16% Leihbibliother deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Teih- und LCeſebedingungen. 1. Oftensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der B h ücher jeden Tag von Morgens. 7 Uhyr bis Abends 8 Uhr offen. 3 8 ( „2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. „3. Cäution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eins dem Werthe deſſelben entſprechende Summe dinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:„ für wöchentlich Reener keicc 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 NM. 50 Pf. 2 Ml. Pf. „,/ 1— 1— 1— u 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird. b —— beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Der Zwerg. Ein irlaͤndiſches Sittengemaͤlde. 1 — u Aus dem Engliſchen uͤberſetzt du 3 von E. L. Domeier, geb. Gad. — Zweiter Theil. Hamburg, bei Auguſt Campe. . 1828. Erſtes Kapitel. Der Wind ſtuͤrmte, und brauſte durch die kahle Hecke und durch den entblaͤtterten Fruchtgarten; der Hagel klapperte durch das weit offne, gerade Kuͤchenkamin des alten Edward Shea in das blaſende Torffeuer, bei welchem unſer Freund Andy Houlohan ſaß mit einer neuen Perſonage, die wir unter dem gefaͤhrlichen Na⸗ men, Bridge Chree, oder Bridget Herz, hier einfuͤh⸗ ren wollen. Sie genoſſen ihr téte-à-téte im gan⸗ zen Sinne des Worts: denn Andy und Bridge waren, was ein Steinhaͤndler„Liebhaber vom erſten Waſſer“ nennen wuͤrde, oder zufolge ihres eignen Idioms, welches daſſelbe bedeutet: ſie waren Juwelen in der Sache.*) *) Dem deutſchen Idiom gemaͤß, ſollte es wohl heißen: ſie waren Adepten in der Liebe. Aber die Benennung Jewel, iſt ein wirklich irlaͤndiſcher Ausdruck, den ich kein Recht hatte weg zu laſſen. Die Englaͤnder und Franzoſen bedienen ſich deſſen weit ſeltner. Anm. d. Ueberſ. II. 1 2 „Liebe herrſcht am Hof, im Feld', wie in der Grotte.“ ꝛc. In gemeiner Proſa denn: die Liebe iſt eine ge⸗ wiſſenloſe Tyrannin; ihre Herrſchaft reicht bis zu den Graͤnzen der Erde; von dem Monarchen mehrerer Na⸗ tionen, bis zum geringſten Beſitzer, ja bis zum Knecht der geringſten Huͤtte, Jeder und Alle erkennen ihr Reich an. Sie feſſelt den Freien, und verdoppelt die Knechtſchaft des Sclaven. Sie— ſie,— doch ums Himmels Willen, wer kennt nicht die Macht und Ue⸗ bermacht der lieben Liebe! Laßt uns in der Geſchichte fortſchreiten!— Ob es nun gleich kein liebenderes und getreueres Paar gab, als Andy und Bridge, ſo kann man doch nicht umhin, zu geſtehn, daß das vergaͤngliche Ding, Schoͤnheit genannt, nichts beitrug, dieſe gegenſeitige Neigung hervorzubringen und zu naͤhren. Sie hatten daher nicht zu befuͤrchten, daß ihre Liebe aufhoͤre, wenn ihre Schoͤnheit abnehmen wuͤrde, und ihre bei⸗ derſeitige Leidenſchaft, die ſich auf nichts Veraͤnderli⸗ ches oder Hinfaͤlliges gruͤndete, verſprach Beſtaͤndigkeit und Dauer, und ſchien wohl berechnet zu ſeyn, ſie muthig durch die Abwechslungen des Lebens zu leiten. Andy hatte unter ſeinen Mitbruͤdern den Titel und den Beinamen„Andy Awling“ erhalten, das heißt der windige Andreas;*) eine Benennung, *) Man vermiſche Airy Andrew nicht mit Merry Andrew, welches einen luſtigen Kerl oder Hanswurſt bedeutet. Anm. d. Ueberſ. —,— —— 3 8 die einen unwiderſtehlichen Leichtſinn in Handlungen, Manieren, Gedanken und Worten bedeutend anzeigte, und durch die er ſich ſonderbar auszeichnete, ſowohl in Hinſicht ſeines aͤußern, als innern Menſchen. Nie ſchien die Materie ſo verſchmolzen mit dem Geiſt, als in der Geſtalt und im Geſicht unſers Andy's. Er war groß, vierſchroͤtig und knoͤcherig; er ſchien nach⸗ laͤſſig, oder ganz von Ungefaͤhr zuſammengeſetzt, oder vielmehr zuſammen geworfen zu ſeyn. Er ſah wie eine kuͤhne, aber doch unvollkommne Skizze eines gro⸗ ßen Kerls aus; und ſein braͤunliches, fleiſchloſes Ge⸗ ſicht, deſſen Haut gerade nur hinreichte, ſeine hohen Backenknochen zu bedecken, mit ſeinem vermiſchten Aus⸗ druck von guter Laune, Albernheit, Unſtaͤtigkeit und Liſt, ſchickte ſich unvergleichlich zu ſeiner Figur. So⸗ gar ſeine Kleidungsſtuͤcke hingen ordnungslos an ihm, als wenn ſie mit einer Heugabel waͤren auf ihn ge⸗ worfen worden; aber vorzuͤglich der Hut, der im Allgemeinen durch Form, und die Art wie er getragen wird, mehr oder weniger den Charakter eines jeden Menſchen verraͤth: der Hut war zuweilen bis zum aͤußerſten Punkt des Schaͤdels ruͤckwaͤrts geſtoßen, zu⸗ weilen auch wieder uͤber die Augen herunter gezogen, und manchmal bedeckte er auch nur die Haͤlfte ſeines Kopfes, je nachdem dieſer Kopf ſelbſt munter, ernſt⸗ haft oder ſchelmiſch geſtimmt war. Im Winter und Sommer trug er, wie die meiſten Menſchen, einen großen blauen Ueberrock, der ihm von den Schultern fiel, ſeine Arme ruͤckwaͤrts feſſelte, und den Schmutz * 4 oder Staub hinter ſich her ſchleppte. An den Knieen waren ſein Beinkleider immer ganz offen, ſo wie auch ſeine Hemdkragen; an der Weſte waren vielleicht zwei Knoͤpfe zugemacht, und man genoß auch beim ſchlimmſten Wetter den Anblick einer braunen, mit Haaren bedeckten Bruſt. Seine Struͤmpfe fielen in mancherlei Falten bis zu den hoͤlzernen Schuhen herab, und ließen ſeine Beine gewoͤhnlich halb nackend. Doch wir haben geſehn, daß er ein aͤußerſt an⸗ haͤngliches, getreues Geſchoͤpf war, der es mit allen Menſchen gut meinte, die ausgenommen, mit denen er auf Jahrmaͤrkten und auf Kirmſen focht. Auch beſaß er eine Eigenſchaft, die das ſchwaͤchre Geſchlecht aller Staͤnde uͤber alles ſchaͤtzt: er hatte naͤmlich nicht die geringſte Furcht vor Gefahr oder Tod in einem natuͤrlichen Kampf. Auch waren es ja wohl Andy's Muth und Tapferkeit, die ihn bei Bridge Chree ſo ſehr empfahlen, und zwar auf folgende Weiſe, wie wir mit Vergnuͤgen berichten wollen. Paudge Dermody, deſſen Namen der Leſer ſich wohl noch erinnern wird, war gewiſſermaßen ein Dorf⸗ ſtutzer, der ſich aus bloßer Eitelkeit gegen jedes Maͤd⸗ chen, das ihm aufſtieß, zuvorkommend betrug; und die Wahrheit zu geſtehn, und um ihm die Ehre zu laſſen, die ihm als Meiſter in der Kunſt zu lieben gebuͤhrt: Paudge machte viele Eroberungen. Aber er prahlte mit der Gunſt die er empfing, und da er ſich eben ſo viel auf ſeinen Witz einbildete, ſo unterhielt er ſeine Geſellſchafter oft mit ſeiner eignen Thorheit, d 5 und auf Unkoſten derer, die fuͤr ihn ſeufzten. Unter Andern zeichnete er auch Bridge Chree durch Auf⸗ merkſamkeiten und Schmeicheleien aus, und als er ei⸗ nes Abends mit einigen Freunden bei einem Glaſe Ale ſaß, hoͤrte er ihren Namen anfuͤhren, als ſeine neueſte Eroberung; aber er ſchien nicht recht geneigt, zuzugeben, die arme Bridge gewonnen zu haben, und er ſchwur einen leichtſinnigen Eid, daß ſie ein haͤßli⸗ ches Menſch, und viel zu niedrig waͤre, von ihm be⸗ merkt zu werden. Auch haͤtte ſie krumme Beine; was hinauf gehoͤrte, kaͤme herunter, und uͤberdieß ſchielte ſie ja aͤrger, als ein Hund. „Wohlan denn, moͤge dies Getraͤnk Gift fuͤr mich ſeyn,“ ſagte Andy Awling, dem es durchaus nicht gefiel, daß man ſo veraͤchtlich von einer Perſon ſprach, die ſich mit ihm in demſelben Dienſte befand, und mit ihm in demſelben Hauſe wohnte:—„moͤge dies mein Gift werden, wenn nicht Bridge Chree zwei ſo gute Augen hat, als je ſtracks vorwaͤrts ge⸗ ſehn haben.“ Doch, ob er dies gleich behauptete, ſo wußte er doch in ſeinem Herzen, daß mehr Galanterie als Wahrheit dahinter ſteckte.„Und was die kleinen Beine anbetrifft, ſo darf ich dreiſt behaupten, daß ich ſie gewiſſermaßen ſo wohl beurtheilen kann, als meine eignen. Denn da ich mit ihnen unter einem und demſelben Dache herumgegangen bin, ſo hab' ich ſie haͤufiger und hoͤher hinauf geſehn, als Ihr, Paudge Dermody.“ Aber hier muͤſſen wir unſern Ritter wie⸗ der unterbrechen, und zwar der Schoͤnen wegen, deren 6 Rechte er ohne Ueberlegung vertheidigte; denn ſie war wirklich ein ſittſames Geſchoͤpf, und was fuͤr einen unſchuldigen Schnitzer Herr Andy hier auch gemacht haben mag, ſo behaupten wir doch, daß ſein Blick nie uͤber ihre Knoͤchel weg gedrungen war.„öUnd ich will dieſen Augenblick, und auf dieſer Stelle einen Eid ablegen, daß ſie ſo gerade ſind, wie dieſer gebene⸗ deite Stock in meiner Hand.“ Der Vergleich war gut, was auch uͤbrigens ſeine Autoritaͤt dafuͤr mag geweſen ſeyn: denn der Stock eignete ſich voͤllig dazu, die beſagten Beine vorzuſtellen. „Ihr muͤßt daher Eure Worte ruͤckwaͤrts ſagen, mein ſchmucker Menſch, wie Euer Meiſter; Ihr wißt wohl, wen ich meine— ſeine Gebete herſagt— oder bei der Seele meines ſeligen Vaters, es ſoll Euch uͤbel ergehn, ehe Ihr dieſen Ort verlaßt.“ Aber Paudge Dermody war ein Menſch, der ſelbſt zu viel Herz beſaß, um ſich zwingen zu laſſen, Vorzuͤge anzuerkennen, von denen, wie Jedermann wußte, keine Spur vorhanden war. Er widerſetzte ſich daher, Andy's Verlangen zu erfuͤllen, und dieſer ſchritt nicht nur zur Ausfuͤhrung ſeiner Drohung gegen den eigentlichen Schuldigen, ſondern, da er einmal bei der Arbeit war, ſo trieb er auch noch einige Andre, die in der Geſellſchaft waren, aus der Stube, ob ſie gleich kein Wort gegen den ſchoͤnen Gegenſtand des Streits geſagt, noch auf irgend eine andre Weiſe dieſe Behandlung verdient hatten. Dem gluͤcklichen Erfolge des Kampfes und allen ritterlichen Geſetzen gemaͤß, war 7 es nun entſchieden, daß Bridge's Augen nicht ſchielten, daß ihre Beine nicht krumm, und nicht allzuſpitzig waren. Tapfre Handlungen verbreiten ſich gewoͤhnlich ſchnell umher, und die Nachricht dieſes Kampfes er⸗ reichte bald die Ohren der vertheidigten Jungfrau, de⸗ ren Laͤcheln und deren Bemuͤhungen, Alles zu thun, was zu Andy's haͤuslicher Bequemlichkeit beitragen konnte, ſo wie auch ihr leiſes Sprechen zu ihm, wenn das Geſinde nach vollendeter Arbeit rings um das Kuͤchenfeuer ſaß, den hohen Grad ihrer Dankbarkeit bewieſen. „Sie waͤre ihm ſehr verbunden,“ ſagte ſie, „ein armes Maͤdchen, wie ſie, vertheidigt zu haben, die keinen andern Menſchen haͤtte, ſich ihrer anzu⸗ nehmen.“— „Sprich nicht davon, mein liebes Kind,“ erwie⸗ derte Andy;„der Springinsfeld konnte ſeine Worte nicht gut machen, und ich wuͤrde daſſelbe fuͤr Theage dort thun,“— indem er auf einen großen Hund hin⸗ wies, der beim Feuer ſchlief,—„oder fuͤr jedes an⸗ dre Geſchoͤpf unter Edward Shea's Dach, geſchweige denn fuͤr dich.“ Obgleich dieſe Antwort die perſoͤnliche Auszeich⸗ nung zu vermindern ſchien, die ſich von ſeinen Hand⸗ lungen hatte erwarten laſſen, ſo ſchwaͤchte ſie doch keinesweges des armen Maͤdchens Dankbarkeit. Sie war unermuͤdet in ihrer Aufmerkſamkeit und Guͤte fuͤr ihn, die anfangs Andy's Eitelkeit ſchmeichelten, dann Aℳ 8 ſein Wohlwollen und ſeine Erkenntlichkeit erregten, und endlich ihm warme Liebe einfloͤßten. Bridge gab ihm gewoͤhnlich einen Schluck Milch, wenn ſie ihm des Morgens begegnete, nachdem ſie die Kuͤhe gemolken hatte; ſie verſaͤumte keine Gelegenheit, ihm auf Jahr⸗ maͤrkten oder Kirmſen irgend einen Leckerbiſſen zuzu⸗ ſtecken. Einſt kaufte ſie ihm zum Andenken ein paar rothe Strumpfbaͤnder, und knuͤpfte ſie mit ihren eignen Haͤnden an. Auch trug ſie Andy den groͤßern Theil eines Tages, aber wir ſchaͤmen uns ſeinetwegen, be⸗ kennen zu muͤſſen, daß er ſie am naͤchſten Tage weg⸗ ſchmiß, da ſie zu unbequem um ſeine Kniee laͤgen, und ihm eine Erkaͤltung zuziehn koͤnnten, weil ſie die Struͤmpfe aufwaͤrts hielten, woran er gar nicht ge⸗ woͤhnt waͤre. Auf dem Wege zu einem Tanze,(und Andy war ein verhenkert guter Taͤnzer; auch ſtand ihm Bridge Chree in dieſer Kunſt nicht nach, daß heißt, ſie ſparten keine Muͤhe dabei, und hielten es auch einen Tag und eine Nacht aus;) auf dem Wege alſo ſammelte er den Muth, ſeine Liebe zu geſtehn, wobei er uͤber ihren Kopf den naͤmlichen Stock ſchwang, gegen den ſie ſo viele Verbindlichkeiten hatte, und der daher einen Theil der Achtung beſaß, die ſie fuͤr ſeinen Beſitzer hegte. Er ſagte ihr gerade heraus:„daß er ſie lieber haͤtte, als die ganze uͤbrige Welt, Pierce Shea jedoch ausgenommen, und ſeine eigne Mutter, auch wollte er ſich gern und willig fuͤr dieſe drei Perſonen mit dem halben Kirchſpiel herumhauen.“ Die Antwort auf dieſe zaͤrtliche Erklaͤrung war,„daß — NWB ihre Liebe nicht geringer als die ſeinige waͤre.“*) Und ſo ſtanden die Sachen am Abend, von dem wir ſpre⸗ chen muͤſſen. Aber trotz des entſcheidenden Kampfes, war Paudge Dermody's kritiſches Urtheil uͤber Bridge keinesweges boshaft. Denn ſie war in jeder Hinſicht das Gegen⸗ theil von Andy. Vielleicht war dies die Urſache ſeiner Zuneigung zu ihr, wenn es anders wahr iſt, daß der Menſch das nicht achtet, was er beſitzt, und ſich nach dem ſehnt, was er nicht hat. Er war groß, und ſie außerordentlich klein; er war mager, ſie ſehr fett; ſein Geſicht war gelb⸗braun und bloße Haut, ihres war roſenroth, rund und voll; ſeine Augen ſahn immer in gerader Richtung vor ſich hin, ihr linkes Auge hingegen war unwandelbar auf ihre Naſe gerichtet. Nun iſt es freilich zweifelhaft, ob es nicht in Liebesfaͤllen zuweilen vortheilhaft ſey, ein ſolches Auge zu haben, das von einem Winkel zum andern einen verlaͤngerten Liebes⸗ blick werfen kann; denn wenn eine Perſon den Augapfel gerade in der Mitte inne hat, ſo muß ſie dieſelbe Evolution mit zwei verſchiedenen Bewegungen machen, wodurch die Kraft der Wirkung ſichtbar ver⸗ *) Bridge ſagte hier keinesweges, was ſie zu ſagen be⸗ zweckte. No love to be lost, meint eigentlich, daß der Grad der Liebe aͤußerſt geringfuͤgig iſt; ununter⸗ richtete Englaͤnder verſtehn darunter, daß nichts von der Liebe verloren, und daß ſie erwiedert ſey. Anm. d. Ueberſ. 10 mindert wird. Auch kann in erſterm Falle ein Indi⸗ viduum, das bloͤde iſt, in einer Stube voller Menſchen ihren Liebhaber anſehn, und die Gegenwaͤrtigen glau⸗ ben vielleicht, daß ihre Blicke auf die Mauer, oder auf eine Frau am fernen Ende des Tiſches gerichtet ſind. Sie watſchelte zwar in ihrem Gange, denn ihre Beine waren wirklich eingebogen; aber ſie hatte rothe, volle Lippen, die immer laͤchelten; ihre Zaͤhne waren ſo regelmaͤßig, wie die eines Kammes, und ſo weiß wie Elfenbein. Sogar ihre Augen, ungeachtet ſo viel uͤber und gegen ſie geſagt worden iſt, waren ſchwarz und funkelnd. So waren Andy und ſeine Geliebte aͤußerlich beſchaffen; in ihrem Innern glichen ſie ſich vollkommen, denn Beide waren kunſtlos, mun⸗ ter und wohlwollend. Sie ſaßen, wie wir einige Blattſeiten vorher be⸗ merkt haben, vor einem flammenden Feuer, das Bridge Chree ſorgfaͤltig erhielt, nachdem die andern Mitglieder des Haushalts zu Bett gegangen waren. Wie nahe ſte neben einander ſaßen, brauchen wir eben Nieman⸗ dem zu ſagen, und wenn wir Thatſachen dieſer Ge⸗ ſchichte ſammeln, und wir als Zeugen zugelaſſen wer⸗ den, wo kein Andrer hinkommen darf, ſo moͤgen wir doch auch nicht Alles, was wir ſehn und hoͤren, aus⸗ plaudern. Manches ſoll daher uͤbergangen werden von dem, was unſre Freunde ſagten und thaten, bis wir zu dem Theil ihrer Unterredung kommen, mit welchem der Leſer bekannt gemacht werden muß; aber er kann auf jeden Fall nicht umhin, ſich mit dem zu begnuͤ⸗ *— 11 gen, was wir nach reifer Ueberlegung geneigt ſind, ihm mitzutheilen. „Was giebt's denn? Halte doch Dein liebes Ge⸗ ſicht in die Hoͤhe, mein Taͤubchen,“ ſagte Andy, als Bridge es auf die Beuſt ſenkte, uͤber etwas, das im Verlauf des vorhergehenden Geſpraͤchs vorfiel. „Andy, Andy, war es nicht eine ſchreiende Suͤnde, daß Du einen ſolchen Eid ablegteſt?“ „Mein gutes Kind, ich koͤnnte kein Vergnuͤ⸗ gen im Eheſtand genießen, ſo lang ich unſern armen Pierce ſich abhaͤrmen ſehe, uͤber den Verluſt eines Weibes.“ „Und ſo thateſt Du ein Geluͤbde vor Gott, daß Du nicht heirathen wollteſt, bis an ſeinem Hochzeits⸗ tage?“ 3 „Ja wohl, ja wohl, denn ich war ſo niederge⸗ druͤckt durch ſeinen Schmerz und ſeine Klage, daß ich beinah drauf ſchwoͤren wollte, wenn er einen Strick genommen und ſich den Hals zugezogen haͤtte, ſo wuͤrde ich, Gott behuͤte mich vor der Verſuchung, ſo wuͤrde ich ſtracks gegangen ſeyn, und daſſelbe gethan haben.“ „Und ich hab' unterdeß dafuͤr geſpart und zuſam⸗ men geſcharrt, hier einen Pfennig, und dort einen Pfennig, hab' jedes Endchen und jedes Faͤſerchen zu benutzen geſucht,— aber— ach— Alles umſonſt.“ „O, mein Liebchen, weinſt Du gar? Thue es nicht, ich bitte Dich.“ 1 „Ach, Andy, nachdem Du mir allenthalben folg⸗ 12 teſt, wie Du es gethan haſt, und mir keinen Zweifel daruͤber ließeſt.“— „Freilich, Bridge, mein Engel.“— „Es iſt nur allzuwahr, was meine arme Gebie⸗ terin ſagt; die Maͤnner, ſagt ſie, ſind alle Schelme, Gott beßre ſie! Ich und Anaſthauſe dachten, daß ſie das blos ſagte, um uns zur Arbeit anzuhalten; aber nun ſeh' ich zu meinem großen Leidweſen, daß ſie Recht hat.“ „Hoͤr mich an, ich bitte.“ „Und was wird Peggy Bamn jetzt ſagen? Sie, die mir einen ſo netten Liebhaber mißgoͤnnte.— O, meine Liebe, er machte ein Geluͤbde, nicht zu heira⸗ then, bis Pierce Shea es zu gleicher Zeit mit ihm thaͤte, und da Pierce Shea Alley Dooling nie wieder⸗ ſehn wird, ſo lange die Welt Welt iſt, und da er keine Andre heirathen wird, ſo folgt daraus, daß Andy Awling Bridge Chree nicht heirathen wird.— Ach, Gott vergebe Dir, Andy, geſegnet ſey ſein Name fuͤr Alles, aber wahrlich, Du haſt großes Elend uͤber mich gebracht.“ Um einen gewiſſen Zweck zu erreichen, hatte Andy ſeine Geliebte mit dem beſagten Schwur bekannt gemacht; da er nun aber ſah, wie ſehr ſie dies zu Herzen nahm, weit mehr, als er erwartet hatte und ertragen konnte, ſo beſchloß er die Sache ein wenig zu bemaͤnteln. „Aber bedenke nur, Bridge, wie geſchwind geht im Grunde nicht ein kleines Jaͤhrchen voruͤber.“ -—,— -—,— 13 „Ein Jahr, Andy?“ „Freilich wohl, und das wollen wir mit Gottes Huͤlfe ſchon uͤberleben, und dann wird ein gewiſſer Jemand vielleicht ſeiner Geliebten zeigen, daß die Juͤnglinge eben ſo treu ſeyn koͤnnen, als die Maͤdchen, und Peggy Bawns Herz wird vor Groll ſchwellen, wenn Du und ich zuſammen treten, bis in den Tod, wenn der Prieſter ſeine geſegneten Haͤnde auf uns legt, und ich kuͤſſe dann mein Weib, und Du kuͤſſeſt Deinen Ehemann; und das werd' ich ſeyn, der jetzt vor Dir ſitzt.“ „Was meinſt Du denn mit dem Allen, Andy?“ „Und denkſt Du denn, daß ich ſo ein Narr ſeyn wuͤrde, einen Eid zu ſchwoͤren, ohne irgend einen Ruͤckhalt? Nein, in der That nicht; ich will einen heiligen Schwur vor Gott ablegen, ſagte ich, und geſegnet ſey ſein Name, Du weißt es beſſer, als ich Dir ſagen kann, welch eine große Buße es fuͤr mich ſeyn muß, da Bridge Chree der Liebling meines Herzens iſt: ich will nicht heirathen, bis mein armer Pierce Shea daſſelbe Geſchaͤft vollzieht,— ausgenom⸗ men, fuͤgt' ich hinzu,— ausgenommen, er thut es nicht nach Verlauf eines Jahres: denn nicht einen Tag laͤnger kann ich auf ihn warten.“ „Und warum haſt Du mir das nicht eher geſagt, Andy?“ „Du ließeſt mich ja nicht zum Worte kommen; da ſaßeſt Du und weinteſt, als wenn dein Herz brechen wollte, und meins fing an zu brechen. Aber nun 14 trockne auch Deine Augen“(er nahm ihre Schuͤrze und that es ſelbſt)!„Na, nun iſt Alles wieder gut.“ „Wahrlich, Andy, Du biſt ein großer Schelm.“ „Sag das nicht, ausgenommen Du verſtehſt un⸗ ter einem Schelm einen Menſchen, der naͤrriſch verliebt in Dich iſt, Du kleine Diebin; ich bin mir keiner an⸗ dern Schelmerei bewußt.“ „Wohl, laß es jetzt nur gut ſeyn.“ „Es verdrießt mich nur, daß ich uͤberhaupt das Ge⸗ luͤbde gemacht habe. Wenn ich nur Geld haͤtte, ſo wuͤßte ich wohl, wie der Sache viel fruͤher abzuhelfen waͤre, als nach einem Jahre.“ „Darf man wohl fragen, Andy, wie das zu machen waͤre?“ „O, es waͤre ſonderbar, wenn Du etwas for⸗ derteſt, was Andy nicht gewaͤhrte. Aber ſieh mich nicht auf dieſe Weiſe an, ſonſt verwirren mir dieſe ſchelmiſchen Augen alle meine Gedanken im Kopfe.“ „Fuͤrwahr, Du biſt ein ſchlimmer Vogel, Andy, doch ich will Dir zu Gefallen auf den Speck hinauf ſehn.“ Bridge mochte in ihrer eignen Meinung gewiſ⸗ ſenhaft ihr Wort halten, aber ein unpartheiiſcher Zu⸗ ſchauer wuͤrde geſchworen haben, daß ſie anderswo hin⸗ ſah, als auf den Speck. „Das iſt beſſer; denn ein armer junger Menſch kann unmoͤglich an etwas anderes, als an ſein Maͤdchen denken, wenn ihn zwei ſolche brennende, ſchwarze Augen angucken,— ſieh, da biſt Du ſchon wieder dabei.“ „Du biſt ein großer Schmeichler, Andy, ja das biſt Du.“- „Was wollt' ich doch ſagen? Aber laß mich erſt fuͤhlen, ob Dein Kopf auf Deinen Schultern ſteht.“ „Ich ſag Dir nochmals, Andy, ſey ruhig.“ „Das iſt ſuͤß wie Honig,“ ſagte Andy, und ſchmatzte ſeine Lippen;„wohlan, Bridge, ich wollte blos ſagen, daß es ſo klar zu ſehn iſt, als der Griff an meinem Spaten, daß all unſre Nachforſchungen nach Crohoore nicht von groͤßerm Nutzen ſind, als wenn ich verſuchen wollte, den Mond in meine Taſche zu ſtek⸗ ken: denn die ganze Welt weiß ja, daß er ſeine Be⸗ ſchuͤtzer in der Naͤhe hat. Gott ſteh uns bei. Die arme Alley lebt unter ihnen, wie mir Pierce Shea dieſen geſegneten Morgen zu verſtehn gab. Das ein⸗ zige Mittel, mich ihr zu naͤhern, iſt, daß ich einen kurzen Stock in die Hand nehme, und mich zu Sheeum-na-Sheeog begebe, der auf den Huͤgeln ganz in ihrex Mitte lebt; aber ich hab' nicht mehr, als einen einzigen Schilling in meiner Taſche, und dafuͤr wird er nicht willig ſeyn, etwas zu thun; daher ſchmerzt es mich aͤußerſt, daß es nicht Gottes Wille iſt, daß ich etwas mehr Geld haben ſollte. Denn ſieh nur, je laͤnger ich anſtehe zu Sheeum-na-Sheeog zu gehn, je laͤnger muß Pierce ohne ſie bleiben, und je laͤnger muͤſſen wir bleiben, wie wir ſind,— vielleicht das ganze Jahr durch.“ Bridge zog ſogleich eine kleine zinnerne Buͤchſe 16 hervor, aus der ſie eine halbe Guinee nahm, die ſie Andy einhaͤndigte. „O Du Liebling der Welt, deinesgleichen giebt es nicht, von hier bis zu dem Platz, wo die Maͤnner von Connaught herkommen!— Wahrlich, dies wird Sheeum in die Augen ſtechen, und ihn antreiben, unſer Spion zu ſeyn.“ „Es war ein guter Einfall, den Du da hatteſt, lie⸗ ber Andy; aber unſer alter Herr hier glaubt nicht ein Wort von dem, was von Crohoore und dem guten Volke geſagt wird. „Gott ſegne den alten Mann; aber ſein Kopf taugt nicht viel.— Wenn er mit uns auf unſrer er⸗ baͤrmlichen Jagd nach Crohoore geweſen waͤre, da wuͤrd' er wohl andrer Meinung ſeyn. An dem Morgen, als wir ihm beim alten Schloß ſo nahe kamen, da hab' ich es mit meinen beiden lebendigen Augen geſehn, wie er ſich mit ſeinen Beinen auf ſein kurzes Gewehr ſetzte, und uͤber den Strom wegflog, wie ein alter Haſe. Du weißt es ſo wohl, als irgend Jemand es wiſſen kann, Bridge, daß unſer Pierce ſo geſchickt iſt einen Sprung zu machen, als irgend ein Menſch in der ganzen Gegend umher,— und doch war er nicht faͤhig, auch nur den halben Weg zu machen. Auch koͤnnte es kein chriſtlicher Menſch thun, ausgenommen er haͤtte gewiſſe Huͤlfe. Und als wir ihn todt ſchießen wollten, da fanden wir unſre Gewehre behext, ſo daß nicht ein Funken heraus kommen wollte. Wie wir ihn vollends in die Hoͤhle verfolgten, da waͤrs ja —— 17 voͤllig um Pierce geſchehn geweſen, wenn ich ihm nicht zur rechten Zeit zu Huͤlfe gekommen waͤre. Und der rothe Teufel, Paddy Loughnan, war ja außer ſich vor Schrecken uͤber das, was ihnen Beiden in der Hoͤhle begegnet war. Auf einmal trat Er ſelbſt ploͤtzlich in unſre Mitte,— ſtracks ſchoß ich ihm ins Geſicht, aber es verletzte ihn nicht mehr, als wenn ich ihn mit einem Feenzweigchen geſchlagen haͤtte. Aber ich war nahe dran, theuer dafuͤr zu bezahlen; ich wurde durch den Feenſchlag wie eine Katze herum geworfen, und Gott muß mich wohl lieb haben, ſonſt waͤr's um mich geſchehn geweſen.“ „Das iſt Alles klar genug, Andy, und wenn unſer alter Herr mit Biddy Graſſe ſprechen ſollte, die in Knockbulligeen wohnt, ſo wuͤrde ſie ihn fruͤh genug ſehn laſſen, ob es„gutes Volk“ in der Welt giebt oder nicht.“ „Was ſtieß ihr denn zu, Bridge?“ „Ich fuͤrchte, die Geſchichte wird zu lang ſeyn.“ „Keinesweges, mein Liehchen; der Abend hat ja erſt angefangen, und es iſt beſſer, hier bei dieſem guten Feuer zu ſitzen, und zum Winde draußen ſagen zu koͤnnen, blaſe ſo ſtark du willſt, als jeder von uns allein in unſern kalten Betten zu erfrieren.“ „Bleib mir aber mit Deinen Haͤnden weg, Andy, und ich will Dir etwas von Biddy Graſſe erzaͤhlen.“ „Ich will mich nun gut auffuͤhren, mein Taͤub⸗ chen, fange nur an.“ Hierauf zogen ſie ihre Stuͤhle, — oder ihren Stuhl— wir moͤgen es nicht beſtimmt II. 2 18 angeben,— naͤher zum Feuer, und ſchickten ſich an die Eine zu erzaͤhlen, und der Andre drauf zu horchen, mit jenem eignen Vergnuͤgen, welches dieſe Art Erzaͤh⸗ lungen gewaͤhren.“ „Wohl, Andy, dies iſt eine ſo wahre Geſchichte, als Du je eine gehoͤrt haſt. Biddy's Gevatterin hat mir ſolche erzaͤhlt, und dieſe hat ſie aus Biddy's eignem Munde vernommen. Biddy Graſſe hatte einen ſo ſchoͤnen Knaben, als Gott je einen beſcheert hat, und ſie liebte ihn beſonders, da alle ihre uͤbrigen Kinder Maͤd⸗ chen waren.“— 1 „Und Gott ſegne die Maͤdchen jeden Morgen, wenn ſie aufſtehn; was wuͤrden die armen Maͤnner angefangen haben, wenn der liebe Gott nicht ſo gnaͤ⸗ dig geweſen waͤre, ſie uns zu ſenden?“ „Komm mir nicht mit Deinen verſtohlnen We⸗ gen, Andy, ſondern laß uns fortfahren.“ „Ja, ja, ich will nun maͤuschenſtill ſeyn.“ „Das Kind gedeihete wohl, und es war ein Ver⸗ gnuͤgen, es anzuſehn, bis es ungefaͤhr ein Jahr alt war, dann bemerkte Biddy auf einmal, daß der Knabe anfing abzunehmen und abzunehmen, bis er endlich nicht ſtaͤrker war, als meine Fauſt. Dann fing er an, auf die ſonderbarſte Weiſe zu lachen, zu greinen, und ganz verſtaͤndig umher zu blicken. In einem Augenblick drauf ſchrie und heulte er, gar nicht wie ein chriſtliches Kind. Und wenn ſie ihn an die Bruſt legte, zerriß er ſie beinah in Stuͤcken, und dann ſchnitt er ſolche Geſichter, daß die arme Frau 19 nicht den Muth hatte, ihn anzuſehn. Nun gedachte ſie ihn zu entwoͤhnen, aber er wollte nicht einen Biſ⸗ ſen eſſen, und war immer graͤmlich und graͤmlich, vom Morgen bis zum Abend, ſo daß ſie dachte, daß er ſterben wuͤrde, und ſie betruͤbte ſich daruͤber. Aber zum Erſtaunen der ganzen Welt lebte er fort, und blieb drei Monate ohne alle Nahrung, wie ſie dachte. Auch nahm er weder zu, noch ab, ſondern blieb im⸗ mer wie er war, und ſie brachte manche langweilige Nacht zu, bei ihm zu wachen. Eines Nachts ging ſie zu Bett, konnte aber nicht ſchlafen, denn ihr Gemuͤth war ſo unruhig, da ſie an ihr ſchwaͤchliches Kind dachte; ſie hatte ein Nachtlicht angezuͤndet, und, merk auf, Andy, ſie lag ſtill und ruhig mit ihren Augen halb offen, und nach einem kleinen Weilchen ſieht ſie den Knaben aufrecht in der Wiege ſitzen, und ſein bezaubertes Geſicht herum drehn, und hier und da zu ſchauen, um zu wiſſen, ob Je⸗ dermann ſchliefe; dann ſtieg er aus dem Bett auf den Boden, ging hinuͤber zum Herd, wo ein Haferbrod lag fuͤr den naͤchſten Morgen, und es iſt ſo wahr, als das Feuer jetzt vor uns brennt: er ſetzt ſich nieder und ißt und ißt, bis Alles verzehrt war. Und die ganze Zeit war er wachſam wie eine Katze die ſtiehlt. Hierauf kroch er wieder in ſeine Wiege, ergriff die Sackpfeifen, und ſpielte ein Feenlied.* „Chriſt beſchuͤtze und erhalte uns! Das war frei⸗ lich fuͤrchterlich,“ ſagte Andy, der ſo blaß, wie der Tod, daſaß. 2*† 20 „Und Du kannſt Dir wohl vorſtellen, Andy, wie erſchrocken die arme Biddy muß geweſen ſeyn. Sie dachte nun, wie viele Stuͤcke Brod ſie ſeit einiger Zeit vermißt hatte, und wie oft, wenn ihr Mann, ſie ſelbſt und die Maͤdchen ausgegangen waren, und ſie allein zu Hauſe kam, ſie innerhalb eine wilde Muſik hoͤrte, die ſie ſich nicht erklaͤren konnte, da ſie doch wußte, daß ſie das Kind allein zu Hauſe ließ. Sie ſagte ihrem Manne kein Wort davon, denn er war ein wider⸗ ſinniger, verdrießlicher, argwoͤhniſcher Menſch, und ſie dachte, er koͤnnte wohl gar ſie und das Kind umbringen. Aber ſie ging zu einer alten, weiſen Frau, die man Noſeen Branan nannte, wegen ihrer Naſe, die eigent⸗ lich keine Naſe war, denn ſie fiel ab, wenns kalt war und bei andern Gelegenheiten; und da erzaͤhlte ſie ihr denn mit Thraͤnen in den Augen ihre Geſchichte; No⸗ ſeen errieth ſogleich, wie man ſich leicht denken kann, wie Alles zugegangen war. So wahr, als Ihr jetzt lebendig vor mir ſteht, Biddy, ſagte ſie, das iſt ſo wenig Euer Kind, als ich Euer Kind bin. Ach Gott ſey mir gnaͤdig, Noſeen, rief Biddy aus, wer iſt er denn? Es iſt ein alter Mann, entgegnete jene wieder, der dem„guten Volke“ angehoͤrt. Sie nahmen ihn weg, als er ein Kind war, und behielten ihn ſeitdem bei ſich, und verheiratheten ihn mit einer ihrer Frauen. Aber nun iſt er zu alt, laͤnger unter ihnen zu bleiben, und ſo ließen ſie ihn zuruͤck, an der Stelle Eures ſchoͤ⸗ nen Knabens. Ums Himmels Willen, was ſoll ich anfangen? ſagte Biddy. Habt Ihr Muth? Denn Ihr 21 muͤßt eine muthige That vollziehn, fragte Noſeen die arme Biddy Graſſe. Ich will Alles thun, um mein Kind zuruͤck zu haben, war Biddy's Antwort. Wenn dem ſo iſt, ſo muͤßt Ihr mit einem entſchloßnen Her⸗ zen Eure Gelegenheit abwarten, den alten Mann zu ergreifen, ihn in einen Sack ſtecken, und ihn hin tragen zum Ufer des Fluſſes, um ihn hinein zu wer⸗ fen. Aber laßt Euren Muth nicht ſinken, ſonſt ſeyd Ihr verloren, und vergeſſet ja nicht, ihm hinlaͤngliches Haferbrod zu laſſen. Bekuͤmmert Euch uͤbrigens um nichts, und gebt ihm die liebevollſten Namen, die Ihr Eurem eignen Kinde geben wuͤrdet, bis Alles vor⸗ bei iſt. „Was deucht Dir nun, Andy?“— „Legte ſie Hand an ihn?“ fragte er ſeiner Seits. „Du ſollſt Alles hoͤren, habe nur Geduld. Als ſie zu Hauſe kam, ging ſie zur Wiege, und das ſo⸗ genannte Kind lag darin, als wenn es feſt ſchliefe; aber ſobald ſie ſich uͤber ihn hinbeugte, oͤffnete er ſeine Augen, und greinte zu ihr auf, als wenn er, wie ſie dachte, ſagen wollte, ich weiß Alles was Du vor haſt. Sie verbarg daher ihr Geſicht, und lief auf die andre Seite der Huͤtte, und ſetzte ſich nieder, um ihre Ge⸗ danken zu ſammeln. Anfangs furchtete ſie ſich, ihn in den Fluß zu werfen, denn ſie dachte, Noſeen koͤnnte ſich ja geirrt haben, und ſie wuͤrde dann ihr eignes Kind umbringen; aber endlich uͤberlegte ſie Alles was ſie geſehn hatte, und dachte, daß kein rechtes Kind 22 ſo etwas thun koͤnnte, und ſo ſann ſie hin und her, zu was ſie ſich entſchließen ſollte. Endlich ſammelte ſie Muth, und als ſie fand, daß er wirklich ſchlief, ſteckte ſie ihn behend in einen Sack, und knuͤpfte den Strick feſt zuſammen; aber waͤhrend ſie ihn zuſammenknuͤpfte, ſchrie und laͤrmte er, und ſtieß ſo ſehr mit den Fuͤßen aus, daß ihn das arme Geſchoͤpf fallen ließ, und ſie hatte lange nicht das Herz ihn wieder aufzuheben, und er ſtraͤubte ſich ſo lange, bis er ein Stuͤckchen von ſei⸗ ner Naſe heraus brachte, und ſie hoͤrte ihn entſetzlich fluchen,— aber wenn er ein chriſtliches Kind gewe⸗ ſen waͤre, ſo haͤtte er ja in vielen Monaten noch kein Wort ſprechen koͤnnen. Nun war ſie ihrer Sache gewiß; und waͤhrend er ſich auf dem Boden ſtraͤubte und ſich herumwaͤlzte, buͤckte ſie ſich hinunter—“ „Mord!“ ſchrie Andy mit halb geſchloßnen Au⸗ gen, ſeine Zaͤhne klapperten, und der kalte Schweiß brach auf ſeiner Stirn aus.—„Bei meiner Seele ich haͤtte ihn nicht beruͤhren wollen, und wenn man mir den Thron des Koͤnigs von England dafuͤr gege⸗ ben haͤtte.“. „Sie buͤckte ſich hinunter, packte ihn ſogleich auf ihren Ruͤcken, lief ſo geſchwind ſie konnte zum Fluß, und ſchuͤttelte ihn aus dem Beutel in den tief⸗ ſten und ſchmutzigſten Theil des Stroms. Er ſank, und kam wieder empor, und als er den Fluß hinab⸗ gleitete, und mir nichts dir nichts drauf ſaß, da ſah Biddy wohl, daß er ein kleiner alter Mann war, und ſie hoͤrte ihn ausrufen: Hol mich der Teufel, wenn 1 es mir nicht Leid thut, daß ich dir nicht geſtern Abend den Kehraus gegeben habe, wie es mein Wille war.“ — Sie lief zu Hauſe und fand ihren ſchoͤnen Knaben in der Wiege, den ſie verloren und wieder gefunden hatte.“ „Bei meiner Treue,“ ſagte Andy, und ein tiefer Athemzug erleichterte ihn ein wenig,„bei meiner Treue, Biddy Graſſe war das herzhafteſte Weib in der Welt. Ich haͤtte es ſo wenig thun koͤnnen, als einen Habicht fuͤr mein Abendbrod zu eſſen, deſſen Spitzen, wie ich hoͤre, ſehr wehe thun, und wie Du vorhin ſehr richtig bemerkteſt, Bridge, wenn Edward Shea dieſe Ge⸗ ſchichte hoͤrte, ſo wuͤrde er gewiß nicht ſo bald wieder etwas Uebles von dem„guten Volke“ ſprechen.“ „Nichts in der Welt, Andy, koͤnnte den alten Shea auf andre Gedanken bringen; er glaubt an keine Art von Zauberei, und es iſt beſonders Unrecht von ihm, da ſeine eigne Familie ſchmerzlich davon gelit⸗ ten hat.“ „Was ſagſt Du da, meine Liebe?— War Je⸗ mand in der Familie jemals bezaubert?“ „Ei freilich! Haſt Du nie etwas davon gehoͤrt?“ „Kein einziges Wort, aber mit Gottes Huͤlfe wird es nun nicht lange dauern, bis ich Alles weiß, da Du im Zuge biſt zu ſprechen.“ „Von ganzem Herzen will ich Dir Alles, Alles mittheilen, denn ich hoͤre und erzaͤhle gar zu gern ſolche Geſchichten; nur iſt mir erſchrecklich bange, daß es zu ſpaͤt wird, und was wuͤrde aus mir werden, 24 wenn meine alte Gebieterin erwachte, und uns hier zuſammen faͤnde.“ „Und geſetzt, ſie uͤberraſchte uns, was waͤre das Uebel? Denkſt Du, daß ſie ſelbſt nie verliebt gewe⸗ ſen iſt?“ „Ach, Andy, ihre Zeit iſt lang vorbei, und nun heißt es immer nur von einer Woche zur andern: „denk an deine Arbeit.“ Doch dem ſey wie ihm wolle: hier iſt die Geſchichte.“ „Du weißt, was fuͤr eine heilloſe Klaſſe von Menſchen die Bocchochs ſind; ſie treiben allerlei Arten von Zaubereien, und begehn Alles, was ſchlecht iſt, Gott beſchuͤtze uns! Nun trug es ſich zu, vor unge⸗ faͤhr funfzig oder mehrern Jahren, ich erinnere mich es nicht genau— Hier unterbrach Andy ſeine Geliebte, um ſie uͤber ihre Einfalt aufzuziehn, die ſie veranlaßt hatte, ihre Unwiſſenheit uͤber Ereigniſſe zu bekennen, die ſich zu⸗ folge ihrer eignen Berechnung mußten zugetragen ha⸗ ben, ehe ihre Mutter geboren war. Wir benutzen dieſe Unterbrechung, um zu bemerken, daß wir den Leſer keinesweges umſonſt ſo weit in dieſem Kapitel gefuͤhrt haben,— ein beſondrer Grad von Aufmerk⸗ ſamkeit wird vielmehr erforderlich ſeyn, Bridge Chree in ihrer zweiten Geſchichte zu folgen. „Ganz recht, Andy,“ erwiederte ſie auf ſeine kri⸗ tiſche Anmerkung,„doch wie ich eben ſagte, zur Zeit einer Verſammlung am Brunnen des heiligen Johan⸗ nis, kamen Leute von allen Theilen der Welt, die eine Wallfahrt zu dieſem heiligen Platz machten. Un⸗ ter andern kam auch eine Menge Bocchochs an, um Almoſen von den chriſtlich Geſinnten zu erhalten, ſo wie man ſie auch jetzt noch taͤglich ſieht. Dabei ver⸗ kauften ſie Roſenkraͤnze, Gebetbuͤcher und dergleichen. Als die Verſammlung aufbrach, und alle frommen Leute zu Hauſe gingen, begab ſich ein Bocchoch an Edward Shea's Vaters Thuͤr, in demſelben Hauſe, wo wir jetzt ſitzen, und bettelte. Er erhielt natuͤrlich ein Ob⸗ dach, und das Beſte von Allem was vorhanden war. Du weißt, man fuͤrchtet ſich ihnen etwas abzuſchlagen, denn ſie koͤnnen ja Alles behexen, Kuͤhe und Pferde, Menſchen und Vieh, reife Feldfruͤchte und den Saa⸗ men in dem Boden. Er aß und trank, und ſchlief da, wie einer von der Familie, auch war er, wie ich gehoͤrt habe, ein netter, geſcheuter, wohlausſehender, junger Menſch, wie Du, Andy, ich meine von gutem Anſehn, aber ich hoffe zu Gott, daß Du keine von ſeinen Schelmſtreichen veruͤben wirſt,— na, laß mich zufrieden ſag ich Dir,— und ſo blieb er ungefaͤhr vierzehn oder funfzehn Tage im Hauſe des alten Ed⸗ ward Shea,— nicht des alten Shea's der jetzt lebt, ſondern des alten Shea's der ſein Vater war. Zu⸗ weilen that er wohl auch ein wenig Arbeit, aber nur ſehr wenig; des Abends aber ſetzte er ſich unter ſie und erzaͤhlte ihnen ſonderbare und wunderſame Ge⸗ ſchichten aus ſeinem herumſtreifenden Leben, und ſo weit ihre Furcht und Angſt vor einem Bocchoch es zu⸗ ließen, mochten ſie ihn Alle ſehr wohl leiden,— wel⸗ 26 ches der elende Schurke auf eine ſchaͤndliche Weiſe er⸗ wiederte. Der jetzige Edward Shea hatte eine Schweſter, die ein ſehr geſcheutes, ſchoͤnes Geſchoͤpf war, wie ich von denen hoͤrte, die ſie geſehn haben. Im Geſicht war ſie Pierce'n aͤhnlich, nur war es, wie Du denken kannſt, nicht ſo groß wie ſeines. Sie kleidete ſich mit Geſchmack und Aufwand; keine Pachterstochter in die⸗ ſem oder dem naͤchſten Orte konnte ihr darin gleich kommen, denn ihr Vater vermochte ihr viel zu geben, und er gab ihr was ſie wollte, denn ſie war ſein ein⸗ ziges Kind, und das Licht ſeiner Augen. Sie wurde mit großer Sorgfalt erzogen, und viele reiche und vor⸗ nehme junge Maͤnner aus dieſer Gegend bewarben ſich um ſie; aber ſie war ein wenig ſchwierig, oder ſie dachte noch gar nicht ans heirathen. Sie ging ſorg⸗ los umher, mit einem einfachen Herzen, und bekuͤm⸗ merte ſich um nichts. Nun merk auf, Andy. Kannſt Du's wohl denken, daß der Bocchoch ſich erfrechte, ihr ſeine Liebe heimlich zu bekennen? Und wie denkſt Du, daß dies Alles endigte? Da ſie ſich zuruͤckhaltend und ſtolz gegen die zeigte, die ihres Gleichen, oder vielleicht mehr waren, als ſie, ſo laͤßt ſich leicht denken, daß ſie nicht auf einen wandernden Bocchoch achtete. Das ſtolze Maͤdchen wußte wohl, was ihr geziemte, und was ſie zu thun hatte, aber er ſchwur feierlich, wenn ſie einem von der Familie das Geringſte ſagte, ſo wuͤrde er Jammer und Elend uͤber ihre Haͤupter bringen. Sie ſtand daher an, ein Wort davon zu 22 ſagen, und als er fand, daß er auf eine rechtmaͤßige Weiſe ſeinen Zweck nicht erreichen konnte, ſo verſuchte er, was andre Mittel thun koͤnnten.“ „Du haſt wohl oft gehoͤrt, Andy, daß die Boc⸗ chochs bezauberte Nadeln verfertigen, und wenn ſie einem jungen Geſchoͤpf ſolche geben, oder auch einem alten, ſo folgt dies ihnen uͤber die ganze Welt, und theilt Elend und Armuth mit ihnen, und waͤre ſie eine Koͤnigstochter.“ „Ich habe dies oft gehoͤrt,“ erwiederte Andy, aber mir ſtieß nie Jemand auf, der mir ſagen konnte, wie die Nadel bezaubert wurde.“ „Ach, Andy, das kann ich Dir wohl ſagen; aber es iſt zu ſchrecklich, um in der einſamen Stunde der Nacht erzaͤhlt zu werden.“ „Laß das gut ſeyn, mein Liebchen, ich will ſo nah, als moͤglich bei Dir ſtehn, ſo lange Du erzaͤhlſt, und wir wollen durchaus nicht vom Feuer weg um uns ſehn.“ „Einer meiner Vettern hat mir dies Alles geſagt. Er war in ein junges Maͤdchen verliebt, die ihn durch⸗ aus nicht leiden mochte; er ging daher zu einem alten Bocchoch, um eine bezauberte Nadel zu erhalten. Er war neugierig zu ſehn, wie ſie ſie bezauberten, und fuͤr eine gute Belohnung kleidete ihn der Bocchoch in ihre zerrißnen Lumpen, und gab ihn fuͤr einen der Ihrigen aus, und ſo ſah er das ganze ſtraͤfliche Werk, Gott verzeih es ihm! denn es war eine große Suͤnde, und ihm wurde daher am Oſterfeſt eine ſchwere Buße 28 dafuͤr aufgelegt. Er ſah zwei ihrer alten runzlichten Frauen in der Mitte der Nacht nach einem einſamen Orte gehn, und ſie ſagten den ganzen Weg Worte, die er nicht verſtand; ſie klangen wie Gebete, aber nicht wie die, die ein Chriſt ſagen wuͤrde. Sie krochen auf ihren Haͤnden und Knieen, und ſuchten ein wenig Kraut, das ſie mit unzubereitetem Hanf herauszogen, und mit Nachtthau benetzten. Dann ſpannen ſie einen Faden, und faͤrbten ihn mit dem Kraut. Hierauf ging er mit ihnen nach einem Begraͤbnißplatz; ſie ſuch⸗ ten ein Grab, aus dem ſie einen kalten Leichnam zogen, der neun Tage war begraben geweſen. Der Mann war ohne Prieſter geſtorben, und war uͤberhaupt ein gottloſer Menſch geweſen, und kein andrer taugte fuͤr ſie. Sie nahmen den Sargdeckel ab, und der Leichnam lag nackend im Mondſchein.“ „Gott ſey uns gnaͤdig!“ rief Andy aus. „Ich ſage Amen! Und er ſah die alten Frauen neun lange Nadeln in die linke Hand legen, und ſie banden es mit dem ſchwarzen Hanffaden zuſammen, — in des Teufels Namen! Gott entferne uns von ſeinen boͤen Wegen!— Dann begruben ſie den Leich⸗ nam wieder, und er ſah ſie um das Grab gehn, rum und rum, ruͤckwaͤrts und vorwaͤrts, im geſegneten Mondſchein, der ihre ſchlechten Thaten beleuchtete. Nach neun Tagen und Naͤchten ging er wieder mit ihnen, und ſie brachten denſelben Leichnam wieder her⸗ aus, nahmen die Nadeln aus der Hand, und banden den ſchwarzen Faden um den Daumen und durch die Finger, oder was von ihnen uͤbrig gelaſſen war, und der Zauber war nun vollendet, und die Nadeln hatten ihn an ſich.“ „Und gab er die Nadel dem Maͤdchen?“ fragte Andy. „Nein, Andy, denn ſein Gewiſſen peinigte ihn; er ging zur Beichte, und warf die Nadel ins ſtroͤ⸗ mende Waſſer, und unterwarf ſich ſeiner Buße. Das Maͤdchen aber bemitleidete ihn ſehr, und aus Dankbarkeit, daß er ſie nicht auf unrechte Weiſe bezaubert hatte, erlaubte ſie ihm nach einiger Zeit es gehoͤrig zu thun, und Alles endigte auf eine chriſtliche Weiſe. Doch zu Dora Shea zuruͤckzukommen. Der Bocchoch verbreitete den Zauber uͤber Dora, denn er ließ ihr eine der Nadeln, und ging ſeiner Wege. Er war ſeiner Sache nur allzugewiß, denn ſo unglaublich es Dir auch vorkommen mag, Andy, die arme Dora, der Stolz ihres Vaters, und die Be⸗ wundrung der ganzen Welt, folgte ihm nach in kurzer Zeit. Von jenem Tage an bis zu dieſem ließ der alte Shea, Piercens Vaters Vater, nie einen Bettler das Innere ſeines Hauſes ſehn. Er peitſchte ſogar⸗ Mehrere von ſeiner Thuͤre weg; aber beſonders hart war er bei einer gewiſſen Gelegenheit. An einem kalten, windigen Winterabend kam ein armes, zer⸗ lumptes Geſchoͤpf an ſeine Thuͤr, und bat um Gottes Willen um Unterſtuͤtzung. Sie hielt ein kleines Kind in ihren Armen, der Schnee fiel auf Beide, und ſie waren beinah nackend. Sie bat blos um einen Biſſen 30 fuͤr ſich und ihr Kind, da ſie Beide halb todt vor Hunger waren, und um eine Schlafſtelle fuͤr die Nacht in irgend einem Loch oder Winkel unter ſeinem Dache; aber er ergriff ſeine ſchwere Pferdepeitſche, und ſchlug ſie zuruͤck in die Kaͤlte des brauſenden Sturms: denn des alten Mannes Herz war tief verwundet durch den Verluſt ſeiner Tochter, und es war dadurch erhaͤrtet worden. Von der Stunde an, daß ſie ihn verließ, richtete er nie ſeinen Kopf empor, noch oͤffnete ſich ſeine Hand die Armuth zu erleichtern; er peitſchte viel⸗ mehr den naͤchtlichen Bettler von ſeiner Thuͤr weg. Als das vor Kaͤlte bebende Geſchoͤpf ſich ſeinen Hieben entzog und weg lief, rief ſie ihren Namen aus; es war Dora, ſein eignes Kind. Aber Mangel und Elend hatten ſie ſo veraͤndert, daß Er, der ſie auf ſeinem Schooß gehalten, der ſie waͤhrend ſiebzehn Jah⸗ ren mit Augen der Liebe betrachtete, wenn ſie bei ihm ſaß, oder in ſeinem Hauſe umher ging, ihr Vater, mein lieber Andy, ſie nicht kannte; und ſeitdem hat man nichts von ihr gehoͤrt.“ „Gott ſteh ihr bei, Bridge; ſie hat ein hartes Schickſal gehabt; ich wundre mich nur, meine Theure, daß ich dieſe Geſchichte nie zuvor gehoͤrt habe.“ „Sie haben es nicht gern, daß man davon ſpricht; denn es iſt freilich ein Schandfleck fuͤr die Familie. Doch, Andy, wann willſt Du zu Sheeum- na-Sheeog gehn?“ Sie ſtanden auf, ſich zu trennen. „Sobald die Lerche ihr Morgenlied anfaͤngt, wenn ich lebe und geſund bin.“ „Gott gebe Dir Gluͤck und Segen, Andy; ſey vorſichtig, und bleib dem„guten Volk“ ja aus dem Wege.“ „Wahrlich, das will ich thun; es wird gewiß nicht mein Fehler ſeyn, wenn es ſich anders zutraͤgt. — Ach, Du kleines Weſen, wie ſehne ich mich, die meinige aus Dir zu machen!“ „Mir waͤr es auch ganz recht, wenn die Zeit nur erſt kaͤme. Aber es iſt nun ſehr ſpaͤt, und ich muß zwei Stunden vor Tagesanbruch aufſtehn, denn wir haben zu buttern von einer ganzen Woche. Gute Nacht alſo, Andy, Gott erhalte Dich.“ Nach einigen zaͤrtlichen Klagen, und— aber wir wollen doch auch nicht Alles verrathen; Leſer, die verliebt geweſen, oder es noch ſind, und darin wird wohl die Mehrheit beſtehn, koͤnnen ſich vorſtellen oder erinnern, wie ſich Liebende gewoͤhnlich trennen. Und was auch der Unterſchied des Ranges ſeyn mag: ihr Abſchied wird gerade ſo ſeyn, wie der zwiſchen Andy und Bridge. Er ſchlich ſich leiſe weg in ſeinen Struͤmpfen, um Niemand, im Hauſe zu wecken, ſie aber blieb zuruͤck, mit ihrem Ruͤcken gegen das Feuer gekehrt, um zu beten, wobei ſie gewiß des Heils und Wohls ihres Andy eingedenk war. Zweites Kapitel. Eine eigne Klaſſe von Menſchen, die unter dem all⸗ gemeinen Namen Bocchochs bekannt war, beunruhigte ehemals Irland in einem hohen Grade; ja ſogar jetzt noch giebt es derſelben, aber in einer verhaͤltnißmaͤßig kleinen Anzahl. Dies Volk glich in vieler Hinſicht den Zigeunern andrer Laͤnder, die, was ſonderbar zu ſeyn ſcheint, nie in Irland bekannt waren. Sie machten jedoch keine abgeſonderte Gattung aus, noch waren ſie Abkoͤmmlinge einer beſondern Gattung. Sie waren eine liſtige, ſchelmiſche, und talentvolle Verbruͤ⸗ derung. Sie lebten gut, und zwar auf Unkoſten der Wohlthaͤtigkeit, der Vorurtheile, der Argloſigkeit und der Furcht, die ſie ihren einfachen Landsleuten ein⸗ floͤßten. Von den mancherlei koͤrperlichen Uebeln, die ſie zu erkuͤnſteln verſtanden, und zur Schau herum trugen, und wegen ihrer Bettler⸗Profeſſion, er⸗ hielten ſie den allgemeinen Namen„Bocchochs,“ das heißt:„lahme Menſchen,“ oder:„lahme Bettler.“ Sie erſchienen mit zerbrochnen Gliedern, oder krampf⸗ haft verzerrten Geſichtern; gaben Blindheit vor, oder erweckten Sympathie durch die Darſtellung ſolcher Ue⸗ bel, die man durch den Gebrauch bekannter, beizender Kraͤuter, auf die Haut gerieben, leicht hervorbringen kann. 33 Hieraus ergiebt es ſich, daß die Benennung Boc⸗ chochs ihnen nur zum Theil zukam. Denn die Wahr⸗ heir zu ſagen, waren ſie groͤßtentheils geſunde Men⸗ ſchen, und ſahn auch ſehr wohl aus, wenn ſie ihre mannichfaltigen Verkleidungen abwarfen, und zuſam⸗ menkamen, um den Ertrag ihrer Schelmereien unter ſich zu genießen. Mancher Kerl, der am Tage blind oder lahm geſchienen hatte, warf mit ſeinen Kleidern ſeine Gebrechen von ſich, und miſchte ſich in die Luſtigkeit und Ausſchweifungen der Uebrigen, ohne von denen beargwohnt zu werden, deren Wohlwollen und Leichtglaͤubigkeit ihn in den Stand ſetzten, ſo viel, als der Reichſte unter ihnen zu verſchwenden. In ihrem Beruf als Bettler beſuchten ſie Meſſen und Jahrmaͤrkte, vorzuͤglich aber befand ſich die groͤßte Anzahl derſelben in den folgenden Verſammlungen des Volks. Es iſt hinlaͤnglich bekannt, daß es in gewiſſen Bezirken in ganz Irland heilige Brunnen gab, und in geringer Anzahl jetzt noch giebt, deren jeder einem beſon⸗ dern Heiligen geweiht iſt. Dorthin verfüͤgte ſich der andaͤchtige Theil des Volkes an den Feſten des ſelig gemachten Schutzheiligen, um ſelbſtaufgelegte Buße zu thun, und zu beten; in einem ſolchen Zuſammenfluß von Menſchen machten die Bocchochs ihre Gebrechlich⸗ keiten zu ergiebigen Quellen des Erwerbs; auch betro⸗ gen ſie die Leichtglaͤubigen, die ihnen mit offenen Maͤulern zuhoͤrten indem ſie vorgaben, daß an ihren eigenen Perſonen, wunderſame Kuren, an der Capelle, wo ſich die Pilgrime verſammelten, waren vollzogen II. 3 34 worden. Einigen war gluͤcklicherweiſe die Sehkraft wiedergegeben, deren Augen ſie nie gefehlt hatte. An⸗ dere gelangten wieder zum Gebrauch eines Gliedes, das beim Stehlen oder Weglaufen eben nicht ſehr paraliſirt geſchienen hatte. Die ſtentoriſche Erzaͤhlung dieſer Wunder, die gewoͤhnlich mit Aufforderungen an die Wohlthaͤtigkeit und den frommen Eifer der Zuhoͤ⸗ rer vermiſcht war, ermangelte nicht ihnen reiche Gaben einzubringen. Andere verkauften Roſenkraͤnze und hoͤl⸗ zerne Kreuze, welches den Mitſchuldigen Gelegenheit gab, die herumſtehenden Kaͤufer zu beſtehlen. Aber ſie beſaßen auch noch andere Talente; die beſten Saͤnger des Keenthechaun, des Klaglieds, befanden ſich unter ihnen, und ihr Talent, poetiſche Elegien auf die Todten aus dem Stegreif zu verfer⸗ tigen, verſchaffte ihnen maͤchtige Freunde, denn ſie hat⸗ ten durch Uebung eine große Fertigkeit darin erlangt. Sie gingen durch die ganze Gegend von einer Wache zur andern. Ihre Entfernungen von dieſen Oertern waren beſonders merkwuͤrdig, denn es verſchwand ge⸗ woͤhnlich zu gleicher Zeit Alles, was weggenommen werden konnte. Sie waren in allen Diebſtaͤhlen ent⸗ weder Hauptperſonen oder Mitſchuldige, und es war bekannt, daß ſie geſtohlene Dinge am leichteſten ver⸗ aͤußern konnten, da ihr beſtaͤndiges Herumwandern und ihre kuͤnſtlichen Verkleidungen dies Geſchäft ſehr erleichterten. Die Bocchochs waren allenthalben Fremde; in Leinſter galten ſie fuͤr Eingeborne von Munſter, und in Munſter fuͤr Eingeborne von Leinſter, denn 35 die Nachahmung des Accents und des Idioms beider Provinzen war vollkommen richtig. Bridge Chrees Bemerkung, wie hoch ſie im Ruf der Zauberei ſtanden, war vollkommen gegruͤndet, und die Landleute fuͤrchteten ſie wirklich uͤber Alles. Wenn ihnen Huͤlfe verſagt, oder nur ſparſam bewilligt wurde, dann droheten ſie mit Rache, und Rache erfolgte un⸗ fehlbar. Der Vater fuͤrchtete ſich, daß ſeine Tochter, und die Mutter, daß ihr kleines Kind geſtohlen werden moͤchte, oder wo dieſe Gruͤnde der Furcht nicht ſtatt fanden, fuͤrchtete man den Verluſt anderer Guͤter. Wenn das Vieh todt gefunden wurde ohne ſichtbare Zeichen der Gewaltthaͤtigkeit, war dies natuͤrlich der Zauberei des beleidigten Bocchoch zuzuſchreiben, und das geheimnißvolle Verſchwinden aller beweglichen Arti⸗ kel fuͤr haͤuslichen Gebrauch war eine der Urſachen den wandernden Bettler mit verſchmitzter Hoͤflichkeit zu behandeln. Wenn kein allgemeiner Verſammlungsplatz ſie anzog, ging daher jeder von Haus zu Haus um⸗ her, und ſo lebten ſie uͤppig und unthaͤtig auf Un⸗ koſten der Menge, die ſie verabſcheuete, aber doch ihrer Liſt und uͤberlegenen Geſchicklichkeit nicht zu wider⸗ ſtehn vermochte. Dieſer Eingang war erforderlich, um, nebſt Brid⸗ ges Anekdoten, die folgenden Scenen einzuleiten. In einem engen Gaͤßchen, in der Außenſeite der ſchmutzigen Vorſtaͤdte von Kilkenny, wohnte eine kleine Frau, deren Mutter noch kleiner war. Ihr Name war Chriſtien Moore, aber ihre Nachbarin, Molly Dun⸗ 3* — 36 gan, nannte ſie wegen ihrer vielen Streitigkeiten uͤber Mollys Schwein und Chriſtiens Brut junger Enten veraͤchtlicher Weiſe, und in Beziehung auf ihre kleine Geſtalt, Chreeſteena, das heißt kleine Chriſtien; denn Molly hatte ein junges Schwein, das zuweilen eins von Chriſteens kleinen Enten ſchmaußte, woruͤber dieſe mit vieler Schnellzuͤngigkeit, ſowohl uͤber das Schwein als uͤber die Beſitzerin deſſelben, herzog, und Molly vertheidigte ihr Lieblingsthier, indem ſie ſeine Jugend und ſeinen Mangel an Vernunft als Entſchuldigung anfuͤhrte. Endlich kams zu ſcharfen Worten, Chree⸗ ſteena wollte keinen Beinamen auf ſich ſitzen laſſen, und ſie nannte Molly eine Virago. Denn Chriſtien war einſt mit dem Gepaͤcke eines Soldaten gereiſt, wo ſie gut Engliſch lernte. Doch dieſe Abweichung gehoͤrt eigentlich nicht fuͤr unſern gegenwaͤrtigen Zweck. Chreeſtheena war funfzig, und ihre Mutter hundert Jahr alt. Sie waren Beide unermuͤdete Spinnerin⸗ nen; die Eine ſpann am Rocken, die Andere am Rade. Die Erzeugniſſe dieſer ewigen Betriebſamkeit wur⸗ den zu groben Bettdecken, groben Betttuͤchern und Bettuͤberzuͤgen verarbeitet. Chreeſteena hatte drei Ehe⸗ maͤnner gehabt, und man ſagte ſich heimlich ins Ohr, daß ſie ſich nach einem Vierten umſaͤhe; doch, wie wir ſchon geſagt haben, ſolche Dinge gehn uns nichts an, und wir erwaͤhnen dies blos um zu ſagen, daß ſie ihren zweiten Mann mit einem Beile verſah, welches ſie von einem benachbarten Boͤttcher borgte, um ſpitzige Stuͤcke Eichenholz auszuhacken, und ſie in klei⸗ — 37 nen Zwiſchenraͤumen in den ſchlammigen Boden ihrer Huͤtte zu treiben, bis ungefaͤhr zehn oder zwoͤlf der⸗ ſelben neben der Wand angebracht waren, die einen Raum einſchloſſen, der fuͤr die Laͤnge und Breite eines Menſchen von mittler Statur berechnet war. Gegen ihre Außenſeiten legte der gehorſame Ehemann unbe⸗ hobelte Bretter; dieſer offene Raum wurde mit trocknen Baumrinden ausgefuͤllt, die aus einem nahen Lohehof gebracht wurden; auf dieſe legte Chreeſteena einen guten groben Bettuͤberzug, mit Haferſpreu gefuͤllt; ein Kopfkiſſen derſelben Gattung; Betttuͤcher, grob genug fuͤr einen Schottlaͤnder, mit dem Uebel ſeines Landes behaftet; und ein Paar ſchwere, warme Bettdecken be⸗ endigten dies Verzeichniß. Die drei letzt erwaͤhnten Artikel waren aus ihrem und ihrer kleinen, blinden Mutter Geſpinnſt verfertigt. Im Verlauf der Zeit wurden ſechs gute Betten dieſer Art und von die⸗ ſen Materialien rings ihrer Huͤtte angebracht, und jeder der einen Pfennig bezahlte, konnte eine Nacht in einem dieſer Betten ſchlafen. Es befand ſich auch ein Heerd in dieſem Hotel, der aber, dem Gebrauch gemaͤß, mit keinem Kamin belaͤſtigt war, ſo daß der erſtickende Schwefel der Steinkohlen aus ihrer Geburtsſtatt die Atmosphaͤre des eingeſchloſſenen Ortes fuͤllte, und einen Vorſchmack jenes Raͤucherns geben mochte, das, wie man in allen chriſtlichen Gegenden ſagt, ausgenommen in Wales, in den unterirdiſchen Regionen herrſcht, und zu welchem, wenn der Bericht nicht truͤgt, einige ihrer Pfenniggaͤſte, als eine noͤthige Vorbereitung, voͤllig 38 berechtigt waren. Aber Chreeſtheenas Feuer war ge⸗ woͤhnlich hell und gut, und ihre Betten waren ſelten leer. An dem Abend als Andy Awling und Bridge Chree das Feuer und die Unterredung auf eine ſo an⸗ genehme Weiſe in Edward Sheas Kuͤche genoſſen, hat⸗ ten drei Perſonen von der Klaſſe, die ſie und wir zu⸗ letzt beſchrieben haben, ihr Nachtquartier bei Chree⸗ ſtheena genommen. Sie bezahlten jedoch einen dop⸗ pelten Preis, das heißt zwei Pfennige ſtatt eines, be⸗ dungen ſich aber dafuͤr den ausſchließenden Beſitz der Huͤtte aus, und es wird jedem einleuchten, daß Chree⸗ ſtheena bei dieſer Einrichtung nichts verlor, und fuͤr eine andere anſehnliche Belohnung von ſechs Pfennigen uͤberließ ſie ihnen fuͤr ihren alleinigen Gebrauch ein ſehr gutes Feuer. Hierauf fuͤhrte ſie ihre kleine Mut⸗ ter in ein inneres Gemach zu Bette, wo ſie den Luxus genoſſen in einer abgeſonderten Schlafſtelle zu ruhen. Chreeſtheena freute ſich von ganzem Herzen uͤber den vortheilhaften Handel, den ſie gemacht hatte: denn drei Betten ihres Hotels waren nicht nur verſchont geblie⸗ ben, ſondern ſie hatte auch fuͤr die Kohlen einige Pfennige mehr erhalten, als ſie ihr koſteten. Sobald man die Wirthin ſchnarchen hoͤrte, zog, Riſththarde Bocchoch(der hinkende Richard) aus ſeinem doppelten Schnappſack ein Paar todte Enten, deren Haͤlſe herumgedreht waren, und nachdem er ſie geſchickt gerupft hatte, hob er einen der Bettuͤberzuͤge auf, und ſteckte die uͤberfluͤſſigen Federn hinein; Padhre Keanoch 39 (der blinde Peter) brachte drei große braune Brode hervor und bemerkte, daß ihm die Außenſeite etwas zu braun vorkaͤme, und Scheemun Croonawnee(Simon der Saͤnger) fuͤgte zwei große Hoͤrner aͤchten, durch Schleichhandel eingebrachten Branntwein hinzu, der jetzt nicht leicht ſo gut in der Stadt Kilkenny konnte ge⸗ funden werden. Er hatte ſolchen als eine Beſtechung fuͤr ſein Stillſchweigen erhalten, als er von ungefaͤhr ein großes Faß deſſelben an einen verborgenen Ort nie⸗ derlegen ſah, und dorthin, fuͤr eine zweite Beſte⸗ chung, einige Zeit nachher die Accisbeamten des Bezirks gefuͤhrt hatte. Aus dieſen Artikeln nun beſtand das Abendeſſen dieſer drei ehrenfeſten Perſonen. Als die Enten gehoͤrig gerupft und gereinigt waren, zergliederte ſie Riſththarde mit einem großen Taſchenmeſſer, mit welchem er immer verſehen war, und bereitete ſie fuͤr den Roſt; hierauf wurden Chree⸗ ſtheenas weiße, hoͤlzerne Teller von einem Brete herunter genommen, um die leckere Koſt darauf zu legen. Waͤhrend dieſer Beſchaͤftigung fing Padhre Kea⸗ nochs ſchwarzer, zottiger Hund an, laut zu bellen. „Wer der Kukkuk kann dies ſeyn, der jetzt klopft?“ fragte ſein vortrefflicher Herr, als ein Klopfen, als waͤre es durch einen ſchweren Stock gethan, ſich an der Thuͤr hoͤren ließ. „Laß ihn draußen ſtehn bleiben, wer er auch ſeyn mag,“ ſagte Sheemun Croonawnee;„nicht ein Tropfen dieſes gebenedeiten Waſſers ſoll uͤber ſeine Lippen gehn.“ 44— 40 Das Klopfen wurde wiederholt. „Wer iſt das, ſage ich?“ fragte Riſththarde mit einer grimmigen Stimme,„wer iſt es, der ehrliche Leute in dieſer Stunde der Nacht aufweckt?“ „Ja, ja, laß ihn an der unrechten Seite der Thuͤr ſtehn bleiben, Sheemun. Ich will ſchwoͤren, und das Gebetbuch darauf kuͤſſen, daß er dieſe Enten nicht koſten ſoll. Paudge Keefe, dem ſie angehoͤrten, hat ſeine Erlaubniß nicht dazu gegeben.“ Klopf, Klopf, Klopf, Klopf. „Packt Euch fort,“ rief Padhre aus,„und laßt arme Leute ihre Nachtruhe genießen.“ „Was das auch fuͤr eine Ruhe ſeyn mag, Pa⸗ dhre Keanoch,“ ſagte eine Stimme von außen,„ſo weiß ich doch, daß ich etwas Gutes rieche, und mei⸗ nen Theil davon haben will. „Moͤge mich der Henker holen,“ ſagte Padhre, „wenn das nicht einer der Unſrigen iſt, meine Freunde. Und was noch mehr iſt, ich bin entweder im Ernſt blind, und noch obendrein auch taub, wenn das nicht von Kopf bis Fuß Shaun⸗law⸗Theaum iſt.“ „Gott behuͤte, wenn es das arme, verlaſſene Geſchoͤpf iſt, daß wir es ſollten in der kalten Nacht draußen ſtehn laſſen,“ ſagte Riſththarde. „Es wuͤrde einen Chriſten ſchlecht geziemen, ſo zu handeln,“ ſagte Padhre,„und er wird doch wohl einen Tropfen des gebenedeieten Waſſers erhalten.“ „Was fuͤr einen Namen habt Ihr?“ fragte Sheemun. 41 „Shaun⸗law⸗Thcaun nennen mich die, die mich kennen,“ antwortete die Stimme, fuhr aber in ganz veraͤnderten Cadenzen fort:—„gute ſanfte Chriſten, ſehet mit mitleidigen Augen auf ein armes, verlaſſe⸗ nes Geſchoͤpf, das nicht den Gebrauch ſeiner Haͤnde hat, um eine Mahlzeit fuͤr ſich ſelbſt, fuͤr ſeine bett⸗ laͤgerige Mutter, und fuͤr ſeine vier kleinen Schwe⸗ ſtern und Bruͤder zu Hauſe zu erwerben.“ „Das iſt voͤllig genug,“ ſagte Sheemun,„warte ein wenig, du arme Seele, und du ſollſt im Namen Gottes herein kommen.“ „Moͤge er Euch mit Gnade auszeichnen, und ſeinen Segen ergießen uͤber Euch und die Eurigen,“ fuhr die Stimme fort, in dem gewoͤhnlichen Schluͤſſel ihres Berufes; aber ſie fuͤgte auf eine ungezwungene Weiſe hinzu:—„mach' geſchwind, Sheemun, denn ich bin kalt und hungrig.“ Aber nun entſtand eine kleine, unvorhergeſehne Schwierigkeit. Chreeſteena hatte, ihrer loͤblichen Ge⸗ wohnheit gemaͤß, die Thuͤr des Wirthshauſes verſchloſ⸗ ſen, aus Furcht, daß ihre Gaͤſte und die Bettdecken in der Nacht zuſammen verſchwinden moͤchten. Shee⸗ mun Croonawnee ging ſie zu rufen, aber als ſie ploͤtz⸗ lich aus ihrem Schlafe erweckt wurde, und einen ſchwarzen, uͤbel ausſehenden Kerl mit einem Nachtlicht bei ihrem Bette ſtehn ſah, ſchrie Chreeſteena mit aller Macht, und ihre blinde Mutter vermehrte das Geſchrei, denn da ſie nichts ſehn konnte, fuͤrchtete ſie Alles, und zwar tauſenderlei Dinge, zu ſchrecklich um erwaͤhnt zu 42 werden. Als ſie endlich begriff, was man von ihr haben wollte, war ſie doch keineswegs willig den Schluͤſſel Jemand anzuvertrauen, ſondern ſie ſtand ſelbſt auf, den neuen Ankoͤmmling einzulaſſen, und als ſie endlich die Thuͤr erreicht hatte, wollte ſie durch⸗ aus ſolche nicht oͤffnen, bis diejenigen, die bereits im Beſitz waren, zwei Pfennige mehr niedergezahlt haͤtten. Ihre Forderung wurde genehmigt und befriedigt, ſo daß Chreeſtheena ohne fernere Verzoͤgerung dem Frem⸗ den den Eintritt geſtattete, ohne ihn einmal anzuſehn. „O Ihr drei Schelme,“ ſagte Shaun, als er zu ſeinen alten Freunden kam,„ich wußte wohl wo ich Euch finden wuͤrde.“ „Und im Namen der heiligen Jungfrau, was konnte Euch verleiten zu dieſer Stunde der Nacht herum zu wandern?“ war die allgemeine Frage. „Ich komme den ganzen Weg von Garrodhe Donohoo um Euch zu ſuchen.“ „Und was verlangt Garrodhe von uns?“ „Das ſollt Ihr hoͤren; Ihr muͤßt alle drei naͤch⸗ ſten Mittwoch Abend nach dem Jahrmarkt ſo ge⸗ ſchwind als moͤglich zu ihm gehn.“ „Sehr wohl, ich denke wir ſollten eine gute Ernte auf dem Jahrmarkt haben,“ ſagte Sheemun. „Gott hat hinlaͤnglichen Vorrath,“ erwiederte Riſththarde. 3 „Seyd Ihr immer noch ſo blind, Padhre?“ fragte Shaun. „Die traurige Finſterniß!— Ein armes ſtock⸗ 43 blindes Geſchoͤpf!— das den Tag nicht von der Nacht unterſcheiden kann!“ ſagte Padhre, warf ſeinen Kopf ruͤckwaͤrts, ſchloß ſeine Augen halb, und verdrehete ſie ſo, daß er das Weiße derſelben zeigte. „Ho, ho,“ ſagte Shaun,„wir ſind vier tuͤch⸗ tige Schelme, die die Welt lenken und betriegen koͤn⸗ nen; doch, meine Freunde, die Nacht ſtreicht weg, und wir ſind ja Alle geneigt einen Biſſen zu eſſen. Riſth⸗ tharde und der arme Padhre Keanoch muͤſſen uͤbers Kochen hergehn. Da Garrodhe heut ein Schaaf ge⸗ ſchlachtet hat, da brachte ich Euch natuͤrlich einen Bei⸗ trag zu dem Mahl.“ „Das war gar nicht uͤbel Shaun,“ ſagte Riſth⸗ tharde, und waͤhrend die Koͤche beſchaͤftigt waren, hiel⸗ ten Shaun und Sheemun Croonawnee eine Unter⸗ redung in einem leiſen Tone. „Wohl, Sheemun, und du konnteſt bis jetzt dem Rhia Doran nicht zu Halſe kommen?“ „Nein, ſo wahr mir Gott helfen ſoll, das konnt' ich nicht.“ „Laß es nun gut ſeyn, Sheemun, mit deinen frommen Reden; dies ſind Worte, die deiner ſchelmi⸗ ſchen Zunge gar nicht anſtehn, zumal unter Freunden die dich beſſer kennen, als die Mutter die dich ge⸗ boren hat.“ „Wahrlich, du haſt recht, Shaun; zur Sache alſo. Du fragteſt mich etwas Rhia Doran betreffend, und ich ſag' dir, daß ich den andern Menſchen nie wieder mit ihm zuſammentreffen konnte, von dem 4— erſten Augenblick an, als Crohoore mich gegen ſie ausſchickte.“ „Sprich leiſer, Sheemun; die andern Beiden muͤſſen nichts von unſern Geheimniſſen wiſſen; ſie ſind zu tollkuͤhn und zu unternehmend.“ „Das iſt wahr, Shaun, aber ich denke, daß es hoͤchſt unrecht von mir waͤre, mich dazu gebrauchen zu laſſen, dem Johann ſein Leben zu nehmen; er ver⸗ dient eine beſſere Behandlung von mir.“ „Was meinſt du damit, Sheemun?“ „Moͤge ich nie in meinen Suͤnden weggerafft werden.“ „Ich bitte dich nochmals, laß das dumme Ge⸗ ſchwaͤtz aus dem Spiele; fluche vielmehr wie es einem Schurken, wie du biſt, geziemt, wenn du ja nicht ein⸗ fache Worte gebrauchen kannſt.“— „Du mußt Nachſicht mit mir haben, Shaun,“ ſagte Sheemun,„ich bin einmal dran gewoͤhnt, und es iſt mir kaum moͤglich, anders zu ſprechen.“ „Meinetwegen, geh zum Teufel mit einem Ge⸗ bete im Munde, wenn es dir ſo behagt. Aber du ſagteſt ja etwas uͤber Johann Doran, daß er es naͤm⸗ lich nicht um dich verdiente, ihm zum Galgen zu ver⸗ helfen.“ „Moͤge ich zum Himmel fahren, wenn er es um mich verdient hat. Er beſitzt viel Geld, und ſpart es nicht, wenn er Jemanden lieb hat, und er hat mich lieb.“ 45 „Wilſſt du jetzt zuruͤck ziehen, Sheemun?“ fragte Shaun mit vielem Nachdruck. „Gott verhuͤte; ich will mich vom Morgen bis Abend an ihn halten, bis ich ihn und den Andern zu gleicher Zeit erhaſchen kann. Und dann hab' ich nichts mehr mit ihm zu thun, und er wird nichts mehr mit dieſer ſuͤndvollen, betruͤbten Welt zu thun haben. Und das magſt du Crohoore von mir ſagen. Aber was will Garrodhe im Ernſt morgen Abend von uns haben, Shaun?“ „Er verlangt, daß du im Thal bei Balnyfeile ſeyn ſollſt, wohin Pierce Shea auch kommen wird. Und wenn ich nicht irre, ſo ſollſt du ihm Haͤnde und Fuͤße binden, und ihn in den alten bezauberten Ort in Muͤnſter begleiten.“ „Gott vergieb mir meine Suͤnden.— Hab' ich dich recht verſtanden, Shaun? Sagteſt du den juͤn⸗ gern Pierce Shea?“ „Zum Teufel ja, keinen Andern als ihn.“ „Wohl, Crohoore, du haſt ſonderbare Wege!“ rief Sheemun aus, und ſchlug ſeine Haͤnde zuſammen. Die Koͤche unterbrachen das Geſpraͤch. „Hier nun, moͤge der erſte Biſſen Euch erſticken. Kommt heran, und verſucht, ob Ihr ſo wohl eſſen koͤnnt als plaudern, Ihr Erzſchelme Ihr,“ rief Pa⸗ dhre Keanoch aus, denn der Schmaus war nun fertig. Man gehorchte willig dieſer Aufforderung, und ſie ver⸗ ſammelten ſich alle um einen kleinen Tiſch, und ver⸗ zehrten die geroͤſteten Enten und das Hammelfleiſch, 46 das auch geſtohlen war, und den durch eine zweifache Betruͤgerei erworbenen Branntwein, mit dem Wohl⸗ geſchmack wahrer Bocchochs. Bei dieſer Beſchaͤftigung wollen wir ſie verlaſſen, denn wir haben eben keinen großen Wunſch laͤnger in ſolcher Geſellſchaft zu ver⸗ weilen, als fuͤr den Verlauf unſerer Geſchichte erfor⸗ derlich war. Drittes Kapitel. Ein Jahrmarktstag iſt ein geraͤuſchvoller, lebhafter Tag in Kilkenny. Es iſt vorzuͤglich ein Markt fuͤr Hornvieh und Schweine. Die Straßen ſind zu einer fruͤhen Stunde angefuͤllt, und die Ohren der ruhigen ſchnarchenden Bewohner werden gepeinigt durch den Laͤrm, den die Kuͤhe und Ochſen machen, durch ihr Einhertreten unter friedlichen Stubenfenſtern, durch das Geſchrei ihrer Fuͤhrer, und durch das Klappern der Stoͤcke auf die NRuͤckenknochen und die Hoͤrner. Das geuͤbte Auge deſſen, der Vergnuͤgen findet an ſolchen Beobachtungen, kann leicht an dem dreiſten Schritt, an dem aufgerichteten Kopf, an ſeinem ungeduldigen Bloͤken und an den ſtarrenden Augen, die mit Ver⸗ wunderung den Unterſchied wahrnehmen, zwiſchen ihren u—+ A 47 Feldern und Fluͤſſen, und den gepflaſterten Straßen uͤber die ſie ſchreiten,— kann leicht die Thiere guter Weiden, von des Huͤttenbewohners halbverhungerter Kuh unterſcheiden, die ihren ſchleppenden Weg langſam fort⸗ ſetzt, ohne ſich umzuſehn, unbekuͤmmert wohin ſie geht, da keine Veraͤnderung ihren Zuſtand verſchlim⸗ mern kann. Alles dies laͤßt ſich gleichfalls auf den Knecht anwenden, der ſo mager iſt, als Alles was er begleitet. Sein zerlumpter Anzug, ſein kriechender, ſchleppender Schritt und ſein nichtsſagendes Geſicht, zeigen augenblicklich die vernichtete Geiſteskraft an, die Folge der Armuth und des Mangels an Selbſtſchaͤtzung. Man koͤnnte gleichfalls den ſtaͤrkſten Kontraſt bemer⸗ ken in aͤußerm Wohlſeyn und innerer Zufriedenheit der wohlgemaͤſteten Schweine und ihrer magern Eigen⸗ thuͤmer, zwiſchen welchen manche ſeltſame und laͤcher⸗ liche Kaͤmpfe entſtanden, da ſie ſich zuweilen eine Stunde herumbalgten. Außer dieſen Hauptartikeln, bot der Jahrmarkt in Kilkenny noch mehrere andere Dinge feil, den laͤnd⸗ lichen Kaͤufer zu reizen. Boͤttcher, Schuſter, Hut⸗ macher und Tiſchler boten die mannichfaltigen Erzeug⸗ niſſe ihrer Geſchicklichkeit dar. Schoͤne Toͤpferwaare glaͤnzte umher, und zur Zeit als wir jung waren, ſahn wir auch wohl ſtarke zinnerne Teller und Schuͤſſeln ausgeſtellt, auch zweihaͤndige Quarttoͤpfe und halbe Quarttoͤpfe; aber nun hat der Gebrauch des irdenen Gefaͤßes dieſe dauerhaften Dinge verdraͤngt, die jetzt blos noch als erbliche Zierden eines laͤndlichen Schranks 48 zu ſehn ſind. Und die Accisgeſetze, die auf die allein das Brauen des Aeles beſchraͤnken, welche die Freiheit dazu kaufen koͤnnen, haben die Quarttoͤpfe und Halb⸗ quarttoͤpfe in die Schenken verwieſen, ſo daß ſeitdem eben keine allgemeine Nachfrage im Jahrmarkt darnach iſt. Unter einer ſchirmartigen Decke von grober Lein⸗ wand oder dickem Flanell, die uͤber Thuͤren ausgebreitet ſind, welche fuͤr dieſen Zweck von ihren Angeln ge⸗ nommen werden, zogen zahlreiche Niederlagen zierlicher Artikel das Auge ferner an: Meſſer, Gabeln, Schee⸗ ren, Strumpfbaͤnder, Fingerhuͤte, Zwirn, Baͤnder und zahlloſe andere Kleinigkeiten. An aͤhnlichen gemahlten Thuͤren war Pfefferkuchen und dergleichen gemeines Zuckerwerk ausgebreitet, und die gewoͤhnlichſte Frucht der Jahreszeit; weißer und gelber Kaͤſe, hoͤlzerne Teller und allerlei anderes Schnitzwerk niedlich ausgeſetzt. Man ſah fruͤh am Morgen die Eigenthuͤmer dieſer Dinge odemlos herbeilaufen, um ſich gute und vor⸗ theilhafte Stellen fuͤr den Verkauf zu verſchaffen. Waͤhrend ſie hinwegtraten, keinesweges in⸗ſtillſchwei⸗ gender Bewegung, oder weil ſie das Recht dieſer oder jener Stelle beſtritten, weil das Vieh bruͤllte, die Schaafe bloͤkten, die Pferde wiherten, und die hals⸗ ſtarrigen Schweine ihre grunzende Tonleiter durchliefen, und der baͤueriſche Laͤrm eines umringenden Haufens uͤberall gehoͤrt wurde, mußte wohl, wie wir ſchon ge⸗ ſagt haben, der Anfang eines Jahrmarkts den friedli⸗ chen Bewohnern in Kilkenny aͤußerſt beſchwerlich ſeyn, zumal denen, die ſelbſt keinen Handel trieben und —e 49 und folglich kein perſoͤnliches Intereſſe an dem Ge⸗ raͤuſch hatten. An einem ſolchen Morgen kamen auch die Milch⸗ maͤdchen, um wie gewoͤhnlich ihre Stadtkunden mit Milch zu verſehn; ſie brachten ſolche in ſchneeweißen Eimern, die ſie mit Geſchicklichkeit auf den Kopf ſtellen, ohne ſie mit den Haͤnden feſtzuhalten. Die Dienſt⸗ maͤdchen, und alle andern Maͤdchen, und ſelbſt Matro⸗ nen, bitten alle Mannsperſonen ihrer Bekanntſchaft um einen Jahrmarkt, nicht ſowohl des Geſchenkes wegen, ſondern, wie man vermuthet, um nochmals und abermals die abgedroſchene Antwort zu hoͤren:„daß ſie ſelbſt die ſchoͤnſte Waare des Jahrmarkts waͤren.“ Von dem juͤngern Theil der Generation wird dieſer Tag vor allen andern Tagen herbeigewuͤnſcht und mit Entzuͤcken bewillkommt; in allen Schulen der Stadt wird er als ein Feiertag angeſehn, nur ſollen ſich die armen kleinen Jungen ja nicht dem Gedraͤnge des Jahrmarkts ausſetzen; eine Vorſicht, an welche die armen kleinen Jungen weiter nicht denken. Sie ſehn ſich vielmehr wohlgemuͤthig und gierig nach ihren be⸗ mittelten und erwachſenen Bekannten um, um einen Jahrmarkt von ihnen zu erhalten, den ſie ſchon im Voraus in Gedanken auf Pfefferkuchen oder Spiel⸗ zeug verwenden. Man erlaube uns gefaͤllig einen Augenblick laͤnger bei der unvergeßlichen Scene zu verweilen, mit welcher die Erinnerung der reinſten Vergnuͤgungen verknuͤpft iſt, die das Leben ſelten ſpaͤterhin gewaͤhrt; wir meinen II. 4 50 das Andenken an jene fruͤhen und ſchuldloſen Ergoͤtz⸗ lichkeiten. Haufenweiſe naͤherten ſich die huͤbſchen jungen Landmaͤdchen mit roſigen Wangen und vollen Geſtal⸗ ten; ihr Vorwand war vielleicht ein Paar Strumpf⸗ baͤnder zu kaufen, oder Stecknadeln, oder ein Band; aber ſie erſcheinen in ihren beſten und niedlichſten Kleidern, in der That um ihre laͤndlichen Bewunderer zu ſehn, und von ihnen geſehn zu werden; um ihren Jahrmarkt auf die eine oder die andere Weiſe zu er⸗ halten, und auf jeden Fall, ihren Antheil an der zwang⸗ loſen Munterkeit zu nehmen, die der Genuß eines Feiertags gewaͤhrt. Wir wollen die gelegentlichen Streitigkeiten nicht erwaͤhnen, die unter dieſen laͤndlichen Knappen vor⸗ fielen; ſie waren charakteriſtiſch in ihrer Art, wuͤr⸗ den aber zu weit von unſerm Zweck abfuͤhren. Aber die Bocchochs, die ihr Elend auf jedem Schritt ab⸗ ſangen und ausriefen, wollen wir nicht vergeſſen, noch die Balladenſaͤnger, die man gewiſſermaßen ihre Mitbuhler nennen kann;— und ach, Niemand gleichet deinen Balladenſaͤngern, gruͤnes Land des Geſanges, wo wir zuerſt das Tageslicht erblick⸗ ten. Und die recitirenden Proſaiker, die daſtanden mit kleinen Stuͤckchen Theepapier in ihren Haͤnden, wo die Buchſtaben in einander floſſen, und keine gedruckte Schrift haften konnte, und auf denen kein Wort von dem zu leſen war, was ſie herplauderten, 4 51 und welches die gaffenden Bauern immer aufs Neue hinterging und aufs Neue beluſtigte. Wahrlich, wir koͤnnten eine gute Stunde in der Mittagszeit mit unſern Leſern in dem Laͤrm und Ge⸗ raͤuſch des Jahrmarkts zubringen; wir koͤnnten ſtehn bleiben um die mehr als ciceroniſche Redekunſt des Kaͤufers und Verkaͤufers eines Haufens Schweine zu bewundern; die halb dargebotne Draufgabe, welche in die offne Hand des Verkaͤufers gezahlt wird; wie dieſer ſich zu bedenken ſcheint; dann das erzwungene Anſehn den Kauf aufgeben zu wollen, und die an⸗ genommene Gleichguͤltigkeit des Andern, der unterdeß jede Bewegung ſeines Mannes verſteckterweiſe beobach⸗ tet; die erwartete Ruͤckkehr, dann das Anerbieten den Unterſchied in zwei Theile zu ſpalten, und endlich den Beſchluß, wenn der Eine verſicherte, daß er zu viel gab, und der Andere ſchwur, daß er zu wobhlfeil ver⸗ kaufte. Doch Beide waren uͤberzeugt, daß das Thier weder zu theuer, noch zu wohlfeil verkauft worden war. Auch koͤnnten wir einen Augenblick mit Ver⸗ gnuͤgen verweilen, die Lockungen des Kleinkraͤmers zu ſehn und zu hoͤren, und die begierigen und wandern⸗ den Seitenblicke und Flispern der Maͤdchen beim An⸗ blick der ſchmucken Dinge; oder wie der verſchwen⸗ deriſche Juͤngling vom Lande, der die Naͤſchereien ver⸗ achtet und ſich lieber ein Stuͤckchen Kaͤſe kauft, und dieſe Leckerei langſam verzehrt und biſſenweiſe zumißt, — oder die Geſpraͤchigkeit des Flachshaͤndlers, oder die undurchdringliche Weisheit der ſchlauen alten Frau, 4* 4 652 die nach all ſeinem Geplauder die Artikel ſorgfaͤltig unterſucht, die ſie noch nicht gekauft hat; oder die na⸗ tionalen Hyperbeln der Hutverkaͤufer, die Sternes Pe⸗ ruͤckenmacher nichts nachgeben, und die den zweifelnden Bauern verſichern, daß der Filz ſeines Gleichen nie hatte, noch je haben wird.— Auch koͤnnten wir ja wohl in die eigentlichen Gewoͤlbe der Hauptſtraße hin⸗ einblicken, und in einem derſelben, oder in allen das Selbſtlob der Verkaͤufer anhoͤren, und die argwoͤh⸗ niſchen und unglaͤubigen Blicke der laͤndlichen Kaͤufer, deren uͤbertriebenes Mißtrauen ſie glauben macht, daß ſie nichts als Falſchheiten hoͤren, und Alles fuͤnf mal wohlfeiler kaufen koͤnnen, als was man von ihnen fordert.— Eine Stunde ſagten wir?— Wenn uns unſer Gedaͤchtniß nicht betruͤgt, oder unſer Geſchmack nicht ſehr veraͤndert iſt, ſo koͤnnten wir wohl ſagen, daß der ganze Tag in den immer abwechſelnden Sce⸗ nen des Jahrmarkts zugebracht werden moͤchte. Wir bedauern nur, daß wir nun, da wir noch nicht den hundertſten Theil ſeiner Neuheiten, Vergnuͤgungen und Ereigniſſe hergerechnet haben, unſerer Plauderhaftigkeit Einhalt thun, und in unſerer Geſchichte fortfahren muͤſſen. Von allen den damals beruͤhmten Bocchochs zeich⸗ neten ſich keine ſo ſehr aus, oder erweckten ſo viel Mitleid, gewannen ſo viel Geld durch ihr vorgebliches Elend und durch ihre Betteleien, als Chreeſteena's vier Gaͤſte der vorigen Nacht. Sie hatten ſich, dem gewoͤhnlichen Gebrauch gemaͤß, in verſchiedene Theiie — α G. 53 des Jahrmarkts begeben, und jeder ſpielte eine Zeitlang ſeine eigenen Karten, bis ſpaͤt am Tage Sheemun Croonawnee, gleichſam wie von ungefaͤhr, auf Shaun⸗ law⸗Theaun ſtieß, und ihm ein verborgenes Zeichen gab; ſie verloren ſich alsdann in ein Gaͤßchen, in das man von der Mitte der Hauptſtraße kam. „Gott gebe mir Heil,“ ſagte Shaun zu Shee⸗ mun,„ich glaube, ich habe nun endlich Rhia Doran und die Andern erwiſcht. „Ich ſchwoͤre bei meinen Augen, daß ich ſie eben habe zuſammen ſprechen ſehn im Gewuͤhl des Jahr⸗ markts.“— „ Du biſt wirklich ein geſchickter Bocchoch, das muß man dir laſſen; hat Doran dich geſehn?“— „Gott ſei uns gnaͤdig! Und was waͤrs denn auch, wenn er mich geſehn haͤtte? und denkſt du, daß er Edward Farrel in den armen Sheemun wieder er⸗ kennen werde?“— „Das iſt freilich nicht zu befuͤrchten. Und haſt du ausgemacht, wer ſein Begleiter iſt?“— „Allerdings hab' ich; ich ließ ihn nicht aus mei⸗ nen Augen bis ich ihm in ſein Schlupfloch gefolgt war, und Alles gehoͤrt hatte, was des Hoͤrens werth war, und wir koͤnnen uns nun ſeiner bemaͤchtigen, wann wir wollen.“ 3 „Das iſt brav, und du wirſt Crohooren dieſen Abend ſehr willkommen ſeyn.“ „Ja wohl, und noch obendrein der reichſte Boc⸗ 54 choch der je gebettelt hat. Aber Shaun haſt du Pierce Shea auf dem Jahrmarkt geſehn?“ „Ich geſtehe, daß ich ihn geſehn habe.“ „Wohl, ſieh dich wieder nach ihm um: denn wenn man ihn in einer Stunde noch in dieſer Stadt ſieht, ſo wird er dem Scharfrichter etwas zu thun geben. Dies hab' ich auf meinen Wegen erfahren, und beim naͤchſten Krug Aele werde ich dir erzaͤhlen, wie ich dieſe Nachricht erhalten habe. Aber eile nur zu ihm, ſonſt kriegen wir ihn nicht in unſere Haͤnde, und das wuͤrde Crohoore verteufelt aufbringen.“ „Bei der Seele meines Vaters, wer er auch ge⸗ weſen ſeyn mag, und wo er auch jetzt iſt, ſie ſollen ihn nicht auf dieſe Weiſe uns entziehn.“ „Wohl denn, pack' dich mit deinem Gerippe fort, und thue dein Werk.“ Und Shaun eilte in die Hauptſtraße, wo er in klagenden Cadenzen eine irlaͤn⸗ diſche Elegie abſang, in welcher dargethan wurde, daß ſein Haus, ſein Weib, ſeine beweglichen und unbe⸗ weglichen Beſitzungen verbrannt, und ſeine vierzehn Kinder geſengt worden waren, und daß ſeine eigenen Arme und ſeine Bruſt in der Bemuͤhung ſie zu retten, dergeſtalt gelitten hatten, wie jeder mitleidige Menſch wohl ſehn koͤnnte. Hierauf zeigte er ſeine Haͤnde und Fauſtgelenke, die von ſeiner Geburt an verkruͤppelt ge⸗ weſen waren, und flehete in Reimen den Beiſtand der Zuhoͤrer an. Pierce Shea hatte an dem Tage wirklich den Jahrmarkt beſucht, wo er mit Entſetzen die Nachricht ——ᷣ—ᷣ—᷑——V—V—·—·—·—·.„. ͤ— 5⁵ erhielt, daß ſechs von den Maͤnnern hingerichtet wur⸗ den, in deren Geſellſchaft er vor zwei Tagen nur bei dem Angriff auf die Dragoner gegenwaͤrtig geweſen war. Die Gerichtsſitzungen hatten begonnen; ihre Verhaftnehmung erfolgte, nach dem Bericht des Feld⸗ webels, ſobald eine hinlaͤngliche Mannſchaft von Kil⸗ kenny ausgeſchickt werden konnte, und nur Eine Nacht wurde den ungluͤcklichen Bauern zur Vorbereitung ge⸗ laſſen. Als Pierce dies hoͤrte, wuͤnſchte er natuͤrlicher⸗ weiſe ſicher zu Hauſe zu ſeyn; doch da er denen ganz unbekannt war, die ihn befreit hatten, und deren will⸗ kuͤrlicher Beiſtand blos von dem Unwillen herruͤhrte, den ſie als weiße Jungen fuͤhlten, als ſie ihn in Gefahr ſahn, ein Opfer ſeines loͤblichen Eifers der vorhergehenden Nacht zu werden, ſo hoffte er ver⸗ trauensvoll auf eine ſichere Freiſtatt in dem Hauſe ſeines Vaters; zumal da Niemand als Doran und deſſen Mannſchaft etwas wußten von dem, was ſich beim Proktor zugetragen hatte. Pierce wollte ſich naͤmlich dem vaͤterlichen Mißfallen nicht ausſetzen, und hatte ſeinen Vater daher wohlbedaͤchtlich mit keinem einzigen Umſtand ſeines geſetzwidrigen Verfahrens be⸗ kannt gemacht. Als er nun im Gewuͤhl von Menſchen und Thieren daſtand, und an eine ſchnelle Entfernung vom Jahrmarkt dachte, ſtuͤrzte eine wildausſehende, Frau auf ihn los, deren Haare auf ihre Schul⸗ tern fielen, und deren Geſicht blaß und graͤulich ver⸗ zogen war. Anfangs ſchien ſie ohne beſtimmten 56 Zweck herbeizueilen; doch als ſie naͤher kam, blieb ſie ploͤtzlich ſtehn, ſah ihm ſtarr ins Geſicht, und redete ihn in Irlaͤndiſch an:— „Ha!— Ihr ſeyd hier!— Euch haben ſie heut nicht gefangen genommen und gekoͤpft!— Und warum haben ſie Euch geſchont?— Ihr verdientet den Tod ſowohl als Mathias Moran, mein Ehemann, — ich ſah Euch mit dieſen Augen unter den fremden Truppen!— Ja,— er ſtarb, indem er Euch be⸗ freiete! Und bei dem Richter dort oben, der meinen Mathias jetzt richtet, das iſt falſches Spiel!— Sieh hier ſein Blut an mir!— Ich ſtand beim Block, der Kopf rollte zu meinen Fuͤßen!— Und(mit leiſer Stimme,)— ich hab' ihn hier,— ich hab' ihn ge⸗ ſtohlen, und trage ihn zu Hauſe,— aber ſag' es Niemandem,— ſie wuͤrden mir ihn aus den Haͤnden genommen haben, aber ich kann geſchwind laufen,— ſehr geſchwind!“— Sie ſchien nun den erſten Theil ihrer Anrede vergeſſen zu haben, und verlor ſich mit wildem Geſchrei in der fernen Volksmenge. Dieſer Umſtand, welcher die Blicke des Volkes auf Pierce gezogen hatte, hielt ihn wie angenagelt auf der Stelle feſt, und vermehrte zu gleicher Zeit ſeine Urſachen zu Hauſe zu eilen, welches er jedoch nicht im Stande war ſogleich zu thun. Ehe er ſeine Sinne voͤllig ſammeln konnte, redete ihn eine Perſon anderer Art an: „Gebt einem armen, huͤlfloſen Menſchen Euren —8ꝙ ˙ a9 —— 1 — 9 6——— 57 Beiſtand, der ein Geſchoͤpf Gottes iſt wie Ihr ſelbſt, guter, barmherziger junger Mann,“ ſagte ein elender Bettler, der nahe bei ihm ſtand, mit einem alten, an⸗ gebundenen Hut, der vom Halſe auf die Bruſt hinab hing, deſſen Arme unbedeckt, und von der Fauſt bis zum Ellbogen entſetzlich verdreht waren. Pierce, der kaum wußte, was er that, nahm etwas Geld heraus und warf es in den Hut. „Moͤge er, der Reichthuͤmer giebt, die Eurigen vermehren, und zum Lohn Eurer Guͤte fuͤr die Armen und Huͤlfloſen, merkt wohl auf die Worte, die ich Euch ſagen werde.“ Der Bettler kam noch naͤher, aber Pierce, deſſen Gedanken noch mit der wahnſinnigen Frau beſchaͤftigt waren, ſchien nicht auf ihn zu achten. „Sohn der Sheas!— Pierce Shea!“— fuhr der Mann in einer leiſen, aber nachdruͤcklichen Stimme fort. Pierce entſetzte ſich beim Klang ſeines Namens und ſah den Sprechenden mit Schrecken an. „Eilet ohne Zeitverluſt vom Jahrmarkt weg,“ fuhr der Bettler fort in leiſen Toͤnen, und ganz nahe bei ihm.„Wenn Ihr Euch in einer halben Stunde noch in Kilkenny befindet, ſo iſt Euer Leben unwider⸗ bringlich verloren; waͤhrend ich ſpreche, kommen ſie Euch zu ſuchen, waͤhrend ich hier ſtehe, rechnet Jemand vor Gericht Eure naͤchtlichen, an Peery Clancy veruͤbten Thaten, und Euer Tagewerk unter den Dragonern umſtaͤndlich her. Ellet daher, eilet, ſag' ich, und hoͤrt nicht blos meine Worte, ſondern befolget ſie: laßt —. 58 kein Gras unter den Fuͤßen Eures Pferdes wachſen, und keinen Wind Euch zuvorkommen auf Eurem Flug nach Clarah,— und,— und hoͤrt mich: nehmt die Straße durch den offenen Thorweg.“ Die Furcht vor Verraͤtherei,— vor einem Plan ſich ſeiner auf einem beſondern Wege zu bemaͤchtigen, ſtatt ſeine Verhaft⸗ nehmung im Gewuͤhl und Gedraͤnge des Jahrmarkts zu verſuchen, kam Piercen in den Kopf, und er fragte:— „Woher kennt Ihr mich,— und von wem habt Ihr Eure Nachrichten?“ 4 „Fragt mich nichts, aber fuͤhlt mit der Hand in meinen Hut, und nehmt heraus, was Ihr darin fin⸗ den werdet,“ dies war die Antwort. Als Pierce einſt Kilkenny beſuchte, hatte er, wenn man es ſo nennen kann, ſein Miniaturgemaͤlde ver⸗ fertigen laſſen. Es mochte einige Anſpruͤche auf eine allgemeine Aehnlichkeit machen, aber weiter laͤßt ſich auch nichts zu ſeinem Lobe als ein Portrait, oder als ein Werk der Kunſt ſagen; er hatte jedoch wie es war ſeiner jungen Geliebten ein Geſchenk damit gemacht, und ſie ſchaͤtzte es, um des Gebers Willen, und auch wegen der Neuheit eines ſolchen Spielzeugs; ja Pierce wußte ſogar, daß Alley es immer am Halſe trug, und er hatte ſelbſt Urſache zu glauben, daß ſie waͤhrend ſeinen gelegentlichen Abweſenheiten nie zu Bette ging, ohne ihm zwanzigerlei ſuͤße Namen zu geben, und ohne es wenigſtens zwanzig Mal zu küſſen. Er hielt es nun in ſeiner Hand. 8 ᷓFb 8 u—s 8— 59 „Die Eigenthuͤmerin dieſes laͤßt Euch ſagen, daß Ihr Euch ſollt von mir verbergen laſſen; ſteht daher nicht laͤnger hier, wenn Ihr anders wuͤnſcht ſie wieder zu ſehn.“ Pierce blieb ſprachlos ſtehn, und ſah bald den Bettler, bald das Gemaͤlde an.—. „Ich werde Euch wieder ſehn,“ ſagte Jener, „ehe die Gefahr Euch nahe kommt. Aber nun zum letzten Male: eilet! eilet!“— In dieſem Augenblick rief der alte Edward Shea, der ſich entfernt hatte, um eine Heerde Ochſen zu be⸗ ſehn, laut ſeinen Sohn, worauf Pierce ein Zeichen gab, daß er bald zu ihm kommen wollte; aber als er ſich wieder umſah, war der Bettler verſchwunden. Er blickte von allen Seiten um ſich her, konnte aber nichts von ihm ſehn. Obgleich der Menſch, dachte er, in der Menge unſichtbar geworden iſt, ſo kann er doch nicht fern ſeyn: daher rief er in jeder Richtung, aber immer umſonſt. Zu ſeiner Furcht vor gericht⸗ licher Verhaftnehmung geſellte ſich nun auch die groͤßte Verwunderung uͤber des Bettlers Nachrichten, uͤber die Kenntniß, die er von ſeinen Angelegenheiten zu haben ſchien, und vorzuͤglich uͤber ſeine Verbindung mit Alleyn. Pierce ſchwankte daher zwiſchen der Hoff⸗ nung einer freundſchaftlichen Warnung und der Furcht eines verraͤtheriſchen Fallſtricks; aber er begab ſich bald auf den Weg nach ſeinem Hauſe, und waͤhlte, trotz ſeiner ſchlimmſten Gedanken, den, welchen der Bettler ihm empfohlen hatte. 60 Viertes Kapitel. Ungeachtet ſeines feſten Vorſatzes, konnte Andy Aw⸗ ling doch nicht eher zu Sheeum-na-Sheeog gehn, als am Morgen des Jahrmarkts in Kilkenny, wohin ſein Meiſter ging, ſo daß die Anwendung der Zeit ſeiner eignen Wahl uͤberlaſſen blieb. Mit Anbruch dieſes Tages trat er daher ſeine gefaͤhrliche Geſandt⸗ ſchaft an, und die zaͤrtliche Bridge Chree ermangelte nicht, ebenfalls ſo fruͤh aufzuſtehn, um ihrem Lieb⸗ haber zu ſeiner loͤblichen Unternehmung Gluͤckwuͤnſche auf den Weg mit zu geben. Es iſt erforderlich hier, ſo gedraͤngt als moͤglich anzufuͤhren, nicht nur zufolge Bridge Chree's und An⸗ dy's Autoritaͤt, ſondern zufolge des allgemeinen Be⸗ richts der ganzen Gegend, wer Sheeum-na-Sheeog war, worin ſeine Profeſſion beſtand, und was fuͤr Umſtaͤnde ihn verleitet haben, ſolche zu ergreifen. Zufoͤrderſt alſo war er kein Eingeborner des Orts, in welchem er wohnte, und als er zwanzig Jahre vorher ploͤtzlich in der Nachbarſchaft von Clarah erſchien, wußte kein Menſch, woher er kam, aber jeder Menſch konnte die folgenden Anekdoten anfuͤhren. Von allen Abenden der Woche, iſt Freitag Abend der verwerflichſte, mit dem guten Volke zuſammen zu treffen: aber gerade an einem Freitag war Sheeum auf einem Jahrmarkt geweſen, und kehrte zuruͤck, — A — — RK 10 8, — 61 nachdem er die Graͤnzen der Maͤßigkeit im Trinken ein wenig uͤberſchritten hatte, ohne jedoch zufolge ſeiner eignen Meinung, ſeine Ideen im geringſten verwirrt zu haben. Obgleich die Nacht, es war im November, aͤußerſt finſter war, ſo hatte er doch ſo viel Vertrauen zu ſich ſelbſt, und kannte die Fußſtege uͤber die Fel⸗ der und Moraͤſte ſo wohl, daß er nicht im Geringſten zweifelte, daß er auf ſeinem geraden Wege nach Hauſe war, ja das Licht in ſeines Vaters Huͤtte leuchtete ihm ſchon klar am Rande des Sumpfes ins Geſicht, und ſo ſchritt er fort; pfiff„des Fuchſes Schlaf,“ oder bruͤllte einen Vers des irlaͤndiſchen Anakreon. Doch nach einem ziemlich langen Gang, fing Sheeum an zu denken, daß ſeines Vaters Huͤtte dieſe Nacht entfernter, als gewoͤhnlich laͤge, und daß er, trotz alles Gehens, ſo fern davon war, als wie er ſeinen Gang anfing. Da er nun nicht einſehn konnte, wie dies moͤglich war, und da er ſich auch nicht die Zeit nahm, die Sache zu unterſuchen, ſo konnte er nichts beſſers thun, als ſeine Eile und Anſtrengung zu verdoppeln, und vorwaͤrts zu ſchreiten. Aber im⸗ mer noch, und immer noch brannte das wohlbekannte Licht ſo fern, als vorher, ſo daß er entweder behext war, und nicht einen Zoll fortſchritt, ungeachtet er waͤhnte, daß er nicht ſtehn blieb, oder daß ſich die Huͤtte bewegte, das heißt, daß ſie ſich zuruͤckzog in Verhaͤltniß, als er ſich ihr naͤherte. Endlich kam's ihm in den Sinn, daß er durch einen Irwiſch gemißleitet, und ein Opfer ſeiner albernen Spiele ſey. 62 Waͤhrend er ſeine Augen weit genug oͤffnete, um Alles bemerken zu koͤnnen, bewegte ſich die verraͤthe⸗ riſche Flamme von einer Seite zur andern, als wenn ſie ihn necken wollte, bis ſie endlich ganz verſchwand, und ihn in voͤlliger Finſterniß ließ, ſo daß er nicht faͤhig war, irgend einen Gegenſtand zu ſehn; ja es gab nirgend einen Gegenſtand zu ſehn, und er ſank nieder in traurigen Vorgefuͤhlen, die ſein Herz be⸗ klemmter und ſeinen Kopf noch ſchwerfaͤlliger machten. Doch ploͤtzlich unterbrachen die lebhaften, wohltoͤnenden Laute einer Sackpfeife dies fuͤrchterliche Stillſchweigen. Er ſpannte ſeine Ohren, und war nun uͤber allen Zweifel gewiß, daß dieſe Lieblingstoͤne, die ihm jetzt erfreulicher, als je klangen, nicht aus großer Entfer⸗ nung kamen. Dies war ihm ein himmliſcher Troſt; er ſtand nun wieder auf, und kroch und ſchleppte ſich hin nach der Richtung, woher die Muſik kam. Als er ſich ihr naͤherte,— denn ſie wurde hoͤrbar lauter,— erreichten Lachen, Singen und Geſpraͤche Sheeums vergnuͤgtes Ohr. Ein hoher Huͤgel hemmte ſeine Fort⸗ ſchritte, aber er eilte unterdeß um denſelben herum zu kommen, und als er den Fuß des kleinen Huͤgels er⸗ reicht hatte, blendete eine unerwartet glaͤnzende, feſtliche Scene, nur wenige Schritte vor ihm, ſeine Augen, und entzuͤckte ſeine Sinne. Es waren keine Wachslichter, auch wußte er wohl, daß der Mond nicht ſchien, und an die Sonne war noch gar nicht zu denken. Doch der Ort, und der Ort allein, wo ſich eine Menge Maͤnnchen 63 und Weibchen ſcherzend umher trieben, war mit au⸗ ßerordentlichem Glanz erleuchtet. Es gab keinen Mu⸗ ſikus, noch einen Platz, wo ſich einer haͤtte verſtecken koͤnnen, auch ſah man kein Inſtrument, von dem es ſich vermuthen ließ, daß es ohne aͤußere Mitwirkung ſpielte, und doch wurde die Muſik, die angenehmſte die er je gehoͤrt hatte, luſtig fortgeſpielt. Ein leckrer Tiſch befand ſich freilich daſelbſt, aber er war mit Speiſen und Getraͤnken beſetzt, die er nie zuvor ge⸗ ſehn hatte. Doch er bemerkte keine Erdaͤpfel! Nichts von Schoͤpſenfleiſch, Rindfleiſch oder Schweinfleiſch (aber es iſt nicht zu laͤugnen, daß Sheeum eben nicht viel von dieſen Schuͤſſeln verſtand, da er ſie blos zwei oder drei Male gekocht oder gebraten gekoſtet hatte, auf einer Hochzeit oder auf einer Kindtaufe); aber ob er gleich die verſchiednen Arten der Speiſen nicht recht wohl unterſcheiden konnte, ſo ſahn ſie doch alle ſehr einladend aus. Und das Getraͤnk, das umher ging und aus Gefaͤßen geſchluͤrft wurde, die in Form und Farbe einem Blumenkelch glichen, war weder Ale noch Wein, noch Brantwein, ſondern, wenn es irgend mit einem irdiſchen Ding verglichen werden konnte, ſo ſah es wie der himmliſche Whiskey aus, der eben damals anfing, in der Unterwelt gebraucht zu werden; es ſah wie durchſichtiges Silber aus, ohne Blaͤschen oder Schaum. Das kleine Volk trug grasgruͤne Jacken, mit mannigfaltigen Unterkleidern, die jedoch den allgemei⸗ nen Unterſchied der Geſchlechter anzeigten. Ihre Koͤpfe waren mit rothen, runden Muͤtzen und bunten Federn 64 bedeckt. Einige ſtreckten ſich auf den Raſen hin, ſchmauſten oder ſchluͤrften ihren Nektar, oder ſchwatzten munter und ſchnell, oder lachten laut; einige theilten ſich in Paare, und thaten ſchoͤn mit einander; aber Sheeum war uͤber alle Maßen erſtaunt, als er ein bluͤhendes Frauenzimmer, ſeine eigne Couſine, be⸗ merkte,— daſſelbe Maͤdchen, das er vor drei Mo⸗ naten glaubte todt und begraben geſehn zu haben. Aber nun war es einleuchtend, daß es ein andrer Leichnam geweſen. Sie hoͤrte mit abweſendem Blick, was ein lebhaftes kleines Weſen, mit ſeiner Muͤtze auf eine Seite ſeines Kopfes geruͤckt, und mit einem ſeiner kleinen Beine neben ihr ausgeſtreckt, ihrem un⸗ willigen Ohre zufluͤſterte. Aber der groͤßte Theil der uͤbrigen Geſellſchaft tanzte, und wahrlich ſie huͤpften in froͤhlichem Zeitmaß den aͤchten irlaͤndiſchen Zig, den die unſichtbare Muſik aufſpielte. Ein Menſch mit einem einzigen Auge mußte, nachdem er dieſe Scene nur eine Minute angeſehn haͤtte, leicht errathen haben, daß er ſich bei einem Feenfeſte befand. Sheeum ſah daher bald genug mit ſeinen beiden guten Augen, wie die Sachen ſtanden. Er beſchloß demnach, ſich ſtillſchweigend und vorſichtig aus einer ſo gefaͤhrlichen Verſammlung zu entfernen, aber er konnte keinen Gebrauch von ſeinen Fuͤßen machen, und als er fand, daß er beinah buchſtaͤblich an die Stelle angefeſſelt war, gerieth er in eine ſolche Beſtuͤrzung, daß ſeine Zaͤhne klapperten, ſeine Kniee an einander ſtießen, ſeine Haare ſich emporſtraͤubten, — B ½&—2— und ein kalter Schweiß uͤber ſein Geſicht herunter lief. Nun dachte er daran zu beten; aber ungeachtet ihn ſein Prieſter nicht der Unwiſſenheit beſchuldigen konnte; ja, ungeachtet er vielmehr ein Guͤnſtling des guten Mannes war, ſo konnte er ſich doch auf kein Wort beſinnen, bis ſeine Zunge endlich, nach manchen Verſuchen, ſtatt ſeinen frommen Gedanken zu folgen, einen donnernden, irlaͤndiſchen Fluch ausſtieß:„Der Teufel fuͤhr' Euch insgeſammt in die Hoͤlle!“ Worauf augenblicklich das Gaſtmal, die Muſik, das ſchim⸗ mernde Licht, der geſchaͤftige Haufen, kurz, Alles und Jedes verſchwand mit der Schnelligkeit des Blitzes, und zwar unter dem Laͤrm und Geſchrei von zehn⸗ tauſend ſchwachen Stimmen, ſo daß Sheeum den Reſt ſeiner Sinne verlor, und bewegungslos auf die Erde fiel. Als er wieder zu ſich kam, war er, er wußte nicht wo: er lebte, ohne zu wiſſen wie; doch auf jeden Fall befand er ſich im Aufenthalt der Feen. Was er dort ſah, und was er waͤhrend zehn langer Jahre dort that, durfte nicht erzaͤhlt werden, und er erzaͤhlte es nicht; doch als er zuruͤck kam, machte er einen freien Gebrauch von den Geheimniſſen, die er gelernt hatte, gleichviel, ob unter Freuden oder Leiden, aber er wandte ſie zum Wohl ſeiner Nachbarn an, und zwar fuͤr eine kleine Belohnung nur, die er wohl ver⸗ diente, da das gute Volk ihn bei allen Gelegenheiten ſchwarz und blau zu ſchlagen pflegte, wenn er ſich in ihre Haͤndel miſchte. 6 II. 5 66 Auch fehlte es Sheeum weder an Rathſchlaͤgen, noch an Vergeltungen. Maͤnner ſeines Gleichen wur⸗ den als ein oͤffentliches Heil betrachtet, die man mit großer Verehrung behandelte. Da das gute Volk un⸗ ausgeſetzt uͤble Thaten veruͤbte, wo es nur konnte, ſo waͤre es fuͤr arme Sterbliche unmoͤglich geweſen, zu leben, wenn ihnen nicht die Gegenwirkung ſolcher Maͤnner, als Sheeum und einige Andre waren, bei⸗ geſtanden haͤtte. Er heilte zuweilen, aber nicht immer, diejenigen, die der Feenſchlag entſtellt hatte; er half behexten Kindern wieder auf die Beine; wandte Zau⸗ bermittel an, wenn Kuͤhe behext waren, und wußte vorzuͤglich anzuzeigen, wo verlaufenes Vieh wieder zu finden war: denn da er beſtaͤndig genoͤthigt war, den Feen in ihren naͤchtlichen Streifereien Geſellſchaft zu leiſten, ſo kamen dieſe Dinge natuͤrlich unter ſeine Beobachtung. Er lebte auf den Huͤgeln, wie Andy Awling er⸗ waͤhnt hat, und zwar in der Richtung, die Pierce Shea anfangs genommen hatte, als er Crohoore und Alleyn nachſetzte. Die Maͤnner, die Pierce anfuͤhrte, erman⸗ gelten nicht, Sheeums kunſtlos aufgerichtete Wohnung zu beſuchen; aber da die Thuͤr offen ſtand, und freien Zugang geſtattete, ſo war ein einziger Blick hinrei⸗ chend, ſie zu uͤberzeugen, daß die leere Huͤtte, die damals voͤllig unbewohnt war, die Gegenſtaͤnde ihrer Nachſuchung nicht verbergen konnte. Der Flecken, in welchem Sheeum ſolche errichtet hatte, war zu der Zeit eine Wuͤſte, ſpaͤterhin aber — — u——2— 2 — N 67 wurde die ganze Gegend durch die Fortſchritte des Feld⸗ baues und der zunehmenden Bevoͤlkerung durchaus veraͤndert. Die Huͤtte wurde dicht an dem Bergſtrom erbauet, uͤber welchen Crohoore ſprang, als ihn Pierce Shea verfolgte; ſie lehnte an eine ſteile Erhoͤhung, wahrſcheinlich zu dem Zweck, eine Seite des Huͤgels als einen der Giebel zu gebrauchen, um Zeit und Muͤhe zu erſparen. Die Seitenwaͤnde liefen in rech⸗ ten Winkeln mit dem Huͤgel. Durch eine niedrige, ſchwache Thuͤr mußten Menſchen, Luft und Licht hin⸗ ein kommen: denn ſie war die einzige Oeffnung im ganzen Gebaͤude. Das Dach war auf eine nachlaͤſſige Weiſe mit Kraͤutern bedeckt, und konnte kaum von dem Huͤgel, an dem es lehnte, unterſchieden werden, zumal da die Materialien von dieſem waren genom⸗ men worden. Die Außenſeite dieſes elenden Machwerks zeigte wohl an, was man ſich innerhalb zu verſprechen hatte: hier und da einige angenagelte grobe Bretter von Moor⸗ holz, die mit getrockneten Kraͤutern beſtreut waren. An den ungleichen Waͤnden hingen einige irdene Ge⸗ faͤße und kleine Flaſchen, und vom Rande bummelten die groͤßten Kaͤfer ihrer Gattung, auch einige Dorch⸗ Luchres, eine Art kleiner Eidechſen, ſehr haͤufig in Irland, die ganz unſchaͤdlich ſind, aber vom gemeinen Volke verabſcheut werden. Ein hoͤlzerner Tiſch und zwei niedrige Stuͤhle machten den uͤbrigen Hausrath aus. Es ſchien aber keine Schlafſtelle vorhanden zu ſeyn; auch kein Heerd oder Kamin. Ein beſonders 5* 68 geſchwaͤrzter Flecken zeigte jedoch, daß zuweilen dort ein Feuer brannte, und einiger Ginſt, der an der nackenden Seite des Huͤgels, dem Eingange gegenuͤber, angehaͤuft lag, ſchien ein Vorrath fuͤr Feuerung zu ſeyn. Dies war ein erbaͤrmlicher Aufenthalt fuͤr einen Mann von Sheeum-na-Sheeogs Anſehn, war jedoch gut genug fuͤr ein Audienz⸗Zimmer: denn er ſelbſt brachte ſeine Privatſtunden nicht daſelbſt zu, denn es war bekannt, daß er des Nachts mit dem guten Volk durch die Luft fuhr, da manche ihrer Verhandlungen die Vermittlung ſterblicher Haͤnde erforderten; auch nahm er haͤufig Antheil an ihren Feſtivitaͤten in der Feen⸗ halle des Huͤgels, gegen welchen ſeine Huͤtte ſtieß. Menſchen, die von ungefäͤhr des Weges kamen, be⸗ richteten, daß ſie laute Froͤhlichkeit innerhalb hoͤrten, zuweilen fruͤh des Morgens, um Mitternacht, ja ſogar in der Mittagszeit. Aber derjenige, der dies hoͤrte, zu welcher Stunde es auch war, kreuzte ſich, lief weg, und beſchloß dieſen einſamen Ort nie wieder zu be⸗ ſuchen, und wollte lieber aller Neugierde entſagen, als ſich ſolchen Schreckniſſen auszuſetzen. Doch Andy Awling, den unwiderſtehliche Bewe⸗ gungsgruͤnde antrieben, nahm den Weg des Huͤgels in dieſe verdaͤchtige Einſamkeit, und zwar am Morgen des Jahrmarkts in Kilkenny. 3 „Gott beſchuͤtze Dich in ſeiner Gnade, mein gu⸗ ter Andy,“ ſeufzte Bridge, nachdem ſie ihm noch manchen guten Rath auf die Reiſe zu dem furchtbaren Zauberer mitgegeben hatte. „ n—=· 69 „Wahrlich, Bridge, dein Rath iſt Goldes werth, und wird mir hoffentlich von großem Nutzen ſeyn. So gehab Dich wohl, und Gott befohlen.“ „Nachdem er einige Schritte gegangen war, be⸗ dachte er ſich und rief zuruͤck: „Willſt Du mir wohl den Gefallen thun, Bridge, und die alten hoͤlzernen Schuhe nach mir werfen? Das bringt Gluͤck.“ „Das war ein guter Gedanke, Du lieber Andy, Du.“— Sie buͤckte ſich, zog ihren hoͤlzernen Pan⸗ toffel ab, und in der Waͤrme ihres Eifers warf ſie ihn nach Andy; aber mit einem zu guten Ziele, und mit zu vieler Staͤrke; er traf ihn auf den hintern Theil des Kopfes mit einer ſolchen Heftigkeit, welche den papiernen Schaͤdel eines Genies zernichtet haben wuͤrde—(wir machen uns hier eben kein Compli⸗ ment);— aber Andy's feſte Gehirnſchale toͤnte blos ein wenig unter dem Schlage. Er ſchwankte ein we⸗ nig, und als er die Hand an die beſchaͤdigte Stelle legte, ſagte er: „Bei meiner Treue, Bridge, und das iſt ſo gut, als wenn ich einen Schwur ablegte; wenn Gluͤck und Segen dabei iſt, ſo gabſt Du mir genug, ja mehr als genug, und ſogar etwas zu ſparen, aber das wollt' ich doch nicht thun.“— Er hielt inne, rieb ſeinen Kopf, und beſah den Pantoffel, als wenn er Luſt haͤtte, ihn der Eigenthuͤmerin zuruͤck zu werfen, aber die Furcht ſein Gluͤck mit demſelben zu gleicher Zeit zuruͤck zu werfen, veranlaßte ihn, dieſem Gedanken auf⸗ 70 zugeben. Endlich machte er ſich in gutem Ernſt auf den Weg, war aber uͤber die arme Bridge ſo verdrieß⸗ lich, als ſeine Gutherzigkeit es zuließ, und brummte bloß vor ſich hin:„daß ſie es ohne Zweifel gut meinte, daß ſie ſich aber doch ein wenig geſchickter haͤtte dabei benehmen koͤnnen.“ Nachdem Andy Sheeum-na-Sheeogs einſame Wohnung erreicht hatte, ſtellte er ſich an den Winkel der Seitenwand, wo er von Niemandem innerhalb geſehn werden konnte. Er nahm ſeinen Hut ab, und wollte eben zufolge des Raths von Bridge und zufolge ſei⸗ nes eignen Vorſatzes ein Gebet anfangen, als eine Stimme in der Huͤtte ausrief:„Komm herein, Andy Awling!“— Dies brachte Andy's Gebet zu einem ploͤtzlichen Ende. Er ſperrte das Maul auf, oͤffnete die Augen ſo weit er konnte, und es war nicht ſein Fehler, daß er die Ohren nicht ausdehnen konnte, um beſſer zu hoͤren. Er hatte Sheeum-na-Sheeog nie geſehn, noch hatte dieſer, ſo viel er wußte, ihn je ge⸗ ſehn; und wie konnte der Menſch wiſſen wer da war? — oder wie konnte er uͤberhaupt wiſſen, daß Jemand da war, da Andy die Vorſicht gebraucht hatte ſich zu naͤhern, ohne beim Eintritt ſichtbar zu werden?— Waͤhrend er in einiger Beſtuͤrzung uͤber dieſe Dinge nachdachte, rief die Stimme abermals: Andy Awling! — Andy Houlohan!— Komm herein, ſag ich Dir, komm herein!“ Andy trat um die Ecke, und ging uͤber die Schwelle, als wenn er einem aͤußern Zwange mehr, — 71 als ſeinem eignen freien Willen gehorchte. Er mußte ſich tief buͤcken, um in die Huͤtte zu gehn, und als er ſeine Augen wieder empor hob, ſtand er vor Je⸗ mand, der kein andrer ſeyn konnte, als Sheeum-na- Sheeog.— „Aha, Andy Houlohan, da ſeyd Ihr endlich?— Warum habt Ihr mich ſo lange warten laſſen? Ich hab Euch lange entgegen geſehn; ſetzt Euch nieder.“ Und er warf ihm einen niedrigen Stuhl hinuͤber, auf welchen ſich Andy dem Befehl gemaͤß ſetzte; aber er mußte ſich ſehr zuſammen kruͤppeln, ſo daß ſeine Kniee mit ſeinem Mund in Eine Linie fielen. Sheeum-na- Sheeog waͤr zwar ein ſtarker Mann, aber doch alt, und ſeine ſchneeweißen Locken hingen uͤber ſein Geſicht, das noch ganz friſchfarbig war. Er trug einen alten blauen Ueberrock, der bis zum Kinne herauf befeſtigt war, und ein lederner Guͤrtel umſchloß ſeinen Leib. Seine ſchwarzen Augen waren in beſtaͤndiger Bewe⸗ gung, und wenn ihr Ausdruck mit Andy's lebloſem Blick zuſammen traf, ſo verſpuͤrte dieſer ein unge⸗ woͤhnlich unangenehmes Gefuͤhl, und doch hatte er nie vorher in der Gegenwart irgend eines menſchlichen Ge⸗ ſchoͤpfes ſo viel Verehrung und Mißtrauen empfunden. Sie betrachteten ſich einander ſtillſchweigend waͤhrend eines Augenblicks von ihren entgegengeſetzten Stuͤhlen; Andy's Geſichtszuͤge waren unveraͤndert geblieben, ſeit er ſie, ſich ſelbſt unbewußt, in Erſtaunen gekleidet hatte, beim Laut der Worte, die ihn außerhalb ſo ſehr erſchuͤtterten. Endlich ſagte der Andre: 72 „Ich ſehe wohl, Ihr koͤnnt nicht ſprechen, aber das thut nichts zur Sache, ich will Euch die Muͤhe erſparen. Ihr kommt hier, um zu erfahren, ob ich Euch dazu verhelfen kann, Alley Dooling von dem „guten Volk“ wieder zu erlangen. 4 „O Mord!“— Mehr konnte Andy nicht her⸗ ausbringen. „Ich weiß wohl, was Ihr gern ſagen moͤchtet, wenn Ihr nur koͤnntet; Ihr haltet es fuͤr ein Wun⸗ der, daß mir dies Alles bekannt iſt; aber das geht Euch wenig oder nichts an.“ Der Menſch, an welchen dieſe Worte gerichtet waren, machte ein Geſicht, als ob er weinen wollte; es war aber vielleicht bloß der Anfang des Beſtrebens, ſeinen Wirth zu verſichern, daß, ob es ihn gleich er⸗ ſtaunte, daß er ſo geſchickt das wahre Innere ſeiner Gedanken entziffern konnte, es ihm doch nie einge⸗ fallen ſey, ihn daruͤber zu Rede ſtellen zu wollen. Doch ehe ſich ein Wort finden ließ fuͤr die Vorrede zu Andy's Geſicht, fuhr Sheeum ploͤtzlich fort: „ Aber, wo iſt das Geld, das ich dafuͤr haben ſoll, Euch zu helfen, und das mich fuͤr die uͤble Be⸗ handlung entſchaͤdigen ſoll, die mir in Eurem Dienſte bevorſteht?“ Andy zog ſeine Augen nicht von dem wunder⸗ vollen Manne ab, ſteckte ſeine Finger in die Vertie⸗ fung der Weſtentaſche, und reichte das dar, was ſie heraus zogen. Sheeum nahm die dargereichte Gabe 73 an, beſah ſie einen Augenblick, warf den Blick einer alten Ratte auf Andy, und ſagte: „Dieſer armſelige Schilling iſt nicht genug; in der andern Taſche befindet ſich ein Goldſtuͤckchen, mein Kind.“ Andy ſchoͤpfte Athem, und ſprang auf von ſeinem Stuhl.—„Mord, Mord, ich bitte Euch tauſend und aber tauſendmal um Verzeihung; es war keines⸗ weges meine Abſicht, Euch mit der Kleinigkeit abzu⸗ ſpeiſen.“— Der Andre entgegnete nichts, hielt aber ſeine ſchrecklichen Augen unverwandt auf den erſchuͤt⸗ terten Andy gerichtet, waͤhrend er Bridge Chree's Ge⸗ ſchenk aufſuchte, welches er endlich in dem fernen Winkel der Taſche fand, als wenn es ſich ebenfalls gefuͤrchtet und verſteckt haͤtte, um der Beruͤhrung des geheimnißvollen Weſens zu entgehn. Als er es uͤber⸗ reichte, fing er an: 3 „Bei—* aber Sheeum ſtampfte mit dem Fuße und unterbrach ihn mit einem:„Aha!— Nehmt Euch in Acht, Andy.— Kein Fluch oder Schwur hier!“— Und der zitternde Andy konnte nicht um⸗ hin, ſich ſelbſt zu geſtehn, daß er ſich unbewußt einen Fluch begonnen hatte, und ſolchen beendigt haben wuͤrde, waͤre er nicht unterbrochen worden. „Ihr wolltet eben wieder ſagen, daß Ihr nicht die Abſicht hattet, mir den Schilling ſtatt des Goldes zu geben; ich weiß das gleichfalls, ohne daß es Eures Schwoͤrens bedarf. Aber laßt uns nun zu dem Ge⸗ ſchaͤft ſchreiten, das Euch hierher brachte.“ 74 Der Zaubrer begab ſich in einen fernen Winkel, wo ihn die Dunkelheit faſt verbarg; aber er kehrte bald zuruͤck mit einem Stuͤck brennendem Holz, und einem Buͤndel Ginſt, welches er von dem Haufen nahm, und nachdem auch dies angezuͤndet war, ſagte er in einem gebieteriſchen Tone zu unſerm Freunde: „Steh auf, Andy Awling!“— Andy ſprang auf.—„Nun nimm dieſen Krug klaren Waſſers in die Hand.“ „Wenn es Euch gleichviel iſt, und wenn ich meine Wahl haben duͤrfte, ſo wuͤrd ich ihn lieber nicht in die Hand nehmen.“ „Ho, ho, nimm ihn in die Hand, ſag ich Dir.“ „Ich bin aber gar nicht durſtig, dank Euch je⸗ doch eben ſo ſehr, als wenn ichs waͤre.“— Bridge Chree hatte ihm beſonders eingepraͤgt, weder das Eſſen noch das Trinken der Feen zu koſten. „Heb' das Gefaͤß vom Boden, ſag ich Dir!“— Dies ſagte Sheeum mit gerunzelter Stirn, und ſtampfte dazu. „Wahrlich, Ihr werdet mich doch nicht zwingen zu trinken, da ich vielmehr hungrig bin, und wohl etwas eſſen moͤchte.“ „Ja, ja, Du ſiehſt recht verhungert aus, und Du ſollſt auch einen Biſſen zu eſſen haben, ſobald unſer Geſchaͤft vorbei iſt.“ „ Ach bewahre, ich koͤnnte keinen Biſſen verſchluk⸗ ken, bis ich Clarah wieder ſehe,— wenn es anders Gottes Wille iſt, daß ich es wiederſeh,— und wenn 75 es auch nicht mehr waͤre, als die Kniee einer Biene, — o ich koͤnnte nichts hinunterbringen,— ich hab einen Schwur abgelegt.“— „Laß des Plauderns einmal ein Ende haben.— Heb den Krug auf, oder ich will Dich ſo zurichten, daß Dich Deine eigne Mutter nicht kennen ſoll, wenn Du je wieder nach Hauſe kommſt.“ Und er zwang Andy, den Krug gegen ſeinen Willen zu ergreifen. Der lodernde Ginſt war nun zu weißer Aſche nieder gebrannt; hierauf nahm er ein wenig davon, und ſchmiß ſie nebſt einer todten Eidechſe in den Krug, waͤhrend welcher Zeit er vielerlei Worte herſagte. Nach⸗ dem er das Gefaͤß aufmerkſam betrachtet hatte, rief er aus: „Ha, Pierce Shea, es geht Alles recht wohl; das Feuer lodert vortrefflich in die Hoͤhe.“ Er nahm den Krug von Andy, ſtellte ihn auf den Tiſch, nahm ein Kraut vom Brett, und ſprach fort. „Dies iſt Jelaͤngerjelieber, ein Kraut, das die⸗ ſen Morgen aus der Erde genommen worden, ehe der Nachtthau zur Sonne emporgeſtiegen war.“ Und nachdem er wiederum einige Worte vor ſich her ge⸗ brummt hatte, rieb er das Kraut zwiſchen ſeinen Haͤnden. „Herrlich, immer noch herrlich,“ rief er, ſtand ſchnell auf, und goß etwas Waſſer aus dem Krug in eine kleine Flaſche. „Und nun iſt Alles gethan, Andy, was zu thun war; nimm dieſe Flaſche und dies Kraut, und gieb 76 auf meine Worte Acht: ſobald der Hahn dieſe Nacht das erſte Mal gekraͤhet hat, laß Pierce Shea in dem Thale Ballyfoile ſtehn, und zwar auf derſelben Stelle, wo ſein Leben angegriffen wurde. Dann muß er drei Zweige des Jelaͤngerjelieber gegen den Wind werfen,— und Alley Dooling wird ſich zu ihm ge⸗ ſellen unter den Sternen der Nacht. Und dann laß⸗ er ihr das zu trinken geben, was in dieſer kleinen Flaſche iſt, und ſie wird ihm dann willig in das Haus ſeines Vaters folgen; aber ſag ihm auch,— und merk Dir meine Worte wohl,— ſag ihm, er muß durchaus allein ſeyn im Thale:— kein lebendiges Weſen muß ihm nahe ſeyn,— oder Weh, Weh uͤber Pierce Shea, und tauſendmal Weh uͤber ihn, der ſich in ſeiner Geſellſchaft befindet. Nun ſetz Deinen Hut auf, und pack Dich fort.“ Nachdem Andy einen Augenblick ſtillſchweigend geblieben war, wagte er es zu ſprechen: „Ach, wenn Ihr es ſo einrichten wolltet, daß ich Erlaubniß erhielt, mit ihm zu gehn.“ „Nein,“ bruͤllte Sheeum-na-Sheeog,„und was noch mehr iſt, wenn Du ſo etwas blos zu thun verſuchſt, ſo ſoll Dir das Fleiſch auf Deinen Gebei⸗ nen verwelken.“ „Ich beſitze in dieſem Augenblick keinen Pfennig mehr, aber hier hab ich einen ſehr anſtaͤndigen Rock, und der alte Hut iſt auch eben nicht ſehr ſchlecht, denn es iſt mein Sonntagshut, und nicht etwa der aͤlteſte von allen, und ich hab ihn nicht laͤnger, als 77 ein Jahr gehabt. Und meine alten Schuhe ſind na⸗ gelneu, denn es iſt nicht uͤber ſechs Monate, daß ſie ſich noch in des Schuhmachers Laden befanden. Und wenn Ihr dies Alles zuſammen legt, ſo wird doch wohl noch eine halbe Guinee herauskommen, und ich will das Alles hier bei Euch laſſen, und verlange nichts weiter, als zu Hauſe zu laufen, beinah ſo nackend, als ich geboren wurde, und ich will drauf ſchwoͤren, morgen fruͤh wieder hier zu ſeyn, ehe Ihr zuruͤck kommt.“— „Zuruͤck komme? Von wo?“ „Ach, das iſt eine Frage, die zu beantworten mehr Kenntniß erfordert, als der liebe Gott mir ge⸗ geben hat. Doch wenn Ihr mir die Erlaubniß ver⸗ ſchaffen koͤnnt, daß ich morgen Nacht mit Pierce Shea gehn darf, ſo will ich Euch nicht blos mit einer hal⸗ ben Guinee abfertigen, und wenn ich den Altar dafuͤr beſtehlen ſollte.“ „Du alberner Toͤlpel, Du! Geh Deiner Wege!“ — rief der Zaubrer in einem befehlenden Ton; ſeine Augen funkelten, und ſeine Stirn faltete ſich mehr und mehr, als er auf Andy los kam; dieſer zog ſich allmaͤhlig zuruͤck, bis er, ſich ſelbſt unbewußt, uͤber die Schwelle trat; die Thuͤr wurde alsdann zugeſchmiſſen und gegen ihn verſchloſſen. 78 Fuͤnftes Kapitel. * Biadge Chree wußte ihre Zeit ſo gut abzumeſſen, daß ſie gerade ausging, die Kuͤhe zu melken, als Andy Awling auf den Huͤgeln zu ſehn war. Ihre Fragen nach dem Erfolg, nach ſeinem Wohlbefinden, und nach ſeinen Begebenheiten waren ſchnell und endlos. Andy antwortete, daß ſie bei den Dingen die er ihr zu er⸗ zaͤhlen haͤtte, ihren Mund der ganzen Laͤnge und Breite nach aufſperren wuͤrde. Und er wiederholte nun jeden Umſtand, der ihm zugeſtoßen war. Sheeum- na- Sheeogs ſchreckbare Allgegenwart; wie er vorher wußte, daß er kommen wuͤrde, und worin das Geſchaͤft beſtuͤnde, das ſeinen Beſuch veranlaßte; wie er ihm ſagte, wo er die halbe Guinee finden wuͤrde, wie er in die Tiefen ſeiner Gedanken eindrang, und ſchließlich, wie er, Andy, bei ihrer bedeutungsvollen Trennung, nur mit großer Muͤhe einem Feenſchlag entging. Aus die⸗ ſen Materien beſtand der Vorrath ſeiner Mittheilungen. Auf Bridge's erneuerte Fragen berichtete er nun Alles, was auf Pierce Shea und Alley Dooling Bezug hatte, und obgleich Bridge anfangs ein wenig erſchrocken ausſah, ſo laͤchelte ſie doch zuletzt mit innig⸗ ſter Zufriedenheit. Nie hat Jemand dergleichen ge⸗ hoͤrt, ſagte ſie. Sie war der Verzweiflung nahe, als ſie zuerſt in Andy's Geſicht blickte, denn es druͤckte durchaus nichts von guten Neuigkeiten aus; aber ſeine 79 letztern Worte haͤtten ſie nun voͤllig beruhigt. Alles wuͤrde nun gut gehn, er brauchte ja nur das Kraut und die kleine Flaſche dem Herrn Pierce einzuhaͤndigen, und ihn beim er⸗ ſten Hahngeſchrei dieſer Nacht nach dem Thale zu ſchicken. Dieſem widerſetzte ſich Andy jedoch; er dachte vielmehr, daß ihr glaͤnzendes Goldſtuͤckchen eben ſo wohl uͤber den Mond, oder in die Tiefe des Fluſſes haͤtte geworfen werden koͤnnen: denn nicht einen Schritt ſollte Pierce Shea gen Balyyfoile thun. „Nun, und warum denn nicht?“ fragte Bridge in ihrem verdrießlichſten Tone. Das wollte er ihr wohl ſagen. Er wußte gar zu wohl, was fuͤr ein Menſch Freund Pierce war; es hatte dem lieben Gott nicht gefallen, ihn mit vieler Vernunft zu begaben. Er iſt ein hitziger Brauſekopf, und iſt viel zu warm und unternehmend;— Ja, wenn er es mit ehrlichen Chriſten zu thun haͤtte, wie er ſelbſt einer iſt, denen man mit einem Hieb bei⸗ kommen koͤnnte, dann wuͤrde ihn kein Menſch tadeln, daß er gelegentlich auffahrend iſt; aber wenn er mit einer ganz andern Art Leuten zu thun hat, dann ſollte er mit mehr Hoͤflichkeit zu Werke gehn, welches viel beſſer fuͤr ihn waͤre und ſeine Sache befoͤrdern wuͤrde. Aber Pierce ſchor ſich wenig um eine ſolche Theorie, und anſtatt ſeinen Hut abzunehmen, einen Kratzfuß zu machen, und ſich glimpflich auszudruͤcken (wie man das wohl zuweilen mit einem hartherzigen Wirth thut, dem man die Zinſen nicht bezahlen kann, und den man im Herzen zum Henker wuͤnſcht) wuͤrde 80 unſer guter Pierce hoch auftrumpfen, wuͤrde ihnen wohl gar Schimpfnamen beilegen, daß ſie ihm ſeine Alley ſo lang vorenthalten; ja, wenn ſie ſie ihm nicht gleich aufs erſte Wort uͤberlieferten,— wer kann dafuͤr ſtehn, daß er nicht ſtracks auf ſie losſchla⸗ gen wuͤrde? Und bedenke nur ſelbſt, Bridge, was fuͤr eine ſchoͤne Beſcheerung das fuͤr uns ſeyn wuͤrde. „Und er gedaͤchte alſo nicht,“ fragte Bridge wie⸗ der,„gegen Herrn Pierce ſeine Reiſe dieſes Morgens zu erwaͤhnen?“ Mit keinem Worte. Denn da Andy nicht mit ſeinem Milchbruder gehn durfte, und ihn nicht gegen die Uebel jenes Orts ſchuͤtzen konnte, ſo war er ent⸗ ſchloſſen, ihn auf jeden Fall ſicher zu Hauſe zu be⸗ halten. Aber was wollte Andy dazu ſagen, wenn Sheeum- na-Sheeog ihn auf immer zum Kruͤppel machte, da⸗ fuͤr, daß er ſeinen Befehlen nicht gehorchte? Das war nicht zu befuͤrchten. Ja, wenn Andy helfen wollte, Alley dem„guten Volke“ zu entwen⸗ den, dann moͤchte Sheeum wahrſcheinlich ſeinen Kopf herum drehn, ſo daß ſein Geſicht hinten zu ſehn waͤre, oder ſein Hintertheil vorn zum Vorſchein kaͤme, und dann wuͤrde er freilich wie ein Wunderthier beſchaͤmt werden. Da es aber durchaus das Gegentheil ſeyn ſollte, da er ſie ihnen nicht gewaltſam entreißen, oder durch Ueberredung von ihnen wegfuͤhren, ſondern viel⸗ mehr dazu beitragen wollte, daß ſie bliebe, wo ſie war, und er ihnen demnach das ſchoͤnſte Maͤdchen in der 81 Grafſchaft Leinſter ließe(Bridge Chree, die vor ihm ſtand, natuͤrlich ausgenommen): fuͤr eine Handlung, wie dieſe, wuͤrde Sheeum-na-Sheeog nicht umhin koͤnnen, ihm ſeiner Freunde wegen hoͤchlich verpflichtet zu ſeyn, und gar nicht daran denken, ihm Schaden zuzufuͤgen. Wohl— Bridge wollte ihm nicht widerſprechen, und ſie ſah wohl, daß es beſſer ſey, Andy zuweilen ſeinen Willen zu laſſen. Wenn man aber an die Summe Geldes denkt, die drauf gegangen war,— und Geld waͤchſt wirklich nicht auf den Buͤſchen im Felde,— ſo waͤre es doch wohl Jammerſchade, die Flaſche oder das Jelaͤngerjelieber weg zu werfen. — Und ſie baͤte daher Andy, ſie ihr zu geben. „Aber was willſt Du denn damit anfangen, mein Liebchen?“ Ach, ſie haͤtte eine arme Muhme, die behext war; ſie entfernte ſich zuweilen des Nachts mit den Feen, und blieb bei ihnen bis zum Tagesanbruch, und zwar ganz gegen ihren eignen Willen, wie ſie ſelbſt behauptete. Ich denke daher, daß die kleine Flaſche und das Kraut ſie heilen moͤchten, und daß ſie kuͤnf⸗ tig in ihrem Bette bleiben koͤnnte. „Das iſt wohl moͤglich,“ ſagte Andy, und uͤber⸗ gab ſie ſogleich Bridge, nebſt den beſten Wuͤnſchen fuͤr den gluͤcklichen Erfolg ihres Verſuchs. Aber Bridge wollte die Flaſche und das Kraut fuͤr einen andern Zweck haben. Pierce Shea war eben vom Jahrmarkt zuruͤck⸗ II. 6 82 gekehrt; ſein Gemuͤth war voll von der Gefahr ſeiner gegenwaͤrtigen Lage, ein Gefuͤhl, das doppelt druͤckend war, da er es Niemandem mittheilen, und von Nie⸗ mandem rings umher Sympathie oder Rath erwarten konnte. Selbſt vor ſeinem Milchbruder hatte er ſeine naͤchtliche Begebenheit und die blutigen Ereigniſſe des folgenden Tages verheimlicht, und ſeine Abweſenheit durch die Erdichtung einer neuen, und abermals frucht⸗ loſen Nachſuchung ſeiner Geliebten und ihres Entfuͤh⸗ rers erklaͤrt. Doran hatte er nur einmal, und in großer Eile, ſeit dem Ausfall der weißen Jungen, ge⸗ ſehn. Die Warnung des Bettlers auf dem Jahr⸗ markt veranlaßte ihn zu befuͤrchten, daß eine geheime Anklage entweder ſchon gegen ihn eingegeben worden, oder bald wuͤrde eingegeben werden, und ſeine Furcht, ſeine Gedanken, ſeine Erfahrung und ſeine Ueberlegungen wieſen auf Crohoore hin, als ſeinen Anklaͤger. Wie dies verabſcheuete und geheimnißvolle Individuum dieſe Zeugniſſe erlangt haben konnte, mußte fuͤr jetzt noch unentſchieden bleiben. Als er uͤber alle dieſe Dinge nachſann, und ſchweigend ins Feuer blickte, bei welchem er im Zim⸗ mer ſaß, wurde er durch einen Druck auf ſeinen Fuß uͤberraſcht, und es ſchien, als kaͤme er von einer Per⸗ ſon, die unbemerkt ins Zimmer getreten, und ſich ſchnell wieder zur Thuͤr zuruͤckgezogen hatte. Als er ſich umſah, erblickte er Bridge Chree, und er wunderte ſich deſto mehr, als er wahrnahm, daß ſie ihm mit dem ſchielen Auge zuwinkte, als ob ſie der Beobach⸗ 83 tung ſeiner Mutter entgehn wollte, die beim Fenſter ſaß und ſtrickte. Bridge und er waren ſeit Kurzem kaum etwas mehr als hoͤflich gegen einander geweſen. Denn da ihm die gegenſeitige Zuneigung bekannt war, die zwiſchen ihr und ſeinem Milchbruder ſtatt fand, ſo vermied er ſorgfaͤltig alle die kleinen Schaͤkereien, welche die Maͤgde ſeiner Mutter von ihm erwarteten, die aber, wie er fuͤrchtete, Andy'n Unruh machen koͤnnten. Der Druck und der Wink der verlobten Bridge Chree befremdete ihn daher außerordentlich. Als ihr ſein Auge durch die Thuͤr folgte, um eine Aufklaͤrung zu erhalten, winkte ſie ihm abermals, und ſie machte zugleich eine Bewegung mit dem Kopf, welche deutlich zu ſagen ſchien:„folge nur, ſo geſchwind du kannſt.“— Die mancherlei Gedanken, die eben ſeinen Kopf erfuͤllt hat⸗ ten, wurden aͤußerſt lebhaft; ſein Herz wurde fuͤrch⸗ terlich beklkommen, denn er glaubte, daß etwas ganz Anderes, als eine Liebesgeſchichte ihm mitgetheilt wer⸗ den ſollte, und eiligſt folgte er ihren Schritten. Bridge, die immer noch mit ihrer Hand ein Zei⸗ chen des Stillſchweigens machte, leitete den Weg durch das Haus und den Hof, und begann zwiſchen zwei hohen Kornſchobern, wo kaum Platz war, ſich hinein⸗ zudraͤngen, und wo ſie daher hoffte, allen Beobachtun⸗ gen zu entgehn, ihre wundervolle Geſchichte. Pierce hoͤrte mit Beruhigung und Erſtaunen den vollſtaͤndigen Bericht von Andy's Reiſe zu Sheeum-na-Sheeog, und empfing von ihrer Hand die Flaſche des bezauber⸗ ten Waſſers und die Zweige des Jelaͤngerjelieber, 6* 84 nebſt der Anweiſung, wenn, und wo, und wie, und fuͤr welchen Zweck ſolche zu gebrauchen waͤren. Nach⸗ dem dies gethan war, gab Bridge noch manche Vor⸗ ſichtsregel, bat auch, ihre Vermittlung vor Andy Aw⸗ ling aufs ſorgfaͤltigſte zu verheimlichen, und ſchlich ſich in ihre Kuͤche zuruͤck. Pierce aber uͤberließ ſich ſeinen eignen Betrachtungen uͤber dies ſeltſame und ſonder⸗ bare Abentheuer.— Die Nacht kam bald heran. Wir wollen nicht ſagen, daß Pierce Shea ganz frei war von dem Schat⸗ ten der großen Wolke lokaler Vorurtheile, die ſeit ſei⸗ ner Kindheit uͤber ihm gehangen hatte. Doch behaup⸗ ten wir auch keineswegs, daß er ein Wort von dem Verſprechen des alten Zauberers glaubte, oder von dem, was uͤber die Wirkſamkeit und Eigenſchaften des Waſ⸗ ſers und des verwelkten Krauts, das er in ſeinen Haͤn⸗ den hielt, geſagt worden. Aber der erſchuͤtterte und unruhige Zuſtand ſeines Gemuͤths benahm ihm die Macht ruhigen Nachdenkens, und ſchwaͤchte all ſeine Seelenkraͤfte. Nun hoͤrte er aber, gleichviel, wie oder von wem, daß er dieſe Nacht ſeine lang verlorne, und ihm ſo unendlich theure Geliebte antreffen ſollte, und dies floͤßte ihm eine Hoffnung ein, die ihn unwider⸗ ſtehlich fortzog. Er beſchloß daher, und ſollte es auch die duͤmmſte Albernheit ſeyn, den Zauber zu verſuchen, den Bridge und der Weiſe auf den Huͤgeln empfoh⸗ len hatten.— Auch zeigte ſich ihm offenbare Gefahr, da er ſich allein und fern von menſchlicher Huͤlfe und Beiſtand, in der Todtenſtille der Nacht, und an den⸗ 85⁵ ſelben Ort, wo kurz vorher ſein Leben war angegrif⸗ fen worden, wagen ſollte. Aber Alley's Geſtalt er⸗ ſchien vor ſeiner Einbildungskraft, fachte ſeine Hoff⸗ nung an, und alle andern Bedenklichkeiten verſchwanden. Auch kann der Leſer wohl keine ſo geringe Meinung von Pierce Shea haben, zu glauben, daß bloße per⸗ ſoͤnliche Gefahr Einfluß auf ihn haben konnte. Ob er nun glaubte oder zweifelte, oder ob er uͤberhaupt die Sache uͤberlegte,— wollen wir unent⸗ ſchieden laſſen.— Pierce Shea ſtand zur beſtimmten Zeit um Mitternacht, mit keinen andern Zeugen ſeiner Bewegungen, als den klaren Sternen des Firmaments, in dem einſamen, entfernten Thale Ballyfoile, auf derſelben Stelle, wo einſt ein Meuchelmoͤrder nach ſeinem Herzen zielte. Er warf nun die Zweige des Jelaͤngerjelieber in den Wind,— und wandte ſich ſchnell herum, als ein leiſes Athmen ſich hinter ihm hoͤren ließ,— Alley Dooling ſtand vor ihm. Die Geſtalt befand ſich in voͤlliger Ruhe, zeigte kein Merkmal der Bewegung, durch die ſie auf dieſe Stelle gekommen ſeyn mußte, ausgenommen, daß ihre leichte Bekleidung umherwehete, und ihr Buſen ſich hob und fiel, wie die Saiten eines Inſtruments, die ſich fortbewegen, nachdem die Toͤne aufgehoͤrt haben zu ſchallen, oder wie ein erſchrockner Vogel, der ſich nach einem eiligen Fluge, in der Unordnung ſeiner klei⸗ nen Federn, auf einen Zweig ſetzt. Sie war blaß und magrer, als ihr Geliebter ſie je geſehn hatte, und ihre Augen waren groͤßer und dunkler, mit einem 86 Ausdruck, der neu und uͤberraſchend fuͤr ihn war. Doch ungeachtet dieſer Veraͤnderung, und erhellt durch das ſchwache Sternenlicht allein, erkannte Pierce ſeine Geliebte ſogleich. Seine erſte inſtinktmaͤßige Hand⸗ lung, die durch Erſtaunen und uͤbernatuͤrliche Beſtuͤr⸗ zung hervorgebracht wurde, war, daß er zuruͤckfuhr, und einen leiſen Schrei ausſtieß. Aber die herrſchende Leidenſchaft nahm bald wie⸗ der die Oberhand, und ſobald das blaſſe Maͤdchen ihre Arme ausſtreckte, gleichſam als einen Vorwurf, wurde ſie ſogleich durch die Umarmung des Geliebten umſchlungen. Waͤhrend einiger Zeit ſpſſen blos Thraͤnen, und auch nachher konnten ſie nur die Worte hervorbringen: „O Alley!“—„O Pierce!“— bis endlich Stroͤme Lom Thraͤnen ſie etwas erleichterten, und Pierce ſprach zuerſt: „iebung meines Herzens! Meine arme Alley! Wie oft, und wie verzweiflungsvoll habe ich dieſe be⸗ gluͤckte Zuſammenkunft gewuͤnſcht!— Ach, ich hatte keine Hoffnung, daß wir uns je wiederſehn wuͤrden. — und am wenigſten dachte ich, nach ſo vielen Be⸗ ſchwerden, die ich Tag und Nacht ausgeſtanden habe, daß mein Gluͤck ſo nahe war.“ „Mein geliebter Pierce,“ ſagte ſie weinend und mit unverſtellter Zaͤrtlichkeit,—„Gott weiß wie ſehr ich es gewuͤnſcht habe, Dich wieder zu ſehn. Mein armes Herz war beinah gebrochen durch ſeine fruͤhen Leiden, und da warſt Du mir nicht nahe,— Du, der einzige uͤbrige Troſt dieſes armen Herzens!“— „Denke nicht an die Vergangenheit, Alley; der Sturm iſt voruͤber gezogen, und unſre kuͤnftigen Tage ſollen nun im Sonnenſchein verlebt werden.“ „O, der Himmel gebe, daß dies moͤglich waͤre! — Der Sturm war heftig und ſchrecklich.— Und ſind alle Wolken wirklich voruͤbergezogen?“— „Ja, ja, der Himmel iſt nun klar, mein Herz iſt uͤberſchwaͤnglich froh, Dir dies zu ſagen, und das Deinige, theuerſte Alley, ſollte die Antwort beſtaͤtigen. — Was denkſt Du, Liebe?— Ich habe mancherlei zu fragen, und mancherlei Dir mitzutheilen.— Aber dies iſt nicht der Ort— hier, in der kalten Nacht — laß mich Dich zu Hauſe fuͤhren.“ „Zu Hauſe, Pierce?“— Und ſie brach in eine neuen Fluth von Thraͤnen aus. „Ja, liebe Alley, in das Haus, wo Du herz⸗ lich willkommen ſeyn wirſt,— wo ich und meine Mutter— „Deine Mutter, Pierce,— aber meine, wo iſt die meinige?“ „Vergiß dies, mein geliebtes Maͤdchen,— ver⸗ giß es, wenigſtens fuͤr jetzt,— laß uns gehn,— lehne Dich an mich,— komm, komm Liebe, laß uns gehn.“ Alley zeigte kein Zeichen der Bewegung oder der Bereitwilligkeit ihm zu folgen, bedeckte ihr Geſicht 8⁸ mit ihren Haͤnden, und ſagte blos:„Pierce!— Pierce!“— „Was denn, Liebe?— Sprich es aus, und ge⸗ ſchwind,— dies iſt kein Ort, wo wir verweilen koͤnnen.“ „Ich kann nicht,— nein, nein, Pierce, ich kann nicht mit Dir gehn!“ „Du kannſt nicht!— Und nun beſinn' ich mich, — Deine Gegenwart,— das Uebermaß der Freude Dich wieder zu ſehn,— Dich wieder an mein Herz zu druͤcken,— haben alle andern Gedanken verbannt, meine Alley;— aber ſprich,— wer ſchickte oder brachte Dich hierher? Hat Sheeum- na-Sheeog dazu beigetragen, daß ich Dich hier ſehe?— Es iſt freilich eine naͤrriſche Frage,— aber ſag mir, hat er?“ „Er hat in der That dazu beigetragen.“ „Erſtaunend!— Was ſoll ich denken?— Und Du kannſt nicht zugeben, daß ich Dich aus dieſem wilden Thale fuͤhre?“ „Es iſt unmoͤglich; Du und ich muͤſſen immer noch getrennt leben.“ „Muͤſſen?— Ich frage Dich nochmals, Alley, was kannſt Du meinen? Du ſtehſt bei mir, meine Arme umſchlingen Dich,— Niemand begleitet Dich, — Du biſt frei zu handeln,— frei, mich gluͤcklich oder elend zu machen,— mich zu beſeligen oder wahn⸗ ſinnig zu machen,— und doch ſagſt Du, wir muͤſſen uns wieder trennen?“ „Ich bin nicht frei zu handeln, wie ich will, 89 Pierce, und ſollte auch mein Herz daruͤber brechen, daß ich es nochmals ſage,— doch hier muͤſſen wir uns trennen,— hier, auf derſelben Stelle, wo wir uns wiederſahn.“ „Beim Himmel, wir muͤſſen uns nicht trennen, was auch Dein Geheimniß ſeyn mag,— wer auch die Weſen ſeyn moͤgen, die Dich zwingen wollen,— Geiſter oder Sterbliche,— Menſch oder Teufel,— Ha!“— Er unterbrach ſich hier, als eine entſetzliche Erinnerung ſeine Seele umwoͤlkte.—„Hoͤre mich, Alley, und antworte mir,— ich habe ein Recht Dich zu fragen: Du verließeſt Deines Vaters und Deiner Mutter Haus, mit ihrem blutigen Moͤrder!“ „Pierce, Pierce, ſchone mich!“ war ihre Ant⸗ wort, die ſie in einem leiſen ſchauderhaften Ton aus⸗ ſprach. „Ich wollte Dich ſchonen, Alley, wenn ich koͤnnte, wenn ich duͤrfte!— Dein Herz leidet nicht mehr bei den Worten, die Du von mir hoͤrſt, als das meinige leidet, da ich ſie ausſpreche,— doch vergiß nicht, es iſt Pierce Shea, der ſpricht, und Alley Dooling, die ihn anhoͤrt,— wie hat der Schurke ſich gegen Dich betragen?— Wohin hat er Dich gefuͤhrt?“ Sie ſchwieg.. „Lebſt Du noch mit ihm?“ „Ich darf Dir nicht antworten.“ Er wiederholte ihre Worte in einem Uebermaß von Schmerz und Entſetzen, entwand ſich aus ihren Armen, hielt ſie von ſich entfernt, blickte mit ſcharfen 90 Augen in ihr Geſicht, und fuhr mit tiefer und ge⸗ brochner Stimme fort: „Noch ein Wort, Alley; antworte drauf, oder ſey wiederum ſtillſchweigend, wie Du willſt.— Wei⸗ gerſt Du Dich, ihn zu verlaſſen?“ Sie war wiederum ſtillſchweigend. Er fuhr fort ſie von ſich entfernt zu halten, und blickte in ihre Augen, bis der allmaͤlig ſteigende Zorn ſeine Kehle zuſammenzog, und in einem Angſt⸗ geſchrei ausbrach; er ließ ſie dann los, hielt aber ſeine Arme noch immer ausgeſtreckt, und als er zuruͤck trat, rief er: „Geh weg von mir, Weib! Wir trennen uns in der That!“ „Pierce, Pierce, ſtoß mich nicht von Dir!“ Und ſie ſprang wiederum an ſeinen Hals.— „Nein, nein, nimm Deine Haͤnde weg, 2 Deine Beruͤhrung,— weg von meinem Halſe, und von mir! Gott, o Gott! Wie hat dies Maͤdchen mich belohnet! Sie, fuͤr die mein Herz ſich verzehrte, fuͤr die meine Ruhe und mein Leben zu Grunde gingen! Sie wiederum rein, unſchuldig und getreu zu umar⸗ men, war die einzige Hoffnung und das alleinige Beſtreben meiner Seele,— und nun— nun;“ Thraͤ⸗ nen hinderten ihn fortzufahren;„und nun kehrt ſie als ein entehrtes, unwuͤrdiges, falſches Geſchoͤpf zu mir zuruͤck! Nein, nein Alley,“ ſagte er, indem er ſich von ihr wandte,—„nein, nein, befreie mich von 91 Deinen Armen,— und weg,— weg,— ſteh fern von mir, ſag' ich nochmals.“ Sie ſank auf ihre Kniee, faltete ihre Haͤnde zu⸗ ſammen, und warf ihre Augen in die Hoͤhe, bis ſie gleichſam in den Augenhoͤhlen verborgen waren, und zu brechen droheten, bei dem folgenden nachdruͤcklichen Ausruf: „Gott, der im Himmel herrſcht, erbarme Dich meiner, und troͤſte mich! Gieb mir Staͤrke, das zu tragen, was ich tragen muß,— dies iſt das Schlimmſte von Allem; und Vater— Mutter— ihr, die ihr jetzt von glorreichem Licht umſtrahlt ſeyd, betet zu Gott fuͤr Eure ungluͤckliche Tochter!“— Mit dem letzten Wort ſank das arme Maͤdchen mit ihrem Geſicht auf die Erde, und jammerte ſo laut, als ob ſie baͤte, daß ſich ſolche oͤffnen, und ihr eine Ruheſtaͤtte geben moͤchte. Ein ſo uͤbermaͤßiger und hinreißender Schmerz konnte nicht ermangeln, des Liebhabers Herz mit ſchneller Reue zu erfuͤllen, ungeachtet der Wuth und Verzweiflung, von denen es beſtuͤrmt wurde; er warf ſich vor, daß er zu hart und zu grauſam geweſen waͤre, und als er bei ihr ſtand, ſagte er: „Alley, theure Alley, immer noch theuer, obgleich auf ewig fuͤr mich verloren,— mindre dieſen entſetz⸗ lichen Schmerz,— ſteh auf,— komm mit mir.— Ich— ach, ich liebe Dich noch; ob wir gleich ein⸗ ander nichts mehr ſeyn koͤnnen,— doch komm— komm zu meiner Mutter, und theile ihre haͤuslichen 92 Genüͤſſe,— wir wollen unſer beiderſeitiges Leben dazu anwenden, Dich gluͤcklich zu machen,— entzieh Dich groͤßerm Elend und fernerm Schmerz,— ſteh auf, und komm mit mir.“ Er beruͤhrte ſie, aber ſie ſprang auf, und rief: „Nein, nein Pierce, komm mir nicht nahe,— be⸗ ruͤhre mich nicht,— ich muß nun eine That vollziehn, die ich nicht vollziehn koͤnnte, wenn Deine Arme mich umſchlingen!“ Sie zog ſich von ihm zuruͤck, klatſchte laut mit den Haͤnden, und rief aus: Nun! nun! Hier! hier!“ Und augenblicklich fand ſich Pierce uͤberwaͤltigt,— trotz all ſeinem Widerſtreben auf die Erde niedergezo⸗ gen,— ſeine Haͤnde auf ſeinen Ruͤcken gebunden, und ſeine Fuͤße gleichfalls befeſtigt. Alles dies war das ſchnelle Werk vier ſtarker Maͤnner, die ſich ſeiner um ſo leichter bemaͤchtigen konnten, da er auf ihren ploͤtzichen und beunruhigenden Anfall keinesweges vor⸗ bereitet war. „Und nun, Pierce“ ſagte Alley, buͤckte ſich nie⸗ der, als er auf der Erde lag, und kuͤßte ſeine Wange, die er wegzuwenden ſuchte,—„nun gehab Dich wohl! Ich geh fort von hier; ich ſagte ja, wir muͤſſen uns auf derſelben Stelle trennen, wo wir uns wiederſahn. Moͤgen wir uns wiederſehn, und gluͤcklicher ſeyn!“ „Der Fluch eines verrathenen und gebrochnen Herzens,“ rief er aus,„trete zwiſchen Dich und Gluͤck⸗ ſeligkeit, Teufel in Engelsgeſtalt!“ „Pierce, ich verzeihe Dir; moͤge auch Gott Dir 93 vergeben!“ Sie wandte ſich um, und verſchwand, er aber ſank in eine fuͤrchterliche Lethargie. Die Bemuͤhungen derer, die ihn angefallen hat⸗ ten, und jetzt aufhoben, um ihn auf ihren Schultern wegzutragen, gaben ihm einigermaßen ſeine Beſinnung wieder, das heißt, er wurde ſich bewußt, daß man mit ihm durchs Thal eilte; uͤbrigens aber hatte er keine Vorſtellung, was wohl ihr Zweck oder ihre Beſtim⸗ mung ſeyn mochte. Daß Alley Dooling verloren, ent⸗ ehrt, erniedrigt und verraͤtheriſch ſey, war Alles, was er begreifen konnte.— Doch auf einmal kam es: Knall! knall! knall! und drei auf einanderfolgende, fuͤrchterliche Streiche von Andy Awlings Knuͤttel gegen die Schaͤdel dreier von den Maͤnnern erfolgten, die na⸗ tuͤrlich niederfielen, und eben ſo natuͤrlich Pierce Shea mit herunter brachten; der vierte Mann machte ſich davon, ſo geſchwind er konnte. Der Befreier zog und zerrte, um die Feſſeln ſeines Milchbruders zu loͤſen; da ſie aber aus harten, ledernen Riemen mit Schnallen ge⸗ macht waren, ſo brachte er eine Zeitlang zu, ehe er fertig wurde, und als Pierce endlich frei, und Andy's naͤchſter Gedanke war, ſich nach den gefallnen Feinden um zu ſehn, ſo waren ſie nicht laͤnger ſichtbar. Eine Auferſtehung und Retirade hatte ſtattgefunden, waͤh⸗ rend er anderweitig beſchaͤftigt geweſen. Er ſchlug da⸗ her vor, ihnen augenblicklich nachzuſetzen. „Nein, nein,“ ſagte Pierce aͤchzend,„ſie ſind Alley Doolings Freunde, und ſie iſt— gleichviel was, — ich will nach Hauſe gehn,— und ſie vergeſſen, — 94.— wenn ich kann; der Himmel ſey mir gnaͤdig und ſtaͤrke mich!— Ich will an nichts denken, als an meine Geſchaͤfte,— an nichts anders. Komm, Andy, mein Herz iſt kalt, Andy,— kalt. Komm fort.“ Nachher oͤffnete er ſeine Lippen nicht wieder. Andy befand ſich zufaͤllig nah bei dem Getreide⸗ ſchober, als Pierce und Bridge ſich dahin begaben. Da er, um nur das wenigſte zu ſagen, von Natur neugierig war, ſo verſteckte er ſich nahe bei, und hoͤrte die Unterredung. Er wußte wohl, daß nun, da Pierce das Geheimniß erfahren hatte, er durch nichts verhindert werden konnte, das Thal zu beſuchen; auch hatte er die Gefahr nicht vergeſſen, die ihn bedrohete, wenn er es wagte, ihn zu begleiten; aber etwas mußte gethan werden. Erſtlich ſah er ſich nach Bridge um, um ſie von ganzem Herzen auszuſchelten; aber die Erinnerung ihres liebevollen Bewegungsgrundes, der ſeiner Eitelkeit ſo ſehr ſchmeichelte, und welcher das veranlaßte, was ſie gethan hatte, nebſt ihrem Laͤcheln und Argumenten, verſcheuchten bald ſeinen Zorn. Zu⸗ naͤchſt wachte er die ganze Nacht, bis er Pierce aus⸗ gehn ſah, und dann war ſeine Unruh und ſein Elend unertraͤglich; er begab ſich daher ſtillſchweigend in ſeine Bodenkammer, um ſeinen Stock zu holen, ergriff ihn, kehrte ihn in ſeiner Hand umher, ſpeiete darauf, und ſprang und jauchzte dazu im Finſtern. Und nun un⸗ bekuͤmmert, ob ein Feenſchlag erfolgen, ob er ein Kruͤppel oder kein Kruͤppel werden wuͤrde, ſtahl er ſich nach Ballyfoile, wo er in einiger Entfernung Pierce 95 und Alley bewachte, und Zeuge ihrer Verraͤtherei war. Er hatte Verſtand genug, endlich einzuſehn, daß keine Feen im Spiele waren; aber wenn deren auch geweſen waͤren, ſo wuͤrde ſein Stock nicht ruhiger geblieben ſeyn; er benutzte die gehoͤrige Zeit, und befreiete ſeinen Milchbruder. Er befreiete ihn, aber ach, um eine kurze Zeit nur frei zu bleiben;z und was auch das unbekannte Schickſal geweſen ſeyn moͤchte, das Pierce von denen zu erwarten hatte, in deren Haͤnde Alley Dooling ihn uͤberlieferte, ſo ſchien doch das Loos, das ihn nun erwartete, ſo ſchrecklich, als irgend eins, das ihn be⸗ fallen konnte. Als Pierce in ſeines Vaters Haus kam, warf er ſich angekleidet auf ſein Bett. Sein Herz war in Elend verſunken, ſein Kopf war ſchwer und verwirrt, und vollzog nicht mit der geringſten Ordnung ſeine gewoͤhnlichen Verrichtungen. Schlaf kam nicht, und doch konnte man von ihm ſagen, in Hinſicht der Funk⸗ tionen des Lebens, daß er feſt ſchlief. Er lag ohne ſich zu bewegen; ſeine Augen geſchloſſen, ſeine Ohren unaufmerkſam, und es entging ihm eine Zeitlang, daß ein ungewoͤhnliches Getoͤſe im Hauſe herrſchte, beinah von dem Augenblick an, daß er in ſein Zimmer getre⸗ ten war. Doch endlich erreichte es ſeine Sinne, und er wollte eben aufſpringen, um nach der Urſache zu fragen, als ſein Vater blaß und zitternd in ſein Zim⸗ mer rann. Dieſer Anblick verſetzte Pierce in einen Zuſtand der Betaͤubung, ſchlimmer als die war, aus 96 der er ſich eben ermuntert hatte. Er achtete nicht auf die Stimme und Handlung ſeines Vaters, der ihn uͤber etwas fragte, und ihn antrieb, etwas zu thun. Er ſprach von Alley Dooling,— und wurde von Gerichtsdienern ergriffen. Der Vogt der Guaafſchaft, begleitet von einer Militairmacht, verhaftete ihn zu⸗ folge einer wohlbegruͤndeten Anklage, daß er ein weißer Junge ſey. So wie ein elektriſcher Schlag dem Paralyſirten ſein Gefuͤhl wieder giebt, ſo brachte auch dieſe An⸗ kuͤndigung Pierce zu ſich ſelbſt zuruͤck. Und als man ihn als einen bewachten und anerkannten Verbrecher vorfuͤhrte, und er das thraͤnenloſe Entſetzen ſeines Va⸗ ters ſah, und die verzweiflungsvolle Umarmung ſeiner bejahrten Mutter fuͤhlte, deren wildes Geſchrei durch das vaͤterliche Dach ſchallte, und als das Aechzen und die Wehklagen ſeines armen Milchbruders, und der allgemeine Schmerz der Uebrigen um ihn her in ſeine Ohren drang,— da erſtarrte die Vorempfindung eines Todenſchauders Piercens Herz. Er machte freilich einen Verſuch, ſich als Mann zu betragen; als er aber ſeines Vaters Hand ergriff und druͤckte, und auf ſeinen Knieen um Verzeihung bat fuͤr ſeinen ſtraͤf⸗ lichen Ungehorſam, der ihm nun eines Verraͤthers Tod zuziehn, und das bejahrte Haupt mit Gram und Schmach niederbeugen wuͤrde,— als er abermals und abermals die Umarmungen ſeiner laut weinenden Mut⸗ ter erwiederte,— als er Andy Houlohans Kuß zu⸗ ruͤck gab,— zum letzten Male die Haͤnde des weinen⸗ 97 den Geſindes druͤckte,— dem alten getreuen Haus⸗ hund zoͤgernd und mit ſchmerzhaftem Laͤcheln den Kopf ſtreichelte,— als er einen langen Blick auf den alten Herd warf, der ihn in Zukunft nie wieder er⸗ waͤrmen, noch ein Ort einfacher und heiliger Nuͤcker⸗ innerungen fuͤr die ſeyn wuͤrde, die er zuruͤck ließ,— als er in einem konvulſiviſchen Kampf nach Unterwuͤrfig⸗ keit dies Alles verſuchte, verſagte die Natur ihm ihren Beiſtand,— und er weinte wie ein Kind.„Mut⸗ ter, Mutter, brich mir das Herz nicht!— Vater, vergieb mir und bete fuͤr mich!“— Und das letzte, allerletzte:„Gott ſteh Euch Allen bei!“— kam aus einem Herzen, deſſen bittrer Schmerz uͤberſchwaͤnglich war, und ſeine Stimme verlor ſich in ſchwachen Jam⸗ mertoͤnen. Sechſtes Kapitel. Wie haben bereits geſagt, daß die Gerichtsſitzungen in Kilkenny begonnen hatten. Pierce Shea gelangte vor der Morgenſitzung des Hofes daſelbſt an, und zwei Stunden nachher wurde er verhoͤrt vor Gott und dem Vaterlande. Die Anklage uͤber verſchiedne Punkte war entſcheidend gegen ihn, und hier fand er abermals, II. 7 98 daß er wider Crohoore's kalte, wohluͤberdachte Kunſt⸗ griffe zu kaͤmpfen hatte. Einer der Zeugen war der Meuchelmoͤrder von Ballyfoile, derſelbe, der unter Crohoore's Leitung ſein Leben angegriffen hatte, und es ſchien ihm begreiflich, daß der Elende, dem es nicht gelang, ihn zu ermorden, nun gedungen war, ſein Leben in einem Gerichtshof wegzuſchwoͤren. Der Menſch wurde hin und her examinirt, ob man ihm aufgetragen, auf Shea zu feuern; aber er laͤugnete es hartnaͤckig und ſpoͤttiſch, und nur zwei Perſonen konnten ihm widerſprechen, naͤmlich Doran und Andy Houlohan. Doran aber konnte nicht erſchei⸗ nen, da er ſich ſelbſt aus Furcht vor dem Gericht verborgen hielt, und den armen Andy hatte die Lage ſeines geliebten Milchbruders ſo voͤllig verwirrt ge⸗ macht, daß er weder antworten, noch ſich irgend etwas deutlich erinnern konnte, als er vor Gericht geladen wurde. Jener Menſch aber deponirte, daß Shea bei dem Anfall auf die Dragoner gegenwaͤrtig geweſen war, und einer der uͤberlebenden Soldaten erkannte ihn eben⸗ falls ſogleich; noch zoͤgerte der Proktor auszuſagen, daß er bei dem Angriff auf ſeine Perſon thaͤtig ge⸗ holfen hatte. Indeß wurde es bei fernerer Unterſu⸗ chung erwieſen, daß Shea nachher ſein Leben gerettet habe, mit Gefahr ſeines eignen, und dieſem leichten, mildernden Umſtand war es zuzuſchreiben, daß dem Verbrecher acht und vierzig Stunden zur Vorbereitung des Todes gewaͤhrt wurden. Das Urtheil wurde uͤber ð△ł——— N 99 ihn ausgeſprochen Nachmittags um zwei Uhr, an dem Tage, als man ihn verhaftete; es war an einem Dienſtag. Gegen elf Uhr der naͤchſten Nacht, am Mitt⸗ woch, ließ ſich ein donnerndes Klopfen an der Thuͤr eines praͤchtigen Hauſes hoͤren, das in dem großen Platz in Stephensgruͤn ſtand, in der Hauptſtadt Ir⸗ lands. Der Beſitzer des Hauſes war ein junger Mann von guter Familie, der ſich durch Talente und eine gute Erziehung auszeichnete, und ob er gleich nur ſechs bis ſieben und zwanzig Jahr alt war, ſo hatte er doch ſchon eine anſehnliche Stelle, die Vertrauen erforderte, unter dem irlaͤndiſchen Gouvernement und verwaltete in dem damals irlaͤndiſchen Parlament die Angelegenheiten eines Marktfleckens. Einige Anekdoten von ihm verdienen hier eine Stelle. Seit ſeines Vaters Tode, der ſich in ſeiner Kind⸗ heit zutrug, kam er in den Beſitz von Clarah, und als er noch ein Knabe war, blachte er ſeine Schul⸗ ferien oͤfters in Edward Shea's und Tony Doolings gaſtfreien Pachthaͤuſern zu, wo er Bequemlichkeiten, muntre Leibesuͤbung und haͤusliche Zeitvertreibe in Menge fand; auch gebrach es ihm nicht an einem Geſellſchafter, denn Pierce Shea eignete ſich vollkom⸗ men dazu, ihn bei ſeinen Vergnuͤgungen anzuleiten und Theil daran zu nehmen. Pierce ritt ein eben ſo gutes Pferd, als ſein junger Gutsbeſitzer, und ritt es 7* 100 mit gleicher Geſchicklichkeit. Er zielte mit eben der Gewißheit beim Schießen, und war ein beſſerer Jaͤ⸗ ger, denn er wußte genau wo Wild aller Art auf die leichteſte Weiſe gefunden werden konnte. Sie waren von gleichem Alter, Beider Gemuͤthsart hoͤchſt liebens⸗ wuͤrdig, und ſelbſt in ihrem beiderſeitigen Geſchmack glichen ſie ſich, ungeachtet des Unterſchieds in ihren geſellſchaftlichen Verhaͤltniſſen; denn wie wir bereits erwaͤhnt haben, Piercens Erziehung war keinesweges vernachlaͤſſigt worden, und ob er zwar nicht immer gleichen Schritt halten konnte, mit den mehr ausge⸗ breiteten und ſyſtematiſchen Wiſſenſchaften ſeines jun⸗ gen Herren, wie es ſich in ihren gelegentlichen Geſpraͤchen oft wohl zeigte, ſo war es doch eben nicht ſchwer fuͤr ihn, ſich bald darein zu ſchicken. Sein jugendlicher Eifer und ſeine ſcharfſinnigen Fra⸗ gen wurden durch die geiſtreichen Antworten ſeines bewundernden Lehrers belohnt; es war nicht nur ſein Wunſch und ſein Vergnuͤgen, ſeine Kenntniſſe mitzu⸗ theilen, ſondern es miſchte ſich wohl auch ein kleiner Grad von natuͤrlicher Eitelkeit in das Gefuͤhl, auf dieſe Weiſe darzuthun, wie viel er gelernt hatte. Kurz, ſie wurden aufrichtige Freunde, und ein Zufall diente bald nachher dazu, Herrn B... 8 Zuneigung fuͤr ſei⸗ nen jungen Pachter zu befeſtigen und zu vermehren. Pierce hatte mit eigner Gefahr, wo nicht ſein Leben, wenigſtens ſeine Gliedmaßen erhalten, denn er bezwang ein wildes Pferd am Rande eines abhaͤngigen Stein⸗ bruchs, uͤber welches ſein Begleiter alle Macht verlo⸗ 28— 101 ren hatte, und bas ſich eben in den Abgrund ſtuͤrzen wollte. Jedoch in reifern Jahren wurden ihre Beſchaͤfti⸗ gungen verſchieden. Jeder nahm eine beſtimmte Stelle in den verſchiedenen Stufen der Geſellſchaft ein, wor⸗ auf natuͤrlich gegenſeitige Entfernung, und ein gewiſ⸗ ſer Grad der Vergeſſenheit des fruͤhern Umgangs als Knaben erfolgen mußte. Aber Herr B... war ein zu vortrefflicher junger Menſch, um im Ganzen ein ſchlechtes Gedaͤchtniß zu haben. Das laute Klopfen an der Thuͤr erweckte Herrn B. aus einem tiefen Schlaf, denn er war zeitig zu Bett gegangen. Er horchte; es wurde wiederholt, und er klingelte. Sein Lieblingsbedienter erſchien ſogleich mit einem Licht in einer Hand, und einem Brief in der andern. Er nahm den Brief, las ihn geſchwind durch, und fragte mit vielem Intereſſe: „Wer iſt der Ueberbringer dieſes, Patrick?“ „Mit Verlaub, Ew. Gnaden, ein ſo haͤßlicher kleiner Kerl, als Sie je geſehn haben.“ „Laß das Licht hier, und fuͤhr' ihn⸗ unverzuͤglich herauf.“ „In welche Stube, gfſltger Herr?“ „In dieſe— in dieſe Stube,— mach ge⸗ ſchwind.“ „Ich dachte nur, wenn Ew. Gnaden ihn ſehn ſollten, ſo wuͤrden Sie mir nicht befehlen, ihn herauf zu bringen.“ 102 „Das wird ſich zeigen, wenn ich ihn ſehe,— fort, Pat, und gehorche meinen Befehlen.“ „Wahrlich, das iſt ſonderbar,“ murmelte der Bediente, als er ſich entfernte,„einen ſo haͤßlichen kleinen Teufel in ſein Schlafzimmer kommen zu laſ⸗ ſen,“— er blieb oben an der Treppe ſtehn, die in die Halle fuͤhrte, und rief hinunter:„iſt es Ihnen gefaͤllig, mein Herr, herauf zu kommen, und in Sr. Gnaden Schlafſtube zu gehn?“ „Nein, es iſt mir nicht gefaͤllig;— ich will hier ſtehn bleiben, und auf Eures Herrn Antwort warten.“ „Was?“ rief der Bediente mit groͤßter Ver⸗ wundrung. „Seyd Ihr taub?— Habt Ihr mich nicht ge⸗ hoͤrt?“ „Wuͤnſchen Sie, daß ich meinem Herrn das wiederholen ſoll, was Sie auf meinen hoͤflichen Auf⸗ trag erwiedern?“ 2 „Ja, ja! ſagt Eurem Herrn, daß ich nicht hin⸗ auf gehn mag, ſondern ſeine Antwort hier erwarten will. Dies hab ich bereits vorher geſagt, und ver⸗ ſteht Ihr mich denn noch nicht, da Ihr dabei ſo albern ausſeht?“ „Der Henker auch! aber es iſt auf mein Ge⸗ wiſſen ein ordentlicher Spaß,“ ſagte Pat, als er die Treppe hinaufging;„ſagt Eurem Herrn“— und da er dieſe Worte nachahmte, ſetzte er ſich auf den Bo⸗ den, um ſeine Hoͤhe zu vermindern, und ſich der des 1903 Unbekannten gleichzuſtellen,—„ſagt Eurem Herrn, daß ich nicht hinauf gehn mag.— Nun wahrlich, ſo etwas iſt mir doch noch nicht begegnet, und dabei ſah er aus, als wenn er einen auffreſſen wollte, ob ich gleich auf meine Ehre glaube, daß er in die Taſche meines Reitkleids bequem hinein gehn koͤnnte.“ Er kehrte in ſeines Herrn Zimmer zuruͤck. „Mit Ehren geſprochen, gnaͤdiger Herr, wenn der haͤßliche Kerl, der dieſen Brief brachte, nicht auf eine Weiſe groß iſt, ſo iſt er es doch auf eine andre Weiſe. Sagt Eurem Herrn, rief er aus, ich mag nicht hinauf gehn, ſondern ich will hier auf ſeine Antwort warten.“ Er ſetzte ſich nochmals nieder, und ſchnitt ein abſcheuliches Geſicht, um die Urſache ſeiner Verwundrung und ſeiner Beluſtigung anſchaulicher zu machen. „Willſt Du nie ernſthaft ſeyn, Pat?“ fragte ſein Herr, der nun aufgeſtanden war, und ſein Mor⸗ genkleid angezogen hatte. 4 „Damit hat's Zeit, bis wir Beide verheirathet ſeyn werden.“ „Wohl denn, ſag' unterdeß dieſem maͤchtigen großen kleinen Menſchen, daß ich zu ihm kommen will.“ „Nun da haben wir's,“ ſagte Patrick, als er wieder hinausging;„das uͤbertrifft noch alles Vor⸗ hergehende;“ er blieb einen Augenblick auf der Treppe ſtehn, um ſich vorzubereiten, wie er das ſonderbare Thier unten anreden wollte. Ehe er aber weiter ſchritt, 104 kam ſein Herr vor ihm vorbei, ging die Treppe hin⸗ unter und naͤherte ſich dem Fremden. Man hatte die Lampe, die beinah erloͤſcht war, eben wieder angezuͤndet, aber ſie erleuchtete die geraͤu⸗ mige Halle nicht hinreichend, und in der fernen Dun⸗ kelheit, an eine Saͤule gelehnt, ſtand die kleine Figur des mitternaͤchtlichen Couriers. Er beruͤhrte ſeinen Hut, als Herr B. zu ihm trat. „Miß Lovett ſchreibt mir, daß Sie ihr einen ſehr wichtigen Dienſt geleiſtet haben, mein guter Freund.“ „Ich bin ihr ſehr verpflichtet, daß ſie dies gegen Ew. Gnaden erwaͤhnt hat.“ „Aber ſie ſchreibt in großer Eile, und iſt keines⸗ weges umſtaͤndlich. Darf ich fragen, worin der Dienſt beſtand?“ „Spricht Miß Lovett nicht in ihrem Brief da⸗ von?“ „Nein, ich habe dies eben angemerkt.“ „Aber Selbſtlob, gnaͤdiger Herr, iſt kein Lob, und ich ſchicke mich auf keinen Fall dazu. Ueberdies werden Sie ja ſelbſt morgen zeitig in Kilkenny ſeyn, und dann werden Sie Alles aus ihrem eignen Munde hoͤren. Und die Rede geht ja ohnehin,“ fuͤgte er mit einem entſetzlichen Greinen hinzu,„daß Ew. Gnaden keinen beſſern Erzaͤhler wuͤnſchen moͤchten.“ „Ganz wohl,“ erwiederte Herr B., deſſen Farbe ſich ein wenig veraͤnderte,—„ich gedenke freilich morgen gegen zwoͤlf Uhr in Kilkenny einzutreffen, und 105 Sie koͤnnen verſichert ſeyn, daß ich— unabhaͤngig von dieſer Dame, deren Bitte ein Geſetz fuͤr mich iſt,— ſchon aus eignem Antrieb mein Beſtes in dieſer Sache thun wuͤrde.“ „Moͤgen Eure Gnaden dafuͤr belohnt werden! Mehr als Ein dankbares Herz wird Sie ſegnen.“ „Wann verließen Sie Kilkenny?“; „Vor zehn Stunden;“ die Entfernung war ſie⸗ ben und funfzig Meilen. „In der That!— Nun da ſind Sie wirklich nicht langſam geweſen.“ „Nein, gnaͤdiger Herr, und ich darf auch jetzt nicht langſam ſeyn. Ich habe noch viele Geſchaͤfte vor mirg und muß in neun Stunden zuruͤck ſeyn, wenn mich anders die Pferde nicht im Stich laſſen.“ „Wollen Sie wohl dieſe Paar eiligen Zeilen an Miß Lovett uͤbermachen?“ und er gab ihm eine Note. „Das will ich wohl thnn, fruͤh am Morgen des Tages der ſich naͤhert.“— Er ſchickte ſich an, fort zu gehn.—„Und wir koͤnnen uns auf Eure Gnaden verlaſſen, in Hinſicht deſſen, was Miß Lovett ſchreibt?“ „Ja, das koͤnnen Sie; ich will meine Augen nicht ſchließen, bis ich in Kilkenny bin, und die Bitte des Briefes erfuͤllt worden iſt.“ „Die Zeit iſt kurz.“ „Dies iſt Mittwoch Nacht,— laß mich ſehn,— morgen Mittag, ſagen Sie?“ „Morgen, um ein Uhr.“ 1906 „Verlaſſen Sie ſich auf mich,— und leben Sie wohl.“ „Wohlan, ich muß dieſen Augenblick nach Kil⸗ kenny zuruͤck, und ich wuͤnſche Eure Gnaden gute Nacht.“ „Oeffne die Thuͤr, Pat,“ und Pat kam eiligſt mit einem Licht herunter, und gehorchte mit vermehr⸗ tem Erſtaunen.— Als die Thuͤr geoͤffnet war, bewegte ſich der Fremde langſam von ſeiner Stelle, erreichte die Stufen vor dem Hauſe, nahm ſeinen Hut ab, und ſagte: „Gott erhalte Eure Gnaden,“ und warf ein Papier in die Halle, und gerade, als er ſich herum drehete, die Stufen hinunterzuſteigen, fiel der Schein des Lich⸗ tes, das Pat hielt, auf ſein Geſicht, und Herr B. fuhr ſchnell zuruͤck beim Anblick der Geſichtszuͤge eines Menſchen, den er nun erkannte, und fuͤr den er nicht umhin konnte, ein beſondres Intereſſe zu fuͤhlen. „Ergreife den Menſchen, Pat!“ rief er aus, indem er ſich buͤckte, um das Papier aufzuheben. Der Bediente flog durch die Hausthuͤr, waͤhrend ſein Herr das Dokument las, worauf er ſagte:„Das kommt mir wundervoll vor.“— In einigen Minuten kam Pat allein zuruͤck, ſeine Kleider waren ſchmutzig von Straßenkoth, und ſein Geſicht ſah blaß und erſchrok⸗ ken aus. „Was giebts, Kerl?“ fragte Herr B. „In der That, ich weiß es ſelbſt kaum, gnaͤdi⸗ ger Herr,“ erwiederte der Bediente, der jetzt ganz 107 ernſthaft war,„ich erreichte den kleinen Mann zwei Thuͤren von hier, gerade bei der Ecke. Kommen Sie zuruͤck, wenn's Ihnen gefaͤllig iſt, ſagte ich, der Herr wuͤnſcht Sie zu ſehn. Was iſt ſein Verlangen? ſagte er, blieb ſtehn, und drehte ſich zu mir herum. Er wird Ihnen das ſelbſt ſagen, wenn Sie zuruͤck kom⸗ men, antwortete ich. Dann wird er mir's nun wohl nicht ſagen, denn ich bin in der groͤßten Eile, und kann jetzt nicht zuruͤck gehn.“„Laßt das nur gut ſeyn, ſagte ich, und ſtreckte meine Hand aus, um ihn zu faſſen, als er— ich will es bis zu meinem Tode behaupten, daß ich nicht weiß, wie er es gethan hat, — aber meine Ferſen kamen in die Hoͤhe, und mein Kopf ſenkte ſich auf den Boden, und ehe ich wieder auf meine Beine kam, ſaß er auf einem Pferde, das ich bis dieſen Augenblick gar nicht bemerkt hatte, und nun gings fort, wie der Teufel, wenn er durch den Wind faͤhrt,— bei Gott, der Teufel ſelbſt koͤnnte die ganze Sache nicht geſchickter gemacht haben, und wenn man ihn dafuͤr bezahlt haͤtte.“ „Du biſt eine dumme Gans, Pat,“ ſagte Herr B.,—„aber genug davon fuͤr jetzt; mache eiligſt Anſtalten fuͤr meine unverzuͤgliche Abreiſe.“ 108 Siebentes Kapitel. „Mo⸗, Mord, wollt Ihr mich ihn nicht einmal ſehn laſſen?“ rief bittend Andy Houlohan, und um⸗ faßte die Stangen der mit Eiſen vergitterten Thuͤr des Gefaͤngniſſes, in welchem Pierce Shea verhaf⸗ tet war. „Pack' dich fort, du haͤßlicher Dieb,“ entgegnete die rauhe Stimme des Hartherzigen, der den Dienſt des Kerkermeiſters und Thuͤrſchließers zugleich verrichtete. Er verriegelte die Pforte, nachdem er den alten, un⸗ gluͤcklichen Edward Shea zu einer letzten Zuſammen⸗ kunft mit ſeinem Sohne, am Morgen der beſtimmten Hinrichtung, hatte herein kommen laſſen. „Ach Ihr wißt nicht, daß wir zuſammen aufge⸗ wachſen ſind, von dem Tage an, an dem wir geboren wurden,“ fuhr der arme Andy weinend fort. „Hal hal und ihr verdientet vielleicht zuſammen aufgehangen zu werden, wenn es auch nur waͤre, um Euch an Eurem letzten Lebenstage nicht zu trennen,“ ſagte Matheas. „Und bin ich denn nicht etwa des armen Pier⸗ cens Milchbruder?“ „Geh' zum Henker!— aber haſt du des Land⸗ vogts Einlaßzettel?“ „Ach, ich weiß ja nicht, was das iſt.“ „Stecke die Hand in die Taſche und verſuche,“ 1⁰9 dabei ſah er ſehr verſchmitzt aus, und that als wenn er Geld in ſeine Hand zaͤhlte. „Ich habe nicht viel, das weiß Gott, aber ich will es Euch von ganzem Herzen geben, und wuͤnſchte Euretwegen, daß es mehr waͤre. Er uͤberreichte ihm ein Paar Groſchen durch die eiſernen Stangen. „Verfluchter, bettleriſcher Schelm; ich habe mir's wohl vorher gedacht,— du haſt kein Geld mehr?“— aber er nahm es jedoch weg. „Nein, ich brachte nicht mehr mit mir.“ „Und ich denke, du haſt auch keins zu Hauſe gelaſſen,“— und Mattheas wandte ſich nun gegen das Innere des Gefaͤngniſſes. „Oh, der Herr ſei Euch gnaͤdig, wollt Ihr mich denn wirklich trotz dem allen nicht hinein laſſen? „Was? fuͤr dies hier?— Nein, nein, ich hab' Euch fuͤr Eure Paar Groſchen laſſen hinein ſehn, aber hinein zu gehn koſtet einen Thaler; das iſt meine Regel.“ „Mord, Mord! wenn ich doch nur ein Stuͤck⸗ chen von einem Hammer haͤtte, ſagte Andy, und tanzte wie ein toller Menſch umher, und ſchlug verſchiedene Male mit ſeinem Stock an die eiſernen Stangen, daß ſie ſchmetterten. „Soldat!“ ſagte Mattheas, der zuruͤckkehrte und zu einer Schildwache an der Außenſeite ſprach,— „Soldat, ſtoßet dieſe Diebesbrut von dem Plahz weg, in welchem er ſollte eingeſperrt werden.“ „Mein guter Soldat,“ ſagte Andy ſeinerſeits zu 110 dem Grenadier, der ihn kaltbluͤtig mit dem Ende ſei⸗ ner Flinte zuruͤckdraͤngte,—„Ihr werdet Mitleid mit mir haben, und ſie bitten, mich meinen armen Pierce Shea ſehn zu laſſen.“ „Das iſt meine Sache nicht,— zuruͤck!“ „Er wird nicht ruhig ſterben, wenn er nicht Le⸗ bewohl zu Andy ſagen kann.“ „Zuruͤck, Kerl,— das mag wohl ſeyn, aber zuruͤck, Kerl!“ „Bedenket nur, lieber Soldat, Ihr moͤgt einſt ſelbſt in ſeiner Stelle ſeyn.“ „Verdammter Kerl, geh zuruͤck.“ „Und was wuͤrdet Ihr ſagen, wenn ſie Euren armen Milchbruder von Euch zuruͤck hielten?“ „Genug des Geplauders, oder,“— und er rich⸗ tete ſeine Flinte gegen ihn. 3 „Immerhin, feuert nur, ich mache mir wenig draus, ob Ihr mir dieſen Augenblick den Garaus gebt.— Und Andy bewegte ſich kaum von der Stelle, bis die Schildwache ihr Gewehr wieder gegen ihn richtete, und ihn mit demſelben ſo gewaltſam von ſeinem Stande draͤngte, daß er in die Mitte des Volks ſchwankte, das ſeine laute Stimme in der Straße vor dem Gefaͤngniß verſammelt hatte. „Er wird keinen Laut von mir hoͤren,— er wird ſterben, ohne Abſchied von mir!— Und ich werde nie wieder ruhig ſeyn, bis die Erde mich be⸗ deckt!“ Es war bereits neun Uhr vorbei. 111 „Andy Houlohan!“ fluͤſterte ihm eine ſcharfe Stimme ins Ohr.“ Andy kehrte ſich um; es war Paddy Loughnan, aber Andy erkannte ihn nicht. „Ich fuͤhle Mitleid mit Euch,“ fuhr Paddy fort. „Ich dank' Euch, aber es iſt wohl nicht weit her, was hier zu finden iſt.“ „Was wolltet Ihr fuͤr einen Mann thun, der Euch innerhalb der Thuͤr dieſes Kaͤfigs braͤchte?“ „Ich wollte den naͤchſten Augenblick mein Leben fuͤr ihn hingeben.“ „Das waͤre kein großer Gewinnſt, denn ich wuͤrde nicht viel dafuͤr kriegen, daher fordre ich ſo etwas nicht. Haltet Euer Auge auf mich gerichtet, und kommt wann ich Euch rufe.“ Er begab ſich in eine Entfernung, und Andy ſah ihn einen kleinen huͤlfloſen Kruͤppel ergreifen, der auf einem kleinen Karren ſaß, den ein thaͤtigerer Bettler eben vor die Gefaͤngnißpforte gezogen hatte. „Ach, Gott erbarme ſich, was wollt Ihr von einem armen, lahmen Geſchoͤpf haben?“— fragte der Kruͤppel. „Kommt mir nicht mit Euren teufliſchen Kunſt⸗ griffen,“ erwiederte Loughnan,„Ihr habt mich ein⸗ mal zum Narren gehabt, und das iſt mehr, als das Geſetz geſtattet; kommt daher ohne Zoͤgern; gluͤcklicher⸗ weiſe ſind wir in der Naͤhe eines ſchicklichen Logis fuͤr Euch.“ „Ich bin ein verkruͤppelter Menſch, der Nieman⸗ 112 dem etwas zu Leide thut; laßt mich daher zufrieden, wenn Ihr ein Chriſt ſeyd.“ „Bei dem Eide, den ich vor Gericht niedergelegt habe, Ihr koͤnnt eine ſo große Luͤge ſagen, als wenn Ihr ſo hoch waͤret, als dies Haus,— kommt hier hinein.“ „Helft, helft, Ihr guten Chriſten, einem armen Kruͤppel.“— rief der kleine Kerl in der Karre. „Das iſt Loughnan, der Buͤttel,“ rief ein jun⸗ ger Menſch aus dem Gedraͤnge. „Laß ſeinen Kopf die Pfaaſterſteine probiren,“ ſagte ein Anderer. „Reinigt die Gaſſe mit dem betruͤgeriſchen Buͤt⸗ tel,“ ſagte ein Dritter. „Loughnan, laßt den Kruͤppel los,“ riefen Mehrere. „Was fuͤr ein Recht habt Ihr auf ihn?“— fragte ein ſtarker Schumacher, der mit ſeinen Haͤnden unter der ſtark mit Wachs beſtrichenen, ledernen Schuͤrze hervortrat. „Fragt den, der Euch antworten will,“ erwie⸗ derte Paddy,„und nehmt Eure dicken Faͤuſte weg von meinem Gefangenen.“ „Den Teufel auch, werde ich ſie wegnehmen um Euch gefaͤllig zu ſeyn.“ „Nachbarsleute, laßt ein armes Geſchoͤpf, das nicht die Macht hat ſich zu helfen, nicht gemißhandelt werden fuͤr nichts und wieder nichts,“ flehete der Kruͤppel nochmals. 113 „Laßt ihn los!“ fuhr der mitleidige Crispin fort. „Quaͤlgeiſt!“— ſagte Loughnan, und zog den kleinen Menſchen aus dem Karren. „Wo iſt Euer Verhaftsbefehl?“— fragte der Schuſter mit einem Geſicht voll Sachkenntniß und Wichtigkeit. Der Buͤttel lachte und rief aus:„Wie geſcheut Ihr doch ſeyd, und nicht allein das, aber Ihr ſchnei⸗ det noch obendrein eine ſo ſeltſame Figur.— Komm, Schlingel, komm.“ „Laßt ihn dieſen Augenblick los,“ ſagte der Champion, indem er zornig hervortrat. „Das iſt recht, Joe,“— und— ſſo muß man ihn behandeln,“— und„gebts dem Buͤttel tuͤchtig,“ riefen ſeine Sekundanten. „Gott belohne Euch, Ihr guten Herren!“ ſagte der Gegenſtand des Streites. „Ich will Euch was ſagen,“ rief Loughnan bruͤllend aus,„er iſt ein geſetzmaͤßiger Gefangener, und geſetzmaͤßiges Geld liegt auch ſchon bereit fuͤr die Ver⸗ haftnehmung, und ich werde gegen Euch Alle ſchwoͤren, Ihr haͤßlichen Bengel, daß Ihr ihn habt dem Geſetz entziehen wollen.“ „Der Henker hole Euer Geſetz!“ ſagte Crispin wieder,„denkt Ihr, daß Ihr es uns geben koͤnnt? Zeigt uns den Verhaftsbefehl, und die Sache iſt abge⸗ than; habt Ihr aber keinen, ſo laßt den von Gott Gezeichneten ſeiner Wege gehn.“ Ein allgemeiner Aus⸗ ruf zeigte an, daß ſie entſchloſſen waren, den Kruͤppel II. 8 114 zu befreien. Loughnan zerrte ſeinen Gefangenen, und erhielt dafuͤr manche harte Streiche von hinten auf ſei⸗ nen Hut, wodurch er zuweilen uͤber ſeine Augen ge⸗ druͤckt wurde; er ſchob ihn zuruͤck, ſah ſich um, er⸗ blickte aber nichts als ernſthafte Geſichter. Es dauerte aber nicht lange, ſo ging das Spiel von neuem anz er ſah ſich wieder um, und konnte wieder nichts als ſchwerfaͤllige Geſichtszuͤge bemerken; kurz es war augen⸗ ſcheinlich, daß Spaßhaftigkeit ſowohl, als Mitleid, der Bewegungsgrund des Aufſtands war. Er hielt ſich nun uͤberzeugt, daß er ſein Unternehmen nicht allein ausfuͤhren konnte, und er rief aus:„Wo ſeyd Ihr denn, Andy Houlohan?“ „Hier bin ich,“ antwortete Andy, und ſprang durch den Zirkel mit dem Knuͤttel in der Hand. „Sag' den Teufelskerlen, wer dies iſt,“ fuhr Loughnan fort, und riß den Hut und die flanellne Decke von dem vorgeblichen Kruͤppel. „Ach, glorreicher Gott!“ ſchrie Andy aus allen Kraͤften, als er mit Entſetzen zuruͤckſprang.— Es iſt Crohoore, der Zwerg!“ „Und was hat er gethan, Andy?“ „Ach, der Herr beſchuͤtze uns gegen alle Uebel! hat er nicht Tony Dooling und ſein Weib ermordet, in allen ihren Suͤnden?“ „Oho,“ ſagte der Schuſter, indem er ſeinen Kopf bedenklich ſchuͤttelte, und die Haͤnde wieder unter die lederne Schuͤrze ſteckte,„das iſt eine ganz andere Sache; wir haben Alle von jener blutigen That gehoͤrt, 115 und freilich hat gerade ein Geſchoͤpf wie dieſes ſolche veruͤbt.“ „Sperrt ihn ein! Sperrt ihn ein!“ war nun der allgemeine Ausruf. „Andy,“ ſagte Loughnan,„lege Hand an den Kerl, und du wirſt fuͤr deine Muͤhe ganz bequem in das Neſt gelangen, aus welchem mancher in dieſem Augenblick eben ſo heftig wuͤnſcht heraus zu kommen.“ Wir vergaßen zu ſagen, daß der derbe Bettler, der Crohoore an die Vorderſeite des Kerkers gezogen hatte, gleich beim Anfang des Streits in dem Gedraͤnge verſchwunden war. Aber Crohoore ſchien ihm nachzu⸗ rufen, oder er rief ein andres Individuum. „Sheeum! Sheeum!“ ſagte er, ſprang ſchnell auf, und ſchlug ſeine Haͤnde zuſammen; aber ſein Geſicht ſah mehr ernſthaft als erſchrocken aus.— „Lauf nun, lauf, oder ich bin verloren! Du weißt welchen Weg ſie genommen haben,— lauf, lauf!“— „Ich will mein Beſtes thun, mit Gottes Bei⸗ ſtand,“— antwortete eine Stimme in dem Gedraͤnge. Kein Menſch konnte dem andern ſagen, wer dieſe Worte ausgeſprochen hatte. „Er ſpricht mit dem Teufel,“ bemerkte Paddy Loughnan. Sie ſind gerade wie zwei Bruͤder zuſammen. Doch, laß mich ihn nur erſt innerhalb haben, und der ſchwarze Herr mag ihn nachher holen, wenn es ihm der Muͤhe werth ſcheint.“ Und nun ſchleppte er Crohoore gegen die Gefaͤngnißpforte; Andy, der keinen Finger an ihn 8* 116 gelegt habrn wuͤrde, waͤre es nicht wegen des verheiße⸗ nen Lohnes geweſen, half mit Bedachtſamkeit. „Hier,“ ſagte Paddy, als der Kerkermeiſter er⸗ ſchien,„laßt dieſen Menſchen in die Mauſefalle gehn.“ „Aus welchem Grunde?“ fragte der rauhe Matthias. „Habt Ihr nie etwas von einem gewiſſen Cro⸗ hoore gehoͤrt?“ „Crohoore! Er iſt herzlich willkommen, und ſein huͤbſches, trocknes Quartier iſt ſchon lange fuͤr ihn bereit geweſen.“ Die Thuͤr oͤffnete ſich fuͤr Paddy, Andy und den endlich verhafteten Crohoore;— und „ſchleppt ihn! ſchleppt ihn!“ ſchrie Matthias, als er vor ihnen herſchritt. Sie mußten eine Zeitlang durch einen niedrig ge⸗ woͤlbten Gang gehn, bis ſie an eine Fallthuͤr kamen, durch welche man vermittelſt einer Leiter in die untern Regionen ſtieg; aber ehe ſie dahin gelangten, ſagte Paddy Loughnan halb zu ſich ſelbſt, und halb zu Andy Houlohan: „Wohl!, wir ſehen nun, daß er auch kein Hexen⸗ meiſter iſt; ich ſollte an einen Kuhſchwanz gebunden und zu Tode gepruͤgelt werden. Ei, wie ſchoͤn hab' j ich mich nicht in der alten Hoͤhle zu Dunmoore be⸗ nommen. Ich ſchaͤmte mich am naͤchſten Tag, mir ſelbſt einen guten Morgen zu wuͤnſchen. Zu gehn und wegzulaufen, als wenn mir der lebendige Teufel in den Weg gekommen waͤre, und nur erſt als ich zu Hauſe kam, auf meinem alten Pferde, uͤberlegte —— 2„ 117 ich das Ding ſo recht. Du biſt gar zu albern ge⸗ weſen, Paddy Loughnan, ſagte ich; es war Niemand als Crohoore, der jenen Laͤrm machte, und dir die Streiche gab, daß du nicht ſehn konnteſt, und der die traurigen Dinge ſagte, um dich zu beunruhigen, und es waren ſeine beiden Augen und ſonſt Niemandens, die aus dem Boden auf dich blickten, und du ſchrieſt und ſagteſt zu Pierce Shea, daß du den gehoͤrnten Teufel geſehn haͤtteſt, und erſchreckteſt auch ihn, daß er niederfiel beim kleinen Fluß; und, Paddy Loughnan, du biſt nicht einen Heller werth, daß du dich von einem ſolchen Zwerg ins Bockshorn jagen ließeſt. Dann ſchwur ich einen großen Eid, daß ich nicht ruhen wollte, bis ich den Buben in meiner Gewalt haͤtte. Und nun kann ich mit einem ruhigen Gewiſſen ſchlafen, ja freilich, und eine huͤbſche Summe Geld unter meinem Kopf, darauf zu ſchnarchen.“ Als ſie die Fallthuͤr erreichten, wurde Crohoore mit ſchweren Feſſeln belegt, auch ſeine Haͤnde wurden gebunden, und man ſchob ihn hinunter zu ſeinem Stroh und ſeinen Betrachtungen. Bald darauf gelang es Andy in die Zelle zu gehn, wo der alte Edward Shea vorher angekommen war, um den letzten Abſchied von ſeinem Sohne zu nehmen. Ein junges Gemuͤth macht ſich leicht von dem Druck des Grames los; wenn aber der Froſt vieler Winter die Fibern des Herzens ſteif gemacht hat, und der innere Puls kaum hoͤrbar ſchlaͤgt, dann zerſchmet⸗ 118 tert ſie jeder Streich des Schickſals, der auf ſie faͤllt, und die triumphirende Stimme der Hoffnung ver⸗ ſtummt bei ihren Truͤmmern. Als der alte Mann die Zelle ſeines Sohnes betrat, erkannte dieſer kaum ſeinen Vater. Wenig mehr als ein einziger Tag war verfloſſen, als die wohlerhaltene Roſe der Jugend noch die Wangen faͤrbte, die jetzt blaß und gelblich waren, und das Auge, das im Vollgenuß des Lebens beinah mit dem Feuer eines Knaben glaͤnzte, war nun matt und eingeſunken. Er erſchien an der niedrigen Thuͤr, wie der zum Tode Verurtheilte den er beſuchte, der keine Hoffnung und keine Erwartung mehr auf Erden hatte, von dem die Welt und das Leben gleichſam verſchwunden waren; der der Erſtern blos das Licht, und dem Letztern nichts als den Odemzug zu verdan⸗ ken hatte; und beide waren ihm laͤſtig geworden. Nachdem Pierce von ſeinem Bett aufgeſprun⸗ gen war, auf welchem er mit ſeinem Beichtvater ſaß, ſchloß er ſeinen Vater in ſeine Arme, und Beide blie⸗ ben eine Zeitlang in ſprachloſem Schmerz verſenkt uͤber dieſe Zuſammenkunft, trennten ſich aber einen Augen⸗ blick, um ſich anzuſehn; der Vater ſchwankte und tau⸗ melte zuruͤck, und als der Sohn ihn unterſtuͤtzen wollte, fuͤhlte auch er das Beben und die Schwaͤche der Angſt und Verzweiflung, und wankte unter ſeiner trauri⸗ gen Buͤrde. „Laß mich irgendwo niederſitzen, Pierce,“ ſagte der alte Mann,„keiner von uns kann ſtehn.“ Der Geiſtliche fuͤhrte ſie zur Seite des elenden 119 Bettes, dem einzigen Platz in der Zelle, wo man ſitzen konnte, und Pierce hielt ſeinen Vater noch in ſeinen Armen. „O, Pierce,“ ſagte er mit halberſtickter Stimme, „ich bin zu Boden geſchlagen; das alte Herz iſt ſo ſchwach, und wird bald veroͤdet ſeyn; ich bin gekom⸗ men, zum letzten Mal in dieſer Welt mit dir zu ſpre⸗ chen, dich zum letzten Mal zu kuͤſſen, und zum letzten Mal zu fuͤhlen, daß deine Arme mich umſchlingen.“ „Ich kann nicht mit dir ſprechen, Vater,“ er⸗ wiederte Pierce. „Pierce, Pierce, kehr' dein Geſicht nicht von mir ab, bald kann ich es ja nicht mehr ſehn,— das Geſicht meines einzigen Kindes; verſuche zu ſprechen, mein Sohn, verſuche zu ſprechen, denn auch deine Stimme wird bald fuͤr mich verloren feyn, und ſitze naͤher, und laß mich dich beruͤhren, denn die kalte Erde wird dich nur zu bald vor deinem Vater ver⸗ bergen.“— „Du biſt ſchrecklich veraͤndert, Vater,“ ſagte Pierce, blos um etwas vorzubringen, und er bemuͤhete ſich in einem ruhigen Ton zu ſprechen. „Ach, dafuͤr dank' ich Gott!“ antwortete der Alte mit einer lauten Stimme,—„das iſt ein gutes Zeichen, Pierce, ein ſehr gutes Zeichen!“ Pierce ſchauderte im Innern ſeines Herzens. „Vater, um Gottes Willen, beruhige und tooͤſte dich.“ „Troſt? fuͤr mich giebt es keinen, mein Sohn, 120 und ich mag auch keinen, keinen, wenn du fort biſt; mein ganzer Troſt wird ſich dann mit dir im Grabe befinden, und dort werde ich ihn ſuchen.“ „Vater, Vater, du brichſt mein Herz, und machſt mir meinen Tod allzu bitter.“ „Das wuͤnſcht' ich nicht zu thun; ich wuͤnſche deine letzte Stunde ſo ruhig als moͤglich zu machen. Aber ach, Vater von uns Allen, blick' herab auf uns dieſen Tag! Komm, mein Liebling, komm mir naͤher, — dies iſt ja das einzige Mal, daß ich dich beruͤhren kann.“ „O Vater, habe Mitleid mit mir.“ „Doch nein, ich irrte mich, noch ein Mal werde ich dich beruͤhren, aber dann,“— und mit einer Stimme der groͤßten Verzweiflung fuhr er fort,— „aber dann, Pierce, wirſt du eine erdroſſelte Lei⸗ che ſeyn.“ „Edward Shea, beruhigt Euch,“ fiel hier der Prieſter ein,„Euer guter Sohn wird dann im Him⸗ mel ſeyn, bei dem großen Vater, den Ihr eben an⸗ gerufen habt.“ „Vater, Vater! Ihr ſeyd nicht ſo alt als ich bin, und Ihr habt keinen Sohn wie meiner iſt,“— und er ſchob die vollen, lockigen Haare von ſeines Soh⸗ nes Stirn weg, und durchſchaute mit einem ſchnellen Blick ſeine Geſichtszuͤge,—„nein, Ihr habt keinen Sohn wie der meinige iſt, die Freude und der Stolz Eures Herzens, und der Euch geraubt wird,— auf immer geraubt wird.“ 121 „Doch kann ich fuͤr Euer Schickſal fuͤhlen,“ er⸗ wiederte der Prieſter,„aber fuͤhlet nun auch fuͤr das ſeinige und das meinige; bedenket, lieber Freund, er hat nur eine kurze Zeit, ſich fuͤr eine lange Rechnung vorzubereiten, und ich muß ihn in der Erfuͤllung ſeiner Pflichten beiſtehn. Laßt uns niederknien und zuſam⸗ men beten.“ „Ja, laßt uns zuſammen beten,“ ſagte der alte Shea; aber als ſie ſich dazu anſchickten, ſchloß er ſei⸗ nen Sohn wieder in ſeine Arme. „Und, Pierce, Pierce,“ ſagte er, die— die arme Mutter konnte nicht mit mir kommen, dich zu ſehn.“ Dies kam unerwartet, und ſchnitt wie ein Meſ⸗ ſer durch Piercens Herz. Er ſchrie vor Schmerz und warf ſich auf ſein raſſelndes Stroh. Der Prieſter forderte, auf eine milde Weiſe, noch⸗ mals zum Gebet auf, und nach einiger Zeit waren ſie alle bereit niederzuknien, als ein Geraͤuſch in dem Gange ihre Aufmerkſamkeit auf ſich zog, und Andy Houlohan ſtrich bei dem Gefaͤngnißknecht vorbei, der an der offnen Thuͤr der Zelle erſchien. „Armer Menſch, du biſt gekommen mich zu ſehn?“ ſagte Pierce, und ſtreckte ſeine Hand gegen Andy aus, der in Schmerz und Entſetzen ſtehn blieb, und die Gruppe anſtarrte.. „Ja, geliebter Freund,— blos— blos um zu ſagen: Gott ſteh' dir bei,“ ſagte das treue Geſchoͤpf. 3 „Wir wollten eben beten,“ hob Pierce wieder an; „komm naͤher, lieber Andy, und bete mit uns,— Vater, ſey guͤtig gegen dieſen armen Menſchen, wenn ich nicht mehr bin, denn er iſt immer guͤtig gegen mich geweſen.“ Ein ſchwacher Seufzer war die Antwort des Vaters. „Ich danke dir, mein großmuͤthiger Pierce,“ ſagte Andy noch immer ſtehend,—„aber das iſt ganz und gar nicht noͤthig, ich werde gewiß nicht in dieſem Theil der Gegend bleiben.“ „Gott ſegne dich, wohin du auch gehn magſt, mein armer Andy,“ ſagte Pierce, und druͤckte ihm die Hand. „Sprich nicht auf dieſe Weiſe,— thue es nicht, Pierce, oder meine Kehle wird berſten!“— Er legte ſeine Hand an ſeinen Hals und ſein Geſicht wurde roth, aufgeſchwollen und ganz verzerrt; ein Roͤcheln entſtand, welches immer lauter wurde, bis es einen ſchrecklichen Ausbruch von Schmerz erreichte, und dann ſagte er:„ich ſehe dich an, aber ich werde dich nie wieder anſehn; wir waren Kinder zuſammen, wir waren Knaben zuſammen, und ich dachte wir wuͤrden zuſammen alt werden, aber nun laͤßt du mich zuruͤck, und ich werde Erde auf dein fruͤhes Grab werfen.“ „Das muß nicht ſo fortgehn,“ ſagte der Geiſt⸗ liche wieder,„mein Beichtkind muß mit mir allein gelaſſen werden,“ und der Eintritt des Kerkermeiſters half ihm gerade ſeinen Wunſch zu erfuͤllen. „Moͤge dich Schottlands Fluch treffen,“ ſagte dieſer Menſch, als er ſich zu Andy wandte;„was brachte dich her, oder wie kamſt du hierher?“— denn er hatte in der Perſon, die Crohooren herein brin⸗ gen half, nicht denjenigen wieder erkannt, dem er be⸗ fahl die Pforte zu verlaſſen.—„Pack' dich fort, du Gefaͤngnißvogel, oder du wirſt zuletzt doch noch ange⸗ bunden werden. Andy floh in Piercens Arme, aber der Kerker⸗ meiſter riß ihn weg, und er fuhr fort ſeinen Milch⸗ bruder anzuſehn, als er ruͤckwaͤrts fortging, bis ihm die Thuͤr der Zelle ins Geſicht geſchlagen wurde. Der Prieſter fuͤhrte dann ſtillſchweigend Vater und Sohn zu einer letzten Umarmung. Sie war ſprachlos, wie die erſte bei ihrer Zuſammenkunft geweſen war. Nach einer langen Pauſe ſank Pierce, zu Folge einiger leiſen Worte ſeines geiſtlichen Rathgebers, auf die Knie, und rief aus: „Vater, deinen Segen! und Verzeihung fuͤr den Ungehorſam, der mir dies Schickſal zugezo⸗ gen hat!“ Aber den Augenblick als er ſeine Arme von ſeinem Vater zuruͤckzog, fiel dieſer mit unbeholfener Schwere auf den Boden der Zelle nieder. Pierce ſtieß ein Angſtgeſchrei aus, denn er glaubte ſein Vater ſey todt; der Prieſter fand jedoch bald, daß er blos ohnmaͤchtig war, und trieb Pierce an, ſich zu entfernen, ſobald die geringſten Symptome wiederkehrenden Bewußtſeyns im alten Shea ſichtbar wuͤrden, und ehe er zu einer 124 voͤlligen Beſinnung ſeiner Lage kaͤme. Dies würde barmherzig und leichter fuͤr Beide ſeyn; der Verbrecher willigte zuletzt darein, und nachdem er ſeinen bewe⸗ gungsloſen Vater noch unzaͤhlige Male umarmt hatte, wurde der Alte, noch immer ohnmaͤchtig, aus dem Ge⸗ faͤngniß getragen. Achtes Kapitel. Da Lerche hatte eben ihre Federn in Morgenthau getaucht und begruͤßte die aufſteigende Sonne mit dem erſten Fruͤhlingslied, als Herr B., den unſere Leſer bereits kennen, weit auf ſeinem Wege von Dublin nach Kilkenny fortgeruͤckt war. In einem Wirthshaus, ungefaͤhr zehn Meilen von dem letzterwaͤhnten Orte, hielt er an, um Pferde zu wechſeln. Waͤhrend ſein Bedienter Pat beſchaͤftigt war, zu ſehn, daß der Wa⸗ gen in Ordnung gebracht werde, und auf die Opera⸗ tionen des Dorfſchmids gelegentlich ein Auge richtete, da dieſer ſeine Geſchicklichkeit an einem Rade verſuchte, das durch das ſchnelle Fahren beſchaͤdigt worden, ſah Herr B. auf ſeine Uhr, und fand mit Beſtuͤrzung, daß es eine Stunde ſpaͤter war, als er geglaubt hatte. Er konnte nicht begreifen, woher dieſe irrige Berech⸗ 12⁵ nung entſtand, denn es war nun halb eilf Uhr, und wenn ihm auch die Eile des Schmids geſtatten ſollte, ſeine Reiſe unmittelbar fortzuſetzen, ſo konnte er doch kaum erwarten, die zehn langen irlaͤndiſchen Meilen, die er noch zu machen hatte, in weniger als andert⸗ halb Stunden zuruͤckzulegen, ſo daß es Mittag ſeyn mußte, ehe er Kilkenny erreichte. Und wenn ſich nun irgend ein anderer Zufall oder Hinderniß ereignen ſollte! — wenn der Schmid ſeine Arbeit ſchlecht machte,— wenn das Rad wieder beſchaͤdigt wuͤrde,— wenn nur eine Nadel,— oder eine Schnur,— oder ein Stift losginge!— Sein Herz ſchlug laut bei dieſem Gedanken, und ſein Blut rann ſchnell durch ſeine Adern. Er lief durch die Thuͤr des Gaſthofs, um mit dem Schmid zu ſprechen; der Mann hatte aufgehoͤrt zu arbeiten, denn er wartete auf die Ruͤckkehr des Geſellen, den er nach der Schmiede geſchickt hatte, die in einiger Entfernung lag, um von dort etwas zu holen, und Herr B. bekuͤmmerte ſich wenig darum, was dies war. Er wurde aͤußerſt ungeduldig und verlangte eine Poſtkutſche, aber es war keine einzige zu Hauſe. Ein Pferd!— Man brachte ihm eins, das auf drei Fuͤ⸗ ßen ging, denn das armſelige Thier beruͤhrte blos mit der Spitze des Vierten den Boden;„Guter Gott,“ rief Herr B.,„was iſt nun zu thun? Zu einer ſol⸗ chen Zeit!“— und nun kam der einzige Troſt, den der Schmid, der Wirth, der Hausknecht, der Auf⸗ 126 waͤrter und das Hausmaͤdchen ihm geben konnten. Seiner Gnaden Uhr waͤre naͤmlich zu geſchwind, viel zu geſchwind, das duͤrften ſie ihm verſichern; die dubli⸗ ner Glocken und Uhren fuͤhrten die Menſchen oft irre; und wenn es auch zum Schlimmſten kaͤme, obgleich die Kutſche gerade jetzt nicht zu Hauſe waͤre, ſo wuͤrde ſie doch jeden Augenblick erwartet, ganz friſch von der Landſtraße; es wuͤrde daher in jedem Falle nur wenig Zeit verloren gehn, geſetzt auch, Seiner Gnaden eigner Wagen waͤre nicht fruͤher fertig. Herr B. ſuchte dieſen Leuten zu glauben und ſich auf ſie zu verlaſſen, trieb aber doch den Schmid an, ſeine Arbeit zu beſchleunigen, da nun der Geſelle in einiger Entfernung ſichtbar war. Er ſtand eine Zeit⸗ lang ſtillſchweigend, bis ein neuer Umſtand, ſelbſt in dieſem Augenblick der Beaͤngſtigung, ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit lebhaft erregte. An der Seite der Heer⸗ ſtraße, in einer kleinen Entfernung vom Wirths⸗ hauſe, endigte ſich ein dickes Gehoͤlz von Tannen, und ploͤtzich kam aus demſelben die Geſtalt eines alten Mannes, der groß, aufrecht und friſch war, und un⸗ geachtet ſeiner aͤußerſt ſchlechten Kleidung doch gar nicht gemein ausſah. Was aber Herrn B. am mei⸗ ſten auffiel, war ſeine Handlung, ſobald er zum Vor⸗ ſchein kam. Der alte Kerl ſtand am Rande der Hecke, hatte den Hut in der Hand; ſein langes, wei⸗ ßes Haar wurde von den Luͤften um ſein Geſicht ge⸗ weht, er ſtreckte ſich ſeiner ganzen Laͤnge nach in die Hoͤhe, und blickte mit geſperrten Augen auf die Straße 127 hin, die nach Kilkenny fuͤhrt. Sein Blick verrieth ſichtbare Unruhe; nach einem Weilchen buͤckte er ſich ein wenig; hob ſeine Hand uͤber ſeine Augen, um ſich, wie es ſchien, durch eine zweite Beobachtung zu uͤber⸗ zeugen, daß ſich eine Perſon naͤherte, die er aͤußerſt zu ſehen gewuͤnſcht hatte. Und als ihm daruͤber kein Zweifel blieb, klatſchte er aus Freude ſeine Haͤnde zu⸗ ſammen, ſprang mit jugendlicher Lebhaftigkeit auf die Landſtraße, bediente ſich ſeines langen knotigen Stocks und kam langſam der Gruppe nahe, die ſich an der Thuͤr des Wirthshauſes befand, lehnte ſich aber an ein Haus, das gerade gegenuͤber ſtand. Er ſchlug ſeine Augen nieder, und ſein ganzes Anſehn verrieth nun voͤllige Gleichguͤltigkeit. 4 Nach wenigen Minuten erſchien eine ſeltſame Fi⸗ gur, auf einem eben ſo ſonderbaren Thiere. Es wuͤrde ſchwer geweſen ſeyn, ſeinen Gemuͤthszuſtand nach dem Ausdruck ſeines Geſichts zu beurtheilen, denn es war zweifelhaft ob es Thorheit oder Schelmerei, oder eine Vermiſchung von beiden, wie man wohl zuweilen an⸗ trifft, hervorſtechend anzeigte. Er trug einen alten, zerriſſenen Hut, deſſen oberer Theil offen war, das heißt, der keine Krone hatte, ſo daß der Kopf dem be⸗ liebigen Einfluß jeder Witterung ausgeſetzt war. Dieſe Reliquie eines Chapeau ſteckte auf einer Seite ſeines Kopfes, als wenn er gleichſam gegen die Wand ge⸗ hangen waͤre, und vollendete den Ausdruck dummer Unverſchaͤmtheit; ſo wie ſein Geſicht den erfahrenſten Phyſiognomiſten wuͤrde irre gemacht haben, ſo wuͤrde 128 auch der geſchickteſte Moſes in der Monmouth⸗Stra⸗ ße?*) nicht haben entſcheiden koͤnnen, aus welchem Stoff und Materialien ſein Anzug beſtand, denn er war voͤllig bedeckt mit Fett und Schmutz. An Knoͤpfe und Knopfloͤcher war nicht zu denken; eine Nadel, ein Stuͤckchen Holz, oder was der Zufall ſonſt mochte in die Haͤnde geſpielt haben, diente dazu, die Theile zu⸗ ſammen zu halten. Sein Hemde, das keine Spur von der weißen Farbe hatte, war am Halſe offen; ſeine zerlumpte Weſte, und die Knieſtuͤcke ſeiner Bein⸗ kleider hingen weit umher; Theile ſeiner blauen Struͤm⸗ pfe waren um die Knoͤchel gefaltet, und ließen ſeine Beine unbedeckt. Seine alten Schuhe wuͤrden ihm von den Fuͤßen gefallen ſeyn, wenn ſie nicht waͤren mit Stricken angebunden geweſen, und dies war das einzige Merkmal von Vorſicht an ihm. Er hielt eine kurze Pfeife im Munde, die von beſtaͤndigem Rauchen ganz ſchwarz geworden war; ihre Laͤnge reichte bis zur Naſe hinauf, ſo daß er zwei Sinne zu gleicher Zeit befriedigen konnte. Wenn ſein Gaumen hinreichenden Rauch eingeſogen hatte, blies er ihn wieder aus, ſeine Naſenloͤcher zu fuͤllen, wie der Kuͤchenrauch in der Roͤhre des Kamins hinaufſteigt. Er ritt ein Pferd, deſſen Rippen hervorſtachen, und deſſen Verzierung mit der des Beſitzers und mit dem elenden Thiere ſelbſt uͤbereinſtimmte; ſie beſtand *) Der Name einer Straße in London, wo eine Menge Troͤdelbuden ſtehn. Anm. d. Ueberſ. —,=— 129 aus einem alten Zuͤgel, der an manchen Stellen Kno⸗ ten hatte; ein Heuſtrang mit Schlingen an beiden Seiten, durch die der Ritter ſeine Fuͤße ſteckte, dienten ihm als Steigbuͤgel. Er ſaß auf einem großen Schnappſack, der an beiden Seiten gleich voll geladen war, und die Rippen des armen Thieres einigermaßen bedeckte. Die Thuͤr des Wirthshauſes, vor welcher Herrn B's Kutſche ſtand, lag auf der Seite der Landſtraße, und der Weg dazu war faſt ganz verſperrt durch die vier ab⸗ geſchirrten, und die vier angeſchirrten Pferde; der neue Gaſt haͤtte jedoch leicht durchkommen koͤnnen, wenn er es nur gewollt haͤtte; dazu aber ſchien er keine Luſt zu haben. „Nuͤckt ein wenig auf die Seite, Ihr Knechte, daß man vorbei kommen kann,“ rief er aus, und hielt einige Schritte von ihnen ſtill. Sie achteten nicht auf ſeinen Befehl, und er wandte ſich nun an den Stalknecht ſelbſt, der eben die ermuͤdeten Pferde wegfuͤhrte;„nimm mir da den Kaſten aus dem Wege, mein Freund,“ wies auf die Kutſche hin, und bediente ſich gewiſſer Redensarten, die man wohl in Dublin und Kilkenny zu hoͤren pflegt. Nun mochte wohl unſer Stallknecht bei ſolchen Gelegenheiten, ſelbſt mit ſeinen Obern, zuweilen ein wenig aͤrgerlich geweſen ſeyn, aber weiter auch nichts; von einem ſolchen Menſchen aber, der ihn jetzt anredete, konnte er ſo etwas gar nicht vertragen; er blickte ihn daher uͤber die Schulter an, und drohete ihm, das II. 9 130 Pferd, den Reiter und den Schnappſack in die Goſſe zu tauchen. „Kehrt Euch nicht an ihn,“ ſagte der alte Mann, von dem wir vorher geſprochen haben, und der nun zum erſten Mal aufblickte.—„Es iſt Tim Lyndop, der Fleiſcher aus Kilkenny, der nicht recht bei Sin⸗ nen iſt.“ „Der Teufel hole die Luͤgner, Sheemun Croonaw⸗ nee,“ war die hoͤfliche Antwort.„Aber was bringt dich hieher?“ „So wahr ich hoffe ſelig zu werden, du warſt es, den ich zu ſehn wuͤnſchte, mit noch einem Andern an deiner Seite, fuͤr den ich einen Auftrag von ſeinem Vater habe. Wo iſt er?“ „Frag' den, unter deſſen Aufſicht er ſteht; wie ſoll ich es wiſſen?“ „Ihr waret ja dieſen Morgen zeitig in Kilkenny, und er ſollte ſich mit Euch auf den Weg begeben.“ „Er kehrte aber zuruͤck, um den Tanz in der Luft heut um Ein Uhr zu ſehn.“ „Ja ſo!“ ſagte Sheemun und verfuͤgte ſich ge⸗ ſchwind wieder auf ſeinen Stand bei der Landſtraße, den er blos verlaſſen hatte, um mit ſeinem Freunde zu ſprechen. Herr B. hoͤrte ihre ganze Unterhaltung, die ſein Intereſſe erregte, vorzuͤglich fuͤr den zuletzt angekom⸗ menen; und da ſeine Kutſche faſt fertig war, ſo fühlte er ſein Gemuͤth beruhigt, und wagte eine Frage. 131 „Was habt Ihr wohl da in dem Sack, mein guter Freund?“ „Es iſt ein Zeichen, daß Ihr es nicht wißt, ſonſt wuͤrdet Ihr nicht gefragt haben,“ antwortete der unverſchaͤmte Hund, auf den der ſichtbare Rang und die hoͤflichen Manieren des Herrn B. nicht den min⸗ deſten Eindruck machten. „Mit Verlaub, Ew. Gnaden,“ ſagte Sheemun, nes iſt Tauſend gegen Eins zu verwetten, daß er irgend eines ehrlichen armen Mannes Speck darin hat.“ „Wie gut Ihr errathen koͤnnt, Croonawnee, aber mit all Eurer großen Kenntniß wißt Ihr doch eben ſo viel davon als die Kuh von einem Feiertag, oder wie das Schwein ſich auf einen falſchen Shilling verſteht. Und Croonawnee, ich rathe Euch ruhig zu ſeyn; denn bei meiner Seele, und das iſt ein Schwur, Ihr habt vielleicht oͤfter mit Eurem Stock geholfen eines armen Mannes Thuͤr einzuſtoßen, oder auch eines rei⸗ chen Mannes,— oͤfter als ſie es gewuͤnſcht haben moͤchten.. Er fing an ſich fortzubewegen, und naͤherte ſich Sheemun, als er aufhoͤrte zu ſprechen. Ob er nun ſeines Freundes ſchadenhafte Seite beruͤhrt hatte, oder ob Sheemun einen ſo lebhaften Abſcheu gegen alles Ehrwidrige fuͤhlte, genug, er gerieth in heftigen Zorn uͤber dieſen Anfall auf ſeine Ehrlichkeit. Vielleicht wirkte auch noch ein anderer Bewegungsgrund zum Nachtheil des Reiſenden, den wir jetzt nicht erklaͤren 9* 132 koͤnnen; ſo viel aber iſt gewiß, daß der Bettler einen Augenblick auf die Seite trat, und Herrn B. leiſe ſagte:—„ich hatte gar keinen Auftrag fuͤr ihn oder ſeinen Kameraden, aber ich erwartete ſie Beide.— Nun merken Sie auf!“— Nachdem Sheemun dieſe Worte an Herrn B. gerichtet hatte, ergriff er mit beiden Haͤnden ſeinen Stock, den Tim ſo unvorſichti⸗ ger Weiſe erwaͤhnte, ſteckte ihn hinter ſein linkes Ohr, und ſtieß den ungluͤcklichen Satyriker damit herunter, und ihm folgte der Schnappſack, der ihm als Sattel gedient, und den ganzen Unfall verurſacht hatte. Der Menſch hatte die Gefahr kommen ſehn, noch ehe er angegriffen wurde, und bemuͤhete ſich ihr aus⸗ zuweichen. Er ſtampfte mit den Schuhhacken gegen die Rippen des Pferdes, aber der hohle Ton, der dadurch hervorgebracht wurde, zeigte wohl an, daß das Thier nicht allzu wohl gefuͤttert wurde und keinesweges uͤbermuͤthig wild war, und verrieth auch, daß der Zu⸗ ſtand ſeines Magens mit den Beweiſen ſeiner Froͤm⸗ migkeit auf den Knien, uͤbereinſtimmte, mit dem ein⸗ zigen Unterſchied, daß es zwar aus freiem Willen kniete, aber gezwungener Weiſe faſtete. Alles dies war augen⸗ ſcheinlich, und das alte Sprichwort, daß man einen Freund in der Noth am beſten erkennt, beſtaͤtigte ſich auch hier.— Ein einziger Blick war hinreichend, jeden Beobachter zu uͤberzeugen, daß weder der Reiter, noch irgend ein anderer an ſeiner Stelle jemals guͤtig gegen das arme Thier geweſen, und durch gute Be⸗ handlung ſeine Dankbarkeit erregt hatte, und es ließ 133 daher ſeinen Eigenthuͤmer im Stich, als er ſeiner am meiſten bedurfte. Die Schlaͤge, die das arme Ge⸗ ſchoͤpf auf ſeine Seiten empfing, hatten keinen andern Einfluß auf ihn, als daß ſie ihn veranlaßten, den Kopf langſam von einer Seite zur andern zu ſchuͤtteln. Es wuͤrde wahrſcheinlich mit den Fuͤßen ausgeſtoßen haben, haͤtte es die Kraft dazu gehabt. Es begnuͤgte ſich daher ſtill zu ſtehn, als wenn es uͤber die Sache nachdaͤchte, und ſie wohl uͤberlegte, und ſeine einzige Hoffnung war dann, daß Sheemuns Knuͤttel ihn von ſeinem alten Tyrannen befreien wuͤrde. Als daher der Fleiſcher und ſein Schnappſack auf den Boden fielen, wedelte es blos gelinde mit dem Stumpf ſeines Schwan⸗ zes, als ein Zeichen ſeiner innigen Zufriedenheit, und be⸗ ſchloß, wie ein Philoſoph, die Gelegenheit zu benutzen, und ſich mit ein wenig friſchem Graſe von der be⸗ nachbarten Hecke zu erquicken. Des Fleiſchers Fall wurde mit Gleichguͤltigkeit, wo nicht gar mit Vergnuͤgen betrachtet, aber das Ge⸗ raͤuſch, das der Sack bei ſeinem Falle machte, erregte viel Aufmerkſamkeit. Denn als er mit ſchwerem Ge⸗ wicht auf den harten Boden fiel, entſtand ein Klappern und Klingeln, als wenn er mit großen Stuͤcken Sil⸗ berzeug angefuͤllt waͤre. Dies erregte natuͤrlich den Argwohn Aller, die gegenwaͤrtig waren, beſonders aber ſtutzte Herr B. daruͤber. 1 „Wir haben im Anfang unſerer Geſchichte er⸗ waͤhnt, daß ſeit Kurzem haͤufige Raͤubereien in der Naͤhe von Kilkenny begangen wurden, an denen Cro⸗ 1384 hoore, wie man glaubte, Antheil hatte. Wenige Naͤchte vor den Ereigniſſen, die wir eben erzaͤhlt haben, wurde ein Diebſtahl in dem Hauſe des Herrn Lovetts begangen, des Vaters der jungen Dame, von welcher Herr B. den Brief in Dublin erhielt, und man hatte Crohoore, wie es ſich oft bei ſolchen Gelegenheiten ereignete, in der Naͤhe des Hauſes geſehn, aus welchem eine große Menge Silberzeug geſtohlen worden war. Herr B. war natuͤrlich mit dieſen Umſtaͤnden bekannt, und ſein Scharfſinn verfiel auf den Gedanken, daß des Flei⸗ ſchers Sack, und der Fleiſcher ſelbſt, dazu beitragen duͤrften, dieſe Sache zu erlaͤutern. Er gab daher augenblickliche Befehle, daß der gefallene Held ergriffen, und nebſt ſeinem Schnapp⸗ ſack ins Wirthshaus gebracht werden ſollte, um beide genau zu unterſuchen. Der Kerl wollte anfangs keine Frage gehoͤrig oder ernſthaft beantworten; als der Sack aber geoͤffnet wurde, fand es ſich, daß er wirk⸗ lich einen Haufen Silber enthielt, das theils zerbrochen, und theils ganz geblieben war. Herr B. nahm einen Becher in die Hand, auf welchem die Buchſtaben und das Wappen ſeiner Freunde unverloͤſcht geblieben waren. Bei fernerer Unterſuchung entdeckte er dieſelben Zeichen an mehreren zerbrochenen Stuͤcken; auch bemerkte er an andern Artikeln verſchiedene Wappen, die verſchie⸗ denen Familien angehoͤrten, die ebenfalls von der noch nicht entdeckten Bande waren beſtohlen worden. Herr B. war noch mit der Unterſuchung beſchaͤftigt, als der Menſch, in deſſen Beſitz das Silber war gefunden dCn wW — 86——ͤ 2 135 worden, und den er aus der Stube geſchickt hatte, aus eigenem Antrieb wieder vor ihm erſchien. Er hatte ſich noch nicht voͤllig von der Wirkung erholt, die Sheemuns Knuͤttel auf ihn hervorbrachte, und ſein Anzug, der vorhin ſchon beſudelt genug ge⸗ weſen, war durch den Schmutz des Bodens eben nicht reinlicher geworden, und ſeine Erſcheinung machte da⸗ her einen ſehr widrigen Eindruck. Auch fand Herr B., daß des Elenden Geſicht durchaus veraͤndert aus⸗ ſah. Als er es zuerſt erblickte, ſchien unverſchaͤmte Albernheit der herrſchende Charakterzug deſſelben; auch ſah er da ſehr dumm aus, welches vielleicht daher ruͤhrte, daß er die untere Kinnbacke gewiſſermaßen fallen ließ. Jetzt aber erſchien er obendrein mit einem finſtern Grimm, und Herr B. dachte, daß Mord aus ſeinen grauen dummen Augen blinzte, die mit ſtarken Augen⸗ braunen bedeckt, und dicht zuſammen gezogen waren, ſo daß ſie mit einer ſchwarzen Linie die Stirn gleich⸗ ſam durchkreuzten. Herr B. ließ ihn vor das ſarke Licht des Fen⸗ ſters kommen, und ſah lang in dieſe Augen, aber der ſtarre Blick des Andern veraͤnderte ſich nicht. „Wie kamt Ihr zu dieſen geſtohlenen Dingen?“ fragte er endlich in einem ſcharfen Tone. „Donner und Blitz! Was wollt Ihr doch Alles wiſſen?“ war ſeine Antwort. „Es ſollte Euch bekannt ſeyn, daß Euer Leben in dieſem Augenblick in den Haͤnden des Geſetes iſt; ich bin eine Magiſtratsperſon von der Grafſchaft Kil⸗ 136 kenny, und es muß Euch auch bekannt ſeyn, daß die einzige Moͤglichkeit Gnade zu finden von einem aus⸗ fuͤhrlichen und unverzuͤglichen Bekenntniß abhaͤngt. Wenn Euch daher Euer Leben lieb iſt, ſo unterſteht Euch nicht mit mir zu ſpaßen. Von wem und wo empfingt Ihr das Silber, das jetzt vor mir liegt?“ „Den Kuckuk auch!“ Mit einem Schmatzen der Zunge an den Gaumen,„Alles, was Ihr wiſſen wollt, iſt blos, wo ich es gekriegt habe?“ „Das wird mir fuͤr jetzt genuͤgen.“ „Habt Ihr wohl je gehoͤrt, wie der Teufel den Moͤnch erwiſchte?— Gerade wo er ihn haben konnte; und das iſt meine Antwort auf Eure Frage; macht daraus, was Ihr koͤnnt.“ Herr B. gab aus zwei Urſachen auf, mit einem ſo widrigen Geſchoͤpf fernere Ruͤckſprache zu nehmen. Erſtlich, weil er nicht Geduld hatte ſeine Fragen fort⸗ zuſetzen, und zweitens, weil ſein Wagen nun ganz fertig war, und eine dringendere Pflicht ihn hinweg rief. Auch muß der Leſer ja nicht glauben, daß ſelbſt dieſe wichtige Unterſuchung vermoͤgend geweſen waͤre, Herrn B. laͤnger im Wirthshaus aufzuhalten, nachdem der Schmid ſeine Arbeit vollendet hatte. Und obgleich unſere Beſchreibung all dieſer Umſtaͤnde ungeachtet lang geworden iſt, ſo waren doch kaum mehr als zehn Minu⸗ ten verſtrichen ſeit der Ankunft des alten Bocchochs bis zum Ende der gerichtlichen Unterſuchung des Fleiſchers. Herr B. ſteckte dann mit ſeinen eigenen Haͤnden ſchnell den Haufen Silber in den Sack zuruͤck, legte ihn in 137 ſeine Kutſche, ſprang ſelbſt hinein, befahl ſeinem Be⸗ dienten, ihm mit dem verdaͤchtigen Menſchen unter ſei⸗ ner Aufſicht in der Chaiſe zu folgen, die eben ange⸗ kommen war, trug ſeinem Poſtillion auf, mit der groͤß⸗ ten Schnelligkeit zu fahren, und begab ſich nach Kil⸗ kenny. Aber wir muͤſſen nicht vergeſſen zu ſagen, daß er ſich waͤhrend ſeines ſchnellen Ganges vom Wirths⸗ haus bis zu ſeiner Kutſche umſonſt nach dem alten Mann umſah, und umſonſt nach ihm fragte, deſſen ſonderbare Worte, ehe er ſeinen Stock aufhob, Herrn B. jetzt beifielen, und zwar als ein Umſtand, der durchaus unterſucht werden mußte. Da Herr B. ihn aber nicht ſehn konnte, fuͤgte er blos den Befehl hinzu, daß ſein Bedienter ihn ſorgfaͤltig aufſuchen, und ihn, wo moͤg⸗ lich, ebenfalls nach Kilkenny bringen ſollte. Pat gaffte ganz erſchrocken um ſich, als er den Befehl erhielt, mit dem ſchmutzigen und beſudelten Fleiſcher in demſelben Vehikel zu ſitzen, und als ſein Herr abfahren wollte, ſagte er: „Gnaͤdiger Herr, waͤre es denn nicht beſſer, wenn ihn der Stallknecht vorher ein wenig abreiben wollte? Er iſt ja gar zu ſchmutzig.“ „Pat,“ antwortete Herr B.,„dein Witz, wie ich dir haͤufig geſagt habe, iſt oͤfters ſehr uͤbel ange⸗ bracht. Gehorche mir, unterſuche deine Piſtolen, und verfehle ja nicht, mit dieſem Menſchen innerhalb zwei Stunden in Kilkenny zu erſcheinen.“ „Wahrlich,“ hob Pat wieder an, als die Kutſche raſch abfuhr,„das iſt ein ſchoͤner Spaß; er koͤnnte 138 eben ſowohl zu mir geſagt haben:„Pat, nimm einen Haufen Duͤnger in deinen Wagen, und gieb ſorgfaͤltig Acht darauf; nein, ſo etwas iſt mir noch nicht vor⸗ gekommen.“ „Hallo, Pat,“ rief ſein Gefangener aus, als zwei Maͤnner ſich ihm naͤherten, um ihn gebunden in die Chaiſe zu ſetzen;„Ihr nehmet mich dahin, wo ich nie zu ſeyn hoffte; und den Fleiſcherjungen in Kilkenny wird es eine volle Woche Spaß machen, wenn ſie mich ſehn aus dem Fenſter einer Poſtchaiſe herausguken; Herr Pat, Ihr Schlingel Ihr, kommt und bedient mich.“ „Komm heraus, du haͤßliches Thier,“ antwor⸗ tete Pat. „Komm herein, du kriechendes Thier; und nun gehts fort, was ich gar nicht leiden mag. Ich haſſe das Ruͤtteln auf der Landſtraße, wo es noch obendrein ſo leicht iſt umgeworfen zu werden. „Begieb dich in den andern Winkel,“ ſagte Pat, als er den Wagentritt beſtieg, und ſich zu ſeinem ſcorbutiſchen Geſellſchafter fuͤgte. „Sprich nicht zu mir, du Tellerlecker; wie kannſt du dich uͤberhaupt unterſtehn, deine Obern ſo anzure⸗ den?“ ſagte der Andere, und nichts als der Ton von Pats aufgebrachter Antwort konnte bei dem ſchnellen Fahren der Chaiſe, die der Spur von Herrn B's. Kutſche folgte, gehoͤrt werden. Aber als der Poſtillion drei Meilen zuruͤckgelegt hatte, und einen Augenblick anhielt, um ein Troͤpfchen Branntwein zu ſich zu —— +8 d 8 2—2 8 —— 139 nehmen, und blos im Vorbeigehn ins Kutſchenfenſter blickte, da zeigte das Anſehn des Bedienten, der bei⸗ nah eben ſo ſchmutzig war als ſein Reiſegefaͤhrte, und die geſchwollene Lippe, die durch die Knie oder den Kopf des Andern mußte entſtanden ſeyn, und die ein⸗ geſchlagenen Augen und das blutige Geſicht, daß ſie nicht ſo einverſtanden geweſen waren, als ſich von des Fleiſchers Kaltbluͤtigkeit und von Pats guter Laune haͤtte erwarten laſſen. Neuntes Kapitel De Subtguthe in— ſchlug die Stunde fuͤr Pieree Sheas Hinrichtung auf dem Galgen, oder viel⸗ mehr fuͤr ſeinen Weg dahin. Alles war fertig fuͤr die ſchreckliche Proceſſion vom Gefaͤngniß zum Galgen, am aͤußerſten Ende der Stadt. Die Cavallerie, In⸗ fanterie, und die ſtille Volksmenge warteten außerhalb auf die Erſcheinung des Verurtheilten. Ein allgemei⸗ ner Ausdruck von Mitleid, mit lauten Gebeten fuͤr Barmherzigkeit mit ſeiner Seele, und fuͤr ſeine Selig⸗ keit in einem kuͤnftigen Leben, kuͤndigten ſeinen Ein⸗ mit in die Straße an. Er trug einen weißleinwandnen Wamms und lederne 140 Beinkleider, die dicht anlagen, weiße Struͤmpfe und Schuhe mit Schnallen. Sein Haupt war entbloͤßt, und ſein langes lichtes Haar, anſtaͤndig zuruͤck gekaͤmmt, fiel in Locken um ſein Geſicht und ſeine Schultern. Im Augenblick, als der junge Menſch erſchien, war er mit einer Scharlachroͤthe bedeckt, die das brennende Fieber vermiſchter Empfindungen, die in ſeinem In⸗ nern herrſchten, das natuͤrliche Entſetzen vor ſeinem Schickſal, und ſein religioͤſes Beſtreben ſolches maͤnn⸗ lich zu ertragen anzeigten. Sobald ſein Auge aber die gaffende Menge ſah, ſchlug er es nieder und ſeine Wangen wurden bleich wie der Tod. Dieſe Veraͤn⸗ derung entſtand jedoch keinesweges aus moraliſcher Zaghaftigkeit, auch bemeiſterte er ſich bald wieder, und er uͤberblickte zum zweiten Male mit mehr Ruhe die tauſend Geſchoͤpfe, die ihn ſo fonderbar und ſo furcht⸗ ſam anſahen. Sein Antlitz nahm dann einen Aus⸗ druck an, der mit dem reſignirten Zuſtand ſeiner vor⸗ hergehenden Gedanken uͤbereinſtimmte, und welcher, nebſt ſeiner maͤnnlichen Geſtalt, allgemeines Mitleiden erregte. Doch Alles war bald wieder in Ordnungz die Soldaten ſchloſſen ihn und ſeinen Beichtvater ein. Seine Arme waren gebunden, der Linke war jedoch in den des ehrwuͤrdigen Begleiters geſchlungen, und in ſeiner rechten Hand hielt er ein We ſo⸗ ging t die Ka valkade vorwaͤrts. o em Der Vogt mit ſeinem weißen Stabe, zund der muͤrriſche Kerkermeiſter, gingen vor ihm her; eine Karre, die Piercens Sarg enthielt, und ſeinen Scharf⸗ u&=2SZS2· — 141 richter, dieſen letzten Agenten des Geſetzes,— der ſich in einem großen Ueberrock, tiefen Hut, und unter einer ſchwarzen Larve vermummte, um der Beobach⸗ tung des Volks zu entgehn,— folgten dicht hinter ihm her. 1 ainitt Sie bewegten ſich langſam durch die Straßen der Stadt, wo alle Buden geſchloſſen waren, aus Furcht, daß die ſtroͤmende Volksmenge Schaden anrich⸗ ten koͤnnte; und dieſer Umſtand hatte das Anſehn einer ſtummen Sympathie mit dem traurigen Schauſpiel. Es war ein ſchoͤner Tag, und die Sonne ſchien aͤußerſt hell; doch Niemand fuͤhlte den gewoͤhnlichen Einfluß eines ſchoͤnen Tages, auch blendete das Son⸗ nenlicht auf eine ſeltſame Weiſe, und erheiterte keinen einzigen Gegenſtand. Die Fenſter der Haͤuſer waren zum Theil durch die Bewohner eingenommen, deren Nerven oder deren Neugierde am ſtaͤrkſten waren; zu⸗ weilen erblickte man wohl auch ein Frauenzimmer, das einen fluͤchtigen Blick auf den armen, jungen Ver⸗ brecher wagte, ſich aber bald wieder ins Zimmer zuruͤckzog, aus ſchauderhaftem Entſetzen, oder uͤberwaͤl⸗ tigt durch zaͤrtlichere Gefuͤhle. Wir waren an jenem merkwuͤrdigen Tage jung und unbeſonnen, und draͤngten uns mit kindiſcher Begierde vorwaͤrts, um ein ſo neues Schauſpiel zu ſehn; aber wir erinnern uns zu dieſer Stunde des Eindrucks, den das Geſicht und die Manieren des ungluͤcklichen Men⸗ ſchen damals auf uns machten. Ihr Charakter war uͤberirdiſch und erſchuͤtternd, und zeigte etwas, das 142 nicht zu dieſer Welt zu gehoͤren ſchien; er glich einem Weſen anderer Art, verſchieden von den Geſchoͤpfen, unter denen er einher ging; das Grab hatte ihm bereits ſein Siegel aufgedruͤckt. Sein Auge er⸗ kannte keinen der belebten oder unbelebten Gegenſtaͤnde um ihn her; es wanderte nicht, wie das menſchliche Auge wohl thut, um ſich Befriedigung zu verſchaffen; und ob er gleich muthig vorwaͤrts ſchritt, ſo ſchien dies mehr die Folge eines ſtarken Entſchluſſes, ange⸗ trieben von den Muskeln ſeines Koͤrpers, als die Wirkung geiſtigen Antriebs. Seine trocknen Lippen bewegten ſich in ſchnellem Gebet, ſo ſchnell, daß man glauben konnte, er fuͤrchtete eine einzige Sekunde jener zugemeſſenen Zeit zu verlieren, um ſeine großen Vor⸗ bereitungen zu machen. Und wenn er zuweilen bei den verſchiedenen Wendungen der Straßen mit ſeinem Prieſter niederkniete, dann war es ſchrecklich, das Auf⸗ richten ſeiner Augen zu ſehn, die umher rollten, und ſich flehend zum Himmel erhoben, oder ſich ſchaudernd in ſein Inneres kehrten, daß nichts als ihr Weißes zu ſehn war, ohne Leben und ohne Lebensluſt. Die Proceſſion erreichte die letzte Wendung der letzten Straße in der Vorſtadt, durch die ſie kommen mußte. Der hohe Galgenbaum ſtand gerade vor dem Verbrecher. Beim erſten Anblick deſſelben ſchritt er ein wenig zuruͤck, und druͤckte feſt den Arm ſeines Beichtvaters. Doch einige guͤtige und beherzigende Worte des Letztern gaben ihm neue Spannkraft, und er ging ſchneller als vorher. In dieſem Augenblick —8—,,— ͤͤ 143 zog eine Bewegung und ein Laͤrm in der Volksmenge die allgemeine Aufmerkſamkeit von dem Hauptgegen⸗ ſtand ab. Das Geraͤuſch vermehrte ſich, die Menge zog ſich zuruͤck; ein Wagen fuhr aͤußerſt ſchnell in einer Querrichtung, und eine heiſere bewegte Stimme rief aus: „Herr Vogt! Herr Vogt!“ Ein Murmeln von Vermuthung, Erwartung und Hoffnung floh durch die Menge, kein Menſch wußte warum, ſelbſt der arme Pierce erwachte wie aus einer toͤttlichen Ohnmacht, und horchte auf dieſe ploͤtzlichen Worte mit hyſteriſchem Athmen, und mit halb be⸗ taͤubten Ohren, wie ein Menſch, der Erinnerungen des Vergangenen und eine dunkle Kenntniß des Gegenwaͤr⸗ tigen wahrnimmt, und eine Stimme hoͤrt, die er laͤngſt gekannt und laͤngſt vergeſſen hatte. Der Vogt eilte ſogleich dahin, wo der Wagen ſtill gehalten hatte, und man ſah, daß ihm eine Per⸗ ſon in demſelben Auftraͤge gab, auf die er aufmerkſam horchte. Die Conferenz war bald zu Ende, der Vogt verbeugte ſich tief, und der Wagen fuhr weg, gegen die Hauptſtraße der Stadt, und ihm folgte eine Poſt⸗ chaiſe, aus welcher Tim Lyndop, der Fleiſcher, laͤchelnd herausſah, und ſeine zahlreichen Bekanntſchaften im Volk begruͤßte, was ſie verwunderte, und, zur Schande der Menſchheit ſey es geſagt, welches ſie auch beluſtigte; denn ſelbſt bei einer ſolchen Scene des Entſetzens koͤn⸗ nen ſich unſere Nebengeſchoͤpfe auch vergnuͤgen. Der groͤßere Theil des Volks war jedoch zu weit 144 entfernt, um etwas von dem Vorfall zu wiſſen, und als der Vogt zuruͤckkehrte, ſprachen ſie blos unter ein⸗ ander von Vermuthungen und unbeſtimmten Hoffnun⸗ gen. Aber er verfuͤgte ſich mit Ernſthaftigkeit hinter den Verbrecher, und mit gleicher Ernſthaftigkeit machte er ein Zeichen, daß man zu dem ungluͤcklichen Ort fortſchreiten ſollte, und Alles bewegte ſich fort, noch melancholiſcher als vorher. Pierce ſchien die Macht verloren zu haben, irgend einen Gedanken klar zu faſ⸗ ſen, und das Volk ſchloß, daß die Ruͤckſprache mit der Magiſtratsperſon nichts mit Pierce zu thun hatte. Der Verurtheilte und ſein Beichtvater ſtanden nun unter dem Galgen. Pierce ſah die Reiter und Infanteriſten nahe ihn umſchließen; er fuͤhlte, daß ſie ſich wie Schatten des Todes, zwiſchen ihn und das Leben hinſtellten. Aber er blieb dennoch ſtandhaft, und blickte wie ein Chriſt aus dieſer Welt in die Herrlich⸗ keit der naͤchſten, ſo daß er mehr auf das zu denken ſchien, was er zu gewinnen hoffte, als an das, was er verlieren mußte. Der Prieſter, der ein junger Mann war, wie er ſelbſt, hielt ſeine Haͤnde, und mit Thraͤnen des Grams und frommen Eifers, die ihm uͤber die Wangen rollten, ſprach er zu ihm die letzten Worte des Troſtes und der Hoffnung. Hierauf kuͤßte er den Verurtheilten und ſagte dem Vogt, daß ſein Beichtſohn voͤllig bereit waͤre fuͤr ſein Schickſal. Aber kaum hatte er dies ausgeſprochen, als ein durchdrin⸗ gendes Geſchrei außerhalb des Zirkels gehoͤrt wurde, und ein junges Frauenzimmer rannte, wie ein Blitz — H»—— 145 durch die Volksmenge und die Soldaten, brach in den innern Raum, und ſchloß Pierce in ihre Arme, und er, der eben nur den Druck des Grabes fuͤhlte, in wel⸗ chem all ſeine Gedanken verſchloſſen ſchienen, blickte betaͤubt auf Alley Dooling. Ihre Haube war ihr in dem wilden Kampf vom Kopf abgeriſſen worden; auch ihren Mantel hatte ſie in den Haͤnden der widerſtrebenden Soldaten gelaſſen. Die Bedeckung ihres Buſens war zum Theil auf die Seite geruͤckt, und ihr glaͤnzendes, braunes Haar fiel in Fuͤlle herab, als wenn es das Halstuch erſetzen wollte, und von ihren ſchoͤnen Schlaͤfen rann ein ſchrecklicher Strom von Blut,— die Wirkung eines Streiches, den einer der Soldaten ihr verſetzt hatte, und benetzte ihre bleiche Wange und ihren ſchoͤnen Buſen. Ihr Geliebter hatte nur eine Empfindung fuͤr Alley als ſie ihn in ihre Arme ſchlang; er blickte auf ſie mit Liebe allein; ihre vorige Auffuͤhrung war ganz vergeſſen. Er konnte zwar ihre Umarmung nicht er⸗ wiedern, denn ſeine Arme waren mit dem Strick der Verbrecher gebunden, aber ſein Kopf ſank auf ihre Schultern, und er weinte die einzigen Thraͤnen, die er an dem Tage vergoſſen hatte. Und auch ſie ſprach und betrug ſich, als ob ihre Liebe fuͤr ihn nie durch weibliche Liebe waͤre uͤber⸗ troffen worden, und als ob ſie ſolche nie haͤtte in ihrem Buſen erkalten laſſen. Die Todesangſt dieſer Stunde griff ihren Kopf an, und ſie ſprach wie eine Wahn⸗ II. 10 146 ſinnige. Sie redete die umringenden Soldaten an, und ſagte ihnen, ſie koͤnnten und duͤrften ſie nicht von ihrem Geliebten trennen; ſie wollte ihn nicht aus ihren Armen laſſen; er waͤr ihr eigner Pierce, und ſie waͤr ſeine eigene arme Alley Dooling. Dann lachte ſie auf eine fuͤrchterliche Weiſe in ſein Geſicht, und for⸗ derte ihn auf, das zu beſtaͤtigen, was ſie geſagt hatte, und ihnen gerade heraus zu ſagen, daß er mit ihr heim gehn, und nicht bei ihnen bleiben wollte. Pierce ſprach ihren Namen aus, ſie ſchrak auf, blickte ihn an, und beobachtete ſeine Lippen, als wenn ſie ihren eigenen Ausſpruch uͤber Tod und Leben hoͤ⸗ ren wollte. Es naͤherte ſich ein Menſch, um ſie von einander zu trennen, aber ihr Auge bemerkte ſchnell ſeine Bewegung, ſie ſtieß wieder ein wildes Geſchrei aus, umſchlang ihren Geliebten noch feſter, und ver⸗ barg ihr Geſicht in ſeinem Buſen. Aber ihre Furcht war uͤberfluͤſſig, denn auf ein Zeichen des Vogts zogen die Soldaten ſich zu ihrer Linie zuruͤck. „Gott belohne Sie,“ ſagte Pierce zu dieſem menſchlichen Beamten;—„ich wuͤnſche blos einen Augenblick Nachſicht; unſere jungen Herzen liebten ſich innigſt, und ob dies gleich der letzte Abſchied iſt, ſo ſoll er doch nicht lang ſeyn. Ich wuͤnſchte ihn nicht, aber da er nun unvermeidlich iſt, ſo danke ich Ihnen fuͤr Ihre guͤtige Erlaubniß, daß Sie mir Zeit dazu geben.— Alley, liebe Alley,“ fuhr er fort,„ich kann dich nicht in meine Arme ſchließen, der Strick laͤßt es nicht zu,— umſchlinge du mich, kuͤſſe mich, 147 und laß mich ſterben, wie es einem Chriſten ge⸗ buͤhrt.“ Er beugte ſein Haupt, und ihre Wangen be⸗ ruͤhrten ſich blos, denn Alley faßte nur ein Wort ſei⸗ ner Rede:—„ſterben!— ſterben!“— Sie wie⸗ derholte dieſe Worte in Toͤnen, die bis zum Himmel aufſtiegen. Dieſe ganze Zeit ſchien der Vogt auf etwas zu horchen, oder etwas in der Entfernung ent⸗ gegen zu ſehn, ſo daß er wenig auf die Scene achtete, der er ſo nahe war. In dieſem Augenblick wurde Alleys ſchreckliches Geſchrei durch ein ſchwaches fernes Jauchzen unterbrochen, und der Vogt ſtrich den Boden mit ſeinem Stabe, und klatſchte freudig in die Haͤnde. Alle Koͤpfe kehrten ſich nach der Richtung, woher das Jauchzen kam, und Pierce nebſt ſeiner Geliebten blieben ſtumm und bewegungslos ſtehn, gerade wie zwei Statuen. Der Ausruf wurde wiederholt und wiederholt, naͤher und naͤher, ja es ſchien eher ein ununterbroche⸗ ner Ausbruch menſchlicher Stimmen, als ein abge⸗ brochenes Jauchzen. Die Volksmenge brach in eine lebhaftere Handlung aus, ſchwieg nicht laͤnger, ſondern ſprach erſt leiſe, dann lauter und lauter, und fragte oder antwortete, bis endlich der Vorderſte des laufen⸗ den Volks nahe genug kam, das ſegensreiche Wort denen mitzutheilen, die nahe beim Galgen ſtanden, und alle Gegenwaͤrtigen brachen in ein hinreißendes Freu⸗ dengeſchrei aus;—„Friſt!— Aufſchub!“— riefen ſie Alle aus, ſprangen umher, warfen ihre Huͤte und 10* 148 Kappen in die Hoͤhe, und zeigten im Ganzen durch ihre tolle Freude, bei der Rettung eines einzigen menſchlichen Lebens, wie allgemein und wie uͤber alles eingewurzelt die Liebe zum Leben in der menſchlichen Bruſt iſt. Der Laͤrm ſtieg noch hoͤher, als ſich das Geraͤuſch der Wagenraͤder dem Galgen naͤherte, und beim An⸗ blick eines weißen Tuches, das hoch in der Luft an einem langen Stab wehete. „Macht Platz! Macht Platz!“— rief der Vogt,—„Soldaten fallet zuruͤck, und macht Platz!“ „Platz!— Platz, Platz!“ wiederholte jede Stim⸗ me. Sogar die Soldaten empfanden die Freude des Volks mit, und verbanden Ihr Jauchzen mit dem ſei⸗ nigen. Aber ſie zeigten einen allzu thaͤtigen Geiſt, und beunruhigten ihre buͤrgerlichen Bruͤder, da ſie mit dem Ende ihrer Flinten und mit den Flaͤchen ihrer Schwerter die erhaltenen Befehle auszufuͤhren ſuchten, denn das aufgeregte und unbedachtſame Volk konnte ſich mit dem beſten Willen nicht ſchnell genug zuruͤck ziehn. Endlich wurde der Weg rein, und der Wagen kam an, den man vorher geſehn hatte. Pat befand ſich auf dem Kutſchenſitz mit einem Stabe und einer weißen Fahne in der Hand, und Herr B. war halb ſichtbar durch das Kutſchenfenſter. Als der Wagen ſtill hielt, kam Pat ſogleich herunter und oͤffnete die Thuͤr. Herr B. ſprang heraus und haͤndigte dem Vogt ein Papier ein, welchem zu Folge dieſer unverzuͤglich das zaubervolle Wort wiederholte, welches das Volk tau⸗ —„ — ⏑ᷣ— 149 ſend Mal vorher angekuͤndigt hatte, und welches noch⸗ mals durch die Luft bebte, und doppelt laut ausbrach. Im naͤchſten Augenblick ſtand Herr B. bei Pierce Shea, und half den Strick zerreißen, der ihn band, nahm ihn freundſchaftlich und triumphirend bei den Haͤnden, und ſprach ſchnell zu Ohren, die ihn aber nicht hoͤrten.— Wir haben nicht verſucht zu be⸗ ſchreiben, was die letzten Minuten in Sheas Herz vorging, noch wollen wir es jetzt verſuchen. Fuͤr all unſere vorhergehenden Darſtellungen lagen die That⸗ ſachen ſichtbar vor unſern Augen; aber in dieſem Fall mußte die Einbildungskraft allein wirken, und bloße Einbildungskraft kann unmoͤglich in die tiefen Ge⸗ heimniſſe der menſchlichen Seele dringen, waͤhrend eines ſolchen Wettſtreits der Gefuͤhle. Wir wollen uns daher begnuͤgen blos Pierce Sheas Anſehn in die⸗ ſem wichtigen Moment zu beſchreiben. Er ſprach kein Wort, und bewegte ſich nicht; er ſtarrte mit einer bit⸗ tenden Miene um ſich her, und ſchien es nicht zu glauben, daß ſein Leben gerettet war, und ihm eine lange Ausſicht gluͤcklicher Tage bevorſtand. Er hatte bereits eine Bekanntſchaft mit dem Tode geſtiftet; ſie hatten ſich gleichſam begruͤßt an der wahren Graͤnze der unbekannten Welt; der Juͤngling hatte ſich bereits von den ihm bekannten Wirklichkeiten dieſer Welt ab⸗ gewandt; ſein Auge war von dem Licht der Sonne abgezogen, und ſein Ohr verſchloſſen gegen jeden froͤh⸗ lichen Ton; Hoffnung hatte ſein Herz voͤllig verlaſſen, die letzte letzte Hoffnung des Lebens. Ja, er waͤhnte 150 kaum, daß er noch lebte! Und nun zu hoͤren, daß Alles blos ein Traum geweſen! Zu hoͤren, daß der Tod ſeine Beute aufgegeben habe! Zu hoͤren, von Tagen und Jahren eines begluͤckten Lebens! Er fuͤhlte endlich eine neue Hoffnung in ſeinem Innern erwa⸗ chen; aber er ſah aus, als ob er nicht wagen dͤrſte auf ihre Stimme zu achten. Herr B. ſah bald, wie unnuͤtz es ſeyn wuͤrde, jetzt ſeinem jungen Freunde Auskunft uͤber den Zuſtand der Dinge zu geben, und er beſchaͤftigte ſich daher blos mit ſeiner gegenwaͤrtigen Lage. Er befreiete Alley auf eine gelinde Weiſe aus ſeinen Haͤnden, denn als ſie bei der Ankuͤndigung der frohen Nachricht ohnmaͤchtig wurde, hatte Pierce ſie mechaniſch ergriffen, damit ſie nicht fallen ſollte. Herr B. ſandte dann nach Wein, ließ Pierce davon trinken, und ſich niederſetzen, und rief gradweiſe ſeine Gedanken und Empfindungen zu⸗ ruͤck, bis der arme Pierce zuletzt dankbarlich und freu⸗ devoll Herrn B's. Gluͤckwuͤnſche erwiedern und nie⸗ derknieen konnte, dem Himmel und ihm zu danken. Auch war er nun im Stande Alles das zu ver⸗ ſtehn, was ſein warmer Freund und Patron ſich vor⸗ hin umſonſt bemuͤht hatte, ihm zu erklaͤren. Herr B. ſagte ihm demnach, daß die ploͤtzliche Nachricht, die er von Piercens Ungluͤck erhalten habe, und zwar ſo ſpaͤt in der Nacht, und die Nothwendigkeit ſeiner un⸗ mittelbaren Abreiſe von Dublin nach Kilkenny, da kaum eine Minute zu verlieren war, ihn verleitete ſich zuerſt an den Richter zu wenden, der Pierce verur⸗ theilt hatte, und ſich hier auf der Stelle befand, als Verhandlungen mit dem Gouvernement des Vicekoͤnigs anzufangen, wodurch leicht eine Stunde drauf gegan⸗ gen waͤre. Der Brief, den er in Dublin empfangen, nebſt ſeiner perſoͤnlichen Bekanntſchaft mit Pierce, ſetz⸗ ten ihn in Stand, dem Richter eine ſo ausfuͤhrliche Auskunft uͤber ſeinen Charakter und uͤber die Um⸗ ſtaͤnde zu geben, die ihn verleiteten ſich zu den wei⸗ ßen Jungen zu geſellen, als gleichweis von ſeiner ſtrafloſen Auffuͤhrung bei dem Angriff auf den Prok⸗ tor, ſo, daß dieſer Bericht ſogleich die Gnadenfriſt aus⸗ wirkte, deren Ueberbringer Herr B. war, und auf welche eine voͤllige Begnadigung des Vicekoͤnigs folgen wuͤrde. Pierce muͤßte vor der Hand noch einige Tage in Verhaft bleiben; aber dieſe Tage wuͤrden durch die Gewißheit und die Erwartung der nahen Befreiung verſuͤßt werden. Herr B. erwaͤhnte noch, daß er auch außerordentlich viel auf ſeinem Wege nach Kilkenny gelitten habe, beſonders als ſein Kutſchrad nochmals beſchaͤdigt wurde, nachdem er das Wirthshaus verlaſſen hatte, wodurch wieder viel koſtbare Zeit verloren ging, es auszubeſſern. Daher waͤre er auch, wie wir geſehn haben, beinah zu ſpaͤt angekommen; und er nahm mit dem Vogt Ruͤckſprache, ehe er ſich an den Richter wendete, um nur Zeit zu gewinnen. Er bat naͤmlich den Vogt, der ihn wohl kannte, um eine kurze Ver⸗ zoͤgerung, bis er vom Gerichtshaus der Grafſchaft zu⸗ ruͤck ſeyn konnte, wohin er eilte, um ſich an den ſitzenden Richter zu wenden. 152 Nach dieſer Erlaͤuterung nahm Herr B. Piercen wiederum bei der Hand, und ſtieg in ſeine Kutſche, ſagte ihm aber doch noch, daß er in dieſem Augen⸗ blick dringende Geſchaͤfte einer andern Natur mit Herrn und Miß Lovett abzumachen haͤtte, welche ſich theils auf die Entdeckung des geſtohlenen Silbers be⸗ zogen, und theils auf andere Mittheilungen, die dieſe junge Dame in ihrem Briefe uͤber Sheas Verbindung mit den weißen Jungen gemacht hatte. Die Kutſche fuhr ab, unter erneuerten Huzzas, und die Soldaten umſchloſſen wiederum Pierce, um ihn nach ſeinem einſtweiligen Gefaͤngniß zuruͤck zu fuͤhren; doch ehe er ſich entfernte, bemerkte er ein altes haͤßliches Weib, die ſich durchs Volk draͤngte, um ſich Alleyn zu naͤhern, welche ſich eben in den Armen einer Weibsperſon, der Herr B. ſie uͤbergeben hatte, von einer Ohnmacht erholte. Shea hatte dies alte Weib nie geſehn, aber ſie ſah gemein aus, und ſchmutzig, und als er ſich wunderte, wie ein ſolches Geſchoͤpf ſich unterſtehn koͤnnte, ſich uͤber ſeine Geliebte eine gewiſſe Gewalt anzumaßen, erwachte Erinnerung, bittere Erinnerung in ihm; Alleys Betragen waͤhrend ihrer Zuſammenkunft im Thale zu Balyyfoile ſtellte ſich ihm dar, und der Gedanke, daß ſie ſeiner Liebe unwuͤrdig war, unterdruͤckte das Feuer in ſeiner Ge⸗ muͤthsſtimmung, und warf einen Schatten uͤber das helle Licht, das er ſo wundervoll wieder genießen durfte. Er verlor ſie aus dem Geſicht, und Alley entfernte ſich mit der alten Frau. 3— g 153 Aber ein neues Ereigniß zog in dieſem Augen⸗ blick ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich. Ein erſtaunliches Gebruͤll, ſtaͤrker als das Getoͤſe aller andern Stimmen, die immer noch im Freudengeſchrei forttoͤnten, kam die Straße herauf, durch welche die Soldaten ihren Ge⸗ fangnen fuͤhrten. Ein Hut wurde in die Hoͤhe ge⸗ worfen, dreimal hoͤher, als irgend ein andrer Hut, und ein Menſch lief gegen ſie mit groͤßter Eile, ſprang umher, tanzte, ſchlug die Steine mit ſeinem erſchreck⸗ lichen Stock, und jagte allen Furcht ein, die ihn ſahn. Er betrug ſich in jeder Hinſicht wie ein Tollhaͤusler. Er ſtieß jeden auf die Seite, dem er begegnete, und die Frauen in der Vorſtadt die an ihren Hausthuͤren ſtanden, als er vorbeikam, hoben ihre Haͤnde und Augen in die Hoͤhe, und zogen ſchnell ihre Kinder hinein. Einige ſpaßhafte Kerle, die anfangs mit Er⸗ ſtaunen und Furcht zugeſehn hatten, geſellten ſich end⸗ lich zu ihm, und tanzten und ſprangen in ſeinem Gefolge, und wurden bald vermehrt durch andre und andre, und alle verfuͤgten ſich gegen die Soldaten; der tolle Kerl fuͤhrte den Weg an, und die amuͤſirten Straßenjungen ahmten ſo ſehr als moͤglich ſeine Toͤne und Bewegungen nach. Sie erreichten die langſam fortſchreitenden Sol⸗ daten, und Pierce erkannte ſeinen Milchbruder. Andy ſprang auf die Soldaten los, und wurde anfangs na⸗ tuͤrlich heftig zuruͤckgeſchlagen, doch als ihnen der Ge⸗ fangne die Sache erklaͤrte, ließen ſie ihn in ihre Mitte treten. Er fiel uͤber Pierce her wie ein Tiger, druͤckte 154 ihn mit einer Art Wuth in ſeine Rieſenarme, ließ ihn wieder los, tanzte um ihn her, bruͤllte wieder und wieder, und ſchlug bei jeder Wendung auf das Pfla⸗ ſter, machte ſich dann ploͤtzlih einen Weg durch die Soldaten, erhob ſeine Stimme noch lauter als vorher, und galloppirte fort in einer entgegengeſetzten Richtung, Niemand wußte wohin, warum, oder weswegen. Aber Andy wußte es wohlz er lief, begleitet von einer bewundernden Menge, gegen den Galgen, und ſtieß gegen die errichteten hoͤlzernen Zubereitungen; zwei Stoͤße brachten ſie zu ſeinen Fuͤßen, und er ſprang und tanzte drauf, ſo lang er und ſeine That bewun⸗ dert und beklatſcht wurde.— Ein alter Mann, auf einen Stab geſtuͤtzt, der ſich von einer Stelle zur andern bewegte, und nicht im Stande war ſich auf⸗ recht zu halten, ſtand in der Naͤhe. Sein Geſicht trug keinen Ausdruck irgend eines Gefuͤhls, und ſah wie eine Leiche aus; er weinte nicht, und laͤchelte nicht.— Mit einem einzigen Streich ſeines Stockes faͤllte Andy den Baum, er flog in einige Entfernung weg, wodurch der alte Shea ſeine Stuͤtze verlor und zur Erde fiel. Neben dem alten Manne ſtand eine Karre mit einem Pferde, die eben weg gebracht werden ſollte, und auf dieſe richtete Andy zunaͤchſt ſein Au⸗ genwerk. Als er ſich ploͤtzlich naͤherte, ſprang ein In⸗ dividuum aus der Karre, deſſen Geſicht mit einer ſchwarzen Larve bedeckt war, und den blos ein ein⸗ ziger Soldat beſchuͤtzte. Er hatte auf des Helden letzte Handlungen Acht gegeben, und hielt es fuͤr weiſe, 155 weg zu laufen, und ſich zu der Hauptmacht der Sol⸗ daten zu verfuͤgen. Andy verfolgte ihn mit einem lauten Schrei, machte ſich dann ſogleich uͤber die Karre her, riß einen Sarg aus derſelben, warf ihn auf die Erde, und ruhete nicht eher, bis er ihn in Splittern zerhauen hatte. Nachdem dies Werk der Zerſtoͤrung vollendet war, nahm er ſogleich mit der groͤßten Eile ſeinen Ruͤckweg durch die Stadt, bis er wieder dem feierlichen Marſch der Gardiſten, die ſeinen Milchbruder umgaben, nahe kam, und waͤhrend er das Steinflaſter zerſchlug, und den Straßenkoth in die Hoͤhe brachte, wodurch die weißen Beinkleider der nachſichtigen Soldaten voller Flecken wurden,— eine Nachſicht, die ſo viel Gut⸗ muͤthigkeit anzeigte, als ſich von Soldaten erwarten ließ,— waͤhrend er ſeine primitive Waffe uͤber ihre Koͤpfe ſchwang, oder ſie auf die Schulter nahm, und neben ihnen fortſchritt, waͤhrend er Alles dieſes und noch andre tolle Streiche beging, redete er ſie auch zuweilen an: „Ich habe die Soldaten lieb!— Aber ich wuͤn⸗ ſche alle Buͤttel zum Henker!— Langes Leben den Soldaten, und Ruhm obendrein!“ Und als ſie ihren Gefangnen dem unzufriednen Kerkermeiſter uͤberliefert hatten: „Halt, meine Lieben!— Wir muͤſſen einen Tropfen zuſammen trinken, ehe wir auseinander gehn! — Das beſte Getraͤnk, das in der Stadt zu haben iſt, und Eure Fuͤlle davon!— Der Henker hole mich, Ew. Gnaden,“— zu einem Offizier, den er eben dann bemerkte, und deſſen Geſicht, wie er glaubte, 156 einen Zweifel ausdruͤckte in Hinſicht des verſprochnen Trinkgelags,—„hol' mich der Henker, Ew. Gnaden, aber Sie und die Andern muͤſſen ſo viel trinken, und ſo etwas Gutes, als Sie je eingeſogen haben!“. Es war endlich nothwendig, ihn mit der Spitze eines Gewehrs zu entfernen, um ſeine Zudringlichkeit los zu werden. Aber Paddy Loughnan und zwei oder drei von ſeiner Profeſſion, ſtanden in der Naͤhe, und beſchloſſen Andy's großmuͤthige Stimmung zu benutzen, und das anzunehmen, was die muͤrriſchen Rothroͤcke abgeſchlagen hatten. In dieſem Augenblick hinreißen⸗ der Freude fuͤhlte Andy ſeine gewoͤhnlichen Vorur⸗ theile nicht, ſondern nahm ſie Alle in das naͤchſte Wirthshaus. Aber denſelben Abend noch ſchwuren die drei Mitglieder des Geſetzes, daß Andy und ſein Stock ſie angegriffen und geſchlagen haͤtten, denn ſobald er genugſam betrunken war, um ſich erinnern zu koͤnnen, was fuͤr Leute ſeine Geſellſchafter waren, als ſeine natuͤrliche Antipathie gegen ihre ganze Zunft in ihm erwachte, benutzte er die erſte guͤnſtige Gelegen⸗ heit, um ihnen die Schaͤdel zu brechen. Und wenn die Soldaten ſeine Einladung angenommen haͤtten, ſo wuͤrde er ſie wahrſcheinlich auf dieſelbe Weiſe behan⸗ delt haben. Denn ſo wie er von ſeiner Wiege an Alles, was zum Gericht gehoͤrte, fuͤr gleichbedeutend mit einem Dinge hielt, das man zerſchlagen durfte, wann und wo man es antraͤfe, ſo betrachtete Andy auch je⸗ den Rothrock oder engliſchen Soldaten mit gleichem Widerwillen: er haßte die Farbe der koͤniglichen Livreen 2 157 eben ſo ſehr, als der Puterhahn an Edward Shea's Dreſchtenne, und was die Urſache oder den Bewe⸗ gungsgrund fuͤr eine ſolche Feindſeligkeit betraf, ſo konnte ohne Zweifel der Eine ſolche mit derſelben Klarheit angeben, als der Andre. Zehntes Kapitel. Wir haben bereits erzaͤhlt, daß einige Stunden ehe Pierce Shea zur Hinrichtung gefuͤhrt wurde, Crohoore in Paddy Loughnans Haͤnde fiel, und unter Mathias Schloß und Riegel gebracht wurde. Es war gerade der letzte Tag der Gerichtsſitzungen; er wurde daher beinah unmittelbar vor Gericht geladen und verhoͤrt auf die Anklage, ſeinen Herrn, deſſen Frau und ihre arme Dienſtmagd ermordet zu haben. Alle die als Zeugen noͤthig waren, befanden ſich in Kilkenny, um bei Shea's Hinrichtung gegenwaͤrtig zu ſeyn, und man glaubte, daß man nicht einen Augenblick Nachſicht mit einem Elenden haben muͤßte, der ſolcher Graͤuelthaten beſchuldigt wurde. Das Verhoͤr ging ſchnell vorwaͤrts, die Beweiſe waren unwiderleglich. Der Umſtand, daß er am Abend des Mordes die Axt ſchaͤrfte, der Streit, und der Schlag den ihm ſein Herr gegeben, der auf 158* ein ſo finſtres und menſchenfeindliches Gemuͤth wirken mußte, ſchien die unmittelbare Urſache der Rache, uͤber die er vielleicht ſchon lange gebruͤtet hatte. Die Zei⸗ chen der Fußtritte auf dem Miſthaufen bei der Stall⸗ thuͤr, die voͤllig mit einem Paar alter Schuhe uͤber⸗ einſtimmten, die er zuruͤckgelaſſen hatte; der blutige Abdruck der Finger an der Klinge, als er in den Stall ging das Pferd zu ſtehlen, und ſchließlich, daß man ihm auf dem Pferde begegnete, auf welchem er die ungluͤckliche Tochter ſeiner Schlachtopfer entfuͤhrte; kurz, nichts, als die Beweiſe eines eigentlichen Augen⸗ zeugen der blutigen That, koͤnnte uͤberfuͤhrender geweſen ſeyn, und Crohoore war demnach uͤberwieſen, zur Zu⸗ friedenheit eines vollen und verabſcheuenden Gerichts⸗ hofs, einen grauſamen und entſetzlichen Mord an drei menſchlichen Weſen begangen zu haben. Als der Aus⸗ ſpruch angekuͤndigt wurde, ohne daß die Geſchwornen ihre Stellen verließen, entſtand ein Ausdruck des Bei⸗ falls, lauter als es fuͤr einen Gerichtshof anſtaͤndig und ſchicklich iſt. Er hatte keine Zeugen gefordert, und hatte keine voon denen unterſucht, die gegen ihn aufgeſtellt waren, noch hatte er die geringſte Vertheidigung gemacht; ſein Geſicht veraͤnderte ſich keinesweges waͤhrend des Ver⸗ hoͤrs, und als die ſchreckliche Auseinanderſetzung fort⸗ ſchritt, ſah man ihn ſogar mit einem unbefangnen, gefuͤhlloſen Anſehn um ſich her blicken. Auch ſagte Mechawl oder Mickel, deſſen ſich der Leſer wohl er⸗ innern wird, als eines ſeiner erſten Bekanntſchaften 159 bei der Wache, und der, ungeachtet ſeines Abſcheu's gegen die begangnen Frevelthaten, ein unwilliger Zeuge in dieſer Sache war; auch ſagte er mit ſeiner gewoͤhn⸗ lichen Schlauigkeit einem oder dem andern Nachbar ins Ohr:„daß die ganzen Gerichtsverhandlungen Thor⸗ heit waͤren, da Crohoore nie wuͤrde gehangen werden, denn er haͤtte Freunde, die faͤhig waͤren, ihn von vier⸗ zig Regimentern von Rothroͤcken weg zu ſchnappen, trotz aller ihrer Flinten.“ Jedoch im Augenblick der Verurtheilung ſchoß eine Art krampfhafter Verzuckung uͤber des Elenden haͤß⸗ liche Geſichtszuͤge. Und als wenn er vor Allen, die ihn anſahn, den Anblick dieſer Empfindung verbergen wollte, beugte er ſein Haupt, und ſtuͤtzte es an dem vordern Theil der Docke. 8 Nachdem der Schreiber der Krone den gewoͤhn⸗ lichen Eingang in einer brummelnden Stimme vorge⸗ tragen, rief er mit einer deutlichern Ausſprache: „Crohoore, auch Kornelius Field genannt, was habt Ihr dagegen zu ſagen, warum der Ausſpruch des Todes und der Hinrichtung nicht ſollte gegen Euch ausgeſprochen werden?“ Der Fall einer Stecknadel haͤtte in dem angefuͤllten Gerichtshof koͤnnen gehoͤrt werden; der verurtheilte Moͤrder hob langſam ſein Haupt vom Rand der Docke, blickte mit einem ruhi⸗ gen Auge umher, ſah endlich den Richter an, der ſeine kleine ſchwarze Kappe aufgeſetzt hatte, und bereit war, das ſchreckliche Urtheil des Geſetzes auszuſprechen. Alle Gegenwaͤrtigen entſetzten ſich vor dem kalten 160 ruhigen Blick, mit welchem ein Geſchoͤpf mit einer ſo empoͤrenden Phyſiognomie, der mit einer ſo graͤßlichen Mordthat beladen war, um ſich her ſah. Kein Menſch athmete frei, Alle ſchauderten, und ſelbſt der ſitzende Richter, als das rothe Auge ſich auf das ſeinige hef⸗ tete, war kaum im Stande, die noͤthige Oberherrſchaft uͤber ſeine eignen Geſichtszuͤge auszuuͤben. Der Zwerg ſprach nicht waͤhrend eines Augenblicks, und als er ſchwieg, flohn ſchnelle, leiſe Worte von einem zum andern in der Volksverſammlung.„Was er doch fuͤr ein moͤrderiſches Geſicht haͤtte!— Wie ſehr bezeich⸗ nete es ſeine Handlungen und ſeine Natur!“ Dies waren die Bemerkungen, die ſie ſich furchtſam unter einander mittheilten. Kein Funke von Mitleid ruͤhrte die Bruſt derer, die ihn ſahn. Endlich oͤffnete er ſeine großen blaſſen Lippen, um zu ſprechen, und eine Todtenſtille erfolgte. „Guaͤdiger Herr Richter,“ ſagte er in einer feſten, und keinesweges unmelodiſchen Stimme,— ſie war die einzige Gabe der Natur fuͤr ein Weſen, das ſie uͤbri⸗ gens ſo aͤußerſt widrig gebildet hatte, und der volle ſonderbare Ton verlor ſich langſam in eine Pauſe. „Gnaͤdiger Herr Richter, fahren Sie beliebig fort: ich ſtehe hier, Ihr Urtheil anzuhoͤren. Meine Zeit zu ſprechen iſt noch nicht gekommen; Sie werden mir ſagen, daß ich wie ein Hund auf dem Galgen haͤngen muß, aber“— und ein haͤßliches Laͤcheln zeigte ſich auf ſeinem Geſicht,—„aber des Scharf⸗ richters Finger ſollen nie meinen Hals beruͤhren. Thun 1 . 161 Sie Ihre Pflicht, mein gnaͤdiger Herr Richter; Ihre Worte koͤnnen mir keinen Schaden thun, und ich habe nichts mehr zu ſagen.“ Ein neuer Ausdruck des Erſtaunens und des Entſetzens entſtand wiederum; Einige zitterten ſogar, und die große praͤſidirende Magiſtratsperſon ſelbſt, fuͤhlte einen Eindruck, der ſich nicht erklaͤren ließ. Der Ver⸗ brecher indeß blieb furchtlos und unerſchrocken ſtehn, ſein ganzes Anſehn ſtimmte mit ſeinen Worten uͤber⸗ ein, und der Richter fuhr nach einigen Minuten fol⸗ gendermaßen fort: „Cornelius Field, die Richter Eures Landes ha⸗ ben Euch ſtraffaͤllig gefunden, einen kalten, uͤberlegten Mord begangen zu haben, und zwar einen der ſchreck⸗ lichſten Art, der je einen Gerichtshof mit Entſetzen fuͤlte. Keine Sprache kann den Umfang Eures Ver⸗ brechens ausdruͤcken. Ihr habt auf eine grauſame und barbariſche Weiſe das Leben Euren Wohlthaͤtern ge⸗ nommen, die Euch als ein verlaſſenes, huͤlfloſes Kind fanden, und die Euch von dem Tode retteten, dem. Ihr ausgeſetzt wart, die Euch naͤhrten, wie ihr eignes Kind, die Euch in ihrem eignen Hauſe erzogen, Euch aus ihrem eignen Becher zu trinken, von ihrem eignen Brod zu eſſen gaben, und Euch bei ihrem eignen Feuer erwaͤrmten.“ Bei dieſem Theil der Rede ſtuͤrzten Thraͤnen in die Augen des Verurtheilten, und ein hektiſcher Krampf, mit einer heftigen, uͤberwaͤltigenden Empſindung kam uͤber ſeine haͤßlichen Geſichtszuͤge. Er wiſchte mit ei⸗ II. 11 162 ner Hand die Thraͤnen weg, beugte ſeinen Kopf auf die andre, und als er wieder aufblickte, war ſein Ge⸗ ſicht ſo ruhig, wie vorher. Der Richter fuhr fort: „Ihr habt den Herd mit Blut uͤberſchwemmt, wo Ihr ſo viele frohe Stunden genoſſen. Und zwar mit dem Blute Eurer großmuͤthigen Beſchuͤtzer, und fuͤr alle Guͤte und Wohlthaten, die Ihr empfingt, habt Ihr Weh jeder Art unter ihr gaſtfreies Dach gebracht. Denn es ſcheint auch, und iſt erwieſen in dem Ver⸗ brechen, fuͤr das Ihr angeklagt ſeyd, daß Ihr das elende und einzige Kind Eurer Schlachtopfer vom Hauſe weggefuͤhrt habt, gebadet im Blut der Eltern. Bey meiner langen Erfahrung der Graͤßlichkeiten, die wohl in einem Gerichtshof vorkommen: ein Verbrecher, wie Ihr, hat nie vor mir geſtanden. Ihr gehoͤrt nicht in den Bezirk der Menſchheit, und die menſchliche Natur ſchaudert bei Eurem Anblick. Bereitet Euch auf eine ſchreckliche und ſchnelle Rechnung vor. Doch ehe ich die Entſcheidung des Geſetzes uͤber Euch aus⸗ ſpreche, rathe ich Euch, fuͤr das Heil Eurer Seele, Euren beleidigten Gott und die erzuͤrnte Welt ſo weit zu verſoͤhnen, daß Ihr das Geſchoͤpf, das Ihr entfuͤhrtet, und das wahrſcheinlich geſchaͤndet iſt, ihren Freunden wiedergebt; dies iſt das einzige ſchwache Mittel, das in Eurer Gewalt liegt, das Unheil zu vermindern.“ „Ich will ſie ihnen wiedergeben,“ antwortete der Verbrecher, langſam und bedaͤchtlich. „Thut das, und der Himmel gebe Euch die v&E&—— 8060—— -—O 8 2 α½ᷣ— r 168 Gnade, dieſen Entſchluß auszufuͤhren, in dem kurzen Zeitraume, der Euch in dieſer Welt geſtattet iſt. Der Ausſpruch des Hofes iſt, daß Ihr von der Stelle wo Ihr jetzt ſteht, genommen, und zu dem Platze gebracht werdet, woher Ihr kamt. In einer Stunde“— „In einer Stunde, gnaͤdiger Herr Richter!— O, ſeyn Sie barmherziger!— Ich kann ja nichts in einer kurzen Stunde thun!— Ich kann mein Ver⸗ ſprechen nicht halten!“— Ein Menſch, der gegen den untern Theil der Docke lehnte, kehrte hier ſein Geſicht halb herum, um den Gefangnen zu beobachten, und Crohoore ver⸗ aͤnderte mit der groͤßten Schnelligkeit ſeine Stellung, warf ſich uͤber die Schranken, und mit der Grauſam⸗ keit und Gewißheit eines wilden Thieres, ergriff er mit ſeinen Klauen ſeine Bruſt.—„Huͤlfe! Huͤlfe! Huͤlfe hier!“ bruͤllte er. Der Hof wurde eine Scene der Verwirrung.„Er wird den Menſchen umbringen,“ ſchrie man allenthalben. Der Richter rief dem Vogt zu, den Aufruhr zu ſtillen, und der tollen Heftigkeit des verzweiflungs⸗ vollen Verbrechers Einhalt zu thun, ehe neues Un⸗ heil geſtiftet wuͤrde, und dieſer Beamte, der kein ath⸗ letiſcher, muthiger oder thaͤtiger Mann war, lief nach der Mannſchaft, die ſich in der Naͤhe befand. Mat⸗ thias, der Kerkermeiſter, der ſeine gewoͤhnliche Stelle einnahm an den Schranken zwiſchen der aͤußern und innern Docke, that ſein moͤglichſtes, um die Haͤnde des Zwergs von der Bruſt des Menſchen weg zu rei⸗ 3 41* 164 ßen, die er ſo feſt hielt; aber er hielt ihn mit uͤber⸗ menſchlicher Kraft. Der Menſch ſelbſt mit dem er kaͤmpfte, war eine ſtarke, kraͤftige Figur; aber er konnte nichts ausrichten. Anfangs ſchlug er mit ſeinen Ar⸗ men gegen die Seiten der Docke, und machte ſich et⸗ was los, dann zog er ein Piſtol, ehe man ihn hin⸗ dern konnte, aus ſeinem Buſen, und feuerte ſolches in Crohoore's Geſicht, da ſie aber immer noch kaͤmpften, ſo hatte der Schuß keine Wirkung, ſondern ging in die Hoͤhe, gluͤcklicherweiſe fuͤr die Zuſchauer, und be⸗ ruͤhrte blos die Decke des Gerichtshauſes. Crohoore vermehrte nun ſeine Anſtrengung; er hatte bisher auf einem Tritt geſtanden, um ihn gehoͤrig fuͤr die Augen des Hofes zu erheben; von dieſem ſprang er in die Mitte der Docke; er hielt den Mann noch immer feſt, und warf ſich nieder, und durch das haͤngende Gewicht ſeines Koͤrpers, wobei Matthias freilich half, und durch die ſonderbare Gewalt ſeiner Arme, gelang es ihm endlich, den Gegenſtand ſeiner unbegreiflichen Feindſeligkeiten uͤber die hoͤlzernen Schranken zu ſchleppen. Beide rollten an den Boden, und ein ſchreckli⸗ cher Kampf folgte zwiſchen ihnen. Der Menſch um⸗ faßte mit ſeinen Haͤnden Crohoore's Hals, und der Zwerg erſtickte beinah. Er rief wiederum aus nach Huͤlfe.. „Ho, ho!“— fuhr er halb erwuͤrgt fort,— gnaͤdiger Herr Richter, geben Sie Befehle dieſen Mann zu ergreifen,— ich werde nun mehr als eine Stunde haben, wenn mein Freund ſo gluͤcklich iſt, als ich,— 165 Huͤlfe! oder er wird entweichen;— er erwuͤrgt mich, damit ich nicht reden ſoll!— Ergreift ihn!— denn dies iſt der Moͤrder der Doolings!“ „Ja mein Herr, ſo iſt es,“ rief Herr B., der hereinſtuͤrzte, und den Vogt anredete, welcher eben mit ſeiner Manuſchaft zuruͤckgekommen war;„hier iſt der Befehl fuͤr die Verhaftnehmung dieſes Mannes; als eine Magiſtratsperſon Eurer Grafſchaft, uͤbergebe ich ihn Eurer Sorgfalt.“ „Tauſend Dank, gnaͤdiger Herr,“ ſagte Crohoore, und ließ ſeinen Antagoniſten los, ſobald er ſah, daß andre Haͤnde ſich ſeiner bemaͤchtigt hatten.—„Ich danke Euer Gnaden von ganzem Herzen; es ließ ſich von Ihrem Edelmuth erwarten, daß Sie zeitig genug erſcheinen, und ſich als meinen Freund zeigen wuͤrden.“ Und damit ſprang er behende auf den Stand bei der Docke, den er vorher eingenommen hatte. „Gnaͤdiger Herr,“ fuhr Herr B. gegen den Richter fort, mit dem er perſoͤnlich bekannt war;„Der Zufall hat dieſen Morgen einen der eigentlichen Vollzie⸗ her der Mordthat in meine Haͤnde fallen laſſen, deſſen die Perſon an den Gerichtsſchranken beſchuldigt und uͤberwieſen worden iſt; aber gnaͤdiger Herr, er iſt ſo unſchuldig, als ich bin. Der Menſch, den er eben ſelbſt ergriffen hat, und den ich nun arretirt habe, iſt einer von den Moͤrdern, der Andre, den ich erwaͤhnt habe, iſt gleichfalls eingezogen.“ Ein Ausbruch des Erſtaunens und des Unglau⸗ bens entfuhr allen Gegenwaͤrtigen, als Herr B. ſich 166 dem Richter naͤherte, um mit ihm zu ſprechen. Waͤh⸗ rend ein Menſch dem andern ſeine Verwunderung oder ſeine Zweifel zufluͤſterte, kehrte ein andrer ſchnell den Kopf um, zog die Stirn zuſammen, und ſagte mit vieler Weisheit in ſeinem Blick, daß er in ſeinem Herzen von der Unwahrheit uͤberzeugt waͤre, daß er laͤngſt etwas Aehnliches erwartet haͤtte, und Jedermann bezeigte ſympathetiſche Gefuͤhle des Erſtaunens, der Vorſicht oder der Genehmigung, durch erhobne Haͤnde, ſchnelles Schuͤtteln der Koͤpfe, und die Aeußerung floh in allen Richtungen umher.„Das uͤbertrifft Bana⸗ cher,“ ſagten einige, um ihre Verwunderung oder Be⸗ ſtuͤrzung an den Tag zu legen,—„ſtill,— das iſt nicht moͤglich,— ſeht ihn nur an,“ ſagten Andre, die ſich auf ihre phyſiognomiſchen Einſichten etwas zu Gute thaten.—„Wahrlich,“ ſagte der Leichtglaͤu⸗ bigſte und Beſtgeſinnte,„wahrlich, er iſt ſo haͤßlich, wie die Suͤnde; aber der iſt ſchoͤn, der ſchoͤn handelt; laßt uns das Ende abwarten.“ Hierauf nahm jeder wieder die Stelle ein, in die er gedraͤngt war. Haͤlſe und Koͤpfe wurden nun vorgeſtreckt, jeder Mund ſtand offen, Augen und Ohren waren geſpannt, der Athem wurde inne gehalten, um zu ſehn, zu hoͤren, und wo moͤglich, den wunderſamen Erfolg zu verſtehn, der nach ihren Berechnungen bald zur Ausſprache kom⸗ men mußte. Alle Augen waren nun natürlich auf den Men⸗ ſchen gerichtet, der ſo unerwartet in Verhaft genom⸗ men und ſo ploͤtzlich des ſchrecklichen Verbrechens be⸗ 167 ſchuldigt wurde, fuͤr das ein Andrer hatte buͤßen ſol⸗ len. Er war von den Leuten des Vogtes umgeben, trug einen ſehr weiten Ueberrock, deſſen ſtehender Kra⸗ gen uͤber ſeine Ohren reichte, und mit einem Haken uͤber die untern Geſichtszuͤge befeſtigt war. Ein gro⸗ ßes ſchwarzes Pflaſter bedeckte eins ſeiner Augen, und ein ſchwarzſeidnes Halstuch war auf eine Seite des Geſichts geſchlagen, als ob es einen leidenden Theil verhuͤllte. Sein Hut war von ungewoͤhnlichem Um⸗ fang, und da er ihn waͤhrend des Kampfes eiligſt auf⸗ geſetzt hatte, ſo hing er ihm ſo tief uͤber die Augen, daß kaum ein einziger Geſichtszug ſichtbar war. „Nehmt den Ueberrock vom Gefangnen ab,“ ſagte der Richter, und unterbrach ſein Geſpraͤch mit Herrn B. Seine Befehle wurden vollzogen, und die Griffe zweier großen Piſtolen, ohne die zu rechnen, die er auf Crohoore abgefeuert hatte, und fallen ließ, ſteckten von ſeinem Unterkleide hervor. „Nehmt ſeinen Hut ab, und das Pflaſter und Halstuch von ſeinem Geſicht,“ fuhr der Richter fort, welches gleichfalls geſchah,— und die verbrecheri⸗ ſchen Zuͤge des wahren Moͤrders waren die unſers alten Bekannten, Rhia Doran. Dies gab neue Gelegenheit zur uͤbermaͤßigſten Verwunderung, denn Doran war von den meiſten Ge⸗ genwaͤrtigen aus der Stadt und vom Lande gekannt, und nach einem neuen Geſumme bereiteten ſie ſich wiederum vor, eine vollſtaͤndige Auseinanderſetzung die⸗ ſer myſterioͤfen Sache zu hoͤren; aber ihre Neugierde 168 ſollte noch nicht befriedigt werden. Der Form gemaͤß, ſprach der Richter das Todesurtheil uͤber Crohoore aus, welcher dann in das untere Gefaͤngniß gefuͤhrt wurde, und auch Doran genoß die zaͤrtliche Sorgfalt des Ker⸗ kermeiſters. Elftes Kapitel. Nan wollen wir den Leſer in das Wohnzimmer unſers ehrenfeſten Kerkermeiſters fuͤhren; aber ehe wir die gewuͤnſchte Aufklaͤrung mittheilen, die dort gege⸗ ben wurde, koͤnnen wir nicht umhin, den Ort ſelbſt vorher zu beſchreiben. Die beraͤucherten Waͤnde waren mit allerlei No⸗ tizen verziert, von Gerichtsſitzungen, letzten Worten und Erklaͤrungen ſterbender Verbrecher, mit Proklama⸗ tionen, Entwuͤrfen zu Gefaͤngniß⸗Kalendern, untermiſcht mit großen Schluͤſſeln, die durch beſtaͤndigen Gebrauch ganz glaͤnzend gemacht waren, nicht roſtig, wie ſie gewoͤhnlich in den alten Romanen zu ſeyn pflegten. Alles dieſes hing jedoch ohne Ruͤckſicht auf Symmetrie an den Waͤnden; ja manche hingen ſogar umgekehrt, was hinauf gehoͤrte, kam herunter. Eine uͤbermaͤßig große Uhr, ohne Stundenzeiger, ſtand in einem Winkel; ihr langſames, ſchwerfaͤlliges Tick, Tick, Tick, 169 glich dem muͤhſamen Athmen eines aſthmatiſchen Men⸗ ſchen, und verrieth das Gewicht des Staubes und des Oels, das die Lungen bedruͤckte. In dem Diagonal⸗ Winkel befand ſich ein uralter Schenktiſch, der einge⸗ legt und ausgelegt, und geziert und verziert war, uͤber alle Vorſtellung und uͤber allen Ausdruck. Der uͤbrige Hausrath beſtand aus einem unfoͤrmlichen Tiſch von Eichenholz, mit herabfallenden Fluͤgeln, die zwei Zoll dick waren, nebſt ſtarken gedrechſelten Fuͤßen, mit aus⸗ geſpreizten Klauen, die den Klauen eines Tigers oder Loͤwens glichen, je nachdem die Einbildungskraft ſich ſolche dachte; vier oder fuͤnf maſſive Stuͤhle, von verſchiednen Formen und verſchiednem Stoffe, einige von Eichen⸗ die andern von Aeſchenholz, hier und da aufgeleſen, wie der Zufall ſie in den Weg warf; an ihrer Spitze ſtand ein großer zweiarmiger Kommandeur, der rauh gearbeitet, und ſo außerordentlich ſchwer war, daß man ihn nicht aus ſeinem Winkel beim Feuer wegruͤcken konnte; der Sitz war in zwei abgetheilte Concavitaͤten ausgehoͤhlt, berechnet fuͤr die zwei fetten Schenkel des fetten Matthias. Als wir von dem Armſtuhl ſprachen, ſagten wir, daß er an der Spitze der andern ſtand, und ſie gleich⸗ ſam kommandirte. Dies Gleichniß fiel uns bei, als wir die ſcharlachne und geſtickte Tapferkeit der Stadt ſahn, wo unſre Erzaͤhlung beendigt wird, als naͤmlich oͤffentliche Gefahr dem Staate drohete, und die friedlichen Handelsgenoſſen die martiale Kleidung an⸗ legten, und den ruhigen Laden verlaſſen mußten, um 170 das Gewehr zu tragen. Sie wurden von einem Men⸗ ſchen exercirt, der ihnen in unermeßlichem Umfang und Gewicht des Fleiſches uͤberlegen war, der da verſuchte, das kommandirende Wort der ſchwachen Faͤhigkeit der verwandelten Kraͤmer angemeſſen zu machen, ſo daß, wenn er ſagte: praͤſentirt das Gewehr, das Schloß der Flinte das Hoſenband gerade beruͤhren mußte. Wie dieſer Kommandeur nun, kam uns durch eine beſondere Ideenverknuͤpfung der Armſtuhl vor, und ſo wie die militairiſchen Kraͤmer, ſchienen uns die un⸗ beholfnen, zuſammengeſchleppten Seſſel in Matthias Zimmer; jedoch in dieſem Zimmer, wie es auch war, ſind jetzt Perſonen verſammelt, denen der Leſer, wie wir uns ſchmeicheln, bereit iſt, allenthalben zu folgen, um bei der Unterſuchung gegenwaͤrtig zu ſeyn, mit der ſie ſich beſchaͤftigen. Sie beſtanden aus Herrn B. nebſt zwei andern Magiſtratsperſonen aus der Grafſchaft, dem bisher ſo furchtbaren Crohoore, Pierce Shea,— dem geretteten Pierce Shea, dem wohl bewachten Rhia Doran, und aus ſeinem Bekannten, Tim Lyndop. Auch erſchien Sheemun Croonawnee, ob ihn gleich Herrn B's. Be⸗ dienter nicht finden konnte; ferner aus Andy Awling, als Pierce's Schatten, und aus dem Kerkermeiſter; denn da ihm das Zimmer gehoͤrte, ſo konnte er an⸗ ſtaͤndigerweiſe nicht ausgeſchloſſen werden, ob wir gleich eben jetzt nichts mit dem Manne zu thun haben; ferner noch aus einer kleinen weiblichen Figur, in ei⸗ nem abgeblaßten, abgetragnen karmoiſinen Mantel, deſ⸗ — — 171 ſen Capouchon uͤber ihren Kopf und ihr Geſicht hing, und alle andern Kleidungsſtuͤcke bedeckte. „Nun meine Herren,“ hob Herr B. an, wandte ſich an ſeine Magiſtratsbruͤder, haͤndigte ihnen ein Papier ein, und ſagte:„nun haben Sie die Guͤte, dieſe Depoſition zu leſen, ſie kommt von Miß Lovett, und iſt von großer Wichtigkeit.“ Sie laſen die Schrift verlangtermaßen; Herr B. ging zur Thuͤr, und fuͤhrte die junge Dame und ihren Vater herein. „Iſt das Ihre Unterſchrift, Miß Lovett?“ fragte eine der Magiſtratsperſonen, und zeigte die Depoſition. „Es iſt meine Unterſchrift,“ antwortete die ſchoͤne Deponentin. „Haben Sie den Inhalt dieſes Affidavits gele⸗ ſen? Und iſt er wahr?“ „Er iſt wahr!“ und Miß Lovett beſchwor die Wahrheit deſſelben. Herr B. fuͤhrte ſie nun gegen Rhia Doran, und fragte ſie:„iſt das der Mann?“ „Das iſt der Mann,“ antwortete ſie, und ver⸗ ließ mit ihrem Vater das Zimmer. „Durch dies Zeugniß denn,“ hob Herr B. wie⸗ der an,„wird der groͤßere der Gefangnen angeklagt, die Raͤuberbande angefuͤhrt zu haben, die vor wenigen Naͤchten erſt Herrn Lovetts Haus beſtahl.“ „Das Silber, das ich Ihnen gezeigt habe, meine Herren, von welchem ein Theil durch die Buchſtaben und das Wappen darauf beweiſen, daß ſie waͤhrend 172 jenes Diebſtahls entwendet worden ſind, habe ich im Beſitz des andern Gefangnen gefunden, und er iſt daher als ein Mitſchuldiger angeklagt. Wir wollen nun ihre Verbindung bis zu einem weit ſchrecklichern Verbrechen verfolgen; Kerkermeiſter, entfernet in abge⸗ theilte Plaͤtze die zwei Gefangnen und den Bettler.“ Doran, Lyndop und Sheemun wurden daher weggefuͤhrt, und die Thuͤr hinter ihnen zugeſchloſſen. „Crohoore,“ ſagte Herr B.,„gebt uns nun die Aufklaͤrung, die wir Alle ſo aͤngſtlich zu hoͤren wuͤn⸗ ſchen.” „Darf ich ſolche auf meine eigne Art geben?“ „Ja wohl, aber zoͤgert nicht.“ Naͤhert Euch, Dory Shea, Schweſter des Ed⸗ ward Shea, und Tante des Pierce Shea, der vor⸗ waͤrts ſteht; naͤhert Euch, und ſagt in Gegenwart dieſer guten Herren, und Eures eignen Neffen, wer, und was ich bin,“ und der Redner erhob ſeine kleine Geſtalt zu ihrer moͤglichſten Hoͤhe empor, und ein ſtolzes und triumphirendes Laͤcheln gab einen neuen, und nicht unangenehmen Ausdruck ſeinen ſonſt ſo wi⸗ drigen Geſichtszuͤgen, als das kleine niedergebeugte Weib auf ſeinen Ruf aus dem Hintergrunde herbei⸗ humpelte. „Der Name, den Du erhielſt, als Dich der Prie⸗ ſter taufte,“ antwortete ſie in einer ſchreienden, durch⸗ dringenden Stimme, derſelben, die Alley's Ohr ſo ſehr mißfiel, in der Nacht, als ſie entfuͤhrt worden,„der Name den Du erhielſt, als Dich der Prieſter taufte, — 173 war Anthon Dooling, und der ermordete Tony Doo⸗ ling war Dein Vater, und die ermordete Cauth Dooling, war Deine eigne Mutter. Ich bin alt, und ich bin welk, und ich bin eine Suͤnderin,“ ſie warf den Capouchon des Mantels von ihrem Kopf zuruͤck, und ſtrich die weißen Haare weg, die auf ihr runzlichtes Geſicht fielen, und ein Funke von Scharf⸗ ſinn, der im Alter ungewoͤhnlich iſt, erleuchtete ihre Augen,—„aber ich war einſt jung und bluͤhend, und gluͤcklich; ja, Dora Shea war einſt das Entzuͤcken mancher Augen, und die Pein mancher Herzen, bis ſie das frohe vaͤterliche Dach verließ, und mit einem Bettler die Welt durchzog, und dann veraͤnderten mich Leiden und Suͤnden bald ſo ſehr, daß mich mein Va⸗ ker mit heftigen Streichen von ſeiner Thuͤr jagte, als ich um Almoſen bat, denn er kannte ſeine eigne Toch⸗ ter nicht.“ „Als dies Geſchoͤpf zuerſt das Licht ſah,“ fuhr ſie fort, und wandte ſich gegen Crohoore,„da kam ich gerade als eine Bettlerin zu ſeines Vaters Haus. Mein eignes Kind ſtarb in meinen Armen, unter Tony Doolings Dach. Ich nahm dieſen aus der Wiege, und legte mein eignes, kaltes, ſteifes Kind an ſeine Stelle. Der Vater dachte, ſein Sohn waͤre todt, und Cauth Dooling vergoß muüͤtterliche Thraͤnen uͤber ihn. Nach einiger Zeit veraͤnderte ich meine Lebensweiſe; mein Mann, Garodhe Donohoe, der Bocchoch, ſie⸗ delte ſich zwiſchen den Huͤgeln an, wo er nahe bei der Thuͤr der Huͤtte einen Weg in einen alten Schlupf⸗ 174 winkel fand, der in einem Huͤgel angebracht war, und das Volk nannte ihn Sheeum-na-Sheeog. Ich brauchte nun Tony Doolings Jungen nicht mehr, mir betteln zu helfen, und ich legte ihn dahin, wo ihn ſein Vater gefunden hat.“ Hier wurde Dora Shea's ſchreiende Stimme viel ſchwaͤcher. „Aber Ihr habt mehr zu erzaͤhlen,“ ſagte Cro⸗ hoore. „Das hab' ich freilich, und ich will es auch Alles erzaͤhlen. Mehrere Jahre, ehe die Mordthat be⸗ gangen wurde, kam der junge Antony Dooling, der jetzt vor uns ſteht, mit ſeiner Flinte auf die Huͤgel, und da er umher lief, und in meine Huͤtte kam, ent⸗ deckte er Garodhe Donohoe's geheimen Platz in dem gruͤnen Huͤgel, und um mich ſeines Stillſchweigens zu verſichern,— denn er war ein verſtaͤndiger Knabe, fuͤrchtete ſich nicht vor Feen, und konnte nicht leicht wie die Andern hintergangen werden,— um mich alſo ſeines Stillſchweigens zu verſichern, ſagte ich ihm, — Gott vergebe mir meine Suͤnden!— daß er mein eigner Sohn waͤre, und ich erwaͤhnte eines Merkmals an ſeinem Koͤrper, das Niemandem, als ihm ſelbſt und einer Mutter bekannt ſeyn konnte. Ich ſah es wohl ein, daß es ihm gar nicht gelegen war, mich zur Mutter zu haben; aber von dem Tage an war er immer gut und unterwuͤrfig, wie ein Sohn, und er hat das Geheimniß ſeiner wahren Geburt nie ge⸗ wußt, bis in der Nacht, als er ſeine Schweſter Alley in meine Huͤtte brachte; denn da ich wuͤnſchte, ihn 175 von einer Suͤnde abzuhalten, an die er, wie ich nun weiß, nicht dachte, machte ich ihn in dem Augenblick, als ſie zuſammen vor mir erſchienen, mit der ganzen Wahrheit bekannt.“ Crohoore unterbrach die Erzaͤhlung.„Ich hoͤrte, daß ich einen Vater haͤtte, auf den ich ſtolz ſeyn koͤnnte, und eine Mutter die ich lieben wuͤrde, aber ich hoͤrte dies in der Nacht, da ſie eben waren er⸗ mordet worden. Ich bin mein ganzes Leben hindurch ein armes, freundloſes Geſchoͤpf geweſen; ein Ding, uͤber das ſich jeder luſtig machte, auf das jeder tram⸗ pelte, und das jeder ausſchalt. Daher wurden auch meine Worte rauh und heftig, aber ohne Boͤſes dar⸗ unter zu verſtehn. Mein Herz war blos veroͤdet, fin⸗ ſter und aͤußerſt leidend; es liebte Keinen„ denn Kei⸗ ner wollte ſich von ihm lieben laſſen, aber es hegte nie Bosheit gegen irgend ein lebendiges Weſen;— und ich hoͤrte, ich haͤtte einen Vater, aber er war todt! ich haͤtte eine Mutter, aber auch ſie war todt, — ach, ich dachte, daß mir das Herz im Leibe in jener Nacht brechen wuͤrde.“ Thraͤnen floſſen hier uͤber ſeine Wangen, und Angſtgeſtoͤhne ſchien ſeinen Buſen zu zerreißen. „Und nun,“ ſagte er, nachdem er einigermaßen ruhig war,„nun will ich Ihnen, gnaͤdige Herren, Alles mittheilen, was ich von jener Nacht weiß.“ „In jener Nacht, in jener blutigen Nacht, ſtahl ich mich aus dem Hauſe, nachdem die Familie zu Bett gegangen war, und dies hab' ich ſehr oft gethan, nicht 176 um mich zu dem guten Volke zu geſellen, wie es die mitleidigen Seelen von mir behaupteten, ſondern ich ging aus, um Fallſſtricke fuͤr Kaninchen zu legen, damit ich ſie meiner alten, vermeinten Mutter geben koͤnnte. Ich hatte eine Laterne in der Hand, und als ich zuruͤckkam, und nahe beim Hauſe war, hoͤrte ich einen Schrei in der Naͤhe. Es kam mir gleich ſonderbar vor, und ich ſchritt vorwaͤrts. Ich fand das Haus offen, und ich fand die Mordthat veruͤbt. Ich hob des alten Mannes Leiche auf, und meine Haͤnde wurden blutig; ach, ich wußte damals nicht, daß ich meinen todten Vater anſah. Ich ging durch das ganze Haus, und fand, daß Alley Dooling fort war, — Alley Dooling,— das einzige Weſen in der gan⸗ zen weiten Welt, das je des armen Crohoore's Freun⸗ din war, denn ihr Gemuͤth war ſo lieblich, als ihre Geſtalt. Ich nahm das beſte Pferd, ohne mich nach einem Sattel umzuſehn. Ich errieth den Weg, den die Moͤrder genommen hatten, durch das Schreien das ich noch hoͤrte, und ſetzte eiligſt in einer ſol⸗ chen Richtung uͤber die Gegend weg, daß ich die Wen⸗ dung der Straße vor ihnen erreichen mußte. Der Mond ſchien hell; ich band das Pferd unter dem Schatten eines Zauns, und ſtand auf demſelben, wo mich ein Gebuͤſch hinreichend verbarg. Waͤhrend ich dort wartete, kam durch einen Queerweg in den Feldern ein alter Mann zu mir, Sheemun Croonaw⸗ nee, der Bocchoch, um nach Garodhe Donohoe's Huͤgel zu gehn. Ich winkte ihm, naͤher zu kommen, 177 um mit mir aufzulauern. Wir ſprachen kein Wort mit einander, und die Schurken ſprengten bald einher. Ich hatte blos einen großen Stein in der Hand, und da ich Doran kannte, ſo bekuͤmmerte ich mich wenig um die Andern; denn Alley ſaß vor ihm auf dem Pferde. Ich zielte meinen Streich vollkommen wohl, denn er fiel auf die Landſtraße. Nun ſprangen Shee⸗ mun und ich hervor, und ſie eilten fort, ohne ihre Beute.“ „Ich ſetzte Alley, die ohne Bewußtſeyn war, auf's Pferd, und kehrte mein Geſicht weg, und Shee— mun blieb uns nahe. Als Alley zu ſich kam, er⸗ kannte ſie mich, nannte mich ihren Entfuͤhrer, und bat mich ſie ihrem Vater wieder zu geben. Nun ſah ich in einem Augenblick, wie die Sache ſtand. Alley hatte gar nicht geſehn, wer ſie entfuͤhrte; ihre Augen waren verbunden, bis ich ſie frei machte; ſie dachte daher, daß ich der Mann waͤre, und ich fing an zu fuͤrchten, daß man mich auch fuͤr den Moͤrder halten wuͤrde, denn alle Umſtaͤnde waren gegen mich. Ich fuͤrchtete, daß ich fuͤr die Handlungen andrer wuͤrde leiden muͤſſen. Ich wußte, ich hatte keinen Freund, mir beizuſtehn; ich wußte, daß kein menſch⸗ liches Geſchoͤpf glauben wuͤrde, daß der haͤßliche Zwerg unſchuldig ſey; ich beſchloß daher, Alley wegzuneh⸗ men, und ſie zu verbergen, die Beſchuldigung gegen mich zu ertragen, und mit dem alten Sheemun, den ich trotz ſeines Bettlerhandwerks, getreu fand, Himmel und Erde in geheim in Bewegünm zu ſetzen, bis wir II. 12 uns des Menſchen bemaͤchtigen konnten, der allein im Stande war, das Verbrechen zu dem wahren Uebel⸗ thaͤter heim zu bringen,— ich meine den Menſchen, der in jener Nacht an Rhia Dorans Seite ritt, und deſſen Geſicht wir hinlaͤnglich ſahn, um es nie zu vergeſſen.“ „Ich geſellte mich zu den Bocchochs, und be⸗ zahlte ſie mit Freigebigkeit; ich uͤberzeugte Alley, daß ich ihr leiblicher Bruder ſey, und ich behandelte ſie, wie es einem Bruder geziemt. Sie ſagte mir, wo ich Geld finden wuͤrde, das in ihres Vaters Hauſe verborgen war, und das Doran und der andre Kerl nicht entdeckten. Ich beſuchte daher die Stelle, die roth von ihrem Blute war, und ſo brachte ich die Mittel weg, den Tod meines Vaters und meiner Mut⸗ ter raͤchen zu koͤnnen; dies geſchah in der Nacht, als die Wake war. Ich folgte Dorans Spur, um den Menſchen mit ihm zu finden, den ich ſuchte. Doran war ein Raͤuber, und ich bezahlte Sheemun und ei⸗ nen Andern, ihm aufzulauern. Sie machten ihre Sache gut, und brachten mir Nachricht von allen ſeinen Handlungen. Aber obgleich ſie und ich ſelbſt lange, lange auf eine Gelegenheit warteten, ſo ging doch viel Zeit hin, ehe wir den Menſchen in ſeiner Geſellſchaft finden konnten.“ „Und bei allen Heiligen, Ihr muͤßt ein ſchweres Werk gehabt haben,“ ſagte Mathias, der eben allein zuruͤck gekommen war,„denn ich hatte den Kerl feſt 81 1 8 179 in einem meiner ſteinernen Kruͤge, bis er am Tage des Jahrmarkts in Kilkenny, frei gelaſſen wurde.“ „Und es war gerade an dem Tage,“ fuhr Cro⸗ hoore fort,„daß mein Spion Doran und ihn zuerſt zuſammen ſah; ich kam ſogleich, um ſie auch zu ſehn; aber ſie waren fort. Zeitig dieſen Morgen ſah er ſie wieder auf der Straße in dieſer Stadt, auch hoͤrte er, daß Lyndop ſich auf den Weg nach Dublin machen ſollte, um das zu verkaufen, was in dem Schnappſack war. Sheemun und ich wollten ihnen auf zwei guten Pferden folgen, wohin ſie auch gingen, zuſammen oder allein, und ich kam blos als ein Kruͤppel in der Karre, um den alten Edward Shea zu ſehn, als er aus dem Kerker kam, und um ihm ein Wort des Troſtes zu ſagen; denn ich wußte, ſein Sohn wuͤrde nicht hin⸗ gerichtet werden; und da wurde ich ſelbſt verhaftet.“ „Seyd Ihr uͤberzeugt, daß Ihr Euch nicht in dem Geſicht und in der Perſon des Menſchen irrt, den Ihr in der Nacht der Mordthat mit Doran ſahet?“ fragte Herr B. „So uͤberzeugt, als ich von irgend etwas in der Welt bin; er war ja eben hier im Zimmer.“ Herr B. ſprach leiſe zu Mathias, der ſich ent⸗ fernte, bald aber zuruͤckkam, mit wenigſtens einem halben Dutzend uͤbel ausſehender Kerle. „Iſt er jetzt in der Stube?“— fragte eine Magiſtratsperſon. Crohoore uͤberſah mit einem einzigen ſcharfen Blick die Gruppe, und erkannte ſogleich den Fleiſcher. 12* 180 „Rufe den Bettler herein, und Ihr, Crohoore, ſprechet nun kein Wort.“ Sheemun erſchien, und ſeine klaren Antworten auf die mancherlei Queerfragen, die ihm vorgelegt wur⸗ den, beſtaͤtigten Crohoore's Bericht in den kleinſten Umſtaͤnden, und als man von ihm forderte, diejenigen anzuſehn, die mit Mathias herein gekommen waren, wies er auch ſogleich auf den muͤrriſchen Tim Lyndop. „So weit, meine Herren, ſcheinen die Zeugniſſe zuſammenhaͤngend und uͤbereinſtimmend zu ſeyn,“ fuhr Herr B. zu den Magiſtratsperſonen fort;„doch, wie Sie richtig bemerkt haben, auf Crohoore's und des Bettlers Anklage allein, ſo ſehr ſich auch ihre Worte gleichen, koͤnnte dennoch vielleicht Zweifel entſtehn; wenn wir aber im Stande waͤren, den Charakter die⸗ ſes außerordentlichen Crohoore, bei mehr als einer Gelegenheit, und durch den Mund von mehr als ei⸗ ner Perſon, mit der er keine Ruͤckſprache gehabt ha⸗ ben konnte, wenn wir ſeinen Charakter auf dieſe Weiſe, ſage ich, in ein vortheilhaftes Licht ſtellen koͤnnten, dann muͤßten ſein und Sheemun's Zeugniſſe, wie ich vermuthe, von groͤßerm Gewicht ſeyn, wenn ſie anders Beide wie jetzt, in ihrem Bericht einig ſind.“ Die Magiſtratsperſonen genehmigten dies, und Herr B. gab eine zweite Depoſition von Miß Lovett, welche anzeigte, daß ſie unter den folgenden Umſtaͤn⸗ den ihr Leben und ihre Ehre Crohoore zu verdanken hatte. In der Nacht, als ihres Vaters Haus erbro⸗ chen wurde, kam Doran, der Anfuͤhrer der Bande, 181 in ihre Kammer, nachdem er die andern Zimmer ge⸗ pluͤndert hatte, und behandelte ſie mit ſchimpflicher Frechheit. Sie ſchrie und kaͤmpfte eine Zeitlang ver⸗ gebens, bis endlich die Bedienten, die Crohoore an⸗ fuͤhrte, hereinſtuͤrzten und ſie retteten. Der ſchaͤnd⸗ liche Raͤuber entkam durch ein offnes Fenſter. Er trug eine Larve, aber in dem graͤßlichen Widerſtand fiel ſie ihm vom Geſicht, und Miß Lovett konnte da⸗ her mit Gewißheit ſchwoͤren, wie ſie in ihrem vorigen Affidavit gethan hat, in Betreff der Beſchaffenheit ſei⸗ nes Geſichts, da die ſcheußliche Wunde an ſeiner Kinn⸗ backe ſolches ſo ſonderbar auszeichnete. Pierce Shea erinnerte ſich hier ſeiner Prophezei⸗ hung, als er ihm die Wunde verſetzte, naͤmlich, daß ſie ihn wohl einſt mit Gottes Huͤlfe zum Galgen verhelfen wuͤrde.“ Ein Bedienter, der jetzt vorgeladen wurde, beſtaͤ⸗ tigte Miß Lovett's Zeugniß durch das ſeinige. Er be⸗ richtete, daß die Raͤuber ihn und die andern Bedienten banden, ſobald ſie in das Haus ſeines Herren kamen, und daß ſie ſie insgeſammt in eine Stube einſperrten, waͤhrend ſie den uͤbrigen Theil des Hauſes pluͤnderten. Als wir nun in dieſem Zuſtand da lagen, kam ploͤtz⸗ lich ein fremder Menſch durch ein Fenſter des Hinter⸗ hauſes, zerſchnitt die Stricke die uns banden, und fuͤhrte uns an, unſre junge Dame zu befreien, und dieſer Crohoore war der Mann, der uns anfuͤhrte.“ „Ja,“ ſagte Sheemun,„die Nacht, als Herr Lovett beſtohlen wurde, befand ich mich mit Crohoore, 182 unter Gottes Leitung, ganz dicht hinter der Raͤuber⸗ bande; wir hoͤrten das Geſchrei der Dame, und er verließ mich ſchnell und muthig, um ihr beizuſtehn.“ „Dies iſt beinah entſcheidend,“ ſagten die Ma⸗ giſtratsperſonen. „ Und es iſt hoͤchſt merkwuͤrdig,“ erwiederte Herr B., daß dieſer arme Mann, Crohoore, ſo lange in Verdacht ſtand, dieſe Bande ſelbſt angefuͤhrt zu haben, deren Verderben er nun bewirkt hat. Ich ſelbſt glaubte die Vermuthungen des Magiſtrats in der Grafſchaft, und als er mir einen Brief von Miß Lovett nach Dublin brachte, mit der Bitte, das Leben meines jungen Pachters, Shea, zu retten, ſo erfuhr ich zum erſten Mal, welche gute Dienſte er ſelbſt geleiſtet hatte. Als er meine Thuͤr verließ, erblickte ich ſein Geſicht, welches ich oft auf dem Lande geſehn hatte. Mein erſter Eindruck war, ihn ungeachtet der Em⸗ pfehlung, die ich eben zu ſeinem Gunſten erhalten, ſogleich zu arretiren als einen Raͤuber, und ſelbſt als einen Moͤrder, denn ich erinnerte mich auch der an⸗ dern ſchrecklichen Anklage gegen dies arme unbefreun⸗ dete Geſchoͤpf.“ Waͤhrend dieſer Rede fuͤhlte Pieree Shea das groͤßte Erſtaunen, und er wartete blos, bis ſie zu Ende war, um Herrn B. zu fragen:„war Crohoore der Ueberbringer des Briefs, der mein Leben gerettet hat?“ „Ja wohl, er war der Ueberbringer deſſelben,“ erwiederte Herr B.;„Miß Lovett beſtand darauf, daß 183 er keine andre Vergeltung fuͤr ſeinen wichtigen Dienſt annehmen wollte, und daß dies daher der einzige Be⸗ weis ihrer Dankbarkeit gegen ihn ſein koͤnnte, wenn ich mich unmittelbar fuͤr Euch verwendete. Auch ent⸗ hielt ihr Brief die Hauptumſtaͤnde der Ereigniſſe, die Euer Unrecht verringerten und klar darthaten, auf wel⸗ che Weiſe Ihr verfuͤhrt wurdet, Euch zu den weißen Jungen zu geſellen. Auch ließ Crohoore eine authen⸗ tiſche Schrift zuruͤck, in welcher die Handlungen jener ungluͤcklichen Maͤnner in der Nacht Eurer Inaugura⸗ tion dargeſtellt, und Miß Lovett's fluͤchtige Anſpie⸗ lungen darauf, klar auseinander geſetzt wurden.“ „Du haſt alſo zweimal mein Leben gerettet, Crohoore,“ ſagte Pierce Shea, als er ſich ihm naͤherte, und ſeine Haͤnde mit Dankbarkeit und Waͤrme druͤckte. Thraͤnen floſſen uͤber des armen Crohoore's Wangen, als er antwortete: „Ja Pierce;— ich wußte, daß der Menſch, der Freundſchaft fuͤr Euch heuchelte, Euer aͤrgſter Feind war; ich kannte alle ſeine Plaͤne; er miethete einen Kerl, der Euch erſchießen ſollte; aber es gelang ihm nicht, da ich nahe war; dann verleitete er Euch, ein weißer Junge zu werden; hierauf veranlaßte er den⸗. ſelben Kerl, Euer Leben dafuͤr weg zu ſchwoͤren, und er ſelbſt ſchickte nach den Soldaten, in Eures Vaters Haus zu kommen.“ „Zum drittenmal denn bin ich dein ewiger Schuldner.“ Pierce druͤckte ihm abermals die Hand. „Laßt das nur gut ſeyn,“ erwiederte Crohoore 184 in einer gebrochnen Stimme.—„Sprocht nicht mehr davon; was ich auch gethan haben mag, ſo war es doch zu wenig fuͤr dies, zu wenig dafuͤr, daß endlich ein Nebengeſchoͤpf ſo freundlich zu mir ſpricht. Ach, dies iſt wirklich ein großer Tag fuͤr mich!“— Die Magiſtratsperſonen hatten waͤhrend dieſer Aufklaͤrung eine geheime Berathſchlagung zuſammen gehabt. Herr B. ſprach nun wieder zu den Uebrigen: „Daß der Beſchuldigte gegen das junge Frauen⸗ zimmer ſo gehandelt hat, wie er vorgiebt, werde ich ſogleich erweiſen; doch zufoͤrderſt will ich zu allen vor⸗ hergehenden Beweiſen gegen die Moͤrder, Doran und Lyndop, noch dieſen entſcheidenden Beweis hervorbrin⸗ gen,“ und Herr B. zeigte einen halben großen Eß⸗ loͤffel, und zwei Thee⸗ oder Deſertloͤffel, die voͤllig ganz waren, und die er aus dem Sack des Fleiſchers genommen hatte.„Ich entdeckte ſie,“ fuhr Herr B. fort,„als ich mehr Muße fand, die verſchiednen Ar⸗ tikel der Beute aufmerkſam zu unterſuchen. Ew. Gnaden werden an dieſen Loͤffeln die Buchſtaben A. C. D. wahrnehmen: Anthony und Cathering Doo⸗ ling, die Buchſtaben der Namen der gemordeten Per⸗ ſonen, aus deren Hauſe ſie geſtohlen wurden. Unter⸗ ſuchen Sie ſolche, und merken Sie ferner, wie ſie werden erkannt werden.“ Er ging hinaus, fuͤhrte aber bald Alley Dooling herein; ſie legte einen Eid ab, und ſagte mit groͤßter Gewißheit, daß die zwei kleinern Loͤffel das Eigen⸗ thum ihres Vaters geweſen waͤren. Herr B. ließ ſie 185 neben ſich ſetzen, und Alley kehrte ihre Augen nicht umher. „Ihr Bedienter, gnaͤdiger Herr, iſt eben ange⸗ kommen mit dem alten Vogel, warm vom Neſt,“ ſagte Mathias. „Iſt er angekommen?“— rief Herr B. lebhaft aus, da er des Kerkermeiſters Sprache wohl verſtand. —„Das zeigt etwas Gutes, denn er wuͤrde den alten Herrn nicht umſonſt herbringen.— Laß ihn her⸗ ein kommen.“ Pat erſchien nun mit zwei Polizeidienern der Grafſchaft; ſie berichteten, daß ſie mit militaͤriſcher Begleitung in des alten Doran's Haus gegangen wa⸗ ren, und es genau unterſucht hatten,„und unter an⸗ dern niedlichen Dingen,“ fuhr Pat fort,„fanden wir dies, welches einer der Maͤnner zu kennen glaubte; hierbei zog er aus ſeiner Taſche eine große Uhr. Alley ſchrie auf, als ſie ſolche ſah; es war ihres Vaters Uhr. Auch Pierce kannte ſie ſogleich.„Wenn wir mehr Beweiſe beduͤrften,“ ſagte Herr B.„ſo wuͤrden uns dieſe Umſtaͤnde ſolche darbieten.“ Der Magiſtrat war ganz derſelben Meinung, und der Schreiber fertigte ſogleich einen Verhaft aus, gegen die beiden Dorans und ihren ſchmutzigen Mitſchuldigen. „Noch ein Punkt iſt erforderlich, die Ehre mei⸗ nes armen Protégé, Crohoore, aufzuklaͤren,“ ſagte Herr B.,„Sie haben einen Eid abgelegt, Miß Doo⸗ ling; haben Sie nun die Guͤte, dieſes Mannes Be⸗ 186 tragen gegen Sie zu beſchreiben, waͤhrend Sie ver⸗ borgen waren.“ „Es war das Betragen eines Bruders, wie er wirklich war,“ erwiederte Alley;„alles Gute, was er mir in dem geheimen Ort verſchaffen konnte, in wel⸗ chem ich mit der ungluͤcklichen Dora Shea und ihrem Manne lebte, das verſchaffte er mir; nur kam er frei⸗ lich ſelten zu uns: aber ich wußte, daß er umherging, und ſich der Gefahr ausſetzte, um mein Wohl zu be⸗ foͤrdern;z ich wußte, daß Doran noch immer alle Mit⸗ tel anwandte, mich in ſeine Gewalt zu bekommen, und ich begnuͤgte mich zu bleiben, wo ich war, und unter Crohoore's Schutz andre und beſſere Tage abzuwarten.“ — Bei dieſen letzten Worten kehrte Alley ihre Augen auf Pierce Shea. „Ich vermuthe, meine Herrn, Sie werden mir nun Ihre Mitwirkung nicht verſagen, dem Gouverne⸗ ment eine ſolche Rechtfertigung dieſes erſtaunlichen Mannes einzuſchicken, welche einen unmittelbaren Wi⸗ derruf ſeiner unverdienten Verurtheilung nach ſich zie⸗ hen muß.“ Die Magiſtratsperſonen druͤckten ihre Be⸗ reitwilligkeit und ihren Wunſch aus, den noͤthigen Be⸗ richt ſogleich auszufertigen; zuvor aber berathſchlagten ſie manches untereinander. Neue Gefuͤhle der Freude erfuͤllten unterdeß Pierce's Herz waͤhrend Alley's Rede, und indem er ſich ihr naͤherte, rief er aus:„Guter Gott, wie bin ich doch allenthalben hintergangen wor⸗ den!— Doch beantworte mir noch eine Frage, Alley; 187 warum ſchlugſt Du es ab, mich aus dem Thale Bal⸗ lyfoile zu begleiten?“ 1 „Weil wir Nachricht erhalten, Pierce, daß Doran in jener Nacht Deine Verhaftnehmung entworfen hatte, und daß er mich beſonders dann allenthalben aufſuchte. Ich hatte keinen ſichrern Zufluchtsort, als den, den ich verließ, um Dich zu ſehn. „Aber warum ergriffen mich die Maͤnner?“ „Sheemun wird es Euch ſagen,“ erwiederte Cro⸗ hoore. „Gott vergieb mir meine Suͤnden, freilich kann ich es Euch ſagen, denn ich ſelbſt war einer von den Maͤnnern, und Shaun Law Tchaum der Andre, und der arme Risthardh Bocchoch und Vater Keanoch mit uns; hierauf warnte Euch Shaun auf dem Jahrmarkt, denn ſo wahr ich nicht in meinen Suͤnden zu ſterben hoffe, wir wollten Euch blos aus dem Wege ſchaffen, bis Doran ſelbſt in Sicherheit gebracht war.“ „Und nun, Pierce Shea, Freund meines Vaters, iſt Euer Gemuͤth beruhigt?“ fragte Crohoore. „Es iſt vollkommen ſo,“ antwortete Shea;„aber ich habe die arme Alley zu ſehr beleidigt, als daß ſie mir vergeben koͤnnte.“ „Keinesweges,“ ſagte Crohoore;„da wir unſre Plaͤne vor Euch verheimlichten, weil wir dachten, daß Ihr zu hißig waͤrt, um ſie ruhig zu befolgen und ſie nicht zu verrathen, ſo iſt es kein Wunder, daß Ihr Eure eignen Gedanken uͤber uns hattet. Aber wir veraͤnderten unſre Geſinnungen nicht. Wohlan, 188 Pierce, nehmet ſie von ihres armen Bruders Hand; ein ſo gutes Maͤdchen, als je unter der Sonne er⸗ ſchien. Da Ihr nicht des Vaters Segen mit ihr ha⸗ ben koͤnnt,“— ſeine Stimme zitterte wieder,—„ſo nehmet den meinigen.“ Das junge Paar ſtuͤrzte einander in die Arme, und in dem Augenblick ſah ſich jeder in der Verſamm⸗ lung um, da ſich ploͤtzlich aus einem Winkel ein Ge⸗ ſchrei hoͤren ließ, das kein Andrer als Andy Awling ausſtieß. Herr B. fragte ihn in einem etwas ſcharfen Ton um die Urſache ſeiner ungeziemenden Unterbrechung, und er erklaͤrte ſie folgendermaßen:„Wir bitten Ew. Gnaden zehntauſendmal um Verzeihung; aber es iſt die Mode bei uns ſo zu ſchreien, wenn wir freudig ſind, oder betruͤbt, oder toll, oder etwas dergleichen. Und ſo wahr ich dieſen Stuhl in der Hand halte, mein Herz iſt in dieſem Augenblick ſo groß wie ein Haus; denn unabhaͤngig von Allem was wir jetzt ſehn und hoͤren, da giebts auch noch ein Geſchoͤpf in Cla⸗ rah, das ſo froh ſeyn wird, als ich bin, ein Geſchoͤpf das bereit iſt, Jemanden zu heirathen, den ich kenne.“ Und nun ging er wieder ruhig zu ſeinen Freunden. „Herr Crohoore,“ ſagte er, und machte einen ehrerbietigen Kratzfuß,„vielleicht werdet Ihr ſo ge⸗ faͤllig ſeyn, mir einige Dinge zu ſagen, die ich gern wiſſen moͤchte.“ „Sehr gern, Andy, was es auch ſeyn mag.“ „War es kein wirklicher Geiſt, den wir eines 189 Nachts in dem alten Schloß zwiſchen den Huͤgeln ge⸗ ſehn haben?“ „Ich war es ſelbſt,“ ſagte hier die alte Dora Shea;„einige Leute fingen an, verlaufenes Vieh nach Garodhe Donohoe's verborgnem Aufenthalt zu bringen, und da Alley bei uns war, ging ich aus, um ſie zu verſcheuchen. Und als ich Euch alle mit Gewehren bewaffnet ins alte Schloß gehn ſah, konnte ich leicht vermuthen, daß Ihr Crohoore auf der Spur wart; und als Ihr alle eingeſchlafen wart, goß ich daher Waſſer in die Flinten, damit ſie keinen Schaden an⸗ richten ſollten.“ „Es iſt nun freilich kein Wunder, daß wir ihn nicht trafen jenſeit des Ufers,“ ſagte Andy nachdenkend,— „aber, Crohoore, als ich Euch in den Kopf ſchoß, an der Außenſeite der Hoͤhle,— wie kam es, daß Ihr damals nicht getoͤdtet wurdet?“ „O, das ſoll Alles noch erklaͤrt werden, Andy; an einem langen Winterabend, bei einem guten Feuer, wenn unſre Leiden und Widerwaͤrtigkeiten faſt ver⸗ geſſen ſind, wenn Pierce mit Alley verheirathet iſt, und Bridge Chree und Du, Andy, nur Eins ausma⸗ chen; dann, ja dann, ſo Gott will, ſoll Alles recht umſtaͤndlich erzaͤhlt werden.“