W 1 3 1 * Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 2 von.* Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. p 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen..— 3. C(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ſſt. beträgt: 3.. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 7 d ———— wWBacer auf 1 Monat: 4 Wet.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3— 1 1„— 82— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bucher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der U. Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer um Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen 3 der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ————4 —— — Kronen und Ketten. ——— Ein hiſtoriſcher Roman von Ednuard ZHuller. s 4 v. d 3 E Frankkfurt am KMain. Verlag von Johann David Sauerländer. 1835. e 8* Die Gewalt rritt auf und ſpricht: Op knirſchend ihr empor vom Staube ſtrebt, Ob ihr aus Wuth, ob ihr aus Furcht erbebt, Und ob ihr Wahrheit donnert oder lügt, Ob ihr euch ſelbſt um euer Selbſt betrügt, Ob ihr Triumph⸗ ob Bußgeſänge ſingt, Ob ihr auch jauchzt, wenn manche Kette ſpringt,— Und wo ihr ſeid, in Hütte und Pallaſt, Ob ihr bei'm Glück, Elend bei euch als Gaſt, Ob ihr am Sonnenlicht, ob tief im Schacht, Ob ſtoͤhnt um Recht, ob ſchachert mit der Nacht, Ob arm an Hoffnung, an Verzweiflung reich,— Vor mir, der Herrin, ſeid ihr alle gleich. Ich bin der Schickſals⸗Läufte Königin.— Sturm trägt mein Wort nach allen Zonen hin; Es treibt, das ihr mit Seufzern ſchwellt, das Schiff, Wie ihr auch ſteuert, an's verborgne Riff; Selbſt Siebenſchläfer rüttelt's aus der Ruh', Es treibt den Pflug, den Bauer auch dazu; Es koppelt eng den Juden an den Hund; Es reißt entzwei ſo Lieb' als Eidesbund 3 Selbſt Erdengötter fühlen meine Hand;— Dreifache Kronen werft ich in den Sand; 2 Der Wage Zünglein biegt mir Pfennigs Werth; Statt Kreuz und Scepter pflanz' ich hoch das Schwert. Reichsapfel ſchäl' ich, bis ihr fauler Kern Davor macht ekeln ſelbſt der Gärten Herrn; Lebend'ges tödt' ich,— doch das Todte lebt, 4 Sobald mein Will' es aus den Gruͤften hebt. Frei waͤhnt er ſich, doch mir dient der Poet, † Der jetzt euch kündigt meine Majeſtät. Er dünkt ſich Aar, der ſtolz hernieder ſchießt, Und Sonnenbrand rings auf die Erde gießt, In Hoffnung ſchwelgend, daß er ſie erhellt,— Die nachtgewohnte, blödgeſchlagne Welt!— Er ſchwebt und hofft, von Stürmen arg umtobt, 6 Thut, was er will, ob man ihn ſchmäht, ob lobt, 5 Er geht, wie oft er irrt, die eigne Bahn, Und kläfften ihn zehntauſend Möpſe an; Er will, daß Licht auf Erden ſei und Recht.— 3 Frei wähnt er ſich? Er bleibt doch ſtets mein Knecht! Denn ich bin's, ich, die ſeinen Rappen ſpornt, Die ſeinen Weg auf's neue ſtets bedornt; Ich ſtachl' ihn auf, wenn er, von Leid gehetzt, Ermattet ſich in's ſtille Stübchen ſetzt; Ich geb' ihm vor des Zauberberges Wand Die Keul' als Wünſchelruthe in die Hand;— Es klafft der Fels; er fährt, umgähnt von Nacht, Tief in der Zeiten eingeſunk'nen Schacht; Und todte Fürſten ſtarrt er ſchaudernd an, Schaut ihre Kronen und die Thränen d'ran, Schaut ihre Herzen,— drin das Labyrinth, Den Drang nach Herrſchaft, der durch mich zerrinnt, Schaut die Dämonen, die auf mein Geheiß Selbſt unter Kronen preſſen Todesſchweiß; Und, ob ihn Mitleid, ob ihn Grauſen faßt, Ausharren muß er in dem Berg⸗Pallaſt, Ausharren muß er, bis er alles ſah,— Und Zeugniß gibt, daß es durch mich geſchah! Denn, hat er lang im Eulenneſt gehauſ't, So drück' ich ihm den Spiegel in die Fauſt, Und ſtemp'le ihn zum Narr'n in meinem Reich, Mit buntem Wams, wenn auch von Wangen bleich, Mit plumpem Kolben, ſey ſein Arm auch ſchwach; Der Kolben klopft, nicht er, die Erde flach.— — S— Und weil ihr Lärmen liebt, ſo raſſ'le euch der Thor Statt Schellenklingeln dicht mit Kettenklang an's Ohr. Er liebt und hofft und glaubt ſogar an Gott, Und ſpottet mein und wird doch ſelbſt zum Spott; Spott iſt mein Scepter, der die Herzen bricht, Geſchichte ſelbſt— nichts als ein Spottgedicht; Drum ſollt ihr hören des Poeten Gruß; Was er euch ſagt, er ſagt es, weil er muß. Nur Einen Willen gibts, den meinen,— daß ihr müßt,— Und daß ihr, hündiſch feig, lernt, wie man Ketten — küßt! — Der Dichter tritt auf und ſpricht: Dich kenne ich. Und hier in's Antlitz ſag' Ich dir: Du lügſt; Trug iſt dein Diadem, Dein Regiment nichts weiter, als der Aberwitz, Der plump geſchminkte Blödſinn, der Erzeugte, Der Spießgeſell der Schuld.— Hier ſtehe ich, Der ich nichts mehr, nichts minder bin als Menſch, Ich, waffenlos, die Bruſt, die Schläfe nackt, Ich, von zwei gift'gen Hunden matt gejagt, Von der Vergangenheit und Gegenwart, Durch nichts von jener Zukunft überzeugt, Als durch das Vollbewußtſeyn, daß ich bin; Hier ſtehe ich, und ſage: Weib, du lügſt.— Empor, Gewalt! ſteh' du, gepanzert ganz Ju Eiſen, ganz umhäutet in Pergament; Fall' aus, hier bin ich, o Gewalt, und ſetze Entgegen dir mein unbeachtet Selbſt; Kampfricht'rin laß die Morgenſonne ſeyn, Den Oſtwind— Herold, Preisvertheiler— Gott; Spott biſt du ſelbſt, doch Wahrheit iſt kein Spott. Ha, wie du bebſt, ein ſterbend Tiegerthier!— Und ſchlingſt du auch rings um die Welt ein Band, Und zwingſt du Fürſten ſelbſt, vor dir zu knieen, Und ſchmückſt du ſtolz dich mit der Huldigung Von hunderttauſend, die du Sklaven nennſt,— Dich wirft ein einziger Gedanke um, Der deine Ruthe bricht, der auf den Thron dir ſpeit,— Des Mann's Gedanke, der, ein Urtitane, Auf Erden, im Grunde blut'gen Leidens wurzelnd, Des Himmels Wöoͤlbung ſtützt! Frei war ich ſtets; auch heute bin ich frei, Da ich den Mann euch zeige, wie er fällt, — 10— Und ſelbſt im Kerker frei und fürſtlich bleibt.— Nicht ſeines Stammes angeerbter Ruhm, Nicht ſeines Schatzes unerſchöpfter Born, Nicht ſeines Fürſtenrechtes heil'ger Glanz,— Die Mannheit iſt's, die ihn zum Fürſten weiht;— Denn ohne Mannheit iſt der Fürſt ein Knecht; Mannheit giebt Knechten göttlich Fürſtenrecht; Wer ſich nicht fühlt, der fühlt Gewalt mit Fug“, Wer gern ſich beugt, der wand'le vor dem Pflug'; Wer nie ein Mann war, traun! der wird's auch nie; Wer einer werden will, der werd' es früh! Ob Glück zerſplittert, Freiheit ſelbſt vergeht,— Die Mannheit bleibt, die auf den Trümmern ſteht. Und nun hinaus, mein wangenrother Sohn, Mein blondgelockter Liebling, auf! hinaus! Nimm ſtatt des Stabes dir ein Schwert zur Hand, Und wand're, wand're in die weite Welt. Dir geht's wie mir, als ich am Kreuzweg ſtand, Losreißend mich vom heil'gen Mutterherzen, Die Bruſt umtobt, geſtählt von jenem Sturm, Der früh' der Jugend Mai mir abgeblättert; Da ſchwang ich wild im Thränenrauſch die Keule, Und aus der klammen Scheide raſch hervor — „ A. — 11— Riß ich des Wortes Schwert und wetzt' es blank Am Knochenbau der Dummheit und des Zwang's, Bis manch ein Splitter des zerſpellten Gebein's, Tod dräuend, mir in's eig'ne Augeſprang. Wohlauf, mein rüſt'ger Sohn, auf, in die Welt! Geh' zu Palläſten ein und ſetze dich Bei Fürſten und Gewalt'gen an den Tiſch, Und künde, wie ein Fürſt, verwaiſ't von Allem, Was Menſchenherzen freuen kann und erquicken, Acht fürſtlich ſtarb, weil er als Mann gelebt.— Stürz' in den Strom und hole dir daraus Das Krokodill, das Menſchenſtimme lügt,— Bohr' dieſem pfäffiſch⸗doppelleb'gen Thier Den Speer in jene Seite ſeines Leib's, Wo es verwundbar iſt, in ſeinen— Wanſt.— O könnteſt du in manchen Schacht auch fahren, Worin der Menſchheit Gold: die Freiheit liegt! An niedern Hütten geh' mir nicht vorbei, Dran klopfe, doch nicht mit des Frohnvogts Stab,— Mit Blüthenreis! ruf' an wie Lerchenſang, Und bring' dem Bettler ſüße Chriſtbeſcherung; Statt goldner Aepfel ſteck' ihm Lichter an, Und jedes Licht ſey männlicher Gedanke.— — 12— Käm' je die Zeit, daß man mit goldnen Reifen Nur Schacher trieb' und um die Käͤufer ſelber feilſchte, Daß man Metall ſchätzt' als Metall blos,— Formen, Ob grad, ob krumm, ob eckig, glatt,— als Formen, Dann bleibt das Weſen ſiets noch, jene Krone, Die nie ein Schmied geſchmiedet, jene Krone, Gegoſſen aus des Lebens Elementen, Aus Hoffnung, Lieb' und Glauben, rund und einig Durch jenen Scheitel⸗Sonnenpunkt des Seins,— Die ſchlägt kein Hammer je entzwei, bewirft Kein Pöbel je voll Beulen, die umſpinnt Kein Ohrenbläſer je, die münzt kein Pfaffe In Amulette um, die ſtiehlt kein Dieb, Sie paßt für jeden, jedem bleibt ſie treu, Der ihr nur treu bleibt,— Mannheit! Mannheit! Mannheit! Erſter Theil. 4 5 Heerſchau. Eine Fülle von Pracht und Herrlichkeit umſchloß zu Ende Juli im Jahre dreizehnhundert zwei und neunzig die Mauern der guten alten Stadt le Mans, welche, zu beiden Seiten der Sarthe ausgebreitet, in der Mitte der Grafſchaft Maine wie ein ſicheres Bollwerk dalag gegen die meer⸗ umſpülte Bretagne und ihren Herzog Jean de Montfort, deſſen Glück und Sinnesart eben ſo in raſcher Ebbe und Fluth wechſelte, wie der Schutzwächter des Landes, der Ocean. Eben ihm war der Heerzug zugedacht, welcher den jungen König von Frankreich, Karl VI., umgeben von zahlloſen kriegeriſchen Geſchwadern, nach le Mans geführt hatte. Und doch ſchien hinwieder der Anblick ſo vieler holdſeliger Frauen, die im Ge⸗ leite des Königs und der Prinzen kamen, der ſtolzen Herzoge, S neurs, Barone, Grafen und Ritter, welche die glänzenden Gewaffen nur — 16— wie zum fröhlichen Spiel und leichtſinnigen Tanz angethan hatten, die kriegeriſche Abſicht Lügen ſtrafen zu wollen. Die ſchlichte alte Stadt hatte bei der Aufnahme des prunkvollen Hofes ihr Aeußeres faſt gänzlich verändert; prachtvolle Tep⸗ piche aus Flandern bedeckten ſelbſt die Außenſeiten der Häuſer, wo der König, ſo wie derjenigen, wo ſeine Oheime von Berry und Burgund, wo ſein feuriger Bruder Ludwig von Orleans, wo der im Krieg und Frieden unbeugſame Conne⸗ table von Frankreich, Olivier Cliſſon wohnte, ſogar wo die Räthe herbergten, die ſich auf Cliſſons Anſehen ungeſtraft ſtützen durften, Vilaines, Ri⸗ viere, Noviant und Montagu.— Die dunklen hölzernen Vorlauben der Häuſer prangten freund⸗ lich durch immer friſche Blumengewinde, als wollte der Minne⸗Hof, ungetrübt durch des Krie⸗ ges drohende Schattenwolken, hier ſeinen Sitz aufſchlagen. Es ſchien, die edlen Frauen alle wären nur gekommen, um den ſichern Triumph der königlichen Waffen durch ihre Anweſenheit zu verherrlichen, und eben ihre Anweſenheit begei⸗ ſterte die Männer bis, Vrhenne des Sieges. Nur die Krone aller Frauen, die Herrin Frank⸗ ö — 17— reichs ſelbſt, Iſabella von Baiern fehlte; nahe Ahnung von Mutterfreuden hielt ſie zu Paris zu⸗ rück; ſtatt ihrer herrſchte durch den Zauber der Schönheit am Hoflager zu le Mans die Gattin des Herzogs von Orleans, Valentine, die hoch⸗ ſtrebende Tochter des gewaltigen Tirannen von Mailand, Galeazzo Visconti, eine ſchlanke und doch üppige Geſtalt, das edelgeformte Antlitz von dunkler Röthe zart durchſchimmert, die ſchwar⸗ zen Brauen in ſanften Bogen gewölbt, das dunkle Haar in reichen Locken den Nacken hinabwallend; ein weites Obergewand von ſchwarzem golddurch⸗ wirktem Sammt umfloß, von keinem Gürtel um⸗ ſchmiegt, im praͤchtigen Faltenwurf vom Buſen hernieder die herrliche Geſtalt. Ihre Blicke, aus dem Vulkan des Herzens hervorquellend, leuch⸗ teten mächtig genug, um Gegenblicke und Herzen zu gewinnen und zu feſſeln, bis der Glückliche, auf dem jene Blicke ruhten, verſteinert würde zu immerwährendem träumeriſchem Hinſchauen. Ue⸗ berſtrahlt von der Schönheitsſonne dieſer Armida, und doch beinahe gewaltiger als Valentine durch den leiſeren, milderen Zauber der Anmuth, war Anna von Montpenſier, die Tochter Johann's von I. 2 — 18— Bourbon, anzuſchauen, um deren Gunſt mehr als Einer von Frankreichs beſten Söhnen warb. Vor dem Glanze dieſer Sternbilder erbleichten unzäh⸗ lige andere, deren manche einzelne durch Schön⸗ heit, Geiſtesgaben und Tugend vollgültige An⸗ ſprüche beſeſſen hätten, um als Königinnen eigene Minnehöfe um ſich zu verſammeln,— die edel⸗ ſten Frauen Frankreichs, welche entweder dem königlichen Hauſe oder deſſen erſten Vaſallen ver⸗ wandt waren, ſo wie Jungfrauen aus Deutſch⸗ land, welche die Königin Iſabella nach Frank⸗ reich begleitet hatten. Verklärte den kriegeriſchen Hofhalt des Kö⸗ nigs zu le Mans der Glanz von Frauenſchön⸗ heit, ſo geſtaltete ihn hinwieder die bunte Menge waffenſchimmernder Paladine, der luſtige Wirr⸗ warr von Dienern, Mönchen und Gauklern aller Art, zur wahrhaft abenteuerlichen Tafelrunde. Da zeigte ſich an der Seite des Königs der Fürſt von Armenien, Leon de Luſignan, ſeltſam anzu⸗ ſchauen in ſeiner halbchriſtlichen, halbheidniſchen mor⸗ genländiſchen Kleidung, ein Herrſcher ohne Land, der, aus ſeinem fernen Reiche vertrieben, von einem Hofe zum andern gepilgert war, und end⸗ — 19— lich im Kern von Frankeſtan ein Aſyl gefunden hatte, wo er im Lärmen der manichfachſten Feſt⸗ lichkeiten die Sehnſucht nach der verlornen Krone vergaß; da ſchritten des Königs herrſchſüchtige Oheime, die Herzoge von Berry, Bourbon und Burgund, ſtets gerüſtet und ſchlagfertig, in ſtiller Eiferſucht, mit verbiß'nem Grimm, den ſie wech⸗ ſelſeitig gegen einander hegten, neben einander, jeder auf den günſtigen Augenblick lauernd, der ihm einen Antheil an der höchſten Gewalt in die Hände liefere; da ſah man die drei tapferen Herren von Boucicault, de Roye und Saimpy, welche vor zwei Jahren in keckem fröhlichem Ue⸗ bermuth von Montpellier nach Calais geritten waren, um, fuͤr die Schönheit der Frauen Frank⸗ reichs über alle andern der chriſtlichen Welt, alle Ritter Englands zum Zweikampf aufzufordern, und den Sieg davon getragen hatten im Angeſichte des Meeres, welches die beiden Länder trennt. Da gab es Jongleurs und fahrende Sänger der Minne, welche in der ſüßen Sprache der Pro⸗ vence wunderliebliche Reime hören ließen zum Preiſe der Frauen; da gab es Räthe, Ehren⸗ ritter, Kanzler des Liebeshofes, und unter dieſen 2* — 20— ſelbſt Domherren von Paris, Rheims und Sens, Doktoren der Gottesgelahrtheit, Großvikare und Kapelane, welche ihre phantaſtiſchen Aemter mit Witz und Spitzfindigkeit bekleideten. Da gab es buntſcheckige Narren, welche die Stadt Troyes großzog, und, einem alten Herkommen ſo wie ei⸗ ner beſondern Begünſtigung Karls V. zu Folge, dem Könige an ſeinen Hof liefern durfte. Auch die in Schellenkleidern umhergehenden Thierwär⸗ ter fehlten nicht, welche des Königs Löwen aus deren Garten in der Straße Froidmantel hinter dem Louyre hieher gebracht hatten, damit jener auch in der Ferne nichts vermiſſe, was ihm in ſeiner Hauptſtadt Freude gewährte. Da ſah man manch einen ſchmunzelnden Mönch aus dem Con⸗ vent der Celeſtiner, deren Wohlſchmeckerei und Behaglichkeit zum Sprichwort geworden, im Jagd⸗ kleid, die Tonſur künſtlich verſteckt, den Falken auf der Fauſt tragend, daherſtolziren, oder am lauen Sommerabend, im Zwielicht, im Kreiſe fröh⸗ licher Herren und Frauen auf niederem Schemel zu den Füßen eines Fraͤuleins ſitzen. Da ge⸗ wahrte man jenen verwegenen Seiltänzer aus Genua, der vor drei Jahren bei dem Einzug — 21— der Königin Iſabelle in Paris, bei Nacht auf geſpanntem Seile, eine Fackel ſchwingend, von dem einen Glockenthurm zu Notre⸗Dame bis auf das Dach eines Hauſes am Ende der Brücke von Planche de Mibray ſchwebte, und im Augenblick, als die Königin ſich auf der Brücke befand, auf ihr Haupt eine Krone niederſinken ließ, während unten köſtlich geſchmückte Mädchen Lieder ſangen, und in gold'nen und ſilbernen Gefäßen Clairet, Hypocras und Piment kredenzten. Auch waren dem Könige die Confrères de la Paſſion et Re⸗ ſurrection de Notre⸗Seigneur gefolgt, welche, von dem Prevot von Paris in Ausübung ihrer Kunſt vielfältig angefochten, allenthalben den wohl⸗ wollenden König und ſeinen ſchauluſtigen Hof um⸗ lagerten, um ihre Myſterien und Morali⸗ täten darſtellen zu dürfen, und Priyilegien da⸗ für zu erlangen;— ihnen ſchloßen ſich die En⸗ fants⸗ſans⸗ſouci an, und der Narrenfürſt, die Clercs de la Bazoche, die Coqueluchiers⸗cornards von Rouen und Evreux; und von Dijon aus war dem Herzoge Philipp von Burgund die Moͤre⸗ folle mit ihrer luſtigen Kinderſchaft gefolgt. Gar ſeltſam, faſt unheimlich wie Koholde, nahmen — 22— ſich die Zwerge aus, welche, koſtbar geputzt, gleich ausländiſchen Gethieren gehegt und gehalten wur⸗ den und zierliche Halsbänder trugen, auf welchen die Deviſe des Königs— ein Hirſch mit der Schrift: Hoc me Caesar donavit, eingegraben war.— Der Herzög von Orleans ſaß am Abend des erſten Auguſt mit ſeiner Gattin Valentine in ei⸗ ner dichten kühlen Weinlaube des Gartens, der ſich hinter ſeinem Hauſe ausbreitete, dem ſchloß⸗ ähnlichen Rathhauſe gegenüber, in welchem KarlVl. Hof hielt. In des Herzogs Bruſt mochte wohl noch die ganze Glut des Sommertages wühlen; er hatte das ſcharlachn'e Wams in wilder Haſt aufgeriſſen, und den ſilbernen Gürtel von den Lenden gelöſt, das Schwert hielt er feſt in bei⸗ den Händen vor ſich hingeſtemmt, preßte bald Kinn oder Stirne auf deſſen gold'nen Knauf, warf bald wieder hoch aufathmend die Bruſt zu⸗ rück, als wollte er in der Welt Raum für ſie, in ihr Raum für die Welt gewinnen; bald zog er die Klinge halb aus der Scheide, bald ſtieß er ſie wieder ungeberdig hinein, als müßte ſie — 23— drinnen verroſten. Auf dem ſteinernen Rundtiſch ſtanden vor ihm und ſeiner Gemahlin zwei Becher aus Venediger Glas; franzöſiſcher Reben gold'ner Feuertrank ſchimmerte drin. Valentine ſchlang, als wolle ſie den Herzog bezaubern, den weichen Sirenenarm um ſeinen Nacken, lehnte ihr Haupt an ſeine Bruſt und kredenzte ihm mit der Rech⸗ ten lieblich das Venediger Glas. Der Herzog fuhr wie aus Träumen hervor, ergriff es zögernd, wie unbewußt, und leerte es dann raſch. Es tobte und brauſte in ihm, verzehrende Glut ſtrömte wie Lavabäche durch alle ſeine Adern. Er wollte emporſpringen, und in den freieren Räumen des Gartens erquickende Kühlung ſuchen für ſein fie⸗ briſch⸗pulſendes Haupt. Aber Valentine hielt ihn mit ſüßer Schmeichelgewalt zurück, und flüſterte an ſeinem Herzen:„O nur dießmal entfliehe mir nicht wieder, wie ſonſt; ach wie allzuoft wähnte ich dich für länger als einen Augenblick zu beſitzen, und immer war's dann wieder ein Irrlicht ſtatt des Glückes. Ach, wehe mir! Faſt ſchon Wittwe muß ich mich dünken, ſo einſam läßt du mich!— unſeliger noch als eine Wittwe, da ich dich ja noch lebend ſehe, und ſchon als — 24— für mich verloren beweinen muß, und doch im⸗ mer auf dich hinblicke, mein Leid dadurch zu ver⸗ ſtärken.— Und, ſucht mein Gram ſeine Quelle, die ihn gebar und nährt,— deinen Anblick,— wehe mir! wie fährſt du dann ſo raſch und wild empor, als hätte dich eine Natter geſtochen; wie bebſt du dann vor mir zurück, als käme ich wie ein unwillkomm'ner Gläubiger, und forderte die Zinſen meiner Liebe von dir;— nein, nein, nicht die Zinſen blos,— dich ſelbſt fordre ich, dich ganz! O ſprich, was iſt das? Du mußt mir's ſagen, Louis!— Ach, es war eine Zeit,— aber es ſcheint jetzt, als waͤre ſie nie geweſen,— eine Zeit, da du mehr Worte an mich verſchwen⸗ deteſt, um einen Kuß zu erhalten, als ich jetzt Küſſe an dich vergeude, um nur ein armſelig Wörtchen von dir zu erhaſchen.— Ach, ziehe jetzt deine Hand nicht ſo aus der meinen zurück!— Es war eine Zeit, da du ſchworſt, Frankreichs Krone zu faſſen, ſey dir minder werth, als dieſe Hand. O pfui, du Arger! Welch eine häßliche Falte, als wäre ſie von Ueberdruß erzeugt, fühle ich hier auf deiner Stirne! Iſt ſie's? O ſprich, ſtatt dieſen Seufzer in die Bruſt hinabzuklemmen, L2 — 25— ſprich mir nur ein Wort darüber, ſey es ein gutes oder böſes, und ich will auch das böſe ohne Leid hinnehmen, weil du mir ja damit we⸗ nigſtens eine Bitte erfüllſt.— O ihr Engel im Himmel! du ſchweigſt noch immer? Nun, Louis, ſo laſſe ich mich nicht zur Sklavin zwingen; ich bin dein Weib, die Mutter deines Kindes, die Genoſſin deines Namens, deiner Ehre,— und, müßte es ſein,— auch deine Schande wollte ich wie eine Ehre mit dir tragen;— ich habe ein Recht an dich, und ich will's nicht aufgeben, be⸗ vor ich dich ganz aufgeben muß. Ha, bei Gott, ich ſoll nicht wiſſen, wer mir aus meines Gatten Haupte, einſt dem Thronſitz ſo aller königlichen Gedanken, das Gedächtniß an unſere Liebe ſtahl, wer mir von ſeinen Lippen ſein Lächeln raubt, wer mir ſeine wenigen Küſſe(von den meinigen mit Noth erbettelt, oder nur aus kaltem Mitleid herbſtlich hingehaucht) zu meineidigen Verräthern macht?! Nein, ich will's, ich muß es wiſſen; ich bin kein Kind dieſes Eures Frankreichs, und kann nicht denken, um nur zu vergeſſen, nicht ſprechen, nur um zur Lügnerin zu werden, nicht Eide ſchwören, nur um ſie zu brechen;— ich — 26— bin blos erſchaffen, um dich zu lieben; und wäre dein Herz nirgends mehr auf Erden für mich erreichbar,— o beim Gerichte Gottes, dann hätte auch das meinige kein Fleckchen Raum mehr für irgend etwas auf Erden, als für den Haß, dem die Erde zu eng' wird.“ Der Herzog vermochte auf dieſe leidenſchaft⸗ lichen Worte ſeiner Gemahlin keine Silbe zu er⸗ wiedern, ſondern preßte beide Haͤnde vor Stirne und Augen; unwillkührlich flog über ſeine Lippen ſo leiſe, wie ſonſt Liebe flüſtert, der Ausruf: „O mein Frankreich!“ Er ſchien, kaum daß er das Wort geſprochen, ſeinen eigenen Lippen zu zürnen, daß ſie, alſo bezaubert von Valenti⸗ nens ſo lange verſchwendeten Küſſen, an ſeinem Herzen zu Verräthern geworden waren;— un⸗ muthig ſtieß er ſein Schwert gegen den Boden, das, wie desgleichen vor Unmuth, wider die Scheide klirrte. Dann fuhr er, wie man etwa beim Erwachen aus lebhaften Träumen zu thun pflegt, mit der Hand über die Stirne, reichte ſeiner Gemahlin die Rechte, und ſprach:„Du mußt Nachſicht mit mir haben, Valentine! Die Seele hat ihre Fieber wie der Leib; und die mei⸗ nige leidet jetzt an ſolch einer Art von unerklär⸗ licher Krankheit. Ach, Valentine, es führt zu keinem Zweck, den Grund davon erforſchen zu wollen. Ich fürchte leider ohnehin, daß auch dieß Fieber meiner Seele ſein Ende nehmen wird,— ich hoffe es,— wollte ich ſagen. O pfui! Es wird, und muß! oder es zehrt mich noch ganz auf, an Leib und Seele.“ „Ha, Louis?!“ rief Valentine, deren Au⸗ gen in raſcher Begeiſterung flammten, mit leiden⸗ ſchaftlichem Ungeſtüm ſich an den geliebten Gat⸗ ten ſchmiegend;„jetzt kenne ich dich wieder, als hätte Blitzſchimmer mir dein Antlitz wieder ganz hell gezeigt; ja, Louis, du biſt's, und biſt noch derſelbe, wie einſt, da unſere Herzen und Lippen ſich zuerſt fanden,— du biſt's, an Eh⸗ ren, Ruhm, Herrlichkeit, Mannsſinn und That⸗ kraft noch ganz derſelbe, zum Höchſten und Ge⸗ waltigſten, zum Herrn der Welt berufen, und biſt mein,— mein!“ „Weib?!“ erwiederte der Herzog ſtau⸗ nend, ihre beiden Hände feſt in ſeinen preſſend; „Weib, welch ein Geiſt ſpricht aus dir? Was für Gedanken wagſt du aus mir herauszudenken? — 28— Feu d'enfer! Was iſt der Kern dieſer Rede? V Wenn du in mir ein Räthſel witterſt, ſo nenne mir's!— Ich will's wiſſen; ich befehle dir's.“ zürne immerhin,“ entgegnete Valentine lieblich und ſchmeichleriſch;„wenn Zorn dein Antlitz überflammt, zeigt dieß mir erſt recht alles, was mich dir zu eigen gab,— die Kraft und den Muth, der Erſte zu ſein. Und das iſt's, 6 weshalb im glühenden Verlangen alle meine Pulſe ** ſchwellen. Als dein Arm mich zuerſt umfaßte,— in meinem ſchönen heimiſchen Mailand war's, wie hier, in duftiger Laube,— was alles träumte ich nicht im wonnigen Bewußtſein, dich mein zu wiſſen?! Wie ein gewappneter ſchimmernder Che⸗ rub ſtand'ſt du vor den Augen meines Geiſtes. Als endlich der Biſchof in der Cathedrale zu Melun unſere Hände in einander legte, als, wãh⸗ rend ich immer nur auf dich hinblickte, dein ge⸗ 8 krönter Bruder mich als Herzogin von Touraine begrüßte, daß ich, aus ſüßen Traͤumen wie auf⸗ geſchreckt, auch ihn anſah, ihn neben dir, wie einen Knaben neben einem Gott,— da rief's laut in mir: Der Beſte auf Erden iſt mein; da hatte ich keinen andern Gedanken als den: 4 Laßt die Majeſtät wie ein zertrümmert Schiff im Sturm auf off'ner See treiben,— Tou⸗ raine ſpringt in die Wogen, und, ſänke ſie auch ſchon in die grundloſe Tiefe hinab, Touraine holt ſie herauf, die aufgegeb'ne, ſchiffbrüchige Majeſtät, und faßt mit ſicher'm Griff ihren Ta⸗ lisman aus den Trümmern heraus;— ſein muß ſie werden, ſie wird ſein. Da ſah ich dei⸗ ne Scheitel vom Mittagsglanze der Sonne ge⸗ krönt,— meine Sehnſucht wob aus ihren Strah⸗ len eine ächte, gold'ne Krone, und das Aug' mei⸗ ner Liebe ſah dich ſie tragen, mit ſolcher ange⸗ ſtammter Hoheit, wie ſie jener Mann nicht trägt, der ſie nicht tragen ſollte. Sieh! in ſolchen Träu⸗ men ſchwelgend, ward ich dein Weib. Du biſt ſchon höher geſtiegen, Louis; Orleans iſt dein geworden ſtatt der engen Touraine; Orleans wird mir jetzt zu klein für dich.“ „Halt ein, halt ein, Valentine! willſt du den Adler noch ſpornen? Doch, mein ſüßes Weib, ich kenne deine Liebe ganz, du möchteſt mich gerne als Cröſus ſehen, und ſieh! ich bin's doch ſchon denn ich habe ja dich. Du brachteſt mir ein welſches Herzogthum und eine Million zur Mor⸗ — 30— gengabe; nun, beim St. Denys! wer thut uns das nach?!— Nicht einmal mein ſtolzer Oheim von Burgund;— heil iſt das nicht für uns Triumph's genug über ſein hochfahrendes Weib Margarethe?— Feu sacré, feu d'enfer! Ich will mein Orleans mit Wucher verleihen, daß unſere Kinder einſt von den Zinſen leben können, n dieſer Burgund einmal—— O pfui, pfui! as für ein ſpottwerther Leichnam iſt Würd ohne Gewalt!“ „ Nein, nein,“ entgegnete Valentine in Be⸗ geiſterung, ihren Gatten mit Hoheit anblickend; „ich werde dich noch einſt im Purpur ſehen. Ich weiß es gewiß, und ich hoffe feſt, ununſtöſ⸗ lich darauf.“ „Iſt dies Weiſſagung oder Wahnſinn, was jetzt auf deinen Lippen ſchwebte?“ ſprach der Herzog, indeß ſeine Blicke ſich halb mißtrauiſch, halb aberglänbiſch, ſcheu hervorgeſtohlen, auf das Antlitz ſeiner Gattin hefteten.—„Und weißt du,“ fuhr er nach kurzem Schweigen ernſt fort; „daß jener Hauch aus deinem Munde zum Dolche werden kann, der uns Beide trifft?— Was haſt du für Grund,“ fügte er mit ſchnell geändertem ℳ 84 — 31— einſchmeichelnden Ton und Weſen hinzu;„ſag', mein ſüßes Herz, was giebt dir Grund und An⸗ laß, ſo beſtimmt, als wären ſie ſchon geſchehen, von Dingen zu reden, deren Keime noch nicht ge⸗ ſäet ſind? Was kann dich ſo bewegen?“ „Was mich bewegt?“ erwiederte Valentine, in aller Gluth ihrer Seele aufſpringend und ſich über den vor ihr ſitzenden Gatten niederneigend, deſſen Stirne ſie mit Küſſen bedeckte;„was mich bewegt, und darum kannſt eben du mich fragen? — Ich liebe dich! Sieh, Louis, darin liegt der Grund meines Lebens, meiner Worte, mei⸗ ner Handlungen, darin mein Himmel, darin lag meine Hölle, als ich dich Tage, Wochen, Monate lang gebeugt umherwandeln ſah, dich— gebeugt, vor dem ſich alle andern beugen ſollten, ſcheu, verſchloſſen gegen alle, ach, und auch gegen mich! Seit ich dir ein Kind geboren, liebe ich dich zweifach, dich, wie du jetzt biſt, und dich, wie dein Sohn einſt ſeyn wird;— und träume ich von künftiger Größe, doppeltſelig ſchwelge ich in Träumen von dir!— Eines Königes Weib, Mut⸗ ter von Königen ſeyn!— Du lächelſt, daß ſolche Träume mich finden können?— War nicht — 32— auch meine Mutter eines Königes Tochter? Und willſt du's wiſſen, warum ich ſo feſt und freudig auf die Zukunft baue? Es iſt dir ja prophezeit worden, daß du im Purpur ſterben würdeſt;— gedenkſt denn du dieſer Worte nicht mehr? O, ich dächte: der bloße weſenloſe Schat⸗ ten einer Krone auf einem andern Haupt, als auf dem deinigen, müßte ganz Frankreich verdun⸗ keln; ich ſehe nur auf dich, drum iſt es Tag vor mir.“ „ Frankreich, Frankreich!”“ rief Orleans, von der inneren Aufregung übermeiſtert;„Frank⸗ reich, mein ſchönes Vaterland, von Ruhm über⸗ wölbt ſtatt des Firmaments, dran jeder Stern eine leuchtende That iſt,— haſt du von Hispa⸗ nien bis zum Niederland, und von einem Meer bis zum andern für deinen König denn keinen an⸗ dern Fleck, haſt du keinen unbekannten Winkel für ihn, wo er ſeine Halbheit verſtecken könnte, keine andere Schlafſtelle für ihn, als eben den Thron, einen ſo lichtumfloß'nen Platz, daß auch das blödeſte Auge den kleinſten Sonnenflecken dran entdecken kann?!— Sieh, mein geliebtes Weib, das iſt der Keim und Kern des tödtlichen Fie — 33— bers, an welchem meine Seele krankt. Mir iſt ſtets, wenn ich an Frankreich denke, als wäre ich Frankreichs einziger Sohn, und jede Schmach, welche die Mutter, wenn auch nur leiſe, berührt, trifft mich bis in's Herz hinein. Ich fühle et⸗ was von der Natur eines jungen Löwen in mir, deſſen Mutter ein Hündlein als erſten Sohn un⸗ tergeſchoben bekam; dann dünkt mich's, als wäre ich mit dem ſchmählichen Scheinbruder in einen Käfig geſperrt, und müßte durch die Stube vor dem Gitter draußen eine Menge flunkriger Jun⸗ ker ſehen, in tafftenen Hoſen, kreideweiße, hab⸗ ſüchtige Habenichtſe von den Kreidefelſen jenes Baſtard⸗Eiland's, welches vor etlichen tauſend Jahren vielleicht irgend ein ungalanter Sturm vom holden ſchneeweißen Buſen Frankreichs hin⸗ weggeriſſen und in die See geſchleudert,— ne⸗ ben ihnen ein Schock dieſer bärbeißigen braun⸗ angerußten Deutſchen, und vielleicht ein Dutzend ausgehungerter, citronen naſiger Herren aus Pampeluna, und dieſe verdammten dickwanſtigen Damaſtweber aus Burgund, dieſe flandriſchen Krämer, die ſich auf ihre vollen Geldbeutel klopfen, die ſo überklug, ſo recht vormünde⸗ I. 3 — 34— riſch oder bheimiſch in ihre Kiſten und Kaſten blicken, wie ein Aſtrolog gen Himmel,— o pfui! pfui! pfui! wie ſie alleſammt vor dem Käfig ſtehen, mit Rüthchen zwiſchen die Stäbe hinein⸗ necken, und ſich wechſelſeitig alberne Witze zulis⸗ peln und ihren ſalzloſen Spott treiben über den Heldenleib der alten Löwin! Ha! Notre⸗Dame und St. Denys! und ich muß freundlich neben dem beſcheid'nen, ſanftwedelnden Hündchen lie⸗ gen, muß die Klauen fein einziehen und mein Brummen in ein qußerſt artiges Bellen verwan⸗ deln!— Feu d'enfer! Ich will mir eine blaue Kutte machen laſſen und ein weißes Kreuz drauf naähen, und Bruder zu St. Anton werden; denn, bei'm Teufel! was giebt es denn an Macht und Gewalt noch für einen Unterſchied zwiſchen ei⸗ nem Bettelmönch und Orleans?! O, bei'm St. Denys! dieß ewige Brüten und Suchen, dieß Einklemmen des Grimms in's ungeduldige Herz hinab,— ich weiß:— es wird mich naͤchſtens verrückt machen. Dann wirſt du dich an mein Krankenlager ſetzen müſſen, arme Valentine, dann wollen wir innerhalb vier Wänden König und Königin ſpielen;— und wir ſind's, wenn wir's artig ſpielen, denn eben das Spiel iſt ja der einzige Ernſt dabei, und der Schein das ganze Weſen.“ Der Herzog ſchwieg eine geraume Weile nach dieſer Aeußerung ſeines Unmuthes; Valentine er⸗ griff ſchmeichelnd ſeine Hand, preßte ſie an ihr Herz, blickte ihm mit Hoheit in's Auge, und ſprach:„Wenn du fühlſt, daß man dich ge⸗ fangen hält, ſo biſt du frei wie der Vogel in der Luft; hältſt du dein Ziel nur recht feſt im Auge, ſo muß auch dein Arm es erreichen.“ „Erreichen?“ erwiederte ungläubig und unmuthig lächelnd der Herzog;„und wann denn endlich? Ich muß dir's geſtehen, zuweilen dachte ich dran: Fallen die Blätter im Herbſt, warum nicht auch Kronen von Haͤuptern? Und oftmals wieder: Sind Menſchen nicht ſterblich? Es war mir ein weichliches Behagen, mich von dieſen Gedanken in Träume wiegen zu laſſen, für meine Jahre einen Maßſtab zu wiſſen. Aber leider kam mir immer wieder ein anderer Ge⸗ danke in die Quere: Schwachheit des Geiſtes iſt das eigentliche Elixir, welches den Leib ſtark u unzerſtörbar erhält. Und, bei'm St. Denys!— 3* — 36— ich bitte dich, Valentine, lache nicht, denn es iſt mein Bruder, und ich glaube wirklich, er iſt auch um die zwei oder drei Jahre, die er früher als ich zur Welt kam, wahrhaftig und gewiß klüger als ich, traͤgt er denn nicht die Krone?— ha, bei'm St. Denys! ihr könnt mir in der Seele dieſes Königs von Frankreich für tauſend Pfef⸗ fernüſſe nicht eine Saite auffinden, die, ſtark oder leiſe berührt, alle andern in Schwingung brächte.— Große Gedanken oder Leidenſchaften zehren den Geiſt auf, und alſo auch den Leib; zeige mir in ihm nur einen einzigen Gedanken, der über die Größe der Omeletten der Celeſtiner hinausreicht, und ich will dir jeden ſolchen mit einem Königreich aufwiegen, ſicherer als Neape) für unſere Vettern, und größer als das Karl des Einfältigen, ſeines erhabenen Vorbildes. Große Leidenſchaften? Hm! Es müßte denn eben für die fahrenden Frauen von Montpellier oder Tou⸗ louſe ſeyn, oder vielleicht wieder ſo eine Wette, wer zuerſt im Galopp von der Garonne an die Seine liefe!— Große Pläne?— Sein Geiſt 8 brütet zuweilen dergleichen aus, wie ſchwüles Wetter Grillen, und auf denen reitet er dann — 37— durch die Luft um die Welt. Er iſt zuweilen voll Seifenblaſen im Gehirne. Dachte er nicht im vorigen Jahre noch alles Ernſtes daran, ganz Afrika zu erobern?— Bei'm St. Deny's! er that's, wie man eine Haſenjagd verabredet; er hätte es auch gewiß vollbracht, wenn er ſich nicht verſchlief. Meiner Treu! er wollte den Soldan Bajeſſid unterwerfen, in keiner andern Meinung, als daß ihm alle Heiden auf den Grenzen ihres Landes entgegen kämen, und ihn fußfällig bäten, ihnen mit ſeiner franzöſiſchen Vongottesgnaden⸗ ſchaft ſammt und ſonders die Hälſe abzuſchnei⸗ den. Das thaten ſie nun nicht, und ſchau! er iſt großmüthig genug, ſie am Leben zu laſſen, ſeinen Plan zu vergeſſen, England um einen neuen Waffenſtillſtand zu bitten, und zur Ver⸗ herrlichung dieſer neuen Großthat ein neues Feſt bei Hofe auszuſinnen. Du ſiehſt: mein Bruder kann und wird nicht ſobald ſterben, denn ſein Seiſt iſ noch nicht lebendig geworden. O pfui! es wäre auch gar unchriſtlich, ſolche unnütze Er⸗ wartungen zu hegen; wir wollen wenigſtens in unſern Kindern treue Vaſallen heranziehen für ſeine Kinder.“ — 38 „Bis jetzt verſagte der Himmel ihm Leibes⸗ erben,“ erwiederte Valentine;„zwei Kinder ſtar⸗ ben ihm, und ein Dauphin iſt erſt zu erwarten. Doch hoffe ich,“ fuhr ſie mit triumphirendem Lächeln, die Augen von Ueberzeugung ſtrahlend, fort;„daß ich Karl eher, denn als Pathin ſei⸗ ner Kinder in der heiligen Kapelle, in der Cathe⸗ drale zu Rheims ſehen werde, wo er bei unſerer Krönung gewiß noch andächtig ein Vaterunſer beten wird.“ „Willſt du mich völlig wahnwitzig machen?“ rief Orleans aufſpringend, und mit geballter Fauſt auf den Fiſch ſchlagend.„Ich ſehe nur einen Weg vor mir, und den kann ich leider nicht gehen. Ein offener Krieg um eine Krone iſt, auch wenn das Glück uns treu bleibt, doch ſtets ein Meſſer in des Kindes Hand Der Schein, der iſt das Recht der Welt, dor iſt der Pabſt, den kein Zweifel anficht. Ihn muß ich für mich haben; hilft er mir nicht, dann gute Nacht, Orleans! dann lehre unſere Kinder die Hände zum Gebet für Karls Enkel falten, Valentine!— Feu d'enfer! Muß ich denn immer ran denken?! Ich will's nicht weiter.“ — 39— „Biſt du Mann genug, um ein Weib ganz zu verſtehen?“ ſprach Valentine ernſt und feier⸗ lich nach kurzem Schweigen;„ich mußte mein ganzes Weſen erſt lange Zeit an das gewöhnen, was ich dir jetzt ſagen will. Ich bitte dich, Or⸗ leans! folge meinen Gedanken ruhig und ſchweig⸗ ſam, ohne voreilig die Hand zu erheben; thue, als ſtündeſt du in einem Zauberkreiſe, wo ein unvorſichtiger Ausruf die Geiſter auf ewig ver⸗ ſcheucht, welche den blinkenden Schatz ſchon aus der Tiefe emporhoben.“— Dann fuhr ſie lang⸗ ſam und ſo leiſe fort, daß ihre Worte kaum vernehmlicher klangen, als das Lispeln der Blät⸗ ter im lauen Nachthauch:„Der König hat ei⸗ nen Liebestrank zu genießen, der ihn mir ſo ganz zu eigen geben ſoll, daß künftig jedes Wort aus ſeinem Munde nur der Vaſall und Sklave mei⸗ nes Willens ſeyn wird, damit mein' ich: dei⸗ nes Willens, denn meiner lebt ja blos in deinem.“ „Unſelige!“ unterbrach ſie ihr Gatte, entſetzt auffahrend;„nein, nein! Zwar kann ich's noch nicht völlig faſſen!— Nein! Laß ab, Valentine! laß ab! Du ſäeſt Drachenzähne.“ — 40— „Was iſt's, das dich dabei ſo erſchüttert?“ erwiederte Valentine raſch;„wähnſt du vielleicht, ich könnte je dieſen König dann wirklich lieben? Zu unſerm Knecht machen will ich ihn, zum Schemel deiner Majeſtät. Liebte ich dich nicht heißer, als Leben und Seligkeit, liebte ich dich nicht mit allen Pulſen meines ganzen inner⸗ ſten Seins,— jeder Nery' hätte ſich in mir wider dieſen Gedanken geſträubt; geſtorben wäre ich lieber, als daß ich dieſe That auf mich ge⸗ nommen hätte. Aber ich liebe dich, und müßte dich lieben, auch wenn du mich von dir ſtießeſt wie eine Schlange.— Ich that's; nun iſt's gut.“ „Weib, Weib!“ rief der Herzog ſchaudernd; ndu haſt die Hölle herauf beſchworen.“ „und wäre ich ſelber dadurch der Hölle ver⸗ fallen, es iſt nun einmal geſchehen, und wird Früchte bringen—— u „Blutige, fürcht' ich!— Wer miſchte dir den Trank? Schnell, ſchnell ſage mir's; ich habe keine Ruhe, bis ich's weiß. Haſt du den Mann mit Eiden gebunden? Durch Gold ſtumm gemacht? Wer iſt's? Rede, rede!“ „Wenn dieß deine ganze Sorge iſt, du Mann . — 41— meines Herzens, ſo will ich ſie ſchleunig bannen,“ erwiederte Valentine, über den Gatten ſich nei⸗ gend und mit ſeinen braunen Locken tändelnd. „Den Trank, deſſen geheime Kraft mir deines Bruders Herz und Wille bannen ſoll, daß er nach meinem Verlangen die Krone in deine Hand niederlege, den hat mir ein ehrenwerther, weiſer, alter Mann gebraut, auf deſſen Kunſt zu bauen iſt, deſſen Redſeligkeit faſt ganz verdorrte, ſeit er unter einem neuen Geſchlecht' herumwan⸗ delt, deſſen Väter er noch in den Wiegen ſah,— das iſt Maitre Gervais⸗Chretien.“— „Gervais?— Er lebt?— Nein, nein! Ich habe dich falſch verſtanden, Valentine! Wider⸗ rufe, ich bitte dich! Er kann's nicht ſein.— Ein ähnlicher Name muß dich getäuſcht haben.— Hahaha! wie ſollte auch der gute alte Mattre Gervais noch leben, derſelbe Gervais, den mein königlicher Vater Karl V., höchſtſeligen Anden⸗ kens, geheimer Wiſſenſchaft halber ſo unendlich hoch hielt?! Ha! Poſſen! dieſer Gervais wan⸗ derte ja, ſchwer betagt, nach meines Vaters Tode aus Grillen in's Morgenland, und keine Seele hat ſeither wieder etwas von ihm vernommen.— — 42— Gervais! Gervais!— Wunderlich, abgeſchmackt, daß uns manchmal ſo ein Name immer und im⸗ mer wieder auf die Zunge kömmt!— Gervais! Gervais!— Ich bin gewiß, Valentine, daß du dich irrteſt; wie ſollteſt du auch nicht? Du kann⸗ teſt ihn ja früher nicht.— Hm! wer weiß, welcher prahleriſche Betrüger ſeinen Namen als Maske vornahm, um durch deſſen Berühmt⸗ heit ſeine Stümper⸗Kunſt anzupreiſen! Gervais! — Und wie war es möglich, daß, wenn du mit ihm verkehrteſt, ich ſeiner nie anſichtig wurde?— Wie iſt ſein Aeußeres?— Wo lebt er? Wo verbirgt er ſich?“ vEs iſt allerdings ſeltſam,“ erwiederte Valen⸗ tine;„wo und wie ich dem alten Meiſter begeg⸗ nete. Es war in derſelben unheilsvollen Mai⸗ nacht, in welcher der König in ſeinem Pallaſte zu St. Paul offene Tafel hielt, und Tanz und Feſtlichkeit bis nach Mitternacht währten, in der⸗ ſelben Nacht, in welcher der unverſchämte Craon den Connetable Cliſſon auf dem Heimwege meuch⸗ leriſch anftel. Du warſt ſchon früher vom Feſte heimgegangen; jetzt endlich weiß ich, dem Him⸗ mel ſey Dank, warum du auch damals ſo — 43— finſter und verſchloſſen ausſahſt; du dachteſt ge⸗ wiß an das, was während des ganzen Feſtes auch mein einziger Gedanke war. Als die Nachricht von der Greuelthat in den Pallaſt gelangte, war das Entſetzen allgemein. Hätte ganz Paris von Meuchelmördern gewimmelt, wäre der Boden unter uns die dünne Rinde eines Vulkanes gewe⸗ ſen, die Verwirrung konnte nicht größer ſein. Der König ſprang wie ein gereizter Löwe aus dem Pallaſte, und ihm nach eilte blind durch ein⸗ ander, wer je Waffen getragen oder tragen wird. Die Frauen draͤngten ſich ſcheu, neugierig, ent⸗ ſetzt zu allen Pforten heraus. Jſabelle flüchtete in's feſte Schloß, in's Louvre. Ich allein blieb, — keiner kümmerte ſich um die andern— in dem Pallaſte zu St. Paul zuruͤck.— Grauen⸗ haft war dieſe Oede in den verlaß'nen, noch von hundert Kerzen ſchimmernden Prunkgemächern, als hätte ein böſer Geiſt oder ein Zornengel alle inmitten ihrer Pracht und Freuden hinweggerafft und ſpurlos ausgetilgt. Da ſtand, eh' ich mich ſeiner verſah, der Alte vor mir. Als ich in ſein Antlitz blickte, war mir's, als ſähe ich eine Schrift mit bekannten Zügen, deren Inhalt doch — 44— längſt aus dem Gedächtniſſe entflohen iſt. Ich hatte als Kind den weiſen Meiſter einſt an mei⸗ nes Vaters Hofe geſehen. Damals kam er ſtol⸗ zer als ein König; damals ſah er auf Könige gerade wie auf Diener herab, mit goldenen Gna⸗ denketten war er ſchwer behangen, in ſeinem weiten Talar von ſchwarzem Sammt, mit keſt⸗ barem Pelz beſetzt, vor keinem das Haupt ent⸗ blößend. Hätten ſie ihn damals, wie er ging und ſtand, künſtlich eingebalſamt in den Sarg gelegt,— ſo und nicht anders ſah er aus, wie er in jener Nacht wieder vor mich trat, noch dieſelbe finſtere Herrſchergewalt in Haltung und Weſen, kaum ein lebendiger Blick aus den glanz⸗ loſen Augen.“ 1. „Alſo er war's doch, wirklich? Er ſelbſt? Er lebt?“ unterbrach ſie ihr Gemahl noch im⸗ mer in ungewöhnlicher Aufregung; ſich gewalt⸗ ſam bezwingend und Ruhe erkünſtelnd fügte er lachend hinzu:„Pah! Ich ſage dir, Valentine: Maitre Gervais ſchläft trotz allem in irgend ei⸗ ner Piramide des Wunderlandes Egypten,— und was haben wir uns auch am Ende um die⸗ ſen thörichten Alten zu bekümmern?— Pah! — 45— Feu d'enfer! Ich hätte Luſt, ihn zu ſuchen, wenn er wirklich Er ſelbſt iſt, denn dann ſteht er mit dem Teufel im Bunde, und beſitzt den Smaragd der Palingeneſis. Dann verlohnte ſich's freilich wohl, ihn zu ſehen. Doch erzähle weiter, mein ſüßes Weib!— „Als des alten Weiſen Blick mich traf, war mir's, als hätte ein Blitz mir plötzlich alles ge⸗ zeigt, was in den Tiefen meiner Seele ſchlum⸗ merte, als reift dieſer Blick mit einem Male alle Keime von Plänen, die ich ſelbſt ſo lange kaum gekannt. Ich ſprach ihn mit freundlichem Gruße an; es ſchreckte mich nicht ab, daß er meine Worte kaum zu hören ſchien; immer mehr und mehr verfing ich ihn, bis ich, unter täuſchender Maske verborgen, meinen Vorſatz nennen konnte. Dich klagte ich zum Scheine an, du wäreſt gleichgültig gegen mich geworden, Liebeszauber müſſe dich wieder abwendig gemacht haben, und nur ein Liebestrank, von ſeiner Hand gebraut, könne und müſſe dich wieder an mich feſſeln.— O vergib, mein Geliebter! daß meine Worte ge⸗ gen mein eigenes Herz frevelten; zürnſt du, mein Louis? O blicke nicht ſo finſter auf mich.“ -— 46— „Und was that Gervais? ſprich, Weib! was war ſeine Erwiederung?— u „Er ſtrich ſich lächelnd den grauen Bart, und fuhr mit der Rechten über die Stirne, als ſinne er über längſt vergeſſenen Dingen; dann ſprach er: Habt keine Sorge, edle Frau, ich werde thun, was ich ausgeſonnen.— Drei Tage dar⸗ auf fand ich in unſerem Schlafgemache eine braune Phiole. Wie ſie hinein gebracht wurde, iſt mir noch jetzt ein Räthſel.— Inzwiſchen betrieb der König, der, wie du weißt, keinen andern Ge⸗ danken im Kopfe hatte, als den Connetable an jenem ſchamloſen Craon zu rächen, Kriegsrüſtun⸗ gen gegen den Herzog der Bretagne, welcher dem Meuchelmörder ein Aſyl geſchenkt hatte. Bur⸗ gund und Berri, die Karl mit Schmeicheleien und Gunſtbezeugungen überhäufte, mißbilligten ſtets den Zug, weil ſie den Connetable haſſen; deßhalb zogen ſie ſich auch von allen Feſten zu⸗ rück, die der König anſtellte. Bei dem letzten, welches in Paris gehalten wurde, fehlte auch die Königin, die damals ſchon zu kränkeln begann; ich befand mich mit Karl, mit Leon Luſignan von Armenien und mit Dame Blanka allein an ſeiner Abendtafel. Er war fröhlich und ſorglos bis zum Uebermuth, wie wir ihn lange nicht ſa⸗ hen, und forderte mich mit ſcherzhaftem Schmei⸗ chelwort ſelbſt auf, ihnen Wein zu kredenzen. Lange hatte ich auf ſo einen Augenblick gewar⸗ tet. Ich ging, vom beſten Feuertrank zu holen, der unter Frankreichs Sonne reif ward. Da miſchte ich in des Königs Becher den Liebes⸗ trank, der ihn mir ganz zu eigen geben, und dich zu dem erheben ſoll, wozu du geboren biſt. Auf ſilberner Platte brachte ich die Becher; doch das Glück wollte meinen Muth erſt erproben. Zufällig nahm der Fürſt von Armenien zuerſt den Becher, den ich dem Könige zugedacht hatte; und, zum zweitenmal den Dienſt eines Edelkna⸗ ben verſehend, goß ich den Reſt in den Pokal. Da lächelte das Glück meiner Beharrlichkeit. Der König trank, und— iſt unſer. Nun ſprich, mein Louis, ſprich; hab' ich nicht Muth wie ein Mann?! Ach, mehr Muth! Ich fühle, dieß kann kein Mann vollbringen!“ „Weib, Weib! was haſt du gethan?! Ich fürchte, ich fürchte:— für deine Seele reift ein doppelter Mord.“ — 48— „Du ſchwaͤrmſt in allzuernſten Gedanken, mein Louis!“ erwiederte Valentine arglos⸗leichtſinnig lächelnd;„ei! wann hat doch je ein Liebestrank gemordet? Könnt' er's, dann wäre mein ſchö⸗ nes Heimathland Italien längſt zum großen Leichenhauſe geworden, denn dort iſt die Liebe kriegeriſch, und nimmt mit Gewalt gefangen, wer ſich ihr nicht freiwillig ergibt, und doch wölbt ſich über Welſchland der Himmel heiterer und blauer als hier, und mildere Lüfte koſen wie Boten des ewigen Frühlings um alle Her⸗ zen, und die Herzen pochen mächtiger als hier, jeder Pulsſchlag heißt dort Liebe.— Aber, wehe mir! was muß ich ſehen?! Hinweg, verbirg dich dort oben hinter die dichteſten Wolken, du bleicher Mond! wenn du auf meines Gatten Ant⸗ litz mir nur Leichenbläſſe enthüllen willſt.— Wehe mir! Was iſt dir, mein Louis?“ „Nichts, nichts!“ erwiederte raſch, die Stirne runzelnd, der Herzog. „Was kann ich geſprochen haben,“ fuhr Va⸗ eentine erbangend fort,„das dich ſo zu er⸗ ſchüttern vermag? Iſt es dir mißfällig, daß ich ben den kundigſten Meiſter zu Rathe zog, der — 49— ſchweigſam, wie das Grab, ſchon mit dem einen Fuße im Grabe ſteht? Maitre Gervais⸗Chretien wird unſer Geheimniß bald auf ewig mit ſich hinabnehmen.“ „Feu d'enfer! Gervais, und ewig er!“ entgegnete wild der Herzog, mit dem Fuße ſtam⸗ pfend;„was mengſt du immer dieſen Namen in deine Worte? Ich wollte——“ Er verſtummte plötzlich, fuhr aber bald mit einem falſchen Lie⸗ besblick auf ſeine Gattin hinſchauend, den Ton ſeiner Rede gaͤnzlich in ſüß einſchmeicheinde Trau⸗ lichkeit umwandelnd, alſo fort:„Vergib, meine Valentine! Schilt mich nach Gefallen eiferſüch⸗ ſüchtig, thöricht, ſtörriſch, wie du willſt.— Soll ich es gleichgültig anſehen, wenn zwei Fürſten um deine Huld betteln werden, und welche zwei? Luſignan und Karl, ein König ohne Land, und einer ohne Verſtand!— Bei Gott! es wäre freilich meinem Bruder nichts aufrichtiger zu wünſchen, als daß er endlich doch einmal ganz verrückt würde, damit er doch etwas— ganz wäre.— Ich bin wohl recht ungeberdig,— gelt, mein ſüßes Leben?— Daß ſolche Kleinlichkeiten mich bewegen können?!— Ach, du mußt Geduld I. 4 — 50— mit mir haben, meine geliebte Gattin! Ich dachte, während du mir deinen klugen Plan er⸗ zählteſt, wieder an den Schurken Craon; das allein war's,—(obwohl ich auch Cliſſon haſſe) das allein war's, meine Valentine, was mich ſo unwirſch machte.— Ha, über dieſen verdamm⸗ ten Craon! Hätte ich ihn nur hier, ich wollte ihm mein Schwert ſtatt einer Frage vorlegen; — hundert Venediger Goldgulden gäbe ich drum, hätte ich ihn hier.“ „Iſt denn deine Rache noch nicht geſättigt, Orleans?“ fragte begütigend Valentine;„Craon's Häuſer in Paris ſind ja geſchleift, ſein fahren⸗ des Gut eingezogen, und zur Genugthuung an dich und den Connetable getheilt; flüchtig irrt er in der Bretagne umher, und wie lange Keht es noch an, ſo fällt auch der letzte Wall ſeiner Hoffnung, ſein feſtes Schloß Sablés! O, er war immer dein böſer Engel, Orleans! und ſtahl ſich in dein Vertrauen, um es an den nach⸗ ſten beſten preiszugeben.“ „Was weißt du davon, Valentine?" fiel ihr der Herzog raſch in's Wort. „Iſt es nicht genug,“ erwiederte Valentine, üͤber des Herzogs wilde Aufregung etwas ver⸗ wundert,„daß er öffentlich, ohne Scheu, erzählte, ein welſches Fräulein habe mir dein Herz ent⸗ wandt?“ „Ja ſo! Ganz recht,“ verſetzte der Herzog zerſtreut.„Er wurde deshalb auf meinen Betrieb ſchimpflich vom Hofe gejagt. Nun! das iſt der Grund all ſeiner Tobſucht, nichts weiter. Hm! vielleicht verhungert der arme Schelm bei ſeinem neuen Beſchützer.— Doch, es iſt ſpät in der Nacht, Valentine, wir haben lange gekoſ't und geplaudert; laß uns die Ruhe ſuchen. Der Kö⸗ nig will morgen mit dem Früheſten oße Heer⸗ ſchau halten außerhalb le Mans in der Nähe des neuen Spittels, und ich darf dabei nicht fehlen.“ Er erhob ſich, und geleitete ſeine Gattin aus dem Garten in das Haus zurück und in ihr Ge⸗ mach. An der Schwelle küßte er ſie auf die Stirne und ſprach:„Schlaf' wohl, mein hol⸗ des Leben! denke an nichts, was wir geſprochen, oder denke: wir hätten nichts geſprochen. Gelt, mein Veilchen, du willſt's? nun, ſo ſchlaf' wohl, und träume auch ein wenig von mir.“ Valentine begab ſich in ihr Gemach, Orleans 4 ⁴ — 52— in das ſeine. Er hatte keine Raſt und Ruh'. Zehnmal warf er ſich auf den Stuhl, und er⸗ griff Pergament und Feder, ſchob es wieder bei Seite, ſprang auf, und maß ſein Gemach mit haſtigen Schritten. Endlich gelang es ihm, ſich zu ſammeln, und er ſchrieb, wenn auch mit fie⸗ qriſch zitternder Hand, folgende Zeilen: „Ich habe allen Grund, zu vermuthen, daß Euer Eifer für mich entweder ſehr kalt, oder ganzlich Falſchheit und Lüge war. Ihr wißt, was ich vermag,— ſo für, als wider Euch. Ueberzeugt mich, daß Ihr vollſtändig aus⸗ gerichtet habt, was ich Euch damals aufge⸗ tragen, und was Ihr mit Hand und Eid zu vollbringen gelobtet. Ich muß es wiſſen. Es hängt viel davon ab.“ Er faltete dieſen Brief, ohne ſeinen Namen zu unterſchreiben, zuſammen, und rief einen ſei⸗ ner Diener, der im Hausflur die Wache hatte, einen verſchmitzten alten Geſellen, auf deſſen Treue und Verſchlagenheit er ſich verlaſſen zu können glaubte.„Du mußt noch in dieſer Nacht ausreiten, Gregoire,“ ſprach er zu ihm;„in die Bretagne mußt du reiten, mein wackrer Gre⸗ goire, und merke wohl, daß du den Aufpaſſern eine falſche Fährte angibſt. Dieſen Brief haſt du an den Seigneur Pierre de Craon zu beſtel⸗ len, und ihm ſelbſt in die Hand zu geben. Und ich rathe dir, es mit Bedacht zu thun, wenn anders dein Kopf dir ſelbſt wichtiger iſt, als mir. Merke dir wohl, was er dir mündlich oder ſchrift⸗ lich als Antwort mitgibt, und verſieh dich, nach deiner Rückkehr dieſen Beutel voll welſchen Goldes zu verdienen. Sei raſch hin und her wie der Wind, ſattle dir den Dänen, und ſomit: Gott befohlen!— Halt, Gregoire! Nochmals: Sei nicht minder verſchwiegen, als klug, die Zunge iſt ein Theil deines Kopfes, mein guter Gregoire. Nun weißt du alles! Fort, fort! mach' raſch.“ Gregoire empfing den Brief, und gelobte Klugheit, Treue und Verſchwiegenheit. Dann empfahl er ſich der Gunſt ſeines Herrn und ver⸗ ließ deſſen Gemach. Orleans konnte, von den verſchiedenſten Gedanken und Empfindungen be⸗ ſtürmt, noch immer keine Ruhe finden.„Craon wird mich, hoff' ich, ganz verſtehen,“ ſprach er leiſe vor ſich hin, im Zimmer auf⸗ und nieder⸗ gehend.„Feu d'enfer! daß ich an die Zunge dieſes Schurken gekettet bin! Die Peſt über die⸗ ſen tollköpfigen Fant, deſſen Geſchwaͤtzigkeit mich ſo leicht verderben kann.— Weiß Gott, ich wollte dieß gefährliche Spiel nicht zum zweiten⸗ mal beginnen, obgleich meine Hand ſtets nach dem Würfel zuckte; ich wollte es nicht; und doch bin ich jetzt wieder hineingeriſſen durch dieſen ver⸗ wegenen Anſchlag meines Weibes, den zu denken mir ſchwindelt, und der nun einmal doch voll⸗ führt werden muß, weil er begonnen iſt. O närriſche Zeit! Weiber werden zu Helden, und wir Männer, von der Wiege an mit großen Ge⸗ danken ſpielend, gefüttert mit Plänen ſtatt mit Brei, müſſen von Weibern lernen; und in welch einer Schule?! Der Erfolg ſelbſt hält uns zum beſten, und verkehrt blutigen Ernſt in lächerliche Fratzen, oder kleidet ihn wenigſtens in ſolche. Das Märchenhafte wird uns plötzlich zur Wahr⸗ heit, ſchneller als uns lieb iſt, und leider ver⸗ kehrt ſich, ehe man die Hand umwendet, die gewiſſe Wirklichkeit zum märchenhaften Traum. Wer hat mir dieſen Gervais wieder von den Todten erweckt, den einzigen in Frankreich, den ich zu fürchten habe, weil er durch ein einziges 1 Wort alle meine Anſprüche umſtoßen kann? Ger⸗ vais! Gervais! Verdammt, verdammt! Er ſtiehlt ſich in meine Traume, und ſtiehlt mir aus mei⸗ nen Träumen die Krone, führt mir, wenn ich eben mit voller Gewißheit die Hand darnach aus⸗ ſtrecke, das Bild meines Vaters vor die empör⸗ ten Sinne, und ſtößt mich tief unter den Rang des troſtloſeſten Bettlers hinab, während ich eben den Purpur um meine Lenden hängen will.— Den Purpur? Hal dieſer Gedanke kleidet mich auf's Neue in all meine Zuverſicht. Ward mir nicht prophezeiet: Ich ſollte im Purpur ſterben?! Ich hoffe drauf feſt und unumſtöß⸗ lich. Nun kommt heran, ihr entnervenden, ent⸗ mannenden Gedanken, ich lache euer; in dieſen Panzer der untrüglichen Hoffnung hülle ich auf's Neue meine Bruſt;— komme, was da mag, der Würfel iſt gefallen, die Kugel mag rollen; was mir zu werden beſtimmt iſt, muß ſich er⸗ füllen, und ſendete die Hölle mir hundert Trug⸗ bilder wie deines, Gervais! ſie mögen kommen und ſich an die Speichen der Räder hängen; feu d'enfer! ſie halten den Triumphwagen nicht auf.“ Er ſuchte, neu ermuthigt vom ſchwellenden Taumel des Wahns, ſein Lager. Es war bereits ſpät nach Mitternacht. Er genoß nur wenige Stunden des Schlafes, denn auch in ſeine Träume drängten ſich Zweifel und Hoffnung, ungleichen Kampfes mit einander ringend.—— Am fernen Rande des Horizonts ſtieg all⸗ mählich Glutgewölk empor, wie Kriegsgedanken immer heller und heller entflammt, Herolde der Sonne, die endlich wie eine gewappnete Jung⸗ frau in der Fülle blendender Schönheit daſtand, den dunklen Helm vom Haupte löſend, daß die goldenen Locken frei und üppig das Haupt um⸗ wallten, begeiſternde Brautblicke hinſendend rings auf die neuerwachte Welt, die nur deshalb ſtarr und troſtlos gelegen, weil ſie der Schönheit ent⸗ behrt hatte. Als der Morgen ſich aus dem Schooße der Nacht völlig losgewunden, und mit tauſend Licht⸗ pfeilen jedes Herz zu neuem wonnigem Lebens⸗ bewußtſein getroffen hatte, regte ſich in der Stadt vielfaches, vielgeſchäftiges Treiben. Die Straßen füllten ſich allmählich mit Bewaffneten, deren Eiſenhüte und Panzer im Morgenlicht hell ſchim⸗ — 32— merten; fröhlich wiehernde Roſſe wurden ange⸗ ſchirrt und gezäumt, ſcharrten und ſtampften ungeduldig vor den Häuſern; da ſchwang ſich ſchon manch ein ritterlicher Knabe fröhlich in den Sattel, dort gab und empfing ein ſchmucker Reiiter Abſchiedsküſſe von der Dame ſeines Her⸗ zens; hier ſchloſſen des Königs Arquebuſiere, dort ſeine Bogenſchützen und Arbalttriers ſich bereits in Rotten aneinander, mit Luſt emporblickend zu den wallenden Fähnlein, denn in der nächſten Stunde ſollte nach des Königs Gebot die ge⸗ ſammte Heeresmacht le Mans verlaſſen, und ſich außerhalb der Stadt bei dem ziemlich entlegenen Spittel zur Heerſchau verſammeln. Der Himmel war rein und wolkenlos, der Morgen der Vor⸗ bote eines heißen Tages. Jetzt erſchien auf dem Marktplatze, wo ſich die Kronvaſallen, die Ritter und die Rotten der Soldknechte aufgeſtellt hatten, der tapfere Connetable Cliſſon, der in kurzer Zeit von den meuchleriſchen Wunden Craon's und ſeiner Spiesgeſellen wieder völlig geneſen war; die Blicke des tüchtigen Kriegsmannes flammten vor Ungeduld, endlich einmal dem Her⸗ zoge der Bretagne zu begegnen, welcher dem Mörder eine Freiſtätte gewährte; auf ſeinen Betrieb hauptſächlich war ja trotz alles offenen und heimlichen Widerſpruchs der Prinzen, trotz der zweideutigen Entſchuldigungen und den man⸗ cherlei Vermittlungsverſuchen des Herzogs der Bretagne, dieſer Feldzug beſchloſſen worden. Bald nach dem Connetable ritten auch langſamen Tra⸗ bes die Oheime des Königs, die Herzoge von Berry und Burgund daher, an der Seite des letztern deſſen achtzehnjähriger ſchöner Sohn, der Graf von Nevers, das wahre Abbild ſeines Va⸗ ters, nur feurigeren Blickes und mit größerer Verwegenheit in ſeinem ganzen Weſen, als kenne er ſchon jetzt Furcht blos vom Hörenſagen. Dann kamen unter andern adeligen Herrn auch der Graf von der Marche, die Herrn von Saimpy, Boucicault und de Roye und der wackere Baſtard von Polignac; nach ihnen der Herzog von Or⸗ leans, und bald darauf der König ſelbſt. Er trug, ungeachtet der Hitze, welche von Viertelſtunde zu Viertelſtunde drückender wurde, einen Ueber⸗ wurf von ſchwarzem Sammt, mit Hermelin be⸗ ſetzt, über ſeinem Panzerkleide,— Panzerſchuhe, einen breiten Dolch, der in purpurner Scheide 8 rechts am goldenen Gürtel hing, und ein ſchar⸗ lachenes, mit Perlen beſetztes Barett. Er ſah blaß und leidend aus, als hätte er eine Nacht in Sorgen durchwacht; unſtät irrte ſein Auge, als ſuchte es ein Weſen, welchem er angehören dürfe; auf ſeiner Stirne thronte ſtatt der Ma⸗ jeſtät Frankreichs— Kummer, ein finſterer Er⸗ oberer. Alle Kraft, alles Selbſtvertrauen und Bewußtſein ſchien, wie ſeine Züge deutlich ſpra⸗ chen, von ihm gewichen, als fehle ihm der innere Haltpunkt ſeines Lebens, als müſſe er ihn wie ein Schiffbrüchiger in ſternloſer Nacht mit ohn⸗ mächtiger Sehnſucht in den empörten Fluthen ſuchen; aus den zerſtörten Zügen redete heiſer der Ueberdruß eines verlornen Lebens, die einzige Frucht zweckloſer mörderiſcher Vergnügungen, in deren Strudel ihn treuloſe Räthe und Vormünder gejagt hatten, um ſtatt des Entnervten herrſchen zu können; die junge Sonne, der friſche Tag enthüllten das beſchämte Greiſenalter auf dem Antlitze des dreiundzwanzigjährigen Königs von Frankreich; es fröſtelte ihn trotz der immer drückender werdenden Hitze ſo ſehr, daß er ſich in ſeinen weitfaltigen Ueberwurf hüllte. Nachdem — 6b. er ſich auf's Pferd geſchwungen hatte, ertheilte er mit matter Stimme einem(und zwar dem größten) Theile der Armee den Befehl, den Weg nach der Bretagne über Angers einzuſchlagen, und dem übri⸗ gen, auf der großen Heerſtraße die Richtung nach dem Spittel zu nehmen; er ſelbſt zog ſich miß⸗ trauiſch und menſchenfeindlich von ſeiner naͤchſten Umgebung, namentlich von ſeinen Oheimen zu⸗ rück, und winkte denſelben, ſo wie den andern Prinzen, ihn allein zu laſſen. Nur zwei Pagen ſollten ihm folgen. Im Geleite von dieſen ritt er zu dem entgegengeſetzten Thore von le Mans hinaus, und ſchlug die Richtung nach dem Walde ein, den er der Quere nach durchſchneiden wollte, um dem Staube der Heerſtraße auszuweichen, und in kürzerer Friſt den Verſammlungsort in der Nähe der Maladrerie zu erreichen. Die brütende Schwüle erſtickte, verſengte alle Gedanken; matt vor ſich hinſtarrend, ritt der König ſeinen Pfad entlang. Kein Laub regte ſich im Forſt, die Waldvöoglein ſelbſt, die ſonſt ſogar den Sturm durch luſtige Lieder beſchwören wollen, tuckten ſich lautlos unter dem grünen Laubdach. Dem Könige war's, als läge ein Felg — 61— auf ſeiner Bruſt; er ritt fürbaß, ohne aufzu⸗ ſchauen, ſein Roß dem Pfade überlaſſend. Da bäumte es ſich plötzlich. Entſetzt fuhr der König aus ſeinem Hinbrüten empor, und gewahrte dicht vor ſich, zwiſchen zwei Bäumen wie aus der Erde emporgewachſen, einen halb⸗ nackten, rieſig gebauten Kerl mit breiter, dicht⸗ behaarter Bruſt, ſtierem Blicke, langem, wild durch einander gewirrtem Haare und ſtruppigem Barte, der mit beiden Fäuſten des Königs Roß, das noch immer vor ihm ſcheute, feſt am Zügel hielt, und wie in Verzückung kreiſchte:„Halt an, halt an, mein König! und reite nicht weiter, ſonſt biſt du verkauft und verrathen. Halt an, halt an! Du haſt in Frankreich keine einzige treue Seele, die dich liebt, keine als mich, und ſieh,— mir koſtet's das Leben.“ „Wer biſt du?“ ſchrie der König, auf deſßen Sinne und Verſtand das plötzliche Entſetzen wie ein Keulenſchlag ſchmetterte. „Ich bin dein treuer Knecht,“ erwiederte der Andere, deſſen gellend kreiſchende Stimme bei jenem Worte in weiche Wehmuth umſchmolz; —„dein Knecht, dein Treuer, das iſt Alles, was — 62— ich noch weiß; meinen Namen habe ich vergeſſen; mir iſt ſo, als hätt' ich einmal gelebt; vielleicht träumt' ich bloß! Schau! hab' ich aber Alles auf der Welt vergeſſen,— dich nicht, mein königlicher Herr, dich nicht und nie, ſo arg ſie mich auch dazu zwingen wollten; aber ich laſſe mir meine Treue nicht ſtehlen,“ ſchrie er mit neu losbrechender Wuth, indeß ſeine Blicke in Wahnſinnsglut auf dem Könige hafteten;„meine Treue gegen dich war mein letztes Hab und Gut, und die will ich vertheidigen, wie die Löwin ihr Junges, mit Zähnen und Klauen. Herr, du mein König! Du biſt mein, biſt mein, und wenn die ganze Welt wider dich und mich auftreten wollte,— ich laſſe dich nicht, du biſt mein! Baſt ja in ganz Frankreich keinen andern Schild, als dieß mein Herz. Komm, komm, mein Herr und König! komm in den Schutz dieſes Armes, und laß uns flüchten, hinweg, weit hinweg aus dem Zauberkreiſe, den dein eigen Fleiſch und Blut um dich geſchlungen. Nach deiner Krone hungern ſie, nach deinem Leben dürſten ſie; unter jeder Scholle, worauf du deinen Fuß hinſetzeſt, haben ſie den Tod gepflanzt, mich, weil ich's weiß, in Eiſen und Bande geſchlagen;— ja! ja!— Treue trägt bittere Frucht. Aber ſieh!“ jauchzte er wild, daß es dem Könige in Mark und Bein drang, dabei ſchüttelte er den einen geſchwungenen Arm;—„ſchau, ſchau auf, mein König! mit dieſem Arm hab' ich meine Kette zerriſſen, und bin frei, bin wieder frei, zu deinem Schutz und Trutz.“ Ein Nothſchrei der beiden Pagen, welche den wilden Waldbruder in ſteigender Beſorgniß für einen Räuber hielten, unterbrach deſſen Worte. Jetzt wurde er der Edelknaben gewahr, riß die Augen hoch auf, und rief dem Könige zu:„Was wollen die Beiden ſo nahe an deinem Leibe, mein König?— gewiß ſind auch ſie gedungen von deinen Feinden, um dich zu verderben. Meinſt du, ſie ſeien noch Kinder, und wüßten nicht, was ſie thun? O höre, du König von Frankreich, die Stimme deines letzten Knechtes, die aus der Wüſte zu dir ſchreit: Traue Keinem, Kei⸗ nem! Nicht einmal die Kindheit iſt in Frankreich der Tugend Freiſtatt mehr. Weiß ich doch von einem Knaben ein böſes Stücklein, mein guter Herr; aber ich will dir's nicht wiederſagen, da⸗ — 64— mit du keinen Frevel begeheſt;— ſagte ich dir's, und erführen ſie's wieder,— ach, auf's neue, und auf ewig, auf ewig ſchlöſſen ſie mich in den dreimal verfluchten eiſernen Ring.“ Bei ſolcher Reden Anhörung verwirrten ſich des kranken Königs Gedanken enger und enger; es rieſelte ihm durch alle Adern, und raſcher ſchoß es ihm aus dem Herzen, als ob eine Schlange dicht zuſammengepreßt lange da gelegen hätte, in's Haupt empor, und umknäulte ihm breitge⸗ ſtreckt den Kern und die Keime aller Gedanken; Mißtrauen und Argwohn, die längſt während ſeiner geſunden Tage an ſeinem Herzen genagt, ſchüttelten ihn jetzt, vollgeſogen vom Marke ſei⸗ nes Lebens, mit Rieſenkraft, ſpornten ihn mit ehernen Dornen; vor ſeinen ſtieren Blicken ward jeder Stamm im Walde zum meineidigen Ver⸗ räther und Meuchelmörder; jedes Laub über ſei⸗ nem Haupte zum Dolche, jeder Sonnenſtrahl, der ſich durch die dichten Zweige drängte, zum giftbethauten Pfeil, abgeſchoſſen gegen ſein Herz. Ein neuer Hinblick auf den wilden Warner ent⸗ flammte ſeinen Wahn bis zur Raſerei. Seine Rechte umkrampfte den Griff des Schwertes, das — 65— er aus der Scheide riß, ſeine Linke ſchwang den blitzenden Dolch; in den Bügeln aufrecht ſtehend, ſchrie er, indem er den rieſigen Warner zu Boden ſtreckte:„Nimm das, du Schurke; meinſt du, ich durchſchaue dich nicht, weil du allein dich treu ſtellſt? Du ſelbſt biſt ein Verräther, und Alle, Alle ſind's, die mir ſchmeicheln und heucheln wie die Hunde. Wer bin ich denn? Ihr denkt, mich wohl gefangen zu haben wie ein unmündig Kind, das man nicht zu Thaten kommen läßt? Ihr ſollt mich finden! König, König bin ich, und will Euch's zeigen. Hinweg von meinem Herzen, Vampyre, die meine Jugend ausgeſogen; ich bin Mann geworden,— bin Mann ohne Fleiſch und Blut, und ohne Herz; Ihr ſtahlt mir's. Da! ſchaut! auf markloſen Knochen wandle ich noch, feſt und unſterblich; will nicht ſterben, kann nicht ſterben; ha! nieder mit euch, küſſet den Staub! die Mafeſtät kann nicht ſterben.“ Während dieſer Rede ſprengte er, ſeinem zügel⸗ freien Gaule die Sporen in die Weichen drük⸗ kend, über den zu Boden geſunkenen Gaſt des Waldes hinweg. Die beiden Edelknaben ſuchten, entſetzt von ſeiner Raſerei, ihr Heil in der Flucht. I. 5 — 66— Der unglückliche König aber ſprengte immer fort, wohin ſein Roß ihn trug, durch Dick und Dünn, mit Dolch und Schwert ſich gegen die Wahn⸗ geſtalten vertheidigend, die aus jedem Buſche, hinter jedem Baume auf ihn losſtürzten; Antlitz und Hände wurden ihm von Zweigen und Ge⸗ ſtripp verwundet, aber er fühlte es nicht. Ver⸗ zehrende Glut brannte ihm im Herzen, ergoß ſich, ſchwellend, unerträglich durch alle ſeine Pulſe. Er ſchleuderte ſein Scharlachbarett zu Boden, und rief wild lachend:„Meine Krone wollt ihr? O ihr wißt nicht,— ſie iſt mit Dornen gefüttert. Da liegt ſie am Boden, dieſe blüthenloſe Krone; hebe ſie auf, wer Luſt hat,— ich mag ſie für alle Schätze Indiens nicht. Nimm dich in Acht, mein guter Gaul, daß dein Huf ſie nicht betritt; eine Schlange lauert darunter. Da, liege, Krone, im Staub, wohin du gehörſt, und laß dich um⸗ kriechen von rechten Fürſtendienern, von Wür⸗ mern und Ungeziefer.— Wie? ihr Herrn, habt ihr an der Krone noch nicht genug? Mich ſelbſt verlangt ihr? O ſchonet, ſchonet mein! Was hab' ich denn verbrochen, daß ein König mich zeugte? O wenn ein König betteln darf, ſo laßt 2 — 6,— mich Eins von euch erbetteln, nichts als Bettler ſein zu dürfen! Gebt, o gebt mir mein verlornes Leben wieder; ihr müßt's, ihr müßt's, ich will's! Bin ich nicht König? Iſt eines Königs Wille ſo ohnmächtig? Der wilde Löwe in meinem Garten gehorcht mir; der Wurm will mir widerſtreben?“ Während dieſer Wahnſinnsworte hatte das ſchnaubende Roß ſeinen raſenden Reiter aus dem Dickicht des Waldes getragen, und ſprengte mit ihm über die offene Sandfläche hin, welche ſich außerhalb des Gehölzes ziemlich weit hinbreitete, und den Sonnenbrand doppelt wiederſtrahlte. In der Ferne zeigte ſich das mit Mauern, Thür⸗ men und Gräben umgeb'ne Spittel, ſchlechtweg von den Bewohnern der Stadt le Mans blos die Maladrerie genannt, und beſtimmt, als letzte Her⸗ berge Leproſen, Beſeſſene und Unheilbare aufzu⸗ nehmen. Am Saume des Waldes harrten in banger Erwartung die beiden Pagen, deren einer des Königs Lanze und Schild trug. Als dieſer ſeines Herrn plötzlich anſichtig wurde, erſchreckte ihn deſſen Anblick ſo ſehr, daß er die Lanze aus der Hand gleiten ließ. Sie fiel auf die Eiſen⸗ haube des Andern. Das Klirren drang in des 5* — 68— Königs Ohr.„Auch hier Verräther?!“ ſchrie er auf's Neue im unſeligen Wahn, ſchleuderte den Dolch hinter ſich auf ſie, ergriff den Zügel, und gab ſeinem Pferde auf's Neue die Sporen. „Der Streich hat mir gegolten,“ rief er in⸗ grimmig;„ol ich weiß! Ich weiß! aber,— ich finde euch. Dort ſtehen noch mehr, die auf mein Leben lauern; ich ſehe ihre Schwerter blitzen, ihre Bogen ſind geſpannt, ihre Spere gegen mich geſenkt; aber ich bin noch König; tauſendfach mehr Kraft, als Alle zuſammen, fühle ich in mir. Auf! wohlauf! Ihnen grad in den Weg! Nieder mit ihnen! Nieder mit Allen!“”“ So ſprengte er über die glühende Sandflaͤche hin, der Heeresabtheilung entgegen, welche dort, bereits in Reih und Glied geſtellt, ſeiner wartete. Arglos ritt ihm der Herzog von Orleans mit den Herrn von Saimpy und de Roye entgegen. Erſt auf zehn Schritte erkannte Orleans, welche Gefahr hier drohe. In ſelbem Augenblicke rannte der König auch ſchon mit geſchwungenem Schwerte gegen ihn an, und hieb auf ihn ein, ausrufend: „Du bunte Schlange, meinſt du, ich kenne dich gicht? Nieder mit dir, du Mörder!“ Sein — 69— Schwert ſauſte bereits über des Herzogs Haupte. Eines Haares Breite näher,— und Orleans war verloren! Nur durch eine raſche Wendung ent⸗ rann er der Mordwaffe, welche den Herrn von Saimpy am Arme leicht verwundete. Alle Be⸗ ſinnung verlierend, ſtoben die Drei aus einander und gaben dem Könige freien Raum, in die Reihen der Uebrigen einzudringen. Der Baſtard von Polignac fiel im allgemeinen Gewühle, wel⸗ ches augenblicklich entſtand, als erſtes Opfer. Alle Ordnung war gelöſt, an Befehl oder Gehor⸗ ſam nicht zu denken. Das altnormanniſche Sturm⸗ geheul:„Haro, Haro!“ ſcholl hundertfältig, markerſchütternd; Jeder ſuchte ſich zu retten, wie er konnte. Der Herzog von Burgund beſchwor umſonſt die Verwegenſten, ſich der Perſon des Königs zu bemächtigen; wer ſich an ihn wagte, büßte gar bald die Kühnheit, und verlor die Luſt. Wer dem Raſenden nicht ſchnell genug zur Seite ausweichen konnte, warf ſich raſch, wie vor dem Glutwinde der afrikaniſchen Wüſte, zu Boden. Endlich gelang es den Herzogen, die Ordnung ſo weit herzuſtellen, daß die Truppen einen gro⸗ ßen Kreis um den König ſchloſſen. Die Kraft — 70— des Raſenden erlahmte allmählig, die Glut ſeiner Blicke erloſch, und mit brechendem Auge ſich von dem weiten Kreiſe der Bewaffneten gefangen ſehend, ſprach er wehmüthig lächelnd mit matter Stimme:„Die Treibjagd auf den Löwen geht zu Ende. Der Uebermacht muß ich erliegen.— Doch, wähnt ihr, armſelige Schergen, meineidige Hunde! ihr könntet mich bezwingen?! Ich will fallen, aber frei, bis zum letzten Augenblicke frei, und ein König!— Ha, wen ſeh' ich dort? Dich muß ich noch treffen, bevor ich falle, dich, eben dich, du giftiger Wurm. Jahrelang wähntet ihr mich blind, aber ich ſehe jetzt, ſchaue eure fal⸗ ſchen, wurmſtichigen Herzen durch und durch!“ Und mit letzter Kraft ſchleuderte er ſein Schwert in die Reihen. Dicht neben dem Herzoge von Orleans fuhr es in den Sand. Da ſchlich ſich heimlich hinterrücks einer ſeiner Hofleute, Guillaume Martel, ein Edelmann aus der Normandie, an ſein Pferd, ſchwang ſich auf daſſelbe, rang noch ein Paar Augenblicke mit dem König, und übergab ihn dann, ohnmächtig, mit gebrochenem Auge, bewußtlos, den Händen der Herzoge von Berry, Burgund und Orleans. — 21— Dieſe ließen ſo ſchnell als möglich eine Tragbahre herbeiſchaffen, und beſchloſſen, ihn noch am ſel⸗ ben Tage für's Erſte nach le Mans zurückzu⸗ bringen. Die herbeigerufenen Aerzte erklärten des Königs Zuſtand für lebensgefährlich, vermochten aber, ſo ſehr ſie ſich in Vermuthungen erſchöpf⸗ ten, die Urſache ſeines ſchrecklichen Gebreſtes nicht zu entdecken. Stundenlang lag der Arme ohne Lebenszeichen, und, erwachte er dann wieder aus ſeiner Ohnmacht, ſo flehte er in den rührendſten und erſchütterndſten Ausdrücken, man ſolle ihn nicht fürder König ſeyn, nur ruhig ſterben ſolle man ihn laſſen. Am andern Morgen wiederholte ſich der Wuth⸗ anfall des Königs in ſo hohem Grade, daß man ihn feſſeln mußte. Hatten die Prinzen früher beſchloſſen, ihn ſo bald als möglich nach Paris zu bringen, ſo bedachten ſie jetzt, welch ein trau⸗ riges Schauſpiel dem Volke gegeben würde, wenn es ſeinen König, einen der mächtigſten Fürſten der Chriſtenheit, in Ketten und Banden erblicken würde, gleich einem Miſſethäter, den man der Neugier des Pöbels zu Gefallen durch die Stra⸗ hen ſchleppt. Auch ſollte die Königin, Frau Iſa⸗ — 72— belle, welche indeſſen einer Tochter geneſen war, von dem Unfalle ihres Gatten nichts vernehmen, bis derſelbe wieder völlig hergeſtellt ſei. Deshalb brachte man ihn auf das Schloß Cröil an der Oiſe, einem anmuthigen Landſitze, wo er einſt in ſchöneren Tagen manche fröhliche Stunde ver⸗ lebt hatte. Obwohl man aber das Unglück des Königs dem Volke zu verheimlichen ſuchte, ſo verbreitete ſich doch die Kunde davon, anfangs blos als unheimliches Gerücht, wie hohles Brau⸗ ſen der See vor dem Sturme, gar bald als ſichere Wahrheit, auf den Flügeln des Mitleids und Schreckens durch das ganze Land. Das Un⸗ glück des jungen Fürſten brachte alle ſeine guten Naturanlagen, ſeine Freigebigkeit, ſeine Leut⸗ ſeligkeit, ſeine Herzensgüte auf's Neue in lebhafte Erinnerung; das Unglück verwandelte jetzt im Urtheile des Volkes ſogar ſeine Fehler in Tugen⸗ den; man vergaß jetzt ſelbſt die unerträͤgliche Härte der öffentlichen Verwaltung, gegen welche man noch vor Kurzem ſo laut und heftig gemurrt hatte, und ſchob alle Schuld auf Diejenigen, welche des Königs allzulenkbares Herz beherrſcht und mißbraucht hatten. Schaarenweiſe wurde in — 3— allen Städten zu den Gotteshäuſern gewallfahrtet; Litanaien, Pſalmen und Bußlieder ſchienen vom Himmel die Rettung des jungen Fürſten ertrotzen zu wollen; die Straßen zu Gnadenorten wimmel⸗ ten von frommen Pilgern. Einen lächerlichen und doch ſcheußlichen Gegenſatz zu dieſer aufrich⸗ tigen Gläubigkeit des Volkes zeigten die beiden Fürſten der Kirche, deren einer zu Rom, der andere zu Avignon ſaß, jeder ſich als den wahren von Gott erkornen Statthalter Chriſti frech aus⸗ gebend, jeder den andern einen Betrüger und Widerchriſt ſcheltend. Der Pfaffe zu Rom ver⸗ kündigte laut in feindſeliger Gleisnerei, die Hand Gottes habe den König von Frankreich getroffen, weil dieſer den Gegenpapſt zu Avignon beſchütze. Der Pfaffe zu Avignon ließ ohne Scheu und Scham predigen, der Himmel habe Karl geſchla⸗ gen, weil dieſer im vorigen Jahre verſprochen habe, den Gegenpapſt zu Rom auszurotten, und weil er ſein Wort noch nicht gelöſt. Von jeher iſt die Wahrheit und Treue, die Geduld und Bil⸗ ligkeit ein Erbtheil des Volkes geweſen, Trug und Treuloſigkeit, Haß und Eigennutz der Schlüſ⸗ ſel(ein falſcher Dietrich), durch welchen die 8 — 74— Pfaffen ſich in die Schatzkammern des Vertrauens und der öffentlichen Meinung ſtahlen. Kaum ein Tag war nach dem Leidfall des Königs vergangen, als deſſen herrſchſüchtige Ohei⸗ me auch ſchon die günſtige Gelegenheit benützten, um ſich ſelbſt die höchſte Gewalt anzueignen. La Riviere, le Mercier, Montagu, und le Begue de Vilaines, die bisherigen Miniſter, Cliſſon's Krea⸗ turen, erhielten augenblicklich den Befehl, abzu⸗ treten. Burgund verbreitete allenthalben das fal⸗ ſche Gerücht, ſie hätten den König vergiftet. Auch Cliſſon's Sturz auf Leben und Tod war beſchloſſen. Er vermied ihn nur durch eine ſchleu⸗ nige Flucht in die Bretagne, mit deren Herzoge Berry und Burgund Frieden geſchloſſen hatten. Feierlich lud man Cliſſon vor die vier Pforten, und verbannte ihn, weil er ſich nicht ſtellte, als Verräther gegen die Krone Frankreichs, ſchuldig, hundertauſend Mark Silber als Buße zu bezahlen, verluſtig der Würde eines Connetable von Frank⸗ reich. Zwei Edelleute der königlichen Kammer, Guillaume Desbordes und Guillaume Martel, ritten in die Bretagne, um ihm das Schwert der Connetables abzufordern. Aber er ſchien wie durch — 5— einen Zauber unſichtbar gemacht; in ſeinem feſten Schloſſe zu Joſſelin ſaß der alte Degen, ſpottend über die ohnmachtige Willkühr des neuen Regi⸗ ments, immer noch grollend gegen ſeinen alten Feind, den Herzog der Bretagne, in deſſen Lande er doch eine Freiſtatt gefunden; von ſeinem ſichern Schloſſe zu Joſſelin aus bekriegte er den Herzog in deſſen eigenem Lande, und ſetzte ihm ſo heiß zu, daß dieſer bald um jeden Preis Verſohnung begehrte. Robert, der Normanne,. Acht Tage waren nach dem unſeligen Begebniß verſtrichen, welches im Forſte vor le Mans des Königs Geiſt zerrüttet hatte, als durch denſelben Forſt ein luſtiger Reitersmann daherzog, der den Sturmhut, den er bis dahin tief in's Geſicht gedrückt hatte, jetzt, da er ſich allein wähnte, zurückſchob, und ſein Pferd in der kühlen Waldes⸗ nacht langſamen Schrittes den Pfad verfolgen ließ. Er that von Zeit zu Zeit ein Paar. kräftige Züge aus ſeiner Kürbisflaſche, und ſang gar wohlgemuth den Anfang eines provencaliſchen Minneliedes, als er ſich plötzlich hinterrücks von zwei nervigen Armen umſchlungen und feſtgepackt fühlte. Raſch wollte er ſein Schwert aus der Scheide ziehen, um ſich zu vertheidigen, aber in demſelben Augenblicke hatte es ſein Gegner bereits in der Fauſt; packte ihn mit dem einen Arme vor die Gurgel, und riß ihn vom Pferde, welches er mit einem gewaltigen Fußſtoße auf und davon — 77— jagte. Gregoire(denn der Reiter war kein ande⸗ rer, als jener Diener des Herzogs von Orleans) machte ein bitterſüßes Geſicht, als er ſich auf eine ſo unfeine Weiſe zum Sitzen genöthigt fand, und kein Mittel vor ſich ſah, ſich aus der Um⸗ armung ſeines eben ſo gewandten als rieſenſtarken Gegners loszuwinden.„Ich bin Euch ſehr ver⸗ bunden, mein vortrefflicher Freund,“ ſprach er endlich mit lachendem Munde zu ihm;„daß Ihr an meiner Geſellſchaft Vergnügen findet, obgleich ich nicht läugnen kann, daß es mir bei weitem angenehmer wäre, Euch zu erdroſſeln.“ „Euch zu erdroſſeln?“ entgegnete der An⸗ dere, pfiffig lachend;„wenn Ihr nach dieſem Lie⸗ besdienſt Verlangen tragt, ſo will ich mir ein Vergnügen daraus machen.“ „O, bitte,“ erwiederte Gregoire raſch, da ſein neuer Bekannter bereits Anſtalten machte, ſeine Gefälligkeit in's Werk zu ſetzen;„bitte, mein Freund, Ihr gebt Euch wirklich zu viele Mühe mit mir, und ich wünſche nichts ſehnlicher, als bald in einen ähnlichen Fall zu kommen, um Euch einen Gegendienſt zu erweiſen. Doch, im Ernſt! guter Freund, löſet dieſe Verbindung Eu⸗ — 78— rer Hand mit meiner Kehle gefälligſt auf; und ſaget mir, wie es unter höflichen Edelleuten Sitte iſt, ohne weitere Handgreiflichkeit, womit* ich Euch dienen kann.“ „Wenn du zum Teufel fährſt, du Hund, du Schuft!“ „Mit Vergnügen werde ich dieſen Euern Wunſch erfüllen,“ verſetzte Gregoire, indem er ſich aus der Fauſt ſeines Gegners loszuwinden ſtrebte;„wenn Ihr erlaubt, werde ich dieſe Reiſe gleich antreten, und zwar, um Euch gefällig zu ſein, zu Fuß, weil Ihr meinem Pferde doch be⸗ reits Urlaub gegeben.“ „Oho, halt noch ein bischen, guter Freund!“ rief der halbnackte Waldmenſch.„Du armer Schelm! du könnteſt dir ja die Füße wund lau⸗ fen! Ich will barmherzig ſein, und dich einſt⸗ weilen mit deinem eigenen Gürtel und Wehr⸗ gehänge an dieſen Baum feſtſchnallen, und der Teufel wird wohl höflich genug ſein, du Schuft! dich abzuholen, wann er mag. Während dieſer Worte hatte er bereits mit ungemeiner Gelenkig⸗ keit den aufgegehegen Gregoire feſt an den Baum i — 79— gebunden, daß dieſer kein Glied zu rühren ver⸗ mochte. Dann ſtellte er ſich, die beiden Arme in die Seiten geſtemmt, vor ihn hin, und rief mit wildem Hohn, indeß ſeine flammenden Blicke das Schlachtopfer trafen:„Nun, wie ſchmeckt dir's, Gregoire,— gelt, ich kenne dich?— Hei, wie ſchmeckt dir's, in Banden zu ſein? Schau, du niederträchtiger Helfershelfer! ſo lag ich in Banden, und daß ich in Banden lag, hat dein Herr mir bereitet, dein edler Herzog, dein über⸗ aus himmliſcher Louis von Orleans. Kennſt du meinen Namen noch? Robert, der Normanne heiß' ich. Flattre und ſchwirre, wenn du deine hündiſche Seele ausgehaucht, als Geſpenſt um deinen Herrn, mache dann Kameradſchaft mit ſeinen Träͤumen, ſchmeichle dich ein in ſein böſes Gewiſſen, trinke dich von ſeinem Blute mit einem Alp auf Du⸗und⸗Du, und ſchwätze ihm bei Tag und Nacht meinen Namen ſo lange in ſein fal⸗ ſches Herz, bis er den Schlaf ſucht, um dieſen Namen zu vergeſſen, bis er, wenn er ſein Purpur⸗ bett von einer Seite zur andern tauſendmal zer⸗ wühlt, das Morgenroth nicht erwarten kann, um den Träumen zu entfliehen. Ein Hund biſt du — 80— zeitlebens geweſen, ſo ſei auch nach deinem Tode einer, und hetze dann deinen Herrn!“ „Im Ernſt, Freund Robert, meiner Treu! Ja, jetzt erkenne ich Euch wieder,“ erwiederte Gregoire, ſeine immer wachſende Todesangſt nur noch mühſam durch erkünſtelten Scherz verber⸗ gend;„wir waren ja immer gute Kameraden, ei! wir haben ja manchen wackern Schwank zu⸗ ſammen begangen, manche ſüße Flaſche zuſammen ausgeſtochen. Meiner Treu, alte Normannshaut, du wirſt den heutigen Spaß wahrhaftig nicht weiter treiben. Geh, Kamerad; binde mich los!“ „Wie?“ rief Robert wild lachend;„Haro! der Ochſe, aus deſſen Haut dieſer lederne Gür⸗ tel geſchnitten ward, brüllte unter dem Beile vor Freuden, daß du einſt damit umſchnürt würdeſt; der gute pröphetiſche Ochſe! Und beim Teufel! brüllte er damals nicht vor Freuden, ſo that er's aus Schmerz. Und ſo hab ich aus Schmerz wie ein Ochſe von'nem Propheten gebrüllt; o hätt ich gewußt, daß ich dich wiederfinden würde,— Triumph gebrüllt hätte ich in meiner Pein.— Schau! Schau! was für ein gutes Werk jener — ☛— Ochſe nach ſeinem Tode thut! Ein edler Ochſe! Ach, hätt' es doch der ehrliche Ochſe bei Lebzei⸗ ten gewußt!— Und ſo ſei auch du getroſt, in⸗ dem du zum Teufel fährſt, denn dein Geſpenſt wird, hoff' ich, einſt um deinen Herrn ſummen, wie eine Bremſe; und dann thuſt du noch ein gu⸗ tes Werk!— Hm Iſt das auch Wahnſinn? Ich glaube jetzt faſt: ich bin wirklich lange Zeit wahn⸗ ſinnig geweſen; aber gelobt ſei Gott! mein kö⸗ niglicher Herr hat mich in ſeinem Grimme durch einen tüchtigen Schwerthieb geheilt. Hm! der Wahnſinn muß im Blute liegen;— als mein Blut rann, huſch, war der Traum weg, war ich geſund, wie ein Häring im Meer. Ja, meiner Treu, Blut iſt ein gut Heilmittel; was meinſt du dazu, Gregoire?“ „Gnade, Gnade!“ ſtöhnte der Gefeſſelte. „Ich will mich beſinnen,“ entgegnete Ro⸗ bert, blickte ihn ſcharf an, und ſprach nach kur⸗ zem Nachſinnen:„Du biſt auf böſen Wegen ge⸗ ritten; das leſe ich auf deinem Armeſünder⸗Ge⸗ ſicht. Ich weiß es auch von jeher. Ein Schleich⸗ weg und deine heile Haut war dir ſtets mehr werth, als die Rechtſchaffenheit, wenn du nichts J. 6 — 82— von ihr hatteſt, du ſpitzbübiſcher Provencçale!— Zwinkre mir nicht ſo mit den Augen. Dein Blick iſt ſchon falſch genug, wenn du ehrlich ausgukſt; was erſt, wann du ſchielſt, Nachtvogel! Bekenne mir: von woher und in welchem Auftrage kommſt du jetzt?“ „Ach, Gott ſei's geklagt, es iſt mir eine Bafe in Perigueux geſtorben,“ antwortete Gregoire unverdroſſen;„da war ich hingeritten, um zu ſehen, wie viel von der Erbſchaft an mich käͤme, und jetzt reite ich wieder heim.“ „Du magſt des Teufels Großmutter beer⸗ ben; geh zur Hölle, um dein Erbtheil zu mu⸗ ſtern,“ erwiederte Robert;„mich betrügſt du nicht. Führt hier der Weg von Perigueux nach Paris? Kneife mir deine verdammten Augenlieder nicht ſo zuſammen! Heraus mit der Farbe, oder ich kneipe dich auf gut Normanniſch braun und blau.“ „Ach, ſachte! Ich dachte meinen Herrn, den ed⸗ len Herzog von Orleans, noch in le Mans zu finden.“ „Ach! ſo! Das iſt ein andres! Deinen ed⸗ len Herrn! Ich halte dich für einen ſattſamen Schuft, daß du einen andern, der nicht beſſer iſt, verräthſt. Jetzt fange ich an, um deiner — 3 3 — 83— Schurkerei willen an deine Aufrichtigkeit zu glau⸗ ben.— Orleans? Orleans?— Weiter! Weiter! Was haſt du mit dem Herzog zu ſchaffen?“ „Wer? Ich?— Ich? Nichts! Ich bin ſein Diener, und das iſt alles!“ „Das iſt nicht alles, du mein zuckerſüßer Provengale! Haro! Ich will dir nmal ſagen, was du mit dem Herzog zu ſchaffen haſt; ich will dein Gedächtniß auffriſchen, Gregoire! Er⸗ innerſt du dich des Schurken nicht mehr, mein werther Gregoire, der vor fünf Jahren an den alten Hexenmeiſter Gervais⸗Chretien, Gott hab' ihn ſelig, ein Brieflein zu beſtellen hatte, ein Brieflein von ſo hölliſchem Inhalte, daß es einen von deinem edlen Herzog erlogenen letzten Wil⸗ len des verſtorbenen Königs durch die geheimen Künſte des Meiſter Gervais zur Wahrheit um⸗ ſtempeln ſollte? Erinnerſt du dich jenes ſauberen Briefträgers und Helfershelfers nicht mehr? Du ſollteſt doch wohl; denn jener Zwiſchenträ⸗ ger, der warſt du! Und erinnerſt du dich des alten Gervais ſelber nicht mehr, der deinem kro⸗ nenhungrigen Herzog ungefähr folgende Antwort zurückbeſtellte: Er, der Maitre Gervais, wolle 6* — 84— ihm recht gern ein ſolches falſches Teſtament fer⸗ tigen, worin der Herzog zum Theilnehmer aller königlichen Gewalt eingeſetzt ſey, wenn Orleans ihm nur erlaube, die neue Unterſchrift ſeines Vaters von Karl V., der damals noch lebte, beſtätigen zu laſſen?— Aber das wollte der rechtſchaffene Prinz durchaus nicht leiden.— Exinnerſt du dich vielleicht auch noch des böſen Geiſtes aus der Normandie, der, in den Leib von des Meiſters vierſchrötigem Famulus gebannt, dir mit Ver⸗ gnügen den Hals umgedreht hätte, wenn ihm nicht befohlen geweſen wäre, dich blos zum Hauſe hinauszuwerfen? Ha, Freund Gregoire, das war ich! Und ich war's, den dein verdammter Herzog greifen ließ, als mein armer Herr Ger⸗ vais nach des ſeligen Königs Tode plötzlich ſpur⸗ los verſchwunden war; ich war's, der bei Nacht in Eiſen und Banden geſchlagen ward, ich, den du und ein Paar deiner Helfershelfer bei Nacht und Nebel aus Paris fortſchleypten, und kraft deines Herzogs Brief und Siegel als einen ent⸗ ſprungenen Tobſüchtigen in jener verdammten Ma⸗ ladrerie mit dem Auswurfe der Menſchheit zu⸗ ſammenſperrten, mich, mich, einen freien Nor⸗ mannen, bei geſunden Sinnen mit Raſenden zu⸗ ſammen! Ha, bei den ſieben Todſünden! da konnte mein Verſtand wohl am Ende nicht mehr im Gleiſe bleiben wie ein Müllereſel; da hab' ich alles vergeſſen, nur Euch nicht, ihr Schur⸗ ken, und meinen guten König nicht. Da, ſchau, ſchau!— die Narben um meine Hände und Beine, die kommen daher, weil ich ſie wund gerieben an meinen Ketten; da, ſchau die Narben auf der Stirne, die kommen daher, weil ich mit dem Schädel an die Wand der Keuche ſtieß, um ihn zu zerſchmettern! Beſinnſt du dich nun auf deinen edlen Herrn?— Was für einen Auftrag gab er dir jetzt? Einen Spitzbubenauftrag, bei meiner armen Seele, gewiß einen Verrätherhandel, ein Schelmengeſchäft; er kann keine andern Beſtellun⸗ gen machen; bekenne, oder ich erdroſſ'le dich!“ Gregoire war faſt zur Leiche geworden, als die Donnerworte Roberts ihn trafen.„Löſe mich los, um des Heilands willen!“ ſtammelte er in Todesangſt und Verzweiflung;„löſe mich von dieſen Banden, und mein Herr wird dein Geheimniß um jeden Preis erkaufen, den du irgend verlangen magſt.“ — 86— „Meinſt du?“ erwiederte Robert, zähneknir⸗ ſchend vor Grimm;„Ho! Ich kenne ſein Berg⸗ werk und ſeine Schatzkammer; dort, außer'm Walde liegen ſie, hinter jener Sandfläche, das ſcheußliche Spittel; darauf wird er mich anwei⸗ ſen. Hat er nicht meine Zunge gefürchtet, als er mich ſchon einmal dahinein warf? Eine Löwen⸗ grube iſt ein Roſengärtlein dagegen, und, bei meiner armen Seele! ich habe an dem einen⸗ male genug.“ „Nein, nein, er wird's nicht,“ ſtöhnte der Gefeſſelte;„er wird dich lohnen wie einen Beichtvater!“ „ Jal er wird mich bitten zu ſchweigen, und, um mich ſtumm zu erhalten, mir das Genick um⸗ drehen,““ entgegnete Robert höhnend.„Höre ein⸗ mal, Kamerad, ich bin gelaunt, dir zu erzählen, und ich habe dich vermittelſt der Haut jenes Ochſen gelaunt gemacht, mich anzuhören. Ich will dir erzählen, wie man Treue lernt; du kannſt bemerken, warum ich, der hinterſte Menſch von allen in Frankreich, an dem König hänge, als wie angezaubert; denn es ſchadet auch einem Spitzbuben nicht, wenn er, bevor er zum Teu⸗ — 87— fel fährt, kennen lernt, wie viel ſüßer, als alle ſeine Schurkerei, Freiheit und Dankbarkeit und Treue ſchmeckt. Ich ward als Leibeigner gebo⸗ ren; auf des Meiſter Gervais Fürbitte erlöſte mich meines Herrn guter Vater, der ſelige Kö⸗ nig Karl V., aus dem Joche der Knechtſchaft. Als freier Mann wuchs ich auf. Gervais nahm mich in der Folge zum Diener an, ich lernte mich gut anſtellen, und diente ihm, nicht wie man einem Herrn dient, ſondern wie man einem Va⸗ ter folgt; mein leiblicher Vater hatte mir ja nur das Leben geſchenkt, Gervais und der ſelige Kö⸗ nig gaben mir die Freiheit, und erſt von jenem Augenblicke an war ich ein Menſch. Der ſelige König beſuchte oft meinen Meiſter in ſeiner ge⸗ heimen Werkſtätte. Gervais mußte ihm darin allerlei brauen, Gold und Lebenseſſenzen; davon verſteht unſer einer nichts! Eines Tages nun, da mein Meiſter gerade ausgegangen war, kamen die beiden Knaben, Karl und Louis, der jetzt ein edler Herr iſt, und ſchlichen ſich zu einer Retorte, worin Gervais für den König ein koſt⸗ bares Elexir bereitet hatte. Ehe ich ihn hindern konnte, hatte Louis im knabenhaften Muthwillen — 885— das glänzende Gefäß zertrummert. In demſel⸗ ben Augenblicke trat mein Meiſter mit dem Kö⸗ nige herein, beide ſahen mit höchſtem Zorne, was geſchehen war, und ſchworen, den Thaͤter zu züchtigen. Schau, Gregoire! da bezeichnete dieſer Louis, ſchon von Kindesbeinen an falſch und feig, mich als den Thäter. Schon ſchwang mein Meiſter, vom Zorne überwältigt, den ſchweren, mit Eiſen beſchlagenen Stock zur ent⸗ ehrenden Züchtigung über meinem Haupte, als Karl dazwiſchen ſprang, und, um mich zu ret⸗ ten, ſich als Thaͤter angab. Der Meiſter ließ den Stock ſinken, und Karl nahm, ohne ein Wort zu erwiedern, den ſcharfen Verweis ſeines Vaters hin. Nun, du feiner Geſelle! ſoll ich dich wohl um deines edlen Herren, um jenes ſüßen Louis willen, frei geben, eben jetzt, da ich's an deiner Todesangſt merke, daß dieſer Louis, der ſich jetzt Herzog von Orleans nennt, gegen meinen guten, treuen König einen neuen, viel⸗ leicht ſchlimmeren Anſchlag im Schilde führt, als damals, da ich dir die Ehre erwies, dich aus meines Meiſters Hauſe zu werfen?— Bekenne, ſage ich dir, bekenne!“ — 89— „Ich weiß nichts, ſo wahr mir Gott helfe!“ ſtammelte Gregoire;„ich ritt zwar nach dem Be⸗ fehle des Herzogs in die Bretagne, aber, ſo viel ich glaube, führt der Herzog nichts gegen den König im Schilde; das mag dir der Brief des Herrn von Craon an ihn beweiſen, der in mei⸗ ner Bruſttaſche ſteckt.“ Er wollte durch dieſe Wendung ſeinen Geg⸗ ner verleiten, ihm das Wams aufzuknöpfen, bei welcher Gelegenheit er wenigſtens den einen Arm loszuringen hoffte. Aber eben der unwillkührliche entglommene Ausdruck von Hoffnung auf Gre⸗ goire's Geſichte machte den Normannen ſtiutzig, und nach kurzem Beſinnen ergriff er das Schwert Gregoires, und ſchnitt damit das Wams auf, ohne den Gürtel zu löſen.„Ganz recht,“ ſprach er;„ich finde allerdings einen Brief, und dei Schwert iſt ſo ſcharf, daß es ſelbſt das Siegel mitten entzwei ſchnitt. Nun, da es einmal ſo weit iſt, ſo werde ich mich unterſtehen, mit Ver⸗ gunſt deines Herzogs zu leſen, was dieſer ſaubre Herr von Craon, ſein erklärter Feind⸗ heimlich an ihn zu berichten hat.“ Als Gregoire ſah, daß ſein Feind den Brief 1 — 90— auseinander faltete, zitterte er wie Eſpenlaub am ganzen Leibe. Der Normanne bemerkte es wohl, und las nun mit um ſo größerer Auf⸗ merkſamkeit folgenden Inhalt: „Gar wohl habe ich verſtanden, was Ihr, ſehr edler Herzog, in Eurem Briefe an mich durch räthſelhafte Ausdrücke zu wiſſen begehret, ob nämlich der alte Meiſter Gervais⸗Chretien, über deſſen Tod in fernen Landen Ihr unterm Volke mancherlei fabelhafte Nachrichten verbrei⸗ ten ließet, noch am Leben ſey; doch kann ich die Veranlaſſung nicht begreifen, weshalb Ihr darüber in Sorgen ſeyn möget, da ja doch kaum irgend jemand mehr von ihm ſpricht, und er als völlig verſchollen zu betrachten iſt. Aller⸗ dings muß ich Euch bekennen, daß ich Euch in Paris vor längerer Zeit, um Euch nicht zu beun⸗ ruhigen, nicht die Wahrheit berichtet habe. Ihr gabet mir nämlich den Auftrag, den Meiſter heimlich aus dem Wege raͤumen zu laſſen, und ich beſtellte zu dieſem Ende vier handfeſte Geſel⸗ len, welche ihm bei dem Thurm von Nesle, in welchen er ſich jeden Abend begab, auflauern, ihn tödten, und ſeinen Leichnam in die Seine — 91— werfen ſollten. Ich ſelbſt war in der Nähe, um Zeuge des Erfolges zu ſeyn.„Euch ſendet Orleans,“ ſprach der alte Hexenmeiſter mit heiſerer Stimme, während von allen Seiten die Schwerter auf ihn eindrangen, aber ein Zauber mußte ihn ſchützen, denn im nächſten Augenblicke war er verſchwunden, und allen hämmerten die Herzen, als hätten ſie den Satan angefaßt,— die vier Geſellen entflohen in Beſtürzung aus Pa⸗ ris, und wie Ihr wißt, hat ſeit jener Zeit nichts mehr von ihm verlautet.— Ich hoffe übrigens feſt, daß Ihr, mein edler Herzog, mich in meiner jetzigen Noth, da alles wider mich iſt, nicht verlaſſen werdet, und Ihr dürfet dann ſtets ſicher auf mich bauen, wenn Ihr einſt, geb's Gott bald, meines Armes bedürfet, um das zu gewinnen, was Euch zuſteht.“ „Pierre de Craon, Ritter.“ Triumphirend ſteckte der Normanne dieſen un⸗ vorſichtigen Brief des Herrn von Craon zu ſich, und rief dann mit Ingrimm:„Alſo auch mei⸗ nen Meiſter habt Ihr auf der Seele? Nun, Gott befohlen, du wackerer Provengale! Weißt du, wohin ich jetzt gehe? Meine Wunden ſind — 92— ziemlich geheilt; ich ſuche meinen Herrn, den König, und will ihm ſagen, was ich weiß; Nor⸗ mannentreue ſoll nicht zum Spottwort alter Weiber werden.“ „Löſe noch zuvor meine Bande!“ heulte Gregoire;„ich habe dir bekannt, was ich wußte; nun halte auch du, was du mir verſprachſt.“ „Glaubſt du,“ entgegnete Robert lachend, „ich hätte es vergeſſen? Ich verſprach dir, wenn du bekennen würdeſt, meine Hand nicht mit deinem Blute zu beſudeln. Und ich wilb's auch nicht. Nein, du witziger Kauz!— Ha, wo bleiben doch jetzt deine höflichen Scherze? — O nein, du ſollſt bleiben, wo und wie du biſt, und es ſoll mir herzlichen Spaß machen, wenn morgen oder übermorgen ein Wanderer des Weges kömmt, und dich losbindet, dann hab' ich längſt meinen König und Herrn getroffen, und, bevor du zu deinem Herzog kömmſt, weiß mein Herr von ihm und von dir, was er zu wiſſen braucht. Und, kommt Niemand, um dich loszu⸗ binden, nun dann gute Nacht, du vortrefflicher Provencale! Der Himmel hat Thau genug für deinen Durſt, und wenn du Hunger bekommen — 93— ſollteſt, ſo denke: die Beſtien des Waldes haben auch Hunger; und wenn dich die Bande ſchmer⸗ zen, dann erinnere dich, daß ſie mich auch ſchmerzten, während du dazu lachteſt,— und meine Bande waren von Eiſen! Mache Quartier für deinen Herrn(wenn du hier verhungern ſollteſt), du weißt ſchon: wo; beſtell' ihm eine warme Stube unten, bei deiner Baſe, des Teufels Großmutter.“ Nach dieſen Worten raffte er Gregoires Schwert vom Boden auf, bediente ſich deſſelben ſtatt eines Wanderſtabes und überließ den Un⸗ glücklichen ſeinem Schickſale. Er wanderte zuerſt nach le Mans und dann nach Paris, um den König aufzuſuchen. Dort erfuhr er den traurigen Zuſtand ſeines theuren Herrn. Die Liebe zu ſeinem König war das einzige Gefühl, welches alle ſeine Adern durch⸗ bebte, der einzige Lichtſtrahl in der Nacht ſeines Lebens. Durch vier Jahren war er unter Halb⸗ Thieren faſt ſelbſt zum Thiere geworden; dieß ein⸗ zige Gefühl: die Treue, aus Dankbarkeit empor⸗ gewurzelt, erhielt ihm die Würde des Menſchen mitten in Grauſamkeit und Rachluſt. Die Nach⸗ — 91— richt vom Gebreſte des Königs gab ſeiner ganzen Kraft einen Todesſtoß. Und doch ließ er nicht alle Hoffnung fahren, und hatte keinen andern Gedanken, als abzuwarten, bis er endlich ſeinen theuren Herrn wiederſehen durfte. Als er zu dem Schloſſe Créil an der Oiſe kam, wurde er abgewieſen. Ein Glück für ihn, daß ihn dort der Herzog von Orleans nicht ſah noch erkennen konnte, welcher ſtets um die Perſon des Königs war, und das tiefſte Mitleid heuchelte, obwohl er im Herzen die Krankheit ſeines Bruders als einen Fingerzeig des Schickſals anſah, welches ihm ſelbſt die Ausſicht auf die Krone freilaſſe. Gegen Robert, welcher bald in engeren, bald in weiteren Kreiſen, wie ein treuer Hund, die Spur ſeines Herrn verfolgte und behütete, hegte niemand Argwohn, denn er ging, nie lange an einem Orte verweilend, als Bettler in der Runde. Bald herbergte er in den um Cröil, Chambly und Senlis rings gelegenen Dörfern und Wei⸗ lern, bald zu Paris in der berüchtigten Cour des Miracles, bald vor den Pforten dieſes oder jenes Kloſters, von deſſen Mönchen er die Elends⸗ zehrung empfing. Maskenball. Das Volk frohlockte und ſandte Dankhymnen zum Himmel empor, denn ſeine Gebete waren erhört worden, Karl war nach wenigen Mo⸗ naten wieder geneſen. Von ſeinem König hoffte das arme, bitter getäuſchte Volk, welches durch die Abſetzung der vorigen Miniſter keine Erleich⸗ terung gewonnen, ſondern vielmehr unter der Regentſchaft der Herzoge von Berry und Bur⸗ gund von neuen Laſten faſt erdrückt wurde, Ab⸗ ſtellung der furchtbaren Willkühr, Löſung von den unerſchwinglichen Abgaben, deren ihm von Tag zu Tag neue und ſchwerere auf den Nacken gebürdet wurden. Der Königin hatte man erſt nach der Geneſung ihres Gemahls von deſſen Un⸗ fall Nachricht gegeben. Tauſend Schrecken und Beſorgniſſe wühlten bei dieſer Kunde, da doch die Gefahr ſchon vorüber war, in ihrem Herzen; denn ſie liebte ihn aufrichtig und innig. Die Einzigen, welche Karls Geneſung mit unmuth — 96— erfuͤllte, waren ſeine unnatürlichen Oheime, welche mit heimlichem Ingrimme einſahen, daß die Zeit ihrer Herrſchaft, deren Zügel ſie gar zu gerne noch lange Jahre fortgeführt hätten, beendigt ſey. Der Herzog von Orleans dachte mit ihnen gleich; denn, ſo wetterwendiſch er ſonſt war, ſo leicht ihn ein Vorſatz, den er heute ge⸗ faßt, morgen anwiderte,— ſo blieb doch die Krone— das unverrückte Ziel aller ſeiner gehei⸗ men Wünſche und Beſtrebungen, und, ſelbſt jeder vereitelte Verſuch, ſie zu gewinnen, brachte nur die Wirkung auf ihn hervor, daß, wie die bran⸗ dende Woge am Felſenriff lauter heult, das kol⸗ lerige Roß durch den Sporn unbändiger ſich bäumt, ſein Verlangen zum Rieſen emporwuchs, zur Harpye wurde, die an ihm ſelber nagte. Ein einziger Troſt wurde ihm, als der König gegen Ende des Jahres dreizehnhundert zwei und neun⸗ zig feierlich ſeinen letzten Willen aufſetzen ließ, und darin für den Todesfall ihn zum Regenten des Königreichs ernannte. Die Oheime des Königs, namentlich Philipp der Kühne, Herzog von Burgund, verfolgten in⸗ deſſen einen Plan, den ſie bereits während der * — 97— Minderjährigkeit des Königs in's Werk zu richten begonnen hatten, und der ihre Wünſche unzwei⸗ felhaft mit günſtigem Erfolge krönen mußte. Sie verlockten den ſchwachen König in einen Strudel toller Vergnügungen, welche ſeine Kraft von al⸗ lem Ernſte, von aller Sorge um die Herrſcher⸗ gewalt abziehen, verſtumpfen und aufreiben ſoll⸗ ten, damit er, überdrüßig der ſchweren Königs⸗ pflicht, ſie ihnen überantwortete. Deßhalb jagte ein Feſt das andere, ein Bankett das andere. Die Sale der königlichen Schlöſſer widerhallten von Saitenſpiel, Minnegeſang, Bechergeklirr und wilden Orgien, deren raſendes Gejauchze das Nothgeſchrei des blutenden Volkes übertönte. Mit ſteigender Angſt ſah die Königin, eine feſte männ⸗ liche Frau, das wachſende Verderben, welches gegen ihren ſchwachen Gemahl heranwogte. Um⸗ ſonſt warnte ſie ihn mit zärtlichen Bitten; kalte Höflichkeit, flache Scherze aus dem Munde ihres leichtſinnigen Gemahls waren ihr Lohn. Schweigend zog ſich die Tiefgekränkte vom bacchantiſchen Tau⸗ mel der Feſte in die öde Wittwenkammer ihres Grams zurück, noch immer den Mann ihres Herzens ſtill fortliehend, aber ohne Troſt, ohne I. 7 Hoffnung, ihn je wieder zu gewinnen. Gebeugt, wie die lange Erwartung des fleißigen Landman⸗ nes, der am Tage der heißerſehnten Ernte, von unheilbrütender Schwüle belaſtet, graue Hagel⸗ wolken am Himmel heraufziehen ſieht, duldete ſchweigend das Volk. Armes Volk! Hundert⸗ tauſende, groß geworden, nicht um Rechte zu ge⸗ nießen, nur um Pflichten zu erfüllen,— aufrecht erſchaffen, und doch von der Wiege an beſtimmt, den Nacken zu beugen,— fleißig im Schweiße des Angeſichts, um die Früchte des Fleißes, mit Thränen begoſſen, von Sorgen herangereift, un⸗ natürlich vergeudet zu ſehen, wie Himmelsgabe, die man im Uebermuthe dem Hunde zuwirft,— Väter von neuen Geſchlechtern, um die Knecht⸗ ſchaft fortzupflanzen,— ein langes ſchweres Men⸗ ſchenalter durchlehend, nur um ſich den Tod wünſchen zu müſſen,— und am Rande des Grabes ſelbſt ohne Hoffnung, daß die Enkel glücklicher ſein würden! Und weßhalb wird ſo viel Fluch geſäͤet, weßhalb werden ſo viele Thränen vergif⸗ tet? Um einen Reif von Metall, der, wenn er gemünzt würde, an Werth viel zu gering wäre, 3 um nur hundert Wittwen und Waiſen von dm Gelde etwa ein Jahr lang zu ſpeiſen! O gewiß muß ein übernatürlicher Zauber in dieſem Gold⸗ reife verborgen liegen, der alle, die darnach ja⸗ gen, blind macht; denn, ſähen ſie ihn mit ge⸗ ſunden Augen, ſie würden vor den Thränen zu⸗ rückbeben, mit denen er beſäet iſt; ſie würden gewahr werden, daß er, glatt und treulos wie eine Schlange, gar zu leicht aus den Händen ſchlüpfen kann. Der Erde Königin, die Sonne, krönt die Könige der Erde mit beſſeren Diade⸗ men, die freilich nur vom Morgen bis zum Abend dauern, aber, weil ſie nur dem Auge erreichbar ſind, nicht der Hand, länger dauern als Reife, die von Menſchenhänden geſchmiedet wurden. Die Sonne iſt freigebig mit ihren Diademen; ſelbſt Leichen krönt ſie damit. Königen nimmt man mitleidig die Goldlaſt von den Häuptern, wenn dieſe keinen Druck mehr fühlen; die drückende Laſt ſelbſt tödtet ſie oft. Arme Fürſten! In dem Pallaſte der Königin Blanka, der edlen Wittwe Philipps von Valois, wurde am 31. Jänner 1393 ein prachtvolles Feſt gegeben* bei welchem der König, ſeine Gemahlin, alle Prin⸗ zen des Hauſes und die Blüthe des franzöſiſchen 7 — 100— Adels verſammelt war. Den Anlaß dazu hatte der Königin Iſabella, welche es veranſtaltete, die Doppelfeier der Geneſung ihres Gemahls und die Vermählung einer ihrer Damen mit einem deutſchen Edelmanne gegeben. Auf dem pracht⸗ vollen Bankette prangten die koſtbaren Tafel⸗ geſchirre aus gediegenem Gold und Silber, welche die Bürgerſchaft von Paris der Konigin am Tage ihrer Krönung zum Geſchenke gemacht hatte, das goldene Schiff mit ſilbernen Wimpeln, die beiden koſtbaren, mit zahlreichen Figuren geſchmück⸗ ten Salzfäſſer, die beiden Ehrenpokale und manch anderes reiches Geſchirr auf Goldplatten hinge⸗ ſtellt, desgleichen die beiden aus Silber getrie⸗ benen Baſſins, aus denen durch eine künſtliche Vorrichtung Springquellen der beſten Weine em⸗ porſchoßen. Holdſelige Muſik klang hinter den Tapeten, und auf hohen Candelabern duftete das erleſenſte Rauchwerk, die trefflichſte Spezerei, die je aus dem Morgenlande nach Frankreich ge⸗ bracht worden war. Nach beendigter Tafel entfernte ſich der Kö⸗ nig mit einer kleinen Anzahl ſeiner Freunde, um die Frauen binnen Kurzem durch ein neues Schau⸗ — 101— ſpiel zu überraſchen. Der Herzog von Orleans blieb unmuthig zurück, und verſcheuchte ſich die böſen Gedanken dadurch, daß er, ſeine Gattin gänz⸗ lich vernachläßigend, ſich dem Fräulein Mariette d'Enghien näherte, und mit dieſer einen Wett⸗ kampf von Scherzen begann. Sie war vor dem Minnehofe als Siegerin öfters ſeine zugeſprochene Dame geweſen, und ſchien ſich dieſes Triumphes zu erfreuen;— in der That, wenn Jugend, An⸗ muth und geiſtreiches Weſen eine Dame zur Sie⸗ gerin von Männerherzen machen können, mußte ſie über viele ihres Geſchlechtes und ebenſo gewiß auch über Orleans den Triumph erringen, welcher eben ſo leicht von weiblichen Reizen gefeſſelt werden konnte, als er durch männliche Schönheit, Gabe der einſchmeichelnden Rede und edles fürſt⸗ liches Weſen die Aufmerkſamkeit der Frauen und ſelbſt ihre tiefere Neigung zu gewinnen verſtand. Die Herzogin von Orleans verließ, durch Ma⸗ riettens Anblick gekränkt, den Saal, und be⸗ gab ſich in ein einſames Seitengemach, um ſich ihrem Kummer ungeſtört überlaſſen zu können. Manigfache Gedanken und Gefühle durchkreuzten ihre Seele; manche Sorge und bange Ahnung — 102— ſtieg drohend vor ihr auf. Sie gedachte mit Weh⸗ muth der ſchönen Vergangenheit, der erſten Zeit ihrer Liebe zu Orleans, ihrer ſtolzen Hoffnungen; und plötzlich wieder bebte ſie vor der Erinnerung an den Plan, den ſie begonnen, um ihren Ge⸗ mahl zu erhöhen; ſie ſchauderte davor zurück als wie vor einem geheimen Frevel, vor einem Fluche, der ſie ſelber treffe; der Anblick des armen Kö⸗ nigs in ſeinem furchtbaren Leid trat ihr auf's Neue lebhaft vor die Seele. Mitleid iſt wie ein Maiblümlein; achtlos zertreten, hebt es ſich wie⸗ der empor, und mahnt uns durch ſüße Düfte, daß es noch immer blühe und unaustilgbar ge⸗ pflanzt ſei. So erging es auch Valentinen, wenn ſie an den König dachte, den ſie früher nur wie einen gebornen Feind und Nebenbuhler ihres Gat⸗ ten betrachtet, gehaßt und verderben gewollt; jetzt konnte ſie nicht an ihn denken, ohne Thraͤ⸗ nen des Mitleids erſticken zu müſſen, die ſich um ſo heftiger hervordrängten, da Valentine ſich von Schuld nicht frei wußte, und ſich ſelbſt voll Ent⸗ ſetzens heimlich anklagte, durch den Liebestrank ſei des Königs Krankheit herbeigeführt worden. Sie ſaß, dieſen Gedanken nachhängend, noch — 103— immer in dem einſamen Gemache, wo der laute Jubel des Feſtes und die fröhliche Muſik nur ſchwach und gedämpft widerhallte, als plötzlich ein hoher gewaltiger Mann vor ihr ſtand, in phantaſtiſchem Gewande, faſt heidniſcher Tracht, das Geſicht nach Faſtnachtsſitte verlarvt, einen Turban auf dem Haupte. „Wer iſt dieſer?“ rief ſie zuſammenzuckend, und vom weichen Pfühle entſetzt auffahrend. Der Vermummte faßte ſie am Arme und nö⸗ thigte ſie zum Sitzen; dann ſprach er dumpf und eintönig:„Du fragſt, wer ich bin? Weib des Orleans, ich bin Orlean's Feind.“ „Weh mir! was willſt du beginnen?“ rief Valentine zagend. „Ich habe nichts mehr zu beginnen,“ erwie⸗ derte der Unbekannte ſo marklos, als dringe ſeine Stimme aus einem eingeſargten Jahrhunderte; „mein Tagewerk iſt abgethan. Ein Verbrechen ſteht am Markſteine meines Lebens.“ Valentinen erſtarb der Angſtruf auf den Lip⸗ pen; als ſie ſich jedoch aufraffen und entfliehen wollte, hielt die Maske ſie zurück und fuhr, wäͤh⸗ rend aus den fernen Sälen Muſik und laute Feſt⸗ — 104— lichkeit zuweilen die langſamen Worte unterbrach, alſo fort:„Das iſt die Mummerei der Welt. Wir wollen richten, und erliegen ſelbſt unter dem Hammer des Gerichts. Wir wollen frei ſein, und dienen nur dem Schickſal. Ein gutes Werk wollte ich in's Grab mitnehmen, und trage auf jedem Arme einen Mord hinab. O blindes Schön⸗ bartſpiel!“ „Ihr ſeid—“ ſtammelte Valentine; der Un⸗ bekannte unterbrach ſie und ſprach mit unverän⸗ dertem Tone: „Biſt du nicht des Orleans Weib? Du biſt's, o ich kenne dich trefflich, du biſt's; nun, ſo höre mich auch! Auf dich lade ich hier die Hälfte meiner Schuld, und ich ſage dir wahrlich: du wirſt ſchwer genug daran zu tragen haben, denn es wächſt der Fluch wie ein üppiges Unkraut rings aus dem goldnen Saatfeld: Frankreich, je⸗ den Keim des Segens erſtickend, bis ein neues Geſchlecht herangereift ſein wird. Bruder wüthet gegen Bruder, Eltern zerfleiſchen die Kinder, und das iſt dein Werk, Weib des Orleans! Tugend und Treue wird ſchlechter gelten als falſche Münze, und verfliegen wie Spreu im Winde. Weib des — 105— Orleans, das ſtammt von dir! Frankreich ſpal⸗ tet ſich wie ein großes Grab, und auf dem Ra⸗ ſen wachſen nicht einmal Blumen; ſchau, es wird kommen, daß fremde Roſſe mit blutigen Hufen den Namen Frankreichs zerſtampfen, und das iſt dein Werk, denn du führſt den Namen Orleans. Schande wirſt du alleinzig als Diadem tragen, ſtatt dieſer Krone von Frankreich, und mit Kum⸗ mer dein Brod eſſen, und Thränen trinken aus jedem Becher, den du dürſtend an die Lippen ſetzeſt; denn du haſt zwei Morde auf der Seele um dieſen Orleans, deſſen Leben vergantet iſt!“ „Hilfe, Hilfe!“ kreiſchte Valentine entſetzt, und wollte ſich aus den Händen des Vermummten losringen; dieſer aber ſprach, ohne ſich beirren zu laſſen, weiter:„Was frommt dies, die Büttel zu rufen, die mich tödten ſollen?!— Meine Uhr iſt abgelaufen. Ich weiß, daß ich in Staub zerfalle. Wehe! wehe! Achtzig Jahre gelebt zu haben, und mit einem doppelten Mord aus der Welt zu gehen! Aber das Weib iſt die Schlange, und die Schlange ſprach die Lüge, und aus der Lüge wächſt der Tod. Du haſt mich betrogen, da du für Orleans einen Liebestrank begehrteſt! — 406— verantworte dich hier und dort! Die Lüge ſäugt den Mord. So hätſchle ihn, hätſchle ihn an dei⸗ nem Buſen, üppiges Weib, ich ſchüttle ihn von mir ab; was klammert er ſich ſo um mein Herz?! Für Orleans hab' ich keine Liebestränke brauen gelernt; Gift iſt meine Liebe für Or⸗ leans, und das habe ich gebraut. Wehe über meinen armen König, wehe über den unglück⸗ lichen Luſignan! Die Hefe des Tranks war nicht das Bitterſte. Aber dreimal Weh' über dich, denn du biſt ein Weib, und nennſt dich Valentine von Orleans!“ „Gervais!“ rief Valentine ſchaudernd, als er ihre Hände losgelaſſen hatte, und ſank ihr Antlitz verhüllend, ſinnlos zurück. Als ſie ſich nach ge⸗ raumer Weile wieder erholte und erhob, ſuchten ihre Blicke ihn vergebens. Er war verſchwunden, ſpurlos, wie er gekommen war. Inzwiſchen bot ſich den Frauen, welche in den Prachtſälen des Schloſſes verſammelt waren, ein unerwarteter beluſtigender Anblick. Herein trat eine Reihe fabelhafter Götter von abenteuer⸗ lichem Ausſehen; namentlich zeichneten ſich ſechs — 107— Waldgötter aus, deren fünf mit Ketten aneinander geſchloſſen waren, während der ſechſte ſie herein⸗ führte, und vor den Damen zierliche Tänze auf⸗ führen ließ. Auch außer dieſen ſechs erſchienen einige edle Herren, in die bunteſten Kleider ver⸗ mummt, je nachdem die Laune der Faſtnacht ſie begeiſtert hatte. Hinter den prachtvollen nieder⸗ ländiſchen Teppichen, mit welchen der Saal ge⸗ ſchmückt war, erſcholl auf's Neue die luſtigſte Muſik, alle Frauen zum Tanze verlockend, wel⸗ chen ihnen die heidniſchen Götter in mannich⸗ fachen anmuthigen Wendungen anboten. Bald miſchten ſich auch diejenigen Edelleute, welche in ihren eigenen Kleidern geblieben waren, in den allgemeinen Reigen; nur der Herzog von Or⸗ leans, welcher die Faſtnachtsluſt mit bitteren Spottworten als Thorheit geißelte, blieb noch einige Zeit, unmuthig an einen Pfeiler gelehnt, ein müßiger Zuſchauer, nachdem der Seigneur Boucicault die ſchöne Mariette d'Enghien zum Reigentanze abgeholt hatte. Eine geraume Weile ſtand er noch, mit den Blicken die Tänzer verfol⸗ gend, als er plötzlich, wie hingeſpornt, eine Fackel ergriff, ſich in den Reigen miſchte und einige — 108— Takte lang den übrigen voran tanzte. Jetzt nä⸗ herte er ſich wie von ungefähr den ſechs Wald⸗ göttern und ſteckte, den eignen Witz heiſer belachend, raſch den Flachsbart des einen in Brand. Sie waren alle vom Fuß bis zum Koöpf in Flachs und Wolle gemummt; da fünf von ihnen mit Ketten aneinander geſchloſſen waren, und der ſechſte ſich darein geſchlungen hatte, pflanzte ſich das Feuer wie ein toller Schwank raſch fort. Der ganze Kreis der andern Tänzer ſtob entſetzt auseinander. In hohen, weiten Sprüngen, wie blind, wie ſinnlos, wie gefangene Skorpione ſtrebten und ſtreiften die Waldgötter ſich der flam⸗ menden Kleider zu entledigen, und fachten eben durch die gewaltige Bewegung den Brand noch ärger an. Schon fraß er bei einigen tiefer und tiefer durch bis an Haut und Gebein, endlich ge⸗ lang es, die Ketten zu ſprengen. Wüthend und heulend flogen ſie auseinander; vor ihnen, ſtatt ihnen Hilfe zu leiſten, flüchtete jeder, der ihnen in den Weg kam.„Rettet mich, rettet mich!“ ſchrie Einer mit der letzten Kraft der Verzweif⸗ lung. Ha, gerechter Gott! das war des Königs Stimme!—„Hilfe, Hilfe!“ ſtöhnten und wim⸗ — 109— merten Hugues de Guiſſay, Aymard de Poitiers, der Baſtard von Foix und der Graf von Joigny, die vier andern, wild durcheinander. Wie reißende Thiere die Trümmer ihrer Ketten ſchüttelnd, toll⸗ ten ſie durcheinander, vom Scheine der Flammen verblendet, den Ausgang zu finden; aufgehalten durch das allgemeine Gewühl derer, die vor ih⸗ nen flüchteten. Nur der fünfte, Jean de Nan⸗ touillet, gewinnt die Pforte, fliegt in wallenden Flammen, die Treppe hinabzueilen, und ſtürzt ſich in ein großes Baſſin, daß es ringsum aufziſcht, wie von glühendem Eiſen.„Rettet, rettet mich!“ ſchallt des Königs Stimme wieder.„Ha, mein Gatte, mein Gatte!“ ſchreit die Königin, ihn er⸗ kennend; ſie will auf ihn zueilen; aber der Schreck hemmt ihre Tritte, ohnmächtig ſinkt ſie drei Schritte vor ihm zuſammen. Da ſtürzt, von dem Noth⸗ rufe herbeigelockt, die Herzogin von Orleans athemlos in den Saal.„Wo iſt der König? Mein König! Mein armer König!“ ruft ſie. „Hier bin ich, rettet, rettet!“ heult der Fürſt in den Flammen und ſtrebt vergebens, mit den nackten Händen die brennenden Kleider vom Leibe zu reißen. Valentine eilt dem Tone ſeiner Stimme nach, will ihn umſchlingen, will mit der weiten Schleppe ihres Gewandes das Feuer erſticken. Aber im ſelben Augenblick iſt ſie von zwei gewal⸗ tigen Fäuſten derb angepackt und zurückgeſchleu⸗ dert worden. Robert war's, der den ganzen Abend hindurch an der Schwelle des Pallaſtes geſeſſen hatte, um den Augenblick abzulauern, wann er endlich ſeinem Könige nahen dürfe. Jetzt in der Todesnoth ruft ihn Gott ſelbſt. Feſt umſchlingt er den Flammenumlekten mit ſehnigen Armen, wirft ihn zu Boden, breitet ſich über ihn, und ruht nicht, bis er durch ſeinen eigenen Leib die Flamme erſtickt. Doch der Faſtnachtsſchwank will ſein Recht. Die Flamme fällt wie ein ge⸗ reizter Tieger den Retter an, verzehrt ihm die Lumpen des Bettlergewandes, frißt durch. Dicht am treuen Herzen verbrennt ihm dabei— der ſorglich bewahrte Brief Craons an Orleans.— Als er den König gerettet ſah, warf er ſich auf die Kniee und dankte, noch mit rauchendem Haar und glimmenden Lumpen auf dem Leib, ſeinem Gott. Wie athemlos ſtarrten alle rings im Saale, der Herzog von Orleans wie vernichtet. Erſt nach einigen Minuten gewahrte der — 111— Normanne, um welchen Preis er ſeinem Könige das Leben gerettet habe, richtete ſich auf, und ſuchte ſich der Flammen zu entledigen. Aber dumpfſtöhnend vor unſäglichem Schmerz ſank er wieder zu Boden. Der König hatte ſich indeſſen langſam empor⸗ gerafft und ſtarrte, halb ſinnend, halb träume⸗ riſch betäubt, den Normannen an. Er vermochte kein Wort aus der dürren Kehle herauszupreſſen, bis er in ſeiner Exinnerung die Gewißheit fand, daß er denſelben Mann vor ſich ſehe, der ihn im Forſte vor le Mans ſo dringend gewarnt habe. Während er ſo auf ihn hinſtierte, ſtürzte der Herzog von Orleans zu ſeinen Füßen, und rief in leidenſchaftlicher Aufwallung, ſeines Bruders Kniee umfangend:„O mein königlicher Bruder! Nicht eher erheb' ich mich, bis Ihr mir den frevelhaften Leichtſinn verzeiht, deſſen entſetzliche Folgen nur Gottes Hand abwendete.“ „Was fällt dir bei, Louis?“ erwiederte der König, noch wie von einem Traume befangen. „Ich war es,“ wiederholte Orleans;„ich, ich! Vergieb mir! Haſſe mich nicht!“ „Wann hätt' ich dich je gehaßt, mein Bru⸗ der? Es war ein unſeliger Zufall. Die Hand des Himmels hat meinen heidniſchen Aberwitz beſtraft,“ verſetzte der König lächelnd;„ſteh' auf, Louis, und hilf mir dieſen Bettler empor⸗ richten, der mir das Leben gerettet.“ Er neigte ſich zu Robert hernieder, Orleans that, willig oder nicht, desgleichen, um dem Nor⸗ mannen aufzuhelfen. Als dieſer des Herzogs Hand fühlte, zuckte er ſchmerzhaft zuſammen, als griffe er jetzt erſt in die Flammen, er faßte mit beiden Händen des Königs Rechte, krümmte ſich zu ſeinen Füßen, und ſtöhnte:„Schütze mich, mein König!“ Der Inſtinkt ſchrie thieriſch gewaltig aus ihm. Orrleans erbleichte bis tief in die Lippen, als er Roberts Stimme und Antlitz wieder erkannte, doch faßte er ſich raſch, und ſprach mit erkünſtel⸗ ter Kälte und erheucheltem Mitleid zu ſeinem Bruder:„Der Arme ſpricht irre. Die Gefahr und der Schmerz haben ſeinen Geiſt zerrüttet.“ „Haro!“ heulte der Normanne, ſich mit letz⸗ ter Kraft aufraffend und an den König klammernd; „verlaß mich nicht, mein Herr und König! Bei dem Leiden des Heilands, verlaſſe mich nicht! — 113— Rette, rette mich, mein König; ich will nur dieß Eine als Gnade! ſonſt läßt er mich zum zweiten⸗ mal in Eiſen und Bande ſchlagen, hinſetzen an den Ort des Entſetzens, mich zuſammenſchmieden mit den Raſenden.— König, mein König! ſchau! Ich bin nicht wahnſinnig; nur wund zum Tode bin ich— für dich. Und dafür ſei barmherzig und dafür——— Ich kann nicht weiter, o, ich bin hin!— nur noch einmal deine gute, liebe Hand! Nur frei! Nur frei!——— Der König, welcher ſeine Reden nicht ver⸗ ſtehen konnte, weinte vor Mitleid; furchtbar⸗ ſchmerzlich, grauſig hatte ihn aus dem Munde des Normannen die Erwähnung des Wahnſinns getroffen; er gedachte an ſein eigenes Gebreſt', von dem er erſt ſeit ſo kurzer Zeit geneſen war. Er zweifelte jetzt, ob er wirklich geneſen, nicht eben jetzt toll geweſen, nicht eben jetzt toll ſei! Eben ſo bitter preßte ihn die Erinnerung auf der Seele, daß er eben dieſen ſeinen Retter im Forſte bei le Mans„Verräther“ geſcholten. Orleans hatte indeſſen mehrere Aerzte berufen laſſen, um die Schaͤden des Königs und der fünf Edelleute zu unterſuchen. Als die weiſen Meiſter J. 8 iſhre Worte mit keinem einzigen freundlichen Blicke, — 114— zu dem Könige traten, hieß dieſer ihnen, zuerſt zu dem Normannen zu treten, und ſeine Brand⸗ wunden zu erforſchen. Sie erklärten nach kurzem Bedenken, daß deſſen Leben verloren ſei. „Um meinetwillen verloren!“ jammerte der König, ſich zu dem Normannen nieder nei⸗ gend;„wie? Nein! es kann nicht wahr ſein. Wären mir nur jene treu, welche ich im Wahn⸗ ſinne für treulos halte? Fluch dem Loſe der Fürſten, wenn ſie die Treue ihrer Diener erſt durch deren Tod kennen lernen.— Nein, nein! ſage mir's Keiner, ich kann's nicht glauben, daß der Arme verloren ſei. Bringt ihn in's Louvre, ſparet nichts an Mitteln, um ſeine Brandwunden zu heilen, und ſein Leben zu erhalten. Zwanzig Mark Silber dem, der mir zuerſt die Gewißheit bringt, daß er gerettet wird.“ Inzwiſchen hatte ſich die Königin aus ihrer Ohnmacht erholt, und eilte in die Arme ihres Gemahls.„Du biſt am Leben, Gott ſei geprie⸗ ſen!“ rief ſie, wankend vor Freude; ihr Herz ſuchte das ſeine. Aber der König, jetzt von einer Leidenſchaft, der des Mitleids, völlig hin⸗ geriſſen, achtete ihrer Zartlichkeit nicht, erwiederte 4 — 115— wies ſie ſchier wie eine Zudringliche zurück, und wendete ſich blos zu dem Normannen, welchen man bereits auf eine Bahre gelegt hatte, und aus dem Saale fortbringen wollte.„Nicht ſo allein! ich duld' es nicht. Ich will dich ſelbſt geleiten, du treuer Mann,“ ſprach der König, von einer feſten Idee immer heftiger beherrſcht; „ich will ſelbſt an deinem Lager wachen;— ach, Treue iſt ja ein Iuwel, dergleichen ich nicht viele ächte beſitze, und ein Iuwel läßt man nicht ſo leichten Kaufes; behüten, wie du mich, abringen will ich dich dem diebiſchen Tod'.“ Die Königin und der Herzog thaten alles Mögliche, um ihn von dieſem Vorſatze abzubrin⸗ gen, beide aus verſchiedenen Gründen; die Köni⸗ gin, weil ſie beſorgte, daß die heftige Gemüths⸗ bewegung ihres Gatten einen Rückfall ſeines furcht⸗ baren Gebreſtes verurſachen möchte, der Herzog, weil er von der Geneſung des Normannen das Aergſte befürchtete. Aber je mehr Widerſpruch der König erfuhr, deſto ſtarrſinniger beharrte er auf ſeinem Vorſatz, und begleitete wehklagend ſeinen Retter in's Loupre. 8* — 116— Todtename. In der herrlichen Kirche unſerer lieben Frau zu den Celeſtinern in Paris wurde einige Wochen nach jenem Belſazars⸗Mahle eine doppelte Leichen⸗ feier begangen. Die Wände der Kirche waren. mit ſchwarzen Sammttüchern behangen, viele hun⸗ dert Kerzen flimmerten rings um zwei Catafalke; je ſechs und ſechs Mönche wechſelten im Gebet und Pſalmgeſang, knieend vor den Bahren des Königes von Armenien, Leon de Luſignan, und des königlichen Dienſtmannes Robert des Nor⸗ mannen. Der Arme hatte noch lange an ſeinen tödtlichen Brandwunden gelitten; durch die wü⸗ thenden Schmerzen ſinn⸗ und ſprachberaubt, lag er auf dem Siechbett, nur in thieriſchem Geheul ſein Daſein kund gebend, bis der Tod ihn endlich erlöſte. Der König, der allen Vorſtellungen zum Trotz bis dahin an ſeinem Lager gewacht hatte, Tage und Naͤchte lang,— befahl im ungemäßigten Schmerz, daß man den treuen Normannen mit — 117— koniglichen Ehren beſtatten ſollte. Seine Gattin und ſeine Oheime, vor allen aber der Herzog von Orleans, hatten ihn mit Gewalt zurückhalten müſſen, daß er nicht ſelbſt dem Leichenbegängniſſe beiwohnte. Vier Edelleute mußten, auf Iſabellens und der Herzoge Befehl, vor den Pforten des krankhaft aufgeregten Königes wachen, daß er nicht enträͤnne. Als er ſich gefangen ſah, empörte ſich der gekränkte Geiſt in wilder Raſerei.„Wer hat euch befohlen, meine Schwelle zu bewachen?“ zürnte er den Edelleuten zu. „Die Königin, Sire! und der Herzog von Orleans,“ erwiederten die Edelleute. Die Antwort traf ſein Ohr wie ein Donner⸗ ſchlag.„Ha!“ rief er, da ſich ſein Geiſt immer heftiger verwirrte;„wer iſt denn dieß Weib, das mir allenthalben in den Weg tritt?“ In dem⸗ ſelben Augenblicke ſchritt die Königin aus ihren Gemächern, und eilte, da ſie ihren Gemahl in ſo heftiger Aufregung ſah, beſorgt auf ihn zu.„Um Gott!“ ſprach ſie ängſtlich, ſich an ihn ſchmiegend, „was geht hier vor? Was willſt du beginnen, mein Gatte?“ Karl ſtarrte ſie mit lebloſen Blicken eine ge⸗ raume Weile an; die Glocken vom Dom der Ce⸗ leſtiner hallten dumpf und ſchwer in abgemeſſenen langnachſummenden Schlägen in die öden Hallen des Pallaſtes herein. „Horch!“ begann der König, zuſammen⸗ gekauert, wie in Furcht, leiſe zu den Edelleuten; „ſagt an, ihr vier Todtengräber! was habt ihr da für ſeltſame blinkende Spaten? Iſt hier ein Grab zu wühlen? So laßt uns—(ſtecht mit euren ſpitzigen Spaten tief in die Erde) laßt uns dem erbärmlichen Könige von Frankreich eine Grube graben; dieſer Aermſte hat keinen mehr auf der Welt, der ihn liebt, was ſoll er noch auf Erden, ungeliebt, bedroht, verfolgt, ohne Kraft, ohne Seele? Ich bin nur ein armer Mann, ſelber ein Bettler an Liebe, aber ich will euch eure Mühe belohnen, wenn ihr dem Könige eine Grube grabt, wo ihn kein Verrath mehr findet; ihr ſollt Waldgötter werden; ſeid ihr's zufrieden? Gebt mir die Leichenfackel;'ne Fackel her,'ne Fackel, daß wir ſie am Grabe der Treue um⸗ ſtürzen.— Gebt Raum! Ich will beten gehn. Zum Teufel mit euren Spaten! Was ſenkt ihr ſie gegen meine Bruſt ſo ſcharf, juſt ſo nach Blut — 119— züngelnd, als wäre ich der tolle König von Frank⸗ reich, der arme Mann, der ſeine Freunde für Verräther hält, und ſeine Verräther für Bluts⸗ verwandte? Nicht für alles Gold Perſiens möchte ich jener armſelige König von Frankreich ſein.— Hal! da gleißt mir was in die Augen. Was iſt das für ein ſeltſames Wappenthier in dem bunten Fenſter? Iſt's ein Hirſch? Ganz recht; ein be⸗ trogener Ehemann, er trägt ein Band mit Ge⸗ ſchrift am Halſe. Ha! das iſt das Narrenſeil, ich merk's, woran ihn ſein Weib gängelt. Pfui! pfui! pfui! Wer hat mir das verdammte Thier hier in's Fenſter geſetzt?“ „Sire! es iſt Euer eigenes Wappen,“ erwie⸗ derte ehrerbietig einer der vier Edelleute. „Das lügſt du, Schurke!“ raſete der König; „wann hätte ich ein ſolches Wappen geführt? Da ſteckt mein Wappen,“ ſchrie er, ſich mit geballter Fauſt vor die Stirne ſchlagend,„da drinnen liegt die Schlange, die mich gebiſſen.— Ha, jetzt erkenne ich's, es iſt jenes tollen Königs von Frankreich Wappen. Ein König und toll? Pfui, pfui, pfui! Laßt ihn vor Scham zum Schatten zuſammenſchwinden. Ich bitte euch, — 120— ihr Herrn, denkt nur: ein König!— und toll?! — Hinweg mit ihm aus der Welt! Er begeht Hochverrath an der Majeſtät! Tilgt ihn aus, blaſt ſein Gedächtniß in die Luft. Pfui! ein König und kindiſch! Ich haſſe ihn, wie die Sünde,— hinweg mit ihm! Ich will nichts ſehen, was mich an ſolche Schande der Mannheit erinnert! Reißt ſeine Wappen ab, uͤbertüncht ſeinen Namen, ſetzt in der Chronik an deſſen Stelle einen Blutfleck. Hinweg, ſcheußlicher An⸗ blick, hinweg, und zum Teufel mit allem, was mich an dieſen König erinnern kann.“ Da ſtieß er die Fauſt in das Fenſter, und zerſchmetterte ſein Wappen. Wie verſteinert ſtanden die Edelleute, rathlos, was ſie bei dieſem neuen Ausbruch des Wahnſinns ihres Königs beginnen ſollten. „Horch! er ruft mir,“ begann der König wieder, während neue Glockenklänge an ſein Ohr ſchollen.„Ich komme, ich komme, dich noch einmal zu ſehen, den ich um ſeiner Treue willen getödtet.“ Er wollte fort eilen; die Königin warf ſich ihm in den Weg, und beſchwor die Edelleute, — 121— ihn nicht von hinnen zu laſſen; ſie wollte ihren Gatten nicht in einem ſolchen Zuſtande den Augen des Volkes Preis geben.„Bleib', o bleib', mein Gatte!“ rief ſie im höchſten Schmerze, leiden⸗ ſchaftlich ſeine Kniee umklammernd;„ich laſſe dich nicht fort, du darfſt nicht von hinnen.“ „Wer biſt du?“ ſchrie der König, ſinnlos, gereizt;„hinweg, zudringliches Weib! Hemme meine Schritte nicht!“ „O mein Gott!“ jammerte auf's Aeußerſte gebracht die Königin;„kennſt du mich nicht mehr? Ich bin Iſabelle, deine Gattin.“ „Meine Gattin? du Schlange!“ raſete der König, mit allen Kräften ſich von ihren Händen losringen wollend;—„Jſabelle? Heißt nicht ſo die Königin von Frankreich? Fluch über ſie, und über Jeden, der mit jenem tollen Könige zu ſchaffen hat. Ha, meinſt du, ich ſei nicht bei Sinnen? Wohl bin ich's, und lache den König aus, und bin mehr als er, denn ich bin frei. Fort mit dir, du Schlange, die mich feſſeln will; ich dulde keine Feſſeln, fort! ſage ich, oder ich er⸗ würge dich; denn auf deinem Antlitz ſteht Falſch⸗ heit geſchrieben. Ja, ja! du ſiehſt jenem Weih —- 122— ähnlich, das den König toll machte!— Was? heuchelſt du auch noch Liebe? Schlange! Schlange! Du weißt: ich haſſe dich, du weißt: ich gebe dich auf! Hahaha! die Frauen von Toulouſe und Montpellier ſpotten dein, und weiſen dir des Kö⸗ nigs Faveurs durch Brief und Siegel! Hinweg mit deiner erlogenen Tugend; du lauerſt blos der Sekunde, wann der ſüße Schlaf, der Wahn⸗ ſinn über den armen Karl kommt— und pfui dann über Frankreichs Lilie! Herab mit dem Schleier! Auf den Markt! Hahaha! Karl und ein tugend⸗ haft Weib?! O geh! geh! wir beide müſſen wett werden! Ha! wie dein Auge jetzt gleißt! Jetzt biſt du's, jetzt! Ein Tiegerthier blickt mich an; Hohn und Untreu auf deinen Lippen; Fluch und Schande mit deinem Namen! Laſſe mich los! deine Berührung brennt wie wildes Feuer. Ich haſſe dich von Sekunde zu Sekunde grimmiger, als eine Natter; fort, fort mit dir,— Treu iſt todt;— Karl und ein trenes Weib?! hahaha! Fort!l ich verabſcheue dich wie jenen tollen König.“ Wie ein wüthendes Wild riß er ſich von ihr los und ſtieß ſie mit dem Fuße von ſich, daß ſie zu Boden taumelte. Dann entraffte er einem — 123— der Edelleute, welche mit Grauſen ſeine Rede gehört hatten und regungslos auf die unglückliche Königin ſtarrten, das Schwert, ehe ſich's dieſer verſehen konnte, und floh, als jage hinter ihm eine lechzende Meute, aus ſeinem Pallaſte. Keiner der Edelleute dachte in der erſten Be⸗ ſtürzung daran, dem Könige nachzueilen; ſie be⸗ mühten ſich, Iſabellen in's Leben zurück zu ru⸗ fen. Als dieſe zuerſt wieder die Augen aufſchlug, und die Männer gewahrte, welche Zeugen ihrer Schmach geweſen waren, ſtieß ſie einen durch⸗ dringenden, unartikulirten Schrei aus, und winkte, ihr Antlitz verbergend, ihnen ſtumm und heftig, ſich augenblicklich zu entfernen. Zögernd erfüll⸗ ten die Edelleute den Willen der Königin. Als ſie fort waren, erhob ſich Iſabella langſam vom Boden, blickte ſtarr vor ſich hin, als wollte ſie ſich erſt überzengen, ob nicht alles doch ein Traum geweſen, preßte dann ihre beiden Hände vor das todtenblaſſe Antlitz, und wandelte leiſen Trittes, das Haupt allmählig höher und ſtolzer emporrich⸗ tend, die Augen von unheimlicher Glut durch⸗ zuckt, wie eine rächende Eumenide ihren Gemä⸗ chern zu. An der Schwelle blieb ſie nochmals — 124— ſtehen, wendete langſam das Haupt zurück, hef⸗ tete einen unheilvollen Blick auf die Stelle, welche Zeugin ihrer Schmach geweſen war, und erhob unwillkührlich den einen Arm, als ſchwänge ſie einen Dolch. Dann verſchloß ſie ſich in ihr Gemach. Iſabellens ganzes Weſen war ſeit einer Stunde anders geworden. Liebte ſie auch ihren Gemahl nicht mit jener unergründlichen Kraft des ganzen Lebens, mit der freilich nur ein Weib lieben kann, liebte ſie ihn auch nicht ſo heilig, als Engel lieben können,— ſie hatte ihn doch geliebt! Aber eben weil ſie ihn geliebt, und ſich jetzt von ihm zurückgeſtoßen, mißhandelt, gehaßt, verachtet fand, haßte ſie ihn jetzt, haßte ihn, als hätte ſie ihn ſeit ſeiner Geburt gehaßt, und als wäre ihr Haß mit jedem kom⸗ menden Jahre herangewachſen; Zeugen waren dabei geweſen; ſie haßte ihn, wie der Tod alles Lebendige. Ein liebend Weib kann die Schande des Mannes freudig theilen, nimmt ſie gern als Ehre auf ſich; des Mörders Weib rennt an's Schaffot; es hat nur Einen auf der Welt, es weiß, daß eben der Eine niemand ſonſt auf 5 — 125— Erden hat. Ein liebend Weib kann die Verach⸗ tung von Tauſenden auf ſich nehmen um des Ei⸗ nen willen; aber die Verachtung des Ei⸗ nen zerbricht ihr das Herz, oder verwandelt ſie zur Megäre. Iſabellens Argwohn las in den Wahnſinns⸗ worten ihres Gatten den wahren Ausdruck ſeines Herzens, deſſen rückſichtsloſer Leichtſinn ihr längſt manche kummervolle Stunde geboren hatte. Zeu⸗ gen ihrer Schmach zu haben! Sie war in der kurzen Friſt vom Weibe zum Manne geworden, ſie ſchwor ſich einen furchtbaren Eid, öffent⸗ lich, wie ſie beſchimpft worden war, der Welt zu zeigen, daß ſie die Makel tilgen könne; ihr Gatte erſchien ihr wie ein unwürdiges Spielzeug, das ſie ſtolz aus der Hand werfen wolle; zu herrſchen ſchwor ſie, damit Frankreich ſeine Königin fühle. In der Kirche unſerer lieben Frau zu den Celeſtinern ſang man indeſſen das Todtenamt für den König von Armenien und Robert den Nor⸗ mannen. In vergitterten Chorſtühlen wohnten — 126— der Herzog von Orleans und ſeine Gattin, der Herzog von Burgund, ſeine Gemahlin Marga⸗ rethe, Valentinens Todfeindin, und der Graf von Nevers, ihr Sohn, die Herzoge von Berry und Bourbon mit ihren Gemahlinnen dem Trauer⸗ gottesdienſte bei. Der Prévot von Paris, der gelehrte Kanzler der Univerſität, Juvenal des Ur⸗ ſins, damals Prévöôt der Kaufmannſchaft, der Abt von St. Denys, die Doktoren der Hoch⸗ ſchule, die Blüthe des Adels und die Häupter der Geiſtlichkeit hatten um die beiden Catafalke einen weiten Kreis geſchloſſen. Eine unzählige Menge Volkes füllte die übrigen Räume der herr⸗ lichen, erſt unter dem höchſtſeligen Könige Karl V. erbauten Kirche. Einen gewaltigen Abſtich zur Trauerfeierlichkeit gewährte der Prunk jener Kir⸗ chen⸗Schätze, welche heute zur Schau ausgeſtellt waren, die Statue St. Peters von gediegenem Silber, das große ſilberne Crucifix, das reich⸗ übergoldete Bild der Himmelskönigin, und die zahlreichen Geſchenke der Lieb⸗Frauen⸗Brüder⸗ ſchaft, welche größtentheils aus hohen Wurden⸗ trägern des vorigen Königs beſtand. Als die Todtenmeſſe bis zur Wandlung abge⸗ — 127— ſungen war, feſſelte ein unerwarteter Anblick die Aufmerkſamkeit der Verſammelten. Mit nacktem Schwerte erſtürmte ſich der König barhäuptig, geſträubten Haares, rollenden Blickes den Ein⸗, gang in das überfüllte Gotteshaus, und freie Bahn bis zu den Trauergerüſten.„Wo liegt mein Opfer?“ ſchrie er, das Schwert über ſeinem Haupte ſchwingend;„laßt mich noch ein⸗ mal mein Opfer ſchauen, dem die Treue den Tod gegeben. Fluch über Treue, wenn ſie nur tödten kann! Ihr Weſen iſt mörderiſch, doppelt mörderiſch, ſie verzehrt als Flamme den, der ſie hegt, und als Reue den Schuldner. O wäre ich jetzt König von Frankreich, um ihn zu beloh⸗ nen! Wie? Kann ein König nicht Todte erwek⸗ ken? Nicht? Dann iſt ein Raͤuber nicht ſchlech⸗ ter, der auch tödten kann. Den Sarg aufge⸗ ſchloſſen! Ich muß ihn ſehen. Wer ſperrte ihn in das dunkle Haus? Das geſchah aus Betrug! Ihr habt gewiß einen Stein ſtatt ſeiner hinein⸗ gelegt. Ihr mit den ſteinernen Herzen, habt ihn verborgen in einem Kerker, damit ich ihn nicht finden ſoll.— Nein, nein! Er kann nicht drinnen liegen in dieſem Sarge! Soll Treue . — 128— nur in Särgen liegen? Faſtnachtsſchwank! Er kann nicht geſtorben ſein! Geht! Geht, Euer Witz iſt ſalzig,— aber von Thränen. O gebt ihn heraus! O laßt ihn frei!“ flehte er mitten im Wahnſinn voll Wahrheit des Schmerzes;„ach! Süßeres gibt's ja nichts als Freiheit, Freiheit! Das Grab iſt ſein Kerker; ein Grab iſt jeder Kerker, ein Grab ohne Luft, ohne Sonne! O laßt ihn frei; es iſt ja der Einzige, der mich wahrhaft geliebt.“ Die Prinzen waren beſtürzt aus ihren Stüh⸗ len getreten, das Volk erhob unruhig ein lautes Gemurmel des Mitleids und Verdachtes gegen die Oheime des Königs. Die Ritter und Geiſt⸗ lichen, welche die Särge umſtanden, wagten es nicht, an die vom Unglück doppelt geheiligte Per⸗ ſon ihres Herrſchers Hand anzulegen, obgleich Burgund zu wiederholten Malen die Umſtehenden aufrief, ſich deſſelben zu bemächtigen, und ihn in ſicheren Gewahrſam zu bringen. Ein Haupt⸗ mann der Vogenſchützen verſuchte es zuerſt, den Befehl Burgunds zu erfüllen; doch ſobald er ſich dem raſenden Könige näherte, büßte er ſeine Kühnheit durch eine Wunde, die Karls Schwert — 129— ihm ſchlug.„Es gilt um jeden Preis, den Kö⸗ nig zu übermeiſtern, damit kein unglücklicher Zu⸗ fall ſeine geheiligten Hände mit Bürgerblut be⸗ flecke!“ herrſchte Burgunds Stimme den Umſte⸗ henden auf's Neue zu. Zagend und zögernd nä⸗ herten ſich nun dem Könige mehrere Edelleute, doch auch ſie traf ein gleiches Schickſal. Da ſprang endlich Valentine, ihrer Gefühle nicht länger Meiſterin, aus dem Gitterſtuhl, warf ſich dem Könige zu Füßen, und rief:„O mein theurer König! ſtöret die Ruhe des Treuen nicht. Treue wird nicht begraben; ſie wacht über'm Grabe.“ Dabei heftete ſie einen mitleidsvollen Blick auf ſein Antlitz. Das Herz wollte ihr zerſpringen im Bewußtſein der Doppelſchuld. Der König, deſſen Kraft ſich im Ausbruche ſeiner Raſerei erſchöpft hatte, war von ihren Worten wie von einem ſanften Zauber überwältigt. Die Kniee ſanken ihm ein, er glitt auf den Marmorboden, ohnmächtig, regungslos. Heiße Thränen ſtürz⸗ ten aus ſeinen Augen, wie des Himmels Regen nach verheerendem Unwetter aus zerriſſenen Wol⸗ ken ſtrömt. In furchtbarem Aufruhre aller ihrer J. 9 — 130— Gefühle, von Reue gefoltert und von immer⸗ währender Selbſtanklage, vom tiefſten Mitleid zu ihm herniederzogen, knieete Valentine, halb über ihn gebeugt, neben ihm. Todtenſtille der bangſten Erwartung hatte rings in den weiten Räumen der Kirche geherrſcht; kaum zu athmen wagte irgend eine Bruſt. Die Stirne gerunzelt, die finſteren Blicke bald auf den König, bald auf Valentine, bald zu Boden gerichtet, ſtand der Herzog von Orleans, auf ſein Schwert vorgebeugt; mächtig klopfte ihm das Herz, denn mit verbiß'nem Grimm hatte er dem Trauergottesdienſt eben für dieſen Normannen beigewohnt. Die königliche Beſtattung deſſelben wurmte ihn als giftiger Spoll des wahnſinnigen Fürſten und doch war ihm ſchaurig wohl um's Herz, denn ein blutiges Geheimniß lag mit dem Normannen im Sarge. Berry, Burgund und Bourbon warfen ſich einander mißtrauiſche Blicke zu; aber es wurde ihnen immer banger um's Herz, als das, anfangs nur leiſe, Gemurmel des Volkes jetzt lauter und ſtärker anſchwoll, denn ſie wußten wohl, daß das Volk, von ihrem neuen Regiment bis zu allen äußerſten Leidenſchaften — 131— getrieben, in ſeinem Argwohn jedem Gerüchte Ge⸗ hör ſchenkte, welches die Urſache vom Leiden des Königs ihnen beimaß; und jetzt, wähnten ſie, äußere das Volk, durch den erſchütternden Anblick auf's Neue geſpornt, ſeine Geſinnungen gegen ſie ohne ferneren Rückhalt, und werde vielleicht in der augenblicklichen Wuth alle Dämme durchbrechen. Aber das böſe Gewiſſen hatte ſie getäuſcht. Der Verdacht des Volkes regte ſich gegen Valen⸗ tine, als es geſehen hatte, daß dieſe durch ihr plötzliches Dazwiſchentreten und ihre milden Worte ſo ſchnell des Königs Wuth geſtillt hatte; es ver⸗ mochte nicht zu berechnen, daß im Augenblicke, als Valentine ſich zeigte, die Kraft des unglückli⸗ chen Fürſten ſchon gebrochen war. Wie ein Brand, vom Winde angefacht, im Nu eine ganze Stadt ergreift, lief der arge Wahn, daß Valentine den König bezaubert habe, auf's Neue raſch von Mund zu Mund und fand leichten Eingang in jedem Herzen, und ebenſo raſch beinahe, als jene ungewiſſe Vermuthung, fanden auch augenblick⸗ lich erſonnene Mährchen vollen Glauben, ſteigerte ſich die Wuth der thörichten Menge. Anfangs blos hundertfältig geflüſtert, erſcholl ihr Nam 9* 6 8 — 132— unter argen Schmähungen gar bald tauſendfältig laut. Die Verwegenſten des nimmer müden Pa⸗ riſer Geſindels ſchwangen bereits ihre Knittelz die ſie ſtets ſchlagfertig trugen, ſeit ihnen das Tvragen eigentlicher Waffen ſtreng verboten war. Ein allgemeiner Sturm drohte loszubrechen. Der Herzog von Orleans, dem in dieſem Augenblicke erſt lebhaft beifiel, was ihm ſeine Gemahlin von dem Liebestranke erzählt hatte, zitterte, den Grund der Gefahr ſchnell errathend, ſuchte ſich aber zu be⸗ zwingen, hüllte ſich in den ganzen Trodel ſeiner Verſtellungskünſte und beſchloß, in Valentinen die Ehre ſeines Namens zu retten. Er trat zu ihr, erhob ſie ſanft vom Boden und geleitete ſie, mit aller ihm eigenen Gewandtheit, die größte Un⸗ befangenheit annehmend, nach ihrem Gitter ſtuhle zurück, welcher durch eine Thüre mit der Sakri⸗ ſtei in Verbindung ſtand. Durch die Sakriſtei, welche einen beſondern Ausgang auf die Straße hatte ſtrache er ſie, ohne ſie eines Wortes zu würdigen, in's Freie. Augenblicks wurden Roſſe und Sänfte beſtellt, und in bewaffnetem Geleite mehrerer Dienſtleute des Herzogs gelangte die Arme unbemerkt und ungefährdet zuerſt auf das — 133— Schloß Anieres und ſpäter nach Neufchatel an der Loire, wo ſie geraume Weile in ſtiller Zu⸗ rückgezogenheit lebte. In der Kirche hatten ſich die Oheime des Königs zum ſchleunigen Aufbruche vereinigt. Die Arquebuſiere umſchloſſen die Tragbahre, auf wel⸗ cher der König in ſein Schloß zurückgebracht wurde; eine Rotte der Arbalétriers von Paris folgte ihnen. Am folgenden Tage zeigte ſich der Herzog von Orleans öffentlich in der Kirche von Notre⸗Dame, und verlangte knieend von dem Erzbiſchof von Sens Löſung ſeiner unfreiwilligen Schuld bei'm Maskenfeſte, indem er zugleich einen Eid auf die Reliquie leiſtete, daß er damals durchaus nicht gewußt habe, welcher von den Vermummten der König geweſen ſei. Zur Buße ſeiner That, die er freilich einen frevelhaften unvorſichti Scherz nannte, gelobte er überdieß volle Kapelle bei den Celeſtinern zu„ ſtif⸗ tete Meſſen, Gebete und ewiges Licht, und wies zur Beſtreitung dieſer Bußwerke die Einkünfte der Herrſchaft von Porche⸗Fontaine an, welche ihm bei Einziehung der Güter Craons zugefallen war. — 134— Der König wurde gar bald aus Paris ent⸗ fernt, und zuerſt auf Schloß Créil, dann nach Bauté⸗ſur⸗Marne, endlich nach St. Germain⸗ en⸗Laye gebracht. Nur langſam genas er an dieſen reizenden Luſtörtern, nur allzu häufig kehr⸗ ten die Anfälle ſeines ſchrecklichen Leidens wieder. Aber ärger als die Wuth ſeiner Krankheit erneu⸗ erte ſich der teufliſche Neid ſeiner Blutsverwand⸗ ten, welche mit ſeiner Geiſteszerrüttung Wucher trieben, um ſelbſt herrſchen zu können. Sie verlockten ihn, in den Stunden, Tagen und Wochen, wann ſein Geiſt die unſeligen Bande abgeſtreift hatte, wieder in jenen Taumel von Orgien, welche ihn nie zur Beſinnung kommen ließen; ſie trieben dies unnatürliche Spiel ſo lange, bis die Kraft ſeines Geiſtes bis in die Wurzel iftet war. So ſchleppte er, zwiſchen kindiſche an Blödſinn ſtreifende Wil⸗ theilt, ſein langes jammervolles Leben Ifabelle ſah er nur in lichten Augenblicken, und äußerte, namentlich im Wahnſinn, ſtets die heftigſte Abneigung gegen ſie. Iſabelle dagegen behandelte ihn auf das Unwürdigſte. Gegen ſeinen Bruder Orleans bewies Karl eine züͤrtliche, faſt kindiſche Liebe, für Valentine eine namenloſe Sehnſucht, als hätte er wirklich einen Liebes⸗ trank aus ihrer Hand empfangen. Die herrſchſüch⸗ tigen Oheime ſchalteten und walteten nach toller Willkühr über Frankreich, wie über ein erobertes Land. Orleans beobachtete ſie, deren Herrſchaft er noch nicht theilen durfte, mit verbißnem Grimm, ſie mit wachſender Schelſucht und hundertäugigem Argwohn jeden Schritt ihres herzoglichen Neffen. Beide lauerten nur auf eine günſtige Gelegenheit, ihre Kräfte im offenen Kampfe zu meſſen. Einen ſolchen willkommenen Anlaß fanden ſie binnen Kurzem in dem Kriege des alten entſetzten Conne⸗ table Cliſſon gegen den Herzog der Bretagne. Burgund ſendete dem Letzteren heimliche Hülfe, Orleans unterſtützte, Craon aufgebend, den Con⸗ netable. Wechſelſeitige Erbitterung ſchürte im⸗ merdar auf’s Neue den Kampf, bis ſon ſich mit ſeinem Lehnsherrn von d aufrichtig und herzlich verſöhnte. Da gund und Orleans knirſchend ihre Schwerter in die Scheiden, aber beide ſchworen ſich's heimlich zu, ſich noch Stirne an Stirne zu treffen, die Feindſchaft auf Leben und Tod auszufechten. — 136— Nur ſelten ſah Orleans ſeine Gemahlin Va⸗ lentine. Immer tiefer und tiefer wurzelte in ihm eine entſchiedene Abneigung gegen ſie. Der Dä⸗ mon in ſeiner Bruſt, und der zehrende Mißmuth über das Mißlingen aller ſeiner Herrſchaftspläne jagten ihn von Genuß zu Genuß, um ſich darin zu betäuben. Mariette d'Enghien vermochte ſein unruhiges Herz nicht länger allein zu feſſeln. Wüſt, ausgebrannt und leer ſuchte daſſelbe im⸗ mer neue und neue Schätze, die es im nächſten Augenblicke vergeudete. Großes zu vollbringen ſtachelte ihn wohl manch ein ſchwellender Vorſatz, aber ſein Wille war nicht mehr männlich genug, durchzudringen durch alle Dornenhecken der Zu⸗ fälle bis zur That. 8 Iſabelle und Orleans. An einem ſchönen Herbſttage war eine große Jagd angeordnet worden, an welcher auch der König, deſſen Geiſt durch geraume Zeit ungetrübt geblieben war, und die Prinzen des Hauſes Theil nahmen. Luſtiger Hörnerſchall belebte, muthiges Doggengeheul durchtobte den Wald. Die Königin Jſabelle ritt einen ſtolzen Rappen, der mit un⸗ bändiger Luſt durch Dick und Dünn ſprengte. Es war ein Eber aufgetrieben worden, und die Kö⸗ nigin, deren ganzes Weſen und Trachten ſeit jenem Augenblicke der Beſchimpfung ein durch und durch eiſern männlicher geworden, ſetzte alles daran, den gewaltigen König des Forſtes mit eigener Hand zu bezwingen, und den Preis de Tages zu gewinnen. Sie hatte ſich von ihrem Gefolge getrennt, und ſuchte allein, mit der tüchtigen Jagd⸗ waffe in der Hand, dem grimmigen Thiere zu be⸗ gegnen. Horch! Jetzt brach es raſchelnd, knar⸗ — 138— rend durch Zweige und Aeſte der dichten Büſche, ſchnaubend wälzte ſich's heran. In heißer Unge⸗ duld pochte der ſchönen Jägerin das kühne Herz. Jetzt ſtürzte das borſtige Ungethüm in voller Wuth hervor, und wies dem unbändigen Rappen das bleckende ſcharfe Haugebiß. Da ſchwang die Königin mit ſtarkem Arm den Jagdſpeer und ſtieß ihn dem Eber in den Leib. Aber das Thier hatte ſich raſch gewandt, ſo daß der Stoß es nicht tödt⸗ lich verletzte, ſondern nur zu äußerſter Wuth ent⸗ flammte. Im Nu ſchoß es auf den Rappen los, daß dieſer, den Zügel zerreißend, ſich bäumte, und zugleich mit ſeiner Herrin ſtürzte. Sie war verloren, ſie hatte keine Waffen mehr. Flammen im Aug', ſchnaubte das wunde Thier ſie an, als weide es ſich vor der Rache an der Jägerin Ohnmacht und Todesnoth. Da ſcholl immer näher und näher Roſſeshuf⸗ ſchlag. Von neuem Lebensmuthe durchpulſt rief ſie um Hülfe. Ein Augenblick zu ſpät, und das grimme Ungethüm, welches ihren Rappen bereits angefallen hatte, ſchlug mit furchtbarem Gebiß auch ihr die Todeswunde. Jetzt traf ein breites Schwert den Eber in die Weichen, in Strömen — 139— ſchoß ſein Schweiß, ſchnaubend in ohnmächtiger Wuth ſtürzte er zuſammen und verendete. Als die Königin das Auge aufſchlug, um ih⸗ ren Retter zu erkennen, ſtand der Herzog von Orleans vor ihr, das männlich ſchöne Antlitz ge⸗ röthet von der Haſt des Rittes und Kampfes. Mit der ihm eigenen ritterlichen Höflichkeit gegen Frauen, welche wie ein anmuthiger Zauber ſein ganzes Weſen überhauchte und unwiderſtehlich machte, bot er ihr ſeine Hand, und richtete ſie ſanft empor. Muth gewinnt Frauenherzen leich⸗ ter als Schönheit. Des Herzogs Anblick gerade im jetzigen Augenblicke, da er ihr das Leben ge⸗ rettet, grub ſich unauslöſchlich in Iſabellens Herz. Aber auch ihn traf aus ihrem feurigen dunklen Auge ein Blick, der all ſeine Gedanken gefangen nahm, und ihr unterwürfig machte, alle ſeine Wünſche wie durch heimliche Glut plötzlich in eine einzige Leidenſchaft zuſammenſchmolz— für ſiel! Er kam ſich jetzt wie ein Träumer vor, wenn er ſeines ganzen vergangenen Lebens, wenn er aller der Stunden gedachte, die er gleichgultig bisher mit ihr verbracht. Er begriff es ſelbſt nicht, wie ihm geſchehen ſey, daß er in ihr bis⸗ — 140— her nur die Königin geſehen habe, nicht das göttergleiche Weib, wie ſie jetzt, als wären nei⸗ diſche Zauberſchleier geſunken, in der Fülle ihrer Reize, wie von Sonnenglanz gekrönt, vor ihm ſtand. Nein, das konnte nicht dieſelbe Iſabelle von Baiern ſeyn, an deren Seite er ſo oft ge⸗ dankenlos geſeſſen, gegen die er ſogar zuweilen Neid gefühlt, weil ſie die Krone von Frankreich trug, nach der er ſtrebte; nein, das konnte nicht dieſelbe ſeyn, oder er ſelbſt hätte ſtets nur mit verbundenen Augen in die Sonne geſchaut, oder eine unheimliche, feindſelige Macht hätte ſich bis⸗ her zwiſchen ihn und ſie gedrängt. Jetzt, da er ſie, als wie zum erſtenmal nach langer Verblen⸗ dung, im fürſtlichen Schimmer ihrer Schönheit prangen ſah, jetzt mußte er ſich's mit lautauf⸗ jubelnder Seele geſtehen, daß ſie alleinzig würdig ſey, die erſte Krone der chriſtlichen Welt zu tra⸗ gen, mit unbändiger Gewalt erfaßte ihn der Ge⸗ danke, an ihrer Seite zu ſtehen, an ihrem Herzen Frankreich zu beherrſchen; und, hätte er die Geiſter der Hölle zum Bunde aufrufen müſſen, — er konnte nicht anders. Und wie ſeltſam hatte ein launenhaftes Ge⸗ ſchick ihre Lebensbahnen in einander geflochten! — 141— Iſabelle an einen Gemahl gekettet, der ſie be⸗ ſchimpft, den ſie verabſcheute, der ihr ſo fremd geworden war, wie der Gedanke an längſt ent⸗ ſchwundenes Kindheitsglück,— deſſen Ohnmacht und Blödſinn ſie anekelte! Ludwig von Orleans an Valentine gebunden, deren aufrichtige Liebe ihm oft zudringlich erſchienen, ihm bald läſtig gewor⸗ den war, die ihn durch ſchwärmeriſche Verwegen⸗ heit eben dieſer Liebe in Wirrſale verwickelt hatte, deren Löſung ihm beinahe unerſchwinglich wurde, beim Volke ſelbſt theilweiſe verdächtigt durch das Benehmen ſeiner Gattin, und eben dadurch an gewaltigem Einfluſſe auf die Menge erlahmt, jetzt, obwohl er ſie längſt nicht mehr liebte, doch dar⸗ über aufgebracht, daß ihr Mitleid gegen den un⸗ glücklichen König beinahe den Anſchein einer allzu⸗ innigen Zärtlichkeit für denſelben gewann! So hatten die Verhältniſſe den Herzog und die Köni⸗ gin für einander gebildet, einander naͤher gebracht. Der jetzige Augenblick wetterte wie durch einen Blitzſtrahl die Entſcheidung herbei. Unfähig, ſeine Leidenſchaft zu bäͤndigen, ſchlang der ſchöne Herzog ſeine kräftigen Arme um die üppige Königin, und geleitete ſie auf einen nah⸗ gelegenen weichen Naſenplatz. der Komet glorreicher hervorzutreten, und die — 142— „Euer Muth, edler Herzog, hat mir das Leben gerettet,“ ſprach Iſabelle mit wunder⸗ holder, ſüßeinſchmeichelnder Stimme, während ihre Zauberblicke auf ſeinem Antlitz ruhten;„o ſagt, wie ſoll ich Euch würdig dafür danken?“ „Wenn Ihr,“ erwiederte der Herzog raſch; „ſchöne Königin von Frankreich, auch über mein Herz herrſchen wollt, über meinen Arm, über alle meine Sinne und Gedanken, über mein ganzes Sein; denn ich bin ſo ganz Euer, daß, hätte Euch ein Unfall ereilt, ich ſelbſt jetzt den Tod im Herzen trüge.“ „Mich dünkt,“ entgegnete die Königin,„Ihr weiſet Euch ein Loos an, das ich nicht über Euch geworfen wünſchte; denn, mögen tauſend Herzen in Frankreich geboren ſeyn, zu dienen,— ſo iſt Einer geboren, um über ſie alle zu herrſchen, und dieſer Eine empfing ſo jede Kraft des Gei⸗ ſtes, ſo jede Trefflichkeit, daß ich, ſehe ich ihn nicht in Purpur herumwandeln, an eine ſchnöde Faſtnachtsmummerei denken muß, in welcher er ſich zur Zeit nur verbirgt, um einſt wie der funkelnde Mars am Himmel, wie ein leuchten⸗ — 143— erſtaunte Welt durch vollen königlichen Glanz zu blenden.“ Durch des Herzogs Seele zuckte bei⸗ dieſen Worten wieder die Erinnerung jener Prophezei⸗ hung, die ihm einſt geworden war, daß er im Purpur ſterben würde. Die einige Zeit lang in ſtiller Bruſt gebändigte Herrſchluſt machte ſich auf's Neue mit Rieſenkraft Platz in ſeinem Her⸗ zen und Haupte; auf ſeiner Stirne leuchtete der Widerſchein ſeiner kühnen Gedanken.„Was gaͤlte mir,“ rief er, der Königin Hand an ſein Herz preſſend,„die Krone von Frankreich, obgleich ich die Kraft fühle, ſie in meiner Hand wie leichtes Spielzeug zu wiegen, wenn ich, wie ein hoffnungslos Verdammter aus den Tiefen ſeines Abgrunds herauf, zu der Krone aller Frauen em⸗ vorblicken müßte, welche hoch, wie ein lichter Engel Gottes, über allen Thronen ſchwebt? Beim St. Denys! Ein achtloſer Flittertand er⸗ ſchiene mir ohne ſie die Krone; nicht einen Finger meiner Hand möchte ich darnach aus⸗ ſtrecken, dürfte ich nicht alle Herrſchergewalt, wie einen Kranz ſüßduftender Blumen, zu ihren Füßen niederlegen.— Nein, Königin, ich kann die Leidenſchaft nicht länger im Buſen zurück⸗ — 144— drängen; als buntbeſchwingte Worte fliegen all meine Gedanken zu dir! Tödte ſie, wenn du willſt, mit dem Pfeile deines Zorns, und mich mit ihnen; ſüß iſt's, in deinem Schooße ſein Leben auszuhauchen, damit der ſcheidende Geiſt noch einmal deine Lippen küße, das fliehende Le⸗ ben ſich noch einmal, wie ein lauer, leiſer Abend⸗ hauch, an deinen Buſen ſchmiege.“ Iſabelle duldete es, daß Orleans ſeine Stirne an ihre Bruſt lehnte; ſie neigte ihr Haupt über das ſeine. Bald erhob er ſein Antlitz ſanft, ihre Lippen begegneten ſich. Da barg die Königin ihre Stirne an ſeinem Herzen. Einige Augen⸗ blicke lang ruhte ſie an dieſem, gewaltigen Kam⸗ pfes mit ſich ſelber ringend. Dann richtete ſie ſich plötzlich majeſtätiſch empor, blickte dem Her⸗ zog in's Auge, ergriff ſeine Hand, und ſprach leidenſchaftlich:„Nein! Ich will dieſe Feſſel zerbrechen, die der Stolz um mein Herz geſchmie⸗ det hat. Orleans! ſo wiſſe: ich liebe dich, aber ich liebe dich anders, als ſonſt ein Weib lieben kann. Ich liebe dich nicht mit jener weichlichen träumeriſchen Hingebung, mit welcher das Weib den Maun ſeinen Thaten abtrünnig macht. O könnt' ich alle die Glut, die in meinem Herzen — 145— lodert, in deines überſtrömen! Unſere Liebe iſt ſo ernſt, als hätten wir unſer Herzblut in ei⸗ nen Becher gemiſcht, und Beide davon getrun⸗ ken, und auf dieſem Kelch einen furchbaren Eid geſchworen. Ich will vor dir kein Hehl haben, wie ich bin. Mein Schickſal hat mich zur ober⸗ ſten Stufe emporgeführt, die ein Weib erreichen kann; ich betrat ſie arglos mit reinem Herzen. Aber als ich oben ſtand, ſchlich die Schmach hin⸗ ter mich und goß Gift in den Kelch meines Le⸗ bens. Der Mann, dem ich, wie durch's Würfel⸗ ſpiel des Zufalls, zur Gattin gegeben ward, bür⸗ dete Elend auf mein funkelndes Diadem; heraus⸗ geſchleudert bin ich aus dem Gleiſe des Lebens, ich habe haſſen gelernt, und nur der Haß konnte mir bis jetzt mein Daſein friſten. Rache geſchwo⸗ ren habe ich in einer furchtbaren Stunde, Rache nicht dem Einzelnen allein, heiße unſterbliche Rache Allen, die mir feindlich in den Weg tre⸗ ten. Ich habe in dieſem Frankreich, deſſen leerer Königstitel mir bis jetzt wie Spott klingt, keinen, den zu lieben ich Grund hätte, als dich allein, Orleans, deſſen Geſchick in das meine verwoben iſt. Ich habe es geſchworen, zu herrſchen, und I. 10 — 146— ich will Gott läugnen, wenn ich meinen Schwur nicht halten kann. Sieh! So bin ich, die eine Hälfte meiner Seele ganz von Liebe durchdrun⸗ gen, die andere von Haß. So bin ich; und werde meinen Eid halten. An der Fakkel der Rache entzündet ſich mein Liebesbrand. Und zagſt du nicht vor dem Scheine einer ſolchen Liebes⸗ fakkel, dann nimm mich hin, dann bin ich dein.“... „Dein bin ich im Leben und Tod,“ erwie⸗ derte der Herzog, in ihre Rechte einſchlagend. „Euch droben, ihr Sterne, die ihr vom Sterne der Liebe geführt, wie Männergedanken am Him⸗ mel eben aufgeht, euch nehm' ich zu Zeugen die⸗ ſes Bundes, und dich, die du eben dein Reich auf Erden beginnſt, Königin Nacht, und wer ſich immer in deinem Schatten verberge, und, aus Höhen oder Tiefen uns zugeſandt, lauſchte,— euch nehm' ich zu Zeugen, Engel oder Daͤmonen! Wandelt ſchützend neben uns, und helft uns voll⸗ bringen, was wir beſchworen, und helft uns aus⸗ harren bis in den Tod.“ Iſabelle ſank an ſein Herz. Für Frankreich war der Todeswürfel gefallen. Die Baiern in Frankreich. Am königlichen Hofe herrſchte Freude und Feſtlichkeit. Mit demſelben Leichtſinne, wie früher, wurden Bankette um Bankette beſtellt, Rennen und Stechen angeordnet, als wollte die halbe Chriſtenheit in die Schranken treten. Die Her⸗ zoge griffen zur Beſtreitung dieſer unnützen Aus⸗ gaben unbekümmert immerfort in denſelben Schatz, den ſie ſchon ſo oft geplündert, als wäre er bo⸗ denlos. Das Mark des Volkes war es, welches der prunkvolle Hof verpraßte, und niemand dachte bei vollen Schüſſeln daran, ob viele Hunderte Hungers ſterben mochten. Wohl murrte das Volk im Stillen, doch gab es öffentlich immer noch kein Feuerzeichen ſeiner Noth, denn es braucht bei einem Volke länger als bei einem Fürſten, bis ſeine Langmuth bricht. — Man erwartete am Hofe den Vater der Kö⸗ nigin Iſabelle, Herzog Stephan von Baiern, welcher ſeiner Tochter ſchon ſeit längerer Zeit 10* — 148— einen Beſuch verſprochen hatte. Heimiſche Feh⸗ den und Zwiſtigkeiten hielten ihn länger, als es ſeine Abſicht geweſen war, noch zurück. Nachdem er ſeinem feurigen Sohne, Ludwig, zubenannt: Im Bart, die Verwaltung des Herzogthums Ingolſtadt übertragen hatte, machte er ſich im Gefolge der edelſten Ritter und Herrn ſeines Landes auf den Weg nach Paris. Es geleitete ihn ſein natürlicher Sohn Johann, Biſchof von Regensburg, desgleichen ſein vertrauter Dienſt⸗ mann und Rath Wieland Swelcher, Herr Hein⸗ rich von Gumpenberg, die beiden Sandizeller, die beiden Frauenberger zum Hag, Chriſtian und Wilhelm, der wilde Wilhelm Wernſpeck vom Lech⸗ feld, der Grieſſenbecker, der Erbſchenk von Grais⸗ bach, der gewaltige Marſchalk Seitz von Ober⸗ dorf und die kecken Laiminger. Der Herzog Ste⸗ phan verband mit dem Beſuche ſeiner Tochter noch einen andern Zweck,— ſeinem kriegeriſchen Sohne, Ludwig im Bart, in Frankreich eine Ge⸗ mahlin zu erkieſen. Frankreich kannte dieſen jungen Löwen aus Baiern bereits, denn ſchon in ſeinem ſiebenzehnten Jahre hatte Ludwig fran⸗ zöſiſchen Kriegsdienſt gethan, und durch ſein ho⸗ —-———· —— — 449— hes, mächtiges Weſen, ſeinen durchdringenden feurigen Blick, welcher eben ſo ſehr durch Milde zu ſiegen verſtand, durch ſeinen kecken Muth, ſei⸗ nen leichten Witz, ſein höfliches und ritterliches Thun, hatte er ſchon damals manches Frauen⸗ herz gewonnen, welches das Bild des jungen Fürſten aus Deutſchland noch lange bewahrte, nachdem er in ſeine Heimath wiedergekehrt war. Als Herzog Stephan nach Paris kam, wurde er mit allem Pompe empfangen, welchen der prachtliebende Herzog von Orleans nur erſinnen konnte. Triumphbogen erhoben ſich auf allen Straßen und Wegen, ganze Züge abenteuerlich⸗ gekleideter Knaben und Mädchen kredenzten dem Herzog von Baiern und ſeinen Edelleuten allent⸗ halben Clairet, Hypocras und Piment, und Hunderte von präͤchtig berittnen Reiſigen em⸗ pfingen die Fremden mit lautem Freudengeſchrei. Es war dieſen deutſchen Edelleuten, welche in ihren engen finſteren Burgen groß geworden, und an den Hoflagern der baieriſchen Herzoge wohl manchen Glanz, Reichthum, feine Sitten geſehen, aber bisher kein ganzes Volk, als wie ein eigen Reich, in eine Stadt zuſammengedrängt, erblickt — 150— hatten, ein ſeltſames Schauſpiel, dieſes Meer al⸗ ler Leidenſchaften, dieſen verſchwenderiſchen Prunk, dieß prahleriſche Elend, dieſe Oeffentlichkeit, dieſe Marktſchreierei der Freude, des Schmerzes. Welch eine bunte Menge von Menſchen, die viel⸗ leicht außer der Cour des miracles keine andere Herberge hatten, als eben die Straßen, trieb ſich, mit den verſchiedenſten Gattungen des Müſ⸗ ſigganges beſchäftigt, oder neue erſinnend, auf den Straßen herum. Dieſe ſchmutzigen Kerle, die mit ihren nackten Beinen und geflickten Wämſern, nehen den reichſten Kaufleuten, neben den putzigſten Fanten der Univerſität, neben den ſchmuckſten Rittern und Edelleuten eben ſo ſtolz und frei, als wäͤren ſie deren Gleichen„einher⸗ trabten, thaten ſich auf irgend eine Hahnenfeder, die ſie auf den Mützen trugen, auf irgend ein Stückchen Sammt, womit ſie ihre löchrigen Jak⸗ ken geflickt hatten, auf irgend eines Edelmannes alte Schärpe, die ſie, weiß Gott wo, gefunden hatten, eben ſo viel zu gute, als der Prevöt auf ſeine goldene Kette, der neugebackene Junker auf ſeine flunkernden Sporen, oder irgend ein feiſter Abt, der auf einem ſchellenraſſelnden Maul⸗ — 1 — 151— thiere des Weges ritt, auf ſein mit Juwelen ge⸗ ſchmücktes Kreuz. Obgleich ihr eigentliches Thun das Nichtsthun war, ſo unterließen ſie doch nicht, dasſelbe auf die manigfaltigſte Weiſe zum Range einer freien Kunſt zu erheben, ſo gut als irgend eine auf der Univerſität gelehrt wurde. Wenn ſie freundlich zuſammen ſchwätzten, ſo mußte ein Fremder meinen, ſie zankten ſich; wenn ſie in einen leichten Wortwechſel geriethen, hatte es das Anſehen, als müſſe eine von beiden Par⸗ teien mit geſpaltenen Schädeln auf dem Platze bleiben. Der Himmel hatte dies Volk ohren⸗ ſcheinlichſt mit den beſten Lungen von der Welt geſegnet; ihrer Hunderte ſchrieen oft in einer Straße jeden Vorübergehenden an, und jeder von jenen Hunderten nach einer eigenthümlichen Weiſe. Hier waren einige in ſchwarzen Wollen⸗ zeugen, welche mit einer großen Schelle klingel⸗ ten, um die Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen, und dann mit ganz kläglichen, heiſeren Kehlen⸗ tönen, als wie lächerliche und tölpelhafte Vor⸗ boten des jüngſten Gerichts, die Worte heraus⸗ ſtießen:„Priez Dieu pour les trépassés.“ Dort rief ein anderer mit aller Geläufigkeit eines — 152— Marktſchreiers:„Bürger von Paris! eilet ohne Verzug, ehe das Bad kalt wird.“ Nicht weit davon ſtanden unſaubre Geſellen, welche friſche Häringe und Pücklinge, Drachenfiſche und Mer⸗ lane, und den koſtbaren Seevogel Alètes, und die beliebten Fiſche von Bondi ausriefen. Zwi⸗ ſchen ihnen durch drängte ſich einer oder der an⸗ dere, über und über mit Hüten behangen, und rief immerdar:„Chapeaux, chapeanx!“ als wolle er die ganze Stadt Paris unter einen Hut bringen. Dort pries ein nettes Mädchen ihre Birnen von Chaillou, Hartiveau, St. Rieul und Angoiſſe, ein anderes ihre rothwangigen Aepfel, bekannt unter dem Namen: Blanduriau d'Aauvergne, ihre Nüſſe, ihre lombardiſchen Kaſtanien, ihre Trauben von Malta. Wandernde Flickſchneider hängten ſich mit aller windigen Ge⸗ lenkigkeit ihrer Zunft wie Kletten an die Vor⸗ übergehenden, und hielten es für kein Unrecht, manchem in ein nagelneues Kleid mit zauberiſcher Schnelligkeit und Heimlichkeit einen Riß zu ver⸗ ſetzen, um dann augenblicklichſt ihre menſchen⸗ freundliche und erhabene Kunſt anbieten zu kön⸗ nen. Kohlen⸗ und Mehlſäcke wanderten guf den — — 153— Rücken ihrer Verkäufer freundſchaftlich neben ein⸗ ander, und verbargen die Geſichter derſelben ſo trefflich, daß man wähnte, die ehrlichen Sãcke ſchrieen ſelbſt. Wieder andere waren mit altem Eiſen und überſeeiſcher Seife behangen, deren Trefflichkeit ſie nicht genug rühmen konnten. Der Preis dieſer Handelsartikel, und die Bezahlung der wandernden Menſchenfreunde, welche männig⸗ lich ihre Dienſte anboten, beſtand meiſtentheils — in einem Stück Brod. Einige ſchrieen, ohne irgend etwas anzubieten, indem ſie ſich blos ih⸗ rer angebornen Luſtigkeit überließen, jauchzend: Noël, noël! Dicht neben ſolchen überluſtigen Leuten hörte man aber auch häufig an den Schwellen den Ausruf: Aide Dieu de maisté, Com de male heure je suiz nez! Com par sui or mal assenez! Und dann durfte man gewiß ſeyn, daß in jenem Hauſe einer auf den Tod krank liege, oder Hun⸗ gers ſterbe, oder erſchlagen gefunden worden ſei; aber das laute Getümmel auf den Straßen über⸗ täubte gar bald einen ſolchen Ausruf, oder wer ihn hörte, ging weiter, um ihn nicht zu hören; — 154— denn auch außer den Häuſern wandelte dicht ne⸗ ben wohlgenährten Celeſtinern, runden St. An⸗ tonsbrüdern und Almoſen ſammelnden, vom Fa⸗ ſten noch nicht ſehr abgemagerten Barfüßern und ähnlichem Gelichter die hohläugige Noth, und die Blinden der Quinze-Vingts, die verwilderten, in Ketten einhergehenden Gefangenen waren kein ſehr erfreulicher Anblick. An der Schwelle des Louvre empfing den Baierfürſten ſeine Tochter Iſabelle, und führte ihn in die prachtvoll geſchmückten Gemaͤcher des Schloſſes. Der Herzog von Orleans bewillkomm⸗ nete die Edelleute, welche zur Begleitung ih⸗ res Herzogs gekommen waren. Eine herrliche Tafel erwartete die befreundeten Gäſte, welche, auch mit Burgund durch Verſchwägerung ver⸗ wandt, von dieſem und ſeinem kecken Sohne, dem Grafen von Nevers, freundlich begrüßt wur⸗ den. Der alte Bourbon, von den Onkeln des Königs der beſtgeartete, der ſich ſtets von den tiranniſchen und unnatürlichen Verfügungen der übrigen zurückgezogen, hatte im Stillen beſchloſ⸗ ſen, dieß Ankunftsmahl zum allgemeinen Verſöh⸗ nungsfeſte umzuwandeln. In dieſer Abſicht hatte — 155— er auch Valentine von Neufchatel hieher gebracht. Als alles verſammelt war, vermißte der Herzog von Baiern noch immer ſeinen königlichen Schwie⸗ gerſohn, und wendete ſich deshalb fragend an Iſabelle. Ein ſeltſames Lächeln, wie aus Hohn und gnädigem Mitleid, überflog ihre Lippen. „Ihr fragt nach meinem Gemahl, mein Vater?“ erwiederte ſie mit Eiſeskälte;„ich will Euch zu ihm führen.“ Befremdet folgte ihr Herzog Ste⸗ phan durch mehrere Gemächer in das Zimmer, welches Karl bewohnte. Der König genoß ſeit längerer Zeit wieder ſeine Vernunft, wenn anders ihr Schatten ſie ſelbſt genannt werden konnte. Er ſaß eben mit Juvenal des Urſins und Guillaume Martell an einem Tiſche, auf welchem,— für den deutſchen Herzog ein ganz neuer und fremdartiger An⸗ blick,— eine Menge bunter Blätter ausgebreitet waren; der König, ſo wie ſeine beiden Genoſſen, hielten jeder mehrere dieſer Blätter in der Hand, und ſchienen einer den andern zu beobachten. „Was bedeuten dieſe ſeltſamen, mit Gold, Purpur und Lazur bemalten Blätter?“ fragte Stephan leiſe ſeine Tochter, während der König kein Auge von den Blättern verwendete, und die Eintretenden nicht gewahrte. „Mein Gatte regiert;“ antwortete Iſabelle lächelnd,„ſeht Ihr, mein Vater! Er herrſcht über vier Könige, vier Damen, vier Ritter und einen zahlreichen Troß. Die Könige nennt er Alexander, David, Cäſar und Charlemagne. Es iſt nämlich ein neuerfundenes Spiel, welches ſeinem Geiſte zur Erholung dient; und er kann ſich kindiſch frenen, wenn Charlemagne über die andern Könige ſiegt, denn er legt jedem Blatte grübelnd eine eigene Bedeutung bei. Der Maler Jacquemin Gringonneur mußte ihm dieſe Blät⸗ ter fertigen, welche er Karten nennt. Seht Ihr, mein Vater, das iſt die erhabene Beſchäf⸗ tigung ſeines königlichen Geiſtes. Sprecht ihn doch an, mein theurer Vater! doch nehmt Euch in Acht, daß er Euch nicht für ſeinen Neben⸗ buhler Cäſar halte, oder für Oger den Dänen, oder für Lancelot, noch ſonſt einen andern Rit⸗ ter von der Tafelrunde, der ihm ſeine Dame, die ſchöne— Valentine, abwendig machen will.“ Dem Herzog graute bei den Worten ſeiner Tochter, doch faßte er ſich, trat, als er ſah, daß der König die bunten Blätter aus der Hand legte, zu demſelben und redete ihn an:„Erlaubt, mein erlauchter Sohn Frankreich, daß ich Euch in Eurer Hauptſtadt begrüße.“ Juvenal des Urſins und Martell erhoben ſich ehrerbietig von ihren Sitzen und neigten die Haupter, um ſich zu ent⸗ fernen. „O bleibt doch, meine Freunde!“ ſprach der König ſanft;„meint ihr, weil ihr mir die ſchöne Dame abgewonnen, ich ließe euch mit derſelben von mir ziehen? Nein, nein, ich muß ſie wieder erringen, die Dame des Herzens; ſie iſt mir ſo oft gegen alle die feindſeligen Fürſten treu ge⸗ blieben; ich laſſe ſie nicht ſo wohlfeilen Kaufes.“ „Sire!“ entgegnete Juvenal;„geſtattet uns, Urlaub zu nehmen, denn hier harret Eure könig⸗ liche Gemahlin mit Eurem erlauchten Vater aus Baiern.“ „Wie? Ein Gaſt?“ rief der König über⸗ raſcht, als er jetzt erſt ſeine Gattin und den Baierfürſten gewahrte.„Seid mir herzlich will⸗ kommen, mein edler Vater! Lieberes, denn Euch, brachte mir Eure Tochter ſeit lange nicht! Kommt, ſetzet Euch an meine Seite, und betrachtet das Antlitz dieſer widerſpenſtigen Dame, welche mir heute ihre Gunſt durchaus nicht zuwenden will. Sagt, mein Vater! gibt es auf Erden wohl noch ein treuloſeres Weſen, als eine Dame? Seht dieſes Frauenbild. Immer gewann es mir,— ich meine: dem guten Könige Charlemagne,— alle Ritter von der Tafelrunde, und heute ſtellt ſie ſich ſo ſpröde.— Ei! was macht doch unſer Vetter von Deutſchland, der Kaiſer Wenzeslaus, der in ſeinem Leben ſchon mehr getrunken hat, als alle Türken im Paradieſe trinken werden?“ „Ihr vergeſſet,“ unterbrach ihn ſeine Ge⸗ mahlin,„über dem guten deutſchen Kaiſer gänz⸗ lich die Dame des Herzens.“ „Sie hat mich vergeſſen,“ ſprach der König raſch, ſehr ernſt; ein Strahl der verlornen Hoheit und Würde drang plötzlich in die Nacht ſeines Blödſinns;„o, möget von allen gerade Ihr, Dame Jaabelle, mich nie daran erinnern.“— Aber eben ſo ſchnell umnachtete die Ohnmacht wieder ſeinen Geiſt, und in ſolcher fuhr er fort: „Laſſet uns fröhlich ſein, und die drei Könige bezwingen, welche nach Charlemagne's Krone trachten! Hier iſt die friedliche, ungetrübte Herr⸗ — 159— ſchaft; ich wünſche allen eine ſolche. Und ſelbſt euer Kaiſer, obwohl er allen Tonnen einen fürch⸗ terlichen Krieg erklärte, möge noch lange kein Mißjahr erleben!— Wie geht es Eurem feuri⸗ gen Sohne, dem Löwen,— wie heißt er doch? — ach, Vater Bayern, Ihr müßt geduldig ſein, mein Gedächtniß iſt ſo ſchwach.“ „Ludwig,“ antwortete Stephan. „Ludwig?— Ludwig?— Ich denke einen Bruder zu haben, der ſo heißt,— ganz recht, meines Vaters einzigen Sohn,— nein, nein!— ſeinen zweitgebornen, wollte ich ſagen.— Lud⸗ wig!— Ludwig!— Warum habt Ihr Euern Sohn eben Ludwig genannt?— Mird wird ſo bange, wenn ich dieſen Namen höre. Könntet Ihr ihn nicht Nemo*) heißen? Ich wollte um Euretwillen,— um ſeinetwillen, meine ich,— Ihr hättet ihn ſtatt Ludwig— Nemo genannt. Nemo! Nemo! die Mönche brachten mir als Knaben dieß ſchöne Wort bei. Hm! Iſt mir doch, als hätte ich ihn ſchon einmal nennen ge⸗ hört, oder gar geſehen.“ *) Niemand. — 160— „Ganz recht,“ erwiederte Herzog Stephan; „Ihr ſahet ihn an Eurem Hofe, als er ſieben⸗ zehn Jahre zählte, und ich denke ihm jetzt in Frankreich eine Braut auszuwählen.“ „Nun, beim Gnadenbild St. Michaels!“ un⸗ terbrach ihn der König;„dann heiße ich Euch doppelt willkommen. Wahrhaftig, ich will ihm die ſchönſte Grafſchaft Frankreichs zur Ausſteuer geben. Er iſt ein tüchtiger Kampfhahn geworden, hoffe ich zu Eurem Blute; er ſoll uns jene ver⸗ dammten Welſchen bändigen helfen, deren Land — wie heißt es doch?— wir uns mit den Waf⸗ fen in der Hand unterworfen haben.“ „Ihr meint Genua,“ erinnerte der Baier⸗ herzog;„ich habe auf meiner Fahrt gen Paris viel von der neuen Ehre Eurer Waffen reden gehört, und wünſche Euch Glück zu dieſem herr⸗ lichen Erwerb.“ Trompetenſchall verkündete, daß man nur noch auf die Ankunft des Königes warte, um die Tafel zu beginnen. Karl fuhr erſchreckt zuſammen, und ſprach ſcheu und leiſe zu ſeiner Gemahlin: „Was iſt das für ein neuer Unfriede, deſſen blu⸗ — 161— tige Entſcheidung die Trompete verkündigt? Ge⸗ wiß einer von meinen Oheimen—— „Tröſtet Euch, Sire!“ erwiederte ihm Iſa⸗ belle kalt;„Ihr werdet ſelbſt einen Kampf be⸗ ginnen müſſen— gegen die Schüſſeln aus Eurer Küche, und gegen die Becher mit Eurem— Wap⸗ pen.“ Das letztere Wort ſprach ſie faſt tonlos, als hätte es wie ein Pfeil ihre Zunge durch⸗ bohrt. Der König hatte es nicht beachtet, ſondern rief fröhlich ſeinem Schwiegervater zu:„Kommt, mein werther Herzog von Baiern! Laſſet uns das Leben genießen; ach es währt ſo kurz, und mir,“ fügte er leiſer, zuſammenſchaudernd hin⸗ zu;„verzehrt noch obendrein die eine Hälfte dieſer kurzen Friſt eine troſtloſe, fürchterliche Nacht. Drum laßt uns, ſo lange wir die Sonne noch ſehen, uns baden in ihrem Glanze, uns ſatt trinken an ihrer Glut, damit ſüßer Taumel uns in Täuſchung wiege. Ach, wir ſind glücklich! Was fehlt uns denn auf Erden?“— Die Tafel begann. Herzog Stephan erhielt ſeinen Platz zwiſchen der Königin und der rei⸗ zenden Anna von Bourbon, der jungen Wittwe des Grafen Peter von Montpenſier; neben der J. 11 — 162— Königin ſaß Orleans, an der andern Seite An⸗ nens von Bourbon hatte neben Burgund der Kö⸗ nig ſeinen Platz, und gewahrte gar bald ſich gegenüber die Herzogin von Orleans, deren An⸗ blick er ſo lange entbehrt hatte. Durch Bourbons Betrieb war ſie heute zum erſtenmal wieder am Hofe erſchienen.„Ei, ſieh' da!“ ſprach er, plötzlich erheitert;„unſere liebenswürdige Schwä⸗ gerin! Nun erſt dürfen wir endlich uns ganz der Freude hingeben, weil nach langer Nacht die Sonne ihrer Trefflichkeit wieder an unſerem Hofe ſtrahlt. Welches grauſame Geſchick, o ſagt, gute Herzogin! hat uns ſo lange den Anblick Eurer theuren Züge entzogen? Erlaubt, daß ich, auf's Neue vom Morgenroth beſonnt, Euch dieſen Becher kredenze, und mein Glas auf Euer Wohl⸗ ſein leere. Wer mich liebt, der thue desgleichen, und erhebe ſeinen Pokal aufs Wohl der Herzogin von Orleans!“ Valentine ward bleich, ſie gedachte an den unglückſeligen Becher, welchen ſie einſt dem Kö⸗ nige kredenzt hatte. Der Herzog von Orleans, Stephan von Baiern, der alte Bourbon und Ber⸗ ry erhoben ihre Pokale, die Burgunder ſchoben — 163— ſie finſter von ſich. Als Orleans dieß ſah, ſetzte er den ſeinigen heftig nieder, warf wüthende Zornblicke auf Burgund, und ſprach mit lauter Stimme:„Mein Oheim von Burgund ſcheint die Liebe meines königlichen Bruders nicht ſehr hoch anzuſchlagen, denn ich bemerke, daß er ſei⸗ nen Becher unberührt läßt.“ Burgund ſchwieg, finſter vor ſich hinſtarrend, ſtatt ſeiner nahm raſch der Brauſekopf, ſein Sohn, der Graf von Nevers, das Wort, und erwiederte im herausfordernden Tone:„Vetter von Orleans, ich rathe Euch, zügelt Eure vor⸗ laute Zunge, und laſſet meinen Vater gewähren, wie er es mit ſeiner Liehe zum Könige halten will. Er iſt keiner von jenen heuchleriſchen Doppelzünglern, welche die Lippen voll Honig und das Herz voll Galle haben.“ „Was mag der Knabe mit dieſen Worten ſagen wollen?“ ſprach Orleans ſo laut, daß der Graf von Nevers es hören konnte, zur Königin, welche ihm ſpottend antwortete:„Pah! Kinder wiſſen nicht, was ſie ſprechen.“ „Ihr habt Recht, erlauchte Dame; von die⸗ ſem Geſichtspunkte aus will ich ihm,“ höhnte der 11* — 164— Herzog, ſeinen kochenden Grimm in kühle Ver⸗ achtung verbergend;„die unbedachten Worte ver⸗ zeihen.“ „Verzeihen bedingt Reue,“ rief immer er⸗ bitterter Jean von Nevers;„ich habe noch nichts begangen, was ich bereuen könnte.“— „Das glaube ich,“ verſetzte Orleans ſpottend; „denn Ihr habt überhaupt noch nichts gethan.“ „Habt Ihr Luſt,“ ſchrie Nevers zitternd vor Wuth;„zu erproben, ob Thaten mir fremd ſeien, ſo kommt, und ich bin bereit. Und dieſe Königin an Eurer Seite möge dann entſcheiden, ob ich Reue empfinde, wann ich Euer falſches Herz durch und durch geſtochen—“. Er riß ſein Schwert halb aus der Scheide, und ſprang vom Sitze auf; Orleans desgleichen.„ Mäßiget Euch, edler Herzog!“ rief die Königin beſtuͤrzt; „um Gotteswillen! mäßigt Euch.“ Orleans ſtieß, Iſabellens Wunſche ſich fügend, ſein Schwert in die Scheide zurück, und ſprach, ſeinen Zorn auf's Neue in Hohn verwandelnd:„Mit Knaben fechte ich ja nicht, erhabne Königin!“ „O nein,“ erwiederte Nevers grimmig;„ — 165— gewiß nicht, denn Ihr fechtet auch mit Männern nicht! Aber Weiber verſteht Ihr zu bezwingen; hei, das iſt ein tolles Spiel der Natur! Ihr ſiegt über Frauen, wie Eure Frau über Männer.“ „Feu d'enfer!“ ſchrie Orleans wie raſend; „ hütet Euch, Flaumbart! mit der Feder Eures Baretts ein Ding anzutaſten, das fur Euch nicht beſteht; ich meine: die Ehre; und ſolltet Ihr's dennoch wagen, ſo habe ich gute Luſt, Euren weiſen Vater zu bitten, er möge Euch noch ein⸗ mal zur Schule ſchicken.“ Der junge Nevers riß, ohne ein Wort zu erwiedern, ſein Schwert vollends aus der Scheide, und wollte auf Orleans losſtürzen. „Haltet ein! Im Namen des Königs, haltet ein!“ rief jetzt der alte Bourbon, indem er ihm das Schwert aus der Hand ringen wollte, doch der junge Löwe ließ ſich nicht bändigen. Indeſſen war der König aufgeſprungen, bleich und zitternd, nicht, weil er den losbrechenden Zwiſt fürchtete, ſondern, weil er ſah, daß Va⸗ lentine, durch die öfteren ſchimpfhaften Anſpie⸗ lungen auf ſie, tödtlich gekränkt, bewußtlos auf ihren Stuhl zurückgeſunken war.„Valentine,“ — 166— ſtammelte Karl, zu den Füßen der beleidigten Dame knieend;„Valentine! o ſchlaget die Augen empor! Ich beſchwöre Euch, Ihr dürft nicht ſterben! Hab' ich denn ſonſt in Frankreich noch ein Weſen, das mich liebt? Nein, nein, Ihr dürft nicht ſterben. Aerzte herbei! Hülfe, Hülfe für unſre theure Herzogin von Orleans!“ Nevers hatte bereits ſein Schwert über Or⸗ leans geſchwungen, als der alte Burgund, der bisher, im Kampfe mit ſich ſelbſt, geſchwiegen, jetzt, um ſeine geiſtige Ueberlegenheit zu zeigen, dazwiſchen ſprang, ſeines Sohnes Arm ergriff, und ihm zuherrſchte:„Stecke dein Schwert in die Scheide, Jean, und ſpare die Hiebe! Augen⸗ blicklich zur Ruh! ich befehle es dir.“ Nevers zögerte.„Wie?“ rief der alte Bur⸗ gund zürnend, während auch Stephan, Berry und Bourbon dazwiſchen getreten waren;„noch immer nicht geſenkt? Gehorſam, Jean! Im Na⸗ men des.. „Begütigt Euch, Vetter; Ihr ſeid es ja, der den böſen Zwiſt begann!“ ſprachen die Vermitt⸗ ler, den jungen Löwen umringend, zu Jean von Nevers. 2 — 167— „Ich begann ihn und werde ihn ausfechten!“ erwiederte Nevers;„ſo wahr Gott lebt, ich thu's. Doch jetzt,“ fügte er, das Schwert ſenkend, langſam hinzu;„will ich dem Wunſche meines Vaters mich fügen.“ Seinen Grimm hinabwür⸗ gend ſtieß er das Schwert in die Scheide, und verließ gleich darauf, ohne ein Wort weiter zu verlieren, und ohne ſeinen Vater und die Ver⸗ mittler eines Blickes werth zu achten, den Saal. Die Herzogin von Orleans erholte ſich all⸗ maͤhlich, und der König kehrte wieder an ſeinen Platz zurück; aber der Friede ſchien verſcheucht. Um den Schein der Feſtlichkeit herzuſtellen, brachte Iſabelle das Wohl ihres Vaters aus, und dieſer klang mit ihr und der reizenden Anna von Bour⸗ bon an, von deren Schönheit und geiſtreichem Weſen er gar bald ſo gefeſſelt wurde, daß er, den ernſten Zwiſt von früher gänzlich vergeſſend, mit fröhlichem Muthe ausrief:„Nun bei Gott und allen ſeinen Heiligen. Dame von Bourbon! Ich wähne: Ihr ſeid mit Zauber gerüſtet, jegli⸗ ches Herz zu feſſeln. Erlaubt, daß ich mich Euern Ritter nenne, und Eure Farben als günſtiges Zeichen mit in die Heimath bringen darf, das — 168— ſchönſte Geſchenk, die ſüßeſte Erinnerung aus Frankreich, wodurch ich meinen Sohn erfreuen kann.“ „Ich wünſche,“ erwiederte Anna;„daß Euer edler Sohn dadurch Anlaß fände, öfters an Frank⸗ reich zu denken, welches ſeine ritterlichen Tugen⸗ den noch nicht vergeſſen kann. Nein! Um auf⸗ richtig zu ſprechen, ſo wünſchte ich lieber, daß Frankreich einen Talisman beſäße, deſſen magne⸗ tiſche Kraft ihn bald wieder hieherbrächte.“ „Dann müſſet Ihr es erlauben, edle Dame von Bourbon,“ entgegnete der alte Baierfürſt; „daß mein Sohn der Sonne Eurer Schönheit nahen dürfe, denn kein anderer Talisman in Frank⸗ reich vermag ſolche Zauberkraft zu üben, als der Anblick Eurer Anmuth.“ „Hätte ich dieſe Worte von den Lippen Eures Sohnes gehört——— ſprach Anna nach eini⸗ gem Zögern, unterbrach ſich aber gar bald errö⸗ thend und in holder Verwirrung mit den Worten: „Gedenkt auch Euer edler Sohn zuweilen unſeres ſchönen Frankreich's?“ „So oft und ſo lebhaft,“ erwiederte der alte Herzog;„daß all ſein Sinnen und Trachten * — 169— nur dahin ſtrebt, Frankreichs Boden bald wieder zu betreten, und ich konnte ſeine ungeſtüme Sehn⸗ ſucht nie deuten und begreifen, als jetzt, da ich Euch, edle Dame, geſehen. O wäre es mir ver⸗ gönnt, ihm von Eurem Munde einen holden Gruß zu bringen, eine ſichere Bürgſchaft, daß er bei ſeiner Ankunft freundlichen Willkomm findet, denn, ich meine, daß er ſich nach meiner Wiederkehr in der Heimath gewiß nicht länger halten läßt, ſondern Urlaub begehrt, um ſich von Euch das ſchönſte Kleinod Eures Vaterlandes, Eure Hand, zu erflehen.“ Die Dame von Bourbon ſenkte erröthend die Blicke, und erwiederte leiſe:„Wenn ich nicht befürchten muß, daß ſein Auge über dem Glanz koſtbarerer Juwele das arme Kleinod vergaͤße, ſo mag ich es gerne hingeben, damit es durch ihn erſt ſeinen Werth erhalte, denn ein Juwel ſchmückt ſeinen Beſitzer weniger, als der Beſitzer ſelbſt es dadurch adelt, daß er es werth hält.“ „Dame von Bourbon!“ nahm die Königin jetzt lebhaft das Wort, nachdem Anna verſtummt war;„ei, ſagt, wie ſo leichten Sinnes könnt Ihr zum zweitenmal der Frauen einziges Gut, die — 170— Freiheit, verſcherzen?!— Ei, zeigt doch, Grä⸗ fin,“ fuhr ſie, wie zerſtreut, fort,„welchen köſt⸗ lichen Ring Ihr am Goldfinger Eurer Rechten traget? Wolltet Ihr mich denſelben nicht näher bewundern laſſen?“ Anna zog den Ring vom Finger und über⸗ reichte ihn der Königin. Dieſe hob ihn lächelnd in die Höhe und ſprach, halb zur Gräfin, halb zu Orleans, und ihrem Gatten gewendet:„Ich kenne die Hand meines ritterlichen Bruders und ich möchte beinahe bei den Heilthümern von Andechs ſchwören: Euer Ring, Dame von Bour⸗ bon, paſſe trefflich für meines Bruders Finger, und er gäͤbe vielleicht ſeine Linke drum, dürfte er dieſes Ringlein von Eurer Rechten an ſeiner Rechten tragen. Eil bei Sankt Dionys! Gräfin, Ihr dürfet uns nicht damit kränken, daß Ihr den Ring zurück verlangt. Ihr müſſet vergönnen, daß mein edler Vater ihn von Euch meinem Bruder bringe, damit ihn ein Talisman zu uns nach Frankreich ziehe. Wie?“ fuhr ſie, an ihren Gemahl ſich wendend, fort;„erinnert Ihr Euch des muthigen Ritters aus Bayerland nicht mehr, der für Euch jene erleſene Schaar warb und — 171— nach Flandern führte, der zwei Jahre nach je⸗ nem Heerzug mich ſelbſt hieher geleitete? Beim Himmel! die Gaben des Mannes alle, Muth, Witz, feine Sitte,— die vereinzelt ſchon die Ein⸗ zelnen ſchmücken,— in ihm haben ſie ſich ſo treff⸗ lich zuſammen gefunden, daß, wär' er hier an Eurem Hofe, ſeine Treue Euch ein Schild würde, den kein Pfeil des Neides durchdringt.“ „O käm' er aus ſeiner Heimat zu uns,“ erwiederte Karl, wie aus Träumen erwachend, „und brächte er uns als feſten Schild die Treue mit, ich wollte ihm ja lohnen, wie Eure armen Kaiſer es nicht können, wollte ihm ein Juwel aufzubewahren geben, welches mir ſchon mehr als einmal von blutigen Händen entweihet ward,— mein Vertrauen!“ Er ſchwieg plötzlich, die Tafel⸗ runde mit finſtern Blicken meſſend; der bittere Schmerz durchfuhr wie ein Meteor die trübſelige Dämmerung ſeines Geiſtes. Iſabelle unterbrach raſch die Pauſe, indem ſie ſich mit heit'rer Miene zu Anna von Bourbon wendete und ſprach:„Ihr dürfet dem Wunſche meines königlichen Gemahls nicht widerſtreben; ich bitte Euch herzlich, laſſet meinem Bruder den Ring.“ Der Herzog von Orleans vereinigte ſeine Bitte mit denen der Kö⸗ nigin und Anna neigte ſich endlich ſanft zu dem alten Bayerfürſten mit den Worten:„So beſtel⸗ let den Ring, edler Herzog! O möge mir ihn Euer ritterlicher Sohn nicht als zu werthlos zu⸗ rückſenden.“ Freudig ſchmetterten die Trompeten, als der König ſeinen Becher hob und auf das Wohl ſei⸗ nes fernen Schwägers leerte, als alle Prinzen des königlichen Hauſes und die deutſchen Gaäͤſte ſeinem Beiſpiel folgten. —— Den Grafen von Nevers jagte indeſſen Scham und Wuth durch die Straßen von Paris. Im⸗ mer dichter ſenkte Dämmerung ſich hernieder. Dem Beſchimpften kam die Nacht willkommen, damit Niemand den Schandfleck gewahren könne. Ohne es zu wiſſen, war er vor den Pallaſt ſei⸗ nes Vaters gerathen, den er beim Schein eini⸗ ger Fackeln erkannte, welche im Thorweg aufge⸗ ſteckt waren.„Verdammt!“ murmelte er zwi⸗ ſchen den Zähnen,„ihal iſt dies nicht das Wap⸗ ven von Vurgund, und es darf ſich von Fackeln ——. ——,— erleuchtet zeigen, damit man Burgunds Schande darauf leſen kann?!— O, Schimpf, Schimpf, Schimpf! Und keine Rache!— Hinweg von dir, entehrtes Wappen! Hinweg mit dir, ent⸗ ehrter Burgund! Burgund iſt ausgelöſcht aus dem Buche der Ehre. Ha, bei'm Teufel! Ich will mein Wappen nicht eher ſchauen, als bis ich's rein gewaſchen habe. Nacht auf Burgund, damit kein Auge ſeine Schande leſen kann. Ich will, ich will——— Ei, was will denn der Knabe Nevers?! Tod und Teufel! das Schwert mir in die Scheide zurückgeſtoßen!— Ich will, ich will—— o pfui, verdammt, daß ich nichts als wollen darf! Nacht auf Burgund, bis meine Sonne aufgeht, und ich ſchwör's bei—, bei meiner Schande: ſie ſoll blutig aufgehen!“ Er riß, die Blicke von dem Wappen ſeines Hauſes abwendend, die Fackeln aus den eiſernen Klammern und ſtieß ſie ingrimmig zu Boden, daß ſie erloſchen. Eilig, als verfolge ihn ein Zeuge ſeiner Schmach dicht hinter den Ferſen, wandte er dem Pallaſt von Burgund den Rücken und rannte wild durch die Straßen weiter. Wie ein Zauber tobte und brauste in ſeinem Haupte — 174— der einzige Gedanke:„Schimpf und keine Rache!“ „Schimpf und keine Rache!“ heulte es laut in ſeiner Bruſt, waͤhrend ſeine beiden Hände den Griff des Schwertes umkrampften. Er ſtand am Ufer der Seine. Ein Sturm erhob ſich und peitſchte die Wogen des Fluſſes.„Ha!“ rief er hohnlachend,„das Element darf ſeinen Grimm zeigen, überſchwillt die Ufer, zerbricht ſein Joch. uUnd ich muß ſchweigen und mein Joch— die Schande tragen! Was glotzt ihr mich dort oben ſo höhnend an, ihr albernen Sterne, ſchadenfroh, daß ihr meine Schmach beleuchten könnt?! Nun ſo möget ihr auch wiſen——— Doch nein! Nichts ſollt ihr wiſſen, ihr ſchimmernden al⸗ ten Eſel und ich will Niemand im Voraus wie ein pausbackiger Laffe zum Zeugen nehmen, was ich thun will. Weshalb mich verloben? Wozu ein Eid? Was ich thun will, iſt in mein gan⸗ zes Leben hinein gewurzelt und muß geſchehen, wenn ich athmen ſoll. Fort, fort, aus dieſer verdammten Stadt, wo die Sonne nur aufgeht, um mir dieſes Orlean's hohnlachendes Antlitz zu zeigen. O waͤr' ich in Rubien mitten unter —,— — — 175— Pavianen und Waldteufeln! Bei meiner Schande! Ich will dies Geſicht nur einmal wiederſehen, nur dann, wenn ich den Beſitzer dieſer glatten Wangen in's Herz treffe.— Fort, Nevers! Fort mit dir!— Holla! Iſt kein Fährmann da? Zum Teufel noch einmal! Faͤhrmann herbei! Herbei! Ich will eine Luſtfahrt anſtellen.“ Da kam hinter dem Thurm von Nesle ein alter Mann hervor, in einen dicken Pelz ge⸗ hüllt, die Krempen der Mütze wie zum Schutz vor Froſt tief über den Nacken und die Stirne herabgezogen.„Was begehrt Ihr?“ fragte der Alte den Grafen. „Ich will, Ihr ſollt mich den Strom hin⸗ abfahren,“ erwiederte Johann und ſtieg in den Kahn.„Nun? Wird's bald?“ herrſchte er un⸗ geduldig dem Alten zu, welcher, wie es ſchien, in Gedanken verloren, träumeriſch harrend am Ufer ſtand.„Macht raſch! Mich lüſtet's nach einer luſtigen Fahrt. Willſt du etwa noch einen einnehmen, Graukopf?“ „Den Mord etwa? Ich ſollt Euch nach Eu⸗ rer Stimme kennen,“ ſprach der Alte tonlos, — 176— indem er, als geſchähe es willenlos, in den Kahn ſtieg. „Nenne meinen Namen nicht,“ unterbrach ihn Nevers zornig,„oder bei Gott, es geht dir nicht gut. Ich will dieſen Namen nicht hören, ſo lang jener Schurke ihn auch nennen und dazu lachen kann.“ „Mein Gedäͤchtniß faßt keinen Namen mehr,“ verſetzte der Alte mit dem Kopfe wackelnd, indeß die ſchäumenden Wogen den leichten Kahn in die Mitte des Stromes trieben,—„mein Schädel iſt ein Grab geworden, drinnen die Todten längſt in Staub zerfielen. Ach, ich wollt“: ich könnte ſterben; oh, wer hilft mir zum Sterben? Weh mir;— ein Name, der das Mark meines Le⸗ bens in ſich geſogen, iſt hineingewachſen in mein ganzes Sein und ſchleppt es ohne Willen, ohne Gedanken, ohne Thaten, ohne Hoffnung, ohne Erbarmen mit ſich fort;— o Orleans! Or⸗ leans!“ Der junge Burgund, vom Klange dieſes Na⸗ mens zur Wuth gereizt wie ein Tieger, packte den Alten an der Bruſt und rief:„Biſt du ein Teufel, um mich zu höhnen? So fahre zur Hölle! Kann deine Zunge, alter Staarmatz, kein anderes Wort lallen? Weißt du im Him⸗ mel und auf Erden keinen andern Laut, als dieſen, den mir der Teufel ewig zuraunen wird, wenn ich einſt um meiner Thorheit willen ver⸗ dammt werde, und wenn anders dieſe Hölle kein Mährchen iſt?!“ „Ich bin gewaltig geweſen, ich bin zum Kinderſpiel geworden, ich habe über Könige ge⸗ herrſcht, jetzt zupfen mich Weiber am Bart und bürden mir auf den Nacken, den das Alter ſchon gekrümmt, noch eine zweifache, tauſendfach gräßliche Laſt. Ha! Wie heulen die Wellen ſo laut! Huſch! wie leicht durchſchneidet der Kiel! Ei, ſo jage du Sturm; ei, ſo jage nur friſch! Des Lebens Vollbegriff, was iſt's? der Tod. Wie ſehnte ich mich darnach! Wie bettelte ich d'rum! Aber, weh! der Mord gibt Lebens⸗ kraft. Fruchtloſe Reue hält mein Gebein noch zuſammen. Und einzig um dich, Orleans!— „Reue, und Orleans?! Zwei Worte als Geißelhiebe für meinen Grimm! Ich will dieſe zwei Worte nicht hören, zur Hölle mit Jedem, der ſie zum Hohn meiner Mannheit mir in's I. 12 — 178— Ohr raunt, wie du! Zum Teufel mit dir, Pa⸗ pagei des Orleans, Echo der Reue!“ und toll⸗ wüthend packte der Unbändige den Alten vor der Bruſt und ſchleuderte ihn in den Strom. „Reue?!“ rief er dann wild lachend,„Reue? Was iſt Reue? Reue iſt Schimpf, denn Reue iſt das Bekenntniß des Schimpfes. Und zum Teufel mit allen zitterbeinigen, wackelköpfi⸗ gen, graubärtigen Bedenklichkeiten! Ich bin nicht zum Narren jedes Narren geſchaffen; ich muß thun, was ich will.“ Hinter ihm aber tauchte noch einmal der graue Schädel des Maitre Gervais aus den brau⸗ ſenden Fluthen empor und ſtöhnte, als fordere er ſterbend den Herzog vor ein Gottesurtheil, den Namen„Orleans!“—— Der junge Burgund handhabte mit ſtarker Fauſt das Ruder und trieb den Kahn eifrig Strom ab, bis dieſer in die Nähe von Saint Germain⸗en⸗Laye auf eine Sandbank auffuhr und ſaſt in Gefahr des Scheiterns gerieth. Mit genauer Noth gelang es ihm, das Ufer zu gewinnen. Er erinnerte ſich„ daß ein ver⸗ trauter Dienſtmann ſeinens Paters in Saint — 179— Germain angeſeſſen ſei, unverzüglich begab er ſich in die Stadt, pochte jenen auf und verlangte von ihm ein Pferd. Befremdet, doch zur ra⸗ ſchen Unterwürfigkeit geſchreckt durch Jean's her⸗ riſches Weſen, gab dieſer den Gaul. Raſch ſchwang ſich Jean zu Roß und ſchlug die Straße nach Chartres und von dort weiter über le Mans durch Maine in die Bretagne ein, willens, ſich bei dem Herzoge, dem Freunde ſeines Va⸗ ters, ſo lange zu verbergen, bis er günſtige Gelegenheit erlauert habe, auf Orleans hervor zu ſchießen und den erlittenen Schimpf in deſſen Blute zu tilgen. Es war am dritten Tage im Morgenzwielicht, als er, nachdem er le Mans früher verlaſſen, den einſamen Forſt, der die Stadt von dem Spittel trennte, durchritt. Mitten im dichten Gehölz bäumte plötzlich ſein Roß. Er blickte um ſich und entdeckte gar bald den ſchauderhaf⸗ ten Gegenſtand, vor welchem dieß ſcheute, ei⸗ nes Mannes bleichende Gebeine, an einen Baum⸗ ſtamm gefeſſelt durch ein ledernes Wehrgehänge, das ſchon halb zerſchliſſen, halb vom Wind und Regen gelokert, loſe hing. Ein gräßlicher Anblick, 12* — 180— daß wohl einem Beherzten grauſen mochte. Aber Jean lachte, als er das Geklapper hörte und rief, ſeinem Gaule die Sporen einſetzend: „Schäͤmſt du dich nicht, dummes Roß, zu ſcheuen, wenn du mich trägſt? Man merkt's, daß ein Knecht dich groß gefüttert hat. Und wann ſtatt dieſen tanzluſtigen weißen Knochen irgend eines Schufts— eine ganze Legion Teufel mir im Wege ſtände,— durch, mein Rappe, friſch du rch! Ha! Ich hätte große Luſt mit dieſen blaſſen, klapperbeinigen Geſellen zu ſchaffen wie weiland Graf Richard von der Normandie, der Richard ohne Furcht genannt wurde. Ich möchte mei⸗ ner Treu mit dem Teufel einmal zu Nacht ſpei⸗ ſen, daß er mich Johann ohne Furcht nennen müßte.“ Darnach ſpornte er ſeinen Gaul weiter. — Der arme König, der ſeit einigen Wochen auf's Neue von ſeinen Leiden heimgeſucht war, ſaß in kindiſcher Vergeſſenheit aller fürſtlichen Dinge bei'm Kartenſpiel, als ſeine Gattin und — 181— die Herzoge von Orleans, Burgund und Bayern zu ihm hereintraten, und ihm einen Brief des Königs von Ungarland vorlegten. „Ich bitt' Euch, meine Freunde,“ erwie⸗ derte Carl auf ihre dringenden Vorſtellungen, den⸗ ſelben zu leſen,—„ich bitt' Euch recht herzlich, behelliget mich doch jetzt, da mich wichtigere Dinge beſchäftigen, nicht mit ſolchen unweſentlichen An⸗ gelegenheiten. Seht doch nur! Der Däne Ogier bedroht ja eben die Dame meines Herzens; Cä⸗ ſar, Alexander, die abſcheulichen Heiden und der Jude David ſtehen alle vereint wider mich, den aufgegebenen Charlemagne. Aber Monjoye et Saint Denys! Ich, ich, ich, der König, will ihrer doch noch Meiſter werden. Wie? Ein Kö⸗ nig, ein ächter, ſollte anderer Waffen bedürfen, damit alle ſeine Feinde als Spreu zerſtieben, als eben der Majeſtät?— Schaut! Schaut, Ihr meine Freunde! Hier leuchtet die Majeſtät, von allen irdiſchen Freuden aufgegeben, noch in ſo vollem Schimmer, daß nichts ſie vertilgen kann; die Sonne verliert nicht von ihrem Glanz, wenn auch Dünſte und Wolken ſie ein Weilchen vor dem Auge der Welt verhüllen.“ 1 — 182— Iſabelle maß ihren Gatten mit einem Spott⸗ blicke, und ſprach dann:„Geliebt es Euch, mein königlicher Herr und Gatte, dieſen Brief des Kö⸗ nigs von Ungarlard zu leſen oder zu hören, ſo werdet Ihr ſehen, ob Eure erhabnen und ſehr edlen Worte probehaltig ſind oder nicht.“ „Der Soldan Bajeſſid,“ nahm Burgund die Rede der Königin eifrig auf,„hat an den König von Ungarland Geſandte geſchickt, die dieſem an⸗ kündigen, daß der Soldan ſeine Pferde gar bald in Sanct Peters Dom zu Rom einſtellen werde und dann einen guten Ritt thun wolle, ſo weit im Abendlande das Kreuz angebetet wird.“ „Was meint Ihr, mein tapfrer Bruder,“ fuhr Orleans zu dem Könige mit beißendem Spott fort;„wollen wir nicht feierlich ſchwören, ihn zum Chriſten zu machen, ſo völlig, und ſo ſchnell, als jene braunen Heidenkönige von Afrika, deren Austilgung uns in der That ſo wenige Mühe gekoſtet— haben würde?“ „Ich bitte Euch, meine Freunde!“ erwie⸗ der König, ängſtlich, mit kindiſcher Ungeduld nach ſeinen bunten Blättern ſchielend,—„ach — 183— vergönnet mir doch meine Ruhe; mein Geiſt iſt jetzt mit dem Schickſal von Königen allzuſehr beſchäftigt, und vermag dieſe verſchiedenartigen Sorgen und Pläne, die Ihr über mich zuſam⸗ menwirren wollt, nicht zu ſondern.“ Der alte Bayerfürſt blickte mitleidig auf den unglücklichen König, deſſen Geiſt in Träumen herumfingerte. Burgund aber ſprach eifrig wei⸗ ter:„Nein, mein königlicher Neffe, hier darf ich Euch keine Ruhe vergönnen; Noth und Ehre drängen auf's äußerſte. Der grimme Heide klopft mit dem eiſernen Ring ſeines Zeigefingers an die Vormauer der Chriſtenheit; es ſinkt, wie ſtromdurchwaſchen, der Grund und Boden, drauf die Mauern und Zinnen der uralten Kaiſerſtadt Byzanz ſtehen; fällt dieſer Wall, ſo iſt der Soldan wahrlich der Mann, ſeine ſtolze Drohung wahr zu machen, ſo bricht er herein wie wü⸗ thende Meerfluth in die dammloſe Chriſtenheit, und überſchwemmt ſie gar bald bis in dieſen Stolz des Abendlandes, bis in dies Saatfeld von Ehre, bis in dies ſchöne Frankreich herein. Sollen wir dies wohl müßig erwarten? Sollen wir bei'm Kartenſpiel ſitzen, bis dieſer — 184— ungeſchlachte Fürſt der Heiden mit plumpen Fäu⸗ ſten die jungfräulichen Lilien Frankreichs zerknickt, die Krone niederwirft vom Baum unſrer Ehre? Nein! bei unſrer lieben Frau von Dijon, wir dulden's nicht! Noch ſchlagen ritterliche Herzen, noch blüht ein kräftiges, thatluſtiges Geſchlecht, bereitwilliger, den Tod hinzunehmen, als die Schande. Wir wollen zuſammenſtehen, als eine heilige Schaar, wie jene einſt losbrach, als der heilige Ludwig ein leuchtend Beiſpiel gab, daß Frankreich, der Erſtgeborne der Chriſtenheit und des Ruhmes ſei, daß wenn die Ehre rings auf Erden verloren ſcheint, man ſie ſuchen müſſe in franzöſiſchen Herzen. Gebt Eure Einwilligung, mein königlicher Neffe, zu einem Kreuzzug, den die Blüthe franzöſiſcher Jugend beginnen will. Ihr müßt Eure Einwilligung geben, oder beim Heiland, ſie ertrotzen ſie von Euch, denn Ehre 4 iſt ihr Gott und Ehre ſteht auf dem Spiel, wenn wir länger ſäumen, wenn jenes Inſelvolk, aus ſeiner trägen Ruh⸗ erwachend, uns etwa den Rang abläuft, den Roſt von ſeinen Waffen putzt, auf heiliger Fahrt unſer Land durchzieht, Frankreich auf ſeinem eigenen Boden beſchämend, daß Frankreich von allen Völkern das letzte iſt, die Ehre zu retten!“ „Ha, wer ſpricht mir von Ehre, ohne daß ich ſie theilen ſollte?“ rief der König, deſſen ſchwacher Geiſt in raſcher Aufwallung dem Lichte zuſtrebte, als wollte er das entnervte Sein in kräftigem Morgenroth baden. Seine Gedanken flogen ſchwärmeriſch in's Weite, wie von bunten Flügeln getragen; verlorene Sehnſucht nach dem Inhalt des Lebens regte ſich mächtig in ihm,— freilich nur für wenige Augenblicke, nur wie ein holder Traum, der ſich aus dem nächtlichen Chaos entwickelte und bald wieder in daſſelbe zurückſtrömte.„Ich will die Oriflamme tra⸗ gen,“ rief er träumeriſch verzückt;„ha, wie glänzt das Kreuz, wie makellos ſchimmern die Lilien! Ein Schwert, ein Schwert! Laſſ't meine Schaaren ſich ſammeln! Führt mein Roß vor! Die Schlachttrompete erſchalle! Monjoye et Saint Denys ſey das Feldgeſchrei!“ „Erlaubt, daß ich dawider ein Wort ein⸗ lege, mein königlicher Neffe!“ entgegnete der Herzog von Burgund, und ein leiſes Lächeln des ſchlecht verborgenen Spottes zuckte während ſei⸗ — 186— und des Herzogs von Orleans Lippen.„Ihr dürfet Frankreich nicht verlaſſen; Euer Volk bedarf Eurer perſönlichen Fürſorge und Be⸗ treuung. Hier iſt die Stelle, wo Euer erha⸗ bener, königlicher Geiſt ſchaffen und ordnen muß. Deshalb erlaubt, daß mein Sohn Nevers, bera⸗ then von dem edlen Connetable Philipp d⸗Artois und dem tapfern Admiral Jean de Vienne den Zug anführe.“ „Ja, mein Gatte, Eure Gegenwart im Felde wird in der That nicht ganz nöthig ſeyn,“ fügte Iſabelle hinzu,„ſchon der bloße Klang Eures Namens wird den Muth der Feinde auch in der Ferne erſchüttern; weshalb ſollten alſo wir Zu⸗ rückbleibende für Euer koſtbares Leben zittern müſſen? Nein, mein Gatte! Nein, Ihr dürft nicht von meiner Seite; Euch laſſen wir nicht fort.“ „Ich darf wirklich nicht? Rührt Euch meine Sehnſucht nicht? Ach, ſo ſoll ich denn nie mehr mich vor den Augen aller Welt der Ehre zuge⸗ ſellen?“ klagte Carl, durch den Widerſpruch augenblicklich in ſeine ganze Schwäche zurück⸗ ner folgenden Worte auf ſeinen, der Königin, -— — — 187— ſinkend, wehmüthig;„nie mehr ſoll ich, Tauſen⸗ den voran, das Schwert entblößen, meinem Na⸗ men ein winziges Gedächtniß retten?“ „Nein, nein, Ihr dürfet nicht von uns,“ verſetzten Orleans und Iſabelle;„unſere treue Liebe zieht einen Zauberkreis um Euch, dem Ihr nicht entrinnen könnt. Ei, Ihr könnet ja einſtweilen Feſte und Triumphgepränge erſinnen und anordnen, dergleichen Paris, ſeit es ſteht, noch nie geſehen.“— Der König wendete ihnen, ohne weiter etwas zu erwiedern, gleichgültig den Rücken und ſetzte ſich wieder zum Spiel.„Die Dame verloren?“ ſprach er ſchmerzlich, den Geiſt blos in das Spiel verſenkt.„Hal ſchnö⸗ der Lanzelot, tückiſcher Däne! raubt ihr mir Mann für Mann von meinen Getreuen?“ „Erlaubt, daß wir Euch noch einmal unter⸗ brechen; noch einen Vorſchlag unterlegen wir Eurer königlichen Weisheit,“ begannen Orleans, Berry und Burgund auf's Neue zu dem Könige; „die höchſt nöthigen Koſten der Kreuzfahrt zu decken, haben wir den Beſchluß einer allgemeinen Beſteuerung entworfen. Geliebt es Euch, dem Beſchluß Euren königlichen Namen beizufügen?“ — 188— Mit dieſen Worten ſchoben die Herzoge, welche auch dieſe Gelegenheit, wie alle, trefflich zu be⸗ nutzen verſtanden, um das arme Volk vierfach auszuſaugen, dem Könige den Beſchluß zur Un⸗ terſchrift vor, eben als dieſer im Unmuth aus⸗ rief:„Sie nehmen mir Alles, dieſe unerſätt⸗ lichen Drei.“—„Was gibt's da noch?— Eine Schreiberei?! Nur geſchwind damit her,— was wollt Ihr?— Ja ſo, meinen Namen!— Schnell! ſchnell!“ Ungeduldig ergriff er die Fe⸗ der, und ſetzte, ohne den Inhalt des Pergaments zu durchleſen, ſeinen Namen unter die Schrift. „Nehmt es raſch,“ fügte er hinzu,„ihr kommt mir mit euren Nebendingen doch immer zur un⸗ gelegenen Stunde.“— Dann ſich wieder ganz dem Spiele zuwendend, rief er mit kindiſcher Freude:„Ich habe Alles verloren; nun denn! nehmt ſie hin alle die ungetreuen Buben, die mich verlaſſen haben; aber ſchaut! der König iſt über geblieben, wenn auch ganz einſam, aber er blieb doch, und iſt noch König!“ Gleichgültig und unbekümmert um ſeine Spie⸗ lerlaunen, durch welche, ohne daß er es ſelber wußte, der Geiſt ſeiner alten Hoheit ſprach, ver⸗ — 189— ließen Iſabelle und die Herzoge von Orleans, Berry und Burgund den König; der alte Fürſt von Bayern, der ſonſt bei jedem Anlaß ſeine Fröhlichkeit und ſeinen leichten Sinn bewahrte, mußte doch jetzt eine Thräne im Auge zerdrücken, ſchüttelte bedenklich das graue Haupt und mur⸗ melte leiſe vor ſich hin, während er langſam den Uebrigen folgte:„Wie? ſind dies die Freuden der Krone von Frankreich? O Deutſchland, mein gutes Deutſchland! wie ſehne ich mich nach dir! Rings um dieſen goldnen Herrſcher⸗Thron von Frankreich iſt böſer Same geſäet, deſſen Ernte ich nicht zu ſchauen begehre! Ach, in meinem Bayern kann ich mein Haupt in jedes Bürgers Schoos ruhig niederlegen; hier möcht' ich's nicht. Aber dies Volk werden ſie ſo lange ſpornen, bis neu geborne Kindlein mit jedem Milchs⸗ tropfen Haß einſaugen, und Greiſe fluchen wer⸗ den, daß ſie nicht als Kinder geſtorben ſind.“ In dem burgundiſchen Pallaſt ſtand der Graf von Nevers, in ſtummen Trotz verſunken, vor ſeinem Vater. — 190— „Nun Johann,“ begann der alte Burgund, werde ich Euch wohl noch kniefällig bitten müſ⸗ ſen, daß Ihr mich eines Willkomms werth haltet? „Wie könnt Ihr,“ verſetzte der Sohn, finſter zu Boden blickend,„von mir freundlichen Willkomm verlangen, da ich nicht zu Euch gekommen bin, da mich Eure Dienſtleute ſchmählich der Freiheit beraubten, und vor Euch brachten? Und wär ich zehnmal auch nicht einmal der Erbe von Burgund,— wer gab Euch das Recht, einen Freien gleich einem ſchnöden Sklaven hinterrücks greifen zu laſſen? Hm, ſoll ich Euch wohl dafür noch danken? O pfui über alle Demuth, des Knecht⸗Sinns ſchimpfliche Aus⸗ geburt!“ 8 „Still, bändige, den keiner bändigt, deine Tollheit und Thorheit, Jean! Und ſag nur: Wel⸗ cher böſe Geiſt jagte dich bei Nacht und Nebel aus Paris? „Ha, Burgund! eine Geißel, die man in Paris zu dulden pflegt,— die Schande.“ „Ho! Mäßigt Eure Zunge, Johann; lerne bedenken, Knabe, daß ich in Paris blieb, waͤh⸗ — — 191— rend du, wie ein Bremſen⸗geſtochenes Roß, in's Blaue hinein tollteſt, daß ich hätte meinen mögen, du wärſt gegen Himmel geflogen, hätte mir nicht Renard Thybault, der dir in Saint Germain ſein Roß auf Nimmerwiederbekommen borgte, auf die Fährte geholfen.“ „Der Teufel breche ihm für ſeine Zunge den Hals.“ „Nun wahrhaftig Johann, das muß ich ge⸗ ſtehn: feine Sitten lerntet Ihr in der Bre⸗ tagne nicht.“ „Und Ihr mein Vater ſandtet mir in der That üble Lehrmeiſter! Bei meiner armen Seele! ein neues Spiel! Burgund fängt Burgund, wie man Haſen fängt; ſo viele Hunde hattet Ihr geſchickt, daß ich mich ihrer nicht erwehren konnte. O, Ihr ſolltet Oberjägermeiſter von Frankreich werden, Vater!“ „Wann werdet Ihr Euch ſatt geſprochen ha⸗ ben, Johann? Ich hielt Euch bis jetzt für etwas Beſſeres als für einen Zungen⸗Helden.“ „Vater!—“ ſchrie der junge Burgund, ſeine PVuth kaum bezähmend. „Still!“ herrſchte ihm mit Donnerſtimme der — 192— Alte zu. Still, Nevers; hör mich endlich an, und lerne dann dich deiner Tollköpfigkeit ſchämen. Meinſt du denn wirklich, meine Ehre ſey bei den Worten dieſes unverſchämten Orleans taub ge⸗ weſen oder ich hätte aufgehört, ihn zu haſſen? Nein, ſo wahr Gott lebt! Ich haſſe ihn noch, dieſen unverſchämten, herrſchſüchtigen Vetter und habe geſchworen, ihn zu verderben. Doch das Schwert gegen ihn zücken, Angeſichts des ganzen Hofes,— bei unſerer lieben Frau von Dijon, das war nicht viel beſſer als Unvernunft. Ha, ich dachte oft daran, dir, wenn ich ſterben werde, die eigentliche Gewalt von Frankreich zu hinter⸗ laſſen, davon Carl den Namen trägt. Aber dazu bedarf's Klugheit, Verſtellung, Geduld; mit einem Sprung läßt ſich ein fernes Ziel nicht erreichen; gleichmäßig⸗feſten Schrittes wird es gewonnen. Nun höre, Tollkopf, was ich indeſſen für dich gethan, und warum ich dich, da ich weiß, daß Güte und Vernunft über dich nie etwas vermag, mit Gewalt zu mir holen ließ. Es hat ſich ein Kreuzzug wider die Osmanen zuſammen⸗ geſchaart, und dir habe ich es erwirkt, daß du ihn anführen ſollſt. Ich dachte, als ich dies — 193— betrieb: dabei magſt du die Sporen verdienen, vermeideſt zugleich deines Todtfeindes verhaßtes Antlitz zu ſchauen, ſo lange du dich noch nicht richtig regen kannſt, und kommſt, will's Gott,— als Sieger heim, den Ruhm als Kranz um dei⸗ nen Helm tragend, vergöttert von der allgemei⸗ nen Meinung, offne Bahn vor dir findend, dies hundertköpfige Thier, an Leidenſchaften ein Cha⸗ mäleon, ich meine das Volk, das denn doch ein⸗ mal da iſt, für dich zu lenken, und wie einen Tiger(dafür iſt's, Gott ſey Dank, zu brauchen) gegen ihn alle unſere Feinde zu hetzen. Nun ſag' mir doch, was hab' ich Tyranniſches gegen dich gehandelt, als ich, deine Natur und Weſenheit wohl kennend, dich mit Gewalt aus der Bretagne holen ließ, um dir dieſe günſtige Gelegenheit an's Herz zu werfen?“ Der junge Burgund vermochte kein Wort zu erwiedern, ſo gewaltig ſtürmten Beſchämung(ſei⸗ nem ſtolzen heftigen Gemüth ein unerträgliches Gefühl), Rachluſt gegen Orleans und Thaten⸗ durſt in ſeiner Bruſt. Als er ſich etwas geſam⸗ melt hatte, machte er ſich Luft:„Ein guter Geiſt hat Euch dieſen Plan eingegeben, und ich be⸗ J. 13 — 194— ſchwöre Euch, laſſet mich denſelben ſchleunig in's Werk ſetzen; denn ich kann, obwohl Monate dar⸗ über verſtrichen ſind, dieſem Orleans noch immer nicht in's Auge ſehen, ohne die Hand an mein Schwert zu legen. Frankreichs Boden glühet unter meinen Sohlen, ſo lange er außer mir auch dieſen Orleans trägt.“ „Du ſollſt nicht mehr lange warten,“ erwie⸗ derte der alte Burgund.„Ich ſchmeichle mir, es begiebt ſich an dieſem Hof und in dieſem Land nichts mehr ohne meinen Willen. Du wirſt kaum ſo viel Zeit mehr übrig haben, als du brauchſt, um dich für die lange Fahrt zu rüſten.“ Voll Kampfluſt und ſtolzer Hoffnungen ver⸗ ließ nach dieſem Zwieſprach der Graf von Ne⸗ vers ſeinen Vater, um ſeine Fahrt zu beſtellen. Es war ein herrlicher ſtattlicher Zug, an deſ⸗ ſen Spitze der Graf von Nevers, in der Fülle ſeiner Kraft, zweiundzwanzigjährig, eine gedrun⸗ gene ſtämmige Geſtalt, das Haupt von langem, ſchwarzem Haar umwallt, die Stirne hoch und majeſtätiſch, ſtolze Herrſcherblicke aus den blauen — 195— Augen ſendend, dem Kriegsgott gleich in ſeiner ſchimmernden Rüſtung, im Frühling des Jahres 1395 aus Frankreich durch Deutſchland nach Un⸗ garn zu König Sigismunds Hülfe zog. Dreitau⸗ ſend Edelleute, viertauſend geworbenes Kriegs⸗ volk zu Fuß und achttauſend zu Roß folgten ihm. Seine Perſon umgaben Philipp d'Artois, Graf von Eun, Connetable von Frankreich, Jac⸗ ques de Bourbon, Graf von der Marche, Henri und Philipp von Bar, Guy de la Trimouille, Jean le Meingre, Herr von Boucicaut, Mar⸗ ſchall von Frankreich, Enguerrand de Caucy, Regnaut de Roye, die Herren von Saint Paul, Montorel und Saimpy, der Baſtard von Flan⸗ dern, Louis de Brezé und ſonſt noch die Spröß⸗ Jlinge der edelſten Geſchlechter von Frankreich. Der alte Herzog Stephan von Baiern, welchem es wohl wurde, als er des unheimlichen Frank⸗ reichs Gränze hinter ſich hatte, vermehrte mit ſeiner waffenfreudigen Ritterſchaft den Heeres⸗ zug. Stolz, in Gold und Silber ſchimmernd, von ihren üppigen Courtiſanen umſchwärmt, rit⸗ ten die Herren aus Frankreich nicht anders als wie zu einem prachtvollen Feſte, als wie einem 13* — 196— gewiſſen Triumphe entgegen. In welche Stadt immer ſie kamen, da hielten ſie Banquette und Rennen, da war dem Wohlleben, dem luſtigen Taumel freies Spiel gegeben. Je weiter ſie zo⸗ gen, deſto mehr Ritter und Volk ſchloßen ſich ihnen an. Es war, als ob ein Zauber aus dem blendenden Schimmer und Glaſt ſtrömte, oder Sirenenklang ihres üppigen Wohllebens manchen, der ſein Rößlein bisher in Sorgen gefüttert, in den ſchwellenden Wahn hinein verlockte, Indiens Schätze zu gewinnen, oder das Paradies der lieblichſten Freuden im fernen Morgenlande zu finden. Des Herzogs Stephan aber harrte daheim nichts als Unfriede und Verwirrung. Sein kek⸗ ker, gewaltiger Sohn, Herr Ludwig im Bart, dem einſtweilen die Herrſchaft ſeines Herzogthums Ingoldſtadt übertragen geweſen war, hatte weder ſeines Landshuter Vetters Zögern, eine böſe Schuld zu zahlen, noch die heimlichen Bündniſſe der Münchener Herzoge gegen Ingolſtadt mit Gleichmuth erdulden mögen; ſein unruhiger Geiſt, der ſtets nach einem weiten Spielraum für große Thaten lechzte, hatte allmählig die Macht ſeines — 197— Hauſes durch immer bedeutendere Käufe von fe⸗ ſten Schlöſſern und ſtattlichen Orten erweitert, Freiſingen, deſſen Biſchof mit München im Bunde war, auf Leben und Tod bedroht, und Neuſtadt an der Donau durch einen kecken Ueberfall ge⸗ wonnen und geplündert. Dagegen fand Herzog Stephan auch manche Orte ſeines eigenen Gebie⸗ tes, darunter namentlich Friedberg und Schwa⸗ ben, verwüſtet, Haß und Zwieſpalt in jeder Ge⸗ meinde, ſchwere Irrung im ganzen baieri⸗ ſchen Land. Nur mit großer Mühe gelang es ihm zu ſchlichten; der Biſchof von Regensburg und neun aus den edelſten baieriſchen Geſchlechtern balfen als Schiedmänner zur Sühne. Am Katharinentage ſah Straubing das ganze prachtvolle Heer der Kreuzfahrer zum Abzuge aus Baiern verſammelt. Der Herzog Albert von Straubing, deſſen Vater in Holland herrſchte, hielt ihnen ein fürſtliches Abſchiedsmahl. Herzog Stephan und ſein Sohn, der Burggraf von Nürnberg, und der junge Pfalzgraf Ruprecht, genannt Pipan, nahmen daran Theil, welche beide letzteren mit vielen baieriſchen Edelherrn, — 198— mit dem Frauenhofer, dem Sandizeller, zwei Frauenbergern, dem Pinzenauer, dem Steichar⸗ tinger, dem Ulrich Kugler, dem Ott und Not⸗ haft, dem Ritter von Stein, dem franzöſiſchen Kreuzheere beigetreten waren. Wie manches Frauenauge blickte manchem waffenfreudigen Rit⸗ ter nach, wie manche Thräne floß, durch die heimliche Hoffnung gelindert, die Trennung währe nur kurze Zeit! Die gewaltige Heerſäule aber wälzte ſich ſtolz und majeſtätiſch fort, als fliege ein Engel des Sieges mit flammendem Schwerte ihr voran, und bezeichne mit leuchtendem Herold⸗ ſtab ſchon die Stätte ihres Triumphs. Ueber⸗ muüthige Zuverſicht ſchwellte alle Herzen, als ſie Baierland verließen und durch Oeſterreich, wo der Graf Herrmann von Eilly mit manchem gu⸗ ten Degen aus der mannhaften Steiermark und dem unheimlichen Krainerland ſich an den Heer⸗ zug anſchloß, gegen Ungarn fuhren. — 199— Die Hochzeit zu Müͤnchen. „Nun höre mich, mein Sohn,“ ſprach der alte Herzog Stephan im Schloß zu Ingolſtadt zu ſeinem Sohne Ludwig,„und gieb mir auch glimpflichen Beſcheid auf alles, was ich dir zu ſagen habe. Du weißt, wie bitter uns die in München,— die Herzoge nämlich,— im Her⸗ zen tragen, und wie ſie aller Zeiten gieren, uns an Land und Leuten zu ſchaden.“ „Ich weiß, mein Vater! erwiederte Ludwig lachend,„doch meine ich: es pfeift ihnen ein Vöglein hinwieder, und ſie haben manchen Tag daran zu gedenken, wie hold ihnen die Münch⸗ ner Bürger ſind. Potz Treue! Ich glaube: der Münchner Anhänglichkeit liegt in den runden Ar⸗ men ihrer ſchönen Frauen; wer mit dieſen tanzt, der hat ihre Anhänglichkeit und die ihrer Männer obendrein;'s iſt eitel Tanz all der Münchner Weſen; ich ſag' Euch's, mein Vater, die Män⸗ — 200— ner tanzen dort, wie ihre Weiber aufſpielen; drum laſſet uns der ſchönen Frauen zierliche Hände ergreifen, und die Männer ergreifen da⸗ für unſere Partei. Gewiß wolltet Ihr von Landshut ſprechen, als Euch Sorgen den Kopf durchkreuzten, und ſo wahr ich ein Geſelle der Bärtlings⸗Genoſſenſchaft bin, von der ich mich zubenenne, ſo hätte ich nicht übel Luſt, meinem jungen Vetter Heinrich ſeine Flaumen etwas zu ſtutzen. Mir ſchwillt die Koller⸗Ader, wenn ich dran denke, daß dieſer junge Herr, der an Er⸗ fahrung im Verſchwenden ſchon Methuſalems Jahre haben könnte, ſein ganzes Land verjagt, ſeines Vaters Geldkiſten durch lauter Lanzen⸗ brechen verſplittert, und ſtatt uns endlich einmal ſeine Schuld zu zahlen, wonach mir die Zähne ſchon etwas lang werden, recht wie ein Prinz in Windeln Backwerk, Ingwer und, weiß Gott, was noch für Leckerbiſſen, verzehrt, wodurch ſich der arme Schelm gewiß noch die Zähne verder⸗ ben wird. Mein Gott! Sagt, Vater, ſollen wir ihm dawider nicht endlich einmal Arzenei verſchreiben? Ich wüßte ihm einen trefflichen Arzt, der mir ſchon manchmal geholfen,— Mei⸗ f — 201— ſter Blankſchwert, den ſcharfſinnigen Geſellen hier an meiner linken Seite.“ „Laß uns,“ unterbrach ihn Herzog Stephan, „über dieſe ernſthaften Dinge nicht wie Schalks⸗ narren reden. Die Summe von dem, was ich dir ſagen will, iſt: Wir müſſen trachten, unſere Hausmacht bei Zeiten zu verſtärken; und ich hoffe, du wirſt mir danken, wenn du erfährſt, was ich deßhalb zu deinem Beſten ausgeſonnen. Ich habe es bereits ſo weit gebracht, daß es nur noch einzig an deiner Einwilligung liegt, Erbe des Königreichs Neapolis zu werden und einen Brautſchatz von einmal hunderttauſend Goldgul⸗ den zu gewinnen, welchen die Johanna, die Schweſter des Königs Ladislaw, zubringt, wenn du ihr deine Hand reichſt.“ „Im Ernſt, Vater?!“ erwiederte Herr Lud⸗ wig in fröhlicher Laune,„bedürft Ihr eines Pel⸗ zes ſo äußerſt nöthig? Ihr wißt, was ich dabei meine. Und von welcher Gattung muß er ſeyn? Ich bitt' Euch, laßet uns lieber an einem edlen Zobel genug haben und keinen Hermelin dadurch beläſtigen, indem wir dem armen Thier ſo zu ſagen das Fell über die Ohren ziehen. Potz — 202— Geier! Mich dünkt: Ich hörte, der Soldan habe der zierlichen Töchter etliche; wie wäre es, wenn wir hingingen, freiten, Türken würden und uns die Herrſchaft des Heidenreiches ſchwarz auf weiß verſichern ließen? Es ſoll wenigſtens, was die löbliche Sitte des Kopfabſchneidens betrifft, zwiſchen Neapolis und dem Reich des Soldans wenig Unterſchied ſein. Und, ſagt ſelbſt, ſoll ich blos deshalb von meinem himmliſchen und irdi⸗ ſchen Schöpfer zu meinem Rumpf noch einen Kopf als Zugabe erhalten haben, um denſelben, ſauber abgemacht, in Neapolis zu laſſen, noch ganz vollgeſtopft von ärgerlichen Gedanken über meines Landshuter Vetters unbezahlte Schuld?“ „Laß die Poſſen,“ entgegnete der alte Her⸗ zog unmuthig,„und erwiedere mir ernſthaft deine Meinung. Der Himmel gebe es, daß du bei⸗ ſtimmeſt, damit ich nicht den Schimpf zu tra⸗ gen habe, fruchtlos, wie ein alter Thui⸗ für dich gearbeitet zu haben.“ „O, was das betrifft, da bliebe Euch ja ſtets noch ein Mittel,“ ſcherzte Ludwig,„Ihr könn⸗ tet am Ende die Braut Eures Sohnes zu Eurem eignen Weibe machen! Wie? Seid Ihr nicht 4 — 203— noch ſo rüſtig, als wäret Ihr ſtatt eines ſtarken Sechszigers ſtärker als mancher Jüngling von Sechszehn?“ „Nun, meiner Treu'!“ erwiederte der alte Herzog, halb ernſthaft, halb ſcherzend,„du darfſt dich vorſehen, daß ich aus deinem Scherz nicht Ernſt mache; ich liebe das Leben, und was iſt das Leben ohne eine holde Frau? Meinſt du: ein friſches Roſenkränzlein ſtünde grauen Haa⸗ ren nicht auch gut? Doch, im Ernſt zu ſprechen, möchte ich als alter Knabe mir kein jun⸗ ges Weib aus Welſchland holen, denn wel⸗ ſche Frauen wollen gemeiſtert ſeyn, und wenn ich noch einmal wirklich wieder freite, ſo thäte ich's wahrhaftig nicht, um mich meiſtern zu laſſen, ſondern um den Abend meines Lebens eben ſo fröhlich und ſorgenlos zu vollbringen, als ich deſſen Morgen und Mittag genoß.“ „Nun denn, um auch Euch ernſt zu antwor⸗ ten,“ ſprach Ludwig,„muß ich Euch ſagen, daß, wenn denn das Glück meines Lebens durchaus getrübt ſein muß, ich, ſo wahr Gott leht, dieſe Neapolitanerin nicht freien werde.“ — 204— „Du ſprichſt wirklich ſehr deutlich,“ erwie⸗ derte der alte Herzog ziemlich empfindlich. „Das iſt Eure eigene Schuld, mein Vater,“ erwiederte Ludwig,„was kann ich dafür, daß ich mit einer guten Bruſt und Lunge zur Welt kam? Es iſt nun einmal ſo meine Art, und ich danke Euch's herzlich, denn dies Flüſtern und Lispeln, dies hinter'm Berge halten mit Stimme und Abſichten haſſe ich, faſt noch mehr, als nea⸗ politaniſche Liebe, welche ſich mit Kopfabſchnei⸗ den beſchäftigt.“ „So willſt du alſo nichts thun,“ brach der alte Herzog bitter los,„um die Macht unſeres Hauſes durch Reichthum und gewaltige Verſchwä⸗ gerung gegen unſere immer feindſeligen Bluts⸗ verwandte zu ſtützen? Ja freilich! Was ereifere ich mich doch? Für dich haſt du bereits vor⸗ trefflich geſorgt und ſorgſt noch immer mit wach⸗ ſendem Eifer. Burg an Burg, Stadt an Stadt, Herrſchaft an Herrſchaft handelſt du klug an dich, löſeſt, wie ein rechter Lombarde(um nicht was noch ärgeres zu ſagen) fremde Schuldver⸗ ſchreibungen ein, Pfandbriefe, und weiß der Geier, was noch alles, daß du der reichſte Herr im Lande biſt, und in deinen Schätzen prunken kannſt, indeſſen ich, dein alter Vater, der ich zur Zeit und ſo Gott will, noch lange regieren⸗ der Herzog bin, gar nichts mehr erſinnen kann, um nur von Schulden loszukommen, indeß ich bei meinen Landſtänden demüthig betteln muß, bis ſie mir etwa ein neues Umgeld geſtatten. Wahrhaftig, ich, dein alter Vater, muß vor dem Auge der Welt neben dir nur wie der Schatten deiner Hoheit erſcheinen; das iſt das Loos der Väter! Die blöden Augen der Menge können es nicht lange vertragen, auf eine Stelle hin⸗ zuſehen; das Neue drängt ſo gewaltig hinter dem Alten und in deſſen Fußſtapfen, daß die Spuren des letztern gar bald breit übertreten werden. So geht es jetzt mir, doch am Ende bin ich wahrhaft thörigt, trübe Gedanken des⸗ halb zu hegen; lieber will ich, da doch Alles von mir abfällt wie dürres Laub vom Stamme, unbekümmert um die Andern, fröhlich bis an's Ende meiner Tage das Leben genießen. Ich wünſche dir, du möchteſt jung ſterben, in der Fülle der Kraft und des Glückes, und dies iſt bei Gott ein väterlicher Wunſch! Denn wenn — 206— ich mir gerade dich im hohen Alter denke, etwa auch entblättert von allen Freuden und Freunden, von allen Hoffnungen, Anſprüchen und Thaten, dich, eben dich, dem die Welt zu enge und der Himmel nicht zu hoch iſt, dich an jene äuſſerſte Schwelle gebracht, wo du blos den Raum für deinen Leib meſſen kannſt und der ei⸗ ſernen Nothwendigkeit gehorchen mußt, ſo graut mir vor deinem Alter. Doch ich will nicht daran denken; ich liebe dich zu ſehr und meine Liebe iſt wie mein Leben ſtets allzu ſorglos geweſen. Laß uns lieber nochmals von jener Verlobung ſprechen; ich will ja deine beißenden Witze gern vergeſſen, denn ich weiß: ſie ſtammen nicht aus böſem Her⸗ zen, auch bin ich zu alt, um etwas anderes, als den Gedanken an Freude, lange im Gedächtniß behalten zu wollen. Drum antworte mir auch redlich und ohne Umſchweife.“ „So muß ich Euch denn zuvörderſt ſagen, mein Vater,“ erwiederte ihm Ludwig,„daß mein Sinn der Ehe ſo ganz widerſtrebt, wie Feuer und Waſſer ſich abhold ſind. Soll ich Euch ſagen, was ich von Frauen halte? Sie kommen mir alleſammt vor, als ob der Herrgott — 207— es nicht ernſthaft gemeint hätte, als er ſie ſchuf; denn ich denke mir: die Welt gehört nur Ei⸗ nem, dem Mann! Höheres konnte der Schöpfer nicht erſinnen, als ein Weſen, gebrechlich wie ein Wurm, und doch ſtärker als Eiſen, dem Tode gehorchend, und doch frei den Tod mei⸗ ſternd. Ich danke dem Himmel nicht dafür, daß er mir in einem herzoglichen Schloß die Wiege beſtellte, nicht dafür, daß ich von Kindesbeinen an in Macht, Reichthum und Wohlleben auf⸗ wuchs,— dafür danke ich ihm, daß er ei⸗ nen Mann aus mir ſchuf, daß er in mein Herz, in alle meine Adern das Vollgefühl dieſes Män⸗ nerthums goß; wäre ich eines Bettlers Sohn, frei und königlich ſtünde ich doch auf Erden, denn mit jedem Athemzuge fühlte ich ſtolz und ſelig, daß ich ein Mann geworden bin. Und bis zum letzten Athemzuge,— das Glück kann mir viel⸗ leicht Alles rauben, nur meine Mannheit nicht! — bis zum letzten Athemzuge werde ich in die⸗ ſem Bewußtſein bleiben wie ich bin. Was wol⸗ len uns die Frauen dagegen aufweiſen? Sie beſitzen Schönheit?! Nun gut, auch die Roſe iſt ſchön, aber welchen Werth hat ſie, wenn ſie einmal entblättert iſt? Sie erheitern uns das Leben?! Gut, dafür will ich Ihnen danken, aber ihnen zum Dank die Vollkraft des ganzen Lebens, in ſüße Worte und verliebte Tändeleien verſplittert, oder zu flimmernden Flittern ver⸗ ſchnitzelt, zu Füßen zu legen, ei potz Geier! das bedünkt mich denn doch, als wären fröhliche Stunden allzu theuer bezahlt. Ich— was ſoll ich's Euch länger verhehlen?— ich— liebe ein Mädchen, und bei Gott! es iſt die Einzige, die mich zu dem Gedanken verleitet, ihr Geſchlecht, könnte es anders nur zehn, ja nur zwei ihres Gleichen aufweiſen, ſchließe vielleicht noch mehr in ſich, als des Mannes Herz faſſen kann,— den Himmel, denn des Mannes Bruſt hat nur Raum für die Erde.—— Doch,— laßt uns da⸗ von ſchweigen, mein Vater! Mein Stolz em⸗ pört ſich wider den Gedanken, unſere Mannheit ſo gedemüthigt zu wiſſen.—“ „Du liebſt, mein Sohn?“ unterbrach ihn der alte Herzog ſtaunend;„ha, wann fandeſt du dazu Zeit?— Und wen?— Sage mir, mein Ludwig, wen?“ „Weshalb ſoll ich Euch ein Hehl daraus — 209— machen?!“ verſetzte Ludwig,„es iſt Caneta, die Tochter Eures Rathes und Dienſtmannes, Wie⸗ land Swelcher, der Euch nach Paris begleitete. Während jener Abweſenheit ihres Vaters lernte ich das liebliche Mädchen kennen und gewann in ihrem Herzen einen Schatz, wie meine königliche Schweſter in Frankreich keinen beſitzen kann.“ „Nun wahrhaftig,“ rief der alte Herzog lachend,„der Kriegsgott iſt zum Schäfer gewor⸗ den und ſchwäzt am Ende wohl gar mit ſolcher Begeiſterung von einem Bande, das an ſeines Mäͤdchens Herzen gelegen, als früher von ſchwe⸗ ren Belagerungsgeſchützen; ich dachte ſonſt, dein ganzes Herz ſei nichts weiter, als eine Rüſtkam⸗ mer, und nun finde ich, daß du dich, als hät⸗ teſt du nicht einen einzigen Schild für deine Ver⸗ theidigung gehabt, freiwillig ergabſt! Ja, nun merke ich, daß dein früherer Trotz gegen Frauen nur eine luſtige Liſt,— daß deine, ſo leicht ent⸗ flammte Höflichkeit gegen dieſelben, die du Ver⸗ ſtellung nannteſt, nur ein Deckmantel war; jetzt kann ich mir's in der That trefflich erklären, warum die Frauen Frankreichs(und vor allen die ſchöne Dame von Bourbon, welche dir ihren I. 14 — 210— Ring ſandte, und deinen dafür empfing) deiner mit ſolcher Neigung gedenken; denn die Frauen tändeln mit Allem gern, nur mit der Liebe nicht.“ „und doch muß ich Euch reumüthig beken⸗ nen,“ entgegnete ihm Ludwig,„daß ich gegen den Glauben dieſer Damen wie der argſte Ketzer gefrevelt habe, den die Erde trägt.— Doch nein, nein! Ich muß mich rechtfertigen; die Schuld iſt der Frauen; ſie ergötzen ſich wie Kinder an ſchmeichelnden Märchen und an dem Märchen der Schmeichelei ſo gerne, daß ſie ſich ſelbſt für ve rte Prinzeſſinnen halten, und den Marchenerzähler für den Ritter. Man ſtellt ſich hin und haͤlt einem ſchönen Kunſtwerk Lob⸗ reden, warum nicht auch Frauen, wenn ihre Schönheit als Meiſterſtück aus der Hand des Schöpfers kam? Nun ſagt aber, ſoll ich, wenn ich ein 3 rliches Bild lobe, zur Stelle gehalten ſein, 45 heirathen, das will ſagen: die ganze Friſt meines Lebens hindurch vor demſelben zu knieen und es anzubeten? Den Kirchenbann würde ich dabei wagen, denn Ihr wißt, was in den zehn Geboten ſteht, von denen kein einziges ſagt: du ſollſt des Königs von Napolis Schwe⸗ 2 — 211— ſter ehelichen!— Uebrigens,— leider Gottes im Ernſt geſprochen,— da Ihr Euch ſtets ſo viele Mühe gegeben, mein Vater, mir ein würdiges Gemahl zu erwählen, und mir den Ring der Dame von Bourbon ſogar ſelbſt überbrachtet, ſo ſagt, kann ich das Gelöbniß brechen, welches ich mit dieſer einging? Denn in der That, es war etwas mehr als Leichtſinn mit im Spiele gewe⸗ ſen, als ich die Dame von Bourbon zum ferſten⸗ mal ſah, und leider zu viel Leichtſinn, als ich ſie ſchon damals(ſie war nana eder Witt⸗ Ge, noch Gattin) um ihre Hand bat. Glaubt mir: daß ſie mir ihren Ring ſandte, war eine zarte Mahnung, eine Frage an meine Ehre, leiſe geſprochen, doch gut verſtanden von meinem ſcharfen Ohr. Soll ich nun dies Gelöbniß brechen? dann dulde ich auch einen ſchmachvollen Riß in meine Ehre. Wie? Dachtet Ihr daran nicht? Ehre iſt des Mannes einziges würdiges Weib; um ſie zu gewinnen, will ich, d. h. muß ich Anna freien. Ach glaubt Ihr wohl, daß ich ſonſt———? Still, ſtill davon! Nun wißt Ihr meinen Entſchluß, mein Vater, und mögt nach Allem, was Ihr bisher an mir gefunden, 14.* — 212— urtheilen, ob ich um eines Haaresbreite davon weichen werde.“ „Ja, das weiß ich, unverbeſſerlich biſt du!“ rief der alte Herzog, halb ärgerlich, halb lachend; „ſo magſt du,“ fügte er, mit dem aufgehobenen Zeigefinger bedeutſam drohend, in völliger guter Laune hinzu,„dich auch wahrhaftig vorſehen, noch eine Stiefmutter zu bekommen; du hältſt es für Scherz? O gemach! Ich bin noch nicht ſo ganz alt, daß ich nicht mit rechter Herzens⸗ freude zum zweitenmal ein Brauttänzlein m ſſuchen könnte.“ ährend ſeiner letzten Worte trat der Stadt⸗ pfarrer von Ingolſtadt, Herr Gabriel Gleslin, des Herzogs innerſter Schreiber und Seckelmei⸗ ſter, ein feiner luſtiger alter Herr in das Ge⸗ mach und ſprach zu Stephan:„Entſchuldigt mich, wenn ich Euer Gnaden in einer wichtigen Zwieſprach unterbreche; es iſt ein junger Ge⸗ ſelle drauſſen vor dem Pförtlein, ſieht aus wie die böſen Zeiten, wee ein Nichtsnutz, mit Ver⸗ gunſt ſo zu ſagen. Der begehrt, mit ſchuldigem Reſpekt von Euer Gnaden zu ſprechen, inmaßen wir nicht bewußt iſt, daß Ihr, der junge wie — 213— der alte Herr, unter den Faulpelzen, Tagdieben, in Summa Hungerleidern und ſchlechtem Volk Bekannte oder Verwandte habt,—— ja, was ich ſagen wollte,— o perfida memoria! Der junge Geſelle alſo, und Ihr müßt mich entſchul⸗ digen, wenn ich aus ſchnöder Ignorantia, ich meine: Unwiſſenheit, keinen andern Titel an⸗ zuſchirren vermag,— wünſcht Euch zu ſpre⸗ chen.“ „Pfarrherr!“ rief Ludwig, welcher ungedul⸗ dig den langen Sermon angehört,„hättet ihr nicht Luſt auf nächſten Aller Seelentag, wann die Schnecken ihre Winterquartiere beziehen, mit einem ſolchen Weſen einen Wettlauf anzuſtellen? Um Gottes willen ſpannt künftig euren magern Worten nicht ſo viele aufgedunſene Reden voran, denn ſie bringen ſie doch nicht ſchneller vorwärts; man kann ihnen die Ribben zählen, wie euren Witzen.“ „Geſtrenger Herr“ erwiederte der Pfarrherr, „ich habe hiermit blos als ein guter Chriſt meine Pflicht gethan, indem ich einen armen Hunger⸗ leider mit dürren hungerleideriſchen Worten an⸗ ſagte; es wäre ja eitel Schadenfreude geweſen, — 214— hätte ich mich dabei irgend eines geſunden, wohl ausgemäſteten Scherzes bedient.“ „Gut abgetrumpft,“ erwiederte der alte Her⸗ zog beifällig,„nun, mein lieber Meiſter Gles⸗ lin, bringt uns ſchnell den Geſellen, von dem ihr ſprechet; wir wollen ſehen, was er von uns verlangt.“ „Gewiß ein armer Landshuter,“ ſor Lud⸗ wig vor ſich hin,„der unter dem neue Regi⸗ ment ein paar Ohren oder Pfennige verloren hat, oder auf dem beſten Wege iſt, Hungers ſterben, während mein Vetter Heinrich ſich vo Backwerk den Magen verdirbt. Gott ſei es ge⸗ klagt, was es für ein ſauberes Regiment dies Neue in Landshut iſt. Der Herrgott dürfte Gold regnen laſſen, blos für des Landshuters Räthe allein, und ſie würden doch aus des Vol⸗ kes Rücken Riemen ſchneiden laſſen, um es mit ſeiner eigenen Haut zu peitſchen, oder um dieſe als Lederzeug für eine Koppel ihrer Fahdhunde zu gebrauchen.“ „Still, ſtill!“ erwiederte der alte Her⸗ zog, ſage ſo etwas nicht laut; denn für's erſte braucht unſereiner dergleichen von Niemand zu 8 — 4 — 215— hören, und am allerwenigſten von einem un⸗ ſers Gleichen, und für's zweite, bin ich noch nicht todt und du noch nicht Herzog von Ingol⸗ ſtadt. Meiner Treu! Was von Einem Stamme iſt, trägt nicht verſchiedene Früchte; man lernt leicht nehmen, wenn man weiß, daß andre Leute geben müſſen, ſie mögen nun wollen oder nicht. Das iſt ſo Glücksaustheilung!“ Indeſſen hatte der Meiſter Gleslin den jungen Geſellen hereingebracht und entfernte ſich alsbald wieder. In der That war kaum übertrieben ge⸗ weſen, was jener in langweiligen Worten breit genug über den Zuſtand des Fremden berichtet. Hohläugig mit fahlen eingefallenen Wangen, ein Bild des Jammers und Entſetzens, ſtand der Jüng⸗ ling vor den beiden Herzogen und rief ſchmerzlich lachend:„Nun ſehe ich erſt recht, was Kerker Luft und Schmach vermag,— ſo viel, daß mich ſelbſt Blutsverwandte nicht mehr kennen! Soil ich Euch, glückliche Vettern, meinen Namen nen⸗ nen? Ich heiße: memento mori, ihr wangenro⸗ then Herren, und ich, dieſer Herr memento mori, tupfe Euch jetzt in die Seiten, und auf die Schläfe und auf die Scheitel, und hauch Euch's auf Tir⸗ — 216— kiſch oder Franzöſiſch dazu in's Herz. Merkt Euch's, merkt Euch's! Fürſtenrang iſt kein Talis⸗ man, der das Elend bannen kann. O, pah, die⸗ ſer Krummreif ſchützt Euch nicht einmal vor der Traufe, dieſer Scepter taugt nicht einmal ſtatt eines Wanderſtabs, und Euern Herzogsmantel könnt Ihr nicht auf's Meer hinbreiten, wenn ein rebelliſcher Sturm zu Euch ſagt: Mit Vergunſt, Ihr müßt erſaufen! Wo findet Ihr in mir noch eine Spur vom Fürſten? Das Elend ſchlug mich als Ritter ſtatt zum Ritter; vor dieſem Richter⸗ ſtuhle ſind wir alle gleich. Hm! Einſt war mein Wappen in die luſtigen Farben: weiß und blau getheilt, jetzt ſpielt es alle Farben vor Elend; der Tod hat ſich drein geniſtet in dies ſtolze Pfalz⸗ Bayeriſche Wappen; ich bringe es meinem alten Vater nur heim, damit er es als Fürſtenſpiegel auf meinen Sarg lege; ich komme nur heim, durch ſo viele Beſchwerden, als Bettler, mit Schmach bedeckt, habe alles Mühſal der weiten Reiſe mit dem ſiechen Leib, mit dem halben, ge⸗ flickten Leben durchgekämpft, um im Vaterlande ſterben zu können; und ſterbe, wenn auch elend, bettelhaft, doch ſelig,— ſterbe frei, frei!“ — 217— Jetzt erſt erkannten die beiden Herzoge ihren Vetter Ruprecht Pipan von der Pfalz und ſchloſ⸗ ſen ihn an's Herz. Als ein blühender, lebens⸗ und thatkräftiger Jüngling war er, ſtolzer Sie⸗ geshoffnungen voll mit dem Heere des Grafen von Nevers gegen Bajeſſid gezogen. Als Schat⸗ ten ſeiner ſelbſt kam er wieder. Die unſelige Schlacht bei Nicopolis hatte(namentlich durch die Tollkühnheit des Grafen von Artois) die Blüthe der franzöſiſchen und deutſchen Ritter⸗ ſchaft vernichtet; Gottes Hand war es, die den Uebermuth und die zweckloſe niederträchtige Grau⸗ ſamkeit der Kreuzfahrer rächend ereilte, welche vor der Schlacht alle türkiſchen Gefangenen er⸗ mordet hatten. Nur mit genauer Noth entkam der König Sigismund ſelbſt auf einem ſchlechten Fiſchernachen. Nur die Prophezeiung eines heid⸗ niſchen Wahrſagers, daß der Graf von Nevers der Chriſtenheit einſt noch ärgere Wunden ſchla⸗ gen und verurſachen werde, als alle Krumm⸗ ſchwerter der Osmannen es vermöchten, ſo wie die Hoffnung, ein unermeßliches Löſegeld zu er⸗ preſſen, rettete dem jungen Burgund, die letztere allein dem Connetable, dem Grafen von der — 218— Marche, den Herrn von Bar, Trimouille und Boucicaut, und den wenigen andern Edeln, wel⸗ che nicht in der Schlacht gefallen waren, das Leben. Bajeſſid trieb ſeinen Hohn gegen Frank⸗ reich ſo weit, daß er, ſo lange das Löſegeld nicht zuſammengebracht war, die Bürgſchaft des Kö⸗ niges als unzuverlaͤſſig zurückwieß und ſich lie⸗ ber mit der des griechiſchen Kaufmanns Bar⸗ tolomeo Pelegrino von Chios begnügte. Der Connetable ſtarb im Elend ſeines Kerkers. Ach gewiß vermag Kerkerluft das Mark des Lebens zu verzehren, denn Freiheit iſt allein Licht und Lebensluft. Vermagſt ja doch du, himmliſche Freiheit, Greiſe zu verjüngen, Knaben über Nacht zu Männern zu machen, Hütten in Palläſte zu verwandeln, und den Mann, der Nichts beſitzt als ſich ſelbſt, aber ſich ſelbſt ganz beſitzt, ſelbſt im Kerker und auf dem Schaffot, zum Herrſcher aller königlichen Gedanken auf Erden zu weihen, um welche Könige vergebens bitten. Denn der Werth des Lebens und die Bürgſchaft der Un⸗ ſterblichkeit liegt nicht im Cirkel jenes Goldreifes und das Elend nicht in Ketten von Unglücks⸗ fällen oder in eiſernen. 4 — 219— Die Kerkerluft hatte auch des jungen Ruprecht Leben vergiftet. Schaudernd hörten die Herzoge aus ſeinem Munde die Unglückskunden von Nico⸗ polis und luden ihn gaſtlich ein, bei ihnen zu bleiben, und den ſiechen Leib zu pflegen. Aber es ſchien, als wäre er blos wie ein warnender Prophet gekommen, der keiner irdiſchen Labung bedürfe. Er verſchmähete Willkommstrunk, Gaſt⸗ gebot und Herberge. Die Sehnſucht nach ſei⸗ nem Grabe zog ihn weiter. Bald hörten die Herzoge, daß er kurze Friſt nach ſeiner Ankunft in Amberg, daſelbſt verſchieden war, auf heimi⸗ ſcher Erde, auf den Blumen im freien Felde. Wohl hatte die Kunde als ernſte Mahnung auch Ludwigs Herz erſchüttert; aber ſein kräf⸗ tiger lebensfreudiger Geiſt ſchwang ſich gar bald aus dieſen Wolken⸗Schatten zur Sonne der Zu⸗ verſicht empor.„Die Freiheit des Mannes,“ rief er, indem ſeine Blicke leuchteten,„liegt nicht in ſeinen Händen und Füßen; die Freiheit iſt zu göttlich, als daß Ketten, die doch ſo bald ro⸗ ſten, ſie austilgen könnten; des Mannes Würde liegt im Kern ſeines Wollens mitten drin; und läßt ſich auch im Tode nicht d'raus entwurzeln. — 220— Wer wahrhaft frei iſt, der bleibt's und ſaͤße er bis in ſein ſpätes Greiſenalter im Kerker. Was war dieſe Kreuzfahrt anders als eine von jenen vielen franzöſiſchen Prahlhänſeleien? drum büß⸗ ten die Herren gerecht; denn der größten Ver⸗ brechen eines iſt die Thorheit. Wer ein Mann iſt, wird doch wohl eines ſo ſchwachen albernen Weibes, wie Frau Fortuna ein's iſt, Herr und Meiſter werden können!“ Der alte Herzog ſchüttelte bedenklich den Kopf und erwiederte:„Dem Glücke Trotz bieten, hat ſelten gute Frucht getragen und ich wünſchte lie⸗ ber, du lernteſt bei Zeiten, zu thun wie ich: mit ihm zu ſpielen. Was gehört uns denn be⸗ ſtändig, als eben das Unbeſtändige, welches jeden Augenblick rollt und wechſelt?! Wie oft iſt in alten Zeiten, wann Peſt oder Erdbeben kamen, oder Hungersnoth und Ueberſchwemmung wüthete, oder Krieg und Meuterei ſengten und brannten, das Ende aller Dinge prophezeit worden! Ganz recht; es kam, und neue entwickelten ſich dafür. Gieb Acht, ob nicht auch jetzt, da unſer Jahr⸗ hundert ſich zu Grabe neigt, über kurz oder lang Propheten aufſtehen werden, die von dem Ende — 221— der Welt und der Ankunft des Antichriſt predi⸗ gen;— und Grund zum letztern hätten ſie jetzt wahrhaftig genug, denn die Kirchenſpaltung wird von Stunde zu Stunde unheilbarer und ärger⸗ licher; wir haben bis jetzt nur zwei Päbſte, de⸗ ren einer den andern verflucht, wer weiß, ob wir ihrer nicht bald noch mehrere haben.“ „Wenn denn das Ende der Welt hereinbricht,“ entgegnete Ludwig,„denn haben wir die höchſte Zeit, noch alles Irdiſche zu beſtellen und abzu⸗ machen, nicht als ob uns an irdiſcher Hab' und Gut gelegen ſein müßte, ſondern blos um der chriſtlichen Tugend, der Ordnung willen. Des⸗ halb laſſet uns auch eilen, noch bevor das Reich des Antichriſten beginnt, unter welchem alle Schuldverſchreibungen vertilgt werden könnten, von unſerm wackern Vetter Heinrich in Landshut mit Glimpf oder Ernſt zu erlangen, was er uns ſchuldet. Und es iſt bei Gott jetzt nicht mehr das armſelige Geld, deſſen ich begehr' oder be⸗ darf;— das gute Recht iſt's, das ich mir jetzt und nie nehmen laſſen will.“ — 222— Das Jahrhundert war wie eine Fürſtenleiche mit gewaltigen Zeichen unter Pomp und Mum⸗ merei des Himmels und der Erde zu Grabe ge⸗ tragen worden. Die Ordnung aller Dinge auf Erden ſchien verrückt; es ging ein großes Poſſen⸗ ſpiel an, bei welchem Päbſte, Könige und Kaiſer mit Narrenkolben auf einander eindrangen; Toll⸗ heit und Wirrſaal pflanzte ſich wie eine Seuche von dem Gewaltherrn der Erde bis zu den Ge⸗ ringſten herab, wie ſie von heute auf Morgen leben, im luſtigen Taumel fort, Königreiche wur⸗ den zu Glückstöpfen; über die Länder hin ſchwirr⸗ ten und ſauſten Bannflüche und grauenvolle Pro⸗ phezeihungen. In allen entlegenen Winkeln der Erde lauerte Mord oder Schmach auf gekrönte Häupter; es war als hätte das Glück einmal recht deutlich zeigen wollen, wie ſchaal und nich⸗ tig aller irdiſche Pomp, wie unwerth des Neides Kronenfreuden ſeien. Hingegen fraßen auch Ue⸗ berſchwemmungen den Fleiß des Landmannes, gewal⸗ tige Feuersbrünſte die mühſam erworbene Haabe, die theuer erkaufte Ruhe des Städters. Aus den verſumpften, von ſcheußlichem Ungeziefer durch⸗ wühlten Feldern, aus den Aſchenhügeln und dür⸗ — 223— ren Brunnen der Städte tauchten, von Stunde zu Stunde anſchwellend, unerſättlicher, Peſt und Hungersnoth, zwei Rieſenſchlangen. Auf allen Straßen und Wegen zogen Pilger und müßiges, halbverhungertes, aus Verzweiflung raubgieriges Geſindel. In Frankreich wurden Wallfahrer ge⸗ ſehen, welche, Bußlieder ſingend, mit verhüllten Häuptern nach allen Gnadenörtern auszogen; mit denen war's nicht geheuer beſtellt. Man hörte viel von einem geheimnißvollen Propheten, genannt Elias, welcher hie und dort erblickt wurde, ohne daß irgend Jemand von ihm genaue Kunde er⸗ langt hätte. Die Juden prieſen ihn für den Meſſias, die Chriſten ſcheuten ihn als den Wider⸗ chriſt. In England fiel König Richard, welchen ſein treuloſer Vetter Bolingbroke entthront hatte, durch die Hand von Meuchelmördern im Kerker. Der grauſame lüderliche Kaiſer Wenzeslaw ver⸗ lor, durch den Spruch der Kurfürſten als toll erklärt, die Krone des deutſchen Reiches. In Napolis mußte nach neunjährigem fruchtloſem Beſtreben Louis von Anjon, der ſich bisher König genannt hatte, vor Ladislaw flüchten und vergaß in Frankreich, wo er noch immer mit dem hohlen — 224— Königs⸗Titel prunkte, in den Armen des ſchönſten Weibes der Chriſtenheit, Jalantha's von Arra⸗ gon, alle kummerbethauten Freuden der Herr⸗ ſchaft. Um dem Untergang zu entrinnen, eilte der Kaiſer des Morgenlandes, Manuel Paläo⸗ logos, von Bajeſſid bedrängt, nach Frankreich, bemuht, einen neuen Kreuzzug aufzubieten, er fand ſtatt Hülfe leere Verſprechungen und ſchwel⸗ geriſchen Pomp, bezahlt mit dem blutigen Schweiß des Volkes, dem die unter dem Vorwand des letz⸗ ten Kreuzzuges entpreßte Steuer noch unvergeſſen war und Väter und Söhne und Brüder auf dem Schlachtfelde von Nicopolis oder in Burſas Ker⸗ kern vermoderten. Und kaum ein Jahr verron⸗ nen, ſo erlag derſelbe Bajeſſid, der ſich den Blitz genannt, vor dem ganz Europa gezittert, der im Geiſte ſchon Italien und Deutſchland überwältigt, dem Fürſten der Wüſte, Timur dem Oſchingiskan, welcher dem König von Frankreich ein Schutz⸗ und Trutz⸗Buͤndniß antrug, und den Sieger von Nicopolis, als er ihn lebendig in ſeine Gewalt bekommen hatte, zum Fußſchemel gebrauchte, wenn er ſein windſchnelles Roß beſteigen wollte; wie ein gebändigtes Ungethüm ſchleppte er den — 225— geweſenen Beherrſcher der Gläubiger im eiſernen Käfige von Land zu Land. In Italien wechſelte Tirannei mit Empörungen, ſchlich ſich der Mord hinter den Altar, in's Ehebett, an's Gaſtgebot. In Frankreich wurde der arme König, der die Perle ſeines Lebens verloren, faſt vergeſſen, als wäre er der geringſten Knechte einer; da herrſch⸗ ten Alle, befehdeten ſich Alle; ſelbſt Bettelmönche wurden kriegeriſch und erhoben ſich in offenbarer Empörung; und die übermüthige Univerſität zu Paris ſchloß, weil ſie ihre Rechte beeinträchtigt glaubte, ihre Säle; mit Wehr und Waffen, Je⸗ dermänniglich herausfodernd, durchzogen ihre Stu⸗ denten alle Straßen und Wege. Unter ſolchen Anzeichen begann das neue Jahr⸗ hundert, als wollte es drohend zeigen, welche Keime von Schreckniſſen noch in ſeinem Schooße ſchlummerten.—— Der Herzog Stephan ließ ſich durch alle dieſe Wirrſale, welche die Welt umdüſterten, den heitern Sinn nicht trüben, obgleich auch in Bayern der Geiſt des Haders geſchäftig war und die drei Zweige des Stammes Wittelsbach, Landshut, München und Ingolſtadt, feindſelig I 15— — 226— gegen einander ſchüttelte, obgleich ihm ſein eige⸗ ner Sohn, Herr Ludwig im Bart, nicht ganz aufrichtigen Sinn zeigte und ſich heimlich mit Ernſt, dem Sohne des alten Münchener Herzogs, auf zehen Jahre lang verbündet hatte, ſich ge⸗ genſeitig beizuſtehen, wenn ihre Väter etwas ge⸗ gen ſie unternehmen wollten, was nicht väter⸗ lich wäͤre. Zwar war der alte Herzog von München ſchon drei Jahre vor dem Beginn des neuen Jahrhunderts verſtorben und Ludwig im Bart hatte ſich ſeither mit der Münche⸗ ner Bürgerſchaft zu ſeinem und ſeines Vaters Vortheil geeinigt; aber das wunde Vertrauen zwiſchen Vater und Sohn wollte nicht wieder zuſammen wachſen. Die Bürger von München, welche dem leutſeligen alten Her⸗ zoge von Ingolſtadt und ſeinem thatkräftigen Sohne Ludwig getreuer anhingen, als ihren ei⸗ genen Fürſten Ernſt und Wilhelm, hatten durch jenes Bündniß nichts gewonnen, als innere Par⸗ teiungen. So hatte Ludwig den Mathias Send⸗ linger, den Hans Seluder, den Ulrich Ebner, den Bartholomäus Schrenk, lauter Münchner von ihrer Fürſten Parthei, des Landes verwie⸗ * — 227— ſen; hatte die Burgen der Herzoge, welche, Mün⸗ chen als Reſidenz verſchmähend, in Wolfraths⸗ hauſen wohnten, angegriffen und ihnen Pfaffen⸗ hofen weggenommen. Noch mußten die Münchner mit Schrecken des Blutgerichts gedenken, welches über Thomas Haidfolkh, Konrad Triener und Ulrich Stroh⸗ maier ergangen war, die alle Zünfte aufwiegeln und die Herzoge vertreiben wollten und am ach⸗ ten November 1400 auf dem Schrammenplatze zum Schwerte verdammt worden waren. Zu dem Allem wuchs in Ludwigs Bruſt ein immer tiefer und tieferer Groll gegen ſeinen böswilligen Schuldner Heinrich in Landshut, welcher ſich bald mit ſchlauer Liſt entſchuldigte, bald mit offnem Hohn und Trotz heraus zu geben wei⸗ gerte, was ſein Vater bei der großen Lan⸗ destheilung Baierns einſt an Gut und Geld zu viel erhalten und zurück zu erſtatten verſprochen hatte. Trotz aller dieſer Irrungen waren ſeit der Antonius⸗Woche 1401 in München nichts als fröhliche Geſichter zu ſchauen, unzähliges Volk drängte ſich auf allen Straßen und Wegen; 15* — 228— Schranken waren aufgeſchlagen vor dem Anger⸗ und Sendlinger⸗Thore; und auf dem Schran⸗ nenplatze, deſſen Häuſer ſchier wie ſonſt zum Frohnleichnams⸗Feſte mit luſtigen Maien und duftigen Blumengewinden geſchmückt waren, wim⸗ melte es von zierlichen Mädchen und Frauen, welche ſich alle zum Tanze geputzt eingefunden hatten. Wie ſtattlich prunkten die ſchönen Früh⸗ lingstöchter in ihren ſammtenen, damaſtenen, atlaſſenen, oder ſcharlachenen Kleidern, deren lange Schleppen, wenn die Frauen zum Tanz gingen, mit goldenen oder ſilbernen Nadeln auf⸗ geſteckt wurden; Schleier mit goldenem Einſchlag oder Perlengewinden umſchmiegten ihre allerlieb⸗ ſten Köpfchen, Bürger, ſelbſt Bauern und ei⸗ nige reiſige Knechte erſchienen im unerhörten Putz und voller Eitelkeit. Längs des ganzen Marktes ſtanden an vier Seiten unter den ſtei⸗ nernen Vorlauben der Haͤuſer, ſo wie zunächſt daran unter freiem Himmel gedeckte Tiſche, auf welchen Speiſe und Trank die Hülle und Fülle lockte. Auf dem Erker des Rathhauſes und an allen Fenſtern deſſelben, welche die Ausſicht auf den Schrannenplatz boten, zeigten ſich luſtige — 229— Geiger, Pfeifer und Zinkeniſten, in hochzeitlichen Kleidern mit großen Blumenſträußen auf den Hü⸗ ten und auf den Armen, gar ſauber anzuſchauen. Der ganze Schrannenplatz war mit feinen Dielen belegt und zum Tanzboden hergerichtet; hohe Stangen, mit Laubgewinden umflochten und mit flatternden Bändern geſchmückt, dienten ringsum denſelben die Gränzen der Tanzluſtbarkeit zu be⸗ zeichnen. Hier und da lagen Bürger, reiche Bauern, Edelknechte vor den vollen Kannen ſchäumenden Biers oder vor ſchimmernden Glä⸗ ſern ſüßduftenden Tyroler⸗Weins und erfreuten ſich, Trinkgewetten anſtellend, am Würfel⸗Brett⸗ und Schachzabel⸗Spiel; auch hatte mancher be⸗ reits die Karten aufgeſchlagen, welche ſeit ihrer Erfindung ſich unglaublich ſchnell durch alle Welt verbreiteten. Muſik und lauter Jubel durchſcholl die Luft, denn die Münchner Bürgerſchaft feierte in herzlicher Zuneigung die zweite Hochzeit des lieben alten Herrn von Ingolſtadt mit der Wittwe des Grafen von Ravenſtein. Endlich, nachdem die Stechen und Rennen vor den Thoren been⸗ digt waren, kam Stephan mit ſeiner jungen Frau Eliſabeth gar ſtattlich und fröhlich einher geſchrit⸗ — 230— ten, hinter ihm drein ſein Vicedom, ſein Hof⸗ meiſter von Ingolſtadt, ſeine Schreiber, Kammer⸗ meiſter und Räthe und eine gute Zahl ſeiner rit⸗ terlichen Pfleger mit manchem Herrn vom Adel, ſo den Turnieren beigewohnt, und ſcheelſüchtig auf den reichen Prunk der Bürgerſchaft blickte, mit welcher die Fürſten ſo freundlich und leut⸗ ſelig thaten, als ob alles Volk nur eine große Familie und ſie ſelbſt deren Hausväter wären. Das große Sonnenwendfeuer, welches(ſeit uralten Zeiten) von den Münchnern am 24. Juni angeſteckt wurde, brannte bereits in der Mitte des Platzes, denn der Abend war ſchon heran⸗ gebrochen, und in der Nacht, wenn es am luſtig⸗ ſten flackerte, pflegten die Bürger mit ihren Frauen nach Brauch und Herkommen darüber zu ſpringen. Neuer Jubelruf empfing den alten Herzog und ſeine junge Frau, als er den ſchmuk⸗ ken Tanzboden betrat, und nun die Pfeifer und Geiger auf dem Rathhauſe die luſtigſten Weiſen anſtimmten, und Alles ſich zu Paaren ordnete. Beim erſten Tanz führte Herr Ludwig im Bart ſeine junge Stiefmutter, und der alte Herzog des Bürgermeiſters Ulrich Halmberger holdſelige —— — 231— Tochter, beim zweiten wechſelten Vater und Sohn die Tänzerinnen, beim dritten durfte der Richter Jörg Oetlinger die Frau Herzogin an der Hand faſſen und zum Tanze ziehen, Stephan und Lud⸗ wig tanzten luſtig mit einem der holden Münch⸗ ner Bürgerskinder nach dem andern, und ließen es an milden freundlichen Worten, Scherzen und ſüßen Schmeichelreden nicht fehlen. Die Dämme⸗ rung hatte der Nacht noch nicht völlig Platz ge⸗ macht, als von Landshut berittene Boten kamen, gleichfalls hochzeitlich geſchmückt, um den Herzog und ſeine junge Gemahlin auch für dort auf Sankt⸗Gallus⸗Tag zu einem Hochzeitsfeſte einzu⸗ laden, welches der Burggraf Friedrich von Nürnberg mit Heinrichs Schweſter, Eliſabeth, begehen würde. Mit Willkomms⸗ trunk und freundlichen Reden wurden die Boten aufgenommen und miſchten ſich gar bald unter die frohen Tänzer. Wie freundlich jedoch Herzog Ludwig ſich dieſen, wie Allen, erwies, ſo mochte doch kaum in den Herzen der Münchener Herzoge, welche ſich ſtill grollend auch immer fern von ihrer Hauptſtadt in Wolfrathshauſen aufhielten, kaum größere Scheelſucht wühlen, als in ſeiner — 232— Bruſt, beim Anblick der Boten aus dem verhaßten Landshut. Er ſuchte nach beendigtem Tanze ſei⸗ nen Mißmuth zu zerſtreuen, indem er von Tiſch zu Tiſch ging, mit den anmuthigen Frauen ſcherzte, und den ehrenhaften Bürgersleuten Beſcheid that. Wie freudig wurde er überraſcht, als er bei einem jener Tiſche auch den Rath und Dienſtmann ſei⸗ nes Vaters, Herrn Wieland Swelcher, gewahrte, und an deſſen Seite das Maͤdchen ſeines Herzens, die ſchöne Caneta. Neben dieſer ſaß zur andern Seite ein ſchmucker junger Edelmann, der ſich mit großer Aufmerkſamkeit und zärtlicher Höf⸗ lichkeit um ſie bemühte. In der That mußte auch Caneta, wie keine Andere, ſo ein eiſenfeſtes Herz wie Ludwigs durch alle Trefflichkeiten des Geiſtes und des Körpers bewegen und feſſeln. Der Adel reinſter, hingebender Liebe thronte auf ihrem blaſſen, reizenden Antlitz; von ſanfter Schwermuth überhaucht, neigte ſich die zarte, liebliche Geſtalt wie eine Lilie im Morgenroth, wie eine Roſe im Mondenlicht. Ihr einfaches Gewand war hochzeitlich geputzt, als wäre ſie ſelbſt, ſtatt blos auf eine Hochzeit geladen zu ſein, die bräutliche Königin des Feſtes. — — 233— „Tauſendmal Gottwillkommen, Herr Swel⸗ cher!“ rief Ludwig fröhlich, das volle Glas er⸗ greifend, welches ihm Wieland Swelcher darbot, „mir iſt wahrhaftig, als hätte ich Euch Jahre⸗ lang nicht geſehen, ſo lang bedünken mich die kurzen drei Wochen, welche ich fern von Euch in Hall zubringen mußte, wohin mich mein gnädiger Herr, der römiſche König Ruprecht, beſendet hatte. Erlaubet mir, ehrenhafter Herr Swelcher, daß ich dieß Glas nochmals fülle und zu Ehren Eurer lieblichen Tochter Caneta leere; und geſtat⸗ tet auch Ihr mir, holdes Fräulein, Euch dieß Ringlein überreichen zu dürfen, welches ich Euch aus Salzburg mitgebracht habe.“ Caneta ſenkte auf dieſe Anrede trauernd das Haupt, und vermochte kein Wort zu erwiedern. Statt ihrer begann zögernd der alte Swelcher: „Entſchuldigt, edler Herzog, meine Tochter, ſie war ſeit einigen Tagen krank, und leidet zum Theil noch. Wenn ſie übrigens jetzt auf den güti⸗ gen Antrag Eures Geſchenkes nichts zu erwiedern vermochte, ſo geſchah es ohne Zweifel, weil ſie zu ſchüͤchtern iſt, ohne Zuſtimmung ihres Gatten eine Spende anzunehmen.“ — 234— „Was ſagt Ihr? Ihres Gatten?“ unterbrach Ludwig, wie betäubt, haſtig den Alten—„höre ich recht? Ich bitte Euch, wiederholt Eure Worte, alter Herr!— Ach, Ihr ſeid bei guter Laune, Herr Swelcher;— doch ich bitt⸗ Euch, keine ſolche Fröhlichkeit,— nein, nein, das iſt Spaß zum Verbluten!“ „Wie? Ihr wißt nicht?“ entgegnete Swelcher erſtaunt,„ich dachte, mein gnädiger Herr Stephan hätte Euch längſt davon geſchrieben oder erzählt, daß meine Caneta während Eurer Abweſenheit mit dieſem edlen Herrn, Ritter Conrad von Frey⸗ berg verlobt worden ſei, mit welchem ſie heute ihre Hochzeit feiert.“ „Ich——; ja, ich weiß——, ich weiß es jetzt. Eine Schellenkappe herbei, hahaha! ich berſte vor Lachen!“ rief Ludwig. Grimm und Eiferſucht tobten unbändig in ſeiner Bruſt; doch bald faßte er ſich, kämpfte die Wuth nieder; blickte in Caneta's ſchmerzgetrübtes Auge und überzeugte ſich aus dieſem, daß ſie ihm die Treue nicht gebrochen habe. Es fiel ihm bei, daß er vor ſeiner Abreiſe nach Hall das Geheimniß ſeiner Liebe offen und derb ſeinem — 235— Vater geäußert; nun konnte er ſich ſchnell zu⸗ ſammenreimen, wie während ſeiner Abweſenheit Swelcher und ſeine Tochter ſich dem ſtrengen— Gebot des alten Herzogs hatten fügen müſſen, welcher gewiß befürchtete, daß Ludwig aus Liebe zu Caneta jeden Heiraths⸗Vorſchlag mit der Tochter eines fürſtlichen Hauſes zurückweiſen würde. Und ſo war es zum Theil auch. Swelcher konnte dem alten Herzoge durchaus keinen triftigen Grund einwenden, und Stephan hatte es zu ver⸗ anſtalten gewußt, daß ſein Sohn von der raſchen Verlobung und Vermählung der Geliebten nichts erfahren hatte. Conrad von Freyberg liebte Ca⸗ neta längſt und hatte es nur mit verbiſſenem Grimme ertragen, wenn er den Herzog als be⸗ günſtigten Nebenbuhler ſah. Jetzt, da der alte Swelcher das Gebot ſeines Herrn erfüllen mußte, wendete er ſich an den Freyberger, und dieſer eilte, ſein Glück zu benützen. Nicht mit Kaiſern und Königen mochte der junge Gatte jetzt tau⸗ ſchen, und vergab in dieſem Augenblicke, wo zu all ſeiner Seligkeit noch das ſtolze Gefühl eines Triumphes über den Nebenbuhler kam, dem Her⸗ zog allen Griesgram, den er ihm je bereitet — 236— hatte. Aber eines wußte der Freiberger doch nicht, was ihm an der Seite ſeiner holden Neuver⸗ mählten gewiß jeden Tropfen Weins in Gift und Galle verwandelt hätte, daß Caneta von dem Herzog Ludwig ein Pfand ihres ſtillen Glückes beſaß, welches, nach dem Großvater, Wieland getauft worden war und unter der Obhut einer alten Muhme auf einer fernen einſamen Kemnate auferzogen wurde. Das Kind— es mochte jetzt ungefähr ein Jahr alt ſein— war Ludwigs Aug⸗ apfel, ſein Ebenbild, und an ſtiller Anmuth hold wie die Mutter. Oft ritt Ludwig einſam auf jene Kemnate und erfreute ſich mit Inbrunſt an ſeinem Söhnlein, welches ihm höher galt, als alle Schätze, die er ja nur als künftiges Erbe ſeines Wieland ſammelte. Wohl hatte er nie hof⸗ fen duͤrfen, Caneta als Hausfrau vor den Augen aller Welt in die Burg ſeines Vaters führen zu dürfen; aber die ſtille Duldung, mit welcher ſie Alles hinnahm, was ihr der Geliebte ſelbſt an Weh und Kränkung bereitete, der Anblick ihres unnennbaren Schmerzes, als ſie ihr Kind⸗ lein heimlich von ſich ziehen laſſen mußte, hatten ſie ihm ſo heilig gemacht, daß er es jetzt wie — 237— eine Entweihung betrachtete, daß ein Anderer ſie als Weib heimführen durfte, vielleicht wie eine Magd behandeln würde. Allmählig ſchmolz aber alle Mißgunſt, die er im erſten Augenblicke gegen den Freiberger hegte, in tiefen, unverſöhnlichen Groll gegen das unedle, heimtückiſche Benehmen V ſeines Vaters über; er litt es gleichgültig, als der Freiberger ſich ihm höflich näherte und ihn alſo anſprach:„Ich bitte Euch, hochedler Her⸗ zog, verſcheuchet die Wolken von Eurer Stirne und laſſet es mich nicht entgelten, wenn mein Anblick Euch vielleicht noch immer unwillkommen und mißfällig iſt; Ihr dürfet wahrhaftig glauben, daß ich Euch von nun an gewiß aufrichtiger mit Leib und Seele ergeben bin, als wir beide je ge⸗ dacht, und daß ich nur die Gelegenheit erwarte, Euch durch die That zu beweiſen, wie wahr und treu ich es meine.“ B Der Herzog heftete einen ſeiner Adlerblicke“ forſchend auf ihn und erwiederte dann, äußerlich ganz ruhig, während ſein Herz ungeſtüm gegen ſeinen Vater tobte:„Ich glaube Euch, Herr von Freiberg, und Ihr ſollt an mir aller Zeiten g 3 — 238— einen gnädigen Fürſten finden; vielleicht kommt noch die Zeit, daß ich Eurer Hülfe bedarf.“ Der alte Swelcher wollte ihm noch einen Becher Weins kredenzen, aber Ludwig lehnte es ab und verließ raſch den Tiſch.—— Es war Mitternacht, die Zeit, wann man nach altem Brauch und Herkommen auf offnem Markt über das Sonnenwend⸗Feuer ſprang. Bür⸗ ger und Edelleute hatten um dasſelbe einen wei⸗ ten Kreis geſchloſſen. Die Trompeter blieſen ein luſtiges Stücklein; da trat aus dem Kreiſe der alte Herzog Stephan, faßte ſeine Hausfrau an der Hand und ſprang, während die Bürger⸗ ſchaft ein Jubelgeſchrei erhob, flink und rüſtig wie ein junger Geſelle, mit ſeiner Gemahlin über das Feuer. Es that es ihm keiner gleich, nicht die ſteifen alten Herrn von ſeinem Hof und von der Stadt, welche ſich dabei poſſirlich ausnah⸗ men, noch ſelbſt die jungen Burſchen, welche ſich alle Mühe gaben, vor ihren Mädchen nicht zu Schanden zu werden. Als das Springen vor⸗ über war, ließ der Herzog eine ſchwere Menge Biertonnen unter das Volk vertheilen; dafür be⸗ gannen die Küfer zu ſeiner Kurzweil ihm den — 239— Schäfflertanz aufzuführen, wozu ſie ſich ſchon ſeit einigen Tagen gerüſtet hatten. Zuerſt nahten ihm die Umfrager, die ihn im Na⸗ men der Zunft beſcheidentlich baten, ihren Tanz mit günſtigem Auge zu beſchauen. Als der Her⸗ zog ihnen gnädig Beſcheid ertheilt, kamen die 4 Vorreigner, und gaben mit ihren vergoldeten, von bunten Bändern umflatterten Stäben das Zeichen. Nun ſchwangen die zwei Reifenſchwin⸗ ger tanzend die mit Laub umwundenen Reifen gar künſtlich um ihre Glieder und die vierzig Ge⸗ ſellen, die Nachtänzer, ſtellten ſich paarweiſe auf und bildeten, ihre mit luſtigem Buchs um⸗ flochtenen halben Reifen in die Höhe haltend, um den mittleren Bogen lebendige immer wech⸗ ſelnde Reigengaßen. Sie nahmen ſich in ihren rothen Jacken, mit ihren ſauberen neuen Schurz⸗ fellen und den blauen und weißen Federn auf den grünen Mützen gar ſtattlich aus, als ſie den „großen Achter“ tanzten, gefuͤllte Gläſer auf den Reifen ſchwenkend, während die beiden Luſtig⸗ macher ſich bald mit allerlei Neckereien unter das umſtehende Volk mengten, bald aus dem blau und weiß angeſtrichenen Fäßchen wie durch Zau⸗ — 240— berei viererlei Gattungen von Wein zapften, den ſie dem Herzoge kredenzten. Trommeln und Pfei⸗ fen begleiteten den Schäfertanz; und als er geendigt war, traten die Luſtigmacher vor den Herzog und ſprachen einen Reim. Auch die Metzger hatten dem lieben freund⸗ lichen Herrn von Ingolſtadt ihren Brunnen⸗ ſprung zugedacht, und fragten an, ob ſie den⸗ ſelben aufführen dürften. Da trat eben, als ihnen der Herzog Beſcheid geben wollte, ſein Sohn zu ihm und flüſterte ihm zu:„Vater, auf ein Wort.“ „Was gibt's, Ludwig! Willſt du mich,“ erwiederte Stephan,„deiner Mutter und un⸗ ſern lieben Münchnern entziehen? Nicht doch; prr! was iſt das für, ein Eſſiggeſicht; ich mag jetzt, da ich mich ganz der Freude hingegeben, keine böſe Kunde hören, und eine ſolche ſcheinſt du mir bringen zu wollen. Gott ſchütze uns vor deiner Leichenbittermiene.“ „Hm!“ verſetzte Ludwig, ſich in die Lip⸗ pen beiſſend,„und ich bin doch juſt in der fröh⸗ lichſten Laune. Nur auf zwei Worte, mein Va⸗ — 241— ter! Glaubt mir, ich will Eurer Gemahlin das edle Herz meines Vaters nicht auf lange ent⸗ ziehen.“ Befremdet folgte Stephan ſeinem Sohne in die dunkle Laube unter dem Erker des Rathhau⸗ ſes. Dort faßte der Sohn grimmig beide Hände des Vaters, drückte ſie feſt, und fragte mit furchtbarer Kälte:„Wie kommt es, mein Va⸗ ter, daß heute zwei Hochzeiten gefeiert wer⸗ den, deren eine mir eine Mutter giebt, und de⸗ ren andere die Mutter meines Kindes zur Skla⸗ vin irgend eines armen Schelms macht, der dem Himmel danken muß, daß ich ihm mein Schwert nicht durch den Leib gerannt habe? Sagt, Va⸗ ter, wie geht das zu? Beim Beelzebub, mich dünkt, Ihr wißt Beſcheid!—“ „Woher kommt dir das Recht,“ verſetzte der Vater, ſchnell gefaßt, mit Würde,„daß du mich über Dinge, die dich nichts angehen, bei Nacht wie ein Strolch zur Rede ſtellen kannſt? Antworte mir zuerſt darauf und ſage mir, wer eines Fürſten Thun zu meiſtern wagen darf!— Ich bitte dich, Ludwig,“ fügte er leichthin ſpot⸗ I. 16 — 242— tend hinzu,„trinke einen Becher Weins, es iſt vielleicht einmal auch Klugheit und Sitte dar⸗ aus zu holen, weil man ſie ſo oft dabei ver⸗ gißt, und mich dünkt in der That, daß du dieſe Nacht ſchon auf mehr als Einen Kredenztrunk Beſcheid gethan haben mögeſt.“ „Ich frage Euch nochmals, mein Vater!“ fuhr im alten Tone Ludwig im Bart fort,„und Ihr werdet mir Rede ſtehen, warum Ihr— gerade herausgeſagt,— das Fräulein Caneta, von dem Ihr wußtet, daß ich ſie liebe, dem Freiberger zum Weibe aufdranget? O pfui, pfui! daß Ihr mit Gewalt den bewußten Pelz verdienen wolltet, und noch dazu von einem ſo abgeſchabten Fell, als dieſer abgebrühte Edel⸗ mann von Freiberg eins iſt!“ „Gerade weil ich weiß, daß du ſie lie⸗ beſt,“ entgegnete beſtimmt und ernſt der alte Herzog;—„deßhalb that ich's. Ich weiß auch, daß Vernunft bei dir nie Gehör findet, deß⸗ halb brauchte ich gegen dich meine Gewalt, als Vater und als Fürſt, oder ſollte ich es dul⸗ den, daß ein unwürdiges Verhältniß dich ab⸗ — 243— halte, durch eine edle Verſchwägerung Glanz, Reichthum und Macht zu gewinnen, deine Ge⸗ danken, wie du ſollſt, an's Große zu wenden?“ „Das laſſet meine Sorge ſeyn,“ erwiederte Ludwig;„auch ſeid gewiß: ich gab mein Wort, die Dame von Bourbon heimzuführen, und ich werde mein Wort löſen. Deßhalb, da Ihr ſo gar keinen Grund hattet, zwei Menſchen zu kränken, die Euch nichts zu Leid gethan, nenne ich Eure That hier vor Gott eine ungerechte und tyranniſche, und will, ſo wahr mir der Himmel im Tode gnädig ſei, nicht von der Stelle gehen, bis Ihr es eingeſteht, daß Ihr ſchlecht und gewiſſenlos gehandelt, bevor Ihr mir nicht ei⸗ nen Eid leiſtet, mein liebes, armes Kind zu halten und zu ſchützen, als wär' es im Ehe⸗ bette geboren.“ „Das erſtere,“ verſetzte Stephan lachend,— „magſt du halten, wofür du willſt; was küm⸗ merts mich, was andre meinen?! Ich habe ge⸗ than, was ich mir vorgenommen, und du magſt noch ſo wüthen,— du wirſt das Band, das die Kirche einmal geſchlungen, nicht auflöſen; was 16* — 244— das zweite betrifft, ſo mag ich mich des Knäb⸗ leins wohl annehmen, denn ich liebe die Kind⸗ lein— „Still!“ unterbrach ihn Ludwig mit ſchlecht verhehltem Zorn;„es ſteht Euch wahrhaftig fein an, mir gnädig zuzunicken; Ihr ſollt Euch des Kleinen nicht blos in vornehmem Mitleid an⸗ nehmen wollen, ſondern annehmen müſſen; denn bei Gott, hörte ich, daß von Euch oder andern mein Kind verkümmert würde,— ich thäte, was mich etwa noch reuen müßte. Und nun hört noch eins: Ihr habt mir genommen, was der böſe Strolch, der am wilden Weg lauert, nicht anzutaſten wagt, das Heiligthum, — nicht der Schönheit und Anmuth, nein, das wunderthätige Heiligthum des Glaubens an Liebe und Treue habt Ihr mir geſtohlen, um es wie ein ſchmutziger, elender Hebräer an den zuerſt Nehmenden zu verſchachern. Bin ich Euer Leib⸗ eigener durch die Bande der Blutsverwandtſchaft? O dann, pfui und wehe, daß mein Leib ein Theil Eures eigenen Leibes iſt, daß mein Blut gus dem Quell des Eurigen floß, daß mein Geiſt — 245— ein äffiſches Conterfei des Eurigen ſein muß; dann wollt' ich,— und ich möchte es jetzt!— daß Ihr meine Mutter nie geſehen hättet, denn dann dürfte ich Euch, vom Wirbel bis zur Zehe ſo ganz haſſen, wie ich Euch jetzt ſo gerne haſ⸗ ſen möchte, dann dürfte ich Euch jetzt dichter vor die Stirne rücken, dann könnte ich Euch, ohne göttliche und menſchliche Rechte zu ver⸗ letzen, wie Ihr es an mir gethan habt, in's Ohr raunen: es müſſe Euch kein Segen mehr blühen, keine Freude mehr munden, die doch das einzige Ziel Eures Lebens iſt, und Ihr müſſet keinen Sohn mehr haben, dem Ihr hinterm Rücken zum zweitenmal ſo ſtehlen könntet, wie Ihr's gethan. Und wehe, daß meine Mutter mich von Euch empfing, daß ſie Eurem ehrlichen Kamen durch mein Daſein keine Schande brachte! O Gott, wär' ich bloß der Sohn Eures Na⸗ mens, wie ſpräch' ich jetzt zu Euch!“ „Mein Sohn, mein Ludwig!“ rief der alte Herzog, dem die Kniee wankten, als er ſeines Sohnes, von Schmerz und Grimm entpreßte Frevelworte vernahm;„bei'm Heiland beſchwöre — 246—* ich dich, komme zur Beſinnung, damit ich wäh⸗ nen kann, du häͤtteſt im Fieber geſprochen.“ „O nein, bewahre der Himmel, nicht im Fieber, mein vortrefflicher Erzeuger!“ fuhr Ludwig noch heftiger fort;„eine Wunde iſt ja noch kein Fieber, ein Dolchſtoß im Herzen noch keine Raſerei. Ich ſag's, ich hab's geſagt, ich werde es ſagen, daß Ihr gehandelt habt, wie kein Mann, geſchweige wie Vater!— Und es iſt wahrhaftig ſchlimm genug, mitz zweiundſiebenzig Jahren noch, wie Ihr ſie hinter Euch habt, nicht gelernt zu haben, wie ein Mann handeln ſoll, mit zweiundſiebenzig Jahren bloß auf Hochzeiten ſinnen zu können! ha, göttlich, göttlich! Und welche Hochzeiten?. H, daß ich nicht raſend bin! Verdammte Vernunft, hölliſche Klarheit der Ver⸗ nunft! Es iſt zum letztenmal, daß wir uns jetzt ſehen; ich kann Eurem Antlitz bei'm Sonnenlicht nicht mehr begegnen. Lebt wohl! Das iſt mein letztes Wort zu Euch, Unnatürlicher. Ich werde Euch zu meiden wiſſen, damit der Zorn mich nicht verleite, in irgend einem Augenblicke wider Euch zu handeln, was mir Leid thäte.“ Bei dem ſchwachen alten Fürſten, deſſen Len⸗ — 247— ker ſtets nur der Augenblick war, wich jetzt Zorn und Fluch, der ihm vor ein paar Augenblicken noch auf den Lippen ſchwebte, der unverjährten Gewalt der Vaterliebe, die ihm faſt Thränen aus den Augen preßte.„Mein Sohn, o mein Sohn,“ flehte er ſchmerzlich, rührend in ſeiner Schwäche,„gehe nicht ſo von mir; nicht auf immer verlaſſe mich; wie lange iſt es denn, daß ich noch zu leben haben kann? Wer ſoll an mein Sterbebette treten, um meine letzten Au⸗ genblicke zu verſüßen, um meinen letzten Segen zu empfangen?“ „Wer? Eil Ihr habt ja ein junges Weib,“ entgegnete Ludwig bitter. „O mein Sohn,“ fuhy„Stephan fort, „zwinge mich durch deine harten Reden nicht, dir zu fluchen!—— doch nein, du biſt ſicher davor, ich kann dir nichts böſes wünſchen, obgleich du ſo unkindlich wider mich handelſt. O möge es nur dir ſelbſt einſt nicht wieder⸗ heimkommen, wie du jetzt mich ſo tödtlich kränkſt; möge, ob du auch von mir gehſt, und mich einſt im Tode verlaſſen willſt, wenn ein Sohn dir groß geworden ſein wird, er es dir nicht mit — 248— gleichem vergelten; mögeſt du einſt in deinem ho⸗ hen Alter nicht kinderlos und einſam ſtehen, wie ich es jetzt ſein werde; mögeſt du nie Grames⸗ thränen weinen müſſen, nie um Liebe und Er⸗ barmen betteln, nie die Stunde, wann du das Pfand deiner Liebe zum erſtenmal an's Herz ge⸗ drückt haſt, mit Todeswehe in der Bruſt als un⸗ glückſelig verdammen müſſen, wie jetzt ich, ein alter Mann, dein Vater, und doch kinderlos.“ Ludwig hatte die Worte ſeines Vaters mit Ungeduld zu Ende gehört, und ſprach leichtſin⸗ nig, flüchtig, kalt:„Lebt wohl, mein Vater; ich reite jetzt zum König Ruprecht und begleite ihn zur Römerfahrt. Gott befohlen!“ „So lebe denn wohl und mögeſt du wachſen an Glück und Glanz,“ rief ihm der alte Her⸗ zog nach, als ſich der von Schmerz und Zorn verblendete Prinz ſchon raſchen Schrittes ent⸗ fernt hatte;„möge das Glück dir ſtets ſo hold bleiben, als es dir jetzt bei'm Beginn deiner Fürſten⸗Laufbahn zulächelt, indeß mein Stern untergeht, freudlos und hoffnungslos!“—— Luſtige Trompeterſtücklein, von Trommeln und Pfeifen begleitet, verſchlangen ſeine letzten Worte. - 249— Er trat in den Kreis des Volkes zurück und er⸗ griff die Hand ſeiner jungen Gemahlin, um ſie nach Hauſe zu geleiten. Die Metzgerzunft, welche ihm zur fröhlichen Kurzweil in der Sonnenwend⸗ nacht noch das Schauſpiel des Brunnenſprungs zugedacht hatte, welches ſie ſonſt nur am letz⸗ ten Faſtnachtstage aufzuführen pflegte, wurde freundlich bedankt, und die Hochzeitsfeier hatte ein Ende. Herzog Ludwig aber ließ ſich noch in derſelben Nacht ſeinen Renner ſattlen und ritt nach Augsburg, um den König Ruprecht zur Römerfahrt zu erwarten. Der Fiedelbogen. In dem Würzgärtlein des Schloſſes ſaß Frau Caneta von Freiberg einſam und traurig. Sie dachte an Ludwig, und mit noch größerer Weh⸗ muth, mit verzehrender Sehnſucht an ihr Kind, welches ſie nicht an's Mutterherz drücken durfte. Swelcher und der alte Herzog hatten dieſe ſtren⸗ gen Maßregeln getroffen, um dem böſen Leu⸗ mund zu ſteuern, und Caneta's eheliche Tage nicht durch den Zorn und die Mißgunſt ihres Gemahls, die bei'm Anblick des Kindes ohne Zweifel erwacht und ſtets wach geblieben wäͤre, zu trüben, denn der junge Gatte ahnte vom Da⸗ ſein des kleinen Wielands nichts.— Hätte Ca⸗ neta auch einen Kaiſerthron beſtiegen, ach, was kann einem Mutterherzen Erſatz geben für ein fernes Kind? Die Mutter liebt ihr Kind, wenn ſie es nicht dicht an ihrem Herzen hegen und ſtreicheln kann, doppelt; ſie trägt es ja im Her⸗ zen und ſendet ihm die andere Hälfte ihres —- 251— Seins, ihre Gedanken und Träume, als Liebes⸗ wächter in die Ferne zu; die ſitzen dann an ſei⸗ nem Lager, und lullen es in Schlaf, die kehren zur Mutter zurück, in Sorge und Pein verwan⸗ delt, und zehren ihr freudloſes Leben auf. Das hat eine arme Mutter zum Lohn! Und weil ſie das ferne Kind nicht wiegen und hätſcheln kann, ſo koſet ſie dann wenigſtens mit dieſen Sorgen und ſäugt dieſe groß anſtatt des Kindes, bis ſie ſo mächtig werden, bis ſie ſich ſo rieſenkräftig, als wie Treue, an ihren Hals ſchmiegen kön⸗ nen, daß ſie endlich das ſchwache Mutterherz (das tauſendmal ſtärker wäre, wenn es aus den Blicken des Kindes den Born der eignen Lebens⸗ kraft immer wieder neu ergänzen könnte) er⸗ drücken. Das, das ſind Mutterfreuden! Womit kann ein Sohn ſie wohl wett machen? Es giebt ein altes Ammenmärchen, daß Todten, wenn ſie noch ſo ruhig unter ihren lockern Ueber⸗ betten ſchlummern, mit einemmale das Herz wieder zu ſchlagen anfängt und gar unruhig pocht und mit unendlicher Sehnſucht heraus will aus der mühſam errungenen Schlaf⸗ und Ruheſtätte, wenn in der Aller⸗Seelennacht, wann der Himmel über die Untreue der Erde weint, ein treues Kind am Grabe knieet, wenn dann aus dieſem Himmel der Seele nur ein Thautröpflein auf den Raſen niederfaͤllt; das näſſet durch und durch, wie des Himmels Regen bis zu den Wurzeln in der Erde dringt; dann fällt ſolch ein Thau grad' auf des Todten Herz. Und weil das wieder eine Bürgſchaft iſt, daß Himmel und Erde ſich fort und fort treu angehören, ſo muß ja wohl ein Herz, das unter dem Raſen ſchläft und bis zum Wiederſehen noch lange warten muß, vor Sehn⸗ ſucht ein bischen ungeduldig werden. Caneta wähnte, ſie läge jetzt im Grab; man ſagt und ſi⸗ ingt ja: Freude iſt das Leben des Le⸗ bens; alſo, was iſt ein freudeloſes Leben, als ein Grab? Ihr brannte jedes Thränlein des fernen Kindes ſchwer auf's Herz, als wie den Todten in der Aller⸗Seelennacht; in ihrer Seele war ja Nacht. Sie gab ſich ihren ſorgen⸗durch⸗ rankten Traͤumereien willig und völlig hin, ſie labte ſich an ihrem Gram, als wie an Speis und Trank, da ſie ihn doch nährte mit Herz⸗ blut und Seele, ſie freute ſich faſt einzig an dem Gedanken, ob der Geliehte vielleicht ihren — — 253— Sarg beſuchen würde, da er ſie ja doch jetzt, weil ſie das Weib eines andern geworden, ver⸗ geſſen und meiden mußte. Sie ſah ein, daß ſie ihn nicht wieder begrußen dürfe, und doch ſtand ſein Bild ſo lebhaft vor ihrer Seele, daß ſie feſt wähnte, nicht eher zur Ruhe gehen zu können, als bis er von ihr Abſchied genommen, bis er ihr das liebe Kindlein als Pfand der nie gebro⸗ chenen Treue wieder in die Arme gelegt habe. Es war ihr ſo freudig bang im Herzen, als würde und wolle der ſanfte Friedensengel ihr bald, recht bald die Stirne küßen, und ihr die Pforten jenes ſanften Schlummers öffnen, durch welche der Menſch nur einmal eingeht. Seit man ihr das Kind genommen, blutete und ver⸗ dorrte unheilbar der Stamm, deſſen Knospe ſo grauſam gepflückt wurde. In ſolchen Gedanken ſaß ſie, das bleiche Haupt an des luſtigen Brünnleins ſteinernen Rand ge⸗ lehnt, ſanft eingewiegt vom melodiſchen Gemur⸗ mel der Fluth. Die müdgeweinten Augen waren ihr zugeſunken. Blümlein und Laub, an Jasmin⸗ und Immergrün⸗ Stämmen zitternd, behüteten leiſe flüſternd ihre Ruhe.—— — 254— Jetzt ſtand der Gatte vor ihr, der einige Tage auſſer Hauſe geweſen war, faßte ſie rauh an der Hand und rüttelte ſie wach. Todtenblaß war ſein Antlitz, als er ſeine Gattin, welche ſich erſchreckt aus dem leiſen Schlafe emporraffte, alſo anredete:„Weib, Weib! kennſt du mich?“ „Ihr ſeid mein Herr und Gemahl,“ erwie⸗ derte Caneta demüthig; der Anblick ſeiner fin⸗ ſtern Mienen, die ſie zwar ſchon ſeit einigen Wochen bemerkt hatte, aber nie ſo furchtbar ſah, als eben heute, machte ſie banger, ſo daß ſie kein Wort weiter hervorzuſtammeln vermochte. „Herr und Gemahl? O, ein trefflicher, köſt⸗ licher Eſel von Herr und Gemahl!“ rief der Freiberger wild,„ich bin dein Gatte nicht mehr und ich will, daß du dich fürder nicht mein Weib nenneſt; denn bei'm lebendigen Gott, der Name meines Weibes ſoll unbefleckt ſein; und wüßte ich den ſchmutzigſten Schandnamen,— für dich,— Teufel, Teufel!— für dich war er zu gut.“ „O Herr des Himmels!“ ſtöhnte Caneta, verhüllte ihr Antlitz und ſank, von den Geißel⸗ worten ihres Mannes vernichtet, wie ſinnlos zu Boden. „Empor, du Schlange!“ rief der Freiberger toll, indem er die Arme roh anfaßte und vom Boden emporriß;„hinweg endlich mit deiner Verſtellung, die du Scheinheilige ſo lange als Maske getragen; hinweg mit dieſer Schminke von Tugend, Unſchuld, Sanftmuth und Würde, zum Teufel damit!— höre die Worte eines Man⸗ nes, den du ſchändlich betrogen, deſſen Wappen du bübiſch befleckt haſt. Und hinweg mit dir aus dieſem Hauſe, wo bis jetzt die Ehre als Pfört⸗ nerin an der Schwelle ſaß; nicht als geringſte Magd möchte ich dich ferner darin dulden, denn ſelbſt von meinen Knechten fordre ich Ehre, Ehre, Ehre!— Und du? Pfuil! pfui! pfui! Und tau⸗ ſendmal pfui über dich und deine— Ehre! Wende dein Haupt, damit der Anblick deiner verdamm⸗ ten gleißneriſchen Schönheit meinen Groll nicht bis zur Raſerei hetze; hinweg mit dir, und bald hinweg, ſage ich dir, damit ich nicht dr'an komme, mein gutes Hausrecht zu gebrauchen und dich mit Hunden fort zu jagen. Hahaha! Betrogen! betrogen! betrogen! O ich Eſel, ich Eſel.— Und mich zum Eſel zu machen, und noch zu etwas mehr, als zum Eſel!“ Er ſchrie's wie wahnſinnig, die geballten Fäuſte vor die Stirne ſchlagend: „Entehrt und betrogen! Hahaha! Ich möchte vor Lachen berſten über mich ſelbſt, daß ich ſo ein Thor ſein konnte; ich will des Müllers Thier künftig als meinen Lehrmeiſter anbeten und an das Thor meiner Burg zwiſchen den Eulen und Fledermäuſen und Hirſchgeweihen— einen Schafs⸗ kopf nageln, um mich ſchämen zu lernen. Sich ſchämen müſſen. Ein Mann— und ſich ſchämen müſſen! Sich von jedem verlumpten Bettelmann begaffen laſſen müſſen, von den Knechten im Stalle oder auf dem Felde die verdammte Stichel⸗ rede hören zu müſſen: Guckt, das iſt der Frei⸗ berger, der des Herzog Ludwigs——— Kebſe nahm. Tod und Teufel! Einen Spiegel herbei; ſchaffe mir einen Spiegel, eitles Weib, du wirſt wohl einen haben? damit ich ſehen kann, ob Schaam roth oder bleich macht. Bleich gewiß, denn nur mit Blut kann man ſie übertünchen. Iſt des Kukuks Weibchens Hausherr nicht ein Gimpel?— Hinweg mit dir! Gehe dorthin, von woher ich komme, und du wirſt ein Söhnle in — 257— dort finden, dein Kind, du falſche Betrügerin. O Sott, o Gott, ſelbſt dies Kind kann jetzt ſchon Verſtellung üben, denn es ſtreckte die Händchen nach mir aus, als es mich ſah, und lallte zu mir, ja, ja,— zu mir:„Vater!“ Hinaus mit dir aus meinem ehrlichen Hauſe! Was ſäumſt du noch?— Warum keine Thränen?— Thraͤ⸗ nen ſind ja doch die vergifteten Waffen eurer Heuchelei!— Kannſt du dich nicht vom Boden aufraffen?— Nicht die Glieder bewegen? O geh', thuſt, als hätte die Schaam dich zer⸗ ſchmettert!— Du und Schaam?! Ich will dir helfen; denn du mußt ſchleunig fort, ſonſt ver⸗ leitet mich noch dein verhaßter Anblick, meinen Dolch an dir zu verunehren.“ Mit dieſen Worten riß der raſende Freiberger ſein ohnmächtiges Weib vom Boden auf und ſchleppte es durch den Garten und durch den Hof⸗ raum ſeines Schloſſes, bis vor deſſen Pforte. „und nun,“ rief er, als er ſie vor die Schwelle ſtieß,„nun fahr' hin, und laſſe dir's nie mehr gelüſten, mir wieder vor die Augen zu kommen. Wehe ſei mit dir, wo du auch weilen mögeſt, und nimmer möge dein Weh enden, weil I. 17 — 258— der Flecken in meiner Ehre nun und nimmer ausgetilgt werden kann, und weil der Glaube an Würde und Treue, an der Wurzel abgehauen, keine friſchen Zweige und Blüthen mehr in mir treibt.“ Die Arme, welche fremde Schuld ſo unver⸗ dient und hart büßte, ſank lautlos mit dem Ant⸗ litz zur Erde, als der wilde Freiberger ihren Arm losließ und mit heftigen Schritten den Hofraum zurück eilte. In der Mitte beſann er ſich noch einmal, kehrte raſch um, riß ſein Schwert aus der Scheide, ſetzte es Caneta an die Bruſt und ſprach:„Halt! du mußt noch ein's thun, bevor wir ſcheiden! Lege die drei Finger deiner Rech⸗ ten auf den Kreuzgriff dieſes Schwertes und ſchwöre, bei'm ewigen Gott, der den Meineid ſtraft, ſchwöre, ſo lieb dir dein Leben und das deines Kindes iſt, daß du nie gegen deinen Buh⸗ len, den Herzog, noch gegen ſonſt Jemand an⸗ ders ſagen wolleſt, als, daß unſere Ehe auf dein Begehren getrennt und geſchieden iſt, durch einen rechtgläubigen Prieſter, nach dem Brauch der Kirche. Schwöre, ſage ich dir, oder ich durchbohre dich, dich und dein Würmlein;— bei — 259— meiner unſterblichen Seele,— was Seele, Seele? — bei meiner unſterblichen Schande!— ich thu's, wenn du nicht ſchwörſt. Ich habe nicht Luſt, dadurch, daß ich mein gutes Hausrecht bewahre, noch Aerger und Haß von deinem Buhlen auf mich zu laden.— Drum ſchwöre, ſchwöre!“ Da gewann Caneta, die tiefgekränkte und⸗ furchtbar mißhandelte, wieder das volle Bewußt⸗ ſein ihrer weiblichen Würde, erhob ſich langſam vom Boden, maß den Raſenden mit einem edlen, ſtolzen Blicke und ſprach:„Ich danke Euch, Herr von Freiberg, für Eure Reden und Tha⸗ ten; und, hättet Ihr Eure Hunde auf mich ge⸗ hezt,— dankbar würde ich Euch doch den Saum Eures Mantels küßen, denn Ihr ſpendet mir, wenn auch rauh wie ein Kerkermeiſter, ſpendet mir doch ein köſtliches Gut, die Freiheit, und ein noch köſtlicheres, mein Kind, mein Kind wieder! O, bei Gott! Ihr dürfet keine Sorge haben, daß ich Euch je vor Gott oder den Men⸗ ſchen anklagen werde; und herzlich gern, wenn Ihr meinen Worten nicht vertrauen wollet, ſchwöre ich Euch auf's Kreuz Eures Schwertes, daß ich thun werde, was Ihr von mir verlangtet; ich 17* — 260— ſchwöre es Euch, ſo wahr Gott mir helfe und meinem Kinde gnädig ſein will!— O Gott! ge⸗ rechter, barmherziger Gott, Retter im Leid, Gott, mein Gott, ich danke dir aus meiner Mutterbruſt heraus!“ Nach dieſen Worten drehte ſie dem Freiberger den Rücken und wandelte, neu belebt von dem ſüßen Gedanken, ihr Kind bald wiederſehen und an's Herz drücken zu dürfen, den einſamen Wald⸗ pfad fort, der von dem Schlößlein des Freiber⸗ gers durch mehrere Forſte in's offne Land führte. Der Freiberger kehrte in die ſtillen Räume ſeiner Burg zurück, und tollte, Gott und der Welt fluchend, von Kammer zu Kammer, dann ſtöberte er ſeine Knechte auf, ließ Wein aus dem Keller herauf ſchleppen und ſuchte die Raſe⸗ rei zu erſäufen. Tauſenderlei Pläne und Gedanken ſchwirrten ihm wie Hagelſchloſſen durch den Kopf. „Gut, gut! Es iſt jetzt abgethan,“ ſprach er, die ſteinerne Kanne auf den eichenen Tiſch niederſtoßend, daß der Zinndeckel aufflog.„Ab⸗ gethan?— Hm! Kann ich dem Leumund ſeine böſen Mäuler verſiegeln?— Pahl pah! Was weiter? Wir ſind getrennt, und die Welt mag — 261— glauben, daß wir in Lieb' und Gute auseinander gingen, jedwedes von uns mit Thränen und zim⸗ pferlich zärtlichen Redensarten.— Unſinn! Pah! Ha, zum Teufel! die Welt wird's nicht glau⸗ ben; auf Jahrmärkten werden ſie meine Schande ſingen, wie ein Kindermärchen wird's von Mund zu Munde geplappert werden, und zahnloſen, al⸗ ten Weibern verzieht's die Runzeln, die dürren, noch einmal vor ihrem Ende zum Lachen. O Gott! o Gott!— Sie, eben ſie, die unbe⸗ fleckte Sonne aller meiner Jugendträume!— Und jetzt!— abgethan? Abgethan? Wodurch denn? Daß ich ſie von mir ſtieß? Hm, das geſchah blos, um Ruhe zu erlangen. Iſt ſie denn geſtraft? Nein, nein! Noch nicht und keineswegs. Wie im Triumph ging ſie ja von mir. Sie rühmt ſich doch noch eins zu haben, ihr Kind wieder zu erlangen. Wer giebt denn mir wieder, was ich verlor— Glaube an Men⸗ ſchenwerth, Lebensglück, Ehre? Und für ſo vie⸗ les, was ich verloren, auf immer verloren, ſollte ich nicht einmal die eine Rache haben?— Rache? Hahaha! An wem denn? Wohin ich meinen Finger ausſtrecken würde, träfe mich,— — 262— nicht ein Dolch,— aber ein Spott dieſes über⸗ aus witzigen Herzogs! Ha Tod und Hölle! Ich ſehe, ich muß den Tiger in mir bändigen, zäh⸗ men, und hungern laſſen, bis eine gute Gelegen⸗ heit das Fallgitter ſcines Zwingers aufſtößt. Ich muß—, ich will—, ich will——, was will ich?— Nichts, guter Freund! Guter Freund, nimm Vernunft an; man wird dir ſonſt die Vernunft beibringen, guter Freund.“ Er preßte beide Hände vor die Augen, und ſann und wüthete; dann ſprang er plötzlich auf, ging mit haſtigen Schritten in der Kammer auf und nieder, und murmelte vor ſich hin:„Nun, Ge⸗ duld, ſei du mein Götze! Rache, ſei du mein Eid! Ich muß mich an ihn ſchmiegen, ich muß alle Stellen ſeines Herzens erforſchen, um eine zu finden, wo er verwundbar iſt, dieſer eiſengeherzte Mann. Ich will's, ich will's, und ihn dann— treffen. Ich will mich wie ein eit⸗ les Weib jeden Tag zehnmal an den Spiegel ſtellen, und ſehen, ob der Bär noch nicht zur Schlange geworden, bis ich Verſtellung gelernt haben werde.— O, ich habe ſie ſo heiß geliebt! Nun, du gerechter Gott, höre mich und gewähre * —. 263— mein Gebet. Kette mein Leben und Ludwigs Le⸗ ben feſt an einander, wie man Sträflinge zu⸗ ſammen ſchmiedet; laß ihn nicht ſterben, bevor ich mich gerächt habe; laß mich nicht ſterben, bevor ich mit Wolluſt ſehen kann, wie ſein eiſer⸗ nes Herz unter meinen Hammerſchlägen mürbe ward, und müßte ich deshalb hundert Jahre er⸗ reichen und herumſchleichen als eitel Haut und Knochen, ſo laß die Kraft des Gedächtniſſes in mir nicht erſchlaffen, oder, erſchlafft ſie, mich nicht blind werden, damit ich die Stelle ſehe, wo ich ihn treffen kann,— werd' ich blind, ſo erhalte mir doch ſcharfes Gehör, um ſeinen Gang und den Fleck an ihm zu ermitteln, wo kein Panzer oder Harniſch raſſelt; werd' ich taub, ſo locke mein ganzes Sein in die Fingerſpitzen, damit ich, von Wonne durchrieſelt, fühlen kann, wann endlich ſein Herz nicht mehr ſchlägt; Amen, Amen, Amen!“ Es währte nicht lange, ſo ließ ſich auf dem Schloßhof Pferdegetrappel hören und gar bald trat der Herr Oswald Ottlinger in das Gemach, und reichte dem Freiberger traulich die Hand. „Nun laß ſehen, großer Hans,“ dachte der 2 Freiberger,„ob du dich zwingen und verſtellen kannſt; jetzt gilt's, die Schule zu beginnen.“ Und er that wohl daran mit ſeinem Grimm hin⸗ term Berge zu halten, denn Herr Ottlinger, der in edler Neigung einſt um Caneta's Hand geworben, und deſſen Liebe zu ihr jetzt, da er ſie als Weib eines Andern wußte, zur zarteſten aufrichtigſten auf⸗ opfernden Freundſchaft geworden war,— Herr Ottlinger hätte gewiß lebhafteſt und ritterlich die Würde der armen Frau vertheidigt, wenn er durch des Freibergers Zorn gewahr geworden wäre oder geahnt haben würde, was dieſer im Schilde führe. „Gott zum Gruß,“ rief Herr Ottlinger, als er eingetreten, fröhlich,„ei, verwundert's Euch nicht, daß ich ſo weit hergeritten komme? Nun, aufrichtig geſprochen, wißt: ich that's, um Euch zu Eurem Hausſtand Glück zu wün⸗ ſchen, und zu ſchauen, wie es Eurem wackern Weibe Caneta ergeht.“ „O Gott!“ erwiederte der Freiberger arg⸗ liſtig, indem er ſchwer aufſeufzte, als zögerte er, ſein Leid zu erzählen.„Ihr fingert in mei⸗ nen Wunden herum;— wie? Ihr wißt nicht?““ „Und was?“ — 265— „Im Ernſt, Ihr wißt mein Leid nicht, Ottlinger? O Gott! mein Gott!— Ich kann Euch's kaum wiederſagen, ſo drückt mich der Kummer an Luft und Worten. O Gott, o Gott! ſie hat mich verlaſſen, verlangt nichts weiter zu wiſſen! Ach wie kurz war mein Glück. Sie iſt wahrhaftig ein gutes Weib, und ich wollte, ſie hätte an meinem Weſen Freude gefunden; aber, Gott ſei's geklagt! ſie fand, wir beide paßten nicht für einander,— gute, gute Caneta! Seht! Freund! ſo raſtete ſie nicht, bis wir durch denſelben Prieſter, der uns zuſammengab, von Tiſch und Bett geſchieden wurden.“ „Wie? was ſagt Ihr?“ verſetzte Ottlinger theilnehmend,„ein wackeres Weib iſt des Herr⸗ gotts koſtbarſte Gabe, und Frau Caneta halte ich, der Himmel weiß, für die edelſte, die ich je geſehen. Und wo lebt ſie jetzt? Wie geht's ihr?“ „Es iſt ein ſeltſames Weſen in ihr,“ ſprach der Freiberger, die Augen verdrehend,„ſie ſagte beim Scheiden zu mir, und nahm mir einen hal⸗ ben Eid d'rauf ab,— ich möchte ſie nicht auf⸗ ſuchen, ſie wolle fürder allein leben und bleiben. Ach, das ſind Dinge, die Ihr ſpäter noch erfah⸗ ren werdet. Gott ſei mir gnädig!“— — 266— „Ich bitte Euch Freiberger,“ tröſtete Herr Ottlinger,„nehmt Euch Euer Leid nicht gar zu tief zu Herzen; denkt: der Himmel hat es ſo gefügt.“ „Das iſt noch mein einziger Troſt,“ ent⸗ gegnete der Freiberger ſcheinheilig,„und ich will Gott bitten, daß er es ihr ſtets wohlgehen laſſe, obgleich ſie mich ſo tief betrübte.“ „Hört, wenn ich Euch einen Freundesrath ertheilen darf, ſo achtet drauf: Ihr müßt Euch zerſtreuen,“ fuhr der Ottlinger herzlich fort, „ſchaut! Ihr müßt in die freie Welt reiten, und im Krieg oder in kleiner Fehde Euren Gram ausfechten. Die Welt iſt ja wahrhaftig jetzt aller Händel nur zu voll und mich dünkt zuwei⸗ len, wenn ich zur Schiesſcharte meiner Mauern hinaus blinzele und aller Orten wüſtes Durch⸗ einandergeſchrei höre, die Welt ſei ſchier eine Fiedel geworden, deren Saiten verſtimmt ſind, und keinen ordentlichen Ton mehr geben; es müßte denn auch ſein, daß der Stümperfiedler zu viele ſind oder keiner den rechten Fiedelbogen hat, um ſie zu meiſtern.“ „Nun zum Teufel!“ ſchrie der Freiberger wild, indem er den Grimm nicht länger nieder⸗ —— — 267— zu kämpfen vermochte,—„ſo will ich den Fiedel⸗ bogen handhaben, wie jener Meiſter im alten Lied.“ Er beſann ſich jedoch bald wieder, ſtieß das Schwert unmuthig auf den Eſtrich, rief dem Knecht, eine friſche Kanne herbeizuholen und ſprach zu Ottlinger:„Pah! Laſſet uns alle bö⸗ ſen Gedanken und allen Gram im Wein begra⸗ ben.“— Der Knecht brachte die friſche Kanne, der Freiberger kredenzte ſeinem Gaſt und ſprach dazu im erzwungenen fröhlichen Muth:„Trinkt, trinkt, lieber Herr Ottlinger! Stoßt an! Ich bringe Euch's!— Lalala la! Und trallala la! Stoßt an! Der große Unſinn ſoll leben! Der Krieg ſoll leben! Die alte Fiedel ſoll leben! Und der Fiedelbogen daneben. Ha! da kommt mir ein luſtiger Gedanke und ſolche ſind wohl einen Schluck werth! Wahrhaftig, ich will mich künf⸗ tig: Freiberger, der Fiedelbogen benam⸗ ſen. Bei Gott, ſo will ich jetzt heißen. Kommt, Ottlinger, ſtoßt d'rauf an, und ſteht mir Ge⸗ vatter zu dieſem neuen Namen, der mich zu einem neuen Menſchen machen ſoll! Bei meiner armen Seele! den Namen Fiedelbogen will ich von jetzt an tragen und will ihm Reſpekt verſchaffen.““ Lieben und Meiden. Als Herr Ludwig im Bart, im Gefolge des römiſchen Königs Ruprecht, von der Römer⸗ fahrt heimgekommen, am zweiten Mai 1402 ſich in Ingolſtadt befand, ritt der Freiberger gar eilig dahin und ſuchte ſich dem Prinzen zu nä⸗ hern, welcher, ſeinem Worte getreu, mit ſeinem Vater durchaus nicht mehr verkehrte und auch nicht in deſſen Schloſſe, ſondern in dem geräu⸗ migen Hauſe eines reichen und angeſehenen Bür⸗ gers wohnte. Ludwig wußte bereits, daß der Freiberger von Caneta geſchieden ſei und dieſe Letztere mit ſeinem Söhnlein Wieland auf dem Schloß Graisbach wohne; doch wähnte er, nach der allgemeinen Meinung, nichts anders, als daß dieſe Scheidung mit beiderſeitigem gutem Einvernehmen zu Stande gekommen ſei. Dies war ein Grund, warum er den Freiberger, der ſich nunmehr wirklich ſtets bloß den Fiedelbogen nannte und gern nennen hörte, gnädig aufnahm. — 269— „Ei,“ ſprach Herr Ludwig,—„potz Treu', Freiberger, was ſchafft Ihr in Ingolſtadt? Ich meinte wahrhaftig, Ihr ſäßet auf Val, Eurem Schlößlein und ſänget Pſalmen.—— Still, ſtill, ich bitt' Euch, Freiberger,— von ganzem Herzen; denkt, was ich ſpreche, ſind eitel Worte und nichts weiter! Im Ernſt, mich verwunderts, daß Ihr nach Ingolſtadt rittet, und ſagt, was bringt Ihr, was bringt Euch her?“ „Ein Herz voll Leid, gnädiger Herr!— Doch ich meine: Ihr wißt, was mich preßt! und drum ſag' ich Euch ſchlicht und rechtſchaffen:— könnt Ihr mir einen Weg weiſen, wo ich nie hinter mich blicken darf, ſo ſchickt mich hin, und ich bin Euer mit Leib und Seele.— O Herr, Herr, könnt Ihr auch verzeihen und vergeſſen?—“ „Was ſind das für Reden, Freiberger?— aber mich dünkt, ich fange an, Euch zu begrei⸗ fen.——“ „Nun ſo mögt Ihr gerade heraus wiſſen,— (ich bin in Worten ſchlecht gewandt)—— d Herr Gott!—— So ein treues, gutes Weſen, wie dieſe Caneta, und ich könnte ſo ganz blöd und blind ſein, mich Eurem Vater(Gott vergeb⸗ X — 270— ihm's! herzuleih'n!— Ach, Ihr wißt's—— Bei der ewigen Treu, ſo liebt kein Engel die Seligkeit, als Caneta Euch.— Als ich's immer und immer wieder ſah—— was? Thränen? Pfui!— ich hielt's nicht aus— wenn's auch meine Schuld nicht war,— ach, mein Anblick war ihr von Tag zu Tag ein ſchärfres Dorn. Ich ſaß und wachte, wann ſie ſchlief, und ſie ſchlief ſelten,— und ſchlief ſie einmal, ſo nannte ſie Euren Namen im Traum. Ach Herr, das ſchnitt mir durch's Herz! Ich, ich ſollte im⸗ mer und immer die Schlange in dieſem Para⸗ 4 dieſe ſein?— Nein, nein, ich hielt's nicht aus. Ich mußte zu einem Entſchluß kommen. Ich las ihr's von den Lippen ab, aus den Augen, aus der Seele heraus,— da nannt' ich ihr's, und warf meine Seligkeit in die Schale, daß ſie emporſchnellte, wie Schneeflocken im Wirbel⸗ wind;— ich dachte; hier iſt nur Ein Weg, ihr das Leben zu friſten, und dem guten, lieben Herzog den Stachel aus der Wunde zu ziehen; — Trennung. Mir ſelber drückt' ich ihn viel⸗ leicht in's Herz. Doch, was ſchadet's? Sie iſt glücklich. Ihr ſeid wieder froh und mir wird — 271— Gott gnädig ſein. Da rief ich den Prieſter,— das Band iſt zerſchnitten, das mir einen Engel gegeben,— Caneta wieder frei.——— „Freiberger? Freiberger?“ rief Ludwig mit leuchtenden Blicken,—„Ihr thatet's?— Und ich! Auf mein ſchönſtes Roß möcht' ich Euch heben, und euch den Ehrenplatz gönnen, wann wir zum Thore von Paris einreiten.— So wahr mich Gott nicht verlaſſen mag, mir ſchleicht ſich dabei kein unedler Gedanke in die Seele, doch jubl' ich, als hätt' ich den Himmel er⸗ ſtürmt, mit tauſend Zeugen jauchz ich: Sie iſt frei!— Ich hört' es,— ich glaubt es nicht.— 's iſt wahr,'s iſt wahr!— O hieher, Frei⸗ berger,— da, dicht an mein Hetz, dicht dran;— dieß Aug' iſt ohne Falſch,— o Himmel, was red' ich? verzeiht, verzeiht! O ſprecht, was ſoll ich armer Fürſtenſohn Euch geben, damit mein Dank in Thaten lebendig wird?— Schaut, hier bin ich mit Leib und Seele, und wie man nicht anders danken kann als mit ganzem Sein, ſo ſag' ich Euch: was wollt Ihr davon? Und was ihr davon wollt, Theil oder Ganzes, nehmt es hin.“ — 272— „Nun ſo laßt mich keine Fehlbitte thun,“ ſprach der Freiberger drauf, denn ich hab' wirk⸗ lich eine Bitte, an Euch und Ihr, juſt Ihr werdet ſie verſtehen! Ich kann hier nicht län⸗ ger bleiben. Mir verſetzt's den Athem in Bayern. Ihr geht nach Frankreich, mein gnaͤdiger Herr, — vielleicht gibt es dort Thaten,— ach ich dürſte danach, wie nach kühlem Labungstrank. Und ſo bitt' ich Euch, wenn Ihr meinen Anblick jetzt er⸗ tragen könnt, ſo nehmt mich mit!“ „Wie, Freiberger? Nichts weiter als dieß? Ja, Ihr ſollt mit mir und ſollt mit als beſter, dem ich vertrauen mag.— Ich weiß, ich habe zuweilen wunderliche Launen, Freiberger, und dann erſcheinen mir rothe Wangen blaß und blaſſe roth, und ehrliche Leute wie Schelme;— opfui, ich weiß, das ſind ſchwarze Grillen; doch ich kann nichts dafür. Doch durch Euch, wie ich Euch ein⸗ mal erkannt, ſoll dieſer Teufel aus mir gebannt werden, ich hoff's, ja, ich vertraue d'rauf. Auf Euch will ich bauen, wie auf meinen guten Geiſt. Ich geb' Euch fortan, ſeit ich Euch erfunden,— wie ich Euch erfand, den Schlüſſel zu allen meinen Gedanken.— Freiberger, Freiberger, pah! wir — 273— haben ſterben lernen müſſen,— wir wollen in Frank⸗ reich leben lernen! Wir wollen mit Thaten und Hoffnungen fortan bloß ſpielen, pahl! pah! was bleibt uns denn am Ende von jenem ganz geflickten Ernſt?— Redensarten,— nichts weiter; Nach⸗ ruhm?— hm! Redensarten!— Schaut,— ſoweit bin ich emporgeklommen, daß mir alle dieſe Großmannsſtreiche wie Ameiſenwirren vorkom⸗ men, die unſrer langen ernſthaften Puppenkomödie am Ende nicht werth ſinden Drum Spiel gegen Spiel, Leichtſinn gegen Leichtſinn!— Menſch, es gibt Dinge, ſo ganz unſichtbare und ungreif⸗ bare, die ſchwerer wiegen, als eine lange Reihe von Heldenthaten, Intriguen oder—— der Teufel weiß es. Fort, fort, in dieß Frankreich, in's Land der Faſtnacht!— Was ſchert's den großen Popanz, der in der Welt ausgehängt iſt, — ob es ein paar Herzen auf oder ab gibt?— Unſinn, Freiberger, Unſinn!— Fort damit!— Nun, Ihr wißt's, was Ihr an mir habt, und mich nennet Euer, das iſt der Schluß vom Lied; o, bei Gott, ich meine ſo: wir ſind einander beide was ſchuldig. Wir wollen Freunde ſein, und das heißtetwas.“——— I. 18 — 274— Zu Ende Auguſt ſollte Ludwig mit einem gro⸗ ßen prachtvollen Gefolge die Reiſe nach Paris als Geſandter des römiſchen Königs Ruprecht an Frau JIſabelle, beginnen, um ſie zu bewegen, das Bündniß Frankreichs mit Galeazzo, dem Tyran⸗ nen Mailands, zu löſen, durch deſſen Gewalt Ruprecht in Welſchland ſo arg in die Enge ge⸗ trieben worden war, daß er es verlaſſen mußte, ohne in Rom als Kaiſer gekrönt worden zu ſein. Die Herzoge von München und der von Landshut ſahen nicht ohne Scheelſucht die Macht und den Einfluß, welche Ludwig am Hofe des Königes genoß, die Vermehrung ſeines Schatzes durch ein Jahrgehalt von 12,000 Franken, welches ihm Carl der Sechste zuſicherte, endlich ſeinen immer wachſenden Erwerb von Burgen und Ortſchaften, welche, dicht unter ihren Augen gelegen, als Beſitzthümer ihres gewaltigen Nebenbuhlers, ih⸗ nen im eigenen Lande Hohn zu ſprechen ſchien. Am Ludwigstage ritt Herr Ludwig im Bart, von Herrn Heinrich von Gumpenberg, dem Pfle⸗ ger von Waſſerburg, dem Freiberger, dem Ott⸗ linger, dem Wilhelm Schenck von Schweispecont, Erbſchenk von Graisbach, und dem Marſchalk — 275— Seitz von Oberdorf begleitet, gegen Graisbach. Bei Monheim ließ Ludwig ſein Gefolge harren, und ritt allein auf die ſtattliche Burg zu. „Mein Ludwig!“ klang vom Söller eine ſuße Stimme; er ſprang rüſtig vom Pferd, band es am Thore an und eilte in den Hofraum. Als er die Schwelle betrat, lagen Caneta und ſein Söhnlein Wieland an ſeinem Herzen. „Ich wußte es ja, daß du nicht ſcheiden würdeſt, ohne mich und dein Kind nochmal zu grüßen,“ flüſterte Caneta lieblich, indem ſie ſich innig an ſeine Bruſt ſchmiegte; heiße Thränen entſtürzten aus ihren Augen;—„ſieh! wie un⸗ ſer Kind groß und ſchön geworden! Ach! wie ſo ganz trägt es deine Züge, mein Ludwig! Schau', ſchau, mein Söhnlein; willſt du zum Vater? Sieh mein Geliebter, wie er die Händ⸗ chen nach dir ausſtreckt, wie er dich umhalſen will.— Jal bitte, o bitte deinen Vater, mein Kind, daß er ſich deiner annehme; und gelt? Ludwig, du wirſt's auch, du wirſt's gewiß, wenn ich nicht mehr bin?“ Eine flüchtige dunkle Röthe überflog ihr Antlitz; 18* —-— 276— beſorgt blickte Ludwig ſie an und ſprach:„Gott, was iſt dir, Caneta? Was bewegt dich ſo?“ „Nichts ‚nichts!“ begütigte und tröſtete Ca⸗ neta,„du gehſt, und wann kommſt du wieder, und wie?! Ach, Ludwig, die Zungen der Men⸗ ſchen ſind ſtets geſchäftig, nur Böſes auszu⸗ ſtreuen, Leid zu ſäen, welches Herzen bricht. Laß uns ruhig ſprechen. Du wirſt nach Frank⸗ reich gehen, um dir die ſchöne junge reiche Haus⸗ frau zu holen; o mögeſt du glücklich ſein und ein Weib finden, das dir deine Tage verſüßt. Doch ſprich, wirſt du, wenn ich längſt im Grabe liege, denn auch deines armen kleinen Wieland nicht vergeſſen? Ach, wer wird ihn küſſen, wenn er des Morgens aufwacht, wer ihn für dich beten lehren, bevor er des Abends einſchläft, wer, wenn er krank wird, an ſeinem Bettlein wachen, wer in Freudethränen jauchzen, wenn er geneſet, wer danken und beten, wann er zum ſchönen Jüngling, zum kräftigen Mann heran⸗ wächſt?“⸗ „Du, wer anders als du, meine liebe gute Caneta?“ erwiederte Ludwig,„ach Gott, welche ſeltſame Beſorgniſſe regen ſich in deinem Herzen?“ — 272— „O laß mich,“ flüſterte Caneta mit matter Stimme, die glühende Stirne und das Thränen⸗ umdüſterte Auge an ſeiner Bruſt bergend.„Ich weiß,“ fuhr ſie mit brechender Stimme fon⸗ „daß wir uns nie wieder ſehen werden. 23 „Du mein liebes ſüßes Herz, welchen zweck⸗ loſen, grundloſen Gram nähreſt du?“ entgegnete ihr Ludwig, indem er ſie ſanft auf die Stirne küßte;„Wir werden uns wiederſehen, gewiß und bald!“ „Nie, nie, nie!“ erwiederte ſeufzend Ca⸗ neta;„ach wenn du auch bald wieder in die Heimath kehrſt, ſo wirſt du ja deine Gattin mitbringen, und dann,— wollteſt du mich auch wiederſehen,— dann müßte ich dich doch fliehen, und würde dich fliehen,— nicht aus thörigter Eiferſucht, o nein, nein! Herzinnig würde ich mich ja freuen, wenn ich dein häus⸗ liches Glück ſehen könnte,— aber um deiner und meiner Ehre willen dürfen wir uns dann nicht wiederſehen!“ Darauf fand Ludwig keine Antwort. Er nahm den kleinen Wieland, drückte und herzte ihn, freute ſich, als das Knäblein ihm den zier⸗ — 278— lich gekräuſelten Bart zerzaußte und konnte nicht ablaſſen, das holde Pfand ſeiner Liebe, den Ta⸗ lisman ſeines Lebens zu küſſen. „Segne noch den Kleinen, mein Ludwig,“ flehte Caneta wehmüthig,„und nimm dich auch in der Zukunft ſeiner an; vergiß des Armen nicht, wenn dir Gott eine Schaar ſchöner und guter Söhne ſchenkt; ach vergiß unſres Wieland nie!“. 5 „Ich— deiner vergeſſen, du mein holder Knabe,“ rief Ludwig, ihn nochmal an's Herz drückend und dann in die Höhe hebend;„deiner könnte ich je vergeſſen? Deine lieben treuen Züge prophezeien mir, daß du einſt mein Friedens⸗ engel ſein wirſt, der Troſt und die Stütze mei⸗ nes Alters, der mir mit frommer Liebe die Au⸗ gen zudrücken wird. Ich ſollte deiner vergeſſen? — Caneta, hier geb' ich dir mein ritterliches und fürſtliches Wort zum Pfande, daß ich ihn hoch in Ehren und Treue halten werde; und dies ſanfte blaue Auge,— er hat es von dir, — es überzeugt mich, daß ich an ihm nichts als Freude ärnten werde. Doch, nun laß mich dich noch eines fragen, Caneta und antworte mir, ob —— — — 2%o— du auch damit zufrieden biſt? Ich will dir und unſerm Kinde während meiner Abweſenheit einen treuen Pflegmann hinterlaſſen, der Eurer redlich warten ſoll. Dazu hab' ich mir den Oswald Ottlinger, einen ganz unbeſcholtenen Mann, er⸗ ſehen; ſage mir, Caneta, magſt du's wohl leiden? „Mein guter Ludwig!“ verſetzte Caneta, „wie treu beſorgſt du mich! Ja ich traue dem wackern Herrn Ottlinger, und hoffe: er wird ſeines Amtes treulich pflegen, denn ich halte ihn für einen guten ehrenhaften Mann.— O Lud⸗ wig, mein Ludwig!“ rief ſie ihn umarmend, plötzlich wieder mit leidenſchaftlichem Ungeſtüm, „ſo iſt es denn wirklich wahr? So müſſen wir denn unwiederbringlich von einander? So ſollen wir uns nie, nie, nie mehr wiederſehen? Ach, küſſe deinen Vater noch einmal, mein Sohn, küſſe, küſſe ihn! Und daß doch jeder Kuß in ſei⸗ nem Herzen haften möge und deinen lieben guten Vater ſtets an dich erinnere, wenn ich es nicht mehr können werde. Nimm ihn, Ludwig, ſegne ihn; ſchau', er iſt ja mein einzig Haab und Gut, ſeit ich dich verloren; er iſt mein Schatz, mein Iuwel, mein eig'nes Herz, mein Himmel. — 280— Du gehſt, ich ſterbe.— Dir, dir vermache ich ihn als wie im letzten Willen, und du, du, mein Ludwig, verſchmähe mein letztes Geſchenk nicht!“ „So lebe wohl,“ ſprach Ludwig erſchüttert, den Knaben zum letztenmal küſſend,„du Zeuge meines erſten Glückes, du Sohn meines tiefſten heiligen Schmerzes. O bleibe mir du, wenn mich Alles verließe, du der treuen Mutter treuer Sohn; auf dich baue ich, auf dich ſetze ich die ſchönſten Hoffnungen meines Lebens; werde groß und ſtark, und bleibe mir!—“ Dann wendete er ſich zu Caneta, preßte den letzten Kuß auf ihren bleichen feuchten Mund, und ſprach, die innere Aufregung gewaltſam bändigend:„Unterm Auge des Himmels haben wir uns gefunden, Caneta 3 die Tirannei der Erde reißt uns auseinander. Gedenke meiner,— ich kann dir nicht mehr ſa⸗ gen; könnte ich weinen,— ich dürfte es ja nicht, denn ich bin nichts als ein Mann.— Gott ſei mit dir und mit unſerm Kinde!— Leb' wohl, leb' wohl!“ Nach dieſen Worten riß er ſich aus den Armen der geliebten Caneta und ſchwang ſich auf zu Roß. Noch einmal blickte er zurück, dann — 281— gab er ſeinem Gaul wild die Sporen und jagte davon. „O du, ſein Ebenbild!“ rief Caneta, den Knaben herzend,„ſiehſt du? Da reitet dein Vater hin, und deine Mutter, ſie weiß es recht gut, ſie fühlt's, wird dich nicht lange mehr küſſen und koſen können. Ihre Tage ſind gezählt, mein lie⸗ ber guter Knabe; wenn mich noch etwas am Leben hält, ſo iſt's nur dein Anblick, du from⸗ mes Kind.— O, was iſt die Freude der Liebe? Sie flieht, wie dort der Staub hinter ſeines Roſſes Hufen; du bleibſt mir, du mein Herz, mein Glück, meine Welt, mein Himmel!“ Kronen, Ketten, Herzen. Herr Ludwig im Bart trat unverzüglich ſeine Fahrt nach Frankreich an. Es begleiteten ihn nebſt vielen andern Edelleuten auch der Frei⸗ berger, ſeither genannt der Fiedelbogen, dann der von Gumpenberg, den Ludwig ſehr hoch hielt, der Grieſſenbecker, der Marſchalk Seitz von Ober⸗ dorf; als Schreiber, Peter Floriot und Ulrich Zweienkircher. Die Fahrt geſchah mit großer Pracht, würdig des Bruders der Königin von Frankreich, des Geſandten von Kaiſer Ruprecht, würdig des reichſten Fürſten von Baierland. Die Herren ritten durch Burgund, über Dijon, Troyes und Melün nach Paris. Großer Jubel empfing ſie allenthalben in Frankreich, denn durch das ganze Land ſcholl die freudige Kunde von dem Sieg der ſieben Franzoſen gegen die ſieben Eng⸗ länder bei Blaye. Die ſieben Franzoſen hatten die Sache des Herzogs von Orleans und des Grafen von Saint Paul, welche Heinrich Bo⸗ v v — 288 V— lingbrocke dem König von England Abſagebriefe von wegen Richards Ermordung im Kerker zuge⸗ ſendet hatten, und von dem Engländer ſchnöd' zurückgeſendet worden waren, gegen ſieben edle Herren von der Inſel im offnen Zweikampf zwi⸗ ſchen Montendre und Blaye aufgenommen und verfochten; ihr Haupt war der ritterliche Herr von Barbazan geweſen, die übrigen hießen Guil⸗ laume Bataille, der Seneſchal von Angouleme, und Guillaume dü Chatel, Pierre de Breban, zugenannt Clignet, Jean de la Champagne, Jean de Caranys, ſämmlich Ritter, und der edle Jun⸗ ker Eceyer de Villars. Der Ausgang des Kampfes ſollte die Ehre franzöſiſchen Namens darthun, Kampfrichter waren die Herren von Duras und Herpetonne. Die ſieben Franzoſen blieben Sie⸗ ger; die Engländer wurden nach dem Kampf⸗ recht ihre Gefangene und mußten ſich jeder mit einem goldenen Ringe, der einen Diamant um⸗ ſchloß, löſen. Darüber war das franzöſiſche Volk ſtolzen Entzückens voll, denn die Antwort Heinrich Bolingbrocks auf die Abſagebriefe des Herzogs von Orleans und des Grafen von Saint Paul hatte durch den unmanierlichen Spott und 24— Trotz, der darin ausgeſprochen war, jedes fran⸗ zöſiſche Herz empört. In Paris empfing die Königin ihren Bruder mit ſo ausgeſuchter Pracht, wie kaum je ein ge⸗ kröntes Haupt der Chriſtenheit in der Haupt⸗ ſtadt Frankreichs bewillkommt worden war. Jede der verſchiedenen Parteien, welche am Hofe wech⸗ ſelſeitig um die Herrſchaft buhlten und ſtritten, wetteiferte mit der andern, den deutſchen Fürſten durch dienſtwillige Ergebenheit, koſtbare Geſchenke und glänzende Bewirthung zu gewinnen und an ſich zu feſſeln. Auch das Volk, welches ſich noch von früheren Zeiten her des tapferen, ritterlichen, gewandten und leutſeligen deutſchen Fürſtenſohnes erinnerte, jauchzte ihm aus vollem Herzen zu und hoffte, in ihm ſei der Mann gekommen, der endlich die ſtreitenden Parteien verſöhnen, und durch aufrichtige Befriedigung auch das arme Volk der unerſchwinglichen Laſten entbürden werde, welche es bald von der Partei Orleans, bald von der burgundiſchen auf den Nacken gewälzt bekam; denn wie die Machtherrn hadern, ſo büßen die Unterworfenen. Das Elend hat eine gute Lunge, aber Gewalt ſchreit noch lauter; am feſtlichen — 285— Mahle, am ſchwelgeriſchen Gelage, wo der Taumel mit bleiernem Scepter die Gewaltigen keult, ver⸗ hallt die Stimme des Elends, der Nothſchrei des Rechts; nur Einer hört ihn, der König der Kö⸗ nige, und zeichnet ihn auf in ſeinem Schuldbuch, aber ſeine Langmuth iſt unergründlich. Die ganze Zeit des Herbſtes verging(nach⸗ dem Ludwig das Geſchäft des römiſchen Königs glücklich zu Ende gebracht) mit Feſtlichkeiten al⸗ ler Art, in prachtvollen Jagden, Speerbrechen und koſtbaren Vorbereitungen zur Feier von Lud⸗ wigs Vermählung mit der verwittweten Gräfin von Montpenſier, Anna von Bourbon, welche ihm an Erbſchaft aus dem Hauſe Montpenſier und durch die Freigebigkeit des von ſeiner Gat⸗ tin dazu vermochten Königs neuntauſend fünf⸗ hundert Turnoſer Pfund als Brautſchatz brachte. Am neunzehnten November wurde die Hoch⸗ zeit zu Paris mit königlichem Pomp begangen. Zwölfhundert Bürger von Paris, in halb rothe, halb grüne weitfaltige Feſttagsröcke gekleidet, und eine Menge der edelſten Ritter, Herren, Barone und Junker geleiteten die Neuvermählten von Saint Denys, wo ſie getraut worden waren, — 286— nach Paris, in den Pallaſt von Saint Paul, an deſſen Pforten ihnen die Königin, der ſiebenzig⸗ jährige ſtolze Herzog Philipp von Burgund mit ſeiner Gemahlin Margarethe, ſo wie Berri, Bourbon und Orleans, deſſen Gemahlin auf's Neue in ſtiller Zurückgezogenheit auf Schloß Neuf⸗ chätel an der Loire wie in einem freiwilligen Exil wohnte, entgegen kamen. Der junge Graf von Nevers, welchen man ſchon damals allge⸗ mein Jean sans peur nannte, trieb ſich zu jener Zeit unruhig in Flandern umher und ward oft an der Seite ſeines Schwagers, des kriegeriſchen Biſchofs von Liège, der den Beinamen Jean sans pitié trug, geſehen.— Auf den kunſtreich gewirk⸗ ten Teppichen ſchritten die in Gold, Hermelin und Purpur, in ſchweren Perlenröcken von Ru⸗ binen und Saphiren ſchimmernden Fürſten, die edlen Frauen mit herrlichen Kronen auf den Häuptern, in goldſtoffenen Kleidern zu den Prunk⸗ gemächern hinein, wo auf den unabſehbaren Ta⸗ feln die Gold⸗ und Silbergeſchirre prunkten. Ritter und Grafen trugen Schüſſeln und Becher ab und zu, nachdem die Trompeter das Zeichen zum Beginnen des Gelages gegeben hatten. Ha, — 287— welch' ein Leben! Ha, welch' eine wilde bachan⸗ tiſche Luſt! Wie wechſelte da ein Lebehoch mit dem andern, ein Trinkſpruch mit dem andern! Wie flogen, luſtigen Irwiſchen gleich, Scherze und Witze hin und wieder, wie kreuzten ſich leicht⸗ fertige Reden! Wie wenig galten mehr an die⸗ ſem verderbten Hofe die Schranken echt fürſt⸗ lichen Anſtandes; wie ſorglos und frevelnd hüpfte man ſelbſt über den Stellvertreter der Tugend, über den Schein der Sittlichkeit hinweg! Wie ſpotteten des Königs alte Oheime durch unge⸗ ziemliche Reden des ehrwürdigen Silbers auf ih⸗ ren Scheiteln! Derweil aber an der Hochzeitstafel Jong⸗ leurs und müßig Geſindel den Fürſten Kurzweil trieb, Zwerge und Narren ihre Mißgeſtalt und ihre plumpen Späße zum Beſten geben mußten, derweil man bei vollen Bechern im tollen Ueber⸗ muth den Himmel wegſcherzte, als ſchleppe der Augenblick wie ein wahnſinniger Tyrann Alle an Blumen umwundenen Ketten die Kreuz und die Quer, als ſei das Geweſen nur ein flüchtiger Traum und das Einſt eine fratzenhafte Erinne⸗ rung oder verſpottenswerthe Prophezeihung jenes — 283— Traumes,— derweil lag König Karl, der Herr von Frankreich, auf ſeinem Siechbette, an welches er, weil ſeine Krankheit ſeit ein paar Wochen auf's neue ausgebrochen, mit Ketten geſchloſſen war, mit Ketten, an denen er ſich das Fleiſch wund gerieben; halb nackt, Haar und Bart ſtrup⸗ pig und zerzaußt, die Augen faſt erloſchen, die Wangen erdfahl und tief eingefallen, von aller Welt verlaſſen lag er da. Die Kraft ſeiner Ra⸗ ſerei war jetzt gerade wieder gebrochen; er ſchlug wie nach einem langen Traume matt die Augen auf, ſtöhnte aus tiefſter Bruſt und rief mit hei⸗ ſerer Stimme:„Bin ich alſo wieder krank ge⸗ weſen? ach, wehe mir!— Bin ich wieder gene⸗ ſen? O Himmel! immer geneſen und immer wieder geneſen müſſen,— und nie ſterben kön⸗ nen!— Was habe ich denn gethan, daß man mich in Ketten ſchmiedet?— Ich ſpielte ja ſo harmlos, ohne ein Kind zu beleidigen, mit dem guten Juvenal des Urſins, mit dem treuen Guil⸗ leaume Martell;— ach, ſagt, warum ſchließt ihr mich in Ketten? oh, ſie drücken gar ſo ſehr, und meine Wunden brennen recht grimmig.— Und wie allein! Ja, das iſt das härteſte, ja, . — 289— ganz allein und verlaſſen zu ſein! Will denn wirklich Niemand kommen, der ſich meiner er⸗ barmt? Huſch, mich friert, und wie hungert mich's ſo ſehr!“ Der Zugwind ſtieß die nicht völlig geſchloſ⸗ ſene Thüre des Gemaches auf.„O mein guter Bruder Orleans! Iſabelle! fromme Iſabelle, du Mutter meiner Kinder!“ rief der König in ſeiner Hülfloſigkeit, hoffend, daß ſeine Stimme ſo weit reichen würde, ſie herbei zu rufen. Der Arme, der Verlaſſene, er wußte nicht, daß Iſabelle und Orleans eben jetzt gar luſtig und wohlgemuth im Hötel Saint Paul tanzten, während er im Louvre auf dem Siechbette lag. So weit hatte ſich Iſabelle ſchon vergeſſen, daß keine Scheu ſie mehr zurückhielt, mit dem Herzog von Orleans ſich öffentlich in größter Vertraulichkeit zu zeigen, daß ſie den Gatten nur höchſt ſelten, nur dann beſuchte, wenn ſie den königlichen Na⸗ men zur Unterſchrift für neue Erpreſſungen brauchte, daß ſie ſelbſt für ihre Kinder keinen Gedanken mehr hatte und ſie verabſcheute, weil der verabſcheute Gatte deren Vater war. So furchtbar ſchnell kann ein Weib bis zur tiefſten J 19 — 290— Verworfenheit hinabſinken, wenn es einmal einen Schritt breit vom rechten Wege abgewichen iſt. Deer König ſchloß verzagend und ohnmächtig die Augen, und gab ſich kindiſchen Traͤumen hin! Wie ein treuer Freund kam jetzt ein ſonſt furcht⸗ barer Gaſt, der Blödſinn, zu ihm, neigte ſich mild über ihn, als wollte er ihn alles Grams entla⸗ ſten, und pflegte den Verlaßenen.—— Als der König, vom Schmerz der Wunden aufgeweckt, die Augen wieder erſchloß, ſah er ein Weib vor ſeinem Lager knien. Ungewiß, ob nicht ein Traum durch trügeriſche Barmherzigkeit ihn äffe, erhob er das Haupt, und fragte leiſe, ſchen:„Wer biſt du, gutes Weib?“ Da ge⸗ wahrte er erſt, daß die Frau ein ungefähr ein halbes Jahr altes Kind auf den Armen hatte, welches ihre Bruſt ſuchte. „O mein König!“ begann das Weib, dem die Augen voll Thränen ſtanden,„mein guter König, erbarmet Euch über Eure Kinder!“ „Ach geh',“ erwiederte Karl,„du biſt wohl eeine von den hunderttauſenden Bettlern Frank⸗ 8 reichs!? Ach, was kann ich,“ fuhr er ſchmerz⸗ lich lächelnd,„was kann denn ich für Frankreich — — 291— thun? Geh' zur Königin, gutes Weib, oder zu meinem lieben Bruder Orleans, und bitte dieſe, ob ſie dir helfen können.“ „Ach, ihr mißverſteht mich, mein königlicher Herr,“ entgegnete das Weib,„ich bitte Euch, erbarmet Euch zuvörderſt Eurer eigenen leiblichen Kinder, welche hungern und frieren, denn die Mutter will von ihnen nichts wiſſen.“ „Meiner eigenen Kinder?“ ſtammelte der König, bang und noch halb träumeriſch.„Sprecht langſam, ich bitt' Euch,— und deutlich. Ich verſtehe Euch nicht.“ „Eurer Kinder! Eurer Kinder! Und das verſteht Ihr auch nicht mehr?“ wieder⸗ holte das Weib.„Ja, mein König, Eure Kin⸗ der haben oft kaum genug, um ihren Hunger zu ſtillen, und ihre Blöße zu decken.“ „So?— Ei, da ſchaut mich ſelber an,“ ver⸗ ſetzte der König matt und lächelnd;„geht es mir denn beſſer? Ach, auch mich hungert ſo ſehr.— Wo ſind denn die Wächter, die Krankenwärter, denen meine gute Königin monatlich fünfhundert Tournoſen giebt, damit ſie mein pflegen ſollen? — Sie werden wohl im Vorzimmer ſein und 19* — 292— harren, bis ich ſie rufe. Ich bitt⸗ Euch, Frau,— meine Stimme iſt ſo ſchwach,— ruft ſie herbei, damit ſie für ein paar Augenblicke mir die Ket⸗ ten abnehmen; ſie drücken mich ſo arg.“ „Ich fand im ganzen Schloſſe keinen,“ er⸗ wiederte das Weib,„ſonſt würden ſie mich ge⸗ wiß nicht bis zu Euch gelaſſen haben. Sie wer⸗ den ſich heute wohl in der Stadt ergehen, und die allgemeine Feſtlichkeit mitgenießen, denn Euer Schwager, der Baierfürſt, häͤlt heute Hochzeit.— Aber ich bitte Euch herzlich nochmals, erbarmt Euch Eurer Kinder, da ſich die Mutter ihrer nicht erbarmt;— ſeht, ich bin die Amme Eu⸗ rer Kinder und dies Würmlein an meiner Bruſt iſt Euer Jüngſtgeborner,— Karl!“ Dieſer Name wirkte wie ein Zauber auf den König;„mein Sohn, mein Karl!?“ rief er ſchmerzlich;„o gebt, gebt, daß ich ihn an mein Herz drücke.“ Er wollte die Arme ausſtrecken nach ſeinem ſüßen Kleinod, aber ſeine Arme wa⸗ ren ja gefeſſelt.„O Gott! mein Gott! Gott des Erbarmens!“ rief er aus der Tiefe ſeines Schmerzes.„Gott, du haſt mir Alles genommen, Alles, Alles;— ſoll ich nicht einmal mein Kind 4 — 293— umarmen dürfen? O gebt, gebt, reicht ihn mir über's Bette, neigt ihn über mein Antlitz, daß ich ihn wenigſtens küßen kann. Nur ihn küßen laßt mich, nur ihn küßen!“ Die Amme that weinend nach des Königs Wunſch. Er küßte das Kind mit Inbrunſt; er vergaß jetzt ſein furchtbar Elend und die unend⸗ lich lange Friſt, die es vielleicht noch währen würde; er vergaß ſeine Schmach, ſeine Ketten, ſeine Wunden, ſeine Blöße, ſeinen Froſt, ſein Fieber,— er hatte ja ſein Kind, ſein Kind! Aber der arme Kleine ſcheute ſich vor dem todtenbleichen Mann und weinte. „Weinſt du um mich oder um dich?“ ſprach der König bitterwehmüthig, leiſe;„oder ver⸗ ſtoßeſt auch du mich? Bin ich auch dir zu ſchlecht, zu elend? O nein! das kannſt du nicht. In Kinderherzen iſt ja noch der Himmel. Nehmt ihn zurück, gute Amme, nehmt ihn zurück, denn ich glaube wirklich: er weint über mich. Und ſehet! Ich habe den Gedanken ſo verlernen müſ⸗ ſen, daß Jemand um mich weint;— die Tropfen fallen mir auf's Herz und brennen.“ Die Amme nahm das Kind wieder zu ſich — 294— und beruhigte es. Der König verwendete kein Auge von ſeinem Sohn. Mit rührendem Schmerz ſprach er die Amme wieder an und flehte:„Wollt Ihr mir wohl etwas zu Liebe thun, gute Frau? O ich bitte Euch ſchön, geht,— ach könntet Ihr mir doch das Kind da laſſen! aber freilich! ich habe ja nicht einmal die Arme frei, um es an's Herz drücken zu können;— geht, und ſuchet einen von meinen Dienſtleuten, den Guillaume Martell, oder einen andern guten Mann, daß ſie kommen und mir die Ketten abnehmen;— wollt Ihr das wohl? Ach, ich bitt' Euch recht herzlich drum,— und noch um eins; das dürft Ihr mir gewiß nicht abſchlagen! bringt mir auch meine andern Kinder; ich habe ſie ſo lange nicht geſehen; ach, und ich ſehne mich doch ſo ſehr nach ihnen. Ich glaube faſt, der Anblick meiner Kinder würde mich von allen meinen Ge⸗ breſten heilen.“ Die Amme verſprach, ſeinen Wunſch zu er⸗ füllen, und entfernte ſich. Mit trüben Blicken ſah der König ſeinem Söhnlein nach. Jetzt kam er ſich, als wäre ihm wieder ein Stern unterge⸗ gangen, erſt recht verlaſſen und hoffnungslos vor. . — 295— Bald nach jener Hochzeitsfeier erregte eine neue allgemeine Steuer, welche der Herzog von Orleans unter dem Vorwande des Krieges gegen England erheben ließ, und welche ſich auf acht⸗ zehn hunderttauſend Thaler belief, den allgemei⸗ nen Unwillen des Volkes, hauptſächlich durch die tyranniſche Weiſe, wie dieſelbe eingetrieben wurde; denn Jeder, der ſich, ſei es aus wirklicher Er⸗ ſchöpfung oder aus gerechtem Unwillen, der Zah⸗ lung weigerte, wurde als Majeſtätsver⸗ brecher betrachtet und verurtheilt. Dieſe letz⸗ tere Drohung war denn gleichwohl das einzige Mittel, ſich der neuen Erpreſſung zu vergewiſ⸗ ſern, und die Summe, welche der Herzog wünſchte, kam wirklich zuſammen. Um ſo größere, beinahe aufrühreriſche Bewegung brachte im Volke eines Morgens die Nachricht hervor, daß der Thurm des Louvre, in welchem ſich dies Blutgeld auf⸗ geſtapelt befand, Nachts erbrochen und der Schatz völlig daraus geraubt worden ſei. Es währte nicht lange, ſo klagte die allgemeine Meinung den Herzog von Orleans dieſes gemeinen Ver⸗ brechens an; und alle Spuren vereinigten ſich, dieſen Verdacht zur Gewißheit zu erheben. Der — 296— Herzog ſelbſt, der im Bewußtſein ſeiner unum⸗ ſchräͤnkten Gewalt allzu übermüthig wurde, that hiebei nicht einen einzigen Schritt, um ſich dar⸗ über zu rechtfertigen. Der alte Burgund, ob⸗ gleich er im Herzen überzeugt war, daß Orleans wirklich den Diebſtahl begangen, hielt doch das ſchmähliche Gerede der Leute für einen Schand⸗ fleck, der durch Orleans dem ganzen königlichen Hauſe aufgedrückt ſei; dieſe Scham, nicht min⸗ der das drückende Gefühl, ſehen zu müſſen, wie ſeine Herrſchaft ſtündlich vor Orlean's ſteigender Sonne erbleiche, und eine Vorahnung nahen To⸗ des, bewogen ihn, Frankreich zu verlaſſen, nach deſſen Krone er ſo lange fruchtlos geſtrebt, und ſich in ſeine Erblande zu begeben, um ſich des Anblicks aller ſeiner Kinder nochmals zu erfreuen und zugleich ſeinen zweitgebornen Sohn Anton als Herzog von Brabant und Limburg anerken⸗ nen zu laſſen. Brüſſel, wo er ſich einige Zeit aufhielt, hallte von lauten Feſtlichkeiten wieder; aber in Mitten derſelben mahnte den alten Her⸗ zog ein Fieber an das Ende ſeiner Tage, und Vorſicht vor der, von allen Seiten immer naher heranrückenden Peſt, welche bereits zahlloſe Opfer — — 297— hinweg gerafft, trieb ihn von Brüſſel nach dem drei Meilen davon gelegenen Halle. Sein Fieber verſchlimmerte ſich ſo arg, daß er blos in Zwi⸗ ſchenräumen der Sprache mächtig war. Da ver⸗ ſammelte er an ſeinem Sterbebette ſeine drei Söhne, Jean sans peur, Anton von Brabant, und Philipp von Retel und ſeine vier Töchter, Margarethe, Maria, Katharina und Bona, und ſprach mit matter Stimme: „Ich wallfahrte zum Grabe, und habe kei⸗ nen Stab, auf den ich mich ſtützen könnte; denn ich fürchte: mein Leben, ſo gewaltig es geweſen, war ohne Frucht, und ich habe es eben ſo leichtſinnig verſchwendet, wie mein Hab' und Gut, von dem Ihr wenig finden werdet.— Zürnet dem Sterbenden darüber nicht! O hätte doch mein Segen die Kraft, Euch hinführ zu ſtützen und zu begütern!— Jean, du mein Erſt⸗ geborner, tritt mir näher, denn meine Stimme reicht nicht mehr weit, und doch möchte ich, daß ſie dir voll, mahnend und ernſt wie die Stimme der Poſaune in's Herz ſchölle.“ Jean sans peur neigte ſich, von den Worten und dem Ausſehen des ſterbenden Vaters erſchüt⸗ — 298— tert, zu ihm nieder; da ſprach der alte Bur⸗ gund leiſe:„Jean! das Auge des Sterbenden ſieht ſchärfer, weil ihm ja gar bald alles Schauen verſchloſſen wird, und am ſchärfſten blickt eines ſterbenden Vaters Auge, das von allem Irdi⸗ ſchen ja nur noch die Kinder zu ſchauen begehrt, in des Sohnes Herz. In deinem aber leſe ich, blutig hingeſchrieben, einen furchtbaren Eid; und der, nicht der Todesfroſt, macht mich zit⸗ tern.— Du haſſeſt Orleans, und wirſt, ich mein' es, nicht ruhen, bevor du in ſeinem Blute dieſen Haß gekühlt; ich weiß es, ich leſe es in deinem Herzen. O, wenn deines ſterbenden Va⸗ ters Stimme noch eine Bitte an dein Ohr tra⸗ gen kann, ſo höre ſie, wie eine Weiſſagung und Beſchwörung. Verbinde dich nicht mit der Rache, Jean! Rache iſt eine ſchlimme Bundesgenoſſin; unerſättlich lechzt ſie nach Blut, und wenn ſie dir einmal den Feind zum Opfer geliefert hat,. will ſie bald auch dich haben, und wird nicht ruhen, bis ſie an deinem Herzen ſich ſatt ſchmau⸗ ſen kann.— Vielleicht haſt du nur auf meinen Tod gewartet, Jean, um gerüſtet mit Burgunds 4 ererbtem vollem Glanz, durch keine ſchwachen — 299— Bitten eines Greiſen mehr zurück gehalten, dei⸗ nem Feinde Schwert an Schwert entgegen zu treten. O ich beſchwöre dich, Jean, mäßige dein wildes Weſen, bändige den Tieger, der in dir grollt; du nährſt dir ſonſt den Meuchelmörder im eig'nen Herzen. Jean, Jean! Mein Sohn, Erſtling meiner Liebe, ich beſchwöre dich, ver⸗ ſprich mir,— ach, ich kann nicht ruhig ſterben, bevor du mir nicht in meine erkaltende Hand den Eid leiſteſt, dich der Rache abzuthun;— ſ ieh! es iſt nicht Schwäche, bei Gott nicht, es iſt nicht Wandelbarkeit meines Weſens, daß ich dich darum bitte, ich habe bis jetzt noch nicht aufge⸗ hört, dieſen falſchen, unverſchämten Orleans zu haſſen; aber mir graut für dich; ich ſehe dich ſelbſt von Dolchen durchbohrt, die Blüthe deiner Jahre und Hoffnungen mit deinem Herzblut zu⸗ gleich verſtrömend, und Rache hinter dir, welche ſchadenfroh die Fackel ſchwingt und noch deine Leiche damit brandmarkt. Schwöre, ſchwöre mir's, ich flehe dich an, ſchwöre, ſchwöre——“ Krampfhaft umfaßten ſeine erkaltenden, vom Todesſchweiß feuchten Hände die kräftige lebens⸗ warme Fauſt ſeines Sohns; bald ſchneller, bald — 300— matter pochte das alte Herz; mühſam erhob der Sterbende das Haupt, um den erwarteten Eid ſeines Sohnes noch recht genau zu vernehmen. Das fliehende Leben ſchien, von den Worten des Sohnes abhängig, nur noch ſo lange verweilen zu wollen, bis dieſer beruhigende Eid geſprochen, der dem Alten die Erde leicht machen ſollte. Aber Jean's Herz wurde durch die prophe⸗ tiſche Rede nur zu ärgerem Trotz geſtählt, weil ihn das Schickſal ſelbſt zwingen zu wollen ſchien, und er ſtets Luſt hatte, auch mit dem Schickſal anzubinden. Mit eiſerner Feſtigkeit erwiederte er dem Alten:„Ich bin zu ſtolz, mein Vater, Euch mit einer Lüge tröſten zu wollen. Was ich geſchworen habe, werde ich thun, und müßte ich dafür zeitlich und ewig verderben.“ Da ſank dem Alten das Haupt zurück, das Herz hörte auf zu ſchlagen. Eine feierliche Stille herrſchte, als Johann ſeines Vaters kalte Hand langſam fahren ließ, und mit ernſtem Blicke deſſen gebrochene, aber noch offne Augen anſtarrte. Jetzt erhoben die Töchter ein Klagegeſchrei, und die alte Herzogin, ſeit wenigen Minuten Wittwe, ſtürzte über die — 301— Leiche. Johann ohne Furcht zog ſich in eine Ecke des Gemachs zurück, verſchränkte die Arme über der Bruſt und ſchloß die Augen, ſich ſeinen fin⸗ ſtern Gedanken ungeſtörter hingeben zu können. Aber ſein raſtloſes Weſen jagte ihn bald wieder auf.„Entfernt Euch, meine Mutter und Ge⸗ ſchwiſter!“ rief er dieſen zu,„der Schmerz ſaugt aus dem Anblick Nahrung; ich bitte Euch, entfernet Euch, ich will allein bei dieſem Todten wachen; ich hab' ihm vielleicht noch eine Schuld abzutragen.“ Nur ſeinem Trotzkopf gelang es, die Mut⸗ ter und die Geſchwiſter zu bewegen, das Todten⸗ bette zu verlaſſen. Als er allein war, warf er ſich leidenſchaftlich vor der Leiche ſeines Vaters nieder, bedeckte die Hand deſſelben mit Küßen und ſprach: „O vergieb mir, du heiliger Todter, du ein⸗ ziger, den ich liebte, dem ich's erſt jetzt geſtehe, daß ich geliebt, vergieb. Ich weiß, meine Worte haben dir den Tod gegeben, vielleicht that es deine treue Liebe zu mir;—— doch nein! die Scham brach dir das Herz, die Scham, daß — 302— wir, der unbefleckte Stamm von Burgund, unſere Krone vor dieſem feuchten, üppigen, Peſt und Fieber erzeugenden Weſtwind beugen müſſen, vor dieſem luftigen, bübiſchen Orleans.— Ha, komm, mein Vater, laß dir von treuer Sohneshand die Augen zudrücken, aus denen mich noch im⸗ mer, deine Worte lügen ſtrafend, die Rache gegen Orleans anblickt. Höre, höre deinen Sohn. Höre, todter Burgund den lebendigen jungen Bur⸗ gund! So wahr ich dir jetzt mit treuer Liebe die Augen zudrücke, ſo helfe mir Gott, aus ih⸗ nen dein Vermächtniß, die Rache, aufzunehmen und zu der meinigen zu geſellen, tief im Heilig⸗ thum des friſchen, kräftigen Lebens. Ich habe dir vor deinem Sterben einen Schwur verwei⸗ gert; jetzt will ich einen leiſten auf dieſe Silber⸗ locke deines kalten Hauptes. Orleans ſtirbt, ſo wahr ich dich, der hier ausgelebt vor mir liegt, meinen Vater nannte, und ſo wahr ich Burgund heiße, ſo wahr will ich den Namen Burgund, dein unſchätzbares Vermächtniß, dieſem Frank⸗ reich zu hören geben, daß ſie vor dem Sakra⸗ ment ihre Haäupter nicht ſo tief beugen ſollen, als vor ihm, und daß ſie den Namen Gottes — 303— oder des Teufels nicht mit ſolchem Zähneklappern über die Lippen bringen, als ihn.“ Mit dieſen Worten ſchloß der junge Burgund ſeinem Vater die ſtarren Augenlieder; dann ver⸗ ließ er das Trauergemach und ordnete die feier⸗ liche Beſtattung an. Das Herz des alten Für⸗ ſten wurde in der Königsgruft von Saint De⸗ nis, ſeine Leiche bei den Carthäuſern von Dijon beſtattet, wo ſich Philipp ſchon bei Lebzeiten vor Jahren ein prachtvolles Grabmonument hatte ſetzen laſſen. So arg hatte übrigens die Ver⸗ ſchwendung des Verblichenen ſeinen Schatz er⸗ ſchöpft, daß ein Anleihen nöthig wurde, um ſeine Begräbnißkoſten zu decken, daß man ſeinen koſt⸗ baren Hausrath, ſo viel man davon den Händen der Gläubiger entreißen konnte, öffentlich ver⸗ kaufen mußte.— Und dieſer Philipp von Bur⸗ gund war der reichſte Fürſt ſeiner Zeit genannt worden! Solche Frucht bringt Kronendurſt!— Als die Nachricht vom Tode des alten Bur⸗ gund nach Paris kam, erſchreckte die Mahnung der Sterblichkeit den hochbetagten Berry ſo ſehr, daß er bedenklich krank wurde; aber, Dank ſei es den frommen Gelübden, die er auf dem Siechen⸗ — 304— bette that,— er genaß wieder, und vernichtete alle herrſchſüchtigen Entwürfe, die er, gleich Burgund, ſein langes Leben hindurch im Her⸗ zen getragen. Orleans triumphirte; denn jetzt war für ihn der Augenblick gekommen, ohne wei⸗ tern Einſpruch mit der ſtolzen Königin Iſabelle allein zu herrſchen, und die Geißel offenbar zu ſchwingen. Seine arme Gemahlin Valentine lebte wie verſchollen zu Neufchaͤtel, wohin ihr Gatte ſie verbannt hatte; ſie verlor in demſelben Jahre durch den Tod ihres Vaters Galeazzo, des Ty⸗ rannen von Mailand, noch ihre letzte Stütze in dem ungaſtlichen Frankreich, und verbrachte freud⸗ und hoffnungslos zwiſchen Gram, Reue und Mitleid ihre Tage. Bald kannte des Herzogs von Orleans Uebermuth keine Gränzen mehr. Ein ſtrenges Gebot erging über das Volk, ſich mit keinerlei Gattung von Waffen fürder auf den Straßen zu zeigen. Die Englaͤnder wurden durch erneuerte Feindſeligkeiten geneckt und geſpornt. Den jungen Burgund litt ſein wüthender Haß und ſeine Lüſternheit nach der Herrſchaft Frank⸗ reichs nicht allzu lange von Paris fern. Er er⸗ ſchien, brennend vor Begierde, dem Todfeinde — 305— die Spitze zu bieten, eben zu der Zeit am Hofe, als Orleans und die Königin, welche ſich öffent⸗ lich ungeſcheut in größter Vertraulichkeit zeigten und im vollen Glanze der Majeſtät des vergeße⸗ nen Karl erſchienen, eine neue allgemeine Steuer verlangten. Burgund hatte ſich mit Ungeſtüm ſeinen Sitz im Rathe angeeignet. Als nun auf den Vorſchlag des Herzogs von Orleans und der Königin alle Räthe ſcheu und willenlos beiſtimm⸗ ten, erhob ſich Burgund zürnend, ſchilderte das allgemeine Elend, ſprach ſchonungslos über die Verbrechen der Verwaltung und die Verſchleude⸗ rung der Einkünfte, forderte Rechenſchaft über die Verwendung der ungeheuren Summen, die man täglich mit grauſamer Härte eintrieb und ſchloß damit, daß er ſeine Erblande wenig⸗ ſtens von der neuen Expreſſung frei wiſſen wolle. Da erhob ſich unerwartet der Herzog von Or⸗ leans, grüßte ihn freundlich als ſeinen lieben Vetter und fragte ihn dann höhniſch,„ob er nicht wiſſe, wie viele tauſend und tauſend Mark aus Frankreichs Schatz weiland gefloſſen ſeien, um ihn, als den glorreichen Sieger bei Nico⸗ polis, aus der Haft in Burſa zu erledigen? I. 20 — 306— Der Burgunder unerſättliche Verſchwendung und Habſucht ſei Frankreichs ſchlimmer Krebs; der Herzog ſollte, ſtatt in Paris den Großmüthigen zu ſpielen, lieber nach Dijon gehen, um dort ſeines Vaters leichtfertig gemachte Schulden zu bezahlen.“ Auf dieſe giftige Stachelrede erwie⸗ derte Burgund kein Wort; der Grimm klemmte ihm die Zähne an einander, erſtickte ihm die Worte und jagte alles Blut aus ſeinen Wangen in's pochende Herz hinab; aber wild ſchoſſen die Zornflammen ſeiner Blicke auf Orleans, als er, ohne dieſen oder die Königin auch nur eines Ab⸗ ſchiedswortes zu würdigen, die Hand an's Schwert gepreßt, den Saal verließ. Triumphirend ſahen ihm Iſabelle und Orleans nach, und freuten ſich ihrer Allgewalt und der Beſchämung Burgunds. Ihr Glück ließ ſie der Vernunft kein Gehör mehr geben, noch der Stimme des Gewiſſens, noch der Scheu; wie ſollten ſie auch? Wer ſo ſtolz über dem Geſetze ſteht, kann ja auch die Strafe mit Füßen treten. Und das hieß Gerechtigkeit; v, warum gab man ihr nicht lieber einen Dolch ſtatt des Schwerts in die Hand, eine Geißel ſtatt der Wage und riß ihr die Binde von den — 307— Augen, damit Männer, wenn ſie auch mit ſtar⸗ ken Rücken tragen können, mindeſtens ſich nicht über ſolch ein frevles Poſſenſpiel zu ärgern brauchten. Lieber beim wahren Namen ſie ge⸗ nannt, und das goldene Kalb als Kalb angebetet, und nicht als Sieger des Todes, als Chriſtus, der die Feſſeln zerbrach, und die Oriflamme der Vernunft, der Freiheit, der Liebe ſchwang, die zerfetzt und nur höchſtens alle Jahrhunderte hin⸗ ter roſtigen Gittern als ſeltſame Reliquie gezeigt ward. Aber Gott lebt doch, und lebt länger als Erdengötter. Indeſſen war Burgund in voller Wuth in ſein Erbland zurückgekehrt und bot Alles auf, was Wehr und Waffen tragen konnte. Oeffent⸗ lich ward ausgeſprengt, es gelte den Engellandern. Iſabelle und Orleans hatten ſich mit ganz andern Dingen, ſie hatten ſich mit ſchwelgeriſchen Feſt⸗ lichkeiten zu befaſſen, als daß ſie an den gede⸗ müthigten Burgund hätten denken können. Dieſer aber zog langſam wie eine Wetterwolke, die ſich Verderbenſchwanger heranwälzt, und immer neue an ſich zieht, gegen das ſtolze Babel Frankreichs. Nur noch zwei Tage war erevon Paris entfernt, 20* — 308— als Iſabelle und Orleans erſt die Schreckens⸗ nachricht davon erhielten. Orleans, deſſen frü⸗ her kräftiger Geiſt durch böſe alte Erinnerungen und immer wiederkehrende tolle Orgien entnervt worden war, verlor in den Tagen der Gefahr allen früher erprobten männlichen Muth, Iſa⸗ belle durch ihn ihre einzige Stütze; denn das Volk, ſtets ſittlicher als man denkt, haßte und verabſcheute ſie, und jenes Zwittergeſchlecht von Muͤcken und Horniſſen, von Schmetterlingen und Nachteulen, jenes Gewimmel von Weſen, denen Alles nur ein Lächeln, denen das Lächeln ſelbſt feil iſt, die ſich gerne mit ihrer buntſchekigen Knechtſchaft brüſten, ſollten wohl dieſe ihre Herrin ſchützen? Iſabelle kannte ſie gut, ver⸗ achtete ſie ſonſt und fand ſich jetzt von ihnen preis gegeben. Nur ein Mann war noch da mit Mark in den Knochen, ein Mann mit Adlerblick und Herrſcher⸗Beruf; das war ein Deutſcher, Herr Ludwig im Bart. An ihn, den ſie lange vernachläſſigt, wandte ſich jetzt in der Zeit der Noth die königliche Schweſter, und ließ ihm, der ſie trotzig abwies, durch ihren Gemahl für die ungeheuern Summen, die ihm dieſer ſchuldete, — 309— ein von ſechs Tigern getragenes drei und fünfzig Mark Silbers und achtzehn Goldes ſchweres Mut⸗ tergottesbild, mit ſiebenzehn Rubinen, hundert ſechs und neunzig Perlen, zwölf Saphiren und ſechs und zwanzig Smaragden ſchimmernd ge⸗ ſchmückt, desgleichen eine goldene Schließe mit einem großen Diamant, einem Rubin und Perlen verziert, eine Unze und ſechszehn Eſterlings wie⸗ gend, verſetzen. Er ſollte den Dauphin von Pa⸗ ris heimlich nach Corbeil ſchaffen, indeß ſie ſelbſt, um Orleans noch mehr ſorgend als um ſich, mit dieſem nach Melun flüchtete. An der Perſon des Dauphin lag Alles. Der Dauphin, das arme Kind, galt als Popanz künftiger Rechte jetzt je⸗ dem der Nebenbuhler hoch im Preis. Sie lauer⸗ ten nach dem jungen Haupte, welches des gan⸗ zen Frankreichs Wohl und Wehe zu tragen, zu entſcheiden hatte, wie der Schatzgräber nach dem Herzen des unſchuldigen Kindleins, deſſen Blut er zum mitternächtigen Banne bedarf. Burgund hielt ſeine Späher; doch kluͤger noch als die alle war die Königin. Ludwig von Bayern verſchwand ſo ſchnell und ohne Aufſehen mit ſeinem jungen Vetter, dem Dauphin, als trüge er die Tarnkappe. — 310— Niemand wußte um den Plan, als Ludwigs Ge⸗ treuer, der Freiberger, der nach Juviſy, wo ſie nachten wollten, vorausgeſandt war. Juviſy war erreicht. Verkleidet ſaß Herr Ludwig im Bart mit dem ebenfalls verkleideten Dauphin in der qualmigen Stube der unbedeutendſten Schenke von Juviſy.„Nun, Vetter,“ ſprach Ludwig mit lachendem Munde,„wie gefällt's Euch hier? eine anmuthige Reiſe; nicht wahr?— „Ach, guter Onkel,“ erwiederte der Dauphin ſcheu,„mir iſt hier recht unheimlich. Ich kann nicht gut Athem holen, ſo heiß, ſo heiß iſt's hier, Onkel!“ „Ei, Vetterlein,“ rief Ludwig,„merkſt's du denn nicht, daß wir eigentlich blos ein ganz lu⸗ ſtiges Spiel vorhaben? Ein Spiel, du kleines Purpurkind, und weiter nichts! Schau, wir ſpie⸗ len alle, vom Wickelkind an, bis zu jenem gräm⸗ lichen alten Mann, dem Baumeiſter, der uns das Haus, ſtatt in die Höhe hinauf, in die Tiefe hinab baut. Mein junger Freund, du mußt dir das Spielen durchaus nicht abgewöhnen, und wenn du auch ſo alt würdeſt, als ich jetzt bin, oder als dein Großonkel Berry, der das ſchöne Silber auf , —- 311— dem Kopfe— und in den Taſchen trägt. Wenn du einmal größer geworden biſt, und mit keinen Puppen mehr ſpielſt, ſo bilde dir ein: die Frauen ſeien Puppen, und der heilige Chriſt beſchere dich ſtatt mit goldnen Aepfeln fortan mit Reichs⸗ äpfeln, und ſtatt mit bleiernen Soldaten mit hundert Tauſend Figürchen von Fleiſch und Blut, — die wird man dich dann dein treues Volk nen⸗ nen lehren. Kurz, du darfſt das Spielen durch⸗ aus nicht vergeſſen. Sieh nur mich an! So, wie ich jetzt bin, ſpiel ich ſelbſt, und nicht etwa ein gewagtes Spiel, nein, blos ein luſtiges, vielleicht nur, um einem Andern das Spiel zu verderben.“ „Seht Euch vor, Vetter, daß Euch nicht ſelbſt das Spiel verdorben wird!“ rief an der Schwelle ſtehend, Burgund, der die letzten Worte gehört, unerwartet in die Stube hinein.„Ei ſagt, was ſchaffet Ihr hier in Juviſy? Bei unſerer lieben Frau von Dijon! ich meinte nichts Ande⸗ res, als daß Ihr bei Eurer ebenen Schweſter ſäßet, denn zur Schweſter gehört, denk ich, der Bruder, ſo gut— wie zum Vater— der Sohn! Verſteht Ihr Burgundiſch, mein baieri⸗ ſcher Freund? Sagt, womit unterhaltet Ihr doch — 312— hier, in ſo einem elenden Neſt, wie dies Juviſy, unſeren jungen Vetter, den Dauphin? Wahr⸗ haftig, ich meine, Ihyr thätet beſſer daran, ihn nach Paris zu bringen, was in der That manch einen hübſcheren Spielraum gibt.— Nicht wahr, Vetterchen, Paris gefällt dir beſſer als dies ab⸗ ſcheuliche Juviſy? Dein Vater iſt in Paris, mein lieber kleiner Vetter, und will dich herzen. Willſt du nicht nach Paris, zu deinem Vater, oder willſt du vielleicht lieber zur Mutter? Sie hat freilich jetzt eine hübſche große Puppe, deinen Onkel Orleans, aber den gibt ſie dir nicht zum ſpielen! „Nein,“ rief der kleine Dauphin ängſtlich,„nicht zur Mutter, nicht zur böſen Mutter, ich fürchte ſie und den ſchlimmen Onkel noch mehr. Ach laßt uns lieber zum Vater gehen, der hat mich doch lieb und ſtreichelt mich, wenn er noch ſo blaß ausſieht, und Ketten trägt; gewiß der Vater hat mich lieb. Laßt uns zum Vater gehen, nur nicht zur Mutter, o nur nicht zur Mutter, denn bei der iſt immer der böſe Onkel.“ „Was meint Ihr?“ ſprach Burgund nach die⸗ ſen Worten des Dauphins derb und entſchieden zu Ludwig, indem er ſeinen jungen Vetter an der —— — 313— Hand faßte,—„ſpricht dieſes Kind nicht klug genug für einen künftigen König von Frankreich? Ich denke: wir machen der Sache, die Ihr ſo luſtig begonnen, auch ein luſtiges Ende, und Ihr betrachtet die ganze Reiſe blos als eine Spazier⸗ fahrt.“ „Ich bin's zufrieden,“ erwiederte Ludwig kalt⸗ blütig,„wenn Ihr mir den Grund und das Recht angebt, weßhalb Ihr Euch in dieſe Sache miſcht.“ „Der Grund iſt ungefähr derſelbe, wenn Ihr ſelbſt kommen oder Jemand beſenden würdet, falls Euch plötzlich über Nacht Euer holdes Söhn⸗ lein Ludwig abhanden käme, auf welches die Na⸗ tur,— namentlich was deſſen zarten Rücken be⸗ trifft,— viele, ja faſt allzuviele Auszeichnungen und Vorzüge häufte. Und doch ſeid Ihr dieſes liebenswürdigen Sprößlings Vater und würdet,— ich wette drauf,— Euch deſſen annehmen, und ihm nachreiſen, oder nachreiſen laſſen, wofern Ihr ihn ebenſo unerwartet vermißtet, als König Karl ſeinen Sohn, den Dauphin von Frankreich.— Im Namen unſeres Lehnsherrn, des Königs, ſag ich, Jean von Burgund,— und Ihr, wenn Ihr franzöſiſch verſteht, hier iſt des Königs Brief und — 314— Siegel!— Ich fordere den Sohn für den Vater zurück, das Palladium Frankreichs für Frankreich.“ „Der Wille meines Lehnshauptes muß mir heilig ſein,“ verſetzte Ludwig, ſeinen Grimm hinab knirſchend,„ſonſt—— „Sonſt?“ fragte Burgund herausfordernd. „Sonſt— bäte ich Euch zum Kartenſpiel,“ murmelte Ludwig. Burgund drehte ihm verächtlich den Rücken, ſprach zum Dauphin:„komm Vetter, ich führe dich zu deinem Vater,“ und verließ mit ihm, ohne Ludwig zu grüßen, die Stube. Im Triumph brachte er ihn nach Paris zurück. „Tod, Peſt und Hölle!“ tobte Ludwig;„die Zähne aneinander klemmen zu müſſen, durch das Gekritzel dieſes blödſinnigen willenloſen Königes an Zunge, Händen und Füßen gefeſſelt zu ſein! Ba, Burgund, ich denke: wir gleichen dieſe Rech⸗ nung einſt noch aus.— Verdammtes Land, dies Frankreich! die Gaſſen dieſes blindaugigen Paris 1 müſſen Lungen haben, ſonſt wüßt⸗ ich nicht, wer unſeren Plan verrathen hat!— O Burgund, du Prahlhans, heute trafſt du doch den rechten Fleck, mich zu kränken.— Meines Süöhnleins Mißgeſtalt? ſich als Vater eines bucklichen Kobolds von die⸗ — 315— ſem dünn gedrechſelten Fanten bewitzeln laſſen zu müſſen! um des ungeliebten Weibes ungeliebtes häßliches Kind! Pfui, daß ich dieſes Jungen Va⸗ ters heiße,— ein Incubus muß ihn unterſcho⸗ ben haben. Ich will an den Kobold nicht denken, ich will nicht; ha zum Teufel, was denk ich denn jetzt dran? ohnmächtig verſpottet um dieſes buck⸗ lichen Söhnleins willen 4— „Gnädiger Herr, die Roſſe ſind geſattelt, wir können mit unſerem koſtbaren Talisman die Reiſe fortſetzen,“ ſprach der Freiberger, welcher jetzt in die Stube trat,—„doch, mein Gott, wo iſt denn der Dauphin?“„Ha, ha, ha!“ brach Ludwig vor Wuth in helles Gelächter aus,„darum, mein lieber Freiberger, mußt du den äußerſt ehren⸗ werthen Herzog von Burgund fragen. Nicht mich, und dieſer edle Herr wird dir zur Beruhi⸗ gung ein ganz ächtes Geſchrift weiſen, mit dem Namenszug der franzöſiſchen Majeſtät.— Pah! ein Spiel, blos ein Spiel! man ſpielt mit Kar⸗ ten, man ſpielt mit Herzen,— je nun man ſpielt, auch mit Prinzen zuweilen! Komm, Frei⸗ berger, wir wollen nach Hauſe reiten und uns auf die Wiege meines ſchönen Söhnleins ſetzen. — 316— Wie? Iſt der Enkel meines Vaters nicht ein ganz liebenswürdiges Kind? Burgund ſagt's! — ſahſt du nie vielleicht ein gewiſſes Etwas, ſo zu ſagen ein Uebermaas von Schönheit,— zum Beiſpiel—— einen Buckel an einem gewiſſen Prinzenkind, daß der Schreiner ihm eine eigne Wiege anmeſſen mußte? Burgund meint vielleicht ſo.— Zum Teufel mit allen Gedanken, die ſich auf eines Mannes Stirne wie Schimpf aus⸗ nehmen.“ „Schimpf?! Schimpf?!“ murmelte der Frei⸗ berger, halb in ſich hinein, halb aus ſich heraus; ein Lächeln überflog ſein Antlitz.—„Wie meint Ihr das, gnäͤdiger Herr?“ „Wer? Ich? Hm, ich meine blos: Burgund meint zu Zeiten Etwas. Wie? Bringt mir mein Kind nicht Ehre?“ „Welches?“ ſprach der Freiberger zögernd. „Welches? o Gott!— ſtill davon! ich denke, Freiberger, wir haben Beide Grund, nicht rück⸗ wärts zu ſchauen. Bei meinem Zorn, ich will nicht, daß mir je ein Mund wieder von meinem Kobold vorplappere. Sorget dafür!— Die ——— — 317— Roſſe ſind bereit? ſo laßt uns zu Orleans nach Melun reiten.“ „Doch der Dauphin?“ „Ja, der Dauphin! zum Teufel mit dieſem Gedanken! mit leeren Händen anzukommen,— Herrlich! mit Nichts beladen,— als mit Spott!“ „Gnädiger Herr, ich verſtehe Euch nicht. Er⸗ klärt doch—— „Willſt du mich toll machen? Verrätherei war im Spiele, unſer Plan entdeckt, vereitelt, Bur⸗ gund—— ſchändlich, ſchändlich!“ „Wie? ich falle aus den Wolken. Ha, wir müſſen den Schuft, der uns dieſen Streich ge⸗ ſpielt, ausſpüren, nicht wahr, gnädiger Herr? Wahrhaftig, das müßt Ihr, und ein Exempel an ihm aufſtellen.“ „Ha, der Buckel ärgert mich noch mehr. So ein Witz brennt in's Fleiſch. Fort, fort! in Pa⸗ ris ſind wir jetzt nicht ſicher. Fort nach Melun, zu dieſem langweiligen Orleans!“ Er eilte aus der Stube, ihm nach der Frei⸗ berger, die hölliſche Luſt mühſam in ſtiller Bruſt einkerkernd. Und fort ging's im ſcharfen Trabe nach Melun. Burgund wurde an den Thoren f 3 — 318— von Paris durch den König von Navarra, die Herzoge von Berry und Bourbon, den Grafen von der Marche und viele edle Herren frendig empfangen. Die ganze Bevölkerung war auf den Beinen, die Straßen wiederhallten von Beifalls⸗ geſchrei; leichtgläubig und wechſellaunig begrüßten die Pariſer Burgund als ihren Befreier und Er⸗ retter, als den kräftigen Schutzherrn des Erben von Frankreich. Die Univerſität und alle Obrig⸗ keiten brachten ihm ihre Huldigung. Wie mäch⸗ tig ſchwoll ihm das ſtolze Herz, obgleich es noch nicht durch des Todtfeindes Blut geſättigt war, als er in das Schloß des Louvre, wie in prophe⸗ tiſcher Ahnung, daß es einſt ſein Herrſcherſitz ſein würde, einzog, um dort ſeine Wohnung zu nehmen. Und der ächte geſalbte König von Frank⸗ reich lag in demſelben Louvre unbeachtet auf ſei⸗ nem Siechbette, von dem neuen Schutzherrn eben ſo verlaſſen wie von dem alten. Die dringende Gefahr rüttelte endlich auch den Herzog von Orleans aus ſeiner Thatloſigkeit empor. Er ſchrieb über den Vorfall in heftig mißbilligenden Ausdrücken an das Parlament; er drohte, er nannte, als Regent von Frankreich — 319— Burgunds Handlung Majeſtätsverbrechen und Hochverrath. Schon ſchwärmten ſeine Truppen bis vor die Thore von Paris. Burgund, welcher die Aufſicht über den Dauphin bald dem Herzog 1 von Berry übergab und die Wohnung im Louvre räumte, ſpottete in ſeinem feſt verſchanzten Hotel d'Artois des Todfeindes und traf Maßregeln zur Sicherheit der Stadt. Bald umſchloß Paris fünfzehntauſend wohlgerüſtete Kriegsleute, an der Spitze einer zahlreichen Schaar zog der kriegeriſche Biſchof von Liége, Jean saus pitié, dem Bur⸗ gunder zu Hülfe. Die Pariſer erhielten ihre Waffen wieder. Aber auch Orleans ſtand zu Melun gar bald an der Spitze von zwanzigtau⸗ ſend Mann; eine Abtheilung ſeiner Truppen bemächtigte ſich Charenton's; er ſelbſt näherte ſich Paris. Der Augenblick ſchien gekommen, der endlich einen Bürgerkrieg eröffnen würde, in wel⸗ chem Frankreich den Haß ſeiner Gewalthaber durch hunderttauſend Wunden, durch Wittwen⸗ und Waiſenthränen büßen ſollte. Da faßten endlich Berry und Burgund, und die Könige von Neapolis und Navarra den Schluß zu vermitteln. Die Königin Iſabelle begab ſich mit Orleans und ihrem Bruder nach Vincennes, *— 1 und eben dahin verfügte ſich Burgund. Die alte Todtfeindſchaft im Herzen, ſchloſſen ſie endlich Verſöhnung, und Burgund erlangte dabei wenig⸗ ſtens den Triumph, daß Orleans die General⸗ lieutenantſchaft des Königreichs mit ihm theilen mußte. In allen Kirchen ſtiegen Dankgebete em⸗ por; und der alte Herzog von Berry veranſtaltete in ſeinem Hotel de Nesle in der nächſten Woche ein feſtliches Friedensmahl. Die Verſöhnung der Parteien zu Vincennes brachte auch Herrn Ludwig im Bart, der ſeit jenem Abend in Juviſy von Groll durchtobt bei Orleans gehauſt hatte, nach Paris zurück. Mit innerem Wiederſtreben ſchritt er über die Schwelle ſeines Hotels, in welchem ihn die Gattin erwar⸗ tete, die er nicht lieben konnte, deren treu ge⸗ meinte Zärtlichkeiten ihm zur Laſt und widerlich waren. Und dachte er, daß er auch das Söhn⸗ lein wieder ſehen mußte um deſſen willen er den Spott noch auf ſich ſitzen hatte, ſo ſteigerte ſich ſein Mißmuth. Obgleich er das Leben in Frank⸗ reich mit vollen Zügen genoß, fühlte er ſich doch fremd gegen Alle und Jede, mit welchen er beim ſchäumenden Becher ſo oft übermüthig zuſammen⸗ ſaß. Auch von den Baiern, die ihm gefolgt wa⸗ — 321— ren, mochte er keinen ſeines beſondern Vertrauens werth halten; nur zu Einem fühlte er ſich durch die Verwandtſchaft der Erinnerungen näher hin⸗ gezogen, und wie der Menſch, der eine brau⸗ ſend lebendige Welt im Buſen trägt,— wann er ſich mitten unter Vielen einſam fühlt, an den Einen, bei dem er Anklang findet, die innere Fülle gerne wie ein Verſchwender hingeudet, ohne eben den Einen erſt ganz zu erforſchen, ſo erging es auch Herrn Ludwig im Bart mit dem Freiberger. Dieſer hinwieder kannte ſeinen Herrn. Dieſer verſtand die Kunſt, ſich für alle Lagen und Launen paſſend zu machen; ſo ward er bald der Herr ſeines Herrn, denn er beſaß ſein Vertrauen und war ihm Bedürfniß geworden. „Auf ein Wort, Freiberger,“ ſprach Ludwig, finſter zu Boden blickend, im Hausflur ſeines Hötels, als der Edelmann ſich eben von ihm be⸗ urlaubte, um ſich in ſein Gemach zu begeben. „Auf Wort und That, ich bin allzeit bereit, gnädiger Herr,“ erwiederte der Freiberger mit geläufiger Zunge.„Was befehlt Ihr?“ „Dies hier iſt mein Haus, Freiberger, wie? oder nicht? Es dünkt mich faſt ſo, denn mein T. 21 — 322— Fuß ſcheut es zu betreten, wie ein Roß vor dem Sumpf ſcheut. Sind dieſe Treppen nicht ſtatt⸗ lich, breit genug für Zwei neben einander? Und doch gäbe ich was drum, könnte ich ſie blos al⸗ lein auf⸗ und niederſteigen.“ „Ich verſtehe Euch, gnädiger Herr, doch worin kann ich Euch hiebei dienen?— Ach, ich verſtehe Euch, wie ich glaube, nur allzuwohl. Bewohnt nicht die Dame von Bourbon dies Haus? O glaubt mir, gnädiger Herr, ich fühle mich durch und durch in Euch hinein. Träte Euch jetzt Caneta aus dieſer Pforte entgegen, und brächte Euch das liebe, holde, blauäugige Antlitz Eures Wieland zum Willkomm,— dann wäre dies Haus ein hoher, heiliger Gottestem⸗ pel, in welchem Gottes Engel ſelbſt den Segen ſpräche. Nicht wahr, gnädiger Herr? Doch Ihr ſcheut,— verzeiht meiner Freimüthigkeit,— den Anblick eines Kindes, von dem ich, weiß Gott, um Eurer Willen wünſchte, Ihr müßtet es nicht Eures nennen.“ „Das iſt's! ja, du verſtehſt mich, Herr Gott! das eben iſt's.— Und ich, ich ein Fürſt, der doch, bei'm Himmel, das Heucheln und Schmei⸗ — 323— cheln ſo gar nicht nöthig hat, muß jetzt einem Weibe zuckerſüße Worte geben, einem Weibe—— Ich liebe kein Weib,— keines mehr, wollt' ich ſagen.—“ „Die Peſt über dieſe alberne Gewohnheiten des Lebens!“ rief der Freiberger ärgerlich, in ſeines Herrn Weiſe einſtimmend.—„Pfui, das war damals, als Ihr um dieſe Dame von Bourbon freien— mußtet, ein ſchlau abgekartetes Spiel! O über dieſe Ringe!— Ich will nicht ſagen, daß Euch Anna etwa nicht liebe, aber was thu' ich mit altbackener Zärtlichkeit? Glaubt mir: ich habe Euer Weſen ſeid Euerm Hochzeitstage mit aufrichtiger ſtiller Theilnahme beobachtet, und von Tag zu Tag wuchs meine Sorge um Euch!— O, daß wir in die Alltagsſatzungen ge⸗ ſchmiedet ſind!— Was iſt dieſe Anna mit ihrer aufdringlichen Liebe gegen jene blaſſe unſelige Ca⸗ neta? Was beſchenkte Euch Caneta? Was ver⸗ dankt Ihr dieſer Anna von Bourbon?—“ „Still, ſtill! laß den Namen des kleinen Buckels nicht über deine Lippen kommen!—“ „Läge es an mir allein, hätte es ja blos an mir gelegen,— lieber Herr, ich ſag' Euch's hei — 21* — 324— meiner Seelen Seligkeit, Ihr wäret jetzt ſeelig— mit Caneta. Und Ihr wißt, was ich Euch zu Liebe thun konnte, das that ich. Ach, Caneta iſt a ein Engel, ward nur für Euch erſchaffen.“ „Und dieſe Dame von Bourbon! und dies lie⸗ benswürdige Söhnlein, was ſie mir ſchenkte! Hahaha! wo iſt die Kirchenſatzung, die mich zwingt, dieſer Aufdringlichen freundlich zu ſein, ſie wohl gar noch zu lieben?— Und noch dazu Spott auf den Straßen, unbezahlter Spott von wegen dieſes zierlichen Chriſtpüppchens!“ „Ei, Herr, wer zwingt Euch denn, die zu lieben, die Ihr nicht lieben könnt?“ „Kein Pabſt und kein Gott!— Und doch, Freiberger, es nagt ein Wurm in mir, wenn ich meines Weibes Liebe ſehe. Zuweilen zuckt's mir in allen Gliedern, meinen Groll an ihr auszu⸗ laſſen, daß ich übervortheilt, daß ich für mein ganzes Leben an ſie gefeſſelt bin. Und doch ſträubt. ſich in mir Etwas und hält mich zurück, ſo oft ich ihr böſe Worte geben will.“ „Mit Vergunſt, mein lieber gnaͤdiger Herr, Ihr ſeid in allen Dingen ſtark und unverwüſtlich, aher dies, nehmt mir's nicht übel, dies iſt Schwäche, — 325— nichts als Schwäche, und glaubt mir, ſie frißt Euch das Mark aus den Knochen, ſie macht Euch untüchtig zu allen großen Gedanken und Thaten,— und, wiefern Eure Gattin ſchuld daran iſt, ſo bricht dieſe Verkrüpplung Eures Lebens den Stab über ſie, und ſpricht Euch frei von allen Gewiſſensbiſſen. Ihr ſeid nicht gebo⸗ ren worden, um Euer Leben einem Weibe hinzu⸗ opfern, das Euch zum Erſatz dafür nichts wieder⸗ giebt, als verweinte Augen, höchſt edle Redens⸗ arten, äußerſt unnöthige und unbequeme Sorgen, ob Ihr zum Beiſpiel eine viertel Stunde lang in der Zugluft ſtehend, Euch nicht etwa den Schnupfen geholt habt und dergleichen,— endlich ein Söhn⸗ lein,— doch von dem ſchweig' ich. Sie möochte Euch wie ein Heiligenbild gar zu gerne in einen Glaskaſten ſtellen, und jeden Morgen und Abend voll Bewunderung und Andacht ein Vater unſer davor beten. Doch meiner Treue, für ſo eine mumienhafte Reliquie habt Ihr noch zu viel Blut im Leibe, und Gedanken im Kopfe, zu viel Tha⸗ ten an allen Fingerſpitzen. Nein, mein gnädiger Herr, das taugt nicht, dem Weſen müßt Ihr ein Ende machen.— Behandelt ſie, daß ſie Euch — 326— mit ihrer Zudringlichkeit künftig verſchont. Ich ſage dies ja nicht aus Mißgunſt gegen die Dame von Bourbon, ſie that mir ja auch nie ein Leid,— aber ſeht, mit Euch meine ich's eben ehrlich und aufrichtig; der Himmel weiß, wie das ſo gekommen iſt, mich dünkt, mein ganzes Leben iſt an das Eurige geknüpft;— und trägt denn nicht auch Euer Sohn Wieland meinen Namen? Wieland von Freiberg heißt er, viel⸗ leicht iſt dies Kind der Inhaber aller Eurer hei⸗ ligſten Gefühle, der Talisman, der mich Euch ſo ganz mit Leib und Seele ergeben machte.“ „Du biſt ein braver Mann, Freiberger!“ ſprach Ludwig tief bewegt;„ich erkenne deine herzliche Treue, du beſitzeſt dafür auch mein gan⸗ zes Vertrauen. Hör' mich! ich kann, ſo wahr mir Gott helfe, die ganze Seele voll Aufruhr und Meuterei gegen mich und alle Welt, jetzt mein Weib nicht begrüßen, ſonſt bricht mein Zorn lichterloh aus, und ich thue, was mich ſpä⸗ ter vielleicht verdrießt. Ich will heute allein ſein. Geh' du hinauf zu Anna, und bedeute ihr's, und ſieh zu, daß ich den verhaßten kleinen Buk⸗ kel in Tagen und Wochen nicht vor's Antlitz be⸗ — 327— komme. Du weißt ja, je mehr Zärtlichkeiten ſie an mich vergeudet, deſto toller werde ich. Gott befohlen, Freiberger!“ Er ſchritt haſtig in ſein Gemach, und verrie⸗ gelte es von Innen. Der Freiberger begab ſich, dem Auftrage ſeines Herrn gemäß, zu deſſen Gattin. Es war ſpät am Abend. Das Lämpchen brannte freundlich auf dem Tiſche; Anna ſaß am Bette ihres Kindes, des dreijährigen Ludwigs. „Entſchuldigt den ſpäten Beſuch, gnädige Frau, ſprach der Freiberger nach höflicher Be⸗ grüßung,„ich komme zu Euch, um Euch einen freundlichen Gruß Eures edlen Gatten zu bringen.“ „Wie? von meinem Ludwig?“ rief Anna, freudig aufſpringend,„ſeid mir herzlich will⸗ kommen! einen freundlichen Gruß, einen freundlichen? ſagtet Ihr nicht ſo, wo iſt er denn? wie geht's ihm? o ſprecht! ſo ſüße Worte klangen ſeit langer Zeit nicht mehr an mein Ohr.“ „Euer edler Gatte,“ erwiederte der Frei⸗ berger geſchmeidig,„iſt vor kurzem in Paris angekommen.“ „Er iſt hier? Wo? wo? geſchwind geſagt, — 328— daß ich ihm nach ſo langer Trennung entgegen eilen kann!“ „Er iſt hier in ſeinem Hötel.“ „Wie? und ich vernahm von ſeiner Ankunft nichts? Ach ja, ich plauderte, alles um mich vergeſſend, mit meinem lieben Kindchen, das eben erſt die Augen zum Schlafe ſchloß.— Ge⸗ ſchwind, geſchwind ihm entgegen! ach, die Freude lähmt mich ganz.“ „Haltet ein, gnädige Frau, Euer Gatte hat ſich bereits in ſein Gemach begeben, und wird Euch vor morgen nicht ſprechen,— in ſeiner Seele reifen jetzt zu viele Gedanken zu Plänen,. daß er der Einſamkeit bedarf.“ „O mein Heiland!“ ſtöhnte Anna leiſe, ſchmerzlich, und ſank auf den Stuhl zurück;— „ach, es iſt nicht blos heute, es iſt ſeit lange ſo mit ihm beſtellt.“— Sie verſtummte plötzlich, erröthend, daß ihr tiefes Weh unwillkührlich vor einem fremden Mann laut geworden war. Der Freiberger ſtand eine geraume Weile ſchweigend vor ihr, endlich ſeufzte er ſchwer auf, und ſprach im Tone des innigſten Mitleids: „Gnädige Frau, vielleicht rede ich jetzt etwas, 329 was mir, als Eures Gatten, und alſo auch als Euerm Diener, nicht geziemt, doch dem auf⸗ richtig treuen Diener möget Ihr die herzlich gemeinten Worte verzeihen.— Glaubt mir, ich habe, ſeit ich in Paris bin, manches geſehen, worüber ich bis jetzt nicht ſprach, doch, bei mei⸗ ner armen Seele, ich fühlte, was ich ſage. Ihr ſeid ein Engel an Güte, gnädige Frau, und Euer Gatte wahrhaftig, ſo für alles Große erſchaffen, ſo voll königlichen Sinnes, wie kein Zweiter auf Erden! Ich kenne ihn ja noch von Baiern her. Doch eben, weil ſeine Seele ſtets voll großer Gedanken iſt, zeigt er ſich in äuſſe⸗ ren Sitten manchmal etwas rauh und wunder⸗ lich. Gewiß, ſein Kern iſt ſo trefflich, daß man ihn nicht ſchildern, nur bewundern kann. Die Stürme des Lebens umeiſen zuweilen ſein Aeu⸗ ßeres, doch ſeid verſichert, gnädige Frau, es be⸗ darf nur anhaltenden Sonnenſcheins, um dieſe Rinde aufzuthauen. Ihr werdet mich ver⸗ ſtehen, gnädige Frau, gewiß, je öfter, je feuriger er ſich entgegen gekommen findet, je ſchneller ſchmilzt jene Rinde.“ „Wie?“ fragte Anna leichter aufathmend, — 330— „Ihr meintet alſo—— 2 verſteh⸗ ich Euch auch recht?“ „Indem Ihr mich darum fragt, gnaͤdige Frau, beweiſet Ihr, daß Ihr mich ganz ver⸗ ſtanden, doch Ihr laſſet mir gewiß über einen ſo zarten Gegenſtand das Weitere.“ „Ach ja,“ ſprach Anna leidenſchaftlich, ſich ſelbſt anklagend,„ich weiß, ich habe gefehlt, ich beurtheilte ihn zuweilen blos nach dem Maas⸗ ſtabe gewöhnlicher Menſchen; ich war zu ſchüch⸗ tern, ein finſterer Blick von ihm machte mich gleich verſtummen, ich konnte es ihm nie ſo ganz ſagen, wie ich ihn anbete, er mußte mich wohl für kalt und theilnahmlos halten und ſich eben darum von mir abwenden.— Ich dank“ Euch herzlich für Euern Wink, edler Mann. Ja, ich will fortan Muth faſſen, mich verbeſſern, ihm ganz, ganz zu erkennen geben, wie ich ihn be⸗ wundere, will mich nicht abſchrecken laſſen, wenn er auf die Stirne voll Runzeln zeigt, nein, ge⸗ wiß nicht! Ach, er iſt ja ſo gut, ſo edel, ſo groß!“ „Wie ſollte auch ein Mann, der ſein Kind liebt, anders ſein? und er liebt ſein Kind, bei — 331— Gott, er liebt es, ich glaube: mehr als ſich ſelbſt! ich bin überzeugt, wäre er im ärgſten Mißmuth und könnte durch ungefähr plötzlich den Anblick ſeines geliebten Kindes genießen, ver⸗ ſchwunden wäre jede böſe Laune, jeder Groll!“ „O Gott!“ rief Anna freudig trunken, „welchen lichtvollen Pfad, ſein Herz zu gewin⸗ nen, zeiget Ihr mir, edler, treuer Mann!— Tauſend, tauſend Dank dafür, ja, unſer Kind, unſer Ludwig ſoll der Friedensengel ſein, der uns ſtets inniger und inniger vereine. O Gott! ich zittere vor Wonne, wenn ich an künftige Tage denke. Jetzt weiß ich ja den Doppelzauber, der ihn bin⸗ det, kenne ihn durch Euch! tauſend, tauſend Dank!“— „Ich bitte Euch, gnädige Frau,“ entgegnete der Freiberger,„denkt nicht an mich,— was ich that, that ich aus herzlicher Treue. Und eben ſo ſehr bitte ich Euch, ja ich fordere Euch um Eures eignen Friedens Willen auf, meines Namens und Rathes gegen Euren edlen Herrn nie zu erwähnen; denn, wüßte er, oder erführ' es, daß ein Dritter Euch erſt aufmerkſam ge⸗ macht, wie er zu gewinnen ſei, er würde— — 332— darauf kenne ich ihn— ſich dann für immer von Euch wenden. Alſo um eignen Glückes wil⸗ len, gnädige Frau, ſchweigt von mir!“ Nach dieſen Worten empfahl er ſich höflich, und Anna verträumte die Nacht am Bette ihres Söhnleins voll ſeliger Hoffnungen. Unter allen feſtlich geſchmückten Gäſten, welche ſich bei Berry's Verſöhnungsmahl im Hötel de Nesle einfanden, und welche den mühſam unter⸗ drückten Groll noch immer auf den finſteren Mie⸗ nen nicht völlig verſcheuchen konnten„ zeigte ſich keiner unfeſtlicher als Ludwig im Bart. Frucht⸗ los klangen an ſein Ohr die zahlreichen Trink⸗ ſprüche, welche, Verſöhnung heuchelnd, allent⸗ halben erklangen; Ludwig haßte die Falſchheit, und eine düſtere Ahnung von blutig ernſten Aus⸗ gängen ſolcher Schwelgereien verbitterten ihm je⸗ den Tropfen des köſtlichen Weines. Da fühlte er ſich von einer weichen Hand ſanft erfaßt und gewahrte das Thränen umdüſterte Auge ſeiner Gemahlin Anna von Bourbon, welche ihm weh⸗ müthig zuflüſterte:„Mein theurer Gemahl, ſo — 333— ſoll denn auch dieſes Verſöhnungsfeſt den finſtern Geiſt nicht zu bannen im Stande ſein, der nun ſchon ſo lange das Herz meines geliebten Lud⸗ wig beherrſcht?“ „Bekümmere dich nicht,“ erwiederte Ludwig rauh; aber Anna fuhr, ohne ſich irre machen zu laſſen, fort:„Ach, Ludwig, wüßte ich, daß du mich noch liebteſt, ich dürfte meinen Theil an deinem Gram erbitten.“ „Ich erbitte mir von Euch nichts als Euer Schweigen,“ entgegnete Ludwig, ſich von ihr wen⸗ dend, und ſtürzte, als wollte er ſich betäuben, einen Becher Weins hinab. Anna war von ſei⸗ nem harten Worte wie von einem Dolche getrof⸗ fen; ſchon allzu lange nagte tödliches Weh' an ihrem Herzen; denn ſeit ſeiner Rückkunft nach Paris hatte er ſie heute zum erſtenmal geſprochen, und ſie bemerkte auch jetzt, daß nur die Pflicht, nicht Liebe ihren Gemahl an ſie feſſelte, und ſie liebte ihn doch mit aller verzehrenden Kraft der Seele. Ludwig vermochte es am Tiſche nicht länger auszuhalten. Er ſprang auf und verließ, von ſeltſamer Unruhe gejagt, den Saal und den Pal⸗ — 334— laſt. Anna, welche ohne ihn nicht länger blei⸗ ben wollte, beſtieg ihre Sänfte und folgte ihm. Als Ludwig zu Hauſe ankam, traf er zu ſei⸗ nem großen Befremden bereits den alten Wieland Swelcher nebſt einigen andern Herren aus Baiern, welche ihm aus dem Vaterlande Briefe gebracht hatten. Haſtig riß er dieſelben auf und las. Je weiter er las, um ſo finſterer faltete ſich ſeine Stirne, um ſo ſchneller wechſelte Gluth und Bläſſe auf ſeinem Antlitz. Er ballte die Papiere in der Fauſt zuſammen und rief grimmig:„Es ſcheint, ſie wollen mich mit aller Gewalt wieder in Baiern haben. Nun, bei'm Himmel, wenn ich komme, ſo will ich dieſen plumpen Herren ein ſcharfes Raͤthſel zu löſen geben, dabei ſie mei⸗ ner gedenken ſollen.— Ich bitte Euch, ihr Her⸗ ren,— die Augen vergingen mir, als ich das Brieflein meines Herrn Vaters las, deſſen ewi⸗ ges Lied an mich: Geld, Geld, Geld heißt, als ob ich der Dſchingischan wäre oder ein Jude. Iſt mein Vater nicht noch immer Herzog?— Weßhalb hat er dann nie— Geld? Ich bitte Euch, wiederholt mir doch jenen überaus gerech⸗ ten Fürſtenſchluß, betreffs meiner Forderung an — 335— den Landshuter, wiederholt mir den Beſchluß, damit ich mich von Herzen ſatt darüber lachen kann.“ „Der erſte Tag,“ erwiederte Herr Wieland Swelcher,„auf welchem Euer fürſtlichen Gna⸗ den Schuldforderung gegen den von Landshut zum Spruch kommen ſollte, war zu München, und Herzog Ernſt als Obmann dabei, der zuerſt gegen Euch die Einwendung machte, daß Ihr noch nicht regierender Herzog wäret, und Euch die Sache daher gar nichts angigge——“ „Hm! Er iſt's, ich erkenne ihn ganz, dieſen Ernſt, der vom Wirbel bis zur Zehe nichts als Spaß iſt, ein recht ſtachlicher, tugendſamer, aber doch lächerlicher Spaß;“ unterbrach Ludwig bit⸗ ter lachend;„weiter, weiter.“ „Darauf brachte,“ fuhr Swelcher fort, „Graf Ludwig von Oettinger als Sprecher eine Vollmacht Eures Vaters, worin dieſer die ganze Schuldforderung Euch überließ, aber Herzog Ernſt erklärte als Obmann, daß Euer Vater gar nicht befugt geweſen, eine ſolche Vollmacht auszuſtellen.“ „Brav, unübertrefflich!“ rief Ludwig,„wer hätte nun hinter dieſem Ernſt ſo viel Witz ge⸗ ſucht? Weiter, ich bitte Euch, wie kam's weiter?“ „Der Herzog Ernſt,“ berichtete Swelcher, „beraumte, um die Sache in die Länge zu zie⸗ hen, einen neuen Tag, und als dieſer erſchienen war, erklärte Heinrich von Landshut durch ſei⸗ nen Anwalt Halter, die Forderung ſei nun für Euch verjährt, das Erbe durch ihn erſeſſen, er ſei Euch nichts mehr zu zahlen, noch herauszu⸗ geben ſchuldig.“ „Und er ſoll mir doch mein Recht heraus⸗ geben,“ ſchrie Ludwig wüthend,„und wenn der Erzengel Michael Schiedsrichter wäre, und ihm's zuſpräche; ſag' ich doch, es iſt mein, und er ſoll mir's herausgeben.“ „Den Schiedſpruch,“ fuhr Swelcher fort, „thaten auch wir, Beringer Hale, Wilhelm Schenk und ich, und verwahrten feierlich Euer Gnaden gutes Recht, durch den Entſcheid: Her⸗ zog Heinrich ſei ſchuldig, Euch Zugabe und Er⸗ ſtattung zu leiſten. Darauf, als er Euer Gna⸗ den gutes Recht und unſern feſten Willen ſah, zögerte Herzog Ernſt als Obmann mit dem Spruch . — 337— und beraumte einen neuen Tag, einen ungebun⸗ denen, worauf auch der Burggraf Friedrich von Nürnberg als Schiedsmann mitſprechen ſollte.“ „Was?“ fuhr Ludwig auf,„der Nürnber⸗ ger? Dieſer böſe Fritz, der es mit ſeinem Schwager Heinrich hält? O himmliſche Gerech⸗ tigkeit auf Erden! Es geht ein altes Sprüchlein: Die Nürnberger hängen keinen, ſie hätten ihn denn zuvor. Nun, ihren ſaubern Burggrafen hätten ſie, warum hängen ſie ihn nicht? Es iſt wahrlich, um ein Cartheuſer zu werden. O Nürn⸗ berger Witz!“ „Auf dem letzten Tag,“ berichtete Swelcher weiter,„entſchied endlich Herzog Ernſt: Hein⸗ rich von Landshut wäre nichts mehr ſchuldig und die Sache abgethan.“ 9 „Abgethan?! Abgethan!“ rief Herzog Ludwig lachend.„So wahr Gott lebt, ſie iſt nicht abgethan. Dieſer Wucherer und Kniffheld hat neun Städte und Märkte, vier Veſten, vier Landgerichte und achtzehntauſend ſechshundert Pfund Gülten, die mein ſind, durch mein gutes Recht, und ich ſoll das Schooshündchen machen und fein artig dazu ſagen: die Sache iſt abge⸗ I. 22 — 338— than?! Kommt, Herr Swelcher, kommt, Schilt⸗ perger, reicht mir Eure Hände, und gelobt mir auszurichten, was ich Euch beſtelle. O wären alle Baiern ſo trefflich, ſo ſtark, ſo treu, wie Ihr und meine Freunde daheim, ich wollte die Welt mit ihnen zu paaren treiben und das Baier⸗ land, das uralt herrliche, mit königlichem Glanze krönen. Ginge die Welt in Scherben, ich ließe nicht für eines Pfennigs Werth von dem, was meines guten Rechtes iſt. Und ſo bitt' ich Euch, fahret heim, bleibt, wie Ihr ſeid, und leget es meinen andern Treuen an's Herz, daß ſie nicht weichen; ſie ſollen auf meine Siegel Verſchrei⸗ bungen ausſtellen, wenn ſie Geldes bedürfen und den Krieg gegen die falſchen und unbilligen Draͤn⸗ ger ſo lange fortführen, bis ich ſelber wieder heimreiten kann und auf meinem Fähnlein den Spruch vortrage: ich wanke nicht. Meinem Vater mögt Ihr beſtellen, daß ich ſeine Bitte gewähre. Mein Schreiber Floriot ſoll Euch für hn zweitauſend ungariſche Gulden und eben ſo viel rheiniſche anweiſen. Wo habt Ihr die Ver⸗ ſicherung auf Waſſerburg? Ganz recht, behaltet ſie, Herr Swelcher, übergebt ſie dem Zweyen⸗ 4 und ging. — 339— kircher. Und nun bitt' ich Euch, Ihr guten und ehrenhaften Herren, laſſet Euch in meinem Hauſe wohl ſein und entſchuldigt mich, wenn ich nicht ſelbſt Euren Wirth machen kann; es kreuzt ſich zu vieles in mir, was meine Stirne verdüſtert; doch hoffe ich, es ſoll Euch bei mir nichts erman⸗ geln, was Euch erfreuen kann.“ Die baieriſchen Herren entfernten ſich, uur Wieland, welcher blieb mit düſterem geſenkten Auge vor ſich hin ſtarrend.„ Wie?“ ſprach Ludwig, der es bemerkte,„es ſcheint, Ihr habt mir noch mehr böſe Kunden aus Bayerland zu bringen, und vielleicht die bitterſten zuletzt. Was iſt's, das ſo lange auf Euren Lippen ſchwebt? Berichtet mir!“ Dem alten Swelcher glänzte eine Thräne im Auge; er langte an die Bruſt und zog aus ſeinem Wams über'm Herzen ein ſchma⸗ les Blättchen heraus, reichte es dem Herzog, und ſprach erſchüttert:„Herr, denket zuweilen an mein armes Kind Caneta; der Gram hat ihr, drei Tage vor meiner Abreiſe, das Herz gebro⸗ chen. Friede ſei mit ihr.“ Er ſprach's mit leiſer erſterbender Stimme 228 — 340— Ludwig ſtand ſprachlos, wie entgeiſtert, ſein Blick fiel auf das Blatt, welches er in der Hand hatte. Darauf ſtand von Caneta's zitternder, vielleicht ſterbender Hand:„Mein Ludwig, ver⸗ giß unſeres Wieland nicht; ich vermache ihn dir.“ „Caneta!“ rief Ludwig im tiefſten Schmerz; 3 das Blatt entſank ſeiner Hand.„O Caneta!“ Einige Augenblicke ſpäter trat ſeine Gattin herein und brachte ihm ſein Söhnlein Ludwig mit. Durch den Anblick des Kindes hoffte die Ungeliebte das Herz des Gatten zu erweichen und wieder zu gewinnen.„Mein theurer Ludwig!“ be⸗ gann ſie ſanft,„haſt du noch immer keinen freund⸗ lichen Blick für dein Weib? O nur einen ein⸗ zigen nach ſo langer Zeit gönne mir wieder, und ich will mich ja gerne für Monate lang damit begnügen.“* Aber Ludwig hörte nicht auf ihre Worte, und erwiederte nichts. Da näherte ſie ſich ihm ſchmeichelnd und ſprach, ihr Söhnlein an ſein Herz legend:„Wenn du auch mich nicht mehr liebſt, ſo blicke doch nur flüchtig wenigſtens auf dein Kind, das ich dir geboren; ſieh wie ſein — 341— Auge und ſeine kleinen Lippen nach dem Vater verlangen.“. „Hinweg mit ihm,“ rief Ludwig plötzlich wild, wie aufgeſchreckt,„was bringſt du mir den Unhold vor die Augen? Ich habe nur einen, einen Sohn;— und der— hat keine Mut⸗ ter mehr! Hinweg mit dieſem, der mir zu Spott und Unfreude geboren ward, der als höckerichte Mißgeſtalt zur Welt kam, als Kobold, mit dem mich ein Burgunder höhnen kann. Ja! Ja! da blickt er nach mir, mein bucklichter ehe⸗ rechtmäßiger Sohn, aber Neid ſchielt ſchon aus ſeinen Augen hervor, Neid gegen ſeinen Bruder, Neid um künftiges Hab und Gut, um ſeines Vaters ganze Liebe. Was iſt's denn, daß ihr mich immer um Liebe anbettelt? Könnt ihr nichts geringeres fordern? Ich will Euch meinet⸗ halb von meinem Schatz zuwerfen, bis ihr ſatt ſeid, aber bettelt mir nur um Liebe nicht mehr. Ich hatte nur eine, und deren eine Hälfte liegt jetzt im Grabe, die andere Hälfte iſt ver⸗ ſchenkt an das Vermächtniß der erſten. Geht, geht! Ich will dieſen Buckligen nicht mehr ſehen, dies Alräunchen, deſſen Anblick mir nur Sehn⸗ — 342—— ſucht nach meinem ächten Sohne erregt. Hin⸗ weg mit ihm, hinweg!—— Weib, Weib, was drängſt du mir immer und immer wie⸗ der deine Liebe und Zärtlichkeit auf?— ich will ſie nicht, ſie iſt mir unbequem, wider⸗ lich, ſie macht mich noch verrückt.— Fort da⸗ mit, ſie erinnert mich nur ſtets an das, was ich— verlor! O Gott, o Gott! dort einen Engel verloren zu haben und hier an nichts Beſ⸗ ſeres, als an ein— Weib geſchmiedet zu ſein! warum bin ich ein Fürſt, wenn ich nicht, der ganzen Welt zum Trotz, dieſem ganzen abge⸗ ſchmackten Unſinn der Herkömmlichkeiten zum Trotz, handeln darf, wie ich will? Warum bin ich ein Menſch, wenn ich nur leiden ſoll? Deine blaſſe Wange empört mich. Ich will die⸗ ſen Kummer nicht ſehen. Ich werde zum Thier, ich mißhandele dich, wenn du mir ferner mit dieſer kreideweißen Zärtlichkeit unter die Augen kömmſt, die mich immer anzuklagen ſcheint. Was that ich dir denn, daß du mein ganzes Leben vergifteſt? Warum ſandteſt du mir denn deinen Ring? Hier zieh ich ihn vom Finger, den Ring ſtatt der Kette, und ſchleudere ihn zum Fenſter — — 343— in die wilde Nacht hinaus.— Hinweg, hinweg, wir haben uns Beide recht plump ſelbſt betrogen. O Gott! wie kam's denn nur, daß ich mir auch nur für einen Augenblick einbilden konnte, ich wäre im Stande, die Wurzel meines Lebens auszureißen, ohne daß der ganze Stamm ver⸗ dorrte,— die Liebe, das einzig Wahre auf Erden, ließe ſich von ſo einem hohläugigen Ge⸗ ſpenſt, wie Ehre, Feſſeln, vernichten?— o Eſe⸗ leil o Marktſchreierei des Bombaſts, des Po⸗ panzes, den wir Selbſtvertrauen nennen! O Unſinn, zu wähnen, man kann vergeſſen was am Himmel leſerlich genug angeſchrieben ſteht!— Du biſt gut, Anna, meinthalb! ich geſtehe dir's zu, nun, wenn du gut biſt, weißt du denn auch, was es heißt einmal geliebt zu haben?— Pah— alle Worte ſind Lügen, alle vernünftige Gedanken ſind Thorheiten, hinweg damit! Zwang! Zwang! Ha, das klingt wie Spott.— Noch immer dieſe verweinten Augen? bin ich Schuld daran? was kann ich für die Thorheit, daß du mich liebteſt?—— Sie liegt jetzt im Grabe, armes, armes Weib! ſie hat nichts, gar nichts von der Erde mitgenommen in ihren Himmel hinauf, als die Treue, und die nahm ſie ja bei ihrer Geburt vom Himmel mit ſich zur Erde herab!— Und hinge ich mich an die Flügel des Orkans und flöge in dieſer Stunde noch an ihr Grab, und legte ihr mein warmes kräftiges Leben in den Sarg, und umklammerte mit mei⸗ nem ganzen unſterblichen Seyn ihre bleiche kalte Hülle,—— zu ſpät! zu ſpät, darin liegt die Hölle.— Wie? iſt der Buckel noch da? und ſo nah an meinem Herzen? Fort, fort mit ihm! Den Teufel will ich lieber umarmen als ihn.— Laß, laß mich, mein Kopf ſchwillt mir, ich muß damit gegen die Wand rennen.— Wie? Noch immer nicht aus meinen Augen?— Hin⸗ weg, ſonſt zerſprengt das Blut meine Pulſe und überſtrömt dich.— Hinweg, zum Letzten⸗ mal! Bei Gott beſchwör' ich dich, laß mich dich, dich mich nie wieder ſehn. Ich werde, ich will, ich kann dich nie mehr ſehen!“ Anna ſchloß bewußtlos, krampfhaft das ver⸗ ſtoßene Kind in ihren Arm und ſank zu Boden. Ludwig verließ blind raſend das Gemach. Die dienenden Frauen ſeiner Gattin traten herein und brachten ſie zu Bette. Ein tödtliches Fieber — 345— bemeiſterte ſich ihrer. Vierzehn Tage lang lag ſie in wilden phantaſtiſchen Träumen auf dem Siegbette, während dieſer Zeit war bei Schlaf und Wachen ihr einziger Gedanke, ihr einzig Wort, ihr einzig Verlangen ſtets blos ihr Kind; kein Arzt, keine Wärterin durfte es wagen, ihr das Söhnlein zu entreißen. Am vierzehnten Tage, juſt um dieſelbe Abendſtunde, in welcher Ludwigs Worte ihr den Todesſtoß gegeben, ge⸗ langte ſie wieder zu klarem Bewußtſein. Sie ſchlug matt die Augen auf, blickte zärtlich das Söhnchen in ihren Armen an, und ſprach:„O mein Kind, mein Kind! möge dich dein Vater anderſt halten, als mich. Doch ich fluche ihm nicht, wir waren ja nicht für einander beſtimmt, aber ich habe ihn treu geliebt und liebe ihn noch, und werde ihn ewig lieben.“ Das war ihr letztes Wort. Ihr Auge brach.— Als Ludwig die Kunde von ihrem Tode er⸗ halten hatte— der Freiberger brachte ſie ihm und erzählte ihm auch ihre letzten Worte wie⸗ der— wurde ihm wirr zu Sinne. Er hatte, ſeinem einmal gewähltem Worte getreu, ſie wäh⸗ — 346— rend ihrer ganzen Krankheit nie beſucht, obgleich es ihm manchmal wie bei den Haaren hinriß; aber immer wieder hielt— ihn ſein Stolz, durch den Freiberger ſtets geſchürt, zurück. Jetzt konnte er ſich doch nicht länger halten. Er begab ſich, innerlich ſo recht durchfröſtelt, von dem Frei⸗ berger begleitet, an ſeiner Gemahlin Todtenbett. Sie hielt noch das Kind in den Armen. Die Frauen knieten ſchweigend und in Thränen rings um die Leiche der edlen Frau. Wohl eine viertel Stunde lang ſtand Ludwig, bleich bis an die Lippen, regungslos, ſtets auf die Todte hinſtar⸗ rend. Endlich ermannte er ſich und ſprach zu den Frauen:„Nehmt ihr das Kind aus den Armen und gebt mir's.“ Die Frauen gehorchten. Es durchzuckte ihm alle Glieder, als er den kleinen Ludwig angefaßt hatte. Raſch gab er ihn dem Freiberger.„Nehmt,“ ſprach er haſtig.„Entfernt euch ihr Weiber,“ rief er den Frauen zu,„laßt uns allein.“ Die Frauen gingen. Als Ludwig mit dem Frei⸗ berger allein war, ſprach er dumpf vor ſich hin: „Ich mag dem Jungen zwar nicht mehr grollen, aber lieben kann ich ihn nicht— ich will ihn — — 347— nicht um mich ſehen. Muüßte ich ihm jeden Tag in's Antlitz ſchauen,— ha dann gedächte ich zugleich an Dinge, die ich vergeſſen will.—— Freiberger, du biſt ein treuer Mann, du haſt mir's gezeigt, auf dich allein glaub' ich mich ver⸗ laſſen zu können, du haſt den Jungen jetzt in deinen Armen, bring ihn nach Baiern, ich kann ihn nicht um mich ſehen, ſein Anblick zerſchneidet mir das Herz.— Erziehe ihn auf einem ſtillen Schloſſe in allen ritterlichen Uebungen, doch bringe ihn mit meinem Wieland nie zuſammen; ich will das nicht, es gibt ſonſt von Kindesbeinen an böſes Blut. Weißt du auch, Freiberger, was alles ich dir jetzt anvertraue? Doch ich baue auf dich, denn du meinſt es ehrlich.“ „Mein gnädiger Herr,“ erwiederte der Frei⸗ berger,„ich will Euch dies Söhnlein zu rechter Luſt und Freude auferziehen, deſſen dürft Ihr gewiß ſein.“ „Ich baue auf dich,“ wiederholte Ludwig;— —„doch ich bitte dich, mache dich baldigſt reiſe⸗ fertig; bei Gott, ich vermiſſe dich ungern, doch der Anblick des Kindes iſt mir peinlich. Leb wohl, leb wohl!“ * — 348— „Lebt wohl, mein gnädiger Herr,“ erwie⸗ derte der Freiberger,„Ihr vergeſſet meiner wohl nicht?!“ Er nahm das Kind und ging. Ludwig verweilte noch ein paar Augenblicke allein am Todtenbette.„Leb wohl, Anna,“ ſprach er gepreßt, ſchlug ſich mit geballter Fauſt vor die Stirne, und begab ſich dann haſtigen Schrittes zu dem alten Swelcher. Dieſem über⸗ gab er Schenkbriefe mehrerer Herrſchaften zu Gunſten des kleinen Wielands. Die Nachricht Swelchers, daß ſein Enkel nach dem Tode Cane⸗ tas von dem wackeren Herrn Oswald Ottlinger auferzogen werde, der ſich des Kleinen mit richtig treuer Vaterliebe annehme, kte wieder das wüſte Herz.. In Ludwigs Seele dämmerten große weit ausſehende Pläne. Er ſah Frankreich vor ſich, wie ein herrenlos Land, er dachte, feſten Fuß darein ſetzen zu können, und eine Gewalt zu ſäen, deren Frucht vielleicht einſt ſeinem Wieland zu Gute kommen würde, während der Höckerige an Baierns Erbe genug hätte. Das war auch ein Grund, der ihn bewog, jetzt in Frankreich zu bleiben. „* ſeines Herrn in den Armen haltend, ſeiner zwei — 349— Als der Freiberger außerhalb den Mauern von Paris zu Roſſe ſaß, den Pflegbefohlnen Sohn Knechte harrend, die ſich noch drinnen verſäumt hatten, rang ſein Herz lange nach einem feſten Entſchluß.„Ich hab's, ich halte es in dieſen Armen, das Pfand meiner Rache,“ murmelte er;„doch wenn ich es auch verkommen laſſe, was für Leid ſchaffe ich dadurch dem Bärtigen, er liebt den kleinen Teufel nicht, der eitle Herr; ich wollte faſt, ich wäre in Paris geblieben, ſo könnte ich ihm doch in jedem Augenblick dieſen ſeinen ſtattlichen Jungen weiſen und ihn dadurch ärgern. Hei! Auf wie lange? Und ſtürbe er auch vor Galle, was iſt Sterben denn ſchweres oder bitteres? Leben, leben müſſen, ein vergiftetes Leben leben müſſen, wie ich,— das iſt etwas. Nun habe Dank, allgerechter Rächer, auf deſſen Wink mir der Vater ſein Kind gab; habe Dank für dieſen Plan, den du mir jetzt in tiefen Nächten leuchten läſſeſt.— Ich will das Kind erziehen, treu meinem Plan, tren meinem Haß.— Dieſer kleine Buckel ſoll mir die Puppe ſein, aus welcher ihm noch eine — 330— ſchlimme Raupe erwächſt, die alle ſeine Hoff⸗ nungen, Freuden und Thaten, Troſt und Se⸗ ligkeit zernagt.— Nun, kommt ihr endlich, ihr Schneckenreiter?“ rief er ſeinen Knechten zu, welche ſich jetzt näherten.„Trala la la und Hei di didum! Wir fahren in's ſchöne Bayer⸗ land; heiſa, weitaus! Spornt die Gäule, ſingt und juhelt; dann geht's nach des Fiedelbogen Ton.“ Das Cabinet des Herzogs von Orleans. Die Heuchelei Burgunds und Orleans hatte den höchſten Gipfel erreicht; dieſe Verſöhnung lag ſchwül und drückend wie ein Gewitterhimmel über Frankreich. Man ſah die beiden Herzoge, von denen man doch wußte, wie tödtlich einer den andern haßte, auf Straßen und Wegen ſtets neben einander, man hörte allenthalben, wie ſie ſich wechſelſeitig mit ſüßen Worten und Schmei⸗ cheleien überhäuften; Orleans handelte ſo aus Furcht, durch ein entgegengeſetztes Benehmen das ohnehin aufgereizte Volk wider ſich vollends zu bewaffnen, Burgund legte ſeinem Haß den Zügel an, weil er den Herzog ganz ſicher machen und dann in ſeinem Gewißheitstaumel verderben wollte. Sie trieben die wechſelſeitige Verſtellung einige Zeit ſo weit, daß ſie— bei offnen Pfor⸗ ten, damit es nämlich Jedermann im Volke wieder erfahren möchte,— in Einem Bette zuſammen ſchliefen. Unterdeſſen ruhte aber der — 352— Herzog von Orleans, deſſen kühner Geiſt durch wüſtes Leben jetzt nur zur Hecke kleinlicher Nek⸗ kereien zuſammengeſchrumpft war, in keinem Au⸗ müthigungen zu bereiten; ſein galantes höfiſches Weſen war gerade geeignet, dieſelben dem rauhen und tollköpfigen Burgund noch bitterer beizu⸗ bringen. Aber eben die Erbärmlichkeit, in welche des Orleans ſonſt ſo hochfahrender Geiſt verſun⸗ ken war, wurde zur Nemeſis an ihm, und die Lüge und die Verläumdung zur eiſernen Jung⸗ frau, welche ihn ſelbſt zerfleiſchte.—— Man trug ſich ſelbſt im Volke, geſchweige denn am ſittenloſen Hofe, mit dem Gerüchte: der Herzog habe in ſeinem Pallaſt einen geheimen Saal, in welchem ſich eine Menge weiblicher Por⸗ traits befänden, und zwar nur Conterfeie jener Damen, deren vertrauteſter Gunſt er ſich rüh⸗ men durfte. Burgund und Orleans ritten eines Tages an dem Hotel Barbette vorüber, welches der Königin gehörte und von Jedermann als petit séjour de la reine mit zweideutigen Blicken betrachtet wurde. „Man erzählt ſich gar viel von einer ſeltſamen genblicke, um ſeinem Nebenbuhler ſtets neue De⸗ —.— — 353— Bilderſammlung, die Ihr beſitzen ſollet,“ ſprach Burgund höhniſch zu Orleans;„ſagt doch, edler Herzog, wie verhält es ſich damit? Ich wäre wahrhaftig neugierig, einmal das Conterfei mei⸗ ner ſchönen Muhme Iſabelle zu ſehen, und ich glaube gewiß, daß die Herrin des Hotel de Bar⸗ bette in jener holden Geſellſchaft nicht fehlen darf!“ „Hört, Vetter!“ erwiederte Orleans plötzlich mit ungemeiner zuthulicher Freundlichkeit, und faſt aufdringlicher Treuherzigkeit,„ich will Euch einen Beweis meiner aufrichtigen Freundſchaft und meines unbegränzten Vertrauens geben, und Euch ſtatt aller weitern Auskunft in das Cabinet ſelbſt führen, damit Ihr Euch von allem über⸗ zeugen könnet, worüber Ihr Aufſchluß wünſchet. In acht Tagen, wenn wir von den Jagden zu⸗ rückkommen, will ich Euch in jenen Saal füh⸗ ren, den bis jetzt noch kein anderer Fuß betrat als der meinige.“—— Als die acht Tage herum waren, wiederholte Orleans ſeinem Vetter Burgund den Antrag. Dieſer— ohnehin argwöhniſch, jetzt noch über die unerwartete Bereitwilligkeit und Vertraulich⸗ J. 23 — 34— keit ſtutzig, verſah ſich zu nichts Gutem, that einen Panzer unter dem Wappenrocke an, und befahl heimlich Raoul d'Octonville, einem normanniſchen Edelmann, Schas de Courte⸗ Heuſe, und noch zwei andere, welche ihm blind⸗ lings ergeben waren, ihm, von Orleans unbe⸗ merkt, zu folgen, und dann ſchleunig in den Saal zu treten, wann er, wie von ungefähr, mit dem Schwert auf den Eſtrich ſtoße.— Freundlich empfing Orleans am beſtimmten Tage ſeinen Vetter und führte ihn in das geheimnißvolle Zimmer. Eine zahlreiche Sammlung ausgezeich⸗ neter Schönheiten, von der Hand des Meiſter Gringonneur abceonterfeit, zeigte ſich an den Wänden. „Wahrhaftig!“ ſprach Burgund lachend, „Ihr dürft Euch eines Schatzes rühmen, deſſen gleichen kaum der Sultan beſitzen wird.“ „Ach ja,“ nnterbrach ihn Orleans ſcherzend, „das müſſet Ihr allerdings noch von Nicopolis oder Burſa her wiſſen.“ Burgund war durch die bittere Bemerkung gereizt, und obwohl er ſah, daß der Herzog ihm keine Falle geſtellt hatte, ſo ſtieß er doch, um die — 355— Königin, vor deren Bild er eben ſtand, und, durch dieſe, auch den Herzog vor Zeugen zu beſchämen, mit dem Schwert heftig auf den Eſtrich, indem er, als hätte er's im Gefühl der Bewunderung gethan, ausrief:„Bei Gott, welch ein Meiſterſtück iſt dieß hier! Wahrhaftig die Krone der ganzen kunſtreichen Sammlung! Glück⸗ licher Orleans, der Ihr dieß Meiſterſtück— Euer nennt!“ Da traten, nachdem ſie das verabredete Zei⸗ chen gehört, haſtig die vier in den Saal, und drängten ſich an den Herzog mit den Worten: „Verzeiht uns gnädigſt, wenn wir ſtörend kamen; wir haben Euch eine Nachricht von äußerſter Wichtigkeit mitzutheilen.“—(Das war die ver⸗ abredete Entſchuldigung.) „Doch iſt es wohl keine ſo eilige, daß Ihr nicht dies unuübertreffliche Conterfei unſerer könig⸗ lichen Herrin noch zuvor betrachten ſolltet?“ verſetzte Burgund lächelnd und ſchoß einen Spott⸗ blick auf Orleans, der denſelben mit einem äͤhn⸗ lichen erwiederte.„Ha, welch ein Zauber dieſer himmliſchen Geſtalt!“ fuhr Burgund, ſich begei⸗ ſtert ſtellend, fort,„welch ein holdſeliges Lä⸗ 23* — 356— cheln auf dieſen Lippen, die nur zum Küſſen ge⸗ ſchaffen ſcheinen! Wahrlich! der Mahler hat die Natur beſtohlen!“——— „Da Ihr an der Kunſt ſo warmen Antheil nehmt, ſo erlaubt mir, Euch noch ein anderes Gemälde zu zeigen, welches meiner Sammlung längſt fehlte—“ entgegnete nach einer kleinen Weile, während er lächelnd dageſtanden, Or⸗ leans, und führte Burgund nebſt ſeinen vier Begleitern zu einem Bilde, welches das köſtlichſte der ganzen Sammlung zu ſein ſchien, denn es war mit einem Tuche ſorgfältig verhüllt. Orleans lüftete das Tuch,— und Burgund ſah das Con⸗ terfei— ſeiner Gemahlin Margaretha.—— Ueberraſchung und Grimm lähmten ihn und machten ihn ſprachlos. Orleans aber rief trium⸗ phirend:„Nun, Vetter, iſt dies Bild nicht die Krone von allen? Ich will Euch Muße laſſen, es zu betrachten.“ Nach dieſen Worten verließ er raſch den Saal, während Burgund noch im⸗ mer todtenblaß, lautlos vor dem Bilde ſtand. v„ In der Oſtermeſſe 1834 wurden bereits fol⸗ gende neue Verlagswerke verſandt: Adrian, Reiſe⸗Scenen aus Amerika. 1r Theil. Rthlr. 1. 8 gr. fl. 2. 24 kr. Apollonius von Perga, die Bücher des, de sectione spatii, analytiſch bearbeitet und mit einem Anhange von mehreren Aufgaben ähn⸗ licher Art verſehen von Prof. M. G. Gra⸗ bow. gr. 8. 16 gr. fl. 1. 12 kr. Bechſtein, Ludwig, Luther. Ein Gedicht. 8. Geb. 21 gr. fl. 1. 30 kr. —— der Fürſtentag. Hiſtoriſch⸗romantiſches Zeitbild aus dem ſechszehnten Jahrhundert. 2 Bände 8. Rthlr. 3. fl. 5. 24 kr. Behlen, St. Forſtmeiſter, Lehrbuch der Jagd⸗ wiſſenſchaft in ihrem ganzen Umfange, zum Gebrauche bei öͤffentlichen Vorleſungen und beim Selbſtſtudium. gr. 8. Rthlr. 1. 20 gr. fl. 3. 12 kr. Becker, Dr. und Pfarrer, wiſſenſchaftliche Dar⸗ ſtellung der Lehre von den Kirchenbüchern. Ein Handbuch für Behörden, Prediger, Kir⸗ chenbuchführer und Rechtsgelehrte. Mit zwei Stammbäumen und Beilagen landesherrlicher Verordnungen. Wohlfeile Ausgabe. gr. 8. Geh. Rthlr. 1. 4 gr. fl. 2. Belani, H. C. R., Nomantiſche Erzählungen aus Portugal's Geſchichte. 8. Rthlr. 1. 12 gr. fl. 2. 42 kr. 1 —— der Heimathloſe. Roman in Zeitbildern. 3 CTheile. Rthlr. 4. fl. 7. 4 Beurmann Almanach der deutſchen Bühne auf das Jahr 1835. Rthlr. 2. fl. 3. 36 kr. Cooper, der Spion. Novelle. 2 Theile. Dritte verbeſſerte Auflage. Auf Velinpapier. Rthlr. 1. 8 gr. fl. 2. 24 kr. Auf Druckpapier. Rthlr. 1. fl. 1. 36 kr. Creizenach, Dr., Theoretiſches Lehrbuch der Stereometrie, für Gymnaſien und Bürger⸗ ſchulen. Mit 4 lithographirten Steintafeln. 8. 12 gr. 54 kr.. Duller, Eduard, Erzaͤhlungen und Phanta⸗ ſieſtücke. Zwei Theile. 8. Rthlr. 3. fl. 5. —— die Feuertaufe. Eine Erzaͤhlung. 2 Theile. 8. Rthlr. 3. fl. 5. Duller, Eduard, Phantaſiegemälde für 1835. Mit einem Kupfer von Fleiſchmann. 8. Elegant gebunden. Rthlr. 1. 12 gr. fl. 2. 42 kr. Forſt⸗ und Jagdzeitung, allgemeine. Her⸗ ausgegeben vom Forſtmeiſter St. Behlen. Jahrgang 1834. 12 Hefte, mit lithographirten Zeichnungen, Tabellen und Intelligenzblättern. gr. 4. Rthlr. 4. 16 gr. fl. 8. 24 kr. Franqué, Medicinalrath Dr. J. B., Geſchichte der Seuchen, welche in dem Herzogthume Naſ⸗ ſau ſeit dem Ende des vorigen Jahrhunderts unter den Hausthieren geherrſcht haben. Mit 10 Tabellen. gr. 8. Rthlr. 1. 8 gr. fl. 2. Für Vernunft, Religion und Kirche. Zeugniſſe aus allen Jahrhunderten. Zugleich als An⸗ dachtsbuch für denkende Chriſten. Wohlfeile Ausgabe. gr. 8. Geheftet. Rthlr. 1. 8 gr. fl. 2. 20 kr. Gallerie zu Byron's Werken. Erste Lieferung in 11 Blättern. gr. 8. Rthlr. 1.— fl. 1. 48 kr. Güänther, Medicinalrath und Dr. J. J., Natur und Kunst in Heilung der Krankheiten. Ein Leitfaden für angehende Aerzte. 8. 21 gr. fl. 1. 30 kr. Lips, F. W., ſämmtliche Erzählungen und Ge⸗ ſchichten. 39r Band. 8. Geh. Rthlr. 1. 16 gr. fl. 2. 48 kr. Meyer, H. von, die fossilen Zähne und Kno- chen und ihre Ablagerung in der Gegend von Georgensgmünd in Bayern. Mit 14 Ta- feln Abbildungen. 4. Rthlr. 3.— fl. 5. Museum Senckenbergianum. Abhandlungen aus dem Gebiete der beschreibenden Naturge- schichte. Von Mitgliedern der Senckenbergi- schen naturforschenden Gesellschaftin Frank- furt am Main. Band I. Heft 2. Mit Taf. VI— IX und XI. gr. 4. Geheſtet. Rthlr. 1. 8 gr. fl. 2. 20 kr. Ortlepp, E., Lyra der Zeit. Eine Sammlung der grötzern politiſchen und zeitgemaͤßen Ge⸗ dichte. Rthlr. 1. 12 gr.— fl. 2. 42 kr. Storch, L., der Karikaturiſt. Novelle. 2 Theile. Rthlr. 3. 8 gr.— fl. 5. 48 kr. Nächſtens erſcheinen. Adrian, Prof., Skizzen aus der Schweiz. —— Reiſeſcenen aus Nordamerika. 2r Theil. Beauties of Shakspeare by W. Dood, with the german translations of A. W. Schlegel, Tieck, Voss and others. 2 Vol. Auch unter dem Titel: Muſterſtücke aus Shakspear's dramatiſchen Wer⸗ ken; engliſcher Text nach Dood's Anordnung, mit gegenüberſtehender deutſcher Ueberſetzung von Schlegel, Tieck, Voß u. Andern. 2 Baͤnde. Belani, H. C. R., der Premier⸗Miniſter. Ge⸗ ſchichtliches Volks⸗ und Sittengemälde aus Portugall. Nach hiſtoriſchen Quellen und den Papieren eines Verſtorbenen bearbeitet. 3 Theile. Cooper, der Letzte der Mohicaner. Novelle. 2 Theile. Dritte verbeſſerte Auflage. Storch, L., der Stern des Morgenlandes. Novelle. 3 Theile. ꝑc6äää6 In demſelben Verlage ſind folgende empklehlenswerthe Schrikten erſchienen und um beigeſetzte Preiſe durch alle ſolide Buch⸗ handlungen zu beziehen. Döring, Georg, Stimmen des Lebens. Drei Erzählungen. Rthlr. 1. 16 gr. fl. 2. 48 kr. —.— Sonnenberg. Eine Novelle in 3 Thei⸗ len. Geh. Rthlr. 4. 20 gr. fl. 8. 24 kr. —— der Hirtenkrieg. Novelle in 3 Theilen. Geh. Rthlr. 4. 20 gr. fl. 8. 24 kr. —— die Mumie von Rotterdam. Eine No⸗ velle. 2 Theile. Geh. Rthlr. 3. 4 gr. fl. 5. 30 kr. — 21 van Speyk. Ein Heldengedicht. Geh. 9 gr. 40 kr. —— Novellen. 4 Theile. Ausgabe auf Velinpapier Rthlr. 6. fl. 10. 48 kr. Aus⸗ gabe auf Druckpap. Rthlr. 5. fl. 9. —— das Opfer von Oſtrolenka. Novelle in 3 Theilen. Geh. Rthlr. 4. 20 gr. fl.§. 24 kr. —— Phantaſiegemaͤlde. 5 Jahrgänge. 1829 bis 1833. Jeder Jahrgang mit einem Titel⸗ kupfer von Fleiſchmann. Geb. à Rthlr. 1. 12 gr. fl. 2. 45 kr. —— die Geiſelfahrt. Eine Erzählung aus dem vierzehnten Jahrhundert. 3 Bände. Rthlr. 4. 20 gr. fl. 8. 24 kr. —— Tage der Vorzeit. Dramatiſches Gedicht in vier Darſtellungen, aus der Geſchichte dre freien Stadt Frankfurt. 1. Die Gründung. 2. Der Kaiſerſitz. 3. Die Wahlſtadt. 4. Guſtav Adolphs Abſchied von Frankfurt. Cartoniri Rthlr. 1. 8 gr. fl. 2. 15 kr. —