— , Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.„ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe 3 Vinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 9 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:. für opchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſ defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetz 1 lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren erkes, ſo iſt der Leſer lum Erſatz des Ganzen verp flichtet. 77. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. erriſſene, verlorene und t werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ ſers darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ —⸗--—-—= ——— 8—— — Bibliothek deutſcher Originalromane. 8 Herausgegeben von Herm. Markgraf. Achtzehnter Jahrgang. 33 Achtzehnter Band Die Literaten. I. Wien. Herm. Markgraf. 1863. Die Literaten. Socialer Roman von Ida von Düringsfeld. Erſter Theil. Wien. Herm. Markgraf. 1863. —y * SInhalt. Erſtes Capitel. Am Rheinufer.... Zweites Capitel. Die Debütantin beim Ve⸗ teran............................... Drittes Capitel. Ein literariſcher Salon.. Viertes Capitel. Erklärungsverſuche...... Fünftes Capitel. Prieſterinnen des Muſen⸗ gottes............................... Sechstes Capitel. Ein kluger Hofrath.... Siebentes Capitel. Ein would-be Satan Achtes Capitel. In einem kühlen Grunde.. Neuntes Capitel. Wie der Satan einen Korb aufnimmt.......................... Zehntes Capitel. Klein⸗Ellrich als Opfer.. Eilftes Capitel. Ein wunderlicher Beſuch.. Zwölftes Capitel. In einem Arbeitscabinet Dreizehntes Capitel. Schriftſtellerin und Perleger........................... Vierzehntes Capitel. Sie bleibt dabei.... 114 122 131 146 196 207 4 Die Literaten. —— Erſtes Capitel. Am Rheinufer. Das Schloß, die Villa, das Landhaus, wie man es nennen wollte, ſtand in einer Bucht am Rhein. Es war wohl mehr Schloß als Landhaus, wenigſtens ſchloßähnlich gebaut. Mit Thürmchen, Zinnen, Erkern, der ganzen altneuen Rheinarchitektur. Wenn man's⸗ am Rhein nicht glaubt, daß man mitten in der Gothik lebt, ſo iſt es ſicher nicht die Schuld der Architekten oder Maurermeiſter. Das Schloß, von dem die Rede iſt, machte keinen Anſpruch darauf für alt angenommen zu werden. Es that nur gothiſch, weil es eben neu war. Die Lage war herrlich. Die Straße trennte es von dem Kieſel⸗ und Weidenufer unſers ſchönſten Stromes. Bäume, die noch jung, aber doch ſchon ſtatt⸗ lich gewacſſen waren, ſchnell aufſchießende Bäume mit Ida von Düringsfeld. Die Literaten. I. 1 1 luftigem Laub, Pappeln, Ahorne und Akazien, ver⸗ ſchleierten die vordern Räume des Gartens, der ſich hinter dem Schloſſe mit Raſenplätzen und Strauchgruppen bis zu dem Berge zog, dieſer umfaßte die ganze Bucht. Die Wellen des blühenden Weines wogten an ihm empor bis zum Gipfel, wo ſich aus ihnen verwittert und epheugrün ein runder Thurm erhob, der letzte Reſt einer Burg. Die erſten vierzig Schritte hinauf bis zwiſchen die Reben hinein lagen prachtvolle Baſalt⸗ blöcke. Weiße Violen umblühten die untern. Um das Dunkel der Felſen her ſchimmerten ſie wie roſiger Schnee. Es war eine künſtleriſch⸗abgeſchloſſene, voll⸗ kommen ausgemalte Rheinanſicht. Aus dieſem wundervollen Haine, welcher einem Ge⸗ dichte von Heine glich, wollte die Tochter fort. Nicht weil ſie dem Geliebteſten folgen wollte, allein, frei, emancipirt, um das Wort zu ſagen. Weil es ihr hier zu eng wurde, weil es ihr zu gut ging, weil ſie nicht wirken konnte. Mit einer Legion von Gründen belegte ſie die innere Ungeduld, welche ſie eine Miſſion taufte. „Ich hab' eine Miſſion,“ ſagte ſie. „Du haſt eine Unruhe,“ ſprach die Freundin des Hauſes und der jungen Dame, die Präſidentin von Amſtetter, welche mit ihr am Gitter ſtand und auf den Strom ſah, der abendlich licht wurde.„Du haſt 5 Langeweile und Leere, die Glieder ſind Dir eingeſchlafen und um in ihnen wieder das Blut fließen zu machen, verſuchſt Du unmögliche Bewegungen.“ „Corinna iſt doch möglich geweſen,“ entgegnete ſanft Cäcilia von Platen, die junge ſelbſternannte Miſſionärin. „Im Buche. In der Wirklichkeit vielleicht auch, aber nur in Italien. Du ſiehſt, in England läßt die Stael ſie Fiasco machen. Die engliſchen Schriftſtelle⸗ rinnen bleiben, heirathen ſie nicht, in der Familie. Die Edynworth, die Mitford— welche weiß ich noch.“ „Das ſind Alterthümer,“ ſagte Cäcilie lächelnd. „Recht, aber ich ſehe nicht, daß die Neuen es an⸗ ders machen, die größten weiblichen Rebellen, die Bells⸗ Bronti's, wo ſaßen und ſchrieben ſie? Zu Hauſe. Selbſt in Frankreich, was iſt und bleibt die Sphäre des Mäd⸗ chens? Das Haus, wenn nicht das der eigenen, ſo das⸗ einer fremden Familie. Wärſt Du Amerikanerin, wollte ich nichts ſagen, aber Du biſt Deutſche, und in Deutſch⸗ land geht dergleichen nicht.“ „Es muß endlich gehen, Erneſtine,“ ſprach die junge Dame mit der melodiſchen Betonung, mit der ſie alle Einwürfe ſo lieblich klingen ließ, daß ſie alle Schärfe verloren.„Wenn wir Einfluß gewinnen wollen, müſſen wir beweiſen, daß wir Befähigung dazu haben, Befähi⸗ 1 5 4 gung beweiſt ſich nur im Leben und entwickelt ſich nur durch Erfahrung.“ „Aeußerſt logiſcher Nonſenſe,“ ſagte lächelnd Frau von Amſtetter. Das ganze Geſpräch, ſo wichtige Intereſ⸗ ſen es berührte, wurde heiter geführt, es ſpielte über die ernſte Frage hin, die es ergründen ſollte, wie Licht über eine Tiefe, die es offenlegt. Die Präſidentin nahm die feine warme Hand Cäciliens, welche auf ihrer Schul⸗ ter lag und zog ſie an ihre Lippen.„ECilly, ich bitte Dich!“ ſprach ſie dabei innig. „Wenn es nicht ſchon in mir ganz feſt wäre, Er⸗ neſtine,“ erwiderte Cäcilie, mit der leicht gefeſſelten Hand die Wange der Freundin ſtreichelnd,„ich würde mich von Dir erbitten laſſen. Ja, Du brauchteſt gar nicht erſt zu bitten, ſondern nur zu wünſchen, Dir thu' ich, was ich kann, zu Liebe, aber laſſen, was ich muß, das kann ich nicht, ſelbſt für Dich nicht. Was ſoll ich hier? Braucht mich die Mittn⸗ Nein, ſie hat alle Hände voll mit den Jungen. Die brauchen mich zum Leben auch nicht, und der Papa,“— ſie hielt inne. „Nun, wird der Papa Dich nicht vermiſſen?“ fragte die Präſidentin.„Wenn's an's Herbſten geht oder wenn's gilt ein junges recht widerſpenſtigts Thier fromm zu ſtreicheln? Nun, Cilly?““ „Nun— ja, Erneſtine. Ehrlich währt am längſten; 5 Papa wird mich miſſen. Er muß ſich eben darein ſchicken.“ „Warum muß er?“ „Weil ich muß, was ich muß. Ich möchte nicht gern tragiſch werden, Erneſte, Du weißt, ich ſcheue mich vor Nichts ſo, als wenn ich aus meiner Ruhe komme und Reden halte. Du wirſt mich aber doch dahin bringen, wenn ich Dir erſt beweiſen muß, was ich weiß und was Du übrigens auch weißt. Wie oft haſt nicht gerade Du mir geſagt, daß ich in unſerm Hauſe und in meiner Familie nicht an meinem Platze ſei?“ „Kind, wer iſt denn an ſeinem Platz?“ fragte ſchwermüthig die ältere Frau. „Geboren wird nur ſelten ein Menſchenweſen darauf, darum muß es ſich ihn ſuchen. Wir ſind nicht Pflanzen, die durch eigene Kraft nicht aus dem angebornen Boden heraus können. Die Freizügigkeit iſt ein Recht, welches von der Völkerwanderung her datirt. Ich nehm' es für mich in Anſpruch. Da ich eine andere geiſtige Luft ha⸗ ben muß, ſoll ich meinem Bedürfniß nach athmen, und da mein Haus nicht mit mir zieht, ſo zieh' ich aus dem Hauſe. Das iſt ſo einfach wie möglich, es lohnt ſich gar nicht erſt Worte darüber zu verlieren, beſonders ſo viele.“ „Es iſt ſchrecklich, daß Alles, was Du da vor⸗ —— „ 6 bringſt, ſo klug klingt und ſo dumm iſt,“ ſagte Frau von Amſtetter und wollte eben eine Widerlegung dieſer „klugklingenden Dummheiten“ beginnen, da kamen auf der Landſtraße ein Paar junge Männer an dem Gitter vorüber, ſahen herein und grüßten äußerſt befliſſen, mit einer Art erkünſtelter Familiarität und mit der deutlichen Hoffnung eingeladen zu werden. Cäcilie begnügte ſich jedoch mit einem kühlen Neigen des Kopfes und die Beiden ſetzten ihren Spaziergang fort. Sie trugen graue Sommeranzüge von verblichener Eleganz, auch ihr Weſen hatte eine abgetragene Salongewandtheit, man ſah es, ſie waren nicht immer mit ſchlechten Handſchuhen und Stiefeln auf der Landſtraße ſpazieren gegangen, ſondern gewohnt geweſen zu reiten, oder in ihren Kutſchen ſpazierenzufahren. Es waren die Söhne einer herabgekommenen Baronsfamilie, welche in dem nächſten kleinen alten Rheinſtädtchen vegetirte. Noch mehr ſolcher zurückgezogener Ariſtokratie hatte ſich dort angeſiedelt, bildete eine förmliche Kolonie und zugleich den Umgang der Platens. Cäcilie ſagte, indem ſie beiden jungen Männern nachblickte:„gut, daß Papa nicht hier war, ſie wären ſonſt gleich hereingenöthigt worden und wir wären ſie den ganzen Abend nicht mehr losgeworden.“ Die Sonne ſenkte ſich nämlich ſchon, hing Strahlenſchleier vor die entfern⸗ ——, ten Berge und machte aus der Luft einen Gold⸗ grund, auf welchem einige Kronen von den Weiden⸗ bäumen am Ufer ſich mit ſmaragdener Glätte abzeich⸗ neten.— Die Präſidentin blickte den ermüdet dahinſchlei⸗ fenden Spaziergängern ebenfalls nach, aber ihr Geſicht verrieth mitleidige Theilnahme.„Sie waren ermüdet und durſtig,“ ſagte ſie. „Das ſind ſie immer,“ ſprach Cäcilie geringſchä⸗ tzig.„Müde ihres nutzloſen Daſeins, und durſtig nach Beſſerwerden, ohne daß ſie die Energie hätten, eine Quelle aufzugraben, aus der es ſpringen könnte. Für ihren jetzigen Durſt finden ſie tauſend Schritte weiter ein Wirthshaus, eine Bank unter einer Laube, und Wein, von dem ſelbſt ſie einen Schoppen bezahlen können.“—„Warum ſpotteſt Du ihrer Armuth, Cilly? Es erbt nicht jedes Erdenkind mit achtzehn Jah⸗ ren wie Du.“ „Das fragſt Du doch nicht ernſthaft, Erneſte?“ erwiderte gelaſſen Cäcilie.„Du weißt, daß ich ihnen vorſchießen würde, was ſie vernünftiger Weiſe brauchen könnten, um vorwärts zu kommen. Ja, dem einen, dem Seraph, hab' ich's ein Mal angeboten. Er ſieht intelli⸗ — 8 genter aus, als der Bruder, ſelbſt jetzt noch, und da⸗ mals beklagte er ſich wirklich über die Unmöglichkeit eine Carriere zu machen. Ich dachte, es wäre ihm Ernſt, ich mocht' ihn gern, vielleicht war ich ihm ſelbſt gut— er war mein erſter Courmacher geweſen.“ Sie zog eine Geisblattranke vom Gitter los, und ſpielte damit— dergleichen war bei Cäcilien ſo ungewöhnlich, daß es ſo gut wie ein Geſtändniß war. Die Präſi⸗ dentin ſagte:„Du brauchſt Dich nicht zu ſchämen, Cilla, Du könnteſt ſchlechter fahren als mit Seraph.“ Cäcilie antwortete ruhig:„ich ſchäme mich gar nicht. Warum ſoll ich nicht eine Zuneigung gehabt haben? Seraph that mir leid und gefiel mir, ich ſchlug ihm vor, ich wollte ihm ſo viel vorſchießen, daß er nach: Lüttich gehen, dort die techniſche Schule und dann die der Mineurs beſuchen und nachher mit meinen Kapitalien den Betrieb einer Grube in Angriff nehmen ſollte. Ich wollte das Geld geben, er ſollte ſeine Arbeit dazu thun, glaubſt Du, er nahm's an? Seine Eltern würden das nie überwinden, daß er ſich der Induſtrie widme, derogirte u. ſ. w. Hauptſächlich war's wohl die praktiſche Lehrzeit, die ihn erſchreckte. Er unter der Erde! Er fragte mich ganz naiv, warum wir denn nicht Gruben oder dergleichen haben könnten, ohne uns anders daran zu betheiligen, als mit den Kapitalien und dem Gewinn. &8☛ 8——— —— 2* 9 Am beſten wär's immer, meint er, mir am angemeſſenſten — mir!— das Geld, welches ich hätte, in Brüſſel zu verzehren, auch in Paris, wenn es mir lieber wäre, aber Brüſſel würde er vorziehen, es wäre plus mignon als Paris. Ich ſagt' ihm„dazu hätt' ich nicht mein Geld, und dazu braucht' ich keinen Mann. Das war meine einzige Liebesſcene,“ ſchloß Cäcilie, immer ſehr ruhig. „Spielte ſie im Mondlicht?“ fragte Frau von Am⸗ ſtetter lachend. „Nein, aber im Abendroth, droben am alten Thurme. Seraph ließ es ſich nicht geſagt ſein, er bettelte wieder, denn das nenn' ich betteln um eine Frau, wenn man ſie nicht verdienen will. Dann kam Seraphs Mama und Seraphs Papa, und meine gute Mama hielt mir vor, wie edel es ſein würde, eine geſunkene alte Familie wieder aufzurichten. Ich blieb aber hart⸗ herzig dabei: wenn eine geſunkene Familie ſich nicht ſelbſt wieder aufrichten könne, ſo möchte ſie unaufge⸗ richtet bleiben. Ich bin keine Schwärmerin.“ „Nicht?“ fragte die Präſidentin zärtlich und be⸗ deutungsvoll. Zum erſten Male antwortete jetzt Cäcilie mit 10 Energie.„Ich weiß, was Du mir zu hören geben willſt, Erneſte,“ ſagte ſie,„aber glaube mir, das Große und Gute, was ſcheinbar unmöglich iſt, unerſchütterlich wollen und hoffen, das iſt keine Schwärmerei, das iſt Religion.“ Der Rhein glänzte ſo überirdiſch golden, als . wiegte das Haar der Lorelei ſich auf ſeinen Wogen. 3 V 3 Zweites Capitel. Die Debütantin beim Veteran. Cäeilie ſtieg die beiden ſehr hohen Treppen hinan, welche zu der Wohnung Franz Grunows führten. Es war eines von den neuen Häuſern, die ganz eigens dazu gebaut ſcheinen, durch tägliche und ſtündliche Anſtren⸗ gung des Steigens jedes ſchlunmernde Bruſt⸗ oder Herzübel in möglichſter Schnelligkeit zu entwickeln. Cä⸗ cilie indeſſen ſtieg die beiden Treppen mit eben ſolcher Leichtigkeit, wie Ruhe, ſie brauchte ſich nicht anzuſtren⸗ gen und verlor Nichts von ihrem Athem. Sie war körperlich geſund entwickelt, viel zu Pferde, viel auf dem Waſſer geweſen, eine gute und geübte Klimmerin auf Felſen, gehärtet durch Luft, Bewegung und Willen, wie eine Stahlklinge, aber dabei auch biegſam wie eine ſolche. Norddeutſcher, d. h. ſchlanker, feiner und 12 bläßer konnte kein Mädchen ſein als Cäcilie, Franz Gru⸗ now blickte ſie mit Befremdung an: ſie kam ihm ſo zart, ja, faſt ſo ſchwächlich vor, und da wollte ſie dieſes Ringen corps à corps mit dem Leben beginnen, welches man beim Mann ſich eine Stellung ſchaffen und bei der Frau ſich emancipiren heißt. Frau von Amſtetter hatte ihm ge⸗ ſchrieben:„Sie werden überraſcht ſein,“ er hatte dar⸗ über etwas gelächelt, als ob man ihn ſo leicht über⸗ raſchte! Jetzt war er es wirklich, mehr als er es ſich im erſten Augenblick eingeſtand. Und nicht nur durch die Erſcheinung Cäciliens, auch durch die ſtille Sicherheit, mit der ſie eintrat, durch den Blick unbefangener, um ſo zu ſagen, edler Neugier, mit welchem ihre großen lichtgrauen Augen ſein Geſicht, ſeine ganze Perſönlich⸗ keit auffaßten, durch die intenſive, wenn gleich gehaltene Erwartung, mit der Cäcilie ſich auf ſeine erſte Anrede vorbereitete. Grunow war in der Vollzeit des Mannesalters und der Intelligenz, zwiſchen Vierzig und Fünfzig, was die Engländer von machtvoller Mache nennen, mehr klein als mittelgroß, mit Schultern, wie ſie ſich gegen Felſen im Wege ſtemmen und ſie bei Seite drängen können. Von der Kraft der Blonden. Norddeutſch kühl, gehalten und karg in Aeußerungen jeder Art, dabei innerlich glühend von dem Ehrgeiz, der ein Können in 13 ſich ſchließt. Grunow hatte gekonnt. Er war nicht ge⸗ tragen worden, ſondern geſtiegen. Jetzt hatte er ſeinen Platz, freilich keinen unbeſtrittenen. Um die vier Fuß⸗ breit Stufen, die er auf dem heiligen Berg der Gegen⸗ wart einnahm, denn mehr wird keinem Emporgeklimmten gegönnt, um dieſen engen ſchwindelnden Platz mußte er täglich kämpfen. Seine Sohlen hatten ſich an den Boden feſtgeſogen, er behauptete ſich und ſtand, aber die Er⸗ müdung, welche das tägliche Ringen ihn koſtete, war ſichtbar, ſowohl in ſeiner Perſon, wie in ſeinen Bü⸗ chern, durch die es wie der laute Athem einer über⸗ menſchlichen Anſtrengung ging. Das hatte Cäcilia bei dem Leſen derſelben gefühlt, und das hatte ihr für Grunow eine Theilnahme eingeflößt, wie ſie dem Schriftſteller ſelten wird, weil ſte dem Menſchlichen in ihm gilt. Als Frau von Amſtetter bei der Abreiſe ihrer jungen Freun⸗ din dieſe fragte:„Willſt Du einen Brief an Grunow?“ da hatte ſie geantwortet:„ja, ich werde gern ſelbſt ſehen, wie ein moderner Athlet ſich ausnimmt.“ Nun ſah ſie ihn ſelbſt und fand ihn wie ihre Vorſtellung von ihm. Cäcilie conſtruirte ſich die Perſön⸗ lichkeiten nach dem von ihnen Gegebenen meiſtens richtig, das machte, ihre Erwartungen beruhten nicht auf der Einbildungskraft, ſondern auf logiſchen Schlüſſen. Sie wandte inſtinktiv in der Pſychologie die Mathematik an. 14 Das Geſpräch begann, wie ſie es gleichfalls erwar⸗ tet hatte, auf eine gleichgültig artige Weiſe. Erkundigungen nach Frau von Anſtetter, nach dem Wetter, welches Cäcilie unterweges gehabt, nach der Zeit, die ſie 3 auf die mitteldeutſche Reſidenz wenden wollte, wo Grunow ſein Zelt aufgeſchlagen hatte, das Alles folgte einfach, natürlich auf einander. Cäcilie antwortete ebenſo einfach. Wegen ihres Bleibens wußte ſie noch nicht, wie lange es währen würde, ob einen Tag, ob einen Monat. „Reiſen Sie ſo ganz ohne Plan?“ fragte Grunow. „Ich reiſe nicht,“ antwortete Cäcilie.„Ich wandere, wie der Handwerksburſche, um mein Handwerk beſſer zu O lernen.“ „Und wo Sie da Werkſtätten finden, bleiben Sie.“ „Wenigſtens wo ich einen wirklichen Meiſter finde,“ ſagte ſie mit einer graziöſen Beziehung. Es war der erſte Zug weiblicher Feinheit, den ſie ahnen ließ. Grunow neigte mit einem halben Lächeln faſt unmerklich den Kopf. „Bleiben Sie in jedem Falle,“ ſagte er,„Sie finden hier viele Materialien, und wie ich Sie beurtheile, bedürfen Sie des abſoluten Stoffes, um daran zu experi⸗ mentiren, was eben doch das Lernen iſt. „Sie beurtheilen mich ſehr richtig,“ entgegnete —— — 15 Cäcilie.„Ich bin durchaus unſpekulativ. Was die Philoſo⸗ phie als eine Wiſſenſchaft anpreiſt, iſt mir immer als höchſt unwichtig vorgekommen.“ „Das las ich aus Ihrem Buche.“ „Es freut mich, daß Sie es geleſen haben,“ ſagte Cäcilie, ohne im Mindeſten die geſchmeichelte Eitelkeit einer neuen Schriftſtellerin zu verrathen, die ſich von einem Oberſten in der Heerſchaar bemerkt ſieht. Ebenſo unbefangen fragte ſie:„Hat es Ihnen gefallen?“ Grunow lächelte jetzt nicht länger nur halb, aber ſein Lächeln verwirrte Cäcilie ſo wenig, wie es ſeine Erwähnung ihres Buches gethan. Sie wartete nun auf ſeine Antwort. Er überlegte ſie ſich ein wenig. Dann ſprach er: „Ja und Nein. Was die Form betrifft, ganz. Sie ſchreiben mit einer Mäßigung, die beſonders von einem ſo jun⸗ gen Mädchen bewunderungswürdig iſt, die Frauen ſagen ſonſt immer zu viel, das weiſe Verſchweigen iſt faſt die Sache von keiner. Sie dagegen ſagen eher zu wenig. Ich hätte Sie Ihrem Buche nach für bedeutend älter gehalten.“ „Ich bin nicht mehr ſo ſehr jung, Vierundzwan⸗ zig Jahr.“ „Alſo, als Sie das Buch ſchrieben, erſt Zwanzig. Warum haben Sie ſeitdem nicht wieder geſchrieben 24 „Weil ich nichts Neues zu ſagen hatte.“ 16 „Abermals eine Enthaltſamkeit, die ganz unfrauen⸗ haft iſt.“ „Soll das ein Lobſpruch ſein, oder wollen Sie mich damit als unweiblich bezeichnen?“ fragte Cäcilie ohne Empfindlichkeit, aber nachdenklich. „Im Gegentheil,“ entgegnete Grunow,„je vous crois très femme, nur manifeſtiren Sie es auf ganz ungewöhnliche Weiſe.“. „Auf welche? Sie halten mich nicht für eitel, daß ich Sie über mich ausfrage? Ich kann ebenſo gut an mir ſelbſt anfangen zu lernen, wie an jedem andern Ge⸗ genſtand.“ „Haben Sie vielleicht, eine Engländerin zur Gou⸗ vernante gehabt?“ fragte Grunow. „Ich hatte nie eine Gouvernante. Warum?“ „Weil Sie auf eine ſo disciplinirte Art ſchreiben, daß ich an eine jener ſyſtematiſchen Erziehungsmethoden glaubte, wie wir ſie von engliſchen Erzieherinnen ge⸗ wohnt ſind:“ „Die Wetherell hat ein Adjektiv, welches Ihre Meinung von meiner Schreibart reſumirt: sobér.“ Ich glaube mich zu erinnern. Und nun, habe ich „ Ste Ihnen ſelbſt genügend erklärt?“ „Was die Form betrifft, ja.“ „Was den Inhalt betrifft, ſo muß ich abermals 3u —————— 17 zum Franzöſiſchen greifen und Ihnen ſagen: vous ôtes trop femme.“ Jetzt neigte Cäcilie den Kopf und lächelte. Ihr Lächeln veranlaßte die Empfindung, die ein plötzliches Erſchließen einer Roſe geben würde, das Aufgehen einer Tiefe voll Lieblichkeit. Gleich darauf wurde ſie wieder ernſt und ruhig.„Ich danke Ihnen,“ ſagte ſie ſchlicht, und mit der beſtimmten Abſicht, ihre Perſon von nun an aus dem Geſpräch zu laſſen, fragte ſie:„wie iſt das geiſtige Element hier? Friſch? Thut es Ihnen wohl?“ „Um wohlzuthun müßte es eben friſch ſein,“ ant⸗ wortete er mit Höflichkeit, die ihm von ihr angedeutete Richtung einſchlagend.„Es iſt aber nur weich, darum neutral. Eine Jugend, eine Action übt es nicht aus, aber es läßt einen leben, und ſchon dafür kann man dankbar ſein.“ „Dankbar für bloße Toleranz?“ „Sie kommen neu und— trotz Ihrer vierund⸗ zwanzig Jahre noch ſehr jung an,“ entgegnete Grunow mit mehr Melancholie, als bis jetzt bei ihm wahrzu⸗ nehmen geweſen war.„Vielleicht haben Sie bis jetzt gar keine Oppoſition kennen gelernt, außer der haus⸗ lichen—“ Er hielt inne, um Cäcilien Zeit zum Ant⸗ worten zu laſſen, ſie ſagte:„ſelbſt die nicht. Ich ſoll Oppoſition noch kennen lernen, Zwang überhaupt; was 2 Ida von Düringsfeld. Die Literaten. I. 18 Ihnen an mir disciplinirt erſchienen iſt, das iſt nichts als eine unſägliche Scheu, mich zu offenbaren, wie ich eigentlich bin.“—„Da ſympathiſiren wir,“ nahm, als ſie ihrerſeits innehielt, Grunow wieder das Wort,„denn auch ich könnte ganz Anderes geben, wenn ich mich ſelbſt gäbe, und auch ich ſcheue mich. Man hat zur Ermü⸗ dung wiederholt, daß mein ganzes Schaffen reine Ver⸗ ſtandesoperation ſei, darin irrt man unſäglich: ich ſchreibe Alles aus dem Herzen, Alles mit Paſſion, aber ich habe mir den Verſtand gleichſam als Polizeibeamten hinge⸗ ſtellt, der das Herz immer zügeln muß, immer Ruhe gebieten.“—„Warum?“ fragte Cäcilie melodiſch. „Warum?“ wiederholte er überraſcht.„Wahr⸗ ſcheinlich um mich nicht der Maſſe preiszugeben mit den Wunden und Leiden, die ich jetzt in mir verhehle.“ —„Und warum wollen Sie ſich nicht preisgeben? Man würde Sie lieben, während man Sie jetzt nur ſchätzt.“ „Und bemitleiden.“—„Nein, man bemitleidet wegen erlittenen Leiden nur den Schwachen und Er⸗ legenen, den Starken, der die Leiden überwindet und bindet, liebt man.“ „Sie wollen wie ein Frühlingswind die Eiskruſte um mein Herz aufthauen,“ ſprach Grunow, gerührter in der Seele, als er ſich ſeit langer Zeit gefühlt hatte, 19 „aber wie können Sie mir ſolche wundervolle Liebe verſprechen, die ganz gleich mit der reinſten Achtung ſein würde?“ „Nach meinem eigenen Empfinden,“ antwortete Cä⸗ cilie einfach.„Ich habe Sie immer ſehr geſchätzt, weil ich es erkannte, daß es Ihnen, ſelbſt mit Ihren frühe⸗ ren Extravaganzen immer Ernſt um die Sache geweſen i*ſt, Sie ſind nie Schauſpieler geweſen, außer ſo viel, wie es die literariſche mise en scène verlangt. Am Ende, man ſetzt ſich, wenn man ein civiliſirter Menſch iſt, der in ſich ſelbſt die Andern ehrt, nicht in Schlafrock und Pantoffeln vor das Publikum, um ungenirt eine Cigarre zu rauchen, wie es der Prinz⸗Gemahl einſt auf dem Verdeck der Viktoria that, als ſeiner Königin zu Ehren Antwerpen illuminirt wurde. Das alſo haben Sie nie gethan, ſondern ſind immer in gehöriger Toilette er⸗ ſchienen, und haben daran ſehr wohl gethan, aber warum Sie Ihr Publikum immer auf die Art von ſich abſcheiden, wie in manchem engliſchen Salon das Auditorium die Künſtler von ſich abgeſchieden haben ſoll, durch die faſt unſichtbare, aber unpaſſirbare Bar⸗ riere einer dünnen ſeidenen Schnur, das begreif' ich nicht. Laſſen Sie es doch ungeſcheut an ſich herankommen, Sie können ſich ja Auge in Auge ſehen laſſen. Schreiben Sie offen mit dem Herzen und Sie werden mit dem 3 2* —— ⅓ —— 20 Herzen vegriffen werden. Ich z. B. werde jetzt nach ſo kurzem Geſpräch mit Ihnen ſchon den Antheil des Verſtändniſſes an Ihren Sachen nehmen, und bis jetzt haben ſie mich ſtets nur befriedigt und nie gerührt.“—„Selbſt meine Dramen nicht,“ fragte Grunow, nicht recht mit ſich einig, ob er empfindlich oder geſchmeichelt ſein ſollte.—„Selbſt die nicht, und doch ſind Ihre Dramen vortrefflich gemacht, erfüllen den Anſpruch der Zeit, ſociale und ſittliche Probleme darzubieten, und beweiſen, daß Sie der einzige von unſern jetzigen deutſchen Schriftſtellern ſind, der die Anatomie des Dramas verſteht.“ „Was die Franzoſen das Gerüſt nennen,“ ſagte Grunon, entſchieden angenehm berührt.„Sie ſprechen da ſehr liebenswürdige Dinge aus, wie ſie nicht gerade oft von mir geſagt werden.“—„Das iſt mir lieb,“ ſagte Cäcilie.— „Das iſt Ihnen lieb?“ Grunow wußte wieder nicht, wie er das nehmen ſollte. „Ja, ich ſage Ihnen dann doch nicht etwas gar zu Altes.“ „Das Gute bleibt immer neu, wenigſtens immer angenehm,“ ſagte Grunow lächelnd.„Jedenfalls ange⸗ nehmer, als Dinge, wie ſie z. B. hier von mir geſagt werden.“ Er legte damit vor Cäcilie einen dicken Band ———— £— N— 21 mit dem wunderbaren Titel:„Der geſäuberte deutſche Muſenberg“ hin, und ſchlug ihn bei einem Artikel auf, über welchen ſein Name ſtand.„Da leſen Sie das Neueſte über meine Dramen,“ ſagte er mit Bitterkeit. Cäcilie las:„Auf ſeine Bühnenſtücke iſt im Durchſchnitt der nämliche Werth zu legen, den wir auf die Stücke von Kotzebne und Raupach zu legen gewohnt waren, ſie ſind keinerlei Gewinn für die Bühne, ſondern nur einſtweiliges Futter für die eine leichte Unterhaltung ſuchende Zuſchauerſchaft. Ungeſunde, markloſe und verkehrte Figuren, die Wirklichkeit theils in ihrer hausbackenen, theils widerwärtigen und ver⸗ zerrten Geſtaltung, den allgemeinen Gedankengang ge⸗ wiſſer Zeitſtrömungen ohne Tiefe vermittelſt eines eben ſo ſeichten Intriguengewebes als einer ſchwungloſen, niedrigen und faden Sprache vor dem Zuſchauer entfaltend—“ ſie hörte auf, ſprach überlegend die Worte nach:„Der Gedanken⸗ gang gewiſſer Zeitſtrömungen ohne Tiefe,“— dann ſagte ſie: „es iſt klarer baarer Unſinn,“ blätterte weiter vor und zurück, las hier und da eine Phraſe, machte das Buch zu, ſchob es weg und ſagte friedfertig:„Das iſt einfach ein Pasquill.“ „Ein Pasquill pflegt ſonſt ſchlanker im Durchmeſſer zu ſein,“ meinte Grunow.—„Nun ſo iſt es ein Mal ein Pasquill, welches dicker iſt,“ verſetzte Cäcilie. 22 „Sie fertigen raſch ab. Thun Sie das immer.“ „Wo es ſo leicht iſt, ja.“ Eine Thür öffnete ſich.„Meine Frau!“ ſagie Grunow aufſtehend.„Erlauben Sie, daß ich ſie Ihnen vorſtelle.“ Drittes Capitel. Ein literariſcher Salon. Die Frau Grunows ſah neben ihm aus wie eine Blume neben einem Felſen. Eine geſunde, friſche, muntere runde Blume, eine durchaus naive Erſcheinung. Ohne alle Sentimentalität, aber keineswegs ohne eine gewiſſe Würde, die ihr gar gut ſtand. Sie hatte vollkommen das Bewußtſein, daß Sie die Gattin eines berühmten Romanciers, Dramatikers u. ſ. w., einer geſchmückten und geprieſenen Sommität ſei. Dieſes Wort iſt nämlich der„Spitze“ unendlich vorzuziehen, es iſt europäiſch, Spitze iſt unlogiſch. Muß denn jeder Gipfel nothwendig eine Spitze ſein? Sommität iſt doch eben nichts Ande⸗ res, als eine Perſönlichkeit, welche ſich einen hervorra⸗ genden Standpunkt, d. h. einen Gipfel geſichert hat. Sommität oder Spitze, Grunow war eine ſolche —— — 24 Perſönlichkeit und Emma hatte ihr Selbſtbewußtſein als ſeine Gattin. Zugleich auch ein perſönliches. Sie empfand ſich als eine kleine geſcheidte Frau mit viel geſunden Verſtand und einem richtigen inſtinktiven Ur⸗ theil. Bisweilen lief auch ein Vorurtheil mit unter, und das war gut. Eine hübſche junge Frau, eine Frau überhaupt ohne alle kleinen oder ſelbſt ohne große Vor⸗ urtheile— behüte der Himmel jeden Mann vor einem ſol⸗ chen Unweſen von Vollkommenheit in der Vernunft! Zum Glück iſt ein ſolches ſelten zu finden, wenigſtens die Hälfte der Vorurtheile in der Welt ſind weiblichen Geſchlechtes. Es kommen ihrer ſogar oft zu viele auf eine Perſon. Das war nun bei Emma Grunow nicht der Fall, ſie hatte nur ihr richtig zugewogenes Theilchen. Eines davon berührte Grunow ſchon bei der Vorſtellung. „Meine Frau,“ ſagte er,„die durchaus nur Bücher von Männern leſen will.“—„Ja?“ fragte Cäcilia unbefangen, indem ſie mit ſichtlichem Wohlgefallen die hübſche Hausherrin betrachtete. „Sie ſind gewiß nicht Schriftſtellerin,“ ſagte Emma mit hellen Augen fragend zu ihr aufblickend.—„War⸗ um glauben Sie das?“ fragte Cäcilia ſtill beluſtigt. „Weil Sie ſonſt eine Empfindlichkeit über meinen Geſchmack blicken laſſen würden.“ „Was den Geſchmack anbetrifft, ſo bin ich liberal,“ —— 25 antwortete Cäcilie mit der Indolenz, die ſie bisweilen in ihre Stimme legen konnte.„Und was mich betrifft, ſo habe ich erſt ſo wenig geſchrieben, daß ich mich noch nicht als Schriftſtellerin betrachten kann. Vielleicht lerne ich in einigen Jahren die literariſche Empfindlichkeit kennen.“ „Fräulein von Platen hat„Eine Deutſche in Frank⸗ reich“ geſchrieben,“ ſagte Grunow zu Emma. „Du ſagteſt, es wäre gut,“ entgegnete ſie. Dann wandte ſie ſich an Cäcilie:„aber ich hab' es allerdings nicht geleſen, mein Mann ſagte nicht zu viel mit mei⸗ ner Furcht vor Frauenbüchern. Nehmen Sie mir's nicht übel,“ ſchloß ſie lächelnd. Cäcilie ſchüttelte gleichfalls lächelnd den Kopf. „Sie werden dabei nur manche ſchöne Sachen nicht leſen, das iſt Alles.“ „Alle Hoffnung, ſie zu bekehren, darf man noch nicht aufgeben,“ nahm Grunow wieder das Wort.„Adam Bede“ hat ihr neulich ſo gefallen—“ „Daß ich ihn für ein Männerbuch hielt,— ja⸗ das iſt wahr,“ fiel Emma ein.„Sie kennen doch das Buch, Fräulein von Platen?“ Cäcilie neigte den Kopf.„Aber ich mag's nicht gerade beſonders gern, wie alle orthodoxen und dogma⸗ tiſchen Romane.“ — ———.. 26 „Ach, da wird mein neuer nicht Ihren Beifall ha⸗ ben,“ bemerkte Grunow. Sie lächelte unmerklich, aber ſie fand das Sen⸗ ſitive an dieſer ſtarren und ſtarken Natur beſtätigt, wo⸗ von mehr als einmal erzählt worden war.„Ich meine die Romane, in denen das Dogmatiſche und Orthodoxe Zweck iſt,“ antwortete ſie leiſe berichtigend.„Wo es dramatiſcher oder plaſtiſcher Vorwurf iſt, da iſt's etwas Anderes. Aber z. B. die Wetherell— was für feine Blätter in ihren Büchern, und doch— es ſind eigent⸗ lich ebenſo viele Predigten in zwei Bänden.“ Sie war dabei aufgeſtanden und gab mit den Worten:„Ich ſehe Sie doch noch“ Grunow Abſchied nehmend die Hand, dann wandte ſie ſich zu Emma, dieſe hielt die Hand, die nun auch ihr geboten wurde, freund⸗ lich feſt und ſagte:„Wollen Sie nicht bei uns bleiben? Es ſind Einige zum Thee da. Wenn Sie nicht ver⸗ ſagt ſind.“ „Ich bin heute zum erſten Male hier und ganz fremd,“ antwortete Cäcilie. Sie ſprach das ohne alle Kläglichkeit aus, nur als einfache Thatſache. Grunow aber fielen die Worte auf:„Wie oft wird ſie noch zu ſagen haben:„ich bin ganz fremd?“ dachte er, dann machte er eine einladende Bewegung und ſprach freundlich:„ſo bleiben Sie bei uns.“ 27 „Kommen Sie auch?“ fragte ſie, ihren Hut abneh⸗ mend und ſich mit der rechten Hand, von der ſie, um ſie darreichen zu können, den Handſchuh abgezogen hatte, leicht und ſorglos den Scheitel glättend. Als ſie das gethan, legte ſie Hut und Mantille auf einen Stuhl, der nicht im Wege ſtand, zog den Handſchuh wieder an und zeigte ſich bereit, Emma zu folgen. Nur ſah ſie Grunow an, ob er komme? War es Schüchternheit oder der Wunſch, er möge da ſein? Emma antwortete für Grunow,„ich kann mei⸗ nen Mann rufen— der Thee wartet ſchon,“ damit öffnete ſie die Thür, welche durch das Schlafzimmer in den Salon führte. Hier waren zwei Männer und zwei Damen verſam⸗ melt. Von den Männern ſaß der eine am Fenſter. Als Emma und Grunow mit dem fremden Gaſt eintraten, ſtand er mit einer edlen Gelaſſenheit auf, gab Grunow die Hand und ließ ſich Cäcilien gleichgültig freundlich vorſtellen. Es war Eduard Devries, der bedeutende Schauſpieler, der letzte Ueberlebende von der großen Künſtlerfamilie dieſes Namens. Nicht mehr jung, war er doch noch im⸗ mer eine poetiſche Geſtalt, ſelbſt im einfachen Rock und in der häuslichen Umgebung eines Theezimmers. Cäcilie blickte mit ruhigem Intereſſe zu ihm auf, ſie hatte ihn nie ſpielen ſehen, nur es ſich immer gewünſcht, jetzt 28 lernte ſie ihn zuerſt als Menſchen kennen.„Faſt iſt mir das lieber,“ ſagte ſie zu Emma, neben der ſie Platz genommen hatte, während ſie ihr beim Theeeinſchenken geräuſchlos und geſchickt behiflich war.„Sie müſſen ihn doch aber auch auf der Bühne ſehen,“ meinte Emma,„übermorgen im Hamlet.“—„NJa, das will ich gewiß,“ erwiderte Cäcilie und trank ihren Thee. Grunow und Devries ſprachen über ein neues Drama, an welchem der Erſtere arbeitete. Er wollte die Titelrolle gern zum erſten Male von Devries dar⸗ geſtellt ſehen, dieſer hörte aufmerkſam zu, erwog den Charakter der Rolle, den Grunow ihm energiſch ſkizzirte, dann ſagte er beſtimmt und einfach:„gut, ich ſpiel' es.“ „Wann kann das Drama fertig und einſtudirt ſein?“ fragte Cäcilie die Hausfrau. Emma ließ dieſe Frage weiter an ihren Mann gelangen.„In drei Mo⸗ naten, vielleicht,“ antwortete Grunow.—„Und hier wird es aufgeführt werden?“—„Ja, bleiben Sie bis dahin hier.“—„SDas werd' ich wohl nicht können, aber dazu wieder kommen— das ginge. Ich möchte Herrn Devries gern gerade in dem Charakter ſehen.“—„Warum?“ fragte Devries, nicht mit Neugier, aber mit Verbindlichkeit. Cäcilie blickte ihn einige Augenblicke an, dann 29 ſagte ſie:„Das werd' ich Ihnen ſagen können, wenn ich Sie mir ſelbſt erſt klar gemacht habe. Vorläufig hab' ich nur die Empfindung, Sie müßten gerade dieſen melancholiſchen ehernen Menſchen recht ausprägen.“— „Sie meinen, es ſei das Metall dazu in ihm?“ gab Grunow dazu. Devries dankte mit einem Neigen des Hauptes, Cäcilie trank ihre Taſſe Thee leer. „Wie können Sie nur ſo unbefangen mit ihm ſprechen!“ ſagte eine der beiden Damen, Fräulein von Wartensleben, welche ſich neben Cäcilie geſetzt hatte. „Mit wem?“ fragte Cäcilie lächelnd zurück. „O, mit Devries! Mit Grunow will ich ſelber es thun, aber nicht mit Devries!“ „Warum ſoll es etwas ſo Großes ſein, mit Herrn Devries unbefangen zu ſprechen?“ „Sie haben ihn wohl noch nicht ſpielen ſehen?“ „Ich ſagt' es eben Frau Dr. Grunow.“ „Das erklärt es. Wenn Sie ihn erſt ein Mal, geſehen haben, werden auch Sie von der Macht ſeines Genius wie vernichtet ſein.“ „Bless me!“ ſagte Cäcilie verdutzt. Sie hatte ſich dieſen Ausruf von einer alten Engländerin angewöhnt, die einſt mehrere Monate auf dem Rheinſchlößchen der Eltern zugebracht hatte und bei jeder Veranlaſſung ſegnete. Cäcilie that es nur, wenn ſie über etwas ehrlich ————— 30 erſchrak, und das war jetzt der Fall geweſen über den gleichſan drohenden Enthuſiasmus des Fräulein von Wartensleben. Sie blickte ihre Nachbarin, die jetzt mit leidenſchaftlicher Aufmerkſamkeit an dem Geſpräch des Dramatikers und des Schauſpielers hing, prüfender an als bisher und fand in ihr eine hohe, feine Geſtalt mit Race und Grazie, und ein Geſicht, auf welchem das Gepräge der Schönheit noch ſichtbar, aber freilich ſchon verwiſcht war, denn Fräulein von Wartensleben zählte wenigſtens vierzig Jahre, und mit vierzig Jahren kann nur eine Frau noch jung ſein. Warum Fräulein von Wartensleben nicht Frau geworden ſei, das fragte Cäcilie ſich ſo gut wie jeder, der entdeckte, wie ſchön das Fräulein geweſen ſein mußte. Sie ſprach jetzt über den Tiſch hinüber in die Diskuſſion der beiden Männer hinein. Was ſie ſagte, verrieth Anlage zum Scharfſinn aber keine Ausbildung desſelben, überhaupt Mangel an Entwicklung. Cäcilie hatte für ſie plötzlich das Gefühl eines aufrichtigen Mitleids, ihr war es, als müſſe dieſe Seele an Ohnmacht ſchon viel gelitten haben, und doch ſchien das Fräulein in dieſem Augenblicke gerade ſehr gewiß, daß es irgend einen beabſichtigten Eindruck wirklich hervorbringe. Cäcilie wußte ſich das Ausſehen ihrer Nachbarin und die Empfindung, welche dieſe in ihr ſelbſt erregte, nicht zuſammen zu reimen. 31 Grunow und Devries hatten die Einmiſchung des Fräuleins mit gleicher Artigkeit aufgenommen, und war der Erſtere dabei wohlwollend, Devries hingegen etwas ironiſch geweſen. Beide wandten ſich indeſſen mit einem ſichtlichen Gefühl von Erleichterung ab, als der junge Mann, welcher Cäcilien als ein Dr. Wiesner genannt worden war und bis jetzt mit der zweiten der fremden Damen eifrig verkehrt hatte, plötzlich die Aufmerkſamkeit der andern Männer durch die Ankündigung, auch er be⸗ abſichtige ein neues Drama, gleichſam herausfordernd in Anſpruch nahm. Grunow hörte ihn mit einem Lächeln an, wie ein nachſichtiger Meiſter es wohl einem gerngeſehenen Schüler zukommen läßt.„Wird es gut werden, Wiesner, das Drama?“ fragte er. „Sie werden es ſehen, d. h. leſen!“ rief Wies⸗ ner, ein blondes, fettes, und trotz ſeiner dreißig Jahre ſehr knabenhaftes Individuum.„Ich glaube, Herr Devries, Sie werden die Hauptrolle nicht zu gering für ſich finden.“ Devries drückte ſeine Befriedigung aus, daß er gleich mit zwei ſo effektreichen Rollen verſehen werden ſolle. Wiesner phantaſirte weiter von ſeinem Stück.„Wir müſſen endlich den Franzoſen zeigen, daß auch wir uns auf das Effektmachen verſtehen!“ rief er. „Ich hoffe dieſes Mal hoch und feſt zu greifen! Mein ——————————————— 32 Stück ſoll dramatiſcher wirken als„Diane de Lys.“ Das war eine Herausforderung, welche er Cäcilien zu⸗ warf. Sie hatte in ihrem Buche über Frankreich von dieſem Drama und ſeiner großen ſceniſchen Wirkung ge⸗ ſprochen. Als Wiesner ſich jetzt ſo ſicher vermaß, es zu übertreffen, lächelte ſie beluſtigt. Er wandte ſich raſch ganz zu ihr und fragte:„Sie zweifeln daran, gnädiges Fräulein!“ „Ich zweifle nie im Voraus an etwas, ich warte immer Alles ab,“ antwortete ſie.„Es iſt möglich, daß Ihnen gelingt, was Sie verheißen, leicht wird es Ihnen nicht gelingen.“ „Auch ich halte dieſes Stück für eines der Beſten des jüngern Dumas,“ nahm Devries das Wort.„Aus der Rolle des Grafen läßt ſich viel machen. Allerdings nur auf Franzöſiſch,“ ſetzte er hinzu. „Warum nur auf Franzöſiſch?“ fragte Wiesner, in deſſen roſigem Antlitz der Enthuſiasmus für ſein zu ſchaffendes Stück noch immer leuchtete.„Warum ſollen uns Deutſchen ſociale Luſtſpiele nicht glücken?“ „Deutſchſociale gewiß,“ antwortete Devries,„franzöſiſch⸗ ſociale“ nicht. Das franzöſiſche, d. h. das Pariſer Leben findet in Deutſchland ſeinen Boden nicht. Es bedarf einen, der elaſtiſch iſt, leicht ſchwingt— der unſrige liegt zu feſt. Sociale Stücke und ſociale Romane 33 wollen, wenn nicht im eignen Lande, was am Günſtigſten iſt, ſo doch wenigſtens in der eigenen Sprache gehört und geleſen werden.“—„Ja, mein Gott, wie iſt denn das möglich!“ rief der blonde Doctor. „Sehr leicht,“ entgegnete ihm Cäcilie.„Man lernt eben Sprachen.“ „Wer kann denn ſo viele Sprachen lernen! Dar⸗ über verlernt man ſeine eigene.“ „Oder lernt ſie,“ ſagte Cäcilie ruhig.„Herr Devries würde nicht ſo klaſſiſch Deutſch ſprechen, wenn er nicht, wie ich in Paris von ihm gehört habe, auch ſo vortrefflich Franzöſiſch ſpräche.“ „Sehen Sie wohl, daß Sie bereits in ſeiner Macht ſind!“ flüſterte Fräulein von Wartensleben ihr ins Ohr. Bevor Cäcilie noch auf dieſe überraſchende Ent⸗ deckung antworten konnte, fragte Devries ſie, ob ſie in Paris einige von den Notabilitäten der Bühne kennen gelernt habe. „Nur auf der Bühne,“ erwiderte ſie.„Perſönlich nur Schriftſteller.“ „Dumas vielleicht?“ fragte Emma.„Den möcht' ich gern kennen lernen.“ „Dumas auch.“ „Wie iſt er?“ Ida von Düringsfeld. Die Literaten. I. 3 34 „Sehr lang, ſehr dunkel, ſehr gutmüthig, Mous⸗ quetaire,“„Gascogner,“ warf Devries dazwiſchen. „Vielleicht, aber auf eine koloſſale, grandioſe Art, die mir ungemein gefallen hat.“ „Und ſein Sohn?“ fragte Wiesner.„Sie gehen in Ihrem Buche über ſeine Perſon ganz hinweg.“ „Ich wollte nicht ſagen, daß er ganz wie ein Employé ausſehe, oder noch ſchlimmer, wie ein Epicier.“ „Wie iſt das nur möglich!“ „Dergleichen Widerſprüche kommen einem wohl öfter vor,“ antwortete Cäcilie ohne Ironie, obwohl niemand weniger einem dramatiſchen Dichter glich, als Dr. Wiesner. Sie fand es auch, aber ſie dachte, er müßte es gleichfalls wiſſen. Als er ihr ſeine feſte Ueberzeugung zu erkennen gab, es müſſe jedem Men⸗ ſchen das Maß ſeines geiſtigen Vermögens auf der Stirn verzeichnet ſtehen, blickte ſie ihn zuerſt mit Er⸗ ſtaunen, dann mit Theilnahme an. Wenn er nicht mehr konnte, als ſeine Stirn verſprach, ſo war nicht viel Ausſicht zu einer faſſenden Wirkung ſeines Dramas. Er ſchien anderer Meinung, er lächelte mit Sie⸗ gesgewißheit auf den großen Schauſpieler hinab, an deſſen Stuhllehne ſeine Hand ruhte.„Devries!“ rief er mit einer theatraliſchen Emphaſe,„ich bin ein Teufel, denn ich bin ein Journaliſt!“ 35 Devries antwortete, ohne aus der Faſſung zu kommen:„ich habe bis jetzt von Ihren diaboliſchen Anſprüchen noch Nichts gewußt, aber es iſt ja möglich, daß ſie begründet ſind.“—„Nein, das iſt ja aus meinem Drama!“ berichtigte der blonde Doktor.— „Ach ſo!“ bemerkte kaltblütig der große Künſtler. „Kommt alſo nun auch bei Ihnen das Journa⸗ liſtenthum daran?“ fragte Grunow. „Wer hatss denn ſchon geſchildert?“ fuhr Wiesner zu ihm herum. „Robinſon in der„Preſſe,“ die Girardin in den „Journaliſten.“ „O, das ſind die franzöſiſchen. Und Robinſon— Robinſon kann Nichts.“ „Hm,“ meinte Grunow,„es iſt ihm doch in „Paſſiva und Aktiva“ ein recht hübſcher Griff ge⸗ glückt.“ in Griff an die Seelen der Ladendiener,“ ſagte Wiesner wegwerfend.„Ich glaub' es, daß unter jedem reinen Vorhemdchen in irgend welchem Comtoir jetzt ein dankbares Herz für Robinſon ſchlägt, aber was be⸗ weiſt das?“ Blos, daß er Geſchick gehabt hat,“ fiel die Dame ein, mit welcher Wiesner vorher in einer Ecke geredet hatte und die ihm an den Tiſch gefolgt war. 3* —— 36 „Iſt Geſchick Nichts, Fräulein Ellrich?“ fragte Emma Grunow ein wenig ſpitzig und ſpöttiſch. „Geſchick iſt kein Genie, erwiderte das kleine Fräulein Ellrich raſch.„Keine Kunſt!“ fiel der blonde Wiesner ein.„Keine Poeſie,“ ſtimmte das Fräulein von Wartens⸗ leben bei. Grunow ſtrich ſich nachdenklich mit der Hand über die Lippen.„Geſchick iſt gut,“ ſagte er,„es iſt die Ma⸗ ſchine, durch deren Manipulation Genie, Kunſt und Poe⸗ ſie zu gangbaren Artikeln verarbeitet werden.“ Der Meiſter hatte geſprochen, die Jüngerinnen wagten keine Widerrede. Es kam dadurch, daß Emma aufſtand, um zu ſchellen und zu befehlen, daß man das Theegeſchirr abtrage, etwas Bewegung in den Kreis. Fräulein von Wartensleben ging zu Grunow, während Cäcilie plötzlich das kleine Fräulein Ellrich neben ſich ſah. Die etwas verwachſene Geſtalt ſteckte in einem äußerſt aufgeblähten ſeidenen Kleid, deſſen Farbe Cäcilie unwillkürlich an die Blüte des Judasbaumes erinnerte. Sie konnte das bläuliche Roth dieſer Blüte nicht leiden, überhaupt gefielen ihr alle Bäume nicht, welche die Ge⸗ duld nicht hatten mit den Blüten zu warten, bis die Blätter da wären. Vielleicht war ihr nun dieſer Ge⸗ dankenverbindung wegen die Nähe von Fräulein Ellrich unangenehm, vielleicht mißfielen ihr auch die ſcharfen 37 blauen Augen, mit denen das Fräulein aus einem un⸗ intereſſanten und anſpruchsvollen Geſicht herausguckte, denn ihr Anblicken hatte etwas von einem Herausgucken, gleichviel ob aus einer Boden⸗ oder einer Kellerluke. Ge⸗ wiß iſt es, daß Cäcilie ihr Kleid etwas an ſich zog, als das des Fräulein Ellrich ſich daran bauſchte. Fräulein Ellrich ſchien es nicht zu merken, daß ihre Nähe der Fremden nicht angenehm ſei. Sie äußerte und benahm ſich gleich zuthunlich, bald geradehin zutraulich, erzählte von ihren Angelegenheiten, hauptſächlich ihren literariſchen, klagte über Verleger, Redakteure und Kri⸗ tiker, hatte da kein Honorar, dort nicht genug, hier einen Auf⸗ ſatz nur gekürzt gedruckt und anderswo einen ganz zu⸗ rück bekommen, genug es ging ihr ſehr ſchlecht. Cäcilie hörte geduldig zu und bedauerte höflich; als ſie ihrerſeits dergleichen ſchlimme Erfahrungen berichten ſollte, antwor⸗ tete ſie der Wahrheit gemäß, ſie habe noch keine ge⸗ macht.„Wie iſt das möglich?“ fragte Fräulein Ellrich. —„Ich habe noch nie in Journale geſchrieben,“ entgegnete Cäcilie,„und blos das eine Buch drucken laſ⸗ ſen— ich hatte alſo noch keine Gelegenheit, das Alles ken⸗ nen zu lernen.“ „O, da werden Sie es jetzt kennen lernen, denken Sie an mich. Daran fehlte es keinem und keiner un⸗ ter uns.“ V 38 „Wenn es unvermeidlich iſt, warum wird darüber geklagt?“ „Weil es nicht angenehm iſt. Nicht wahr, Wendelin iſt Ihr Verleger?“ „Das heißt, er hat mein Buch gedruckt.“ „Und Sie kennen ihn nicht perſönlich?“ „Bis jetzt noch nicht.“ „Nun, da wünſch' ich Ihnen Glück zu der Be⸗ kanntſchaft.“ „Warum? Iſt er ſo unangenehm 24 „Aller Verlegerhochmuth in Deutſchland gleichſam in einer Perſon verkörpert. Wie wird Ihnen das ge⸗ fallen?“ „Schlecht vermuthlich.“ „Ja, das denk' ich auch. Sie haben Georges Sand nicht aufgeſucht, als Sie in Paris waren?“ „Nein, erſtens war ſie nicht da, und zweitens würde ich es auch nicht gethan haben, ſelbſt wenn ſie dageweſen wäre.“ Frräulein Ellrich heftete ihre ſcharfen Augen erſtaunt ihre Nachbarin.„Mein Gott, ich dachte, Sie wären auf freiſinnig!“ „In welchem Sinne?!“ fragte Cäcilie ziemlich froſtig. „Nun— in dem allgemeinen, großen Liebesſinne,“ 39 antwortete Fräulein Ellrich, und kaute an ihren Nägeln. „Wollen Sie ſich denn nicht emancipiren?“ „Von der Weiblichkeit keineswegs.“ „Georges Sand iſt ächtes Weib. Sie ſucht die Liebe.“ „Leider thut ſie es bei— Liebhabern,“ ſagte Cäcilie und erhob ſich, um dem Geſpräch ein Ende zu machen. Sie nannte höchſt ungern gewiſſe Dinge beim rechten Namen und war gereizt, weil Fräulein Ellrich ſie gewiſſermaßen dazu gezwungen hatte. Das kleine Fräu⸗ lein im judasfarbnen Kleide war nicht ſo leicht abzu⸗ ſchütteln. „Hat man in Paris Ihre Ankunft angezeigt?“ fragte ſie, zu Cäcilien in die Höhe guckend. „Auf der Polizei? Oder bei der Geſandtſchaft? Ich denke wohl, wenigſtens bin ich in Paris durch keine zu⸗ dringlichen Fragen beläſtigt worden,“ entgegnete Cäcilie und ſah ſich nach irgend einer Rettung um. Fräulein Ellrich verſtand abermals nicht, ſondern ziſchelte vertraulich:„Mich haben ſie in den Messager de Paris geſetzt“—„Sind Sie d'rinnen ſitzen ge⸗ blieben?“ fragte Cäcilie ernſthaft.—„Es iſt ja kein Gefängniß, ſondern ein Blatt,“ erläuterte Fräulein Ellrich.—„Oh!“ ſagte Cäcilie.„Und es hat Folgen, wenn man hineingeſetzt wird?“—„Die Folge, daß — ———— 40 man bekannt wird.“—„Allerdings, das mußte für Sie äußerſt wünſchenswerth ſein.“ Cäcilie bewegte ſich nach den Fenſtern zu, Fräu⸗ lein Ellrich neben ihr her.„Man hat mirs verſprochen, meinen nächſten Roman überſetzt man,“ erzählte ſie, während ſie abermals an ihren Nägeln kaute.„Er wird gut werden— er ſpielt in einer großen Bräuerei. Da hat noch Niemand einen Roman ſpielen laſſen— iſt es nicht ein Glück, einen Gedanken zuerſt gefaßt zu haben? Denken Sie nur wie intereſſant: die großen Räume, die großen Bottige, das Malz——“„Und der Hopfen,“ vollendete Cäcilie.„Sie haben Recht, es kann ungemein deutlich werden. Mir iſt es ſchon jetzt als röch' es nach Bier.“ „Hier?“ fragte verwundert Grunow, der herange⸗ treten war. „Nein, ich erzählte dem Fräulein nur von meinem Roman,“¹ entgegnete die kleine Ellrich. „Der wird höchſt intereſſant werden,“ ſagte Grunow herablaſſend billigend. Cäeilie ließ einen ſchnellen fragenden Seitenblick auf ihn fallen. „Sie hätten mich beinahe um meinen Ernſt ge⸗ bracht,“ ſprach er ſpäter, als der blonde Doktor ihnen Fräulein Ellrich endlich wieder abgenommen hatte.„Ihre Augen fragten ſo geradezu: meinen Sie denn das? Fragen Sie oft ſo mit den Augen?“ ——— 41 Cäcilie, wieder ruhig geworden, lächelte bejahend. „So oft ich mich wirklich wundere.“ „Und— zeigen Sie den Perſonen, die Sie kennen „Es mißfallen mir nicht oft Perſonen ſo wie Fräu⸗ lein Ellrich.“ „Und doch iſt es eine Collegin, denn ich hoffe, Sie ſchreiben weiter, und jetzt ſchon iſt es eine Mitbe⸗ ſtreberin. Was Sie unternehmen wollen, hat ſie be⸗ reits unternommen, ſie lebt allein, ſelbſtſtändig und— iſt Mädchen.“ „Und zwanzig Jahr älter als ich.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ „Daß es bei ihr gerade nicht viel zu bedeuten habe, wie ſie lebt.“ „Sind Sie nicht zu raſch mit Ihrem Aburtheilen fertig? Fräulein Ellrich iſt noch keinesweges über die Gefahren hinaus, welche eine ſolche weibliche Stellung umlagern. Im Gegentheil—“ Grunow hielt inne, denn zum erſten Mal hörte er Cäcilie lachen. Ihr Lachen klang friſch und hell, wie das eines Kindes. „Nun,“ ſagte er mit gelaſſenem Humor,„ich ſehe ſchon, für Fräulein Ellrich iſt bei Ihnen nicht zu plai⸗ diren. Aber was ſagen Sie zu Fräulein von Wartens⸗ leben?“ 6 1 42 „Iſt das auch eine Collegin, eine— Mitbeſtre⸗ berin?“ „Wenigſtens eine, die es ſein möchte, wenn ihre Mama ſie ließe.“ „Was?“ fragte Cäcilie drollig,„Fräulein von Wartensleben hat noch eine Mama, die ihr verbietet, was ſie nicht thun darf, und erlaubt, was ſie darf? Nun, wenn alle meine Colleginnen dieſen beiden gleichen, ſo hab' ich beim Emancipiren gute Geſellſchaft gefunden.“ Viertes Capitel. Erklärungsverſuche. Grunow ſchrieb an Frau von Amſtetter über Cä⸗ cilie:„Wen haben Sie mir da geſchickt, oder ſoll ich ſagen: Was haben Sie mir da geſchickt? Faſt möchte ich ſo fragen, denn Fräulein von Platen iſt ein ſehr räthſelhaftes Etwas. Sie kam mit einem Vertrauen zu mir, als hätte ſie die begründetſten perſönlichen An⸗ ſprüche an mich, und beſah mich mit einer ruhigen Genauigkeit, als ſäße ich nur zu dieſem Zwecke in meinem Schreibzimmer und ihr gegenüber. Nachdem ſie mich in Augenſchein genommen hatte, conſultirte ſie mich über ſich ſelbſt, und darauf unternahm ſie es ſehr gelaſſen, mich ihrerſeits zu beurtheilen. Sie ſagte mir Dinge, welche aus jedem andern weiblichen Mund wie— etwas gar zu direkte Schmeicheleien geklungen 44 haben würden, von ihr ausgeſprochen waren es nur— ſoll ich mir ſo viel erlauben?— Wahrheiten, die ſich von ſelbſt verſtanden. Nachher machte ſie ebenſo— gründ⸗ lich unterſuchend, möcht' ich ſagen, Emma's Bekanntſchaft und kam dann mit uns, um unter lauter Fremden und in einem ihr jedenfalls neuen Elemente beobachtend, theil⸗ nehmend und gelegentlich auch freimüthig zu Hauſe zu ſein. Noch niemals habe ich eine ſo junge Dame ſo ſicher und dabei zugleich ſo einfach geſehen. Das Einzige be⸗ greif' ich nicht, wie kommt gerade dieſes ruhige Weſen dazu, ſich im Hauſe nicht einrichten zu können und auf Emancipation in die Welt zu reiſen. Emma fragte mich ganz erſtaunt:„ſag' einmal, lieber Franz, wozu will denn das Fräulein ſich emancipiren?“ und ſie ſprach damit ganz meine Empfindung aus. Wovon und wozu will Fräulein von Platen ſich emancipiren? Ich wäre der Ueberzeugung, ſie müßte Alles, was ſie irgend braucht, in den vier Wänden des Hauſes finden, wo ſie ſich ſo entwickelt hat, wie ſie iſt. Mir kommt ſie ab⸗ ſolut fertig vor. Schreiben Sie mir bald und geben Sie mir die verſprochene Erklärung.“ Frau von Armſtetter ſchrieb bald. Nicht daß ſie geglaubt hätte, Grunow intereſſire ſich wirklich ſo leb⸗ haft für Cäcilie, ſie wußte wohl, daß ſeine Neugierde halb Höflichkeit für ſie, halb nur momentan geweſen 45 ſei. Aber ſie ſchrieb gern an ihn, wie er auch an ſie. Beide hatten ein Intereſſe aufrichtiger Schätzung an einander und dazu das Behagen, welches eine längere Bekanntſchaft, wenn ſie friedlich und wohlthuend bleibt, immer einflößt. Was man ſeit Jahren und Jahren als gut kannte, gewinnt für gute Menſchen täglich an Werth, ſo war es für Grunow und die Präſidentin mit ihrer gegenſeitigen Bekanntſchaft. Die Präſidentin ſchrieb ihm alſo bald:„Ich dachte mir wohl, daß meine Cäcilie in einem gewiſſen Grade Ihre Theilnahme gewinnen würde, nachdem Sie erſt von ihr überraſcht worden wären. Ihre Beurtheilung des Mädchens, ſo raſch und ſicher gleich nach dem erſten Be⸗ ſuch hingeworfen, beweist wieder ein Mal wie gut Sie die Frau laſen, dieſes ſchwerſte Buch, wie beſchränkte geiſtreiche Männer gern zu ſagen pflegen. Um Cäcilie Ihnen noch weiter zu erklären, muß ich Ihnen Vater und Mutter malen; oder zeichnen lieber zum Malen hab' ich nicht Farbe genug. Herr von Platen, Pommer, war Landrath in Pommern. Nebenbei Beſitzer oder Halb⸗ beſitzer der nöthigen liegenden Gründe mit Scheunen drrauf u. ſ. w. Als Student war er in Bonn geweſen, um Arndt, ſo lange der lehren durfte, über Geſchichte zu hören, Enthuſiasmus für den großen Landsmann und für den Rhein zuſammen machte ihm dieſes Jahr zu 46 der einen Poeſieblume, die wohl die Pflanze jedes Lebens trägt. Genug, als ihm und ſeinem Bruder zu gleichen Theilen ein anſtändiges Vermögen von einem vergeſſe⸗ nen Verwandten zufiel, der aus Schweden nach der Union gegangen war, faßte er den Entſchluß ſich am Rhein anzukaufen, anzubauen, kurz, anzuſiedeln. Es ſind das jetzt zwölf Jahre her, ebenſo viele zählte damals Cäcilie, die kleine Blonde kam mit derſelben Ruhe, die ſie jetzt charakteriſirt, aus Pommern an den Rhein. Sie hatte Meerdünen gekannt, ſie lernte Strom⸗ ufer kennen, ſie verließ ein Getreideland für ein Wein⸗ land, das war Alles. Sie wunderte ſich nicht und be⸗ wunderte nicht, aber ſie betrachtete höchſt genau und war zufrieden.„Es iſt hier ſchöner,“ ſagte ſie, nachdem ſie den ganzen Rheinlauf geſehen hatte, aber auch nicht eher, nicht bevor ſie in Köln aus dem Dome kam. Herr von Platen kam nämlich rheinab. Ich kannte die Familie von früher her, erwartete ſie in Mainz, ſo konnte ich mich denn an Cäciliens unendlicher Kaltblütigkeit beluſti⸗ gen. Sie ſchien ſich das take it wolly von Marryats Faith⸗ ful zum Motto genommen zu haben und nicht nur für damals, ein für alle Mal. Ich ſoll ſie noch enthuſias⸗ mirt, noch erregt ſehen. Wohlverſtanden, durch Aeußer⸗ liches. Im Geſpräch, wo es Meinungen gibt, flammt ſie auf, aber auch nur im Augenblick einer letzten ns een ſe der ich 47 3 7 entſcheidenden Vertheidigung. Das geſchah beſonders in Frankreich mehrmals, wenn ſie als Deutſche protegirt wurde. Das Protegiren verträgt unſere Cäcilie nicht, ebenſo wenig, wenn man ihr bemerklich macht, man ſchone ſie als Frau. Sie hat den heftigſten Widerwillen gegen das Intereſſantſein durch weibliche Schwäche, das geht bis zur Intoleranz. Schwache Nerven z. B. verachtet ſie förmlich. Die einzige Geduld, die ſie ausübt, zeigt ſie gegen das Alter und gegen die Kindheit. Mit ihren Brüdern, wahren kleinen Milch⸗ und Breibuben, die mit jedem Schnitt im Finger und mit jeder Beule am Kopfe heulend zur Mama ge⸗ laufen kommen, hat ſie, ſo lange ſie klein waren, dieſe Geduld bis zu einem unſäglichen Grade gehabt, aber „ſobald ſie es verſtanden,“ ſollten ſie nun Teufelstrotzer werden, wie Cäcilie dare-devils überſetzt. Die Jungen blieben Mutterſöhnchen und Cäeilie ſchüttelte ſie ſich ab wie Raupen oder Käfer.„Ich kann Nichts mehr mit ihnen anfangen,“ war ihre unvermeidliche Antwort auf alle Zumuthungen der Mutter, die lieben Knaben zu beaufſichtigen, zu amüſiren, in Ordnung zu ſchmeicheln. Daraus entſtand die Entfremdung zwiſchen Cäcilien und der Mutter, welche elegant, formell und exeluſiv iſt, und— wirkliche oder geträumte ſchwache Nerven hat, pflegt und verwendet. Sie warf der Tochter Man⸗ gel an Geſchwiſterliebe, an Kindesliebe, an Weiblichkeit, 48 kurz, an allen möglichen hergebrachten Tugenden vor, die ein Mädchen haben ſoll und muß, die aber auch Cäcilie gehabt haben würde, nur für eine andere Mutter und für andere Brüder. Verſtehen Sie mich wohl, es hat nie Scenen gegeben, dazu iſt Frau von Platen zu ſehr Dame von Welt ſelbſt in der Häuslichkeit und in der Familie, Cäcilie zu kühl und zu ſelbſtſtändig. Aber der Tadel fiel wie ein Waſſertropfen, leiſe, cadencirt und unabläſſig und verbreitete eine Atmoſphäre, in welcher ſelbſt Unbetheiligten froſtig ums Herz wurde. Das er⸗ müdete Cäcilie. es müde wird. Ich behaupte, kein Geſchöpf unter dem Himmel kann eine ſolche unergründliche Müdigkeit in ſich tragen und ſie ſo würdevoll zu erkennen geben wie Cäcilie. Genug, die Mutter machte ſie müde, das Zu⸗ ſammenſein mit ihr löste ſich wieder und wieder in das unendliche Gähnen auf, welches Steffens in Walſeth und Leith beſchreibt. Mit dem Vater ſtand Cäcilie ſich um Vieles beſſer. Er iſt, was die Franzoſen ſich gewöhnlich unter einem Deutſchen vorſtellen, groß, friſch, blond— Cäcilie hat ſein Reifeskornhaar— gutmüthig, naiv, etwas ſentimental und ziemlich phlegmatiſch, das Alles zu⸗ ſammen mit proſaiſchen und praktiſchen Neigungen, mit Liebe zur Pfeife, zum Glaſe, zu Pferden und zu bequemer und geldoringender Thätigkeit. Ich weiß nicht, ob ich müſſen unſer Fräulein ſehen, wenn 49 Ihnen mit meinen Strichen das Elternpaar deutlich ge⸗ macht habe, ſo viel werden Sie jedoch ſelbſt aus meiner Skizze erkennen, daß ſolche Eltern für einen Charakter— oder ſoll ich Natur ſagen? wie Cäciliens nicht plaſtiſch bildend wirken konnten. Sie bildete ſich alſo ſelbſt, und zwar meine ich das wörtlich, denn ich habe noch keine ſo ſtetige und ſo bewußte Selbſterzieherin gekannt wie ſie.„Ich habe einen feſten Willen; den, mich ſelbſt kennen zu lernen und mir ſelbſt gerecht zu werden,“ ſagte ſie mir mit achtzehn Jahren und ſie ſagte es ſo ernſt, und ſo gewiß des Könnens, daß ich nicht lachen konnte, wozu ich große Luſt hatte. Dieſes Sichſelbſtgerechtwerden bezeichnet zugleich die Gefahr, worin ſie iſt: nämlich den Selbſteultus. Im höhern Sinne in dem Emerſons, aber doch immer im perſönlichen, nicht im chriſtlichen, folglich unweiblichen. Sie wiſſen, ich halte das Chriſten⸗ thum für die eigentliche Miſſion der Frauen. Die Frau, ſelbſt die begabteſte, thut immer mehr, wenn ſie ſich ſelbſt aufgiebt, wie wenn ſie ſich ſelbſt cultivirt. Cäcilie faßt ihre„Miſſion“ ganz entgegengeſetzt auf. Durch das, was ſie iſt, will ſie wirken, ein Beiſpiel ſein. Zeigen, daß die Frau auch ungeſchützt und ungeſtützt feſt und rein daſtehen könne, wie eine Statue aus fleckenloſem Marmor. Folglich iſt Cäciliens Emancipation durchaus nicht auf das Freiwerden der weiblichen Natur gerich⸗ Ida von Düringsfeld. Die Literaten. I. 4 50 tet, ſondern nur auf das Starkwerden des weiblichen Charakters. Die reine Sitte iſt ihr das unwandel⸗ bare unverletzliche Geſetz, aber dieſes Geſetz braucht ihrer Anſicht nach zur Aufrechthaltung nicht die Polizei der geſellſchaftlichen Conventionen. In dieſem Irrthum iſt ſie ganz junges Mädchen, ganz unüberführ⸗ barer Eigenſinn. Sie wird das Experiment allerdings durchführen, denn ſie hat keinen Athem von Leidenſchaft⸗ lichkeit in ſich— war je ein Mädchen keuſch bis in die verſchwiegenſten Gedanken hinein, ſo iſt es Cäcilie. Aber ſie wird eben nur beweiſen, was ſie iſt und was ſie vermag, Nichts, was in der Folge irgend von Werth für die allgemeine Weltſtellung der Frau ſein könnte. Das hab' ich ihr geſagt, wieder geſagt, überhaupt meinen Athem hab' ich nicht geſpart. Wie immer, fruchtlos. Was ſie heute ausführt, hat ſie ſich be⸗ reits vorgenommen, als ſie, immer mit achtzehn Jahren, die Erbin ihres Onkels wurde, der unverheirathet ſtarb. Er war mit ſeiner Schwägerin nicht zufrieden und wollte ſeinen Liebling, was Cäcilia war, von der Mut⸗ ter freimachen.„Sie ſoll auf ihre eigene Weiſe glücklich oder unglücklich werden können,“ ſchrieb er in ſeinem Teſtamente. Den Willen dazu ſcheint ſie denn auch zu haben, und Sie— lernen ſie auf dem Wege zu die⸗ ſer Erfahrung kennen. Seit zwei Jahren weiß ich um 51 das ſchöne Projekt, als wir, d. h. Cäcilie, Herr von Amſtetter und ich von der Reiſe durch Frankreich zu⸗ rückkehrten, damals ſagte ſie mir ruhiger noch, als es gewöhnlich ihre Art iſt:„ich werde jetzt ein Buch ſchrei⸗ ben, und ſpäter werde ich ein Leben leben, aber discu⸗ tiren wir über dieſes Letztere noch nicht, denn es hat noch zwei Jahre Zeit.“ Sie wollte erſt überall für mün⸗ dig gelten, bevor ſie den Anſpruch machte,„ihr Leben ſelbſt zu leben,“ dieſes Frühjahr kündigte ſie mir ge⸗ laſſen an: die Diskuſſion ſei eröffnet. Nun kam— der Kampf kann ich nicht ſagen, die Eltern ſind keine Leute, welche kämpfen, ſelbſt nicht für das Wohl ihrer Tochter. Es wurde hin und her geredet, Köpfe wur⸗ den geſchüttelt, Wangen geſtreichelt,— das Letztere geſchah von der Hand des Vaters. Er liebte Cäcilie vor⸗ zugsweiſe, ſie war ſein erſtes Kind, das hat für einen Vater, welcher es ſpät geworden iſt— Herr von Platen heirathete erſt mit Vierzig— den Reiz einer Jugend⸗ erinnerung und eines Herbſtglückes zugleich. Die Mutter liebt ebenſo natürlich die Spätlinge mehr, welche erſt am Rhein nachkamen und noch jetzt blos Knaben ſind. Sie zog ſich zuerſt aus der Diskuſſion zurück, zuckte die Ach⸗ ſeln und ließ Cäcilien den freien Willen„eine Thorheit zu begehen, die nicht wieder gut zu machen ſei.“ Der Vater war ſchwach und gab nach, denn ihn— bat Cäcilie. Um ihr 4* 52 Glück, verſicherte ſie. So hat man ſie denn ziehen laſſen ich und der Vater mit ſchwerem Herzen. Doch fängt er ſchon wieder an, ſeiner Pferdezucht und ſeinem Wein⸗ bau— er betreibt beides mit Erfolg— das Auge des Herrn und des Beſitzers zuzuwenden. Mir fehlt mit Cäcilien das letzte, übriggebliebene Gefühl aus meiner Jugend. Seit ſie gereist iſt, bin ich wirklich vierund⸗ vierzig Jahr. Mit den„vieltauſend Liebesgedanken“ Eichendorfs möcht ich ſie umranken, ſchützen, dem Hauſe wieder einfangen. Wie werden ihre Erfahrungen anfan⸗ gen, wie ausſchlagen? Doch ich will Sie nicht länger damit in Athem erhalten, mir zu folgen. Was Sie für Cäcilie thun können, thun Sie für Erneſtine.“ Fünftes Capitel. Prieſterinnen des Muſengottes. Auf die Bitte der Frau von Amſtetter, welche eine liebe⸗, geiſt⸗ und empfindungsvolle Frau war, und nur den einzigen Fehler hatte, in ihren Briefen immer⸗ fort Citate aus Dichtern anzubringen, würde Grunow, gern recht viel für Cäcilie von Platen gethan haben, aber es ließ ſich nicht ſo recht etwas für ſie thun. Sie immer einladen, dazu hatte Grunow nicht Zeit genug frei, ihr vorzupredigen fühlte er keinen Beruf. Auch verlangte ſie Nichts von ihm, ſie hatte ihn kennen ge⸗ lernt, das genügte ihr.„Was ſollte er mit mir?“ ant⸗ wortete ſie dem kleinen Fräulein Ellrich, als dieſes freundliche Weſen ihre Verwunderung darüber zu erken⸗ nen gab, daß Cäcilie eine ſolche Bekanntſchaft nicht beſſer zu ſchätzen, und zu benützen wiſſe.„In ſeinen 54 Frauenhofſtaat mag ich nicht, der iſt hinreichend groß und muß ihn genug langweilen. Um ſeine Vermittlung bei Verlegern und Journalen brauch' ich nicht zu bitten, weil ich vorläufig weder Verleger noch Journale be⸗ darf. Was ſollt' ich alſo öfter bei ihm? Seine Stun⸗ den ſtehlen? Er braucht die Minuten.“—„Von ihm lernen— ſich für ihn intereſſiren, vielleicht ihn inter⸗ eſſiren.“ „O, das überlaſſe ich Alles Ihnen,“ ſagte Cä⸗ cilie höflich. Fräulein Ellrich lachte.„Nein, bei Grunow weiß ich, daß er kein anderes Intereſſe für mich hat, als ein freundſchaftliches. Auch ich habe nur ein ſolches für ihn, das kann ich Ihnen verſichern. Ich ſorge für ihn, ich weiß was ihm Bedürfniß iſt, ich ſag' es der Emma — der Frau von Merkel hab' ich es auch geſagt, als er bei ihr auf dem Lande war— kalte Milch, ſgte ich, das geht für Grunow des Abends nicht, er iſt ſein Beefſteak, ſein Glas Rothwein gewöhnt— am Ende, wer ſelbſt die Anſtrengungen der Intelli⸗ genz kennt, der weiß auch, was man bedarf, um ſich von ihnen zu exholen, und ſich zu neuen zu kräftigen, aber die Frauen haben ja mei⸗ ſtens kein Verſtändniß für dergleichen Bezüge zwi⸗ ſchen der Diät und dem Geiſt: um es zu kennen, muß 5⁵ man zugleich Weib und Intelligenz ſein, wie ich— und Sie,“ ſetzte Fräulein Ellrich nachträglich hinzu. Cäcilie bekannte, daß ſie bis dahin ſich noch nie weder mit Grunows Diät, noch mit ſeinen andern Bedürf⸗ niſſen beſchäftigt habe, ſondern das Alles ihm und ſei⸗ ner Frau überlaſſe. „Ja, aber ich ſag' es Ihnen, die Emma verſteht es nicht, wie ſie überhaupt ihren Mann nicht verſteht, wie ſoll ſie auch!“ demonſtrirte Fränlein Ellrich hitziger. „Es iſt dasſelbe wie bei Thauſtrom, da hat auch die Frau keine Ahnung von dem, was in ihrem Manne täglich vorgeht. A propos, warum haben Sie ſich denn Thauſtrom nicht vorſtellen laſſen? Grunow hat es Ihnen ja doch wohl angeboten?“ Cäcilie antwortete kaltblütig:„Ich glaube nicht, daß es eine poltzeiliche Bedingung für den Aufenthalt in der hieſigen Stadt iſt, ſich Herrn Thauſtrom vor⸗ ſtellen zu laſſen, wie Sie es nennen.“ „Nein, aber doch das höchſte Intereſſe. Hat Thau⸗ ſtrom keine Genialität?“ „Das müſſen Sie ja wiſſen— Sie kennen ihn, ich kenn' ihn nicht.“ „Aber doch ſeine Bürgergeſchichten?“ „Seine Bürgergeſchichten ſind ſehr populär.“ „Verdienen ſie es denn nicht?“ 56 „Wird man populär, ohne es zu verdienen? Sie z. B. ſind doch, ich bin es überzeugt, nur gerade ſo populär, wie Sie es genau verdienen.“ Werd' ich dich nie loswerden, Hausplage? dachte Cäcilie. Fräulein Ellrich ſaß feſt. Sie kam oft zu Cäcilien, welche ſich in einem Hotel, das auf den Strom ging, ein Eckzimmer und ein Cabinet genommen hatte. Nicht eingerichtet— ſie war nicht, wie viele Frauen, ſo abhängig von der lebloſen Umgebung, daß ſie ſich dieſelbe immer hätte„artiſtiſch componiren“ müſſen. Ihren Umgang hätte ſie ſich gern gewählt, aber das ließ ſich gleich ſo zu Anfang nicht thun ſie mußte eben an ſich kommen laſſen, was da kam. Fräulein Ellrich nun kam am häufigſten und ſaß am feſteſten, und heute ſchon ſeit einer Stunde, und noch machte ſie keine Anſtalt zum Aufbruch. „Populär würde man ſchon werden,“ fing ſie nach Cäciliens letzter Aeußerung wieder mit friſchem Eifer zu ſchwatzen an,„wenn nur der Neid nicht wäre. Aber was die Männer neidiſch ſind, wenn eine Frau etwas Gutes macht, das iſt etwas Schreckliches.“ „Sollten es die Frauen nicht auch ſein?“ fragte Cäcilie.„Genug Colleginnen, um den Brodneid er⸗ klärlich und ſelbſt verzeihlich zu machen, haben Sie, dächt' ich. Es iſt ja ein förmlicher Ameiſenhaufen von — /— — 2—— A2 57 Schriftſtellerinnen hier, man ſollte glauben, ſie trügen ſchon zum Bau der neuen Welt zuſammen.“ „Welcher Welt?“ „Der des freien Weibes.“ „Das wollen Sie ja nicht zugeben.“ „Verzeihung,“ ſagte Cäcilie,„das Weib frei von den Schwächen und der Leidenſchaftlichkeit, welche es jetzt ſo häufig zur Sklavin ſeiner ſelbſt ſowohl, wie bisweilen der erbärmlichſten Männer machen, das will ich, wie Sie wiſſen, ſogar beweiſen. Wir ſind nur im Ausdruck uneins: was Sie das freie Weib nennen nenne ich das unfreie.“ Cäcilie betonte ihr Programm immer wieder mit⸗ ſolchem Nachdruck, um ſich dadurch ſtets von Neuem von den um ſie herumſchwirrenden Tag⸗ und Nacht⸗ faltern ihres Geſchlechtes zu ſcheiden und zu iſoliren, welche alle in der milden geiſtigen Atmoſphäre der Stadt, theils Flugverſuche anſtellten, theils die ſchon etwas ermüdeten Schwingen ausruhten, bevor ſie ſich auf ihnen zu neuem Schweben anſchickten. Weit flogen ſie nicht und hoch auch nicht, aber ſie machten die Luft lebendig und ſich die Toleranz, von der Grunow ge⸗ ſprochen hatte, vergnügt zu Nutze.„Man ſollte gar nicht glauben, daß es möglich ſei, ihrer ſo Viele bei⸗ einanderzuſehen,“ ſchrieb Cäcilie nach einigen Wochen 7 58 Aufenthaltes an Frau von Amſtetter.„Mir ſchwirrt ſchon der Kopf davon. Es iſt eine wahre Elektricität von Talent um einen herum, man darf keine Finger⸗ ſpitze geben, mit keinem Kleide anſtreifen, keine Man⸗ tille umlegen helfen, oder man bekommt einen Schlag, wie beim Theobald mit ſeinen Maſchinen. Aber dort hat das Haus im Garten, der wieder im Garten des Thales liegt, trotz dieſer Bizarrerie mit ſeinen offenen, halbdunklen Zimmern, wo die Luft immer aus und einſtreicht, der wundervolle Rieſenhund immer aus und ein wandelt, etwas geheimnißvoll gutmüthliches, durch welches nur hier und da der Schalk, d. h. der Theo⸗ bald guckt und lacht. Es könnte einem Spuk und Schabernack anthun, aber es thut's nicht; wenn man nicht ſelbſt vorwitzig iſt, läßt er einen un⸗ gehindert gehen. Hier dagegen wird man ergriffen, feſt⸗ gehalten und— erſchüttert. Jede dieſer intereſſanten— Frauen, Mädchen, Damen— ſie ſind Nichts von dem Allen— jedes dieſer intereſſanten Frauenzimmer alſo hat etwas Außerordentliches gethan, geleiſtet, erlebt, erlitten, oder wird etwas Außerordentliches leiſten, oder iſt etwas Ungemeines. Genug, Du mußt Dich durch ſie auf irgend eine Art elektriſiren laſſen. Am ärgſten iſt es bei der Merkel, da ſollte man meinen, das Haus habe wie weiland Theben ſieben dirrt ität ger⸗ Lan⸗ lag, dort des nen, und und urch heo⸗ und enn un⸗ feſt⸗ dem alſo ebt, der rch nan ven 59 Thore, ſo von allen Seiten ſtrömt, quillt, ſprudelt und rauſcht die weibliche Literatur herein. Von allen Altern iſt ſie da, von ſiebzehn Jahren bis zu ſiebenzig. Ernſthaft, die Merkel hat in ihrer Naturalienſamm⸗ lung, welche ſich von den gewöhnlichen nur dadurch unterſcheidet, daß ſie beweglich iſt, Haus und Ort wech⸗ ſelt, ißt und trinkt, in dieſer ihrer Sammlung nun hat die Merkel ein ſiebenzigjähriges weibliches, Genie. Es iſt erſchreckend, ſtürmiſch grauenhaft, daß man ſo lange ein Genie ſein kann, aber Hulda von Lilienſtein iſt es. Iſt dabei noch immer Huldin und Lilie. Ich wünſchte, ſie läge unter dem Stein. Dann muß ſie erhören und ſich von ihm lieben laſſen— ſie liebt mit„jungfräuli⸗ cher Innigkeit.“ Dieſer weibliche Unhold iſt eine Noth⸗ helferin, gegen welche alle vierzehn Nothhelfer gar Nichts ſind. Es gibt keine Noth auf der armen weiten Erde, die ſie nicht mit ihren harten Fingern packt, feſthält, und dann mit der Milch ihrer Menſchenliebe ſpeiſt, tränkt, heilt, je nachdem es der Noth gerade Noth thut. Die unglückliche Noth bliebe weit lieber ohne Hülfe, als daß ſie die Hulda's aushielte, aber es hilft ihr Nichts: ihr wird geholfen. Natürlich macht Hulda Verſe— wie kann eine ſolche Lilie anders als rhythmiſch duften! Ich habe einen ganzen Abend lang dergleichen Duft⸗ ſeufzer in mich aufnehmen müſſen— wäre ich ein 60 flotter Bonner Student mit ſilbergeſtickter rother oder blauer Mütze, ich würde hier mit einem energiſchen und bezeichnenden Ausdruck ſchließen. Denke an Deine Neffen, die Unbande, und denke Dir den Ausdruck. Ein zweites Weſen dieſer Art, Adelheide von Quellſtedt, iſt ebenſo klein und ſchwarz, wie Hulda lang und blond iſt. Nebenbei, ich, die ich mich ſonſt nie um mein Aeußeres bekümmere, kann ſeit dieſe Unholdin mich liebt, mich gar nicht darüber tröſten blond zu ſein. Nun, Adelheide iſt nicht blond, ſie iſt ſchwarz, gelb und braun. Ihre Coiffüre beſteht regelmäßig aus ſchwarzen Sammetbändern, welche auf ihrem beweglichen Kopf mit entſetzlicher Raſtloſigkeit herumfahren. Sie macht unauf⸗ hörlich Eindrücke und beglückt einen jungen Buchhändler mit einer Privatcorreſpondenz. Ein ſanfter Menſch, der mir kürzlich durch Wiesner vorgeſtellt wurde, den er liebt und beſucht, von dem er jedoch Nichts verlegt. Das gibt mir denn auch Hoffnung für ihn, daß die Privatcorreſpondenz mit Adelheiden ohne Folgen ſein werde. Verlegt hat er von ihr noch eben ſo wenig wie von ſeinem Herzensfreund, der ſanfte Menſch ſcheint gegen Freundſchaft wie gegen Eitelkeit gleich gewaffnet. Die Correſpondenz iſt ſo eingerichtet, daß Adelheide wöchentlich vier Seiten und er alle vierzehn Tage eine halbe ſchreibt. Wenn ſie producirt, iſt ſie die deutſche Desbordes⸗Valmore. — 61 Eine kleine, dicke, runde, kindlich geſcheitelte Figur watſchelte zwiſchendurch— ſie iſt hier auf Gaſtrollen, Das iſt Junia Hopfenſtiel, die ſchreibende Familien⸗ mutter. Sobald ein Sohn zur Univerſität oder eine Tochter zur Ausſtattung ein Dutzend neuer Hem⸗ den braucht, ſchreibt die gute Mutter eines ihrer ſchlechten Bücher. Das red' ich Dir nach— ſo viel ich mich entſinne, ſagteſt Du, ſie wären voll tugendhaf⸗ ter Corruption. Nach einigen Kritiken, die ich hier in Grunows Zeitſchrift fand, trifft Dein Wort ſcharf und recht. Ich las nur ihre Biographie, in der ſie ſich immerfort über die Ehre freut, eine deutſche Schrift⸗ ſtellerin zu ſein. Ich freue mich keineswegs über die Ehre, es mit ihr zu ſein, dabei iſt ſie, wie alle Fleiſchkugeln, ein zart beſaitetes Gemüth. Unaufhörlich weint ſie, weil die Berührung der Welt dieſes Gemüth in ſolche Bewegung verſetzt. Die rauhe rohe Welt— konnte ſie dieſes Saitenſpiel nicht unangerührt laſſen? dann blieb es in der Ecke und tönte nicht. Und nun hat ſie noch dazu Schwindel. Neulich wurde ſie von zwei hilfreichen Jünglingen— die deutſche Jugend hat es noch nicht verlernt, ſich aufzuopfern— zwei Treppen hinauf zu einem ernſten, feierlichen, jungen Geſchichtsforſcher gebracht. Sie will einen hiſtoriſchen Namen an das Kreuz eines ſogenannten hiſtoriſchen 62² Romans ſchlagen, ein Buch iſt hier nothwendig, ja un⸗ entbehrlich, leider iſt es lateiniſch, das verſteht ſie nicht, der junge Geſchichtsforſcher ſoll ihr einen Auszug aus den zwei Bänden machen, eine kleine Mühe von acht Tagen. Das wird er doch gewiß thun, es iſt ja für die deutſche Schriftſtellerin, welche Familienmutter iſt. Einſtweilen fleht ſie um einen Faden ſchwarzer Seide, und eine Nadel, denn ſie iſt, während die Jugend ſie die Treppen hinauf unterſtützt hat, über ihr Kleid ge⸗ ſtolpert, und trägt die Hälfte davon abgeriſſen in der Hand. Die Frau des Geſchichtsforſchers bringt die nö⸗ thigen Utenſilien, Junia ſitzt, heftet ihr Kleid zuſammen, und trägt ihre Bitte vor. Der Geſchichtsforſcher verbeugt ſich, begleitet Junia bis an die Thür, Junia kommt unten an und weiß noch nicht, ob das lateiniſche Buch für ſie ausgezogen werden wird, ſie weiß es heute noch nicht. Sie hat es auch— unſchuldige Mutter!— nicht im Mindeſten gewußt, warum einer von den opferfähigen Jünglingen ſich am nächſten Morgen allein opfert, und ſie an ſeinem Arm zu allen Sehenswürdig⸗ keiten leitet, die eine oder zwei Treppen hoch ſind. Als er ſie endlich in den ſchönen Palaſtgarten gehgacht hat, da ſagt ſie ihm mit dankbarer Rührung:„nein, jetzt kann ich es nicht länger annehmen, daß Sie mir Ihren koſtbaren Morgen widmen, laſſen Sie mich hier . 63 unter den Kaſtanienbäumen nur ruhig ſitzen, meine Tochter wird gleich kommen, ich habe ihr hier Ren⸗ dezvous gegeben, wir ſind in der Nähe zu Mittag eingeladen.“ Der Jüngling, der den ganzen Morgen die Mutter geführt hat, ſieht ſich verabſchiedet, als die Tochter kommen ſoll, und dieſe Pſychologin ſchreibt „Skizzen aus dem Frauenherzen!“ Auf der Bibliothek bittet ſie um Werke wie das von Lepſius über die Hieroglyphen,„weil es ſie doch ſo gar amüſirt;“ mich behandelt ſie von oben herunter, weil ich nicht blos, „ihren Dickens“ leſe, ſondern auch Dumas, der,„geſtehen wir es, ſehr oft langweilig wird;“ und zu jeder Stunde des Tages und der Nacht riecht ſie nach Roſeneſſenz. Fräulein Ellrich riecht nicht nach Roſeneſſenz, aber doch verdirbt ſie die Luft, ſobald ſie in's Zimmer dringt. Emily— ſie nennt ſich Emily, wie Fazy ſich James nennt— iſt gelind ausgedrückt, eine kleine Peſt. Es haben es eine Menge Perſonen mit ihr verſucht— kein Verſuch iſt geglückt. Ein Amerikaner wollte ſie als Schützerin ſeiner Tochter mit nach den Pyramiden nehmen, unglücklicher Weiſe trank er allzugern Grog oder Genever, gleichviel— Emily wollte ihn bekehren, beſſern, und man ſagt, gebeſſert dann heiraten. Eine Verſion lautet: ſelbſt ungebeſſert. Er hat ſich aber weder in ſeinem alten, noch in einem möglichen neuen * ——— 64 Zuſtand nehmen laſſen wollen, ſondern ſchickte Emily ſogleich von Alexandria wieder zurück. Sie hat nicht eine einzige Pyramide geſehen und erklärt den Ameri⸗ kaner für— alles Unſägliche. Eine polniſche Gräfin kam und erbarmte ſich ihrer— ſolcher Gewürme er⸗ barmt man ſich unaufhörlich; ja wär's ein tüchtiges, bra⸗ ves Mädchen, könnte ſie kleine Stiche in feine Leinwand machen, ſo lange bis ihre Augen krank wären, oder allenfalls hier und da Artikel in Journale bringen, die ſchlecht zahlen. Emily dagegen ſteigt mit Amerika⸗ nern auf Dampfſchiffe und mit Gräfinnen in Eiſenbahn⸗ coupé's und fährt nach Alexandrien und nach Paris. Freilich kommt ſie immer bald wieder, auch in Paris hatte ſie ſich nicht lange heimiſch gefühlt, und konnte nicht abwarten, daß man ihr„den Succeß der Beecher Stowe verſchaffe.“ Genug, ſie iſt wieder hier, und ich habe das Glück, ſie zu ſtudiren. Häßliches Studium! Ich denke mir, der erſte Anblick eines völlig zerſtörten Organismus müßte in dem anatomiſchen Lehrling ein Gefühl erwecken, wie das, welches Emily Ellrich in mir hinterläßt, wenn ich ihrer Geſchäftigkeit eine Weile ge⸗ folgt bin. Es iſt eine unheilvolle Geſchäftigkeit, die des Hin⸗ und Hertragens, die des Abfragens und Wiederſagens und Verdrehens und Vergrößerns,— ich begreife nicht, wie das Mädchen es aushält, ohne 4 65 krank durch ſich ſelbſt zu werden. Wenn ſie nie etwas Ande⸗ res thut, als heute auseinanderreden und aufeinander⸗ hetzen, ſollte ſie, mein' ich, ſo müde werden, daß ſie aus Midigkeit an ſich ſelbſt endlich ſtürbe. Aber ſie befindet ſich wohl, das Handwerk gedeiht ihr. Sie läuft wie ein Wieſel, ſie horcht wie eine Maus, ſie guckt wie ein Eichhörn⸗ chen und ſie nagt wie eine Ratte, bald an ihren Nägeln, bald an einem unſichtbaren Etwas, das wie der Baron Stromfels ſarkaſtiſch andeutet, wohl der gute Ruf des Nächſten ſein dürfte. Dabei trägt ſie, wenn ſie nicht judasblütenfarben einhergeht, ein dunkelblaues Kleid zu dunkelgrünen Handſchuhen und vertheidigt unaufhörlich ihre Tugend, die nie angegriffen wird. Schade iſt es um die Wartensleben. Schon weil ſie ſchlank iſt. Ich liebe wie die Morgenländer, die ſemitiſchen natürlich, Geſtalten gleich Cypreſſen und Pappelſchößlingen. Mir dünkt, wenn ich Mann väre, ich möchte meine Geliebte mit meinen Händen umfaſſen und hinwegheben können. Daß ich ſelbſt ſchlank bin, macht mich darin nicht irre, ich finde es eine thörichte Heuchelei, etwas, das uns gefällt, nicht zu loben, weil wir ſelbſt es haben oder ſind. Kurz, die Wartensleben gefällt mir, erſtens, weil ſie ſchlank, zweitens, weil ſie aus der Geſellſchaft iſt. Wenn ſie nur nicht ſo thöricht wäre! Wenn ſie ſich nur nicht immer als Poetin an⸗ Ida von Düringsfeld. Die Literaten. I. 5 66 kündigte, ohne daß bisher noch irgend Jemand eine Strophe von ihr gedruckt geſehen hätte! Wenn ich ſie nur mit einer Handbewegung als Herrin in ein weißes Schloß, in einen Park, an einen„Weiher“ verſetzen, ihr Haushalt, Gemahl, Kinder, Frauenwürde und Frauen⸗ lieblichkeit geben könnte! Es gibt wirklich eine Menge weiblicher Weſen, die Frauen ſein müſſen, um vollkom⸗ men zu werden. Rankennaturen, welche gehoben werden müſſen, um aufwärts zu können. Das alte Gleichniß. Wie die mittelmäßigen Männer, und— nimm es mir nicht übel— einige fanatiſch weibliche Frauen verlan⸗ gen— das unumgängliche Soll. Oder thuſt Du nicht immer, als würdeſt Du geſtützt? Stellſt Du Dich nicht, als glaubteſt Du ernſthaft, daß unſer lieber Prä⸗ ſident auch in der Ehe präſidire? Zum Glück glaubt es Dir Niemand. Du ſpielſt die Komödie der weib⸗ lichen Schwäche allerliebſt, aber Du machſt einem doch nicht weiß, daß Du nicht Komödie ſpielſt. Viele aber, wie die Wartensleben z. B. ſind ſchwach und wollen die Komödie der Stärke ſpielen. Das arme Kind— trotz ihrer vierzig Jahr iſt ſie's— bedarf es dermaßen gehalten zu werden, daß ſie ſich in einer angenommenen ſtummen Liebe einen Halt phantaſirt. Wer dieſe ſtumme Liebe zu ihr hegen und mit dem Zagen der Scham bedecken ſoll— es klingt kaum glaublich, aber es iſt eine ſie ßes zen, ien⸗ nge om⸗ den niß. mir an⸗ Du HDich rä⸗ ubt eib och ber, die rotz ßen nen ame am ſ — Devries. Als ob ein gereifter dramatiſcher Künſtler, der eine Indigeſtion von dergleichen weiblichen Anbetun⸗ gen haben muß, um noch zu lieben, ein Mädchen von Vierzig wählen würde, welche Nichts hätte als einen alten Namen? Alte Namen fehlen auf ſeiner Liſte nicht, nur getragen von Jugend, Schönheit, Stel⸗ lung. Die Thorheit iſt ſo grundlos, daß man melancholiſch darüber wird. Von allen weiblichen Verirrungen iſt die des Herzens, welches ſich an einen Mann hängt, der ſeiner ſpottet und Recht zu dieſem Spotte hat, die Kläglichſte. Du weißt, mich haben die unglücklich liebenden Frauen immer ſehr wenig gerührt. Eigentlich ſind ſie mir ſtets unerträglich geweſen. Weißt Du noch, wie ich Kleiſt's Käthchen aus dem Fenſter des Dampfbootes warf. Es war wirklich zu nichts Anderm gut, als im Rhein zu treiben, ja, das Grab in ihm war noch zu ehrenvoll für dieſen Hymnus auf die weibliche Erniedrigung. Die Frau ſoll nicht knieen, die Wartensleben ſoll ſich nicht einbilden, Devries anzubeten, und vor Allem ſoll ſie mich nicht zur Vertrauten machen, wozu ſie eine ganz ungebührliche Neigung zeigt. . Wer Dir gefallen würde, das iſt die Merkel, das iſt eine Frau nach Deiner Vorſchrift. Sie hat für ſich Nichts, nicht einmal Mitleid, wenn ihre Güte gemiß⸗ 5* 68 braucht wird. Dank verlangt ſie nicht, bekommt ſie ihn unverſehens, ſo iſt ſie außerordentlich dankbar dafür. Dabei glaubt ſie, daß es ihr von den Menſchen gut gehe, ihrer Idee nach liebt man ſie, wie ſie es verdient. Sie iſt ja nicht geiſtreich, wie ihre Gäſte, ſchreibt nicht, hat keine gereimte Erinnerungen in ihrer Mappe— ſie iſt ihrer Meinung nach eine höchſt unbedeutende Frau. Du weißt es doch, daß ihr Haus die Caravanſerei der Lite⸗ ratur und Kunſt iſt? das halbe ſchreibende, malende, meißelnde, ſingende und ſpielende Europa iſt hindurch gezogen, hat von ihr Gaſtfreundſchaft angenommen und ihr dafür Bild, Buch oder Albumblatt, zurückgelaſſen. Das iſt der Lohn dieſer unermüdlichen Martha, welche ſchafft, daß der Genius ſeine Abendkoſt erhalte. Leider hat auch ſie nicht das beſſere Theil erwählt, ganz wie die Martha in der Schrift. Du weißt, das Gleichniß von Martha und Maria mochte mir nie in den Kopf ich nahm immer Partei für Martha, ganz wie ich ſie jetzt für die Merkel nehme. Sie iſt wirklich hundert Mal geſcheidter, als die Hälfte der Damen, welche auf ſie herabblicken. Das iſt ihr jedoch nicht beizubringen, ſie hat Deine Manie, ſie gibt ſich täglich und ſtündlich auf, ja, ſie hat ſich ein für alle Mal aufgegeben und bewundert mit einem wahren Heroismus der Demuth Alles, was nicht ſie iſt. 3 und iſſen. elche eidet wie hniß dopf, ſie ꝛdert auf dlich und nuth 69 Der Himmel verzeihe Euch, Ihr vortrefflichen Frauen, Ihr macht den übrigen, dem armen Geſchlecht im All⸗ gemeinen das Handwerk ſo ſchwer. Grüße Deinen„Herrn“ von Cäcilie.“ Sechſtes Capitel. Ein kluger Hofrath. Als die ferne Freundin dieſen langen, raſch, aber trotzdem feſt und gedrängt geſchriebenen Brief durchlas, wußte ſie, daß Cäcilie, als ſie ihn abfaßte, ſich in einer ihrer unruhigſten Verſtimmungen befunden hatte. Nur in Stunden, wo ihr an ihren Umgebungen und an ſich ſelbſt nichts recht war, urtheilte ſie mit ſolcher ſchonungs⸗ loſen Schärfe. In der That wußte Cäcilie eben nicht recht aus noch ein, ſowohl in ſich wie in der Welt. Wie das kam, hätte ſicher Niemand errathen. Sie fand keine Oppoſition. Was ſie that, das hatten vor ihr zwan⸗ zig, dreißig gethan. So und ſo viel Fräuleins wohn⸗ ten, reisten allein, nahmen Männerbeſuche an, und es wurde gar nicht darnach gefragt, es verſtand ſich von ſelbſt, ber as, ner Nur ſich gs⸗ aus das ine un⸗ hn⸗ es bſt, 71 es war das natürlichſte von der Welt. Was Cäcilie ſeit Jahren als einen energiſch gefaßten Entſchluß mit dem Bewußtſein ungewöhnlicher Kraft in ſich gehegt, was der Vater ſo ſchwer nachgegeben, die Freundin ſo angſt⸗ und liebevoll bekämpft, die Mutter ſo vornehm verurtheilt hatte, das erſchien ihr jetzt, wo es in der Ausführung begriffen war, albern und nicht der Rede werth, denn es ſchien alltäglich. „Mir kommt es vor, als wäre ich zu einem Feld⸗ zug gegen Windmühlen ausgerückt,“ ſagte ſie eines Ta⸗ ges humoriſtiſch verdroſſen zum Hofrath Stamm, dem liebenswürdigen Hiſtoriographen der Frauen, der zugleich ein praktiſcher Kulturhiſtoriker war. In ſeinem kleinen Hauſe, welches ein großes Muſeum war, wo er einem Alles, was er beſchrieben hatte, vor Augen legte und in die Hände gab, brachte Cäcilie oft viele Stunden zu. Bei ihm lernte ſie, indem ihr Fernes anſchaulich nah gerückt wurde und ſie vom Nahen ausgehend dann wieder nach andern Richtungen hin in die Ferne combiniren konnte. Cäcilie war gerade eine von den ſyſtematiſchen Intelli⸗ genzen, welche Sammlungen ihrer Totalität nach in ſich aufnehmen und dann doch ſpeciellen Nutzen daraus zie⸗ hen können. Das gefiel dem Kulturhiſtoriker außeror⸗ dentlich. Er ſchickte ſich wohl in die Launen derer, die nur Einzelnes ſehen wollten, aber am liebſten zeigte er 7² doch, wo er in ruhiger Folge, gleichſam alphabetiſch zei⸗ gen konnte. Bei Cäcilien wurde er's nicht müde und ſie auch nicht. Dieſem Nachmittag hatten ſie die Fächer durchgeſehen und ſich an dem Projekt vergnügt, zu je⸗ dem Fächer je nach der Nationalität und der Epoche ein feines, farbiges Frauenemail zu malen, natürlich nur mit den Farben, welche im Dintenfaſſe ſind. Sie woll⸗ ten das gemeinſchaftlich thun. Stamm ſollte die Farben ausſuchen, Cäcilie wollte malen. Der letzte Fächer gehörte einer nordiſchen weiblichen Be⸗ rühmtheit: ſie hatte ihn an einem italieniſchen Hofe getragen, deſſen Fürſt ſie ſehr freundlich empfangen hatte, eine verſchwendete Freundlichkeit, indem ſie ihm ſpäter in ihrem Reiſebuche eine unbarmherzige Strafrede über ſeine Regierungsweiſe hielt. Stamm ſagte:„bei dieſem muß die geiſtig emancipirte Europäerin geſchildert werden.“ Damit geriethen ſie in das Thema hinein, welches ſeit dreißig Jahren in ſämmtlichen Literaturen ſo unendlich variirt worden iſt, und Cäcilie that die Aeußerung vom Feldzug gegen die Windmühlen. Stamm lächelte ſie aus ſeinen hellen, klugen Augen ſchelmiſch an und fragte:„Wird’'s Ihnen nicht ſchwer genug?“ Sie blickte ihrem alten Freund, denn das war er ihr in den wenigen Wochen geworden, überraſcht in das 73 Geſicht.„Ich glaube, Sie haben's getroffen!“ ſagte ſie lebhafter, als es ſonſt ihre Art war.„Ich habe ein Martyrium für meine Ueberzeugung gehofft. Daß man ſich ſo auf der alleralltäglichſten Eitelkeit ertappen muß!“ ſetzte ſie mit bedenklichem Kopfſchütteln hinzu. „Schadet weiter nichts,“ erwiderte der kleine, hei⸗ tere Mann mit gutmüthigem Humor.„Warum ſoll ein junges Mädchen ſich nicht gern ein Bischen martern laſſen? Es haben ernſthafte Männer dieſe Paſſion ge⸗ habt. Eitelkeit iſt ganz gut, wenn ſie klein iſt, da thut ſie manchmal gar hübſche und ſchöne Dinge.“ „Etwas Eitelkeit will ich mir ja gern verzeihen, ich weiß, ganz ohne ſie kommt man nicht davon,“ meinte Cäcilie,„aber gerade dieſe, die erbärmlichſte, die groß thut mit dem Beſten, was wir haben, mit einer feſten freien Ueberzeugung— ich ſchäme mich recht, lieber Hofrath.“ „Schämen Sie ſich nicht, liebes Fräulein, ſein Sie zufrieden mit ſich, Sie können's. Glauben Sie's einem alten Frauenpraktikus, der's weiß, wo Ihr Geſchlecht es ehrlich meint. Nur wollen Sie nicht zu hoch hinaus mit ſich. Seien Sie—“ ſetzte der Hofrath fein hinzu, „nicht gar zu ſehr moraliſche Ariſtokratin.“ „Aber, Herr Hofrath, Sie ſind ja ein Hexenmei⸗ ſter!“ rief Cäcilie, immer mehr aus ihrer Ruhe in die 74 Erregung hineinkommend, wodurch ſie nebenbei dem ält⸗ lichen wohlwollenden Herrn immer mehr gefiel.„Das iſt's ja eben, daß ich immer etwas Beſonderes ſein will, und jetzt ſehe, daß ich eben nur eine von Vielen bin, was mich innerlich ſo aufbringt, daß ich auch äußerlich ganz ſtachelicht werde.“ „Hab's gemerkt,“ erwiderte Hofrath Stamm herz⸗ lich lachend,„Sie haben ſich die letzten Tage beſonders immer geſträubt, wie ein kleiner allerliebſter Igel, ſo oft Ihnen eine Collegin zu nahe kam. Nun, ich kann's Ihnen nicht verdenken— wir haben hier des Guten zu viel, finde doch ſelbſt ich, deſſen Metier das Studium der weiblichen Varietäten iſt, daß ich bisweilen das lite⸗ rariſche Material in gar zu großem Vorrath habe. Aber darum dürfen Sie ſich wiederum nicht zu viel thun: Sie ſind eine unter Vielen, aber nicht eine von Vielen, im Gegentheile, es giebt nicht Viele wie Sie, und das iſt auch ganz gut, die Sorte würde an Selten⸗ heit und an Werth verlieren. Darum ärgern Sie ſich nicht: verwechſelt mit der allgemeinen Waare können Sie werden, auch durch ſie eine Zeit lang verdrängt vom Markte, aber dazu gehören, nie, nämlich für ſich ſelbſt und für den Kenner.“ „Wie Sie einer zu ſein ſcheinen, Sie heilloſer Hofrath,“ ſagte Cäcilie, die allmählich über und über 75 erröthet war,„denn Sie machen mir wahrhaftig Com⸗ plimente.“ „Verſteht ſich und warum nicht? Warum ſoll ich einer jungen Dame nicht Complimente machen? Iſt ſogar meine Pflicht und Schuldigkeit— was die jun⸗ gen Männer nicht mehr thun, müſſen wir alten thun, damit's doch überhaupt noch gethan werde.“ „Iſt's denn unumgänglich nöthig?“ „Ganz und gar unumgänglich nöthig,“ antwortete der joviale Mann mit großem Ernſt,„kleine Kinder brau⸗ chen Milch, Jungen Prügel, junge Damen von Zeit zu Zeit ein Paar hübſche niedliche Artigkeiten. Leider bekommen Alle Alles ſelten gut an Qualität und genug an Quantität, aber dafür kann ich nicht,— ich kann nicht für Alle ſorgen. Was ich vermag, das thu' ich, darum hab' ich Ihnen jetzt auch meine Mei⸗ nung über Sie ſelbſt geſagt. Glauben Sie mir, es wird Ihnen das Gefühl, daß es irgendwo ein alter Knabe ſo recht väterlich gut mit Ihnen meint, bald recht Noth thun, wenn— Sie nicht etwa von hier direkt wieder nach Hauſe reiſen wollen?“ Cäcilie ſah ihn ſehr überraſcht an, er begegnete der Frage in ihren Augen mit der Antwort eines treu⸗ herzigen Lächelns.„Es wäre ohne allen Zweifel das Beſte,“ ſagte er dann.„Meine Frau und ich haben ———— erſt geſtern von Ihnen geſprochen und darin ganz über⸗ eingeſtimmt. Komm her und hilf mir,“ wandte er ſich an die Hofräthin, welche in einiger Entfernung ſtehend, bisher ſchweigend, wenn gleich mit ſichtlichem Antheil zugehört hatte. Die kleine Geſtalt, noch immer rührig und fein, obwohl ſie längſt ſelbſt über die zweite Jugend hinaus war, kam raſch herbei. Die Hofräthin Stamm hatte ein Geſicht, welches man nur mit dem Worte„öächt⸗ mütterlich“ bezeichnen konnte. Das ſorgliche behütende Gefühl, welches ſich bei einer tüchtigen, weiblichen Na⸗ tur ſchon im kleinen Mädchen offenbart, wenn es die Puppe zudeckt, oder dem kleinen Bruder vormoraliſirt, war bei der Hofräthin zur vollkommenſten Entwicklung gediehen. Sie ſorgte für ihren Mann ſo gut, wie für ſein Muſeum und die ganze Welt, ſo weit ſie ihr näm⸗ lich nahe lag— in das Humanitätsbeſtrebeln hatte ſie ſich zum Glück des Hofraths nie eingelaſſen. Aber wo's galt, war ſie da, und dachte ſtets zuerſt an's Nöthige. Als Revolution geweſen und dann glücklich beendet worden war, da war der erſte Gedanke der Hofräthin, nach einem Lobe gegen Gott, an ein recht enormes Warmbier für die armen, fremden Soldaten, welche den Bürgerkrieg mit ihrem Blut gelöſcht hatten. Als ihr das erſte Enkelkind geboren worden war, 77 ſchilderte ihr Mann ſie ſehr richtig durch die Verſiche⸗ rung:„jeder Zoll an ihr iſt Großmutter.“ Sollte die Schwiegertochter die Familie vermehren, ſo wurden vor Allem Sohn und Papa aus dem Hauſe geſchafft,„denn ſie ſtehen nur im Wege,“ ſagte die Hofräthin,„und man muß zuletzt noch gar auf ſie Acht geben. Schreit der kleine Menſch erſt, ſo dürfen ſie wieder herein.“ Man ſieht, die Hofräthin war keine Griſeldis, ſie kannte ihre Rechte, und führte das Regiment da, wo es der Hausfrau zukommt. Cäcilie hatte dieſe wackere Frau ſehr lieb, ja, ſie bemerkte zu ihrem Erſtaunen, daß ſie dieſelbe verehrte, was ihr ſelten begegnete. Auch die Hofräthin hatte Fräulein von Platen ſehr gern, die Folge war mütterliches Sorgen und eine große Be⸗ kümmerniß um die Zukunft dieſes jungen, unverdorbenen Weſens auf ihrem ungewöhnlichen Wege.„Denn unge⸗ wöhnlich iſt dieſer Weg immer, liebes Fräulein,“ ſagte die Hofräthin zum Schluß des Zuredens, durch welches ſie die Andeutung ihres Mannes über die Rückkehr Cäciliens in die Familie dringend unterſtützt hatte. „Sie halten ihn in dieſem Augenblicke für betretener, als er wirklich iſt, ſelbſt von Perſonen in reiferen Jah⸗ ren. Junge Damen Ihres Alters ſchlagen ihn doch im⸗ mer nur ausnahmsweiſe ein.“. „Und das zum Glück,“ nahm der Hofrath jetzt wieder das Wort.„Stellen Sie ſich doch vor, liebes Kind— Sie nehmen mir's nicht übel, daß ich Sie ſo heiße, aber ich könnte beinahe Ihr Großvater ſein—“ Cäcilie antwortete, indem ſie ihm die Hand gab, er be⸗ hielt ſie und fuhr fort:„ſtellen Sie ſich alſo vor, was für eine Geſchichte es geben würde, wenn alle jungen Mädchen, denen Papa und Mama es nicht recht machen, ſo gleich auf eigene Hand in die weite Welt wollten? Die ganze Familie ginge ja auseinander.“— „Lieber Hofrath, die meiſten jungen Mädchen haben es weit lieber, daß für ſie geſorgt werde, als daß ſie daran denken ſollten, für ſich ſelber zu ſorgen. Für das Zuſammenbleiben der Familie iſt alſo nicht zu fürchten. „Sie haben doch hoffentlich Nichts gegen die Fa⸗ milie?“ fragte die Hofräthin. „Ich? behüte mich der Himmel! Sie iſt wie jede Aſſociation auf den Vortheil der Schwachen berechnet und darum höchſt nothwendig, denn die Schwachen ſind die Mehrheit.“ „Zu den Starken im Verhältniß von Tauſend zu Eins. Nun aber was weiter?“ „Ich wollte eben vom Starken anfangen, aber da merkte ich, daß ich auf dem Wege zu einer Citation war und Citationen kann ich nicht leiden.“ 79 „Ich auch nicht, um ſo mehr, wenn die Citation in einem falſchen Satz beſteht, und das iſt mit der, welche Sie verſchwiegen haben, ganz und gar nicht der Fall.„Der Starke ſteht am mächtigſten allein,“ iſt völlig unwahr. Dem ſtarken Tell hat ſein Alleinſtehen herzlich wenig genutzt, und noch weniger der Schweiz. Der Drei⸗ bund auf dem Rütli hat ſie befreit. Folglich iſt es nicht gut, daß der Menſch allein ſtehe, ſelbſt nicht der ſtarke und noch viel weniger ein ſo junges Fräulein. Fragen Sie mal bei den jungen Mädchen nach, die allein in die Welt hinaus müſſen, weil draußen vielleicht ein Stückchen Brod liegt, welches ſie im Hauſe nicht finden und Sie werden Ihre Freude hören.“ „Lieber Hofrath, werden Sie nicht etwa pathetiſch über Fräulein Ellrichs engliſche Gouvernantenſchickſale,“ bat Cäcilia drollig. „Fällt mir nicht ein,“ antwortete der Hofrath humoriſtiſch.„Kommt Fräulein Ellrich in's Spiel, ſo iſt alle Mal nur die Familie zu bedauern, die ſie erdulden muß. Aber nicht alle Gouvernanten ſind ſolche charmante kleine— Thierchen, und die gute Kinder ſind, haben's oft recht ſchwer, das können Sie mir glauben.“ „Aber ich will ja auch keine Gouvernante werden?“ „Ganz recht.“ „Brauche mir auch mein Stück Brod nicht zu verdienen.“ 80 „Können Kuchen für Ihr eigenes Geld eſſen— ſehr wahr.“ „Habe einen Namen, der in der Geſellſchaft Cours hat.“ „Wenn ſie mit Ihrem Vater oder Ihrer Mutter kommen, oder auch nur mit einer Tante, einer Couſine, einer Freundin. Kommen Sie allein, nicht. Oder Sie müßten dann ſehr reich ſein und ein wirkliches, großar⸗ tiges Haus ausmachen können und wollen— dann, ja, ging es allenfalls, daß Sie allein lebten.“ „Nein,“ ſagte Cäcilie aufrichtig,„ſo groß iſt mein Vermögen nicht. Ich habe weit mehr als ich brauche, aber nicht genug zum Großreichthum.“ „Dann hilft Ihnen Ihr Name gar Nichts,“ ent⸗ ſchied der Hofrath.. „Im Gegentheil, er ſchadet Ihnen,“ ſetzte die Hof⸗ räthin hinzu. Cäciliens Antlitz färbte ſich mit dem Purpur des beleidigten Stolzes.„Glauben Sie, mir könnten Thüren geſchloſſen werden?“ fragte ſie. „Wenn es geſchehen ſollte, ſo denken Sie daran, daß es nicht vor Ihnen, ſondern vor der Emancipa⸗ tion iſt.“ „Diplomatiſch ſich aus einer ſchwierigen Antwort herausgewunden,“ ſagte Cäcilie, durch den guten Blick 1 81 des kleinen lieben Mannes ſchon wieder verſöhnt. „Aber, lieber Hofrath, bis jetzt hab' ich's noch nicht erfahren.“ „Wo haben Sie denn angeklopft? In Hänſern, wo man daran gewöhnt iſt, Frauen allein eintreten zu ſehen. Deren werden Sie auch überall, dieſes oder jenes finden, aber— eine Schwalbe macht keinen Som⸗ mer und ein Haus, ſelbſt mehrere Häuſer machen nicht die Geſellſchaft aus.“ „Und Sie meinen in Häuſern, wo das Herkommen Portier iſt,—“ „Würde ich es an Ihrer Stelle nicht erſt ver⸗ ſuchen, meine Karte abzugeben,“ antwortete der Hofrath mit dem Freimuth der Freundſchaft, die nicht ſchont, wo Schonung Schaden brächte.„Sehen Sie, hier ſind wir ſeit dem vorigen Jahrhundert her an weibliche Einflüſſe gewöhnt, und ſie haben das ganze Element unſerer Geſelligkeit modificirt. Man iſt nirgends in Deutſchland ſo nachſichtig gegen die weibliche Individua⸗ lität, wie hier, denn nirgends hat die Schönheit ſo un⸗ umſchränkt geherrſcht.“ „Als Maitreſſe des Fürſtenhauſes,“ warf Cäcilie verächtlich dazwiſchen. „Das war damals der Modus, durch welchen ſie regierte. Jedes Jahrhundert hat ſeine eigene Moral: Ida von Düringsfeld. Die Literaten. I. 6 8² was in unſerm Degravation und Skandal wäre, das war im vorigen Galanterie und erlaubte poetiſche Licenz. Das Faktum der weiblichen Herrſchaft ſteht feſt, und die Nachwirkung derſelben bis in unſere Gegenwart wird eben in der größern Unbefangenheit ſichtbar, mit der wir das Ungewöhnliche in und an den Frauen an⸗ nehmen und gelten laſſen. Darum ſind Sie hier nicht aufgefallen, wenigſtens nicht in den Kreiſen, die über⸗ haupt zugänglich ſind. In den Häuſern, wo unſer Adel wohnt, ſelbſt nur zur Miethe, würden Sie einen andern Empfang finden, nämlich gar keinen, und das⸗ ſelbe werden Sie anderswo noch häufiger erfahren, wenn Sie ſich ſolchen Erfahrungen ausſetzen wollen. Ich an Ihrer Stelle würd' es nicht thun. Ich reiſte nach Hauſe und ſagte: Papa und Mama, hier bin ich wie⸗ der, oder wollen Sie das nicht, ſo würde ich mir ſagen: ich habe mich freiwillig vereinzelt hingeſtellt, ſo will ich denn nun auch einzeln und frei daſtehen, und Niemand ſuchen, ſondern warten bis man mich ſucht.“ „So werde ich es machen, mein lieber, weiſer Freund!“ ſagte Cäcilie ſanft. „Das will ſagen: Sie gehen nicht nach Hauſe?“ „Das will ſagen: Ich kann es nicht.“ „Und will es nicht. Nun, es ließ ſich erwarten. Ich hab' auch nur meine Pflicht thun wollen, indem ich 83 Sie warnte. Jetzt thun Sie, was Sie nicht laſſen können, und der liebe Gott laß' es Ihnen zum Heil ausſchlagen. War das nicht der Dr. Wiesner, der durch's Stacket ſah?“ unterbrach hier der Hofrath ſich. „Ja, es iſt ſchon zum dritten oder vierten Male, daß er hier vorbei ſpaziert,“ antwortete die Hofräthin und ſetzte, mit einem Blick auf Cäcilie, lächelnd hinzu: „Ich glaube nicht, daß er unſertwegen hier immer Staubbäder nimmt, denn ich hab' ihn auch vergangene Woche öfter geſehen.“ „Da können Sie ja gleich Ihre Selbſtſtändigkeit und Ihre Klugheit zugleich anwenden, indem Sie den Mann als Courmacher abweiſen und ſich doch aus dem Journaliſten keinen Feind machen,“ meinte der Hofrath ein wenig boshaft, während er ſeitwärts nach Cäcilie hinblinzelte. „Wollen Sie mir dabei helfen?“ fragte ſie. „Verzeihung,“ antwortete er mit einer ſehr ehrer⸗ bietigen Verneigung,„junge emancipirte Damen müſſen alle dergleichen Geſchäfte ſelbſt abmachen.“ „Es wird mir nicht ſchwer fallen,“ ſprach Cäcilie, die an Seraphs Verabſchiedung dachte, mit ruhigem Selbſtvertrauen. Siebentes Capitel. Ein would-be Satan. Es iſt jedenfalls leichter, einen Seraph zu verab⸗ ſchieden, beſonders wenn er aus herabgekommenem Adel i*ſt, und folglich ſchon ein gutes Theil Reſignation ge⸗ lernt hat, als einen Doktor der Philoſophie, der ſich einbildet, Hegel ſtudirt zu haben, und noch obenein Journaliſt, d. h. nach Doktor Wiesners Verſion, ein Teufel iſt. Nicht, daß Doktor Wiesner einer geweſen wäre. Behüte. Es hat noch nie ein Menſchenkind weniger Diabolik in ſich gehabt, als der gute blonde Doktor Wiesner. Wie hätten auch ſeine Eltern zu einem diaboliſcen Sohne kommen ſollen? Es waren die netteſten, geſetz⸗ und polizeimäßigſten Leute, die man ſich vorſtellen kann. Der Vater, das Muſter eines Regierungs⸗ ———,.,——————-———— —— — ib⸗ del ge⸗ ſich ein ein tre. ger tor nem die ſich gs⸗ 85⁵ rathes, die Mutter das Ideal einer Dame aus dem höhern Beamtenſtande, gebildet, gehalten, vortrefflich. Heinrich, ſo hieß Wiesner mit dem Vornamen, hörte und ſah Nichts, was nicht anſtändig und paſſend ge⸗ weſen wäre. Auch ſchlugen alle ſeine Geſchwiſter ein, nur er ſchlug aus der Art. Er allein von ſeinen Brüdern wollte nicht in die gerade Carriere hin⸗ ein, die von der Univerfität zur Beamtenſtellung führt. Er meinte, wie er berechtigt ſei, ſich ſeinen Gott zu denken, ſo ſei er auch berechtigt, ſich ſei⸗ nen Staat zu denken. Der Staat wollte aber nicht von Heinrich Wiesner umgedacht werden, das konnte man dem Staate nicht verdenken; ſollte ſolch ein unglücklicher Staat ſich ſo oft umwandeln, wie junge Lebensſchüler ihn ſich anders zu denken belieben, ſo wäre ja gegen ihn das Chamäleon, wie man es ſich ehemals phantaſirte, noch gleichfarbig, oder eine Wind⸗ fahne noch ſtabil. Kurz, der Staat lehnte es ab, ſich von Heinrich Wiesner ummodeln zu laſſen, und Heinrich Wiesner empfand ſich als politiſch compromittirt, eine Empfindung, die ihm einen ungemeinen Genuß ver⸗ ſchaffen mußte, denn er wollte gar nicht wieder davon loslaſſen. Materiell hatte dieſe Einbildung die ſehr be⸗ denkliche Folge, daß Heinrich ſeine Examina nicht machte. „Wozu erſt mich quälen?“ fragte er mit der ſüßen Me⸗ 86 lancholie des Compromittirten,„meine Carriere iſt ja doch ruinirt.“„Mache nur zuerſt die Examina, dann wird die Carriere ſich auch noch machen laſſen,“ er⸗ mahnte der Vater, aber das war für einen Compro⸗ mittirten zu alltäglich.„Es wäre eine Conceſſion an unſere ſtaatliche Miſére,“ ſprach Heinrich erhaben und ſchrieb lieber einen Roman und zwar gleich einen in drei Bänden. Zwei thaten'’s doch nicht, na⸗ türlich, in denen war zu wenig Raum für die„Gi⸗ ganten,“ die dem Buche den Namen und den Inhalt gaben, da dieſe Giganten nach der geiſtigen Elle Hein⸗ richs abgemeſſen waren, ſo geriethen ſie etwas pygmäen⸗ haft, ihr Schöpfer bewunderte ſie aber doch ſehr und fand ſie ſehr groß.„Mit ſolchen Gebilden erſtürmt man den Olymp,“ ſprach er feierlich zu ſich ſelbſt, als er dies letzte Wort ſeines erſten Werkes geſchrieben hatte, daß es mit der Giganten Erſtürmung des Olymps mißlich abgelaufen war, vergaß er; vielleicht hatte er es auch nie gewußt. Genug, er ſprach ſeine ſtolze Phraſe aus und richtete ſein blondes Haupt herausfordernd empor. Gleich darauf ſenkte er es gedanken⸗ und ſorgen⸗ ſchwer? es galt was ſchwerer iſt als die Erſtürmung des Olymps, es galt die Erweichung eines Verleger⸗ herzens. Zum Glück oder zum Unglück fand ſich eines, noch dazu das eines der Autokraten, welche durch ro⸗ an ind nen na⸗ Gi⸗ alt ein⸗ ten⸗ und nan er ttte, nps er raſe ernd gen⸗ ung ger⸗ nes, urch 87 ihren Verlag Talent⸗ und Klaſſicitätsdiplome ertheilen. Dieſer Herrſcher de par la presse octroyirte die Gi⸗ ganten dem leſenden Deutſchland und kommandirte es in ſo und ſo vielen Artikeln zum Leſen derſelben. Deutſch⸗ land gehorcht gewöhnlich in ſolchen Fällen gern, aber hier brachte es ſeinen Gehorſam doch nicht weiter als bis zu hundert und zwanzig Exemplaren. Das hat Heinrich Wiesner dem Verleger, ſeinem Schöpfer, nie geglaubt. Immer wiederholte er, in ſeinen weiblich fleiſchßigen Händen die Recenſionen, welche Spalte auf Spalte füllten:„es iſt unmöglich, es iſt rein unmöglich.“ Das ermunternde Beiſpiel des großen Verlegers wirkte. Ein kleiner Verleger nahm einen zweiten Roman Heinrichs nicht nur mit offenen Armen, ſondern auch mit offener Börſe auf. Mit ſeinem erſten Honorar und einiger Hülfe vom Vater ging Heinrich Wiesner, der bisher noch immer Sohn vom Hauſe geweſen war, ernſt⸗ lich unter die Literaten. Unter die Literaten gehen hat heute in Deutſch⸗ land für viele Leute noch den Begriff, den im vorigen Jahrhundert„unter die Soldaten gehen“ hatte.„Sie haben nichts Ordentliches werden können, ſie ſind Lite⸗ raten geworden,“ ſagen dieſe klugen Leute, die etwas Ordentliches ſind, d. h. Alles, nur keine Kämpfer in der Schlacht der Geiſter, nur keine Bergleute in den 88 Schachten der ewigen Schätze, nur keine Arbeiter im Dienſte des Unſichtbaren, denn das Alles und noch mehr: Erfinder, Erdenker, Wiſſer und Prieſter, ſoll der wahre Literat ſein. Alle ſind's freilich nicht, ſogar nur Wenige. Viele werden Pandwerfer kommen in die Routine, nutzen ſich darin ab, ſind endlich nur noch Wiederſager und Ab⸗ ſchreiber. Aber ſelbſt auf dieſer Stufe können Geſinnung und Ehrenhaftigkeit Stich halten, halten auch, Gott ſei Dank, bei zwei Dritteln wirklich Stich.“ Das ungefähr ſagte Cäcilie zu Heinrich Wiesner, als er ihr an einem Nachmittage gegen fünf Uhr ſeine blonde Gegenwart ſchenkte, von Heinrich Wiesner kann man mit dieſem etwas allzubildlichen Ausdruck ſprechen, an ihm war nicht blos ſein Haar blond, ſondern Phi⸗ ſiognomie, Charakter, Intelligenz, Alles— nur leider blond, wie unausgebackenes Weißbrod es iſt. Die arme Cäcilie hatte es wirklich ſchlimm. Der ganze Theil des literariſchen Zigeunerthums, welches ſich eben unter den grünen Kupferdächern der Rococco⸗ paläſte dieſer Reſidenz herumtrieb, ſah ſie als Perſon an, die unaufhörlich beſucht werden könne, von acht Uhr Morgens bis acht Uhr Abends. Von acht Uhr an war glücklicher Weiſe Alles untergebracht, ſei es zum Thee bei einer verſtehenden Seele, ſei es zum Abendeſſen bei einer li⸗ 89 terariſchen Großmacht, welcher Ehrfurcht erwieſen wurde, endlich in einer Villa oder in einem Schlößchen, in einer Schlucht oder in einem Walde. Wären zwiſchen acht und zehn noch Vagabunden ſtatthaft geweſen, Cäcilie hätte auch dieſe beiden Stunden nicht frei gehabt, daß nach zehn kein Beſuch mehr gemacht werden konnte, verſtand ſich in dem hieſigen Leben von ſelbſt. Was ſo ſehr zu Cäcilien hinzog, war nicht etwa die Sympathie, welche ſie einflößte, nicht ihre unläugbare Originalität, noch irgend etwas von dem, was ſie war oder noch werden konnte, es waren— ihre Ohren. Von der Natur zu einem einſammelnden, aufnehmenden Weſen organiſirt, dagegen ſelbſt des Sichausgebens wenig bedürftig, hörte ſie vortrefflich zu. Frau von Amſtetter pflegte von ihr zu ſagen, ſie habe zwei Ohren mehr als jeder andere Menſch, nämlich ihre Augen, ſo emſig nahm ſie damit den Leuten das Wort vom Munde, noch bevor es geſpro⸗ chen war. Dieſe Eigenſchaft des Hörens nun iſt in jedem Kreiſe eine ſchätzbare, in einem literariſchen oder künſt⸗ leriſchen wird ſie geradeweges zu einer unſchätzbaren. Es hat jemand irgendwo geſagt, wenn zwei Franzoſen im Geſpräch wären, könne man an ihren Phyſiognomieen unfehlbar erkennen, wer von beiden gerade ſich ſelbſt zum Thema der Unterhaltung habe, denn er ſehe befrie⸗ digt aus, dem Andern dagegen, der eben nicht von ſich 90 ſprechen könne, ſehe man das unverkennbare Unbehagen an. Daſſelbe läßt ſich mit eben ſolchem Rechte im Allge⸗ meinen von Künſtlern und Literaten ſagen. Unter hun⸗ dert ſind neunzig doch erſt zufrieden, thauen erſt auf, werden erſt lebhaft, wenn ſie ihr liebes Ich und die Multipli⸗ cationen des lieben Ich, die Bilder, Bücher und Lieder, die ſie zu Schöpfern haben, vorbringen, vortragen, vor⸗ zeigen, vorleſen oder vorſingen können. Wo nun für das Alles immer Theilnahme finden? Jeder möchte dem Andern das thun, was dieſer ihm thun möchte, und die unbetheiligten Perſonen, die zugleich Intereſſe und Verſtändniß haben, ſind höchſt ſelten. Hier am Orte hatten ſowohl die Nomaden wie die Eingebornen und Angeſiedelten vom großen Muſenvolke eine ſolche unſchätz⸗ bare Perſon an Frau von Merkel, aber Uebermenſchliches leiſten, d. h. Drei oder Vier auf ein Mal anhören und bewundern, konnte ſelbſt dieſe heroiſche Enthuſiaſtin nicht und ſo kam es denn, wie es kommen mußte: ſie reichte für alle die Sprechbedürftigen, Vorleſedurſtigen und Vorzeigehungrigen nicht aus. Cäcilie kam folglich als verkörpertes Gehör an den rechten Ort und zur rechten Stunde, denn gerade in dieſem Frühjahr war die Ein⸗ wanderung von Producirenden ungewöhnlich ſtark geweſen und manches Talent hatte bis dahin noch nicht zu einem Paar Ohren, in die es ſich ausſchütten durfte, gelangen —=S—— e 8 A 8 ASN N n n 9¹ können. Dieſen fiel nun Cäcilie zuerſt anheim, aber auch die, welche bereits Zuhörer hatten, verſchmähten es nicht, noch eine Zuhörerin mehr zu gewinnen. Cäcilie wurde ausführlichſt darüber aufgeklärt, in welcher behagli⸗ chen häuslichen Art Frau Hopfenſtiel ſchaffe, nämlich dicht am Familienzimmer, mitten unter dem Familienlärm, „patriarchaliſch,“ ſagte Junia mit ſeliger Würde lächelnd. Hulda breitete ihre ſämmtlichen Beglückungspläne vor Cäcilien aus und machte ihr ſogar die Unſeligen nam⸗ haft, welche ſich zunächſt beglücken laſſen ſollten. Adel⸗ heide las ihré Gedichte vor und fragte nach jedem: „was meinen Sie, ſollte man vielleicht doch Recht ha⸗ ben, wenn man mich die deutſche Desbordes⸗Valmore nennt?“ Die Wartensleben erklärte ihr ein Mal über das andere den unveränderlichen Entſchluß, erſt dann ſchreiben zu wollen, wenn das weibliche Geſchlecht in alle ſeine Rechte feierlich eingeſetzt ſei. Die kleine Ellrich meldete Cäcilien jede Gefahr, der ſie abermals glücklich entgangen war, Heinrich Wiesner endlich wiederholte ihr, wie ſchon öfter, auch an dieſem Nachmittag:„ich bin ein Teufel, denn ich bin ein Journaliſt.“ Bis jetzt war Cäcilie zu vernünftig geweſen, um mit ihm über ſeine Teufelſchaft zu disputiren, ſie dachte, er würde des unbeſtrittenen Anſpruchs endlich müde werden. Da er es nicht zu werden ſchien wurde ſie 92 es ſtatt ſeiner und ſagte mit einer deutlichen Ungeduld: „Aber lieber Doktor, ich möchte doch nun ein Mal er⸗ fahren, was Sie als Teufel eigentlich ſchon geleiſtet haben. Man wird doch nicht ſo für Nichts und wider Nichts Teufel, man muß ſelbſt dieſen Rang ſich erſt er⸗ werben. Alſo wen haben Sie geholt, wen verführt, wen zerriſſen? Voyons, eine ſataniſche Generalbeichte!“ Wiesner lächelte überlegen.„Wen ich zerriſſen habe? Sie zuerſt, nämlich Ihr Buch in meinem Blatte.“ „Das war Ihr ganz gewöhnliches Recenſenten⸗ recht, dawider kann ich Nichts haben. Höchſtens könnt' ich, wär' ich eitel, an Ihrem Geſchmack zweifeln, aber auch das thu' ich nicht. Ich will nicht ſagen, daß ich Ihnen jetzt ſchon zur Kritik rathen würde, wenn Sie meinen Rath einholten. Die Kritik iſt von den Zweigen der Literatur derjenige, welcher den Gipfel bildet. Mir dünkt, ſie könne kein angebornes Talent, ſie müſſe eine erworbene Wiſſenſchaft ſein. Sie ſoll zu⸗ gleich ſcharf und ſchonend ſein, beides im richtigen Ver⸗ hältniß und im richtigen Maße. Dieſes Maß und dieſes Verhältniß zu treffen, iſt nur die Sache eines gereiften Geiſtes. Die Jugend ſoll ſchaffen, im Schaffen darf man ſich irren, in der Beurtheilung nicht. Sie ſind entſchie⸗ den noch zu jung zur Kritik— ſchaffen Sie.“ „Das iſt leicht geſagt? Mir koſtet die Production 93 entſetzliche Mühe. Es iſt, als müßte ich mir jede Ge⸗ ſtalt aus dem Gehirn herausreißen.“ „Wie ſollt' es anders ſein?“ fragte Cäcilie immer ungeduldig; mit ihrer bisherigen plaſtiſchen Ruhe ſah es bedenklich aus, ſie verlor ſie jeden Tag mehr als ein Mal.„Wie ſollt' es anders ſein?“ fragte ſie alſo, ungeduldig. „Was wiſſen und kennen Sie? Weder Länder noch Leute, weder Sprachen noch Literaturen. Was wollen Sie geben? Ihre Philoſophie von der Univerſität her? die iſt bereits in Ihren erſten Büchern. Ihre Giganten hab' ich freilich nicht geleſen, ich mag mit ſolchen Unge⸗ thümen Nichts zu ſchaffen haben, aber auch in Ihrem „Schmiedeveilchen“ hagelts ja noch vom Hegel. Nun brau⸗ chen Sie Leben, um ſchreiben zu können. Ihr Produciren iſt mehr ein Reproduciren. In Ihrem Talent, alltägliches Erlebtes treu und amüſant zu erzählen, liegt der Fin⸗ gerzeig für Sie. Nur müſſen Sie eben nicht blos Alltägliches erleben, ſonſt geht es Ihnen wie in Ihrem „Engen und Weiten,“ wo ſie fünfzig Seiten lang in dem einen Rathskeller und mit der einen ſogenannten genialen Lumpengeſellſchaft ſitzen bleiben. Denken Sie, fünfzig ganze Seiten! Das kommt davon her, daß Sie in der Wirklichkeit immer beim Bier ſitzen.“ „Schelten Sie das Bier nicht,“ ſprach Wiesner, indem er impertinent lächelte.„Ich glaube, daß es den 94 Damen nicht zuſagt, noch dazu einer ſo feinen wie Sie ſind, gnädiges Fräulein, aber mir iſt es höchſt noth⸗ wendig, denn um in dem literariſchen Getriebe ſich im Gleichgewicht zu erhalten, bedarf man eines gewiſſen Materialismus, und den findet man im Bier.“ „Idealismus würd' es auch thun, mein' ich,“ er⸗ widerte Cäcilie mehr und mehr verſtimmt.„Indeſſen mag ich noch nicht verſtehen, was Ihnen, vielleicht den Männern überhaupt Bedürfniß iſt, nur das behaupt' ich: ewig beim Bier oder im Redactionsbureau wird man kein Romancier, und darum ſag' ich Ihnen noch⸗ mals: reiſen Sie, lernen Sie, und vor Allem kritiſi⸗ ren Sie noch nicht.“ „Die Freiheit gedenk' ich mir denn doch nach wie vor zu nehmen,“ verſetzte er ſpöttiſch,„und hier er⸗ laube ich mir gleich, Ihnen einen Beweis davon zu liefern.“ Er zog aus der Brieftaſche eine Correctur heraus, welche den kritiſchen Theil ſeines Feuilletons enthielt, und überreichte es Cäcilien. Sie durchflog das Blatt, ihre Wange färbte ſich, ihre feine Lippe ſchwoll verächtlich in die Höhe, ihre Augenbrauen zogen ſich zuſammen, dann heftete ſie auf Wiesner einen ſcharfen, lichten Blick und fragte, das Blatt wie etwas Unreines aus den Fingern auf den Tiſch fallen laſſend:„ſo 95 ſchreiben Sie über Stengel? Und ich dächte doch, Sie hätten ihn mir als Ihren Freund genannt?“ „Ja, das iſt nicht anders— man muß unabhän⸗ gig ſein.“ „Aber das Buch, welches Sie hier entzweimachen, iſt eines der beſten nicht nur von Stengel, ſondern überhaupt von den ſeit Jahren erſchienenen. Dieſer alte Bauer, der ſich zuerſt gegen die Eiſenbahn ſtemmt und ſie dann begrüßt und fördert, iſt Nichts mehr und Nichts weniger als Hofſchulze der Zweite. Und Sie wiſſen, das iſt ein Lob.“ „Warum? Wie ſo?“ „Nun, Sie haben doch Immermanns Münchhauſen geleſen, kennen doch den Hofſchulzen d'rinnen?“ „Ja,— nein— mein Gott, wer kann Alles leſen, ſelbſt wenn's gut iſt. Auch Stengels Buch iſt gar nicht ſchlecht, gewiß nicht, aber gerade, wenn man einen Freund vor ſich hat, darf man nicht zu ſehr loben, ſonſt wird gleich von Parteilichkeit geſprochen, und der Kritiker muß unabhängig ſein.“ Cäcilie legte ſich in den Lehnſtuhl zurück, ſpielte mit den Enden ihres blauen Gürtels und ſprach mit ſo viel Geringſchätzung, wie man bei vollkommener Höf⸗ lichkeit in Stimme und Miene zu äußern vermag:„wenn Sie in einem oder dem andern Sinne der einzige Kritiker 96 wären, der Deutſchland ſagen könnte, ſo und ſo und das und das d. h. wenn Niemand außer Ihnen im Stande wäre zu kritiſiren, oder Sie wären unſer jetziger Leſſing, dann— könnte eine ſolche Unparteilichkeit, Ihre ſchmerzliche Pflicht ſein. Aber bei dem Range, welchen Sie und Ihr Blatt einnehmen, dünkt mir, Sie könnten ſich ſtatt einer ſolchen Unabhängigkeit die Loyalität geſtalten.“ „Was nennen Sie Loyalität?“ fragte er, weil er wirklich nicht wußte, was ſie ſo bezeichnete. „Nun,“ ſagte ſie noch langſamer als vorhin, und ſah durch das Fenſter auf den bläulichen Strom, den grünüberdachte Gondeln durchkreuzten,„wenn ich ein Blatt hätte und ein Freund ſchickte mir ein Buch, das ich nicht loben könnte, weil mir's nicht gefiele, ſo würde ich— gar Nichts darüber äußern, das wäre ſo, für dieſen Fall nämlich, mein Begriff von Loya⸗ lität.“ „Ein damenhafter und unausführbarer,“ verſetzte Wiesner.„Verführen, wir nach ſolchen Begriffen, würde es gut um unſere Macht ſtehen, und dann— wozu Schonung? Wer ſchont unſerer? Niemand. Der Literat iſt nun ein Mal ein verachteter Menſch, wie Sie ſelbſt vorhin ſagten.“ „Ich?“ fragte Cäcilie, den Kopf nach ihm umwendend. „Nun ja, ſagten Sie nicht, daß die Leute—“ 97 8„Viele Leute“— verbeſſerte Cäcilie gelaſſen. re„Viele Leute machen die Leute aus— genug, der — Literat wird verachtet, ſo möge er ſich denn wenigſtens öt fürchten machen. Lieber ein mitleidloſer Teufel, als ein tt bemitleideter Menſch.“ Wiesner hielt nun ein Mal dar⸗ er auf, ein zurückgeſetzter Satan zu ſein. il n, 1, h ), ſo e 1⸗ te de u at ſt d. Ida von Düringsfeld. Die Literaten. I. Achtes Capitel. In einem kühlen Grunde. Cacilie hatte zu Ende mit Logik und mit Geduld dem Satan in's Geſicht gegähnt, der Satan hattegefragt, ob ſie müde ſei, ſie hatte freimüthig mit Ja geantwor⸗ tet und der Satan hatte wirklich den Takt gehabt, ſich zu empfehlen. Fräulein von Platen gähnte noch ein Mal, nach⸗ dem die Thür ſich hinter dem Satan geſchloſſen hatte. Sie hatte die Gewohnheit, wenn es ihr ſo recht ſchlecht gegangen war, halblaute Beſchwerden vor ſich hinzu⸗ murmeln. Das that ſie auch jetzt.„Wenn dieſes Höllen⸗ weſen mich noch öfter heimſucht, ſo werde ich geradezu ſtumpf, gehe an der Anſteckung der Dummheit zu Grunde. Armes Kind! Möchte doch nur erſt Mann und Menſch werden, bevor es Teufel wird. Und verſteht ſelbſt das LEe 99 nicht einmal. Seinen Freund, der noch dazu Mitarbeiter an⸗ 9 F 5 ſeinem Journal iſt, ſchlecht kritiſiren, das thäte ſelbſt der Satan nicht. Freilich, der Satan iſt ein Gentleman. Ob der Doktor Wiesner es begriffen hat, daß ich ihn für keinen halte? Hoffentlich; er iſt doch nicht geradezu dumm. Und hat er es begriffen, ſo— macht er nicht erſt ſeinen Antrag; dann würde der Hofrath einſehen, daß ein Mädchen auch ohne Hülfe eine Neigung in der Knospe knicken kann, wenn es ihre Blüthe nicht erſt zu ſehen wünſcht.“ Cäcilie lachte leicht vor ſich hin, dehnte und wiegte ſich noch etwas in ihrem Lehnſeſſel, deſſen Elaſticität dem Hotel, in welchem ex ſtand, alle Ehre machte, dann richtete ſie ſich energiſch in die Höhe, ſetzte ſich ordentlich hin und fing an, ihre Anmerkungen zu dem Buche zu machen, welches in Catalogform von einem Dichter über die Bildergalerie der Reſidenz ge⸗ ſchrieben worden und ihr ſehr lieb und ſehr bedeutend war. Dennoch erkannte ſie es nicht als unbedingte Au⸗ torität an, wie ſie eben über Alles nur nach Selbſt⸗ anſchauung oder Selbſtſtudium mit ihrem Urtheil ab⸗ ſchloß.„Was für tauſend Andere Wahrheit iſt, könnte für mich, wollte ich es nachſprechen, Lüge ſein,“ ſagte ſie, denn der Begriff der Lüge war bei ihr mannigfaltig. Alles, was bei einem Menſchen nicht aus ſeinem in⸗ nerſten Selbſt hervorkam, nicht durch ihn gedacht oder 7* a 100 gefühlt worden war, ſondern, ſei es aus Trägheit, Unentſchloſſenheit, Nachgiebigkeit oder Furchtſamkeit, nur angenommen, anempfunden, oder nachgeredet war, Alles gehörte bei ihr unter die Generalrubrik der Lüge. Darum beſchäftigte ſie ſich auch jetzt mit dem höchſten Ernſt, ihre Anſchauungen von den hieſigen Meiſterwerken zu Urtheilen umzuwandeln. Den Satan Wiesner hatte ſie über die großen Menſchen, welche ſo ſchöne Bilder malten, gänzlich vergeſſen. 4 Um ſo beharrlicher, um ſo diaboliſcher, würde er geſagt haben, dachte der Satan an ſie. Alle ſeine hölliſchen Gelüſte waren auf Cäciliens elegante Perſon und auf Cäciliens unabhängiges und wünſchenswerthes Vermögen gerichtet. Daraus ſieht man, daß der Satan durchaus polizeimäßige Abſichten hatte. Trotz ſeiner dämoniſchen Stellung in der bürgerlichen Welt wollte er ſich mit Cäcilien einfach trauen laſſen, ganz wie ein ſchlichter Menſch. Ja, er bildete ſich ſogar ein, ſie zu lieben.„Sie können mir's glauben, ich liebe ſie,“ verſicherte er ſeiner Vertrauten und Freundin, Emily Ellrich, bei welcher er, nachdem er Cäcilie von ſeiner Gegenwart befreit hatte, Thee trank und Butter⸗ bemmchen aß. „Ich glaub' es nicht,“ antwortete Klein⸗Ellrich haſtig und kaute Unſichtbares. Klein⸗Ellrich gehörte zu 101 den weiblichen Weſen, die es nie begreifen, und nie glauben, daß ein anderes weibliches Weſen wirklich ge⸗ liebt werden könne.„Ich glaub' es nicht, Wiesner,“ wiederholte Klein⸗Ellrich, nachdem ſie ihr Unſichtbares kleingekaut und vermuthlich verſchluckt hatte, nachdrück⸗ licher, und ihre blauen Augen funkelten. „Ja, warum nicht?“ fragte Wiesner indolent, und ſank nonchalant zuſammen. Wohlverſtanden, er ließ ſich nicht etwa nachläſſig gehen, nein, das wäre deutſch und ungeſchickt geweſen. Nonchalant zuſammenſinken, das war fein, und obwohl Wiesner einſt die Regierung und den Staat hatte, ſtürzen wollen, ſo hätt' er es doch immer nur mit Handſchuhen gethan. Der Satan wußte, was ihm zukam, er hielt auf die große Welt, in die er nie hineingekommen war, und war fein, folglich nonchalant, dabei rauchte er ſeine Cigarre, denn Emily war vorurtheilsfrei, ſie rauchte nicht ſelbſt, aber das war nur, weil ihr Magen zu ihrer Schande aller weib⸗ lichen Emancipation auf dieſem Wege ſpießbürgerlich hartnäckig widerſtrebte. Cäcilie rauchte nicht und ver⸗ abſcheute ſogar offen allen Tabak, daraus machte Emily ihr einen ſchweren Vorwurf und führte es auch jetzt, unter den Gründen gegen die Möglichkeit an, daß Cäcilie von einem ächten Manne wirklich geliebt werden könne.„Sie iſt durch und durch eine ariſtokratiſche 102 Puppe, mit Vorurtheilen ordentlich wattirt,“ ſagte Emily eifrig.„Sie wird ſich nie zum Begriff einer freien Frau erheben, ſie wird nie den Mann in der Ueberlegenheit ſeiner Intelligenz anerkennen; ich bin überzeugt, ſie hält ſich Grunow, Thauſtrom und Ihnen völlig ebenbürtig, ſie iſt, ein für alle Mal unfähig etwas Männliches zu lieben, wenn es nicht, in der Form des Legationsſekretärs mit lackirten Stiefeln auftritt.“ Der Legationsſekretär in Glanzſtiefeln war bekannt⸗ lich ein Jahrzehnd lang und darüber die béte noire der deutſchen Kritik. Sie klagte mehrere Schriftſteller und Schriftſtellerinnen, die ſie, ohne daß ſie anders als durch die Preſſe von einander wußten, zuſammen in eine Koterie geſperrt hatte, eines permanenten, um ſo zu ſagen, chroniſchen Legationsſekretärs an. Warum nun gerade ein Legationsſekretär von dem Vergnügen oder Nichtvergnügen in einem Roman als Held zu figu⸗ riren und zum Schluſſe eine Heldin an den Altar zu führen, ausgeſchloſſen bleiben ſollte, das hat die Kritik nie erklärt, der Legationsſekretär war ihr kurzweg ein Gräuel, und das genügte. Allmählich war über den ſchurkiſchen Baron, den betrügeriſchen Grafen, den fri⸗ volen Vicomte, den ausſchweifenden Lord, den nichts⸗ würdigen Finanzier und den Fabrikherrn, der, gleich dem Oger in den Märchen, immer friſches Menſchenfleiſch —,— à—————. 103 haben will, über alle dieſe Charaktermasken der aller⸗ neueſten Literatur der Legationsſekretär vergeſſen wor⸗ den, aber in einzelnen Phantaſien ſpukte er doch noch als Widergänger. Klein⸗Ellrich z. B. glaubte noch an den Legationsſekretär, oder that wenigſtens als glaube ſie an ihn, um mit ihm Wiesner noch beſſer von der Einbildung wegzuſcheuchen: er könne Cäcilie ernſtlich lieben. Wiesner wendete ſelbſtgefällig ein:„Lackſtiefeln trage er ja auch.“. Klein⸗Ellrich demonſtrirte:„An den Lackſtiefeln hänge es nicht allein. Aber dieſes Fräulein iſt und wird immer unfähig bleiben, Sie zu verſtehen.“ Das war Emily's letztes großes Geſchütz, mit welchem ſie ausrückte, wenn ſie eine gehaßte Nebenbuhlerin, und Klein⸗Ellrich hatte ſo viel Nebenbuhlerinnen wie es Frauen gab, definitiv zu Grunde richten wollte. Wiesner ſagte impertinentgalant:„Es iſt ein Un⸗ glück für alle Männer, daß es nur eine Emily giebt. Da Sie nicht Jeden beglücken können, indem Sie ihn ganz verſtänden, müſſen wir ſämmtlich reſigniren, denn es darf nicht einen Einzigglücklichen geben, wo alle Uebrigen unglücklich bleiben müßten. Aber der Menſch iſt materiell und ſchwach, und will, wenn nicht Glück zu haben iſt, wenigſtens Behaglichkeit und Ruhe. Das 104 Beides könnte Fräulein von Platen mit ihrem Vermö⸗ gen mir bereiten und gewähren, und ſo— könnte ich mich entſchließen, mit ihr halbglücklich zu werden. Wol⸗ len Sie daher als meine kluge Freundin das Herz des Fräuleins ſondiren.“ „Was ich in dem Herzen finde, das weiß ich ohne Sonde,“ meinte Emily geringſchätzig.„Eine große Eitelkeit darauf, daß ein Mann, wie Sie, ſich ihr zu Füßen legt, und eine noch größere Eitelkeit auf ihre Abkunft, ihren Stand u. ſ. w., welche ſie zurückhält, Sie aufzuheben. Dieſe Sorte von Herzen kennt man, Sie werden alle nach dem Dutzend geſchaffen, und nach dem Schock verdorben.“ Klein⸗Ellrich wollte doch nicht ſelber Wiesner heirathen, daß ſie ihr Mandat als ſeine Beauftragte ſo übel aufnahm? Die arme Klein⸗Ellrich wollte immer heirathen. Sie war der Emancipation ſo ſatt, hatte die Freiheit ſo überdrüſſig, war des Vagabundenlebens ſo müde! Wäre ihr nur irgendwo eine Thürſpalte halb geöffnet worden, ſie wäre hineingeſchlüpft und hätte ſich ſogar am beſcheidenſten Heerde eingeniſtet. Ob zum Heil des Hauſes und des Heerdes? Iſt ein Mädchen erſt alt geworden, ſo läßt ſich nicht mehr ſagen, was für eine Frau es abgegeben hätte, alle ſeine Eigen⸗ ſchaften ſind dann ſchon gleichſam zu ſaurer Molke geronnen, 105 aus welcher die Beſchaffenheit der urſprünglichen Milch nicht mehr zu erkennen iſt. Am nächſten Tage ſollte ein allgemeiner Schrift⸗ ſtellerinnenzug zu einem Verſchwiſterungsfeſte ſtattfinden. Hulda hatte Plan und Programm dazu entworfen. Man wollte in eine Mühle fahren, die unter Fichten „in einem kühlen Grunde“ lag, dort wollte man den Tag zubringen, ein ländliches Mahl von Kartoffeln, rohem Schinken, ſauern Gurken und ſüßer Milch ein⸗ nehmen, Gedanken und Entwürfe austauſchen, Vorſätze der Menſchenliebe faſſen, genug, zugleich idylliſch und humanitätlich ſein. Was nur Frau oder Mädchen war und je eine Feder im Dienſt der Preſſe geführt hatte, wurde aufgefordert, und gezwungen, der Aufforderung Folge zu leiſten. Eine einzige Unglückliche war ausge⸗ ſchloſſen, weil ſie ſich des Verbrechens ſchuldig gemacht hatte, in der Skizze von einer literariſchen Soirée Hulda mit einer großen Naſe zu ſchildern. Nun hatte zwar Hulda eine große Naſe, ſogar eine ungewöhnlich große, aber ihre Freundinnen fragten:„Warum eine ſolche un⸗ angenehme Wahrheit berühren?“ Cäcilie bedauerte un⸗ gemein, daß ſie dieſes Mittel ausgeſchloſſen zu werden nicht früher gekannt habe, ſie hätte dann, verſicherte ſie dem Hofrath, über Hulda's Naſe ausdrücklich einen Artikel geſchrieben. Jetzt half ihr Nichts, ſie mußte 106 mit in den kühlen Grund. Der Hofrath verſicherte ihr boshaft theilnehmend, er würde den ganzen Tag an ſie denken. Sie kam ſich den ganzen Tag über ſo unbe⸗ ſchreiblich albern vor, wie noch nie in ihrem Leben. Aus lauter Aerger machte ſie fortwährende und eigen⸗ ſinnige Oppoſition gegen Hulda, die Anſtifterin der „großen Lächerlichkeit,“ bat ſie, um des Himmels willen, doch die Kinder wachſen und die Alten ſterben zu laſſen, wie ſie wollten und könnten, läugnete den Frauen alle Fähigkeit ab, ſich zu einer Aſſociation zu conſolidiren, moquirte ſich geiſtreich, aber unendlich beißend über die modernen Amazonen, unter denen ſie ſich natürlich mit⸗ begriff, war mit einem Worte recht unliebenswürdig. Es giebt gewiſſe Perſonen, denen man nie etwas ver⸗ zeiht oder zu Gute hält, bei denen man nie eine Stimmung in Anſchlag bringt, von denen man zu jeder Stunde des Tages und der Nacht Gleichmäßigkeit, Ver⸗ nunft, Selbſtbeherrſchung, genug, alle mögliche geſellige Tugenden verlangt. Cäcilie gehörte zu dieſen bevor⸗ zugten Perſonen. Sämmtliche andere anweſende Damen hätten üble Laune haben und unangenehm werden kön⸗ nen, man hätte höchſtens etwas über ſie geredet, wahr⸗ ſcheinlich ſie gleich zu entſchuldigen geſucht, bei Cäcilien übte man keine Gnade. Man fand ſie anmaßend und unerträglich, ſie ſtörte den ſchönen Tag, das ſeltene 107 Seelenfeſt. Hulda beſonders war erbittert und groß⸗ artig.„Und ich habe Dich ſo geliebt!“ ſagte ſie, denn ſie hatte Cäcilien die Schweſterſchaft aufgedrängt. „Man kann ja mit Allem aufhören,“ ſchlug Cäeilie gleichmüthig vor. Nun ſie das Unheil angerichtet und ſich die ganze Schweſterſchaft zu unverſöhnlichen Feindinnen gemacht hatte, war ſie wieder die Ruhe ſelbſt. Hulda erwiderte tragiſch: es hätte nicht Jede ein ſolch' gehorſam liebloſes Herz— das bedauerte Cäcilie und daͤnn„deklarirte“ ſie eine große Müdigkeit und das abſolute Bedürfniß, ſich irgendwo allein auf einen Stock oder einen Stein zu ſetzen und aufzuathmen. „Athme!“ ſagte Hulda.„Du wirſt reine Luft athmen, wäre Deine Seele nur ebenſo rein!“ . Cäcilie machte ſich, ohne erſt die Vertheidigung ihrer Seele zu unternehmen, gleichgültig und entſchieden los, ſuchte ſich einen Pfad, erklimmete ihn, fand einen Stein, ſetzte ſich darauf, ſah die Fichten an, welche luſtig grün umher ſtanden und dachte:„O, ihr Nadel⸗ bäume, was ſeid Ihr doch vernünftiger und tauſend Mal beſſere Geſellſchaft, als die ſchriftſtellernden Damen in corpore! Wenn kein tüchtiger Nachwuchs kommt, ſo iſt dafür geſorgt, daß unſere Bäume nicht in den Himmel wachſen. Heilige Katharina, von was für Närrinnen wirſt Du hier coiffirt! Unter ihren Hän⸗ 108 den muß ja Deine Haube nach allen Windrichtungen hin zu ſtehen kommen! Heilige Anna, was für Exemplare kriegſt Du in Deinen Schrank einzuſchließen: Auch nicht eine unverkünſtelte Natur, auch nicht ein ächtes Talent unter allen, die jetzt dort Sonnenſchein und Kaffee trinken! O, wie wahr iſt es, daß Gott ſeine Sonne aufgehen läßt über— möglichen und unmög— lichen Geſchöpfen. Und das ſollen meine Mitarbeiterinnen ſein an dem großen Werk: die Rehabilitation der Frau! Kein Wunder, daß unſer Geſchlecht es nöthig hat, rehabilitirt zu werden, wenn es durch ſolche Specimina repräſentirt wird! Allerdings nur in Deutſchland, England, Italien, ſelbſt Frankreich haben jetzt noch ibre wahrhaft bedeutenden Frauen, aber wir— wo ſind denn unſere? Talvj, ja, Talvi iſt mein Troſt. Und Wilhelmine Karadſchich— ach, lieber Himmel, das iſt ja eine Serbin! Wir haben wahrhaftig nur Talvj! So zeichnet Euch doch aus, ihr verwünſchten deutſchen Frauen!“ ſchloß Cäcilie heftig und ſtampfte mit dem kleinen Fuß auf das friſche Moos. Es muß in Cä⸗ ciliens Namen die ſchwere Sünde bekannt werden, daß ſie für die beiden großen weiblichen Sterne am deutſchen Firmament, Rahel und Bettina, durchaus keine Augen hatte, und daß ſie unter den übrigen ſchreibenden deut⸗ ſchen Frauen wohl manche gute Begabung, manches 109 glückliche Naturell, manches friſche Talent anerkannt, aber keine einzige auf wiſſenſchaftlicher Baſis ruhende Intelligenz, keine einzige wahrhaft originelle Specialität und vor Allem kein ſchöpferiſches Genie, für welches die Zukunft der Klaſſicität zu weiſſagen geweſen wäre. Sich ſelbſt kannte ſie genug, um ſich zu würdigen, ohne ſich zu überſchätzen, ſie wußte, daß ihr eine bedeutende Befähigung zur Kritik und eine Darſtellungsgabe inne⸗ wohne, durch welche ſie in den Stand geſetzt werden würde, das im Studium reiche Leben, welches ſie für ſich beſchloſſen hatte, in gründlichen und wohlthuenden Leiſtungen zu verwerthen. Aber das befriedigte ihre Wünſche für die Verherrlichung Deutſchlands durch die deutſchen Frauen keineswegs. Sie wollte große und ſchöne Schöpfungen, alle von weiblichem Geiſt und von weiblicher Hand, und ſie ſah ſich bisher umſonſt, ver⸗ zagend und zornig nach ſolchen ſchöpfungsfähigen Schweſtern um. Es krabbelte und raſchelte etwas zu ihr hinauf, das war keine gegenwärtige Schöpferin, auch keine künf⸗ tige, es war nur Emily, heute wieder judasblütenfarben. Cäcilie hatte ſeit dem idylliſchhumanitären Mittagsmahl wo möglich einen noch größeren Widerwillen gegen Emily gefaßt, denn ſie hatte Emily ſaure Gurken eſſen hören und bei dieſem Genuß war Klein⸗Ellrich für jedes mit 110 Ohren begabte Menſchenkind in großer Nähe wirklich verhängnißvoll. Cäcilie hatte neben ihr geſeſſen und ihr die Tiſchmuſik noch nicht verziehen. Emily kam alſo zu einem ſehr unglücklichen Augenblick mit ihrer Werbung für Wiesner an, welche zu beſtellen ſie über Steine und Tannenwurzeln heraufgekrabbelt kam. Auch die Art, wie ſie ſich ihres Auftrags entledigte, war nicht glücklich.„Se⸗ hen Sie, liebes Fräulein von Platen,“ ſagte ſie, als ſie wieder zu Athem gelangt war,„ich bin überzeugt, daß er Sie eigentlich nicht liebt, ja, daß ſein Herz vielleicht anderswo gewählt hat, aber Sie conveniren ihm als Partie und darum giebt er ſeiner Vernunft Gehör, was ihm am Ende nicht zu ſchwer fallen wird, denn ſie ſind nicht immer ſo unliebenswürdig wie heute. Da unſere Herren es ſich aber jetzt ſo bequem wie möglich machen und ein Antrag in Perſon doch ſtets etwas Feierliches hat, ſelbſt für einen gewandten Menſchen, wie Wiesner, ſo hat er mich gebeten, für ihn zu ſprechen, und darum ſitz' ich jetzt hier als Eheprocurator. Was meinen Sie— nehmen Sie ihn? Viel iſt nicht gerade an ihm, indeſſen giebt es immer noch welche, die weniger taugen. Und dann bekommen Sie einen Journaliſten zum Manne, darauf muß eine Schriftſtellerin auch ſehen. Sie finden jetzt in unſerer Literatur viele ſolcher Ehen: die Frau ſchreibt Bücher, der Mann kritiſirt, er lobt 111 ſie, oder läßt ſie von ſeinen Freunden kritiſiren, deren Bücher er dann wiederum lobt, und ſo geht es wirklich ganz vortrefflich“—„Das glaub' ich gern,“ ant⸗ wortete Cäcilie,„indeſſen möcht' ich doch nicht gerade deswegen heirathen, um meine Bücher gelobt zu be⸗ kommen, die ich nebenbei noch gar nicht geſchrieben habe.“ „Alſo wollen Sie Wiesner nicht heirathen?“ fragte Klein⸗Ellrich froſtig, und ihre blauen Augen leuchte⸗ ten vor Vergnügen. „Nein,“ antwortete Cäcilie, ſtand auf und fragte: „wollen wir wieder hinunter zur Mühle! Es iſt immer noch angenehmer, Räder, Kafefellöffel, Stricknadeln, und literariſche Frauenzungen klappern zu hören, als hier oben zwiſchen Fichtengrün Heirathsvorſchläge abweiſen zu müſſen.“ „Sie ſind mir böſe?“ „Ich hätte gewünſcht, daß Sie mir dieſen Antrag erſpart hätten. Es iſt eine Ungezogenheit von Wiesner, um ſo mehr, wenn ich ihm nur als Partie convenire.“ Sie ſchlug den Pfad abwärts ein. Emily, die zu gleiten fürchtete, hing ſich ihr an den Arm und ſchwätzte vertraulich. Cäcilie könne nicht immer verlangen, gleich eine Leidenſchaft einzuflößen, dieſe Macht ſei nur wenigen weiblichen Weſen verliehen, 112 und ſie beglücke nicht etwa, das konnte Emily Cäcilien verſichern. Man hatte da immerfort zu kämpfen, immer⸗ fort zu wehren, bald dem eigenen Herzen, bald dem Ungeſtüm der Männer. Emily ſah gefährlich aus, Er⸗ fahrungen wollten über ihre Lippen, Cäcilie hatte jetzt nur einen Gedanken: den ihr drohenden Mittheilungen zu entfliehen. Sobald ſie auf ebenem Boden angelangt waren, machte ſie ſich haſtig von Emilys feſt klemmenden Arme frei und lief ihr buchſtäblich davon. Ein ominöſes Schweigen empfing ſie, als ſie vom Laufe glühend in der Mitte der Uebrigen anlangte: es war offenbar, daß ſie wäh⸗ rend ihrer Abweſenheit gerichtet worden war. Ein leiſes verächtliches Lächeln glitt über ihr Geſicht, dann fragte ſie:„Brechen wir nun nicht endlich auf? Mir dünkt, es ſei Zeit, und wir hätten des Guten heute gerade genug gethan.“— „Ich wüßte nicht, was wir heute Gutes gethan hätten,“ bemerkte Hulda mit feierlicher Anklagemiene. „Ja,“ fragte Cäcilie.„Nun, ich auch nicht, in⸗ deſſen ſind wir jedenfalls lange genug hier geblieben, wenn wir noch bei einigem Tageslicht auf die Land⸗ ſtraße und zu unſern Wagen kommen wollen.“ Das wurde allgemein eingeſehen und daher der Rückweg un⸗ geſäumt angetreten, obgleich der Vorſchlag dazu von einer ſo mißliebigen Perſönlichkeit ausgegangen war. B————— —— +— RG ð ³& 113 Am andern Morgen kam der Hofrath zu Cäcilien und wollte von ihr eine Berichterſtattung über den erſten Landtag deutſcher Schriftſtellerinnen. Cäcilie aber ſagte entſchloſſen:„Herr Hofrath, dieſes Mal ein Citat, aber ein abgewandeltes, nicht nur der Reſt, ſondern Alles ſei Schweigen.“ Ida von Düringsfeld. Die Literaten. I. Neuntes Capitel. Wie der Satan einen Korb aufnimmt. Wenn Emily dem blonden ſataniſchen Doktor Cäciliens Antwort auf ſeinen Antrag ſo einfach mitge⸗ theilt hätte, wie Cäcilie ſie gegeben, ſo hätte dieſes „Nein, kurz und gut“ völlig hingereicht, um Wiesner von jedem weitern Schritt abzuhalten. Das that je⸗ doch Emily nicht. Sie überbrachte Wiesnern wohl das Nein, aber ſie übergab es ihm in ihren Vorausſetzungen eingewickelt und dadurch entſtellt. Cäcilie hatte die heftigſte Bewegung nicht verbergen können. Sie liebte offenbar den Schriftſteller und Journaliſten, ſie war nur zu alberne Sklavin ihrer Ammenvorurtheile, um den bürgerlichen Doktor heirathen zu können. „Sie kann's wirklich nicht, Wiesner,“ ſprach Klein⸗ Ellrich entſchuldigend.„Ich hab' es ihr angeſehen: ihr 115 Herz ſchrie ein tauſendfaches Ja, aber der Stolz ließ das Herz nicht zu Worte kommen. Sie wird vielleicht daran zu Grunde gehen, aber nachgeben wird ſie ſicher nicht. Sie thun gut, Wiesner, ſie zu vergeſſen. Ich will Ihnen dabei helfen, ich will Sie tröſten.“ Wiesner dankte ſeiner„geſchätzten Freundin“ warm und„wollte ſich die Sache überlegen.“ Heimlich war er ſchon ganz entſchloſſen, jetzt perſönlich um Cäcilie zu werben. Sie ſollte nicht an falſchem Stolz zu Grunde gehen, er wollte ſie vor ſich ſelbſt und zum Trotze gegen ſie ſelbſt retten. Darin lag freilich eine ungemeine Eitelkeit, aber auch wirkliche Gutmüthigkeit und ſogar Liebe. So viel Wiesner es vermochte, liebte er Cäcilie. Bei ihm allein hatte ſie ein Herz getroffen, das ſich durch ihr Weſen rühren ließ. Sie ahnte davon Nichts, erſtens, weil ſie überhaupt ſich ſelten damit beſchäftigte, ob und wem ſie gefalle, und noch ſeltener glaubte, daß ſie ge⸗ fallen habe, zweitens weil Emily ihren Auftrag als Freiwerberin ſogar treulos beſtellt hatte. Darum ſah Wiesner, als er ſeinen Entſchluß ausführte, ſich ſchlech⸗ ter empfangen, als er ſeinen Geſinnungen nach ver⸗ diente. Es iſt wahr, daß er, durch Emily irre geleitet, die Sache in der Form eines romantiſchen Sturmes unternahm. Cäcilie war ſchon ſehr unangenehm befrem⸗ det, als er um neun Uhr Abends kam und ſich durchaus 8* 116 6 nicht abweiſen ließ, ſondern den Eintritt zu ihr gleich⸗ ſam erzwang. Sie blickte ihm ſo ſtolz und fremd entge⸗ gen, wie noch nie, zugleich ſah er ſie ſo unmuthig wie noch nie. In einer luftigen Blouſe, hellblauem Pommar⸗ ſtoffe mit ganz weiten offenen Aermeln, um den Kopf nichts als einige große, ſchwere Locken ihres ſchimmernden Haares, dazu den Pupur der Erregung auf der Wange, auf der ſchwellenden Lippe eine wortloſe Frage, im Auge eine Verfinſterung, durch welche es ſturmverkündend blitzte, die ſchlanke Geſtalt emporgeſchnellt aus dem Lehnſeſſel, auf feſtem Fuß dem unwillkommenen Beſucher einen Schritt entgegentretend und dann ſtatuenhaft erwartend gebannt— Cäcilie ſah aus, wie eine zürnende Waſſer⸗ fei, in deren Kryſtallpalaſt ein zudringlicher Sterblicher unbefugt eingebrochen wäre. Wiesner fand ſie wunder⸗ ſchön, er glühte im Vortriumph, kam raſch auf ſie zu, beugte halb das Knie und ſprach, ſein wahres Gefühl durch Theateremphaſe verderbend:„Ich komme ſo ſpät, um Ihnen heute noch zu ſagen: daß ich Sie liebe.“ Cäcilie hätte lachen und ihn fragen ſollen, ob das nicht bis zum andern Morgen Zeit gehabt habe? dadurch wäre Wiesner„aus dem Concept“ d. h. zur Vernunft gekommen, hätte ſich geſchämt und vielleicht um Ent⸗ ſchuldigung gebeten. Freilich war's nur ein Vielleicht, denn die meiſten Menſchen werden, wenn ſie ſich ſchämen, 117 ungezogen und unverſchämt, aber„vielleicht“ hätte Wiesner ausnahmsweiſe ſich als Ausnahme gezeigt und um Entſchuldigung gebeten. Und dann würde Cäcilie vernünftig mit ihm geredt, ihm ihre Achtung verſichert, ihm für ſeine Werbung, ſobald ſie dieſelbe ernſthaft nehmen konnte, gedankt haben, und die ganze Angelegenheit hätte mit einigen Händedrücken und mit dem Vorſatz:„wir wollen Freunde bleiben,“ wenigſtens dem Anſcheine nach ein gutes Ende genommen. So hätte es alſo kommen können, aber ſo kam es nicht, Dank Klein⸗Ellrich und ihrem Züngelchen. Cäcilie wun⸗ derte ſich unendlich vornehm, wie es dem Herrn Dok⸗ tor einfallen könne, ſie noch einmal direkt mit einem Antrag zu beehren, nachdem ſie bereits einen indirekten abgewieſen. Wiesner ſagte noch immer ſiegesgewiß lächelnd:„Das war ein Abweiſen, welches keines iſt. Folgen Sie Ihrem Herzen, wagen Sie es, glücklich mit mir zu werden.“ „Haben Sie alle Ihre Sinne?“ fragte Cäcilie mit der Kälte des Zornes.„Iſt es, ſo kann ich Sie wahrhaftig nicht begreifen. Ich habe Ihnen doch meines Wiſſens nie das Recht gegeben, mich zu beleidigen?“ „Heißt eine Frau lieben, anbeten, ſie beleidigen?“ rief Wiesner immer noch theatraliſch.„Und ob ich Sie liebe, brauchen Sie ſich nicht erſt zu fragen, Sie müſſen 118 es in meinen Augen ſehen!“ Seine Augen brannten in der That von einem Feuer, welches Wiesner für Leidenſchaft hielt. Es verſchönte ſie nicht. Cäcilie wich davor zurück wie vor einer Befleckung, alles Jung⸗ fräuliche in ihr empörte ſich gegen den Mann, der ſich erlaubte, ſie auf dieſe Weiſe anzuſehen.„Gehen Sie— Sie beſchimpfen mich mit Ihren Blicken,“ ſagte ſie hart und befehlend.„Sie haben es ſchon gethan, indem Sie mir eine Perſon wie die Ellrich zu⸗ ſchickten, die mir zu ſagen wagte: ich convenirte Ihnen als Partie, und deswegen wellten Sie der Vernunft Gehör geben.“— „Das hat die Ellrich geſagt? das ſoll ich geſagt haben?“ rief Wiesner jetzt zum erſten Male ernſtlich und ehrlich.„Auf meine Ehre, das iſt erlogen!“ Cäcilie lächelte höhniſch:„Auf Ihre Ehre!“ „Sie zweifeln daran?“ „Ich thue mehr: ich glaube nicht daran.“ „Ha, wenn Sie kein Weib wären!“ „Fällt es Ihnen wirklich ein, daß ich Frau bin? Bis jetzt haben Sie es glücklich ganz ver⸗ geſſen.“ „Wie können Sie ſich herausnehmen, das zu ſagen?“ „Ich nehme mir immer heraus, die Wahrheit zu ſagen.“ 119 „Das iſt keine Wahrheit.“ „Es iſt eine. Ein Mann, der das Weibliche achtet, überfällt ein Mädchen nicht zu ſolcher Stunde mit einem ſolchen Antrage, noch dazu, wenn es ſchutz⸗ los iſt.“ „Schutzlos? Was brauchen Sie Schutz? Sie ha⸗ ben den, welchen Sie hatten, von ſich geworfen, jetzt ſind Sie Jedem preisgegeben, dem es gefällig iſt, Sie zu lieben.“ „Ihnen noch nicht,“ ſagte Cäcilie ſo eiſig und mit einer ſolchen Geringſchätzung, daß Wiesner denn doch nach ſeinem Hute griff. An der Thüre wandte er ſich noch ein Mal um und rief wuthkeuchend:„Das vergeſſe ich Ihnen nicht.“. „Ich bitte darum,“ war ihre Antwort. Als ſie ſich allein ſah, flog ſie an die Thüre, um ſſie zu verriegeln. Dann kam ſie langſam zurück, ſetzte ſich auf den erſten beſten Stuhl, der freiſtand, kreuzte die Arme feſt über die Bruſt und ſaß ſo, nicht das Haupt, nur die Augen geſenkt wohl an einer Stunde. Ihr Herz ſchlug hart und raſch, ihre Lippen waren dicht geſchloſſen. Das war ihre Art mit einem innerli⸗ chen Sturm fertig zu werden. Der brauſte und grollte jetzt in ihr. Sie hatte ſich noch nie ſo gedemüthigt, ja, ſo entwürdigt gefühlt 120 wie jetzt. Ihrem freien Willen hatte Gewalt angethan werden ſollen und durch wen! Von einem Manne, den ſie ſich geiſtig ebenbürtig erachtet hätte, würde eine ſolche Bewerbung ſie erzürnt haben— daß Wiesner ſie gewagt, empörte ſie. Ein Mal ſagte ſie ganz leiſe: „o Papa!“ Sie erinnerte ſich ſpäter mit Scham an dieſen kindiſchen Ausruf, wie ſie ihn nannte, und doch war es der natürlichſte Hülferuf, den ſie thun konnte. Wäre ſie noch im Schirm ihres Vaters geweſen, hätte ſich kein Mann erlaubt, zu einer ungebührlichen Stunde bei ihr einzubrechen und ihr Worte zu ſagen, die ſie nicht hören wollte. Hätte ſie dem Kinde in ſich nach⸗ gegeben, welches unwillkürlich bittend:„ov Papa!“ ſagte, ſie wäre am andern Morgen mit dem erſten Zuge auf der Heimfahrt begriffen geweſen. Aber da kam der Stolz, der da ſagte:„Du ſollſt nicht!“ und die falſche Scham, welche flüſterte:„Du kannſt nicht— was würde die Mama triumphiren!“ Und allerdings, der wirkliche Durſt Cäciliens nach ſich ſelbſt, den ſie nur ſtillen konnte, wenn ſie den Quellen ihres Innern nachgrub, war noch nicht geſtillt, die Quellen waren noch bedeckt, und graben konnte ſie daheim nicht ſo lernen, wie draußen vom Sehen bei Andern, wenig⸗ ſtens meinte ſie es. Genug, es war nicht blos Eigen⸗ ſinn, was ſie ſtählte gegen die innerliche Hülfsbedürf⸗ — 121 tigkeit, mit welcher ihre Mädchenſchwäche nach dem Vater verlangte. Wenn Herr von Platen eine Ahnung gehabt hätte, wie ſehr ſein liebſtes Kind ſeiner bedurfte, er wäre gekommen, und hätte es mit liebender Gewalt wieder zu ſich genommen, aber für Ahnungen war der wackere Mann nicht eingerichtet, er ſah und fühlte nur, was ſich ihm geradezu in den Weg ſtellte oder ihn derb auf die Schulter ſchlug, und ſo ſchlief er in dieſer Nacht, in welcher Cäcilie mit ihrem jungfräulichen Zorn rang, wie in jeder andern, den Schlaf des gerech⸗ ten und thätigen Mannes, der ſein Tagewerk vollbracht und ſich in ſeinem Gewiſſen Nichts vorzuwerfen hat. —— Zehntes Capitel. Klein⸗Ellrich als Opfer. Cäcilie hatte eigentlich gleich abreiſen und ſo ihr Winterquartier, welches ſie ſich in der durch die Eiſen⸗ bahn nachbarlich gewordenen großen norddeutſchen Re⸗ ſidenz ausgeſucht hatte, noch mitten im Sommer be⸗ ziehen wollen. Aber ſie änderte ihren Entſchluß, ſobald ſie erfuhr, was für bedenkliche Folgen ihre Abweiſung des ſelbſtgeſchaffenen Satans nach ſich gezogen hatte. Ganz ſeine Rolle vergeſſend, die ihm Beherrſchung ſeiner ſelbſt und dadurch die der Andern auferlegte, ganz in ſeiner Eitelkeit gekränkter Doktor der Philo⸗ ſophie, der in ſeiner Hitze den Kopf verloren hatte, wartete er am nächſten Morgen mit genauer Noth die erſte Minute ab, wo man mit einigem Anſtand eine Klingel an einer Thür ziehen konnte, um die an Emily's ——,— =ͤ0— ˖⸗7 —2 2V 123 Wohnung mit einer ſolchen Gewalt in Bewegung zu ſetzen, daß Emily in der Meinung, es brenne, mit eben ſolcher Gewalt die Thüre aufriß und herausſtürzte. Als ſie Wiesnern erblickte, fuhr ſie zurück, er ihr nach, die Thür in'’s Schloß. Die Küche, durch welche der Weg in die Gemächer führte, wurde jetzt augenblicklich der Schauplatz eines heftigen Wortwechſels, der leider ſo⸗ gar in Thätlichkeiten überging. Wiesner hatte Emily ihre Treuloſigkeit bei Beſtellung ihres Freigewerbes vorgeworfen, Emily ihm mit Hohn und Trotz geant⸗ wortet; wie faſt immer bei Menſchen, die ſympathiſcher Conſtitution ſind, verlor Wiesner, kam es bei ihm erſt zur Heſtigkeit, buchſtäblich alle Beſinnung, und ſo geſchah denn das ſehr Beklagenswerthe, wovon freilich außer den Betheiligten Niemand etwas erfahren hätte, denn Zeugen hatte dieſes Zweigefecht eines Literaten und einer Literatin in einer Küche nicht gehabt, wäre Klein⸗Ellrich nicht eine Stunde ſpäter wie eine wahnſinnig gewordene Trompete in der ganzen Stadt herumgefahren, um den Skandal mit aller Kraft ihrer Stimme, ihrer Entrüſtung gegen Wiesner und ihres Haſſes gegen Cäcilie auszupoſaunen. Denn Cäcilien haßte ſie. Schon lange hatte das wie ein giftiges Flämmchen in ihr geglimmt, jetzt fuhr es heraus. Cäcilie war Schuld. Wäre Cäcilie nicht gekom⸗ 124 men, ſo hätte Wiesner nicht den dummen Einfall gehabt ſie heirathen zu wollen, hätte Emily nicht den dummen Auftrag aufgezwungen, den ſie in ihrer Gutmüthig⸗ keit— die Gutmüthigkeit Klein⸗Ellrichs!— übernommen und ſo ausgeführt hatte, wie überhaupt ein unausführ⸗ barer Auftrag ausgeführt werden konnte. Weiter: warum hatte Cäcilie, als Wiesner ſich von Emily nicht zu⸗ rückhalten ließ, das ausgeplaudert, was Klein⸗Ellrich ihr, abermals aus reiner Gutmüthigkeit, über Wiesners wirkliche Gefühle geſagt? dergleichen ſagt man nicht wieder, erklärte Klein⸗Ellrich, und, leider, hatte ſie darin nicht Unrecht. Cäcilie gab das ſelbſt zu, Frau von Anſtetter ſchrieb ihr darüber:„Du mußt Dich gänz⸗ lich ſelbſt verloren haben, Cäcilie, um Dich einer ſolchen mädchenhaften Indiscretion ſchuldig machen zu können, Du, die ſonſt die Discretion ſelbſt biſt, d'une discretion à toute epreuve! Nun biſt Du durch einige unbeſonnene Worte mitten in einen Skandal hineingerathen, der Deiner ganz unwürdig iſt. Wenn ich mir Dich darin denke, ſo ſteigt mir das Blut immer ſo heiß in'’s Geſicht, als wär ich ſelbſt es, um die es ſich handelte. Du mir pro⸗ fanirt, Du, von der ſtets ſo wenig die Rede war, als lebteſt Du nicht im Monde— da iſt man nicht länger vor Spioniren ſicher— aber auf irgend einem Stern, nach welchem die Teleſkope noch nicht hinauf können. Und 125 haſt Dich ſelbſt mitten unter„die Dornen und die Diſteln, die falſchen, falſchen Zungen“ hineingeſetztt— oh silly billy! Und warſt„beſorgt und aufgehoben,“ nicht im feurigen Ofen, ſondern in treuen Herzen! O Du meine entflogene Taube, ſie werden Dir Staub auf Deine wei⸗ ßen Flügel werfen, ſie werden Dir das Waſſer trüben, aus welchem Du Deinen Durſt ſtillen mußt— hätt ich Dich wieder hier, in meinen Armen! Jetzt ſeh' ich erſt recht, wie ich Dich liebe: wie meine Schweſter, wie mein Kind, wie— den Engelstraum, der in unſerer Seele ſchläft, und nur manchmal unter den Zügen eines beſonders holdſeligen Geſchöpfes aufwacht, für mich unter Deinen. Was werden ſie nur an Dir thun! Kann denn Grunow Nichts thun, ich Nichts? Soll ich an Grunow ſchreiben?“ Grunow konnte Nichts thun, wollte auch Nichts thun. Die Zeiten des Parteinehmens waren für ihn vorüber. Er kannte alle Betheiligte, hatte alle zu Mitarbeitern an ſeinem Journal, denn von Cäcilie hatte er kürzlich einen ſchönen, carakteriſtiſch malenden Aufſatz„Frühling am Rhein“ empfangen. Am meiſten perſönliche Sympathie fühlte er für ſie, die vornehm ſtille, die ihm gegenüber ſo unabhängig ge⸗ blieben war und ihm doch immer eine ſo wohlthuende Schätzung bewieſen hatte. Indeſſen war Klein⸗Ellrich gewiſſermaßen Hausthierchen bei ihm, hatte folglich auch An⸗ ſprüche auf Mitleiden in ihrer gegenwärtigen Noth, denn 126 obwohl ſie im Gefecht keinesweges den kürzeren gezogen hatte, ſo ſchrie ſie doch ganz erbärmlich über die Entwür⸗ digung der weiblichen Hoheit in ihr, und wollte ſich nicht darüber zufrieden geben können, daß ſie zu einer ſolchen ſiegreichen Nothwehr habe greifen müſſen. Wies⸗ ner endlich, von dem Jedermann wußte,„daß er von der koketten Cäcilie erſt Aufmunterung und dann einen Korb erhalten habe,“ Wiesner, dem von Allen, die Klein⸗ Ellrich nicht mochten und deren Zahl war groß, im Stillen wohl Beifall gelacht, laut aber offtziell ſchein⸗ heiliger Tadel wurde, Wiesner war in einer ſo ver⸗ zweifelt lächerlichen Lage, wie nur je der wirkliche Sa⸗ tan, wenn ein unglücklicher Hahn ſich durch eine Mül⸗ lers⸗ oder Schmiedsgattin gerade in dem Augenblicke, wo an Mühle oder Schmiede der letzte Stein noch fehlte, zum vorzeitigen Krähen verleiten ließ und ſo allerdings ſeinen Herrn rettete, aber den armen Satan zu einer ſchimpflichen Abfahrt zwang. Mit Wiesner mußte alſo auch ſympathiſirt werden, er forderte das beſonders von ſeinem Meiſter Grunow mit der Energie eines von allen Seiten Gehetzten, der ein Aſyl aufſucht. Grunow that was er konnte, bedauerte hieher und dorthin, beſchwich⸗ tigte, hielt zurück, brachte es doch wenigſtens dahin, daß Klein⸗Ellrich nicht auf's Gericht lief.„Je weniger von der Sache geſprochen wird, je beſſer,“ ſagte er ganz goethiſch 127 vorſichtig und goethiſch leiſe. Dazu indeſſen war es zu ſpät, die Geſchichte bekam ſogar Schwingen und machte Ausflüge. Sie wurde überall, wo man die beiden Bethei⸗ ligten kannte, ſehr gut aufgenommen, ſie beluſtigte. In Bezug auf Cäcilie erreichte ſie eine Neugierde, welche Cäcilie gleichſam auf ſich brennen fühlte. Doch verrieth ſie von ihrer tiefen Demüthigung Nichts, trug im Gegen⸗ theil den Kopf noch höher als bisher und ſchaute mit blitzenden Augen in alle die feindlichen Geſichter, die ihr begegneten, gerade hinein. Hofrath Stamm hatte ihr zum Stirnbieten gerathen„nur nicht geduckt,“ hatte er geſagt,„ſonſt werden Sie gerade geſteinigt. Sieht man Sie aufrecht, ſo wagt man doch we⸗ niger nach Ihnen zu werfen, thut's höchſtens erſt, wenn Sie den Rücken gekehrt haben.“ Da dieſer Rath nun mit Cäciliens eigenſter Trotzempfindung zuſammenſtimmte, ſo befolgte ſie ihn mit einem lobenswerthen Gehorſam. Offen Partei für ſie nahm auch der Hofrath nicht, er vertheidigte ſie nur, wie man es thut, wenn eigentlich keine Beſchuldigung vorliegt.„Was hat ſie denn gethan,“ fragte er, wenn andere Beſucherinnen mit Cäciliens Miſſethaten auf ihn eindrangen.„Den Wiesner in ſich verliebt gemacht? Ih nu, das paſſirt. Wär ich ein junger Kerl und hätt' ich meine Frau noch nicht geſehen, hätt' ich mich auch in das Fräulein verlieben können. Es iſt ein 128 liebes Kind— ja, es hilft Ihnen Nichts, meine Damen, Sie müſſen das ſchon gelten laſſen, können's ja auch, Sie ſind ſelbſt viel zu liebenswürdig um neidiſch ſein zu dürfen. Ja, ja, Fräulein Cäcilie iſt ein liebes Kind und hat dem jungen Doktor in die Augen geſtochen, und er— hat ihr nicht in die Augen geſtochen das war ſein Unglück, er hätt' es hübſch gelaſſen annehmen ſollen. Statt deſſen wurd' er böſe, ſie gleichfalls, zuletzt auch Fräulein Ellrich— das war eben das Unrechtvon Allen. So recht böſe haben ſie's nicht gemeint, keines von ihnen, nur Alle geſagt und gethan, was ſie nicht ſollten— na, das paſſirt,— laſſen wir ſie.“ Cäcilie war noch zu jung um einzuſehen, daß dieſe halbe Vertheidigung ihres alten Freundes die klügſte und wirkſamſte war. Sie trat jedem Angriff auf ihre Freunde immer in voller Rüſtung und mit offenem Viſir entgegen, wie eine Heldin des Mittelalters, das iſt die Verfechtungsart der Frauen, die der Männer iſt vorſichtiger, ſie geben ſich ſelbſt weniger Blößen, treffen den Feind freilich auch weniger ſcharf, Frauen wollen aber ihre Feinde geradezu angegriffen und ſcharf getroffen haben, ſonſt glauben ſie ſich gänzlich unvertheidigt. Cäcilie empfand es herb, daß Niemand für ſie zum Ritter wurde, während ſie im Gegentheil mehrere direkte Gegner fand, unter denen Thauſtrom, die zweite literariſche Größe der Re⸗ 129 ſidenz, der gefährlichſte war. Er trug es Cäcilien nach, daß ſie ſeinen Mittheilhaber am Regiment, Grunow, immer offen vorgezogen hatte. Sie hatte das ganz un⸗ befangen gethan, ohne Abſicht oder Bravade, gründete auch darauf nicht den mindeſten Anſpruch auf Vergeltung mit Gleichem von Seiten Grunows. Aber als dieſe Vergeltung ausblieb, als Grunow ſich darum, daß Thauſtrom ſeinen Witz über Cäcilie ergoß, welche als wirklicher Zankapfel in den literariſchen Kreis der Reſi⸗ denz gelaufen gekommen ſei, man wiſſe nicht woher und man wiſſe nicht wozu, als Grunow ſich dieſer Re⸗ den wegen keineswegs mit Thauſtrom veruneinigte, ſon⸗ dern im Gegentheil, zu Cäcilien ſagte:„Sie hätten viel⸗ leicht etwas diplomatiſcher ſein können,“ da empfand Cäcilie ſeine natürliche und ſehr löbliche Klugheit doch wie eine plötzliche unangenehme Kälte im Herzen. Nicht ſo ſchmerzend, wie die Mäßigung des Hofraths, von dem ſie einen förmlichen kurzen Kreuzzug für ſich erwartet hatte, aber doch bedrückend genug. Frau von Merkel befand ſich in demſelben Dilemma wie Grunow— Alle wollten von ihr Recht haben— wem ſollte ſie es ge⸗ ben? Cäciliens Gegnerinnen oder Cäcilien? dieſe for⸗ derte es nur durch ihr ruhiges und ſtolzes Bleiben, aber die Gegnerinnen heiſchten es um ſo lauter. Frau von Merkel, ſeufzte eines Tages in ihrer Bedrängniß:„Wenn Ida von Düringsfeld. Die Literaten. I. 9 130 doch dieſes liebe, gute Weſen, das ſo liebenswürdig, aber ſo gar nicht weltklug iſt, nicht erſt gekommen, aber doch ſchon früher wieder abgereiſt wäre!“ Adelheide, gegen welche ſie ihr Herz in dieſen Worten erleichterte, trug ſie, wie es ſich von ſelbſt verſteht, als Telegraph, unver⸗ weilt, Cäcilien zu, und dieſe wurde innerlich auch gegen Frau von Merkel verſtimmt und argwöhniſch. Es war eben die erſte wirkliche Lebenserfahrung, welche Cäeilie unter lauter Fremden oder doch unter lauter neuen Freunden machte, und faſt nie thut eine Erfahrung wohl, wenn ſie auch ſpäter faſt immer gut thut. So muß denn bekannt werden, daß Cäcilie während dieſer Zeit an Heimweh litt, wie ein armes Kind, welches zum erſten Male von der Mutter fort in eine Erzie⸗ hungsanſtalt kommt, aber es muß auch, ſei es zu ihrem Lobe oder ihrem Tadel, erklärt werden, daß ſie nicht einen Augenblick lang daran dachte, die Waffen zu ſtre⸗ cken und den Rückzug anzutreten. ———» α☛ᷣı 82— 8ð— Eilftes Capitel. Ein cwunderlicher Beſuch. Cäcilie wurde jetzt, anſtatt zu viel beſucht zu wer⸗ den, faſt ganz gemieden, höchſt ſelten nur kam noch eine mitleidige Seele, um ihr unangenehme Dinge zu hinter⸗ bringen, welche da oder dort über ſie geredet worden wa⸗ ren. So läſtig ihr nun früher die vielen Beſuche ge⸗ weſen waren, ſo fühlte ſie ſich als Verlaſſene jetzt doch um Nichts wohler, ja, ſie ärgerte ſich bisweilen den gan⸗ zen Tag lang. Der Entſchluß, ſich ſchriftſtelleriſch mit einer Ueberlegenheit, hinzuſtellen, welche ſie zu einer Macht werden laſſe, entſprang in dieſer Periode, wo man ſich von ihr abwendete, ohne daß ſie eine andere Schuld gehabt hätte als die, ihre Freunde etwas in Verlegenheit gebracht zu ha⸗ ben. Die Mittel zur Verwirklichung eines ſolchen Entſchluſ⸗ ſes konnte ſie nur im angeſtrengteſten Studium finden, und . 9* an dieſes hatte ſie ſich ſeit einigen Tagen mit einer gewiſ⸗ ſen Heftigkeit gemacht, als ihr von einer Seite von wo ſie es nicht im Traum hatte erwarten können, eine ſeltſame und höchſt überraſchende Theilnahme zukam. Sie ſaß eines Morgens und ſchrieb, als nach einem raſchen Klopfen die Thür ihres Zimmers geöffnet wurde und mit einem eigenthümlich kecken Weſen, welches zwiſchen dem einer Kunſtreiterin, und dem eines Studenten ſchwankte, eine ſchöne Perſon in der Mitte der dreißig eintrat, die Thür hinter ſich zufliegen ließ, raſch auf Cäcilie zuging, ihr die Hand bot und mit wohlklingender Stimme ſagte:„Ich bin Eliſe Dalton und komme, um Sie kennen zu lernen.“ Cäcilie hatte ſich erhoben und ſah ihren ſonderbaren Beſuch mit großen Augen an. Was ſie von Eliſe Dalton wußte, hatte ihr nie auch nur den leiſeſten Wunſch ein⸗ geflößt, deren perſönliche Bekanntſchaft zu machen. Viel⸗ mehr, Cäcilie hörte den Namen nie, ohne die Augen⸗ braunen zuſammenzuziehen, denn Eliſe Dalton hatte ſich ſeit Jahren ſchon auf eine völlig entgegengeſetzte Weiſe eman⸗ cipirt, wie Cäcilie ſich emancipiren wollte.. Nun ſtand ſie auf ein Mal vor ihr, und wenn Cäcilie früher nie begriffen hatte, wie manche Männer mit Enthuſiasmus von dieſem tollen, ſchönen Weibe hatten ſprechen können, ſo begriff ſie es jetzt, nicht willig, aber vollkommen. Eliſe Dalton war ein Weib zum Verlieben 133 und ſogar zum Lieben, mehr als manches hundert or⸗ dentlicher Frauen und braver Mädchen, die ſich leider, ſo oft einer gleichmäßigen, eintönigen Langeweile be⸗ fleißigen. Als Schriftſtellerin war ſie, wenn gleich nicht ohne Talent, ſo doch nicht von irgend wie betonter Originalität, aber an ihrer Perſon ſprang das über⸗ müthige, eigenthümliche Naturell in jeder Bewegung und jedem Blick hervor. Dabei war ſie gutmüthig. Auch jetzt, als ſie Cäcilie betroffen nnd ungewiß vor ſich ſah, ſprach ſie mit einem Lächeln voll Gutherzigkeit:„Ich ſehe, ich bringe Sie in Verlegenheit, Sie haben ſo ein Exem⸗ plar wie ich bin, noch nicht mit Augen geſehen und wiſſen nicht, was Sie mit mir anfangen ſollen. Können Sie nicht eins mit ſich darüber werden, ſo ſagen Sie mir's, und ich gehe wieder. Soll ich gehen?“ Cäcilie war eine Senſitive aber keine Prüde. Sie ſchickte ſich entſchloſſen in die ihr neue Lage, Wirthin einer Eliſe Dalton zu ſein.„Sie ſollen nicht gehen, ſondern bleiben,“ ſagte ſie mit einem freimüthig⸗freundlichen Lä⸗ cheln,„mich entſchuldigen, wenn ich überraſcht war, und mir erzählen, wie Sie von mir wiſſen konnten.“ Eliſe ſetzte ſich bequem und graziös auf das Sopha und antwor⸗ tete:„Das will ich Ihnen zuerſt ſagen. Ich bin ſeit drei Tagen hier und ſehe meine Freunde officiell und meine Freun⸗ dinnen incognito. Emily Ellrich iſt unter dieſen ja, ſie 134 iſt ſogar meine beſte Freundin! Sehen ſie mich nicht ſo warnend an, ich weiß was ich damit ſage. Emily Ellrich iſt diejenige, von der ich am meiſten Schlechtes und Luſtiges über Andere höre, und die dafür zu Andern von mir die ärgſten Sachen ſagt, mich im Stillen ungemein beneidet und mich daher aufrichtig verabſcheut. Sie beſuchen darf ich nur um die Dunkelſtunde, denn am Tage könnte ich Sie com⸗ promittiren, und Emily Ellrich kann compromittirt werden. Sie nicht, zu Ihnen bin ich am Tage gekommen. Ihnen wird mein Beſuch nicht ſchaden. Und dann— geſteh' ich, wollt' ich damit auch ein wenig braviren. Emily hatte mir von Ihnen, von Ihrer— Sie entſchuldigen— verrückten Idee, emanci⸗ pirt als Nonne leben zu wollen, ſo viel erzählt, daß es mich langweilte. Ich ſagte, ich wollte ſie mir ſelbſt anſehen,„das wird Ihnen ſchön bekommen,“ meinte Emily ſpöttiſch, „es wird Ihnen gehen wie bei der Hopfenſtiel.“ Die edle Junia hat mir nänlich die Thür gewieſen. Wollen ſehen, ſagte ich, denn ich bin eine trotzige Creatur, und ſo kommt's denn, daß Sie heute mich hier haben.“— „Ich fürchte nur,“ ſagte Cäcilie lachend,„daß ich Sie in der Wirklichkeit ebenſo langweilen werde, wie in der Schilderung von Fräulein Ellrich.“ „Nein,“ antwortete Eliſa Dalton, ihre junge Wir⸗ thin, mit Wohlgefallen anſehend.„Sie gefallen mir. Sie ſind durch und durch ehrlich in dem was Sie beabſich⸗ 13⁵ tigen, und kann’s Eine ausführen, ſo ſind Sie's. Ich glaube ſogar, daß es Ihnen gelingen wird, und ich wün⸗ ſche es Ihnen. Sie würden unglückſelig ſein, wenn Sie ſich in ſich ſelbſt getäuſcht hätten. Sie würden ſich ſelbſt keine Abſolution ertheilen, auch wenn die ganze Welt es thäte. Die Welt würd' es aber gerade bei Ihnen nicht thun. Die Welt hat ihre verzeihenden Launen und ſie hat ihre unverſöhnlichen Launen. Sie iſt nachſichtig bis zur Weichlichkeit, oder ſtreng bis zur Unerbittlich⸗ keit, das würde ſie bei Ihnen ſein— ſehen Sie ſich vor.“ „Ich denke,“ ſagte Cäcilie einfach ſtolz. „Ich denk' es auch,“ fuhr Eliſe fort,„aber ſagen Sie mir—“ unterbrach ſie ſich,„darf ich mir eine Cigarre anſtecken?“ „Können Sie nicht eine Stunde ohne Cigarre ſein?“ fragte Cäcilie. 3 „Ich kann's ſchon, lautete die Antwort,„aber zum Plaudern fühl' ich mich dann nicht comfortable.“ Cäcilie ging, zündete eine kleine roſa Kerze an, brachte ſie Eliſen und hielt ſie ihr beim Anbrennen der Cigarre. Eliſe ſagte dankbar:„Sehen Sie, gut ſind Sie auch?“ „Soll ich Ihnen das Licht brennen laſſen?“ fragte Cäcilie lächelnd. „Nein,“ entgegnete Eliſe, ſich bequem zurücklegend, 136 „ich bin nicht ſo faſelig wie die Männer, ich laſſe meine Cigarre nicht jeden Augenblick ausgehen. Nun ſehen Sie, was ich ſagen wollte— ich zweifle, ſeit ich Sie geſehen habe, nicht im mindeſten mehr daran, das Sie immer ſein werden, was Sie ſein wollen: die unbefleckte Weib⸗ lichkeit in Gedanken und in der That, aber Sie müſſen es für die andern auch ſcheinen. Gerad weil Sie ſich allein hingeſtellt haben, müſſen Sie ſich, wie eine Lilie, von der ich irgend wo einmal las, mit dreifachen Dor⸗ nenhecken umgeben. Nicht mit dem Athem ſelbſt dür⸗ fen ſolche Perſönchen, wie meine liebe Emilie, an Sie heran, überhaupt würde ich Ihnen dringend rathen, ſich von allem ſogenannt genialen weiblichen Umgange gänz⸗ lich zurück zu ziehen. Von Männern dürfen Sie gleichfalls ſolche Jungen wie den Wiesner gar nicht in ihre Nähe kom⸗ men laſſen, nur ältere Leute, oder ſollen's junge ſein, nur welche von ſicherm ſittlichen Ruf und von ernſter literariſcher Stellung. Drollige Lehren von einer Eliſe Dalton, nicht wahr? Aber, mein liebes Kind, gerade ich habe die nöthige Erfahrung um ſie geben zu können. Wenn tugendhafte Frauen wiſſen wollen, was ſie Alles vermeiden müſſen, ſollten ſie bei denen anfragen, die ihr Gegenpart ſind. Die Sünderinnen werden ihnen Weisheit lehren können, vorausgeſetzt, daß ſie keinen Grimm gegen die Tugend haben und daher treuloſe Rathſchläge ertheilen, 137 das iſt nun bei mir nicht der Fall, ich habe die Tugend ſehr gern, nur muß ſie nicht von mir ausgeübt werden ſollen, dazu hat mich meine Mutter nicht geboren. Und doch war es die ordentlichſte, wackerſte, ſpießbürgerlichſte Frau, die in einer kleinen, noch unverdorbenen Stadt möglich iſt. Wüßte ſie, wie ich geworden bin, ſie drehte ſich im Grabe herum, deswegen bin ich Gott dankbar, daß er ſie meinen Ruhm, Ruf— oder Verruf nicht erleben ließ. Und ihretwegen hab ich die Tugend lieb, die ächt iſt, die honnététè, wie die Franzoſen ſo viel beſſer ſagen une honnéête femme, das iſt eine, die es ſo ganz ſchlechtweg iſt, weilss ihr paßt und weil's ihre Natur iſt, die macht nicht ſo viel Aufhebens von ſich, wie die femme vertueuse. Die vertueuse haß' ich eigentlich ein Bischen, nicht ſehr, ich bin keine gute Haſſerin, aber ſo gelind heimlich, dagegen lieb' ich die feomme honnéte und das aufrichtig, ohne Magdalenerei und Augenverdre⸗ herei. Ich für mein Theil bereue nicht, ich bin wie ich bin, hab' Andern gefallen, gefall' mir auch, aber ich wehr's keiner Mitſchweſter, anders zu ſein als ich. Im Gegentheil, ich ſag': es iſt brav, wenn's ihr ſchwer wird; wird's ihr leicht, ſag' ich: es iſt ſchön.“ „Alſo ſind Sie nicht für's Propagandamachen?“ fragte Cäcilie. „Propagandamachen!“ lachte Eliſe auf.„Vas si bête! 3 Die Propaganda in meiner Richtung macht ſich von ſelbſt, die liegt in der Natur. Und dann wäre es nebenbei auch noch ſchlecht, wenu man ſie machen wollte. Propagandawüthig ſein iſt immer ein's mit intolerant ſein, und wenn ich das Recht der Intoleranz je irgendwie ſtatuiren könnte, ſo wär' es doch immer noch eher der Sittlichkeit als der Sittenloſigkeit, ebenſo wie auf dem religiöſen Gebiet eher dem Glauben, als dem Unglauben. Nein, ſo wenig ich tauge— dem angenommenen Moralcodex nach nämlich— ſo verdorben bin ich doch noch nicht, daß ich die Rolle der verführenden Schlange ſpielen möchte. Meinetwegen können ſämmtliche Evatöchter den Apfel, den ihre Mutter aß, hängen laſſen, wo er hängt, ich werde ſie wahrhaft nicht auf ſeine rothen Backen aufmerkſam machen. Sehen Sie, darum hab' ich aufgehört zu ſchreiben. Erſtens hatt' ich es ja doch blos gethan, um auf irgend eine Art aus der Alltagsmaſſe der Weibchen herauszukommen, bevor ich mir meinen eigenen Weg ſuchte, zweitens ſah ich, als ich vernünftiger wurde, deutlich ein, daß ich nur ſchreiben könnte, was Schaden bringen müßte, und daß ich dazu kein Recht hätte. So hört ich denn mit Scribeln auf, zum Heil für mich, denn ich habe die Stunden, in denen ich mich damit ſonſt gelangweilt hatte, nun für mich und mein Vergnügen frei, und dann zum allgemeinen Beſten, was mir wahrhaftig mehr —————— 139 am Herzen liegt, als einigen ſehr geiſtreichen und aus⸗ gezeichneten Schriftſtellerinnen, die ſich ihre armen Fin⸗ ger müde ſchreiben, um den herrlichen Glauben zu pro⸗ pagiren, daß der liebe Gott ſich um uns ſo wenig küm⸗ mere, wie Sie und ich uns um irgend eine Schwein⸗ heerde kümmern, die einige hundert Meilen von uns in irgend welchem Walde Eicheln— fräße, wenn ſie jetzt ſchon reif wären. Nein, wie ſchon geſagt, ich lade keine Schweſter zum Apfelbiß ein, nur mit Brüdern nehm ich's nicht ganz ſo genau, die vertragen ſchon was, und dann mir ſelber ſchmeckt's,“ beſchloß ſie mit einem Blick üppiger Schelmerei, der geradeweges aus Figaro's Hoch⸗ zeit, d. h. aus der ächten, ohne Muſik, her zu blitzen ſchien. Cäcilie hatte, wie es oft ihre Art war, die Arme ineinandergeſchränkt und den Kopf etwas auf die rechte Seite vorgebeugt. So hörte und ſah ſie der neuen Er⸗ ſcheinung zu wie einer Phantasmagorie, deren Entſte⸗ hung ſie noch nicht recht begreifen konnte. Eliſe Dalton ſchwieg einige Augenblicke, dann fragte ſie:„Rathen Sie an mir herum?“— „Haben Sie je wirklich geliebt?“ fragte Cäcilie ſtatt der Antwort. Eliſe nickte.„Sehr aufrichtig. Wie das dümmſte ehrlichſte Gänschen. Aber, leider, dauerte es nicht lange—“ „Sie wurden getäuſcht?“ 140 „Nein, gelangweilt. Mein Mann— denn es war mein erſter Mann, den ich ſo geliebt hatte— war eine brave, gute Creatur, ein Muſterbild aus dem Haus⸗ ſchatz, aber es ging nicht mit ihm zu leben. Selbſt die Fliegen an der Wand ſchliefen ein, wenn ſie ihn anſahen, geſchweige denn ich. Das ſtellte ich ihm vor und wollte ihm begreiflich machen, er müßte mich loslaſſen, er wollte es nicht einſehen. Wie ſollt' ich mir helfen? Ich macht ihm Geſchichten, da hat er Gott gedankt, daß er mich los wurde, und ich hab' auch Gott gedankt.“ „Und doch haben Sie wieder geheirathet?“. „Ja, aber wie denn! Um ein Haus zu haben, einen Tiſch, Schüſſeln d'rauf, Alles ohne Mühe. Glauben Sie mir in Deutſchland wird die voyons: freie Weiblichkeit honorirt, man kann ganz wie eine tugendhafte Nähterin, im aller modernſten Roman Hungers dabei ſterben, dann fühlt' ich zwar keine Vocation außer Landes zu gehen, Abenteuerin im großen Styl zu werden, dazu fehlt es mir an Talent. Nach der Lola mußte Eine kommen, die noch prächtiger toll war, als ſie, und das wäre ſchwer. Auf's Theater zu gehen, dazu war ich ſchon zu alt, und dann war dort an beiden Polen meiner Sphäre durch Pepita und Goßmann auch ſchon das Aeußerſte geleiſtet. Genug, ich ſtimmte ſehr dankbar ein, als ein Doktor, wie er nur in Deutſchland möglich iſt, mir ——— —5+₰—2— —— 141 vorſchlug, mich als Studium für weibliche Pſychologie zu heirathen. Nur macht' ich mir von jedem Jahre ein halbes als Urlaub aus, denn erſtens mußte ich doch wieder neu werden, um als Studium intereſſant zu bleiben, und zweitens hätt' ich's ſonſt in einem Hauſe und bei demſelben Manne nicht ausgehalten. Verzeihung tauſend Mal, daß ich Ihnen dieſe Dinge ſage,“ unterbrach hier Eliſe ſich, warf den Cigarrenſtummel fort und faltete die vollen weißen Hände,„aber es iſt mir zu Muthe, als wär' ich zur Beichte, kniete, wie Gretchen vor einer Gnadenreichen, und ſpräche mein Herz aus, daß ich dieſe eine Stunde mit Ihnen geweſen bin, iſt das beſte von meinem diesmaligen Urlaub.“ „Dieſe eine Stunde? Wollen Sie nicht noch zu mir kommen?“ „Dank Ihnen für dieſe Fragen, wenn Sie auch bei dem„Noch“ etwas gezögert haben, nein ich will nicht mehr zu Ihnen kommen, ein Mal konnt' es aus Trotz und Leichtſinn geſchehen, wiederholt wär' es— Frechheit. Sie ſind nicht für meines Gleichen, Sie ſind aber auch nicht für Ihre lieben Colleginnen, die hier aus dem Muſeum in's Grüne ziehen und aus dem Grünen in die Bibliothek. Thun ſie mir und thun Sie ſich den Gefallen, und reiſen Sie bald ab. Sie kommen hier in kein Gleichgewicht mehr herein, Sie haben ſich gleich 142 von Anfang an zu unvorſichtig aus allem Verhältniß mit dem Ganzen und faſt mit jedem Einzelnen in Miß⸗ verhältniß geſetzt. Lauter Fehler, die Ihnen Ehre machen. aber wer verſteht denn die Fehler der Guten zu ehren? Hier kann's der Hofrath Stamm, dieſer Ehren⸗ mann, dieſer moraliſche Samariter, denn ich immer das Pfötchen küſſen möchte, dächte ich nicht, er würde mir in's Geſicht lachen. Aber an den zu glauben haben Sie für den Augenblick nicht Geſundheit genug, denn zum frohen friſchen Glauben gehört, daß man geſund ſei, und Sie haben ſich jetzt geradezu krank ärgern laſſen. Alſo Luftwechſel, das verordne ich als Doktorsgattin Ihnen, das hilft bei ſolchen Verſtimmun⸗ gen allein radikal, ganz wie beim Keuchhuſten. Emily hat mir geſagt Sie hätten eigentlich direkt zu Wende⸗ lin gewollt, um mit dem gleich eine tüchtige Arbeit zu berathen— warum haben Sie den Vorſatz auch nur einen Tag lang aufgegeben! das war der vernünftigſte, den Sie faſſen konnten, nehmen Sie ihn wieder auf und ver⸗ folgen Sie ihn. Wendelin iſt ein Charakter— Gru⸗ now ſchrieb kürzlich von einem Mitnovelliſten: ſeine Cha⸗ raktere wären wie aus Eichenholz gezimmert,— nun, das läßt ſich auch von Wendelin ſagen, er iſt ſo trocken, aber auch ſo feſt wie aus altem Eichenholz, nur iſt er nicht daraus gezimmert, ſondern daraus ſculptirt. Ich 143 ſchätze Wendelin nicht nur unter allen Verlegern, ſon⸗ dern auch unter den meiſten Männern am höchſten: ich habe bei ihm gar Nichts ausgerichtet, er wollte ſich nicht in mich verlieben und wollte Nichts von mir verlegen, und durch dieſe Weigerungen hat er mir den größten Reſpekt von ſich eingeflößt. Alſo reiſen Sie zu ihm, es iſt der beſte Rathgeber, den Sie finden können, nur erwar⸗ ten Sie nicht, von ihm geſchmeichelt oder bewundert zu werden— er iſt ein Deutſcher im ächteſten Sinne des Wortes, und bewundert ſtets nur ſeines Gleichen, d. h. was in Rock, Stiefeln und Beinkleidern geht. Eine Frau kommt immer nur nachher und kann höchſtens be⸗ nachſichtigt werden. Und vor Allem ſchloß Eliſe eifrig, „ſprechen Sie ihm nicht ſo viel vor, wie ich Ihnen vorgeſprochen habe, denn das kann er nicht ausſtehen.“ Cäcilie fragte lächelnd, ob ſie Eliſen den Eindruck großer Redſeligkeit gemacht habe.. „Nein,“ antwortete munter Eliſe,„aber geſtehen Sie es auch ein, daß ich Sie nicht habe zu Worte kommen laſſen. Glauben Sie jedoch nicht, daß ich immer ſo unvernünftig viel ſchwatze, ich hatte nur Eile, Ihnen Alles von mir zu ſagen, weil ich mir, gleich nach den erſten Minuten mit Ihnen, vorgenommen hatte, es ſollte das erſte und letzte Mal ſein. Daß Sie mich angehört haben, dank' ich Ihnen ewig. Und nicht wahr, Sie verwerfen mich auch ſpäter in ihren Gedanken nicht ganz, wenn Sie ſich meiner erinnern?“ „Nein, aber— leid thut es mir um Sie, das muß ich Ihnen bekennen.“ „Das iſt wieder zu viel. Mitleid verdien' ich nicht, und— will es nicht, denn wo ich ſtehe, da bin ich mit ſehenden Augen hingeklettert. Nein, leid laſſen Sie es ſich um mich nicht thun, aber, bringen Sie's über's Herz, ſo ſchätzen Sie mich ein wenig, weil ich nicht heuchle. Ich werd' es auch nie thun. Ich werde nie einen Spektakel mit meiner ſogenannten Bekehrung anſtellen. Ich werde nie nachträglich moraliſche Romane ſchreiben. Ich werde nie eine Magdalene werden, weil ich fünfzig und dick werde. Mit einem Wort, ich werde die Thorheit lieb behalten, ſo lange ſie mir lächelt. Schneidet ſie mir ein Geſicht, ſagt ſie mir: du biſt mir zu alt, nun— ſo werd' ich ſie gehen laſſen, weil ich ſie nicht halten kann, werde meiner Jugend amLAllerſeelentage ein Paar Gedächtnißker⸗ zen auf's Grab ſetzen, oder wie in Leipzig am Johan⸗ nistag einen Haufen Blumen darauf thun, und dann — werd' ich weiter ſehen. Umkommen werde ich innerlich nicht, auch wenn ich eine Alte bin, es gibt immer ein Vergnügen auf der Welt und jetzt— Adieu!“ Sie ergriff Cäciliens Hände, drückte ſie haſtig, mit einer Rührung, die ſie nicht zeigen wollte, wartete , te 145 keinen Abſchiedsgruß mehr ab und war weg, wie ſie gekommen war, unverſehens. Cäcilien war es den ganzen Tag zu Muth als wär ein Gewitter über ſie hingerauſcht. Ida von Düringsfeld. Die Literaten. I. 10 Zwölftes Capitel. In einem Arbeitscabinet. Karl Wendelin, der Verleger von Cäciliens erſtem und bis jetzt einzigem Buche, hatte in einer der breiten lan⸗ gen Straßen der großen norddeutſchen Reſidenzſtadt ein ſchönes Haus, welches er mit ſeiner Mutter bewohnte. Rechts im Erdgeſchoß waren bis jetzt ſein Empfangs⸗ zimmer und ſein Arbeitscabinet, links ſein Comptoir und ſein Magazin geweſen, für künftig ſollte das Erdgeſchoß zu einer Druckerei eingerichtet werden. Dieſe Verände⸗ rung war jedoch bis jetzt blos noch Projekt, und Wende⸗ lin ſaß wie gewöhnlich in ſeinem Arbeitscabinet zu eb⸗ ner Erde. Bei ihm waren, wie er ſagte, ein Freund, d. h. auch ein Verleger, und ein Feind, d. h. ein Schriftſteller. Dieſer ſagte ruhig:„Wendelin, ich glaube, hier iſt der Feind beſſer als der Freund.“ 147 „Ich glaub' es beinah auch, Herr Graf,“ antwor⸗ tete Wendelin ruhig. Dann wandte er ſich zu ſeinem Freunde und„nun, wie iſt es, Wehrmann, betheiligen Sie ſich?“ Herr Wehrmann, ein blonder, junger Mann von vierzig Jahren, der bedeutendſte Verleger in einer großen Provinzialhaupt⸗ und Univerſitätsſtadt, ein kleiner Autokrat und ein großer Mäcen, nämlich der Schrift⸗ ſteller aus ſeiner Provinz ſah unentſchieden und ängſt⸗ lich aus. „Wenn man’s nur wüßte,“ meinte er.„So etwas will denn doch überlegt ſein! Ich hab' es nicht gern, wenn man ſo über mich kommt. Ich mag mich nicht ſo drängen laſſen.“ 3 „Gut, bis morgen haben Sie Zeit,“ ſagte Wen⸗ delin.„Länger wart' ich nicht. Sie haben das erſte Anerbieten gehabt; wollen Sie nicht, ſeh' ich an⸗ derswo zu.“ „Sie werden keinen Andern ſo im Umſehen finden,“ ſprach Herr Wehrmann in einem etwas unhöf⸗ lichen Tone. Herr Wehrmann wurde leicht etwas un⸗ höflich und zwar oft mitten in der convivialen Jovia⸗ lität oder mitten im Geſchäft. Es war nicht ſo böſe gemeint, es war nur ſo ungeſchickt gethan. Er konnte Nichts unbefangen und ruhig annehmen oder ablehnen, 10 148 im Allgemeinen nämlich. Bei ſeinen Schützlingen pi⸗ quirte er ſich darauf, alle Geſchäfte als großer Herr abzuthun, da war mit einem Handgeben ein Contract abgemacht, das Honorar ebenſo, ein Vorſchuß ſtets zu ihren Dienſten. Aber wo Herr Wehrmann nicht den Beſchützer ſpielen konnte, ſondern ſich in die Formen der geſelligen Gleichheit fügen mußte, da verlor er alle Sicherheit, war bald cordial und zutraulich, bald zurück⸗ haltend und mißtrauiſch, und endete gewöhnlich damit, daß er in die ſogenannte Ehrlichkeit hineingerieth. Jetzt war er darüber ärgerlich, daß er bei großer Luſt, Wendelin's Vorſchlag anzunehmen, ſich doch nicht ſo recht dazu entſchließen konnte, daher kam er denn in das deutſche Geradezu und verſicherte Wendelin: er werde nicht ſo im Umſehen einen Andern finden. Wendelin antwortete unbewegt:„Dann fange ich allein das Geſchäft an.“ „Das werden Sie ſich bald vergehen laſſen!“ rief⸗ Herr Wehrmann. „Schwerlich, wenn ich es erſt ein Mal angefangen habe,“ entgegnete Wendelin lächelnd,„denn da wäre ich ganz einfach ruinirt.“ „Das werden Sie auch, ſich ruiniren,“ polterte Herr Wehrmann heraus. Graf Schlieben lächelte in ſeinen vollen blonden 149 Bart, Wendelin lachte geradezu.„Wehrmann,“ ſagte er ſarkaſtiſch gutmüthig,„ereifern Sie ſich doch nicht gleich. Das haben Sie doch noch immer behalten.“ „Die Herren kennen ſich ſeit lange?“ fragte Graf Schlieben. „Ja, wir haben in Wien zuſammen als Volontairs gelernt,“ erwiderte Wendelin.„Daher kommt auch meine Anhänglichkeit an dieſen guten Wehrmann, und da ich wirklich viel von meinem Plan erwarte, ſo wollte ich den Gewinn mit ihm theilen.“ „Und die Gefahr,“ ſiel Herr Wehrmann triumphirend ein, als habe er eine ungemein ſchwere Entdeckung gemacht. „Natürlich, wie denn anders?“ antwortete Wen⸗ delin. „Aber ich will keine Gefahr theilen,“ rief Herr Wehrmann eifrig.. „So bleiben Sie weg von der Unternehmung,“ entgegnete gleichmüthig Wendelin. Herr Wehrmann rauchte mit Gewalt. Das war ſeine Art, Gemüthsbewegung auszudrücken. Wendelin ließ ihn rauchen und ſprach mit dem Grafen Schlieben, der kürzlich in den Vereinigten Staaten geweſen, über England zurückgekommen war und eine höchſt geiſtvolle ſtaatsökonomiſche Parallele zwiſchen dem kleinen Mutter⸗ 150 land und den großen Tochterlanden veröffentlicht hatte. Für ſtaatsökonomiſche Artikel war er auch an Wendelin für deſſen beabſichtigte Revue verſprochen, denn eine Wiederaufnahme dieſes in Deutſchland ſchon ſo oft unter⸗ nommenen und ſo oft wieder gefallenen Verſuches war der Plan, um welchen es ſich handelte. Wendelin glaubte an die Möglichkeit einer endlichen Verwirklichung. Das bisherige Mißglücken ſchob er auf das zu kleinliche und ängſtliche Anfangen und Anfaſſen.„Soll es gelingen, muß gewagt werden,“ ſprach er. „Na, wagen Sie nur,“ brummte Herr Wehrmann durch ſeine Dampfwolke. „Ich will's ja eben,“ entgegnete Wendelin. „Wenn ich könnte, wie gern würde ich Ihr Part⸗ ner!“ ſagte unruhig der Graf.„Aber was ich habe, genügt gerade nur, um mich unabhängig zu erhalten, und unabhängig muß ich bei meinen Geſinnungen blei⸗ ben, denn in jedem Staatsverhältniſſe wäre ich von vorn herein Rebell. Und doch—“ 3 „Ich bitte Sie, Herr Graf,“ unterbrach Wen⸗ delin ihn und drückte ihm gelaſſen die Hand,“ ich be⸗ darf ja für den Augenblick keiner Unterſtützung. Zwei Jahr lang halt' ich ganz allein aus, ſelbſt wenn das Unternehmen ſich gar nicht rentirte. Daß ich mich auch darüber hinaus zu ſichern wünſche, iſt einfach, denn 151 ein wirklicher Ertrag iſt bei dergleichen immer erſt nach fünf Jahren zu erwarten, nämlich was wir Buchhändler Ertrag nennen.“ „Das kaum nach zehn,“ warf Herr Wehrmann dazwiſchen. „Ihren Anſprüchen nach,“ antwortete Wendelin launig,„Sie wiſſen, meine ſind beſcheiden.“ „Ja,“ erwiderte Herr Wehrmann ſtöhnend,„wenn es nur zehn Buchhändler gäbe, wie Sie, ſo wäre der Buchhandel futſch.“ „Darin divergiren unſere Anſichten, wie Sie ſeit lange wiſſen,“ meinte Wendelin. „Ja, Sie ſind eigentlich gar kein ordentlicher Buchhändler,“ erklärte Herr Wehrmann. „Herr Wehrmann iſt ſehr ehrlich,“ bemerkte Graf Schlieben. „Das war immer ſeine Tugend,“ erwiderte Wen⸗ delin ernſthaft. .„Wenn Sie's nur illuſtriren wollten, Ihr Unter⸗ nehmen,“ fing Herr Wehrmann wieder an.„Ohne Illuſtrationen geht nun ein Mal heut zu Tage Nichts.“ „Beſter,“ ſprach Wendelin,„ich dächte doch, Sie gerade hätten die Erfahrung gemacht, daß man mit Illuſtrationen auch nicht immer etwas ausrichtet.“ Wendelin wurde allmählich ein wenig ungeduldig. —— 152 Herr Wehrmann erwiderte mit einem verzeihlichen Stolz auf ein artiſtiſch wirklich vortreffliches Unternehmen, welches, obgleich es an einem ſchwächlichen Text labo⸗ rirte, ein günſtiges Schickſal verdient hätte. Prachtwerke wären freilich immer ein großes Riſico, aber er ſpreche von populären Illuſtrationen. Wendelin zuckte die Ach⸗ ſeln und fragte:„An denen fehlt's, nicht wahr?“— „Es fehlt nicht d'ran,“ entgegnete Herr Wehrmann, „aber es kann immer noch ſo etwas dergleichen kommen. Nehmen Sie das Capital zuſammen, welches Sie in die Revue ſtecken wollen, ſo können Sie ſogar dem Som⸗ merhauſe Concurrenz machen.“ „Sie wiſſen, ich mache nie Concurrenz,“ erwiderte Wendelin ziemlich nachdrücklich.„Wer durch Ausdauer und Geſchäftskenntniß mit etwas heraufgekommen iſt, der mag meinetwegen in Frieden oben bleiben, ich ſtoß' ihn wahrhaftig nicht.“ „Ih, einer muß dem andern Platz machen,“ meinte Herr Wehrmann. „Glauben Sie ihm nicht,“ ſprach Wendelin lächelnd zu Graf. Schlieben,„er denkt gar nicht ſo, er verſtellt ſich blos.“ 3 „Herr Wehrmann gefällt ſich in der Rolle des großen, rückſichtsloſen Induſtriellen,“ ſtimmte der Graf höflich bei. 153 „Nun, ich ſehe wirklich nicht, was dabei wäre, wenn Sie dem Baum Concurrenz machten,“ redete Herr Wehrmann gereizt und etwas hitzig dawider.„Im Geſchäft iſt ſich doch Jeder ſelbſt der Nächſte, und dann ſind Sie ja mit Baum gar nicht perſönlich befreundet, politiſch ſogar ſein entſchiedener Gegner.“ Baum war Achtundvierziger, Wendelin Abſolutiſt, Herr Wehrmann war— Entreſol, d. h. liberal. Wendelin antwortete:„Ich bin perſönlich mit Baum weder Freund noch Feind, wir kennen uns eben nur. Ich weiß nicht, wie er über mich denkt, ich ſchätze ihn. Wie ich ihn beurtheile, hat er keinen ganz klaren politiſchen Glaubensbegriff, aber er hat für das, was er für ſeinen Glauben hält, eine unerſchütterliche Treue, die er ſelbſt durch Opfer beweiſt. Wer von ſeiner Farbe eiſt, für den iſt er.“ „Ja, wer nicht auf den Barrikaden ſtand oder exilirt iſt, von dem druckt er keine Sylbe,“ meinte Herr Wehrmann lachend.. „So arg iſt's nicht gerade,“ ſprach Wendelin auch lachend,„aber freilich, die Compromittirten ſind ſeine Geliebteſten, und warum ſollen ſie es nicht ſein?“ „Und doch mögen Sie das Sommerhaus nicht.“ „Nein, weil ich entſchieden gegen dieſes oberfläch⸗ liche Populariſiren der tiefſten Wiſſenſchaftsfragen bin.“ 154 „Ich bin völlig Ihrer Meinung, Herr Wendelin,“ pflichtete der Graf bei,„was zu erforſchen, Jahrhunderte lang Gelehrte ihr Leben angewandt haben, dasſoll da wie eine Pi⸗ lawkugel mit der Hand zuſammengerollt und dem Leſer in den Mund geſchoben werden, noch ſchlimmer, der Leſerin. Das iſt kein Rührungs⸗ ſondern ein Erſtickungsprozeß. In⸗ deſſen bin ich vollkommen überzeugt, daß Baum ihn mit der ehrlichſten Abſicht von der Welt anwendet, denn ich halte ihn, gleich Ihnen, für einen durch und durch recht⸗ lichen Mann.“ „Sie gehören wohl auch etwas zu den Demokraten, mein beſter Herr?“ fragte Herr Wehrmann, den Grafen mit einem pfiffigen Ausſehen. Der Graf richtete ſich durchaus enicht ſtolz in die Höhe, wie in gewiſſen Volksſtücken und ſogar in vielen Converſationsluſtſpielen die Grafen und Barone noch heut zu Tage zu thun pflegen, wenn ihnen auf den Fuß oder durch eine Frage zu nahe getreten wird. Mit höchſter Verbindlichkeit und gleichſam entſchuldigend ant⸗ wortete er:„Ich habe nicht die Ehre, überhaupt nicht die, von irgend einer Partei zu ſein, ich bin Zukunfts⸗ politiker.“ „Ah ſo, wie der Wagner Zukunftsmuſiker iſt,“ meinte Herr Wehrmann. Wendelin ſtand auf, nahm von ſeinem Bureau 155 eine Agende, ſchien darin Notizen nachzuſehen und ſagte dabei mit halber Stimme auf italieniſch zum Grafen: „Ihr habt nur, was Ihr verdient; warum ſprecht Ihr immer gegen Jedermann, als ob Jedermann wie Ihr wäre?“ „Verzeiht mir, Herr Ariſtokrat!“ antwortete lächelnd der Graf.. Herr Wehrmann hatte, Engliſch ausgenommen, eine inſtinktive Abneigung gegen alle fremde Sprachen, denn unter jedem romaniſchen oder ſlawiſchen Idiom witterte er immer gleich einen Hochverrath gegen Deutſch⸗ land. An England als Deutſchlands natürlichen Bun⸗ desgenoſſen zu glauben, gehörte zu ſeinem liberalen Credo, es war ſogar der erſte Satz darinnen. Aber wie geſagt, jede andere Zunge, die geredet wurde, machte ihn mißtrauiſch die Ohren ſpitzen und überhaupt verdrießlich. So ſtand er auch jetzt verſtimmt auf und ſagte:„Na, Wendelin, heute kommen wir doch zu Nichts, ich werde mir's überlegen und Ihnen morgen oder übermorgen Beſcheid ſagen.“ „Morgen, Wehrmann, übermorgen iſt's zu ſpät.“. 4„Nun, auf vierundzwanzig Stunden wird's doch nicht ankommen.“ „Auf eine Stunde ſogar. Wollen Sie morgen nicht, will ich übermorgen nicht mehr. Sie kennen mich.“ „Warum wollen Sie überhaupt gerade dieſen Herrn?“ fragte, als Herr Wehrmann Abſchied genom⸗ men hatte und außer Gehörsweite war, der Graf, dem es jetzt, mit Wendelin allein, erſt bequem und menſch⸗ lich zu Muthe zu werden ſchien. Wenigſtens vertauſchte er ſeine bisherige tadellos elegante Haltung gegen eine, für die ſich in keinem Complimentirbuch eine Vor⸗ ſchrift finden dürfte, für eine um ſo zu ſagen, dithyram⸗ biſche, in welcher die Gliedmaßen nicht in ihrer gewohnten Lage zu einander blieben, ſondern ſich nach verſchiedenen Himmelsgegenden hin ausſtreckten. Es ſtand den Grafen aber gut, er lümmelte ſich mit einer gewiſſen Athleten⸗ grazie hin, denn er war über ſechs Fuß hoch, und wenngleich noch nicht geradezu breit doch von entſprechender Stärke der Glieder und Muskeln. Im Verhältniß etwas zu klein war ſein Kopf und zugleich ſo fein ausgearbeitet und gefärbt, das Guntram von Rochlitz, der ſich jetzt eben auf dem Wege nach Wendelins Bureau befand, immer zu ſagen pflegte es ſei ein Rieſenkopf in Miniatur auf Email gemalt. 3 . Wendelin blieb mit Hans Schlieben allein, was er mit Hans Schlieben und Herrn Wehrmann zuſam⸗ men geweſen war. Wendelin war nie eine Minute anders, als er immer war, wenigſtens erinnerte Niemand ſich je, ihn verſchieden von ſich ſelbſt geſehen ————.— ——.——,— zu haben. Im Geſchäft oder in Geſellſchaft, daheim oder auf der Reiſe, mit den vertrauteſten Freunden oder mit abſoluten Fremden, war Wendelin derſelbe Mann, der Ja oder Nein mit der gleichen Stimme und der gleichen Miene ſagte, mit gleicher Ruhe tanzte oder ſich ſchlug, mit gleichem Freimuth überall in ſeinem Atelier wie im Cabinet eines Miniſters ſeine Meinung ausſprach und ſie, wenn er nicht eines Beſſern überführt wurde, mit unbeugſamer Halsſtarrigkeit behauptete. Er lehnte, während Graf Hans es ſich in ſeinem tiefen Lehnſeſſel auf Schliebenſche Weiſe bequem machte, in ſeiner geraden aufrechten Haltung in ſeinem Bureau. So auf den Grafen hinabblickend beantwortete er deſſen Frage mit den kurzen aber ſchlagenden Worten:„Wehr⸗ mann hat Geld und iſt honnet.“ „Sogar honnet?“ fragte Graf Hans.„Ich hätt' ihn nur einfach für ehrlich gehalten.“ „Nein, ſogar honnet,“ wiederholte Wendelin. „Ja ſo!“ meinte der Graf. In dieſem Augenblick wurde Wendelin ein Brief gebracht, der ihm von einer Firma, welche ihn zur Be⸗ ſorgung empfangen hatte, zugeſendet wurde, der Graf hatte ſich beim Eintritte des Dieners nicht derangirt, in Wendelins Arbeitscabinet durften nur die Diener des Hauſes eintreten, und Diener waren Schliebens Ma⸗ 158 nieren oder Unmanieren längſt bekannt, während er, deſſen Gehör an Schärfe dem eines Trappers glich, es gleich am Fußfall erkannte, ob ein Eingeweihter oder ein Fremder eintreten werde. So blieb er denn hängen, wie er hing, während Wendelin, der nie eine Sekunde länger mit dem Anſehen einer Adreſſe verlor, als nöthig war, um ſich zu vergewiſſern, daß ſie auch wirklich an ihn gerichtet ſei, den Brief ohne Eile, aber prompt wie ein Geſchäftsmann aufbrach, langſam durchlas— er pflegte zu ſagen, ein langſames Durchleſen ſchütze vor dem Wiederleſen müſſen — und ihn dann, leicht die Achſeln zuckend, neben ſich auf das Büreau legte. „Geſchäft, worin ich ſtöre, Wendelin?“ fragte Graf Hans.„Aſſocie oder Autorantrag?“—„Nichts von Beidem, Herr Graf.“—„Hole doch der Henker Ihren Herrn Grafen!“ rief Graf Hans ſo verdrießlich, daß er ganz aus ſeiner bequemen Unbequemlichkeit herausgerieth. „Will Ihnen denn das Schlieben nie über die Lip⸗ pen?“—„Sie kennen darin meine Anſichten.“— „Will ſagen, Ihren Eigenſinn.“—„Möglich, aber wenn ich nun ein Mal den habe, die äußern Formen zu reſpektiren, weil ſie ſich geſchichtlich logiſch gebildet haben und weil ich mich innerlich Jedem der tüchtig iſt, ebenbürtig fühle?“ „Ja doch, ja, ich weiß ſchon,“ unterbrach der Graf 159 den Buchhändler,„leſen Sie mir kein neues Collegium über Koſtenunterſchiede— ich habe ſchon genug von Ihnen gehört.„Was lachen Sie?“—„Fch ſtellte mir eben vor, wie es Ihnen gefallen würde, wenn Herr Wehrmann per Schlieben ankäme.“—„Ah!“ dehnte der Graf.—„Was dem Einen recht iſt, iſt dem An⸗ dern billig,“ ſprach Wendelin ſarkaſtiſc.—„Was ſteckt denn in dem Briefe?“ fragte Graf Hans haſtig, um abzubrechen. „Leſen Sie ihn— es iſt eine kurioſe Epiſtel.“— „Was von der Dalton? Sind Sie mit der in Corre⸗ ſpondenz, das hab' ich gar nicht gewußt.“ „Ich auch bis jetzt nicht, aber es ſcheint als ſollt es nun damit anfangen! Sie verſpricht zwar, dieſe Zu⸗ ſchrift ſolle ein Unicum bleiben aber ich traue nicht recht.“ Graf Hans hatte den Brief doch neugieriger durch⸗ geleſen, als Wendelin. Was dem Buchhändler Alltägli⸗ ches war, das war für ihn Neues. Als er fertig war fragte er:„Wiſſen Sie denn ſchon von dieſem Fräulein von Platen, welches zu Ihnen kommen will?“—„Erin⸗ nern Sie ſich nicht mehr vor einigen Wochen lief ihr Name überall herum— ſie war ja die Veranlaſſung zu dem berühmten Zweigefecht.“—„Richtig!“—„Und jetzt ſchreibt Eliſe Dalton, um ſie Ihnen zu empfehlen— zu dieſem Beſuch kann ich Ihnen kein Glück wünſchen— 160 Herr Wendelin.“—„Ich wünſche mir auch keines, Herr Graf,“ entgegnete Wendelin lächelnd. „Guten Morgen!“ ſagte eine volle Stimme, und ein großer blonder Mann in den hohen Dreißigen trat ein.— „Guten Morgen, Herr von Rochlitz!“ „Guten Morgen, Guntram!“ wurde ihm von Wendelin und Graf Hans geantwortet,„Hans iſt wieder Vereinsſtaat⸗ ler, bemerkte Guntram von Rochlitz der ein Verwandter Schliebens war.„Wirſt Du es nie müde, Dich auf Deine Weiſe auszurufen.“ —„Nein,“ entgegnete der Graf Hans und muthete ſeinen Gliedermaßen noch mehr Exeentricität zu.„Du aber kannſt Dir's auf deutſch bequem machen⸗ da ſteht der Divan.“— Guntram war ſchon darauf hingeſtreckt.„Wendelin, Sie ſind ein ſo kluger Mann, ich komme mir Rath bei Ihnen erholen.“ „Herr von Rochlitz, nochmals erhöhen kann ich Ihr Honorar wirklich nicht,“ ſagte der Verleger ernſthaft. Guntram ſah würdevoll und unſchuldig aus.„Dieſes Mal thun Sie mir Unrecht,“ ſprach er feierlich.„Ich erbitte mir wirklich Ihren Rath und zwar weil Sie in vielen Dingen klüger ſind als ich. Sie kennen die Welt beſſer, mehr Menſchen und Verhältniſſe—“ 161 Wendelin machte eine komiſch abwehrende Bewegung und ſagte zum Grafen:„mir fängt wirklich das Herz an zu ſchlagen. Was will er von mir?“ „In jedem Falle will er ſich als unerfahren pouſ⸗ ſiren,“ entgegnete Graf Hans,„oder vielleicht gar nach⸗ träglich darüber in's Reine kommen, ob ſein Artevelde ein Rebell oder ein Tribun im Rechte war. Sag', Gun⸗ tram, ſoll Wendelin Dir das endlich erklären?“ Guntram war nämlich von ſeinen Freunden vielfach darüber ge⸗ neckt worden, daß in ſeiner neueſten dramatiſchen Arbeit, einem ſchwung⸗ und klangreichen niederländiſchen Trauer⸗ ſpiel, ſein Held ſelbſt nicht recht wiſſe, ob er im Recht oder im Unrecht ſei. Mit der Ruhe eines guten Bewußt⸗ ſeins antwortete Guntram ihnen jedes Mal, das wüßten ſie Alle nicht ſo eigentlich, und er mache mit ſeinem Helden keine Ausnahme. Auch jetzt hatte er bereits ſeinen Mund geöffnet, um kaltblütig ſeine Phraſe zu wiederholen, als Hans ihm zurief:„Sei ſtill, ich weiß ſchon, und ich liebe Deinen Artevelde, es iſt ein prächtiges Stück und hat Dir Honorar und Hervorruf eingetragen.“ Mit dieſem letztern Erfolg ſeines Trauerſpiels wurde Guntram des⸗ halb immer geneckt, weil er bei Erwähnung desſelben unfehlbar eine Grimaſſe ſchnitt. Dieſes Mal täuſchte er indeſſen die Erwartung ſeines Vetters, denn er ſagte Ida von Düringsfeld. Die Literaten. I. 11 162 mit der ungeſtörteſten Ruhe und der leutſeligſten Miene: „Wenn Du mich nur zu Worte kommen laſſen wollteſt—“ „Sprich, mein Guntram, ſprich!“ rief Graf Hans liebevoll, und Guntram ſprach. „Sehen Sie,“ ſagte er zu Wendelin und zog einen Brief aus der Brieftaſche,„da hab' ich hier ein Schreiben von Frau von Amſtetter bekommen. Die bit⸗ tet mich, ein Fräulein von Platen, welches vom Rhein iſt, ſich emancipirt hat und ſich hier niederlaſſen will, in meinen Familienkreis einzuführen. Wie ſoll ich denn das anfangen?“— 3 „Indem Du ihr den Arm bieteſt und ſie ins Zimmer führſt, nachdem der Bediente die Zimmer aufge⸗ macht hat,“ ſchlug Graf Hans vor, dann wandte er ſich an Wendelin und ſagte:„das iſt wirklich ein un⸗ vermeidliches Fräulein. Von zwei Frauen an einem Morgen an zwei Männer empfohlen.“ „Wer hat ſie Dir denn empfohlen?“ fragte Guntram. „Mir Niemand, aber Wendelin—“ „Und auch eine Frau?“ „Die Dalton.“ „Unbegreiflich; wie kann ſie ſich durch die Dalton empfehlen laſſen, da Frau von Anſtetter von ihr wie von einer Tochter ſchreibt?“ „Die Dalton ſchreibt, unveranlaßt von ihr, an mich,“ 163 berichtigte Wendelin,“ aus dem freien Antrieb eines ganz unerklärlichen Enthuſiasmus für weibliche Reinheit und Fräulein von Platen.“ „Ja, aber wie ſind die Beiden zuſammenge⸗ kommen?“ „Auf dem Pfade der Emancipation, den ſie von zwei Seiten aus eingeſchlagen haben,“ entgegnete lächelnd der Verleger. „Das iſt's ja eben, daß die Platen— dieſen Pfad eingeſchlagen hat,“ ſprach Guntram, ſich aufſetzend. „Ich will's glauben, daß ſie keine ganz gewöhnliche Perſon iſt, da zwei ſo ganz verſchiedene Weſen, wie Frau von Amſtetter und die Dalton ſich für ſie paſſioniren konnten, aber das wird ihr bei meiner Schwiegermut⸗ ter wenig helfen, die wird von einem emancipirten Fräu⸗ lein durchaus Nichts hören wollen, ſelbſt wenn ich meine Frau dahin brächte, bei der Mutter fürzu⸗ ſprechen—“ „Sollte Katharina das thun?“ fragte Graf Hans. „Ach ja,“ meinte Guntram,„ſie iſt durch mich doch ſchon ſo ein Bischen mehr an die Welt außer ihrer Welt gewöhnt, aber die Mutter hält ſich d'rinnen und wird kein emancipirtes Fräulein hineinlaſſen, ſchon der Mädchen wegen.“ 11* 164 „Da hat die Gräfin auch vollkommen Recht,“ ſprach Wendelin. „Ja, aber was mache ich dann gegenüber der Frau von Amſtetter?“ „Schreiben Sie ihr ganz einfach die Wahrheit.“ „Das kann ich nicht ſo geradezu, das thäte mir zu leid— ſie alterirt ſich ſo leicht.“ „So mag ſie ſich alteriren.“ „Ich dachte, ſie hätte Ihnen gefallen? Sie dank⸗ ten mir damals vom Rhein aus für die Empfehlung an ſie?“. „Sie hat mir gut gefallen— warum zweifeln Sie daran?“ „Weil es Ihnen ſo gleich iſt, ob ſie ſich alterirt oder nicht.“ Wendelin zuckte lächelnd die Achſeln. Der Graf fragte:„Wer iſt denn dieſe Frau von Amſtetter, wegen deren Alteration Rochlitz ſo be⸗ ſorgt iſt?“ „Eine ſehr angenehme Frau,“ antwortete Wen⸗ delin. „Und eine vernünftige Frau,“ ſchob Guntram ein. „Und eine vernünftige Frau, ſo weit nämlich eine Frau vernünftig ſein kann,“ beſtätigte Wendelin. „Wenn ſie ihre Vernunft nur dadurch beweiſt, daß ſie fahrende Fräuleins empfiehlt—“ meinte 165 bedenklich der Graf,„ſo—“ er konnte nicht vollen⸗ den— eine Karte wurde Wendelin gebracht—„Cäcilie von Platen“ ſtand darauf, in Bleiſtift der Name des Hötels, wo ſie abgeſtiegen war, die Nummer ihres Zimmers und die Frage:„Wann?“„Lupus—“ fing Guntram gravitätiſch an.—„Et cetera,“ unterbrach Hans ihn lachend.„Nun, edler Verleger, Zuflucht bedrängter Schriftſtellerinnen, Ant⸗ wort— das Fräulein wartet. Wann?“—„Dieſen Nachmit⸗ tag um fünf werd' ich kommen,“ ſprach Wendelin ruhig zu dem wartenden Diener.„Er geht der Gefahr als Held entgegen!“ ſpottete Graf Hans. Guntram aber murmelte vor ſich hin:„Wenn ich nur wüßte, was ich Frau von Amſtetter ſchreiben ſoll!“ Dreizehntes Capitel. Schriftſtellerin und Verleger. „Herr Buchhändler Wendelin;“ meldete der Kellner. Wendelin trat ein, Cäcilie ſtand auf. Wendelin näherte ſich und grüßte artig als Mann von Welt gegenüber der Frau, aber kalt, denn er war mit Vorurtheilen gekommen. Noch mehr, mit Abneigung. Entrüſtet, daß er überhaupt zu kommen gezwungen ge⸗ weſen war. Karl Wendelin verabſcheute weibliche Schrift⸗ ſtellerinnen und Emanicipation, man kann ſich denken, mit welchen Geſinnungen er Cäcilien gegenüber ſtand. Sie ſah ihn aufmerkſam mit einem ihrer auffaſſen⸗ den und durchſchauenden Blicke an. Der Mann, wie er groß, ſchlank, förmlich und finſter ihr gegenüberſtand, 167 gefiel ihr. Sie hatte Zutrauen zu ihm. Auch ſein Aeu⸗ ßeres gefiel ihr. Er war brünett, gelblicher Teint, ſcharfe, regelmäßige Züge. Sie dachte an Eliſens Wort: „ſculpirt aus altem Eichenholz.“ Ihr Auge war, wie es auf ihm ruhte, klar und mild. Es genirte ihn, ſo von ihr angeſehen zu werden. Hätte ſie hochmüthig und extraordinär ausgeſehen, ihn herausfordernd und ein⸗ gebildet angeſehen, es wäre ihm lieber geweſen. So ſah ſie einfach, weiblich, ſogar mädchenhaft aus, nicht im min⸗ deſten emancipirt,— er fand es unerträglich, dazuſtehen und ſich von ihr anblicken zu laſſen, und doch währte 9 es nur zwei Sekunden, in der dritten ſchon ſprach ſie und ſagte:„es iſt freundlich, daß Sie heute noch kom⸗ men.“ Zugleich machte ſie mit der Hand eine Bewegung, welche ihn zum Sitzen einlud. Er ſetzte ſich, ſteif, wie er eingetreten war, und ſie begrüßt hatte. Dabei ſah er, daß ihre Hand ſehr ſchön ſei. Wendelin hatte eine kleine Schwachheit für ſchöne Hände, er war im Stillen eitel auf ſeine eigenen, die allerdings auch als Modelle dienen konnten. Wunderli⸗ cher Weiſe ärgerte es ihn, daß Cäcilie eine ſchöne Hand habe, und herb und fremd antwortete er:„Ich konnte nicht wiſſen, ob Sie nicht morgen ſchon wieder abreiſten.“ Cäcilie hörte an ſeinem Tone, daß er nicht die Wahrheit ſprach. Sie errieth, daß er ſchon von ihrem 168 Plan, ſich hier niederzulaſſen, wiſſen müſſe. Aber ſie antwortete in ſeinem Sinne.„Ich reiſe nicht ſo bald wieder ab,“ ſagte ſie einfach,„ich gedenke ſogar lange hier zu bleiben, zu ſtudiren, zu arbeiten.“ „Ach?“ warf Wendelin hin, kein verbindliches Wort, ſelbſt kein verbindlicher Blick. Cäcilien fing es an, gegen⸗ über dem ſchätzenswerthen Charakter froſtig zu Muthe zu werden, wenn er auch wirklich ſo ſchätzenswerth war, wie man ihr verſichert hatte, wohlthuend war er nicht. Und doch hätte ſie gerade von ihm gewünſcht, daß er freundlich gegen ſie ſein möge. Warum er es nicht ſei, das glitt ihr als Frage durch den Sinn. Einen Um⸗ weg einſchlagend, ſprach ſie es auch als Frage aus, indem ſie leichthin ſagte:„Darf ich wohl neugierig ſein und fragen, wie meine„Deutſche in Frankreich“ ge⸗ gangen iſt?“ „Schlecht,“ antwortete Wendelin trocken. Sie machte eine leiſe Bewegung mit dem Kopf, als wollte ſie ſagen:„ach, das alſo war es!“ Laut ſagte ſie, immer mit der Sanftmuth, die ſie von Anfang an dem ſchroffen Beſucher gezeigt:„Das thut mir herzlich leid.“ Wäre ſie empfindlich geworden und hätte etwas Scharfes erwidert, ſie hätte Wendelin für den Augenblick den größten Gefallen gethan, denn er hätte ſich nicht zu ſchämen brauchen, wie jetzt vor ihrem 169 geduldigen Annehmen ſeines kurzen, harten:„Schlecht.“ So wie ſie ſich zeigte, entwaffnete ſie ihn, und mit der erſten Annäherung zu einem Lächeln, welches ſie auf ſeinem Geſicht entdeckte, ſagte er:„Sie dürfen mir es nicht übel nehmen, daß ich es ſo gerade heraus ſage: wir Verleger ſind nicht höflich.“ „Das merk' ich,“ erwiderte Cäcilie. Wendelin ſah ſie ſcharf an, zum erſten Male, ſeit er eingetreten war. Wollte ſie ihm vergelten? Nein, ſie hatte die Worte ganz einfach und naiv ausgeſprochen, blos als Beſtätigung des Faktums, welches er anführte. Sie dachte ſich nichts Argks dabei. Wendelin wurde mehr und mehr er ſelbſt. „Ich hoffe im Lauf unſerer Bekanntſchaft Ihnen beweiſen zu können, daß ich mich wenigſtens bemühe, nicht gar zu ſehr Verleger zu ſein,“ ſprach er.„Wenn ich Ihnen in irgend etwas dienen kann— Sie ſind hier wohl ſo ziemlich fremd?“ „Völlig,“ antwortete Cäcilie in dem langſamen träumeriſchen Tone, den ſie während einiger Tage Alleinſeins wiedergefunden hatte,„Briefe, die ich von einer Freundin mithabe, will ich nicht abgeben. ſi habe gefunden, daß Empfehlungsbriefe wenig empfehlen. Und ſo wollte ich Sie als meinen einzigen Bekannten hier bitten, mich etwas au kait zu ſetzen, mir Auskunft zu geben, zu rathen“— ſie hielt inne. 170 „Wollen Sie es nicht mehr?“ fragte Wendelin. „Ja, wenn Sie mir nur rathen wollen,“ entgegnete ſie und blickte ihn zweifelhaft an. „Ich will,“ antwortete er, einfach und jetzt gut, wenn gleich noch ernſt;„ſagen Sie mir nur, was Sie befehlen, gnädiges Fräulein.“ „Ich möchte ganz ſtill für mich leben und raſch die beſten Studien zu einer großen Arbeit machen, die ich mir vorgenommen habe,“ ſprach ſie ruhig und einfach. „Was für eine Arbeit iſt das?“ „Eine kritiſche Ueberſchau der deutſchen Frauen⸗ literatur. „Das würde ich Ihnen nicht rathen,“ ſprach Wen⸗ delin beſtimmt. „Ich habe ganz kürzlich Scheiftſtellerinnen in Maſſe kennen gelernt,“ wandte ſie ein. „Eben deswegen,“ ſprach er noch beſtimmter.„Da miſchen leicht perſönliche Reminiscenzen ſich ein, und die Kritik ſoll, ſo weit das möglich iſt, unperſönlich ſein. Wollen Sie kritiſiren, und ich glaube, Sie können es, ſo wählen Sie Talente, die für Sie keine Perſönlich⸗ keiten ſind, ſchreiben Sie die Amerikanerinnen.“ Er legte ſeinen Hut auf den Stuhl neben ſich, Cäcilie, die Arme auf den Tiſch, der zwiſchen ihnen ſtand. So horchte ſie ihm mit den Augen zu, und er 171 entwarf ihr ſeine Anſicht wie einen Plan, deutlich, um⸗ faſſend, fertig. Cäciliens Augen belebten ſich, wie immer, wenn eine Intelligenz ſich ihr offenbarte. Als Wendelin in ſeiner kurzen feſten Weiſe ausgeredet hatte, ſagte ſie zufrieden:„Sie haben Recht, Herr Wendelin, ich werde das ſo machen. Ihr Plan iſt viel beſſer als meiner, er giebt mir weit mehr Gelegenheit, Gutes zu ſprechen. Nur das frägt ſich— werde ich die completten Werke jener Schriftſtellerinnen hier bekommen?“ „Ich verſchaffe ſie Ihnen,“ entgegnete Wendelin, und ſie war ſo ſicher, ſie zu erhalten, als ob ſie ſchon vor ihr auf dem Tiſche lägen. Dann fragte er:„Mit welcher möchten Sie an⸗ fangen?“ „Die Wetherell kenn' ich am beſten.“ „Die Wetherell? Ach, das iſt die mit den Helden, die nie krank werden.“ „Verzeihung, in Say and Seal wird der Held bett⸗ lägerig,“ meinte Cäeilie ernſthaft. „Wie fängt er das an?“ fragte Wendelin ſchein⸗ bar erſchrocken. Cäcilie lachte.„Er kriegt einen Schrotſchuß in den Arm.“ „Ja, ſehen Sie wohl, da iſt es eine äußere Ver⸗ anlaſſung, aber von ſelbſt wird kein Held der Wethe⸗ rell krank, dagegen leiden alle ihre Heldinnen an ner⸗ vöſem Kopfweh.“ „Aber Sie verderben mir ja meine Wetherell!“ rief Cäcilie, halb verdrießlich. „Das iſt durchaus nicht meine Abſicht,“ ſprach Wendelin.„Ich leſe mich von Zeit zu Zeit recht gern durch einige der tea-dimers und nuttings auf den bunten einſamen Farms der Wetherell hindurch. Darin, daß ich nie krank bin, könnte ich ſogar einen Helden für ſie abgeben. Ich muß mich nämlich zu einer unver⸗ ſchämten Geſundheit und zu einer völligen Nervenloſig⸗ keit bekennen.“ „Das iſt ſehr vernünftig von Ihnen,“ ſagte Cä⸗ eilie freundlich.„Mir ſind nervenſchwache Männer ſehr zuwider und noch mehr ſolche, die Prätenſionen auf Nervöſität haben. Ich erinnere mich noch immer, wie ein muſikaliſcher Doktor am Rhein, ein wahrer Koloß, mir ein Mal Alles vorzählte, wodurch er an den Ner⸗ ven litte und ſogar bis zu Krämpfen kommen könne. Ich ſagte aufrichtig:„Das hätt' ich von Ihnen gar nicht geglaubt, da fragt' er mich: Halten Sie mich denn für einen Ochſen? Was ſoll man nun einem ſolchen Manne antworten?“ „Sie konnten ihm Nichts antworten,“ erwiderte Wendelin lächelnd,„ich weiß, was ich ihm geantwortet N 173 hätte. Aber nun zu unſerm Buche— denn ich verlege Ihre Amerikanerinnen doch?“ „Ja, wollen Sie denn? Da das erſte Buch ſo ſchlecht gegangen iſt— „Wird das zweite vielleicht beſſer gehen, und wenn nicht das, ſo ein drittes. Dadurch darf man ſich nicht gleich irre machen laſſen, wo man ein wahres und ächtes Talent vor ſich hat.“ „Alſo glauben Sie, daß ich Talent habe?“ fragte Cäcilie etwas zögernd. „Daran habe ich, als ich die erſten zwanzig Sei⸗ ten Ihres Manuſcriptes geleſen hatte, keinen Augenblick mehr gezweifelt, gnädiges Fräulein.“ Sie erröthete vor Vergnügen und ſagte offenherzig: „Das freut mich wahrhaft. Aber,“ ſetzte ſie dann mit gleicher Naivetät hinzu,„warum iſt denn da das Buch ſo ſchlecht gegangen?“ „Weil es ein ſehr gutes Buch war,“ antwortete Wendelin ſarkaſtiſch. „Sagen Sie das auch?“ fragte ſie bekümmert. „Ich ſag' es, indem ich aus Erfahrung ſpreche. Ich habe lauter gute Bücher im Verlag, und ſie gehen alle ſchlecht.“ „Aber wie machen Sie es denn da, um auf Ihre Koſten zu kommen?“ fragte Cäcilie ehrlich theilnehmend. 174 „Auf die Koſten kommt man ſchon, überhaupt geht man, iſt man irgend vorſichtig, nicht zu Grunde, nur was wir unter uns Geſchäfte machen nennen, das macht man nicht. Beunruhigen Sie ſich meinetwegen aber nicht,“ ſetzte Wendelin hinzu, indem er in Cäciliens be⸗ denklich aufgemachte Augen ſah,„ich werd' es trotz meiner guten Bücher und blos mit guten Büchern zu⸗ letzt doch noch zwingen, und gerade jetzt hab' ich ein neues und ſehr großes Unternehmen vor.“ Er ſkizzirte es ihr und fuhr dann fort:„Dafür können Sie mir Ihre Amerikanerinnen zuerſt geben, und als erſten Ar⸗ tikel möcht' ich die Fuller.“. „Gut,“ ſagte Cäcilie.„Sie hat mir in ihrem um ſo zu ſagen Perſönlichkeitstrotz immer ſehr gefallen — ich glaube an eine ſolche Berechtigung des In⸗ dividuums.“ „Ich nicht ſo ganz unbedingt, und als Weſen iſt die Fuller mir Nichts weniger als anſprechend, aber als Vorwurf für einen brillanten Artikel iſt ihr Charakter brauchbar und ergiebig. Wollen Sie bald anfangen?“ „Zu leſen, ja, denn Sie wiſſen, ich brauche dazu alle neuen amerikaniſchen Philoſophen.“ „Morgen ſchon ſollen Sie Einiges haben, bald Alles. Ich werde den Grafen Schlieben fragen, der iſt in der amerikaniſchen Literatur gut zu Hauſe.“ 175 „Der Verfaſſer der Parallele?“ „Ganz Recht. Sie leſen auch ſolche Sachen!“ „Warum nicht? Und den Verfaſſer möcht' ich kennen lernen. Ich hoffe, er iſt nicht mehr jung?“ „Seines Alters wegen kann ich ihn mit gutem Gewiſſen nicht gerade empfehlen,“ antwortete Wendelin lachend,„er iſt noch nicht dreißig. Warum hofften Sie denn, er werde alt ſein?“ „Weil ich ihn gern bei mir ſehen möchte.“ „Wollen Sie etwa nur Männer über Dreißig bei ſich ſehen?“ „Ja, man hat mich vor jüngern gewarnt,“ ant⸗ wortete Cäcilie treuherzig. „Daran hat man im Grunde ſehr wohl gethan, indeſſen kann man immer Ausnahmen machen. Wer war aber Ihr Warner oder— Ihre Warnerin?“ „Sie haben Recht, es war eine Warnerin und zwar eine wunderliche: Eliſe Dalton.“ „Ich dacht' es mir. Dieſem excentriſchen Geſchöpfe ſcheinen Sie eine ſeltſame Anhänglichkeit eingeflößt zu haben, faſt eine Liebe. Denken Sie ſich, daß ſie Ihret⸗ wegen an mich geſchrieben hat, um mich zu bitten, recht Ihr Freund zu ſein.“ Cäcilie blickte ihn durchdringend an und ſagte: „Ah, da war's alſo, das!“ 176 „Was?“ „Was Sie wider mich eingenommen hatte, bevor Sie mich kannten. Einen Augenblick dacht' ich, Sie grollten mir, weil mein Buch Ihnen nicht genug einge⸗ bracht hätte. Aber ſo war's der Brief.“ „Ja, es war der Brief, aber ich verdiene, was Sie wegen des Buches geglaubt haben. Ich habe mich wieder ein Mal vom Vorurtheil irre führen laſſen. Seltſam, daß einem das ſelbſt, wenn man ſchon viele dergleichen Erfahrungen gemacht hat, noch immer wider⸗ fährt. Geht es Ihnen auch ſo?“ „Oh, wie oft, z. B. gleich bei der Dalton— es koſtete mir wahre Ueberwindung, freundlich gegen ſie zu ſein. Und doch, glaub' ich, iſt viel Gutes in ihr. Den Brief auch müſſen Sie ihr nicht übel aus⸗ legen, ſie hat ihn gewiß aus reiner Gutmüthigkeit ge⸗ ſchrieben, und es ſich nicht überlegt.“ „Ich bin ſo ſehr Ihrer Meinung, daß ich ihr jetzt ſogar antworten werde.“ „Das wird ſie ſehr freuen, ſie ſpricht mit unge⸗ meiner Schätzung von Ihnen.“ Wendelin ſtand jetzt auf.„Was werden Sie heute Abend noch vornehmen?“ „Etwas ausfahren. Später— leſen, wenn ich etwas bekomme.“ 177 „Erlauben Sie mir, Ihnen einige der neueſten Bücher zu ſenden?“ „Ich bin Ihnen ſehr dankbar.“ „Und Ihre Wohnung— haben Sie ſchon an die gedacht. Sie werden doch nicht im Hötel bleiben wollen?“ „Nein, ich möchte mich ſo raſch wie möglich ein⸗ richten. Drei Zimmer für mich, eines für mein Mäd⸗ chen, eines oben für den Bedienten.“ „Sie haben ſchon Ihre Leute?“ „Ein Mädchen jetzt zur Herreiſe angenommen, einen Bedienten will ich hier nehmen. Eſſen will ich aus irgend einem guten Hötel.“ „In allen dieſen materiellen Dingen kann ich Ihnen rathen und Mühe erſparen.“ „Auch in andern werd' ich Ihnen immer dankbar ſein, wenn Sie mir rathen wollen.“ „Rechnen Sie auf mich,“ antwortete Wendelin auf⸗ richtig.„Find' ich Sie morgen um dieſelbe Stunde wieder zu Hauſe und unbeſchäftigt?“ „Zu thun hab' ich jetzt Nichts und zu Hauſe werd ich ſein,“ entgegnete Cäcilie freundlich. Sie gab ihm ihre Hand, er ſchüttelte ſie leicht und nahm Abſchied. Ida von Düringsfeld. Die Literaten. I. 12 2— — Vierzehntes Capitel. Sie bleibt dabei. „Er war doch nicht ſo ſchlimm, wie er ausſah,“ ſagte Cäcilie zufrieden.„Es ſcheint ein redlicher und ge⸗ ſcheidter Mann zu ſein. Vielleicht find' ich da, was ich ſo ſehr brauche, einen uneigennützigen Freund.“ „Schade um das Mädchen, daß es in dieſem Un⸗ ſinn von Emancipation verloren gehen ſoll,“ dachte Wendelin, während er die Treppe hinabging.„Indeſſen kann eine mündige Perſon am Ende über ſich ſelbſt ver⸗ fügen, und ich habe kein Recht, in ihre Pläne hinein⸗ zureden. Helfen aber will ich ihr, wo ich kann, auch die Mutter über ſie zu Rathe ziehen. Und der Dalton will ich wirklich ſchreiben. Ich hätte ihr eine ſo vernünf⸗ tige Sympathie gar nicht zugetraut.“ Sein erſtes, als er nach Hauſe kam, war die Wahl 179 einiger Bücher für Cäcilie. Er wandte dabei eine Ueber⸗ legung an, über die er, als er ſich ihrer erſt bewußt wurde, ſelbſt lächeln mußte.„Das Fräulein hat mich wirklich ganz und gar für ſich gewonnen,“ dachte er,„und was hat ſie eigentlich ſo beſonderes geſagt und gethan? Sich dankbar und empfänglich für meine Rathſchläge bewieſen. Ja, das iſt es. Doch wieder geſchmeichelte Eitelkeit im Grunde, dieſe größte Schwäche unſers Geſchlechtes. Ob das Fräulein ſie kennt und geſchickt benutzt, um die Männer zu verwenden? Wäre ſie nicht ehrlich naiv, wäre ſie eine ſehr gefährliche Kokette.“ Ob ſie das ſei, konnte er nur durch längere Be⸗ obachtung entſcheiden. So entſagte er denn dieſem Zweifel, ſchrieb Briefe, verglich Zahlen und vergaß Cäcilie, bis zum ſpäten Abend, wo er zu ſeiner Mutter zum Thee hinaufging. Er fand den Grafen Hans dort, der ein häufiger Gaſt bei Frau Wendelins Theetiſch war. Er liebte Wendelin wahrhaft, mit keinem andern jungen Mann war er ſo eins und ſo uneins, ſo uneins in Meinungen, ſo eins in Geſinnungen. Frau Wendelin, eine Hambur⸗ gerin, welche ihrem Gatten das Vermögen zugebracht hatte, das jetzt der Sohn mit ihrer völligen Einſtim⸗ mung verwaltete und verwerthete, eine kluge, beſtimmte Frau ohne Sentimentalität, mit Intereſſe an Geſchäften 12* 180 und an Politik, ſah den Grafen ſehr gern. Er war aller⸗ dings nur Zukunftsrepublikaner, und ſie entſchiedene Ge⸗ genwartsrepublikanerin, aber das ſtörte ihr gutes Ein⸗ vernehmen nicht, und wenn er ihr nicht recht glauben wollte, daß es in jeder Straße von Republikanern wim⸗ meln würde, ſobald es nur erſt ein Mal dazu käme, ſo entwarf ſie dagegen launige Caricaturen von ſeinen voll⸗ kommenen Menſchen, die alle nicht früher als in tauſend Jahren die erſte Milch ſaugen ſollten, Beide lachten, tranken Thee und fanden ſich gegenſeitig allerliebſt. Als Wendelin, ruhig wie immer, dieſen Abend in die gewohnte zweiſtimmige Neckerei hereinkam, fragte Hans lebhaft genug nach Cäcilien. In Amerika hatte er weib⸗ liche Doctoren, Profeſſoren und Doctoren genug kennen gelernt, der Typus war ihm folglich nicht intereſſant, nur die nationale Abwandlung desſelben. Darum„quã⸗ ſtionirte“ er Wendelin zur großen Beläſtigung der Mut⸗ ter, welche bei Mittag ſchon von ihrem Sohne gehört hatte, was für eine Prüfung ihm bevorſtehe. Sie meinte jetzt, er ſchiene ſie ja ohne Schaden für ſeine Geſundheit beſtanden zu haben. Wendelin ſetzte ſich gerade hin, er legte ſich nie an, ſondern hielt ſich immer, ſagte Hans, wie das Mo⸗ dell eines freigebornen Lineals. Er ſetzte ſich alſo gerade hin, nahm ſeine Taſſe aus der Hand der Mutter und 181 ſagte:„Iſt das Mädchen ſo, wie ſie ſich heute mir gegen⸗ über gezeigt hat, ſo iſt es trotz ſeiner Narrheit ein ſehr vernünftiges Mädchen.“ „Eine vernünftige Närrin!“ ſprach Graf Hans vergnügt,„das wäre gut, es wäre eine Herbſtrarität, wie man ſie ſich in dieſer langweiligſten aller Steinpfla⸗ ſterjahreszeiten nur wünſchen könnte. Aber wenn ſie nun nicht ſo iſt, wie ſie ſich gezeigt hat— was dann, Wendelin?“ „Dann iſt ſie eine der gefährlichſten Koketten, die es für leichtgläubige Männer geben kann.“ „Aber für uns nicht?“ „Hoffentlich nicht, indeſſen behaupten möcht' ich's nicht, denn ich bin ſo borſtig, wie ich nur ſein kann,—“ „Sie hat ihn geſtreichelt,“ ſagte Graf Hans ver⸗ gnügt zu Frau Wendelin. „Sie hat mich nicht geſtreichelt. Im Gegentheile, als ich die naturgeſchichtliche Bemerkung machte, die Verleger wären nicht höflich, ſtimmte ſie mir mit einer unbefangenen Offenheit bei, die—“ „Sie rührte?“ „Nicht gerade das, aber mich glättete.“ „Und dann?“ 182 „Als ich menſchlich wurde, zeigte ſie ſich naiv, natürlich und erkentlich.“ „Geſchickt,“ ſagte Frau Wendelin. „Meinen Sie?“ fragte der Graf,„Glauben Sie hier nicht an die Eventualität der Wahrheit? Ich thu's immer.“ „Sie wiſſen ja, Ihr Bekenntniß legt Ihnen den blinden Glauben an jedes Unmögliche auf—“ „Verzeihung, Frau Wendelin, dann müßte ich an Ihre Republikaner, die Herren Schulze und Müller glauben—“ „Sie werden in zehn Jahren doch Präſident der deutſchen Republik ſein.“ „Eher abſoluter Monarch aller europäiſchen Narren!“ „Wenn die Herrſchaften dieſe Eventualitäten vorläufig auf ſich beruhen ließen?“ warf Wendelin in den ſich erneuernden Streit ein. „Herr Wendelin beantragt die Vertagung der Frage,“ ſagte Graf Hans mit parlamentariſcher Miene zu der Wirthin. „Angenommen,“ antwortete dieſe gleichfalls ſehr ernſthaft. Dann wandte der Graf ſich zu Wendelin und ſagte:„Nun erzählen Sie weiter.“ 183 „Es wird am Beſten ſein, Sie vereinigen Ihr Beobachtungstalent mit dem meinigen,“ antwortete Wen⸗ delin.„Das Fräulein wünſcht Sie als den Verfaſſer der Parallele kennen zu lernen.“ „Hm, das beweiſt Verſtand und Urtheilskraft,“ ſprach lachend der Graf.—. „Wenn Sie das finden, ſo beweiſen Sie artiges Empreſſement, indem Sie mich morgen begleiten.“ „Wann?“ „Um fünf Uhr.“ „Gut.“ „Bis dahin bleibt die Diskuſſion über das Fräulein vertagt.“ „Zugeſtanden.“ „Ah, was ich Ihnen doch noch ſagen muß: haben Sie Ihre amerikaniſche Literatur noch gut inne?“ „Warum?“ „Das Fräulein wünſcht Auskunft darüber. Sie wird für meine Revue die Amerikanerinnen ſchreiben und mit der Fuller anfangen. Sie können ihr über die philoſophiſche Schule dort allerlei ſagen—“ 184 „Auch über Banken und Bankerotte, Routs und Büffel—“ „Das, glaub' ich, wird ſie nicht intereſſiren,“ ſagte Wendelin zerſtreut und daher ernſthaft, Graf Hans warf der Mutter einen ſchelmiſchen Blick zu. Frau Wendelin ſah ihren Sohn mit Befremden an. Als am nächſten Tage, Graf Hans und Wendelin, bei Cäcilien geweſen waren, wurde ſie abermals und zwar noch lebhafter als am Abend zuvor discutirt. Die Beurtheiler waren uneins: Graf Hans fand das Fräu⸗ lein als Perſönlichkeit reizend und intereſſant, wollte aber ihrem Charakter noch nicht trauen. Gerade er, der die Offenheit ſelbſt war, konnte ſich einen ſolchen Grad von naiver Jungfräulichkeit bei einer ſolchen mannigfal⸗ tigen intellektuellen Entwicklung nicht vorſtellen, er glaubte an das meiſterhafte Spielen einer genial concipirten Rolle. Wendelin fand Cäcilie nicht hübſch, ſie war ihm gar zu unkörperlich, ihrem Colorit fehlte das Leben oder eigentlich hatte ſie gar kein Colorit, ihrem Geſicht man⸗ gelte es an Phyſiognomie, endlich liebte er ſolche gar zu lichte Augen nicht. Genug, vor ſeinem Privatgeſchmack als Mann fand Cäcilie keine Gnade, dagegen nahm er ſie als Talent und Charakter ſchon nach dem zweiten Beſuche mit unbedingtem Glauben an. 1 185 „Sie lügt nicht,“ ſprach er entſchieden und ſicher. „Wie ſie ſich giebt, iſt ſie. Daß ſie ſo ſein kann, macht ſie zum Räthſel, daß ſie ein ſolches Räthſel iſt, macht ihre Anziehung aus. Kann ein Mädchen allein ſtehen, iſt ſie es, aber ich wünſcht' es für ſie, daß ſie es aufgebe. Schreiben mag ſie, denn ſie hat wirklich das innerliche und berechtigte Bedürfniß, ſich kritiſch auszu⸗ ſprechen, aber ſie ſoll nicht allein bleiben.“ Dieſer Wunſch wurde bei Wendelin binnen weni⸗ ger Tage ſchon eine Beunruhigung. Cäciliens Wohl bekümmerte ihn dermaßen, daß er nicht umhin konnte, ſich unaufhörlich mit ihr zu beſchäftigen. Guntram theilte dieſe Sorge, denn er hatte noch immer nicht den Muth gehabt, Frau von Amſtetter Unwillkommenes über das von ihr ſo geliebte Mädchen zu ſchreiben.„Ich möchte ihr gern dieſe Alteration erſparen,“ ſagte er. Frau von Anmſtetters Alteration wurde eine neue Neckerei für ihn von Seiten Schliebens, aber Gun⸗ tram ließ ſich dadurch nicht ſtören, ſondern überlegte mit Wendelin weiter für das Mädchen, welches er nicht eher beſuchen wollte, bevor er ihr beſtimmt anzubieten vermöge, ſie ſeiner Frau und deren Mutter, der Grä⸗ fin Kronegk, vorzuſtellen.„Denn,“ meinte er,„wie ſoll 186 ich zu ihr ſagen: ich kann und will ſchon zu Ihnen kommen, aber in meine Familie kann ich Sie nicht einladen, für die ſind Sie nicht paſſend.“ „Da ſieht man, was es heißt, Gatte, Schwieger⸗ ſohn und Schwager zu ſein,“ rief Graf Hans. „Warun ſchlagen Sie ihr denn nicht vor, ein Quar⸗ tier in Ihrem Hauſe zu nehmen und ſich bei Ihrer Frau Mutter in Koſt zu geben,“ fing Guntram wieder an, „daß ſie einen Winter hier zubringen will, um die Li⸗ teratur in der Nähe kennen zu lernen— am Rhein iſt ja keine, außer das Bischen in Köln— nun, das wird Niemand ihr verdenken, und ſobald man ſie erſt ſo gut untergebracht und beſchützt ſieht, beeifert man ſich gewiß allgemein um eine ſo intereſſante Perſon,— ich wenigſtens komme dann gleich und fordere ſie auf, uns zu beſuchen.“ „Und damit Duss könneſt, ſoll Wendelin ſich ganz und gar aufopfern?“ rief Graf Hans.„Es iſt gut, daß nicht alle Schriftſteller ſolche unverſchämte Forderungen an ihre Verleger thun, wie Du.“ „Die Verleger würden ſie nicht erfüllen, auch wenn die Schrifſteller ſie machten,“ nahm Wendelin ruhig das Wort.„Das aber, was Herr von Rochlitz von mir verlangt, iſt nicht ſo gar etwas Unerhörtes, ich ſelbſt habe ſchon daran gedacht.“ —— 187 „Theuerſter, ſind Sie Mitglied eines Rettungsver⸗ eines geworden??“? „Nein, ich überlege mir meine edlen Thaten ſo im Stillen und führe ſie, wenn ich kann nämlich, auch ſtill für mich allein aus. Dieſe würde ich gern ausführen, denn das Mädchen intereſſirt mich warm, ich weiß nur nicht, ob meine Mutter mir helfen will.“ „O, das muß ſie!“ ſagte Guntram. „So, das muß ſie? Willſt Du ihr ſagen, daß ſie's muß?“ fragte Graf Schlieben. „Ja,“ antwortete Guntram mit phlegmatiſcher Zu⸗ verſicht und machte ſich auf, um die Treppe hinauf zu Frau Wendelin zu wandern. Sie war in der Küche, das ſtörte Guntram nicht, er bat, daß auch ſie ſich nicht ſtören laſſen möge, ließ ſich auf einen Schemel nieder und trug ihr die Sache vor. Um ſonſt ſagte ſie: „Aber Herr von Rochlitz, 5 habe noch nie eine Schrift⸗ ſtellerin bei mir empfangen, ich kann die ganze Race nicht leiden,“ und weiter:„Aber, Herr von Rochlitz, wenn das Fräulein nun allein leben will, warum ſoll ſie nicht. Ich finde gar nichts darin.“ Guntram wußte ihr die Aufnahme Cäciliens in ihrem Hauſe ſo dringend als eine Menſchen⸗, Mutter⸗ und Frauenpflicht vorzuſtellen, ihr 188 alle möglichen Verantwortlichkeiten, die ſie haben könnte, wenn ſie ſich dieſer Pflicht entzöge, ſo nachdrücklich an's Herz zu legen, ſo redneriſch von ſeinem Zutrauen in ihre Güte, Milde, Aufopferung u. ſ. w. u. ſ. w. zu deklami⸗ ren, daß Frau Wendelin, welche Eſſigpflaumen und eine Chokoladenmehlſpeiſe zugleich im Kopfe hatte, halb un⸗ geduldig, halb gerührt und ganz geſchmeichelt endlich fragte:„Will denn der Karl? Wenn ihm daran liegt, will ich kein Hinderniß ſein, obwohl ich nur ſehr ungern eine dritte Perſon, noch dazu eine vornehme und geiſt⸗ reiche Dame, in unſerm häuslichen Leben ſehen werde.“ „Kommen Sie und fragen Sie ihn ſelbſt,“ ſprach Guntram ſich erhebend und bot ihr ſo raſch den Arm, daß ſie eben nur noch Zeit hatte, die Küchenſchürze ab⸗ zuwerfen, bevor ſie mit den Worten:„Sind Sie nicht ſelbſt eine wer weiß wie kluge Frau, und wer iſt wohl vornehmer und ſtolzer als ſo eine Hamburgerin?“ die Treppe hinab und triumphirend in ihres Sohnes Arbeitscabinet geleitet wurde, wo ſie ſonſt nie zu ſehen war. Auch machte Wendelin große Augen, Guntram aber ſprach, ſie zu dem Divan führend, auf welchem er ſich neben ihr niederließ:„Hier bring' ich die Mama, und ſie will Fräulein von Platen als Penſionärin aufnehmen.“ 189 „Wenn Dus wünſcheſt, Karl,“ ſagte Frau Wen⸗ delin, etwas heiß, halb vom Küchenfeuer, halb von Guntrams Beredſamkeit. „Ja, Mutter, mir wär's lieb,“ antwortete Wen⸗ delin. „Gut, da thu's,“ ſprach ſie ohne große Herzlich⸗ keit, aber doch nicht unfreundlich. „Frau Wendelin, und Sie haben ſich wirklich be⸗ ſchwatzen laſſen?“ fragte Graf Hans, der ſich aus Re⸗ ſpect vor ihr ordentlich hingeſetzt hatte.„Guntram, Du biſt groß!“ „Mir iſt's nur lieb, daß Frau von Anſtetter ſich jetzt nicht alteriren wird,“ meinte Guntram gelaſſen. Die Alteration ſollte Frau von Anſtetter aber doch nicht erſpart bleiben. Als Wendelin zu ſeiner ge⸗ wöhnlichen Stunde, aber mit raſcheren Schritten und erhöhter Stimmung bei Cäcilien eintrat, und ihr im Namen ſeiner Mutter den Vorſchlag machte, ihre und ſeine Hausgenoſſin zu werden, da erkannte Cäcilie voll⸗ kommen an, wie viel wirkliche Freundſchaft in dieſem Anerbieten liege, dankte Wendelin herzlich, daß er es ihr gethan, lehnte es jedoch mit ebenſo viel Entſchieden⸗ heit wie Erkenntlichkeit ab.„Ich nehme nicht gern Hülfe und Schutz in Anſpruch, wo ich Beides nicht be⸗ darf,“ ſagte ſie,„und ich führe, was ich reiflich über⸗ 190 dacht habe, auch gern unbeirrt durch Andere aus. Grollen Sie mir deshalb nicht, Herr Wendelin,“ fuhr ſie, als ſie ſeine Stirne finſter werden ſah, faſt mit Innigkeit fort,„Glauben Sie, ich bin nicht undankbar gegen Ihre Güte.“ „Sie brauchten gar nicht dankbar zu ſein, wenn Sie nux nicht ſo eigenſinnig wären,“ antwortete er unwirſch. „Wiſſen Sie, daß Sie mit Ihrer— unklugen Grille ſich wahrſcheinlich Ihre ganze Zukunft ruiniren? Sich auf immer aus der Geſellſchaft verbannen, in welche Sie durch Ihre Geburt doch nun ein Mal hin⸗ eingehören? Sie haben z. B. einen Brief von einer der geachtetſten Damen hier— an die Gräfin Kronegk — glauben Sie, daß die Gräfin Kronegk Sie trotz der Empfehlung der Frau von Anſtetter empfangen wird, wenn Sie aus einer Wohnung kommen, die Sie als junges Mädchen allein innehaben? Warum iſt Rochlitz noch nicht bei Ihnen geweſen? Weil er Sie nicht zu ſeiner Frau abholen kann.“ Cäcilie lächelte ſanft.„Glauben Sie, daß ich das Alles nicht weiß, und— nicht verachte?“ fragte ſie. „Sagen Sie Herrn von Rochlitz, er möge getroſt kom⸗ men, ich werde ihn durch keine Bitte, mich ſeiner Schwiegermutter vorzuſtellen, in Verlegenheit ſetzen, und 191 wir, nicht wahr,“ ſchloß ſie,„wir Beide werden über dieſe Angelegenheit auch nicht wieder ſprechen?“ „Ich ſchlage nie zwei Mal etwas vor,“ antwortete Wendelin kalt,„haben Sie ſchon die neuen magazines geleſen?“ Humoriſtiſche Lektüre aus dem Verlage von Herm. Markgrafin Wien. Cunnerſationslexikon für Geist, Witz und Bumor. 1 Herausgegeben von A. G. Saphir und A. Glaßbrenner. Vollſtändig in 36 Lieferungen à 25 kr. Oeſt. W. 1 5 Ngr. Mit dem letzten Hefte das Stahlſtich⸗Porträt 4 Saphir's als Prämie gratis. Dieſes in ſeiner Art einzige, erheiternde Hand⸗ und Nachſchlagebuch, eine Fülle der pikanteſten Anekdoten, geiſtreicher Ausſprüche u. ſ. w. ent⸗ haltend, dem die Namen der Herausgeber zur beſten Empfehlung dienen, kann fortwährend durch alle Buch⸗ handlungen des In⸗ und Auslandes auf einmal oder nach und nach bezogen werden. 8*