. S 76 0/ LeiEdecher deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von. jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe ſ = N binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 8 b 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ſſ eträgt 3 für achentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— T 4 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. 23. Auswärtige Abonnenten haben für Sin⸗ lund Zuruckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der kleſen zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daßz das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Xe dcreereeaheeeh er eeeeeLeeee 2 3— f A Der Zwerg. Ein irlaͤndiſches Sittengemaͤlde Aus dem Engliſchen uͤberſetzt von E. L. Domeier, geb. Gad. Erſter Theil. Hamburg, bei Auguſt Campe. 1828. Vorrede der Ueberſetzerin. Der groͤßte Fehler der Romane beſteht vielleicht darin, daß ſie zu anziehend ſind— zumal fuͤr Frauenzimmer. Denn obgleich der weibliche Beruf von großer Bedeutung und Wichtigkeit iſt, ſo laſſen ſich ſeine Verrichtungen doch ſo leicht verzoͤgern und aufſchieben, daß dadurch Unordnung, und mithin Unheil, entſtehn muß. Maͤnner duͤrfen ſich dem Hange Romane zu leſen, eher uͤberlaſſen, denn ihre Berufsgeſchaͤfte ſind meiſtens Brodgeſchaͤfte, die ſich nicht verzoͤgern laſſen, ſo lange der Magen eine Stimme hat. Doch, in einer edlen, weiblichen Bruſt wei⸗ chen die Sympathien mit der Idealenwelt vor den Pflichten eines thaͤtigen Lebens, und wenn der Kampf ſchwer iſt, ſo iſt er um deſto ruͤhmlicher. Miit dieſen Geſinnungen, die keinesweges einen maͤßigen Genuß, ſondern nur das Uebermaaß ver⸗ IV werfen, las ich, durch einen Zufall, dieſen Roman. Wenn er meinen Landsleuten weniger gefallen ſollte, als er mir gefallen hat, ſo liegt der Fehler wahr⸗ ſcheinlich an der Ueberſetzung, die immer nur, wie Sancho Panza ſagt, der umgekehrten Seite einer Tapete gleicht. Die Schottlaͤnder haben ein vortreffliches Woͤr⸗ terbuch, das die Idiome oder Eigenheiten ihrer Sprache vollkommen erklaͤrt und auseinander ſetzt. Den Irlaͤndern gebricht es an einem ſolchen Huͤlfs⸗ mittel.„ Ich habe es nicht vermocht, Andy und manche andern Charaktere in dem Roman ſo fehlerhaft Deutſch ſprechen zu laſſen, als ſie im Original Irlaͤndiſch ſprechen; aber wenn ich es auch ver⸗ mocht haͤtte, ſo wuͤrde ſich mein Geſchmack dagegen geſtraͤubt haben. Uebrigens habe ich mir die Erlaubniß meines Verlegers, Alles weg zu laſſen, was mir nicht geſiel, nur ſparſam zu Nutze gemacht. London 1828. E. L. Domeier, geb. Gad. Erſtes Kapitel. Dae ſterblichen Ueberreſte des alten Anton Dooling und deſſen Frau, lagen, die Nacht vor ihrer Beerdigung, in ihren feierlichen Sterbekleidern neben einander. Die Bewohner des Kirchſpiels Clarah, in der Grafſchaft Kilkenny, hatten ſich zur Wache*) verſammelt bei den Leichen, die dem Gebrauche gemaͤß, in zierliche Geabtuͤcher gehuͤllt, in einer großen Scheune lagen, die an das bequeme Wohnhaus ſtieß, deſſen Beſitzer ſie vor Kurzem noch geweſen waren. An der Seite des Todtenlagers befanden ſich die weiblichen Verwandten und die Gevattersleute, an welche ſich noch einige befreundete Nachbarn anſchloſſen. Am Fuße aber ſtan⸗ *) Von dieſem irlaͤndiſchen Gebrauche giebt unſer Autor weiterhin eine ausfuͤhrliche Beſchreibung. Anm. d. Ueberſ. 1* 1 2 den die gemietheten Klagenden, die in wehmuͤthigen Kadenzen den Keenthechaun, oder das Grablied ſangen. Ihre Geberden, Geſichtszuͤge und ihr ganzes Weſen, druͤckten auf eine uͤbertriebene Weiſe einen er⸗ kuͤnſtelten Gram aus, fuͤr den ſie bezahlt wurden. Doch zuweilen ſchien der Gegenſtand ihres Geſanges auf ſie zu wirken, und ſie verfielen in ein natuͤrliches Weh⸗ klagen, oder in ein ſchmelzendes Pathos. Der Geſang begann mit dem Lobe der Verſtorbenen. Ihre Tugend und Wohlhabenheit wurden geprieſen, und die Geſchichte ihrer Familien⸗Verbindungen durch eine endloſe Kette von Verwandten verfolgt,— und hier brach wieder eine wilde Klage aus uͤber ihren unzeitigen, ſchrecklichen Tod. Wenn eine Stimme aufhoͤrte, fiel die andere ein. Das Ganze wurde in irlaͤndiſcher Sprache vor⸗ getragen, in unregelmaͤßigen Reimen, die aus dem Stegreif komponirt wurden, und von denen ein Vers dem andern mit erſtaunlicher Schnelligkeit folgte. In der geraͤumigen Scheune befand ſich eine Menge Volks, welches die Rhapſodie anhoͤrte, oder ſich einander Bemerkungen mittheilte, in jenen halbleiſen Toͤnen, in denen man ſich gewoͤhnlich ſchauerliche und geheimnißvolle Maͤrchen zufluͤſtert. Als der Geſang aufgehoͤrt hatte, ſtand ein alter Mann von ſeinem Sitze bei den Leichen auf, entbloͤßte ſein graues Haupt und kniete nieder; alle Gegenwaͤrtige folgten ſeinem Beiſpiel, und ihr vereintes Gebet erhob ſich fuͤr die Seelenruhe der verſtorbenen Nachbarsleute. Eine irlaͤndiſche Todtenwache(wake) war, in der ᷣ ᷣ 3 Periode, die wir beſchreiben, ſelten ſo anſtaͤndig und einem Sterbehauſe ſo angemeſſen als dieſe*): denn ſo ſonderbar und gefuͤhllos es auch ſcheinen mag, ſo war doch eine ſolche Wache gewoͤhnlich eine Scene des Schmaußens, Scherzens und der Luſtigkeit. Die Alten fuͤllten ihre Pfeifen und Doſen mit Rauch⸗ und Schnupftabak von den Tellern, die fuͤr dieſen Zweck bei den Leichen ſtanden. Dann vereinigten ſie ſich in kleine Haufen, ſchmauchten, ergoͤtzten ihre Naſen, ſchwatz⸗ ten und plauderten miteinander, das heißt Alle ſpra⸗ chen und Keiner hoͤrte, was der Andere ſagte. Der juͤngere Theil einer ſolchen Verſammlung vergnuͤgte ſich auf eine ſeinem Alter mehr angemeſſene Weiſe. Sie fuͤhrten kleine Spiele auf, unter der Aufſicht eines Luſtigmachers, wovon jedes anſehnliche Dorf gewoͤhnlich einen ſolchen beſaß, der es ſich zum Geſchaͤft machte, bei jeder Todtenwache, ſieben Meilen in der Runde, zu erſcheinen, um die Unterhaltung anzuordnen. Unter ſeiner Leitung trieben die jungen Leute ihr munteres Weſen, mit der frohen Laune und dem Witze, durch welchen die irlaͤndiſchen Bauern ſo bekannt und aus⸗ gezeichnet ſind. Lautes Getoͤſe und ungebundene Froͤh⸗ lichkeit fuͤllten auf dieſe Weiſe die Nacht aus. Nichts konnte in einer Sterbekammer unpaſſender und unge⸗ ziemender ſeyn; aber nichts war doch gewoͤhnlicher, und es fiel daher gar nicht auf. *) Die katholiſche Geiſtlichkeit hat dieſen Gebrauch nun ziemlich abgeſchafft. Anm. d. Verf. 1* 4 Doch bei der Todtenwache des Anton Dooling und ſeiner Frau war dies nicht der Fall. Das Ent⸗ ſetzen, das durch die Umſtaͤnde ihrer tragiſchen Todes⸗ art erregt worden, verhinderte dieſen ſo allgemein be⸗ folgten Gebrauch, und der klagenvolle Keenthechaun, die fortgeſetzten Gebete, ſo wie die Erzaͤhlung ihres traurigen Geſchicks, fuͤllten allein die lange, truͤbe Win⸗ ternacht aus. Zweires Kapitel. Am Weihnachtsabend 17.. ſaß Anton Dooling mit ſeiner Familie rings um das Kuͤchenfeuer. Er war ein bemittelter Paͤchter von einem betraͤchtlichen, fruchtbaren Strich Landes, aus den alten, guten Zeiten, der Alles was er trug, ſelbſt erzeugte, ausgenommen ſeinen breiten Filzhut, ſeine Sonntagsſchuhe mit Schnallen, und ſeine Holzſchuhe, mit denen er im Pachthofe her⸗ umtrampelte. Fuͤr Eſſen und Trinken ging wenig Geld aus dem Hauſe. Er ſchlachtete ſowohl Oſtern als Weihnachten eine Kuh, maͤſtete ſeine Schafe und Huͤhner, raͤucherte ſeinen Speck, buk ſein Brod und brauete ſein Bier. — — — 5 Ueberfluß herrſchte in ſeinem Hauſe, und ſeine Hand war ſtets bereit den Armen beizuſtehen. Kein Fremdling kehrte von ſeiner Thuͤr, ohne Beweiſe ſeiner Gaſtfreiheit zu erhalten. Doch Anton hatte auch ſeine ſchlimmen Seiten: ſein Temperament war aͤußerſt heftig, und waͤhrend der Paroxismen dieſer Leidenſchaftlichkeit mißhandelte er nicht ſelten ſeine Knechte. Aber wahrlich, es ſchien faſt, als thaͤte er dies blos, um ſich hinterher zu ihrem Vortheil mit ihnen zu vergleichen, wenn er wieder kalt und ruhig geworden war. Ein Torffeuer brannte in dem großen Kamin, und die rothen Flammen erleuchteten die hellgeſcheuer⸗ ten zinnernen Teller und Schuͤſſeln und die ſchim⸗ mernden kupfernen Gefaͤße, die auf der entgegenge⸗ ſetzten Seite aufgeſtellt waren; ſie zeigten einen gro⸗ ßen Vorrath von Speck, der im Innern und an der Außenſeite des Kamins hing, und beſtrahlten zugleich die Geſtalten und Geſichter einer frohen Gruppe, die ſich's nach vollendetem Tagewerk beim Feuer wohl ſeyn ließ. Auf einer Seite des Feuers, im Innern des her⸗ vorragenden Kamins, ſaß der Herr des Hauſes, An⸗ ton Dooling, in ſeinem Armſtuhl, ein Bein uͤber daͤs andere geſchlagen, mit einer kurzen Pfeife, die auf der hervorſtehenden Unterlippe ruhete, welche er aber oft ſchnell wegnahm, um an dem Lachen Antheil zu neh⸗ men, das um ihn her erſchallte. Gegen ihm uͤber ſaß 6 ſeine Hausehre, eine ordnungsliebende, rechtliche, ſich immer gleichbleibende Frau, deren ſanfter, friedlicher Charakter auf ihrem heitern Geſichte ausgedruͤckt war. Sie ſang leiſe ein veraltetes Lied, das durch das Schnurren ihres Spinnrads in ihren eigenen engen Umkreis beſchraͤnkt wurde. Auf einer Seite ſtand ein langer, hoͤlzerner Tiſch, an dem der Herr und die Knechte, die Hausfrau und die Maͤgde gewoͤhnlich aßen, ausgenommen wenn ſie einen vornehmen Gaſt hatten, den ſie in dem nett moͤblirten Wohnzimmer aufnahmen, das einen hoͤlzernen Fußboden hatte, und an das Hintertheil der Kuͤche anſtieß. Im Vorder⸗ grunde befand ſich eine Bank, die zum Tiſch gehoͤrte, auf welcher fuͤnf oder ſechs Arbeitsleute ſaßen, die ſich des heitern Feuers erfreuten, und auf die zutraulichen und ſittſamen Scherze ihres gutmuͤthigen Hausherrn horchten. Unter dieſen befand ſich Paudge Dermody, deſſen laͤndlicher Witz und deſſen ſchalkhafte Zunge ſich nie erſchoͤpften, und der heute beſonders aufgelegt ſchien, die Gruppe zu einem fortwaͤhrenden Lachen zu reizen. Aber niemanden vergnuͤgten ſeine Einfaͤlle ſo ſehr, als Chevaun Darlduck. Sie ſaß im Hinter⸗ grunde auf dem Boden, und legte die letzte Hand an das zinnerne, kupferne und meſſingene Gefaͤß, indem ſie ein Stuͤck nach dem andern von der Anrichte nahm, ſorgfaͤltig rieb, und wieder an ſeine Stelle ſetzte. Das andere weibliche Geſinde des Hauſes war ausgegan⸗ gen, um den Weihnachtstag mit Freunden zuzubrin⸗ 1 gen. Chevaun konnte ſich weniger koͤrperlichen Reize ruͤhmen. In ihr bewaͤhrte ſich das alte Sprichwort: daß Gott den Ruͤcken der Buͤrde gemaͤß bildet. Sie hatte ein plumpes Geſicht, dem weder Sonne noch Wind ſchaden konnte, Arme ſo roth wie erfrorene Ha⸗ gebutten; ſie beſaß aber uͤbrigens eine ſtarke, robuſte Form, die fuͤr die Muͤhſeligkeit ihres harten Dienſtes berechnet zu ſeyn ſchien. Ihre Gebieterin, Cauth Doo⸗ ling, hatte ſie erzogen; man hielt viel auf ſie, und ſie blieb keinesweges unbelohnt. Auch hatte ſich Chevaun einen huͤbſchen Thaler erſpart, und ſie ſah dem nahen Tag entgegen, eine eigene Huͤtte, einen ganzen Acker, eine Kuh und ein Schwein zu beſitzen, und zuweilen fuͤgte ſie wohl auch zu dem Verzeichniß dieſer Guͤter — einen Ehemann. Chevaun ſah ſich daher nach einem Weſen um, dem ſie ihr reizendes Selbſt und ihre angehaͤuften Schaͤtze uͤbermachen koͤnnte. Aber das Hin⸗ und Her⸗ denken auf ihrem Kopfkiſſen, und die nuͤchternen Ueber⸗ legungen des Tages waren im beſtaͤndigen Widerſpruch, und erhielten ſowohl ihr Herz als ihre Wahl unent⸗ ſchieden. Des Abends, wenn man ſich nach vollende⸗ ter Arbeit in der Kuͤche verſammelte, dann machte Paudge Dermodys gute Laune und Heiterkeit, ſeine ſchoͤne Geſtalt und ſein ſcherzhafter Kuß, leicht vergeſſen, wie traͤge er war, wie geneigt zur Verſchwendung, und ſie ging zu Bett, und traͤumte von ihm und von Gluͤckſeligkeit. Aber mit dem erſten Tageslicht, das gewoͤhnlich alle Schwaͤrmereien verſcheucht, kehrten ihre 8 Erinnerungen an den arbeitſamen und geſchickten Andy Houlohan zuruͤck, der ein Milchbruder des Geliebten ihrer jungen Gebieterin war. Andy konnte ein Haus bauen, vom Grunde bis zum Gipfel,— ein wichtiger Umſtand fuͤr eine Perſon, die ſich ein Haus zu bauen gedachte. Er konnte einen Pflug oder einen Karren ausbeſſern, und beſaß uͤbrigens noch andere ſolide Ver⸗ dienſte. Ihre Neigung und ihre Vorſicht ſchwankten ddeaher auf eine unangenehme Weiſe zwiſchen Paudges anziehender Außenſeite und Andys nuͤtzlicheren Eigen⸗ ſchaften. Des Nachts, waͤhrend welcher ſanfte Gefuͤhle gewoͤhnlich die Oberhand behaupten, erſchien Paudge in all ſeiner Glorie, und bemeiſterte ſich ihres Her⸗ zens; der Tag aber verſcheuchte dieſe Eindruͤcke wieder. Die ſchoͤne Tochter des alten Ehepaares hatte noch nicht ihren gewoͤhnlichen Sitz neben der Mutter eingenommen. Sie beſchaͤftigte ſich, oder ſchien ſich doch wenigſtens mit einer unbedeutenden Hausarbeit zu beſchaͤftigen; aber ein gewiſſes Erwarten zeigte ſich in ihrem Auge, das nach der Thuͤr gerichtet war. Sie blieb haͤufig ſtehn, als ſie hin und her ging; fuhr zu⸗ weilen auf, und neigte ihr Haupt, als ob ſie auf etwas aufmerkſam horchte. Endlich erhob ſich die Klinke, und das freundliche Laͤcheln, mit dem ſie den Hereintretenden anſah, zeigte daß er kein unwillkomme⸗ ner Gaſt war. Er naͤherte ſich mit ſeiner gewoͤhnlichen Begruͤßung:„Gott ſegne Euch Alle.“ Ein zweites Laͤcheln, etwas verſchieden von dem erſtern, mit dem ſie ſein leiſes Fluͤſtern, im Vorbeigehen beantwortete, * 9 verrieth, daß ſie ſich ziemlich wohl verſtanden. Es war Pierce Shea, der Sohn eines benachbarten Paͤch⸗ ters, und der Verlobte des jungen Maͤdchens. Alley Dooling war ungefaͤhr achtzehn Jahre alt, und obgleich groß und ſchlank, beſaß ſie dennoch jene volle Rundung der Geſtalt, die das Gegentheil einer knochenhaften Magerkeit iſt. Ihr Gang war leicht und elaſtiſch, und ihr ganzes Weſen, ungeachtet ihm die verfeinerten Manieren guter Geſellſchaft abgingen, beſaß jedoch jene Grazie, welche ein vollkommenes Ebenmaaß der Geſtalt allein geben kann. Ihr Geſicht war oval, ihr Auge ſanft⸗blau; auf ihren Wangen bluͤhete Geſundheit, die Folge ihrer Leibesuͤbungen und ihrer Zufriedenheit; um ihren laͤchelnden Mund ſpielte ein kleiner Hang zur Schalkheit, die aber nicht aus⸗ artete, ſondern immer gutmuͤthig blieb. Ihr glaͤnzen⸗ des, goldgelbes Haar, welches zuruͤckgekaͤmmt war, ließ die ſchoͤne, hohe Stirn zwar unbedeckt, wurde aber lei⸗ der unter einer tiefen muſſelinenen Haube verſteckt. Da ſie mit ihrem Vater zu Markte geweſen war, ſo trug ſie noch ihre Feiertagskleider, naͤmlich einen Anzug von karmoſinenen Poplin, der vorn offen war, und ihren ſchoͤnen durchnaͤhten ſeidenen Unterrock, mit der fei⸗ nen muſſelinenen Schuͤrze ſehen ließ, und der auch kurz genug war, um die Zierlichkeit ihrer Fuͤße auf eine ſittſame Weiſe zu zeigen, mit den dicht anſchließenden, blau baumwollenen Struͤmpfen, die ſie ſelbſt geſtrickt hatte. Ihre Schuhe waren mit großen ſilbernen Schnal⸗ len geziert, die von einer Seite zur andern ganz uͤber 10 den Spann reichten. Alleys Liebhaber dachte, daß ſie nie ſchoͤner als dieſen Abend ausgeſehen haͤtte. Auch Er war ein huͤbſcher junger Mann, gerade ſo einer, als wir Alleyn zum Ehemann wuͤnſchten. Er war mehr als mittler Groͤße, gut gewachſen, mit einem verſtaͤndigen Geſicht, auf welchem ſich das Laͤcheln und das Feuer der Jugend zeigten, als Folgen eines zufrie⸗ denen, offenen Gemuͤths. Er war muthig und hatte ein maͤnnliches Benehmen, wie es ſeinen Jahren zu⸗ „kam; er nahete ſich ſeinem ein und zwanzigſten Fruͤhling. Man konnte vielleicht mit Recht ſagen, daß Pierce Shea in mancher Hinſicht eine Stufe hoͤher ſtand, als Alley; denn obgleich auch ihre Erziehung, den damaligen Begriffen und Einrichtungen gemaͤß, nicht vernachlaͤſſigt worden war, ſo war doch die ſeinige weit beſſer ge⸗ weſen. Denn im zehnten Jahre verließ er die niedere Schule in der Nachbarſchaft, um ſich die beſte Aus⸗ bildung zu verſchaffen, welche die nahe Stadt Kilkenny, auch außer ihrer oͤffentlichen Schule, darbot. In Hin⸗ ſicht der Geburt hatte er ebenfalls einige Vorzuͤge: denn er war der einzige Sohn eines alten Offiziers, der vor ungefaͤhr vierzig Jahren aufs Land zog, um ſeinen halben Sold durch die Landwirthſchaft zu vermehren. Pierce ſchien im Ganzen eine ausgezeichnete Perſon in ſeinem laͤndlichen Kreiſe. Seine Freunde behaupteten, daß er eine ſchickliche Partie fuͤr jede Dame des Lan⸗ des ſeyn wuͤrde; Andere ſagten, daß er ſich durch ſeine ernſthaften Abſichten auf Alley ganz erniedrige. Aber zu 41 ihrer Kraͤnkung, und zu unſerm Vergnuͤgen, blieb der junge Menſch bei ſeiner vorgefaßten Meinung. Er hatte eben ſo viel von ſeinem Leben in Anton Doo⸗ lings Familie, als zu Hauſe zugebracht. Er war Alleys Spielgenoſſe waͤhrend ihrer Kindheit; half ihr auf die Huͤgel klettern nach einem verlaufenen Lieb⸗ lings⸗Schaͤfchen, und hatte manchen Stein in den Bach gelegt, damit ſie bequem daruͤber wegſteigen konnte. Als dieſe kindiſchen Tage nachgerade voruͤber waren, lernten ſie zuſammen tanzen, und ſpaͤterhin, wenn Pierce beim Wurfſpiel die Sieger von dem Platz anfuͤhrte,— und Niemand konnte ſich in dergleichen maͤnnlichen Spielen mit ihm meſſen,— da lag ihm mehr an Alleys triumphirendem Laͤcheln, und ſein Stolz fand ſich dadurch mehr geſchmeichelt, als durch das Jauchzen ſeiner Gefaͤhrten, wenn ſie ihn froh⸗ lockend auf ihren Schultern uͤber den Schauplatz ſeines Sieges trugen. Die Alten von beiden Seiten freueten ſich uͤber die Ausſicht der fruͤhen Verbindung ihrer Kinder, die ſich daher unter einem ungetruͤbten Himmel ihrer Gluͤck⸗ ſeligkeit naheten; kein Sturm drohete, kein Woͤlk⸗ chen hing uͤber ihrem Weg. Sie hatten nicht den Hochmuth nach einem hohen Ziele zu ſtreben, oder ſich nach Guͤtern zu ſehnen, deren ganzer Werth zuweilen blos in der Einbildung beſteht; auch lockte ſie kein Laſter unter dem Namen Vergnuͤgen uͤber bluͤ⸗ hende Gefilde in eine dornigte Wuͤſte, um ſie dort zu verlaſſen, und zu verlachen. Sie wuͤnſchten keine 12 hoͤhern Guͤter, als die, welche ſie beſaßen,— Geſund⸗ heit,— Friede,— Ueberfluß,— gegenſeitige Liebe und gegruͤndetes Vertrauen; ſie wuͤnſchten keine andern, und ſie wußten kaum, daß es noch andere gaͤbe. Nachdem Piercens Begruͤßung mit einer aͤhnlichen erwiedert worden war, und nachdem er die Frau und den Herrn vom Hauſe beſonders begruͤßt hatte, lehnte er ſich am Ruͤcken des Stuhles der Erſtern: denn er dachte, wenn er ſeinen Platz zuerſt einnaͤhme, ſo wuͤrde Alley vielleicht zu bloͤde ſeyn, ſich neben ihn zu ſetzen, da er hingegen keine ſolchen Bedenklichkeiten haben wuͤrde, wenn ſie ſich zuerſt ſetzte. „Wohl, liebe Frau,“ ſagte er daher, indem er ſich gegen Cauth Dooling wandte,„wie ſteht es um alle Dinge hier?“ „In der That, es geht, Gott ſey gedankt, gar nicht uͤbel, außer, daß der raͤuberiſche Fuchs in der ge⸗ ſtrigen Nacht kam, und von zehn der ſchoͤnſten Gaͤnſe die Ihr je geſehen habt“— Doch hier unterbrach ſich das gute, alte Weib, da ſie wahrnahm, daß Pierce ſie in der Mitte ihrer Klaggeſchichte verlaſſen, und ſich zu ſeiner bluͤhenden Geliebten verfuͤgt hatte, die er nun auch, mit ihrem Strickapparatus*) in der Hand, auf einem Stuhle fand: die Mutter laͤchelte bedeutungsvoll und ſchuͤttelte den Kopf. *) Die Irlaͤnderinnen ſtricken mitunter, die Englaͤnderin⸗ nen faſt nie. Anm. d. Ueberſ. „Da haben wir's, er macht ſich nicht viel aus mir, oder meinen Gaͤnſen,“ ſagte ſie leiſe fuͤr ſich hin, brummte dann wieder ihr altes Liedchen, drehte ihr Spinnrad mit verdoppelter Aemſigkeit, und die jungen Leute unterhielten ſich nun ohne weitere Unterbrechung. Bald darauf luͤftete eine ſcheue, aber doch feſte Hand, die Klinke, und Andrew Mouldowny, der Pfeifer des Diſtrikts, trat herein. Die einſchmeichelnde, knechtiſche Stimme dieſes Mannes, und ſein ſchma⸗ rotzeriſches Greinen, bewies ſeine bettleriſche Profeſſion, und zeigte, daß er zu gefallen und zu amuͤſiren wuͤnſchte, zur Vergeltung des Obdachs und der guten Koſt, die er zu erhalten hoffte.„Gott gebe Euch ein gluͤckliches und geſegnetes Weihnachtsfeſt,“ ſagte er, und ſchritt zu einem Sitze beim Kamin, zu dem er ſich berechtigt glaubte, in einem ſchleppenden Gange, der ſeine un⸗ thaͤtige, muͤſſige Lebensweiſe charakteriſirte. Unaufgefor⸗ dert zog er dann aus der fuͤr dieſen Zweck eingerichteten, unermeßlichen Taſche ſeines zerriſſenen Ueberrocks ſeine freundlichen Pfeifen, ſchraubte ſie zuſammen, und waͤh⸗ rend er ſie ſtimmte, brachte er mancherlei Erzaͤhlungen und Schmaͤhgeſchichten vor, ſprach von Heirathen und Tod⸗ tenwachen, von Kindtaufen und Begraͤbniſſen, von ab⸗ gebrochenen Eheverbuͤndniſſen, e8 ſ uet andern Dorfgeſchichten. Der Sack war indeſſen mit Luft ge⸗ fuͤllt, die Andrew aufſchnaufte, wie ein Windhund, der ſich dem Wilde naͤhert. Als Andrews Zunge und Anekdoten erſchoͤpft waren, befand ſich ſein Inſtrument gluͤcklicherweiſe im 14 Stande ſeine Rolle anzufangen, und er brachte einige ſehr angenehme Melodien hervor. Die Muſik erweckte die Luſt zum Tanze in den jungen Leuten, und die Alten hatten nichts dagegen; Pierce forderte daher ſeine Alley zum Tanze auf, und Paudge Dermody machte ſeinen beſten Buͤckling gegen die Chevaun Darlduck: ſie nahm erroͤthend ſeine Hand an, und der Tanz begann. Dem alten Anton gefiel dieſe Ergoͤtzlichkeit, und er verſah ſich mit einer ſchaͤumenden Kanne ſeines be⸗ ſten ſelbſtgebraueten Aeles, mit welchem er den Pfei⸗ fer, die Taͤnzer und die Zuſchauer, ſich ſelbſt und die Hausfrau mit eingeſchloſſen, reichlich verſah, und ſo ging die Nacht allmaͤhlig in Frohſinn und Munter⸗ keit hin.. Nur ein gegenwaͤrtiges Individuum, deſſen rothes Auge einen ſchnellen, aber doch feſten Blick auf die Taͤnzer warf, ſchien keinen Antheil an der muntern Scene zu nehmen, die ihn umgab. Dies war ein junger Menſch in Hinſicht ſeiner Jahre, der aber uͤbri⸗ gens wenig von dem Reiz der Jugend an ſich hatte. Ein Ueberfluß emporſtrebender, feuerrother Haare um⸗ gaben einen. ungewoͤhnlichem Umfang; ſeine kantige, empor de Stirn endigte in ſtark markir⸗ ten Kruͤmmungen, mit dicken Augenbraunen von der⸗ ſelben Farbe, als ſein Haar; ſeine Augen lagen tief in ihren Hoͤhlen, und ſeine Backenknochen waren hervor⸗ ragend, wie die Stirn, ſo daß ſeine Augen gleichſam wie aus einer Vertiefung herausblickten. Seine Backen 15 waren blaß und eingefallen; ſeine Naſe hatte eine lange breite und krumme Form. Seine Kinnlade neigte ſich ungewoͤhnlich ſtark vorwaͤrts, ſo daß ſeine Zaͤhne gar nicht zum Geſicht zu gehoͤren ſchienen, und ſeine Lippen, die nicht ohne große Schwierigkeit dieſe unangenehmen Zaͤhne bedeckten, waren dick und blutlos; die Oberlippe war, wie ſein Kinn, mit einem rothen Bart bewach⸗ ſen, der eben vom Flaum der Jugend, und ohne noch geſchoren worden zu ſeyn, zu dem borſtenden Haar der Mannheit uͤbergegangen war. Dieſe Geſichtszuͤge, die alle unverhaͤltnißmaͤßig groß waren, enthielten nebſt dem Widrigen einer ſolchen Unregelmaͤßigkeit, den Aus⸗ druck eines kuͤhnen und entſchiedenen Charakters und ein gewiſſes Etwas, das man entweder fuͤr Boͤsartig⸗ keit oder fuͤr Myſticism halten konnte, je nachdem die verſchiedene Stimmung eines Beobachters war. Waͤren dieſe Zuͤge und der ungeheure Kopf auf die Schultern eines großen Menſchen geſetzt worden, ſo wuͤrden ſie vielleicht nicht ſo ſehr auffallend geweſen ſeyn; mit einem ſolchen Rumpf aber, der bei Weitem nicht ſo hoch war, als der eines ſehr kleinen Menſchen, die unnatuͤrliche Unverhaͤltnißmaͤßigkeit war doppelt unan⸗ genehm. Dazu kam noch ein Umſt legentlich erwaͤhnen werden, der i Kameraden Widerwillen und Furcht erregte, die alle Vertraulichkeit verſcheuchte, welche er ſelbſt auch nicht ſehr zu wuͤnſchen ſchien. Aber obgleich dieſer Menſch ſo klein war, ſo war er doch eigentlich nicht verwachſen. Die Breite von ſainen 1 2 4 16 Schultern und der Bruſt zeigte freilich eher Staͤrke an, als Ebenmaaß; ſeine Arme waren lang und be⸗ ſaßen die Spannkraft eines Herkules. Aber der untere Theil ſeiner Geſtalt, ſeine Huͤften, Schenkel und Beine waren gar nicht plump, ſondern vielmehr gelenkig und elaſtiſch; ja, ſo ſonderbar das Geſchoͤpf auch ausſah, ſo konnte er doch laufen, ſpringen und ſich herumbal⸗ gen, mit ſo vieler Behendigkeit und Geſchicklichkeit, welche man ſelten, ſogar unter Maͤnnern von beſſerm Anſehn, antrifft. Er nahm keinen Antheil an der Froͤhlichkeit des Abends; er ſaß weit ruͤckwaͤrts im Kamin, ſo weit, daß die Flamme des Feuers zwiſchen ihm und der uͤbrigen Geſellſchaft loderte, welches dem Paudge Der⸗ mody Gelegenheit gab, zu bemerken, daß er wie der Teufel ſelbſt ausſaͤhe, in der Mitte ſeines eigenen Elementes. Er ſchien aͤmſig beſchaͤftigt eine roſtige Art zu ſchleifen, waͤhrend er unter dem Schatten eines alten breiten Hutes hervorgukte, der ehemals dem Anton Dooling angehoͤrte, durch den beſtaͤndigen Ge⸗ brauch aber ſehr erweitert worden, und daher mit einem duͤnnen Band von Heu zuſammen gezogen war. Dies verurſachte, daß der Hut in mancherlei unregelmaͤßigen Einbiegungen: as Geſicht fiel. Die wilden Augen blickten umher, und hefteten ſich verſtohlenerweiſe und mit Ernſt bald auf Dieſen, bald auf Jenen, als wenn er etwas Gefaͤhrliches oder Geheimnißvolles be⸗ abſichtigte. Anton Dooling, der der kupfernen Kanne haͤufig 17 zuſprach, wurde zuletzt, wie er es ſelbſt nannte, ſu⸗ guch, oder wie die Schotten ſagen, fou, auf gut Deutſch: halb berauſcht, welches die natuͤrliche Reiz⸗ barkeit ſeines Temperaments ſehr vermehrte. Das Feilen der Axt gegen den Schleifſtein, das freilich mit der Harmonie von Andrew Muldoneys Sackpfeife ſchlecht einſtimmte, beleidigte ſeine Ohren, und er rief mehr als einmal aus, daß der Schleifer aufhoͤren ſollte. Als er fand, daß man ihn nicht hoͤrte, oder nicht achtete, rief er in einem aͤrgerlichen Tone zu Crohoore(der Name des Geſchoͤpfes, das wir eben beſchrieben haben): „wozu ſchleifſt du das Ding?“ Aber ein verdrießlicher Blick war die ganze Antwort. „Haſt du mich ſprechen hoͤren, du haͤßlicher Tau⸗ genichts?“ ſagte Anton wieder, und unterdruͤckter Zorn uͤber dieſe ſchneidende Benennung umzog Crohoores Stirn, als er langſam ſein Haupt emporhob, um zu antworten. „Wozu ich dies ſchleife? Ich hoͤre nun, daß Ihr mich meint; ich dachte vorher, Ihr ſpraͤcht zum Pfeifer.“ „Das dachteſt du nicht,“ erwiederte Anton, in⸗ dem er aufſprang, zornig uͤber den frechen Ton ſeines Kuhhirten,„nein, das dachteſt du nicht, du Lum⸗ penkerl.“ Ein zweiter wilder Blick beantwortete dieſes ſchimpf⸗ liche Epithet. „Komm mir nicht mit deinen Hundeblicken,“ ſchrie Anton,„pack' dich zu Bett, da dein ſchwarzes I. 2 18 Herz doch keinen Antheil an dieſer unſchuldigen Ergoͤtzlich⸗ keit nehmen kann.“ Die Vanithee*) brach hier in einem milden, bittenden Tone ein, und ſagte zu ihrem Manne: „Achte nicht auf ihn, lieber Anton; er thut ja nichts Boͤſes, der arme Menſch.“ „Nichts Boͤſes, Weib! Hol mich der Henker, wenn nicht ſeine ſchwarzen Blicke allein den Maitag in Winter verwandeln koͤnnten,— geh' zu Bett!“ bruͤllte Anton nochmals. Crohoore ſtand langſam auf, um zu gehen, legte langſam die Art nieder, wo er geſeſſen hatte; ſeine Stirn war mehr als gewoͤhnlich gefaltet, ſeine Zaͤhne knirſchten, und ſeine Augen rollten umher. „Gieb Acht du Ochſenkopf,“ ſagte der aufge⸗ brachte Meiſter,„laß es nicht wieder wie heute ſeyn; laß die Kuͤhe bei Tagesanbruch im Vorwerk ſeyn, ſonſt breche ich jeden Knochen in deiner faulen Haut.“ Der Zwerg, wie man ihn wohl nennen mag, ging gerade vor ſeinem ſtrengen Meiſter vorbei, als dieſe Worte ausgeſprochen wurden; er heftete ſeinen Blick auf Anton, und ſagte: es waͤre eben nichts Neues, daß Ihr es wenigſtens verſuchtet; es in einer von Euren alten Streichen.“ „Was ſagſt du da, du Shingawn,**)„ du?“ fragte Anton, deſſen Zorn nun auf's Hoͤchſte geſtiegen *) Die Hausfrau. Anm. d. Ueberſ. **½) Shingawn, ein diminutives Weſen. 19 war, uͤber die unverſchaͤmte Antwort eines ſo veraͤcht⸗ lichen Geſchoͤpfes. „Wenn Ihr nicht wuͤßtet, daß ich ein Shin⸗ gawn bin, ſo wuͤrdet Ihr auch nicht ſo geſchwind da⸗ mit ankommen, mir die Knochen zu brechen,“ ſagte Crohoore. Dies war nicht zu ertragen. „Nimm dies als Draufgabe,“ rief Anton, ſo⸗ bald jene Worte ausgeſprochen waren; und er erhob ſeine geballte, ſchwere Hand, und gab dem elenden Naſeweis einen heftigen Schlag mit der ganzen Kraft ſeines Armes. Crohoore wirbelte umher und fiel; ſein Kopf ſtieß heftig gegen einen Stuhl, daß das Blut hervor quoll. Der Pfeifer hielt ploͤtzlich inne, der Tanz hoͤrte auf, und Pierce Shea war der Erſte, den beſinnungs⸗ loſen Crohoore aufzuheben und zu unterſtuͤtzen, un⸗ terdeß ihm Alley zitternd und weinend ein Tuch gab, um die Schlaͤfe des Elenden zu verbinden, und das ſtroͤmende Blut zu hemmen. Cauth Dooling ſah ihren Mann mit Blicken des Mitleids an: denn ſie konnte ſich ſeine Gefuͤhle leicht vorſtellen, da man Scham, Betruͤbniß und Reue auf ſeinem Geſichte ausgedruͤckt ſah. Wirklich, kaum war der Schlag gegeben, als er ſich deswegen ſelbſt tadelte und haßte: ja er haͤtte in ſeiner gegenwaͤrtigen Stimmung gern ſein halbes Vermoͤgen, als Schmerzgeld, dahin gegeben. Crohoore erholte ſich ploͤtzlich, ſprang auf und machte ſich von Piercen los, mit einer ſolchen Kraft, daß er taumelte, und auf eine Art, die wohl zeigte, 3 2*† 20 daß er keine Verbindlichkeiten annehmen wollte. Sein Geſicht ſah ſchrecklich blaß aus, wo es nicht mit Blut bedeckt war, und in all ſeinen Geſichtszuͤgen zeigte ſich unterdruͤckte Wuth. Ohne ſeine Lippen zu oͤffnen, hing er ſeinen Kopf auf die Bruſt, und verſuchte zu gehn, ob er gleich ſchwankte. Endlich ging er durch das Behaͤlt⸗ niß zu einer Thuͤr, die ſich gegen uͤber befand, und vermittelſt eines Ganges in die Bodenkammer fuͤhrte, wo er ſchlief. Die ganze Verſammlung ſah mit Verwunderung und Beſtuͤrzung umher, Anton aber rief ihm nach, und ſagte mit weinender Stimme, und mit der Kanne in der Hand:„Komm zu⸗ ruͤck, mein lieber Crohoore, und verſoͤhne dich; trinke auf meine Geſundheit, und laß uns wieder Freunde ſeyn.. Aber es folgte keine Antwort auf dieſen fried⸗ lichen und reuevollen Vorſchlag. Crohoore kehrte blos ſein geiſterhaftes Geſicht gegen ſeinen Meiſter, hielt die Thuͤr in der Hand, gab ihm einen letzten Blick, und ſchmiß dann die Thuͤr hinter ſich zu. Dieſes Blickes erinnerte man ſich oͤfters nachher, und oͤfters wurden Anmerkungen daruͤber gemacht. Anton ſetzte ſich nieder, ohne zu ſprechen. Sein Groll war aufs neue erregt durch die Art, wie ſeine Avanzen waren aufgenommen worden, und dies ver⸗ ſoͤhnte ſein Gewiſſen einigermaßen mit der Haͤrte, die er gezeigt hatte. Aber eine allgemeine Niedergeſchla⸗ genheit hatte ſich aller Verſammelten bemeiſtert, und 8o u + d-8n& 21 man ſah die Wirkung bald: denn die Knechte gingen entweder ſtillſchweigend oder fluͤſternd in die nahe Huͤtte, wo ſie ſchliefen, und der Pfeifer, den man nun nicht brauchte, folgte ihnen ſchweigend nach. Auch Pierce Shea beurlaubte ſich, aber nicht ohne ſeinen Abſchieds⸗ kuß von Alley, und nicht ohne die Erneuerung einer Verabredung mit ihr und den Alten, ſie naͤchſten Mor⸗ gen ſehr fruͤh abzuholen, um ſich zuſammen nach der Kapelle zu verfuͤgen und die Meſſe zu hoͤren, die um ſechs Uhr anfaͤngt; denn es iſt ein allgemeiner Ge⸗ brauch in Irland, ſich, wenn es nur irgend moͤglich iſt, am Weihnachtsfeſte vor Tagesanbruch zur An⸗ dacht zu verſammeln. Drittes Kapitel. Un halb fuͤnf Uhr des folgenden Morgens ritt Pierce Shea in Anton Doolings Pachthof, und ſtieg bei der Thuͤr ab, wo er am Abend vorher einen zoͤgern⸗ den Abſchied von Alleyn genommen hatte. Sein ſtarkes Pferd, voͤllig eingerichtet fuͤr die kleine Reiſe nach der Kapelle, die ungefaͤhr drei Meilen entfernt lag, war mit einem Sattelkiſſen verſehen fuͤr ſeine Geliebte. Er oͤffnete die Thuͤr, und ſchloß daraus, daß ſeine Freunde aufgeſtanden und bereit waren, ihn zu em⸗ pfangen. Er wunderte ſich jedoch einigermaßen, als er in die Kuͤche, den Schauplatz der Feſtlichkeit am vorigen Abend, trat, und keinen Anſchein fand, daß Jemand darin geweſen waͤre. Ein wenig veerlloͤſchende Aſche befand ſich auf dem Herde, aber außer dem ſchwachen Schein, den ſie da ver⸗ breitete wo ſie glimmte, war Alles finſter und ſtill, wie der Tod. Alles dieſes uͤberzeugte ihn nun, daß weder ſeine Freunde, noch ihre Dienſtboten aufgeſtanden waren, und es befremdete ihn, daß er die Hausthuͤr unver⸗ ſchloſſen gefunden hatte. Er naͤherte ſich tappend dem Feuerplatz, in der Hoffnung, das zu finden was er auch wirklich fand, naͤmlich ein Nachtlicht, welches man am Abende auf dem Herde gelaſſen hatte, um es an der gluͤhenden Torfaſche anzuzuͤnden. Als er ging, ſtieß ſein Fuß gegen etwas, das auf dem Boden lag. Er blieb ſtehn, fuͤhlte darnach und hob es auf; es war eine Axt, und nachdem er ſie auf den Herd gelegt hatte, zuͤndete er das Licht an. „Der Himmel beſchuͤtze mich und ſei mir gnaͤ⸗ dig!“„Was bedeutet dies?“ rief Pierce, als er beim Schein des Lichts wahrnahm, daß ſeine Haͤnde blutig waren. Er pauſirte einen Augenblick, um auszufinden, wie dies konnte zugegangen ſeyn, und erinnerte ſich dann, daß die Art feucht ſchien, als er ſie hielt. Er hob ſie wieder auf, und ſem geronnenes Blut auf derſelben. 23 Eine ſchnelle Ueberzeugung des ſchrecklichen Zwek⸗ kes, fuͤr den ſie gebraucht worden war, ſchoß durch ſeinen Kopf. Eine Mordthat iſt begangen worden! — Die offene Hausthuͤr und die Stille die durch⸗ gaͤngig herrſchte, da er erwartet hatte, ſeine Freunde bereit zu finden, ihre fromme Reiſe anzutreten, ließen ſich nun auf eine graͤßliche Weiſe erklaͤren. Die Be⸗ wohner dieſes einſt ſo gluͤcklichen Hauſes waren nicht mehr, und die Moͤrder hatten bei ihrer eiligen Ent⸗ fernung die Thuͤr offen gelaſſen. Ein ſo junger, warmer, anbetender Liebhaber, als Pierce Shea war, kann ſich allein eine Vorſtel⸗ lung von ſeinen Gedanken und Gefuͤhlen machen, als er jetzt daſtand, wie gelaͤhmt, durch die faſt voͤllige Gewißheit, daß ſeine angebetete Geliebte, beinahe ſein Weib, waͤhrend der wenigen Stunden zwiſchen dem letzten Liebeskuß und dem jetzigen Augenblick in die Ewigkeit geſandt, und ihm auf immer entriſſen wor⸗ den ſey, und zwar durch den Arm des mitternaͤcht⸗ lichen Meuchelmoͤrders. Der Gedanke eines vorſaͤtz⸗ lichen Mordes floͤßt einem unſchuldigen Gemuͤth immer das groͤßte Entſetzen ein, ſelbſt wo kein perſoͤnliches Intereſſe am Schickſal des Gemordeten ſtatt findet; doch wenn die rohe Hand das toͤdtliche Werkzeug in die Bruſt ſtoͤßt, die bisher unſere ganze Gluͤckſeligkeit enthalten hatte, wenn die Faſern eines ſolchen Her⸗ zens zerriſſen worden ſind, dann bricht ein Jammer aus, der nicht beſchrieben werden kann. Pierce Shea fuͤhlte ſich einer Ohnmacht nahe, 24 und ſein Kopf ward ſchwindlich. Er ſchwankte, und wuͤrde gefallen ſeyn, wenn ihn nicht die Mauer geſchuͤtzt haͤtte. Seine Gedanken waren wie ein Chaos; ſeine Farbe verließ ſeine Wangen, ſeine Zaͤhne klapperten, ſein Fleiſch ſchien ſich von ſeinen Knochen loszuloͤſen; all ſeine Gedanken erſchlafften, als er mit ſtarren Augen und emporſtrebendem Haar, mit einer Hand das Licht ergriff, und bei deſſen ſchwachem Schein die blutige Waffe anſah, die er in der andern hielt. Es verging einige Zeit, ehe er zu voͤlliger Beſinnung kam; endlich ſtoͤhnte er die Worte aus:— „Im Namen unſeres Heilands, an ſeinem ge⸗ benedeiten Tage, ich muß ſehn was vorgegangen iſt./¹ Und er ſchwankte fort, mit dem desperaten Entſchluß, das Schlimmſte zu wiſſen. Wir haben oben eines kleinen Zimmers erwaͤhnt, mit einem hoͤlzernen Fußboden, in welches man aus der Kuͤche trat, und welches als Viſitenzimmer im Hauſe des Pachters diente; in dies ging er zuerſt. Eine Thuͤr deſſelben fuͤhrte in Alley's Bettſtube, und eine Thuͤr gegenuͤber in das Schlafgemach des Alten. Er lief in die erſtere, und athemlos vor ſchrecklicher Erwartung, naͤherte er ſich Alley's Bett. Sie ſchien darin gelegen zu haben, aber es war jetzt leer. Sein Auge rollte langſam in der Stube umher; er ſuchte Gewißheit, ob er gleich kaum zweifelte, daß er den kalten Leichnam ſeiner Geliebten finden wuͤrde,— aber nichts dergleichen ließ ſich ſehen. Die Kleider die ſie den Abend vorher getragen —6——- 25 hatte, waren nun der Gegenſtand ſeiner Nachforſchun⸗ gen, aber auch von dieſen ließ ſich nicht das Geringſte ſehen. Er naͤherte ſich nochmals dem Bette, und bemerkte nur die Spur einer großen blutigen Hand an den Betttuͤchern. Eiligſt rann er zu der Thuͤr gegenuͤber, ſtieß ſie ein, und in ſeiner ſchrecklichen Eile waͤre er beinah uͤber Anton Doolings todten Koͤr⸗ per gefallen, welcher auf dem Boden bei der Schwelle lag. Des alten Mannes Blut floß wie ein Strom unter der Thuͤr, uͤber die weißen Bretter des kleinen netten Zimmers weg. Piercens Blick heftete ſich un⸗ willkuͤrlich auf die Ueberreſte ſeines alten Freundes, deſſen Anblick wir nicht beſchreiben koͤnnen. Der Kopf und die Bruſt waren in Stuͤcken zerſchnitten; es war eine Mordthat mit graͤßlicher Grauſamkeit veruͤbt. Da das Entſetzen und die Unruhe des Liebhabers noch immer die Oberhand behielten, warf er einen ſchauderhaften Blick auf das Bette der Alten; denn Alley koͤnnte ſich dahin gefluͤchtet, und auch er konnte den Gedanken nicht verfolgen.— Mit ei⸗ nem konvulſiviſchen Sprung durchkreuzte er die Stube: denn bei ſeiner erſten Bewegung glitſchte er auf dem blutigen Boden. Er hielt das Licht uͤber das Bette, und ſah eine weibliche Geſtalt, gleichfalls leblos, und welche die Zeichen der moͤrderiſchen Hand an ſich trug, aber auch zu entſetzlich, um beſchrieben zu werden. Wir wollen dieſen Gegenſtand auch nur einen Augen⸗ blick betrachten, blos um zu ſagen, daß das Blut das Bett uͤberſchwemmte, auf einer Seite deſſelben herun⸗ terfloß, und ein Leichnam ſo zerſtuͤckelt und verunſtaltet da lag, daß der ungluͤckliche Liebhaber anfangs die Iden⸗ titaͤt deſſelben nicht ausmachen konnte. Und welche Gefuͤhle erregte dieſer Zweifel!— Aber er blickte naͤher und ſah endlich, daß es der Leichnam von Alley's Mutter war. Sie ſelbſt war nirgends ſichtbar. Die Hoffnung, daß ſie ſich vielleicht gerettet haben moͤchte, erleuchtete wie ein Lichtſtrahl ſein trauerndes Gemuͤth, und der bloße Gedanke hatte die Macht, ſelbſt unter dem Entſetzen eines ſolchen Schauſpiels, ſein Herz zu erfreuen, wie das unerwartete Aufſprin⸗ gen einer friſchen Quelle in der trockenen Wuͤſte. Er ſtieß einen Freudenſchrei aus, klatſchte in die Haͤnde, und vergoß Thraͤnen. Dadurch ward er erleichtert: er erlangte einigermaßen ſeinen gewoͤhnlichen Gemuͤths⸗ zuſtand; ſeine unbeſchreibliche Ideenverwirrung legte ſich, und er fing wieder an frei zu denken. Erheitert durch dieſe Hoffnung, floh er nun durch jede Stube des Hauſes. Auf ſeinem Wege durch den Gang, der von der Kuͤche nach der Schlafſtelle des weiblichen Geſindes fuͤhrte, wurde ſein Tritt durch noch ein Schlachtopfer gehemmt. Die arme Chevaun Darlduck! Aufgeſchreckt durch das Geſchrei ihrer alten Gebieterin, lief ſie zu ihrer Huͤlfe,*) aber ihr Eifer *) Ich laſſe hier zwei Zeilen weg, die Mangel an Ge⸗ ſchmack verrathen. Chevaun verdient nicht, daß man bei dieſer Gelegenheit uͤber ſie ſpottet. Anm. d. Ueberſ. —— εᷣ☛—3 ³—— 9 27 beunruhigte des Moͤrders Vorſicht, und ſie fiel ein Opfer der entſetzlichen Nothwendigkeit, eine neue blu⸗ tige That zu veruͤben, um die alte zu verheimlichen. Gehemmt und erſtarrt durch dieſen neuen ſchreck⸗ lichen Gegenſtand, blieb Pierce eine Zeitlang ſtill⸗ ſchweigend ſtehn. Seine Beſorgniſſe aber fuͤr ſeine Geliebte vermehrten ſich ſo ſehr, daß er forteilte, und ihren Namen in lauten Toͤnen ausſprach. Die Ar⸗ beiter, die nah beim Hauſe ſchliefen, wurden durch ſeine Stimme erweckt, und kamen eiligſt, nur halb angekleidet, um nach der Urſache des Laͤrmens zu fragen. Er antwortete auf ihre ungeduldigen Fragen blos, daß ſchaͤndliche Mordthaten waͤren begangen wor⸗ den, und da ſie ruhiger waren, als er, ſo gingen ſie, um die naͤhern Umſtaͤnde davon zu unterſuchen. Als Pierce wieder allein gelaſſen wurde, dachte er, daß Alley vielleicht in ſeines Vaters Haus duͤrfte Sicher⸗ heit geſucht haben, da es nahe lag, und ſie gewiß war, dort Schutz zu finden. Er eilte dahin, um nachzufragen. Denn ſie konnte ja die gerade Straße, auf der er kam, vermieden, und eine minder offene und minder gefaͤhrliche gewaͤhlt haben. Als er hinaus ging, fielen ihm einige Umſtaͤnde auf, die ſeiner Auf⸗ merkſamkeit vorher entgangen waren, da er ſo viel andere Gedanken im Kopfe hatte. Ein Schrank, der einen Winkel des Zimmers zierte, in welchem ſich einiges ſchwere Silber befand, ſchien geoͤffnet und ge⸗ pluͤndert worden zu ſein, und auch der Schreibtiſch, in welchem, wie Pierce wußte, der alte Mann ſein 28 Geld verwahrte, war aufgebrochen und ausgeleert, und die Papiere deſſelben, lagen zerſtreut auf dem Boden. Nachdem Pierce dieſe Sachen angeſehen hatte, beſtieg er ſein Pferd, und galloppirte zu ſeinem Vater. Unterdeß durchſtreiften die drei Knechte, naͤmlich Paudge Dermody, Andy Houlohan, Pierces Milch⸗ bruder, und Shamus Whelan das ganze Haus, und ſahen Alles was wir eben beſchrieben haben. Kaum ſprachen ſie unter einander, ſo maͤchtig hatte der An⸗ blick der Leichname ihres Herrn und ihrer Gebieterin ihre Gedanken und Gefuͤhle erſchuͤttert. In ihrem groͤßern ſchmerzlichen Verluſt dachten ſie faſt nicht an die arme Chevaun. Selbſt Paudges Gedanken waren ſo beſchaͤftigt, daß er ſich kaum an ſeine großmuͤthige Freundin erinnerte; da ihn, wie man vermuthete, der Vorzug, den ſie ihm gab, ungeachtet ihres Geldes, nicht ſchmeichelte. Nachdem die drei Maͤnner die Leichname der Alten genugſam angeſehen hatten, eilten ſie in die Kuͤche, als wenn ſie froh waͤren, von ſol⸗ chen Gegenſtaͤnden wegzukommen, und nachdem ſie die Thuͤr zugeſchloſſen hatten, hielten ſie ſich ſchweigend zuſammen, und konnten kaum athmen. Endlich ſagte Andy Houlohan leiſe, indem ſeine Augen zum erſten Mal den ſeiner Kameraden begegneten:„es iſt ein ſchrecklicher Mord!“ „Der ſchrecklichſte, von dem je ein armer Suͤnder gehoͤrt hat,“ ſagte Shamus Whelan. „Und er wurde mit dieſer Axt veruͤbt,“ ſaͤgte Paudge Dermody, indem er auf die Waffe hinwies, 2 3 29 wo ſie Pierce hingeworfen hatte, als er die Kuͤche verließ, um in das Zimmer zu gehen.„Ihr altes Blut haͤngt daran.“. Sie buͤckten ſich mit dem Lichte, um das Werk⸗ zeug des Todes naͤher zu betrachten. Weiße Haare klebten daran, ſie bebten zuruͤck. „Und dieſe Art hat Crohoore vorigen Abend ge⸗ ſchliffen,“ ſagte Shamus. „Ja wohl, gerade als unſer guter Meiſter, Gott ſei ſeiner Seele gnaͤdig, ihn deshalb ſchlug,“ erwie⸗ derte Paudge. „So wahr, als wir dieſen heiligen Morgen er⸗ lebt haben,“ ſagte Andy;„er ſchaͤrfte ſie damals, um ſein blutiges Werk beſſer ausfuhren zu koͤnnen.“ „Gott ſegne uns!“ riefen ſie Alle aus, und kreuzten ſich. Shamus nahm das Wort wieder auf. „Ganz recht, Andy, Ihr habt es getroffen. Er⸗ innert Ihr Euch dieſes Blickes, mit der Thuͤr in der Hand, als er vorigen Abend blutend wegging?“ Sie ſahen ſich wieder einander an, in ſtillem Entſetzen, und ihre Geberden und Blicke druͤckten ihre voͤllige Ueberzeugung aus, daß ſie die rechte Perſon ausgefunden, welche die That veruͤbt hatte. 1 „Und wo iſt denn Crohoore jetzt?“ fragte Paudge, der Erſte der aus ſtumpfer Unthaͤtigkeit erwachte, um die nothwendigen Schritte zu unternehmen.—„Laßt uns den Moͤrder ausfinden!“ und Alle gingen fort, um ihn aufzuſuchen. Sie erreichten die Bodenkammer, wo Crohoore 30 zu ſchlafen pflegte; er war nicht da, noch war er zu Bett geweſen. Sie gingen durch die Vorwerke, Schop⸗ pen und Staͤlle. Hier ſahen ſie das rothe Zeichen einer Hand an der Stallthuͤre, nahe beim Riegel. Die Thuͤr war offen, und das beſte Pferd fort. Die Abdruͤcke von Fuͤßen zeigten ſich auf einem Miſthau⸗ fen, nahe beim Stalle, auf welchem, wie ſie vermu⸗ theten, der Shingawn*) geſtanden hatte, um das große Pferd beſteigen zu koͤnnen. Und dieſe Spuren ſtimmten voͤllig mit einem paar alten hoͤlzernen Schuhen uͤberein, die man bei ſeinem Bette gefunden hattr. Das Tageslicht brach heran, als dieſe Maͤnner noch immer fruchtlos ſich bemuͤheten, den Moͤrder aufzufin⸗ den. Pierce Shea, begleitet von ſeinem Vater, kehrte nun zuruͤck. Er hatte nichts von Alleyn gehoͤrt, und die Ungewißheit ihres Schickſals machte ihn beinahe raſend. Als er ankam, hatten die Arbeiter keinen Zweifel mehr, daß Crohoore der Moͤrder der drei Men⸗ ſchen war, die ſteif im Hauſe lagen. Die Ueberzeu⸗ gung erhielt doppeltes Gewicht durch Shamus Whe⸗ lan, den Aelteſten der Dreien, deſſen ſilberne Locken dem feierlichen Tone Nachdruck gaben, in welchem er ausrief: „Moͤge der Allmaͤchtige Mitleid mit dir haben, arme Alley Dooling; Gram und Kummer haben dich in deinen jungen Jahren heimgeſucht. Es waͤre tau⸗ *) Siehe die Ueberſetzung dieſes Worts, Seite 18. —--D———f — uͤ 2 n —3— 31 ſend Mal beſſer fuͤr dich, dieſen Morgen todt aus⸗ geſtreckt zu liegen, wie die in dem Hauſe!“— „Wißt Ihr denn etwas von ihr?“ ſagte Pierce. „Wo iſt ſie? Was iſt aus ihr geworden?“ „Wir wiſſen nichts Gewiſſes, lieber Herr Pierce, aber wir haben faſt keinen Zweifel, daß derjenige, der den Vater gemordet, auch die Tochter geſchaͤndet hat,“ antwortete Shamus. Der junge Liebhaber aͤchzte laut. „Gott ſteh Euch bei, Ihr habt einen traurigen Weihnachtsfeiertag,“ ſagten ſie einſtimmig. Es ſchien nun kein Zweifel mehr uͤbrig, wer der grauſame Moͤrder geweſen war. Die Neuigkeit hatte ſich nun umher verbreitet, und die Nachbarn kamen in Haufen herbei, um ſich durch ihre eigenen erſchrockenen Augen von der Wahr⸗ heit der entſetzlichen Geſchichte zu uͤberzeugen. Unter ihnen befand ſich ein Mann, deſſen Worte das zweite Verbrechen, das man Crohoore beimaß, vollkommen beſtaͤtgten. Er ſagte, daß er ein verlaufenes Schaf aufſuchte, und als er um zwei Uhr nach Mitternacht zu Hauſe ging, hoͤrte er auf der Straße am Fuße des Abhanges, an welchem Anton Doolings Haus ſtand, das ſchnelle Trampeln eines Pferdes hinter ſich. Er wunderte ſich uͤber dieſen ſonderbaren Umſtand, und fuͤrchtete ſich auch, da die Rede ging, daß ſich eine desperate Bande naͤchtlicher Raͤuber irgendwo aufhielt; er verſteckte ſich daher in einen Graben, um den Rei⸗ ter zu beobachten. Der Mond ſchien hell im Feoſt, 32 und als der Reiter vorbei kam, erkannte er Crohoores Geſtalt und Geſicht, beide ſo auffallend, und unge⸗ achtet das Pferd ſchnell lief, hatte er doch Gelegen⸗ heit zu bemerken, daß der Zwerg mit einem Arme etwas vor ſich hielt, das wie ein menſchliches Weſen ausſah, und in ein dunkeles Gewand gehuͤllt war. Der Mann rief ihm nach, aber Crohoore ſah ſich nicht um, ſondern ſpornte ſein Pferd noch ſtaͤrker, lenkte in die Felder ein, machte ſeinen Weg uͤber ei⸗ nen der gegenuͤberliegenden Huͤgel, und verlor ſich am Abhang der andern Seite aus dem Geſicht. Mit dieſem Leitfaden beſchloß Pierce Shea ihm ohne Zeitverluſt nachzuſetzen. Er verſah ſich mit Waf⸗ fen; auch Paudge, Shamus und ſein Milchbruder Andy wurden bewaffnet; ſie beſtiegen gute Pferde, und machten ſich ſogleich auf den Weg, feſt entſchloſ⸗ ſen ihren Vorſatz nicht aufzugeben, bis ſie ſich des Moͤrders bemaͤchtigt, und Alley befreiet haͤtten, wenn — und dies war ein herzbrechender Gedanke fuͤr Pierce— wenn es nicht bereits zu ſpaͤt waͤre, ſie von einem Schickſal zu retten, das weit ſchrecklicher, als der Tod ſein wuͤrde. „Und ſie brachten den ganzen Tag und die Nacht zu,“ ſagte der bejahrte Diener der Familie, der waͤh⸗ rend der Wache einen umſtaͤndlichen Bericht von ſei⸗ nes Herren gewaltſamem Tode gab, den ein aufmerk⸗ ſamer Zirkel mit Schrecken anhoͤrte.— „Sie brachten den Tag und die Nacht, und einen guten Theil des naͤchſten Tages in Suͤmpfen und auf 33 Bergen zu, und kamen mit ſo leeren Haͤnden zuruͤck, als ſie weggegangen waren, ja noch viel ſchlimmer, denn ſie brachten den armen Pierce Shea halb todt zu ſeinen Eltern, und er liegt nun in einem ſtarken Fieber, raſend wie ein Tollhaͤusler, ſchwoͤrend, daß er uͤber den Knieen in dem Blute des armen Anton Doo⸗ ling ſtehe; er bittet, daß man den verwundeten Kopf wegnehmen moͤchte, und glaubt, er ſaͤhe ſeine arme Alley ſtraͤubend mit Crohoore, und ihn anflehend, ſie zu retten. Sie ſind daher genoͤthigt, Andy Houlohan, den Sohn ſeiner eigenen Amme, und noch einen der ſtaͤlfſten Maͤnner, bei ihm zu haben, um ihn im Bette zu halten. Gott ſtehe ihm bei, es iſt kein Wunder, daß ſein Kopf verwirrt iſt, nach dem was er geſehen hat.“ Die Zuhoͤrer ſahen einen Augenblick auf die ent⸗ ſtellten Leichname hin, kehrten aber ihre Augen ſchnell wieder weg. „Ich habe von einem der Knechte gehoͤrt, der Pierce begleitete,“ fuhr der alte Mann fort,„daß ſie dem verruchten Zwerg auf den Huͤgeln begegneten, daß ihm Pierce ganz nahe war, daß er ihm aber wie ein Geſpenſt entſchluͤpfte. Der Kerl ſelbſt war ſo ermuͤdet und erſchoͤpft, daß ich nicht die ganze Geſchichte aus ihm herauskriegen konnte; morgen aber werde ich Alles erfahren. Eine Sache iſt gewiß, ſie kamen zuruͤck, ohne irgend eine Nachricht uͤber Alley Dooling erhal⸗ ten zu haben. Man kann nicht wiſſen, wo Crohoore IJ. 3 34 ſie verborgen hat, aber ich denke, es kann nicht weit von hier ſein.“ „Dieſer Crohoore,“ ſagte eine aͤltliche Frau, „war mir immer ein widriger Anblick.“ Sie ging gebuͤckt, ſchoß auf die andre Seite, ſah mit Vorſicht umher, und fluͤſterte ſo leiſe, als wenn ſie fuͤrchtete, daß die Waͤnde ſie hoͤrten.„Ich ſah es niemals gern, daß er mir in den Weg kam; er hatte etwas Sonder⸗ bares an ſich, und der Blick ſeiner beiden Augen glich keines andern Chriſtens Augen, die ich je geſehen; und wenn Ihr zu ihm ſagtet:„Gott gruͤße Euch,“ ſo war er nie ſo hoͤflich, Euch die gehoͤrige Antwort darauf zu geben. Kurz, ich konnte nie etwas Gutes von ihm denken.“— „Und ich,“ ſagte Michel,„hatte gerade dieſelbe Meinung von ihm, vom erſten Augenblick, daß ich ihn ſah. Ich war im Felde mit meinem armen alten Meiſter, der nun todt iſt,— Gott ſei ſeiner Seele gnaͤdig!(und er beugte ſein Haupt ehrfurchtsvoll ge⸗ gen den Sarg) als er dieſen elenden Hexenmeiſter in der Scheune fand, im Felde von den ſechs Ackern, nahe beim Heuſchober.„Michel,“ ſagte mein Meiſter,„ſieh was uns der liebe Gott dieſen Morgen beſcheert hat,“ und zu gleicher Zeit hob er den Balg auf. Kuͤnftige Faſtnacht wird es drei und zwanzig Jahre ſein, daß ſich dies zutrug. Der arme Mann dachte nicht, als er die Worte ſprach, die ich Euch wiederholt habe, daß er fuͤr ſeinen eigenen Moͤrder Sorge trug; nein, ich konnte ihn vom erſten Augenblick an nicht leiden: denn als ihn der Meiſter auf den Haͤnden hielt, und ſein Geſicht anſah, greinte das Ding ihn an, wie ein kleiner alter Mann, ob ich gleich uͤberzeugt bin, daß er damals nicht aͤlter, als acht oder neun Monate war. Ich dachte ſogleich, daß er zu dem guten Volke*) gehoͤrte, aber ich ſagte Niemandem meine Meinung, aus Furcht vor— was Ihr leicht errathen koͤnnt.“ „Wohl,“ fuhr derſelbe Redner fort,„als Cro⸗ hoore nur noch ein kleines Knaͤbchen war, ſchien er ſchon kluͤger und liſtiger, als der aͤlteſte unter uns. Und er geſellte ſich nie zu den andern Bengeln ſeines Alters, ſondern blieb in ſich gekehrt und allein. Viele Naͤchte, wenn Alle ſchliefen, ging er aus, und zwar in die einſamſten Plaͤtze; wenn er vermißt, und daruͤber befragt wurde, ſagte er, daß er aufblieb, um den Haſen und Kaninchen nachzuſtellen,— aber Ihr koͤnnt leicht denken, daß dies nicht der Fall war. Eines Mals,— welches ich nicht vergeſſen werde, ſo lange ich lebe,— hatte ich einen kleinen Rauſch, und der boͤſe Feind fuͤhrte mir ihn gerade in den Weg. Ich gab ihm einen Schlag mit dem Fuße, freilich ganz ohne Urſache; da ihn aber die uͤbrigen Knechte auf die Seite zu ſtoßen pflegten, und das Saufen uns eben nicht kluͤger macht, ſo dachte ich, ich koͤnnte *) Good people iſt eine Benennung, welche die Irlaͤnder den Feen und Hexen beilegen, aus Furcht vor ihnen. Ammn d. Ueberſ. 3*† 36 mir wohl auch einen Spaß mit ihm machen, und 4 gab ihm, wie geſagt, einen Stoß.— Aber, moͤge ich in meinen Suͤnden hingerafft werden, wenn es nicht wahr iſt,— in derſelben Nacht wurde meine Kuh behext und ſtarb.“ „So gewiß als das Tageslicht, Michel,“ ſagte Anaſthauſe Farrel, ein kleines altes Skelet von einem Weibe in einer grellen, greinenden Stimme, eine Seite ihres Geſichts mit einer ſchmutzigen, blaͤulichen Farbe bedeckt, und die andre ſo blaß, wie der Tod;„ſo ge⸗ wiß als das Tageslicht, was Ihr ſagt iſt vollkommen wahr. Ich erinnere mich nun, daß gerade vor zehn Jahren Crohoore einſt kam(Gott bewahre uns vor allem Boͤſen), und brachte einen Hahn, und hetzte ihn an gegen meinen Hahn zu fechten, welcher ein ſo ſchoͤnes Thier war, als Ihr je geſehen habt; wohl, er hetzte ſie gegen einander, bis ſie beinahe beide todt waren. Ich ertappte ihn dabei, und ſchlug ihn tuͤchtig dafuͤr, und noch denke ich an den Blick den er mir gab, und ſo wahr ich eine Suͤnderin bin, denſelben Tag wurde mir dieſe Seite des Geſichts behext, wo⸗ von ich das Zeichen bis zu dieſer Stunde trage.“ Und ſie zeigte die Seite des Geſichts, die wir erwaͤhnt haben, um ihren Nachbaren augenſcheinliche Beweiſe von Crohoore's uͤbernatuͤrlicher Macht zu geben. Der Gedanke, daß er mit dem guten Volk in Verbindung ſtehe, war bisher blos eine intereſſante Vermuthung geweſen, die man gelegentlich bei einem Winterfeuer unterhaltend genug fand: aber nun unter +—+ ͤ —8—3— 37 Michels Anfuͤhrung ſchien ſie ſich der Gemuͤther aller ſeiner geſchwaͤtzigen Zuhoͤrer zu bemeiſtern. Sie draͤng⸗ ten ſich aneinander, nahmen mehr Priſen Tabak, ſchmauchten ſtaͤrker, athmeten ſchneller und ſprachen leiſer. „Der Herr ſteh uns bei,“ ſagte Einer,„aber iſt es nicht ein Wunder, daß er ſeinen alten Herrn und Frau nicht von dem„guten Volke“ hat erwuͤr⸗ gen laſſen? Niemand waͤre dann auf die Spur ge⸗ kommen, weil kein Zeichen zu ſehn geweſen waͤre, und er haͤtte ſich die Muͤhe erſpart, es ſelbſt zu thun.“ „ Es i*ſt nicht das geringſte Wunder,“ erwiederte Michel, der in Feengeſchichten ausſchließend entſchied; „das gute Volk hat, wie man ſagt, nicht die Macht das Leben zu rauben; es kann blos Schaden thun und verletzen, wie Ihr hier an Anaſthauſen ſeht, aber den Todtenſchlag muß eine lebendige chriſtliche Seele geben.“ „Das mag wohl ſein wie Ihr ſagt,“ entgegnete der erſte Redner,„aber denkt Ihr es nicht aͤußerſt wahrſcheinlich, daß er unſere arme Alley zu dem guten Volke gebracht hat?“ „Ihr habt gerade meine Gedanken errathen; ich wollte eine gute junge Kuh darauf verwetten, wenn es Gottes Wille waͤre, daß ich eine beſaͤße, daß ſie ſich in dieſem geſegneten Augenblick auf einem der kleinen Huͤgel befindet, wo die Feen hauſen. Wir wiſſen ja Alle, daß man ſie in Haufen auf der 38 Straße ſehen kann, die er mit ihr durchkreuzte,“ ſagte Michel. „Aber ſag' uns noch Eins, Michel; denn Du mußt es ſo wohl wiſſen, als irgend Jemand in der Welt, da Du mit Beiden unter demſelben Dache leb⸗ teſt ſeit ſie Kinder waren. Ich hoͤrte es ſeit mehrern Jahren ſchon, daß Crohoore in Alley ſterblich verliebt waͤre.”“ „Ihr hoͤrtet blos die Wahrheit, Maugha; es war klar und deutlich zu ſehn, und ich war oͤfters ge⸗ genwaͤrtig, wie der arme Anton— Ruhe ſey mit ihm; — Alley ſelbſt damit aufzog, und ihr ſagte, als er ihr unter ihr huͤbſches Kinn griff, daß, wenn ſie ein gutes Maͤdchen ſein wollte, ſo wuͤrde er ihr Crohoore zum Manne geben. Alle Menſchen lachten daruͤber; aber ich, ohne ein Wort zu ſagen, dachte immer, daß es am Ende ſchlecht ablaufen wuͤrde. Alley, das arme Geſchoͤpf, war ſanft und gutherzig, und waͤhrend alle Andre ſich uͤber Crohoore hermachten, gab ſie ihm nie einen ſauren Blick oder ein aͤrgerliches Wort; er hatte ſie vielleicht behert: denn es war wirklich erſtau⸗ nend, ſie ſo freundlich gegen einen ſo haͤßlichen Zwerg zu ſehen, der allen Andern Furcht einjagte. Und er, der faſt nie that was ihm Andere geboten, wuͤrde auf ein einziges Wort von Alleyn vierzig Meilen in der finſtern Nachtzeit gegangen ſeyn.“ „Ich bin voͤllig uͤberzeugt, daß die Rede von ihrer nahen Heirath mit Pierce eine der Urſachen war, die Crohoore verleitete, das zu thun, was er that; er 3 39 entfuͤhrte ſie und raͤchte ſich zu gleicher Zeit. Denn unter uns geſagt, Anton Dooling war zuweilen ein harter Meiſter gegen ihn; freilich verdiente er es wohl, denn er war ein fauler Schlingel. Aber was ich ſa⸗ gen wollte, iſt dies: vor ungefaͤhr einem Monat, ſtatt die Kuͤhe zuſammen zu halten, ging er eines Abends in ſeinen eigenen Geſchaͤften aus,— Ihr wißt wohl was ich meine,— Anton fand die Kuͤhe zerſtreut umher, und ſah Crohoore einige Zeit nachher uͤber den Steig in den Pachthof kommen; und ohne viel zu ſagen, giebt er ihm einen Schlag mit dem Stock, der ihn in den Miſt warf; und als Crohoore aufſtand, und vor mir vorbei ging, hoͤrt' ich ihn flu⸗ chen, und ſagen:„Du ſollſt mir ſchon fuͤr dies be⸗ zahlen!“— Und er hat nur allzuſehr ſein Wort ge⸗ halten.“ Auf dieſe Weiſe plauderten die Gevattern die ganze Nacht hindurch, und als ſich der Morgen naͤ⸗ herte, verließ einer nach dem andern des verſammelten Volkes die Todtenwache. Zuletzt blieben nur noch drei oder vier Frauen, die mit halbgeſchloſſenen Augen, und ſinkenden, nickenden Koͤpfen, aus Mangel an Schlaf, kaum auf den melancholiſchen und fortgeſetzten Sterbegeſang hoͤrten. Ein großes ausgemergeltes Weib, mit emporſtrebendem Haar und eingefallenen Backen, ſang das Lied. Ploͤtzlich ging ſie vom Lobe der Ver⸗ ſtorbenen zu den ſchrecklichſten Verwuͤnſchungen gegen den Moͤrder uͤber, und dies erweckte zum Theil die andern Weiber. Doch als ſie ſchnell aufſprang, einen 40 Augenblick inne hielt, und dann ausrief:„Seht ihn an! Er kommt um meine Fluͤche zu hoͤren, und ſein Werk zu beſchauen!“ da ſtanden ſie Alle gleichfalls auf, und ſahen ihre hexenmaͤßige Saͤngerin, mit Augen die ihr aus dem Kopfe ſtarrten, und mit ihren duͤrren Armen ausgebreitet auf einen Menſchen hinweiſend, der ſo nahe bei den Leichen ſtand, daß ſeine Hand des alten Mannes Kopf beruͤhrte. Er war ſorgfaͤltig verhuͤllt, und hatte ſein Geſicht abgekehrt; ein zweiter Blick auf die diminutive Geſtalt entdeckte jedoch, wer er war. Eine ſchreckenvolle Pauſe folgte fuͤr einen Augenblick, und Crohoore, denn es war kein Anderer als er, benutzte ihre Bewegungsloſigkeit, druͤckte ſeinen breiten alten Hut uͤber ſein Geſicht, als wenn er ein ſtarkes Gefuͤhl, das ihn zu erſchuͤttern ſchien, ver⸗ bergen wollte, eilte dann ohne Hinderniß durch die Thuͤr, und entwich. Zuletzt erhob ſich ein wildes Geſchrei unter den Weibern; ſie riefen nach Huͤlfe; aber als dieſe kam, war der Zudringliche lange fort. Niemand konnte ſagen oder auch nur muthmaßen, wie er hatte in das Haus kommen koͤnnen, und als man die Frauen aͤrgerlich fragte, warum ſie nicht fruͤher nach Huͤlfe gerufen haͤtten, behaupteten ſie insgeſammt ernſtlich und feierlich, daß ſeine Gegenwart ihre Sinne betaͤubt und bezaubert haͤtte. Anaſthauſe war vorzuͤglich be⸗ redt und ausdrucksvoll in dieſer Gruppe, und ſie ſagte, von dem Augenblick als ſie Crohoore erblickte, wurde die blaͤuliche Seite ihres Geſichts brennend heiß, 41 und die blaſſe Seite ſo kalt, wie die Erde. Zum Beweis ihrer Behauptung brachte ſie ihr Geſicht noch⸗ mals vorwaͤrts, um beſehen und befuͤhlt zu werden. Es war, wie immer, einem ſchlecht gebackenen Kuchen gleich, der auf einer Seite verbrannt, und auf der andern roh iſt. Viertes Kapitel. In der Nacht, als Alley Doolings Vater und Mut⸗ ter ermordet worden, erwachte ſie ploͤtzlich aus einem ungewoͤhnlich tiefem Schlaf, die Folge der ſtarken Lei⸗ besbewegung, die ſie ſich am vorigen Tage und Abend gemacht hatte. Sie fuͤhlte beim Erwachen, daß man ihr perſoͤnliche Gewalt anthat; ſie verſuchte umher zu ſehen, fand aber, daß ihre Augen verbunden waren; dann wollte ſie aufſtehen, aber eine ſtarke Hand druͤckte ihre Bruſt gewaltſam nieder, und eine andre Perſon band ihren Mund mit einer feſten gefalteten Leinwand, ſo daß ſie nicht nur verhindert wurde zu ſchreien, ſondern auch kaum athmen konnte. Ihre Arme und Beine waren gleichfalls feſt gebunden, und alle 42 ihre Bemuͤhungen ſich frei zu machen, zu ſprechen, oder zu Huͤlfe zu rufen, waren fruchtlos. Als die Bandage um ihren Mund wohl befeſtigt war, ſchien das Gewicht auf ihrer Bruſt, ſo weit die Verwirrung ihrer Gedanken ihr geſtattete wahrzuneh⸗ men was vorging, etwas erleichtert zu ſein. Sie hatte ſich in ihren Kleidern niedergelegt, um voͤllig fertig zu ſein, weil Pierce Shea, wie ſie dachte, ſie fruͤh abholen wuͤrde. Die arme Alley wurde nun in ihre Bettdecke eingehuͤllt, und von einem ſtarken Arm em⸗ por gehoben. Doch bisher hatte ſie keine Stimme gehoͤrt; ein kurzes und ſchweres Athmen nahm ſie blos wahr, als kaͤme es von Jemand, der aͤmſig und muͤhſam be⸗ ſchaͤftigt war. Doch als ſie aufgerichtet wurde, erreichte ein leiſer Fluch, der in einem aͤrgerlichen Ton herge⸗ murmelt wurde, ihr Ohr, und ſie wurde nun uͤberzeugt, daß es kein weibliches Geſchoͤpf war, das ſie ſo ſchaͤnd⸗ lich behandelte. Die ſchreckliche Art wie ſie aus ihrem Schlafe aufgeweckt worden war, und ihre große Furcht uͤberwaͤltigte ſie ſo ſehr, daß ſie ohnmaͤchtig wurde. Die kalte ſchneidende Luft der Winternacht brachte ſie jedoch bald wieder zu ſich; aber ihre Gedanken blieben verwirrt wie in einem ſchrecklichen Traum, und ſie war ſich blos bewußt, daß ſie ſich in den Klauen einer ſehr ſtarken Perſon befand, die ſich ſchnell mit ihr entfernte. Die Bandage um ihren Mund wurde loſer und fiel ab; ſie benutzte dieſen Augenblick um —— laut auszuſchreien; aber die Perſon, die ſie hielt, blieb ſtehn, und befeſtigte ſie wieder mit verdoppelter Heftig⸗ keit, und Alley's Athem und Beſinnung verließen ſie wieder, und ſie fiel nochmals in Ohnmacht. Als ſie ſich von dieſem zweiten Anfall erholte, waren ihre Augen und ihr Mund von aller Umhuͤl⸗ lung befreiet; ihre Beſonnenheit kehrte allgemach zu⸗ ruͤck, und ſie konnte die Beſchaffenheit ihrer Lage wahrnehmen. Sie war zu Pferde, und der Arm ei⸗ nes Mannes umſchlang von hinten ihren Leib. Die kalte Luft hatte ſie durch und durch erſtarrt; ihre Zaͤhne klapperten, ihre Gelenke bebten aus Schwaͤche, Furcht, and vor Kaͤlte. Langſam und aͤngſtlich wandte ſie endlich ihren Kopf ruͤckwaͤrts, um das Geſicht ihres Begleiters zu ſehen. Der Mond beleuchtete es, als ſie ihre Augen darauf richtete, und ſie erblickte Cro⸗ hoore's graͤßliche Geſichtszuͤge; er war todtenbleich, voll greller Wuth, und befleckt mit Blut. Ein Zwiſchen⸗ raum von einigen Zollen nur trennte ſie von einander, und waͤhrend des ſchnellen Blickes, als dieſe Entdeckung gemacht wurde, ſchoß ſein kleines rothes Auge gleich⸗ ſam Feuer in ihre blauen Augen. Alley's Seele ſchien verletzt; ſie ſchrie und wandte ihren Kopf weg. Alle Aeußerungen, die ſie wohl eher gehoͤrt hatte, von ſeiner ſchwarzen, wilden Gemuͤths⸗ beſchaffenheit, und alle Warnungen ihn von ſich ent⸗ fernt zu halten und ſich vor ihm in Acht zu nehmen, kamen jetzt in ihr erſchrockenes Gedaͤchtniß zuruͤck, und ſie hielt ſich nun fuͤr verloren. Sie bebte zuruͤck vor 44 dem rauhen Druck ſeines Armes; ſie entſetzte ſich, ſie verabſcheute ſeine Beruͤhrung, ſeine Naͤhe zu ihr, kurz, ſeine ganze Exiſtenz. Sie konnte es nicht uͤber ſich erhalten, zu ihm zu ſprechen, und waͤre es auch ge⸗ weſen, um ſeine Gnade anzuflehen. Ueberredung war nun freilich die einzige Hoffnung die ihrer Seele uͤbrig blieb in ihren jetzigen ſchrecklichen Umſtaͤnden und in ihren noch ſchrecklichern Ausſichten; aber waͤhrend eini⸗ ger Zeit wurde doch kein Wort zwiſchen ihnen aus⸗ geſprochen. Doch endlich uͤberwand ein herrſchendes Gefuͤhl alle andere, und indem ſie ſich ploͤtzlich herumdrehete, rief ſie aus: „Im Namen des Allerheiligſten, Crohoore, wohin gehen wir, wohin ſchleppſt du mich?“ „Du gehſt in deine einzige Heimath, Alley, wo Kummer und Schmerz dich erwarten,“ antwortete er. „Was kannſt du meinen? Crohoore, wenn du das Licht der naͤchſten Welt zu ſehn hoffſt, nimm mich zuruͤck in meine eigene Heimath,— zu meinem Vater!“— Er blieb ſtillſchweigend; ob dies nun aus Groll oder Haͤrte geſchah, oder ob ſeine Gedanken abweſend waren, konnte unmoͤglich entſchieden werden. Alley fuhr fort, ihn mit Waͤrme anzuflehen, worauf endlich der Zwerg erwiederte: „Alley, Alley, Du und ich ſind in dieſer Nacht zwei ungluͤckliche, elende Geſchoͤpfe!“ Und unmittelbar darauf trieb er ſein Pferd noch eiliger an, hielt Alley 45 feſter auf ihrem Sitz, und wegen der Schnelligkeit ihres Rittes und ihrer Erſchoͤpfung, konnte ſie das Geſpraͤch nicht fortſetzen. Sie dachte jedoch, daß ſie die Gegend auf beiden Seiten kannte, wo ſie vorbei kamen, und daß ſie nahe bei ihres Vaters Hauſe war; aber die Eile und ihr erſchuͤtterter Gemuͤthszuſtand machten auch dies zwei⸗ felhaft. Nach einiger Zeit war ihr Ritt gemaͤßigter, und Alley dachte dann, daß ſie eine Stimme hinter ihnen rufen hoͤrte, und ſie ſchrie nach Huͤlfe; Cro⸗ hoore hielt ſie nun mit vieler Behendigkeit auf ihrem Sitze, indem er ſeinen Ellenbogen gegen ihre Bruſt ſtuͤtzte, ihren Mund mit ſeiner Hand bedeckte, und in vollem Galopp fortritt. Von der Heerſtraße ſtuͤrzten ſie in die Felder, ſetzten uͤber die kurze Strecke des flachen Landes weg, und in einem kaum langſamern Schritt beſtiegen ſie einen von den niedrigen Huͤgeln, der, wie ſich Alley nun vollkommen erinnerte, nur ungefaͤhr eine Viertel⸗ meile von ihres Vaters Hauſe entlegen war. Als ſie auf der andern Seite hinunter ſtiegen, durchſtrichen ſie ſchnell einen großen Umfang von Suͤmpfen, und ſetzten einige Zeit ihre Reiſe fort, Berg auf, Berg ab. Es war merkwuͤrdig, mit welcher Gewißheit Crohoore eine Wuͤſte durchſtreifte, die voller Moraͤſte und Berge war, ohne Spur, und folglich aͤußerſt ſchwierig. Der Zuͤgel wurde freilich manchmal angezogen, wegen des unſichern Auftretens, aber nicht einen Augenblick ſtand er an, den beſtmoͤglichſten Weg durch die Suͤmpfe zu finden. 46 Ein einziger Fehltritt auf einer oder der andern Seite wuͤrde ſein Pferd bis uͤber die Schultern verſenkt haben; dies machte ihn etwas ſtutzig, hemmte aber ſeine Fort⸗ ſchritte wenig. Alley benutzte dieſe gelegentliche Verminderung der Eile, um Mitleid in ihrem ſtrengen Waͤchter zu erregen; aber er beharrte in einem tiefen, unerklaͤrbaren Stillſchweigen. Ein oder zweimal kamen ſie nahe bei einer Huͤtte vorbei, deren einige in dieſen veroͤdeten Plaͤtzen zerſtreut lagen, und ſelbſt beim Mondenſchein kaum bemerkbar waren, da ihre Farbe und Bauma⸗ terialien den Torfhaufen, den Binſen, und unfrucht⸗ baren kleinen Huͤgeln vollkommen glichen, von denen ſie umringt waren. Alley, die noch immer hoffte, daß ihr Jemand zu Huͤlfe kommen wuͤrde, ſchrie mit aller Macht, als ſie ſich dieſen elenden Huͤtten naͤherten, und Crohoore that jetzt nichts, ſie daran zu verhindern. Aber ihr Rufen wurde nicht gehoͤrt, oder wenn es gehoͤrt wurde, ſo kreuzten ſich dieſe Huͤttenbewohner blos, und beteten um Befreiung von dieſen heilloſen Nachtwanderern. 3 Sie hatten bereits eine Reihe von Huͤgeln zuruͤck gelegt, und naͤherten ſich jetzt einer zweiten von Ber⸗ gen, wie die Bewohner derſelben ſie nannten, unge⸗ achtet ſie nicht hoch genug waren, dieſe Benennung zu verdienen; aber ſie waren ſteil, ſchwer zu erſteigen, unfruchtbar und wuͤſte, mit Gebuͤſch und Heide be⸗ ſtreut, und hier und da eine verfallene Eiche, die Re⸗ liquie großer Waͤlder, die vor funfzig oder ſechszig Jahren 8 8 u 8 8 47 dieſen Landſtrich uͤberwachſen hatten. Crohoore ritt noch einige Zeit durch dieſe Wuͤſten; endlich, nachdem er ſich lange und behutſam umgeſehen hatte, hielt er ploͤtzliich ſtill, ſtieg ab, und half auch der leidenden Alley, ihren beſchwerlichen Sitz zu verlaſſen. Er ſtellte ſie auf die Fuͤße, vergaß aber, daß nicht nur Kaͤlte, Ermuͤdung, und die Angſt ihres Gemuͤths, beſonders aber die Stricke mit denen ihre Fuͤße zuſammen ge⸗ bunden waren, es unmoͤglich machten, daß ſie ſtehen konnte; ſo bald ſie daher den Boden beruͤhrte und ſeiner Stuͤtze beraubt war, fiel ſie der Laͤnge nach nieder. Er buͤckte ſich ungeſaͤumt, hob ſie auf, und ſein verwildertes Gemuͤth ſchien von Mitleid geruͤhrt zu ſein. Leiſe Klagen entfuhren ihm, als er ihre zarten Knoͤchel verletzt und blutend ſah, vom Druck und von der Reibung des dicken Stricks, der ſie zu⸗ ſammen band. Da er auf ſeinen Knieen war, oͤffnete er eiligſt den Strick, machte auch ihre Arme frei, und fuͤhrte ſie einen Schritt vorwaͤrts. Alley, die an nichts als ihr Ungluͤck dachte, hatte gar nicht bemerkt, daß ſie ſich vor der Thuͤr einer elenden Huͤtte befand, an welcher Crohoore ſtehen blieb, und mit dem Ende einer Piſtole, die er aus dem Buſen zog, laut anklopfte. Eine lange Pauſe erfolgte, ohne irgend eine Antwort. Er klopfte nochmals, und noch lauter, worauf ſich endlich eine kreiſchende, grelle Stimme von innen hoͤren ließ, mit der Frage, wer da waͤre? „Ich bin es, Crohoore,“ antwortete er; die 7 48 rauhe Stimme machte einige laute Anmerkungen in einem unzufriednen Tone; doch wurden darauf Fuß⸗ tritte von Innen gehoͤrt, und Licht durch die Ritzen der halb zerfallnen Thuͤr geſehen, die endlich nach vielem Schuͤtteln und Knarren halb geoͤffnet wurde. Alley zog ſich mit Entſetzen von dieſer Erſchei⸗ nung zuruͤck. Sie hatte, wie die meiſten Landmaͤdchen, von Hexen gehoͤrt, die durch die Luft fahren, und ſich in Hoͤhlen und Loͤchern aufhalten, wo ſie Thaten der Finſterniß veruͤben, und ein ſolches Geſchoͤpf ſtand nun, wie ſie dachte, vor ihr. Es war ein altes Weib unter mittler Statur, die noch kleiner ſchien, als ſie wirklich war, wegen eines ungewoͤhnlich gebuͤckten Ruͤckens, der ihre Schultern und ihren Kopf ſo vorwaͤrts und her⸗ unter draͤngte, daß ſie faſt mit den Huͤften in gleiche Linie kamen. Ihr Geſicht glich einer Larve von Per⸗ gament, welche uͤber die hervorſtehenden Knochen nicht recht befeſtigt ſchien, und daher in unzaͤhligen Runzeln eingeſchrumpft war, in allerlei Richtungen; und aus dieſem Geſicht ſtach ein Kinn hervor, wie ein ſpitziges Horn. Wenn ihr Mund geſchloſſen war, konnte er von den Runzeln die ihn umgaben, nicht unterſchie⸗ den werden, und wenn er ſich oͤffnete, zeigte er weiße Gaumen ohne Zaͤhne. Zuſammengeklommne graue Haare hingen uͤber ihre Backen, und ein altes rothes Halstuch, das ihren Kopf voͤllig bedeckte, war unter ihrem faltigen Halſe zuſammen geknuͤpft. Der uͤbrige Theil der Geſtalt und die Bekleidung waren nicht einladender. Haut und Knochen, ſchmutzig und wi⸗ nA— u— —— 8☛ 898 w„(& u dod 5—— 49 drig war, und nur mit einigen Lumpen bedeckt; das Einzige im Geſicht dieſer lebendigen Mumie, was inter⸗ eſſirte, und nicht unangenehm war, war ihr Auge; es beſaß viel Lebhaftigkeit, ja ſogar Energie, und ſchickte ſich kaum fuͤr ein ſolches Gerippe. Sie hielt ein angezuͤndetes Nachtlicht, als Cro⸗ hoore hereintrat, und ſeine Begleiterin trug, oder viel⸗ mehr zwang, ihm zu folgen; denn ſie ſetzte ſich inſtinkt⸗ maͤßig dagegen. Die alte Frau ſah ſie einen Augen⸗ blick, mit halb verſchloſſenen Augen, genau an. Dann oͤffneten ſich weit die gerunzelten Augenlieder, und mit einem flammenden Blick auf Crohoore, der die macht⸗ loſe Wuth des Alters ausdruͤckte, rief ſie in dem grellſten Tone aus: „Elendeſter Menſch! und du haſt es gewagt, meine Gebote zu uͤbertreten? Hab' ich dich nicht ge⸗ warnt, bei Gefahr deiner kuͤnftigen Seligkeit, Alley Dooling nicht zu beruͤhren? Du haͤßliche Mißgeburt! — Noͤgen deine Unthaten auf deinen eigenen Kopf fallen!“ „Still, ſtill, Alte!“ ſagte Crohoore, eilig aber nicht aͤrgerlich, und dann fuͤgte er leiſe einige Worte hinzu, die jede Fiber ſeines Koͤrpers zu durchbeben ſchienen. Die Alte ſprach ebenfalls leiſe zu ihm, und dies brachte ſeinen Paroxysmus aufs Hoͤchſte; er ſprang zuruͤck, zitterte noch heftiger, wurde noch blaͤſſer, und warf einen betruͤbten und ſonderbaren Blick auf die arme, erſchrockene Alley. Sie beeiferte ſich, die Ver⸗ aͤnderung zu benutzen, die in ihrem ſeltſamen Begleiter I. —5o vorging, und machte noch einen Verſuch, ihn von den ſchaͤndlichen Abſichten, die er, wie ſie glaubte, auf ſie hatte, abzuwenden. Sie warf ſich auf die Knie, und flehete ihn in der irlaͤndiſchen Sprache an, von deren Schall und Idiom ſie ſich groͤßere Wirkung verſprach. „Im Namen des Gottes im Himmel, Crohoore,“ ſagte Alley,„ſey nicht gegen mich, gegen das einzige Kind deines Herrn und deiner Gebieterin, ſo ruchlos, als du zu ſeyn gedenkſt! Ueberlege und bereue, weil es noch Zeit iſt! Gieb mich meinem Vater wieder, dieſen heiligen Weihnachtsmorgen; dir ſoll nicht blos verziehen, ſondern, ich ſchwoͤre bei der Seele meines Vaters, du ſollſt ſogar belohnt werden.“ Waͤhrend dieſer Anrede aͤchzte Crohoore fuͤrchter⸗ lich; er ſchwankte ruͤckwaͤrts, lehnte ſich an die feuchte Mauer dieſer elenden Huͤtte, bedeckte ſein Geſicht mit den Haͤnden, und Alley ſah mit Verwunderung und Entzuͤcken, daß Thraͤnen, die ſie fuͤr Thraͤnen des Mitleids und der Reue hielt, durch ſeine Finger uͤber die Haͤnde wegfloſſen.„Du willſt alſo, Crohoore?“ ſagte ſie, indem ſie ſich an ihn draͤngte;„ja, du wirſt Mitleid mit mir haben, und mich zu meines armen Vaters Haus zuruͤck fuͤhren!“ Nun naͤherte ſich der Augenblick, in welchem das ungluͤckliche Maͤdchen den ganzen Umfang ihres Elends erfahren ſollte. Crohoore enthuͤllte ſein Geſicht, auf welchem ſich Schmerz und Entſetzen, Verzweiflung und die allerfuͤrchterlichſten Gefuͤhle zeigten. Er kam vor⸗ waͤrts und blieb bei ihr ſtehn, weil ſie noch auf ihren r⸗ 51 Knien lag, und mit einer Stimme, die ihn faſt er⸗ ſtickte und kaum hoͤrbar war, ſagte er:„Weh, Weh komme uͤber dich, Tochter der Doolings! Und zwei⸗ faches Weh uͤber ein ſo elendes Geſchoͤpf, als ich bin! Alley, Alley, du haſt keinen Vater, du haſt keine Mutter!— Sie ſchwimmen in ihrem Blute;— ſie ſind Beide ermordet!“— Sie ſtieß ein durch⸗ dringendes Wehgeſchrei aus, und fiel in ſtarken Kon⸗ vulſionen auf den naſſen, ſteinernen Boden. Als ſie ſich erholte, fand ſie ſich in einem Ge⸗ mach, das voͤllig verſchieden war von dem, wo ſie ohnmaͤchtig wurde; ſie hatte nie ein aͤhnliches gefehn. Die Waͤnde ringsum waren von ſolidem Mauerwerk, und ſtatt des bloßen Strohdachs einer Huͤtte, befand ſich hier eine Decke von ſchwarzem Holze, von deren Mitte ein Theil eines alten metallenen Topfes, an einem Stricke befeſtigt, herunterhing, und mit Fett gefuͤllt war; dies unterhielt die Flamme eines alten Lumpens, und warf ein flackerndes, dunkles Licht uͤber das ganze große Zimmer. In einem entfernten Win⸗ kel ſtand ein ſchmutziger, hoͤlzerner Tiſch, nebſt einigen ſchlechten Stuͤhlen. Auf einer der zwei ſchmutzigen Bettſtaͤtten, die ſich ebenfalls daſelbſt befanden, lag Alley, und es war aͤußerſt auffallend, daß trotz dem zerriſſenen und zerlumpten Zuſtande des uͤbrigen Haus⸗ geraͤths, ihr Bett von Federn war; ein Luxus, den man damals ſelbſt in den Haͤuſern der hoͤhern Klaſſe von Paͤchtern nur ſelten antraf. Das alte nicht zur Erde gehoͤrige Geſchoͤpf, das zuerſt die Huͤtte fuͤr 4* Alley geoͤffnet hatte, unterſtuͤtzte ſie auf dem Bett, als ſie ſich erholte, und hielt ſtark riechende Pflanzen ihr unter die Naſe. Nahe bei ihr ſtand auch Crohoore, mit demſelben Ausdruck des Geſichtes, mit welchem er jene entſetzlichen Worte ſprach, wodurch Alley ihrer Sinne beraubt wurde, und die noch jetzt in ihren Ohren und in ihrem Herzen klangen. Das arme Maͤdchen wandte ſich nun von dem Anblick ihrer bei⸗ den Geſellſchafter mit doppeltem Widerwillen und dop⸗ peltem Abſcheu, und in dieſem Zuſtande muͤſſen wir nun die troſtloſe Alley verlaſſen, bis die Fortſchritte der Geſchichte ſie uns wieder zufuͤhren werden. Fuͤnftes Kapitel. Uhterdeß iſt es wohl unſere Pflicht, die Wahr⸗ heit des Berichtes zu unterſuchen, den der alte Michel bei der Wache gab, naͤmlich von dem ungluͤcklichen Ausgang, den Pierce Shea's erſter Verſuch hatte, ſeine Geliebte wieder zu finden. In einem Gemuͤthszuſtande, der ſich dem Wahn⸗ ſinn naͤherte, begab er ſich, wie bereits erwaͤhnt, auf den Weg mit ſeinem Milchbruder, Andy Houlohan, Shamus Whelan, einem ſtarken, aͤltlicher Manne, und 53 Paudge Dermody, dem Witling, der aber jetzt ſo ernſt⸗ haft war, wie der ſchwerfaͤlligſte Menſch. Sie waren alle gut beritten, wohl bewaffnet, und voller Muth; der Morgen, der eben angebrochen ,als ſie ausſetzten, dunkel und umwoͤlkt; ſie mußten ihren Weg durch einen dicken Nebel machen, der auf dem Gipfel des Huͤgels lag, uͤber welchen Crohoore, wie man ihnen ſagte, um Mitternacht geritten war. Sie durchſtrichen dieſen ganzen Tag die wuͤſten Hoͤhen und ausgedehnten Moraͤſte, aus welchen dieſe ganze Gegend beſtand, und fragten jeden Menſchen, unterſuchten jeden Flecken, um etwas zu erfahren, oder um die verborgenen Fluͤcht⸗ linge auszufinden; aber ausgenommen zwei Faͤlle, fan⸗ den ſie auch nicht die geringſte Spur. Der Beſitzer einer Huͤtte, die am Rande der groͤßten Suͤmpfe lag, uͤber die ſie gekommen waren, ſagte ihnen, daß er in der vorigen Nacht durch lautes, erſchreckliches Schreien aus dem Schlaf erweckt worden, daß er aber nicht daͤchte, daß irgend ein ſterbliches Geſchoͤpf zu einer ſolchen Zeit, durch die einſamen und verfaͤnglichen Suͤmpfe kommen koͤnnte. Eine Laſt war ihm nun vom Herzen genommen, da er erfuhr, was vorgegan⸗ gen war, und er fuͤrchtete nun nicht den Trauerton der Bocheenta gehoͤrt zu haben, die gewoͤhnlich kommen um den ſchnellen Tod eines Mitglieds der Fa⸗ milie zu prophezeihen. Auch begegneten ſie bei ihrem ferneren Nachſetzen dem Pferde, das man aus Anton Doolings Stall genommen hatte; es irrte auf den Huͤgeln umher, halb todt vor Muͤdigkeit, f 3 b —y—— 54 bedeckt mit Schweiß und Koth, die noch nicht getrock⸗ net waren. Dieſer unvollkommene Beſcheid diente blos dazu, ſie zu uͤberzeugen, daß der Gegenſtand ihrer Nachſtellung irgendwo in der Nachbarſchaft verborgen ſei; uͤbrigens aber mußten ſie ſich dem Ungefaͤhr uͤberlaſſen. Als die Nacht einbrach, ruͤckten ſie aus einem langen Gehoͤlze, das ſich einige Meilen laͤngs einer Reihe von Huͤgeln hinzog, und in welchem ſie einen Theil des Tages in Nachſuchungen zugebracht hatten. Sie hielten ſtill auf dem oͤden Abhang, und ſahen ſich in allen Richtungen nach einem Obdach um; denn mit der einbrechenden Nacht brachten Wind und Regen ganze Stroͤme uͤber die verwuͤſtete Gegend, und keine Ueberredung konnte Pierce bewegen, eher heim zu kehren, als bis er einige Nachrichten uͤber Alley eingezogen habe, und ſollte ſie im Eingeweide der Erde verborgen ſeyn. Ein ſchwar⸗ zer Strich von Moraͤſten zog ſich vor ihnen hin, bis ſie bei dem ſchwachen Licht und dem zunehmenden Nebel den Horizont zu beruͤhren ſchienen. Am Fuße des Abhanges, auf dem ſie ſtanden, floß ein Berg⸗ ſtrom, deſſen Quelle ſich zwar hoͤher in der Gegend befand, aber doch in einer Fortſetzung derſelben Kette von Huͤgeln. Als ſie fruͤh am Tage uͤber dieſen Strom kamen, ſchien er blos ein kleines Gewaͤſſer, das die großen Felſen beſpuͤlte, die an dem Kanal lagen; aber der Kanal ſelbſt war mehr als zehn Fuß tief und zwanzig bis dreißig Fuß breit, und wurde zuweilen ein ungeſtuͤmer Fluß. Ein wenig zu ihrer rechten Seite, 55 aber tiefer herunter am Abhange des Huͤgels, ſtand eines jener plumpen, viereckigen Schloͤſſer, deren man viele in Kilkenny und der benachbarten Gegend antrifft, die wahrſcheinlich von den engliſchen Anſiedlern des Kreiſes und ihren Nachfolgern erbauet wurden, und die ihnen als Wohnhaͤuſer und Feſtungen dienten. Sie enthielten die einzigen Obdaͤcher, die in dieſem Lande zu finden waren, und ſchuͤtzten ſie gleichfalls gegen die Angriffe der abgeſetzten Eingeborenen, die ſich noch nicht in die wachſende Macht ihrer neuen Oberherren zu ſchicken gelernt hatten. Dieſe Schloͤſſer ſind uͤber⸗ all in dem Landſtrich ſo nahe neben einander angebaut, daß die Ausſicht von einem zum andern nie unter⸗ brochen iſt, wahrſcheinlich fuͤr den Zweck, um im Fall eines Ueberfalles Signale ihrer Noth geben zu koͤnnen. Nachdem Pierce Shea und ſeine Begleiter einen Ueber⸗ blick auf die Gegend umher geworfen hatten, ſahen ſie wohl ein, daß das alte Schloß, das wir eben beſchrie⸗ ben haben, das einzige nahe Obdach war, das ihnen nun jeden Augenblick unentbehrlicher wurde. Die tief⸗ ſten Schatten der Nacht umgaben ſie, ſchwere Flocken verflochtener Heide verließen die Berggipfel, und zogen wie Wolken vor dem Winde her. Der Regen, der bis jetzt kaum fuͤhlbar geweſen war, fiel nun in ſchweren Tropfen ununterbrochen fort. Zum Schloſſe eilten un⸗ ſere Reiſenden daher, und ſchlugen ihr Nachtlager dort auf. Ein unteres Gemach des alten Gebaͤudes verſah ihre Pferde mit einem Obdach, und mit knappem, gro⸗ bem Futter von den Huͤgeln. Sie brachten Holz aus 56 dem Walde und zuüͤndeten geſchwind ein flammendes Feuer an in der oberen Etage, zu welcher ſie auf einer engen, ſchneckenfoͤrmigen Treppe hinaufſtiegen. Andy Houlohan, der Ueberlegteſte von Allen, brachte einen Schnappſack hervor, der wohl gefuͤllt war mit laͤndlicher Koſt. Paudge Dermody, der Durſtigſte, ver⸗ ſah ſie mit einer großen, ſchwarzen Flaſche Branntwein, und ſie verſammelten ſich Alle rings der Flamme, um Erfriſchungen und Ruhe zu genießen, zu denen die Beſchwerden und Sorgen des Tages ſie vollkommen aufgelegt machten. Auch fanden ſie bald, wie erſprießlich dieſe Vor⸗ ſicht geweſen war. Der Wind erhob ſich zu einem Sturme, und heulte traurig durch das thuͤrloſe Ge⸗ baͤude; die Flamme, um die ſie ſaßen, wurde gewaltig bewegt durch die Oeffnungen in den engen Waͤnden, die ehemals mehr mit Ruͤckſicht auf Sicherheit als Bequemlichkeit errichtet wurden. Sie dienten vielleicht eher zu Schlupfloͤchern, durch die man einen Feind pla⸗ gen konnte, als zu Fenſtern, um Licht einzulaſſen. Es regnete noch immer heftig fort, und einer der Maͤnner, der ſich auf einen Augenblick hinaus gewagt hatte, berichtete, daß es ſo finſter ſey, daß er nicht eine Elle weit in die Ferne ſehn koͤnnte. Der Mond war im Abnehmen, und ging unter einigen Stunden noch nicht auf, ſo daß es unmoͤglich geweſen waͤre, in einer ſo elenden Nacht und auf einem ſo wuͤſten Wege heimwaͤrts zu reiſen, auch wenn Pierce Shea keine Einwendungen dagegen gemacht haͤtte. Nach n 8=— 2 57 vollendeter Mahlzeit fingen die Maͤnner an, den Ein⸗ fluß der uͤberſtandenen Strapazen des Tages zu fuͤhlen; ihre Geſpraͤchigkeit verminderte ſich, und Einer nach dem Andern ſtreckte ſich beim Feuer nieder und ſchlief ein,— nur Pierce Shea nicht, deſſen Seelenzuſtand ihn wachend erhielt. Seine Gefuͤhle ſtimmten mit der Nacht uͤberein, mit dieſem veroͤdeten Zufluchtsort, dem Sturme, der Finſterniß und mit dem weinenden Him⸗ mel. Er legte ſich auf die Erde, konnte aber kein Auge zuſchließen; er ſprang dann auf und ging von einer Seite des weiten Gemachs zur andern, lehnte dann ſeinen Ruͤcken an die Wand, ſetzte ſich in die Vertiefung des Fenſters; aber jede Lage und Stellung war ihm unbehaglich, denn er war unthaͤtig, und fern von dem Zweck, der ſeine ganze Seele beſchaͤf⸗ tigte. Doch endlich, ohne deutlichen Bewegungsgrund, angetrieben von einer lebhaften Raſtloſigkeit, vielleicht auch von Hoffnungen, die er ſich nicht erklaͤren konnte, huͤllte er ſich in ſeinen Ueberrock und ſtieg leiſe, um ſeine Begleiter nicht zu ſtoͤren, die ſchmale Treppe hin⸗ unter. Ohne auf den ſtarken Wind und heftigen Regen zu achten, ging er in's Freie. Ein lauter Schall, als kaͤme er vom Schloſſe, machte ihn beben; die Hoffnung wurde in ihm leb⸗ hafter, und er ſtuͤrzte hinein. Er trat in das untere Stockwerk, konnte aber wegen der gaͤnzlichen Finſterniß nichts ſehn, noch hoͤrte er irgend etwas, ausgenom⸗ men das Geraͤuſch, das die Pferde machten um ihr hartes Futter zu freſſen. Schnell ſtieg er nun hinauf 58 zu dem Platze, wo er ſeine Begleiter gelaſſen hatte. Das Feuer war beinahe erloſchen; doch blieb noch ſo viel uͤbrig, um zu ſehn, daß die Maͤnner noch feſt ſchliefen, ausgenommen ſein Milchbruder Andy, und wenn dieſer nicht ſchlief, ſo ſchien er behext zu ſeyn. Auf derſelben Stelle, wo ihn Pierce hatte ausgeſtreckt geſehn, kniete er nun; der hintere Theil ſeiner großen, duͤrren Figur ruhete auf ſeinen Ferſen; ſein Kopf und Koͤrper waren zuruͤckgeworfen, um die Beruͤhrung von etwas zu vermeiden, vor dem er ſich zu fuͤrchten ſchien. Sein linker Arm war der Laͤnge nach ausge⸗ ſtreckt, um eine gewiſſe Annaͤherung zu verhindern, und mit ſeiner rechten, feſt geballten Hand ſchlug er ſeine Bruſt, und murmelte mit verzerrten Lippen und der groͤßten Schnelligkeit einige Gebete her, in der irlaͤndiſchen Sprache. Er hatte Pierce's Eintritt gar nicht gehoͤrt, und blieb in ſeiner Stellung und Be⸗ ſchaͤftigung, bis Jener naͤher kam, ſeinen ausgeſtreckten Arm ergriff und ihn fragte, was er denn vorhaͤtte. Andy ſprang ploͤtzlich auf, als ſein Arm beruͤhrt wurde, und mit betaͤubenden Toͤnen bruͤllte er nun die Gebete her, die er vorhin nur gemurmelt hatte. Er zog ſeine Augen von der Leere weg, auf die ſie hin⸗ ſtarrten, und erkannte ſeinen Milchbruder. Dies ver⸗ minderte ſein Beten nicht, brachte aber eine Veraͤnde⸗ rung im Tone des Vortrags hervor. Auf dieſe Weiſe fuhr er fort, ohne auf Pierce's Fragen zu achten, bis er den ganzen Katalog durchgegangen hatte. Die Rede ging, daß er ſeinen Kopf mit keinem 59 Gebete belaͤſtigt habe, ausgenommen das, welches ihn ſeine Mutter in der Kindheit zu lernen zwang, und daß er auch das in ſeinem jetzigen Alter zum Theil vergeſſen habe; man kann alſo leicht erachten, welchen ſonderbaren Miſch⸗Maſch der arme Andy machte, wenn er zu ſeiner Andacht ging. Pierce hoͤrte unterdeß nicht auf, ihn zu befragen. Endlich ſagte er in einem klagenden Tone:„Seyd Ihr es ſelbſt, Herr Pierce?“ und gab, wie es in ſei⸗ nem Lande gewoͤhnlich iſt, Frage fuͤr Frage. Langſam richtete er ſich von ſeinen Knien auf, waͤhrend er mit dem untern Theil ſeines Rockes den Schweiß von der Stirn wiſchte. „Was iſt denn vorgegangen?“ fragte Pierce nochmals. „Habt Ihr ſie denn nicht geſehn?“ „Sie? Wen?“ „Das verdammte,— doch gemach, Andy,— halt deine Zunge im Zuͤgel, und nimm dich in Acht was du ſagſt,— ich meine das gebenedeite Weſen, das hier war.“ „Andy! Gott gebe daß du Alley meinſt!“ „In der That, wenn es Alley war, ſo glich es nicht Alleyn, die man gewohnt war zu ſehn; aber das kalte Grab hat ſie wahrſcheinlich auf immer ent⸗ ſtellt.”“ „Kerl, was meinſt du? Willt du mich toll machen? Wen haſt du geſehn?“ „Wohlan, Andy,“ ſagte Paudge, der wachend 60 war, ſeit Andy das Geſchrei machte, als Pierce ſeinen Arm niederbog;„wohlan, Andy,“ ſagte er, indem er ſich ihm naͤherte:„keinen von deinen alten Streichen, ſondern erzaͤhle die Sache deutlich und klar.“ „Fahr' fort!“ ſchrie Pierce. „Wartet ein wenig, bis ich mich beſinne; was hilft das Plaudern; das Herz iſt mir aus dem Leibe herausgeſchreckt.“ Pierce ſtampfte mit den Fuͤßen:„Was es hilft? — doch bald darauf aͤnderte er ſeinen Plan, und ſagte in einem ſtrafenden Tone:—„du willſt mich alſo nicht beruhigen?“— dieſe Worte waren von einem vorwurfsvollen, aͤngſtlichen Blick begleitet, der einen groͤßern Eindruck auf den langſamen Andy machte, als die heftigſte Wuth koͤnnte gethan haben. „Aber gebt mir nur Zeit, meine Sinne zuſam⸗ men zu kratzen. Der Teufel hole ſie insgeſammt!— O, Chriſt!“ Sein Gewiſſen empoͤrte ſich gegen ſeine ungeziemende Gottloſigkeit,— er bedeckte ſeine Stirn mit ſeinen Daumen, ſah rings umher, und ſagte: „wir muͤſſen weder fluchen, noch ſchwoͤren, wenigſtens nicht bis wir dieſen Ort verlaſſen haben. Aber wenn Ihr ſehn ſolltet, was ich geſehn habe, ſo wuͤrdet Ihr das ganze kuͤnftige Jahr kein einziges Wort ſprechen. Doch, lieber Pierce, ich will verſuchen mich auf Alles zu beſinnen, ſeht nur nicht ſo traurig aus. Das Beſte iſt wohl, daß ich ganz vom Anfang beginne. Ich ſtreckte mich nieder beim Feuer, und ſchlief ein. Nun aber muͤßt Ihr wiſſen, Pierce, wenn es ſich ſo ereignet, daß η‿& △— G+⏑ 8◻‿* 61 ich nicht in meinem eigenen natuͤrlichen Bett ſchlafe, ſo habe ich immer und ewig ungluͤckliche Traͤume, und das war der Fall auch diesmal. Ichdachte, ich ſaͤh die arme Alley auf dem Boden liegen, wie eine Leiche, aber keine Todtenwache bei ihr; und ein Thier gleich einer Katze, aber ſo groß wie ein einjaͤhriges Kalb, war aͤmſig daruͤber her, ihr die Augen auszupicken, und ſie zu zernichten. Und ich traͤumte, Alley ſtand auf ein⸗ mal auf, und kam zu mir heruͤber ohne zu gehn, und kein einziges Auge im Kopfe, nichts als die bloßen Augenhoͤhlen; dann fing ich an zu ſchreien, wie ich dachte, und erwachte in einem Augenblick. Aber ich wuͤnſchte, ich haͤtte niemals aufgehoͤrt zu ſchlafen und zu traͤumen, ſo unangenehm es mir auch war zu jener gegenwaͤrtigen Zeit.“*) Als ich erwachte dachte ich anfangs, daß ich noch ſchnarchte, und daß ich eigent⸗ lich gar nicht erwacht war, und um der Sache gewiß zu ſeyn, rieb ich mir heftig die Augen mit meinen Knoͤcheln, und da ſah ich, was hinreichend geweſen waͤre, ein chriſtliches Geſchoͤpf todt zu toͤdten,“*)— und es ſtand ganz nahe bei Euch, Shamus.“ Sha⸗ mus entſetzte ſich, zitterte, und ſein ſtarkes graues Haar bewegte ſeinen alten Hut.„Ganz nahe bei Euch, Shamus ſtand ein Geiſt, der eben aus dem *) Jener gegenwaͤrtigen Zeit, ſo ſprechen gemeine Irlaͤn⸗ der oͤfters. Anm. d. Ueberſ. **) Dies iſt wieder eine der zahlloſen Tantolobien, die man dem gemeinen Irlaͤnder vorwirft. Anm. d. Ueberſ. — Grabe gekommen war: denn ſein Leichenkleid war voller Erde, ſeine Augen waren roth wie Feuer, und ſtarrten die meinigen an. Aber ſie glichen keinesweges den unſrigen,— Gott ſegne die Zuhoͤrer,— ſondern gerade wie zwei rothe Kohlen in einen Schaͤdel geſteckt, der eben aus einem Kirchhof oder dergleichen Orte ge⸗ nommen worden war. Und man ſah nichts auf ihren Geſichtszuͤgen, oder ſeinen, oder des Teufels,— doch ſtill, Andy, daß keiner von uns des Teufels Namen wieder ausſpreche,— als bloße, unbedeckte Knochen. Ich gab einen tuͤchtigen Schrei, und ſie ſtreckte ihre Hand aus, von welcher das Fleiſch ſo rein abgenagt war, als Einer von uns im ſtaͤrkſten Hunger, den er je fuͤhlte, einen Knochen abnagen koͤnnte. Nun war es mir unmoͤglich ein Wort hervorzubringen; es ſchritt durchs Feuer und wollte eben zu mir kommen, als es mir Gott eingab einen Segen auszuſprechen, und zu beten. Und wahrlich, das erſte Wort war hinreichend fuͤr das Geſpenſt,— denn ich denke, unter uns ge⸗ ſagt, dergleichen Worte behagen ihnen nicht,— doch es geht uns nichts an, was ſie dort daraus machen woher es kam, und es verſchwand durch das Ritzchen in der Mauer mit einer Leichtigkeit, als ich durch die offene Thuͤr gehn koͤnnte, und,— aber Donner und Blitz! Gott verzeihe mir! Bemerkt Ihr das?“ Andy fiel wieder auf die Knie und in ſeine vorige Stellung; wiederholte ſeine Gebete, ſtreckte ſeinen Arm aus, und ſtarrte in einem Paroxysmus des Schreckens, als auf einen Gegenſtand in der Dunkelheit, beim 8$ ☛ u ⁸½ 8 63 Eintritt in das Gemach. Die Andern erriethen leicht die Urſache dieſer ploͤtzlichen Veraͤnderung in ihm, und als ſie ſich langſam umkehrten, ſahn ſie Etwas in einer weißlichen Bekleidung ſich durch den Gang bewegen, der uͤber die Treppe ins untere Gebaͤude leitete. Pierce Shea war der Einzige, der die Kuͤhnheit hatte zu fol⸗ gen; die Andern ſtanden ſprach⸗ und bewegungslos; er lief daher allein fort, und verlor ſich bald in der Finſterniß. Dies erweckte Andys Beſorgniß, wenn auch nicht ſeinen Muth, und laut heulend rief er:„Ohl Mord, Mord!*) Ihr Kerle, wollt Ihr ihn dem Tode Preis geben? Wollt Ihr nichts thun ihm beizuſtehn, Sha⸗ mus? Paudge, willſt du ihm nicht nachgehn? Tau⸗ ſend Sakerment! iſt das Eure Art dem armen Menſchen zu helfen? Paudge ſchien der Beſonnenſte von den Dreien; der alte Shamus ſah ganz bethoͤrt aus vor Schrecken, und konnte blos fragen: „Wozu ſollten wir gehn? Was kann unſer Einer gegen einen Geiſt thun?“ „Mord,“ rief Andy wieder,„er wird zur Spreu zerhauen ſeyn! Und Niemand bei ihm, um ihn ans Beten zu erinnern! Paudge, willſt du nicht gehn?“ „Und warum gehſt du denn nicht ſelber, Andy?“ *) Murder, Murder, iſt eine ſehr gewoͤhnliche Exklama⸗ tion der Irlaͤnder ſelbſt unter den beſſern Staͤnden. Anm. d. Ueberſ. 64 fragte Paudge, der ſich uͤber den Aberwitz ſeines leicht⸗ glaͤubigern Kameraden luſtig machen und ein Spaͤß⸗ chen genießen wollte. „Es geziemt ihm beſſer, als uns,“ ſagte Shamus. 24%„ Nicht im Geringſten,“ ſagte Paudge,„denn er weiß, daß der Geiſt mehr gegen ihn aufgebracht iſt, als gegen uns; denn er hoͤrte Alles, was er von ihm ſagte.“ Andy aͤchzte eine Beſtaͤtigung. „Aber wohlan, Kameraden, um den Streit zu enden, laßt uns alle zuſammen gehn.“ „Wirklich, das iſt das Beſte,“ ſagte Andy;“ aber Ihr, Shamus, wißt Eure Gebete beſſer aus⸗ wendig, als ich oder Paudge; Ihr ſeid ja auch alt genug, unſer Vater zu ſeyn, und hattet daher Zeit genug dazu; Ihr muͤßt zuerſt gehn, Shamus.“ „Freilich muß er,“ ſagte Paudge; denn der Geiſt⸗ liche meint, daß im ganzen Kirchſpiel Keiner die Ge⸗ bete ſo inne hat, als er, zu deiner und meiner Schande ſey es geſagt, Andy.“ Dies beruͤhrte den empfindlichſten Flecken in dem Muthe unſers Shamus. Er ſpielte in einem verjuͤng⸗ ten Maßſtab den Heiligen unter ſeinen Freunden, und zwar mit einem Eifer, der eines ausgebreitetern Wirkungskreiſes wuͤrdig geweſen waͤre. Seine Ehre ſtand nun auf dem Spiele, und ſelbſt Todesſchrecken haͤtten nicht vermocht, ihn abzuhalten, ihr gemaͤß zu handeln.. „Sagt es nicht noch einmal,“ antwortete Sha⸗ mus mit einem laͤcherlichen Beſtreben einen dreiſten —— 9—2+ 65 Ton und dreiſte Geberden anzunehmen, ging er ſchnell aus dem Gemach, indem er das Vaterunſer auf Irlaͤn⸗ diſch mit lauter Stimme wiederholte. Paudge folgte, und Andy machte den Nachtrab, aus bloßer Furcht allein gelaſſen zu werden. Sie blieben an der Wendeltreppe ſtehn, und Shamus ſagte in einem nachdruͤcklichen Ton:„Still!“ „Fahrt mit Euren Gebeten fort, beſter Shamus,“ ſagte Andy flehend. „Kommt herunter, kommt herunter,“ ſchrie Pierce aus dem untern Stockwerk. O heilige Mutter Gottes,“ rief Andy aus, „es haͤlt ihn nun, und es wird keinen Knochen von ihm uͤbrig laſſen.“ Und ſeine perſoͤnliche Furcht wich ploͤtz⸗ lich vor ſeiner heftigen Liebe fuͤr den Milchbruder; er rannte vorwaͤrts, ſtieß die Andern auf die Seite, und ging mit ſo vielem Ungeſtuͤm zu Werke, daß er bei⸗ nahe die ganze Treppe hinunter gefallen waͤre. Aber ob er ſich gleich ſehr beſchaͤdigt hatte, ſo war er doch bald wieder auf den Fuͤßen, und rufte laut:„Pierce Shea! Pierce Shea!“ „Hier bin ich,“ antwortete Pierce, und zwar viel naͤher als Andy vermuthet hatte; er ſtuͤrzte daher zuruͤck und ſchrie noch lauter wegen der unerwarteten, nahen Stimme.— „Aber ſeyd Ihr todt oder lebendig?“ fuhr er fort, als er zu ſich kam. „Ich bin nicht ſchlimmer als ich war, Andy!“ „Wißt Ihr auch gewiß, daß Ihr gar nicht ver⸗ J. 5 letzt ſeyd?“ Er tappte in der undurchdringlichen Fin⸗ ſterniß umher, und als er mit Pierce in Kontakt kam, befuͤhlte er ihn uͤberall. „Und hat Euch das Geſpenſt keinen Schlag gegeben, Euch ganz und gar nicht abgepruͤgelt?“ „Ich ſag' dir ja, Andy, es iſt mir nicht das geringſte Uebel oder der geringſte Unfug zugeſtoßen.“ „Wenn es ſo iſt, ſo danke ihm der liebe Gott dafuͤr; aber,“— ſagte er mit leiſer Stimme, und fuͤhlte nach Piercens Ohr, welches er feſthielt, waͤhrend er hineinfluͤſterte:—„aber ich hoffe, es iſt verſchwun⸗ den, auf immer und ewig?“ „Es iſt in dieſem Zimmer, was es auch immer ſeyn mag;“— Pierce ſtand vor der Thuͤr eines in⸗ nern Gemaches. „O Barmherzigkeit!— Waͤre es denn nicht beſſer, es ſeinem eigenen Willen zu uͤberlaſſen?“— Die andern Maͤnner taumelten nun gegen ihn, und er hatte ihre Annaͤherung nicht gehoͤrt, weil der Wind ſo laut tobte. „Mord! Wer iſt da?“— ſchrie er. „Ich bin es, Andy,“ antwortete Paudge. „Du mußt zuruͤck gehn, Andy,“ ſagte Pierce, und mir ein angezuͤndetes Stuͤck Holz vom Feuer bringen; ich will dieſen Ort durchſuchen.“ „O, Pierce, denkt nicht an ſo etwas, wenn Ihr die geringſte Liebe fuͤr mich habt.“ „Oder,“ fuhr Pierce fort,„Ihr drei moͤgt die Thuͤr bewachen, wo ich jetzt ſtehe, und ich werde in 1 67 einem Augenblick wieder bei Euch ſeyn.“ Er ſtieg die Treppe hinauf. „Er ſtuͤrzt ſich ins Verderben,“ ſagte Andy im Vertrauen zu den Andern;„und ſagte, waͤren wir nicht die groͤßten Toͤlpel in der Welt, wenn wir einem ehrlichen Geiſt den Weg verſperrten, der uns nichts zu Leide gethan hat?“ 4 Seine Kameraden genehmigten dies ſtillſchweigend, gingen insgeſammt gegen die Treppe, und ließen den Ausgang durch die aͤußere Thuͤr ungehindert. Auch hoͤrten ſie bald ein kleines Geraͤuſch, ſtießen ſich Einer dem Andern mit dem Ellbogen an, und Andy enthielt ſich nur mit Muͤhe zu ſprechen. Nach einem Augen⸗ blick ſahn ſie ganz deutlich den gefuͤrchteten Geiſt ſich durch die offene Thuͤr in den Mondſchein begeben, der eben, trotz der Wolken und des Regens, die Erde zu beleuchten anfing. Dies war um ſo auffallender durch ſeinen ſtarken Kontraſt mit der volligen Finſterniß im Zimmer.— „Paudge, ſahſt du etwas?“ fragte Andy. „Ja wohl;“ Andy. d „und du Shamus?“ „Ach, ach!“ ſagte Shamus ſtoͤhnend. „Gottlob, es iſt bald Morgen, und das Geſpenſt kann nicht zuruͤckkommen;“ ſagte Andy.— „Das iſt meine Hoffnung; gelobt ſey der Name⸗— Gottes!“ bemerkte Shamus. „Und iſt es nicht ein großes Gluͤck, daß wir nicht in ſeinem Wege waren?“ Es haͤtte uns Alle 5* 68 verkruͤppelt. Doch, Bruder, wenn Euch Euer Leben lieb iſt, ſagt dem armen Pierce nicht, daß es wegge⸗ gangen iſt; er wuͤrde ihm nachlaufen durch Dick und Duͤnn, und kaͤme dann gewiß zu Schaden. Wir wiſ⸗ ſen ja nicht, wohin es ihn locken wuͤrde, und ob wir je ſein Geſicht wiederſehn moͤchten; laßt uns daher nicht ſagen, daß wir es geſehn haben.“ „Du ſprichſt vernuͤnftig,“ erwiederten ſie ein⸗ ſtimmig. Man hoͤrte nun Pierce kommen, und er fand ſeine tapfern Maͤnner auf ihren Poſten. Er brachte einen Brand vom Feuer; da er aber keine Flamme hatte, ſo gab er natuͤrlich kein Licht. Er trat jedoch in die finſtre, innre Stube; die Andern folgten ihm mit ihrem neuerworbenen Muthe, der aus der Gewiß⸗ heit entſprang, daß ſie nichts zu befuͤrchten hatten. Er blies mit ſeinem Odem den Brand, um wenigſtens einen Schein hervorzubringen; aber er flackerte blos ein wenig, ſo daß es unmoͤglich war, irgend einen Gegenſtand zu unterſcheiden; er gab daher ſeinen Ver⸗ ſuch auf. 1 „Wir haben kein Holz mehr, um ein friſches Feuer zu machen,“ ſagte Pierce,„aber wir wollen hier wachen bis der Morgen anbricht,“ und alle Vor⸗ ſtellungen waren umſonſt ihn von ſeinem Vorſatz ab⸗ zulenken.— Die ſchwerfaͤllige Nacht ging endlich voruͤber, und die truͤben, unfreundlichen Strahlen eines Wintermor⸗ gens zogen langſam uͤber die ſchlummernde Gegend einher. Aber das Licht brachte Piercen keine Aufklaͤ⸗ rung des Geheimniſſes der Finſterniß. Er ſuchte und ſuchte, aber ohne Erfolg, und die Maͤnner bewahrten ihr Geheimniß wohl. Sie erhielten den Befehl ſich zu einer neuen Reiſe anzuſchicken, um Crohoore und Alley zu finden, und Pierce beſchloß, dieſen Tag noch aͤmſiger zu Werke zu gehn, als den vorigen, da es ihn beinahe verruͤckt machte, wenn er an den zweckloſen Zeitverluſt dachte, ſeit ſeine Geliebte ihm war entriſſen worden. Die Knechte beſchaͤftigten ſich mit den Pferden, und Pierce ging heraus, um zu ſehn was fuͤr Wetter der Mor⸗ gen verſprach; aber kaum war er einige Minuten fort, als ſie ein lautes Jauchzen in einiger Entfernung vom Schloſſe hoͤrten, und ſie eilten Alle hinaus um die Urſache zu erfahren. Sie ſahn Pierce den Abhang des Huͤgels hinunter fliehen, wie ein Adler, der auf ſeinen Raub losſtuͤrzt, und nahe vor ihm her ſahen ſie Crohoore, den Moͤrder, der ſich beſonders durch ſeinen ſchleppenden Gang aus⸗ zeichnete, aber doch mit der moͤglichſten Schnelligkeit vorwaͤrts ſchoß. Der untere Theil ſeines ſchweren Ueberrocks war um ſeinen Arm geſchlungen, in der andern Hand hielt er ein kurzes Gewehr. „Da ſind ſie! da ſind ſie, trotz Allem!“ riefen die Knechte, und blieben ſogleich auf der Stelle ſtehn, wo ſie einen Ueberblick der wilden Hetze haben konnten; auch war die Entfernung zwiſchen ihnen und den Streitenden ſo groß, daß es vergebens geweſen waͤre 70 zu verſuchen, ſich ihnen dann zu naͤhern; denn Alles mußte voruͤber ſeyn, ehe ſie den Einen oder Andern erreichen konnten. So ſchienen ſie wenigſtens zu den⸗ ken, oder der Schreck uͤber das ploͤtzliche Ereigniß hatte ſich ihrer Sinne bemeiſtert, und ſie auf der Stelle feſtgehalten. „Lauf, lauf, Crohoore!“ rief Andy aus, und klatſchte in die Haͤnde,„denn der ſchnellſte Fuß in Clarah verfolgt dich!“— „Und lauft Ihr auch ſo geſchwind Ihr koͤnnt, Pierce Shea,“ ſagte Paudge,„denn Eurer Mutter Sohn hatte nie vorher mit einem ſolchen Widerſacher zu thun!“ „Er laͤuft ja ſo geſchwind er kann,“ ſagte der alte Shamus, und„kann dem Zwerg nicht einen Zoll abgewinnen!“ „Heiliger Chriſt! Nein der Zwerg gewinnt ihm vielmehr mehrere ab,“ erwiederte Paudge. „Das Bergwaſſer, das der heftige Regen in der Nacht herunter geſtuͤrzt hat, befindet ſich jetzt vor ihnen und muß der Sache ein Ende machen;“ fuhr Andy mit vermehrter Energie fort;—„die Ufer ſind uͤber⸗ ſchwemmt!— Seht wie es ſich hinſtuͤrzt,— uͤber Stein und Felſen,— mehr als acht Ellen weit,— kein ſterblicher Menſch kann daruͤber wegſetzen!— Da, Pierce, da wirſt du ihn erhaſchen!— Lauf, lauf, und laß ihn nicht den Weg nach der Bruͤcke nehmen! — Fahrt fort,— lauft!— Gott,— aber dies iſt ein gottloſes Wettrennen!“— 71 Endlich ſetzten die Knechte aus zum Kampfplatz; Paudge rief beim Gehen:„Haltet ihn nun feſt, Herr Pierce, wir wollen ihn binden, daß er nicht loskom⸗ men ſoll!“— Der Fluͤchtling hatte den Rand des ſchaͤumenden Stromes erreicht, blieb eine Sekunde ſtehn, gab einen Blick ruͤckwaͤrts, um die Entfernung von ſeinem Ver⸗ folger zu meſſen, ſchleuderte ſein Gewehr hinuͤber, warf ſeinen Ueberrock ab, und ging einige Schritte zuruͤck, um beſſer vorwaͤrts ſpringen zu koͤnnen. Dieſer Ver⸗ zug brachte Pierce Shea ſeinem Wilde ganz nahe; er keuchte, und da er ſich uͤberzeugt hielt ihn ergreifen zu koͤnnen, ſtreckte er ſeine Hand aus, und ſeine Finger beruͤhrten wirklich ſchon Crohoores Schultern. Nun jauchzte er laut. Aber der Verfolgte floh vorwaͤrts, er⸗ reichte nochmals das Ufer, und ſetzte wie ein Vogel uͤber das gefaͤhrliche Waſſer weg. Pierce ſtand noch am Nande, als Crohoore auf der andern Seite lan⸗ dete. Er beſann ſich nicht lange, machte ebenfalls einige Schritte ruͤckwaͤrts, kam an, machte den Sprung, fiel aber der Laͤnge nach hinein, und wurde mit un⸗ widerſtehlichem Ungeſtuͤm fortgeriſſen. Die nahen Knechte ſchrien vor Angſt und Ent⸗ ſetzen laut auf. Crohoore drehete ſich herum nach ſei⸗ nem Sprunge, als wenn er nichts fuͤr ſeine Sicher⸗ heit fuͤrchtete, und ſah ſeinen Verfolger in den brauſenden Strom verſenkt. Er folgte ſeinem Lauf ſogleich, aber der junge Mann verſchwand, erhob ſich wieder, warf ſeine Haͤnde konvulſiviſch umher, erhob ein durchdrin⸗ 72 gendes, verzweiflungsvolles Geſchrei, und die dunkeln Wellen rollten nochmals, im anſcheinenden Triumph, uͤber ihn weg. Crohoore lief unaufhaltſam fort, und erreichte eine Stelle, wo der wilde Strom auf ſeiner Seite ſchlaͤngelnd gegen das Ufer ſtieß. Hier blieb er ſtehn, ſein Auge feſt aufs Waſſer gewandt, und ſein Gewehr vorwaͤrts gerichtet. Die Knechte ſchrien wiederum, und Andy Houlo⸗ han uͤberſchrie ſie alle und ſagte: „So wahr ich ſelig zu werden hoffe, er wird ihn erſchießen, wenn er wieder emporkommt!“— Und Andy richtete ſogleich ein Piſtol auf Crohoore und zog den Druͤcker; aber der Feuerſtein brachte blos einige Funken hervor. Crohoore, dem Andys Abſicht nicht entgangen ſeyn konnte, achtete nicht darauf, ſondern ſetzte ſeine Wachſamkeit ununterbrochen fort. Es war keine Zeit mehr ein anderes Piſtol gegen ihn zu richten, da der Ertrinkende, vom Strom heftig herumgewirbelt, gegen das Ufer geſchlagen wurde, und zum zweiten Mal auf die Oberflaͤche des Waſſers kam. Crohoore lag auf ſeinen Knieen, ſtreckte ſogleich das Gewehr aus, hielt einen Augenblick inne, und leitete ihn aus den ſchlagenden Wellen zu dem Ort hin, wo ſie zuruͤck prallten. Dann ergriff er Pierce bei den Haaren, und zog ihn herauf; aber allem Anſchein nach war er auf immer dahin. Doch, Crohoore legte den unbeweglichen Kopf auf ſeinen Schooß, ließ ihn dann herunterhaͤngen, und ſchuͤttelte ihn, bis das Waſſer aus Mund und Naſe —— 898=— ℛ——&⸗—☛⏑̈— ½— ——, lief, und ein ſchwerer Seufzer zuruͤckkehrendes Leben verkuͤndigte. Er rieb alsdann ſeine Schlaͤfe und Haͤnde, ſetzte ihn mit dem Nuͤcken gegen ein dickes, hohes Bin⸗ ſengebuͤſch, und naͤherte ſich bedachtſam dem Rande des Waſſers, um, wie es ſchien, mit den Knechten gegenuͤber zu ſprechen. Sie waren aͤußerſt erſtaunt, und ungeachtet der breite Fluß ſich zwiſchen ihnen be⸗ fand, ſo traten ſie doch einige Schritte zuruͤck. Sie wußten gar nicht was ſie denken ſollten; ſie hatten erwartet, daß er noch eine Mordthat begehen wuͤrde. Crohoore ſprach alſo zu ihnen: „Warum bleibt Ihr dort ſtehn?— Beſchleu⸗ nigt Euren Weg uͤber die Bruͤcke, und laßt es Euch nicht einfallen den Sprung zu wagen. Ich kann nicht hier verweilen, und Pierce Shea erfordert Bei⸗ ſtand.“ Hierauf wandte er ſich, um weg zu gehn. „Bleib ſtehn, Crohoore!“— rief Andy, der nun, da kein Geſpenſt im Spiele war, ein tapferer Kerl ge⸗ nannt werden konnte.—„Bleib' ſtehn, ſag' ich!— oder wenn du einem Zoll breit weichſt, ſo ſoll der Ge⸗ halt dieſes durch deinen Leib gehn!“— Und er hielt ihm eine Flinte entgegen. Crohoore blieb einen Augenblick ſtehn, kehrte ſein Geſicht zu ihnen, und laͤchelte mit Verachtung und Gleichguͤltigkeit. Als er wieder fortſchritt, wurde An⸗ dys Gewehr und zwei Piſtolen losgeſchoſſen, die Paudge und Shamus hielten; aber ſie ſtifteten kein Unheil. Denn, wie ſchon vorher der Fall geweſen war, das Pulver in den Pfannen war nicht einmal angezuͤndet. Doch er kehrte ſich nochmals um, ruͤckte ſeinen Hut aus den Augen, und naͤherte ſich ſo weit es das Waſſer geſtattete. „Ihr ſeyd wirklich ein Pack alberner Toͤlpel,“ rief er ihnen zu,„denkt Ihr, daß ich hier verweilt haͤtte, wenn ich fuͤrchtete, daß Eure Waffen mir Schaden thun koͤnnten?— Einem von Euch koͤnnte ich jetzt das Leben nehmen, wenn ich dazu geneigt waͤre;“ und zur Bekraͤftigung ſeiner Worte feuerte er ſein Gewehr in die Luft, lud es aber wieder, und waͤhrend dieſer Beſchaͤftigung ſagte er: „Thut, wie ich Euch gebiete: tragt den Junker dahin, wo er Waͤrme und Bequemlichkeit haben kann, oder ſein Tod komme uͤber Eure Koͤpfe, nicht den meinigen.“ Crohoore entfernte ſich nun, ſchritt mit Muße uͤber die Suͤmpfe, ſetzte uͤber eine nahe Anhoͤhe zur Linken weg, und war aus den Augen verloren, ehe die Knechte, die ſich ſogleich auf den Weg machten, die laͤndliche Bruͤcke erreicht hatten, die in einer be⸗ traͤchtlichen Entfernung, laͤngs des Fluſſes, einen ſichern Uebergang zu der Seite gegenuͤber gab. Pierce Shea wurde in einem ſehr erſchoͤpften Zu⸗ ſtande nach Hauſe getragen. Die Qualen und Schmerzen ſeines Geiſtes und Koͤrpers brachten, wie der alte Urkuͤndige bei der Wache berichtet hatte, ihm ein ſtarkes Fieber. Nachdem die Gefahr voruͤber war, ging ſeine Geneſung, doch langſam, vor ſich, welches 75 wohl der Ungeduld beizumeſſen war, mit der er ſeine Geneſung wuͤnſchte, und es verliefen zwei Monate, ehe er faͤhig war ſeine Nachſuchung fuͤr die Geliebte zu erneuern. Sechſtes Kapitel. Doch, obgleich Pierte den Raͤuber ſeiner Geliebten nicht ſelbſt verfolgen konnte, ſo erſchien ein Stellver⸗ treter, von dem man dieſen Eifer und dieſe Freund⸗ ſchaft nicht leicht haͤtte erwarten koͤnnen. Johann Doran war der Sohn eines reichen Paͤchters in einer hoͤhern Sphaͤre, der der Stadt Kil⸗ kenny um zwei Meilen naͤher wohnte, als Edward Shea, Piercens Vater, und Anton Dooling. Sein Vater war ein alter ausſchweifender Kerl, der nie ver⸗ heirathet geweſen, und mehrere Kinder hatte. Er wuchs daher ohne muͤtterliche Sorgfalt auf, und hatte das Beiſpiel ſeines leichtſinnigen Vaters vor Augen; es iſt alſo kein Wunder, daß Johanns Grund⸗ ſäͤtze eben nicht die feſteſten waren. Man nannte ihn einen Mann nach der Mode, der ſich huͤbſch kleidete, that was er wollte, ein gutes Pferd ritt, und deſſen ganzes Anſehn ein Mittelding vorſtellte zwiſchen einem 76 ſtaͤdtiſchen und laͤndlichen Stutzer; deſſen Ruhm darin beſtand, auf Jahrmaͤrkten und Landfeſten zu fechten, und unmaͤßig viel ſchlechtes Bier in elenden Schenken zu trinken. Doch zuweilen mochte Johann auch wohl auf Taͤnzen die Uebrigen verdunkeln, und das Maͤd⸗ chen war dann gluͤcklich und beneidet, mit der er tanzte. Aber man ſagt, daß ſie auch oft Urſache hatte, ihre Eitelkeit zu verwuͤnſchen. Wo er auch war, wollte er Koͤnig ſeyn, und ſo gab man ihm auch allgemein die⸗ ſen Titel. Rhiah Doran, oder Koͤnig Doran war gewoͤhnlich eine ſeiner Benennungen. Und obgleich Jo⸗ hann kein gemeiner Fechter war, ſo hatte er doch alle Fechter ringsum unter ſeinem Befehl, das heißt, die unruhigſten Taugenichtſe in der Baronie. Seine Ober⸗ herrſchaft war gerade wie er ſie wuͤnſchte. Niemand durfte ihm etwas verſagen, denn zerbrochene Glieder waren die Folge der Widerſetzung gegen Rhiah Doran. Seine Geſtalt war ſtark und wohlgebauet, aber ſeine Geſichtszuͤge hatten etwas Rauhes und Unangenehmes. Er erhielt viel Geld von ſeinem Vater, das er verſchwendete ohne etwas dafuͤr zu thun; das war auch der Fall mit ſeinen zahlreichen Bruͤdern und Halbbruͤ⸗ dern; keiner von Allen beſchaͤftigte ſich im geringſten mit des alten Herrn ausgebreiteten und vortheilhaften Paͤchtereien. Wie dieſer freigebige Vater zu Werke ging, um dieſen Aufwand zu beſtreiten, ſowohl fuͤr ſeine eigene Perſon, denn er lebte ſo luſtig und muͤßig als ſeine Kinder, und gleichfalls fuͤr dieſe, war Vielen unbegreiflich, trotz ſeiner anſehnlichen Einnahme von ——— ſeinen Laͤndereien. Sie lebten Alle augenſcheinlich uͤber ihre angeblichen Mittel, und doch waren ſie Nie⸗ mand einen Pfennig ſchuldig; Taxen aller Art wurden gehoͤrig berichtigt, und der alte Suͤnder nebſt ſeiner Brut galoppirten zum Teufel, unbelaſtet von Schulden. Manche ſagten er haͤtte eine verborgene Geldgrube, An⸗ dere behaupteten, er haͤtte einen Topf voller Gold ge⸗ funden, und die Sache ward auf verſchiedene Weiſe er⸗ klaͤrt; doch er ſelbſt gab folgenden Aufſchluß. Als er eine Nacht im Mondſchein, oder vielmehr am Morgen vor dem Bruchſtuͤck eines Kloſters einer benachbarten Stadt vorbeikam, hoͤrte er darin Stim⸗ men in ernſtem Geſpraͤche begriffen. Dieſer ſonderbare Umſtand verleitete ihn ſtehn zu bleiben; er ſchlich leiſe zu dem Gebaͤude, blickte hinein, und ſah drei Maͤnner aͤmſig beſchaͤftigt den Schutt aufzugraben. Sie waren nicht ſtill bei ihrer Arbeit, und er vernahm aus ihrem Geſpraͤch, daß ſie ſo fleißig gruben, um einen Topf voll Geld zu heben, der, wie einer von ihnen dreimal getraͤumt hatte, auf dieſer Stelle vergraben war. Plͤtz⸗ lich hielten ſie inne, und— „Gott ſegne uns!“ rief der Kleinſte der Dreie, „hier iſt etwas hohles unter meiner Schaufel.“— „Geſchwind raͤume die Erde weg,“ ſagte ein Anderer, und nun buͤckten ſie ſich in die Oeffnung, die ſie ge⸗ macht hatten, und mit vielen Blaſen und großen An⸗ ſtrengungen hoben ſie etwas herauf, das ſie eben auf den Boden ſetzen wollten.— „Als, wie der alte Doran erzaͤhlte, ein lauter 78 Schrei aus der Aushoͤhlung kam, begleitet von einem Blitzſtrahl. Die Maͤnner liefen fort und ließen Schau⸗ fel, Art und alles Andere hinter ſich; die feigen Diebe hatten nicht den Muth einen Augenblick laͤnger zu ver⸗ weilen, und reich zu werden. Denn der heilige Name, den einer von ihnen erwaͤhnt hatte, verbannte den Geiſt desjenigen, der den Schatz dort vergraben und bisher bewacht hatte. Er entfernte ſich vor ihren Augen, als ſie Alles im Stich ließen und wegliefen. Ich konnte nichts weniger thun, als hinein gehn und den Topf in Verwahrung nehmen, aber er war ſo ſchwer, daß ich ihn nicht nach Hauſe tragen konnte; ich nahm ihn daher blos aus dem Wege, und verbarg ihn. Auch hat es mir nachher manche Nacht gekoſtet, ihn nach und nach von dort in mein Haus zu verſetzen.“ Aus dieſer Quelle alſo beſtritt der alte Herr, dem Anſehn nach, ſeine eigene und ſeines Sohnes Ver⸗ ſchwendung, und verpraßte das, welches, wie er ſelbſt aufrichtig bekannte, weit beſſer haͤtte angewandt wer⸗ den koͤnnen, wenn die urſpruͤnglichen Schatzgraͤber das Herz gehabt haͤtten, den Schrei nicht zu achten, den der Geiſt fuͤr den Verluſt ſeines Schatzes ausſtieß. Nun ereignete es ſich, daß Johann Doran, oder Koͤnig Doran, der aͤlteſte Sohn und der Liebling die⸗ ſes gluͤcklichen Nachtwandlers, einſt mit Alley Dooling auf einer Hochzeit tanzte, und ſterblich in ſie verliebt wurde. Die kindiſche Eitelkeit, die ſie damals beſaß, fand ſich durch ſeine Aufmerkſamkeit ſehr geſchmeichelt, und ohne an die Folgen zu denken, koquettirte ſie ——C— ⏑ ⏑— 22 ⏑—— u G — u 79 albernerweiſe mit ihm. Ob nun gleich Johann immer gegen den CEheſtand losgezogen hatte, ließ er ſich doch herab, nach einem harten Kampfe mit ſich ſelbſt, bei ihrem Vater um ſie anzuhalten. Aber trotz der ver⸗ meinten Ehre, wurde er doch ſehr ſchlecht aufgenom⸗ men. Der alte Anton wurde aͤußerſt zornig, ſtieß ihn zur Thuͤr hinaus, warf ihm ſeine Geburt vor, hetzte die Hunde auf ihn, und befahl ihm, nicht uͤber ſeine Schwelle zu kommen, ſo lange ſein Name Johann Doran waͤre. Aber ſchlimmer, als alles dieſes, war, daß Johann wahrnahm, daß ſein ſchoͤner Plagegeiſt, waͤhrend er fuͤr ſie litt, ſich uͤber ſein Ungemach freuete; er ſah ſie kichern, auf ihn hinweiſen, und dann mit angenommener Ernſthaftigkeit eine Abſchiedsverbeugung machen. Doch Rhiah Doran konnte nicht ſo leicht abge⸗ wieſen werden; er forderte ſeine Mannſchaft auf, und nahm Zuflucht zu einem Mittel, das damals in taͤg⸗ lichem Gebrauch war, und ſich auch jetzt noch haͤufig ereignet. Er lauerte auf eine ſchickliche Gelegenheit, machte einen forcirten Einzug an der Spitze ſeiner Bravos, und nahm Alley mit Gewalt aus ihres Va⸗ ters Hauſe. Dies ereignete ſich zur Zeit der Ernte; Pierce Shea war nach Kilkenny gegangen, um Schnitter zu miethen, die ſich um dieſe Zeit immer in großer Menge nach anſehnlichen Staͤdten begeben, wo ſie in den Straßen immer auf die Meiſtbietenden warten. Als er mit ihnen heimkehrte, erregte das Geſchrei einer 8 8 80 weiblichen Stimme ſeine Aufmerkſamkeit, und Johann Doran kam an, umringt von ſeinen Anhaͤngern, und hielt Alley vor ſich auf dem Pferde. Sie flehte Pier⸗ cens Beiſtand an; er ſprang zu ihr, ergriff den Zuͤgel des Pferdes, zog Johann vom Sattel, und Alley fiel in ſeine tapfern Arme. Und nun begann das Haupt⸗ treffen; Pierce nahm eine Sichel von einem ſeiner Begleiter, und waͤhrend Alley an einem ſeiner Arme hing, vertheidigte er ſich muthig mit dem andern; auch ſtanden ihm ſeine Schnitter kraͤftig bei; keine Sichel blieb unbenutzt, und ſie fochten, als waͤren ſie gekom⸗ men Schnitter im Dienſte des Todes zu ſeyn, ſtatt in den friedlichen Feldern. Aber ihre Anzahl war geringer und nicht ſo toll⸗ kuͤhn als Dorans Partei; auch hatten ſie keine ſo guten Waffen, noch verſtanden ſie den Gebrauch der⸗ ſelben. Das moͤrderiſche Schwert in erfahrenen Haͤn⸗ den, die froh und willig einen ſolchen Streit fuͤhrten, theilte Hiebe aus von allen Seiten. Der Sieg ſchien ſich auf Dorans Seite zu neigen; er nahm ſeine Zeit wahr, und gab Pierce, der noch immer ſeine beſin⸗ nungsloſe Laſt trug, einen ſchmetternden Streich. Er wendete ihn zwar zum Theil mit ſeiner Sichel ab, ſeine Schlaͤfe wurde jedoch ſehr ſchwer verwundet. Aber er gab ſeinem Gegner zur Vergeltung eine ſchreck⸗ liche Schmarre, welche die Wange vom Auge bis zur Kinnlade oͤffnete; und er fuͤgte hoͤhniſch hinzu, daß er ihm nun ein Merkmal gegeben habe, das ihn fruͤher oder ſpaͤter zum Galgen verhelfen wuͤrde. ——-—JO—— 8½ O½ 2 * u— 1 In dieſem zweifelhaften Zuſtand des Gefechts langte zur rechten Zeit eine Verſtaͤrkung an, die vom alten Anton Dooling und ſeinem Nachbar, dem alten Edward Shea, angefuͤhrt wurde. Dorans Armee wurde aus dem Felde getrieben, und Alley von ihrem Liebhaber im Triumph nach Hauſe getragen. Beide waren mit Blut bedeckt; er, mit Dorans Blut und ſeinem eignen, und ſie, mit dem warmen Strom, der aus ſeinen Schlaͤfen quoll.— Dieſe Begebenheit verſcheuchte Alley's Eroberungsſucht auf immer, und dankbar gab ſie ihr ungetheiltes Herz ihrem Vertheidiger und Erhalter. Waͤhrend ſeiner Heilung war ſie ſeine Waͤrterin, und verband ſeine Wunde mit ihren ſchoͤnen Haͤnden; aber ihr ſanftes Laͤcheln, ihr feuchtes Auge, und vielleicht auch der Honig ihrer Lippen,— aber dies kann man nicht mit Gewißheit ſagen, da junge Maͤdchen bei ſolchen Gelegenheiten ſelten mehr als einen Zeugen zulaſſen,— trugen mehr zu ſeiner Geneſung bei, als alle Salben und Umſchlaͤge, welche die alten Frau Doktorinnen des Dorfes gemacht hatten, ſo beruͤhmt ſie auch uͤbrigens in der Nachbarſchaft waren. Zur Zeit unſrer Begebenheit wurde eine ſolche Gewaltthäͤtigkeit, als Johann Doran begangen hatte, eher als eine ritterliche Unternehmung angeſehn, die Lob verdiente, wegen der Gefahr die man dabei lief, und wegen des Muthes der dazu erforderlich war, als fuͤr eine Uebertretung der Geſetze, welche die ſchwerſte Strafe erheiſchte. Ja, wir zweifeln, ob die zweite oder dritte Generation jener Menſchen bis jetzt noch I. 6 —2 einen klaren Begriff von der Straffaͤlligkeit einer ge⸗ waltſamen Entfuͤhrung haben. Anton Dooling nahm daher keine gerichtlichen Maßregeln: denn er dachte, daß der uͤble Erfolg der Unternehmung und die haͤß⸗ liche Wunde, welche die Hauptperſon empfangen hatte, hinreichende Strafe ſey. Dieſe Sache trug ſich in der Ernte, vor dem Anfang dieſer Geſchichte zu, und iſt hier erzaͤhlt wor⸗ den, um den folgenden Dialog verſtaͤndlich zu machen. Die Sprechenden ſind der alte Edward Shea und Johann Doran; die Scene im Hauſe des Erſtern; die Erfriſchung, ein großer Krug mit ſtarkem Ale, natuͤrlich zu Hauſe gebraut, das damals das gewoͤhn⸗ liche Getraͤnk derer war, die nicht alle Tage Wein trinken konnten. „Gieb mir deine Hand, Johann, ich will ſie herzlich druͤcken: Du haſt ein Recht, der bittre Feind Aller zu ſeyn, die mit Anton Dooling in Verbindung ſtanden,— Gott ſey ſeiner Seele gnaͤdig,— auch ich und die Meinigen ſollten Dir verhaßt ſeyn,— und wo iſt der Mann, der gleich Dir, ein Freund ſtatt Feind ſeyn wollte?— Ich dachte immer, daß Du ein wilder Teufelskerl, ein Wuͤſtling, ein unbeſonnener Taugenichts waͤrſt, deſſen Herz aber auf der rechten Stelle ſaß; und das macht Alles wieder gut. Ich war einſt ziemlich von demſelben Schlage, wie Jeder⸗ mann weiß.“ „Warum ſollte ich in meinem Unwillen behar⸗ ren, Edward? Der arme Anton behandelte mich frei⸗ 83 lich ſchlecht; aber er iſt nun in ſeinem Grabe, und wir muͤſſen mit den Todten nicht zuͤrnen. Was Pierce betrifft, ſo muß ich geſtehn, der arme Kerl hat nicht mehr gethan, als ich ſelbſt gegen ihn wuͤrde gethan haben, wenn er mit meinem Maͤdchen fortgelaufen waͤre. Der Ritz den er mir gab“— hier hielt er den Finger gegen ſeine zuſammengenaͤhete Backe, welche die Mundmuskeln auf der Seite des Geſichts betraͤchtlich hinauf gezogen hatte, und als er nun dieſe hingeworfnen Worte mit einem angemeſſenen Grimme begleitete, ſo wurde ſein Mund ganz verdreht, und ſah ſcheußlich aus,—„der Ritz war blos eine Ver⸗ geltung fuͤr das, was ich einen Augenblick zuvor ihm zufuͤgte. Ich war damals naͤrriſch verliebt in Alley, und ich kann nicht laͤugnen, Edward, daß ich ihr auch jetzt noch zugethan bin. Aber ich wußte nicht, daß ſie und Pierce verlobt waren, ſonſt haͤtte ich eher meine Hand ins Feuer geſteckt, als das unternommen, was ich unternahm. Ich dachte, ſie haͤtte keine große Abneigung gegen mein haͤßliches Geſicht,— Ihr wißt uͤbrigens, daß es damals nicht ſo haͤßlich war, als jetzt,“— und er greinte wieder ſo abſcheulich, daß, ob er gleich die Abſicht zu haben ſchien, einen ange⸗ nehmen Eindruck zu machen, dem alten Mann doch ganz wunderlich zu Muthe wurde, und er von einer Stelle zur andern auf ſeinem Stuhl umher ruͤckte. —„Ich dachte, Anton— Gott ſey ſeiner Seele gnaͤdg— waͤre das einzige Hinderniß zwiſchen uns. Aber es iſt nun Alles voruͤber, vergeſſen und 6* 84 vergeben, und ich will ihr und Pierce zeigen, daß ich ſie noch Beide lieb habe; ich will jeden Winkel durch⸗ ſuchen, bis ich ſie dem Manne ihres Herzens wieder⸗ geben kann; hol' mich der Henker wenn ich es nicht thue.“ „Ach, ſey unbeſorgt, Du allein kannſt ſo etwas durchſetzen,“ ſagte Edward Shea, und druͤckte wiederum ſeines Gaſtes Hand. „Ja wohl, Edward, ich getraue mir zu ſagen, daß es im ganzen Lande keinen Menſchen giebt, der ſie ſo gewiß auskundſchaften koͤnnte, als ich. Meine Mannſchaft iſt bereit durch Feuer und Waſſer zu gehn, wenn ich nur meine Hand aufhebe; ſie ſtehn mir von allen Seiten zu Gebote. Es muͤßte ſchwer halten, wenn der Teufelskerl, Crohoore, mir entgehen koͤnnte, wenn ich einmal los gehe, ihn aufzuſuchen, welches ich von dieſem Augenblicke an Tag und Nacht thun will.“ „Ich hoffe, Johann, daß der arme Pierce lange genug leben wird, um Dir zu danken, wie Du es ver⸗ dienſt; aber der liebe Menſch iſt in einem ſehr ſchlech⸗ ten Zuſtand,“ und der alte Mann ließ eine Thraͤne in ſeinen Becher fallen,—„ich bete zu Gott, mir mein einziges Kind zu erhalten; aber lebend oder todt, er wird nie derſelbe Menſch ſeyn, wenn Alley uns ent⸗ riſſen, oder was noch ſchlimmer waͤre, geſchaͤndet wor⸗ den iſt. Wohlan, Johann, hier iſt langes Leben und Gluͤckſeligkeit fuͤr dich; moͤge dein gegenwaͤrtiger Herzenswunſch erfuͤllt werden!“— 85 „Ich danke Euch vielmals, Edward, und nun fuͤllt den Becher wieder!“ Er ſtand auf, hob ſein Glas empor, und ſagte langſam:„moͤge Pierce ſchnell geneſen, und wenn er hergeſtellt iſt, moͤge er Alley aus meinen Haͤnden empfangen, wie ich ſie ihm zu auͤberliefern wuͤnſche!“— Sie hatten beide die Geſundheit hinunter ge⸗ ſchluckt, waͤhrend ſie ſich einander bei der Hand hielten, und als Johann ſich wieder niederſetzte, gab er dem alten Mann noch einen heftigen Haͤndedruck, und ſagte:„ich will verdammt ſeyn, Edward Shea, wenn das nicht der gegenwaͤrtige Wunſch meines Herzens iſt.“ Wer und von welcher Art die„Mannſchaft“ war, auf deren Beiſtand Doran ſo zuverſichtlich rech⸗ nete, ſcheint nun eine Frage von Gewicht und Bedeu⸗ tung zu ſeyn. Die Zeit unſrer Geſchichte faͤllt in die Periode, als die weißen Jungen zuerſt in Irland erſchienen.*) Waͤhrend die aͤußerſt ſtrengen Strafgeſetze, die jetzt zum Theil widerrufen worden ſind, genau beob⸗ achtet wurden, war der irlaͤndiſche Bauer ausdruͤcklich von jeder, ſelbſt zufaͤlligen, Gelegenheit ausgeſchloſſen, durch Erziehung einen klaren, oder wenigſtens doch einen gemaͤßigten Begriff von ſeiner eignen Lage zu erwerben. Er ſah ſich vernachlaͤſſigt, verletzt und hart behandelt; arm, erbittert und unwiſſend; ohne Rath⸗ *) Von dieſen ſpricht der Verfaſſer umſtäͤndlich im Ver⸗ folg der Geſchichte. Anm. d. Ueberſ. 86 geber und ohne Leitung einer etwas feſtern Hand; es iſt daher kein Wunder, daß er wild und ohne Plan handelte, und daß es ihm mehr darum zu thun ſchien, ſich zu raͤchen, als Verminderung der Laſten zu erhalten, die ihn jedoch zur Tollheit trieben. Das erſte Uebel war ohne Zweifel, daß dieſe Menſchen zu einem reli⸗ gioͤſen Wahnſinn verleitet wurden. Sie ſahen ihren Glauben verſchmaͤhet, und die Form ihres Gottes⸗ dienſtes unter ſchwerer Strafe unterſagt; ſie wußten, daß einige Jahre vorher ihre Prieſter wie Wild gehetzt wurden, und daß ſie ſich in Hoͤhlen und dergleichen Plaͤtzen verbergen mußten, um der Verfolgung und Rachgierde der unbedeutendſten Anhaͤnger der herr⸗ ſchenden Religion zu entgehn; denn dieſe durften un⸗ geſtraft Waffen ergreifen, um die buchſtaͤbliche Befol⸗ gung eines Geſetzes zu erzwingen, das beinahe ihre voͤllige Ausrottung bezweckte, und von dem ſie nicht wußten, ob es widerrufen worden war. In dem Di⸗ ſtrikt, worein die Scene unſrer Geſchichte verlegt iſt,— und die folgende Anekdote iſt zu voͤlligem Glauben be⸗ rechtigt,— hatte ſich einſt eine Dorfgemeinde mit ihrem Prieſter in der freien Luft verſammelt, um ihre Andacht zu verrichten, als drei oder vier gemeine Handwerker von der andern Religion, mit Gewehren erſchienen, auf die Menge feuerten, einige derſelben toͤtteten, und den Geiſtlichen verwundeten, der wie der ſchottiſche Covenanter ehemals vor ſeiner Heerde in der Wildniß predigte. Solche Ereigniſſe brachten die zu erwartende Wir⸗ 87 kung auf den elenden, unerzogenen Bauer hervor; er hatte weder Verſtand noch Geduld, einen logiſchen Unterſchied zu machen, und es entſtand in ihm ein bittrer Haß gegen den entgegengeſetzten Glauben. Er haßte ihn, weil er der privilegirte Glaube war, weil der ſeinige verfolgt wurde, und weil er ſeinem Geiſte die Verfolgungen gegen ihn und ſeine Prieſter beimaß, und ſelbſt die kleinern Kraͤnkungen, die der ge⸗ meinſte Anhaͤnger jenes Glaubens ihm verurſachen durfte. Und mit ſolchen Gefuͤhlen, zu Boden gedruͤckt durch unnatuͤrliche, erpreßte Taxen, war er auch noch gezwungen, zu einer glaͤnzenden Erhaltung jener Kirche beizutragen, und ihrer Geiſtlichkeit den ſchwer erwor⸗ benen Biſſen hinzugeben, den er den Seinigen abſpa⸗ ren mußte. Dieſe Anſicht ſeiner Lage verleitete den irlaͤndiſchen Bauer zuerſt auf uͤble Wege. Die außerordentliche Tyrannei des unbarmherzigen Geſchoͤpfes, in deſſen Haͤnde das Geſchaͤft gefallen war, den Zehnten einzuſammeln, veranlaßte ihn zu den haͤrteſten, und oͤfters zu den unmenſchlichſten Maß⸗ regeln. In dieſem Charakter erſcheint Peery Clancy, zur Zeit unſrer Geſchichte der Einſammler des Zehnten im Kirchſpiel Clarah, leibhaft vor unſern Augen. Er hatte in fruͤhern Jahren allerlei fruchtloſe Spekulationen gemacht, und war ehrenlos alt gewor⸗ den. Zweimal hatte er im Gefaͤngniß geſeſſen: einmal Schulden halber, und ein andermal, weil er Schaafe geſtohlen hatte. Endlich, in ſeinem funfzigſten Jahre, erſchien er mit der Wuͤrde des Amts bekleidet, das 88 wir oben erwaͤhnt haben. Er war ein watſchelnder, lebhafter alter Kerl, mit einem Ausdruck in ſeinem Geſicht, aus dem man nicht klug werden konnte, und auch in ſeinen Manieren war er ſich ſelten gleich. Zankſucht zeigte ſich auf ſeiner zuſammengezognen Stirn und in ſeinen knirſchenden Zaͤhnen, und wenn man ihn genau anſah, verrieth ſein wanderndes Auge ſein inneres Bewußtſein, daß man keine gute Meinung von ihm habe. Auch hatte er in ſeiner Perſon etwas Zu⸗ ruͤckhaltendes und Unruhiges, beſonders in dem Heben, Fallen und hin und her Schwanken ſeines Armes, wenn er ſprach, das der Unruhe eines verſchaͤmten Kindes glich, welches ſich vor der wohlverdienten Ruthe fuͤrchtet. Bei aller dieſer Ungelenkigkeit war auch ein Geldſtolz bemerkbar, und man konnte in ſeiner Ge⸗ genwart nicht umhin, auf eine unangenehme Weiſe zu fuͤhlen, daß er trotz der Verachtung der Welt, und ſelbſt trotz der Gefahr die ihn bedrohete, einen viel zu entſchloſſenen Charakter beſaß, um einen Schritt von ſeinem Vorhaben zu weichen. Seine Kleider waren aus gutem Stoff gemacht, zum Theil nach laͤndlicher, und zum Theil nach der Stadtmode; er trug ſeinen Hut etwas loſe, das Fell ruͤckwaͤrts gebuͤrſtet, damit man ſogleich ſehen konnte, daß es ein beſſerer Filz war, als den man gemeinhin trug. Sein vielfarbiges ſeidnes Halstuch, ſein Rock von gutem breitem Tuch, war von ſolchem Umfang, daß man fuͤglich zwei modiſche Roͤcke haͤtte daraus machen koͤnnen; ſeine Kerſeymernen Beinkleider und ₰ ſeine Struͤmpfe gaben ihm im Ganzen das Anſehen eines wohlhabenden Mannes von Gewicht. Sein Geſpraͤch beſtand aus unhoͤflichen Meinun⸗ gen und entſetzlichen Schwuͤren, und wenn er ſich un⸗ ter denen befand, die ſich gegen ſein Anſehn beugen und ſeine Frechheit dulden mußten, ſo war es voller zweideutigen Scherze und plumper Spaͤße, die ſeinen grauen Haaren uͤbel anſtanden. Vor der letzten Veraͤnderung in Peery's Umſtaͤn⸗ den, war er ſo arm, als Job; aber jetzt waren ſeine Kiſten voll, und er konnte eine runde Summe von tauſend Pfund niederzaͤhlen. Eine runde Summe von tauſend Pfund, die er hauptſaͤchlich dadurch erwarb, daß er von den Aller⸗ Alleraͤrmſten den letzten ſauern Schilling auspreßte. Sie waren am eintraͤglichſten fuͤr ihn; ſie waren das Fett des Landes fuͤr ihn,— ſeine Milch und ſein Honig. Diejenigen, die im Stande waren, ſeine uͤbertriebenen Forderungen zu berichtigen, thaten es ſogleich, unwillig oder nicht, um ihn nur los zu werden; aber das elende Geſchoͤpf, das vom Aufgang bis einige Stunden nach Untergang der Sonne, unter dem erſten Fluch des Himmels gebeugt war, und dabei doch nichts erwarb, als gemeine, kaum hinlaͤngliche Nahrungsmittel, Lum⸗ pen fuͤr ſeine Bedeckung, und Verzweiflung zum Be⸗ wohner ſeiner Huͤtte, die dem rauhen Wetter nicht widerſtehn konnte:— dies, dies war die Beute die Peery anpackte, und die er nicht eher los ließ, bis das Opferthier zerknirſcht da lag. 2 90 Er kam fuͤr ſeinen Zehnten,— aber Dermd konnte vielleicht gerade nicht ſein bischen Getreide ver⸗ kaufen, oder es war noch nicht reif, oder was auch die Urſache ſein mochte, er konnte nicht gleich bezah⸗ len, und Peery ſchlug aus Nachſicht vor, ihm einen ſchriftlichen Schein zu geben. Im Fall Dermid ſchrei⸗ ben konnte, wurde der Schein in gehoͤriger Form aus⸗ gefertigt; im andern Falle ſetzte er nach manchen un⸗ geſchickten Verſuchen die Feder mit ſeinen harten Fin⸗ gern fuͤhlen oder halten zu koͤnnen, ſein Zeichen dar⸗ unter. Die Zeit ging voruͤber, der Zahlungstag er⸗ ſchien, aber es zeigte ſich noch kein Geld, und Peery ließ ſich zu ſeinen groben Spaͤßen herab gegen die Tochter oder Frau, uͤber die ſie erroͤtheten, die aber Dermid als ein Zeichen von Gutmuͤthigkeit aufnahm, und indem er ſich zu einem Lachen zwang, haͤndigte er ihm ein Geſchenk ein, und die Verſchreibung wurde erneuert. Nun ereignet es ſich, daß die Ernte nicht ergiebig iſt, oder daß der Landbeſitzer einen Verhaft darauf legt fuͤr die ruͤckſtaͤndige Miethe, und der Ueberſchuß iſt dann zu unbedeutend, nach Abrechnung der Gerichtskoſten, die der Verhaft verurſachte, andre Zufälligkeiten nicht zu erwaͤhnen, daß keine Mittel vor⸗ handen ſind, den aͤmſigen Peery zu befriedigen, der ungeſaͤumt wieder vorkommt. Dermid verkauft einen Theil ſeiner Erdaͤpfel, und indem er fuͤr ſich und ſeine Familie auch dieſe elende und einzige Nahrung ſchmaͤlert, macht er ihm noch ein andres Geſchenk. Als die Bezahlung zum dritten Mal gefordert wird, — 8u—* — ͦ——3 21» 91 iſt er ſchlimmer dran, als vormals. Peery ſieht wie die Sachen ſtehn, runzelt die Stirn, donnert ein paar Schwuͤre aus, daß er bezahlt werden muß, und geht ohne Weitres fort, um ſeine Drohung zu erfuͤllen. Die Forderung uͤberſteigt vielleicht nicht— wie viel wird der reiche oder bemittelte Leſer denken?— Ein Pfund Sterling. Peery fertigt eine Vorladung vor das geiſtliche Gericht aus, welches die Schuld uͤber die Haͤlfte vermehrt. Nun kommt ein Dekret, und dieſem folgt zunaͤchſt ein Civil⸗Prozeß. Das Geſetz bewilligt einen Schilling und einen Penny ir⸗ laͤndiſche Muͤnze fuͤr die Muͤhe, die leeren Raͤume auszufuͤllen in den gerichtlichen Papieren, und Peery uͤbernahm dieſe Muͤhe ſelbſt, fuͤllte ſie aus, und ſteckte, wie er ſagte, den Dreizehnten in ſeine Taſche. Dieſelbe Summe wird auch bewilligt fuͤr den Bericht an den Angeklagten, und fuͤr dies Geſchaͤft bedient ſich Peery eines duͤrftigen Untergeordneten, dem er zwanzig Pence des Tages giebt, und zwei Maaß des ſchlechteſten Whiskey; der Ueberſchuß geht wieder in ſeine Taſche. So wird Dermid in mehr Schulden verwickelt, und Peery ſchneidet mehr Geld. Der Un⸗ terbediente verſpricht den ganzen Umfang ſeiner Freund⸗ ſchaft bei dieſer Gelegenheit anzuwenden; aber er hat weder die Macht noch den Willen dazu, und ſucht vielmehr auch einen Schilling zu gewinnen, im Augen⸗ blick, als er den gerichtlichen Auftrag uͤbergiebt. Die Gerichtsſitzungen fangen an, und vergebens fleht Dermid um Nachſicht an. Er trifft Vorkehrungen, 92 und verzweiflungsvoll ſcharrt er endlich die Summe zuſammen, die anfangs von ihm gefordert wurde, findet aber zu ſeiner Beſtuͤrzung, daß ſolche jetzt drei⸗ fach vermehrt worden iſt. Er ſagt, daß er zu Grunde gerichtet ſey, er ringt die Haͤnde, ja der geiſtbedruͤckte, veraͤchtliche Menſch weint vielleicht ſogar, und in die⸗ ſem Augenblick erinnert ihn Peery vielleicht,„daß ihm ſeine huͤbſche Frau oder Tochter das Geld bald ge⸗ nug verſchaffen koͤnnte.“ Ueberwaͤltigt von Wuth, die er in ſich ſchließen muß, kehrt Dermid in ſein Haus zuruͤck. Seine Sache kommt nun vor den Rechts⸗ gelehrten der Grafſchaft, und er iſt, wie es die mil⸗ den und weiſen Geſetzgeber des Gerichtshofs nennen, verurtheilt. Sein einziges Pferd, oder ſeine Kuh, wird weggefuͤhrt; Peery leitet das Thier zu einer Au⸗ ction in oͤffentlicher Straße, und fuͤr den vierten Theil ſeines Werthes ſchlaͤgt er es— ſich ſelbſt zu. Hier⸗ auf verkauft er es wieder mit Vortheil, und berechnet ſeiner Ehrwuͤrden die Koſten fuͤr die Erhaltung des Zehnten von Dermid. Der Verkaufpreis des Pferdes in der Auktion deckt nachgerade jene Koſten, und zu⸗ weilen ereignet es ſich auch wohl, daß der Geiſtliche bei einer ſolchen Verhandlung ſogar einen Verluſt erleidet. Bedarf es nun noch angemerkt zu werden, daß Peery, und nur Peerey, im Verlauf dieſes ganzen Ge⸗ ſchaͤfts den Vortheil zog? Er erhielt zwei Geſchenke von Dermid. Er fertigte den Prozeß aus, ließ ihn gerichtlich uͤberreichen, wobei er acht hundert Procent gewann; dann gewann er wieder zwei Pfund Sterling 2 4 — ᷣ ℳ u— + u— AuU E n N ——9 ½ ðA* — 93 an der Kuh oder dem Pferde, und endlich betrog und beraubte er auch Se. Ehrwuͤrden. Am Abend ſetzte er ſich zu einem vollen Becher Whiskey⸗Punſch nie⸗ der, und— ſeine arme Mutter nannte ihn einen Ka⸗ tholiken— und trank langes Leben dem prieſterlichen Zehnten, und moͤgen ſie ihm niemals gebrechen! Dieſe Skizze iſt keine Erfindung; der un und die Berichte ſind nach dem Leben und un h ſachen treu copiert, und wenn es bezweifelt wird, daß ein ſolcher Mann wie Peery zur Zeit dieſer Erzaͤhlung lebte, ſo wollen wir uns anheiſchig machen, viele le⸗ bende Aehnlichkeiten aufzuweiſen, die unſerm Gemaͤlde eines Menſchen gleichen, der ein halbes Jahrhundert fruͤher lebte. Denn ob ſich gleich die menſchliche Ge⸗ ſellſchaft vervollkommnet, obgleich Kuͤnſte und Wiſ⸗ ſenſchaften Fortſchritte gemacht haben moͤgen, ob⸗ gleich die Baſtille in einem Lande niedergeriſſen, und die Inquiſition in einem andern aufgehoben worden iſt, ſo iſt doch der irlaͤndiſche Sammler des Zehnten der jetzigen Zeit, und der irlaͤndiſche Sammler des Zehnten vor funfzig Jahren, nicht im geringſten und— entfernteſten von einander unterſchieden. Und was iſt aus Dermid geworden? Er war ge⸗ genwaͤrtig im Gerichtshof und hoͤrte ſein Urtheil; er war gegenwaͤrtig beim Verkauf ſeines Thieres, und ſah es fuͤr eine Kleinigkeit hingeben; er ging nach Hauſe, und dachte, daß fuͤr den Armen und den Papiſten. weder Barmherzigkeit noch Gerechtigkeit im Lande ſey; ſo ſetzte er ſeinen langen Weg fort, und nagte an 4 94 dieſen bittern und verzweiflungsvollen Gedanken; er dachte, wie nutzlos die Arbeit und der Schweiß ſeines ganzen Lebens verſchwendet worden waren. Er betrat die Schwelle ſeiner dunkeln Huͤtte, hoͤrte ſeine Kinder nach Brod ſchreien, und er kehrte ihnen den Ruͤcken zu, lief ſchnell hinaus, ſtieß mit ſeinem Fuße den muͤßigen Spaten um, der ſich in ſeinem Wege fand. Dann ſah er ſich nach einigen Dutzend Dermide oder Patricke um, die ſich in derſelben Lage mit ihm be⸗ fanden. Sie beſchloſſen unter ſich, ſich des Sammlers des Zehnten zu bemaͤchtigen, und das Geſetz des Zehn⸗ ten in ihre eigenen Haͤnden zu nehmen. Sie banden ſich durch alberne Eide, und das Reſultat war das Buͤndniß„der Jungen,“ deren Johann Doran er⸗ waͤhnte, die aber ſonſt die weißen Jungen genannt wurden.— Siebentes Kapitel. Knig Doran beobachtete aufs genaueſte das frei⸗ willige Verſprechen, das er dem alten Shea gegeben hatte, und ſuchte Crohoore in jedem Winkel auf, der ihm Verborgenheit und Obdach gewaͤhren konnte. — Es war die allgemeine Meinung, wie bereits er⸗ waͤhnt worden, daß Crohoore nicht aus der Nachbar⸗ ſchaft gewichen ſey, da man ihn ſelbſt kuͤrzlich noch haͤufig geſehen hatte; immer allein, mit ſchnellen Schritten, und ſeinem kurzen Gewehr in der Hand. Es ſchien Denjenigen, die ihm zufaͤllig ſo begegneten, oder es wenigſtens vorgaben, daß er ſich keinem e zu entziehn ſuchte. Aber ſeine eigentlichen weh⸗ ſahen ihn nie; auf ihrem Wege zeigte er ſich nie, und obgleich Koͤnig Doran alle ſeine Geiſteskraft anwandte, und auf alle Weiſe den Beiſtand ſeiner Untertha⸗ nen benutzte in der ganzen Gegend, die ihm unter⸗ wuͤrfig war, ſo daß jedes Auge im Bezirk von ſechs Meilen fuͤr ihn wachte, ſo war doch Alles fruchtlos; Crohoore mit der Art, ein Beiname den man ihm ſeit dem Morde gegeben, blieb vor wie nach unver⸗ haftet. Aber ungeachtet des Gehorſams, der dem Koͤnig Doran gebuͤhrte, hatte ſich doch ein Geruͤcht ver⸗ breitet, das maͤchtig zu Crohoore's Vortheil wirkte, und den Eifer einigermaßen ſchwaͤchte, der ihn außerdem, bei einer ſo entſchloſſenen Vereinigung, wohl laͤngſt in die Haͤnde ſeiner Verfolger geliefert haͤtte. Es war naͤmlich jetzt die allgemeine Meinung der Bevoͤlkerung der ganzen Gegend, daß die Fingerzeige, die bei der Tod⸗ tenwache gegeben worden, keinen Zweifel litten, daß Crohoore mit dem guten Volke beſtaͤndigen Umgang pflegte, und unter ihrem maͤchtigen Schutz lebte. Nur diejenigen, die Lokal⸗Gelegenheiten hatten, zur Zeit 8* 96 von der wir ſprechen, die Geiſtesfaͤhigkeiten der irlaͤn⸗ diſchen Bauern und ihren eingewurzelten Glauben an Feen zu beobachten, werden leicht die Wahrſcheinlich⸗ keit unſerer Darſtellung anerkennen. An dieſe wenden wir uns, und uͤberlaſſen es ihnen zu entſcheiden, ob wir in dieſem Falle die Beſcheidenheit der Wahrheit ve haben. um dieſe Zeit erhielt Doran jedoch heimliche, anonyme Nachricht(denn der Anzeiger fuͤhlte eben ſo viel Furcht, als Gewiſſenhaftigkeit, und ſuchte daher den Teufel ſchlau und heimlich zu betruͤgen), daß Cro⸗ hoore in einer gewiſſen Richtung gefunden werden koͤnnte. Eine auserleſene Partey verfuͤgte ſich an den beſtimmten Ort, wo ſie in aͤngſtlicher Erwartung blie⸗ ben. Es war Nacht, und nachdem ſie eine Zeitlang einen Punkt zuſammen bewacht hatten, ließ Doran eine Schildwache dort, und fuͤhrte ſeine beſte Mann⸗ ſchaft nach einer andern und naͤhern Stelle. Der Mann, welcher allein auf ſeinem Poſten gelaſſen wurde, und ſehr ermuͤdet war, ſchlief unverſehens ein. Wie lange er mochte geſchlafen haben, iſt nicht bekannt, aber er wurde durch einen Schlag auf die Schulter erweckt, und man befahl ihm aufzuſtehn.„Ja, ja, ich bin bereit,“ ſagte der Mann, indem er ſich auf die Beine machte,„habt ihr den Bluthund endlich ertappt?“ Als er aufgeſtanden war und ſich herum drehete, ſah er ſtatt des erwarteten Kameraden, den„Blut⸗ hund“ ſelbſt, der ſich nur wenige Schritte von ihm — 92—— —+½., A 97 befand, mit ſeinem kurzen Gewehr auf ſeiner Huͤfte gelehnt, als ob er auf einen unmittelbaren Anfall vor⸗ bereitet waͤre. Die Schildwache, die eben ſo tapfer als wachſam war, fuhr zuruͤck. Crohoore naͤherte ſich einen Schritt, und ſagte in einem bedaͤchtlichen Tone: „Bleib ſtehn wo du biſt, Menſch; ich habe keine Abſicht dir Schaden zu thun. Thady, wo iſt das Bischen Verſtand, das ich bei Dir ſuchte? Deinen Schlaf fuͤr nichts und wieder nichts einzubuͤßen! — Bekuͤmmre dich um deine eignen Geſchaͤfte, Thady Muldowny, und denke nicht an mich. Das iſt mein Rath; befolge ihn, ſonſt wirſt Du es bereuen, ſo wahr als wir Beide hier ſtehen. Johann Doran ſteht jetzt mit ſeinen Maͤnnern bei Thomas Murphy's Scheune, wo ſie auf mich paſſen, und daß ihre Muͤhe vergebens iſt, das ſiehſt Du ſelbſt. Geh alſo zu ihnen, ſag daß ich Dich ſchicke, daß Du mit mir ge⸗ ſprochen haͤtteſt, und wiederhole ihnen dieſelben Worte, die ich Dir geſagt habe. Nun geh deiner Wege, Thady, und denke an meinen freundlichen Rath: bleib in Zukunft des Nachts in Deinem warmen Bette.“ Er zeigte auf die Straße, die Thady gehen ſollte, er ſelbſt aber ſchlug einen andern Weg ein, und war, zu Tha⸗ dy's unausſprechlicher Freude, bald aus den Augen. Er wußte wohl, daß er es Crohoore's Barmherzigkeit allein zu verdanken hatte, daß er noch athmete, und ſo lange ſein Schreckenbild ſichtbar war, ſetzte er ſeine Stoßgebete fort:„der Herr ſegne uns, der Herr er⸗ halte uns! Gott ſey ewig geprieſen!“ 1. 7 98 Thady lief ſo ſchnell er konnte nach der Scheune hin, die Crohoore erwaͤhnt hatte, und fand alle ſeine Kameraden auf der angezeigten Stelle. Er ermangelte nicht, ſeine Begebenheit der Laͤnge nach zu erzaͤhlen, ſelbſt mit einigen kleinen Hinzufuͤgungen, die berechnet waren, ſeine Schlaͤfrigkeit, und nachherige Beſtuͤrzung zu verbergen. Und ſeit jener Nacht waren wenige geneigt, ſich darauf einzulaſſen, Crohoore aufzuſuchen. Der Rath, den er Thady gegeben, kam ihnen ſehr ver⸗ nuͤnftig vor. Was vermochte menſchliche Gewalt ge⸗ gen ein Geſchoͤpf, das von dem uͤbelthuenden„guten Volk“ verborgen und beguͤnſtigt wurde. Alle Muͤhe ſchien vergebens, und noch obendrein gefaͤhrlich zu ſeyn, und ausgenommen Koͤnig Doran ſelbſt und zwei Andre, die entweder uͤber Vorurtheile erhaben waren, oder die da wuͤnſchten, trotz ihrer Feigheit fuͤr tapfer gehalten zu werden, gaben ſie alle fernern Verſuche auf, damit ihre Kuͤhe nicht behext, ihre Geſichter nicht gebrand⸗ markt, und ihre Glieder nicht gelaͤhmt wuͤrden. Ja, konn⸗ ten ſie oder ihre Kinder, wenn dieſe huͤbſcher waren, nicht gar entfuͤhrt, und ein Beſen oder eine Heugabel an ihrer Stelle zuruͤckgelaſſen werden. Doran aber wich nicht im Geringſten von ſeinem Vorſatz, und war unausgeſetzt in Crohoore's Fußtapfen, ſobald er nur das Geringſte von ſeinen Schritten er⸗ fahren konnte, und denenjenigen, die ſich uͤber ſeine Toll⸗ kuͤhnheit, und uͤber den Umſtand wunderten, daß ihm kein Unfall oder Uebel zugeſtoßen ſey, antwortete er ſcherzhaft, daß er ein Bewahrungsmittel von einem 99 Feen⸗Doktor empfangen habe, welches ihn in einer heilen Haut erhielte. Dies Vorgeben, welches wahr⸗ ſcheinlich ein bloßer Scherz war, wurde von denen als ein wohl begruͤndetes Argument aufgenommen, die ſich keines ſolchen Talismanns gegen die Teufeleien der kleinen boͤsartigen Weſen ruͤhmen konnten, die ſie, wie einen Despoten, fuͤr ſchaͤdlich hielten, und doch gut nannten. Vielleicht gewann auch Doran einen oder zwei Punkte durch ſeinen Eifer, die fuͤr ihn von Gewicht waren, außer der Selbſtzufriedenheit, die gewoͤhnlich der Lohn einer großmuͤthigen Handlung iſt. Erſtlich erwarb er ſich durch ſeine Bereitwilligkeit, die Uebel zu vergeſſen, die ihm Pierce Shea, Alley und ihr Vater, verurſacht hatten, die gute Meinung aller Menſchen. Daß er in ihrem Ungluͤck herbei kam, ihr Intereſſe ſo thaͤtig zu bewahren, daß er ſogar ſein Leben in der Vertheidigung derer wagte, die einſt ſeine Freunde, nachher aber ſeine bitterſten Feinde ge⸗ weſen waren, Alles dieſes machte einen ſo lebhaften als allgemeinen Eindruck, und ſelbſt ſeine verſtaͤndig⸗ ſten Nachbarn vergaßen jetzt ſeine ſchlimmen Eigen⸗ ſchaften. Der Vortheil, den er aber wohl am hoͤchſten ſchaͤtte, war der Beifall der weißen Jungen des ganzen Diſtrikts, die ſeinen Muth bis zu den Wolken erhoben, und man fluͤſterte ſich zu, was aber Dorans ſcharfem Ohr nicht entging, daß die ganze Baronie nicht noch einen Mann enthielte, der ſo geſchickt waͤre, der Anfuͤhrer bei naͤchtlichen Unternehmungen anderer 8 7* 100 Art ihre Macht zuſammen zu halten, und ihre dun⸗ keln Vorſaͤtze zu leiten, kurz, ihr Hauptmann zu ſeyn. Die Dinge befanden ſich in dieſem Zuſtand, als Pierce Shea nach einer zweimonatlichen Krankheit wieder faͤhig war, in eigner Perſon Alley und den Moͤrder ihrer Eltern aufzuſuchen. Dorans maͤnnliche Auffuͤhrung hatte von tauſend bewundernden Zungen ſein Ohr erreicht, und ſein Vater brachte ſie zuſam⸗ men. Pierce konnte nicht umhin, Dankbarkeit gegen ſeinen vorigen Nebenbuhler zu fuͤhlen, und als Doran ſein Anerbieten erneuerte, ſich bei all ſeinen kuͤnftigen Unternehmungen mit ihm zu vereinigen, ſo wurde ſo⸗ gleich ein Freundſchaftsbund unter ihnen geſchloſſen, und ein herzlicher Handſchlag gegeben. Der alte Ed⸗ ward jauchzte vor Freude; der Becher wurde mehr als einmal auf guten Erfolg geleert, und die jungen Maͤnner nannten ſich einander die beſten Freunde von der Welt. Andy Houlohan allein begleitete ſie,— er war zuletzt das einzige Geſchoͤpf, das aus Pflicht oder An⸗ haͤnglichkeit(andre Bewegungsgruͤnde konnte er nicht haben) es wagte, Crohoore auf ſeinen gruͤnen Huͤgeln aufzuſuchen, da er ſich auf einem derſelben, wie ſie feſt glaubten, aufhalten mußte. Doch Shea's und Dorans Bemuͤhungen blieben, wie immer, fruchtlos. Beinah jede Nacht, und zuweilen Tag und Nacht durchſtreiften ſie auf ihren Fuͤßen oder Pferden die ganze Gegend umher. Unaufhoͤrlich erhielten ſie indeß dunkle Berichte, daß Crohoore oft ſichtbar ſey, und 82—- 9 —&—&łꝙ— 92 on— ρ ⏑⏑̈& 101 einige dieſer Berichte waren wirklich hoͤchſt ſonderbar und unbegreiflich. Es wurde behauptet, jedoch ohne daß Je⸗ mand fuͤr die Wahrheit ſtehn wollte, daß man den Zwerg haͤufig in einem gewiſſen Augenblick, bei einem gewiſſen Strome, in einer gewiſſen Aushoͤhlung ge⸗ ſehn habe. Ein Andrer fuͤgte hinzu, daß er auf ei⸗ nem gewiſſen Steine geſeſſen habe, auf dem Gipfel eines gewiſſen Huͤgels, ſein rothes duͤnnes Haar im Winde wehend, mit ſeinem rothen Auge nachden⸗ kend abgekehrt, als wenn er die Fortſchritte eines ſeiner vielen Abgeſandten in weiter Ferne zu beobachten ſuchte. Andy Houlohan konnte ſeinem Milchbruder keinen groͤßern Beweis ſeiner innigen Anhaͤnglichkeit geben, als daß er ihn jetzt begleitete. Auf gehoͤrigem Grunde konnte ſich Andy ſo gut wie irgend ein Mann einer koͤrperlichen Gefahr ausſetzten, die ihn von einem Knittel, einem Schwerte oder einer Piſtole bedrohete; in dieſem Falle aber half ſein Muth ſeiner Liebe nicht. Von allen menſchlichen Geſchoͤpfen, die zu reifern Jah⸗ ren gekommen ſind(wir wollen nicht ſagen zu Jahren des Verſtandes), hat keins einen ſo unumſchraͤnkten Glauben an uͤbernatuͤrliche Weſen gehabt, naͤmlich an Hexen, Feen, Geſpenſter, Geiſter und Kobolde aller Art, als unſer Andy Houlohan, der auch ſeine Ab⸗ neigung gegen alle dieſe Klaſſen nicht laͤugnete. Und da die Letztern die zahlreichſten und uͤbelgeſinnteſten waren, auch ſich in alle fremde Haͤndel miſchten, ſo ſtand ſeine Furcht vor ihnen in Verhaͤltniß mit der 1⁰² Idee, die er von ihrer Beſchaffenheit und Anzahl hatte, und ſie verließ ihn nie, wenn er ſich an einem ein⸗ ſamen Ort allein befand. Doch gab es noch eine Urſache, die, abgeſehen von ſeiner aufrichtigen Nei⸗ gung fuͤr Pierce, und nicht im geringſten auf Muth gegruͤndet, Andy bewegte, ſeine gefaͤhrlichen Wande⸗ rungen fortzuſetzen. Es kam ihm naͤmlich in den Kopf, daß er mit Gottes Huͤlfe das gluͤckliche Werkzeug ſeyn duͤrfte, ſei⸗ nen Milchbruder gegen alles Uebel zu ſchuͤtzen. We⸗ niger wahrſcheinliche Dinge haben ſich ja wohl ereig⸗ net; Pierce war ja von Kindheit an hitzig, und konnte daher, wenn er mit dem„guten Volke“ zuſammen traͤfe(und das mußte geſchehen), und ſich ſelbſt uͤber⸗ laſſen bliebe, in ſein Verderben ſtuͤrzen, und Andy ſchloß, daß die einzige Moͤglichkeit der Sicherheit fuͤr ſeinen Liebling von einem vorſichtigen und nachgeben⸗ den Betragen abhinge, das er zu beobachten habe, im Fall eines ſo graͤßlichen Ereigniſſes. So gings fort, aber er war ſo gewaͤhlt in ſeinen Schritten, als wenn der Grund mit friſchgelegten Eiern bedeckt geweſen waͤre, oder— um ſeinen eignen Aus⸗ druck zu gebrauchen,— wie eine Henne die uͤber ein Stoppelfeld geht.— Tag und Nacht folgte er Shea und Doran, ohne Crohoore zu finden. Die Vorur⸗ theile des Landvolks erſchwerten den Weg zu einer Entdeckung, und zuletzt wollten ſie nicht einmal ſagen, ob ſie ihm zufaͤllig begegnet waͤren. Aber ob ſie gleich dachten, daß es beſſer ſey, 2—, 2, u—;— d 103 ſich nicht in Crohoore's Haͤndel zu miſchen, wegen ſei— nes Buͤndniſſes mit dem„guten Volke,“ ſo war der Magiſtrat der Grafſchaft doch ganz andrer Meinung. Kuͤhne Diebſtaͤhle waren ſeit Kurzem ſehr haͤufig be⸗ gangen worden. Die Haͤuſer der Reichen wurden des Nachts erbrochen, und Alles wurde gepluͤndert, was nur einigen Werth hatte. Ja, den aͤrmſten Leuten wurde ihre kleine Habe geraubt, und eine Bande ver⸗ uͤbte Alles dieſes, welche ſich bisher allen gerichtlichen Nachſtellungen zu entziehn wußte. Die Geſchichten, welche die Magiſtratsperſonen, Crohoore betreffend, ge⸗ hoͤrt hatten, verleiteten ſie zu denken, daß ein Menſch, der ſo viel Feſtigkeit, Verſchloſſenheit und Scharfſinn beſaß, ungeachtet ſeines Mangels an koͤrperlicher Kraft, wahrſcheinlich der Anfuͤhrer einer ſo verborgnen und liſtigen Bande ſeyn duͤrfte, und dieſe Vermuthung wurde durch die Geruͤchte beſtaͤtigt, daß man ihn oft in der Richtung geſehn habe, wo die Miſſethaten waren begangen worden. Bald nach dem Mord der Doolings wurde eine Belohnung fuͤr ſeine Verhaftnehmung ver⸗ ſprochen, und der eben erwaͤhnte neue Argwohn ver⸗ mehrte das Beſtreben und den Eifer, ſich dieſes Men⸗ ſchen zu bemaͤchtigen, und ſie ſtrengten daher jede Nerve an, ihn zu finden. Crohoore vereitelte jedoch die Abſichten ſeiner neuen Verfolger ſowohl als die der alten. Zuweilen ereig⸗ nete es ſich auch wohl, daß unſre Freunde, Shea, Doran und Andy mit der andern Partei einfielen, und ſo vereinigt folgten ſie den Vorſchlaͤgen, die Einer oder 1 1 4 1 3 1 — ” — 104 der Andre fuͤr die gemeine Sache machte. Aber das Wild entging ihnen nach wie vor, und— was am ſonderbarſten war— ohne ſich, wie es ſchien, im Geringſten vor Verhaftnehmung zu fuͤrchten. Denn wenn man dem Landvolk glauben durfte, die ihn nicht anzugreifen wagten, ſo ſahn ſie ihn, wenn ſie des Nachts ausgingen, ſo oft als jemals; aber das hielten ſie huͤbſch unter ſich geheim. Es wuͤrde blos eine langweilige Wiederholung ſeyn, einen umſtaͤndlichen Bericht von allen unbedeu⸗ tenden Ereigniſſen zu geben, die bei Tag und Nacht unſerm Pierce, ſeinem Andy, und ihren neuen Freun⸗ den zuſtießen; denn bis zu einem gewiſſen Abend un⸗ terſchied ſich ihr muͤhſames Geſchaͤft blos in den ver⸗ aͤnderten Wegen, die ſie einſchlugen. Doch eines Abends trug ſich ein Ereigniß zu, das werth iſt, angefuͤhrt zu werden. 3. Anfang Maͤrzes kam ein Mann aus einer ent⸗ fernten Gegend, dem die uͤbernatuͤrlichen Tyrannen in Clarah mit all ihren Teufeleien nichts anhaben konnten, in Sheas Hauſe an, wo ſich Doran jetzt beſtaͤndig aufhielt, und gab die Nachricht, daß er, der Berich⸗ tende, vor einigen Stunden Crohoore geſehn habe, laͤngs den Huͤgeln auf dem Wege nach Caſtlecomer, einem Dorfe, das einige Meilen entfernt lag. Shea, Doran und Andy machten ſich ſogleich auf den Weg, und baten den Spion, ſie zu begleiten, welches er aber abſchlug; ja, er dachte, daß er ſchon zu viel ge⸗ wagt haͤtte, ihnen den Weg anzuzeigen; eine Mei⸗ 105 nung, der Andy voͤllig beitrat, und die er fuͤr ſehr vernuͤnftig erklaͤrte. Unſre Freunde begannen dies Unternehmen mit mehr Eifer und groͤßern Hoffnungen, als ſie ſeit lan⸗ ger Zeit gefuͤhlt hatten, und ihr Unmuth war daher verhaͤltnißmaͤßig groß, als ſie wiederum nach einer Nacht vergebner Bemuͤhung, an einem kalten grauen Morgen, heimkehrten, durch das kleine Thal Bal⸗ lyfoile. Dieſer Ort, der vier Meilen nord⸗oͤſtlich von der Stadt Kilkenny liegt, iſt ein romantiſches Thal, das durch Huͤgel von betraͤchtlicher Hoͤhe, von denen das Herabſteigen unſicher, und faſt ſenkrecht iſt, gebildet wird. Es hat beinah das Anſehn ein Werk der Kunſt zu ſeyn, da ſich die Huͤgel ſehr gleich ſind, und ſich am untern Theil ſo ſehr naͤhern, daß ſie an vielen Stellen nicht mehr als acht oder zehn Schritte, und nirgend mehr als vierzig Ellen von einander entfernt liegen; ſie ſind bis zum Gipfel mit dickem beinah undurchdringlichem Ginſt, Holz und Stachelkraut be⸗ deckt; und an ihren Seiten befinden ſich tiefe Kanaͤle, gefuͤllt von den herabrinnenden Gewaͤſſern, die aber nach heftigem Regen wie Cataracte herabſtuͤrzen, und den Bach anſchwellen, der ſich zu andern Zeiten blos durch ein enges, gruͤnes Plaͤtzchen langſam fortzieht. Der Flecken enthaͤlt nichts Großes oder Erhabnes, aber fuͤr Jemand, der ſich in der Mitte des Thals befindet, muß es viel Anziehendes haben. Eng ein⸗ geſchloſſen, kein fortlaufender Schauplatz von beiden 106 Seiten, nichts ſichtbar, als das Firmament von oben, und durch haͤufige Kruͤmmungen von aller Ausſicht auf beiden Enden ausgeſchloſſen. Ein einfacher, ern⸗ ſter Menſch muß ſich durch die ſeltne Einſamkeit die⸗ ſes Orts ergriffen fuͤhlen. Nur raubſuchende Fuͤchſe und zaghafte Kaninchen ſtreiften hier umher. Vor ungefaͤhr neunzig Jahren war dies Thal ein finſtrer, faſt undurchdringlicher Eichenwald, ein guͤn⸗ ſtiger Verſammlungsort fuͤr eine kuͤhne Naͤuberbande, welche die ganze Nachbarſchaft verheerte, und ſich zu⸗ folge einer⸗Tradition, ſo furchtbar gemacht hatte, daß ſie eine Compagnie Reiter bis Kilkenny zuruͤckſchlug, welche dieſe Stadt gegen ſie ausgeſchickt hatte. Aber auch ſpaͤterhin war dies der Zufluchtsort aͤhnlichen Ge⸗ lichters, die aber ihr Weſen im Kleinern trieben; und noch vor wenigen Jahren haben die letzten Gluͤcksritter, die in dieſem Bezirk Beſchlag auf des Reiſenden Beu⸗ tel machten, eine ganze Woche hier verborgen gelegen, trotz der gerichtlichen Macht, die ihnen nachſtellte; ſie wurden zuletzt verhaftet, weil ſie einen andern Schutz⸗ ort geſucht hatten. Shea, Doran und Andy nahmen ihren Weg heimwaͤrts durch dieſen einſamen Flecken, der damals faſt eben ſo ausſah, als jetzt, und als ſie den Theil erreicht hatten, wo die Huͤgel ſich einander am nahe⸗ ſten liegen, ritt Pierce Shea einige Schritte vor Do⸗ ran her, und Andy war noch weiter voran; Pierce glaubte, er hoͤrte etwas wie das Zuſchnappen eines Schloſſes hinter ſich, drehte ſich ſchnell um, und ſah 107 einen Menſchen dicht hinter Doran, aber nicht in derſelben Linie, der ein Gewehr zur Schulter erhob, in der Abſicht, um auf einen von dieſer Partei zu feuern. Ehe Pierce die Gefahr abwenden, oder der Kerl den Druͤcker heben konnte, erfolgte ein Schuß von einem Huͤgel auf der andern Seite, der Dorans Bruſt vorbeiſtreifte, aber den Arm des Meuchelmoͤrders traf, und ſein toͤdtliches Werkzeug fiel auf den Boden. Pierce ſprang auf ihn, hielt ihn feſt, und Andy, der den Schuß gehoͤrt, uͤbrigens aber von der ganzen Verhandlung nichts wußte, eilte ungeſaͤumt zu ſeinem Milchbruder. Doran ſchien aͤußerſt betroffen uͤber die⸗ ſen ploͤtzlichen Vorfall, oder vielleicht, daß er ſelbſt einer ſo nahen Gefahr entgangen war: denn die Kugel kam durch den vordern Theil ſeines Rockes heraus; er war alſo der Letzte, der zu den Andern hinzutrat. „Schelm,“ ſagte Pierce,„gieb den Grund an, warum Du mir das Leben zu nehmen wuͤnſchteſt. Hab ich Dir je etwas zu Leide gethan? Ich erinnere mich nicht, Dich vorher geſehn zu haben. „Nein, Ihr habt mir nichts zu Leid gethan,“ erwiederte der muͤrriſche Menſch. „Warum zielteſt Du denn nach meinem Leben? Denn ich bin nun uͤberzeugt, daß ich Dein Ziel war.“ „Freilich wart Ihrs.“ „Aus welchem Grunde, frag' ich nochmals?“ „Donner und Wetter, wie ſoll ich den Grund wiſſen? Fragt die, die mir auftrugen es zu thun, 108 und ſchuͤttelt meinen Arm nicht ſo heftig; er iſt ohne Euer Zuthun zerſchmettert genug.“ „Und wer iſt es denn, der Dir den Auftrag gab?“ „Nun da haben wirs gar!“ war die Antwort. „Gott hatte ſeine Hand hierin,“ fiel Andy ein, der endlich herausbrachte, was ſich eigentlich zugetragen hatte; er wollte Euch erſchießen, guter Pierce, und ſieh— er ſelbſt wird getoͤdtet. Doran kam naͤher. „Ich wollte,“ ſagte er,„ bei meinem Meßbuch ſchwoͤren, Pierce, daß Crohoore der Urheber dieſes ver⸗ dammten Handels iſt.“ „Thut das nicht,“ bemerkte der Verwundete, denn Ihr wuͤrdet vielleicht eine Luͤge ſchwoͤren. Mir iſt mein beſter Arm dabei zerbrochen worden; der Teu⸗ fel weiß, wie es geſchehen iſt.“ „Du ſollſt fuͤr dieſe Unverſchaͤmtheit buͤßen, ſo wie fuͤr dein ganzes Unternehmen, du Spitzbube du!“ fuͤgte Doran hinzu. „Spitzbube! Der Henker auch! Bedient Ihr Euch ſolcher Worte? Sie ſollen Euch theuer zu ſtehn kom⸗ men, ſo wahr mein Name Shawn iſt.“ „Was fuͤr eine Perſon trieb Dich dazu an?“ fragte Shea nochmals, und ſchuͤttelte ihn wieder heftig. „Da ſteht ja der ehrliche Menſch, der willig iſt darauf zu ſchwoͤren, wer es war.“ 2 „Pierce, Ihr werdet finden, daß ich recht habe,“ ſagte Doran,„der erſte Schuß dieſes Kerls— 4 109 „Das werdet Ihr nie gegen mich beweiſen koͤn⸗ nen,“ fiel der Moͤrder ein,„ich feuerte keinen Schuß, — der Henker hole den Feuerſtein, der mich daran verhinderte!“ „Aber ich hoͤrte Euer Stuͤck abſchnappen,“ ſagte Shea. „Das war auch Alles was Ihr hoͤrtet, weiter nichts.“ „Der erſte Schuß,“ fuhr Doran fort,„war fuͤr Euch beſtimmt, Pierce, der zweite aber fuͤr mich, und ich ſage nochmals, ich wollte mein Leben verwetten, daß Crohoore von dem ziſten wußte, und den zweiten ſelbſt abfeuerte.“ „Antworte, hat er recht?“ rief Shea uͤberlaut, „oder ich will die Erde, auf der Du ſtehſt, mit Dei⸗ nem Blute faͤrben. Hat Crohoore Dich abgeſchickt? Hat Crohoore den Schuß gefeuert? Sag mir die Wahrheit, oder“— Pierce ſpannte ſeine Piſtole. „Darauf kann ich leicht antworten,“ ſagte der Kerl, der nun zum erſtenmal erroͤthete;„er, der mich ſchickte, ſteht— „Halt!“ ſchrie Doran mit einer aͤußerſt trium⸗ phirenden Stimme.„Er ſteht in dieſem Augenblick auf der Hoͤhe des Huͤgels! Blick auf, Pierce, blick auf!“ Shea ſah hinauf, und ſah Crohoore wirklich auf der Anhoͤhe des Huͤgels ſtehn, ruhig Alles das be⸗ trachtend, was ſich unten zutrug. Er feuerte ſogleich, verfehlte ihn aber, und Crohoore verſchwand im Augen⸗ 110 blick.„Hier Doran,“ ſagte er,„fuͤhre dieſen Menſchen in meines Vaters Haus, und bewache ihn wohl; Du aber, Andy, komm mit mir;“ und er ſtuͤrzte gegen die ſteile Anhoͤhe mit zu viel Gewaltſamkeit, ſo daß es keine leichte Sache war, ſeinen Weg durch die vielen dicken Geſtraͤuche aufwaͤrts zu machen; ſeine Fort⸗ ſchritte waren daher viel langſamer, als wenn er we⸗ niger ungeſtuͤm, und mehr bedaͤchtlich zu Werke ge⸗ gangen waͤre. Doch endlich erreichte er ganz außer Athem den Gipfel, blickte allenthalben umher, ſah aber Niemand. Er lief einige Schritte vorwaͤrts, blieb ſtehn, und ſah hinunter in ein andres Thal, welches eine mehr offne Fortſetzung desjenigen war, das er kuͤrzlich verlaſſen hatte, und in welchem er ſich wieder befand, als er ſchnell am Fuße des Huͤgels umkehrte. Der Abhang war hier bei weitem nicht ſo ſteil, als die Seite, wo er ſo muͤhſam hinaufgeſtiegen war; man konnte es in der That kaum eine Anhoͤhe nennen. Gegenuͤber be⸗ fand ſich eine aͤhnliche Erhoͤhung, auf welcher das alte viereckige Schloß Ballyfoile ſtand, von wo der wohl bebauete Boden ſich unmerklich hinabzog bis Kil⸗ kenny. In dem Thale lag ein Kornfeld neben einer Weide, wo einige Kuͤhe graſeten, in deren Naͤhe ſich ein halb nackender Knabe befand; er war dahin geſtellt, die Kuͤhe zu huͤten, und er druͤckte ſeine Haͤnde feſt unter ſeine Arme, um ſie warm zu erhalten. Dabei pfiff er, und tanzte dazu, zwar nicht mit Grazie und 1 —8 S8= 88=—= 4 111 Gelenkigkeit, aber doch mit ſo vieler Heftigkeit, daß ſein Blut trotz der kalten fruͤhen Maͤrzluft nicht ſtocken konnte. Shea ging eilig auf ihn los, und fragte:„Haſt du irgend Jemand jenen Huͤgel herunter kommen ſehn?“ „Wa. s1“ und ein dummer Starrblick war die einzige Antwort. Pierce wiederholte ſeine Frage. „Ob ich Jemand habe vom Huͤgel herunterkom⸗ men ſehn? Meint Ihr das? „Ja wohl,“ ſagte Andy, der auch heran ge⸗ kommen war,„das iſt es eben, was wir zu wiſſen wuͤnſchen.“ „Wenn das Alles iſt, ſo kann ich Euch wohl ſagen, daß ich hundert Leute habe herunter kommen ſehn.“ Dieſe Worte begleitete er mit einem ſchlauen Seitenblick, und fing wieder an zu tanzen. „Aber ſag' uns doch, ob du heut Jemand dort geſehn haſt?“ „Geh aus dem Wege!“ ſagte der Schelm, als wenn er die letzte Frage gar nicht gehoͤrt haͤtte, und drohete mit einem Stock, den er in der Hand hielt, einer etwas bejahrten Kuh, die ihren Kopf eben be⸗ daͤchtlich nach dem ſchoͤnen, gruͤnen Korn gewandt hatte. „Willſt Du uns endlich eine hoͤfliche Antwort geben?“ ſagte Pierce, der Geduld und Zeit zugleich verlor. „Gemach, mein guter Pierce; uͤberlaßt mir den 112 lockern Vogel,“ ſagte Andy leiſe, wandte ſich gegen den Knaben, und fuhr in einem milden Tone fort: „Sprich, Kleiner, ſag an, haſt Du dieſen Mor⸗ gen keinen Menſchen vom Huͤgel kommen ſehn?“ „Erſt aber ſagt mir, ob Ihr denkt, daß ich blind bin?“ „Du haſt alſo Jemand geſehn?“ „Ich hab' ein ſo haͤßliches Geſchoͤpf herunter kommen ſehen, als man nur ſelten begegnet.“ „Ich danke Dir, das iſt gerade der Menſch, den wir ſuchen.“— „Haltet ihn feſt; denn wenn mich meine Augen nicht betruͤgen, ſo wart Ihr es ſelbſt, den ich geſehn habe.“ Dabei blickte der kleine Flegel in die Hoͤhe, und lachte in ſein Faͤuſtchen. „Du biſt wirklich ein drolliger Knabe,“ ſagte Andy. Piercens Unmuth trieb ihn hinweg, und er be⸗ ſtieg die Anhoͤhe gegenuͤber. Andy aber blieb bei dem Jungen, und nachdem er mancherlei Spaͤße von ihm angehoͤrt, und auch wohl ſelbſt ein wenig geſcherzt hatte,— denn wenn Paudge Dermody nicht gegen⸗ waͤrtig war, dachte Andy, daß er ſich wohl auch einen luſtigen Einfall erlauben duͤrfte,— erfuhr er, daß der Bube Crohooren wirklich vor wenigen Minuten habe vom Huͤgel herunter kommen, und in die Richtung gehn ſehn, die Pierce eben eingeſchlagen hatte. Des Knaben Aufmerkſamkeit war durch ſeine Geſtalt, durch den beſondern Umſtand, daß er ein Gewehr trug, und 113 durch ſein ſichtbares Beſtreben unbeachtet zu bleiben, beſonders erregt worden; da nun Andy Houlohan, aus Gruͤnden, die bereits erwaͤhnt worden ſind, durchaus nicht wollte, daß Pierce und Crohoore zuſammentreffen ſollten, ſo beſchloß er kluͤglich, Alles was er gehoͤrt hatte in ſich zu verſchließen. Auch hoffte er ſo wenig von dieſer ermuͤdenden Nachſtellung, und war ihrer ſo herzlich uͤberdruͤſſig, daß er einen eigenen Plan entwarf, zu Folge deſſen ſie nie mit einander in Kontakt kommen ſollten. Doch wir wollen den Ereigniſſen nicht vor⸗ greifen. Waͤhrend Andy und der Knabe im Geſpraͤch be⸗ griffen waren, hatte Pierce den Huͤgel beſtiegen. Einige Maͤnner und Frauen arbeiteten in einer kleinen Ent⸗ fernung in einem Felde unter ihm, und zu ihnen ver⸗ fuͤgte er ſich ſchnell, um Nachricht einzuziehen. Nach der gewoͤhnlichen Begruͤßung fragte er ſie, ob ſie den Gegenſtand, den er ſuchte, geſehn haͤtten. Aber die einzige Befriedigung, die er erhalten konnte, war ein Ausruf:„Der Herr entferne ihn aus unſern Wegen!“ worauf ein unverbruͤchliches Stillſchweigen folgte. Ploͤtz⸗ lich kam ein Maͤdchen, odemlos und bleich vor Schrecken und Eile, durch eine Oeffnung ins Feld, und nachdem ſie ſich auf einen großen Stein geſetzt, der in der Naͤhe von Pierce lag, ſchien ſie einer Ohnmacht nahe. „Was iſt dir zugeſtoßen, mein Kind,“ ſagte die Mutter, die ihre Arbeit verließ, herbei lief und ſich niederſetzte, waͤhrend ſie mit muͤtterlicher Unruhe und Aengſtlichkeit in des Maͤdchens Geſicht blickte. J. 8 114 „Ach, Mutter, Mutter, das kann ich nicht uͤber⸗ leben!“ Was,— was kannſt du nicht uͤberleben?“ Die große, ſtarke Frau umſchloß ſie dann mit ihrem großen, ſtarken Arm; das Maͤdchen weinte ein wenig an ihrer Mutter Bruſt, welches ſie etwas erleichterte, und nachdem ſie einen tiefen Seufzer geholt hatte, fuhr ſie dermaßen fort: „Ach, ich kam durch das Gehoͤlz, und dachte gerade an die ſchreckliche Geſchichte, die du uns geſtern Abend von ihm erzaͤhlt haſt, als ich nahe bei Mulroony's Scheune, wo die Hollunder⸗Buͤſche den Ort ſo finſter machen, ſtracks auf Crohoore ſtieß!“—„Was,“ rief die Mutter aus, und indem ſie ihre Hand erhob, blickte ſie mit ſichtbarer Unruhe auf Shea. Das Maͤdchen mißverſtand ihre Meinung, bedeckte ihre Augen und ſchrie vor Schrecken; aber ihre Mutter benahm ihr den Irrthum durch ein Paar Worte, die ſie ihr ins Ohr ſagte, und ſie beendigte ihre Erzaͤhlung ſo leiſe, daß Pierce nicht das Geringſte davon hoͤren konnte. Doch er hatte genug gehoͤrt, ihn einen Schritt weiter auf ſeiner Jagd zu leiten. Mulroony's Scheune, und die Stelle in dem engen Wege im Hollunder⸗Buſche, die das Maͤdchen erwaͤhnt hatte, waren ihm wohl bekannt; und dorthin eilte er mit verdoppelter Schnelligkeit und erneuerter Hoffnung. Er erreichte den Platz, blickte aufmerkſam umher, ſah aber keinen Menſchen. Er ſchlug einen entgegen⸗ geſetzten Weg ein, den das Maͤdchen gekommen ſeyn —— — ²(—,————y n — 8 — 115 mußte, folgte aber immer dem Gang zwiſchen den Hecken, und befand ſich am Ende in der großen Heer⸗ ſtraße. Hier verweilte er einen Augenblick, weil er nicht wußte, auf welche Seite er einbiegen ſollte, da er noch immer kein lebendiges Weſen ſah. Er beſtieg eine nahe Anhoͤhe, und bemerkte fern, ſehr fern, durch die nebligte Atmoſphaͤre die Geſtalt eines Menſchen, der dicht bei einem Zaune fortſchritt. Das muß er ſeyn! Er merkte ſich die Stelle, und mit der Elaſti⸗ eitaͤr eines Hirſches durchſtrich er den Zwiſchenraum durch die Felder; aber nach wie vor fand Pierce ſich betrogen. Auf einer andern Erhoͤhung ſtrengte er nochmals ſeine Augen an, und erblickte wiederum die⸗ ſelbe Geſtalt, wie er glaubte. Nun gings wieder vor⸗ waͤrts, bis er ſeinen zweiten Graͤnzſtein erreichte. Ge⸗ rade als er dort ankam, zeigte ſich ein Kopf uͤber einer hohen Hecke zur rechten Hand. Piercens Herz ſchlug froh empor, er faßte ſeine Piſtole, war im Augenblick auf der andern Seite der Hecke, und ergriff einen Menſchen,— aber es war nicht Crohoore. Sobald Pierce ſeinen Irrthum ſah, ließ er ihn los, und bat hoͤflichſt um Verzeihung. „Gott gruͤße Euch!“ ſagte der erſtaunte Un⸗ bekannte. „Gott und die Mutter Gottes beſchuͤtze Euch!“ erwiederte Pierce, kaum faͤhig zu ſprechen; denn er war ſo erſchoͤpft durch ſein vieles Laufen, und er hatte das unangenehme Gefuͤhl, welches auf eine ſtark er⸗ weckte Hoffnung folgt, wenn dieſe getaͤuſcht worden iſt. 8* 116 „Ich bitte um Verzeihung,“ fuhr der Fremde fort,„darf man fragen wie Ihr Euch nennt?— Ihr ſeyd vielleicht Herr Pierce Shea? „Der bin ich,“ erwiederte Jener. „Dann ſeyd Ihr gerade der Mann, den ich ſuche und zu ſehn wuͤnſche.“ „Hier ſeht Ihr mich, und was nun?“ „Ich hab' Eure Geſchichte gehoͤrt, und konnte mir leicht vorſtellen, was Ihr im Sinne habt; ſeyd Ihr nicht hinter Crohoore her?“ „Ihr habt Euch nicht betrogen.“ 3 „Wohlan denn, wenn mir das Gluͤck beiſteht, ſo glaube ich, daß ich vielleicht der Mann ſeyn werde, Euch zu ſagen, wo Ihr ihn finden koͤnnt.“ „Wo? wo?“ rief Pierce aus. 4 „Und ich zweifle nicht, daß Ihr geneigt ſeyn werdet, mir etwas Anſehnliches fuͤr die Nachricht zu geben.“ „Die ganze weite Welt will ich Euch dafuͤr geben!“ „Das iſt viel, aber Ihr habt die Welt nicht wegzugeben.“ „Oder Alles was ich in der Welt habe!“ „Und das iſt eben nicht wenig, zu Folge der Berichte, die ich daruͤber gehoͤrt habe. Aber ich weiß nicht wie es kommt, ich hab' nun einmal eine große Vorliebe, und hab' ſie all mein Lebetag gehabt, fuͤr baares Geld. Wenn daher eine goldne Guinee, oder 117 etwas dem Aehnliches zum Vorſchein kaͤme, wer weiß was dann geſchehen koͤnnte.“ Pierce fuhr mit der Hand in die Taſche, und nahm ein Paar Guineen heraus. Banknoten waren damals eine Seltenheit. „Hier nehmt ſie hin, und nun geſchwind mit Eurer Neuigkeit; aber geſchwind, geſchwind, und Gott moͤge Euch dafuͤr belohnen.“ „Sie ſind von der rechten Art, das leidet keinen Zweifel,“ ſagte der Menſch, buͤckte ſich aber doch nie⸗ der und verſuchte den Klang der Guineen, eine nach der andern, auf einem flachen Steine neben ihm,*) wickelte ſie dann in ein Stuͤckchen ſchmutziges Papier, ſteckte ſie tief in die Taſche der Beinkleider, und knoͤpfte ſie, mit dem Ausdruck vieler Bedaͤchtlichkeit, feſt zu. Eldlich dachte er an ſein Verſprechen. „Nun will ich Euch jedes Wort ſagen, das ich davon weiß. Ihr muͤßt wiſſen, Herr Pierce, daß ich kein gemeiner Dorfluͤmmel bin; ich ſage das nicht, um das Land herabzuſetzen, wo ich geboren und erzogen worden bin: aber ich habe mehr Kenntniß als ein *) Obgleich das Ohr der Englaͤnder bisher nicht das mu⸗ ſikaliſchſte geweſen iſt, ſo verſtehn ſie ſich doch durchgaͤn⸗ gig auf den Klang aͤchter und falſcher Goldſtuͤcke und Silbermuͤnzen. Dies iſt anfangs eine der auffallendſten Eigenheiten fuͤr einen Auslaͤnder, der da waͤhnt, daß man an ſeiner Ehrlichkeit zweifle, wenn die Leute ver⸗ ſuchen ob kein Betrug im Spiele iſt;— mit den Bank⸗ noten geht es eben ſo. Anm. d. Ueberſ. 118 Dutzend jener Kerle, die von einem Jahr zum andern nichts thun, als graben und pfluͤgen. Nein, ich habe eine Art Beruf zur Verwaltung der Geſetze, und ſo wie Ihr mich ſeht, geh' ich zuweilen zu den Nach⸗ barsleuten mit einem Stuͤckchen Papier, oder Kalbleder, je nachdem es ſich fuͤgt;“ wobei er ſehr verſchmitzt ausſah. Wir muͤſſen uns hier eine Abſchweifung erlau⸗ ben, und bemerken, daß es ein gluͤcklicher Umſtand fuͤr den Gerichtsdiener war, daß Andy Houlohan nichts von dieſem Bericht hoͤrte; denn von ſeiner Wiege an hatte er einen toͤdtlichen Haß gegen Buͤttel und derglei⸗ chen Perſonen, und es waͤre ihm vielleicht eingefallen, ein Schnitzchen von ſeinem Schaͤdel abzuhauen, blos aus allgemeinem Widerwillen gegen die Profeſſion. „Was geht das alles mich an?“ fragte Pierce. „Ich wollt' Euch blos kund thun, daß ich nicht ſo albern bin, durch Geſpenſtergeſchichten und derglei⸗ chen ins Bockshorn gejagt zu werden; ich fuͤrchte mich vor dem Teufel ſelbſt nicht. Nun hoͤrte ich von guter Hand, daß eine große Summe demjenigen verſprochen iſt, der Crohooren verhaften kann, und ſo ging ich hieher, fragte uͤberall, um der Sache auf den Grund zu kommen, und hoffte, daß ich vielleicht auf meinen Wanderungen auf ihn ſtoßen moͤchte, und ſo hab' ich ihn auch wirklich dieſen begluͤckten Morgen ertappt.“ „ Aber wo iſt er?“ unterbrach ihn Pierce mit Ungeduld.„Warum haltet Ihr mich ſo lange auf?“ „Maͤßigt Euch; ein Kauf iſt nicht ſo geſchwind 119 geſchloſſen. Wenn Ihr ſo unbeſonnen ſeyd, Euer Geld im voraus zu geben, ſo iſt das kein Grund, daß ich mit meiner Rede voreilig ſeyn muß.“ „Elender! denkſt du mich zum Beſten zu haben?“ erwiederte Pierce und ergriff ſein Piſtol. „Seyd ruhig, Freund,“ ſagte der Geſetzgebende, und zog ein Paar Piſtolen aus ſeinem Buſen;„Ihr ſeht, daß ich kein ſolcher Narr bin, mich unbewaffnet auszuwagen, wo Rippenſtoͤße oft unſer einziger Lohn ſind; wenn Ihr daher ſo geneigt ſeyd, ſo kann ich Euch mit zwei guten Schuͤſſen dienen, fuͤr einen Schuß von Euch. Aber wozu wuͤrde das nuͤtzen, da wir die Sache auf eine geſetzmaͤßige Weiſe berichtigen koͤnnen. Hoͤret mich an, ich will einen Vergleich mit Euch machen. Ihr muͤßt naͤmlich einen Eid ablegen, — und Ihr ſeht, was ich fuͤr Vertrauen in Euch ſetze, da ich eben kein Gebetbuch bei der Hand habe, — aber ich hoͤre, daß Ihr von einer ſo ehrlichen Fa⸗ milie abſtammt, als ich ſelbſt,— Ihr muͤßt einen Eid ablegen, daß jeder Shilling, der fuͤr die Verhaft⸗ nehmung verſprochen worden iſt, in meine Taſche kommen ſoll, ohne die geringſte oder entfernteſte Wi⸗ derrede.“ „Ich ſchwoͤre bei der Seele meines Vaters, daß Ihr jeden Pfennig davon erhalten ſollt.“ „Ihr ſeht ja nun wohl ſelbſt, daß dies ein beſ⸗ ſerer Weg iſt, als das Pulver fuͤr nichts zu verſchie⸗ ßen. Nun ſagt mir auch, ob Ihr keinen Plat ſeht, — 12o0 wo Ihr Euch zur Noth verbergen koͤnntet, im Fall Euch Jemand verfolgte?“ „Meint Ihr die Hoͤhle?“ Gerade auf der andern Seite des Feldes befand ſich der fuͤrchterliche Eingang zur Hoͤhle von Dun⸗ moore. „Das iſt der Ort; ſeyd behutſam in Eurer Rede, und vorſichtig in Euren Schritten. Sagt keiner lebendigen Seele, was wir vorhaben. Ich werde ein wenig vorausgehn, um dies einem Nachbar zu zeigen,“ wobei er ein Papier herauszog,„und werde in einem Augenblick wieder bei Euch ſeyn. Bleibt am Eingang der Hoͤhle ſtehn, und wartet bis ich komme. Es muͤßte wirklich mit dem Teufel zugehn, wenn wir den Schurken nicht erhaſchten,— ſo Gott will! Achtes Kapitel. Da Hoͤhle zu Dunmoore in dieſem Diſtrikt wird als ein Wunder der Natur betrachtet, und Reiſende kommen aus ihrem Wege, um ſie zu ſehn und zu unterſuchen. Zur Zeit unſerer Begebenheit wurde ſie von der ganzen benachbarten Bauerſchaft fuͤr den Auf⸗ enthalt aller uͤbernatuͤrlichen Weſen gehalten; ja bis 121 zu dieſem Tage werden mancherlei aͤhnliche Meinungen uͤber dieſen Punkt geaͤußert, aber freilich nicht mit der voͤlligen Ueberzeugung, die in fruͤheren Zeiten herrſchte. Hier war es wo die guten Leute bei großen Gelegen⸗ heiten ihre Gaſtmahle feierten; auch war dies der Auf⸗ enthalt der Feenhandwerker, die ſich hier aus allen Theilen der Inſel verſammelten, um Schuhe fuͤr das kleine Feengeſchlecht zu verfertigen; denn man ver⸗ muthete, daß ſich der unterirdiſche Boden der Hoͤhle in Zweigen nach allen Punkten des Koͤnigreichs hinzog. Alles dieſes konnte nicht bezweifelt werden, da viele Leute die Schlaͤge ihrer Hammer gehoͤrt, und ſonder⸗ bare Anſichten ihrer gruͤnen Schuͤrzen, oder ihrer Muͤtzen mit rothen Federn gehabt hatten. Auch war es der Aufenthalt noch ſchrecklicherer Geiſter, von deren eigentlicher Natur man aber keine klaren Begriffe hatte; ſo viel wußte man jedoch, daß ſie in den fernen Stel⸗ len der Hoͤhle herum wanderten, laͤngs dem Rande eines kleinen unterirdiſchen Baches, welcher die Graͤnze ihres finſtern Aufenthalts bezeichnete. Auch litt es keinen Zweifel, daß es ihnen große Freude machte, irgend ein ungluͤckliches Weſen auszurotten, das ſo dreiſt geweſen war, uͤber den verbotenen Strom zu kommen, und ſich in ihre bezauberte Wohnung zu draͤngen; denn dies erwies ſich ſchon aus den zerbrochenen Menſchen⸗ knochen,(und deren gab es wirklich dort,) mit denen das Ufer des Baches beſtreut war. Man hoͤrte oft durch den offnen Eingang der Hoͤhle wildes Geſchrei, noch haͤufiger aber erſchallte das muntre Lachen der Feen, 122 oder ihre Muſik, die mit den Nachtluͤften einen Ein⸗ klang machte. Der ganze Anblick dieſes Ortes war berechnet, vorurtheilige Ideen zu erwecken. In der Mitte eines geraden Feldes leitete ein ſteiler Abhang in eine Grube, uͤber welcher der Eingang wie ein großer Schwibbogen ausſah, ungefaͤhr achtzig Fuß in ſenkrechter Linie, und zwiſchen dreißig und vierzig Fuß weit. Allerlei wilde Gewaͤchſe bedeckten ihn; die Eulen, Dohlen und Kraͤ⸗ hen hauſeten drin, und machten mit Geraͤuſch und Geſchrei einen Ausflug ins Tageslicht, ſobald ſich ein fremder Fußtritt naͤherte. Vom Nande des Abhangs, vom Sonnenlicht umgeben, ſah man hinab in das pechfinſtre aufgeſperrte Loch, welches Neugierde erregte, und ſie zugleich zuruͤckſchreckte; welches etwas Geheim⸗ nißvolles zu enthalten, und den zu bedrohen ſchien, der es entdecken wollte; man glaubte in eine Region zu blicken, die verſchieden von unſerer lieblichen Welt war, und wo Gefahr auf jedem Schritte lauerte,— kurz, das Herz mußte verhaͤrtet und dreiſt, und die Einbildungskraft ſehr ſchwach ſeyn, wenn man beim erſten Anblick dieſes Orts keine ganz beſondere Regung in ſich verſpuͤrte. Beim Eintritt in die Hoͤhle ſah man beim Licht der Fackeln große Felsmaſſen uͤber dem Kopfe haͤngen, die bei jedem Schritte Vernichtung zu drohen, und nur durch ein Wunder an ihrem Platze zu bleiben ſchienen. In einiger Entfernung weiterhin erblickte man zwei abgetheilte Gaͤnge, einen zur rechten und den andern * 123 zur linken Seite. Um auf dieſen zu kommen, mußte man uͤber eine Verſchanzung von ſteilen Felſen klettern, welches um ſo gefaͤhrlicher war, da ein feuchter Schlamm ſie bedeckte. Der Gang war von betraͤcht⸗ licher Laͤnge, aber ſo niedrig, daß man haͤufig ge⸗ noͤthigt war, auf den Haͤnden und Knien fortzuſchrei⸗ ten, uͤber ſchluͤpfrige Felſen, und uͤber Loͤcher, die durch das beſtaͤndige Troͤpfeln von oben ausgehoͤhlt waren. Endlich gelangte man zu einem geraͤumigen, hohen Gemach, das unter dem Namen Markt⸗Kreuz bekannt war, da es einen verſteinerten Altar enthielt, der einige Aehnlichkeit mit einem antiken Kirchſtuͤck hatte, das ſo genannt wurde. Im ganzen Zimmer ſcheint die Natur ſcherzend mit der Kunſt haben wetteifern wollen:— ganze Reihen ausgehoͤhlter Saͤulen, die das Werk eines Menſchen zu ſeyn ſcheinen, reichen, faſt in gleichen Zwiſchenraͤumen, bis zur gewoͤlbten Decke. Da ſie ohne Zweifel tropfenweiſe durch die Verſteinerung entſtanden ſind, ſo iſt es gar nicht zu berechnen, welch ein unermeßlicher Zeitraum vergangen ſeyn muß, ehe ſie ſo gebildet wurden, wie ſie jetzt da⸗ ſtehn. Und dies iſt die koͤnigliche Feen⸗Halle. Die Landleute ſagen, wenn die Myriaden Kriſtalliſirungen, die umher haͤngen, und die ewigfallenden Tropfen an Galla⸗Abenden im Feenlicht ſchimmern, ſo koͤnnen menſchliche Augen das uͤberwaͤltigende Licht nicht ertragen. Der andere Gang windet ſich eben ſo weit fort, und leitet zu dem unterirdiſchen Stroͤmchen, das, wie — 124 bereits erwaͤhnt, uͤber zerbrochene Menſchenknochen weg⸗ ſprudelt. Als wir die Hoͤhle beſuchten, um uns einige ortliche Erlaͤuterungen uͤber die Exeigniſſe dieſer Ge⸗ ſchichte zu verſchaffen, ſtreckten wir dreiſt unſere Hand in das klare Waſſer, und zogen ein Bein von unge⸗ woͤhnlicher Laͤnge heraus. Die Gewißheit, daß derglei⸗ chen menſchliche Reliquien dort zu ſehn ſind, beinahe eine Viertelmeile vom Licht der Erde entfernt, zeigt uns, ohne auf des Landmanns Vorurtheile zu achten, daß das Elend in fruͤhern Zeiten, waͤhrend buͤrgerlicher Kriege, ſo groß geweſen ſeyn muß, ungluͤckliche Fluͤcht⸗ linge zu zwingen in den Schreckniſſen und Vertiefun⸗ gen eines ſolchen Ortes eine Zuflucht zu ſuchen, wo ſie verhungerten und verfaulten. Pierce Shea ſetzte ſich am Rande des Abhanges gerade gegen die Oeffnung der Hoͤhle uͤber, um die Ruͤckkehr ſeines zufaͤlligen, neuen Bekannten abzuwar⸗ ten. Man kann es ihm nicht verdenken, daß er einiges Mißtrauen fuͤhlte gegen die Wahrheit der ganzen Ge⸗ ſchichte, die er von dem Menſchen gehoͤrt hatte; denn ſein Charakter, und was Pierce von ſeinen Manieren und Betragen ſah, ſprachen eben nicht ſehr zu ſeinen Gunſten. Aber ein anderer ungluͤcklicher Gedanke be⸗ meiſterte ſich ſeines Gemuͤths und verſcheuchte alle uͤbrigen. Seine arme, geliebte, verlorene Alley mochte wohl gar durch ihren verfolgten Entfuͤhrer in dieſen Ort gebracht worden ſeyn. In jener dumpfen, feuch⸗ ten Finſterniß ſchleppt ſie vielleicht in dieſem Augen⸗ blick ein verhaßtes Leben fort, oder giebt es in dieſem 125 Augenblick auf. Oder ſie iſt vielleicht ſchon eine Leiche, unbegraben und verweſend in jenen elenden Vertiefun⸗ gen. Die Erinnerungen der Schreckniſſe, die er am Morgen nach dem Morde empfunden hatte, ergriffen ihn, und Ahnungen noch groͤßerer, kommender Schreck⸗ niſſe folgten ihnen; er blieb uͤberwaͤltigt von dieſen Gefuͤhlen auf ſeinem Sitze, als Andys Stimme ihn aus dieſen Traͤumereien aufſchreckte. Er blickte auf, und ſah dies gutmuͤthige Geſchoͤpf doppelt bewaffnet vor ſich ſtehn. Es koſtete viel, Andy dahin zu bringen, bei dieſer Expedition ein Schießge⸗ wehr zu tragen. Er mochte dergleichen Waffen gar nicht leiden; in ſeiner Meinung ſtand ein einfaches Schwert weit hoͤher, weil es nicht ſo viel Umſtaͤnde erforderte, als laden, zuſchnappen, auf die Schulter legen, ein Auge zudruͤcken, und dergleichen; uͤberdies verſtand er ſich auf das Eine, und wenig oder gar nicht auf das Andere. Doch jetzt erſchien er mit einem Schießgewehr in ſeiner linken Hand, und mit einem hoͤlzernen Milchtopf in ſeiner rechten. Er ſagte, er koͤnne einen Eid darauf ſchwoͤren, daß die Milch friſch von der Kuh kaͤme, da er das Thierchen ſelbſt gemelkt habe. Er hatte naͤmlich vom Hauſe eines Anverwand⸗ ten, welcher der vierte Vetter ſeines Vaters Mutter⸗ Schweſter war, den blauen Rauch durch die Thuͤr kommen ſehn, ein ſicheres Zeichen, daß die Kartoffeln auf dem Tiſch umher rollten, das heißt, daß man ſich eben zum Fruͤhſtuͤck anſchickte. Er ging alſo hinein, und bat mit der Freiheit eines ſo nahen Verwandten, 126 den die armen Leute nicht gern anerkannten, um ein wenig Fruͤhſtuͤck fuͤr ſich ſelbſt, und nachdem er eine ſtarke Portion Kartoffeln und ziemlich ſaurer Butter⸗ milch zu ſich genommen hatte,(dies war ihr beſter Vorrath,) ſo gaben ſie ihm auf ſeine Bitte einen Krug voll Milch fuͤr Pierce und ein halbes grobes Brod. Doch als er durch das Feld kam, ſo entdeckte er durch Gottes Huͤlfe eine Kuh, die auf das Milchmaͤdchen zu warten ſchien. Er goß ſchnell die Buttermilch aus, melkte die Kuh, und fuͤllte den Krug mit ſuͤßer friſcher Milch. Er war geſchickt genug bei dieſem Werke, da er oͤfters Breedge Chree dabei half, wenn ſie zu viele Arbeit hatte. Andy ſetzte ſich neben Pierce, und er⸗ zaͤhlte dieſe Ereigniſſe auf eine ſo natuͤrlich komiſche Weiſe, daß ſein Milchbruder, ſo betaͤubt er auch war, nicht umhin konnte zu laͤcheln, zumal als er mit einem ſelbſtzufriedenen Greinen hinzuſetzte:„Ich wollte meine alten, hoͤlzernen Schuhe gegen eine Pfennig verwetten, daß das Milchmaͤdchen nicht errathen wird, wer ihr dieſen Morgen die Muͤhe des Melkens erſpart hat.“ Hierauf zog er aus ſeinem Ueberrock, den er zum erſten Male in ſeinem Leben zugeknoͤpft hatte, den halben Mond des Haferbrods.„Nun, Pierce, wohlan, eſſet Eure Fuͤlle ſo lange der Vorrath dauert, aber wahrlich wir ſitzen eben nicht an einem ſehr huͤbſchen Ort,“ und als er auf die Hoͤhle hinunterblickte, ſetzte er hinzu: „Laßt uns einen andern Platz aufſuchen, der nicht ſo traurig ausſieht.“ 127 Piercens Gefuhle ſtuͤrmten nun alle zuruͤck; er ſprang auf, und ſagte: „Es giebt jetzt fuͤr uns keinen andern Platz; Crohoore befindet ſich in jener Hoͤhle, und ich will ihn herausſchleppen, oder bei dem Verſuch mein Leben ein⸗ buͤßen.“ Der Krug fiel aus Andys Haͤnden, und hinab floß die Milch die ihm Zeit, Muͤhe und Gewiſſens⸗ biſſe gekoſtet hatte. Er trat auf den Krug, und ſtieß ihn von ungefaͤhr um, wodurch er mit großer Schnel⸗ ligkeit den Abhang hinunter fiel, und Schlag auf Schlag gegen die Felſen ſtieß in der Oeffnung der Hoͤhle. Seine aufgeſperrten Augen folgten ihm einige Zeit, und mit Unwillen ſprach er zu dem Gefaͤß, als der naͤchſten Urſache ſeiner Kraͤnkung: „Moͤge dir der Teufel beiſtehn auf deinem Wege in das Loch da unten.“ Pierce, der die Guͤte ſeines Milchbruders fuͤhlte, und ſeinen Verluſt bedauerte, rieth ihm den Zufall nicht zu Herzen zu nehmen, da ihm nicht abgeholfen werden koͤnnte. „Nein, nichts in der Welt kann ihm abhelfen, erwiederte Andy und nahm traurig ſeinen Sitz wieder ein; denn das Sprichwort ſagt, daß es in der ganzen Welt keine Huͤlfe fuͤr vergoſſene Milch giebt. Doch, ſagt mir, wollt Ihr mich blos zum Beſten haben?— denn Ihr werdet doch ſchwerlich nicht ſo toll ſeyn, in das verfluchte Loch zu gehn, um Crohoore dort auf⸗ zuſuchen?“ 128 „Und bin ich umſonſt hierher gekommen, Andy, da ich weiß, daß er jetzt dort ſteckt?“ „Seyd Ihr uͤberzeugt, daß er dort iſt?“ Pierce fuͤhrte nun die Autoritaͤt des Gerichtsboten an, und die Umſtaͤnde wie er auf ihn geſtoßen ſey. „Bedenkt nur aber, daß es Euch dort auf keinen Fall mit ihm gluͤcken kann, dort weniger als in irgend einem Platz in der Welt, denn das„gute Volk,“, Gott hab' uns ſeelig, befindet ſich dort in großen Haufen wie die Kraͤhen.“ „Nichts koͤnnte mich abhalten, als die Hoͤlle ſelbſt, und nichts ſoll mich abhalten.“ „Der Unterſchied iſt auch eben nicht ſehr groß.“ Piercens neuer Bundesgenoſſe, Paddy Laughuan, unterbrach hier die Unterhaltung. Er warf ſeine Augen argwoͤhniſch auf Andy, zog Shea auf die Seite, und fragte ihn leiſe:„Wer iſt der Menſch, mit dem Ihr ſprecht?“ „Mein eigener Milchbruder, dem Ihr Euer Leben anvertrauen moͤget.“ „Aber der Henker hole ihn, er wird vielleicht die Haͤlfte meines Lohnes haben wollen.“ „Nach meiner Meinung verſteht der arme Kerl nicht das Geringſte von der ganzen Sache, und ich bin uͤberzeugt, daß ihn des Koͤnigs Schaͤtze nicht da⸗ hin bringen koͤnnten, der Anklaͤger eines Menſchen zu werden.“ „In dem Falle iſt er gerade ein ſo weichherziger Pinſel, als wir noͤthig haben. Er ſchickt ſich vortreff⸗ 129 fuͤr uns, und ein ſo großer ſtarker Flegel kann uns nuͤtzlich ſeyn. Ich werde mich jetzt auf den Weg machen; denn wir koͤnnen doch nicht hinein gehn, bis die Lichter kommen. Habt Ihr etwas Silber, wo Ihr das Gold hattet?“ Pierce gab ihm einen Shilling. „Ihr habt eine liebliche Hand. Ich beſitze eine Art altes Pferd, das mich zuruͤckbringen ſoll, und ich werde nicht eher ruhen, bis ich wieder hier bin. Adieu!“ Und der gerichtliche Merkur war bald aus ſeinen Augen. Was Andy von dieſem Manne bemerkt, und was er von ſeinen Berufsgeſchaͤften errathen hatte, gab ihm großen Troſt; aber er quaͤlte Shea mit ſeiner Ver⸗ muthung, daß die ganze Geſchichte, daß er Crohoore habe in die Hoͤhle gehn ſehn, eine bloße Erfindung ſey, um Geld zu ſchneiden, und daß ſie weder dies noch ihn ſelbſt jemals wiederſehn wuͤrden.„Und es thut mir leid, daß ich von Eures Vaters und Eurer Mutter Sohn ſagen muß, daß Ihr immer mit Eurem Gelde unbeſonnen umgegangen ſeyd.“ Denn Andy, der einige Jahre aͤlter als Pierce war, hielt es bei manchen Gelegenheiten fuͤr ſeine Pflicht, den Mentor mit ſeinem Milchbruder zu ſpielen; obgleich Sparſam⸗ keit auch eben nicht ſeine eigene Kardinaltugend war. Shea beantwortete dieſe Rede blos mit einem tie⸗ fen Seufzer, und als der Tag vorbeiſtrich, wuchs Andys Gewißheit, und Piercens Verzweiflung uͤber dieſe Gewißheit, daß naͤmlich Paddy Laughnan ein I. 9 130 Beutelſchneider, und daß Crohoore ſo wenig in der Hoͤhle waͤre, als er, Andy ſelbſt,— Gott behuͤte ihn fuͤr ſo etwas!— darin war. Da es aber beinahe Mit⸗ tag geweſen war, als Paddy nach Caſtlecomer ging, und da die Entfernung fuͤnf Meilen betrug, ſo mußten we⸗ nigſtens drei Stunden vergehn, ſelbſt mit Huͤlfe ſei⸗ ner Art von altem Pferde, ehe er zuruͤck ſeyn konnte. Dieſe Zeit war noch nicht voruͤber, und obgleich er zu aͤngſtlich war, um viel zu hoffen, verzweifelte er dennoch nicht ganz, und wirklich auch zu ſeiner großen Freude und Andys großer Beſtuͤrzung, erſchien Paddy gegen drei Uhr auf„einer Art von altem Pferde,“ wie er ſich richtig ausgedruͤckt hatte. Er brachte Lichter, und war ſo vorſichtig geweſen, ſich mit Schwefelhoͤlzchen zu verſehen, im Fall ſolches erforderlich waͤre in der Hoͤhle. Als die Vorbereitungen gemacht wurden, um hin⸗ ein zu gehen, gaffte Andy faſt unbeweglich umher; nur zuweilen irrte ſein Auge von Kopf bis Fuß auf Paddy Loughnan, mit einem Blick des innigſten Haſſes. Nachdem Alles fertig war, redete ihn Pierce folgender⸗ maßen an: „Andy, du mußt den Poſten hier beſetzen; wenn uns der Moͤrder entſchluͤpft, ſo kannſt du ihn hier unmoͤglich verfehlen. Gieb mir deine Hand, Andy 44 fuhr er fort, als er ſah, daß Thraͤnen die Augen des armen Menſchen fuͤllten;„ſieh zu, daß deine Flinte wohl geladen und in guter Ordnung ſey.“ „Guter, lieber, beſter Pierce,“ erwiederte Andy 131 und zog tauſenderlei Geſichter, um ſeine Nuͤhrung zu verbergen, und druͤckte lange die dargereichte Hand, „Pierce,— laß dir von mir rathen, und laß dich leiten; wenn du dort hinein gehſt, ſo wirſt du todt herauskommen, oder was noch ſchlimmer iſt, der Teu⸗ fel wird es nicht zulaſſen, daß wir dich je todt oder lebendig wiederſehn.“ „Ich will den Verſuch machen, Andy.“ „Betrachte nur, von welcher Art ſie ſind; ſie werden ſich den Henker um dein Gewehr kuͤmmern.“ „Du ſprichſt zu tauben Ohren, Andy.“ „Und dann die boͤſen Geiſter von denen es dort wimmelt.“ „Unſinn, Menſch. Ich wuͤrde mich nicht vor dem Teufel ſelbſt fuͤrchten. Laßt uns gehn.“ „Was ſoll ich nun zu dem armen alten Shea ſagen, wenn ich ohne Euch nach Hauſe komme?“ „Geh, laß meine Hand los!“ „Ihr werdet nicht einmal ein chriſtliches Begraͤb⸗ niß haben,“— dabei bemuͤhete er ſich die Hand feſt zu halten,—„Eure Knochen werden in den Geiſter⸗ bach geworfen werden.“ „Ich ſag' dir nochmals, laß mich los.“— „Wohlan!— da Ihr durchaus einen gutge⸗ meinten Rath eines Freundes nicht hoͤren wollt, ſo wird er mit Euch gehn, ſo weit ihn ſeine Fuͤße tragen,“ rief Andy aus, und ſeine Furcht und Ergebenheit fuͤr Pierce brachen beinahe in Wuth aus, als er ſeine Hand noch feſter in die ſeinige ſchloß. 9* 132 „Laß den jungen Mann ſein rechtmaͤßiges Unter⸗ nehmen beginnen, du großer Eſel du,“ rief Paddy Loughnan in einiger Entfernung. „Halte dein Maul, oder ich breche dir jeden Knochen im Leibe entzwei,“ erwiederte Andy.— „Geſetzmaͤßig!— ach, wenn ich nur jetzt nahe bei dir waͤre!“ „Denkſt du mich mit Gewalt zuruͤckzuhalten, Andy?“ fragte Pierce laͤchelnd. „Hol mich der Teufel wenn ich es nicht zu thun gedenke!“ und indem er ſein Gewehr niederwarf, ſchloß er ſeinen Milchbruder in ſeine beiden Arme. „Gemach, gemach,“ ſagte Pierce,„du biſt mir nicht gewachſen;“ er ſchleuderte ihn hierauf von ſich, ſo daß er ſich von ihm los machte, und der arme Andy prallte zuruͤck unter den Felſen. Ehe er ſich wieder aufraffen konnte, war Shea dem Paddy Lough⸗ nan in die Hoͤhle gefolgt. Der getreue Diener ſtuͤrzte ihnen nach; in einer kleinen Entfernung vom Eingang gewahrte er den Schein der Lichter, und nach manchen Buͤckungen unter den Felſen, kam er ihm ſo nahe, daß er es uͤber ſich auf dem Schlagbaum ſah, den wir bereits be⸗ ſchrieben haben. „Pierce, warte ein klein Bischen, daß man ſich wenigſtens ruͤhmen kann, an deiner Seite getoͤdtet worden zu ſeyn;“ rief Andy aus vollen Kraͤften aus. „Pack' dich von hier, du Haſenfuß,“ grunzte Paddy Loughnan;„ſo groß und ſtark du auch 133 biſt, ſo haſt du doch nicht den Muth einer kleinen Maus.“ „Hab' ich nicht?— hab' ich wirklich nicht?“— ſagte Andy.„O! daß ich deiner nur einen Augen⸗ blick habhaft werden koͤnnte, ich wollte dich ſchon ein Anderes lehren!“ Er brach in ein lautes Jauchzen aus, und warf zu Folge einer unabaͤnderlichen Ge⸗ wohnheit, ſeinen alten Hut trotzend nieder. Da aber Paddy fortſchritt waͤhrend ſeiner Rede, ſo mußte Andy ſeinen Zorn allein und im Finſtern gegen die Winde auslaſſen. Sein Hut, der vielleicht uͤberdruͤſſig war, die Mißhandlungen ferner zu ertragen, die er in ſei⸗ nem langen Dienſt erduldet hatte, blieb ſo feſt und ruhig liegen, daß Andys Suchen und Fuͤhlen darnach fruchtlos blieb, und endlich begnuͤgte er ſich damit, ſeinen Weg ins Tageslicht wieder zu finden, und ließ ſeinen Hut mit herzlichen Verwuͤnſchungen gegen die ganze Geiſterwelt zuruͤck. „Gott geleite dich, Pierce Shea,“ ſagte er zu ſich ſelbſt, als er ſich wieder nahe beim Eingang der Hoͤhle niederſetzte,„es iſt wenig Hoffnung uͤbrig, daß du je Clarah wiederſehn wirſt; und giebt es wohl einen Menſchen, der dich je gekannt hat, ohne dies zu bedauern? Ich will mich ſelbſt nicht einmal erwaͤhnen. Es gab ſeines Gleichen nicht in der ganzen weiten Welt, noch uͤber der weiten Welt weg. Es war tauſend Schade, daß er nicht mehr Vorſicht beſaß, und daß er ſeinem eigenen Willen ſo ſehr folgte, ſtatt mei⸗ nem guten Rath zu folgen: bei dem Gewehr in meiner 134 „Hand ſchwoͤre ich, daß ich lieber nach Connaught oder ſonſt wohin ins Ausland laufen will, als ohne meinen armen Pierce zu Hauſe zu gehn,“ und Andy zerfloß in Thraͤnen. „Was fehlt Euch, ehrlicher Kerl,“ fragte mit⸗ leidsvoll ein altes Weib, die herab gekommen war, eine verlaufene Kuh aufzuſuchen, und verwundert ſchien, einen großen, ſtarken Menſchen zu ſehn, der mit bloßem Kopfe da ſaß und wie ein Kind weinte. „Es fehlt mir genug, und mehr als genug,“ erwiederte Andy, und erzaͤhlte ihr ſeine ganze traurige Geſchichte. „O,“ ſagte die Troͤſterin,„Gottes Hand, und nur Gottes Hand allein kann ihn lebendig von dort herausbringen;“ und nachdem ſie es bedauerte, daß ſie nicht laͤnger verweilen koͤnnte, humpelte ſie ihrer Kuh nach. Und da ſie hier einem Menſchen begegnete, und dort einem andern, ſo wurde die Geſchichte immerfort wiederholt, und dann gukten ſie Einer nach dem An⸗ dern herunter, bis ſie endlich, da ſich ihre Anzahl und mithin ihr Muth vermehrt hatte, herunter kamen, und Andy von einem Haufen alter Maͤnner und alter Weiber, junger Maͤdchen und Knaben umringt war; und Alle troͤſteten ihn mit großer Waͤrme. Zur Ver⸗ geltung ſeiner vielfach erzaͤhlten Erzaͤhlung, traktirten ſie ihn mit mancherlei Schreckensgeſchichten von der Hoͤhle und ihren Bewohnern. Dann ſprachen ſie von Crohoore, von ſeiner Verbindung mit dem guten Volk, von ſeiner fuͤrchterlichen Erſcheinung an behexten Plaͤtzen, 1353 und dieſe Berichte uͤbertrafen an Graͤßlichkeit alle andern. Die Daͤmmerung fiel ein, waͤhrend ſie ſich ſo unterhielten; die feierliche Stille der Nacht verbreitete ſich umher; die Felſen wurden brauner von allen Sei⸗ ten, und die grauſende Oeffnung der Hoͤhle wurde immer ſchwaͤrzer. Ihre Stimmen wurden leiſer, Alle draͤngten ſich dicht an Andy, keiner wollte es wagen allein nach Hauſe zu gehn, und doch begaben ſie ſich nicht zuſammen auf den Weg. Sie getrauten ſich nicht laͤnger auf die Hoͤhle hin zu weiſen, oder auch nur hin zu ſehn. Ja es ſchien der Wunſch Aller zu ſeyn, den Gegenſtand des Geſpraͤchs zu veraͤndern. Aber als ſie aufhoͤrten von der Hoͤhle zu ſprechen, ſprach dieſe ploͤtzlich zu ihnen. Es entſtand naͤmlich in ihrer weiten Oeffnung ein Echo von ſo mannigfal⸗ tigen Toͤnen, daß es fuͤr Jeden unmoͤglich war zu wiſſen woher es kam, ob von menſchlichen Lippen und Lungen, oder von Gott weiß was ſonſt. Indeß draͤng⸗ ten ſich Alle feſter zuſammen. „Ach, heilige Jungfrau,“ rief Andy, indem er ſeine Haͤnde zuſammenſchlug,„nun iſt ſein Ende gekommen.“ „Moͤrder! Moͤrder! Moͤrder!“ riefen zwei oder drei ſeiner Umgebenden auf einmal. Ein dunkles, ſchwankendes Licht erſchien in einiger Entfernung in der Hoͤhle. Es leuchtete in die Hoͤhe, und zeigte ein wohlbekanntes Geſicht mit rothen Augen, wie die Flamme, auf die ſie blickten. Ein allgemeines 136 Geſchrei entſtand, und das Licht wurde ſogleich aus⸗ geloͤſcht. Aber eine Bewegung folgte ſogleich beim Eingang im Finſtern, und Crohoore, das eingefleiſchte Geſpenſt ihrer Furcht, kam heraus zu ihnen. Andy Houlohan hatte das Gewehr in ſeinen Haͤnden, und zwiſchen Entſetzen und Verzweiflung, ohne es auf die Schulter zu legen, feuerte er es ab, aber die Kugel fuhr mit Heftigkeit zuruͤck, und er fiel der Laͤnge nach zwiſchen die Felſen. Crohoore zoͤgerte nicht einen Augenblick, ſondern kam durch die Mitte der Menge, zerſtreute ſie von allen Seiten, gab Andy einen bedeutenden Blick, und indem er die Anhoͤhe hinauf lief, war er bald aus dem Geſicht verloren; zumal da die zunehmende Nacht, und die Tiefe, in der ſie ſtanden, ihre Sehkraft verminderten. Nach einigen Minuten Stillſchweigen, und nach einem all⸗ gemeinen Dankgebet fuͤr ihre Sicherheit, entfernte ſich die Menge in einem Haufen und ließ Andy allein, ſich durch alle fernere Schreckniſſe ſo gut er konnte durch zu helfen. Er unterſuchte noch eben, wie ſehr ihn ſein Fall, oder vielmehr der Feenſtoß beſchaͤdigt hatte, als Paddy Loughnan, ohne Hut, blaß und bebend, vor ihm er⸗ ſchien. Sein voriges, liſtiges und unverſchaͤmtes Weſen war ganz veraͤndert, und ſein Blick war finſter und voller Entſetzen. „Wer feuerte den Schuß?“ fragte er eilig. „Ich,“ ſagte Andy,„aber ich habe Urſache es 137 zu bereuen,“ und er beſtrich mit ſer Hand ſeinen Koͤrper. „War der Schuß gegen Crohoore gerichtet?“ fuhr Paddy mit leiſer Stimme fort. „Ja wohl.“ „Trafſt du ihn?“ „Freilich traf ich ihn, aber welchen Schaden kann das ſeines Gleichen thun?“ „Wo iſt Pierce Shea?“ „Wo Pierce Shea iſt! Du Ungluͤcksvogel, kommſt du aus der Hoͤhle und machſt mir die Frage! Es war ja Alles dein eigenes Werk! Sag du mir vielmehr, wo der arme Menſch iſt, oder“— „Schweig', Kerl, hier nimm das Licht aus meiner Hand,— ſuch' ihn in der linken Wen⸗ dung der Hoͤhle,— geſchwind, geſchwind,“— und Paddy war ſchnell auf ſeiner„Art von einem alten Pferde;“ aber obgleich das elende Thier ſein Fleiſch nicht als eine Entſchuldigung fuͤr ſeine Lang⸗ ſamkeit anfuͤhren konnte, obgleich Paddy bewaffnet, das heißt, mit einem einzelnen, roſtigen Sporn verſehn war, und obgleich ſie heimwaͤrts ſchritten, ein Umſtand, der, wie alle Reiſenden wiſſen, den groͤßten Einfluß hat, Pferdefleiſch zu beleben: doch zeigte das alte Pferd keine Sympathie mit ſeines Herrn unverkennbarem Wunſch, ſo geſchwind und ſo weit als moͤglich von der Hoͤhle weg zu kommen. Andy machte manchen Stand, als er durch die gefaͤhrlichen Verwickelungen in der Höhle ſeinen Weg 138 ſuchte; er ſah ſich nach ſeinem Milchbruder um, und rief ſeinen Namen aus in die ſtarke Felſenmaſſe. Aber das Echo allein, das ſich durch mancherlei Wege vervielfaͤltigte, und das er fuͤr eben ſo viele fuͤrchter⸗ liche Stimmen hielt, beantwortete ſein Rufen. End⸗ lich wagte er ſich gegen die Seite des Feenſtroms, und hier wurden ſeine fruͤhern und aͤrgſten Prophezeihun⸗ gen beſtaͤtigt,— denn hier lag Pierce Shea beſin⸗ nungs⸗ und bewegungslos. Nach einem wilden Ausbruch des aufrichtigſten Schmerzes, der je fuͤr einen abgeſchiedenen Freund em⸗ pfunden worden iſt, hob Andy ſeinen geliebten Pierce emwpor, und legte ihn auf ſeine Schultern, in der Abſicht, ihn, nachdem er ſich ein wenig ausgeruht haben wuͤrde, auf die Oberflaͤche der Erde zu tragen; das ſollte der erſte Schritt des einzigen Troſtes ſeyn, den er je empfinden konnte, naͤmlich ein anſtaͤndiges, chriſtliches Begraͤbniß fuͤr den Liebling ſeines Herzens. Doch in dieſem Augenblick holte Pierce einen tiefen Seufzer, oͤffnete bald darauf ſeine Augen und blickte wild um ſich her. Als er Andy erkannte, war ſein erſtes Wort die Bitte, daß ſie ſogleich die Hoͤhle verlaſſen ſollten, wogegen Andy, wie man leicht denken kann, keine Einwendung machte. Die kuͤhle Nachtluft belebte ihn geſchwind, und er fragte, wie lange es wohl ſeyn moͤchte, daß er in die Hoͤhle ging, und ob ſich etwas an der Außen⸗ ſeite derſelben ereignet haͤtte. Ein ſchauderhafter Schrecken durchbebte ihn, als er Paddys eilige und unruhige Abreiſe vernahm. Aber Crohoore's Entweichung machte 139 ihn beinahe raſend, und er warf Andy mit Bitterkeit ſeine Nachlaͤſſigkeit und ſeinen Mangel des Muths vor⸗ Umſonſt zeigte Andy die Unmoͤglichkeit ſich Crohoore's zu bemaͤchtigen, und fuͤhrte zum Beweis die fruchtloſe Wirkung an, die ſein toͤdtlicher Schuß gehabt hatte. Pierce aber beſtand darauf, daß es ihm an Herz fehlte, und er behauptete, wenn er gegenwaͤrtig geweſen waͤre, ſo wuͤrde er ſich des Moͤrders bemaͤchtigt haben, und waͤre er von einer Legion Teufel umringt geweſen. Nun kam die Reihe des Fragens an Andy; aber Pierce ſchien gar nicht geneigt, ſeine Begebenheiten zu erzaͤhlen, und als ſein Milchbruder fortfuhr, deshalb in ihn zu dringen, erſchienen Doran und der alte Shea;(ſie hatten ihn eine Zeitlang aufgeſucht,) mit einem leeren Pferde, auf dem er heimkehren ſollte, und deſſen er ſich willig in ſeinem erſchoͤpften Zuſtand bediente; ſie ritten demnach Alle nach Clarah zuruͤck. Doran hatte, zu Folge Piercens Bitte am Mor⸗ gen, den Meuchelmoͤrder von Ballyfoile in ſeines Va⸗ ters Haus gefuͤhrt, wo er nun voͤllig bekannte, daß ihn Crohoore gedungen hatte; aber der Menſch wußte uͤbrigens nichts von Crohoore's Unternehmungen, oder gab wenigſtens vor, nichts davon zu wiſſen. Er hatte ihn blos fuͤr eine anſehnliche Summe gedungen, ein gewiſſes Geſchaͤft fuͤr ihn zu verrichten. Doch hoffte man, wenn er wegen ſeines Ver⸗ gehens vor Gericht wuͤrde gebracht werden, daß ſein Bekenntniß vollſtaͤndiger ſeyn wuͤrde; Pierce beſuchte 140 ihn, als er nach Hauſe kam; aber der Kerl war muͤrriſch und unverſchaͤmt, und lachte mit gefuͤhlloſem Leichtſinn bei jeder Drohung. Er war in einem Keller ein⸗ geſperrt, der keine Fenſter hatte, und ſeine Thuͤr und der Riegel waren aͤußerſt ſtark. Der Schurke floͤßte Piercen den groͤßten Widerwillen ein; er eilte daher von ihm, verſchloß und verriegelte die Thuͤr, und ſteckte den Schluͤſſel in ſeine Taſche. Den naͤchſten Morgen, als er die Thuͤr wieder oͤffnete, um ſeinen Gefangenen nach dem Gefaͤngniß in Kilkenny zu bringen, fand er das Neſt leer, und den Namen Crohoore mit ſchlechten Buchſtaben auf die Mauer gekritzelt, und zwar als wenn es mit Blut geſchrieben waͤre; welches klar anzeigte, durch weſſen Vermittelung der Gefangene entwichen war. Neuntes Kapitel. Das eben erzaͤhlte Ereigniß machte einen tiefen Ein⸗ druck auf Pierce Shea. Er ſchien duͤſter und gedan⸗ kenvoll, und bekannte ſeinem Milchbruder im Ver⸗ trauen, daß er gewiſſermaßen zu ſeiner oft geaͤußerten Meinung uͤbergegangen ſey, und daß er nun ſelbſt glaube, daß ſie ihre Zeit und Muͤhe in der Nachſtel⸗ 141 lung eines Geſchoͤpfs umſonſt verſchwendeten, das von uͤberirdiſchen Freunden und Agenten beſchuͤtzt wurde. Andy hoͤrte dies Bekenntniß mit tiefem Stillſchweigen an, aber mit einem Ausdruck des Geſichts, welcher einen Triumph uͤber die erwaͤhnte Sinnesaͤnderung ver⸗ rieth, und zugleich ſchien er aͤußerſt erſchrocken uͤber das Reſultat, das er ſich ſo ſehr beſtrebt hatte hervor zu bringen. Bald darauf verließ er Pierce mit ver⸗ ſchloſſenen Lippen und niedergeſchlagenen Augen; Pierce wußte nicht wohin er ging. „Bei meiner Treue,“ ſagte Doran, als Pierce ebenfalls uͤber dieſen Gegenſtand zu ihm ſprach,„das Maͤdchen muß behext oder toll ſeyn, oder noch etwas Schlimmeres hat ſich ereignet.“ „Etwas Schlimmeres? Was meint Ihr?“ „Ja wohl Pierce, ſchlimmer, tauſend Mal ſchlimmer.“ „Das iſt keine Antwort, Doran, ſprich deutlicher.“ „Der Henker auch!“— fuhr ſein Freund fort, als wenn er mit ſich ſelbſt zuͤrnte.—„Da hab' ich was ſchoͤnes angeſtiftet,— ich vergaß, zu wem ich ſprach,— aber ſcheer' dich nicht um mich, und denke nicht mehr dran.“ „Johann, du mußt vollenden.“ „Das will ich, bei meiner Seele, wohl bleiben laſſen, Pierce; ich will dich nicht noch unruhiger machen, als du ſchon biſt.“ „Fuͤrwahr, Doran, es iſt weder recht noch freundlich, ob ich Euch gleich fuͤr einen rechtlichen, 142 freundlichen Menſchen halte, etwas vor mir zu ver⸗ heimlichen, was Alley betrifft; ich beſtehe daher auf einer Erklaͤrung, und Ihr ſollt dies Haus nicht eher verlaſſen, als bis Ihr mir Alles geſagt habt.“ Sie ſaßen, wie gewoͤhnlich, in Piercens vaͤterli⸗ chem Hauſe, ſpaͤt in der Nacht bei ihrem Glaſe. „Meinetwegen, ich kann ja wohl bleiben, wo ich bin,“ erwiederte Doran, und ſchluͤrfte ſein Getraͤnk hinunter;„denn ich wollte lieber ein ganzes Jahr hier ſitzen bleiben, als die Rede beendigen, die ich verdamm⸗ ter Narr ſo unbeſonnen angefangen habe. Denn ob⸗ gleich die ganze Sache nicht wahr ſeyn mag, ſo wuͤr⸗ deſt du dich doch daruͤber betruͤben, und ich habe dich zu lieb, mein guter Junge, um willig der Ueberbringer ſchlechter Nachrichten zu ſeyn.“ „Gebt Acht, Rhiah Doran, ich kenne Euch als einen getreuen Freund— Eure Handlungen haben es hinlaͤnglich bewieſen; aber ich bin jetzt in einer Stim⸗ mung, daß ich keine Ausweichungen oder Taͤndeleien vertragen kann; und ſollten wir auch auf immer brechen, ſo muͤßt Ihr doch den Zweifel, den Eure Worte er⸗ regt haben, entweder aufloͤſen oder bekraͤftigen,— hier, — dieſen Augenblick,— auf der Stelle fahrt fort, Doran.“ Er wurde blaß und zitterte am ganzen Leibe. „Wohlan denn, Pierce, ehe es dazu kommen ſollte, und ehe ich ſolchen Dank finden ſollte fuͤr— doch laßt das gut ſeyn,— Ihr ſollt Euren Willen haben. Aber denkt nicht, Pierce Shea, daß Ihr mich mit Euren Drohungen ins Bockshorn gejagt habt. 143 Ich vermuthe, Pierce, Ihr kennt mich genugſam, um zu wiſſen, daß weder Ihr noch irgend ein Mann mir Furcht einjagen kann.“ „Ich weiß; und glaube das recht wohl, Rhiah nun laß dir dies gnuͤgen, fahr' fort, und um des Himmels willen verlaͤngere meine Qual nicht.“ „Vergeßt nicht, daß Ihr mich zu ſprechen zwingt, gegen meinen Willen und meine Neigung.“ „Nein, nein, ich werde es nicht vergeſſen, und ich will Euch im Voraus losſprechen von allem An⸗ theil an der Pein oder dem Weh, die Eure Worte mir verurſachen moͤgen; aber ſprecht klar und deutlich, und erfuͤllt des Freundes Pflicht gegen mich.“ „Weil Ihrs denn durchaus wiſſen muͤßt:— man ſagt, daß Alley entweder behext und gezwungen iſt, oder daß ſie freiwillig mit dem Moͤrder ihres Va⸗ ters lebt.“ „So!“ ſagte Pierce waͤhrend der Pauſe, die Doran hier machte, als wollte er die Wirkung bemer⸗ ken, die ſeine Neuigkeiten auf den Zuhoͤrer hervor⸗ brachten.„So!l ich errieth es wohl, was heraus kom⸗ men wuͤrde.“ Er ſprach dies mit erſtickter Stimme, die Haͤnde geballt auf den Tiſch, und ſeine Augen feſt auf den Freund gerichtet. 8 „Denn,“ fuhr Doran fort,„ausgenommen der Schurke hat ſie in einem feſten Gemach oder Gefaͤng⸗ niß eingeſperrt, und das iſt nicht wahrſcheinlich, da ſie ſich hier in der Naͤhe aufhalten, und wir nie von einem ſolchen befeſtigten Platz gehoͤrt haben, ſo koͤnnte 144 ſie ja wohl laͤngſt bei einer oder der andern Gelegen⸗ heit, wenn Crohoore aus dem Wege iſt, ſich davon gemacht haben, und Ihr wißt, daß er haͤufig von ihr entfernt iſt, und daß er ſie eine Nacht nach der andern allein laͤßt. Das Maͤdchen koͤnnte ſich daher leicht zu Euch gefluͤchtet haben, wenn ſie nicht, wie ich vorher ſagte, entweder“— „Wo hoͤrtet Ihr dies Alles?“ fragte Pierce ihn unterbrechend, und mit anhaltendem Beſtreben ſeine Gefuͤhle zu bemeiſtern. „Von Euren eigenen Freunden, Pierce, von Freunden, die Euch mit Leib und Seele ergeben ſind, und die ſich nicht fuͤrchten oder ſchaͤmen ihre Worte Euch ins Geſicht zu wiederholen. Und wenn es dar⸗ auf ankaͤme, wuͤrden ſie aus Achtung fuͤr Euch noch mehr thun. Ihr wißt, ich ſpreche von den Jungen.“ „Ich kann mir's denken,“ ſagte Shea, und richtete ſeine Augen in voͤlliger Abweſenheit auf den Boden. „Ich habe ſie ſeit Kurzem in gute Ordnung ge⸗ bracht, und ihnen einen neuen Geiſt eingefloͤßt,“ fuhr Doran fort,„und indem ſie ihre eigenen kleinen Ge⸗ ſchaͤfte beſorgen, koͤnnen ſie auch einem Freunde beiſtehn, wenn,“— er hielt wieder inne, und legte ſeine Hand auf Shea's Arm,“— wenn dem Freund zu trauen waͤre, mein guter Pierce.“ „Moͤge der gute Gott im Himmel verhuͤten, daß das wahr ſey, was Ihr ſagt!“— rief der arme Shea endlich aus, mit einer Bitterkeit, die ihm ſeines Freun⸗ des Beruͤhrung mit der Hand vielleicht trotz ſeiner Selbſtbeherrſchung entriſſen hatte.—„Das, das wuͤrde der ſchwerſte Streich von allen ſeyn!— Doran, ich wollte ſie lieber als einen ſteifen Leichnam ſehn, mit blaſſer Wange und kalt, mit Augen, geſchloſſen fuͤr die Ewigkeit,— ich koͤnnte uͤber ihr Grab haͤn⸗ gen, und zuſehn wie ſie in daſſelbe hinabgelaſſen wird, und hoͤren wie die Erde auf ihren Sarg faͤllt,—— aber das koͤnnte ich nicht ertragen!— es wuͤrde mich raſend machen!— es hat mich raſend gemacht!“— Er ergriff Dorans Hand, und ſchuͤttelte ſie verzweif⸗ lungsvoll; ſeine Thraͤnen, die ihn beinahe erſtickten, floſſen uͤber ſein Geſicht, und ſein Kopf fiel auf ſeines Freundes ausgebreiteten Arm. „Der Teufel hole meine Zunge!“ rief Doran aus, ebenfalls mit gebrochener Stimme;„aber, lieber Pierce, es war ja blos des Volkes Meinung,— was ſie Alle ſagen,— aber ich bin Einer von denen, der kein Wort davon glaubt.“ „Bewahre Euch Gott dafuͤr! Ihr duͤrft es nicht glauben!“ rief Pierce und ſprang auf; ſeine Thraͤnen waren getrocknet, und ſein Ton und Weſen waren voͤllig veraͤnderr.—„Du darfſt nicht ein Wort davon glauben, Menſch, nicht das geringſte Wort. Ich will keinem lebendigen Geſchoͤpf erlauben ſo etwas von Alley zu glauben. Nie ſtand eine Hei⸗ lige vor dem glorreichen Throne Gottes fleckenloſer und freier von Suͤnde, als meine arme Alley war! Leugnet es, oder laßt es irgend einem Menſchen leugnen, I. 10 —146. und ich will Eure Seele zu ihrem Schoͤpfer ſchicken, begleitet von der entſetzlichen Luͤge.“ „Ich ſeh', Ihr wollt Euch mit Jemand zanken,“ ſagte ſein Geſellſchafter in einem beleidigten, vorwurfs⸗ vollen Tone,„aber Ihr ſollt mich nicht dazu bringen. Ich kann mit Euch fuͤhlen, und bedaure Euch zu ſehr, um das uͤbel zu nehmen, was Ihr in Eurer jetzigen Wuth gegen mich ausſtoßt;— aber iſt dies mein Lohn fuͤr Alles, was ich fuͤr Euch und fuͤr ſie gethan habe, unaufgefordert, und aus freiem Willen? Zu einer Zeit wo Ihr danieder lagt, unfaͤhig einen Finger in Eurer eigenen Sache zu regen; ohne einen Freund, oder vielmehr ohne einen Narren, ſich Eurer anzu⸗ nehmen.“ Des jungen Mannes Geſicht veraͤnderte ſich; die natuͤrliche Ruͤckkehr ſeiner beſſern Gefuͤhle brachte wie⸗ der Thraͤnen in ſeine Augen; er ſetzte ſich, reichte ſeine Hand dar, und ſagte: „Ich bitte Euch um Verzeihung, mein lieber Doran; ich haͤtte daran denken ſollen, wenn ich an irgend etwas haͤtte denken koͤnnen,— daß es ein Freund war, der zu mir ſprach.“ „Ein Freund!“ ſagte Doran, und erwiederte ſei⸗ nen Haͤndedruck mit vieler Waͤrme;„aber nun, lieber Pierce, ſchlag' dir die dummen Worte aus dem Kopf. Bei meiner Seele, ich ſelbſt koͤnnte kein boͤſes Wort gegen die arme Alley ſprechen hoͤren; ſchlagt Euch die Sache aus dem Kopf, es iſt gewiß nichts Wah⸗ res dran.“ „Das wird eben nicht ſehr leicht fuͤr mich ſeyn, Johann,“ ſagte Pierce, und er hatte Recht. Es war nicht leicht den Dorn herauszuziehn, der im Innern ſeines Herzens ſteckte. So groß auch ſchon der Schmerz und die Leiden geweſen, die er bisher ausge⸗ ſtanden hatte, ſo wer er doch nie vorher ſo unaus⸗ ſprechlich elend geweſen. „Doch,“ fing er von Neuem an,„Ihr ſagtet. jetzt eben etwas,— was war es doch?— Ich ver⸗ ſtand Euch nicht recht,— daß Eure Freunde es in ihrer Gewalt haͤtten, mir nuͤtzlich zu ſeyn. Auf welche Weiſe Doran? Was meint Ihr?“ 4 „Es iſt jetzt nicht Zeit davon zu ſprechen; aber, Alles, was ſie mir geſagt haben, will ich Euch ſagen. Mehr koͤnnt Ihr nicht verlangen. Sie geben mir zu verſtehn, daß ſie eine Spur haben, wo Crohoore ſich aufhaͤlt.“ „Wo? Wo? Wie iſt es ihnen gelungen, die Entdeckung zu machen? Ich dachte, ſie haͤtten laͤngſt allen Antheil an dieſer Sache aufgegeben.“ „Ganz recht, Pierce, aber das war zur Zeit, als ich wenig oder gar keine Gewalt uͤber die Kerle hatte, als ich mich bemuͤhete ihre gute Meinung nach und nach zu erlangen, und als ſie auch nicht ſelbſt unter ſich einig waren. Aber jetzt bin ich ihr geſetzmaͤßiger Hauptmann fuͤr das Kirchſpiel Clarah, habe ſie bei einigen kleinen Expeditionen angefuͤhrt, die hoͤchſt gluͤck⸗ lich abgelaufen ſind. Nun iſt ihr Muth befluͤgelt; ſie ſind bereit Alles, zu thun unter gewiſſen Bedingungen, 10* 148 die von dir abhaͤngen. Sie ſind keine Narren und ſcheeren ſich den Henker um Feen oder Zehntenſammler, und fuͤrchten ſich ſelbſt nicht vor dem alten Buben mit den Hoͤrnern. Wo und wie ſie dieſe Entdeckung gemacht haben, weiß ich nicht. Sie wollten mir nicht Alles ſagen, und ich konnte nicht auf einem Punkte beſtehn, der nichts mit unſerm weſentlichen Geſchaͤft zu thun hat. Sie ſagen blos, daß wenn Ihr, Pierce Shea, Euch an einem dieſer ſchoͤnen Abende zu ihnen verfuͤgen, und den Muth zeigen wollt, den Ihr, wie wir wohl wiſſen, beſitzet, ſo muͤßte es ſonderbar zu⸗ gehn, wenn Alley nicht nach einigen Naͤchten vor Euch ſtaͤnde, und Crohoore nicht im Gefaͤngniß zu Kilkenny waͤre.“ „Was wollen ſie daß ich thun ſoll?— Mich mit ihnen vereinigen?e— Einen Eid ablegen?“— fragte Pierce nach einer Pauſe. „Still, Bruder,— Waͤnde haben Ohren;— frag mich jetzt nicht nach jedem Umſtand; kannſt du nicht hoͤren, was die armen Wichte dir zu ſagen haben, und dann fuͤr dich ſelbſt urtheilen?“ „Wo halten ſie ſich auf?“ „Ich weiß wo ſie zu treffen ſind, und wir koͤn⸗ nen uns ja wohl zuſammen zu ihnen verfuͤgen,“ ſagte Doran auf eine gleichguͤltige Weiſe;„aber folge deiner eigenen Neigung, Pierce, ich will dir weder zu dem Einen noch dem Andern rathen.“ „Wie bald koͤnnen wir ſie ſehn? Morgen Abend?“ 8 149 „Ja wohl, morgen Abend; ſie ſollen uns gegen zehn Uhr erwarten.“ „Sehr wohl,“ ſagte Pierce, ließ ſeinen Kopf auf die Bruſt ſinken, und verfiel wieder in Stillſchweigen; aber ſeine zuſammen gebiſſenen Zaͤhne, ſeine ſtarren Geſichtszuͤge und ſein wanderndes Auge, zeigten den unruhigen Zuſtand ſeiner Gedanken. Nach einer klei⸗ nen Pauſe ſtand er eiligſt auf, nahm ein Licht, und wiederholte:— „Sehr wohl,— wir wollen zuſammen gehn, aber es waͤre beſſer, daß Ihr zu der Zeit nicht im Hauſe waͤret, ſondern mich beim großen Stein im Gebuͤſch erwartetet, um nicht meines Vaters Argwohn zu erregen. Gute Nacht.“ „Sey es ſo, aber ich kann nicht lange war⸗ ten. Gute Nacht.“ Sie druͤckten ſich einander die Haͤnde. „Ihr ſollt nicht einen Augenblick auf mich war⸗ ten. Ich bin nun entſchloſſen; ich mache mich zu Allem anheiſchig.— Jedes Wageſtuͤck,— jede Ver⸗ bruͤderung,— ich will in den Tod gehn,— in die Hoͤlle, wenn ich nur den gegenwaͤrtigen Zuſtand mei⸗ nes Gemuͤths erleichtern kann.— Um zehn Uhr, ſagt Ihr?“ „Punkt zehn Uhr. Gute Nacht, Pierce.“ Und ſie verfuͤgten ſich in ihre Schlafkammern. Am naͤchſten Abend um zehn Uhr trafen die Freunde abgeredetermaßen am breiten Stein im Buſche zuſammen. Sie ſprachen wenig und Doran fuͤhrte ſo⸗ 150 gleich den Weg an, blieb aber oͤfters ſtehn, und ſah umher. Der Weg war einſam und ſchlecht. Pierce wußte kaum wo er war, bis ſie nach einer halben Stunde ſchnellen Laufens vor einer elenden Huͤtte ſtanden, die, in einer einſamen Gegend errichtet, mit Geniſt und Felſenſtuͤcken bedeckt war, und an einem Huͤgel lag; keine andere menſchliche Wohnung war ringsumher zu ſehn. Ein Licht ſchien durch die Spalten der Thuͤr und durch ein Loch an der Seite der Huͤtte, das, wie ge⸗ woͤhnlich, zugleich als Fenſter und Kamin diente. Man hoͤrte ein verwirrtes Getoͤſe wilder Luſtigkeit, lautes Geplauder, die dumme Muſik der Sackpfeife, und ſtentoriſches Singen. „Das iſt der Ort,“ ſagte Doran zu ſeinem Be⸗ gleiter, als ſie in einer kleinen Entfernung von der Thuͤr ſtehn blieben. Beim Tone ſeiner Stimme ſtuͤrzte eine große Figur aus einem dicken Gebuͤſch, umgeben von Felſenmaſſen, hervor, und fragte einige Schritte von ihnen:„Wer iſt da?— und wie iſt die Nacht beſchaffen?“—* „Es iſt eine ſchoͤne Nacht,“ erwiederte Doran, obgleich der Himmel mit dicken Wolken umzogen, der Wind laut, der Regen heftig, und kein Stern zu ſehn war. „Eine ſchoͤne Nacht!“ ſagte der Fragende, „geht Eurer Wege, und geleite Euch Gott!“— Und er verſchwand ſogleich. 14651 „Wohlan, laßt uns gehn,“ ſagte Doran, und ſie naͤherten ſich der Thuͤr. „Haltet einen Augenblick,“ rief Pierce, als ſein Freund an der Thuͤr den knotigen Strick ſuchte, der die hoͤlzerne Klinke bewegte.—„Ich erwartete dies nicht ſo,— ich mag nicht gern einen ſolchen Ort betreten.“ „Unſinn,— albern,— kindiſch,“— erwiederte Doran in einem ſchnellen und ſcharfen Tone,—„jetzt ſich zu veraͤndern,— jetzt Zweifel und Furcht zu ver⸗ rathen!— Was habt Ihr zu fuͤrchten, wenn ich dabei bin?— Seyd Ihr ein Mann?“— Err hielt ihn mit einer Hand, und luͤftete heftig mit der andern die ſchwere Klinke; die Thuͤr ſprang weit auf, und ſie gingen eilig hinein. Es erfolgte nun eine unmittelbare Pauſe in den lauten Toͤnen der Verſammlung in der Huͤtte; acht oder zehn Maͤnner ſprangen auf, fuͤhlten mit ihren Haͤnden in ihre Buſen, und ihre gefalteten Stirnen und wilden Blicke ſprachen eben keinen freundlichen Willkommen zu den Eintretenden, von denen ſie ſich uͤberraſcht glaubten.“ Doch, als Doran das Loſungs⸗ wort ausſprach:„Es iſt ſchoͤnes Wetter, meine Jun⸗ gen!“ erkannten ſie ihn ſogleich, und der Ausruf: „Seyd tauſend Mal willkommen, Koͤnig Doran!“ er⸗ ſcholl von allen Lippen, und zwar nicht in ſehr leiſen Aecenten. Als dieſer Enthuſiasmus etwas nachgelaſſen hatte, bemerkte Pierce, daß man ihn mit Zuruͤckhal⸗ tung, ja ſogar mit Argwohn anſah. Doran lehnte 152 mit ſeinem Schenkel auf einem ſchlechten Tiſch, um welchen die Maͤnner gruppirt waren, auf die er als ein getreuer Bundesgenoſſe blickte, und nachdem er ihnen der Reihe nach etwas zugefluͤſtert hatte, machten ſie ſogleich Platz fuͤr Shea, und tranken ſeine Geſund⸗ heit wiederholte Male. Dies bewies, daß entweder ſein Freund oder ſein eigener Name hinreichenden Ein⸗ fluß hatte, das unangenehme Gefuͤhl, das ſein Ein⸗ tritt verurſacht haben mochte, in Herzlichkeit und In⸗ tereſſe zu verwandeln; die Maͤnner verloren alle Zu⸗ ruͤckhaltung gegen ihn, und verfielen bald wieder in ihre gewoͤhnlichen Manieren und lauten Scherze. Nachdem er ſich geſetzt hatte, nahm er Gelegen⸗ heit den Ort zu unterſuchen in welchem er war, und die Menſchen, unter denen er ſich befand. Der ganze Umfang des Innern der Huͤtte beſtand aus einer ein⸗ zigen Kammer, die funfzehn Fuß lang, und zehn Fuß breit, und kaum ſo hoch war, daß ein großer Menſch darin aufrecht ſtehn konnte. Die Waͤnde beſtan⸗ den aus Schlamm und Erde, und das Stroh, das mit dieſem primitiven Bauſtoff vermiſcht war, um ihn zuſammen zu halten, kam allenthalben zum Vorſchein. Die Flechtwerke des Daches, die ſchwarz waren von Rauch und Ruß, hielten die Strohtheile der Decke ſchlecht zuſammen. Den Boden machten Steine nnd Geſtraͤuch, das nicht ausgewurzelt worden war, holpe⸗ richt und uneben, ſo daß er wenig von dem offnen Moraſte außerhalb der Huͤtte verſchieden war. Und wirklich hatte man ja erſt ganz kuͤrzlich einen Theil 153 davon eingeſchloſſen, ſo daß man wohl ſah, daß es ein eiligſt verfertigtes Gebaͤude war. Nahe bei einer der Waͤnde befand ſich ein unge⸗ hobeltes, langes Bret, das von einem Haufen loſer Steine unterſtuͤtzt wurde, und zu einer Bank diente, auf welcher bei einem ſchmalen Tiſch ungefaͤhr ein Dutzend Menſchen gedraͤngt ſaßen. Einige große Steine ſogar, ohne ein Bret, dienten noch einem halben Dutzend als Sitze auf der andern Seite des Tiſches. Zwei Baͤnke erſetzten den Abgang eines Kamins; ſie waren aus Schiefer und Thon zuſammengeſetzt, und ſchloſſen einen Platz ein, von welchem einige Stuͤckchen Torf ein ſchwaches Licht verbreiteten. Ganz dicht da⸗ bei ſaß die Wirthin dieſer ſchlechten Herberge; ſie war ſo zuſammengebogen, daß ihre Knie uͤber ihren Kopf weg ragten. Ihr verloſchenes Auge blickte unwandel⸗ bar auf die verglimmenden Funken, und ihr ganzes Anſehn verrieth eine Bewußtloſigkeit oder Gleichguͤltig⸗ keit gegen das betaͤubende Getoͤſe um ſie her. In einem Winkel zu ihrer Linken befand ſich eine Abthei⸗ lung von unebenen Steinen, welche die Heide ein⸗ zaͤunten; zu ihrer Rechten ſtand ein plumpes Faß, aus dem ſie vermittelſt eines Zapfens fuͤr ihre Gaͤſte Shebeen zog, ein ſtarkes Getraͤnk, deſſen man ſich jetzt nicht mehr bedient. Neben Pierce Shea ſaß ein kleiner, ſteifer Kerl von Mittelalter, mit einer großen Peruͤcke von Ziegen⸗ haar, die hinten emporſtand, wie der Schweif eines Entrichs, ſo daß ſeine Haarwurzeln ſichtbar waren. 154 Er trug ein roth ſeidenes Halstuch, welches beſonders mit den bloßen Haͤlſen der Andern, von der Sonne geſchwaͤrzt, abſtach; ſein ganzes Weſen war uͤberall verſchieden von dem Weſen der Uebrigen. Er hatte das Anſehn eines anerkannten Uebergewichts, das ſeine Weisheit ihm verſchaffte. Er war der einzige Schul⸗ meiſter im ganzen Bezirk, und nachdem ſein Tagewerk vollendet war, folgte er ſeinen Abendbeſchaͤftigungen; denn er war auch der einzige Verfaſſer aller Ankuͤndi⸗ gungen, Anordnungen und Beſchluͤſſe; auch war er der allgemeine Redner unter den Verbeſſerungsſuͤchtigen in Clarah, wie Clootz, der ſich zum Redner des gan⸗ zen Menſchengeſchlechts aufwarf. Ihm gegenuͤber ſaß ein Menſch, der in jeder Hinſicht das Gegentheil von ihm zu ſeyn ſchien. Er war groß, mager und unrein⸗ lich, und hatte ein mageres, gelbliches Geſicht, um welches eine Menge rabenſchwarzer Haare hing; ſeine Augenbraunen von derſelben dunkeln Farbe beſchatte⸗ ten ſeine wilden Augen; ſein Bart war ſeit vier Wo⸗ chen nicht barbiert worden, und ſeine Kleidung vom Kopf bis zu den Fuͤßen beſtand blos aus einem zer⸗ lumpten Rock, der auch in ſeinen beſten Tagen ſchlecht geweſen ſeyn mußte. Pierce erinnerte ſich, ihn ſchon vorher geſehn zu haben, und zwar auf folgende Weiſe. Er kam eines Tages bei einer Huͤtte vorbei, die der Einnehmer des Zehnten vor Kurzem voͤllig ausge⸗ leert hatte; ein heftiger Regenguß verleitete ihn, an die Thuͤr zu klopfen, die er verſchloſſen glaubte. Eine rauhe Stimme rief: herein, und als er ihr gehorchte, erblickte er eine ſolche Scene des Elends, als er noch nie geſehn hatte. Die große, weite Hoͤhle war von allen Seiten uneben wie ein Steinbruch; von der ſchwarzen Decke troͤpfelte der Regen und der Ruß, und ſie enthielt nicht ein einziges Stuͤck Hausgeraͤth. Auf einem kleinen Strohbuͤndel lag ein fieberhaftes Maͤdchen von neun oder zehn Jahren, ein Paar juͤn⸗ gere Kinder ſaßen auf dem dumpfen Boden von Lehm, den ſie mit Stroh und Binſen beſtreut, nicht als einen kindiſchen Zeitvertreib, ſondern in einer melan⸗ choliſchen Geiſtesabweſenheit, die ein gefuͤhlvoller Be⸗ obachter fruͤh ſchon an Kindern bemerkt, die im Man⸗ gel und Elend aufwachſen. Er ſah eine Zeitlang kein anderes menſchliches Geſchoͤpf, und fragte die Kinder, ob ſie keinen Vater haͤtten. Dieſelbe heiſere Stimme, die herein gerufen hatte, antwortete aus einem Winkel des Kabinets mit einem ſpoͤttiſchen Lachen:„Freilich haben ſie einen Vater, und warum ſollten ſie den nicht haben?“ Pierce kehrte ſich nach dem Platz um; es war kein Feuer auf dem Heerde, doch ſaß auf der Seite deſſelben, tief von dem hervorragenden Kamine be⸗ ſchattet, ein Mann in den Vierzigen, ohne Schuhe, Struͤmpfe, Rock oder Weſte; Beinkleider und ein ſchmutziges Hemde waren ſeine einzige Bekleidung. Seine Arme waren gefaltet, ſein Kinn ſank ihm auf die Bruſt, ſeine nackenden Beine waren uͤber einander ge⸗ ſchlagen, und er ſchwang ſie hin und her, eine Be⸗ 156 wegung, welche die muͤrriſche und verzweiflungsvolle Gleichguͤltigkeit anzeigte, mit welcher er die Verwuͤſtung um ſich her betrachtete. „Ja, da ſind ſie nun,“ fuhr er fort, als Pierce ihn ſtillſchweigend anſah:„eins, zwei, drei Kinder, und ich bin ihr Vater; aber ich weiß nicht, was ich mit ihnen anfangen ſoll.“ „Wo iſt ihre Mutter?“ fragte Pierce. „Ums Himmels Willen, warum fragt Ihr mich das? Nachdem uns der Proktor geſtern verlaſſen hatte, ging ich hinunter ins Waͤldchen; aber ich ſagte ihm vorher, daß mein Weib in den letzten Zuͤgen laͤge; ja, ja, ich ſagte ihm, daß ſie in letzten den Zuͤgen laͤge, aber der chriſtliche Menſch wollte es nicht glauben. Doch als ich zuruͤckkam, war ſie ſteif und kalt, und ich begrub ſie ohne Wache und ohne Sterbekleid, und blickt hieher,— das hat ſie mir zuruͤckgelaſſen.“ Er buͤckte ſich, und hob ein Buͤndel dunkler Lumpen auf, welche ſowohl die Wiege als die Win⸗ deln eines neugebornen Kindes vorſtellten, wie Pierce aus dem ſchwachen Schreien ſchloß, das aus ihnen emporſtieg. Der Mann legte das Kind auf ſeinen Schooß, und fuhr fort: „Und nun muß ich die ganze Nacht aufſitzen, und dies elende Geſchoͤpfchen bewachen und fuͤttern, und habe nichts in der Welt fuͤr ihn, als einige kalte Erd⸗ aͤpfel; und da ſind noch drei; und ich bin ihr Vater, wenn Ihr's wiſſen wollt, und was ſoll ich mit ihnen 157 anfangen? Ich weiß mir nicht zu helfen, noch zu rathen.“ Pierce war uͤberzeugt, daß er denſelben Menſchen jetzt vor ſich ſah. Die uͤbrige Geſellſchaft zeichnete ſich durch nichts Beſonderes aus; ſie beſtand aus jun⸗ gen, muntern, unbeſonnenen, charakterloſen Menſchen. Der Tiſch war mit ſtarkem Getraͤnk bedeckt, und das ganze Betragen der Maͤnner verrieth wohl, daß ſie lange vor Piercens Ankunft die Macht des ſelbſt⸗ gebraueten Aeles verſucht hatten; auch Doran ließ fuͤr ſeinen Freund und fuͤr ſich ſelbſt etwas davon zapfen; denn dies und ein halber Haferkuchen waren die ein⸗ zigen Erfriſchungen, womit die alte Hexe aufwarten konnte oder wollte. Vielleicht verhinderte nicht nur die laͤrmende Luſtigkeit, die jetzt herrſchte, die Erwaͤh⸗ nung eines ernſthaften Geſchaͤfts, ſondern es mochte wohl vor Sheas Erſcheinung abgethan worden ſeyn; denn er bemerkte wohl, daß ſie ſich trotz ihrer wilden Heiterkeit zuweilen zufluͤſterten, und auch gewiſſe Blicke untereinander auswechſelten. Auch vermißte er den be⸗ gleitenden Laͤrm des Sackpfeifers, den er vor ſeinem Eintritt gehoͤrt hatte. Und da er dieſe Bemerkungen, beſonders die letztere, ſeinem Begleiter mittheilte, rief Doran: „Wohlan, Murthock, wohlan, ſpiel uns Eins von deinen beſten, luſtigſten Stuͤcken.“ Mit dieſen Worten ſchlug er auf die bucklichen Schultern eines dummen, blinden Kerls, der entfernt von den Uebrigen ſaß, und der, ſobald ſeine Muſik verſtummte, in eine ſympathe⸗ 158 tiſche Geiſtesloſigkeit verſunken zu ſeyn ſchien, als wenn er blos gelebt haͤtte, ſo lang ſein Inſtrument ſpielte, oder als ob ſein Lebensodem durch eine der komplexen Pfeifen mit einem Theil ihres eigenen belebten Stoffes waͤre in ſeine Lungen geblaſen worden, ſo daß auf die Erſchoͤpfung der Einen die der Andern erfolgen muͤßte. Die gebuͤckte, ſchlaͤfrige Figur bewegte ſich ein wenig, ſobald ſein Blaſebalg den erſten Ton angab, und er antwortete:„Ah, ha, Koͤnig Doran, ich ge⸗ horche Euch willig; ich war Euch immer zugethan, und Ihr ſollt jetzt eine ſo ſchoͤne Muſik hoͤren, als je aus eines armen Pfeifers Sack kam.“ Hierauf be⸗ ſchaͤftigte er ſeinen Arm, und ließ ein trauriges, und, wie er es ſpielte, diskordantes Lied hoͤren. „O, Mord! Mord! deine Pfeifen verlangen einen Schluck, Murthock; ſie ſind zu traurig; hier, Kerl, trink' dies, und verſuch etwas, das uns nicht zum Weinen bewegt.“ „Ja, ja, Koͤnig Doran, Euch gefiel nie etwas Ernſthaftes, und man kann Euch nicht tadeln, denn Euer Blut iſt warm und brauſend.“ Dabei ergriff er den Krug, ſtreckte ſeinen Hals vorwaͤrts und nahm einen guten Schluck zu ſich.„Es war die Klage der weißen Jungen!“— Noch einen Schluck.— „Aber nun kommt das frohe Lied der weißen Jungen. Horcht auf.“ „Das iſt recht, Murthock, laß uns etwas Froͤh⸗ liches hoͤren, oder, ich ſchwoͤre es bei dieſem geſeg⸗ neten Getraͤnk, ich fuͤhre dich uͤber die Schwelle, 159 zerſchneide deinen Sack, und gebe beine Muſik den Feldern preis.“ „Seyd ruhig,“ ſagte Murthock und bewegte ſei⸗ nen Arm etwas ſchneller, und ob er gleich nur die vorige Melodie wiederholte,(wenn das anders Melodie genannt werden kann, was eigentlich keine hatte,) ſo war doch das Zeitmaaß lebhafter; die Natur hatte Murthock nie zum Muſikanten beſtimmt, außer daß er blind geboren war. Seine Toͤne fehlten jedoch nicht ſeinen Zuhoͤrern zu gefallen, und ihnen manches laute Jauchzen abzulocken. Der Menſch laͤchelte dann mit großer Selbſtzufriedenheit, und bearbeitete ſeinen Bla⸗ ſebalg mit verdoppelter Kraft und Anſtrengung, ſo daß ein ſolches Gequaͤke und Gebrumme hervorgebracht wurde, das zuweilen mit den Toͤnen junger Schweine verglichen worden iſt, wenn ſie naͤmlich laute Forde⸗ rungen an die arme erſchoͤpfte Sau machen, welche dieſe entweder grunzend bewilligt oder grunzend ab⸗ ſchlaͤgt. Pierce hatte ſich ungern unter dieſe Menſchen niedergeſetzt, denn ſein Gemuͤth ſchickte ſich nicht fuͤr dieſe Scene lauter und gemeiner Luſtigkeit; aber die Kruͤge wurden oft und oft auf ſeine Geſundheit und ſein langes Leben geleert, und er konnte nicht umhin, dieſe Geſundheiten mit eben ſo oft wiederholtem Trin⸗ ken zu erwiedern. Wir haben erfahrene Maͤnner kla⸗ gen hoͤren,— und wer hat es nicht? daß das duͤnne elende Getraͤnk unſerer ausgearteten Zeiten nichts iſt 160 im Vergleich mit dem ehemaligen Shebeen.*) Pierce erfuhr und bewaͤhrte die Wahrheit dieſer Behauptung. Wenn das Eis einmal gebrochen, und Selbſtbeherr⸗ ſchung uͤbertreten iſt, dann giebt es keinen groͤßern Saͤufer, als einen betruͤbten Menſchen. Die ſchnelle und heftige Erleichterung, die er erhalten hat, treibt ihn zu neuen wilden Verſuchen an, und ſo faͤhrt er in wiederholten Libationen fort. Pierce trank ſo ſchnell als irgend einer um ihn her. Sein Herz wurde leich⸗ nter und leichter, und zu Murthocks großer Freude wurde er zuletzt eben ſo laͤrmend als die Uebrigen in der Huͤtte. Als er gerade im Vollgenuß dieſer Scene war, legte der kleine baͤueriſche Naſeweis, der neben ihm ſaß, die Hand auf ſeinen Arm und ſagte: „Aber, junger Mann, wir hoͤren, daß Ihr noch immer Alley Doolings Spur verfolgt, und iſt es nicht ein ſonderbarer, und zugleich ein hoͤchſt tadlungs⸗ wuͤrdiger Umſtand, daß Ihr bis zu dieſem Tage in der Nachbarſchaft der luſtigen Buben lebt, ohne Euch mit ihnen zu vereinigen? Nicht zu erwaͤhnen, welchen Ruf ſie im Dienſt der guten Sache erworben haben, aber ſie ſind auch die einzigen lebendigen Geſchoͤpfe, die Euch dazu verhelfen koͤnnen, Alley zu ſehn.“) Pierce wollte eben mit großer Lebhaftigkeit ant⸗ worten, als einer der jungen Bauern mit einem ein⸗ leitenden Gebruͤll, ein Lied ſang, welches die ganze *) Ein irlaͤndiſches Getraͤnk. Anm. d. Ueberſ. 161 Geſellſchaft im Chor wiederholte, und zwar mit ſolchen lauten, entſetzlichen Stimmen, daß das Dach davon erſchuͤtterte, und Pierce konnte ſich kaum verſtaͤndlich machen, als er den kleinen Mann fragte:„wißt Ihr, oder einer von den Uebrigen, wo Alley Dooling zu finden iſt?“ „Schlecht und gerecht,“ erwiederte der Schul⸗ meiſter, der, wie geſagt, das unbeſtrittne Privilegium zu beſitzen ſchien, offizieller Redner dieſer Geſellſchaft zu ſeyn;„ſchlecht und gerecht geht weit bei uns. Ob wir etwa wiſſen, wo Euer Liebchen iſt? Vielleicht wiſſen wir es, und vielleicht nicht. Antwortet mir vorher, was iſt die Urſache, daß Ihr nicht, wie es einem Sohne von unſerm gruͤnen Irland zukommt, der Mann ſeid, den Naͤubereien, Pluͤnderungen und moͤrderiſchen Bedruͤckungen der Proktors Einhalt zu thun. Ihr wißt, ſie ſind die bitterſten Feinde unſers Landes.— Aber da bleibt Ihr lieber zu Hauſe, weil der Streich Euch nicht ſelbſt betrifft, und ſo bekuͤm⸗ mert Ihr Euch nicht um die Wehklagen Eurer armen Nachbarn, die verhungern oder verfaulen moͤgen, wie alte Pferde auf der Heerſtraße. Aber die engliſche Geiſtlichkeit, die ſich keinen Strohhalm um ſie oder die Ihrigen ſchiert, ja, die muß Haͤuſer beſitzen, tuͤchtige Jagdpferde, bequeme Kutſchen, und koſtbare Mahlzeiten, Fleiſchſpeiſen aller Arten, und alle Tage in der Woche, ſelbſt Freitag nicht ausgenommen, und noch Wein obendrein zu trinken.“— Der Sprecher hielt nun inne in ſeiner abgefaßten, und hundertmal I. 11 wiederholten Rede, und wandte ſich zu ſeinem Kruge: denn ſprechen iſt ein trocknes Geſchaͤft, und mit gro⸗ ßer Bitterkeit, vielleicht daruͤber, daß ſein Krug keinen Wein enthielt, ſagte er:„Ihr ſeht nicht wie ein Menſch aus, der ſich aͤngſtigen und fuͤrchten wuͤrde, eine Sache zu thun, weil ſie mit einiger Gefahr ver⸗ knuͤpft iſt.“ Er machte hier eine andre Pauſe, als wenn er auf eine Antwort wartete, und als Pierce aufblickte, um zu ſprechen, bemerkte er ſpoͤttiſches Laͤcheln auf den Geſichtern der juͤngern Mitglieder der Geſellſchaft, das eine Verachtung zu verrathen ſchien, gegen ſeinen vermeinten Mangel an Muth, den der Paͤdagog im letztern Theil ſeiner Anrede beruͤhrt hatte. Sein Auge blitzte auf Doran hin; dieſer befand ſich noch immer halbſitzend auf einem Ende des Tiſches, den er mit einer Gerte ſchlug. Pierce wollte ſehen, ob das all⸗ gemeine Spottlaͤcheln von ihm ausging; aber ſeines Freundes Geſicht verrieth kein Zeichen von irgend et⸗ was Beleidigendem. Er faltete dann ſeine Stirn, und ſah den Kerl ſcharf an, der am auffallendſten greinte. „Giebt es hier einen Menſchen,“ fragte er,„der ſich unterſteht an meinem Muth zu zweifeln, oder der zu ſagen wagt, daß ich mich vor Gefahr fuͤrchte?“ Der junge Menſch, der leicht ſeine Meinung verſtand, veraͤnderte ſogleich den Ausdruck ſeines Geſichts, und reichte ſeine Hand als Freundſchaftszeichen uͤber den Tiſch:„Niemand,“ rief er aus,„wird ſo etwas je von Eures Vaters Sohn ſagen, mein lieber Herr 168 Pierce; aber,“ fuhr er mit einer ſcherzhaften Miene fort, und winkte zu Pierce, indem er auf den Redner deutete:„er hat etwas in ſeiner Rede ausgelaſſen, an das ich ihn erinnern wollte. Es iſt ja von uns ar⸗ men Geſchoͤpfen,— Gott verzeih es uns— es iſt von uns,— und die Suͤnde komm auf unſre Koͤpfe, — daß die engliſche Geiſtlichkeit das nimmt, was ihnen Fleiſch kauft, und das ſie ſelbſt an Freitagen ißt,— und wollen wir ſtill ſitzen, und ſie das thun laſſen, was kein chriſtlicher Menſch thut, wenn er nicht ein Hund iſt?“ „Pfui, das iſt bei meiner Treue das Schlimmſte bei der Sache,“ ſagte ein Andrer,„Mourteen, wie konntet Ihr ſo etwas vergeſſen?“ „Der Kukuk auch! wie kann ein Menſch an Alles auf einmal denken?“ ſagte ein Dritter.„Und obgleich Mourteen von der Tapferkeit des jungen Man⸗ nes ſprach, ſo weiß doch Jedermann, daß er darin nicht ſo erfahren iſt, als in andern Dingen, ſonſt koͤnnte der Teufel ſelbſt nicht mit ihm fertig werden. Gott verzeih mir!“ Den alten Mourteen ruͤhrten dieſe Spoͤtteleien nicht, denn er betrachtete ſich ſo erhaben uͤber ſie, als der Geiſt uͤber die Materie iſt. Er ließ ſich blos zu einem veraͤchtlichen Blick herab, den er auf ſeine jun⸗ gen Geſellſchafter warf; hierauf zog er mit beiden Haͤnden ſeine Peruͤcke herunter, und ſchickte ſich an, ſeine Rede zu beendigen. Die Uebrigen lehnten vor⸗ waͤrts auf ihre Ellenbogen geſtuͤtzt, mit angenomme⸗ 41* 164 nem Ernſt und muthwilliger Aufmerkſamkeit. Mourteen, der ſtolz auf ſeine Beredtſamkeit war, verfehlte keine Gelegenheit ſie anzubringen, und der Umſtand, Pier⸗ cen zu bekehren, war zu guͤnſtig, um vernachlaͤſſigt zu werden. Er hatte Mehrere zu einem Anfall gegen die Proktors verleitet, und erwarb dadurch Ruhm fuͤr ſich ſelbſt; aber wie ſein großer Vorgaͤnger, der athe⸗ niſche Redner, erweckte Mourteen vielmehr Muth in Andern, als daß er ſich ſelbſt in dieſer Tugend aus⸗ zeichnete. Auch wußten ſeine Freunde, wie feigherzig er war, und gegen dieſe angeborne Schwaͤche waren ihre Pfeile des Spotts gerichtet. Pierce wußte nichts von dieſem Umſtand, und verſtand daher nichts von dem Spaß der Geſellſchaft; er horchte aufmerkſam auf die Beendigung von Mourteens Rede, die folgender⸗ maßen beſchloß: „Ich frage, beſitzt nicht die engliſche Geiſtlichkeit Irland alle zehn Jahre, ſo lange die Welt geſtanden hat? Und wenn ſie ein Gewiſſen haͤtte, ſo wuͤrde ſie ſich damit begnuͤgen, und uns nicht noch den blut⸗ ſaugenden Proktor auf den Hals ſchicken, um uns den Biſſen vom Maule weg zu ſchnappen, von unſerm chriſtlichen Maule, und die Lumpen, die unſre Betten und Leiber bedecken. Und unſre eigne arme Geiſtlich⸗ keit,— Gott erhalte ſie— die uns beiſtand in Mangel und Betruͤbniß, die uns beim ſchlechteſten Wetter, bei Tag und bei Nacht beſuchte, und bei unſerm Krankenbett ſaß, um uns zu chriſtlichen Seelen zu bekehren, was erhalten ſie dafuͤr? Nichts, als — 165 die Biſſen und Krumen, welche die Andern uͤbrig ge⸗ laſſen haben. Der Englaͤnder, der den Lohn erhaͤlt, ohne dafuͤr zu arbeiten, raubt ihn von dem, der dafuͤr gearbeitet hat; der Englaͤnder, der uns zu zerreißen und zu verbrennen gedachte, von der Wurzel an, der unſere Soldaten verfolgte, wie die Thiere des Feldes, und ſie haͤngte und erſchoß, und uns ebenfalls, blos weil wir beteten, wie die vor uns gebetet haben, und die nach uns beten werden, immer und ewig, Amen. Gott ſey gelobt und gedankt.“ Mourteen beſchleunigte nun das Ende ſeiner Rede, denn er fuͤhlte eine Ver⸗ wirrung der Ideen, und eine Furcht, ſich zu tief ein⸗ zulaſſen, wie er es ſelbſt nannte,—„es iſt genug, um raſend zu werden, wenn man blos daran denkt.“ „Das iſt wahr,“ ſagte Pierce;„aber laßt mich fragen, was mein Vater oͤfters gefragt hat: was fuͤr Gutes kann oder wird von allem dem kommen, was Ihr thut? Wenig Unheil Euren wahren Bedruͤckern, und Euer Tod am Galgen; das iſt es Alles was Ihr zu erwarten habt.“ Seine Aufmerkſamkeit wurde jetzt auf den elen⸗ den Menſchen gezogen, der ihm gegenuͤber ſaß, und der ploͤtzlich mit heftiger Bewegung und wuͤthender Verzerrung des Geſichts, die den irlaͤndiſchen Bauer beſonders auszeichnet, eine Rede in ſeiner Mutter⸗ ſprache vortrug, deren er ſich inſtinktmaͤßig bediente, als das ſchnellſte und kraͤftigſte Mittel ſeine Gefuͤhle auszudruͤcken. Denn diejenigen, die anſtehn muͤſſen, ſtammern, und oft laͤcherlich werden, wenn ſie eng⸗ 166 liſch ſprechen, zeichnen ſich zuweilen im irlaͤndiſchen durch ihre Beredtſamkeit aus. Wir wollen die Rede uͤberſetzen, welche natuͤrlich nichts von dem Patois in ſich hat, das er gebraucht haben wuͤrde, haͤtte er, wie die Andern, ſeine Gefuͤhle in einer Sprache aus⸗ gedruͤckt, die ihnen und ihm beinah unbekannt war. „Wer ſpricht von dem Guten das wir thun koͤn⸗ nen?— Wir wollen kein Gutes ſtiften; es iſt uns nicht moͤglich Gutes zu ſtiften,— wir wollen uns blos raͤchen!— und zwar waͤhrend wir noch Maͤnner ſind, und ſtarke Arme haben, und gebrochne Herzen, und waͤhrend die Erinnerung unſrer Qualen uns noch friſch befeuert.— und raͤchen koͤnnen wir uns. Euer Vater, junger Mann, hat nie unter dem Druck des Proktors geſeufzt; er beſitzt Reichthuͤmer, und dieſe bringen Frieden und Ruhe, und des Raͤubers Zuſpruch war ihm gleichguͤltig, und kaum bemerkbar. Aber ſeht mich an!“— Mit den Fingern einer Hand druͤckte er mit Heftigkeit die gelben, verwelkten Backen, und riß mit der andern die unzulaͤngliche Bekleidung auf, die ihn von den Schultern bis zu den Rippen entbloͤßte, und ein fuͤrchterliches Skelet einer menſchli⸗ chen Geſtalt darſtellte!—„Ich habe nichts zu eſſen, und kein Obdach, drunter zu ſchlafen; mein ausgehun⸗ gerter Koͤrper hat keine Bedeckung; die, die ich liebte und die mich liebten, an denen mein Herz mit allen Faſern hing, ſind fort, und auf welche Weiſe, und wie bin ich das geworden, was ich nun bin?— Vor einem Jahre noch hatte ich ein Haus, Bekleidung und Nahrung; mein junges Weib, die Mutter meiner Kinder, ſaß mit mir bei unſerm Feuer. Aber ploͤtz⸗ lich erſchien der Zerſtoͤrer,— ich war in ſeiner Schuld, — er hatte eine Schenke im Dorfe, und ich hatte die andre. Da kam er, und nahm meine Kuh, und nahm mein Pferd, und fuͤhrte ſie in ſein Haus. Ich ſah ſie— moͤge Mißgeſchick jeder Art ſeine mit Un⸗ recht erworbenen Guͤter begleiten!— ich ſah ſie auf ſeinem Lande graſen. Ich wurde beinah verruͤckt, und nichts in der Welt wollte mir gelingen. Mein Wirth kam und bemeiſterte ſich jedes Stuͤcks meines Haus⸗ geraͤths,— mein Weib ſtarb in Kindesnoͤthen. Wer ſollte mir beiſtehn?— Ich hatte keinen Freund, zu⸗ mal keinen Freund von Anſehn, mich zu unterſtuͤtzen. Wohin konnte ich mich wenden? An wen konnte ich mich wenden? Es giebt keinen Freund, keine Huͤlfe, keine Barmherzigkeit, ja, kein Recht, fuͤr den verarm⸗ ten Irlaͤnder. Er mag beraubt,— ausgeſogen,— beſchimpft, zum Wahnſinn getrieben werden,— er hat keinen Freund auf Erden, ihm beizuſtehn!“— Der Ungluͤckliche ſprang hier von ſeinem Sikze auf, ergriff ſein Trinkgeſchirr, und mit dem Blick und Weſen eines Tollhaͤuslers, rief er aus: „Laßt jeden Mann mir Beſcheid thun! Moͤge ſein Herz verſinken, und ſeine Kinder wie ſein Name verloren gehn!— Moͤge Gras auf ſeinem Herde wachſen, und kein Verwandter ſeine Leiche zum Grabe begleiten; moͤge dies und noch mehr den Mann be⸗ fallen, der nicht bereit iſt, die hartherzigen Proktors — 168 mit der Rache heimzuſuchen, die ſie durch das na⸗ menloſe Elend verdienen, welches ſie uͤber uns brin⸗ gen!“— Alle Gegenwaͤrtigen ſtanden nun auf, das alte Weib ſogar ſtreckte ihr runzlichtes Geſicht und ihren gefaltenen Hals vorwaͤrts in den Zirkel, und als die Geſundheiten hinunter geſchluͤrft wurden, miſchten ſich ihre ſcharfen Laute mit dem tiefen„Amen“ der Maͤnner. In dieſem Augenblick des Wahnſinns und der Trunkenheit— verleitete Sympathie, gegruͤndet auf Hoffnung, die Geliebte wieder zu finden,— Pierce Shea den Eid der weißen Jungen zu ſchwoͤren, und ſeine Inauguration wurde mit wildem Freuden⸗ geſchrei gefeiert. „Und nun merkt auf,“ ſagte Doran mit ruhiger, ernſter Stimme, als der Laͤrm etwas nachgelaſſen hatte:„merkt auf, ich ernenne Pierce Shea zu meinem erſten Lieutenant fuͤr die Grafſchaft Clarah; ſeid Ihr Alle damit zufrieden?“ Ein allgemeines Huzza, wiederholte Gluͤckswuͤn⸗ ſche, Haͤndedruͤcke, und volle Glaͤſer auf ſein Wohl, waren die einzige Antwort. „Und Ihr nehmt die Stelle freiwillig an?“ fragte Doran, ſein Auge auf Shea gerichtet, indem auch er ihm ſeine Hand reichte. „Ich nehme ſie an, aber— doch ihm ſey wie ihm wolle! Ich nehme ſie unbedingterweiſe an; ich verbinde mich mit Euch, Euretwegen, Eurer Sache, 8 169 Eurer Bedruͤckungen, und Eurer Rache wegene Obh es Euch gelingt oder fehlſchlaͤgt,— ob G der Ue⸗ bel erfolge,— Erleichterung oder der Galgen,„— ich ſteh Euch bei!“— „Das iſt hinreichend,“ ſagte Doran, und druͤckte Shea's Hand mit Heftigkeit; dabei blitzten ſeine Au⸗ gen, und ſeine Wangen erblaßten, ſo ſtark wirkte ſein Gefuͤhl auf ihn. „Zu gleicher Zeit laßt mich aufrichtig geſtehn,“ ſagte Pierce,„daß ein andrer Bewegungsgrund äc zuerſt dieſen Abend zu Euch fuͤhrte.“ „Wir wiſſen recht wohl, was Ihr meint,“ ſagte Mourteen ihn unterbrechend,„und wir ſind bereit und willig, gehoͤrig daran zu denken; denn jeder Dienſt verdient ſeine Vergeltung.“ „Maͤnner, Ihr Alle kennt meine Lage,“ ſagte Pierce nach einer Pauſe; er hing ſeinen Kopf auf ſeine Hand, um die herabſtroͤmenden Thraͤnen zu ver⸗ bergen, die die Erinnerung ſeines eignen Ungluͤcks ihm unwiderſtehlich entlockte. „Ja, ja, wir Alle kennen ſie,“ riefen ſie ins⸗ geſammt,„und das Herz im Leibe blutet uns, wenn wir dran denken. Herr Shea, wir hoffen Euch dies zu beweiſen, ohne viel davon zu ſprechen.“ „Wir hoffen und erwarten blos,“ ſagte Mour⸗ teen,„daß unſer neuer Lieutenant erſt eine Nacht mit uns gehn wird, um uns keinen Zweifel zu laſſen, daß er es aufrichtig meint mit der Vertheidigung un⸗ 170 ſrer guten Sache, und die folgende Nacht wollen wir ihn gerades Weges mit Crohoore zuſammen bringen.“ „Das iſt billig, ſo ſoll es ſein,“ riefen die Maͤnner. „Ich werde nicht ermangeln,“ erwiederte Pierce. „Unſer naͤchſtes Geſchaͤft,“ ſagte Doran,„ſollte wohl morgen Nacht ſeyn, dem Peery Clancy, dem Freund unſres Terenz Delany hier, einen freundlichen, liebevollen Beſuch abzuſtatten.“ Er blickte auf den Mann hin, der ſie im Irlaͤndiſchen angeſprochen hatte. „Ich hoffe, ſein Leben wird geſchont werden?“ fragte Pierce. „Sein Leben und ſeine Glieder; ausgenommen Ihr nennt ſeine Ohren Glieder ſeines Koͤrpers,“ ſagte Doran, und Pierce machte weiter keine Einwuͤrfe oder Fragen, aber er bemerkte ein verzerrtes Laͤcheln mit einem widrigen Ausdruck auf Terenz Delany's Geſicht. „Und wahrlich,“ ſagte einer der jungen Kerle, „ich habe vernommen, der arme Mann hoͤrt nicht gut, welches um ſo mehr Schade iſt, da der Fehler leicht verbeſſert werden kann. Denn man braucht blos die Ohren ſo nah als moͤglich vom Kopfe abzuſchneiden, und ich wette drauf, er wird ſein ganzes Leben nach⸗ her, wenigſtens einen weißen Jungen in einer mei⸗ lenweiten Entfernung hoͤren.“* „Freilich wohl,“ ſagte ein Andrer,„und das wird blos eine chriſtliche Vergeltung ſeyn.“ Ein Dritter ſetzte hinzu:„denn wer wuͤrde nicht einen armen Menſchen bedauern, der ſo taub iſt, als er? Und 171. Bryan Whichpatrick muß ihm was Huͤbſches auf der Violine vorkratzen, wenn er ſein Gehoͤr wieder erlangt.“ Sie hatten ihrer Mannſchaft einen Menſchen dieſes Namens beigeſellt, wenigſtens eines aͤhnlichen Namens; er hieß eigentlich Fitzpatrick, und war ihr Dichter und Muſikus, der all ihre Prozeſſionen hervorſtechen⸗ der machte, wenn ſie einen armen Proktor zu dem Platz ſeiner Beſtrafung ſchleppten. „Ja wohl, ja wohl,“ ſagte Mourteen,„und wir koͤnnten ihn bis uͤber das Kinn in den Boden pflanzen, blos um zu ſehn, ob er als ein ehrlicher Mann hervorſproſſen wuͤrde.“ „Fuͤrwahr, dazu iſt wenig Hoffnung,“ ſagte ein Andrer,„denn wenn Ihr einen ganzen Acker mit Proktors beſaͤetet, die Ernte wuͤrde blos teufliſch ſchlecht ausfallen.“ „Aber nehmt Euch in Acht, Jungen, ſie koͤnn⸗ ten in Hanf aufſproſſen, der einige von uns mit gewiſſen Cravaten verſehn wuͤrde.“ So ſprachen ſie uͤber das Unternehmen der be⸗ vorſtehenden Nacht, in dem Geiſt, dem Leichtſinn und dem Spott, welchen die irlaͤndiſchen Bauern mit dem Gefuͤhl ihrer Leiden, Verzweiflung und Rachgierde ver⸗ miſchen; Doran ſtand dann auf, ſchlug laut auf den Tiſch, und ſagte: „Genug fuͤr dieſen Abend; Jedermann gehe nun ruhig und allein in ſein Haus,— wenn er anders eins hat. Murthock, verſchlaft Eure Rolle nicht, ruft 172 mir die Jungen zuſammen; darin ſeid Ihr geſchickter, als zu ſpielen, mein Freund.“ „Ha, ha, Koͤnig Doran, gern erlaub' ich Euch dieſen Scherz; aber ehe die morgende Nacht anbricht, ſollen alle Maͤnner des Kirchſpiels vollkommen benach⸗ richtet ſeyn, wenn Murthock mit Gottes Huͤlfe ein lebendiger Pfeifer bleibt.“ Hier brach die Berathſchlagung auf, und Pierce nebſt Doran kehrten in des alten Sheg's Haus zuruͤck. Zehntes Kapitel. Nachdem Pierce ſeinen Rauſch ausgeſchlafen hatte, und mit ihm den Enthuſiasmus, der durch jenen er⸗ weckt worden war, erwachte er zu dem Gefuͤhl ſchmerz⸗ licher Gewiſſensbiſſe: denn er erinnerte ſich, daß er ſeines Vaters ausdruͤcklichſte Ermahnungen uͤbertreten hatte. Des alten Mannes geſunder Verſtand zeigte ihm fruͤh, daß die Handlungen, welche die weißen Jungen begingen, ſelbſt unabhaͤngig von ihrer Unmo⸗ ralitaͤt und Grauſamkeit, zuletzt Verderben uͤber ihre eignen Haͤupter bringen mußten. Er war reich, wie Terenz Delany richtig bemerkte; der Proktor verur⸗ ſachte ihm zwar einigen Geldverluſt, und wenn er 1473 ſolchen auch nicht mit voͤlliger Gleichguͤltigkeit ertrug, ſo wurden ſeine Leidenſchaften uͤbrigens doch nicht da⸗ durch aufgeregt, und ſeine Vernunft blieb daher ver⸗ haͤltnißmaͤßig frei vom Einfluß vorgefaßter Meinungen. Pierce war ein gehorſamer Sohn, ſowohl aus Grundſatz, als aus Neigung. Sein Vater war ge⸗ gen ſein einziges Kind gut und liebevoll, und unab⸗ haͤngig von der Anhaͤnglichkeit, welche dadurch in einem warmen, großmuͤthigen Herzen erweckt werden mußte, hegte er auch die hoͤchſte Meinung von den guten Ein⸗ ſichten ſeines Vaters; es war daher peinlich fuͤr ihn, zu denken, daß er ſich in ein Buͤndniß eingelaſſen, gegen welches die vaͤterliche Stimme ihn ſo oft ge⸗ warnt hatte. Dieſer Gedanke vermehrte ſein uͤbriges Elend, und als er ſich die naͤchſte Nacht wie ein Ver⸗ brecher aus dem vaͤterlichen Hauſe weg ſtahl, um bei einem geſetzwidrigen Ausfall gegenwaͤrtig zu ſeyn, ſtuͤrmte ein gewiſſes Vorgefuͤhl ſchwerer kommender Uebel auf ihn ein, die ſein bedraͤngtes Herz zittern machten. Aber er hatte feierlich geſchworen, ſeinem Haupt⸗ mann in allen Stuͤcken zu gehorchen, und Pierce ſchauderte bei dem Gedanken, zuruͤck zu treten, weil er dies als einen Meineid betrachtete und verabſcheuete. Auch wuͤrde ſein Muth und ſeine Feſtigkeit bezweifelt werden; und dann kam das ſtaͤrkſte und verfuͤhre⸗ riſchſte Argument: ſein Verhalten in dieſer Nacht ſollte dazu beitragen, ſeine Geliebte zu entdecken und zu er⸗ loͤſen, und den Moͤrder ihrer Eltern zur verdienten Strafe zu bringen. Ob recht oder unrecht, es war 174 ein Opfer, welches Liebe, Pflicht und Nothwendigkeit mit lauter Stimme von ihm heiſchten, und ſo ſchickte er ſich an, dieſe elenden Huͤlfsmittel zu gebrauchen, weil ihm keine andern uͤbrig blieben. Doran wartete, und naͤherte ſich ihm in einer kleinen Entfernung von ſeines Vaters Hauſe. Er trug uͤber ſeine Kleidung ein Hemde, das Merkzeichen der Bruͤderſchaft, welches ihnen die Benennung weiße Jungen gab. Er war mit zwei Piſtolen verſehn, und uͤber ſeinen Ruͤcken war ein Ochſenhorn geſchlun⸗ gen, welches die verſchiedenen Signale gab, und zugleich ein Zeichen des Vorrangs war, durch den ſich die An⸗ fuͤhrer allein auszeichneten. Pierce hatte ſich gleichfalls, zufolge der Ordre, mit einem Hemde, einem Horn und mit Waffen verſehn, und nachdem Alles in ge⸗ hoͤrigem Stande war, begaben ſich die Freunde ſchnell auf den Weg. Selbſt gegen Doran verbarg Shea ſeine wahren Geſinnungen, aus Furcht, daß ſeine Zweifel oder Ah⸗ nungen fuͤr Zaghaftigkeit und Feigheit gehalten wer⸗ den duͤrften; Worte, die dem Ohr eines jungen Man⸗ nes immer beſchaͤmend und hoͤchſt widrig klingen. Er ahmte ſogar das Weſen eines Bravo nach, obgleich nichts ſeinem Gemuͤthszuſtande unangenehmer ſeyn konnte. Doran plauderte unterdeß, halb lachend, von den Thaten und dem Ruhme, welchen ſie dieſe Nacht erwerben wuͤrden. Nachdem ſie eine Strecke behende gegangen wa⸗ ren, beſtiegen ſie eine Anhoͤhe, ungefaͤhr eine halbe 175 Meile von Piercens Haus, wo Rhia Doran ſein rie⸗ ſenmaͤßiges Horn ſeinem Munde naͤherte, und ſolche betaͤubende Laute ausſtieß, daß— wie unſre alten bewaͤhrten Geſchichtsſchreiber uns oft verſichert haben, — daß ſie in der Entfernung von drei irlaͤndiſchen Meilen deutlich gehoͤrt werden konnten, wenn die Nacht ſtill und die Luͤfte guͤnſtig waren. Ihm wurde ſo⸗ gleich geantwortet von andern, nahen, fernen und um⸗ gebenden Anhoͤhen, und ein brauſendes, erſchuͤtterndes Finale aus dem Untergrunde, beinah zu ihren Fuͤßen, beendigte die Signale. „Nun wohlan, Lieutenant,“ ſagte Doran,„zum Platz der Muſterung!“ Sie ſtiegen nun zuſammen den Huͤgel herunter, und naͤherten ſich einem Haufen Maͤnner, die in einer kleinen Entfernung in einem Felde verſammelt waren. Als die beiden Freunde naͤher kamen, bemerkten ſie andre, die von allen Sei⸗ ten uͤber Zaͤune kletterten oder ſprangen; Alle, wie ſie ſelbſt, gekleidet, aber nur wenige mit Hoͤrnern und Waffen verſehn. Die Muſterung war ſchnell voruͤber; ſie umgaben mit ſtiller Bewegung Doran und Pierce, und der Erſtere fragte: „Seid Ihr voͤllig fertig, Ihr Jungen?“ „Voͤllig fertig, und in vollkommner Ordnung, Hauptmann,“ war die Antwort. „ ‚Her mit den Pferden!“ rief Doran. Sie lie⸗ fen zu den vier Enden des Feldes, oder ſprangen in ein benachbartes, und ein jeglicher Mann brachte ein Pferd zuruͤck, das ſie von den verſchiedenen Paͤchte⸗ 176 reien auf ihrem Wege genommen hatten, und ihre Wahl war eben nicht auf die ſchlechteſten gefallen. Die zwei ſchoͤnſten und groͤßten Stuten wurden Doran und Shea zugetheilt; der Anfüͤhrer ſchwang ſich ſo⸗ gleich in den Sattel, und rief aus: 4 „Wohlan, Ihr braven Kerle, beſteigt Eure Pferde und zoͤgert nicht. Der Teufel verzehre den fuͤr ſein Abendeſſen, der zuruͤck bleibt.“ Sie waren ſogleich Alle auf ihren Pferden, und mit einem unterdruͤckten, aber allgemeinen Huzza ſetz⸗ ten ſie in vollem Galopp fort; erſt uͤber Hecken und Zaͤune, die ihnen am naͤchſten lagen, manchmal uͤber ein Stuͤckchen Landſtraße; aber groͤßtentheils uͤber Graͤ⸗ ben, Huͤgel, Vertiefungen, Stroͤme und Moraͤſte, wie boͤſe Geiſter, die in der Nachtluft fahren. Dabei brach ihr tieftoͤnendes„Huzza“ zuweilen auch in wil⸗ den Accenten aus. Wenige Zufaͤlle ereigneten ſich waͤhrend dieſes unbeſonnenen Reitens, welches um ſo mehr zu be⸗ wundern war, da keiner, ausgenommen Doran und Shea, einen Sattel, oder auch nur einen Zuͤgel hatte, um ſein Pferd zu lenken und zu beherrſchen. Der⸗ jenige war ſchon gluͤcklich genug, der nur einen Strick hatte, und man muß geſtehn, daß ſie unter dieſen Entbehrungen viel Geſchicklichkeit in der Reitkunſt zeig⸗ ten, vielleicht mehr, als eine eingelernte Schwadron Dragoner unter aͤhnlichen Umſtaͤnden darthun koͤnnte. Sie riefen und riefen ihre Huzza's, als ſie fort⸗ galoppirten, bis nach einer Stunde wilden Reitens die 1 3 * 177 Pferde anfingen,— zu ſtolpern und zu ſchwanken: dann ließ ſich Dorans Stimme wieder ver⸗ nehmen. 4 „Wir muͤſſen nun nahe bei dem Orte ſeyn, die Pferde zu wechſeln,“ agte er zu denen, die neben ihm ritten. 8 „Am Fuße des Huͤgels, Herr Capitain, gerade vor Euch,“ war die Antwort. Er blies in ſein Horn, und ihm wurde ſogleich von der Richtung aus geantwortet, die ihm angezeigt worden war. Er ſpornte nun, und peitſchte und gab den Uebrigen das Beiſpiel eines heftigen Treibens, um das Ziel zu erreichen, wo ſie friſche Pferde er⸗ warten durften. „Willkommen, willkommen, Ihr Jungen, die Ihr in der Nacht reitet!“ riefen jauchzend mehrere Stim⸗ men, als ſie endlich auf den beſtimmten Huͤgel kamen. Doran ſchwang ſich ſogleich aus dem Sattel, und fragte:„wie viel Pferde habt Ihr?“ „Fuͤnf und vierzig, Hauptmann,— Ihr Lieb⸗ ling aller braven Kerle!“ „Genug; und genug iſt ſo viel als Ueberfluß.“*) Hierauf wandte er ſich gegen Pierce, waͤhrend die Pferde gewechſelt wurden, und ſagte:„gebt mir Eure Hand, Lieutenant; beim heiligen Mond, Ihr ſeyd be⸗ reits ein braver weißer Junge.“ Der Gurt wurde *) Doktor Johnſon ſagte: Jeder Menſch hat etwas we⸗ niger als genug. Anm. d. Ueberſ. I. 12 178 feſt angezogen, der Zuͤgel ihm zugeworfen, und in ei⸗ nem Nu war er wieder auf dem Pferde. Den Maͤn⸗ nern, die ſie hier angetroffen hatten, rief er zu:„In einer Stunde werden wir wieder hier ſeyn, und er⸗ mangelt ja nicht, die Pferde in Bereitſchaft zu haben.“ Das Wort war wie vormals:„ſprengt an, Ihr Jun⸗ gen!“ und ſie ſetzten Alle vorwaͤrts, auf dieſelbe un⸗ gezaͤhmte Weiſe, als vorher. Endlich gelangten ſie zu einigen zerſtreuten Huͤt⸗ ten, die in verſchiedenen Entfernungen, und nicht in geraden Linien erbauet, von den Bewohnern jedoch mit dem Namen eines Dorfs beehrt wurden. Allenthalben herrſchte die Stille und Ruhe der Nacht. Kein Licht war ſichtbar in den elenden Huͤtten; alle Arbeit, ja das Leben ſelbſt ſchien einen Stillſtand gemacht zu haben. Doch als ſie vorbei ritten, oͤffnete ſich verſtohlnerweiſe eine Thuͤr nach der andern; halb angekleidete Figuren bei⸗ der Geſchlechter erſchienen an jeder derſelben, und die oft wiederholte Ausrufung:„Gott ſey mit Euch, Ihr guten Jungen!“ Worte, welche ſie in einem ſo bittern Ton herſagten, als wollten ſie einen Hund auf einen verhaßten Feind loshetzen, zeigte vollkommen an, daß ſie die Zwecke der Reiter vermutheten, und gehoͤrig wuͤrdigten. Als ſie zur Schmiede kamen, trat ſogleich ein Mann heraus mit Lichtern, angezuͤndetem Torf, und einem Hammer, welche Dinge keinen Zweifel uͤbrig ließen, daß man ſie erwartet hatte. „Iſt der alte Vogel in ſeinem Neſte?“ fragte Doran dieſen Mann, als er den Zuͤgel einzog. A — n —— w u G—— ⏑—2 ⏑‿ᷣ—— 179 „Ja wohl iſt er darin, warm und gemuͤthlich, und er wartet auf Euch, Herr Hauptmann.“ „Das iſt im Ganzen hoͤflich und wohlgeſittet von ihm.— Voran, Thady, und zeig uns den Weg.“ Dies Haus, abgeſondert von den andern, war ſowohl durch ſeine Lage und Geraͤumigkeit, als durch ſein ganzes Anſehn vortheilhaft ausgezeichnet. Durch ſein Strohdach war ein ſpitziger Stock vorwaͤrts ge⸗ ſtreckt, mit einem Schild daran befeſtigt, und mit einer ſchwarzen Figur, unter welcher nothwendiger und vernuͤnftiger Weiſe die Worte„zum ſchwarzen Ochſen“ mit ſchwarzen Buchſtaben gemalt waren, und ſowohl uͤber dem Kopf, als unter den Fuͤßen, und noch tiefer unten las man auch: Erfriſchungen fuͤr Menſchen und Vieh. An der Thuͤr dieſes ungluͤcklichen Aufenthalts blieb die Mannſchaft ſtehn. Es war die Wohnung des Boͤſe⸗ wichts, durch den Terenz Delany war ins Verderben geſtuͤrzt worden; deſſelben ſchmunzelnden Zehnten⸗Samm⸗ lers, von dem wir bereits eine Zeichnung zu entwerfen verſucht haben. Mit der moͤglichſten Stille ordneten ſich die Maͤn⸗ ner um das Haus, daß Niemand entweichen konnte, und nachdem ſie an den rothen Torf geblaſen, um die Lichter anzuzuͤnden, brachen ſie mit dem achtzehnpfuͤn⸗ digen Hammer in einem Stoße die Thuͤr auf. Doran nebſt drei andern bewaffneten Maͤnnern ſtuͤrz⸗ ten hinein, Pierce aber wurde an der Außenſeite ge⸗ 42* 180 laſſen, um die Hauptmacht zu kommandiren. Die Eindringenden nahmen ſo gute und ſchnelle Maaßre⸗ geln, daß ſie ſich des erſchrocknen Proktors bemeiſterten, als er unter ſein Bett kroch, von welchem er eben aufgeſtanden war.* „Kriech zuruͤck, mein alter Freund,“ ſagte Einer, der ihn bei den Beinen in die Mitte der Stube zog. „ Und iſt es nicht eine ſchreiende Suͤnde,“ ſagte ein Dritter,„daß ein ſo rechtlicher Menſch, wie Ihr ſeyd, ſich verbergen ſoll, da wir ſo weit kommen, um Euch zu ſehn. Pfui, pfui, Euch ſo gegen Eure Vet⸗ tern zu betragen, und noch dazu in Eurem eignen Hauſe!“ „Da er ſich ſo ſchlecht gegen uns betraͤgt, ſo wollen wir auch lange nicht wieder zu ihm kommen,“ ſagte ein Vierter. „Fuͤrwahr, Peery, es iſt nicht recht, daß Ihr Euch vor uns verbergen ſolltet: denn wir ſtammen Alle von den Mulkahys ab, wie Eure Mutter, und das iſt ein ehrenfeſter Stamm.“ „Sprich nicht auf dieſe Weiſe zu unſerm Vetter; denn ſein gefaͤlliges Geſicht uͤberzeugt mich, wie froh er iſt, daß wir dieſe Nacht unter ſeinem Dache ſind.“ Dieſer Hohn theilte ſich umher von Einem zum Andern, und der ungluͤckliche Mann ſaß wie bethoͤrt in der Mitte der Stube, und blickte um ſich her in Verzweiflung und Schrecken, und in furchtbaren Er⸗ wartungen der Qualen, die ihn, wie er wohl wußte, erwarteten. 181 Zweimal hatte man ihm geboten aufzuſtehn, aber er begriff den Sinn der Worte nicht, die an ſein Ohr gerichtet waren, bis ein ſtarker Streich mit Do⸗ rans Peitſche auf ſeine Schultern, begleitet mit den fuͤrchterlichen Worten:„Komm Peery, fuͤr den Zehn⸗ ten!“ ihn aus ſeiner Lethargie erweckten. Aber er faltete blos ſeine Haͤnde, und flehete um Barmherzig⸗ keit, und als die drei Maͤnner ihn mit Gewalt hinaus ſchleppten, und er ſich inſtinktmaͤßig frei zu machen ſuchte, brachte ihn Dorans Peitſche bald wieder zur Ordnung zuruͤck. „Ach meine Herren, meine theuern Herren, habt Mitleid mit einem armen Mann!“ rief er wiederholte Male, als ſie ihn uͤber die Schwelle ſeines Hauſes trugen..— „Beruhigt Euch, Peery; unterſucht Euer eignes Gewiſſen, und bittet nicht um das, was Ihr ſelbſt weder Menſchen noch Thieren jemals gewaͤhrtet.“ Dieſe Antwort zeigte, wie wenig Barmherzigkeit er zu erwar⸗ ten hatte. Vor der Thuͤr erfriſchte Doran ſeine Mannſchaft mit Getraͤnken, deren er ſich im Hauſe bemaͤchtigt hatte, und nachher brachte er die Prozeſſion in ge⸗ hoͤrige Ordnung. Zuerſt rief er Bryan Fitzpatrick, der, wie wir bereits erwaͤhnt haben, als Dichter und Mu⸗ ſikus der Mannſchaft zugehoͤrte. Er verfertigte alle ihre Lieder, und war mit den Muſen ſo befreundet, daß er ſogar ſeine eigne Geſchichte in Verſen abge⸗ faßt hatte. 182 Bei Gelegenheiten, wie dieſe, wo es darauf an⸗ kam, Aufſehn zu erregen, war er keine unbedeutende Perſon; er erſchien, ſobald er gerufen wurde, und nahm den ihm gebuͤhrenden Platz beim Vortrab. Ihm folgte Peery Clancy auf ſeinem wohlgemaͤſteten Wallachen; dann kam der Hauptmann Rhia Doran mit Shawn O'Burke. Dieſer beſaß die Kunſt, auf dem primiti⸗ ven, plumpen Inſtrument, das Ochſenhorn genannt, eine ſolche Mannigfaltigkeit von Liedern hervorzubrin⸗ gen, daß ſich eins oder das andre fuͤr jede Gelegenheit ſchickte, es ſey nun kriegeriſche, triumphirende oder pathetiſche Muſik. Einige betrachteten ihn als Bryan Fitzpatricks Nebenbuhler, ſowohl in Hinſicht der Dicht⸗ kunſt, als der Muſik. Doch ein unparteiiſches Ohr zog ſeine Variationen vor, beſonders ſeine Uebergaͤnge von lautem und tiefem Bruͤllen, zu lautem und tiefem Bloͤken, in Nachahmung des Thiers, dem ſein In⸗ ſtrument urſpruͤnglich angehoͤrte. Shawn ritt zur rech⸗ ten Hand des Capitains, und O'Naſe, ein Vollzieher der Geſetze, zur Linken. Die Uebrigen, welche Pierce anfuͤhrte, folgten in willkuͤrlicher Ordnung. Sobald ſie ſich vom Hauſe weg bewegten, ergriff Bryan Fitz⸗ patrick ſeinen Fidelbogen, und wurde ſogleich von Shawn O'Burke begleitet, deſſen trauriges Dudeln bei dieſer Gelegenheit ſeinen Mitwerber in jeder Hin⸗ ſicht uͤbertraf; Bryan war bis jetzt fuͤhig geweſen, durch ſeine Melodien den Mangel lauter und ſtarker Toͤne zu erſetzen: aber jetzt brachte er blos ein Getoͤſe hervor, das, mit andern Getoͤſen verglichen, veraͤcht⸗ 183 lich und unbedeutend war. Kurz, er war ſo ungluͤck⸗ lich geweſen, waͤhrend des ſchnellen Reitens vom Pferde zu fallen, und als er ſeine Geige aus dem Futteral nahm, ſah er mit großer Beſtuͤrzung, daß ſie durch den Zufall ſehr gelitten hatte; eine Seite war voͤllig eingebogen, die Saiten waren geſprungen, und es blieb ihm nichts uͤbrig, als ſie, ſo gut er konnte, zuſammen zu knuͤpfen; aber er fand nachher, daß ſie aus ver⸗ ſchiednen Stuͤcken verſchiedner Saiten beſtanden; erſte, zweite, dritte und Baß,— und das Reſultat kann man ſich denken. Doch als die Reiter anwaͤrts dran⸗ gen, ſo kam ihm das laute Geſchrei der Maͤnner zu ſtatten, denn ihr Jubel, der in der Luft erſchallte, uͤbertoͤnte ſeine erbaͤrmliche Muſik. Die Huͤttenbewoh⸗ ner an ihren Thuͤren, oder auf ihrem Stroh liegend, vermehrten den Aufruhr, und ſelbſt die kreiſchenden Stimmen der Weiber und die ſchwachen Laute der Kinder konnten deutlich gehoͤrt werden; nirgend aͤu⸗ ßerte ſich Mitleid fuͤr Peery Clancy. Endlich gelangten ſie an den Ort, wo ſeine Strafe ihn erwartete. Die Geſchichte, die ein getreuer Spiegel der Wahrheit, ein unverfaͤlſchter Berichter vor⸗ gefallener Begebenheiten ſeyn ſoll, ſchreitet pflichtmaͤßig in ihrer Erzaͤhlung fort, ohne Ruͤckſicht auf etwanige Nervenſchwaͤche zu nehmen. Unter andern Beiſpielen dieſes Grundſatzes, braucht man nur die geſetzmaͤßige Wiedervergeltung zu erwaͤhnen, die an Damien und Ravaillac ausgeuͤbt wurde, und ſorgfaͤltig niedergeſchrie⸗ ben worden iſt. Auch ſoll die Beſchreibung wahrer 184 Scenen, in welcher die geſetzwidrige Grauſamkeit ge⸗ gen einen Proktor vorkommt, aus Mangel einer ge⸗ treuen und muthigen Darſtellung nicht verloren gehn. Zur Sache alſo. Zufolge andrer Vorbereitungen, wurde ein Grab fuͤr den Proktor ausgehoͤhlt, dicht bei einer Hecke in einem anliegenden Felde. Nachdem er hinein gelegt, und bis ans Kinn mit Erde bedeckt worden war, kam O'Naſe, der wie ein Schylock eine Zeitlang beſchaͤf⸗ tigt geweſen war, ſein Meſſer auf einem Stein zu wetzen, heran, und ruͤhmte ſich mit innerm Stolz, ein geſchickter Operateur zu ſeyn.„Wohlan, wir ſind ganz fertig; es iſt ein allerliebſtes Meſſer; nicht blos um Butter zu ſchneiden; ich geb Euch mein Wort, es iſt ſcharf genug, die Hoͤrner eines zehn⸗ jaͤhrigen Ochſen abzuſchneiden, geſchweige denn eines armen Proktors Ohren, ob ſie gleich immer hart ge⸗ nug waren, naͤmlich gegen das Bitten und Flehn der Armen. Schweig, ſchweig,“ ſagte er, als er nieder⸗ knieete, um ſein Werk zu verrichten;„kommt mir nicht mit Euren Wehklagen, Peery; ſeyd ruhig, ich werde meine Sache thun, wie es ſeyn muß; ſtill, ſtill;“ dies war die Antwort auf ein ſchmerzliches Ge⸗ ſchrei.„Ich koͤnnte die Ohren eines Biſchofs ab⸗ ſchneiden, nicht nur eines ſolchen Geſchoͤpfes, als Ihr ſeyd, und zwar in einer finſterern Nacht, als dieſe iſt. Nicht ein Stuͤckchen wollte ich ihm davon laſſen, und doch auch nichts vom Kopfe mit wegſchneiden.— Der Henker, was fehlt Euch denn?“— nachdem er ſein 185 Werk zur Haͤlfte vollendet hatte;„Ihr ſolltet viel⸗ mehr Gott danken, daß er Euch in die Haͤnde eines ſo geſchickten Kerls fallen ließ, als ich bin, der— halt ein wenig— der ſeines Hauptmanns Order nicht uͤberſchreitet, und den Stahl nicht vom Ohre zu Eu⸗ rer Windpfeife ſchluͤpfen laͤßt. Haltet ſtill, ſag' ich; war das nicht recht huͤbſch gemacht?“ „Wahrlich, Peery,“ ſagte ein Andrer, Ihr ſoll⸗ tet bedenken, daß es fuͤr das Heil Eurer armen Seele iſt, daß wir ſo gut gegen Euch ſind. Alle andern Proktors, jeder Mutter Sohn unter ihnen, faͤhrt geradeswegs zum Teufel; aber ich getraue mir zu ſagen, daß Peery Clancy, der begraben wurde,— und ſein Begraͤbniß war gar nicht zu verachten, da er ſich von allen ſeinen Bekannten begleitet ſah,— ich behaupte, daß der jetzige Peery Clancy ganz und gar nicht der⸗ ſelbe Menſch ſeyn wird; denn der Eine hatte zwei Fluͤgel am Kopfe, und der Andre hat nicht einen Ein⸗ zigen. Ihr werdet nicht derſelbe Menſch ſeyn, ſon⸗ dern ganz ein andrer. Und was noch mehr iſt, die Buße dieſer Nacht wird Euch Heil bringen in einem kuͤnftigen Leben. Seyd daher ruhig.“ „Gute Nacht, Peery; dies Mal koͤnnt Ihr Euch nicht beklagen; wir haben ſo viel abgemaͤht, als Euch genuͤgen muß,“ ſagte ein Dritter. „Um Alles zu thun, wie es ſeyn ſollte,“ fuͤgte Doran hinzu,„ſo muͤßt Ihr ſchwoͤren, Peery, wie ich es haben will, oder Yemen O' Naſe wird Eure Kehle befuͤhlen, wie Eure Ohren. Her mit dem Buche.“ 186 Ein Gebetbuch wurde ihm uͤberreicht, welches der Lebendigbegrabene kuͤſſen, und drauf ſchwoͤren mußte, daß er nie wieder der gehaͤſſigen Profeſſion eines Prok⸗ tors folgen wolle. Eine Schildwache wurde ihm dann beigeſellt, die auch ſchwoͤren mußte, den Verwundeten nach Verlauf einer Stunde zu erloͤſen. „Und nun beginnt den Todtengeſang“ rief Do⸗ ran;„deine Geige, Bryan, dein Horn Shawn! und Ihr, meine guten Maͤnner, gebt Acht, und ſtimmt den Chor an.“ Dieſer Todtengeſang war eine beruͤhmte pathetiſch⸗ komiſche Muſik, die Bryan Fitzpatrick komponirt hatte, und die er bei allen ſolchen Gelegenheiten auf der Geige ſpielte, und mit ſeiner Stimme begleitete. Die ganze Mannſchaft umringte den Proktor, und der Sohn der Muſen fing, der Ordre gemaͤß, ein klagendes Solo an; dann fielen ſie Alle in einem ſchrecklichen Chor ein, welcher von Shawns Horn, und von allen gegenwaͤr⸗ tigen Hoͤrnern aufs kraͤftigſte begleitet wurde. Nach einem Ancora ſchwang ſich Doran auf ſein Pferd, und ſeine Worte:„auf, und kommt fort!“ waren das Signal zum Ruͤckzug ſeiner Leute, deren wildes Freu⸗ dengeſchrei ihren Triumph und ihre Bereitwillligkeit ihm zu folgen bezeugte; ſie warfen ſich unverzuͤglich auf ihre ſattelloſen Pferde, und nun gings fort uͤber denſelben Grund, den ſie gekommen waren, und mit derſelben ungemeſſnen Wildheit, als vorher. Nachdem ſie einige Meilen zuruͤckgelegt hatten, ſagte Doran zu Shea der neben ihm ritt: 187 „Es thut mir im Ganzen doch leid, daß wir den armen Teufel in Terenz Delamys Haͤnden gelaſſen haben.“ „ Ich wollte eben daſſelbe ſagen,“ erwiederte Shea,„und Euch fragen, ob Ihr denkt, daß der Ungluͤckliche in Lebensgefahr iſt?“ „Gott weiß; aber Ihr habt ja wohl den Ton ſeiner Stimme und den Ausdruck ſeines Geſichts be⸗ merkt, als er die Worte wiederholte, ſeinen Gefangnen nach Verlauf einer Stunde zu erloͤſen?“ „Freilich hab ich ſie bemerkt,— daher meine Beſorgniß: geſetzt, wir kehrten um?“ „Unſinn!“ rief Doran mit einem lauten Lachen aus,„glaubt Ihr, daß ich meine Leute dahin bringen koͤnnte, ſich der Gefahr eines Aufruhrs auszuſetzen, der jetzt vielleicht in der Nachbarſchaft erregt worden iſt? oder daß ich ſelbſt ſo tollkuͤhn ſeyn wuͤrde? Laßt Terenz und den Proktor die Sache unter ſich ſelbſt ausmachen.“ „Nein, Doran; wir haben bereits genug gethan, zu viel gethan. Ich wenigſtens fuͤhle Reue, und waͤh⸗ rend der ganzen Scene bedauerte ich Antheil an einer ſo unverantwortlichen, grauſamen Miſſethat genommen zu haben, und ich will wenigſtens verſuchen, eigent⸗ lichen Mord zu verhindern.“ „Oh, ſehr wohl, Lieutenant, ich habe keine Ur⸗ ſache und kein Verlangen, Euch von einem ſo wohl⸗ wollenden Schritt abzuhalten. Nur wird es wahr⸗ 188 ſcheinlich zu ſpaͤt ſeyn. Gedenkt Ihr allein zuruͤck zu reiten?“ „Hab ich in dem Fall fuͤr mein eignes Leben zu fuͤrchten? Ihr ſpracht eben jetzt von Gefahr.“ „Keine Gefahr fuͤr einen einzelnen Mann zu Pferde. Ich glaube, daß Alles ruhig iſt. Ihr habt doch nicht beobachtet, daß Jemand das Haus verließ, waͤhrend Ihr es bewachtet?“ „Nein; gute Nacht!“— antwortete Pierce, zog ſein Pferd an, und kehrte es gegen das Dorf. „Gute Nacht, und laßt Euch bald wieder ſehn. — Vorwaͤrts Jungen, vorwaͤrts!“— und die Freunde galoppirten fort in entgegeſetzten Richtungen. Der letzte Anſchlag der Pferde und das Echo des fernen Freudengeſchrei's der weißen Jungen verlor ſich ungehoͤrt von dieſem Schlachtopfer; ſein eignes ſchwa⸗ ches Gewinſel war der einzige Laut, der die Stille der Nacht ringsum unterbrach. Terenz Delany, ſein Waͤchter, ſtand ſprachlos und bewegungslos bei ihm; ſelbſt ſein Athem war unbemerkbar. Nach einer be⸗ traͤchtlichen Pauſe ging er jedoch einige Schritte gegen die Hecke, bei welcher das Grab gemacht worden war, und kehrte zuruͤck, gebuͤckt und athemlos, mit einer ſchweren Buͤrde, die er in ſeinen Armen hielt: es war ein großer Stein; er legte ihn nieder bei dem bluten⸗ den Kopfe.— Er pauſirte wieder und blieb ohne Bewegung ſtehn; aber ſeine tiefen Toͤne unterbrachen endlich dieſe Stille; des Proktors Winſeln verlor ſich in Toͤne der 189 Erſchoͤpfung. Terenz ſprach wie gewoͤhnlich in Irlaͤn⸗ diſch, welches wir zu uͤberſetzen verſuchen wollen: „Wißt Ihr, Peery Clancy, wer es iſt, der in der Einſamkeit und Stille der Nacht hier bei Euch ſteht?“ „Ich weiß nicht, wer Ihr ſeyd; aber wenn Ihr eine chriſtliche Seele habt, ſo werdet Ihr mich von dieſem Elend erloͤſen.“ „Habt Ihr nie daran gedacht, und hat die Er⸗ innerung auf einem ſanften Bett und nach einer gu⸗ ten Mahlzeit Euch nie ermahnt, daß Terenz Delany, ſein Weib und ſeine drei kleinen Kinder ohne Obdach waren, und verhungerten?“ „Ach, ich bin auf immer verloren,“ ſeufzte der elende Menſch. „Aha, Ihr wißt nun, wer bei Euch ſteht! Ja, Ihr ſtuͤrztet ſie und mich in Armuth und ins Grab! Ihr triebt mich zur Tollheit! Und da liegt Ihr nun, in Erwartung des toͤdtlichen Streichs von der Hand des Mannes, den Ihr toll gemacht habt!“ Der Elende ſchrie, ſo laut er vermochte. „Verſchwendet Euren Athem nicht in nutzloſem Geſchrei; ich will mich wegkehren, und Euch einige Augenblicke geben, um zu Gott zu beten; aber wenn Ihr mich wieder zuruͤck kommen hoͤrt, dann betet um Barmherzigkeit fuͤr Eure arme Seele.“ Er entfernte ſich, und, zufolge eines jener ſonder⸗ baren Ereigniſſe, die vielleicht nie gehoͤrig bemerkt wer⸗ den: die Nacht veraͤnderte ſich ploͤtzlich; die Sterne 190 verloſchen, und der Wind heulte durch die blaͤtterloſen Zweige. Er kehrte ſein Haupt gen Himmel, als ob dieſe Veraͤnderung ihn betroffen haͤtte, blieb eine zeit⸗ lang ſtehn, fuhr dann aber ſchnell zuruͤck, und, ge⸗ fuͤhllos gegen das fuͤrchterliche Flehn um Leben und Barmherzigkeit, ſuchte er mit dem Fuße die eigentliche Lage des Kopfs,— buͤckte ſich, und hob nach man⸗ chen Verſuchen den ſchweren Stein empor, und legte ihn einen Augenblick auf die bezeichnete Stelle,— als Pierce Shea von der andern Seite der Hecke auf ihn los fuhr und ihn von ſeinem Standpunkte brachte, ſo daß der Stein mit einem dumpfen Getoͤſe ohne Schaden zur Erde fiel. Delany ſprang ſogleich auf Shea los, und er⸗ griff ihn mit beiden Haͤnden bei der Kehle. Pierce packte ihn ebenfalls an, und ruͤttelte ihn umher; aber der eiſerne Angriff wurde feſter, daß der Umlauf des Blutes in ſeinem Kopfe gehemmt wurde, und er konnte nur mit großer Muͤhe athmen. In einem hef⸗ tigen Verſuche ſich frei zu machen, fielen beide zur Erde; Delany umſchlang und befeſtigte mit ſeinen Beinen die ſeines Gegners; dieſer fuͤhlte ſich feſt ein⸗ geſchloſſen, hoͤrte das Knirſchen der Zaͤhne, und war der Pein der Erſtickung nah. Doch ein ſchneller Ge⸗ danke kam Piercen zu Huͤlfe; er erinnerte ſich eines Kunſtgriffes, den er beim Ringen gelernt hatte, wo⸗ durch er ſich von dem Zwange losmachen konnte, in welchem der Moͤrder ſeine Beine eingeſchloſſen hielt. Er machte einen Verſuch mit einer Anſtrengung, zu 8 191 welcher die Todesfurcht allein einen Menſchen anſpor⸗ nen kann; er ſprang auf, und brachte ſeinen Gegner mit ſich empor. Nun war es ihm leicht ſich loszu⸗ machen, und nun bediente er ſich noch eines andern Kunſtgriffs, den er ebenfalls beim Kampfringen erlernt hatte, und zwar mit demſelben guten Erfolg, als vor⸗ her. Sein Feind wurde von ihm losgeſchwungen, und ein wohl abgemeſſner Streich auf den Hals, brachte ihn bewußtlos zur Erde. Der Sieger blieb einen Augenblick ſtehn, erſchoͤpft und ſchwankend, ehe er ſeine Kraͤfte und Gedanken hinreichend ſammeln konnte, um ſeinen Sieg gehoͤrig zu benutzen. Doch als er ſich erholt hatte, band er ſogleich mit ſeinem Halstuch und Schnupftuch, und den Strumpfbaͤndern, die Beine und Arme des zu Boden liegenden Mannes; ſein Blut gerieth wieder in Umlauf, er athmete freier, und verlor keinen Augen⸗ blick, die Erde von dem halbſterbenden Proktor weg zu nehmen; dann hob er ihn auf, und trug ihn mit unglaublicher Behendigkeit nach ſeinem eignen Hauſe. Sobald er aber ſeine Buͤrde hier niedergelegt hatte, ſank er ſelbſt, entkraͤftet durch die uͤberſtandne Anſtrengung und Arbeit, athemlos darnieder. Doch der nahe Schlag vom Huf der Pferde rief ſeine Sinne zu neuer Wirkungskraft. Anfangs dachte er, daß ſeine Freunde, aus Beſorgniß uͤber ſeine Gefahr, zuruͤckkaͤmen, um ihn zu beſchuͤtzen; hinterher fuͤrchtete er aber doch, daß die Reitenden vielleicht Feinde ſeyn koͤnnten, und er verſteckte ſich unter das 192 Bett, auf welches er eben den Proktor gelegt hatte. Er glaubte feſt, wenn auch ſeine ſchlimmſte Ver⸗ muthung eintreffen ſollte, ſo wuͤrde doch der Mann, deſſen Leben er mit Gefahr ſeines eignen geret⸗ tet hatte, ihn wenigſtens durch Stillſchweigen gegen ſeine gegenwaͤrtige Gefahr zu ſchuͤtzen ſuchen. Bald darauf hoͤrte er die lauten Toͤne eines Knaben, der einigen Perſonen zurief, ihm zu folgen, und ein Trupp Dragoner, von einer Magiſtratsperſon angefuͤhrt, kam ſogleich ins Zimmer. Der Knabe, von dem man ver⸗ muthete, daß er der natuͤrliche Sohn des Proktors war, verließ das Haus(nicht ohne von Doran beob⸗ achtet zu werden, welches aus ſeiner nachherigen Frage an Pierce auf dem Wege zu erhellen ſcheint), gerade als die weißen Jungen darin angelangt waren. Er ergriff ein Pferd, das in einem nahen Felde graſete, ritt nach Kilkenny, berichtete was zu Hauſe vorging, und kam ſchnell mit Civil⸗ und Militair⸗Beiſtand zuruͤck.. Auf die Fragen, welche die Magiſtratsperſonen und die Dragoner dem Proktor vorlegten, ob es naͤm⸗ lich wahrſcheinlich ſey, einiger der weißen Jungen hab⸗ haft zu werden, horchte Pierce, wie ſich leicht denken laͤßt, mit der groͤßten Beſtuͤrzung. Doch das gaͤnz⸗ liche Stillſchweigen der befragten Perſon ließ ihn eine Zeitlang hoffen, daß er keine Gefahr zu fuͤrchten habe; endlich brach der Proktor ein Schweigen, das bisher blos durch koͤrperliche Schmerzen und Ermuͤdung war verurſacht worden. Er fragte, ob er zu einer Beloh⸗ 193 nung berechtigt ſeyn wuͤrde, wenn er den Aufenthalt eines weißen Jungen entdeckte, und als ſeine Frage bejahend beantwortet wurde, hoͤrte der arme Shea den elenden Schurken ſogleich den Ott, wo er verſteckt war, nennen. Auch beſchuldigte er ihn, einer von denen geweſen zu ſeyn, der bei ſeinen Qualen gegenwaͤrtig geweſen war, ein Umſtand, der durch ſein weißes Hemde und durch ſeine Waffen voͤllig beſtaͤtigt wurde; denn er hatte weder das Eine, noch das Andere in ſeiner Eile weggeworfen. Der Lohn fuͤr ſeine Menſch⸗ lichkeit war, daß er durch den Menſchen, der ihm ſein Leben ſchuldig war, zum Gefangenen gemacht wurde, mit der ſchrecklichen Gewißheit, ſein Leben fruͤh, und zwar ſchimpflich auf dem Galgen zu beendigen; ein Leben, auf welches ſo mancherlei zaͤrtliche Anſpruͤche gemacht wurden; und wahrlich wir koͤnnen Pierce nicht hoͤher loben, als wenn wir hier anfuͤhren, daß er in dieſer Stunde der ſchweren Verſuchung und der gemiß⸗ brauchten Großmuth,— daß er ſelbſt in dieſer Stunde unvermeidlicher Verzweiflung das nicht bereuete, was er gethan hatte. Eilftes Kapitel. Es iſt ein alter Kunſtgriff unter uns Geſchichtserzaͤh⸗ lern, die Leſer uͤberreden zu wollen, daß ſie faͤhiger I. 13 194 ſind, ſich gewiſſe Dinge vorzuſtellen, als wir es ſind, ſie zu beſchreiben. Wenn wir es ſchwer finden, die mancherlei Gemuͤthsveraͤnderungen unter mancherlei ganz beſonderen Umſtaͤnden auszufinden und hinlaͤnglich zu verſtehn, um ſie deutlich mittheilen zu koͤnnen, dann bemuͤhen wir uns, die Nachſicht des Leſers ſchlauer Weiſe zu erhalten, indem wir ihm das Kompliment machen, daß ſeine Geiſteskraft der unſrigen uͤberlegen iſt. Wohlan denn, Leſer: es wird dir leichter ſeyn, dir Pierce Sheas Gefuͤhle und Gedanken in ſeiner neuen, ſchrecklichen Lage vorzuſtellen, als wir ſie zu beſchreiben vermoͤgen. Der Anbruch des naͤchſten Mor⸗ gens brachte Gewiſſensbiſſe mit ſich, und bittre Reue. Ein geuͤbter Verbrecher iſt in einer beſtaͤndigen, furcht⸗ ſamen Erwartung der Strafe, welche fuͤr die Uebertre⸗ ter der Geſetze beſtimmt iſt, und wenn ſeine Laufbahn ſich endlich ihrem Ende nahet, iſt er gewiſſermaßen auf das Schickſal vorbereitet, das er fuͤrchtete, und doch nicht zu vermeiden ſuchte. Aber dies war nicht Pier⸗ cens Fall; ſein Leben war bisher ruhig und ohne Laſter hingefloſſen, und ſein Antheil an den Handlun⸗ gen, die ihn jetzt zu einem ſchrecklichen und verdienten Tode brachten, war vielmehr die Wirkung eines un⸗ gluͤcklichen Verhaͤngniſſes, als einer freien Wahl. Ein alles uͤberwiegender Bewegungsgrund, der nichts mit den Zwecken der weißen Jungen zu thun hatte, geſellte ihn zu ihnen, und verwickelte ihn in ihr Unternehmen, unndd es war die reine Wahrheit, die er gegen Doran aͤußerte, daß er ein unwilliger Zuſchauer bei den Grau⸗ 195 ſamkeiten war, die man ausuͤbte, und an denen er eigent⸗ lich keinen Antheil genommen hatte. Wie ſehr ſein Herz fuͤr den Leidenden fuͤhlte, bewies ſeine gegenwaͤr⸗ tige Lage, in die er ſich dadurch gebracht hatte. Schreck⸗ lich war daher des armen Pierce's Zuſtand; nicht ſo wohl aus Furcht vor dem Tode, ſondern ein ſchauder⸗ haftes Entſetzen uͤberwaͤltigte ihn, wenn er an die Schande dachte, mit welcher ſeine oͤffentliche Hinrich⸗ tung ſeinen Vater, ſeine Mutter, und ihn ſelbſt be⸗ decken wuͤrde; auch vergaß er nicht, daß der erſte Schritt zu ſeinem Verderben durch den Bruch ſeiner kindlichen Pflicht verurſacht worden war. Und Alley, fuͤr die er Alles gewagt, und nun Alles verloren hatte, — die durch ſeine Unbeſonnenheit, durch ſeine Irrthuͤ⸗ mer, und durch ſeinen Sturz nichts gewonnen hatte, — was ſollte aus ihr werden! Er war waͤhrend der Nacht in des Proktors Haus eingeſperrt und genau bewacht worden. Terenz Delany war ſein Mitgefangener, aber er ſah ſo muͤrriſch aus, daß an kein Geſpraͤch mit ihm zu gedenken war, wenn nicht ſchon die Gegenwart einer Wache ein hin⸗ laͤngliches Hinderniß geweſen waͤre. Am Anbruch des Tages wurde Jeder von ihnen hinter einem Dragoner angebunden, deren Anzahl aus vierzehn Mann beſtand, den kommandirenden Feldwebel nicht mit gerechnet, und ſie begaben ſich auf den Weg nach dem Gefaͤngniß in Kilkenny. Als ſie ungefaͤhr die Haͤlfte ihrer Reiſe vollendet, und eine kleine bergige Strecke zuruͤckgelegt hatten, ſahn 43* 196 ſie von beiden Seiten nichts als Huͤgel mit Heide be⸗ deckt, und Felſen die das Wetter und die Zeit gebleicht hatten; und ſie naͤherten ſich eben einem kleinen Doͤrf⸗ chen, zu welchem ein etwas fruchtbares Stuͤck Land ſich langſam hinabzog, als ſie ein wildes Geſchrei hoͤr⸗ ten, und einen Leichenzug ſich naͤhern ſahen, der aus einer großen Menge Landvolk beider Geſchlechter be⸗ ſtand. Als der traurige Zug vorwaͤrts kam, hielt der Feldwebel ſeine Leute in der Mitte der Straße, ſchloß ſeine Linien, brachte ſeine Gefangenen in ihren Zirkel, und nachdem er befohlen hatte, von aller Feindſeligkeit abzuſtehn, hielten ſie inne, und ließen ſie vorbeiziehn. „Hol' mich der Henker, Johann,“ ſagte einer der Maͤnner zu einem Kameraden,„dieſe Weiber heulen gar zu arg hinter dem todten Kerl her.“ „Ja wohl,“ erwiederte der Andere,„ſie machen einen verdammten Laͤrm.“ „Das thun ſie auch,“ ſagte ein rieſenmaͤßiger Yorkſhire⸗Kerl, indem er ſich vorwaͤrts auf ſeinem Sattel lehnte, um an dem Geſpraͤch der Andern Theil zu nehmen;„es iſt das hirlaͤndiſche Geſchrei, wie ſie's nennen, was dieſe wulden Hirlaͤnder immer bei den Todten machen.“ „Der Kukkuk auch,“ rief ein Hochſtaͤdter,“) *) Cockney iſt ein Stadtbewohner, der faſt nichts kennt, als was ihn unmittelbar umgiebt. In London verſteht man unter dieſer Benennung diejenigen, die ausſchlie⸗ bend in der City leben, wenig gute Manieren, und eine fehlerhafte Ausſprache haben. Anm d. Ueberſ. 197 „wenn die Frauen, die dem Sarg folgen, es ernſtlich meinen; ſie vergießen keine Thraͤne, ob ſie gleich ihre Haͤnde ringen, und ihre kauderwelſchen Klagen ausſto⸗ ßen, die kein Menſch verſteht, als ſie ſelbſt.“ „O nein,“ erwiederte der dritte Sprecher,„ſie bekuͤmmern ſich nicht im geringſten um den Todten, trotz ihres auslaͤndiſchen Geheules und“— „Herunter! Herunter!“ riefen eine Menge ſten⸗ toriſcher Stimmen auf einmal, ſo daß die Pferde mit ihren Reitern umher ſprangen. Der Sarg wurde her⸗ unter geſtuͤrzt; das Volk umſchloß die Dragoner und ſtuͤrzte auf ſie los, als ſie vorbeikamen, und in einem Augenblick war jeder Soldat aus dem Sattel gehoben und entwaffnet; die Gefangenen aber wurden mit gro⸗ ßem Freudengeſchrei in Freiheit geſetzt. Dieſer ganze Vorgang kam ſo unerwartet, und war ſo elektriſch, daß er nicht haͤtte koͤnnen verhindert werden. Das Mili⸗ tair hatte ſich kaum von dieſem Erſtaunen erholt, als ein Mann, der das erſte Signal gegeben hatte, mit einem lachenden, ſpoͤttiſchen Geſicht hervortrat, und folgendermaßen ſprach: „War das nicht ein geſchickter Streich, und ſo wohl ausgefuͤhrt, als Ihr je in Eurem Leben geſehn habt? Ich wollte drauf ſchwoͤren, daß Ihr von dieſem Tage an wuͤnſchen werdet, alle Leichen zu toͤdten, denen Ihr auf Eurem Wege begegnet.— Die Wahrheit zu ſagen, es waͤre beſſer wenn Ihr jetzt ſchon anfingt,“ er deutete auf den Sarg hin, der auf dem Boden lag, und von welchem der Deckel abgefallen war; eine 198 Menge großer Steine fielen heraus, und zerſtreuten ſich umher.„Aber, meine theuern Rothroͤcke, da unſer Werk vollendet iſt, ſo verlangen wir nichts weiter; wir wollen keiner Seele unter Euch den geringſten Schaden anthun, ob es gleich eine leichte Arbeit waͤre, zumal mit Euren eigenen huͤbſchen Gewehren,“ wobei er auf den glaͤnzenden Karabiner blickte, den er in der Hand hielt.„Doch beſteigt nur Eure Pferde, und geht Eurer Wege. Ihr koͤnnt ja ſagen, daß Ihr Eure Gefangenen unterwegs verloren habt,— und das habt Ihr ja auch,— und ſagt, daß Ihr nicht wißt, was der Teufel aus ihnen geworden iſt,— und das wird keine Luͤge ſeyn.“ „Ihr ſeyd brave Leute,“ rief der Feldwebel aus, Ihr muͤßt brav ſeyn, eine ſolche Handlung zu unter⸗ nehmen und auszufuͤhren, dergleichen, wie Ihr mit Wahrheit ſagt, wir nie vorher geſehn haben, und in eben dem Grade ſeyd Ihr auch großmuͤthig, da Ihr uns Leben und Freiheit ſchenkt, die wir nicht erwarte⸗ ten.— Brave und großmuͤthige Maͤnner, hoͤrt mich an. Ihr ſagt, daß Ihr uns keinen Schaden zufuͤgen wollt. Wenn Ihr uns aber ohne Schwerter und Kara⸗ biner in unſre Quartiere ſchickt, ſo thut Ihr uns den groͤßten Schimpf an. Es wuͤrde ſogleich ein gericht⸗ liches Verhoͤr gehalten werden, und eine angemeſſene Strafe fuͤr unſere Feigheit folgen. Ich wuͤrde in die Linie verſetzt, und dieſe armen Kerle aufgebunden, und halbtodt gefuchtelt werden. Kurz, Ihr ſtuͤrzt uns ins Verderben, wenn Ihr unſre Waffen zuruͤckbehaltet. 199 Ich mache Euch einen Vorſchlag; leeret unſre Kara⸗ biner mit Euren eigenen Haͤnden aus, und gebt ſie uns dann zuruͤck; in welchem Falle wir ſie ja nicht gegen Euch gebrauchen koͤnnen. Was die Schwerter anbetrifft, ſo ſoll jeder von uns, ſobald wir ſie von Euch zuruͤck erhalten haben, auf ſein eigenes ſchwoͤ⸗ ren, daß wir ſie in unſre Scheiden ſtecken, und weg⸗ reiten wollen, ohne ſie zu ziehn. Bei der Ehre eines Soldaten und Mannes wollen wir ſchwoͤren, daß wir es thun werden!“ „Es waͤre zu arg fuͤr die armen Geſchoͤpfe,“ ſagte der Anfuͤhrer zu ſeinen Mitgeſellen,„wenn wir ihre Bitte nicht gewaͤhrten.“ „Das waͤre es auch,“ ſagte ein Anderer. „Und ſie ſcheinen es ſo aufrichtig zu meinen, und verſprechen was recht und billig iſt,“ ſagten ver⸗ ſchiedene der Maͤnner. „Wir ſind ja nicht Eure Feinde,“ hob der Feld⸗ webel wieder an, als er ſie ſchwanken ſah;„wir ſind engliſche Soldaten, die als Bruͤder in Euer Land ge⸗ kommen ſind, und blos die unangenehme Pflicht eines Soldaten ausuͤben; uͤberdies habt Ihr uns auf immer durch Dankbarkeit an Euch gebunden, und wenn auch Verraͤtherei in unſerer Macht ſtaͤnde, ſo koͤnnten wir ſie doch unmoͤglich gegen Euch gebrauchen.“ „Wir wollen ihnen die Waffen zuruͤckgeben,“ rief die ganze verſammelte Volksmenge mit vereinigter Stimme. „Haltet ein,“ ſagte Pierce, indem er hervortrat, „da dieſe Befreiung fuͤr mich unternommen worden 200 iſt, ſo halte ich es fuͤr meine Pflicht, zu ſehn, daß keine nachtheiligen Folgen fuͤr meine unbekannten Freunde daraus entſtehn; leert daher die Karabiner zuerſt aus.“ Sein Befehl wurde ſogleich vollzogen; „und nun, Feldwebel, beweiſt Eure Aufrichtigkeit und uͤbergebt uns Eure Kartaͤtſchenbeutel.“ Der Feldwebel wihigte ſogleich darein; Pierce leerte ſie alle aus, und gab ſie zuruͤck, nebſt den Ka⸗ rabinern und den Schwertern, welche letztern ſogleich, dem Uebereinkommen gemaͤß, in die Scheiden geſteckt wurden; die Dragoner waren noch nicht wieder auf ihren Pferden. Nachdem das Militair noch manchen Dank abgeſtattet hatte, ſchwangen ſie ſich insgeſammt in ihre Sattel; ihre neuen Freunde gaben ihnen dabei ihren uͤberfluͤſſigen Beiſtand, und oͤffneten mit Eifer ihren Zirkel, um ihnen einen freien Ausgang zu laſſen; ja ihre elenden Maͤuler oͤffneten ſich ſchon um einen Abſchiedsgruß auszuſtoßen,— als— als der Feld⸗ webel ſeine Mannſchaft herum drehte, und das Wort gab: Feuer, Soldaten!“— Die Piſtolen, die in den Sattelkiſſen verborgen lagen, waren der Aufmerkſam⸗ keit des Volks entgangen; ſie wurden ſogleich abge⸗ feuert, jede Kugel traf, und funfzehn Menſchen wur⸗ den todt niedergeſtreckt! „Folgt mir nun, Soldaten,“ fuhr der Feldwebel fort, ſpornte ſein Pferd, ſtuͤrzte vorwaͤrts durch den Haufen, und richtete ſeinen Weg nach ſeinem Quar⸗ tiere zu. Drei Reiter folgten dicht hinter ihm, und ſowohl er, als ſie, ſchnitten durch die gedraͤngte Volks⸗ 1 ——— 201 menge, die noch gar nicht wieder zur Beſinnung kom⸗ men konnte, ſo ſehr hatte dieſer ploͤtzliche und uner⸗ wartete Anfall ſie uͤberraſcht. Aber die uͤbrige Mann⸗ ſchaft wurde ſogleich umringt, und das wuͤthende Ge⸗ ſchrei des Volks zeigte, daß es von Verzweiflung und Rachſucht getrieben wurde. Anfangs ſpornten und ſpornten die Dragoner, die ſich dermaßen umringt ſahn, um ſich zu befreien, aber die aͤußeren Zirkel des Landvolks trieben die zuruͤck, die ſich innerhalb befanden, ſo daß die Pferde wie einge⸗ ſchloſſen ſtanden, und unthaͤtig blieben. Ein zweites Feuer von den Taſchenpiſtolen folgte ſogleich, und mit eben der toͤdlichen Wirkung, als das erſtere. Und lau⸗ ter und lauter, und grimmiger und grimmiger wurde das Rachgeſchrei. Das ungluͤckliche Volk hatte keine Waffen, außer Stoͤcke; aber ſie waren ſo wuͤthend wie Stiere, und ſo grauſam wie Tiger. Einige be⸗ maͤchtigten ſich der Zuͤgel der Pferde, und andere ſchleppten die Reiter auf den Boden herunter, ob ſie gleich von den Saͤbeln, die noch vorhanden waren, zerſchnitten und zerhackt, und von den baͤumenden, er⸗ ſchrockenen Pferden getreten und zertrampelt wurden; ſie ſelbſt traten und trampelten auf die Leichen ihrer Kamera⸗ den: aber trotz allem dieſen wichen ſie doch nicht einen Schritt. Ihre Gegner, die nicht vereint handeln konnten, fanden jeden Augenblick ihre vereinzelte Tapferkeit mehr nutzlos, oder durch endloſe Angriffe uͤberwaͤltigt. Einer der Bauern ſprang hinter einen Dragoner, ſchloß ihn feſt in ſeine Arme, und Beide fielen zur Erde, aber 202 er war ſogleich wieder auf den Fuͤßen, ſprang auf die Bruſt ſeines hingeſtreckten Feindes, entwand ihm das Schwert, bohrte es in ſeine Schlaͤfe, und ſtieß ein ſo lau⸗ tes Geſchrei aus, daß es uͤber allen andern Laͤrm gehoͤrt wurde. Dann ſchwang er das geraubte Schwert in die Hoͤhe und verwundete Menſchen und Thiere, wie ſie ihm aufſtießen, bis ihn ſelbſt endlich ein Streich traf, und er unter den Hufen der Pferde zertreten wurde. Ein Pferd das heftig gepeitſcht wurde, und das nicht vor⸗ waͤrts kommen konnte, ſchlug von allen Seiten aus, bis es niederfiel, und der Ungluͤckliche der es ritt, verlor ſogleich ſein Leben, denn das Volk ſchwang ſich in die Luft, und ſprang und tanzte auf ſeinem Koͤrper umher, bis er todt war. Der, der am Anfang des ganzen Vorfalls der Anfuͤhrer geweſen zu ſeyn ſchien, bemaͤchtigte ſich einer der Stangen des Sarges, und ſchlug damit auf die Soldaten los; ein Saͤbel erreichte ihn endlich im Unterleib, aber er riß ein Tuch von einer Frau, verband damit die graͤßliche Wunde, und flog auf ſeinen Gegner los, balgte ſich umher mit ihm, bis der Dragoner leblos niederfiel, und, da das Tuch durch die große Anſtrengung verſchoben wurde, ſo kamen ſeine Eingeweide aus dem Leibe heraus. Waͤh⸗ rend dies Alles vorging, zogen halbtolle Weiber Linien an den Hecken von beiden Seiten der Straße, und mit entſetzlichen Toͤnen der Furcht oder der Auf⸗ munterung, mit Gebeten fuͤr ihre Freunde und Fluͤchen gegen ihre Feinde, und mit lautem Haͤndeklatſchen, vermehrten ſie noch das betaͤubende Gebruͤll der Kaͤm⸗ 203 pfenden, den wilden Laͤrm bei ihren Angriffen oder ihren Triumphen,— und das Gewinſel und Aechzen der Verwundeten konnte nicht gehoͤrt werden. Dieſe blutige Scene hatte nicht viel Zeit gekoſtet. Nachdem der Feldwebel und die drei Mann, die gleich anfangs mit ihm durch die Menge gedrungen, wahr⸗ nahmen, daß ſie allein heimwaͤrts galoppirten, hatten ſie kaum Zeit zuruͤckzukehren, ihren eilf Kameraden zu Huͤlfe zu kommen, und ſich den aͤußern Linien des wuͤthen⸗ den Volks wieder zu naͤhern; aber von den eilf Maͤn⸗ nern war nur Einer uͤbrig geblieben. Von ihrem hoͤhern Standpunkt uͤber den Koͤpfen der Angreifenden, konnten ſie ein ziemlich richtiges Urtheil faͤllen, wie die Sachen ſtanden. Noch hatten ſie ihre zweiten Piſtolen nicht abgefeuert, aber ihre Empoͤrung war ſo groß, daß ſie bald wieder feuerten,— und jeder Schuß traf wieder. Das wildeſte Geſchrei, das noch gehoͤrt worden war, erhob ſich nun, und als die Dra⸗ goner wuͤthend ihrem Feuer folgten, riefen eine Menge Stimmen zu gleicher Zeit:—„Macht Platz, und laßt ſie kommen.“— Der Haufen theilte ſich dem⸗ nach, und das war es, was der Feldwebel gewuͤnſcht, und wozu er ſie verleitet hatte. Er fiel zuruͤck mit ſeiner kleinen Mannſchaft, und rief aus: „Fliehet, Kameraden! Ruͤckzug! Ruͤckzug!“ Der einzige Ueberlebende kam blaß und blutig durch die von den Maͤnnern gemachte Oeffnung, und entging manchem Steinwurf, den das getaͤuſchte Volk ihm zugedacht hatte. 204 „Fort, Feldwebel, fort!“ rief er, und fuͤr die Erhaltung ſeines eigenen Lebens, ſchonte er die Seiten ſeines armen, ſchnaubenden Pferdes nicht. „Wo ſind die Uebrigen?“ fragte der Feldwebel. „Warum bleiben ſie zuruͤck?“ „Sie koͤnnen nicht kommen,“ erwiederte der ge⸗ rettete Menſch, der bisher hoffnungslos geweſen war. Er ſetzte ſeine Sporen ein und ritt voraus.„Noch koͤn⸗ nen wir uns retten.— Vorwaͤrts!— Vorwaͤrts!“ „Steht es ſo mit uns?“ ſagte der Feldwebel,“ dann laßt uns fortreiten!“— und ſie galoppirten nun insgeſammt fort, ſo geſchwind ihre Pferde ſie tragen konnten. Ein vermiſchter Ausbruch von Wuth und andern Gefuͤhlen folgte ihnen, ſo lange ſie geſehn wer⸗ den konnten. Es wuͤrde ſcheinen, daß wir auf⸗mehr Milde An⸗ ſpruch machen, als gemeinhin dem Menſchen eigen iſt, oder manche Leſer koͤnnten es wohl gar fuͤr Geiſtes⸗ ſchwaͤche in Pierce Shea halten, wenn wir ihn als einen unthaͤtigen Zuſchauer bei dieſen Vorfaͤllen dar⸗ ſtellten. Unſere Wahrheitsliebe iſt zu groß, um zu verſchweigen, daß er waͤhrend des Kampfes mit des Dragoners Saͤbel, auf welchen er ſich jetzt odemlos ſtuͤtzte, die vollſte Rache ausuͤbte fuͤr die ſchaͤndliche Verraͤtherei gegen ſeine allzu leichtglaͤubigen Freunde. Die fortbrauſenden Leidenſchaften derer, die ihn um⸗ gaben, außerten ſich eine Zeitlang in vermindertem Aufruhr, und in einem Wirbeln lauter Toͤne. Einige rechneten ihre Thaten her, zeigten mit Stolz ihre. de Wunden, oder ſchwangen die Waffen ihrer Feinde um ſich, und ſagten, was ſie noch damit haͤtten thun koͤn⸗ nen. Siegesgeſchrei und laute Gluͤckwuͤnſche fuͤllten die Luft. Einige zeigten die Bosheit ungeſaͤttigter Rachgier: denn mit graͤßlichen Fluͤchen zertraten und zerhauten ſie nochmals die getoͤdteten Dragoner und ihre Pferde. Aber der Triumph und die Rache dieſes Tages kamen ihnen theuer zu ſtehn; mehr als dreißig Bauern waren todt auf der bergigen Landſtraße, und beinahe ein Dutzend mehr waren verwundet. Und das Angſtgeſchrei der Weiber verbreitete ſich umher, als ſie von einer Leiche zur andern liefen, und einen Ehemann, oder Bruder, unter den Todten oder Sterbenden er⸗ kannten. Aber was noch ſchreckenvoller und feierlicher dem Ohre klingt, iſt die rauhe, feſte Stimme der Maͤnner, wenn ſie in Schwaͤche und Klagen uͤbergeht; denn auch Maͤnner knieten mit Wehmuth bei der Leiche eines Vaters, Bruders oder Sohns. Pierce ſtand erſchoͤpft, faſt ohne Denkkraft und Erinnerung; als er auf die Scene blickte, die ihn um⸗ gab, und an ſeine letzten Begebenheiten dachte, kam ihm Alles blos wie die Ideenverwirrung eines ſchreck⸗ lichen Traums vor. Als er ſich eben ein wenig zu ſammeln anfing, bewegte ſich ein Menſch, der bisher wie leblos da gelegen hatte, zu ſeinen Fuͤßen, und eine ſchwache Stimme, die ſeinem Ohr nicht fremd war, ſprach ſeinen Namen aus. Er war betroffen und uͤber⸗ raſcht, und richtete ſein Auge— auf Terenz Delany. Ein langer und tiefer Schnitt ſtand offen laͤngs J. 14 206 den Schlaͤfen des ungluͤcklichen Menſchen, und das Blut floß in einem verdickten Strom uͤber ſeine Backen ſeinen Hals und ſeine Bruſt. Pierce kniete nieder, um ihn aufzurichten, aber die unterbrochene Stimme bat, ihn liegen zu laſſen. Er ſprach, wie gewoͤhnlich, irlaͤndiſch.„Nein, Sohn der Sheas, ſtoͤrt mich nicht, wenn Ihr mir anders meine letzten Augenblicke zum Sprechen laſſen wollt. Ich bin beinahe todt, verſprecht meine letzte Bitte zu erfuͤllen.“ „Ich verſpreche es bei Gott.“ „Wohlan denn, bindet dies auf,“— wobei er mit ſeinen ſchwachen Fingern auf ſein blutiges Hemde wies, wo Shea einige Shilinge ſorgfaͤltig eingebunden fand.—„Ihr moͤgt dies meiner Mutter bringen, nun der einzigen Mutter meiner Kinder.— Ich hab' dies fuͤr ſie erbettelt, ſeit wir ſchieden. Ihr werdet ſie Alle nicht weit von hier finden, in einer niedergeriſſe⸗ nen Scheune, nahe bei den ſchwarzen Mauern von Murtoch Mahers Hauſe. Fuͤhre ſie zu meiner Leiche, und ſag ihr, daß ich ſterbend ihren Segen wuͤnſchte und ihren Segen fuͤr ihres Sohnes Kinder,— und,“ — ſeine Stimme wurde einen Augenblick ſtaͤrker,— ſeine erloſchenen Augen wurden belebt, und er konnte ſeine geballte Hand und angeſtrengten Arm aufluͤften, indem er ſagte:„und ſag' ihr auch, daß ich mit des Verraͤthers Blut uͤber mich ergoſſen, ſtarb.“— Er ſank nieder, und Pierce dachte, daß er todt ſey, aber er oͤffnete ſeine Augen wieder, und ohne ſich zu be⸗ 207 wegen ſagte er:„Bald werde ich dich wieder ſehn, Ailleen, Weib meines Herzens. Ja, du warſt der Puls meines Herzens, als ich jung und heiter war, und ſelbſt als ich betruͤbt und traurig wurde, bliebſt du immer ſeine Beherrſcherin. Du konnteſt reich ſeyn, aber du zogſt Armuth vor mit Treue. O, junger Mann, ſag' meiner Mutter, daß ſie guͤtig ſey gegen Ailleens Kinder.“— Schnelle Konvulſionen erfolgten, ſeine Glieder zogen ſich zuſammen, ſchwarzes Blut floß aus ſeiner toͤdtlichen Wunde, da er ſich anſtrengte Pier⸗ cens Arm zu ergreifen, und als er ihn mit unbeweg⸗ lichen Augen anſah, hatte er gerade Zeit zu ſagen: „Ihr habt mich von dem Verbrechen einer Mordthat gerettet; Euch bin ich es ſchuldig, daß ich nun, da ich mich meinem Schoͤpfer naͤhere, jene Blutſchuld nicht auf meinem Gewiſſen habe. Ich bete zu Gott, daß Eure jungen Tage gluͤcklich, und daß Eure Geliebte meiner Ailleen gleich ſeyn moͤge, und daß Kinder und Kindes⸗ kinder erwachſen und Euer Gluͤck machen moͤgen,— und— und“— die letzten Worte waren weder hoͤr⸗ bar noch verſtaͤndlich.„Hoͤret mich,— aber bewegt mich nicht,— hoͤret mich an mit Eurer ganzen Seele, — ein Feind umgiebt Euch ganz nahe,— habt kein Vertrauen in“— er ſtreckte ſeine duͤrren Gebeine aus — und ſtarb. Pierce konnte nicht umhin ihm eine Thraͤne zu weihen; ein allgemeines Blutbad lockt oft keine Thraͤne ab, waͤhrend individuelles Elend, wie dieſes, die Schleu⸗ ſen menſchlicher Gefuͤhle oͤffnet. Mit Huͤlfe zweier —— 14* 1 „ Frauen trug er die Leiche ins Dorf, wo die Leichen derjenigen, deren Wohnungen fern waren, in einer geraͤumigen Scheune mit aller Achtung und Anſtaͤn⸗ digkeit niedergelegt waren. Da nun Pierce Shea aͤußerſt begierig war, in ſein vaͤterliches Haus zuruͤck zu kehren, verlor er keinen Augenblick, die traurige Bitte des Sterbenden zu erfuͤllen, und kehrte eiligſt nach dem Platze, wo er, zu Folge der Beſchreibung des armen Terenz, erwarten durfte, ſeine huͤlfloſen nachgelaſſenen Angehoͤrigen zu finden. Es iſt vielleicht hier nicht am unrechten Orte zu bemerken, daß, obgleich die Sprache, in der ſich De⸗ lany ausdruͤckte, den Meiſten viel zu verfeinert fuͤr ſeine Lage ſcheinen mag, ſie doch aufs genaueſte dem Genius der irlaͤndiſchen Sprache angemeſſen iſt, die durchaus nichts enthaͤlt, was man vulgair nennen kann. Die Wortſetzung, ſelbſt im Munde der Bauern, und wie ſie jetzt noch uͤblich iſt, kann kaum verdorben wer⸗ den, noch koͤnnten die Alltagsausdruͤcke der gemein⸗ ſten Menſchen unter ihnen in gleichbedeutende Worte des Jargons uͤbertragen werden, in welchem die gemeinen Englaͤnder ſich ausdruͤcken. Als Pierce nach dem Wege nach Murtoch Ma⸗ hers Scheune fragte, erfuhr er, daß er dort vorbei kommen mußte, wenn er nach Hauſe ging. Ein zer⸗ ſtoͤrendes Feuer hatte einige Zeit vorher das Wohnhaus eines wohlhabenden Paͤchters niedergebrannt, und um den Flammen Einhalt zu thun, hatte man einen Theil des Strohdachs einer benachbarten Scheune niederge⸗ 8 riſſen; ein Ende blieb bedeckt, aber das andere ge⸗ waͤhrte den ſtuͤrmenden Elementen freien Zutritt,— und hier hauſete Moya Delany mit ihren drei Enkeln!— Pierce fand dieſe betruͤbte Gruppe leicht; die Alte, die von ungewoͤhnlicher Groͤße war, und in ihren Ge⸗ ſichtszuͤgen viel Aehnliches mit ihrem verſtorbenen Sohne hatte, ſtand aufrecht mit ihrem Ruͤcken gegen den Eingang gewandt; das juͤngſte Kind lag ſchlafend an ihrem verwelkten Buſen, und die beiden an⸗ dern blickten hungrig und wachſam auf einige Erd⸗ aͤpfel, die in der weißen Aſche eines Feuers roͤſte⸗ ten, das auf dem Boden von gruͤnem Ginſt ge⸗ macht war.. Shea hatte bis zum Augenblick ſeines Eintritts die Schwierigkeiten ſeines Auftrags nicht gehoͤrig be⸗ dacht, und er wußte ſich nun kaum zu rathen, auf welche Weiſe er ſeine traurigen Nachrichten mittheilen ſollte. Die alte Frau hatte ſeinen Eintritt gar nicht wahrgenommen, und er ſtand einige Minuten hinter ihr, ehe ſein:„Gott gruͤß' Euch!“ ſie wie aus einem Traum erweckte. Sie drehte ſich ſchnell um, blickte ihn an, aber Beide ſprachen kein Wort. Endlich ſprach ſie mit einer feſten und betruͤb⸗ ten Stimme, und die folgende Unterhaltung war irlaͤndiſch: „Mein Herz iſt betruͤbt, junger Herr, daß ich Euch keinen Sitz in dieſem traurigen Aufenthalt an⸗ bieten kann.“ aber ſein Gefuͤhl uͤberwaͤltigte ihn beinahe, als er um ſich her blickte,—„ich habe blos einen Auftrag von Eurem Sohn.“— Sie kam naͤher und richtete feſt ihr Auge auf ihn.„Von meinem Sohn?— Und wes fuͤr einen Auftrag von meinem Sohn?— Ich habe ihn die vorige Nacht nicht geſehn, aber meine Traͤume waren voll von Terenz.— Euer Geſicht erſchreckt mich, junger Mann,— ſprich aus, was du zu ſagen haſt.“ „Mein Geſicht ſollte die Wehmuth meines Her⸗ zens zeigen,“ ſagte Pierce mit gebrochener Stimme, und er uͤberreichte ihr den kleinen Nachlaß. „Glorreicher Gott!— Ich traͤumte, daß ich bei ſeinem Leichnam ſaß.— Und in dieſem Augen⸗ blick ſah ich ſeinen Sarg in jenem kleinen Feuer.“— Sie ergriff ſeinen Arm, und blickte wilder und durch⸗ dringender ihm in die Augen.„Mein Sohn todt!— So iſt es,— und hier iſt Blut an Euch,— Ihr ſeyd ſein Moͤrder!“— „Gott der Barmherzige bewahre mich da⸗ fuͤr!“— „Aber hat er die alte Mutter und die kleinen Waiſen verlaſſen?“— Dies fragte ſie im Tone unausſprechlichen Jammers, und ihre Thraͤnen floſſen ſchnell. „Jeſus Chriſt ſteh' Euch bei!“ ſagte Pierce und bedeckte ſein Geſicht mit ſeinen Haͤnden. 210„ „Das iſt gar nicht noͤthig, meine gute Frau,“— 211 Sie war betaͤubt, erhielt ſich aber doch aufrecht; ſie weinte dann unaufhaltſam, ohne jedoch in laute Klagen auszubrechen. Endlich ſetzte ſie ſich nieder, rief die Kinder um ſich her, und ſagte ihnen, daß ſie nun keinen Vater haͤtten; zugleich druͤckte ſie mit einem Arm das kleine Kind, das an ihrer Bruſt lag, mit ſolcher Heftigkeit, daß es ſchrie, und ſie um⸗ ſchlang mit dem andern die beiden aͤltern Kinder, deren Wehgeſchrei laut ausbrach, als ſie ſich an ihre zerriſſene, aber reinliche Kleidung hingen. Nach Ver⸗ lauf eines kleinen Zeitraumes erſuchte ſie Pierce, ihr die Todesart ihres Sohnes zu berichten, und als er ihr gehorchte, uͤberzogen Wuth und Rache ihr Geſicht; doch, als er den letzten Theil des Auftrags erwaͤhnte, den der ſterbende Terenz ihm gegeben, trocknete ein triumphirendes Gefuͤhl die Thraͤnen von ihren Wan⸗ gen, und die verwittwete und kinderloſe alte Frau fragte in einem ernſten Tone:— „Ich hoffe, er ſtarb benetzt mit dem Blute der Verraͤther?“ „Er ſtarb ſo,— ich ſah das Blut naß an ſei⸗ nen Haͤnden.“ „Dann ſtarb er, wie ich ihn zu ſterben wuͤn⸗ ſchen konnte! Und keine Thraͤne,“ fuhr ſie fort als ſie aufſtand,„keine Thraͤne mehr ſoll je von der Mutter Auge fließen, das fruͤhe Grab ihres Terenz zu be⸗ netzen.“— Hierauf ergriff ſie ein hoͤlzernes Gefaͤß mit Waſſer, loͤſchte die Aſche des Feuers aus, nahm Eins der Kinder bei der Hand, winkte das Andere zu 212 ſich, und mit dem juͤngſten im Arme fortfahrend, ſagte ſie, in einem mehr befehlenden als bittenden Tone zu Pierce, der voller Erſtaunen daſtand:„ fuͤhr⸗ mich zum Leichnam meines Sohns; er muß ausge⸗ ſtreckt und bewacht und begraben werden, und ſeine Hinterlaſſenen muͤſſen beim Haupte deſſelben ſitzen.“ So gedraͤngt, und unter ſolchen traurigen Um⸗ ſtaͤnden konnte Pierce, ungeachtet ſeines Verlangens zu Hauſe zu ſeyn, nicht umhin ihren Wunſch zu erfuͤllen; er nahm daher das kleinſte Kind vom Arm der Alten und fuͤhrte den Weg an. Sie nahm jeden der andern beiden Enkel bei der Hand, und folgte ihm ſchweigend mit einem feſten Schritt. Es war bekannt, daß Terenz Delany keine Wohnung hatte, und wie ſie in der Scheune an⸗ kamen, in welcher, wie wir vorher bemerkten, ſein Leichnam ausgelegt war, fanden ſie, daß alle gewoͤhn⸗ lichen Gebraͤuche bereits beobachtet worden waren. Die Mutter ſchritt gerades Weges zur Bahre, warf aber doch einige ſchnelle Blicke auf beide Seiten, wo die Leichen in Reihen lagen. Einen Augen⸗ blick blieb ſie aufrecht ſtehn, und betrachtete die ſtillen Geſichtszuͤge ihres einzigen Sohns; dann buͤckte ſie ſich langſam, und kuͤßte ſeine Lippen, endlich brach ſie in einen unregelmaͤßigen Trauergeſang aus, den ſie in mancherlei ungleiche Dhaſſ, oder Verſe, eintheilte. „Ich naͤhrte dich an meiner Bruſt,— ich be⸗