ee Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 4 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ * den angenommen. 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen mü en, bei Ente h 3 eines Buches, eine dem Werthe deſſelb 1 ſueFut Regeenehme ¹ — 3 it veßerthe deſtelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgr: fuͤr iapchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: é Bücher: 1. 1—————— auf 4 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und deſecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſumn Erſatz des Ganzen verp flichtet. 3 3 „7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 9 — ——,— 5 Stimmen des Lebens. Drei Erzaͤhlungen Georg Doͤring. Frankfurt am Main. Gedruckt und verlegt bei Johann David Sauerländer⸗ 1827. Der Freier vom See. 1. &Wer war das?» fragte Clara ihren„ 44 Oheim, den geſchickten Maler Nikolaus Stu⸗ 1. ber in München, als auch er, von ſeiner Staffelei auf, einen Blick durch das Fenſter nach dem eben vorüberſprengenden ſtattlichen Reiter warf. Ueber Clara's liebliches Antlitz hatte ſich bei dieſer Frage ein ſo hellſtrahlendes Roſen⸗ roth gelegt, daß man hätte meinen ſollen, die liebe Morgenſonne hätte im Aufgehen der Jung⸗ frau Wange in dieſes Colorit getaucht. Als nun aber der Oheim, ohne weiter aufzuſchauen b von dem eben angelegten Bilde, die Antwort ausſprach: 4 5 Das war unſeres gnädigen, kurfürſtlichen . Herrn Liebling, der Kämmerer Graf Wilhelm von Hainthalzo da wurde des Mägdleins 1* — 4— Angeſicht eben ſo bleich, als es früher roth ge⸗ worden; den ſtrahlenden Blick trübte eine Thräne, und aus der beengten Bruſt ſtieg ein tiefer Seufzer empor. Meiſter Nikolaus aber bemerkte hiervon nichts. Er war gerade im Begriff, die Umriſſe einer Judith und eines Holofernes auf die Leinwand zu werfen, und da hätte wohl ein ganzes Dutzend Münchner Jungfrauen roth und blaß werden, auch gewaltige Seufzer im Chorus ausſtoßen können, ohne daß er ſonder⸗ liche Rückſicht darauf genommen hätte. Warum aber das allerliebſte achtzehnjährige Clärchen, dem die fremden Kaufherri, welche während der Dult zweimal im Jahre auf einige 3 Zeit bei dem Oheim ihre Wohnung nahmen, ſchon recht viel von ſeiner Allerliebſtheit vorge⸗ ſprochen hatten, ſo gar plötzlich roth und bleich geworden, überdem ganz gegen ſeine ſonſtige Gewohnheit aus dem A moll geſeufzt und nicht aus dem A dur gelacht hatte, als der Oheim den ſchmucken jungen Reiter bei Namen genannt, —— —— — 3— 5 das ſoll der ſchönen Leſerin und dem geneigten Leſer in einigen der nächſten Rapitel geſteckt werden. 2. Clara zäahlte, wie ſchon geſagt, achtzehn Sommer, und war ſo hübſch, wie die Münch⸗ ner Jungfrauen das oft zu ſeyn pflegen. Vor wenigen Jahren hatte ſie den Vater, der auch ein kunſtreicher Maler geweſen, verloren; früher ſchon, im Lande Italien, wo ihr Vater die Kunſt übte, war die Mutter ihr durch den Tod entriſſen wurde. Der Vater gerieth durch den Kummer über den Verluſt einer geliebten Gat⸗ tin in ſtete Siechheit, die ihn, bald nach der Ankunft im Vaterlande, zu dem ihn eine noch vor dem Erlöſchen der Lebensflamme erwachende und nicht zu bekämpfende Sehnſucht hintrieb, zu ſeinen Vätern verſammelte. Clara wäre nun gar verlaſſen und ohne Hülfe geweſen, wenn nicht der verwittwete und kinderloſe Oheim Nikolaus ſich ihrer wie ein zweiter Vater — 6— angenommen hätte. Meiſter Nikolaus Stu⸗ ber war ein wackerer und von jedermann hoch⸗ geachteter Künſtler, der erſt vor Kurzem, zum Wohlgefallen des Hofs und der Bürgerſchaft, ſein herrliches Frescogemälde von den ſieben leib⸗ lichen Werke der Barmherzigkeit am heiligen Geiſtſpitale vollendet hatte, und darauf zum kurfürſtlichen Hofmaler ernannt wor⸗ den war. Seiner Kunſt widmete er ſich mit dem größten Eifer; dabei pflegte er wenig Worte zu machen und bekümmerte ſich weder ſonderlich um ſein Hausweſen noch um ſeine Nichte, in deren Verſtand er das größte Ver⸗ trauen ſetzte. Faſt an jeglichem Abende begab ſich Meiſter Nikolaus zur erlaubten Ge⸗ müthsergötzung auf die Weinſtube im Kü h⸗ gaſ ſel, wo er gewöhnlich mehrere ſeiner Kunſt⸗ genoſſen fand, mit denen er ſich über Gegen⸗ ſtände, welche ihnen insgeſammt zunächſt am Herzen lagen, beſprach. Es hielten ſich dann auch manchmal Fremde auf der Weinſtube im Kühgaſſel auf, aus deren Mitthei⸗ — — 2— lungen manches Neue und Wichtige für die Kunſtgeſchichte zu ſchöpfen war. Nur erſt ſeit⸗ dem Clara in das Haus ihres Oheims gezo⸗ gen, hatte dieſer angefangen, den Verſamm⸗ lungen auf der Weinſtube einigemal untreu zu werden. Das hatte aber ſeine beſondere Urſache. Clara war nämlich von der Mutter Natur mit einer gar holden und wohlklingenden Stimme zu ihrem erſten Geburtstage angebun⸗ den worden. Dieſes ſchöne Geburtstagsgeſchenk hatte nun der Jungfrau verſtorbener Vater in dem Lande Italien durch gar kunſtfertige Tonmeiſter pflegen und ausbilden laſſen, ſo daß Clara wohl, wenn ſie gewollt hätte, eine Thea⸗ ter⸗, Hof⸗ und Kammerſängerin hätte vorſtel⸗ len können; ſie wollte das aber nicht in ihrer Unſchuld. Als nun eines Abends Meiſter Nikolaus im Sinne hatte, ſeiner bisher treu beobachteten Gewohnheit zu Folge, ſich nach dem Kühg aſ⸗ ſel zu begeben, da hörte er plötzlich aus dem Zimmer ſeiner Nichte einen wunderbaren herrlichen — 8— Laut erſchallen, und bald konnte er in mehreren ſolchen lieblich aneinandergereihten Lauten, von wohltönendem Saitenſpiel begleitet, ein itali⸗ ſches Lied erkennen, das er oft bei ſeiner frü⸗ heren Anweſenheit im Welſchlande gehört. Er ward auf das Mächtigſte ergriffen von der Kunſt⸗ herrlichkeit der Nichte. Wie zogen da nicht mit einemmale auf den Schwingen des Liedes alle Erinnerungen der fröhlichen Jugendzeit, der be⸗ glückten und getäuſchten Liebe, des jugendlichen Sehnens, der goldnen Morgenträume des Le⸗ bens durch die Seele des alten Meiſters! Er bat nun, wenn die Arbeit des Tages hinter ihm lag, die Nichte zum öftern um einen Ge⸗ ſang und blieb dann, in Wonne und Wehmuth verſunken, aber ſtill und einſilbig, den ganzen Abend hindurch bei der Jungfrau. Die ſchöne Leſerin und der geneigte Leſer werden es nun wohl ſchon von ſelbſt herausha⸗ ben, wie eigentlich die Mutter Natur und die welſchen Sanglehrer daran Schuld waren, daß Meiſter Nikolaus Stuber ſeine Freunde —— —— — 9— auf der Weinſtube im Kühgaſſel jetzt zum öftern vergeblich auf ſich warten ließ. 3. Auſſer dem Oheim Nikolaus hatte Clara noch eine Muhme, welche an einen kurfurſtlichen Förſter in den Waldgebirgen am Tegernſee verheirathet war. Die Muhme hatte den ver⸗ verſtorbenen Bruder, Clärchens Vater, im⸗ mer ſehr lieb gehabt und, wenn auch das Schick⸗ ſal ſie frühe ſchon von ihm getrennt, ſo war doch ſein Andenken immerdar in ihrem Herzen geblieben. Als ſie demnach hörte, wie der herz⸗ liebe Bruder in München an der aus Ita⸗ lien mitgebrachten Siechheit verſtorben, be⸗ trauerte ſie ihn tief und aufrichtig, hätte auch gerne deſſen eben zur Jungfrau erblühendes Töchterlein zu ſich genommen in ihren Haushalt, wenn nicht Meiſter Nikolaus ihr zuvorge⸗ kommen wäre und ſie dem Mähdlein ſelbſt den Aufenthalt in dem gewerbfleißigen und lebhaften München annehmlicher gehalten, als in ihrer, — ——— —— — 10— fern ab von der Welt und ihren Freuden gele⸗ genen Waldeinſamkeit. Aber das liebe Kind wenigſtens kennen zu lernen, und ſich einige Zeit lang an ihrem friſchen jugendlichen Leben und Weben zu erfreuen, konnte ſie ſich nicht verſagen. Gerade am Morgen des Tages, welcher Claͤrchen zu einer ſiebenzehnjährigen Jungfrau machte, empfing Meiſter Nikolaus Stu⸗ ber einen Brief von ſeiner ſonſt eben nicht ſchreibſeligen Frau Schweſter, folgenden In⸗ halts: Herzlieber Bruder! Thuſt Du Dich wohl befinden, ſo 1hue ich's auch. Mein Mann läßt dich grüßen und er hat geſtern einen Hirſchrücken geſchoſſen, welcher hier einliegt. Was es ſonſt an Wild⸗ brät giebt, iſt blitzwenig und wird noch dazu von den rebelliſchen Wilddieben weggeſchoſſen. Von dem lieben Bruderkinde, dem Clär⸗ chen, ſchreibſt Du uns gar gute Dinge. Möchte — 11— auch wohl das verwaiſte Mägdlein einmal für einige Zeit bei mir haben hier in der Wildniß; denn mir ſind, wie du weißt, keine Kindlein beſcheert und wird mir gar oft die Zeit lang. Wollte alſo anfragen, ob die liebe Nichte die kommenden Sommermonate bei mir verleben wollte, wo zwar das Wildbrät nicht mehr ſo gut ſeyn thut, aber doch auch die liebe Got⸗ tespracht ſich im grünen Laube des Waldes und in dem luſtigen Trallariren der Vögel gar ſchön verkündet. Da könnte der Junfrau Nichte liebliches Geſinge ſich recht munter hineinmiſchen und es gäbe dann einen guten Klang. Bitte um freundliche Gewähr und verbleibe Deine geliebte Schweſter.» Meiſter Nikolaus konnte und wollte der guten Schweſter dieſes Verlaugen nicht ab⸗ ſchlagen. Claͤrchen ſelbſt freute ſich auf den ländlichen Aufenthalt bei der Muhme, und als nun die zur Abreiſe beſtimmte Zeit kam, wan⸗ ——— 3 1 6 — 12— derte ſie an einem friſchen Morgen, von den zwar nicht laut ausgeſprochenen, aber im Her⸗ zen lebenden Segenswünſchen des Oheims be⸗ gleitet und in Geſellſchaft eines von der Muhme abgeſandten rechtlichen Butterweibes, den Gebirgen am Tegernſee zu, wohin ihr zu folgen die ſchöne Leſerin und der geneigte Leſer hiermit höflich eingeladen werden, wenn es näm⸗ lich einem oder dem andern nicht zu weit bis dahin ſeyn ſollte. 4. Wir treten alſo, im freundlichen Verein: Clärchen, das Butterweib, die Leſerin, der Leſer und der Erzähler, in das mächtige Waldgebirge am Tegernſee. Wie hat ſich die Farbe des Waldes nach und nach, indem wir ihm immer näher geſchritten, aus einem unreinen und düſtern Blau in ein klares und liebliches Grün verwandelt! Du ſchöner Vor⸗ hang, zuſammengewebt aus Hoffnung und Sehn⸗ ſucht: was für eine Zukunft lauſcht hin⸗ — 13— ter dir?— Immer höher ſteigen wir am Rande des Gebirgs in die Höhe. Links zu unſern Fuͤßen rauſcht der See. Sein glänzender Spie⸗ gel biegt ſich weit aus bis zu einem fernen Ufer, das wie Nebelgewölk vor dem unſichern Blicke ſchimmert. Nun birgt vortretendes Ge⸗ büſch plötzlich die Ausſicht auf den See und in die Ferne, Baum drängt ſich an Baum, Alles wird grün, ein ſmaragdnes Laubgewölbe legt ſich vor die blaue Himmelsdecke und in den grünwogenden Seitenwänden, wie in dem flü⸗ ſternden Wipfeldache, heißt uns ein allſtimmiges „Trallariren der Vögel,» wie das die Frau Muhme verſprochen, willkommen. Clärchen fühlt ſich gar wunderbar und anmuthig bewegt in dem grünen Heiligthume; ſo auch— ich wette darauf— Leſerin und Le⸗ ſer: von dem Erzähler weiß ich's ganz beſtimmt. Das Butterweib aber geht ohne ſonderliche Rührung durch des lieben Gottes Luſtgarten, im ungeſtörten Viervierteltakte immer fürbaß und denkt: es müſſe halt ſo ſeyn! — 44— Ein ſehr herrlicher Vogel iſt doch die Nach⸗ tigall! Wer da ihren Geſang, der ſo recht aus der tiefſten Bruſt, eine ſehnſüchtige und innig empfundene Naturſtimme, hervorquillt, mit dem nichts ſagenden Lispeln einer Queerflöte ver⸗ gleichen will, der weiß beim Himmel nicht, was Muſik iſt! Clärchen kann auch ihre Aufmerk⸗ ſamkeit gar nicht abwenden von der lieben Wald⸗ ſängerin und, als nun deren Ton in weiter Ferne verhallt iſt und nur noch nachklingt in der Jungfrau gleichgeſtimmtem Gemüthe: da kann ſie ſich nicht enthalten, aus voller Bruſt und mit ganzer Seele ein freudiges und herzerheben⸗ des Lied anzuſtimmen, das gar herrlich und weithin durch den Wald klingt. Das Butter⸗ weib blickt ſie verwundert an, macht aber ſei⸗ nen Trab fort. Noch tönt Clärchens Lied freudig und hell auf. Mit einemmale öffnet ſich der Wald und vor uns liegt, auf einem rund vom Dickigt eingeſchloſſenen Wieſengrunde, an einem gebir⸗ gigen Amphitheater die freundliche Förſterwoh⸗ —— — 15— nung. Das Haus iſt ganz von üppig rankendem Epheu eingehüllt, durch den nur ſelten ein Strahl der weißen Farbe fällt, mit der es ur⸗ ſprünglich angeſtrichen: eine große, recht luſtig einladende Laube! Clärchen bricht das angeſtimmte Lied ab; das Butterweib ſpricht: swir ſind da!» und im nämlichen Augenblicke tritt die Frau Muhme in des Hauſes Thüre, der erwarteten Nichte ein freundliches Handſchmatzrl zum Will⸗ komm entgegenwinkend. Als nun aber die Jungfrau Nichte hintritt vor die Frau Muhme, wird dieſe, bei dem Anblicke des ſchönen, hochgewachſenen und ſtatt⸗ lich bekleideten Mädchens, ſchier von einiger Blödigkeit befallen, blickt ſcheu zur Erde, hat auch nicht die Courage, der Angekommenen ein Wangenſchmatzrl aufzudrücken, bis dieſe ſelbſt ihr mit freudigen Küſſen um den Hals fällt und ſie nun denkt:&Du darſt ſie ſchon herzen; es iſt ja doch nur deines Bruders Kind!y — 16— Das Butterweib iſt während deſſen in die Küche getrabt und thut ſich an einem Stück geräucherten Specks eine Güte. 5. Clärchen und die Frau Muhme waren ſchon in der naͤchſten Stunde die beſten Freun⸗ dinnen geworden. Das Mädchen zeigte ſo offen ihre Ehrfurcht und Liebe zu der Vatersſchweſter, wollte ihr in Allem und Jedem ſo freundlich an die Hand gehen, daß die ältere Verwandtin bald jedes Zwanges ledig war und ihr ganzes, an Gutmüthigkeit und Wohlwollen ſo reiches Herz der Nichte hingab. Dieſe wurde in ein gar allerliebſtes Zimmerlein eingewohnt, das, im höhern Stocke des Hauſes gelegen, aus ſeinen Fenſtern die Ausſicht auf das Gebirg und einen Theil des Tegernſees bot. Bald war Clär⸗ chen eingerichtet und ihr Gemach war, wie das eigentlich ein jedes Mädchenzimmer ſeyn ſoll, in ſeiner Ordnung und Reinheit ein wahres Schmuck⸗ käſtchen der Jungfräulichkeit. Auch die Laute, — 17— mit der Clara ihren Geſang zu begleiten pflegte, war nach dem Förſterhauſe beſorgt worden und that jedem, der etwa in das Zimmerlein ſchauen mochte, die Kunſtfertigkeit ſeiner Bewohnerin zu wiſſen. «Ey, wie groß und ſchön du biſt, Jungfer Nichte!“ hatte die Frau Muhme am heutigen Tage mit bewundernder Liebe wohl ſchon mehr als hundertmal ausgerufen, das Mädchen dabei von allen Seiten betrachtet, dann in ihre Arme genommen und tüchtig abgeſchmatzt. Clärchen lachte freundlich dazu; aber ſie wurde nicht ſtolz und eitel darüber, wie das wohl mancher andern Jungfrau aus München, oder auch aus ſonſt einer Stadt, hätte geſchehen können. Erſt gegen Abend kam der Ohm Fürſter mit dem Jägerburſchen Georg aus dem Walde zurück. Der Ohm Förſter war ein ſchlichter und offener Waidmann, der recht glücklich in ſeinem Innern hätte ſeyn können, wenn— es keine Wilddiebe gegeben hätte. Er hing mit ſolcher Liebe an ſeinem Geſchäfte, daß ein jeder — 18— Frevel in ſeinem Reviere ihm das Herz durch⸗ ſchnitt, und wochenlang ſein Gemüth mit Unwil⸗ len und Kummer erfüllen konnte. Mit dem größten Eifer ſpürte er den Frevlern nach, aber nur ſelten gelang es ihm, in der gebirgigen V —— —õ—— Gegend einen dieſer gewandten Gegner ausfin⸗ dig zu machen, und ihn der ſtrafenden Gerechtig⸗ keit zu überliefern. Die immerwährende, mei⸗ ſtens nutzloſe Verfolgung der Wilddiebe reizte den Förſter nur zu größerem Haß und fort⸗ dauernder Aufmerkſamkeit. Die Wilddiebe und ihre Ausrottung waren zur fixen Idee bei dem Manne geworden; jeden Fremden, der ihm in den Weg kam, hielt er für einen Wilddieb, und ließ ihn nicht eher los, bis dieſer auf eine oder die andere Weiſe ſeine Schuldloſigkeit an das Licht geſtellt hatte. Schon beim Abendeſſen fand Clärchen Ge⸗ legenheit, ſich den ſchwermuthsvollen Zug auf des Ohms Antlitze zu erklären. Es wurde eine köſtliche Rehkeule aufgetragen. Kaum hatte 4 der Förſter den erſten Biſſen des ſchmackhaften — 19— Bratens zu Munde geführt, ſo entſtieg ein tie⸗ fer Seufzer ſeiner Brnſt. Der Biſſen wird mir zu Gift,y ſprach er mit erbitterter Stimme, wenn ich bedenke, daß ſo mancher ſchändliche Wildfrevler ſich eben auch am heutigen Abende an der herrlichen Got⸗ tesgabe erquickt, und meiner mit höhniſchem Trotze gedenkt!» Hierauf ſtand er auf vom Tiſche, ging zur Thür hinaus, ließ ſich auch den ganzen Abend nicht wieder ſehen. Der Jägerburſche Georg war ein ſchlanker Jüngling von zwanzig Jahren. Unter den blon⸗ den Locken ſah ein Paar großer blauer Augen in die Welt hinein, auf den vollen Wangen blühten friſche Roſen der Geſundheit. Er ſchien ſehr blöde und hatte, als der Oheim das Zim⸗ mer verließ, noch kein Wort geſprochen, wohl aber die fremde Stadtjungfrau einigemal recht aufmerkſam und nachdrücklich angeſchaut, wobei die Roſen ſeiner Wangen plötzlich von einer 2* ——ÿ—’—x—’—x—x—x—ꝛ:ö—.— ———— — 20— innerlich erwachenden Gluth höher gefärbt er⸗ ſchienen. Die Frau Muhme fand es höchſt unſchicklich, daß der Herr Ohm ſich ohne Weiteres entfernte. Sie wollte dieſes Benehmen der Nichte gern durch irgend eine lebhafte Unterhaltung vergeſſen machen und fragte daher den Georg, wie es heute im Walde gegangen ſey? Der Georg ſchien aber auch von einem innern Gemüthsleiden angegriffen zu ſeyn, denn er gab auf dieſe Frage der Frau Förſterin nur einen mächtigen Seufzer zur Antwort, blickte die Stadtjungfrau noch einmal an, ſtand dann auf und ſchritt ebenermaßen zum Zimmer hin⸗ aus, wie ihm das ſein Herr früher vorgemacht hatte. Die Frau Muhme ſchüttelte bedenklich das Haupt; Clara aber nahm ihr Licht und wünſchte der mütterlichen Verwandtin mit einem Kuſſe angenehme Ruhe. ——— — 21— 6. In die Wohnung des Oheim Nikolaus in München, welche bekanntlich im Hader⸗ gaßl daſelbſt belegen war, drang ſelbſt im ho⸗ hen Sommer der Strahl der Morgenſonne erſt über die Dächer der ſpitzgiebeligen Häuſer hinein, wenn Clärchen ſchon längſt raſch und eifrig im Hauſe umherwirthſchaftete, daß es eine Freude war. Auf dem Förſterhauſe im Tegern⸗ ſeer Gebirge wendete ſich jedoch das Blättlein; denn die liebe Morgenſonne ſchaute hier, ſo wie ſie ſich friſch vom Lager erhob, zu der Jungfrau durch die Fenſter des Gemachs mit tauſend Strahlenäuglein hinein, und wirthſchaftete bereits zur Wiedervergeltung mit allerlei anmu⸗ thigen Licht⸗ und Schattenwürfen in dem Zim⸗ mer umher, als Clärchen erſt die ſeidnen Wimpern hob, um ſie, geblendet von dem ge⸗ genüberwogenden Strahlenmeere, gleich wieder zu ſchließen. Da wirebelte aber auch zugleich die Lerche ihr einen ſo hell ſchmetternden Morgen⸗ gruß zu, die Grasmücke lockte ſo freundlich ins — 22— Grün und der Kuckuck rief ſie mit einem ſo er⸗ munternden« kuck! kuck!» an, daß ſie gern an keinen Schlummer mehr dachte und baldmöglichſt in das offene Fenſter eilte, wo ihr die liebe Gottesnatur mit aller erquickenden Morgenfriſche entgegentrat. O du grüne Luſt des Waldes, wie biſt du ſo herrlich, wenn auf deinen Blättern noch die Millionen Thautröpflein ſich wiegen, welche un⸗ ter dem Kuſſe der Morgenſonne zu lauter fun⸗ kelnden Edelſteinen werden! Wie biſt du ſo herrlich, wenn in deinen laubigen Wipfeln ſich die neugeborenen Frühſtrahlen verfangen und ſie mit mattem Durchſcheingolde anmuthig färben! Wie biſt du ſo herrlich, wenn nun dein vielfäl⸗ tiges Leben erwacht, tändelnde Schmetterlinge und ſummende Käfer, wie lebendige Blumen, das Grün durchziehn und das Chor der gefie⸗ derten Sänger zu deinem Preiſe erſchallt! Das empfand die Stadtjungfrau aus Mün⸗ chen, welche dergleichen noch nie erfahren hatte, mit aller Macht. Das Herz war ihr ſo voll, = als wollte es ſich zur Bruſt herausdrängen, und ſie wußte ſich nicht anders zu helfen, als daß ſie ihre Laute nahm und mit deren Begleitung ein Lied in die allgemeine Huldigung miſchte, welche die Natur dem Schöpfer brachte. Kaum hatte Claͤrchen den Geſang beendigt, ſo klopfte es an die Thüre und die Stimme der Frau Muhme rief, nach Anwünſchung eines gu⸗ ten Morgens, zum Fruͤhſtuͤcke. Indem Clärchen ſich von ihrem Sitze er⸗ hob, um nach der Thüre zu gehn, warf ſie zu⸗ fällig einen Blick durch das Fenſter hinab in den Raum vor dem Hauſe. Siehe, da ſtand der blonde Georg, ſchon mit der Jagdtaſche beladen, auf ſeine Büchſe geſtützt und blickte ſtarr hinauf zu den Fenſtern des Beſuchzimmers. Clärchen merkte, daß ſie einen eifrigen Zu⸗ hörer an ihm gehabt hatte. Als ſie aber jetzt ihn anſchauete, wandte er ſich, ohne weiter zu grüßen, nach dem Walde und eilte mit raſchen Schritten in das Dickigt. «Der iſt wohl grob!» dachte Clärchen. — 24— Da rief dir Frau Muhme noch einmal zum Frühſtück und die Nichte begab ſich ſogleich hinab in das Wohngemach. 2. Wenn auch der Ohm Förſter immer nur ſeine Wilddiebe im Kopfe hatte und ſich mit der Jungfrau Nichte nicht ſonderlich viel abgab, der Georg dabei ſo grob blieb als bisher, jeden Morgen Clärchens Geſang belauſchte, aber, ſobald ſie ihn etwa erblickte, Hals über Kopf davon lief, auch bei Tiſche kein Wort ſprach: ſo gefiel ſich das Stadtkind doch recht wohl in der freundlichen Waldeinſamkeit. Die Muhme war gar lieb und herzig. Was ſie der Bruderstochter an den Augen abſehen konnte, geſchah, und ſie hätte den ganzen lieben Tag lang die Goldnichte in einem fort abſchmatzen können, ohne daß ſie deſſen überdrüßig gewor⸗ den wäre. 1 Die Sorgen für die Haushaltung und ihre Achtſamkeit für dieſe hielten ſie aber meiſt ge⸗ feſſelt. Dabei hätte ſie durchaus nicht gelitten, daß ihr das Mäͤdchen in irgend einer Sache zur Hand gegangen wäre, denn ſie hielt eifrig auf Hausrecht und Hausehre. Clärchen luſtwandelte faſt an jedem ſchö⸗ nen Tage im Walde und im Gebirge. Bald war kein Berggipfel in der Nachbarſchaft mehr übrig, den ſie nicht ſchon erſtiegen hatte; bald kannte ſie alle liebliche Plätzchen im Walde. Auf dieſen Wanderungen begleiteten ſie die theure Laute und ein kräftiger Beſchützer in Hektor, dem großen, ſchön gefleckten Tieger⸗ hunde des Förſters. Das Thier hatte ſich auf eine wunderſame Weiſe an Clärchen gewöhnt, und folgte ihr auf Schritt und Tritt. Der grobe Georg, der ſonſt den Hektor immer mit in den Wald genommen, zeigte über dieſe Sinneswandlung des Hundes, zu Clärchens großem Erſtaunen, auch nicht den mindeſten Unwillen. Höflicher wurde er aber deswegrn nicht; denn er blieb fortwaͤhrend ungeſprächig, wurde roth bis über die Ohren, wenn Clär⸗ chen ihn anſah und lief vor dem Geſange fort, wie ſchon berichtet. Eine neue Freude lernte das Stadtkind ken⸗ nen, als es ſich eines Tages bis an das Ufer des Tegernſees hinab verirrte. Da lag ein artiger, buntgemalter Nachen angekettet. Clär⸗ chen wußte, daß dieſes Fahrzeug ihrem Oheim angehörig ſey. Ohne weiteres Bedenken hüpfte ſie alſo hinein, kettete das Schifflein los und ſtieß vom Strande ab. Der treue Hektor ſprang nach. Die Jungfrau überließ nun den Kahn dem Spiele der Wellen, ſtimmte bald ein frohes Liedlein an, oder ergötzte ſich bald an der herrlichen Naturumgebung, welche ſich ihr offen⸗ barte, wohin ſie auch den Blick wenden mochte. Dann verſank ſie auch wohl in ein ſüßes, träu⸗ meriſches Sehnen, deſſen Ziel die Jungfrau ſich nicht zu erklären wußte. Hektor lag indeſſen ausgeſtreckt zu ihren Füßen, ſie unabläſſig an⸗ ſtarrend. Solche einſame Luſtfahrten auf dem See machte Clärchen nun oft. Es war ihr unbe⸗ e — 27— ſchreiblich wohl auf dem freundlichen Elemente, das den Himmel, die grüne Küſte und die blauen Berge ſo treu wiederſpiegelte. Aber auch der Wald und die Höhen wurden desfalls nicht vernachläſſigt. Morgens ſchwärmte das Mädchen meiſt im Grünen und im Gebirg umher; Nach⸗ mittags und Abends ſchaukelte ſie ſich auf den ſanft wogenden Fluthen. So vergingen mehrere Wochen. Da be⸗ merkte Clärchen, daß der Georg, der übri⸗ gens nicht freundlicher geworden, ſeine blühende Farbe verlor und öfters eine gar trübe und trauerige Miene machte. Auch die Frau Muhme ſchien das zu gewahren; denn ſie ſchüttelte be⸗ denklich das Haupt, wenn ſie des Jünglings an⸗ ſichtig wurde, und ſprach wohl halblaut vor ſich hin: Dem iſt's auch angethan worden. Der trägt eine andere Perſon im Herzen herum.„» 8. An einem heitern Nachmittage, als ſchon die Sonne aufing ſich gegen Weſten zu neigen, — 28— wiegte ſich Claͤrchen auch im Nachen auf dem bewegten Spiegel des Sees umher. Die Wellen trugen das Fahrzeug ſo ruhig und leicht, als wären ſie der Jungfrau, die darin weilte, freund⸗ lich zugethan und ſelbſt für ihr Wohl beſorgt. Hektor hatte ſeinen alten Platz eingenommen. Sinnend blickte die Jungfrau zu dem Rande der Berge, tauchte das ſchöne Auge in das Tiefblau des Himmels und ließ dann den Blick auf dem milden Glanze der weißen Himmels⸗ lämmchen ruhen, welche ſich gar friedlich am Horizonte zuſammengefunden hatten. Ob es da oben iſt, das, wonach ich mich ſehne?„ ſprach ſie jetzt ſeufzend. Ob ich hier unten mit dem ewig unbefriedigten Seelen⸗ drange wandeln und erſt dereinſt, wenn ſie mir die gebrochenen Augen zudrücken, den Gegen⸗ ſtand meines Sehnens gewahren und erkennen werde?» Sie verlor ſich in neues Sinnen; trübe Wölkchen ſammelten ſich auf der Lilienſtirn. Da riß ſich Clärchen plötzlich muthig aus ihrer — 29— Traͤumerei empor, lachte hell auf und ergriff munter die geliebte Laute. Ein frohes welſches Lied, das zu Seelenruhe und Zufriedenheit auffoderte, erklang von ihren Lippen; die raſch und kräftig angeſchlagenen Accorde der Laute ſtimmten dazu ein. Nun folgte ein Lied dem andern und wãh⸗ rend ſich Clärchens Geſang in der Reihen⸗ folge der gewählten Stücke, ihr faſt unbewußt, wieder zum Tiefſinnigen und Sehnſuchtsvollen neigte, verſchwand die goldne Kugel hinter den dunkelblauen Bergen, die Purpurſäume der Wölk⸗ chen gingen in ein unſcheinbares Duſter über, die ſilbernen Lämmchen am Horizonte verſchwam⸗ men in Nebel. Da ſchloß mit einem klagenden, ſehnſüchtigen Ausrufe C lärchen ihren Geſang und ergriff das Ruder, um ſich dem Lande wie⸗ der zu naͤhern. Zugleich aber ſprang Hektor in dem Nachen auf und ſchlug mit lautem Ge⸗ belle an. Clärchen blickte um ſich und wäre faſt er⸗ ſchrocken; denn dicht neben ihrem Nachen lag ein anderer, deſſen Herannahen ſie, ihrem Ge⸗ — 30— ſange ganz hingegeben, nicht bemerkt hatte. Ue⸗ ber den Nachen wäre die Jungfrau nun wohl nicht erſchrocken, aber in dem fremden Nachen ſtand ein fremder Mann, der ſo eben im rein⸗ ſten toskaniſchen Dialekte und mit melodiſcher Stimme den Schluß von Clärchens letztem italiſchen Liede wiederholte. Trotz ihres Er⸗ ſchreckens gewahrte Clärchen recht wohl, daß der Fremde ein junger und ſchöner Mann ſey, deſſen Geſichtszüge einen ſanften Ernſt ausſpra⸗ chen. Seine Kleidung war nur wenig von dem Anzuge der wohlhabenden Bewohner dieſer Ge⸗ gend unterſchieden; an ſeiner rechten Hand aber prangte ein Ring mit einem Edelſteine von ſehr hohem Werthe. Dieſe Betrachtungen hatte die Jungfrau in einem Augenblicke gemacht. Nun mußte ſie es ſich ernſtlich angelegen ſeyn laſſen, den wüthenden Hektor zu beruhigen, der durchaus in das Fahrzeug des Fremden hin⸗ über wollte, um die Herrin gegen deſſen ver⸗ meinten Angriff zu vertheidigen. Endlich legte ſich der Hund ſchweigend nieder. Clärchen — 31— ruderte ruhig dem Strande zu. Auch der Fremde ſetzte ſeinen Kahn in Bewegung, blieb aber da⸗ bei dem Nachen der Jungfrau zur Seite und redete ſie mit folgenden Worten an: Beim Himmel! ich hätte nicht geglaubt, auf den Wellen des Tegernſees eine Sãn⸗ gerin kennen zu lernen, die jedem Operntheater des kunſtreichen Italiens zur Zierde gereichen dürfte!» « Ihr ſcherzt,» entgegnete Claͤrchen nicht ohne Schüchternheit,& aber,» ſo fuhr ſie neckend fort,«ſeit wann ſind denn die Landleute vom Te⸗ gernſee der edeln toskaniſchen Sprache mächtig 2„ Ich war nur euer Echo!y entgegnete verlegen der Fremde. Orpheus durchdrang mit dem Leben ſeines Geſanges Felſen und Baume, konnte ich empfindungslos bei dem euern bleiben?„ Dem Clärchen wurde es in der Nähe des Fremden immer ſeltſamer zu Muthe. Es war ihr, als ſey durch dieſe neue Bekanntſchaft das Räthſel ihres innern Sehnens gelöſt, aber zu⸗ gleich ſiedelte ſich ein ſo drückendes Gefühl in — 22— ihrer Bruſt an, daß ſie keines Lautes und kei⸗ nes Wortes mächtig war. Um ſo eifriger aber ruderte ſie an das Land und ſprang jetzt, mit einem lauten Seufzer, als falle ihr ein ſchwe⸗ res Gewicht von der Seele, an das Ufer. Der Fremde blieb in ſeinem Nachen zurück. Ihr ſchweigt!» ſo ſprach er zu der Jung⸗ frau, welche unentſchloſſen ſtand, ob ſie ſeiner Rede Gehör leiſten ſollte oder nicht.«Werde ich nie wieder den wunderbaren Laut euerer hol⸗ den Stimme hören?“ Leiſer fügte er hinzu: Snie wieder euer holdſeliges Antlitz erſchauen?» Der Ton ſeiner Stimme wurde ſo weich, ſo rührend! Clärchen konnte nicht unem⸗ pfindlich bleiben. Sie antwortete halblaut: «„Ich fahre an jedem ſchönen Nachmittage auf dem See!“ Dann rief ſie ein haſtiges slebt wohl!» aus, und eilte mit ſchnellen Schrit⸗ ten den Gebirgspfad hinan. Sie konnte ſich aber doch nicht enthalten, zum öftern ſtehn zu bleiben und auf die Ruderſchläge zu lauſchen, mit denen der Unbekannte ſich langſam entfernte. — 33— Als dieſe nicht mehr zu ihr hindrangen, zü⸗ gelte ſie ihre Schritte, um den Weg nach dem Förſterhauſe zu verlängern und ſo ſich ihrem Nach⸗ denken noch einige Zeit überlaſſen zu können. Wie ein Weſen aus einer fremden, höhern Welt war ihr der unbekanute Jüngling erſchienen. Der ſüße Lant ſeiner Stimme drang mit Herrſcher⸗ macht in ihr Herz, die lieblich männlichen Züge, die hohe Geſtalt hatten ſich in einem Augenblicke ihrer Phantaſie für immer gegenwärtig gemacht. Herrliche Träume der Zukunft gingen auf in der Seele der Jungfrau. Da hörte ſie ploͤtzlich leis entſtehende und immer voller und lauter ſich ausbreitende Töne eines Waldhorns. Das war nicht bloßes mechaniſches Tonangeben; ein tief fühlendes Gemüth lag in dem Weſen dieſer Klänge. Sie kamen nicht vom See her; ſie drangen ſeitwärts aus dem Walde. Wie aber ward Clara noch mehr überraſcht, als ſie jetzt in den Waldhornklängen die Melodie des Lieds erkannte, das ſie Morgens in ihrem einſamen 3 — 344— Gemache zu ſingen pflegte. Der Fremde konnte das nicht ſeyn. Wer aber ſonſt?— Clara langte ſpäter als gewöhnlich im För⸗ ſterhauſe an. Die Frau Muhme machte auch ein böſes Geſicht darüber. Zu verdenken war's ihr nicht; denn der ſchöne Seekarpfen, den ſie zum Abendeſſen gebacken, war, wegen des War⸗ tens auf die Jungfer Nichte, rein verbrannt. Georg war auch noch nicht da. Der För⸗ ſter aber hatte ſich, in Erwartung des Abend⸗ eſſens, in ſeinem Großvaterſtuhle dem Schlafe überlaſſen und traͤumte von Wilddieben. 9. Am nächſten Morgen, nachdem die Männer bereits in den Wald gegangen waren, kleidete ſich Claͤrchen gerade zu ihrem Frühſpazier⸗ gange in das Gebirg an, als die Frau Muhme auf ihrem Gemache erſchien und mit ſonderbarer Geſchäftigkeit ſich allerlei daſelbſt zu thun machte. Das Maͤdchen ſpürte wohl, daß die Frau Muhme etwas auf dem Herzen tragen müſſe, was ſie — 35— gern herunter haben möchte; hutete ſich aber, ſie zu fragen und wollte ſie lieber von ſelbſt an⸗ kommen laſſen. Die Frau Muhme kam auch an; denn, nachdem ſie ſich einigemal bedeutungs⸗ voll geräuſpert, ſprach ſie gerade weg: „Jetzt hab' ich's'raus, was dem Georg fehlt; warum der Burſche ſich nicht ſatt ißt, vom Fleiſche fällt, bei Tiſche daſitzt wie ein Block, und ſein Waldhorn nicht wie ehemals luſtig im Hauſe erklingen läßt!„ Die Frau Muhme machte eine Pauſe, um die Wirkung ihrer Rede abzuwarten. Die Jung⸗ frau Nichte aber hatte es nun auch'raus, doch etwas Anderes, wie die Frau Muhme: nämlich, daß Georg der Waldhorniſt vom geſtrigen Abende ſey. Darüber wunderte ſie ſich im Stil⸗ len. Sie hatte ihn bisher immer für einen Muſikfeind gehalten. Da die Frau Muhme bemerkte, daß die Jungfrau Nichte keineswegs geneigt ſchien, ihrer Rede zum weiteren Fluß zu helfen, ſo hielt ſie es für das Beſte, von ſelbſt fortzufahren: 5* — 36— Ja, ich ich hab' es'raus! Lange habe ich mir den Kopf darüber zerbrochen, habe mit Kummer und Herzeleid des Burſchen täglich zunehmenden Verfall angeſehn; denn ſeine ſelige Mutter hat mir ihn vor ihrem Ende auf das Herz gebunden— nun aber kenne ich den Wurm, der an ſeinem beſten Leben nagt, und mit Got⸗ tes und deiner Hülfe, mein Goldmädchen, wol⸗ len wir den böſen Feind vertreiben.» 1 & Mit meiner Hülfe?» ſiel das Goldmäd⸗ chen fragend ein:«was kann denn ich dazu thun?* «Vieles, faſt Alles!» erwiederte die Frau Muhme. Du, Herzensnichtchen, trägſt die Schuld, daß dem Georg kein Biſſen ſchmeckt, daß ihm das Leben zur Laſt iſt, daß er—» & Mein Gott, ich»— fiel Clärchen er⸗ ſchrocken ein. Ja, Dul! entgegnete die Förſtersfrau: Caber beruhige Dich, Goldkind; Du haſt's ihm in aller Unſchuld angethan. Er hat mir's ge⸗ ſtanden, der Georg. Bis über die Ohren iſt er verliebt in Dich!2 1 — 3,— «Verliebt— in mich!» rief die Nichte er⸗ glühend aus. «Du brauchſt darüber nicht zu erſchrecken!» fuhr die Frau Muhme liebkoſend fort.«G eorg iſt vermöglicher Leute Kind. Sein Vater iſt Förſter im nahen Revier, und Georg ſchon dazu beſtimmt, ihm im Amt an die Seite geſetzt zu werden. Da würdeſt Du Frau Förſterin, bhliebſt in meiner Nähe und hätteſt einen braven Mann! Nicht wahr, Seelenkind, Du nimmſt ihn?„ Ich— den Georg? Nimmermehr!» ent⸗ gegnete Clärchen mit ungewöhnlicher Lebhaf⸗ tigkeit. 1 Wiey— ſprach die Frau Muhme voller Erſtaunen über dieſe kurze und bündige Ant⸗ wort, wollte auch dem wie„ noch ein Weite⸗ res zufügen, aber das Goldnichtchen hatte, ſchon während jener beſtimmten Erklärung, das Hals⸗ tuch umgeworfen, war ſchnell die Treppe hinab und aus dem Hauſe geeilt. Erſt zu Mittag kam Clara aus dem Walde zurück. Sie hatte den ganzen Morgen in Ver⸗ — 38— wunderung darüber zugebracht: daß das, was ſie bei dem Georg für Grobheit gehalten habe, eigentlich Liebesblödigkeit geweſen ſey. Zugleich aber hatte ihr auch eine innere Stimme geſagt, daß ſie gegen den Fremden, welcher ſie am geſt⸗ rigen Abende ſo ſeltſam auf dem See über⸗ raſcht, wohl etwas von Georgs Grobheit in ſich tragen könne. 10. Das ſchöne trauliche Verhältniß, welches doch im Ganzen in der Förſterwohnung ſtatt ge⸗ funden, war nun geſtört, und die nothwendigen Zuſammenkünfte der Hausgenoſſen erſchienen Allen drückend. Dem Förſter, weil Niemand ſeinen Geſchichtchen von frevelhaften Wilddieben, ihren Liſten und Beſtrafungen, Gehör gab; der Frau Muhme, weil einer ihrer Lieblingswünſche ihr ſo plötzlich fehlgeſchlagen; dem Jäger Georg, wegen ſchweren Liebesgrams, und Clara, weil ſie ſich mit ihrem heitern und offenen Sinn in dieſe allſeitige Spannung nicht ſinden konnte. — 39— Wer möchte es da der Stadtjungfrau ver⸗ denken, daß ſie ihre Wanderungen in den Wald und ihre Luſtfahrten auf dem See eifriger fort⸗ ſetzte als früher. Aber es war dann doch ganz beſonders, daß ihr das Waſſervergnügen weit mehr am Herzen zu liegen ſchien, als das Land⸗ vergnügen. War es am frühen Morgen trüb oder regneriſch, ſo konnte Clärchen das ganz ruhig mit anſehn. Kam aber der liebe Mittag heran und es heiterte ſich nicht auf, da ſah ſie faſt unabläſſig nach den Wolken, ob ſie nicht eine lichte Stelle zeigen und den freundlichen Strahlen der Sonne den Durchgang geſtatten möchten. Klärte ſich dann Nachmittags der Him⸗ mel auf, da war Clärchen gewiß, bei dem erſten Blicke, den das enthüllte Himmelsauge herabſandte, mit ihrer Laute und dem Hektor huſch! aus dem Hauſe und an den See hinab. Manche ſchöne Leſerin und mancher pfiffige Leſer werden es wohl auch ſchon heraus haben, wie die Frau Muhme endlich des Georgs na⸗ genden Lebenswurm: woher das kam; den An⸗ — 40— dern aber ſoll's hiermit geſteckt werden. Der Waſſermann, der an jenem Abende ſo plöoͤtzlich auf dem See neben Cläͤrchen erſchienen war, und deſſen Geſangesworte im anmuthigſten tos⸗ kaniſchen Dialekte nachgeſprochen hatte, fand es für gut, am folgenden Abende, ſobald Clär⸗ chens Lied über den See erklang, wieder an des Nachens Seite zu ſeyn; Hektor fuhr ihn zwar wieder an, aber lange nicht ſo ſtark wie am geſtrigen Abende; gerade laut genug, um Cläarchen die Ankunft des Fremden anzuzei⸗ gen, die ſie eben ſelbſt bereits früher bemerkt hatte, als der wachſame Hund. Bei den Luſtfahrten, welche die Jungfrau, nach dieſer, täglich, wenn ſich nicht etwa zu ih⸗ rem großen Leidweſen der Himmel gar zu ſehr dagegen ſetzte, auf dem See veranſtaltete, fand ſich zwar der Waſſermann nicht mehr ein; aber er war bereits ſchon lange ihrer harrend, am Strande, und nahm von nun an vertraulich Platz neben dem Clarchen, in deſſen eigenen Nachen. Hektor ſchien auch nichts mehr wider ihn ein⸗ „ — a— zuwenden zu haben, und ihn als den berechtigten Geſellſchafter ſeiner Herrin zu betrachten. Was nun zwiſchen Claͤrchen und dem Jüng⸗ linge auf dieſen Luſtfahrten Alles verhandelt worden ſey, hat der Erzähler nie ganz genau erfahren können, kann's auch deshalb nicht wei⸗ ter ſagen. Soviel iſt ihm indeſſen zu Ohren gekommen, daß das Stadtkind gar bald wußte, der Waſſermann nenne ſich Heinrich, ſein Vater wohne als ein vermöglicher Landmann am See, und der Heinrich habe ſie ganz erſtaun⸗ lich lieb. Auch hat der Erzähler herausgebracht, daß Clarchen dieſes Geſtändniß ganz anders aufgenommen habe, als das der Frau Muhme von Georgs Liebe, und daß ſie keinesweges geſonnen war, den gar ſchönen, lieben und gu⸗ ten Waſſermann, wenn er etwa dereinſt ſie durch eine verfängliche Heirathsfrage überraſchen ſollte, mit einem ſchnöden: Lnimmermehr! abzu⸗ weiſen. 14. Georg wurde faſt ſichtbar von ſeinem — 42— innern Leid verzehrt. Er wandelte mit bleichen Wangen, niedergeſchlagenen Blicken und ſchwan⸗ kendem Gange daher wie ein Schatten. Clär⸗ chen hörte noch immer, wenn ſie Abends in ſe⸗ liger Erinnerung verſunken vom See zurück kam, die Töne ſeines Waldhorns; aber ſeit jenem Tage, an welchem ſie der Frau Muhme Zumu⸗ thung ſo heftig abgelehnt, bildeten die Klänge nicht mehr die Melodie ihres Lieblingslieds. In trauernden Moll⸗Weiſen ſchwammen ſie bebend durch die Abendluft, von Abend zu Abend wei⸗ cher, klagender und tiefer empfunden. Das goß dann wohl einen bittern Tropfen in den Wonne⸗ becher, der dem guten Clärchen von der er⸗ wachenden Liebe geboten wurde; allein Vorwürfe konnte ſie ſich deshalb nicht machen. Der Georg ſchien ihr ein recht wackerer Jüngling; lieben konnte ſie ihn nicht. Die Frau Muhme kam noch einigemale, Morgens bei ungeſtörter Unterredung mit der Nichte, auf den Georg zurück, legte ihr des armen Menſchen irdiſches Glück ſehr an's Herz, — 43— meinte gar, er werde ſich ein Leids anthun und prieß dann die häusliche Seligkeit, welche eine Frau bei dem rechtſchaffenen jungen Manne zu erwarten habe, und daß ein ſolch unverdorbener Menſch vom Lande zehnmal mehr werth ſey, als alle geſchniegelte Stadtherrchen. Clärchen hörte das alles ruhig mit an; glaubte aber die Frau Muhme endlich am Ziele zu ſeyn, und die Jungfrau Nichte durch die Macht ihrer Gründe zu einem günſtigen Entſchluſſe geſtimmt zu ha⸗ ben, dann ſchnitt deren wiederholtes:«nim⸗ mermehrl“ den Faden der Unterhandlung plötzlich wieder ab, und Zeit und Mühe waren verloren. Mit ſtets wachſender Sehnſucht erwartete Clärchen die Stunde, in der ſie ſich zum See begeben konnte. Dort fand ſie den lieben Heinrich, der, wenn er ſich darauf ver⸗ ſtand, bis jetzt nur in den Blicken des Mäd⸗ chens das ganze Geſtaͤndniß der Liebe, das er ſchon offen ausgeſprochen, hatte leſen können. An einem ſchönen Abende ſchaukelte der be⸗ — 44— wegte Nachen die beiden Glücklichen noch auf dem See. Müucken tanzten im Golde der un⸗ tergehenden Sonne, aus einem Gebüſche am Ufer rief die klagende Stimme der Nachtigall, aus den Wogen eines reichen Kornfeldes ſtieg mit triumphirendem Geſange die Lerche empor. Auf der ganzen Natur lag der Zauberhauch der Anmuth, den nur die ſüße Wehmuth des ſchei⸗ denden Tages über ſie hinzugießen vermag. Clärchen ahnete nicht, daß dieſes der letzte Tag ſeyn wuͤrde, den ihr auf lange hin die glückliche Liebe verſchönert. Es ward ſpät; ſie wollte zum Lande. « Noch ein Lied, mein Madchen!⸗ bat Hein⸗ rich mit ſchmeichelnder Stimme, indem er Cla⸗ ren die Laute in den Arm legte:«Das von der Trennung. Wiederſehn heißt das Tro⸗ ſteswort am Schluſſe. O, gewähre meine Bitte! 9 Mit inniger und wahrer Empfindung ſang Clara das Lied. Beide waren davon, ſie wußten nicht warum gerade heute, ſo ſehr er⸗ griffen, daß ſie ſtumm den Nachen verließen und — 45— im fortgeſetzten Stillſchweigen den Berg hinan⸗ ſtiegen. Als ſie an der Stelle waren, wo Hein⸗ rich, nach der abendlichen Begleitung, Clär⸗ chen gewöhnlich verließ, um zu ſeinem Nachen an den See zurückzukehren, drückte er zärtlich des Mädchens Hand und ſprach höchſt gerührt das eine Wort: Wiederſehn! Clärchen ſprach das Wort nicht nach; den Druck der Hand aber gab ſie zurück. Dann eilte ſie, von einer ſeltſamen, ihr unerklarlichen Bangigkeit befallen, der Förſterwohnung zu. Georgs Waldhorn tönte heute nicht her⸗ über aus dem Walde. Die Jungfrau war an dieſe Klänge ſo gewöhnt, daß ihr das als etwas Beſonderes und Auffallendes vorkam. 12. Clärchen's Begleiter blieb noch einige Au⸗ genblicke an dem Orte ſtehn, wo ſie ihn ver⸗ laſſen hatte. Er ſah der ſchwebenden Geſtalt ſehnſüchtig nach, bis ſie in die Daͤmmerung, gleich einer blaß lichten Traumerſcheinung, ver⸗ — 46— ſchwamm, und nun ſeine Phantaſie das geliebte Bild an die verlaſſene Stätte wieder hinzauberte. „Werde ich Dich je beſitzen!» ſo ſeufzte er tief auf:» wenn auch in Deinem ſchuldloſen Her⸗ zen der Himmelsfunken der Liebe gezündet, wird ein ſtrenges Verhältniß ſich nicht feindſelig zwi⸗ ſchen Dich und mich drängen?» Er wendete ſich um und ſchritt zum See hinab. Da rauſchten Schritte an ſeiner Seite durch die Gebüſche. Schon an mehreren Aben⸗ den hatte er ſolche Spuren eines verdächtigen Spähers bemerkt. Mit raſchem Entſchluſſe drang er durch das Geſträuch zu der Stelle, von wel⸗ cher das Geräuſch kam. Der Mond trat hinter dem Gebirge vor und übergoß die Gegend mit glänzendem Licht. Heinrich blickte forſchend auf: dicht vor ihm ſtand eine Mannsgeſtalt mit verwilderten Zügen und drohenden Blicken, eine angeſchlagene Büchſe gerade auf ſein Herz gerichtet. «Menſch, was haſt du im Sinne?» rief Heinrich aus. Ein eißiger Schauer rann durch ſein Gebein.«Willſt du ein Mörder werden?“ — 4,— Bei dieſen Worten bebte der Gegner ſicht⸗ bar zuſammen. Er ließ die Büchſe aus der todtbringenden Richtung ſinken, und ſprach mit gepreßter Stimme: Nein, ich will kein Mörder werden. Dank euch für dieſe Warnung! Ihr habt mir das Glück meines Lebens geſtohlen; ich will mich nicht rächen.» 3 Raſch hob er hierauf die Büchſe empor, und ſchoß die Ladung in die freie Luft. Jetzt iſt die Verſuchung des Böſen eitel!„ fuhr er dann ruhiger fort.«Ein Mörder— nein, Georg wird kein Mörder, ob ihr gleich ſein ärgſter Feind ſeyd! Gott wird mir die ſündige Regung verzeihen! Lebt wohl und— macht Clara glüͤcklich!» Ehe noch Heinrich aus ſeiner Beſtürzung zu völliger Beſinnung kommen konnte, war der ſeltſame Gegner verſchwunden, und, nach der Eile, mit der er ſich en fernte, zu urtheilen, ſchon weit. 8 «Welche wunderbare Begegnung!y ſprach — 48— Heinrich vor ſich hin, indem er langſam zum See hinabſtieg.« Ich ſoll dieſem Unbekannten das Glück ſeines Lebens geraubt hahen,— dann nannte er Cl arens Namen: wer enträth⸗ ſelt das? 2 Dieſe Betrachtungen erhielten plötzlich durch ein neues überraſchendes Ereigniß ihr Ziel. Heinrich fühlte ſich mit einemmale von hin⸗ ten durch eine ſtarke Hand ergriffen und eine rauhe Stimme fuhr ihn heftig an: „ Habe ich dich endlich, du Spitzbube! Jetzt entgehſt du mir nicht und der längſt verdienten Strafe!* Durch eine raſche Bewegung wollte ſich Hein⸗ rich von dem Angreifenden losmachen, aber es gelang ihm nicht. Der Andere hielt ihn mit kräftiger Rechten und ſetzte ihm zugleich ein blin⸗ kendes Jagdmeſſer auf die Bruſt: Hah! mein Bürſchchen, ſo geht's nicht!* fuhr die rauhe Stimme höhniſch fort: cdu folgſt mir jetzt ruhig, wohin ich dich führe, oder beim heiligen Hub ertusl! ich fange dich ab, wie einen geſtellten Eber. Du, Wilddieb, du!» Heinrich war unbewaffnet. Jeder Wider⸗ ſtand hätte ihn in's offene Verderben geſtürzt. Er überließ ſich geduldig dem Willen ſeines rau⸗ hen Führers. 13. Die Frau Muhme konnte, trotz ihren fehl⸗ geſchlagenen Liebeswerbungen für den Georg, dem holdſeligen Bruderskinde nicht gram ſeyn. Wenn Clärchen Abends zu Hauſe kam, wurde ſie von ihr mit Liebkoſungen überſchüttet, vor der rauhen Abendluft ſehr gewarnt, Goldnicht⸗ chen, Augäpfelchen, Herzliebchen, ein über das andermal geheißen und, wie ſich das von ſelbſt verſteht, gehörig abgeſchmatzt. So war es denn auch heute. Aber das Seelen⸗Clärchen wollte unter den Zärtlichkeiten der Förſtersfrau gar nicht aufthauen. Eine unheimliche Bangig⸗ keit hielt ihr die Bruſt wie zugeſchnürt. Während die Frau Muhme mit ihr koſte, fiel plötzlich in der Nähe des Hauſes ein Schuß. 4 — 50 Claͤrchen ſtieß einen lauten Schrei aus. Sie wußte nicht warum. Ein undeutliches Gefühl ſagte ihr: dieſer Schuß möge wohl mit ihrer bangen Ahnung in Verbindung ſtehen. Auch die Förſtersfrau war betroffen. Sie erwartete mit jedem Augenblicke ihren Mann und Georg zurück. Die Dunkelheit war bereits eingetreten; einem Wilde konnte der Schuß nicht gegolten haben. Noch beſprachen ſich die beiden Frauen über dieſes Ereigniß, da höͤrten ſie plötzlich ein hef⸗ tiges Gepolter an der Thüre des Hauſes; zu ihrer Beruhigung aber erkannten ſie auch die Stimme des Förſters, welche laut und heftig nach Licht rief. Die Muhme riß ſchnell die Zimmerthür auf, fuhr aber eben ſo ſchnell wie⸗ der zurück. Auf dem Fuße folgte ihr der För⸗ ſter, einen Menſchen am Kragen führend und dieſen mit dem gezückten Waidmeſſer be⸗ drohend. 4 . Tordtlich erſchrocken blickte Clärchen nach dem Menſchen: ſie erkannte ihren Heinrich. — 31— Keines Wortes mächtig, und an allen Gliedern bebend, hielt ſie ſich nur mit Mͤhe aufrecht. Der Förſter, deſſen Antlitz in dem Glanze einer ſelten an ihm gewohnten Freude ſtrahlte, ſtellte ſeinen Gefangenen triumphirend mit den Worten vor: 1 Da bring' ich ihn, den Wilddieb! Der hat mich lange genarrt. Jetzt, marſch in den unterſten Keller! Morgen vor's Amtsgericht!* Jeder Tropfen Bluts gerann in den Adern des armen Claä rchens zu Eis. Aber ihr Herz ſprach den Jüngling frei von der angeklagten Schuld; nein! Er konnte kein Verbrecher ſeyn. Die Frau Muhme ſchien auch durch des Men⸗ ſchen Jugend und anmuthige Geſtalt gerührt. Sie wollte ſich eben dem Förſter nähern, um eine Fürbitte zu Gunſten des Gefangenen einzu⸗ legen, als dieſer plötzlich hell auflachte, ſich dem hierüber erſtaunten Förſter durch eine geſchickte Bewegung entwand und, gleichſam wie hinter einem Walle, hinter dem ſchweren, eichenen Tiſche des Zimmers Schutz ſuchte. . 4* — 52— Der Föorſter behielt nicht Zeit, etwas gegen den Flüchtling zu unternehmen; denn dieſer hielt ihm ein Papier über den Tiſch hin und ſprach, noch immer lachend: Ihr haltet mich alſo in allem Ernſte für einen Wildfrevler! Leſ't nur das Papier, Herr Förſter! Dann werden wir weiter ſehn.» Der Förſter nahm das Papier und las. Heinrich ſah mit einem ſchalkhaften Blicke, ſeitwärts lächelnd nach Clärchen. Dieſer Blick gab der Jungfrau die verlorenen Kräfte wieder; aber jede Sorge entfernte ſich aus ihrem Ge⸗ müthe, als der Förſter, nachdem er das Papier geleſen, mit mürriſchem Tone ſprach: «Der Herr iſt leider kein Wilddieb. Sey er unſer Gaſt für den Abend und nehm' er mit einem ſchlichten Lager für die Nacht fürlieb!» Heinrich nahm dieſe Einladung an. Sie entſprach ſeinen Wünſchen und brachte ihn in Clärchens Naͤhe. Der Förſter aber war im Innern höchſt mißvergnügt darüber, daß der Wilddieb ſich in einen rechtlichen, untadelhaften — 33— Mann verwandelt hatte. Auch konnte er ſich nicht erklären, von wem der Schuß ausgegangen ſey, der ihn auf die Spur des vermeinten Waid⸗ frevlers getrieben hatte. . 14. Claͤrchen fuͤhlte ſich recht froh an der Seite Heinrichs, dem die Frau Muhme, ohne zu 3 wiſſen, welchen großen Gefallen ſie den beiden jungen Leuten erzeige, dieſen Platz angewieſen hatte. Der Jüngling ſcherzte ſo unbefangen und heiter über des Förſters Irrthum, der dieſen zur kräftigen Beſchlagnahme ſeiner Perſon ver⸗ leitet, daß ſelbſt der geſchworene, in ſeiner Hoff⸗ nung getäuſchte, Gegner aller Wilddiebe zuletzt auch von geſelliger Fröhlichkeit erg iffen wurde. Der guten Förſtersfrau aber war es gar nicht ſo wohl zu Sinne. Wo nur der Georg bleibt!» flüſterte ſie mit unverhehlter Beſorgniß dem Clarchen zum Oeftern zu: Cnoch nie hat er die rechte Stunde verſäumt— und heute grade— und der Schuß— und ſein Herzeleid) — 54— Wie konnte aber Clärchen auf die Reden der Muhme achten. Heinrich war dal Seine Gegenwart beſchäftigte ihre ganze Aufmerkſam⸗ keit. Es war ihr, als gehöre der Jüngling, wie er da im häuslichen Kreiſe ſitze, ſchon dieſem mit an. Solchen Gedanken folgte eine Schaar ähnlicher, die ſie in das ſchönſte Glück der Zu⸗ kunft hinüberträumen ließen, und das Mädchen, als es bereits in ſeinem kleinen Schlafgemache, auf dem reinlichen Lager, die Ruhe ſuchte, noch immer verfolgten. Unter ſeligen Geiſtesgebilden entſchlummerte ſie endlich. Noch glücklicher fühlte ſich Heinrich! Nach den ſeltſam en und bedrängendſten Ereigniſſen, hatte ihn daßs Schickſal zu der Geliebten geführt: unter einem Dache durfte er mit ihr weilen. Trotz ſeines Unmuths über den verfehlten Fang, war der Förſter, von den Mühen des Tages angegriffen, ſchon längſt in einen tiefen Schlaf verſunken, als ſeine Hausfrau noch im⸗ mer unruhig umhertrippelte, des noch nicht heim⸗ gekehrten Georg's harrend. Wenn der Wind — 55— durch die Bäume rauſchte, wenn eine Fleder⸗ maus das Haus umſchnurrte, oder in der Ferne ein Wild durch die Büſche brach, glaubte ſie den Tritt des erſehnten Pflegeſohns, den ſie wie ein eigenes Kind liebte, zu vernehmen. Schnell öffnete ſie dann das Fenſter, die Stimme des Erſehnten zu vernehmen, aber immer wurde ſie getäuſcht. Es iſt gewiß. Er hat ſich erſchoſſen!» ſo ſprach ſie dann faſt weinend für ſich hin.«Mor⸗ gen werden ſie ihn bringen, das liebe Geſicht, das ſchon der Kummer ſo ſehr gebleicht, fürch⸗ terlich entſtellt, eine blutige Leiche. O du ar⸗ mer, armer Georgl⸗ Mitternacht war längſt vprüber; vor großer Ermüdung ſchlummerte endlich die gute Muhme in einem Seſſel ein. Da fuhr ſie plötzlich em⸗ por aus dem leichten Schlummer. Jetzt war es wirklich: ja! Das waren Menſchentritte, die auf das Haus zukamen. Gleich darauf wurde leiſe an die Thüre geklopft. In fröhlicher Haſt eilte die Förſterin auf den Hausgang, um zu öffnen. — 56— Trauriger Irrthum! Nicht Georg, ein frem⸗ der Mann, ein Bote aus München ſtand vor ihr, der einen Gruß vom Bruder Nikolaus brachte und berichtete: wie dieſer von ſeinem al⸗ ten Uebel, der Gicht, auf das Krankenlager ge⸗ worfen ſey und gar ſehr nach der Pflege und Gegenwart der geliebten Nichte Clara verlange. Mit dem früheſten Morgen ſolle die Nichte ſich zur Reiſe anſchicken, um den gequälten Kranken baldmöglichſt durch ihre Ankunft zu erfreuen. Der Frau Muhme inneres Leid wurde durch dieſe Kunde noch vermehrt. Sie wies dem Bo⸗ ten ein Lager an; harrte noch bis zum Grauen des Morgens vergeblich auf den Pflegeſohn und erweckte dann, um den fremden Gaſt nicht zu ſtören, ſo leiſe als möglich das liebe Stadtkind, das zwar gerne noch in den ſeligen Träumen fortgeſchwebt hätte, von denen es eben umfan⸗ gen war. 1. 15. 4 Clärchen fühlte ſich durch die Nachricht, welche die Frau Muhme brachte, nicht wenig — — 37— betroffen. Noch unangenehmer aber war es ihr, daß die Förſterin ohne Weiteres Anſtalt zum Einpacken machte, und aus großer, ſchweſterlicher Liebe und Beſorgniß zum eiligſten Abzuge trieb. Unter dieſen Anſtalten ſchielte die Jungfrau Nichte oft nach den Fenſtern des Gemachs, in welchem Heinrich noch im ſüßeſten Morgen⸗ ſchlummer lag, aber eben dieſer ſüße Morgen⸗ ſchlummer durchkreuzte durch ſeine Hartnäckigkeit die Wünſche des Mädchens. Die Frau Muhme hatte Alles gepackt, der lieben Nichte ein warmes Frühmal eingeredet und den Förſter zum Abſchiede herbeigeholt. Dann ſchmatzte ſie das Kind unter Thränen ab, bepackte den Boten mit Käſtchen und Schachteln und führte die Nichte, wie auch dieſe, ſo viel ſie— ohne daß es auffallend wurde— konnte, ſich ſträubte, begleitend auf dem Wege nach München dem Walde zu. Clärchen weinte noch heftiger, als die Frau Muhme, welche das Mädchen am Arm fuͤhrte; aber bei Clärchen war es der Schmerz — 58— uͤber einen ganz andern Abſchied, der ihr die Thränen in die Augen trieb. Heinrich war ja im Förſterhauſe, der glücklichſte Zufall hatte ihn zu ihr geführt, und nun mußte ſie fort— fort, ohne ein Lebewohl von ſeinem Munde, ohne eine tröſtende Hoffnung für die Zukunft. So lange der Wald das Förſterhaus nicht den Blicken der Wanderer entzog, ſchaute Claͤrchen noch manches Mal nach dem Fenſter, in welchem ſie den Freund vom Tegernſer erwarten konnte, aber ach! Er erſchien nicht und mit einemmale entzog die grüne Wand der Baͤume und Gebüſche dem ſehnenden Mädchen die weite Ausſicht. Bis hierher ſollte das Geleit der Fran Muhme dauern. Jetzt fiel ſie dem Stadtkinde nochmals unter einem gewaltigen Thränenſtrome um den Hals und ſprach: Goldnichtchen, Du weißt, wie ich Dich liebe und Dich, wenn Du auch wieder in der prunkenden Hofſtadt ſeyn wirſt, ſtets hier au⸗ ßen im Aug' und im Herzen herumtrage! Er⸗ 7 — 59— ſchrick nicht, wenn ich Dir eine traurige, ent⸗ ſetzliche Nachricht in die Stadt hineinſchreibe; aber, Du wirſt ſehn: jemand, den Du doch im Stillen lieb haſt, wenn Du gleich faſt zu jung⸗ fräulich blöde gegen ſeine Neigung Dich bewie⸗ ſen, wird Deinetwegen in groß Unglück kom⸗ men. Ich ſage nichts weiter, um Dir's Herz nicht ſchwer zu machen. Noch ein Schmatz! Nun lebe wohl!» Die Frau Muhme multiplizirte den Schmatz ins Unendliche, band dem Boten noch einmal das Goldnichtchen auf die Seele und kehrte dann lautſchluchzend nach ihrer Waldwohnung zurück. 16. Die letzten Worte der Muhme hatten Claͤr⸗ chen mit großer Beſorgniß erfüllt. Sie dachte in dieſem Augenblicke nicht an Georg und daß die Förſtersfrau unter dem jemand, den die Nichte im Stillen lieben ſollte, dieſen gemeint haben könne; nur Heinrich lag dem Maͤdchen im Sinne und auf dieſen bezog ſie deshalb auch die unheildrohende Aeußerung der Frau Muhme. — 60— Von Kummer und Zweifeln gequält ſchritt die Jungfrau durch den Wald. Der ſchöne Mor⸗ gen, mit den tauſend erwachenden Lebensregun⸗ gen der Natur, hatte keinen Reiz für ſie. Ge⸗ waltſam war ſie aus der Nähe des Jünglings geriſſen worden, den ſie— jetzt wagte Clär⸗ chen das Selbſtgeſtändniß— über Alles liebte; ſie war von ihm getrennt worden, ehe ſie ſeine Verhältniſſe, ja! Selbſt ſeinen Familiennamen kannte, ehe der Bund der Herzen ſich gegenſei⸗ tig geſtaltet, und überdem hatte man ihr Ge⸗ müth noch mit der Angſt von drohenden, unbe⸗ ſtimmten und ſchrecklichen Uebeln beladen. Alle dieſe Empfindungen ſtürmten ein auf ihre Seele und bedrängten die Jungfrau ſo ſehr, daß ſie, als wollte ſie dieſen Sorgen entlaufen, ohne zu wiſſen, was ſie that, mit einer Eilfertigkeit vor⸗ wärts ſchritt, welcher der Bote, ſonſt ein rüſti⸗ ger Fußgänger, kaum gleich zu bleiben vermochte. Schon blinkte durch einzelne lichte Stellen im Walde der Tegernſee, an den ſich ſo ſelige Erinnerungen ſchloſſen, vom Glanze der 2 — 6— Morgenſonne überſtrahlt, zu Clärchen herauf; ein tiefer Seufzer entrang ſich ihrer Bruſt: Da hörte ſie plötzlich einen bekannten Schritt hinter ſich erſchallen. Das Herz bebte in ſüßer Ah⸗ nung! Noch einen Augenblick und— Hein⸗ rich ſtand athemlos an ihrer Seite! Ohne ein Wort zu ſagen, hielt Clärchen ihren Schritt zurück. Mit thränendem Auge blickte ſie den Jüngling an; wunderbar ſchwebte neben dieſen Thränen auf den hocherglühenden Wangen ein holdſeliges Lächeln. Sie reichte ihm ſchweigend die Hand; er überdeckte ſie mit Küſſen. Der Bote mochte wohl merken, daß er hier zu viel ſey, ging deshalb eifrig fürbaß, bis ihm eine Wendung des Weges die beiden jungen Leute verbarg und ſetzte ſich dann ruhig nieder in's Gras, ſeine Schutzbefohlene erwartend. 12. «Wie hieß das letzte Wort des Liedes, das Du mir geſtern Abend beim Abſchiede ſangeſt?⸗* — 62— fragte Heinrich mit weicher Stimme, indem er das Mädchen zärtlich anſah. Wiederſehnly entgegnete Clärchen. Ihre Stimme bebte, ihr Auge ſuchte den Bo⸗ den, ihre Hand hatte krampfhaft die des Jüng⸗ lings erfaßt. «Und Du wollteſt mir eutfliehn, ohne den Sinn dieſes lieben Wortes zu erfüllen; Du woll⸗ teſt mich fliehn— vielleicht auf immer! Nicht ſollte ich wiederſchauen dieſes geliebte Antlitz⸗ nicht wieder hören den Zauberlaut dieſer Stim⸗ me, Dich verlieren— ohne zu wiſſen— ob ich Dich je— gewonnen hatte?“ Dieſe letzten Worte ſprach Heinrich leiſe und zögernd; dann, von der plötzlich erwachenden Gluth der Leidenſchaft ergriffen, fuhr er feurig fort: Clärchen, Du weißt es, daß ich Dich liebe. Wenn auch mein Mund nicht dieſes Geſtändniß ſchon gewagt hätte, jeder meiner Blicke, mein ganzes Weſen müßten es Dir ſagen. O ſprich! Sprich, ob Du dieſe Neigung erwiederſt! Ich darf es ahnen. Eine ſuße Trunkenheit gießt — 63— dieſe Ahnung in meine Seele, aber: gieb mir Gewißheit, mache mich zum ſeligſten Sterblichen, ſprich: liebſt Du mich wieder?„ Clärchen konnte nicht antworten. Ein unaufhaltſamer Strom von Thränen rollte über ihre Wangen. Sie verbarg ihr Antlitz an der Bruſt des Jünglings. 0 ſprich dieſes eine Wort: das himmliſche Ja, um das meine Seele ſehnſüchtig fleht!„ rief Heinrich dringender: Ich fühle es, Du liebſt mich wieder. Dieſe Thränen, dieſes zärtliche Hingeben ſind beredte Sprecher. Aber meine Liebe iſt ungenügſam; ſprich: willſt Du mein Weib werden, mir eigen ſeyn für ewig und im⸗ merdar?» Da blickte die Jungfrau von der Bruſt des Jünglings auf in ſein Antlitz und entgegnete mit feſter Stimme: ⸗*Ja, ich will Dein eigen ſeyn für ewig und immerdar!» Das Bündniß der Herzen war geſchloſſen. Heinr ich druckte die Geliebte mit Innigkeit bemerkt, und ſteckte ihn der Jungfrau an. an ſeine Bruſt, ohne jedoch die jungfräuliche Lippe durch einen Kuß zu entweihen. Dann ſagte er mit dem Ausdrucke der innigſten Zärt⸗ lichkeit: 17 & Ja, Du biſt mir immerdar herzlich und treu ergeben! Dein Mund hat es ausgeſprochen, Deine Seele fühlt es: Du kannſt nicht trügen!» Eine harte Prüfung ſteht Dir wohl bevor, aber harre feſt aus in Liebe und Treue! Ob Du auch in langer Zeitfriſt mich nicht wieder ſehen ſollteſt, ob keine Kunde von mir Dir zu Ohren käme: zweifle nie an meinem Herzen! Es kommt ein Tag, der Dir alles enthüllen ſoll, was Dir jetzt geheimnißvoll erſcheinen möchte! Lebe wohl! Ich küſſe Dich nicht zum Abſchiede! Zu dem Tage, der uns vor der Welt vereinigt, behalte ich mir den erſten Kuß vor.» Heinrich ergriff Clärchens Hand und drückte ſie mit unausſprechlicher Innigkeit. Er nahm den koſtbaren Brillantring, den Clärchen bei der erſten Zuſammenkunft an ſeiner Hand „ — 65— So rein und ächt, wie dieſer Stein, ſey unſre Liebe!» ſprach er ernſt:«wer Dir dereinſt einen gleichen Ring vorzeigt, dem traue unbe⸗ dingt: er iſt mein Bote!„ Clärchen war von den mannigfachen Re⸗ gungen, welche ſie ergriffen, wieder ſo weit zu ſich gekommen, daß ſie einſah, ſie habe vor der Trennung noch einige wichtige Fragen an den Geliebten zu thun. Sie öffnete zu dieſen eben die Lippen, als plötzlich Geräͤuſch von na⸗ henden Pferden ſich hören ließ und auch zugleich eine fröhliche Jagdmuſik von Hörnern erklang. Ehe Beide irgend einen Entſchluß faſſen konnten, bog ſchon ein ſtattlicher Zug von Jägern zu Roſſe um die Waldecke. An der Spitze des Zugs ritt ein reichgekleideter Mann mit grauen Haaren und von ehrfurchtgebietendem Aeußeren. Kaum hatte Heinrich den Alten erblickt, ſo ſprang er mit größter Eile in das Gebüſch, in⸗ dem er ſeinem Mädchen noch einen höchſt flüchtigen Abſchiedsgruß zuwarf. Clärchen war hier⸗ über ſehr erſtaunt. Sie hörte, wie der Ge⸗ 5 liebte ſich mit eiligem Laufe in das Dickicht des Waldes verlor. Mit niedergeſchlagenem Blicke und ſchnellen Schritten ging Clärchen an den Jägern vor⸗ über und fand bald den ihrer harrenden Boten. Sie hatte nicht bemerkt, wie jener ſtattliche Greis, bei ihrer Annäherung, ſein Pferd zum Stehen gebracht und ihr mit ernſten, durchboh⸗ renden Blicken nachgeſehn hatte. 18. Daheim in München fand Clara den Oheim Ni kolaus ſchlimmer, als ſie vermuthet hatte. Der alte Meiſter war mit ſo großem Eifer an die ihm, von ſeinem gnädigen kur⸗ fürſtlichen Herrn, neuerlich übertragene Fresco⸗ malereien in der Hofburg zu Schleißheim gegangen, daß er, des ungünſtigſten Wetters und ſeiner körperlichen Gebrechlichkeit nicht ach⸗ tend, den Weg von zwei ſtarken Stunden oft an einem Tage hinaus und herein gemacht hatte. Jetzt lag er nun mürriſch und in ſich gekehrt — 67— auf dem Krankenbette, die Glieder von den brennenden Schmerzen der Gicht durchbohrt, die kunſtſchaffenden Hände vom Krampfe ſo ergrif⸗ fen, daß er nicht einmal die leichteſte Skizze zum Zeitvertreibe entwerfen konnte. Wie ein freundlicher Engel erſchien ihm da die zurückkehrende Nichte. Ihre ſorgſame Pflege und der milde Troſt von ihren Lippen ließen ihn die Qualen geduldiger ertragen, und wenn ſie nun gar mit Geſang und Muſik den böſen Geiſt der Krankheit beſchwor, dann mußte die⸗ ſer, bei der ſüßen Selbſtvergeſſenheit, welche über den Oheim kam, weichen: wie er ſich auch ſträubte. b Clärchen hatte mit der Pflege des Kran⸗ ken und der Beſorgniß des Hausweſens alle Hände voll zu thun. Das Bild des theuern Heinrichs blieb ihr aber immer vor Augen; ſie mochte nun dem Oheim ſtärkende Tropfen einzählen, oder ein Krankenſüpplein zurühren, oder auch der Hausmagd Marktgeld zum Ein⸗ kauf überrechnen. Das Pfand, womit der Jüng⸗ 5* — 68— ling ſie für immer an ſich gekettet, den Ring mit dem koſtbaren Edelſteine, trug ſie auf ih⸗ rem Herzen. Geheim und ſtill verwahrte ſie ihre Liebe: ein ſüßes, unentweihtes Heiligthum. Endlich genaß Meiſter Nikolaus. Sein erſter Ausgang war auf die Weinſtube im Kühgaſſel, wo er von ſeinen Kunſtgenoſſen und Freunden mit großem Jubel empfangen wurde. Sogleich meldete Clärchen der Frau Muhme im Tegernſeer Gebirg das frohe Ereig⸗ niß; unterließ auch nicht, ſich beiher nach dem vermeintem Wilddiebe und deſſen fernern Schick⸗ ſalen, in ſo fern der Frau Muhme etwas davon bewußt, zu erkundigen. Nach wenigen Tagen lief folgende Antwort ein: Da nun, nach des Himmels Schickung, der herzliebe Bruder wieder geſund ſeyn thut, ſo thun wir es auch. Es wird jezt wiederum, wie es die Jahrszeit mit ſich bringen mag, recht herbſtlich bei uns hier außen. Die Blaͤt⸗ ter werden gelb und fallen von den Bäumen, der Vöglein Geſang verſtummt und ſie ſelbſt — 69— ziehen hinweg auf den gewöhnlichen Urlaub. Bin auch faſt ſehr traurig, da ich Dich nicht mehr habe, der Pflegeſohn Georg fort iſt und mein Alter immer im Walde liegen thut. Das iſt wohl eine rechte Einſamkeit jetzt. Von dem Georg wollte nur melden, daß er ſich kein Leids gethan, auch nicht, wie ich in jener Nacht allzu beſorgt geglaubt, erſchoſſen hat. Er kam zwar nicht wieder in unſer Haus, mocht ihm wohl die Erinnerung zu bitter wer⸗ den,— aber ſein Vater hat uns angezeigt, daß er mit einem vornehmen Herrn als Geſell⸗ ſchafter in fremde Lande auf Reiſen gegangen ſey. Ach! Wenn nur Gott Dein Herz rührte zu Gunſten des armen Burſchen, mein Gold⸗ clärchen; doch ich will ſchweigen, denn was ſeyn ſoll, ſchickt ſich wohl! Was den, wie Du ſchreibſt, v ermeinten Wilddieb anbetrifft, ſo muß es wohl mit dem dennoch nicht ganz richtig geweſen ſeyn. Mein Alter war an jenem Abende durch den freien, von hoher Hand ausgefertigten Jagdſchein, den — 70— der Menſch vorzeigte, nicht ſo ganz beruhigt worden, ſchlich deshalb noch ſpät zu deſſen Schlafkammer und verſchloß ſie weislich und leiſe mit einem Vorlegeſchloß. Denk' Dir mei⸗ nes Alten Erſtaunen, als er Morgens den Vogel aus dem Käſicht befreien will und dieſer leer und verlaſſen ſtehet! Das Fenſter war offen und dahinaus der— Wilddieb. Mein Alter war ganz außer ſich, daß er ihn hatte entwiſchen laſſen. Der Schein war ſicher falſch; denn wer ein gut Gewiſſen hat, ſpringt nicht durch's Fenſter. Nun lebe wohl, Goldnichtchen! Grüße den Bruder und gedenke unſrer in Liebe.» Clärchen las nicht ohne Lächeln der Baſe Auskunft über den Wilddieb. Die Liebe hatte ihn zum Fenſter hinausſpringen laſſen: das war ihr klar; nicht aber die Furcht vor dem Oheim Förſter. 19. Wie das gute Clärchen nun mit jedem neuen Tage einer Nachricht von dem Geliebten — 21— entgegengeſehn und an jedem Abende, ſeufzend über die getäuſchte Hoffnung, den oft ſaͤumigen Schlummer geſucht habe; das ſey hiemit ge⸗ treulich berichtet. So kam denn, nach vielem Zweifeln, Hoffen und Harren, der Tag und jener Augenblick her⸗ bei, in welchem der, im erſten Kapitel erwähnte ſtattliche Reiter am Hauſe des Meiſters Niko⸗ laus Stuber im Hadergaſſel vorbei⸗ ſprengte. « Das iſt Heinrichly ſo rief es plötzlich mit überraſchender Freude in Clärchens In⸗ nerm. Jetzt war die Stunde erſchienen, in der ihr ſo langes eitles Sehnen befriedigt wurde, jetzt hatte ſie die Geſtalt des Lieblings geſchaut und glaubte nun, im vollen Vertrauen auf ſein Herz, alle Leiden geendigt, das Schickſal ver⸗ ſöhnt. Da ſchlug des Oheims unerwartete Aus⸗ kunft! s Das war unſeres gnädigen kurfürſt⸗ lichen Herrn Liebling, der Kämmerer Graf Wil⸗ helm von Hainthalls mit einem gewalti⸗ gen Schlage alle freudigen Regungen in der —ÿÿÿ — 22— Seele des Maͤdchens nieder. Die ſchrecklichſten Zweifel erwachten auf's Neue; Clärchen konnte den Abend nicht erwarten, um dann, wenn der Oheim auf der Weinſtube ſey, zu ihrer Freundin Agathe im Knödlgaſſel zu eilen und dort vor der längſt eingeweihten Ver⸗ trauten ihr Herz auszuſchutten. Zu Clärchens ſteigender Verlegenheit ſchien der Oheim Nikolaus am heutigen Tage von ſeiner muſikaliſchen Laune ergriffen zu ſeyn. Er kam gegen Abend aus ſeiner Werkſtatt in Clärchens Gemach hinab und ließ ſich ruhig und ſchweigend dort in einem Seſſel nieder, wie er das immer zu thun pflegte, wenn er von der lieben Nichte ein Lied erwartete. Wer aber nach wenigen Augenblicken ſchon über plötzliche Heiſerkeit, Halsſchmerzen und Kopfweh klagte, das war unſer bedrängtes Clärchen. Eben ſo ernſt und ſchweigſam, wie er gekommen, ent⸗ fernte ſich nun der alte Meiſter wieder, auf der Weinſtube im Kühgaſſel einen Er⸗ ſatz für den vereitelten Ohrenſchmaus ſuchend. 6— 73— Schnell wie der Blitz umwand jezt Clär⸗ chen das in künſtliche Knoten geflochtene Haar mit einem ſchwarzen Kronbändlein, ſtach die ſilberne Schillernadel hindurch und warf noch, um ein ſittſames Aeußere zu bewahren, das damals übliche, knapp anſchließende und kurze ſchwarze Mäntlein über. Dann ging es flink zum Hauſe hinaus, durch's Hadergaſſel und ſo weiter nach dem Knödlgaſſel hin. Wer nun in der lieben Stadt München bekannt iſt, der weiß, daß man, um zunächſt vom Hadergaſſel zum Knödlgaſſel zu gelangen, auch an der Löbengrube vorbei muß. Als Clärchen in dieſe Gegend gelangte, wurde ihr plötzlich durch ein heftiges Gedränge und Halloh des Volkes wieder in Erinnerung gebracht, was ſie über ihre Herzensangelegen⸗ heiten ſchier vergeſſen hatte, nämlich: daß heute Pfingſtmontag ſey. Dies that ſich aber auf fol⸗ gende Weiſe kund. In der guten alten Zeit war es Gebrauch, daß an dem gemeldeten Tage große Haufen junger Bauernburſche in feſtlicher Kleidung von den benachbarten Dörfern nach München kamen und hier einen Mummen⸗ ſchanz von zwei verlarvten Perſonen, Hans und Krede genannt, mit ſich herumführten. Hans und Krede reichten ſich, über einem laufenden Rade, an deſſen Achſe ſie mit roſen⸗ rothen Bändern befeſtigt waren, die Hände; die Anführer ſagten vor jedem ſtattlichen Hauſe einen gereimten Spruch her und ließen ſich be⸗ ſchenken; je mehr, deſto lieber! Clärchen wäre dem Auflaufe gern aus dem Wege gegangen, aber das war nicht mehr möglich, und ehe ſie es ſich verſah, wurde ſie von dem, gerade vom Knödelgaſſel herab⸗ drängenden Strome nach dem Windenmacher⸗ gaſſel mit fortgeriſſen. Das widerſtandloſe Maädchen hätte wohl dem allgemeinen Drange, wer weiß noch wohin, vielleicht nach dem Röͤhrn⸗ ſpeckergaſſel, dem Sternäckelgaſſel, dem Radelſteg, dem Krottenthal, dem Gäns⸗ bächel, Singſpielergaſſel, Schlaker⸗ gaſſel, Pfaffengaſſel, Schrammer⸗ — 75— gaſſel, auf'n Gehrn, zum Einſchutt oder gar an's Stadtende zum Pfluggaſſel folgen müſſen, wenn nicht ein hoher ſtattlicher Mann, in einen weiten Mantel gehüllt, ſie, auf ihre Bitte um Beiſtand, aus dem Gedränge geführt und in's ruhige, menſchenleere Finger⸗ gaſſel gebracht hätte. Der Fremde trug den Hut tief über das Antlitz herab gebogen, ſo daß Clärchen ſeine Geſichtszüge nicht erkennen konnte. Die wenigen Worte, welche er Clär⸗ chen nothgedrungen erwiedern mußte, wurden mit dumpfer, merkbar verſtellter Stimme ge⸗ ſprochen. Es wurde der Jungfrau ganz un⸗ heimlich in der Nähe des Unbekannten, und es war ihr lieb, als er am Eck des Knödlgaſ⸗ ſel von ihr ſchied. Indem er ſich aber wen⸗ dete, um ſich von ihr zu entfernen, erblickte Clärchen für einen Augenblick ſein vom Glanze des Abendroths überſtrahltes Antlitz: es war Georg, der Jäger aus dem Förſterhauſe im Tegernſeer Gebirge, der ihr das Geleit gege⸗ ben hatte. — 76— 20. Noch ſinnend über dieſe ſeltſame Begegnung, trat Claͤrchen in die Wohnung ihrer Freundin Agathe. Von dieſer wurde ſie mit einem Freudengeſchret empfangen, denn lange hatten ſich die Mädchen nicht geſehn: jede war zu ſehr ihren häuslichen Pflichten ergeben, um oft der⸗ gleichen weite Ausflüge vom Hader⸗ in das Knödlgaſſe!, oder umgekehrt, zu unter⸗ nehmen. Jeſus! Wie ſiehſt betrübt aus, mein Aug⸗ apfel:» rief jetzt Agathe, als Clärchen näher an den Tiſch trat, auf dem die Lampe brannte. Sprich, Schätzl; was iſt Dir wider⸗ fahren, daß Deine Augen roth geweint ſind, wie das Abendwölkchen, das dort über’'s Haus in unſer enges Gaſſel hineinſchimmert, daß Deine lieben Waͤnglein ſo bleich worden ſind, wie das unächt gefärbte graue Tüchel, mit dem mich der fremde Jud in der letzten Dult angeführt?» Clärchen brach in Thränen aus. Dann ſah ſie ſich ſcheu um, als fürchtete ſie be⸗ — 77— lauſcht zu werden bei dem, was ſie vorzubrin⸗ gen habe. «Sey getroſt! Fürcht' Dich nicht!„ ſprach beruhigend Agathe, als ſie das bemerkte: « Wir können ganz ungeſtört mit einander ver⸗ kehren. Der Vater ſitzt oben im Stübl und komponirt ein neues Orgelſtück, das er den nächſten Trinitatis in der Liebfrauen zu geben gedenkt. Die Chorherrn plagen den ar⸗ men Mann für das bischen Gehalt, welches er als Organiſt zieht, erſchrecklich! Komm, Lieb⸗ chen! Setz' Dich zu mir und erzähl', was Dir für ein Spieß im Herzen ſteckt!* Clärchen bedurfte ſolches Zuredens gar nicht, um der Freundin ihr Herz, ſammt dem Spieß, der drinnen ſteckte, offen darzulegen. Ihre Liebe am Tegernſee, den Heinrich und deſſen Verſprechungen kannte Agathe ſchon aus frühern Mittheilungen; als aber die Orga⸗ niſtentochter nun erfuhr, daß jener H einrich kein Heinrich, ſondern der Graf Wilhelm von Hainthal ſey, wurde ſie ſehr ernſt, — 7ZA— vergoß der Freundin zur Geſellſchaft einige Thrä⸗ nen und entgegnete: „Armes Schätzl, wie thuſt mir leid! Ganz München weiß von dem Grafen, daß er iſt wie das Fähnlein auf dem Dach! Bald iſt er der nachgegangen, bald jenerl Gegenwärtig iſt er Bräutigam von einem blutjungen und wunderſchönen Fräulein. Schon vor einem Mo⸗ nate ſollte die Hochzeit ſeyn, aber da ſtarb des Grafen Vater plötzlich und er muß nun die Trauerzeit abwarten. Jeden Sonntag beſucht er mit der Braut unſre Liebfrauen, da kannſt Du beide ſehn, wenn Du Luſt haſt!* Dieſe Auskunft war keinesweges geeignet, Claͤrchens Schmerz zu vermindern. Sie weinte nur noch heftiger, und alle Liebkoſungen der wohlmeinenden Agathe konnten den Quell ihrer Thränen nicht verſtegen machen. Das be⸗ drängte Mädchen ſehnte ſich nach der Einſam⸗ keit. Sie verließ fruͤher als gewöhnlich die Her⸗ zensfreundin; aber mit dem feſten Vorſatze, ſich — 9— am nächſten Sonntage ſelbſt von des falſchen Heinrichs Treuloſigkeit zu überzeugen. 21. ⸗ Von Agathens Hausmagd begleitet, trat Clärchen den Heimweg nach ihrem Hader⸗ gaſſel an. Die Hausmagd ging, in gebüh⸗ render Ehrfurcht, wohl an zehn Schritte mit der großen, ein weites Licht auswerfenden Leuchte voraus; Clärchen folgte in ſich gekehrt und ließ einem bunten Durcheinander von Gedanken freien Spielraum in ihrem kleinen Köpfchen. Georgs überraſchende Erſcheinung, die Ver⸗ wandlung des Heinrichs in den Wilhelm, die wunderſchöne Braut,— Alles tanzte wild vor der gereizten Phantaſie. Bis an's Eck der Neuhauſergaſſe war, mit ſolchen Traͤumereien beſchäftigt, die Jung⸗ frau gekommen; als ſie plötzlich ſtark auftretende Mannsſchritte vernahm und die Geſtalt des Fremden, der ihr vor ein Paar Stunden aus der Nähe des Hanſen und der Krede ge⸗ — 180— holfen, dicht neben ſich erblickte. Der Glanz der Leuchte fiel jetzt in ſeiner ganzen Fülle auf des nebenhin Schreitenden Antlitz und Clär⸗ chen erkannte nun ganz deutlich, daß ſie nicht geirrt, als ſie ihn für den Georg aus dem Förſterhauſe am Tegernſee gehalten. Nur war er jezt ſehr ſtattlich gekleidet und ſah mehr einem jungen Edelmanne aͤhnlich, wie einem armen Jägerburſchen aus dem Gebirg. Clärchen fiel es wie eine Centnerlaſt auf die Bruſt, da der ſtattliche junge Mann ſich fortwährend on ihrer Seite hielt und einen ſtets gleichen Schritt mit ihr beachtete. Was war ſeine Abſicht? Wollte er ſie wieder mit ſeiner Liebe verfolgen, die ſie ja doch nicht erwiedern konnte? Hatte er vielleicht einen Auftrag von der Muhme? Nein, nein! ſagte ſie ſich ſelbſt. Dann hätte er ja in aller Ruhe des Oheims Haus beſuchen können! Noch war Clärchen von ſolchen Zweifeln bedrängt, als Georg plötzlich ſeine Stimme erhob und folgendermaaßen zu reden begann: — 81— Ihr werdet mich wohl wieder erkennen, Jungfrau Clara; doch ſollte meine Gegenwart etwas Beläſtigendes für Euch haben, ſo möchte das wohl ſchnell bei dem Anblicke dieſes Zei⸗ chens, welches Heinrich ſendet, verſchwinden!„ Georg hatte auf den Namen Heinrich einen beſondern Nachdruck gelegt. Zugleich ließ er vor den Augen des Mädchens einen Ring mit Edelſteinen ſpielen, ganz dem ähnlich, wel⸗ chen Clärchen auf dem Herzen trug. Claͤrchen war höchlich betroffen. Ge org— Heinrichs Bote! Jetzt eine Kunde von die⸗ ſem, da er der erklaͤrte Bräutigam einer An⸗ dern war! Alles Räthſel, unauflösbar für das überraſchte Mädchen! Heinr ichs Untreue und Falſchheit nagten ihr am meiſten am Herzen; deshalb entgegnete ſie nicht ohne Bitterkeit: «Was kann Graf Hainthal noch von mir wollen?„ Graf Hainthal? wiederholte Georg mit ſichtlicher Betroffenheit. Dann fuhr er ge⸗ 6 — 8— faßter fort: Graf Hainthal beſchwört Euch um ſeines Glückes, um der ſeligen Zeit willen, die er in Eurer Nähe verlebte, fort und fort in Liebe und Treue auf ihn zu bauen: was auch geſchehen möge! Bald ſey die Zeit da, in der alle ſeine Wünſche gekrönt werden dürf⸗ ten; die Zeit, die ihn mit Euch für ewig und immerdar vereinigen werde. Das— mein Auf⸗ trag! Lebt wohl bis dahin!» Clärchen ſah dem Forteilenden erſtaunt nach. Sie hätte noch ſo Vieles zu fragen ge⸗ habt, was ihr erſt hintennach einfiel, und nun war er fort und alle Zweifel blieben unaufge⸗ löſt, ihr Herzchen blieb den mannichfachſten Stürmen preisgegeben. Auf jeden Fall mußte der nahe Sonntag Trinitatis Vieles eutſcheiden. Am Trini⸗ tatis hatte ſie ſich vorgeſetzt, dem Treuloſen vor die Augen zu treten und zu ſehn, ob dann die Braut in der That ſo wunderſchön ſey, wie Agathe ſie gemacht habe. — 83— 22. Der verhängnißvolle Trinitatis kam denn auch heran. Die muntere Agathe war ſchon in früher Zeit bei ihrem Clärchen, um dieſes aufzuputzen und dann in ſeiner Geſellſchaft in die Liebfrauen zu wandern. Jeſus, wie glühen Deine Wänglein!» rief Agathe, als ſie der Freundin einen herzigen Kuß aufdrückte.«Aber es ſteht Dir gut! Kein Prinzeßchen kann ſchönere Roſen zuſze gen ge⸗ ſchweige ein Fräulein!» Clärchen erröthete noch mehr; ſie fuͤhlte wohl, auf welches Fräulein die theilnehmende Agathe ſtichelte. Sie ſeufzte tief auf. Es wurde ihr ſo bange und eine trübe Ahnung ſelt⸗ ſamer Dinge, welche ihr in der nächſten Stunde begegnen könnten, keimte auf in ihrem Innern. Agathe trillerte indeſſen ein muntres Lied und kramte unter Claͤrchens Gewändern, um das ſchönſte und prächtigſte für heute auszuſuchen. Endlich war die Auswahl zu Stande ge⸗ braßt. Meiſter Nikolaus hatte die liebe 6* — 84— Nichte, auf die er ſtolz war, mit dem beſten Zeug und Geſchmuck beſchenkt, ſo daß ſie es jedem Hoffräulein im Prunke des Anzugs gleich thun konnte. Sein Künſtlerbewußtſeyn erlaubte ihm nicht, irgend Jemand, ſeinen gnädigen kur⸗ fürſtlichen Herrn etwa ausgenommen, für höher ſtehend zu halten, als ſich ſelbſt. Wer der gött⸗ lichen Kunſt angehöre, ſo meinte er, ſey dem Himmel am nächſten! Clärchen war ja ſe lbſt eine Kunſtgeweihte und deshalb nichts zu gut für ſie, ſo viel ſich auch das Mädchen in ſeinem einfachen Sinn gegen des Oheims reiche Gaben ſträuben mochte. Daran hielt aber Clärchen feſt, daß ſie dieſe köſtlichen Stoffe nicht nach 4 der einreißenden franzöſiſchen Mode verſchneiden mußte, ſondern ganz nach der ihr ſo lieb ge⸗ mwoordenen Münchner Jungfrauentracht zu ihrem Gebrauche verarbeiten durfte. Die freundliche Agathe zwang liebkoſend, ihr theures Clärchen, daß dieſes ſich auf einem Stuhle niederließ und der geſchäftigen Freundin das liebliche Haupt preis gab. Aga⸗ — 85— thens Hände ordneten nun fertig und gewandt die reichen Locken zu einem gar künſtlichen Geflechte, bildeten um dieſes, von einem mit ächten Per⸗ len beſetzten Bande, ein Kränzchen und ſteckten daſſelbe durch eine große goldne Zitternadel feſt, an deren oberm Ende ſich ein köſtlicher, weit⸗ ſchimmernder Rubin wiegte. Dann ſtrich ſie das artige ſeidene, unten mit einer goldnen Spitze verbrämte Röckchen glatt; ſchnürte mit der ge⸗ wichtigen ſilbernen Kette das Mieder zu und legte dann der Freundin das knapp anſchließende, mit goldnen Knöpfen verſehene Weſtchen an, über welches noch ein ſeidnes Halstüchel ge⸗ knüpft wurde. Hierauf ſchlang ſie ihr noch die goldne Kette um den weißen Nacken, deren Schnalle mit edeln Steinen beſetzt war, und ſprach dann, indem ſie das Clarchen vor den Spiegel fuͤhrte: «Jetzt ſteh: ob man wohl ſchöner ſeyn kann, man mag nun ein Bürgersmädchen oder ein Fräulein ſeyn!» Claͤrchen ſchämte ſich ſehr bei den eiteln Worten ihrer Freundin. Ehe ſie aber mit Aga⸗ then zu der Liebfrauen ging, ſteckte ſie, heute zum Erſtenmal, den Brillantring an ihre Hand, den ſie von Heinrich erhalten. Der ſoll ihn mahnen!) ſo ſprach ſie für ſich. Dann verließen beide Freundinnen das Ha⸗ dergaſſel und ſchritten, die Blicke ehrbar an den Boden heftend, der Liebfrauen zu. 23. In der Liebfrauen ſchien es noch früh am Tage. In dem weiten Raume der Kirche knieeten nur einzelne Andachtige und es waren noch genug der Pltze frei in den zierlich mit blankem Meſſing beſchlagenen Stühlen, als die Jungfrauen eintraten. Agathe nahm ſogleich einen Platz in der Nähe des Hochaltars, nicht fern von dem herrlichen Grabmale Ludwig des Baiern, ein. Sie wußte, daß in dieſer Ge⸗ gend gewöhnlich die Braut des Grafen ihre Andacht verrichtete und er ſelbſt, in der Regel, gerade gegenüber eine Stelle zu finden ſuchte. Clara, auf das Heftigſte in ihrem Innern erregt, eilte, ſobald ſie in die Kirche getreten, zu einem der Choraltäre, von dem tröſtend und mild das Bild der gekrönten, heiligen Jungfrau herabblickte. Hier warf das bedrängte Mädchen ſich nieder und flehete im heißen Gebete die hohe Mutter des Weltheilands um Kraft, Stand⸗ haftigkeit und Erleuchtung in der Nacht ihrer Zweifel an. Beruhigter kehrte ſie zu Agathen zurück. Noch begann der Gottesdienſt nicht, aber die Schaaren der Andächtigen füllten jetzt die geräumigen Hallen des Gebäudes. Neben Clärchen ließ ſich eine verſchleierte Jungfrau nieder, von zarter Geſtalt, in feine, reich ge⸗ ſtickte Zeuge gekleidet. Clärchen erbebte, als die Fremde ſie im Niederſetzen berührte. Sie konnte das ſeltſame Gefühl nicht deuten, das ſo plötzlich über ſie gekommen. Da wurde die noch unbeſtimmte Ahnung mit einemmale zur klar ausgeſprochenen Gewißheit, denn Agathe flü⸗ ſterte ihrer Freundin zu: „Das iſt ſie! Das iſt die Braut des Gra⸗ fen Wilhelm, und dort drüben ſteht er ſelber.* Clara hob, nicht ohne erwachenden Stolz, das liebliche Haupt empor und betrachtete ihre Nebenbuhlerin mit Aufmerkſamkeit. Dieſe warf in dem nämlichen Augenblicke den goldbeſetzten Schleier zurück und ſendete einen höchſt liebe⸗ vollen Blick hinüber zu dem Bräutigam. Als Clärchen das Antlitz der fremden Jungfrau erblickte, fühlte ſie ſich vernichtet. Aus den rei⸗ zend gebildeten Zügen ſprach der lebendigſte Ausdruck der Unſchuld und Herzensgüte; Ernſt und Verſtändigkeit thronten im Auge und auf der Lilienſtirn. „Sie iſt viel ſchöner als ich. Sie ſcheint auch beſſer und verſtändiger;» ſprach Clärchen ſchluchzend in ſich hinein. Sie verdient es wohl, daß er ſie liebt, aber er hätte doch darum nicht mir die Treue und das Herz bre⸗ chen müſſen!„ Ein Blick des Vorwurfs ſiel aus dem be⸗ thränten Auge auf den Grafen. Dieſer aber — 89— ſchien ſo ganz mit ſeiner ſchönen Braut beſchaͤf⸗ tigt, daß er das arme Clärchen gar nicht bemerkte. Die höchſte Luſt an der neuen Ge⸗ liebten, die reinſte Freude über ihre Lieblich⸗ keit und Naͤhe druͤckten ſich auf ſeinem Ant⸗ litze aus. «Nur einen Blick!„ ſeufzte Claͤrchen. & Wenn er doch nur einen Blick auf mich würfe, ſo müßte das Gefuͤhl ſeines Unrechts ihn wenig⸗ ſtens zum Mitleiden mit mir bewegen!» Da wurde der Wunſch des Mädchens er⸗ füllt. Der Graf ſah ſie plötzlich aufmerkſam an. Sein Auge hatte zuvor lange auf dem ſchim⸗ mernden Brillantring an ihrer Hand geruht. Jetzt richtete es ſich mit einem ſeltſamen, uner⸗ klärlichen Ausdrucke nach ihrem Angeſichte. Keine Spur der alten Liebe ſprach aus dem Blick: es war, als forſche er mit einer gewiſſen Neugierde nach einem gänzlich Unbekannten. Iſt das denn wirklich mein Heinrich?“ fragte Clärchen leiſe ſich ſelbſt. Aber, wie auch ihr ganzes Innere im Aufruhre war, ob — 90— 7 ſchon die ganze Kirche, mit der Verſammlung der Andäͤchtigen, vor ihren Augen zu ſchwanken begann, ſo waren die Züge des Geliebten doch zu feſt in ihr Herz gegraben, als daß ſie hier hätte irren können. Jetzt entdeckte ſie auch Georg etwas ſeitwärts hinter dem Grafen ſtehend. Alſo Alles nur Trug, Argliſt und Ver⸗ ſtellung! Das war zu viel für das bedrängte Herz, auf welches von allen Seiten die Stürme der Leidenſchaften los gelaſſen waren. Komm, Agathe! Mir wird unwohl.» Nur mit großer Anſtrengung konnte Clärchen dieſe wenigen Worte vorbringen. Am Arme der Freundin drängte ſie ſich, vor innerm Froſte heftig zitternd, aus dem Kirchenſtuhle nach dem Ausgange; allein ehe es ihr noch gelang, von Agathen unterſtützt, dieſen zu erreichen, ſank ſie in der Mitte des Hauptganges ohnmächtig zu Boden. Indem Clara die Beſinnung verlor, war es ihr wie ein Traum, als ob Georg herbei⸗ ſpränge und ſie in ſeine Arme auffange. — 91— 24. „Wie lange habe ich denn geſchlafen?„ ſagte Clara, als ſie eines Morgens, mit nur mühſam errungenem Bewußtſeyn, ihr Haupt von den Kiſſen ihres Lagers empor hob und zu ihrer nicht geringen Verwunderung die Freundin Aga⸗ the, mit einer Handarbeit beſchäftigt, in ihrem Gemache erblickte. «Sie lebt, ſie iſt gerettet!» rief auf dieſe Worte Agathe, indem ſie die Handarbeit zur Seite warf und zu dem Lager ihrer Freun⸗ din eilte. 3 «Was hat denn das zu bedeuten?» fragte Clara mit ſchwacher Stimme weiter:&Du hier?— Dein Mund bedeckt meine Hände mit heißen Küſſen,— Deine Thränen rinnen hernie⸗ der! Sprich: was ſoll das heißen?» O, frage mich nicht!» entgegnete Agathe, durch Thränen lächelnd.&᷑ Du biſt mir wieder gegeben; alles Leiden iſt vergeſſen.» 8 Mein Kopf iſt ſo wüſt, y ſprach Clara jetzt.«Nicht wahr, ich bin krank geweſen?— — 92— Ich fühle es wohl,— ich bin ermattet; jede Bewegung verurſacht mir große Anſtrengung.“— & Ja, meine Claray, ſagte Agathe mit gerührter Stimme, Du biſt viele Wochen lang ſehr krank geweſen. Wir Alle haben in großer Sorge um Deinetwillen geſchwebt, aber, dem Himmel ſey Dank, jetzt iſt alle Gefahr vorüber! Bald wirſt Du wieder ganz geſund ſeyn, dann wirſt Du und wir alle werden froh und gluͤck⸗ lich werden!? 8 Agathe hatte dieſe letzten Worte mit be⸗ ſonderer Betonung geſprochen; Clara war aber zu ſehr mit ihren eigenen Gedanken beſchäftigt, um hierauf Acht zu haben. Wie iſt mir denn?» redete ſie jetzt ſinnend die Freundin an: Nicht war, bei dem Beſuche in der Liebfrauenkirche war es, wo mich zuerſt die Schwäche überfiel? Ja, ja! Jetzt erinnere ich's mir ganz deutlich! Er war ja dort und— ſie—», ein tiefer Seufzer un⸗ terbrach hier ihre Rede. Nach einem kurzen Schweigen, während deſſen ſie von Agathen — 93— mit einem freundlichen, aber zugleich geheimnißvol⸗ len Lächeln angeſchaut wurde, fuhr ſie heitrer fort: «Ich habe indeſſen oftmals ſchön geträumt. Dich ſah ich oft in einen lichten Glanz gehüllt, von einem Engel begleitet; es war mir auch, als ſey Georg einigemal zugegen geweſen und habe frohe Nachrichten gebracht. Dann— ein anderesmal— glaubte ich auch ihn zu ſehn— nicht den Grafen, den Heinrich. So wahr und lebendig ſchien mir ſeine Nähe! Er ſtand an meinem Lager und beugte das liebe Angeſicht zu mir herab,— eine große Thräne fiel aus dem ſchönen Auge brennend auf meine Stirn nieder— die Thraͤne durchdrang alle meine Nerven und legte ſich ſo wohlthätig auf das Herz! O wie ſchön war das!» 3 & Ja wohl, Du haſt ſchön getraͤumt! er⸗ wiederte Agathe und lächelte hierbei noch be⸗ deutungsvoller, als vorher. Hierauf eilte ſie, den Oheim Nikolaus herbeizurufen, der mit väterlicher Liebe und inniger Freude die in's Leben zurückgekehrte Nichte willkommen hieß. — 94— 25. Clara's völlige Geneſung war ein Werk der in dieſem Geſchäfte nur langſam vorwärts ſchrei⸗ tenden Zeit. Die Leiden ihrer Seele ſetzten der hülfreich ſtrebenden Natur Hinderniſſe entgegen, welche dieſe nur ſchwer zu überwinden vermochte. Agathe blieb fort und fort ihre treue Ge⸗ ſellſchafterin. Der heitere Sinn dieſes Mädchens war, ſobald Clärchen die gefährliche Criſis üͤberſtanden hatte, in ſeiner ganzen Fülle zurück⸗ gekehrt. Sie ſuchte unausgeſetzt der Freundin die Grillen aus dem Köpfchen zu plandern, ſprach in räthſelhaften Ausdrücken von dem Glücke der Zukunft, das trotz Allem, was geſchehen ſey, ihrem Clärchen zu Theil werden ſolle und müſſe,— und es gelang ihr auch in der That, wenn nicht des Mädchens trübe Gemüths⸗ ſtimmung gänzlich zu heben, doch dieſe um vie⸗ les zu mildern und den Stachel des Schmerzes abzuſtumpfen. Ein anderer Umſtand trug aber noch weit mehr zu Claͤrchens Erkräftigung bei, als der Freundin wohlgemeinte Tröſtungen. Der Oheim Nikolaus hatte nämlich der Nichte erkläͤrt, er werde, ſobald es der Arzt für gut finde, mit ihr auf einige Wochen die Schweſter Förſterin beſuchen. Dort ſollte die ſtärkende Gebirgsluft, eine wohlthätige Bewegung in der reizenden Umgegend, ihre Geneſung vollends zu Stande bringen, und man könne ja überhaupt nicht voraus ſagen: was dort noch ſonſt für ein freu⸗ diges Ereigniß ſich begeben werde, das mit einemmale alle üblen Folgen der Krankheit zu bannen vermöchte! Der Oheim hatte dieſes Letzte mit einer ſo übel⸗ verborgenen innern Zufriedenheit geſagt, daß Clärchen ihn mit großen Augen anſah, als erwarte ſie von ihm die Löſung irgend einer räthſelhaften Aufgabe. Meiſter Nikolaus wurde ſehr verlegen hierüber und wußte ſich aus dieſer Verlegenheit und vor den fragenden Blicken der Nichte nur durch eine ſchleunige Entfernung zu retten. Clärchen trachtete nicht hartnaͤckig darnach, — 96— die Zweifel, welche des Oheims dunkle Vor⸗ herſagung in ihr erregt, aufzuklären. Schon die Ausſicht, bald wieder in der geliebten Ge⸗ gend zu weilen, in welcher die theuerſten Erin⸗ nerungen ihres Lebens ihre Heimath hatten, war ſo reizend fuͤr ſie, daß ſie ſich von neuer Le⸗ bensluſt durchdrungen fühlte. Dort wollte ſie alle jene glücklichen Momente ihres ſchuldloſen Liebelebens, in ſüße Phantaſieen verloren, noch einmal genießen; dort, bei dem Rauſchen der Wellen des Sees, im Geiſte den Worten des Jünglings lauſchen, mit denen er damals ihr leiſe erwachtes Gefühl zu inniger Gegenliebe geſteigert; dort ihn wieder treu wähnen; dort— ach! ſie wußte nicht, was ſie Alles dort wollte: aber ahnungsvoll ſprach eine Stimme in ihrer Bruſt, daß es noch eine Erdenſeligkeit für ſie gebe, und daß dieſe an den Ufern des Tegern⸗ ſees zu finden ſey. Agathe ſollte mit; der Freundin Theilnahme ſollte ihre eigene Wonne erhöhn. Agathe verſprach auch ihre Beglei⸗ tung gern, und, da nun plöͤtzlich Clara's — VñAs:·—:ʃ24· 2 2—— 4—4—4 — 97— Geneſung die erfreulichſten Fortſchritte machte, konnte bald der Tag der Abreiſe beſtimmt werden. Am Abende vor dieſem Tage kam Agathe in großer Haſt zu ihrer Freundin und ſagte, in⸗ dem ſie ſich ihr um den Hals warf: « Freue Dich mit mir, liebes Clarchen: ich bin Braut!„ Clärchen war nicht wenig erſtaunt bei die⸗ ſer überraſchenden Entdeckung. Sie küßte die Freundin herzlich und fragte dann mit theilneh⸗ mender Neugierde: &Ei Himmel, wie ſchnell! Sprich aber: mit wem und ſeit wann?» «Mein Zukünftiger iſt der Förſter Wald⸗ grün, y erwiederte Agathe.&Er wohnt in der Nähe von München und hat einen guten Dienſt. Seit einer Stunde iſt die Sache rich⸗ tig. Heute Nachmittags kam der Nachbar Woll⸗ händler zu meinem Vater und hielt für den För⸗ ſter um mich an. Ich habe den Förſter zwar nur wenigemal geſehn, wenn er auf Beſuch in 2 — 98— der Stadt war; da er aber ein rechtſchaffener und dabei gar nicht übelgeſtalteter Mann iſt, ſo entſchloß ich mich raſch und ſagte kurzweg: ja!* «Nun wirſt Du wohl nicht mit in's Gebirg gehen zur Muhme?» fragte Clärchen traurig. «Freilich geh' ich mit!» entgegnete raſch die Freundin.«Mein Schatz kann mich dort be⸗ ſuchen. Dahin hat er auch nicht weit.* Claͤrchen war ſehr vergnügt über dieſe Antwort. Der Oheim blieb heute zu Hauſe und ließ ſich von der Nichte, zum Erſtenmale nach überſtandener Krankheit, eins ſeiner Lieb⸗ lingslieder ſingen. Clärchens Stimme hatte nichts verloren; ſie war im Gegentheile ſchmel⸗ zender geworden und von dem Ausdrucke einer Rührung beſeelt, welcher die beiden Zuhörer, den Oheim und Agathen, wunderbar ergriff. Beim Nachteſſen waren die drei Menſchen gar fröhlich untereinander. Der Oheim und die Freundin wechſelten oft bedeutungsvolle Blicke, welche auf irgend ein unter ihnen herrſchendes Geheimniß ſchließen ließen. Clärchen wur — 99— aber davon nichts gewahr. Sie war in ihren Gedanken ganz mit dem Glücke Agathens und mit ſüßen Traͤumen der näͤchſten Zukunft beſchäftigt.— Am Morgen des folgenden Tages wanderte man in aller Frühe dem Gebirg entgegen: Aga⸗ the und der Oheim zu Fuß, Clärchen in einer Sänfte. Meiſter Nikolaus hatte es nicht anders zugegeben. Erſt in der Nähe der Berge, wo der Eindruck der freien Natur ſelbſt günſtig auf die Geneſene wirken könne, ſollte dieſe den Tragſitz verlaſſen. Als nun aber die geliebte Gegend deutlicher hervortrat; als Clara ſchon, fernher durch die Bäͤume ſchimmernd, aus dem Fenſterlein ihres Seſſels das rothe Dach des Förſterhauſes entdecken konnte; als nun gar der Spiegel des Teg ernſee's freundlich grüßend zu ihr aufſchaute: da konnte ſie nicht länger in der beengenden Sänfte bleiben, ſie ſtieg aus und wandelte ſtill freudig am Arme Agathens den bekannten Bergpfad hinan. — 100— 26. Alles, Alles wie damals!» ſagte Clär⸗ ch en, mit einer Thraͤne im Auge und ſüßer Wehmuth im Herzen, zu ihrer Freundin, als die kleine Geſellſchaft der Wanderer den Wald betrat. Der Oheim ſchritt rüſtig fürbaß; Elär⸗ chen hielt Agathen etwas zurück, ſo daß die beiden Mädchen nun in einer geringen Entfer⸗ nung dem Meiſter Nikolaus folgten. „Hörſt Du, wie die Nachtigall ruft?» ſprach nun Clärchen und das noch thränende Auge leuchtete lieblich.«Das iſt derſelbe Gruß, den ſie mir damals entgegen brachte, in dem ich ſpäter der beglückten Liebe ſüße Prophezeihung zu erkennen glaubte.» «Wer weiß,» entgegnete Agathe ſchalkhaft laͤchelnd:&was Dir jetzt der Geſang verkündet?» O ſchweig!» ſiel Clärchen ein:&wozu trügeriſche Hoffnungen in meiner Bruſt erwecken, weshalb den Troſt meiner Erinnerungen durch ſeltſame Zweifel verwirren? Sieh!» ſo fuhr ſie jetzt gerührt fort und ſtand ſtill:« hier war 4 ——— — 101— es, wo wir uns trennten. Hier ſteckte er den Brillantring an meine Hand; aus jenem Gebüſche rief er mir das letzte Lebewohl zu, als ihn die Erſcheinung des ſtattlichen Greiſes von meiner Seite verſcheuchte. Nimmer werde ich den hol⸗ den Laut ſeiner Stimme wieder hören, nimmer wieder ſchauen in das milde Auge, in die lie⸗ ben Züge des Antlitzes.“— Thränen erſtickten hier Clärchens Stimme. Agathe ſank ihr um den Hals und überdeckte ihr Angeſicht mit trö⸗ ſtenden Küſſen. Dann trieb ſie die Weinende ſchnell vorwärts, ſo daß beide bald wieder an des Oheims Seite waren, der, indem ſie anlangten, ihnen das eben aus ſeinem grünen Hintergrunde hervortretende Förſterhaus zeigte. Die Frau Muhme empfing den Bruder und Agathen mit vieler Herzlichkeit; gegen Clär⸗ chen aber legte ſie eine ſcheue Ehrfurcht an den Tag, die trotz aller Liebkoſungen und der freund⸗ lichſten Annäherung der Nichte immer in den Gränzen einer gewiſſen Feierlichkeit blieb. Clar⸗ chen hatte hierauf nicht ſonderlich Acht, ihre — 402— Phantaſie trug ſie ſchon hinab an den See, zu der Stätte, wohin ſie die freundlichſten Er⸗ innerungen lockten. Die Frau Muhme wollte ihr wieder das Zimmer einräumen, welches ſie früher bewohnt; allein Clärchen drang hart⸗ näckig darauf, daß der Oheim dieſes Gemach einnehmen müßte: ſie ſelbſt wählte für Agathen und ſich die kleine Stube aus, in der Hein⸗ rich jene Nacht zugebracht hatte, auf welche der Tag des Scheidens folgte. Alles ſollte ihrer Erinnerung Nahrung geben; ſie hatte ja nichts mehr, als die Freuden der Vergangenheit. Der Nachmittag war unter den Einrichtun⸗ gen der beſuchenden Stadtleute vorübergegangen. Gegen Abend ergriff Clärchen ihre Laute, warf der Freundin einen bedeutungsvollen Wink zu und verließ mit dieſer das Förſterhaus. Schweigend führte Clärchen ihre Freun⸗ din den Pfad zum Tegernſee hinab. 2748„ Als der Wald ſich erweiterte und der See glänzend da lag zu den Füßen des Gebirges, — 103— einen großen Blick hinaufſendend nach den grü⸗ nen Gipfeln: da breitete Clara ihre Arme ſehn⸗ ſüchtig aus und flog leicht und ſchwebend, ſo daß Agathe ihr kaum zu folgen vermochte, zu dem befreundeten Strande hinab. Unten ſetzte ſie ſich erſchöpft in dem duftigen Graſe nieder; vergebens blickte ſie ſich nach dem Kahne um, der ſonſt immer hier anlag: er war nicht da, der Oheim hatte ihn vielleicht zu einem Ausflug über den See benutzt. Athemlos kam Agathe ihr jetzt nach. Du böſes Mädcheny, ſprach dieſe, indem ſie ſich an Clärchens Seite niederließ:«Wie trotzeſt Du doch auf die kaum wieder erlangte Geſundheit und überfliegſt ſelbſt mich, die ſonſt leichtfüßiger iſt wie die Haſen in unſerm Kraut⸗ garten. Dafür mußt Du zur Strafe ein Lied ſingen, und noch dazu eins, welches mir beliebt: nämlich das von Trennung und Wieder⸗ ſehn!y Clärchen fühlte ſich in dieſem Augenblicke wunderbar von der Erinnerung an dieſes Lied — 404— ergriffen. Es war ja das letzte, welches ſie ihrem Heinrich geſungen, und die ſelige Hoff⸗ nung, welche damals in dem Worte: Wieder⸗ ſehn gelebt, hatte ſie ja ſo grauſam getäuſcht! An derſelben Stelle waren dieſe Worte über ihre bebenden Lippen gegangen; der Mund des Geliebten hatte ſie tröſtend wiederholt! Sie ſtimmte, als Agathe nochmals drin⸗ gender darum bat, das Lied an; die Accorde der Laute rauſchten in den Geſang. Wie ſprach doch Clara's ganze Seele in den Tönen, die jetzt, frei und entbunden, aus dem innern Me⸗ tallreiche der Bruſt heraufdrangen! Ihr Gemuth, ihr Leben, Alles, was ſie gehofft und gelitten, ſpiegelte ſich in dem Liede. Als nun aber mit dem Ausdrucke einer unausſprechlichen Sehnſucht, des ſuͤßeſten Schmachtens der Ruf nach Wie⸗ derſehn ſich erhob aus den Tiefen des Her⸗ zens, da war es plötzlich, als ſeyen wunderbare Mächte durch das Gebet eines wahrhaft und ſtark liebenden Herzens in das Leben und in die That gerufen worden. —— — 105— Ein Chor von Waldhörnern wiederholte aus dem nahen Gebüſche, wie eine freundliche und vorbereitende Echo, ſanft nachhallend die Me⸗ lodie des Wortes: Wiederſehn. Clara bebte in ſüßen Ahnungsſchauern zuſammen; ſelig lächelnd blickte Agathe die Freundin an. Noch war die Stimme der Echo nicht ver⸗ klungen, da rauſchten plötzlich Ruderſchläge über den See und um eine nahe Landzunge bog ein Nachen, in welchem ſich mehrere Menſchen be⸗ fanden. Der Nachen kam näher zum Strande. Clara blickte ſtarr hin zu dem Fahrzeuge. Aufs neue belebt und mit verſtärktem Klange ertönte der kaum verhallte Waldhornchor. Wie⸗ derſehn! riefen die Jubelklänge der Horni⸗ ſten, Wiederſehn durchſchauerte Claͤrchens Seele in ihren tiefſten Empfindungen, Wie⸗ derſehn ſprach die weite Natur, die unter⸗ tauchende Sonne, der purpurerglänzende Abend⸗ himmel! Es war keine Täuſchung: Heinrich, in ſeiner ſchlichten Landmannskleidung, ſtand vorn in dem Kahne und hob ſehnſüchtig die Arme zu — 106— Clärchen herüber, dicht hinter ihm erkannte Clärchen den ihm täuſchend ähnlichen Graf Wilhelm von Hainthal, im reichſten und ſtattlichſten Gewande, neben dieſem deſſen ſchöne Braut und zuletzt noch den verſchmähten Georg. «Agathe,— das wußteſt Du!) rief Clärchen aus, indem ſie ſich bemühte aufzu⸗ ſtehn, um dem landenden Heinrich entgegen⸗ zutreten; allein das Uebermaaß der eindringenden Freude war zu groß für die gereizte Jungfrau: ſie ſank, in ſüßer Bewußtloſigkeit und in einen Strom von Thränen ausbrechend, an die Bruſt der treuen Freundin. 28. « Der Himmel ſteht offen!» liſpelte die wie⸗ dererwachende Clara mit kaum vernehmbarer Stimme. Heinrich lag knieend vor ihr; ſein Antlitz war über das ihrige gebeugt. Da blieſen die Horniſten in dem Gebüſche ein heitres, lebenskräftiges Stück. Clärchen warf erſtaunte Blicke um ſich her: Graf Wil⸗ helm von Hainthal, ſeine reizende Braut, der Oheim Nikolaus, die Frau Muhme Förſterin, ihr Mann und Georg, bildeten einen Kreis um die liebliche Gruppe im Grü⸗ nen. Mit erglühenden Wangen ſtand Clär⸗ chen, von Agathen unterſtützt, auf. Ihre Augen ſuchten den Boden; ihre ganze Seele ſchwamm in einer ſüßen Wonne, deren eigent⸗ liches Weſen ihr noch nicht ganz klar war, die ſie aber in dieſem Augenblicke unendlich be⸗ glückte. Lächelnd trat Meiſter Nikolaus heran. Der ſonſt ſo ernſte und ruhige Mann ergriff mit freudeſtrahlenden Blicken die Hand der Nichte und ſprach mit bewegter Stimme: «Der Stern Deines Lebens glänzt wieder hell, meine hart bedrängte Clara! Sag' an: wäreſt Du nicht geneigt, dem hier gegenwärti⸗ gen Grafen Heinrich von Hainthal Dein Herz und Deine Hand zu ſchenken, um welche beide er geziemend angehalten?„ Unter Clärchens Füßen ſchwankte der Bo⸗ den; ſie konnte nicht ſprechen. In ſeliger Trun⸗ kenheit ſank ſie in die Arme des näher treten⸗ den Heinrichs, der nun den erſten Kuß auf die unentweihten Lippen der Jungfrau drückte. Die Waldhörner ſtimmten eine jubelnde Fan⸗ 3 fare an. Alles drängte ſich glückwünſchend zu den zwei Vereinten. Graf Wilhelm, Hein⸗ richs Zwillingsbruder, ſtellte der kuͤnftigen Schwägerin ſeine liebliche Braut vor. Schüch⸗ tern blickte Clärchen empor zu der edeln, mild lächelnden Jungfrau; da war es aber, als fiele plötzlich eine Hülle von ihren Augen, und ſie ſagte, indem ſie ſich traulich dem zanlein anſchmiegte: O, ich kenne Euch ſchon, und nun weiß ich auch mit einemmale, wer der Engel war, der an Agathens Seite bei meinem Kranken⸗ bette erſchien!» Die treue Agathe blieb aber auch in der allgemeinen Freude nicht dahinten. Sie trat plötzlich, Georgen an der Hand haltend, vor die Freundin und ſprach mit freundlicher Gebehrde: — Sieh, mein Clärchen, das iſt der För⸗ ſter Waldgrün, den ich mir zum ehelichen Geſpons erkieſet. Er iſt gänzlich geheilt von einer gewiſſen alten Liebeskrankheit und wir haben keinen Ruͤckfall zu befürchten!» Georg erröthete bei dieſem Scherz. Im ſelben Momente ſtimmten aber die Waldhörner einen luſtigen Marſch an, und die Frau Muhme nöthigte die geſammte Geſellſchaft hinauf ins Förſterhaus, wo Clärchen baldmöglichſt den Geliebten um die Enträthſelung mancher ihr noch unerklärlichen Umſtände bat. 29. Die Grafen Heinrich und Wilhelm von Heinthal waren Zwillingsbrüder, ſo überaus ähnlich einander in Geſtalt und Ge⸗ ſichtszügen, daß ſogar ihr Vater, der alte Graf — frühe ſchon war die Mutter geſtorben— die Söhne nur an dem verſchiedenen Klange der Stimme und— an der Verſchiedenheit ihrer Neigungen zu unterſcheiden vermochte. Heinrich war den ſtillen Freuden des Landlebens mit der tiefſten Anhänglichkeit erge⸗ ben. Als ihn, bei dem Eintritte in das Jüng⸗ lingsalter, der Vater nebſt dem Bruder Wil⸗ helm in die geräuſchvolle Reſidenz führte, um dort ſich zu einer Stelle am Hofe oder im Heere vorzubereiten, bat er, ſchon nach weni⸗ gen Wochen, den alten Grafen mit heißen Thrã⸗ nen: ihm wieder die Rückkehr auf das Fami⸗ liengut am Tegernſee zu erlauben. Der 3 Vater willigte um ſo eher in des Sohnes Ver⸗ langen, da ſein Liebling Wilhelm ſich in jeder Weiſe geneigt zeigte, ſeinen ehrgeizigen Planen zu entſprechen, und er jetzt ſein Anſehn ungetheilt für dieſen verwenden konnte. Heinrich lebte nun auf dem Lande ganz ſeiner ſtilen Freude an der Natur und den Wiſſenſchaften, in die er ſchon frühe durch treff⸗ liche Lehrer war eingeweiht worden. Oft durch⸗ ſtreifte er, in ein einfaches Gewand ge⸗ kleidet, die reizende Gegend um den See und befuhr den Wellenſpiegel ſelbſt nach allen Sei⸗ — 111— ten. Auf einer dieſer Wanderungen lernte er⸗ wie wir wiſſen, Clärchen kennen. Das rei, zende Mädchen, mit dem Zauberhauche der Un⸗ ſchuld übergoſſen, ausgezeichnet durch künſtleriſche und geiſtige Bildung, wurde dem jungen Gra⸗ fen bald ſo theuer, daß er ſich gelobte: nur ſie, oder keine, ſolle ſeine dereinſtige Gattin werden; aber welche Schwierigkeiten ſtanden dieſer Abſicht entgegen! Sein Vater war ein geſchworner Feind aller Mißheirathen: wie durfte er deſſen Einwilligung hoffen?— Um Clär⸗ chen jede vorläufige Sorge zu erſparen, ver⸗ ſchwieg ihr Heinrich ſeinen Stand und Na⸗ men. Da wurde die Jungfrau plötzlich durch des Oheims Krankheit in die Stadt zurück ge⸗ rufen. Der ſtattliche Greis, der, von einem reichen Jagdzuge gefolgt, an jener Waldecke die beiden Liebenden in den Momenten des gegen⸗ ſeitigen Geſtändniſſes überraſchte, war niemand anders, als Heinrichs Vater. Dieſer hatte den Sohn, trotz deſſen ſchneller Flucht, wohl erkannt. Es kam zu einer Erklärung, in der — 12— Heinrich eher Alles zu ertragen, als ſeinen Anſprüchen auf die Geliebte zu entſagen, ſchwur. Der alte Graf, unerſchütterlich in ſeinen Grund⸗ ſätzen, blieb kalt bei des Sohnes dringendſten Vorſtellungen. Als dieſer endlich einem An⸗ falle der Verzweiflung nahe ſchien, ſprach der Vater: «Thue was Du willſt, aber nicht eher als nach meinem Tode! Meine Tage ſind gezählt; verkümmere ſie mir nicht. Dein Ehrenwort ver⸗ lange ich darauf, daß Du bis zu jenem, nicht mehr fernen Zeitpunkte nicht das Mindeſte un⸗ ternimmſt, was meiner Sinnesweiſe entgegen ſeyn könnte. Ehre auch in gleicher Beziehung die Friſt der Trauer! Willſt Du meinem Rathe folgen, ſo unternimm eine Reiſe in ferne Län⸗ der. Kehrſt Du dann zuruck und ich bin nicht mehr und der ſchwarze Flor über meiner Gruft iſt gebleicht, dann führe aus, was Du nicht laſſen kannſt: mein Wille ſoll Dir nicht über mein Leben hinaus entgegenſtehn. Gerührt von dieſer Rede des Vaters, leiſtete — 113— Heinrich das verlangte Verſprechen. Noch am nämlichen Tage rüſtete er ſich zu der vorgeſetz⸗ ten Reiſe. Von einem Freunde wurde ihm ein junger Geſellſchafter empfohlen: es war Georg. Die beiden Jünglinge hatten bald Vertrauen um Vertrauen umgetauſcht. Georg, der in kurzer Zeit dem jungen Grafen mit ſchwäͤrmeri⸗ ſcher Freundſchaft ergeben war, brachte dieſem deren reinſtes Opfer, indem er ſeine Neigung zu Claren mit Kraft bekämpfte und, nach manchem harten Kampfe, endlich beſiegte. In einem fernen Lande erhielten die Rei⸗ ſenden die Trauerbotſchaft, welche den Tod des alten Grafen verkündete. Sie eilten ins Bayer⸗ land zurück, in die Hauptſtadt München. Heinrich, der mit Zartſinnigkeit und Treue an dem Verſprechen hing, das er ſeinem Vater gegeben, hätte es ſelbſt für eine Verletzung deſſelben gehalten, ſich dem geliebten Mädchen zu zeigen oder ihr nur irgend eine Nachricht zukommen zu laſſen. Als er aber jetzt den Bru⸗ der Wilhelm als Bräutigam einer höchſt rei⸗ 3 8. —, 114— zenden Jungfrau fand; als er aus den Aeuße⸗ rungen aller Freunde erkennen mußte, daß er und ſein Bruder in ihrem Aeußeren nicht allein durchaus ähnlich, ſondern ganz gleich ſeyen: da ſchoß es ihm heiß auf das Herz, wie der lieben Clara aus dieſen beiden Umſtänden Zweifel an ſeiner Treue und tiefer Kummer erwachſen könne. Deshalb ſchickte er Georg ab, um Clärchen zu beruhigen und ihr feſtes Vertrauen auf die nahe Zukunft einzuflößen. Es iſt bereits bekannt, wie Georg ſeinen Auf⸗ trag, bei der abendlichen Begleitung aus dem Knödlgaſſel zum Hadergaſſel, ausge⸗ richtet. Der Sonntag Trinitatis aber verdarb Alles wieder. Clärchen, getäuſcht durch die äußere Gleichheit der beiden Brüder, verfiel in ein hitziges Fieber. Agathe wich nicht von ihrem Krankenlager. Faſt ſtündlich mußte Georg dem ſchwer bekümmerten Grafen Kunde von der kranken Geliebten bringen. Bei dieſen Zuſam⸗ menkünften lernten ſich Agathens und Georgs treue Herzen verſtehen und lieben. Selbſt Graf — 115— Wilhelms Braut, von den Bitten des einſti⸗ gen Schwagers beſtimmt, beſuchte zu mehreren⸗ malen die in heftigen Fieberphantaſieen ſchwär⸗ mende Clara. Als nun aber der ſorgfältig wachende Arzt die Nähe der Gefahr verkündete, und wie er ſeine letzte, wiewohl ſchwache Hoff⸗ nung, nur auf eine entſcheidende Criſis ſetze, da konnte Heinrich die Feſſeln des Verſpre⸗ chens, die er ſelbſt ſo eng geſchlungen, nicht länger ertragen. Er eilte zu der Geliebten, er ſah ſie, die ihn nicht wieder erkannte, er rief ſie mit den Ansdrücken der innigſten Liebe; aber ſie hörte ihn nicht! Von den peinigendſten Zweifeln ergriffen, durchrang Heinrich die Nacht der Entſcheidung. Clara ward gerettet. In aller Stille wurden nun zwiſchen Heinrich, dem Meiſter Nikolaus, Agathe und den übri⸗ gen Freunden und Verwandten die Anſtalten zu der Ueberraſchung am Tegernſee getroffen. Die Trauerzeit der jungen Grafen war vorüber: Beide wollten ſich an einem Tage vermälen und gern wurde, in Agathen und Georg, dem 92 — 116— Graf Heinrich eine eintragliche Förſterſtelle verſchafft hatte, noch ein drittes Brautpaar zur thäti⸗ gen Theilnahme an dieſer Feierlichkeit zugelaſſen.— Wie freundlich war nicht am nächſten Tage die Dorfkirche ausgeſchmückt, in welcher die drei glücklichen Brautpaare getraut wurden! Das hat⸗ ten der Oheim Nikolaus und der Oheim Förſter ſich zu einer eigenen Ueberraſchung aus⸗ gedacht. Meiſter Nikolaus hatte nämlich ein neues treffliches Altarblatt, von ſeiner Hand gemalt, zu der Feierlichkeit geſchenkt, der Oheim För⸗ ſter aber die ärmliche Kirche durch junges Grün und duftende Blumen in einen gar freundlich geſchmückten Naturtempel umgewandelt. Als nun der ehrwürdige Geiſtliche die drei Brautpaare mit Ernſt und Andacht fragte: ob ſie in den Leiden und Freuden des Lebens treulich an einander halten und alle Pflichten, welche das hei⸗ lige Sacrament der Kirche anferlege, redlich und immerdar erfüllen wollten, da ertönte von ſechs Lippen ein höchſt einſtimmiges und frommes: Ja. Die Kettenbruͤcke. ———ꝛ——— In einer durch die Ergiebigkeit des Bodens, wie durch die Thätigkeit ihrer Bewohner gleich geſegneten Gegend Deutſchlands, findet ſich eine Stelle, welche an großartiger Romantik und zartem idylliſchen Reize manchem vielgerühmten Punkte Italiens und der Schweiz nicht nachſteht. Zwiſchen waldgekrönten Bergen, von deren höch⸗ ſtem die Trümmer eines alten Raubſchloſſes, als ernſte Deuter einer vergangenen Zeit der Willkühr und der Selbſthülfe, mahnend herab⸗ ſehn, ſtrömt, durch blumenreiche Wieſen und fruchttragende Felder von dem Fuße des Ge⸗ birgs geſchieden, ein anſehnlicher Fluß dahin, der, indem ſeine Wogen über den abſchüßigen Grund rauſchen, ein raſtloſes Spiel mit auf⸗ ſchäumenden Silberblaſen und emportauchenden Wellen treibt. Ungefähr in der Mitte des Thal⸗ grundes, welchen hier der Blick überſieht, liegt, — 120— da wo der Strom ſich in einem Bogen dem Lande andrängt und die Gebirge, als ſcheueten ſie die Nähe des gewaltigen, weitab zurücktre⸗ ten, hart am Ufer ein freundliches Städtchen: ein Sitz der Betriebſamkeit und geſelligen Frie⸗ dens. Die Einwohner dieſes⸗ Städtchens ſind wenig erfahren in Welthändeln und kümmern ſich um das, was außerhalb ihres Thales vor⸗ geht, nur dann, wenn ſie es der Nachahmung würdig, ſich und den Nachkommen nützlich oder der weitern Geiſtes⸗ und Gemüthsbildung för⸗ derlich erachten. Auch die Verſchiedenheit der Religionen, welche in dem Städtchen herrſcht, veranlaßt keine Spaltungen im geſelligen Ver⸗ kehr, und daß die Katholiken, als die Mehr⸗ zahl, beide Kirchen des Orts inne haben, die Proteſtanten aber ein außerhalb des Städtchens, am jenſeitigen Ufer gelegenes Gotteshaus be⸗ ſuchen müſſen, iſt Niemanden anffallend; da es ſeit Menſchengedenken ſo war, und die erſte Unfreundlichkeit dieſer Einrichtung durch lange Gewohnheit ihre Bedentung verloren hat. — 421— Eins der anſehnlichſten Häuſer in der Haupt⸗ ſtraße des Städtchens gehörte dem wohlhaben⸗ den Schloſſermeiſter Kurt, der, nachdem er als Geſelle weit herumgefahren in der Welt und als Meiſter in der hochberühmten Stadt London viel und mancherlei kunſtreiche Arbeit gefördert, ſich auch hierdurch ein ſchönes Geld erworben, nun ſchon ſeit beinahe zwanzig Jah⸗ ren ſich in ſeinem Vaterſtädtchen niedergelaſſen hatte und hier das ehrſame Handwerk in tüch⸗ tiger Weiſe forttrieb. Gleich damals war ihm der Hausſtand ohne Hausfrau gar einſam vor⸗ gekommen und er hatte es daher für eben ſo angenehm als nützlich gehalten, ſich unter den Töchtern des Landes nach einem lieben Kinde umzuſehen, das wohl die Freuden und Sorgen ſeines Lebens theilend mit ihm tragen möchte. Und ſiehe da! er fand in der Tochter des evangeliſchen Geiſtlichen, zu deſſen Gemeinde auch er gehörte, das was er ſuchte, eine freund⸗ lich liebevolle Jungfrau, der es nicht in den Sinn kam, etwas Beſonderes darin zu ſuchen, — 122— daß ſie aus dem Studierzimmer des vielgelehr⸗ ten Vaters in die Handwerkſtätte des, wenn auch noch ſo tüchtigen und vermögenden Schloſ⸗ ſermeiſters, doch eigentlich einen Schritt nach unten mache. Aber bei Meiſter Kurt war das auch leicht zu vergeſſen; denn ſeine Verſtändig⸗ keit und Welterfahrung zeichneten ihn vor ſei⸗ nen Zunftgenoſſen aus und maochten ihn beliebt und gern geſehn bei Jedermann, ſo wie denn ſein männliches und ſtattliches Aeußere bewirkte, daß die Pfarrerstochter von den Töchtern der übrigen Honoratioren mehr beneidet als bemit⸗ leidet wurde. In einer glücklichen Ehe bleibt der Segen des Himmels nicht aus, wenn er auch oft nicht in ſo reichem Maaße ſich hernie⸗ derſenkt, wie das erſehnt und gehofft wird. Ein liebes Töchterlein machte das Glück der beiden Eheleute vollſtändig. Vater und Mutter widmeten dieſem, das die einzige Frucht einer innigen Verbindung blieb, alle Liebe und Sorg⸗ falt, welche gute Eltern nur zu erſinnen ver⸗ mögen. Als Marie— ſo hieß die Tochter — 123— Kurts und ſeiner Liebſten— das ſiebenzehnte Jahr erreicht hatte und nun aus dem frohen unbefangenen Kinde eine ſinnige, ſittige Jung⸗ frau geworden war, ſchlummerte ihre Mutter, welche lange die Qualen eines tödtlichen Bruſt⸗ leidens geduldig ertragen hatte, hinüber in ein Leben ohne Leid und ohne Klage. Kurt und Marie beweinten die Hingeſchiedene ſehr, allein ſie verloren das Vertrauen auf das irdiſche Le⸗ ben nicht an dieſem Kummer; denn der Glau⸗ ben eines künftigen Wiederſehens, einer ſeligen Wiedervereinigung, die dann keine Trennung mehr ſtören werde, wurzelte feſt in ihren Ge⸗ müthern. Marie mußte nun die Sorgen der Haus⸗ haltung übernehmen, und that dieſes mit einer Treue und Emſigkeit, welche wenigſtens in die⸗ ſer Beziehung, dem Vater den Verluſt der verſtändigen Hausfrau nicht empfinden ließen. Das Maäͤgdlein ſelbſt blühte bei dieſem thätigen Leben an Geiſt und Körper ſo herrlich empor, daß Meiſter Kurrt ſeine Herzensfreude au ihr — 124— hatte und Sonntags, wenn ſie im zierlichen aber beſcheidenen Putze zum jenſeits des Iluſſes liegenden Gotteshauſe überſchiffte, die andern Jungfrauen des Ortes ſich geſtehn mußten: Kurts Marie ſey doch die Schönſte unter ihnen. Um dieſe Zeit kam ein neuer Geſell in des Schloſſermeiſters Haus. Er nannte ſich Joſeph und war fernher aus dem Schweizerlande, da, wo in mächtigen Fällen die Ströme vom Fel⸗ ſengebirge niederrauſchen, wo der Bergesrieſen ungehenere Mauern es von den Fluren des üp⸗ pigen Welſchlandes ſcheiden. Joſeph war un⸗ gefähr fünf und zwanzig Jahre alt; ſeine Ge⸗ ſtalt war ſchlank und ſein Antlitz wohlgebildet. Aber die urſprünglich regelmaͤßigen Züge waren von tiefen Furchen, den Spuren ungezügelter Leidenſchaftlichkeit, durchſchnitten; in den dun⸗ keln Augen brannte eine unheimliche Glut und eine große, mächtig hervortretende Falte auf der Stirne verſchwand nur dann, wenn der Ge⸗ ſell ſich zu einem freundlichen Lächeln zwang, — — 125— das er aber nie von einer widerwilligen Bei⸗ miſchung reinigen konnte. Meiſter Kurt hatte in dem neuen Gehülfen bald einen ſo tüchtigen und geſchickten Arbeiter erkannt, wie er noch nie in ſeiner Werkſtätte gehabt; dabei entging ihm aber auch nicht, daß Joſeph eines ſtör⸗ riſchen und eigenwilligen Charakters war, daß ein unbändiger Ehrgeiz ihn beherrſchte und daß ſeine Religiöſität— er war Katholik— in Schwärmerei ausartete. Ungern nahm Joſeph eine gewöhnliche Arbeit, die keine ſonderliche Ge⸗ ſchicklichkeit verlangte, zur Hand, er that ſie dann ſo ſchnell als möglich ab oder förderte ſie, ohne auf des Meiſters ernſte Zurechtweiſung groß zu achten, auch wohl mit auffallender Nachläſſigkeit. Wurde ihm aber irgend ein recht müheſames und künſtliches Werk aufgegeben, ein Stück, das, wie er meinte, keiner ſeiner Mit⸗ geſellen zu verfertigen im Stande ſey: dann hatte er Tag und Nacht keine Ruhe, bis es vollendet war und ihm in allen, ſelbſt den klein⸗ ſten Theilen gelungen ſchien. Dann ſtand er — 126— mit blitzenden Augen vor dem Meiſter, deſſen Kenntniß und Geſchicklichkeit er ſehr hoch ſchätzte, und ſeine Blicke hingen erwartungsvoll an den Lippen, von denen er Lob und Würdigung ſei⸗ nes Werks erwartete. Kurt aber, der dem Ehrgeize des Geſellen nicht fröhnen mochte und ihn von ſeinem Fehler beſſern wollte, war dann einſilbiger und karger mit ſeinen Lobſprüchen als gegen die Uebrigen, wenn dieſe auch eine weit unbedeutendere Arbeit zu Stande gebracht hatten. Im tief Innerſten ergrimmt über dieſe anſcheinende Härte des Meiſters, welche nur ihn traf und die er einem perſönlichen Haſſe „der gar der niedrigen Leidenſchaft des Neides Schuld gab, ſuchte Joſeph dann ſeinen Un⸗ muth im Taumel der ſinnlichen Luſt zu vergeſ⸗ ſen. Er blieb bis ſpät in die Nacht aus dem Hauſe und kehrte, oft auch erſt gegen Morgen, wild laͤrmend und berauſcht wieder heim. Am nächſten Tage aber erfüllte ihn Reue über ſein Vergehn; er ging finſter und in ſich gekehrt im Hauſe umher und hütete ſich, den ernſt mah⸗ — — 127— nenden Blicken des Meiſters, welche auf ihm ruheten, zu begegnen. Sobald es ſeine Zeit erlaubte, eilte er zu ſeinem Beichtiger, einem einſam im Städtchen lebenden ehemaligen Kloſter⸗ geiſtlichen, welcher, die Religion als eine ſtrenge Richterin, aber nicht als eine gütige Mutter betrachtend, die den Gefallenen verſöhnend wie⸗ der erhebt, ihm eine harte und ſchmerzhafte Buße auferlegte, der ſich Joſeph auf das Ge⸗ wiſſenhafteſte unterwarf. War das nun geſche⸗ hen und nach des Geſellen Meinung der Him⸗ mel befriedigt, ſo trieb er es wieder ganz wie früher und fiel bei der erſten Gelegenheit wie⸗ der in den vorigen Fehler. Daher kam es, daß Meiſter Kurt durch ein gleichmäßiges kaltes Benehmen eine Scheidewand zwiſchen ſich und dem wüſten Menſchen, den er doch, ſeiner Ge⸗ ſchicklichkeit wegen, nicht gern entlaſſen mochte, aufſtellte und ihn zwar im Lohne höher ſetzte, als ſeine andern Gehülfen, ſonſt aber nicht an⸗ ders, als bei der Arbeit mit ihm verkehrte. Marie hatte ſich wenig um den fremden 1238— Geſellen gekümmert. Nur war ihr, wenn ſie Mittags und Abends am Eßtiſche mit ihm zu⸗ ſammentraf, ſein düſteres und ſchweigſames We⸗ ſen aufgefallen, das um ſo bemerkbarer hervor⸗ trat, da die andern Geſellen, von ihrem Vater zu traulicher Unterhaltung aufgefordert, ſich dieſe Erlaubniß gern zu Nutze machten. Aber noch mehr wunderte ſie es, daß Meiſter Kurt nie eine ſolche Aufforderung an Joſeph richtete, da ein Ueberſehen eines oder des andern, oder eine Feindſeligkeit gegen irgend Jemand gar nicht in dem Charakter ihres Vaters lag. Ma⸗ rie ſchlief den Schlaf der Jugendkraft und eines guten Gewiſſens. Deshalb war ſie durch Jo⸗ ſephs oftmaliges Nachtſchwärmen noch nicht geſtört worden und des jungen Mannes ungere⸗ geltes Leben war ihr unbekannt geblieben. Als ſie aber, auf näheres Befragen bei ihrem Va⸗ ter: warum er gerade dieſen Geſellen ſo gar kaltſinnig und ernſt behandle? die Wahrheit er⸗ fahren hatte, da wich ſie von nun an dem Jo⸗ ſeph abſichtlich aus, wo er ihr eiwa begegnen * — 129— mochte, und bei Tiſche betrachtete ſie ihn oft mit ſcheuen, forſchenden Blicken, die gleichſam durch die körperliche Huͤlle hindurch eines ſünd⸗ haften Menſchen zerriſſenes Gemüth, von wel⸗ chem die reine Jungfrau keinen Begriff hatte, ergründen ſollten. Von dem jungen Schweizer wurden jedoch dieſe Blicke bemerkt und anders ausgelegt, wie Marie ſie verſtand. Er glaubte in ihnen den Ausdruck eines Wohlgefallens an ſeiner Perſon und in der Scheu, welche ſie begleitete, jung⸗ fräuliche Blödigkeit und Furcht vor dem ihm ungeneigten Vater zu erkennen. Schon oft hatte er bei ſich gedacht: es iſt doch ein herrliches Mädel, die Marie, wie ſie ſo ſchlank und zierlich daherſchreitet, wie ihre Wangen blühn, gleich den Roſen auf dem Felde, wie ihr Aeug⸗ lein erglänzt, gleich einem Thautropfen am Mor⸗ genlicht, und ihr Alles, was ſie unternimmt, ſo gar wohl anſteht! Mit der gierigen Lüſternheit eines Vertrauten der Sünde hielt er in ſeiner Einbildun gskraft das Bild der reizenden Jung⸗ 9 — 130— frau feſt, und wenn er auch oft zu ſich ſelbſt ſprach: Schlag dir ſie aus dem Sinne, Jo⸗ ſeph, des ſtolzen Meiſters Töchterlein iſt nichts für dich!“ ſo war dieſe Mahnung vergebens und ſeine Gedanken kehrten immer voll luͤſterner Begehrlichkeit zu Marien zuruͤck. Jetzt aber, da er in des Mäͤgdleins Betragen die Spuren einer erwachenden Neigung zu ihm zu entdecken vermeinte, hielt er es für unnöthig, die wilden Ausſchweifungen ſeiner Phantaſie noch ferner durch eine Bedenklichkeit uͤber Meiſter Kurts ihn treffenden Kaltſinn zu bekaͤmpfen, und er ſagte bei ſich:. Hoho! wenn die Sache ſo ſteht und ſie mich gern ſieht, ſo wäre ich wohl ein großer Thor, noch länger den Zurückhaltenden zu machen. Was kümmere ich mich nun viel um die Wider⸗ willigkeit des Alten? Er thut dem Mädel Alles zu Gefallen, und wenn ſie mich will, muß er ſchon ja ſagen! Wie könnte er auch einen beſ⸗ ſern Eidam ins Handwerk bekommen, als mich, der ihm in keiner Geſchicklichkeit nachſteht. Frei⸗ lich käme ich dann in den Zwang des Eheſtands, aber Geld und Gut iſt auch nicht zu verachten, und wer das hat, kann auch dann noch jede Luſt und Freude des Lebens in Hülle und Fülle ge⸗ nießen. Da ſiel es ihm mit einemmale ſchwer auf's Herz, daß Marie eine Ketzerin ſey. Die Jungfrau um das Glück ihres Lebens zu betrü⸗ gen und ihre Habe, die mit ihr in ſeine Hände kommen mußte, im Dienſte des ſinnlichen Ge⸗ lüſts zu verſchlendern, machte ihm kein Beden⸗ ken; aber eine Ketzerin zu ehelichen, eine Irr⸗ glaͤubige, welche nicht der allein ſeligmachenden Kirche angehörte: das war eine nicht ſo leicht zu beſeitigende Gewiſſensſache. Das mag Pater Anſelm entſcheiden!» beruhigte er ſich endlich und eilte, ſobald er einen freien Augenblick fand, zu ſeinem Beich⸗ tiger. Pater Anſelm hatte früher einer geiſtlichen Ordensbrüderſchaft angehört, welche eben ſo ſehr auf ſtrenge Grundſaͤtze, wie auf einen abgeſchloſ⸗ 9* ſenen, jeder Lebensluſt fremden Lebenswandel und ſchwere Bußubungen hielt. Als ein armer, elternloſer Knabe war Anſelm in das Kloſter aufgenommen worden. Dieſes war ſeine Welt, die ernſte Regel das Geſetz, dem ſich Geiſt und Gemüth unterwarfen. Der Jüngling begehrte kein anderes Glück, als in der Reihe der Klo⸗ ſtergeiſtlichen ſein Leben in ernſten Betrachtun⸗ gen hinzubringen und alle ſeine geiſtigen und leiblichen Kräfte dem Dienſte des Himmels zu widmen. Schon im neunzehnten Jahre that er Profeß. Als Mann bereuete er nie dieſen Schritt, und da er ein Greis geworden und nun bei der Aufhebung ſeines Kloſters die alte gewohnte Zelle und ſo Vieles, was ihm lieb und ehrwürdig geweſen, verlaſſen mußte, be⸗ ſchloß er, auch in der Welt, in die er hinaus⸗ geſtoßen worden war, als ein Einſamer zu le⸗ ben und die ſtrenge Regel ſeines Ordens auch zur fernern Richtſchnur ſeiner Handlungen für die noch wenigen übrigen Tage ſeines Lebens ſich dienen zu laſſen. Er verließ nie das kleine 8 — 133— Haus, welches er bewohnte, und das daran ſtoßende Gaͤrtchen. Ein Laienbruder, der ihm aus dem Kloſter gefolgt war, ſorgte für ſeine unbedeutende Bedürfniſſe. Niemanden gelang es, Eingang bei ihm zu finden; nur Joſeph, den eine in ſein Handwerk einſchlagende Arbeit zu ihm geführt hatte und der dem Pater, als dieſer ihn über ſeine religiöſen Grundſätze be⸗ fragt und in ihm einen ſtrenggläubigen Anhän⸗ ger ſeiner Kirche gefunden hatte, als Beichtkind willkommen war, durfte ihn zum Oefteren be⸗ ſuchen. Nicht ohne Zagen trat Joſeph vor den ernſten Mann, der, als ahne er, was dem Geſellen auf dem Herzen lag, die finſtern Blicke durchbohrend auf ihm ruhen ließ. Was bringſt Du?y redete nach einer Pauſe, welche Joſeph nicht zu unterbrechen wagte, dieſen der Pater an:„Dein Antilitz trägt den Ausdruck eines ſündigen Gedankens, den Dein Inneres nährt. Dein Blick, der den Boden ſucht, verkündet, daß Deine Seele einem — 134— Abwege von der einzigen Bahn des Heils zu⸗ ſchwankt. Thue Buße, Du Sklave der irdi⸗ ſchen Schwäche! Züchtige den Leib, daß Du die Seele retteſt für das himmliſche Erbtheil, welches nur denen wird, die ſich geläutert ha⸗ ben von den Schlacken des Dieſſeits! Doch ſprich zuvor, daß ich die Größe Deiner Schuld erkenne und nach ihr das Maaß Deiner Straf⸗ barkeit beſtimme. 1 Da begann ſtammelnd und verwirrt Joſeph ſeine Angelegenheit vorzubringen. Er hatte noch nicht gänzlich geendet, als Pater Anſelm plötzlich mit zornglühendem Antlitze und funkeln⸗ den Augen von ſeinem Sitze aufſprang, und, indem er den Geſellen zu dem vor einem Haus⸗ altare aufgeſtellten Betſchemel hindrängte, hef⸗ tig ausrief: « Zur Buße mit Dir, Du verruchter Sün⸗ der! Der Satan hält Dich in ſeinen Ketten⸗ und zieht Dich zu einer Ketzerin hin. Um ſchnö⸗ den Mammons willen willſt Du Deinen Glau⸗ ben und Deinen Gott verrathen. Kniee nieder 1 und verſcheuche den Verſucher durch inbrünſtiges Gebet und Züchtigung des Leibes! O daß ich von Deinem Munde das Entſetzliche habe ver⸗ nehmen müſſen, von Dir, den ich gerüſtet glaubte gegen die Tücken der Welt und die Argliſt des Erbfeindes der Menſchheit! Nieder mit Dir! Nur die härteſte Buße kann Dich reinigen von dieſer Suͤnde.» Der Pater ſelbſt drängte den jungen Mann auf den Schemel nieder und entblöſte im heili⸗ gen Eifer Joſephs Schultern. Dann druckte er dieſem die knotige Geiſel in die Hand und rief nochmals: &Nun büße Deine Schuld und züchtige den Leib, dieſen häßlichen Pfleger und Nährer ſünd⸗ licher Begierden!» Da gehorchte Joſeph dem ſtrengen Gebote des Mannes, deſſen Worte ihm für Befehle des Himmels galten, und wüthete mit ſolchem Eifer gegen das eigene Fleiſch, daß bald aus vielen offenen Wunden ſein Blut herniederrann. Aber wie er auch fort und fort mit wüthenden Geißelhieben ſich ſelbſt zerfleiſchte, und wie er in glühender Inbrunſt ſein Gebet an alle Hei⸗ ligen richtete, ſie möchten ſeine Seele reinigen von verdammungswerther Sünde und ihm Ver⸗ zeihung ſeiner Schuld vermitteln; ſo konnte er doch ſeine Gedanken nicht von dem lockenden Bilde Mariens abwenden, das ſeine erregte Phantaſi e in ſeine Gebete miſchte, deſſen lieb⸗ liche Erſcheinung ſeine Schmerzen linderte und den Eindruck der Ermahnungen Pater Anſelms vernichtete. Erſchöpft und von Blut überſtrömt, warf er ſich endlich zu den Füßen des ſtrengen Prieſters nieder und ſagte mit verzweiflungsvol⸗ ler Gebehrde: Es iſt vergebens! Ich kann den Wunſch nach dem Beſitze Mariens nicht bekämpfen und die Heiligen verſagen mir ihren Beiſtand in dieſer Sache. Verlangt nicht das Unmögliche, ehrwürdiger Herr! Begehrt nicht, daß ich alle Hoffnung auf das Mäaͤdchen hingebe, dann je mehr ich den Leib geißele und je eifriger die Seele ſich im brünſtigen Gebete zu erheben 1 .— 137— ſtrebt, deſto heftiger regen ſich die Wünſche nach Marien und laſſen mich in ihrem Beſitze ein Glück ahnen, das alle andere Freuden und Wonnen der Erde an Herrlichkeit übertrifft.» & Noch iſt der Satan mächtig in Dir, mein Sohn, und kämpft ſiegreich gegen Dein beßres Streben!» entgegnete tröſtend der Pater.«Nur durch wiederholte Büßungen kannſt Du ihn ban⸗ nen und vermagſt Du ihm den Sieg zu entreißen, Morgen um dieſe Stunde finde Dich wieder bei mir ein. Jeden Tag mußt Du ihn auf's Neue bekämpfen und mit jedem Tage die Züchtigung des irdiſchen Leibes vermehren, in welchem der hartnäckige Erbfeind ſeine Wohnung aufgeſchla⸗ gen hat,» Wie Pater Anſelm es erheiſchte, ſo that Joſeph. Täglich warf er ſich vor dem Haus⸗ altare ſeines Beichtigers nieder und vollzog ge⸗ horſam die Buße, welche dieſer ihm in einer ſtets ſteigenden Anzahl von Geißelhieben auf⸗ erlegte. Der aufgeregte Zuſtand, in den ihn nach und nach dieſe fortgeſetzten Bußübungen — 138— verſetzen mußten, ging auch auf ſeine Einbil⸗ dungskraft über, die ihm Marien immer lok⸗ kender und ſchöner zeigte und ſeine Begehrlich⸗ keit nach dem Glücke, welches ihm dereinſt ihr Erbe gewähren könne, vermehrte. Unter die⸗ ſen ſelbſtbereiteten Leiden des Körpers verſchwand das Roth ſeiner Wangen und das Feuer ſeiner Augen. Die Furchen au ſeinem Antlitze gruben ſich immer tiefer ein 7, Ne glen de Stirn wurden düſterer, ſein Gang wurde unſicher und das Haupt, welches er bisher ſtolz emporgerich⸗ tet, ſenkte ſich zur Bruſt hinab. Scheu ging er im Hauſe umher und an die Arbeit; immer grübelnd ſann er auf einen Ausweg, auf dem er den Forderungen des ſtrengen Paters genügen und auch ſeine eigene Wünſche befriedigen könne. Marie bemerkte die Umwandlung in ſeinem Aeußeren gar wohl und hielt ihn für krank. Sie zeigte ihm deshalb eine größere Th ei jahme als bisher und mitunter wohl eine gefällige Freund⸗ lichkeit, wie ſie dieſe gegen die andern Gehülfen ihres Vaters nicht an den Tag legte. Joſeph — 439— aber beharrte in ſeiner Verblendung, und ver⸗ meinte in dem gütevollern Betragen der Jung⸗ frau nur die Zeichen ihrer zunehmenden Nei⸗ gung zu erkennen. Da ward der Zwieſpalt in ſeinem Innern immer heftiger, des Paters ernſte Ermahnungen fanden keinen Eingang in die Seele, welche von dem reizenden Bilde Ma⸗ riens erfüllt war, und ob auch Joſeph ſeine Selbſtpeinigung mit der Wuth eines Raſenden betrieb, ſo ließ ſich doch der Gedanke, daß ihn das Mädchen liebe, und daß er, ohne die Ver⸗ ſchiedenheit der Religionen, ein reicher und glücklicher Mann werden könne, dem dann alle bisher entbehrten Genüſſe des Lebens frei ſtün⸗ den, nicht aus ſeiner Bruſt verbannen. Niemand iſt ſo übel dran als ich!» ſprach er oft, in trübes Nachſinnen verloren und von bittern Empfindungen gequält, für ſich hin: &Entweder muß ich der Seligkeit im Himmel oder der auf Erden entſagen. Sollte es denn aber kein Mittel geben, beide miteinander zu vereinigen? Sollte ich denn hier durchaus alle — 140— Herrlichkeit des Lebens, nach der ich nur zu greifen brauche, um mich ihrer zu verſichern, von mir ſtoßen müſſen, um mir das ewige Heil zu bewahren?» Er wagte nicht, den Pater Anſelmus hierüber zu befragen, aber er ſelbſt uͤberließ ſich nun noch mehr einem ſtets erfolgloſen Nachgrü⸗ beln über ſeine Lage und über die Mittel, die⸗ ſem kaum mehr erträglichen Zuſtande ein Ende zu machen. Meiſter Kurt beohbachtete den ſtill brütenden Geſellen, dem er wenig Gutes zu⸗ traute, mit geſchärfter Aufmerkſamkeit. Er ſchrieb deſſen übles Ausſehn einer ausſchweifenden Le⸗ bensart zu, und faßte im Geheim den Entſchluß, ihn bei der erſten Gelegenheit, welche ſich dar⸗ bieten würde, aus ſeinem Hauſe zu entfernen. Lieber wollte er einen geſchickten Gehülfen ent⸗ behren, als einen ſolchen ſcheuen unheimlichen Schleicher immer um ſich ſehn! Joſeph aber betrug ſich jetzt im Allgemeinen tadelloſer, als früherhin, und ſchien ſeinen ehemaligen Nacht⸗ ſchwärmereien völlig entſagt zu haben. — 141— Um dieſe Zeit geſchah es, daß die Regie⸗ rung des Landes beſchloß, die beiden Flußufer, da wo das Städtchen hart an einem derſelben liegt, durch eine Kettenbrücke zu verbinden und ſo den Verkehr, den eine ſchon belebte Landſtraße dahin führte, noch zu erleichtern und zu vermehren. Zu dieſem Zwecke traf der Archi⸗ tect Willing aus der Reſidenz ein, ein jun⸗ ger Mann, der, mit vielen Kenntniſſen ausge⸗ rüſtet und in praktiſchen Erfahrungen gereift, die Achtung und das Vertrauen der Behörden genoß. Auguſt Willing hatte auf den Rei⸗ ſen, die ihm zu Fundgruben für ſeine Kunſt wurden, auch England beſucht und ſich hier üͤber den Bau der Kettenbrücken durch Augenſchein und Unterſuchung genau unterrichtet. Deshalb ſtand man um ſo weniger an, ihm die Ausfüh⸗ rung eines wichtigen Werks zu vertrauen, das Zicht allein Nutzen gewähren, ſondern auch durch ſeine Ungewöhnlichkeit in Deutſchland, allgemei⸗ nes Aufſehen erregen mußte. Unter den Stimmen, welche innerhalb des — 142— Städtchens zur Empfehlung des beabſichtigten Unternehmens laut wurden, ſprach keine ein⸗ dringlicher und eifriger, als die des wackern Schloſſermeiſters Kurt. Dieſer ſah wohl ein, welcher Vortheil hieraus ſeiner Vaterſtadt er⸗ wachſen dürfte, und nebenbei hoffte auch er, durch tüchtige und geſchickte Mitwirkung, Ehre und Ruhm einzuernten. Er hatte ſchon früher in England an manchem großartigen und kunſt⸗ reichen Werke mitgearbeitet und war daher ganz geeignet, bei dieſer Gelegenheit wichtige Dienſte zu leiſten. Als er die Ankunft des Architecten vernahm, eilte er ſogleich zu dieſem, um mit ihm über eine Sache, welche ſeine Vaterſtadt, und folg⸗ lich ſein inneres Gefühl, ſo nahe anging, be⸗ ſcheiden und wohlmeinend zu ſprechend. Wil⸗ ling war nicht wenig verwundert, in dem Schloſſermeiſter eines kleinen Städtchens einen Mann zu finden, deſſen Anſichten auf eine ge⸗ reifte Erfahrung gegründet waren und der ihm durch verſtändigen Rath und tüchtige That von — 143— großem Nutzen bei ſeinem Vorhaben ſeyn konnte. Beide Männer ſtimmten in den Hauptſachen überein und fanden ſo großes Wohlgefallen an⸗ einander, daß Kurt am Schluſſe der Unterre⸗ dung dem Architecten den Vorſchlag machte, eine Wohnung in ſeinem geräumigen Hauſe zu be⸗ ziehen, und dieſer, ohne viele Einwendungen, die Einladung annahm. So ward Auguſt Willing der Hausge⸗ noſſe Mariens, die dem ſchönen und gebil⸗ deten jungen Manne bald den Vorzug vor ih⸗ ren übrigen männlichen Bekannten aus dem Städtchen geben mußte. Sie konnte ſich nicht verbergen, daß der Architect bei aller uͤberwie⸗ genden Bildung des Geiſtes und des Herzens, auch durch ſein immer beſcheidenes und zuvor⸗ kommendes Betragen, den jungen Leuten ihrer Bekanntſchaft zum Muſter dienen könne, und wer da weiß, wie leicht ein reiner jungfraͤu⸗ licher Sinn, wenn er erſt einmal ſeine Auf⸗ merkſamkeit einem vorzüglichen Manne zugewen⸗ det hat, ſich zur innigſten Liebe gegen den be⸗ — 14— achteten Gegenſtand hinneigt; den wird es nicht wundern, daß Auguſt Willing ſein Plätz⸗ chen im Herzen der Jungfrau fand, deren Lieb⸗ reiz und anmuthige Kindlichkeit ihn ſchon längſt entzückt und ihm den Beſitz Mariens höchſt wünſchenswerth gemacht hatten. Aber keines von Beiden ahnete die Neigung des andern. Wenn Marie die ſchüchternen Blicke an dem eruſt ſinnigen Antlitze des Architecten haften ließ; wenn Auguſt Willing das Mäͤgd⸗ lein mit ſtrahlenden Augen, in denen ſich Liebe und Sehnſucht malten, betrachtete: ſo geſchah das ſo verſtohlen und geheim, daß derjenige, welchem die verrätheriſche Blicke galten, ſie nicht wahrnehmen konnte. Was aber die ſchüchterne Erſtlingsliebe in ihrer Befangenheit nicht bemerkt und nicht zu deuten wagt, das ahnt und erkennt gar bald die lauernde Schlange des Neids und der Eifer⸗ ſucht. Joſeph, der dumpf hinbrütende Ge⸗ ſell, der auf Alles, was Marien betraf, eine heimliche, aber ſcharfe Aufmerkſamkeit richtete, 6145— hatte die in dem Herzen des Architecten erwa⸗ chende Liebe errathen, noch ehe ſie ſich ausge⸗ ſprochen. Daß auch Marie von einer gleichen Neigung zu Willing erfüllt ſey, erkannte er nicht; denn noch immer hielt er feſt an dem Wahne, die Jungfrau ſey ihm in Liebe ergeben und es bedürfe nur einer offenen Erklärung von ſeiner Seite, um ein trauliches Verſtändniß zwi⸗ ſchen ihm und der Tochter des Meiſters herbei⸗ zuführen. Bei Marien alſo glaubte er nichts von dem Architecten zu fuͤrchten zu haben; deſto⸗ mehr aber bei dem Meiſter, der ihn fortwäh⸗ rend hart und ſtreng behandelte, und dem Ne⸗ benbuhler ſo offenbar zugethan war. In jedem Augenblicke konnte Willing ſeine Werbung bei Kurt anbringen, und wenn dieſer einmal ſeine Einwilligung gegeben hate, ſo war nicht daran zu denken, daß er ihm zu Liebe ſein Wort zu⸗ rücknehmen werde. Alles ſteht jetzt auf dem Spiele,» ſagte eines Abends Joſeph für ſich, als er ſich auf ſeiner Kammer befand und eben zur Ruhe be⸗ 10 — 146— geben wollte:&Faßt ſich der läppiſche Burſch aus der Reſidenz ein Herz und redet den Alten um das Mädchen an, ſo iſt ſie, hin und mit ihr alle Hoffnung auf Geld und Gut, auf Glück und Luſt der Zukunft! Du mußt handeln, Joſeph! Es iſt die höchſte Zeit. Aber was ſoll ich thun, wie ſoll ich es machen, an's lockende Ziel zu gelangen, bei allen Hinderniſſen, die mir der Himmel ſelbſt entgegen ſtellt? O! hat denn der Himmel ſelbſt, der ſich mir bisher freundlich ge⸗ zeigt, nicht Güte und Gewährung für alle, die ſich an ihn wenden? Er wird mich erleuchten, er wird mir den Weg andeuten, anf dem ich Reichthum und alle Freuden der Welt erwerbe!» Da warf er ſich nieder vor dem Bilde des Gekreuzigten, und richtete unſinnige und ver⸗ worfene Gebete an den menſchgewordenen Sohn Gottes, daß er ihm beiſtehe in einer Sache der Sinnlichkeit und der Habſucht. Wie ein Wurm krümmte er ſich vor dem Symbole der Göttlich⸗ keit und wollte ſie durch den faſt wüthenden Ei⸗ fer ſeiner Gebete in ſein verdammliches Begeh⸗ — 147— ren hinabziehn. Erſt ſpät nach Mitternacht ſuchte er ſein Lager; allein hier mied er den Schlaf und ſann nur fort und fort auf irgend ein künſt⸗ liches Mittel, die Schwierigkeiten zu beſeitigen, welche zwiſchen ſeinen Wünſchen und deren Er⸗ füllung ſtanden. Er glaubte ſich durch das an⸗ haltende und glühende Gebet im Geiſte mehr geſtärkt und geeignet als jemals, den längſt er⸗ ſehnten Ausweg zu erdenken. Seine Unruhe, ſeine geiſtige Anſtrengung, verſetzten ihn in einen ſieberhaften Zuſtand, in eine Exaltation, welche ihm tanſend bisher fremde Gedanken zuführte, die er aber bei naͤherer Erwägung ſämmtlich ver⸗ werflich fand. Als der Morgen hereinbrach und ſein rothdaͤmmerndes Licht das Erwachen eines jungen Tags verkündete, war es auch dem Ge⸗ ſellen plötzlich, als dringe ein neues Licht in ſeine Seele. & Ich hab's!» rief er triumphirend, indem er aufſprang und ſich raſch ankleidete:&So muß es ſich fügen, ſo wird jedem ſein Recht!⸗ In wilder Haſt eilte er durch die noch men⸗ 10* — 448= ſchenleeren Straßen nach der Wohnung des Pater Anſelmus. Der Laienbruder, welcher auf des jungen Mannes heftiges Klopfen die Thüre öff⸗ nete, erſchrak, als er Joſephen erblickte, deſſen glühendes Antlitz und funkelnde Augen eine ungewöhnliche Gemüthsbewegung an den Tag legten.. „Was wollt Ihr ſchon um dieſe Stunde?» fragte der erſtaunte Diener: Noch ſchlummert der hochwürdige Pater, und ich darf ihn nicht erwecken.» Führt mich nur zu ihm im Augenblicke!» erwiderte ſtuͤrmiſch dringend der Geſell:&Er würde mich gern hören und wär's auch um Mit⸗ ternacht und hätte er gerade einen lieblichen Traum, in dem ihm die hohen Heiligen und die ſeligen Englein freundlich erſchienen wären; denn ſeine Rede kann ein tief bekümmertes Herz von den Qualen ſchrecklicher Zweifel erlöſen, ſein Wort kann dem wildbewegten Gemüthe den Frie⸗ den geben, nach dem es in Angſt und Bangniß ringt! Führt mich nur hin! Pater Anſelm — 149— verſagt den Troſt der Religion ſeinem Beicht⸗ kinde zu keiner Stunde. Kopfſchüttelnd geleitete der Laienbruder den Geſellen, welcher in der That in dieſem Augen⸗ blicke eines geiſtlichen Zuſpruchs zu bedürfen ſchien, nach dem Schlafgemache des Paters. Die⸗ ſer, durch das Geräuſch im Hauſe in ſeinem leichten Morgenſchlummer geſtört, hatte bereits ſeine Ruheſtätte verlaſſen, und trat dem herein⸗ ſchreitenden Joſeph mit fragender Geberde entgegen. «Verzeiht, hochwürdiger Herr, daß ich in ungewohnter Stunde Euch mit meinem Anliegen zur Laſt falle;» ſagte der Geſell, indem er alle ſeine Beſinnung zu einer gefaßten und ruhigen Rede zu ſammeln ſuchte: aber es läßt mich nicht länger, und von Eurem Munde erwarte ich Entſcheidung über mein zeitliches und mein ewiges Heil. Niemand weiß beſſer, als Ihr, wie ich gebetet, gerungen und gebüßt habe, um den Gedanken an Marien und an das Glück, das mich in ihrem Beſitz erwartet, aus meiner — 150— Bruſt zu verbannen. Aber es giebt Dinge, de⸗ nen des Menſchen Wille nicht gewachſen iſt, und zu dieſen gehört, was Ihr im Namen des Him⸗ mels von mir erheiſcht. Ich kann Marien nicht entſagen, ich vermag nicht, das Glück von mir zu ſtoßen, das mir ungeſucht entgegenkommt. Anſelmus hatte den Geſellen mit immer finſtrer werdenden Blicken angehört. Jetzt konnte er nicht länger den Ausbruch ſeines Unwillens zurückhalten und fiel dem Beichtſohne mit dem Donnerrufe in die Rede: 3 „Verſtockter Suͤnder, Du! Frevler an dem Herrn und ſeinen Heiligen! Du wagſt es,y fuhr er dann gemäßigter fort:«der allgewaltigen Kir⸗ che, welche Schlüſſel hat zu binden und zu löſen die Zweifel und Unruhen der Seele, die Macht abzuſprechen, Dein elendes Geluͤſt nach ſinnlichen Genüſſen, nach Reichthum und Anſehn ſiegreich zu bekämpfen? Das kommt nicht aus Deinem Sinne. Das ſpricht durch Dich der hölliſche Wi⸗ derſacher, der ſich Deiner bemächtigt hat. Treib ihn aus den böſen Geiſt! Kaſteie den Leib, — 151— buͤße und leide, daß Du aus Deiner Verblen⸗ dung erwacheſt!» Und wieder griff die Hand des ſtrengen Prie⸗ ſters nach der knotigen Geißel, um dieſe dem jungen Manne zur wiederholten Selbſtpeinigung darzureichen. Joſeph aber hatte den Muth, den Pater zurückzuweiſen, und verſetzte: Laßt mich erſt ausſprechen und vernehmt, welchen Mittelweg ich erdacht habe, um den For⸗ derungen der heiligen Kirche in einem noch höhe⸗ ren Maaße, als Ihr ſelbſt wollt, zu genügen und zugleich auch den Gegenſtand meiner Wün⸗ ſche zu erlangen. Maria iſt eine Ketzerin, das iſt wahr. Aber muß ſie es denn ewig bleiben? hat der Mann, dem ſie ſich als gehorſame Haus⸗ frau hingiebt, nicht Mittel aller Art in Händen, ſie in den Schooß der alleinſeligmachenden Kirche zurückzuführen? Wird es nicht dem Himmel wohlgefällig ſeyn, wenn ich einſt unſere Kinder im rechten Glauben erziehe und ſie ihm zubringe als treue Pfleglinge der hohen Mutterkirche? Erwaͤgt das wohl, hochwürdiger Herr, und ſeyd .=— 152— gewiß, daß ich mich dann Eurem Ausſpruche, wie er auch lauten möge, willig unterwerfe.» Während Joſephs Rede hatte der Pater Anſelm den mit der Geißel bewaffneten Arm langſam ſinken laſſen. Jetzt ging er einigemal mit großen Schritten in dem Gemache auf und nieder, blieb dann vor dem Geſellen ſtehn und ſagte mit dem mildeſten Tone der Stimme, deſſen er fahig war: «Ich kann Dir nicht Unrecht geben, mein Sohn! Allerdings giebt es Fälle, in welchen der Zweck die Mittel heiligt, und der gegen⸗ wärtige Fall ſcheint mir von dieſer Art. Ja!» fuhr er mit begeiſtertem Feuer fort: ges iſt ein hochverdienſtliches und heiliges Werk, die verirrten Lämmlein wieder zu der rechten Heerde zurückzubringen, und Du magſt denn mit dieſem der heiligen Kirche wohlgefälligen Vorſatze in der Bruſt, die Wege gehn, zu welchen der Geiſt Dich treibt. Mancher Rechtgläubige wird Dir grollen, bei dieſem Schritte, wer aber Deine Abſicht kennt, der wird in ihm ein Opfer ſehn, das Du ſelbſt, ein treues Kind der Kirche, ihr bringſt, damit ſie verherrlicht werde an den Ver⸗ irrten, und mit ihrem Lichte erleuchte die Her⸗ zen der Getäuſchten. Aber auch Dir ſey die Ueberzeugung, daß in dieſer Sache der Zweck die Mittel heilige, die Richtſchnur Deiner Hand⸗ lungen! Haſt Du Dein junges Weib heimge⸗ führt, ſo zeige ihr die Qualen der ewigen Ver⸗ dammniß, welche ihrer harren in ihrem Irrwahne; male ihr die Seligkeit, die ewigen Himmelsfreu⸗ den derjenigen, die von dem Segen unſrer hei⸗ ligen Kirche begleitet, hinüberſchlummern! Suche ſie mit Milde, mit aller liebevollen Gewalt, die Du über ſie zu üͤben vermagſt, dem Irr⸗ thume abzuwenden, der Wahrheit geneigt zu ma⸗ chen! Bleibt ſanftes Zureden ohne Erfolg, ſo ſprich mit Ernſt und Strenge. Iſt auch dieſe Mahnung vergebens, ſo behandle ſie mit Härte; laß ſie Entbehrung und Züchtigung empfinden, ſchreite bis zum Zwange! Aber weiß ſie auch dieſem ſich durch Liſt oder mit dem Beiſtande andrer Verworfenen zu entziehen, dann bleibt — 154— Dir nur ein Mittel übrig, Dir ſelbſt das Heil der Seele zu bewahren: verſtoße das ungehor⸗ ſame und verſtockte Weib aus Deinem Herzen und Deinem Hauſe! Hierzu berechtige ich Dich im Namen der heiligen Kirche, und Dein Weib ſtellt ſich dieſem Verfahren bloß, indem ſie bei dem Wahnglauben verharret, der auch die Unauf⸗ löslichkeit des Ehebandes nicht anerkennt. Schwöre mir alſo zu handeln, ſo wahr Du ſelbſt die Freu⸗ den der Seligen zu erlangen hoffſt, und dann gehe hin, und thue, was Dir frommt und was Dir Freude und Glück auf Erden gewähren mag!» Da warf ſich Joſeph mit wonneſtrahlen⸗ den Blicken zur Erde, und leiſtete den entſetz⸗ lichen Eid: Marien, von der er wähnte, ge⸗ liebt zu ſeyn, zum Lohne der Liebe und des hingebenden Vertrauens mit Qual und Zwang zu verfolgen, und, wenn ſie durch keine Be⸗ drängung von ihren Grundſätzen loszureißen ſey⸗ die unglückliche Betrogene hinauszuſtoßen in eine Welt, die vielleicht dann keinen Freund und Beſchützer mehr für ſie hatte! —— Mit erleichtertem Herzen, voll freudiger Hoff⸗ nungen auf Glück und Luſt der Zukunft, erhob er ſich und drückte in dankbarer Aufwallung des Paters Hände ſturmiſch an ſeine Lippen. Ja! hochwürdiger Herr!» rief er mit Be⸗ ſtimmtheit aus:«es wird keine große Noth ha⸗ ben, ein ſo zartes Ding, wie Maria, zu dem zu bewegen, was ihrer Seele frommt. Laßt mich nur machen. Es ſoll Euch nimmer gereuen, meine Zweifel gelöſ't und mich von der ſchweren Verzichtleiſtung auf die Erfüllung meiner Wün⸗ ſche entbunden zu haben!« „Der Himmel ſegne Dein Vorhaben,» ver⸗ ſetzte Anſelmus, indem er den Geſellen ver⸗ abſchiedete,«und ſtaͤrke Dich in der Ausführung des Entſchluſſes, den Du zum Heile der Mut⸗ terkirche gefaßt!» Segnend breitete der Pater über Joſephs Haupt die Hände aus und entließ ihn. „⸗Wie greife ich nun die Sache am geſchei⸗ deſten an, und bei wem trete ich zuerſt heraus mit meinem Begehren?» überlegte Joſeph, wäh⸗ rend er ſich nach Hauſe begab: Cbringe ich zu⸗ erſt mein Wort bei Marien an und offen⸗ bare ihr, daß auch mein Herz für ſie empfindet, was das ihrige ſchon ſeit lange für mich fühlt und verhehlt? Nein, nein! das wäre über⸗ flüſſig⸗ das wäre ein Umweg zum Ziele! Ihrer bin ich verſichert, und es kommt nur drauf an, den Alten zu kirren, daß er ſein Jawort giebt. Friſch, Joſephl! drauf und dran! Dem Alten geht ſein Mädel über Alles, und wenn er hört, daß ſie dir gut iſt, und dich vor allen Andern mag, ſo thut er ihr den Willen ohne weitere Umſtände. Zeit iſt ſo nicht zu verlieren; der Willing könnte mir in den Weg kommen!⸗ Es war gerade Sonntag. Joſeph begeg⸗ nete vielen Leuten, welche ſich zur Frühmette begaben; er aber gedachte nicht der gottesdienſt⸗ lichen Handlung, zu der auch ihn ſeine Religion verpflichtete, und eilte mit haſtigen Schritten und verſtörtem Weſen an den Bekannten vor⸗ über, welche ihm erſchrocken auswichen und er⸗ 6 — 157— ſtaunt nachſahen. Sie konnten ſich das Nach⸗ läſſige ſeiner Kleidung, auf die er ſonſt mit mu⸗ ſterhafter Ordnung und faſt kleinlicher Pünktlich⸗ keit hielt, nicht erklären; ſie wußten die Aeuße⸗ rungen des fieberhaften und überſpannten Zu⸗ ſtandes, in dem er ſich noch immer befand, nicht zu deuten. Die Außenwelt konnte jetzt weder ſeine Theilnahme noch ſeine Anfmerkſamkeit er⸗ regen; ein Gedanke hatte ſich ganz ſeiner be⸗ mächtigt: der an den Beſitz Mariens, und der mit ihr zu erringenden Glücksgüter. Als Meiſter Kurt's Haus vor ſeinen Blik⸗ ken lag, bemerkte er in dem Fenſter ihres Ge⸗ machs Marien, die den ſchönen Morgen mit freudiger Regung begrüßte, und deren Augen dann hinab auf die Straße ſich ſenkten, wo ſie den heraneilenden Geſellen wahrnahmen. Im Taumel ſeines Wahns und im Vorgefühle der nahen Beglückung nickte Joſeph mit freund⸗ lichem und vertraulichem Lächeln hinauf. Da fuhr Maria betroffen zurück und ſchloß, von einer ſeltſamen Vermuthung ergriffen, das Fenſter. — 158— & Sie ſcheut die Nachbarn!» ſagte der Ge⸗ ſell bei ſich: sſie weiß noch nicht, wie ich's meine, und wird ſich ſchon anders gebehrden, ehe wir zu Mittag uns am Haustiſche verſammeln. Dann wird das Wohl von Braut und Bräutigam aus⸗ gebracht und der Laffe, der da meint Wunder wie hoch er über einem ehrbaren Geſellen ſtehe, hat mit langer Naſe das Nachſehn!» Joſeph eilte ſogleich auf ſeine Kammer. Hier ſuchte er ſeinen beſten Staat zuſammen, in den er ſich ſo ſorgfältig als möglich kleidete. In ſeiner großen Gemüthsbewegung aber konnte er nicht ſo leicht damit zu Stande kommen, wie wohl ſonſt, und als er nun endlich zu ſeiner Zu⸗ friedenheit ſich angeputzt hatte, da läutete be⸗ reits das Glöcklein, welches alle Hausbewohner zum gemeinſamen Frühſtücke berief. Unmuthig darüber, daß er nun ſeine Erklärung aufſchieben müſſe, ging der Geſell hinab. Mariens Anblick aber und der Gedanke, nach ſo langer Seelen⸗ pein und Liebesqual doch nun bald am Ziel ſeiner Hoffnungen zu ſtehn, gaben ihm ſeine Hei⸗ — 459— terkeit zurück und verſetzten ihn aufs Neue in die leidenſchaftlichſte Wallung. Seine Blicke euh⸗ ten oft ſo kühn und begehrlich auf der Jung⸗ frau, daß dieſe, von einem innern Grauen er⸗ griffen, nur mit Aengſtlichkeit ausharren konnte, und, ſobald es ſich thun ließ, aus dem Zimmer eilte. Joſephs Ausſehn konnte in der That auch am heutigen Morgen ein furchtſames Mäd⸗ chen, das kaum den erſten Schritt in das jung⸗ fräuliche Alter gethan hatte, in Schrecken ſetzen. Seine Augen ſchweiften wild und unſtät umher, und fanden nur auf der geängſtigten Marie einen Ruhepunkt; auf den tiefgefurchten Wangen brannte eine dunkle Röthe, und die Adern der Stirn traten hoch angeſchwollen hervor. Dabei waren alle ſeine Bewegungen heftig, ſeine Glie⸗ der bebten, und die Unruhe des Gemüths theilte ſich dem Körper mit. Er harrte, bis ſich die Uebrigen, außer Mei⸗ ſter Kurt, der gewöhnlich des Sonntags nach dem Frühſtucke ſich im Wohnzimmer durch Erbau⸗ ung in einem geiſtlichen Buche zum Kirchgange — 460— vorbereite, entfernt hatten. Nun ſchritt er auf den Meiſter zu, deſſen ernſter Blick ihn nicht zu entmuthigen vermochte, und ſagte: „Ich glaube, Meiſter, Ihr könnt Euch nicht über meine bisherigen Dienſte beſchweren, und habt mich wohl als einen tüchtigen Geſellen in unſerm Gewerke erkannt. Da, meine ich nun, möchte es uns beiden zum Nutzen gereichen, wenn wir uns für die Zukunft durch ein recht feſtes Band mit einander verbänden, und in dieſer Abſicht wollte ich wohl eine Bitte an Euch wa⸗ gen, ſo Ihr es geſtattet.* Verwundert über dieſe Anrede des Geſellen, deſſen baldige Entlaſſung der Meiſter im Sinne trug, erwiderte dieſer: Bring' Dein Gewerbe vor, aber mache es kurz; denn die Stunde des Gottesdienſtes, den ich nie verſäume, iſt nahe.) «Grad' heraus und ohne Umſchweife, Mei⸗ ſterly ſprach nun Joſeph, und griff mit der bebenden und glühenden Rechten nach Kurt's — 9461— Hand, welche dieſer aber ernſt zurückzog: Gebt mir Marien zum Weibe! Ich liebe ſie über Alles, und Ihr ſollt gewiß einen treuen Sohn an mir haben, der Eure Kundſchaft nun und immerdar im beſten Zuſtande erhält.» Meiſter Kurt traute kaum ſeinen Ohren, als er Joſephs Begehren vernahm. Im er⸗ ſten Augenblicke ſah er ihn voll ſtarren Erſtau⸗ nens an; bald aber hatte er ſich gefaßt und ver⸗ ſetzte mit ruhiger Kälte: „Wie, Joſephl Du, der hartgläubige und ſtrenge Katholik, willſt eine Proteſtantin heira⸗ then? Das kann ich mir nicht zuſammenreimen, und ich würde es nicht glauben, wenn Du ſelbſt es nicht ſagteſt!» Was kümmert mich die Glaubensverſchieden⸗ heit?» entgegnete mit angenommener Gleichgül⸗ tigkeit der Heuchler: Marie mag ungeſtört der Ausübung ihrer Religion nachgehen, ſo wie ich den Pflichten der meinigen; wenn nur ſonſt die Herzen einig ſind, ſo macht ſich Alles wohl.» Ganz recht!y ſagte Kurt, und warf einen 11 — 162— forſchenden Blick auf den Geſellen:«Eine ſolche Herzenseinigkeit iſt die Hauptſache, und nur, wo ſie ſich findet, kann es eine glückliche Ehe geben. Aber biſt Du denn auch feſt verſichert, daß Marie in dieſe Herzenseinigkeit einſtimmt? Biſt Du von ihrer Liebe überzeugt, auf die denn doch Alles ankommt, und die nur allein meinen Willen in dieſer Angelegenheit beſtimmen kann 7» &Gewiß, Meiſter h antwortete Joſeph mit dem feſten Tone einer vollkommenen Ueberzeu⸗ gung: swenn Ihr meint, ich würde um ein Mäd⸗ chen anhalten, von der ich fürchten müßte, eine abſchlägiche Antwort zu empfangen, ſo kennt Ihr den Joſeph ſchlecht. Das wäre ein Schimpf⸗ den ich nicht ertrüge und der mir das Herz ab⸗ ſtoßen würde! Liegt's alſo nur daran, ſo könnt Ihr getroſt Ja ſagen, und mir als Eurem künfti⸗ gen Eidam die Hand reichen.» 1 Noch immer ungläubig ſchüttelte der Meiſter das graue Haupt und ſprach: Joſeph, Dein Lebenswandel iſt nicht von der Art geweſen, daß Du Dir meine Achtung — 163— und die Liebe eines Mädchens, wie Marie, hätteſt erwerben können; deshalb kann ich noch immer nicht an die Wahrheit Deiner Behaup⸗ tung glauben, und ich muß Marien ſelbſt dar⸗ über befragen. Das ſoll ſogleich geſchehen, und in Deiner Gegenwart, damit Du nicht denkſt, ich hätte auf Mariens Entſcheidung, ſie ſey auch, welche ſie wolle, irgend einen Einfluß ge⸗ habt. Liebt ſie Dich wirklich, ſo will ich euern Wünſchen nicht entgegen ſeyn, und ich hoffe dann, daß auch Dich die Verbindung mit einem braven Weibe von Deinen Fehlern beſſern wird!⸗ Mit einem Seufzer ging Meiſter Kurt zur Thüre, und rief die in einem benachbarten Zim⸗ mer beſchäftigte Tochter herbei. Joſephs Zu⸗ ſtand war der eines Entzückten; er wähnte am Ziele der ſo lange genährten Wünſche zu ſtehn; noch wenige Augenblicke, und das Mädchen, wel⸗ ches ſeine Leidenſchaft in einem ſo hohen Grade gereizt hatte, daß er ſie durch keine Buße und kein Gebet bekämpfen können, ſollte die Seinige werden mit allen Anſprüchen auf Reichthum und 11* — 164— irdiſches Wohlergehn. Von ihr hatte er keine Zurückweiſung zu befürchten! Sie ſah ja in ſei⸗ nen Wünſchen auch die ihrigen erfüllt, die ſie heim⸗ lich bewahrte und nur ihm durch manchen bedeu⸗ tungsvollen Blick verrathen hatte! Mit welcher Freude wird ſie in meine Arme eilen, wie wird ſie, wenn jetzt der Vater ihr die Sache offenbart, das erſehnte, nun endlich eingetroffene, Glück kaum für wahr halten, wie von meinen Lippen die Beſtätigung des Gehörten verlangen! So dachte Joſeph bei ſich. Wonnetrunken ſah er dem naͤchſten Augenblicke entgegen; ſein Gemüth befand ſich in einer U berſpannung d die keiner höhern Reizung fähig war. Da trat, im Glanze der Unſchuld und See⸗ lenreinheit, Marie herein. Befremdet über die Anweſenheit Joſephs, den ſie nicht er⸗ wartet hatte, ſchlug ſie voller Verlegenheit die Augen zu Bodenz gleich darauf aber erhob ſte dieſe wieder, und blickte fragend ihren Vater an. Meiſter Kurt mißdeutete der Tochter Betroffen⸗ heit, indem er ſie zu Joſephs Gunſten aus⸗ — 165— legte. Mit einem wiederholten Seufzer ergriff er Mariens Hand und fragte das Mädchen: &Sprich, Marie, offen und unverholen: biſt Du dieſem Manne in Liebe geneigt, und möchteſt Du wohl als eheliche Genoſſin ihm an⸗ gehören, ſo er Dein begehrte 2„ Alle Röthe wich von Mariens Wangen. Bleich wie eine Leiche ſtarrte ſie den Vater an, dann fiel ihr Auge auf Joſeph, der, mit dem lebendigſten Ausdrucke glühender und wilder Lei⸗ denſchaftlichkeit bezeichnet, der ſchüchternen Jung⸗ frau wie ihr böſer Engel erſchien. Heftig zu⸗ rückſchaudernd warf ſie ſich an die Bruſt des Vaters, und rief mit bebender Stimme: Nimmermehr, mein Vater, nimmermehr! O ſtoßt mich nicht von Euch, behaltet mich fer⸗ ner in Eurer Nähe, in der ich immer ſo glück⸗ lich geweſen, und ſeht mich fort und fort als Euer liebes Kind an! Iſt es aber bei Euch be⸗ ſchloſſen, und Ihr wollt mich durchaus entfernen aus Eurem Hauſe und von Eurem Herzen; ſo gebt mich lieber zu ganz fremden, unbekannten — 166— Menſchen, als dieſem Manne hin, den ich fürchte, und vor dem ich mich entſetze!» Ein Strom von Thränen erſtickte ihre Stim⸗ me. Meiſter Kurt aber, deſſen Bruſt wieder freier athmete, ſchloß die Tochter gerührt in ſeine Arme, und ſagte mit väterlicher Milde: Beruhige Dich, mein gutes Kind! Am Va⸗ terherzen bleibt Dir immerdar eine ſichere Hei⸗ math, und in einer Angelegenheit, wie dieſe, entſcheidet kein andrer Wille, als der Deinige. Ich wußte wohl, daß Du Dich ſo nicht verirren konnteſt! Du aber— wandte er ſich nun mit finſtern Blicken an Ooſeph— haſt jetzt von Mariens eigenem Munde die Antwort auf Deine Werbung vernommen. Auch paſſen wir fernerhin nicht für einander, und ich rathe Dir, noch in dieſer Stunde Dein Bündel zu ſchnüren und mein Haus zu verlaſſen. Mit einem Lüg⸗ ner, der ſich nicht ſcheut, mir Unwahrheiten über mein eigenes Kind zu berichten, mag ich nicht länger unter einem Dache weilen.» Kurt hatte die letzten Worte in dem ver⸗ — 167— ächtlichſten Tone geſagt. Dann führte er die ge⸗ tröſtete Marie aus dem Zimmer, und trat mit ihr den ſonntäglichen Gang nach dem Gottes⸗ hauſe an, auf welchem ſich Augu ſt Willing zu ihnen geſellte. Dieſer bemerkte wohl, daß Marien etwas Seltſames begegnet ſeyn müſſe. In ſeiner Nähe aber verſchwand bald die letzte Spur des Trübſinns und der innern Unruhe von ihrem Antlitze, und ſie ward wieder das freie, kind⸗ liche Weſen wie immer. Als die drei Kirchengän⸗ ger auf der gewöhnlichen Fähre über den Strom ſetzten, deutete der Architect nach ſeinem bereits weit vorgerückten Werke und ſagte: „Bald wird Alles vollendet ſeyn, Marie, und wenn Sie dann mit gottesfürchtigem Sinn hin⸗— überſchreiten über den Brückenbau, den ich gegrün⸗ det, dann muß ich fern ſeyn von Ihnen, mit ſo man⸗ cher ſchönen und theuern Erinnerung im Herzen, die mich hoch entzückt und auch wohl tief betrübt.» Er hatte dieſe Worte ſo weich und ergrei⸗ fend geſagt, daß ſie in Mariens Seele dran⸗ gen und hier, wo ſchon längſt alle Empfindun⸗ — 168— gen zu ſeinen Gunſten ſprachen, vollkommen ver⸗ ſtanden wurden. Langſam erhob die Jungfrau ihren Blick zu dem heimlich Geliebten, der ſie mit Zärtlichkeit und Rührung betrachtete. Da war es ihr, als erkenne ſie, wie früher in Jo⸗ ſeph einen tückiſchen Daͤmon, in dem Architec⸗ ten jetzt den ſegenbringenden und guten Eugel ihres Lebens und ſie fühlte, daß, wenn ihr Vater gefragt hätte: ob ſie dieſem als Haus⸗ frau gern und willig folgen wolle? ſie wohl nicht mit Abſcheu und Entſetzen ſich abgewendet haben würde.— 35 Zuſtand, in welchem ſich J Steyi h be⸗ d, nachdem Meiſter Kurt und ſeine Toch⸗ ter ihn verlaſſen hatten, iſt ſchwer zu beſchrei⸗ ben. Nur Mariens Worte: Nimmermehr, mein Vater, nimmermehr! Ich fürchte dieſen Mann, ich entſetze mich vor ihm!» hatte er vernommen, und ſie waren mit Eiſeskälte in ſein Inneres gedrungen, wo ſie ſein Herzblut erſtar⸗ ren und das Mark ſeiner Gebeine gefrieren mach⸗ ten. Was Meiſter Kurt ſpäter geſprochen, war — 169— dumpf und unverſtändlich an ihm vorübergerauſcht. Brauchte er auch noch mehr zu wiſſen? Er hatte ja das Entſetzliche, das Unglaubliche gehört, das nun ſchwer und betäubend auf ihm laſtete; das mit einemmale, mit einem furchtbaren Schlage das glänzende Truggebilde des nahen Glückes zertrümmerte. Wie war ſein kühnes Selbſtver⸗ trauen in den Staub getreten, wie ſchmählich war er plötzlich auf ewig von dem Ziele zurück⸗ geſtoßen worden, nach dem er in der Qual ent⸗ ſetzlicher Zweifel gerungen, für das er ſein Blut fließen laſſen und peinigende Schmerzen ertra⸗ gen hatte! Und von ihrem Munde, in dem Augenblicke, wo er die Verkündigung ſeines Glückes erwartete, wo er nichts dachte, als Lie⸗ besfreude und Hochzeitsluſt, war ſein Verdam⸗ mungsurtheil ausgeſprochen worden! Von ihrem Munde war er vor Meiſter Kurt, deſſen ſchwan⸗ kenden Willen er ſchon durch die feſte Behaup⸗ tung von Mariens Gegenliebe beſiegt zu ha⸗ ben glaubte, als ein erbärmlicher Lügner hinge⸗ ſtellt worden! — 170— Ein Bild des Entſetzens und der geiſtigen Vernichtung, ſtarrte er lange, nachdem Marie und ihr Vater ſich entfernt hatten, noch immer auf die Stelle hin, wo die Jungfrau, in der er ſich ſo grauſam getäuſcht, jene ſchrecklichen Worte geſagt hatte. Weder Zorn noch Schmerz, weder Grimm noch Wuth ſprachen aus den Zü⸗ gen ſeines Antlitzes; dieſes trug nur einen Aus⸗ druck, den der plötzlichen Erſtarrung aller innern Gefühle, eines völligen Stillſtandes der Gedan⸗ ken. Auf ſeiner Stirn zeigte ſich nur die eine dräuende Falte, welche auch im Zuſtande der ruhigſten Beſonnenheit, immer dort weilte; matt und glanzlos traten die dunklen Augen weit aus ihren Höhlungen hervor; das eben noch ſo glü⸗ hende Antlitz war von Todtenbläſſe bedeckt, und der halbgeöffnete Mund ſchien ſprechen zu wollen, aber die Kraft dazu verloren zu haben. Die Häͤnde hielt er erhoben und vor ſich hinge⸗ ſtreckt, als ſuche er irgend etwas Furchtbares, Grauen Erregendes von ſich abzuwehren. End⸗ lich löste eine eintretende allgemeine Ermattung — — 171— dieſen Zauber, in den ihn Mariens Ausſpruch gebannt. Indem er kraftlos auf einen Sitz nie⸗ derſank, gewann er ſeine Beſinnung wieder, und nun kamen auch alle Furien der getäuſchten Hoff⸗ nung, der gekränkten Eigenliebe und des Bewußt⸗ ſeyns der ſchmählichſten Erniedrigung über ihn. Gehöhnt! Betrogen! Genarrt!) Das wa⸗ ren die erſten Worte, die er mit bebenden Lippen, leiſe und klanglos vor ſich hin ſprach:«Darum alſo,y fuhr er mit ſteigender Stimme und mit immer wilder werdenden Blicken fort: adarum alſo habe ich Tag und Nacht gebrütet und ge⸗ forſcht, wie ich das Mädchen, das mich ſo liſtig angelockt, mir gewönne; darum habe ich mit ſchmerzhafter Geiſelung die von ihr ſelbſt erweckte Begierde zu bekämpfen geſtrebt, darum im glü⸗ henden Gebete dem Himmel ſelbſt die Einwilli⸗ gung zu einer Sünde abringen wollen, an die ich ohne ihre aufmunternde Blicke nicht gedacht haben würde! Darum— daß ich jetzt daſtehe als ein Verhöhnter, als ein kindiſcher Narr, als ein Lügner und Betrüger! Und ich vermeinte — 172— ſie ſo feſt zu halten, an einem unzerreißbare Bande! Im Wohlleben des Reichthums, dA einen geehrten Mann und Meiſter ſah ich mich ſchon im Geiſte. Wie ein Kind ſollte ſie mei⸗ nem Willen folgen, und durch ſie der ſchwache Vater gelenkt werden; ihre Seele wollte ich ret⸗ ten von der ewigen Verdammniß mit Güte oder Gewalt, mit Liſt oder Zwang! Das Alles iſt nun nichts, und ich bin am Gängelbande geführt worden, und die künftige Herrlichkeit von Reich⸗ thum und Luſt iſt verſtoben wie ein Traum! Pater Anſelm! Pater Anſelm! Warum folgte ich nicht deiner erſten Warnung? Aber—» lachte er tückiſch in ſich ſelbſt hinein— aſo ganz ungeſtraft ſoll mir das nicht geſchehn ſeyn, und wenn ich auch die Ausſicht auf Mariens Be⸗ ſitz, auf Geld und Gut und Weltfreuden ver⸗ loren habe, ſo bleibt mir doch noch eine ſüße Luſt— in der Rachel»y Ganz von dieſem Gedanken erfüllt ſchleppte er ſich mühſam auf ſein Gemach. Nur mit der größten Anſtrengung vermochte er ſich aufrecht — 173— zu halten; ſeine Glieder bebten im Fieberfroſte. Daß Meiſter Kurt ihm ſeine Entlaſſung gege⸗ ben habe, konnte er ſich nicht erinnern; aber hell und deutlich ſtand es vor ſeiner Seele, daß er ſich aus dem Hauſe, wo er ſo entſetzlichen Schimpf erlitten, im Augenblicke entfernen müſſe. Sein weniges Eigenthum war bald zuſammenge⸗ packt. Er hüllte ſich in den ſchlechteſten Rock, den er beſaß, und ſchlich dann langſam hinab, aus dem Hauſe und durch abgelegene Gäßchen zur Herberge, wo er zu dem letzten Mittel aller Verworfenen, zu berauſchenden Getränken ſeine Zuflucht nahm. V Die Wirthin, welche ihn bediente, konnte ſich eines unheimlichen Gefühls bei ſeinem An⸗ blicke nicht erwehren. Seine Augen fuhren wild und unſtätt umher, die geballte Fauſt hielt er feſt und krampfhaft an die Stirn gedrückt. Nach⸗ dem er eine Weile in der Schenkſtube geſeſſen hatte, in der ſich außer ihm noch keine anderen Gäſte befanden, ſchien ein regeres Leben in ihm zu erwachen. Er veränderte ſeine Geberde und 6 ——= — 174— geſtikulirte ſeltſam vor ſich hin, wie ein Plan⸗ machender, der über ſeine Entwürfe nicht mit ſich ſelbſt einig werden kann; dann lehnte er ſich zurück und heftete, wäͤhrend er reichlich des ſtar⸗ ken Getränks genoß, ſeine funkelnden Augen an die Decke des Zimmers. So ſaß er noch, als ſich das Gemach be⸗ reits nach und nach mit Gäſten angefüllt hatte, die jedoch ſämmtlich keine Kunde von dem träu⸗ meriſchen Geſellen nahmen. Endlich trat einer ſeiner Bekaunten, der ihn gewahrte, aber nichts von ſeiner gegenwärtigen Gemüthsbewegung ahnte, auf ihn zu und ſagte: Nun, Joſephl in euerm Hauſe giebt's wohl bald Hochzeit? und Du machſt dann auch einen luſtigen Tanz mit der ſchönen Meiſterstochter? Dieſes Donnerwort drang wie gräßlicher, ſchneidender Hohn in Joſephs Seele, und riß ihn aus ſeinem Hinſtarren empor. Er raffte ſeine letzte Kraft zuſammen, und, indem er auf den Sprechenden losſtürzte und dieſen bei der Gurgel faßte, rief er mit heiſerer Stimme: - N — 475— «Bube! Was ſpotteſt Du mein? Das ſoll Dir übel bekommen! Ich erwürge Dich auf der Stelle für dieſen ſchmählichen Hohn.» Erſtaunt und lachend warf der Angegriffene den Kraftloſen auf ſeinen Sitz zurück und ent⸗ gegnete: Wer ſpricht von Dir, Du Narr? Den blond⸗ haarigen Baumeiſter aus der Reſidenz mein' ich. Der iſt mit der ſchönen Marie ſo freundlich und einträchtig heute zur Kirche gegangen, daß Jedermann in den Beiden ein Brautpaar erkannt hat. Auf deſſen Hochzeit ſollſt Du tanzen und guter Dinge ſeyn! Wenn Du aber nicht magſt, kannſt Du es meinetwegen auch bleiben laſſen.» Ein furchtbares Licht dämmerte vor Joſeph auf. Es war das letzte, das ihm auf lange hin leuchten ſollte. Er iſt es, den ſie liebt, er iſt es, der Dich aus ihrem Herzen verdrängt hat!“ Dieſer Gedanke wurde noch klar in ſei⸗ nem Innern. Dann miſchten ſich plöoͤtzlich alle Ideen wild durcheinander, verwirrende Bilder umgaukelten ihn, Feuerflammen ſchlugen vor ſei⸗ — 476— nen Augen empor! Er hätte aufſchreien mögen, um ſeiner gedrückten Bruſt Luft zu machen, allein ſeine Stimme verſagte ihm den Dienſt. Da war es ihm, als griffe plötzlich eine glühende Fauſt in ſein Gehirn; ein gräßlicher Schmerz zuckte durch ſeinen ganzen Körper, und indem es vor ſeinen Blicken ſchwarze Nacht ward, ſtürzte er mit ſchwerem Falle wortlos zur Erde. Schon früher hatte der Streit mit ſeinem Bekannten die Aufmerkſamkeit der Trinkgäſte auf Joſeph gerichtet. Jetzt verſammelten ſich Alle um ihn. Man hob ihn vom Boden auf und ſuchte ihn wieder zu ſich ſelbſt zu bringen; allein jede Mühe blieb vergebens, und ein Wundarzt, der ſich unter den Gäſten befand, erklärte: hier ſey ein arges Nervenſieber im Anzuge, und der Ohnmächtige müſſe auf das Schleunigſte nach Hauſe oder in das Spital gebracht werden. Man fand das Bündel mit ſeinen Kleidungsſtücken bei ihm. Hieraus zog man den richtigen Schluß, daß er ſeinen Meiſter verlaſſen habe, und in dieſem Augenblicke herrenlos ſey. Er wurde alſo — — — 177— in das öffentliche Krankenhaus getragen, wo noch am nämlichen Tage die von dem Wundarzte an⸗ gedeutete Krankheit unter den furchtbarſten Symp⸗ tomen ausbrach. Marie ahnte nichts von dem ſchrecklichen Eindrucke, den ihre Zurückweiſung auf Joſeph gemacht hatte. Sie war froh, den finſtern Ge⸗ ſellen, der ſie mit ſeinen begehrlichen Blicken ſo ſehr beängſtigt, und dann mit ſeinem Antrage ſo ſehr erſchreckt hatte, nicht mehr in ihrer Nähe zu wiſſen. Sie dachte gar nicht daran, daß es ihm darum übler gehn könne. Hatte er hier ſeinen Platz verloren, ſo ſtand ihm wohl im nächſten Städtchen ein andrer offen. Dabei ſchlug ihr Herz jetzt freudiger in der ſchön aufgegan⸗ genen Ahnung eines ſüßen Glückes, der ihrer ſtill gehegten Neigung entgegenkommenden Liebe Auguſt Willings. Ihrem Vater blieb nicht unbekannt, was ſich mit Joſeph begeben, und wie er todtkrank und ohne Geld im Spitale darniederliege. Wohl hielt Meiſter Kurt für gerathen, der Tochter 12 — 178— hiervon nichts zu entdecken. Im Geheim aber übernahm er alle Koſten der Heilung und Ver⸗ pflegung des Kranken, und empfahl noch über⸗ dem dem Spitalmeiſter, daß weder an koſtbaren Arzneimitteln noch ſonſtigen Bedürfniſſen auch nur das Mindeſte geſpart würde. Er ſelbſt mochte 4 den Geſellen nicht beſuchen. Er fürchtete eben 4 ſo ſehr, auf dieſen durch ſeine Gegenwart nach⸗ theilig zu wirken, wie auch ſelbſt mit unange⸗ nehmen Empfindungen heimzukehren. Mochte nun der Architect an jenem Sonntag⸗ morgen in Mariens Herz geſchaut, und ſich das Sprüchlein: ich liebe dich!» herausgeleſen haben, oder war auf andere Weiſe eine freudige Sonne der Hoffnung auf Gegenliebe des theu⸗ ren Mädchens an ſeinem innern Himmel empor⸗ geſtiegen, genug, ſeine bisherige Zurückhaltung verminderte ſich um Vieles, und er hielt nun jeden Augenblick für verloren, den er nicht in Mariens Nähe zubrachte. Freilich nahm er hiervon die Stunden aus, die er der Erfüllung ſeiner Pflicht widmete. Wie hätte es ihn, den wackern Mann, den die Liebe zu ſeiner Kunſt mit Begeiſterung erfüllte, und der in ihr einen ſegensreichen Engel ehrte, nicht freudig erheben ſollen, wenn er ſah: wie ſein kühngedachtes und wohlangelegtes Werk ſich mit jedem Tage herr⸗ licher geſtaltete, und immer näher der Vollen⸗ dung kam, in der es dann der Menſchheit nüt⸗ zen und dienen konnte, in der es ein Denkmal ſeiner eigenen Tüchtigkeit daſtehn würde. Schon erhoben ſich an beiden Ufern die hochanſtreben⸗ den, im Style alterthümlicher Triumphbögen auf⸗ gebaueten Mauerpfeiler, von denen, wie lang ausreichende Arme, die ſtarkgeſchmiedeten Ketten hinabgriffen; ſchon waren viele mächtige Eichen⸗ ſtämme zu Balken zugehauen, über den Strom hin in ein enges Gefüge gebracht, das die rie⸗ ſigen Kettenarme gewaltig hielten, und es fehlte nur noch an Wenigem, ſo war der brauſende Strom beſiegt, und jedermänniglich konnte auf fe⸗ ſtem Grunde dahin ſchreiten über ihn, der bis jetzt immer mit Gefahren gedräuet und ſo manches Opfer niedergezogen hatte in ſein feuchtes Todtenbett. 12* — 180— Mit der freudigſten Theilnahme fah Meiſter Kurt das ſchöne Gelingen der kunſtreichen Unter⸗ nehmung. Er ſelbſt hatte ſo wacker dabei mit⸗ gewirkt, daß Willing ihm wahren und inni⸗ gen Dank dafür wußte, und dieſem Gefühle gar oft Worte lieh. Schweigt davon! entgegnete dann der ernſte Meiſter:«was wir gethan haben, wird andern frommen, und darin liegt für uns der beſte Seegen. Das Bedürfniß iſt das große Band, welches die Menſchheit zuſammenhält, und einer wie der andre muß dazu thun, daß dieſes Band nicht locker werde oder gar zerreiße!» Joſephs Bewerbung um die Tochter und deſſen Vorgeben, Marie liebe ihn, war dem Alten ein Stich in's Herz geweſen. Als er aber jetzt des Architecten und Mariens gegenſei⸗ tige Neigung, welche, ohne daß ſchon ein Ge⸗ ſtändniß erfolgt wäre, mit jedem Tage bemerk⸗ licher wurde, wahrnahm: da ſah er ſeinen ſeit lange im ſtillen Herzenskämmerlein genährten und gehegten Lieblingswunſch verwirklicht und „ — — 181— gedachte nun, daß er ruhig ſcheiden könne von der Welt, wenn ſein letztes Stündlein kaͤme, indem er ſeine Tochter wohl aufgehoben wiſſe unter der Obhut und Liebe des tüchtigen und redlichen jungen Mannes. Noch immer konnte es Willing nicht über ſich gewinnen, Marien die Gefühle ſeines Herzens zu offenbaren. Zum Theil hielt ihn eine gewiſſe Schüchternheit, über welche er in ihrer Gegenwart nicht ganz Herr zu werden vermochte, davon ab; zum Theil aber auch die zarte Berückſichtigung, daß ſeine amtliche Stellung noch nicht ſo geſichert war, daß er ſei⸗ ner Hausfrau ein, ſeinen eigenen Forderungen entſprechendes glückliches Loos bieten konnte. Die⸗ ſer Gedanke machte ihn oft trübe, ſo daß dann ſelbſt Mariens erheiternde Nähe ihren Ein⸗ fluß auf ihn verlor. Das liebende Mädchen grü⸗ belte vergebens nach den Urſachen, welche die⸗ ſen Kummer veranlaſſen konnten; aber ihr Herz empfand die Leiden des geliebten Freundes mit, ohne ſie zu kennen. Als nun aber das kunſt⸗ — 182— volle Werk vollendet war, das den Architecten in das Städtchen geführt hatte, als der Tag immer näher kam, an welchem eine Deputation aus der Reſidenz eintreffen ſollte, um den ſtatt⸗ lichen Brückenbau zu beſichtigen, und die Ver⸗ indung zwiſchen den beiden Stromesufern zu eröffnen; da wurden Willings Blicke immer trüber, ſeine Wangen erbleichten mehr und mehr und ſeiner gepreßten Bruſt entſtiegen, wenn er ſchweigend neben der mitfühlenden Marie ſaß⸗ oft ſchwere Seufzer. War es doch nur zu ge⸗ wiß zu erwarten, daß dieſe Deputation ihn von dem Liebſten, was er auf Erden hatte, trennen und mit in die Reſidenz zurücknehmen werde, um ihn auf's Neue zu anderweitigen, wer konnte wiſſen, in welchem entlegenen Landtheile vorzu⸗ nehmenden Arbeiten zu verwenden! Am Vorabende des verhängnißvollen Tages, dem Auguſts Sorgen und Befürchtungen gal⸗ ten, war er von Marien zu einem Spazier⸗ gange am Fluſſesufer hinab veranlaßt worden. Die beiden ſtill Liebenden wandelten ſchweigend — — 183— nebeneinander. Ein ruhiger, feierlicher Abend war dem heißen Sommertage gefolgt, und die ganze Natur ſtrahlte von der friedlichen Herr⸗ lichkeit der niedergehenden Abendſonne wieder, die mit ihren zarten Strahlen Berg und Wald ſanft vergoldete, und die kräuſelnden Wellen des Fluſſes im milden Silberlicht erglänzen ließ. Marie hatte ihren Freund zu einem höchſt rei⸗ zenden Punkte, den er noch nicht kannte, ge⸗ führt. Sie ſtanden auf einem weit in den Fluß greifenden Felſenvorſprung, wo ſie hinauf⸗ und hinabwärts jede liebliche Stelle des anmuthigen Thalgrundes im Auge hatten, wo ringsherum die aufſteigenden Gebirge mit ihren Waldungen ein grünes Amphitheater bildeten, und über den Häuptern der Schauenden die Trümmer der al⸗ ten Burg von einer überhangenden Klippe ernſt hernieder blickten. Als Maria den in träumeriſches Nachden⸗ ken verlorenen Willing auf den herrlichen An⸗ blick aufmerkſam machte, der ſich ihnen nach allen Seiten hin zeigte, erhob er wohl die trüben Au⸗ — 184— gen, um den Andeutungen der Geliebten zu fol⸗ gen, aber ſein Herz wurde nicht von der fro⸗ hen Begeiſterung ergriffen, die ihm ſonſt, wo die Natur ſo hehr und anmuthig erſchien, wie hier, nicht fremd geblieben war. Tiefe Schwer⸗ muth lag in ſeinen Blicken, und auf ſeinem An⸗ geſichte offenbarte ſich ein Zug des Schmerzes, der Marien in die Seele ſchnitt. Ohne daß er es wahrnahm, ſah ſie ihn lange ſinnend und forſchend an, als wolle und müſſe ſie den Grund ſeines Kummers aus deſſen Aeußerungen enträth⸗ ſeln. Plötzlich füllten ſich unwillkührlich ihre Augen mit Thränen; ſie ergriff mit bebender Hand des Architecten ſchlaff ſerubhundende Rechte und ſagte: ⸗Warum trauern Sie, Willing? Ein ſchwerer Gram laſtet auf Ihrem Herzen, und Sie verſchweigen ihn mir. Wozu dieſe Ver⸗ ſchloſſenheit? Ach! Soll ich denn neben dem Schmerze, Sie leiden zu ſehn, auch noch die bittere Empfindung tragen müſſen, daß Sie ſich mit Mißtrauen von mir abwenden 2„ — 185— Sie ſprach dieſe Worte mit tief gerührter Stimme, aber zugleich mit aller Unbefangenheit der argloſen Unſchuld. «Welcher ſchreckliche Verdacht!» entgegnete Willing. Eine hohe Röthe ſchoß auf ſeine Wangen empor, und ſeine Hand drückte zärtlich die des Mädchens, welche ihm nicht entzogen wurde.&9O Mariel) fuhr er inniger fort: Sie wiſſen nicht, wie Sie mit dieſer Frage meine Pein vermehren, aber ich muß jetzt offen reden zu Ihnen und muß von Ihrem Munde das Loos meiner Zukunft vernehmen, denn die Stunde der Entſcheidung iſt gekommen, und laß' ich ſie ungenutzt vorüber ſtreichen, ſo dürfte ich mir dereinſt ſchreckliche Vorwürfe darüber ma⸗ chen! Ahnen Sie denn gar nicht, was mich quält? Denken Sie denn nicht der Bedeutung des morgenden Tages, der uns trennt— viel⸗ leicht auf immer?» Da blickte die weinende Jungfrau erſchrocken auf. Sie erbleichte und wollte langſam ihre Hand aus der des Architecten zurückziehn. Die⸗ — 186— ſer aber hielt ſie feſt und ſprach in dem Tone der innigſten Liebe: ˙O, laſſen Sie mir dieſe Hand! Dürfte ich ſie doch für mein ganzes Leben halten, auf daß ſie es beglücke und verſchönere! Ich wollte ſchweigend ſcheiden, ich wollte den Schmerz in meine Bruſt begraben, und ihn ſtill mit mir hinwegnehmen in die öde Ferne, wo er dann ¹ der einzige trübe Gefährte meiner Zukunft ge⸗ blieben wäre, aber die Macht dieſes Augenblicks, die ſüße Gewalt Ihrer Rede iſt zu groß, als daß ich zu widerſtehn vermöchte. Ach! Es kommt ja auch nur auf eins an, und war dieſes Eine kein Wahn, war meine Ahnung nicht zu kühn, meine Hoffnung nicht zu vermeſſen; ſo ſind ja die übrigen Bedenklichkeiten nur kindiſche Traum⸗ bilder, die vor dem Zauberſpruche aus Ihrem Munde entſchwinden. Ja, Marie, es gilt jetzt Wahrheit um Wahrheit! Sprechen Sie: habe ich mich getäuſcht, wenn ich von inniger Liebe erfüllt in Ihr Auge ſah und dort Gegen⸗ liebe erkannte? Habe ich mich getäuſcht, wenn — 187— ich in dem ſüßen Tone Ihrer Stimme die Erwie⸗ derung meiner Herzensneigung wahrnahm? Habe ich mich getäuſcht, wenn Ihr ganzes Weſen mir ſagte, daß Sie wohl an meiner Hand ein häus⸗ liches und friedliches Glück hoffen könnten? Spre⸗ chen Sie, Marie: Habe ich mich getäuſcht?» Der Architect ſchwieg; allein mit dem Aus⸗ druck der höchſten Spannung hingen ſeine Au⸗ gen an dem Munde der Jungfrau. In Ma⸗ riens Innerm erhob ſich ein kurzer Kampf der jungfräulichen Schaam mit der mächtig erregten Liebe! Bald aber ſiegte die letztere, und indem die Jungfrau des Geliebten Hand leiſe drückte, und ihre ſchüchternen Blicke in den bewegten Spie⸗ gel des Stromes tauchten, ſagte ſie mit halb⸗ lauter, bebender Stimme: „Sie haben ſich nicht getäuſcht, Willing: bald nach Ihrer Ankunft war ich Ihnen ſchon gut, und ſeitdem ſind Sie mir unausſtrechlic theuer geworden.» O, ich Glücklicher!» jauchzte der Architece und drückte einen heißen Kuß auf die Hand des — 188— zagenden Mädchens: Welcher Thor war ich doch, vor den Pforten des Paradieſes voll kleinlicher Bedenklichkeiten zu ſtehn: ob ich auch öffnen dürfe mit dem magiſchen Schlüſſel, den Ma⸗ riens Liebe ſelbſt geweiht? Nun fallen alle Hinderniſſe, die ich ſo groß geachtet, mit einem⸗ male in ihr Nichts zurück, und ich fühle mich ſtark genug, dem Leben ſeine herrlichſten Gaben abzuringen, um Marien zu beglücken! O, mein angebetetes Mädchen, wie war ich noch vor wenigen Augenblicken ſo tief betrübt und unglück⸗ lich, und wie bin ich jetzt wonnebewegt und ſelig in dem Bewußtſeyn Deiner Liebe! Ich bin kei⸗ ner der Reichen und Mächtigen auf Erden, daß ich Schätze zu Deinen Füßen aufthürmen und An⸗ ſehn um Dein Haupt ſammeln könnte, aber was ein treues Herz zu Lerdnken vermag, um den Lebenspfad der Geliebten auszuſchmücken und zu erheitern, das gelobe ich mit heiligem Eide— « Halten Sie ein!» unterbrach plötzlich er⸗ bebend und zuſammenſchaudernd Marie den be⸗ geiſterten Sprecher, indem ſie ihn von der Stelle — 189— hinwegzog, wo ſie ſich befanden:«Nicht hier, nicht an dieſem Orte, der eine unheilvolle Be⸗ deutung trägt, laſſen Sie uns den Bund der Herzen beſchwören! Wozu auch das, wo ein Herz für das andere lebt, und in ihm und mit ihm empfindet? Aber kommen Sie fort von hier! Dieſer Platz, ſo reizend auch die Natur ihn umgiebt, iſt von einem Ereigniße bezeichnet, deſſen Angedenken mich in dieſem Augenblick mit Grauen erfüllt. Neben dem Steine der wei⸗ nenden Braut ſchwebt kein guter Engel, und wir wollen ſchnell entweichen, daß ſeine unheil⸗ bringende Macht uns nicht erreicht.» Erſtaunt und ſchweigend folgte Willing Ma⸗ rien, die ihn raſch von dem Felſenvorſprung auf die Wieſe zurückführte, welche ſich längs dem Ufer bis zum Städtchen hinzog. Hier mäßigte die Jungfrau ihren Schritt, und hob nach we⸗ nigen Augenblicken, in denen ſie ihre völlige Ge⸗ müthsruhe wieder gewann, zu dem Aichiterten gewendet an: „Ich bin Ihnen die Erklärung eines Beneh⸗ 4 — 190— mens ſchuldig, das Ihnen ſeltſam erſcheinen muß⸗ da Sie die Geſchichte, von der jene Stelle ihren Namen und ihre trübe Bedeutung erhalten hat, ohne Zweifel nicht kennen. In der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, als aus Deutſchland viele Kriegerhaufen nach Amerika übergeſchifft wurden, um dort die Sache der Engländer zu verfechten, gab es gerade zu dieſer Zeit in un⸗ ſerm Städtchen ein glückliches Brautpaar: Wil⸗ helm und Anna. Wenige Tage vor der Hoch⸗ zeit ging der Bräutigam über Land, um einige Verwandte einzuladen. Unterweges wurde er von fremden Werbern aufgegriffen, die ihn, ohne ſeiner Vorſtellungen zu achten, unter ein nach der neuen Welt beſtimmtes Regiment ſteckten. Die Soldaten wurden bei unſerm Städtchen ein⸗ geſchifft. Hier ſah Anna ihren Wilhelm, der mit einemmale ſpurlos verſchwunden gewe⸗ ſen, wieder. Sie ließ keine Mittel unverſucht, die Freiheit ihres Bräutigams zu erlangen; aber ihre Bitten, ihre Thränen, ihre Verzweiflung, machten keinen Eindruck auf den hartherzigen Be⸗ 4 — 191— fehlshaber. Als die Schiffe mit den Truppen den Fluß hinabfuhren, harrte Anna auf jener Stelle, und rief von dort dem Bräutigam, der ihr ſo ſchrecklich entriſſen wurde, das letzte Lebe⸗ wohl zu. Er rief ihr mit lauter Stimme den Schwur der ewigen Treue zurück, den ſie nie⸗ derſinkend und mit gerungenen Händen erwie⸗ derte. Ihr Herz brach nicht in dieſer Stunde. Von nun an fand ſich Anna taͤglich an dem Orte ein, von welchem ſie den Bräutigam zum letztenmale erblickt hatte. Ihre thränenvollen Blicke waren nach der Himmelsgegend gerichtet, wo das Schiff mit ihrem Theuerſten entſchwunden war. Viele Jahre waren vergangen: Anna alterte, aber ihre Liebe blieb jung. Da kam die Nachricht des geſchloſſenen Friedens über das Weltmeer her⸗ über, und in Annens Auge, das bisher nur Thränen getrübt, erglänzte ein neuer Strahl von Hoffnung. Jetzt brachte ſie ganze Tage auf jenem Felſen zu; ihre Seele ſchwamm in Sehnſucht und in ſüͤßen Träumen der Zukunft. Da zogen an einem heitern Sommerabende, wie dieſer, die Schiffe, 1 — 192— welche die jauchzenden Krieger in's Vaterland zurückbrachten, den Strom herauf. Anna war auf ihrem Steine und breitete, von Furcht und Hoffnung bewegt, den Zurückkehrenden die Arme entgegen. Viele Mütter fanden ihre Söhne, manche Schweſter den Bruder, manche Braut den Geliebten wieder, aber Anna ihren Wil⸗ helm nicht. Er war als Gefangener in die Hände der Wilden gerathen, und von dieſen unter grauſamen Martern hingerichtet worden. Dieſe entſetzliche Kunde wurde Annen durch einen Freund des Getödteten von einem der Schiffe herübergerufen. Von dieſem Augenblicke an ſprach ſie kein Wort mehr, allein ihre Thrä⸗ nen floſſen unaufhaltſam. Weder durch Bitten noch durch Gewalt war ſie von dem Felſen hin⸗ wegzubringen. Wurde die letzte verſucht, ſo gerieth ſie in den entſetzlichſten Zuſtand, und man mußte fürchten, ſie auf der Stelle zu töd⸗ ten. Sie verſchmähte jede Nahrung⸗ jede Pflege; am Morgen des dritten Tages fand man ſie als eine ſtarre Leiche; jetzt war ihr Herz gebrochen. 4 —-— —ᷣ—ᷣ—ᷣ—ᷣ—᷑—᷑—᷑—S—˖—·—˖————— — 193— Dieſe trauerige Geſchichte hat jenem Platze den Namen gegeben, und in ihrer Erinnerung wan⸗ delte mich ein unwillkührliches Grauen auf dem Steine der weinenden Braut an. Marie ſchwieg; ſie war ſichtbar erſchüttert. Willing aber redete ihr freundlich jede trübe Ahnung aus, und ſprach dann ſo ſchön und herz⸗ lich über die Zukunft, welche ihrer warte, daß bald alle frühere Unbefangenheit wieder in Ma⸗ riens Seele zurückkehrte, und dieſe nur von frohen Bildern erfüllt wurde. Der Architect wollte noch am heutigen Abende ſeine Werbung bei Meiſter Kurt anbringen; unter den Com⸗ miſſarien, die morgen eintreffen mußten, zaͤhlte er Gönner und Freunde, deren Empfehlung für eine baldige feſte Anſtellung er zu erbitten ge⸗ dachte. Die beiden Liebenden lebten jetzt in dem ſchönen Taumel ſeliger Gefühle, der die erſten Erörterungen über eine gemeinſame häusliche Zu⸗ kunft zu begleiten pflegt. Ein trübes Wölkchen ſchwebte an Mariens innerm Himmel, es war der Gedanke, daß ſie dann wohl den guten Va⸗ 13 — 4194— ter und den lieben Heimathsort verlaſſen müßte, um dem Manne ihrer Wahl nach ſeiner Beſtim⸗ mung zu folgen. Willing konnte ſeinen Vorſatz, dem wak⸗ kern Meiſter ſogleich Alles zu entdecken, nicht ausführen; denn als er mit Marien zu Hauſe anlangte, traf er einen Boten, welcher ihm an⸗ zeigte, daß die Deputation aus der Reſidenz bereits im vornehmſten Gaſthofe des Städtchens angekommen ſey, und dort ſeinen augenblicklichen Beſuch erwarte. Dieſer Einladung mußte er nothwendig entſprechen, und als er, von den wohlwollenden Freunden aus der Reſidenz bis ſpät in die Nacht zurückgehalten, in ſeine Woh⸗ nung heimkehrte, lag Vater Kurt ſchon im tie⸗ fen Schlummer und Marie, ebenfalls von dem ruhigen Schlafe eines reinen Gewiſſens und hei⸗ tern Gemüthes heimgeſucht, träumte von glück⸗ lichen Tagen der Zukunft im ſchönen Vereine mit dem Geliebten. Auf Morgen alſo mußte Wil⸗ ling die Offenbarung ſeiner heißeſten Wünſche verſchieben, bis Morgen in bangen Zweifeln — 195— ſchweben über die Entſcheidung, welche Meiſter Kurt ausſprechen werde! Dem wichtigſten Tage ſeines Lebens ſah er entgegen: der Prüfung des großen Werkes, dem er ſeine beſten Kräfte ge⸗ widmet, der Beſtimmung ſeiner häuslichen Zu⸗ kunft durch Mariens Vater. Er brachte eine ſchlafloſe Nacht zu. Als die freundliche Morgenſonne ihn mit ſtrahlendem Ant⸗ litze durch die Scheiben ſeines Gemaches begrüßte, erhob er ſich in großer Spannung von ſeinem Lager, und begab ſich, der am geſtrigen Abende genommenen Abrede gemäß, zu der Kettenbrücke, wo auch bald nach ihm ſich die kunſtverſtändigen Mitglieder der Commiſſion einfanden. Man wollte ganz im Stillen das Werk beſichtigen, und hatte, um ungeſtört zu bleiben, eine ſo frühe Stunde dazu gewählt. Alles wurde gut und tüchtig erfunden und Willing von den achtba⸗ ren Kunſtgenoſſen mit Lob überhäuft, mit freu⸗ diger Anerkennung begrüßt. Da regte ſich neben der ſchönen Zufriedenheit, ſeinen Werth von Männern, die wohl eines Urtheils fähig, ehrend 15* — 196— anerkannt zu ſehen, ein ſüßes Vorgefühl in ſei⸗ nem Herzen, daß der heutige Tag noch größere Freuden ihm vorbehalte, und daß, ehe noch der Abend einbreche, er als Mariens glücklicher Verlobter den Scheidepunkt ſeines Lebens über⸗ ſchritten haben könne. Und die freudige Ahnung, welche den Archi⸗ tecten erfüllte, war keine Lüge, und ſie verwirk⸗ lichte ſich im Laufe des Tages noch weit herr⸗ licher, als er es hoffen und erwarten durfte! Der Morgen ging unter allerlei Beſprechungen mit den Deputirten vorüber, denen Willing, ſo⸗ viel es ſeine eigene Beſcheidenheit erlaubte, ſich von der beſten Seite zu zeigen bemüht war. Er gedachte auch wohl gegen diejenigen unter ihnen, von deren freundſchaftlichen Geſinnungen er über⸗ zeugt war, ſeiner Wuͤnſche nach einer feſten Beſtimmung ſeines Berufskreiſes; aber dann mußte er mit Befremdung bemerken, wie man gefliſſentlich jeder deutlichen Eröffnung auszuwei⸗ chen ſuchte, und über dieſen Punkt eine raͤthſel⸗ A hafte Zurückhaltung beobachtete. Das beunru⸗ — 197— higte ihn in der That. Sonſt waren ihm dieſe Männer doch gewogen geweſen, und er konnte ſich gar nicht erklären, weshalb ſie ihm ihre Güte entzogen haben möchten! Auch auf die Frage: welche Arbeit ihm nun wohl, nachdem er den Brückenbau vollendet, übertragen werden dürfte, und wohin ihn dieſe neue Beſchäftigung fuͤhren werde? erhielt er unbeſtimmte und nichtsſagende Antworten, welche ſeine Unruhe nur vermehrten. Gegen Mittag wurde mit den⸗ bei ſolchen Gelegenheiten üblichen, Feierlichkeiten die Bruͤcke eingeweiht und eröffnet. Alt und Jung aus dem Staͤdtchen und deſſen Umgebung ſtrömte herbei⸗ um das neue Wunderwerk zu beſchauen. Eine bunte, fröhliche Menge trieb ſich auf der Brücke und am Ufer hin und her. Der Architect, den ſein Beruf in der Nähe der Deputation feſthielt, ließ die ſehnſüchtigen Blicke⸗ nach den Töͤchtern des Landes ausſchweifen, bis er endlich das Blond⸗ köpfchen mit den liebevollen und treuen blauen Augen gewahrte, das ſchon längſt mit zu ihm hin⸗ gewendetem, freundlichem Antlitze, ſeine Beach⸗ — 158— tung zu erwarten ſchien. Da läͤchelte, nur ihnen beiden bemerkbar, der Architect hin, Marie lächelte her, und in dieſer flüchtigen Gebehrden⸗ ſprache fand er eine tröſtende Zuverſicht auf ſein künftiges Geſchick, und ihr offenbarte ſich auf's Neue die ſüß willkommene Neigung des Geliebten. Zu einem lauten Wort aber, zu einer vernehm⸗ lichern Begrüßung gab es keine Gelegenheit, und die beiden Liebenden mußten ſich mit dieſer kur⸗ zen und ſtummen Begegnung zufriedenſtellen. Aber Willings Glücksſtern ſollte noch groß und herrlich aufgehn am heutigen Tage, und wenn Mariens Anblick ſchon ſeine bewegte Seele beruhigt hatte, ſo ſollte dieſe auch noch mit aller erſehnten Wonne und ſo nahe nimmer gehofften Liebesfreudigkeit erfüllt werden! Frei⸗ lich war es ſchon ehrenvoll für ihn, daß er bei der, nach der Brückenweihe veranſtalteten feſt⸗ lichen Mahlzeit auf dem Rathhauſe, den aus⸗ gezeichneten Platz zwiſchen dem Miniſter des In⸗ nern und dem Landesoberbaudirector erhielt; freilich tönten die Lobeserhebungen und freund⸗ — 199— lichen Reden des einen und des andern gar lieb⸗ lich in ſein Ohr; freilich rührte und erbauete es ihn gar ſehr, als, nachdem des Landesherrn Ge⸗ ſundheit bei Pauken⸗ und Trompetenſchall aus⸗ gebracht worden, der Burgermeiſter des Städt⸗ chens den Dank der Einwohner in einer wohlgeſetz⸗ ten Rede den Staatsbehörden darbrachte, und in die⸗ ſer auch ſeiner auf eine ehrende Weiſe gedachte: wie aber ward ihm, da plötzlich der Miniſter an ſei⸗ ner Seite ſich erhob und mit lauter Stimme die An⸗ weſenden ermahnte, ſich mit ihm zu vereinigen, um auf das Wohl des fürſtlichen Bauraths, Auguſt Willing, einen Becher zu leeren, und zugleich der Oberbandirector dem freudig Beſtürzten das mit landesherrlichem Siegel und eigenhändiger Unterſchrift Serenissimi verſehene Dekret überreichte? Hören und Sehen verging ihm. Der frohe Zuruf der jubelnden Gäſte, die Glückwünſche der herbeidrängenden Freunde, das Wirbeln der Pauken, das Schmettern der Trom⸗ peten: Alles drang nur in dumpfer Verwirrung an ſein Gehör, dabei aber war es ihm, als be⸗ — 200— grüße ihn Mariens ſüßtönende Stimme ſelbſt unter dem unverſtändlichen Getöſe freundlich und vernehmlich mit dem holdſeligen Bräutigamsna⸗ men. Und noch ſollte er einen höhern Gipfel der Wonne, von dem die Ausſicht auf ſeine Zu⸗ kunft immer herrlicher und glänzender wurde, er⸗ ſteigen; denn, als er nun einen Blick auf das fürſtliche Dekret warf, erkannte er, daß ihm ſein künftiger Aufenthalt in Mariens Heimaths⸗ ſtädtchen angewieſen ſey, damit er von hieraus die Arbeiten ſeines Faches in dem Diſtrikte, deſſen Hauptort das Städtchen war, beſorge, und neben⸗ bei die Inſpection über die Unterhaltung der von ihm angelegten Kettenbrücke führe. Konnte er mehr wünſchen? Hätten ſich ſeine kühnſten Hoffnungen ſo weit erheben können? Nun waren ihm die zwei⸗ deutigen Antworten der Kommiſearien erklärlich; nun konnte er das ihm bisher räthſelhafte Betra⸗ gen ſeiner Freunde deuten. Man hatte ihn mit dem Gluͤcke überraſchen wollen, das ſeiner harrte; man hatte die Freude erhöhen wollen, indem man ſie plötzlich und unerwartet eintreten ließ! 5 4 -—— — 201— Endlich konnte er die Bewegung ſeines In⸗ nern bezwingen, ſo daß er Worte fand, den freundlichen Gönnern ſeinen Dank an den Tag zu legen. Dann aber hielt ihn keine Macht länger im glänzenden Saale zurück; unwiderſtehlich trieb es ihn zu Marien und zu Vater Kurt, um dieſen ſein Glück zu verkünden, und nun als ſtattlicher Freier um die Hand der Geliebten zu werben. Jetzt kam die Reihe zu erſtaunen an den achtbaren Meiſter: nicht über Willings Antrag, den er vorausgeſehn hatte, wohl aber über deſſen bedeutende Beförderung und über den glücklichen Umſtand, daß der willkommene Eidam nun auch ſein Mitbürger geworden. Jetzt war Marien die ſchönſte Feierſtunde ihres Le⸗ bens bereitet, in der ſie mit Freudenthräͤnen an die Bruſt des ihr von dem Vater zugeführten geliebten Mannes ſank, und nun auch, bei der Mittheilung, daß ſie, um Willing anzugehö⸗ ren, nicht den lieben Vater verlaſſen müſſe, das letzte trübe Wölkchen von ihrem innern Himmel verſchwinden ſah. Alle ſchönen Gefühle, — 202— welche in den Herzen der zwei ſtill Liebenden bis dahin geſchlummert hatten, wurden nun wach und begegneten einander in den traulichen Er⸗ güſſen der von dem würdigen Meiſter geſegneten Stunde. Als der Baurath ſich am Abende von der nach der Reſidenz zurückkehrenden Kommiſſion verabſchiedete, verfehlte er nicht, ſich dieſer als einen frohen und glücklichen Braͤutigam vor⸗ zuſtellen. Am folgenden Tage war die Ernennung des neuen Bauraths und deſſen Verlöbniß mit Ma⸗ rien der Gegenſtand der Unterhaltungen im Städtchen. Auch in Joſephs Krankenzimmer drang dieſe Kunde. Der Unglückliche hatte die ganze Zeit uͤber in den ſchrecklichſten Fieberphan⸗ taſteen zugebracht, denen eine völlige Abſpan⸗ nung aller geiſtigen und körperlichen Kräfte, aber keine lichten Augenblicke gefolgt waren. Heute erwachte er zum Erſtenmale wieder zu einem kla⸗ ren Bewußtſeyn, während gerade die ſorgloſen Wächter, in einiger Entfernung von dem Kran⸗ kenlager, ſich über die Ereigniſſe des geſtrigen — 203— Tages beſprachen. Als Joſeph gewahrte, daß eine ihm ſo wichtige Sache verhandelt wurde, ſchloß er ſchnell wieder die Augen und lauſchte aufmerkſam auf die Reden der Wäͤchter. Das bittere Gefühl, ſo grauſam von einem Mädchen, das ihm, wie er vermeinte, deutliche Liebes⸗ zeichen gegeben, verhöhnt worden zu ſeyn; die Reue, um dieſes Hohns willen ſo viele Seelen⸗ kämpfe beſtanden, ſo viele körperliche Peinigun⸗ gen ertragen zu haben; der nagende Schmerz, vor Meiſter Kurt als ein thörigter Prahler, als ein Lügner erſchienen zu ſeyn; das waren die innern Regungen, welche mit der zuruͤckkeh⸗ renden Beſinnung des Geſellen Herz qualvoll durchſchnitten. Aber ſchrecklich und langſam wurde jetzt ein noch glühenderes Gift in ſeine Seele geträufelt! Da mußte er vernehmen, wie der gehaßte und verachtete Nebenbuhler mit Ehren überhäuft, wie ihm eine angeſehene und vor⸗ theilhafte Stellung im Staate angewieſen wor⸗ den, wie dann endlich Meiſter Kurt einen ſol⸗ chen Eidam freudig angenommen und Marie, — 204— die mit dem Architecten ſchon längſt heimlich ein⸗ verſtanden geweſen, ihm als eine beglückte Braut, deren Loos von Jedermann beneidenswerth ge⸗ funden werde, in die Arme geſunken ſey! Jo⸗ ſeph war bisher ein ſchwacher und leidenſchaft⸗ licher Menſch geweſen. In dieſem Augenblicke aber ging eine furchtbare Umwandlung mit ihm vor: aus dem leidenſchaftlichen Schwächling wurde ein Böſewicht. Sie ſollen nimmer ſich ihres Glückes er⸗ freuen!» ſchwur er bei ſich:«ſie ſollen nimmer in das Leben voll Luſt und Herrlichkeit eingehn, auf das ich mir Rechnung gemachtz, und müßte ich den frohen Bräutigam oder die glückliche Braut mit meinen eigenen Händen erwürgen! Genarrt hat ſie mich, und dann wie einen veraͤchtlichen Wurm in den Staub getreten, aber ich will mich erheben aus dieſer Erniedrigung zu ihrem und ihres Buhlen Entſetzen und Verderben. Was Gewiſſen! Was Religion! Das Gewiſſen bleibt doch immer unſerm eigenen Willen untergeordnet, und wenn der in eines Menſchen Bruſt ſo ſtark 8 8 —— — 205— und feſt iſt, wie in der meinigen, ſo muß jenes wohl ſchweigen, und kann ihm nichts anhaben. Mit der Religion bin ich fertig: die hat mich getäuſcht und genarrt, wie die falſche Marie, und ich kümmere mich nun nichts mehr um ſie und ihre Gebote.» Gewaltig trieb es ihn zur Ausführung des ſchrecklichen Vorſatzes, welchen er gefaßt hatte. Er glaubte ſich ſtark genug, im Augenblicke das Lager verlaſſen zu können und machte den Ver⸗ ſuch. Da aber eilten die Wächter herbei, welche vermeinten, ein neuer Fieberparoxismus habe ſich bei dem Kranken eingeſtellt, und hielten ihn zu⸗ rück. Bald aber ſahen ſie ein, daß ſein Zuſtand in der That eine plötzliche und glückliche Wen⸗ dung zur Beſſerung genommen habe, und waren nur noch bemüht, ihn durch gütliche Ueberredung zur heilſamen Ruhe zu bewegen. Auch der Arzt, der nach kurzer Zeit erſchien, erklärte den Pa⸗ tienten außer aller Gefahr, und war nicht we⸗ nig erſtaunt, ihn ſo auffallend beſſer und ge⸗ ſtärkt zu finden. Auf Joſephs Verlangen, man — 206— möge ihm erlauben aufzuſtehen, erwiederte er je⸗ doch, daß dieſes noch keineswegs geſchehn könne, unndd man erſt den ferneren Gang der Geneſung abwarten müſſe. Joſeph ſelbſt fühlte bald, daß er doch ſeine Kräfte überſchätzt habe und ſchickte ſich nun an, in Geduld zu verharren, bis ihm ſeine Freiheit wiedergegeben werde. Tau⸗ ſend Pläne zum Untergange des ihm verhaßten Paares keimten in ſeiner Seele auf, aber ſein Inneres befand ſich noch nicht in einer ſo ruhigen Verfaſſung, daß er ſich über irgend eine Art der Ausführung ſeiner Entwürfe hätte entſchei⸗ den können. Pater Anſelmus, der den Kranken täglich beſucht, und ihm, fveilich ohne daß er vernom⸗ men wurde, in ſeinen böſen Stunden geiſtlichen Troſt geſpendet und für ihn gebetet hatte, fand ſich auch am nächſten Tage bei ihm ein und war ſehr erfreut, ihn bei vollem Bewußtſeyn, und auf einem ſichern Wege der Beſſerung anzutref⸗ fen. Wie aber zeigte ſich jetzt das Betragen ſei⸗ nes Beichtſohnes gegen die Verehrung, welche ——— — 207— dieſer ihm fruͤher erwieſen, verändert! Gleich⸗ gültig, faſt widerwillig beantwortete Joſ eph alle theilnehmende Fragen des Prieſters, bis er endlich, ihrer müde, ihm den Rucken zukehrte, und in einem trotzigen Stillſchweigen verharrte. Erſtaunt ſah Anſe lmus den Geſellen an; dann verfinſterten ſich plötzlich ſeine Blicke, ſein Ant⸗ litz ſprach Unwillen und tiefe Betrübniß aus; auf einen Wink von ihm entfernten ſich die Wäch⸗ ter aus dem Gemache und ließen ihn mit Jo⸗ ſeph allein. „Dein Leib wird geneſen,» begann er jetzt mit ernſter und ſtrenger Stimme: zaber Deine Seele iſt von einer ſchlimmern Krankheit befal⸗ len, als die Deines Körpers war, und Du be⸗ mühſt Dich vergebens, dieſe mir mit hartnäcki⸗ gem Trotze zu verbergen, und Deinen Beicht⸗ vater, jetzt da Du ihn am Nöthigſten brauchſt, durch Geringſchätzung von Dir zu entfernen. Ich ſtehe hier im Namen der Kirche, der Du angehörſt, und als ihr geweiheter Vertreter bin ich über jede irdiſche Kränkung erhaben. Glaubſt Du, ich — 208— wiſſe nicht, was in Dir vorgeht, und welche höl⸗ liſche Geiſter ſich in dieſem Augenblicke um Deine Seele ſtreiten? O, ich durchſchaue Dich! Ich ſehe in den ſchwarzen Abgrund Deines Herzens, und erblicke dort die Teufel des Haſſes, des Neides und der Bosheit. Ich erkenne die ſünd⸗ haften Gedanken, die ſie dort eingeſaͤet in den gedeihlichen Boden, daß ſie keimen und reifen zu entſetzlichen Verbrechen, für welche ſelbſt die heilige Kirche keine Sühnung, keine Buße hat. Ich könnte Dir alles haarklein erzählen, was in Deinem Innern vorgeht, aber ich will, daß Du ſelbſt bekenneſt, und durch ein reuiges Geſtänd⸗ niß Deine Schuld milderſt.» Die Rede des Prieſters machte keinen Ein⸗ druck auf Jo ſeph. Er blieb in der Lage, die er einmal angenommen hatte, und erwiederte kein Wort. «Du beharreſt in Deinem Trotze, verſtockter Sünder! y donnerte nun Anſelmus: Aber Du ſollſt mein Antlitz ſchauen, wie Du Dich auch ſtraͤubeſt, und der Anblick eines heiligen Dieners .— 2⁰9— des göttlichen Wortes ſoll Deine Seele mit Furcht und Grauen ergreifen, daß ſie ſchwach und de⸗ müthig werde in dem Bewußtſeyn ihrer Verwor⸗ fenheit! Indem er ſo ſprach, packte er den noch matten Geſellen mit kräftigen Armen bei den Schultern, und richtete ihn auf, ſo daß dieſer ihm gerade in das zornige Angeſicht ſchauen mußte, Joſephs Trotz aber war noch nicht gebrochen und der finſtere Blick, den er auf den Prieſter rich⸗ tete, zeigte deutlich, daß die ehrfurchtsvolle Un⸗ terwürfigkeit, mit der er ſonſt jedem Gebote ſei⸗ nes Beichtvaters gehorcht hatte, noch nicht wie⸗ der zurückgekehrt ſey? Elender! fuhr nun Anſelmus in demſelben Tone der Entrüſtung fort: In welcher ſchrecklichen Verblendung lebſt Du? Gedenkſt Du nicht der gräßlichen und end⸗ loſen Höllenſtrafen, die deſſen harren, der ſich der Macht der heiligen Kirche entziehen will! Fühlſt Du nicht, daß Du ſelbſt, indem Du mir eine offene Beichte Deiner frevelhaften Gedanken verweigerſt, ein ſolcher Ungluͤcklicher biſt? Aus der Hölle giebt es keine Erlöſung. Alle Pein, 14 — 210— welche für das irdiſche Leben erſonnen werden kann, iſt nur Wonnegefühl, gegen die Qualen, welche Dich dort erwarten. Jeder Schmerz, der Dich hier durchzucken kann, iſt kühlendes Labſal gegen die hölliſche Feuergluth, welche nicht den Leib, welche die Seele ergreift und nimmer läßt. Jedes Leiden des Innern, das Du hier empfun⸗ den, wird Dich dort weit entſetzlicher und ohne Aufhören foltern: verfehlt Ooffnungen, uner⸗ füllte Wuͤnſche, verhöhnte Liebe, das ſchreckliche Gefühl der Unterdrückung durch Deine Gegner, Alles, was auf Erden Dich tief gebeugt und Dein Gemüth zerriſſen, ſtürmt dort in einer Furchtbar⸗ keit auf Dich ein, von der Du hier keine Ahnung haſt. Darum gehe in Dich! Rette Deine Seele von dem Entſetzlichen, indem Du ihre geheimen Regungen dem geweiheten Diener der Kirche an⸗ vertrauſt, und mit reuevoller Buße den Him⸗ mel verſöhnſt!» Da konnte Joſeph nicht länger widerſtehn. Der überſpannte Zuſtand, in den ihn bei der Eeſten Wiedererlangung ſeines Bewußtſeyns die — 211— Kunde von dem Glücke des Nebenbuhlers verſetzt hatte, war gehoben, und mit ihm hatte auch die Kraft der Störrigkeit, die ſelbſt dem Einfluſſe der Religion ſich feindlich entgegenſetzte, gar ſehr nachgelaſſen. Des Paters letzte Mahnung, ſo klüglich auf Joſephs Gemüthsſtimmung berech⸗ net, hatte ihren Zweck nicht verfehlt. In den Ausdruck des Trotzes auf ſeinem Antlitze miſchte ſich jetzt eine ſcheue Demuth, aus der Anſel⸗ mus ſeinen Sieg erkannte. Er ließ den Geſellen wieder langſam in die Kiſſen zurückſinken; dann ſprach er, indem er ſich über ihn hin beugte, weit milder als zuvor:— «Faſſe Muth, mein Sohn, und lege ein un⸗ umwundenes Geſtändniß ab. Es giebt keinen Ge⸗ danken noch ſo ſündiger Art, für welchen die hohe Kirche nicht Abſolution und Verzeihung hätte.» Bei aller wiederkehrenden Unterwürfigkeit vor dem Geiſtlichen, erhob ſich ein arger Zwieſpalt in Joſephs Innerm. Er konnte vorausſehn, daß der Pater ſeine Abſichten verdammenswür⸗ dig finden würde, und doch— das ſtand feſt 141* — 212— eingegraben in ſeiner Seele— vermochte er nicht von ihnen zu laſſen. Der Gedanke, Willipg und Marien verderben zu müſſen, hatte ſich einmal ſo ſtark und gewaltig ſeines Geiſtes bemächtigt, daß jede Bemühung, ihn zu bekäm⸗ pfen, ſelbſt mit Hülfe der Religion, ſcheitern und den unglücklichen Joſeph über die ſchmale Li⸗ nie, welche ihn noch vom Wahnſinne trennte, führen mußte. Wer kennt nicht die ſchreckliche Macht der fixen Idee, die, einmal zur Her⸗ rin eines bisher ungeregelten Gemüths gewor⸗ den, durch jede Einrede vermehrt, durch jeden Widerſtand verſtärkt wird? Das war die furcht⸗ bare Feindin, welche jetzt verderblich und jeden Keim der beſſern Erkenntniß vernichtend, in Jo⸗ ſephs geiſtiges Leben einſchritt und in ſeinem Herzen ihren unerſchütterlichen Thron errichtete. Und dennoch mußte er dem Pater beichten. So viel Gewalt behauptete jetzt noch die lang ge⸗ pflegte Gewohnheit, die einigermaaßen wieder er⸗ weckte Ehrfurcht vor der Religion über ihn. Aber auch eine leiſe und ferne Hoffnung, der Prie⸗ — 213— ſter könne vielleicht in einer Hinſicht ſein Unter⸗ nehmen billigen, regte ſich bei näherer Ueber⸗ legung in ſeiner Seele, und dieſe Ausſicht war es hauptſächlich, welche ihn bewog, Alles zu of⸗ fenbaren. Anſelmus hörte ihn ruhig an. Wie er ſich von Marien betrogen wäͤhnte, wie er von dem Meiſter mit ſtolzem Uebermuthe behan⸗ delt, wie er bei der Entdeckung von Willings und Mariens Bündniß von entſetzlicher Ver⸗ zweiflung ergriffen worden ſey, und nun nicht leben könne, ohne in dem Verderben der Bei⸗ den ſeine Rache befriedigt zu haben, ſprach er mit immer ſteigender Leidenſchaftlichkeit unverho⸗ len gegen den Beichtiger aus: «Und da vermeine ich keine Sünde zu begehn, hochwürdiger Herr!» ſo ſchloß er ſein Bekennt⸗ niß: sdenn die, welche ich als meine Feinde an⸗ ſehe, ſind ja auch zugleich Ketzer: abgefallen von der heiligen Kirche, und ſchon im Voraus der ewigen Verdammniß hingegeben. Ja! es ſcheint mir ein verdienſtvolles Werk, ſie ſchon zu beſtra⸗ fen auf Erden, und derjenige, der dieſes unter⸗ — 214— nimmt, iſt wohl eher als ein wackeres Rüſtzeug der Mutterkirche anzuſehn, das ihren Dank ver⸗ dient, denn als ein Verbrecher, den ſie zur ir⸗ diſchen Strafe und hölliſchen Verdammniß ver⸗ urtheilen möchte!» «Entſetzlicher Irrthum!» rief An ſelmus, indem eine dunkle Röthe auf ſeine Wangen em⸗ porflammte, und ſeine Augen Blitze des Zorns und der Entrüſtung auf Joſeph ſandten:«Du, erbärmlicher Wurm des Staubes, willſt es wa⸗ gen, dem Ewigen vorzugreifen, und hältſt Dich berufen, ſein Richteramt auszuüben auf Erden? Du, ſelbſt ein Irrender im Glauben, ein un⸗ glückſeliger Spielball irdiſcher Leidenſchaften, Du mit dem zerſtörten Frieden der Seele, Du, ein giftiges Gefäß der Tücke und des Verbrechens, willſt wägen und entſcheiden, verdammen und tödten? In andern Ländern, wo die alle inſelig⸗ machende Kirche noch in aller ihrer unbeſchränk⸗ ten Herrlichkeit waltet, ſind ihre geweiheten Die⸗ ner berechtigt, über die Abgefallenen zu richten und ſte zu läutern durch den Tod des Leibes, — 2415— daß auch ihre Seelen geſammelt werden zur himm⸗ liſchen Wonne und Freudigkeit. Hier aber, wo die heilige Mutterkirche in der Ausübung ihrer Gerechtſame unüberſteigliche Hinderniſſe findet, hier bleibt es dem höͤchſten Richter über Alles auf Erden allein vorbehalten, die Abtrünnigen zu rich⸗ ten und zu verdammen. Der Gedanke, ihn hier⸗ in zu vertreten iſt frevelhafter, als der an Raub und Mord, und nur die tiefſte Reue, die ſchwerſte Buße, die ich Dir, ſobald Du völlig geneſen biſt, auferlegen werde, kann Dich reinigen von dieſer ſchrecklichen Sünde. Bis dahin ſuche allen Verlockungen der Höllengeiſter, die ihren Sitz in Dir genommen haben, durch anhaltendes Gebet zu widerſtehn. Was ich Dir geſagt, bleibe Dir immer in Gedanken; das Gefuhl Deiner Nichtig⸗ keit bezwinge Deinen Uebermuth!» Der Pater entfernte ſich: Joſephaber hatte, in ſeine rachſüchtigen Entſchlüſſe vertieft, nur eine Stelle aus den Ermahnungen ſeines Beichtvaters aufgefaßt, und wandte dieſe in einem verkehrten Sinne auf ſich ſelbſt und ſeine Entwürfe an. — 216— «Ein Mord iſt alſo keine ſo arge Sünde!* ſprach er bei ſich: der laͤßt ſich eher abbüßen, wenn man ihn ſchlechtweg begeht, als wenn man zugleich das Recht der Kirche und des Glaubens zu üben gedenkt. Nun das iſt gleichviel und dar⸗ um war es mir auch nicht ſo beſonders zu thun. Das Verderben der Dirne und ihres Buhlen iſt mir die Hauptſache; das Uebrige kümmert mich nicht.» Von nun an ging des Geſellen Geneſung mit raſchen Schritten vorwärts. Er fühlte die alten Kräfte wiederkehren und freute ſich dieſer Erkennt⸗ niß, da ſie ihn der Ausführung ſeiner verderb⸗ lichen Anſchläge näher brachte. Im Uebrigen aber geobachtete er gegen Jedermann eine hartnäckige Wortkargheit. Den Pater, der ihn ferner be⸗ ſuchte, hörte er ruhig und ſchweigend an, und, in⸗ dem er in deſſen Gegenwart ſonſt ein ſehr de⸗ müthiges Benehmen zeigte, glaubte Anſelmus in dieſer Schweigſamkeit den Ausdruck der in⸗ nern Zerknirſchung, der wahrhaften Reue und unbedingten Unterwerfung zu erkennen. Joſeph — 2417— aber konnte ſich nun von dem fortwährenden Brü⸗ ten über ſeinen Racheplan nicht mehr losreißen, und ſchon wandte er, was bei Geiſteszerrütte⸗ ten, zu denen er jetzt wirklich gehörte, ſo oft der Fall iſt, Liſt und Verſtellung an, um ſeine Umgebungen zu täuſchen. Endlich erklärte ihn der Arzt für gänzlich ge⸗ heilt, doch meinte er, müſſe Joſeph irgend ei⸗ nen tiefen Kummer haben, der dieſe Zurückgezogen⸗ heit in ſich ſelbſt veranlaſſe, und ſich wohl erſt völ⸗ lig verlieren werde, wenn der Geſell wieder ſei⸗ nen fruͤhern Lebensverhaͤltniſſen und ſeiner ge⸗ wöhnlichen Thätigkeit zurückgegeben ſey. Als Jo⸗ ſeph das Krankenhaus verließ, bedeutete ihn der Spitalmeiſter: er möge nun auch zu ſeinem vorigen Brodherrn, Meiſter Kurt gehen und dieſem, der alle Koſten ſeiner Heilung getragen, und überdem väterlich für ihn geſorgt, für ſo große Güte geziemend danken.* aus einem Traume erwachend, blickte der den Spi⸗ talmeiſter ſtarr und zweifelhaft an, dann ließ er ſich das Geſagte wiederholen, und, nachdem er — 218— endlich mit ſichtbarer Mühe deſſen Sinn be⸗ griffen zu haben ſchien, rief er bitter und hef⸗ tig aus: «Freilich hat er als ein Vater an mir ge⸗ than, aber ich will's ihm auch vergelten an ſei⸗ nem Kinde! Doch ſagt mir gleich, wie viel iſt's, was er für mich gezahlt? Geld mag ich ihm nicht ſchuldig bleiben, und müßte ich auch bet⸗ teln gehn, um ihn zu befriedigen!» . Ohne auf die Einwendungen des Spitalmei⸗ ſters zu achten, beſtand Joſeph darauf, den Belauf der von Meiſter Kurt getragenen Ko⸗ ſten zu wiſſen. Als er dieſen endlich erfahren hatte, eilte er ſogleich zu einem ihm bekannten Trödeljuden, verkaufte dieſem ſeine Uhr und ei⸗ nige andere Kleinigkeiten von Werth, und kehrte dann ſchnell ins Spital zurück, wo er die unbe⸗ deutende Summe hinterlegte, mit dem Auftrage, ſelbige auf daß Baldigſte an Meiſter Kurt zu übermachen. Fhm blieb wenig übrig, aber das war ihm gleichgültig. Habe ich doch meine Seele wieder frei ge⸗ — 2¹99— kauft von dem Alten!y ſagte er bei ſich, indem er dem nächſtgelegenen Thore des Städtchens zu⸗ ſchritt.«Er hatte es klug angefangen, aber ich habe ihn doch überliſtet, und er kann mir nun nichts anhaben. Friſch auf, Joſephl Du biſt los und ledig wie der Vogel in der Luft, und deine Beute wird dir nun nimmer entgehn 1„ Er lachte grimmig in ſich hinein. Aus ſeinen Augen blitzte der Wahnſinn; ſein verzerrtes Ant⸗ litz trug den Ausdruck der wildeſten Bosheit. Wer ihm begegnete, wich ſcheu und furchtſam aus. Das Gefühl der wiedererlangten Freiheit belebte ihn; er glaubte nun des Zwanges, den er ſich ſeither im Krankenhauſe angethan hatte, gänzlich überhoben zu ſeyn. Als er außerhalb des Stadtthors angelangt war, blieb er ſtehn und ſah ſich nach allen Sei⸗ ten um. «Wohin nun?» fragte er ſich laut, ſo daß einige in der Nähe ſpielende Knaben aufmerkſam wurden und ſich um ihn verſammelten. Strom⸗ aufwärts oder ſtromabwärts? Es iſt Alles eins; — 220— der Strom bringt mich wieder, wenn's Zeit iſt, und müßte er ſich in ſeinem Laufe umwenden, und müßten ſeine Wellen das Ufer wieder be⸗ grüßen, das ſie ſchon längſt verlaſſen. Aber es iſt jetzt aus mit dem Geſellenleben und ich bin nun ſelbſt Herr. Da muß ich auch mein eigenes Haus haben, wo ich als Meiſter ſchalte und walte, und wo mir Niemand etwas zu befehlen hat. Dort glänzt es ja ſchon herüber vom Berge,» rief er mit einemmale heftiger, indem ſeine ir⸗ ren Blicke auf die Trümmer der alten Burg fie⸗ len, Sdort leuchtet es im blutrothen Abendſcheine, und das iſt ein gutes Zeichen; denn Blut iſt ja nun meine Leibfarbe geworden. Aber was iſt das,» unterbrach er ſich plötzlich, da er die ihn umrin⸗ genden Knaben bemerkte: Ich bin zum Kin⸗ derſpotte geworden!v ſchrie er dann mit ſchreck⸗ lich ſchneidender Stimme, ſo daß die Knaben er⸗ ſchreckt und entſetzt hinwegflohn. Fluch ihr, die mich dazu gemacht!» Mit dieſem Ausrufe rannte er in wilder Haſt vorwärts, über die Kettenbrücke hin an das jen⸗ — 221— ſeitige Ufer. Dort blieb er einige Augenblicke lang ſtehn und betrachtete Willings kunſtvol⸗ les Werk. Sein Auge erglühete in einem furcht⸗ baren Lichte, ein tückiſches Lächeln trat auf ſein Antlitz und in ſeiner zerriſſenen Seele bildete ſich ein gräßlicher Gedanke. Sinnend lag ſein Blick auf den gewaltigen Ketten; dann fiel er verdü⸗ ſtert auf die an dem Eingange der Bruͤcke auf⸗ geſtellte Schildwache. & Es muß doch gehn!» ſagte er verſichernd zu ſich ſelbſt:«ſo kann es Niemand geradezu einen Mord nennen; ſie ſind dann der Gnade des Himmels preisgegeben, der ja, wie Pater Anſelmus ſagt, die Ketzer richtet und ver⸗ urtheilt!» Er flog den Berg hinan. Bald hatte er ſich in das wildeſte Dickicht verloren, durch das er ſich einen Weg nach dem Felſengipfel, auf wel⸗ chem das verfallene Schloß ſtand, bahnte. Hier ſollte fortan ſeine Wohnung ſeyn; hier niſtete er ſich ein, um ſeine Opfer zu bewachen.— Als Meiſter Kurt das von dem Geſellen zu⸗ 222— rückgelaſſene Geld empfing, zeigte er keine große Befremdung. Er ſchrieb dieſe Handlungsweiſe dem ungemeinen Dünkel Joſephs zu, der ihm ja während ihres Zuſammenlebens nur zu gut be⸗ kannt geworden war, um ihn jetzt noch zu über⸗ raſchen. Uebrigens war er froh, den tückiſchen Burſchen ferne zu wiſſen. Seine Nähe und ſein öfterer Anblick hätte doch wohl die zartfühlende Tochter betrüben und den heitern Frieden des bald mit Willing zu ſchließenden Bundes ſtö⸗ ren können. Das glückliche Brautpaar lebte indeſſen Tage der reinſten Freude und der ſchönen Hoffnung auf die baldige Weihe ſeiner Verbindung durch den Segen der Kirche. Willings Geburtsort war weit entfernt. Seine Eltern waren frühe geſtorben und einige Bekannte, die er mit der Beſorgung der zu ſeiner Verheirathung nöthigen Papiere beauftragt hatte, ſchienen dieſe Angele⸗ genheit mit großer Nachläſſigkeit zu betreiben, ſo daß ein Tag der Erwartung nach dem andern verſtrich, ohne daß die erſehnten Dokumente ein⸗ . — 223— trafen. Von allen Bewohnern des Städtchens erhielt inzwiſchen der neue Anſiedler Beweiſe des Wohlwollens und der Hochachtung. Man empfand bereits den Nutzen und die Bequemlichkeit, wel⸗ che die beſtändige Verbindung der beiden Fluß⸗ ufer gewährte, und fühlte die große Verpflich⸗ tung, welche man dem Manne hatte, der das Unternehmen mit Eifer und Verſtändigkeit be⸗ gonnen, und mit Einſicht und Thätigkeit zur glück⸗ lichen Vollendung gebracht hatte. Jedermann freute ſich, daß das Städtchen einen ſo wackern Mit⸗ buͤrger gewonnen hatte, und Mariens innere Seligkeit ward durch dieſe allgemeine Anerkennt⸗ niß der Verdienſte ihres lieben Bräutigams gar ſehr vermehrt. Täglich entfaltete ſich auch ſeine Rechtlichkeit und ſein edler Sinn immer mehr vor ihren Augen, und ſie mußte ſich geſtehn, in dem Manne ihrer Wahl alle Vorzüge vereinigt zu fin⸗ den, die ihre kühnſten Wünſche fordern konnten. Er dagegen erkannte in ihr einen unſchätzbaren Reichthum an inniger Liebe, Seelenreinheit und häuslicher Verſtändigkeit. Das Glück ihres Le⸗ — 224— bens und ihrer Liebe ſchien für immerdar gegrün⸗ det; die Seelen hatten einander wahr und treu erkannt, die Herzen ſchlugen in der vollſtändig⸗ ſten Uebereinſtimmung. Vater Kurt konnte mit Ruhe auf die Zeit nach ſeinem Tode blicken, denn er ließ ſein einziges geliebtes Kind unter dem Schutze eines Mannes zurück, deſſen Red⸗ lichkeit und bewährte Tüchtigkeit, deſſen Stel⸗ lung im Lande und wahrhaftige Liebe zu Ma⸗ rien, dieſer ein dauerndes Glück zuſicherten. Welche Freuden hatte nicht er ſelbſt auch für die Tage, welche ihm noch übrig waren, im ſteten traulichen Zuſammenleben mit den theuern Kin⸗ dern zu erwarten? Wenn er nun gar daran dachte, daß er noch das Glück erleben könne, fröhliche Enkel um ſich zu ſehn, die Kinder ſei⸗ ner Marie, die ihn mit dem erfreulichen&Groß⸗ vatery begrüßen würden, dann konnte der wür⸗ dige Alte ſich der Rührung nicht erwehren, und er war nahe daran, Freudenthränen zu vergießen. Endlich langten die erſehnten Papiere aus Willings Heimath an. Da war großer Ju⸗ — 225— bel in des Meiſters Hauſe, und Marie hatte vollauf zu thun zur neuen haͤuslichen Einrichtung, deren Beſorgung ſie ſich nicht nehmen ließ. Das dreimalige Aufgebot wurde von der Kanzel ver⸗ leſen, und das Brautpaar fand ſich, in ſteter Beſchäftigung mit dem nahen Glück, ſo raſch am Vorabend des Hochzeittages, daß weder Ma⸗ rie noch ihr Auguſt begreifen konnten, wie die zurückgelegte Zwiſchenzeit ſo ſchnell verſchwun⸗ den ſey. Aber in Meiſter Kurts Innerem ſchien ſich eine geheime Beſorgniß angeſiedelt zu haben, die oft in Blicken und Mienen hervortrat, von der er jedoch, wenn eins ſeiner Kinder ihn dar⸗ um befragte, nichts wiſſen wollte. Die Wahr⸗ heit war, daß man ihm hinterbracht hatte: Jo⸗ ſeph halte ſich noch immer in der Nähe des Städtchens auf, er ſey von mehreren Einwoh⸗ nern mit allen Spuren der Geiſteszerrüttung im Walde geſehen worden, und habe ſogar vor ei⸗ nigen Tagen ſich im Orte ſelbſt gezeigt. Ma⸗ riens Vater konnte die düſtere Vermuthung, daß der Unglückliche irgend eine verderbliche Ab⸗ 15 — 226— ſicht gegen ſeine Kinder mit umhertrage, nicht los werden, und dieſe war es, welche ſeine in⸗ nere Zufriedenheit ſtorte, und ſeine Theilnahme an dem Glücke der Tochter verminderte. ** * Die Nacht, welche dem Abende vor dem Hoch⸗ zeitstage folgte, war finſter und ſtürmiſch. Der Himmel hatte ſich in ſchwarze Wolken gehüllt, und kein Stern ſandte ſein freundliches Licht hernieder. Wild und brauſend ſtrömten die auf⸗ geregten Wellen des Fluſſes zwiſchen den hohen Ufern hin, und ihr Getöſe ſtritt mit dem Heu⸗ len des Sturmwinds, ohne daß eines von Bei⸗ den geſiegt hätte. Alles verſchwamm in einen furchtbaren Laͤrm, der den nächtlichen Wanderer mit Grauen erfüllte, und ihn unter ein freund⸗ liches und ſchützendes Obdach trieb. Von den unangenehmen Eindrücken der wild bewegten Außenwelt ergriffen und verſtimmt, hatte ſich die Schildwache, welche den Eingang der Brücke am jenſeitigen Ufer bewachte, in ihre 4 — 227— kleine Bretterhütte zurückgezogen, als plötzlich, wie aus der Erde hervorgewachſen, eine dunkle Manns⸗ geſtalt vor ihr ſtand, deren Annäherung ſie nicht bemerkt hatte. Zugleich vernahm ſie ein heiſeres und abgebrochenes Lachen, das von dem räthſel⸗ haften Nachtwandler auszugehen ſchien. «Wer da?» rief der betroffene Soldat, und trat mit drohender Gebehrde unter ſeinem Ob⸗ dache hervor, der dunkeln Geſtalt entgegen. «Hey, kennſt Du mich denn nicht mehr, alter Kamerad?y verſetzte kichernd der Angerufene: Du biſt ja der Rudi aus dem Schweizerlande, mit dem ich mich ſo oft, als ich noch bei Mei⸗ ſter Kurt im Städtchen arbeitete, der Lands⸗ mannſchaft erfreuet habe. Manchen guten Schluck haben wir mitſammen genoſſen, und manches lu⸗ ſtige Stündlein im brüderlichen Vereine verlebt. Erinnerſt Du Dich wohl?» Freilich erinnere ich mich deſſen, und nun erkenne ich auch Dich wieder!» antwortete die Schildwache, indem ſie ſich beruhigt in ihre Hütte zuräckbegab.„Ich habe Dich lange nicht geſehn, 15* 228— Joſeph, und wie hätte ich auch in dieſer Stunde und an dieſer Stelle Deinen Beſuch vermuthen können? Die Leute ſagen, Du wärſt toll ge⸗ worden um eines Mädchens willen; aber ich habe es immer nicht geglaubt, denn Du warſt zu ge⸗ ſcheidt dazu, und was das Frauenvolk angeht, ſo haſt Du mit dem Dein Lebtag zu viel zu thun gehabt, um Dich über eine zu betrüben, und Dein Wahlſpruch war ja ſonſt: andre Städt⸗ chen, andre Mädchen!» « Das iſt er noch,» lachte Joſeph,«und die Leute, welche Dir ſo etwas weiß gemacht haben, mögen wohl ſelbſt nicht ganz richtig im Kopfe ſeyn! Ich bin jetzt auf eiliger Wander⸗ ſchaft begriffen. Erſt ſpät traf ich im Städt⸗ chen ein, und ſuchte ſogleich Dich, den alten Freund und Landsmann auf, um Dich zu fra⸗ gen: ob Du etwas zu beſtellen haſt daheim im guten Schweizerlande, wohin ich gedenke. Man ſagte mir, Du ſteheſt hier auf Poſten. Morgen mit dem Früheſten ziehe ich weiter, und da hatte ich denn freilich keine Zeit zu verlieren, wenn — 229— ich Dir Gelegenheit geben wollte, mir einen Auftrag anzuvertrauen.» &Vieles hätte ich wohl daheim zu melden;» ſagte Rudi mit einem Seufzer: an die Mut⸗ ter und an die Geſchwiſter, auch an meine Herz⸗ liebſte, das Clevele im Emmenthale, die wohl ſchon längſt auf den Gedanken gera⸗ then iſt, ich habe ſie vergeſſen ganz und gar. Aber da müßteſt Du eine Stunde hier bei mir verweilen, daß ich Dir Alles ausführlich mitthei⸗ len könnte, und Dir auch berichtete, wie Du an das Clevele gelangen möchteſt, deſſen Vater mir gar abhold iſt, und ſie ſcharf und ſtrenge bewacht!» 4 &Sprich nur!» erwiederte der Geſell: gich habe Dich ja aufgeſucht in der Abſicht, Dir ei⸗ nen Dienſt zu leiſten, und da kömmt's auf ein halb Stündchen mehr oder weniger nicht an. Aber zuvor trink einmal! Wir haben eine ſtür⸗ miſche Nacht. Da iſt ein erwaͤrmender Trunk und ein guter Biſſen gar nicht zu verachten, und ich habe für Beides geſorgt.» — 230— Mit dieſen Worten reichte Joſeph ſeinem Freunde eine Flaſche dar, die er bis dahin un⸗ ter ſeinem Kleide verborgen hatte. Rudi aber trat weigernd zurück und entgegnete: «Was fällt Dir ein, Joſeph? So viel iſt Dir doch wohl bekannt vom Kamaſchendienſte, daß die Schildwache auf dem Poſten bei ſchwe⸗ rer Strafe von Niemanden weder Geld, noch Brandwein, noch einen Mundbiſſen, annehmen darf. Trink Du nur auf meine Geſundheit, und laß mir das Zuſehn. Ein tüchtiger Schluck wäre zwar nicht zu verachten in dieſer Nacht, aber die Lattenkammer iſt gar ein böſes Ding, und in der könnte ich einen ſchlechten Nachgeſchmack finden.» «Narr, wer erfährts denn?» fuhr ihn Jo⸗ ſeph unwillig an: Mich hältſt Du doch wohl für keinen Verräther und ſonſt iſt keine Creatur gegenwärtig, die es ausplaudern könnte. Da nimm! Sonſt kündige ich Dir die Freundſchaft auf und gehe meines Wegs, woher ich gekom⸗ men. Bin ich dann daheim im Schweizerlande, * — 231— 3 und Deine Mutter oder das Clevele aus dem Emmenthale begegnet mir irgendwo, ſo werde ich ihnen erzählen, wie Du nicht einmal gewagt hätteſt, einem alten Kameraden Beſcheid zu thun, der viele Stunden Wegs gemacht, um eine Kunde von Dir in die Heimath zu empfan⸗ gen, und wie Du den alten Kumpan für einen Judas gehalten, der nur deshalb in ſpäter Mit⸗ ternachtsſtunde Dich aufgeſucht, daß er Dich ver⸗ führe und nachher verrathe!» «Meinetwegen denn!» ſagte jetzt ärgerlich der Soldat. Gieb her Deine Flaſche. Das müßte ein ſchlechter Schweizer ſeyn, der ſeinem Landsmanne ein Schelmenſtück zutrauen könnte, und, um Dir den garſtigen Verdacht ganz zu vertreiben, will ich Dir mit einem tüchtigen Zuge es zubringen auf eine fröhliche Reiſe in die Hei⸗ math und ein glückliches Zuſammentreffen mit meiner Mutter und dem Clevele. Rudi ergriff nun die dargebotene Flaſche und führte ſie raſch zum Munde. Er that, wie er es verſprochen, einen ſtarken Zug, und als —— 232— er nun einmal doch das geſetzliche Verbot über⸗ ſchritten hatte, und das in der Flaſche enthal⸗ tene Getränk gar ſehr nach ſeinem Geſchmacke fand, wiederholte er noch einigemal auf gleiche Weiſe den Zuſpruch, ſo daß die Flaſche, welche er dem Geſellen zurückgab, wohl uüber die Hälfte geleert war. Mit Trinken beſchäftigt überhörte Rudi das heimliche und höhniſche Kichern, das währenddem von Joſeph ausgeſtoßen wurde. „Teufel! Das Zeug iſt ſtark;» ſprach mit lallender Stimme nach einigen Augenblicken der Soldat. Es nimmt mir den Kopf ein und drückt mir auf's Hirn. Wahrhaftig! Das Gewehr fällt mir aus der Hand und wie Blei liegt mir's in den Gliedern. Da ſtehe ein anderer Schildwache — ich muß mich niederlegen! Gute Nacht, Jo⸗ ſephl Wenn Du ein Spißbube wärſt, Kamerad—» Das waren die letzten Worte, welche Rudi vorbrachte. Ein tiefer und ſchwerer Schlaf feſſelte ſeine Glieder und raubte ihm alle Beſinnung. Nachdem Joſeph ſich vorſichtig hiervon über⸗ zeugt hatte, jauchzte er wild und tückiſch auf: — 233— „Freilich bin ich ein Spitzbube, alter Kum⸗ pan, und der Schlaftrunk, den Du für Brand⸗ wein hinuntergegoſſen haſt, wird Dich nun wohl zur Ruhe gebracht haben, bis Du wieder abge⸗ löſt wirſt und Alles geſchehen iſt. Hey! Nun wird mir wieder wohl und ich brauche nun nicht mehr zu reden, wie die übrigen thörigten Men⸗ ſchen, und die Worte bedächtig abzuwägen, was mir ſeit einiger Zeit ſehr zuwider iſt und mir immer Kopfweh verurſacht. Nun iſt's auch mit einemmale hell um mich geworden, und die Sonne ſcheint um Mitternacht, worauf ich längſt ge⸗ wartet, daß ich nun die Kette durchſchneiden kann, an welcher der Satan die Marie und den Willing hält, daß ich ihnen nichts anha⸗ ben und nicht nahe kommen kann nach meinem Gelüſt. Friſch, Joſephl Luſtig drauf und dran! Du ſollſt heute dein Meiſterſtück machen und zei⸗ gen was du gelernt haſt. Du mußt berechnen, wie ſchwer eigentlich der Teufel und ſeine ver⸗ dammte Ketzerbrut wägt, daß du nicht zu viel oder zu wenig thuſt und deine Schlinge nicht dem — 234— Unſchuldigen ſtellſt. Friſch, Joſephl die Stunde iſt da und ehe ſie verrinnt, muß dein künſtliches Werk vollbracht ſeyn.» In tollen Sprüngen eilte er nun auf die Brücke, und kletterte mit der Gewandheit eines Raſenden an dem einen Kettenarme in die Höhe. In der Luft ſchwebend, vom Sturme umbrauſt, unter ſich die furchtbar rauſchenden Wellen, mit dem heißen Durſte nach Rache in der Bruſt, und der glühenden Schlange des Wahnſinns im Haupte, ging Joſeph an ſein furchtbares und Verderben bringendes Unternehmen. Mit ſcharfer Feile durch⸗ ſchnitt er ein Glied der gewaltigen Kette, ſo daß es nur noch ſoviel zuſammenhielt, um dem Drucke einer nicht allzuſchweren Laſt zu widerſtehn. Kaum war ihm das an dem einen Kettenarme auf die⸗ ſer Seite der Brücke gelungen, ſo ſprang er hinab und ſchwang ſich an dem andern empor, um auch hier mit gleicher Behändigkeit und in gleichen Maaßen ein Glied zu durchfeilen. Jetzt wird's immer heller um mich,» jubelte er, als er auch dieſes vollbracht hatte, und nun ——— — 235— wiederum den Boden der Brücke betrat. Eins iſt noch zu thun, und das wird bald geſchehn ſeyn, und dann muß der Satan mit ſeinen Ge⸗ noſſen hinab in die kalte und naſſe Tiefe, er mag ſich ſträuben wie er will!» Raſch ging er eine Strecke auf der Brücke vorwärts. Dann legte er ſich dicht am Rande auf den Leib nieder, und ſägte den Hauptbal⸗ ken, welcher unten hinlaufend auf dieſer Seite den Boden der Brücke zuſammenhielt, zur Hälfte durch. Das Nämliche richtete er auch an dem gegenüberliegenden Balken in's Werk, und als nun Alles, was er ſich vorgeſetzt hatte, vollen⸗ det und gethan war, als die Brücke nur noch den täuſchenden Schein der Sicherheit, aber nicht dieſe ſelbſt mehr beſaß: da blickte er ſtolz und düſter hinab in den ſchäumenden Strom und ſprach für ſich hin: «Morgen um dieſe Stunde hat wohl ſchon in dieſen Wellen die ſpröde Marie mit ihrem Herzliebſten ihr Grab gefunden, und mit ihnen mancher andere, der mit drein geht in das los⸗ 1 — 236— gelaſſene Verderben. Was kümmert's mich? Der Himmel mag den Gerechten ſcheiden von dem Un⸗ gerechten, und retten, wen er gut findet!» Dieſe ruhige Betrachtung unterbrach er plötzlich ſelbſt mit einem hölliſchen Gelächter und fuhr dann kreiſchend fort:«Hoho! ſie haben einen Sonn⸗ tag gewählt zu Hochzeitsluſt und Ehebund. Das kommt mir gerade gelegen, denn Sonntags iſt's ſtill auf der Bruͤcke und Abends, wenn ſie dün⸗ kelvoll und hochmüthig in den ſchweren Kutſchen hinüberfahren zur Copulation, dann mag es kra⸗ chen und brechen und hinunterſtürzen in den Ab⸗ grund mit Freund und Feind, das Brautpaar und der Schwiegervater, der ketzeriſche Geiſt⸗ liche und die luſtigen Hochzeitsgäſte! Ich ſitze dann hoch oben in meinem Adlerneſte und er⸗ götze mich an dem Jammergeſchrei der Unterge⸗ henden, und wenn der Sturm wüthet und die brauſenden Wogen ihre Leiber am Felſengeſtein zerſchmettern und wenn ſie im letzten Todeskrampfe ſich ängſtlich umklammern und nun keine Hoff⸗ nung mehr auf Hülfe iſt, dann mögen ſie ahnen, 1 4— — 237— daß es Joſeph, der verhöhnte, der verachtete Joſeph war, der ihnen dieſes Verderben be⸗ reitete. Hey! das giebt ein luſtiges Stündlein, und ich möchte es nicht hingeben für das theuerſte Gut der Erde.» In dieſem Augenblicke ſchlug es zwei Uhr im Städtchen. Schnell raffte ſich Joſeph aus ſei⸗ ner liegenden Stellung empor und eilte von der Brücke hinweg. Vom andern Ufer herüber hörte er ſchon die Schritte der Wache, welche um den Rudi abzulöſen kam. Als er an der Schildwa⸗ che vorübereilen wollte, bemerkte er, daß dieſe noch im tiefen Schlafe lag. &So dürfen ſie ihn nicht finden!» ſagte er mit dem Scharfblicke, der dem Wahnſinne ſo oft eigen iſt: adas könnte mir mein ganzes Spiel verderben.» Er flog an den Strom zurück, füllte hier in ungemeiner Geſchwindigkeit ſeinen Hut mit Waſſer und goß dieſes dem ſchlafenden Rudi ins Ge⸗ ſicht. Verwirrt fuhr dieſer auf, indem Joſeph wie von Windesflügeln getragen, dem nahen 4 — 238— Walde zueilte. Da vernahm Rudi trotz ſeiner Verwirrung das Heranſchreiten der Ablöſung. Ihm blieb nicht Zeit über ſein Abentheuer nachzu⸗ denken. Mechaniſch rief er ſein Wer da? und warf ſich in die vorgeſchriebene militäriſche Stel⸗ lung, um vor ſeinen Kameraden ruhig und un⸗ verdächtig zu erſcheinen. Als er ſich mit der Ab⸗ löſung nach der Wache am Stadtthore begab, konnte er ſich nicht bergen, daß Joſeph wohl 4 mit gutem Bedachte und durch irgend ein betäu⸗ bendes Mittel ihn in einen ſo tiefen Schlaf ge⸗ bracht haben möge; was aber ſeine Abſicht da⸗ bei geweſen, vermochte er nicht zu enträthſeln. Am Geratheſten jedoch hielt er, Niemanden et⸗ was von dem Ereigniſſe dieſer Nacht zu entdek⸗ ken; damit nicht ſeine Pflichtvergeſſenheit zur Sprache käme und ihn die ſchwere Strafe, wel⸗ che das Geſetz beſtimmte, treffen möchte. * * Der ſtürmiſchen Nacht folgte ein trüber Mor⸗ gen. Marie hatte ſich bisher ihren künftigen * — 2³9— Hochzeitstag nicht anders gedacht, als freundlich und heiter, von den Strahlen der Sonne begrüßt, von einem reinen und wolkenloſen Himmel er⸗ hellt. Das war nun ganz anders, und die freund⸗ liche Sonne war nirgends zu erblicken, und vom dü⸗ ſtern Himmel neigten ſich ſchwere Wolken dräuend zur Erde hinab. In ihrer getäuſchten Erwartung konnte ſich die Brant eines Anflugs von Unmuth nicht erwehren, der jedoch in Willings Nähe und bei deſſen liebevollen Aufmunterungen gar bald wieder verſchwand. Auf dem Städtchen ruhete des Sonntags feier⸗ liche Stille. Alle Gewerbe ſchwiegen; Ernſt und Andacht herrſchten in dem Aeußeren der wenigen Einwohner, welche in den Straßen zu erblicken waren. Die Durchfuhr ſchwer beladener Fracht⸗ wagen, in den Wochentagen faſt unausgeſetzt das Städtchen und die Brücke belebend, war für den heutigen Feiertag ganz eingeſtellt. Wer etwa über Land ſich hätte begeben mögen, wurde durch ei⸗ nen heftigen Regen, der ſich Vormittags zu er⸗ gießen anfing, davon abgehalten. Als Nachmit⸗ — 240— tags der Regen wieder aufhörte, erhob ſich ein heftiger Sturmwind, welcher mit dem der vergan⸗ genen Nacht an Wuth und Getöſe wetteiferte. Es war ein altes Herkommen, daß die Co⸗ pulationen der evangeliſchen Einwohner des Städt⸗ chens, welche in dem ſchon gedachten Gotteshauſe am jenſeitigen Ufer ſtatt fanden, erſt Abends, nach eingetretener Dämmerung vollzogen wurden. Eine Trauung im Hauſe wäre wider die ein⸗ fache Sitte des Ortes geweſen, und Willing wollte, als ein neuer Anſiedler, durch keine Un⸗ gewöhnlichkeit ſich auszeichnen und Anſtoß geben. Freilich mochte jenes Herkommen noch aus frü⸗ hern Zeiten der Unverträglichkeit unter den Be⸗ kennern verſchiedener Confeſſionen herſtammen; allein es war nun einmal ſo, und da Manchem die abendliche Stunde und der glaͤnzende Fackel⸗ zug, der ſich da veranſtalten ließ, beſonders feier⸗ lich erſchienen, ſo hatte Niemand an eine Aenderung des alten Gebrauchs gedacht. Marie, deren Herz das Bedürfniß nach einer ganz friedlichen⸗ nur durch die Gegenwart ihres Vaters verſchö⸗ ⁴ — 241— nerten Feier dieſer Stunde tief empfand, war mit dieſer Sitte wohl zufrieden; denn ſie durfte, von ihr begünſtigt, hoffen, daß kein Gedränge von Neugierigen, kein Gemiſch von überläſtigen Zuſchauern, die ernſte Stimmung ihres Innern ſtören würde. Alle Vorbereitungen waren ſo ge⸗ heim als möglich getroffen worden, und Wil⸗ ling war gern mit dem Wunſche der Geliebten einverſtanden, ihr Bündniß ohne alles Gepränge und ohne vorherige Mittheilung an die Freunde im Städtchen, bei denen man ſich ja ſpäter ent⸗ ſchuldigen konnte, heiligen zu laſſen. Meiſter Kurt hatte ebenfalls nichts dagegen; auch er brachte dieſen wichtigen Tag gern in einer ernſten und würdigen Seelenruhe zu. Der Abend kam heran. Mariens Herz pochte in unruhigen Schlägen. Wie ſehr ſie auch ihr Inneres dem feierlichen Eindrucke, der ihr bevorſtand, empfänglich zu erhalten bemüht war, ſo konnte ſie doch ein ſeltſames und banges Ge⸗ fühl, das mit der zunehmenden Nähe der wich⸗ tigſten Begebenheit ihres Lebens ſich immer ver⸗ 16 — 242— mehrte, nicht überwältigen. Sie ſagte ihrem Geliebten nichts davon und dieſer ſchrieb die un⸗ gewöhnliche Gemüthsbewegung, welche ſich auch in Mariens Aeußerem bemerkbar machte, der überwältigenden Macht des Augenblicks zu, die wohl an keiner jungfräulichen Seele ſpurlos vor⸗ übergeht. Als die zu der Trauung beſtimmte Zeit da war, ſetzte man ſich in zwei Kutſchen, welche die theilnehmenden Perſonen nach dem Gotteshauſe bringen ſollten. Das Brautpaar beſtieg die erſte, die andre wurde von Meiſter Kurt und dem evangeliſchen Geiſtlichen eingenommen. Noch im⸗ mer zeigte der Himmel eine ſchwarze Hülle und der Sturm heulte ſchaurig durch den Thalgrund. Marien war vor Bangniß und ſpannender Erwartung die Bruſt wie zugeſchnürt. Sie ſprach nichts und hatte ihre Hand in die des Bräuti⸗ gams gelegt, der ſie zärtlich drückte und dem ſchüchternen Mädchen auf die liebevollſte Weiſe Muth einzuſprechen ſuchte. Sie hatten jetzt be⸗ reits das Stadtthor hinter ſich, und befanden ſich in der Nähe der Kettenbrücke, unter welcher die vom Sturme wildbewegten Wellen des Fluſſes toſend hinbrauſten. Da wurde mit einemmale die Wolkendecke über ihrem Haupte zerriſſen und der Vollmond, mit ſeinem Silber⸗ lichte Alles erhellend, trat im ungetrübten Glanze hervor; da erblickte Marie den furchtbar em⸗ pörten Strom, und indem ihr ſeine hochauf⸗ ſchlagenden Wogen wie Arme des Todes er⸗ ſchienen, die nach ihr und dem Geliebten haſch⸗ ten, bemächtigte ſich ihrer ein nie gekanntes Entſetzen. & Laß' uns ausſteigen, Auguſt! flehte ſie mit bebender Stimme.&Laß' uns den übrigen Theil des Wegs zu Fuße zuruͤcklegen. Eine kin⸗ diſche Furcht, der ich aber nicht zu widerſtehen vermag, läßt mich nicht länger hier im engen Rau⸗ me. Gewiß wird mir im Freien beſſer. Komm, Auguſt: laß' uns hinab!⸗ Schon hatten die Pferde des vorderſten Wa⸗ gens die Auffahrt an der Kettenbrücke betreten. Auf Mariens Verlangen ließ Willing ſo⸗ 16 — 244— gleich halten, und verließ mit ihr die Kutſche. Beide ſchritten jetzt auf der Brücke hin dem jen⸗ ſeitigen Ufer zu, während die Wagen, der erſte leer, der zweite mit dem Pfarrer und dem Va⸗ ter der Braut, langſam folgten. Willing redete Marien, die heftig zit⸗ ternd ſeinen Arm ergriffen hatte, freundlich zu, und war bemüht, ihre Bruſt von allen Beſorg⸗ niſſen zu befreien. & Gewiß, Auguſt,» verſetzte ſie: sſtrebe ich ſelbſt mit aller Kraft meines Willens, dieſe Veränderung meines Innern, zu der ich keinen Anlaß habe und kenne, zu bekämpfen. Aber wie ich auch darin beharre, ſo tritt mir immer über⸗ mächtig der furchtbare Gedanke entgegen, daß wir nimmer das Ende dieſer Brücke erreichen, daß wir nie jenes Ufer betreten werden. Schilt mich eine Thörin, lache über meine wachen Träu⸗ me— ich ſelbſt erkenne ſie als ſolche, und den⸗ noch kann ich ihrem erſchütternden Eindrucke nicht widerſtehn.» «Sieh', Marielo entgegnete Willing — 245— unbefangen und mit ermunternder Stimme: g«ſchon haben wir den größten Theil der Brücke überſchrit⸗ ten, das Werk meines Fleißes ſteht feſt unter unſern Füßen, und nahe vor uns liegt das er⸗ ſehnte Ufer. Nun wird doch wohl Deine grund⸗ loſe Furcht verſchwinden und Deine trübe Ah⸗ nung ſich in heitere Hoffnung verwandeln?» Da dröhnte und knarrte es plötzlich ſeltſam hinter ihnen, der erſte Wagen war ihnen bereits nahe; die Pferde des andern hatten eben mit den Vorderfüßen die Stelle betreten, welche durch Joſephs nächtliche Arbeit ihre frühere Haltbar⸗ keit verloren hatte. Von Entſetzen ergriffen bebte Marie an Willings Seite zuſammen; eine heftige Schwäche bemächtigte ſich ihrer, und ſie mußte ſich feſt an dem Geliebten halten, um nicht zu Boden zu ſinken. Willing, zugleich mit Marien beſchäftigt, ſah ſich befremdet um. Aber auch er ward in dieſem Augenblicke von einer lähmenden Erſtarrung befallen, denn jetzt zertrümmerte mit furchtbarem Krachen das Brük⸗ kengebälk an jener Stelle, der abgeriſſene Brük⸗ — 246— kentheil neigte ſich dort ſchräͤg hinab in die Fluth, welche ihn ſogleich mit ſich hinwegführte, und der hinter ihnen befindliche Wagen rollte, unter dem vergeblichen Hülfegeſchrei des Kutſchers und dem von den widerkämpfenden Pferden verur⸗ ſachten Getöſe, hinunter in die ſchäumende Tiefe. Ein Blick auf die zweite Kutſche zeigte dem ent⸗ ſetzten Bräutigam, daß dieſe außer aller Gefahr ſey. Der Kutſcher hatte, als er unter dem er⸗ ſten Tritte ſeiner Pferde das verdächtige Ge⸗ räuſch wahrnahm, dieſe mit Geiſtesgegenwart und Kraft ſchnell zu einer rückführenden Bewegung genöthigt, ſo daß Wagen und Roſſe den feſt⸗ ſtehenden Theil der Brücke wieder gewannen und hier in völliger Sicherheit waren. Willings unthätiges Entſetzen dauerte nur wenige Augen⸗ blicke. Die Gefahr der Lage, in welcher er ſich mit Marien befand, gab ihm Muth und Be⸗ ſonnenheit zurück. Ein ſchreckliches Bubenſtück mußte dieſem Ereigniſſe zum Grunde liegen: ſo⸗ viel ſtand klar vor ſeiner Seele; aber jetzt war nicht Zeit hierüber nachzudenken. Nur eine — 24— 1¹ Möglichkeit der Rettung von dem drohenden Ver⸗ derben war vorhanden. Noch wurden die losge⸗ riſſenen Trümmer der Brücke von den am Ufer befeſtigten Ketten gehalten, und vergebens ſuch⸗ ten noch immer die tobenden Wellen, ſie gänz⸗ lich vom Lande abzudrängen. Raſch hob Wil⸗ ling die ohnmächtige Braut auf ſeine Schulter, und eilte mit der ſchönen Bürde beladen, ſo ſchnell als es die Abſchüſſtigkeit und Beweglich⸗ keit des, mit dem hintern Ende in die Fluth hinabhängenden und von dieſer hin und her ge⸗ ſchleuderten Brückentheils zuließ, dem ſchon ſo nahen Ufer zu. Aber auch ſeine letzte Hoffnung ſollte, da er ſie in wenigen Augenblicken erfüllt glaubte, vernichtet werden! Mit einem ſchnei⸗ b denden Schrillen ſprangen plötzlich die Ketten, welche, ihrer urſprünglichen Feſtigkeit beraubt, der anſtürmenden Gewalt der Wogen nicht län⸗ ger Widerſtand leiſten konnten, auseinander und die von allen ihren Haltpunkten ledig gemachten Trümmer waren nun dem Sturme und den Wel⸗ len ganz und gar preisgegeben. — 248— In einem Nu trieben dieſe ihre Beute vom Ufer hinweg in die Mitte des Stroms. Hier hüpfte ſie nun als ein ſchwankendes Fahrzeug, von den aufthürmenden Wellen bald an eine ver⸗ borgene Klippe geſchleudert, bald mit großer Ge⸗ walt überſtrömt, raſtlos auf und nieder, ſo daß Willing, den Entſetzen ergriffen hatte und Fie⸗ berfroſt ſchüttelte, ſich und die in ſeinen Armen ruhende Marie kaum aufrecht zu halten ver⸗ mochte. Durch die heftige Bewegung und durch das näſſende Waſſer wurde die Braut aus ihrer Ohnmacht erweckt. Schnell überblickte ſie die gräßliche Lage, in der ſie ſich mit dem Gelieb⸗ ten befand, ſie ſah nun auf welche Weiſe ſich die frühere deutungsloſe Ahnung erfüllt hatte. Es giebt Augenblicke, in denen ſelbſt ein ſchwa⸗ ches Mädchengemüth, wenn es der unbeſtimmten Furcht ledig geworden iſt, dem Entſetzlichſten, das ſich in einer beſtimmten Geſtalt zeigt, mit Faſſung und Entſchloſſenheit entgegenzutreten im Stande iſt. Ein ſolcher Moment war der ge⸗ genwärtige für Marien. Mit der Erkenntniß — 249— des unabwendbar ſcheinenden Verderbens kam ein Muth in ihre Seele, deſſen ſie ſich ſelbſt nicht fähig geglaubt hatte. Sie umſchlang ihren Bräu⸗ tigam und ſah zärtlich zu ihm hinauf. Als ſie aber bemerkte, daß ſeine troſtloſen Blicke an dem wilden Wogenſpiele hafteten, welches ſie um⸗ tobte, daß ſie dann wieder mit dem Ausdrucke der höchſten Angſt auf den Bretterboden gerich⸗ tet waren, der ſie trug, als berechneten ſie, wie lange die eiſernen Klammern, welche die kurzen Queerbalken unter der Dielenlage zuſammenhiel⸗ ten, noch dem Drange der Wogen und der zer⸗ ſchellenden Klippen widerſtehn möchten; als ſie hierauf ſein Auge verzweiflungsvoll in die Ferne ſchweifen ſah, ob kein rettender Kahn, keine menſch⸗ liche Hülfe ſich nähere: da faßte ſie ſeine Hand, drückte ſie liebevoll an das nun ruhiger ſchlagende Herz und ſagte mit feſter, aber ſanfter Stimme: «Was fürchteſt Du? Frühe wird uns ein Glück zu Theil, das wir nach Jahren erſehnt haben würden: wir werden zuſammen ſterben, und der Vater iſt vorausgegangen und erwartet — 250— uns ſchon dort im Jenſeits mit freundlicher Be⸗ grüßung.» 50 nein!y entgegnete Willing, indem er Marien feſt an ſich ſchloß: Du wirſt nicht ſterben, Du darfſt nicht untergehn! Noch giebt es eine Gerechtigkeit über den Sternen, die wird, die muß Dich retten! Auch der Vater iſt nicht umgekommen, wie Du wähnſt; ich ſelbſt ſah ihn ſicher und außer Gefahr!y— Da flammten plötzlich von der Uferſeite, auf welcher das Städtchen gelegen war, viele Fackeln auf, und eine ſtarke Stimme rief von dort her Mariens und Willings Namen. Das iſt meines Vaters Stimme;» ſagte in froher Bewegung Marie: Ldas ſind Freunde, die uns Hülfe bringen!* & Sie werden uns nicht erreichen;» verſetzte Auguſt, indem ſein Auge die anſehnliche Ent⸗ fernung maaß, in der ſich die Nacheilenden noch befanden. Der Fluß iſt ſchneller als ſie; ehe ſie zu uns herankommen, iſt dieſe Trümmer gänz⸗ lich zerſtückt, und wir haben unſer Grab in den ——ʒ—ÿ—.— 2514— Wellen gefunden. Ach!l ein ſchrecklicher Gedanke zerreißt meine Seele. Ich ſelbſt mußte das Werk zu Stande bringen, das jetzt der Bosheit irgend eines entſetzlichen Frevlers Gelegenheit gegeben, in der Stunde, welche uns dem höchſten Glücke zuführen ſollte, ſtatt der Erfüllung aller Wünſche, ſtatt der Befriedigung des liebevollſten Sehnens, Verderben auf unſre Häupter zu ſammeln. Ja! nur die Tücke eines verruchten Böſewichts konnte die Sicherheit meines Werks ſtören, die ich ſo wohl und feſt begründet, daß ich auch in dieſer furchtbaren Stunde deshalb mir nichts vorzuwer⸗ fen habe, und Du, die noch ein langes Leben mit Freude und Beglückung für den Vater und die Freunde hätteſt ausfüllen können, mußt nun frühe ſterben in aller Blüthe und Jugendherr⸗ lichkeit, weil ich jenes Werk unternommen und vollbracht!» Da ſiel Marien der Gedanke an Joſeph auf's Herz; aber ſie mochte auf eine bloße Ver⸗ muthung hin die ſchreckliche Anklage nicht aus⸗ ſprechen. 2.— 252— Indeſſen trieb der losgeriſſene Bruckentheil, der nun zu einem kleinen Floß geworden war, mit wilder Eile ſtromabwärts. Die Fackeln der Suchenden verſchwanden in immer weiterer Ferne, und keine tröſtende Stimme war mehr zu ver⸗ nehmen. Noch immer heulte der Sturm, die empörten Wellen umſchäumten das gebrechliche Fahrzeug, von dem ſich nun nach und nach ein⸗ zelne Balken und Bretter abzulöſen begannen, und der hell leuchtende Mond ließ das, von aller menſchlichen Hülfe geſchiedene Brautpaar die ganze Gräßlichkeit ſeiner Lage überblicken. Der Raum, auf welchem die Liebenden ſtanden, wurde im⸗ mer kleiner; jemehr er an Feſtigkeit und Gewicht verlor, deſto weniger konnte er ſich ohne Schwan⸗ ken auf den Wellen, die ihn furchtbar hin und her warfen, erhalten. Die Augenblicke, welche das unglückliche Paar noch zu leben hatte, ſchie⸗ nen gezählt. Schon ſtreckte der Tod ſeine gie⸗ rige Hand aus, nach den jugendlichen Opfern. Da ward das widerſtandloſe Fahrzeug von der Strömung nach jenem Felſenvorſprunge hingeriſſen, —— — 253— auf welchem einſt Willing ſeiner Braut zum Erſtenmale von Liebe geſprochen: nach dem Stei⸗ ne der weinenden Braut. Dort werden wir unſer Grab finden!» ſagte Marie: Sdas iſt eine Unglücksſtelle für lie⸗ bende Bräute. Oder unſere Rettung!» erwiederte Wil⸗ ling, dem mit einemmale der Gedanke an das mögliche Gelingen eines Verſuchs, ſeine ganze Faſſung und Kraft zurückgab. Er führte Ma⸗ rien an das noch feſtſtehende Geländer der Brük⸗ kentrümmer, damit ſie ſich an dieſem erhalte bei dem unaufhörlichen Schwanken des Fahrzeugs; dann riß er mit einer Gewalt, welche der Drang der Umſtände übernatürlich ſteigerte, die Ver⸗ bindungsſtange des gegenüber befindlichen Gelän⸗ ders los, und bediente ſich nun dieſer als einer Fährſtange, um ſein kleines Floß an das Ufer zu drängen. Der Verſuch ſchien zu glücken. Die Wellen, welche ſich hier heftig brachen, wurden durchſchnitten, und ſchon ſahen ſich die noch eben von der gräßlichſten Todesgefahr Bedroheten nahe — 254— am rettenden Hafen. Da erſchien plötzlich auf dem Steine der weinenden Braut eine dunkle Mannsgeſtalt. Zuſammenſchaudernd er⸗ kannte Marie den wahnſinnigen Joſephz ein Schrei des Entſetzens entfuhr ihrem Munde. In wilden Schwingungen tanzte Joſeph auf dem Felſenvorſprunge. Als er die Herannahenden er⸗ blickte, ſtieß er ein gräßliches Hohngelächter aus, und mit der Donnerſtimme eines Wüthenden rief er ihnen entgegen: Nun ſeid ihr mein und könnt mir nicht mehr entrinnen. Um Mitternacht habe ich das Werk beſchworen und es iſt mir gelungen, und ihr findet nun das Brautbett tief unten im kalten Strome!» Auch Willing ſah und vernahm den Ent⸗ ſetzlichen. Er ahnte wohl den gräßlichen Sinn ſeiner Rede, allein ganz erfüllt von der Noth des Augenblicks war er nur bemüht, ſein Fahr⸗ zeug an das Land zu treiben, was ihm in die⸗ ſem Augenblicke gelang. Aber auch Joſeph war ſchon unten an der Landungsſtelle, und mit — 255— gewaltigem Fußſtoße ſchleuderte er, als eben Willing das zitternde Mädchen ergreifen wollte, um ſie in Sicherheit zu bringen, die ſchwanken⸗ den Trümmer in die Brandung zurück, ſo daß von allen Seiten die Wellen über ſie hinſtröm⸗ ten, und Auguſt ſich und die Geliebte nur, indem er ſich mit ihr feſt an das noch übrige Ge⸗ länder anklammerte, erhalten konnte. Da brach das Verderben, welches er andern bereiten wol⸗ len, über Joſeph ſelbſt herein. In Folge der heftigen Bewegung, mit welcher er das Fahrzeug zurückgeworfen hatte, verlor er das Gleichgewicht; nach einigen vergeblichen Bemühungen, wieder eine feſte Stellung zu gewinnen, ſtürzte er von dem Felſenſtrande hinab in den Strom, der ihn ſogleich mit fortriß und ihn, an den Felſenſpitzen ſeine Glieder zerſchellend, nur als eine gräßlich entſtellte Leiche an einer weit unten befindlichen Uferſtelle wieder auswarf. Ohne helfen zu können waren Willing und Marie Zeugen des furchtbaren Schauſpiels. Aber ſie ſelbſt ſchwebten noch in zu großer Gefahr, — 256— um ihm ihre ganze Aufmerkſamkeit zuzuwenden. Auf’s Neue unternahm Auguſt, nachdem ſein Floß wieder in eine ruhigere Bewegung gekom⸗ men war, mit aller Anſtrengung ſeiner noch übri⸗ gen Kräfte den früher mißlungenen Rettungsver⸗ ſuch. Jetzt wirkte ihm keine feindliche Gewalt mehr entgegen: nach wenigen Augenblicken hatte das liebende Paar feſten Grund und Boden ge⸗ wonnen. Sie waren gerettet; allein Marie zitterte vor Froſt und Näſſe, und in der ungemeinen Er⸗ ſchöpfung, welche der übernatürlichen Spannung ihres ganzen Weſens folgte, verſagten ihre Glie⸗ der ihr den Gebrauch. Willing beladete ſich noch einmal mit der theuern Bürde und nahm, die ſchöne Laſt feſt an ſich ſchließend, ſeinen Weg nach dem Städtchen zu. Nun wurden auch an dieſer Seite des Ufers viele umherirrende Fackeln ſichtbar; froh bewegt vernahm Willing in der Nähe die Stimme mehrerer Rufenden, und auf ſeine laute Antwort ſtand nach wenigen Augen⸗ blicken Meiſter Kurt vor ihm, deſſen freudige — 257 Begrüßung die ermattete Tochter mit ſchwacher Stimme erwiederte. Schnell wurde Marie nach dem Städtchen zurückgebracht. Ein wehmüthiger Blick Willings fiel auf ſein zerſtörtes Werk, als die Heimkehrenden auf der oberhalb der Brücke befindlichen Fähre über den Strom ſetzten. Die Hochzeitsfeier war durch ein furchtbares Ereigniß verhindert worden, das nicht ohne be⸗ trübende Folgen bleiben ſollte. Marie fiel in eine ſchwere Krankheit. Nur ihre jugendliche Kraft, von ihres Bräutigams treulicher Pflege und der Sorgfalt geſchickter Aerzte unterſtützt, konnte ſie retten. Indeſſen hatte des Soldaten Rudi Ge⸗ ſtändniß jeden Zweifel über den Urheber der Fre⸗ velthat gehoben und den Architecten von jedem Vorwurfe gereinigt. Als die Jungfrau geneſen war und zum zwei⸗ tenmale ſich mit ihrem Bräutigam und ihrem Va⸗ ter zum Hauſe des Herrn begab, damit nun das einſt vereitelte Bündniß den Segen der Kirche erhalte, ſtand die Kettenbrücke bereits wieder in ihrer alten Pracht und Sicherheit, und keine böſe 1 8 — 258— Ahnung Mariens bewog das Brautpaar, ſeinen Sitz in der feſtlichen Kutſche zu verlaſſen. Auf der Stelle, wo damals das Unglück ſo unerwar⸗ tet hereingebrochen, verfinſterte eine Wolke das heitere Antlitz des Bräutigams und bei dem Ge⸗ danken an Joſeph konnte er ſich des Ausrufs nicht erwehren: « Der Unmenſch! Er hat den Lohn ſeines Verbrechens gefunden.» Da ergriff Marie zaͤrtlich ſeine Hand und ſagte mit ſanfter Stimme: Verzeihe ihm, mein Auguſt, er wußte nicht was er that.y— Seitdem gilt der Baurath Wi lling und ſeine junge Frau für das glücklichſte Paar im Lande und Meiſter Kurt ſieht bereits die ſchöne Hoffnung, einen Enkel auf ſeinen Knieen zu ſchaukeln, erfüllt. Joſephs Leichnam war gleich am Tage nach jener Schreckensbegebenheit gefunden worden. Still und zur abendlichen Zeit beſtattete man ihn auf dem Gottesacker des Städtchens. Nur ein Freund gelei⸗ tete ihn dahin: Anſelmus, der finſtere Mönch. „ —— Der 12* 88 3 Sabine! Bringe mir doch die Amati⸗ geige No. 1 herab und den Mahagonikaſten mit Silber eingelegt, den mir der Rath Franz⸗ heimer zum Geburtstage verehrt.» So rief Andreas Lamm, ſeit fünfund⸗ zwanzig Jahren wohlbeſtallter Stadtmuſikus im Städtlein Friedheim, ſeinem Bäschen Sa⸗ bine zu, welches eben im Staatszimmer des obern Stockes, wo die Amati zum höchſten Prunke an der Wand hing, mit einer weiblichen Handthierung beſchäftigt war. Sabine hatte ihre Eltern frühe verloren, fand dann im Hauſe des Stadtmuſikus Aufnahme und übernahm ſpä⸗ ter, als der Pflegevater ein betrübter Wittwer geworden, die Sorgen für die Haushaltung. Nachdem Andreas aus der Thüre des un⸗ tern Wohngemachs dem Mägdlein jene Worte zu⸗ gexuſen h tte, trat er unter des Hauſes Ein⸗ — 262— gang und blickte unruhig die vorüberlaufende Straße hinab.. « Er kommt nicht!» ſprach er dann kopfſchüt⸗ telnd für ſich hin.«Sein Leichtſinn ſcherzt mit der Pflicht, ſein Uebermuth achtet nicht der vã⸗ terlichen Wuͤnſche und Sorgen.» Unmuthig rückte der Alte das ſchwarze Sam⸗ metkäpplein auf dem Haupte hin und her, wäh⸗ rend er in ſeinem Selbſtgeſpräche eine Pauſe machte und einen Schritt weiter aus der Haus⸗ thüre trat, um beſſer den Straßenraum durch⸗ ſchauen und die Herannahenden erkennen zu kön⸗ n. Es dämmerte bereits, und des Stadtmu⸗ ſikus ſonſt ſcharfes Geſicht ſuchte vergebens klar und deutlich die entferntern Gegenſtände zu un⸗ terſcheiden. Sehr verdrießlich wandte er ſich ins Haus zurück, und ſah ſich nun der freundlich lä⸗ chelnden Sabine gegenüber, die ſo eben, den ſilberbeſchlagenen Geigenkaſten in der Linken und die Amati hoch und vorſichtig in der Rechten tragend, die letzte Stufe der Trepe hernieder⸗ ſchritt. Sabine aber war eine mu⸗ * — 263— thige Jungfran von beinahe achtzehn Sommern, deren ſüßes Lächeln wohl ſchon öfters des Pflege⸗ vaters im Verdruſſe ziemlich ſauer blickendes Antlitz in ein freundliches oder doch beruhigtes umgewandelt hatte. Heute jedoch wollte das nicht glücken und das Mägdlein, welches den verehr⸗ ten Alten immer gar gern bei fröhlicher Laune geſehn und erhalten hätte, fand ſich genöthigt, eine andere Weiſe, die ſonſt wohl auch nicht ohne Erfolg geblieben, zu verſuchen. Sie folgte dem väterlichen Freunde langſam in das Wohngemach und blickte ihn, indem ſie leiſe den Mahagoni⸗ kaſten niederſetzte und in Andreas Hände die köſtliche Geige übergab, mit den hellglänzenden Aeuglein forſchend an. Sacht ſchlich ſie dann an's Clavier, griff mit dem heut zu Tage faſt verloren gegangenen kunſtreichen Anſchlage, den dieſes zarte Inſtrument erfordert, einige Accorde und ſtimmte hierauf mit ihrer vollen, nur nach einfachem Gefühlsausdrucke ſtrebenden Stimme ein Lied von Schulz an. Während des Geſanges ſah ſie einigemal in den gegenüͤberhängenden Spie⸗ „ — 264— gel und gewahrte zu ihrer Freude, daß des Al⸗ ten Angeſicht ſich erheiterte. Als ſie nun mit einem leiſe hinſterbenden Tone das Lied, und mit einer ſanften Arpeggiatur die Begleitung ſchloß⸗ da war Andreas Lamm wiederum zu vollkommener Gemüthsruhe gelangt, hielt die Amati betrachtend und ſinnend vor ſich hin und ſagte halblaut: Ich glaube doch, daß er ihrer werth iſt! Seine Seele iſt voll Geſang und Harmonie, und den Grundbaß eines feſten Characters wird er wohl mit einer naͤhern Kenntniß der Welt und der Lebensverhältniſſe gewinnen. Nicht wahr, Sabiney— fügte er fragend nach der Jung⸗ frau gerichtet hinzu— Du meinſt auch, daß ich ihm die Amati als eine Freude und Glück bringende Reiſegefährtin mitgebe?„ „Wie,» entgegnete das Mädchen mit heller ſtrahlenden Blicken und höher wogender Bruſt: „Ihr wollt dem Julius Euer Liebſtes„Euere höchſte Freude auf der Welt, das wunderbare In⸗ ſtrument, deſſen fremdartiger Glockenton aus höhe⸗ —— —— — 265— ren Regionen ſpricht, mitgeben in die Fremde? Ihr wollt Euch trennen von dem herrlichen Vermächt⸗ niſſe Eures großen Lehrers Karl Stamitz?⸗ Freilich will ich das!y ſagte Andreas mit weicher Stimme, und eine Thräne der Weh⸗ muth rollte über ſeine gefurchte Wange. Der Julius weiß das Inſtrument beſſer zu behan⸗ deln als ich, ſo wie denn überhaupt in der Uebung der Tonkunſt dieſe Zeit der fruhern vorgeſchrit⸗ ten iſt. Ihm wird die Amati von großem Nutzen ſeyn, und ich hoffe auch, daß er ſie im⸗ merdar ſchätzen und ehren ſoll!* Gewiß!) fiel ſchnell und feuerig Sabine ein:«Julius hat das beſte Herz und wird das große Opfer, das ihm ſein Vater mit dieſem Geſchenke bringt, erkennen.» Es iſt aber doch arg von ihm, ſprach jetzt der Alte und legte, indem ſich ſein Antlitz wie⸗ der verfinſterte, die Geige in den Mahagonika⸗ ſten,«daß er gerade heute am letzten Tage un⸗ ſeres Zuſammenſeyns mein Gebot unbeachtet läßt und mich durch ſein Außenbleiben in die Ver⸗ — 266— legenheit bringt, den Franzheimer, der ſein Quartett durchaus präciſe ſechs Uhr anfangen wollte, ſtundenlang warten zu laſſen. Er weiß, daß ich immer ſtreng in Erfüllung des gegebe⸗ nen Wortes bin und hindert mich daran. Dabei bedenkt er gar nicht, wie große Verbindlichkeiten er dem Rathe ſchuldig iſt, daß deſſen reiche Toch⸗ ter ihn gern ſieht, und dermaleinſt ihm wohl als Hausfrau gebieten möchte, und daß überdem der Rath ihn noch mit vielfachen Empfehlungsbriefen in die Fremde verſehn will.» Als Andreas der reichen Tochter des Raths und ihrer im ganzen Städtchen bekannten auffal⸗ lenden Neigung zu dem jugendlich blühenden Ju⸗ lius erwähnte, kehrte ſich Sabine von dem Pflegevater ab, und wandte das hocherglühte Antlitz nach dem Fenſter. Ach! in ihrem Herzen lebte ungeahnt und unbeachtet eine ſüß zärtliche Empfindung für den ſchönen Jüngling, die von der Jungfrau Renata Franzheimer, eines bereits ſeit zwölf Jahren und darüber im ſechs⸗ undzwanzigſten Lebensjahre ſtehenden Maägdleins, — 267— zudringlicher Verliebtheit oft unzart berührt wurde. Renata war die erſte Sängerin des Orts, und verſammelte als ſolche in den Liebhaberkonzerten immer einen Kreis bewundernder Verehrer um ſich. Sie hatte einſt den Unterricht einer italie⸗ uiſchen Prima Donna, die Schulden halber von Renatens Oheim, dem Gaſtwirthe, einige Monate lang im Städtchen feſtgehalten urde, nicht ohne Vortheil genoſſen. Ihre Stimme war verblüht, ihr Vortrag veraltet, aber ſie aane ſich durch allerlei Ränke und beſonders ihr Vaters Anſehn, auf dem einmal eingenommenen Platze zu behaupten. Ihrer künſtleriſchen Fähig⸗ keit bei öffentlichen Leiſtungen zu huldigen, ge⸗ hörte einmal zum guten Tone, und Julius machte denn auch dieſe Modethorheit mit. Als er aber zu bemerken glaubte, daß Renata ſeine Annäherung ernſter beachte, als die der übrigen jungen Leute, da zog er ſich ſchnell zurück aus dem Bereich der Sechsundzwanzigjährigen, und mied ſo viel als möglich jede Gelegenheit, die ihn in den Zauberkreis von Renatens Be⸗ — 268— wunderern fuͤhren konnte, Renata aber hatte ſich des jungen Lamms Eroberung feſt vorge⸗ ſetzt, und ging nun ihrerſeits faſt angreifend zu Werke. So ſollte auch am heutigen Abende der wehmüthige Abſchied gleichſam das erſte Gewebe eines Liebesbandes für die Zukunft geben. Sa⸗ bine wußte wohl, daß des Vetters Herz gegen die Reize der Rathstochter ſtark gepanzert war; aber ach! das Geld— das leidige Geld, das eenn. in Haufen beſaß, hatte das nicht ſchon der ſo manches ſpröde Herz triumphirt? Und was konnte Sabine, die arme Weiſe, dage⸗ gen in die Wagſchale legen? Nichts. Nicht ein⸗ mal des Jünglings Liebe, der ſie als eine alte gewohnte Hausgenoſſin und Verwandte immer gleichgültig behandelt hatte. Dieſe Gedanken flogen ſchnell durch Sabi⸗ nens anmuthiges Blondköpfchen, das ſie in die rechte, auf der Fenſterbank ruhenden, Hand ge⸗ ſtützt hielt. Da horchte ſie plötzlich ſcharf auf. Starke männliche Tritte ertönten dem Hauſe nahe. Er kommt, er kommt! rief ſie ſo lebhaft, — 269— daß der alte Lamm ſie verwundert anblickte. Zugleich riß ſie die Zimmerthüre weit auf, durch welche dann auch der erwartete Julius athem⸗ los eintrat. Der Vater empfing ihn nicht mit der freund⸗ lichſten Miene. Julius aber ſprach, ohne die ſtill zurücktretende Sabine weiter zu begrüßen: „ Das fatale Abſchiednehmen! Allenthalben wurde ich ungebührlich aufgehalten, und des al⸗ ten Oberpfarrers Geſchwätzigkeit konnte gar nicht zu Ende kommen mit der Spendung guter Leh⸗ ren, die ich ihm gern geſchenkt hätte. Doch jetzt bleibe ich bei Euch, lieber Vater, und wir wollen noch den Abend in ſtiller Traulichkeit verleben. « Mit nichten, mein Sohn! entgegnete An⸗ dreas Lamm, indem er ſich von ſeinem Sitz erhob, Hut und Stock ergriff, und ernſt dem Jünglinge näher ſchritt:«Wir haben uns zum Quartett bei Franzheimer verſagt, und ein rechtlicher Mann hält ſein Wort. Da ſteht die Amati! Nimm ſie und komm mit.» Julius ſah den Vater befremdet an und — 20— ſagte: Die unangenehme Einladung beim Rathe hatte ich freilich vergeſſen und ſehe wohl ein, daß wir hin müſſen; aber Ihr wollt auf der Amati ſpielen, Vater? Was hat das zu bedeuten? Sol⸗ cher Ehre iſt Franzheimers Ouartett noch nie gewürdigt worden.» 779 Du wirſt es ſehen, verſetzte trocken der Stadt⸗ muſikus, nahm des Sohnes Arm und führte ihn zum Zimmer und zum Hauſe hinaus.— Sabine blickte ihnen ſeufzend nach und ſprach für ſich: ar iſt doch gar zu kalt und— ich fürchte ſehr— zu ſelbſtſüchtig, der liebe Vetter!»— Bei Franzheimer war der Empfang ganz anders, als ihn Vater Andreas ſich gedacht hatte. Gewöhnlich war bei den Quartetten in des Raths Hauſe, außer dem Stadtmuſikus und ſeinem Sohne nur noch der Organiſt des Städt⸗ chens, welcher ein für allemal die Violoncell⸗ partie übernommen hatte, zugegen. Franzhei⸗ mer ſelbſt ſpielte die Bratſche, Julius die zweite und ſein Vater die erſte Geige; Jungfer Renata aber ſaß dabei ſtill im Erkerfenſter und — 271— ſah mehr auf den jungen Lamm, als ſie auf das Quartett hörte. Das Quartett jedoch, näm⸗ lich die vier Spielenden, hörte um ſo eifriger auf ſich ſelbſt, und ſog mit durſtigem Gemüthe alle ſeligen Tonträume Mozarts, den necken⸗ den Humor Haydn's und den romantiſch⸗ tra⸗ giſchen Eruſt Beethovens, mit allen ſeltſam und wunderbar daraus auftauchenden Cappriccios, in ſich ein. Die ganze Welt ſchien dem Quartett in dieſen Augenblicken gar nicht auf der Welt zu ſeyn. Die Sterblichkeit und das Irdiſche lag tief unter ſeinen Füßen, in ätheriſchen Räumen wurde es ſanft und tacktgemäß gewiegt, es fühlte und lebte nur in Tönen, es nährte ſich von ſü⸗ ßen Melodien, es ergötzte ſich an kunſtreichen Harmonien, es war ganz von der zauberiſchen Macht der Tonkunſt in ihr Reich entrückt. Das waren des alten Lamm heilige Feierſtunden, und eine ſolche hatte er gehofft, auch noch heute zu begehn, und ſich vorgeſetzt, ſie durch eine freund⸗ liche Dreingabe noch ganz beſonders zu verherr⸗ lichen. Da machte ihm aber der Rath einen häß⸗ — 272— lichen Strich durch die Rechnung. Statt der ge⸗ wöhnlichen vier Exekutanten des Quartetts, aus denen auch des Quartetts Publikum beſtand, fand ſich noch eine große Geſellſchaft geputzter Herrn und Frauen vor, ſämmtlich Honoratioren des Orts nebſt ihren Familien. Der Rath kam dem ver⸗ wunderten Stadtmuſikus mit feierlichem Ernſte entgegen und ſagte: «Lieber Lamm! Heute ſehe ich Ihren Ju⸗ lius zum letztenmale in meinem Hauſe. Mor⸗ gen zieht er aus, um Lorbeeren einzuerndten und mit dem Talente zu wuchern, das ſie väterlich geweckt und gepflegt. Da habe ich denn an die⸗ ſem Abende dem lieben Söhnchen zu Ehren einen größern Freundekreis zuſammengebeten, als wohl gewöhnlich bei uns geſchieht. Damit er dieſer Stunden auch noch lange und in der Ferne gedenke, ſoll heute die Tonkunſt in höherer Weihe erſchei⸗ nen als ſonſt. Nach dem Quartett wird Renat⸗ chen eine große Bravourarie ſingen, dann gibt es ein Septett, das Finale aus der Schöpfung und wer weiß was ſonſt noch Alles!) Beide Lamms ſahen während dieſer Rede Franzheimers finſter drein; das Antlitz des jüngern aber erheiterte ſich, als Vater Andreas jetzt feſt und ernſt entgegnete: « Da muß ich ſehr bedauern, daß der Herr Rath meines Sohnes wegen ſich ſo bedeutende Mühe gemacht und in ſo anſehnliche Koſten ge⸗ ſteckt haben. Meine Beſtimmung für den heu⸗ tigen Abend iſt ſchon ſeit langer Zeit unabänder⸗ lich gemacht, und ich konnte deshalb dem Herrn Rathe auch nur auf eine Stunde unſere Gegen⸗ wart zuſagen. Iſt dieſe verlaufen, ſo müſſen wir uns durchaus empfehlen. Ich habe noch Vie⸗ les und Wichtiges mit Julius zu beſprechen.» Umſonſt erſchöpfte Franzheimer ſeine ganze Beredſamkeit, den eigenſinnigen Alten zu einer Ab⸗ änderung ſeines Entſchluſſes zu vermögen. Ebenſo vergebens waren Renatens Bitten, die jetzt herbeitrat und mit ſüß geſtimmtem Fiſtellaute den Stadtmuſikus zu gewinnen ſuchte, iudem ihre furcht⸗ loſen Blicke feſt und durchdringend auf dem un⸗ muthig hinwegſchauenden Julius ruhten. 18 — 274— Endlich nahm der alte Lamm wiederum das Wort und erklärte trocken, der Rath möge nun das Quartett ſeinen Anfang nehmen laſſen, ſonſt verſtreiche unbenutzt die Zeit, und am Ende ſähen er und ſein Sohn ſich genöthigt, nach Hauſe zu gehen, ohne nur einen Strich gethan zu ha⸗ ben. Da wandte ſich Franzheimer eilig von den beiden Muſikern, ließ ſchnell den eleganten Quartettpult zurichten und flüſterte dann dem Andreas zu: Freundchen! Ihr verderbt mir heut den gan⸗ zen Spaß. Doch kommt nur und geigt. Bei'm Himmel! ich glaube, Renata hat mich zu ei⸗ ner Dummheit beſchwatzt, die Euch nicht behagt und mir, aufrichtig geſagt, ſehr zur Laſt fällt. Was brauchten wir einer großen Geſellſchaft am Abſchiedstage, um uns zu rühren? Dazu wäre bei Gott unſer Quartett genug geweſen! Doch fangt an. Bei Eurem eigenſinnigen Beharren auf dem Fortgehen iſt jeder Augenblick koſtbar.» Ich ſpiele heute gar nicht,» ſagte nun An⸗ dreas zu dem Rathe, der ihn bleich werdend — 275— und erſchrocken anblickte. Julius wird die erſte Stimme übernehmen, und Gideon, mein Altgeſelle, den ich vorausgeſchickt, die zweite. Ja, mein Sohn,p fuhr er mit gerührter Stim⸗ me fort, und führte den Julius abwärts in eine Fenſtervertiefung:«indem ich Dir dieſen Platz einräume, erkläre ich Dich für mündig in der Kunſt. Zeige Dich immer ihrer würdig und huldige nim⸗ mer dem ſinnlichen Gelüſt am Ohrenkitzel, das ſie entehrt. Da iſt die Amati; Du ſollſt ſie heute ſpielen an Deinem Ehrentage. Freilich hätte ich Dir noch viel zu ſagen, allein das kann nun un⸗ ter den hier obwaltenden Umſtänden nicht geſche⸗ hen, und ich ſpare es auf, bis wir zu Hauſe ſind. Da nimm die Geige und fang an: Be ethoven F dur, Allegro con brio, dreiviertel Tackt!» Der Sohn ſah den Vater mit einer Thräne im Auge an. Er erkannte, was in dieſem Au⸗ genblicke in dem Innern des würdigen Mannes vorging; er fühlte, daß er, indem der Vater ſich ihn künſtleriſch gegenüberſtellte, ſeinem Her⸗ zen näher gekommen ſey. Mit einer Art von 18* — 276— Verehrung ergriff er die Amati. Als er ſie berührte, zuckte ſein Arm; ein ſeltſamer, unbe⸗ greiflicher Schauer durchrieſelte ſeine Glieder. Er wollte einige Worte der Liebe zu ſeinem Vater ſprechen, allein indem er hierzu die Lippen öffnete, trat der Rath herbei und trieb ihn mit geſchäf⸗ tiger Eile zu dem Quartettpult. Renata hatte ſich dem Sitze des Jünglings gerade gegenüber⸗ geſtellt. Die Blicke aber, die ſie zu ihm hin⸗ ſandte, waren eben nicht die freundlichſten. Ihr ganzer Plan war mit des Stadtmuſikus beſtimm⸗ ter Weigerung, länger als eine Stunde zu blei⸗ ben, geſcheitert, und daß Julius auch kein Wort verloren hatte, des Vaters Entſchluß zu erſchüttern, war ihr beſonders ärgerlich. An⸗ dreas Lamm verließ, von wehmüthigen Empfin⸗ dungen ergriffen, ſeine Stelle nicht und ward jenen nicht eher entriſſen, als in dem Augenblicke, wo das ſchlicht grandioſe Thema des Ouartetts begann. Da ergriff ihn mit Allgewalt der Geiſt der Tondichtung und entführte ſeine entzückte Seele aus dem Kreiſe alltäglicher Zierpuppen, trockener — 277— Aktenmenſchen und muſikloſer Incrojables in ein Dſchinniſtan voll Poeſie und Gefühls. Wie 2„ ſprach er im Geiſte zu ſich ſelbſt:«das Alles ſollte nach dem Ausſpruche eines bekannten Kunſt⸗ kritikers nichts Anders ſeyn, als ein Spiel mit Formen?y Dieſe Formen enthielten alſo wiederum nur Formen und in dem Spiele damit könnte darum nur der Verſtand, wie durch Zergliederung eines künſtlichen Räthſels beſchäf⸗ tigt, nicht aber das Herz zu verſchiedenen Empfin⸗ dungen gerührt, nicht die Phantaſie zu verwandten Anſchauungen entflammt werden? Nein, o nein! Welche Rede kann zu ſolcher wahren Empfäng⸗ lichkeit des Gemüthes ſtimmen, wie dieſes ein⸗ fache Thema, das im Uniſono leicht hingewor⸗ fen, zugleich auch fragend, auf Regungen aller Art, auf ſüße Wehmuth, drängende Sehnſucht, zarte Wonne und dann wieder auf ſtürmiſche Wal⸗ lungen des bewegten Herzens, ſelbſt auf tief durchzuckende Pein und namenloſen Schmerz vor⸗ bereitet, indem es den Grund abgiebt, auf dem alle dieſe Gefühlsbilder erſcheinen ſollen? — 278— Und ſchon berührt, aber nur vorübergehend, die Wehmuth das Herz; es war eine leiſe Zuckung, der eine kurze Ruhe folgt, um wieder von der friſch aufgerufenen Wehmuth und der auf ſchwer⸗ gehobenen Schwingen heranrauſchenden Sehnſucht vertrieben zu werden. Ach, wie mild beruhigend löſt ſich da Alles in den klaren F dur Accord auf! Nun mahnt aber die ernſte Stimme des Baſſes, wieder mit dem Thema eintretend, daran, daß die Wogen der Gefühle nur für Augenblicke ruhen, und ſchon flüſtert die erſte Geige mit ei⸗ ner neuen herzergreifenden Melodie von unglück⸗ licher Liebe, die keine Entgegnung gefunden, von frühen Hoffnungen fruchtlos ausgeſtreueter Saat. Da wird das Herz zerriſſen von gewaltigem Jam⸗ mer, da hadert die Verzweiflung mit dem ungerech⸗ ten Schickſale— Doch ſtill! Du biſt wohl ein Thor, Andreas, daß du das Alles dir zergliederſt und die herrliche Kunſt portionenweiſe in dich ſchluckſtl Schwebe dahin auf dem emporfliegenden Wolken⸗ wagen, vergiß dich und die Welt, und gieb dich ganz dem ſelig beglückenden Traume der Gefühle hin.» — 279— Und ſo that es auch Andreas Lamm. Er verſchloß die Augen und blieb ſtill und regungs⸗ los hinter dem Fenſtervorhange, wo ihn Nie⸗ mand bemerkte. Seine Seele war ganz dem Ton⸗ leben hingegeben, das er auch in den kurzen Zwiſchenräumen zwiſchen den einzelnen Muſik⸗ ſtücken des Quartetts, ungeſtört und ſelbſtſchaf⸗ fend fortſpann. Der Schlußaccord des letzten Allegro war ver⸗ klungen; Andreas Lamm ſtand noch ſtumm und ohne Bewegung, von Muſik träumend, an ſeinem verborgenen Plätzchen. Da fühlte er ſeine Hand plötzlich ergriffen. Er ſchlug die Augen auf. Franzheimer ſtand vor ihm und ſagte mit begeiſterter Freude in Blick und Miene: Herrlich hat der Julius geſpielt! Aber die Amati klingt auch ſo voll, ſilberrein und auf allen Saiten gleichmäßig, daß es eine Freude ſeyn muß, auf einem dergleichen Inſtrument zu ſpielen.» Finden das der Herr Rath?» entgegnete aus ſeiner geiſtigen Abweſenheit erwachend der — 280— Alte: Cfreilich hat die Geige einen unbeſchreib⸗ lich ſchönen Ton, allein das kommt daher, weil der alte Zauberer Amati ſelbſt einen Engel hin⸗ eingebannt hat, der wieder zum Himmel hinauf will und, da er des Zauberſpruchs wegen nicht kann, nun ewig ſeine Sehnſucht nach der Hei⸗ math herausſingt. Doch die Stunde iſt längſt vor⸗ über,y fuhr er, indem er auf ſeine Uhr ſah, fort: &wir müſſen uns entfernen. Komm, Juliusly So wäre es wahrhaftig Euer Ernſt, Freund⸗ chen?» rief betroffen Franzheimer:&Kommt doch von dem Gedanken ab! Wo bliebe die Rührung, der feierliche Abſchied—» Der war in dem Quartett,» verſetzte der Stadtmuſikus, indem er den Arm des Sohnes nahm und mit dieſem ſich nach der Thür wen⸗ dete. Seine Augen ſchweiften dabei durch das Zimmer und ſuchten Renaten. Er hätte dieſe noch gern einmal mit Julius zuſammengebracht, allein zu ſeinem Erſtaunen und Verdruſſe bemerkte er jetzt erſt, daß während des Quartetts alle An⸗ weſenden ſich aus dem Zimmer in weit entfernte — 284— Gemächer gezogen hatten, wo ſie ſich, ohne durch läſtige Muſik geſtört zu werden, von allerlei Sdtadtgeſchichten anmuthig unterhalten konnten. Jetzt erklangen aus jenen Gemaͤchern einige Griffe auf dem Flügel. Dann trat Renatens Stimme mit dem Recitativ einer pomphaften, abgeſchmack⸗ ten italieniſchen Arie ein; da ergriff den alten Lamm ein gewaltiger Aerger; er riß den Sohn, der die Amati im ſilberbeſchlagenen Mahagoni⸗ kaſten trug, haſtig mit ſich fort und ſprach mit zorniger Stimme Einiges von geſchmackloſer Muſik⸗ faſelei, ſcheuslicher Kunſtentartung und dummem Alltagsvolke halblaut vor ſich hin. Der Rath aber ſchob dem Julius ein anſehnliches Packet Rekommandationsſchreiben in die Taſche und eilte dann nach dem Zimmer hin, wo Renata eine Seſſi und Campi— parodirte. Als der Stadtmuſikus und ſein Sohn nach Hauſe kamen und in das große Speiſegemach tra⸗ ten, fanden ſie dieſes mit ſchönen Herbſtblumen ungewöhnlich ausgeſchmückt. Das war Sabi⸗ nens Werk, die ihnen froh läͤchelnd über die bal⸗ = 282— dige Zurückkunft entgegentrat. Neben dem freund⸗ lichen Sonnenblicke auf ihrem Antlitze ſchwamm aber auch ein düſteres Wölkchen, das von bei⸗ den Männern weder bemerkt noch beachtet wurde. Sie hatte geweint. Augen und Wangen trugen hiervon noch die, trotz allem Bemühen unver⸗ tilgt gebliebenen Spuren. Bald verſammelten ſich des Stadtmuſikus Ge⸗ ſellen und Lehrlinge, und jeder nahm den ihm gebührenden Platz am Eßtiſche ein. Eine beſon⸗ ders feierliche Stimmung ſchien heute über der reichlicher als gewöhnlich beſetzten Tafel zu wal⸗ ten. Andreas Lamm ſchwieg und genoß we⸗ nig. Er erwog mit ernſtem Sinne die Wichtig⸗ keit des Augenblicks, in welchem ein Sohn aus dem Elternhauſe ſcheidet, um nun allen Zufällen des Lebens hingegeben, ſeine eigene Bahn zu ſuchen und zu wandeln. Seine Blicke lagen da⸗ bei oft forſchend auf Julius, der ſeinerſeits ſehr zerſtreut ſchien und im Geiſte wohl mehr ſchon in der Fremde, als zu Hauſe ſeyn mochte. Sabine, welche der Haushaltungsgeſchaͤfte we⸗ —ÿõ—— ——— — 283— gen bald im Zimmer, bald in der Küche ſeyn mußte, kam aus dieſer mit immer röther gewor⸗ denen Augen zurück, die dann wohl über den Vetter hinſtreiften, gleich aber wieder ſchüchtern den Boden ſuchten. Bei dem einfachen, größtentheils aus Früch⸗ ten beſtehenden Nachtiſche trug Sabine auch eine hellglänzende, verdeckte Schüſſel auf, und ſtellte dieſe ſchweigend vor den alten Stadtmu⸗ ſikus hin. Sämmtliche Tiſchgenoſſen ſahen neu⸗ gierig danach; auch Julius ward von ſeiner Zerſtreutheit verlaſſen und warf ſpähende Blicke nach der räthſelhaften Schüſſel. Da ward die Miene des Andreas feierlicher als bisher, da erhoben ſich ſeine Augen mit Ernſt und Würde nach dem neugierig Forſchenden; da ſtand er lang⸗ ſam und ruhig auf von ſeinem Seſſel und Alle, an hochachtungsvolle Ergebenheit gegen den Greis gewöhnt, folgten ſeinem Beiſpiele. Jetzt ent⸗ hüllte er das räthſelhafte Etwas in der blanken Schüſſel und ſiehe! ein ſüß duftender Kranz, aus Sabinens ſorglich und künſtlich erzogenen Hya⸗ — 284— zinthen gewunden, ließ ſich erblicken, und unter dieſem glänzte mit goldenem Rande ein zuſam⸗ mengefaltetes Pergament hervor, an dem ſich ein großes Siegel in einer obenaufliegenden elfenbei⸗ nernen Kapſel befand. Der Stadtmuſikus reichte das Ganze ſeinem Sohne dar, der, nun wohl ahnend, was es enthalte, ein ſpöttiſches Lächeln nicht unterdrücken konnte. Zum Glücke bemerkte dieſes der Vater nicht, und ſagte mit lauter und gehaltener Stimme: « Hiermit, mein Sohn Julius, übergebe ich Dir nach altüblicher Weiſe Deinen Lehrbrief, in welchem ich Dir, Gott ſey dafür gedankt! nach Pflicht und Gewiſſen beſcheinigen konnte, daß Du nicht allein ein tüchtiger Geiger, der wohl ſelten ſeines Gleichen findet, ſondern auch auf ſonſtigen Inſtrumenten, wie der Flauto, dem Claviere und dem Waldhorne wohl bewan⸗ dert biſt. Freilich mag eine große Praktik nur auf einem Inſtrumente erreicht werden, und ſelbſt auf dieſem dürfte der Menſch bei der kur⸗ zen Dauer ſeines Lebens und dem ſteten Vor⸗ v — 285— waͤrtsſchreiten der Kunſt nie auslernen; aber ein jeder rechtſchaffener Muſikus ſollte meinem Be⸗ dünken nach, mit dem Weſen und der Behand⸗ lung mehrerer Inſtrumente bekannt ſeyn, um ihren Werth und ihre Anwendung genau ermeſſen zu können. Neben ſolchen Eigenſchaften habe ich auch an Dir rühmen können, daß Du im ein⸗ fachen und doppelten Contrapunkte wohl erfahren biſt, und jedes beliebige Thema im galanten wie im ſtrengen Style zu bearbeiten verſtehſt. Ich weiß recht wohl, daß die heutige Welt die Mu⸗ ſik als eine freie Kunſt nicht mehr nach Innungs⸗ geſetzen behandelt ſehen will, und über das Mei⸗ ſter⸗, Geſellen⸗ und Lehrlingsweſen darin lächelt, auch ſolche, die es noch damit halten, als unter⸗ geordnete Muſiker— als Muſikanten— betrach⸗ tet. Aber nimm immerhin den Lehrbrief aus Va⸗ tershand. Er iſt ein Geſtändniß meiner Aner⸗ kennung Deiner Tüchtigkeit, und dann mag ich auch darum die alte Sitte gern beibehalten, weil es doch noch warlich eine ſchöne und heitere Kunſtzeit war, in welcher der große Lauteniſt — 286— Sylvius Weiß, und ſpäter der herrliche Vio⸗ liſt Carl Stamitz mit einem ſolchen Lehrbriefe in der Hand Deutſchland und Italien durchziehen konnten, und an Höfen und Abteyen, in Städten und Schlöſſern beſſere Aufnahme und gaſtlichere Bewirthung, auch ehrenvollere Belohnung fanden, als jetzt dem geprieſenſten Virtuoſen, wenn er auch alle Taſchen voll Empfehlungsſchreiben hat, in den reichſten Städten und an den glänzendſten Höfen wird. Doch genug! Wandre glücklich aus! Wandre glücklich ein! Dein Werk ſey geſegnet!⸗ Mit dieſen Worten nahm Andreas aus der hinter ihm ſtehenden Sabine Hand ein großes, wohl zwei Maaß edeln Rheinweins enthaltendes Deckelglas, und brachte es ſeinem Sohne zu, der es dann weiter im Kreiſe herumgehen ließ, wor⸗ auf ſich ſämmtliche Geſellen und Lehrlinge ſtill ent⸗ fernten und nur Andreas, Julius und Sa⸗ bine im Zimmer zurück blieben. Julius hatte den Lehrbrief, ohne ihn auf⸗ zuſchlagen, nachläſſig in ſeine Bruſttaſche geſcho⸗ ben. Jetzt blickte er wiederum ſehr zerſtreut an — 287— die Decke des Zimmers, und zerpflückte, indem er nicht daran dachte, wie ſehr er dadurch Sa⸗ binens zartfühlendes Herz verletze, die herr⸗ lichen Hyazinthen des Kranzes. Sabine ſtand in einer Ecke des Zimmers, und ſah mit trüben Blicken des heimlich geliebten Vetters Beginnen. Jetzt ergriff Andreas, der bis dahin ſchwei⸗ gend mit großen Schritten im Zimmer auf⸗ und niedergegangen war, plötzlich den Mahagonikaſten mit der köſtlichen Amatigeige, trat vor ſei⸗ nen Sohn und ſprach: « Ich will Dir jetzt Lebewohl ſagen, mein Sohn! Abſchiedsthränen ſind mir zuwider, und ich vermag wohl mit ruhigerer Miene von Dir zu ſcheiden, wenn ich bedenke, daß Du doch noch eine Nacht unter einem Dache mit mir verweilſt. Richte es ſo ein, daß Du morgen frühe, in der Stunde, wo ich mein Schlafzimmer zu verlaſſen pflege, ſchon weit von hier biſt. Da! Nimm noch eine Gabe auf die Reiſe mit: die Amati. Wahre ſie recht wohl, denn in einer gewiſſen Hinſicht iſt ſie Dir nur geliehen.» — 288— »Wie, mein Vater,»y ſtammelte Julius mit freudeglänzenden Blicken, Ihr wolltet mir das herrliche Inſtrument mitgeben? Ihr ſagtet Euch von Eurem Theuerſten los—» Dal nimm ſie nur!» fiel Andreas mit weicher Stimme ein, die aber bald wieder alle ihre ernſte Stärke gewann:„Doch halte ſie hoch in Ehren und entweihe ſie nimmer durch erbärm⸗ liche Huldigung des Aftergeſchmacks. Sollte ich das erleben, dann ſind jene Umſtände einge⸗ treten, unter denen ich die Amati als Dir nur geliehen betrachte und— ich gebe Dir mein heiliges Wort: dann nehme ich ſie wieder zu⸗ rück. Gute Nacht, mein Sohn!— Glückliche Reiſe!» Julius breitete ſeine Arme nach dem ſchnell hinwegeilenden Vater aus. Der Jüngling war tief gerührt und ſeine Augen ſchwammen in Thrä⸗ nen; bald aber ward ſeine ganze Aufmerkſamkeit durch die hochtheure Gabe angezogen, die er wie ein geliebtes Weſen an ſein Herz drückte und mit der er dann, ohne die anweſende Sabine zu — 289— berückſichtigen und ihr ein Paar Worte des Ab⸗ ſchiedes zu gönnen, nach ſeinem Zimmer eilte. Sabine blickte ihm ſeufzend nach. Dann ſprach ſie trübe für ſich hin: Auch ich gab ihm mein Theuerſtes: das Beſte was ich hatte; aber er achtet es nicht. Leicht⸗ ſinnig und kalt zerpflückt er die ſchuldloſen Blu⸗ men, ſo wie er mein Herz zerreißt.»— Als am nächſten Morgen die erſten Sonnen⸗ ſtrahlen über die Berge hinab das freundliche Städtchen begrüßten, da fuhr raſſelnd eine Kut⸗ ſche durch die Straßen und der frohe Schall des Poſthorns rief manchen Schläfer munter. Ju⸗ lius ſaß in der Kutſche. Er warf im Abfahren noch einen Blick auf das väterliche Haus: da lä⸗ chelte hinter den Gardinen eines Seitenfenſters ein Engelsantlitz durch Thränen zu ihm hinab. Ha, Sabinels rief er aus. Wie konnte ich ſie vergeſſen?“ Aber ſchon hatte die Kutſche um eine Straßenecke gewendet und er mochte, um den Vater nicht zu erwecken, nicht wieder in's Haus zurück. Seine Seele fühlte ſich von 19 — 290— Vorwürfen gepreßt: er hatte das liebliche Mäd⸗ chen noch nie ſo ſchön gefunden, als in dem Au⸗ genblicke der Abfahrt. ** * Andreas Lamm erhielt in der erſten Zeit der Entfernung des Sohnes aus dem väterlichen Hauſe und aus der Heimathsſtadt, zum Oeftern frohe Nachrichten von dem jungen Reiſenden. Auch erſah er aus öffentlichen Blättern, daß Julius La mm an vielen Orten, wo er ſich hören laſſen, Ehre und Beifall geerndtet. Nach Jahresfriſt aber wurden des Sohnes Briefe immer ſparſa⸗ mer und blieben endlich ganz aus. Vergebens ſuchte Vater Andreas jetzt auch in Zeitungen nach einer Erwähnung ſeines Julius; vergebens forſchte er an dem Orte, wo er ſeinem Wiſſen nach zuletzt verweilt, nach einer Auskunft über den weitern Weg, den er eingeſchlagen haben mochte. Julius war und blieb ſpurlos verſchwunden. Darüber härmte ſich der alte Stadtmuſikus gar ſehr. Das einzige Kind war ihm immer — 291— hochtheuer geweſen, und wenn er bedachte, daß vielleicht nur des Sohnes Leichtſinn, und nicht etwa ein unglückliches und traueriges Ereigniß ihm dieſes Leiden verurſache, ſo war das nur ein geringfügiger Troſt, und ſein Herz fühlte ſich durch einen ſolchen Mangel an kindlicher Liebe nur tiefer gekränkt. Bei dem Leiden, das ſein Gemüth traf, wurde auch der bisher ſo ſtarke und rüſtige Körper hinfällig. Treulich pflegte Sa⸗ bine, die, indem ſie mit ſtarkem Sinne aus⸗ gerüſtet ihre Liebe zu Julius und ihre Trauer über dieſen bekämpfte, zu immer höherer Anmuth emporblühte, den kränklichen Pflegevater. Aber ob auch endlich Andreas in Sabinens hin⸗ gebender Tochterliebe einen Erſatz für ſeine ſchwere Entbehrung fand, ob auch die Zeit und der ei⸗ gene feſte Wille die Wunde des Gemüthes eini⸗ germaßen heilte, ſo wollte doch der Krankheits⸗ ſtoff, der einmal des Körpers ſich bemächtigt hatte, weder der Kunſt des geſchickten Arztes, noch der ſorglichen Wartung Sabinens weichen. Als nun unter ſolchen Umſtänden der zweite Sommer . 19*— — 22— nach Julius Entfernung herangekommen war, da rieth der Arzt zum Gebrauche eines berühm⸗ ten Heilbades im ſüdlichen Deutſchland, und verſprach von deſſen Einfluß einen unzweifelhaf⸗ ten Erfolg. Andreas unterwarf ſich dem Wil⸗ len des ärztlichen Rathgebers, und ſchon nach wenigen Wochen befand er ſich mit ſeiner treuen Pflegerin an dem beſtimmten Kurorte. Die Heil⸗ quelle wirkte Wunder. Noch waren nicht vierzehn Tage verfloſſen, ſo fand Andreas bereits ſeine Schmerzen gelindert und fühlte die Rückkehr ſei⸗ ner Kräfte; noch acht Tage und er war wiederum ſtark und rüſtig wie zuvor: ſeine Pulſe ſchlugen le⸗ benskräftig, ſein Herz wallte wieder friſch und freu⸗ dig der Kunſtübung und dem Kunſtgenuſſe entgegen. Wie gerufen fiel ihm da ein Zettel mit der Anzeige in die Hand, daß noch am Abende des nämlichen Tages die berühmte Altiſtin, Signora Landrini, mit ihrem Bruder, dem in ganz Ita⸗ lien bewunderten Geiger, Signor Giulio Lan⸗ drini, im großen Saale des Badehauſes Kon⸗ zert geben werde. — 293— «Da wollen wir hin!» ſagte Andreas zu Sabinen, als dieſe ihn von der Heilquelle, wo er die ihm Nachmittags dictirte Portion Waſſers genoſſen hatte, nach Hauſe begleitete. Nicht um der Signora herausgelachte Rouladen und die gemeckerten Triller zu hören, mit welchen ſie die Geigenvariationen, die ſie ſingen will, reichlich ausſtatten wird. Nein! Der Beetho⸗ venſchen Eröffnungsſymphonie und dem Violi⸗ niſten zu Gefallen, der da vielleicht doch was Ausgezeichnetes leiſten dürfte.» Geſagt, gethan! Als ſchon im geräumigen, elegant geſchmückten Saale beſternte und bebän⸗ derte Herrn, Damen im Brillant⸗ und Perlen⸗ ſchmucke die vordern Reihen der für die Zuhörer beſtimmten Sitze eingenommen hatten und mit Bewunderung von der Signora und ihrem Bru⸗ der, welche Beiden die Einen in dieſer italieni⸗ ſchen Stadt, die Andern in jener großen Re⸗ ſidenz gehört hatten, ſich unterhielten, da trat auch Andreas Lamm mit ſeinem reizenden Pflegekinde ſtill und anſpruchslos herein und nahm — 294— in einer der hintern Reihen neben Sabinen ſeinen Sitz. Nicht lange blieb das reizende Mäd⸗ chen unbemerkt. Die Operngucker der Beſtern⸗ ten und Bebänderten flogen zu ihr hin; dieſer Richtung folgten die neugierigen Blicke der Da⸗ men, und Sabine ſah ſich ſo einige Augenblicke lang zum Gegenſtand allgemeiner Aufmerkſamkeit gemacht. Da erhöhete das Roth der Schaam, das ſich über ihr Antlitz ergoß noch ihre Schön⸗ heit, und indem ihre Blicke den Boden ſuchten, erſchien ſie als das anmuthigſte Bild wahrer Jung⸗ fräulichkeit. Glücklicherweiſe gab jetzt der erſte Accord der beginnenden Symphonie der Theil⸗ nahme des Publikums eine andere Richtung, und befreite Sabinen von ihrer Verlegenheit. Andreas Lamm verſank wieder in ſeine alten ſeligen Träume, in jenes reizende Auf⸗ und Niederwogen der Gefühle, das ihn ſo lange nicht ergriffen hatte. Wie ein neues Morgen⸗ roth zogen auf goldenen Schwingen die Genien der herrlichen Tondichtung in ſein Gemüth und entfeſſelten jeden Mißlaut, der noch dort weilte, — 295— und trieben ihn weitab in eine entlegene Ferne. Häßlich aber ward Andreas in ſeinem glück⸗ lichen Genuſſe geſtört, als nach dem erſten Satze der Symphonie nicht das hierhergehörige Andante, ſondern die nichts ſagende Introduction der ita⸗ lieniſchen Arie eintrat, in welcher die Signora nun ihre Künſte zeigen wollte. «Verdammter Mißbrauch!y fuhr er zu Sa⸗ binen gewendet auf. SEines geſchmackloſen Publikums wegen, das vor lauter Begierde eine italieniſche Signora auf dem ſtraffen Seile einer Bravourarie ſpringen und pirouettiren zu ſehen, den Beethovenſchen Himmelsgeſang nicht aus⸗ tönen läßt, muß ich hier ſitzen wie Tantalus und die goldenen Aepfel, nach denen ich ſchmachte, kaum da ich ihre Herrlichkeit verſucht, ſchon wie⸗ der entbehren. Nun, es wird euch ſchon zu Hauſe kommen, ihr Dilettanten! Hört ihr wohl, wie die Signora mit ihrer verlebten Altſtimme in gräßlichen Rouladen dumpf bollert gleich einer alten Pauke mit einem großen Loch im Felle? Jetzt gebt Acht auf die holdſelige Kopfſtimme! — 296— Da iſt ſie ja. Dünn wie ein Zwirnsfaden wik⸗ kelt ſie ſich die chromatiſche Tonleiter hinab, in⸗ dem ſie zwei oder drei Sproſſen auf einmal nimmt, und dann in einem ſchrecklichen Gähn⸗ laute zur Erde purzelt. Aber, ſo wahr ich lebe! ſie applaudiren: die Barbaren. Nein, das iſt toller als toll!» Sabine hatte Mühe den Pflegevater, deſſen lautes Reden von den Nächſtſitzenden nicht gebil⸗ ligt zu werden ſchien, zum Schweigen zu vermö⸗ gen. Als aber nach kurzem Verlaufe die Sän⸗ gerin in einer Cadenz ſich in die entfernteſten Tonarten verirrte, und zuletzt ſich gar nicht wie⸗ der in die der Arie hineinfinden konnte, ſondern bei dem langgehaltenen Triller, zu dem das Orcheſter mit der Dominante der Grundtonart einſiel, das mißtönendſte Geheul an den Tag brachte, und dennoch von allen Seiten ſtarker Beifall geklatſcht wurde, da brach Andreas Lamm in ein lautſchallendes Gelächter aus, das den Klatſchlärm bei Weitem übertönte und aller Anweſenden ſtaunende Blicke auf ihn zog. Er — 297— jedoch ſagte, nachdem er ſein Lachen gemaͤßigt, ziemlich verdrießlich zu Sabinen: „Die Welt iſt toll geworden! Cis dur und F dur: eins klingt wie das andere, und wer's nicht glauben will, der gehe nur in ein Konzert, wo eine italieniſche Donna ſingt und ein gebil⸗ detes Publikum verſammelt iſt!» Noch einmal bat ihn Sabine dringend, ſeine Bemerkungen im Stillen zu machen. Einige ſchnurrbärtige Muſikfreunde hatten ſich mit un⸗ willigen Gebehrden genähert und ſchienen nicht abgeneigt, den Störer ihrer Luſt und Tadler ihrer Kunſtanſichten zur Rede zu ſtellen. & Ei was!» entgegnete Andreas auf jene Mahnung Sabinens, nicht weniger laut als zu⸗ vor: gandere mögen beſſer verſtehn Kechts um kehrt euchl» oder Vorwärts marſchl' zu kommandiren als ich, allein was die Muſik betrifft, ſo iſt dies mein Fach, und ich ſtehe dar⸗ in meinen Mann. Die Signora ſingt miſerabel und wenn der Beifallslärm auch mit obligatem — 298— Musketen⸗ und Kanonenfeuer hervorbräche, ſo würde ſie deshalb doch nicht beſſer ſingen!* Mehrere der Umſtehenden, welche die Rich⸗ tigkeit ſeiner Bemerkungen einſehen mochten, er⸗ freueten ſich an des alten Mannes Kunſteifer. Die Schnurrbärte ſahen ihren Gegner, von Alliirten umgeben, und zogen ſich ſtill wieder zurück. Der Arie folgte das Violinkonzert des Sig⸗ nor Giulio Landrini, von dieſem— wie der Zettel beſagte— ſelbſt komponiet. Kaum waren nur die erſten Tacte des Tutti geſpielt, ſo wandte ſich Andreas Lamm mit raſcher „Bewegung nach der ebenfalls erſtaunten Sabine und ſprach mit zitternder und gedämpfter Stimme: «Bin ich behext oder iſt es wirklich wahr, daß ich da den Anfang von unſers Julius ſech⸗ ſtem Violinenkonzert höre, welches er noch in der Lehre bei mir komponirt und das ihm vor⸗ züglich gelungen? Beim Himmel, ja! Es iſt das Konzert! Der Italiener muß es ihm ge⸗ ſtohlen haben, oder wenn er auf ehrlichem Wege in deſſen Beſitz gekommen, muß er Nachricht von — 299— Julius geben können. Doch, heilige Cäcilia! was iſt das? Statt des gründlichen Pianoſatzes fällt jetzt die Flöte mit allerlei neumodiſchem und abgeſchmacktem Firlefanz ein. Wart, ich will Dich! Du italieniſcher Dieb! Um den entwendeten Gold⸗ ſtoff unkenntlich zu machen, hängt er allerlei bunte, dem Pöbel ergötzliche Lappen darüber hin.» Der Stadtmuſikus erhob ſich von ſeinem Sitze, um den Signor Landrini ins Auge zu faſſen; allein es hatten ſich ſo viele Zuhörer an das Or⸗ cheſter vorgedräugt, daß er ſeine Abſicht nicht erreichen konnte. Unmuthig nahm er ſeinen Sitz wieder ein. Seine Blicke verfinſterten ſich immer mehr, als er im Fortgange des Tutti erkannte, wie ſehr des Sohnes tüchtige Compoſition durch allerlei auf den Ohrenkitzel und geiſtloſen Effekt berechnete, eingeflochtene Trivialitäten entſtellt worden. Immer beſtand aber doch noch ſo viel von der Sache, daß ſie dem deutſchen Lamm eigenthümlich blieb, und der italieniſche Lan⸗ drini ſich nur die Entſtellungen als ſein Werk zurechnen konnte. — 300— Nun begann das Solo. Die einfache geſang⸗ reiche, dem Stadtmuſikus ſehr wohl erinnerliche Melodie war es nicht. Ein gewaltig kühner und mit großer Sicherheit ausgeführter Sprung, im widrigen Contraſte mit dem Hauptthema blitzte aus der Tiefe der G⸗Saite in die unendliche Höhe der Quinte empor. Aber was iſt das? Andreas Lamm wird bei dem erſten Tone, der von dem Inſtrumente des Virtuoſen erklingt, bleich wie der Tod, alle ſeine Glieder beben, ſeine Augen ſtarren unverwandt und funkelnd nach der Stelle hin, wo ihm verborgen der Italie⸗ ner ſein heilloſes Weſen treibt, und mit der un⸗ geheuerſten Fertigkeit durch frivole Verzierungen und gefallſüchtige Dreingaben der Natur des In⸗ ſtruments und der Kunſt Hohn ſpricht. Sabine ergreift ängſtlich des Pflegevaters zitternde Hand und blickt ihn fragend an. Auch ihrer Wangen Roſenroth iſt gewichen und eine gewaltſame in⸗ nere Bewegung ſcheint ſich ihrer bemächtigt zu haben. Da neigt ſich Andreas Lamm dicht zu ihr heran und flüſtert ihr ſcheu in das Ohr: — 301— « Hörſt Du's wohl? Der Engel ſingt, den der Zauberer Amati in jene Geige gebannt, die ich dem Julius beim Abſchiede mitgab. Doch ſeine Töne verkünden nicht mehr das Hei⸗ lige und Himmliſche! Ein tückiſcher Dämon hält ihn gefeſſelt und zwingt ihn durch unerhörte Mar⸗ ter, das Gemeine zu preiſen und der jämmer⸗ lichen Sinnlichkeit der Irdiſchen zu fröhnen. Ja, beim Himmel! Der Italiener treibt ſchnöde Gau⸗ kelei auf meiner Amati. Julius iſt todt oder das Ganze iſt ein toller Spuk, dem ich wohl auf den Grund kommen will!⸗ Nach dieſen Worten erhob ſich Andreas und drängte ſich mit Gewalt durch die Umſtehen⸗ den hindurch nach vorn hin. Unter großer Ban⸗ gigkeit folgte ihm Sabine. Des Pflegevaters ſieberhafte Spannung machte ſie ſehr beſorgt um ihn, der erſt ſeit Kurzem ſich wieder der Gene⸗ ſung erfreuen konnte. Ach, und dann beunru⸗ higten auch noch andere Gedanken ſie in ihres Herzens Tiefen! Seltſame Ahnungen waren in ihr erwacht. Es war ihr, als ſtände ein — 302— merkwürdiger Augenblick ihres Lebens ihr nahe bevor. Endlich war der Stadtmuſikus mit der ſich feſt an ſeinen Arm anklammernden Sabine in der Nähe des Orcheſters angelangt. Den Italiener aber konnte er noch eben ſo wenig er⸗ ſchauen, wie einen der andern mitſpielenden Mu⸗ ſiker; denn gerade an der Stelle, wo er jetzt ſtand, befand ſich eine undurchdringliche Mauer von Zuhörern vor ihm, die er vergebens zu durchbrechen verſuchte. Er mußte ſich alſo ent⸗ ſchließen, wenigſtens das Ende des erſten Allegro abzuwarten, wo er dann wohl hoffen durfte, dem Landrini durch irgend eine Lücke zu Leibe gehen zu können. Bis dahin befand er ſich in einer Art ſtiller Wuth, lächelte oft ingrimmig vor ſich hin und achtete, nur auf die Ausführung ſeines Vorſatzes bedacht, nicht weiter auf die Muſik. Die letzten kräftigen Accorde des Allegro und der allgemeine Beifall, welchen das Publikum dem in der That höchſt fertig und ſicher ſpielenden Virtuoſen laut zollte, erweckten ihn aus ſei⸗ nen Gedanken. Da ſchob Andreas die Vor⸗ männer raſch auseinander, und ſtand nun mit wenigen Schritten auf dem erhöheten Orche⸗ ſter. Sabine blieb ſchüchtern zurück und ſetzte ſich ſtill auf einem freien Plätzchen zur Seite nieder. «Wo iſt Signor Landrinisev fragte der Stadtmuſikus in ſtürmiſcher Haſt den nächſtſte⸗ henden Repieniſten. Dieſer deutete auf einen fein gewachſenen Mann von höchſt anſtändiger Haltung, der ihnen gerade eben den Rücken zu⸗ wandte. Er hielt die Geige unter dem Arme. Andreas gierige Blicke fielen auf dieſe. Da war am Hals der wohlbekannte Löwenkopf; da waren an den Wirbeln die Verzierungen von Perl⸗ mutter, die er ſelbſt eingelegt hatte. Mit einem raſchen Griffe war die Geige in ſeiner Hand. Betroffen ſah ſich der Virtuos um; aber als ſtürze ein Blitzſtrahl zwiſchen ſie hinab, prallten die beiden Männer vor einander zurück. An⸗ dreas Lamm erkannte in dem Signor Giu⸗ lio Landrini ſeinen Sohn Julius; dieſer — 304— blickte voll Entſetzen in das zornſprühende Ant⸗ litz des ſchwer beleidigten Vaters. Andreas gewann zuerſt die Sprache wie⸗ der: Entarteter!» rief er, indem ſein Blick mit dem Ausdrucke der tiefſten Verachtung den faſſungsloſen Sohn durchbohrte.„. So muß ich Dich wiederfinden! Nicht genug iſt es Dir, den fleckenloſen Namen zu verleugnen, den Eltern und Ureltern mit Ehren getragen und auf Dich vererbt; nicht genug, Kindespflicht und Kindes⸗ liebe in ſchnöder Selbſtſucht mit Füßen zu tre⸗ ten; Du verräthſt auch das Heiligſte, was die Menſchheit hat: Kunſt und Vaterland! Ich habe keinen Sohn mehr! Das letzte Band zwiſchen uns iſt zerriſſen. Den Engel des Wohllauts gab ich Dir mit in die Welt, daß er in Dein Le⸗ ben ſich verflechte und Du ihn wiederum ehren ſollteſt; Du haſt ihn in den Dämon des Miß⸗ lauts verkehrt und indem ich ihn hiermit zurück⸗ nehme und ſein Daſeyn vernichte für immer, iſt auch jede Verbindung zwiſchen uns aufgehoben für jede Zeit.* — Von Zorn überwaͤltigt warf Andreas die Amatigeige heftig zu Boden, ſo daß ſie mit einem ſchreienden Schmerzenslaute zerſprang. Ju⸗ lius ſtand regungslos inmitten eines großen Krei⸗ ſes von Zuſchauern, der ſich um die beiden Män⸗ ner verſammelt hatte. Ueber das Antlitz des Stadt⸗ muſikus legte ſich jetzt eine dunkele Röthe. Seine Augen rollten furchtbarer als zuvor und mit ge⸗ preßter Stimme ſtammelte er: „Wage nie wieder Dich vor mir ſehen zu laſſen, oder irgend jemals noch den Namen Lamm zu führen; ſonſt wird der Fluch Deines Vaters Dich treffen, und der Himmel wird ihn erhören, um Deinen Frevel zu ſtrafen. Sabine hatte ſich ſchon fruher herbeige⸗ drängt und trotz ihrer heftigen innern Bewe⸗ gung die Trümmer der Amatigeige ſorglich aufgeleſen und bewahrt. Sie wußte, wie hoch der Pflegevater das Inſtrument halte und wie er ſpäter bei ruhigerem Sinne nach jedem Split⸗ ter deſſelben verlangen würde. Da Aller Auf⸗ merkſamkeit auf Andreas und Ju liuns gerich⸗ 20 — 306— tet war, ſo blieb ihr Thun unbeachtet. Als aber jetzt des Stadtmuſikus Rede in ein unver⸗ ſtändliches Lallen überging, und er ſelbſt wie von einem ſtarken Schwindel ergriffen, zu wan⸗ ken begann, ſprang ſie ſchnell zu ſeiner Unter⸗ ſtützung herbei. ½ Ehe ſie ihn aber noch erreichte, verlor er die Beſinnung und ſank den Zunächſt⸗ ſtehenden in die Arme. &Ein Schlagfluß hat ihn getroffen!» riefen Mehrere. Sabine drängte ſich laut jammernd zu ihm hin, ihre heißen Thränen benetzten Hand und Wange des Ohnmächtigenz aber die Lebens⸗ geiſter ſchliefen zu feſt, um hierdurch erweckt zu werden. Man brachte ihn aus dem Saale und ſchaffte ihn nach ſeiner Wohnung. Von Ver⸗ zweiflung ergriffen, von ſeltſamen, durch das Wiederſehn des Jugendfreundes und— ſie konnte es ſich ſelbſt nicht verbergen— noch immer ge⸗ liebten Verwandten erzeugten Empfindungen be⸗ ſtürmt, folgte Sabine dem Trauerzuge. Wie ein Lauffeuer flog die Kunde durch den Saal, daß der eben noch ſo ſehr beklatſchte Gei⸗ — 307— ger keineswegs der berühmte Signor Giulio Landrini, ſondern nur ein obſcurer Deutſcher ſey, der Sohn eines Stadtmuſikanten, der ſich fälſchlich für den trefflichen Italiener ausgegeben. Auch die Sängerin wurde in ihres Begleiters Verdammungsurtheil miteinbegriffen und ebenſo⸗ wohl für eine Betrügerin erklärt. Beide Mei⸗ nungen waren zu voreilig und hart; ſchon ſeit langer Zeit hatte Julius ſich der reiſenden Signora zugeſellt und unter dem Namen ihres Bruders dieſen durch ſeine Kunſtleiſtungen be⸗ rühmt gemacht. Außer ihm exiſtirte kein anderer Geiger dieſes Namens. So ſehr nun auch ein⸗ zelne Anweſende die Verſammlung durch die Ver⸗ ſicherung zu beruhigen ſuchten: die Konzertgeben⸗ den ſeyen in der That dasſelbe Geſchwiſterpaar Landrini, welches ſie bereits an dieſem oder jenem Orte gehört und kennen gelernt; ſo wenig ward bei der allgemeinen Empörung über die, von des Virtuoſen Vater ſelbſt aufgedeckte Täu⸗ ſchung, ihre Stimme gehört. Nach einer kurzen Verabredung unter den Vornehmſten der gegen⸗ 20* — 308— wärtigen Badegäſte, verließen dieſe zum Zeichen ihres Unwillens und ihrer Verachtung mit einem⸗ male ſaͤmmtlich den Saal. Die Macht des Bei⸗ ſpiels wirkte ſchnell auf die Uebrigen; nach we⸗ nigen Augenblicken war außer dem Orcheſterper⸗ ſonale, der Sängerin und dem Virtuoſen Nie⸗ mand mehr vorhanden. Jetzt blickte Julius, der bisher in dum⸗ pfer Betäubung geſtanden hatte, um ſich. Er ſah ſich verachtet, entehrt vor der Welt und den anweſenden Kunſtgenoſſen, und das Alles— durch ſeinen eigenen Vater. Trotz und Bitterkeit ſtie⸗ gen in ihm auf. Mit einem höhniſchen Geläch⸗ ter machte er dem gepreßten Innern Luft. Dann ſtürzte er außer ſich fort und eilte im Sturmes⸗ fluge nach ſeinem Gaſthofe. 3 Als Signora Landrini ſpäter heimkehrte, fand ſie ihren Gefährten nicht mehr. Er war mit Ertrapoſt abgereiſt: Niemand wußte wohin. .„. 4 Die Einwohner des Städtleins Friedheim blickten neugierig aus ihren Fenſtern, als ſpät — 309— gegen den Herbſt hin eines Abends eine Reiſe⸗ kutſche langſam und ſchwerfällig durch die Stra⸗ ßen polterte und vor dem Hauſe des Stadtmu⸗ ſikus hielt. Endlich kommt er! riefen Viele und eilten fort, um den geachteten Mann willkommen zu hei⸗ ßen, deſſen Unfall ſchon durch Renata Franz⸗ heimer, die auch in jenem Bade zugegen ge⸗ weſen, mit allerlei hämiſchen Seitenblicken auf Julius berichtet worden war. Lange hatte An⸗ dreas in lebensgefährlicher Krankheit gelegen. Als nun nach vielfachen Stuͤrmen ſeiner kräfti⸗ gen Natur der Sieg geblieben war und die kör⸗ perliche Geneſung unter Sabinens liebevoller Sorgfalt langſam erfolgte; da wollte ſich jedoch immer noch der Geiſt nicht wieder in ſeiner alten Kraft erheben, und eine tiefe Schwermuth, eine Gefühlsſtumpfheit gegen Alles, was ihm früher wichtig geweſen war, blieb des alten Lamm nur allzutreue Gefährtin. Freundlichkeit und Milde zeigte er gegen Jedermann; die Herrſchaft der Gedanken aber war ihm nicht immer eigen. So kehrte Andreas in die Heimath zurück; ſo ward er von ſeinen Nachbarn und Freunden bald erkannt. Gewiß mußte ſein Gemüth tief erſchüttert und in ſeinen innigſten Verhältniſſen geſtört worden ſeyn, da ihm die ſonſt ſo theure Tonkunſt weder Freude noch Beruhigung mehr gewähren konnte. Nur in einer Beziehung ſtand er noch mit ihr; dieſe aber war ſo ſeltſamer Art, daß ſie mehr ein Ausfluß ſeines Seelenübels, als ſeiner Kunſtliebe zu ſeyn ſchien. ˙O Du ſüßer Engel des alten Amati, wie rufe ich Dich zurück ins Leben und banne Dich wieder in den holdſchauerlichen Pallaſt, aus dem Du ſo wunderbare Lieder ſangeſt; damit nicht dereinſt der große Meiſter ſtrenge Rechenſchaft von mir fordert, daß ich Dich leichtſinnig hinge⸗ geben und in unſinniger Wuth Deinen holden Pal⸗ laſt zertrümmert? y So jammerte er oft Tagelang, und war da⸗ bei eifrig beſchäftigt, die von Sabinen geret⸗ teten Trümmer der Amatigeige wieder zu⸗ — 311— ſammenzuſetzen. Gelang ihm dann das Werk, und lag das Inſtrument, wohlgebildet und be⸗ ſaitet wie ehemals vor ihm, ſo erheiterte ſich ſein Antlitz, und mit einem verklärten Lächeln ſagte er: Jetzt merke wohl auf, Sabine! Der Engel iſt wieder heimgekehrt, die Himmelslieder tönen wie ſonſt, und der alte Zauberer wird mir nicht grollen dürfen.» Nun ſpielte er auf der Geige; aber nie wollte es ihm gelingen, die alten Engeltöne wieder her⸗ ausklingen zu laſſen. Er hörte nur immer den ſchneidenden Hohn des Dämons, wie er an je⸗ nem Konzertabende das Heiligſte entweihend ſein Gemüth zerriſſen. Seine Phantaſie entflammte ſich: das Bild des Sohnes, wie dieſer ihm da⸗ mals erſchienen, trat vor ſeine Seele. Alle Pein jenes Augenblicks drängte ſich aufs Neue um ihn her. Hölliſches Spottgelächter ſchrie aus dem In⸗ ſtrument, und je größer die Kraft war, welche Andreas anwandte, um durch Druck der Saite und durch Bogenführung die alte Herrlichkeit des — 312— Tcous zu erzwingen, deſto gewaltiger ſchrie die Hölle auf ihn ein, und deſto furchtbarer durch⸗ drangen ihn die Schrecken jenes Abends. Er⸗ ſchöpft und traurig ließ er dann das Inſtru⸗ ment ſinken. Der Dämon weicht nicht!y ſprach er trübe für ſich hin. Der Engel kehrt nicht zurück! Doch, Muth, Andreas! Bleib ſtark im Kampſe gegen die tuͤckiſche Macht. Suche den Feind auf in ſeinem geheimſten Schlupfwinkel, um ihn zu vertreiben und dort dem frühern Bewohner die alte Stätte zu bereiten.» Langſam und vorſichtig zerlegte er wiederum das Inſtrument, unterſuchte auf das Genaueſte die einzelnen Stücke, und ging dann mit neuer Hoffnung an das wiederholte Werk der Zuſam⸗ menſetzung. Aber ach! fort und fort zeigte ſich, wann er nun die ſchwierige Arbeit zu Ende ge⸗ bracht hatte, daſſelbe Ergebniß: der Dämon wollte nicht fliehen, und der Engel kehrte nicht heim. In dieſer Beſchäftigung, der ein tief ein⸗ gewurzelter künſtleriſcher Wahn zum Grunde lag, — 313— brachte Andreas ſeine Tage hin. Unzaͤhlige⸗ male wurde die Geige zerlegt und wiederum zu⸗ ſammengeſetzt. Nur Sabine durfte ihm hier⸗ bei zur Hand gehen, ſo wie ſie dann überhaupt das Leben des unglücklichen Mannes auf jede mögliche Weiſe zu erheitern ſuchte. Um dieſes zu können, hatte das arme Mädchen ſelbſt man⸗ chen ſchweren Kampf mit ſeinem eigenen Gemü⸗ the zu beſtehen. Jener Abend, der die Geiſtes⸗ kraft des Alten brach, hatte auch dem Herzen Sabinens eine ſchwere Wunde beigebracht. Das Verhältniß, in dem Julius zu der italie⸗ niſchen Sängerin ſtand, war gewiß keins der reinſten, und im Ganzen ſchien des Jünglings ſittliche Würde ſo ſehr geſunken, daß ſeine Kind⸗ heitsgenoſſin lange ſchwankte, ob ſie nicht mit Gewalt ſein Angedenken aus ihrem Herzen reißen und ihn ſelbſt zu den Verlornen rechnen ſollte. Aber die Liebe behauptete ihr Recht, und wie auch Sabine über die Schwäͤche und den Leicht⸗ ſinn des jungen Mannes trauern mußte, ſo blieb doch ihr Herz ihm liebend und treu ergeben. — 314— Unter dieſen Umſtänden war wiederum ein Jahr verſtrichen. Da empfing Sabine eines Tages einen Brief. Die Hand, welche die Auf⸗ ſchrift gemacht hatte, war ihr fremd. Zu ihrem freudigen Erſtaunen erkannte ſie aber, als ſie den Brief öffnete, Julius Schriftzüge. Ach! wie pochte da das liebende Herz, und wie ward es von Wehmuth erfüllt, als ſie nun die Reue erkannte, von der Julius über ſein früheres Leben, über des Vaters ſchwere Beleidigung, über ſeine Herabwürdigung der Kunſt und des Va⸗ terlandes ergriffen war,— als ſich der Schmerz ihr offenbarte, der das ganze Gemüth ihres fer⸗ nen Freundes peinlich durchdrang, bei dem Ge⸗ danken, daß der Vater ihn verachte und daß deſſen Fluch dräuend über ſeinem Haupte ſchwebe! Der Brief war aus einem kleinen italieniſchen Städtchen, nahe der Grenze Deutſchlands ge⸗ ſchrieben. Nicht eher werde er den Boden des Vaterlands wieder betreten— ſo ſchloß Julius — bis des Vaters Verzeihung ihm ſeine Ehre zurückgegeben habe und ihm wieder vergönnt ſey, V — 315— den Namen zu fuͤhren, den er früher im Wahn⸗ ſinne des Hochmuths und der Eitelkeit verſchmäht. Er flehe Sabinen an, den Boten der Verſöh⸗ nung zwiſchen ihm und dem Vater abzugeben. Ach! auch ſie habe er ſchwer beleidigt, und er fühle das um ſo tiefer, jemehr er nun ihren ho⸗ hen Werth erkenne! Ach, auch ſie möge ihm verzeihen und ſeinem Gemüthe Ruhe und min⸗ deſtens Hoffnung auf eine glückliche, durch Va⸗ terliebe wieder verherrlichte Zukunft zurückkehren laſſen! Er unterzeichnete: Julius Namenlos. «Unglücklicher!“ ſeufzte Sabine und ver⸗ barg den Brief auf ihrer Bruſt: swohl irrſt du als ein Namenloſer umher, und wirſt viel⸗ leicht vergeblich für immer das Verlorene wieder zu gewinnen trachten. Doch will ich deinem Ver⸗ trauen entſprechen. Ja, ich will es wagen, in der Seele des Andreas die Erinnerung an dich zu erwecken!» Als ſie nun Abends bei dem Alten ſaß, der eben wiederum mit dem Zuſammenſetzen der Ama⸗ tigeige beſchäftigt war und freudige Hoffnung — 316— hegte, dieſesmal werde ihm ſein kunſtreiches Werk glücken, da führte ſie nach langem und furchtſa⸗ men Zögern ihren Entſchluß aus, und über ihre Lippen bebte der Rame Julius. Starr und durchbohrend blickte ſie Andreas an: Hörſt Du wohlls rief er dann in einem ſeltſamen ſingenden Tone, swie ſchon jetzt der Dämon aus allen Fugen der einzelnen Theile höhniſch und widrig heult? O, ich fürchte ihn nicht, den hölliſchen Geiſt! Hinweg mit ihm! Sein Reich werde zerſtört!» Unter ſeiner Hand zerbrachen die ſchon ver⸗ bundenen Stücken der Geige. Düſter lächelnd legte er ſie vor ſich hin und fuhr mit leiſer Stim⸗ me fort: Nun iſt es ſtill geworden! Die Kunſt iſt begraben. Tief unten in der dumpfen Gruft liegt ihre Leiche, und über dem Hügel ſchwebt der krächzende Rabe, der eigentlich der Satan iſt und den Engel des Amati vertrieben hat. Aber Geduld! Die Poſaune erklingt. Auch die Kunſt muß auferſtehen und der Engel muß wie⸗ — 317— derkehren zum herrlichen Auferſtehungsfeſte. Du, Andreas Lamm, biſt berufen ihn zurückzu⸗ führen.» 4 Emſig ging er wiederum an die ſchon ſo oft vollbrachte und wieder zerſtörte Arbeit. Sa⸗ bine ſchlich ſeufzend aus dem Zimmer und be⸗ antwortete, indem ſie die feſteſten Verſicherun⸗ gen ihrer fortwährenden Verwandtenliebe aus⸗ ſprach, und des Pflegevaters Zuſtand und Ge⸗ ſinnungen gegen Julius ſo ſchonend wie mög⸗ lich erwähnte, das Schreiben des Vetters. Von nun an entſpann ſich ein ununterbroche⸗ ner Briefwechſel zwiſchen Julius und Sabi⸗ nen. Freundlich geſtaltete ſich jetzt aus der Ent⸗ fernung ein liebevolles Verhältniß, das früher in häuslicher Gemeinſamkeit ſich nie hatte bilden wollen. Julius erkannte leider nun erſt das reiche Gemuth und den ſittlich gebilderen Geiſt der Jungfrau, die— hätte er ihr früher ver⸗ traut und ſie in ſein Leben verflochten— ihn vor ſo vielen bedauernswerthen Verirrungen be⸗ wahrt haben würde. Von ſolchen Gefühlen be⸗ 2 — 318— wegt konnten aber Beide keinen glücklichen Hoff⸗ nungen für die Zukunft Raum geben. Wurde auch Andreas nach und nach wieder heiterer, fing er auch an, bei jeder neuen Zuſammenſetzung der Amati zu bemerken, daß die Engelsſtimme zurückkehre und der Dämon immer leiſer ſeinen 10 39e unterliegenden Kampfe erhebe, und erſchien er auch ſeinen Mitbürgern wieder als der alte joviale und rechtliche Mann, dem ſie immerdar Wohlwollen und Achtung geſchenkt hat⸗ ten: ſo behielt er dennoch ſeine Strenge gegen den Sohn, den er gänzlich verloren gegeben hatte, bei und verbot, als Sabine noch einigemale ſeiner erwähnte, jede fernere Rede im Guten oder im Schlimmen von ihm: Mit ſtillem Kummer unterwarf ſich Sabine dieſem Verbote. Sie ſprach nicht mehr von dem lieben und unglücklichen Vetter, aber ihre Ge⸗ danken waren raſtlos mit ihm und mit Entwür⸗ fen für die Zukunft beſchäftigt. Einſt legte Andreas unwillig die wieder einmal neu Phianmenheſettr Amatigeige, auf — 319— der er lange prüfend geſpielt hatte, aus der Hand und ſagte: «Alles iſt vergebens! Wohl iſt der Engel zurückgekehrt und ſingt wieder himmliſche Lieder aus ſeiner wunderbaren Wohnung, aber im ier tönt das tückiſche Hohngelächter des Dämons zwiſchen, und ich werde ſo nimmerme ten Amati zauberiſches Werk wieder zu Stande bringen. Was nur daran noch fehlen mag?— Ja, wer das Geheimuiß wüßte?» fügte er ſin⸗ nend und fragend hinzu. In Italien könnt Ihr es erfahren!n ent⸗ gegnete da wie aus überirrdiſcher Eingebung Sa⸗ bine, die ſtill und unbeachtet in einer Fenſter⸗ vertiefung des Zimmers ſaß, Andreas ſah die Sprechende ſtarr und betroffen an. Lange verharrte er ſchweigend in einer Stellung, welche anzeigte, daß er ſich ſelbſt mit Erklärung der Beziehung, welche dieſen Worten zum Grunde liegen könne, beſchäftigte; dann rief er, indem er Sabinen naäͤher trat, mit ſeltſamer Auf⸗ regung aus: — 320— «Was willſt Du damit ſagen, Sabine? Du ſprichſt mit einer Sicherheit, die ich mir nicht zu erklären vermag.» „ Ich meine nur,» erwiederte das Mädchen, indem ſie in des Pflegevaters fixe Idee einzugehen ſchien, daß, da der Dämon doch eigentlich ſei⸗ nen prung aus Welſchland und aus dem neueſten Kunſtunweſen dort hat, er allein auch dort nur wieder gänzlich zu bannen ſeyn durfte.* Andreas antwortete nichts, allein Sa⸗ binens Aeußerung ſchien einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht zu haben. Er zerlegte die Ama⸗ tigeige nicht wieder, wie er das bisher im⸗ mer gethan hatte, ſondern hing ſie bedächtig, zwar noch nicht wieder an ihren alten Ehrenplatz im Staatszimmer, aber doch obenan in die Reihe ſeiner übrigen trefflichen Violinen. Mehrere Tage lang ging er nun nachdenklich, ohne das Inſtru⸗ ment zu berühren, umher. Endlich ſchien ſein Entſchluß feſt zu ſtehen, und er trat eines Mor⸗ gens mit heiterem Antlitze und den Worten zu ſeiner Pflegetochter: — 321— Bereite Dich zu einer weiten Reiſe, Sa⸗ bine! Du haſt prophetiſche Worte zu mir ge⸗ ſprochen, und ihre Deutung ſteht jetzt klar vor meinem Geiſte. Wir gehen nach Italien. Be⸗ ſorge ſchleunig alles Nöthige, denn übermorgen reiſen wir ab.» Sabine blickte überraſcht und mit frohem Lächeln von ihrer Arbeit in des Pflegevaters ver⸗ klärtes Angeſicht empor. Bald aber hatte ſie ihre Faſſung wieder gewonnen und verbarg nun ihre große innere Bewegung. Rüſtig ging ſie ſogleich an alle Vorbereitungen zur Reiſe, während An⸗ dreas, der ſich in günſtigen Vermögensumſtän⸗ den befand, einige ausſtehende Kapitalien ein⸗ zog und ſeinen erſtaunten Freunden im Städt⸗ chen ein einſtweiliges Leb ewohl ſagte. Kurz! Am Morgen des beſtimmten Tages ver⸗ ließen in einer wohlverwahrten Reiſekutſche der Stadtmuſikus Andreas Lamm und ſein ſchö⸗ nes Pflegekind Sabine das Städtlein Fried⸗ heim, und zogen dem im heiterſten Blau vor ihnen daliegenden ſüdlichen Himmel zu. Die 21 322— Amatigeige aber befand ſich gut gepackt und ſorglich beachtet auch in der Reiſekutſche. * N * Die Grenze, welche Italien von dem deut⸗ ſchen Vaterlande trennt, lag hinter den Reiſen⸗ den. In einer anſehnlichen italieniſchen Stadt erklärte Sabine plötzlich dem Pflegevater, ſie könne eines heftigen Kopfſchmerzes wegen nicht ſogleich weiter reiſen, und bedürfe nothwendiger⸗ Weiſe einige Tage der Ruhe. Ungern willigte Andreas, der ſich einmal in den Kopf geſetzt hatte, daß er nur in Cremona das Ziel und die Abſicht ſeiner Reiſe erreichen könne, in die⸗ ſen Aufenthalt. Die Veränderung der Luft und die Zerſtreuungen auf dem Wege hatten ſeinem Körper und ſeinem Geiſte wohl gethan. Der Trübſinn, von dem immer noch eine Spur vor⸗ handen geweſen, war jetzt ganz und gar ver⸗ ſchwunden; nur in Allem, was die Amati⸗ geige betraf, hatte in dem Gemüthe des An⸗ dreas keine Umwandlung Statt gefunden. Zum — 323— Erſtenmale ward nun das Inſtrument ausgepackt. Der Stadtmuſikus ſah es lange voll Rührung an und ſagte dann, indem er zum Bogen griff: Vielleicht erkennt der Engel ſeine Heimath wieder! Vielleicht begeiſtert ihn dieſe Erkennt⸗ niß zu einem Triumphgeſange, vor dem der Dä⸗ mon vernichtet entweichen muß!» Und Andreas verlor ſich nun auf dem In⸗ ſtrument in ſinnige Phantaſieen, wie der Augen⸗ blick ſie ihm eingab, und in kunſtreiche Tonver⸗ flechtungen, wie ſeine theoretiſche Kenntniß und ſeine Herrſchaft über das Inſtrument ihn dazu befähigten. Als Sabine, welche unter dem Vorwande, friſche Luft ſchöpfen zu wollen, das Zimmer verlaſſen hatte, nach beinahe einer Stunde zurückkehrte, fand ſie den Pflegevater noch ſpie⸗ lend. Sein Angeſicht und ſeine Blicke ſtrahl⸗ ten Freude. Bald,» ſagte er und verwahrte die Amati wieder ſorgfältig, Lbald wird der Engel den Sieg errungen haben. Nur aus weiter Ferne rauſcht noch dann und wann das widrige Hohn⸗ 21* — 324— gelächter des Dämons in ſeinen ſüßen Geſang. Ja, Sabine, Deine Verkündigung hat wahr⸗ geſprochen.» Da erklang nicht weit von den Zimmern, welche Andreas und Sabine inne hatten, ein ernſtes und einfaches Pianoforteſpiel. Eine kunſtreiche Hand führte mit dem zarteſten Perlen⸗ anſchlage eine liebliche Adagiomelodie aus, wäh⸗ rend die Linke in allerlei ſinnreichen Melismen und harmoniſchen Wendungen bald ſich dem The⸗ ma begleitungsweiſe anſchloß, bald in einer ei⸗ genthümlichen Melodie dieſem ſelbſtſtändig gegen⸗ übertrat. Dem Adagio folgte nach einem ge⸗ ſchmackvoll einleitenden Uebergange ein kurzer me⸗ lodiſcher Satz, den Andreas fruüher auf der Geige geſpielt hatte, und der von deſſen eige⸗ ner Erfindung war. Zu des alten Lamm gro⸗ ßem Erſtaunen wurde dieſer Satz nun von dem unſichtbaren Pianiſten mit großer Geſchicklichkeit und wahrer Genialität, ganz in des unſterb⸗ lichen Johann Sebaſtian Bachs klaſſiſcher Manier, variirt und zuletzt zu einer höchſt kunſt⸗ — 320— zu unübertrefflichen Variationen entwandt, auch hier wieder als Anfangs⸗ und Hauptſatz der Ou⸗ vertüre ſich fand und Dich in unzählichen kunſt⸗ vollen Wendungen, Nachahmungen und Verbin⸗ dungen neckend anſprach. Mußteſt Du nicht ſtill aufjauchzen vor Wonne und hiüätteſt es noch lie⸗ ber laut gethan, wenn es geziemend geweſen, als im Fortgange des Werkes ein vollſtändiges dramatiſches Verſtändniß, Reichthum an herr⸗ lichen neuen Melodien und die angemeſſenſte Be⸗ nutzung aller harmoniſchen Hülfsmittel ſich offen⸗ barten? Jal! brachſt Du denn nicht endlich in einem gar tief gedachten Quartett, als gerade die Rotte Landrini ziſchend, pfeifend und po⸗ chend ihr Weſen trieb, in den lang verhaltenen, alles übertönenden Bravoruf und in ein unmä⸗ ßiges Beifallsklatſchen aus, ſo daß ſaͤmmtliche anweſende Dilettanten verwundert auf Dich hin⸗ ſahen, als auf einen Raſenden, und der Mae⸗ ſtro von ſeinem Sitze am Flügel empor Dir einen ſeltſam rührenden Blick zuwarf, der Dir in des Herzens Innerſtes drang? Fuhrſt Du nicht fort in Deinem unſinnigen Jubel und Beifalle bis ans Ende, obgleich das ganze hochachtbare Publikum zuletzt ſich zu einem Enſemble von Mißtönen ver⸗ einigte und völlig dahin übereinſtimmte, das Machwerk ſey keine taube Nuß werth? Und was thateſt Du gar, als nun die Oper gänzlich durchgefallen war und der Componiſt in wilder Verzweiflung die Flucht ergriffen hatte? Da nahmſt Du deine leichenblaſſe und in dumpfer Be⸗ täubung ſich deinem Willen hingebende Pflegetoch⸗ ter beim Arm, eilteſt mit ihr davon und ſprachſt: Ich muß ihn ſehen, ich muß ihn an mein Herz drücken, den trefflichen Kuͤnſtler, der nur einen Ta⸗ del verdient, nämlich den, dieſem Volke einigen Sinn für die heilige Kunſt zugetrauet zu haben.» Kaum konnte Sabine den flüchtigen Schrit⸗ ten folgen, welche den Stadtmuſikus nach dem Gaſthauſe zurückbrachten. Hier fragte er ſogleich den Wirth nach der Wohnung des Maeſtro. Der arme Teufel!» antwortete Jener. Er wohnt in meinem eigenen Hauſe, zwei Treppen hoch No. 18. Ihr muüßt ſein Klimpern ſchon — 331— gehört haben; er liegt ja Tag und Nacht auf dem Inſtrumente. Wenn Ihr ihn aber noch ſpre⸗ chen und vielleicht in ſeinem Unglücke tröſten wollt, ſo müßt Ihr eilen. Er hat ſo eben ſeine Rech⸗ nung verlangt, iſt jetzt im Packen begriffen und will dann gleich abreiſen.» Raſch ſtürmte Andreas die Treppe hinauf nach No. 18. Ohne zu klopfen öffnete er die Thüre. Da trat ihm mit zwei brennenden Lich⸗ tern in der Hand der Maeſtro entgegen. Starr und ſtumm blickte dieſen der Alte einige Augen⸗ blicke lang an; der Tonſetzer ſtellte die Lichter hin nnd ſank ihm zu Füßen. Juliusly rief Andreas, der jetzt die freudige Wahrheit erkannte, und breitete die Ar⸗ me nach dem Sohne aus. Weinend ſank dieſer an des verſöhnten Vaters Herz und reichte eine Hand nach der geliebten Sabine hinüber, die betend zur Seite ſtand. „Du warſt der Engel der Verſöhnung; bleib Du der Engel meines Lebens!» fluͤſterte er in ſüßer Bitte. Sabine ſchlug erröthend den Blick V — 332— zur Erde; aber Andreas hatte Julius Bitte und der Pflegetochter Erröthen verſtanden, und ſegnete das liebe Paar. Noch an demſelben Abende ſpielte der Stadt⸗ muſikus einiges Wenige auf der Amatigeige. Siehe! da ſang auch wieder aus dieſer der En⸗ gel des alten Amati in ſeiner ganzen ehemali⸗ gen Reinheit und Herrlichkeit. Kein ſchadenfro⸗ hes Gelächter des Dämons miſchte ſich in ſein ſüßes Lied; die tückiſche Macht, die bisher ſo hartnäckig widergekämpft hatte, war völlig be⸗ ſiegt: wie aus dem Herzen der drei glücklichen Menſchen, ſo war auch aus dem Inſtrumente nun jeder Mißlaut verbannt. Der nächſte Morgen fand die drei Vereinten auf der Rückreiſe nach Deutſchland. Zum Zei⸗ chen der Verſöhnung und der Wiedereinſetzung in die lange offen geweſene Sohnesſtelle, hatte Ju⸗ lius von ſeinem Vater die köſtliche Amati⸗ geige zurück erhalten. Gerührt blickte er auf das Inſtrument: einſt den Zeugen ſeiner Schmach, jetzt den der wieder erworbenen Ehre. 1 In derſelben Verlagshandlung ſind folgende Werke erſchienen und in allen Buchhand⸗ lungen zu haben: Adrian, Dr., Erzählungen. Inhalt: 1) Die drei Schweſtern. 2) Emmy. 3) Die ſchöne Pilgerin. 4) Azariel und Azala. 5) Geſchichte der Prinzeſ⸗ ſin Florine. 6) Alfouran. 7) Molly. 8. 1821. 1 Thlr. oder 1 fl. 40 kr. —,— die Prieſterinnen der Griechen. 8. 1822. geh. 18 gr. oder 1 fl. 12 kr. Bandello's Novellen. 3 Theile. Zweite vermehrte Auflage. 3 Thlr. oder 5 fl. Byron, Lord, Erzählungen. Mit einem Verſuche über deſſen Leben und Schriften, von Dr. Adrian. 8. 1819. geh. 1 Thlr. 8 gr. oder 2 fl. 20 kr. —— Lara. Eine Erzählung im Versmaße des ODriginals überſetzt von Dr. Adrian. 8. 1819. geh. 8 gr. oder 36 kr. —— die Braut von Abydos. Eine türkiſche Er⸗ zählung im Versmaße des Originals überſetzt von Dr. Adrian. 8. 1819. geh. 9 ggr. oder 40 kr. Cervantes Geſchichte der ſchönen Theolinda, von Dr. Adrian. 8. 1819. 6 gr. oder 24 kr. Evelina und Johanna, die Heldinnen des fünf⸗ zehnten Jahrhunderts. Ein hiſtoriſcher Roman in zwölf Büchern. 3 Theile. 8. 1825. 2 Thlr. 6 gr. oder 3 fl. 48. Fiſcher, C. A., Hyacinthen in meinem Kerker ge⸗ zogen. 8. 1825. Thlr. 1 oder 1 fl. 45 kr. —.— Neue Kriegs⸗ und Reiſefahrten. Erſter Thl. Auch unter dem Titel: Romantiſche Kriegs⸗ und Lebensabentheuer. Erſter Theil. 8. 1825. Thlr. 1. 18 gr. oder 3 fl. Hänle, G. F. die gläſerne Maske. Ein Gemälde aus den Kriminalakten des ſiebzehnten Jahrhun⸗ derts. 8. Zweite Ausg. 1825. 21 gr. oder 1 fl. 30 kr. Kupferſammlung zu Walter Scott's ſämmt⸗ lichen Werken. Erſte Lieferung: Das Fräulein vom See. 8 gr. oder 36 kr. netto. Zweite Lie⸗ ferung: Kenilworth. 12 gr. oder 54 kr. net- to. Dritte Lieferung: Peveril vom Gipfel. Ivanhoe. 12 gr. oder 54 kr. netto. Vierte Lie⸗ ferung: Das Kloſter. Der Abt. 8 gr. oder 36 kr. netto. Fünfte Lieferung: Der Seeräu⸗ ber. Marmion. Die Braut von Lam⸗ mermoor. 8 gr. oder 36 kr. netto. Luiſe, ein Beitrag zur Geſchichte der Konvenienz. Neue Ausgabe. 8. 1819. Schreibpap. 20 gr. oder 1 fl. 24 kr. Daſſelbe Velinpap. 1 Thlr. 4 gr. oder 1 fl. 50 kr. Lyra⸗Klänge und Prisma⸗Farben, in lebens⸗ warmen Bildern. Vom Verfaſſer des Antonio und Felippo. 8. 1824. Thlr. I. 4 gr. oder 2 fl. Scott's, Walter, Werke. Supplement⸗Bänd⸗ chen zu ſämmtlichen Ausgaben, enthaltend: Ha⸗ lidon⸗Höhe. Drama in 2 Acten. 12. 6 gr. oder 24 Kreuzer. 3 Schopenhauer, J., Erzählungen. Ir bis 4r Thl. Auf Druckpap. Thlr. 5. 16 gr. oder fl. 9 36 kr. Dieſelben, 1r bis Ar Theil. Auf Velinpapier Thlr. 7. 8 gr. oder fl. 12 48 kr. de la Tour, Abbé, Honorine von Ueſerche, oder die Gefahren der Syſteme. Eine Novelle, aus dem franzöſiſchen Manuſcript überſetzt von L. F. Huber. 8. 1819. Schreibpap. 18 gr. oder 1 fl. 12 kr. Velinpapier 1 Thlr. oder 1fl. 48 kr. “ „ 8 4