deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Teiß- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— BBlener: auf 1 Monat: 4 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. 3„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Raen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Marie von Sinclair. Aus dem Franzöſiſchen überſetzt von F. Huber. Neue unveränderte Auflage. Frankfurt am Main, 1819. hbei den Gebrüdern Gauerländer. Marie von Sinclair. Vorrede des Ueberſetzerrs. — 1 5281 g zirrt 2ic Liebe ohne Gegenliebe iſt ein ſo trauri⸗ ges, und fuͤr ein Weib ſo doppelt trau⸗ riges Verhaͤltniß, daß es kaum zum Hauptgegenſtand eines Romans zu paſ⸗ ſen ſcheint. Wenn aber in dieſem Ver⸗ haͤltniß ein weibliches Herz mit einer Vollkommenheit, einer Feinheit, einer Zartheit dargeſtellt iſt, die nur ein weib⸗ licher Pinſel einem ſolchen Gemaͤlde ge⸗ ben konnte, ſo erſchafft das Werk billig 8 eine neue Regel, und man kann nur 4 wuͤnſchen, daß recht viele Romanen: dichter ſich in der Wahl ihrer Gegen⸗ ſtaͤnde ſo vergreifen moͤchten.„* Darf der Ueberſezz zer nicht einige Hofnung hegen, daß Madame Duͤc os, die mit ihrer Marie von Sinelair ſo ſchlicht einhertritt, neben der Haupt⸗ ſtraße, welche billig von hunderterlei ein⸗ beimiſchen ſowohl als auswaͤrtigen Rit⸗ 3 eter⸗ und Geiſtergeſchichten eingenommen wird, ſich in Deutſchland einen kleinen Pfad werde bahnen koͤnnen?: Erſter Brief. Adele von N... an Frau von*X. Paris den 9 Februar 1788. Ich gebe Ihren Bitten endlich nach, und Sie ſollen die Urſache meines Abſcheus gegen die Liebe kennen lernen. Wenn ich Ihnen mein Geheimniß ſo lange verſchwieg, ſo ge⸗ ſchah es weil mich daſſelbe nicht allein an⸗ ging; indem ich es Ihnen mittheile, mache ich Sie mit dem Ungluͤk einer Frau bekannt, die ich uͤber Alles liebte, und deren beſte Freundinn ich war. Die Furcht, daß ihr ——⸗ꝛ——ͤE——— Betragen bei mancher Gelegenheit tadelus⸗ wuͤrdig, wenigſtens etwas leichtſinnig ſchei⸗ nen moͤchte, ließ mich mein Vertrauen zuruͤk⸗ halten, bis ich mich uͤberzeugt hatte daß Sie, obſchon berechtigt, ſtreng zu ſeyn„ deswegen nicht weniger nachſichtig und gefuͤhlvoll ſind. Morgen will ich Ihnen den Anfang einer Er⸗ zaͤhlung ſchikken, welche den Originalbriefen meiner Freundinn voraus gehen muß. Auch dieſe muͤſſen Sie alsdann leſen. Sie ſchrieb ſie mir waͤhrend einer Abweſenheit von eini⸗ gen Monaten. Sie werden darin mehr als in allem was ich Ihnen ſagen koͤnnte, die Schattirungen,, die vielſachen Qualen, und das Uebermaas einer Leidenſchaft erkennen, die von denen welche ſie nie fuͤhlten, immer nur ſchwach ausgedruͤkt wird. Nachdem ich Ihnen dieſe theure Sammlung, die ich Ihrer Sorgfalt empfehle, uͤberſendet haben werde, 3 ſollen Sie den Schluß einer Erzaͤhlung erhal⸗ ten, an deren Zuſammentragung ich im tief⸗ ſten Schmerz meines Herzens gehe. Ich bitte Sie nicht, Unrichtigkeiten des Styls zu entſchuldigen, die Einfalt der Spra⸗ che zu verzeihen. Mißbilligt ſie auch der Verſtand, ſo weiß ich doch, daß das Herz die Unregelmaͤßigkeit des Ausdruks zuweilen liebt. Haͤtte meine Freundinn auch ihre Briefe ſtudiren koͤnnen? Und ich ſpreche mit zu vieler Ruͤhrung von ihr, um auch den am leichteſten zu vermeidenden Fehlern zu ent⸗ gehen. Was die geringfuͤgige Unſtaͤndlichkeit, in die ich mich einlaſſen werde, anbetrift, ſo haben Sie ſelbſt ſie verlangt; ſie wird Ihrer Theilnahme und meinen Erinnerungen Ge⸗ nuͤge thun. Zweiter Brief. Dieſelbe an Dieſelbe. Paris den 15 Februar. Ich habe mein Verſprechen nicht vergeſſen; ich werde Ihre Neugierde, die mich ſehr ruͤhrt, nicht laͤnger unbefriedigt laſſen, und unverzuͤglich die Ihnen lezthin angekuͤndigte Erzaͤhlung anfangen. Marie von Sinclair und ich wa⸗ ren von Kindheit an Freundinnen. Sie ward mehr als das fuͤr mich; wir fanden unſre Freude daran, uns Schweſtern zu nennen, — 4, — 9 und ich bin gewiß. daß dieſer ſuͤße Name nie mit ſo viel Zaͤrtlichkeit empfangen und gege⸗ ben worden iſt. Unſer Geſchmak, unſre Em⸗ pfindung, die Verbindung unſrer beiden Fa⸗ milien, jede Begebenheit unſrer Jugend trug dazu bei, uns naͤher zu verbinden, Beide in demſelben Hauſe erzogen, wur⸗ den wir auch an demſelben Tage verheirathet, und wurden, nach einigen Jahren, ohne Kinder gehabt zu haben, Wittwen. Ich verlor in meinem Gemahl einen vortrefflichen und mit Recht geliebten Mann. Meine Schweſter war dem ihrigen mit wuͤrklicher Liebe zugethan; ſie beweinte ihn bitterlich, obſchon ich nach dem Geſtaͤndniß aller die ihn kannten ſagen muß, daß er ein zart⸗ fuͤhlendes Weib nicht zu intereſſiren verdiente. Aber dieſe Fuͤhlbarkeir ſelbſt, die uns oft ————17 16 uͤber die Mittel zum Gluͤk betruͤgt, hatte Marien ein Beduͤrfniß daraus gemacht, dem Manne, welchem das Schikſal ihr Leben uͤbergab, auch ihr Herz zu widmen. So ge⸗ ſchieht es oft, daß die erſte Gelegenheit zur Liebe das Loos uͤber uns wirft, und daß wir die koſtbarſte unſrer Faͤhigkeiten durch das dringende Verlangen ſie zu gebrauchen, ent⸗ weihen. Marie brachte einige Jahre in einer tie⸗ fen Schwermuth zu. Sie ging faſt nicht aus dem Hauſe, außer, um ihre betagten Eltern zu pflegen. Ich trennte mich ſelten von ihr, allein mein Karakter, der weit munterer und leichtherziger war wie der ihre, floͤßte mir den Wunſch nach einiger Zerſtreuung ein; nach mancher Bemuͤhung gelang es mir, ſie zu bereden, daß ſie mich in einige Geſellſchaften „ 11 begleitete. Die Zeit war mir zu ihrer Hei⸗ lung behuͤlflich geweſen; bald genoſſen wir, obſchon mit vieler Zuruͤkhaltung, die Vergnuͤ⸗ gungen unſers Alters. Marie war um mehr wie ein Jahr aͤlter als ich; ich war damals ein und zwanzig Jahre, und ſie hatte eben ihr drei und zwanzigſtes Jahr angetreten. Ich ſagte Ihnen noch nicht, daß ſie ſchoͤn war; das waͤre auch nicht die eigentliche Wahrheit; es war in ihrer ganzen Geſtalt etwas, das mehr als Schoͤnheit bezauberte. Ihre Zuͤge waren nicht regelmaͤßig, und doch waͤre es ſchwer geweſen, uͤber ihre Fehler zu entſcheiden. Man kann groͤßere, von mehr Feuer glaͤnzende Augen haben als die ihrigen, aber ruͤhrendere giebt es nicht. Sie waren von einer Art Unruhe, einer Trauer uͤber⸗ ſchattet, welche die Begierde einfloßte, dieſes 12 — — liebenswuͤrdige Geſchoͤpf zu troͤſten, ſich ihres Gluͤks anzunehmen. Sie war weiß, zuwei⸗ len ein wenig blaß. Sie hatte die ſchoͤnſten 4 Zaͤhne, und ein Laͤcheln voll reiner Unbefan⸗ genheit. Ihr Haar war blond, ob ſie gleich ſchwarze Augen hatte; ſie trug ſie ungepu⸗ dert, ohne fremdartigen Schmuk, in natuͤr⸗ lichen Locken; ihre Taille war zierlich, nie gab es niedlichere Haͤnde wie die ihren. Man mußte dieſe Haͤnde die Taſten eines Klaviers leicht durchlaufen ſehen, und die be⸗ zaubernden Accorde hoͤren, die Marie den Toͤnen der ſuͤßeſten Stimme ſo gut anzumeſ⸗ ſen wußte; Sie haͤtte Sie verfuͤhrt, liebe Freundinn, und ich brauchte Ihnen nicht zu ſagen, wie ſehr ſie zu gefallen mußte. Ihre Talente, und ſie hatte deren viele, machten nicht alle ihre Annehmlichkeiten aus. 13 Wenn ihre Geſundheit, die nicht immer die beſte war, ſie nicht etwas ſchwermuͤthig ſtimmte, hatte ſie eine gleiche, muntere, fuͤr mich beſonders, gefaͤllige Laune. Sie hatte einen aufgeklaͤrten Verſtand, ſie war ſehr unterrichtet, obſchon ſie es ſehr beſcheiden verbarg, ſie hatte den zarteſten Geſchmak, und ein ſo außerordentliches Geſuͤhl fuͤr das Schikliche, daß ich es wahrlich nicht ihrem Geiſt allein zuſchreiben kann. Man konnte keinen Augenblik mit ihr zubringen, ohne mit ſich ſelbſt zufriedener zu ſeyn. Sie haͤtte nie jemanden, wer es auch ſeyn mochte, etwas beleidigendes geſagt; ſie wußte vielmehr die Art des Lobes, die jedem die liebſte war, zu errathen und zu geben. Ihre Seele war den⸗ noch freimuͤthig, lebhaft, ſogar im hoͤchſten Grad leidenſchaftlich. Ich muß es Ihnen geſtehen, und Sie werden es aus dem was 14— ich noch zu ſagen habe, nur zu deutlich ſelbſt abnehmen: meine Schweſter, der ihre Her⸗ zensguͤte, ihr richtiger Verſtand, bei jeder Gelegeuheit den beſten Rath fuͤr Andre ein⸗ gab, wußte keinen je zu ihrem eigenen Wohl, zu befolgen. In der That vermochte ſie es, nicht, wenn ihr Gefuͤhl lebhaft geruͤhrt warz dann hielt ſie nichts mehr auf, dann mußte ſie thoͤrig alle ihre Gedanken auf einen einzi⸗ gen Gegenſtand heften, und dieſes iſt die wahre Urſache ihres ganzen Ungluͤks.. in Der Winter von 1782 war der Zeitpunkt. wo wir, meine Schweſter und ich, zum er⸗ ſtenmal wieder in der Welt erſchienen. Wir fingen an, einige Einladungen zu Baͤllen und Soupees anzunehmen. Wir gingen oft ins Schauſpiel, und vorzuͤglich in die franzus ſiſche Komoͤdie. Maxie zog dieſes allen gn⸗ 15 dern vor, weil ſie dort Auftritte, die ihre Schwermuth naͤhren konnten, vorgeſtellt ſah. Gegen das Ende des Karnevalls bot man uns Billets zu einem ſehr ſchoͤnen Feſt an, das bei einem fremden Geſandten gegeben wer⸗ den ſollte. Es wurde oͤfters aufgeſchoben— warum verhinderte es das Schikſal nicht voͤl⸗ lig?— Endlich ſezte man den zwoͤlften April dazu an. Meine Schweſter und ich fanden uns fruͤh morgens ein; denn der ganze Tag ſollte den angenehmiſten Zeitvertreiben gewidmet ſeyn. Wirklich brachten wir auch die Haͤlfte des Tags unter den mannichfalti⸗ gen Vergnuͤgungen die ſich darboten„ auf die ergoͤzendſte Weiſe zu, und ich genoß voll Hei⸗ terkeit, ohne daß es mir einen Augenblik in den Sinn kam, wie oft ſolchen frohen Stun⸗ den Leiden nachfolgt. 16 Gegen acht Uhr des Abends ward der Ball erdfnet. Meine Schweſter tanzte; wie ſie ſich wieder neben mich niederſezte, war ſie von der großen Hizze, und einen Strauß von Heliotrop den ſie vor der Bruſt hatte, etwas aͤngegriffen. Sie that mir den Vor⸗ ſchlag, im Garten friſche Luft zu ſchoͤpfen. Es war noch nicht ganz Nacht, und der Mond ſchien außerdem hell genug, um ein Paar Frauenzimmer bei einem einſamen Spa⸗ ziergang vor aller Furcht zu bewahren. An⸗ fangs blieben wir auf einer Terraſſe vor den Fenſtern der Geſellſchaftszimmer. Da ſich aber nach und nach eine Menge Menſchen die zuſammen ſchwazten, und hin und her gingen, einfand, wollte ſich Marie an einen einſamen Ott begeben; ſie hoffte ſich durch einige ſtille Augenblikke von der Ermuͤdung die ihr die laͤrmenden Saͤle zugezogen hatten, 17 zu erholen. Das Rauſchen eines Waſſerfalls zog unſere Aufmerkſamkeit auf ſich, wir woll⸗ ten ihn aufſuchen. Indem wir auf die andere Seite eines kleinen Fluſſes der den Garten durchſtroͤmte hinuͤber gingen, nahm ich wahr, daß meine Schweſter zitterte, und ſich kaum aufrecht halten konnte. Ich bat ſie, ſich mit mir auf eine benachbarte Raſenbank zu ſezzenz ſie that es, allein kaum ſaßen wir, ſo be⸗ klagte ſie ſich uͤber Froſt, und ward, indem ſie ihren Kopf auf meinen Buſen fallen ließ, ohnmaͤchtig. Urtheilen Sie von meinem Schrekken, von meiner Verlegenheit. Ich hatte kein Riechſalz bei mir, ich durfte mich nicht ent⸗ fernen, und doch war es aͤußerſt dringend, ihr Huͤlfe zu verſchaffen. Schon beſchloß B 18 ich, ſie auf der Raſenbank liegen zu laſſen, als ich ziemlich nahe bei mir jemanden gehen hoͤrte;— rettet meine Schweſter! rief ich, und es nahte ſich ein junger Menſch. Ich bat ihn, mir etwas Waſſer zu verſchaffen; kaum hatte ich meiner geliebten Marie einige Trop⸗ fen davon in das Geſicht geſpruͤzt, ſo offnete ſie die Augen. T Ich hielt ſie in meinen Armen, ſie ſah mnich nicht ſogleich, ſie ſah nur ihn, und fragte erſchrolkken: wer ſind Sie?— Ich druͤkte ſie feſt an meine Bruſt, und ſie kam ganz wieder zu ſich. Nun ſagte ich ihr, was ihr begegnet ſey. Ich ſchrieb ihren Zufall Ner⸗ venuͤbeln zu, an denen ſie nicht ſelten litt, und die in dieſem Augenblik durch den zu ſchnellen Uebergang von großer Hizze zu der Kuͤhle im Garten veranlaßt ſeyn mochten. 4. 19 Ich unterrichtete ſie auch von der Huͤlfe, die wir dem Manne verdankten, den ſie vor ſich ſah; er pries den gaͤnſtigen Zufall, der ihn zu uns gefuͤhrt hatte. Sie dankte dem Unbekannten, und hef⸗ tete ihre Blikke mit der groͤßten Aufinerkſam⸗ keit auf ihn; nun ſah ich ihn auch zum erſten⸗ male an; denn noch hatte ich keine Zeit dazu gehabt. Er ſchien mir nicht viel aͤlter wie wir, er war wohl gewachſen; ich fand alle ſeine Bewegungen edel, und ſeine Zuͤge ſchoͤn. Nachher iſt mir die Regſamkeit ſeiner Phyſio⸗ nomie, in welcher Geiſt und Wohlwollen ſich wechſelsweiſe ausdruͤkten, beſonders aber ein Blik aufgefallen, auf den man den ſeinigen nicht ohne Gefahr ruhen laſſen konnte. Nach einigen Minuten fanden wir„ daß wir in den Saal zuruͤlkehren muͤßten. Ma⸗ w B 2 20 rie nahm uns beide unter die Arme; wir waͤhlten den kuͤrzeſten Weg; er fuͤhrte durch einen Bogengang von Siringa, der in voller Bluͤthe ſtand, und einen ſo ſuͤßen Duft ver⸗ breitete, daß ich ſeitdem keine Siringa mehr roch, ohne an jenen Augenblik, der uͤber die bitterſten Leiden meines Lebens entſchied, lebhaft erinnert zu werden. Wie wir am Ende der Allee waren„ die an einen Fluͤgel des Hauſes ſtieß, warfen die durch die Fenſter ſcheinenden Lichter einen ſauften Schimmer auf das Geſicht meiner Marie. Man konnte nun den gefuͤhlvollen Ausdruk ihrer Augen, und den maͤchtigen Zauber aller ihrer Zuͤge beſſer erkennen. Ich bemerkte, daß unſer Unbekannter mit Erſtau⸗ nen, mit einer Art Entzuͤkken ſie betrachtete. Er blieb ſtehen, und fragte ſie mit dem Ton ——:— 21 in welchem man eine Bitte vortraͤgt, ob ſie nicht noch einen Augenblik ſpazieren gehen wollte? Ich autwortete, es ſei beſſer herein⸗ zugehen und auszuruhen; Marie ſagte ſanft zu mir: wenn Sie das glauben, ſo wollen wir wenigſtens in dieſes Muſikzimmer; es ſind nicht viel Leute darinn und ich werde dort ruhiger die Ankunft meines Wagens er⸗ warten. Der Unbekannte eilte uns den ſeinigen anzubieten. Er bot uns dringend um die Erlaubniß, uns ſo bald es uns gefaͤllig waͤre, nach Haus begleiten zu duͤrfen. Meine Schweſter nahm das Anerbieten ohne die ge⸗ ringſte Schwierigkeit an„ bat uns aber nur, indem ſie ſich niederſezte, noch einige Minu⸗ ten zu warten. Wir ſezten uns neben ſie, unſer neuer Bekannter fing an, uͤber aller⸗ 4 22 lei Gegenſtaͤnde mit mir zu ſchwazzen, und 3 ich war mit der Zartheit ſeines Geſchmaks, ſeinem richtigen Verſtand, ſeinem leichten 3 geiſtreichen Ausdruk gleich zufrieden. Waͤhrend unſers ganzen Geſpraͤchs ſagte Marie nicht ein einziges Wort; ſie ſchien mir aͤußerſt ermatket, ſie neigte den Kopf, und haͤtte ſie nicht zuweilen ihren Blik auf mich gerichtet, um ihn dann auf den Fremden, der ihr gegenuͤber ſaß, zu wenden, ſo haͤtte ich ſie fuͤr eingeſchlummert gehalten. Eine Viertelſtunde ließ ich ſo verſtrei⸗ chen; dann ſagte ich aber, daß wir uns nach Haus begeben muͤßten. Da ſie ſich indeſſen nicht von der Stelle bewegte, ſtand ich auf, nahm ihre Hand, und wir gingen durch die Zimmer die zu dem Vorhaus fuͤhrten. 23 Sie ſchien gegen die Aufmerkſamkeit aller Perſonen, die ſich eifrig nach ihrer Geſund⸗ heit erkundigten, ſehr unempfindlich. Indeß derjenige, der uns ſo verbindlich ſeine Dienſte angeboten hatte, einige Befehle gab, umarmte ich meine geliebte Geſpielinn, wach auf, liebe Schweſter, ſagte ich ganz leiſe, ſei nur ein kleines bischen liebenswuͤr⸗ dig, damit wir nicht gar zu undankbar aus⸗ ſehen.— Wenn ich ſpreche, antwortete Ma⸗ rie, buͤße ich das Vergnuͤgen ein, zuzuhdren. Ich habe kein Wort von enrer Unterredung verlohren, ſie hat mich ſehr intereſſirt. Laß mich thun, was mir am beſten gefaͤllt. Mein Rath war indeſſen nicht unnuz; was ihr am beſten gefiel, ſo bald wir im Wa⸗ gen ſaßen, war vollkommen liebenswuͤrdig zu⸗ nete, erſtaunte ich ſehr, meinen Bruder, den 24 ſeyn. Mochte ſie mein Vorwurf getroffen haben, oder mochte die Dunkelheit ihrer na⸗ tuͤrlichen Schuͤchternheit zu Huͤlfe kommen, gewiß iſt es, daß meine Schweſter nie ſo viel Annehmlichkeit gezeigt hatte. Was ſie ſagte war nicht ſtudirt, und um ſo viel reizender; es war als wenn ihr Herz ihrem Verſtand die Ausdruͤkke liehe. Sie war nicht nur intereſ⸗ ſant, ſie miſchte ſo viel Frohlichkeit in ihre Unterhaltung, wie es ihr Hang zur Schwer⸗ muth und ihre Geſundheit nur immer geſtatten konnten. Nun war die Reihe an mir zu ſchweigen, und mit aller Aufmerkſamkeit zu⸗ zuhoͤren. Ich bemerkte, daß der junge Menſch Marien die groͤßte Achtung bezeigte, und wußte es ihm unendlich Dank. Endlich hielten wir bei dem Haus mei⸗ ner Schweſter. Wie man den Wagen oͤff⸗ 25 Ehevalier R.... zu erblikken, der ſeit ſechs Monaten abweſend war. Er war ſo eben angekommen, hatte mich zu Haus nicht ge⸗ troffen, und ſuchte mich nun bei Marien auf. Ich eilte in ſeine Arme, er fuͤhrte mich, wir gingen uͤber den Hof; ſchon ſtieg ich die Treppe hinauf, wie mir meine Schweſter einfiet, und ich mich umſah, ob ſie mir nicht nachkaͤme. Ich zweifelte gar nicht, daß der Unbekannte der uns nach Haus gebracht hatte, noch bei ihr waͤre; doch ſie war allein, und ſagte mir traurig: er iſt fort; Sie haben ihn nicht eingeladen einen Augenblik bei uns zu verweilen, ich allein getraute mir nicht, es ihm zu erlauben. Ich ſchallt ſie uͤber dieſe Zuruͤkhaltung, und war mir ſelbſt wegen der Zerſtreuung gram, die mich verhinderte zu erfahren, wem wir fuͤr ſo viel Gefällgkei verpflichtet waͤren. 26 Wie wir meinem Bruder beim Abend⸗ eſſen die Begebenheit dieſes Abends erzaͤhl⸗ ten, zog er mich ſehr mit meiner unbegreifli⸗ chen Schuͤchternheit auf:„Konnten wohl Damen Geduld genug haben, um die Frage nach dem Namen eines liebenswuͤrdigen jun⸗ gen Mannes— den Sie gewiß nie wieder ſehen werden, denn wahrlich Sie haben ihm zu wenig Theilnahme bezeugt, als daß er je ſich wieder bei Ihnen melden ſollte,— bis zum Augenblik der Trennung aufzuſparen?“ Mir war es, als hoͤrte ich Marien ſeuf⸗ zen. Mein Bruder fuͤgte hinzu: deine Ueber⸗ eilung, Adele, wundert mich nicht, du biſt leichtſinnig, unempfindlich, du machſt dir nichts aus den Maͤnnern; deinen Bruder, deine Schweſter auf das freundſchaftlichſte zu lieben, zaͤrtliche Sorgfalt fuͤr ſie zu haben, 27 daran laͤßt du es nicht ermangeln, und das reicht dir auch hin; allein Marien haͤtte ich fuͤr empfindſamer gehalten— Sie erroͤthete; mir war die Urſache unbekannt. Es entfie⸗ len ihr einige Thraͤnen, und ich ſchrieb ſie dem Andenken des Kummers den ſie ſeit dem Tod ihres Mannes gehabt hatte, ihrer Trauer um ihn, einem Hange zur Betruͤbniß zu, der von ihrer Geſundheit herruͤhrte. Das ſagte ich auch leiſe zu meinem Bruder. Wir uͤberredeten ſie, ſich nieder zu legen, und ver⸗ ließen ſie ſehr bald. Erlauben Sie mir, hier inne zu halten. Haben Sie nach einem ſo langen Brief nicht ſelbſt der Ruhe noͤthig? Ich werde. mit der naͤchſten Poſt fortfahren. Moͤchte ich, in⸗ dem ich von meiner Freundinn ſpreche, Sie immer intereſſiren und Ihnen immer gefallen! 2 31†* 1* 8 Dritter Brief. Dieſelbe an Dieſelbe. Paris den 18 Februar. Ohne Zweifel haben Sie, ſeit Sie Marien 648* verließen, zu wiſſen gewuͤnſcht, was auf einen Tag, deſſen ganze Wichtigkeit Sie nun ahnden, erfolgt iſt. Den andern Morgen beſuchte ich ſie. Ich fand ſie ſehr wohl, und an denſelben Abend forderte ſie zu meiner großen Verwun⸗ derung das Verſprechen von mir, ſie auf 29 einen zweiten Ball, zu welchem wir auf das Ende der Woche eingeladen waren, zu be⸗ gleiten. Mir kam ihr geheimer Bewegungs⸗ grund gar nicht in den Sinn; denn damals war ich weit entfernt, die Unruhe einer ent⸗ ſtehenden Leidenſchaft bei ihr zu ahnden; alſo gab ich ihr auch ſehr bereitwillig mein Wort. Am Tage des Balles holte ich ſie ab. Es war ſehr fruͤh, und doch war ihre Toilette ſchon laͤngſt beendigt. Wir fanden eine ſehr zahlreiche Geſellſchaft, Marie ward ſogleich von verſchiedenen Perſonen zum Tanzen auf⸗ gefordert, ſchlug es aber unter verſchiedenen Vorwaͤnden, auf die ich damals wenig Ach⸗ tung gab, aus. Ich bemerkte nur, daß ſie aͤußerſt zerſtreut war. Zuweilen fragte ich ſie, und ſie antwortete mir nicht; einen Au⸗ genblik darauf antwortete ſie mir ohne daß ich 3⁰ ſie gefragt hatte. Sie ſah ſich unaufhoͤrlich auf allen Seiten um, und am oſterſten nach der Eingangsthuͤre. Endlich fiel mir ein, ſie ſuche vielleicht den jungen Mann, mit dem wir auf dem lezten Ball Bekannt⸗ ſchaft gemacht hatten, und ſei mit ihm ſehr beſchaͤfftigt. Ich fragte ſie, ob ich recht ge⸗ rathen haͤtte?—„Nein, nein, Adele, wel⸗ ches Intereſſe koͤnnte ich haben ihn wieder zu ſehen? Was koͤnnte dabei herauskommen?“ Die Antwort genuͤgte mir, ſie hatte mir noch nie etwas verheimlicht; ſie ſuchte auch ſelbſt, mich zu zerſtreun. Man forderte uns zu dem erſten engliſchen Tanze auf, ich mußte auf ihr Verlangen die Einladung annehmen, und wir tanzten beide, einander gegenuͤber. Die Haͤlfte der Touren war noch nicht ge⸗ macht, ſo bemerkte ich an Marien ein Weſen, 31 das ihr gar nicht natuͤrlich war. Sie ſchien zußerſt verwirrt, und denuoch glaͤnzten ihre Augen von Freude. Ganz unwillkuͤhrlich durchſchweiften meine Blikke den Saal, und nun ſah ich den, der dieſe ſonderbare Bewe⸗ gung hervorgebracht hatte, an die Thuͤre ge⸗ lehnt: es war unſer junger Unbekannter. Er ſprach ſehr aufmerkſam mit einem aͤltern Manne, und ſchien ſich um den ganzen Ball gar nicht zu bekuͤmmern. Ich verſuchte umſonſt, Marien durch Winke zu verſtehen zu geben, daß ich ſo gut wie ſie den Neuangekommnen erblikt haͤtte. Sie wagte es auch nicht ein einzigesmal, ihre Augen auf mir ruhen zu laſſen, bis ich ſie, nachdem wir unſre Plaͤzze wieder einge⸗ nommen hatten, fragte, was ihr fehle. Ich erhielt keine Antwort. Was haben Sie, 3²2 liebſte Marie? fragté ich zum zweitenmal. Sollten Sie nicht auch jemanden geſehen ha⸗ ben?— Sie ſagte mir ganz leiſe, das ſei wahr, aber ſie wuͤßte nicht, wo er hingekom⸗ men ſey. Ohne Zweifel, antwortete ich, wird er in das anſtoßende Spielzimmer ge⸗ gangen ſeyn.— Nein, erwiederte ſie lebhaft, ich bin ſicher, daß er nicht uͤber dieſen Saal gekommen iſt.— Du haſt alſo ſehr Acht auf ihn gegeben?— ſie ſchlug die Augen nieder, und blieb in ein tiefes Stillſchweigen verſenkt. Ich fragte einige Maͤnner von meiner Bekanntſchaft, wer das geweſen ſei. der ſich eine Weile an der Thuͤre unterhalten habe, und beſchrieb die Perſon; aber niemand konnte mir ihn nennen. Ich erfuhr, daß er mit ſeinem Freund hinausgegangen ſei. 8 Marie wollte nicht mehr tanzen, ſie ſchien wuͤrklich betruͤbt, ſie floͤßte mir Mit⸗ 4 33 leiden ein, ſo daß ich ſie mit weiteren Fragen verſchonte. Noch vor Mitternacht ſchlug ſie mir vor, nach Haus zu gehen; in der Hoff⸗ nung, der Schlaf wuͤrde einen Kummer auf den ich nicht viel Gewicht legte, zerſtcen, war ich es ſogleich Buſiieden Seit dieſem Tage derfanmte ſie keine Ge⸗ legenheit, in das Schauſpiel, auf alle Baͤlle, in alle oͤffentlichen Konzerte zu gehen; allent⸗ halben ſah man nur ſie, und mußte ſie zu⸗ weilen zu Hauſe bleiben, ſo war ſie gegen alles was ſie einige Wochen vorher noch un⸗ terhalten haͤtte, gleichguͤltig. Es gab Au⸗ genblikke wo der leichteſte Verdruß ſie aufs aͤußerſte aufbrachte. Nie iſt in ſo kurzer Zeit eine ſolche Veraͤnderung vorgegangen. Seit jenem Ball war mir immer ein gewiſſer Ver⸗ 8 13,G: 34 dacht uͤbrig geblieben. Da es mir zu weh that ſie in dieſem Zuſtand zu ſehen, entſchloß ich mich endlich, ihr Herz zu erforſchen. Marie, ſagte ich ihr eines Abends, Sie ſind ſehr veraͤndert!— Warum? fragte ſie ſchnell; nein meine Schweſter, Sinelair hat meine erſte Neigung beſeſſen, ich werde ſie ihm ewig erhalten.— Aber vielleicht iſt hier gar nicht von Neigung die Rede, ſagte ich; wer ſagt, daß ich an Ihrer Beſtaͤndigkeit zweifle? Ich wollte Ihnen nur bemerklich machen, daß Sie ſich niemals den geſellſchaft⸗ lichen Zerſtreuungen ſo uͤberlaſſen habeu. Ich moͤchte die Urſache davon wiſſen.... Wuͤnſchteſt du die Perſon die du ſahſt wieder zu finden? moͤchteſt du ſie nachher bei dir eingefuͤhrt ſehen? Was wuͤrde man ſagen? du biſt zu jung und zu huͤbſch, um nicht bald 35 deſchuldigt zu werden. Bedenke was du dei⸗ nem Ruf, bedenke auch was du deinem Gluͤkke ſchuldig biſt. Der junge Mann hat ohne Zweifel einige Annehmlichkeiten, aber vielleicht gleicht er ſo vielen andern, deren Aeußeres allein einnimmt, und denen alle Eigenſchaften fehlen, die ein Weib das ſein ganzes Herz hingaͤbe, von ihnen fordern wuͤrde.— Was ich vor allen ſchaͤzze, ant⸗ wortete meine Schweſter ſanft, iſt Beſchei⸗ denheit in Sprache und Anſtand„ es iſt, daß man ſelbſt an ſeinen Vorzuͤgen zweifele, ſie aber andern aufzufinden, und zu wuͤrdigen uͤberlaſe— Und dieſer Sorge unterziehen Sie ſich alsdann? ſagte ich bewegt. Sie um⸗ armte mich, und bat mich dringend, mich nicht weiter ihretwegen zu beunruhigen, ſie ſaͤhe ſehr wohl ſelbſt ein, wie vielem Verdruß C2 ſie ſich ausſezte, wenn ſie ſich mit jemanden beſchaͤftigte, der vielleicht mit keinem Gedan⸗ ken an ſie gedacht haͤtte. Und nach einem halben Geſtaͤndniß, das die Ergießung der Freundſchaft und Liebe entlokte, verlangte meine Schweſter, daß ich mich verbindlich machte, nie mehr auf dieſen Gegenſtand zu⸗ ruͤkzukommen. Wer einmal der Liebe in ſeinem Herzen den Eingang verſtattete, kann alſo fuͤr den morgenden Tag nicht gut ſagen! Gleich den naͤchſten Tag, und alle nachfolgende ſuchte mich Marie, als haͤtte ihr jenes halbe Ge⸗ ſtaͤnduiß Muth gemacht, an das Feſt des Ge⸗ ſandten, an den Puz der Weiber die ſich dort eingefunden hatten, an die verſchiedenen Luſt⸗ barkeiten die auf einander gefolgt waren, zu erinnern, ja ſie ging ſo weit, uͤber alles was 37 ihre Geſundheit an jenem Tage gelitten hatte zu klagen. Ich that als merkte ich nichts. Ich zwang mich, zu thun als ob ich ſie nicht verſtaͤnde, und nicht wie ſie es wuͤnſchte zu antworten. Ich hatte mir ſagen laſſen, nichts naͤhre eine aufkeimende Liebe ſo ſehr, als von ihr zu reden, oder auch nur mittelbar des Ta⸗ ges, an dem ſie entſtund, zu erwaͤhnen. Endlich verlor meine Schweſter alle Hof⸗ nung, mich wortbruͤchig zu machen. Seit ſechs Wochen verſuchte ſie es ſogar nicht mehr, und ließ kein Wort mehr fallen, das mir die geringſte Unruhe verurſachen konnte; ich glaubte ſie haͤtte dieſe augenblikliche Ver⸗ irrung voͤllig vergeſſen, und gewiß waͤre das auch endlich geſchehen, als das Schikſal, das der Ruhe eines unſchuldigen reinen Weſens mehr als einen Stoß beibringen wollte, eine 38 Begebenheit dazwiſchen fuͤhrte, die es nicht in unſerer Macht ſtand zu vermeiden, und die meiner Schweſter Frieden auf ewig zerſtoͤrte. Eines Morgens kam ſie fruͤher wie ge⸗ woͤhnlich zu mir: ſie haͤtte, ſagte ſie mir, zwei Briefe erhalten, den einen von ihrem Vater dem Herrn von Souvre⸗„ der auf ſei⸗ nen vierzig Linues von Paris gelegnen Guͤtern lebte, den andern von einer Verwandtin, deren Vormund er war„ und die bei ihm lebte. Er hatte Marien ſchon ſeit einiger Zeit ſehr dringend gebeten zu ihnen zu kommen. Sie haͤtte wenig darauf geachtet; allein dies⸗ mal bat Herr von Souvre“ mit ſolch einem Ernſt, daß kein Mittel ihm nicht zu willfah⸗ ren uͤbrig blieb. Er forderte unverzuͤglichen Gehorſam, er machte eine Pflicht daraus. Ein Geheimniß das Marien ſehr intereſſire, 39 das man ihr aber erſt bei ihrer Ankunft ent⸗ delken wuͤrde, ſollte der Lohn ihrer Nachgie⸗ bigkeit ſeyn. Allein ſie zeigte nicht die ge⸗ ringſte Neugierde, und wie ſie ſich nach drei Tagen abzureiſen entſchloß, kann ich wohl bezeugen, daß es nur aus Gehorſam gegen den Willen ihres Vaters, den ſie zaͤrtlich liebte, geſchab. Dennoch ward es ihr un⸗ moͤglich, ihr Vorhaben ſo fruͤh als ſie ge⸗ wuͤnſcht haͤtte auszufuͤhren. Den Tag vor⸗ her ehe ſie abreiſen wollte, wurde ſie von einem ziemlich boͤſen Halsweh befallen. Man mußte ihr zweimal zur Ader laſſen, und ſie verließ ganzer vierzehn Tage nicht das Zim⸗ mer. Sie bat ihren Vater in einem Brief, ihr dieſe Verzoͤgerung ihrer Reiſe zu verzei⸗ hen; Herr von Souvre⸗ war aber weniger vernuͤnftig und theilnehmend als gebieteriſch. Mariens immer etwas leidende Geſundheit 40 machte außerdem, daß man auf ihre ernſt⸗ hafteren Uebel weniger achtete. Herr von Souvre’ glaubte, es ſei nur ein Vorwand um nicht zu ihm zu kommen; er ſchrieb eine ſehr ſtrenge Antwort, und erklaͤrte, daß er ſeine Tochter nicht laͤnger erwarte. Dieſer Brief druͤkte auch Hortenſens ganzen Un⸗ willen aus:„Deine Kouſine macht dir keine Vorwuͤrfe; aber ſie bezeugt eine Kaͤlte, die es ſehr ſichtbar macht, daß ſie ſich entſchloſ⸗ ſen hat, ihren lang gehegten Wunſch, dir Freundſchaft fuͤr ſie einzufloͤßen, aufzu⸗ geben.“ Dieſe Hortenſe war ſehr wenig im Stande, Freundſchaft zu empfinden, und zu verdienen. Sie liebte niemanden als ſich ſelbſt, ſie war nur mit ihrer außervrdentli⸗ chen Schoͤnheit beſchaͤfftigt, und ging taͤglich 41 auf neue Eroberungen aus, bei denen blos ihre Eitelkeit im Spiel war. In ihrem gan⸗ zen Weſen war nichts Natur als die Reize ihrer Geſtalt: Keine Grazie, keine Annehm⸗ lichkeit des Geiſtes, viel Hang zur Herrſch⸗ ſucht, viel Leichtſinn und Uebermuth. Etwas Unterricht war ihr einziges Verdienſt, das ſie der Sorgfalt verdankte, die ihr Onkel Herr von Souvre⸗ auf ihre Erziehung verwandt hatte. Hortenſe, die damals ſiebzehn Jahr alt war, wohnte bei ihm ſeit ihrer Kindheit, waͤhrend deren ſie Waiſe und Erbinn eines anſehnlichen Vermoͤgens geworden war. Ich kehre zu dem Augenblik zuruͤk, wo meine Freundinn, die erſt ſeit wenigen Tagen in der Beſſerung war, auf jenen Brief ihres Vaters ſich genoͤthigt ſah, ihre Reiſe gleich auf den folgenden Tag feſtzuſezzen. Sie 4² zerfloß bei dieſem Entſchluß in Thraͤnen, und verſprach mir, ſpaͤteſtens in drei Wochen wie⸗ der zuruͤkzukehren.— Wie ich Abſchied von ihr nahm, mußte ich, ob es mir gleich ſelbſt leid that, ſie ab⸗ reiſen zu ſehen, doch uͤber ihren ansnehmen⸗ den Schmerz erſtaunen. Sie riß ſich ver⸗ zweifelnd aus meinen Armen, und ſagte, ſie ſei aͤußerſt ungluͤklich, mich zu verlaſſen, die allein ſie gegen ihre Schwachheit ſchuͤzte, die allein ihr eine Zuflucht vor ihr ſelbſt gewaͤhrte. Endlich warf ſie ſich haſtig in ihren Wagen, gleichſam als haͤtte e das hwerſte Opfer vollbracht. Sie hatte mir verſprechen muͤſſen, mir ſo bald als moͤglich Nachricht von ſich zu ge⸗ ben. Sie wollte unterwegs uͤbernachten, und 43 den folgenden Morgen ankommen. Wuͤrklich erhielt ich am vierten Tag ihren erſten Brief. Sie werden ihn zu Anfang der Sammlung finden, die ich Ihnen zuſchikke. Ich wieder⸗ hole es Ihnen, aus ihren Briefen werden Sie Marien kennen lernen„ werden Sie von jeder Bewegung ihres Herzens urtheilen. Schaͤzt man ſie nach ihrer Lebhaftigkeit und Beſtaͤndigkeit, ſo waren ſie unwillkuͤhrlich, und mithin verzeihlich. Ja! damit Marie leichter Gnade vor Ihnen finde„ mag ich kei⸗ nen Dollmetſcher zwiſchen ihr und Ihnen leiden. 1 44 Vierter Brief. Marie von Sinclair an Adele von N. Souvre“’, den 16. Julius 1782. Morgens um drei Uhr fruͤh. J6 ſchreibe Ihnen mitten in der Nacht; un⸗ moͤglich koͤnnte ich auch nur einen Augenblik ſchlummern. Seit einer Stunde nahm ich die Feder zwanzig Mal in die Hand, und legte ſie eben ſo oft wieder nieder. Ich konnte meine Gedanken nicht ſammeln.— O! meine geliebte Adele, welch ein Tag iſt nun be⸗ ſchloſſen! jezt kenne ich das Geheimniß, wel⸗ 45 ches mir entdekt werden ſollte. Errathen Sie wen ich hier gefunden habe?— Mein Herz iſt auf eine ſchwere Probe geſtellt worden, aber ich glaube, daß ſeine Ruhe nun auf im⸗ mer geſichert iſt. Sie koͤnnen davon ſo gut wie ich ſelbſt urtheileu. Fortan will ich Ih⸗ nen meine geheimſten Gedanken mittheilen, Sie ſollen mein ganzes Zutrauen haben, ſo wie Sie meine ganze Zaͤrtlichkeit haben..... Auch du mußt deine Schweſter herzlich lie⸗ ben, ſie hat ja nie einer Freundinn ſo ſehr bedurft! O Adele, ſei du mir alles was ich uf Erden lieben will. Kaum getrau ich mir, an die Ellaͤute⸗ rungen, die Sie wuͤnſchen muͤſſen, zu gehen. Werde ich mich ruhig genug ſtimmen koͤnnen? Der Gedanke an die Begebenheit, die mich bei meiner Ankunft treffen mußte„vermehrt 46 den Aufruhr in meinen Inneren. Nur noch einen Augenblik, dann will ich einige Ord⸗ uung in meine Erzaͤhlung zu bringen ſuchen. * Sie erinnern ſich, daß ich die Abſicht hatte, hier fruͤh Morgens einzutreffen, um meinen Vater zu uͤberraſchen. Meine Reiſe legte ich ohne alles Hinderniß zuruͤk, meine Geſundheit war beſſer wie gewohnlich. Ich hatte praͤchtiges Wetter, die Zerſtreuung hatte mein Gemuͤth nach und nach beruhigt, und ſo wie ich Souvre naͤher kam, empfand ich eine innere Zufriedenheit, die mir ſeit langer Zeit fremd geweſen war, und die gewiß dar⸗ aus entſtand, daß ich in Begriff war, Pflich⸗ ten zu erfuͤllen, welche mir von jeher theuer geweſen ſind. Es ſchlug im Dorfe zehn Uhr, wie ich mich bei der Anfahrt, die zum Schloſſe fuͤhrt, befand. Ich ließ halten, und ſezte den Weg 4 47 zu Fuß fort, damit man mich nicht horen, und meinen Vater benachrichtigen moͤchte. Ich fand niemanden außer Julianen auf meinen Wege; ſie war im Vorhaus. Sie wißen, daß ſie mir von der Sorgfalt her die ſie in meiner Kindheit fuͤr mich gehabt hat, ſehr zugethan iſt. Bei meinem Anblik be⸗ zeugte ſie die lebhafteſte Freude:„Tauſend⸗ mal willkommen, liebe Tochter, rief ſie, Sie ſollen eine Begebenheit erfahren die Sie nicht erwarten, und die Ihnen ſicherlich viel Freude machen wird. Kommen Sie nur mit mir.“— Nun fuͤhrte ſie mich ohne auf meine Fragen zu antworten, durch einen un⸗ bewohnten Theil des Schloſſes. Ich ver⸗ langte voll Ungeduld, ſie ſollte mich ſogleich zu meinem Vater bringen, allein ſie bat mich, nur unbeſorgt zu ſeyn, ich wuͤrde ihn mit 48 meiner Couſine und einigen andern Perſonen antreffen. Schon waren wir durch verſchie⸗ dene Zimmer gegangen; ich trat jezt in die Gemaͤhldegallerie, als ich die Kaßelle die an dieſe anſtoͤßt offen, erleuchtet, und voll Men⸗ ſchen ſah. Es war kein Sonntag, kein Feier⸗ tag. Ich begriff nicht, warum man ſich an dieſem Orte verſammelt hatte; ich fragte Ju⸗ lianen aufs neue: dieſe ergriff aber ſtillſchwei⸗ gend meine Hand, machte ſich zwiſchen den Leuten die ihr im Wege ſtanden Plaz, und zog mich, faſt wider Willen bis vor die Stu⸗ fen des Altars. 1 Ein Geiſtlicher ſprach den hochzeitlichen Segen. Zwei Perſonen, deren Haͤnde noch vereint waren, hatten ſo eben den Schwur der auf ewig bindet abgelegt. Die eine war Hortenſe, und wie ich vortrat, um die Zuͤge 49 deſſen den ſie zum Gatten gewaͤhlt hatte zu be⸗ trachten„da— O meine Schweſter!— Da erkannte ich den jungen Mann den wir auf dem Ball getroffen haben. Mein Blut er⸗ ſtarrte. Eine Todtenblaͤſſe bedekte mein Ge⸗ ſicht, ich fiel wieder auf meinen Stuhl zuruͤk, und mein Vater, der mir ſchnell zu Huͤlfe eilte, mußte mich mehrmals leiſe rufen, ehe ich ihm antworten konnte. Er ſagte mir, dieſe lebhafte Ruͤhrung thue ihm leid, es ſei ihm indeſſen doch lieb daß ich bei der Heirath ſeiner Nichte eine ſo lebhafte Theilnahme be⸗ zeugte; dadurch erwuͤrbe ich mir Verzeihnng fuͤr meine ewigen Zoͤgerungen; die Urſache warum man mir ein Geheimniß daraus ge⸗ macht haͤtte, ſollte ich bald erfahren, allein ich wuͤrde viel Muͤhe haben, die Gunſt mei⸗ ner Kouſine, die weniger nachſichtig wie er waͤre, wieder zu erlangen. D 50 Wuͤrklich mahlte ſich auch wie ſie mich er⸗ blikte Groll in allen ihren Zuͤgen, und leuch⸗ tete durch das Laͤcheln der Eitelkeit, das ihr ohne Zweifel ihr Siegestag abgewann, her⸗ vor. Ihr Gemahl heißt Fernance. Fer⸗ nance hat auch die Augen auf mich gerichtet. Wie viel Sanftheit war in ſeinem Geſicht! ja ich glaubte ſogar einen Augenblik lang wahrzunehmen, daß er mich mit einigem Ver⸗ gnuͤgen wieder fand; aber das iſt nicht moͤglich. man die Kapelle verließ, kam Hortenſe auf mich zu. Sie wollte mir bitter ſcherzend einige Vorwuͤrfe machen; mein Vater ver⸗ hinderte ſie daran. Hierauf ſtellten ſie mir beide den Mann vor, der wie ſie ſagten, in⸗ dem er einen Plaz in meiner Familie erhalten, auch Anſpruͤche auf meine Freundſchaft erwor⸗ ¹ Wie die Feierlichkeiten vorbei waren„ ehe 4 51 ben haͤtte. Ich durſte nicht einmal die A-.⸗ gen zu ihm aufheben. Fernance nahte ſich ſeiner Frau. Ich nahm meines Vaters Arm. Wie wir vor ſeinem Kabinet vorbei gingen, trat er hinein, um ſich einige Augenblikke mit mir zu unterhalten, und da erfuhr ich ſol⸗ gendes. Fernance iſt der Sohn eines Mannes, der ſeit ſechs Monaten ein Laudgut wenige Stunden von Souore⸗ bezogen hat, und mit welchem mein Vater in die freundſchaftlichſte Verbindung gekommen iſt. Kaum kannten ſie ſich, ſo ſprachen ſie unablaͤffig von ihren Kindern, und von Hortenſe, meines Vaters zaͤrtlich geliebter Pflegtochter. Sie zog bald die Blikke des Herrn von Fernance auf ſich, zumal da dieſer keinen ſehnlicheren Wunſch D 2 52 hatte, als ſeinem Sohn fuͤr den Augenblik, wo er von einer Reiſe die er jezt durch Euro⸗ pa machte, zuruͤkkommen wuͤrde, eine Ver⸗ ſorgung vorzubereiten. Er hielt mit dem leb⸗ hafteſten Eifer um ſie an, und verſprach, ſeinem Sohne von dem Tag ſeiner Hochzeit an den Nießbrauch ſeines ſehr anſehnlichen Vermoͤgens zu geben. Mein Vater willigte um ſo lieber ein, als die Nachfrage, die er uͤber den Karakter und die Sitten des jungen Fernance anſtellte, ihm fuͤr ſeine Sanftheit, fuͤr ſeine Redlich⸗ keit gut ſagte, und fuͤr einen hohen Grad Nachſicht, eine Eigenſchaft, die, wie mein Vater endlich wohl einſah, an dem Manne der ſeine geliebte Nichte zur Frau nehmen wuͤrde, ſehr nothwendig war. Seit ſechs Wochen iſt Fernance zuruͤk; ſehr ungeduldig, 53 diejenige zu ſehen, die ſein Vater ihm be⸗ ſtimmte, und von deren Reizen allein, ohne ihrer Unvollkommenheiten zu erwaͤhnen„ man gegen ihn geſprochen hatte, kam er hier an. Fernancens Vater iſt zu einfach, er hat einen zu beſchraͤnkten Verſtand, um dieſe Unvoll⸗ kommenheiten ſeiner neuen Schwiegertochter wahrzunehmen, und ihr Vormund liebt ſie zu ſehr, um ſich aus dem hieruͤber beobachte⸗ ten Stillſchweigen ein Gewiſſen zu machen. Die jungen Leute haben bald eines fuͤr das andere die lebhafteſte Neigung gefaßt. Beſonders iſt Fernance ungeduldig geweſen, die Heirath zu vollziehen: er hat mehr Gefuͤhl, und hat die Koketterie nicht, mit welcher ſie ſuchen mochte, ihren Werth zu erhoͤhen, in⸗ dem ſie ſeine Wuͤnſche ſpannte. Hortenſens Schoͤnheit hat ihn bezaubert. Er iſt es ge⸗ 54 weſen, der dringend gebeten hat, daß man meine Ankunft, die ich von Tag zu Tag ver⸗ ſchoͤbe, nicht abwarten moͤchte, Daß man aus einer Begebenheit, an der ich nothwendig den groͤßten Antheil neh⸗ men mußte, gegen mich ein Geheimniß mach⸗ te, ging, wie mir mein Vater ſagte, ſo zu: der erſte Grund war die angenehme Ueberra⸗ ſchung, die man mir bereiten wollte, und ſo⸗ dann hatte man mich auch fuͤr meine Gleich⸗ guͤltigkeit beſtrafen wollen„indem man mich auf ben naͤmlichen Fuß behandelte, wie alle uͤbrigen beiderſcitigen Verwandten, die man in Betracht gewiſſer auf Intereſſe Bezug ha⸗ bender Verhaͤltniſſe, welche mein Vater mir ein andermal aus einanderzuſezzen verſprach, nicht benachrichtigt hatte. 5³3 Nach dieſer Erklaͤrung umarmte mich mein Bater, und ſein Ausdruk von Zufrie⸗ denheit forderte mich ſo lebhaft zur Theilnah⸗ me an ſeiner Freude auf, daß ich ihn darin genuͤge leiſtete, allein ein unwillkuͤhrlicher Seufzer ſtrafte den Beweis kindlicher Liebe, den ich ihm geben wollte, Luͤgen.„Komm, Marie, fing er wiederum an, komm mit mir zur Geſellſchaft. Wirſt du dieſe Schwermuth nie ablegen, von der du doch weißt, wie ſehr ſie meinem Karakter zuwider iſt? Heute leide ich ſie durchaus nicht. Komm; man erwar⸗ tet uns, um die Heirat häanetandes zu unter⸗ zeichuen.* So bald wir in den Saal getreten waren, fing man die Ableſung des Kontrakts an; wie ſie vollendet war, draͤngten ſich alle die vor mir unterzeichnen ſollten, hinzu. Wie die 565 Reihe mich traf, ſank es mir wie eine Wolke vor den Augen nieder; ich konnte mich nicht mehr auf meine Namen beſinnen„ und mein Vater, der ſie mir einen nach den andern vor⸗ ſagen mußte, machte ſcherzend die Bemer⸗ kung, daß ich einſt, als ich fuͤr mich ſelbſt unterzeichnete, nicht ſo viele Umſtaͤnde ge⸗ macht haͤtte. Ich erroͤthete, aber nur halb ſo lebhaft als wie ich hoͤrte, es ſei Sitte, ſich nach der lezten Unterſchrift insgeſammt zu umarmen. Hortenſens Onkel und ihr Schwiegerrater druͤkten ſie an ihr Herz; ihr Mann that es auch, und mit einer Art von Entzuͤkkung. Dann naͤherte ſie ſich mir, und forderte mich auf unſere Ausſoͤhnung zu be⸗ ſiegeln. Eine Art Uunruhe, die mir mein kuͤnftiges Schikſal einfloßte, machte mich ge⸗ gen die mir angeborne Freundſchaft dankbar, und dennoch ⸗ ſoll ich es Ihnen geſtehen?— 57 wie ich Hortenſen an mein Herz druͤkte, ſchlug dieſes unbegreifliche Herz mit einer Gewalt, als fuͤrchtete es ſich die Verbindlichkeit ſie zu lieben, uͤber ſich zu nehmen. Ich konute mich nicht mehr aufrecht halten, ich trat einige Schritte zuruͤk; ich ſezte mich nieder, und ſagte, die Reiſe habe mich ungehener er⸗ muͤdet. 8 1 „Du ſollſt dich dieſen Abend ausruhen,«⸗ fiel mein Vater augeubliklich ein, und fuͤhrte zugleich mit dem heiterſten Ausdrul Feruancen bis vor meine Knie;„du moͤchteſt dich doch nicht einer deiner wichtigſten Pflichten entzie⸗ hen? reich deinem jungen Kouſin deine Wan⸗ ge dar. Liebe ihn ſtehendes Fußes recht herz⸗ lich, und es wird dir bei naͤherer Bekannt⸗ ſchaft nicht gereuen; du wirſt ſehen, meine Tochter, daß er dir zu gefallen verdient * 338 Ich blieb beſtuͤrzt ſizzen. Fernance wagte nur meine Hand zu ergreifen, auf die er ſeine Lippen druͤkte. Ich ſtotterte: Herr von Fer⸗ nance koͤnnte iͤberzeugt ſeyn„ daß die lebhaf⸗ teſte Theilnahme... Gluͤklicherweiſe fuͤr mich rief ihn Hortenſe wegen einiger Befehle, die 1 werden ſollten. Nun kam auch Fer⸗ bens Vater, und bat mich ebenfalls, in⸗ Senfeimh umarmte, gegen meine nenen Freunde nicht geichgünig zu ſeyn. Wie ſchwer, meine Adele, iſt es zuweilen bloſſe Complimente zu beantworten? Endlich trug man das Fruͤhſtuͤk auf, und ich befand mich beſſer, ſo bald man ſich nicht mehr mit mir beſchaͤfftigte. Ich trank einige Tropfen Kaffee, die meine Lebensgeiſter und meinen Muth ſaͤrkten. Hortenſe begab ſich in ihr Zimmer, um einige Stunden an ihrem Nachttiſch zu⸗ zubringen, und Herr von Souvre“, der gern —,— 59 mit mir im Garten ſpazieren gehen wollte, bat Fernancen uns zu begleiten; ſeinen Va⸗ ter und mehrere andere Perſonen ließen wir im Saal mit den neuſen Zeitungen beſchaͤf⸗ tigt.——— 39 habe die Feder einen Augenblik niedergelegt„ meine Freundinn. ich em⸗ pfinde ſeit dieſem Morgen haͤufiges Herzklop⸗ fen, ſo heftig, daß es mich faſt ohnmaͤch⸗ tig macht. 4 Beim Emtritti im Garten nahm ich Fer⸗ nancens Arm, den er mir angeboten hatte, an, und ſogleich ſagte er mir leiſe:„Erin⸗ nern Sie ſich nicht, gnaͤdige Frau, daß es heute nicht das erſte Mal iſt, das ich die Ehre habe, ſo neben Ihnen zu gehen?“— „Ja mein Herr, ich erinnere michs,“— 60 ich war ſehr bewegt, und wußte ihm nichts weiteres zu antworten. Mein Vater der bemerkt hatte„ daß wir heimlich mit einander ſprachen, fragte uns luſtig wovon die Rede ſey. Da zwiſchen mir und Fernance kein Geheimniß obwalten durf⸗ te, ſo habe ich die Umſtaͤnde unſrer Zuſam⸗ menkunft in Paris ſo ruhig wie es mir moͤg⸗ lich war, erzaͤhlt. Mein Vater ſcherzte viel uͤber den Verkehr, ſagte er, den ich fruͤher als Hortenſe mit ihrem Manne gehabt haͤtte; ſie ſollte es. ſezte er hinzu, erfahren, uͤbri⸗ gens aber wolle er nicht laͤſtig fallen. Zu⸗ gleich entfernte er ſich von uns, um ſeine Obſtgelaͤnder zu beſuchen, die ihm immer vor allen Dingen am Herzen liegen. Fernance fragte mich nun, vb es nicht zudringlich ſei, wenn er mich bitte ihm zu — 61 ſagen, warum ich ihm den Abend, da er mich nach Hauſe fuͤhrte, nicht erlaubt haͤtte, mich zu begleiten? Ich habe mich ſchlecht verant⸗ wortet, und er verſicherte, daß ich ihm durch dieſen Beweis von Kaltſinn und Strenge ſehr weh gethan haͤtte. Seine Neugier, meinen Namen, und den der liebenswuͤrdigen Perſon die mich begleitete zu wiſſen, ſei einige Tage lang ſehr groß geweſen. Es habe keines we⸗ niger maͤchtigen Bewegungsgrundes, um Pa⸗ ris zu verlaſſen, bedurft, als daß Hortenſe ihn erwartete. Waͤre er geblieben, ſo haͤtte er alle moͤgliche Mittel angewendet, um die Perſonen, denen er ſo angenehme Augenblikke zu danken hatte, wieder zu finden. „Aber ich wußte eben ſo wenig wer Sie waren, mein Herr. Es hat mir auch unan⸗ genehm ſeyn koͤnnen, daß mir kein Mittel be⸗ 6² kannt war, es zu erfahren. Ich bin vielleicht nicht weniger neugierig wie Sie,“ antwor⸗ tete ich, indem ich mich zu einem Laͤcheln zwang; und dann ſezte ich hinzu:„den Tag wie Sie auf den Ball der Frau von D. kamen, war ich mit Adelen auch dort; Sie blieben nur einen Augenblik: ohne Zweifel riefen drin⸗ gende Geſchaͤfte Sie ab?“— das iſt wahr, gnaͤdige Frau; ich nahm mir nicht Zeit, mich nach irgend jemanden umzuſehen. Ich holte einen Freund ab, mit dem ich in derſelben Nacht hierher abreiſen ſollte; und ſelbſt wenn Sie nach meinem Namen gefragt haͤtten, waͤre er in dieſer Geſellſchaft niemanden be⸗ kannt geweſen. denn ich habe Paris, acht Tage ausgenommen, die ich bei meiner Ruͤk⸗ kunft nach Frankreich da zubrachte, und waͤhrend deren ich das Gluͤl hatte, Ihnen zu begegnen, nur in meiner erſten Jugend be⸗ „ 63 wohnt! Hierauf ſagte er noch, mit einem Tone der meines Erachtens von allem was Gefuͤhl heißt, ſehr weit entfernt war:„war⸗ um erfuhr ich nicht wer Sie waͤren, gnaͤdige Frau, und daß ich die Ehre haben ſollte, Ih⸗ nen anzugehdren? ich haͤtte mich fuͤr berechtigt gehalten, Sie zu bitten, daß Sie mich in die Zahl Ihrer Freunde aufnaͤhmen; fortan wird mir aber Hortenſe behuͤlflich ſeyn, dieſen Namen zu verdienen. Sind Sie ihr nicht unendlich gut, gnaͤdige Frau-? Sie muß Ihnen gefallen, ſie iſt bezaubernd. Verzei⸗ hen Sie, daß ich mir heute ihr Lob erlaube; einen Tag ſpaͤter, dann ziemt es mir beſchei⸗ den zu ſeyn, und mein Gluͤk zu genießen, ohne es herauszuſtreichen.“ Ich ſage Ihnen nicht, Adele, was ich bei dieſen lezten Worten empfand. Ich glau⸗ be, es thut mir nicht gut, mich bei ſolchen Ideen aufzuhalten. Laſſen Sie es Ihre Sache ſeyn, die Empfindungen ihrer Freundinn zu⸗ weilen zu errathen. Mein Vater kam wieder zu uns. Wir gingen in den Saal zuruͤk, und mein Vater hielt Wort: ſo wie Hortenſe erſchien, erzaͤhlte er ihr Wort fuͤr Wort, was ich ihm im Gar⸗ ten geſagt hatte, und ſie antwortete mit ih⸗ rer gewoͤhnlichen Unuͤberlegtheit:„Sie tha⸗ ten wohl, ſchoͤne Kouſine, Fernancen nicht in Paris zu behalten; denn ich hoffe nicht, daß ihn die Art gereut, wie er ſeine Zeit bei mir zugebracht hat. Abends kamen einige von meines Vaters Freunden. Da mußte die Muſik daran. Hortenſe ſpielte einige Sonaten auf der Harfe; — 65 d man bat mich an das Klavier zu gehen, und Fernance begleitete mich; er lobte mein Spiel, und bat mich dringend einige Romanzen zu ſingen. Ich konnte es nicht abſchlagen. Er gab mir neue Lobſpruͤche, die mich, wie Sie wohl denken koͤnnen, ſehr ſtolz gemacht haben, wie er aber nachher, mit meinem Vater ver⸗ eint, in mich drang, nach meiner eignen Wahl, eine Romanze die dem Tage angemeſſen waͤre, zu ſingen;z da war alles vergebens, ich hatte weder den Muth noch den Willen, ihren zu⸗ dringlichen Bitten nachzugeben. Das Abendeſſen ward im Garten aufge⸗ tragen. Das Bosquet war mit farbigen Lampen, die ein ſanftes Licht aus dem Ge⸗ buͤſch hervorwarfen, erhellt. Man konnte die Augen nicht aufſchlagen, ohne auf allen E 65 4 Baͤumen den Namenszug des Brautpaars zu erblikken. Nachdem ich ziemlich lange bei Tiſch geblieben war, fuͤhlte ich mich endlich zu ermuͤdet. Mein Vater nahm es wahr; er kam zu mir, und rieth mir, mich hinweg zu begeben. Zugleich rief er Hortenſen, und indem er mich bat, ſie auf ihr Zimmer zu be⸗ gleiten, ſezte er hinzu, daß es das Amn einer Freundinn waͤre, einem furchtſamen Kinde in dieſem Augenblik Muth einzufloͤßen. Ich umarmte meinen Vater, und lud Hortenſen ein, mir zu folgen. Wie ſie in ihr Zimmer trat, ſellte ſie ſich vor ihren Spiegel. Ich mußte mich mit ihrem Anzug beſchaͤftigen, ihr den Mußelin, mit dem ſie ihr Haar aufband, befeſtigen hel⸗ fen; ſie verlangte meinen Rath, was ſie wohl am beſten kleidete. Sie ſind ſehr ſchoͤn, ſagte —— ,— 67 ich;„Fernance weiß es, und gluͤklicher Weiſe fuͤr Sie, brauchen Sie ſich keine Muͤhe zu geben, um ihm zu gefallen. Aber lohnen Sie ſeine Liebe, indem Sie ſtets das Gluͤk ſeines Lebens machen.“ 20 Sie ſuchte uͤber verſchiedene Gegenſtaͤnde mit mir zu ſchwazzen, ſagte mir tauſenderlei kindiſches Zeug, ich ließ ſie, ſchoͤn wie ein Engel, das iſt nicht zu leugnen, unter den Haͤnden ihrer Kammermaͤdchen, und ermuͤdet von allen Beſchwerden des Tags, bin ich nun hier, um bei dir, o meine geliebte Schweſter, Kraͤfte zu ſuchen!.. Erſchrek⸗ ken Sie aber auch nicht zu ſehr uͤber meine Lage; Ehre und Vernunft ſollen mich bewah⸗ ren, das iſt mehr als es braucht, fuͤr ein Weib deren Herz immer unſchuldsvoll war. 1 E 2029=. onn Con 68 Nein, erſchrekken Sie nicht zu ſehr vor Traumbildern, die mich einige Tage beſchaͤf⸗ tigten, die aber die Umſtaͤnde ſchon weit aus meiner zu gluͤhenden Einbildungskraft hinweg⸗ gefuͤhrt haben. Ich weiß es„ niemand mehr außer meiner Schweſter, kann mir auf dieſer Welt noch Gluͤk geben. Spaͤteſtens in acht Tagen komme ich, Adele, und wir wollen die ſuͤßen Freuden unſrer Jugend wieder zu⸗ ſammen genießen. Die wahren Freuden ſind diejenigen, die man ſich nicht vorwerfen muß; das will ich mir unablaͤſſig wieder⸗ holen, das ſoll das Geſez meines Betra⸗ geus ſeyn. Noch einmal„ fuͤrchten Sie nichts; ich eile wieder zu Ihnen, und voll Freude. . 1 11 149 2 9 en Adieu Schweſter! Ich haͤtte Ihnen noch tauſend Dinge zu ſagen. Mein Herz 69 iſt wie von einer druͤkkenden Laſt gezwaͤngt. Ohne Zweifel thaͤte es ihm wohl, daß ich dieſe Unterhaltung fortſezte, die mich dir naͤ⸗ her bringt. Allein es iſt ſechs Uhr; die Fe⸗ der ſinkt mir aus der Hand, ich falle vor Muͤdigkeit um. 79³ 82 30 si Fuͤnſter Brief. Souvre“’, den 22. Julius. Warum„ liebſte Adele, beunruhigen Sie ſich ſo leicht? faſt reut es mich, Ihnen je mein Herz geoͤffnet zu haben. Was ich Ih⸗ nen ſchrieb, ſagen Sie, hat Sie innig be⸗ truͤbt. Jeden Augenblik ſtoͤrt Sie der Ge⸗ danke an Ihre Freundinn und an deren Lage, in allen Ihren Geſchaͤften, ſelbſt in Ihren Vergnuͤgungen. Sie werden nicht ohne Sor⸗ ge ſeyn, bis Sie mich wieder bei ſich haben. Sie kennen mich genau, und immer haben Sie etwas in mir geſehen, das Ihnen vor⸗ ———C———⏑Q—᷑—ÿ—ꝛ:—:—ꝛ—:˖:n:An:n::nõ—— —.,— . 2* ausſagte, das Schikſal meines Lebens hinge einſt von der Liebe ab. Geſtehen Sie, liebe Adele, daß Sie auch zugleich etwas anderes geſehen haben muͤſſen, das Sie verhindein mochte, dieſer Ahndung viel Glauben beizu⸗ meſſen; denn Sie ſind in dieſen leztverfloß⸗ nen Wochen ſicherer uͤber mein Schikſal ge⸗ weſen, wie Sie es wohl eigentlich haͤtten ſeyn ſollen. Ohne Zweifel ſagten Sie ſich, daß ich eines vernuͤnftigen Entſchluſſes, daß ich einiger Sorgfalt fuͤr meine Ruhe nicht ganz unfaͤhig waͤre. Sie ſagten ſich auch, daß ich die zaͤrtliche Neigung, der ich dieſe lezten Jahre geweiht habe, nicht vergeſſen haͤtte, und daß Exinnerung und Trauer forthin die einzigen Gefuͤhle waͤren, die mein Herz be⸗ ſchaͤftigen koͤnnten. Laſſen Sie dieſe Betrach⸗ tungen auch heute Sie beruhigen. Bedenken Sie alle die maͤchtigen Gruͤnde, die ſich noch 7² neuerdings vereinigt haben, um meine Ver⸗ nunft zu ſtaͤrken. Man heilt nicht von einer aufrichtigen Liebe, ſagen Sie, wollen Sie mich denn damit troͤſten? Sie geben ſich ein Anſehen von Kennerſchaft, uͤber das ich laͤheln muß. Liebe Adele, woher wiſ⸗ ſen Sie denn das alles? So ſage ich Ih⸗ nen alſo, weil Sie das furchtbare Wort: Liebe denn einmal ausſprechen, daß in allem,— ja im vollen Ernſteich glaube es,— in allem, was ich ſeit jenem un⸗ feligen Zeitpunkt empfand, e ſo nen⸗ nen Sie ja den Tag, wo ich ihn zum erſten⸗ mal ſah— gar nichts was nach Liebe ausſieht ein Spiel geweſen iſt. Meine ſeit Jahren getruͤbte Einbildungskraft hat ſich einen Au⸗ genblik auf eine Hoffnung zu heſten geſucht. Dieſe iſt gewaltſam, gaͤnzlich, unwiederbring⸗ lich, zerſtoͤrt. Faſt im naͤmlichen Augenblik 73 iſt eine wunderbare Revolution in mir vorge⸗ gangen. Ich bin ganz eine Andre, als in der lezten Zeit die ich bei Ihnen zubrachte. Damals war ich ſchwermuͤthig, finſter, ich liebte die Einſamkeit, oder ich ſchweifte an allen Orten, wo ich ihn zu finden hoffte, um⸗ her, ich ſuchte ihn ſogar da,— ja ich geſtehe G es meiner Schweſter ein— wo mir meine Vernunft ſagte, das ih ihn nicht fiden Pünnte. Jezt, ſelbſt wenn ich nicht bei ihm ſeyn kaun, mag ich nicht allein ſeyn, und faͤllt das ja einmal vor, ſo eile ich aus meinem Zimmer, als benachrichtige mich etwas, daß Gefahr vorhanden ſey. Buͤrgt mir nicht die⸗ ſes Mißtrauen, daß ich mich vor allen was meiner Ruhe nachtheilig ſeyn koͤnnte, ſchuz⸗ zen werde? Ja noch mehr, Adele, ich habe 74„ ſchon eifrig die Gelegenheiten ergriffen, mich von Fernance zu entfernen. Zum Beiſpiel uͤbermorgen werde ich mei⸗— nen Vater zu einen ſeiner Freunde in eine zahlreiche Geſellſchaft begleiten. Hortenſe will nicht dabei ſeyn, wegen einer alten Ne⸗ benbuhlerſchaft zwiſchen ihr und Emilien„ der Tochter des Edelmanns, zu welchem wir ein⸗ geladen ſind, die doch ein liebes Kind iſt; allein es giebt Dinge die Hortenſe nie ver⸗ giebt. Sie ſagt uͤbrigens, daß eine Geſell⸗ ſchaft von Landbewohnern, deren Sitten ein⸗ fach und ein bischen roh ſind, ihr viel Lange⸗ weile machen wuͤrde. Eine leichte Unbaͤßlich⸗ keit hat ihr bein meinem Vater zum Vorwand gedient. Ihr Mann wird ihr Geſellſchaft lei⸗ ſten. Ich ſah einen Augenblik, wo ich mich faſt uberredet haͤtte, ich muͤßte auch bei ihr bleibenz aber gleich nahm ich muthig den 75 Entſchluß auszugehen, mich zu zerſtreun, mich ſo oft wie ich nur koͤnnte zu amuͤſiren. Der Anblik liebenswuͤrdiger Perſonen, die man, wenn man viel Bekanntſchaften hat, nothwendig antreffen muß, ihre Unterhaltung muß in der Geneſung von gewiſſen Krankhei⸗ ten, die einen Hang zur Traurigkeit zuruͤk⸗ laſſen, nothwendig ein wohlthaͤtiges Mittel ſeyn. Mit etwas Muͤhe iſt es mir ſchon ge⸗ lungen, ein heiteres, ja ſelbſt zufriedenes Weſen anzunehmen, das mich ſehr gut klei⸗ det. Nur eben wuͤnſchte mir mein Vater Gluͤk dazu. Er ſagte mir, mit mehr Gefuͤhl als ihm vielleicht zukommt, wie weh es ihm gethan haͤtte, mich den erſten Tag meiner Ankunft ſo niedergeſchlagen, ſo veraͤndert zu ſehen; meine Geſundheit haͤtte ihm ſehr viel Sorge gemacht; nun ſei er aber ganz berubigt— daruͤber. 4 76 Fernance iſt es gewiß auch. Dieſe Tage her ermangelte er nicht, ſich ſo oft er mich ſah, nach meinem Befinden zu erkundigen. Das thut er nun nicht mehr, und nichts zer⸗ ſtreut ihn mehr von ſeiner lieben Horſen⸗ fer ſo nennt er ſie. Es iſt ſchon eine zaͤrtli⸗ che Vertraulichkeit zwiſchen ihnen eingefuͤhrt, die/ wenn ich mich nicht mit ganz andern Dingen beſchaͤftigte, als ihre Liebſchaft zu beobachten, mir zur Qual gereichen wuͤrde. Es wird mir um ſo leichter, meine Aufmerk⸗ ſamkeit davon abzulenken, als Fernance ſehr dazu behuͤlflich iſt. Er mag keine Zeugen ſeines Gluͤls haben. Ich ſehe, daß er alle Augenblikke einen neuen Vorwand findet, ſeine Frau zu entfernen, und ihr zu folgen, deſto beſſer! Er ſpart mir die Muͤhe, ihn zu cfliehen, wie ich es wohl zuweilen„— nicht aus Nothwendigkeit, denn ich glaube — —y —,— —— —— 72 nicht, daß dieſe eintritt; aber aus Verſicht, und weil Sie es mir anrathen, thun wuͤrde. Wenn man zum Spaziergang zuſammen kommt, erſcheinen ſie immer mit verſchlung⸗ nen Armen, und ſie finden ſich oft ſo ſpaͤt ein, daß man faſt ſchon auf dem Ruͤkwege iſt. Geſtern Abends hatten ſie den Einfall Tète a téte Karten zu ſpielen. Fuͤr mich und einige andere Perſonen hatten ſie, ohne mich zu Rathe zu ziehen, eine andere Partie ein⸗ gerichtet. Freilich iſt das ein wenig unhoͤf⸗ lich; man muß aber nachſichtig ſeyn. Ich verzeih es ihnen leicht, und es gelang mir, ſo aufmerkſam zu ſeyn bei meinem Spiel, daß ich mich auch nicht ein einzigesmal nach⸗ ihnen umgedreht habe, ob mich gleich Hor⸗ tenſens lautes Gelziote 8 zech ungeduldig machte. 7⁸ Es iſt gewiß wahr, daß man ziemlich alles vermag was man will, ſelbſt uͤber ſein Herz, ſo bald der Wille nur entſchieden feſt iſt. Sie, meine Adele, haben dieſe Erfah⸗ rung nie gemacht; denn Sie haben nie etwas gewagt. Die Weisheit die Sie vielleicht einem geringen Zuſaz von Sorgloſigkeit zu verdan⸗ ken haben, bewahrte Sie davor. Weil Sie nun aber nicht wiſſen, welche Gewalt man ſich anthun kann, um wieder vernuͤnftig zu werden, und wie weit man damit kommen kann, werden Sie meinetwegen unruhig, und fordern ſo dringend, daß ich nicht ſaͤumen ſoll, zu Ihnen zuruͤkzukehren. Wie kindiſch, mich ſo uͤber meine Lage zu erſchrekken! daß waͤre vielleicht erſt recht ein Mittel„ ſie gefaͤhrlicher zu machen. Wiſſen Sie es denn nicht: was gar oft das Verderben der Weiber verurſacht, iſt weit mehr, alles, was ſie ſich ſagten, um 79 ſich zu uͤberreden, daß ſie liebten, als eine wuͤrklich vorhandne Empfindung? Was waͤre denn eine Liebe ohne alle Hofnung? Man will ja behaupten, eine ſolche haͤtte es nie gegeben. Ich werde bald nach Paris zuruͤkkehren, aber ich entſchließe mich nur aus Gefaͤlligkeit gegen meine Adele dazu. In zehn oder zwoͤlf Tagen ſehen Sie mich wieder, liebe Freun⸗ dinn. Sie erkundigen ſich nach meiner Ge⸗ ſundheit: ich habe zuweilen Bruſtſchmerzen, aber ich brauche keine Arzeneien. Es giebt keine beſſere als Zerſtreuung. Die freie Luft iſt fuͤr mich beſonders wohlthaͤtig. Ich gehe viel ſpazieren. Koͤnnte ich ſchlafen, ſo befaͤu⸗ de ich mich wohl beſſer, aber das haͤlt ſchwer. Wenn man den Kopf voll vernuͤuftiger Pro⸗ jekte hat, ſo beſchaͤftigen ſie gerade in der 8⁰ Stille der Nacht am meiſten, ſelbſt wenn man gar nicht an ſie denken will; kommt dann der Morgen, ſo empfindet man wohl, daß man nicht ſo viel Ruhe hatte, als man brauchte. An Zeit, lange im Bett zu bleiben, fehlt es nun hier eben nicht, denn mein Vater hat ſeine alte, mir immer ſehr mißfaͤllige Ge⸗ wohnheit, mit dem Glokkenſchlag eilf Uhr ſchlafen zu gehen, beibehalten. So bald ich, fuͤr meinem Theil, auf meinem Zimmer bin, ſezze ich mich, um mir die Zeit zu vertreiben, an mein Fenſter, das die Ausſicht auf den Fluß hat. Die Naͤchte ſind ſehr ſchoͤn, ich betrachte die ſanfte ruhige Helle, die den Gar⸗ ten erleuchtet. Macht mich der Anblik zu traurig, ſo ſinge ich die luſtigſten Liederchen, auf die ich mich beſinnen kann. Ja, Liebe, 81 ich thue mein Moͤgliches, um wieder gluͤklich zu werden. Loben Sie mich fuͤr meine Vernunft, und um ſie anzufeuern, ſchrei⸗ ben Sie mir oft: ich beſchwoͤre Sie bei Ih⸗ rer Freundſchaft. Sechſter Brief. Souvre“, den 23. Julius. 1 Ich wollte Ihnen ſchon mit der geſtrigen Poſt ſchreiben, meine Adele„ aber ich habe keinen Augenblik fuͤr mich gehabt. Schon ziemlich fruͤh mußte ich mich bei dem Feſte einſtellen, zu dem ich, wie ich Ihnen ſchrieb, eingela⸗ den war. Ich kam erſt ſpaͤt in der Nacht wieder: alles nur weil mein Vater es wollte. Ich geſtehe es, er mußte ſein Anſehen zu Huͤlfe nehmen, damit ich mich endlich ent⸗ ſchied ihn zu begleiten. Seit meinem lezten Brief hatte ich meinen Entſchluß ſchon veraͤn⸗ dert. O meine Freundinn, ich ſehe wohl, es 83 wuͤrde mir ſehr ſchwer werden an einem thaͤti⸗ gen Leben, deſſen Gewohnheit ich verlor, ſeit mir der Beſchuzzer meiner Jugend entriſſen ward, wuͤrklich Geſchmak zu finden. Wie ſehr ziehe ich aller der laͤſtigen Anſtrengung, die doch um in der Geſellſchaft zu gefallen, ſehr nothwendig iſt, die angenehme Traͤgheit vor, in der man hier ſeine Tage zubringt! Vaͤre es nicht dieſe Art Geſchaͤftsloſigkeit ge⸗ weſen, die ich geſtern ſchmerzlich entbehrte, ſo wuͤrde ich ſogar uͤber das Misbehagen, das ich unter lauter jungen, herzlich frohen jungen Leuten meines Alters empfand, ſehr unruhig ſeyn. Neu verheirathete Frauen, junge, huͤb⸗ ſche, wohlgezogne Maͤdchen, ihre Muͤtter, lauter ſanfte, nachſichtige, und noch recht angenehme Weiber, ihre Vaͤter, Bruͤder, oder Maͤnner, und einige Offiziere aus der benach⸗ 1 E 2 84 barten Stadt, machten eine ziemlich anſehn⸗ liche, und keinesweges laͤrmige Geſellſchaft— das waͤre ehemals gerade mein cßſtes Ver⸗ gnuͤgen geweſen. Geſtern war es ganz anders. Ich weiß nicht, was mir fehlte; Keiner der Zeitver⸗ treibe, auf die man wechſelsweiſe verfiel, wollte mir gefallen. Muſik, Tanz, kleine Spiele, bei denen ein jeder lebendiger ward, die einen jeden, weil ſie ihm den Ton der Frei⸗ muͤthigkeit gaben, liebenswuͤrdiger machte; Spruͤchwoͤrter, die man nach dem Abendeſſen mit viel Geiſt und Ungezwungenheit ſpielte: nichts konnte mich ſo ſehr beſchaͤftigen, daß ich nicht ſehnlich nach Souore⸗ zuruͤk verlangt haͤtte. Warum das. liebe Freundinn? etwa weil der Bruder von einer dieſer jungen Frauen⸗ zimmer ſich, wie mir ſchien, einbildete, ich 85 waͤre vor ſeinen Verfuͤhrungskuͤnſten nicht ſicher? Er wendete eines nach dem andern alle Mittel an, mir zu gefallen, und ich ſah wohl, daß es fuͤr mich allein geſchah. Seine Augen waren immer nach meiner Seite gerich⸗ tet, und ſuchten einen Beifall, den ich nicht die mindeſte Luſt hatte zu ertheilen. Sein Wille, ſich mir angenehm zu machen, war mir ſogar in einem Grade zuwider, den ich Ihnen nicht recht zu erklaͤren weiß. Iſt es aber nicht wahr, Liebe, daß ſich an dieſer Prodinzialerziehung, weun man ſie ein wenig genan unterſucht, doch wuͤrklich man⸗ ches ausſezzen laͤßt? der junge Menſch, von dem ich ſpreche, hat gute Lehrer gehabt, einen rechtſchaffnen, vernuͤnftigen, geiſtreichen und gelehrten Hofmeiſter. Auich die Natur hat viel fuͤr ihn gechan, allein wie gaͤnſtig wuͤrde nance ein, wo waͤre das Unrecht davon? war⸗ der Vergleich nicht fuͤr den ausfallen, wel⸗ cher fruͤhzeitig von den Feſſeln der vaͤterlichen Vorſorge befreit, im achtzehnten Jahr ſeinen Flug genommen, die Welt durchſtreift, an fremden Hoͤfen Sitten und Charaktere ſtudirt, den ſeinen nach zahlreichen Beobachtungen ge⸗ bildet, ſeinen Geſchmak durch das Studium der ſchoͤnen Kuͤnſte, was doch nur in großen Hauptſtaͤdten mit gutem Erfolg getrieben wer⸗ den kann, geleitet, und ſo manches in Geiſt und Herz aufgenommen haͤtte, was die Na⸗ tur gewiſſen, beſonders von ihr ausgeſtatteten Weſen, zu erlangen, ſo leicht macht, was ſie allein aber doch nicht verſchaffen kann? Ich habe uͤhrigens meine Meinung nach keinem beſonderen Muſter beſtimmt, und fiele mir in dieſem Augenblik wuͤrklich auch Fer⸗ 87 um ſollte ich aufhoͤren, ihm Gerechtigkeit wie⸗ derfahren zu laſſen? Fernance darf keine ein⸗ zige lebhafte Empfindung in meiner Seele er⸗ regen; aber ſoll ich deswegen ableugnen, daß ich auffallende Annehmlichkeiten an ihm er⸗ blikke, und verfuͤhreriſche Eigenſchaften, wel⸗ che der ſtrengſten Vernunft gefallen koͤunten? kann ich mich erwehren es zu wiſſen, daß ſein Geiſt voll Reize, daß ſein Betragen verbind⸗ lich, hoͤflich, herzlich iſt, daß er, ohne es zu wollen, einladet, ſich ihm zu naͤhern, um keines ſeiner Worte zu verlieren? Alle Aben⸗ de, nach der Raͤkkehr vom Spaziergang, macht ſich mein Vater ſelbſt ein Feſt daraus, ihn neue Umſtaͤnde von ſeinen Reiſen erzaͤh⸗ len zu laſſen. Welches Intereſſe er der ge⸗ ringfuͤgigſten Beſchreibung zu geben weiß! Wie leicht, wie zierlich er ſich ausdruͤkt! konnte man woyl muͤde werden, ihm zuzuhd⸗ 38 ren? muͤßte man nicht wuͤnſchen„ ein gan⸗ zes Lehen bei ſolch einem unterrichtenden Ge⸗ ſpraͤch zuzubringen? Und welcher Unterricht waͤre ſuͤßer, floßte mehr Vertrauen ein, ſchloͤße alle Vandeweile ſo fehr aus? 9. Fernance, warum ſind Sie nicht mein Brnder! ich duͤrfte Sie dann ohne Unterlaß ſehen, hoͤren, und wenn ſie ſich vielleicht etwas zu lebhaft uͤber Ihr Lob ausgelaſſen haͤtte, wuͤrde Marie dann von ihrer Adele keinen Verweis mehr zu fuͤrchten haben. Nun ſo ſchmaͤſen Sie mich wenigſtens auf einmal fuͤr alles, was ich mir vorzuwer⸗ fen habe., Heute fruͤh„als ich Hortenſen ſeit meiner Ruͤkkehr von jener Geſellſchaft zuerſt wieder ſah, denn geſtern kam ich ſo ſpaͤt nach⸗ Haus, daß ſie ſich mit Fernance ſchon wegbe⸗ 2 89 geben hatte, erzaͤhlte ſie mir, wie ſie in un⸗ ſrer Abweſenheit den Tag zugebracht, wie ſie ſich mit Spazierengehen, Spiel, und Lektuͤre, wechſelsweiſe die Zeit vertrieben haͤtten. Und dann, ganz ploͤzlich und ohne daß ich mich deſſen verſah, ſezte ſie hinzu,„Fernance hat ſeiner vielgeliebten Kouſine auch beſtens ge⸗ dacht, denn indem wir die Klariße in der Ueberſezzung laſen, ſagte er bei einigen eng⸗ liſch geſchriebenen Verſen, die wir nicht recht verſtehen konnten: waͤre Frau von Sinelair hier, ſo wuͤrde ſie uns bald aus der Noth hel⸗ fen. Wenig Weiber ſind ſo ſtark im Engli⸗ ſchen wie ſie. Ihr gelingt alles, was ſie un⸗ ternimmt. Iſt das Leichtigkeit oder Beharr⸗ lichkeit? Wo hat ſie ihren Unterricht her?⸗ Und nun huundert Fragen. Ich dachte, es wuͤrde nimmermehr ein Ende nehmen.“ 4 Gluͤcklicher Weiſe war Fernanee nicht ge⸗ geuwaͤrtig. Er haͤtte vielleicht meine Verwir⸗ rung geſehen. Hortenſe iſt eine Thörinn„ die auf nichts achtet, obwohl auch eine an⸗ dere an ihrem Plaz ſich den Eindruk den ſie auf mich machte, nicht haͤtte traͤnmen laſſen. Was ſie ſagte, wollte ja nichts be⸗ Leten Man kann ſehr gleichguͤltig gegen ein n Frauenzimmer ſeyn, und ſich doch nach gewaltſam bewegt; wie Fernance her⸗ eintrat, wagte ich es nicht, die Augen zu ihm aufzuſchlagen. Noch lange darauf wußte ich, wenn man mich anredete, nicht was ich ant⸗ worten ſollte. Eine Art Freude die ich nicht maͤßigen konnte, verwirrte, bezauberte meine Einbildungskraft. Sie ſelbſt haben vielleicht ſolche Augenblikke erlebt, in denen man mit allen zufrieden iſt. Die Gegenwart, die Zu⸗ ziehung erkundigen. Mein Herz war 7 . 91 kunft, die ganze Dauer des Daſeins mahlt ſich mit den lachendſten F Farben. So war mir. Sollte es denn meine Eigenliebe allein geweſen ſeyn, die ſich an den mir gegebenen Lobſpruͤchen ergoͤzte? haͤtten ſie mir„ von ei⸗ nem andern als Fernance ertheilt, eben ſo viel Freude gemacht? die Eitelkeit iſt ein ab⸗ ſcheulicher Fehler; lieber moͤchte ich von mei⸗ ner Freundinn jede andere Beſchuldigung ver⸗ dient haben. Es giebt aber doch eine andere die mir eben ſo verhaßt ſeyn wuͤrde: das waͤre Koketterie! Mich duͤnkt, die koͤnne nur ein an zaͤrtlichen und leidenſchaftlichen Empfin⸗ dungen voͤllig leeres Herz auf ſich laden. Eben las Herr von Souore’ einen von Paris erhaltnen Brief, und verkuͤndigte uns einen nahen B Beſuch, von den beiden j jungen Saint⸗Fi rmins. Sie ſind mit uns ver⸗ * 92 wandt; lezten Winter waren ſie oft bei mei⸗ nem Vater, und ſie konnen Ihnen dort vorge⸗ kommen ſeyn. Man findet ſie ziemlich lie⸗ benswürdig; allein Sie haͤtten die Freude ſehen ſollen, die ſich bei dieſer Nachricht uͤber alle Zuͤge der unbegreiflichen Hortenſe ausbrei⸗ tete. Sie konnte ſich nicht enthalten, dieſe Frende durch die Frage, an welchem Tage ſie kommen wuͤrden, noch lebhafter auszudruͤkken. Sie ſagte, ihre einzige Furcht waͤre, daß ſie etwa nicht Wort hielten; auf dem Lande muͤß⸗ te zu Verhuͤtung der Langeweile die Geſellſchaft etwas zahlreich, und der Zeitvertreib ſehr ab⸗ wechſelnd ſeyn, ihre jungen Freunde,(denn ſie leugnete gar nicht, daß ſie ihnen ſehr gut waͤre) haͤtten tauſend angenehme Talente, eine allerliebſte Geſtalt; kurz, ſie waͤre bezaubert, ſich von ihnen nicht vergeſſen zu finden.„ 24 93 Sollte Hortenſens Liebe ſchon ſo ſchwach ſeyn, daß ſie Wohlgefallen daran faͤnde, neus Bewunderer zu haben 20 roder ſollte ſie viel⸗ mehr, unfaͤhig in dem Zutrauen das ſie ein⸗ floßte, den koͤſtlichſten Geuuß zu finden, das Spiel der Koketterie vorziehen, und wie man⸗ ches andere Frauenzimmer, der Wunden ſpot⸗ ten die ſie ſchluͤge? O wie koͤnnte man als⸗ dann einen Augenblik Unruhe, die man dem Geliebten machte, theuer genug abbuͤßen. Ich ſah Fernance einen ausdrnukvollen, zaͤrtli⸗ chen, aber ſehr traurigen Blik auf ſie werfen, der ihr ſagte: alſo iſts wahr, daß ich dir nicht⸗ genug bin! welche Vergnuͤgungen wuͤnſcheſt du? Kann man, wenn man wurklich liebt, etwas anders denken als Liebe? Sollte einer von dieſen jungen Maͤnnern, vor mir einen Eindruk auf dein Herz gemacht haben? 1 94 Troz aller ihrer Unbeſonnenbeit ſchien es mir, als haͤtte Hortenſe etwas von dieſen Vorwuͤrfen verſtanden; denn ſie antwortete ſogleich:„ich habe nie das Landleben geliebt. Sie muͤſſen ſich nicht wundern„ daß ich alle Arten von Zerſtreuung hier zu vereinigen wuͤn⸗ ſche. Wir ſind nun ſchon drei Monat in Souvre’. Sie allein, Fernance, haben ſeit einiger Zeit die Einfoͤrmigkeit unſrer Tage et⸗ was veraͤndert.“ Allein Hortenſe ſagte das alles mit einem ſo ſcherzenden ſorgloſen Ton, der ſehr gut bewies, wie wenig ſie wußte, daß ſie eben ein Verbrechen an der Liebe be⸗ gangen haͤtte. Liebe! ſie kennt ſie nicht, und liebte ich Fernancen noch, ſo waͤre es ein troͤſtender Gedanke fuͤr mich, daß dieſes Weib, die das Recht ihn leidenſchaftlich zu lieben er⸗ 95 langt hat, nicht faͤhig iſt, dieſes Recht auszuuͤben. Mein Vater nahm nach einigen Augen⸗ blikken Fernancens Traurigkeit wahr; er ſagte zu ihm, die Freimuͤthigkeit mit welcher ſeine Nichte ſich aͤußre, beweiſe gewiſſermaßen ihre Unſchuld; dabei ſchmaͤlte er aber Hortenſen ein wenig daruͤber aus, daß ſie mich als zu ihrem Vergnuͤgen durchaus unnuͤz anſaͤhe: ſie antwortete hierauf ziemlich richtig, daß ich auch nicht ſehr unterhaltend waͤre, und daß meine Luſtigkeit oft nur wie ein Anfall zu kommen, und erzwungen ſchiene. Hier⸗ durch iſt man natuͤrlich darauf gebracht wor⸗ den, wie lange ich noch in Souvre’ bleiben wuͤrde. Mein Vater machte mir neue Vor⸗ wuͤrfe uͤber die Seltenheit meiner Beſuche, und er fuͤgte hinzu, dieſes waͤre eine Urſache, 96 mich ſo lange wie moͤglich hier zu behalten, und wiewohl er Sie, meine Adele, ſehr lieb hat, ſo ward er uͤber den Vorzug den ich Ih⸗ nen gebe, und uͤber mein Verlaͤngen zu Ih⸗ nen zuruͤkzukehren, doch faſt boͤſe. Er trug ſeiner Nichte und Fernancen auf, ſich mit ihr zu vereinigen, um meine Abreiſe von Tag zu Tag zu verſpaͤten. Aus Hoͤflichkeit ohne Zweifel, verſprechen ſie es ihm; aber ich will ihnen die beſchwerliche Muͤhe, meinem Va⸗ ter beizuſtehen erſparen„ indem ich ihnen zeige, daß mein Entſchluß wirklich gefaßt iſt. Erwarten Sie mich immer gegen die Mitte der naͤchſten Woche. Ja ich ſage es mit Ihnen, liebe Schweſter, wir waren lange getrennt; allein wenn Sie nicht darauf beſtuͤnden, mich gerade von hier zu entfer⸗ nen, ſo moͤchte ich Sie wohl fragen, warum Sie denn nicht, wie das ſo lange Ihr Plan 92 war, auf einige Tage hieher kommen koͤnn⸗ ten? Zuͤrnen Sie nicht, liebe Freundinn; es ſoll ganz von Ihrem Willen abhaͤn⸗ gen. Sehen Sie in dieſem Wunſche nichts, was Ihre Sorge vermehren koͤnnte; entreißen Sie mir nicht den Troſt, meiner Adele, alles zu ſagen. 5 Siebenter Brief. 1. Auguſt. Adele, die Vernunft hat auch ihre Graͤnzen. Wenn ſie mir auch ſeit langer Zeit große Op⸗ fer vorſchreibt, wenn ich nicht mehr an Fer⸗ nance denken durfte, verſuchen ſollte nicht an ihn zu denken, es gleichguͤltig mit an⸗ ſehen, daß er dem Weibe, das er waͤhlte, alle ſeine Zaͤrtlichkeit ſchenke, ſo werde ich mir es doch nie gefallen laſſen, daß er mir Em⸗ pfindung fuͤr einen andern zutraue. Und die⸗ ſen Gedanken hat er wuͤrklich. So eben drang er mit Hortenſen vereint, lebhaft in mich, meine Abreiſe zu verſchieben. Ich ſchlug es, weil ich Ihnen mein Wort gege⸗ ben habe. ziemlich entſchloſſe en aus, und be⸗ diente mich auch dieſes Borwandes⸗ Fernance fragte mich ſchuͤchtern„ fein. aber fuͤr mein Herz ſehr verſtaͤndlich, wie es mͤglich waͤre, daß meine Ruͤkkehr nur von einer Freundimn gewuͤnſcht wuͤrde, ob es in meinem Alter, nichts der Freundſchaft vorzuziehendes 8, gaͤbe? Was mich anbelangt, ſo war es weder Schaam noch Verlegenheit, was bei dieſen Worten meine Wangen faͤrbte, aber ich moͤchte faſt ſagen, brennender und ſchmerzhafter Zorn. Ich antwortete nichts. Ich that als ver ſͤnde ich ihn nicht recht, doch glaube ich ihn faſ etwas verachtend angeblikt zu haben, als haͤtte Jich ihm ſagen wollen, daß ich uͤber ſolch einen Vorwurf erhaben waͤre. Doch er ſoll bald G2— 100 erfahren, daß ich mich dadurch fuͤr beleidigt halte. 3 11191 4 2 1 2 1 Nicht allein Börn iſt es, Fernaͤnce, was ich empfinde, nein, auch bilterer Schmerz. Wie! war es nicht genug, daß eine andere Ihr ganzes Herz beſaß, daß ich ohne zu kla⸗ gen„ das Nlüblichſte Weib vor meinen Augen ſah? Muͤſſen Sie auch noch durch Berdacht meine peinliche Lage! vergrößern? 2—2 Nein, ich kann es nicht uͤber mith gewinnen, ihn hier⸗ uͤber im Irrtht un zu laſſen. O wie weh hat er mir gethan! Ich haͤtte mich dieſer Heftig⸗ keit nie fuͤr faͤhig gehalten. Das iſt alſo die Frucht alles Zwanges, aller Anſtrengung die⸗ ſer lezten drei Wochen! Ich meine, ich fuͤhle neinen Muth berſchwinden. Alles verſchwärt ſich gegen mich, meine Adele; denn nun iſt es mir faſt unmoͤglich, 101 ſobald wie ich es Ihnen verſprach nach Paris zuruͤkzukehren. Man hat mich erinnert, daß einige Tage nach dem zu meiner Abreiſe be⸗ ſtimmten meines Vaters Namensfeſt einfaͤllt. Kann ich umhin, dieſes erſt abzuwarten? Hortenſe hat den Plan gemacht, eines ſeiner liebſten Theaterſtuͤkke einzuſtudiren, und es mit mir, Fernance, und den Herrn von Saint⸗Firmin aufzufuͤhren. Sezte ich dem Vergnuͤgen, das ſie ſich verſpricht, ein Hinder⸗ niß im Weg, ſo wuͤrde ſie ſehr aufgebracht ſeyn; mein Vater wuͤrde es endlich erfahren, und es mir nie verzeihen. Und Fernance, was wuͤrde der ſagen? Wuͤrde ich ihn denn nicht in den Verdacht beſtaͤrken, uͤber welchen ich mich beklage, wenn ich in einer Zeit, wo er meynen muß, daß meine Pflicht mich hier feſt haͤlt, nach Paris zuruͤk reiſte? Ja ja, alles gebietet mir hier zu bleiben. 1 102¹ Allein Eines iſt, wozu ich mich ſicherlich nie entſchließen werde, was Hortenſe auch ſagen mag. Sie behauptet, die gefuͤhlvollen Rollen paßten nicht fuͤr ſie, ſie koͤnne einen melancholiſchen Ton, der ihr Langeweile mach⸗ te, und ſie ſchlecht kleiden wuͤrde, nicht an⸗ nehmen; ich hingegen wuͤrde ſie ganz nach der Natur ſpielen, und koͤnne ſie gar nicht von mir weiſen. Traurig zu ſcheinen, das koͤnnte ich mir nun wohl gefallen laſſen; aber ſte will, daß Fernance die Liebhaberrolle uͤber⸗ nehmen ſoll, weil er an den Ton der Zaͤrt⸗ lichkeit gewoͤhnt iſt. Sie laͤßt ſichs wohl ſeyn, in ihrer gluͤklichen Sicherheit. Sie fuͤrchtet nichts. Sie ſagt, auf einen Augen⸗ blik waͤre es ihr recht lieb, daß ihr Mann, gegen eine andere als ſie, leidenſchaftliche Gefuͤhle ausdruͤkte; ſie koͤnnte dann einmal 103 ordentlich Acht geben, wie er ausſieht, wenn er von Liebe ſpricht. Wie unuͤberlegt iſt Hortenſens Einfall! Nein, ich gebe nicht nach. Ich muß mich gegen den Reiz, den er vielleicht fuͤr mich haben koͤnnte, ſchuͤzzen. Und woher naͤhme ich auch das Herz? Ich wuͤrde in der entſez⸗ lichſten Verwirrung ſeyn. Ich willige nie darein: das ſage ich ihr heute beſtimmt. Aber warum koͤnnten Sie, Adele, nicht hieher kom⸗ men, um mir aus dieſer Verlegenheit zu helfen, und meinen Plaz einzunehmen? Schon lange verſprachen Sie meinem Vater, einige Tage hier zuzubringen; dies waͤre wohl gerade der Augenblik, ihm Wort zu halten. Ich bitte darum, Adele. Der Genuß der Freundſchaft vermochte es vielleicht, meinem verſtoͤrten Gemuͤth die Ruhe wieder zu geben. 1⁰4 Wie ſehr wuͤnſche ich, Sie zu ſehen! Glau⸗ ben Sie mir es, ich liebe Sie ſo zaͤrtlich wie immer. Sie werfen mir vor, daß ich alle meine Briefe nur mit Einem Gegenſtande an⸗ fuͤlle, daß ich nicht von Ihnen, von meinen Freunden, von den Menſchen, den Dingen ſpreche nach denen ich mich ſonſt mit Eifer erkundigt haͤtte. O verzeihen Sie! Seit eini⸗ gen Wochen ward mein Leben von einem ſo groſfen Intereſſe geſtoͤrt. Wenn ich uͤberdenke, was ich alles ertrug, was ich mich vergeblich nicht wahrzunehmen bemuͤhte, ſo wundere ich mich nicht, Sie nur von mir unterhalten zu haben. Das Leben waͤre ſehr muͤhſelig, waͤre es nur alſo aus Opfern, und aus ver⸗ geblichen Opfern zuſammen geſezt. Denn wenn ich mir getraute, einen feſten Blik in mein Herz zu ſenken, wuͤrde ich da nicht ent⸗ dekken, daß ich noch fern davon bin, gleich⸗ 105 guͤltig geworden zu ſeyn? Mich duͤnkt ſogar, ich thaͤte beſſer, dieſe fruchtloſen Verſuche, deren Gelingen ſogar von keinen großen Nuz⸗ zen ſeyn wuͤrde, ganz aufzugeben. Fernance liebt mich nicht. Welche Gefahr kann es ha⸗ ben, wenn ich mich ſo oft als ich dazu geneigt bin, mit ihm beſchaͤftige? vielleicht wuͤrden ſich meine Empfindungen, wenn ich ihnen nicht mehr widerſtrebte, nach und nach beru⸗ higen, und in Freundſchaft verwandeln; viel⸗ leicht duͤrfte ich ihn endlich merken laſſen, daß er meinem Herzen theuer iſt. Vielleicht be⸗ darf er einſt, wenn ihn ſeine Gattin nicht gluͤklich macht, der Pflege einer Freundinn: ich werde dann dieſe Freundinn ſeyn, er wird mir ſein Zutrauen ſchenken, er wird mir mit⸗ theilen was ihn kuͤmmert, und ich verſchleiere dann vielleicht ſeinem Ange den Gegeuſtand ſeines Schmerzes. Ich werde ihm Rath ge⸗ 106 ben, der nur zu ſeinem Gluͤkke abzielt. Das erſte Gut iſt innere Ruhe, dieſe wuͤnſche ich ihm, und fern ſei auf ewig von mir jeder weniger ſchuldloſe Gedanke!— Ich wuͤrde ſeine Freundinn! Mirr iſt ſchon beſſer, die Gewalt einer ſo ſuͤßen Hoffnung bringt mir dieſe Art von Behaglichkeit zuwege. Verhin⸗ dern Sie mich nicht, mich ihr zu uͤberlaſſen: ich koͤnnte Ihnen nicht gehorchen. Aber ich hoͤre ſeine Stimme. Er iſt hier in meiner Naͤhe. Er fragt in meines Vaters Namen, ob die Herrn von Saint⸗ Firmin, die eben angekommen ſind, mich be⸗ ſuchen duͤrfen. Ehe ich meinen Brief ſchließe, nehme ich noch von Ihnen Abſchied.—— Sie kamen. Ich habe gar nicht auf ſie Acht gegeben. Ich will dir nichts von ihnen 107 ſagen. Ich will dir auvertranen, daß ich einen Augenblik benuzt habe, wo ich mit Fer⸗ nance allein war, um ihm zu ſagen, daß ich bis zu meines Vaters Namenstag bleiben will. Ich wußte es wohl, er wuͤrde das ein Opfer nennen, und mich darum loben. Es war wuͤrklich ſein erſtes Wort, aber meine Ant⸗ wort hat ihm wohl begreiflich gemacht, wie falſch der Gedanke war, den er vor einigen Tagen ausdruͤkte, und von dem ich Ihnen ſagte, er ſollte daruͤber aus dem Irrthum ge⸗ zogen werden. Er bezeugte den lebhaſteſten Schmerz, mich beleidigt zu haben, und ich ſah ihn von der Ungerechtigkeit ſeiner Beſchul⸗ digung uͤberzeugt. Ich bin zu glüklich, daß ſein Verdacht ooͤllig zerſtreut iſt, um ihm nicht zu verzeihen. Wuͤßten Sie wie ſanſt er bit⸗ tet, daß man ihm verzeihe! O meine Schwe⸗ ſter, laſſen Sie mich einen ſolchen Freund 108 beſizzen! Er iſt nach meinem Herzen, er wuͤrde alle Zartheiten dieſes Herzens ellannen, und d ſte theſten. Ich bitte Sie nochmals auf das drin⸗ gendſte, zu uns zu kommen, meine Adele. Ich fordere es. Sie koͤnnten Sonntags ab⸗ reiſen, und den zweiten Tag darauf hier ſeyn. Sie haͤtten alsdann noch Zeit die Rolle zu kernen, die ich nicht ſpielen will, und von der Fernance, ich glanbe um mir die Erfuͤl⸗ lung meines Verſprechens noch ſchwerer zu machen, jezt wieder mit mir ſprach. Thut nichts! Ich bleibe bei meinem Entſchluß. Achter Brief. 5. Auguſt. Ich ſchreibe doch: haben Sie ſich entſchloſſen zu uns zu kommen, ſo ſchikt man Ihnen mei⸗ nen Brief zuruͤk; iſt es Ihnen aber nicht moͤglich, den Wunſch Ihrer Freundinn zu erfuͤllen, ſo bin ich Ihnen wenigſtens im Gei⸗ ſte naͤher geweſen. Warum verlaſſe ich Sie einen einzigen Augenblik? bei Ihnen bin ich ein beſſeres Geſchöpf. Ich hatte es Ihnen verſprochen; ich glaubte mich auch ſo ſicher, die Rolle, die 4 116 man mir beſtimmte, die ich ſo ernſte Urſachen hatte auszuſchlagen, nie zu uͤbernehmen. Al⸗ lein Fernance iſt darauf beſtanden, was konn⸗ te ich da thun? Morgen iſt die erſte Probe. Man hat Nanine gewaͤhlt. Iulianens Tochter ſpielt die Rolle der Marquiſe von Olban, Hortenſe die der Baroninn. Sie ſagt, das Koſtuͤm einer ſchon etwas aͤlt⸗ lichen Frau muͤſſe ihr etwas vorzuͤglich anzie⸗ hendes geben, und ſie fuͤgt laͤchelnd hinzu, daß ſie als gute Schauſpielerinn, vielleicht ohne viele Muͤhe, einen herrſchſuͤchtigen Ton annehmen duͤrfte. Was mich anbelangt, ſollte ich zu gut ſpielen, ſo wuͤrde ich mir dazu nicht Gluͤk wuͤnſchen. Ich fuͤrchte vielmehr, Naninen mit zu viel Empfindung darzuſtellen. Indem ich die ruͤhrendſten Stellen ihrer Rolle wiederhole, fließen meine Thraͤnen, meſße Stimme erloͤſcht, es giebt Worte die ich nicht — 4 111 auszuſprechen vermag, und wenn ich ſie erſt werde an Fernance richten muͤſſen, wird es mir noch viel ſchwerer ſeyn. Werde ich mir ſagen, ach noch mehr, werde ich glauben koͤnnen, daß an dem allen nichts Wahres iſt? Und wird mir die Urſache, warum ich in einen Augenblik meinen Plan aͤnderte, bei Ihnen zur Entſchuldigung dienen? Bedenken Sie, liebſte Schweſter, daß Fernance ſeit den Vor⸗ wuͤrfen die ich ihm machte, ohne Zweifel, um ſein Unrecht zu verguͤten, und mich zu troſten, das gefaͤlligſte, aufmerkſamſte Weſen gegen mich angenommen hat. Sogar der Ton ſeiner Stimme iſt noch ruͤhrender geworden. Jedes Wort das er zu mir ſagt, bringt mich faſt außer mir, und wenn er einen Willen aͤußert, weiß ich ihm nur zu gehorchen. Ich glanbe, ich gehorchte ſeinen Gedanken, wenn ich ſie zu errathen wuͤßte, 112. Der Zuſtand in dem ich mich befinde, ſcheint mir ſuͤßer; ich muß mich nicht uͤber ihn beklagen, noch waͤhnen er ſei gefaͤhrlich. Seit etlichen Tagen habe ich oft das Ver⸗ gnuͤgen, mit Fernance allein zu ſchwazzen. Es iſt faſt, als verbaͤnde uns ſchon jene Freundſchaft, die der Gegenſtand meiner gluͤ⸗ hendſten Wuͤnſche iſt. Er wagt ſich nicht im⸗ mer, Hortenſen von ihrer Beſchaͤftigung, ih⸗ ren jungen Verwandten zu gefallen, abzu⸗ ziehen. Allein man ſieht nur zu deutlich, daß es ihm weh thut. Geſtern ſagte er zu mir, ein ſchoͤnes reizendes Weib, die einen gefuͤhlvollen Mann, ſo ſehr wie er es ver⸗ diente, lieben wuͤrde, waͤre ein ſo koſtbarer Schaz, daß man um ihn zu erhalten, vom Himmel ganz beſonders beguͤnſtigt ſeyn muͤß⸗ te; bei ſeiner Verbindung mit Hortenſen, haͤt⸗ ten ihm die lachenden Taͤuſchungen eines erſten 4 113 Angenbliks von Gluͤk Hoffnungen gegeben, an welche die Wuͤrklichkeit nicht reichen koͤnn⸗ te; ſie ſei zu jung, zu luͤſtern zu gefallen, um eines ausſchließenden Gefuͤhls, ſo wie er es ſtets fuͤr ſie empfinden wuͤrde, faͤhig zu ſeyn; er liebe ſie jeden Tag mehr.— Dieſe Worte drangen bis in das Innere meines Herzens, und dieſer Augenblik, o meine Freundinn, war es nicht, wo ich das Wohl⸗ thaͤtige des Zutrauens am lebhafteſten erfuhr! ,1.! Ich wendete unſre Unterredung ſogleich auf einen andern Gegenſtand. Wir theilten uns unſre Bemerkungen uͤber Theodor und Felix mit, und ich hatte das Vergnuͤgen zu ſehen, daß wir ohngefaͤhr gleicher Mei⸗ nung uͤber ſie ſind. Ich weiß nicht wie man guͤnſtig von ihnen denken kann. Ihre von 1 1nh IIh Ih S eis 114 Hortenſen ſo geruͤhmten Talente ſind ſehr un⸗ vollkommen; ſie haben nur mittelmaͤßigen Verſtand, viel Eigenduͤnkel, und ſpfechen: im entſcheidendſten Tone. Ich wollte wohl gut dafuͤr ſtehen, daß ſie oft ſelbſt dahinter kommen, wie ſehr ſie ſich irren; aber gewiſſen Leuten verſchlagen ſolche Entdekkungen gar wenig: ſie reden den naͤchſten Augenblik um ſo lauter, um ſo beharrlicher, und ſo, daß man glauben muß, ſie ſeyen uͤber ihr eignes Verdienſt voͤl⸗ lig unbeſorgt. In Ruͤlſicht ihrer Sitten macht man ih⸗ nen keinen Vorwurf. Felix, welcher der zuͤngſte iſt, ſcheint ſogar nicht ohne Empfin⸗ dung zu ſeyn. Er hat die Fehler, die beiden gemein ſind, in einer leichtern Schattirung. Dieſer iſts indeſſen nicht, den Hortenſe vor⸗ zieht, ſondern Theodor erhaͤlt am haͤufigſten 415 Blikke des Beifalls, die er denn ohne Zweiſel mit einigem Danke erwiedert. Wie dem auch ſey, ſo glaube ich, daß Fernance, der einen natuͤrlichen Hang zur Eiferſucht hat, ſich nicht zuruͤkzuhalten wuͤßte, wenn ihr Einverſtaͤnd? niß ein wenig anhaltend werden ſollte. Schon heute fruͤh,(oielleicht moͤchte ih m irgend eine Vertraulichkeit die er wahr genom⸗ men 44 oder wahrzunehmen geglaubt hatte, weh gethan haben), ſprach er gegen Horten⸗ ſen nicht mit ſeiner gewoͤhnlichen Sanſtheit. Sie ward böſe, und er. bezeugte ſeine Unzu⸗ friedenheit durch einen zwar etwas ſtrengen, aber gerechten, zarten, und gefuͤhloollen. Vorwurf.. Wie iſt es moͤglich, wenn man ihm auch nur einen Angenblik misfiel, ihm einen we⸗ H 2 116 niger vortheilhaften Begriff vor ſich beibraͤchte, ihm nur die geringſte Unannehmilichkeit in den Weg legte, nicht in Verzweiflung zu ſeyn! Ach ich meines Theils zitterte, ich war im Innerſten bewegt, und damit Sie doch ſehen, meine Schweſter, daß ich keine ſtrafbare Ab⸗ ſichten habe,— ſie ſtanden beide aieben mir, ich vereinigte tihre Haͤnde. Fernance, um mich fuͤr dieſe großmuthige Muͤhe zu lohnen, umarmte ſeine Fran mit glhender Libjuf ti eaſt Ich bereue indeſſe en nicht was ih gethan habe, und ſo finde ich in meinem beunruhig⸗ ten Gewiſſen die Mittel, mir die fortwaͤhren⸗ de Beſchaͤftigung mit einerlei Gegenſtand, von der alle meine Bentuͤhungen mich nicht mehr zerſtreuen koͤnnen, zu gute zu halten. 117 Ja ich vermochte es uͤber mich, ſie mit einander auszuſoͤhnen. Was mir beſonders den Muth dazu gab, das war Fernancens Vater, der gegenwaͤrtig war. Ich fuͤrchtete, es moͤchte ihm zu weh thun. Er iſt ſo gut! Ich wollte wohl, daß er bei uns hliebe. 3 O meine Adele, welcher unbegreifliche Zauber verbreitet ſich auf alles, was auch nur in der geringſten Verbindung mit dem Weſen ſteht, dem wir die Ueberlegenheit, die Vollkommenheit nicht abſprechen koͤnnen. Wie werth haͤlt man alles was er liebt, was ihn liebt, ſeine Neigungen, ſeine Einfaͤlle, ſeine Hoffnungen, ſeine Erinnerungen! Al⸗ les was in ihm nicht Liebe zu einer Nebenbuh⸗ lerinn iſt, hat fuͤt unſte bezauberte Einbil⸗ dungskraft einen köſtlichen Reiz. Ja es iſt unleugbar, nach einer gewaltſam zerſtoͤrten 1 118 Liebe muß eine ſo abſcheuliche Leere zuruͤkblei⸗ ben, duß der Tod eine Wohlthat wird! 4 9»* 1 en nr Ich bin weit entfernt, mit meiner Ge⸗ ſundheit zufrieden zu ſeyn. Ich kann immer nicht ſchlafen. Die geringſte Bewegung er⸗ muͤdet mich entſezlich. Mein Vater ſagte mir geſtern, er wuͤnſchte, daß ich die Baͤder des Mont⸗d'Or brauchte; ein Arzt auf den er viel Vertraun ſezze, habe behauptet, ſie wuͤr⸗ den mir ſehr zutraͤglich ſeyn. Aber iſt mir denn das Daſein zutraͤglich? Obgleich Au⸗ genblikke ſind, wo es mir ſehr koſtbar ſcheint, ſo kann ich doch nicht genng auf Gluͤkſeligkeit rechnen, um ſehr auf das Leben rechnen zu wollen. Zuͤrnen Sie nicht meine zaͤrtliche Schweſter, wenn ich au Sie denke, moͤchte ich Mariens Leben ſichern, moͤchte Ihnen die Freundinn Ihrer Kindheit erhalten; dennt 4 119 eeine andere die Sie ſo zaͤrtlich liebte, faͤnden Sie nicht wieder. Wie ſehr verdienen Sie aber andh meine Liebe! Jeder Ihrer Brieſe ſagt mir offen heraus, was Sie fuͤr mich fuͤrchten, ja Sie geben mir zuweilen ſtrenge Verweiſe; aber aus allen ſpricht eine Art Liebe an der ich meine Schweſter erkenne. Nein, ich will deine Nachſicht nicht miß⸗ brauchen, ich will deine Achtung verdienen. Ich ſchwoͤre es bei meiner innigen Zaͤrtlich⸗ keit fuͤr dich, meine theuxe Schweſter. Ver⸗ ſtoß mich, ſieh mich fortan nur mit Gleich⸗ guͤltigkeit und Verachtung an, wenn ich je darein willige, daß Fernance erfahre, er ſei von mir geliebt. Iſt das nicht ein gro⸗ ßes Opfer? gieht es wohl ein ſchwereres? Es muß ja doch ein fuͤßer Genuß ſeyn, ich will nicht ſagen zu glauben, daß unſte Liebe⸗ erwiedert werde, ſolche Freuden wagt Ma⸗ * 120 rie nicht zu denken! aber auch nur von dem Gegenſtand unſerer Liebe das Geſtaͤndniß zu vernehmen, daß er unſere Wahl billigt, daß wir in ihm die verzeihliche Eitelkeit be⸗ friedigt haben, welche alle Maͤnner empfin⸗ den, wenn ſie eine wahre Leidenſchaft ein⸗ ſtoößen. O des Gluͤkkes’, Fernancen einige Zufriedenheit mit ſich ſelbſt, etwas von dem Stolze zu geben, der ihm mit ſolchem Rechte zukaͤme! Aber ich weiß nicht mehr, was ich ſage, ich darf nicht fortfahren. Adieu! r im n Whin. 5 N. S. Wir ſehen uns wieder, liebe Freundinn, und ich werde daun vernuͤnfti⸗ ger ſeyn. Ich weiß kaum was ich in dieſem Briefe geſchrieben habe. Eine ſonderbare Verwirrung hat ſich meiner bemaͤchtigt. Sie wird von keiner Dauer ſeyn, ich werde mich 121 abkaͤhlen: fuͤrchten Sie nichts. Ich werde ihn jezt ſehen, und verſuchen von gleichguͤl⸗ tigen Dingen mit ihm zu ſprechen. Wenn man ſein Herz nicht heilen kann, muß man es mit Befriedigungen, welche die Unſchuld gut heißt, hinzuhalten ſuchen.) 8, 30 — 1181 Iti Neunter Brief. nan 8. Auguſt. Es iſt mir unmoglich, liebe Schweſter, Ih⸗ nen in dieſem Augenblik einen langen Brief zu ſchreiben, noch Ihnen die Urſache der außerordentlichen Verwirrung in welcher ich mich befinde, naͤher zu erklaͤren. Es geht ſo eben jemand nach Paris ab, dem ich dieſes Billet mitgebe. Morgen mit der Poſt ſchrei⸗ be ich Ihnen alles; aber ich mag nur jezt dieſe Gelegenheit nicht verſaͤumen, um Sie dringender als je zu beſchwoͤren: kommen Sie hieher! Mein Vater ſprach noch lezthin „ ⸗ — — —— 123 mit wahrer Ungeduld von ſeiner Hoffnung, daß Sie kommen wuͤrden. Hortenſe rechnet ganz ſicher darauf. Laſſen Sie ſich nicht von Ihrer gewoͤhnlichen Beſcheidenheit zuruͤkhal⸗ ten; das einzige Unrecht das Sie haben koͤnn⸗ ten, waͤre mich vergeblich bitten zu laſſen. Ich wenigſtens glaube nicht, daß ich Ihnen in meinem Leben verzeihen koͤnnte. Ach wir muͤſſen ja Freundinnen bleiben 21 da ich Ihrer ſo ſehr bedarl! — 8 1³24 Sn 8 1 n 77 Iir tl F Nae 6 unn IAne ete Jodlien: Zehnter Brief. b. 11 AI z* 59: 17 4 3 Au ntende. 39 G be Ihnen eine unmſtändliche Erzaͤhlung Ich rechne es mir nicht zum Verdienſt an. Sie wiſſen wohl, man ſpricht zuweilen gern von einer Gefahr der man entgangen iſt, waͤre es auch nur um ſich auf ein andermal mit Vorſichtsregeln zu verwahren. Ich habe Ihnen geſchrieben, daß wir heute Morgen eine erſte Probe von Nanine machen wollten; um eilf Uhr kamen ſie alſo, verſprochen, und will jezt mein Wort eldſen. — 125 und holten mich ab; ich erinnerte ſie zwar, daß ich geſtern Abends Fieber gehabt haͤtte, ich klagte, daß ich davon noch angegriffen waͤre; aber Hortenſe zeigte ſo viel Verlangen, den Augenblik wo mein Vater auf etliche Stunden abweſend waͤre, zu benuzzen, daß ich mir nicht getraute ihr die Freude zu ver⸗ derben, um ſo mehr als Fernance mir ſagte, daß ſie einen Theil der Nacht gelernt haͤrte, daß man ſich vollkommen verſtehen wuͤrde, und daß ich ſehr bald wieder abkommen koͤnnte. Iuen 2 199! Ich ſtuͤzte mich auf ſeinen Arm, um bis zum Theater zu gehen. Wie ich ankam, fuͤhlte ich mich ſchon ſehr bewegt, und um uͤber eine Stimmung wegzukommen, die mich beunruhigte, fing ich an viel zu ſprechen, gab Nathſchlaͤge uͤber die Art wie probirt wer⸗ 126 den ſollte, lehrte was ich ſelbſt nicht wuß⸗ te,— kurz ich machte meine Sachen ſo gut⸗ daß mich Hortenſe verſicherte, ſie ſeiſehr zu⸗ frieden mit mir, es wuͤrde hoͤchſt unrecht von mir geweſen ſeyn, mich einem Zeitvertreib zu entziehen, der meine ganze Theiluehmung erregte, ich wuͤrde meine Rolle gewiß vor⸗ trefflich ſpielen. Wir ſpielten auch wuͤrklich beide die erſie Scene recht ſehr gut. Daß man den Grund meiner Beſorgniſſe nicht ahn⸗ 3 dete, hatte mir Muth gemacht, und wir er⸗ hielten Lobſpruͤche von allen Zuſchauern, de⸗ ren ſich aus der Nachbarſchaft ziemlich viele eingefunden hatten, zum uns probieren zu ſehen. 3 12 Waͤhrend der folgenden Scenen, ſuchte Fernance ſelbſt, mir mohr Zuverſicht beizu⸗ bringen; jedermann, ſagte et, wuͤrde mir flr 127 meine Gefaͤlligkeit Dank wiſſen—„und ich beſonders,“ ſezte er mit Herzlichkeit hinzu. Aber meines beſten Willens ohngeachtet, war mein Muth nur von kurzer Dauer. Wie ich eine Scene mit ihm allein hatte, beſonders wie meine Rolle anfing, mit meinen geheimen Empfindungen einige Uebereinſtimmung zu haben, wollte mir mein Gedaͤchtniß nicht mehr beiſtehen. Es kamen mir Dinge in den Kopf, die ich nicht gelernt hatte; meine Ver⸗ wirrung nahm dergeſtalt zu, daß ich wahr⸗ haftig nie bis ans Ende gekommen waͤre, wenn mir Fernance nicht bei jedem Worte eingeholfen haͤtte: durch ſeine Huͤlfe ward ich mit dieſer Scene fertig. Allein der Zwang den ich mir anthun mußte, hatte meine Kraͤfte ganz erſchoͤpft, und ich fuͤhlte mich außer Stand fortzufahren. Ich ſagte es Fernancen und ſchuͤzte meine Unbaͤßlichkeit 128 vor, denn ich ſah wohl, daß niemand auf die rechte Spur kam; auf Felir Rath drang ich ſogar darauf, daß meines Vaters Sekretäͤr meine Rolle ableſen ſollte. Aber Fernance, der ſehr auf ſeinen Willen haͤlt, der ſelbſt weni er ſanft bittet, eine Art Herrſchaft aus⸗ zuuͤben ſcheint, betrieb es ſo lange bei mir) daß ich verſuchen mußte, in der Probe fortzu⸗ fahren. Er ſagte mir, und ich war einfaͤl⸗ tig genug es zu glauben, daß ſich meine Un⸗ ruhe legen wuͤrde, und daß ich um ſo mehr ſuchen muͤßte, Herz zu faſſen, als ich bis zu meines Vaters Namensfeſt nur wenig Zeit uͤbrig haͤtte, um meine Rolle zu lernen. nio So gieng ich dann an meine zweite Scene mit ihm allein. Anfangs fand ich mich herz⸗ hafter als ich geglaubt hatte; wie ich aber meine Augen auf die ſeinigen heften mußte, „ 129 keinen Augenblik von ihm mich abwenden durf⸗ te, ruͤhrende Ausdruͤkke, die meinen unwill⸗ kuͤhrlichen Wuͤnſchen ſo ſehr entſprachen, au⸗ hoͤren mußte, da wandelte niich ein entſezli⸗ ches Herzklopfen an. Ich konnte nicht ath⸗ men. Ich ſollte mich ihm zu Fuͤßen werfen — ich glaube wahrlich, wenn er nicht ſeine Rolle buchſtaͤblich befolgt und mir aufgehol⸗ fen haͤtte, ſo waͤre ich ewig da liegen geblie⸗ ben. Er laͤchelte, in der Unſchuld ſeines Her⸗ zens. Ich erſchrak vor der Thorheit des mei⸗ nigen. Ich kam wieder zu mir, aber auf ſeht kurze Zeit. Bei der gluͤhenden Liebeserklaͤrung ſpielte Fernance mit ſo viel Kunſt, Anmuth, und Sanftheit, der Grauſame nahm einen ſo ruͤh⸗ renden Ton an, daß mir das Gluͤk die Sinne 8 130. verwirrte. Ich ſah nicht mehr den Grafen Alban, nicht mehr Nanine, Fernance und Marie waren es, und es war ganz Natur, als ich rief: wie, Sie lieben mich? So gut wurden dieſe Worte ſicherlich nie geſprochen. Es entſtand ein Gemurmel des Beifalls; doch meine Thraͤnen erſtickten mich, und ich waͤre in eine Ohnmacht gefallen, wenn man mir nicht zu Huͤlfe gekommen waͤre. Ach nur dem Ohrngefaͤhr bin ich es ſchul⸗ dig, daß man die Wahrheit nicht argwoͤhnte! Man ſchrieb den Verfall meiner Geſundheit zu. Man warf ſich vor, meine Gefaͤlligkeit mißbraucht zu haben, indem man mich trotz meiner geſtrigen Unpaͤßlichkeit zum Spielen beredete. Fernance, der meinen Puls unter⸗ ſuchte, fand daß ich noch Fieber haͤtte. Er verlangte, daß ich auf mein Zimmer zuruͤck⸗ 1 131 gienge, um auszuruhen; er bot mir ſeine Begleitung an, die ich nicht ausſchlug. Nur band ihm Hortenſe ein, ungeſaͤumt wieder zu kommen, weil ſie auf ihn warten wuͤrde, um die Probe zu beendigen. Aber ſagen ſie mir nur, Adele, ob Sie nicht bemerken, daß mich ein quaͤlendes Schik⸗ ſal verfolgt? Ohngeachtet meiner unablaͤßi⸗ gen Anſtrengung bin ich auf dem Punkt geweſen, mich zu verrathen, und ich kann mich von dem Entſetzen, das ich empfunden habe, nicht erholen. Ich ſehe, daß ſich alles verſchwoͤrt, um mich zur Entdeckung meines Gefuͤhls zu reizen. Ach vielleicht haͤtte ich nichts da⸗ wider, wenn man dieſes Gefuͤhl in ſeiner ganzen Reinheit erkennen koͤnnte, wenn man begreifen koͤnnte, daß ich Fernancen nur um / J ₰J 2 132 ſeiner ſelbſt willen liebe, daß ich keinen Wunſch habe als den ſeines Gluͤckes, ob ich gleich wohl weiß, daß ich es nicht bin, die ihn gluͤcklich machen ſoll. Ihn lieben, ihn allen Maͤnnern vorziehen, mein Leben dem ausſchließenden Gedanken an ihn weihen: das iſt alles was ich will, alles was ich mir ewig zu wollen gebieten muß. Meine Liebe ſoll in der Stille meines Herzens leben; hier will ich Fernancen dafuͤr entſchaͤdigen, daß er von Marien allein geliebt wird, insgeheim will. ich dieſem himmliſchen Weſen Anbetun⸗ gen zollen, die ich vor den Augen der gan⸗ zen Welt zu verkuͤnden berechtigt ſeyn moͤchte. Fernance begleitete mich; wie er in mei⸗ nem Zimmer war, ſezte er ſich, anſtatt wie er ſo ſehr zu thun pflegt, dem Befehl ſeiner Frau zu gehorchen, bei mir nieder, und 133 nachdem er mit vieler Ruͤhrung von meiner Unbaͤß lichkeit geſprochen hatte, ſagte er noch: „Glauben Sie mir, Frau von Sinclair, das „wahre Mittel, Ihre Geſundheit wieder her⸗ „zuſtellen, an welcher alle die Sie keunen „ſo lebhaften Antheil nehmen, iſt, daß Sie „ſich beſtreben Ihre Einbildungskraft ſo esiel. „Sie koͤnnen, vollkommen ruhig zu erhalten. „Sagen Sie ſich oft vor, daß heftige Bewegun⸗ „gen wie Sie eben jezt erfuhren„ und denen „Sie leider nur zu ſehr unterworfen ſind, „eine ſchwache Geſundheit zerſtoren muͤſäten. „Warum gehen Sie nicht uͤber das, was. 9 „augreift, ein wonig mit Ihrer Vernunft z9 „Rathe? Sie wuͤrden dann in einem? Angens „blik wo Sie bloß erdichtete Gefuhle aus⸗ „ druͤchten, nicht ſo geruhrt geweſen ſeyn. 749 Ernhielt inno. Ich hatte ihm mit oinem betaͤubten Erſtaunen zugehort. Ich haͤtte ihn⸗ ℳ£ 834 glaube ich, ohne ihn zu unterbrechen ewig fortreden laſſen. Es entſtand ein kurzes Still⸗ ſchweigen worauf ich ihm mit ruhigem und einfachen Tone ſagte:„Fernance, fuͤr alle „Schaͤzze der Welt moͤchte ich nicht dieſe „Gleichguͤltigkeit, die Sie mir anruͤhmen. „Ja ſie iſt fern von meinem Herzen, und ich „wuͤnſche mir um deſſentwillen Gluͤk.“— „O Marie, Marie, Sie haben Unrecht! „Wenn Sie es jezt auch noch nicht wiſſen, ſo „werden Sie doch einſt erkennen, daß zu viel „Empfindung ſelbſt dem Gluͤlke binderlich „iſt.“—„Ich weiß es.“—„Und ich er⸗ „fahre es! Hortenſe weiß nicht was Liebe „iſt. Oft feſſeln wir uns an ein Herz, das „uns nicht verſtehen kann. Die Eiferſucht „begleitet faſt immer das fſuͤßeſte aller Ge⸗ „fuͤhle.“—„Wohl denn, Fernance, ſo „muß man leiden lernen.“—„O liebſte 135 „Keuſine, iſt es möglich, ſo huͤten Sie ſich „vor der Liebe! Sie wuͤrden ſehr ungluͤllich „ſeyn. Man wuͤrde Sie nie lieben, wie Sie „es verdienten.“ In dieſer Unterredung hatte er Horten⸗ ſen genannt. Ich muthmaaßte wohl, daß er um ihrentwillen, und im Grunde ſeines Her⸗ zens, den Anlaß zu dieſen traurigen Betrach⸗ tungen und zu ſeinem Rathe fand. Was mir begegnet war, hatte uͤbrigens was er ſagte, fehr natuͤrlich herbei gefuͤhrt. Dennoch ergriff mich die Beſorgniß, er haͤtte vielleicht mein Geheimniß errathen. Ich wagte es, ſeine Augen zu befragen, und ich ſah an ſeinen zer⸗ ſtreuten Blilken, daß er nicht ſuchte, in den meinigen das mindeſte zu leſen. Obſchon von meiner Furcht befreyt, hatte ich doch nicht den Muth, dieſes einſame Geſpraͤch fortzuſez⸗ zen. Ich ſagte Fernancen, daß ich ihm fuͤr ſeine Theilnahme herzlich dankte, was ihm aber ſeine Freundſchaft fuͤr mich eingaͤbe, wollte ich lieber auf einen andern Tag anzu⸗ hoͤren verſchieben; ich wuͤrde mich immer gluͤk⸗ lich ſchaͤzzen, ſeine Freundſchaft zu verdienen, und tbaͤfe ihn ja irgend ein Kummer, ſo koͤnnte evrihn niemanden anvertrauen, der mehr daran Theil naͤhme als irh 4 8 antEr ergriff meine Hand„ er kuͤßte ſte, und indem er Abſchied von mir nahm, ſezte er mit einem etwos empfindlichen Töne hinzu: er fuͤrchte, daß ſeine Wuͤnſche fuͤr mein Gluͤk fruchtlos ſeyn moͤchten, denn ich ſchien in mei⸗ nem Willen und in meinen Gefuͤhlen viel Be⸗ harrlichkeit zu haben. Soll ich es Ihnen ge⸗ ſtehen, meine Freundinn? dieſer wohl ver⸗ diente Vorwurf erregte die heftigſte Bewegung 4 237 in mir. Ich verlor die Vernunft. Ich ſah den Augenblik, wo ich in ſeiner Gegenwart mit lauter Stimme den Schwur abgelegt haͤt⸗ te, nie einen andern als den Auserwaͤhlten meines Herzens zu lieben. Aber eben rufte man ihn ab, und ich wuͤnſchte mir dazu Glukt... 1mʃh Auch Sie, die Sie inniges Mitleid mit mir haben, Sie werden froh ſeyn, daß ich endlich allein blieb. Sie wiſſen zu wohl, daß es ſolche Weisheitslehren nicht ſind, die Ihre Schweſter beſſern werden. Kommen Sie, um mir zutraͤglichere zu geben; koͤm⸗ men Sie, um mir zu einer Unterredung, die ich vielleicht mit ihm haben muß, neue Kraͤfte einzufloͤßen: vor allem aber kommen Sie, um dieſe ſchwere Rolle der Nanine zu ſpie⸗ len. Sie ſehen wohl, daß ich ſie nicht uͤber⸗ 13⁸ nehnien kann. Und wer ſollte mich erſezzen? Man hatte auf ein junges ſehr reizendes Frau⸗ enzimmer uns der Nachbarſchaft gedacht; aber das wuͤrde mir nicht anſtehen. Sie muͤſſen Sie uͤbernehmen, Sie koͤnnen mir nicht verſagen, was ich mit den dringendſten Bitten von Ihnen fordere, Sie die Sie ſo gut ſind, die Sie oft meinen dhwächſien Wuͤn⸗ ſchen nanchaahlhn lalen 4 7 3 7. Eilfter Brief. a5. Auauſ., We ſehr vermiſſe ih Sie„ meine nhder. und warum wollten Sie nicht laͤnger als dieſe vierzehn Tage bei mir verweilen? Und doch danke ich Ihnen fuͤr dieſe ſchon ſo herzlich! Was Sie auch von meinem Unrecht, von der ſtrafbaren Nachſicht mit der ich mich meiner Gefuͤhlen uͤberlaſſe, denken moͤgen, Sie koͤnnen mir nicht verbieten, mich unter meinen fortwaͤhrenden Unruhe, ſtets au Sie zu wenden, mich uͤber dieſe Qualen zu bekla⸗ gen und zu freuen, ſie zu lieben und zu verabſcheuen. Zuweilen giebt es Augenblikke, 140 wo ſie mir unertraͤglich werden; in den Schrecken das mir die Zukunft einfloͤßt, werde ich Sie oft fragen? mas ſoll aus Marien werden? Wie eine Naſende verfolgt ſie einen Pfad, von dem Vernunft, Ehre, und Unſchuld fern ſind. Ach die Leidenſchaften! Sielreißen mit ſolchem Ungeſtum hin, daß es unmoͤglich wird, gegen dieſen Strom an⸗ Fuſtreben. iratt d eirnt 456 113 210(hi 116100 Bekümmert, daß ich nicht mit Ihnen nach Paris zaruͤkkehren wollte, haben Sie mn geſagt) weuigſtens muͤßte ich dieſem 8 Briefwechſel entſagen, der mir Gelegenheit ggaͤbe, auf einen mir ſchon zu gegenwaͤrtigen „Stoff beſtaͤndig zuruͤkzukommen. Aber be⸗ denken Sie was Sie fordern, wenn ich nicht 1 inehr mit Ihnen von ihm ſprechen ſoll? Kaun ich von meiner Schweſter getrennt ſeyn, und 14 7 ihr nicht ſchreiben? kann man ſeiner Freun⸗ din ſchreiben, ohne wider ſeinen Willen die geringfuͤgigſten Umſtaͤnde ſeines theuerſten Geheimniſſes gleichſam an der Spizze ſeiner Feder zu ſinden? Man erzaͤhlt, wie jeder Augenblik des Tages verfloß, und das iſt als erzaͤhlte man wie ſehr man geliebt hat. Wenn mir auch die Freundſchaft dieſes Stillſchwei⸗ gen erlaubte, gebͤte mir nicht ein anderes maͤchtigers Gefuͤhl, Ihnen alles zu ſagen?² Gegen die, welche einige Guͤte gegen mich hat, inniges Mitleid bei meinem Schikſal empfindet, ſpreche ich wie gegen meinen Willen von Fernance. Worin habe ich in dieſem Augenblik einen Willen? Eine unum⸗ ſchraͤnkte Gewalt beherrſcht mich. Es iſt mir eben ſo unmoͤglich, indem ich Ihnen ſchreibe Fernance aus meinen Gedanken zu entfernen, als es mir unmoͤglich war, mich ganz von 142 ihm zu trennen, und Ihnen, wie Sie es ſo dringend verlangten, nach Paris zu folgen. In Ihrer Gegenwart durfte ich nicht offen⸗ herzig ſeyn, ich ſuchte eine Entſchuldigung fuͤr meinen Widerſtand; aber ſchriftlich, nun Sie nicht Zeuge meiner Schaamroͤthe ſind, geſtehe ich es Ihnen, meine Freundinn: nicht weil man mir die Landluft angerathen hat bleibe ich hier, ein maͤchtigerer Grund haͤlt mich zuruͤk; die Luft die Fernance ath⸗ met, iſt forthin die einzige von der ich leben kann.. ie dm Es iſt indeſſen ſo eben beſchloſſen wor⸗ den, daß er Morgen abreiſen ſoll. Wichtige Geſchaͤfte erfordern ſeine Gegenwart auf ei⸗ nem ſeiner Guͤter, wo er acht Tage bleiben ſoll. Es liegt fuͤnf und zwanzig Stunden von hier. Alle Augenblikke ſage ich mir, daß es 3 143 fuͤnf und zwanzig Stunden von hier liegt. Iſt die Einbildungskraft einmal geſpannt, ſo wird ſie leicht von Dingen angegriffen, die uns doch ganz gleichguͤltig ſeyn ſollten. Ent⸗ fernte ſich Fernance nur auf zehn Stunden, ſo waͤre ich ſeiner Gegenwart eben ſo gut be⸗ raubt und doch denke ich, es wuͤrde mich we⸗ niger betruͤben, wenn er auch ein wenig laͤnger abweſend ſeyn ſollte. O moͤchte ich ihn doch ſo leichtſinnig lieben wie ſeine Hor⸗ tenſet die freut ſich uͤber eine Reiſe die ihrem Vermoͤgen vortheilhaft iſt. Sie ſpricht laͤchelnd von der Langenweile, die Sie ohne Fernance haben wird. Sie macht ihm tau⸗ ſend kindiſche Liebkoſungen und ſagt, das ſey fuͤr die acht Tage wo Sie ihn nicht ſehen wird. Ich weiß wohl, daß ſie ihn ein wenig liebt, daß ſie ihn vielleicht jedem andern vorzieht; aber was iſt ein ſolcher Vorzug? 144 was koſtet ihr der? wie? keine Klage, wenn Sie ſich von ihm trennen ſoll? Sie die jeden Augenblik des Tages ſeine Gegenwart ge⸗ ießen kann! Sie wird auch bei ſeiner Nk⸗ kehr kalt ſeyn, Sie wird ruhig ſeyn.— Nein, nein, ich moͤchte ihr nicht gleichen. 361 4 4i2 6 Ca Sie wird ſich zerſtreun, ſich vielleicht an Huldigungen ergozzen, die man ihr, wenn man niemanden zu beunruhigen fuͤrchtet, freier darbringen wird.— Ach! ehe ein Ge⸗ danke meines Herzens einen Angenblik auf einem andern als Fernance ruhe, moͤge ich lieber ſterben! i nan Meine Schweſter! ſeit Ihrer Abreiſe waren wir noch nie beiſammen, ohne von Jh⸗ nen zu ſprechen, und jedesmal habe ich das Vergnuͤgen Ihr Lob zu hoͤren. Jedes von 145 uns erklaͤrt die beſondern Urſachen die es hat Ihnen gut zu ſeyn. Mein Vater iſt voll Vertrauen in Ihre Vernunft. Er wuͤnſcht ſich Gluͤk, daß Sie meine Freundinn ſind, weil Sie, ſagt er, die Freundſchaft und ihren herzlichſten Eifer ſo gut kennen, ohne dabei- hier ſieht er mich an— uͤberſpannt oder vor lauter Empfindung eine Thoͤrinn zu ſeyn; ſondern Sie tragen. ſezt er hinzu, im geſell⸗ ſchaftlichen Umgang auf das Angenehmſte zur Unterhaltung bei, und ſpielen eine Komd⸗ dienrolle bis zu Ende aus, weil Sie wohl wiſſen, daß es nur eine Komͤdie iſt. Mein Vater kann nicht vergeſſen, daß ich bei einem ſeiner liebſten Zeitvertreibe un⸗ nuͤz geweſen bin. Es iſt ein Ungluͤk fuͤr mich, daß bei dem Vorgang ſo viel Zeugen waren, 8 146 und daß man ihn davon unterrichtet hat. Hortenſe hat ihn jedoch gebeten, den Gegen⸗ ſtand nicht mehr zu beruͤhren, weil doch Adele mein Unrecht vollkommen wieder gut gemacht haͤtte.— Felix und Theodor—(ich hoffe, bloß aus dem Wunſch mir etwas an⸗ genehmes zu ſagen) machten viel Aufhebens von meinem vortrefflichen Spiel in einigen Scenen bei der Probe; Fernance wurde ge⸗ wahr, daß ich ſeufzte und die Augen nieder⸗ ſchlug; er gab bald dem Geſpraͤch eine andere Wendung, allein ich verdanke dieſe Guͤte nur ſeiner natuͤrlichen Stimmung, an anderer Kummer und Verlegenheit lebhaften Antheil zu nehmen„ denn einen Augenblik darauf that er mir vor aller Welt eine Frage, deren Wichtigkeit er doch gewiß nicht abſehen mußte. Er wollte durchaus wiſſen, warum Sie ihn we⸗ niger freundſchaftlich behandelten wie meine 1 142 andern Kouſins. Hortenſe ſagte, ſie verabe ſcheute dieſe unruhige Empfindlichkeit, die eine ganze Geſellſchaft beobachtete, und jedem Worte das ausgeſprochen wuͤrde, einen beſon⸗ nern Sinn beizulegen ſuchte; allein Fernance, der dieſesmal nicht auf der jungen Thoͤrinn Winke achtete, fuhr fort ſich mit Adelen und mir zu beſchaͤftigen, und murrte, daß meine Verſchwiegenheit ihm aus der Urſache Ihres Mißfallens immer und ewig ein Geheimniß machen wuͤrde. Wuͤrklich iſt das auch ſeit Ihrer Abreiſe nicht das erſtemal, daß er mich vergeblich darum fragt, und ſo oft er das thut, quaͤlt und draͤngt und ruͤhrt es mein Herz immer mehr, und ich kann meine Thraͤ⸗ nen kaum zuruͤkhalten. 5 Alllein ich vergaß, daß ich ſogleich die Fe der uiedexlagen muß. Wir haben heute Gaͤſte. K 2 148— Wie ich mich auf mein Zimmer begabz um Ihnen zu ſchreiben, iſt man ſpaziren gegau⸗ gen, und man wollte mich auf der Wieſe am Ufer des Fluſſes erwarten. Man hat eine Waſſerfahrt vor, die ich mitzumachen ver⸗ ſprochen habe. Sie werden ſich daruͤber wun⸗ dern; Sie wiſſen, ich liebe dieſe Fahrten nicht, beſonders im Abendthau, wo ſie meiner Geſund⸗ heir ſo nachtheilig ſind, aber heute iſt nichts zu fuͤrchten: die Luft iſt brennend geweſen. Man bedarf eines freien Athemzugs. Nach einem Weg von einigen Stunden ſoll in der allerliebſten Inſel, die Sie kennen, gelandet werden; man wird Erfriſchungen und Muſit mitnehmen. Um zuruͤkzufahren wollen wir den Mond erwarten: der ſoll uns allein auf unſerm Heimweg leuchten. Langſame har⸗ moniſche Toͤne, die Stimmen einiger jungen Maͤdchen, werden uns dann zu einer ſuͤßen 149 Traurigkeit ſtimmen. Wir haben zuverlaͤſſtg keinen uͤbeln Zufall zu fuͤrchten; Fernance ſelbſt fuͤhrt die Ruder: ich werde ruhig und ſicher ſeyn. Er hat mir verſprochen, ſo leiſe und ſanft zu fahren, daß ich von den Be⸗ wegungen des Kahns nicht leiden ſoll, wie mir. ſchon oft, geſchah. Konnte ich ihm mit⸗ zukommen abſchlagen? Und waͤre ich des Schiffbruchs gewiß, Adele, mit ihm liefe ich die Gefahr mit Frenden! Heute ſcheint es mir beſonders als waͤre mir jeder Augen⸗ blik wo ich ihn ſehen kann, doppelt koſtbar, denn Morgen um Wi Stunde wild ernja ſchon fern ſeyn.— Ach meine Schweſter, wuͤßten Sie doch, um mich zu verſtehen und zu entſchuldigen, wuͤßten Sie dech wie iich, was Leeben heien 6 150 . dai 38. Vant Jod dichte wanen„ das die Athreſhen mich ſchmerzlich bettuͤben wuͤrde; aber ich hoffte doch, ſie wuͤrde das Fieber, das mich verzehrt, niederſchlagen. Rein; das Verlangen, die Ungeduld rihn wiederzuſehen, das Andenken der gluͤklichen Augenblikke ſeiner Gegenwart, die Erwartung: alle dieſe verſchiedenen Bewe⸗ 4 gungen berauſchten mein Herz noch mehr.— Faſt waͤre ich verſucht, zu glauben, es ſey eine Strafe, durch welche mich das Schikſal den Kaltſinn buͤßen laͤßt, mit dem ich Fer⸗ .1231 nance am Tage vor ſeiner Abreiſe behandelt habe. Sie erinnern ſich der Waſſerfahrt, bei der ich meinen Muth und meine ſchwache Ge⸗ ſundheit auf die Probe ſezzen ſollte. So wie wir auf der Inſel ankamen, fand ich mich ſehr krank, und wie ich auf dem Ruͤkweg den Kahn wieder beſtiegen hatte,, konnte ich es kaum die erſte Stunde aushalten. Ich ward ſchwindlich, und meine Nerven waren iſo ge⸗ reizt, daß ich mich bei jedem Stoß der Wellen der Ohnmacht mahe fuͤhlte. Ich war alſo ge⸗ noͤthigt auszuſteigen, und am Ufer hin zu Fuße dem Kahne zu folgen. Fernance war ſo gefaͤllig auch aus Land zu gehen, um mich zu begleiten. Kaum konnte ich mich quf den Fuͤß⸗ ſen halten; er unterſtuͤzte mich, er druͤtte zu⸗ weilen meinen Arm, der auf dem ſeinen ruhte, 152 gegen ſich. Ob er mir gleich nichts geheimes ſagte, ſo ſprach er doch faſt leiſe, als fuͤrchte er mich zu ſpannen. Seine ſanfte Stimme, das Gluͤk allein mit ihm zu ſeyn, das gleich⸗ foͤrmige ruhigs Licht des Mondes, der melan⸗ choliſche Anblik der uns umgebenden Gegen⸗ ſtaͤnde, die verlaͤngerten Schatten der ſich im Waſſer ſpiegelnden Baͤume, der Duft der Muͤnze und wilden Salbey, ein kuͤhlender Abendwind„der ſo ergnikkend gegen die Hizze meiner Bruſt abfünch: alles vereinigte ſich um es mir uninoͤglich zu machen, Fernancen meine lebhafte Ruͤhrung zu verbergen. Ich konnte keinen Zuſammenhang in meine Worte bringen; er hatte mich ſogar verſchiedenes ge⸗ fragt, ohne daß ich ihm zu antworten ver⸗ mochte; doch endlich gelang es mir meine Gedanken einigermaßen zu ſammeln. Indem ich alles, was außer mir war, zu Huͤlfe —— nahm, gelaug es mir, ihm lauter gleichgüͤl⸗ tige Dinge zu ſagen, und kein Wort fallen zu laſſen, das ihm meinen Kummer uͤber ſeine nahe Abweſenheit verrathen haͤtte. Er wollte von Hortenſen ſprechen. Ich bekam einen klei⸗ nen Anfall von uͤbler Lanne, den er meiner Geſundheit zuſchrieb— Ach meine Schweſter, wenn er jezt, da ich Ihnen ſchreibe, bei mir waͤre, wuͤrde er einer ſolchen Nachſicht nicht beduͤrfen. Ich wuͤrde ihm aufmerkſam zuhd⸗ ren, ich wuͤrde keines ſeiner Worte, keine Biegung ſeiner Stimme verlieren, ich wuͤrde nach ſeiner Willkuͤhr jedem Geſprach, das ihm am liebſten waͤre, folgen, ich wuͤrde ihm ſchwoͤren, daß es nicht wahr iſt, weſſen er mich beſchuldigt, daß mich Ihr Aufenthalt bei uns nicht von Erwiederung ſeiner Freund⸗ ſchaft zerſtreut hat. Sie wiſſen es, Adele, Sie, die Sie ſich mit weit mehr Recht beklagen! 154 WMir fanden uns nach dieſem Spaziergang noch einige Augeublikke beiſammen allein im Gefellſchaftsſaal. Er forderte mir das Ber⸗ ſprechen ab, forthin nicht mehr kalt und ſchweigend zu ſeyn, wie ich es geweſen waͤxe. Er ſagte, er ließe mir die Zeit ſeiner Abwe⸗ ſenheit, um zu uͤberlegen und zu entſcheiden, ob ich endlich ſeine treue Freundin ſeyn, und immer bereit ſeyn 3 wollte„die geheimen Gez ſtaͤndniſſe der Freundſchaft anzunehmen 3 ohne meine Antwort abzuwarten, bat er mich mit Herzlichkeit, ich moͤchte doch Hortenſen waͤh⸗ rend ſeiner Abweſenheit die Zeit zu vertreiben ſuchen, moͤchte mich bemuͤhen, ihr andexe Vergnaͤgungen, als die der Koketterie, zu ver⸗ ſchaffen.„Sie ſehen, Matie,“ ſezte er hin⸗ zu,„ daß ich eiſerſuchtig bin. Vielleicht habe ich keine gegruͤndete Urſache dazu; aber glau ben Sie mir, ſelbſt Hirngeſpinnſte koͤnnen ſehr X* 1 1 155 ungkuͤklich machen.* Einen Augenblik darauf geſtand er mir, es quaͤle ihn außerordentlich, Hortenſen mit ihren jungen Kouſins zu laſſen. Und in der That, wie kann er erwarten, daß ſie ſich zuruͤckhaltend betragen werde? Sie, die in Gegenwart ihres Gemahls kein Mittel, ſich huldigen zu laſſen, verſaͤumt, die ſich eine Vertraulichkeit, die alle Maͤnner in eben den Augenblikken, wo ſie ſelbſt ſie tadeln, zu miß⸗ brauchen am bereiteſten ſind, ggefallen lasi und dſagnr dazu auiſfo dan a 25 b Mu fiit ſar zeutuch auss ſich Theo⸗ dar hesdemrenſen weiiit 35 her eben ſo⸗ laicht ſi nicht wirklich den 8 iſt der Vurofg zn einer von den Verbindungen des Tages⸗ die durch Gelegenheit und uͤßiggang entſehieden werden. Die Eitelkeit naͤhrt ſie: aber weder 2* 156 die Achtung, noch de Leße„ ja Kiche einmal die Sukahkeite Ich kann dem Auftrag, den mir Fernance gab, zum beſten entſprechen. Schon oͤfters bezeigte ich Hortenſen den Wunſch, mich ihr zu naͤhern. Noch heute fruͤh that ich es. Im⸗ mer hat ſie einen Spaziergang mit Theodor vor, und ſie gehen, ſagt ſie, zu weit, als daß ich ſie vhne große Ermuͤdung begleiten könnte. Man laͤßt mich mit Felix, der mich dringend bittet, ſeine Zeichnungen zu korrigi⸗ ren, oder ſelbſt mit ihm zu zeichnen. Ich werde mich wohl huͤten, Fernancen getreuen Bericht zu erſtatten. Er wuͤrde vielleicht un⸗ ruhiger, als er ſollte, und was koͤnnte er endlich auch thun? Einem Herzen, in wel⸗ chem Fernance nicht allein herrſcht, iſt nicht zu helfen. Daß Hortenſe ihn nicht geliebt 157 haͤtte, das ließe ſich verzeihen; die Liebe iſt eine grauſame, koſtbare Wohlthat, die nicht jedem beſchieden iſt; wenigſtens aber ſollten Freundſchaft, Zaͤrtlichkeit, gefuͤhlvolle Sorg⸗ falt, die zarteſte Zuvorkommung. Hortenſens Gemahl fuͤr eine Empfindung, die ſie zu fuͤh⸗ len nicht faͤhig iſt, entſchaͤdigen. A dieu, meine Freundiun, ich kann heute nicht laͤnger bei Ihnen bleiben. 7 5. 5 5 219ol ai nth auis 8 0* e llet dn nspineen: i ue ht nsa e ga Dreizehnter Brief. 2 den z. Septbr. Sie haben mir einen ſuͤßen, lieben Brief ge⸗ ſchrieben: es ſind einige Worte darinn; die meine Thraͤnen voͤllig verloͤſcht haben. Sie bitten mich, aus Mitleid gegen Sie gluͤklich zu ſeyn, weil Sie meine Schweſter ſind, meine innig mit mir verbundne Schweſter, weil meine Leiden und meine Fehler auf Sie zuruͤkfallen muͤſſen. O meine Geliebte! wie beklage ich Sie, daß Sie ſich einem ſchwachen Weibe zugeſellten, die nur Ihr Ungluͤk zu ſichern den Muth hat, deren Herz einen zaͤrtlichen — — 239 Eindruk mit gleicher Feſtigkeit und Beſtaͤndig⸗ keit erhaͤlt, wie es ihn mit Leichtigkeit an⸗ nahm. Aber Sie wiſſen es, meine Freundinn, es geſchieht gleichſam wider meinen Willen; Ihre nachſichtige Freundſchaft kommt meinen Geſtaͤndniſſen entgegen, und erraͤth melne Reue. Schon daß ich Ihnen nicht nach Paris folgte, ſagen Sie, haben Sie mir verziehen, weil meine Schritte nicht mehr von meinem Willen abhaͤngen. Ach, Sie wuͤrden dies noch weit mehr glauben, waͤren Sie ſeit eini⸗ gen Tagen Zeuge von der raſenden Verwir⸗ rung meines Kopfes! Ohne Zweifel iſt es die Abweſenheit, die daran ſchuld iſt. Es giebt Augenblikke, wo ich mich ſelbſt nicht mehr kenne. Es iſt mir, als beduͤrfte ich nicht mehr weder Fernancen's noch Ihrer, als haͤtte ich Euch beide zu lieben aufgehort. Dann denke ich an gar nichts, ich bin in der tiefſten 160 Niedergeſchlagenheit. Plöͤzlich aber ergreifen mich auf einmal wechſelnde Anſaͤlle von Freude und Traurigkeit. Die Urſache weiß ich nicht recht, es muͤßte denn ſeyn, daß ich zuweilen in einem Anfall von Liebe beklage, daß er nicht bei mir iſt, und ich ihm mein Geheim⸗ niß nicht hingeben kann. Den Augenblik nach⸗ her ſegne ich ſeine Abweſenheit, die mich vor einem großtn Fehltritt bewahrt. Oft leide ich an der heftigſten Unruhe. Ich kann nir⸗ gends bleiben, ich eile in den Garten, und gehe in der brennendſten Sonne umher. Wenn alle Welt verſammelt iſt, fluͤchte ich mich in die Einſamkeir. Zu der Zeit, wo ſich ein jeder in ſeinem Zimmer beſchaͤftigt, uͤberfaͤllt mich eine toͤdtliche Langeweile; ich gehe bald zu meinem Vater, bald zus Hortenſen, und fra⸗ gen ſie mich, was ich will, ſo ſchlage ich die Augen nieder, ſeufze, und gehe, ohne kaum 161 eine Antwort gegeben zu haben, aus dem Zimmer. Man ſchreibt dieſe Einfaͤlle meiner Geſundheit zu, und ſpricht mit einer Theil⸗ nahme davon, die mich ſehr ruͤhrt. Ich glaube doch, daß Felix heller ſieht. Ich habe ihn im Verdacht, daß er meine Liebe gewuͤnſcht hat.* Geſtern bei einem Spaziergang im Gar⸗ ten begegnete ich ihm, indem ich um die Ekke einer Allee bog. Meine Gedanken irrten um her, und der Anblik eines Menſchen erwekte in mir eine Art von Entſezzen. Dieſe Bewe⸗ gung reizte ſeine Aufmerkſamkeit noch mehr; er heftete ſeinen Blik auf meine Augen, und nahm ohne Zweifel wahr, daß ſie ſehr roth waren. Er wendete einen Theil der Zeit, die wir auf dem Ruͤlweg nach dem Schloſſe zus 162 brachten, auf ſinnreiche, ſpizfindige Fragen, die mir klug zu verſtehen gaben, daß er be⸗ ſorge, mein Herz ſey nicht ruhig. Ich glaube wohl, daß ſein Verdacht ſich noch an nichts Beſtimmten häͤlt; aber Verdacht hat er, und das erſchrekt mich. Vor drei Tagen, es war am Montag, erhielt Hortenſe einen Brief von ihrem Mann. Es waren darinn eon Marien und ihrer Geſundheit theilnehmungsvolle Wor⸗ te, fuͤr die ich ihm ewig dankhar ſeyn werde. Fernance erkundigt ſich, ob ſeine liebenswuͤr⸗ dige Kouſine—(ja, meine Schweſier, das iſt ſein Ansdruk)— die Ungeduld, mit der man ſeine Ruͤkkehr erwarte, auch theile; denn mein Vater hatte ihm das geſchrieben. So wie Hortenſe meinen Namen ausſprach, ward ich feuerroth. Felir ſtand allein gegen mich gekehrt, und er ſah mich; aber ich nahm mich wohl in Acht, daß er mich den Augenblik dar⸗ — auf nicht ſehen konnte, als ich, um die Hand⸗ ſchrift, die allerliebſt iſt, zu betrachten, Fer⸗ nancens Brief aus den Haͤnden meiner Kou⸗ ſine nahm, und ihn feſt an mein Herz druͤkte. Ich behielt ihn, weil ich i in tiefes Nachdenken verſunken war, in meiner Hand; Hortenſe forderte ihn zuruͤk, und ich gab ihn laͤchelnd wieder heraus, wahrlich, als haͤtte ich mich von der gleichguͤltigſten Snus getrennt. 3 Ich wuͤnſchte wohl, Daee Then ſo viel Geiſtesgegenwart gehabt zu haben; aber meine Lebhaftigkeit verrieth mich. Wie ich zum Fruͤhſtuͤck hereintrat, ſchlug. Herr von Souvre’ ſeiner Nichte vor, ihn zu ihrem Schwiegervater zu begleiten, bei dem er⸗ den Tag zubringen wollte; ich, ſagte er„ſollte mit Theodor und Felix zu Haus bleiben. 8 2 164 Hortenſe nahm ſogleich ein trauriges und ver⸗ druͤßliches Woſen an, ſuchte rauſenderlei Vor⸗ waͤnde, um ſi whzu entſchuldigen, und ſagte endlich, ihr Sihwiegeibater ſey doch gar alt, und ſeine Geſellſchaft konnte einer jungen Pet⸗ ſon, wie ſie/ unmiöglich gefällen. Sie hatte noch nicht ausgeeredet, ſo rief ich lebhaft, ich wuͤrde meinen Vater herzlich gern begleiten; und meine Bereitwilligkeit ruͤhrte ihn um ſo mehr, als er ͤber ſeiner Nichte Weigernng unzufrieden war. Er zezte Kih den ger ing⸗ ſten Verdacht, aber Felir wünſchte mir hin⸗ gegen mit einer ſe abſichtlichen Art zu mei⸗ ner vorzeitigen Vernunft Gluͤck, die mich ſo beſonders viel Reiz im Umgang mit den aͤlte⸗ ſten Leuten finden ließe. Sollte er mich er⸗ rathen haben? Dennoch hat mir dieſer Tag, ob er gleich ſehr ernſthaft verfloß, viele Freu⸗ den gemacht, 165 Der Sekretair meines Vaters, ein ſo nichts bedeutendes Weſen, daß ich Ihnen nie etwas von ihm zu ſagen habe, begleitete uns. Gleich nach unſerer Nokunfegtheben die Her⸗ ren in ein Se aüich uͤber 8 f he Angelegen⸗ k f fa die öffentliche und Priattuhre 1 feßr umichr ſehr intereſſant ſind. Ich war jedoch keinen Augenblik dabei unge⸗ duldig. Der Anblik ſehr anziehender Gegen⸗ ſtände dieſes Haus, ein uͤber den Kamin ngnes S ild beſchaͤftigten abwechſelnd in derz, und unterhielten es in ſeinen Lieblingsideen. Bald ward ich noch gluͤkli⸗ cher, denn ich hoͤrte von Fernance ſprechen. Sein Vater fragte, ob wir Nachrichten von ihm haͤtten; wie ihm Herr von Souvre/ ant⸗ wortete, er ſey ganz ausdruͤklich gekommen um ihm welche zu bringen, und er muͤßte ihm auch erzaͤhlen, mit welcher Bereitwilligkeit 166 ich ihn begleitet haͤtte, ſchloß mich der ehr⸗ wuͤrdige Greis in ſeine Arme, und ſagte mit der ruͤhrendſte Stimme:„Sie ſind nicht wie Ihre as ten Leuten, ſie ſucht ſie nicht zu zerſtreuen, und zu ihrem kke beizutragen— moͤgen Sie das Gluͤk meines Sohnes machen! Aber an dem Gluͤkke deſſen, auf welchen Ihre Wahl gefallen ſeyn wird, Marie, zweifle ch keinen Vugenbii. 4 K E; Ich ergriff ſeine Hand, ich druͤte ſie haft, ich. ſogar an meinen Mund. Niie in meinem Leben gab man mir ein liebe⸗ beres Lob.. O meine Schweſter, welche unverhofte Freude! Fernance ſoll morgen wiederkommen. Und ich glaubte, ich wollte es Ihnen ſchon ihr gefaͤllt es nicht bei al⸗ — —— — — 167 klagen, daß ſeine Abweſenheit noch mehrere Tage dauern wuͤrde. Felix war es, der mir dieſe gluͤkliche Neuigkeit mit einem ganz aus⸗ nehmenden Eifer brachte. Ich liebe ihn, ich bin ihm wegen ſeines Verdachts nicht mehr bos. Mir iſt im erſten Augenblik nicht ein⸗ mal eingefallen, wie aufmerkſam er meine Freude belauſcht haben mag. Nur habe ich ihn bald darauf„ unter dem Vorwand„ mei⸗ nen Brief an Sie fertig zu ſchreiben, wegge⸗ ſchikt, um ganz allein daran zu denken. Aber es waͤre mir unmoͤglich, jezt weiter zu ſchreiben; ich bin zu bewegt, es waͤre mir eine Qual mich mit der geringſten Beſchaͤfti⸗ gung abzugeben. Bis morgen Abend, meine Adele. Wenn das Herz bezaubert und gluͤl⸗ lich von Liebe iſt, liebt man ſeine Freundinn weit beſſer. Ich werde dann Fernaucen ge⸗ ſehen haben, ich werde freudiger zu meiner 4 168 Schweſter zuruͤkkehren. Der Schlaf flieht mich jezt mehr, wie jemals. Ich ſchlafe erſt bei Tagesanbruch ein wenig ein. Ich will die Nacht mit Ihnen verplaudern. 169 Vierzehnter Brief. den 6. September. Ich habe geſtern Abends Ihnen zu ſchreiben verſucht, liebſte Adele; aber ich ſchrieb ſolche Thorheiten, daß ich nachher alles zerriſſen habe. Uebrigens wollte ich Ihnen lieber mei⸗ nen Brief einen Tag ſpaͤter ſchikken, um Ih⸗ nen von einem Auftrag zu erzaͤhlen, den es eigentlich ſehr ſeltſam iſt, mir gegeben zu ha⸗ ben. Allein es iſt nun einmal mein Schikſal, daß ich mir zu dem Kummer, den man mir macht, Gluͤk wuͤnſchen muß; denn er beweiſt mir, daß man die geheime Schuld meines Herzens nicht ahndet. 176 Fernance kam, wie er es gemeldek hatte, geſtern Mittag an. Er trat eilig zu uns her⸗ ein, und ahne ſich um die welche da waren, und auf ihn warteten, zu bekuͤmmern, fragte er lebhaft nach Hortenſen„ die ohne Zweifel die Stunde ſeiner Ruͤkkehr vergeſſen hatte! Sie war mit Theodor ausgegangen, und kam erſt um zwei Uhr wieder nach Haus. Sie er⸗ rathen wohl nicht odllig, wie Fernance die Zwiſchenzeit hinbrachte: ungeduldig, das glauben Sie gern? O ja, aber noch mehr als ungeduldig, mit unter gar etwas zornig! Felix verließ uns, um ſeinem Bruder entge⸗ gen zu gehen. Mein Vater, der ſehr unzu⸗ frieden war, fing damit an, ſeine Nichte zu tadeln; wie er aber Fernancen wuͤrklich aufge⸗ bracht ſah, mochte er denken, hier muͤſſe das ſanſte Zureden eines Weibes bei ihm angewandt werden: er ſagte mir alſo leiſe, 171 er wolle mich allein mit ihm laſſen, damit ich vernuͤnftig mit ihm zu ſprechen ſuchte. Ich vernuͤnftig mit ihm ſprechen! Mir kam ein ſolches Unternehmen auch zu! Hier that es indeſſen wuͤrklich Noth, ihn zu beruhigen. Ich wuͤnſchte es aufrichtig, und vergaß mich einige Minuten lang, um nur an ihn zu den⸗ ken. Ich ſuchte die Fehler ſeiner Frau zu ver⸗ ringern, indem ich ſie ihrer Jugend, ihrem Leichtſinn der voruͤbergehen muͤſſe, zuſchrieb. Ja ich ſchwoͤre es ihnen in der Aufrichtigkeit meines Herzens zu, ich wandte alle meine Ueberredung an, um Hortenſens Betragen als unſchuldig erſcheinen zu laſſen. Und wun⸗ dern Sie ſich daruͤber nicht, ich will, daß Fer⸗ nance gluͤklich ſey. Ja wahrlich, das will ich. Durch mich kann er es nicht ſeyn; ſo darf alſo die, mit welcher er ſein Leben ver⸗ band, dieſes Leben nicht verbittern. Er hat 172 mir viele Umſtaͤnde erzaͤhlt, die es bezeugen, daß er nicht geliebt wird. Ich möchte wohl wiſſen, ob ich ſein Vertrauen ſeiner Neigung fuͤr mich, oder der natuͤrlichen Bewegung ver⸗ danke, die, wenn wir viel leiden, immer das Bedurfniß der Klage in uns erregt. Er hat, ſagte er mir, einmal⸗Hortenſen in der Laube am unteren Ende des Gartens allein mit Theodor geſehen; ſie ſprach mit Feuer, Theo⸗ dors Augen druͤkten Zaͤrtlichkeit, und wie ſie auf ihn fielen, Verlegenheit aus. Ich wußte nicht, daß er ſolche Veranlaſſungen zur Un⸗ ruhe haͤtte. Wenn die Herren von St. Fir⸗ min nicht wie ſie es geſonnen ſind, in einigen Tagen abreiſen, ſo verſichert Fernance, er wolle ſelbſt fort, und nach Paris gehen. Er ſagt, ſein Herz werde von Liebe und Eifer⸗ ſucht grauſam gequaͤlt. Die Maͤnner wiſſen dieſes Uebel nicht geduldig zu ertragen. End⸗ 173 lich, liebe Freundinn, hat er mich dringend gebeten, gelegentlich mit ſeiner Frau uͤber den Verdruß den ſie ihm macht, zu ſprechen. 5 Sie wird Ihren Nath anhdren, Marie,⸗ ſagte er, g ſie ſchaͤgt und hiebt Sie, ſo ſehr ſie lieben kann.“ Dieſe Verſicherung iſt es nicht, die mich beſtimmt; denn Fernance irrt ſich; allein er ſezte hinzu,„Sie wollen meine Freundinn ſeyn; nicht wahr, Sie wollen es? antworten Sie mitr.—„Ja, ja, Fernance.“— „Wohl dann, meine geliebte Freundinn) ge⸗ ben Sie mir den geöͤßten Beweis Ihter Zu⸗ neigung, den Sie mir geben koͤnnen, und richten Sie meinen Auftrag an Hortenſen aus. Ich wiederhole es Ihnen, ich kann die Qual, die mich dieſe Frau leiden laͤßt, nicht aushal⸗ ten. Den erſten Tag da ich ſie ſah, habe 16. 174 ich ſie ihrer Schoͤnheit wegen geliebt. Seit⸗ dem glaubte ich einige Eigenſchaften in ihr zu erkennen, die meine Neigung zaͤrtlicher mach⸗ ten, und wenigſtens den Keim anderer, die ich durch meine Sorgfalt„ meinen Unterricht mein heißes Verlangen, ſie beſſer zu machen, entwikkeln wollte. Ich haͤnge ſo zu ſagen, mehr durch das was ich von ihr erwarte, als durch das was ſie ſchon iſt, an ihr. Sie iſt jung, und der Schuz eines gefuͤhlvollen, red⸗ lichen Mannes, der uͤber ihre Jugend wachte, bbunte ihr fuͤr das ganze Leben Glälſaligkeit⸗ und einige Tugenden verſprechen. Ihre erſten Empfindungen als ſie mich kennen lernie, lie⸗ ßen mich ihr Vertrauen und ihre Liebe hoffen; und waͤre es entſchieden, daß dieſes ein Irr⸗ thum war, ſo kann ich einem ſo ſuͤßen Irr⸗ thum nicht mehr ohne Verzweiflung entſagen. Sie hat mein Herz bezaubert!“—„Sie 1735 muͤſſen ihrn nicht entſagen, Fernance,“(ant⸗ wortete ich begeiſtert, denn indem ich ihn an⸗ hoͤrte, hatte ich mich ſo zu ſagen mit ihm ver⸗ ſchmolzen, und wuͤnſchte ſein Gluͤk als wenn ich es theilen ſollte,)„Fernauce, den Schmerz zu erfahren, daß man nicht geliebt wird, iſt zu fuͤrchterlich, als daß ich ihn je von Ihnen empfunden wiſſen moͤchte. Ich will mit Hor⸗ tenſen ſprechen. Sie liebt Sie. Man muß nur von ihr erhalten, daß ſie ſich mit dem was ſie liebt unablaͤſſig beſchaͤftige. Sie ſind zwar nicht der einzige, der es⸗ weiß, daß dien ſes ausſchließliche Beſchaͤſtigtſeyn moͤglich iſt; aber vielleicht giebt es nicht Viele,„die es mit Ihnen wiſſen.. f ife 384 Jun Bei meinen lezten Worten trat Hortenſe in das Zimmer. Sie blikte mich an, und ſchien erſtaunt, mich bewegt zu ſehen. Ihre 176 Zuſammenkunft mit ihrem Mann war ſehr kalt; Fernance blieb traurig und nachdenkend, ſie war den ganzen Tag uͤbelgelaunt. Ihr Unrecht verkennt ſie gewiß nicht, aber das iſt gerade die Art, wie manche Leute wieder gut machen. Den Abend bemuͤhte ſich Theo⸗ dor um eine gute Aufnahme bei ſeinem Kouſin, dieſer empfing ihn aber, froſtig genng„ um ihn ſeine Unzufriedenheit merken zu laſſen. Dieſen Morgen ſuchte ich Hortenſen auf, und erfüͤllte den Willen meines Freundes. Sie zeigte mir nicht nur Erſtaunen und Un⸗ zufriedenheit uͤber meinen Eifer, den ich doch auf die ſanfteſte, freundſchaftlichſte Art aͤuſ⸗ ſerte, ſondern auch den groͤßten Ueberdruß an den Beſorgniſſen ihres Mannes. an ſeiner Anſpruchmacherei, ſelbſt an ſeiner Liebe, und der fortdauernden Aufſicht die er bei ihn ans⸗ 8 177 ubte. Sie ſagte mir, um zu geſallen, wollte ſie ſich gegen Jedermann mit Unbefangenheit und Zutrauen betragenz ſie waͤre, wie ſie einem einzigen anzugehören verſprach, gar nicht gemeint geweſen, allen andern Maͤnnern das Recht ſie anzuſehen, und von ihrem Anblik geruͤhrt zu ſeyn, zu eutziehen; maußerdens ge horte auch KTheodor ſeit langer Zeit ſchon un, ter ihre Freunde; und ich will es Ihnen an⸗ vertrauen, meine Freundinn„ ſie geſtand mir dieſe Auszeichnung mit einer Art Vexlegenheit, die ihr nicht gewoͤhnlich iſt, und die mir zu beweiſen ſcheint, daß die Auszeichnung etpas weit gehtr. Meprigens, ſezte Hortenſe⸗ hinzu, koͤnnte mau ihr nachſorſchen, ja⸗ ſogar ſie uͤberra⸗ ſchen; man wuͤrde ſehen, daß alle ihre Schritte unſchuldig wären, ſie wuͤßte nicht, wie man ſe tadeln dounte, zur Stunde einer Ankuuſt h n nr e Wnn anl mamn nfe 2 u0ist 178 3 die ſich eben ſo wohl haͤtte verſpaͤtigen koͤnnen, nicht da geweſen zu ſeyn; ſie wüͤrde deswegen einem Spaziergang, der ſehr angenehm gewe⸗ ſen waͤre, ganz haben entſagen muͤſſen. Sie ſagte mir noch hundert aͤhnliche Dinge, die ich Ihnen nicht wiederhole. Es empoͤrt mich zu ſehr, daß man Vorwuͤrfe die von ihm kom⸗ men, mit ſo viel Undankbarkeit beantworten kann. Sie verſi cherte mich endlich, und gab mir den Auftrag es auch Fernancen zu ſagen, daß dergleichen Vetfolgungen weder auf ihre Zaͤrtlichkeit noch auf ihre Vernunft Eindruk machen, und vielmehr das Gegentheil bewuͤr⸗ ken wuͤrden, da ſie hingegen ihren Mann, wenn er gefaͤlliger waͤre, ſehr lieben wuͤrde. Ich habe Fernancen von dieſem Geſpraͤch nur das noͤthige berichtet. Es hat ihn zu⸗ frieden geſtellt. Wenn man liebt, braucht 179 es ſehr wenig zur Beruhigung wie zur Un⸗ ruhe. Eine Zeitlang wird ier ruhig: ſeyn. Ach wenn ich ihm kein Gluͤk geben kann, ſo will ich ihm doch Truune⸗ von Gudt hues ſhatſen Il ain. 19 Ehe 9 meinen Brief ſhnege„—) Ihnen doch erſt ſagen, was ſie ausgeſonnen, und was ich thoͤrig genug uͤbernommen habe. Sie wiſſen, daß ich ziemlich gut mahlte, und mein Herz hilft mir zuweilen eine Aehnlichkeit treffen; das Portrait das ich von Ihnen machte, iſt ein Beweis dason. Nun, weil es ſeinem Vater eingefallen iſt, und Fernance es gewuͤnſcht hat, habe ich bereits an einem Gemaͤhlde angefangen, das ihn nit ſeiner Frau vorſtellen ſoll. Allein man verlangt, daß ich beyden einen Ausdruck von Liebe geben dn, der mir das Herz anceſsn M 2 a80 Ich glaube nicht⸗ daß ich fortfahren kaun. Wahr iſt es ihn ſo anſehen zu duͤrfen, auf ſeiuen Zugen zul verweilen, von ihm fordern zuakonnen, daß er ſich von nichts andern zer⸗ ſtreuen laſſe— das iſt ein Gluͤk, auf wel⸗ chesnich nicht hoffen Konnte. Ia dieſes Ge⸗ ſchaft das man fuͤr mich waͤhlte, hat etwas ſehr anziehendes; allein es iſt auf alle Weiſe meiner Nuhe zuwider. Indem ich Hortenſen und ihren Gemahl zugleich aublikke, indem ich/ um ihre Bereinigung zu bezeichnen, mich bemuͤhe ſie neben winander hinzuſtellen, leide ich auf das peinlichſte; und wenn ich mich plos mit Fernancen beſchaͤftige, iſt dieſes koͤſt⸗ liche Vergnuͤgen nicht zu gefaͤhrlich? Dieſen Abend iſt eine zweite Sizzung. Nachdem ich dabei empfinden werde, und weun Fernanee nicht verlaugt, daß ich dieſe Arbeit fortſezze, koͤnnte ich ſie wohl um einige Wochen auf⸗ 18 cicben. Meine Geſundheit iſt ohnehin er⸗ baͤrmlich. Die geringſte Anſtrengung, ſo bald die Stellung mich einigen Zwang unter⸗ wirft, verurſacht mit die heftigſten Bruſt⸗ ſchmerzen. Ich klage nicht daruͤber; da Fer⸗ nancen ſo Liel daran a ſigt. Wdieſes Gennaͤhlde Willen thun. Leben ſie wohl, liebſte Freuu⸗ 2 dinn! Ich denke oft, recht oft an Sie, und liebe Sie ſo di ich etwas anders dle a zu lieben venmng. 12 nnt A. 2 um 60 83 3 3 un 90 450 un gelhten Vrief. — 1— 2— .— 8. “ wen. 12. Sehtenler. J9. mu an dan dhagefongenen Gemäͤhlde durchaus fortarbeiten. Fernance will es, ich weiß es, und ſeit ich es weiß, iſt Gett mein Zeuge, daß mir nie ein einziges Mal der Gedanke beikam, dieſe gluͤckliche Arbeit,. die ihm gefallen ſoll, liegen zu laſſen. Moͤchte meine Bemuͤhung und mein Eifer ſie ſo vollkommen werden laſſen wie er es wuͤuſcht! Die Skizze, die ich von ihm ent⸗ worfen habe, iſt ſchon auffallend aͤhnlich. Hortenſens Portrait, das ſchon weiter ge⸗ diehen iſt, hat nicht ſo viel Aehnlichkeit; S 3 ‿ —— 183 indeſſen iſt ſie in dem Bilde ſehr ſchoͤn, und man erkennt ſie. Dieſen Morgen nach einer Sizzung von einer Stunde trat ſie neben mich, um ſich aufmerkſam zu betrachten. Da ſie zum erſten Mal dahinter kam, daß ich Fernancen einen ſehr ſchwermuͤthigen Ausdruk in der Stellung und im Blik gegeben hatte, be⸗ klagte ſie ſich etwas ſpoͤttiſch, aber zugleich mit einer Art von Unruhe daruͤber. Ich antwortete ganz einfach, ich haͤtte dieſen Ausdruk an Fernancen gefunden. und er waͤre wahrſcheinlich von der Langeweile gekommen, die es ihm gemacht haͤtte mir ſo lange ſtill zu halten; allein Fernance ver⸗ ſicherte ihr mit einer Bewegung, die er nicht bemeiſtern zu koͤnnen ſchien: ich haͤtte das beſte Mittel gewaͤhlt um ſeine Zuͤge und 184 1 . ſeine Seele zugleich zu mahlen; ein trauri⸗ ges Weſen waͤre allen ſeinen Gedanken an⸗ gemeſſen. Theodor reiſt morgen ab. Vielleicht iſt das die Urſache, warum Hortenſe nicht den geringſten Widerſpruch leiden kann. Ihr ſchien es ein Widerſpruch, daß ihr Mann auf eine Sache, die ſie als eine Klei⸗ nigkeit behandeln wollte, ſo ernſthaft ant⸗ wortete. Sie nahm einen boͤſen Blick an, den ich noch nie an ihr geſehen zu haben glaube, und beſchuldigte mich, ich haͤtte dieſen Ausdruck von Traurigkeit, der ihr mißfiele, abſichtlich und aus Bosheit in das Gemaͤhlde hinein gelegt. Sie ſezte hinzu, ich wuͤnſchte ſicherlich nichts ſehnlicher als Fernancen zu beweiſen, daß er ſich fuͤr un⸗ gluͤklich halten muͤſſe. Wie falſch war dieſe 185 Beſchuldigung. Empoͤrt von einer ſolchen Ungerechtigkeit, vermochte ich es nicht Hor⸗ tenſen zu antworten, daß es nicht an mir waͤreetwas zu bereuen, daß aber diejenige, welche ſo viel Traurigkeit verurſachte, viel tadelnswuͤrdiger waͤre, als die, welche den Ausdruk, den ſie vorfaͤnde, auf der Lein⸗ wand wieder darſtellte, Fernance gab mir ſtillſchweigend ein Zeichen ſeines Beifalls; dann ſprach er, ſehr leiſe, aber ſie hoͤrte es doch, einige Worte voll traurigen nur zu wohlverdienten Vorwurfs, Hortenſe ward nur noch aufgebrachter. Sie trat heftig von uns weg. Ich war unruhig und zitternd. Sie wollte mich rei⸗ zen; ſie ſpoͤttelte uͤber mein Wageſtuͤk⸗ 186. dieſes Gemaͤhlde zu unternehmen, uͤber mei⸗ ne Anſpruͤche ſammt und ſonders, uͤber mei⸗ V ne Neigung alle Welt zu bekritteln, uͤber die ſuͤßliche Koketterie, die ich gleichſam ins⸗ geheim anwendete, indem ich den Fehlern eines jeden, der mir einige Freundſchaft er⸗ zeigte, zu ſchmeicheln ſuchte. Sie ſezte noch hinzu, daß ſie aus mehr wie einem Grunde glauben muͤßte, ich haͤtte ihren Gemahl zur Eiferſucht und Strenge gegen ſi e aufhezzen wollen. 1 m Die Menge von Ideen, die mich in dieſem Augenblik beſtuͤrmten, perwirrte meine Vernunft. Ich verlor die Geduld. Sie antwortete ironiſch. Das verdiente ich nicht. Die Verzweiflung bemaͤchtigte ſich meiner gaͤnzlich. So beſchuldigt zu wer⸗ den, nnd im Beiſeyn deſſen, vor welchem 3 187 man ohne Fehl erſcheinen moͤchte! Nun ſo ſollen, rief ich, dieſe Geſtalten, die ich zu. meiner Qual und aus thoͤriger Gefaͤlligkeit geſchaffen habe, angenbliklich vertilgt wer⸗ den! Kaum wußte ich was ich ſagte. Ich hatte bloß meine Gedanken gegenwaͤrtig: ich war im Begriff alles auszuſtreichen. Ein Blik von Fexnance that mir Einhalt; ich gehorchte, und meine Thraͤnen floſſen unaufhaltſam. Hortenſe ging, ohne auf meinen Schmerz zu achten, im Zimmer auf und ab. Fernance nahte ſich mir, und ſagte mir einige ſanfte Worte, als wollte er das Unrecht ſeiner Frau wieder gut machen. Er wollte es: ich ſagte, daß ich alles vergaͤße.„Ich fordere noch mehr von Ihrer Freundſchaft,“ fuhr er fort,„Sie muͤſſen mir verſprechen, daß Sie dieſes Gemaͤhlde vollenden wollen.“—„Ja, 1 288 Fernance,“ antwortete ich,„ich gebe Ih⸗ nen mein Wort.“— Marie wird ihm nie ungehorſam ſeyn. Er ſagte auch Hor⸗ tenſen gefuͤhlvolle Dinge; allein ſie konnte ſich nicht beſaͤnftigen. Sie wollte, glaube ich, in neue Eroͤrterungen mit mir eingehen. Fernance hatte mich zum Schweigen und zum Frieden ermahnt. Ich erlaubte mir nicht einmal den geringſten Groll, und es war kein Verdienſt dabei. Die Freude, mich ſeinem Willen zu fuͤgen, hatte mir ſo⸗ gleich meine ganze Heiterkeit wieder gege⸗ bene Ich rief Hortenſen freundlich zu mir: „Noch einen Augenblik,“ ſagte ich,„laſſen Sie mich das reizende, liebenswuͤrdige, ver⸗ fuͤhreriſche Weſen ſehen, das Ihnen ſo na⸗ tuͤrlich iſt, und das ich, um Sie aͤhnlich zu machen, ſchon in alle Ihre Zuͤge zu legen bemuͤht geweſen bin.“ Meine Schmeichelei hatte die erwartete Wirkung. Sie kehrte ohne uͤble Laune a ihren Plaz zuruͤk, und einige Pinſelſtriche, bei denen die zarteſte Lieben meinen Hand leitete, machten aus Hortenſen eine himm⸗ liſche Schoͤnheit. i ainhe rne Lniem Wie F Fernance beim Schluß der Sizzung meine Arbeit beſah, 1 mußte er mir Daph dafar. Sie dankten mir beide;; ſie fanden, ich batte es recht gemacht. Um. dieße Preis erhielt ich die Petzeihunge einer Frau, die er lieht, und die es zu geſah r lih fir mich waͤre zur Feindin zu haben. 3 Ohne Zweifel wuͤrde es hr 4 bald gelingzn das bischen Freundſchaft, das Fernau⸗ ir Nrien hat, zu beinichen. 12 Aber die Schwermuth in ſenem Bilde züders ich nicht; und ſollte er ſelbſte mnich 490 darum bitten, ſo ſchluͤg ich es ihm ab. Hortenſen ſo ſchoͤn zu mahlen, war ſchon eine muͤhſame Anſtrengung; aber nun Fer⸗ nancen neben ihr auch noch den Ausdruk der Heiterkeit und des Gluͤks zu geben— nein, dazu haͤtte ich den Muth nicht. . Hortenſe begab ſich alsdann an ühren Nachttiſch. Ich blieb allein mit Fernancen, nur fuͤr einige Minuten. niemals laͤnger. Ich weiß nicht wie es kommt, daß mich der Zufall ſo beguͤnſtigt; denn allein mit ihm zu ſeyn veranlaßt immer Unterredun⸗ gen, die mein Herz auf lange Zeit zerruͤt⸗ ten. Er wiederholte mir daß ihm dieſer Vorfall zwiſchen Hortenſen und mir ſehr leid thaͤte; aber ſelbſt indem er ſie beſchul⸗ digte, fand er Mittel, ihre Freimuͤthigkeit, ihre angenehme Lehhaftigkeit zu loben. Et 191 hätte ſehr gewaͤnſcht, ſagte er, daß ſie ſich in einem Augenblik, wo ich weit mehr Dank als Vorwuͤrfe um ſie verdiente, ge⸗ maͤßigt haͤtte, Er fuͤrchtete, daß meine Geſundheit durch dieſen Auftritt leiden moͤchte. Ich antwortete ihm, ſowohl die Theilnahme, die er mir bezeigte, als das Vergnuͤgen, aus Freundſchaft fuͤr ihn, an dem Gemaͤhlde, das er gern vollendet ſehen moͤchte, fortzufahren, waͤren untruͤgliche 4 Heilungsmittel. Ich ſprach das Wort: Freundſchaft, an allen Gliedern zit⸗ ternd; er bemerkte es nicht, denn er ſprach eifrig von Theodor, deſſen Abreiſe auf morgen feſtgeſezt iſt. Ich ſagte ihm, es mache mir viel Freude, daß Felix ſeinen Bruder bewogen habe nnch Paris zurükzu⸗ gehen. 28113 192 dn„ Es wundert mich ſehr,“ fing er von neuem an,„daß adie Anregung zur Abreiſe von Felix herruͤhrte, Mir ſchien es, als bildete ſich in ſeinem Herzen ein mäͤchriges Intereſſe in Shrer. Naͤhe zu bleiben. Es iſt mir lieb, Marie, daß dieſes Intereſſe nicht zugenommen hat, daß Sie ihm keine Aufmerkſamkeit zu goͤnnen ſchienen; deun das iſt nicht der. Mann ſuͤr Sie.” „Nein⸗“ antwoktete ich ſehr leiſe,„er iſt es nicht; und meine Angen fuͤllten ſich von neuem mit Thraͤnen.—„Immer ſcheinen Sie ungluͤklich, inmer weinen⸗Sio, liebſte Marie; wie weh thut es mir, Sie in dieſer Stimmung zu ſehen! Sagen Sie mir nur, was ſie veranlaßt 2— und von⸗ veiner 288. ſanften, reinen Bewegung Jreundſchaftl cher 5 Ruͤhrung hingeriſſen, kuͤßte er meine Haͤnde und druͤkte ſie Puiſchen die ſeinigen. 193 Meine Wallung war außerordentlich. In demſelben Augenblik ging Felix an den Fenſtern des Saals voruͤber. Wir ſahen, daß er uns bemerkt hatte, und er kam ſo⸗ gleich zu uns. Fernance ſchien gar nicht in Verlegenheit, allein wie viel Urſachen hatte ich, nicht ſo ruhig zu ſeyn! Nach einem Augenblik verließ uns Felix und ſah verdruͤßlich aus. Der Verdacht, den er hatte ſchoͤpfen koͤnnen, beſchaͤftigte mich ſehr ernſthaft. Fernance fragte mich um den Grund meines finſtern Nachdenkens; allein ich huͤtete mich ihm meine Beſorguiß mitzu⸗ theilen. Mein Vater, der in den Garten herunter ging, trat herein, um zu ſehen, wie weit ich mit meinem Bilde waͤre. Sei⸗ ne Ungeduld, es beendigt zu ſehen, iſt N 194 ungemein groß. Fernance ſagte ihm, ich haͤtte heute nicht viel gearbeitet. ich haͤtte mich nicht recht aufgelegt gefuͤhlt. Ich nahm dieſer Gelegenheit wahr, um zu ge⸗ ſtehen, daß ich gern, ehe ich fortfuͤhre, nur einige Tage auszuruhen wuͤnſchte; allein Fernance antwortete, dieſe Unterbre⸗ chung kdunte der Aehnlichkeit Abbruch thun; ich wuͤrde ihn verbinden, wenn ich auf keinen Aufſchub beſtaͤnde; er koͤnnte den Genuß, Hortenſens Bild von meiner Hand gemahlt zu beſizzen, nicht anders als mit Ungeduld erwarten. Adele, mein freude⸗ gieriges Herz will an das, was ihm in Fernaucens Ungeduld weh thun koͤnnte, nicht denken. Er wuͤnſcht etwas von mei⸗ ner Arbeit zu haben: das iſt es was ich hoͤrte, und ich will ihm ohne Zeitverluſt Genuͤge leiſten. O. Glussgult an ⸗ . 193 Hortenſens Portrait iſt faſt vollendet. Ich wollte es mir aus dem Weg ſchaffen. Laͤſtige Frau! muß ich dich uͤberall an⸗ treffen? muß mir. dein Anblik aus meinen liebſten Empfindungen ein Verbrechen ma⸗ chen? und bin ich, da du mir mit ſo vielem Rechte mißfaͤllſt, dennoch gendthigt dich mit allen den Reizen zu mahlen, die mir ein Herz, das wohl mein Eigenthum haͤtte werden ſollen, entfuͤhrten! Gluͤkliche Hor⸗ tenſe! tauſendmal gluͤklich, daß er dein iſt, moͤge er auf immer dein ſeyn! Ich moͤchte gern dich nicht haſſen; ich gebe mir alle Muͤhe darum, aber ſie koͤnnte wohl ver⸗ geblich ſeyn. Aber warum kommt er auch immer und ſpricht mir unaufhoͤrlich von ihr vor, und zeigt mir jeden Augenblik, daß er ſie anbetet? O es iſt trefflich bei mir angebracht, dieſes Geſtaͤndniß!— Ach N 2 196 1 vor wenig Tagen konnte ich noch hoffen, bei der Wahl einer ſo ſehr jungen Gattin, die noch ſo lange nicht ſeine Freundin ſeyn kann, wuͤrde Fernance, wenn die erſte Wirkung der Schoͤnheit geſchwaͤcht waͤre, nicht mehr ſo lebhaft fuͤr ſie empfinden, ich glaubte, eher deswegen gluͤklicher zu wer⸗ den, wuͤrde ich dann doch nicht immerfort, ſo wie jezt dieſe liebende Geſchaͤftigkeit, die mich zerreißt, vor Augen haben? Allein die lezte Unterredung, die ich mit ihm hatte, vernichtet alle meine Hoffnungen. Daß Hortenſe faſt noch ein Kind iſt, iſt dem Grauſamen nur ein Grund mehr ſie zu lieben. Er hat ſich ein reizendes Bild von dem Vergnuͤgen gemacht, ſie nach ſeinem Herzen zu bilden. Ich begreife, daß dieſer Gedanke etwas ſehr ſuͤßes fuͤr ihn haben kann. Ich weiß auch, daß ich an Hor⸗ —,— 197 tenſens Stelle, wenn mir dieſe Abſicht be⸗ kannt waͤre— ach wie wuͤrde ich dem Un⸗ terricht meines Lehrers dann ſo aufmerkſam zuhoͤren! ihm aͤhnlich zu werden, alle ſeine holden Eigenſchaften zu vereinigen ſuchen, und zugleich glauben, daß ich ſo ſeinen Wuͤnſchen entſpraͤche!— Nein, es iſt nicht moglich, daß ſie nicht einſt— ohne Zweifel nur zu fruͤh— das ihr angebotne Gluͤk erkenne und es genießen wolle. Wie unſelig fuͤr mich iſt dieſer Plan! Er will dieſem gluͤkſeligen Geſchoͤpf die ganze Be⸗ ſchaͤftigung ſeines Lebens weihen, und ſie ſoll ihn dann fuͤr die Wohlthaten lieben, mit denen er ſie uͤberhaͤufte. Und ich, was haͤtte ich denn gewuͤnſcht? Haͤtte er nun eine Gattin von ſeinem Alter gewaͤhlt, haͤtte Uebereinſtimmung des Charakters, des Geiſtes und Gefuͤhls, zaͤrtliches Ver⸗ 198 trauen, gegenſeitiges Hingeben, haͤtten im⸗— mer und mit jedem Augenblikke erneute Gefaͤlligkeiten Statt gefunden, haͤtte ich dieſe Neigung, deren. Genuß durch den Beifall der Vernunft beguͤnſtigt und be⸗ kraͤftigt ſo ſuͤß ſeyn kann, bei dieſem Paare erblikt, ſo waͤre mein Herz doch auch dann noch uͤher das Gluͤk dieſer Frau eiferſuͤchtig geweſen; denn mich duͤnkt, ſchon aus bloßer Freundſchaft muͤſſe man Fernancen ſehr lie⸗ ben. Haͤtte ihn aber das Schikſal vollends mit einer zaͤrtlichen, feurig empfindenden Geliebten verbunden, mit einem Weibe, die ihn faſt mit meiner Liebe liebte, wuͤrde ich dann nicht noch ungluͤklicher ſeyn? Ach ich haͤtte nichts zu wuͤnſchen, als daß er niemanden gehoͤrt haͤtte, und daß niemand ſein geweſen waͤre! Statt deſſen muß er ſich, ſelbſt wenn ich einigen Reiz fuͤr ihn 199 haͤtte, bei meinem Anblik ſagen: ich darf ſie nicht lieben. Schreklicher Gedanke! Ich werde irre: ich kann nicht mehr ſchrei⸗ ben. Ich leide unbeſchreiblich, und welchen Troſt kann ich hoffen? Mein Schikſal iſt entſchieden, und kann ſich nimmer aͤndern! Warum kann ich dieſen Aufenthalt nicht fliehen! Alles was ich ſehe, untergraͤbt meine Ruhe, und dennoch bin ich hier an⸗ gebannt; Sie wiffen es, Adele, ich bin es, denn ich hatte, ſelbſt wie Ihre Freundſchaft es gebor, nicht den Muth dieſe Staͤtte zu verlaſſen. Sechszehnter Brief. Den 15. September. Welche abſcheuliche Veraͤnderung! Fer⸗ nance will mich nicht mehr zur Freundin. Ich bin deſſen gewiß. O meine Schweſter, ich habe nur zu viel Grund, zu glauben, daß es gewiß iſt! Geſtern wie wir uns am Morgen zum Spaziergang verſammelten, kam er nicht wie gewoͤhnlich zu mir, um ſich nach meiner Geſundheit zu erkundigen. Mein Vater ſprach von meinem Befinden, und er hat ſich begnuͤgt, mir von Weitem einen, faſt nichtsbedeutenden Blik zuzuwerfen. Ich 201 ſagte, ich wuͤrde nicht ausgehen, ich ſey zu krank; ich ſezte mich nieder, und er trat nicht zu mir. Ich ſagte, daß ich in mein Zimmer zuruͤk gehen wollte, und niemand bot ſich an, mich zu begleiten, außer Felix, den ich ausſchlug. Nach Tiſche phantaſirte ich traurig auf dem Klavier, Fernance war gegenwaͤrtig. Mein Vater bat uns beide, etwas Muſik zu machen. Ich blikte Fernancen an, als fragte ich ihn um ſeine Einwilligung. Er antwortete, er haͤtte Hortenſen verſprechen muͤſſen, wieder zu ihr zu kommen, und noch einmal ſah ich ihn an, um ihn dringend zu bitten, daß er bleiben moͤchte. Er beſann ſich einen Augenblik, und verließ dann das Geſellſchaftszimmer. Uebrigens iſt er ziem⸗ lich munter. Hortenſe mag ihn wohl we⸗ 202 niger quaͤlen, weil er nicht noͤthig hat, mich von ihr zu unterhalten, noch uͤberhaupt mit mir zu ſprechen. Gewiß, meine Schweſter, wenn dieſes fortwaͤhrte, nnoͤchte ich lieber ſterben. Sollte er uͤber mich klagen koͤnnen? Waͤre das, ſo waͤre alſo Marie ganz unſin⸗ nig geworden. Sie haͤtte gegen die ange⸗ woͤhnte Stimmung ihres Herzens gehandelt. Sie erinnerte ſich deſſen nicht einmal. Sie haͤtte Gefuͤhl und Gedaͤchtniß verloren. Nein, nein. Ich brauche mich daruͤber nicht zu zannruüigen denn ich bin nicht durch meinen Willen, wider denſeben bin ich zu ihm hin⸗ gezogen, und haͤtte ich nicht das Suge Herrſchaft, das taͤglich abnimmt, uͤber meine Vernunft behalten, ſo waͤre ich zu uim ge⸗ gangen, ſo haͤtte ich zu ihm geſagt: nance, ich liebe dich. Ich haͤtte ihn nicht wiß⸗ ſentlich betruͤben koͤnnen, das iſt unmoͤglich. — 203 Ich bin vernichtet. Kaum bin ich ſeit geſtern im Stande, mein Zimmer zu ver⸗ laſſen. Das Erſtaunen, der Schmerz hat mich uͤberwaͤltigt, und mich zu einem irren⸗ den Schatten gemacht. Ich weiß nicht mehr warum ich lebe. Wenn ich Fernance auf⸗ ſuche, ſo geſchieht es ohne Abſicht. Ich kann ihm nicht zu begegnen wuͤnſchen; ſein gleich⸗ guͤltiges Weſen thut mir entſezlich weh. Theodor und Felir reiſen morgen fru 1 ab. Man erwartet ſie in Paris. Sie koͤnnen nicht laͤnger bleiben. Habe ich etwa Theo⸗ dorn Perhindert, fruͤher abzureiſen? Sollte Fernance mich daruͤber anklagen? Ich kann jezt meine Gedanken nicht recht ſammeln, ich kann nicht recht nachſuchen im meinem Kopfe, was dieſe unſelige Veraͤnderung her⸗ vorbrachte. Sollte das dauern koͤnnen? 204 Glaubte ich, daß man ihn gegen mich ein⸗ genommen haͤtte, ſo ſpraͤche ich mit ihm; ich wuͤrde ihm ſagen, daß man ihn betrog, daß ich nicht unwuͤrdig bin, ſo wie er es ehemals wollte, ſeine Freundin zu ſeyn. Damals, daͤchte ich, waͤre ich recht gluͤklich geweſen!— Ich bin entſchloſſen, kehrt er nicht zu mir zuruͤk, ſo ſpreche ich morgen mit ihm. Ich habe keinen Stolz. Ich will nicht zuͤrnen noch gleichguͤltig ſchei⸗ nen, weil er es geworden iſt. Gluͤklich ſind die Weiber, die Gewalt uͤber ſich ſelbſt ha⸗ ben, die ihr Herz zu verſchenken und einen Willen zu behalten wiſſen! Sie ſind der Liebe nicht ganz hingegeben. Fuͤr ſie iſt noch Ret⸗ tung.. Wir haben in dieſem Augenblik ein fͤrchterliches Wetter. Fernance muß vor⸗ —,—— 203 ausſezzen, daß ich ſehr erſchrokken bin, und dennoch kommt er nicht. Sollte er es wiſſen, daß mich eine andre Unruhe beſchaͤfftigt, die mich des Donners nicht achten laͤßt?— Da kommt mein Vater; er ſagt, Fernance haͤtte ihn gerathen, zu mir zu eilen. O Schweſter, Schweſter! warum kam er denn nicht ſelbſt? darin liegt etwas, das nicht ganz ſeine Schuld iſt. Er iſt nicht ſo grauſam. Wer koͤnnte ihn aber verhindern wollen, mir gut zu ſeyn? Es war ja nur Freundſchaft. Wie? man koͤnnte auf ſeine Empfindungen fuͤr Marien eiferſuͤchtig ſeyn? Der Gedanke thut mir wohl. Ich ſehe wieder Gluͤck. Es waͤre alſo moͤglich, auf Marien eiferſuͤchtig zu ſeyn! So waͤr er mirr ja ſehr gut. Mein Vater findet mich blaß und ent⸗ ſtellt. Er ſagt, meine Bewegungen ſeyen 206 ſo unruhig, daß ſie Fieber anzuzeigen ſchei⸗ nen; ich mußte durchaus aufhoͤren zu ſchrei⸗ ben. Denke an mich meine Adele; viel⸗ leicht iſt mir morgen beſſer. Siebzehnter Brief. Den 16. September. Ich wußte es wohl, daß mir heute beſſer ſeyn wuͤrde; ganz iſt es aber doch nicht vor⸗ uͤber, denn er iſt noch nicht ganz zu mir zuruͤk gekehrt. Ich weiß aber doch, was ihn dieſe beiden Tage verhinderte, mir freundſchaftlich zu begegnen. Eben ſagte er mir noch einmal, ich ſollte mich nicht beun⸗ ruhigen, es werde nicht dauern. Ich will es ihnen anvertrauen, Adele: Fernance hat eine ſehr lebhafte Erklaͤrung 208 mit ſeiner Frau gehabt; ſie hat Vorwuͤrfe mit Vorwuͤrfe beantwortet, und ich war der Gegenſtand der ihrigen. Jener ruͤhrende Ausdruk von Freundſchaft, den Felix im Vorbeigehen an den Saalfenſtern wahrge⸗ nommen hatte, iſt ihr nicht unbekannt ge⸗ blieben, und ſie hat ſich zu rechtfertigen ge⸗ glaubt, wenn auch ſie eine Eiferſucht aͤußer⸗ te, die ſie gewiß nicht empfindet. Ich fuͤrchte, Felir hat ſeinem Bruder auch noch alles mitgetheilt, was er bey andern Gele⸗ genheiten, wo er mich zu aufmerkſam beob⸗ achtete, hat wahrnehmen moͤgen. Man hat Fernaneen daruͤber geſcholten, daß wir eine zu zaͤrtliche Freundſchaft fuͤr einander empfaͤnden. Ja ſie hat Recht, eine zu zaͤrtliche Freundſchaft: aber nur eines von uns trifft dieſe Schuld, und man muß nicht meinetwegen Fernancen— ach ſo ungerechter — 209 Weiſe! quaͤlen. Er ſieht es wohl, daß ſeine Frau uͤber die Dinge, dieman ihr wie⸗ der geſagt hat, nicht recht im Ernſt beun⸗ ruhigt ſeyn kann. Sie ſind ſehr unwichtig, und ihr Gefuͤhl iſt keines von denen, welche bey dem erſten Verdacht ein Herz verzehren und der Verzweiflung Preis geben. Fer⸗ nance iſt indeß durch Theodors Gegenwart und Bewerbungen ſo ungluͤklich,, daß er ihr, die dieſen Bewerbungen ſo leicht Gehoͤr giebt, gar keinen Vorwand hat laſſen wollen. Es traf mit einer Abreiſe zuſammen, die er wuͤnſchte, und die er durch das geringſte Hinderniß aufzuhalten fuͤrchtere. Er hat verſprochen, daß ihr ſeine Aufmerkſamkeit fuͤr Marien nicht mehr die geringſte Untuhe verurſachen ſollte. Ach ich verzeihe es ihm, ſeine Ruhe auf Koſten der meinigen erkauft 210 zu haben! Er laͤßt ſich's ja auch aicht in den Sinn kommen, wie weh er mir that. Wenn Sie wuͤßten, Adele, mit welcher Einfalt er mir ſagte, er habe Hortenſen uͤber die Un⸗ ſchuld meiner Empfindungen beruhigt, ſo wuͤrden Sie von ſeiner Scharſichtigkeit nichts beſörgenz Sieiwuͤrden zufrieden ſeyn⸗ denn Ihnen kommt es zu, nur die Klug⸗ heit zu kennen, nur die Ruhe ihrer Freundin zu wuͤnſchen; allein ich fuͤhlte bei dieſer un⸗ geheuern Blindheit die ſonderbarſte Enpfin⸗ dung, ich glaube, ich haßte Fernamen. Und doch, was koͤnnte ich thun, was ſollte aus mir werden, wenn er meine geheimen Gedanken erriethe?. Ja ich ſollte ihn haſſen. Welche unbegreifliche Gefaͤlligkeit hat er fuͤr ſeine Frau? Sie wuͤnſcht, er ſoll Marie nicht mehr lieben, und ſogleich ſcheint Mn⸗ rie nichts mehr in ſeinen Augen. Doch weiß 211 ich es ihm Dank, daß er ſeinem J Innern nach derſelbe iſt. und endlich mich zu erͤſten; ver⸗ lucht hat. 4= n i am 1 1 2— 21: 7 3 Gnttt ne 11 195 „Ich. muß es Ihnen ae„ Adele,„ ein axuer und. ſehr ſußer Grund f fordert ihn ohne Zweifel zu neuen Gefaͤlligkeiten gegen Hor⸗ gtenſen guf.. Ihre Wͤnſche ſind erfuͤllt, das Vertrauen, die Hingehung„die Liebe/ 05 de noch nicht getheilt wurden, werden es had ſeyn. Eine andere hoͤchſt reizende Lage wird das Hexz dieſer Fran. Gefuͤhlen die ſie noch nicht kannte, öffnen. Ihrem geichtſinn zum Traz wird ſie liebem. Sichere Anzeichen g ver⸗ pathen ihr en Zuſtand. 3 kann die Freude, die ſie ie empfinden die Freude⸗ die ihnen peverſteht, nicht demtlcheß ausdrjtten., Sie iſt mir verhaßt, und ich wollte, 9 muͤßte 2 8 1 9 ½ 8& 1 4 1 31 Lile HoHttt imt zua! 212 mich nicht„ wie ich es thue, ſo unwillküht⸗ lich den ganzen Tag damit beſch afftigen. Um ſo mehr, da ich von dem Schaden, den mir Fernance gethan hat, da er mich fuͤrch⸗— ten ließ, er ſei mir nicht mehr gut, noch nicht ganz geheilt bin. Ich bin zerſchuͤttert. Ich leide müusfprechlih. Wäre ich nicht ſo an Schmmerz godöhnt, ſo köͤntite iw glauben, 603 mir eine ehe Krankheit beboiſteht. n lüt 1 Wan — Gaich e 36nzist Nchäll oisonn auid nen Gan Iſ es mgtich, Fernance?: für einen veinzigen Wunſch Fhrer Frau vergeffen Sie alle Zattlichteit, die ich Ihnen erwies? 7 Er ſchet Kußetſt eiſtaunt,— wie ich ihm heute miorgen ſagte:„Fekiante,„ich bin visllecht unvernuͤnftig,„ alkein ich geſtehe es, 6 ein Zei⸗ ꝛchen von Gleichgaättigkeit bei einem Fieunde thut mir unendlich weh. Er verſprach, es 213 dabei bewenden zu laſſen, daß er in Gegen⸗ wart ſeiner Frau etwas mehr auf ſich Acht gaͤbe, und das würde ohne Zweifel nur kurze Zeit dauern; ſie wuͤrde den kleinen Anlaß ihrer Unruhe bald ganz vergeſſen„ und in ſeinem Innern wollte er nur die zaͤrtlichſte Theilnahme, das vollkommenſte Vertrauen aufbewahren. In allen ſeinen Ausdruͤkken ſuchte er mich uͤber den mir verurſachten Kummer zu troͤſten, und er ſezte hinzu, daß er ſichs vorwuͤrfe, die gute gefuͤhlvolle Ma⸗ rie, deren liebenswuͤrdige Reizbarkeit ihm doch haͤtte bekannt ſeyn ſollen, nicht beſſer geſchont zu haben. „Ich verbiete Ihnen, mir dieſe Reiz⸗ barkeit vorzuwerfen,“ rief ich, und bedekte ſeinen Mund mit meiner Hand. Faſt haͤtte mich meine Thorheit, meine Liebe zu einem biete Ihnen, mir Unempfindlichkeit aubues⸗ then; es iſt niche mehr Zeit. Ich wuͤnſchte, nieine Adele, dieſen Brief fortſezzen: zu koͤnnen.. Es fallen mir dunkel noch viel andere en ein, die ich Ihnen von ihm ſagen wollte; aber ich habe Kopf⸗ weh und Nattigkeit. Vielleicht ſchli tefe ich wohl etliche Stunden. Die einbrechende Nacht wird meine Ruhe beguͤnſtigen. Hor⸗ tenſe! waͤre man gluͤklich wie du, ſo mußte man Tag und Nacht dazu anwenden„ ſein Schikſal zu ſegnen; fuͤr mich kann es nichts beſſeres geben als Schlaf. Nun es iſt nicht anders moͤglich! Fer⸗ nancens Liebe muß mit ſeinem Gluͤke zuneh⸗ men. O mein Herz, wie unregelmaͤßig ſind Geſtäͤndniß hingeriſen: Fernaute,. ich se ver⸗ 215 deine Regungen? Warum ſchlaͤgſt du ſo hef⸗ tig? Was kannſt du gluͤkliches hoffen? Das mußte ja ſo kommen. Wie ſehr leide ich von allen Seiten! Ich verlaſſe dich, meine Freundin, ich kann nicht laͤnger ſchreiben. Warum kann ich nicht an deinem Puſen einſchlummern? (DI 33. nem Achtzebnter Beist 97 Dieſer Brief iſt I Fernanten durch Marien in die Feder geſagt.) Den 24. September. Fernance will ſo gut ſeyn, mir als Sekre⸗ tair zu dienen. Ohne Zweifel ſind Sie unruhig, meine Schweſter, in acht Tagen keine Nachricht von mir erhalten zu haben. Ich war ſehr krank, ich hatte ein Entzuͤn⸗ dungsſieber, und noch bin ich zu ſchwach, um Ihnen ſelbſt zu ſchreiben. Sie werden zwiſchen ſich und mich nicht gern einen drit⸗ ten ſehen; fuͤrchten Sie nichts, der Beiſtand 217 dieſer fremden Hand wird mich verhindern, unſre Geheimniſſe zu beruͤhren, ſo ſchwen es mir auch wird. Die Krankheit hinterlaͤßt ſo viel Schwaͤche, und man braucht ſo viel Kraft, um zurükzuhalten. was ſi ich beſtän⸗ dig aus unſerm Herzen draͤngen moͤchte⸗ 8 3ch. war vier und zwanzig Stunden kang in Gefahr. In einem andern Leben, „ meine Schweſter.„ wuͤrden mir da die Auf⸗ opferungen augerechnet worden ſeyn? Es iſt lange her, daß ich nicht gluͤklich bin. Der Tod ſcheint mir nicht ſehr furchtbar. Doch waͤxe ich nicht gern geſtorben. Ich weiß nicht recht warum. Ja, wenn ich ge⸗ wiß wuͤßte, daß man mich beweinen wuͤrde! Aber das, meine Adele, hoffe ich nicht. Doch hier ſpreche ich nicht von Dir; daß Du nicht undankbar biſt, weiß 2 ich.— Fernance wilt ſich kei ne ſolche Thotheiten diktiten laffen. Mein ſchwer⸗ müthiger Styl betruͤbt ihn, aber ich befehle ihm fortzufahren. Sa er ein Bischen mein Freund ſeyn witl 3 iſs muß er ſich der kleinen Muͤhe, Dir zu ſagen, was in meinem Herzen vorgeht, ſchon unter⸗ 22 15 Iot?. Jch ſchone ihn, dieſen Jetnanee. Ich ſage ihm nicht alles, aus Furcht ihm zu mißfallen. Wenn nnein Leben, wie ich wohl glaube, nicht mehr lange danert, und ſeine Freundſchaft es von Dir ſorbert, meine Schweſter„ ſo wirſt du ih: einſt Iree eivas mehr von mir ſagen. Rer e 6 45ʃʃ. e Sch habe ihm das Gemaͤhlde, daͤs er durchaus beendigt ſehen wollte, endlich — — zageſtett. 30 hoffe, er weiß mir fr meine Unterwürfigkeit Dank; denn es ha 8 mir oiel gekoſtet. Er kannt nicht klagen, daß ich eine ungtlehtige Freundin bin. Jezt aber ſagt er, dieſer Brief würde Ihnen vielleicht nicht gefallen, weil er ihn— ſchrieb; er glaubt, daß Sie ihn nicht leiden koͤnnen. Antworten Sie ihm, meine geliebte Schweſter, daß es nicht wahr iſt, daß Sie ihm nicht gut ſind. Ich kann es nicht ertragen, wenn ſich Fernance einbil⸗ det, es ſey ihm jemand feind. Er hat es um dich nicht verdient, aber haͤtte er auch, in Mariens Namen fleht Marie um dei⸗ ner Guͤte: vergieb ihm! vF Er fuͤrchtet, meine Adele, daß ich mich zu ſehr ermuͤde, wenn ich laͤnger mit Dir ſchwazze; er erlaubt mir nicht den 229 Brief länger zu machen. Wenn er nicht waͤre, wenn der Befehl ſeiner Freundſchaft, mich ruhig zu halten, nicht waͤre, ſo moͤchte ich den Ausdruk der ſüßeſten Ge⸗ fuͤhle meines Herzens nicht unterbrechen, Adieu Adele. „ —— osFeyrnance an Adele von N. dil 249711 „ 12 1 da 24. Srenze Fiant von Sineclait Srn mich, Sie wuͤrden es verzeihen,. daß ich dieſen Brief in ihrem Namen fottſezz3; Sit koͤnnen e5 um 1 mehr, da ich nüt ön ihr ſprechen will. Sie wird nicht ſehen, was ic ſchreibe; ich kann Ihnen alſs meine pein⸗ liche Beſorgniß wegen ihrer Geſundheit ge⸗ ſtehen. Ach Ihre Schübeſter ſchwindet raͤglich mehr dahin! Ihre gefühwotten da zenden Zuͤge verlieren nach und nach ihte ſanfte Lebhaftigkeit, die in Leiden; zu verld⸗ ſchen ſcheint. Hetr von Sbuvre⸗ theilt meine finſtere Ahndung. Wenn Marie den Rath ihres Arztes, um wenigſtens, da ſie die Brunnenzeit ungenuzt verſtreichen ließ den Winter in den ſuͤdlichen rovin⸗ zen zuzubringen. nicht befolgt— ſoll ich es Ihnen ſagen?— wenn ſie dieſem wei⸗ ſen Rath widelſteht, ſo giebt es vielleicht keine Mittel mehr, ſie zu xetten. Beſchul⸗ digen Se mich keines Mangels an Thei⸗ nahme, 2 gſauben Sie Rig, n daß ich alle meine Bemuͤhug gen angewandt habe⸗; um Pr a alle Sorgfalt, die ihr nuzlich ſeyn kon ⸗ te 3 zu empfehlen,, 3ch habe taͤglich 5 aber immer umſonſt 1 ine Bitten frneuext. 85 band man ihr pyyſchlägt, ſich gon bier 39 enernen, will ſe auf nichs mehr doren. Es ſcheint, ihr Abſchied von Spuope, ſei ein unmögliches Opfer. Glauben Si cr⸗ anaͤdige Frau, daß Ihne Sifeaſgh dem Willen ihrer Freunde in allen Stüͤk⸗ ken fuͤgt, wie ſie, es Ihnen ſagt. Oft ſchon hab ich es ihr vorgeworfen, und noch jezt drobte ich ihr, ſie bei Ihyen zu verklagen. So oft ich die Nothwendigkeit erwaͤhnte, dieſen Sommer d die Brunnenkur zu hronchen, oder in, der Mitte des Herb⸗ ſtes einige Zeit mit Junen in einer ihr zuf traͤglichen Luft zuzuhringen, g gutnxtet ſſe Hfitt mit. lehhafter Ungeduld: ſe iir nie n1 Nn uns richt deeſe ſonderbare Durzast banen alle Heilungsmittel von ſich zu w eien, erſchrekken? Mich duͤnkt. es liegt darinn ee was von dem außeradentichen Eigenfn, dü. 224 von deiftraurig fanktäſtiſchen Einfaͤlen, welche zuszehrende Krankheiten mit ſich bringen, und die ſo vft die trantkigſten Borbedeutüngen ſind! Ich beſchwöre Sie,„ gnaͤdige Frau, 3 ſiichen Sie noch einmal mit Aler Gewalt der Freums ſtaſti in dieſe Freundinn z dringen deren Berkrann auf Sie ſo groß: iſt, die Sie ſo zätt⸗ Nich N bi, die Abekens Janze Achtung und Zhäzaige aus K giäten Grunden berdien. 34 m man muß alls bei Marien g auwenden; Eie Fnnen nicht ingeade Benug Pieteh. Sei ihrein ſegen Kankheit i 2e ſoihneſdſe als jemals. Ein heftiges Fieber, das acht Tas ge fortwaͤhrte, hat ſie unendlich angegtiffen, ſt 8 iſt ſehr ſchwach geblieben. Fezt iſt ſee. faſt beßndtz in eine tiefe Schwermuth,„ gegeu die wi wit unglütlicher Weiſe kein Mittel kennen, verſunken. Durch eine andere Wiärkung ihrer Schwaͤche ſpannt ſich zu Augenblikken ihre 225 Einbildungskraft„ und geraͤth in die ſonder⸗ barſte Verwirrung. Mich duͤnkt, Sie muͤß⸗ ten es in dem Briefe, den ſie mir eben in die Feder ſagte, ſelbſt bemerkt haben. Ihr Herz muß Ihnen ſagen, gnaͤdige Frau, wie es ihre Freunde ſchmerzen muß, ſie in die⸗ ſem Zuſtande zu ſehen. Waͤre es moͤglich ſie zu kennen, und ihr nicht Ruhe, Geſundheit, Gluͤk zu wuͤnſchen? und geben mir dieſe aufrichtige Wuͤnſche, nicht einiges Recht auf Ihre Güte? 19 39 Hod, ih ea. eie e 55 Näutzehntes Brief. A ADH 5. n, 97 Leig nn Marie, an Adele. 4 mt rre i S ge. Septeikber. Es iſt doch war; daß ich das deben noch liebe. Es giebt mir die Faͤhigkeit zu lieben. Wie freut es mich, dich zu lieben„ meine Schweſter, und es dir zu ſagen! die Feder zu halten, iſt jedoch ziemlich alles was ich ver⸗ mag; denn ich bin noch immer ungemein ſchwach. Vor einigen Tagen haben wir dir zuſammen geſchrieben, Fernance und ich. Ich hoffe du biſt nicht ungehalten daruͤber geweſen. Ich verſichre dich, Fernance ſchaͤzt 22⁷ dich ſo zeitlch, daß dn iht In abad ettt feyn ſollreſt. ain cailairdgie nntann. Er hat ſich bei dir uͤber mich beklagt; aber errweiß nicht recht was er fagt. Er laͤßt ſich die geheimen Triebfedern die mich leiten gat nicht in den Sinn komimen. Wenn man ein Gefuͤhl nicht theitt, wenn man nicht von dem Wunſche beſoelt iſt, es zu erregen, traͤgt man wenig dazu es zu entdekken. Die 4 ſtaͤrkſten Merkmale von Liebe ſind einen gleich⸗ guͤltigen Ange ſo viel wie nichts. Was mir ſehr wehe thut iſt, daß mit Fernance den Vorrurf machen kann, als haͤtte es mir an Gehorſam gegen ſeinen, Rath gefehlt. Sie wollten mich in ein Bad ſchikkeny ſie moͤchten zezt, daß ich mich einige Zeit in den mittaͤg⸗ lichen Prövinzen aufhielte, ſie wollen= Ales was ſie wollen iſt unmöglich. Ach ns ellen d 2 89 4 imt 228 meine thoͤrige Neigung iſt der einzige Grund meiner Widerſezlichkeit! Aber vielleicht wird die Krankheit an der ich niederlag, dem Gan⸗ zen meiner Geſundheit zutraͤglich ſeyn, und man wird aufhoͤren, mich wegen einer Reiſe zu quaͤlen, zu der ich mich nie entſchließen kann.„Das Fieher hat mich noch nicht ganz verlaſſen, aber ich leide nicht mehr. Ich fange an, ziemlich lange nach einander ge⸗ hen zu koͤnnen. Fernance iſt ſo gefaͤllig, mich bei meinen Spaziergaͤngen zu begleiten, und die herzliche Theilnahme die er mir bezeugt, traͤgt viel zu meiner Geneſung hei. Seine Frau muß voͤllig von ihrer Unruhe geheilt ſeyn, denn ex iſt aufmerkſamer, zaͤrtlicher geworden als er es war, ehe er ſeiner Freun⸗ dinn untreu werden wollte. Mein Vater, und ſelbſt Hor tenſe beſchaͤftigen ſi ſich auch ſehr mit mir. Es iſt ſehr ſuͤß geliebt zu ſeyn; 2²⁹ nur Hoitenſes Bemnähunzgei häbetf ermas das mir zuwwider iſt. Ich bin nicht zut Undanke barkeit gemacht,. und— wenn n ſie ſch den erkundigt. miſcht ſich in meine Erkennt⸗ lichkeit, manche recht boͤſe Regung, die ich nicht unterdruͤkken kann. Ach ein Gefuͤhl das ſich einſtellt wo es nicht ſollte, hat manchẽ ſtrafbare Empfindung in ſeinem Gefolge. Dieſe Wahrheit beraubt einem Herzen, das gern unſchuldig geblieben waͤre, keine Ruhe zu. Meine Schweſter ich bin ungeduldig deine Antwort auf den Brief zuden ich ihm in die Feder ſagte, zu erhalten. Ich moͤchte wohl wiſſen ob ein paar fteundliche Worte fuͤr ihtt darinnen ſehn werden: ja du biſt gut, und du liebſt mich. Er iſt alſd Aidtich wieder mein Freund! gieleicht ſagt er es mir, um mich wieder an das Leben zu kuͤpfen. Er weiß, 88 daß ich Ermunzeruzg, brquche. Er. mach miſh glauhen, daß ich geliebt werde, wie man ſchwache Kinder m nit dem Verſpyechen hin⸗ haͤlt, ihnen das Unmoͤgliche was, ſie vexlan⸗ gen zu geben. 6 Du meine Schxzeſter, ſeit du mir zuſagteſt meine Freundinn zu ſeyn, haͤltſt du mir treulich was du mif, verz ſprachſt. H deine Zaͤxtlichleit warnwicht un⸗ niz angebracht! Wiß pſt warſt d mis nothwendig, wis oft haſt du mich, ge⸗ Aiſtat nnn ier n25 1deg picluceuu nh Ati26 PIehfdognn uId Gi 1710n, D uioe n ie— Soupren moͤchte i wenn⸗ wie⸗ der ſehen. 3 Willſt da nicht kommen? E ſagt, weil ich krank, hin, ſey deine, Gua neben mir; er weiß dein Herz zu heuxtheilen. Pein Water tzzzugt mit berhnupg iestzie Fheilnahme,, Mich uͤnkt, ich waͤre ihm nie Gleb geweſen. Die Zaͤrtlichkeit die ein jeder 231 fuͤr mich hat, mildert meine Leiden gar ſehr. Ich beſchwoͤre Sie, meine Adele, wenn Kie frei ſiude und Ihr Bruder Ihrer nicht durche auß bedarf, ſo kommen, Hie auf einige Tage zu uns; die Witterung iſt noch ziemlich gut⸗ Was ſagt dieſer Bruder von mir? Ehemals intereſfirte ich ihn. Ich zerwoͤhne ſeiner nie gegen Sie, ich vergeſſe die pelche ich ſiehen, ſollte, und denke nur gu dem. Fernguxen waß wollge ich ſagen à, dur hiſt meiner Zaͤrt⸗ lichfeit nicht unperth. Ich hin ſogar gezwugß gen dich hochzuſchätzen, du thuſt wohl, mir verſagen. Du haſt nicht daß Recht, mir meine Nehenbuhlerjun nicht vorzuziehen, unde daß du mir die Liebe von der, ich fuͤr dich brenne verſagſt; muß dich mir noch theurer machen. unh, e tee t Er kommt mir jezt ziemlich ruhi 8 vor. Hmeife iſt ſo leichtfinnig wie immer, ſie ſcheint ſich Thebdors kaum mehr zu erinnern, und Marien nicht mehr zu lhh Eſs 9* zech Gan dſi Büttten 24 r 2 unn Sie reiſten den Tag vor meiner Krank⸗ heit ab. Felin fand fuͤr gut, mit einemn auf⸗ gebrachten Weſen von mir Abſchied zu neh⸗ men. Sein Zotn war mir hetzlich Fleichgͦl⸗ tig! man iſt granſam, wenn man liebt; einen ennzigen Gegenſtand ausgenommien, iſ man kalt gegen Alles. Was verſchluͤge mir der Haß vder die Liebe des ganzen Geſchlechts? Ware ich ihm aber ſo werth wie Fernaͤnce be⸗ hauptet, ſo waͤre er doch ſehr ungluͤklich; daß iſt aber unmöglich: Fernance allein verdient es, ſo geliebt zu werden. Ich matte mich ab, er 2 8 .S 5 12 2 ‿ — — — . Ich reibe Kraͤfte auf, indem ich dir ſchreibe; Schweſter meine S 2 = — — 8 — — — S — — — a9, — — Z 2 2 S — 3 5 108 1! 369—— 9 Gi n ie n 8 5 Cnn Is ie, h ihl 82 Au Zwanzigſter Brief. un! no 7 7. Oktober. O meine Schweſter, wo ſoll ich mich ver⸗ bergen? Ich ſinke in deine Arme, verzeih mir! Fernance weiß, daß ich ihn liebe. Welcher neue Sturm erhebt ſich in meiner Bruſt! Mein ſchwaches Leben kann dieſe wech⸗ ſelnden Bewegungen kaum ertragen. Leiden und Seligkeiten einer im Liebe verſunkener See⸗ le, Ihr dringt zu gleicher Zeit in mich ein, Ihr vereiniget Euch, und oft ruft eine und dieſelbe Urſache Euch hervor. Bald weine ich vor Schmerz, bald rufe ich im Entzuͤkken thoͤriger 235 Freude: Fernauge waiß daß ich ihn liebe nicht wahr, meine Schweſter⸗ Sie begreifen wohl, daß eige wahre⸗ Gluͤkſeligkeit Faxiun liegt, zu wiſſen, daß der den wir lieben, uuſre Liehe kennt, ſolgte er guch eine zu ſeinem Gluͦk uunöghige Kuechtſchaft bedauern? Es ſcheint ſogar als ſei unſre Feude lebhafter, je zarter unſre Zurkhaltung iſt. um Liehe einzuge; ſichen ⸗ weun Schasmhaftigkeit und Fugend uns gleich heilig ſinde hraucht es einer großen Aufopferung, und dieſe iſt Sein unbeſchgeib⸗ liches Bergnuͤgen! Aber ach, Fernauce giebt meinen Empfindungen keinen Beifall, Kaum konnte ich es von ihm erhalten, daß er ſiß nicht ſogleich zu zerſtoͤren ſuchte, Er wollte ſogar, die, Abweſenheit verſuchen, gluͤklicher⸗ weiſe heſtand er nicht daxauf. Das Wort: Vernuuft, das mir ſo verhaßt geworden iſt, hat mau mir oft wiedexholt. Ein Herz, das 236 in den Zuſtand des meinen iſt, heilen zur wollen, heißt meinen Tod fordern. Wie viele Vorwuͤrfe werden Sie mir machen, meine Freundinn 1 Es wird mich nicht wundern, vielmehr erſtaune ich wie ich ſie verdienen konnte; ich erinners mich doch, wie ſicher ich in den erſten Tagen meines hieſigen Aufent⸗ halts meiner ſelbſt war. Wer haͤtte mir ſa⸗ gen koͤnnen, daß ich ſo weit von meinem erſten Entſchluß abgefuͤhtt werden wuͤrde? Ich will dir alles ſagen. Du hatteſt fuͤr Fernancen eine grundlofe Abneiguug, denn er war nicht frei⸗ willig die Urſache meiner Gefuͤhle. Nun du ſeine reinen theilnehmenden Abſichten kennen wirſt, nun du wiſſen wirſt, daß er wuͤrklich der Freund, der Troͤſter, der Fuͤhrer deiner Marie ſeyn will, wirſt du ihn gewiß lieben. Ich muß dir fuͤrs erſte geſtehen, daß der Beweis von Vertrauen den miß S dernanet 237 durch die Mittheilung ſeines Kummers gege ben hatte, die Nothwendigkeit, waͤhrend ich ſein Bild mahlte, mein Auge lange auf ihm verweilen zu laſſen, meine Furcht ihn zu ver⸗ lieren, als ſeine Fran eiferſuͤchtig war, ſeine Ruͤkkehr zu mir, ſeine ruͤhrenden Gefäͤlligkeiten waͤhrend meiner Krankheit, daß alles dieſes als ich es mir ſelbſt geſtehen durfte, aufge⸗ regt hatte. Wenn ich es aber mehr bedenke, ſo glaube ich doch, wenn ich mir ſeit einigen Tagen von meinen Empfindungen ſtrenge Rechenſchaft abgelegt haͤtte, ich wuͤrde es wahrgenommen haben, daß mein trauriges Geheimniß im Begriff war mir zu entwiſchen. Fernancens Annaͤherung, ſelbſt ſeine Gegen⸗ watt, verſezten mich in eine Entzuͤkkung die mir nicht die geringſte Beſinnungskraft ließ. Das Andenken deſſen was ich der Vernunft 238 ſchuldig war, lebte nicht mehr in mir. Die gaͤnze Marie war der Aebe mnteröcht: Wenn man krank war, wenn man noch ſchwach iſt da⸗ iſt das Gefühl maͤchtiger„uiid man hat gleichſam keine Kraft, weder ſeinen Schnierz uoch ſeine Freude zu beſaͤnftigen. Zudem muß⸗ kua) der Zufall ſich wider mich gerſchwo⸗ wie konnte ich entgehen? ie minin fn mn seee e, ki aer h .⸗Geſtern nach Liſch wollte Hoktenſe ſ ſpa· gieren gehen. Sie ſagte zu meinem Vater, daß ſie ihn gern in ein benuchbartes Hans, wohin er zu gehen gedachte, begleiten wurde. Ich harte eine Partie Schach mit Fernance angefangen! Seit ich kauk war hat man diel Gefaͤligkeit gegen mich; da man glaubte, daß mir dieſes Spiel Frende mache, wollte man es nicht unterbrechen und forderte Fernan⸗ een auf, bei mir zu bleiben. Dennoch ſpielte 239 ich nicht, ich nahm nur eine Lektuͤre. Ich haͤtte das Spiel wiſſen, und es bei ihm dens noch voͤllig vergeſſen koͤnnen. Wie wir allein waren, ward es mir unmoͤglich, auf ſeiten güten Rath zu hoͤren und ich moͤchte die Vorwuͤrfe, die er mir uͤber meine fortwaͤhren⸗ de Zerſteuung machte, vollkommen verdienen. Nach einer Viertelſtunde ſtand ich auf. Ich war unruhig, und in einer entſezlichen Verle⸗ genheit; ich wagte nicht zu ſprechen, und doch guaͤlte mich das Stillſchweigen. Ich ſagte endlich zu Fernancen, daß ich auf mein Zim⸗ mer gehen wollte, um mich anszuruhen; er mochte indeſſen Hortenſen entgegen gehen; allein er bat dringend, mich hinauf fuͤhren zu duͤrfen, und ſezte hinzu, wenn es mir nicht unangenehm waͤre, wollte er bei mir bleiben und mir vorleſen. Wir traten in das Kabi⸗ net vor meinem Schlafzimmer. Er ſezte ſich 240 neben mich auf den Sopha. Calliſte, der allerliebſte Roman von der Frau von Char⸗ riere,„den er ſchon kennt, und eben deß⸗ wegen wieder leſen wollte, lag aufgeſchlagen vor uns.“ Er fragte, ob er da wo ich geblieben war, weiter leſen ſollte. Ich nahm es an, und freute mich ſchon in Vor⸗ aus„dieſes Buch der Liebe von ihm leſen zu hdren. Bald waren wir bei den ruͤhrendſten Stellen, wo faſt jedes Wort die Sprache und die Qualen einer geidenſchaft ausdrukt, die der meinen ſo aͤhnlich iſt. Wir bemerkten zuſummen das Gefuͤhl⸗ die Zartheit, die Liebe, in dieſem köͤſtlichen Roman, das Durchdringende des Ausdruks, ſolbſt deſſen Na hlaͤſſigkeiten, die zu ſeinen Zanber beitragen. Zu tief geruͤhrt, hoͤrte ich endlich auf, zu loben, um aufmerkſamer zu⸗ 2 3. 241 hoͤren können. Alleln nach einigen Augen⸗ blikken warf Fernance das Buch weg: „ich kann nicht fortfahren“, ſagte er, „Calliſte war nicht geliebt, ſie war zu „ungluͤklich.—„Nein, nein,“ rief ich, ohne mich zuruͤkhalten zu koͤnnen,„ich kann ſie nicht beklagen. Sie hatte ihre Liebe geſtanden, ſie war nicht ganz un⸗ gkuͤklich. Freilich war das Herz ihres Geliebten nur ſchwach geruͤhrt, denn er hoͤrte die Vernunft noch; oder wenigſtens gehoͤrte er doch keiner augebeteten Neben⸗ buhlerin.“— Ich war ſo verſtoͤrt, daß er ſagten„Ich that wohl, dieſe Lekture abzubrechen; ſie taugt nicht fuͤr Sie.— Er nahm meine Hand. Er fand ſie bren⸗ nend. Er ſuhr fort, ſie in der ſeinigen zu halten. Ein Stillſchweigen von einigen Minuten erfolgte. Mir ward beſſer, ich ward ruhiger, von der Ruhe eines zufrie⸗ denen Herzens. Fernance war neben mir, er dachte nicht mich zu verlaſſen, und zuweilen druͤkte er ſanft meine Hand. Nachdem noch einige Angenblikke in dieſer angeneh⸗ men Lage verfloſſen waren, konnte ich mich unmoglich enthalten, ihm zu ſagen:„Iſt es ſo nicht beſſer, Fernance, als wenn Sie mir Ihre Freundſchaft entzogen haͤt⸗ ten?— Iſt es Ihnen lieb, daß man Sie nicht gezwungen hat, kalt gegen mich zu werden?“—„Ach glauben Sie nicht,“ antwortete er,„daß man mich je thaͤtte zwingen koͤnnen, mich nicht mehr fuͤr meine geliebte Marie zu intereſſiren. Meine Kaͤlte war nur Schein, war nur 243 die Wirkung einer Gefaͤlligkeit, die nicht dauern konnte.“—„Waren aber einige Tage nicht ſchon zu viel? Ihre Gleichguͤl⸗ tigkeit hat mich grauſam geſchmerzt.*— Er erwiederte, ehe er mich haͤtte leiden laſſen, waͤre er lieber abgereiſt, er haͤtte mir die Gegenwart eines Mannes erſpart, der ungluͤklich genug geweſen waͤre, ſich an der Freundſchaft zu verſuͤndigen. Der Gedanke durchdrang mich mit Schrekken.—„Fernance,“ ſagte ich, faſt wider meinen Willen,„lieber moͤchte ich noch Ihren Kaltſinn ertragen, als von Ihnen getrennt ſeyn. Sie verlaſſen! Nein⸗ das iſt unmoͤglich!“ Er ſah mich an. Ich ſchlug die Angen nieder. Er druͤkte meine Hand feſter. Ich ſah, daß er ſehr ge⸗ 78. Q. 22 ruͤhrt war. Welche Verwirrung, welche unausſprechliche Bewegung hat dieſer An⸗ blik in allen meinen Sinten erregt!— „Marie,“ ſagte er, mit etwas lebhaf⸗ tem Tone,„ich bin ſehr gluͤklich, ſolch eine Freundin zu beſtzzen. Sie haͤben mich alſo ſehr lieb? nicht wahr? Ich habe noͤthig, daß Sie es mir noch einmal wie⸗ derholen.⸗ minn n e nn Die Wirkung, welche dieſe Art von Zweifel und Abfragen auf mich machte, iſt unbeſchreiblich. Ich fuͤhlte meine Ver⸗ wirrung dergeſtalt zu nehmen, daß die Furcht mir Kraft zu einer lezten Anſtren⸗ gung gab. Ich entfernte mich von ihm, und in meinem Entſezzen ſagte ich mit einer Art Unwillen:„Was verſtehen Sie durch die Frage, ob ich Sie lieb habe?— „Verzeihen Sie; das Vertrauen, das 245 Sie mich oft in Ihrk Gefinnungen zu ſezzen aufforderten, ſchien mir dieſe Frage zu erlauben. Ich ſuchte mich Ihrer Freund⸗ ſchaft zu verſichern, Ihrer Freundſchaft, Marie. Worin uͤberſchritt ich die Gren⸗ zen? wie habe ich Sie erſchrekken koͤnnen? Moͤchten Sie mein Vertrauen in Ihre Freundſchaft beſchraͤnken 2— Ich antwor⸗ tete nicht, ich konnte nicht ſprechen.—Ha⸗ be ich zu viel auf Sie, auf Ihre Theilnahme gerechnet, ſo ſagen Sie mir, ich beſchwörg Sie, welcher meiner Ausdruͤkke Ihnen mißfallen hat? Und iſt es wahr, daß Sie Fernancen lieben, ſo ſcheuen Sie ſich nicht⸗ es ihm zu ſagen.”—„Grauſamer,“ rief ich hingeriſſen,„ſchweigen Sie! Ich kann Sie nicht laͤnger hoͤren.. Ob ich Fernan⸗ cen liebe!= und ich legte ſeine Hand auf mein Herz, das gewaltſam ſchlug;: „Fuͤhlen Sie mein Herz, Fernance? es ant⸗ wortet Ihnen.*—„ Was iſt Ihnen, Ma⸗ rie?t rief er unruhig,„warum dieſe lebhafte Bewegung? Ich zerfloß in Thraͤnen. Mein Kopf ſank auf ſeine Schulter:„Werden Sie noch gkauben, daß ich Sie nicht liebe? Sie muͤſſen das nie ſagen; des bringt mich zur Verzweif⸗ lung.*— Jezt erblikte ich in ſeinem Weſen ein ausnehmendes Erſtaunen, und zugleich erwas ſauftes und nachdenkendes, das mir zeigte) er fieng an/ in meinem Herzen zu le⸗ ſene Er ſchlag ſeinen Arm um mich, zog mich ſanft an fich, und ſagte ſehr leiſe: „Marie, Ihte Eüüpfindung fuͤr mich hat alſo erbas, das Sie betruͤbt? Füͤrchten Sie ſich, ſie zu geſtehen? Sollten Sie ſi ch e einen Por⸗ wütf darqus machen? 247 Eine neue unmaͤßige Unruhe ergoß ſich in dem Augenblik, wo ich ſah, daß Fernance die Wahrheit errieth, in mein Herz, in alle meine Sinne.„Sie fragen,“ rief ich,„ob ich meine Geſinnungen außern darf? Nein, ach nein! ich ſollte ſie mir ſelbſt nicht geſte⸗ hen, und dennoch, ſtatt ſie mir vorzuwerfen, ſind ſie mir uͤber alles theuer. Sie werden nur mit meinem Leben aufhoͤren. Ich ſollte verlegen, verwirrt ſeyn. Sie wiſſen mein Geheimniß. Suͤßes, grauſames Geheim⸗ niß!— Nur haſſen Sie mich wenigſtens nicht, und ich werde, wie Calliſte, nicht ganz ungluͤklich ſeyn.« Ich zitterte, ich durfte die Augen nicht aufheben, ich konnte meine Thraͤ⸗ nen, die ſtroͤmend floſſen, nicht aufhalten. Ich wollte mich ſeinen Armen entziehen; aber er hinderte mich, und bat mich, ihn anzuſe⸗ hen.„Fuͤrchten Sie nichts, meine Freun⸗ 248 dinn,“ ſagte er,„weinen Sie nicht, Hoͤren Sie mich; fuͤrchten Sie nicht, mich anzublik⸗ ken. Warum ſcheuen Sie Ihren Freund? Er kann Ihren Schmerz nur lindern, nur ver⸗ mindern wollen. Laſſen Sie mich in Ihren Augen die Empfindungen eines Herzens leſen, das nicht aufhdren kann, rein zu ſeyn, das zur Ruhe und zum Gluͤk zuruͤkkehren wird. Die wohlthaͤtige Freundſchaft ſoll Sie zur Freundſchaft zuruͤkfuͤhren.“— Ich ſchau⸗ derte.—„Sie lieben das Wort Freundſchaft nicht, Marie. Es kann Ihnen, ich fuͤhle es, heute weh thun. Wohl, wir wollen es eine Zeitlang ganz verbannen; aber meine Mei⸗ nung von Ihnen verſpricht mir, daß alles, was Marie achtungswerthes, zartfuͤhlendes unternehmen will, ihr nicht unmoͤglich ſeyn wird. Es wird uns bald wieder gelingen, uns zu verſtehen. 249 Wie ſoll ich Ihnen, meine theure Adele, hier alle meine Empfindungen beſchreiben? Jedes Wort, das Fernance ausſprach, zerriß mir die Seele, und fuͤllte ſie doch mit bezau⸗ berndem Vergnuͤgen. Er wußte, daß ich ihn liebte, er glaubte, meine Liebe wuͤrde ſchwer zu zerſtoͤren ſeyn, er wollte ſelbſt theilnehmend an meiner Heilung arbeiten. Ja in allen die⸗ ſem lag etwas ſchmerzhaftes und befriedigen⸗ des, das die Verwirrung aus meinem gluͤhen⸗ den Buſen in meinen Kopf verbreitete. Ich war niedergeſchlagen, vernichtet; ich blikte ihn voͤllig ſinnlos an. Ich weinte, ich laͤ⸗ chelte zugleich; ja, ſoll ich Dir's geſtehen, meine Adele? ich rief auch noch faſt laut; „Fernauce, ich werde Sie ewig, ewig lieben! Erwarten Sie nichts von der Zukunft. Sie iſt fuͤr mich entſchieden. Sie zerreiſſen mein Herz ganz umſonſt. Seyn Sie nicht ganz 2 — 250 4 ohne Milleid; laſſen Sie mich leiden, und Sie lieben’—„Iſt es moͤglich?« fing er nach einigem Stillſchweigen wieder an,„ich habe unaufhoͤrlich den Kummer, den Ihnen Ihre reizbare Empfindung verurſachen konnke, fuͤr Sie gefuͤrchtet, und nun bin ich es, der mir ihn vorwerfen muß! Iſt es denn lange her, daß Fernance Ihnen werth wurde?“ „Vom erſten Augenblik, da ich Sie ſah; aber Sie waren damals ſchon mit den Planen be⸗ ſchaͤftigt, die Sie ſeitdem ausgefuͤhrt haben.“ —„Wie oft mußten meine unvorſichtigen Mittheilungen Sie betruͤben!“— Ichgeſtand ihm, daß dies wohl der Fall geweſen waͤre.— „O meine gute Marie! wenn Sie mich wuͤrk⸗ lich lieben, und mich nicht ungluͤklich machen wollen, ſo wenden Sie um des Himmels wil⸗ len alle Ihre Vernunft an, um es ſelbſt nicht zu ſeyn.“—„Fernance, ſind Sie nicht ſehr 251 thoͤrig, meine Vernunft aufzufordern 2 Wenn ich dieſenoch haͤtte, glauben Sie, daß Sie dann beute dieſes Geſtanduiß, deſſen bloßer unwillkuͤhrlicher Gedanke mich zuweilen ſcham⸗ roth machte, von mir vernommen haben wuͤr⸗ den?2 Da mein Nachdenken, da meine haͤufi⸗ gen Anſtrengungen mein Gefuͤhl nicht unter⸗ druͤkt haben, wie moͤgen Sie es denn ver⸗ ſuchen? Maͤßigen Sie dieſen Eifer, den Sie ſo vergeblich fuͤr meine Ruhe aͤußern. Hoffen Sie vichts, mein Uebel iſt unheilbar. Eß iſt genug, ja es iſt viel, daß ich⸗ die Ver⸗ bindlichkeit eingehe, adeſß eu nie gegen Sie zu eiw ähurna 1Bz 1AA2 um wendete nech kalte dig ſonnachs⸗ und deingeude Bitten an, um mich zu neuen Anſtrengungen zu bewegen; ich autwortete ihm nit einem offenherzigen Geſtaͤndniß aller 252 Kaͤmpfe, die ich bereits vergebens gegen mich ſelbſt beſtanden haͤtte. Dies war der Augen⸗ blik, wo er mir die Nothwendigkeit einer kur⸗ zen Abweſenheit begreiflich machen wollte; al⸗ lein ich verbot ihm, mit ſolchen Rathſchlaͤgen voll Kaͤlte fortzufahren, die mich unausſprech⸗ lich quaͤlten. Wer, meine Schweſterz wer kann⸗ te je auch nur etwas von der Liebe, und fuͤhlt nicht, daß es eine grauſame Folter iſt, wenn der, den wir lieben, auf die Vernunft ver⸗ weiſt? Die Vernunft! Endlich konnte dieſer Auftritt, der mir zu ſchmerzlich wurde, nicht laͤnger dauern: wir erinnerten uns, inein Vater muͤſſe jezt zuruͤkkommen, und koͤnne von einem Augenblik zum andern bei mir her⸗ eintreten. Was haͤtte er von meinen Thraͤ⸗ nen, von der thoͤrigen Verwirrung meiner Blikke, meiner Haltung denken muͤſſen? Al⸗ lein vorher mußte mir Fernance noch einmal — 853 wiederholen, daß er mich nicht haſſe. Er kuͤßte meine Haͤnde, und ſchwur mir ewige Zaͤrtlich⸗ keit. Und ich, ich dankte ihm; von dieſem Gefuͤhl hingeriſſen, habe ich ihn ſogar an mei⸗ nen Buſen zu druͤkken gewagt. Dann bat ich ihn, mich allein zu laſſen, damit ich mich zu erholen verſuchte, und verſprach bald wieder zu ihm in das Geſellſchaftszimmer zu kommen. Er fuͤrchtete ſich, mich in dieſer Bewegung allein zu laſſen; aber ich beſtand darauf. Wie er das Zimmer verließ, begegneten ſich unſre Augen noch einmal. Ich ſah, ich glaubte zu ſehen, daß unter vielen ernſten Gedanken, die er mit hinwegnahm, mir einige auch guͤnſtig waren. Ein liebenswuͤrdiges Zutrauen, eine innere Zufriedenheit ſchien ſich meinen ſpaͤhen⸗ den Blikken zu zeigen. Und welcher Mann konnte auch von einem gefuͤhlvollen Weibe das Geſtaͤndniß einer leidenſchaftlichen Liebe em⸗ 25⁴ pfangen haben, und es ihr nicht durch irgend eine unwillkuͤhrliche Bewegung von Beifall, durch das Vergnuͤgen, welches ihm, ſelbſt wider ſeinen Willen, die Ueberzeugung geliebt zu ſeyn auch dann giebt, wenn ihm Ver⸗ nunft und Pflicht die Empfindung, deren Ge⸗ genſtand er iſt, zu erwiedern verbieten, ihm die Pflicht auflegen, ſie zu derſen⸗„. fnüchs Dank wiſſen? Wie ich in das Geſellſchaftszimmer trat, waren meine Zuͤge noch ſo veraͤndert, daß mir Hortenſe und mein Vater Unruhe bezeug⸗ ten. Ein ungewoͤhnlich lebhaftes Weſen, hef⸗ tige, unregelmaͤßige Bewegungen, welche von den vielerlei Eindruͤkken meiner Seele hervor⸗ gebracht wurden, ſtachen ſonderbar gegen meine Todtenblaͤſſe ab. Mein Vater fragte Fernance, was mir begegnet ſey, und ſezte 255 laͤchelnd hinzu, man koͤnne ſich nur an ihn wenden, da ich ſeiner Aufſicht anvertraut ge⸗ weſen ſey. Anfangs war Fernance verlegen; dann ſagte er, er glaube wuͤrklich, daß ich nicht wohl ſey, es habe ihm aber niemand Vorwuͤrfe zu machen, denn ich fuͤhrte keine Klage gegen ihn, und wuͤrde mein Vertrauen auf ihn ohne Zweifel auch nicht bereuen. Zu⸗ gleich heftete er ſeine Augen auf mich, mit einem Blikke, der meine Erinnerungen wohl alle zuruͤkrufen mußte. Da ich meine Thraͤs nen verbergen wollte, warf ich mich meinem Vater in die Arme, und druͤkte mich an ſei⸗ nen Buſen. 61 Ich bat ihn, mit Hortenſen und ihrem Manne zu ſpielen, indeß ich neben ihm mich ausruhen wollte. Fernance wollte nicht mit⸗ ſpielen; er ſezte ſich in einen Winkel des Zim⸗ 256 mers, wo ich ihn bald in ſo traurige Betrach⸗ tungen verſunken ſah, daß ſich Furcht und Kummer aufs neue meiner bemaͤchtigtenn Ich glaubte, er machte wieder Plaue gegen meine Licbe. Es war mir unmoͤglich, Zeuge ſeiner Traurigkeit zu ſeyn, und den Eindruk, den ſie auf mich machte, zu verhehlen. Ich ſtand auf, um das Zimmer zu verlaſſen, und im Vorbeigehen ſagte ich ganz leiſe zu ihm „Dieſer Tag iſt mir fuͤrchterlich, wenn Sie ganz undankbar ſind.“ Er druͤkte mir ſanft die Hand, und wuͤnſchte mir eine gute Nacht. Alllein ich habe kein Auge geſchloſſen. Ichhabe mich mit dem Augenblik, wo ich ihn wieder⸗ ſehen werde, beſchaͤftigt. Ich erwarte dieſen Augenblik mit Ungeduld, und fuͤrchte ihn zu gleicher Zeit. Es iſt mir nicht unbekanut, ule ſehr dieſes unſinnige Geſtaͤndniß meine Qualen vermehren muß. Sammle fuͤr mich, fuͤr mein 257 jammervolles Daſeyn alle Theilnahme, deren Dein gefuͤhlvolles Herz faͤhig iſt. Verſichre mir wenigſtens, daß ich Deine Achtung noch habe, daß Du nicht glaubſt, ich habe Fer⸗ nancens Achtung verloren. Um ſie wieder zu gewinnen, fuͤhle ich mich ſtark genug zu je⸗ dem Opfer. 258 5„ 14½ 401 Ein und zwanzigſter Brief. ¹ 5 7 7 4 Den 8. Oktober. Komm, Adele, ich bedarf Deiner Huͤlfe. Komm, hilf mir von einem Ort hinweg, wo man meine Gegeuwart nicht laͤnger dulden will. Ich muß fort; Fernance macht es mir zum Geſez, und ich unterwerfe mich ihm. Ihm kann ich nicht widerſtehen. Ich habe keinen Muth dazu, keinen Willen. Er ver⸗ langt, daß ich ihm alle Hofnung zum Gluͤk opfere,— naͤhnte er doch auch mein Leben! Meine Ruhe waͤre dann vielleicht geſicherter, und koſtete ihm mein Tod eine Thraͤne, ſo d — 2 89 waͤr er zu koſtbar belohnt. Haͤtte mir Fer⸗ 1 nance bei ihm zu bleiben erlaubt, ſo haͤtte mich das Vergnuͤgen ihn zu ſehen fuͤr manches geheime Leiden getroͤſtet. Da ihm meine Ge⸗ fuͤhle bekannt waͤren, da ich geglaubt haͤtte, daß ſie ihm nicht mißfielen, ihm nicht zur Laſt waͤren, haͤtte ich mich vielleicht wuͤrklich gluͤl⸗ lich gefunden. Und er beneidet mir ein Gluͤk, das ihm ja doch wenig gekoſtet haͤtte. Unter dem Vorwand einer zaͤrtlichen beſorgten Theil⸗ nahme, ſchreibt er mir, daß, wenn ich mich nicht in wenigen Tagen entſchloͤſſe, zu meiner Freundinn zuruͤk zu gehen, und mit ihr einen Ort, wo ich ungezweifelt Ruhe und Geſund⸗ heit wiederfinden wuͤrde, zu bewohnen, ſo wuͤrde er ſogleich Souore’ verlaſſen. Er wird mich troz meines Willens von ſich trennen. Ein gefuͤhlvoller Freund, ſagt er 4 der mich R 4 Si 260 von einem unſeligen Irrthum zuruͤk zu bringen „ * ſo treu und eifrig wuͤnſcht, muß jedes Mittel, die Vernunft aufzurufen, anwenden. Er hat an nich geſchrieben; dieſen Mor⸗ gen, wie man ſpazierengehen wollte, gab er mir ſeinen Brief. Ich ſchikke Dir ihn nicht. Er iſt zwar ſehr grauſam, aber ich kann mich doch nicht von ihm trennen. Wenn wir bei⸗ ſammen ſeyn werden, will ich Dir ihn zeigen. Du wirſt ihn vielleicht gefuͤhlvoll, wirſt den Rath, den mir Fernance giebt, voll Achtung und ſanfter Schonung finden. Vielleicht waͤ⸗ ren andere Maͤnner auch wuͤrklich dieſer ruͤh⸗ renden Sprache nicht einmal faͤhig, wenn ſie ein Weib, deſſen Empfindung ſie nicht thei⸗ len, zuruͤkfuͤhren wollten. Ich weiß, daß ihm Vernunft und Freundſchaft gebieten, mich durch weiſe Lehren gegen mich ſelbſt zu ſchuͤz⸗ 261 zen. Aber wie ſoll ich ſie ertragen, wenn ſie von dem Manne gegeben werden, den ich liebe? Ach, ich fuͤhle, daß es dem, der unſere Liebe abweiſt, nicht zukommt, uns zu beklagen und zu troͤſten! Wie kalt und unbedeutend iſt dann ſelbſt die zaͤrtlichſte Sprache der Freund⸗ ſchaft! Wie emport ſich das leidenſchaftliche Herz, das ſie vernimmt! Ach, wenn ich heute Fernancens Bitten, wenn ich ſeinem Willen nachgebe, iſt es nicht die gefuͤhlvolle, zutrau⸗ ende, es iſt die empoͤrte Liebe, die ihm gehorcht. Sollteſt Du es glauben, o meine Schweſter! daß er mitten unter den Ausdruͤk⸗ ken einer lebhaften Theilnahme, einer aus⸗ ſchließenden Ergebenheit, deren er ſich gegen mich zu ruͤhmen wagt, mir ſchreibt, es ſeyen mir ſchmerzhafte Opfer und Anſtrengungen auferlegt, weil es unmoͤglich ſey, weil ich ſelbſt es nicht wollen koͤnne, daß ſein Herz je 26²2 Marien angehoͤre. Ja, das ſind ſie, nicht wahr?. dieſe grauſamen Maͤnner, die ihr Gluͤk, ihr Gefuͤhb, ihre Ruhe geehrt wiſſen wollen, waͤhrend ſie ſich ein Spiel daraus machen, unſre lebhafteſten Neigungen zu zer⸗ ſtoren, und ohne uns nachher durch ihre Liebe, ja nur durch ihre Dankbarkeit zu entſchaͤdigen, das fluͤchtige Gift der Leidenſchaft wohtorkälig in unſren Senlan u 1u gleßeen 2ne, r lao iSe aid Thin 2e a0 Kehnm 1 gloche meine Soglan Wenn 99 dieſes feindſeligen Briefs gedenke, iſt Ma⸗ rie ganz Haß und Rache. Ja, ich bin ent⸗ ſchloſſen, ich will ihn von meiner laͤſtigen Ge⸗ genwart befreien; er ſoll es erfahren, ob die Abweſenheit von der Liebe zu ihm heilt! Bald werde ich ihm einen Beweis mehr von der Be⸗ ſtaͤndigkeit meiner Gefuͤhle gegeben haben. Fühlloſer Fernance! du glaubſt, die Abweſen⸗ 263 heit heile ein tiefverwundetes Herz— du willſt, daß ich mich entferne; ich kann die Probe, die du mir auferlegſt, wohl uͤber mich ergehen laſſen; laß es aber genug ſeyn, und komm nicht einſtens und fode mir Rechen⸗ ſchaft von dem Erfolg ab. Ich werde dir folgen, meine Schweſters 3 wohin iſt wir einerlei. Alle Orte ſind mir gleichguͤltg. Man wuͤnſcht, daß ich einige Monate in Nizza zubringe, Meinem Vater zu Gefallen bin ich es zufrieden. Fernance hat ihn nach dem Rath des Arztes uͤberredet, daß ich dieſe Stadt 4. deren reine Luft meine Geſundheit wieder herſtellen wuͤrde, nothwen⸗ dig bewohnen muͤßte. Ich wuͤnſche nur, daß wir einige Zeit unterwegs bleiben koͤnnten. So bald ich eine Wohnung auf die ich doch rechtmaͤßige Anſpruͤche hatte) anur erſt ver⸗ Jaſſen habe, wird man ia zufrieden ſeyn, und —— ——— — — 264 wir werden wenigſtens die Freiheit haben, uns laugſam zu entfernen. Ich glaube ſogar, daß meine Geſundheit es erfordert. Du wirſt mich ſehr ſchwach, ſehr veraͤndert finden. Wer weiß? Vielleicht thut mir der Anblik meiner Schweſter wohl. Ich entſchuldige mich wegen dieſer piozlichen Abreiſe, die ich von dir fordere, nicht bei dir. Ich weiß, dn haſt dich mir geweiht, und ich liebe dich, wie ich jezt nur eine Freundinn lieben kann. Ach warum hat die Ffeundſchaft nicht allein uͤber das Schikſal meines Lebens gewaltet? warum mußte ich Fernancen erblikken? und warum fehlte es mir, wie ich die Gefahr kann⸗ te, an Kraͤften ſie zu fliehen? O wie tyran⸗ niſch iſt die Gewalt der Liebe! koͤnnte ich doch was ich leide beſchreiben, daß mein Beiſpiel jedes gefuͤhlvolle Weib vor unordentlicher Lie⸗ be verwahrte! Wahr iſt es, in der Liebe 8 wehnße nid 265 giebt oft ein einziger Augenbilk unſerer Seele, insgemein das hoͤchſte Entzuͤkken, das hin⸗ reißenſte Vergnuͤgen; allein die Qualen, die bittern Thraͤnen, die zerreißende Eiferſucht, die Schaam, ein undaukbares Herz das uns nicht einmal zu beklagen weiß, zu finden: das ſind nicht die Leiden eines Augenbliks, das iſt nnr zu oft der gewoͤhnliche Zuſtand eines Herzens in welchem wahre Keidenſchaft Deſen Abend habe ich Fernaneen ein Billet zugeſtellt, worinn ich uöm in einigen Zeilen, Janz kalt. meinen Eutſchluß mittheilte. „Gedulden Sie ſich,⸗ ſage ich am Schluß, 2„bald werden Ihre Augen von einem verhaß⸗ „ ten Gegenſtand befreit ſeyn. Der Haß ward „ Ihnen leichter fuͤr mich zu empfinden, wie „„jedes andere Gefuͤbl. In wenigen Tagen ſage „ich Ihnen ein in langes Lebewohl.“ 7 ————— ——— 266 Geann 9 en Zwei und zwanzigſter Brieſ. Adele von N. an Frau von 1*½ — 29 139 ga. Paris, den; ²s. Farun miachl m n Jc⸗ zarſrrach Ihnen, ſo bald Sie Mariens Briefe geleſen haben wuͤrden, die Geſchichte da wo ſie ſtehen geblieben waͤre, wieder aufzunehmen, und Sie von den lezten Leiden dieſes Opfers einer unſeli igen Leidenſchaft zu unterrichten. Es wird mir ſchwer mein Wort zu halten; alkein ich will Ihnen ge⸗ horchen. Hier eine getreue Erzählung„ die allen meinen Kummer erneuert hat. Sie werden es zerzeihen, wenn ich zuweilen — 267 meine traurigen Betrachtungen hinein miſche, und bei Umſtaͤnden, die mir ſo gegenwäͤrtig ſind, etwas verweile. Ich entſchiöß mich ſogleich zu Marien zu reiſen. Mein Bruder ſtand im Begriff ſich zu verheirat hen, und das verhinderte mich ihn, wie ich es gewuͤnſcht haͤtte, um ſeine Begleitung bei meiner und Mariens Reiſe zu bitten. Er haͤtte zwar ſehr ge⸗ wuͤnſcht, mich noch einige Tage in Paris zu beh alten; allein meine Schweſter hatte mich undthiger wie er: ich mußte ihr bei⸗ ſtehen, ſie uͤberraſchen, ſie fortreißen, ſo lange ſie es vielleicht noch vermochte, einem den Waͤnſchen ihres Herzens ſo widerſpre⸗ chenden Willen nachzugeben. 6 Ich kam zwei Tage nach Empfang ihres Briefs in Souore an. Wie ſie meinen Fr 268 d Wagen in den Hof einfahren hoͤrte, war ihre Erſchuͤtterung ſo heftig, daß man ihr bei meinem Eintritt. Riechſalze vorhalten mußte: ſie war ohnmaͤchtig. Eine toͤdtliche Bläͤſſe eutſtellte ihre Zuͤge, in denen die lezten zwei Monate durch ihre Krankheit und ihre Leiden aller Art ohnehin keine ge⸗ ringe Verwüͤſtung augerichtet hatten. Kaum konnte ich ſie erkennen ² und bei ihrem An⸗ blit brach mein Herz unter dem lebhafteſten Unwilen.„„O meine arme Schweſter!⸗ nicfich, gegen alle die ſie umgaben gerich⸗ tet„ in welchem Zuſtand gebt Ihr ſie mir wieder!e. .. a Fernane⸗ berſtnd mich, ſclug d die ⸗ gen nieder und entfernte ſich. Herr von Souvre gab mir durch Zeichen zu verſtehen, wie groß ſeine Beſorgniß waͤre. Marie 269 kam wieder zu ſich, offnete ihre immer noch ſo ausdruksvollen Augen, und ſtrekte die Arme nach mir aus. Lange hielten wir uns feſt umſchloſſen, und ſie fuͤhlte ſich erleich⸗ tert durch unſre Thraͤnen, die ſich zuſam⸗ men vermiſchten. Ich bat ſie mich mit ihr auf ihr Zimmer gehen zu laſſen; wie wir dort waren, kniete ich vor ihr nieder— G „ich komme nun zu Ihnen, meine Schwe⸗ ſter,“ ſagte ich,„ich will Sie abholen, ich will Sie ganz allein mit mir fortfuͤhren; uͤberlaſſen Sie ſich Ihrer Adele, ſie wird beſſer fuͤr Sie ſorgen als man es hier gethan hat.“— Wie?“ rief ſie,„ſo muß ich mich von ihm trennen?“— Und nun ſtellte ſte mir mit einer ſuͤßen, lebhaften Beredſamkeit, wie die Leidenſchaft ſie ein⸗ giebt, das Vergebliche einer Abweſenheit vor, die ihrer ermatteten Seele ſo viel koſten 270 wuͤrde; ſie wuͤrde ein ſo großes Opfer ge⸗ wiß nicht ertragen; bei der wirklich vor⸗ handenen Moͤglichkeit, ihre gegenwaͤrtige Krankheit nicht zu uͤberleben, waͤre es doch unvernuͤnftig, wenn ſie ſich einen Ueberreſt von Gluͤk freiwillig vor der Zeit entreißen wollte. 1 3 26* in 4 4 44 1224 Bei dieſen Worten erſchuͤtterte das Ue⸗ bermaß meiner Ruͤhrung, vielleicht meine Vernunft ſelbſt, meinen Muth. Marie ſezte hinzu, wenn ich einige Zeit in Sonvre⸗ bei ihr bleiben wollte, wuͤrde ihr mein Rath, meine Gegenwart behuͤlflich ſeyn, ihre Neigung zu verbergen, vielleicht ſie zu uͤberwinden; wenn ich bliebe, wuͤrde Fer⸗ nance vielleicht eine Trennung nicht mehr fuͤr nothwendig halten. Ich wollte nicht, daß der Mann, der im Stande war Marien nicht anzubeten, uͤber anſer Schikſal ent⸗ ſchiede. Ich fuͤhlte das Beduͤrfniß der Nache, das Beduͤrfniß, dem Stolze, den ich ihm zutraute, nicht dienſtbar zu ſeyn. Ich waffnete mich mit allem Hochgefuͤhl, womit ich meine Schweſter, dieſes unter⸗ jochte, hingegebene Herz, das ich doch mit aller Zaͤrtlichkeit des meinen beklagte, zu durchdringen gewuͤnſcht haͤtte: ich machte neue Betrachtungen. Der Einfluß, den die Zerſtreuung der Reiſe auf eine ſo gar nicht mehr freie befangne Einbildungkraft haben konnte, die Ortsveraͤnderung, eine beſſere Geſundheit, die zur Ertragung von Seelen⸗ leiden mehr Muth und Kraͤfte geben wuͤrde, beſtimmten mich. Ich hielt mich fuͤr uͤber⸗ zeugt, daß ich, ohne eine Auſtrengung, die meine lezte Zuflucht war, in zwei Monaten meine Schweſter verlieren muͤßte. Ich ward 272 unerſchuͤtterlich. Ich verwarf alle Mittel, die ſie anwendete, um mich zu uͤberreden: ihre Drohungen, mir ihr Herz zu entziehen, ihren Zorn, ihre Liebkoſungen, ihre Thräͤ⸗ nen und alle Sophismen, die verzweifelnde Liebe ihr eingab. Ich wollte ihr nicht ein⸗ mal den Aufſchub von einigen Tagen geſtat⸗ ten; ich ſagte ihr, wenn ſie darauf beſtuͤnde zu bleiben, ſo wuͤrde ich ihren Vater unter⸗ richten, und dann wuͤrden wir Fernancen, wenn er die Schwaͤche haͤtte in Souvre zu bleiben, ſchon zur Abreiſe zwingen. Ach was habe ich dabei gewonnen, ſo ſtreng, ſo barbariſch gegen meine Schweſter geweſen zu ſeyn! Ich habe ihr armes Herz ſehr vergeblich zerriſen. Ich muß mir vorwerfen, ihr die lezten Leiden ihres Le⸗ bens verurſacht zu haben. Kam es mir zu, 4 273 von der Schonung zu urtheilen„ die ein Gefuͤhl, das ich nie kannte, erforderte 2 Iſt es nicht uͤberhaupt mitleidenswuͤrdig, daß die, denen die Natur Maͤßigung, denen ſie jenen gluͤklichen Gleichmuth gab, der ſo vielen Kummer erſpart, daß dieſe ſich den⸗ noch anmaßen wollen, die Beduͤrfniſſe einer Hüiiden⸗ und noch dazu von Teneuſchaß ben eitennedeWarh zu geben; in ihrer Unwiſſenheit reizen ſie das Uebel bis aufs Aeußerſte, und im Augenblik, wo ſie das Opfer ihrer Vorſorge auf immer verlieren ſollen, laͤcheln ſie oft noch hoffnungsvoll ei⸗ ner nahen Heilung enngegan. 9 u un den denſtant. denzich den feu⸗ rigen innigen Bitten meiner geliebten Schweſter entgegengeſezt hatte, ſehr zufrie⸗ 2714 3 den, fuͤrchtete ich die Frucht meines muͤhſe⸗ ligen Muths wieder zu verlieren,“ wenn ich ſie ohne Aufſicht mit Fernance zuſammen kommen ließe. Ich bat ſie einen Aſtgenblik auf mich zu warten, ſuchte Fernance und Heurn von Souvre, die zuſammen ſpazie⸗ ren gingen, auf, und ſtellte ihnen mit aller der peinlichen Unruhe, die ich empfand, den Zuſtand meiner Schweſter vor. Sie tauſchten ſich ſo wenig wie ich uͤber die Ge⸗ fahr, in der ſie ſchwebte. Wirklich konnte man auch ſchon damals ſich nicht ſchmei⸗ cheln, dieſe von Wachen, von dem Unheil, das ein verbranntes Blut angerichtet hatte, ſchon voͤllig zerruͤttere Geſundheit, die auf alle Weiſe eine Bruſtkrankheit und Auszeh⸗ rung andeutere, ohne ein Wunder vom Himmel zu retten. Herr von Souvre’ eni⸗ pfahl mir ſeine Tochter mit den ruͤhrendſten — 2⁷ Ausdruͤtken. Eriſagte, daß er ſelbſt, wenn heſtigen Podagri ſche Schnierzen, die ihn oft plagten„und an denen er noch vor kurzem. gelitten hatte, ihm die Reiſe nicht unmoͤg⸗ lich machten, ſie Saiß in Mee leſuchen wüsheen Aemei mit e liee ee e Was Fernancen anbetrifft, ſo muß ich geſtehen, daß er Mariens Namen nie ohne den Ausdruk der herzlichſten Anhaͤnglichkeit ausſprach. Ich erkannte alle Merkmale einer wahren Freundſchaft, einer unbe⸗ graͤnzten Theilnahme in ihm, und konnte ihn nicht undankbar nennen, wenn der Liebe Erwiederung zu verſagen nicht immer eine Art Undankbarkeit bliebe. Jedermaun außer mir mag ihn entſchuldigen koͤnnen,⸗ daß er Marien nicht von dem eerſten Tuge⸗ da er ſie ſah, geliebt hatan Freilich mußte. S 2 276 er in dem Augenblik, da er im Begriff ſtand eine vernuͤnftige Verbindung, die ſein Va⸗ ter ſehnlich wuͤnſchte, und faſt abgeſchloſſen war, reinzugehen, gegen ſein Herz auf ſei⸗ hes hut ſeyn. Er mußte natärlicher Weiſe durch das Bild, das man ihm von. Hor⸗ tenſen gemacht hatte, gleichſam vorbereitet ſeyn ſie zu lieben. Allein meine Unpartei⸗ lichkeit iſt nicht ſo groß als meine Zaͤrtlich⸗ keit fuͤr Marien, und ich kann es Fernancen nie verzeihen, der bloße Gedanke empoͤrt mich ſchon, daß er auch die vollkommenſte Schoͤnheit den ruͤhrenden Reizen dieſes eng⸗ nſchen Geſchoͤpfes vorzuziehen im Stande war. Wie konnte er in ihrer Gegenwart der Wernunft, den Vermdgenskonvenienzen, dem Andenken irgend eines andern Wribes⸗ Gehdr geben? Der Erfolg hat meinen Un⸗ willen gegen Teinanm rechtmaͤßig gemacht; 27 gewiß werden ihn alle billigen, die den Werth des Thebes, das ich Lebenhe⸗ kunn⸗ ten wie ich. An ha Shuck. K en 3 Nic n. 83 12 Wie ich zu Marien zurkkehrr te, mag ih ihr meinen feſten Entſchluß, Soudre den folgenden Morgen mit ihr zu verlaſſen, an⸗ kuͤndigen. Der Ernſt, mit dem ich ihre Beiſtimmung vollends zu erlangen ſuchte, griff ſie ſo heftig an, daß ſie endlich den Gebrauch ihres Willens gänz verloren zu haben ſchien. Der Gedanke an die Treu⸗ nung, auf welche ich beſtand, ſchien ſie vor Schmerz und Schrekken ganz außer ſich 38 bringen. Sie hatte nicht mehr die Kraft zu ſagen, daß ſie nicht einchillige. Sie bat mich nur mit ein r Sauftheit, der ich un⸗ moͤglich haͤtle wißerſtehen koͤnnen, an Fer⸗ nancens Bildniß, bei dem ſie nicht ſorgſam 271Ms. genug geweſem zu ſeyn fürhiete, kinige geyinge Pexaͤnderungen machen zu duͤrfen; „doch nein, nein,“ unterbrach ſie ſich dann ſelbſt⸗„ich will das Gemaͤhlde nicht mehr guriren; ich Hwüͤrz de nicht mehr ſtark genug 4 um. abzureiſen. u 1u naninm 401 chi ann tdſplr ndi 1int efrtee de an gingen in das⸗ Geſedſchaüezimmer r. we muns mif werſcliedenen Purſonen, zye d at a Srieltichen as. Wir beredeten, Marjen auch zu ſpielen, um ſich zu zerſtreuen; allein kaum hatte ſie die Kar⸗ ten in der Hand, ſo war ich auch ſchon ge⸗ noͤthigt ihr Spielzzu leiten. Sie war nicht der mindeſten Aufmerkfamkeit faͤhig, hatte nur einen Gegenſtand vor Augen, dachte ny dieſen, unde ſagte kein einziges Wort. Da ich den Virdacht fuͤrchtete, den dieſes . 279 Stillſchweigen erregen köünte, ſuchte ich alle Angenblikke mit ihr zu ſprechen„ſie zu zerſtrauen, ihre Blikke auf mich zu ziehen allein ſie kehrten immer wieder auf Fer⸗ nancen zuruͦk.„Es ſchien als wollte fie fuͤr die ganze Zeit ihrer Abweſenheit das Gluͤk ihn aaanſehen neinehgnene Gi nl 101 zt 1— Sr aeruul. no Mnit Saurhe ha hat ſie, mit mir hinaufzugehen. Sie wollte nicht. Ich gab Fernangen einen Wink. Er rieth ihr mir zu folgen, und ſie begab ſich hinweg. Ich. hatte mein Bett in ihrem Zimmenz ſie ſchlisſ keinen Augenblik. Ich brachte die Nacht, damit zu, ſie zu. teoͤſten⸗ ihr zu verſprechen⸗ deß dit in hrJ Zeit anpükommen, ſalte 3 finmeeichſen Nirte an die eſde, um n neuen„Hinderniſſ e, die ſie glle Augenhi ke 2 280 ethob, auß dem Wege un raͤumen. Während ich mich den folgenden Morgen mit den Au⸗ ſtalten zu unſerer Abreiſe beſchaͤftigte„ufuͤhrte Herr von Sonovre“ ſeine Tochter in das Ge⸗ ſellſchaftszimmer, wo ſie von Fernauce und ſeiner Frau erwartet wurde. Als ich wieder zu ihr kam, fand ich ſie in einer konoulſisi⸗ ſchen Unruhe: ihr oͤfters Zuſammenſchaudern bezeugte die peinlichen Leiden ihres Herzens. Es ſchlug eilf Uhr, als man mir meldete, daß der Wagen angeſpannt waͤre. Es ſchien un, als haͤtten wiri uns alle das Wort gege⸗ ben, um Marien Muih einzaftößen. Es war von nichts mehr die Rede,. als von der Hof⸗ nung ihret boldigen Rutkehr. Sie watd et⸗ vas tuhiget, und man trat zu ihr, 4 um iht Lebewohl z ſaggen. Fernanee wagte es in⸗ deſſen nicht. Er ſchien die heftige Würkng, 281 wwelche ſeine Annaͤherung, ein gefuͤhlvolles Woit von ihm, eine Abſchiedsumarmung hers vorbringen muͤßte, vorherzuſehen. Wir alle waren nahe daran uns von unſrer Ruͤhrung aͤberwaͤltigen zu laſſen. Marie hob die An⸗ gen nicht auf. Ohne Zweifel fuͤrchtete ſie, Fernancens Blikken zu begegnen, und das verſchaffte mir das Mittel, ihn und Herrn von Sonbtee durch einen ausdruksvollen Wink zu verabſchieden. Sie gingen. Marie dier ſich eben auf mich ſtuͤzte, ſank nun in rieine Arme; ⸗Hortenſe half mir, ihr beiſtehen, und liebkoſte ſie auf das kuͤhrendſte.„Konnnen Sie, meine Schweſter,“ ſagte ich,„ſeyn Sie vernuͤnftig.“ Sie ſah Hortenſen an, und fagte zu ihr:„Und Sie beweiſen mir ſo viel Theilnahme? Wenn ich wieder kome me will ich Ihre Feenudſan ſeyn. a ſ 9 1 e 1282 2828. en Dieſer Gedanke gab ihr Muth. Sie zog mich fort, ſtieg zuerſt in den Wagen: Ach⸗ Fernance! rief ſie, aber er konnte ſie nicht hoͤren. Ich druͤkte ſie an mein Herz, und wir Bantend das Sehloß hage aus dann Geſicht 6 AI ee e u in 80 1 un 920 e onn un Die eiſten Stunden ndſeden Reiſe, hoͤrte Marie nicht auf, bitterlich zu weinen. Zu⸗ weilen ſeufzte ſie ſo tief, daß es mir das Herz zerxiß, dann ſagte ſie:„ich thue Ihnen weh, aber ich ſeide ſo viel! ich glaube faſt ihm ein ewiges Lehewohl geſagt zu haben. Si2f. Ghl 9. Ien immr uUm fe zu hexuhigen, ſtellte ich ir vor Wafänei die reine Luft wuͤrken koͤnnte, die wix in Nizza athmen wuͤrden. Ach wie ſehn⸗ lich wuͤnſchte ſie, zu geneſen! Um dieſen Preis ſollte ſie ja Fernance wieder ſehen. Sie . 2s uͤberließ ſich gutwillig den Zerſtreuungen ider Ortsveraͤnderung, undteines langen Auf⸗ zenthalts unterwegs. Doch wiederholte ſie mir von Tag zu Tag mit innigerem Schmerz, daß ſie ſehr weit zu wandern haͤtte, um Fernance in Gedanken zuerreichen. So ſagte ſie, und um in ihre Gefuͤhle einzugehen, ant⸗ wortete ich:„Die Liebe uͤberfluͤgelt die Ent⸗ fernung, Fernance und Maxie koͤnnen nie ge⸗ tvennt ſeyn. » gr uim Schehielt fuͤr noͤthig, uns einige Tage in Lion auszuruhen. Wir wohnten bei einem meiner Anverwandten; allein die Gegenwart von Menſchen die Fernancen nicht kannten, ward ihr bald laͤſtig. Ehe ſie noch von der Ermuͤdung der Reiſe erholt war, wollte ſie ſich wieder auf den Weg machen. 13b n 284 4. mar Ohne ihren Wuͤnſchen zu widerſtreben, ſchmaͤlte ich, daß ſie die zu ihrer Herſtellung ſo nothwendigen Zerſtreuungen nicht benuzzen 6 wollte, daß ſſie nicht einmal verſuchen zu wol⸗ len ſchiene, ein Bild das ſie zu lebhaft quaͤlte, aus ihrem Andenken zu entfernen. Ich ſagte ihr, daß es mir unbegreiſlich wäre, wie ſie, ſelbſt zum ihrer Liebe willen, eine Trennung, die ihr ſo viel gekoſtet haͤtte, ganz fruchtlos machen wollte. Ich gieng ſo weit, ihr im Namen ihrer Zaͤrtlichkeit fuͤr mich, Vorwuͤrfe daruͤber zu macheu, daß ſie nicht einmal mir zu Gefallen, die ich nichts auf der Welt ſo innig liebte wie meine Schweſter, die alles fuͤr ſie verlaſſen haͤtte, das mindeſte uͤber ſich gewinnen koͤnnte. Sn A Gi Waͤhrend einiger von den lezten Tagen unſerer Reiſe ſprach Marie kein einziges Mal 285 mehr von Fernance. Sie ſchien Souvre/ ver⸗ geſſen zu haben, und wenn ich von Ohngefaͤhr, oder weil ich die unbegreiflichen Launen eines zerruͤtteten Herzens nicht verſtand, um ihr zu⸗ ſchmeicheln, ihres Vaters oder andrer Perſoe) nen erwaͤhnte, die wir den Sommer uͤber an einem Orte, deſſen Andenken ihr ſo werth ſeyn mußte, geſehen hatten, antwortete ſien mir nicht. Allein dieſe Anſtrengung ihrer Vernunft, die mir ſo viel uGofdu 8ab, dauerte nur nde Set. a es n 29ini Den Tag vor unſeter Mikauft ſagte Ma⸗ rie mit einem leichten Laͤcheln:„Sind Sie nicht uͤber meine Vernunft erſtaunt, liebe Schweſter? ich ſpreche nicht mehr von⸗ ihm.“—„Vielleicht fangen Sie an, ihn zu vergeſſen,“ antwortete ich.—„Ach,“ rief ſie lebhaft,„ich haͤtte ihn vergeſſen, denn 286 es moͤglich geweſen waͤre. Ich habe alles gea: than, was ich kennten Ich habe auf nichts, anders geſounen, als ihn von meinenmHer⸗ zen zu entfernen. Allein Adelen, Sie betruͤ⸗ gen ſich zu ſehr, wenn Sie glauben, daß es mir gelungen waͤre. Sie ſezte hinzn, es ſei ihr ſehr lieb, daß uns ihr Vater nücht be⸗ gleitet habe;„ich will,* ſagte ſie) inmer mit Ihnen allein ſeyn, meine Schweſterm Icht fuͤhle, daß ſes alle meine Kraͤfte erſchoͤpft hatz einige Tage Fernancens. Namen nicht aus zuu⸗ ſprechen; ein laͤngerer Zwang wuͤrde ſie uͤber⸗ ſteigen; laſſen Sienmich alſo unaufhoͤrlich von ihm mit Ihnen veden⸗4 Warum haͤtterich: ſie daran hindern ſollen? Es war wielleicht: gefaͤhrlicher, wenn 6 ie de in der Seenn ihnn beſchaͤftigenn n Lisae. 0 (Die Reiſe hatte ahutennsun g ce en muͤdet, ſie aberezugleich zu einer Art Lebhafs 8297 tigkeit geſtimmt, die ihr den Anſchein gab, ſich beſſer zu befinden: Der erſte Einfluß einer gefünden, gemaͤßigten Luft, war ihr noch günſtiger. Wer ſie bei unſerer Ankunft in Nizza ſah, bewies mir, daß die Sanſtheit, die Grazie ihrer Geſtalt noch einnehmend waͤ⸗ ere. Sie war etwas weniger mager geworden, eeine blaſſe Roſemoͤthe erſchien zuweilen wie⸗ der auf ihren Wangen, und dann klopfte mein Herz von Freude und Hoffnung. 6 Allein bald nahmen die Dinge, von de⸗ nen ich den gluͤklichſten Erfolg erwartet hatte, eine meinen Abſichten ganz widerſtrebende Wendung. In einem Lande, wo die Natuͤr ſo intereſſant iſt, wollte ich ſie meiner Schwe⸗ ſter als einen Gegenſtand der Zerſtreuung dar⸗ bieten. Wein ich bei unſetn Spaziergaͤngen auf eine Ausſicht ſtieß, die meine Seele er⸗ 288 griff, glaubte ich, die ihrige wuͤrde auch nicht zunempfindlich dagegen ſeyn. Ich bat ſie, aſtill zu ſtehen Gegenſtaͤnde die ihrer ſo wuͤr⸗ dig waͤren, zu betrachten, zu lieben. Sie ſah mich tranrig an, und ſagte ſtatt aller Ant⸗ wort:„warum iſt Fernance nicht hier? zer wuͤrde hier gluͤklich ſeyn. Er ‚fuͤhlt die Schonheiten der Natur, Mir ſind ſie gleich⸗ guͤltigh denn er iſt nicht hier. us Nach einigen Tagen bekam ſie wieder Fieber. Der Arzt den man mir als den ge⸗ ſchikteſten zuigewieſen, und der ſie von dem Angenblik ihrer Ankanft beſucht hatte, gerieth in die hoͤchſte Unrnhe; er beklagte ungufhoͤr⸗ lich mit mir, daß ſie nicht in der verſloßnen Karzeit das Waſſer vom Montd'or gebraucht haͤtte. Im ganzen gab er den Vorſchriſten die M..*. Marien ertheilt hatte, feinen Bei⸗ En fall; allein ſie geſtand mir, daß ſie, aus⸗ . 289 ſchließend mit einem finzigen Gegenſtand be⸗ ſchaͤftigt, von allem was ihr angerathen wor⸗ den w aͤre, nicht das Mindeſie befolgt haͤtte Sie ſchien nuch jezt zu einem Gehorſam, um den ich doch mit den fäurigſten Bitten in ſis drang) nicht geneigter. Oft weigerte ſie ſich durchaus, und ſagte, ſie ſei des wielen Lei⸗ dens muͤde, endlich muͤſſe man doch aufhoͤren elend zu ſeyn. Die Hoffnung Fernancen wie⸗ derzuſehen, ſtimmte ſie zuweilen zu einiger Nachgiebigkeit. Allein es war zu ſpaͤt; es waͤhrtennicht lange, ſo ſah ich ein, daß die Abweſenheit ihre phyſiſchen und moraliſchen Uebel vermehrt hatten, und daß es zur Hei⸗ lung einer ſolchen Leidenſchaft kein Mittel elauf Erdehebren 1ula 1. Nallts 107 u 1. Mariens Zuſtand verſchlimmerte ſih 5 ſchneu,„ daß mir ihr Arzt ankuͤndigen zu muͤſ⸗ 290 ſen glaubte, es ſei faſt unmoͤglich, ſie zu ret⸗ ten. Ihr Blut war in einer ſo heftigen Wal⸗ lung, daß ſie oͤftere Blutſtuͤrze hatte. Ihr Herz brauchte ſich nur mit einer lebhaften Er⸗ innerung zu beſchaͤftigen, um ſolche Anfaͤlle zu peranlaſſen, und weit entfernt, daß ſeine Reizbarkeit haͤtte abnehmen ſollen, ward es taͤglich nur gluͤhender von Liebe. 1311 Ganz ausſchließend mit ihrer Leidenſchaft, mit dem Verlangen, Fernancen wieder zu ſehen, beſchaͤftigt, brachte ſie oft ganze Stun⸗ den in tiefem Nachdenken zu, ohne daß es moͤglich war, ſie zu zerſtreuen, ohne daß ich, wenn ich nicht von Fernaucen ſprach, eine Antwort von ihr erhalten konnte. Auf dieſe Weiſe zwang ſie mich wider meinen Willen, von ihm zu ſprechen. Er ſchrieb ihr oft, denn ſie hatte es vor ihrer Abreiſe von ihm s 291 gefordett. Er ſprach nie von ihrer Liebe; aber aus Mitleid mit ihrem Zuſtand, ſprach er weder von Vernunft noch von Freundſchaft. Seine Briefe waren immer ſehr gefühlvoll, und oft machte er von ſeiner Herrſchaft Ma⸗ tien üͤber zuverſichtlichen Gebrauch; er ſag⸗ te, daß er nie in ihre Ruͤlkeht willigen wuͤrde, wenn ſie nicht durch die ſtrengſte Befolgung aller ihr gegebenen Vorſchriften, zur Wieder⸗ herſtellung ihrer Geſundheit die Hand boͤte. Er ſuchte ihr Muth zu machen, indeß er ſelbſt fehr dam Paſug KD hatien Eu nti 6 Wir hatten uns eimgeſtht bier Monate in Nizza aufgehulten, als ich ihm meine ſchrek⸗ lichen Beſörgifſe meldete, daamit er ſte Heltn von Souvre“, der auf dem Punkt ſtand, zu uns zu kommen, mittbeilen moͤchte; aͤllein —. 2 457s X 2 —— 29 den Tag vor ſeiner Abreiſe ward Herx von Souore’ krank, und es vergingen einige Mo⸗ nate, ehe. zi ſn Simmer verlaſſen konnte. ſtehen, daß aa nic di Abneigung ſei, ſeine Gattin zu werlaſſen, ſondern nur die Furcht vor den nachtheiligen Folgen die ſeine Gegen⸗ wart hervorbringen künnte,n was ihn. ſhchſ zu konzmen eiadestöns z11, d299 1. 1a05 .2163 Gn. 214 nane en i . Auch ich— einige Tage af die Meinung„ daß man ihn Marien nicht naͤher bringen duͤrfte; ich fuͤrchtete ihre Kraͤfte moͤch⸗ ten nicht mehr zureichen, um ihre dann noch lebhafter aufgeregte Empfindung zu ertragen; endlich war es mir gber nicht mehr moͤglich, ſeine Ankunſt nicht zu wuͤnſchen denn von Schmerz und Sehnſucht verzehrt, ſagte mir. meine ungluͤkliche Schweſter tauſendmal des 293 Tags, alles was ſie befürchte, ſei, daß ſie ſterben wuͤrde, ohne ihm ein leztes Lebewdhl geſagt zu haben. Ja es gab Augenblikke, wo dieſe Sorge ſie in eine Verzweiflung fkuͤrz⸗ te, deren Anblik ich durchaus Wuch zu ettra⸗ gen im Sande war. Ich ſchreib Herrn von Soubre“, da ſich Marie durchaus geweigert haͤtte, irgend einen Beſuch anzunehmen, ſo wuͤrde unſre Lage durch die Einſamkeit in der wir lebten gar peinlich; er ſollte alſo ſeinen Neffen bereden, zu uns zu kommen. Er war es zufrieden, und bewog ihn leicht, ſich ſagleich en d den ns zu machen Wirklich war nichts ſchwermuͤthiger als die Art wie wir unſere Tage zubrachten; faſt beſtaͤndig allein, eine der andern gegenuͤber, „ 294 und die Troſtgebende hatte ſelbſt den Troſt ſo nothig! Wie ich Marien ſagte, daß er kommen wuͤrde, deſſen Gegenwart ſie ſo ſehn⸗ lich wünſchte, ward ſie von dieſer Hoffnung neu belebt. Es ſcheint als ob ihr Herz, das an ihrer Zerſtorung ſo viel Theil hatte, ihr durch ſeine Zufriedenheit einige Kraͤfte mit⸗ theilte. Allein was ſie bei Fernancens An⸗ kunft empfand, laͤßt ſich nicht beſchreiben. Man muß geliebt, man muß die Qualen der Abweſenheit gekannt haben: eine Beſchreibung wuͤrde jeden Begriff davon ſchwaͤchen. Schon einige Zeit vor Fernancens An⸗ kunft verließ Marie nicht mehr das Bett; allein ſie hatte die Tage genau nachgezaͤhlt. Sie wußte, wenn er in Nizza eintreffen muͤß⸗ te, und ſchon am Morgen wollte ſie auf einen Sopha an das Fenſter gebracht ſeyn, von 295 welchem man die Heerſtraße uͤberſah. Den⸗ noch trat Fernance ihr unerwartet in das Zim⸗ mer. Sie wollte aufſtehen, um ihm entgegen zu eilen; allein ſie fiel ſogleich wieder zuruͤk. Wie haͤtte ſie die Ruͤhrung uͤberſehen koͤnnen, die Fernance bei ihrem Anblik empfand?— „Sie wundern ſich,“ ſagte ſie,„hatte ich es Ihnen denn nicht vorhergeſagt? Ich habe das von Ihnen vorgeſchriebene Mittel ver⸗ ſucht, ob ich ſchon wußte daß es nicht anſchlagen wuͤrde. Auf keine Weiſe hat mich die Abwe⸗ ſenheit geheilt, und mein Schikſal iſt entſchie⸗ den; aber ich danke Ihnen,“ ſezte ſie, in der Meinung, daß ich ſie nicht hoͤrte, leiſe hinzu, „ich danke Ihnen, daß Sie gekommen ſind, um meine lezten Tage mit einem Stral von Freude zu erhellen.“ Er warf ſich zu ihren Fuͤßen, er war ſo geruͤhrt, daß er nicht antworten konnte; von 296 1. ihr haͤtte man bon dieſem Augenblik an glau⸗ ben ſollen, daß die Verwirrnng von der ſie ergriffen war, ſie der Faͤhigkeit ihr Gefuͤhl auszudruͤkken beraubt haͤtte. Enſchien wie in dem Innern ihres Herzens feſtgehalten, und haͤtten wir nicht gewußt woran ſie dachte, ſo waͤre es ſchwer zu errathen geweſen. Sie blieb ganze Stunden die Augen auf Fernance geheftet, ohne ein Zeichen von Unruhe von ſich zu geben. Zuweilen that ſie mit einem Anſchein von Kaͤlte Fragen, auf die man um⸗ ſonſt der Antwort ausgewichen waͤre. noch 12 * Sie wollte wiſſen, ob Hortenſe immer ſo ſchoͤn ſei, ob ſie ſich nicht frene, der traurigen Marie los zu ſeyn? Einmal, aber mit etwas mehr Ruͤhrung, fragte ſie, ob die Zeit nicht nahe waͤr, da Hortenſe eine gluͤk⸗ liche Mutter zu werden hoffte?„In drei 1 297 Monaten,“ antwortete Fernance.—„Ach in drei Monaten wird ohne Zweifel alles recht gut ſeyn,“ erwiederte Marie,„ Hortenſe wird Gluͤk, und ich Ruhe gefunden ha⸗ ben. i i NI 120 Ungluͤkliche, das war nur zu wahr! Nur die Naͤhe der Gefahr, in der ſie ſchwebte, war ihr unbekannt. Bald war ſie noch unwiſſen⸗ der daruͤber, und endlich taͤuſchte ſie ſich voͤllig. Die traurigen Merkmale der Bruſtkrankheiten aͤußerten ſich, und wenn Marie in den lezten Tagen ihres Lebens, deren ihr noch ſo wenige zugezaͤhlt waren, von ihrer Geſundheit ſprach, merkten wir wohl, daß ſie wieder von Hoff⸗ nung beſeelt war. Die Freude uͤber ihre ein⸗ gebildete Geneſung verbreitete alsdann Reizen uͤber ihre ganze Zukunft. Ihre Neigung fuͤr Fernance lebte mit neuer Staͤrke„aber ohne 298 ſie mehr zu ſchrekken: ſie ſchien ſich das ſuͤßeſte Gluͤk davon zu verſprechen. Sie woll⸗ te, ſagte ſie, bald mit ihm abreiſen, ſich nie mehr von ihm trennen, wie eine Schweſter bei ihm bleiben. Sie bildete ſich ein, was ſie empfaͤnde ſei keine Liebe mehr. Wahr iſt es, daß der Ausdruk ihrer Zaͤrtlichkeit etwas uͤberirdiſches bekommen hatte, das ihn faſt rechtmaͤßig machte. Fernance fing an, in dieſer Anhaͤnglichkeit ſo viel Reize zu finden, er ſah ſich ſo vollkommen geliebt, daß er wohl gewuͤnſcht haͤtte, ewig ſo geliebt zu werden. Aber ach, ſeine Theilnahme fuͤr Marien ſollte fortan ihm nur Schmerzen bringen, und wer⸗ den dieſe nicht ewig danern? Koͤnnte Fer⸗ nance beſſer als ich jemals den unſeligen Tag vergeſſen, da meine Schweſter in unſern Armen den lezten Seufzer ausſtieß? 299 Ohne ſich gerade beſtimmter Hoffnung zu uͤberlaſſen, glaubte ſelbſt ihr Arzt den Tag vor ihrem Tode etwas Beſſerung wahrzunehmen. Wie er uns Abends mit Fernance verließ, ſagte ſie:„Ich wollte, Du ließeſt mir morgen Blumen hieher bringen; wir ſollten auch einige Muſikalien vorſuchen, damit Du ſie den Tag uͤber vor Fernance ſpielen koͤnnteſt.“—„War⸗ um das alles auf morgen?“ fragte ich.— „Weißt Du nicht, Adele, daß morgen der zwoͤlfte April iſt?“— Nun?— Sie ſchwieg, und ich erinnerte mich jezt, daß es der Jahrstag des Anfangs ihrer Bekanntſchaft war. Meine Augen fuͤllten ſich mit Thraͤnen, und ich verſprach ihr, alle ihre Befehle zu vollziehen. Die Nacht hindurch war ſie aͤußerſt unruhig und ungeduldig. Es war ihr un⸗ 300 moͤglich, wie ſie doch ſonſt that, auf einen kleinen Augenblik einzuſchlafen. Alle Au⸗ genblikke rief ſie mir, um mich von dem, was ſeit einem Jahre vorgefallen war, zu unterhalten; aber keiner dieſer Naͤkblikke war mit einer Klage verbunden. Was mir unendlich weh that, war ihre truͤgliche Hoffnung zu einer baldigen Geneſung. Sie ſagte Dinge daruͤber, die mir das Herz zerriſſen. Alles was ich zu ihrer Beru⸗ higung auwendete, war vergeblich, und dießmal brauchte ich auch Fernancens Na⸗ men umſonſt.— 7 bliks zu, wo ſie Fernaneen an einem Zeit⸗ punkt, auf welchem alles Sinnen ihrer Liebe ſich geheftet hatte, wuͤrde erinnern „ Der Tag brach an, und Mariens Un⸗ ruhe nahm bei der Annaͤherung des Augen⸗ 80 koͤnnen. Allein er zwar ſchon am fruͤhen Morgen eines Geſchaͤfts wegen⸗ einige Stunden weit verreiſt, und Ples erſt Mittags zuruͤkkommen. M Marie ließ mich his zu ſeiner Ruͤkkehr das Zimmer mit gewaͤhlterer Sorgfalt als gewoͤhnlich aufpuzzenn Ihrem Wunſch ge⸗ maͤß hatte ich Prizgeln und Veilchen kom⸗ men laſſen, die ich in Blumentoͤpfe ord⸗ nete. Ich machte, auch Straͤuße davonz und Marie half mir ſelbſt einige Blumen binden. Bald drang mir ein ſanfter, melancholiſcher Duft an das Herz. Da ſind nun, ſagte ich zu mir ſelbſt, die er⸗ ſten Blumen des Fruͤhlings; die Natur ernent ſich, ſie wird uns bald mit Ge⸗ ſchenken aͤberſchuͤtten. Aber ach! in Linem Angenblik des allgemeinen. Wohlthuns laͤßt 302 ſie ihr ſchoͤnſtes Werk verderden! Meine Thraͤnen floſſen reichlich. Ich mußte mich entfernen, damit meine ſSchueier fe iich bemerkte. 3 eh DOhngefaͤhr gegen Mittag ſaß ich einige Schritte von ihrem Bette, und arbeiteke. Ich richtete von Zeit hoͤchſt unruhig die Augen auf ſie. Sie war in dieſem Augent blik ungemein blaß und matt. Die heftige Wallung, in der ſie die Nacht und den Morgen zugebracht hatte, war von einein ſtarken Fieber, das eben jezt gefallen war, begleitet geweſen. Sie haͤtte vielleicht kanm die Kraft gehabt, ihre Augen aufzue ſchlagen, waͤre es nicht geweſen, um ein Miniatut⸗Gemaͤlde, das auf ihrem Bette rag, anzuſehen. Es war eine Copie, die ſie von Fernancens Portrait gemacht hatte, — 30½ und ich ſah, daß ſie es, in einem Augen⸗ blik, wo ſie ſich unbemerkt glaubte, leiſe an ihre Lippen druͤkte.„Endlich hoͤrten wir Fernantens Stimme. Meine Schweſter fuhr zuſammen.—„Nur einen Augen⸗ blik!“ rief ſie,„ich bin zu geruͤhrt, und Thraͤnen floſſen uͤber ihre Wangen: „Adele 3 werde ich ſeine Gegenwart er⸗ tragen kdͤnnen?— Aber er war bei uns, eh ich es zu werhindern Zeit hatte.— „Sind Sie es?“ ſagte Marie.— Das ergriff mich; es ſchien, daß ſie ihn nicht erkennte. Doch reichte ſie ihm die Hand.—— „Sie ſehen,“ ſezte ſie hinzu,* daß alles einen Anſchein von Feſtlichkeit, von Schmuk hat, das iſt um Ihretwillen. Erinnern Sie ſich, daß es heute ein Jahr iſt.).?“ Wir baten ſie, dieſes Andenken ein wenig zu entfernen, wir gaben ihr Hoffnung, in⸗ wollten wir auf alles was ſie wuͤnſchte, antworten. Sie rafte ſich auf Was fehlt mmir aber 2«* fragte ſie mit ziemlich harter Stimme; zu habt Ihr mir nicht ſeit einigen Tagen geſagt, daß ich mich beſ⸗ ſerte? Fuͤrchten Sie nichts, meine Adelez Fernante, fuͤrchten Sie nichtsz ich werde leben, um Euch beide zu lieben. Wie ſchreklich wuͤrde mir der Tod duͤnken! Ich koͤnute euch dann nicht mehr lieben! Sazt! meine geliebten Freunde, nicht wahr) ich kann geneſen? Ach ich wuͤnſchte esn um hier in meinem Herzen ein vliechen Bild zu halnoe 1333 ilen, Hae nisnle nan Einen. Augenbik detnaf hieß ſie zunch, irgernantens Portrait, das an einem Ban⸗ de befeſtigt war, um den Hals zu haͤngen. einer Stunde wuͤrde ihr beſſer ſeün; dann —„ ——— » * 305 „Ich bitte Sie,“ ſagte ſie zu Fernanee,„tre⸗ ten Sie naͤher zu mir“— und dann fuhr ſie, als ſpraͤche ſie mit ſich ſelbſt, fort:„wer kann mich nun von ihm trennen?“ Doch ploz? lich ſezte ſie hinzu, wie betroffen, ſich in mei⸗ ner Gegenwart nicht zuruͤkgehalten zu haben, und mit einem Tone, der um meine Verzei⸗ hung zu flehen ſchielt:„ Meine Schweſter, heute iſt's ein Jahr, daß du ihn mir zu Huͤlfe riefft. Und er half dir auch, mich in das Leben autütblangen 3 tiear danke ah ihm Dafaaen Sie zog eyunch auf ihr Bett, damit ich ſie umarmen koͤnnte. Ich druͤkte ſie an miein Herz— Das iſt das erſtemal,“ ſagte ſie, „daß du mich ſagen hoͤrteſt, wie ſehr ich ihn liebe. Mich duͤnkt, meine Zaͤrtlichkeit iſt rei⸗ — u 396 uer, ſeit ich ſie vor dir ausdruͤkte. Fernance, jezt bin ich wuͤrklich deine Freundinn. Er⸗ halte mir deine Freundſchaft; dieſes goͤttliche Gefuͤhl erhaͤlt und erwaͤrmt noch mein ermat⸗ ietes Lens. 1 130 3 2 13436 Ihre Stimnnſe ward ſchmächere Shns Aa⸗ gen en ſchloſſen ſt ſich einen Augenblik. Ihre Lip⸗ pen wurden bleich, und ich ahndete mein gan⸗ zes Ungluͤk. Sie ſuchte unſre zitternden Haͤn⸗ de, vereinigte ſie, unterſchied uns⸗ noch mit ihrem Blik, und ſagte mit gebrochner Stim⸗ me:„Empfange den Schwur, daß ich nur noch eine ſanſte, friedliche Neigung ffuͤr dich empfinden will. Selbſt Hortenſe ſoll mir fort⸗ hin dich zu liehen erlauben koͤnnen. Meine geliebte Schweſter, Fernance, empfangt mei⸗ nen Schwur zur Lützen meiner Liebe.“ * 3⁰7 Anme Marie! Sie ließ ihren Kopf ſanft auf meine Schulter ſinken. Fernance hielt ſie nur fuͤr ohnmaͤchtig. Er wollte ihr helfen. Allein diesmal war es ihm nicht gegeben, mir meine Schweſter zu retten. Er rief ſie bei ihrem Namen; ſie ſchauderte zuſammen, druͤk⸗ te unſere Haͤnde an ihre Bruſt; ich glaubte einen Ausdruk von Schmerz an ihr mahigu⸗ ſehenan:— ſie verſchied. 4 Ich verſuche es nicht, Ihnen den Zuſtand zu ſchildern, in welchem ich viele Tage zu⸗ brachte. Nie liebte man mehr, als ich Ma⸗ rien liebte. Darnach meſſen Sie meine Ver⸗ zweiflung. Fernance, vielleicht zwar eben ſo betruͤbt als ich, hatte indeſſen mehr Gewalt uͤber ſich, um eine anſcheinende Ruhe zu er⸗ zwingen; er bat mich deingendu„ einem ſ . 4 1S. u 2„ 308 ausſchweifenden Schmerz, der mir gefaͤhrlich werden koͤnnte, zu widerſtehen. Zuweilen floͤßte mir ſeine Gegenwart eine Art Abſcheu ein; allein noch dfter that mir der Anblik deſ⸗ ſen, den meine Schweſter ſo unendlich geliebt hatte, wohl. Was er mitten in ſeinem Schmerz von Marien ſagte, aͤberzengte mich, daß er ſie mit mir zu beweinen verdiente. Endlich mußte ich einen Ort verlaſſen, wohin ich ſeitdem wieder zuruͤkgekehrt bin, den ich als eine Linderung meiner ewig trauervollen Erinnerungen aufſuche, Es troͤſtet mich nicht, dort zu ſeyn, es zerreißt mir das Herz, und doch werde ich wieder nach Nizza zuruͤkkehren. 7 Ich kann dieſe ſchmerzhafte Er aͤhlung nicht ſchlieſſen, ohne Ihnen zu danken, daß Sie mich noͤthigten, von ihr zu reden. Nun Sie Marien kennen, werden Sie die Trau⸗ ———— — — 3⁰09 rigkeit, die Sie mir oft vorwarfen, gut heiſ⸗ ſen. Es ſind ſeit dem Tod meiner Schweſter ſechs Jahre verfloſſen. Aber er iſt mir noch immer neu. Ich weiß nicht, was aus Fer⸗ nance geworden iſt; man hat mir uunr geſagt, ſt; daß er außerhalb Frankreich lebt. Er hat ſich genoͤthigt geſehen, ſich von ſeiner Frau zu ſcheiden. Vielleicht ſoll er keine Liebe mehr finden? Ach, wenn er ſie auch noch findet, gluͤklich kann er doch nicht ſeyn; denn wo faͤnde er ein Herz wie Mariens, das er ſo unbarmherzig verließ?