Sndanarrar EERrrrnananhrnannhr Leihbibliothek von Eduard Ottmann in Gießen. Täglicher Leſepreis für ein deutſches Buch 1 Kr. „ franz. od. engl.„ 2„ Das Abonnement beträgt: für wöchentlich 6 Bücher: 4 Bücher: 2 Bücher: auf 6 Monat: 2 fl. 30 Kr. 2 fl. 12 Kr. 1 fl. 12 Kr. 77 aranananananananhnhnanah Trana. „ 1„.=„ 36„—„ 27„ enla arararar aAThr r 2-ELEEErernanenhnhr Geſchichten und Maͤhrchen zum Nutzen und Vergnuͤgen fuͤr Kinder und ihre Freunde. Frankfurt am Main, 1 34 3 Inm Verlage des Herausgebers, allen Buchhandlungen. 8„ 8 ½ Inhalt. — 1. Da natuͤrliche Fee, mit zwei geſtoche⸗ nen Darſtellungen, A.... Seite . Der Prinz, oder der Sieg des Glau⸗ bens, mit zwei geſtochenen Darſtellun⸗ gen, B.—-— 26 Der Schatz, oder das dankbare Geſpenſt, mit zwei geſtochenen Darſtellungen, C.— 43 Die Strafe.....— 72 . Der Bauer und der Gadi.— 30 Der Gott im Kaſten...„— 37 go und die beiden Witwen, mit einer geſtochenen Darſtellung, D....—— 90 83. Fo der Reiche und Arme, mit einer ge⸗ ſtochenen Darſtellung, D....— 95 2 9. Mutterliebe..„— 102 . Abraham erſter Anblick der Erde.„— 103 Abraham und der Fremdling..— 106 Moſes und Schiras der Weiſe...— 109 Salomo der Weiſe und Maͤchtige.— 116 8 . mit Anmerkungen,*) zu den Geſchichten und Maͤhrchen für Kinder und ihre Freunde *) Dieſe Anmerkungen ſind aus einem guten Herzen geſloßen, und muͤſſen von einem guten Herzen ge⸗ leſen und empfunden werden. Wer ein boͤſes Her hat, der laſſe ſie ungeleſen, denn er hat kein Ge fuͤhl fuür die Wahrheit und Tugend. (4) Daß in unſerer Zeit viele Gelehrten durch ihre Schriften mehr Schaden als Nutzen ſtiften, iſt für den Menſchenfreund eine traurige Erſcheinung. In einer blühenden Schreibart werden in vielen Ro⸗ manen und Schauſpielen die großten Laſter und Verbrechen dargeſtellt. Große, geiſtreiche Schrift⸗ zen, ſollten in ihren Schrif en doch wenigſtens Laſter und Verdrechen nicht mit ſchönen Farben ſchildern. Dieſe ſo anziehenden Dichtungen*) was ſind die Geſchichten, die ihnen zum Grunde liegen, anders, als eine Kette von Laſtern und Verbrechen, die, wann man ihnen den Schmuck wegnimmt und ſie 49 ihrer Nacktheit hinſtellt, Abſcheu erregen? Kein Schriftſteller aber ſollte ſeine trefflichen Dichtergaben 1 dan anwenden, Laſter und Verbrechen im Schim⸗ mer und Glanz darzuſtellen. Iſt es denn ein Wun⸗ daß viele Menlchen ſo verderbt ſind, daß ſi f e Schriftſteller und Weltweiſe, watum ent⸗ t eure harno⸗ Gabe zum Dichten durch ftade ſteller, ſolche, die am Literariſchen Hortzont glän⸗ —,.—— *) Soviel mir bekannt iſt, waren die Raͤuber und — 3—— falſche Wahl und durch Mißbrauchz warum wendet ihr ſolche nicht lieber dazu an, die Tugend der Menſchenliebe, der Gedult, der Großmuth, der Freundſchaft und des Wohlthuns in ihrer ganzen Kraft und Schönheit darzuſtellen?— Dann ſeyd ihr Wohlthäter für eure Zeitgenoſſen und nur da⸗ durch könnt ihr Ruhm und Segen von der Nach⸗ welt erringen. d die Braut von Meſſina, dann die Leiden des jungen Werthers und die Wahlver⸗ wandtſchaften die erſten und beruͤhmteſten, und dieſen folgte dann ein Heer von Nachah⸗ mungen.—— Kaum erſchien die dramatiſche Dichtung: der 24te Februar, ſogleich kam ein Anderer und ſchrieb ein ahnliches: der 29 te Februar. Der naͤmliche Verfaſſer ſchrieb zu gleicher Erbauung: Die Schuld. Von glei⸗ chem Schlage iſt unlaͤngſt von einem ungenannten Verfaſſer in 2 Baͤnden erſchienen: Die Elirire des Teufels, Trotz ſeiner einzelnen Schoͤn⸗ heiten iſt es ein verzerrter widerlicher Roman⸗ Durch ſolche Buͤcher werden wahrlich die Men⸗ ſchen nicht ſittlich beſſer.— 3 1932 imet 2) 36 e⸗ 8 Glücklich und Gluͤckſelig ſeyn, welcher grofe Unterſchied! Was iſt denn das Glück, dem nur Thoren nachjagen und dem ſie Alles, ihre Unab⸗ hängigkeit, ihre Ruhe, ja ſogar ihr gutes Gewiſſen aufiuopfern bereit nd? Ein Schatten, der hlos dem geblendeten Auge der Leidenſchaft oder der Ei⸗ Sa tel⸗ 6 — 4— kelkeit als etwas Wirkliches erſcheinet.— Das reine, wahre Glück kehrt nur im Geleite weiſer Genügſamkeit und Zufriedenheit in unſer Herz. Nützte doch der Menſch der Welt ſo olel als er vermag, in dem Wirkungskreiſe, auf dem Stand⸗ punkte, den das Schickſal, nicht aber ſein Ehrgeiz, ihm anweißt. Ja, nur der Tugendhafte genießt froh und dankbar den mäßigen Theil der Glücks⸗ güter der Welt, den ihm Gott verleihet. Ach, ſtrebte doch der Menſch nicht mit ängſtlichen Sor⸗ gen nach mehreren Glücksgütern; denn über das Streben verliert er ſo leicht den Genuß derer, die er wirklich beſitzt. Wen der Ewige mit Reichthum überſchüttet, oder zu hohen Ehrenſtellen berief— er iſt mehr zu bedauern als zu beneiden; ihm zeigt ſich ſelten das wahre Glück in ſeiner eigenen Ge⸗ ſtalt.*) Ein eigner Herd, ein gebildetes, tugend⸗ baftes Weib, gut gerathene Kinder, ein treuer Freund, was vermag der größte Reichthum, die höchſte Ehrenſtufe Köſtlicheres zu gewähren? Und doch kann faſt jeder, der nur will, wenigſtens drei von den obigen Gütern erhalten, da hingegen Reich⸗ khümer und Ehrenſtellen nur Wenigen zu Theil weerden können und ſelten hlücklich machen. Nicht die Kenntniß des Böſen und Guten mangelt dem Reichen und Großen der Erde, aber den mei⸗ ſten mangelt die Kraft, dieſer Kenntniß zu folgens⸗ Jghre Leidenſchaften ſind ſtaͤrker als die Vahrhen. “ und — 5— und wer ſie beſſern will, macht ſich bei ihnen ver⸗ haßt. Ach, die Stimme der Tugend iſt nur beredt für tugendhafte Herzen; die andern folgen nur der Beredfamkeit, die ihren Begierden und ihren Laſternn ſchmeichelt. Nenn' dieſe Laſter Schwäche, oder ei⸗ finde ſonſt ein minder harttönendes Wort man wird dir Beifall zulaͤcheln und mit Dank lohnen; nenne es aber bei ſeinem wahren Namen, zeige es in ſei⸗ ner ganzen abſcheulichen Nacktheit und man wird dich haſſen und perfolgen. Gant 3 6) Man verwundere ſich nicht über die zwar kleine, aber für die damalige Zeit bedeutende Summe. In dem fünfzehnten Jahrhunderte, wo dieſe Sage her⸗ rührt, war das reiche Peru noch nicht entdeckt und daher Teutſchland noch ſehr arm an Geid, und doch hatte man das unglückliche, unheilbrin⸗ gende Papiergeld noch nicht; dieſe hölliſche Erfin⸗ dung war nur dem achzehnten Jahrhunderte vorbehal1su ten. Damals gab es keine Landſaugern von Miun; ſtern oder Geheimen⸗Räthen, die durch ihre Plut macherei die Unterthanen arm und elend machten.*) 1 *) Die Unterthanen ſind am gluͤcklichſten, die wenig auslaͤndiſche Bedurfniſſe brauchen, kein Pa⸗ piergeld und kein Lotto*) um Lande haben, undßwo die Buͤrger, nach Montesquieu's Staarsgeſetze, weder zu arm noch zu reich, ſon⸗ dern im Ganzen wohlhabend ſind. ⸗) Paviergeld und Lotto's kannte man in älterern Zeiten nicht, dieſe unglücklichen menſchenverderbenden Eyfindun⸗ gen haben wir blos dem letzten Jahrhunderte der plus⸗ macherei zu verdanken. 8 Weich 3 6— 66(4) Welch ein Abſtich iſt Frauenzimmer*) und einem verbildeten, wo Seyn und Schein ſich jedem Vernünftigen offen dar⸗ ſtellt. Weibliche Bildung iſt daher ein ſehr drin⸗ genbes Bedürfniß, in unſern Zeiten der hohen Auf⸗ klärung und der verfeinerten Sinnlichkeit. Wo die Einfalt in der Denk⸗ und Lebensweiſe immer mehr verſchwindet; wo die öffentliche Meinung ſich im⸗ mer mehr Anſehen erwirbt, die doch ſich immer mehr entfernt von den Geſetzen der Wahrheit und der Würde; wo die Menſchen ir vielfachem Ver⸗ kehren ſtehen, wo die Formen des geſelligen Lebens zahlreicher und künſtlicher, die Sitten freier und der Sittlichkeit mehr entfremdet werden, wo Auf⸗ wand und Prachtliebe, Mode⸗ und Zerſtreuungs⸗ ſucht 4) immer herrſchender werden; wo die Ei⸗ telkeit überall Reiz und Nahrung findet: da kann ſich die Natur nicht lange in ihrer eigenthümlichen Nichtung halten 3 da iſt der Grund zu einer verkehr⸗ ten Sinnesart gelegt, die bald mit unwiderſteh⸗ licher Macht von allen Seiten in das weiche Herß dringt. Eine weiſe, feſte Bildung muß hier die Gefahren und Nachtheile der Verfeinerung verhü⸗ ten, und die regelloſen Eindrücke, die Kopf und Herz überall empfangen, unſchädlich machen. Die widerffnnigſten Aeußerungen und die traurigſten Miß⸗ ver⸗ zwiſchen einem geblldeten 3 —— 8 SZ N N8 0 NͤGG —— 7— verhältniſſe kommen zum Vorſcheine, wenn nicht eine aufgeklärte Kunſt ihnen entgegen arbeitet. Das Mädchen, das, ohne Sinn für Bildung, ſich den Einflüſſen einer ſolchen Zeit hingibt, iſt immer das weichlichſte, eitelſte, herzloſeſte Geſchöpf; das zu jämmerlicher Gemeinheit und Elendigkelt herabſinkt, verführbar durch jeden Reiz und fähig zu jedem Laſter. *) Frauenzimmern denen es um wahre Bildung zu thun iſt, empfehle ich Ehrenberg's treflliche Schriften fleißig zu leſen. **⁸) Wozu die leidige Sucht, Romane zu leſen, kraͤf⸗ tig genug ihren Theil beitraͤgt. (5) In Teutſchland gehörte es leider einſt auch zum guten Geſchmack, daß die Reichen die Schriften ei⸗ nes Rouſſeau und Voltaire in ihrer Bücher⸗ ſammlung hatten. Rouſſeau hat ſein nicht er⸗ bauliches Leben ſelbſt beſchrieben und der Welt mit⸗ getheilt. Man hat auch eine Art Lebensbeſchrei⸗ bung von Voltaire, die von ihm ſelbſt iſt. Da⸗ rin ekblickt man ihn aber nur als einen ſelbſtſüchti⸗ gen und feinen Heuchler, der ſich der Welt zum Lobe ausſetzt, deſtomehr beſpritzt er andere recht⸗ liche Männer mit ſeinem Geiſer, ſelbſt das Heiligſte ſchonte er nicht.*) Dieſer galliſche Spötter und Afterphiloſoph**) lebte im achtzehnten Jahrhun⸗ dert dert und ſtarb 1773 im iſten Jahre ſeines Le⸗ bens. e) Er war aus Irrthum ein Feind des Chriſtenthums. Was ſchwärmeriſche Prieſter unter dem Namen des Chriſtenthums Boſes ſtifteten, ſchrieb er dem Chriſtenthume ſelbſt zu. Durch ſeinen Spott über das neue Teſtament und die Perſon Jeſu hat er ſich bei der ganzen frommen Welt in Verachtung gebracht. Er wollte in Verbindung mit doAlem⸗ bert, Diderot und noch einigen Anderen ſeines Gelichters die chriſtliche Religion verdrängen, aber ſie liegen im Staube, dieſe After⸗Philoſophen und das Reich Jeſu blühet noch herrlich und in ſeiner Kraft unter uns, und wird auch trotz dem Geſchrieb⸗ ſel der franzöſiſchen After⸗Philoſophen in ſeiner Würde und Herrlichkeit fortbeſtehen. *) Pirou ein franzöſiſcher Schriftſteller ſagt in ei⸗ ner ſeiner Schriften ſehr treffend von Voltaire: ¹il n'avoit pas éerit, il eut assassinée. **½) Man hat den großen, beruͤhmten ranzoͤſtſchen Gelehrten, als d'Alembert, Diderot, Hel⸗ vetius, Rouſſeau, Voltaire und noch andere ihres Gleichen, den Namen Philoſophen bei⸗ gelegt, dadurch iſt gewiſſermaßen die Philoſophie in einen uͤbeln Ruf gekommen. 4 Nicht die Philoſophen ſind es, ſondern die Phi⸗ loſophit iſt es, was wir achten muſſen. Lehrt der Philoſoph eine falſche Philoſophie, ſo iſt er ein After Philoſoph; denn das Mehl und nicht die Muͤhle, dgs Fleiſch und nicht der Metzger ſind vor⸗ trefflich; Fruchte der Philoſophie und n der Phi⸗ loſophen ſind es, was wir achten müſſen. Die Kenntniß, der Mittel zur Weisheit zu gelangen,. iſt heut zu Tage eine ruͤhmliche Wiſſenſchaft geißor. 3 den, r ſes elende Buch geſchrieben hat. Freiherr von Montesquieu lebte in Paris — 9— den, aber Wenige gebrauchen ſie zu ihrem Gluͤck oder zum Gluͤck der Welt. Die meiſten Menſchen wollen eigentlich nur glaͤnzen, aber nicht gluͤcklich ſeyn, noch gluͤck⸗ lich machen. ***) Daß nur wahre Tugend und Religion Zufriedenheit im Tode geben kann, mag folgende Anekdote unter andern bewaͤhren: Kurz vor ſei⸗ nem Tode behauptete Voltaire auf dem Ster⸗ bebette, ſo lange als Leute im Zimmer waren, ſeine Standhaftigkeit. Endlich aber ward auf ſein Be⸗ gehren jedermann verabſchiedet. Nur Challig⸗* non(vom franzoͤſiſchen Geniekorps), ſein vertrau⸗, ter Freund blieb. Hier rief Voltaire mit dem ſchneidenden Tone der Leidenſchaft, in dem er die Reden ſeiner Helden der Tragoͤdie vorzutragen pflegte: O noire melancholie! je suis perdu: oui perdu! Er biß ſich dabei in die Hand. Chal⸗ lignon von Abſcheu ergriffen, eilte hinweg und kam nach einiger Zeit mit mehreren Vertrauten wieder zuruͤck, wo ſie ihn todt fanden. Dieſer Umſtand aber wurde ſorgfaͤltig verſchwiegen und das Volk fuhr fort einen Menſchen zu vergoͤttern, der ſich ſelbſt verflucht hatte. (6) Machiavelli lebte in der erſten Hälfte des ſechzehnten Jahrhunderts, und iſt der Verfaſſer des berüchtigen Buches: Die Regierungskunſt eines Fürſten. Es iſt bekannt, daß Friedrich II. der weiſeſte und gerechteſte König ſeiner Zeit gegen die⸗ im Anfange des achtzehnten Jahrhunderts. Er iſt der Verfaſſer eines trefflichen Buches: Seiſt der — 10— Geſetze, woran er dreißig Jahr gearbeitet hatte. Er war nicht allein ein großer Gelehrter und Welt⸗ weiſer, ſondern auch ein rechtſchaffener und tugend⸗ hafter Mann, der ſich von dem Strom ſeines ver⸗ derbten Zeitalters nicht fortreißen ließ. Filangteri ein berühmter Gelehrter und Publiziſt in Neapel, lebte in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts. Er endigte ſein glorrei⸗ ches und thätiges Leben ſchon im 36 Jahr. Sein ſehr berühmtes Werk: Syſtem der Geſetzgebung iſt ein Meiſterſtück von tiefem Studium der Staats⸗ verfaſſung und bürgerlichen Wohlfahrt, es wurde in acht Sprachen überſetzt und mit großem Beifalle aufgenommen. Handelten die Fürſten nach Mon⸗ tesquieu's und Filangieri's weiſen Staats⸗ geſetzen, ihre Unterthanen würden nie aus⸗ wandern. 0 Wenn einmal wieder ein zweiter Solon auf⸗ ſtünde und ein kräftiges Geſetz gäbe; daß keine Kinder unter 10 Jahren in eine Lernſchule dürften gethan werden, und unter**) 17 bis 18 Jahren zu keinem Gewerbe, und unter 4 bis 5 Jahren von keiner Lehrzeit entbunden. Die Wanderſchaft müßte wenigſtens drei Jahr dauern Ein ſolcher Menſch wüürde alsdann in jedem Zeitabſchnitt ſeines Lebens ein — 11— 8 ein mit Kraft, Verſtand und Ausdauer begabter Menſch ſeyn. Die Menſchen würden im Einzelnen wie im Allgemeinen nicht ſo verſchroben, verhunzt und verderbt ſeyn; es gäbe dann nicht mehr ſo viele Schwächlinge und junge Greiſe. *) Es iſt ein Mißbrauch Kinder ſchon im 14 oder 15 Jahr zum oͤffentlichen Chriſtenthume einzuweihen; in ſolchen Jahren haben ſie noch nicht den hinlaͤng⸗ lichen Verſtand, ſich wahre Begriffe von der Reli⸗ gion und von der Heiligkeit Gottes zu machen. Treibt man ſie auch gleich ganze Buͤcher von Spruͤchen und Verſen auswendig zu lernen, ſo gibt ihnen dieſes im Gegentheil eine Abneigung ge⸗ gen die ſo treffliche chriſtliche Religion. Ihr kindi⸗ ſcher Verſtand und ihre Flatterhaftigkeit empfindet noch zu wenig das Troſtreiche und Herzerhebende der Religion. G (8) Beobachtung des Schicklichen, Nachahmung deſſen was am meiſten wohlgefällt, Entwicklung derjenigen Eigenſchaften und Empfindungen, welche den meiſten Menſchen wohlthut,*) als Hochachtung, Beſcheidenheit, Wohlwollen, Uneigennützigkeit, und vor allen Dingen, die Bereitwilligkeit, mehr zu geben, als man von uns fordert, dadurch können wir uns im Allgemeinen ſowohl als bei Ein⸗ zelnen Zuneigung und Achtung erwerben. *) Es iſt nicht gleichviel ob ich meine Freunde, meine Nachbarn, mein Geſinde kenne, oder mich in ih⸗ rem Karakter irre; es iſt aber nichts daran gelegen, ob ich Bonaparten fuͤr einen großen Helden pder fuͤr einen unſinnigen Stoͤhrer der Ruhe der Welt mit — 12— mit Recht oder Unrecht halte. Was ſchadet es, ob ich Surinam nach Afrika, oder Calicut nach Amerika verlege, oder nicht? wenn ich aber eine Reiſe thun will, muß ich die Gegend und Lage des Orts wiſſen, wohin ich trachte; die Straßen mei⸗ nes Wohnorts muß ich kennen. Im gemeinen Le⸗ ben braucht man wenig, gelehrt zu ſeyn, wenn man nur ſchweigt und zuhoͤrt wenn von Etwas, was wir nicht wiſſen, geſprochen wird. 3 „ 3, 4⸗ 8)s ch Es iſt in der That lächerlich wenn man oft ne ließt, wie die meiſten Zeitſchriften mit vollen Backen 23 es auspoſaunen, wenn ein König oder Fürſt ſeine ir Regentenpflicht ausübt;*) wenn es heißt: der b. gute, der edle Fürſt, der Vater ſeines Volkes.) 13 Sind denn die Furſten in einem ſo übeln Rufe, daß man ihre Rechtſchaffenheit und ihre Regenten⸗ pflicht zu einer Welt⸗Neuigkeit macht?— Das heißt nicht die Könige und Fürſten erheben, ſondern ſte in der That erniedrigen. Ein Fürſt, der auf iiber ſpeißt, im Ueberfluß lebt, während ein Theil ſeiner Unterthanen unverſchuldet im Elend ſchmach⸗ tet oder gar verhungert, entehrt die hohe Stelle auf die ihn die Geburt und das Schickſal geſtellt hat. Ein Fürſt iſt nicht ein Fürſt, durch ſein⸗ Macht und Gewalt; ein edler Fürſt iſt Gott in menſchlicher Geſtalt. . Sehr wahr ſagte jener Weltweiſe zu einem Kö⸗ Brüder und gleich ſind! aber ich ſehe deſto demü⸗ thiger deine Krone an, da dich Gott über ſo große Weſen geſetzt hat, natürlich nicht ſie zu mißhan⸗ deln und zu dricken, ſondern ſie zu lieben, und für ihre kleine und große Glückſeligkelt zu ſorgen. ) Selbſt von jedem Menſchen aus dem niedern Stande⸗ fordert man Rechtſchaffenheit und Pflichterfuͤllung. Warum denn nicht von gebildeten, erhabenen Per⸗ ſtehen, und auf die Jedermann hinſteht. **) Oder es mutzte ſeyn, daß manche Räthe ißrem Furſten in oͤffentlichen Blaͤttern gute Handlungen — oder Eigenſchaften andichteten, die demſelben man⸗ . geln, in der edlen Abſicht, um ihn wenigſtens zum Theil dahin zu bringen, was die Oeſßentlickeit H nig: Ich ſtehe hier mit Stolz neben dir, daß wir ſonen, die vor aller Augen auf einer ſo hohen Stelle— . von ihm ſagt. Das iſt der beſte Fürſt von demman 14— 8 wenig oder gar nicht ſpricht, und gluͤcklich iſt ein Volk, deſſen Geſchichte langweilig iſt. (b) In der Türkei in einigen aßaatiſchen Bezirken, iſt dieſes etwas Gewohnliches. Keinem Türken— fällt es nur einen Augenblick ein, etwas Gefundenes zu behalten, wovon er weiß daß es einem Andern gehört.*). *) Man ſehe das treffliche und leſenswerthe Buch: Schickſale eines Schweizers waͤhrend ſeiner Reiſe nach Jeruſalem und Libanon. 3 Theile, St. Gallen. (e) Ein teutſcher Dichter ſchilderte die Fähigkeit Napoleonss ſehr treffend. Ich habe gezeigt, läßt der Dichter Napoleon redend auftreten, habe gezeigt: wie mit Kunſt man Menſchen mordet, und nach Regeln Blut vergießt;; 8 wie man nach Grundſätzen raubet und nach eigener Laune ſtiehlt; wie man planmäßig zerſtöhret, und im großen Sinne vertilgt; kunſtgemaß Verträge ſchließet, und dann zeitgemäß ſte bricht; Welt regiert**) * kurz das anze geo⸗ Handwerk, wodurch man die ——„„ 8— ͤ,— Diernatürliche Fee. ℳ Jr der Normandie, einige Meilen von Forges nahe bei der reichen Abtei Bobec, lebte in der Mitte des vorigen Jahrhunderts ein ehrlicher, ſchlichter Pächter, Namens Anſelm, mit ſeiner Frau und Kindern. Er war zwar arm, aber ſo glücklich, daß er ſeine kleine Wohnung ſeit fünfzehn Jahren nicht verlaſſen hatte, auſſer um bisweilen die be⸗ nachbarte Kloſterkirche zu beſuchen. Sein Häuschen lag in der Mitte des Waldes. Er hatte keinen Nachbar, und verlangte keinen. Für ihn gab es kein höheres Vergnügen, als am Abend, wenn er vom Felde heimkehrte, im Schooße ſeiner Familie auszuruhen. Drei Morgen Land, zwei Kühe und ein Dutzend Hühner machten ſeinen ganzen Reich⸗ thum aus. Seine Familie beſtand auſſer ſeiner Frau und ſeinen Kindern noch aus einer Magd die Jako⸗ bine und einem Knechte welcher Michel hieß, ind welche die Helden dieſer Geſchicht. hhrdens — 2—. Magd befand ſich ſeit ihrer Kindheit in dieſem Hauſe, V und hatte ganz die Sitten und Gewohnbeit ihres Herrn und ſeinen Geſchmack an der einſiedleriſchen Lebensart angenommen. MNiee hatte ſie ſich über eine halbe Stunde weit von ihrer Wohnung entfernt, und von allen Ge⸗ bäuden auf Gottes großer Erde kannte ſie nur die einzige Abtei Bober; allein ſelten hat wohl die Pe⸗ terskirche zu Rom, oder der Münſter zu Strasburg ſolche Bewunderung erregt, als die kleine Kloſter⸗ kirche in Bobec, Jakobine einfloßte, Sie hatte wohl von Forges reden gehört, und wußte, daß dieſe Stadt über vier Stunden von ihrer Hütte ent⸗ fernt ſey; allein wie hätte ſie in Verſuchung ge 3 ralhen ſollen, eine ſo weite Reiſe zu unternehmen. Jakobine, konnte, wie man leicht glauben wird, weder leſen noch ſchreiben, und hatte in ih⸗ 8 rem Leben kein Buch zu Geſicht bekommen. Ihre 8 Fahigkeiten waren ziemlich beſchränkt, und ſie ver⸗ ſtand uichts, auſſer Kühe zu melken, Butter und Käſe zu machen, und der Frau des Pächters in hrer kleinen Haushaltung an die Hand zu gehen. Keine weitläufige Kenntniß beſchwerte ihren Geiſt, und ſie beſaß kaum die nöthige Einſicht, um die Pflichten ihres Standes ſo gerade hin zu erfül⸗ len; und hätte ihr das Geſchick nicht einen eben 2 menſchlichen, als nachſichtigen Herrn gegeben, ſie würde mehr als einmal in Gefahr gerathen ſeyn⸗ ihren Dienſt zu verliehren. Indeſfen hatte ſie bei allen ihren Fehlern immer den beſten Willen; fie beſaß wenig Gedächtniß, war etwas trägen Geiſtes und Körpers, aber dabei waren ihre Abſichten lauter, und ſie meinte es mit der ganzen Welt 4 redlich, daß Anſelm und ſeine Frau nie mit ihr zürnen konnten. Der Knecht Miche! beſaß noch einen Theil weniger Geiſt und Thätigkeit als Jakobine; ſeine körperliche Schwäche entſchuldigte in den Au⸗ gen des nachſichtsvollen Anſelm, ſeine wenige Brauchbarkeit. Uebrigens war Michel ein guter Schlag von Menſchen, er beſaß einte angeborne Red⸗ lichkeit und Ehrlichkeit, ein kaltes nie zu erwärmen⸗ des Blut, und eine immer gleiche Stimmung des Gemüths, um die ihn ein Weltweiſer beneidet haben würde. Zwiſchen Michel und Jakobine herrſchte eine ſo große Seelenverwandſchaft, daß es ein hal⸗ bes Wunded geweſen ſeyn würde, da ſie ſich täglich geſehen, ohne ſich einander anzuzlehen. Ihre gleichen Gefühle kamen zur Sprache, und die beiden Meben⸗ den baten ſich von ihrem Herrn die Erlaubniß aus, ſich einander heirathen zu dürfen, was ihnen auch bewilligt wurde,. Der Hochzeittag ging froh vorüber, und nach vier Jahren war Ja tobine Mater on d *— 4— erzogen wurden. Um dieſe Zeit warf das Schickſal unſerm zu⸗ friedenen Pärchen den erſten ungünſtigen Blick zu. * Frau des Pachters ſtarb, und er ſelbſt folgte r zwei Jahr nachher. Dadurch verloren Michel und Jakobine den beſten Dienſtherrn und die einzige Stütze, welche ſie auf der Welt hatten. Ei⸗ nige Anverwandten traten die Vormundſchaft über die Kinder an, nnd nahmen das kleine Erbe in Beſchlag. Sie waren unempfindlich genug den ar⸗ men Michel und ſeine Jakobine zu verab⸗ ſchieden. Nun mußten ſie alſo die theure Hütte verlaſſen, die ſie als ihr väterliches Haus betrachteten; ſie mußten ſich aus den Armen der kleinen Kinder des tugendhaften Anſelm losreiſen, dieſer Kinder, die Jakobinen ſeit zwei Jahren den ſüßen Mut⸗ ternamen gegeben hatten. Die gute Jakobine benetzte ſie mit ihren Thränen, und ſchieden von ihnen in Verzweiflung, begleitet von ihren vier Kindern und dem hochbetrübten Michel, der unter dem Arme ein großes Bündel trug, welches einige grobe Kleidungsſtücke und Hemder enthielt, das einzige Gut, das dieſer unglücklichen Familie übrig blieb.„ In dieſer traurigen Lage wurden ſie glücklicher⸗ G weiſe f von vier Kindern, die mit des Pachters Kindern =— SV—— 2 — — ³8& 8 — ſich wieder auf den Weg; als ſie einige Zeit in weiſe von keinem Kummer beunruhiget, den ihre Einbildung und der Blick in die Zukunft ihnen hätten verurſachen können. Wie Kinder hingen ſie blos an der Gegenwart, und die Zukunft war für ſie mit einem ſo undurchdringlichen Schleier bes deckt, daß ſie auch den nächſtfolgenden Tag nicht 8 ſahen. Vor ihrem Abſchiede aus der geliebten Hütte hatten ſie noch ein reichliches Mittagsmahl zu ſich genommen, und befriedigten ſich daher leicht bei ihrem ſparſamen Abendeſſen. Sie unterhielten ſich mit nichts, als mit ihrem Kummer über den Tod des guten Anſelm, und mit ihrer Liebe für ſeine Kinder, die ſie hatten verlaſſen müſſen. Sie wanderten fort in ihren Geſprächen, wohin der Zufall ſie führen mochte, und verirrten ſich in dem Walde. Als ſie müde waren, ſetzten ſie ſich unter einem Baume nieder. Es war im Juli. Als ſich der Tag anfing zu neigen, ſagte das eine Kind 4 daß es Hunger habe, und die Andern forderten gleich⸗ fals Brod. Michel hatte einigen Vorrath in ei⸗ nem Querſacke; er theilte ihn treulich mit ſeiner Frau und Kindern. Nach der Abendmahlzeit wurde beſchloſſen, die Nacht in dem einſamen Gehölze zu⸗ zubringen. Als ſie, durch einen guten Schlaf ge⸗ ſtärkt, erwachten, ſahen ſie ſchon die Spitzen der Bäume von der Sonne vergoldet. Sie machten dem — 6— dem Walde fortgegangen waren, fanden ſie einen gebahnten Fußweg, der ſie am Ende des Waldes in eine lichte Einöde führte. Die romantiſche wilde Gegend war mit Heidel⸗ beeren überſät, und ſie entdeckten zugleich daſelbſt eine Quelle, die von einem bemopſten Felſen herab rieſelte. Dieſer Anblick verurſachte bei Jakobine die lebhafteſte Freude, indem ihre Kinder faſt vor Durſt verſchmachteten. Um ihr Glück vollkommen zu machen, war die Grenze des Waldes mit Ha⸗ ſelaußſtauben, Maulbeerbäumen und wilden Him⸗ beerhecken angefüllt, und in einer andern Gegend dieſer Einöde fanden ſie eine große Menge Erdbee⸗ ren. Jakobine gerieth in dieſer Wildniß in Entzücken bei der Anſicht dieſes freigebigen, natür⸗ lichen Gartens.„ Michel,“ rief ſie,„hier laß uns Hütten bauen! Ein wahres Paradies, ſiehe hier das koſtbare Quelwaſſer, hier die herrlichen Früchten, hier werden wir herrlich leben können. Wir wollen von Laubwerk uns eine Hütte bauen, um einen Zufluchtsort für Wind und Regen zu haben.“—„Aber wir werden von dem Eigenthü⸗ mer eſer Gegend wohl Erlaubniß haben müſſen,“ bemerkte ſie nachher, dieſe Bemerkung machte ſie traurig. In demſalben Angenblicke entdeckte fie in eini⸗ ger Lntſanung eine junge Bünerin, welche Erd⸗ db Uu— ☛ d — 7— beeren pflückte. Sie eilte zu ihr, und fragte ſie, wem die Gegend zugehöre, und wo ſie ſich befänden? „Ihr befindet euch auf dem Gebiethe der Ab⸗ tei Bobee,“ erwiederte die Bäuerin. ai „Iſt die Abtei weit von hier?“ frug Jako⸗ bine weiter. „Eine gute halbe Stunde, ich will eben dieſe Erdbeeren hinbringen,“ verſetzte die Bäuerin. Nach dieſem Bericht ging J akobine mit ihs rem Manne zu Rath, und nachdem Michen ſeine Anweiſung erhalten hatte, ging er in Begleitung der jungen Baͤuerin nach der Abtei. Jak obine, der er verſprochen batte, ſobald als möglich zurück⸗ zukommen, blieb mit ihren Kindern am Eingange des Gehölzes zurück. Michel kam in der Abtei an, und wurde ſo⸗ gleich vor den Abt geführt, dem er ſeine ganze Lage mit aufrichtiger Miene ſchilderte, er bat um Arbeit, oder wenigſtens ihm zu erlauben, daß er in dem Gehölze, welches er dem Abte bezeichnete, ſich an⸗ bauen zu dürfen.„Aber was verſteht ihr?“ fragte der Abt.„Ich verſtehe die Kühe zu hüten”=/ „Wir haben keinen Hirten nöthig,“ verſetzte der Abt,„auch ſeyd ihr nicht unſer Unterthan.“ Aber mein Gott ich habe nichts zu leben, und das lauft alſo auf ein's hmaus"²6 8 6„Wir — 3— „Wir können nicht alle Armen unterſtützen,“ ſagte der Abt. at t S 3 ne „ Ich bin kein Bettler und verlange keine Al⸗ moſen;“ erwiederte Miche,„wir haben Muth, und wollen gern arbeiten.“— Aber ihr verſteht ja nichts,“ kerthanen den Vorzug.“ „Ich verſichere euch, Herr Abt! ich bin ſchwach und kränklich, und ihr werdet mich wohl in eure Dienſten nehmen müſſen. Und wenn ihr mich nicht braucht, ſo bedenkt daß ich euch brauche.kẽ „Wie? da ihr außer Stand ſeyd, zu dienen?— „Eben darum,“ entgegnete Michel,„dieſer Urſache wegen hat mich mein ſeliger Herr angenom⸗ men und behalten. Wenn ihr indeſſen keine kränk⸗ liche Leute in euren Dienſten haben mögt, ſo er⸗ theilt uns wenigſtens die Erlaubniß, uns in eurer Wildniß eine kleine Hätte von Zweigen bauen zu dürfen.“ 3 3 — „Und wovon wollt ihr leben?“—„O u ent⸗ gegnete Michel,„von wilden Früchten und Wur⸗ zeln, es giebt dort herriiche Kreſſe, Erdbeeren, wahres Paradies daſelbſt.“— „Und den Winter über?" fragte lächelnd der Abt.„Ach an den Winter haben wir noch gar wiederholte der Abt,„und zudem haben unſere Un⸗ Haſelnüſſe und treſſliches reines Waſſer. Es iſt ein nicht — 9— nicht gedacht. Der Winter wird auch noch nicht ſobald kommen; ſind wir ja doch erſt im Juli 1. „Hört guter Mann, weil ihr es doch ſo ſehr wünſcht, ſo erlaube ich es euch, eine Hütte zu bauen; und überdies mögt ihr alle zwei Tage kom⸗ men und für euch und eure Familie Brod und Kar⸗ toffeln holen.“—„Ich beſitze zum Glück einen Sack!“ rief Michel voller Freude. „Geht hin,“ ſagte der Abt,„dies iſt alles was ich für euch thun kann... „Das iſt mehr, als ich verlangt hatte,“ ju⸗ belte Michel.„Wahrlich! meine Frau wird mit mir zufrieden ſeyn.“— Indem er dies ſagte, eilte er über Hals und Kopf davon. Schon befand er ſich auſſer dem Hof des Kloſters, als man ihn auf Befehl des Abts zurückrief, um ihm einen Vorrath voon Brod und in der Aſche gerͤſtete Kartofeln zu geben. Michel, der eine ſeltene Eyrlichkeit beſaß, wollte das Geſchenk erſt nicht annehmen.„Der Herr Abt,“ ſagte er gutmüthig,„hat mir nur er⸗ laubt, alle zwei Tage zu kommen. Uebermorgen werde ich mich daher gewiß einfinden.“ Seines Widerſpruchs ungeachtet füllte man ſeine Säcke mit einem Vorrathe; er ſchied froh von dannen, ſehr vergnügt über den glücklichen Erfolg ſeines Ganges. Als er das Gehölz erreichte, fand er ſeine Jakobine mit ihren Kindern auf ihn war⸗ ten, 5 4 8 — 10— len, er trug ſie in der Freude ſeines Herzens einige Schritte weit. Er antwortete auf alle ihre Fragen mit der groͤßten weitſchweifenſten Ausführlichkeit. Jakobine war ſehr vergnügt über ſeine Er⸗ zühlung; doch konnte ſie nicht umhin, mit ihm ein wenig zu ſchmollen, weil er in dem Dorfe Bobec keine Hacke gekauft hatte, um damit die Aeſte von den Bäumen abhauen zu köngen.„Haben wir nicht,“/ ſagte ſie,„neun Lievers und zehn Sou“ dies war die ganze Frucht ihrer Erſparniß ſeit zehen Jahren— was ſollen wir mit alle dem Geld beginnen?— „Das iſt wahr,“ erwiederte Michel.,„allein man kann unmöglich an alles denken. Wir hatten auch ganz vergeſſen, daß der Winter kommen wird.— „Bei dem Winter fällt mir ein ℳ verſetzte Jako⸗ bine,„daß du das Geld aufheben mußt, um Schaaffelle dafür zm kaufen.“—„Freilich!“ ant⸗ wortete Michel,„denn es darf uns an nichts gebrechen, weil wir doch nun einmal unſer beben bier zubringen müſſen.”—„Wohlan“ rief Jako⸗ bine,„laß uns Hand anlegen, wir können ja mit unſeren Meſſern kleine Zweige abſchnelden.“ Sie nahmen ſogleich den Weg in das Gehölz; Fanden einen ſchicklichen Platz und für ihre Hütte Paſſende Bäume, ſie arbeiteten ohne Aufhören, bis zur Nacht. Beide waren weder ſtark, znoch die harte Arbeit gewohnt; daher gingen über vierzehn 3 Tage ——— SSe 2 . — 141— Tage hin, bis ſie eine kleine, doch wohl befeſtigte Hütte zu Stand brachten, die indeſſen einen Teh⸗ ler hatte, daß ſie nach Verhältniß ihrer Große zu niedrig war, denn ſie konnten, wenn ſie darinnen waren, nicht aufrecht ſtehen. Sie wurden dieſes nicht eher gewahr, bis ſie ganz fertig war⸗ Sie hatten vergeſſen— weil man, wie Michel ſagte, unmöglich nicht an Alles denken kann!— daß ſie eine Hütte baueten um ſie zu bewohnen, und daß ſolche ein Verhaͤltniß mit ihrer Größe haben müſſen. Jakobine bemerkte dieſen Uebelſtand zuerſt, und ob gleich der Bau beinahe vollendet war, hatte ſie doch Muth genug ſolchen auf's neue anzufangen. Michel aber brachte ſie von dieſem Gedanken zu⸗ rück.„Wir gehen am Ende“ ſagte er,„doch nur in unſere Hütte um auszuruhen, und da iſt es gleichviel ob man ſitzt oder liegt.“ Jakobine hatte gegen dieſe Gründe nichts entgegen zu ſetzen, und ſo wurde die Hütte vollendet. Der Tag wo man daſelbſt das erſtemal Mittags⸗ mahl hielt, war für dieſe genügſame beſchränkte Menſchen ein Feſtag. Michel war am Morgen in der Abtei geweſen, und hatte friſchen Vorrath an Brod uad geroiten Kartoffeln geholt, aus dem Dorfe hatte er einen. Tepf Milch und Eier mitge⸗ hracht, die er daſelbſt gekauft hatte. Die Freude der Kinder bei'm Anblick dieſes herrlichen Mahls 4 wab —— —— —— — — — M ——— —— f— 12— war auſſerordentlich. Ihre Fröhlichkelt ging auf beide Eltern über; nichts fehlte aber auch zu die⸗ ſem genügſamen Gaſtmahl, denn die Gäſte hatten einen eben ſo guten Appetit als frohen Muth. Der ruhigſte Schlaf beſuchte ſie am Abend. Nachdem ſie beinahe drei Wochen Tag und Nacht allem Un⸗ gemache der Witterung ausgeſetzt geweſen waren, mußte es ihnen allerdings ein unbeſchreibliches Ver⸗ gnügen verurſachen, ſich unter einem dichten wohl⸗ verwahrten Schutzdache auf trokenem Laub ausruhen zu können. Munter und geſund ſtanden ſie am nächſten Morgen arf. „Es geht doch nichts über eine gute Bequem⸗ lichkeit,“ ſagte Michel,„wenn man ſie haben kann. Man hat gut ſagen, daß man ſich an alles gewöhnen kann, wenn man alle Bequemiichkeiten hat; ich hätte docht auf Gottes Erdboden un⸗ ter freiem Himmel geſchlafen.“—„Auch ich nicht,“ verſetzte Jakobine,„ich erinnere mich immer noch an den warmen Stall, worin wir bei unſerm * 9, gruzen Herrn ſchliefen⸗—„Und nicht wahr Jako⸗ bine,“ entgegnete Michel,„unſere Hütte iſt wohl ſo gut als jener Stall, nicht wahr?“— „O gewiß!“ erwiederte Jakobine,„und dann ſind wir ja daheim, und wie unſer ehrlicher Herr als ſagte, man iſt nirgends ſo gut als in ſeinem Hauſe. Dieſe 2 Dieſe armſelige Wohnung, die zu dem Glücke der beiden Einſiedler genug war, beſtand blos aus eng in einander geflochtenen Baumzweigen mit Stroh belegt. Michel hatte eine Schaufel, fünf höl⸗ zerne Löffel, und einen guten Vorrath von Schaaf⸗ fellen herbei geſchafft, und auſſerdem etwas Flachs für Jakobine, die ein Spienad beſaß, und das Spinnen ziemlich gut verſtand. Auf dieſe Art hatten ſie ihr ganzes Spargeld von neun Livres und zehn Sou angelegt Michel machte ſich ſeiner Seits ebenfalls einige Beſchäftigungen; er fing mit Schlingen kleine Vögel, ſuchte die ſchönſte Wald⸗ beeren oder Haſelnüſſe aus und trug ſie nach der Abtei; am Ende des Monats konnte er ſogar ſchon das Garn verkaufen, welches Jakobine geſpon⸗ nen hatte, und dies gewährte ihnen ein kleines ſpärliches Einkommen, denn Jakobine war ſtets arbeitſam und thätig⸗ So ging der Sommer vorüber, im Spätjahr 1 ſegnete ſie der Himmel mit einem geſunden Mäd⸗ chen, welches die Mutter ſtillte. Aber auch der Winter kan zuletzt, und trotz der warmen Schaaf⸗ felle ſchien der Auffenthalt in der Hütte jetzo weni⸗ ger angenehm, beſonders auch derum, weil es nun keine Himbeeren, keine Haſelnuſſe und ſonſt teine Waldfrüchte mehr gab. Gleichwohl ertrug die Familie die Kälte leichter — 14—= als man glauben ſollte. In ihrem Leben hatten ſie nie in einem verſchloßnen und mit einem Ofen ver⸗ ſehenen Zimmer geſchlafen; der Stall, welcher ih⸗ nen vorher zur Schlafſtätte diente, hatte ein an mehreren Stellen effenes Dach und eine ſo ſchlechte Thür, worin mehrere offene Spalten waren, durch welche man ohne Mühe eine Hand ſtecken konnte. Sonach fanden Michel und Jakobine ſeibſt zur Zeit der härteſten Kälte keinen großen Unter⸗ ſchied zwiſchen ihrer Hütte und jenem Stall, wel⸗ cher der Gegenſtand ihrer Rückerinnerung war; und den Sommer hindurch war ihre Hütte, die auf einem trockenem Boden ſtand, durch ein mit wil⸗ den Blumen, Wurzeln und Früchten angefülltes Gehölz gegen Wind und Wetter geſchützt wurde, ein angenehmerer Auffenthalt, als ein dunkeler feuch⸗ ter Stall in einem kleinen Hofe, umgeben von Miſthaufen und einem ſtinkenden Pfuhle. Gegen Ende des zweiten Winters daß ſie dieſe Einſtedlei bewohnten, befand ſich Michel, der ſeit einigen Wochen ſich nur noch mit Mühe fort⸗ ſchleppen konnte, in einem Zuſtande, der es ihm am Ende unmöglich machte, ſelbſt nach der Abtei zu gehen, um die ihm beſtimmten Lebensmittel dors abzuholen. Jakobine that dieſes nun an ſeiner Stelle, und der arme kranke Michel lag traurig in ſeiner Hütte auf dem Lager von dürren Blättern. Zwar 4 — * ͤ AX= A&& S S — 415— „Zwar war ſein Kummer nicht lebhaft; ſeine natür⸗ liche Gemüthsruhe und Ergebung bewahrten ihn vor Ungedult und Lebensüberdruß. Er betete oft zu Gott, ſeine treue Jakobine ſaß neben ihm und beſchäftigte ſich mit ihrem Spinnrocken, oder betete andachtsvoll ihren Roſenkranz ab,. Seine Kinder umſchmeichelten ihn, und er fand ſich in der That nicht ſo ganz uugjücklicg. So ging der Winter vorüber. Eß waren nun beinahe zwei Jahre daß dieſe Familie dieſe ſtille Einöde bewohnten. Eines Ta⸗ ges— nes war Anfangs Juli— kam Jakobine, welche eben im Walde Laub geſammelt hatte„ ganz auſſer Athem naͤch der Hütte gelaufen.„Ach Michel!“ rief ſie,„was ich ſchones geſehen habe—„Wo? was?“ frug der Kranke.„Ach denk,“ entgegnete haſtig Jakobine,„ein gol⸗ denes Haus auf Rädern, faſt wie ein Narren, aber es iſt doch kein Karren; denn man ſitzt tro⸗ ben darin. Davor waren ſechs ſchöne Pferde ge⸗ ſpannt, prächtig mit Silber geſchmückt, in dem Hauſe ſaßen ſchöne geputzte Frauen, und vor dem⸗ ſelben auf einer Bank ſaßen zwei Herren mit roth und gelb verzierten Kieidern und hinter dem Hauſe ſtan⸗ den auch zwei Herren mit prächtigen bunden Kleidern. Kaum hatte Jakobine ihre Erzählung ge⸗ andigt, ſo kam der ſechsſpännige Wagen daher ges rollt „ — ——————ÿ—— — 16— rollt nach ihrer Hütte zu; Jakobine hüpfte vor Freude, und ging von ihrer Hütte einige Schritte demſelben entgegen, umwimmelt von ihren fünf Kindern. Der Wagen war etwa noch zwanzig Schritte von ihr entfernt, und ſie bemerkte in demſelben ein bildſchönes Frauenzimmer, deren ſanf⸗ tes Auge auf ihr und ihren in bloſen Hemden ge⸗ kleideten Kindern verweilte, und in demſelben Au⸗ genblicke dem Kutſcher zu halten befahl. Jakobine, überraſcht, verwundert, wagte es nicht, ſich von der Stelle zu bewegen: Die ſchöne liebenswürdige Unbekannte war von drei Fräulein begleitet, de mit ihr aus dem Wagen ſtiegen und ſich Jakobine näbrten. 7, „Gehören dieſe fünf Kinder euch! 21 fragte ſie. „Ja.“ „Die armen Geſchöpfe! ſie ſind ja faſt nackend! 36 „Odie Jüngſten haben Jäckchen, allein wit heben — ſie für den Winter auf.“ „Bringt ihr den Tag in dieſer Hütte zu2 2* „Den Tag und die Nacht.“ „Wie, ihr habt keine andere Wohnung? 2 ½ „Seit zwei Jahr nicht mehr. Doch ſind wir den Sommer über hier ſo übel nicht; nur der Win⸗ ter iſt ein wenig rauh, beſonders für meinen kran⸗ ken Mann.“ — 1* — O— SUGG& ch. * Euer 4 ͤ e= S aaan. — 47— „Euer Mann iſt krank, und er liegt in dieſer Hütte?“. „Ja."6 „Ach Gott! wie gut, daß wir uns in dieſem Wald verirrten, und daß der Zufall uns hieher führte!“— Die; Unbekannte näherte ſich der Hütte, und ging hinein, begleitet von ihren Damen, aber nicht ohne viele Mühe; denn die Abſätze von ihren Schu⸗ hen, ihre Hüte mit Federn„ fanden überall ſo viel Widerſtand, daß die Unbekannte, um dem Unange⸗ nehmen dieſer Lage auszuweichen, ſich in der Hütte auf die Kniee niederließe„Großer Gott,“ ſagte ſie, indem ſie Michel erblickte, und Thränen ih⸗ ren Augen eutrannen;„ſeyd zwei Jahren habe ibr keinen andern Aufenthalt? Habt ihr in Forges keine Hilfe gefunden?“ „Ach Forges iſt ſo weit von hier.— —„Es ſind nur drei Stunden bis dahin.“— „‚Mein Mann kränkelt ſeit ſechs Monat, ich konnte ihn nicht allein laſſen, um eine ſo große Reiſe zu unternehmen. Auch fehlt es uns nicht an Unterſtützung, wir erhalten in dem nahen Klo⸗ ſter Brod und Kartoffeln.“ Indem Jakobine dieſes ſagte, nahm die Unbekannte einen Beutel aus ihrer Taſche, und reichte der Jakobine ei⸗ nige Goldſtücke.„Nehmt!“ ſagte ſie zu ihr,„die⸗ (Maͤhrchen.) B ſen 1I 4 3 1 1 .——— — 18— ſen Abend werde ich euch von hier abholen laſſen, und da ihr dieſen Auffenthalt zu lieben ſcheint, ſo verſpreche ich euch, daß ihr wieder hieher zurück⸗ kehren ſollt. Nur müßt ihr für's Erſte eine Zeit⸗ lang zu Forges bleiben, denn euer Mann bedarf die Hilfe eines Arztes.“ Während dieſer Rede betrachtete Jakobine die Got diuͤcke, welche die Unbekannte ihr gegeben hatte; endlich brach ſie das Stillſchweigen, und ſagte:„Weil ihr doch ſo gut ſeyd, ſo will ich euch geſtehen, daß dieſes Geld uns nichts nützen kann; man kennt dergleichen hier zu Lande nicht.“ „Wie, ihr habt noch kein Gold geſehen? 2 fragte die Unbekannte. „Doch, ich habe die Vergoldung in der Kapelle zu Bobec geſehen, allein⸗ Münze von Gold geht hier durchaus nicht, denn ich habe nie davon reden gehoört“ 64 Die Unbekannte, erſtaunte über einen Grad des Elends von welchem ſie nie eine Vorſtellung gehabt hatte„ konnte ihre Thränen nicht zurückhal⸗ ten. Sie noͤthigte Jakobine, die Goldſtücke, welche ſie ihr gegeben hatte, aufzubewahren, ſchenkte ihr aber noch, um ſie zufrieden zuſtellen, einige Laubthaler, die mit eben ſo großer Freude als Dank barkeit angenommen wurden. Die Unbekannte ver⸗ lnes hierauf mit ihrer Begleitung dieſe arme Famis lie, Und iſt doch nicht ſtolz, gar nicht ſtolz.— 3 94„Eine — 19— lie, beſtieg ihren Wagen und kehrte uach Forges zurück. Michel und Jakobine waren auſſer ſich vor Freude und Verwunderung. Die ſchöne Un⸗ bekannte war jetzt der einzige Gegenſtand ihrer Un⸗ terhaltung, und ſie ſprachen gegen Abend noch da⸗ von, als ſchon Leute kamen, um ſie nach Forges abzuholen. Vier Männer legten Michel ſanft auf eine Tragbahre, die mit einer Matratze be⸗ deckt war, und trugen ihn langſam fort. Jako⸗ bine beſtieg mit ihren Kindern einen offenen Wa⸗ gen, und ſo langten ſie nach neun Uhr in der Däm⸗ merung zu Forges an. Man brachte ſie in ein Haus wo ſie leinen Zeug und gute Betten fanden. Kaum war Michel zur Ruhe gebracht, ſo verließ ihn Jakobine, um bei der Wirthin Er⸗ kundigung einzuziehen. In einer Viertelſtunde kam ſie zurück.„O Michel!“ rief ſie,„du wirſt er⸗ ſtaunen.“— „Was iſt denn? Geſchwind! 6,— „Die ſchne Frau— weißt du, daß ſie eine Fürſtin iſt 2ℳ ——„Ja wirklich! dieſe ſchöne, gute Frau iſt eine Fürſtin, und überdieß eine Herzogin von .allein den Namen habe ich vergeſſen. Kucz damit du alles weißt, ſie iſt eine Baſe des Königs.— — ———— —— —— — —;;— — ———— ——— — 20— „Eine Herzogin, eine Baſe des Königs,“ ver⸗ ſetzte mit Erſtaunen Michel,“ und iſt ſo freundlich, ſo herrablaſſend und ſo gut gegen arme Leute?“— „Aber du wirſt ſchwerlich errathen, warum ſie nach Forges gekommen iſt? Sie will hier ein ge⸗ wiſſes Waſſer zur Erhaltung ihrer Geſundheit trin⸗ ken. Ich meines Theils, habe keinen großen Glau⸗ ben an dieſes Waſſer; aber ich will eine neuntägige Andacht verrichten, damit der liebe Gott dieſer ſchönen Dame eine ewige Geſundheit gebe, und daß ſie ſich immer recht glücklich fühle.“ Dieſes Geſprich wurde durch die Wirthin un⸗ terbrochen, welche unſern Einſiedlern ein niedliches Abendeſſen auftiſchte. Michel und Jakobine hatten ehehin wohl ſchlechten Birnmoſt getrunken, abe nie in ihrem Leben Wein gekoſtet. Jetzt tran⸗ ken ſie zum erſtenmale welchen auf die Geſundheit ihrer Wohithäterin. Jakobine begab ſich hierauf zu Berte, und dankte dem guten Gort, und ſeg⸗ nete tauſendmal ihre junge und tugendhafte Beſchütze⸗ rin. Am frühen Morgen wurde Jakobine durch eine Nätherin geweckt, die gekommen war, um von ihr und ihren Kindern das Maaß zu nehmen. Die Fürſtin, ſagte ſie, habe ihr befohlen, Hemde und Kleidungsſtücke für die ganze Familie zu be⸗ ſorgen. Wirklich war Jakobine und ihre Kin⸗ der einige Tage nachher völlig ausgeſtattet; Strümpfe, Hauben in⸗ fe, Hauben— nichts war vergeſſen. Jakobine — 21— 4 und ihre Kinder überließen ſich ganz der Freude, die um ſo reiner war, da Michel's Geſundheit täglich zunahm. Die Sorgfalt des Arztes, eine geſunde Wohnung und gure Nahrung, hatten Wun der gethan, und in Zeit von einem Monat konnte er ſchon das Bett verlaſſen, und im Zimmer auf und abgehen. 1 Nach einiger Zeit hatte Jakobine eine Zu⸗ ſammenkunft mit ihrer Wohlthäterin, die ihr ein Gebund Schlüſſel zuſtellte. „Dies ſind die Schlüſſel zu eurem Hauſe,“ ſagte ſie,„und zu euren Schränken. Geht nach Hauſe, gute Jakobine, ich werde morgen zu euch kommen, und bei euch frühſtücken.“ Jako⸗ bine ſtarrte ſie mit offenem Munde an, ſtammelte einige Worte, und nahm die Schlüſſel ohne zu wiſ⸗ ſen, wie ihr geſchah. Sie konnte nicht glauben und begreifen, daß ſie ein Haus und Schränke ha⸗ ben ſollte, vielweniger daß die Baſe des Konigs bei ihr frühſtücken würde. Noch am nämlichen Tag wurde Michel, ſeine Frau und Kinder nach der Einöde zurückge⸗ bracht, wo man ſie gefunden hatte. Allein wie groß war ihre Ueberraſchung, da ſie auf der Stelle wo ihre Laubhütte geſtanden hatte, ein nettes, klei⸗ nes Haus erblickten, um welches ringsher ein Gar⸗ — 22— ten angelegt war! Die Kinder brachen in ein Freu⸗ dengeſchrei aus, Michel und Jakobine um⸗ armten ſich unter Thränen.„Mein Gott,“ ſagte Jakobine, indem ſie die Hände faltete,„was habe ich gethan, um ein ſo großes Glück zu ver⸗ dienen 2⸗ Nun wurden die Einſiedler in ihre neue Wohnung geführt, die unten aus zwei hübſchen Stuben, einem Holzplatz Küche, jedes mit dem nöthi⸗ gen Hausrath angefüllt, beſtand. Das Wohnzimmer mit Vorhängen von Baumwollenzeug, zwei hölzerne Diſche, ſechs Stühle und zwei ſtroherne Armſeſſel und einen großen Schrank. Jakobine nahm ihr Gebund Schlüſſel, öͤffnete den Schrank, und fand daſelbſt zwei vollſtändige Kleider für ihren Mann, eben ſo viel für ſich und für ihre Kinder, dabei Hemden, Strümpfe, Mützen und Hauben; überdies Bett⸗, Tiſch⸗ und Handtücher, und einen großen Vorrath von Flachs zum Spinnen. Nach⸗ dem die Familie den großen Vorrath in ihrem Schranke beaugenſcheinigt hat en, gingen ſie in den Garten der bereits mit Hülſenfrüchten und Küchen⸗ kräutern bepflanzt war, man durchging einen klei⸗ nen Hof worinnen ſich ein Hahn mit zwanzig Hüh⸗ ner befand, man öffnete ihnen einen Stall, wo zwei ſchone Kühe ihnen entgegen muhten, auch ſagte man ihnen daß ſie in der Nachbarſchaft eine kleine Wieſe als Eigenthum beſäßen. Michel und 3 Jako⸗ — 23— 1 Jakobine glaubten zu träumen!„Wahrlich, ſagte ſie zu ihrem Manne,„wir ſind weit reicher, als unſer guter verſtorbener Herr war. Sein Haus war nur eine Baracke gegen das unſrige. Unſer Garten iſt wohl zweimal größer, als der ſeinige. 9 Michell wir dürfen bei dem allen unſere Laub⸗ hütte nicht vergeſſen, beſonders den Winter über, wenn wir nun mit unſern Kindern beim warmen Ofen ſitzen. Wir müſſen dem lieben Gott jeden Tag danken, daß er ſo freundlich für uns ſorgt. In⸗ dem ſie dies ſagte, rollten große Thränen über ihre Wangen; Michel weinte ebenfals; ſie umarm⸗ ten ſich und ihre Kinder, und fühlten ſich glütcklicher In ihrer Liebe als je. Jakobine konnte aus zu gooßzer Empfindung und Freude wenig ſchlafen. Sie hatte eine Nacht⸗ lampe auf den Ofen geſtellt, und faſt die ganze Nacht über betrachtete ſie mit immer neuer Verwun⸗ derung ihre ſchöne Stube und Hau sgeräthe, dankte und bat den lieben Gott, ihre Wohlthäterin doch zja recht glüklich zu machen. Als kaum der Tag grauete, ſtand ſie nebſt ihrem Manne auf; das glückliche Pärchen beſuchte von Neuem die KRüche, den Garten und den Stall. Hierauf kleideten ſie die Kinder an, ſieckten ſich in ihre Feierkleider, und bereiteten das Frühſtück⸗ Ueber den Tiſch wutbe ein ganz neues Tuch gebreitet. 8 12 Igko⸗ —ÿ ——— — 2à— Jakob ine brachte zwei Schüſſeln voll Milch⸗ rahm, gutes ausgebackenes ſchwarzes Brod, friſche Butter, und ein Körbchen mit friſchen Haſelnüſſen herbei, und ſo vorbereitet, erwartete man die gute, holdſelige, edle Frau mit ſo großer Unruhe als Ge⸗ dult. Gegen eilf Uhr kam der älteſte Sohn, welcher an der Grenze des Gehölzes Wache geſtanden hatte, gelaufen, und meldete, daß er von vn Perne einen Wa⸗ gen erblickt habe. n. Vor freudigem Schrecken nahmen ſi 8 Michel und Jakobine mit unbeſchreiblichem Herzklopfen bei der Hand. Die Kinder wollten voranſpringen, ſie eilten gegen die Thür, und purzelten über ein⸗ ander her. Der Vater und die Mutter wollten ſie zu⸗ rückhalten, allein heute hörten ſie zum erſtenmale nicht auf ihren Befehl. Das glückliche Paar war Ghen an die Thüre des Hofes gekommen, als die Fürſtin aus ihrem Wagen ſtieg. Jakobine warf ſich weinend zu ihren Füßen, und zeigte auf ihren Mann, ſagte mit abgebrochenen Worten:„Seht, er iſt herge⸗ ſtellt, er kann wieder gehen! Seht unſere Kinder, ſie ſind gekleidet! Seht unſer Haus, wo wir im Winter ſo gut behalten ſind, als im Sommer! Dies alles verdanken wir eurer Gute— der liebe Gott wird es vergelten! wir— ach wir können nicht einmal recht danken.“ . Eine 8 —y————— Eine Fluth von Thränen unterbrach dieſe Rede. Die liebenswürdige, tugendhafte Fürſtin miſchte zu den Thränen der Dankbarkeit die ihrigen; ſie hob Jakobine auf, nahm ſie bei der Hand, und führte ſie in das Haus. Man fand das Frühſtück vortrefflich, machte einen Spaziergang in den Gar⸗ ten, und beſuchte ſogar auch den Stall. Nach einem At iffenthalt von anderthalb Stun⸗ den kehrte die Fürſtin mit ihrem Gefolge nach Forges zurück, mit Empfindungen, welche die Großen nur darum nicht beneiden, weil ſie ihnen gänzlich un⸗ bekannt bieiben. Da es keine gute Feen mehr gibt, ſo ſollten die Reichen und Mächtigen ihr wohlthätiges Zau⸗ bergeſchäft übernehmen. Allein, wenn auch ein⸗ mal ein ſolcher Erdengott ſich zu dem Volke herab⸗ läßt, ſo räumt man vorher ſorgfältig alles Elend aus ſeinem Wege, damit er nicht erinnert werde, daß er Brüder habe, die ein heiligeres Recht hät⸗ ten auf ſeine Schätze, als die Mückenſchwärme, die ſein Strahlenglanz herbeilockt.(2) —— ——— Der Prinz, oder der Sieg des Glaubeng. (Ein Morgenlaͤndiſches Maͤhrchen.)— 3 E. war einmal ein König im Morgenlande, der hatte zwei Söhne. Der jüngſte, welcher ei⸗ gentlich der Held unſerer Geſchichte iſt, hieß Asfendjar und zeigke ſchon als Knabe ſich ſehr klag; man bemerkte in allem ſeinem Thun viel Einſicht und Ueberlegung, und je älter er ward, deſto mehr nahm er an dieſen Tugenden zu. Nun ſollte man glauben, der König, ſein Vater hätte ihn deßhalb mehr lieben ſollen, als ſeinen aͤltern Bruder Ben Eſar, weil dieſer nicht allein weni⸗ ger Verſtand hatte, ſondern auch ein träger Menſch Aber gerade das Gegentheil, den älteſten Sohn hatte er viel lieber. Er war ſogar wegen die⸗ ſen Verſtandesvorzügen des jüngſten, ſo mißtrauiſch, daß er befürchtete, derſelbe mochte ihn oder ſeinen Bruder, welcher Thronerbe war, einſt vom Throne verdrängen. Er beſchloß alſo dieſem Uebel bei Ze en N dozuhauenn Nm d8 8 +ᷣ ☛́&& Ax⏑TAd — 27— Doch war der König nicht ſo grauſam, ſeinen unſchuldigen Sohn zu tödten, ſondern er verbannte ihn auf ewig aus ſeinem Reiche. Sein Haß gegen ihn ging ſo weit, daß er ihn wie einen Bettler aus ſeinem Schloſſe ſtieß, und ſeinen Unterthanen bei Todesſtrafe unterſagte, denſelben auf irgend eine Art zu unterſtützen oder ihm die geringſee Whbe zu reichen. 1 Asfendjar hatte ein viel zu edles Ha als daß er darüber aufgebracht werden ſollte. So leicht als es ihm geweſen wäre, ſich unter dem Volke, welches ihn ſehr liebte, einen Anhang zu verſchaf⸗ fen, ſo wollte er ſich doch lieber aus dem Reiche verſtoßen laſſen, als ſich gegen ſeinen Vater empö⸗ ren. Vielleicht, dachte er, läßt mein Vater mit der Zeit ſeinen Zorn gegen mich fahren, und nimmt mich wieder zu ſeinem Sohne an. Es iſt edler Un⸗ recht zu leiden, als Unrecht zu thun, auch hat Gott tauſend Wege mir dieſes Unrecht zu vergüten. Mit dieſen Grundſätzen und Gedanken eilte er ſo ſchnell als möglich über die Grenze. Ars er nach einigen Tagen in ein anderes Kö⸗ nigreich kam, traf er unterwegs einen jungen Men⸗ ſchen von ſeltener Schönheit, der eine Zitter im Aeme trug. Der Prinz gewann ihn lieb, da er ſah daß er eben ſo verſtändig und höflich als ſchön war. eßgleichen both ſich der Fremde, welchem die 3 5 1 1 1 Fezunds ——— — 28— Freundlichkeit und gute Geſtalt des Prinzen auch wohl gefiel, zu ſeinem Reiſegefährten an. Sie ſetzten zuſammen ihre Reiſe fort, als am folgenden Tag ein dritter Reiſender zu ihnen kam. Dieſer war ein junger Kaufmann, der in ſeinem Gewerbe die vollkommenſten Kenntniſſe beſaß. Seine Geſellſchaft gefiel ihnen, und da er mit den beiden andern nicht weniger zufrieden war; ſo bat er ſie, ihm zu erlauben, ſeinen Weg in ihrer Geſellſchaft fortſetzen zu dürfen. Am dritten Tage geſellte ſich ein junger, geſunder und ſtarker Bauer zu ihnen. Er wollte in die benachbarte Hofſtadt des Königs von Laodica zu Markte gehen, und da er hörte, daß dieſe drei eben den Weg gingen, ſo blieb er bei ihnen. 3 Sie ſprachen unterwegs von allerlei Dingen; unter andern war auch die Rede vom Glück.„Wel⸗ ches mag wohl der leichteſte und ſicherſte Weg ſeyn, guf dem ein Menſch ſein Glück machen kann?“ fragte der Kaufmann.„Meiner Meinung nach,“ gab der Prinz zur Antwort,„ſind es günſtige Um⸗ ſtände, die unſer Vorhaben befördern; denn auch der geſchickteſte Schwimmer ſſt gezwungen, einem zu ſtarken Strome zu weichen. Daher glaube ich, kann ein Menſch, ohne ſein Verſchulden, in das tiefſte Elend gerathen, und auch, ohne ſein Ver⸗ dienſt, zum höchſten Glück gelangen.“ 3 m Der „ wer zwei geſunde Arme hat und arbeiten will, der wird nie hungrig ſterben, Arbeit und Fleiß ſind für alle Fälle gut; die Trägen und Saumſeligen ſind immer die Aermſten. Der ſchöne Zitterſpieler fing an zu lachen und ſagte:„Buter Freund, wer ſich Reichthum und Anſehen durch Arbeit erwerben will, der wird es nicht weit brin⸗ gen. Das ſicherſte Mittel, ſein Glück zu machen, iſt, wie mir dünkt, eine ſchöne Geſtalt und dann Geſchicklichkeit. Schönheit beſiegt Reichthum, und Geſehtecheei wird in der Welt am meiſten geehrt.“ „Dieſer Meinung bin ich nicht,“ erwiederte der junge Kaufmann.„Schönheit iſt eine Blume, die bald verwelkt und nicht an allen Orten gedeihet. Das ſicherſte Mittel, welches allenthalben hilft, iſt, dent' ich, Verſtand und Klugheit, die ſich in alle Fälle zu ſchicken wiſſen. Dieſes allein iſt die wahre Quelle des Reichthums und der Ehre, burch dieſe allein kann man ſich in dem Beſitze des Er⸗ worbenen erhalten und hat den Vorzug, daß ſie nie veraltern. Um aber zu ſehen, wer von uns am meiſten Recht habe, wollen wir einen Verſuch machen. Wenn wir morgen in die Stadt kommen, ſo ſoll ein jeder von uns, einer nach dem andern, von dem, was er den Tag über verdient, t die Geſell⸗ Oer Bauer, welcher von der Rede des Prinzen nicht viel verſtand, verſetzte:„Herr, ich glaube, —— ͦ— —— 8* ——— — caft — 1 —— — yy— —— — ſchaft des Abends bewirthen. Wer am meiſten ver⸗ dient hat, wenn die Neihe an ihn kommt, der hat am meiſten Recht.“ Die andern ließen ſich den Vorſchlag des Kaufmann's gefallen. Den folgenden Tag erreichten ſie noch vor Sonnenunte gang die Stad: Laodica; ſie warfen 4 ſogleich das Loos, da ſie in der Herberge waren. Die Reihe traf zuerſt den Bauer. Sobald es Tag ward, ging er in den Hafen und arbeitete als Laſt⸗ träger. Er trug wegen ſeiner Stärke auf einmal ſo viel als drei Andere, und da er ſich jeden Ballen beſonders bezahlen ließ; ſo hatte er, als er gegen Abend zurück kam, vier Piaſter gewonnen. Mit fröhlichen Geberden zeigte er ſolche ſeinen Reiſe⸗ gefährten, und beſtellte die Mahlzeit. „Das wird keinen großen Schmaus geben, gu⸗ ter Freund,“ ſagte lächelnd der ſchöne Zitterſpieler. „Ein Piaſter für den Mann iſt ſehr wenig; du hätteſt fleißiger ſeyn ſollen, wenn du die Wette ge⸗ winnen willſt.“—„Das ſage der Herr nicht,“ antwortete der Bauer;„ich habe mehr als für drei den ganzen Tag durch gearbeitet.“—„Nun ſo liegt der Fehler an deinem Handwerke,“ ſagte der Kaufmann,„es läßt ſich nicht viel damit verdienen. Wir werden morgen ſehen, was der Zitterſpieler ge⸗ winnen wird.“ Der ſchoͤne Zitterſpieler zog am folgenden Tag ſeine „„+Hͤ— ͤͤ—————22—— e — 31— ſeine ſchönſten Kleider an, putzte und bereitete an* ſich Alles auf das zierlichſte; ſo vorbereitet, nahm er ſein Saitenſpiel und ging in das nächſte große Haus, das er auf ſeinem Wege fand. Es war die Wohnung des Veziers, deſſen Gemahlin die Muſik ſehr liebte. Er trat in den Vorſaal und ſang und ſpielte. Seine Stimme war ſanft und rein, und ſein Spiel ſehr angenehm. Er ward vor die innere Thür der Herrin gerufen und mußte ſich da hören laſſen. Man war ſehr wohl mit ſeinem Geſange und Spiele zufrieden, und die Gemahlin des Ve⸗ ziers, die ſehr freigebig war, gab ihm ein großes Geſchenk. So ging er von einem großen Hauſe zum andern, bis es Abend ward, da kam er mit einem Beutel von hundert und einigen Zechinen nach der Herberge zurück, und konnte ſeine Gefähr⸗ ten köſtlich bewirthen. Der Bauer machte große Augen, als er das viele Geld erblickte, und ſagte dann zu dem Kauf⸗ mann:„Der Herr muß ſich wacker halten, wenn er den Zitterſpieler übertreffen will. Der hat in ei⸗ nem Tag mehr verdient, als ich in einem unſen Jahr kaum verdienen kann.“ Der Kaufmann begab ſich am andern Morgen an den Hafen, wo eben ein fremdes Schiff, die Ancker warf. Er hatte ſich die beiden Tage zuvor genau erkundigt, welches die anſehnlichſten Kauf⸗ leute ——.. 5———— ——— 5——————“ 1 —————— ——— ——* — 32— leute in der Stadt wären, und was für Handlung am ſtärkſten daſelbſt gekrieben werde, er erfuhr da⸗ bei zugleich daß das Oel ſehr im Preiſe ſteige, indem alle Olivenbäume im vergangenen Winter er⸗ froren ſeyen Der junge Kaufmann ließ ſich durch ein Boot an das Schiff bringen, und da er erfuhr daß das Schiff größtentheils mit Oel beladen ſey, ſo ging er zum Schiffsherrn.„Ich bin der Han⸗ delsgenoſſe des reichen Ibrahim,“ ſprach er, „er läßt dich bitten die ganze Ladung von Oel, die dein Schiff führt, ihm zu überlaſſen. Wir ge⸗ ben dir für die Maaß zwei Drachmen mehr, als das vorige Jahr. Als der Schiffsherr dieſes zu⸗ frieden war, gab ihm der Kaufmann eine Summe als Aufgeld, und bat ihn, ihren Namen, Ibra⸗ him und Achmet aufzuſchreiben. Als der Kauf geſchloſſen war, eilte er zum reichen Ibrahtm. „Herr,“ ſagte er,„ein Fremder, den du nicht kennſt, bietet dir einen reichen Gewinn an. Ich wußte, daß deine Handlung an Oel Mangel leidet; ich hoffte dir zu dienen und habe um einen ſehr ge⸗ ringen Preis die ganze Ladung eines Schiff's mit Oel, das ſo eben angekommen iſt, in deinem Na⸗ men gehandelt. Ibrahim unterzeichnete den Kauf; ſie gingenz beide an Bord, wo eine Menge Kaufleute jetzt ſtanden, die in gleicher Abſicht, aber zu ſpãt kamen. Ib rahim bezahlte den Schiffsberrn, den „ 1,—e ꝛ—— ᷣ&☛ —— — 33— dem jungen Kaufmann aber, der ihm einen ſo rei⸗ chen Gewinn zugewendet hatte, ſchenkte er einen Beutel mit fünfhundert Zechinen. Als der Kaufmann zu ſeinen Gefährten zurück⸗ kam, erſtaunten dieſelben nicht wenig über den reichen Gewinn. Der glückliche Kaufmann ſorgte nun vor allen Dingen für eine koſtbare und reich⸗ liche Mahlzeit. Während ſie ſpeiſten ſagte der Kö⸗ nigsſohn:„ich habe wenig Hoffnung einen von euch zu übertreffen, denn ich kann mich weder auf meine Stärke, noch auf meine Geſtalt, noch auf meine Klugheit verlaſſen. Mein Gluͤck hängt blos von günſtigen Umſtänden ab, da ich es mir durch keinen von euren Vorzügen verſchaffen kann. Allein damit ich kein Glück, das mir begegnen könnte, durch meine Schuld verſäume, ſo will ich Morgen ausgehen und mein Gluͤck verſuchen. 2 8 Als er den folgenden Morgen in die Stadt ging, war das erſte, was er hörte, daß der Konig todt ſey. Da jammerten die Einwohner und klagten: ach unſer guter König iſt todt und hat uns keinen Sohn hinterlaſſen; wo werden wir wieder einen andern guten König von ſolcher Weisheit finden. Die Klage war allgemein, ein jeder, welcher den Verſtorbenen gekannt hatte, weinte und zerriß zum Zeichen der Trauer ſein Kleid. Asfendjar, der als Fremder keine Urſache (Maͤhrchen.) C hatte 8 hatte über dieſen Verluſt betrübt zu ſeyn, ging gleichgiltig unter dem Volke einher, und ſahe den Feierlichkeiten des Begräbniſſes ohne Rührung zu. Seine Neugierde und ſein fremdes Anſehen machten ihn den Bürgern verdächtig; man hielt ihn für ei⸗ nen Kundſchafter eines benachbarten Königs; man nahm ihn daher gefangen, feſſelte ihn mit Ketten und führte ihn, der ausgegangen war, ſein Glück zu machen, in ein dunkles Gefängniß, wo er über zwei Tage ohne Eſſen und Trinken ſchmachten mußte. „Was hat das Schickſal mit mir vor?“ ſprach er. „Will es meine Gedult und meinen Glauben prü⸗ fen, oder ſoll ich in dieſem Kerker verſchmachten?— Ich bin bereit Alles zu ertragen, was von Gott kommt, es komme von ihm, was da will. Das letzte aller menſchlichen Dinge iſt ja der Tod, vor dem ſich nur ein Feiger fürchten kann.“— als er ſo dachte, hörte er an den Thüren des Gefängniſſes raſſeln. Man ſchloß auf und der Kerkermeiſter mit der Wache trat herein; als man ihn auf ſein Be⸗ gehren mit etwas Speiſe und Trank gelabt hatte, befahl ihm die Wache vor dem Divan zu erſcheinen. Die Veziers und Räthe des Reichs waren ver⸗ ſammelt einen neuen König zu wählen; ſie konnten aber nicht einig werden. Einer von den klügſten unter ihnen rieth die Wahl zu beſchleunigen, damit 22ͤ— aus ihrem Zwieſpalt kein bürgerlicher Krieg ent⸗ — ſtünde. ————— ſtünde.„Es ſind feindliche Kundſchafter in der Stadt; einen derſelben hat man ſchon ergriffen; viele andepe können unſerer Wachſamkeit entgangen ſeyn. Wenn der benachbarte König unſere Uneinig⸗ keit erfährt, ſo ſind wir, verloren.“ Die Veziers erſchracken über dieſe Nachricht und ließen den Ge⸗ fangenen holen, um ihn auszufeagen. Als Asfendjar erſchien, verbarg er weder ſeinen Namen noch ſeinen Stand. Er erzählte auf⸗ „richtig, was ihm bisher begegnet war. Er ſprach mit ſo piel Weisheit und Würde, daß ſeine Rede die ganze Verſammlung bewegte. Die Veziers hat⸗ ten von ſeiner Verbannung gehört; einige, die an dem Hofe ſeines Vaters geweſen waren, erinnerten ſich ſeiner Geſtalt und ſeiner Tugenden; und da ſie ieber einen fremden Prigzen, als einen Eingebor⸗ Nen ihres Gleichen zum Könige hahen wollten; ſo fiel die Wahl einſtimmig für den Asfendjar aus. „Gott hat uns dieſen Frembling geſandt, ſprachen ſie; aum unſerer Zwietracht ein Ende zu machen. Er alein iſt würdig unſer Koönig zu werden; er ſtammt aus königlichem Geſchlecht; und hat alle „Kugenden, die einen König ſchmücken, Seine Weisheit und die edle Standhaftigkeit, womit er ſein Unglück ertragen hat, verſichern uns, daß er ein tugendhafter König ſeyn werde, welchem das Glück ſeiner Völker am Herzen liegt.“ Sie Sie begrüßten ihn als ihren König, man be⸗ kleidete ihn mit dem königlichen Schmuck und führte ihn in einem goldgeſtickten Seſſel auf einem weißen „Elephanten durch die Stadt, wo er die Huldigung des Volkes empfing. Es war dieſes der dritte Tag, ſeitdem ihn ſeine Gefährten nicht wieder geſehen hatten; ſie befürchteten, es möchte ihm ein Unglück begegnet ſeyn, und weil ſie ihn ſehr liebten, ſo hatten ſie alle Tage in der Stadt nach ihm geſucht. In dieſer Abſicht waren ſie auch am dritten Tage ausgegangen, als ſie von der Krönung des neuen Sultans hörten, und mit dem übrigen Volke in den Straßen herbeiellten. durch welche er zog. Asfendjar wurde ſeine Gefährken unter dem „Wolke gewahr, er winkte ihnen) ſich zu nähern. „Ich werde euch heute Abend in meinem Schloſſe bewirten,“ ſprach er,„wenn ihr meine Bäſe ſeyn wollt, ſo kommt zu mir.“ 1 16662 Am Abend ließ ihnen Asfeibfat ein köſt⸗ liches Mahl bereiten, und gab jedem beim Abſchied ein reichliches Geſchenk.„Das Glück“ ſagte er zu ih⸗ nen,„hat meinen Glauben wie es ſcheint, belohnen wollen. Es ſtieß mich ohne meine Schuld in den Kerker und hebt mich eben ſo ſchnell auf einen Thron. Ziehet hin in Frieden und erinnert euch oft eines Gefährten, der zu einer Zeit, wo er es am wenigſten dechte, die Wette gewann.“ „Herr 83 ͤ —— — 37— „Herr König, ihr habt das einträglichſte Hand⸗ werk gewählt,“ ſagte der Bauer, als er für das reiche Geſchenk des Fürſten dankte.„Sey zufrie⸗ den,“ antwortete der König,„denn du biſt von uns Allen doch der Glücklichſte.“ Asfendjar hatte nun die weiſeſte Einrich⸗ tung in ſeinem Lande getroffen. Als er ſich der Achtung und Liebe ſeines Volkes verſichert hatte, ſandte er eine Geſandtſchaft an ſeinen Vater, durch welche er demſelben die Thronbeſteigung als König von Laodica anzeigen ließ. Wie erſchrack der alte König, als er dieſes ver⸗ nahm, er glaubte nun nicht anders, als ſein wr⸗ bannter Sohn würde aus Rache das thun, was er wegen ſeines großen Verſtandes befürchtete, näm⸗ lich: ihn oder ſeinen Bruder vom Throne zu ſtoßen; denn ſein mißtrauiſches Herz befürchtete Alles. Er nahm ſich alſo vor, das Königreich Laodica mit Krieg zu überziehen, Asfendjar'n vom Throne zu ſtürzen und das Land für ſeinen älteſten Sohn in Beſitz zu nehmen. Es wurden nun insgeheim alle Anſtalten zu ei⸗ nem Angriffs⸗ Kriege getroffen, um unverhofft des Nachts mit hunderttauſens Mann auserleſener Trup⸗ pen in Asfendjar's Land zu fallen, und was ſich nicht gutwillig ergebe mit Mord und Brand zu ſüchtigen, nach ſogenanntem Kriegsgebrauche. Al⸗ lein * lein ſo geheim konnte dieſes nicht geſchehen, baß As⸗ fendjar nicht Kunde davon bekommen hätte; ob er gleich viel zu gut von ſeinem Vater dachte, als daß dieſe Kriegsanſtalten ihm gelten follten,/ ſo war er doch klug genug insgeheim alle Vertheidigungs⸗ Anſtalten zu treffen die ſein Land ſicher ſtellten. Demnach wurde das ganze Kriegsheer vollzählig ge⸗ macht, die Grenzfeſtungen wohl mit Mundvorrath und auch mit guten, unbeſtechlichen Befehlshabern verſehen; dieſes geſchah aber Alles ſo geräuſchlos, daß ſelbſt die Einwohner nichts gewahrten. Asfendjaros Vater, der eben mit ſeinem ganzen Heere aufbrechen wollte, fiel in eine gefähr⸗ liche Krankheit, woran er nach einigen Wochen ſtarb; kurz vor ſeinem Dode befahl er ſelnem Sohne, ſeine Kriegsvolker ſo geſchwind als mäglich in ſei⸗ nes Bruders Land zu führen, und daſſelbe als ein rechtmäßiges Beſt ſitzthum, weil er der Srärkene ſ. zu erobern. Kaum erfuhr Asfendjar die tnterhehmung gegen ſein Land, als er ſchnell alle ſeine Kriegs⸗ völker zuſammen zog und gegen die Grenze hin gehen ließ. Bald erſchien Ben⸗Eſar und fiei mit ſei⸗ nem ungeheuern Heere in ſelnes Bruders Land. An⸗ fangs mußte die Grenzbeſatzung der Uebermacht weichen, in einigen Tagen aber ſtand Asfend⸗ jarss Heer in kampfluſtiger Schlachtordnung. As⸗ — Asfendjar, der den feſten Glauben hatte, daß nur die gerechte Sache ſiegen würde, ertheilte bei ſeinem Heere den Befehl: nur was ſich wider⸗ ſetze zu tödten, den aber, der ſich ergebe, zu ſcho⸗ nen. Auch bo er denſenigen, die ſeinen Bruder unverwundet gefangen brächten, eine Belohnung von zehntauſend Zechinen. Seine edle Abſicht war ſeinen Bruder auf eine großmüthige Weiſe zu beſie⸗ gen, und ihm zu zeigen, daß es ihm nie in den Sinn gekommen ſey, ſein Land und ſeinen Thron zu rauben. Endlich erſcholl das Schlachtgeſchrei zum An⸗ griff; die Schlacht wurde bald allgemein. Da Ben⸗Eſar ohne alle angegebene Urſache und Kriegserklärung mit ſeinem Heere, als Räubern, in's Land gefallen war; ſo war die Erbitterung der Krieger von Seiten As fendjarss ſehr groß⸗ Lange blieb es zweifelhaft wer die erſte Schlacht gewinnen würde. Asfendjar, dem die Schlacht z lange dauerte, und der ſolche gern geendigt ſah, gab Be⸗ fehl daß die ſchwere Reiterei, die bisher in einem verdeckten Hinterhalt müßig ſtand, hervorbrechen und einhauen ſollte, auch wurden einige friſche Vol⸗ ker aus den Feſtungen herbeigeführt; nun dauerte es feine Stunde mehr, ſo ward der Feind auf allen Punkten zurückgeſchlagen und ehe noch zwei Stun⸗ den — — A den vergingen, war das ganze feindliche Heer ſo⸗ wohl Fußvolk als Reiterei gaͤnzlich aufgelößt und Alles floh, was fliehen konnte, um dem Tode oder der Geſangenſchaft zu entgehen. Asfendjar ſandte ſogleich überall den Befehl hin, daß, ſobald der König Ben⸗Eſar gefangen ſey, alle Verfol⸗ gung aufhören ſollte, auch ließ er den Preis für die Gefangennehmung des Königs verdoppeln, damit derſelbe ja nicht getödtet würde. Aber alle dieſe Vorſicht war überflüßig; das Schickſal hatte es ganz anders beſchloſſen. Die Flucht und Beſtürzung war ſo allgemein, daß ein jeder ſeine Waffen, Gepäck, kurz Alles, von ſich warf, um deſto leichter zu entfliehen. Der König, der im Strudel mit fortgeriſſen ward, wurde am Ende von ſeiner Begleitung verlaſſen, als ſie einen Haufen feindlicher Reiter auf ſich zukommen ſahen. Der unglückliche König, der die Gefahr, gefangen zu werden, immer näher heranrücken ſahe, warf aus Furcht allen königlichen Schmuck von ſich, da⸗ mit er ja nicht erkannt werde. Dieſes aber brachte ihm gerade ſein Unglück; denn als die Reiter heran nahten, und ihn der erſte fragte, wo der König hingeflohen ſey, gab der unglückliche und nicht ge⸗ kannte König zur Antwort:„Der iſt ſchon längſt in ſeinem Lande, da kommt ihr zu ſpät um den zu fangen. Erbittert über dieſe Rede, ſtach ihn der Reiter nieder. All⸗ — 41— Allgemein wurden die Einwohner von Angſt und Beſtürzung erguffen, als die Füchtlinge zu⸗ rückkamen und die unglückliche Kunde brachten; vermehrt ward ſolche aber noch, als man den Kö⸗ nig vermißte. Schon betraten die Krieger des Königs Asfendjar die Länder ſeines Vaters, und als die Kunde erſcholl, daß der König Ben⸗ Eſar getödtet ſey; ſo ſchickte der Divan eine Geſandtſchaft von Edlen mit den Schlüſſeln der Hauptſtadt an den König Asfendjarab. Sobald die Geſandtſchaft ankam und die Schlüſ⸗ ſel auf einem goldgeſtickten Kiſſen überreicht hatte, ließ ſogleich Asfendjar alle Feindſeligkeiten ein⸗ ſtellen, und zog mit ſeinem Heere friedlich als Sie⸗ ger in die Thronſtadt ſeines Vaters ein. Als man den entſeelten Körper des Königs Ben⸗Eſar fand, und alſo von ſeinem Tode überzeugt war, brachte man Asf endjarn die traurige Kunde; er wurde darüber ſo betrübt, daß er bitterlich weinte. Er hätte ſo gern den Bruder von ſeinen edlen und aufrichtigen Geſinnungen überzeugt, und ihm nicht allein brüderlich Liebe und Freundſchaft angeboten, ſondern ihm auch ſeinen Thron wiedergegeben. Er ließ ihn ſeiner königlichen Würde gemäß mit aller Pracht beerdigen. Seinen neuen Unterthauen machte er eine allgemeine Verzeihung kund, und machte verſchiedene weiſe Geſetze zum Beſten dieſer — neuen — 42— neuen Unterthanen, dann ließ er ſich in der Thron⸗ ſtadt von ſeinem Volke huldigen, und ſetzte einen von den Räthen des Divans, der ſein Lehrer geweſen war, zum Unterkönig ein. Darauf kehrte er mit Segenswünſchen begleitet ſein neues Kö⸗ nigreich zurück, und alle Jahr kam er wieder, hielt ſich zwei bis drei Monat auf, bereiſte die verſchiedenen Theile, und unterſuchte, wie ein weiſer, gerechter Fürſt, Alles, und ob ſeine zum Beſten des Volkes gegebenen Geſetze befolgt würden. Eine ſchöne, an Geiſtesgaben reiche und tugendhafte Gemahlin beglückte ihn mit einer anſehnlichen Nachkommenſchaft. Von ſeinem Volke geliebt und geſegnet und von auswärtigen Völkern geehrt und gefürchtet, regierte er mit weiſer Türteuſicht! bis in das höͤchſte Alter. R 49 5 8 ͤ 8 x Der Schatz, oder 244 dankbave Geſpenſt⸗ ein Altteutſches Mährchen.) Es war einmal ein reicher, reicher Mann, der hieß Melchior, und wohnte in der Reichsſtadt Bremen. Er hatte ſö viel Geld, daß er ſeinen großen Speißſaal mit lauter harten Thalern pflaſtern ließ. Seine Schätze mehrten ſich mit jedem Jahre, und er hoffte, daß er noch lange genug leben würde, um die Million, die er ſchon beſaß, verdoppeln zu können aber der Dod machte plͤtzlich ſeinen Wün⸗ ſchen und Triebſamkeit ein Ende. Er ſtarb am Schlage bei einem großen Schmauſe den er guten Freunden gab, weil ſie ſich mit ihm über die glück⸗ liche Ankunft eines von ſeinen reich beladenen Schiffen freuen ſollten. Melchtors Sohn, Franz, war der einzige Erbe des unermeßlichen Vermögens, worüber er nun nach Belieben ſchalten und walten konnte, daer ſchon die 23u der Mündigteit Reich hatte. Blühende 1 Gefuns 4— Geſundheit, eine ſchöne Geſtalt und ein vortreffliches Herz machten ihn zu einem der liebenswürdigſten Jünglinge ſeiner Vaterſtadt, und der Beſitz ſo anſehn⸗ licher Güter ſetzte ihn in Stand, die edle Neigung, wohlzuthun und mitzutheilen, vollkommen zu be⸗ friedigen. Aber auf der andern Seite gaben Man⸗ gel an Erfahrung, Klugheit, und jugendlicher Leichtſinn ihn allen Gefahren der Verführung preis, und dieß um ſo viel mehr, da ſein Vater Tag und Nacht nur darauf bedacht geweſen war, Schätze auf⸗ zuhäufen, und ſich um die Ftzſehum ſeines Sohnes wenig bekümmert hatte. n Bald nach des Lr Tode Herſammmnelken ſich um Franzen eine Menge Schmeichler und Schma⸗ rotzer, die ſich ſeine guten Freunde nannten, und ihn in einem beſtändigen Taumel von Vergnügungen und Luſtbarkeiten zu erhalten ſuchten. Sein Haus ward der Sammeiplatz aller luſtigen Brüder in der ganzen Stadt, die auf ſeine Koſten und mit ihm in täglichem Saus und Schmaus lebten. Die Ge⸗ ſchäften wurden den Handlungsdienern überlaſſen, und Franz hatte mit keinem derſelben gern zu thun, auſſer mit dem Geld⸗Verwalter, der ihm die Gelder zur Fortſetzung ſeiner verſchwenderiſchen Le⸗ bensart herbei ſchaffen mußte. Was dies für ein Ende nahm, iſt leicht zu erachten. Das Anſehen ſeznes Vaters war indeß ſo feſt gegründet, daß mehrere Jahre ᷣ 88d 8ℛ* Jahre hingingen, ehe er vernichtet werden konnte. Den erſten Stoß bekam er, als Franz aus Man⸗ gel an baarem Gelde ſich genöthigt ſah, das ſilberne Pflaſter im Speißeſaal in aller Stille wegnehmen, und ein ſteinernes an deſſen Stelle legen zu laſſen. Es konnte nicht fehlen, daß die wachſamen Gläubiger bald Nachricht hiervon erhielten, und Maaßregeln zu ihrer Sicherheit nahmen. Kurz darauf brach die völlige Zahlungsnn⸗ fähigkeit aus; Franz mußte ſein väterliches Haus und Erbe mit dem Rücken anſehen und konnte kaum noch etwas weniges aus der ganzen Verlaſſen⸗ ſchaft retten, das aber nicht hinreichend war, ihn länger als ein Jahr gegen Mangel zu ſchützen. Nun erſt gingen ihm die Augen auf. Er ſtellte ſehr ernſthafte Betrachtungen über ſein voriges Le⸗ ben und über ſeine gegenwärtige Lage an; aber lei⸗ der kam die Reue zu ſpät. Seine guten Freunde die er oft ſo reichlich beſchenkt und die luſtigen Geſellen die er ſo gaſtfrei behandelt hatte, waren wie ver⸗ ſchwunden, und die wahre ächte Freundſchaft red⸗ licher Männer hatte er vernachläſſiget. Er blieb alſo ganz allein ſich ſelbſt überlaſſen, und mußte auf Rath und Hülfe in dieſem traurigen Schick⸗ ſale denken. Es war ſeiner Ehrliebe unerträglich, als ein liederlicher Verſchwender und Taugenichts vor den Augen derer herum zu gehen, die ihn auf 8 der — 46— der höchſten Stufe des Glückes und Wohlſtandes geſehen hatten. Er beſchloß daher ſeine Baterſtadt zu verlaſſen, um in der Fremde Ehre und Vermögen wieder zu finden. Indem er damit umgieng, und noch nicht wußte, welchen Plan er eigentlich ent⸗ werfen ſollte, ſielen ihm die Handlungsbücher ſeines Vaters in die Hände Vorher hatte er ſich nie ſonderlich darum hekümmert, und es war ihm im⸗ mer zuwider geweſen, ſie mit Aufmerkſamkeit zu ſtu⸗ diren; jetzt aber wurden ſie ihm wichtig. Er blät⸗ terte darin, und fand beträchtliche Rückſtände böſer Schuldner, die ſein Bater mit der Bemerkung„vorf ſetz⸗ liche Fallimente“ bezeichnet hatte. Schnell war ſein Entſchluß gefaßt. Er wollte fort, um dieſe Schuldner aufzuſuchen, und hoffte, durch eine rüh⸗ rende Schilderung ſeines eigenen Elendes ſie zu be⸗ wegen, daß ſie ihm wenigſtens einen Theil der ſchuldigen Summe auszahlten, womit er dann wieder einen kleinen Handel anfangen könnte. Dieſe frohe Ausſicht belebte auf's neue ſeinen Muth; er rüſtete ſich von Stund an zur Reiſe, kaufte einen Reit⸗ klepper„verſah ſeinen Mantelſack mit reiner Wäſche, und andern unentbehrlichen Nothwendigkeiten, und ſo gieng es raſch zum Thore hinaus. 44* Die angeſehenſten jener Schuldner waren Han⸗ delsleute in Antwerpen, einer Stadt in Brabant. Dahin tictete er alſo ſeinen Weg. Schon war er glück⸗ —— — 47— glüklich bis tief in Weſtphalen gekommen, als ihn hier mitten in einer wüſten Gegend, am Abend ei⸗ nes ſchwülen Tages ein heftiges Gewitter mit einem Platzregen überfiel, der ihn bis auf die Haut durch⸗ näßte. Weit und breit ſah er kein ſchützendes Dach, die Nacht brach ein, und der bewölkte Himmel machte es vollends ſo finſter um ihn her, daß er zwei Schritte vor ſich keinen Gegendſtand erkennen konnte. Endlich erblickte er in einer kleinen Entfer⸗ nung ein Licht, das ihm zum⸗ Leitſtern diente, in⸗ dem er gerade drauf zu ritt, ſo gelangte er an ein armſeliges Hüttchen. Er klopfte an und begehrte eingelaſſen zu werden. Allein der Be⸗ wohner war ein ſehr unfreundlicher Mann, der, ohne die Thür zu öffnen, von innen heraus rief:„Hier iſt keine Herberge; ich habe kaum für mich ſelbſt Platz genug, geſchweige für einen Frem⸗ den.“ Franz bat ſehr flehentlich, und ſtellte ihm vor, daß es ſo übles Wetter wäre, und daß er nichts als ein ſichres Nachtquartier verlange, wo⸗ für er gern bezahlen wolle. Aber der Grobian ant⸗ wortete kein Wort mehr, blies das Licht aus, und legte ſich auf ſeine Streu. Dennoch hörte Franz nicht auf, vor dem Fenſter zu klagen und zu bitten, da er nicht wußte, wo er die Nacht bleiben ſollte. 4 Weil der Mann vor dieſen Klagen nicht e inſchia⸗ fen konnte, ſo ſuchte er unſern Franz mit guter Art ————— — 348— Art los zu werden, und ſagte:„Hört, Landsmann, wenn ihr eine gute Herberge haben wollt, ſo reitet nur noch eine Viertelſtunde weiter, linker Hand durch das Büſchgen. Da findet ihr das Schloß des wackern Ritters Bankhorſtz; der be⸗ herbergt jeden Reiſenden gern, hat aber zuweilen die närriſche Launs, daß er den Gaſt beiom Abſchiede tüchtig durchbläuet. Sonſt wird es euch bei ihm gefallen, das verſichere ich euch.“ Franz bedachte ſich ein wenig; denn der Ahſchied gefiel ihm nicht. Doch was war zu thun? Er mußte entweder die regnichte, ſtürmiſche Nacht unter freiem Himmel zubringen, oder eine Dracht Prügel einmal nicht achten. Das ketztere ſchien ihm beſſer, weil es doch immer noch ungewiß war, ob der Ritter auch diesmal üble Laune haben würde; er ſprengte alſo fort, und durch ein Licht, das er erblickte, befand er ſich bald vor dem großen Thore des Schloßhofes. Als er anklopfte, rief der Thor⸗ wächter mit einer ſtarken Stimme:„Wer da?⸗— „Ein verirrter Reiſender, der hier gegen das Un⸗ gemach des Wetters ein Obdach zu finden wün⸗ ſchet“—„Wenn ihr euch nach der Sitte des Hau⸗ ſes bequemen wollt, ſo ſoll euch willfahrt werden.“ Franz verſprach das; und ſogleich wurde das Thor geoffnet. Es eilteit Bedienten herbei, halfen ihm das aus dem Sattel, nahmen ſein Gepäck ab, zogen —— 469= das Pferd in den Stall, und führten ihn ſelbſt in jein hell erleuchtetes Zimmer zu dem Ritter. Dies war ein großer, ſtarker Herr, der in ſeinen jün⸗ gern Jahren als Kriegsmann tapfre Thaten gethan und ſich nachher in ſeine Burg begeben hatte, um von den vielen Mühſamkeiten auszuruhen. Sein biederer gerader Sinn und ſeine Gaſtfreiheit mach⸗ ten ihn ehrwürdig, aber das trotzige kriegeriſche An⸗ ſehen, der rauhe Ton der Stimme, die wilde Hitze, worin er leicht gerieth, ſetzten Anfangs jeden, der ihn noch nicht näher kannte, in Furcht. Auch Franz gerieth bei dem Willkommen, dem der Rit⸗ ter nicht anders als einen kräftigen Fluch ihm ent⸗ gegen rief, in ſichtbare Verwirrung.—„Was iſt euch, junger Geſell?“ fragte der Ritter;„ihr zittert ja am ganzen Leibe, wie Espenlaub.”—„Ich bin ganz durchnäßt und kalt,“ antwortete Franz. „Wenn ich nur Kleider zum Wechſeln und eine warme Suppe hätte!—„Wohl! es ſoll gleich da ſeyn. Begehrt ihr welter etwas? Fordert dreiſt, als ob ihr zu. Hauſe märgt/— Franz dachte: es läuft nun doch auf Eins hinaus. Dem übeln Abſchiede entgehſt du hier wohl ſchwerlich; du willſt dich alſo gut bedienen laſſen. t Als die Bedienten die Klelder brachten, und ihn aus⸗ und anziehen halfen, war ihm bald dies, Hald das nicht recht, und er ſchor die Leute auf s Mäͤhrchen.) d auf⸗ — 50— guſſerſte. Der Herr ward darüber nicht unwiltig; vielmehr ſchalt er die Diener, daß ſie nicht einmal einen Fremden ordentlich zu bedienen wüßten, und trieb ſie an, hurtig zu ſeyn. Hierauf wurde der Tiſch gedeckt, und eine köſtliche Mahlzeit aufgetra⸗ gen. Franz mußte ſich dem Herrn gegenüber ſetzen, welcher ein für allemal erinnerte, daß es bei ihm nicht Sitte ſey, Gäſte zum Eſſen zu nöthi⸗ gen. Dies merkte ſich Franz, und langte fieißig zu, forderte auch ohne Scheu, was ihm gefiel. Nach einer kleinen Weile winkte der Ritter den Be⸗ dienten, daß ſie die Flaſchen und Gläſer bringen, und einſchenken follten. Wie findet ihr den Wein 20 fragte er Franzen, der eben das erſte Glas an den Mund geſetzt hatte.—„Wenn er von eurem ſchlechteſten iſt, fo iſt er gut; ſoll er aber vom beſten ſeyn, ſo iſt er ſchlecht.“—„Wohl geſagt!“ erwie⸗ derte der Ritter, und befahl, eine andere Flaſche u bringen.„Dieſer iſt beſſer als der erſte,“ ſagte Franz; doch habe ich ihn wohl ſtärker getrunken.“ Der Ritter ließ eine dritte Sorte bringen; und kaum hatte Franz davon gekoſtet, ſſo rief er: „der iſt recht; dabet wolten wir blelben.“— „Ihr ſeyd ein feiner Schmecker“ erwiederte der Nitter. Nun fingen ſie an nach altteurſcher Art zu zechen, und der Wirth unterhielt den Gaſt mit⸗Er⸗ zählungen ſeiner Heldenthaten im Türkenkriege, Wo⸗ bei vor ihm ſtand und ihn zum Frühſtück einut. bei er ſo in Feuer gerieth, daß er mit dem großen Vorlegmeſſer um ſich hieb, als ob er Türkenköpfe abſäbeln wollte, und daß öfters Franz zurückfuhy, weil ihm für ſeine Naſe bange ward. Gegen Mit⸗ ternacht unterbrach endlich Franz den geſprächigen Wirth:„Verzeiht, Herr Ritter, ich habe noch eine weite Reiſe vor, und muß morgen früh mit Tages⸗ anbruch fort; daher wünſchte ich, jetzt noch ein paar Stunden ruhen zu dürfen.“—„Wie es euch gefällt. Das Bett ſteht für euch bereit. Aber nüchtern laſſ' ich euch ſo früh nicht ziehen. Ihr frühſtückt erſt mit mir, und dann geleit ich euch, nach meines Hauſes Gewohnheit.“ Franz ver⸗ ſtand dieſe Worte ohne weitere Auslegung., Er verſicherte zwar nochmals, daß er gern in aller Stille abreiſen wollte, ohne Jemanden im Schlafe zu ſtöoren; allein da galt keine Widerrede.„Eln Kriegesmann iſt gewohnt, früh bei der Hand zu ſeyn,“ ſagte der Ritter,„und ihr werdet ſehen, daß ich eher wach bin, als ihr.“ Hiermit wünſchte er Franzen eine gute Nacht und jeder begab ſich zur Ruhe. Müde von der beſchwerlichen Reiſe, und vom Wein ein wenig berauſcht, ſchlief Franz in dem weichen Flaumenbette bis an den hellen Morgen. und erwachte erſt von dem Aufruf des Ritkers, der Fra — 52— Franz ſprang ſchnell aus dem Bette, kleidete ſich in ſeine eigene Kleider die nun getrocknet waren, wieder an, und ging, weil er mußte, in das Zim⸗ mer des Herrn, um mit ihm zu frühſtücken. Hier fand er herrlichen Weſtphäliſchen Schinken, ge⸗ räucherte Zungen, weißes Brod und Pumperntckel**), allerlei feine abgezogene Branntweine und al⸗ ten Rheinwein. Ohne ſich lange nöthigen zu laſ⸗ ſen, griff er zu und ließ es ſich vortreff lich ſchmecken. Als er ſich recht ſatt gegeſſen hatte, ließ er ſeinen Klepper ſatteln und vorführen, und erwartete nun alle Augenbläcke den gedroheten Abſchied. Um ſich fur die Prügel ſo gut als möglich bezahlt zu machen, ſeln des Frühſtücks etwas zur Zehrung auf den Weg mitzunehmen?2—„Sehr gerne,“ antwortete der Ritter; und ſogleich half er ſelbſt ihm die Ta⸗ ſchen voll ſecken, ſo viel ſie faſſen konnten. Jetzt war. Franz zur Abreiſe gerüſtet; er dankte mit einem treuherzigen Händedruck für die gute Auf⸗ nahme und Bewirthung, und ging hinunter in den Hof. Der Ritter wünſchte ihm eine glückliche Reiſe, und begleitete ihn; die Leute im Hauſe wa⸗ ren geſchäftig, ihm noch die Petſen kleinen Dienſte 4 ») Ein tröftiges von ungeſrstenen a kenes Brod. fragte er:„Erlaubt ihr wohl, von den Ueberbleib; zu leiſten. Franz ritt gemach zum Schloßthore hinaus, und wunderte ſich nicht wenig, daß man ihn diesmal nicht nach Gewohnheit verabſchiedete. Der Ritter blieb mit ſeinen Leuten unter dem Thore ſtehen, ſah Franzen nach, und machte Anmer⸗ kungen über den Klepper; denn er war Liebhaber und Kenner von Pferden. Noch immer bange, man möchte ihn zurückholen, und ihn die Zeche mit ſeinem Rücken bezahlen laſſen, ſah Franz mehrmals ſchüchtern rückwärts. Als er aber ſchon eine ziemliche Strecke vom Schloſſe entfernt war, kehrte er von ſelbſt wieder um(denn er konnte ſeine Neugier nicht länger unterdrücken), und ſagte: „Mit Gunſt, Herr Ritter, erlaubt mir noch eine Frage. Der Mann, der mich an euch wies, und mir eure Gaſtfreiheit rühmte, ſetzte hinzu: ihr pfleg⸗ tet euren Gäſten beim Abſchiede den Rücken wacker auszubläuen; und doch habt ihr mich in Frieden ziehen laſſen. Hat mir nun der Mann etwas auf⸗ gebunden, ſo will ich hin, und ihn Lügen ſtrafen. Oder, macht ihr mit mir eine Ausnahme, ſo bitte ich, ſagt mir, warum?“—„Man hat euch nicht belogen,“ erwiederte der Ritter.„So wie ich euch aufnahm und bewirthete, thue ich jedem Fremdling, der bei mir einkehrt. Aber da giebt es Narren, die mich mit ihren vermeinten Hoflichkei⸗ ten und Komplimenten faſt todt quälen. Zierpup⸗ 3 pen⸗ 54— pen, die ſich ſtellen, als ob ſie weder Hunger noch Durſt hätten, wenn ſie auch beides noch ſo ſehr haben, und die zu jedem Biſſen und zu jedem Trunk genöthigt ſeyn wollen. Solche Menſchen machen mir am Ende den Kopf ſo warm, daß ich den Stock nehme, und ſie zum Hauſe hinaus prügle. Ein ge⸗ vader teutſcher Mann wie ihr, der Gottes Gaben genießt, wie er ſie bei mir findet, darf das nicht befürchten.*—„Eure Sitte iſt nicht übel, Herr Ritter. Ich wünſchte wohl, ſie wäre überall ein⸗ geführt. Nun, nochmals Dank für das Genoſſene. Gehabt euch wohl. Franz gab ſeinem Klepper die Sporen, und verlor das S Schloß bald aus den Augen. Die ganze uͤbrige Reiſe machte er, ohne daß ihm etwas Beſonderes zuſtieß, und endlich langte er glücklich in Antwerpen an. In dem Gaſthofe, wo er ein⸗ kehrte, erkundigte er ſich bei dem Wirthe nach den Kaufleuten, die ſeines Vaters Schuldner waren, und fragte, ob ſie noch lebten, und in welchen Umſtänden ſie wären.„O!“ ſagte der Wirih,„das ſind jetzt reiche Leute; ſie gehören zu den angefe ehenſten in unſerer Stadt.“— Dieſe Nachricht war Fran⸗ zen ſehr erfreulich, und er verſprach ſich den beſten Erfolg von ſeiner Reiſe. Am folgenden Tage ging er aus, und ſuchte den Schuldmann au f, an wel⸗ chen er die größte Forderung hatte, Er brachte . ſein „————— — — 55— och ſein Anliegen vor, erzählte ſeine Unfälle ſo beweg⸗ ehr lich, ais er konnte, und fügte die Bitte hinzu: er ink moöchte ihm wenigſtens etwas von der rückſtändigen gen V Schuld auf Abſchlag geben. Bei dieſen Worten ock zog der Schuldner ſeine Stirn in Falten, und ers ge⸗ wiederte mit finſterer Miene:„Wie dürft ihr noch den voon Schuld ſprechen, da ſchon längſt mit eurem cht Bater alles abgethan iſt? Er war mit dem Ver⸗ err gleiche zufrieden, den ich vorſchlug, und die Obrig⸗ in⸗ keit hat ihn beſtätigt. Was für Recht habt ihr ne. nun zu einer neuen Forderung?“ Franz wollte dagegen beſcheidene Vorſtellungen thun, aber er n, konnte nicht zu Worte kommen; der Kaufmann ie überhäufte ihn mit Grobheiten, und führte ihn zur 46 Thür hinaus. Nicht beſſer ging es ihm bei dem ch zweiten und dritten Schuldmanne, die ihn ebenfals n⸗ ungeſtümm von ſich wieſen, und von keiner Schuld en wiiſſen wollten. Traurig kehrte Franz in ſein Quar⸗ 1, tier zurück, und überlegte, ob er noch zu den übri⸗ en gen gehen ſollte, oder wos ſonſt für ihn zu thun ans wäre. Unterdeſſen traten die böſen Schuldner zu⸗ en ſammen, und berathſchlagten, wie ſie den beſchwer⸗ n⸗ lichen Mahner los werden könnten. Sie ſetzten in eine Klage gegen ihn auf, voll grundloſer Beſchul⸗ g digungen, und brachten die Richter durch Beſte⸗ l chung dahin, daß der arme Franz in Verhaft ge⸗ te nommen wurde. Hier ſaß er, ohne Verhör, drei ½ — 56 6— Monate lang. Alsdann bot man ihm ſeine Freiheit an, doch unter der Bedingung, daß er in vier und zwanzig Stunden die Stadt verlaſſen und bei ſchwe⸗ rer Strafe ſie nie wieder betreten ſöllte. Da er kein anderes Mittel ſah, los zu kommen, ſo ver⸗ ſprach er was man verlangte. Nun war er zwar frei; aber zur Bezahlung der Gerichtsgebühren hatte man ſein Pferd verkauft, und die Rechnung ſo ge⸗ macht, daß er von dem Gelde dafür nur noch fünf Gulden heraus bekam. Damit mußte er denn zu Fuß zur Stadt hinaus wandern. Hin waren jetzt alle die Hoffnungen, mit denen er vor drei Mona⸗ ken in die Stadt einzog, hin die ſchönen Pläne auf die Zukunft, die ihn auf der Reiſe ſo angenehm unterhalten hatten. Unbekümmert, wo der Weg ihn hinfuͤhren würde, ſchlenderte er mit nieder⸗ geſenktem Kopfe die Heerſtraße fort, und erſchrack nicht wenig, als er nach einigen Tagen bemerkte, daß er auf dem geraden Rückwege nach ſeiner Va⸗ kerſtadt war. Unmöglich, ſagte er zu ſich ſelbſt, kann ich mich in dieſem elenden Aufzuge dort wieder ſehen laſſen. Ich will lieber auf gut Glück in die weite Welt gehen. Sogleich kehrte er um, und nahm ſeinen Weg nach Holland, wo er von Am⸗ ſterdam aus, nach Oſtindien oder Amerika rei⸗ ſen wollte.. 4 Nicht weit von der Niederländiſchen Grenze kam kam er Abends ſpät an einen Gaſthof, der voller Fremden war, Er ſprach den Wirth um eine Her⸗ berge an; dieſer aber, der gleich auf den erſten Blick ſah, daß von ihm nicht viel zu gewinnen wäre, oder der ihn wohl gar für einen verdächti⸗ gen Menſchen hielt, ſchlug es ihm rund ab, und ſagte:„Meine Zimmer ſind alle beſetzt! Ich kann euch nicht beyerbergen; ihr müßt euren Stab wei⸗ ter fortſetzen bis zum nächſten Dorfe.“ Franz den dies verdroß, weil er wohl merkte, daß der Wirth ihn für einen Landſtreicher und diebiſchen Geſellen hielt, drehete ſich um, und ſtieß im Unwil⸗ len einige harte Worte aus, von denen der Wirth etwas hörte. Dieſer rief ihn wieder zurück, und ſagte:„Hort! ein Lager will ich euch wohl verſchaf⸗ fen. Dort oben im Schloſſe ſind Zimmer genug, und ich habe die Schlüſſel dazu. Es wird nicht bewohnt, weil eine alte Sage geht, daß Geiſter darin hauſen; aber ich glaube nicht, daß das Ge⸗ rede wahr iſt. Seitdem ich hier wohne, habe ich nie etwas davon geſpürt. Marder und Katzen mö⸗ gen vielleicht manchmahl des Nachts ſich darin ja⸗ gen und poltern; aber Geiſter— wer wollte heuti⸗ ges Tages noch ſo abergläubiſch ſeyn!“ Franz der herzlich müde war, und hity nicht anders unterkommen konnte, dachte, eß möchte wohl wieder ſo ein Gerede ſeyn, wie das von dem bie⸗ biedern ⸗Ritter Brankhorſt, und nahm den Vorſchlag ohne Argwohn an. Aber der Wirth war ein Schalk, der ſich an dem remndlünge für bie harte Reden rächen wollte. 1 Das Schloß lag auf einer Anhöhe, dem Gaſ⸗ hofe gegenüber, ungefähr einen Steinwurf weit davon. Es diente dem Beſitzer zu einem Jagd⸗ ſchloſſe. Er ſchmauſete mit ſeinen Freunden bei Tage öfters darin, und erhielt es daher immer noch in gutem Stande, hatte es auch mit Hausgeräthe und andern Bequemlichkeiten reichlich verſehen; aber nie blieb er des Nachts darin. Der Wirth bezeigte ſich jetzt ſehr freundlich ge⸗ gen Franzen. Er füllte ein Körbchen mit Le⸗ bensmitteln, nahm eine Flaſche Wein und zwei große Wachslichter, und gab Franzen eine Laterne in die Hand. So gingen ſie mit einander nach dem Schloſſe hin Der Wirth ſchloß die Thür auf⸗ und überreichte Franzen dann das Körbchen nebſt dem Wein und den Lichtern, und ſagte:„Ihr könnt euch nach Belieben ein Zimmer ausſuchen. Wenn euch ja in der Nacht etwas zuſtößt, ſo dürft ihr nur aus dem Fenſter zu Hilfe rufen, in meinem Hauſe ſind die ganze Nacht durch immer einige Leute wach.“ Franz ſtieg die Treppe hinauf, ging durch eine Reihe von ſchönen Zimmern, und wählte ſich zu ſeinem Lager eins, deſſen Fenſter dem Wirths⸗ hau⸗ — 59— hauſe am näͤchſten waren. Er zündete die Lichter an, packte ſein Abendbrod aus, und aß und erank mit Appetit. Hierauf verſchloß und verriegelte er die Thür, trat an das Fenſter, öffnete einen Flü⸗ gel, und ſah hinunter nach dem Gaſthofe, wo man luſtig und guter Dinge warr Allein nach zehn Uhr ward es nach und nach ſtille, und die Lichter wurden ausgelöſcht, bis auf ein kleines Nacht⸗ lichtchen, welches in der Wirthsſtube brannte. Jetzt konnte Franz ſich eines Anfalls von Bangigkeit nicht erwehren. Doch wurde die Furcht hei ihm von der Müdigkeit beſiegt; er legte ſich ungus⸗ gekleidet auf ein Ruhebett, und ſchlief ein. Um Mitternacht, gerade als die Glocke zwölf ſchlug, er wachte er, und es dünkte ihn, als ob in der Ferne Thü⸗ ren knarrten und Schlüſſel klimperten, Er horchte auf, und fand zu ſeinem Schrecken, daß er ſich nicht geiert hatte. Das Getöſe kam immer näher, und Franz zog vor Angſt die Decke über den Kopf; er hörte aber ganz deutlich, daß etwas einen Schlüſſel nach dem andern probirte, um die Thür ſeines Schlafzimmers zu offnen. Endlich traf es den rechten, und das Schloß ging auf. Doch der Riegel hielt die Thür inwendig noch. Da that es mit einmale einen Schlag, als wenn ein Wetterſtrahl zündet. Die Thür ſprang auf, und es trat ein langer hagerer Mann herein, mit einem ſchwarzen Bart, in alt⸗ ¼ vaͤte⸗ — 60— väteriſcher Tracht, mit einem kleinen ſpitzen Huth auf dem Kopf, und einen Scharlachmantel über die Schultern. Schweigend ging er einigemal auf und ab, blieb dann vor dem Tiſche ſtehen, putzte die Lichter, daß ſie beller brennen ſollten, legte den Mantel ab, ſchnürte einen Scherſack auf, den er darunter verborgen hatte, und holte ein Barbier⸗ zeug hervor. Das blanke Schermeſſer ſtrich er auf dem Riemen, den er am Gürtel trug. Franz, der unter der Decke hervorſchielte und alles mit anſah, ſchwitzte Todenſchweiß; denn er wußte nicht, ob der Hals oder der Bart ge⸗ meint wäre. Er athmete aher wieder freier, als der Geiſt aus einer ſilbernen Flaſche Waſſer in ein ſilbernes Becken goß, und mit der knochendürren Hand Seife zu Schaum ſchlug. Nun rückte der Geiſt einen Stuhl zurecht, und winkte mit ernſter Mine und gebieteriſch, daß Franz unter ſeiner Decke hervor kommen ſollte. Was konnte der arme Franz thun? Er faßte Herz, ſprang auf den erſten Wink heraus, und ſetzte ſich gelaſſen hin. Der Geiſt band ihm ein Tuch vor, nahm erſt Kamm und Schere, beſchnitt ihm Haare und Bart, ſeifte ihn dann über und über ein, ſelbſt die Augen⸗ braunen, und ſchor alles Haar glatt weg, daß Franz ſo kahl war wie ein Todtenkopf. Hierauf wuſch der Geiſt ihn mit reinem Waſſer, trocknete 4 ihn 24 *8 Sͤ8SͤAx ihn rein ab, machte, zum Zeigen daß er fertig wäre, eine Verbeugung, packte alles wieder ein, nahm den Mantel um, und wollte wieder gehen. Franziwar herzlich froh, daß ihm nur nichts Schlimmeres begegnen ſollte. An der Thür blied aber der Geiſt ſtehen, ſah ſich nach ihm um, ſeufzte, und ſtrich ſich denn einigemale mit der Hond Geſicht und Bart. Dieſe Geberdenſprache glaubte Franz zu verſtehen.Er ſprang geſchwind auf, und winkte dem Geiſte, ſich an ſeine Stelle zu ſetzen. Wirklich hatte er es getroffen. Der Geiſt kehrte freundlich wieder um, ſtellte ſein Barbierzeug auf den Tiſch, und ſetzte ſich wieder. Franz machte es eben ſo, wie vorher der Geiſt mit ihm; nur fehlte es ihm an der gehö⸗ rigen Geſchicklichkeit, und der Geiſt verzog daher unter ſeiner ungeübten Hand das Geſicht gar ſelt⸗ ſam. Indeſſen kam Franz doch geſchwind genug mit ſeiner Arbeit zu Stande, denn in einer guren Viertelſtunde waren Haare, Bart und ungenbron⸗ nen rein weggeſchoren. Bisher hatten beide keine Silbe geſprochen, jetzt aber fing der Geiſt an zu reden:„Habe Dank, guter Freund, für den mir erwieſenen Dienſt? Durch dich bin ich nun frei von dem Banne, der ſeit dreihundert Jayren mich in dieſem Schloſſe feſt hielt. Vernimm: Einſt wohnte hier Graf Haxrt⸗ mann, ein Böſewicht, der Vergnügen daran⸗ nrfaed, 8 arme 4 4 arme Fremdlinge und Wanderer mit verſtellter Freundlichkeit zu ſich einzuladen, und ſie dann ge⸗ mißhandelt und beſchimpft wieder fortzuſchicken. Ich war ſein Schloßbarbier, und ſuchte mir ſeine Gunſt dadurch zu erſchmeicheln, daß ich ſeine tücki⸗ ſchen Launen ausführen half. Beſonders pflegte ich auf die Art, die du nun kennſt, den Kopf der unglücklichen Perſonen, welche ſich hierher locken ließen, zu ſchänden, und ſie dann dem Hohngeläch⸗ ter der Gaſſenbuben Preis zu gehen. Eines Tages kam ein frommer Mann im Mönchsgewandte, dem ich auch ſo mitſpielte; und dieſer ſprach den Bann⸗ fluch über mich: Verruchter, wiſſe, daß du ſo lange in dieſen Mauern ſpuken ſollſt, bis ungefor⸗ dert, ungeheißen, ein Wandrer das Vergeltungs⸗ recht an dir ausüben wird.— Von Stund' an zehrte ich ab, und verging wie ein Schatten. Mein Geiſt verließ den abgezehrten Köoörper, blieb aber ſelbſt hieher gebannt. Vergebens wartete ich auf Erlöſung; denn ich ſehne mich nach dem Orte der Nuhe. Mein Spuken machte bald das Haus öde und leer; nur ſelten wagte es jemand, hier zu übernachten. Ob ich gleich jedem that wie dir, ſo wollte mich doch keiner verſtehen und mir den Dienſt leiſten. Jetzt gehe ich zu meiner gewünſchten Nuhe, und werde mich nie wieder in dieſem Hauſe ſehen laſſen. Empfange nochmals meinen Dank! Wäre 7 2 — S=n S-= — 3— 63 Waͤre ich der Hüter verborgener Schätze, ſo ſollten ſie dein ſeyn. Doch höre einen guten Rath: Bleib hier, bis dein Haar wieder gewachſen iſt; dann kehre zurück in deine Vaterſtadt, und erwarte auf der Weſerbrücke zu der Zeit, wann Tag und Nacht gleich iſt, einen Freund, der dir ſagen wird, was du thun ſollſt, um dein Glück zu finden. Nun lebe wohl!“ Mit dieſen Worten verſchwand der Geiſt. Franz ſtand ein Weilchen, und war geneigt zu glauben, er träume; aber ſein kahler Kopf über⸗ zeugte ihn von der Wirklichkeit der wunderbaren Geſchichte. Da er jetzt nichts mehr zu befürchten hatte: und noch ſehr müde war, ſo riegelte er die Thür wieder zu, legte ſich ruhlg hin und ſchlief bis gegen Mittag. Des Morgens hoffte der betriege⸗ riſche Wirth von einer Stunde zur andern, daß der Kahlkopf kommen würde, den er dann brav auslachen wollre. Zuletzt ward ihm aber bangs, weil er fürchtete, das Geſpenſt möchte den Fremden ermordet haben, doch ſollte der Spaß nicht ſo weit getrieben werden. Er rief alſo ſeine Leute zuſammen. ging mit ihnen auf das Schloß, und klopfte heftig an das verriegelte Zimmer worin Franz noch immer ſchlief. Dieſer erwachte, ſtand auf und öf⸗ fenete die Thür. Als der Wirth den kahlen Kopf erblickte, trat er einige Schritte zurück, ſchlug die Sinde zuſammen, und rief mit heuchleriſcher Ver⸗ wun⸗ — 64— wundrung aus!„So iſt jes denn doch kein Mähr⸗ chen, was man von dem Geſpennſte erzählt hat? Sagt mir, ich bitte euch, wie war es den eigentlich“ „Fe nun, der Geiſt kam, und ſchor mir den Kopf, wie ihr ſeht; und beim Abſchiede gab er mir den Rath: Traue künftig keinem ſchelmiſchen Wirthe wieder; der deinige wuße wohl, was dir begegnen würde. Befiehl ihm aber in meinem Namen, daß er dich koſtenfrei ſo lange bei ſich behalten ſoll, bis dir dein Haar gewachſen iſt. Weigert er ſich, ſo will ich ihn alle Nächte plagen, und durch meine Spuckereien ſein Haus bald zu einer Einöde machen, In dies Schloß aber kehre ich nie wieder zurück.“ Der Wirth erſchrack über dieſe Drohung, gelobte alles an, führte Franzen in ſein Haus, und bewirthete ihn täglich auf's Beſte, Als der Beſitzer des Schloſſes dieſe Begebenheit erfuhr, und zugleich daß der Geiſt es fernerhin nicht beunru⸗ higen würde(welches ſich auch durch die Erfahrung beſtättigte) war er ſehr froh, und befahl dem Wir the, den Fremdling auf's Beſte zu verpflegen. Gegen den Herbſt war Franzens Haar wie⸗ der gewachſen, und er machte ſich fertig ſeine Rück, reiſe anzutreten; denn er wünſchte ſehnlich den Freund auf der Weſerbrücke zu ſprechen. Als er von den Wirthe Abſchied nahm, gab ihm dieſer im Namen des Chenmanns⸗ deiſen Schloß er von der Spuke⸗ — 65— cei befreit hatte, ein ſchönes Reitpferd mit Sattel und Zeug, und einen anſehnlichen Zehrpfenning auf den Weg. Hiermit machte Franz eine ziemlich bequeme Reiſe und kam, kurz vor der Zeit der Tage und Nachtgleiche, glücklich in ſeiner Vaterſtadt Bremen an. Als endlich dieſer längſt gewünſchte Tag erſchien, ſtand er auf, ehe der Morgen grauete, und eilte nach der Weſerbrücke hin, wo noch kein Menſch ſich hören oder ſehen ließ. Er ſpazierte auf und ab, und war voller Erwartung, wer der Freund ſeyn würde, der ihm den Weg zu ſeinem Glücke zeigen ſollte. Nach und nach wurde es auf der Brücke lebhaft. Es kamen viele Bettler, Lahme und Blinde, um die Mildthätigkeit der Vorübergehenden anzu⸗ ſprechen. Unter ihnen befand ſich auch ein alter abgedankter Soldat, mit einem hölzernen Beine, der Franzen zuerſt um eine Gabe bat. Dieſer gab ihm in der Freude ſeines Herzens, weil er an dem Tage ein großes Glück erwartete, ein Vier⸗ groſchenſtück. Der alte Soldat, dem lange Niemand ſo viel auf nmal gegeben hatte, dankte ihm ſehr herzlich. Je höher die Sonne herauf kam, deſto ſtärker ward auf der Brücke das Gewühl von Kut⸗ ſchen, Frachtwagen, Reitern und Fußgängern aller Art. Franz faßte, ſo viel er konnte, jeden ſcharf ins Auge, und hoffte, daß vielleicht einer oder der andere ihm etwas ſagen würde, aber Niemand be⸗ (Maͤhrchen.) 6 küm⸗ tümmerte ſich um ihn, oder höchſtens wurbe ihm ein kalter Gruß zugenickt. Der Mittag kam heran und das Gedränge verminderte ſich wieder. Die Bettler zogen ihr Brod aus den Taſchen, und aßen. Dabet plauderten ſie mit einander, und machten beſonders ihre Anmerkungen über den ſeltſamen Spaziergän⸗ ger, der nun vom frühen Morgen an auf der Brücke hin und her gewandelt war, und den ſie deßhalb ſpottweiſe„den Brückenvogt“ nannten. Franz wollte keinen Augenblick die Brücke verlaſſen, er kaufte alſo etwas Obſt, und verzehrte es zum Mittagseſſen. Allmählig fing er aber ſchon an mißmuthig und tiefſinnig zu werden. Er ſchob den Hut ins Geſicht, und ging mit verſchränkten Armen langſam von einem Ende der Brücke zum andern. Der ſchlaue alte Soldat mit dem hölzernen Beine machte ſich die⸗ ſen Umſtand zu nutze, um noch einmal eine Gabe zu erhaſchen, und es gelang ihm. Er hinkte Fran⸗ zen nach, und redete ihn an. Dieſer ſah ſich nicht einmal um, ſondern warf ihm in der Zerſtreuung ein Sechsgroſchenſtück in den Hut. Nachmittags wurde es auf der Brücke wieder lebhafter, und Franzens Hoffnung lebte damit von neuem auf; aber kein Freund redete ihn an, ſo ſehr er ſich auch bemühte, von Allen, die hier gingen und kamen,] bemerkt zu werden.] Gegen Abend ward es immer einſamer und ſtiller, und die die Bettler verlohten ſich nach und nach von der Brücke. Jetzt verſank der arme Franz in die äuſſerſte Schwermuth⸗ Er hatte ſein ganzes Ver⸗ trauen auf den Freund geſetzt, der ihm einen Rath geben ſollte und nun kam Niemand. Was konnte er anders denken, als. der Geiſt hätte ihn nur zum Beſten haben wollen? Schon wollte er aus Ver⸗ zweiflung von der Brücke in den Fluß ſpringen, und ſich er läufen, ais der alte Soldat ſich ihm näherte und ihn anredete. Dieſem war Franzens ſonderbares Betragen vorzüglich aufgefallen; auch hatte er wegen den zwei reichlichen Aloſen eine gewiſſe Zuneigung zu ihm, und nahm an ſeinem Schickſale mehr Theil, als die übrigen Bettler⸗ Er blieb daher bis zuletzt auf der Brücke, beob⸗ achtete den jungen Mann genau, und grübelte da⸗ rüber, was derſelbe wohl für eine Abſicht haben möchte. Die Neugier trieb ihn endlich, ihn anzu⸗ reden:„Nehmt es nicht übel, lieber Herr, daß ich euch in euren Gedanken ſtöre.“— Franz ant⸗ wortete mürriſch:„Nun, was wollt ihr?4— „Wir Beide ſind heute die erſten hier geweſen. und find nun auch die letzten. Mich und meines Gleichen führt der Beruf hierher; aber was ſucht ihr?“—„Ei ihr könnt mir doch nicht helfen! 14— „Ich meine es wenigſtens gut mit euch, und wünſche, ach helfen zu bönnen; denn ihr habt wir heute So⸗ 3 — 68— zweimal ein reichliches Almoſen gegeben, wofür euch Gott belohnen möge! Ihr ſeht aber nicht mehr ſo vergnügt aus, wie am Morgen, und das geht mir nabe.“— Dieſe Theilnahme rührte Fran⸗ zen. Er ward geſprächig, und ſagte:„ich habe hier einen Freund erwartet, von dem ich eine wich⸗ rige Nachricht erhalten ſollte.“—„Euer Freund,“ erwiederte der Alte,„iſt ein ſchlechter Menſch, daß er euch ſo lange warten läßt, und ich an euerer Stelle würde.“—„Ja,“ ſagte Franz,„es träumte mir nur ſo.“(Er hatte nämlich nicht Luſt, die ganze Geſchichte von dem Geiſte zu erzählen.) „O, Träume! wer wird ſich auch darauf verlaſſen! Ich habe ihrer genug gehabt, und nie an einen ge⸗ glaubt.“—„Aber mein Traum war ſo lebhaft, ſo lebhaft, als hätte ich alles wachend mit meinen Sinnen empfunden.“—„Auch ich habe zuweilen Kbhr lebhaft geträumt,“ verſetzte der Soldat.„Zum Exempel, vor einem Jahre träumte mir, ich ſollte in einem gewiſſen Garten vor dem Thore einen großen Schatz heben. Da ſchwebte mir alles ſo deuklich vor Augen, daß ich noch heute den Fleck finden wollte.“(Hier beſchrieb der alte Soldat zu Franzensnicht geringem Erſtaunen den ehemaligen Garten ſeines Vaters, der bei der Zahlungsunfähigkeit mit verkauf worden war. Er bezeichnete die Stelle, wo der Schatz liegen ſollte, ganz genau, und Franz · 8 2 — 69— Frauz erinnerte ſich ihrer ſehr wohl.)—„Und gingt ihr denn nicht hin, und grubet nach?“ fragte Franz, der ſich Mühe gab, recht gleichgültig zu ſeyn.„Behüte! es war ja nur ein Traum. Und die Nacht iſt keines Menſchen Freund. Mit Gei⸗ ſtern und mit Schatzgraben hab' ich nicht gern et⸗ was zu thun.“—„Wohl wahr, Alter!“ ſagte Franz, gab ihm noch ein Almoſen, und beſchied ihn öfter auf die Brücke, wo er jedesmal eine Gab von ihm bekommen ſollte. Nun wünſchten Beide einander eine gute Nacht, und gingen nach Hauſe. Franz konnte vor Freude über die unver⸗ hoffte Entdeckung kein Auge zuthun. Er dachte der wunderbaren Entwickelung ſeines Schickſals nach, und fand jetzt das ganze Räthſel gelößt. Der Va⸗ ter hatte fuͤr unvorhergeſehene Fälle einen Thell ſeines Vermögens in den Garten, wo er ſich beſon⸗ ders die letzte Zeit häufig aufhielt, vergraben, und war vermuthlich Willens geweſen, auf dem Sterbe⸗ bette ſeinem Sohne von dem verborgenen Schatze Nachricht zu geben. Allein der Tod überraſchte ihn plötzlich, und ſo nahm er das Geheimniß mit ſich ins Grab. Dennoch kam der Schatz auf jene ſon⸗ derbare Art noch an den rechten Mann.— 3 Am folgenden Tage ſetzte Franz alles in Be⸗ reitſchaft um ſein Vorhaben auszuführen. Er a ſah ſich mit Hacke⸗ Spaten und eiuigen Beuteln, 1 zund kommen und den Schatz in Sicherheit bringen könnte. Da ihm alle Wege und Stege in und auſſer der Stadt bekannt waren, ſo ſchien ihm das nicht ſchwer zu ſeyn. Gegen Mitternacht machte er ſich auf, ſchlich durch enge und wenig bewohnte Gaſſen fort, und kam glücklich an den Garten, der dicht hinter der Stadtmauer lag. Mit pochendem Her⸗ zen ſtieg er über die Mauer, und eilte nach dem be⸗ zeichneten Roſenſtrauche hin, unter welchem der Schatz verborgen ſeyn ſollte. Die mondhelle Nacht begünſtigte ſein Unternehmen. Er fing an zu gra⸗ ben, und es währte nicht lange, ſo zeigten ſich zwei große eiſerne Töpfe, mit lauter Goldſtücken angefüllt. Es war zu viel, als daß er alles auf einmal hätte fortbringen können; daher trug er den größten Theil in einen hohlen Baum, der auſſer⸗ halb des Gartens in einem unbeſuchten Winkel ſtand, und den er ſich ſchon am vorigen Tage dazu ausgeſucht hatte. Als dies geſchehen war, nahm er das Uebrige, ſo viel er gerade tragen konnte, mit ſich nach Hauſe. Den hohlen Baum beſuchte er dann noch einige Nächte hintereinander„bis er alles in Verwahrung gebracht hatte. 4 Anterdeſſen vergaß er den alten Soldaten nicht, ſondern ſchickte ihm alle Tage durch einen treuen Diener ein reiches Almoſen nach der Brücke hin. und überlegte, wie er unbemerkt in den Garten — 141 In der Folge ließ er dem Alten ein Hauschen bauen, und verſorgte ihn Zeitlebens, ſo, daß er nicht mehr zu betteln brauchte. Er ſelbſt war nun durch Erfahrung klug geworden, und machte einen beſſern Gebrauch von ſeinem Vermögen, als vor⸗ her, nahm keine Schmeichler und Schmarotzer mehr auf, lebte ſparſam, ohne zu geitzen, und trieb ſeine Handelsgeſchäfte mit eben ſo vielem Eifer, als Red⸗ lichkeit. Dadurch löſchte er bei ſeinen Mitbürgern den übeln Ruf wieder aus, den ihm ſein Leichtſinn und ſeine Verſchwendung in den erſten Jahren zu⸗ gezogen hatten. Er beglückte ein gebildetes Mädchen mit ſeiner Hand, das zwar wenig Vermögen aber vlele weibliche Kenntniſſe beſaß und reich an Tugenden war. Er gründete eine Familte welche durch Häus⸗ lichkeit und Liebe ſich hochſt glücklich fühlte, ſeine Kinder zog er zu brave fleißige Menſchen. Die Strafe. (Ein Ruſſiſches Maͤhrchen.) Vor alten Zeiten lebte tief in dem Innern des ruſſtſchen Reichs ein vornehmer, wilder Mann, dem ſeine Mutter in ſeiner Kindheit allen böſen Willen gelaſſen hatte. Dieſer Mann war ſehr hoch⸗ müthig, grob und ſtolz, und wollte Niemand ge⸗ horchen, auch ſelbſt dem Chan nicht; denn er wollte Niemand über ſich leiben. Da ſprach der Chan des Reichs, in dem der 1 ſorrige Mann wohnte:„Fort mit dir, 8 würdiger, fort aus meinem Reiche.“ ug der trotzige Menſch fort. Auf ſei⸗ nem Wege kreichte er einen großen Wald, in demſelben fand er ein von Wölfen oder Bären ge⸗ freſſenes Pferd, blos der Kopf war noch übrig; denſelben hob er auf und band ihn an ſeinen Gür⸗ tel. Nun ging er immer fort. Gegen Abend hörte er von weitem ein Pferdegetrappel, da kletterte derſelbe auf einen großen Baum, um ſich zu ver⸗ hergen. Als er eine Weile oben ſaß, da kam eine ——2 ——— — 73— G 3 Anzahl Tſchädkür zu Pferde, welche ſich unter den Baum lagerten und ein großes Feuer anmachten, um dabei zu kochen. Nach einer Weile kamen noch mehrere Tſchädkür, auf Eſeln ſitzend, dieſe lager⸗ ten ſich auch um das Feuer. Als die Geſellſchaft, es mochten ungefähr etliche zwanzig ſeyn, um das Feuer ſaß und zuſammen aß und trank, da ſtieg der Mann etwas tiefer vom Baum herunter. Da er aber ſahe, daß es ſo Viele waren, fürchtete er ſich, und wollte nicht herunter ſteigen; indem ſah einer von der Geſellſchaft zufällig aufwärts und da erblickte er aus den Zweigen den Pferdekopf, wel⸗ cher herunterhing. Es erſchrack berſelbe darüber ſo, daß er ſeinen Genoſſen zurief:„ein Ungeheuer! ein Ungeheuer!“ ſo daß dieſelben bei dieſem An⸗ blick Alle aufſprangen, ſich auf ihre Pferde und Eſeln warfen und eilig davon ritten. Als der Mann dieſes auf dem Baume ſah, wunderte er ſich ſehr, ſtieg herunter und fand noch viele Speiſe und Trank, und da er den ganzen Tag nichts gegeſſen hatte, und daher ſehr hungrig war, ſo ſchmeckte es ihm vortrefflich. Er konnte aber doch nicht Alles aufeſſen, ſondern mußte Vie⸗ les übrig laſſen. Jetzt ſtieg er wieder auf ſeinen Baum, band ſich oben an einen Aſt feſt und ſchlief die Nacht über daſelbſt.“ Als es Morgen ward, wurde er durch ein e⸗ Geräuſch geweckt; er ſah vom Bau erblickte einen Menſchen, um, von lauter Rattenfelle ſaß auf einem ganz kleinen Pferd. Als derſelbe an den Baum kam, und die noch glühende Aſche ge⸗ wahrte, ſtieg er von ſeinem Pferde und ſetzte ſich unter den Baum.* Der Mann auf dem was der da unten mache; Zweige los, ſtieg etwas h wie derſelbe ein Tüchlein alsdann ſagte: „Tüchlein! Tüchlein! frei und frank, gib mir gleich gut' Speiſ' und Trank.“ Kaum waren die Worte ausgeſprochen, als Speiſe und Trank auf dem ausgebreiteten Tüchlein erſchien, die ſich der Mann recht gut ſchmecken ließ; der Mann auf dem Daume erſtaunte über dag me herunter und der hatte einen Mantel n gemacht; dieſer Mann Baum wollte gern ſehen, er band ſich alſo von dem erunter, und da ſah er, vor ſich ausbreitete und was er ſah und hoͤrte. n ihm ſo gut in die Naſe rochen; haben, und ſtieg langſam Der unten Sitzende, der ſah hinauf 3 als er aber den a erſchrack derſelbe, denn er opf eines Ungeheuers, welches und ihn zerreiſſen wollte. Er ſprang auf — 5— auf ſein Pferdchen und eilte über Hals und na bavon. Der Mann auf dem Baume wunderte fc, daß der Andere verſchwunden war, wie auch die Speiſen auf dem Tüchlein. Das Tüchlein ſelbſt lag noch da, indem der Beſitzer davon ſolches in der Angſt mitzunehmen vergeſſen hatte. Da von den Speiſen vom vorigen Tag nichts mehr da war, die vermuthlich die Thiere des Wal⸗ des verzehrt hatten; ſo ſetzte ſich der Mann zu dem Tüchlein, ſprach die Worte die er kurz vorher ver⸗ nommen und wohl behalten hatte: „Tüchlein! Tuͤchlein! frei und frank, gib mir gleich gut' Speiſ' und Trank.“ Kaum hatte er dieſes geſagt, ſo ſtand Eſſen und Trinken vor ihm. Da lachte der Mann, aß und trank, und als er fertig war, verſchwand das Uebrige. Er nahm das Tüchlein, rollte es zuſam⸗ men und ſteckte es zu ſich. Ausgeruht und geſät⸗ tigt ſetzte er ſeinen Weg weiter fort. Als er eine große Strecke gegangen war, be, gegnete ihm ein Mann, der hatte ein großes, blin⸗ kendes Schwert in der Hand.„Was iſt das für 55 ein Schwert, daß du ſolches ganz blos in der Hand trägſt? 274—„Das iſt ein Kreisſchwinger,“ ant⸗ 4 wortete der Anderee„Wenn ich zu demſelb — 26— entwandt, geh und hole es mir zur Hand, ſogleich geht der Kreisſchwinger hin, tödtet den Menſchen. der es hat, und bringt mir die Sache zuruͤck. Auf dieſe Nachricht verſetzte der Erſte:„ich habe hier ein wunderbares Tüchlein, wenn man dieſes auflegt und dabei ſagt: Tüchlein! Tüchlein! frei und frank, gib mir gleich gut' Speiſ' und Trank, ſo bekommt man ſogleich Eſſen und Trinken voll⸗ auf. Weißt du was wir wollen tauſchen, gib mir dein Schwert und ich gebe dir das Tüchlein dafür. Das war derſelbe zufrieden, und als der böſe Mann das Schwert hatte, ging er ſeinen Weg weiter. Unterwegs ſagte er: ich muß doch einmal das köſtliche Schwert prüfen. Er ſagte alſo zu dem Schwerte:„Kreisſchwinger, dort hat einer meine Sache entwandt, gehe und hole es mir zur Hand.“ Sogleich floh das Schwert hin tödtete den Mann, und brachte das Tüchlein zurück. Als er weiter fortging, begegnete ihm Einer, der hatte einen großen eiſernen Hammer in der Hand, da fragte er denſelben:„warum haſt du den Hammer in der Hand?“ Dieſer antwortete: ſo viele eiſerne herum.“ „Weißt du was, wir wollen tauſchen, ich habe da ein Tich lein, wenn ich ſage: Lüchlein! Tüch⸗ Mauern kommen im Kreiſe um mich 9 — lein! ſo vielmal ich mit dem Hammer auf die Erde ſchlage,. 4 „„„— — 7 ˙— lein! frei und frank, gib mir gleich gut' Speiſ' und Trank, ſo bekomme ich Eſſen und Trinken, mehr als ich jedesmal brauche. Das war Jenem recht, und als ſie getauſcht hatten, ging dieſer fort und ſagte bald darauf:„Kreisſchwinger, dort hat einer meine Sache entwandt, geh und hole es mir zur Hand.“ Da floh der Kreisſchwinger hin, töd⸗ tete den Mann und brachte das Tüchlein zurück. Als er Alles wieder bekommen hatte, ging er ſeinen Weg fort; da begegnete er einem Menſchen, der trug einen leeren Sack von Ziegenfellen, da fragte er denſelben, was er mit dem leeren Sacke mache.„Dieſer Sack,“ antwortete der Menſch, „hat die Eigenſchaft, daß wenn ich ihn ſchüttle und ſage: regne, ſo regnet es den ganzen Tag, wenn ich ihn aber recht ſtark ſchüttle und ſage: recht viel Regen, ſo regnet es auſſerordentlich ſtark. Das gefiel auch dem Erſten, er ſagte alſo auch zu dieſem, wir wollen tauſchen, indem er ihm die vortrefflichen Eigenſchaften ſeines Tüchleins er⸗ zählte. Als er ſein Tüchlein vertauſcht hatte, ging er wieder weiter, dann ſagte er:„Kreisſchwinger, dort hat mir einer meine Sache entwandt, geſchwind und hole es mir zur Hand.“ Da floh das Schwert fort, tödtete den Mann, und brachte das Tüch⸗ lein zurück. — 3— Da der böſe Mann alle dieſe Dinge hatte, ſagte er zu ſich ſelbſt: der Chan iſt wohl ein grim⸗ miger Mann, aber jetzt fürchte ich mich doch nicht vor ihm; ich gehe jetzt wieder zurück in ſein Land, und will ſehen, wer mich daraus vertreiben will. Als er in der Hofſtadt des Chans ankam, ging er heimlich zu ſeiner Mutter und ſagte ihr was er thun wollte. ͤͤ Als es Mitternacht wurde, ging er hinaus vor das Schloß des Chans, nahm ſeinen Hammer und ſchlug damit ſechsmal auf die Erde 3 kaum war dieſes geſchehen, ſo erſchien eine eiſerne Mauer ſechsmal im Kreiſe um ihn herum. Sobald es Dag war, ſah der Chan aus ſeingg Schloſſe zum Fen⸗ tte Getoſe gehört und wollte Da erſchrack derſelbe, als er die ſechsfache eiſerne Mauer erblickte und den böſen, trotzigen Mann in der Mitte. Der Chan zu ſeiner Gemahlin, die bei e ſtarke eiſerne Mauer geſehen hatte:„Das iſt eine rechte wilde Beſtie, aber warte, ich will dir doch zeigen, daß ich dein Herr hin.. Darauf gab er Befehl, daß Holz und Koh⸗ len in Menge herbei geſchafft wurden, wie auch Blaſebälge, und. nun wurde ein tächtiges Feuer um die eiſerne Mauer gemacht, daß fölche über — und brennen, wenn du keine beßre Hilfe ſchaffſt.“ T fluth verwandeln. In ein paar Stunden war Alles — — und über glühte. Jetzt wurde auch ſchon die zweite Mauer heiß, und nun ja terte des boͤſen Mannes Mutter, die hinter der⸗ Pritten Mauer wohnte: „ach, mein Sohn, wir ſind, verloxen, das unge⸗ heure große Feuer, des Chans, ſetzt die wunder⸗ volle eiſerne Mauer in Gluth, daß wir beide ver⸗ brennen müſſen.“ Der trotzige Mann, welcher in der Mitte wohnte, ſprach zu ſeiner Mutter: ſeyd nur ganz ruhig, der Chan kann uns nichts thun, und ſein Feuer noch weniger.“ Und nun nahm er den Sack von Ziegenfellen, und ſchüttelte ihn, und ſagte dabei:„es regne.“ Sogleich regnete es, aber das Feuer und die Gluth waren ſo ſtark, daß der Regen gar nichts davon verminderte. Da jammerte ſeine Mutter auf's neue rief abermals:„ach, mein Sohn, wir müſſe ſprach der böſe Mann:„habt nur ein wenig Ge⸗ dult, ich will uns gleich helfen. Nun ſchhitelte er den Sack von Ziegenfellen recht ſtark und ſagte dabei: recht viel Regen,“ da regnete es ſo ſtark, daß man meinte, es wollte die ganze Erde in eine Waſſer⸗ überſchwemmt, das Feuer verlöſchte, aber der böſe 5 Mann und ſeine Mutter waren auch dabei ertrunken, und damit iſt mein Maͤhrchen aus. 8 Der Bas uer Cadi. (Ein Ruſſiſches Mͤhrchen.) — Es waren einmal zwei Brüder, die wohnten beide in einem kleinen Dorfe an der türkiſchen Grenze; der eine war reich und der andere war arm. Eines Tages als es ſchon ziemlich kalt war, hatte der Arme kein Holz, aber auch keinen Karren noch Pferde, um ſich aus dem nächſten Walde das ihm ſo nöthige Holz holen zu können. Er ging alſo zu ſeinem reichen Bruder, bat 8 ihn, ihm eine Fuhre zu leihen, damit er in: den Wald fahren und ſich Holz holen könne. Sein relcher Bruder machte ihm allerlei Schwierigkeiten und Linwendüngen, um ihm nichts leihen zu müſ⸗ ſen. Da aber der arme Bruder gar zu ſehr bat und jammerte; ſo gab er ihm ein junges, raſches Pferd, aber auch weiter nichts, nicht einmal einen Sattel oder Zaum. Der arme Mann aber wußte ſich zu helfen, er nahm einen Strick, brauchte ſolchen ſtatt des Zaums, gab dem Pferde gute Abure und b tam er in den Wald. Hier machte — 31— er ſich einen ziemlich großen Bündel Holz zuſam⸗ men und band dieſen an den Schweif des Pferdes. Als er nach Hauſe fuhr, und gegen ſeine Wohnung kam, die auf einer Anhohe lag, ſtrengte das Pferd ſeine Kräfte an, um den großen Bündel Holz hinauf zu bringen, aber als ſolches bald oben war, riß die Schwere des Bündels dem Pferde ſeinen Schweif aus. Als der arme Bauer ſeinem reichen Bruder das Pferd ohne Schweif zurück brachte, nahm es derſelbe nicht an, ſondern verlangte vierhundert Rubel dafür, oder er würde ihn, ſagte er, in dem nächſten Städtchen beim Cadi verklagen. Da der Arme ihm die Summe nicht geben konnte und wollte, ſo reiſten ſie den folgenden Tag gemein⸗ ſchaftlich zum Cadi. Da ſie denſelben Tag das Städtchen nicht erreichen konnten, kehrten ſie beide in einem Wirthshaus ein, um daſelbſt Nachtlager zu halten. Der Reiche hatte Geld, und kannte an dem reichlich mit Speiſen beſetzten Tiſche de, Wirths ſeinen Hunger befriedigen. Aber nicht ſo der Arme, der hatte nichts, als etwas trockenes Brod, das er in einem Sacke von Hauſe mitgenommen hatte. Er legte ſich auf die Schlafbank über den Ofen; da ihm aber die Speiſen ſo gut in die Naſe rochen, ſo wollte er ſehen, was die Gäſte unter ihm aßen. Er ſah, daß es Reiß und Hammelfleiſch war; da (Maͤhrchen.) F dachte dachte er alſo bei ſich: hätte ich doch auch etwas davon zu meinem Stückchen trockenem Brode. Da er ſich nun von dem Geruche der kräftigen Speiſen ſo angezogen fühlte, vergaß er ſich, hängte ſich mit dem Leibe ſo ſehr herab, daß er das Gleichgewicht verlor und herunterſtürzte auf des Wirths ſchlafendes Kind, das in der Wiege unten lag, und vaſſelbe durch den Fall tödtete. Nun jammerte der Wirth, hieß den zwar un⸗ 1 beſchädigten aber ſehr erſchrockenen Bauer einen Eſel und verlangte einen großen Schadenerſatz. Da dieſer nichts hatte ihm zu geben ſo geſellte der Wirth den folgenden Tag ſich zu heh um mit zum Cadi zu gehen. Als ſie alle Drel unterwegs waren„ tamen ſie an eine Brücke, die über einen ziemlich breiten Fluß führte. Als ſie mitten auf der Brücke waren, ſahen ſie einen Kahn herunterfahren, in dem ein alter kranker Mann dag. Da das Schiff an die Brücke im, wollte der arme Bauer das Schiff ſehen, beugte ſich zu viel über die Brücke, die noch Dazu ohne Geländer war, verlor das Glelchgewiche und plump, lag er drunten. 32 5. (Er fiel in das Schiff; dieſer Faul hate⸗ thm zwar nur den Schrecken, dem alten, kranken Manne aber den Dod zugezogen, weil er gerade auf denſel⸗ ber ſo hart fiel, daß er ſtarb. Der Sohn, det V . mit Unglücklichen zum Cadi verfügten, ſo geſellte er ſich Städtchen, worin der Cadi wohnte. Als ſie vor einen Finger dabei in die Höhe ſtreckte. Der Cadi — 83— mit ſeinem alten Vater anf dem Wege war, um denſelben in das nicht weit entfernte Krankenhaus zu fahren, wo er ſeine noch übrigen Lebenstage zubringen ſollte, ergrimmte über den erſchrockenen Bauer, hieß ihn einen plumpen Ochſen und ver⸗ langte großen Schadenerſatzun Da ihm dieſes der Bauer nicht leiſten konnte, und er vernahm, daß die andern zwei Perſonen ſich wegen dieſes armen gleichfalls zu ihnen, um feiie Kmage dem Cost vorzubringen.* 4 Gegen Mittag tamen ſie alle Vier in das ihm erſchienen und der Erſte ſeine Klage vorbrachte, hatte ſich der Verklagte etwas in den Hintergrund zurückgezogen; er bückte ſich, nahm einen Stein von der Erde, verbarg ſolchen in ſeinen leeren Brodſack, hielt dann mit einer Hand den Sack und mit der andern Hand einen Finger in die Höhe. Der Richter, der dieſes gewahr wurde, glaubte in dem Sacke ſey ein Geſchenk, weil der Verklagte ſprach alſo zu dem erſten Kläger:„Da du deinem armen Bruder blos das Pferd ohne Geſchirr geltehen haſt, und er daher nothwendig gedrungen war, den Bündel Holz an den Schweif deines Pferdes zu binden; ſo ſoll er das Pferd ſo lange im Beſitze 3 behalten, bis deſſen Schweif wieder völlig gewach⸗ ſen iſt./ Der reiche Bauer kratzte ſich hinter dem Ohre, zog ſich zurück und machte dem zweiten Klä⸗ ger Platz. Als derſelbe ſeine Klage vorgebracht hatte, hob der Verklagte abermals einen Stein von der Erde, khat ſolchen zu dem erſten Stein in den Sack, und hob ſolchen nebſt zwei Fingern in die Höhe. Der Cadi glaubte der Bauer thät ihm das Geſchenk ver⸗ doppeln, wenn er ihm zu ſeinem Rechte verhelfe. Er ſprach alſo zu dem Wirth:„Nicht der Bauer, ſondern du haſt gefehlt, erſtens, daß du die Wiege deines Kindes unter die Schlafbank des Vauers ge⸗ ſtellt haſt, und zweitens, daß du dem Dürftigen nicht einmal eine Mahlzeit Eſſen geben wollteſt, und ihn hungrig ſchlafen gehen hießeſt. Da er nun von den Dünſten des Eſſens betäubt herunter fiel, ſo ſoll er ſo lange bei dir bleiben„bis du wieder ein anderes Kind haſt.“ Der Wirth, dem das Urtheil des Richters gar nicht gefiel, machte ein ſaures Geſicht und gieng verdrüßlich fort. Als nun der Cadi die Klage des jungen Men⸗ ſchen anhörte ſo hob der Verklagte abermals einen Stein von der Erde auf, that ihn zu den übrigen, und hielt den Sack nebſt drei Fingern in die Höhe. Der Cadi glaubte, der Bauer wollte damit anzeigen, daß wenn er recht richte, er ihm das Geſchenk drei⸗ . fach — 35— fach geben wolle. Der Richter ſprach alſo zu dem Schiffer:„Da der Bauer von der Brücke gefallen iſt, und deinen Vater erſchlagen hat! ſo ſoll er ſich in das nämliche Schiff legen, und du ſtürzeſt dich von der Brücke auf ihn, daß er ebenfalls tod bleibt.“ Als der junge Mann dieſes Urtheil hörte, ging er, heimlich fluchend, fort. Da die Kläger alle ihren Beſcheid empfangen hatten und fortgegangen waren, trat der ſehr zufrie⸗ dene Bauer zum Cadi, um ſich für die ſo weiſe Ge⸗ rechtigkeit zu bedanken. Der Cadi, der ſich freuete, daß der Bauer ſo vergnügt war, fragte ihn, was er da im Sacke verwahre, und warum er bei jeder Klage die Sachen in dem Sack vermehrt und einen Finger jedesmal mehr in die Höhe geſtreckt habe. Der Bauer lerte den Sack aus, und nun ſah der Cadi zu ſeinem Verdruß, daß es drei ziemlich große Steine waren. Der Bauer ſagte zu dem Richter:„Der eine Stein und der eine Finger hat euch anzeigen ſollen, wenn ihr mir nicht nach dem Rechte ſprecht, werfe ich euch einen Stein an den Kopf; bei der zweiten Klage, im Fall ihr nicht was Recht iſt geſprochen hättet, würde ich euch zwey Steine an den Kopf geworfen haben; und wo ihr bei der dritten Klage ungerecht geſprochen hättet, hätte ich euch dieſen dritten Stein an den Kopf geworfen, dieſes haben euch jedesmal die Sin⸗ — 36— und hieß ihn, ſich ſeinen Weg packen. jungen Schiffer, verlangte von demſelben dem Ur⸗ hatte der junge Menſch nicht Luſt, er bot ihm alſo ſtatt Dieſes war der Bauer zufrieden; als er das Ver⸗ ſprochene empfangen hatte, ging er zu dem Wirthe geſetzt zu werden. Da derſelbe erfahren, wie ſich der Erſte mit dem Verklagten abgefunden hatte, ſo auch dieſes nahm der Bauer an, und als er auch ihn, ihm das Pferd ohne Schweif zurückzugeben, ſchöne Kuh überliefern. Auch dieſer Vergleich war unſerm armen Bauer recht/ und nun war er durch dieſe traurigen Vorfälle„die ſich alle drei ſo vor⸗ theithaft für ihn endigten, nach ſeiner Art ein wohlhabender Bauer, der für die Zukunft mit ſei⸗ nem eigenen Geſchirre ſeinen Hotzbedarf aus dem Walde hojen fonnte Der Bauer ging vergnügt fort und zu dem theile des Richters Genüge zu leiſten, aber dazu deſſen fünf und zwanzig Rubel nebſt vier Schaafen. und verlangte gleichfalls in die Rechte des Urtheils bot er ihm fünfziz Rubel und zwei große Schweine; Der Finger angezeigt,“ Der Cadi, der wohl ſah, daß ihn der Bauer überliſtet hatte, machte zu dieſem geräuſchten Spiel eine nicht gar freundliche Miene, daſſelbe empfangen hatte, reißte er nach Hauſe. Daſelbſt harrte ſchon ſein reicher Bruder und bat er wolle ihm dafür fünfzig Rubel und noch eine Erworbene nicht zu ſparen verſtand. Neidiſch ſah wolte cigentiich die gute Frau ſagene. Aber Adel⸗ 4 Der Gott im Kaſten. (Eine Teutſche urſage.) 8 Jn dem Städtchen Blomberg trieben zwei Nachba⸗ rinnen gleiches Gewerbe. Die eine verband Fleiß mit Sparſamkeit, und wurde wohlhabend. Die andere verarmte, weil ſie faul war, und das wenig dieſe auf die reiche Nachbarin. Eines Tages ſagte ſie zu derſelben:„wie kommt es doch, daß euch al⸗ les gelingt, was ihr vornehmt. Ich bin doch auch nicht faul, und doch frommt bei mir nichts. Eure Arbeit kann es doch nicht ſeyn was euch Glück bringt; ihr müßt noch ein Geheimniß wiſſen, wo⸗ durch ihr reich werdet.“ Traulich antwortete die Nachbarin:„ihr habt wohl recht liebe Freundin! Die Arbeit thut es freilich nicht allein. Das geſammelte Gut gedeiht nicht, wenn man nicht einen Gott im Kaſten hat. Per den beſitzt, dem fließt Reichthum und Wohlſeyn zu.“— Mein Geheimniß iſt: Bete und Arbeite! — 35— heit, ſo hieß die Faule, verſtand nicht den Sinn der Rede, oder wollte ihn nicht verſtehen. Immer wiederholte ſie ſich, als ſie in ihrer Stube war: „kein Gedeihen ohne den Gott im Kaſten.⸗ „Zu dem könnte ich,“ ſo flüſterte der gemãch⸗ liche Aberglaube ihr zu,„zu dem könnte ich wohl gelangen, wenn ich eine geweihte Hoſtie(Oblate) in meinen dürftigen Kaſten brächte.“ Gedacht, gethan. Sie bemerkte ſich genau den Ort, wo der Prieſter die geweihte Hoſtie verwahrte, läßt ſich Abends in der Kirche einſchließen, öffnet in der Nacht die Monſtranz, und ſteckt mit zittender Hand die übrig gebliebenen Hoſtien zu ſich.. Am folgenden Morgen kehrte ſie in ihre Woh⸗ nung zurück, und ſchließt vertrauensvoll den ge⸗ raubten Gott in ihren Kaſten. Aber die Hoſtie wurde bald vermißt. Ein to⸗ deswürdiges Verbrechen, ein Kirchenraub war ver⸗ übet, und die Erforſchung des Thäters ſollte mit einer Hausſuchung beginnen. Dieſes Unternehmen gelangte bald zu Adel⸗ heit's Ohren. Von ihrem böſen Gewiſſen ge⸗ ängſtiget lauft fie zu ihrem Kaſten, nimmt die Hoſtien heraus, und wirft ſie ohne Nachdenken in einen offenen Brunnen. Natürlich gingen die Ob⸗ laten nicht unter, ſo viel ſie auch im Waſſer rührte, ſie ſchwammen immer oben, und ſo wurde ſie von den — 99— den herzueilenden Mönchen gefunden. Jetzt wurde ſie als die Verbrecherin ergriffen, und nach dem Verhör zum Feuertodt verurtheilt. Der Brunnen indeß, in welchem die Hoſtie ge⸗ funden waren, ward nun ein Wunderbrunnen. Der Glauben an die Kraft ſeines Waſſers machte Blinde ſehend, und Lahme gehend. Es war kein Gebrechen, das nicht dieſer Gottesbrunnen hätte heilen können. Bei demſelben war ein Altar ge⸗ bauet, auf den von allen Orten milde Gaben floſ⸗ ſen. Von dem geſammelten Geld hob ſich bald eine Capelle über den Altar. Die Wallfahrten mehrten ſich und ſo entſtand nach wenigen Jahren(1469) das berühmte Kloſter zu Blomberg. Die Reforma⸗ tion vertrieb die Mönche, und die Wunder des Brunnens hörten auf. Jetzt liegt er verſchüttet, und vom ganzen Klo⸗ ſter ſieht man nur noch Ruinen, welche den Ort bezeichnen, wohin einſt Tauſende, glaubensvoll, Geneſung zu ſchopfen, wallfahrteten. ———— Fo und die beiden Witwen, (Eine Chineſiſche Urſage.) —NͤM „ Fo, der Gott der Chineſer, machte ſſich oft, ſo geht die Sage, ein Feſt daraus, unbekannt auf der Erde umher zu gehen, die Herzen der Sterbli⸗ chen zu prüfen, und mitunter ſchon hier zu belohnen und zu beſtrafen. So kam er einſt ſchlecht gekleidet bei eintretender Nacht vor die Hütte einer armen Witwe, und bat um Einlaß. Die Witwe öffe⸗ nete ſchnell die Thüre dem Flehenden, deſſen ſanfte Stimme ſie ſchon gerührt hatte. Da ſie nun beim — Schelne einer dürftigen Lampe in ein Geſicht blickte„ aus welchem die Redlichkeit ſtrahlte, da ſie hörte, daß er ſich auf ſeinem Wege verirret habe, und daß ihn hungere; führte ſie mitleidig den Fremden in ihr Stübchen, ſetzte ihm vor, was ſie vermochte, ſchürte das Feuer und bereitete ihm ein warmes Lager.— Der Gaſt ließ ſich das alles gefallen. Er un⸗ terhielt die alte Frau mit belehrenden Geſprächen und legte ſich, als er zur Genüge gegeſſen und ge⸗ 8 trung 4 — — 94— 3 trunken, zur Ruhe. Die Witwe, die im Hofe be⸗ ſchäftigt war, eilte in das Stübchen, um zu ſehen, ob ihr Gaſt noch etwas benöthigt ſey, damit ſie es ihm reichen könne. Aber ſie fand ihn ſchon ſchlafend. Als ſie ihn ſo mit ihrem Lämpchen beleuchtete, ſah ſie, worauf ſie bisher nicht ſehr geachtet hate, daß ſein Kleid zerriſſen wat; und durch die Riſſe bemerkte ſie, daß er nicht einmal ein Hemd an hatte. Sie ſeufzte über dieſe groſſe Armuth, und ungeſäumt eilte ſie zu ihrer Kiſte, ſchloß ſolche auf und nahm eine Rolle von ihrem groben ſelbſt geſponnenen Leinwand und ſchnitt ſo viel davon ab, als zu einem Hemde nöthig war Nun begab ſie ſich ſogleich an die Arbeit, und mit angeſtrengtem Fieiße arbeitete ſie die Nacht durch an dem neuen Hemde. Als mit Tages Aubruch der Fremde erwachte, hatte ſie die Freude, es ihm fertig zu überrelchen. Mit Dank empfing er die ſo benöthigte Gabe, und nachdem ſie ihn nochmals mit Speis und Trank gefättigt hatte, ſchied er von dannen.„Gott lohne dir,“ ſprach er beim Scheiden,„Gott lohne dir, was du an mir thateſt. Wenn ich geſchieden bin, dann müſſe dein erſtes Beginnen nicht aufhoͤren, bis die Sonne untergeht.“ Nur mit halben Ohren hörte die gute Alte die letzten Worte. Sie ging zurück in ihr Stübchen, und was ihr zuerſt auffiel, war die Rolle Leinen, 4 5 1 0⁵ wovon ſie ihrem Gaſt das Hemd abgeſchnitten hatte. Sie wollte es in den Kaſten wieder verwahren. Wie viel Ellen, dachte ſie jetzt, mögen wohl noch da ſeyn? Sie öffnete die Rolle, und fing an, das Lei⸗ nen an ihrem Arm zu meſſen. Sie maß und maß, und maß immer fort, die Rolle Leinen entwickelte ſich unaufhörlich, ohne daß ſie dünner wurde. Das Stübchen faßte bald nicht mehr das ausgemeſſene Leinen, und die Witwe, die ſich jetzt der letzten Worte des ſcheidenden Fremden dankbar erinnerte, ſetzte mit frohem Gemüthe ihre Arbeit fort, ſie war gezwungen, als das Stübchen gedrängt voll war, auf den Vorplatz zu gehen, und am Ende gar auf den Hof, bis endlich die Sonne unterſank und die Rolle zu Ende war, ſie war jetzt nach ihrer Art eine reiche Frau. Sie eilte nun ins Dorf und erzählte daſelbſt einer Verwandtin, welche eine wohlhabende Frau und auch Wittwe war, ihr ſonderbares Glück. Die Verwandtin ging mit ihr zurück um es zu ſehen, mit neidiſchen Augen überzeugte ſie ſich von dem Glück dieſer armen Witwe. Als die reiche Frau ſie frug, verhehlte ihr dieſe nicht auf welche Weiſe ſie zu dem Reichthum gekommen ſey. Hal dachte ſie, bedarf es nur das, ſo will ich auch wohl reich werden, und noch reicher. Sie, die ſonſt den Ar⸗ men kaum einen Biſſen Brod gereicht hatte, vielwe⸗ niger ) 2 4 — 282 —&——=2 2 0—d 1 — niger ſie in ihre Wohnung gaſtfrei aufgenommen und gekleidet hätte, ſie verließ nun nicht die Thür ihres Hauſes, ſie wartete faſt täglich und ſtündlich, in der Hoffnung, der ihr bezeichnete Fremde werde bald wieder vorüber gehen. 1 Nach ohngefähr einem Monat ward ſie endlich ihres Wunſches theilbaftig. Mit offenen Armen floh die Habſüchtige dem Vorübergehenden zu, bat ihn freundlich bei ihr ſeine Herberge zu nehmen, und als er ſich willig zeigte, führte ſie ihn in ihre Wohnung. Man kann denken mit welchem Ueber⸗ fluß von Speiß und Trank er hier umringt wurde. Der Geſättigte ward nun auf ſein Verlangen nach Ruhe in ſein Schlafzimmer geführt, wo er auf ei⸗ nem weichen Lager bis zum Morgen ruhete. Kaum war er erwacht ſo eilte die Wirthin zu ihm:„Lieber Gaſt ſprach ſie,“ mit Bedauren habe ich das grobe Leinen deines Hemdes geſehen; ſieh, ich verfertige dir ein feineres, und gern habe ich dieſe Nacht ſchlaflos zugebracht, um es noch vor Tag zu vol⸗ lenden. Nimm es gütig an. 1 Der Gaſt weigerte ſich nicht der Annahme. Nachdem derſelbe mit einem guten Frühſtück im Ueberfluß verſehen war, nahm er Abſchied von ihr. Er dankte für die Gabe und ſchloß mit gleichen Worten: „Wenn ich geſchieden bin, dann muͤſſe dein erſtes Be⸗ ginnen nicht aufhören, bis die Sonne untergeht!ℳ Die * Die Wirthin begleitete den Fremdling noch eine Strecke auſſer dem Hauſe. Dann eilte ſie was ſie konnte, und maß ſchon in Gedanken an ihrer Ralle von feiner Leinen. In der Eile fällt ſie beinahe über einen Eimer voll Waſſer, den ſie den Abend vorher, als ſie den Fremden gewahr wurde, über ihre Haſtigkett, hatte ſtehen laſſen. In dieſem Au⸗ genblick grunzten ihre Schweine. Die Thiere denkt ſie, bekommen über mein Meßgeſchäft den Tag über kein Futter, ich will ihnen wenigſtens das Waſſer vorgießen. Sie thut es, und ſiehe: Sie gießt und gießt, und gießt immer fort, der Eimer wird nicht leer, ſie kann nicht aufhoͤren zu gießen, ſo gewaltſam ſie auch die Arme zu wen⸗ den ſacht 5,5n„S. n Den ganzen Tag über goß die Aume, und erſt 9is dis Sonne unterſank, verſiegte der Eimer⸗ Die ganze Gegend umher war überſchwemmt, und die Nachbarn kamen in Haufen und forderten Scha⸗ denerſatz von der Gießerin. Aber ſie ward ärmer als zuvor, und für die Leichtſinnige unter dem Volke⸗ war ſie ſogar ein Gegenſtand⸗ des Spottes. Verſtändigere, welche die Geſchichte hörten, hielten den Spottern vor, daß der Eigennutz ſie eben ſo verblendet haben würde, wie die Verſpottete. Dann ſchlugen ſie jhren Confucius n ach, und laſen ihren Teauen und Aindren folgende Stelle vor:„In der —— der Schätzung des Werths) unſerer Handlungen ſteht der gute Willen oben an; es iſt die Bedingung alles Uebri⸗ gen. Aber nur dann iſt gut der Wille, wenn er ohne Nebenabſichten handelt, wie Pflicht ihm zu handeln gebeut.“ Fo und der Reſch 8. u nd Arme (Eine Chineſiſche urſage.). 3 — Einſt reiſte Fo in einer andern Gegend. Abends ſpäͤt, als es ſchon dämmerte, ſtanden auf dem Wege vor ihm zwei Häuſer, einander gegenüber, ein großes und ein kleines. Das große gehörte einem Reichen, das kleine einem Armen. Da et nun müde war, und die Nacht einfiel; ſo wollte er hier eine Herberge ſuchen, er dachte alſo bei ſich 1 bat, ſelbſt, du gehſt zu dem Reichen, dem wirſt du nicht. veſchwerlich fallen, der wird einen armen Reiſen, den gern aufnehmen. Er klopfte alſv bel demſelben an. Der Neiche guckte zum Fenſter heraus, und als er härte, daß der Reiſende um ein Nachtlaget Brod, Butter und Käſe. bat, und er ſah, daß derſelbe ein armſeliges An⸗ ſehen hatte, ſchüttelte er mit dem Kopfe und ſagte: „ich habe keinen Platz, ich kann euch nicht auf⸗ nehmen, meine Kammern liegen voll Saamen und Früchte, und ſollte ich Jedermann beherbergen der an meine Thür klopfte, ſo müßte ich ſelber bald fortgehen; ſucht euch anderswo ein Nachtlager,“ damit ſchlug er ſein Fenſter zu, und ließ den Bit⸗ tenden ſtehen. Fo wandte ſich um und ging zu dem kieinen Haus, das gegenüber ſtand. Kaum hatte er angeklopft, ſo hörte er ſchon, wie jemand nach der Thuͤr eilte und ſolche aufmachte, und als der Bewohner der Hütte das Verlangen des Rei⸗ ſenden vernahm, bat er ihn freundlich herein zu kommen, und bewirthete ihn mit Allem was er im Hauſe hatte; das gefiel den Fo. Die Frau, welche auch ſehr freundlich war, betheuerte, daß ſie arm ſeyen und nicht mehr für ihren Gaſt thun könnten. Als ſie den Reiſenden nach Gegnüge ge⸗ ſpeiſt und getränkt hatten, machten ſie ihm ein weiches Lager zurecht, welches dem müden Wan⸗ derer ſehr wohl that, der bald einſchlief. Morgens in aller Früh ſtand der Wirth und ſeine Frau auf, um dem Gaſte ein Frühſtück zubereiten. Sie melkte ihre Ziege, machte eine warme Milchſuppe, und ſetzte ſolche ihrem Gaſte hin, als er erwachte, nebſt u 8.ß...ͤ8.G.ʒ8G-—, ͤ— 6 — Nun bedankte ſich Fo für die liebreiche Auf⸗ nahme bei dieſen guten Leuten, welche ihn beim Weggehen noch bis an die Thür begleiteten und ihm alles Gute wünſchten. Als er an der Thür ſtand, bedankte er ſich noch einmal und ſagte zu ihnen:„da ihr ſo gute, mitleidige Menſchen ſeyd, ſo wünſchet euch Dreierlei; ich habe Macht euch ſolches zu gewähren“—„Ach„ ſagte der Arme, „was ſoll ich mir ſonſt wünſchen, als die ewige Seligkeit, und daß wir zwei, ſo lange wir leben, geſund ſind und unſer nothdürftiges tägliches Brod haben; für's Oritte weiß ich mir wirklich nichts zu wünſchen.“ Da ſprach Fo:„willſt du dir nicht ein neues Haus für das alte wünſchen?“ Da ſagte der Mann, ja, wenn das ging, wär's ihm lieb. Alsbald wurden ihre Wünſche erfüllt. Als die Sonne ſchon ziemlich hoch am Him⸗ mel ſtand, war der reiche Nachbar gegenüber auf⸗ geſtanden und ſahe zum Fenſter hinaus. Wie er⸗ ſtaunte er, als er ein ſchönes, neues Haus ſtatt der alten Hütte vor ſich ſah. Da machte er große Augen und rief ſeine Frau und ſprach:„Frau, ſieh einmal, wie iſt das zugegangen? Geſtern Abend ſtand da noch die elende Hütte unſers armen Nach⸗ bars, und jetzo iſt es ein ſchönes neues Haus; lauf doch einmal hinüber und frage wie das gekommen iſt. Nun ging die Frau hin und fragte; der Arme (Mährden. G e⸗ erzählte ihr treuherzig: i„geſtern Abend kam ein armer Wanderer, der ſuchte Nachtherberge bei mir, und heute Morgen beim Abſchiede hat er uns drei Wünſche gewährt: die ewige Seligkeit, Geſund⸗ heit und unſer rägliches Brod, und ſtatt unſerer alten Hütte ein ſchönes, neues Haus. Dieſer Wanderer muß Fo, oder ein Abgeſandter von ihm geweſen ſeyn.“”“ Als die Frau das gehort hatte, lief ſie gleich fort zu ihre« Manne und erzählte ihm Alles haarklein; da ſprach derſelbe:„ich mochte mich kratzen und ſchlagen, ich Eſel! Der Mann war zuerſt bei mir geweſen, aber ich habe ihn ſchnode abgewieſen.“ „Eile dich,“ ſprach die Frau,„eile dich und ſetze dich auf dein beſtes Pferd, der Mann kann noch nicht weit ſeyn, du mußt ihn einholen, und dir auch dret Wünſche gewähren laſſen.⸗ Da ſetzte ſich der Reiche auf ein ſchönes, jun⸗ ges Pferd, jagte fort und holte wirklich nach ein paar Stunden den Wanderer ein. Nun grüßte er ihn und redete ihn ganz freundlich und lieblich an: „Lieber Fremdling, nehmt es doch nicht übel, daß ich euch geſtern nicht eingelaſſen habe, ich hatte den Hausſchlüſſel verlegt, wenn ihr aber wieder zurück bommt, ſo hoffe ich, ihr werdet bei mir einkehren.“—„Ja,“ ſprach Fo,„wenn ich ein⸗ mal zurück teyre, will ich es thun.“ Da fragte der —————„— ——— ͤ———h— — 99— der Reiche, ob er nicht auch drei Wünſche thuttz dürfte, wie ſein Nachbar.„Ja,“ ſagte Fo „aber es iſt nicht gut für dich, es iſt beſſer⸗ wenn du nichts wünſcheſt.“ Der Reiche aber Siſebe. „ich will mir ſchon etwas ausſuchen, wenn es nur gewiß erfüllt würde.*—„Nun ſo reite heim,“ ſagte Fo,„und die drei Wünſche, die du thuſt, ſollen erfüllt werden.“ Nun hatte der Reiche was er baben wollte und ritt heimwärts. Als er ſo in Gedanken ſaß und nachſann was er ſich wünſchen ſollte, ließ er die Zügel kallen; das junge Pferd machte allerlei mun⸗ tere Sprünge, ſo, daß er immerfort in ſeinen Ge⸗ danken geſtört wurde, und nichts herausbringen konnte. Da ward er über ſein Pferd argerlich, und ſagte in der Ungedult:„ich wollte daß du den Hals brächeſt!“ Kaum waren die Worte ausge⸗ ſprochen, plump! fiel es auf die Erde, war todt und regte ſich nicht mehr. Nun war ſchon der erſte Wunſch erfüllt. 3 Das ärgerte ihn gewaltig, doch tröſtete er ſich, da er noch zwei Wünſche übrig habe. Da er gei⸗ zig war, wollte er den ſchönen Sattel nicht im Stiche laſſen, er ſchnallte ſolchen vom Pferde los, nahm den Zaum und die Bügel, hing beides auf ſeinen Rücken und begann den Rückweg zu Fuße fortzuſetzen. Wie er nun ſo hinging den heißen, Nandi — 100— ſandigen Weg, und die Mittagsſonne auf ihn brannte, ward es ihm warm und das Gehen ſehr ſauer; der Sattel drückte ihn dazu auf den Rücken. Dieſes machte ihn ganz verdrüßlich, auch war ihm immer noch nichts eingefallen, was er ſich wün⸗ ſchen ſollte. Denn wenn er meinte er hätte Etwas, da ſchien es ihm hernach viel zu wenig und gering. Dabei kam es ihm ſo in die Gedanken, wie es ſeine Frau jetzt ſo gut habe, die ſitze daheim in der kühlen Stube und laſſe ſich das Frühſtück wohl ſchmecken. Das ärgerte ihn, und ohne daß er es wußte, ſprach er ſo vor ſich hin:„ich wollte der Sattel ſäß' auf meiner Frau ihrem Rücken, als daß ich ihn ſo auf dem meinigen ſchleppen muß.“ Kaum daß die Worte zu Ende waren, ſo war der Sattel von ſeinem Rücken fort. Nun merkte er, daß der zweite Wunſch ſchon erfüllt ſey. Da ward ihm angſt und heiß, daß er nur noch ei⸗ nen Wunſch übrig hatte. Er eilte nach Hauſe, um daheim ſich einſam hinzuſetzen und ſich etwas Großes zu wünſchen. Als er nach Hauſe kam und in die Stube trat, da ſaß ſeine Frau da, und hatte den Sattel auf dem Rücken und wollte nicht wanken noch weichen. Sie jammerte, als er in die Stube trat, und ſagte: nach, ich unglückliche Frau, ach, was haſt du ge⸗ macht, du ſollſt dir etwas Großes und Gutes wün⸗ ſchen; „—ͤͤͤn 2 Ende. — 101— ſchen; wünſcheſt du mir einen Sattel auf den Rücken.“ Da erzählte ihr der Mann wie es ihm ergangen, und daß er nun nur noch einen Wunſch übrig habe, ſo wolle er für ſie beide etwas recht Gutes wünſchen; er wolle ihr ein Gehäuſe über den Sattel machen laſſen, daß man ihn nicht ſehe. 8 Aber da jammerte die Frau, ſchrie und bat ihn, nichts zu wünſchen, als daß der Sattel wieder vom Rücken käme, ſonſt würde ſie ſich tödten. Da der Mann ſie ſehr lieb hatte, und das ganze Ver⸗ mögen, das ſie beſaßen größtentheils von ihr her⸗ kam; ſo ward er gezwungen den dritten Wunſch nach ihrem Verlangen zu thun, und ſogleich fiel der Sattel auf die Erde. Was hatte er nun von ſeinen drei Wünſchen, der hartherzige und habſüch⸗ tige Reiche? Verdruß, Mühe und den Verluſt ei⸗ nes ſchönes Pferdes. Der Arme aber lebte ver⸗ gnügt, ſtill und fromm bis an ſein ſpätes ſeliges Mutterliebe. (Eine Morgenlaͤndiſche Urſaged Au Eva ihren erſten Sohn, zum Erſtenmal an ihre Bruſt legte, war die ſeligſte Stunde ihres Le⸗ bens. Mehrere Engel ſtanden um die entzückte Mutter her, und freuten ſich dieſes nie geſehenen Aublicks. Gott ſelbſt freute ſich ſeiner zweiten Menſchenſchopfung, und las im Herze der Mutter ſeine eigne Empfindung g der vollendeten Welt. Der Rnabe hatte ſich geſättigt und Eva war unerſchöpflich an Spiel und Necken mit ihrem Lieb⸗ ling; und als ſie ihn einmal von ihrem Schoß hob, und ihn auf ſeine Füße ſtellte, rief Gott:„Laß ihn laufen!,—„Ach nein Herr,“ erwiederte Eva,„ach nein, er fällt!“ Da ſprach Gott:„weil deine Muttertlebe ſtãr⸗ ker iſt, als dein Zutrauen auf mein Wort, ſo ſollſt du dich nun ein ganzes Jahr bemühen, deinen Sohn laufen zu lehren. 131 Das iſt gut, 41 töſtete ſich Eva,„daß er mei⸗ en Küſſen nicht ſot id entläuft⸗ eit 8 (Eine Morgenlaͤndiſche Urſage.) — 103— Dieſer Urſage zufolge hat es jede gute Mutter der Eva zu danken daß ſie gleichfalls ein ganzes Jahr mit ihrem Liebling ſcherzen und täntlen kann. Abrahams erſter Anblick der Erde⸗ Abraham ward zu Zeiten Nimrod's des gewaltigen Herrſchers zu Babilon geboren. Die Seher und Prieſter der Götzen hatten ihm verkün⸗ 4 det, es werde in dieſem Jahre ein Kind geboren, das den Altar der Gotzen und den Thron umzuſtür⸗ zen drohte, und auch der Stamm eines großen Volks werden würde. 2 Nimrod gab am Schluſſe des Jahrs den Befehl, daß alle Neugebornen bis zu dem Alter eines Jahres erwürgt werden ſollten; es wurden alſo viele tauſend unſchuldige Kinder umgebracht, Abraham ausgenommen, den ſeine Mutter gleich nach der Geburt in eine abgelegene Höhle vor der Stadt trug, und ſo der Wuth der Mörder entzo 5 .* Drei Tage lang tonnte ſie ſich nicht zu der Höhle begeben, aus Furcht der Auflaurer; ſie zwei⸗ felte an ihres Kindes Leben, das ſie zwar vor dem Schwerte gerettet, aber dem Hungertode Preis gegeben hatte.. Pres Mit verzweifeltem und furchtbeängſtigtem Her⸗ zen eilte ſie den vierten Tag zur Höhle, und ſiehe da, welch freudiges Erſtaunen für ſie, ſie fand den Säugling friſch und blühend, ſeine Nahrung aus dem Finger ſaugend. Daher noch das Sprichwort, von dem der auf unbekanntem Wege zu Nahrung und Kenntniſſen gelangt, zu ſagen: er hat es aus dem Finger geſogen. Die Mutter legte Speiſe und Trank neben das Kind, verwahrte die Höhle, daß man keine Oeff⸗ nung ſah, und eilte den wenig betretenen Neben⸗ weg zurück nach der Stadtz dieſes wiederholte ſie e jeden Monat. Als Ab raham achtzehn Jahr alt geworden war, war er ein ſchöner blühender Jüngling; und da ſtarb Nimrod. Seine Mutter eilte ſogleich zu ihm, brachte ihm die frohe Nachricht, daß ſein Verfolger todt und keine Gefahr mehr vorhanden ſey; er ſollte ſich noch einige Tage gedulten, ſo würde ſie mit einigen guten Freunden herauskom⸗ men und ihn abholen. —,———, — 4 lichteit die Sonne, und durch ihr Licht und ihre — 1⁰5— Als ihn ſeine Mutter verließ und die Höhle offen ſtund; trat Abraham nach einiger Zeit aus der Höhle, um ſich um zu ſehen; als er vor der Hohle war, und den freien Himmel vor ſi ch ſ ahe. Es war eine wilde ſtürmiſche Nacht; der Sturm der Winde ſauſete mächtig einher; ein einziger Stern glänzte durch die zerriſſenen Wolten. Abraham ſah nichts als die Finſterniß, hörte nichts als das Windesgeheul; ds meinte er, das reine Licht, das mitten im Kampfe der Elemente ſo ruhig und glänzend herab blicke, ſey die höchſte Kraft, ſey Gott, welcher Einheit und Ordnung un⸗ ter die übrigen bringe. Er fiel auf die Knie und betete es an; als aber der Stern untergegangen war, erkannte Abraham ſeinen Irrthum, und rief: „ich bete nicht an, was untergeht.⸗ Nun trieb der Sturm die Wolken auseinander. Da erſchien der Vollmond im vollen Glanze und Klarheit.„Dieß iſt mein Herr!“ rief Abraham, warf ſich nieder und betete ihn an. Als aber auch der Mond untergegangen war, rief Abraham: „das iſt nicht mein Herr! ich bete nicht an, 1. untergeht.“ Jetzt ſtieg empor in voller Pracht und Herr⸗ Wärme 3 — 106— Wärme entfalteten ſich vor Abrahams Augen zum Erſtenmal die Wunderwerke der Schöpfung. „Das iſt mein Gott und Herr,“ rief er im Entzücken der höchſten Wonne und ſtürzte anbe⸗ tend zur Erde. Die Sonne vollbrachte ihren Lauf und ſank in Weſten unter.„Er iſt es nicht, mein Gott und mein Herr!“ rief Abraham,„ich bete nicht an, was untergeht; ich wende mich zu dem Unſichtbaren, der das kleine und das große, und das allergrößte Licht erſchaffen, zum Herrn und Schöpfer der Himmel und der Erden. Er iſt mein Herr und Gott, den ich in tiefſter Demuth anbete.“ 1 Abraham und der Fremdling. EEine Morgenlaͤndiſche urſage.) — 4 Es begab ſich nach dieſem als Abraham einſt⸗ mals Abends bei Sonnenuntergang vor ſeiner Thür ſaß, ſahe er einen alten Mann den Weg aus der Wüſte kommen, und ſich ermüdet auf ſeinen Stab ſtützend. Er ſtand ſogleich auf, eilte ihm entgegen und ſprach:„lieber Fremdling, kehre bei mir ein, um deine Füße zu waſchen, und bleibe die Nac —*△⏑̈—* bei mir; ich will dich pflegen, dann kannſt dur Morgenfrüh geſtärkt, deinen Weg fortſetzen.“ Der Mann weigerte ſich anfangs ſeiner Bitte zu will⸗ fahren, da aber Abraham ſeine Bitte freundlich wiederholte, ſo ging er mit ihm in ſeine Hütte. Als derſelbe ſeine Füße wuſch, bereitete indeſſen Abraham ein Nachteſſen von Milch, Brod, But⸗ ter, Datteln und Feigen. Als ſie zuſammen eſſen wollten, wuſch Abraham zuvor ſeine Hände und betete zu Gott. Der Fremdling, der ein Götzen⸗ diener war, that dieſes nicht, ſondern ſetzte ſich an den Tiſch und wollte von den zubereiteten Speiſen eſſen. Da Abraham dieſes ſah, ſprach er zu ihm: „warum wäſcheſt du nicht zuvor deine Hände, und beteſt nicht zu dem höchſten Gett, dem Schöpfer Himmels und der Erden?“ Und der Mann antwor⸗ tete und ſprach:„ich bete deinen Gott nicht an, und rufe auch ſeinen Namen nicht an; denn ich habe mir ſelbſt einen Gott gemacht, der immerdar in meinem Hauſe wohnt, und mir gibt, was ich bitte. Da ergrimmte Abraham, ward zor⸗ nig, nahm den Mann beiom Arm' und ſtieß ihn in die Finſternitz ß hinaus. Da ließ ſich Gottes Stimme hören, die rief:„Abraham! Abra⸗ 35 ham! wo iſt der Fremdling?“—„Herr“ ſagte im Eier Abraham,„er wollte dich nicht anbe⸗ ten. — 10 ten, noch deinen Namen anrufen, darum habe ich ihn aus meiner Hütte in die Wüſte geſtoßen.“ Da ſprach Gotr:„habe ich nicht ganzer neunzig Jahre Gedult mit ihm gehabt, ihn beſchützt, genährt und gekleidet, ungeachtet ſeiner Halsſtarrigkeit gegen mich; und du, der du ſelbſt ein Sünder biſt, konn⸗ teſt nicht eine Nacht mit ihm Gedult haben?“ Da warf Abr aham ſich zur Erde und ſprach:„Herr ich habe geſündigt laß deinen Zorn nicht über mich entbrennen. Alſobald eilte er in die Wüſte, deu müden Alren aufzuſuchen, bat ihn um Verzei⸗ hung, und durch viele gute Reden bewogen, folgte er ihm in die Hütte, wo er ſein auf das Beſte pflegte, und Morgensfrüh, ehe er fortging, ihn mit einem Frühſtücke und reich⸗ lichem Geſchenke entließ. —— Moſes und Schiras der Weiſe (Eine Morgenlaͤndiſche Urſage.) Moſ es war auf der Hochſchule in Egypten tief in das Reich der Wiſſenſchaften eingedrumgen. Er war für ſeine Zeit ein ſehr großer Gelehrter und Weiſer, doch genügte ihm dieſes nicht, immer wollte er mehr und mehr wiſſen; denn der Durſt nach Wiſſenſchaften iſt bei manchem Menſchen unerſätt⸗ lich, wie bei vielen der Durſt Sac) Ehre, Gütern und Lebensgenuß.„ Moſes war zu beſcheiden, als daß er ſich ſelbſt für den größten Gelehrten und Weiſen hätte ha en ſollen, ſondern ſein Beſtreben war: er wollte immer noch mehr lernen, immer mehr ſeine Kenntniſſe vervielfältigen. Er kragte einſtens Gott, ob es einen Ge⸗ lehrteren, einen Weiſeren auf Erden gäbe als ihn, damit er ſeine Bekanntſchaft mache, und durch Um⸗ gang mit demſelben ſich mehr ausbilde. „ Ja,“ ſprach der Herr,„Schiras iſt einer meiner Diener, der viel gelehrter und weſſer iſt, — 8is — 110— als du, er wohnt am Zuſammenfluß der beiden Ströme am Meer, und wenn du hinreiſen willſt; ſo nimm dir gedörrte Fiſche mit, dieſe werden dir zur Zehrung und zugleich als Wegweiſer dienen.“ Moſes machte ſich mit Joſua reiſefertig, und ſie traten den folgenden Tag ihren Weg an, obgleich Moſes nicht begreifen konnte, wie gedörrte Fiſche, welche ſie zu ihrer Zehrung mitnahmen, ihnen auch zugleich als Wegweiſer dienen ſollten, Gott hat es befohlen, ſagte er und er war viel zu glänbig, als daß er dieſen hohen Ausſpruch be⸗ zweifeln ſollte. Als Moſes mit Joſua nach dem arabi⸗ ſchen Meerbuſen wanderte, kamen ſie beide eines Tages an eine Quelle. Sie ſetzten ſich daſelbſt nie⸗ der um auszuruhen. Als ſie ſich von der Quelle gelabt und von den mitgenommenen Fiſchen geſättig hatten, ſchlief Moſes vor Ermüdung ein, Joſua aber wachte. Nahe an der Quelle lagen noch einige von den gedoͤrrten Fiſchen, als einige Tropfen aus der Quelle auf dieſelben fielen, ſogleich wurden dieſe lebendig, und ſprangen in das ruhig fortlau⸗ fende Quellwaſſer. Joſua fand dieſes zwar ſeltſam, aber nicht auſſerordentlich, weil er ſchon dieſe Wunder ge⸗ wohnt war, doch weckte er den Moſes und er⸗ zählte ihm das Vorgefallene. Moſes erkannte hie⸗ ν ☛—☛ 22—„— 1 G K. α8 0 — 111— hierin den Fingerzeig Gottes, daß dieſe Fiſche ihnen nun wirklich als Wegweiſer dienen ſollten. Sie ſtanden ſogleich auf und gingen dem Flüßchen, worin die Fiſche fortſchwammen, nach, und bald erreichten ſie den Meerbuſen, wo ſich die beiden Ströme vereinigten, und zugleich die Wohnung des großen, weißen und geiehrten Schiras. Sie fanden denſelben vor ſeiner Hütte ſitzende „Sey gegrüßt Mann Gortes!“ ſprach Moſes, „ich habe gehört, daß du mehr weißt, als ich, er⸗ laube mir, daß ich mich einige Zeit bei dir aufhal⸗ ten darf.“ „Sey mir geſegnet Prophet Gottes,“ erwie⸗ derte Schiras,„was ich thun kann, um dir mehr Einſicht von der hohen Weisheit Gottes zu geben, ſollſt du durch mich erlangen. Laß es dir und dei⸗ nem Begleiter für heute gefallen, in meiner Hütte einzukehren. Morgen früh ſollſt du auf eine nö⸗ thige Reiſe mich begleiten, dann werde ich dich wieder zuruͤck zu deinem Volke führen“ Oen folgenden Morgen, als der Tag anbrach, machten ſie ſich auf den Weg. Als ſie ihre Reiſe begannen, ſprach Schiras zu Moſes:„höre, ich weiß du biſt in Allem zu leidenſchaftlich, und daher auch ſehr ungedultig. Du wirſt nie ein gro⸗ ßer Weiſer werden, und den Zweck des Herrn und Schopfers kennen lernen, wenn du dir nicht dieſes bi leidenſchaftliche Weſen abgewöhneſt. Nur Gedult und kalte Beſonnenheit bahnt dir den Weg zur „Wiſſenſchaft. Deine ungeſtümme Leidenſchaft er⸗ mordet den Egyptier, und durch dieſe zerſchlugſt du auch die Geſetztafeln des Herrn.“ Moſes, der erſtannte, daß Schiras, die⸗ ſer erhabene und von Gott erkohrne Weiſe, Alles voon ihm ſo genau wußte, verſprach alle mögliche Beſſerung. Als ſie ſich auf ein Schiff begaben, um ihre Reiſe fortzuſetzen, war das erſte, was dem Moſes auffiel, daß ein kleines Voglein auf dem Maſtkorbe ſaß, und zwitſchernd ein Tropfchen Waſ⸗ ſer ins Meer fallen ließ. Moſes freagte ſogleich, was dieſes zu ſagen und zu bedeuten habe; denn er wußte wohl, daß in der Welt nichts geſchehe ohne Sinn und ohne Bedeutung. Schiras antwortete: „Menſchliches Wiſſen iſt in Vergleich der Wiſſen⸗ ſchaft Gottes noch winziger, als dies Tröpfchen Waſſer in Vergleich mit dem Meere; dieſes ſagt das Zwitſchern des Vogleins.“ Als ſie mehrere Tage auf dem Meere herum⸗ gefahren waren, erblickten ſie endlich den lange er⸗ ſehnten Hafen. Alles freute ſich denſelben noch vor Nacht zu erreichen. Kaum war das Schiff vor demſelben, als ſich ein gewaltiger Sturm erhob, und daſſelbe zum Schrecken der Schiffsleute in das weits Weltmeer trieb. Wie er⸗ — 113— Wie wehklagte das arme getäuſchte Schiffsvolk, das voller Freude glaubte in den Hafen fahren zu können, und nun jeden Augenblick befürchtete in den Abgrund des Meers geſchleudert zu werden. Moſes ſelbſt machte Gott Vorwürfe und war er⸗ bittert, daß er ſo viele unſchuldige Menſchen nach einer ſo frohen Erwartung ängſtige und nun ſie ſo⸗ gar zu vertilgen drohe; er bereuete, daß er die Reiſe gemacht hatte., Moſes, Moſes!“ ſagte Schiras,„du biſt wieder leidenſchaftlich, du als Prophet ſollteſt mehr Beſonnenheit und Glau⸗ ben haben, als dieſes rohe Schiffsvolk.”“ Moſes erkannte ſeinen Irrthum und ſchwieg. Die ganze Nacht tobte der Sturm, erſt gegen Mor⸗ gen legte er ſich, und als der Tag anbrach trieb ſie der Wind in einen entfernten Hafen. Jetzt ſtiegen ſie an's Land, und während ſie am Ufer ihren Weg fortſetzten, ſahe Moſes wie ein Wirbelwind einen kleinen Kahn, worin ein al⸗ ter Mann mit ſeinem Enkel ſaß, ergriff und in das tiefe Meer ſtürzte, ſo daß Beide ertranken.„Ach welch ein Unglück,“ ſchrie Moſes.„Warum be⸗ ſchützt Gott dieſe Menſchen nicht; daß der alte Mann ertrank, hätte nicht ſo viel zu ſagen, denn der hat lang genug gelebt, hat auch vielleicht Gott den Herrn nicht erkannt, aber das kleine unſchul⸗ dige Kind, was hat dieſes noch gethan?“—„Du (Mäͤhrchen.) H ſorichſt — 1414— ſprichſt wieder unbeſonnen,“ verſetzte Schiras, „du willſt die Wege des Herrn tadeln, die du doch nicht zu erforſchen vermagſt.“ Als ſie Abends in eine Herberge einkehrten, wurden ſie, ob ſie gleich als weiſe, gelehrte Män⸗ ner erkannt worden waren, doch nicht freundlich und gaſtlich bewirthet. Beim Abſchied am folgen⸗ den Morgen, ſagte Schiras dem Wirthe, daß er noch heute die Mauer ſeines Hauſes ausbeſſern müſſe; denn ſonſt würde dieſelbe in einigen Tagen einſtürzen. an, und als Schiras den Moſes nach ſeiner Heimath begleitete, kamen ſie auf eine Anhöhe, wo ſie ſeitwärts ein freundliches, einſames Thal erblickten. Moſes ſah hinunter und erblickte ei⸗ nen Kriegsmann, der eben fortritt und einen ſchwe⸗ ren Geldgurt liegen ließ; gleich darauf kam ein ar⸗ mer Hirtenknabe, ſah den Gurt, hob ihn auf und ging dandit von dannen. Darauf erſchien ein alter Mann, der aus Müdigkeit ſich auf den Platz ſetzte, wo der Geldgurt gelegen hatte; kaum ſaß er eine Weile da, ſo erſchien der Reiter und verlangte mit Ungeſtüm ſein Geld, und als ihm dieſer trotzig er⸗ wiederte, er wiſſe nichts von ſeinem Gelde, da er⸗ grimmte der Kriegsmann und ſtach den Alten todt. Als Moſes dieſes ſah, entſetzte er ſich und tief: —— à Nach einigen Tagen traten ſie den Rückweg —————— +₰ ☛⏑1——„„ » — 1415— rief:„Ach Gott, warum haſt du das gethan, daß du den hilfloſen, ſchwachen Greis von dem böſen, wilden Krieger umbringen ließeſt!“—„Moſes,“ ſprach Schiras warnend zu ihm,„du verſün⸗ digſt dich an dem Herrn; wie vermag deine Un⸗ wiſſenheit und deine Kurzſichgken die Wege Got⸗ tes zu ergründen.“ »Als ſie nach einigen Tagen an die Grenze ka⸗ men, wo Moſes ſein Volk lagerte, wollte Schi⸗ ras Abſchied nehmen. Da ſprach Moſes:„wei⸗ . ſer Mann Gottes, da du mehr Einſichten von Gott haſt, als ich, und du mit deinen Kenntniſſen in die Vergangenheit und in die Zukunft zu blicken ver⸗ magſt; ſo gib mir, ehe wir ſcheiden, einige Auf⸗ ſchlüſſe über das, was ich bisher ſah und worüber ich ſo unwillig murte?“—„Wiſſe,“ antwortete Schiras,„daß jener Sturm der uns zu ängſti⸗ gen ſchien und das Schiff die ganze Nacht auf dem Meere herumtrieb, zum Glück aller Bewohner des Schiffes war. Denn in der Stadt, wo ſie in den Hafen wollten, war eben die Peſt ausgebrochen; der größte Theil der Mannſchaft wäre nicht alleln da⸗ bei umgekommen, ſondern auch die ganze Schiffs⸗ ladung wäre von dem Fürſten weggenommen wor⸗ den. Alſo war der Sturm nicht zu ihrem Unter⸗ gange, ſondern zu ihrer Erhaltung. Daß der ſtarke Wirbelwind den Rahn in das Meer ſchleuderke, wo⸗ durch — 4116— durch der Greis ſammt dem Knaben ertrank, war weiſe Vorſicht. Der Alte, der aus unkluger Liebe ſeinem Enkel allen Muthwillen ließ und ſelbſt Bos⸗ heiten nicht einmal beſtrafte, hätte für die Folge einen großen Boſewicht aus dieſem gezogen.“— „Aber warum befahlſt du dem Manne, der uns ſo angaſtuch aufnahm, daß er die beſchädigte Mauer ausbeſſern ſollte? Es wäre jedoch eine gerechte Züchtigung geweſen, für ſein ebloſes Weſen und ungaſtliche Aufnahme.“—„Weil du abermals nur nach dem Scheine urtheilſt und dich deine Kurzfich⸗ tigkeit abermals irre leitet. Wiſſe, daß unter die⸗ ſer alten Mauer ein anſehnlicher Schatz verborgen liegt, und daß nach des jetzigen Beſitzers Tode, ein rechtſchaffener Mann das alte Haus kaufen wird. Da nun dieſer das gebrechliche Haus nebſt der Mauer niederreißen wird, um ein neues aufzubauen; ſo wird dieſer den für ihn beſtimmten Schatz finden; hätte ich aber dieſen jetzigen Beſitzer nicht gewarnt; ſo ware die Mauer eingeſtürzt und der Unwürdige hätte den Schatz bekommen. Du ſieheſt alſo, daß ich nach einem ſehr weiſen Plane handelte.“ „Ach,“ ſagte Moſes,„ich ſehe wohl, daß ich noch ein ſehr ſchwacher, unweiſer Menſch bin, aber erkläre mir nur noch, warum der Greis ſo unſchuldig umgebracht wurde, da, wie wir doch ſelbſt geſehen, nicht er, ſondern der Hirtenkuabe das ——— u—— † * — 117— das Geld genommen hatte.“—„Der Greis,“ verſetzte Schiras,„hatte aus Bosheit den Va⸗ ter des Reiters erſchlagen, dieſer aber war dem Hir⸗ tenknabe von ſeinem Vater her das Geld noch ſchul⸗ dig, und ſo iſt die Geld⸗ und Blutſchuld zugleich getilgt, und das Wiedervergeltungsrecht vollzogen worden. Sey alſo für die Zukunft kein Zweifler oder Tadler des Thuns Gottes. Seine Abſichten im Einzelnen als wie im Ganzen ſind ſtets weiſe und gerecht, ſie mögen vor unſeren Augen noch ſo verworren ſcheinen, ſie löſen und entwickeln ſich für das allgemeine Beſte immer auf. Verehre da⸗ her in Demuth die Wege Gottes, des Herrn.“ Als dieſes Schiras geſagt hatte, verſchwand der⸗ ſelbe vor ſeinen Augen. Jetzt erkannte Moſes daß er mit einem Engel des Herrn zu thun gehabt hatte. Er fiel auf ſein Angeſicht, bat Gott mit zerknirſchtem Herzen um Verzeihung, dankte demſelben für ſeine bisher er⸗ wieſene Huld und Gnade, und bat ihn, ſeinen Ver⸗ ſtand immer mehr zu erleuchten, und ihm auch fer⸗ ner gnädig und barmherzig zu ſeyn. Koͤnig Sglomo der Weiſe und Mächtige. (Eine Morgenlaͤndiſche Urſage⸗ 5 — Salom war der größte und weiſeſte Weltbe⸗ herrſcher unter allen, die jemals gelebt haben. Ihm war nicht allein die Herrſchaft gegeben über viele Länder, Menſchen und Thiere, ſondern auch über die Geiſter, Feen und Kobolde. Er war durch auſſerorbentliche Gaben und Vorzüge ausgezelchtiet, die keiner ſeiner Vorfahren 4 und Nachfolger hatte. Er beſaß einen Siegelring. deſſ en Zaubermacht ihm die Herrſchaft über die Geiſter verlieh. Statt eines Reitpferdes diente ihm ver Oſtwind, der ihn auf ſein Geheiß in Au⸗ genblicken mehrere hundert Meilen wegfüͤhrte, 3 daß er gewöhnlich in Jeruſalem zu frühſtücken, Perſepolis zu Mittag und in Palmyra zu Ipend 1 ſpeiſen pflegte. Die herrlichſten unüberteoffenen We der Bau⸗. kunſt, die ſich in oben genannten drei Städten er⸗ Bu9n. und deren Ueberreſte den Wanderer noch . heute — 41149— heute zu Tage mit heiliger Bewunderung und Er⸗ ſtaunen ergreifen, der Tempel Sions, Palmyras Säulengänge, der Reichspallaſt Iſtahar's ſind das Werk Salomo's des größten Baumeiſters.. Wenn der Strahl der Morgenſonne die gol⸗ denen Zinnen Ston's begrüßte, dampften ſchon im Tempel des Herrn die Opfer. Salomo ging dann in's Allerheiligſte, um Kraft und Weisheit zu erflehen für die Geſchäfte des Tags, und Segen für die ihm anvertrauten Volker. Er vergroßerte und veredelte ſeinen Geiſt durch Aufſchwung zu der Gottheit, er dankte und verehrte den Herrn durch Preis und Lobgeſang⸗ Die Chöore der Prophetenkaaben und Sänger unter Aufführung des Hohenprieſters ſtimmten Loh⸗ geſänge an mit Zittern und Schalmeien, Pſalter und Harfenklang. Angeſtrahlt von den ſpiegelnden Wänden des Tempels, von den goldnen Gewän⸗ dern der Prieſter, von den von Edelſteinen funkeln⸗ den Opfergefäßen, unter Weihrauchduft und Chor⸗ geſang und Pſaltergetön empfing Salomo die Sprüche der Weisheit. Ihre Eingebungen waren 4 die Seele ſeiner Handlungen den überigen Theil des Täges hindurch. Wahre Weisheit iſt, die im Leben wirkt, zur Exreichung des Höchſten und zum allgemeinem Beſten. Pflich⸗ Nachdem er den Religions⸗ und Propheten⸗ * . — 120— Pflichten Genüge gethan, und das Sittengeſetz der Kinder Iſrael geordnet hatte, beſtieg er einen der goldenen Thronen ſeiner Hauptſtädte, wohin ihn das Flügelpferd des Dhewlnd auf feine Befehl brachte. Er hatte drei Weffir oder Staatgtäthe, der erſte hieß Aſſaf und war ein großer Gelehrter und Weiſer ſeiner Zeit; er regierte die Länder und ihre Bewohner und war der Stellvertreter der Menſchen; Simur, der zweire Rath, war der Stellvertre⸗ ter der Thiere und Vögel; der dritte Rath hieß Aftriel, und war ein Engel, der menſchliche Ge⸗ ſtalt angenommen hatte. Dieſer war der Stellver⸗ treter aller Geiſter, Heile, Bnoren, Sen und Kobolden. Salomo war nicht allein der Weiſeſe ſon⸗ dern auch der Gelehrteſte ſeiner Zeit, er verſtand nicht blos alle Sprachen der Menſchen, ſondern auch alle Sprachen der Thiere und Vögel, und konnte ſelbſt in ihrer Sprache ſi ſich ihnen verſtänd⸗ lich machen. Am äuſſerſten Ende ſeines Reichs 2 Arabien herrſchte eine Königin Namens Sabba von großer Schönheit und Reichthümern, und die ſich auch noch beſonders durch ihren hellen Verſtand aus⸗ zeichnete. Dieſe erfuhr von der großen Weisheit des Sutomd ſo viel Rühmliches, daß ſſie eine 4* 4 Ge⸗ 2ꝗ —„——,— †¾à8A NAN*& Adx& & ☛ ⏑⏑̈ 8*— — 121— * Geſandtſchaft mit koſtbaren Geſchenken an ihn ſchickte und demſelben mehrere Fragen zur Brawortng vorlegen ließ. 3 Durch die Vögel ſeines großen weitlzuftigen Reichs und] durch die Genien erfuhr Salomo Alles was vorging, und wehe dem, dem es einfiel als Krieger oder Eroberer in ſein Land einzufallen, er war verloren; ſo bald er es aus feindlicher Ab⸗ ſicht betrat. Ein ſolcher feindſeliger Schritt diente nur dazu, Salomo's ohnehin ſehr großes Reich noch mehr zu vergroͤßern. Keiner wagte es aber ggegen einen König feindſelig zu handeln, dem Geſte und Thiere jederzeit zu Gebot ſtanden. Auf dieſe Weiſe erfuhr er die friedliche Ge⸗ ſandtſchaft der arabiſchen Fürſtin, die um ſeine Weisheit zu prüfen, verſchiedene Fragen zur Beant⸗ wortung an ihn ergehen ließ. Als dieſelben dem Throne des weiſen Königs Salomo ſich naheten, und ſie ihre koſtbaren, prachtvollen Geſchenke ausgebreitet und ihr Beglau⸗ bigungsſchreiben überreicht hatten, erlaubte Sa⸗ lomo ihnen, ihm die Fragen vorzulegen, die er auf der Stelle beantwortete. Die Bragen a und Ant⸗ worten waren folgende: Was iſt das Koſtbarſte bei dem Menſchen? 2 Die Seele. — 122— Was iſt das Bitterſte? Die Armuth. Was iſt das Süßeſte? 1 Die Liebe. Was iſt das Häßlichſte? Der Unglaube. Was iſt das Nächſte?. Das Leben. Was iſt das Fernſte? 1 Das Weltglück. Was iſt das Höchſte? 88 Die Tugend. Und was iſt das Edelſte?** Die Vernunft. Als die Fragen zur Zufriedenheit der Geſandten und ſämmtlicher Anweſenden beantwortet waren, las einer von der Geſandtſchaft noch folgende drei Räthſel zur Auflöſung Salomo's vor, die die Kontgin von Arabien ſelbſt gemacht hatte; Was iſt das Waſſer, das nicht von dem Himmel fällt, 1 4 nicht aus der Erde quillt, das füß und bitter rinnt aus einem Glas. Salomo lößte ſolches ſogleich fubemee 1 maßen auf: Die — 123— Die Thräne iſt das Waſſer, ſo nicht von den Wolken fällt, nicht aus der Erde quillt; aus dem Auge weint der Schmerz ſich ſatt, die Luſt ſich froh. Das zweite Räthfel: Kennſt du den ſeltſamen Kryſtall? Er deutet ſtrahlend Himmelwärts, rund iſt er wie das blaue All und ſeine Folie iſt das Herz. 3 Salomo antwortete: Es iſt das Aug' das uns zeigt was in uns verborgen ſchweigt. Nun überreichten die Geſandten dem Könige eine verſchloſſene goldene Büchſe und ſagten: Es ſchließt dieſe Büchſe ein, was bohrt und wird gebohrt, zwiefache Koſkbarkeit. Salomo antwortete darauf: Der Demant bohrt, die Perle wird gebohrt, ſchert euch, wenn ihr nichts beſſers zu errathen habt fort. Nach dieſem gab der König Salomo ein Handſchreiben an die Königin Saba in Arabien, worin er ſie einlud ihn zu beſuchen, nebſt vielen kolke 5 koſtharen Gegen⸗Geſchenken. Die Gefandten wur⸗ den mehrere Wochen königlich bewirthet, wobei ſie die Pracht und den Glanz nicht genug bewundern konnten, aber noch mehr erſtaunten ſie über die hohe Weisheit des Königs; mit vielen Geſchenken entließ er ſie endlich und ſie traten wohl vergnügt ihre Rückreiſe an. Als Salomo eines Tages in der Vorhalle ſeines Hauſes ſaß, ſah er bei offener Thür vier ungeheuere Geniengeſtalten den Weg aus dem Gar⸗ ten einher ſchreiten. je näher ſie kamen, deſto klei⸗ ner und menſchlicher ward ihre Geſtalt. Die erſte trat hinein ins Zimmer.,, Wer biſt du guter Freund,“ fragte Saldmo.„Ich bin die nachgiebige Sanftmuth, und komme dir Geſellſchaft zu leiſten.“—„Du biſt ein guter, braver Geſelle,“ erwiederte Salomo,„in der gewöhnlichen Ge⸗ ſellſchaft, nur für Könige taugſt du nichts, die mit dir bald um ihr Anſehen kämen; ich danke dir für deinen guten Willen, und wünſche daß du bei mei⸗ nen Unterthanen einziehen mögeſt.“ Jetzt trat die zweite Geſtalt herein.„Wer biſt du, ſchöne, erhabene Geſtalt, die mir Ehrfurcht einflößt?“—„Ich bin die Vernunft, und wuͤnſche dein engſter Geſellſchafter zu ſeyn.“—„Das biſt du ganz gewiß, liebe Vernunft,“ verſetzte Sa⸗ lomo,„aber verzeihe mir, immer mit dir umzu⸗ gehen, — 125— gehen, immer deine ſtrenge Hofmeiſtereien vor Au⸗ gen zu haben, würde mir allen Lebensgenuß ver⸗ bittern. Ich ehre und ſchätze dich, beſonders wenn du an der Seite meiner Räthe erſcheinſt, aber dich immer an meiner Seite zu ſehen, dazu kann ich mich unmöglich entſchließen; ich nehme deinen gu⸗ ten Willen für's Werk an.“— Die dritte Geſalt, die jetzt herannahte, war nicht weniger ſchön und erhaben, hatte aber einen ernſten Blick.„Ich bin,“ degann ſie zu ſprechen, „die Gerechtigkeit, ich bin unbeſtechbar, ich richte und ſchlichte ohne Anſehen der Perſon.“— „Du biſt zwar nicht immer bei Königen anzutreffen,“ verſetzte Salomo,„doch mir biſt du willkom⸗ men, und wirſt mir ſtets der beſte Geſellſchafter ſeyn.“ Nun nahte ſich die vierte und letzte Geſtalt, gleich ſchön und erhaben wie die vorhergehenden, nur hatte ſie noch etwas Feierlicheres an ſich, wel⸗ ches nicht allein Liebe ſondern auch Ehrfurcht er⸗ regte.„Und wie heißt denn du,“ fragte Sa⸗ lomo.„Ich heiße die Bitte oder das Gebet, ich komme um deine vertraute Freundſchaft zu er⸗ werben.“—„Sey mir herzlich willkommen,“ er⸗ wiederte Salomo,„und weiche nie von meiner Seite, denn nur durch dich gewinnt das Leben Sinn und Bedeutung. Ohne Erhebung des Herzens zu Gott Gokt fließen die Tage der Menſchen leer und un⸗ nütz dahin; denn durch das Gebet erhält der ſterb⸗ liche Menſch Kraft zum Guten und Muth im Lei⸗ den und nur durch das Gebet erhält der Menſch Verbindung mit Gott. Bleibe alſo bei mir als un⸗ zertrennlicher Gefährte“ Alle Jahr mußten ſowohl die Vögel als alle vierfüßigen Thiere von jeder Gattung und Geſchlecht, aus dem Reiche Salomo's einen aus ihrer Mitte zum Throne ſenden, die dann jeder nach ſeiner Art, Geſchenke brachten, und von ihrem Thun und Treiben Rechenſchaft ablegen mußten. Schon mehrmalen vermißte Salomo die Eule. Er ſandte den Kranich hin und ließ fie vor ſich laden, aber dieſe würdigte denſelben gar keiner Antwort. Die⸗ ſes verdroß den Salomo als er es erfuhr, und er gab daher ſeinem Staats⸗Rathe Simur Befehl ſie zur Stelle zu ſchaffen. Simur erklärte dem Salomo, daß die Eulen eine dumme Art Vogel ſeyen, die nur bet Nacht nach ihrer Nahrung ausgingen, bei Tage aber in den Felſenritzen und alten Gebäuten ſich aufhielten, und gar keine Gemeinſchaft mit den Menſchen hätten, ſie habe ſich daher den Namen Nachteule zugezogen, doch wollte er das halsſtar⸗ rige Eulenmännchen, das ſich weigere herzukommen, durch Liſt oder Gewalt herzubringen ſuchen. ℳ “ Als ͤ A IV. * ·—. G 1 Als endlich die Nachteule und zwar in einem eiſernen wohlverwahrten Käfig vor den Thron Salomo's gebracht ward, wurde ſie gefragt, warum ſie bei mehrmaliger Aufforderung nicht er⸗ ſchlenen ſey. Sie antwortete, ſie habe gehört, daß ſich am Hofe Salomo's ſo viele Raubvogel auf⸗ hielten und von dem Könige beſchützt würden, daß ſie keine Luſt hätte, an einen Hof zu gehen, wo man vom Raube ihr nichts übrig ließ. Salomo, den dieſe kühnen Reden des Eulenmännchens ver⸗ droſſen, ſagte zu ihr, ob ſie keinen beſſern Begriff von ſeiner Weisheit hätte, daß er blos Naubvögel in Schutz nähme.„Wenn du denn der weiſe Kö⸗ nig Salomo biſt, ſo ſage mir, doch wird der Satan ewig verdammt ſeyn?“—„Nein!“ ſagte, Salomo,„o bald er den Menſchen als das hohe Bild der Gottheit anerkennt.“—„Das wird der Satan wohl bleiben laſſen,“ verſetzte die Eule. Salomo, der ſich wunderte wie eine ſo ſagte zu ihm, er wäre jetzo in der Eule vor ihm. Dieſe aber ſagte: der Satan ſey nicht hier, ſie ſpräche aus eignem Antriebe. Salomo, der nicht der Eule ſondern feinem dumme Eule, ſolche Reden führen könnte, vermu 3 thete eine Liſt vom Satan. Er fragte alſo ſeinen Rath, Aſiriel, wo jetzt der Satan wäre, dieſer Rathe Rathe Aſiriel glaubte, nahm ſogleich ſeinen Sie⸗ gelring, drückte ihn auf den Käfig und ſprach die Zauberworte über ihn, wodurch der Satan ſich in nichts Anderes verwandeln konnte. Als dieſes die Eule gewahrte, geberdete ſie ſich grimmig und be⸗ kannte endlich, daß er der Satan wäre, er ver⸗ ſpräche Alles zu erfüllen was Salomo verlänge. „Wenn du die Hoheit des Menſchen anerkennſt, ſo löſe ich deine Bande, eher aber nicht.“ Der Satan lachte hohniſch und ſagte zum Salomo: „geh' doch mit deinem Menſchen, der aus Bosheit, Wohlluſt, Habſucht, Eigennutz und Selbſtſucht zu⸗ ſammengeſetzt iſt, der zehenmal eher zum Böſen als einmal zum Guten verführt werden kann. Ich kenne einen Spruch, wenn ich den ſpreche, ſo bin ich ſogleich erlößt und in Gnaden bei Gott.“ Sa⸗ lomo der vom Satan nichts weiter hören wollte, befahl daß man denſelben in ein Gefängniß tragen ſollte. Als derſelbe fort war, fragte Salomo ſei⸗ nen Rath Aſiriel ob es wirklich einen ſolchen Spruch gebe? Als dieſer es bejahte, bat ihn Sa⸗ lomo ihm dieſen, wenn er ihn wuͤßte, mitzutheilen. Wo iſt ein Rath, der ſeinem König eine Bitte ab⸗ ſchlägt, wie viel weniger ein Rath von einem ſo frommen und weiſen Konig. Er ſagte ihm alſo ſolchen, und derſelbe folgt hier zum Heil des Leſers ſelbſt: Es — 129— Es iſt kein Gott, auſſer Gott der Liebe, Es iſt kein Gott, auſſer Gott dem gütigen, Es iſt kein Gott, auſſer Gott dem rächenden, Es iſt kein Gott, auſſer Gott dem allwiſſenden, Es iſt kein Gott, auſſer Gott dem allmächtigen, Es iſt kein Gott, auſſer Gott dem barmherzigen, Es iſt kein Gott, auſſer Gott dem verzeihenden. Dann ſagte Aſtriel, ſobald Satan dieſen Spruch ſpreche, würde er von Gott begnadigt und wieder im Himmel angenommen. Nach Verlauf von mehreren Tagen hatte ſich ſowohl am Hofe als in der Stadt eine ſeltſame Veränderung zugetragen. Die Hofſchranzen und Schmeichler hatten ſich vom Hofe entfernt, und es herrſchte eine große Stille nicht allein an Salo⸗ mo's Hof, ſondern auch in der Stadt. Sa⸗ lomo, der dieſes nicht begreiffen konnte, ſchickte zu mehreren ſeiner Hofleute, und ließ bei ihnen um die Urſachen des Ausbleibens anfragen. Die Ant⸗ wort war, ſie müßten jetzt ihre Zeit beſſer anwen⸗ den, indem ſie ſtatt dem Könige, dem lieben Gott den Hof machten. Salomo, ganz erſtaunt über die ſchöne Sittenlehre, und noch verlegner als er in der Stadt die nämliche Stille, wie an ſeinem Hofe gewahrte; er ging in der Stadt herum, wo er die meiſten Läden verſchloſſen fand; aus den Häuſern höorte er überall beten und ſingen. Sa⸗ (Maͤhrchen.) J lomo — 130— komo konnte nicht begreiffen, wie auf einmal ſeine Unterthanen ſo fromm geworden waren. Die Urſache dieſer auſſerordentlichen Verän⸗ derung war des Satans Gefangenſchaft. Denn ſeitdem er nicht mehr freies Spiel hatte mit den Leidenſchaften der Menſchen, hatten ſie ſich Alle bekehrt, und ſchränkten ſich blos auf Beten und gute Werke ein, anſtatt auf Ehre und Erwerb. Nach mehreren Wochen hatten alle Gerichts⸗ höfe aufgehört. Alles lebte in Frieden und Einig⸗ keit. Da gab es keinen Zank, Streit oder Schlä⸗ geret, keiner belog oder betrog den Andern, keiner übernahm ſich in der Sinnlichkeit, jeder übte die Tugend der Sanftmuth, Nachgiebigkeit und Mäßig⸗ keit aus, da gingen die Advokaten und Aerzte ſpa⸗ zieren. Sonntags ſaß kein Ruchloſer in den Schenken und ſpielte, kein Handwerker entheiligte denſelben mit Arbeiten, die Kaufieute ſogar waren menſch⸗ licher und gutthätiger. Es gab keinen Becker mehr welcher das Brod nicht ausbuk und an Gewicht mangeln ließ; keinen Metzger, der Knochen für Fleiſch verkaufte. Die Wucherer waren we⸗ gen ihrer Ehrlichkeit und Uneigennützigkeit zum Sprichwort geworden. Selbſt der geringſte, ärmſte Menſch war ein Muſßer von Sittlichkeit, Ehrbar⸗ keit und Ehrlichkeit. Fand einer Etwas auf dem Felde; ſo ließ er es liegen, aus dem frommen Gruud⸗ — 131— Grundſatze, daß derjenige, der es verloren, ſchon wiederkommen und holen würde; fand einer Etwas auf der Straße, ſo wurde es an die Thür des Tempels aufgehängt, und ſo bekam immer der Ver⸗ lierer ſeine Sache wieder.(b) Aber dieſes Alles konnte für die Folge nicht dauern, bald kamen Abgeordnete von Advokaten, Gerichtsdienern, Aerzten und vielerlei Menſchen, die durch die allgemeine Frömmigkeit ſeit Satans Einkerkerung ihr Brod verloren hatten, und be⸗ ſtürmten den Salomo um Brod und Unterhalt, weil ſie nichts mehr zu verdienen und daher nichts zu leben hätten. Salomo ließ aus den Vorrathskammern Korn und Reiß unter ſie vertheilen. Dadurch wur⸗ den zwar die Klagen auf einige Zeit zedämpft. aber nicht gänzlich gehoben. Durch alle die große Frömmigkeit und Ehrlich⸗ keit wurden die Klagen von Nahrungsloſigkeit im⸗ mer allgemeiner. Stehlen, Betrügen oder Borgen kaunte man nux dem Namen nach. Nach mehreren Monaten war das Zutrauen unter den Menſchen ſo groß, daß man nichts mehr verſchloß;; Thüren Rie⸗ gel und Schloß fand man ganz für überflüßig; da⸗ durch wurden ſogar viele Handwerker erwerblos. Als die Vorrathskammertt don Korn und Reiß alle egeleer waren, wurde vie Noth immer be⸗ dräng⸗ 9 — 132— drängter; jetzt erſchien Aſſaf und ſtellte dem Sa⸗ lomo vor daß das Reich ferner nicht mehr ſo beſtehen könnte, wenn der Satan länger eingeker⸗ tert biiebe. Das Boſe wäre nun einmal um des Gutenwillen unter den Menſchen ſchlechterdings nothwendig z denn dieſes wäre die Haupturſache des Drängens, Treibens ünd Handeins unter den Menſchen. e. GRit 1e. hons, hs i Der fromme Salomo wollte nicht glauben, daß das Böſe unter den Meiſſchen nothwendig ſeyn müßte, er glaubte Satan ſey ein viel zu ſchlechter Burſch, als daß derfelbe nothwendig ſey, der Kerl ſtecke jetzo recht gut, und er ſey entſchloſſen ihn ſo⸗ bald nicht los zu laſſen. S Amn hn ¹ Der Staatsrath Afiriel, der Steltsbrktlker der Geiſter mußte endlich noch den S al d m o um⸗ ſtimmen. Er ſtellte ihm vor, daß ſeit der Einter⸗ kerung Sataus die ganze Welt in Unthätigkeit ver⸗ ſunken ſey, denn nur Satans Freiheit unterhalte das Spiel der Leidenſchaften, und den der menſch⸗ lichen Geſellſchaft nothigen Umtrieb, auch ſetzte 1 ie Tugend ſey nichts werth ohne Kampf, ohne Leidenſchaf; und Begierde zum Beſen. Die höchſte Vollendung des nur bewirkt werdegt wenn die Begierde zum Böſen dabel überwältigt würde. Tigend aus bloßer na⸗ türlicher Anlage ſey keine wahre Tugend, nur das Gute Guten koönne r.,—= 8 — zähme, und ſolches dann zum allgemeinen Beſten — 133— Gute wodurch der Menſch ſeinen böſen Willen be⸗ der Menſchen ausube, ſey Gott dem Herrn wohl⸗ gefällig. Salomo verſprach den Satan wieder frei zu geben, ob er bei aller ſeiner großen Weisheit im⸗ mer nicht begreiffen konnte, daß das Böſe noth⸗ wendig ſey. Er neß zu dem Ende den eiſernen Kaͤfig aus dem Gefängniß bringen, verſprach dem Satan ſeine Freiheit, wenn er wenigſtens dreimal des Jahrs ſich einſtellen wolle, aum die Menſchen in Ruhe zu laſſen, nämlich die Zsck⸗ und Bettage, welche jährlich dreimal im Lande ſehr hoch gefewet wurden. Satan verſorach jedesmal ſich richtig einzuſtellen. Da nahm Salom 0 ſeinen Siegelring und ſeinen Zauberſpruch zurück vom Käfig, öffnete ſol⸗ chen und in einem Nu war die Eule verſchwunden. Man glaubt noch dis auf den beutigen Tag daß Satan drei Tage im Jahr die Menſchen in Ruhe laſſe; nämlich: den erſten Oſter⸗, Pfingſt⸗ und Weihnachtsfeiertag, wo die Menſchen allgemein im Ganzen froͤmmer ſind. Kaum waren einige Tage verfloſſen, ſo war ein ganz anderer Geiſt unter den Menſchen. Das Reiben, Stoßen, Treihen und Drängen ging, meinte man, ärger als zuvor. Jetzt hatten die Ge 1„. ichts⸗ * 134— richtshöfe, Advokaten, Lerzte, Handwerker, Gaſt⸗ wirthe, alle wieder vollauf zu thun. Der Menſch ſieht alſo, daß unſere Erde von Engeln nicht bewohnt werden kann, und daß wir durch unſere unendliche Bedürfniſſe, durch unſere— ſinnlichen Begierden, unſere Leidenſchaften, böſe Beiſpiele und mangelhafte Erziehung weit mehr zum Böſen als zum Guten geneigt ſind. Nur dann ſind wir rein gut, wenn wir mit aller Kraft das Böſe in uns durch das Gute zu überwältigen ſuchen, wenn wir das Gute thun ehne Neben⸗ abſichten, ohne Nutzen und Lohn davon ernten zu wollen⸗ owerrni nur weil es gut iſt, und weil —⸗ Gott haben will, daß wir auch gegen unſere Neigung das Gute thun ſollen. Aus dieſer Ur⸗Sage ſehen wir, daß die Men⸗ G☛ ☛☛— 82——2₰Aàꝗ—A ſchen mit einem Satan genug zu ſchaffen haben. Wir ſind aber ſeit zwanzig Jahren mit zwei Sata⸗ nen geplagt worden.— Zwei Satane!— Nein, dieſe ſind zu viel für die Menſchen, darum hat Gott der Herr den erſten Königen und Fürſten von Europa, Gewalt und einen Sinn gegeben, den zweiten Satan Napoleon auf die Inſel Helena an ewige Ketten zu jegen, wo er von Selbſtſucht, von ſeinem Ehrgeiz, ſeiner Habſucht und allen ſei⸗ nen Satanskünſten und Plänen gequält wird, aber nichts davon befriedigen kann; wo er jede Minute mit mit Machiavelliſchen Geſinnungen an ſeine ehema⸗ lige ſtolze Größe, Herrſchſucht, Allmacht und Reich⸗ thum denkt und dann zugleich jedesmal in ſein ohn⸗ mächtiges, elendes, verächtliches Nichts herun⸗ terſtürzt. Dieſes muß wahre Höllenpein für den ſtolzen Napoleon ſeyn! Wer kennt ihn nicht, den Schöpfer kühner Heere, des Lagers Abgott, und der Länder Geiſſel, die Stütze und der Schrecken der Könige, des Glückes abentheuerlichen Sohn, der von der Zeiten Gunſt emporgetragen, der Ehre höchſte Staffeln raſch erſtleg, und ungeſättigt immer weiter ſtrebend,(c) der unbezähmten Ehr⸗ und Habſucht fiel. —.— 4 Frankfurt am Main, gedruckt bei Johann Friedrich Gerhard dem aͤltern, . Münzgaß J. 141.* K n/ ——— ——— — We,, Shch, B), Ph,t,e,, F = 8 ——