mit dieſem Weibe vereinigte, um Euch erhalten und zum gewuͤnſchten Ziele fuͤhren zu koͤnnen. Ich erſchien Dir, Fernando, zum erſten Male als verwundeter Soldat, in je⸗ V nem Hohlwege; ich war es, der ſich mit Bere⸗ nicen bei jener verabredeten Beſchwoͤrung in den Kellern Eures eigenen Hauſes erſchien, wo es auf Euer Leben, Marquis de Denia, abgeſehen war. Ich war es, der Euch durch einen ploͤtzli⸗ V chen Rauch Berenicens Blicken entzog; ich ſaß in meiner gewoͤhnlichen Maske an Selima's Bett, und ich forderte Euch in Hyraddins Pallaſte ſchon zur Rache auf.“ V „Auch Berenicen holte ich des Nachts aus Denia's Hauſe, und bewog ſie endlich, ſich frei⸗ willig einem Gerichte zu ſtellen, das ihr nach mei— ner Verſicherung bereits ſo nahe auf der Spur ſey, daß ſie ihm unmoͤglich entwiſchen koͤnne. Um ſie hiezu leichter zu bewegen, beſtaͤrkte ich ſie in ihrer Meinung durch verſtellte Reue der wohlver⸗ dienten Strafe vielleicht entgehen zu koͤnnen, und machte mich auch anheiſchig ſie in der Geſtalt von Ferendez's Geiſt aus den Kerkern der heiligen Inquiſition zu entfuͤhren, im Falle ſie der Strafe auf keine andere Art entſchluͤpfen ſollte. Mich, r Engel umgab; Weibe vereinigte, twuͤnſchten Ziele dir, Fernando, Soldat, in jer ſich mit Bert ſchwoͤrung in den hien, wo es auf nia, abgeſehen och einen plötzli⸗ een entzog; ich an Selima's n Hyraddins des Rachts ali endlic, ſch ſta as ihr nach mei⸗ der Sput Um ſie in auf chen koͤnne. arkte ich eue der wohlvet⸗ d du koͤnnen, und der Geſtalt von in der heiligen ſe der Sttaſ e . ſü 3 Mich⸗ ſollte⸗ Mi 311 den Vertrauten, den Waͤchter in den Wuͤſten kennt dieſes Gericht, durch mich weiß es Zidana's und Almirens Ankunft, nichts bleibt mir daher mehr zu eroͤffnen uͤbrig, als daß Ferendez's Leich⸗ nam am Eingange jener zerſtoͤrten Waſſerleitung, wo ihn Jacques und Berenice verbargen, noch unbegraben liegt.“— Kaum hatte Almanſor jetzt geendet, ſo er— hob ſich der Großinquiſitor von ſeinem Sitze und ſprach:„Marquis Albert de Denia und Fer⸗ nando de Coello, Ihr ſeyd frei!“ Augenblicklich naͤherten ſich ihnen einige Stum— me jetzt, die ſie aus dem ſchauerlichen Saale fuͤh— ren wollten, doch mit hoͤflicher Miene erbat ſich Denia die Erlaubniß reden zu duͤrfen, und be⸗ gann endlich nach erhaltener Bewilligung des Ge⸗ neral⸗Vicars. „Verzeiht, heilige ehrwuͤrdige Vaͤter, daß ich es wage um gemaͤßigtere Wuͤrdigung Valedia's und Antonio's Verbrechen zu flehen. Beide Perſonen ſind von Rang und Familie. Wie ſchul⸗ dig ſie auch erſcheinen moͤgen, ſo ſind ſie es doch gewiß um ein Betraͤchtliches weniger, ſobald Ihr den zufaͤlligen Zuſammenhang der Dinge, von de⸗ nen Ihr nun ſelbſt Zeuge wart, und ihre ſonder— baren Schickſale in Betrachtung ziehet. Auch bin ———— — 312 ich feſt uͤberzeugt, daß keine Strafe, die Ihr uͤber Antonio verhaͤngen koͤnnet, dem gleich kommen kann, was er durch Almirens Tod Zeit ſeines Lebens leiden wird.“— „Glaubt mir, Marquis!“— verſetzte der Großinquiſitor,—„daß wir ſtets bereit ſind auf Umſtaͤnde zu achten, die des Verbrechers Schuld vermindern. Wollte man dem Laſter aber geſtat⸗ ten, unter was immer fuͤr Unſtaͤnden ungeſtraft zu handeln, ſo wuͤrde dadurch nur Aufmunterung fuͤr neue Verbrechen erzeugt. Wahr iſt es, daß Antonio ſeinen Anſchlag nicht ausfuͤhren, und Almira dem Kloſter entreißen konnte, daher ſey ihm auch das Leben geſchenkt. Auf jedem Fall aber muß er ſich einer bedeutenden Geldbuße un— terziehen, waͤhrend ſich Valedia jener Strafe unterwerfen ſoll, welche ihr die Aebtiſſin der Do— minikaner⸗Nonnen beſtimmen wird.— Al⸗ mirens Leichnam wird uͤbrigens Euch Fernan⸗ do de Coello nebſt dem Auftrage uͤbergebem daß Ihr ſowohl ihm als Ferendez's Ueberreſte mit dem ihrem Stande geziemenden Gepraͤnge zur Erde beſtattet.“ Gluͤcklich genug, das Schickſal ſeines Freun— des Antonio in ſo weit geſichert zu ſehen, be⸗ gab ſich Denia endlich in Fernando's Geſell⸗ die Ihr uͤber gleich kommen dd Zeit ſeines verſetzte der ereit ſind auf echers Schuld aber geſtat⸗ den ungeſtraft Aufmunterung iſt es, daß gfuͤhren, und te, daher ſey f jedem Fal Geldbuße un⸗ ener Strafe der Do⸗ A iſſin ird.— ch Fernan⸗ g übergebei „3 Ueberteſte Gaxringe zur FTreun⸗ ſeines Freu 9. „lh u ſehen/ Geſel⸗ d0'5 3¹3 ſchaft aus dem fuͤrchterlichen Sale. Noch in der⸗ ſelben Nacht beſchloſſen die Inquiſitoren Don Padilla's oͤffentlichen Tod, den er durch Hen— kershand empfangen ſollte; durch thaͤtige Verwen— dung ſeiner anſehnlichen Familie empfing er ſeinen Lohn aber innerhalb den Mauern des Inquiſitions⸗ Gebaͤudes, waͤhrend Berenice zur lebenslaͤnglichen Gefangenſchaft in den Kerkern der heiligen In⸗ quiſition verurtheilt wurde, wo ſie denn Zeit ge⸗ nug fand, Betrachtungen uͤber ihre Miſſethaten zu beginnen, und ſich durch Reue mit dem Himmel zu verſoͤhnen.—— Vierzehntes Kapitel. Schluß der Geſchichte. Eben begann die Morgenſonne Madrids Thurm⸗ ſpitzen zu vergolden, als Albert und Fernando aus dem Inquiſitions-Gebaͤude traten. Die Fri⸗ ſche der Luft wirkte ſehr vortheilhaft auf ſie, und verſcheuchte endlich jene ſchrecklichen Bilder, die ſie noch vor Kurzem umgeben hatten. Ihr erſtes Geſchaͤft war, ſich nach Donna Emira's und Zidana's Aufenthaltsorte zu erkundigen, bald vernahmen ſie aber, daß man ſie auf Almanſors Veranſtaltung in Denia's Landhaus gebracht habe, wo ſich alles in der groͤß⸗ ten Verwirrung befand. Sowohl Alberts als Fernando's Verſchwinden erfuͤllte die Frauen mit den groͤßten Beſorgniſſen, eben ſo unbeſchreib— lich war aber die Freude, als ſie nun ganz wohl⸗ behalten anlegten. Wie naruͤrlich beobachteten beide tiefes Schwei⸗ gen quiſt und da Geſe tel. tids Wurm Fernando en. Die dii auf ſie/ und Bilder, die 6 a nch Donn tthaltsorte zu duß unn ſe Denig'5 in der güſ⸗ Alberts als e die Frauen b unbeſcreib⸗ in ganz vahe Scwi⸗ tiefes 315 gen uͤber die Vorfaͤlle innerhalb dne Mauern des In⸗ quiſitions⸗Gebaͤudes, und erwarteten Antonio's und Valedia's Befreiung mit aller Sehnſucht, da ſie Virginien den traurigen Ausgang der Geſchichte erſt dann eroͤffnen wollten. Bald war auch Almanſor wieder unter ih⸗ nen; auf alle ihre Fragen um naͤhere Auskuͤnfte ſchwieg er aber, und ertheilte ihnen die ernſte Wei⸗ ſung, ihn nicht um Dinge zu fragen, die er Kraft ſeines Eides profanen Menſchen ewig verſchweigen muͤſſe. Nach wenigen Tagen erhielt auch Anto⸗ nio ſeine Freiheit, und vereinigte ſich mit ihnen. Almirens Tod lag ihm aber ſo druͤckend auf der Seele, daß er ſich zur Geſellſchaft ſeiner Freunde gaͤnzlich untauglich fand. Unaufhoͤrlich beſchaͤftigte Almirens Bild ſeine Phantaſie, und nicht ohne Grund fuͤrchtete Fernando fuͤr ſein Leben. Das Erſte, wodurch ſein ſchlafender Geiſt wieder erweckt wurde, war endlich die Nachricht, daß Valedia von der Aebtiſſin verurtheilt ward, den Schleier fuͤr immer zu behalten. „Mit Entſetzen erinnerte er ſich jetzt, daß ſie ſich ſeiner wegen einzig und allein als Koſtgaͤnge— rin ins Kloſter begeben habe, ihr Loos ſchien ihm daher haͤrter als der Tod, und beſtimmte ihn al⸗ 316 les anzuwenden, wodurch er ſie ihrem Mißgeſchicke entreißen konnte. „Eben ſo ungeduldig war Fernando jetzt, die Ueberreſte des Grafen Ferendez zu beerdigen. Da nun Albert Virginien nicht gerne verließ, ſo reiſte er denn mit Almanſorn und den zwei Frauen, nebſt Selima und Almirens Leiche nach dem Schloſſe Montillo. In Kurzem nahm er auch foͤrmlichen Beſitz von dieſem Schloſſe und wies den beiden Frauen nach ihrer eigenen Wahl verſchiedene Zimmer an, ſammelte endlich Ferendez's Gebeine und feierte die Exequien dieſes doppelten Begraͤbniſſes mit un⸗ erhoͤrter Pracht. Almirens Sarg ward in den Gewoͤlben unter dem Schloſſe ebenfalls beigeſetzt, und unmoͤglich konnte ſich Fernando jetzt eines leiſen Schauers erwehren, als er ſich wieder in jenen beſtaubten Gemaͤchern ſah, wohin er einſt dem ver⸗ meinten Geiſte jenes Mannes gefolgt war, deſſen Aſche ſich nun hier befand, waͤhrend man fuͤr ſeine Seele ſowohl in der Schloßkapelle als in der Cha⸗ thedralkirche zu Granada Meſſen las. Auch der oͤſtliche Schloßfluͤgel ward wieder geoͤffnet, lange Zeit erforderte es aber, bis ihn die Diener ohne Furcht zu betreten wagten. Ploͤtzlich war jetzt auch der Zeitpunkt herange⸗ m Mißgeſchick rnando jetzt, z zu beerdigen. t gerne verließ⸗ n und den zwei mirens Leiche emlichen Beſit beiden Frauen ne Zimmer an, eine und feierte bniſſes mit un⸗ g ward in den falls beigeſett, ines ndo jetzt eit wleder in jenen ſeinſt dem ver⸗. 317 kommen, wo Valedia den Schleier nehmen ſollte, und ſchon der Tag beſtimmt, an welchem die Ce— die gewoͤhnlich mit der groͤßten Pracht Alle Fuͤrbitten, von Valedia's Freunden und Verwandten konn⸗ ten den feſten Entſchluß der gereizten Aebtiſſin nicht wankend machen. Selbſt die gewoͤhnliche Probe— zeit ward abgekuͤrzt; zwei Monate nach Almi⸗ rens Tode ſollte Valedia daher ihr unfreiwil⸗ liges Geluͤbde ablegen, ein Geluͤbde, welches der Menſch vermoͤge ſeiner ſchwachen Natur nur ſelten ohne Reue leiſtet. Antonio gerieth bei dieſer Kunde faſt ganz außer ſich, er vergaß Almiren uͤber ſeinen Schmerz fuͤr Valedia, auch waren ſeine Freunde zuletzt nicht mehr im Stande, ihn zu troͤſten. Seit er die Unmoͤglichkeit einſah, dieſe Sache zu hin⸗ dern, beſchloß er ſelbſt Zeuge jener tragiſchen Auf⸗ opferung fuͤr ſeine Sache zu ſeyn, und wollte dann ebenfalls hinter Kloſtermauern ſein Leben be— ſchließen. Endlich erſchien der gefuͤrchtete Tag. Von tauſend beunruhigenden Gefuͤhlen bewegt, nahmen ſeine Freunde gleich bei Eroͤffnung der Kloſterkirche ihre Standpunkte ein, und bald wurde das Ge⸗ draͤnge immer geoͤßer, da ſich das Gericht verbrei⸗ II. Thell. 2 remonie, gefeiert wurde vor ſich gehen mußte. 318 tet hatte, daß eine junge Dame an dieſem Tage der Liebe aus den Armen geriſſen werden ſollte, um der Welt auf ewig Lebewohl zu ſagen. Jedes Auge, das ſich auf Antonio richtete, bemerkte, daß er der Ungluͤckliche ſey, den man ſeine Geliebte nun rauben wollte. Tauſend Anmerkungen fluͤſterte ſich das verſammelte Volk uͤber jene Grauſamkeit daher auch zu; kaum aber trat Valedia in die einfache Kloſtertracht gekleidet, mit ſtandhafter Faſ⸗ ſung und ſchoͤner wuͤrdiger Miene hervor, ſo brach allgemeines Murren der Unzufriedenheit aus, und haͤtte das ſtarke eiſerne Gitter die Nonnen nicht vom Volke getrennt, ſo wuͤrde jener Auftritt uͤber⸗ ſpannter Froͤmmigkeit vielleicht die bedeutendſten Folgen gehabt haben.— In den reichſten Prachtgewaͤndern ſangen die Prieſter ihre Lobgeſaͤnge, und ſchon ſchienen die Non— nen bereit ihre neue Schweſter zu umarmen, als Va⸗ ledia das Geluͤbde endlich leiſten ſollte. Mit ge⸗ meſſenen Schritten bewegte ſie ſich jetzt gegen den dienſtverrichtenden Prieſter, dem Erzbiſchoffe von Madrid, und ſprach, ſich erfurchtsvoll verneigend: „Ich erklaͤre im Namen der ewig geſegneten und ruhmwuͤrdigen Jungfrau, die ohne Suͤnden em⸗ pfing, daß ich nicht freiwillig das Geluͤbde an dieſem Tage werden ſollte, ſagen. Jedes htete, bemerkte, in ſeine Geliebte rkungen ſluͤſterte ene Grauſamkeit aled ia in die ſtandhafter Faſ⸗ hervor, ſo brach nheit aus, und Nonnen nicht Auftritt uͤber⸗ — hedeutendſten dern ſangen die hienen die Non⸗ als Va⸗ Mit ge⸗ armen, ſollte⸗ ſet ziuen de enbiſcofe von lverneigend: vol geſegnet „Sünden emn⸗ g das Gelübde 319 ablegen kann, da ich mich unfaͤhig fuͤhle fuͤr den heiligen Stand einer Nonne, wozu ich nun ge⸗ zwungen werde. Oeffentlich bitte ich, meine Thaten zu richten, und nicht zu erlauben, daß ſie mit mir in die ſtillen einſamen Mauern dieſes Or⸗ tes begraben werden!“ Allgemeines Staunen durchlief jetzt die Kirche, ſowohl die Aebtiſſin, als die Nonnen geriethen in Verwirrung, und ſo ſchnell als moͤglich mußte der Erzbiſchoff, ein Mann von untadelhaftem Lebens⸗ wandel, dem nun laut murrenden Volke ſein Wort geben, die Sache ſelbſt zu unterſuchen, damit das allgemeine Mißvergnuͤgen nicht uͤble Folgen nach ſich zoͤge. Unmoͤglich konnte Antonio bei dieſem ploͤtz⸗ lichen, unerwarteten Zufall Herr ſeiner ſelbſt blei⸗ ben, er beſchwor daher den Erzbiſchof, ja nicht eher zu entſcheiden, als bis die ganze Kette ſon⸗ derbarer Vorfaͤlle aus ſeinem eigenen Munde ver⸗ nommen habe, die zu dieſem letzten Auftritte oͤffent⸗ lichen Aergernißes Anlaß gab. Nur mit Muͤhe konnte ihn Fernando aus der Kirche entfernen, waͤhrend Denia den Erz⸗ biſchof begleitete, und ihm ſo nachdruͤckliche Vor⸗ —— — — —— 320 ſtellungen machte, daß er ſich fuͤr Valedia's Freilaſſung endlich zu verwenden verſprach. Da Fernando das jetzt Erlebte reiflich uͤber— legt hatte, drang er immer mehr in Antonio, ihm zu erklaͤren, ob er in Valedia verliebt ſey, und bekam zur Antwort:„Nur zu gut weiß ich, daß ich meine Couſine ungluͤcklich gemacht habe. Ihre Guͤte, mit welcher ſie ein ſo gefaͤhrliches Unternehmen fuͤr mich wagte, erweckten meine Be⸗ wunderung; obwohl es mißlang, nehmen doch ihre Leiden, die ſie meiner wegen auszuſtehen hatte, meine ganze Dankbarkeit in Anſpruch. Wir beide ſind in unſerer erſten Liebe ungluͤcklich geweſen. Fernando wurde mit ihr auf meines Vaters Landhaus erzogen, frei hat ſie mir ihre Liebe fuͤr ihn geſtanden; leider! iſt er aber nun mit Seli— ma verehelicht. Auch fuͤr mich iſt Almira verlo⸗ ren, ich weiß daher keine andere Dame in Ma⸗ dr id, mit welcher ich mich williger verbinden wuͤr⸗ de, als mit Valedia, da Zeit und Gewohnheit jene wechſelſeitige Zuneigung der Liebe gewiß erzeu⸗ gen werden. Kaum wußte Denia Antonio's Gedanken, ſo machte er von all' jenem Einfluſſe Gebrauch, den ſeine Freunde bei Hofe hatten, um Valedia' s d d fuͤr Valedia's verſprach. ebte reiflich uͤber⸗ r in Antonio, dig verliebt ſey, zu gut weiß ich, h gemacht habe. ſo gefährliches eckten meine Be⸗ nehmen doch uszuſtehen hatte, uch. Wir beide fücklich geweſen. meines Paters r ihre biebe fuͤr nun mit Seli⸗ Almira verlo⸗ Dame in Ma⸗ verbinden wuͤt⸗ und Gewohtheit 7 ebe gewiß erzeu o's Gedanken, Gebrauch den Poledis'5 321 Freilaſſung zu bewirken, welches ihm endlich durch die thaͤtige Mitwirkung des Erzbiſchofes mancher Beſchwerlichkeit gelang. auch nach Virginia hatte ihre volle Geſundheit in der Zwiſchenzeit wieder erhalten, worauf denn ihr Ver⸗ lobungstag mit dem Marquis de Denia endlich feſtgeſetzt wurde, und auch Antonio hatte Va⸗ ledia nun dazu bewogen, daß ſie ihre neue Freun⸗ din nicht nur allein zum Altare begleiten, ſondern auch ihr Loos mit dem Seinigen auf ewig verbin⸗ den wolle. Selbſt Raolo erhielt noch an demſelben Tage Martha's Hand, die zu Virginiens Aufwar⸗ tung nach dem Schloſſe Montillo berufen wurde, indem der treue Gonzalez ſeinen vorigen Dienſt uͤbernommen hatte, und die herrlichſten Anſtalten zu Denia's und Antonio“s Hochzeitsfeierlich⸗ keiten traf, die dort gefeiert wurden, ſo ſchreckliche Schickſale erlebt hatten. wo ſie einſt Nach lang gepruͤfter Tugend, und unendli⸗ chen Beſchwerlichkeiten vereinigte denn das Gluͤck die Helden der Geſchichte mit den ſuͤßeſten Banden wechſelſeitiger Anhaͤnglichkeit, himmliſcher Eintracht und zaͤrtlicher Liebe. So wird auch ſtets die Tu⸗ gend uͤber das Laſter triumphiren, und ſollte es 8 2 —2 — — G — — 2½ — — — — — —½ 5 = 5 — E S — — — 8 — — Gluͤckſeligkeit mangeln, ſo verleiht ſie dem menſchlichen Gemuͤthe doch ſichere Seelenruh und Friede, was weder Gewalt noch Reichthum weltlicher vermoͤgen.— hen Kennzeichen ſo verleiht ſie here Seelenruh noch Reichthum Empfehlungswerthe Buͤcher des Indu⸗ ſtrie⸗Comptoirs. Aelteſte noch exiſtirende Denkmaͤler der Feimaurerei in Deutſchland. An Ort und Stelle gezeichnet von Otto Guͤnther. Mit z lithogr. Blaͤttern. Regeln des Ecarte⸗Spiels, wie es in guter Geſellſchaft zu Paris geſpielt wird. 12. br. 6 Gr. Verſuch einer Phyſiologie des Schlafs von Dr. E. L. H. Lebenhelm. 1r Theil. gr. 1 Thlr. 8 Gr. Hausaltar, der kleine, oder Morgen⸗ und Abend⸗ gebete auf vier Wochen, nebſt einer Sammlung von Gebeten, auf beſondere Zeiten und Faͤlle von M. G. H. Roſenmuͤller. Pfarrer in Oelzſchau bei Leipzig. Nebſt einem allegoriſchen Tittelblatte. gr..3. br. 1 Thlr. 5 Maria, oder Freundſchaft mit Jeſu. Ein Handbuch zur taͤglichen Andacht. Herausgegeben von M. G. H. Roſenmuͤller. Pfarrer in Oelzſchau. Mit einem Kupfer. Taſchenformat. In elegantem Einband. 1 Thlr. Die Kunſt Schulden zu machen und ſeine Glaͤubiger hinzuhalten. 8. br. 12 Gr. 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Mit vielen Zuſaͤtzen aus neuen auslaͤndiſchen Reiſcheſchreibungen uͤberſetzt. Zum Behufe fuͤr Bibelleſer. Nebſt einer Vorrede von Dr. E. F. K. Roſenmuͤller. Mit einer Abbildung der Aufſchrift auf der Pempejusſaͤule. gr. 8. 2 Thlr. Meiſterſtuͤcke der franzoͤſiſchen Literatur. enthaltend intereſſante Auszuͤge aus claſſiſchen franzoͤ⸗ ſiſchen Schriftſtellern, ſowohl Proſaikern, als Dich⸗ tern, nebſt biographiſchen und kritiſchen Bemerkungen, uͤber die Verfaſſer und ihre Schriften. Aus dem Engl. Erſter Band proſaiſcher Theil. gr. 8. 20 Gr. Reiſe durch Armenien und Perſien von P. Amadeus Jaubert, Ritter der Ehrenlegion, koͤniglichem Dolmetſcher der orientaliſchen Sprachen, Profeſſor der tuͤrkiſchen Sprache bei der koͤniglichen Bibliothek u. ſ. w. Ueberſetzt aus dem Franzoͤſiſchen durch Dr. G. W. Bek⸗ ker. Mit 8 Abbildungen in 8. 1 Thlr. 12 Gr. 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Nach Karl Pertuſier's Spaziergaͤngen in Conſtandinopel und an den Ufern des Bosphorus, uͤberſetzt von Dr. Bergk. Mit 12 Kupfern und dem Plane von Con⸗ ſtantinopel. gr. 8. 4 Thlr. —— — — tina, Syrien und elen Zuſaͤtzen aus uͤberſett. Zum de von Dr. rey Gortrol Chart Green vellow Hed Magenta