—⸗⸗-=— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.— 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe Lines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, b eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.—— 6 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt eträgt: 5 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 7—,———— auf 1 Monat: 1 Mk. Ff. 1 50 Pf. 2 M= Pf. „ F 8 ei Entgegennahme werden und ———-—-— „ 2„„„—„„. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und Kupfern dc.) muß der s zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt da iſſ 6 r⸗ orene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer jum Erſatz des Ganzen verp flichtet. I. Ausleikezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —y — „ 1 3 — — Freikugeln. Proſaiſche und poetiſche Schuͤſſe Erzählungen, Novellen und Gedichten von Dr. Georg Doering. Rassel, 1824. Verlag von J. J. Bohneé. — 9 19 ⸗ Inhalt. Die bluͤhende Aloe..... Das Gluͤck des Herzens. Gloſſe. Spruͤche....... Zaubermord. Novelle. Roſen und Dornen. Naturandacht. Lebensbilder....... Die doppelt Vermaͤlte. Erzaͤhlung. Gloſſe.(Soll ich das Geſchick ꝛc.) Der Schlaf eines Kindes. Die Welt im Auge... Die Rache lebt. Erzaͤhlung. Blumen. Ein Sonnettenkranz. Die zwei Weihnachten. Erzaͤhlung.. Trennung. Ein Triolettenkranz. Sandmanns⸗Lied. Sonnenuntergang.. Die Blume von Ontamore, oder der Schutz⸗ geiſt. Geſchichte und Maͤhrchen. 108 118 131 134 135 136 4 B Die bluüͤhende Aloe. Hefgärtner Heimbrand zog in ſeinen Gewaͤchshaͤu⸗ ſern gar manche ſchöne und ſeltene Blüthe, die ihm, der mit Leidenſchaft ſeine Kunſt trieb, große Freude machte; aber die reizendſte Blume in ſeinem Bezirke war in ſeinem holden Bruderskinde, dem ſiebenzehn⸗ jährigen Röschen, emporgewachſen. Seitdem dieſes liebliche Weſen in das jungfräuliche Alter eingetreten war, und, mit ſittſam auf ihre Arbeit geheftetem Blicke, das Fenſter der Heimbrand'ſchen Wohnung ſchmückte, wurde das Kunſtkabinet des Hofgärtners, wie dieſer ſein Treibhaus nannte, mit einem weit zahlreichern Beſuche junger und alter Herren vom Hofe und aus der Stadt beſchenkt, als früͤherhin. Aber der liſtige Alte bemerkte wohl, daß gar man⸗ cher Blick nur leicht über die ſeltene Blüthe des aſia⸗ tiſchen Piſang und üͤber die herrlichſten, künſtlich er⸗ 1 2 zielten Gewächſe beider Zonen hinweg gleitete, um ſich an dem Fenſter, wo Röschen ſaß, wie die Mücke in der Dionala muscipula, der Venusflie⸗ genfalle, zu verfangen. Um ſich nun den oft üͤber⸗ läſtigen Beſuch vom Halſe zu ſchaffen, und die Her⸗ ren, welche ſeine edle Kunſt zum Deckmantel ihrer Lüſternheit gemacht, zu beſtrafen, verpflanzte der Hofgärtner die liebliche Nichte an ein andres Fen⸗ ſter, das die Ausſicht in den Hof hatte; und dem Erſten, der nun über den Piſang hinaus nach dem holden Röschen ſich umſchaute, grinſte das häßliche, mit Rubinen der erſten Röthe hinreichend beſetzte Antlitz der alten Haus haͤlterin Gertrud, welche ihr Spinnrad jetzt an dem Fenſter betrieb, höchſt ab⸗ ſchreckend entgegen. Da verſchwanden mit einem⸗ male die Freunde der ſchönen Pflanzenwelt und der alte Heimbrand lachte ins Fäuſtchen über die wohl⸗ gelungene Liſt, welche ihm die ungebetenen Gaͤſte und dem unſchuldigen Röschen die Verſucher mit Brille und ohne Brille vor den Augen weggebracht hatte. Röschen war die Tochter von des Hofgärtners jüngerm Bruder. Die Mutter des Maͤdchens ver⸗ hauchte ihr Leben, als ſie dem Kinde das ſeinige gab, 3 und der Vater verſank in Schwermuth über den Tod des blühenden heißgeliebten Weibes. Seine geiſtige Kraft war gelähmt, er vernachläßigte ſein Handlungs⸗ geſchäft, und als er nach zwei Jahren in einige be⸗ deutende Bankrotte verwickelt wurde, mußte auch er ſehen, wie heißhungerige Gläubiger die Reſte ſeines Vermögens unter ſich theilten. Da erweckte das gekränkte Ehrgefühl in ihm auf's Neue den Funken des ſchlummernden Geiſtes, er ermannte ſich und übergab dem ältern Bruder die Pflege ſeines einzi⸗ gen Kindes, indem er ſich mit dem Schwure ent⸗ fernte, ſein durch das Schickſal gebrandmarktes An⸗ gedenken in ſeiner Vaterſtadt erlöſchen zu laſſen. Nie hatte man ſeit jener Zeit wieder etwas von ihm gehört, und das Kind war unter des erfahrnen Oheims ſorgfältiger Pflege, von der viel verſpre⸗ chenden Knospe zum lieblichen Röschen geworden, das, wie uns bereits bekannt iſt, auf die elegante Herrenwelt der Reſidenz ſeine Atractionskraft erſtreckte. Unter Röschens Verehrern waren drei, die ſich nicht durch das flüchtige Manbver des Hofgärtners abfertigen ließen, ſondern bei ernſtlich gehegten Ab⸗ ſichten es für gut fanden, dem alten Heimbrand fortwährend in ſeinem Gewäͤchshauſe die Cour zu 1** 4 machen. Freilich ſtarrte noch immer das ſchnoöde Antlitz der häßlichen Gertrud vom Fenſter herab, und verzog ſich zur widrigen Frazze, wenn die Freundlichkeit über die Artigkeit der grüͤßenden vorneh⸗ men Herren zu Tage trat; allein zweien von dieſen eifrigen Botanik⸗Tartuͤffen war es mehr um den Be⸗ ſitz der reichen Hinterlaſſenſchaft des faſt ſiebenzig⸗ jährigen Hofgärtners, deſſen beſtimmte Erbin die Nichte war, zu thun, als um den Anblick der lieb⸗ lichen Jungfrau, und der dritte— ei nun! für den fand das gute Röschen ſchon dann und wann einen Augenblick, um ſich ihm während ſeines Beſu⸗ ches, an einem Seitenfenſter, ſichtbar zu machen. Die zwei Erſten waren der Armeeliferant Luchs und der Leibchirurgus Brandhahn. Beide waren Männer von geſetztem Alter und betraͤchtlicher Cor⸗ pulenz; der Erſte hatte in ſeinem Geſchäft viel gewonnen, ſtand aber in dem böſen Rufe, daß die Armee um ſo mehr dabei verloren habe; der Zweite war dem holden Röschen in dem Tod zuwider, weil er ihr ein Mal einen ſfelettirten Froſch zum Namenstagsgebinde überſendete. Mit dem Dritten aber war es ein anderes Ding. Der Regierungsſecretär Friedau mochte kaum fünf und 5 zwanzig Jahre zäͤhlen, und hatte die ſchoͤnſten blauen Augen, die je aus ein Paar blühender Wangen her⸗ vorglänzten, ſo ſchmachtend ſtets gegen Röschen aufgeſchlagen, wenn er ſie gegrüßt, daß er ſich, ohne weitere Diebskünſte, in der Jungfrau Herz geſtohlen, ehe es ihm und ihr ſelbſt klar bewußt. Auch ſchien ihm der alte Heimbrand zugeneigt, der in dem jungen Manne viel wahre Liebe zu ſeiner Pflanzenwelt zu finden vermeinte; er ſah aber nur die Maske, von der wahren Liebe zu Röschen, ſo taͤuſchend dargeſtellt. Es traf ſich ſeltſam, daß Röschens drei Bewer⸗ ber ſich gerade an einem und demſelben Tage, aber zu verſchiedenen Stunden, bei dem Hofgärtner ein⸗ fanden, um das artige Blümchen aus dem engliſchen Park des freien Mädchenlebens zur Verſetzung in den häuslichen Garten des Eheſtandes zu verlangen. Der Alte lächelte bei jegligem Geſuch, und beſchied die drei Eheluſtigen nach drei Tagen wieder zur Antwort. Dann offenbarte er mit ſchlauer, faſt höhniſcher Miene einem Jedem ins Beſondere: wie er nicht geſonnen ſey, ſeine reiche und ſchöne Nichte ſo geringen Preiſes fort zu geben, und daß nur derjenige das blüͤhende Röschen pflücken werde, der 6 ihm an ſeinem nahen Geburtstage— eine blühende Aloe zum Geſchenk mache. Dieſes ſey ſein unum⸗ ſtößlicher Wille. Der Armeeliferant Luchs fuhr bei Anhörung die⸗ ſer ſeltſamen Bedingung ungeſtüm auf und meinte: ob ſein geſpickter Geldſack nicht hundertmal mehr werth ſey, als ſo eine lumpichte Aloe, die ihm heute noch weit bitterer vorkomme, als wenn er ſie zum Magenreizmittel im Likör ſich in der Apothecke verabreichen laſſe? Der Alte aber blieb bei ſeinem Sinne. Der Leibchirurgus Brandhahn entgegnete: er ſchätze die Aloe ungemein als wunderthätiges Ar⸗ kanum, allein es ſey ihm ſehr wohl bekannt, daß dieſe Pflanze in Europa höchſt ſelten ſey, und über⸗ dem alle hundert Jahre ihre Blüthe entfalten ſolle; deshalb möge der Herr Hofgärtner dieſe fatale Con⸗ dition erlaſſen! Der aber lächelte ſonderbar und ſprach: der wahrhaften und reinen Liebe würde es wohl gelingen, auch die blühende Aloe aufzufinden. Der Regierungsſecretär Friedau war der einzige, der mit ſtummen Erglühen des Alten Rede anhörte, ſich verbeugte und, indem er eine Thraͤne im Auge zerdrückte, das Zimmer verließ. Heimbrand aber 2 —, 7 ſah ihm gerührt uach und ſagte zu ſich ſelbſt: der findet die blühende Aloe, da wollt ich drauf wetten! Aber am folgenden Tage glaubten die drei Freier ins Geſammt, ſie hätten die blühende Aloe gefunden, denn einem jeglichen von ihnen ſtieß, gleichſam wie durch Zuſall, Mr. John, der Kammerdiener des Sir Bleakheed, eines reichen, ſeit ungefähr zwei Jahren nahe bei der Reſidenz auf dem Lande woh⸗ nenden Engländers, in der Straße auf und erzählte, daß in den Treibhäuſern ſeines Herrn nächſtens eine Aloe das ſeltene Schauſpiel ihrer Blüthenentfaltung geben würde; und da traf es ſich dann gerade wie⸗ der durch Zufall höchſt ſeltſam, daß die Natur die⸗ ſes Schauſpiel dem Geburtstage des alten Hofgärt⸗ ners zu Ehren beſtimmt hatte. Ein jeder von den Dreien erſuchte übrigens den Mr. John höflichſt, ſich aus gewiſſen, vor der Hand noch unbekannten Gründen, gegen Niemanden etwas von der Sache verlauten zu laſſen. Der Armeeliferant, gewohnt vor der Allmacht des Goldes jedes Hinderniß ſchwin⸗ den zu ſehen, ſchrieb dem Engländer ein kurzes Bil⸗ let, worin er ihm erklärte: er habe Luſt, die Aloe zu kaufen und der Sir möge nur den Preis beſtim⸗ men; der Leibchirurgus erbot ſich in gewählten Zei⸗ len zu einem Tauſch: er wolle nämlich das höchſt 8 köſtliche Präparat einer jungen ungebornen Hiaͤne gegen die Aloe ſetzen, auch noch einige Mammuths⸗ knochen, Wallfiſchkinnbacken und ſonſtige Kleinigkeiten in den Kauf geben; Friedau ſprach in einem glüͤhen⸗ den Briefe von ſeiner Liebe, von dem einzigen Preiſe, für den das Glück ſeines Lebens feil ſey, und pochte ſtark auf die bekannte Großmuth des edlen Inſelvolkes. Allen Dreien aber ward ein höchſt lakoniſches Nein zur Antwort. Luchs wüthete und ſchwur Rache, Brandhahn ſchlug an dieſem Tage einer Patientin zwei Adern durch und durch, und der Regierungsſecretär erhielt ſcharfe Verweiſe vom Präſidenten wegen Unacht ſamkeit beim Protokoll. Von Röschen war nichts zu ſehen und zu hören, die Herren mochten noch ſo oft bei der Hofgärtnerei vorbei traben. Alle Verſuche, welche von den drei Parteien bei dem alten Heimbrand wiederholt in der Güte gemacht wurden, blieben ohne Erfolg, und die Freier wur⸗ den nochmals von dem Hofgärtner auf ſeine ſeltſame Grille verwieſen. Da erkeimten im tief Innerſten der Luchs'ſchen und Brandhahn'ſchen Gemüther ſchwarze Plane, und in Beiden erhob ſich der kühne Gedanke, das goldene Flies des bittern hundertjährigen Ge⸗ Q——C—— 9 wächſes mit Liſt an ſich zu bringen. Sie umſchlichen jetzt zum Oftern, ohne daß der Zufall einen den an⸗ dern gewahren ließ, des Engländers Landgut und erſpäheten die Gelegenheit, wie man dem Gewächs⸗ hauſe am beſten beikommen könne. Friedau dagegen verſank, je näher der gefürchtete Tag kam, an dem das Glück ſeiner Liebe unwiederbringlich verloren gehen ſollte, in tiefe Schwermuth, und ward oft halbe Tage und Nächte lang von ſeiner innern Unruhe im Felde umhergetrieben. So traf es ſich, daß er in der Nacht vor dem verhängnißvollen Geburtstage ſich pötzlich, ohne daß er darauf geachtet, vor dem Landhauſe des Sir Bleakheed befand. Da erwachte in ihm mit aller Macht die Sehnſucht nach der Blüthe, die in ſein Leben die ſchönere Blüthe weben könne und ihm ſo grauſam verſagt ſey. Ein tiefer Seufzer entrang ſich ſeiner Bruſt, er verbarg das weinende Antlitz in ſeine Hände. Da klopfte ihm plötzlich jemand auf die Schulter, er blickte um ſich und erkannte im matten Mondlichte einen großen finſtern Mann, den er ſchon öfters auf ſeinen Spaziergängen geſehen und am heutigen Abend, als er aus dem Stadtthor gegangen auf den Schritten ihm folgend, und ihn 10 ſcharf beobachtend, bemerkt hatte. Der Fremde re⸗ dete ihn mit mildem Tone an, fragte nach dem Grund ſeines Kummers, und forſchte uͤberhaupt ſo zart und theilnehmend nach ſeinen Verhältniſſen, daß Friedau von einem innern Drange zum ruckſicht⸗ loſen Zutrauen getrieben, ihm Alles entdeckte.„Ih⸗ nen iſt leicht zu helfen,“ entgegnete der Fremde, „Vertrauen verdient Beiſtand; ich will ihr Retter ſeyn.“ Friedau blickte ihn groß an, jener aber fuhr fort:„ich bin der Gärtner des Engländers, wir ſind in Zwieſpalt gerathen und morgen gehe ich aus dem Dienſt. Da könnte ich denn nun wohl der Begründer Ihres Glückes werden, wenn ich Ihnen das Gewächshaus öffnete, und die Aloe, die bis morgen Abend empor ſchießt, und ihre Blüthe öff⸗ net, in die Hände ſpielte. Eine gute Belohnung hätte ich auch wohl von Ihnen zu erwarten.“— Friedau unterbrach ihn heftig, erklärte ihn für einen Schurken, der ihn unter der Maske der Redlichkeit getaͤuſcht, und wollte ſich ſchleunigſt entfernen; allein der Fremde hielt ihn zurück und ſprach:„Nun dann, braver junger Mann, ſo kann vielleicht die blühende Aloe auf eine andere Weiſe erlangt werden. Sir Bleakheed iſt wohl nicht ſo unerbittlich; begleiten 11 Sie mich zu ihm!“ Der Regierungsſecretar folgte mechaniſch ſeinem Fuͤhrer. Waͤhrend dieſe Szene auf der einen Seite des Gartens ſich ereignete, trug ſich auf der entgegen⸗ geſetzten eine andere der komiſchſten Gattung zu. Diebiſchen Gelüſtes voll, ſchlich an den umringenden Eiſengittern, unter dem Schleier der Nacht, der Armeeliferant Luchs umher, und erſpähete eine Stelle, wo er ohne großes Riſico überſteigen könne. Endlich glaubte er, dieſe gefunden zu haben, aber, o wehl als er oben war und eben den Sprung, der ihn ins Innere des Heiligthums tragen ſollte, ge⸗ wagt hatte, da hielten die neidiſchen Eiſenſpitzen ihn am Mantel feſt, ſo daß er, zwiſchen Himmel und Erde ſchwebend, weder vor noch rückwärts konnte. Zugleich erhob ſich ein Gekreiſch in der Näͤhe, Be⸗ diente mit Fakeln ſprangen herbei, Mr. John an der Spitze. Luchs war in der Hölle. Da hörte er plötzlich das ſchallende Gelächter der Menge, welche in dem Leibchirurgus Brandhahn, den der Hofhund wüthend am Bein feſtgepackt, den Schreienden ge⸗ funden. Auch ihn hatte die Luſt, lange Finger nach der Aloe zu machen, herbeigeführt. Luchs freute ſich, ohngeachtet ſeiner eigenen mißlichen 12 Lage, über den Unſtern des Nebenbuhlers; aber ſein ſtiller Jubel war von kurzer Dauer! Mr. John ſelbſt entdeckte ihn und war grauſam genug, den Wohlbekannten dem Hohne der Dienerſchaft Preis zu geben, die ihn endlich, nachdem er einige Goldſtucke unter ſie geworfen, von ſeinem Bel⸗ vedere herabholte. John aber kündigte Beiden an, daß er ſie zu ſeinem Herrn führen müſſe. Friedau war unterdeſſen mit ſeinem Fuͤhrer zu einem Pavillon gelangt, in welchen ihn dieſer ein⸗ zutreten nöthigte. Wie erſtaunte er, als ihm in dem reich verzierten herrlichen Salon der Hofgärt⸗ ner Heimbrand mit der ſchönen Nichte entgegen kam. Verwirrt blickte er den Fremden an, dieſer aber ſchloß ihn in die Arme, und ſprach gerührt: „Komm an mein Herz, mein Sohn! Ja, ſo nenne ich dich, denn nur du verdienſt meine Tochter, dein geliebtes Röschen.“ Da klärte ſich mit einem Male in wenigen Worten Alles auf: Der Fremde war Sir Bleakheed, und Sir Bleakheed Heimbrands vor langen Jahren in die weite Welt gegangener Bruder. In Indien hatte er bei einem reichen eng⸗ liſchen Pflanzer gelebt, der, als er kinderlos ſtarb, ihn zum Erben ſeines ungeheuren Vermögens 13 und ſeines Namens eingeſetzt hatte. So vom. Glücke begünſtigt, kam er in die Nähe ſeiner Vater⸗ ſtadt zurück und offenbarte ſich nur dem klugen Bruder, bei dem er das zurückgelaſſene Kind als hold erblühte Jungfrau wiederfand; aber noch beſchloß er das Incognito zu wahren. Da fanden ſich die drei Freier; die Bedingung mit der blühen⸗ den Aloe wurde zum Scherz und zur Prüfung er⸗ funden, und Mr. John mußte den Liebhabern das Märchen von der nahen Wunderblüthe im Garten ſeines Herrn aufhängen. Friedau war in dieſer Zeit bei allen Erkundi⸗ gungen und durch ſein eigenes edles Betragen be⸗ währt gefunden worden, und da ihm Röschen ſelbſt recht herzlich gut war, ſo vereinigte der Vater die beiden glücklichen in der Stunde, die den jungen Mann ſo unerwartet zu der Geliebten führte. Eine Nebenthür öffnete ſich; Luchs und Brand⸗ hahn traten in Mr. Johns Begleitung herein. Der Engländer lachte und rief ihnen zu:„Seyn Sie mir willkommen, meine Herren! Sie wuünſchten die blühende Alve zu ſehen, hier iſt ſie, meine Tochter. Eine andere kann ich Ihnen nicht zeigen, aber ich bin feſt der Meinung, daß ſolche Blüthen in der 14 Maͤdchenwelt eben ſo ſelten ſind, als die der Alve in der Pflanzenwelt. Allein dieſe Blüthe iſt bereits verſagt, in Herrn Friedau ſehen Sie den neuen Eigenthümer.“ Der Armeeliferant murmelte einen Fluch, der Leibchirurgus biß ſich auf die Lippen, der Hofgärtner aber rieb ſich mit feinem Lächeln die Hände und rief froh aus:„Hab' ich es nicht ge⸗ ſagt, der würde die blühende Alve finden! Nun er hat ſie gefunden und noch dazu die reinſte, edelſte, die Aloe succotrina.“ 15 Das Gluͤck des Herzens. Gloſſe. So weit dich ſchließt der Himmel ein, Geräth der Liebe Frucht, und jedes Herz bekommt das Sein', Wenn es nur emſig ſucht. Tieck. Wo du dein Hüttchen auch gefunden, Es grüßt ein blauzes Auge dich; Vertrauend fühlſt du dich gebunden, Denn Herz und Geiſt erheitern ſich. Das Auge ſendet tauſend Strahlen Und gibt den Segen ihnen ein; Die Thränen, die ſich aus ihm ſtahlen, Sie werden meiſt auch ſegnend ſeyn. Drückt dich ein Kummer dieſer Erden, So blickſt du zu dem Auge auf, Du fuͤhlſt: es wird bald anders werden, Das Auge lenket deinen Lauf. Und Allen, die hier unten ſtreiten, Iſt dieſer Gottestroſt gemein: Drum laſſe Hoffnung ſtets dich leiten, So weit dich ſchließt der Himmel ein. 16 Und in des Auges Strahlenſchimmer Iſt eine ſüße Frucht gedieh'n. Du lebeſt, ſelbſt im Leben nimmer, Wird dir nicht, was ſie birgt, verlieh'n. Haſt du das Innerſte genoſſen, So hebt dich's über Zeit und Welt, Ein höhres Daſeyn iſt entſproſſen, Vor dem Gemeines niederfällt. Es iſt der Gottheit ird'ſches Zeichen, Das dich begeiſtert und belebt, Sie will dir geiſtig Hülfe reichen, Damit ſie dich zu ſich erhebt: V Wer aus unſchuldigem Gemüthe Des Lebens Deutung ſucht, Dem reift im Dufte holder Blüthe, Geräth der Liebe Frucht. Ein Fleckchen iſt im tiefſten Grunde Des Menſchenweſens auserwäͤhlt; Wir geben ſelber von ihm Kunde, Wie ſich's dem Geiſte anvermählt. Das Fleckchen fühlt in zarten Bildern Des Erdenwirkens rauhe Form, Was unſrer höhnt, vermag's zu mildern, Ein jeder gibt ihm ſelbſt die Norm. 42☛ ͤͤͤͤͤ —,= 41 Der Liebe Gluͤck, der Sehnſucht Thraͤnen, Des Mitleids Ruf ſind dort bekannt, Es kann wohl irren, kann auch wähnen, Doch iſt's dem Göttlichen verwandt. Oft möcht es jene Frucht erſtreben Und ahnt: das Schickſal ſage nein; Allein die Frucht hat Gott gegeben Und jedes Herz bekommt das Sein'. Haſt du des Auges Sinn verſtanden, Den Sinn, der glänzend in ihm lebt, Hat er in tauſend Strahlenbanden Die Kraft des Geiſtes dir umwebt; Ward dir die Götterfrucht zu Theile, In jenes Auges Gluth gereift, Die hier der Menſch auf kurze Weile, Allein für ewig dort ergreift; Iſt dir das Fleckchen eingewoben, Der Wonne und des Leidens Quell, Ein Samenkorn vom ew'gen Oben, Ein Geiſtesauge trüb und hell: Dann juble laut! Du durfteſt ſiegen Ob Leid, ob Lebensflucht; Den Himmel hat das Herz erſtiegen, Wenn es nur enſig ſucht. —.—;:— 18 Spruche. In dir die Freudenſonne aufgezogen, Vergiß der Wolken, die verflogen. Wofür ſich gleich kein Mittel beut, Das heilt die Zeit; Und geht noch etwas daran ab, So nimmt's das Grab. Wird dir zu eng' die arme Welt, Blick' nur hinauf an's Himmelszelt. Ein Spiegel liegt im Herzensgrund', Der zeigt dir jede Lebensſtund', Gar Mancher möcht' ihn gerne miſſen: Der Spiegel nennt ſich das Gewiſſen. Scheint eine Sach' dir ſchlecht gethan, So fang' nur wieder von vornen an, Denn das viele Verbeſſern und Flicken Möchte die Sache noch ganz zerſtücken. —— — 19 Zaubermornd. Romantiſche Novelle. I. Ulamuthig ſtieg Eugenio in den bereit ſtehenden Reiſewagen; noch einen Kuß warf er hinauf zum Fenſter, aus dem eine weiß gekleidete Geſtalt ihm ein freundliches Lebewohl zurief; der Poſtillon ſchmetterte ein munteres Reiſeſtückchen in den fri⸗ ſchen Morgen, der ihn mit den tauſend Zungen ſeiner gefiederten Waldſänger accompagnirte, und raſch trabten die vier rüſtigen Füchſe den Schloß⸗ berg hinab. In einem ſeltſamen Sturme wechſelnder Gefühle verließ Eugenio das Landgut des Marcheſe Circhelli. Die ſchöne Tochter des Hauſes hatte durch das Band der Verlobung ihr Herz an das ſeinige ge⸗ knüpft, in dem Beſitze der heißgeliebten Florentine waren endlich ſeine heiligſten Wunſche gekrönt, und — noch wenige Wochen— ſo ſollte der Segen der Kirche auch zugleich der ſeines haͤuslichen Gluͤcks werden. Da ſtarb plötzlich Eugenio's Oheim, der 2* 20 ſeit dem Tode ſeines Bruders die reiche Hinterlaſ⸗ ſenſchaft für den Neffen verwaltete. Die Nachricht von dieſem Ereigniſſe kam den jungen Manne um ſo unangenehmer, indem der Oheim, ſo eben im Begriff geweſen, dem Mündigen das väͤterliche Vermögen zu übergeben. Nun traten allerlei Weit⸗ läuftigkeiten ein, welche gerade in der Blüthenzeit ſeines Liebesglückes die Anweſenheit des Eugenio in der Hauptſtadt verlangten. Der Marcheſe und die holde Braut ſahen die Nothwendigkeit der Entfer⸗ nung ſelbſt ein, und drangen auf ſchnelle Abreiſe und um ſo baldigere Wiederkunft. Am Abende vor dem Tage der Trennung, als die Liebenden einige Momente traulicher Herzensergießung feierten, ent⸗ deckte Florentine dem theuren Freunde ihrer Seele: wie doch ſo trübe Ahnungen Tages über ſie plagten und in naͤchtlichen Traͤumen ſchwarze Gefährten fän⸗ den, welche beide dahin deuteten, daß ſie den Ge⸗ liebten nie wiederſehen, daß ſie noch vor der Hoch⸗ zeit hinab in die dunkle Gruft ſteigen werde, in der ſchon ſo manches glühende Herz erkaltet, ſchon ſo manche heiße Leidenſchaft eingegangen ſey zum ewigen Schlummer. Welche Mühe ſie ſich auch gäbe, mit welcher Feſtigkeit ſie auch wolle, ſo könne 21 ſie dennoch von dem Gedanken des Todes ſich nicht losmachen! Eugenio haßte von jeher recht innig jeden Glau⸗ ben an die Einwirkung unbekannter Maͤchte auf das Leben und wußte bald, wenigſtens dem Scheine nach, mit der ſiegenden Beredſamkeit ſeiner Gründe, alle aͤngſtigende Zweifel aus der Seele Florentinens zu bannen. Ihn ſelbſt beunruhigte bei’m Abſchiede die Idee, daß der ſchleppende Geſchäftsgang in der Reſidenz ſeine Rückkehr verzögern und ihn auf meh⸗ rere Wochen— eben ſo viele Ewigkeiten— von dem erſehnten Gegenſtande ſeiner Wünſchen trennen könne. II. Mit einbrechender Nacht langte Eugenio in der Hauptſtadt an. Wie ſo ganz anders erſchienen ihm doch jetzt die dumpfen Gaſſen, die himmelanſtreben⸗ den Palläſte, als damals, wo er an der Seite Flo⸗ rentinens, in der erſten Ahnung beglückender Gegen⸗ liebe, dem Orte entgegen flog, an dem ihm das ſüßeſte Geſtändniß ein noch unentdecktes Dſchinniſtan von Liebesfreude und Herrlichkeit eröffnen ſollte. Da bog plötzlich der Wagen um ein Eck des könig⸗ lichen Schloſſes. 22 /· Hier war der Tempel, in welchem Eugenio zum erſten Male der angebeteten Jung frau durch ein ſeltſames Ereigniß nahe gekommen. Schon ſeit lange hatte der Jüngling die reizende Floren⸗ tine mit liebenden Blicken geſchaut, und heftete ſei⸗ nen Schritt an ihre Ferſen; allein noch hatte er nicht gewagt, die im Stillen glühende Flamme zu offenbaren. Nun war die Zeit des Karnevals ge⸗ kommen. Zum Geburtstage des Monarchen wurde am Hofe ein glänzender Maskenball veranſtaltet und der geſammte Adel der Hauptſtadt eingeladen. Eugenio erſchien in dem Coſtüm eines Ritters vom heiligen Grabe, und war in der anſchließenden Tracht, die ſich den jngendlich kräftigen Formen ſo gemäß hingab, recht männlich anzuſehen. Sein liebendes Gemüth diente ihm zur Wünſchelruthe, die ihm bald in einer jungen Schäferin den geweih⸗ ten Schatz ſeines Herzens kennen lehrte. Von die⸗ ſem Augenblicke an war der Jüngling wie feſt ge⸗ bannt in die Naͤhe des ätheriſch hinſchwebenden Mädchens. Es trieb ihn mit unwiderſtehlicher Ge⸗ walt, ſie anzureden, ſich ihr zu offenbaren und dann entweder in dem ſüßen Worte ihrer Milde Selig⸗ keit zu trinken, oder unterzugehen beim ſtrengen ,—— ͤͤſ⁄ —— — 23 Verſagen. Aber immer draͤngte ſich, wenn er nahe daran war, Florentinens Hand zu erfaſſen, eine große, ſchwarz gekleidete Geſtalt zwiſchen ſie und ihn. Er fing an, gegen den überläſtigen Fremden einen recht heftigen innerlichen Zorn zu faſſen; die⸗ ſer ſchien dagegen den Ritter vom heiligen Grabe mit den wildfunkelnden, pechſchwarzen Augen durch⸗ bohren zu wollen. Plötzlich hatte Eugenio die Geliebte aus den Augen verloren; er ſah ſich raſch nach allen Seiten um: am andern Ende des Saals ſchritt die reizende Schäferin ſo eben durch die Thüre eines Neben⸗ zimmers. So ſchnell ihm das Gedränge erlaubte, eilte Eugenio nach. Er trat in das nur ſchwach er⸗ leuchtete Gemach; aber welches Schauſpiel bot ſich ſeinen Blicken! Der ſchwarze Fremde war ihm zuvorgekommen, und ſtrebte, die ohnmächtige Floren⸗ tine mit Gewalt zu einem anderen Ausgang im Hin⸗ tergrunde des Zimmers zu ſchleppen. Wüthend ſprang Eugenio herbei und faßte den Fremden an der Gurgel; dieſer ließ die ſchöne Beute fahren und ſtieß mit einem ſchnell gezückten Dolche nach der Bruſt des Juͤnglings, die Waffe aber glitt ab an dem ſchlüpfrigen Stahlharniſche, und Engenio hatte n 24 hinlaͤngliche Kraft und Beſinnung, dem Blutdürſtigen das Stilet zu entreißen. Der Mörder aber ent⸗ wandt ſich mit verzweifelter Gewalt und entſprang durch die Thuüͤre im Hintergrunde. Mehrere Masken eilten herbei„ unter ihnen der Marcheſe Circhelli. Florentine kam bald aus der Ohnmacht wieder zu ſich und erzählte: Kaum ſey ſie in dieſes Gemach getreten, um etwas an ihrer Kleidung zu ordnen, ſo habe jener ſchwarze Fremde, der ſie ſchon auf dem Balle verfolgt, vor ihr ge⸗ ſtanden und mit fürchterlicher Stimme ihr zugerufen: „Du biſt die Braut, ich bin der Bräͤutigam, ewig „biſt du mein!“ Mit dieſen Worten hätte er ſie mit der Gewalt eines Raſenden umfaßt, ihr aber ſey die Beſinnung vergangen. Dieſe Begebenheit eröffnete dem Eugenio, als Retter Florentinens, den freien Zugang in das Haus des Marcheſe; und in dem nähern Umgange mit der reizenden Tochter geſtaltete ſich bald das ſchöne Verhältniß, das wir bereits kennen.— Jede Bemühung, den ſchwarzen Unbekannten zu entdecken, um ihn wegen des beabſichtigten Frevels zur Strafe zu ziehen, blieb vergebens. Das dem Mörder abgenommene Stilet übergab Eugenio der 2⁵ polizeilichen Behörde; es war von ſeltſam kuͤnſtlicher Arbeit, und am Griffe befand ſich in Silber ein⸗ gegraben der Name Albertus magnus. III. Im Fluge waren bei'm Anblicke des königlichen Pallaſtes die Szenen der Vergangenheit an dem Geiſte Eugenio's vorüber gezogen. Der Wagen hielt an dem Hauſe ſeines verſtorbenen Oheims; ein alter Diener begrüßte, indem er eine Thräne im Auge zerdrückte, den jungen Herrn und führte ihn durch verödete Gänge in die Zimmer des Ver⸗ blichenen, der ihm ein zweiter treuer Vater geweſen. Das Geräͤth ſtand noch in der nämlichen Ordnung, wie zu jener Zeit, als der Oheim hier gewirkt und ge⸗ lebt hatte; ein angefangener Brief an den geliebten Neffen lag auf dem Schreibtiſche. In jeder Kleinig⸗ keit war der Geiſt des ehemaligen Beſitzers erkenn⸗ bar. Tief geruhrt fuhlte Eugenio, welchen großen Verluſt er in dem Tode ſeines letzten Verwandten erlitten. 3 Schon am folgenden Morgen berichtete ihm zu ſeiner großen Freude der von ihm bevollmächtigte Rechtsanwalt, daß der verſtorbene Oheim alle Belege der gefuͤhrten Vormundſchaft in der muſter⸗ hafteſten Ordnung hinterlaſſen habe, und daß ſeine Anweſenheit höchſtens nur auf acht Tage durchaus nöthig ſey. Zufällig erkundigte ſich Eugenio bey dem Poli⸗ zeidirector, den er Abends in einer Geſellſchaft an⸗ traf: ob kein Ereigniß eingetreten ſey, welches eini⸗ ges Licht auf die ſeltſame Begebenheit jenes Ball⸗ abends werfen könne?— Der Polizeidirector ver⸗ neinte und fügte hinzu: das corpus delicti, jener Dolch, mit dem der Fremde gedacht, ihm den Weg in das Jenſeits zu eröffnen, ſey ſogar auf eine höchſt ſonderbare und unerklärliche Weiſe abhanden gekommen. Man habe ihn, als ein höchſt wichtiges Argument, in dem eiſernen Behälter der Polizeikaſſe wohl verwahrt: da ſey eines Morgens der Kaſten offen befunden, ohne aͤußere Verletzung; von den anſehnlichen darin befindlichen Summen ſey nicht das Mindeſte entwendet geweſen, allein der Dolch habe gefehlt. Auch die feſt und künſtlich verſchloſſenen Thuͤren des Zimmers hätten keine Spur irgend einer Gewaltthätigkeit gezeigt, und durch ein offen⸗ ſtehendes Fenſter könne der Dieb, da ſolchen Gal⸗ genvögeln gewöhnlich die Flügel fehlten, und das 27 Zimmer im vierten Stocke gelegen, ſchwerlich ſei⸗ nen Ein⸗ und Ausgang gehalten haben. Eugenio lächelte über dieſe Erzählung und war im Stillen der Meinung: es ſey die zierlich gearbei⸗ tete Waffe wohl ohne ſonderliche Hexerey in das Curioſitäten⸗Cabinet des kunſtliebenden Directors gewandert. IV. Eugenio hatte gleich am Tage nach ſeiner An⸗ kunft der geliebten Braut den glücklichen Stand ſeiner Angelegenheit und die baldige Rückkehr angezeigt. Er erhielt folgende Antwort: „Mein Theuerer! Du malſt mit ſo reizenden Farben das nahe Wiederſehen, und ach! in meinem Geiſt will ſich keine frohe Ahnung geſtalten. Wohin ich blicke, ſcheint mir alles in die Farbe des Todes getaucht zu ſeyn, alle Töne rufen mich hinab in das Grab, und uͤberall, in die Träume meines Wachens, wie meines Schlummers, drängt ſich die Geſtalt jenes ſchrecklichen Unbekannten, der einſt nach dem theuerſten aller Leben die mörderiſche Fauſt erhob und ſchreit mit der widrigen Stimme des Leichhuhns:„Du biſt die Braut, ich bin der 28 Braͤutigam, ewig biſt du mein!“ Heute Nachts traͤumte mir, ich begegne dem Verhaßten auf ein⸗ ſamen Waldpfade, er ſtrecke die grimmige Fauſt nach mir aus und dränge mich zu einem bodenloſen Ab⸗ grunde, in dem er ſich mit mir hinabſtürtzte— der Fall war ohne Ende— und ich erwachte. Noch tönt ſein Hohngelächter, ſein wilder Ruf mir in der Seele nach! O komm, komm, mein Eugenio! und gieße ſüßen Troſt und Beruhigung in das Herz Deiner Florentine.“ Eugenio kannte das reizbare Gemüth ſeiner Braut, und vermochte ſich leicht zu erklaͤren, wie jener fürchterliche Augenblick jetzt, wo die Entfer⸗ nung des Gegenſtandes ihrer zarten Neigung ſie allen Einwirkungen der Phantaſie noch geneigter machte, in allerlei ſeltſamen Erſcheinungen vor ihren Geiſte trete. Er ſandte ihr ſogleich durch einen Eilboten einige Zeilen, in denen er ſie auf das Zärtlichſte bat, ſich zu beruhigen, und ihr verſprach, wo möglich ſchon am nächſten Tage zuruck zu kehren. Auch gelang es ihm, die gerichtliche Behörde dahin zu vermögen, daß man ihm noch heute oder ſpaͤte⸗ ſtens am Morgen des künftigen Tages die nöthige Urkunde einzuhändigen verſprach. 29 V. Heiter geſtimmt durch die frohe Hoffnung auf das nahe Wiederſehen, beſuchte Eugenio am Abend einen ſeiner aͤltern Freunde, bei welchem er unter mehreren Jugendbekannten einen Fremden fand, der durch ſeine erhabene Geſtalt, durch die geiſtvolle Art, mit der er ſich uber alle Gegenſtände, welche den Gebildeten berühren, zu verbreiten wußte, ſeine ganze Aufmerkſamkeit erregte. Dieſer Fremde wurde dem Eugenio unter dem Namen eines Herrn von Alberto vorgeſtellt. Keiner von den Anweſenden trug zur Unterhal⸗ tung des Abends ſo viel bei, als Alberto, der ſich noch überdem im Verlauf ſeiner Rede mit der An⸗ näherung eines beſondern Vertrauens faſt zu Euge⸗ nio ausſchließlich wendete. Und dennoch war es dem liebenden Jünglinge, wenn des Fremden ſtechen⸗ der und ſcharfer Blick auf ihm verweilte, faſt grauen⸗ haft zu Muthe, und es wollte ſich in ſeiner ſonſt ſo vorurtheilsfreien Bruſt eine Ahnung regen, als lauſche hinter dem Blitze dieſer Augen irgend ein Verderben drohendes Ungeheuer. Eugenio zuͤrnte auf ſich ſelbſt, daß in ihm dergleichen aufkommen 30 könne, und zwang ſich, gegen Alberto zuvorkommend höflich zu ſeyn. Kurz zuvor, ehe die Geſellſchaft ſich trennte, wurden die Erſcheinungen des Wunderbaren im Leben und ihre Möglichkeit der Gegenſtand des Geſprächs. Es iſt uns bereits bekannt, wie ſehr dem Eugenio der Glaube an alles Uebernatuͤrliche zuwider war; auch bei dieſer Gelegenheit erklärte er ſich laut und heftig dagegen, und brachte die Vertheidiger deſſelben zum Schweigen. Alberto war während dieſes Streits durchaus ſtill, und hatte ſich bereits entfernt, als Eugenio von der Geſellſchaft Abſchied nahm. Der gluͤckliche Bräutigam, dem in dem morgen⸗ den Tage die Sonne des Wiederſehens ſtrahlte, ſchritt heiter und fröhlich durch die ſtillen Gaſſen; da plötzlich erklang hart neben ihm aus dem Dunkel der Nacht eine Stimme mit der Frage:„Und ſeyd Ihr denn ernſtlich gewilligt, das Leben ſo ganz alles Wunderbaren zu entkleiden?“ Eugenio blickte auf und erkannte beim Scheine des Mondes den Alberto, der ruhig neben ihm herging. Geſtört in ſeinen heiligſten Gefuͤhlen und verdrießlich erwiederte er: 31 „So lange, bis Ihr mich eines Andern über⸗ zeugt!“ „Und hättet Ihr den Muth, mir zu dieſer Ueber⸗ zeugung zu folgen?“ fuhr jener mit faſt höhniſcher Stimme fort, und die blitzenden Augen fielen ſtechend in den Blick Eugeniv's. Dieſer entgegnete höchſt aufgebracht darüber, daß Jemand an ſeinem oft bewährten Muthe zwei⸗ feln könne: „Seyd Ihr ein ſolcher Hexenmeiſter, ſo bin ich ſchon geneigt, Euern Gaukeleien ein halbes Stuͤnd⸗ chen zu widmen.“ „So viel bedarf's nicht,“ murmelte Alberto verſtändlich in ſich hinein, und ſchritt voran durch die milde Sommernacht. NI. In einer der menſchenleerſten Vorſtädte waren 2 die beiden Nachtwandler an einem kleinen dunklen Hauſe angelangt. Alberto öffnete; ein alter Diener, deſſen Todtenbläſſe dem Eugenio auffiel, kam ihnen mit Licht entgegen, und führte ſie bis zur Thuͤre eines Zimmers im erſten Stocke. Hier nahm Alberto 32 zu gehen. ein blinkendes Meſſer. nigem Laute. faſt lächelnd. dem Alten das Licht ab, und befahl ihm, ſchlafen Das Innere des Gemachs, in welches Eugenio jetzt trat, bot einen ſeltſamen Anblick. Mitte befand ſich ein runder Tiſch mit ſchwarzem Tuch üͤberhangen; darauf ſtand ein goldner Becher von einfacher Arbeit. Ein großer metallener Hohl⸗ ſpiegel in einem Winkel des Zimmers verbreitete, nachdem Alberto das Licht vor ihm niedergeſtellt, den Glanz des Tages. Ueber dem Hohlſpiegel hing „Seyd Ihr bereit?“ fragte Alberto mit eintö⸗ „Ich bin's!“ erwiederte Eugenio leicht hin und „So beugt Euch dicht nieder uͤber den goldenen Becher und ſchauet unverwandt hinein, indem ihr 4 6- zugleich Euere Gedanken feſt auf den Gegenſtand heftet, von dem ihr Kunde zu haben wünſcht,“ entgegnete Alberto, der ſich dem Hohlſpiegel gegen⸗ über geſtellt hatte und mit den großen ſchwarzen Augen ſcharf deſſen Mittelpunkt fixirte. Eugenio folgte dem Geheiß. als entſtände nach und nach vor ſeinen Augen ein Da war es ihm, 33 dichter Nebel, der Nebel zerrann und er ſah klar und deutlich ſeine geliebte Florentine in all ihrer Anmuth, wie ſie an der Seite ihres Vaters ſchäkernd von zwei ihm wohlbekannten Freundinnen im Thore des Schloſſes Abſchied nahm. Das Bild verſchwand und Alberto rief: „Seyd Ihr überzeugt?“ „Nein,“ erwiederte Eugenio,„ptiſche Taͤuſchung iſt kein Wunder!“ „Nun, ſo will ich Euch ein Wunder in Euer Leben treten laſſen, das Euch von dem Unglauben auf ewig heilt! Nehmt dieſes Meſſer feſt in Eure Rechte und thut, wie ich Euch ſage.“ Eugenio faßte das Meſſer und Alberto trat dem Hohlſpiegel ſchräge gegenüber, indem er die Strah⸗ len deſſelben auf ein in ſeiner Hand befindliches Miniaturgemälde fallen ließ, deſſen Züge Eugenio nicht zu erkennen vermochte. „Stoßt mit der Spitze des Meſſers ſtark auf den Grund des goldnen Bechers!“ ſprach Alberto, indem krampfhafte Verzuckungen ſeinen Körper zu durchbeben ſchienen. Eugenio gehorchte. „Staͤrker!“ rief jener mit donnernder Stimme. Da wiederholte Eugenio mit aller Kraft, die ihm zu Gebote ſtand, den Stoß, und fühlte und ſah, wie die Spitze des Meſſers durchdrang durch den Boden des goldenen Bechers. Er zog ſchnell den Stahl zurück; ſchwarzes Blut floß triefend her⸗ unter und aus weiter Ferne ſchlug an ſein Ohr ein wehmüthiger Laut, der tief in ſein Herz drang und alle Fibern deſſelben erbeben machte. „Nun habt ihr genug!“ ſchrie mit triumphiren⸗ dem Hohne Alberto. Sein teufliſches Gelächter ſchallte durch das Zimmer, das Licht verloſch, die Fenſter fuhren auf, wie von einem plößlichen Sturme erſchüttert. Dem Eugenio ſchien es, als ſchwirre durch die Luft eine große ſchwarze Eule davon: Todtenſtille herrſchte plötzlich in dem Zimmer. Krampfhaft hielt der Jüngling das blutige Meſſer in der Rechten; es war ihm, als habe er eine ungeheure That begangen. Da ſchlug die Glocke Mitternacht. Eugenio fand die Thüre des Zimmers, er eilte bebend die Treppe hinab, die Pforte des Hauſes ſtand offen, er ſtürmte hinaus und erhielt ſeine Beſinnung erſt in ſeiner Wohnung wieder. Dort erkannte er mit Schaudern das +& 0 35 zauberiſche Meſſer, das er in der Betäubung mit⸗ genommen, und warf es weit von ſich in einen Winkel des Gemachs. VII. Mit der Morgenröthe ließ Eugenio den Reiſe⸗ wagen vorfahren; nichts konnte ihn mehr zurückhal⸗ ten. Auch über ſeinen Geiſt hatte ſich die Macht furchtbarer Ahnungen gelagert und trieb ihn hin zu der geliebten Braut, die er von irgend einem ſchreck⸗ lichen, ihm dunkeln Unheil, betroffen wähnte. Die Fahrt war ihm zu langſam; ſchon auf der nächſten Station nahm er Courirpferde. Wie gerne wär' er mit der Eile des Sturmwindes geflo⸗ gen! Der Jäger des Marcheſe Circhelle eilte an ihm vorüber, und erkannte den wüthend daher ſprengenden Jüngling nicht, deſſen Haare ein Spiel des Windes waren, deſſen ganze Geſtalt ein Bild der Verzweiflung abgab. Nachmittags langte er auf dem Gute des Mar⸗ cheſe an. Weder Florentine trat ihm entgegen, noch der Vater. Er ſtürmte die Treppe hinauf, durch die Gänge: Alles ſtill, wie im Grabe! End⸗ lich begegnete er einer weinenden Zofe. 3* 36 „Wo iſt Florentine?“ ſchrie er ſie an. Entſetzt vor dem Schreckensbilde floh das Mäd⸗ chen. Da riß Eugenio die Thüre des Wohnzim⸗ mers auf. Noch ſchützte ihn bei dem Anblicke, der ſich ihm darbot, eine huͤlfreiche Hand, daß die Furie des Wahnſinns nicht auf ihn eintrat. Die Geliebte ſeiner Seele lag vor ihm— eine Leiche— in der linken Bruſt eine tiefe, klaf⸗ fende Wunde; der alte Marcheſe ſaß weinend am Fuße des Sargs. Sprachlos ſtarrte Eugenio das furchtbare Schau⸗ ſpiel an. Der Marcheſe ſtand langſam auf und ſprach faſt lautlos: „O! es gibt höhere, ſchreckliche Maͤchte, die das Heilige höhnen, und in deren Hand ſelbſt die Unſchuld gegeben iſt. Siehe ihr Opfer!“ Eine furchtbare Ahnung durchzuckte den unglück⸗ lichen Bräutigam. „Wer— wer—“ mehr vermochte er nicht zu ſtammeln. „Wer der Mörder iſt? das frage die da oben oder da unten. Geſtern, wenige Augenblicke vor Mitternacht, begleitete ich mit der Tochter zwei ihrer Freundinnen, die zum Beſuche da geweſen, bis un⸗ 37 — ter das Portal des Hauſes. Die Maͤdchen ſcherzten und lachten. Florentine war glücklich im Vorgefühl der nahen Wiedervereinigung. Da ſank ſie plöͤtzlich mit einem Schrei des Schmerzes todt zu Boden; wir hoben ſie auf: ſie ſchwamm im Blute, die tiefe Dolchwunde ſaß ihr mitten im Herzen. Die Kerzen erleuchteten uns wie am Tage, kein körperliches Weſen wurde geſehen!“ VIII. In ſtummer Verzweiflung warf ſich Eugenio auf die Leiche der Geliebten, kein Laut entging ſeinem Munde, keine Thräne entrann ſeinem Auge. So fand ihn noch am folgenden Morgen der, aus der Hauptſtadt zuruͤckkehrende Jäger Circhellis, der ihm die Nachricht des ſchrecklichen Ereigniſſes hatte bringen ſollen. Der Jäger berichtete: an der Thüre von Euge⸗ nip's Wohnung habe ein großer, ſchwarz gekleideter Herr ihn angehalten und ihm geſagt, der Bräutigam ſey bereits auf dem Wege zur Braut, er ſolle die⸗ ſes Meſſer, welches Eugenio vergeſſen und höchſt nöthig habe, nur nachbringen. 38 Eugenio fuhr heftig bey dieſen Worten in die Hoͤhe und entriß dem Jäger das Meſſer. Es war dasſelbe, welches er geſtern Abend, ohne es zu wiſſen, aus dem Gemach Alberto's mit⸗ genommen; noch waren die Spuren des daran kle⸗ benden Blutes erkennbar. Er machte den Verſuch: die Klinge paßte gerade in die Wunde Florentinens. Er hielt das Meſſer hoch an den Strahl der Sonne; da fiel die Decke von ſeinen Augen: es war das Stilet, das ihm ſchon in jener Ballnacht den Tod gedroht, glänzend blinkte am Griffe der Name Albertus magnus, ein Hohngelächter drang in ſeine Ohren, und er erkannte die Stimme Alberto's, die ſchneidend und teufliſch bis in das Innerſte ſeiner Seele hinabrief:„Sie iſt die Braut, ich bin der Bräutigam, ewig iſt ſie mein.“ Da griff der Wahnſinn mit glühenden Krallen nach ſeinem Geiſte und riß ihn in ſein furchtbares Reich, wo die Macht der Gedancken verloren iſt und die Phantaſie in ſchrecklicher Willkühr ihren Zepter ſchwingt. Doch nur wenige Tage dauerte der Anfall. Die jugendliche Kraft war erſchöpft, und der milde Tod führte den Unglücklichen hinüber ——— 39 in ein Land, wo jede Liebe gekrönt wird und alle Wunder offenbar ſind. Alberto war und blieb verſchwunden. 40 Roſen und Dornen. Diee Roſen ſind gefallen, Die Erde ward ihr Grab, Die jetzt getreu bewahret, Was ſie einſt liebreich gab. Die Dornen ſind geblieben, Sie ſchaffen manchen Schmerz, Doch ſie, der Roſen Spuren, Liebt noch das arme Herz. Wenn einſt die Roſen fallen Auf's arme Herz hinab: Dann bleibt der Dorn hier oben, . Wo er die Wunden gab. —— 41 Naturandacht. Was ſingt ihr in den Zweigen, Ihr muntern Vögelein, Was wollt ihr fröhlich zeigen In euren Melodein? „Dem, der ſie uns gelehret, Dem bringt ſie unſer Chor! Ob er uns leicht entbehret, Uns draͤngt's zu ihm empor.“ Ihr Blumen voller Duͤfte, Ihr Blumen voller Glanz, Was haucht ihr in die Luͤfte, Wie deut' ich euren Kranz? „Wir duften nur aus Liebe, Der Tag ſtrahlt in uns fort; Die Farben ſind die Triebe, Der Duft iſt unſer Wort.“ 42 Was rieſelt von der Stelle, Beweglicher Geſang? Du biſt es, loſe Quelle, In deinem flücht'gen Gang! „Mich zieht die Erde nieder, Mich trinkt der Himmel auf; Gereinigt kehr' ich wieder Vom frohen Heimathslauf.“ Ein Kindlein ſteht im Grunde Und blickt die Sonne an: Sprich, Kindlein, aus die Kunde, Wer hat dir's angethan? „Muß in die Sonne ſchauen, Die gibt ein herrlich Licht, Ein feſtiglich Vertrauen, Und haͤlt, was ſie verſpricht.“ Das Vög'lein und die Blume, Die OQuelle wie das Kind Im Schöpfungs⸗Heiligthume Gar fromme Beter ſind. —=— 43 Lebensbilder. I. Es fällt ein Blaͤttlein nieder Aus freundlich grünem Raum; Vergebens ſehnt es wieder Sich auf den heitern Baum. Da kommt der Sturm geflogen Mit feindlich wilder Macht, Hat's Blättlein fortgezogen Auf Irrweg' und in Nacht. So dünkt mich auch mein Leben! Die heitre Kindheit wich: In Stürmen muß es ſchweben, Und findet nimmer ſich. II. Wird nicht oft die reine Quelle Durch des Bergſtroms wilden Fall Wohl getrübt in ihrer Helle? Ach, ſo drang auch trübe Welle In den ſchimmernden Kriſtall Von des Herzens klarer Stelle! III. Doch will ich nicht verzagen, Das Blättlein ſteht ja auf, Beginnt nach wenig Tagen Den friſchen Lebenslauf. Die Quelle wieder rauſchet Im reinen Silberſchein. Und ich geh' umgetauſchet l Zu neuem Wirken ein. 45 Die doppelt Vermaͤlte. Den Tales of the manor nacherzählt. Herr Collinſon war der Hauptgeiſtliche in einem anſehnlichen Flecken der Grafſchaft Hartford. Nicht der Eifer jener ſtrengen Non⸗Conformiſten, noch das bei andern engliſchen Geiſtlichen ſo gewöhnliche Streben nach politiſchem Einfluß regelten ſeine Wirk⸗ ſamkeit. Er that nicht mehr und nicht weniger, als die Lehre ſeiner Kirche ihm auferlegte. Dieſe ſprach ſich in ſeinem ganzen Benehmen aus; dabei war er kalt gegen den Nächſten im Aeuſſern, abgemeſſen und trocken in ſeinem Betragen. Er hatte als Hageſtolz das vierzigſte Jahr erreicht. Fremd waren ihm jene aufmerkſame Zärtlichkeit, jene ſanfte Hingebung ge⸗ blieben, welche ſich liebenden Menſchen in dem Kreiſe einer glücklichen Familie ſo leicht aneignen. Die Stunden, welche Collinſon nicht der Erful⸗ lung ſeiner Amtspflichten widmen mußte, brachte er mit der ſorgfaͤltigen Erziehung zweier jungen Leute 4 46 aus einem anſehnlichen Hauſe zu, deren Eltern ſie frühe als Waiſen zurückgelaſſen hatten. Der ältere dieſer beiden Zöglinge ſollte bald die Univerſität be⸗ zieyen, um vielleicht dereinſt als Deputirter der Graf⸗ ſchaft im Perlamente glänzen zu können; der jüngere war der Waffenbahn beſtimmt, und konnte durch den Einfluß mächtiger Verwandten ſicher auf eine baldige Anſtellung rechnen. 8 An vielen Dingen hatte Collinſon bisher nur we⸗ nigen Theil genommen; am ſchönen Geſchlechte aber gar keinen. Die Nemeſis war nicht fern, welche dieſe Gleichguͤltigkeit beſtrafen ſollte. Eines Tages trat Frau Sowerby, eine Nach⸗ barin des Geiſtlichen, in ſein Kabinet und erſuchte ihn, ſich mit ihr zu einer armen Kranken zu begeben, welche des Troſtes der Religion bedürfe. Dieſe Kranke ſey ihre Nichte, die Wittwe eines gewiſſen Cecil, der als Opfer einer zu Gunſten der Stuarts unternommenen Verſchwörung gefallen. Collinſon beeilte ſich, dieſer Aufforderung Genüge zu leiſten. Er fand eine Frau von einem ſehr an⸗ ſtändigen Aeußern, allein der Tod hatte bereits die Vorboten ſeiner nahen Ankunft in alle ihre Züge geſandt. Sie ſaß in einem Lehnſeſſel; ihre Kleidung war reinlich, das hinſinkende Haupt auf einige Kiſſen geſtützt. Zu ihren Füßen lag ihre Tochter, ein Mädchen von ſechszehn Jahren und ausgezeichneter Schönheit. In allen Mienen des anmüthigen Ge⸗ ſichts ſprach ſich die Furcht aus, die theure Mutter zu verlieren. Dem ſchönen Auge entrann, ohne daß dieſes es zu empfinden ſchien, eine große Thräne nach der andern; die Lippen bebten, aber kein Wort ging aus ihnen hervor. In einer Art von ſtummer Verzweiflung bildete das liebliche Weſen einen Blumen⸗ ſtrauß, mit deſſen Duft der hinſterbenden Mutter noch eine ſüße Empfindung zu bewirken. Frau Cecil war im Reichthume geboren. Das Mißgeſchick hatte ſie aus der Bahn geriſſen, welche ihr Natur und Erziehung angewieſen. Seit mehreren Jahren hatte ſie mit dem lieben Kinde kümmerlich von einem kleinen Einkommen gelebt, das mit ihrem Tode auf einen andern Zweig der Familie überging. So wurden ihre letzten Augenblicke durch die Sorge um Marien ſchrecklich verbittert. Sie ſah ſchon im Geiſte die arme Tochter allen Fallſtricken und Ge⸗ fahren einer Welt hingegeben, welche ihr durchaus neu ſeyn mußte. 48 Dieſe Furcht ſtieg zu einem hohen Grade, wenn die Kranke zugleich Mariens Unſchuld und Schönheit in Betracht zog.— Frau Sowerby war die Ver⸗ traute dieſes Kummers geworden. Sie fühlte ſich der Mutter und Tochter gleich herzlich geneigt und ſann Tag und Nacht darauf, der letzten ein gluͤckliches Loos für die Zukunft zu bereiten. Aus dieſem Grunde freuete ſie ſich innig uͤber die Neigung, welche, wie ſie bald bemerkte, Herr Collinſon zu den beiden Unglücklichen empfand. Frau Cecil wurde von Tage zu Tage ſchwächer. Der gefürchtete Moment trat ein. Sie, ſtarb; doch hatte ſie vor ihrem Ende auch die Beruhigung, in Herrn Collinſon den Führer und Freund ihrer Toch⸗ ter zu ſehen, welche auf der weiten Erde ſonſt kei⸗ nen hülfreichen Bekannten oder Verwandten hatte. Es kam dem redlichen Pfarrer nicht in den Sinn, daß er, mit ſeinen fuͤnf und vierzig Jahren und der bisher geübten ſtrengen Selbſtverſagung, in der Nähe eines reizenden Mädchens von ſechszehn Jah⸗ ren, einer andern Empfindung, als der einer theil⸗ nehmenden und dienſtwilligen Freundſchaft ausgeſetzt ſeyn könnte. Als ihm aber das veränderte Innere ſeines Herzens klar wurde, konnte er nicht unterlaſſen, 49 mit ſich ſelbſt zu grollen. In ſeinen eigenen Augen ſtand er als ein Schwächling da. Er ſelbſt hatte gegen ſeine Grundſätze gefehlt, indem er ſich einer Leidenſchaft hingab, die ihm fruͤher ſeiner nicht würdig geſchienen hatte. Was war zu thun? Um jeden Preis wollte Collinſon den Frieden in ſeinem In⸗ nern wieder herſtellen. Hierzu blieb ihm kein anderes Mittel, als— Marien zu heirathen. Dieſe Idee führte wieder neue Unruhen mit ſich: er fürchtete ſich lächerlich zu machen, Marie konnte ihn ausſchla⸗ gen und— in dieſem Falle— ihm ſogar ihre Freundſchaft entziehen. Von ſolchen Zweifeln be⸗ laſtet, verfiel der arme Collinſon in ein ſo ſeltſames und widriges Betragen, daß Marie von einem innern Abſcheu ergriffen wurde, den ſie kaum zu bergen vermochte. Der ſonſt ſo zurückhaltende Mann zeigte mit einem Male eine überaus linkiſche und täppiſche Zudringlichkeit. Miß Cecil war von Frau Svwerby aufgenom⸗ men worden. Hier ſtand die unglückliche Waiſe ganz einſam. Keine Freundin war ihr nahe, der ſte ſich hätte mittheilen können. Herz und Geiſt fanden nirgends eine liebevolle Entgegnung. Der Verluſt der theuren Mutter hatte eine ſchreckliche Leere in 4 ——y—— „ 50 Marien's Seele zurückgelaſſen, und nichts konnte dieſe tief empfindliche Lucke ausfüllen. Fruͤher hatte Miß Cecil eine Freundin gehabt, die Müllerstoch⸗ ter aus dem Flecken, in welchem ſie erzogen worden. Seit einem Jahre ſchon war dieſe nach London ver⸗ heirathet. Der alte Müller war in ſeiner letzten tödtlichen Krankheit von Marien's Mutter verpflegt worden. Bei ſolchen Leiden kömmt man einander leicht näher. Jenny war immer bei Frau Cecil und ihrer Tochter willkommen geweſen. Marie hatte ein großes Vertrauen zu ihr gefaßt, und es ſchien ihr in ihrer gegenwärtigen Einſamkeit, daß, wenn ſie gegen dieſe liebe Jenny ihr kummervolles Herz aus⸗ ſchütten könne, ſie eine große Erleichterung empfin⸗ den würde. Aber Jenny war fern; ſie dachte wohl wenig an die verlaſſene Marie Cecil. Eines Tages kam Frau Sowerby zu Marien. Frau Sowerby war Collinſon's Vertraute geworden und konnte die Laſt des Geheimniſſes, welches ſie beſaß, nicht länger in ihrem Buſen tragen. Als habe ſie Marien ein großes Glück zu verkündigen, entdeckte ſie dem erſchrockenen Mädchen des Pfarrers Abſichten. Auch unterließ ſie nicht, bei dieſer Gele⸗ genheit ihren guten Rath mit gewichtigen, nicht allzu ———,—— N u ö * 51 zarten Gründen geltend zu machen, und ihre völlige Billigung an den Tag zu legen. Marie war über⸗ raſcht und voll Furcht. Sie konnte nicht antworten. Sie fühlte ſich in der Gewalt der Frau Sowerby, deren Charakter äußerſt heftig und herrſchſuͤchtig war. Sie verſchloß demnach ihren Widerwillen in ihr Inneres bis zu dem Augenblicke, wo Collin⸗ ſon ſelbſt ſeinen Antrag wiederholte.„Nein, nein!“ rief da das geängſtete Mädchen mit aller Gewalt und Anſtrengung, deren ſie fähig war:„ich bin Ihnen dankbar, daß Sie ſich einer unglücklichen Waiſe annehmen, aber nimmer, nimmer kann ich in Ihr Begehren willigen!“ „Warum nicht?“ entgegnete Collinſon:„Du biſt noch ſehr jung, Du haſt immer entfernt von der Welt gelebt. Kein anderer kann ſchon die Nei⸗ gung Deines Herzens gewonnen haben!“ Mit der treueſten Unſchuld in Stimme und Ge⸗ behrde verſicherte Marie, daß ihr außer Herrn Col⸗ linſon kein anderer Mann bekannt ſey. Dieſe offene Erklärung hatte die uͤble Folge, den Geiſtlichen in ſeinem Entſchluſſe zu befeſtigen. Frau Sowerby wurde die hartnäckigſte Vertheidigerin ſeines Willens und ſeiner Anſprüche. Von dieſem Augenblicke an 3 4* 52 war das verlaſſene Maͤdchen einer kraͤnkenden und nagenden Verfolgung ausgeſetzt, welche Frau So⸗ werby, wie ſie meinte mit der beſten Abſicht, ordent⸗ lich in eine Art von Syſtem zu bringen wußte. Bei einer großen Eitelkeit war Frau Sowerby liſtig und ränkeſüchtig, ohne übrigens im Geringſten zu ahnen und zu glauben, daß ſie auch nur irgend einen Fehler oder eine Schwaͤche beſitze. Sie wähnte, Marien mehr als Alles auf der Welt zu lieben. Marie, die arme Waiſe, konnte ihr Glück nur in der Verbindung mit dem wohlhabenden Pfarrer fin⸗ den. Dahin mußte ſie ſelbſt wider ihren Willen gebracht werden. Tief im Hintergrunde von Frau Sowerby's Seele lauerte aber, ihr ſelbſt kaum be⸗ merkbar, das eitle Gelüſt, alsdann ſelbſt eine wich⸗ tigere Perſon zu werden, und durch die junge Pfarrersfrau einen eben ſo nützlichen, als ehrebringen⸗ den Einfluß auf die Gemeinde zu erlangen. Die Chriſtenpflicht gebot überdem, ein ſo reizendes und unſchuldiges Mädchen baldmöglichſt den Gefahren zu entrücken, in welche ſie ihre Schönheit bringen könne. Da war denn natürlich kein beſſeres Mittel, als ſie mit einem Manne zu verbinden, dem es an Glüucks⸗ gütern und an einer ehrenvollen Exiſtenz nicht fehlte! 53 Auch der Pfarrer meinte in ſeinem Benehmen nur den Grundſäͤtzen der reinſten Moral gefolgt zu ſeyn. Er ſtrebte ja nur darnach, die liebenswür⸗ dige und tugendhafte Marie ſo glücklich zu machen, als das in ſeiner Gewalt ſtünde; aber in dem Maße, wie der ſchönen Waiſe Widerſtand ſich ver⸗ längerte, gewann ein bitterer Unmuth Macht über Collinſon's Charakter. Sein Groll mit ſich ſelbſt, daß er eine ſolche Schwäche nicht überwinden könne, nahm täglich zu und mit dieſem ſeine Unliebens⸗ würdigkeit in Marien's Augen. Das arme Mäaͤdchen konnte ſich auf keine Weiſe ſeines bittern Tadels erwehren. Wenn er ſie niedergeſchlagen und in Thränen antraf, machte er ihr die heftigſten Vor⸗ würfe, daß ſie ſich nicht in den Willen derjenigen fügen wolle, welchen ihre ſterbende Mutter ſie in ihren letzten Augenblicken überantwortet habe: nur unter dieſer Bedingung ſey ihr der Segen der Ver⸗ ewigten geworden. Hatte Marie ſich im Freien er⸗ gangen und war durch Bewegung und freie Luft das Roſenroth ihrer Wangen aufgefriſcht, der Glanz des ſchönen Auges erhöht worden, ſo ſchöpfte Col⸗ linſon mancherlei Argwohn und bemerkte ihr mit Bitterkeit: ein ſittſames und verſtändiges Mädchen 54 müßte die Blicke aller Mannsperſonen meiden. Endlich verlangte er von ihr, daß ſie beim Kirchen⸗ beſuche, wie bei den ſeltenen Spatziergängen mit Frau Sowerby ſich eines ſchwarzen Kopfüberwurfs bedienen ſolle, der damals die Stelle eines Schleiers vertrat. Die verlaſſene Marie duldete und ſchwieg. In einſamen Nächten klagte ſie dem herabbeſchwore⸗ nen Geiſte der theuren Mutter das tiefe Leid ihres ganz verarmten Herzens. Marie hatte immer von Seiten ihrer Mutter einer anſtaͤndigen Freiheit und eines unbeſchränkten Vertrauens genoſſen. Die Werke unſerer beſten Schriftſteller wurden ihr von der verſtändigen Frau übergeben, damit ſie an ihnen den Geſchmack bilde und den Kreis ihrer Ideen erweitere. Mit vieler Liebe pflegte ſie damals in ihrem kleinen Garten allerlei Blumen und Früchte. Eine kleine Hecke von Canarienvögeln gewaͤhrte ihr das größte Ver⸗ gnügen. Bei dieſer innern Zufriedenheit war auch ihr Geſundheitszuſtand der beſte. Alle Freuden jener Zeit waren mit einander verſchwunden. Nichts fand ſich bei Frau Sowerby, was nur als ein geringer Erſatz angenommen werden konnte. Mariens Ge⸗ ſundheit litt darunter. Sie wurde muthlos und ver⸗ —— 55 fiel in eine Unempfindlichkeit, welche fuͤr ihren Ver⸗ ſtand fürchten ließ. Sie war feſt überzeugt, daß ſie bald ſterben werde. Die Verbindung mit Collin⸗ ſon, der immerwährende Gegenſtand aller Unter⸗ haltungen mit Frau Sowerby, mußte ihren Tod herbeiführen: das glaubte ſie ſicher. Endlich bemäch⸗ tigte ſich eine gänzliche Stumpfheit ihres Gemüths. Sie wurde gleichgültig gegen das Leben, gegen die Heirath ſelbſt, gegen den unglücklichen Augenblick, der für dieſe Feierlichkeit beſtimmt war. Ohne Wider⸗ ſtand und ohne Freude empfing ſie die Hochzeits⸗ geſchenke, welche Frau Sowerby ausgewählt hatte. Frau Sowerby hielt den beunruhigenden Geſundheits⸗ zuſtand des Maäͤdchens nur für eine Folge der Un⸗ gewißheit, welche mit dieſer verſchwinden würde. Die Beſchleunigung der Hochzeit war in ihren Augen das beſte Heilmittel für dieſes Uebel, und ſechs Mo⸗ nate nach dem Tode ihrer Mutter ſtand Miß Marie Cecil mit dem ältlichen Pfarrer Collinſon vor dem Traualtare. Ganz in der Stille war dieſe Verbindung voll⸗ zogen worden. Aus der Kirche des kleinen Dorfs, in welchem Frau Sowerby wohnte, fuͤhrte der Geiſt⸗ liche ſeine junge Gattin in die dunkle alterthümliche 56 Pfarrerwohnung. Die feuchte Zugluft, welche Ma⸗ rien aus den weiten Gängen entgegen kam, ſchien ihr der Hauch des Todes, ihr Loos das einer Sklavin, dieſes Haus ihr ewiges Gefängniß. Collinſons Haushälterin erwartete ſie im Wohn⸗ 4 gemache. Nach den gebräuchlichen Glückswünſchen und Begrüßungen fragte ſie: ob die zwei Penſion⸗ närs des Pfarrers ihr aufwarten dürften? „Ha, die lieben Kinder!“ fiel Collinſon nicht ohne einige Verlegenheit ein:„Ja, ja! Laßßt ſie hereintreten!“ Die lieben Kinder waren zwei erwachſene junge Leute von einem höchſt anſprechenden Aeuſſern. Der ältere, von beinahe ſiebenzehn Jahren, beſaß, bei einem ſchlanken Körperbau, ein regelmäßig ſchön geſtaltetes Antlitz, welches durch einen leichten Zug von Schwermuth und Schwärmerei noch gewann; der jüngere dagegen war zwar klein, aber höchſt zierlich gebaut und empfahl ſich durch geiſtvolle Lebendigkeit in Blick und Miene. Dieſer näherte ſich ohne Umſtände der jungen Vermaͤlten und brachte ihr mit Unbefangenheit ſeine Glückwünſche dar. Der ältere aber wurde bei dem Anblick einer ſo vollende⸗ ten Schönheit zur Salzſäule. In ſeinem Kopfe — 57 ſpukte ein Ideal von weiblicher Vollkommenheit, welches er nach den Dichtern des Alterthums gebil⸗ det hatte. Vergebens ſuchte er bisher nach einem entſprechenden Urbilde: jetzt ſtand es plötzlich vor ſeinen trunknen Blicken. Seine Glieder bebten; er konnte nicht ein Wort vorbringen. Eine Purpur⸗ gluth legte ſich uͤber ſein Antlitz; eben ſo ſtand ihm Marie gegenüber. Sie war nicht minder überraſcht. Ihr Blick ruhte gefeſſelt auf dem Jünglinge, ihre Lippen blieben geſchloſſen. In dieſem Augenblicke verwünſchte der unglück⸗ liche Collinſon ſeine lieben Kinder. Er glaubte die Macht einer innigen Sympathie in dieſer ſeltſa⸗ men Begegnung zu erkennen. Seine rege Einbildungs⸗ kraft ſtellte ihm ſogleich eine ſchreckliche Zukunft dar. Dergleichen hatte er bei ſeiner rückſichtsloſen Leiden⸗ ſchaftlichkeit nicht vorausgeſehen. Carl, welchen er bis jetzt als ſeinen Zögling väterlich geliebt hatte, verwandelte ſich in einem Augenblicke in einen be⸗ glückten Nebenbuhler, deſſen jüngerer Bruder in einen mitleidsloſen Spötter, der ihn zum Gegenſtande ſei⸗ nes Witzes nehmen und auf alle Weiſe lächerlich machen würde. Die Eiferſucht peinigte ihn mit allen ihren Qualen; ſein Ehrgefühl war auf das Bitterſte verletzt; eine Sorge für die Zukunft jagte die andere. So geſchah es, daß er plötzlich alle Geiſtesgegenwart verlor. Er gerieth in die heftigſte Wuth, über⸗ haͤufte die arme Marie mit gemeinen Schmähreden und beſchuldigte ſie eines verführeriſchen und anlocken⸗ den Benehmens gegen den jungen Menſchen. Zum erſtenmale in ihrem Leben ſah ſich Marie mit einer ſolchen Härte und offenbaren Ungerechtig⸗ keit behandelt. Die Stürme der vergangenen Tage hatten ohnehin ihr zartes Nervenſyſtem in ſeinen Grundfeſten erſchüttert. Die hohe Röthe des Ge⸗ ſichts ging plötzlich in eine Todtenbläſſe über; ſie warf einen ſterbenden Blick auf ihren Peiniger und ſank beſinnungslos zu Boden. Bei dem Lärm, welchen Collinſon in ſeiner un⸗ gezügelten Wuth erhoben hatte, war Frau So⸗ werby ſogleich herbeigeeilt. Sie erkannte nun zu ſpät das Verkehrte ihres Benehmens nund machte dem Pfarrer die heftigſten Vorwürfe. Aber ſo ward ein Band nicht wieder gelöſt, das ſie ſelbſt geſchäftig geknüpft hatte. Durch ihre Sorgfalt kam Marie wieder zu ſich. Kaum aber erhob ſich ihr Blick und traf auf Collin⸗ ſon, ſo fiel ſie in ihre Schwäche und völlige Be⸗ 2 —— wußtloſigkeit zurück. Der Arzt wurde gerufen. Nur mit den größten Anſtrengungen gelang es dieſem, die Unglückliche wieder zum Bewußtſeyn zu bringen. Sein Scharfblick erkannte bald die Lage der Dinge. Er erklärte, daß wenn Marie ein drittes Mal von dieſem Zuſtande befallen würde, ihr Leben in Ge⸗ fahr ſey; indem er der verſtändigen Haushälterin die Sorge um die Kranke übertrug, unterſagte er auf das Strengſte jedem Andern den Zugang. Die⸗ ſes Verbot traf ins Beſondere Frau Sowerby und Collinſon. Die Stimmen dieſer beiden Perſonen durften ſich nicht einmal in der Nähe von Mariens Zimmer hören laſſen. Würde man dieſe Vorſicht auſſer Acht ſetzen, fügte der Arzt hinzu, ſo ſey eine Gehirnentzündung und ein gewiſſer Tod unaus⸗ bleiblich. Durch die ſorgfältigſte Behandlung ſah ſich Marie dem Leben wiedergegeben. Zu ihrem größten Erſtaunen ſchien ihr Widerwillen gegen die Welt und ihre Freuden verſchwunden. Sie ſah mit Vergnügen in das Blau des heitern Himmels; das Spiel der Sonnen⸗ ſtrahlen an der Decke ihres Gemachs beſchäftigte ihre Einbildungskraft; der Geſang der Vögel erweckte die Erinnerung einer glücklichen Kindheit und mit 60 Freude nahm ſie die duftenden Blumen auf, welche ihre liebevolle Pflegerin reichlich herbeibrachte. Nach und nach geſtaltete ſich in ihrem Geiſte das Bild des jungen Menſchen, deſſen Gegenwart ſie mit Entzücken und Verlegenheit erfuüͤllt. Seine Stimme klang aus dem Garten herauf. In Mariens Bruſt war eine Saite, welche bei dieſem Tone wider⸗ bebte. Waͤhrend dieſer Zeit befand ſich Collinſon in einer ſchrecklichen Gemüthsverfaſſung. So lange Marie in Gefahr ſchwebte, klagte er ſich als den Mörder des innig geliebten Weſens an. Kaum aber ſchien die junge Gattin gerettet, ſo kehrte die Eifer⸗ ſucht in aller ihrer Wuth und mit dem vollſtändigen Gefolge gehäſſiger Leidenſchaften in ſeine Seele zu⸗ rück. Die gefaͤhrlichen Zöglinge mußten aus ſeiner Naͤhe: das war Collinſons feſter Entſchluß. Keine ökonomiſche Rückſicht konnte ihn hiervon abbringen. Zu ſeiner größten Beunruhigung fiel ſein Verdacht jetzt ſogar auf den würdigen Arzt. Zweimal verabſchiedete er den würdigen Mann, aber eben ſo oft rief er ihn zurück, damit er aufs Neue das Leben der an⸗ gebeteten Gattin rette. Sein Gemüth war den heftigſten Bewegungen hingegeben. Er erkannte, daß 61 er nur dann Frieden finden würde, wenn es ihm gelänge, ſeine junge Frau den Blicken aller andern Männer zu entziehen. Aus dieſem Grunde bereitete er alles vor, ſein Haus für die Zukunft zu einer unzugänglichen Feſtung zu machen, die er dann wohl gegen jeden Zudringlichen ſchützen wolle. Der Vater der beiden Juͤnglinge, welche ſich unter Collinſon's Aufſicht befanden, hatte es zu einer Bedingung ſeines Vertrags gemacht, daß der Pfar⸗ rer ihm die Zöglinge nach ihrer vollendeten Bildung perſönlich wieder zufuhre. Dieſer Verbindlichkeit konnte ſich Collinſon um ſo weniger entziehen, da der angeſehene Mann ihm durch ſeine Empfehlung zu baldiger Beförderung von großem Nutzen ſeyn konnte. Die Reiſe wurde feſtgeſetzt. Nur nach wieder⸗ holtem Bitten erhielt Collinſon die Erlaubniß, ſeine Gattin vor der Abreiſe noch einmal zu ſehen. Sie empfing ihn milde und freundlich. Der Abſchied fiel über Collinſon's Erwartung befriedigend aus und er entfernte ſich mit den beſten Hoffnungen für die Zu⸗ kunft. Dennoch gab er noch aus dem Wagen den ſtrengen Befehl, in keinem Falle während ſeiner Abweſenheit den Arzt zu rufen. 62 Marie ſah in dieſer Vorſicht nur eine Grauſam⸗ keit eigner Art. Der Mann, der ihr ſeine Zeit, ſeine Sorgfalt mit ſo vieler Theilnahme gewidmet, dem ſie ein Leben zu danken hatte, das ihr wieder theuer zu werden begann, wurde mit Gewalt von ihr fern gehalten! Sie begriff das nicht. Ihr Herz, dem die Macht der Liebe noch fremd war, konnte die Wuth der Eiferſucht, ihre Willkürlichkeit, ihren Argwohn, ihre Ungerechtigkeiten weder ver⸗ ſtehen noch entſchuldigen. Der bitterſte Haß hätte kein feindſeligeres Benehmen erdenken können, als das ihres Mannes war. Wie vermochte das unerfahrene Mädchen auf den Grund ihrer Leiden zu ſchauen. Ihr ſchien es gewiß, daß ſie in die Hände eines eigen⸗ ſüchtigen Tyrannen gefallen ſey, der ſich an den Leiden anderer ergötze und ſorgfältig das Opfer ſchmücke, ehe er es ſchlachte. Collinſon's Abweſenheit wurde ganz wider ſeinen Willen um einige Tage verlängert. Ein ſterbender Oheim, deſſen einziger Erbe er war, rief ihn in ſeine Nähe. Marie hatte in dieſer Zeit ihre Kraͤfte wieder erlangt. Der Pfarrer ſandte eine Dienerin ſeines Verwandten mit einer Poſtkutſche, um ſeine junge Frau abzuholen. Er konnte Marien nicht län⸗ 63 ger miſſen. Sollte ſie aber noch nicht fähig ſeyn, die kleine Reiſe von etwa ſieben Stunden zu unter⸗ nehmen, ſo hatte die Dienerin Auftrag, ſie zu Frau Sowerby zu fuͤhren, und dieſer im Namen des Pfarrers zu befehlen, die Anvertraute weder Tags noch Nachts aus den Augen zu verlieren. Das Alles erzählte die Frau ganz arglos. Sie hatte ein redliches und gutmüthiges Geſicht. Auf ihr Zureden entſchloß ſich Marie zur Abreiſe. Die junge Frau war traurig und ſchweigſam. Der Anblick der freien Natur, welche den Frühling mit allem Reichthume ſeines Schmuckes bekleidete, erheiterte ſie nach und nach. Da hielt plötzlich ein munterer Knabe den Wagen an. Marie erkannte ihn. Es war Ely, der Bruder ihrer ſo oft erſehn⸗ ten Freundin Jenny. Er übergab ihr einen Brief von dieſer. Schon ſeit vielen Tagen trage er das Schreiben mit ſich herum, fügte er hinzu; aber er habe ſich immer geſcheut in's Pfarrhaus zu gehen: Herr Collinſon ſey ſo gar bös! Haſtig eröffnete Marie das Schreiben ihrer Freundin. Es enthielt die dringendſte Bitte: Marie möge nach dem Tode ihrer Mutter ja bei keinem andern ihren Aufenthalt nehmen, als bei ihrer alten Freundin, der jetzigen Frau Samſon. 64 3 Der Knabe hatte ſich ſogleich entfernt. Waͤhrend der Weiterfahrt konnte Marie ihre Thraͤnen nicht zuruͤckhalten. Sie ſprach laut ihren Kummer darüber aus, daß ſie nicht vor ihrer Verheirathnug von die⸗ ſem Vorſchlage ihrer Freundin Kenntniß gehabt habe. Bis jetzt hatte noch niemand Theil an Marien's unglücklichem Looſe genommen; ihre Begleiterin war das erſte menſchliche Weſen, welches ein inniges und aufrichtiges Mitgefühl zeigte. Marie fuͤhlte ſich von dieſer Theilnahme ſo ergriffen, daß ſie ihr ganzes Herz vor der Frau ausſchüttete. Auch dieſe hatte bemerkt, daß Collinſon in der letzten Zeit einige unerträgliche Gewohnheiten angenommen habe. Das Schickſal der armen Marie hatte ſie auf's Tiefſte bewegt. Sie ſprach jetzt mit vielem Eifer alles mögliche Üble von dem Pfarrer und fügte hinzu:„ich an ihrer Stelle würde mich von dieſem Tyrannen los zu machen ſuchen, und lieber mit Handarbeit meinen Unterhalt erwerben, als länger in ſeiner Nähe bleiben!“ Dieſer Gedanke war Marien neu. Er ſchien ihr aber ſo richtig, daß ſie ſich wunderte, nicht ſchon früher darauf verfallen zu ſeyn. „Ja!“ rief ſie plötzlich aus:„ich will mich los⸗ reißen von dieſer Kette, die man mir wider meinen 6⁵ Willen angelegt hat. Ich will arbeiten Tag und Nacht, um ein elendes Leben zu friſten: nur fern von dieſem Peiniger und ſicher vor ſeinen Verfol⸗ gungen!“ 1 Ihre Begleiterin war tief gerührt. Sie ver⸗ ſprach, ihr in dieſem Vorhaben auf alle Weiſe zu dienen. Jeden Abend, ſo verſicherte ſie, fahre der Londner Poſtwagen an dem Hauſe von Collinſon's Oheim vorüber. Marie mußte nur den Muth haben, dieſe Fahrt allein zu unternehmen; ſchon am nächſten Morgen lange ſie in London bei ihrer Freundin an, wo Niemand ſie weder ſuchen noch finden werde. Marie ſah ſich von ihrem Manne mit vieler Zaͤrtlichkeit empfangen; aber ſie konnte ihren Abſcheu nicht verbergen. Daruͤber brach Collinſon auf's Neue in Wuth aus, und behandelte ſeine junge Gattin auf die unwürdigſte Weiſe. Von ihrer Reiſegefähr⸗ tin unterſtützt, begab ſich Marie in ihr Zimmer. Hier wurde die Ausfuͤhrung ihrer Flucht noch auf den heutigen Abend feſtgeſetzt. Sie gelang ohne Hinderniß. Während Collinſon an dem Bette des kranken Verwandten beſchäftigt war, ſchlich Marie zitternd aus dem Hauſe, aber 5 66 doch von der Hoffnung einer glücklichern Zukunft belebt. Ihre neue Freundin hatte ſie mit Geld und Wäſche verſehen. Ihr Geſicht war verhüllt, ihre ſchöne Geſtalt durch einen weiten Mantel entſtellt. Zu Marien's großer Beruhigung befand ſich in dem Wagen nur ein ältliches Frauenzimmer. Mit Thrä⸗ nen trennte ſich Marie von der gutmüthigen Frau, welche ihr durch Rath und That ſo uneigennützig gedient. Eine Centnerlaſt fiel von der Bruſt der Flüchti⸗ gen, als die Pferde anzogen, um ſie für immer aus der Nähe eines Gatten zu bringen, der gegen ſie ein Ungeheuer geworden war. Keine Widerwärtig⸗ keit ſtörte die Fahrt. Am nächſten Morgen langte Marie in London an. Ihre Reiſegefährtin nahm von dem Poſtbüreau in Piccadilly aus einen Mieth⸗ wagen und ſetzte Marien vor dem Hauſe der Frau Samſon ab, von der ſie mit vieler Freude und Herzlichkeit empfangen wurde. Eine gleiche Auf⸗ nahme fand ſie bei Jenny's Gatten, einen ſehr ruhigen und thätigen Mann, der mit einer großen Gutmüthigkeit eine eben ſo große Gradheit verband. Marien's Rathgeberin hatte ihr feſt eingebunden, Niemanden, wer es auch ſey, ihre Heirath ahnen zu uft ind 67 laſſen. Sie galt alſo immer noch für Miß Cecil. Wenn es ihr auch wehe that, in dieſem Punkte ihre Freundin zu hintergehen, ſo ſah ſie doch ſelbſt zu ſehr die Nothwendigkeit einer ſolchen Geheimhaltung ein, um ſich nicht dieſem Zwange zu unterwerfen. Die Rückkehr zu ihrem Quäler war das Schrecklichſte, was ihr begegnen konnte. Alles mußte aufgeboten werden, dieſer zu entgehen. Zu jener Zeit las man nur die Heirathen angeſehener und bedeutender Perſonen in öffentlichen Blättern; Herr und Frau Samſon hatten uͤberdem wenig Zeit, ihre Aufmerk⸗ ſamkeit den tauſenderlei Bekanntmachungen zu ſchen⸗ ken, welche täglich in London ausgegeben werden. Wie häͤtten ſie auch auf den Gedanken kommen kön⸗ nen, ihre liebe Miß Marie Cecil ſey die entflohene Frau eines— Landgeiſtlichen. Ihren Freunden wurde ſie als eine Waiſe von guter Herkunft vorge⸗ ſtellt, welche bei irgend einer angeſehenen Dame als Geſellſchafterin unterzukommen wünſche. Marie erlangte in dieſem friedlichen Aufenthalte bald ihre Geſundheit und ihre Kräfte wieder. In ihrem ganzen Glanze blühte auf's Neue ihre Schön⸗ heit empor. Sie war immer auf das Emſigſte be⸗ müht, ihren wohlwollenden Freunden die innigſte 5* 68 Dankbarkeit an den Tag zu legen und that dieſes mit einer ſolchen Anmuth, daß ihre Hausgenoſſen ſie täglich lieber gewannen. In den Laden durfte Marie nicht gehen: das litt Frau Samſon nicht. In der Stille eines Gartenzimmers war ſie fortwäaͤhrend mit leichter Arbeit für die Familie Samſon be⸗ ſchäftigt. Seit einigen Jahren hatte Herr Samſon den erſten Stock ſeines Hauſes für einen beſtimmten Monat an den einzigen Sohn eines ſchottiſchen Großen vermiethet. Der alte Lord ſtarb und ſein Sohn, Lord Roſedew, ſollte auf den Rath der Aerzte ſich in das mittägliche Frankreich begeben. Das in ſeiner Familie erbliche Bruſtübel hatte ſeine Geſund⸗ heit zerrüttet. Lord Roſedew wollte wie gewöhnlich einen Monat in London zubringen, und dann mit der erſten Gelegenheit nach dem feſten Lande überſetzen. Man bereitete Alles zu ſeinem Empfange. Marie hörte von Herrn und Frau Samſon ſo vieles Gute über Lord Roſedew, daß ſie nicht ohne Neugierde ſeiner Ankunft entgegenſah. Endlich war der Lord im Hauſe; aber mehrere Tage gingen vorüber, ohne daß Marie Gelegenheit fand, ihren Wunſch zu be⸗ friedigen. 69 Eines Morgens war ſie im Wohnzimmer der Familie beſchaͤftigt. Sie ſang dabei eine altengliſche Romanze fuͤr ſich hin. Es war ein rauher und neblicher Tag. Plötzlich trat ein junger Mann im Hauskleide in das Zimmer; er trug eine Schale mit Bouillon in der Hand und näherte ſich dem hell lodernden Caminfeuer. Als Marie und der junge Mann ſich erblickten, kamen beide in Verlegenheit. Er ſetzte ſich, nachdem er ſtammelnd einen Gruß her⸗ vorgebracht, zum Feuer; ſie betrieb um ſo emſiger ihr Geſchäͤft. Jetzt hatte Marie Zeit, ihre Bemerkungen zu machen. Das war ohne Zweifel Lord Roſedew. Er trug tiefe Trauer, ſein kaſtanienbraunes Haar fiel nachläßig hernieder. Aus den vollkommen regel⸗ mäßigen Zügen des Antlitzes blickten die dunkeln, blauen Augen mit einem eignen Ausdrucke. Er war groß und ſchlank gewachſen; in dem Tone ſeiner Stimme, wie in ſeinen Mienen lag eine ungemeine Sanftmuth. Nach und nach kam eine Art von Unterhaltung in den Gang. Lord Roſedew konnte bemerken, daß das reizende junge Frauenzimmer, mit dem er ſprach, von der Natur mit gleicher Huld geiſtig und körper⸗ 70 lich ausgeſtattet ſey. Sie benahm ſich bei Allem mit ſo vielem Anſtande, daß der junge Irländer ſie mit Entzücken verließ. Jeden Morgen genoß Lord Roſedew nun ſeine Bouillon in Mariens Geſellſchaft. Seine Abreiſe wurde immer weiter hinausgeſchoben, ſein Geſundheitszuſtand gab die erfreulichſte Hoffnung. Endlich war von der Abreiſe nicht mehr die Rede. Lord Roſedew und Marie fanden ein geheimes, aber um ſo größeres Wohlgefallen an einander. Dieſes ſtieg von Tage zu Tage. Es ſprach in Blicken, in kleinen Dienſt⸗ leiſtungen, in manchem empfangenen und erwiderten Drucke der Hand. Da ward Lord Roſedew plötzlich außer ſeinem Zimmer nicht mehr ſichtbar. Marie fühlte ſich von allen Empfindungen eines liebenden und beſorgten Gemüths ergriffen. Von dem Diener des Lords vernahm ſie, er ſey zwar nicht krank, aber in einem ſehr niedergeſchlagenen Geiſteszuſtande. Mehrere Tage blieb Lord Roſedew von Marien fern. Frau Samſon bemerkte bald eine Veränderung in Mariens ganzem Weſen. Dieſe war zerſtreut, bleich, in ſich gekehrt und muthlos. Die verſtändige Frau errieth leicht den Grund. Marie ſelbſt konnte ſich nicht verbergen, daß endlich die erſte Liebe ihr Inneres beherrſche. 71 Lord Roſedew erſchien wieder. Frau Samſon blieb nun immer zugegen, wenn er in das Wohn⸗ gemach trat. Marie ward wieder heiter, ſie erzaͤhlte von ihren Eltern, von dem unglücklichen Looſe ihres Vaters, der als ein Anhänger der Stuarts gefallen. Lord Roſedew ſchenkte ihr das aufmerkſamſte Gehör. Er war ein Schotte; die Sache des vertriebenen Königſtammes lag ſeinem Herzen nahe. Mariens reiche Einbildungskraft vermochte ihren Vortrag ſo angenehm auszuſtatten, daß ſelbſt Frau Samſon großes Vergnügen daran fand. Zu Mariens großem Leiden wurde Lord Roſedew von einem neuen Anfalle ſeines Bruſtfiebers ergrif⸗ fen. Er erhielt von ſeiner Mutter und ſeinen Freunden die dringenſten Briefe mit der Bitte, ſeine Reiſe nach Nizza zu beſchleunigen. Lord Roſedew entſchloß ſich endlich hierzu, aber nicht ohne Marien wollte er reiſen, nur in ihrer Nähe hatte das Leben noch Freuden für ihn. Er vertraute ſich der Freun⸗ din ſeiner Geliebten und erklärte zugleich, daß ſein Entſchluß, ſich mit Marien zu verheirathen, unum⸗ ſtößlich ſey, in wofern ſie nicht ſelbſt ſich dagegen erkläre. Frau Samſom hatte von dem Edelmuthe Lord Roſedew's nichts Anderes erwartet. Auch mußte 72 ſte die Gruͤnde billigen, weſche Lord Roſedew bewo⸗ gen, dieſe Verbindung anfangs vor den Seinigen geheim zu halten. Herr Samſon ſollte Marien nach Amiens begleiten; dort wolle der Lord ſie erwarten, um mit ihr den glüͤcklichſten Augenblick ſeines Lebens zu begehen..— Als Marien der Antrag des Lord Roſedew mitgetheilt wurde, fühlte ſie ſich von einer freudigen Exaltation ergriffen. Die Gegenwart ſprach ſie an mit aller ihrer Herrlichkeit, die Ausſicht in die Zu⸗ kunft war entzückend: da mußte denn wohl die Vergangenheit in ein Nichts verſinken, verſchwunden ſeyn für immer wie ein böſer Traum. Aber die Nemeſis ſchlummert wohl, doch ſtirbt ſie nicht. Alles wurde nach dem Wunſche des Lords aus⸗ 4. geführt. Ein engliſcher Geiſtlicher vollzog die Trauung. Aber in den Taumel des Glückes, in das Entzücken der Liebe drängten ſich plötzlich die Furien einer frühern Zeit. Kaum hatte Marie das ent⸗ ſcheidende Ja ausgeſprochen, ſo ſank ſie, von ſchreck⸗ lichen Erinnerungen ergriffen, ihrem Gatten vor dem Altare beſinnungslos in die Arme.— Dieſer Zufall blieb ohne Folgen. Die jungen Gatten begaben ſich nach Paris. Hier führte Lord 73 Roſedew ſeine reizende Gemalin in die glänzendſten Zirkel. Man ſollte ſie bewundern, ihn beneiden und als den glücklichſten Gatten erkennen! Marie fand wenige Freude an den Huldigungen der großen Welt; dagegen konnte jede Liebkoſung des Lord Ro⸗ ſedew, jeder kleine Beweis ſeiner Zärtlichkeit ſie mit neuem Entzücken erfullen. Von Paris reiſ'ten ſie zu der großen Weltſtadt an der Tiber. Hier brachten ſie den Winter zu. Marie, in den fruhern geſelligen Kreiſen der Gegen⸗ ſtand allgemeiner Bewunderung, gab ihm nie Ge⸗ legenheit zu der mindeſten eiferſüͤchtigen Unruhe; allein ein Zweifel anderer Art flößte ihm Beſorgniß ein. In den Geſellſchaften, welche die beiden Gatten beſuchten, fanden ſich oft katholiſche Geiſt⸗ liche vom höchſten Range, und von dem liebens⸗ würdigſten Betragen. Nicht ſelten unterhielt man ſich über religiöſe Grundſätze. Mariens lebhafte Phantaſie hatte in den glänzenden Gebräuchen des römiſchen Cultus eine eigene Nahrung gefunden. Mit vieler Aufmerkſamkeit hörte ſie die geiſtreichen Er⸗ klärungen jener Geiſtlichen an. Lord Roſedew, deſſen Vorfahren längſt zu der proteſtantiſchen Kirche übergegangen waren, glaubte bei Marien eine empor⸗ keimende Neigung zum Catholicismus zu erkennen. Durch eine plötzliche Abreiſe gedachte er, jeder böſen Folge zuvorzukommen. Marie hatte die Ausſicht, bald Mutter zu werden; man beſchloß, in Nizza, dem erſt beſtimmten Reiſeziel, ihre Niederkunft zu erwarten. Hier ſah Lord Roſedew bald ein, daß ihn ſeine Meinung irre geführt. Marie hing mit unumſtöß⸗ licher Feſtigkeit an den Grundſätzen ihrer Kirche, aber eine tiefe Trauer bemächtigte ſich ihres ganzen Weſens. Oft ſchwammen ihre ſchönen Augen in Thränen, ohne daß ſie ſelbſt es bemerkte. Wenn Lord Roſedew ſie dann mit zärtlicher Beſorgniß an ſeine Bruſt ſchloß, ſo riß ſie wohl in ſtürmiſcher Heftigkeit ſich los und verſchloß ſich in ein entlegenes Gemach. Lord Roſedew vermehrte ſeine liebevolle Aufmerkſamkeit; er ſchrieb das Benehmen ſeiner Gattin der Furcht vor der Nähe des verhängnißvollen Augen⸗ blickes zu. Dieſer trat ein: Marie genas eines ſchwäch⸗ lichen Knäbleins. Wider den Rath der Aerzte beſtand ſie darauf, das Kind ſelbſt zu ſtillen. Dieſes wurde täglich kränklicher und ſtarb nach drei Monden. Die armen Eltern wurden in den tiefſten Kum⸗ mer verſenkt. Marie bekam jetzt häͤufige Nerven⸗ nen. dſen zufälle, denen immer eine große Schwäche folgte; Lord Roſedew's Geſundheit verſiel mit der ſeiner Gattin. Schwermüthig und einſam ſchlichen ihre Tage dahin. Da wurde der Lord mit einemmale durch die größten Zeitereigniſſe zu einem plötzlichen und entſcheidenden Entſchluß bewogen. Lord Roſedew erhielt von ſeinen Freunden die wichtigſten Nachrichten. Der Prätendent machte da⸗ mals einen letzten Verſuch, ſich des Thrones ſeiner Vorfahren zu bemächtigen. Jeder bedeutende Mann ſchloß ſich einer von den beiden Parteien an. Lord Roſedew's lange Abweſenheit aus ſeinem Vater⸗ lande, ſeine Heirath und ſein Aufenthalt in dem Lande, welches die Abſichten des Prätendenten be⸗ günſtigte, machten ihn in den Augen des Hofs ver⸗ daͤchtig. Er beſchloß der Verläumdung keck entgegen zu treten und ſie durch ſeine Gegenwart Lügen zu ſtrafen. Er eilte ſogleich zu Marien, um ihr ſeinen Plan, in den erſten Tagen nach England zurück⸗ zukehren, mitzutheilen. Eine Todesbläſſe überzog das Antlitz der reizenden Frau. Sie konnte dem Gatten nur abgebrochene Reden ohne Sinn erwiedern. Da drang dieſer mit aller Macht der liebevollſten Bered⸗ 76 ſamkeit in Marien, ſich endlich ihm zu vertrauen und den Schleier zu heben von dem furchtbaren Ge⸗ heimniſſe, das ſie ja vereint leichter zu tragen ver⸗ möchten. Zu ſeinem Erſtaunen warf ſich Marie ihm mit verzweiflungsvollen Geberden zu Füßen und rief aus: „Ja! Ich will die Bruſt entledigen der Laſt, die jedes frohe Lebensgefuͤhl darniederdrückt. Ich will Dir Alles geſtehen; aber, das verſprich mir, Du mußt mich nicht haſſen! Dein Haß wäre ärger als Tod!“ Höchſt erſchrocken über dieſen heftigen Ausbruch, ſuchte Lord Roſedew ſeine Gattin mit den ſanfteſten Worten zu beruhigen. Sie möge nicht länger verber⸗ gen, was ſie quaͤle, fügte er hinzu: ſeiner Verzeihung könne ſie im Voraus gewiß ſeyn! „Nun denn,“ ſprach Marie mit leiſer Stimme jetzt weiter:„Du ſollſt es wiſſen. Du magſt ermeſ⸗ ſen die Größe meines Elendes. Ich war ſchon verheirathet, ehe ich dich kannte, und jenes Band iſt noch nicht gelöſ't.“ „Unmöglich!“ ſchrie Lord Roſedew.„Du biſt nicht bei Dir, Marie. Eine ſchreckliche Selbſt⸗ täuſchung hintergeht Dich.“ —— 77 Da ſchüttelte Marie ſanft das Haupt und be⸗ richtete nun mit größerer Gelaſſenheit ihr früheres Verhältniß zu Collinſon und ihre Flucht nach London. Sie ſelbſt machte ſich die heftigſten Vorwürfe, eine ſo wichtige Sache ihrem Gemal verheimlicht zu haben. Die Hoffnung, Mutter zu werden, ward ihr durch den ſchrecklichen Gedanken verbittert, daß ihr Kind unrechtmäßig ſeyn und dieſes ſchuldloſe Weſen ſo die Strafe ihrer Schwäche tragen würde. Während dieſer Erzählung hatte ſich die größte Leidenſchaft⸗ lichkeit wieder der armen Marie bemächtigt; ihre Rede ging in ein dumpfes Weinen über. Ihr Gatte überdachte mit Beſonnenheit alle Motive dieſes ſelt⸗ ſamen Benehmens. Mariens einfache Erziehung, ihre unerfahrene Jugend, ihre Liebe zu ihm und das tiefe Leid, welches ſie ſo lange ſtill und geheim erduldet, ſprachen zu laut in ſeinem Herzen. Er ſchloß ſie mit der alten Zärtlichkeit an ſeine Bruſt und zeigte ihr die mildeſte Theilnahme. Seinen Lieb⸗ koſungen, ſeinem innigen Mitgefühl gelang es, ihrem Geiſte und ihrem Herzen einen Theil der langent⸗ behrten Ruhe wiederzugeben. Jenes Band könne leicht getrennt werden, verſicherte er: ihm ſey für dieſen Zweck kein Opfer zu groß! 78 Nun legte auch Marie die lebhafteſte Sehnſucht nach dem Vaterlande an den Tag. In Collinſon's freiwilliger Entſagung hoffte ſie den innern Frieden und das Glück ihres Bundes mit Lord Roſedew wieder zu befeſtigen. Ungeachtet des bedenklichen Geſundheitszuſtandes, in dem ſich beide Gatten be⸗ fanden, wurde die Reiſe nach England unternommen. Sie ſchifften ſich in einem niederländiſchen Hafen ein, um ſich nach des Lords Gütern in Eſſer, wo man ihn erwartete, zu begeben. Die Ueberfahrt wurde durch widrige Winde zu einer ungewöhnlich langen Dauer ausgedehnt. Indeſſen fühlte ſich Marie von Stunde zu Stunde übler; ſie wurde von einer allgemeinen Schwäche befallen, ſo daß ſie kaum noch reden und ſich bewegen konnte. Als endlich an einem heitern Mittage das Fahrzeug ſich den Küſten der Heimath näherte, ſchien Marie auf das Neue belebt. Sie verlangte auf das Verdeck getragen zu werden. Lord Roſedew, der ſie mit der zärtlichſten Beſorgniß gepflegt, genügte ihrem Verlangen. Da lagen mit einem Male die Küſten des theuern Vaterlandes ſonnebeglänzt vor der Kranken. Sie breitete die Arme nach dem Strande. „Da iſt der geliebte Boden!“ ſprach ſie leiſe: — S 2———ꝑ— 8 82—*8&⏑—-3ꝓ ⏑˙* — 7* —— 79 „aber mein Fuß wird ihn nimmer betreten! Mich ruft es mit übermächtiger Gewalt in die rechte Hei⸗ math, zu der vorangegangenen Mutter!“ Schwach drückte ſie Roſedew's Hand; ihr letzter Blick ruhte mit Innigkeit auf dem Gatten: der ſtille Genius tauchte ſeine Fackel in den rauſchenden Strom der Vernichtung.— In dieſen Tagen hatte der Prätendent ſeine Lan⸗ dung bewerkſtelligt. Alle Gemüther waren empört; raſende Parteien ſtanden einander gegenüber. Noch blieb die Sache der Stuart's unentſchieden. Sie allein beſchäftigte die allgemeine Aufmerkſamkeit. Die Paſſagiere des Paketbootes, höchſt begierig, die neueſten Ereigniſſe der Zeit kennen zu lernen, ach⸗ teten wenig auf das, was im Augenblicke der Lan⸗ dung ſich auf dem Schiffe begab. Lord Roſedew ſtand allein in ſeinem furchtbaren Schmerze, ohne Theilnahme, ohne Freund. Mit der höchſten An⸗ ſtrengung ſeiner Kräfte hielt er ſich aufrecht. Gegen Abend ließ er den Leichnam Mariens durch ſeine Diener in den am Hafen gelegenen Gaſthof bringen. Die Ankunft des Lord Roſedew, welche am nächſten Morgen bekannt wurde, erregte Unruhe und Mißtrauen. Seine Familie war immer den 80 Stuart's geneigt geweſen: unter den gegenwaͤrtigen Umſtänden war das genug, ihn verdächtig zu machen. Noch am nemlichen Morgen empfing er von verſchie⸗ denen Seiten Warnungen. Er entſchloß ſich, die Beſtattung der Ueberreſte ſeiner theuern Gattin zu beſchleunigen und dann ſogleich nach ſeinen Gütern zu eilen. Mit übermenſchlicher Gewalt hielt er unter dieſen Stuͤrmen ſich aufrecht. Es war das helle Leuchten eines bald verlöſchenden Lichts. Es iſt bekannt, wie leicht und ſchnell in den Zeiten politiſcher Unruhen die abgeſchmackteſten und thörichteſten Geruchte Glauben gewinnen. Waͤhrend der Leichenzug, durch den Lord Roſedew das An⸗ denken ſeiner Gemahlin zu ehren gedachte, ſich der geweihten Stätte näherte, verbreitete ſich mit reißen⸗ der Geſchwindigkeit die Sage: in dem Sarge ſey keine Todte befindlich, ſondern er berge einen großen Schatz von Gold und Edelgeſteinen, welcher zu ſeiner Zeit von einem Boten des Prätendenten in Empfang genommen werden ſolle. Mehrere eifrige Gegner der Stuart's eilten ſogleich zu dem Major des Städtchens und nöthigten dieſen, ihnen zu folgen. Lord Roſedew hatte keine Ahnung von dem 81 Vorgehenden. In dumpfer Verzweiflung folgte er den theuern Ueberreſten. Man trat in die Kirche; der dienſtthuende Geiſtliche ſtand harrend am Altare, um der Entſchlummerten den letzten Segen mit in die Gruft zu geben. Allein in dem Augenblicke, da der Sarg zu ſeinen Füßen niedergeſetzt wurde, eilte der Major mit Gerichtsdienern herbei und befahl im Namen des Königs, den Sarg zu öffnen. Lord Roſedew widerſetzte ſich nicht. Alle Aeuſſe⸗ rungen wilder Leidenſchaftlichkeit verſtummten bei dem Anblicke der noch immer reizenden Marie. Die Züge ihres Antlitzes hatte der Tod nicht entſtellt;. der Frieden des Himmels, der jetzt in ihnen wohnte, hatte ſie verklärt. Aber mit einem Schrei der Ueber⸗ raſcht d des Entſetzens ſtürzte der Prieſter auf der Sa. zu. Marie! Meine Gattin!“ ſo rief er mit erſtick⸗ ter Stimme und ſank ohne Beſinnung neben die Leiche nieder. 3 Es war Collinſon. Er wurde ohnmäͤchtig hin⸗ weggetragen; ein andrer Geiſtliche brachte die Trauer⸗ ceremonie zu Ende.— Lord Roſedew überlebte ſeine Gemalin nur we⸗ nige Wochen. In ſeinem Teſtamente ſetzte er dem 6 82 unglücklichen Collinſon eine Summe aus. Dieſer hatte den Lord bisher als den Feind ſeiner Ruhe und ſeines Glücks betrachtet; allein er gewöhnte ſich daran, ſeiner und der armen Marie mit Dankbarkeit und Mitleid zu gedenken. 8³ Gloſſe. Wie mit ſüßen Flötenſtimmen Rufen alle goldnen Sterne: Muß noch manche Woge ſchwimmen, Deine Lieb' iſt in der Ferne. Tieck. Soll ich das Geſchick verklagen, Mit dem Spruch der Zeiten rechten, Daß, nur Liebesleid zu tragen, Liebe wollte mich verflechten? Oder ſoll ich ſtets in Thränen, Von der Sehnſucht ausgeſogen, Zwiſchen Wünſchen, zwiſchen Waͤhnen, Jamern, daß ich ſo betrogen? Oder muthig aufwärts ſtreben, Felſenhöhen zu erklimmen? Liebe ruft zum goldnen Leben, Wie mit ſüßen Flötenſtimmen! „Nun ſo ſtähl' dich mit den Waffen, Die dir ſonſt die Bruſt umſchloſſen, Muth nur kann das Glück erſchaffen, Thränen nutzlos ſind vergoſſen. 6* 84 Nimm die alten Waffen wieder, Lebensdrang und Jugendfreude, Becherluſt und Klang der Lieder, Solche Waffen, ſolch' Geſchmeide. Nimm die Waffen, dem Geſchicke Trotze. Sieh', es winkt die Ferne Und zum ſchönſten Lebensglücke Rufen alle goldnen Sterne.“ Ach! mir iſt der Muth erſtorben In der Sehnſucht Thränenfluthen; Waffen ſind im Roſt verdorben, Da des Herzens Wunden bluten; Ferne will vergebens locken, Denn gelähmt ſind mir die Schwingen. Auge werde nimmer trocken, Nie werd' ich zum Siege dringen. Eh' auf ſtillen Todeswegen, Wo verhallt die Lebensſtimmen, Sieg mir ſelber kommt entgegen, Muß noch manche Woge ſchwimmen. „Nun ſo will ich Worte nennen, Die Begeiſt'rung in dir wecken, Die zur Kraft in dir entbrennen, 8⁵ Weit verſcheuchen Angſt und Schrecken; Die in ſeinem duſtern Grabe Deinem Muthe neues Leben Künden, und der Waffen Habe Wieder deinem Geiſte geben: Die, auf Erden, ſo die Götter, Strahlender als Sonn' und Sterne, Zeigten unter Schickſalswetter, Deine Lieb' iſt in der Ferne! Der Schlaf eines Kindes. It es nicht, als ſäheſt Du in den reinen Fruͤhlingshimmel, wie er oft zu Anfange des Lenzes ſich als ein kriſtallenes Gewölbe über uns erhebt, wenn Du in das Antlitz eines ſchlummernden Kindes ſchaueſt, deſſen bewußtloſes Lächeln Dir den noch unbefleckten Glanz des inneren Himmels verräth? Noch hat der giftige Hauch der Leidenſchaften die⸗ ſen klaren Spiegel nicht getrübt; noch hat kein Sturm des Lebens den heitern Himmel mit Wolken umzogen; alle frohen Blüthen, welche den lieblichen Garten der kindiſchen Welt ſchmücken, ſtehen un⸗ geknickt und unverwelkt, und mahnen uns zu weh⸗ müthiger Sehnſucht nach der flüchtig entſchwundenen, frühen Vergangenheit. In dieſe Bruſt iſt noch kein Gedanken des allgemeinen Elendes gedrungen, das verderblich über die Erde durch die Herzen der Menſchenkinder zieht und ſie zu Leichenſteinen ihrer 87 Hoffnungen erkaltet und erhärtet; da hat noch keine Thräne, dem Gemüthe ſchmerzhaft entquollen, die unauslöſchbare Spur eingebrannt und— wenn ein Traum dieſe reine Phantaſie durchzieht, wenn dieſes ruhige Herz in raſcherer Erhebung ſchlägt: dann iſt es der Kuß eines Engels, der das junge Leben und das ſchuldloſe Herz ſegensvoll berührt. Die Welt im Auge. Wie ſchön iſt doch die Gotteswelt Vor meinem Blicke aufgeſtellt, Und wo blieb alle dieſe Pracht, Wär' es in meinem Auge Nacht? Wär' es in meinem Auge Nacht, Nicht Licht darinnen angefacht, Dann ſaͤh' ich auch mein Bräutlein nicht Das liebe Engelsangeſicht. Das Angeſicht, wohl ſchöner mir Als aller Blüthenauen Zier, Das Auge nicht, in dem die Welt Noch ſchöner geiſtig dargeſtellt. D Welt im Aug', du herrlich Licht, Aus dem die Himmelswonne bricht, O Welt im Ange, bleibe klar, Und was du ſprichſt ſey treu und wahr. —=S— Die Nache lebt. Der Freiherr von Daubenſee beſaß an dem Geſtade des baldiſchen Meeres, aus deſſen Schoos in dieſen Gegenden rieſige Felſengipfel zum Himmel ſteigen, ein Schloß, ihm angeſtammt aus den ver⸗ gangenen Zeiten großherziger Ahnen. Hier lebte er mit ſeiner einzigen Tochter, einer reizenden Brunette von achtzehn Jahren. Aber der Freiherr hatte nicht die fromme Sitte der Vorfahren geerbt, noch ihre treue Anhänglichkeit an das deutſche Vaterland; frühe ſchon war er zu einem Verwandten nach Frankreich gezogen und hatte dort, während eines langjährigen Aufenthalts, eine Vorliebe für den glänzenden Ueber⸗ wurf des ausländiſchen Lebens und die leichte aber blendende Bildung jenes Volkes in ſich geſogen, welche ihn die eigene Heimath und die alte herkömm⸗ liche Art und Weiſe verachten lehrte. Als ſein Vater geſtorben, vermählte er ſich mit einer jungen Fran⸗ 90 zöſin und zog mit ihr auf die ererbten Güter. Manon aber unterlag dem rauhen Clima und ſtarb im erſten Wochenbette, das einem blühenden Töch⸗ terchen den Anblick des Lichts und der Welt eröffnete. In dieſem Abbilde der frühe geſchiedenen Mutter ſchwelgten des Freiherrn Erinnerungen und er ge⸗ dachte, auch dereinſt die Unvergeßliche, ſowohl im Geiſte als Geſtalt, in der herangewachſenen Tochter wieder aufblühen zu ſehen. Deshalb ſandte er auch die kleine Iſaure frühzeitig in eine Erziehungsanſtalt der franzöſiſchen Hauptſtadt, aus der ſie erſt im ſiebenzehnten Jahre, geſchmuckt mit allen Reizen hold⸗ ſeliger Jungfräulichkeit, zum Vaterhaus zurückkehrte. Allein ihrer Liebenswürdigkeit fehlte die Blüthe des Gemüths, das Sinnige und Herzliche, ich darf wohl ſagen: das Deutſche. Jener trügliche Schimmer lieh ihr ſeine Strahlen, der in ſeiner blendenden Ueber⸗ raſchung zwar die Herzen beſiegt, allein mit des Un⸗ beſtands Flüchtigkeit auch ſtets nach neuen Siegen jagte. Der Freiherr war glücklich in dem Beſitze ſei⸗ ner alſo ausgeſchmückten Tochter, und fand in ihrer äußern und innern Bildung alle ſeine Wünſche be⸗ friedigt. Abgeſchloſſen in dem Bezirke ſeines Gutes,⸗ gemieden von den ſchlicht und deutſch geſinnten Nach⸗ barn, deren Umgang auch er nicht ſuchte, lebte er nur ihr, die dagegen in den Schätzen, der an Aus⸗ ländern reichhaltigen Bibliothek, ergiebige Fundgru⸗ ben für ihre Wiſſ⸗ und Forſchbegierde fand. So waren zwei Jahre hingeſchwnnden, und noch hatte Iſaurens Herz geſchwiegen. Für wen hätte es auch laut werden ſollen, da des Freiherrn Schloß eine Einſiedelei mitten in der ringsum treibenden und freudigen Welt war? Da trat ein Ereigniß ein, welches dieſem Leben plötzlich eine andere Wendung gab. In einer dun⸗ keln und ſtürmiſchen Nacht wurden die Bewohner des Schloſſes durch eine ausbrechende Feuersbrunſt erweckt, welche, ehe ſie gewahrt wurde, bereits den untern Stock des linken Schloßflügels— worin ein Saal mit den Gemälden der Vorfahren— verzehrt hatte. Das Geheul der Sturmglocke im nahe gele⸗ genen Dorfe ſchallte durch die Lüfte und rief nach Hülfe und Rettung. Da eilte Alles herbei und ſelbſt die Gutsnachbarn, welche den Freiherrn immer gemieden, kamen zur menſchenfreundlichen That. Der Freiherr ordnete ſelbſt mit Ruhe und Geiſtes⸗ gegenwart die Löſchanſtalten, aber plötzlich rief er mit gräͤßlichem Tone:„Meine Tochter, wo iſt meine 92 Tochter?“ und forſchte mit Blicken der Verzweiflung nach der Vermißten, deren Schlafgemach ſich gerade uͤber dem brennenden Theile des Gebäudes befand. Wie raſend lief er nach einer noch unverſehrt ſtehen⸗ den Seitentreppe und ſtuͤrmte hinauf durch den glühenden Qualm in die Zimmer der Tochter, aber das Gemach war leer und ſchon krachte unter ihm das Gebälk und die Flamme leckte durch einzelne Riſſe im Fußboden. Er flog wieder hinab; da trat aus der Menge ein ſchöner junger Mann hervor und führte ihm die verloren gegebene Tochter, mit den Worten entgegen:„Hier, Herr Baron, iſt ihre Tochter. Ein Deutſcher hat ſie gerettet, halten Sie darum die Deutſchen in Zukunft nicht mehr ſo ge⸗ ring.’ Der Juüngling verſchwand, und mit Beſchä⸗ mung hielt der Freiherr die Gerettete in ſeinen Armen. Bald wurde das Feuer gelöſcht, und jener linke Schloßflügel mit dem, von dem Freiherrn nicht ſonderlich geachteten Ahnenſaal und Iſaurens Zimmer war eine Beute der Flammen geworden. Am folgenden Tage forſchte der Freiherr nach dem heldenmüthigen Jünglinge, der die ohnmächtige Tochter mitten aus den Flammen herausgekämpft, und erfuhr, daß Bruno von Silbeck, der jüngere 8 93 Sohn eines benachbarten reichen Gutsbeſitzers, die kühne That ausgeführt. Sobald es die Geſundheit Iſaurens, welche von dem Ereigniſſe heftig ange⸗ griffen worden war, erlaubte, fuhr Daubenſee mit der Tochter nach dem Gute des Herrn von Silbeck. Ein ehrwürdiger Greis im Silberhaare empfing die Gemeldeten, neben ihm ſtand mit niedergeſchlagenen Blicken der blühende Sohn, Iſaurens Retter. Noch wußte der Alte nichts von des Sohnes edler That; des Jünglings Beſcheidenheit hatte ihm nicht geſtat⸗ tet, davon zu ſprechen. Des Freiherrn und der reizenden Tochter Dankſagungen gaben ihm die erſte Kunde. Gerührt umarmte er den geliebten Sohn, deſſen Herz durch den Anblick und die Nähe der ſchönen Iſaure, welche aus der blaſſen weiſſen Roſe jener gefahrvollen Nacht eine hochblühende Centifolie geworden war, in eine bis jetzt noch ungeahnte Wallung gerathen. Von dieſem Augenblicke an beſuchte Bruno von Silbeck ſehr oft, und bald faſt täglich das Schloß des Freiherrn von Daubenſee. Iſaure hatte Gefal⸗ len an dem herrlichen Jünglinge, der in ihrer Lieb⸗ lingsbeſchäftigung, der Muſik, ihr treuer und gefäl⸗ liger Begleiter war; ihr frohes Gemüth ſehnte ſich 94 nach Zerſtreuung, und ſo war Bruno, wenn ihm auch der Schimmer einer höhern geſellſchaftlichen Bildung fehlte, die in den Augen Iſaurens, ihrer Erziehung gemäß, den Werth des Menſchen be⸗ ſtimmte, ihr immer eine angenehme Erſcheinung. Aber in des Jünglings Seele ſchlug die unauslöſch⸗ liche Flamme einer wahren Liebe, der erſten, die dieſes tief empfindende Herz bewegte, mit unnenn⸗ barer Gewalt empor. Iſaure ſchien ihm das Ideal zu ſeyn, daß ſchon längſt die herrlichſten Traͤume ſeines Herzens belebte, in Iſauren glaubte er ſie gefunden zu haben, die ihm das irdiſche Daſeyn zum Paradieſe zaubern ſollte. Er trug in ſeinem Buſen jene hohe Idee der Liebe, die in ihrer Reinheit und Tiefe uns Deutſchen vor allen andern Nationen eigen zu ſeyn ſcheint. Iſaure betrachtete dieſe Leiden⸗ ſchaft dagegen, nach franzöſiſchen Grundſätzen, wie ein angenehmes Spielzeug, das man nach Gefallen aufnehmen und wieder wegwerfen könne. Auch der alte Silbeck kam oft nach Daubenſee; ſeinem Scharfblicke war die Neigung des Sohnes nicht entgangen, und er erfreute ſich in dem Gedan⸗ ken, die reizende Iſaure als ſeine künftige Schwieger⸗ tochter anſehen zu können. Der Freiherr nahm beide 9⁵ Gaͤſte mit der Artigkeit auf, welche ihm ſein langer Auffenthalt in dem Lande, wo äuſſere Politur der Götze des Lebens iſt, eigen gemacht hatte, und zeigte ihnen die Zuvorkommenheit, welche dem Retter ſeiner Tochter und deſſen Vater gebührte; Iſauren traute er zu viel Klugheit zu, als daß ſie einem jungen Menſchen, der, wie der Freiherr wähnte, ihr an Geiſt weit nachſtehe, eine Blöſe ihres Herzens zeigen werde. Der alte Silbeck hatte aus den Stürmen des Lebens ein heiteres Gemüth und ein reines Gewiſſen gerettet. Frühe ſchon hatte er mit ſeiner Gattin, nachdem dieſe ihm zwei Söhne geboren, ſich ent⸗ zweit; die junge Frau opferte dem Luxus und der Verſchwendung, und ihr Gatte ſah in dem Fort⸗ gange einer ſolchen Handlungsweiſe dem Ruin ſeines Vermögens entgegen. Die ruhigen Vorſtellungen Silbechks waren der ewige Zankapfel im häuslichen Leben; da entſchloſſen beide Gatten ſich, entfernt und getrennt von einander zu leben. Sie nahm den älteren Knaben, Eduard, zu ſich; er behielt den juͤngeren, ſeinen Liebling Bruno. Frau von Silbeck begab ſich nach Lyon, zu einer verheiratheten Schweſter und lebte dort von ihrem Vermögen, ohne 96 die von dem Gemal ihr ausgeſetzte Penſion anzu⸗ nehmen. Sogar jede Verbindung durch Briefwechſel brach ſie ab. So war Bruno unter Aufſicht ſeines biedern Vaters herangewachſen, ohne ſeine Mutter zu kennen oder zu lieben. Iſaure hatte ſich nach und nach an die Geſellſchaft Bruno's ſo ſehr ge⸗ wöhnt, daß es ihr eines Tages, an dem ſie mit ihm einen Spatziergang nach dem hohen Rauhenſtein, einer weit in das Meer hervorragenden Felſenklippe, verabredet hatte, auffallend war, ihn erſt wenige Augenblicke vor der beſtimmten Zeit eintreffen zu ſehen. Bruno war verſtört und ſein Außeres ver⸗ rieth die innere Bewegung deutlich; er hatte nach langem Kampfe endlich einen feſten Entſchluß gefaßt. Er wollte heute der Heißgeliebten ſeine Liebe ge⸗ ſtehen und in ihrem Geſtändniſſe Himmel oder Hölle finden. Ein heiterer Nachmit ag, der einen herr⸗ lichen Sonnenuntergang verſprach, war der Begleiter der beiden jungen Leute. Als ſie auf der Höhe des Rauhenſteins angelangt waren, neigte ſich das Ge⸗ ſtirn des Tages zu ſeinem goldnen Grabe. Das unermeßliche Meer dehnte ſich tief unter ihren Füßen aus und die bewegten Wellen, von den Strahlen des fallenden Himmelslichtes durchbeht, glaͤnzten 97 herauf, als unzaͤhlige Diamanten des reinſten Waſ⸗ ſers. Fernherüber blickten die blauen Berge ent⸗ legener Inſelgruppen, Schiffe mit ſchwellenden Se⸗ geln, Bilder des Lebens, flogen im magiſchen Dufte auf der gekräuſelten Fläche hin, und ein leichtes Wetterleuchten in Süden erhöhete auf Augenblicke die hellen Tinten des Gemäldes. Iſaure hing mit feuchten Augen an dem herrlichen Schauſpiele, ſie war tief bewegt. Aber auf das Herz des lieben⸗ den Jünglings ſtürmte die Auſſenwelt, mit der In⸗ nenwelt im Bunde, heftig ein und der Drang der Seele trieb ihn zur Ausführung des feſt gefaßten Entſchlußes. Da ſtürzte er nieder zu den Füßen der Angebeteten und ſprach glühende Worte der innigſten Liebe. Er zog von dem Geheimniſſe ſeines Herzens den bergenden Schleier und legte es offen dar in ſeiner Reinheit und Milde. Die Jung⸗ frau war erſchüttert durch die Größe des Augen⸗ blicks und ſank mit einem ſüßen Lächeln dem beben⸗ den Jüngling an die Bruſt. Das Wort der Ge⸗ genliebe ſchwebte von ihren Lippen; da ging dem entzückten Bruno die Natur herrlicher auf, da ward der Abendſonnenſtrahl glänzender, die Lerche wirbelte triumphirender in den Lüften und in allen diamante⸗ 7 98 nen Wellen ſpiegelte ſich das Gluͤck ſeiner Liebe. Er zog einen goldenen Ring mit einem einfachen Steine von der Hand und zierte die Geliebte mit dieſem endloſen Bande der Treue. Auch Iſaure glaubte in dieſem Momente, ſie liebe den Jüngling, der ihr das Leben gerettet, und reichte den Über⸗ glücklichen einen Brillantring von ihrer Hand, den er auf ſeiner Bruſt verbarg, indem er in der Leiden⸗ ſchaft höchſter Gluth den Himmel zum Zeugen ſeiner Liebe aufrief, die für das Leben feſt ſtehen und ſelbſt in dem Grabe kein Ziel finden ſolle. Wenige glückliche Tage folgten noch dieſem verhängnißvollen Abende. Iſaure erkannte nur zu bald, daß ſie ſich ſelbſt getäuſcht habe, indem ihr eine leichte Aufwal⸗ lung des reizbaren Herzens als liebevoller Zuneigung erſchienen ſey. Sie nahm ſich ein kälteres Benehmen gegen den jungen Silbeck vor und das Schickſal ſelbſt ſchien ihr zu ſolchem die Hand zu bieten, und den von ihr triftig geachteten Grund zu geben. Der Uſurpator des franzöſiſchen Kaiſerreichs wollte auch noch dem letzten deutſchen Völkerſtamme die Sklaven⸗ feſſel ſeines Willens überwerfen, und erklärte Bo⸗ ruſſiens edlem Herrſcher den Krieg. Da entbrannte in des muthigen Bruno's Herzen, der ſein Vater⸗ 99 land gleich der Geliebten hoch hielt, die Begierde, mit in den blutigen Kampf zu eilen, fuͤr die heilig⸗ ſten Rechte der Menſchheit. Der alte Silbeck be⸗ willigte den Entſchluß des Jünglings, und ſendete ſogleich einen Eilboten an den Feldherrn, um ihm die Dienſte ſeines Sohnes anzutragen. Dieſen bat er, im Daubenſee'ſchen Hauſe nicht eher von ſolchem Vorhaben etwas merken zu laſſen, als die Nachricht von einer Aufnahme unter die Schaar der Vaterlands⸗ vertheidiger eingetroffen ſey. Der weltkluge Alte fürchtete nicht mit Unrecht, der Freiherr möge aus Vorliebe für das Land jenſeits des Rheins, die Ehre und den Ruhm des Heimathlandes auſſer Augen ſetzen. Mit Iſauren, die unverholen ihren Wunſch, die franzöſiſchen Waffen ſiegen zu ſehen, ausſprach, hatte Bruno zum Oftern harte Wortkämpfe, nach denen jedesmal der Thermometer von Iſaurens äußerer Freundlichkeit um einige Grade fiel. Der Freiherr ſprach nur mit Hohn von dem Unterfangen, den kampfgeübten Helden Galliens und ihrem Alexander, den, wie jenen des Alterthums, nur der Tod zu überwinden vermöge, ſich widerſetzen zu wollen. Als aber Bruno eines Tages in der vaterländiſchen 7* 100 Offiziersuniform ſich Iſauren vorſtellte, und ihr er⸗ klaͤrte: das Vaterland rufe zu ſeiner Vertheidigung und er hoffe, ihrer Liebe würdiger mit dem Lorbeer⸗ kranze des Ruhmes gekrönt zurück zu kehren; da er⸗ wiederte ihm die Jungfrau mit ſtolzer Kälte und bitterm Spott, indem ſie ihm den Ring, den er auf dem Rauhenſtein ihr gegeben, darreichte: ſie verlange dergleichen Bravour zwar nicht, allein da er denn doch ein Mal feſt entſchloſſen zu ſeyn ſcheine, ſich die Flügel an der Sonne verbrennen zu wollen, ſo löſe ſie mit Vergnügen jede Feſſel, die ihn etwa noch an der Erde halten könne. Bruno ſtand erſtarrt; dieſer Augenblick nahm den Schleier von dem Charakter Iſaurens und zeigte ihm den bodenloſen Abgrund, in den ihn ſeine Lei⸗ denſchaft geſtürzt. Zitternd hielt er den zuruͤck⸗ gegebenen Ring in der Hand; da brach endlich die ſtarre Rinde vor ſeiner Seele und mit verzweiflungs⸗ voller Stimme rief er aus:„So grauſam ward ich denn getäuſcht, ſo kalt und gefühllos im tief In⸗ nerſten meines Herzens verwundet! Fahre wohl, Du gleißneriſche Schönheit, die ich zu meiner Schmach dem Tode entriſſen. Aber hüte Dich, einem andern Dich zu eigen geben zu wollen. Der Ring, den -— 101 Du mir in jener geweihten Stunde gabſt, ruht auf meinem Herzen und feſſelt Dich an mich für die Erde und das Grab. Mein Geiſt ſoll Dich verfolgen, das Geſpenſt meiner Geſtalt Dich von jedem Bunde zu⸗ rückſchrecken, und Dich hinüberrufen zur Hochzeit im Jenſeits.“ Bruno ſtuͤrzte auſſer ſich fort. Iſaure war er⸗ ſchuttert; allein ihr Leichtſinn und das ſtolze Gefühl, nun wieder frei zu ſeyn und unabhängig von einem Manne, der ihre Neigung allein und deſpotiſch be⸗ herrſchen wolle, und ſo wenig mit ihren Lebensan⸗ ſichten uͤbereinſtimmte, ͤͤberwog jede andere Mah⸗ nung. Auch billigte ihr Vater, dem ſie ſich ver⸗ traute, ihre Verfahrungsweiſe. Lieb war es ihr, da ſie hörte, daß Bruno, ohne ſie noch einmal geſehen zu haben, zum Heere abgereiſet, und ſie jetzt deſſen läſtiger Nähe überhoben ſey. Die Furie des Krieges ſchwang ihr bluttriefendes Schwert über Städte und Länder, das Unheil brach in ſeiner ſchrecklichſten Geſtalt über Tauſende herein, und jene verderbliche Schlacht wurde geſchlagen, in der Preußens edelſte Helden, vorangegangen von dem freiſinnigen und zu kühnen Louis Ferdinand, den Tod fanden und mit dem Ruhme des Vater⸗ 10² landes erlagen, Auch Bruno von Silbeck ward unter den Gefallenen genannt; ihm hatte der Tod die geſuchte Freiſtätte für ſein zerriſſenes Herz eröffnet. Als ſein alter Vater die Trauerkunde vernahm, er⸗ lag die Kraft des Greiſes, und der Tod nahm mit milder Hand auch aus ſeinem gebeugten Leben den Stachel. Iſaure bedauerte zwar den frühe Geſchie⸗ denen, aber die Freude uͤber den Triumph der galliſchen Waffen hatte das Schloß des Freiherrn zu ihrem Tempel gemacht, in dem kein Gefuͤhl der Trauer lange weilen konnte. Die fremden Gäſte, welche bald das Land überſchwemmten, und in Daubenſee die gefälligſte Aufnahme fanden, waren entzückt über den Geiſt und die Liebenswurdigkeit der Tochter, ſo wie über die feine Bildung und das zuvorkommende Betragen des Vaters. Das früher ſo ſtille Schloß war der Sammelplatz rauſchender Feſte geworden, bei denen Iſaure als Königin herrſchte, und in den Huldigungen ihrer Anbeter alle Anſprüche ihrer Eitelkeit befriedigt ſeh. Da neigte der ſegensvolle Genius des Friedens ſeine Palme und trocknete die Thränen und ſtillte die Seufzer ſo mancher Bruſt, in der die Ungewiß⸗ heit über das Schickſal eines fernen Lieblings ihre Dornen grub. 103 In Silbeck wurden Anſtalten gemacht, den neuen Beſitzer der Güter, den ältern in Frankreich aufge⸗ wachſenen Bruder des gefallenen Bruno, zu empfan⸗ gen. Ludwig von Silbeck hatte von ſeiner Mutter Gleichgültigkeit gegen den Schöpfer ſeiner Tage und den jüngern Bruder gelernt; frühe ſchon kämpfte er unter den Adlern der fränkiſchen Heere und war in dem letzten Feldzuge gegen ſein Heimathland zum Colonel befördert worden. Er erſchien in Silbeck und verfehlte nicht, den von ſeinen Kameraden ihm empfohlenen Nachbar auf Daubenſee und ſeine ſchöne Tochter zu beſuchen, bei denen er bald der tägliche Gaſt wurde. Der Colonel hatte viel Aehnlichkeit mit ſeinem Bruder, nur erſchien er in der leichtern Beſtimmt⸗ heit des äußern Benehmens bei weitem reicher an Welterfahrung. Iſaure konnte ſich nicht bergen, daß der Anblick und der Umgang dieſes Mannes mit großer Macht auf ihr Herz wirkte, und in der un⸗ ermüdeten, faſt zärtlichen Aufmerkſamkeit, welche der Colonel ihr erwies, erkannte ſie leicht, daß auch ſie ſeiner mehr als blos freundſchaftlichen Theil⸗ nahme nahe ſtände. Der Freiherr ſchien eine Ver⸗ bindung ſeiner Tochter mit dem reichen, ſeinen 104 Anſichten durchaus entſprechenden Erben zu wun⸗ ſchen, und erklärte ſich bei jeder Gelegenheit zu deſſen Gunſten. Armer Bruno! dein redliches Gemüth, der Edel⸗ muth, mit dem du in der Gefahr des eigenen Lebens der Flamme das Opfer entriſſen, die Verzweiflung, die dich in Kampf und Tod gejagt, waren vergeſſen; aber die Rachegeiſter leben noch und auf dem Spiele, das mit gebrochenen Herzen getrieben wird, ruht fort und fort ihr Fluch. Es war ein ſchöner Som⸗ merabend, wie jener, an dem einſt Bruno auf der ſeeumſpülten Felſenkliope den Schwur der Liebe hinausgerufen in die ergrauende Natur. Der Co⸗ lonel befand ſich in Iſaurens Zimmer, und beide ſahen durch das Fenſter die Schatten der Dämmerung ſich lagern über Land und Meer. Da ſprach der Colonel von ſeiner baldigen nothgedrungenen Rück⸗ kehr nach Frankreich, und umfaßte plötzlich die uͤber⸗ raſchte Iſaure mit der Frage: ob ſie als die Sei⸗ nige ihn begleiten wolle an die ſchönen Ufer der Rhone? Iſaure ſchwieg, obgleich die Regungen ihres Herzens ihr das einwilligende Ja zuflüſterten. Aber der Colonel ward dringender, die Liebe ſprach lebendiger in ſeinen Worten um Gegenliebe, 105 und mit einem ſanften Erröthen ſank Iſaure an ſeine Bruſt. Da war es als zöge eine ſchneidende Zug⸗ luft durch das Zimmer, ſo daß das innerſte Gebein der Jungfrau erbebte. Der aufgehende Vollmond ſandte ſeine Strahlen durch die großen Spiegelfenſter auf das Paar. Der Colonel ſteckte einen Ring von der Hand Iſaurens, die ihn geboten, an die ſeinige und ſprach, indem er einen gleichen ihr darreichte: „Sonderbar, daß ich heute gerade nur dieſen Ring den ich ſonſt nie trage, an meiner Hand finde, ohne zu wiſſen, wie er daran gekommen. Ein preußiſcher Offizier, der in der Schlacht wie ein raſender mich anſiel und von meiner Degenſpitze zum Tode ver⸗ wundet niederſank, gab ihn mir ſterbend mit dem Auftrage, ihn einer theuern Perſon zuzuſchicken; den Namen aber, den er eben nennen wollte, nahm der Tod von ſeinen Lippen. Nun ſo möge denn er zum erſten und heiligſten Unterpfande meiner Liebe die⸗ nen!“ Iſaure blickte auf; da huſcht ſeltſam ein blu⸗ tiger Schatten durch das Zimmer und geſtaltete ſich hinter dem Colonel zu dem Geſpenſte des gefallenen Bruno mit der breiten klaffenden Wunde auf der Bruſt, und hob drohend die Rechte empor. Die Jungfrau wollte aufſchreien, allein die Zunge ver⸗ 106 ſagte ihr den Dienſt; da blickte ſie auf den darge⸗ reichten Ring und plötzlich durchbrach des Entſetzens höchſter Grad die Schranke des Erſtarrens und mit ſchneidendem Tone rief ſie dem Colonel zu: „Brudermörder! Brudermörder! Dieſen Ring er⸗ hielt dein gefallener Bruder von mir zum Unterpfand der Treue. Du haſt ihn getödtet und ſein Schatten ſteigt klagend und drohend zwiſchen mir und Dir her⸗ auf. Hinweg, blutiges Geſpenſt, hinweg!“ Erſchöpft ſank die Jungfrau nieder; ihr Ausruf hatte die Dienerinnen herbeigeführt. In furchtbarer Wahrheit lag vor dem Colonel jetzt das ſchreckliche Gewebe des Schickſals, das ihn zum Brudermörder gemacht. Mit ſtarren Blicken und emporſteigendem Haare ſtürzte er hinaus, warf ſich auf ſein Pferd und ſprengte in das Dunkel der Nacht. Sein treuer Reitknecht folgte ihm. Iſaure blieb in beſtändigen Phantaſten, furcht⸗ bare Krämpfe geſellten ſich hinzu; ſchon um Mitter⸗ nacht hatte der Tod die liebliche Blüthe hinweg⸗ gerafft. Aber ſie nicht allein, auch der Colonel war von den Furien der Rache ereilt worden. Sein Leichnam wurde zerſchmettert in den Abgründen des Rauhenſteins gefunden. Der treue Reitknecht, der 107 ihn am Abend begleitet, ſagte aus: Sein Herr habe das Pferd zum wilden Jagen angeſpornt, daß er ihm kaum habe folgen können; als er in die Gegend des Rauhenſteins gekommen, ſey er von dem Colo⸗ nel angerufen worden:„ob er den preußiſchen Offi⸗ zier der mit höhnender und auffordernder Miene vor ihnen her ſprenge, nicht ſähe?“ Er aber habe Nie⸗ manden bemerkt. Der Colonel wäre mit ſchreck⸗ lichen Verwünſchungen und gezücktem Degen dem Phantome nachgejagt und ſey bald von ihm abge⸗ kommen; da habe ihn die eigene Einbildungskraft wahrſcheinlich in die gräßliche Tiefe geſtüͤrzt. Der Freiherr von Daubenſee überlebte den Tod der geliebten Tochter nicht lange. So mußten zwei edle deutſche Häuſer ausſterben als Opfer einer verkehrten Auslandsliebe und Verachtung des treuen 108 Blumen. Ein Sonnettenkranz. 1. Roſ e. Ein Bild der Liebe, ſchon der Dornen wegen. Ein Bild der Jungfrau, die den Glanz der Wangen Von deinem Glanze wieder aufgefangen Ein Bild des Seyns, das Dorn und Bluth' umhegen. Solch ehrend Gleichniß fort und fort zu pflegen War je ſchon Dichterſtreben und Verlangen; Doch manchem Dichter iſt es wohl entgangen: Die Roſe prang' auch ihm ein Bild entgegen. Ich will ſie mit dem Morgenroth vergleichen, Wenn aus der Daͤmm rung Glanzespunkt' erwachen, Die jungen Knospen von dem heitern Tage: Dann ſoll der Roſe Morgenroth mir reichen Der Jungfrau Schönheit, Liebe anzufachen, Das blühn'de Seyn, das keine Dornen trage! 109 2. Die Moosroſe. Wie Morgenroth von Wolkenduft umſlogen, Blickt aus dem woll'gen Kelch von zartem Mooſe Der Glanzespunkt der jung entſproſſ'nen Roſe, Unſchuld'ge Lieb' von Schüchternheit umzogen. Auch gleich dem Leben, dem nicht Gold gewogen, Das ſtill zufrieden mit beſcheid'nem Looſe, Des Dichters Spiegel, der aus dunkelm Schooſe Der Kunſt erhebt den lichten Regenbogen. Sey mir der Demant, der aus finſterm Schachte Unſcheinbar tritt an's klare Licht der Sonne, Die Perle aus verſchloſſ'nen Mutterſchalen. Die Moosbedeckung, ſo dich zart bewachte, Zerſpringt. Ein blühend Kind in holder Wonne Erwachſt du bei des neuen Lichtes Strahlen. 3. Veilchen. Daß ich von hoher Roſe gleich hernieder Mich beuge, wo das Veilchen mild im Thale Erglänzt im oft durchbroch'nen Sonnenſtrahle, Ein feſt gebanntes Kolibrigefieder: 110 Iſt das nicht, wie der Dichter ſanfte Lieder, Aus ſeines Lebens klar gebautem Saale Zum fernen Kinderſtübchen mannichmale, Ein Troſt der Gegenwart läßt kehren wieder? Du holdes Veilchen, ew'ges Kind der Fluren! Es kann ein ungeſchmücktes Glück erſcheinen Im Thal vom eignen Glanze nur durchſloſſen. Und näſſen dich des Thaues Silberſpuren, Das ſind nur Thränen wie ſie Kinder weinen, Faſt ſchon getrocknet, ehe ſie gefloſſen. 4. Tulpen. Sind's Vögel, die ſich dort auf Halmen wiegen? Sind's Blumen, denen nur die Flügel fehlen, Daß nicht im bunten Schwarm die Luft ſie wählen Um dort im Farbenglanz ſich zu beſiegen? Ach, nein! Sie ſind dem Erdenſchvos entſtiegen, Sind jenen Blüthen gleich doch ohne Seelen: Sie wollen nur dem Lichte ſich vermälen, Allein dem Herzen haben ſie geſchwiegen. 111 Iſt denn nicht Duft der Blüthen zarte Rede, Der aus dem Kelch des Herzens ſich entrungen Zum Herzen im Gemiſch von ſüßen Trieben? Ihr duftet nicht und Euer Herz iſt öde; Kein Saatkorn des Gefühls iſt hingedrungen, Ihr könnt nur glaͤnzen, aber nimmer lieben. 5. Lilie. Seht ihr die Segel auf dem Meere glänzen, Sich Wellen kräuſelnd unter ihnen heben, Gleich leichtem Tanz auf dunkelm Grabe ſchweben Und fühlt ihr nicht den Sinn von ſolchen Tänzen? Muß auch die Lilje noch in holden Lenzen Zum Segel ſich des Blumenmeeres geben, Wo duft'ge Wellen hin und wieder beben, Die blanke Königin von ſolchen Kränzen? Und könnt' ihr nun das Unſchuldsbild euch deuten: Das weiße Segel auf empörter Welle, Das duft'ge Segel in den Blüthenwogen? 7 112 Des Lebens Sturm will oft die Blum' erbeuten, Das Liebesmeer ſpielt um die Glanzeshelle, Sie hält der Reinheit Segel aufgezogen. 6. Nachtveilchen. Du duft'ge Zunge ſüßer Sommernaͤchte! Erſt wenn des Abends milder Fittich rauſchet Haſt du dein blühend Leben eingetauſchet Und ſtehſt faſt einſam wie das ewig Aechte. Nicht eine Schweſter, ſo dir Liebe braͤchte! Sie ſchlummern, ſind von Tagesluſt berauſchet. Verlorner Klang, dem nie das Echo lauſchet, An dem die Nacht das Glück des Tages rächte! Nur Sterne wachen deinem Lebenstraume, Und Geiſter, ſo die Mitternaͤchte ſchufen, Begrüßen deine dufterfüllten Schalen. Auch hoffnungsloſe Liebe ſeufzt im Raume Der Nacht und will nach Gegenliebe rufen Doch Antwort wollen nur die Sterne ſtrahlen. 113 7. Schneeglöckchen. Sey mir gegruͤßt! Umgeben rings vom Eiſe Bringſt du ſchon Ahnung jener Blüthentage, Wo Lerchenlied und Nachtigallenklage Sich heben aus dem buſchumgrünten Gleiſe. In dir regt die Natur ſich zart und leiſe; Und Antwort gibt ſie jener erſten Frage, Die ſehnend ich zum jungen Fruͤhling wage, Durch deinen Mund, du mutterloſe Waiſe. Der Mutter hat die Zeit das Grab gebauet; Sie ſtarb, um Leben in dir anzufachen, Wie jene, die durch Tod ihr Kind erworben. Nie hat ſie dich, nie haſt du ſie erſchauet; Euch trennt ein ewig wechſelnd Auferwachen: Sie ſtirbt, du lebſt; ſie lebt, du biſt geſtorben. 8. Aſt ern. Daß Blumenſaat ein Himmel iſt zu nennen, Der Erde, die zum höhern neidiſch ſchaute, Entgegen ihm zu ſtellen ſich getraute: Wer kann vom Schmuck der Flur dies Gleichniß trennen? 8 1¹⁴ Hier will auch Sternenglanz ſo freundlich brennen, Der, da bei'm Tag, der höher ſtets ergraute, Uns zum Erſatz den bunten Tempel baute, In dem die Gunſt der Erde wir erkennen. Doch ſollt' ich deshalb Neides ſie beſchuld'gen, Daß ſie, was unerreichbar uns erſchienen, Herab zum ſüßen Blumenbeet zog nieder? O, nein! Sie will dem höchſten Himmel huld'gen: Sie trinkt der Sterne Licht, will es verdienen, und gibt deshalb die hellen bunter wieder. 9. Vergißmeinnicht. Siehſt Auglein ſchweben dort am Baches Rande? Wie deutſcher Jungfrau'n Blick ſo blau und heiter, Iſt's deutſcher Minne zartgeſinnter Leiter, Der aus dem Herzen zu der Flur ſich wandte. Die grünen Blätter ſind der Schaam Geſandte; Es weht der Weſt: ſie werden ſchützend Streiter Und laſſen zu dem Auglein ihn nicht weiter, Das ſchüchtern ſeinen Blick am Boden bannte. 115 Hat Liebe doch die Blume ſich gefunden, Die Dornenblüth' der Freuden und der Schmerzen, Und keine gäb' es ſtillem Angedenken? Das Auglein hat den zarten Sinn entbunden, Und was Gedächtniß tief geſenkt zum Herzen, Das will's in ſeinem Glanz ermahnend ſchenken. 10. Nelke. Aus dunkelm Schoße wird das Gold gewonnen, Zu unkelm Schoße nieder ſteigt das Leben; Für Seyn wird Gold, für Gold wird Seyn gegeben: O dunkles Grab! O trüber Goldes⸗Bronnen! Ein freud'ger Gold gedeiht am Licht der Sonnen. Das will der Weſt ſo ſchmeichleriſch umſchweben, Will ſüßen Duft um ſüßen Kuß entheben Und Lieb' iſt zwiſchen Blum' und Weſt entſponnen. Ach! keine Lieb' bleibt rein von Andrer Neide, Und wird dem Nebenbuhler Gunſt verſaget, So droht ſein Haß oft zartem Glück Verderben. 8* 116 Der Nord dringt zu der Blume goldnem Kleide; Sie bleibt dem Weſte treu, ob Nord ſie plaget, Und muß der treuen Liebe Opfer ſterben. 11. Sonnenwende. Es hat wohl manche Königin der Erden Die Freundin ſich aus niederm Staub erkohren: Drum ſollte, die der Blume Glanz geboren, Die Himmelskönigin nicht hold ihr werden? Sie ruft zu dir mit leuchtenden Geberden. Der zarte Strahl, der ſich von ihr verloren, Hat ihr als treuer Bote zugeſchworen, Er eilt herab durch weißer Wölckchen Heerden. Dann öffneſt du im ſußen Liebes⸗Herzen Den Kelch, um jenen Boten aufzunehmen, Zu kühlen ihn im ſanften Morgenthaue. „ Allein, wie große Königinnen pflegen, Will Sonne ſich der niedern Blum' oft ſchämen. Und du ſtehſt trüb verſchloſſen auf der Aue. 117 12. Hiacinthen. Ihr Glöckchen in der blumigen Gemeine, Ihr ſüͤßen Andachtsſtimmen duft'ger Bitten. Hold aufgehangen ſchwebt ihr in der Mitten Vom Schweſternkreis, wie er im bunten Scheine. Du weiße beteſt für der Unſchuld Reine, Du rothe haſt für Liebesglut geſtritten, Von blauer iſt die Treue wohl gelitten: Roſ', Veilchen, Lilje gelten im Vereine. Ihr ſelbſt ſeyd Leben aus dem Tod erſtanden, Aus ſüßem Blut des Freund's vom Sonnengotte, Als Hiacinth, der zarte Knab', erſtorben. Der Gott, weil Ird'ſches liegt in Wechſels Banden, Hat, ſich zur Freude und dem Tod zum Spotte, Fuͤr ſeinen Jüngling blühend Seyn erworben. 118 Die zwei Weihnachten. Es war Weihnachten. Dieſe irdiſche Paradieſeszeit der Kinder hatte ſich in der Reſidenz, in welcher Guſtav's Vater, der penſionirte Calculator Treu⸗ mann, von einem kleinen Gnadengehalte lebte, über die Haͤuſer der Reichen in all' ihrer bunten Herr⸗ lichkeit, üͤber die der Duͤrftigen aber mit allen ſchönen Erinnerungen vergangener Freudentage und mit frohen Hoffnungen beſſerer Zeiten ergoſſen. Wen Gott mit irdiſchen Schätzen geſegnet hatte, der freute ſich ſeines Glucks; wer aber wenig oder nichts hatte, der dachte; ei nun, es wird wohl anders kommen. Des Calculators Guſtav, ein gar friſcher und rothwangiger Knabe von zehn Jahren, war zwar auch von dem Vater mit einer ſchönen buntgemalten Naturgeſchichte, und von der Mutter, welche oft, um den ſpärlichen Unterhalt zu erzwingen, an feiner Naͤhterei bis ſpat in die Nacht arbeitete, mit einer 119 anſehnlichen Düte köſtlicher Pfeffernuͤſſe bedacht worden; allein ſeine ganze Aufmerkſamkeit wurde bald auf die nahe gegenüberliegenden, hellerleuchteten Fenſter des Reichenwald'ſchen Hinterhauſes, von welchem des Calculators Wohnung nur durch ein gar enges Nebengäßchen getrennt war, gezogen. Da beſcheerte ſo eben der Commerzienrath Reichenwald, von dem es in der ganzen Stadt bekannt war, daß er Hun⸗ derttauſende im Vermögen habe, ſeinen Kindern. Ein gewaltiger Baum, der an Höhe und Breite bei⸗ nahe das ganze Zimmer einnahm, war mit hundert Kerzen beſteckt und mit Spielereien und Geſchenken aller Art behängt. Die zwei Knaben des Commer⸗ zienraths, Wilhelm und Rudolph, ſprangen mit ihrer blondlockigen Schweſter, der achtjährigen Mathilde, in fröhlichem Jubel um den Baum und jauchzten bei jedesmaliger Entdeckung einer neuen, noch nicht geſehenen Gabe laut auf. „Wie glücklich ſind doch die Reichen!“ ſeufzte des Calculators Hausfrau, als die lauten Freudeäͤußerun⸗ gen in der Nachbarſchaft auch zu ihren Ohren drangen. Eine Thräne ſiel dabei auf ihr Nähzeug. „Selig aber ſind die Armen“, entgegnete der Calculator:„denn ſie werden das Himmelreich er⸗ 120 erben!“ Guſtav war indeſſen in die ungeheizte Neben⸗ kammer geſchlichen, um dort die Herrlichkeiten bei Commerzienraths, aus dem geöffneten Fenſter, beſſer beſchauen zu können. Er ſpielte wohl oft mit dem Reichenbach'ſchen Knaben auf der weiten Flur des großen Hauſes, allein wenn die Mathilde mit den ſchönen blonden Locken und mit den blauen treuen Taubenaugen herbeitrat, dann ließ er gern der wilden Brüder lärmende Spiele, und geſellte ſich zu der ſanften Mathilde, welche an den Berichten ſeines ſtillen häuslichen Lebens und an den Erzäh⸗ lungen von der innigen Liebe ſeiner ſorglichen Mutter auf das Angelegenlichſte Theil nahm. Als nun Guſtav, nicht ohne einige Sehnſucht, nach dem hellſtrahlenden Zauberbaume blickte, der, eine Sonne in der Nacht, für das ſchmale und von keiner Laterne erhellte Gäͤßchen aufgegangen war, da öffnete ſich plötzlich auch eins der gegenüberlie⸗ genden Fenſter und heraus ſchaute das Engelsköpf⸗ chen der freundlichen Mathilde. „Ei, du guter Guſtav!“⸗ rief das liebliche Kind, „warum kommſt du denn nicht zu uns herüber, und läſſeſt dir auch beſcheeren vom Papa? Eile ſchnell hierher, ich habe auch etwas für dich bei Seite ge⸗ 121 ſtellt: einen Huſarentrompeter und ein Dukaten⸗ männchen.“ Da ſprangen auch Mathildens Brüder an's Fen⸗ ſter und riefen mit ſtürmiſcher Frende dem Spiel⸗ gefährten; der Commerzienrath aber erſchien ſelbſt hinter beiden und beſchied mit freundlichen Worten den entzückten Knaben zum Beſcheeren. 2 Seelenvergnügt über die ihrem geliebten Kinde bevorſtehende Luſt, nahm nun Frau Gertrud, die Calculatorin, welche im Nebenzimmer alles mit anhörte, ihren Guſtav bei der Hand, und führte ihn, nachdem ſie ihm das blaue, mit blanken Knöpfen geſchmückte Sonntagsjäckchen angelegt, ſelbſt hinüber in das Reichenbach'ſche Haus. In der taghellen Weihnachtsſtube war nun des Beſchauens für den erſtaunten Guſtav kein Ende. Es war dem Knaben, als ſey er in der Feenwelt, von welcher ihm die beleſene Mutter in manchem wunderbaren Märchen erzählt. Wilhelm und Ru⸗ dolph wendeten ſich, nachdem ſie ihn mit ihren Ge⸗ ſchenken bekannt gemacht hatten, bald wieder von dem Spielgefährten zu dem Spielzeug und überließen ihn der kleinen Mathilde, welche ihn gleich zu dem Tiſche führte, auf welchem der Vater für ihren 122 Liebling Guſtav mancherlei Gaben beſcheert hatte. Unter andern lag ein verſiegeltes Päckchen dabei, mit der Überſchrift: Für Guſtav's Eltern. Mathilde ſchenkte dem Knaben mit vielem Wohlwollen noch allerlei Kleinigkeiten, ſteckte ihm bei'm Abſchied einen dünnen goldnen Reif an die Hand, wie ſie deren mehrere am heutigen Abende erhalten hatte, und bat ihn mit ſo vieler Innigkeit, er möge ihr immer recht gut bleiben, daß dem weichherzigen Guſtav die Thränen in die Augen traten. Als aber daheim der Vater die verſiegelte Rolle eröffnete, und ein Dutzend blanker Goldſtücke klingend auf den Tiſch rollte, da rief der von Kummer und Sorgen vielbeſtürmte Mann: „Gelobt ſey Gott der Herr! Denn er hat die Herzen der Reichen erweicht!“ Zwölf Jahre waren verfloſſen und das Weih⸗ nachtsfeſt ſendete auf's neue ſeine Freuden in die Kinderwelt, aus der ſie in reinem Abglanze in die mitempfindenden Herzen guter Eltern zogen. Guſtav, jetzt ein reifer Jüngling, ſtand wieder, wie einſt, an dem kleinen Fenſter der engen Kam⸗ * 123 mer und ſchaute, in Erinnerungen verloren, nach dem gegenuberliegenden Hauſe; aber ſtille war es dort und keine Spur der ehemaligen Herrlichkeit glänzte herüber. Auch in dem anſtoßenden Zimmer koſ'te nicht mehr, wie ſonſt, das trauliche Eltern⸗ paar; denn längſt ſchon deckte ein Leichenſtein die beiden Herzen, welche hierunten mit einander gelebt und gelitten, und geſorgt für ihren Guſtav. Die Verhältniſſe in dem Reichenwald'ſchen Hauſe hatten ſich gleich nach jenem Weihnachtsabende ſehr verändert. Der Commerzienrath, ſchon ſeit einigen Jahren Wittwer, ſchritt, indem er ein armes, aber familienſtolzes Fräulein erwählte, zu einer zweiten Verbindung. Da erhielt Mathilde ſogleich eine franzöſiſche Gouvernante; die zwei Knaben wurden einem Hof⸗ meiſter übergeben, und allen dreien wurde von der hochfahrenden Stiefmutter ſtreng unterſagt, ir gend eine Gemeinſchaft mit dem ärmern Guſtav zu unter⸗ halten. Überhaupt geſtaltete ſich an der Stelle der ehemaligen bürgerlichen Wohlhabenheit im Hauſe des Commerzienraths ein luxuriöſes Leben, das be⸗ ſonders die beiden Söhne mit in ſeinem Taumel riß. Mathilde aber blieb dem ſtillen, reinen Wohl⸗ 124 wollen getreu, mit dem ſie zu allen Menſchen blickte, und wurde auch deshalb von der Stiefmutter auffal⸗ lend vernachläſſigt. Mancher freundliche Gruß, den ſie dem alten Spielgefährten heimlich zuwarf, ver⸗ ſetzte dieſen zurück zu dem glücklichen Weihnachts⸗ abende, und er drückte dann den kleinen goldnen Ring Mathildens, den er jetzt an einer ſeidnen Schnur auf dem Herzen trug, an ſeine Lippen. Mathilde war und blieb der Engel ſeiner Kindheit. Nach den fleißig benutzten Knabenjahren war Guſtav endlich reif für die Univerſität: da ſtarben plötzlich ſeine beiden Eltern an einem Tage, von einem mil⸗ den Engel gleichzeitig abgerufen zur ewigen Vereini⸗ gung. Der erfahrungsloſe Jüngling wäre verloren geweſen, wenn nicht ein redlicher Schulmann, der ihm wohlwollte, wegen ſeines Fleißes und ſeiner geiſtigen Anlagen, ihm ein Stipendium verſchafft hätte, welches bei einigem Nebenerwerb die Koſten ſeiner akademiſchen Studien deckte. Auf der Uni⸗ verſität wurde Guſtav als einer der ſittlichſten und talentvollſten Juͤnglinge, von Profeſſoren und gut⸗ geſinnten Studenten geſchätzt. Am ſelben Orte trie⸗ ben auch Wilhelm und Rudolph, die Söhne des Commerzienraths Reichenwald, ihre Studien; allein 125⁵ ſie kümmerten ſich nicht um den eingezogenen Guſtav und überließen ſich überhaupt einem wilden, ſitten⸗ loſen Leben. Da brach kurz zuvor, ehe Guſtav's Studien beendigt waren, das Unglück mit all ſeiner Macht ein über die Familie Reichenwald. Wilhelm wurde in einem von ihm leichtſinnig veranlaßten Duell getödtet; Rudolph ertrank bei'm Baden. Um die nämliche Zeit ſtarb in der Reſidenz die Commerzien⸗ räthin an einem heftigen Nervenſieber. Ihr Ge⸗ mahl zog ſich den Verluſt des innig geliebten Weibes und der beiden Söhne ſo ſehr zu Herzen, daß er ſich der tiefſten Schwermuth ergab und die Sorge um ſein großes, ausgebreitetes Handlungsgeſchäft treuloſen Dienern überließ, welche in ſo unredlicher Art verfuhren, daß nach wenigen Monaten die Ver⸗ mögensumſtände des Commerzienraths ſich in der größten Zerrüttung befanden. Da erwachte mit einem Male der alte kräftige Geiſt des Mannes auf's neue. Er verkaufte das palaſtähnliche Haus, brachte ſchleunig ſeine Angelegenheiten in Ordnung und verſchwand dann plötzlich mit ſeiner Tochter, ohne daß irgend jemand wußte, wohin er ſich ge⸗ wendet habe. Nur eine Woche ſpäter, nachdem Mathilde und ihr Vater unſichtbar geworden, kehrte 126 Guſtav von der Univerſität wieder in die Haupt⸗ ſtadt zurück und bezog die, zufällig leer ſtehende, Wohnung ſeiner verſtorbenen Eltern. Er hatte Arzneiwiſſenſchaft ſtudiert, und ſeine ausgebreiteten Kenntniſſe, ſo wie einige glückliche Kuren bei angeſehenen, vielgeltenden Leuten brachten ihm in kurzer Zeit eine bedeutende Praxis zu Wege, und machten ihn zum beliebteſten Arzte der Haupt⸗ ſtadt. In dieſer Lage befand ſich Guſtav, als er am Weihnachtsabende traurig und ſehnſuchtsvoll hinüber zu den Fenſtern ſchaute, wo einſt ein liebliches Kind ſeine nachtumzogene Knabenzeit gelichtet, wo eine wohlthätige Hand ſeinen armen Eltern milde Unter⸗ ſtützung geſpendet. 3 „O, du gute Mathilde,“ ſprach er, indem er den ſtets bewahrten kleinen goldnen Reif an ſeinen Mund drückte:„wo du auch weilſt, da mögen Engel Gottes dich unter ihren ſchirmenden Flügel nehmen, da möge heilige Erinnerung dich in dieſem Augen⸗ blicke gedenken laſſen jener Zeit, in welcher du der Engel des mittelloſen Knaben warſt!“ Guſtav wurde plötzlich in ſeiner ſüßen Schwär⸗ merei geſtört. Eine ſchüchterne Hand klopfte an 127 die Thüre des Nebenzimmers und herein trat ein aͤrmlich gekleideter Knabe. Er uͤberreichte mit blö⸗ dem Gruße dem Arzte ein, von weiblicher Hand zierlich beſchriebenes Papier. Guſtav las: „Wenn der Keim des edeln Sinnes, der ſchon in dem Knaben lag, bei dem Manne zur ſchönen Frucht gediehen iſt, ſo wird gewiß die Anzeige, daß ein Leidender ſeiner Huͤlfe bedarf, ihn vermögen, dem Überbringer ſogleich zu folgen. M. R.“ Von ſeltſamer Ahnung ergriffen, blickte Guſtav auf das Papier. Es war ihm, als dringe ein ver⸗ wandter Geiſt aus dieſen Zügen in ſein Gemüth und ſpräche zu ihm, wie eine ſuͤße Erinnerung aus holden Tagen der Vergangenheit. Da wurde es plötzlich hell in ihm.„M. R.“, rief er aus,„Mathilde Reichenwald! Sie iſt es, und keine andere; mein inneres Gefühl kann mich nicht trügen.“ Ohne den Knaben weiter zu befragen, folgte er ſchnell und ſtürmiſch ſeiner Führung. Sie waren durch viele Straßen der weitläuftigen Reſidenz ge⸗ gangen,— allenthalben ſchaute das Chriſtfeſt aus 128 den glänzend erleuchteten Fenſtern,— als ſie end⸗ lich vor einem kleinen unanſehnlichen Hauſe in einem abgelegenen Gäßchen der öden Vorſtadt ſtill ſtanden. Der Knabe klingelte. Es wurde von Innen geöffnet und Guſtav trat in ein düſter beleuchtetes Gemach, das nur ſparſam mit dem nöthigſten Hausgeräth ver⸗ ſehen war. Der Geiſt weiblicher Ordnung und Reinlichkeitsliebe herrſchte überall. Eine ſchlanke Mädchengeſtalt erhob ſich neben dem Lager, auf welchem ein ſchwerathmender Kranker ausgeſtreckt lag. „Sie werden verzeihen,“ ſagte die Jungfrau, indem eine ſchwache Röthe über ihre bleiche Wange flog,„daß ich ſie vielleicht von irgend einer Weih⸗ nachtsfeſtlichkeit abrief, allein mein armer Vater bedarf ſo dringend der ärztlichen Hülfe“— Hier erſtickten Thraͤnen ihre Stimme. Guſtav's Ahnung war ſchnell in ihm zur ſichern Erkenntniß geworden: er hatte in die blauen Taubenaugen ge⸗ ſchaut, welche als zwei treue Sterne in ſeine Kind⸗ heit glänzten; er hatte den Klang der Stimme ge⸗ hört, die aus ſeiner früheſten Zeit bis in das Mannesalter heruͤbertönte; er hatte die Langerſehnte gefunden! 129 Gefaßt trat er an das Krankenlager. Blaß und abgezehrt lag hier der Commerzienrath; ſchon hatte der nahe Tod ſeine Stirn bezeichnet. Guſtav trat wieder zurück zu der weinenden Tochter, faßte ihre Hand und ſprach, mit demſelben traulichen Tone der Stimme, wie er einſt zu ihr geſprochen: „Mathilde, in wenigen Augenblicken ſind Sie eine Waiſe. Beugen Sie ihr Haupt unter den Willen der Vorſehung. Bald hat Ihr Vater aus⸗ gelitten.“ 4 „O, Gott!“ jammerte das troſtloſe Mädchen: „ſchon ſeit Tagen ſehe ich dieſem Schreckensaugen⸗ blicke entgegen.⸗ „O, meine Mathilde!“ ſagte Guſtav,„Dein Bild blieb unverwiſcht und treu in meinem Herzen. Du ſtehſt nicht allein auf dieſer Welt, wenn Du willſt: werde meine Gattin!“ Da erwachte noch einmal der Lebensfunken in dem ſterbenden Vater, die hagere Geſtalt erhob ſich auf der Lagerſtätte und ſprach mit ſtarker Stimme: „Gott hat mein Gebet erhört. Ich laſſe mein Kind nicht hülflos zurück. Sie liebt Dich, Guſtav, noch aus den Tagen der Kindheit. Seyd glüͤcklich und nehmt den Segen Eures ſterbenden Vaters.“ 9 130 Guſtav und Mathilde knieeten nieder vor dem Sterbelager. Der Vater erhob ſegnend die Haͤnde; dann ſank er matt zurück. Der Todesengel nahm mit milder Hand den Dorn des irdiſchen Schmer⸗ zens aus ſeiner wunden Bruſt und trug den ent⸗ feſſelten Geiſt hinüber in die ewig klare Weihe⸗ nacht. 131 Trennung. Ein Triolettenkranz. 1. A, fern von ihr zu leben, die ich liebe! Wie gibt der Buſen ſolchem Schmerze Raum! Das iſt des Lebens unheilſchwangrer Traum; Ach, fern von ihr zu leben, die ich liebe! Daß ich der Qual noch nicht zur Beute bliebe, Mein ſehnendes Gemüth begreift es kaum: Ach, fern von ihr zu leben, die ich liebe! Wie gibt der Buſen ſolchem Schmerze Raum! 2. Bei ihr zu ſterben, hieß im Scherz nur ſterben, Entfernt von ihr, wär mehr als Todesqual. Den Himmel fand das Herz in ihrer Wahl, Bei ihr zu ſterben, hieß im Scherz nur ſterben. Entfernt von ihr droht ſchleichendes Verderben, Ihr Auge gibt der Seligkeiten Strahl. 9⸗ 132 Bei ihr zu ſterben, hieß im Scherz nur ſterben; Entfernt von ihr wär' mehr als Todesqual. 3. I Neun Tage noch, eh' ich ſie wiederfinde! Neun ew'ge Tage noch! Du träge Zeit, Du haſt kein Herz für Liebesſeligkeit. Neun Tage noch, eh' ich ſie wiederfinde! Wie ich Gedanken an Gedanken binde; Für meine Sehnſucht liegt das Ziel noch weit. Neun Tage noch, eh' ich ſie wiederfinde! Neun ew'ge Tage noch! Du träge Zeit! 4. Wo ließeſt du die leicht bewegten Schwingen, Die wir dir angelegt mit leichter Hand, Als uns ein Ort, ein Kuß zuſammenband? Wo ließeſt du die leicht bewegten Schwingen? Ich werde dich auf's Neue mir verdingen Und Wiederſeh'n heißt das geweihte Pfand. Wo ließeſt du die leicht bewegten Schwingen, Die wir dir angelegt mit leichter Hand. 5. Was ſtrahlſt du, Sonne, milde jetzt hernieder? Hüll' dich in Wolken, in dein Trauerkleid! 133 Noch liegt auf meiner Liebe trübes Leid: Was ſtrahlſt du, Sonne, milde jetzt hernieder? Bringt doch die Zukunft erſt mir Liebe wieder Am Herzen meiner wunderholden Maid: Was ſtrahlſt du, Sonne, milde jetzt hernieder? Hüll' dich in Wolken, in dein Trauerkleid! —¹)=— 134 Sandmann's Lied. Kauft meinen Sand! Kauft meinen Sand! Blank muß das Leben ſeyn; Blank ſey das Haus, blank ſey die Hand, Gemach wie Herz ſey rein. Die Luſt entflieht, die Zeit verrinnt In's immer off'ne Grab, Wer hier auf Erden gibt, gewinnt: Drum kauft dem Armen ab. Und denkt, daß, ob auch Herrlichkeit Mit Kränzen euch umwand, Bald nur, nach einer Spanne Zeit, Euch bleibt ein Hügel Sand. 13⁵ Sonnenuntergang. Diee letzten Sonnenſtrahlen Trinkt jener Fichtenwald, Den ſie in Golde malen Schon wieder und ſo bald. Der Tag, der ſchnell verlaufen, Sah manches ſüße Gluͤck, Sah Liebe Lieb' erkaufen Füͤr treuen Liebesblick. Was mir der Tag gegeben, O führ' es, holde Nacht, Nun in das Traumesleben Voll reicher Zauberpracht. 136 Die Blume von Ontamore, oder Der Schutzge iſt. Geſchichte und Maͤhrchen. 1. Kinderzeit. Jugend. Verſtoßung aus dem vaͤterlichen Hauſe. Der erſehnte Knabe war geboren, aber das Leben des Kindes brachte der Mutter den Tod. Sie vermochte, ſchon im Sterben, nur noch ein Miaienlaͤcheln des Kindes von dem kleinen Antlitze hinweg zu küſſen, dann trug ein Engel ihre Seele hinauf zum Throne des Allerbarmers. Mit Widerwillen blickte ſeit dieſer Stunde der Vater auf den jungen Guido, deſſen Geburt ihm die heißgeliebte Gattin geraubt. Der Knabe, von den Hausbewohnern und Dienern, nach dem Bei⸗ ſpiele ſeines Vaters, vernachläͤſſigt, wurde ſtörriſch und zuletzt unempfindlich gegen dieſe Behandlung. — / 137 Seine beiden älteren Schweſtern genoſſen alle Vorzüge einer ſorgfältigen Erziehung, ſie wurden von dem Vater geliebt; während Guido unter der ſtrengen Aufſicht eines fremden Söldlings ds nur ſelten ihm nähern durfte. „Warum mir dieſe Schmach?“ ſo redete der zurückgeſetzte Guido oft in einſamen Stunden zu ch ſelbſt:„warum mir dieſe Zurückſetzung, welche wie ein giftiger Wurm an meinem Herzen nagt? Bin ich nicht unſchuldig an dem Leid, das man mich entgelten läßt und ſollte denn ſo fruͤhe ſchon das Unglück mich mit einem abſchreckenden Zeichen ge⸗ ſtempelt haben, daß Alle mich haſſen und meiden?“— Je mehr der Knabe heranwuchs, deſto bittrer wurde die gekränkte Empfindung ſeines Innern. Aber es war auch, als habe das Unglück ihn in der That zu ſeinem Sohne auserſehn. Als der neun⸗ jährige Guido eines Tages mit der jüngern ſeiner beiden Schweſtern an dem großen Weiher des Gar⸗ tens ſpielte, ſtieß er plötzlich durch eine unvorſichtige Bewegung das Maͤdchen in die Fluth. Die herbei⸗ eilende Hülfe kam zu ſpät; das Kind war ertrunken. Man trug den ohnmächtigen Guido zurück in das Haus; als er die Augen wieder aufſchlug, ſtand 138 7 ſein Vater vor ihm und ſprach mit wehmüthigem Unwillen: „Er lebt wieder auf, der Verderber meines Glücks. O hätte der Tod ihn ſo feſt in ſeinen Banden gehalten, wie meine unglückliche Tochter! Wer weiß, welcher Jammer der Zukunft dann von uns fern bliebe!“. Dieſe ſchrecklichen Worte blieben dem armen Guido unvergeßlich. Er trug ihren Schmerz mit ſich in die Stadt, wo der Vater, um den Unheilbrin⸗ genden fern zu haben, ihn einer berühmten Erzie⸗ hungsanſtalt anvertrauete. Hier erhielt Guido von allen Lehrern Zeugniſſe ſeines Fleißes und ſeiner guten Aufführung, nur, wurde bemerkt, ſey der junge Menſch zu ſehr in ſich gekehrt und beſitze keinen Freund unter den andern Schülern. Guido hatte die fire Idee ergriffen, er ſey wirklich zum Unglücke Aller geboren, denen er ſich zugeſelle, und er ſey nun einmal beſtimmt, zu wandeln durch die Bahn des Lebens ohne Liebe. Auf der Akademie, welche er dem Befehle ſei⸗ nes Vaters gemäß beſuchte, nahm dieſe Menſchen⸗ ſcheu noch zu. Er wurde deshalb von leichtſinnigen Studenten verſpottet, mußte ſich mit einem von 139 dieſen ſchlagen, und hatte das Unglück ihn auf der Stelle zu tödten. Da wieß ihn die Relegation zu⸗ rück in das elterliche Haus. „Guido,“ ſprach der Vater, milder als der Jüngling gehofft hatte, bei der Rückkehr zu ihm: „Du ſcheinſt von dem Schickſale zur Zielſcheibe ſeines Zorns gewählt zu ſeyn, aber der Menſch vermag Großes. Suche dem Schickſal ſtark und feſt ent⸗ gegen zu ſtehen, wolle das nur recht wahr und ge⸗ waltig, und Du wirſt ſiegreich hervorgehen aus dem ungleichen Kampfe!“ . Guido ſank an die Bruſt ſeines Vaters. Er fühlte durch dieſes erſte Zeichen der väterlichen Theil⸗ nahme die Starrſucht ſeiner Seele überwältigt und vergoß einen Strom wohlthätiger Zähren. Guido's Schweſter war zu einer reizenden Jung⸗ frau emporgeblüht. Sie neigte ſich, die Vorurtheile der Kindheit bereuend, liebevoll zu dem truben Bruder. Ein herrliches Loos der Zukunft ſchien ihr zu lächeln. Sie war verlobt mit dem Geliebten ihres Herzens, einem jungen Manne von Stande, deſſen edles Aeußere ganz dem verwandten Innern entſprach. Guido's Vater, ein Mann in ſeinen beſten Jahren, hatte ſich gleichermaßen entſchloſſen, % 140 ein neues Ehebündniß mit einer liebenswürdigen Wittwe aus der Nachbarſchaft einzugehen und die Verbindung beider Paare war auf einen Tag und zu einem gemeinſamen Feſte beſtimmt. Da wurde am Tage vor der Hochzeit eine Luſt⸗ fahrt zu einem berühmten Ausſichtspunkte in der na⸗ hen Umgegend beſchloſſen. Guido hatte ein Paar junge Pferde von ſeinem Vater geſchenkt erhalten; dieſe wollte er bei der Fahrt kennen lernen. Nie⸗ mand beſorgte Arges, denn der Roßhändler hatte verſichert, die Thiere ſeyen wohl eingeübt. Guido's Vater war zu Pferde. Der Jüngling ſelbſt lenkte die Roſſe vor dem leichten Wagen, in welchem ſich die künftige Mutter, die Schweſter und ihr glück⸗ licher Bräutigam befanden. Ohne Unfall langte man am Orte der Beſtimmung an und brachte meh⸗ rere Stunden recht vergnügt hin. Als die Sonne ſich neigte, wandte ſich die Geſellſchaft wieder der Heimath zu. Man ſcherzte, man koſte und erfreute ſich des reinſten Glückes, in der Hoffnung auf die Wonnen des nächſten Tags. Plötzlich aber wurde dieſe Luſt gräßlich geſtört. Guido's Roſſe wurden chenu, in unaufhaltſamer Wildheit rannen ſie den abſchüſſigen Berg hinab, das Wehgeſchrei der beäng⸗ „ 144 ſtigten Frauen tönte ſchneidend durch die Lüfte. Da ſchlug der Wagen an ein vorſtehendes Felsſtück, die darinſitzenden wurden herausgeſchleudert, ſinnlos ſtürzte Guido vom Kutſcherſitze hinab. Die tollen Pferde flogen unaufhaltſam mit dem Wagen davon. Als Guido's Vater auf ſchnaubendem Roſſe bei der Unglücksſtelle anlangte, fand er ein Leichenfeld. Braut und Tochter lagen mit zerſchmetterten Häup⸗ tern neben der verderblichen Felſenmaſſe, ihre Seelen waren entflohen. Wie wüthend ſprengte er nach dem heimathlichen Schloſſe und kehrte ſchnell mit dem Wundarzte zuruͤck; allein jeder Rettungsverſuch blieb vergeblich. Der Tod hatte ſchnell und gierig die raubſüchtige Hand nach den blühenden Bräuten ausgeſtreckt. Der Jüngling, Guido's künftiger Schwager, wurde zwar wieder zum Daſeyn erweckt, aber die Erſchütterung des Falls, ſo wie das ſchreck⸗ liche Ereigniß ſelbſt hatten ſo furchtbar auf ihn ge⸗ wirkt, daß ſein Geiſt in die Nacht des Wahnſinns und in den Strudel der völligen Zerrüttung verfiel. Guido kam erſt ſpät aus ſeinem bewußtloſen Zu⸗ ſtande wieder zu ſich. Er lag noch auf derſelben Stelle, wo die unglückliche Begebenheit vorgefallen war. Das Blut ſeiner Schweſter und ſeiner künftigen 42⸗ Mutter befeuchtete den Boden um ihn her, hoch über ihm ſtand der Mond am nächtlichen Himmel und beleuchtete mit mattem Lichte den Schreckensort, der ihm allen durch ihn veranlaßten Jammer in das Gedächtniß zuruͤckrief. Da trat mit zum Himmel geſträubten Haare und verzerrtem Antlitze ſein Vater vor ihn hin. Seine Augen ſprühten Blitze: er glich einem Engel des Gerichts. „Wehe mir, daß ich dir das Leben gegeben,“ ſo ſprach er mit donnernder Stimme zu dem beben⸗ den Jünglinge,„wehe mir, daß dich dieſe Hände nicht ſchon erwürgt, da du mit dem Muttermorde beladen unter der Larve der Unſchuld in der Wiege ſchlummerteſt! Fleuch weit hinweg aus dieſem Lande, der Fluch des Vaters peitſche dich raſtlos von den Stätten, wo Frieden und Glück verweilen! Der Fluch des Vaters rüttle dich empor aus nächtlichem Schlummer, wenn freundliche Traumgebilde dir die entbehrte Luſt der Wirklichkeit erſetzen wollen! Der Fluch des Vaters vergälle dir die Beruhigung, welche Unglückliche in dem Troſte der Religion finden! Er folge dir durch's Leben und liefre dich an ſeinem 8 Ausgange in die Arme der Hölle! In den Qualen 1 143 der letzten Stunde will ich dieſen Fluch wiederholen, daß er ſich gewichtiger an dein Leben hänge und all dein Streben zum Guten unnütz mache! Fort! fort aus der Nähe des Ungeheuers, deſſen verpeſtender Hauch Alles verdirbt, was liebend in ſeiner Nähe weilt!“ Der unglückliche Vater verſchwand. Er eilte im Fluge von dem Orte, wo er das ganze Glück ſei⸗ * nes Lebens im gräßlichen Untergange verloren hatte. Von einer ſtumpfen Starrheit befallen, hatte Guido die ſchreckliche Verwünſchung, welche die Lippen des eigenen Vaters ausgeſprochon, angehört 3 aber das tief Innerſte ſeines Herzens war erſchüttert worden von der furchtbaren Rede und ein gewaltiger Sturm tobte in ſeiner Bruſt. Endlich erhob er ſich vom Boden, zähnefledſchend blickte er empor in die ſternflammende Nacht und rief aus: „Habt ihr's gehört, ihr Sterne, die ihr her⸗ niederglänzt, um zu beleuchten Recht und Unrecht auf dieſer Erde?— Haſt du's gehört, o Mond, deſſen ſanftes Licht Milde und Ruhe in das empörte Gemüth des Zürnenden ſenden ſollte? Ich bin ver⸗ flucht, verflucht auf ewig, unſchuldig dem Ver⸗ 144 derben geweiht! Nun denn: ſo will ich ein Teufel werden! In der Stunde meiner Geburt hat mich das Schickſal den dämoniſchen Mächten angelobt und warum ſollte ich ſie betrügen um dieſe Gabe höherer Gewalten? Ja, Hölle! du ſollſt jauchzen, wenn ich dereinſt ein Bürger deines flammenden Reichs werde, und deine Fürſten ſollen im Jubel den Genoſſen empfangen, der in Haß und Feindſchaft gegen die bübiſche Menſchheit ſie ſelbſt übertroffen!“ Da ertönte plötzlich neben dem Jünglinge ein tiefer lang gehaltener Seufzer. Er blickte hin zu der Stelle, von welcher der Laut kam. Wie aus dem Boden hervorgequollen, wankte eine weiße Nebelgeſtalt mit drohender Geberde auf den ſchauder⸗ ergriffenen Guido zu— er erkannte die Zäge der heute verunglückten Schweſter— das Grauſen des Todes umwehte ihn— noch einmal erklang weh⸗ müthig und zum Herzen dringend der tiefe Seufzer: da ſchüttelte es den Jüngling wie Fieberfroſt, von Entſetzen und Todesangſt gepeitſcht, rannte er fort in das Dunkel des nahen Waldes. 145 2. Neue Bekanntſchaft. Verſuchung und Errettung. Bald hatte der Zufall den zwecklos umherirren⸗ den Guido auf einen vielbetretenen Fußpfad geführt, auf dem er nun ſchon ruhiger und gefaßter hinwan⸗ delte. Sein Inneres ſchien ihm völlig abgeſtorben jeder freundlichen Regung gegen die übrigen Men⸗ ſchen; ein tödtlicher Haß hatte Raum gewonnen in der öden Bruſt.„Wie laſſ' ich nur dieſes thörichte und dem Böſen ſo leicht zugewandte Geſchlecht meine Feindſchaft recht glühend und ſchmerzhaft empfinden? Wie trifft nur meine verderbende Wuth ſo recht den Mittelpunkt ſeines Glücks, den Grundſtein ſei⸗ nes Friedens?“ Das waren Guido's Gedanken, aus denen ſich allerlei regelloſe und menſchenfeindliche Plane für die Zukunft erzeugten. Mit einemmale däuchte es dem Jünglinge, als wandle er nicht mehr allein durch die Schauer der Nacht. In dem Lichte des Mondes erkannte er eine ſeltſame Nebelgeſtalt, welche bald zerrann, bald ſich wieder bildete, und, ſeinem Aeußern völlig ähn⸗ lich, ſich dicht neben ihm fortbewegte. Starr blickte 10 A⸗ 146 er jetzt auf den ſonderbaren Gefährten, der, je länger Guido ihn anhaltend betrachtete, an Form und Dichtigkeit gewann, und plötzlich ganz zu ſeinem 4 Doppeltgänger geworden ihn folgendergeſtalt an⸗ redete: „Hey! mein lieber Geſell und Bruder, was wanderſt du doch ſo einſam und betrübt durch den finſtern Wald? Sey fröhlich und guter Dinge. Das Leben hat der luſtigen Seiten mehr denn eine und haben wir das Glück des Tages verſcherzt, ſo können wir uns auch an den Freuden der Nacht erlaben. Laſſe den Kopf nicht ſo träumeriſch hangen und ſtarre mich nicht ſo verwundert an? Was iſt's denn nun mehr, daß dein eigenes Ich zu noch einem Ich ge⸗ worden iſt und mit dir plaudert und dir Geſellſchaft leiſtet in dem Schauer der Nacht? Die Menſchen ſind ja ganz erſtaunlich verliebt in ihr werthes Selbſt und deshalb denk' ich, müßte es dir, Menſchlein, recht angenehm ſeyn, dich in all deiner Liebenswür⸗ digkeit beiher ſchleudern zu ſehen!“ „Wer biſt du?“ ſtammelte Guido, dem es, trotz der vor Kurzem gemachten faſt uͤbermenſchlichen Er⸗ fahrungen, recht unheimlich wurde in der Nähe des ſeltſamen Nachtwandrers. 147 „Wer ich bin?⸗ lachte der Doppeltgänger höhniſch auf.„Iſt dir etwa das Licht des Mondes nicht hell genug, um zu erkennen, daß ich Du bin? Wart', ich will dir eine Fackel anzünden, die deine Blindheit gleich vertreiben ſoll!“— Bei dieſen Worten ſchnippte er luſtig mit den Fingern und im ſelben Augenblicke ſtand eine alte Eiche in völligem Brand. Da ſah denn nun Guido recht deutlich ſeine eigene Geſtalt, in allen kleinen Einzelnheiten vor ſich. Aber auf dem Antlitze des Fremden ſchwebte ein Zug des Hohns und der Tücke, den Guido nicht an ſich kannte, und auf Jenes Stirne brannte ein ſeltſam geſtaltetes Feuermal. „Gelt!“ ſo grinzte der Doppeltgänger:„die Kleinigkeiten fallen dir beſchwerlich, welche mein Angeſicht vor deiner liebenswürdigen Phiſionomie voraus hat? Aber laß dich das nicht anfechten. Nicht lange wird es dauern, ſo haſt du dir auch dieſe beſondern Merkmale erworben, nach denen Mancher vergebens lüſtern iſt!“ „Du biſt kein Weſen dieſer Welt!“ ſprach nun Guido gefaßter:„du biſt ein Geiſt des Abgrunds, emporgeſandt meine Seele zu umſtricken!“ „Und was iſt es denn nun Großes, wenn ich 10 148 Ja hierzu ſage?“ erwiederte Gnido's Ebenbild. Auf Erden nennt man mich jetzt Guido, unten werde ich Samael gerufen.“— Bei dem Klange des dämoniſchen Namens ſchlug eine Flamme aus dem Feuermale der Stirn; Guido prallte zurück und rief voll Abſcheu: „Weiche von mir, Verſucher, ich habe nichts mit dir zu ſchaffen!“ Ein höhniſches Gelächter war die Antwort. Dann entgegnete der Bote des Abgrunds: „Nichts mit mir zu ſchaffen? Meinſt du denn der Fluch deines Vaters hätte dich nicht ſchon als unſer Opfer bezeichnet? Haſt du nicht ſelbſt uns gerufen vor kurzer Zeitfriſt und dich gelobt als un⸗ ſern Genoſſen? Sey kein Thor! Genieße alle Luſt des Lebens mit meinem Beiſtande und laſſe dir nicht grauen vor einem Jenſeits, das du doch nur aus zweifelhaften und deutungsloſen Ahnungen kennſt. Dich haben Schickſal und Geburt ſchon beſtimmt, in außerodentlicher Weiſe einzutreten in das Wirken der Menſchen, ſtrebe nicht vergebens, deinem unab⸗ änderlichen Looſe zu entgehen!“ Guido ſchwieg. Eine große Erſchöpfung bemäch⸗ tigte ſich plötzlich ſeiner, er war nahe daran zu Boden zu . 4 149 ſinken. Da ſtand mit einemmale, wie durch Zauber⸗ gewalt hervorgerufen, vor ihm und ſeinem Genoſſen eine reich beſetzte Tafel. Köſtliche Gerüchte lockten die Eßluſt, ſchäͤumender Champagner brauſ'te in den Bechern. Du biſt ermattet,“ ſprach der Doppeltgaͤnger: „erlabe dich an Speiſe und Trank, daß du wieder hell ſiehſt und hell denkſt. Dieſer Genuß verpflich⸗ tet dich zu nichts und du biſt nach ihm noch ſo frei wie vorher!“ Auf koſtbare Polſter ließen die Reiſegefährten ſich nieder. Bald hatte der Jüngling neue Kräfte gefunden in köſtlicher Speiſe und feurigem Weine. Gluͤhend rann das Blut durch ſeine Adern, ſeine Phantaſie erhitzte ſich an den üppigen reizenden Bil⸗ dern des Lebens, mit denen der Verſucher ſeine Zukunft ausſchmückte, wenn er ihm ſich ganz ergeben wolle fuͤr Zeit und Ewigkeit. „Und was iſt denn dieſe Ewigkeit, die euch ſo endlos lang drückt?⸗ rief der Verſucher trügeriſch aus:„in ihr iſt keine Zeit, ohne Zeit gibts keine Dauer, und fluchtiger muß ſie daher ſeyn als die Mi⸗ nute, deren Vorüberrauſchen wir in deutlichen Schlägen abmeſſen können. Möchteſt du der Thor ſeyn, der 150 ſich durch den verlarvten Popanz abſchrecken laͤßt von den offen da liegenden Herrlichkeiten des Lebens? Friſch auf, Camrad! ſtoß an mit mir: Die Liebe ſoll leben und ihr reich begränzter Freudenbecher!“ Zu neuen, ihm bisher unbekannten Gefühlen entzündet, leerte Guido den ſchaͤumenden Pokal. Mit einſchmeichelnder Rede und in der ſiinnlichſten Darſtellung führte der Doppeltgänger ihm die Ge⸗ nüſſe der Liebe vor, welche ihn in den Armen der Frauen erwarteten. Das Paradies der Wolluſt lag ausgebreitet vor dem Juͤnglinge da. Seine Sinne wurden entflammt, ſeine Begierde nach dem noch fremden Glücke erwachte in voller Macht. „Glaubſt du denn wirklich,“ ſo ſtammelte er überreizt,„daß mir, dem Verfluchten, auch ſolche Wonnen zu Theil werden könnten?“ „ Zu jeder Luſt des Lebens eröffnet dir mein Wille die Thore,“ antwortete laurend der Böſe: „nur eine Kleinigkeit gibts noch zu beobachten, eine pure Formalität, welche eigentlich zur Befeſtigung unſerer Freundſchaft nicht weſentlich beiträgt. Ritze dir gefälligſt mit dieſer Nadel den linken Arm und unterſchreibe mit deinem Blute dieſes unbedeutende * 151 Scheinchen. Es iſt nur um Lebens und Sterbens⸗ willen!“ 1 Schon zuckte Guido's Rechte nach der Nadel und der gebotenen Schreibfeder, da hörte er plötzlich ganz nahe, aber von leiſer und bekannter Stimme ſeinen Namen rufen. Er blickte auf. Gerade gegen ihm über ſaß eine bleiche Leichengeſtalt, derer Züge aus ſeinen frühern Jahren mit einemmale erinnernd wieder herüberlebten in die Gegenwart. Er erkannte ſein jüngeres Schweſterlein, von ihm einſt unvorſichtig in die See geſtürzt. Trübe und wehmüthig ſah ihn das Kind an, ein lichter Schein ſchwebte um ſeinem Haupte. Da erklang wiederum die leiſe Stimme zu folgenden Worten:. „Guido ſey ſtandhaft. Gib der Hölle keine Macht über dich!“ Der Doppeltgänger ſchien dieſes nicht zu hören. Als er aber den Jüngling ſtarr nach einer und derſelben Stelle blicken ſah, richtete er auch die Augen dahin. Ein Blick des Kindes begegnete ihm. Seine ganze Geſtalt erbebte vor dem Blicke. Da rief Guido, indem er ſich ermannte und emporſprang: „Hebe dich weg, Dämon der Hölle! ich gebiete es dir im Namen Gottes!“ 152 Und die Geſtalt des Verführers verſchwamm wie ein lichtes Gewölk in die Finſterniſſe der Nacht. Die Tafel mit allem, was auf ihr befindlich, ver⸗ ſchwand. Die Kindesgeſtalt war nicht mehr zu ſehen; ein glüͤhender Johanniskäfer ſtieg zum Himmel. Guido aber verſank müde und erſchöpft, auf weichem Moos, zu einem tiefen Schlummer. 3. Traum. Ueberfall. Räaͤubergenoſſenſchaft. Bald hielt die Phantaſte mit gaukelnden Traͤu⸗ men ihren Einzug in dns Gemüth des Jünglings. Sie führte ihn auf den Gipfel eines einſam zum Himmel emporſtrebenden Bergs. Ringsum hatte ſich ein weiter Waſſerſpiegel geſammelt, der durch unab⸗ läßlichen Zufluß von Strömen und Bächen immer höher ſtieg. Guido hörte den Jammer der Unglück⸗ lichen, welche tief unten im Thale ein Opfer der Ueberſchwemmung wurden. Aber nicht lange ſo drängte ſich auch zu ihm drohend und verderblich die Gefahr heran. Von allen Seiten ſtrömten in ſchwel⸗ lenden Wogen die Gewäͤſſer zu dem einſamen Gipfel, 153 der nur noch wie ein kleiner Fleck Landes aus dem ungeheuern Wellengrabe hervorragte. Schon wurden die Füße des Jünglings benetzt; immer ſchlüpfriger wurde der Boden; gewaltige Fluthen ſtrömten in aller Macht heran. Keine Huülfe ſchien es für Guido zu geben in dieſer höchſten Noth. Da mit einem⸗ male eröffnete ſich der Himmel und es ſtiegen zwei glänzende Geſtalten hernieder zu dem Hülfloſen. Es waren die beiden verſtorbenen Schweſtern. Liebe⸗ voll umſchlangen ſie ihn und hoben ihn mit ſich auf zum Himmel, dem ſie wieder zuſchwebten, da ſtürzte ſich plötzlich eine dämoniſche Geſtalt zwiſchen ſie— Guido erkannte ſeine Züge mit dem Feuermale des Doppeltgängers— entriß mit übermächtiger Gewalt den Jüngling ſeinen himmliſchen Führern und fuhr mit ihm hinab in den bodenloſen Abgrund, aus dem unzählige verwirrte Stimmen der Wuth und der Verzweiflung an ſein Ohr ſchlugen. Eben erſchienen noch einmal die zwei Engelsgeſtalten, um einen neuen Kampf mit dem hölliſchen Samael zu beginnen; da wurde Guido aus dieſem furchtbaren Traume plötzlich durch Waffengeräuſch und lautes Reden er⸗ weckt. Er blickte auf und ſah ſich umgeben von einem Kreiſe widriger Geſtalten, mit deren Worten 154 und wildem Aeuſſern er leicht errathen konnte, daß Raub und Mord ihr Handwerk ſey. Ein ſtruppiger Rothkopf hielt ihm die Blendlaterne in's Geſicht und ſprach umgewandt zu einem Hinterſtehenden. „Hauptmann! der Burſche iſt erwacht aus ſei⸗ nem Todesſchlafe. Soll ich ihm den Garaus machen?“ 1 „Stoß ihm den Dolch in die Gurgel!“ war die Antwort, und ſchon bereitete ſich Guido, den Todesſtoß zu empfangen. Da erhob der Hauptmann noch ein⸗ mal die Stimme und rief: „Doch halt! Der Bube iſt jung und ſcheint von guter Herkunft. Wer weiß, wie der uns noch nützen kann. Knebelt ihn und ſchleppt ihn mit!“ Guido fühlte wohl, daß hier jeder Widerſtand eitel ſeyn würde. Ueberdem war er unbewaffnet und noch ſehr erſchöpft von den ſchrecklichen Ereigniſſen des vorigen Tages. Er gab ſich alſo ruhig der un⸗ würdigen Behandlung hin. Auf einem engen Waldpfad, Bergſchluchten hinab und hinauf, bewegte ſich der Zug der ſchweigenden aber ſchnell vorwärts ſchreitenden Räuber. Guido ſtellte indeſſen die düſterſten Betrachtungen über ſeine Vergangenheit und ſeine Zukunft an. 15⁵ Da hörte er plöͤtzlich wieder ein bekanntes 4 ernen neben ſich und erblickte, bei dem matten 1 Lichte der Blendlaterne, emſig mit fort ſchreitend dicht neben ſich den grauſigen Doppeltgänger. „Nur ein Wort, nur einen Wink, daß du mein eigen ſeyn willſt,“ lautete die Rede des Verſu⸗ chers,„ſo biſt du befreit von deinen Banden und dieſe hier liegen zerſchmettert im Felſengrunde. Was ſoll dir das Leben unter Räubern? Du kannſt dich nicht ſicher erfreuen am luſtigen Tageslichte, nicht Wonne ſchöpfen aus dem fröhlichen Treiben der Welt, nicht das Glück der Liebe kennen lernen in den Armen reizbegabter Frauen. Entſchließe dich ſchnell! Sprich das beglückende Ja und ich führe dich ein in des Lebens Herrlichkeit.“ Stumm ſetzte Guido ſeinen Weg fort. Seine Seele ward ſchwankend, halb ſchon neigte ſein Willen ſich zu dem Begehr des Verſuchers, deſſen Gegenwart ſeine Begleiter nicht zu bemerken ſchienen. 8 „So ſprich doch,“ flüſterte dieſer ungeduldig. „Was iſt da zu überlegen. Elend, Schande und künftige Blutſchuld ſollſt du umtauſchen gegen Glück und Freude. Zandre nicht!“ 156„ Mit einemmale flammte jetzt das Morgenroth in Oſten vor den Wanderern auf. Da glaubte Guide 8 in einem lichten Purpurwölkchen das wehmüthige Antli ſeines jüngern Schweſterleins zu erſchauen. Die Scene der Nacht trat plötzlich vor ſeinen Geiſt und noch einmal ſcheuchte er den dämoniſchen Geſellen im Mamen des Allmächtigen aus ſeiner Nähe. 1 Guido's Begleiter führten ihn jetzt hinab in ein tief zwiſchen Bergen eingefenktes Thal. Sie hielten am Eingange einer finſtern Höle, über welche ſich eine große Felſenmaſſe emporſtreckte, von deren höchſten Fläche Bäume und Gräſer im luſtigen Grün hinab⸗ ſchauten, in das enge Thal. Die Höle war mit einer Gitterthüre von ſtarken Eiſenſtäben verſchloſſen. Auf einen gellenden Pfiff der Räuber wurde in der Höole geantwortet; dann erſchien ein ſeltſam geklei⸗ detes altes Weib mit widerlichen Geſichtszügen und öffnete von Innen das gewichtige Thor. „Herein iyr Geſellen!“ rief ſie mit ſchneiden⸗ der Stimme.„Habt ihr gute Beute eingefangen von den reichen Menſchenkindern und bringt ſie jetzt treu und redlich in das Gebiet der alten Wahrmun⸗ da? Oder ſeyd ihr rückgekommen arm und elend wie ihr auszogt, daß meine Seele euch verwünſche und meine Zunge euch plage?“ ½ 1457 4 4 Finſter und ohne Antwort zu geben, folgten die Räuber der Alten durch den ſchmalen Felſengang 1u einem größern Gewölbe. Hier warf ſich ſogleich der größte Theil von ihnen in den Winkeln nieder und überließ ſich dem Schlaf. Der Hauptmann aber ſtieß den gebundenen Guido vor die Alte hin und ſprach:/ „Sieh, Mutter, das iſt die einzige Beute, die wir mit heimbringen von dem nächtlichen Zuge. Aber in wenigen Tagen ziehen wir wieder aus zu einem großen Unternehmen und dann bringen wir dir Gold und Herrlichkeiten mit in Hülle und Fülle!“ „Immer haſt du mir leere Verſprechungen, du erbärmlicher Burſche:, zürnte die Alte.„Habe ich dich darum alle Kunſtgriffe der Dieberei gelehrt und ſchon als Kind dich in Grauſamkeit und Blutluſt ge⸗ 5 härtet, daß du mir nicht die Zinſen einbringſt von dem Capitale, ſo ich eingelegt in deine Seele? Doch tritt her, du blanker Junge,“ ſo wendete ſie ſich nun zu Guido:„laß ſehen welcher Geiſt in dir wohnt und was wir dereinſt von dir zu erwarten haben?“⸗ Mit dieſen Worten entledigte ſie den Jüngling . ſeiner Banden, nahm deſſen Rechte und ſchaute 158 5 —* mit forſchendem Blicke hinein. Da legte ſich plötz⸗ lich ein hoher Ernſt über das Geſicht Wahrmunda's, ſie murmelte dumpfe und unverſtändliche Worte vor ſich hin und, indem ſie die Hand des Jünglings frei gab, ſprach ſie laut zu dem Hauptmanne: „Hütet euch wohl, dieſem Jünglinge ein Leid zu thun. Eine andere Macht hat Gewalt über ihn als die eure. Ob er euch Glück oder Unheil bringt, das vermag ich nicht zu deuten, aber ſo viel iſt gewiß, daß kein gemeines Schickſal ihm bevorſteht.“ Der Räuberhauptmann warf einen neugierigen Blick auf Guido, dann führte er ihn zu einer Schlafſtelle und hieß ihn ſich niederlegen. Guido ſank ermattet zum Boden und entſchlummerte.. Erſt gegen Mittag wurde es wieder lebendig in der Höle. Ein Piſtolenſchuß, den der Anführer abfeuerte über die Häupter ſeiner ſchlafenden Ge⸗ noſſen hallte fürchterlich wieder in dem weiten Ge⸗ wölbe und erweckte Alle in einem Augenblicke. Man lagerte ſich ſogleich um eine reich beſetzte Tafel, zu der auch Guido berufen wurde. Die Räuber ſangen bei dem Gelage allerlei wilde Lieder und erzählten manche blutige Begebenheit aus ihrem abſcheulichen Leben. 159 Ueber die Ehrfurcht, welche alle der alten Wahrmunda erwieſen, mußte Guido erſtaunen. Aus dem Benehmen der ſchrecklichen Rotte erkannte der Jüngling wohl, daß man ihr eine geheime Macht, eine Gemeinſchaft mit dunkeln Gewalten zutraute. Die Alte hatte ſich zu Guido's Seite niedergelaſſen. Noch hatte ſie nicht geredet. Plötzlich aber be⸗ gann ſie: „Was rühmt ihr euch doch ſolcher nichtswürdigen Dinge, als Mord und Diebſtahl ſind? Was haben dieſe Erbärmlichkeiten für Einfluß auf das Geſchick, auf die Welt? Da kann ich mich ganz anderer Thaten preiſen! Einſt ſchleppte ich bettelnd meine müden Glieder durch eine blühende Flur. Da rollte plötzlich eine glänzende Caroſſe an mir vorüber. Auf ſtrahlendem Sitze ſaß eine reichgekleidete Frau. Ich ſprach ſie um eine Gabe an; aber wild rannten die Roſſe an mir vorüber, die Räder warfen mich zu Boden. Kein Menſch kümmerte ſich um meinen Fall. Da erhob ich mich mit Gewalt und ſprach einen ſchreck⸗ lichen Fluch aus über jene Frau; daß die Frucht, welche ſie in ihrem Schooſe berge, ſie ſelbſt tödten ſolle, und alles verderben, was ſich dereinſt liebend dem aus dem Keim gereiften Menſchen nahen werde. 160 Mein Fluch ward erfüllt; von dem Opfer ſelbſt hängt er jetzt ab, fortzuſchreiten auf der verwünſch⸗ ten Bahn oder ſein Schickſal zu wenden zu Freude und Glück!⸗ 4 Wahrmunda's graue Augen hatten ſich ſtarr auf Guido geheftet. Dieſer erbebte in ſeinem Innerſten. Ihm war als ſtelle ſeine grimmigſte Feindin ſich ihm jetzt 8 gegenüber und fodre ihn zum entſcheidenden Kampfe. Da zuckte es plötzlich gewaltig in ihm. Er riß einem nahe ſitzenden Räuber ſchnell den Dolch aus dem Gürtel und ſtieß ihn mit dem Ausrufe: „Ich bin das Opfer; ſtirb du grauſame Feindin!“ . nach dem Herzen der Alten. Aber der Stahl zer⸗ ſplitterte als ſey er auf harten Marmor getroffen und ein höhniſches Gelächter der Räuber ſchallte wild empor. „Brav, mein Junge!“ ſprach grinſend die un⸗ verletzte Wahrmunda.„Du haſt dein Probeſtück gut beſtanden und dich würdig gezeigt, ein Glied unſerer Kette zu werden. Nehmt ihn ſogleich auf in unſern Bund. Laßt ihn ſchwören den Eid, der ihn uns zu eigen gibt! Ehe noch Guido von der wunderbaren Erfahrung, welche er ſo eben gemacht hatte, wieder zu Bewußt⸗ 2 161 ſeyn kommen konnte, trat der Räuberhauptmann mit entblößtem Schwerdte vor den Jüngliug hin und ſprach ihm die Worte eines furchtharen Eides vor, welche Guido faſt gedankenlos wiederholte. Die Räuber hatten ſich in einen Kreis um ihn geſtellt, die Alte blickte höhniſch lächelnd zu ihm hin. Als die Ceremonie vorüber war, entfernte ſich Wahrmunda. Das Gelag erhob ſich zu gräßlicher Wildheit. Jeder der Raäuber brachte dem neuen Bruder den Becher des Willkomms zu. Guido's Lebensgeiſter entflammten ſich nach und nach. Er war ein Ausgeſtoßener der Menſchheit; hier hatte er Freunde und Genoſſen gefunden, mit ihrer Hülfe konnte er ſeinem tiefgewurzelten Haß gegen das menſchliche Geſchlecht völlige Genüge leiſten: ihm ſchien es, als habe das Schickſal ſelbſt ihn in dieſe Geſellſchaft geführt.— 4 Warnung der Alten. Furchtbare Ueber⸗ raſchung. Ereigniſſe im Kerber. Guido wandelte am folgenden Tage wie ein Träumender in den Gängen der Höle umher. Wenn 11 1 8 162 er die Ereigniſſe überdachte, welche in ſo kurzer Zeit faſt wunderbar ſich in ſein Leben gedrängt hatten, ſo konnte er ſich der Frage an ſich ſelbſt nicht erwehren:„Wie? Iſt denn dieſes Alles wirklich geſchehen? Biſt du denn in der That noch derſelbe Guido, der du vor wenigen Tagen wareſt?“ Da gab ihm denn ſeine Beſinnung die ſchreckliche und aufklärende Antwort zurück, daß er nicht träume, daß ihn die Wilklichkeit ſelbſt in gräßliche Feſſeln geſchlagen habe. Als die Dunkelheit der Nacht hereinbrach, rief der Räuberanführer die Bande durch einen Piſtolen⸗ ſchuß in dem großen Gewölbe zuſammen. „Friſch auf, meine Freunde,“ ſo redete er die Verſammlung an,„wir ziehen aus, einem reichen Praſſer die Verwaltung ſeines Vermögens zu erleich⸗ tern. Seyd kühn und muthig wie immer, und reiche Beute wird unſer Unternehmen lohnen!“ Die Räuber jubelten laut auf, der Hauptmann aber wandte ſich zu Guido: „Du wirſt zum erſtenmale das blutige Hand⸗ werk kennen lernen. Wahre dich wohl irgend ein Zeichen der Feigheit oder gar der Reue zu geben. Mein Dolch würde dir im Augenblicke jede fernere Schwäche dieſer Art erſparen fuͤr immer!“ 163 ₰ Guido empfing nicht ohne Beben die Waffen, welche ihm zugetheilt wurden. Der beſſere Genius in ihm wurde wach. Er ſah mit Schauder auf die Bahn, welche er nun beſchreiten wollte; Mord und Raub, Schaͤndlichkeiten jeder Gattung grinſten ihm aus der Zukunft entgegen. Aber was ſollte er thun? die Uebermacht ſtand ihm gegenüber; für den Augenblick blieb ihm nichts übrig als ihr zu folgen. Man bereitete ſich zum Auszuge. Als die Bande im Begriff war die Höle zu verlaſſen, trat die alte Wahrmunda noch einmal vor den Hauptmann hin und ſprach, indem ſie auf Guido deutete: „Laß mir dieſen zurück! Ein nahes Unheil iſt in die Züge ſeines Antlitzes eingeſchrieben: noch in die⸗ ſer Nacht wird es ihn treffen. Du ſchonſt ſeiner Jugend, wenn du ihn für diesmal ausſchließeſt von dem blutigen Werke!“. Unmuthig runzelte der Anführer die Stirn und bedachte ſich einige Augenblicke lang. Dann ent⸗ gegnete er:. „Es kann nicht ſeyn. Er muß mit! Iſt unſere Anzahl doch ſchon allzuſehr geſchwächt durch den Tod Lorenzo's und durch die Treuloſigkeit bübiſcher Cameraden! Was liegt auch groß an dem Bur⸗ 11* 1 164 4 taal⸗ Will ihn der Rabenſtein, ſo mag er ihn haben!“ Guido war in ein ſo dumpfes Hinbruͤten ver⸗ ſunken, daß er dieſe Aeußerungen gar nicht ver⸗ nahm. In einer gleichen Starrſucht ſeines Geiſtes und ſchweigend zog er mit ſeinen Genoſſen durch die wilden Klüfte des Gebirgs, deren gefährliche Felſenpfade durch einzelne Blendlaternen nur wenig erhellt wurden. Es mochte gegen Mitternacht ſeyn, als man bei einem großen, in der tiefen Dunkelheit nicht erkennbaren Gebäude anlangte. Einige der Räuber waren ſogleich geſchäftig, mit Ditrich und Brecheiſen eine kleine und unſcheinbare Pforte zu eröffnen. Der Verſuch gelang ohne große Schwierigkeit. Nun eilte ſogleich der Hauptmann mit vielen ſeiner Gefährten in das Innere des Ge⸗ bäudes, waͤhrend Guido in der Geſelſſchaft einiger andern in einem dunkeln Gange zuruͤckbleiben mußte. Der Jüngling hörte das Pochen ſeines Herzens. Die Grenze ſchien überſchritten, welche ihn vom Verbrechen trennte. Da loderten plötzlich von allen Seiten Flammen empor. Die Räuber hatten das Gebäude in Brand 165 geſteckt, um bei der allgemeinen Verwirrung eine reichere Beute zu machen. In furchtbarer Schönheit ſchlug die Glut zum Himmel auf, ein Geheul der Angſt und des Schreckens drang aus den innern Gemächern des Hauſes. Fortgeriſſen von ſeinen Gefahrten ſtuͤrmte Guido mit dieſen eine Hintertreppe hinauf. Die nächſte Thüre wurde eingeſtoßen. Sie ſtanden in einem weiten Saale; der Schein des Brandes übergoß alle Gegenſtände mit dem hellſten Lichte des Tages. „Erd und Himmel, wo bin ich!“ ſchrie Guido mit Donnerſtimme. Das Blut in ſeinen Adern er⸗ ſtarrte zu Eis; er erkannte, daß er ſich in dem Schloſſe ſeines Vaters befand. In der Mitte des Saagles ſtanden zwei offene Särge. In dieſen lagen zum Begräbniſſe geſchmückt die Leichen ſeiner Schweſter und der Braut ſeines Vaters. Die Rauber ſelbſt fuhren entſetzt zurück bei dem unerwarteten Anblicke. Guido's Hand zuckte fieber⸗ haft an dem Hahne ſeiner Piſtole, er richtete die Mündung nach ſeinem Herzen; da ſprang plötzlich eine Seitenthüre auf. Sein Vater trat bewaffnet heraus. Mit grimmigem Blick ſah er hin auf den Sohn und rief dann: 166 „Ha! Bube, biſt du auch noch zum Raͤuber und Mordbrenner geworden, um dieſe zu ſtören in ihrer Todesruhe und die vatermörderiſche Fauſt gegen mich zu erheben? Beim Himmel, das ſoll dir nicht gelingen; ich bin dein Vater: ich will dein Richter ſeyn!“ 1 Ehe noch die Räuber es verhindern konnten, feuerte er ſein Piſtol auf den Sohn ab. Getroffen ſank Guido zu Boden; ſeine Blicke verdunkelten ſich, ſein Bewußtſeyn entfloh: der Fittich des Todes⸗ engels rauſchte an ſeinem Haupte vorüber.— Lange Zeit war es dem Jünglinge nun, als befinde er ſich in einem tiefen und betäubenden Schlafe, der nur ſelten von Ereigniſſen heimgeſucht wurde, von denen es ihm nicht klar war, ob ſie der Wirklichkeit oder dem Traume angehörten. Eines Tages aber konnte er ſich frei emporrichten von ſei⸗ nem Lager, und mit voller Beſinnung die Umgebun⸗ gen erkennen, in denen er ſich befand. 9 In einem kleinen Gemache, mehr einem Kerker als einem Wohnzimmer ähnlich, lag Guido auf einem karg aufgeſchütteten Strohlager. Eine duſter bren⸗ nende Lampe warf nur ein mattes Licht auf die wenigen Gegenſtände, mit welchen das enge Gemach 167 ausgeſtattet war. Ein einziges Fenſter, durch deſſen zerbrochene Scheiben eine feuchte und kalte Nacht⸗ luft hereindrang, war mit ſtarken Eiſenſtäben ver⸗ wahrt. Guido befand ſich allein in dem ihm wunderlich ſcheinenden Gemache. Er konnte nicht begreifen, wie er hierher gekommen ſey, ſo hatte ſich die Er⸗ innerung des Geſchehenen aus ſeinem Gedaͤchtniſſe entfernt. Da fühlte er plötzlich einen heftigen Kopf⸗ ſchmerz. Unwillkührlich zuckte ſeine Rechte empor nach der ſchmerzenden Stelle. Er fand die Kopf⸗ wunde, den Verband und— Himmel! mit dieſer Erkenntniß ſtanden auch alle Schrecken der Vergan⸗ genheit wieder vor ſeinem Geiſte. „Ja, nun ſehe ich es klar,“ ſo rief er aus, wohin mich das unglückliche Verhängniß gebracht hat, das wie ein blutſaugendes Ungeheuer nach meinem Herzblute gierig iſt! Auf dem Schaffotte ſoll mein Haupt fallen, ſo will es die dunkle Macht; als Va⸗ termörder ſoll mich die Welt verabſcheuen, als Mordbrenner verdammen! Und dennoch bin ich un- ſchuldig, kein Verbrecher, nur ein Unglücklicher!“ „Wer wird das glauben, mein Lieber?⸗ flüſterte ihm plötzlich eine bekannte Stimme zu. Guido 168 blickte auf: Der Doppeltgänger Samael ſtand vor ihm. „Du ſiehſt,“ ſo fuhr Samael fort,„ daß ich der einzige Freund bin, der dir noch treu bleibt, wo⸗ hin auch dein Verhängniß dich führen mag. Was widerſetzeſt du dich doch immer der nähern Ver⸗ bindung mit mir? Sprich ein Wort und ich fuͤhre dich frei und ledig hinaus aus der engen Kerkerſchaft in die glänzende Sternennacht, wo eine milde Luft deine Kopfwunde in einem Augenblicke heilen ſoll und dich mit neuer Kraft des Körpers und junger Heiterkeit der Seele erfüͤllen wird. Willſt du eine einſam vertrauerte Jugend mit dem Tode auf dem Hochgerichte endigen, ohne je dem Reichthum der Lebensfreuden, ohne das Glück der Liebe gekoſtet zu haben? Sey kein Thor! Morgen um dieſe Zeit ſteht dir keine Wahl mehr zu. Dann ſtarrt vom Rade des Hochgerichtes dein Kopf ſchon her⸗ nieder!“ Tdief drang in die Seele Guido's dieſe Rede des Verführers, Schauer des Entſetzens zogen durch ſein Gebein. Morgen ſchon ſoll er endigen wie der niedrigſte Verbrecher, morgen ſchon in Schande und Schmach ſeine Jugend dem eiſernen Willen des Verhängniſſes opfern! Da wankte ſeine Staͤrke. 1 6 „† 169. „Wie,“ entgegnet er mit bebender Stimme dem lautſchreienden Samael,„du könnteſt wirklich mich befreien aus dieſen Mauern, mich retten von dem unverdienten Gerichte?“ „Sprich das Wort, welches dich mir zu eigen gibt, ſprach hierauf alſogleich der Doppeltgänger,„ und, trotz dieſer Mauern, trotz der Eiſenſtäbe, die deinen Kerker verſchließen, biſt du im Augenblick in jeder Gegend der Welt, wohin du dich wünſcheſt. Willſt du wandeln in dem üppigen Indien, wo jetzt die Milde des Abends ſich herabſenkt und mit ihrem ſpielenden Hauche tauſend herrliche Wohlgerüche aus Blumen und Geſträuchen in höherer Kraft entbindet, an je⸗ den Genuß, der je den Sinnen ſchmeichelte, ſich in ungeahntem Reichthum bietet und jeden einzelnen Europäer zu einem König macht? Sprich das Wort und mit der Schnelle des Gedankens führe ich dich hin! Gelüſtet dich's, unter den Schönheiten Circaſ⸗ ſiens und Georgiens dir die Freundin zu ſuchen, welche dein Leben begränzt mit der Wonne der Liebe: Sprich das Wort und ehe noch der Ton deiner Stimme verklungen iſt, ſtehſt du in einem Kreiſe der vollkommenſten Schönheiten, welche je aus den ſchöpferiſchen Händen der Natur hervor⸗ — 170 gingen! Haſt du Neigung aus den Goldminen von Potoſi, aus den Diamantgruben von Golkonda dir Schätze anzuhäufen, wie auch nie ein Sterblicher ſie vor dir beſeſſen, ſprich ein Wort und meine Macht ſoll ſelbſt den Durſt der gierigſten Habſucht befrie⸗ digen!“ Lockend klangen die Erbietungen Samaels. Er ließ den armen Gefangenen in alle möglichen Freuden einer glücklichen Zukunft ſchauen. Guido hatte bis jetzt, ob er gleich fromm und rein im Innern von jedem böſen Gedanken geblieben, nur die Bosheit des Schickſals kennen gelernt: konnte er hierin die Gerechtigkeit des Himmels bewundern? Wollten nicht die Gewalten des Abgrundes ſich weit liebevoller gegen ihn bezeigen? Und dabei der nahe drohende Verbrechertod— was Wunder! wenn ſeine Seele ſchwankte, wenn die Waagſchale zu Gunſten des Doppeltgängers ſich neigte. Da tönte plötzlich von einem nahen Kirchthurme der Schlag der zwölften Stunde dumpf herab. Guido ſah, wie die Blicke Samaels ſich plötzlich ſtarr zu der entgegengeſetzten Seite ſeines Lagers wandten. Das Feuermal auf der Stirn des Verſuchers erglänzte im dunkelglühenden Feuer, ſeine Geſtalt wurde unſtät 171 und wogte ſeltſam in einander, wie ein dunkles Ge⸗ wölk am gewitterbezogenen Himmel. Und in dem⸗ ſelben Augenblicke hörte Guido die leiſe Stimme ſei⸗ nes verſtorbenen Schweſterleins, wie ſie ihn bei Na⸗ men rief; er füͤhlte den Hauch eines geiſtigen Odems, er ſah die Geſtalt des Kindes, als er das Antlitz abwendete von dem grauſigen Doppeltgänger. Eine unbeſchreibliche Wehmuth ſprach aus den Geſichts⸗ zügen des Kindes; Guido fuͤhlte ſich auf eine wun⸗ derbare Weiſe abgezogen von dem Einfluſſe des Ver⸗ ſuchers. Das wehmüthige Kindlein aber ſprach: „Guido! ich bringe dir die Grüße der Mutter, du ſollſt ſtandhaft ſeyn. Auf deiner Bruſt trägſt du ein Amulet, das dich beſchützt gegen die Gewalt des Böſen!“ Schnell faßte Guido's Hand nach der Bruſt. Er riß ein Kreuz von Edelſtein hervor, auf dem das Bild des Erlöſers eingegraben war, und das er ſeit ſeiner Kindheit immer getragen. Als er dieſes Sym⸗ bol des Heiligſten dem Dämon des Abgrunds ent⸗ gegenhielt, da dehnte ſich dieſer plötzlich zu einer ungeheuren Rieſengeſtalt empor, neben ihm ſtand eben ſo rieſig die alte Wahrmunda: beide lachten höhniſch auf, aber auf einen Wink des Kindes ver⸗ 4 ———= .—— 172 ſchwanden ſie plötzlich den Blicken Guido's, und zwei Fledermäͤuſe ſchnurrten ängſtlich durch das Gitter⸗ ſenſter davon.— „Du biſt gerettet!“ flüſterte das Kindlein. Guido aber verſank in einen tiefen und wohl⸗ thätigen Schlummer. X 5. Befreiung. Abſchied von der Heimath. Erſte Liebe. Die Morgenſonne ſchien bereits recht heiter und luſtig durch die Gitterſtabe des kleinen Fenſters, und brachte ſo den freudigen Gruß der neuerwachten Natur auch in die Gruft des einſamen Gefangenen, als Guido geſtärkt und faſt von allem Schmerze ſeiner Kopfwunde befreit erwachte. Es war ihm, als ſey waͤhrend dieſes Schlafs eine eigene und ihm bis dahin fremde Ruhe in ſein Gemüth gezogen. Klar lag es nun vor ſeinem Geiſte, daß von einer weiſen Vorſicht unmöglich einer un⸗ heilbringenden Gewalt ſo viel Macht über ihn ein⸗ geräumt ſeyn könne, als ihm dieſes ſelbſt aus ſeinen 173 bisherigen Unglücksfällen und aus den verſuchenden Reden Samaels hatte einleuchtend ſcheinen wollen. „Der Geiſt der Mutter wird mich ſchützend um⸗ ſchweben; die Engelsſeelen der vorangegangenen Schweſtern werden nicht von mir weichen!“ Dieſer Ausruf, die Ueberſtrömung des innern Gefühls, war kaum über ſeine Lippen gegangen, als die Pforte ſeines Gefängniſſes geöffnet wurde, und, von dem Kerkermeiſter begleitet, mit freund⸗ licher Miene ein Mann hereintrat, der ſich ihm ſelbſt als der Wundarzt vorſtellte, welcher ihn während einer ſechswöchentlichen Geiſtesabweſenheit behandelt habe. Mit freundlicher Milde unterſuchte der Wund⸗ arzt die Verletzung Guido's, und verſichert, ſie ſey gänzlich geheilt, auch das Fieber und die übergroße Reizbarkeit der Nerven ſeyen auf eine wunderbare Weiſe mit einemmale verſchwunden. Es war dem Jünglinge ein höchſt angenehmes Gefühl, ſich mit einer Art von väͤterlicher Güte von einem Fremden behandelt zu ſehen. Herzlich drückte er dem Wundarzte die Hand und ſprach: „Möge Euch der Himmel vergelten, was Ihr an mir gethan habt. Noch in meiner letzten Stunde wird mein Gebet dieſes erflehen, wenn Euch gleich 174 nicht viel an den Wünſchen eines Unglücklichen gele⸗ gen ſeyn kann, deſſen Haupt ſchon dem Schaffot verfallen iſt.“ „Welcher heilloſe Wahn!“ rief der Wundarzt aus.„Eure Unſchuld iſt ja erwieſen, und noch heute wird Euch die Freiheit mit allen ihren bürgerlichen Rechten wieder zugeſprochen 1 „O, Himmel,“ brach Guido freuderglühend aus, „ſo war es ein Trug der Hölle.“— „Geſtern bereits,“ fiel ihm der Wundarzt in's Wort, der ihm nun als ein Engel Gottes erſchien, e⸗ wurde die ganze gefährliche Räuberbande gefänglich eingebracht, mit Ausnahme eines alten Weibes, das auf eine beinahe zauberiſche Weiſe den Soldaten unter den Händen wegkam. Gleich die erſten Ver⸗ höre der ſaubern Geſellen wieſen aus, daß Ihr un⸗ ſchuldig und nur mit Gewalt von den Räubern zu der Unternehmung gegen das Schloß Eures Vaters mitgeſchleppt worden waret. Man erwartet nur mei⸗ nen Bericht über den Zuſtand Eurer Geſundheit, um Euch ſogleich Eure Befreiung anzukündigen.“ Mit hülfreicher Eil entfernte ſich der Wundarzt, und überließ Guido'n ſeinem Erſtaunen und ſeinem Entzücken. Das war der Lohn ſeiner Standhaftig⸗ 175 keit, mit der er den Lockungen des Verführers un⸗ zugänglich geblieben, das war der Segen himmliſcher Mächte. Zum erſtenmale fühlte der Jüngling die Hand des Unglücks von ſeinem Scheitel genommen, zum erſtenmale hatte das Leben ihm in der Nacht ſeines Jammers eine Gunſt erwieſen. Er ſank nie⸗ der zu andächtigem Gebete; er ſchloß in Verzuͤckung die Augen: da war es ihm, als ſehe er den Him⸗ mel offen, und zwiſchen den ſanft laͤchelnden Geſich⸗ tern der Schweſtern ſtrahle ein ruhrendes und er⸗ habenes Antlitz in mütterlicher Milde zu ihm her⸗ nieder.— Kaum hatte Guido ſich erhoben von ſeinem Ge⸗ bete, ſo öffnete ſich wiederum die Thuͤre ſeines Ge⸗ maches und hereintraten zwei ehrwürdige Männer, die Richter, welche die Anerkenntniß ſeiner Unſchuld laut bezeugten, und ihm die Befreiung verkündeten. Still hörte der Jüngling ſie an. Dann folgte er nicht ohne Erbeben dem ältern von ihnen, wel⸗ cher ihn zu ſeinem Vater führte. Auf dem Siech⸗ lager befand ſich dieſer ſeit jener Schreckensnacht, in welcher die Räuber ſein Haus überfallen. Er füͤhlte die Annäherung des Todes; da verlangte er noch einmal nach dem unſchuldig erkannten Sohne. 176 Die Stimme der Natur war endlich in ihm erwacht, die Stimme des Rechts machte ihm Vorwürfe, daß er zufällige Ereigniſſe des Lebens dem armen Sohne zur Laſt gelegt, und in einer Stunde der Verzweif⸗ lung den väterlichen Fluch über ihn ausgeſprochen habe. Als Guido vor den Vater hintrat, wollte dieſer in Thränen zerfließen; er verbarg ſein Antlitz, und nur mit Muͤhe und den zärtlichſten Beſchwörungen gelang es dem Jünglinge, ihn zu beruhigen. „O, mein Sohn,“ rief der Vater mit vom Weinen unterbrochener Stimme,„wie habe ich doch hart und unbillig gegen dich gehandelt, da ich das Unheil meines Hauſes dir zugeſchrieben, und dich durch meinen Fluch gejagt in Unheil und Verzweif⸗ lung! Bald wird mein Haupt ruhen unter kuͤhlem Mooſe, und mein Angedenken verſchwinden unter den Menſchen— ſey du milde gegen mich und gedenke meiner nicht im Groll, ſondern in Liebe!“ Der Jüngling ſank zu den Füßen ſeines Vaters nieder, und betheuerte das mit heißen Schwüren. „Heute Nacht habe ich eine Erſcheinung gehabt,“ fuhr der Vater ängſtlich um ſich blickend fort,„oder war es ein Traum— ich weiß es nicht! Deine ſelige — 4 177 Mutter erſchien mir und machte mir Vorwürfe und zeigt mir klar mein Unrecht— ich fühl' es, ihr himmliſcher Odem hat mich zum Tode geweiht! In wenigen Augenblicken werde ich nicht mehr ſeyn. Lebe wohl, mein Sohn. Mein Fluch verwandle ſich in den Segen des Himmels— das iſt die Hoffnung meiner letzten Stunde!“ Die Sprache verließ ihn; Nacht ſenkte ſich auf den Blick, und der Engel des Todes trug ſeinen Geiſt hinweg aus dem Lande der Stürme und des ewigen Kampfs. 3 Guido konnte den herzzerreißenden Gedanken nicht faſſen, daß ihm der Vater nun entriſſen ſey auf ewig, daß er nimmer das Leben des ehrwürdigen Blickes ſchauen, nie wieder dem mild ernſten Ton der väterlichen Rede lauſchen ſollte. Er überdeckte die kalte Hand mit glühenden Kuſſen, ſeine Thraͤnen floßen auf das bleiche Antlitz hernieder; aber hier wohnte keine Empfindung mehr, welche durch den Hauch des Kuſſes oder die Gluth der Thräne hätte erweckt werden können. Mit Gewalt mußte der Jüngling von der Leiche entfernt werden. Erſt nachdem Guido's Vater mehrere Wochen ſchon in der Gruft ſeiner Vorfahren ſchlummerte, kehrte 3 12 178 Ruhe und Beſinnung in die Bruſt des Jünglings zurück. Er machte nun ſeine Plane für die Zukunft, in ſofern der kurzſichtige Menſch überhaupt ſein Leben in eine Zeit hineinbauen kann, die noch nicht iſt, und beſchloß auf Reiſen und in fernen Ländern den Frieden wieder zu ſuchen, der von einem ergrimm⸗ ten Geſchick ſo grauſam ſeiner Jugend geraubt wor⸗ den war. Das Erbe, welches ſein Vater ihm hinterließ, war höchſt anſehnlich. Jene Räuber wurden in der Plünderung des überfallenen Guts durch herbeieilende und bewaffnete Landleute geſtört und ſo noch im Beginnen ihres Frevels verjagt. Zugleich gelang es der eifrigen Sorge dieſer Landleute, alle Gegen⸗ ſtände von Werth aus den Flammen zu retten. Ueberdem war das verbrannte Gut nur eine der unbedeutendſten Beſitzungen von Guido's Vater. Guido machte alle Grundſtücke zu Gelde, mit Ausnahme des von den Räubern verheerten Beſitz⸗ thums. Es war als fluͤſtere eine dunkle Ahnung ihm zu: dort, wo du die Hand des Unglücks ſo ſchwer und drückend empfunden; dort, wo ſie alle Bluͤthen aus dem Kranze deiner Jugend geriſſen, und dir nur die Dornen gelaſſen; dort, wo du von dem 179 zurnenden Vater die fort und fort ſchmerzende Wunde empfangen: dort muß dir dereinſt das, Glück erſetzen, was es dir früher entriß, dort muß es dir auf's Neue erblühen laſſen die Blumen, durch deren Raub es den Kranz deiner Freuden entblättert, dort muß es auch den brennenden Schmerz der Wunde von Vaterhand mit heilender Vergeſſenheit üͤbergießen. Vergebens ſuchte Guido eine Nachricht über den Bräutigam ſeiner unglücklichen Schweſter einzuziehen; er war aus der Gegend verſchwunden, ohne daß man erfahren konnte, was aus ihm geworden war. Von allen Feſſeln befreit, welche ihn noch an die Heimath hätten binden können, eilte Guido nun in einen Seehafen. Mit dem Hauptmann des erſten ſegelfertigen Schiffes ſprach er ſeine Abfarth ab; ihm war es gleich, welches Land ihn jetzt aufnehmen würde: drückend lag die Vergangenheit in dem Vaterlande auf ſeiner Bruſt, nach der Zukunft in einem fremden neuen Leben waren ſeine Wünſche, ſeine Hoffnungen gerichtet. Heiter lächelte die Sonne aus ihrem azurnen Spiegel; ein günſtiger Wind erhob ſich, die Kanonen⸗ ſchüſſe, welche dem Jüngling das Zeichen der Ab⸗ fahrt waren, tönten vom Hafen herüber: da eilte 42* 180 3 Guido fröhlich und begeiſtert aus der dumpfen Stadt nach dem rauſchenden Meere hin. Ein harrendes Boot nahm ihn auf und führte ihn dem erſehnten Schiffe zu. Glücklich ſprang der Jüngling die ſchwanke Brücke, welche aus dem Boote in das Schiff fuͤhrte, hinan, indem er ausrief: „Lebe wohl, Vaterland! dich laß ich hinter mir mit allen Sorgen des Lebens!“ Da erklang plötzlich ganz nahe bei ihm das höl⸗ liſche Gelächter des Doppeltgängers Samael und der alten Wahrmunda. Er hörte das Flüſtern ihrer Stimmen, wie ſie höhniſch zu ihm ſprachen: „Fliehe, wohin du willſt, wir bleiben dir doch getreu! Wir ſind deine Freunde— wir folgen dir nach!“ Entſetzen faßte den uͤberraſchten Guido. Zugleich aber war es ihm auch, als höre er die troſt⸗ ſprechende Stimme ſeines Schweſterleins, als ſchaue deſſen Antlitz milde und freundlich aus der gläͤnzen⸗ den Sonnenſcheibe herab. Er betrat das Schiff. Sanfte und beruhigende Harfenklänge drangen aus der Kajüte ihm entgegen; der Silberklang einer weiblichen Stimme vermiſchte ſich in einem ſüßen Liede mit dieſen, und eine holde Ahnung zog ein in die Bruſt des Jünglings. „* * 181 Erſtarrt aber blieb Guido auf der Schwelle der Kajüte ſtehen: die Saͤngerin, welche er hier er⸗ blickte, ſchien ganz das liebliche Antlitz des verſtor⸗ benen Schweſterleins zu tragen, nur daß ſie in reifer und blühender Jugendfülle, voll Lebenskraft und Lebensheiterkeit, die den reizenden Sommertag ſelbſt beſchämte und die kindliche Unbefangenheit auch in das höhere Jugendalter mit hinübergenommen zu haben ſchien. Guido wurde bei ihrem Anblicke von einer Em⸗ pfindung ergriffen, welche er noch nie gekannt hatte: der Blitz der erſten Liebe war in ſein Herz gefal⸗ len und hatte hier eine Gluth entzündet, welche ge⸗ waltig und übermächtig ein neues Licht über ſein Leben verbreitete. Ehe der Jüngling ſeine Faſſung wieder erhalten konnte, erklang der laute Jubel des Schiffsvolks: die Anker wurden gelichtet und das Fahrzeug ſchwebte hehr und groß im unaufhaltſamen Fluge hin über den weiten Ozean. 182 6. Fröͤhliche Fahrt. Sturm. Schiffbruch. Durch Guido's Eintritt in das zierlich ausge⸗ ſchmückte Schiffsgemach wurde die Sängerin, welche in reizender Haltung hinter der alterthümlichen Harfe ſaß und von dort aus ihre Zaubertöne ſendete, in dem begonnenen Liede unterbrochen. Ein ältlicher Mann und eine Jungfrau von gleich ſcheinendem Alter befanden ſich in ihrer Geſellſchaft. Der Schiffshauptmann, welcher den Jüngling eingeführt hatte, nannte den Anweſenden deſſen Namen. Der ältliche Mann war ein Schottländer, Namens Mac O' Naugh, und die beiden Frauenzimmer wurden als ſeine Tochter und Nichte vorgeſtellt. Nachdem der Schiffshauptmann die erſte Bekanntſchaft unter ſeinen Paſſagieren eingeleitet hatte, entfernte er ſich ſogleich zu dringendern Geſchäften. Guido hatte wohl bemerkt, wie die Nichte des Schottländers, welche wir bereits auch als liebliche Sängerin kennen, bei der Nennung ſeines Namens überraſcht ſchien und faſt heftig zuſammenſchrack. Allein bald hatte die liebliche Minona ihre Faſſung wiedergewonnen und unterhielt ſich, mit der ihr 14 183 eigenen Anmuth, mit ihrer Freundin und Baſe, der fröhlichen Hannah. Mac O' Naugh war nicht ganz zufrieden damit, daß man ſeine Nichte in ſeinem Lieblingsliede geſtört hatte. Er erſuchte ohne große Weitſchweifigkeit den noch blöden Guido ſich zu ſetzen, und drang dann in Minona, ihren Geſang nochmals zu beginnen. Auch Hannah bat die ſich ſträubende Minona mit zaͤrtlichen Worten darum, und wenn Guido auch ſchwieg, ſo waren doch ſeine Blicke die Vertreter ſeiner Wünſche. Die Jungfrau alſo hob, nachdem ſie einige kräftige Accorde auf der Harfe hatte vor⸗ angehen laſſen, von Neuem an: In Wolken gehüllt, Von Wetter umthürmt, Des Starken Bild, Durch ſich ſelbſt beſchirmt, Mit eiſernem Thore Steht Schloß Ontamore. Ein edles Geſchlecht, In Alter und Macht, Erglühend für's Recht, Bewohnet voll Pracht 184 Die Felſen empore Vom Schloß Ontamore. Wer iſt wohl ſo küͤhn Und wagt ſich heran? Die Feinde, ſie fliehn Auf ſchimpflicher Bahn Die donnernden Rohre Vom Schloß Ontamore. Es naht ſich der Gaſt Mit Freundesgeſicht; Da hebet in Haſt Der Riegel Gewicht Der Wächter vom Thore Im Schloß Ontamore. Die Halle erklingt Vom Bardengeſang, Der Tanzreigen ſpringt Die Halle entlang: Der Herr ſingt im Chore Vom Schloß Ontamore. 185 Und als nun der Tag Im Oſten erſcheint, Da ruft das Gelag, Beim Becher vereint: Es lebe im Flore Der Stamm Ontamore! Der alte Herr hatte dieſem Geſange eine große Aufmerkſamkeit geſchenkt und zum Oeftern ſeinen Beifall durch Lächeln und wiederholtes Kopfnicken an den Tag gelegt. Als Minona geendet hatte, wendete er ſich zu Guido und ſprach: „Ihr dürft Euch nicht wundern, daß dieſes Lied welches Euch wohl nicht beſonders anſprechen mag, einen ſo gar großen Reiz für mich hat: denn ich führe noch bei dem Namen Mac O' Naugh auch den von Ontamore und dieſes alte Schloß in den ſchottiſchen Hochlanden iſt das Stammhaus meines Geſchlechtes.“ Guido's Blicke waren während dem Liede nicht von dem anmuthigen Bilde der reizenden Jungfrau gewichen. Sein Gemüth weidete ſich an dem An⸗ blicke dieſer Schönheit, welche alle überſtrahlte die er noch von ihrem Geſchlechte kennen gelernt hatte. Lieblich fiel ein reicher Schmuck goldner Locken um 186. den blendenden Nacken herab und begrenzte das holde Antlitz, das in ſeiner durchſichtigen Weiße der Lilie glich, auf welche ein leiſer Windeshauch den Blüthenſtaub der Roſe geweht. Aus den blauen Augen ſprach ein reiner, unverdorbner Geiſt und eine Fülle von Wahrhaftigkeit und Treue offenbarte ſich in dem Blicke, der mannichmal von einer ſtill gehegten Wehmuth getrübt ſchien. Hierzu kam das reizende Ebenmaas aller Glieder und die ungeſuchte Anmuth, welche aus jeder Bewegung hervorleuchtete. Saß nun Minona in dem Schmucke dieſer Reize an ihrer lieben Harfe und ließ den reinen Metall⸗ klang frei und herrlich ihrer Bruſt entſchweben, dann war ſie in der That eine Erſcheinung von faſt wun⸗ derbarer Schöne, der jedermann zu huldigen ſich ge⸗ zwungen fuͤhlte. Nicht ſo reizend und talentbegabt war ihre Baſe Hannah. Allein dieſe beſaß dagegen einen großen Schatz unverwüſtlicher Heiterkeit, eine ungemeine Gabe, Alles mit geiſtvollem und zugleich naivem Witz zu übergießen, und eine allesopfernde Gut⸗ müthigkeit und Liebe für Minona. Der alte Mac O' Naugh Ontamore ſchien ein Mann von ſtrenger Rechtlichkeit, aber er war wenig 187 geſprächig und verſchloſſen, wie die meiſten ſeiner Landsleute. Guido fuͤhlte ſich bald höchſt glücklich in dieſen Umgebungen. Eine ſolche heitere Gegenwart war ganz geeignet, die trüben Rückerinnerungen ſeiner Vergangenheit zu verſcheuchen; nur das erwachende Gefuͤhl einer mächtigen Liebe konnte in ſeiner Stärke den böſen Geiſt des Trubſinnes bezwingen, der oft gewaltig in ſein Inneres drängen wollte. Das Schiff, auf welchem ſich die Familie Onta⸗ more und Guido befanden, war nach Oſtindien be⸗ ſtimmt; allein Mac O' Naugh hatte die Abſicht, in der Nähe von London, wo das Fahrzeug anlegen wollte, ans Land zu ſteigen, und von dort über die merkwürdigſten Städte Großbrittaniens ſeine Reiſe fortzuſetzen nach der Heimath. Als Guido dieſen Reiſeplan des Schottländers vernommen hatte, be⸗ ſchloß er ſogleich, dem neu aufgehenden Sterne zu folgen und die Familie zu begleiten, ſo weit ihm das vergönnt ſeyn würde. Das heiterſte Wetter begünſtigte in den erſten Tagen die Seefahrer. Ein günſtiger Wind ſchwellte die Segel, um das Schiff dem Orte ſeiner Be⸗ ſtimmung entgegenzuführen und kein dunkles Wölk⸗ 188 cchen erregte die Beſorgniß der Frauen, welche oft an dem weiten Horizonte ſpähend ſich auf dem Ver⸗ decke ergingen. Guido war dann gewönlich ihr Be⸗ gleiter, während Mac O' Naugh ſich in die Lectuͤre der Chroniken ſeines Vaterlandes vertiefte. Aber am Abende des dritten Tages verfinſterte ſich der Horizont und gewaltige Windſtöße von allen Seiten machten bald das Schiff zum Spielballe der Wellen. Die Frauen zeigten bei dieſem Unfalle eine größere Entſchloſſenheit, als Guido erwartet hatte. Die ganze Nacht hindurch dauerte das Unwetter; jeder Augenblick drohte den Tod in den Wellen her⸗ beizuführen, jeder neue Windſtoß das hart beſchädigte Fahrzeug in die Kluft des gährenden Meeres zu begraben. Oft glaubte Guido mit dem Heulen des Sturmes vermiſcht das hölliſche Hohngelächter Samaels zu vernehmen; dann erbebte ſein Innerſtes und eiſi⸗ ger Schauer durchrann ſein Gebein, allein ein milder und beruhigender Blick aus dem ſchönem Auge Mino⸗ na's wandte bald ſeine Auſmerkſamkeit von dem wilden Getöſe ab und feſſelte ſie in der bezaubernden Nähe. Truͤbe und ohne Hoffnung auf eine baldige Be⸗ endigung des Sturmes brach der Morgen an. Keine tröſtliche Röthe im Oſten verkündete Ruhe der Na⸗ 189 tur, keine höhere Macht wollte das aufgeregte Heer der Wogen ebnen. Nur der alte Herr von Onta⸗ more ſchien über das unvorhergeſehene Ereigniß be⸗ troffen. Hannah ſuchte durch heitere Scherzreden jede Bangigkeit zu entfernen. Minona ſang oft recht muthig ihre freundlichſten Lieder in das Getöſe des Sturmes, und Guido fühlte ſich ſelig, in dem Be⸗ zirke eines engen Gemachs mit der Heißgeliebten vereinigt zu ſeyn, waͤhrend um und unter ihm das Verderben in ſeiner ſchrecklichſten Geſtalt wüthete. Einige Tage hindurch blieb das Schiff dem Drange des wilden Wetters und dem Aufruhre der Wogen Preis gegeben. Das Tauwerk ward zerriſ⸗ ſen, ein Theil der Maſten zertrümmert und der Hauptmann ſah ſich genöthigt, den Reiſenden zu er⸗ klären, daß der Sturmwind ihn aus der Richtung ſeiner Fahrt getrieben und wahrſcheinlich in die Nähe der felſigten Küſte von Schottland geſchleudert habe. „Deſto beſſer“, ſprach lächelnd Hannah,„wir ſind dann der lieben Heimath um ſo näher.“ Mac O'Naugh ſchien aber gar nicht zufrieden damit, daß ſein Reiſeplan auf dieſe Weiſe durch⸗ kreuzt wurde. Er murmelte leiſe für ſich hin von wichtigen Geſchäften, welche er nun in London ver⸗ — — 190 ſäumen müſſe, von angeſehenen Staatsmännern, deren Rath er nun dort nicht einholen könne, und von vereitelten politiſchen Zuſammenkünften. Mac O'Naugh Ontamore aber war ein geheimer Anhän⸗ ger des Prätendenten Eduard Stuart, dem überhaupt die Mehrzahl der ſchottiſchen Edlen ſehr ergeben war. Während noch der Alte kopfſchüttelnd und ver⸗ drießlich über die erhaltene Nachricht in der Kajüte auf und niederſchritt, erklang plötzlich vom Verdecke das Geſchrei der Schiffsmannſchaft: „Land! Land!“ Der Capitän eilte im Fluge hinauf und erkannte ſogleich, daß ſie ſich bei den hebridiſchen Inſeln befanden. Hier wurde die Lage des Schiffes um ſo gefährlicher, da die felſigen Küſten, die verbor⸗ genen Klippen und die ſtarke Brandung das Anlegen unmöglich machten, der Sturm dagegen das ihm völ⸗ lig hingegebene Fahrzeug unaufhörlich dem Ufer zu peitſchte. Mit dieſer ungünſtigen Nachricht kehrte Guido, welcher dem Hauptmanne gefolgt war, zu ſeinen Freunden zurück; allein während er noch die neu⸗ erhaltene Kunde mittheilte, ſtürzte plötzlich ein Ma⸗ 191 8 troſe zu ihnen in die Kajüte herab und rief mit verzweiflungsvoller Stimme: „Ach! Wir ſind verloren. Rette ſich, wer kann!“ Alle eilten auf das Verdeck und erfuhren hier ſogleich den Grund der ſo ſchnell eingetretenen Ge⸗ fahr. Das Schiff hatte an eine verborgene Klippe geſtoßen, ein weiter Leck hatte ſich im untern Theile geöffnet und das Waſſer drang unaufhaltſam ein. Schon war die Schaluppe in die See gelaſſen. Der Hauptmann ſprang voran in das Fahrzeug, von dem man die Rettung aus dem nahen drohen⸗ den Untergange erwartete, ihm folgte ſogleich Mac O Naugh mit ſeiner Tochter Hannah. Eben faßte Minona nach Guidv's Hand, um durch ſeine Hülfe die Schaluppe zu erreichen, da wälzte ſich eine un⸗ geheure Welle über das Schiff hin, ergriff die un⸗ glückliche Minona und riß ſie mit ſich hinab in den Abgrund. „Minona, ich folge Dir!“ ſchrie Guido in Ver⸗ zweiflung und ſprang der Sinkenden nach. Zu glei⸗ cher Zeit ſchleuderte die Welle, welche Minona'n hinabgeriſſen, die leichte Schaluppe in das weite Meer, die Trümmer des berſtenden Schiffes wur⸗ den von dem Ocean verſchlungen und das Todes⸗ 192 geſchrei des verunglückenden Schiffsvolks ſchlug empor zu dem nachtumzogenen Himmel. 7. Die Fingalshöoͤhle. Todesgefahr. Rettung vom Himmel. Welch iſt das tiefe Felſengrab, in das die Wo⸗ gen ſchäumend ſich drängen und von deſſen uner⸗ ſchütterlichen Pfeilern ſie, in dem eitel verſuchten Vernichtungskampfe, ſeit Jahrtauſenden unaufhörlich beſiegt zurückgeſchleudert werden?— Aus dem fer⸗ nen Hintergrunde der weiten Halle rauſchen ſeltſame Melodieen hervor in das Getöſe der Wellenbran⸗ dung, wie klagende Menſchenſtimmen von gewalti⸗ gem Orgelklange begleitet. Der Mond zittert fort auf den bewegten Meereswogen, die ſich wie ein ſilberner Streif eindrängen in die ſchmale Kluft, und der blaſſe Schein des nächtlichen Begleiters der Erde erleuchtet ſeltſame Felſenmaſſen, von aufſtre⸗ benden Baſaltſäulen gebildet. Ueber dieſen rundet ſich in den aufſteigenden Dünſten und den ewig von der Decke niederfallenden Tropfen der magiſche 1 “ 193 Mondregenbogen, deſſen eigener Glanz die Säulen⸗ gruppen mit einer zauberhaften Färbung übergießt. Das iſt die Fingalshöhle an der Küſte der ſchottländiſchen Inſel Staffa. Was dringt für ein Stöhnen aus der Grotte tiefſtem Grunde herauf? Es iſt eine menſchliche Klage, ausgeſprochen in Seufzern, welche aber, ehe ſie das ferne Ohr eines theilnehmenden Weſens er⸗ reicht, längſt untergegangen iſt in dem wild toben⸗ den Aufruhre der Natur. Da trägt eine hoch auf⸗ ſchlagende Welle das bebende Licht des Mondes bis zum weiteſten Grunde der mächtigen Baſaltkluft und die hinterſte Wand wird, wie durch einen flüch⸗ tigen Blitz in ſchwarzer Wetternacht, plötzlich erhellt. Bleich und ohnmächtig liegen dort auf einer über die Wellen emporſtrebenden Felſenbank zwei jugend⸗ liche Geſtalten; der Engel des Todes ſcheint bereits erwartungsvoll ihnen zur Seite zu ſtehen, daß er ihre letzten Odemzüge der Erde, ihre Seele der Ewigkeit übergebe. Aber da erhebt ſich noch ein⸗ mal die Kraft des Jünglings aus den Feſſeln der Schwäche und der Todesengel entfleucht und ſucht andere Opfer, die reif ſind ſeiner Sichel und müde des ſorgedurchflochtenen Daſeyns. . 13 194 Die Lippen des Jünglings öffnen ſich und im matten Flüſtern rauſcht über ſie hin der Name: „Minona!“ Und was die Lippen ausgeſprochen im erſten Erwachen der Kräfte, das begehrt nun auch zu ſchauen das wiederbelebte Auge. Der Blick bricht hervor aus dem bisher geſchloſſenen Grabe der Augenlieder und neben ſich erſchaut der erkräf⸗ tigte Guido die Geliebte in ihrem Ohnmachtsſchlum⸗ mer, eine bleiche Lilie, wunderbar erglänzend in dem zauberhaften Scheine des Mondregenbogens. „Sie iſt todt!“ ſo ſchallt ihm plötzlich eine Don⸗ nerſtimme entgegen aus dem Brauſen der Wogen. „Todt!“ wiederholt er in wilder Verzweiflung. „Mein ſüße Blume geknickt im wilden Sturme! O dann nimm auch mich auf, willkommenes Verderben, und zerſchmettere in ſchneller Vernichtung meine Ge⸗ beine an dieſem Felſen!“ Schon iſt der Jüngling im Begriffe ſich hinab⸗ zuſtürzen in den Strudel der Wogen, da ringt ſich ein leiſer Seufzer empor aus dem bewegten Buſen der Jungfrau, und ſchlägt an ſein Ohr und dringt in ſein Herz zu neuer Hoffnung, zu neuer Freude am Daſeyn. Er faßt die Jungfrau in ſeine Arme, unter ſeinen Füßen toben die Wellen, über ſeinem 195⁵ Haupte heulen die Stürme, allein was kümmert ihn die losgelaſſene Wuth der Natur? Er lauſcht den Odemzügen der Geliebten, er zählt die belebtern Schläge ihres Pulſes, er hängt an den zuckenden Wimpern ihrer Augen. Und als nun mit einem⸗ male der Himmel aufgeht in dem eröffneten Blicke, als auch ſie erkennt, daß ſie an der Bruſt des be⸗ reits ſtill im Innern geliebten Freundes ruht, als nun von Beider Lippen die Namen:„Guidol“— „Minona!“— im ſüßen Wohlklange tönten, da vereinigte auch die Macht der Liebe die Seligen am Rande des Todes zu einem Alles ſagenden Kuſſe, und weihete den Bund der Herzen für eine Zu⸗ kunft voll ſeltſamer Störungen und wunderbarer Er⸗ eigniſſe. Und die Augenblicke rauſchten flüchtig vorüber, wie die Wellen an den unerſchutterten Felſengründen, und das Meer, gepeitſcht von dem wachſenden Sturme, dringt höher hinan zu dem rettenden Sitze der beiden Liebenden; aber ſie gedenken nicht des Fluges der Zeit, ſie hören nicht das nähere Brau⸗ ſen des zornigen Elements. Ein ſeliges Entzücken hat ſich über ihr ganzes Weſen verbreitet, die Offen⸗ barung heiliger Gefühle hat eine Glorie um ihre 43* 196 Gemüther geſponnen, die ſie weit erhebt über Zeit und Gefahr. Da tritt plötzlich die hehre Scheibe des Mondes, ihnen gerade gegenüber, vor die weite Oeffnung der gewaltigen Felſenhalle. Guido erkennt zuerſt das Verderben, das zu den Fuͤßen der Sorg⸗ loſen ſeine Netze ausgeſpannt und lüſtern die Krallen ausgeſtreckt nach ihm und ſeinem Liebſten. Ein Schrei des Entſetzens entfährt ſeiner Lippe; er⸗ ſchrocken ſchaut Minona zu ihm empor. „Blick um dich,“ ſo ſpricht er mit zitternder Stimme zu der Theuern,„bald werden dieſe Wogen größer und mächtiger zurückkehren, ſie werden uns hinabreißen in den Abgrund, dich von mir ſchleudern und neidiſch uns nicht einmal die Wonne des Todes in dem Vereine einer ſüßen Umarmung gönnen. Siehe! Immer höher draͤngt ſich die Fluth.“— „Jammre nicht, mein Guido,“ entgegnet die muthige Jungfrau,„ich will dich ſo feſt umſchließen, daß keine Gewalt der Elemente mich im Tod von dir zu trennen vermag. Sey ſtark! Wir ſterben ver⸗ einigt!“ Aber in verzweiflungsvoller Angſt ſinnt Guido vergeblich auf eine Möglichkeit, die Geliebte zu er⸗ retten, der Sturm ſeiner Seele tobt gewaltiger, 197 als der in der Natur: da iſt es ihm mit einem⸗ male, als höre er durch das ſchauerliche Getöſe der wilden Brandung, die Alles übertönende Stimme Sa⸗ maels, wie ſie mahnet in dieſer höchſten Gefahr: „Rufe nur mich! Ich bin dir nahe! Sey mein eigen und ich rette dich und die Geliebte!“ Doch im ſelben Augenblick erſchaut er auch dicht an ſeiner Seite die ätheriſche Geſtalt des ſchweſter⸗ lichen Engels. Freundlich winkt ihm dieſe, ihr zu folgen. Eine neue Hoffnung dringt ſegensvoll in ſein Inneres. Guido faßt die Hand der Gelieb⸗ ten und zieht ſie ſchweigend empor. Da ſchwebte der leichte Schatten an der Seitenwand der hochge⸗ wölbten Höle vorauf, unter ſeinen Tritten weichen die ſchäumenden Wogen zuruck, ein trockener Fuß⸗ pfad wird ſichtbar und Minona, welche die Erſchei⸗ nung nicht erblickt, läßt ſich in träumeriſcher Nach⸗ gibigkeit von dem Jünglinge auf dem Rettungspfade fortführen. Sie langten an dem weiten Ausgange der Halle an. Da brauſt ein wilder Sturm vor⸗ über, eine ſchwarze Wolke fliegt in unaufhaltſamer Haſt über die Fläche des Meeres dahin und Guido glaubt in ihrer ſeltſamen Geſtaltung das wildverzerrte Antlitz des Doppeltgängers Samael in rieſiger Aus⸗ breitung zu erkennen. Allein feſt hängt der Blick des Jünglings an dem ſtillen Gange der hulfreichen Schat⸗ tengeſtalt. Ein ſchmaler Pfad windet ſich zwiſchen Fel⸗ ſen auf. Vorſichtig leitet Guido die Geliebte. Noch ein Augenblick und ſie ſind außer aller Gefahr, ſie ſtehen auf der Inſel, die, von Baſaltſaͤulen getra⸗ gen, hoch aus dem Meere emporragt! Guido will niederſinken zum Dankesgebete, doch weiter winkt ihm der zarte Schutzgeiſt. Er folgt mit der, fort⸗ waͤhrend in einer ſüßen und wunderbaren Bewußt⸗ loſigkeit, mitwandelnden Minona. Wohl eine Stunde dauert der Weg. Da verſchwindet plötzlich die himmliſche Geſtalt. Im Glanze der Morgen⸗ 1 röthe ſtehen die beiden Liebenden an der Pforte einer einfachen Hütte, wie ſie die Eingebornen jener Inſel, ärmliche Fiſcher, zu bewohnen pflegen. 8. Der Fiſcher von Staffa. Angriff. Die Flucht eines Königs. Sogleich klopfte Guido an die Thüre der Hütte, und bat mit flehender Stimme um Einlaß. Der 199 Froſt des Morgens durchſchauerte den zarten Körper Minona's; ein allgemeines Erbeben hatte ſich ihrer ganzen Perſon bemächtigt. Ganz gegen die in Schottland hergebrachte und herrſchende Sitte der unbeſchränkteſten Gaſtfreiheit wurde auf Guido's wiederholte Bitte weder die Pforte geöffnet, noch irgend eine Antwort ertheilt. Man hörte nur ein unheimliches Flüſtern und ein unruhiges Hin⸗ und Herlaufen im Innern der Wohnung. Minona lag erſtarrt und beinahe odemlos in den Armen des Jünglings. Da rief dieſer mit gewalti⸗ ger Stimme aus, indem er noch einmal heftig an die verſchloſſen gebliebene Pforte pochte: „So öffnet doch, um des Himmelswillen! Wenn ihr Menſchen ſeyd, laßt euch das Unglück zweier Schiffbrüchigen zu Herzen gehen und gewährt ihnen ein ſicheres Obdach!“ Auf dieſen dringenden Ausruf Guido's wurde nun das kleine Holzfenſter zur Seite der Thüre auf⸗ geſchoben und der mit ſchwarzem, ſtruppigem Haar bedeckte Kopf eines Mannes wurde ſichtbar, der mit ſpähenden Blicken die frühen Ankömmlinge muſterte. Guido wiederholte ſeine Bitte und 200 machte zugleich den Bewohner der Hütte auf den hülfloſen Zuſtand ſeiner Begleiterin aufmerk⸗ ſam. Schnell ſchloß ſich das Fenſter. Die Thure that ſich auf und der Fiſcher von Staffa, un⸗ verkennbare Gutmüthigkeit und Theilnahme an der ohnmächtigen Jungfrau im Antlitze, fuͤhrte ſeine beiden Gäſte in das kleine wohl erwärmte Gemach. Hier erlangte Minona nach und nach, durch Guido's und des hülfreichen Fiſchers Sorglichkeit, ihre Beſinnung wieder. Sie konnte ſich gar nicht finden in die Umgebungen, welche ſie erblickte; es war ihr, als habe ſie einen langen ſüßen Traum ge⸗ träumt und nur mit großer Mühe vermochte ſie end⸗ lich den Augenblick in ihr Gedächtniß zuruͤck zu rufen, in welchem eine grauſame Welle ſie von ihrem Oheim und der geliebten Hannah getrennt. Weiter aber konnte ihre Erinnerung ſie nicht führen. Sie behauptete dagegen, beſtimmt geſehen zu haben, wie Mac O Naugh mit ſeiner Tochter und dem Schiffs⸗ hauptmanne glücklich ans Land gekommen ſey, wäh⸗ rend ſie im Wirbel der Wogen ſich plötzlich von der Hand Guido's ergriffen gefühlt hatte. Guido hütete ſich wohl, ihren ſüßen Wahn zu vernichten, doch that es ihm zugleich wehe, dieſem auch die gegen⸗ 201 ſeitige Liebesoffenbarung und den Aufenthalt in der Fingalshöhle zum Opfer bringen zu müſſen, an wel⸗ chen letztern der Jungfrau auf eine ſeltſame Weiſe jeder Gedanken verſchwunden war. „Ja, mein Freund, mein Retter!“ ſo ſprach die Jungfrau, und ein lieblicher Hoffnungsſchimmer ſtrahlte aus dem ſchönen Auge,„wir müſſen nur Schloß Ontamore zu erreichen ſuchen. Dort erwar⸗ ten uns die theuern Verwandten, und mit hoher Freude werden ſie den Erhalter meines Lebens wie⸗ der begrüßen!“ Der Fiſcher von Staffa, welcher das junge Paar einige Augenblicke allein gelaſſen hatte und in eine Nebenkammer gegangen war, trat jetzt wieder herein. „Ihr muͤßt mir verzeihen“, redete er den Juͤng⸗ ling an,„daß ich nicht ſogleich, wie es bei uns Schotten die Gaſtlichkeit befiehlt, euch auf euern erſten Anruf die Pforte meiner Wohnung geöffnet, allein“— ſo fuhr er leiſer fort—„ein wichtiger und hoher Fremder, auf deſſen Geheimhaltung alles ankömmt, hat die Nacht bei mir zugebracht. Noch ſchlummert er im kleinen Seitenzimmer. Ihr werdet ihn wohl nicht verrathen; ihr ſeyd ja ſelbſt unglück⸗ lich!“ 202 Guido wollte den Fiſcher eben durch theure Verſicherungen beruhigen, als plötzlich von außen ſich flüchtige Schritte der Huͤtte näherten und ein dreimaliges ſchnelles Klopfen die Ankunft irgend einer Perſon anzeigte. Der Fiſcher ſchien die Art des Pochens zu kennen und öffnete ohne Weiteres die Thüre.. „Was bringſt du, Bube?“ fragte der Alte nicht ohne Spuren einer ängſtlichen Erwartung den unge⸗ fähr ſiebenzehnjährigen Fiſcherknaben, deſſen große Aehnlichkeit mit dem Huͤttenbewohner ihn ſogleich als den Sohn deſſelben zu erkennen gab. Trotzig blickte der Knabe auf die Fremden, als ſeyen dieſe ihm ein Hinderniß, ſeinen Bericht ungeſcheut auszuſpre⸗ chen. Der Fiſcher von Staffa aber rief ungeduldig: „Will der Stockfiſch wohl reden! Hier lauern keine Verräͤther. Wen ich in meiner Hütte auf⸗ nehme, der meint es treu und redlich.“ Bei dieſen Worten warf er einen freundlichen Blick auf Guido, als wolle er ſich ſeiner Theil⸗ nahme und Willfährigkeit durch ſolches Vertrauen recht verſichern. „Wir werden gleich noch mehr Beſuch erhalten“, entgegnete nun der Knabe;„vier Rothröcke ſind, 203 ohne daß ich den herrannahenden Nachen bemerken konnte, hinter der ſchmalen Felſenwand gelandet. Mit gezogenen Degen kommen ſie auf unſere Huͤtte zu.“ „Ihre Waffen fürcht' ich nicht“, ſprach der Fi⸗ ſcher von Staffa, indem er die Hüttenthüre von Innen ſtark verriegelte.„Aber ihrer ſind vier, und da muß ein vernünftiger Vertheidigungsplan entwor⸗ fen werden.“ Nachdenkend ging der Alte in das Seitengemach.— Zitternd ſchmiegte ſich Minona an Guido. Er ſchlang ſeinen Arm um ſie; ſie duldete es. Er drückte einen Kuß auf die ſuͤßen Purpurlippen; ſie verweigerte ihn nicht. Ihre Liebe war aufs Neue beſiegelt!— Der Fiſcherknabe hatte indeſſen ein gewichtiges Ruder von der Wand genommen und ſchwang es mit Kraft und Kampfluſt um ſein Haupt. Dazwi⸗ ſchen ſchaute er zum Oeftern durch das vorſichtig geöffnete Fenſter, ob er den Zug der erwarteten Gegner erblicke und wie nahe dieſer etwa ſey. Während dieſes in dem vordern Gemache ge⸗ ſchah, entſpann ſich in dem Nebenzimmer ein lautes Geſpräch zwiſchen dem Fiſcher von Staffa und dem Fremden, der, wie es ſchien, durch jenen erweckt 204 worden war. Als des Fremden Stimme ſich erhob, horchte Minona überraſcht auf. „Beim Himmel, mein Freund!“ ſo fluͤſterte ſie dem lauſchenden Guido zu,„ich kenne dieſe Stimme. Ich habe ſie gehört aus dem Munde eines Man⸗ nes, der von aller Herrlichkeit und allem Glanze der Welt umgeben war, als er triumphirend uüͤber die Häupter ſeiner Feinde hinwegſchritt— es iſt—“ Minona wurde in dieſem Augenblick durch einen gellenden Pfiff des Fiſcherknaben unterbrochen, mit dem er ſeinem Vater ein Zeichen gab, daß die Feinde nahe ſeyen. Der Alte trat ſogleich aus dem Seitengemach. Dann ergriff auch er ein Ruder und ſagte, indem er die Hütte verließ, zu Guido: „Ich denke mit Hüͤlfe meines Sohnes wohl jene vier Landkrebſe heimzuweiſen in ihre Heimath. Sollte ſich aber dennoch Gefahr zeigen, ſo rechne ich auf euern Beiſtand! es gilt ein hohes und theures Leben.“ Guido's Muth war bereits erwacht. Eine Ruͤck⸗ ſicht auf Minona ließ ihn noch ſchwanken; da aber ſprach die Jungfrau mit leiſen Worten zu ihm: „Ja, mein Freund, es gilt ein hohes und theu⸗ res Leben! Kämpfe mit dieſen wackern Schotten 1 205⁵ für die gute Sache. Ein leichter Sieg harret dein. Minona wird nicht zittern.“ Begeiſtert eilte Guido dem Fiſcher von Staffa nach. Er fand dieſen bereits im Wortwechſel mit den engliſchen Soldaten, welche mit Gewalt in die Hütte dringen wollten. Mit gezogenem Degen trat der Jüngling aus der Pforte. Bei ſeiner Erſchei⸗ nung wichen die Soldaten einige Schritte zurück und flüſterten ſtill mit einander. Einer von ihnen aber deutete mit der Hand auf Guido und rief laut: „Der iſt es nicht. Es muß noch einer in dem Neſte ſtecken. Laßt uns den Eingang mit Gewalt erzwingen, wenn Güte nichts vermag uͤber dieſe Schurken.“ Schon naheten ſich die vier Angreifenden mit gezuckten Schwerdtern den drei mutherfüllten Verthei⸗ digern des Eingangs, Da öffnete ſich plötzlich das) Fenſter und es erſchien in demſelben eine ernſte und 2 bleiche Mannesgeſtalt, in jeder Hand eine aufgezo⸗ gene Piſtole. Zwei Schüſſe fielen zugleich. Einer der Soldaten ſtürzte getroffen zu Boden; die übri⸗ gen drei, von paniſcher Furcht ergriffen, wendeten ſich eilig zur Flucht, indem ſie ihren verwundeten Landsmann mit fortſchleppten. Der Knabe folgte 206 ihnen in einiger Entfernung nach und brachte bald die Nachricht zurück, daß jene ſich eilig in ihr Boot begeben hätten und von dannen gerudert ſeyen. „Nun iſt er auch hier nicht mehr ſicher“, mur⸗ melte der Fiſcher vor ſich hin,„ noch heute muß er zu den Franzoſen nach Lochnarach.“ Als Guido, von ſeltſamen Zweifeln bewegt und gereizt von einer leichtverzeihlichen Neubegierde, wieder in das Gemach zurückkehrte, fand er den Fremden in Minona's Nähe. Mit edlem Anſtande begrüßte der bleiche Mann den Eintretenden und dankte ihm für ſeine muthige Willfaͤhrigkeit. Ob⸗ gleich er nur die Kleidung eines bergſchottiſchen Jä⸗ gers trug, ſo leuchtete doch aus ſeinem Antlitze eine ehrfurchtgebietende Hoheit und ſein ganzes Beneh⸗ men hatte etwas ernſt Ritterliches. „Wir ſind verrathen, lieber Jackl!“ ſo ſprach er zu dem Fiſcher von Staffa,„jene Memmen hät⸗ ten gern die dreißig tauſend Pfund verdient, welche der Uſurpator auf unſer Haupt geſetzt. Es waren Engländer. Meine Schotten ſind getreu; unter ihnen findet ſich kein Verräther.“ „Wenn der Herr will,“ entgegnete Jack mit einem tiefen Bücklinge,„ſo führe ich ihn ſogleich hinüber nach Man. Dort liegt die Brigg, welche ihn noch heute zu den franzöſiſchen Schiffen bei Lochnarach bringen kann. Dort iſt alle Gefahr vor⸗ über.“ „Ihr habt Recht, braver Jack!“ erwiederte der Unbekannte.„Wir müſſen uns unſern Unterthanen erhalten. Ich will euern Rath in dieſem Augen⸗ blicke befolgen.— Lebt wohl, ſchöne Blume von Ontamore“, ſo wandte er ſich jetzt mit einem höchſt anmuthigen Lächeln an Minona,„ich habe eurer nicht vergeſſen. Als ihr die Zierde der glänzenden Bälle von Edinburg waret gedachtet ihr wohl nicht, mich einſt in dieſer Verkleidung, flüchtig und geächtet wieder zu finden?— Ihr vergießt eine Thräne! Dieſe Perle iſt der ſchönſte Schmuck in der Krone eines entſetzten Königs. Lebt wohl! hof⸗ fentlich nicht für immer! Grüßt euern Oheim, den wackern O'Naugh. Vielleicht kommt die Zeit, in der ich ihm das Blut, ſo er für mich vergoß, und die Wunden, ſo er in meinem Dienſte erhielt, ver⸗ gelten kann!“ Nach dieſen Worten verbeugte der Unbekannte ſich gegen Guido und verließ mit dem Fiſcher von Staffa die Hütte. Minona aber legte weinend ihr 208 Haupt an des noch immer erſtaunten Guido's Schul⸗ ter und ſprach ſchluchzend: „Guido, ahnſt du nicht, wer von uns ging?“ „Noch kann ich meine Zweifel nicht ordnen“, entgegnete der Jüngling,„allein ich ſehe dich in einer außerordentlichen Wallung. Kein gewöhnlicher Menſch kann es ſeyn, an deſſen Schickſal meine Minona einen ſo lebendigen Antheil nimmt.“ Da löſte die Jungfrau mit wenigen Worten das Räthſel und erwiederte: „Es war Eduard Stuart, der rechtmaͤßige König dieſes Landes.“— 9. Reiſe. Bange Ahnungen. Ueberfall. Mag der unglückliche Prätendent eines Reiches, deſſen Beſitz ihm und ſeinem Geſchlechte von dem dunkel waltenden Schickſale für immer entnommen ward, den Freunden zueilen, welche in ängſtlicher Forſchung die Kuͤſten Hyberniens umſchweben; mag er ſie finden und in ihrem Geleite ein fernes Land ſuchen, um dort neuen Hoffnungen nnd neuen Ent⸗ 209 würfen zu leben: wir wollen den Jüngling Guido und Minonen, die holde Blume von Ontamore, be⸗ gleiten; wollen lauſchen dem ſüßen Flüſtern der er⸗ wachten Liebe; wollen mit ihnen entgegengehen den Leiden und Freuden, welche die geheimnißvolle Zu⸗ kunft für ſie in ihrem Schoße bewahrt! Noch blickten die beiden Liebenden von Staffa's felſigem Geſtade ſinnend hernieder zu den ſchäu⸗ menden Wellen, die auf unſicherm Nachen den Erben eines Thrones hinweg getragen, als der Fiſcher⸗ knabe über das Geſtein des Ufers zu ihnen empor⸗ ſtieg und ihnen anzeigte, er ſey bereit, ſie an die Kuſte von Schottland überzuſetzen. Guido und Minona beſtiegen den ſchwankenden Kahn. Die Gefahr, mit welcher die umſtuͤrmenden Wogen ſie bedroheten, konnte keinen Eindruck auf ſie machen: die neu erwachte Liebe und eine ſuͤße Hoffnung erfuͤllten ſie mit hohem Muthe. Bald erhoben ſich die mächtigen, oft abentheuer⸗ lich geſtalteten Gipfel des ſchottiſchen Hochlands in ſcharfen Umriſſen vor ihren Blicken. Sie erkannten die dunkeln Kränze der Fichtenwälder, die ſtolzen Felſenhäupter, welche ſich aus dieſen erheben und aus düſterm Wolkengebiet majeſtätiſch herabblicken zu der niedern Erde. 14 210 Sie landeten in einer kleinen ſchottiſchen Küſten⸗ ſtadt. Glücklicherweiſe hatte Guido ſeine Geldbörſe und ſein ſicher verwahrtes Taſchenbuch aus dem Schiffbruche gerettet. Man verweilte hier nur ſo lange Zeit, als Minona nöthig hatte, um ſich mit Kleidungsſtücken zu verſehen und eine Begleiterin zu dingen, welche die beſchwerliche Reiſe von einigen Tagen nach dem Felſenſchloſſe Ontamore nicht ſcheute. Ein junges muntres Mädchen, die Tochter eines Küſtenfiſchers, nahm gern den Antrag an, und nach kurzer Friſt beſtiegen Minona, ihre Begleiterin Jenny und ihr Freund Guido drei kleine, rüͤſtige Gebirgspferde, um, von einem wegkundigen Führer geleitet, die kühne Wanderung über ſteile Felſenpfade und ausgetretene Waldſtröme zu beginnen. Minona lebte in freudiger Hoffnung, ihre Verwandten und vor allen andern die theure Hannah bald wieder zu umarmen, während Guido die harmloſe Jungfrau innig bedauerte, welche auf einen trüglichen Wahn ein ſo feſtes Vertrauen ſetzte. Ddie herrlichen Gebirge des ſchottiſchen Hochlan⸗ des bieten einen unerſchöpflichen Reichthum großer und reizender Naturſzenen. Jede Viertelſtunde der 1 211 Tagesreiſe führte ihren eigenen Genuß mit ſich. Oft verſuchte Guido, wenn er mit Minona den Beglei⸗ tern nun eine Strecke Wegs vorangeeilt war, ſeine Freundin durch zarte Andeutungen ſeiner Liebe zu neuen freundlichen Entgegnungen zu reizen, allein Minona war wie umgewandelt. Sie hatte das trau⸗ liche Du wieder in das fremde Ihr verwandelt, beharrte in einer ſeltſamen Schweigſamkeit und ſchien einer innern tiefen Trauer nachzuhängen. Vergebens forderte Guido ſie auf, durch Vertrauen und Mit⸗ theilung ihren Kummer zu erleichtern: ein leiſer Seufzer war die ganze Antwort, als er auf ſolche Weiſe in ſie drang. Hierauf hielt es der Jüngling fuͤr das Beſte, die theure Gefaͤhrtin, durch fortge⸗ ſetzte laute Bewunderung der großen Gebirgsumge⸗ bung, auf dieſe aufmerkſam zu machen, um ſie ſo von den trüben Gedanken abzuziehen. Dieſes gelang ihm über Erwarten und in einer ziemlich heitern Stimmung wurde die nun noch übrige Tagreiſe zu⸗ rückgelegt. Abends langte man in einem, anmuthig im tie⸗ fen Thalkeſſel gelegenen, Dörfchen an. Hier wurde übernachtet. In der Fruͤhe des nächſten Morgens aber ſetzten die Wanderer ihre Reiſe weiter fort; 14* am folgenden Tage gedachten ſie, Schloß Ontamore zu erreichen. Sie waren erſt einige Stunden von dem liebli⸗ chen Dörfchen entfernt, als Guido von dem Führer angeredet wurde und die Nachricht erhielt, daß ſie während der ganzen Tagreiſe keine menſchliche Wohn⸗ ſtätten antreffen und wohl erſt mit dem Einbruche der Nacht zu einer einſamen, jenſeits des fernen Ge⸗ birgs befindlichen Hütte kommen würden. Bei dieſer Gelegenheit betrachtete Guido den Führer genauer als bisher. Er konnte ſich nicht bergen, daß in die⸗ ſen verzerrten Zügen, in den ſchwarzen, unſtät um⸗ her blitzenden Augen eine große Verſchmitztheit und Tücke zu Tage traten. Dem Führer ſchien Guido's ſtumme Unterſuchung ſeiner Perſon beſchwerlich zu fallen; er ſpornte plötzlich ſein Roß zu ſcharfem Trabe und hielt ſich von nun an in einer beſtimmten Entfernung von den Uebrigen voraus. Minona hatte Guido's Betrachtungen getheilt, allein zugleich noch eine andere, ſie mit Schreck erfüllende, Entdeckung gemacht. „Mich dünkt,“ ſo ſprach ſie mit bebender Stimme zu ihrem Freunde,„ich ſah dieſen Menſchen bereits in dem Gefolge eines Mannes, deſſen wi⸗ 213 drige Nachſtellungen mich einſt auf das Aeußerſte ver⸗ folgten und deſſen Nähe nur gefährlich für unſere Sicherheit ſeyn könnte!“ „Beruhige dich, meine Geliebte,“ entgegnete Guido,„mein Arm wird dich ſchützen, mein Leben verbürgt deine Ruhe. Wer aber dürfte es wagen, friedfertige Wanderer zu beunruhigen? Wer iſt der, deſſen Angedenken meine Minona mit Furcht erfüllen kann?“ „Hört mich an,“ ſagte die Jungfrau.„Kaum hatte ich unter der Erziehung meiner verſtorbenen Tante, Hannah's Mutter, das fünfzehnte Jahr er⸗ reicht, ſo ſah ich mich ſchon von der zudringlichſten Liebe eines Nachbarſohns Henry Mac Green, ver⸗ folgt. Dieſer junge Mann war als der verwegenſte und unternehmendſte Wüſtling in der ganzen Gegend bekannt. Er hatte ſchon fruͤhe ſeine Eltern verloren, und war, bei einem bedeutenden Vermögen, ſich 3 ganz ſelbſt überlaſſen geblieben. Hieraus entſtanden ſeine ungeregelten Neigungen und der ſtürmiſche Drang, jeden tollen Einfall zu befriedigen, und, bei aufkei⸗ menden Hinderniſſen, ihn nur um ſo hartnäckiger zu verfolgen. Wo es blutige Händel gab, da war Henry Mac Green gewiß der Anſtifter; wo irgend 214 ein ſtilles Familienglück geſtört wurde, hatte gewiß der wilde Sohn vom Felſen, wie man ihn auch nach ſeinem Familienſchloſſe nannte, einen Antheil daran. Kein Verhältniß war ihm heilig; Tücke und Leidenſchaft beherrſchten in gleicher Macht ſein Gemüth. Seinen offenen Bewerbungen um mich ſetzte ich Kälte und Verachtung entgegen. Als er bei meinem Oheime um meine Hand anhielt, wurde er von dieſem unter dem Vorwande abgewieſen: der Unterſchied der Religionen— er iſt katholiſch, un⸗ ſere Familie der engliſchen Kirche zugethan— mache für immer eine ſolche Verbindung unmöglich. Seit dieſer Zeit wurde er der unverſöhnlichſte Feind un⸗ ſeres Hauſes. Mehrere Verſuche, mich mit Gewalt aus dem Schloſſe meines Oheims zu entführen, ſchlugen fehl. Als die Edeln des Hochlandes ſich vereinigten, die Rechte der Stuarts zu vertheidi⸗ gen und den unglücklichen Eduard von Schottland auf den Thron ſeiner Väter zu heben, fand auch Henry Mac Green ſich zu dieſem Bunde. Nur zu frühe ward des Prätendenten unheilvolles Geſchick entſchieden. Mein Oheim flüchtete nach der Schlacht von Cülloden mit ſeiner Tochter und mir auf das feſte Land. Dort erhielt er, da er einer der Ge⸗ 215 mäßigten war, bald Verzeihung von der zur Duld⸗ ſamkeit geneigten Regierung. Es ward ihm erlaubt, wieder in den Beſitz ſeiner Güter zu treten. Der wilde Mac Green verharrte aber in unſinniger Em⸗ pörung. Seine Güter wurden ihm entriſſen, er ſelbſt gerichtet. An der Spitze eines Haufens von Abentheuerern, welche im Ganzen nichts Beſſeres als Räuber ſeyn ſollen, macht er die Straßen und Pfade des Hochlandes unſicher. Urtheilt jetzt ſelbſt, was ich zu befürchten hätte, wenn ich in die Hände dieſes Mannes fſiel?“ „Wenn ihr es erlaubt, edle Lady“, fiel jetzt die Dienerin Jenny mit ängſtlichem Redeton ein, „ſo will ich euch berichten, was ich Seltſames in der Nacht, die wir in jenem Dorfe zugebracht, wahrgenommen habe?“ „Sprich, ohne Scheu!“ erwiederte Minona. „Deine Offenbarung könnte wohl nutzen.“ „O ich fürchte nur zu ſehr“, ſagte Jenny,„daß Eure böſen Ahnungen durch meinen Bericht vermehrt werden. Die ungewohnte Erhitzung auf der Reiſe raubte mir während der Nacht allen Schlaf. Ich trat an das Fenſter meiner Kammer und blickte hin⸗ aus in die lichte Mondnacht. Plötzlich ſah ich auf 216 der Straße, welche wir heute Morgens gezogen ſind, einen Reiter ſich dem Gaſthofe nähern. Kein Hufſchlag verrieth dem Gehöre den Trab des Roſ⸗ ſes. Man mußte Sorge getragen haben, ſeine Fuͤße mit Tuch oder Stroh zu umwinden, der Reiter hielt vor dem Hauſe und huſtete leiſe dreimal. So⸗ gleich trat unſer Führer aus einem Seitenpförtchen, und ſprach angelegentlich mit dem Fremden, indem er mit lebhaften Bewegungen zum Oeftern nach dem Fenſter Eures Zimmers deutete. Endlich entfernte ſich der Reiter und rief mit erhobener Stimme, ſo daß ich ſeine Worte verſtehen konnte:„morgen alſo um dieſe Stunde iſt ſie mein! dein Lohn ſoll nicht ausbleiben!“ Eilig und ſtill, wie er gekommen, ritt es deſſelben Weges wieder zurück; unſer Füh⸗ rer ſchlich vorſichtig wieder ins Haus.“ „Beim Himmel, das iſt verdächtig!“ ſprach Guido,„ich will ein ernſtes Wort mit dem Burſchen reden, das ihm das Gelüſt vertreiben ſoll, uns zu verrathen.“ Guido trieb ſein Roß vorwärts und hatte bald den Führer eingeholt. Der Schottländer brummte, ohne ſich durch Guido's Ankunft ſtören zu laſſen, eine Nationalmelodie vor ſich hin. 3 8 217 „Höre“, ſo redete der Juͤngling, nachdem er eine Weile ſtumm neben ſeinem Begleiter hergegan⸗ gen, dieſen an,„mir ſcheint, du treibſt ein böſes Spiel mit uns und hegſt Verrath im tückiſchen Sinne; aber das ſey dir zur Warnung geſagt, beim erſten Zeichen eines Unfalls, deſſen Urſache deine Treulv⸗ ſigkeit ſeyn könnte, zerſchmettert dir eine Kugel aus dieſem Piſtol den Hirnſchädel!“ Der Schotte erwiederte nichts. Auf einen Augen⸗ blick unterbrach er ſeinen Geſang; ein ſtechender Blick flog zu Guido herüber, dann ſah er wieder ſtarr und gleichmüthig auf den Weg und fuhr in ſeinem Liede fort. Der Jüngling hielt ſich von dieſem Augenblicke an nur in geringer Entfernung von dem verdächti⸗ gen Fuührer, damit dieſer im unglücklichen Falle ſei⸗ ner Strafe nicht entgehen könne. Aengſtlich ſchloſ⸗ ſen Minona und ihre Begleiterin ſich an. So nahte der Abend und man befand ſich in einer wilden Fel⸗ ſengegend, in der ſich keine Ausſicht auf ſichere Un⸗ terkunft zeigte. Bald verhüllte dichte Finſterniß alle Gegenſtände. Man verlor den Pfad und der Führer erklaͤrte, er wiſſe nun ſelbſt nicht mehr ſich in dieſen Felſengewinden zurecht zu ſinden. Die Frauen hat⸗ 8 A 218 ten ſich zitternd an Guido gedrängt: man wagte nicht ſich von der Stelle zu bewegen, da jeder Schritt vorwärts oder zur Seite in einen Abgrund führen konnte. Guido ſelbſt wußte nichts Beſſeres vorzuſchlagen, als an dieſem Orte den Anbruch des Morgens zu erwarten; Minona und Jenny ſollten auf einem dürftig bereiteten Lager ruhen, indem er neben dem Führer wachen wollte. Man ſchickte ſich an, dieſen Plan in das Werk zu ſetzen, als plötz⸗ lich über den Häuptern der Wanderer ein Gewitter ausbrach, mit all' der ſchrecklichen Gewalt und ſtur⸗ miſchen Wuth, welche dieſe Naturerſcheinung in den Hochlanden mit ſich führt. Der Donner hallte furcht⸗ bar wieder in der weiten Reihe der Felsgeklüfte; Blitz folgte auf Blitz, aber das Leuchten des zůr⸗ nenden Himmels diente zugleich, den Reiſenden einen ziemlich gebahnten Pfad und in nicht weiter Ferne die Umriſſe eines großen Gebäudes erkennen zu laſ⸗ ſen, auf welche jetzt der Führer aufmerkſam machte. Da dieſe Entdeckung des Schotten abſichtslos ſchien und der plötzlich in Strömen herniederrauſchende Re⸗ gen einen Zufluchtsort für die Frauen nothwendig machte, ſo eilten die Wanderer dem Gebäude zu. Guido hielt ein geſpanntes Piſtol unter dem Man⸗ — 219 tel verborgen und blieb dem Führer hart zur Seite. Man hatte das Gebäude erreicht. Es waren nur Truͤmmer eines alten Schloſſes, wie ſich deren ſo viele in den ſchottiſchen Hochlanden befinden. Menſch⸗ liche Wohnungen ſchienen hier nicht aufgeſchlagen; wohl aber duͤrfte in irgend einer noch erhaltenen Halle ſich Schirm gegen Sturm und Wetter bieten. Die Wanderer ſtiegen von ihren Roſſen und be⸗ traten, beim Scheine der Blitze, den Eingang der Ruine. Minona hatte Guido's Arm genommen; ſie zitterte heftig vor innerer Angſt und kältender Näſſe. Kaum aber war Guido mit den Jungfrauen unter Leitung des Fuͤhrers, durch eine enge Pforte in einen weiten und bedeckten Vorplatz eingeſchritten, ſo hörte er, wie dicht hinter ihnen eine ſchwere Eiſenthüre in das Schloß geworfen wurde; ein durch⸗ dringender Pfiff erklang von der Stelle, wo ſich der ſchottiſche Führer befand, und im nämlichen Augen⸗ blicke erfüllte ſich die Halle mit Lichtesglanz. Ein Haufen bewaffneter Männer, unter der Anführung eines blaſſen, wild blickenden Jünglings, umringte die Eintretenden. „Ewiger Gott, meine Ahnung!“ ſchrie Minona auf,„das iſt Henry Mae Green.“ 220. Guido hatte ſein Piſtol auf den treuloſen Füh⸗ rer abgefeuert. Er ſah dieſen ſtürzen; allein zu⸗ gleich wurde er ſelbſt mit uͤbermächtiger Gewalt von hinten zu Boden geriſſen. 10. Der Raͤuberhaͤuptling. Todesnaͤhe. Huͤlfe. „Biſt du endlich in meiner Gewalt, du ſüß lockende Blume von Ontamore!“ rief jetzt der bleiche Henry Mac Green, indem ein ſchnelles Feuer in ſeinem düſtern Blicke aufloderte und er näher zu Minonen trat:„Du ſollſt mir nun nimmer entgehen und mir das einſame und unſtäte Leben verherrlichen, zu dem mich mein Geſchick verdammt.“ „Welches Recht habt ihr auf mich, Henry Mac Green?“ entgegnete Minona mit mühſam behaupte⸗ ter Faſſung.„Wie könnt Ihr es wagen, mich und meine Begleiter mit Gewalt zurückzuhalten?“— „Weches Recht?“ lachte der Räuberhäuptling höhniſch auf,„thörichte Frage! Sieh dieſe Männer * an, meine Freunde, alle erbietig, mit Blut und — —— 221 Leben meinem Winke zu dienen! Ein jeder dieſer Tapfern iſt ein Grund meines Rechtes.“ „Fürchte die Rache des Geſetzes und meines Oheims!, ſprach die geängſtete Jungfrau mit faſt verſagender Stimme. „Das Geſetz?“ knirrſchte Mac Green, indem er die Augenbraunen furchtbar verzog,„nun, mit dem wäre ich ſeit lange im Reinen! Und was Euern Oheim betrifft, den abtrünnigen Feigling, ſo kann ich ihn wohl verachten, aber nimmer fürchten.“ Hierauf wandte ſich der Häuptling zu einem ſei⸗ ner Genoſſen und flüſterte dieſem einige Worte in das Ohr, welche der letztere mit einem bereitwilligen Kopfnicken beantwortete und ſich entfernte. Guido war indeſſen von denen, welche ihn hin⸗ terwärts niedergeworfen und ſeiner Waffen beraubt hatten, in ſo fern wieder frei gelaſſen worden, daß er, wenn auch von ihnen umgeben, doch wieder aufrecht auf ſeinen Fuͤßen ſtehen konnte. Da hörte er plötzlich eine bekannte Stimme von einer Seite her leiſe zu ihm reden. Er ſah hin und ſchauderte: es war der Doppeltgänger Samael, der dicht neben ihm ſtand und ihn mit ſeinem eigenen Antlitze ent⸗ 222 gegenblickte. Im Aeußern ſah er ganz den andern Räubergeſellen ahnlich. „Sprich ein Wort,“ ſo fluͤſterte der Geſandte des Abgrunds,„und im Augenblicke biſt du mit deiner Geliebten aus der Gewalt dieſer Böſewichter befreit. Sprich aus das entſcheidende: ich bin dein! Kein Gram ſoll fortan auf Erden deine Stirn mehr um⸗ wölken!“ „Sprich aus das Wort, ſprich aus!“ ſo gellte es dem Jünglinge von der andern Seite her in die Ohren und es war ihm, als erkenne er die Stimme der ſchrecklichen Wahrmunda. In dem naämlichen Momente rauſchte eine aufgeſtörte Nachteule über die Häupter der Verſammelten hinweg durch die weite Halle. Aber Guido's ganze Aufmerkſamkeit wurde jetzt durch einen neuen Aufritt angezogen. Ein Mann, den er an ſeiner Kleidung für einen Prieſter der anglikaniſchen Kirche erkannte, trat, von einem Räuber begleitet, aus dem Innern des Gebäudes in die Halle. Der Mann ward bleich und zitterte ſehr. Eine ungemeine Furcht ſchien ſich ſeiner be⸗ mächtigt zu haben. Henry Mac Green faßte mit Rauhheit Mino⸗ — — 223 na's Hand und zwang die Jungfrau, mit ihm vor den Prieſter zu treten, der ſeinen Platz hinter einem, von Holz und Steinen, wie es ſchien, ſchnell gebil⸗ deten Altar genommen hatte. Guido, deſſen Herz von tauſend Regungen durchſtrömt, ungeſtüm pochte, ſuchte vergebens, ſich näher an die Geliebte zu drängen. Die Umſtehenden hielten ihn feſt um⸗ ſchloſſen. „Hier ſteh ich und meine Braut!“ herrſchte Mac Green dem bebenden Geiſtlichen zu.„Gebt uns ſo⸗ gleich den Segen des Himmels, ehrwürdiger Herr, oder— blickt nur aufwärts— Ihr ſeyd in der nächſten Viertelſtunde eine Leiche!“ Der Prieſter ſchlug ängſtlich ſeine Augen empor und ſah nun wie hart über ſeinem Haupte eine Schnur mit einer Schlinge ſchwebte. Ein zur Seite ſtehender Räuber war bereit, ihm, auf den erſten Wink des Häuptlings, die Schlinge überzuwerfen; zwei andere Böſewichter hielten das Ende der uͤber einem Balken niederhängenden Schnur gefaßt, um ſie dann mit dem Unglücklichen emporzuziehen. Trotz dieſen drohenden Anſtalten ſchien der Geiſt⸗ liche, indem er von Henry Mac Green zu einem heili⸗ gen Akte aufgefordert wurde, plötzlich von dem ganzen 224 Gefühle ſeiner Würde beſeelt. Er wandte ruhig ſein Antlitz hinweg von den Werkzeugen eines ſchmäh⸗ lichen Todes; ſeine Wangen färbten ſich mit einem lebendigen Roth; ſein Blick erglänzte muthig und ſeine ganze Geſtalt gewann eine ſtolze Haltung. „Ich bin erbietig, Euch mit dieſer Jungfrau zu verbinden,“ entgegnete er mit Ruhe und Würde, „allein nur in dem Falle, daß die Jungfrau ſelbſt ſich zu dieſer Ehe willig erklärt. Zwang iſt meiner Kirche, wie meinem Amte fremd. Ihr könnt den Leib tödten, doch die Seele nicht!“ „Nimmer, nimmer!“ rief Minona laut aufkrei⸗ ſchend und riß ſich gewaltſam von der Hand des Haäuptlings los,„nimmer werde ich nach freier Wahl die Gattin dieſes Mannes. Das gelobe ich vor Gott, der uns ſieht und richtet!“ Mac Green ſchäumte vor Wuth. Er winkte ſei⸗ nen Genoſſen; dieſe ergriffen den unglücklichen Prie⸗ ſter. In dieſem Augenblicke war es Guidon gelun⸗ gen, ſich von den nächſtſtehenden Raͤubern loszuwin⸗ den. Mit übermächtiger Gewalt drängte er ſich durch den Kreis, der die Geliebte, den wilden Räuberhäuptling und den Geiſtlichen umſchloſſen hielt. Einige Räuber, die ihn ergreifen wollten, ſchleu⸗ — 225 derte er mit Rieſenkraft zur Seite. Die Uebrigen ſtarrten, von Erſtaunen gefeſſelt, den kuͤhnen Jüng⸗ ling an, der es wagte, ihrem Herrn entgegen zu treten, deſſen einmal entbundener Zorn keine ſcho⸗ nende Rückſicht kannte, deſſen Rachedurſt nur durch Blut geſtillt werden konnte. 4 „Halt ein!“ rief Guido mit Donnerton.„Wel⸗ ches große Werk iſt es auch, geſchützt von bewaff⸗ neter Uebermacht, einen wehrloſen Diener der Kirche zu vernichten, eine widerſtandloſe Jungfrau durch Zwang zu grämen! Solche That iſt eines feigen, aber keines tapfern Mannes würdig.“ Henry Mac Green ſtarrte den Jüngling, der es wagte, ihn mit ſolchen ſchmähenden Worten an⸗ zureden, groß und verwunderungsvoll an. Seine buſchichten Augenbraunen zogen ſich düſter zu den blitzeſprühenden Blicken herab; ſeine Hand faßte krampfhaft nach einer der, in ſeinem Gürtel befind⸗ lichen, Piſtolen. Die Räuber, welche den Geiſtlichen ergriffen hatten, ſtanden uͤberraſcht mit der Hinrich⸗ tung an. Minona drängte ſich ängſtlich zu Guido und nahm, wie um Schutz flehend, deſſen Hand. Guido aber, zu dem Räuberhäuptlinge gewen⸗ det, fuhr fort: 15 226 „Glüͤht noch ein Funken von Ehrgefühl in dei⸗ ner Bruſt, iſt deine Seele nicht allem wahren Mu⸗ the fremd geworden: ſo kämpfe mit mir um den Beſitz dieſer Jungfrau, um das Leben des armen Prieſters, der dich nie beleidigt. Laß mir Waffen geben! Sie mögen entſcheiden!“ „Wie?“ entgegnete Mac Green,„ich ſollte noch um ein Gut kämpfen, das ich bereits in meiner Gewalt habe? Ich bin kein ſolcher Thor!— Und wer biſt denn du, daß du es wagſt, mir Geſetze vorſchreiben zu wollen? Biſt du nicht ſelbſt mein Gefangener? O, ich ahne!“ ſprach der Häuptling mit verbiſſenem Grimme weiter und indem er das ergriffene Piſtol aus dem Gürtel zog,„dein Herz hat ſich verſengt an den ſtrahlenden Blicken dieſer anlockenden Schönen; vielleicht hat eine freundliche Entgegnung dich zu der Tollkühnheit erdreiſtet, mit der du dich mir gegenüberſtellſt; aber— ſolche Wahnwitzige wie du taugen nicht ins Leben, ich fühle mich berufen, ſie auszuſtoßen!“ Nach dieſen Worten wollte Henry ſein Piſtol auf den ihn furchtlos anblickenden Guido abfeuern; doch ehe er dazu kam, ſtürzte ihm Minona mit ver⸗ zweiflungsvoller Gebehrde zu Füßen. 227 „Schonung! Erbarmen!“ ſchrie die Jungfrau und hob ihre Hände flehend zu dem Räuberhäupt⸗ ling empor.„Bei Allem, was dein Herz zu rüh⸗ ren vermag, bei der Gerechtigkeit des Ewigen, der dich ſieht und einſt richtet, beſchwöre ich dich, laß ab von dem ſchrecklichen Vorhaben! Dieſer Jüng⸗ ling hat mir das Leben gerettet in gräßlicher Stunde, mein Herz iſt an ihn gekettet mit den Banden un⸗ auflöslicher Dankbarkeit. Laß dich rühren und ſchone ſein!“ Mit höhniſchem Lächeln blickte Henry Mac Green zu der Jungfrau herab. „So iſt es wirklich!“ ſprach er nach einigem Be⸗ ſinnen.„Du biſt dem thörichten Knaben in Gegen⸗ liebe geneigt? Und ich ſollte ſeiner ſchonen? Du ſelbſt haſt ſeinen Tod nun unvermeidlich beſtimmt!“ Der Raͤuberhäuptling hob auf's Neue die mit dem tödtlichen Geſchoſſe bewaffnete Hand. Da um⸗ ſchlang Minona im wilden Krampfe ſeine Kniee und rief: „Kann denn nichts dich zum Erbarmen bewegen? Vermag keine Regung des Beſſern dir Milde ein⸗ zuflößen? Vielleicht läßt ſich deine Schonung erkau⸗ ſen! Ja, ich will dein ſeyn,, ich will dir angehö⸗ 15* 4 8 — 228 ren um dieſen Preis! Schenke dem Jünglinge Frei⸗ . heit und Leben, und— nimm mich hin!“ „Nimmer, meine Minona, nimmer!“ ſchrie Guido im gewaltigen Schmerze auf.„Entwürdige dich nicht länger vor dieſem Frevler. Laß ihn mich tödten; ich fürchte nicht den letzten Augenblick!“ „Er verſchmäht dein Opfer!“ ſo wandte ſich jetzt Henry Mac Green zu der faſt bewußtloſen Minona,„auch ich verſchmähe es. Du gehörſt mir ohnehin an. Er ſtirbt!“ Henry's Piſtol ſtand mit der Muͤndung auf Gui⸗ do's Herz gerichtet. Da flüſterte Samaels Stimme wieder in das Ohr des Jünglings: „Sprich aus das Wort! Sey mein! Sprich aus, und deine Gegner ſollen dir zitternd zu Füßen ſinken!“. „Sprich aus!“ rauſchte es mit Wahrmundens Stimme durch die Lüfte. Guido verachtete die Lockungen der unterirdiſchen Macht, die ſich ſeltſam in ſein Leben drängte; un⸗ erſchrocken blickte er dem Tod drohenden Gegner ins Auge. 4 „Lebe wohl, meine geliebte Minona!“ rief er mit feſter Stimme. Da blitzte es auf von dem 229 Geſchoſſe des Räuberhäuptlings, der Donner der Entladung hallte furchtbar wieder durch das weite Gewölbe; aber Guido trat unverletzt aus der Dampf⸗ wolke hervor, die ihn umgab. Er hatte deutlich geſehen, wie in dem todbringenden Augenblicke eine weiße, duftige Kindesgeſtalt zwiſchen ihm und Henry's Waffe hindurch geſchwebt war, ſeiner Bruſt zum Schilde dienend gegen die Büeaudödt zu Boden ſinkende Kugel. „Was iſt das?“ ſprach Mac Green zaͤhneknir⸗ ſchend.„Sind meine Waffen bezaubert, oder hat der Teufel ſich gegen mich auf die Seite dieſes Bu⸗ ben gewendet?“ Mit haſtiger Wuth riß er einem ſeiner Unterge⸗ benen ein Piſtol aus dem Gürtel und feuerte die⸗ ſes, dicht vor Guido'n hintretend, auf deſſen Bruſt ab; allein auch dieſesmal blieb der Juͤngling unver⸗ wundet. Nur ſeinen Blicken ſichtbar, bildete wie⸗ derum der duftige Schatten eine undurchdringliche Scheidewand zwiſchen ihm und der Mündung des Feuergewehrs. In halblauten, dumpfen Reden äußerte ſich das Staunen der im Kreiſe umherſtehenden Räuber. Mac Green hatte das abgefeuerte Piſtol fallen laſ⸗ 230 ſen; ein gewaltiges Zittern bemächtigte ſich ſeines ganzen Körpers; das Feuer ſeines Blickes erloſch und nur mit Mühe ſtammelte er, indem er krampf⸗ haft Guido's Hand faßte: „Ha, ſo biſt du der, den das Geſchick be⸗ ſtimmt hat, den bis jetzt unüberwindlichen Mac Green in der Blüthe ſeiner Jugend zu fällen? So hat es die Mutter vom Berge mir geweiſſagt in mitternächtlicher Stunde. Das erſte Zeichen der Warnung iſt eingetroffen. Laß ſehen, ob die Macht des Geſchickes meinem Willen widerſteht?“ Auf einen Wink des Räuberhäuptlings wurde Guido mit dem Geiſtlichen hinweggeführt. Die ohn⸗ mächtige Minona brachte Henry Mae Green ſelbſt, mit Hülfe eines ſeiner Genoſſen, in ein noch ziem⸗ lich gut erhaltenes Gemach des Gebäudes. . 11. Kerkerſchaft. Befreiung. Wiederfinden. Die Räͤuber, deren Aufſicht Guido üͤbergeben war, fuͤhrten ihn nebſt dem ſchweigend und ruhig duldenden Prieſter durch einen langen, ſchmalen 231 Gang. Der Jüngling war im Innerſten betroffen uͤber des Häuptlings letzte Aeußerung und konnte ſich den Sinn ſeiner Rede nicht erklären. Dabei mußte ihn das Loos der nun von ihm getrennten Geliebten auf das Lebhafteſte beunruhigen. Tau⸗ ſend ſtürmiſche Zweifel durchzogen ſeine Bruſt; er ſah kein Licht in dieſer Nacht des Verderbens. Man verſchloß ihn nebſt ſeinem Unglücksgefähr⸗ ten in einen engen Kellerraum. Waſſer tropfte von den Wänden und benetzte ihre Fuͤße; ein Moder⸗ geruch quoll ihnen beim Eintritt in das Gewölbe entgegen. Die beiden Gefangenen hatten ſich auf zwei ſteinernen Sitzen niedergelaſſen, welche, weit von einander entfernt, in den zwei entgegengeſetzten Wänden des Gewölbes angebracht waren. Oben in dem höchſten Schwunge der Decke des Kellers befand ſich eine Oeffnung, ohne Zweifel das Werk gewaltſamer Zerſtörungen von außen oder der Alles vernichtenden Zeit. Durch dieſe Oeffnung ſchoß der Regen in Strömen herein; die hellleuchtenden Blitze des noch immer dauernden Gewitters ſandten zum Oeftern ihren glänzenden Schein in den Kerker und gaben dann den zwei Eingeſchloſſenen Gelegenheit, 232 den ganzen Umfang ihrer ſchrecklichen Lage zu er⸗ kennen. Guido blieb in ſich gekehrt und ſprach kein Wort. Eine dumpfe Verzweiflung hatte ſich ſeiner bemäch⸗ tigt. Der Prieſter dagegen ergoß ſich mit aller In⸗ brunſt eines Gott und ſeine Vorſehung verehrenden Gemüthes in laute, feurige Gebete, welche theils um Erlöſung aus der Macht der Böſewichter, theils um deren Beſſerung und Verzeihung an dem Throne des Ewigen flehten. Plötzlich unterbrach der Geiſtliche ſich ſelbſt in ſeiner Andacht und ſprach mit ermahnender Stimme zu Guido, deſſen innerer Schmerz um die Geliebte ſich in ein lautes und heftiges Weinen aufgelöst hatte: „Warum vergießeſt du Thränen und ergibſt dich der Verzweiflung? Sind nicht die Haare gezählt auf deinem Haupte von dem Allmächtigen und kann auch ein einziges von ihnen verloren gehen, ohne ſeinen Willen? Vertraue auf ihn! Im feſten Ver⸗ trauen auf Gott ſtaͤrkt ſich deine Seele und ermu⸗ thigt ſich, das Gräßlichſte zu ertragen. Siehe! von Natur bin ich furchtſam geboren; durch frühe Er⸗ ziehung den Wallungen des Muthes entfremdet wor⸗ — —— 233 den. Ich habe gezittert in Gegenwart der mord⸗ ſüchtigen Böſewichter, die Gluth meiner Wangen hatte ſich in Todeskälte verwandelt: ſo mußte ſich der Körper der Macht der Natur und Gewohnheit unterwerfen; allein die Seele behielt ihre Selbſt⸗ herrſchaft, des nahen Todes Schrecken konnten ſie nicht beugen.“ „Glaubt ihr, ich fürchte den Tod?“ entgegnete Guido, indem er gewaltſam ſeine Thränen und ſein Schluchzen unterdrückte.„Ich dächte, ihr hättet euch vom Gegentheil uͤberzeugen können. Aber Leben und Ehre der Geliebten ſind in der Gewalt eines rückſichtloſen Böſewichts: das iſt mehr als Tod!“ Der Prieſter ſeufzte und erwiederte langſam und halblaut, wie in ſich ſelbſt hinein ſprechend: „So hat auch dich die Liebe bethört? Wie viele unglückliche Opfer wird noch dieſe Leidenſchaft machen!“ Mit dieſen Worten war die Unterredung der beiden Unglücksgefährten geendigt. Der Regen und das Gewitter hatten indeſſen aufgehört. Freundliche Sterne ſandten vom heiter gewordenen Himmel ihre grüßenden Strahlen herab und verbreiteten eine ſchwache Dämmerung in dem unterirdiſchen Gemache. 234 - Es wurde nach und kach ganz ſtille; ſelbſt der Sturm legte ſich und man hörte nicht mehr das Rauſchen der von ihm bewegten Bäume. Bald bemerkte Guido, daß der Geiſtliche eingeſchlummert war. Er bewunderte des Mannes geiſtige Herrſchaft über ſich ſelbſt, ohne ſie nachahmen zu können. Die Pforte wurde jetzt geöffnet. Schweigend ſtellte ein Räuber Speiſe und Trank auf einen in Guido's Nähe befindlichen Steinblock und entfernte ſich wieder, indem er die mitgebrachte Leuchte zu⸗ rückließ und das Schloß der Thüre ſorglich von auſ⸗ ſen verſchloß. Der Prieſter war durch dieſes Ge⸗ raͤuſch nicht erweckt worden. Trotz der großen Erſchöpfungen, welche die nächſte Vergangenheit mit ſich geführt hatte, fühlte Guido keine Neigung, etwas von der überbrachten Speiſe zu genießen; allein ein plötzlicher, brennender Durſt bewog ihn, das Trinkgefäß zu ergreifen und dieſes zum Munde zu führen. Da rauſchte mit einemmale ein lichter Luftzug durch das Gemach; die Leuchte erloſch und es bildete ſich alſogleich ein ſeltſamer Lichtesſchein, in welchem der Jüngling die ätheriſche Geſtalt ſeines Schweſterleins erkannte. Die Geſtalt 8 ————— 23⁵ drohte abwehrend mit der Hand; zu Guido drangen in melodiſchem Laute die Worte: „Trinke nicht, Bruder! Gift iſt in dieſem Ge⸗ faͤße.“ Schaudernd ließ Guido die Hand mit dem Be⸗ cher ſinken. Die Geſtalt aber lächelte freundlich zu ihm hin und ſprach weiter: „Folge mir! Ich will dich retten und alle, die hier unſchuldig leiden.“ Die Geſtalt bewegte ſich nach dem Eingange des Gefängniſſes. Die Pforte ſprang von ſelbſt auf. Hierauf deutete das glänzende Weſen nach dem ſchla⸗ fenden Prieſter. Guido verſtand den Wink. Er erweckte den Unglücksgefährten und flüſterte dem Staunenden zu: 1 „Eilt! Gottes Allmacht hat die Pforten unſeres Kerkers geſprengt. Laßt uns fliehen: es iſt kein Augenblick zu verlieren!“ Halb ſchlaftrunken folgte der Geiſtliche dem Jünglinge, deſſen Gewand er gefaßt hatte, durch den aufwärts führenden Gang. Weit voran, dem Prieſter durch den ihm vorſchreitenden Guido ver⸗ borgen, ſchwebte wie ein lichter Punkt die wunder⸗ bare Geſtalt und erhellte den Pfad. Durch die 236 Daͤmmerung hindurch, welche die ringsum befind⸗ lichen Gegenſtände umgab, erkannte Guido am Bo⸗ den liegend die Räuber, in einem tiefen Schlummer verſunken. Von dem wunderbaren Führer geleitet, trat er nebſt ſeinem Gefährten bald durch eine Spalte in der Mauer des Bebäudes in das Freie. Der Vollmond ergoß ſein Licht über ſie und die ſeltſam geſtaltete Felſengegend. Der Prieſter ſchien das aͤtheriſche Weſen des rettenden Schweſterleins nicht zu bemerken, ſondern dieſe Hülfe in großer Noth der unmittelbaren Einwirkung einer gerechten Vor⸗ ſehung zuzuſchreiben. Er ſank auf die Kniee und dankte im heißen Gebete dem Allmaͤchtigen. Des Schweſterleins Lichtgeſtalt befand ſich jetzt dicht neben Guido. „Und Minona?“ ſprach dieſer in angſtlicher Frage zu dem hülfreichen Weſen. „Harre!“ lautete die Antwort und der holde Schutzgeiſt war verſchwunden. Aber ſchon nach we⸗ nigen Minuten kamen auch Minona und die arme Jenny aus dem Gebäude und geſellten ſich zu den bereis Befreiten. „Wir ſind gerettet!“ ſagte Minona, indem ſie freudig Guido's Hand ergriff,„ein wunderbares ———— — 3 7 237 Kind hat die Pforten unſres Gefängniſſes geſprengt, mit ſeligen Worten mir deine Befreiung verkündet und uns hiehergeleitet. Allein wo iſt der freund⸗ liche Engel? Vor meinen Augen iſt er verſchwun⸗ den!“ 3 Auch Guido ſah ſich vergebens nach der wohlbe⸗ kannten Lichtgeſtalt um; er konnte ſie nirgends er⸗ blicken, doch war es ihm, als erhebe ſich in dieſem Augenblicke ein ſanft glänzender Punkt zu dem Ge⸗ wölke des Himmels empor und verliere ſich in die unendlichen Räume der fernen Milchſtraße. Er um⸗ armte froh die Geliebte; ſie duldete es ſchweigend. Der Glanz des Mondes zeigte den Entflohenen einen gebahnten Pfad. Auf dieſem eilten ſie in flüchtigen Schritten von dem Aufenthalte der Böſe⸗ wichter hinweg. Bald waren ſie wieder in jener Felſengegend, wo ſie das Gewitter überraſcht hatte, und fanden hier zu ihrer großen Freude ihre ange⸗ bundenen Pferde wieder, und noch überdem das Roß des treuloſen Führers, welches auf Guido's Zureden der Geiſtliche beſtieg. Man kam jetzt, da das helle Licht des Vollmondes alle Windungen und abſchüſſigen Stellen des Felſenpfades unterſcheiden ließ, ohne ſonderliche Beſchwerde vorwärts. Der 238 Prieſter war der Gegend genau kundig. Als ihm Guido vertraut hatte, daß er mit ſeinen zwei Ge⸗ fährtinnen nach Schloß Ontamore gedächte, ſchien er ſehr erfreut. Auch er, ſo lautete zugleich ſeine Aeußerung, habe im Sinne gehabt, den wackern Mac O'Naugh, mit welchem er einſt in Oxford ſtu⸗ dirt, zu beſuchen, als er von jenen Räubern über⸗ fallen und in ihre Schlupfwinkel geſchleppt worden ſey. Minona war entzückt, da ſie einen Freund ihres Oheims in ihrer Nähe wußte. Sie ſchloß ſich mit vielem Vertrauen an Mr. Matters, wie ſich der Geiſtliche nannte, an und gab ſich dieſem gern als Nichte ſeines Jugendgenoſſen zu erkennen. Wäh⸗ rend beide ſich über den frohen Empfang unterhiel⸗ ten, der ihrer im Schloß Ontamore bei dem guten Oheim und der lieben Hannah warte, konnte ſich Guido des Gedankens an jenes ſchreckliche Ereigniß nicht erwehren, welches ihn und Minonen von jenen getrennt, und deſſen Opfer ohne Zweifel Hannah und ihr Vater geworden waren. Welche Pruͤfung, welches Leiden ſtand nicht der armen Minona ſtatt des geträumten ſchönen ehen bevor! So dachte der Juͤngling; aber jene Macht, welche der 239 Menſchen Schickſale mit dem Hauche ihres Odems beherrſcht, hatte es anders geordnet. Bei dem ſchnellen Trabe, zu dem man, ſo viel es der ungleiche Boden erlauben mochte, die Roſſe angetrieben hatte, langte man mit dem Aufgange der Sonne in einem kleinen, mit nur wenigen Hüt⸗ ten bebautem Thale an. Hier verweilte man nur ſo lange Zeit, als nöthig war, einige Erfriſchungen zu genießen und die ermüdeten Roſſe durch Ruhe und Nahrung zu ſtaͤrken. „Zwei Wege führen von hier“, ſo ſprach der Geiſtliche, indem die Wanderer ihre Pferde zur Ab⸗ reiſe antrieben,„nach Schloß Ontamore. Auf dem einen berühren wir mehrere Dörfer und einzeln ge⸗ legene Höfe; allein erſt morgen gegen Mittag dürf⸗ ten wir auf dieſem das Schloß erreichen. Der an⸗ dere bringt uns auf engen Gebirgspfaden durch ein⸗ ſame und unbewohnte Gegenden, wenn wir raſch fürbaß ziehen, mit dem Untergange des Tagsgeſtirns zu dem erſehnten Ziele.“ Alle ſtimmten für den letztern. Man war über⸗ zeugt, vor den Räubern einen hinlänglichen Vor⸗ ſprung zu haben, um nichts mehr von ihren Nach⸗ ſtellungen fürchten zu muͤſſen, beſonders wenn man 2* 240 in der geraden Richtung des Gebirgspfades ſich im⸗ mer weiter von ihrer Lagerſtätte entfernte. Ueber⸗ dem beging man die Vorſicht, vor den Augen der Thalbewohner den erſtgemeldeten Weg einzuſchlagen und erſt ſpäter, in einiger Entfernung von den Hüt⸗ ten, ſich auf einem, dem Prieſter wohlbekannten Seitenpfade nach der erwählten Felſenſtraße zu wen⸗ den. Hier hatten die Reiſenden Gelegenheit, die Na⸗ tur in ihren furchtbarſten Geſtaltungen zu erſchanen und zu bewundern. Felſen über Felſen thürmten ſich empor, neben ihnen gähnten furchtbare Tiefen und Klüfte. Oft mußte man auf ſchwankenden Holz⸗ brücken, kaum breit genug für einen Wanderer, über die ſchauerlichſten Abgründe, in deren unabſeh⸗ baren Schlünden wilde Berggewäſſer in tobenden Fällen herniederrauſchten. Gegen Mittag betrat man die höchſte Gegend des Gebirgs, wo einiger Schnee den Pfad verbarg und dieſer nur durch Holzſtäbe, welche von Entfernnng zu Entfernung eingepfählt waren, ſich bemerkbar machte. Hier that ſich eine weite Ausſicht vor den Blicken der . Reiſenden auf. Ueber tieferliegende Berge, Thaͤler, Felder, Seen und Flüſſe hinweg uͤberſah man die 2 241 ganze Breite des ſchottiſchen Eilandes von einem Meere zum andern. Minona und Guido theilten ihr Entzücken. Der Prieſter ſprach tiefempfundene Worte über die unbegrenzte Macht des Ewigen. Nicht ohne Beſchwerde eilten die Reiſenden aus der Region des ewigen Schnees herab. In einer einſamen Köhlerhütte genoſſen ſie einige Ruhe, de⸗ ren beſonders die Dienerin Jenny benöthigt war. Man erwärmte ſich am lodernden Feuer und ver⸗ nahm mit großer Freude, daß die Entfernung von Schloß Ontamore nur noch einige Stunden betrage. Ob aber Mac O'Naugh mit ſeiner Tochter dort angelangt ſey, wußte der Köhler nicht zu ſagen. Von Sehnſucht getrieben ermahnte Minona bald zur weitern Reiſe. Guido gab ſeufzend ihrem Drän⸗ gen nach und auf minder beſchwerlichem Pfade zogen nun die Wandrer ihrem Ziele entgegen. Man ſtieg in ein freundliches Thal hinab. Nach und nach ſchwanden die maͤchtigen Felſenwände. Am Rande eines Baches, zwiſchen aneinanden drängen⸗ den, grünbebuſchten Hügeln lief der Pfad in Schlan⸗ genwindungen hindurch. Plötzlich traten die Hügel zu beiden Seiten zurück, die Gegend öffne ſich und in einem weiten Thalkeſſel lag auf einem ſchroff 16 f 242 aus der Flaͤche emporſteigenden Felſen, deſſen Grund ein breiter Fluß umſpülte, vom Glanze der Abend⸗ ſonne übergoſſen, vor den Blicken der Reiſenden— Schloß Ontamore. Alle waren von dem unerwarteten Anblicke uͤber⸗ raſcht. Minona ſtieß einen Schrei des Entzückens aus; denn von der hohen Warte des Schloſſes we⸗ hete die blaue Fahne herab, ein Zeichen, daß der Beſitzer dort verweile. Die Roſſe wurden zum flüch⸗ tigſten Laufe gereizt. Allen voran flog Minona den Felſenpfad zu dem Aufenthalte der erſehnten Lieben hinan. Traͤumeriſch folgte Guido. Er konnte ſich Mac O'Naugh's und ſeiner Tochter Rettung aus jenem furchtbaren Schiffbruche nicht erklären; ſie, trotz des beruhigenden Zeichens, kaum glauben. Da wurden mit einemmale ſeine Zweifel gehoben, denn aus dem Thore des Schloſſes trat Hannah mit ih⸗ rem Vater der theuern Freundin und Verwandtin entgegen. Minona ſank in Hannah's Arme. „ So lebſt du?“ rief dieſe erſtaunt. „Willkommen, du Todtgeglaubte!“ ſprach mit hoher Freude der Oheim.„Welche Macht ſtand dir bei, als wir dich von den Wellen des Meeres verſchlingen ſahen?“ —— 243 „Hier iſt mein Retter, entgegnete Minona, in- dem ſie auf Guido deutete. Mit ſchamerglühten Wangen trat dieſer näher. Mac O⸗Naugh und ſeine Tochter überſchütteten ihn mit Aeußerungen ihres innigſten Dankes. Da kam auch Mr. Matters, der Geiſtliche, herbei. Sogleich erkannte der Beſitzer des Schloſſes in ihm ſeinen lange vermißten Jugendfreund. Das Wiederſehen der bei⸗ den würdigen Männer war höchſt rührend; ſie konnten der langen Trennung nicht ohne Thränen gedenken. Sämmtliche Bewohner des Schloſſes nahmen die verloren gegebene Minona mit lautem Jubel auf. Alle Diener liebten und ehrten ſie; alle wurden von ihr mit Güte und Freundlichkeit behandelt. Die Abendſonne ſank jetzt hinter den benachbar⸗ ten Bergen nieder, aber die Sonne der Freude und des Gluͤckes ſtieg an dem Horizonte des Fami⸗ lienkreiſes auf Schloß Ontamore empor. 12. Der Ueberfall. Mac O'»Naugh war mit ſeiner Tochter Hannah in der That bei jenem Schiffbruche glücklich an das 16* 244 Land geworfen worden. In der nahen Küſtenſtadt fand er Freunde, welche ihm die Beſtätigung der an⸗ genehmen Nachricht gaben, daß der Hof von London ihm ſeine früheren Verbindungen mit dem Prätenden⸗ ten verziehen habe und ihm die Mittel an die Hand gaben, zu dem Schloſſe ſeiner Väter zu gelangen. Hier betrauerte er und Hannah mit tiefem Schmerze den Tod der geliebten Minona, als dieſe plötzlich mit ihrem Retter erſchien und ſendises Leben auf Schloß Ontamore einführte. Guido war jetzt kein Fremder mehr in dem Kreiſe der ſchottiſchen Familie. Man behandelte ihn wie einen theuern Verwandten und auch Minona barg gleich am Tage der Ankunft nicht mehr ſo angſtlich die liebevolle Neigung, welche ſie gegen ihn hegte, als ſie das fruͤher gethan hatte. Mr. Matters hatte viel im Geheim mit ſeinem alten Freunde O'Naugh zu reden und ſo blieben die drei jungen Leute ſich ſelbſt üͤberlaſſen. Die Abendſtun⸗ den flogen im ſüßen Geſpräch vorüber; entzückt er⸗ kannte Guido, daß er geliebt ſey.— Mit glücklichen Traͤumen ſpielte ſeine Phantaſie, als er auf dem weichen Nachtlager die ſo nöthige Ruhe gefunden hatte. Da war es plötzlich, als 245 ſtreiche eine kühlende Zugluft über ſein Antlitz: er erwachte. Vor ihm ſtand des Schweſterleins wohl⸗ bekannte Lichtgeſtalt. „Guido, deine Seele iſt gerettet!“ flüſterte ſie mit ſanfter Flötenſtimme.„Du haſt den Verſuchun⸗ gen widerſtanden, die der unglückſchwangere Augen⸗ blick deiner Geburt über dich verhängt hatte. Die Prüfung iſt vorüber. Nimmer werden die Gewal⸗ ten der Unterwelt ſich wieder in dein Leben drän⸗ gen. Du wirſt glücklich werden mit Minonen! Jetzt aber erhebe dich und eile, die Geliebte aus Fein⸗ deshänden zu retten. Sie ſchwebt in augenblicklicher Gefahr. Lebe wohl! Mich ſiehſt du nie wieder!“ Die Lichtgeſtalt verſchwand. Guido ſprang raſch von ſeinem Lager auf. Es war ihm, als höre er ferne Stimmen und Waffengeräuſch. Ohne weitere Ueberlegung warf er ein Gewand über, nahm ſein Schwerdt zur Hand und eilte in den vor dem Ge⸗ mache hinlaufenden Gang, nach welchem auch Mi⸗ nona's Zimmer ging. Haſtig ſtürzte er einem Licht⸗ ſchimmer zu, den er von fern erblickte. Wie ward ihm, als er die Geliebte erblickte, welche, gebun⸗ den und mit verſtopftem Munde, von zwei fremden Mähnnern fortgeſchleppt wurde! 246 Auf ſein mit Donnerſtimme ausgerufenes„Halt!“ ſetzten die Männer ihre Laſt nieder. Einer von ihnen wandte ſich gegen den Herbeieilenden, waͤh⸗ rend der andere Minonen, die ſich ängſtlich von ih⸗ ren Banden zu befreien ſuchte, bewachte. Guido erkannte ſeinen Feind, den Räuberhäuptling Mac Green. „Böſewicht, du wagſt es, in dieſes Haus zu dringen?“ rief Guido und kehrte die Spitze des entblößten Schwerdtes wider ihn. „Stehſt du mir auf das Neue entgegen?⸗ knirſchte wüthend Henry und zog einen ſcharfen Dolch.„Jetzt mußt du ſterben, was auch die Mut⸗ ter vom Berge gefabelt hat!—— In blinder Wuth ſtürzte Mac Green auf ſeinen Gegner los. Aber er erreichte ihn nicht; unbeſon⸗ nen lief er in das gegen ihn gerichtete Schwerdt und ſiel ſterbend zu Guidv's Fuͤßen nieder. „Die Mutter vom Berge hat doch recht gehabt!“ Mit dieſen Worten hauchte er ſeine Seele aus. Der Genoſſe des Räubers wollte fliehen, als er dieſen ſinken ſah, allein die durch das Geräuſch er⸗ weckten und herbeieilenden Schloßbewohner nahmen ihn feſt. Mac O»Naugh und Hannah kamen herzu, — 247 während Guido noch beſchäͤftigt war, Minona's Bande zu loͤſen. In dem Gefangenen erkannte man einen Diener des Hauſes, welchen Henry durch Be⸗ ſtechung vermocht hatte, ihm in der Nacht die Pforte zu öffnen und bei dem Bubenſtücke behülf⸗ lich zu ſeyn. Durch Hülfe eines Nachſchlüſſels wa⸗ ren ſie in Minona's Zimmer gedrungen, hatten die Jungfrau im Schlafe überraſcht und mit Gewalt fortgeſchleppt. Henry's Leichnam wurde bei Seite gebracht, der treuloſe Diener in den Kerker geführt. Jetzt erſt erhielt die ohnmächtige Minona ihre Beſinnung wieder. Ihr ſchönes Auge weilte dank⸗ bar auf Guido'n und ihre erſten Worte waren: „Wie oft werde ich noch in Euch meinen Retter ſehen!“ Dann ſiel ſie ihrer Freundin in den Arm und wurde von dieſer und dem Oheim mit Liebkoſungen überhäuft. Nachdem Guido ſich überzeugt hatte, daß Minonens Geſundheit durch dieſes Ereigniß nicht tief erſchüttert worden, entfernte er ſich ſtill und ſuchte ſein Zimmer. Hier brachte er die ůbri⸗ gen Stunden der Nacht mit Entwurfen für die Zu⸗ kunft, mit Planen der Liebe zu. ————— 248 13. Schl uß. Jetzt verging eine ſchöne friedliche Zeit den Be⸗ wohnern von Ontamore. Guido wußte, daß er wieder geliebt ſey; doch ſcheuchte ihn eine, in Mi⸗ nonens Benehmen bemerkbare, Zurückgezogenheit. welche in den Stunden hohen Vertrauens plötzlich eintrat und das ſonſt heitere Weſen der Jungfrau in Trübſinn verkehrte, noch immer von der offenen Bewerbung um ihre Hand zurück. Eines Tages erkundigte er ſich bei Hannah's Vater nach der Mutter vom Berge, deren der todte Henry Max Green auf eine ſo räthſelhafte Weiſe gedacht hatte. O'Naugh antwortete: „Das iſt eine alte, wohl hundertjährige Frau, die eine Stunde von hier im Gebirge wohnt und der von Jedermann übernatuͤrliche Kräfte zugeſchrie⸗ ben werden, die ſie jedoch immer zum Guten ver⸗ wendet.“ Guido, deſſen Leben ſo vielfach abentheuerlich bewegt worden war, konnte den Wunſch nicht unter⸗ drücken, die Alte aufzuſuchen und ſie über ſeine Zu⸗ kunft zu befragen. 1 —— 249 Schon am Morgen des nächſten Tages richtete er ſeinen Weg ins Gebirg, nach der Hütte der Mutter vom Berge. Köhler, welche im Walde be⸗ ſchäftigt waren, hatten ihm den Pfad ſo genau be⸗ ſchrieben, daß er nicht irre gehen konnte. Er fand auch richtig die Hütte, allein ſie war leer. Als er die ſeltſamen, in der Hütte befindlichen Gerätyſchaf⸗ ten betrachtete, bemerkte er einen auf dem, in der Mitte des Gemachs ſtehenden, Tiſche befindlichen Zettel. Er hob ihn auf und las folgende Worte: „Fremdling aus Deutſchland! Wann die Nacht des Wahnſinns von dem Lichte der Vernunft beſiegt iſt, dann wirſt du das Glück deines Lebens errei⸗ chen. Sprich und begehre! Nur dem Klopfenden wird aufgethan!“ Guido ſah ein, daß dieſe räthſelhaften Worte an ihn gerichtet waren. Er nahm den Zettel mit ſich und überdachte deſſen Inhalt während des Rück⸗ wegs. So viel ſchien ihm klar, daß die Mutter vom Berge ihm den Rath gebe, um Minonen an⸗ zuhalten. Er beſchloß ihrer Weiſung, die ſo ſehr mit ſeinen Wünſchen üͤbereinſtimmte, zu folgen. Bei ſeiner Ankunft auf dem Schloſſe fand er die Familie zum Fruhſtuͤck verſammelt. Er wagte das 250 entſcheidende Wort und offenbarte ſeine Liebe und ſein Verlangen. Minona wurde bleich und ſah zur Erde. Hannah blickte ſie lächelnd an. Mac O'Naugh aber ging mit offenen Armen auf den Jüngling zu und ſagte: „Meinen ganzen Segen habt ihr. Auch Minona iſt euch gut, wie ich glaube; nur von ihrem Bru⸗ der in Deutſchland hängt das Uebrige ab.“ „Wie, Minona hat einen Bruder in Deutſch⸗ land?“ fragte betroffen Guido. „Sie ſelbſt iſt eine Deutſche;“ entgegnete Mac O'Naugh. „Ja, ich bin eine Deutſche“, ſagte jetzt Mi⸗ nona, indem ſie ihre Blicke zärtlich zu Guido erhob, „aber ich bitte euch, fragt nicht nach meinem Fami⸗ liennamen, bis ich die erwünſchten Nachrichten von meinem Bruder erhalte. Ich hoffe, ſie werden günſtig ſeyn: mein Herz iſt längſt euer Eigen⸗ thum.“ Guido war beglückt durch dieſe Erklärungen. Was konnte der fremde Bruder ſeinen Wünſchen entgegenzuſetzen haben? In Träumen der ſchönſten Zukunft wiegte ſich ſeine Seele.— Aber viele Wochen vergingen und keine Briefe 251 aus Deutſchland kamen. Guido wurde unruhig und unmuthig. Um ſich zu zerſtreuen gab er ſich jetzt oft dem Vergnügen der Jagd hin. Im Schloſſe hatte er keine Ruhe; auch Minona's Benehmen wurde täglich ängſtlicher und geſpannter. Eines Abends ſpät kam er von der Jagd zu⸗ rück. Als er in das allgemeine Geſellſchaftszimmer trat, kam Minona freudig auf ihn zu, einen jun⸗ gen, bleichen Mann an der Hand. „Hier iſt er ſelbſt, hier iſt mein Bruder!“ rief ſie mit jubelnder Stimme dem Geliebten entgegen; „er bringt uns ſeine Liebe, ſeine Einwilligung!“ Guido ſtarrte den Bruder Minona's regungslos an. Er erkannte den einſtigen Bräutigam ſeiner Schweſter in ihm, der, durch die Folgen jenes Falls aus dem Wagen, in Geiſteszerrüttung gerathen. Alles klärte ſich jetzt auf. Minona wußte Guido's frühere Schickſale und wie er die unſchuldige Ur⸗ ſache von dem Ungluͤcke ihres Bruders geworden ſey. Deshalb war ſie zurückgezogen gegen ihn ge⸗ blieben, bis die Leidenſchaft ſie überwältigt; des⸗ halb hatte ſie ihren Familiennamen verſchwiegen; deshalb Nachricht von des Bruders, bereits begon⸗ nener, Wiederherſtellung und deſſen Einwilligung ha⸗ 2⁵² ben wollen. Mac O Naugh's Schweſter war an einen Deutſchen verheirathet worden. Nach ihrem und ihres Gatten Tode blieb der Sohn bei einem väterlichen Verwandten in Deutſchland; die Tochter wurde von dem Oheim in Schottland übernommen. Welche ſüße Empfindung war es für Guido, eins der Opfer ſeines Unſterns gerettet zu ſehen. Er umarmte den Schwager mit Entzücken. Mit freiem, liebenden Gefüͤhl konnte er nun die Ge⸗ liebte, die Braut an ſeine Bruſt drücken. Die Weiſſagung der Mutter vom Berge war erfüllt.— Nicht Guido und die holde Blume von Onta⸗ more allein, begleitet von dem Segen Mac O'Naugh's, gingen zu dem Traualtare. Auch Mi⸗ nona's Bruder fand in der gutmüthigen Hannah den nie gehofften Erſatz für die verlorene Braut. An einem Tage wurden die zwei glücklichen Paare, in der Schloßkapelle von Ontamore, durch den wür⸗ digen Mr. Matters, zur vereinigten Wallfahrt durch das Leben verbunden. Alle aber blieben in Schott⸗ land und verſchönten die letzten Lebensjahre des würdigen Mac O' Naugh Ontamore. 4