Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 1 von. 3 ²(Ednard Oktmann in Gießen, 8 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Leſebedingungen. M1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uyr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 2 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ n angenommen. 4 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme enes Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe nterlegen welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 3 3 5 Abonnament. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: ür wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.— Ff. 1 M. 50 PFf. 2 Mk. pff. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und ete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der denpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſum Erſatz des Ganzen verp flichtet. 4 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird —beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 7 —— —— — „ 4 4 8 — * —— ———— — Alpenblumen. Drei ſchweizeriſche Erzaͤhlungen von 1 Georg Döring. Caſſel, Verlag von J. J. Bohne. 1826. Seppi's Beise zur Mochzeit. . Dem Leſer. Von Alpen hoch hernieder Hol' ich die Blumen mir; Die Blumen werden Lieder, Die Lieder bring' ich dir. In der Landſchaft Hasli, im Berner Ober⸗ lande, liegt das Doͤrflein Imgrund. Hier geht die Einfachheit mit der Armuth Hand in Hand. Was aber die Natur den Men⸗ ſchen an Lebensgenuß und Reichthum ver ſagt, das erſetzt ſie dagegen in reicher Fuͤlle an kraͤftiger Schoͤnheit des Koͤrpers und an dauern der Geſundheit. Die Juͤnglinge dieſes, dure ungeheure Berg⸗ und Felſenwaͤnde von der ganzen uͤbrigen Welt getrennten Thalgrundes, ſind die fertigſten Ringer der Gegend; die b Jungfrauen zeichnen ſich durch ſchlanken Suchs und edle Geſichtsbildung aus. Der Fruͤhling war gekommen. Die ſchän mende Aar ſtuͤrzte ſich, durch niederfließende Schneewaſſer angeſchwellt, in gewaltigen Faͤllen von den Hoͤhen der Grimſel hernieder; die abſchuͤſ⸗ ſigen Felswaͤnde ſandten ungeheure Schneemaſſen in das kleine Thal, deſſen Boden unter den maͤch⸗ tigen Angriffen der Natur erzitterte. Von den Bewohnern wagten ſich nur die kuͤhnern Maͤnner aus den Huͤtten, die Uebrigen blie⸗ ben daheim, mit geeigneten Winterarbeiten beſchaͤftigt. Am Ende des Doͤrfchens, ſchon an dem zu der Grimſel emporſteigenden Gebirgsfuße, egt, geſchieden von den andern Wohnungen, ine Huͤtte: damals von einer Wittwe und ihrem Sohne bewohnt. Dieſer Sohn und ſein verſtorbener Vater hatten das Haͤuschen elbſt erbaut: tuͤchtige Lerchenſtaͤmme zum Viereck behauen„ dieſe genau in einander⸗ gefugt, mit duͤrren Latten bekleidet und auf das leichte Schindeldach maͤchtige Steine gewaͤlzt, — damit die Gewalt des oft fuͤrchterlich durch die Grimſſelſchlucht hernieder heulenden Sturmes der duͤrftigen Wohnung keinen Nachtheil bringe. Als der Vater, ein kuͤhner und gluͤcklicher — 7— Gemsjaͤger, ſtarb, ging Seppi, der Sohn, bei einem reichen Meier zu Waſen am Gotthard in Dienſt. Alles was er hier erſparen konnte, trug Seppi, wenn er von ſeinem Herrn zu einem Beſuche in die Heimath Erlaubniß erhielt, der kraͤnklichen Mutter zu. Freilich war der Weg uͤber den hohen Suſten⸗ berg hoͤchſt beſchwerlich und drohte einen großen Theil des Jahres uͤber mit Gefahren mancher Art; was aber uͤberwindet nicht wahre Kindes⸗ liebe und durch welche Fahrniſſe konnte ein Juͤngling wie Seppi, der ſchon als Knab den Vater oft auf die Gemsjagd beglelre⸗ in Schrecken geſetzt werden? 4 Lange Zeit hindurch hatte der Sohn i immer ein heiteres Geſicht mit heimgebracht. Er mußte der ſorglichen Mutter dann erzaͤhlen von dem Leben und Treiben in Waſen. Die vielbe⸗ ſuchte Gotthardsſtraße, welche dieſen Ort beruͤhrt, brachte einen lebendigeren Verkehr dorthin, als 34 man in dem einſam gelegenen Doͤrflein Im⸗ grund hatte. Manches fuͤr die ſtill lebende — 8— Mutter wichtige Ereigniß wurde dann berichtet; am liebſten aber ſprach Seppi von des Meiers fortwaͤhrender Zufriedenheit mit ſeinen Dien⸗ ſten, von deſſen holder Tochter Aenneli, welche geſchaͤftig und freundlich dem ganzen Hausweſen vorſtehe und ihm gar nicht abge⸗ neigt ſcheine. Aus ſeinen Reden konnte die Mutter leicht abnehmen, daß ſchon ein lieben⸗ des Verſtaͤndniß zwiſchen ihm und der reizenden Aenneli obwalte, und als ſie ihn eines ges ernſt und muͤtterlich darum befragte, das auch Seppi ganz unumwunden. reiche Meier werde, bei ſeiner unverholen rochenen Neigung zu dem tuͤchtigen Seppi, ſeiner Werbung die Tochter nicht : agen. Die Liebenden wollten nur noch den Sommer voruͤbergehen laſſen und wenn dann im Herbſte des Vaters Wohlwollen durch Seppi's fuͤrſorgliche Thaͤtigkeit noch geſteigert ſey, ihn um ſeinen Segen anſprechen. Seppi's Mutter weinte vor Freuden, als e neli war ihm gut: beide hofften der — 9— ihr der Sohn dieſe Hoffnungen mittheilte. Sie ſah ihn ſchon im Geiſte als den ſtattlichen Eidam des Meiers und ſich mancher im Alter ſchwer empfundenen Entbehrung uͤberhoben. Da kam eines Dages bleich und verſtoͤrt der Sohn von Waſen heruͤber. Er trug ſein weniges Gepaͤck in einem Buͤndel und warf dieſen beim Eintritt in die Stube heftig auf den Boden. Die Mutter ſah ihn erſchrocken an.„Alles iſt aus!“ ſprach Seppi.⸗Aenneli muß den reichen Swendi aus Meyringen heirathen. Heute iſt Verlobung. Das arme Maͤdchen wankt wie ein Schatten umher. 3ch konnte das Elend nicht laͤnger ertragen, ſagt e dem hartherzigen Meier auf und bin nun der bei euch, um des Baters Handthierung fortt: zuſetzen. Ueber's Jahr iſt die Hochzeit. Wer weiß, ob nicht bis dahin eine kuͤhne Gemſe 3 mich im Sprunge ergreift und mit ſich hinab⸗— ſtuͤrzt in eine wilde Felſenkluft.“ Die fromme Mutter verwies dem erbitter: ten Sohne dieſe gottloſe Rede und empfahl — 10— ihm„ dem Gange der Vorſehung zu vertrauen, welche Alles wohl mache und ordne. Ein trauriges Leben zog jetzt ein in die kleine Huͤtte. Seppi ſchwaͤrmte meiſt an den hoͤchſten Gebirgshoͤrnern zur todesgefaͤhr⸗ lichen Gemsjagd umher oder ſaß, wenn er daheim war, ſtumm und duͤſter vor ſich hin⸗ ſchauend, in einem Winkel des engen Gemachs. Die theilnehmende Mutter hielt in ſeiner Gegen⸗ wart ihre Thraͤnen zuruͤck, allein im Geheim rannen ſie um ſo haͤufiger. Waͤhrend der bis zu Aenneli's Hochzeitstag ausgeſetzten Friſt, hatte Seppi die Geliebte noch einige⸗ al bei einer Baſe in dem nahe an Waſen legenen Doͤrfchen Mayen geſprochen. Weder Troſt noch Hoffnung war aus ihren Berich⸗ ten zu ſchoͤpfen. Sie hatte dem Vater ihre and Seppi's gegenſeitige Liebe entdeckt; der Vater jedoch war ſehr unwillig bei dieſem Geſtaͤndniſſe g geworden und hatte zuͤrnend erwie⸗ dert, jetzt ſey es doch in jedem Falle zu ſpaͤt zu einer Aenderung. — — 11— Nach der letzten Unterredung, in welcher Seppi dieſes von ſeiner Aenneli erfahren, kam nur noch eine groͤßere Traurigkeit uͤber ihn. Er meinte jetzt, die Schuld an dem ganzen Unheile laͤge nur daran, daß er ſo lange gezoͤgert, dem Alten ſeine Liebe zu der Toch⸗ ter zu entdecken. Er hatte dem Maͤdchen ſein Wort gegeben, ſie am Abende vor ihrer Hoch⸗ zeit noch einmal zu ſehen: das wollte er erfuͤl⸗ len und dann als Kriegsmann in ein fremdee Land gehen. 4 So ſtand es um Seppi's und Aennelios ungluͤckliche Liebe, als der Fruͤhling herbeikam und mit ihm der laͤngſt gefuͤrchtete Hochzeitstag. Eines Morgens trat Seppi mit ſeinem Stutzen auf dem Ruͤcken, die Fuͤße mit den ſtach⸗ lichten Eisſchuhen bekleidet, und den eiſen⸗ beſchlagenen Bergſtab in der Hand zu der erſtaunten Mutter. Bei dieſer Jahreszeit und in dem ſtuͤrmiſchen Schneegeſtoͤber war an keine Gemsjagd zu denken. Die Mutter blickte den Sohn fragend an. „Lebt wohl bis morgen!“ ſagte dieſer. „Ich habe der Aenneli gelobt, ſie heute zu ſprechen und dies Wort muß erfuͤllt werden, ob auch das Leben daran geſetzt werden ſollte.“ „Wie, du willſt heute uͤber den Suſten?“ entgegnete erſchrocken die Alte:„horſt du nicht, wie die Winde hernieder heulen aus der Kluft? Der wild bewegte Schnee wird dir den Athem verſetzen, das Augenlicht blenden und dich in Abgruͤnde fuͤhren!“ Geht doch der Swendi von Mey⸗ ringen heute zur Hochzeit uͤber das Gebirg, ſo kann ich es auch wagen!“ entgegnete bitter und trotzig der Juͤngling. Die Mutter, welche des Sohnes feſten Sinn kannte, machte keine weitere Einwen⸗ dung. Sie drang ihm einige Lebensmittel auf und nahm dann einen innigeren Abſchied von ihm, als gewoͤhnlich, wenn er auf die Gemsjagd zog. Seppi verließ die Huͤtte; Pflock, ſein treuer Hund, eilte in muntern Spruͤngen vor ihm her. „ — 43— Der kuͤhne Gemsjaͤger verſchmaͤhte ſelbſt in dieſer Jahreszeit, die gewoͤhnliche Straße nach der hohen Suſtenſcheideck einzuſchla⸗ gen. Dazu haͤtte er einen bedeutenden Umweg machen muͤſſen und ihn trieb eine liebende Sehnſucht, welche ach! zum Letztenmale befrie⸗ digt werden ſollte. Sobald der ſanfter abſtei⸗ gende Gebirgsfuß es ihm erlaubte, trat er muthig und kuͤhn in den dichten Foͤhrenwald. Er kannte hier faſt jeden Baum und fand auf dieſe Weiſe in der duͤſteren Wildniß man⸗ cherlei Merkzeichen, denen er unbedingt ver⸗ trauen zu duͤrfen glaubte. Dabei hatte er den Vortheil, daß die eng aneinander ſtehenden Staͤmme, durch welche er ſich hindurch wand, ihn gegen den Andrang des furchtbar in ihren Gipfeln wuͤthenden Sturmes und des gewaltigen Schneegeſtobers ſchuͤtzten. Pflock wuͤhlte nach ſeiner gewohnten Art den Pfad im tiefen Schnee vor ihm auf, ſo daß Seppi auch im ſteilen Aufſteigen einige Erleichterung hatte. Oft aber fand ſich das treue Thier ſo — 14— tief im Schnee vergraben, daß ihm dann wiederum der Herr mit vergeltender Huͤlfe beiſtehen mußte. Ein Paar Stunden mochte Seppi ſchon Bergan geſtiegen ſeyn, da wurde die Gegend ploͤtzlich wilder, anſehnliche Fels⸗ maſſen warfen ſich dem Wandrer in den Weg, wiſchen denen oft unter taͤuſchenden Schnee⸗ lagen verderbliche Kluͤfte ſich niederſenkten. Mit Vorſicht umging der Juͤngling dieſe Ge⸗ ahr 1z allein zu ſeinem großen Verdruß 3 merkte er nun, daß die ihm ſonſt genuͤgen⸗ Merkmale durch den Einfluß der Jahres⸗ 4 roßentheils vernichtet waren und er in ei fremde, von der Richtung ſeines Reiſe⸗ ziels abliegende Gegend gerathen ſey. Nach dieſer Erkenntniß ſtrebte er um ſo kraͤftiger zu dem Gipfel des Berges hinan, um von dort aus 3 durch einen freien Blick ins Weite irgend eine Nachweiſung zu erhalten. Der Sturm hatte nachgelaſſen; der Schnee fiel nur noch in ein⸗ zelnen Flocken und hoͤrte bald ganz auf. Pflock ſchien ſeines Herr Verlegenheit zu theilen. — 15— Mit geſenktem Schweife eilte er oft dem Juͤng⸗ linge vor, um gleichſam den kuͤnftigen Pfad zu erkunden, kam aber immer in gleich unmu⸗ thiger Geſtalt zuruͤck. Seppi fuͤhlte ſich von dem Waten im tiefen Schnee und der großen Anſtrengung des Anſteigens auf dem ſchluͤpfri⸗ gen Boden ſchehr ermuͤdet; er wollte aber erſt dann nur einige Ruhe ſchoͤpfen, wenn er ſich von ſeiner Ungewißheit befreit ſaͤhe. Dabei dachte er fortwaͤhrend an Aenneli und an ſein tiefes Liebesleid. Pflock war jetzt auf einem ſeiner Vorangaͤnge laͤnger ausgeblieben, als gewoͤhnlich; ploͤtzlich kehrte er feohlih bellend und in munteren Spruͤngen zuruͤck. Getroſt folgte Seppi nun der Leitung des Hundes, der ihn bald aus dem niedriger und lichter werdenden Foͤhrenwald auf einen freien und hochgelegenen Punkt des Gebirges fuͤhrte. Ein ſchneidender Nordoſtwind blies ihm hier entgegen. Was ſich ſeinem Blicke bot, war keineswegs geeignet, ſeine Sorgen zu zer⸗ ſtreuen. Rechts zu ſeiner Seite gaͤhnte ihn — 16— ein tiefer Abgrund an, deſſen ſteil abgeſchnit⸗ tene Felſen nicht einmal den ſchmiegſamen Schnee an ihrer Oberflaͤche duldeten; in der Tiefe zwiſchen den Felſen wand ſich einem Silberfaden gleich, ein angeſchwollenes Gebirgs⸗ waſſer; dicht vor dem Juͤnglinge und an ſeiner andern Seite dehnte ſich der maͤchtige Steinalp⸗ gletſcher aus, mit gewaltigen Spalten und 3 S vielen abſchuͤſſigen Einfaͤllen. Der hohe Suſten⸗ ſtock ſah trotzig heruͤber; der ungeheure Titlis entfaltete ſeine ſchaurigen Maſſen und zwiſchen beiden ſchaute den uͤberlegenden Seppi faſt ſehnſuͤchtig der zweigeſpitzte Gemſiſtock an, der ihm die Gegend von der Geliebten Woh⸗ nund deutete. Bald hatte Seppi einen Entſchluß gefaßt. 3 Die Straße nach Waſen zieht ſich am Fuße des Steinalpgletſchers hin: er mußte alſo um zu ihr zu gelangen uͤber den Gletſcher. Im Sommer waͤre dieſes Wageſtuͤck dem kraͤf⸗ tigen und kuͤhnen Gemsjaͤger ohne Bedeu⸗ tung geweſen; jetzt aber bargen truͤgeriſche — 17— Schneedecken die unzaͤhlichen Schluͤnde, von denen der Gletſcher durchſchnitten iſt. Der weichende Boden geſtattete dem Wanderer nur ſelten einen ſicheren Fußtritt. Wo der Grund eben und feſt erſchien, da lauerte am erſten der Tod unter der lockenden Huͤlle. Seppi kannte alle dieſe Gefahren. Vorſichtig und langſam beſtieg er den Gletſcher; noch vor⸗ ſichtiger kletterte er an den ſtarren Eiszacken hernieder. Winſelnd kroch Pflock neben ſei⸗ nem Herrn hin. Das treue Thier ſchien di Gefahr zu erkennen, in welcher ſie Beide ſchwebten. Mit großer Anſtrengung hatte der Juͤngling einen anſehnlichen Theil des gefahr⸗ vollen Wegs zuruͤckgelegt: bald mußte er ſteile Abhaͤnge heruntergleiten, bald in gewagten Spruͤngen gaͤhnende Spalten uͤberſchreiten, bald eine nur wenigen Anhalt bietende Eiswand erſteigen. Pflock entfernte ſich bei ſolchen Gelegenheiten oft von ihm, fand ſich aber immer wieder. Schon war Seppi dem Fuße des Gletſchers nicht mehr fern; ſein ſcharfes 2 — 18— Auge konnte die ſtrohumwundenen Pfaͤhle unter⸗ ſcheiden, welche die unter dem Schnee fortlau⸗ fende Straße bezeichneten; nur noch eine kurze Muͤhſeligkeit und er hatte uͤberwunden. Da ploͤtzlich brach eine duͤnne Eisrinde unter ſeinen Fuͤßen. Vergeblich ſtrebte ſeine Hand einen feſten Haltpunkt zu gewinnen: er ſtuͤrzte beſin⸗ ngslos in eine tiefe Spalte hinab. Pf lock ilte dem verſchwindenden Herrn nach; das horte noch dieſer wie im Traume!— Seppi war durch die Fahrt in den Abgrund nur wenig verletzt worden. Die mit chnee belegten Eiswaͤnde hatten ſeinem Korper ine beſtimmte Richtung gegeben, ſo daß er auf den Fuͤßen ſtehend in der Tiefe anlangte. Hier erhielt er auch bald das durch die uͤberraſchende Erſchuͤt⸗ terung geraubte Bewußtſeyn wieder. Er ſtand unter einem Eisgewoͤlbe von bedeutender Hoͤhe. Zu ſeinen Fuͤßen rauſchte ein kleiner Bach. Eine duͤſtere Beleuchtung ſchwebte uͤber der, von der ganzen uͤbrigen Welt getrennten Woh⸗ nung.. bi — 419— Als der Juͤngling die ſchreckliche Lage erkannte, in der er ſich befand, rief er ſeuf⸗ zend aus: „Nun werde ich die liebe Aenneli wohl nimmermehr wiederſehen! Gluͤcklich und unge⸗ ſtoͤrt kann jetzt Swendi mit ihr leben: der arme Seppi hat nun keine Anſpruͤche mehr!“ Der Gedanken an ſeine Mutter ergriff ihn mit Allgewalt. „Sie wird ſich zu Tode graͤmen, wemn ich nicht wiederkehre!“ ſagte er leiſe und traurig vor ſich hin.„Nun, dann kommen wir ja doch wieder zuſammen und gluͤcklicher wie auf Erden!“ fuͤgte er mit frommer Ergebung hinzu. Aus der Ferne hatte Seppi bisher nech immer des treuen Pflocks aͤngſtliches Geheul vernommen. Jetzt ſchwieg auch dieſes und eine ſchauerige Oede umgab den verlaſſenen Juͤng⸗ ling. Er betrachtete mit geſteigerter Aufmerk⸗ ſamkeit den Ort, wo er ſein Leben auf irgend eine graͤßliche Weiſe, durch den Hungertod oder durch einen entſchloſſenen Druck an das 2* — 20— Schloß ſeines Stutzen endigen ſollte. Jeder Ausweg ſchien von Eiswaͤnden verſperrt; der kleine Vorſprung, auf welchem er ſtand, ward von dem Bache beſpuͤlt, der ſich unter einem niedern Gewoͤlbe hinweg nach einem unbe⸗ kannten Gebiete des Gletſchers draͤngte. Seppi nahm ſein Gewehr vom Ruͤcken. Er wollte, bei aller Unwahrſcheinlichkeit irgend eines Erfolges, doch den Verſuch machen, durch abgemeſſene Schuͤſſe einen etwa auf der Straße Doruͤbergehenden, von ſeinem ſchrecklichen Schick⸗ ſale zu benachrichtigen. Der letzte Schuß ſollte, wenn alle Ausſicht auf Huͤlfe verſchwunden waͤre, fuͤr ihn bleiben. Eben war er im Begriffe, die lederne Kapſel von dem wohl⸗ verwahrten Schloſſe des Stutzen zu nehmen: da hoͤrte er Pflocks freudiges Bellen zu ſei⸗ nen Fuͤßen. Verwunderungsvoll ließ Seppi den Arm mit dem gehobenen Stutzen ſinken. Noch konnte er das treue Thier nicht ſehen: nach wenigen Augenblicken aber kam Pflock den Gletſcherbach keuchend herangeſchwommen und 2eeeAe — 21— war mit einem gewaltigen Sprunge an der Seite ſeines Herrn. Des Hundes Jubel war unbeſchreiblich. Seppi konnte ſich nicht ent⸗ halten, ihn an ſeine Vruſt zu druͤcken, und ſprach: „Du treuer Pflock, kommſt du um mit mir zu ſterben?“ Pflock aber riß ſich los aus den Armen 9 ſeines Herrn, ſprang wieder in den Bach und ſah ſich wedelnd nach Seppi mit einer Miene um, als lade er ihn ein, ihm auf dem ſchluͤpferigen Wege zu folgen. Da glaͤnzte ein neuer Hoffnungsſtrahl in die Bruſt des Juͤnglings. Er wußte, daß aus dem Stein⸗ alpgletſcher, nicht weit von der Straße nach Waſen, ſich ein Bach ergieße. Aus einem weiten Gange floß das Gewaͤſſer. Wahr⸗ 3 ſcheinlich hatte Pflock dieſen Eingang gefun⸗ den und war von hier aus zu dem Herrn empor gedrungen. Von dieſer Ausſicht zur Rettung ergriffen und geſtaͤrkt, ſtieg Seppi 3 zu einer naͤhern Unterſuchung des Flußbettes, — 22— in dieſes hinab. Das ſich bis nahe an die Oberflaͤche des Waſſers andraͤngende Eisge⸗ woͤlbe ſchien Seppi's Durchgang, ſelbſt wenn er dieſen kriechend verſuchen wollte, unmoͤglich zu machen. Mit ungeduldigem Bellen blickte Pflock zu dem Herrn auf. Ja, koͤnnteſt du reden, lieber Pflockt!“ ſeufzte dieſer:„vielleicht vermoͤchteſt du mich zu retten!“ Seppi fuͤhlte mit der Hand nach der 1 zu dem Fluſſe niederſteigenden Eistafel und maß ihre Dicke. Zu ſeiner Freude hielt ſie 42 wenige Zoll. Durch einen kraͤftigen Stoß mit der Kolbe des Stutzen ward ſie geſprengt. Sie ſank hernieder; eine hoͤher ſtehende maͤchtige Tafel folgte ihr nach und— o Wonne des herrlichen Anblicks— Seppi ſah wie durch eine geoͤffnete Pforte in die wohlbekannte Gegend der Suſtenſcheideck; das Doͤrſchen Gadmen lag eine Viertelſtunde entfernt zu ſeinen Fuͤßen; der rieſige Titlis ſtarrte ihm gerade gegenuͤber, in die Wolken; * wie ein ſchones Bild der Hoffnung lag mit dem ſonnebekraͤnzten Gipfel der befreundete Gemſiſtock fernab zur Seite! Nur eine leichte Wand hatte ihn in dem vermeinten Grabe von der Welt und ihrem heitern Leben getrennt. Ohne ſonderliche Muͤhe watete Seppi— jetzt den ſeichten Bach hinab bis zu einer Stelle, wo er bequem an das Ufer ſteigen konnte. Pflock folgte luſtig nach. Als beide ſich wieder auf feſtem Grund und Boden 8 befanden, konnte Seppi nur mit Muͤhe die 2 ſtuͤrmiſchen Liebkoſungen ſeines treuen Gef hr. ten abwehren. Dieſer ſchien den Werth des Dienſtes, welchen er ſeinem Herrn geleiſtet, zu kennen und in der Meinung zu ſtehen: er duͤrfe ſich in ſolcher Ruͤckſicht wohl eine uͤbermaͤßige und außergewoͤhnliche Traulichkeit erlauben. Der Juͤngling milderte freundlich dieſe wilden Ausbruͤche des Jubels und blickte geruͤhrt nach dem Ort zuruͤck, wo er noch — 24— vor wenigen Augenblicken an jeder Hoffnung auf Erloͤſung verzweifelt hatte. Die Sonne war dem Gletſcher gegenuͤber ſo eben aus den Wolken hervorgetreten. Der volle Kranz ihres Lichtes ſtrahlte von dem hohen (Eisgewoͤlbe in einem zauberhaft prismatiſchen Scheine zuruͤck: Seppi ahnte die Gegen⸗ wart einer hoͤhern Macht. Er kniete nie⸗ der und dankte im feurigen Gebete fuͤr die Huͤlfe i in der ſchrecklichen Noth. Sein Gemuͤth war durch dieſes Ereigniß klarer und ruhiger ggeeworden. Er gelobte in dieſem heiligen Mo⸗ mente, daß, ob auch die theure Aenneli nicht die Seinige werden koͤnne, er doch bei der guten Mutter ausharren und ſie pflegen 3 woll bis an ihren Tod. 3 Hierauf ſetzte er langſam ſeinen Gang fort. Der Mittag war herangekommen. Die DSonnenwaͤrme lockerte den ſchneeigen Fußboden und machte ihn hoͤchſt ſchluͤpferig. Auch wurde es jetzt lebendiger in den hohen Gebirgen, welche den kuͤhnen Wanderer umgaben. Er ——& — 26— hoͤrte den Donner der, in tiefe Schluͤnde herabſtuͤrzenden Lavinen, er ſah, wie dieſe erſt langſam und leicht in kleinen Maſſen von den hoͤchſten Gipfeln ſich loͤſten, dann im unaufhaltſamen Fluge und in maͤchtiger Breite, Alles fortreißend, herniederfuhren und zuletzt von dem anhaltenden Grunde ein leichtes Gewoͤlk ſtaͤubenden Schnees heraufſandten. Das Krachen der ſich ſpaltenden Eismaſſen toͤnte wieder in eigener Weiſe dazwiſchen und machte fuͤr Augenblicke das Rauſchen der zahl reichen Bergſtroͤme verſtummen. Pflock kannte alle dieſe Erſcheinungen. Das wilde Getoͤſe erwiederte er mit froͤhlichem Gebell; hielt ſich— aber jetzt, gleich als wolle er nun den einmal verloren geweſenen Herrn ſorgſamer bewachen, dicht an deſſen Seite. Endlich hatte Seppi die Suſtenhoͤhe erſtiegen. Er blickte froh in die neue Gegend, welche hier ſein Auge uͤberſehen konnte. da zog ſich ja das bekannte Mayenthal in einer langen Schlucht hernieder; dort, wo — 26— von Suͤden nach Norden ein leichter Nebel⸗ ſtreif auf den Gebirgen lagerte, ſtroͤmte die Reuß vom Gotthard herab, und in jener fernen, ſcharfwinklichten Bergenge lag der Ort 8 ſeiner Sehnſucht, das liebe Waſen. Waͤhrend Seppi auf dieſer Hoͤhe einige Zeit verweilte, machte er die Bemerkung, daß er nicht ohne große Beſchwerlichkeit das Hiel ſeiner Reiſe erreichen werde. Von der Spitze des Suſtenhornes neigte ſich ein ſchweres Nebelgewoͤlk herab nach dem Mayenthale. Ddiiſe Erſcheinung war der beſtimmte Ver⸗ kuͤndiger eines neuen Schneegeſtoͤbers. Der Wind hatte eine andere Richtung genommen; er blies jetzt ſcharf und ſchneidend aus Suͤden, von den Gipfeln des Gotthards nieder. Entſchloſſen ſchritt Seppi mit Pflock, dem reuen Hunde, in's Thal hinab. Die ſtachlich⸗ ten Bergſchuhe und der eiſenbelegte Staab khhaten ihm jetzt gute Dienſte in dem aufge⸗ hauten Grunde. Eine neue Bemerkung, welche ſich ihm aufdraͤngte, ſchaͤrfte unerwartet den — 27— Dorn des Liebesſchmerzes in der Bruſt des Juͤnglings. Er erkannte in dem lockern Schnee⸗ boden die Spuren eines Saumthiers, das hoͤchſtens den Vorſprung von einer Stunde vor ihm haben konnte. Ohne Zweifel war Swendi, Aenneli's gluͤcklicher Braͤutigam, ſchon hinabgezogen in das untenliegende Thal. In traurige Gedanken vertieft ging Seppi weiter; bald aber ward es um ihn ſo duͤſter, wie in ſeiner Seele. Der Nebel vom Suſten hatte die Mayenſchlucht und den einſamen Wanderer erreicht. Das heranſtuͤrmende Ge⸗ woͤlk loͤſte ſich in den wilden Tanz eines dich⸗ ten Schneegeſtoͤbers auf. Der Wind ward immer gewaltiger; der Donner der ſtuͤrzenden Lavinen hallte haͤufiger aus den Bergen wieder. Seppi arbeitete mit Anſtrengung dem Schnee und Sturm entgegen; dabei richtete er ſeine Aufmerkſamkeit auf die von Raum zu Raum, zur Bezeichnung der Straße aufgerichteten Pfaͤhle. So mochte er bei zwei Stunden vorwaͤrts geſchritten ſeyn. Da wurde aber — 28— ploͤtmzlich der Schnee ſo dicht, daß Seppi nirgends mehr einen Wegpfahl erkannte und ſich mit einemmale von ſeinem Pfade ab, am Eingange einer ihm durchaus fremden Berg⸗ 8 ſchlucht befand. Zum Gluͤck fuͤhrte er, wie das jeder Gemsjaͤger gewohnt iſt zu thun, ſeinen Compaß mit ſich. Er berechnete eben nach dieſem die Himmelsgegend, zu welcher er ſich tzt zu wenden habe, als dicht neben ihm das Gewieher eines Saumroſſes erſchallte. Seppi horchte verwundert auf; Pflock ant⸗ wortete mit einem haſtigen Bellen und eilte nach der Gegend, in welcher jenes Geraͤuſch ſih erhoben hatte. Gleich darauf hoͤrte ſein Herr ihn aͤngſtlich und unruhig heulen. Be⸗ 4 3 ſorgt um den treuen Hund folgte der Juͤng⸗ ling ihm ſchnell nach. Ein uͤberraſchender Anblick erwartete hier den herzutretenden Seppi. An einem uͤber⸗ hangenden Felſen ſtand ruhig und wie feſt⸗ gebannt ein ſchwer beladenes Saumthier. Unter der Decke eines Felſens hatte ſich, wahrſchein⸗ . -2 G— — 29— lich zum Ausruhen und um Schutz gegen Sturm und Schnee zu finden, ein wohlge⸗ kleideter Mann gelagert. Eine unwiderſtehliche Muͤdigkeit mochte uͤber ihn gekommen ſeyn, ſo daß er ſich dem gefaͤhrlichen Schlafe uͤber⸗ laſſen hatte, deſſen unausbleibliche Folge der letzte Schlummer in den Banden der Erſtar⸗ 33 rung und des Froſtes iſt. Der Mann ſchien bereits todt; ſeine Wangen waren bleich und geſchwollen, die Glieder ſtarr ausgeſtreckt. Seppi beugte ſich zu ihm hernieder; er erkannte den Mann: ſeltſames Geſchick! es war der gehaßte Feind ſeiner Liebe und ſeines Gluͤckes, Aenneli's Braͤutigam,— der reiche Swendi. Der ſonſt ſo unerſchrockene Seppi ward von einem Schauder ergriffen. Die erſte Regung ſeines Herzens gebot ihm, auf das Schleunigſte jedes Mittel der Rettung zu ver⸗ ſuchen. Dann aber war es ihm, als fluͤſtere ein boͤſer Daͤmon in ſeine Seele: ———— — 30— „Was rufſt du doch deinen Feind zuruͤck in's Leben? Er iſt die Scheidewand zwiſchen dir und der Geliebten. Laß ihn liegen! Gehe weiter und— werde gluͤcklich.“ Aber mit einemmale ſtand die Erinnerung der am heutigen Morgen von ihm ſelbſt uͤber⸗ ſtandenen Gefahr und der wunderbaren Huͤlfe, ein geringes Thier, vor ſeiner Seele. ss hatte die Vorſehung an ihm gethan und ſollte nun einen ſeiner Mitmenſchen bei⸗ ſtandslos umkommen laſſen? Nimmermehr! Des Juͤnglings reiner Sinn, der nun in ſei⸗ er ganzen Macht erwacht war, beſiegte die Verſuchung der Hoͤlle. Pflock war bereits nit großer Anſtrengung um den Erſtarrten beſchaͤftigt. Er leckte ihm Geſicht und Haͤnde und hatte dabei ſchon mehreremale klug und aus⸗ drucksvoll zu ſeinem Herrn emporgeblickt, als erwarte er auch von dieſer Seite eine huͤlf⸗ reiche Bemuͤhung. „Swendi war in der That dem Tode naͤher, als dem Leben. Der Gang des Pul⸗ — 34— ſes war kaum mehr zu gewahren, das Herz ſchlug nur noch in langſamen, matten Regun⸗ gen. Zum Gluͤck hatte Sepppi's vorſorg⸗ liche Mutter den Juͤngling mit einer anſehn⸗ lichen Flaſche Chruͤſiwaſſer verſehen. Mit dieſer geiſtigen Fluͤſſigkeit rieb Seppi jetzt emſig Schlaͤfe und Herzgrube des Bewuſtloſen, waͤhrend Pflock ſtandhaft in ſeinen Huͤlfs⸗ leiſtungen fortfuhr. Als endlich Seppi, nach halbſtuͤndiger Anſtrengung, ein regeres Leben in den Pulſen Swendi's bemerkte, floſte er ihm vorſichtig einige Tropfen Chruͤſi⸗ waſſer ein. Dann fuhr er aufs Neue in den Reibungen fort. Endlich ſah er ſeine Bemuͤ⸗ hungen durch einen guͤnſtigen Erfolg gekront; 4 Swendi ſchlug die Augen auf. Bald konnte dieſer auch mit matter Zunge einen Dank ſtammeln; aber noch vermochte er nicht ſich zu erheben. Pflock ſprang nun wiederluſtig um⸗ her und bellte geſellig zu dem Saumthiere hinauf. Da waͤlzte ploͤtzlich ein furchtbarer Don⸗ ner ſich die enge Gebirgsſchlucht herab. — 32— „Um Gotteswillen, wir ſind verloren!“ ſchrie Seppi:„das iſt eine Schlaglavine, welche gerade auf uns losſtroͤmt. Ich fuͤhle es am Drucke der Luft.“ Miit Rieſenſtarke faßte der kraͤftige Juͤng⸗ ling den machtloſen Swendi beim Kragen d ſchleifte ihn in wilder Eile am Boden fort, um die Ecke des felſigten Vorſprungs, der nun zur Scheidewand zwiſchen den anderern und dem Laufe der Lavine ward. flock ſprang heulend mit. Sie waren geret⸗ tet. Im ſelben Augenblicke ſtuͤrzte mit betaͤu⸗ bendem Krachen die Lavine hinter ihnen hinab und riß das zuruͤckgelaſſene Saumthier ſammt ſ er Ladung in einen unabſehbaren Abgrund. Von der Erſchuͤtterung der Luft maͤchtig getrof⸗ fen, fiel Seppi an Swendi's Seite nieder.—. Der Donner der Lavine verlor ſich in der Ferne. Wahrſcheinlich hatte dieſes Natur⸗ ereigniß dem auf dem Thale liegenden Schnee⸗ gewoͤlke feindlich entgegengewirkt; letzteres zer⸗ — 33— ſtreute ſich mit einemmale und das wilde Flockengeſtoͤber hoͤrte ploͤtzlich auf. Seppi, der von ſeinem unerwarteten Falle raſch wie⸗ der empor geſprungen war, erkannte nun ſogleich die Gegend in welcher er ſich mit ſei⸗ nem gluͤcklichen Nebenbuhler befand. Er war nur um wenige Schritte ſeitab vom rechten Pfade gekommen. Der dichte Nebel zog jetzt wie ein Vorhang ſich von der Umgegende empor und ließ die heiterſte Fernſicht offen. Auch Swendi hatte ſeine Kraͤfte wieder geſammelt. Er bot dem Seppi tauetig die Rechte und ſprach: 3 „Du haſt mich aus doppelter ebengee 3 fahr errettet. Ohne deine Huͤlfe waͤre ich dem toͤdtenden Froſte zum Raube geblieben; ohne deinen Beiſtand laͤg' ich zerſchmettert im Ab⸗ grunde an der Seite meines armen Saum⸗ roſſes!“ Er mußte Seppi's Arm ergreifen, um ſich bei den erſten ſchwankenden Schrit⸗ ten auf dem eabſchüſſigen Boden zu ſtuͤtzen. 3 — 34— Dann fuhr er fort, indem er zu der Tiefe blickte, aus welcher fortwaͤhrend ein fernes Donnergeraͤuſch der noch immer abwaͤrts rol⸗ len den Lavine heraufdrang: „Da unten ſind nun wohl fuͤr immer die Geſchenke begraben, mit welchen ich das Saumthier beladen hatte und welche fuͤr Aenneli beſtimmt waren!“ Gedankenvoll blieb ſein Auge an dem Grunde hangen; Seppi konnte ſich nicht enthalten bei dieſer Erwaͤhnung ſeiner Gelieb⸗ ten tief aufzuſeufzen. Swendi aber kehrte ſich mit den Worten zu ihm: „Womit kann ich dir deine treue Huͤlfe belohnen, Nachbar Seppi? Nenne dein Be⸗ gehren, und in ſofern ich's vermag, ſoll es erfuͤllt werden.“ „Ich habe nur Menſchenpflicht geuͤbt!“ entgegnete Seppi,„und,“ fuͤgte er dann leiſe und traurig hinzu:„was ich von euch erheiſchen moͤchte, wuͤrdet ihr mir doch nicht gewaͤhren!“ — 35— Wie auch Swendi um eine naͤhere Erklaͤrung dieſer unbeſtimmten Antwort in ſeinen Gefaͤhrten dringen mochte, dieſer be⸗ harrte von nun an in einem trotzigen Still⸗ ſchweigen. Swendi unterließ deßhalb end⸗ lich jede weitere Frage; allein er ſchien auf— ganz beſondere Vermuthungen zu gerathen und ging jetzt des Weges eben ſo ſtill und gedan⸗ kenvoll fuͤrbaß, wie der in ſich gekehrte Seppi. Das ſchreckliche Toſen des wilden Mayen⸗ bachs, welcher ſich in der neben ihrem Pfade fortlaufenden Felſenkluft ſchaͤumend herab⸗ waͤlzte, machte ohnehin jede anhaltende Unter⸗ redung unmoͤglich. Ohne weiteren Unfall lang⸗ ten die beiden Wanderer, mit dem Eintritte der Daͤmmerung in der Naͤhe des Dorſen Waſen an. Seppi hatte ſich vorgenommen, bei einem ſeiner Bekannten abzutreten und von dort aus die Gelegenheit zu einer Zuſam⸗ menkunft mit der geliebten Aenneli zu ſuchen. Der Wunſch ſie noch einmal zu 3* — 36— ſehen und Abſchied von ihr zu nehmen, ehe er ſie auf ewig verlieren ſollte, war in den Augen des Juͤnglings rein und ſtraflos. Seinen treuen Pflock aber hatte das Schickſal zur Vereitlung dieſer Abſicht erſehen. Als naͤmlich die beiden ſtummen Reiſe⸗ ſenoſſen, neben dem in die wuͤthende Reuß ilenden Mayenbach, hinaustraten in die veite, vom Mondeslicht durchfloſſene Gott⸗ hardsſchlucht und nun das Dorf Waſen 4 mit ſeiner hochgelegenen Kirche und ſeinen weißen Haͤuſern ihnen freundlich entgegen leuch⸗ teete, entfernte ſich Pflock ganz in der Stille von ſeinem Herrn und lief, ſeiner alten Ge⸗ wohnheit nach, voraus in das Haus des Meiers, um dort Seppi's Ankunft zu melden. Die erſte, welche grad dem wohl⸗ bekannten Thiere begegnete, war Aenneli. Wo Pflock war, konnte Seppi nicht weit ſeyn! Aenneli machte ſich ſchnell von Pflocks zudringlichen Freudenbezeigungen los und flog den Pfad durchs Dorf hinab, den — 37— Seppi heraufkommen mußte. Pflock luſtig bellend hintendrein! Nur wenige Schritte hatte das Maͤgdlein zuruͤckgelegt, da trat ihr um die Ecke eines Hauſes der erſehnte Juͤng⸗ ling entgegen. „O du lieber Seppi, ſehe ich dich denn noch einmal wieder!“ rief Aenneli laut und zaͤrtlich aus, indem ſie dem Seppi beide Haͤnde entgegenreichte. Dieſer ergriff wie im Traume die darbotenen Pfaͤnder eines innigen Grußes. In demſelben Augenblicke bog auch Swendi um des Hauſes Mauer. Er hatte wohl Aenneli's freudigen Ausruf⸗ vernom⸗ men und erſchaute jetzt im Glanze des Voll⸗ mondlichts ihre hingebende Stellung. Mit einemmale waren ſeine Vermuthungen uͤber Seppi's fruͤhere raͤthſelhafte Entgegnung im Reinen. Was in den letzten Stunden als deutungsſchwere Ahnung ſeinen Geiſt beſchaͤf⸗ tigt, trat nun ſcharf und erkennbar als Wahr⸗ heit auf ihn ein. — 38— Erſchrocken zog Aenneli bei dem An⸗ blicke Swendis ihre Haͤnde zuruͤck. Dieſer aber bot ihr, als ſey nichts geſchehen, mit Freundlichkeit einen guten Abend. Aenneli befand ſich in großer Verlegenheit. Sie ver⸗ mochte kaum eine Bewillkommung zu ſtam⸗ meln. Zwiſchen beiden Maͤnnern ging ſie lang⸗ ſam ihrem Hauſe wieder zu. Seppi hatte wenig Luſt, ſeinem Nebenbuhler zu weichen; er blieb in trotziger Haltung an Aenneli's Seite. In Swendi's Seele hatte ſich ein Kampf widerſprechender Empfindungen erhoben; noch ward von keinem beſtimmten Entſchluſſe der Sieg gewonnen. Als jedoch am Eingange von des alten Meiers Hauſe Seppi die Nothwen⸗ digkeit ſich zu entfernen einſah und mit weni⸗ gen Worten Abſchied nehmen wollte; da behaup⸗ tete Swendi mit großem Eifer: ſein Lebens⸗ retter duͤrfe an keinem andern Orte die Nacht zubringen, als in ſeiner Naͤhe und in dem Hauſe, in welchem er bereits das Recht eines Sohnes genieße. Aenneli lauſchte hoch auf — — 39— bei dieſer Erklärung. Seppi wideeſſetzte ſich anfangs durchaus den Zumuthungen Swen⸗ di's, als er aber in das leuchtende Auge der Geliebten ſah und in dieſem eine Aufforderung, dem Anſinnen Folge zu leiſten, zu erkennen glaubte, ſo willigte er ein und folgte mit Aenneli dem voranſchreitenden Swendi in das Innere der Wohnung. Der Meier, der ſo eben, bei dem duͤſtern Scheine der von der niedern Decke herabhaͤn⸗ genden Lampe, ſich in einem alten Chronik⸗ buche des Landes an den Heldenthaten der Altvordern— dem kuͤhnen Muthe Wilhelm Tells, der Theilnahme des Urner'ſchen Volkes an den Schlachttagen bei Mo rgarten und Sempach, ſeinem in den Kriegen mit Mailand erworbenen Waffenruhm— ergoͤtzt hatte, ſchritt dem ſchon ſeit Stunden erwar⸗ teten und endlich eintretenden Swendi mit treuherzigem Gruße entgegen. Er konnte aber kaum ſeine Verwunderung bergen, als er hinter dem kraͤftigen Eidam, an Aenneli's Seite, — 40— den bloͤde und verlegen hervortretenden Seppi gewahrte. „Wie, Seppi!“ ſo rief er in der erſten Ueberraſchung aus:„ſeit Jahr und Tag haſt du dich nicht ſehen laſſen und kommſt nun bei dem wilden Wetter, um meiner Tochter Hochzeitsfeier mit zu begehen?“ Sogleich nahm Swendi das Wort. Seine Dankbarkeit ſtroͤmte uͤber im Preiße von Seppi's rühmlicher That. Mit der 1 und lebendigſten Nuͤhrung ſchilderte er ſein huͤlfloſe Lage, wie er kaum von dem muͤthigen Juͤnglinge in's Leben zuruͤckge⸗ rufen, unfehlbar das Opfer der neueintreten⸗ den Todesgefahr geworden ſeyn wuͤrde, wenn cht auch hier Seppi's Geiſtesgegenwart und bereitwilliger Eifer ihn gerettet haͤtten. Swendi ſchien Seppi's Benehmen in ſei⸗ nem eigentlichen Werthe zu erkennen, ſo ſehr war er bewegt waͤhrend der Erzaͤhlung deſſelben. In Aenneli's Augen traten Zaͤhren. Sie konnte ſich nicht enthalten, dem lieben — 41— Seppi verſtohlen die auf ſeinem Nuͤcken lie⸗ gende Hand zu druͤcken. Auch der Meier war tief ergriffen. Er lehnte ſeine beiden Haͤnde auf des Juͤnglings Schultern, ſah ihm treuherzig in die Augen und ſprach: „Wahrlich du biſt ein braver Junge!“ Dann ſetzte er leiſer und in ſich gekehrt hinzu:„der Tell erſchlug ſeinen Feind, der aber“— hier brach er ploͤtzlich ab und wendete ſich mit einem Seufzer wieder zu ſeinem Sitze. Allein ehe er noch dieſen erreichen konnte, fluͤſterte ihm Swendi einige Worte zu, nahm ihn beim Arme und verließ mit ihm das Zim⸗ 8 mer. Seppi blieb allein bei der Geliebten. Beide vernahmen deutlich wie der Vater und 5 der Braͤutigam ſich zu dem im Ober⸗ Stock gelegenen Gaſtgemach begaben und dort mit ſtarken Schritten uͤber ihren Häußtern auf 4 und niedergingen. Auf der Bank des niedern Porzellnofens ſaßen nun Aenneli und Seppi ſtill neben einander. Wie viel man auch bei dieſer Zuſam⸗ — 42— menkunft noch hatte beſprechen wollen: weder der Juͤngling noch die Jungfrau wuſten den Eingang zu einer ſo ſchmerzlichen Unterhaltung zu finden! Zum Letztenmale ſahen ſie ſich: das war der herbe Gedanke, der keinen andern zur Reife kommen ließ. Endlich faßte Seppi des Maͤdchens herabhaͤngende Hand und unter⸗ brach das laͤſtig werdende Stillſchweigen mit folgenden Worten:— „Bei Swendi's Rettung habe ich eigent⸗ lich kein beſonderes Verdienſt! Ich war ſie dem Himmel fuͤr meine eigene Erhaltung in großer Gefahr ſchuldig!“ Durch dieſe Andeutung hatte Seppi die reizbare Stelle im Herzen der Geliebten beruͤhrt. Mit zaͤrtlichem Ungeſtuͤm drang ſie jetzt in ihn, die naͤheren Umſtaͤnde jenes Ereig⸗ niſſes zu berichten. Seppi erzaͤhlte. Hun⸗ dertmal ward er durch Aenneli's theilneh⸗ mende Aeußerungen unterbrochen; ſeine Toll⸗ kuͤhnheit wurde mit Vorwuͤrfen beſtraft, Pflock aber, nachdem ſein Herr zum Schluſſe des .— 43— Berichts gekommen, mit Liebkoſungen uͤberhaͤuft und mit beſonderen Leckerbiſſen bewirthet. Man hatte hieruͤber faſt ganz des Leids der Gegenwart vergeſſen und war wieder in den alten traulichen, beinahe frohen Ton der fruͤ⸗ heren Zeiten gerathen. Da ſtiegen der Meier und Swendi mit harten Tritten aus dem obern Zimmer hernieder. Die beiden jungen Leute entfernten ſich raſch von einander, aber doch nicht ſo ſchnell, daß der eintretende Vater dieſe Bewegung nicht haͤtte bemerken koͤnnen. Laͤchelnd langte er die große Pelzmuͤtze vom Nagel herab. Dann kam er mit ausnehmen der Freundlichkeit zu Seppi und ſagte, indem er dieſen zu ſeiner Tochter fuͤhrte: „Was haltet ihr euch doch ſo fern van einander?— Swendi und ich haben noch einen wichtigen Gang vor. Laßt euch indeſen die Zeit nicht lang werden!“ Nach dieſen Worten iile der Aln hin- aus. Swendi erwartete ihn auf dem Haus⸗ — 44— gange und beide ſchritten nun Arm in Arm ins Dorf. Aenneli war ganz erſtaunt uͤber des BVaters Betragen. Er kannte ihr fruͤheres Verhaͤltniß zu Seppi, er wuſte, daß beider Liebe noch immer nicht erloſchen ſey: und dennoch ſuchte er ſie wieder in eine Vertrau⸗ lichkeit zu bringen, welche nur den unabwend⸗ baren Schmerz der Trennung vermehren mußte! Auch Swendi hatte heute— am Dage vor der Hochzeit— ſich gegen die Braut bei Wei⸗ em nicht mit der zuvorkommenden Zaͤrtlich⸗ nommen, welche ihm wohl ſonſt eigen war. Daruͤber war nun Aenneli freilich nicht boͤſe, allein es fiel ihr doch auf. Ehe aber Aenneli und Seppi, der gleichermaßen ſeine Ueberraſchung offen ausſprach, zu irgend einem Reſultat kommen konnten, ließ ſich ein frohes Getreibe und Gekicher vor der Zim⸗ merthuͤre vernehmen. Naſch wurde dieſe geoff⸗ naet und herein traten Aennelis zahlreiche 3 Freundinnen! — — 45— „Gluͤck und Gruß!“ ſo riefen dieſe jetzt im ſtuͤrmiſchen Einklange, indem ſie die Braut mit ihren Umarmungen faſt erdruͤckten. Seppi ſchlich mißmuthig in einen Winkel des Ge⸗ machs. „Hervor mit dem Braͤutigam!“ jubelten die Maͤdchen und zogen den Widerſtrebenden aus dem duͤſtern Hintergrunde, an den Schein der Lampe. Da war es aber zu Aller Ver⸗ wunderung nicht Swendi, wie man ver⸗ muthet hatte, ſondern der Haslithaler Seppi, der ſchon ehedem mit des Meiers Tochter im Gerede geſtanden hatte. Aenneli mußte ſich nun manchen Scherz von ihren Freundin⸗ nen gefallen laſſen, daruͤber, daß man ſie am Abende vor ihrem Hochzeitstage nicht mit ihrem Braͤutigam, ſondern mit einem fremden Jung⸗ geſellen zuſammen getroffen. Ihr Erroͤthen reizte die ſchalkhaften Maͤdchen nur noch mehr. Eine Kleine verſicherte, ſie habe ſo eben den Meier mit Swendi in des Herrn Pfarrers Haus gehen ſehen. — — 46— „Am Ende wird der Braͤutigam umge⸗ tauſcht!“ rief eine Groͤßere mit ſchallendem Gelaͤchter aus, in welches die Uebrigen ein⸗ ſtimmten. Der Scherz wuͤrde wohl noch weiter getrieben worden ſeyn, wenn nicht in dieſem Augenblicke Aennelis Vater und Swendi zuruͤckgekommen waͤren. Der Meier hieß Alle freundlich willkommen. Die Maͤdchen woollten den Braͤutigam umringen und nun bei dieſem ihre Gluͤckwuͤnſche ausrichten, allein Swendi fiel ihnen ins Wort und erklaͤrte: ddie Hochzeit koͤnne aus gewiſſen Gruͤnden nicht morgen, ſondern erſt uͤbermorgen ſtatt finden. Die Nachricht von dem Aufſchube der laͤngſt erſehnten Feſtlichkeit machte ſie mit einemmale ſtill. Sie ſetzten ſich in einzelnen Gruppen auf die, an den Waͤnden des Zimmers angeſchlagenen 3 Baͤnke und ſchienen dort im eifrigen Geſpraͤch uͤber die ſo eben erlebten ſeltſamen Dinge ſich leiſe zu unterhalten. — 47— Der Meier bſſtaͤtigte ſeiner Tochter Swendi's Ausſage. Zugleich fuͤgte er hinzu, daß er und Swendi in der Fruͤhe des mor⸗ genden Tages nothwendiger Weiſe einen Ritt nach Altdorf, dem Hauptorte des Cantons unternehmen muͤßten und erſt ſpaͤt Abends wiederkehren wuͤrden. Aenneli vermochte 3 nichts zu erwiedern. In ihrem Koͤpfchen wir⸗ belte es von unbeſtimmten und voruͤberfliegen⸗ den Gedanken. Sie kam ſich gar nicht mehr wie Swendi's Braut vor. Dieſer hatte ſeit der Ruͤckkehr auch noch kein Wort mit ihr geſpro⸗ chen. Als ſie ſich jetzt aber anſchickte, nach des Baters Gebot den Abendtiſch zuzurichten, trat Swendi zu ihr und ſagte mit einem herzlichen Haͤndedrucke, den A enneli's Hand jedoch ohne irgend eine Regung empfing: Sey uͤberzeugt, liebe Aen neli, ich werde dich gluͤcklich machen!“ Das fiel dem Maͤdchen wieder ſchwer aufs Herz, und der ganze Jammer ihres Brautſtan⸗ des ging wieder klar vor ihrer Seele auf. f b — 48— „Seppi,“ hatte unterdeſſen der Meier zu dem Juͤnglinge geſprochen:„du mußt mor⸗ gen und uͤbermorgen noch bei uns bleiben. Wir wollen noch recht froh mit einander wer⸗ den. Der Hochzeitstag ſoll uns als ein rech⸗ ter Freudentag aufgehn!“ Seppi hatte eine bittere Antwort auf der Zunge. Der Alte blickte ihn aber ſo treu⸗ herzig und gutmuͤthig an, daß er ſie nicht vorbringen konnte. Auf des Juͤnglings ſonſtige Einwendungen achtete der Meier durchaus nicht, und ließ nicht eher von ihm ab, bis er ihm die Erfullung ſeines Verlangens mit eeinem Handſchlage zugeſichert hatte.„Meinet⸗ wegen!“ dachte Seppi.„Ihr wollt's nicht anders, drum mag es ſeyn! Warum ſollte ich auch das Gluͤck von mir ſtoßen wenn mir's aufgedrungen wird? Noch einen Tag will ich froh ſeyn mit Aenn eli, dann iſt's ja vorbei fuͤr immer!“ Beim Abendtiſche ging es nicht ſonder⸗ uch luſtig her. Aenneli ſaß zwiſchen ihrm — 49— Braͤutigam und Seppi. An der Seite Swendi's befand ſich der Vater, mit wel⸗ chem jener ſich unausgeſetzt unterhielt, ohne fuͤr ſeine Braut eine weitere Aufmerkſamkeit zu zeigen. Aenneli und Seppi hatten nicht den Muth viel mit einander zu plaudern: Beide waren von der Seltſamkeit ihrer Lage gedruͤckt. Die Scherze der Maͤdchen wurden entweder gar nicht oder mit Ungeſchick erwie⸗ dert, ſo daß Aenneli's Freundinnen in der 3 Hoffnung auf einen froͤhlichen Abend getaͤuſcht, bald aufbrachen und ſich entfernten. Als Seppi ſich mit ſeinem Pflock in der Kammer befand, welche ihm auch ehedem zur Wohnung gedient hatte, kamen ihm die Ereigniſſe des heutigen Tages nur wie ein ſonderbarer Traum vor. Das Ziel ſeiner Wuͤn⸗ ſche, welches er durch die gefahrvolle Reiſe zu erreichen gedacht, war nur ein fluͤchtiger und heimlicher Abſchied von Aenneli gewe⸗ ſen, ein verſtohlener Haͤndedruck; die hoͤchſte Hoffnung: ein letzter Kuß! Jetzt ſah er ſich 4 — 50— wohl aufgenommen bei dem alten Meier; Swendi hatte es faſt abſichtlich vermieden, ihm irgend einen Anlaß zu Eiferſucht und Verdruß zu geben; er weilte wieder einmal unter einem Dache mit der Geliebten und die ſchreckliche Hochzeit war um einen Tag hin⸗ ausgeſchoben, den er ganz allein mit Aenneli hinbringen ſollte. Da fiel ihm aber mit einem⸗ male das furchtbare Uebermorgen ſchwer aufs Herz! 44 „Ja, Uebermorgen!“ ſo ſeufzte er tief auf, indem er vor den, ſeinen Herrn recht ver⸗ ſtändig anſchauenden, Pflock hintrat:„Ueber⸗ 3 morgen in aller Fruͤhe ziehen wir aus in Unglüͤck und Verzweiflung! Nicht wahr, mein treuer Hund?“— Pflock ſchien aber von dieſem Ungluͤck und dieſer Verzweiflung noch gar keine Ahnung zu haben, denn er ſprang gar munter an ſei⸗ nem Herrn in die Hoͤhe und wuſte dieſen ſo geſchickt in ein ſpielendes Ringen zu verwickeln, — 51— daß der erwachte Truͤbſinn auf eine wohlthaͤtige Weiſe zerſtreut wurde.— Der Morgen des folgenden Tages brach an, heiter und kalt, mit einem ſcharfen Foͤhnwind vom Gotthard herab. Seppi lag noch, erſchoͤpft von den geſtrigen Begegniſſen, im tiefen Schlummer, als ſchon Swendi und der Meier in aller Fruͤh das Dorf verließen. Ein Knecht mit einem leeren Saumthiere mußte ſie begleiten. Aenneli, welche ihnen das Fruͤhſtuͤck dargereicht hatte, blickte von der hochgelegenen Hausthuͤre aus ihrem Zuge ſinnend nach. Aber ſo viel das liebliche Maͤd⸗ chen auch ſinnen mochte: ſie konnte nicht her⸗ ausbringen, was der Vater mit dem Swendi in Altdorf zu thun habe und fuͤr wen das Saumthier beſtimmt ſey, mit welchem ihnen der Knecht gefolgt war. Aenneli wies das fernere fruchtloſe Nachdenken zuruͤck und ging ihren Hausgeſchaͤften nach. Bald mußte ja Seppi herabkommen; dann wollte ſie ſchon manche noͤthige Arbeit beſeitigt haben, um 4*½ — 52— ungeſtoͤrt mit dem Juͤnglinge koſen zu koͤnnen. Ehe jedoch Seppi ſich aus den Banden des Schlafs loßreißen konnte, erſchien ein anderer unwillkommner Beſuch. Aenneli's bejahrte Muhme ſtellte ſich ein und ordnete mit aller Autoritaͤt einer nahen Verwandten, welche bisher bei dem Maͤdchen Mutterſtelle vertreten hatte, die Bereitung zu dem Feſte des naͤch⸗ ſten Tages an. Da war Aenneli's Bei⸗ ſtand bald an allen Ecken und Enden noͤthig. Kaum konnte ſie dem endlich niederſteigenden Seppi einen fluͤchtigen guten Morgen bieten. Die Muhme war auf Tritten und Schritten hinter ihr drein. Verdrießlich ſetzte ſich Seppi in die große Wohnſtube und gedachte ſich mit Leſen in dem alten Chronikbuche des Meiers die Zeit zu vertreiben, bis ein guͤnſtiger Augen⸗ blick ihm die liebe Aenneli zufuͤhren wuͤrde. Aber die betriebſame Muhme vereitelte jede Gelegenheit zu dem erſehnten Stelldichein. So ging der Morgen voruͤber. Nachmittags war noch weniger an ein trauliches Zwei⸗ — 53— geſpraͤch zu denken. Der Oberſenn von der Mayenalp, welchem die Bereitung des gewal⸗ tigen Hochzeitskaͤſes aufgetragen war, langte an; auch Aenneli's Freundinnen eilten wie⸗ der von allen Seiten herbei und ließen mit Necken und Scherzen von der ungeduldigen und verlegenen Braut gar nicht ab. Seppi war faſt außer ſich. Dem Anſcheine nach ſollte ſelbſt jener kurze Abſchied, der fluͤchtige Haͤndedruck und letzte Kuß nicht einmal zu Stande kom⸗ men, deren er am geſtrigen Abende nicht ohns Geringſchaͤtzung gedacht hatte. „Beim heiligen Anton!“ ſo ſprach er leiſe vor ſich hin:„ich weiche nicht von der Stelle, ehe ich ſie noch einmal allein geſprochen und ſollte es ſelbſt nach der Hochzeit ſeyn!“ Dabei druͤckte er dem neben ihm auf der Bank ſchlummernden Pflock in Vergeſſenheit die Pfote ſo heftig, daß das arme Thier laut aufſchrie und ſich hinkend in einen Winkel des Zimmers fluͤchtete, von dem aus es — 54— furchtſam nach dem uͤbel gelaunten Herrn her⸗ uͤber blickte.— Mit dem Eintritte des Abends kehrten auch der Meier und Swendi von ihrem Gange nach Altdorf zuruͤck. Beide waren hoͤchſt froͤhlichen Muthes. Seppi und der Ober⸗ ſenn mußten ſich mit ihnen niederſetzen und ihnen in feurigem italieniſchen Wein Beſcheid thun. Unterdeſſen wurde Aenneli in dem Kreiſe der Freundinnen feſtgehalten, welche, wie es an einem ſolchen Feſtvorabende wohl oͤfters zu geſchehen pflegte, brennende Flachs⸗ baͤllchen in die Luft blieſen und aus ihrem Fluge allerlei Vorbedeutungen ſchloſſen. Seppi mußte die von dem Oberſenn ausgebrachte Geſundheit des Brautpaars mittrinken; er verzog dabei ſein Geſicht, als haͤtte er Galle niedergeſchluckt. Swendi und der Meier ſahen einander an und laͤchelten. Wer uͤbrigens wie auf Kohlen ſaß, das waren Seppi und Aenneli; allein mit aller Ungeduld kamen ſie nicht weiter. Die Andern ließen ſich durch — 55— ihr muͤrriſches Betragen in ihrem Frohſinne nicht irre machen; Swendi war zu Seppi's groͤßtem Aerger am heutigen Abende bei Wei⸗ tem zaͤrtlicher gegen ſeine Braut, als am geſtrigen; der Meier erzaͤhlte in der heiter⸗ ſten Laune einen muntern Streich nach dem andern aus ſeiner Jugendzeit, und als Seppi einmal gedachte der hinausgegangenen Aen⸗ neli ungeſehen zu folgen, hielt ihn gleich der Alte zuruͤck und noͤthigte ihn, an der eben zur Sprache gekommenen Geſundheit des Schwei⸗ zerbundes auf dem Gruͤtli Theil zu nehmen. Der Abend war im Fluge voruͤbergegangen. Seppi wurde von dem Meier bis zu ſei⸗ nem Schlafgemache begleitet. Hier uͤberdachte er mit Ingrimm den vergangenen Tag und befeſtigte ſich nur trotziger in dem Vorſatze: von Aenneli um jeden Preis einen letzten Abſchied zu nehmen. Er warf ſich auf ſein Lager, ohne Ruhe zu finden. Neidiſch ſah er auf den, im Mondenlicht in der Mitte des Gemachs ſchlummernden Pflock, dem keine ungluͤckliche Liebe und keine verfehlte Hoff⸗ nung den Schlaf verdarben.— Als Seppi am fruͤhen Morgen in das Wohngemach herabkam, fand er ſchon Aen⸗ neli braͤutlich geſchmuͤckt, aber dabei bleich 3 wie der Schnee am Jungfraugipfel. Der MNeier und ihre Muhme waren zugegen. Das Maͤdchen ſchien geweint zu haben. Muͤhſam veerbarg Seppi die innere Zerknirſchung. Zu ſeiner unangenehmen Ueberraſchung ſollte nun, wie der Meier ihm anzeigte, die Trauung, welche fruͤher auf den Nachmittag beſtimmt geeweſen, ſchon am Morgen vollzogen werden. Sowendi trat feſtlich gekleidet herein; au er war blaß und ſchien die Nacht in Unruhe zugebracht zu haben. Er hielt ſich in einer gewiſſen Entfernung von Aenneli, faſt mehr, als es einem Braͤutigam am Hochzeitsmorgen geziemte. Die Muhme betrachtete ihn deßhalb mit unwilligen Blicken. Da kamen nun auch die Maͤdchen und Juͤnglinge des Orts in ihren Feſtkleidern herbei, um den feierlichen Zug — 57— in die Kirche bilden zu helfen. Seppi's Herz klopfte ungeſtuͤm; es war ihm, als ſollte er ploͤtziich wild drein fahren und auf irgend eine tolle Art dem ganzen Weſen ein Ende machen. Treuherzig ergriff jetzt der Meier des duͤſter daſtehenden Juͤnglings Hand und ſprach: „Seppi, du mußt mir einen Gefällen thun! Es fehlt mir an einem ſchmucken Brautfuͤhrer fuͤr Aenneli. Dazu waͤre denn ein ſchlanker Haslithaler Burſch wie du, ganz geeignet! Schlage mir die Bitte nicht ab und. fuͤhr)e Aenneli an den Altar! Ich diene gern wieder.“. Der Alte nahm Seppi's Schweigen fuͤr eine Zuſage an und wandte ſich ab, um irgend einen andern Umſtand zu ordnen. „Auch das noch!“ ſeufzte der Juͤngling leiſe fuͤr ſich hin:„Meinetwegen denn! So wird doch ihre Hand noch einmal in der meinen ruhn, ſo wird vielleicht im zaͤrtlichen — 58— Drucke das Gefuͤhl ihres Herzens dem meinen noch einmal begegnen!“ Alles reihete ſich jetzt zum Zuge. Hinter dem Meier und der Muhme ſchritten ſeltſam anzuſehen, Aenneli und Seppi einher: ſie in reichem Brautſtaate; er im rauhen, aber wohlkleidenden Anzuge des fertigen Gems⸗ jaͤgers. Ihnen folgte Swendi an der Hand eines munteren Kindes aus Waſen, dieſem die Schaar der ſtattlichen Burſchen und I Jung⸗ frauen. Seppi druͤckte der Aenneli in ſtummer Verzweiflung zum Oeftern die Hand, aber, mochte es aus Pflichtgefuͤhl oder aus Nichtachtung geſchehen, das Maͤdchen eerwiederte keine dieſer Liebesaͤußerungen. Kalt und regungslos ruhte ihre Hand in der des Brautfuͤhrers. Den Tod im Herzen betrat dieſer die Kirche. Beim Gedraͤnge um den Altar fand es ſich durch eine beſondere Fuͤgung, daß Seppi an die Stelle zu ſtehen kam, welche eigentlich der Braͤutigam haͤtte einneh⸗ men muͤſſen. Swendi befand ſich dagegen en — 59— an dem Platze des Brautfuͤhrers. Allen Um⸗ ſtehenden fiel dies auf; Aenneli und Seppi aber gewahrten bei ihrem innern Jammer nichts davon. Seppi glaubte ſogar in ſeiner Zer⸗ ſtreuung bemerkt zu haben, ihm ſey dieſe Stelle von dem alten Meier ſelbſt angewieſen wor⸗ den. Auch dem Geiſtlichen ſchien dieſer Um⸗ ſtand durchaus gleichguͤltig. Er begann die heilige Ceremonie und brachte bald einige der unruhigern Drauungszeugen, welche uͤber jene Mißſtellung die Koͤpfe fluͤſternd zuſammenſteck⸗ ten, durch ſeine unwilligen Blicke zum Schwei⸗ gen. Seppi hoͤrte in einem dumpfen Hin⸗ bruͤten die Rede des Geiſtlichen an; Aenneli in ſtiller Ergebung. Als nun aber aus dem Munde des ehr⸗ wuͤrdigen Pfarrers die Trauungsformel ſelbſt erklang und nicht Swendi, ſondern Seppi mit Tauf⸗ und Geſchlechtsnamen aufgerufen und befragt wurde: ob er der Aenneli als treuer und redlicher Gatte angehoͤren wolle fuͤr die Dauer ſeines Lebens; als der Geiſt⸗ — 60— liche dem fortwaͤhrend ſchweigenden und ſelt⸗ ſam aufſtarrenden Juͤnglinge dieſe Frage be⸗ ſtimmt und dringender wiederholte: da war es dem Seppi, als gehe eine neue Sonne in ſeinem Herzen auf, deren Glanz ihn begluͤcke und verblende. Er vergaß Gegenwart nnd Vergangenheit; das innere Entzuͤcken duldete keinen andern Gedanken: mit kraͤftiger Stimme drach Seppi ein lautes und vernehmliches Aenneli befand ſich indeſſen in unbe⸗ ſchreiblicher Verlegenheit. Das Benehmen des Geiſtlichen ſchien ihr nur ein Mißgriff, bei dem ſie nicht wuſte, wie ſie ſich betragen ſollte. Als Seppi das entſcheidende Ja aus⸗ geeſprochen, hatte er ihre Hand feſt ergriffen und wollte ſie trotz aller von Seiten des Maͤd⸗ chens aufgewandter Anſtrengungen nicht wie⸗ der frei geben. Aenneli wurde immer aͤngſt⸗ licher. Was ſollte ſie entgegnen, wenn jetzt der Geiſtliche die herkommliche Frage auch an ſie richtete? Ehe ſie aber einen Entſchluß faſſen konnte, war das ſchon geſchehen. Die [2——— — 61— Jungfrau erbebte an allen Gliedern. Auch ihr wiederholte der Pfarrer ſeine Worte und nannte nochmals deutlich Seppi's Namen. Da drang eine ſeltſame Vermuthung in Aen⸗ neli's Seele. Fragend blickte die zweifelnde Braut ihren Vater an. Dem ſchwamm eine Freudenthraͤne im Auge und mit freund⸗ lichem Laͤcheln gab er der Tochter einen bejahen⸗ den Wink. Nun war Aenneli ihres Gluͤckes gewiß. Das heiterſte Ja, was nur eine Braut auszuſprechen vermag, toͤnte von ihren Lippen. Die Gemeine hatte in ſtarrer Verwun⸗ derung die Umtauſchung der Braͤutigame mit angeſehen. Auch auf der Ruͤckkehr zum Hoch⸗ zeitshauſe, die in gleicher Ordnung wie der Kirchgang vollfuͤhrt wurde, fanden die Zeu⸗ gen ihre Neugierde noch nicht befriedigt. Aen⸗ neli und Seppi ſchritten in ſtummer Selig⸗ keit neben einander her. Der Augenblick, welcher ihrer Liebe zum Grabe werden ſollte, hatte ſie auf den Gipfel der Wonne erhoben. Jetzt war auch die Blaͤſſe ihrer Wangen gewichen; — 62— uͤber gluͤhende Roſen ſtrahleten ihre ſeligen Blicke einander entgegen. Man langte im Hauſe des Meiers an. Neue Freude und Ueberraſchung! Seppi's Nutter fiel dem Juͤnglinge mit Thraͤnen des Entzuͤckens um den Hals. Schon am geſtri⸗ gen Tage hatte der alte Meier ſie aus ihrem ſttillen Doͤrſchen abholen laſſen. Im Geheim war ſie auch bei der Trauung zugegen geweſen. Als eppi aus der Umarmung ſeiner Mut⸗ egeben wurde, trat Swendi mit „Habe ich dir nun vergolten deine edel⸗ muͤthige That? Habe ich dir nun gewährt, du nicht den Muth hatteſt zu erheiſchen?“ Seppi druͤckte ihm geruͤhrt die Hand, aber er vermochte nichts zu entgegnen. Er eilte wieder zu ſeiner Aenneli, welche indeſ⸗ ſen von ſeiner Mutter begruͤßt und von ihrem Vater geſegnet worden war. Als habe er zu fuͤrchten, das theure Maͤdchen wieder zu ver⸗ 88⅓½9 9 — 63— lieren, ſchlos Seppi ſie feſt an ſein Herz. Der Meier ging aber jetzt zu den Anweſen⸗ den und erklaͤrte ihnen den Hergang der Sache. Durch ihn hatte der fruͤhere Braͤutigam ſeines edelmuͤthigen Lebensretters ungluͤckliche Liebe zu Aenneli, und des Maͤdchens Entgegnung dieſer Leidenſchaft erfahren. Swendi wollte nun um keinen Preiß dem Seppi die Ge⸗ liebte entreißen. Den Meier, der ſein Kind wahrhaft liebte, hatte ſchon laͤngſt das uͤber⸗ eilt gegebene Berſprechen gereut: nicht aus irgend einem Unwillen gegen den redlichen Swendiz ſondern da er die fruͤhere Reigung der Dochter erfuhr und dabei in ihrem aufopfern⸗ den Gehorſam auch die große Liebe zu ihrem Vater erkannte. Er und Swendi vereinig⸗ ten ſich zu dem Entſchluſſe, die zwei heimlich Trauernden an das Ziel ihrer Wuͤnſche zu fuͤhren. Ohne einen Befehl des Magiſtrats zu Altdorf konnte der Pfarrer nicht in ihren Plan eingehen. Der Befehl wurde beigebracht und Aenneli nun ohne Weiters, zu ihrem — 64— eignen, zu Seppi's und der meiſten Anwe⸗ ſenden großem Erſtaunen, ſtatt dem Swendi. aus Meyringen, dem kuͤhnen Gemsſchuͤtzen aus Imgrund im Haslilande angetraut. Schließlich ſey noch angefuͤhrt: daß bei dem Hochzeitsmahle die ungetruͤbteſte Froͤhlich⸗ keit herrſchte; daß nach vollendetem Mahle ddem Oberſenn von der Meienalp der Hoch⸗ eitskaͤs vortrefflich gelang und daß der treue 4 Pflock von der uͤberſeligen Braut mit ganz beſonderen Leckerbiſſen bedacht wurde.— 3 Der Meier uͤbergab dem jungen Ehe⸗ paar ſeine weitlaͤufige Wirthſchaft und pflegte nnuun in ſeinen alten Tagen der Ruhe. Sep⸗ pi's Mutter mußte bei ihren Kindern leben. Aennelis und Seppi's Liebe ſtieg noch voon Tag zu Dage; ſo daß der junge Mann gern den Bitten ſeines lieben Weibes nachgab und der gefaͤhrlichen Gemsjagd fuͤr immer entſagte. Als aber an einem freundlichem Morgen der rechtſchaffene Swendi mit einem Maͤdchen aus Waſen, der innigſten Freun⸗ — 65— din Aenneli's, ins Haus trat und ſich und ſeine Begleiterin als Braͤutigam und Braut vorſtellte, da war des Jubels kein Ende und die beiden Eheleute geſtanden einander gern, daß nun auch die letzte Beruhigung eingetreten ſey, welche ihrem Gluͤcke noch gefehlt habe. Nach Stürmen Kuhe. 1. In der Schweiz ſollte ich ſie wiederfinden!“ ſprach der Freiherr Eduard von Halden⸗ ſchild ſinnend fuͤr ſich hin, indem er das nachlaͤſſig geleitete Roß, auf welchem die ſchlanke Geſtalt des bluͤhenden Juͤnglings anmuthig ſchwebte, von einem nahen Abgrunde wege lenkte.„In der Schweiz!“ ſeufzte er wie⸗ derholend.„Da waͤre ich denn ſeit Monaten in dem freien Lande, in dem herrlichen Hel⸗ vetien, das mit ſeinen rieſigen Eisgipfeln mir den freundlichen Gruß ſchon in das deutſche Schwaben heruͤber gewinkt, da haͤtte ich denn im Drange liebender Sehnſucht das ſchoͤne Land ſchon nach allen Richtungen durchzogen und durchforſcht und— noch blieb jede Muͤhe vergeblich, des Herzens ſuͤßeſter Wunſch uner⸗ fuͤllt.“ 4 Der Freiherr hielt den Gang des gehorſamen Rappen an und ſtieg herab von dem treuen Thiere. Er wand des Zuͤgels Ende um ſeine Hand und lagerte ſich ins duftige Gras. Das enge Gezweig des Wal⸗ des, in dem er ſich befand, bot ihm kuͤhlende Schatten; eine Quelle, welche an der Seite des Erſchoͤpften entſprang, ſtaͤrkende 8 Labung. Hier an dieſer einſam traulichen Staͤtte beſchloß Haldenſchild die Ruͤckkehr ſeines Dieners abzuwarten, den er ausgeſandt hatte um von einer nahen Hoͤhe den Ausgang aus dem Walde zu erkunden, in welchem die beiden Verirrten ſchon ſeit einigen Stunden, 4. ohne einen gehahnten Weg zu finden, umher ſchwaͤrmten. In der ſuͤßen Ruhe, welcher ſich Hal⸗ denſchild hier hingab, zog bald ſeine fruͤhere Vergangenheit mit ihrer Luſt und ihrem Leide, mit allen Hoffnung oder Furcht erweckenden Bildern, an ſeiner Phantaſie voruͤber. Er war fruͤhe eine elternloſe Waiſe gewor⸗ den. Sein Vater ſtarb, als er noch in der Wiege lag; ſeine Mutter an muͤheſelige Hand⸗ arbeit und Entbehrungen aller Art wenig gewoͤhnt, folgte nach wenigen Jahren dem Gatten in die Gruft. Nun hatten ſich ent⸗ fernte Verwandte des verwaiſten Knaben ange⸗ nommen. Von dieſen wurde er hart und lieb⸗ los behandelt; ſie ſahen in ihm nur eine ungern getragene Laſt und ſuchten dieſe ſo bald als moͤglich wieder abzuwerfen. Er mußte in kurzen Zeitraͤumen von einem Vetter zum andern wandern, denn jeder hatte nur fuͤr eine beſtimmte Friſt den Knaben in ſein Haus aufnehmen wollen. Endlich fuͤhrte ihn ſein guter Stern zu einer aͤltlichen Baſe, einer kinderloſen Landedelmannswittwe. Dieſe fand Gefallen an dem offnen und verſtaͤndigen Kna⸗ ben. Bald ſchenkte ſie ihm im vollſten Maße die reinſte, muͤtterlichſte Liebe, nahm ihn an Kindesſtatt an und ſetzte, als ſie auf dem Krankenbette die Naͤhe des abrufenden Todes⸗ — 2— engels erkannte, den nun zum Juͤngling empor⸗ gewachſenen Eduard zum Erben ihres bedeu⸗ tenden Vermoͤgens ein. Haldenſchild beweinte die verlorne Wohlthaͤterin, welche ihn fuͤr das truͤbe hin⸗ gebrachte fruͤhere Knabenleben durch Alles, wwmas ein zaͤrtliches Mutterherz Freudiges fuͤr ein geliebtes Kind erſinnen kann, entſchaͤdigt hatte, mit lebendiger Aufrichtigkeit. Er glaubte ihr Angedenken zu ehren, indem er den, meiſt langiaͤhrigen Dienern der Verblichenen, eine ſorgenfreie Zukunft bereitete und die Armen der Herrſchaft, welche ihm die Baſe hinter⸗ laſſen, mit reichen Gaben bedachte. . Bald wurde es dem kraͤftigen Juͤnglinge, in welchem ſich der Drang nach Thaͤtigkeit reegte, zu enge in dem einſam gelegenen Schloſſe. Von allen Seiten erklang ein friſcher, locken⸗ der Ruf, der Deutſchlands Juͤnglinge auf⸗ forderte, ſich unter den Fahnen des Vater⸗ landes zu verſammeln und zu deſſen Heil und Ehre zu kaͤmpfen wider den bedruͤckenden Feind. Das ſchien dem Freiherrn Eduard von Haldenſchild ein Gebot des Himmels. Er ordnete ſchnell die Angelegenheiten auf ſeinen Guͤtern und flog in die Hauptſtadt, wo er ſchon ein bunt bewegtes froͤhliches Treiben unter den ſchaarenweiſe herbei eilenden Juͤng⸗ lingen fand, welche Blut und Leben an die Erkaͤmpfung der edelſten Guͤter ſetzen wollten. Eduard fand ſogleich Aufnahme unter einem Corps Freiwilliger, das in wenigen Tagen ganz vollzaͤhlig und bei der Willigkeit und dem Geſchick der jungen Krieger bald ein⸗ 1 geuͤbt, der Hauptarmee nachgeſandt wurde. In den Feldern von Leipzig lernte der acht⸗ zehnjaͤhrige Juͤngling zum erſtenmale das Weſen des Krieges in ſeiner ganzen blutig ſchrecklichen 4 Geſtalt kennen. Als Tauſende von moͤrderi⸗ ſchem Eiſen todt darniedergeſtreckt wurden, oder, furchtbar verſtuͤmmelt, im graͤßlichen Jammer um Erloͤſung von ihrer Qual durch einen ſchnellen Tod flehten; als die Huͤtten des ent⸗ flohenen Landmannes in Flammen aufloderten, die Fluren, beſtimmt mit dem Segen des Allguͤtigen befruchtet zu werden, nur ein unab⸗ ſehbares Bild der Verwuͤſtung boten: da ſchauderte Eduard vor dem entſetzlichen Wal⸗ ten des Krieges zuruͤck; aber er erkannte zugleich daß es doch eine hohe und herrliche Sache ſeyn muͤſſe, um derenwillen der Menſch Ent⸗ behrungen aller Art, ſogar den qualvollſten .od nicht ſcheue, und die ihn ſelbſt inmitten ſoolchen Elends ungebeugt und ſtarkmuthig zu Ahaltn vermoͤge. In einer Stadt des ſuͤdlichen Deutſch⸗ auds verweilte vor dem Uebergange uͤber den Rhein das Corps, bei welchem Eduard ſtand, einige Wochen lang. Hier begegnete dem Freiherrn von Haldenſchild ein Erreigniß, das die Wahl ſeines Herzens ent⸗ ſchied und das Ziel, an dem er das Gluͤck ſeiner Zukunft hoffen konnte, unverruͤckbar feſtſtellte. A — 75— 2. Eines Abends ging Eduard aus dem Schauſpielhauſe nach ſeiner Wohnung zuruͤck. Mozarts unerreichter Don Juan, mit den Jubelklaͤngen des frech hoͤnenden Frevels, dem ſchneidenden Jammer eines gebrochenen Tochterherzens, der Verzweiflung einer ungluͤck⸗ lichen Getaͤuſchten und der ernſtmahnenden Stimme der aus der Unterwelt emporſchrei⸗ tenden Nemeſis, war heute dargeſtellt worden und hielt das empfaͤngliche Gemuͤth des Juͤnglings noch in ſeinem maͤchtigen Zauber gefangen. Indem der Freiherr langſam und traͤumeriſch zwi⸗ ſchen den Reihen der hohen pallaſtaͤhnlichen und reich erleuchteten Gebaͤude fortſchritt, draͤngten bald die Toͤne des wilden Champagner⸗ lieds, bald die Weiſe des zierlichen Menuet, bald des ſuͤß zaͤrtlichen Ottavio melodiſche Geſaͤnge, ſich im bunten Wechſel in ſeine Phantaſie; dazwiſchen zuckte, wie Blitzſtrahl aus heiterem Himmel, eine kuͤndende Dro⸗ — 76— hung des nahenden Gerichts empor, Donna Anna's, die Tiefen der Seele durchzitternde Klagen, miſchten ſich wehmuͤthig in den ſtuͤrmiſchen Jubel der Champagnerarie. Da ertoͤnte ploͤtzlich aus einem dunkeln Seitengaͤßchen das Huͤlfegeſchrei einer weibli⸗ chen Stimme. Zum Theil noch von den phantaſtiſchen Nachklaͤngen der Mozartſchen Dondichtung befangen, zum Theil von dem Drange der Wirklichkeit angeregt, flog Hal⸗ enſ child zu der Stelle, von welcher der 8 Ruf nach Beiſtand und Rettung noch immer 3 heruͤberklang. Bald war er dahin gelangt. Das Licht des Mondes, welches zwiſchen den Giebeln der ſpitzwinklichten Daͤcher hernieder⸗ drang, zeigte ihm ein wohlgekleidetes Frauen⸗ zimmer, das unter aͤngſtlichem Flehen und mit faſt erſchoͤpftem Widerſtande ſich von meh⸗ reren, ſie ſtark bedraͤngenden Trunkenbolden loszuwinden ſtrebte. Eduard's Donnerſtimme ſtoͤrte die Frev⸗ ler in ihrem Unternehmen; der Anblick ſeines =— 777 7— Schwerdtes, das bald im Strahle des Mon⸗ des emporblitzte, reichte hin, ſie zur eiligen Flucht zu bewegen. Bebend ſtand das Frauenzimmer vor ihm, das, von unendlichem Liebreiz umgoſſen, kaum ſiebzehn Sommer zu zaͤhlen ſchien, und deſſen koſtbarer Hals⸗ und Hauptſchmuck deutlich zeigte, daß ſie zu den hoͤhern Staͤnden gehoͤre und daß nur der ſeltſamſte Zufall ſie in deſe 1 Lage gefuͤhrt haben koͤnne. Erſchoͤpft hatte ſie Haldenſchild's Arm gefaßt und ſtuͤtzte ſich zitternd auf dieſen, um ſich vor dem Niederſinken zu bewahren. Eduard blickte wie in einem halben Traume zu ihr nieder. Dieſes ausdrucksvolle Antlitz, deſſen beſtimmte Conturen auf eine Abkunft aus einem ſuͤdlichen Lande ſchließen ließen, dieſe großen ſchwarzen Augen, die voll leben⸗ digen Dankes und wiederum ſo ſchuͤchtern zu ihm aufſchauten, die ſchlanke und doch in reis cher Fuͤlle gerundete Geſtalt, welche ſich ver⸗ trauend an ihn anſchmiegte, verwirrte den — 78— Juͤngling, der zum erſtenmale ſein Herz auf eine wunderbare Weiſe ergriffen fuͤhlte.„Das iſt j Donna Anna, wie Mozart herrlich ſie in Toͤnen dargeſtellt!“ dachte er und ehe er noch weiter uͤberlegte; wie er die Unbekannte anreden ſollte, gingen ſchon die Worte uͤber ſeine Lippen: „Erholt Euch, Donna Annal'⸗ Ihr habt ichts mehr zu fuͤrchten. Mein Arm und ein Schwert ſchuͤtzen Euch in legacher Ge⸗ fahr.“ „Donna Anna?⸗ lispelte betroffen die Jungfrau und indem ſie ihn ſeltſam laͤchelnd anblickte:„Wohl heiße ich Anna, aber ich bin keine Spanierin; immerhin aber ſcheint es mir wunderbar, daß Sie, den ich noch nie geſehen, meinen Vornamen ſo gluͤcklich getroffen.“ Eduard gerieth in Verlegenheit und erroͤthete uͤber und uͤber. Er rang vergebens nach Worten, um jene kuͤhne Anrede zu ent⸗ ſchuldigen; die Jungfrau hatte ſich indeſſen — 9— geſammelt und ſchritt, an ſeiner Seite und von ihm gefuͤhrt, langſam nach der großen hell erleuchteten Straße hin. Nachdem ſie dem Freiherrn ihre Woh⸗ nung genannt hatte, erzaͤhlte ſie ihm, daß ſie hier fremd ſey, am heutigen Abende mit ihren Verwandten das Theater beſucht habe und in dem großen Gedraͤnge am Ausgange des Hauſes von ihnen getrennt worden ſey. Vergebens habe ſie gehofft, man werde ſie vermiſſen und bald einen Diener zuruͤckſenden, um ſie abholen zu laſſen. Als ſie in der Vorhalle des Theaters lange geharrt und endlich geſehen habe, daß alles Warten nur vergebens ſey, waͤre der Entſchluß in ihr zur Reife gekommen, den Weg nach der entlegenen Wohnung allein und zu Fuße anzutreten. Leicht habe ſie ſich erklaͤ⸗ ren koͤnnen, warum ſie von den Verwandten nicht vermißt worden ſey. Sie waren in zwei Parthieen nach dem Theater gefahren, und jede dieſer Parthieen mochte nun wohl denken, Anna ſey mit der andern nach Hauſe — 80— gefahren. In den Straßen der fremden Stadt hatte ſich die Jungfrau bald verirrt; jene Trunkenbolde waren dem einſam irrenden Maͤd⸗ chen in den Weg getreten und hatten es durch ihre Zudringlichkeit ſo lange geaͤnſtigt, bis der Freiherr als ſein Retter erſchien. Eduard konnte ſeine Augen von dem holden Antlitze der Jungfrau nicht abwenden. Sie war keine Deutſche. Das ſagte ihm nicht aallein ihr Aeuſſeres, der fremdartige Accent ihrer Rede ließ es ihn deutlich erkennen. Er hatte wenig von ihren Worten verſtanden, auch der feurige Dank, der uͤber ihre Lippen ſtroͤmte, ſchlug blos wie ein melodiſcher Ge⸗ 5 ſang an ſein Gehoͤr; aber in ſeiner Seele 5 3 ſtand der Gedanke feſt: dieſes Maͤdchen muß dereinſt die Deinige werden oder du vertrauerſt dein Leben in menſchenfeindlicher Abgeſchieden⸗ 1. heit und Oede. Vor einem großen Hauſe, deſſen Fenſter 4 ſaͤmmtlich erleuchtet waren, ſtand die Jung⸗ frau ſtill. Indem ſie die Klingel anzog, ſagte — 81— ſie zu dem Juͤnglinge, deſſen Herz von dem heißen Blhlnesze der Trennung durchzuckt wurde: „Hier wohne ich! Nochmals tauſend, tauſend Dank, mein Retter und Ritter!“ Eduard ergriff ihre Hand und druͤckte. ſie an ſeine Lippen. Er glaubte einen leiſen Gegendruck zu empfinden; ſein ganzes Weſen ſchwamm in Entzuͤcken. „Und darf ich Sie wiederſehen, mein Fraͤulein?“ fragte Haldenſchild mit beben⸗ der, kaum vernehmbarer Stimme. Die Jungfrau bejahte. In dieſem Augen⸗ blicke oͤffnete ſich die Thuͤre. Bedienten in glaͤnzender Livree wurden ſichtbar und die aͤtheriſche Geſtalt verſchwand in das Innere des Hauſes. 3. Der Freiherr war in ſeinen wachen Traͤumen, welche ihn zu den Tagen der Ver⸗ 6 — 824— gangenheit zuruͤckfuͤhrten, bis hierher gelangt, als er ploͤtzlich durch ein Geraͤuſch in dem Geſtraͤuche, dicht neben dem Plaͤtzchen auf welchem er gelagert war, geſtoͤrt wurde. Er fuhr empor und blickte um ſich her; allein trotz aller Anſtrengung konnte er den Gegen⸗ ſtand nicht wahrnehmen, der jenes Geraͤuſch veranlaßt haben mochte. Er ſchrieb es nur einem aus dem Gebuͤſche aufſchwirrenden Vogel oder einem durcheilenden Wilde zu, und ver⸗ ſenkte ſich gern wiederum in die geiſtige An⸗ ſchauung jener Bilder ſeiner Vergangenheit. Wie war in der Nacht, welche der gluͤck⸗ lichen Begegnung der Geliebten folgte, die Seele des Juͤnglings von Entzuͤcken und ſuͤß unruhiger Erwartung wunderbar bewegt! Das Naͤthſel ſeines Lebens war geloſt, die magi⸗ ſche Blume, die oft undeutlich und wie von Nebelduft umhuͤllt ſeinem, in unbeſtimmter Sehnſucht ſchmachtenden Gemuͤthe vorgeſchwebt, war gefunden und nun in allem Glanze ihres reinen Weſens in das Leben getreten. Edua rd's — 83— Phantaſie ſpann das ſuͤßeſte Verhaͤltniß zwi⸗ ſchen ihm und der reizenden Anna aus; ſie uͤberflog die Zeitraͤume des blutigen Krieges, die noch vor ihm lagen, und ſiedelte ihn, als gluͤcklichen Gatten an der Seite des holden Frauenbildes, das ihn der freundlichſte Zufall finden laſſen, in der laͤndlichen Flur der theuren Heimath an. Erſt ſpaͤt ſchlummerte er ein. Was die Einbildungskraft geſchaͤftig dem Wachenden vorgegaukelt, das ſetzte ſie in bunten Traͤu⸗ men fort. Tauſend Lichtpunkte einer herrlichen Zukunft ſtiegen in wonnigen Bildern vor dem innern Blicke des unruhig Schlummernden empor. In der Fruͤhe des naͤchſten Morgens ſprang er von ſeinem wild verwirrten Lager, dem Zeugen ſeiner naͤchtlichen Unruhe auf und kleidete ſich auf das Sorgfaͤltigſte in ſeine Staatsuniform. Lange noch mußte er ſehn⸗ ſuͤchtig harren, ehe die Stunde ſchlug, in der es der Anſtand ihm erlaubte, ſich zu Annen und ihren Verwandten zu begeben. Endlich 6* — 84— war der erwuͤnſchte Augenblick da. Eduard flog ſtuͤrmiſch durch die Straßen nach der, von ſeiner Wohnung weit abliegenden Ge⸗ gend der Stadt, in welcher er er am geſtri⸗ gen Abende die liebliche Jungfrau begleitet. Noch hatte er wenige Schritte und ihre Woh⸗ nung mußte vor ſeinen Blicken liegen. Da klopfte ſein Herz in gewaltigen Schlaͤgen, ein Grauen durchbebte ihn; wie von einer ent⸗ — Ahnung vorwaͤrts getrieben, ſtuͤrmte er eilfertiger um die Straßenecke, welche ihm 5 noch das wohlbekannte Haus verbarg. Nun lag es mit einemmale da vor ſeinem Blicke, aber die Macht der boͤſen Ahnung faßte ihn nun auch gewaltiger. Vor der Thuͤre des Hauſes ſtanden zwei ſchwer bepackte Reiſewagen, in welche mehrere Perſonen zu ſteigen eben im Begriffe waren.. „Das iſt ſie, die mir entflieht oder mir geraubt wird!“ knirrſchte der Freiherr wild vor ſich hin. — 895— Noch war er zu weit entfernt, um die Einſteigenden zu erkennen. In dieſem Augen⸗ blicke fuhr der erſte Wagen, unter einem luſti⸗ gen, dem Juͤnglinge hoͤhniſch klingenden Horn⸗ ſtuͤckchen des Poſtillons, ab. In den zweiten ſtiegen jetzt mehrere Geſtalten. Ein weißge⸗ kleidetes Frauenzimmer erſchien in der Thuͤre des Hauſes, bereit, wie Alles vermuthen ließ, auch den harrenden Wagen zu beſteigen. „Das iſt ſie!“ rief eine innere Stimme dem raſtlos vorwaͤrts eilenden Haldenſchild zu. „O du himmliſche Macht,“ ſprach der Juͤng⸗ lung dann bei ſich:„halte ſie nur noch ſo lange zuruͤck, bis ich ſie noch einmal geſprochen, bis ich erfahren habe, wer ſie iſt, welchen gluͤcklichen Punkt der Erde ſie ihre Heimath nennt!“ Die Stimme des Herzens hatte ihn nicht getrogen. Odemlos ſtand er an Anna's Seite, welche ſo eben den Schlag des Wagens ergriffen hatte um ſich in das Innere deſ⸗ ſelben zu den wartenden Reiſegefaͤhrten zu begeben. — 86— „So komme ich zu ſpaͤt, mein Fraͤulein?“ ſtammelte Eduard, deſſen Beaͤngſtigung in dem irren Rollen ſeiner Augen, der Blaͤſſe und den entſtellten Zuͤgen ſeines Antlitzes erkenn⸗ bar war.„Heute ſoll ich vielleicht verlieren auf immer, was geſtern mir das ſegensreichſte Geſchick gewaͤhrte!“ fuͤgte er mit zitternder Stimme hinzu. „Mein Gott, Sie ſind's!“ entgegnete Anna, indem alle Roſen ihrer Wangen ploͤtz⸗ lich verblichen:„die unwillkommenſte Nachricht beſchleunigt unſere Abreiſe. Mein Vater iſt gefaͤhrlich krank.— In dieſem Momente rief eine heiſere Frauenſtimme aus dem Wagen die Jungfrau bei Namen. „Gleich, gleich!“ antwortete ihr Anna und hob den zierlichen Fuß, um ſich aufzu⸗ ſchwingen in das elegant gebaute Fuhrwerk. Da faßte der Freiherr noch einmal des geliebten Maͤdchens Hand undfluͤſterte mit flehen⸗ dem Tone und klagendem Blicke zu ihr empor: — 92— „Und wo finde ich Sie wieder, theuerſte Anna?“; Ohne zu wiſſen, was er that, hatte Eduard dieſe zaͤrtliche Benennung gewagt. Anna wand, nach einem fluͤchtigen Drucke, der bis in ſein Herz niederbebte, ſchnell ihre Hand aus der ſeinigen und erwiederte ihm, waͤhrend ſie ſich leichten Schwunges in den Wagen hob, mit halber Stimme: „In der Schweiz finden Sie mich wieder!“ Da ſchmetterte des Poſtillons froͤhliches Lied durch die Luͤfte und der Wagen raſſelte im Fluge uͤber das Funken ſpruͤhende Straßene⸗ pflaſter, ſo daß er, ehe noch Haldenſchild gaͤnzlich zur Beſinnung kommen konnte, aus deſſen Blicken verſchwunden war. „OGott! Wie heißt ſie?“ rief er jetzt wie aus einem tiefen Traume erwachend, aus.„Ihren Namen muß ich wiſſen! Was hilft mir die ſuͤße Hoffnung, welche aus dem zaͤrtlichen Drucke ihrer Hand in meine Seele uͤberging, was die Kenntniß ihrer Heimath, wenn ich nicht die Staͤtte, wo ſie weilen wird, erkunde?? Er ſtuͤrmte an die Thuͤre des Hauſes, welches Anna bewohnt hatte. Sie war ver⸗ ſchloſſen. Mit Heftigkeit und Ungeduld zog er zu verſchiedenenmalen die Schelle; das Innere des Hauſes ſchien wie ausgeſtorben, nie⸗ mand kam die Thuͤre zu oͤffnen. Endlich traten einige Nachbarn herbei und berichteten dem Frei⸗ herrn, daß die Beſitzer des Hauſes ſchon ſeit Jahren abweſend ſeyen, daß es lange gaͤnzlich unbewohnt geſtanden habe, bis vor wenigen Tagen die Fremden angelangt waͤren und es, wmahrſcheinlich nach einem Vertrage mit den Eigenthuͤmern, fuͤr die kurze Zeit ihres Aufent⸗ haltes in Beſitz genommen hatten. Niemand wollte uͤbrigens die Fremden weiter kennen; ihre Namen waren durchaus unbekannt geblieben. 4 Eduard ſtarrte ſchweigend und ſinnend einige Augenblicke lang die verſchloſſene Thuͤre an. „Ich muß ihr nach!“ ſprach er dann bei ſſich ſelbſt.„Auf der erſten Station hole ich ihren Geſchlechtsnamen weiß und durch dieſen — 89— ſie ein, dort will ich die Kunde ſchoͤpfen, welche der Leitſtern meiner kuͤnftigen Forſchungen ſeyn ſoll!“ 4 Er eilte im Sturmesfluge nach ſeiner Wohnung zuruͤck. „Friſch! ſattle ſchnell den Rappen!“ rief er dem Diener zu, der ſeiner harrend im Gange des Hauſes ſtand. Der treue Burſche flog hinweg, den Befehl ſeines Herrn zu voll⸗ ſtrecken.— „O meine Annal“ ſagte dieſer froh fuͤr ſich hin: ſo werde ich dich noch einmal ſehen, noch einmal den ſuͤßen Laut deiner Stimme hoͤren, ehe die Kluft einer langen Trennung ſich zwiſchen uns draͤngt!“ Schon fuͤhrte der eilfertige Diener das muntere Roß geſattelt und gezaͤumt herbei, ſchon hatte der Freiherr den einen Fuß in den Buͤgel geſtellt und wollte nun ſich raſch aufſchwingen zu dem erhabenen Sitze, da— wirbelte mit einemmale der Generalmarſch durch alle Straßen, die Hoͤrner der Jaͤger — 90— riefen mit kriegeriſchen Klaͤngen zu dem ange⸗ wieſenen Verſammlungsorte und aus allen Haͤuſern ſtuͤrmten muthige Vaterlandskaͤmpfer hervor, um dem gebieteriſchen Rufe zu ge⸗ horchen. „ Verloren! Verloren!“ ſchrie Halden⸗ ſchild in weldem Ingrimme auf. Er warf ſich verzweiflungsvoll aufs Roß und ſprengte iim raſchen Galoppe vor die Wohnung ſeines DObriſten, wo ſchon kampfluſtige Waffengefaͤhr⸗ ten von allen Seiten herbeiſtroͤmten. Noch in derſelben Stunde brach die Heeres⸗ abtheilung, bei der ſich der Freiherr befand, nach der franzoͤſiſchen Grenze auf. 4. Blutige Schlachten hatte Eduard mit⸗ gekaͤmpft. Die ſchrecklichen Bilder des Kriegs konnten die herrliche Erſcheinung, welche ſich im tiefſten Grunde ſeines Herzens angeſiedelt hatte, nicht verdraͤngen. Wenn der ver⸗ 5 lt — 91— zweiflungsvolle Jammer der Verwundeten, das Aechzen der Sterbenden an ſein Ohr ſchlu⸗ gen, dann war es, als riefe Anna's holde Stimme ihm aus der Tiefe ſeiner Seele mit himmliſchem Wohllaute zu;„Nach Ringen folgt Ruhe! In der Schweiz findeſt du mich wieder!“ Wenn er ſiegreich mit ſeinen Waf⸗ fengefaͤhrten in eroberte Staͤdte und Feſten einzog, wenn der Triumph der gerechten Sache die Juͤnglingsgemuͤther mit Entzuͤcken durchh bebte und als nun gar Frankreichs ſtolze Hauptſtadt den Siegern ſich unterwarf und jedes deutſche Herz hochaufwallte bei dem Ge⸗ danken an das nun geſicherte Friedensgluͤck;. da lispelte wiederum Anna's ſuͤße Stimme aus dem tief Innerſten dem Freiherrn zu: „dein harret noch eine ſuͤßere Wonne! In der Schweiz findeſt du mich wieder!“ Der Krieg war geendigt. O wie gern waͤre Haldenſchild nun gleich in die Schweiz geflogen und haͤtte das herrliche — 92— Land nach allen Richtungen durchſtreift, um die heiß Erſehnte wieder zu finden! Allein aus ſeiner Heimath war truͤbe Kunde gekom⸗ men; das Unheil, welches der Krieg immer in ſeinem Geleite mit ſich fuͤhrt, hatte auch ſeine Guͤter heimgeſucht, durch anſteckende Krankheiten und andere Ungluͤcksfaͤlle war das Elend ſchrecklich vermehrt worden. Der Land⸗ mann jammerte nach der Gegenwart des Guts⸗ herrn, von deſſen wohlthaͤtigem Sinne man Unterſtuͤtzung, von deſſen Einſicht man Abhuͤlfe der immer zunehmenden Noth erwartete. Der Freiherr hielt es für eine heilige Pflicht, unter dieſen Umſtaͤnden nach ſeinen Guͤtern zu eilen und dort zu helfen, wie er es vermochte. Mit ſchmerzlichen Empfindungen gedachte er Anna's, allein er folgte dem Gebote der Menſchenliebe und erhielt ſich ſtandhaft in den Berſuchungen des eignen Herzens. Als er den Rhein uͤberfuhr, blickten die hohe Berggipfel des nachbarlichen Schweizer⸗ landes lockend zu ihm heruͤber. Seine Seufzer — 93— flogen dorthin; er blieb dem Pfade nach der Heimath getreu. In Haldenſchilds Beſitzungen war indeſſen das Elend auf den hoͤchſten Gipfel geſtiegen. Als der Freiherr anlangte, fand er, wenn er der Sache gruͤndlich abhelfen wollte, eine weit ausſichtige Arbeit vor ſich. Er konnte die Zeit nicht beſtimmen, in der es ihm vergoͤnnt ſeyn wuͤrde, die verlorne Geliebte aufzuſuchen. Ueberdem trat ein ungluͤck⸗ licher Mißwachs ein; Eduards Gegenwart blieb fortwaͤhrend auf den Guͤtern nothwen⸗ dig, wo er durch Rath und That der Schutz⸗ engel des ungluͤcklichen Landmanns wurde. So eilte der Winter voruͤber. Haldenſchild hatte die Bewohner ſeines Beſitzthums reich⸗ lich unterſtuͤtzt, ſo daß ſie mit neuen Hoff⸗ nungen in das begonnene Jahr blickten. Jetzt, dachte er, haſt du deine Pflicht erfuͤllt, jetzt iſt es dir erlaubt, auch die Wuͤnſche deines Herzens zu hoͤren. Der Freiherr war, waͤhrend des Feldzugs in Frankreich, faſt wider ſeinen Willen aus der Schaar der Freiwilligen als Offizier in ein Huſarenregi⸗ ment verſetzt worden. Ein gern bewilligter Urlaub hatte ihn in den Stand geſetzt, laͤngere Zeit von ſeinem Regimente entfernt bleiben zu duͤrfen. Er beſchloß nun ſogleich an den Chef deſſelben zu ſchreiben und bei dieſem um ſeinen Abſchied anzuhalten, der ihm jetzt im Zuſtande des Friedens nicht wohl verweigert werden konnte, und dann ohne Saͤumen in das Land zu eilen, wohin eine leider nur zu ſchwach begruͤndete Hoffnung und das heißeſte Sehnen ſeines liebenden Herzens ihn wies. Da toͤnte auf's Neue kriegeriſche Kunde uͤber den Rhein. Der entfernte Machthaber war zuruͤckgekehrt, von ſeinen zahlreichen Anhaͤngern freudig empfangen und wiederum auf den Thron geleitet worden, von dem er fruͤherhin Schrecken und Entſetzen in alle Laͤnder geſchleudert hatte. Deutſchland ſchuͤttelte noch einmal die gewal⸗ tige Nuͤſtung und rief ſeine ſtreitluſtigen Soͤhne zum erneuerten Kampfe herbei. Haldenſchild — 95— waͤre ein Feiger und Ehrloſer geweſen, wenn er in dieſem Augenblicke die kriegeriſche Lauf⸗ bahn haͤtte verlaſſen koͤnnen. „O meine Anna! Wann werde ich dich wiederſehen?“ ſo ſprach er ſeufzend, als er die unwillkommene Nachricht vernommen hatte, aber von Muth und Treue fuͤr das Vaterland geſtaͤrkt, eilte er zum Heere und zog thatenluſtig in den neu aufflammenden Krieg.— Er focht die Schlacht bei Waterloo mit, er betrat zum zweitenmale als Sieger die Straßen von Paris, und nachdem der Frieden geſchloſſen war und ein großer Theil des Heeres, in welchem Eduard diente, nach der deutſchen Heimath entlaſſen wurde, ver⸗ langte und erhielt auch er den ehrenvollſten Abſchied. Nun hielt ihn keine Macht laͤnger zuruͤck, dem ſtuͤrmiſchen Drange ſeines Herzens zu folgen. Begleitet von ſeinem treuen Die⸗ ner Robert, deſſen Anhaͤnglichkeit in allen ſtuͤrmiſchen Verhaͤltniſſen des Krieges erprobt worden war, eilte der Freiherr in das Land, wohin ihn ſeine liebende Sehnſucht rief, das im Zauberlichte der ſchoͤnſten Hoffnung vor ſeiner Phantaſie ſchwebtee. Bald war die Grenze Helvetiens erreicht. Vergebens ſuchte Haldenſ child nun in dem Geraͤuſche der Staͤdte die geliebte Jungfrau auf. Das reiche Baſel, die hohe Bern, das gewerbſame Zuͤrich und das lebensluſtige Luzern boten ſeinem heißeſten Wunſche keine Gewaͤhrung. Jetzt floh er das buntbewegte Leben der Staͤdte. Die Doͤrfer unnd Landhaͤuſer die ſich in reichen Kraͤnzen um die Ufer der Seen ſchlingen, wurden jetzt der Schauplatz ſeiner Forſchungen. Aber auch hier ſuchte ſein Blick vergebens nach der erſehn⸗ ten Geſtalt und ſein beunruhigtes Herz ſchlug fort und fort entbehrend dem Herzen entgegen, von dem er allein Erwiederung ſeiner Gefuͤhle hoffen mochte. Der Freiherr verließ die bebauten Staͤtten des Landes und folgte ganz der Eingebung ſeiner Sehnſucht, die ihn durch unbewohnte und oͤde Gegenden, von Berg zu Berg, von Alp zu Alpe, von Thal zu Thal trieb. An dem innern Himmel ſeiner Phantaſie zog im Engelfluge Anna's geliebte Geſtalt vor⸗ aus und winkte ihm weiter und weiter durch unwegſame Gebirge und düſtre Felſenkluͤfte. „Ich werde, ich muß ſie finden!“ Dieſer Gedanke ſtand unerſchuͤtterlich feſt in Hal⸗ denſchilds Seele.„Sie ſelbſt hat mir in der Stunde der Trennung verkuͤndigt, daß ich ſie wieder finden wuͤrde in der Schweiz. Die Worte die uͤber ihre Lippen gegangen in der Bedraͤngniß jenes Augenblicks, die treuen Blicke, mit denen ſie die troͤſtende Rede beglei⸗ tet, koͤnnen nicht truͤgen. Ja, ja! in der Schweiz finde ich ſie wieder! Im fortwaͤhrenden Umherirren und Forſchen nach dem theuern Gegenſtande ſeiner Liebe hatte der Freiherr auch die waldigten und duͤſtern Gegenden Graubuͤndens durchzogen. Kein ermunterndes Wahrzeichen, keine frohe Deu⸗ tung, keine zurechtweiſende Erkenntniß begegnete 7 — 98— ihm auf ſeinen Pfaden. Wohl hatte er in den reizenden Thaͤlern des Berner Ober⸗ landes manch liebliches Aenneli, an den uͤppig gruͤnenden Seegeſtaden des Kantons Schwitz manche hold fromme Anna erſchaut, aber immer noch blieb die Eine fern verbor⸗ gen, deren Anblick allein ſeinem raſtloſen Um⸗ hertreiben und Forſchen ein Ziel ſetzen konnte. In Graubuͤnden war er nicht gluͤcklicher. Er ſtand in dem Thale Paradies an den Quellen des Hinterrheins, wo in maͤchtigen und vielfachen Faͤllen der Strom ſich der feſſeln⸗ den Gewalt eines ſtarren Gletſchers am Fuße des ungeheuern Tombohorns entreißt; aber ſein Gemuͤth nahm nur geringen Theil an dem großen Schauſpiele, welches dort in feſt⸗ licher Laune die Natur darſtellt. Aus der Strahlenglorie des immer bewegten Regen⸗ bogens, welchen die Sonne in den ſilbernen Grund der Waſſerfaͤlle einzeichnet, laͤchelte ihm Anna's holdes Antlitz entgegen und die ſprechenden ſchwarzen Augen des Bildes ſchienen — — 99— ihn zu weiterem Forſchen zu mahnen und die baldige Erfuͤllung ſeines ſehnſuͤchtigen Wun⸗ ſches zu verbuͤrgen. Das Rauſchen der Waſ⸗ ſer ward ſuͤßes Liebesgefluͤſter; lockende Stim⸗ men riefen ihm zu: „Fahre fort in dem begonnenen Werke! baue feſt auf das Wort der Geliebten: in der Schweiz findeſt du ſie wieder!“ Da trieb es den Freiherrn wieder raſtlos vorwaͤrts auf der unſicheren und beſtim⸗ mungsloſen Bahn. Er ſtieg empor zu den Gebieten des ewigen Eiſes, wo die gierige Lavine ihrer Opfer harrt und der gaͤhnende Gletſcherſpalt ſich uͤberraſchend und todbringend unter den Schritten der Wandrer oͤffnet. Als er auf dem Gipfel eines hohen Berges ſtand und herniederblickte in die ſegensreichen Gefilde der italieniſchen Schweiz, wo das uͤppige Gruͤn der Kaſtanienwaͤlder, fruchtbringende Fluren, prunkende Landhaͤuſer und ehrwuͤrdige Kapellen auf den bebuſchten Haͤuptern der Gebirge ſich unter dem tiefblauen Himmel zu einem zauberi⸗ — 100— ſchen und geiſterhebenden Bilde geſtalten, da rief es mit Macht und Gewißheit in ſeiner Bruſt: „Ja, hier werde ich ſie finden! Hier muß ſie weilen. Ueber dieſer Landſchaft ruht derſelbe Geiſt des Himmels, der aus ihrem ganzen ſuͤßen Weſen ſpricht.“ Nun eilte Haldenſchild durch das romantiſche Miſoccothal hinab an die Ufer der Fluͤſſe und Seen des welſchen Helvetiens. 3 Jedes einſame Thal, jede abgelegene Berghoͤhe wurde von ihm beſucht und durchforſcht. In einem Walde, nicht fern vom Geſtade des Luganer Sees, an dem alle Reize, welche die guͤtige Natur dem Sterblichen ent⸗ faltet, heimiſch ſind, war es, wo wir ihn verirrt und in Gedanken uͤber ſein ungefuͤgiges Schickſal verſunken, am Eingange dieſer Erzaͤh⸗ lung fanden und kennen lernten. Eduard war aus dem wachen Traͤu⸗ men, welches die wichtigſten Momente ſeiner Bergangenheit vor ſeiner Seele voruͤbergefuͤhrt „ — 101— hatte, in eine ſuͤße Selbſtvergeſſenheit und aus dieſer in einen wirklichen Schlummer uͤber⸗ gegangen. Die Entlegenheit des Ortes, das fluͤſternde Rauſchen des Laubes, durch welches ein erregendes Abendluͤftchen zog, das melodi⸗ ſche Summen der Kaͤfer und der abendliche Geſang des Waldgefieders, hatten als beruhi⸗ gende Stimmen der Natur ſeinem Gemuͤthe den Frieden zuruͤckgegeben, den die Erinnerung an Liebesſchmerz und Kriegsgewuͤhl verſcheucht hatte. Mit einem Laͤcheln auf dem bluͤhen⸗ den Antlitze war Haldenſchild entſchlum⸗ mert. Ein willkommner Traum ließ ihn das Bild der holden Anna erſchauen. Lange konnte er dem entzuͤckenden Traume hingegeben, ſich ungeſtoͤrt an dem Anblicke der Erſehnten er⸗ freuen; ploͤtzlich aber erhob ſich aus dunkelm Hintergrunde ein bleiches maͤnnliches Angeſicht und blickte ſtarr und ernſt neben dem Engels⸗ geſichte der Geliebten heruͤber. Haldenſchild erkannte das draͤuende Antlitz wohl, das ſich in ſeinen lieblichen Traum draͤngte: es war — 102— das eines franzoͤſiſchen Offiziers, mit dem er auf dem Felde von Waterloo zuſammen⸗ getroffen war, und den er, auf das Aeußerſte bedraͤngt, mit gewaltigem Schwerdthiebe zu Boden geſtreckt hatte. Das bleiche draͤuende Haupt wollte nicht weichen von der Seite des ſuͤßen Traumbildes, ja, bald war es, als vermiſchten ſich ſeine widrigen Zuͤge mit denen der theuren Anna und dann hatte es mit einemmale dieſe ganz verdraͤngt und ſchaute, nun alleinherrſchend in dem Traume des Juͤng⸗ lings, mit durchbohrenden Blicken zu ihm herab, als wollte es etwas Unerhoͤrtes, Schreck⸗ liches verkuͤndigen. Mit Gewalt ſuchte Eduard ſich dem haͤßlichen Traume zu entringen, allein es gelang ihm nicht. Das von drohendem Hohne entſetzlich verzerrte Antlitz des todten Feindes ruͤckte aus dem dunkeln Hintergrunde des Traumes immer naͤher und deutlicher auf den Juͤngling ein, als wolle es ſich, Verder⸗ ben und Verzweiflung bringend, in den Mittel⸗ punkt der Seele draͤngen, um dort heimiſch 33 — 103— zu werden und von dort aus rachſuͤchtig zu wirken. Da fiel ploͤtzlich ein Schuß in der Naͤhe des ſchlafenden Freihern. Der Zauber des Traumes war geloͤſt; Haldenſchild erwachte und ſprang ſchnell empor. Aber welches trau⸗ rige Schauſpiel bot ſich jetzt ſeinen Blicken! Dicht neben ihm am Boden lag ein ſchwer verwundeter Greis. Schwarzes Blut quoll aus tiefer Bruſtwunde uͤber die reiche Klei⸗ dung hin, ein ſchwaches Stoͤhnen verrieth, daß noch nicht alles Leben von dem Ohn⸗ maͤchtigen gewichen ſey. Eduard beugte ſich theilnehmend zu ihm herab, um ihm, ſo viel er vermochte, Beiſtand zu leiſten. In demſelben Augenblicke ſtuͤrzte mit einem Schrei des Entſetzens eine weibliche Geſtalt aus dem Dickicht und warf ſich weinend und mit verzweiflungsvoller Gebehrde neben dem Blutenden nieder. „Mein Vater! mein geliebter Vater!“ ſchrie ſie, indem das Uebermaas des Schmerzes — 104— ihre Stimme zu erſticken drohte. Da fiel ihr Blick auf den erſtaunten Freiherrn. „Moͤrder!“ kreiſchte ſie gellend auf und ſank, nachdem ihr Auge einen Moment auf dem Juͤnglinge verweilt, ohnmaͤchtig zuruͤck. „Donna Annal“ ſagte Eduard mit matter und tonloſer Stimme. Er erkannte daß ſeine liebende Sehnſucht, ſein langes und aͤngſtliches Forſchen nun endlich ihre Befriedi⸗ gung gefunden haͤtten, aber die graͤßliche Be⸗ ſchuldigung, welche eben der Mund der Gelieb⸗ ten gegen ihn ausgeſprochen, drang kalt und toͤdtend an ſein Herz. „Sie haͤlt mich fuͤr den Moͤrder ihres Vaters! Furchtbarer Gedanken!“ ſtammelte er fuͤr ſich hin:„Aber was ſoll ich thun, wie helfen, wie retten in dieſer ſchrecklichen Be⸗ draͤngniß?⸗ 5. Ein luſtiges Liedchen traͤllernd und ohne Ahnung des Vorgefallenen kehrte jetzt Robert, ——.—— — 105— des Freiherrn Diener, von der nahen Anhoͤhe zuruͤck. Er hatte von der Spitze des Berges herab den Luganer See und viele ganz in der Naͤhe befindliche Landhaͤuſer entdeckt. Mit dieſem Berichte hoffte er ſeinen Herrn zu erfreuen. Welcher Schrecken ergriff ihn, als er dieſen neben dem blutenden Greiſe knieend, die bewußtloſe Anna auf dem duf⸗ tenden Graſe hingeſtreckt, erblickte! Robert hatte waͤhrend ſeiner kriegeri⸗ ſchen Laufbahn oft auf Schlachtfeldern und in Spitaͤlern den Wundaͤrzten huͤlfreiche Hand geleiſtet. Leichte Verwundete waren auch mitunter ganz ſeiner Sorgfalt uͤberlaſſen wor⸗ den, da man bald erkannte, daß der wil⸗ lige Gehuͤlfe dem praktiſchen Unterrichte nicht ohne Nutzen beigewohnt hatte. Das kam ihm jetzt trefflich zu ſtatten. Er reinigte die Wunde des Alten mit dem Waſſer des in der Naͤhe ſprudelnden Quells und legte dann ſorgſam und gewandt einen leichten Ver⸗ band auf. — 106— Dem Freiherrn war es indeſſen gelun⸗ gen, die theure Anna aus tiefer Ohnmacht zu erwecken. Die erſten Blicke der ſchoͤnen Augen fielen auf den noch immer lebloſen Vater. Ein tiefer Seufzer entwand ſich der beengten Bruſt der Jungfrau. Dann hielt ſie ſinnend die Hand an die Stirne, als ſtrebe ſie eine truͤbe und undeutliche Erinnerung ins Daſeyn zu rufen. Sie ſah lange den Frei⸗ herrn an, in deſſen Zuͤgen ſich die Wonne des Wiederſehens und der Schmerz uͤber dieſes Wiederfinden in ſeltſamer Vermiſchung aus⸗ ſprachen. Haldenſchild konnte nicht reden. Es war, als ſchnuͤre ein heftiger Krampf ihm die Bruſt zuſammen und als liege die Groͤße der Beſchuldigung, welche Anna gegen ihn erhoben, entkraͤftend auf ſeinem Geiſte. Endlich brach die Jungfrau dieſes pein⸗ liche Schweigen. „Ich erkenne Sie wieder!“ ſagte Anna langſam und zoͤgernd:„Wir haben uns in Deutſchland geſehen. O, ich habe oft an ——— — 107— Sie gedacht in einſamen Stunden, ich habe mich hoffend des moͤglichen Widerſehens im Voraus erfreut, ich vertraute feſt“— da unter⸗ brach ſie ploͤtzlich ſich ſelbſt in ihrer Rede. Ein Schauer ſchien ſie zu ergreifen, ſie ver⸗ huͤllte ihr Antlitz in beide Haͤnde und rief mit halb erſtickter Stimme aus:„ewiger Gott! und ſo muß ich Sie wiederfinden— befleckt mit dem Blute meines Vaters!“ Laͤnger konnte Haldenſchild die Laſt des Verdachts, welchen Anna ſo beſtimmt gegen ihn ausſprach, nicht ertragen. Er ermannte ſich und ſagte, waͤhrend Anna das Angeſicht des noch immer beſin⸗ nungsloſen Vaters mit heißen Thraͤnen benetzte, in ſtolzer Haltung und mit dem vollen Bewuſt⸗ ſeyn ſeiner Unſchuld: „Der Frevel irgend eines unbekannten Boͤſewichts und ein graͤßlicher Irrthum draͤn⸗ gen ſich furchtbar ſtoͤrend in die Wonne dieſer Stunde, der ich ſo lange in ſehnſuͤchtigem und vergeblichem Ringen nachgeſtrebt habe, — 108— deren oft getraͤumte Erſcheinung mit ihrem Freu⸗ denglanze meine ganze Vergangenheit erhellt hat. Aber bei allen Wuͤnſchen, bei allen Hoffnungen meines Herzens, bei dem beſeligenden Gedan⸗ ken an Sie, mein Fraͤulein, der mich ſtark gemacht, alle Entbehrungen der Vergangenheit zu ertragen, ſchwoͤre ich: rein bin ich von dieſer Blutſchuld. Der Schuß, der dieſen ungluͤcklichen Greis traf, riß mich empor aus friedlichem Schlummer.“ Anna blickte mit thraͤnenden Augen zu ihm auf:„O mein Gott!“ entgegnete ſie mit boeebender und leiſer Stimme:„wie ſehr haͤtte ich dann gegen Sie durch dieſen entſetzli⸗ chen Argwohn mich vergangen! Nimmer koͤnn⸗ ten Sie mir verzeihen, awig wuͤrde mein Berz’— In dieſem Augenblicke erwachte der Greis aus ſeiner todaͤhnlichen Beſinnungsloſigkeit. Seine erſten Blicke fieleg auf das Antlitz der Tochter. Mit ſchwacher Anſtrengung druͤckte — 109— er ihre Hand und ſtammelte kaum ver⸗ nehmlich: „Mattheo war der Thaͤter.— Er richtete das Mordgewehr nach meinem Herzen.“ Seine Augen ſchloſſen ſich wieder. Es war als habe eine guͤtige Himmelsmacht ihn fuͤr den Augenblick zu dieſer Erklaͤrung erkraͤf⸗ tigt. Eine neue Ohnmacht raubte ihm wie⸗ derum das Bewuſtſeyn. Jetzt berichtete Robert, der mit dem Verbande zu Stande gekommen war, ſeinem Herrn, daß er die Wunde des Greiſes im Ganzen nicht fuͤr gefaͤhrlich halte. Die Kugel ſey durch die rechte Seite der Bruſt nach der Schulter hingedrungen und ſo durch einen guͤnſtigen Zufall von den edlern Theilen, deren Verletzung den unabwendbaren Tod zur Folge gehabt haben wuͤrde, abgewendet worden. Hoͤchſt nothwendig ſey es uͤbrigens, daß der Verwundete ſogleich einem geſchickten Wund⸗ arzte uͤbergeben werde und uͤberhaupt alle in dieſer Lage erforderliche Pflege finde. — 110— Kaum hatte des Freiherrn Diener ſeine troͤſtende Rede vollendet, als Stimmen den Berg herauf erklangen und das Geraͤuſch mehrerer Nahenden ſich hoͤren ließ. „Gott ſey gelobt!“ ſagte Anna, indem ſie tief aufathmete:„das ſind unſere Leute, die durch unſere ungewoͤhnlich lange Abweſen⸗ heit beunruhigt, uns aufſuchen. Die Jungfrau hatte ſich nicht geirrt. Es waren die Diener ihres Vaters, welche jetzt erſchienen und durch den uͤberraſchenden blutigen Anblick ihres beſinnungslos hingeſtreck⸗ ten Herrn in eine nicht geringe Beſtuͤrzung verſetzt wurden. Anna erklaͤrte ihnen mit wenigen Worten, und in ſofern ſie ſelbſt davon unterrichtet war, das ſchreckliche Ereigniß. In aller Eile flocht man nun von Aeſten und Zweigen eine Tragbahre, auf welche der Ohnmaͤchtige gelegt wurde. Langſam und vor⸗ ſichtig trugen ihn die Diener den aſtelen Ge⸗ birgspfad hinab. — — 111— Anna ſtutzte ſich, indem ſie ſchwankend dem Zuge nachſchritt, auf Haldenſchilds Arm. Sie zitterte heftig und wagte nicht zu dem ſchwer beleidigten Juͤnglinge empor zu blicken oder ihn anzureden. Eduard erkannte das Peinliche ihrer beiderſeitigen Lage. Er brach endlich das druͤckende Stillſchweigen und ſagte mit ſanfter, wehmuͤthiger Stimme: „Das furchtbare Licht der Schuld, in wel⸗ cher Sie mich bei unſerm Wiederfinden ſahen, mein Fraͤulein, iſt nun wohl verſchwunden. Darf ich nun hoffen, daß eine mildere Geſin⸗ nung in ihrem Innern Raum gegen mich gefaßt hat?“ Anna brach in Thraͤnen aus, welche brennend auf Eduards Hand fielen, und entgegnete ſchluchzend: „Ich weiß es wohl: Sie koͤnnen mir nicht verzeihen und es iſt eine gerechte Strafe des Himmels, daß ich fuͤr den uͤbereilten ſchreck⸗ lichen Verdacht, dem ich, durch den furchtbaren Anblickuͤberwaͤltigt, und unbedachtſam mich hin⸗ — 112— 4 gegeben, nun ſtatt der getraͤumten Wonne bei unſerm einſtigen Wiederſehen nur Leid finde und in ihrer Seele Mistrauen gegen mich erkenne!“ 3 „Wie mein Fraͤulein,“ rief Halden⸗ ſchild freudig ergluͤhend aus und faßte der Jungfrau beide Haͤnde mit den ſeinigen, indem er ſie ſo zum Stillſtehen noͤthigte.„Sie haben meiner fort und fort guͤtig gedacht, Sie haben Wonne von dem Augenblicke er⸗ wartet, in welchem wir uns wiederfinden wuͤrden?— O ich Gluͤcklicher! Da habe ich ja den Preis meiner Entſagungen gewonnen, da iſt mir ja das Heil geworden, das— eine herr⸗ liche Sonne— uͤber blutigen Schlachtgefilden und einſamen Wanderungen mir ermunternd entgegengeſtrahlt, da iſt der große Zweifel meines Lebens beſeligend geloͤßt!“ Auch uͤber die Wangen der Jungfrau, welche in ſchmerzlicher Bedraͤngniß das Ge⸗ heimniß ihres Herzens verrathen hatte, ver⸗ breitete ſich eine gluͤhende Roͤthe. Anna — 113— wand ſich lhu von dem Freiherrn los und eilte dem Zuge der voranſchreitenden Diener nach. Eduard folgte von der ſchoͤn⸗ ſten Hoffnung belebt. Der Ausgang des Waldes war nun erreicht. Ein naheliegendes alterthuͤmliches Ge⸗ baͤude, an welches ein geraͤumiger Park ſtieß⸗ zeigte ſich jetzt. Die Wellen des Luganer Sees brachen ſich an den Grundfeſten des Hauſes und beſpuͤhlten die hohe Teraſſe des Parks. Alle Anmuth und Groͤße der ſuͤdlich ſchweizeriſchen Natur fanden ſich an dieſer Staͤtte zuſammen. Hier war der Landſitz, auf welchem Anna und ihr Vater, fern von dem geraͤuſchvollen Treiben der Welt, dem reinen Genuſſe der Natur, dem ſinnigen der Kunſt und Wiſſenſchaft lebten. 6. Der Abend war bereits nahe, als Anna, der Freiherr und die Traͤger mit dem Ver⸗ 8 1— 114— wundeten in die Villa dinzogen. Mit aͤngſt⸗ licher Ueberraſchung und beſtuͤrzter Gebehrde verſammelten ſich die Bewohner des Hauſes um die Bahre, auf welcher der ohnmaͤchtige Greis lag. Aber zu Eduards Befremdung erhob ſich unter ihnen keine laute Klage, keine Frage nach der Erklaͤrung dieſes Unfalls ließ ſich hoͤren. Die Dienerſchaft betrug ſich uͤber⸗ haupt mit einer Scheu und mit einem Eifer, welche ahnen ließen, daß in der Regel hier das Wort eines ſtrengen Gebieters walte. Anna ließ ihren Vater ſogleich nach ſeinen Gemaͤchern bringen und folgte ſelbſt dahin. Haldenſchild und ſein Diener wur⸗ den von dem Kaſtellan des Hauſes durch viele duͤſter gewoͤlbte Gaͤnge zu einer Reihe von Zimmern gebracht, welche in ihrem alter⸗ thuͤmlichen Prunke, ſich als die Gaſtzimmer des Schloſſes auswieſen. Man erkannte leicht, daß ſeit langer Zeit hier niemand beherbergt worden ſey. Dichter Staub lag auf den Geraͤthen, ungeſtoͤrt hatten zahlreiche Spin⸗ — 115— nen hier ihr Gewebe angelegt und als der Kaſtellan, mit den erhellenden Kerzen in den Haͤnden, die Gemaͤcher voranſchreitend betrat, ſchwirrte eine große Fledermaus von dem Gewoͤlbe der Decke herab und uͤber die Haͤupter der Einſchreitenden hinaus in die dunkeln Gaͤnge des Hauſes. Bei der Ver⸗ wirrung, welche durch die in ſolcher Art nicht erwartete Heimkunft des Schloßherrn unter der Dienerſchaft verbreitet worden war, hatte man an die dermalige Unwohnlichkeit dieſer Ge⸗ maͤcher nicht gedacht und auch verſaͤumt, vor der Einfuͤhrung des fremden Gaſtes in den⸗ ſelben nur die nothwendigſte Reinigung vor⸗ nehmen zu laſſen. Der alte Kaſtellan, dem die Ehre des Hauſes ſehr am Herzen lag, ſuchte nun mit eilfertiger Sorgfalt das Ver⸗ nachlaͤſſigte wieder nachzuholen. Waͤhrend Haldenſchild an das geoffnete Fenſter ge⸗ treten war und hinab auf die Flaͤche des Sees blickte, deſſen weitauslaufender Spie⸗ gel ſich in den Nebeln der Abenddaͤmmerung 8* — 116— verlor, und bewundernd zu den rieſigen Bergen hinuͤberſchaute, welche ſich in dunkeln Maſſen und ſcharfen Conturen am jenſeitigen Ufer des Sees erhoben, raͤumte der Alte ſtill und beſorgt, daß der Fremde es nicht bemerken moͤge, manches uͤberfluͤſſige Geraͤth aus dem Wege, ſuchte in dey ganzen Einrichtung des Zimmers eine aeuiſ Ebenmaͤßigkeit herzu⸗ ſtellen und ſaͤuberte das Beſtaͤubte mit gewand⸗ ter Hand. Eduard uͤberdachte die Ereigniſſe des Tages. Das laͤngſt erſehnte Ziel war erreicht, die Geliebte gefunden. Die Erfuͤllung ſeiner ſeligſten Hoffnungen durfte er aus der unwill⸗ kuͤhrlichen Offenbarung Anna's ahnen, er konnte mit einer Beſtimmtheit, an die er bis jetzt noch nicht zu denken gewagt hatte, das Gluͤck ſeiner Zukunft in heitern Phantaſiebil⸗ dern geſtalten. Und dennoch blieb noch immer ein truͤbes, beunruhigendes Gefuͤhl in ſeiner Seele herrſchend, das er nicht zu entfernen vermochte: die dumpfe geiſtige Gedruͤcktheit — 117— der Hausbewohner, die Erinnerung an die unthat des ihm noch raͤthſelhaften Mattheo, des verwundeten Greiſes ſelbſt in der Ohn⸗ macht noch ſo ſtarre und ſtrenge Zuͤge, ja! ſogar die, in ihrer Alterthuͤmlichkeit unheim⸗ liche Pracht der Gemaͤcher ſchienen ihm Ur⸗ ſachen dieſes ſonſt unerklaͤrlichen Grauens. Da fiel es ihm ploͤtzlich ein, daß ihm noch immer der Name des Schloßbeſitzers unbekannt ſey, durch welchen ſich dieſes Naͤthſel, das ihn Jahre lang geneckt, loͤſen koͤnne. Raſch wandte er ſich um und ſagte zu dem Kaſtellan, der, nachdem er ſein Geſchaͤft vollendet, eben im Begriffe war das Zimmer zu verlaſſen. „Bewohnt Euer Herr ſchon lange dieſen Landſitz?“ „Graf Sinner,“ entgegnete der Ka⸗ 4 ſtellan, indem er ſich umwendete und in gebuͤckter Stellung dem Gaſte einige Schritte naͤher trat:„Graf Sinner hat dieſe Villa, welche ſchon ſeit Jahrhunderten ſeiner Familie eigenthuͤmlich iſt, aber in neuerer Zeit lange — 118— unbewohnt geſtanden hat, ſeit dem Tode ſeines einzigen Sohnes zum Aufenthalte erwaͤhlt. Der junge Graf Eddo diente als Obriſter im franzoͤſiſchen Heere und blieb in dem letzten Feldzuge. Da mochte der alte Vater nicht laͤnger auf dem Gute in Graubuͤndten wei⸗ len, wo Alles die Erinnerung an den Ver⸗ lornen fortwaͤhrend lebendig hielt.“ Der Freiherr bebte zuſammen bei der Rede des Graukopfs:„So habe ich dem Bru⸗ der der Geliebten feindlich entgegen geſtanden,“ dachte er bei ſich,„vielleicht hat mein Roſſes⸗ huf den Koͤrper des Sterbenden zertreten, vielleicht meine Waffe ihn“— er riß ſich mit Gewalt los von der widrigen Vorſtellung. Aber es duͤnkte ihn ſeltſam, daß jetzt wieder das bleiche Antlitz des franzoͤſiſchen Offiziers, das ſich ſchon ſo ſtoͤrend in ſeinen lieblichen Traum gedraͤngt, vor dem Auge ſeines Geiſtes ſtand, daß es bald, von der regen Phantaſie hervorgerufen aus den daͤmmerigen Winkeln — 119— 4 des Gemachs uͤberall ihn drohend anzuſtarren ſchien.— Der Kaſtellan fuhr jetzt mit zutrau⸗ licher Geſchwaͤtzigkeit fort: „Graͤfin Anna waͤre, wie ich aus dem Munde ihrer Zofe weis, weit lieber auf dem Schloſſe in Graubuͤndten geblieben, als hierher in das alte Haus an den abge⸗ legenen See gezogen. Nur mit Muͤhe und Widerwillen konnte die junge Graͤfin ſich von dort trennen. Es ſchien immer als erwarte ſie jemanden dort, und noch am letzten Tage ihres Aufenthaltes fand die Kammerfrau ſie beim Untergange der Sonne auf der hohen Teraſſe naͤchſt dem Schloſſe, wie ſie ſehnſuͤch⸗ tig und unruhig nach den blauen Bergen hinuͤberſchaute, uͤber welche die Straße nach Deutſchland fuͤhrt. Hier lebt der Herr mit Graͤfin Anna ganz ſtill und zuruͤck⸗ gezogen, ohne mit dem Adel in Lugano oder auf den benachbarten Villen den minde⸗ ſten Umgang zu pflegen.“ * — 120— Haldenſchild hatte aufmerkſam zuge⸗ hoͤrt. Anna's fruͤhere unbedachte Offen⸗ barung gab ihm Grund zu vermuthen, daß er es ſey deſſen Ankunft ſie in Graubuͤnd⸗ ten gehofft und gewuͤnſcht hatte. Er ſchritt ſinnend das Gemach auf und nieder. Dann blieb er vor dem Kaſtellan ſtehen, der eine Aufforderung zu weiterer Rede zu erwarten ſchien und ſagte: „Wer aber iſt dieſer Mattheo, deſſen Hand das moͤrderiſche Geſchoß nach der Bruſt des ehrwuͤrdigen Grafen richtete. „Wie“ ſprach mit bebenden Lippen und indem ſich ſein Antlitz mit einer Leichenblaͤſſe uͤberzog, der Kaſtellan:„Mattheo war der Thaͤter?“ Auf eine bejahende Bewegung des Frei⸗ herrn ſprach der Alte nicht ohne eine innere unruhe, die ſich durch die ſcheuen Blicke, mit denen er ſich umſah, und den leiſen Ton ſeiner Stimme verrieth, weiter: — — 8½£——x üu am n — 121— „Wer dieſer Mattheo iſt, wiſſen eigent⸗ lich nur wenige von den Hausbewohnern und die es wiſſen, ich meyne den Herrn, die junge Graͤfin und die Kammerfrau Helena, bewahren uͤber dieſen Punkt das tiefſte Still⸗ ſchweigen. Ich halte ihn fuͤr den boͤſen Geiſt des Hauſes, der uͤber Graͤfin Anna's Tugend und Schoͤnheit erbost, der edlen Jung⸗ frau Netze und Schlingen ſtellt, um ſie mit Liſt oder Gewalt dem hoͤlliſchen Verderben zuzufuͤhren. So viel iſt gewiß, daß er unge⸗ hindert durch Mauern und verſchloſſene Thuͤ⸗ ren ſchreitet, einzig und allein nach dem Be⸗ ſitze der jungen Graͤfin ſtrebt und bis jetzt noch jeden Verſuch ſeiner habhaft zu werden, vereiltelt hat. Oft wird er um Mitternacht in den Gaͤngen des feſt verſchloſſenen und wohlbewachten Hauſes erblickt, ja! er iſt ſelbſt in der Graͤfin Schlafgemach eingedrungen. und wollte ſie zwingen, ihm zu folgen; wenn aber nun die Diener des Hauſes herbeieilten, und es ihnen unmöglich ſchien, daß er ihnen — 122— entrinnen koͤnne, dann war er ploͤtlich verſchwunden und keine Spur von ihm zu finden!“ Hald enſchild Wüttalr unglaͤubig das Haupt und entgegnete mit einem leichten Laͤcheln: „Eure Rede klingt maͤhrchenhaft! Habt ihr ihn denn je erblickt, den boͤſen Geiſ Mattheo?⸗ Der Alte deutete auf eine tiefgezeichnete Narbe an ſeiner Stirne und antwortete: „Dieſes Maal iſt ein Zeuge unſeres Zu⸗ ſammentreffens. Als er in einer Nacht es wagte, der jungen Graͤf in Zimmer zu betreten, und ihr gellendes Angſtgeſchrei alle Hausbewohner aus dem Schlafe aufruͤttelte, war ich der erſte, der zu ihrem Beiſtande herbeieilte. Ohne zu uͤberlegen, daß es ein thoͤrigtes Ding ſey, ſich mit Geiſtern in einen Kampf einzulaſſen, trat ich dem Mattheo in den Weg, da ergriff mich ſeine Rieſenfauſt und ſchleuderte mich zu Boden, daß ich beſinnungslos in meinem Blute da lag. Indem ich ſtuͤrzte, 2————O — 28—— — 123— hoͤrte ich ſein hoͤlliſches Gelaͤchter; gewiß hat mich nur das geweihte Kreuz, das ich ver⸗ borgen auf der Bruſt trage, vor den weitern Ausbruͤchen ſeiner Wuth geſchuͤtzt.“ Ernſter werdend fragte jetzt Eduard: „Und in welcher Geſtalt pflegt der Daͤmon hier im Schloſſe zu erſcheinen?“ SSKSeine Geſtalt iſt die eines jungen ſtark und hochgewachſenen Mannes,“ erwiederte der Kaſtellan:„Er ragt wohl um Kopfeslaͤnge uͤber Maͤnner von ſchon anſehnlicher Groͤße empor. Sein Antlitz iſt bleich und verzerrt, ſeine ſchwarzen Augen ſpruͤhen Blitze, ſein dunkellockigtes Haupthaar haͤngt wild und regellos auf die Schultern hernieder. Seine Kraft iſt uͤbermenſchlich. Damals, als er mich zu Boden geſtreckt hatte, warf er noch vier herbeieilende Diener nieder, welche ihn auf⸗ halten wollten. Man verfolgte ihn in die fernſten Gaͤnge des Hauſes, aber ploͤtzlich war er verſchwunden und nirgends etwas von ihm zu ſehen und zu hoͤren!“ — 124— „Alles was ihr mir da ſagt,“ ſprach ſinnend der Freiherr,„laͤßt mich glauben, daß in dieſem Mattheo wohl ein ſtarker und kuͤhner Raͤuber, dem alle Gaͤnge und Winkel dieſes weitlaͤufigen Gebaͤudes genau bekannt ſind, ſchwerlich aber ein Weſen daͤmo⸗ niſcher und uͤbermaͤchtiger Natur zu fuͤrchten ſey.“ „Ich fuͤr mein Theil,“ entgegnete der Ka⸗ ſtellan, indem er mit einem Zuge des Verdruſſes das tiefgefurchte Antlitz auf die Bruſt niederließ, „mag niemanden meinen Glauben aufdringen. Ueberhaupt iſt es nicht wohlgethan, ſo viel und ſo laut uͤber den Furchtbaren zu verkeh⸗ ren; wer weiß, ob er nicht in unſerer Naͤhe weilt, unſere Worte belauſcht, um ploͤtzlich racheduͤrſtend und Verderben bringend vor unſeren Augen ſichtbar zu werden!“ Der Alte faßte mit bebender Hand das Licht, welches er auf einem naͤchſt der Thuͤre befindlichen Tiſche niedergeſtellt hatte, und entfernte ſich mit allen Zeichen zunehmender Aengſtlichkeit und Beſorgniß. — der — 125— 7. Das Gemuͤth des Freiherrn war durch die uͤberraſchenden Ereigniſſe des heutigen Tages und die faſt unglaublichen Mittheilungen des alten Kaſtellans auf das lebendigſte bewegt. Durch das Wiederfinden der Geliebten ſah er den ſuͤßen Traum ſeines Lebens, dem er ſo lange vergeblich nachgejagt hatte, verwirklicht; in den Bedraͤngniſſen, welche die Jungfrau umgaben, erkannte er ſeinen Beruf, ſie gegen die Nachſtellungen eines raͤthſelhaften Weſens zu ſchuͤtzen, welches in ſeiner Kraft und Kuͤhn⸗ heit wohl den Kampf ſchwer und den Sieg zweifelhaft machen konnte. Dann gedachte er des Sohnes vom Hauſe, der im Kriege ihm feindlich gegenuͤber geſtanden und indem er ſeinen Arm der Sache des Unrechts und der Gewaltthaͤtigkeit geliehen, ſeinen Untergang gefunden hatte. Duͤſtre Ahnungen knuͤpften ſich an dieſen Gedanken. Konnte nicht der alte Graf, von Trauer und Schmerz uͤber — 126— den Verluſt des einzigen Sohnes erfͤllt, die Hand der Tochter dem Manne verſagen, der zu ehrliebend und rechtlich war, um zu ver⸗ bergen, daß er an den Feldzuͤgen gegen den Machthaber der Zeit Theil genommen? Konnte nicht Graf Sinner, der geduldet, daß der einzige Sohn die Sache dieſes letztern zu ſei⸗ ner eigenen gemacht, ſchon aus perſoͤnlicher Vorliebe fuͤr das Land, in welches Halden⸗ ſchild zweimal als Sieger eingezogen war, ihn ſtreng und kalt zuruͤckweiſen? Ach! und war er denn Anna's Gegenliebe ſchon in dem Grade gewiß, kannte er die Staͤrke ihres Charakters genug, um hoffen zu duͤrfen, ſie werde ihre Bitten, ihre Kraft mit ſeinen Be⸗ muͤhungen zur Bekaͤmpfung aller etwaigen Hinderniſſe vereinigen? 4 Er verſank in ein tiefes Nachdenken, das endlich durch den Wiedereintritt des alten Kaſtellans geſtoͤrt wurde. Dieſer entſchul⸗ digte mit wenigen Worten die junge Graͤfin, daß ſie, mit der Pflege des verwundeten Vaters — 127— beſchaͤftigt, am heutigen Abende nicht die Pflichten der Wirthin gegen ihren Gaſt erfuͤl⸗ len koͤnne. Von andern Dienern, welche dem Kaſtellan nachfolgten, wurde in des Frei⸗ herrn Zimmer gedeckt und eine feine, in allen Theilen auserleſene Abendmahlzeit aufgetragen. Haldenſchild beruͤhrte die koͤſtlichen Gerichte kaum. Seine Gedanken ſchweiften hinuͤber in das Krankengemach, in welchem die holde Anna an dem Schmerzenslager des Vaters weilte. Auf Eduards Befragen berichtete der Kaſtellan, daß der Wundarzt bereits die Wunde des Greiſes unterſucht und die Kugel ausgeloͤſt habe. Im Allgemeinen ſey eine baldige Herſtellung zu erwarten; Ruhe ſey des Leidenden nothwendigſtes Beduͤrfniß. Dieſe Erklaͤrung war dem Freiherrn ſehr willkommen. Konnte Graf Sinner wie⸗ derum der unausgeſetzten Pflege ſeiner Tochter entbehren, ſo durfte der Juͤngling manche Stunde traulichen Zuſammenſeyns und freund⸗ licher Berſtändigung mit Annen hoffen. — 128— Bald befand er ſich wieder allein in dem weiten Gemache, deſſen Einrichtung und ſelt⸗ ſame Ausſchmuͤckung jetzt ſeine Aufmerkſam⸗ keit erregten. Die ſcharfen Winkel des ſechs⸗ ſeitigen Zimmers liefen in hohen Bogen die gewoͤlbte Decke hinan, in deren zugeſpitztem Mittelpunkte ſie ſich zu einem vorſtehenden Knopfe vereinigten, von dem ein großer Kron⸗ leuchter mit weit ausgehenden Armen herab⸗ hing. Die beiden langen Seitenwaͤnde des Gemachs waren mit alterthuͤmlich gewirk⸗ ten Tapeten bedeckt. Die eine ſtellte die Heldin Judith, das kurze breite Schwerdt uͤber dem Haupte des ſchlafenden Holofer⸗ nes zuͤckend, die andere den Tod Abſalons dar. In der kuͤrzeren Wand, welche dem Haupteingange des Zimmers gegenuͤber war, befanden ſich zwei hohe Bogenfenſter, durch welche man den Blick uͤber den See und auf die Gebirge hatte, uͤber welche ſo eben die glaͤnzende Scheibe des Vollmonds aufſtieg. Jede der vier kleinſten Waͤnde, durch welche 1 8ᷣ——— — 129— 83 die achteckige Geſtalt des Zimmers gebildet wurde, war in ihrer ganzen Breite und Hoͤhe von einem alten verblichenen Gemaͤlde, in ſchwerem goldnen Rahmen eingenommen. Der Freiherr betrachtete die Gemaͤlde aufmerk⸗ ſam. Es waren ſaͤmmtlich, wie ihre Unter⸗ ſchriften zeigten, Portraits aus der Familie des Grafen. Die Coſtuͤme gaben zu erkennen, daß das Leben und Wirken der Dargeſtellten einer laͤngſt entſchwundenen Zeit angehoͤre. Eduard konnte ſeine Augen nicht abwen⸗ den von den Bildern. Bekannte Zuͤge ſahen ihm entgegen. Die todten Blicke welche auf ihn hinſtarrten, waren die des feindlichen Offiziers, der auf der Ebene von Waterloo unter ſeinen Schwerdtſtreichen gefallen war. „Ja, ich kann nicht laͤnger zweifeln,“ ſprach er duͤſter fuͤr ſich hin:„es war Anna's Bruder, mit dem damals ein feindſeliges Schickſal mich zuſammenbrachte, der von meiner Hand den Tod empfing. Das muß ich ihr, das muß ich dem Vater entdecken, muß in 9 1 ihre Haͤnde das mir anvertraute Vermaͤchtniß des Sterbenden niederlegen;— und wehe mir!— was habe ich dann noch zu hoffen, wie kann Anna ihre Hand mit der vereini⸗ gen, an welcher das Blut ihres todten Bru⸗ ders klebt?⸗ Dieſe truͤben Betrachtungen Halden⸗ ſchild's wurden durch den Eintritt ſeines Dieners Robert unterbrochen, welcher mit lachendem Munoe die Maͤhrchen von dem boͤſen Schloßgeiſte Mattheo erzaͤhlte, mit welchen man ihn am Tiſche des Hausgeſindes unter⸗ halten hatte. Robert hatte ſich waͤhrend der Feldzuͤge, welche er mit ſeinem Heren gemacht, eine Furchtloſigkeit erworben, die ihn alle ſolche aberglaͤubiſche Poſſen, wie er ſie nannte, verachten ließ. Dabei war er von der Natur mit ungewoͤhnlicher Koͤrperkraft ausgeſtattet worden, deren Bewuſtſeyn ſeinen Muth und ſein Selbſtvertrauen bei Gelegen⸗ heiten, wo es galt Mann gegen Mann zu ſtehen, noch erhoͤhte. — — 131— Er fand den Freiherrn wenig geneigt auf ſeine Mittheilungen zu achten. Eduard ging ſtumm und in ſich gekehrt das Zimmer auf und nieder. „Beim Himmel!“ ſprach Robert halb⸗ laut fuͤr ſich hin, indem er ſich bereitete in das fuͤr ihn beſtimmte Schlafzimmer zu gehen, welches dicht an das Gemach ſeines Herrn ſtieß und mit dieſem durch eine Thuͤre in Verbindung ſtand:„kommt mir der Spitzbube Mattheo einmal in den Weg, ſo wuͤrde ich mit der Fauſt an ſeiner Gurgel den Beweiß fuͤhren, daß er Fleiſch und Bein, aber kein Geiſt iſt.“ Der Diener entfernte ſich. Halden⸗ ſchild wurde von dem magiſchen Abglanze, welchen das Licht des Vollmondes aus dem Spiegel des Sees hervorzauberte, an das Fenſter gelockt. Ein Suͤdwind, welcher die kuͤhlende Friſche der Wellen, mit denen er getaͤndelt hatte, herbeifuͤhrte, wirkte wohlthaͤ⸗ tig auf den Juͤngling, der das brennende — 132— Antlitz ſeinem erquickenden Andrange preisgab. Vom jenſeitigen Ufer des Sees, auf welchem die Schatten der rieſigen Berge verdunkelnd ſich gelagert hatten, ſtrahlten die Lichter aus den Fiſcherhuͤtten; brennende Kienfackeln wur⸗ den hin und hergetragen, und tanzten wie Irrlichter am Strande: wahrſcheinlich waren mehrere Fiſcher mit einem naͤchtlichen Zuge beſchaͤftigt. Dceer ſtille und ernſte Frieden, welcher in der weiten Natur herrſchte, ging auch in die Seele des Freiherrn uͤber. Er gab ſich ganz dem Eindrucke des großen, vor ſeinen Blicken ausgebreiteten Schauſpiels hin. Seine Seele wurde mit neuem Vertrauen, mit wie⸗ derkehrender Hoffnung erfuͤllt. Indem er ſich von dem Fenſter abwen⸗ den wollte um ſich zur Ruhe zu begeben, bemerkte ſein ſcharfes Auge einen Kahn, der ein nicht fern vom Schloſſe liegendes Vor⸗ gebirge umfuhr und, leicht uͤber die Wellen des Sees hingleitend, ſeine Richtung nach dem — 133— Landhauſe ſeines Wirths nahm. Halden⸗ ſchild glaubte auf dem Ruderſitze einen Mann zu erkennen, der mit großer Anſtrengung ſich bemuͤhte, den Nachen raſch vorwaͤrts zu bringen. „Armer Nachtwanderer!“ ſagte der Frei⸗ herr und ſchloß das Fenſter:„Welcher kleine Gewinn, welche aͤngſtliche Sorge um die Friſtung eines duͤrftigen Lebens treibt dich aus der ſtillen Huͤtte und macht dich zum Raͤuber an der Ruhe der Nacht? Drohſt du den ſtillen Bewohnern der Gewaͤſſer Verderben oder ſuchſt du im gefaͤhrlichen Schleichhandel das Geſetz zu betruͤgen, die Aufmerkſamkeit deiner Waͤch⸗ ter zu taͤuſchen?“ Waͤhrend Eduard durch das Zimmer ſchritt, um ſeine Ruheſtaͤtte zu ſuchen, fielen ſeine Blicke noch einmal auf die Ahnenbilder an den Waͤnden. Bei dem truͤben Lichte der herabgebrannten Kerzen ſahen ſie draͤuend und geſpenſtiſch zu ihm hin. Duͤſtre Erinnerungen erwachten auf's Neue. — 134— „O warum habe ich ſeiner nicht geſchont, warum den zum Schwerdtſchlage erhobenen Arm nicht abwaͤrts gelenkt von ſeinem Haupte?/ ſeufzte er vor ſich hin. Da aber trat die Ueberzeugung in ſeine Seele, daß er, ſelbſt ſchwer bedraͤngt von dem angreifenden Gegner, nicht anders gekonnt habe. Er verloͤſchte das Licht und warf ſich auf das Lager, wo, aus wachen Traͤumen in die des Schlummers uͤbergehend, bald Anna's liebliches Bild jedes andere ver⸗ draͤngte.— e 8. Mitternacht mochte voruͤber ſeyn, als der Freiherr durch das Geraͤuſch einer knarren⸗ den Thuͤre und leicht durch ſein Zimmer hin⸗ ſchwebender Schritte erweckt wurde. Er oͤffnete die Augen und richtete ſich auf. Der Mond ſchien hell in das Gemach. Im Taumel der Schlaftrunkenheit gewahrte der Juͤngling eine ——᷑—᷑——˖˖ę— — 135— hohe Mannsgeſtalt, welche eben die Zimmer⸗ thuͤre geoffnet hatte und eilig auf den aͤuſſe⸗ ren Gang ſchluͤpfte. „Was iſt das?“ rief Haldenſchild, indem er ſich voͤllig ermunterte und von ſei⸗ nem Lager aufſprang.„Wie kommt ein Frem⸗ der in dieſes von innen verſchloſſene Gemach? Sollte Robert— nein!“ entgegnete er ſich ſelbſt:—„Robert iſt bei weitem kleiner, ſeine Geſtalt gedraͤngter und er wuͤrde nicht wagen“— Unter dieſen Worten hatte Halden⸗ ſchild bereits die Thuͤre des Nebenzimmers geoͤffnet. Er ſah ſeinen Diener von tiefem ungeſtoͤrten Schlummer umfangen, er konnte die ſchweren Odemzuͤge des Schlafenden zaͤhlen. „Ha!“ fuhr er, von einem neuen Ge⸗ danken beunruhigt, in ſeinem Selbſtgeſpraͤche fort:„haͤtte der Boͤſewicht Nattheo“— Von ſchwarzer Ahnung ergriffen, warf Haldenſchild die nothwendigſten Kleidungs⸗ ſtuͤkke uͤber. Ein geladenes Piſtol in der — 136= Rechten, verließ er ſein Gemach und betrat die Gaͤnge des Schloſſes, welche von dem faſt verloͤſchenden Lichte einzelner ſparſam an den dunkeln Waͤnden vertheilter Lampen mit einem unſichern Daͤmmerſcheine erhellt wurden. Allles dieſes war das Werk weniger Augenblicke. Eduard ſtand vor der Thuͤre ſeines Zimmers und wuſte nicht wohin er ſich wenden ſollte. Da war es ihm, als hoͤre er in der Ferne laute Rede und das aͤngſtliche Rufen einer weiblichen Stimme nach Huͤlfe. „Das iſt Anna!“ rief er entſetzt aus und eilte im Fluge dem Orte zu, woher die vernommenen Laute ſchallten. Bald konnte er die aͤngſtlich flehende Stimme der Geliebten, den drohenden wilden Ton einer entgegnenden Mannsrede unterſcheiden. Mit verdoppelter Anſtrengung eilte er vorrwaͤrts und ſah ſich ploͤtzlich vor der offenen Thuͤre eines Zimmers, in welchem ſich ihm ein Anblick bot, vor dem das Blut in ſeinen Adern zu Eis erſtarrte. 818 — 137— Der verwundete alte Graf ſaß aufrecht auf ſeinem Schmerzenslager und deutete dro⸗ hend mit der Hand gen Himmel. Der Ver⸗ band ſeiner Wunde hatte ſich gelost und das hervordringende Blut floß in dicken Tropfen uͤber ſein Nachtkleid herab. Seine Augen waren ſtarr und voll Abſcheu auf einen hohen Mann in gemeiner Fiſchertracht gerichtet, der mit dem Ruͤcken nach der Thuͤre gewendet, einen hochgeſchwungenen Dolch in der Rechten hielt. Haldenſchild erkannte den Mann; es war derſelbe, der auf eine ſo raͤthſelhafte Weiſe vor wenigen Augenblicken ſein Zimmer durchſchritten hatte. In der ganzen Stellung des Unbekannten ſprach ſich deſſen moͤrderiſche Abſicht gegen den Grafen aus. Zwiſchen beiden lag Anna auf den Knieen, mit dem bleichen ſchoͤnen Antlitze und den hoch erhobe⸗ nen gerungenen Haͤnden flehend gegen den Fremden gewendet. Auf der ſchrecklichen Scene ruhte das Daͤmmerlicht einer Nachtlampe; der weite Schatten, den die Geſtalt des Unbekann⸗ — 138— ten warf, huͤllte den herantretenden Frei⸗ herrn in Dunkel. „O ſchone ſein!“ jammerte Anna zu dem draͤuenden Moͤrder empor:„noch ſind deine Haͤnde mit ſeinem Blute gefaͤrbt, noch zerreißt ſeine Bruſt der Schmerz der Wunde, die du ihm geſchlagen, und du nahſt wiederum in tuͤckiſcher Mordluſt, den ſchwachen Lebens⸗ faden eines Greiſes zu durchſchneiden. O Mattheo, gedenke der Tage unſerer Kind⸗ heit und unſerer Jugend, wo wir friedlich und harmlos mit einander lebten, wo mein Vater jede Freude, welche er ſeinen Kindern bereitete, dich mit ihnen theilen ließ! Blick auf dieſes graue Haupt, erhebe nicht die Hand gegen deinen Wohlthaͤter, auf daß dich nicht die des ewigen Richters trifft!“ „Mein Wohlthaͤter!“ knirſchte Mattheo und lachte hoͤhniſch in ſich hinein:„glaubſt du, Anna, ich haͤtte vergeſſen, wie er auf dem Schloſſe in Graubuͤndten mich einen Niedertraͤchtigen genannt und mit Hunden — 139— forthetzen laſſen, als ich um deine Hand warb? Das vergißt Mattheo nicht, das iſt der Geyer, der ſo lange an meinem Innern nagt, bis mein Dolch in ſeinem Herzen gewuͤhlt hat.“— „So nimm mein Leben ſtatt des ſeini⸗ gen,“ ſprach mit ruͤhrender Ergebenheit die Jungfrau:„ich war es, die von unbeſieg⸗ barem Abſcheu gegen dich durchdrungen meinen Vater zu jenem Betragen gegen dich veran⸗ laßte. Deine Rache treffe mich! Zoͤgre nicht und laß das Opfer bluten!“ „O meine Tochter,“— ſagte mit matter Stimme der Graf und breitete die Arme nach ihr aus. Mattheo unterbrach ſeine Rede und entgegnete mit milderer Stimme der Knieenden, indem er die erhobene Hand mit dem Dolche ſinken ließ: „Ich dich toͤdten, Annal dich, die ich auf den erſten Thron der Welt erheben, fuͤr die ich alles Gluͤck, alle Freude des Lebens aus ſeinen reichſten Quellen ſtromen laſſen — 140— moͤchte? O, meine Annal Ich weiß es wohl: ſeit jenen Tagen, wo der Goͤtterglanz in Nacht zerfiel, den ich anbetete, dem ich mein ganzes Daſeyn gewidmet hatte, kommen oft fuͤrchter⸗ liche Augenblicke uͤber mich. Die Leute nen⸗ nen es Wahnſinn, was mich dann packt; mir iſt als ob die Welt zertruͤmmere: die Sonne ſtuͤrzt in den bodenloſen Abgrund, Mond und Sterne fliegen ſtuͤrmiſch gegen ein⸗ ander und zerſplittern in Millionen Funken, die ſich dann alle zu einer Gluth in meinem Gehirn ſammeln und dort nagend und peini⸗ gend fortbrennen. Aber wie die Gluth auch in meinem Innern frißt und alle Beſinnung aus dem Haupte hinweg zu ſchmelzen ſtrebt; zwei Gedanken ſtehen ewig feſt: dieſer Greis, der den Mattheo ſo ſchwer beleidigt, muß ſterben, dich Anna muß ich beſitzen!“ „Kann denn nichts dich verſoͤhnen, du Schrecklicher?“ wimmerte Anna mit ſchwa⸗ cher Stimme,„kann nicht mein Blut“— ⏑ — 7 — 141— „Verſoͤhnen?“ ſprach Mattheo und hielt ploͤtzlich, wie von einem neuen Gedan⸗ ken ergriffen, inne. Dann fuhr er mit ſehr ſanfter, faſt ſchmeichelnder Stimme fort:„O ja, Anna! Es gaͤbe wohl ein Mittel, uns alle gluͤcklich und froh zu machen und von dir haͤngt es ab dieſes Mittel in Anwen⸗ dung zu bringen. Siehe, wenn ich es recht überlege, ſo iſt mir an deinem Beſitz doch mehr als an dem Tode dieſes alten Mannes gelegen. Werde meine Gattin; ſo laß ich ihn unverletzt und ſein Leben ſoll mir heilig ſeyn wie das Deinige!“ Anna ſchauderte bei dieſem Vorſchlage heftig zuſammen; der in ſtummem Erſtaunen lauſchende Freiherr ſpannte leiſe den Hahn ſeines Geſchoſſes. „O, folge mir, Anna!“ ſprach leiden⸗ ſchaftlicher und dringender Mattheo wei⸗ ter:„komm mit mir in meine Berge, in meine Waͤlder, wo ich Herr und Koͤnig bin, wo niemand mich von meinem Throne zu ver⸗ — 142— draͤngen wagt. Dort fuͤhre ich dich zu dem ewig ſtrahlenden Sitze, von dem du herab die weite Erde huldigend zu deinen Fuͤßen liegen ſiehſt. Der Donner der Lavine feiert unſern Bund, der Waldſtrom rauſcht im Triumphgeſang, der Gletſcher umguͤrtet unſern Thron mit der herrlichſten Brillanterleuchtung, und wir— erhaben uͤber Allem— gebieten dort allein, die Fuͤrſten der Natur!“ Anna antwortete nicht, allein ein hef⸗ tiges Zittern befiel ſie und bemaͤchtigte ſich in wenigen Augenblicken ihres ganzen Koͤrpers. „Du ſprichſt nicht, du willſt nicht?“ fuhr jetzt Mattheo wild auf und erhob die Hand mit dem blinkenden Dolche:„O ich weiß es wohl, du fuͤrchteſt dich vor dem Alten, der dir verboten hat mit mir zu gehen! Aber ſeine Stunde iſt gekommen. Er ſoll ſich nicht laͤnger draͤngen zwiſchen dich und mich!“ Mattheo trat raſch einen Schritt vor⸗ waͤrts nach dem Lager des Grafen. Schon wollte Haldenſchild das geſpannte Piſtol ————YOÿj—— — 143— abfeuern auf den Wahnſinnigen; da nahm ploͤtzlich die aufſpringende Anna eine Stel⸗ lung an, welche fuͤrchten ließ, er koͤnne ſie verletzen. Der Freiherr ließ das Feuer⸗ gewehr ſinken, ging aber der Gruppe leiſe naͤher. „Nein, Mattheo, du ſollſt ihn nicht toͤdten!“ ſprach ſchnell und heftig Anna. Ihre Zaͤhne klappelten dabei fieberhaft gegen ein⸗ ander und ihr ganzes Weſen ſchien ſich in einem hohen Grade von Ueberſpannung zu befinden.„Ich will die deinige ſeyn, ich will mit dir gehen! Lebe wohl mein Vater! Gott wacht uͤber uns, er wird mich nicht ver⸗ laſſen!“ Bei dieſen Worten umarmte ſie ſchnell den Greis. Er wollte eine Bewegung machen, ſie zuruͤckzuhalten, ſank aber unter dieſer An⸗ ſtrengung kraftlos und ohnmaͤchtig auf ſein Lager zuruͤck. „Komm, ſuͤße Braut,“ grinſte Mat⸗ theo,„wir haben noch weit zu wandern, — 144— ehe wir ins Hochzeitshaus gelangen. Zoͤgere nicht!“ nin „Ich bin dein, ich folge dir,“ erwiederte die Ungluͤckliche und ſchwankte zu ihm hin. „Halt!“ rief jetzt mit Donnerſtimme der aus dem Dunkel vortretende Freiherr. Im naͤmlichen Augenblicke ergriff ſeine linke Hand die mit dem Dolche bewaffnete Rechte des Mattheo, in der andern Hand hielt er das geſpannte Piſtol draͤuend mit der Muͤndung nach der Bruſt des Wahnſinnigen gerichtet. „Ergib dich, Bube, oder meine Kugel zer⸗ 3 ſchmettert deine Bruſt!⸗ 8 „O, Herr, deine Macht verkuͤndigt ſichl⸗ ſagte Anna mit ſchwacher Stimme und ſank betend nieder auf die Kniee... Stumm und entſetzt ſtarrte Mattheo den Freiherrn an. Sein bleiches Antlitz, das die Stuͤrme der Geiſtesverwirrung graͤß⸗ lich verzerrt hatten und um welches die lan⸗ gen ſchwarzen Locken wild herabhingen, war — — 145— furchtbar anzuſchauen. Ploͤtzlich ſchien ihm die Groͤße der Gefahr, in der er ſchwebte, in ihrem ganzen Umfange klar zu werden. Mit einer raſchen Bewegung der freien lin⸗ ken Hand ſchleuderte er das Nachtlicht vom Tiſche herab, daß es verloͤſchend auf dem Boden hinrollte. Zugleich riß er mit einem kraͤftigen Rucke die Rechte los und ſprang in eiliger Flucht durch die offene Zimmer⸗ thuͤre in den aͤuſſeren Gang. Halden⸗ ſchild folgte ihm auf den Ferſen, allein der Wahnſinnige, der fluͤhtiger auf den Fuͤßen war und alle Schlupfwinkel des weit⸗ laͤufigen Gebaͤudes genau zu kennen ſchien, hatte bald einen anſehnlichen Vorſprung gewon⸗ nen. Der Freiherr wollte ihm nachſchießen, aber immer verhinderte ihn irgend eine vor⸗ tretende Ecke des Gemaͤuers daran, wenn er glaubte den Fluͤchtling gut auf das Korn ge⸗ nommen zu haben. Ueberdem war das Licht der wenigen noch brennenden Lampen ſo matt geworden, daß die Geſtalt Mattheo's nur 10 — 146— wie ein ferner leichter Schatten noch mitunter von ihm erblickt wurde. Jetzt entſchloß ſich Haldenſchild auf das Geradewohl nach der Gegend zu feuern, von der Mattheo's fuuͤchtige Schritte her⸗ ſchallten. Wenn er auch nicht hoffen durfte ſein Ziel zu treffen, ſo konnte doch die ſchla⸗ fende Dienerſchaft des Hauſes durch den Schuß erweckt werden und ihm beiſtehen in der Ver⸗ folgung des Wahnſinnigen. Der Schall des entladenen Geſchoſſes hallte furchtbar wieder in den weiten gewoͤlb⸗ ten Gaͤngen. Mattheo's Hohngelaͤchter miſchte ſich in den Wiederhall und gab deut⸗ lich zu erkennen, daß ihn die Kugel niht erreicht habe. Der Freiherr verdoppelte ſeine An⸗ ſtrengungen und ſtuͤrmte im raſchen Laufe dem Voraneilenden nach. Bei dem vor ſeinem Er⸗ loͤſchen ploͤtzlich noch einmal auflodernden Lichte einer Lampe, erkannte Haldenſchild wiederum in ſcharfem Abriſſe die hohe Geſtalt des Flie⸗ —.— — 147— henden, wie dieſer gerade die Thuͤre eines Zim⸗ mers öffnete, in ihr verſchwand und ſie krachend hinter ſich zuſchlug. In einem Augenblicke ſtand Eduard vor dem Gemache. Er erkannte es; es war war ſein Schlafgemach. Noch hoͤrte er von innen die Riegel vorſchieben und das Schloß verwahren. Vergebens ſuchte er die Thuͤre zu ſprengen. Da erſchallte mit einemmale Roberts Stimme im Innern des Zimmers. Der Freiherr vernahm ein Geraͤuſch, wie von zwei Ringenden, er hoͤrte aus dem Munde des treuen Dieners die Worte: „Verdammter Meuchelmoͤrder!“ Dann folgte ein ſchwerer Fall auf den Boden und nun herrſchte Stille wie im Grabe. 9. Der Piſtolenſchuß hatte ſchnell alle Be⸗ wohner des Hauſes aus ihrem Schlummer 10* — 148— geruͤttelt. Sie verſammelten ſich neugierig und erſchrocken um Haldenſchild, deſſen Ruf ſie aus den Gaͤngen, in welchen ſie zwecklos umherirrten, in ſeine Naͤhe gebracht. Der Freiherr ſendete ſogleich den alten Kaſtellan mit einigen Dienern in das Gemach des Grafen, um dieſem und der ohnmaͤchtigen Anna beizuſtehen. Die uͤbrigen forderte er auf, ſich mit ihm zu vereinigen, um die Thuͤre aufzu⸗ ſprengen und den fluͤchtigen Mattheo zu verfol⸗ gen. Bei dem Namen Mattheo's fuhren Alle entſetzt zuruͤck, bleiche Geſichter ſtarrten den kuͤh⸗ nen Gaſt von allen Seiten an und mehrere der im Hintergrunde ſtehenden Diener machten Anſtalt, ſich ganz in der Stille fortzuſchleichen. Andere jedoch ſchaͤmten ſich eines ſolchen Be⸗ ginnens. Das muthige Benehmen des Frei⸗ herrn belebte ſie zum Bewuſtſeyn ihrer eigenen Kraft und ſie legten friſch Hand an, die ſtarke Thuͤre von Eichenholz zu zertruͤmmern, die denn auch endlich ihren vereinigten Anſtrengun⸗ gen nachgab. * —, — 149— Eduard trat zuerſt in das Gemach, indem er mit einer hoch erhobenen brennenden Fackel, welche er einem Diener entriſſen hatte, daſſelbe in ſeinem ganzen Umfange beleuchtete. Bedaͤchtig und wie zu augenblicklicher Flucht bereit, folgte die Dienerſchaar. Mit fluͤchtigen aber durchdringenden Blicken uͤberſchaute Haldenſchild das weite Zim⸗ mer. Er ſah keinen auffallenden Gegenſtand. Da regte es ſich ploͤtzlich zu ſeinen Fuͤßen; eine Geſtalt mit bluttriefendem Antlitze, erhob ſich langſam vom Boden und ſchwankte den Eintretenden entgegen. „Wie— Robert, du in dieſer Geſtalt?“ rief Haldenſchild theilnehmend und erſchrok⸗ ken aus:„Sprich: wie wardſt du verwundet? Wo iſt der Fluͤchtling hingekommen?“ Als Eduard's Begleiter hoͤrten, daß der gefuͤrchtete Mattheo nicht zugegen ſey, draͤngten ſie ſich, begierig den Diener des Freiherrn zu erſchauen und deſſen Rede zu vernehmen, in das Zimmer. — 150— „Beim Himmel, ich hatte ihn gut gefaßt!“ entgegnete Robert auf die Frage ſeines Herrn und indem er, wie Jemand, der ſich muͤhſam auf etwas Geſchehenes beſinnt, die Hand an die Stirne legte:„der Schurke waͤre mir auch nicht enkommen, wenn er mich nicht ploͤtzlich das kalte Eiſen ſeines Meſſers an der Gurgel haͤtte fuͤhlen laſſen. Da ſchleuderte ich ihn weit hinweg von mir, aber bei der gewaltigen Anſtrengung ſtuͤrzte ich ſelbſt nieder auf den glatten Boden und zerſchlug mir im Falle die Stirne an jenem Pfeilertiſche. Was aus dem Buben geworden iſt, weiß ich nicht! Iſt er aus dem Fenſter in den See geſprun⸗ gen, ſo werden die Fiſche meine Rache uͤber⸗ nehmen; auſſerdem hoffe ich ihm wohl noch einmal zu begegnen und dann will ich ihm nur gleich die Gurgel zudruͤcken, ehe er Zeit gewinnt, ſein Meſſer zu ziehen!“ Der Freiherr unterſuchte die Fenſter ſie waren verſchloſſen; er blickte in das Neben⸗ gemach, es war leer. 4 —— 151— H Die Diener des Hauſes hatten ſich um Robert verſammelt und theilten halblaut 4 einander ihre Vermuthungen mit. „Den Mattheo haͤlt keine menſchliche Gewalt,“ ſagte einer:„er ſchreitet durch Mauern und verſchloſſene Thuͤren; es iſt eitle Muͤhe, ihm ein Hinderniß in den Weg legen zu wollen!“ 4 „Poſſen!“ ſprach Robert muͤrriſch da⸗ zwiſchen:„der Burſche beſteht aus Fleiſch und Bein, wie ich und ihr alle. Ich habe ſeine Hand gefuͤhlt, meine Fauſt hat ſeine Rippen gezaͤhlt.“ „Auf dieſem Wege iſt er entkommen!“ rief in dieſem Augenblicke Haldenſchild, der indeſſen forſchend an den Waͤnden des Gemachs hingeſchritten war, um etwa irgend eine verborgene Tapetenthuͤre ausfindig zu machen:„Hier iſt der geheime Gang, durch welchen er zu jeder Zeit in das Schloß drin⸗ gen, und ſich wiederum ſeinen Verfolgern — 152— entzehen konnte; jetzt iſt das Räthſel ſeiner 4 daͤmoniſchen Natur geloͤst!“ Alle traten dem Freiherrn däͤhen Dieſer ſtand vor einer Oeffnung in der Mauer, von welcher eine Treppe, deren Ende nicht zu erſehen war, in einen engen niedrigen Gang hinabfuͤhrte. Eins der großen Ahnenbilder hatte dieſe Oeffnung verdeckt gehalten, welche der Freiherr auch jetzt ſchwerlich wahrgenommen haben wuͤrde, wenn nicht Mattheo in der Eile ſeiner Flucht unterlaſſen haͤtte, die ſonſt unbemerkte Pforte feſt zu verſchließen. Eine klaffende Spalte hatte den aufmerkſamen Eduard zu der Entdeckung des geheimen Schlupfwinkels gefuͤhrt. Naſch ergriff jetzt Haldenſchild ein anderes noch geladenes Piſtol, welches auf dem Tiſche vor ſeinem Bette lag und ſtuͤrmte den geheimen Gang hinab, indem er in der linken Hand die leuchtende Fackel trug. Ro⸗ bert, der wieder gaͤnzlich zur Beſinnung gekommen war, eilte mit gezogenem Schwerdte . — 153— ſeinem Herrn nach. Mehrere der Diener durch dieſes Beiſpiel fortgeriſſen, ſchloſſen ſich an. Der Freiherr hatte bald das Ende der ſteilen Treppe erreicht. Hier befand er ſich mit ſeinen Begleitern in einem kleinen runden Gewoͤlbe, aus welchem noch zwei Treppen⸗ gaͤnge, dem aͤhnlich, durch welchen ſie von oben herabgeſtiegen waren, in andere Theile des Gebaͤudes aufwaͤrts zu fuͤhren ſchienen. Eine ſchmale und niedrige Thuͤre von Eiſen befand ſich in den Mauern zwiſchen dieſen beiden Gaͤngen. Haldenſchild machte den Verſuch, die Pforte zu offnen. Sie war nur angelehnt und gab ſogleich dem Drucke ſeiner Hand nach. Ein ſtarker Luftzug ſtroömte durch die gedffnete Thuͤre herein und drohte das Licht der Fackeln zu verloſchen, ſo daß man gend⸗ thigt war, ſie hinter den ſchuͤtzenden Mauern zu verbergen. 1 Das Rauſchen der Wellen ſchlug an Eduard Gehoͤr, als er in gebuͤckter Stel⸗ lung in die Pforte trat. Er erkannte, daß N 8 — 154— dieſer Eingang von Geſtraͤuch bedeckt war, durch welches nur muͤhſam einige Strahlen des Mondes zu ihm hineindrangen. Robert's Schwerdt ſchnitt raſch die niederhangenden Epheuranken durch. Der weite Spiegel des Sees, vom Silberlichte uͤberglaͤnzt, lag vor den Blicken des erſtaunten Freiherrn; die andringenden Wogen benetzten ſeinen Fuß. Es war klar, daß die Pforte, von deren Daſeyn keiner der anweſenden Schloßbewoh⸗ ner etwas wußte, ſich in der nach dem See hin liegenden Seite des Hauſes befand, welche faſt gaͤnzlich mit Epheu verhuͤllt war. Dieſe gruͤne Decke mochte bis jetzt die eiſerne Thuͤre auch vor jeder Wahrnehmung von Außen geſchuͤtzt haben. „Bis hierher geht unſere Verfolgung und nicht weiter,“ ſagte der Freiherr, dem es nicht zweifelhaft ſchien, daß Mattheo ſeine weitere Flucht uͤber den See bewerk⸗ ſtelliget habe. Der Blick ſeines ſcharfen Auges flog zugleich uͤber die Wellen und entdeckte —— — — 155— einen Kahn, der ſich in der Richtung nach dem bereits erwaͤhnten Vorgebirge raſch von. dem Schloſſe entfernte. Mattheo's Hohn⸗ 3 gelaͤchter, von Allen gehoͤrt und erkannt, toͤnte uͤber die Waſſerflaͤche heruͤber. „Der Teufel hole ihn!“ rief Robert aͤrgerlich aus:„die Flucht iſt ihm gelungen, ohne daß ich ihm eine kleine Vergeltung fuͤr den wohlgemeinten Dolchſtoß mit auf den Weg geben konnen 12 „So wollen wir ihm wenigſtens das Wiederkommen verwehren!“ ſprach Halden⸗ ſchild, indem er die Pforte ſchloß und mehrere ſchwere eiſerne Riegel, welche lange außer Gebrauch geweſen ſeyn mochten, muͤheſam vorſchob. Man wandte noch einen Theil der Nacht an, die beiden unbekannten aufwaͤrts fuͤhren⸗ den Gange zu unterſuchen und des Frei⸗ herrn Vermuthung, daß ſie eine Verbindung mit dem Innern des Schloſſes bilden moͤchten, fand ſich vollkommen beſtaͤtigt. Man konnte — 156— auf den drei geheimen Wegen, durch verſteckte Tapetenthuͤren ,in den Mittelbau und die bei⸗ den Fluͤgel des Hauſes gelangen; Mattheo mußte das Daſeyn und die Beſchaffenheit dieſer Gaͤnge, von denen, wie die Diener des Hauſes verſicherten, nie irgend eine Erwaͤh⸗ nung geſchehen ſey, auf eine ſeltſame und unbegreifliche Weiſe erfahren haben. Hal⸗ denſchild war uͤberzeugt, daß ſelbſt der Graf und der alte Kaſtellan das Geheim⸗ niß dieſer Schlupfwinkel nicht kannten: wie leicht haͤtten ſie nicht ſonſt dem Eindringen des gefuͤrchteten Mattheo unuͤberſteigliche Hinderniſſe in den Weg legen konnen! Als Eduard wieder auf ſein Zimmer zuruͤckkehrte, fand er den Kaſtellan, der von ſeinem Erſtaunen uͤber die gemachten Ent⸗ deckungen gar nicht zu ſich kommen konnte. Auf des Freiherrn Frage berichtete er, daß Graf Sinner, nachdem der Wundarzt aufs neue ſeine Wunde verbunden, in einen tiefen Schlaf gefallen ſey und daß Graͤfin Anna —õ—— — 157— nur der Ruhe beduͤrfe, um ſich von dem gehab⸗ ten Schrecken zu erholen. Haldenſchild, um die Geliebte und ihren Vater gegen jeden weitern moͤglichen neberfall zu ſichern, befahl dem muthigen Robert und denjenigen von der Dienerſchaft, welche die meiſte unerſchrockenheit bewieſen hatten, in den Gaͤngen naͤchſt dem Zimmer des Grafen, den Ueberreſt der Nacht hin⸗ durch Wache zu halten. Er ſelbſt blieb in ſeinem Gemache zuruͤck und erwartete hier, das Vorgefallene uͤberdenkend, den Anbruch des Morgens. 10. Der Tag kam, die Sonne zerſtreute mit ihren ſiegreichen Strahlen die Nebel, welche auf dem See lagen, ein leicht bewegtes Luͤft⸗ chen trieb das zerriſſene Dunſtgewoͤlk in die tiefen Schluchten der Gebirge, wo es bald verſchwand, und nun traten die fruchtbaren — 158— ufer des Sees, mit freundlichen H zahlreichen Villen bebaut, wie e gender Rahmen des ungeheuern Spiegels, den ſie umgaben, erkennbar und deutlich hervor. Hinter den Doͤrfern und Landhaͤuſern erhoben ſich im ſcharf abſtechenden Wechſel, bald huͤgelan laufende Fruchtgefilde, bald dunkelſtarrende Felſenmaſſen, uͤber denen wieder gruͤne Berg⸗ gipfel zum Himmel aufſtrebten und nach Nor⸗ den hin ferne Schnee⸗ und Eismaſſen, im Demantglanze die gruͤßende Morgenſonne zuruͤck⸗ ſpiegelnd, erſchienen. In den tief in das Ufer eingeſchnittenen Buchten wurde es rege und lebendig: Fiſchernachen ſtießen vom Lande ab, ſchwer beladene Boote ſchifften nach Suͤden hin, um am untern Geſtade des Sees ſich ihrer Laſt zur weitern Fuͤhrung nach der Lom⸗ bardei zu entledigen. Wie ſehr auch Haldenſchild's Geiſt mit den Ereigniſſen der Bergangenheit beſchaͤf⸗ tigt war und von truͤben Ahnungen fuͤr die Zukunft erfüͤllt wurde, ſo konnte er doch dem — 159 reizenden Schauſpiele, welches die Gegenwart ihm bot, ſeine Theilnahme nicht verſagen. Das iſt die reichgeſchmuͤckte Pforte von Italiens unverwelklichem Bluͤthengarten!“ dachte er bei ſich;„der fluͤchtige Morgenwind bringt den duftigen Gruß der Orangen⸗ und Man⸗ delbaͤume heruͤber.“— Als die Stunde des Fruͤhſtuͤcks gekom⸗ men war, trat ein Diener ein, welcher dem Freiherrn meldete, daß Graͤfin Anna ihn erwarte. Eduard hatte gefuͤrchtet, die Er⸗ eigniſſe der Nacht moͤchten nachtheilig auf Anna gewirkt haben und ihn deßhalb viel⸗ leicht der Freude ſie zu ſehen berauben. Froh uͤberraſcht folgte er dem einladenden Diener. Die junge Graͤfin zeigte im Aeuſſeren noch Spuren des Schrecks, welchen die Er⸗ ſcheinung und die Drohungen des furchtbaren Mattheo zur Folge gehabt hatten. Ihre Wange war bleich, das Feuer ihrer Augen erloſchen.* 160— „Wir haben Ihnen ſo viel zu danken,“ redete ſie mit ſanfter, bebender Stimme den en Freiherrn an, indem eine leichte Roͤthe ihr blaſſes Antlitz uͤberflog:„Sie haben das Leben meines Vaters vor dem blutduͤrſtigen Wahne des ungluͤcklichen Mattheo, meine Ehre, mein irdiſches Heil vor dem ſchrecklich⸗ ſten Verderben gerettet!“ „Der Tochter großherziges Opfer ſchuͤtzte den Vater;“ fiel Eduard raſch und begeiſtert ein:„ihr bleibe der Ruhm der hohen That!“ Anna ſchlug die Blicke zu Boden. Nach einem kurzen Stillſchweigen fuhr ſie fort: „Gewiß muß Ihnen unſer Verhaͤltniß zu Mattheo, das raͤthſelhafte Weſen dieſes Bedauernswerthen auffallend erſchienen ſeyn und ich fuͤhle mich verpflichtet, Ihnen uͤber dieſen Punkt mitzutheilen, was mir ſelbſt bekannt iſt.“. Haldenſchild naͤherte ſich der jungen Graͤfin und wenn auch die Gegenwart der Geliebten ſein Herz mit den ſuͤßeſten Gefuͤhlen durchſtroͤmte, ſo minderte dieſe Regung doch nicht die geſpannte Aufmerkſamkeit, mit der er ihren Worten lauſchte. „Mattheo iſt der Sohn des vorigen Kaſtellans dieſes Schloſſes,“ ſprach Anna weiter.„Als dieſer ſtarb war Mattheo ein fuͤnfzehnjaͤhriger Knabe und in gleichem Alter mit meinem Bruder Eddo. Mein Vater ließ den Verwaisten auf das Schloß in Grau⸗ buͤndten kommen, das wir damals bewohn⸗ ten, und ihn dort die Lehrſtunden und Freu⸗ den Eddo's theilen. Wenn beide Knaben auch im Aeuſſeren durch ihren hohen und kraͤftigen Wuchs einander entſprachen, ſo ſchien dahingegen ihr Inneres um ſo verſchieden⸗ artiger. Eddo war mild, freundlich und offen; Mattheo finſter, ſtuͤrmiſch und ver⸗ ſchloſſen. Nur gegen mich, damals ein Kind von zehn Jahren, zeigte ſich Mattheo nach⸗ giebiger und gefaͤlliger, als gegen andere. Doch erinnere ich mich recht wohl, daß ich ihn ſeines finſteren Blicks wegen ſehr fuͤrchtete und immer 11 24 162— nur auf Bruder Eddo's dringendes Zureden mich ihm naͤhern mochte. Trotz ihrer Cha⸗ rakterverſchiedenheit, waren die Knaben die beſten Freunde. Es war ein in ihnen beiden ſtark vorwaltendes Gleichgefuͤhl, welches ſie verband: naͤmlich eine ungemeſſene Bewun⸗ derung des Mannes, der aus dem Staube ſich zum Kaiſerthrone emporgeſchwungen hatte, deſſen Heere Europa uͤberſchwemmten und dem der Sieg gar nicht untreu werden zu koͤnnen ſchien. Mein Vater ſuchte dieſes Gefuͤhl eher zu naͤhren, als zu unterdruͤcken; er ſelbſt war von Ehrfurcht gegen den kuͤhnen Mann durch⸗ drungen, von dem er damals noch, in einem Irrthume, den ſo mancher Redliche mit ihm theilte, das Heil Europa's erwartete. In jener Zeit hatte ich das Ungluͤck meine Mutter zu verlieren; mein Vater, von dieſem Schlage ſchwer gebeugt, beſchloß meine fernere Erzie⸗ hung einer nahen Verwandten in Deutſch⸗ land anzuvertrauen. Als ich am Dage der Abreiſe von Mattheo Abſchied nehmen wollte, — 163— war er nirgends zu finden, und ich erfuhr nachher, daß er erſt ſpaͤt in der Nacht wieder auf dem Schloſſe erſchienen und mehrere Tage lang, ohne ein Wort zu ſprechen, mit ver⸗ ſtoͤrtem Angeſichte und wild verwirrten Blicken umhergewandelt ſey. Dieſes mag die erſte Anzeige des Zuſtandes geweſen ſeyn, der ſich ſpaͤter ſo ſchrecklich in ihm verkuͤndigte und ihn zu einem Gegenſtande des Abſcheus und zugleich des Mitleidens macht.“ Anna ſchwieg einige Augenblicke lang. Der Gedanke an Mattheo's ſchreckliches Schickſal ſchien ſie lebendig zu ergreifen. Doch fuhr ſie, als ſie die geſpannte Aufmerkſamkeit wahrnahm, mit welcher der Freiherr die Fortſetzung ihrer Erzaͤhlung erwartete, weiter fort: „Eddo und Mattheo traten in fran⸗ zoͤſiſche Kriegsdienſte. Meines Vaters Empfeh⸗ lung verſchaffte beiden Offiziersſtellen. Sie fanden ſchnelle Befoͤrderung. Mattheo wurde von ſeinem ungezuͤgelten Ehrgeize zu faſt 11* — 164— unglaublich kuͤhnen Thaten getrieben, die ihn ſelbſt dem Machthaber bemerkbar machten, den er abgoͤttiſch verehrte. Als ich mehrere Jahre nach dem Tode meiner Mutter die Heimath in Graubuͤndten beſuchte, kamen auch mein Bruder und Mattheo dorthin; bei der augenblicklichen Ruhe, welche uͤber dem groͤßten Theile von Europa herrſchte, war ihnen ein kurzer Urlaub bewilligt worden. Mattheo's Bruſt war von militairiſchen Auszeichnungen uͤberdeckt, welche ihm ſein Muth erworben hatte; auch Eddo konnte gleich ehrenvolle Decorationen aufzeigen. Dieſer war mild und freundlich geblieben, wie er als Knabe geweſen; jener legte einen Uebermuth und einen trotzigen Stolz an den Tag, der Jeden zuruͤckſcheuchen mußte. Waͤhrend meines Aufenthaltes in Deutſchland waren meine Anſichten uͤber den Goͤtzen, welchem Mattheo huldigte, gereift und berichtigt worden; ich hatte die Geiſel des Menſchengeſchlechts, nicht deſſen Schutzgeiſt in ihm erkannt. Es konnte ——— —— „ — 165— nicht fehlen, daß nun zum Oeftern Wort⸗ fehden zwiſchen mir und den beiden jungen Maͤnnern entſtanden, die oft nur durch die Gegenwart meines Vaters ihr Ende fanden. Ungeachtet dieſer abweichenden Geſinnungen hatte ich das Ungluͤck, Mattheos Auf⸗ merkſamkeit in einem hohen Grade zu erregen. Seine Leidenſchaft bedraͤngte mich auf das unertraͤglichſte und heiſchte Gegenliebe. Ich wieß ihn kalt zuruͤck. Das hielt ihn jedoch nicht ab, meinen Vater ſelbſt um meine Hand anzugehen. Wie ſehr auch dieſer damals noch Mattheos politiſche Meynung theilte, ſo war er doch zu ſtolz auf den Ruhm eines bisher unbefleckt gebliebenen altadlichen Hauſes, um dem Werber auch nur die mindeſte Hoff⸗ nung zu geben. Mein Vater, deſſen Grund⸗ ſatz es war, alle die in einem niederen und von ihm abhaͤngigen Verhaͤltniſſe ſtanden oder geſtanden hatten, immer in einer ehrfurchts⸗ vollen Entfernung zu halten, erinnerte ihn ernſt an ſeine Herkunft und erwaͤhnte nicht — 166— undeutlich der Verpflichtungen, welche er gegen ihn habe. Mattheo, der in ſeinem Ueber⸗ muthe dieſe Erklaͤrung nicht erwartet haben mochte, ſchaͤumte vor Wuth; noch in der naͤmlichen Stunde eilte er zu ſeinem Regi⸗ mente zuruͤck. Wenige Tage hierauf reiſte ich wieder nach Deutſchland ab. Zum letztenmale umarmte ich meinen Bruder; er verließ mit mir an demſelben Tage das Vaterhaus, um ſich dem damals entworfenen Kriegszuge nach Rußland anzuſchließen.“ Bei dem Gedaͤchtniſſe des verlornen Bru⸗ ders wurden Anna's ſchoͤne Augen von Thraͤnen getruͤbt, welche ſie vergebens zuruͤck⸗ zuhalten bemuͤht war. Haldenſchild wollte verſuchen, die Jungfrau durch einige Worte des Troſtes zu beruhigen, allein die duͤſtere Stimmung, welche ihn ſelbſt bei dieſer Erwaͤh⸗ nung ergriffen hatte, machte es ihm unmoͤg⸗ lich, ſogleich die angemeſſene Art der Rede zu finden. Die junge Graͤfin hatte ſich indeſſen ———— —,— — 167— wieder geſammelt und nahm den Faden ihrer Erzaͤhlung mit folgenden Worten auf: „Die Begebenheiten, welche den Fall Napoleons zur Folge hatten, ſind bekannt. Eddo, ſeinen Grundſätzen und ſeinem Eide getreu, folgte dem Entſagenden nach Elbaz Mattheo's leidenſchaftliches Gemuͤth konnte den Sturz ſeines Goͤtzen nicht ertragen, er ſelbſt ſah durch dieſen alle Entwuͤrfe geſcheitert, die ſein hochfahrender und ſtolzer Sinn ge⸗ ſchmiedet. Bis zum letzten Augenblicke hatte er geglaubt es wuͤrden Wunder geſchehen, den wankenden Kaiſerthron zu erhalten; nun ergriff ihn wilde Verzweiflung und zu dieſer geſellte ſich der geiſtzerſtoͤrende Daͤmon des Wahn⸗ ſinns. Ich war aus Deutſchland nach der Schweiz zuruͤckgekehrt. Eine ploͤtliche Erkrankung meines Vaters, welche ich gluͤck⸗ licher Weiſe bei meiner Ankunft in Grau⸗ buͤndten ſchon gehoben fand, hatte mir die ſchnelle Entfernung aus der Stadt, in der Sie mich durch Ihren guͤtigen Bei⸗ — 168— ſtand einer großen Verlegenheit entzogen, zur Pflicht gemacht.“ Anna errdͤthete bei dieſer Erinnerung; es wuͤrde wohl auch einem minder aufmerkſamen Beobachter als Haldenſchild bemerkbar geworden ſeyn, daß die Graͤfin dieſes zufaͤl⸗ ligen Umſtandes nicht abſichtslos gedacht. „Mein Vater wuͤnſchte mich in ſeiner Naͤhe zu behalten,“ fuhr Anna zerſtreut fort, „deßhalb konnte ich nicht wieder nach dem mir ſo lieb gewordenen Deutſchland zuruͤck⸗ reiſen. Wenige Monate nach meiner Ankunft in der Heimath, erſchien eines Tages ploͤtzlich Mattheo daſelbſt. Lumpen verhuͤllten ihn, ſein ganzes Aeuſſere zeigte die Spuren der graͤßlichen Geiſteszerruͤttung. Er drang in das Zimmer meines Vaters, verlangte unter den ſchrecklicßſten Drohungen meine Hand und brach zuletzt in eine ſo gefaͤhrliche Wuth aus, daß man ihn mit Gewalt entfernen mußte. Seine ungluͤckliche Leidenſchaft fuͤr mich, als deren großen und einzigen Gegner er meinen — 169— Vater betrachtete, war die fixe Idee, welche alle ſeine Handlungen leitete. In ſeinen noch oft wiederholten Verſuchen, ſich mir zu naͤ⸗ hern, bewies er eine Liſt, die alle Bemuͤ⸗ hungen, ihn feſtzuhalten und einer Heilan⸗ ſtalt fuͤr Geiſteskranke zu uͤbergeben, ver⸗ eitelte. Meines Vaters Vorſicht wußte dage⸗ gen mich vor ſeinen Anſchlaͤgen zu ſchuͤtzen. Nun ſchwur Mattheo ſeinem ehemaligen Wohlthaͤter die ſchrecklichſte Rache. Der Un⸗ gluͤckliche! Er wußte nicht was er that. Als die Nachricht von dem Tode meines Bruders eingetroffen war, fuͤhlte mein Vater, wie ſehr er Zerſtreuung und Vergeſſenheit des Ver⸗ gangenen beduͤrfe. Er beſchloß einen Wech⸗ ſel unſeres Aufenthaltes. Wir bezogen dieſes alte Schloß. Bald erkannten wir daß Mat⸗ theo uns gefolgt ſey und daß wir hier, wo ihm aus fruͤher Kindheit her jeder Schlupf⸗ winkel und manches geheime Verhaͤltniß des alten Gebaͤudes bekannt waren, ihn mehr zu fuͤrchten hatten, als in dem fruͤhern Wohnſitze. — 170— Wie oft nun Mattheo ploͤtzlich und unerwartet bald im Innern des Schloſſes, bald in deſſen Umgebung erſchien und Furcht und Entſetzen verbreitete, iſt unnoͤthig zu erwaͤhnen. Seine Kraft und ſein raͤthſelhaftes Verſchwinden, zu dem ihm die nun entdeckten verborgenen Gaͤnge behuͤlflich waren, ließen ihn unter der neu angenommenen Dienerſchaft fuͤr ein uͤber⸗ menſchliches Weſen gelten. Aus Ruͤckſichten auf die Verhaͤltniſſe, in denen Mattheo fruͤher zu uns geſtanden und wohl auch aus Schonung fuͤr mich widerſprach mein Vater dieſem Glauben nicht. Wie es dem Wahn⸗ ſinnigen geſtern endlich gelang, meinen Vater als Opfer ſeiner Rachſucht niederzuſtrecken, und wie er die vergangene Nacht zu der ſchreck⸗ lichſten meines Lebens gemacht, iſt Ihnen bekannt. Sie ſelbſt traten rettend und heil⸗ bringend in jener furchtbaren Stunde ihm ent⸗ gegen und es bleibt mir nur uͤbrig den Ausdruck des Dankes zu wiederholen, zu dem Sie durch dieſe große Dienſtleiſtung uns verpflichteten!“ — 171— Haldenſchild verbeugte ſich ſchweigend. Nach einer Pauſe fragte er, wie aus tiefer Zerſtreuung erwachend, die Graͤfin: „Und in der Schlacht bei Waterloo war es, wo Graf Eddo den Dod des Krie⸗ gers fand?“ Anna ſeufzte tief auf. Eine leiſe Be⸗ jahung hauchte ſie uͤber ihre Lippen und wandte ſich dann nach dem Fenſter hin, um den her⸗ vorbrechenden Thraͤnenſtrom zu verbergen. Die Wunde, welche dem liebenden Schweſterherzen geſchlagen worden war, hatten Zeit und Ver⸗ geſſenheit noch zu wenig vernarbt, daß ſie nicht bei jeder unvorſichtigen Beruͤhrung haͤtte bluten ſollen. Eduard betrachtete duͤſter die trauernde Jungfrau. Er legte im truͤben Sinnen die Hand an die Stirne und verließ, ehe noch Graͤfin Anna ſich wieder zu ihm gewendet hatte, ſtumm und in ſich gekehrt das Gemach. — 172— 11. Es wurden nun ſolche Vorkehrungen getroffen, welche es dem Mattheo unmoͤg⸗ lich machten, auf einem anderen Wege als durch den gewoͤhnlichen großen Eingang in das Innere des Schloſſes zu gelangen. Hier wurde aber beſtaͤndig aufmerkſam Wache gehalten und außerdem huͤteten noch zwei ungeheure Bullenbeiſer dieſe Stelle. Unter Roberts Anfuͤhrung fanden mehrere Streif⸗ zuͤge bewaffneter Diener in die Berge und den nahen Wald ſtatt, welche Mattheo's Einfangung zum Zweck hatten. Wohl erblickte man zum Oeftern den Ungluͤcklichen von Fern auf faſt unzugaͤnglichen Felſenſpitzen, allein wenn man ihm ſich naͤherte, erklang weithin ſein ſchallendes Hohngelaͤchter, und er entfloh mit der Eile eines gejagten Wildes in Kluͤfte und Ab⸗ gruͤnde, zu denen ihm niemand zu folgen wagte. Graf Sinners Geneſung ging ſchneller von ſtatten, als man gehofft hatte. Schon P — — 173— nach einigen Tagen konnte der Freiherr dem Greiſe vorgeſtellt werden, der ihn mit Ruhe und Ernſt empfing und offen ſeine dank⸗ bare Anerkennung von Eduards rettender Huͤlfe ausſprach, ohne jedoch ſich mit Weit⸗ ſchweifigkeit daruͤber zu verbreiten. Alles was der Graf that und ſagte, trug den Ausdruck einer Wuͤrde, welche dem Juͤnglinge Ehrfurcht einfloͤste. Anna ſchien mit ſchwaͤrmeriſcher Liebe an dem Vater zu haͤngen. Sie war immer um ihn beſorgt, ſuchte ſeine leiſeſten Wuͤnſche mit den Blicken zu erlauſchen und war ſtets bereit zu allerlei kleinen Handrei⸗ chungen, welche ihr im Augenblicke dem Bedürf niſſe des Kranken zu entſprechen ſchienen. Von dieſem Tage an war das Kranken⸗ zimmer der Punkt, in welchem man ſich zu geſelliger Unterhaltung vereinigte. Halden⸗ ſchild bemerkte bald, daß dem Grafen ſein fruͤheres Zuſammentreffen mit Annen in jener deutſchen Stadt, wo der Zufall und Mozarts Don Juan ihn zum Erſtenmale der Gelieb⸗ ten nahe gebracht, nicht unbekannt war. Der Freiherr fand ſich hierdurch nicht wenig uͤberraſcht. Er glaubte in Anna's freund⸗ lichem Benehmen gegen ihn eine Spur begluͤcken⸗ der Erwiederung ſeiner Neigung entdeckt zu haben und deßhalb, ſeiner Anſicht des weib⸗ lichen Charakters zu Folge, von ihr ein Schwei⸗ gen uͤber ihre fruͤhere Bekanntſchaft erwarten zu koͤnnen, deren Geheimniß ein neues trau⸗ liches Band zwiſchen ihnen bilden mußte. Jetzt ſah er, daß er ſich geirrt hatte; allein dieſer Irrthum wurde der Quell einer reinen Wonne: Haldenſchild erkannte das treue Tochterherz, das ſich in allen ſeinen Falten dem Vater offen darlegte und gewiß dereinſt ebenſo dem Gatten ſich vertrauend hingeben werde. In den politiſchen Anſichten des Grafen war durch die Ereigniſſe der letzten Zeit eine bedeutende Veraͤnderung vorgegangen. Der große Charakter, den das deutſche Volk ent⸗ wickelt hatte, war ein Gegenſtand ſeiner Be⸗ wunderung geworden, er legte unverholen dem Freiherrn ſeine Achtung daruͤber an den Tag, daß auch er, wie Anna ihm berichtet habe, in den Reihen der freiwilligen Vater⸗ landsvertheidiger ausgezogen ſey. Mit dem hoͤchſten Enthuſiasmus ſprach er von ſeinem Sohne Eddo. „Wahrlich,“ ſagte er einſt:„es iſt kein großes Werk fuͤr einen jugendlich muthigen Kaͤmpfer, ſich dem ſiegreichen Fluge eines Feld⸗ herrn anzuſchließen und auf ſeinen Schwin⸗ gen ſich mit emporheben zu laſſen in den Tempel des Ruhms; aber wenn nun das Gluͤck verraͤtheriſch den Ruͤcken wendet, wenn ein Ruhmeskranz nach dem andern welk her⸗ niederfaͤllt von dem Haupte des Gebieters, dann auszuharren mit ihm in den Tagen der Schmach, widerzukaͤmpfen in Verzweiflung gegen die andringende Uebermacht, um in den vergeblichen Anſtrengungen des letzten Kampfes zum Lohne der Treue,— den Tod und ruhmloſe Vergeſſenheit zu finden; dazu bedarf — 176— es des Entſchluſſes einer großen, einer Hel⸗ denſeele!“ Eine Thraͤne glaͤnzte bei dieſen Worten in dem Auge des Greiſes. Halden ſchild bemerkte ſie nicht. Die Erinnerung an Graf Eddo griff ſchmerzlich in ſein Herz und erweckte ihn zu truͤben Betrachtungen ſeiner eignen Lage. Noch immer ſuchte er ſich zu uͤber⸗ reden, daß der Gegner, den er in der Schlacht bei Waterloo perſoͤnlich bekaͤmpft, ein ande⸗ rer als Anna's Bruder geweſen ſeyn koͤnne. Er dachte mit innerm Erbeben an den Tag, der dieſes Naͤthſel loͤſen muͤſſe und dann viel⸗ leicht auf immer ſeines Lebens Gluͤck vernich⸗ ten werde. „Ich will den Rand des Wonnebechers bis an meine Lippen bringen,“ ſagte er, als er ſich in der Einſamkeit ſeines Zimmers befand.„Ich will ſeinen ſuͤßen Inhalt ver⸗ ſuchen und waͤhnen er ſey beſtimmt, mein Herz mit neubelebender Kraft zu durchſtroͤmen. Dann ſoll Anna ſelbſt ihn von meinem Munde — 177— reißen, den gluͤcklichen Wahn zerſtoͤren und mich verweiſen auf eine oͤde Zukunft voll Ent⸗ ſagung und peinigender Erinnerung des un⸗ wiederbringlich verlorenen Liebesgluͤckes.“— Graf Sinner befand ſich bereits der voͤlligen Heilung ſo nahe, daß er der anhal⸗ tenden Pflege ſeiner Tochter entbehren konnte. Auf ſein dringendes Verlangen mußte jetzt Anna ihn zum Oeftern verlaſſen, um den deutſchen Gaſt mit den reizendſten Punkten der Umgegend bekannt zu machen. Der gefuͤrchtete Mattheo ſchien durch die ſtrenge Wachſam⸗ keit, welche man gegen ihn beobachtete, von jedem weiteren Berſuche auf das Schloß abge⸗ halten zu werden und die Diener wollten ſelbſt behaupten, er ſey durch die oͤftern Streifzuͤge in den Wald ganz aus der Gegend verſcheucht worden. Nur Robert pflichtete dieſer Mei⸗ nung nicht bei. Er war bei den Unterneh⸗ mungen gegen Mattheo dieſem naͤher als jeder andere gekommen, und hatte ſeine geheime Schlupfwinkel in den Felſen und Kluͤften — 178— kennen gelernt. Dieſe bewachte er nun mit der treueſten Aufmerkſamkeit. Er hatte ſich wohlbewaffnet, ſo daß er jedem etwaigen An⸗ griffe des Wahnſinnigen die Spitze bieten zu koͤnnen glaubte; allein es wollte ihm nicht gelingen ſeines Gegners anſichtig zu werden. In der Daͤmmerung des Abends meinte er jedoch zum Oeftern eine dunkle hohe Geſtalt an fernen Felſenwaͤnden hinſchleichen zu ſehen. Die vor ihm liegenden Abgruͤnde wehrten ihm eine weitere Unterſuchung und das Feuerge⸗ wehr, welches ihn begleitete, trug nicht bis zu jener Stelle.. Robert war im Grunde nicht rach⸗ ſuͤchtig. Allein er beſaß eine unbeugſame Hart⸗ naͤckigkeit, welche ihn in der Verfolgung ſei⸗ nes Zwecks nie ermuͤden ließ. Dabei war er von einem nicht geringen Ehrgeize beſeelt. Als die Diener des Grafen ihm zuerſt von dem boͤſen Schloßgeiſte Mattheo erzaͤhlt hatten, und er ſeine Bemuͤhungen, ſie von ihrem thoͤrigten Wahne zuruͤck zu bringen, 3 — — 179— vergeblich ſah, hatte er ſein Wort darauf gegeben, er wolle dem gefuͤrchteten Popanz, wenn es Noth thue, allein entgegentreten und ihm die Verkappung entreißen. Dieſe war bei den Ereigniſſen jener Nacht gefallen. Ro⸗ bert empfand einen großen Unwillen daruͤber, daß ihm der Gegner damals entſchluͤpft war, und beſchloß nun nicht zu ruhen, bis er den Grafen und ſeine Tochter auf eine oder die andere Weiſe vor allen ferneren Unterneh⸗ mungen Mattheo’s ſicher geſtellt haͤtte. Mattheo ſelbſt, der bei zufaͤlliger Begeg⸗ nung im Walde dem Kampfe mit mehreren Dienern aus dem Schloſſe nicht auswich, ſchien den Robert beſonders zu fuͤrchten und ergriff die Flucht, wenn er ihn erblickte. Mit einemmale ſchien, wie ſchon berichtet, Mat⸗ theo ganz aus der Gegend verſchwunden und nur Robert durchforſchte noch, argwoͤhniſch und durch die ſcheinbare Ruhe nicht getaͤuſcht, den Wald und die Berge. 12* — 180— 12. Faſt taͤglich unternahm nun Anna mit Haldenſchild Luſtfahrten auf dem See. Bald war der Juͤngling ſo vertraut mit dem Elemente geworden, daß er lieber auf einer kleinen Barke, deren Fuͤhrung er ſelbſt uͤber⸗ nahm, mit der Geliebten allein das weite Silberbecken durchſchneiden, als auf der reich⸗ geſchmuͤckten Jacht, von zahlreicher Diener⸗ ſchaft begleitet und neugierigen Blicken bewacht, auf den Wellen ſchweben mochte. Die Graͤfin kannte alle Stellen des Seeufers, welche durch idylliſche Anmuth oder romantiſche Duͤſternheit ein mit der Na⸗ tur befreundetes Gemuͤth reizen und erheben koͤnnen. Die Felſenkette von Caprino, deren unterirdiſche Spalten erfriſchende Kuͤhlung in die Hitze des Sommers hauchen, die Buch⸗ ten von Agno, Treſa und Riva, mit dem reichen Anbau der ſie umgebenden Flu⸗ ren und dem ernſten Hintergrunde dunkler welche das Weſen der Natur — 181— Felſenvorſpruͤnge und Berge, wurden, wie es gerade der Augenblick den froͤhlichen Schiffen⸗ den eingab, zum Ziele ihrer Wanderungen gewaͤhlt.. Das waren ſelige Stunden fuͤr den Frei⸗ herrn. Die drohenden Schatten der Ver⸗ gangenheit, die duͤſtern Bilder der Zukunft verſchwanden vor der Herrlichkeit der Gegen⸗ wart. Der Weſt wehte ſo ſanft von dem Luganer Geſtade, ſuͤß duftende Blumen⸗ geruͤche zogen das weite Waſſerbecken heruͤber, aus den Kaſtanienwaͤldern des Ufers floͤtete die Nachtigall, uͤber goldſtrahlenden Gefil⸗ den jubelte die Lerche, Quellen floſſen melo⸗ diſch in den See und die Wellen ſchlugen kaum bewegt wie zu froͤhlichem Gekoſe an einander. Und wie ſich die hohe Macht, t ſeinem In⸗ nern verbindet und zuſammenhaͤlt, i holden und liebeathmenden Einklange verkünd dete, ſo rief ſie die Herzen der beiden ſtill Liebenden zu gleich ſeliger Offenbarung auf. — 182— Die Zauberworte kuͤhner Liebe und begluͤcken⸗ der Gegenliebe bebten uͤber Eduüards und Anna's Lippen, die Scheidewand der nur muͤhſam genaͤhrten Verheimlichung laͤngſt er⸗ wachter und treu genaͤhrter Gefuͤhle war gefallen.— Ein ſtiller reizender Abend folgte dem Nachmittage, an welchem die Liebenden die erſten Stunden des gleichgetheilten Gluͤcks gefeiert hatten. Schon legten ſich die Schatten der Berge rieſig auf den See und die Strahlen der Abendſonne faͤrbten das in zarter Schuͤch⸗ ternheit ergluͤhende Antlitz Anna's mit hoͤhe⸗ rem Roth. Die Jungfrau ſaß mit kindlicher Freundlichkeit und alles vertrauender Hin⸗ gebung an Eduard's Seite, dieſer ließ lang⸗ ſam die Gondel nach dem Ufer hintreiben, ſein Blick, von der Erkenntniß ſeines Gluͤcks und von Liebe belebt, ruhte wonnetrunken auf der holden Geliebten. Er hielt Anna's Hand, er druͤckte ſie an ſein klopfendes Herz, aber er fand nicht Worte, die Empfindungen welche — — 183— ihn in dieſem Augenblicke bewegten, auszu⸗ ſprechen. Anna blickte mit ſuͤßem Laͤcheln zu ihm auf! ſie mochte ſeine innere Bewegung mißverſtehen und unterbrach das lange bewahrte Schweigen mit den Worten: „Fuͤrchten Sie nicht, mein Freund, daß mein Vater unſerer Verbindung entgegen ſeyn werde. Seine politiſchen Anſichten hat die Zeit gelaͤutert und uͤberdem ſieht er ſein Gluͤck nur in dem meinigen. Wer weiß ob nicht unſere Liebe gerade ſeinen Wuͤnſchen ent⸗ ſpricht! „O ich uUngluͤcklicher!“ ſeufzte Halden⸗ ſchild tief auf, indem ſein Antlitz von einer Leichenblaͤſſe uͤberzogen wurde, ſeine zitternde Hand aus der der ſtaunenden Anna ſank und ſein Auge feſt auf einem Bilde in einem Medaillon haftete, welches ſie an einer um den Hals gereiheten Perlenſchnur trug und das jetzt durch eine raſche Bewegung der Jung⸗ frau ſichtbar geworden war. Anna konnte ſich des Geliebten plotzliches Erſchrecken nicht — 184— erklaͤren. Als ihr Blick die Richtung ſeines Auges verfolgte und nun den Gegenſtand ent⸗ deckte, der ſein Entſetzen verurſachte, mußte ihre Ueberraſchung und Verwunderung noch zunehmen. „Wie,“ ſagte ſie mit dem Tone der Be⸗ fremdung zu dem Freiherrn:„dieſes Bild meiner Mutter, dieſes mir ſo theure Angeden⸗ ken kann in ſo furchtbare Art auf Sie wirken? Das iſt ein Raͤthſel, deſſen Enthuͤllung ich mit innerem Grauen entgegen ſehe, ob ich ſie auch aus ihrem Munde erwarten muß.“ 11343 Eduards Blicke wichen denen der Graͤ⸗ fin aus. Er ſchaute duͤſter in die Wogen, welche die Gondel umſpuͤhlten. Die Sonne ſank hinter die Berge zuruͤck.„Mit dem Ge⸗ ſtirne dieſes Tages flieht der Traum meines Gluͤckes!“ dachte er bei ſich. Dann ergriff er Anna's Hand und ſprach mit ſanfter beben⸗ der Stimme: 8 „Sie ſollen Alles wiſſen. Nur heute nicht!— Heute moͤgen noch die Pforten des — 185— Paradieſes offen vor mir daliegen: die wenigen noch uͤbrigen Stunden dieſes Tages moͤgen dem Wahne einer Liebesſeligkeit geweiht blei⸗ ben, die zu groß iſt, um in aller ihrer Fuͤlle in dem engen Raum eines Menſchenherzens gefaßt zu werden. O theuerſte Anna,“ fuhr er leidenſchaftlicher fort,„nimmer werde ich Sie beſitzen, nimmer den Namen ihres Gat⸗ ten tragen! Ob auch mein Herz brechen wird unter dem Drucke dieſes furchtbaren Geſchicks, ob die Gewißheit der erſehnten Gegenliebe mit geſteigerter Pein an ihm nagt: ich ſelbſt muß die ſchreckliche Entdeckung herbeifuͤhren, ich ſelbſt muß meinem jung erſtandenen Gluͤcke den Todesſtoß geben. Aber ſchonen ſie mein! Goͤnnen Sie mir Zeit bis morgen, laſſen Sie nicht den erſten Tag meines Gluͤcks den letzten meiner Hoffnung ſeyn!“ n „Haldenſchild,“ entgegnete Anna mit Ernſt und indem ſie ihre Hand der ſeini⸗ gen entzog:„als ich das Geſtaͤndniß Ihrer Liebe mit der Offenbarung meiner gleichge⸗ — 186— ſtimmten Gefuͤhle erwiederte, gab ich Ihnen den hoͤchſten Beweis von Vertrauen, den ihr Geſchlecht von dem meinigen erwarten kann. Sie hatten mich dazu aufgefordert. Haͤtte ich ahnen koͤnnen, daß ein Geheimniß in Ihrer Bruſt ruhe, welches unſerer kuͤnftigen Ver⸗ bindung unbeſiegbare Hinderniſſe in den Weg legen duͤrfte, ſo wuͤrde ich nie auch nur die fernſte Andeutung meiner erwiedernden Neigung mir erlaubt haben. Ich mag den Gedanken nicht faſſen, daß Sie, mit dem Geheimniſſe im Ruͤckhalte, nur ein grauſames Spiel mit mir getrieben haben, allein unter unſern jetzi⸗ gen Verhaͤltniſſen beſitze ich ein Recht auf dieſes Geheimniß und ich erheiſche deſſen Ent⸗ deckung in dieſem Augenblicke um Ihrer ſelbſt willen, damit ich Sie von dem ſchrecklichen und unerklaͤrlichen Verdachte gereinigt ſehe, den Siee ſelbſt herbeigefuͤhrt haben.“ „Sie haben einen ſchweren Vorwurf gegen mich ausgeſprochen,“ ſagte der Frei⸗ herr,„der um ſo gewichtiger auf mir laſtet, — 187— da er nicht ganz unverdient iſt.“ Bei dieſen Worten hatte er nicht den Muth ſeine Blicke zu Annen zu erheben. Die Blaͤſſe des Antlitzes wich einer hohen Roͤthe und ein leiſes Zittern ergriff nach und nach ſeinen ganzen Koͤrper. „Aber bei der ewigen Gottheit,“ ſprach er jetzt mit feſter Stimme weiter:„iſt denn der Schiffbruͤchige zu tadeln, der in der ſchreck⸗ lich auf ihn niederdringenden Todesnoth nach den ſchwimmenden Truͤmmern greift, unbe⸗ achtend ob er durch ſeine That einen andern, der ſchon hier ſeine Rettung geſucht hat, mit hinabreißt in den vernichtenden Strudel? O, verdammen Sie mich nicht, theuerſte Anna, haͤufen Sie nicht das Elend, das ſich immer tiefer zu mir herabneigt, das bald zerſchmet⸗ ternd auf mich herabſinken muß!“ Anna fuͤhlte ſich von dem Zuſtande, in dem ſie den Geliebten ſah, tief ergriffen. Sie legte ihre Hand auf ſeinen Arm und ver⸗ ſetzte ſanft: „Sprechen Sie das furchtbare Geheim⸗ niß aus. Vertrauen Sie mir! Wir wollen vereint den Feind bekaͤmpfen, der unſeren Hoff⸗ nungen entgegentritt. Wer weiß, ob ſeine vermeinte Schrecklichkeit nicht ſchon bei der Offenbarung verſchwindet.“ Haldenſchild ſchuͤttelte truͤbe das Haupt. Dann erwiederte er ruhig und leidenſchaftslos: „Die Todten bleiben ſich getreu; unab⸗ aͤnderlich feſt ſteht die Vergangenheit! Ich erkenne es, der Wendepunkt meines Lebens iſt gekommen; die fluͤchtige Stunde des gluͤck⸗ lichen Wahnes, welche Jahren voll Sehnſucht und Entſagung gefolgt, iſt voruͤber und die Tuͤcke meines Geſchicks verlangt ihr Recht. O Anna,“ rief er jetzt mit erhoͤhter Stimme und verſtoͤrtem Blicke,„der Moment iſt nahe, in welchem du vor mir zuruͤckbeben wirſt, in dem ſich deine Liebe in Haß und Abſcheu verwandeln muß. Du ſelbſt verlangſt die entſetzliche Offenbarung! So wiſſt denn: ich bin— ein feindliches Geſchick hat“— — 189— In dieſem Augenblicke fiel vom ufer her, dem waͤhrend dieſer Unterredung die Gondel ſehr nahe gekommen war, ein Schuß. Die Kugel flog dicht uͤber Haldenſchilds Haupt hin.— I „Mattheol“ ſchrie Anna auf und bemuͤhte ſich, den Freiherrn neben ſich auf den niedern Sitz, den ſie bereits eingenom⸗ men hatte, herab zu ziehen. Laſſen Sie uns ſchnell nach dem Schloſſe hinrudern. Auf jener Klippe ſteht der Wahnſinnige, ſeine dro⸗ hende Gebehrde verkuͤndet nichts Gutes, er ladet von Neuem ſein Mordgewehr.“ Mattheo's Hohngelaͤchter ſchallte von einer weit in den See hinaustretenden Felſen⸗ ſpitze heruͤber. Der goldne Schein, der, ein letzter Gruß der ſcheidenden Tageskoͤnigin, am weſtlichen Himmel gluͤhte, ließ ſeine hohe Geſtalt und jede ihrer Bewegungen genau erkennen. Der Freiherr hatte mechaniſch den Kahn nach Anna's Willen gelenkt. Doch — 190— ſah er woßf ein, daß Mattheo ſeinen Mord⸗ verſuch werde wiederholen koͤnnen, ehe es ihm gelingen duͤrfte, die Gondel aus dem Bereiche ſeines Geſchoſſes zu bringen. Haldenſchild war ohne Waffen. Die Sorge fuͤr Anna ließ ihm keine andere Wahl uͤbrig, als in ſchneller Flucht eine moͤgliche Rettung zu ſuchen. Er maß mit den Blicken die Entfer⸗ nung von dem Landungsplatze beim Schloſſe, auf dem ſich bereits viele Leute verſammelt hatten, die aber, von der Felſenſpitze, auf der Mattheo ſtand, durch eine tief in das Ufer einſchneidende Bucht getrennt, keinen Beiſtand gewaͤhren konnten. Noch war die Entfernung bedeutend; der Nachen auf dem ſich Anna und Haldenſchild befanden, war unbedeckt und bot auch nicht den geringſten Schutz gegen Mattheos Angriff. Eduards Entſchluß war jetzt gefaßt. Er uͤberließ die Gondel dem Spiele der Wellen, erhob ſich von ſeinem Sitze und ſtand nun ſo aufrecht, daß ſein Koͤrper zu einem ſchir⸗ menden Wall fuͤr die junge Graͤfin ward. ——.,— — 191— „Was thun Sie, Haldenſchild?⸗ rief, ſeine Abſicht erkennend Anna aus: „Sie wollen ihr Leben opfern, um das meinige zu ſichern? Das dulde ich nimmer!“ Sie ſprang empor und faßte ſeinen Arm; der Freiherr aber druͤckte ſie ſanft auf den Sitz nieder und ſagte: „Mich hat der Krieg daran gewoͤhnt, dem Tode offen ins Antlitz zu ſchauen: ich fuͤrchte ihn nicht. Wer weiß, ob ich nicht die Hand ſegnen ſollte, die vielleicht im naͤch⸗ ſten Augenblicke meiner Bruſt den ſicheren Frieden fuͤr immerdar ſchenken wird!“ „Ha, was iſt das?“ ſchrie Anna, welche Eduard's letzte Worte uͤberhoͤrend, mit geſpannter Aufmerkſamkeit nach dem Wahn⸗ ſinnigen geblickt hatte.„Erſcheint dort nicht Robert auf dem Felſen neben Mattheo?“ „Bei Gott er iſt's! der kuͤhne Burſche!“ erwiederte Haldenſchild, indem er nach der bezeichneten Stelle hinſah. — 192— Jetzt ſchien auch Mattheo den ihm nun faſt zur Seite ſtehenden Robert wahrzuneh⸗ men. Entſetzt, den gefuͤrchteten Feind in ſeiner Naͤhe zu erblicken, ſprang der Wahnſinnige ſchnell auf den Rand des Felſens, ſchleuderte noch waͤhrend dieſer Bewegung ſein Gewehr weit von ſich hinweg, ſo daß es in den Ge⸗ buͤſchen am Ufer niederfiel, und ſtuͤrzte ſich dann mit aͤngſtlich dumpfem Geheul von der ſteilen Felſenſpitze hinab in den See. „Er wird ertrinken, der Ungluͤckliche!“ rief Haldenſchild, indem er eine Bewe⸗ gung machte den Lauf des Nachens nach der Stelle zu richten, wo ſeiner Meinung nach Mattheo untergegangen war. „Fuͤrchten Sie das nicht!“ ſagte die Graͤfin und hielt ihn von dieſem Begin⸗ nen zuruͤck:„Mattheo war immer einer der kuͤhnſten und gewandteſten Schwimmer. Alle Anſtrengungen ihn zu erreichen, wuͤrden nur vergeblich ſeyn!“ Der Freiherr ſah nun auch in der That, wie Mattheos Haupt ——— — 193— in einer großen Entfernung von der Klippe, die er fruͤher eingenommen hatte, wieder aus den Wellen hervorragte und er mit unbeſchreib⸗ licher Schnelligkeit den Spiegel des Sees durchſchnitt. In wenigen Augenblicken hatte Mattheo ein tiefer hinabliegendes Vorge⸗ birge erreicht. Er ſchwang ſich ans Ufer und verſchwand in dem Dickigt eines Kaſtanien⸗ waldes, der ſich bis nahe an den Strand herabneigte. Mehrere Barken, von der Dienerſchaft des Schloſſes beſetzt, geſellten ſich jetzt zu der von Haldenſchild gefuͤhrten Gondel. Anna mußte in das vaͤterliche Schloß zuruͤckkehren, ohne in das furchtbar drohende Geheimniß, deſ⸗ ſen Daſeyn ſie aus dem Munde des Geliebten erfahren hatte, eingeweiht worden zu ſeyn. Als ſie ſich von dem Freiherrn trennte, ſagte ſie leiſe und von den Anweſenden unbe⸗ achtet zu ihm: „Morgen erwarte ich Entraͤthſelung der ſeltſamen Dinge, die mich Ihre Rede hat 13 — 194— ahnen laſſen. Ich rechne darauf, daß Sie Ihrem Vorſatze mir ſie mitzutheilen, nicht untreu werden!“ „Sie ſollen Alles erfahren!“ entgegnete Haldenſchild mit einem Seufer. Hier⸗ auf zog er ſich ſtill in ſein Zimmer zuruͤck, das er auch an dieſem Abende nicht wieder verließ. 5 13. Am Morgen des naͤchſten Tages erſchien Graf Sinner, der nun vollkommen geneſen war, zum erſtenmale wieder in dem Geſell⸗ ſchaftsjimmer des Schloſſes. Anna ſtand an des Vaters Seite, als der Freiherr eintrat und ſich gluͤckwuͤnſchend dem Grafen näherte. Die Blicke der Liebenden ſuchten verſtohlen einander, allein beſtuͤrzt ſanken Anna's Augen zu Boden, da ſie in Eduards Antlitz alle Spuren eines tiefen Kummers und einer ſchlaflos durchwachten — 195— Nacht entdeckten; auch Haldenſchild war uͤberraſcht und betroffen, denn truͤbe war der ſonſt ſo leuchtende Blick der Jungfrau, die Roſen ihrer Wangen hatten bleichen Lilien Raum gegeben. Graf Sinner ſchien dieſe Veraͤnde⸗ rung in dem Weſen der Tochter und des Gaſtes nicht wahrzunehmen, oder, wenn er ſie bemerkte, ſie dem Eindrucke zuzuſchreiben, welchen Mattheo's unerwarteter und moͤr⸗ deriſcher Angriff auf beide hinterlaſſen haben konnte. Mit wohlwollendem Laͤcheln reichte er dem Freiherrn die Rechte und rief: „Seyn Sie dem Geneſenen willkommen! Gott lob! Ich fuͤhle, daß die alte Kraft in meine Glieder zuruͤckgekehrt iſt, und will wiederum thun, wie ein Geſunder. Wonach ich in den boͤſen Tagen, die mich ans Schmer⸗ zenslager gefeſſelt, mich aͤngſtlich geſehnt; worauf ich meine ſelige Hoffnung wiederkeh⸗ render Wonne gebaut in den Phantaſieen 13* meiner einſamen Stunde: das ſoll noch heute, noch an dieſem Morgen ins Werk geſtellt wer⸗ den! Blicke nicht ſo ſeltſam zu mir auf, Anna. Es ſind wunderbare Zweifel in mir erwacht und aus dieſen Zweifeln iſt, gleich einem Wiedererſtandenen aus dem Grabe, eine freundliche Hoffnung hervorgegangen. Waͤre es denn nicht denkbar und moͤglich, daß mein Sohn Eddo noch unter den Lebenden wan⸗ delte? Oft ſchon wurden Krieger nach der Schlacht vermißt und in die Todtenverzeich⸗ niſſe eingetragen und nach Jahren kehrten ſie zuruͤck an den ſtillen Heerd des elterlichen Hauſes und in die Arme der Ihrigen, die ſie dem Todtgeglaubten offen entgegenbreiteten!“ „O mein Vater, wenn auch Eddo auf dieſe Weiſe,“— fiel Anna froh bewegt ein und eine ſanfte Roͤthe legte ſich, als Zeuge der innern ſuͤßen Wallung, uͤber ihr Antlitz. Haldenſchild wendete ſeine Blicke ab; ein bitterer Schmerz zog krampfhaft durch ſeine Bruſt. — 197— „Freilich, mein theures Kind!“ fuhr Graf Sinner lebhaft fort:„auch Eddo konnte uns ploͤtzlich auf dieſe Weiſe wieder⸗ gegeben werden. Oft hat es mir eine wohl⸗ lautende Engelſtimme zugefluͤſtert:„zieh in die Heimath, dort findeſt du ihn wieder!“ Ich weiß nicht recht ob ich dann wachte oder traͤumte und ich verſtehe nicht eigentlich, ob unter dieſer Heimath das Ahnenhaus in Grau⸗ buͤndten oder der ewige Friedensort im Jen⸗ ſeits gemeint iſt. Aber laß uns immer dieſem ſchoͤnen Traume oder Wahne nachziehen, laß uns mit den reizenden Bildern die er auf⸗ ſtellt, unſere Gegenwart ausſchmuͤcken. In einer Stunde reiſen wir nach Graubuͤndten ab; alle Befehle ſind bereits gegeben. Sie, mein Freund,“ mit dieſen Worten wendete ſich der Graf zu Haldenſchild,„begleiten uns. Mir iſt es, als muͤſſe Ihre Anweſenheit auch dort heil⸗ bringend ſeyn, ſo wie ſie es hier geweſen iſt.“ Der Freiherr verbeugte ſich ſtumm. Er haͤtte mit einem Worte den beſeligenden — 198— Wahn des Greiſes zerſtoͤren, ihn aus ſeinem gluͤck⸗ lichen Traume erwecken koͤnnen; aber nur Annen glaubte er die Offenbarung ſeines ſchrecklichen Geheimniſſes ſchuldig zu ſeyn. Was ſollte er auch die letzte Hoffnung des Grafen v nichten, warum vor ſeinen Augen den Schlei zerreißen, der die zuruͤckſchreckende Wahrheit verbarg; den Troſt rauben, der ihn bis zu der wahrſcheinlich nicht mehr fernen Sterbe⸗ ſtunde begleiten konnte? Durch die ſo ploͤtzlich von dem Grafen angeordnete Reiſe erhielt der Freiherr fuͤr die Entdeckung der Urſache ſeines Seelenlei⸗ dens, welche er Annen verſprochen hatte, einen willkommenen Aufſchub. Daß aber die junge Graͤfin dieſes Geloͤbniß nicht vergeſſen hatte, ſagten ihm die duͤſter fragenden Blicke, welche ſie, als ſich die drei Reiſenden in dem engen und ſchmalen Wagen befanden, der ſich langſam die ſteilen Gebirgswege hinanbewegte, zum Oeftern auf ihn richtete. — 199— Die Dienerſchaft des Grafen, unter ihr Haldenſchilds treuer Robert, zog groͤß⸗ tentheils bewaffnet, in Wagen und auf Maul⸗ thieren, vor und hinter dem Herrſchaftswagen her. Robert, der durch ſeine Geiſtesgegen⸗ wart und ſeinen Muth bei den uͤbrigen Die⸗ nern zu großem Anſehn gelangt war, machte den Anfuͤhrer und war ſtets bedacht, auf jede Weiſe fuͤr die Sicherheit und den ungeſtoͤrten Fortgang des Zuges zu ſorgen. Der Herbſt hatte bereits die Waͤlder in den bunteſten Farbenwechſel gekleidet und ſpen⸗ dete, wie eine ungern ertheilte Gunſt, nur noch ſelten einige heitere Tage. Unſern Reiſenden zeigte er ſich milde und freundlich. Sie uͤber⸗ ſchifften den herrlichen Comerſee, deſſen mit unzaͤhligen freundlichen Villen beſaͤete Ufer ſie vergebens zu einem Beſuche und gaſtlichem Aufenthalte einzuladen ſchienen; ſie naͤherten ſich den himmelanſteigenden Urgebirgen, welche das idylliſche Welſchland von der romantiſchen Schweiz trennen; ſie uͤberſtiegen ſie auf — 200— ſichergehenden Maulthieren und wanderten dann an den Faͤllen ſchaͤumender Stroͤme hinab in die Thaͤler, von denen das gebirgreiche Grau⸗ buͤndten durchſchnitten iſt und deren eins in ſeiner ſtillen Abgeſchiedenheit das Stamm⸗ haus der Grafen Sinner der Kenntniß und den Blicken der vielfach das Land durch⸗ wallenden Reiſenden entzog. Bei der ſchon weit vorgeruͤckten Jahres⸗ zeit und aus Ruͤckſicht auf den Grafen, der ſo eben erſt vom Krankenlager erſtanden war, hatte man nur kurze Tagereiſen gemacht. So traf es ſich, daß man erſt in der Abenddaͤm⸗ merung des fuͤnften Tages in der Naͤhe des Beſtimmungsortes anlangte. Ungeachtet der Sorge, die des Freiherrn Bruſt beengte, mußte doch das Schauſpiel, das ſich ſeinen Blicken bot, als die Reiſenden in das vor ihnen liegenden kleine Thal wanderten, ihn mit Entzuͤcken erfullen. Der Fluß, der in rauſchenden Faͤllen ſich zwiſchen felſigten Ufern hinſchlaͤngelte und das Thal in zwei Haͤlften — 201— theilte, wurde bald von lachenden Wieſen, bald von finſter herabſteigenden Waldungen begrenzt. Rechts und links nach dem Hinter⸗ grunde zu, erhoben ſich amphitheatraliſch die weitausreichenden Gebirgsmaſſen, welche die abflachenden Huͤgel wie Arme nach dem Aus⸗ gange des Thales hinbreiteten; uͤber ihren Mittelpunkt herabſtrahlte, von den letzten Blicken der Abendſonne begruͤßt und zu einem Spiegel unzaͤhlig auftauchender Blitze gemacht, ein rieſiger Eiskegel, deſſen Gipfel das Abend⸗ gewoͤlk weit uͤberſteigend zu einer ſelbſtſtaͤndig erhellenden Sonne wurde. Im Hintergrunde bot das Thal eine weite keſſelartige Oeffnung, in deren Mitte das Schloß des Grafen auf einem Felſenhuͤgel ſtand, deſſen Fuß der brau⸗ ſende Strom im maͤchtigen Wogengedraͤnge umtoſte. Anna von der Sehnſucht nach der theuern Staͤtte ergriffen, deren Anblick alle ſuͤße Er⸗ innerungen ihrer Kindheit erweckte, eilte den Uebrigen voraus. Nur Eduard blieb ihr — 202— zur Seite. Sie war ſo ganz mit den bekann⸗ ten Gegenſtaͤnden, welche ihr hier, wie alte begruͤßende Freunde entgegen traten, beſchaͤftigt, daß ſiedes Freiherrn Naͤhe nicht bemerkte. Ihre Ungeduld, das vor ihren Blicken daliegende Ziel zu erreichen vermehrte ſich. Sie eilte jetzt ſo raſch durch das Thal hin, daß Hal⸗ denſchild auf dem ſtoͤrriſchen Thiere, wel⸗ ches ihm zufaͤllig zu Theil geworden war, bald durch einen großen Zwiſchenraum von ihr getrennt wurde und nur noch in niger Entfernung folgen konnte. Indeſſen gelangte Anna in den Thal⸗ grund, aus welchem ſich das Schloß auf ſeinen felſigten Grundfeſten erhob. Die weiten Schat⸗ ten der umſtehenden hohen Gebirgsmaſſen lagen uͤber dem Thale und huͤllten es in Daͤm⸗ merung ein. Bei einer Wendung des Weges ſah die Graͤfin das heimathliche Haus, mit ſeinen vielen gothiſchen Thuͤrmchen und Ecken ſchwarz zu dem abendlichen Himmel empor⸗ ragend, ganz nahe vor ſich, ſo daß ſie in wenigen — 203— Augenblicken das hochgewoͤlbte Thor erreichen konnte. Mit einemmale ſcheute das Thier, welches Annen trug, mit einer gewalt⸗ ſamen Bewegung zuruͤck. Eine graue Manns⸗ geſtalt hatte ſich von einem Felſenſitze an der Seite des Pfades erhoben und war Annen nahe getreten. Mit einem Schrei des Ent⸗ ſetzens erkannte die Jungfrau den wahnſinni⸗ gen Mattheoz; zugleich ſchickte ſie ſich zuur— eiligen Ruͤckkehr nach der Schaar der uͤbrigen Reiſegefaͤhrten an. Aber ſchon hatte Mat⸗ theo die Zuͤgel ihres Maulthiers ergriffen und ſagte mit ſanfter und wehmuͤthiger Stimme: „O fuͤrchte nichts! Ich bin ja nur her⸗ geeilt, dich willkommen zu heißen in deiner Heimath, die auch einſt die des armen Knaben Mattheo war. Damals warſt du wohl guͤtiger als jetzt und deine Milde machte den armen Knaben reich an begeiſternden Hoff⸗ nungen und Traͤumen kuͤnftigen Gluͤcks. Das iſt nun Alles anders geworden. Du haſſeſt — 204— mich und fliehſt meine Naͤhe. Freilich iſt es auch ſchlimm, daß ich dir und allen, die dich umgeben, Verderben drohen muß, wenn die boͤſe Stunde uͤber mich kommt.“ Hier ſchwieg Mattheo und ſchien in Nachdenken zu verſinken. Anna wagte kaum laut zu athmen. Sie hatte weder den Mirh noch die Kraft, nach Huͤlfe zu rufen; ihle Bruſt war wie zugeſchnuͤrt. Da erſchallte das Geraͤuſch der herannahenden Reiſege⸗ faͤhrten. „Lebe wohl, Anna!“ rief aͤngſtlich der ungluͤckliche und faßte mit krampfhaftem Drucke die Hand der innerlich Erbebenden:⸗ die Feinde kommen! Ich muß fliehn, denn ſie haben mir ja die letzte Waffe genommen, mit der ich mich ihrer erwehren konnte! Lebe wohl! aber glaube nicht, daß ich dich treulos ver⸗ laſſe. Dort oben, wo der Gletſcher thront und von duͤſtern Kluͤften umlagert, ſich ſtolz zum Himmel hebt, habe ich meinen Wohnſitz aufgeſchlagen. Von dort wird mein Auge — 205— deine Schritte erforſchen, meine Wachſamkeit mir die theure Braut wahren!“ Schnell und heftig riß er Anna's Hand an ſeine Lippen und entfloh dann mit bewun⸗ derswuͤrdiger Kuͤhnheit und Gewandheit, uͤber Felſen und Schluͤnde hinweg, in die bergen⸗ den Dunkel des Abends. 14. Am naͤchſten Morgen fanden ſich viele Landleute aus dem Schloſſe ein, welche den alten Grafen, den ſie von Kindesbeinen auf ehren und lieben gelernt hatten, treuherzig und freu⸗ dig willkommen hießen. Um Annen ver⸗ ſammelten ſich die Armen aus den benachbar⸗ ten Huͤtten und blickten voll Hoffnung und Vertrauen auf die guͤtige Wohlthaͤterin, die nun gewiß, wie ſie es ſonſt gethan, die Thraͤ⸗ nen der Duͤrftigen und Waiſen wiederum trocknen wuͤrde. Aus den hoͤhern Gebirgs⸗ gegenden kamen mehrere Sennen herab, welche — 206— im Voruͤbergehen berichteten, daß durch den Einſturz eines Gletſcherhorns mit ſeiner unge⸗ heeuern Maſſe von Schutt mehrere Huͤgel, ſammt den herrlichen an ihrem Fuße gelege⸗ nen Weiden, in den obern Bergſee getrieben worden ſeyen. Der Bergſee habe ſogleich ſein Ufer uͤbertreten und ſein Waſſer, die ſumpfigen Daͤmme fortreißend und mit dem Gletſcher⸗ ſchutte und dem thonigten Erdreiche der Huͤgel vermiſcht, bilde nun einen furchtbaren Schlamm⸗ ſtrom, der nach und nach ſelbſt zu einem beweglichen Gebirge geworden, in ſeinem lang⸗ ſamen Alles uͤberwaͤltigenden Gange Baͤume und Felſen mit ſich fortfuͤhre und ſich her⸗ nieder in die Thaͤler waͤlze; doch bedrohe dieſes Naturereigniß die Thalbewohner keineswegs mit Gefahr, da der Schlammſtrom ſeine Richtung nach einer tiefen Felſenkluft genommen habe, wo ihm kein weiterer Ausgang bleibe und er nothwendig ſeinen Ruhepunkt finden muͤſſe. Bei dieſer letzten Verſicherung verſchwan⸗ den alle Beſorgniſſe, welche in den Gemuͤthern — 202— Anna's und ihres Vaters durch die fruͤhere Erzaͤhlung erregt worden waren. Beide fan⸗ den ſich uͤberdem durch mancherlei nothwendige Anordnungen ſo ſehr beſchaͤftigt, daß der Mittheilung der Sennhirten nicht weiter ge⸗ dacht und ſie bald ganz vergeſſen wurde. Hal⸗ denſchild hatte das unruhige Treiben in der Naͤhe des Grafen gemieden. Die Gewiß⸗ heit ſeines Ungluͤcks, der ſchmerzliche Zwang daß er ſelbſt vor der Geliebten und Wieder⸗ liebenden das ſchrecklich hoͤhnende Spiel des Schickſals enthuͤllen muͤſſe, das ſie beide auf ewig trenne und ihre Zukunft in die einſame Oede eines entſagenden Daſeyns verwandle, laſteten auf ſeiner Seele. Er war uͤberzeugt, daß Anna noch heute die verſprochene Entraͤthſe⸗ lung von ihm erheiſchen werde. In dieſem Falle beſchloß er gleich nach der unheilvollen Offenbarung das Schloß zu verlaſſen. Er rief nach ſeinem Diener Robert, um ihm vorläufig ſeine Befehle wegen der vermuth⸗ lichen Abreiſe zu ertheilen; allein Robert — 208— war nirgends zu finden. Bei weiterer Nach⸗ frage erfuhr der Freiherr, daß ſein Diener, als er Mattheo's neues Erſcheinen am geſtrigen Abende erfahren, ſchon in der Fruͤhe des Morgens ausgezogen ſey, um ſeinen alten Feind aufzuſuchen. Ein heiterer Nachmittag folgte dem truͤben Herbſtmorgen. Die Sonne hatte das Gewoͤlk zerſtreut und herrſchte nun ungetruͤbt am reinen tiefblauen Himmel. In einem Verjuͤngerungs⸗ verſuche ſchien ſie ſich zur Erde herab zu nei⸗ gen, um ſie mit belebenden und mild waͤrmen⸗ den Strahlen, wie in den Tagen des jungen Sommers, zu begruͤßen. Als Graf Sinner, nach dem gemein⸗ ſchaftlich eingenommenen Mittagsmahle, ſich in ſeine Gemaͤcher zuruͤckgezogen hatte, um ſeiner Gewohnheit nach der Ruhe zu pflegen, forderte Anna den Freiherrn zu einem Spaßzlergange auf. Haldenſchild legte mit einer Verbeugung, welche ein tiefer Seufzer begleitete, ſeine Bereitwilligkeit ihr zu folgen —— — 209— an den Tag. Die Stunde der haͤrteſten Pruͤ⸗ fung war nahe: das erkannte er. Anna fuͤhrte ihn, indem ſie traulich ihren Arm in den ſeinigen legte, den Felſen⸗ weg hinab, auf welchem die Caravane der Reiſenden am geſtrigen Abende ihren Einzug in das Schloß gehalten hatte. „Verbannen Sie dieſe finſtere Miene!“ ſagte Anna freundlich bittend, nachdem Beide eine Weile ſchweigend neben einander fort⸗ geſchritten waren.„Ich will ſie zu meinem Lieblingsplaͤtzchen bringen. Es liegt tief im Gebirge, ſtill und abgeſchieden von der Welt und ihrem Treiben. Dort habe ich als Kind oft in den Armen meiner Mutter geruht, dort als Jungfrau manchen ſuͤßen Traum ent⸗ ſponnen. Immer bin ich noch aus jener Einſamkeit gluͤcklicher und zufriedener in das Weltgetuͤmmel zuruͤckgekehrt. Dort ſollen Sie mir die Zweifel enthuͤllen, welche den Frie⸗ den ihres Gemuͤths zerſtoͤren, das Schreckniß, das Ihrem Gluͤcke und dem meinigen Ver⸗ 14 — 210— derben droht. Ich hoffe, daß jener Ort noch immer ſeinen alten Zauber uͤbt und daß vor dieſem jede ſchwarze Ahnung entweichen wird.“ Eduard erwiederte nichts auf dieſe Rede. Was Anna in ihrer gluͤcklichen Unwiſſenheit Zweifel und Ahnungen nannte, lag klar in aller furchtbaren Wahrheit vor ſeinem Geiſte; alle Zweifel waren ſchrecklich geloͤst; jede Ahnung Verderben bringend erfuͤllt. Haldenſchild bemuͤhte ſich, die gewaltige Regung in ſeinem Innern fuͤr den Augenblick zu bekaͤmpfen; er ſuchte mit dem Anſcheine aͤuſſerer Ruhe ſeine Begleiterin auf ſo manches idylliſche Bild, welches der freundliche Thalgrund darbot, auf ſo manche großartige Felſengruppe, die ſich zwiſchen waldigten Huͤgeln herabdraͤngte, auf⸗ merkſam zu machen. Anna ſchien aber jetzt wenig Sinn fuͤr eine Unterhaltung dieſer Art zu haben; ſie verſank nun ihrerſeits in tiefes Nachdenken und bald verſtummte auch wiederum der Freiherr, deſſen zwangvolles Streben keine belebende Erwiederung fand. „ — 211— Als ſie in die Naͤhe einer ſeitabwaͤrts lie⸗ genden Bergſchlucht kamen, brach endlich Anna dieſes peinliche Schweigen und ſagte: „Durch dieſe enge Felſenkluft geht unſer Weg. Miein ſtilles Friedensthal liegt hoch oben in der Nachbarſchaft des maͤchtigen Eis⸗ rieſen, der dieſe Gegend beherrſcht. Wir haͤt⸗ ten wohl einen bequemeren Weg einſchlagen konnen, allein kein anderer fuͤhrt ſo nahe an's Ziel, wie dieſer.“ Indem Anna den ſchmalen, durch die Kluft aufwaͤrts ſteigenden Pfad betrat und Haldenſchild ihr folgte, ſchritt auf dem breiten Fahrwege, der ſich nach dem Schloſſe wand, ein Wanderer von anſehnlicher Geſtalt und edler Haltung heran. Er erblickte die Graͤfin und ihren Begleiter, welche eben im Begriffe waren die gewoͤhnliche Straße zu verlaſſen. Ehe ſeine nun eiliger werdenden Schritte die beiden Wandelnden erreichen konn⸗ ten, waren dieſe bereits in der Felſenſchlucht verſchwunden. Der Wanderer blieb einige 14*½ — 212— Augenblicke lang vor dem Bergpfade ſtehen, den jene eingeſchlagen hatten und ſah ihnen ſinnend nach, gleichſam als ſey er unſchluͤſſig, ob er ihnen folgen ſolle oder nicht. Ploͤtzlich aber ſchien er mit ſich einig geworden zu ſeyn, ſeiner fruͤher gehegten Abſicht treu zu bleiben, und ſetzte mit ſchnellen Schritten ſeinen Weg nach dem Schloſſe fort. 15. Der Pfad auf welchem die beiden Lieben⸗ den nach dem Orte hinſchritten, den Anna ihr ſtilles Friedensthal nannte, trug deutliche Spuren, daß er fruͤher von Menſchenhaͤnden gebahnt und geebnet, nun aber ſeit lange ver⸗ nachlaͤſſigt worden ſey. Entwurzelte Baum⸗ ſtaͤmme lagen oft quer uͤber und machten das Weitergehen beſchwerlich, abgeriſſene Felſen⸗ ſtuͤcke mußten manchmal muͤheſam uͤberklettert werden. Anna zeigte ſich ſehr gewandt in der Beſiegung dieſer Schwierigkeiten. Hal⸗ 0 — 213— denſchild konnte nicht daran denken, ſie hierbei zu unterſtuͤtzen; er hatte genug mit ſich ſelbſt zu thun um den fluͤchtigen Schrit⸗ ten der Jungfrau zu folgen. Sie mochten wohl uͤber eine Stunde lang durch die Bergſchlucht, in deren tiefem ſeitabliegendem Grunde ein wildes Waſſer rauſchte, aufwaͤrts geſtiegen ſeyn, als das Felſenthal ſich mit einemmale erweiterte und ſie zu ihrer Rechten einen praͤchtigen uͤber die hohe Steinwand herabſtuͤrzenden Waſſerfall erblickten, deſſen Naͤhe durch ein donneraͤhn⸗ liches Geraͤuſch voraus verkuͤndigt worden war. Haldenſchild von dem Schauſpiele uͤberraſcht, das er in ſolcher Herrlichkeit nicht erwartet hatte, ſtand in Bewunderung ver⸗ ſunken.. „Wie ſchade,“ rief Anna aus, die ſich bei dem gewaltigen Rauſchen nur muͤhſam dem Freihern verſtaͤndlich machen konnte: daß jene dichte Wolke dort das ſchneeglaͤnzende Haupt unſers Bergrieſen verhuͤllt, das ſonſt bei heiterm — 214— Sonnenlichte um dieſe Stunde ſtrahlend in den Waſſerfall ſchaut und dort den herrlch. 4 ſten Regenbogen bildet!⸗ Eduard blickte nach der gegenuͤber lie⸗ genden Seite, auf welche der Graͤfin erho⸗ bene Hand deutete. Dort ſtieg ein breiter von ſenkrechten Felſen gebildeter Thalgrund ziemlich ſteil empor, in deſſen Hintergrunde eine dunkle Maſſe hin und herwogte, welche jede weitere Ausſicht verſperrte. Dem Frei⸗ herrn, der von der Natur mit einem ſehr ſchar⸗ fen und weittragenden Geſichte ausgeſtattet war, ſchien dieſe Maſſe allzu dicht, um fuͤr ein bloßes Wolkengebilde gelten zu koͤnnen. Er wollte eben dieſe Bemerkung ſeiner Be⸗ gleiterin mittheilen, als Anna wiederum ſei⸗ nen Arm ergriff und ihn, zwiſchen dem Waſ⸗ ſerfalle und dem Weg nach dem Eisberge hindurch, in gerader Richtung einen aufwaͤrts ſteigenden Pfad fuͤhrte, auf dem ſie bald zu einem eirunden, rings von ſenkrecht empor⸗ * — 246— ragenden himmelanſtarrenden Felswaͤnden um⸗ I gebenen Wieſengrund gelangten. „ Hier iſt mein Friedensthal;“ ſagte Anna. „Auf jenem Felſenſitze im Hintergrunde habe ich oft meine kindiſchen Sorgen dem Mutter⸗ herzen vertraut und ſuͤßen Troſt und Beru⸗ higung gefunden. Dort erwarte ich ihr Ge⸗ ſtaͤndniß, um entweder ihren grundloſen Kum⸗ mer zu heben oder Ihr wirkliches Leiden durch innige Theilnahme zu erleichtern.“ Der Sitz, nach welchem Anna und der duͤſter ſchweigende Haldenſchild ihre Schritte lenkten, befand ſich auf einer kleinen Erhoͤ⸗ hung im Hintergrunde des Thaͤlchens. Er lehnte ſich an eine ſteilaufſteigende Steinwand, die jedoch betraͤchtlich niedriger war, als die den untern Theil des Grundes umgebenden Felſen. Nachdem Haldenſchild ſich hier an Anna's Seite niedergelaſſen hatte, ergriff die Jungfrau ſeine Hand und ſprach mit zaͤrt⸗ licher Stimme, waͤhrend der treue Blick des — 216— ſchoͤnen Auges ihm Troſt und Liebe zu ſccherm ſchien: „Laſſen Sie die Huͤlle des Geheimniſſes ſchwinden. Die Scheidewand zwiſchen unſerm Herzen iſt gefallen; warum ſoll noch ein fremdartiges und ſtoͤrendes Verhaͤltniß unter uns ſtattfinden?“ Gefaßt und ernſt erwiederte der Frei⸗ herr:„Noch wenige Augenblicke und jenes Verhaͤltniß zwiſchen uns, das holde kaum geknuͤpfte Band der Herzen, wird zerriſſen ſeyn fuͤr immer! Sie werden mich fliehen, theuerſte Anna, mich haſſen, verabſcheuen“— „Sprechen Sie nicht aus!“ unterbrach ihn die Graͤfin.„Was Sie mir auch ent⸗ decken koͤnnen; ich bin uͤberzeugt, ein Verbre⸗ cher ſind Sie nicht, und nur einem ſolchen koͤnnte ich Haß und Abſcheu weihen.“ „Nein! Bei dem ewigen Gott,“ ſprach Haldenſchild mit Haſt,„ich bin kein Ver⸗ brecher, nur ein Ungluͤcklicher. O ich haͤtte ja ſchweigen, ich haͤtte meine Bruſt zum Grabe 3 — 217— des ſchrecklichen Geheimniſſes machen und ſo im Raube den Preiß meines Lebens erringen koͤnnen! Aber das Wort welches ich einem Sterbenden gegeben, mahnt mich ernſt und die Wahrheit will ihr Recht, ob auch dann das Daſeyn jeden Werth verliert und der Tod die einzige Hoffnung des oͤden Herzens wird. So wiſſe denn, Anna,“ fuhr Hal⸗ denſchild mit erhoͤhter Leidenſchaftlichkeit fort und indem der Ton ſeiner Stimme etwas graͤßlich Singendes, ſein Antlitz in widriger Verzerrung den Ausdruck der gewaltſamen Selbſtuͤberwindung annahm, welche ihn dieſes Geſtaͤndniß koſtete:„auf dem Schlachtfelde von Waterloo ſtreckte mein Arm einen feind⸗ lichen Offizier zu Boden. Als ich mich zu ihm herabneigte, um zu ſehen, ob noch Huͤlfe moͤglich ſey, uͤberreichte mir der Sterbende ein Paͤckchen mit der Bitte, dieſes ſeinen Ver⸗ wandten zu uͤbergeben. Ehe er mir noch ſeinen Namen nennen konnte, befiel ihn eine tiefe Ohnmacht und mich rief das Schmettern der — 218— Trompete zuruͤck. Aber ich kenne ihn wohl, den damals das tuͤckiſche Schickſal, das unſerer Wuͤnſche lacht und ſeine Luſt in der Vereitlung unſerer Hoffnungen findet, in meine Bahn gefuͤhrt hatte: es war Graf Eddo, dein Bruder, und hier iſt ſein Vermaͤchtniß.“ Blaß wie eine Leiche und die ſtarren traͤumeriſchen Blicke auf den Freiherrn gerichtet, nahm Anna das dargebotene Paͤck⸗ chen aus ſeiner Hand. Sie oͤffnete faſt ohne zu wiſſen was ſie that, den Umſchlag. Als ihr Auge auf die darin enthaltenen Gegenſtaͤnde fiel, ſagte ſie leiſe fuͤr ſich hin, als wolle ſie ſich huͤten dem ungluͤcklichen Haldenſchild einen Vorwurf zu machen: „Ja, es war Eddo! Das iſt das Bild meiner Mutter, welches er aus dem Eltern⸗ hauſe mitnahm, und dieſes iſt die Locke, die ich ihm beim Abſchiede gab.“ Nach dieſen Worten verſtummte Anna. Sie verbarg ihr Antlitz mit beiden Haͤnden; ein kaum hoͤrbares Schluchzen gab zu erkennen, — 219— daß ſie weine. Eduard blickte ſcheu von der Seite hinweg, wo ſich die Graͤfin befand. In ſeiner Bruſt ſtuͤrmte es furchtbar, die Pulsſchlaͤge ſeines Herzens jagten einander in wilder Eile und dennoch zogen die Schauer eines Fieberfroſtes durch ſeine Gebeine. Die Außenwelt, mit allen innigen und großen Beziehungen, in denen ſie zu ihr ſtanden, war vor den Sinnen und dem Geiſte der Jung⸗ frau und des Juͤnglings verſchwunden: nur das Uebermaaß ihres beiderſeitigen Ungluͤcks erfuͤllte mit dumpſem Drucke und das Aufleben jedes andern Gedankens verhindernd, ihr ganzes Innere. 1n Da wurde das Licht der Sonne, die durch eine Felſenſpalte herab ihre Strahlen in das enge Thalrund ſandte, ploͤtzlich durch einen truͤb aufſteigenden Nebel verhuͤllt, welcher nicht leicht und wallend, ſondern wie eine fortge⸗ ſchobene immer dichter werdende Wand, ſich dem einzigen Eingange des Thales zubewegte: Eduard und Anna bemerkten es nicht. Ein — 220— fortwaͤhrendes naͤher und naͤher dringendes Donnerrollen, das Toſen des Waſſerfalls weit uͤbertonend und von einem ſeltſamen Ge⸗ raͤuſch begleitet, wie wenn maͤchtige Baum⸗ ſtaͤmme gebrochen, große Steinmaſſen fort⸗ geſchoben wuͤrden, hatte den ſchlafenden Wie⸗ derhall in den Thaͤlern zum Leben erweckt: die beiden Ungluͤcklichen vernahmen die Stimme der Warnung nicht. „Haldenſchild,“ ſprach endlich ihre Thraͤnen bekaͤmpfend die Graͤfin.„Sie hat⸗ ten Recht! die Enthuͤllung dieſes ſchrecklichen Geheimniſſes trennt uns fuͤr immer. Glauben Sie nicht daß auch nur der geringſte Vor⸗ wurf gegen Sie in meiner Seele aufkeimet. Sie tragen nicht die Schuld dieſes Unheils; darum kann ich Sie auch weder haſſen noch verabſcheuen. Aber fern von einander, mit dem ſchmerzlichen Dorne der Entſagung im Herzen, muͤſſen wir nun die oͤde Bahn durch⸗ wallen, bis uns einſt am Ziele der vorange⸗ gangene Bruder vereinigt!“ — 221— Eduard ergriff ihre Hand und druͤckte ſie an ſeine Lippen. Sie entzog ſie ihm nicht und fuhr fort: „Kommen Sie Haldenſchild! Wir duͤrfen auch keinen Augenblick ſaͤumen, dieſe Trennung ins Werk zu ſetzen. Zum Letzten⸗ mal ruht meine Hand in der ihrigen, ſie wird fuͤrder nimmer wieder diejenige beruͤhren, an der das Blut meines Bruders klebt. Nie erfahre mein Vater, was dieſe Stunde ſchreck⸗ lich enthuͤllt! Was ſollen wir auch die irrige Hoffnung des Greiſes ſtoͤren, dem die ſuͤße Taͤuſchung vielleicht den Pfad ins Jenſeits ebnet.“ Anna war aufgeſtanden und wandte ſich zum Gehen; der Freiherr bereitete ſich ſchweigend ihr zu folgen. In dieſem Augen⸗ blicke ward das Donnerrollen, deſſen die Graͤfin und Haldenſchild bisher nicht geachtet hatte, zu einem ſo furchtbaren und nahen Krachen, daß beide uͤberraſcht und beſorgt empor ſahen. — 222— Welche Scene des Entſetzens, welches grauenvoll drohende Bild der Zerſtoͤrung und der entfeſſelten Kraft der Elemente bot ſich jetzt ihren Blicken! Durch den einzigen Ein⸗ gang des Thalgrundes draͤngte ſich eine dunkle Maſſe, welche, in einem beſtaͤndigen Auf⸗ und Niederwogen, bald gewaltige Baumſtaͤmme, bald ungeheure Felſenſtuͤcke vor ſich hertrieb. Die dunkle Maſſe uͤberragte wie eine himmel⸗ anſteigende Wand die Felſen zu beiden Seiten des Thaleingangs, die noch den ſtillen Grund vor ihrem Einbruche zu ſchuͤtzen ſchienen. Ihr dunkler Schatten lagerte, den Tag verdraͤngend, uͤber dem untern Theil des Thals. Da ploͤtz⸗ lich war es, als gaͤben die ſchuͤtzenden Felſen der Gewalt des Druckes nach. Mit einem Getoͤſe, das keine Feder zu beſchreiben vermag, ſtuͤrzten Felſen und Baͤume uͤber den Klippen⸗ rand hinab; ein breiter dunkler Strom ſchlam⸗ migter Erde, der andere Steinmaſſen und Baumſtaͤmme wiederum langſam mit ſich bis an den Rand der Thalesfelſen waͤlzte und — 223— dann im furchtbaren Drange hinabſchleuderte, folgte ihnen nach und fuͤllte in wenigen Augen⸗ blicken den weiten Raum des Thales. Durch die gewaltige Erſchuͤtterung ward die Luft ſtuͤrmiſch bewegt, die Erde ſchien unter dem Falle der gewichtigen Maſſe zu erbeben. Haldenſchild hatte keine Ahnung von der drohenden Gefahr. Das Bild der Ver⸗ nichtung, welches vor ſeinen Blicken lag, hatte ihn gewaltſam dem Gefuͤhle ſeines Ungluͤcks entriſſen und zog ſeine ganze Aufmerkſamkeit an ſich. Anna aber erkannte ſogleich das Furchtbare ihrer Lage, das unabwendbar auf ſie und ihren Begleiter eindringende Verderben. Eine Todtenblaͤſſe uͤberzog ihr Angeſicht; doch dieſe floh bald wieder vor einer hohen Roͤthe, ein begeiſtertes Feuer glaͤnzte aus den Blicken der Jungfrau und mit ſtarker Stimme rief ſie dem Freiherrn zu: „Unſere Hoffnung wird fruͤher erfuͤllt, als wir gedacht haben! In kurzer Friſt ſind wir mit dem geſchiedenen Eddo vereinigt und“ — 224— erwarten im ſeligen Liebesbunde den Vater, der dann auch bald die Erdenfeſſeln abſtreift. Jetzt darf ich dich wieder lieben, mein Eduard; ſchon gehoͤren wir dem Leben und der Welt nicht mehr an, jedes irdiſche Verhaͤltniß ver⸗ liert ſeine Macht uͤber die, welche dem nahen Tode geweiht ſind „Wie deute ich deine Rede,“ entgegnete verwirrt der Freiherr,„ſollte irgend eine Gefahr fuͤr uns vorhanden ſeyn?“ „Wir werden dieſes Thal nicht wieder verlaſſen!“ ſprach ernſt und gefaßt Anna: „Dieſes iſt eins der gewaltigſten und furcht⸗ barſten Naturereigniſſe, welche in dieſer Ge⸗ birgswelt Verwuͤſtung und Vernichtung ver⸗ breiten. Siehe wie der maͤchtige Schlamm⸗ ſtrom in einzelnen Zwiſchenraͤumen die Felſen⸗ waͤnde uͤbertritt, in das Thal hinabhſtuͤrzt und in dieſem Keſſel immer hoͤher ſteigend langſam zu uns herandraͤngt! Hundertjaͤhrige Eichen reißt er aus dem Boden und zermalmt ſie zwiſchen den fortgeſchobenen Felſenbloͤcken, wie — — 225— duͤnne Staͤbchen! Hier iſt kein Entrinnen, der einzige Rettungsweg iſt verſperrt, wir muͤſſen muthig dem Tod ins Auge blicken, wie er in ſeiner ſchrecklichſten Geſtalt uns entgegentritt.“ „Nein, du darfſt nicht ſterben!“ ſchrie Haldenſchild, der nun mit einemmale das Verzweiflungsvolle ihrer Lage deutlich erkannte, wild auf und indem er heftig ſeinen Arm um die Geliebte ſchlang:„du darfſt nicht unter⸗ gehen auf dieſe graͤßliche Weiſe. Es muß noch einen Rettungsweg geben und Gott wird ihn uns zeigen!“ „Der einzige Rettungsweg, der uns uͤbrig bleibt, fuͤhrt in die Ewigkeit,“ ſagte ruhig die Graͤfin.„In wenigen Minuten ſind dieſe Herzen kalt und kein Erdenſchmerz wird ſie mehr peinlich durchzucken. Faſſe dich, mein Theurer! Stoͤre mich nicht in dieſem Augenblicke, daß ich den Segen des Himmels hernieder flehe auf das Haupt meines Vaters.“ 15 — 226— Haldenſchild hoͤrte nicht auf Anna's Rede. Wild rollend ſpaͤhten ſeine Augen an den benachbarten Felſenwaͤnden, deren Fuß noch nicht von dem furchtbaren Schlammſtrom erreicht worden war, nach einer Stelle, welche hoͤher gelegen ſey als ihr ſchon erhabener Standpunkt, oder welche etwa gar eine Aus⸗ ſicht zur Rettung biete. Indeſſen ruͤckten die von dem Schlamm⸗ ſtrome gedraͤngten und durch die ſtete Zuſtroͤ⸗ mung von oben auf einander geſchobenen Fels⸗ ſtuͤcke, wie eine rieſige bewegliche Wand immer naͤher. Langſam war ihr Fortſchreiten, aber Alles zermalmend und kein Hinderniß beachtend. Aus den Luͤcken, welche ſich zwiſchen den Steinmaſſen zeigten, ſtroͤmten dunkle Wogen; oft trieben dieſe einen noch unverletzten Baum⸗ ſtamm hervor, den die Felſenſtuͤcke in ihrer fortwaͤhrenden Gaͤhrung dann ſogleich zerrie⸗ ben. Das donnerartige Getoͤſe war ſo heftig geworden, daß Anna kein Wort des Frei⸗ herrn, der jetzt eifrig zu ihr ſprach, verſtehen — 227— konnte. So viel ſchienen ihr ſeine Gebehrden zu ſagen, daß er glaube, auf einem um wenige Fuß hoͤher gelegenen Raume, wo die Felſen⸗ wand eine Biegung machte und den Thal⸗ keſſel nur um Stockwerkshoͤhe uͤberſtieg, ſey vielleicht eine Friſt, wenn nicht gar Rettung zu finden. Anna ſchuͤttelte das ergebungsvoll gebeugte Haupt, doch folgte ſie dem voranſchreitenden Haldenſchild. Sie kannte den kleinen Thalgrund in allen ſeinen Verhaͤltniſſen zu genau, um noch die mindeſte Hoffnung auf die Moͤglichkeit einer Flucht vor dem nahen Untergange zu ſetzen. Indem ſie ihre Schritte nach der von dem Freiherrn bezeichneten Stelle lenkte, fiel ihr Auge auf eine Brieftaſche, welche dicht vor ihren Fuͤßen lag. Verwundert hob dieſe Anna auf. Sie erkannte ſogleich daß die Arbeit daran, wenn gleich durch langen Gebrauch entſtellt, von ihrer Hand ſey.„Das iſt Mattheo's Brieftaſche,“ ſagte ſie beſtuͤrzt 15* — 228— bei ſich:„das iſt dieſelbe, die ich, damals noch ein Kind, ihm bei meiner erſten Ent⸗ fernung aus der Heimath zum Angedenken ſchenkte. Der Himmel verhuͤte, daß die Be⸗ gegnung dieſes Ungluͤcklichen noch meine letzten Augenblicke truͤbe.“ Mit einer freudigen Bewegung wandte ſich jetzt Haldenſchild zu Annen und winkte ihr, eilig naͤher zu kommen. Der Jungfrau war dieſes Benehmen unbegreiflich. Als ſie vor dem Freiherrn ſtand, ſah ſie Entzuͤcken aus ſeinen Blicken und Mienen ſtrahlen; ſeine Hand zeigte auf eine Stelle hinter einer Wendung des Felſens, welche erſt jetzt ſichtbar wurde und wo— wer malt Anna's Erſtaunen?— eine Leiter angelehnt ſtand, die zum Rande der, wie ſchon erwaͤhnt, hier nicht ſehr hohen Steinwand fuͤhrte. Der ploͤtzliche Wechſel, welcher durch dieſe Entdeckung in Anna's Gemuͤth hervorgebracht wurde, wirkte ſo gewaltig auf ſie, daß ſie in dieſem Augenblicke keines Gedankens faͤhig — 229— war und nur mechaniſch dem Freiherrn folgte, der ihre Hand ergriffen und zuerſt die Leiter betreten hatte, um durch ſeine Huͤlfs⸗ leiſtung der Geliebten das Emporkommen zu erleichtern. Der Schlammſtrom tobte naͤher und naͤher. Mit der Vermehrung ſeiner Maſſe gewann er an geſchwinder Bewegung. Schon hatte er den Sitz erreicht, den Anna und Haldenſchild fruͤher eingenommen hatten und drang nun unaufhaltſam nach der Stelle hin, welche ſie im Begriffe waren zu ver⸗ laſſen. Da umfaßte Eduard die zagende Jung⸗ frau ſtark mit dem linken Arm und hob ſie, indem er mit der rechten Hand ſich an den obern Sproſſen der Leiter hielt, zu ſich empor. Der Ort wo Rettung und Sicherheit zu finden waren, lag vor ſeinen Augen; in wenigen Momenten konnte er erreicht ſeyn. Aber ploͤtz⸗ lich drang der Laut einer menſchlichen Stimme, die nur die Kraft des Wahnſinns ſo ſteigern — 230— konnte, daß ſie ſelbſt das Getoͤſe der aufruͤh⸗ reriſchen Natur uͤbertonte, von der Felſen⸗ wand hernieder und Haldenſchild unter⸗ ſchied deutlich die drohend ausgeſprochenen Worte: „Hinweg mit dir oder ich zerſchmettere mit dieſem Felſenſtuͤcke dein Haupt! Sie mag ſich retten, aber entfernſt du dich nicht ſogleich von der Leiter, die mein Eigenthum iſt, ſo toͤde ich euch beide!“ Anna hatte ſich erholt und ihre ganze Geiſtesgegenwart wieder gewonnen. Entſetzt blickte ſie zu dem Felſenrande empor. Oben ſtand Mattheo, im Begriffe ein uͤberhaͤngen⸗ des Felſenſtuͤck herab zu waͤlzen. Mit aͤngſtlicher Haſt zog die Graͤfin, indem ihr Auge jede Bewegung Mattheo's huͤtete, den zoͤgernden Haldenſchild von der Leiter zuruͤck. Allein in dieſem Augenblicke, wo auch der letzte Ret⸗ tungsverſuch als vereitelt angeſehen werden mußte, offenbarte ſich ploͤtzlich wieder eine — 231— neue Hoffnung: Robert, des Freiherrn treuer Diener erſchien auf der Hoͤhe des Fel⸗ ſens an Mattheo's Seite. 16. Im ſchnellen Ueberblicke erkannte Ro⸗ bert die gefaͤhrliche Lage, in der ſich ſein Herr und die junge Graͤfin befanden, und wie es allein der ungluͤckliche Wahnſinnige ſey, der ihrer Rettung im Wege ſtehe. Raſch entſchloſſen griff er nach ſeinem Schwerdte, aber ehe er noch mit dieſem ſich bewaffnen konnte, hatte ihn Mattheo bemerkt, ſtuͤrzte mit fuͤrchterlichem Geheul auf ihn los und umklammerte ihn mit den kraͤftigen Armen ſo feſt, daß er den Verſuch ſich ſeines Schwertes zu bemaͤchtigen, aufgeben mußte, und nun in einen furchtbaren Ringkampf mit dem Wahnſinni⸗ gen verflochten wurde. An koͤrperlicher Kraft war in dieſem Augenblicke der wuͤthende Mat⸗ theo wohl ſeinem Gegner uͤberlegen, der ———ᷓ— — 232— letztere aber erſetzte durch Gewandtheit und Beſonnenheit, was ihm an Kraft fehlte. Ro⸗ berts einziges Streben war, den Wahn⸗ ſinnigen von dem Felſenrande hinweg zu draͤn⸗ gen, indem er hoffte, ſein Herr wuͤrde dieſen Zeitpunkt benutzen, ſich zu retten und ihm zu Huͤlfe zu kommen; Mattheo dagegen bemuͤhte ſich ſeinen Feind wieder an den Rand des Abgrundes zuruͤck zu ſchleppen, um ihn von dort hinab in den unten toſenden Strudel der Vernichtung zu ſtuͤrzen. Waͤhrend dieſes Kampfes erſtiegen Anna und Haldenſchild die Leiter. Als ſie auf dem Rande des Felſens ſtanden und von dort einen Blick hinab warfen, ſahen ſie, daß bei einem Momente laͤngeren Verweilens auch ſie die alles zermalmende Gewalt des Schlamm⸗ ſtromes getroffen haben wuͤrde. Der Platz, auf dem ſie noch ſo eben geſtanden hatten, wurde von angetriebenen Felsſtuͤcken uͤberdeckt. Die Leiter ſtuͤrzte zertruͤmmert in die gaͤhrende Maſſe hinab. — 233— Anna wandte ſchaudernd ihr Antlitz ab; allein das Schauſpiel, welches ſich jetzt auf der Hoͤhe des Felſens ihren Blicken bot, war graͤßlicher als das, vor dem ſie zuruͤckbebte. Sie ergriff zitternd und ſchwankend den Arm des Freiherrn, der, ſobald er feſten Fuß auf dem Felſen gefaßt hatte, dem treuen Diener zu Huͤlfe eilen wollte, allein nun auch erbleichend ſah, daß jeder Beiſtand zu ſpaͤt komme. Mattheo hatte mit aller Kraft der Raſerey den widerkaͤmpfenden Robert dicht an den Abgrund zuruͤckgedraͤngt und ſtuͤrzte ſich in dieſem Augenblicke, den Gegner feſt umſchlingend, mit dieſem in einem weiten Schwunge von der Felſenhoͤhe herab in die dunkelaufſchaͤumende Maſſe, welche in dem Thalkeſſel wogte. Mit einem Schrei des Ent⸗ ſetzens trat Anna von dem Nande der Felſen⸗ wand zuruͤck; Eduard von tiefem Schmerz uͤber dieſen Untergang des ihm in ſo mancher Beziehung lieb gewordenen Dieners ergriffen, — 234— blickte den Stuͤrzenden nach: mit Blitzesſchnelle waren Beide in der raſtlos fortarbeitenden Gaͤhrung des furchtbaren Schlammſtroms verſchwunden, auf den truͤb emportauchen⸗ den Wogen zeigte ſich einen Augenblick lang ein ſchmaler Blutſtreif, der aber bald wieder unſichtbar wurde; dann war keine Spur der beiden Ungluͤcklichen mehr zu bemerken. „Hinweg von hier!“ rief Anna, deren ganzes Aeuſſere den ſchrecklichen Aufruhr ihrer Seele bekundete, dem ſich ihr naͤhernden Hal⸗ denſchild zu, ohne zu bedenken, daß ihre Worte in dem ſie umrauſchenden Donnergetoͤſe ungehoͤrt verhallen mußten.„Fort von dieſer Staͤtte des Grauens und des Entſetzens! Dieſer Anblick wird mich durch mein ganzes Leben hin verfolgen und wie ein furchtbares Geſpenſt ſich in meine einſame Zukunft draͤngen!“ Mit Sturmeseile flog die Graͤfin einen Huͤgel hinan, der vor den beiden Geretteten lag. Der Freiherr folgte ihr, die ſelbſt in —— —— — 235— ihrer großen Verwirrung die Gegend, in wel⸗ cher ſie ſich befanden, genau zu kennen ſchien, auf dem Fuße. Erſt nach einem langen und beſchwerlichen Umwege betraten ſie wieder den Thalgrund, welchen das Schloß des Grafen von ſeinem Felſenhuͤgel herab beherrſchte. Die letzten ſcheidenden Strahlen der untergehenden Sonne begruͤßten Annen und ihren Begleiter, als dieſe hier anlangten. Eine feierliche Stille herrſchte in der Natur, die nach dem entſetz⸗ lichen Getoͤſe, welches noch vor kurzer Heit die Liebenden umgab, einen wunderbaren Ein⸗ druck auf dieſe machte. Hier hemmte zum erſtenmale die Graͤfin ihre fluͤchtigen Schritte und unterbrach das bisher beobachtete Stillſchweigen. Indem ſie ihre Hand auf den Arm des Freiherrn legte, ſagte ſie mit wuͤrdevoller Ruhe und ernſter Faſſung: „‚Der Himmel hat heute Großes an uns gethan! Durch die gemeinſame Rettung aus graͤßlichem Verderben hat er ein neues Band — 236— zwiſchen uns geknuͤpft; aber dennoch muͤſſen wir uns trennen und ob auch geiſtige Bande ewig uns feſſeln, ſo muß doch jedes irdiſche Verhaͤltniß unter uns aufhoͤren!“ Der Freiherr neigte ſchweigend ſein Haupt; bald war jetzt von den eilig Fort⸗ ſchreitenden das Schloßthor erreicht, wo bereits ein Diener ihrer harrte und ſie zu ihrem Befremden in das Gemach des alten Grafen beſchied. Auf dem Antlitze des Dieners lag der Zug einer innern geheimen Freude, die er trotz aller Bemuͤhung nicht ganz verbergen konnte. Anna und Haldenſchild, von den widerſprechenden Gefuͤhlen bewegt, welche die verſchiedenen Ereigniſſe der letzten Stun⸗ den erzeugt hatten, bemerkten das nicht. Der Freiherr war entſchloſſen, bei dieſer Gelegen⸗ heit dem Grafen ſeine bevorſtehende Abreiſe anzuzeigen. Kaum war Anna in das Zimmer ihres Vaters getreten, ſo fuͤhlte ſie ſich von zwei — 237— Armen umſchlungen und an die Bruſt eines Mannes gedruͤckt. Sie blickte auf, ſah in ein bekanntes theures Antlitz und ſank dann mit einem Ausrufe des Erſtaunens und des Entzuͤckens bewuſtlos an die Bruſt des Um⸗ armenden zuruͤck. Haldenſchild, der ſo unerwartet die Geliebte in den Armen eines hochgewachſenen jungen Mannes erblickte, deſſen Geſichtszuͤge ſich ihm jedoch nur theilweiſe zeigten, blieb uͤberraſcht und betroffen im Eingange des Zimmers ſtehn; aber mit verjuͤngter Lebendigkeit und dem Ausdrucke der ſeligſten Wonne winkte ihm Graf Sinner naͤher zu treten und rief ihm zu: „Theilen Sie die Freude eines gluͤcklichen Vaters! Das iſt Eddo, mein todtgeglaubter Sohn. Ein braver Wundarzt hat ihn von den Todten erweckt und er iſt nun zuruͤckge⸗ kehrt, um die letzten Tage ſeines alten Baters mit dem verloren gegebenen Gluͤcke wieder auszuſchmuͤcken.“ — 238— Der Freiherr erſtarrte; tauſend ſtuͤr⸗ miſche Empfindungen durchzogen ſeine Bruſt. Die ſeligſte Hoffnung keimte aufs Neue empor, doch geſellten ſich ihr auch truͤbe Zweifel bei. In dieſem Augenblicke erhob ſich Graf Eddo aus der Umarmung der Schweſter und trat mit einer Verbeugung auf den Freiherrn zu. Er konnte, als er in dem Gaſte ſeines Vaters ſeinen Gegner auf dem Schlachtfelde von Waterloo erkannte, ſeines Erſtau⸗ nens kaum Herr werden. Haldenſchild hatte ſeine Faſſung wieder gewonnen. Er ergriff die Hand des jungen Grafen und fluͤſterte ihm zu:„Ihr Vermaͤchtniß iſt in Anna's Haͤnden; noch heute wuͤrde ich ohne Ihre Ruͤckkunft dieſes Haus verlaſſen haben!“ Eddo’'s Blicke richteten ſich fragend von dem Gaſte auf die Schweſter. Anna's hohes Erroͤthen und ihr zur Erde geſenktes Auge gaben ihm volle Beſtaͤtigung deſſen, was er ahnte. Er erwiederte mit Herzlichkeit des * Freiherrn Haͤndedruck und berichtete dann offen dem ſtaunenden Vater, auf welche Weiſe er bereits fruͤher Haldenſchild's Bekannt⸗ ſchaft gemacht hatte. Der Augenblick war gekommen, in welchem jeder geheimnißvolle Schleier fallen mußte. Mit zarter Bruder⸗ hand hob Graf Eddo die Huͤlle von der gegenſeitigen Liebe Anna's und Halden⸗ ſchilds, die uͤbrigens der alte Graf ſeit lange erkannt und nicht mißbilligt hatte. Der Edelmuth des Freiherrn, der ſich in der Entdeckung, daß Eddo von ſeiner Hand gefal⸗ len ſey, und in der ihr nothwendig folgenden Entſagung auf jedes irdiſche Liebesgluͤck ſo herrlich bewaͤhrt hatte, ruͤhrte den Greis zu Thraͤnen. Seine zitternde Hand ſegnete den Bund der beiden Liebenden und ſo folgte eine ſtille aber ſelige Verlobungsfeier dem Tage, der Haldenſchild und Annen mit allen Schreckniſſen bedroht hatte. Nach wenigen Wochen fuͤhrte der Frei⸗ herr die Braut zum Altare. Auch er ſiedelte — 240— ſich mit der jungen Gattin in dem einſamen Thale an, wo Graf Sinners Schloß ſtand und in welches auch bald Eddo eine an⸗ muthige Schweizerin als Gemahlin heim⸗ brachte. Dort werden die ſchoͤnen Leſerinnen und der geneigte Leſer, wenn ſie bei einer etwaigen Reiſe nach der Heilquelle zu Pfeffers oder nach dem wunderbaren Urſprunge des Hinter⸗ rheins, einen kleinen Umweg nicht ſcheuen, bei dem deutſchen Freiherrn die beſte Auf⸗ nahme finden und ſich uͤberzeugen: wie ihm fern vom Geraͤuſche der großen Welt, an der Seite einer tugendhaften Gattin und von bluͤhenden Kindern umgeben des Lebens rein⸗ ſtes Gluͤck geworden ſey.— Anna's ſtilles Friedensthal, an dem ſo manche liebe Erinnerungen ihrer Kindheit hingen, liegt unter dem Schutte des ſchreck⸗ lichen Schlammſtroms, der zwiſchen jenen Felſen ſein Ziel fand, begraben. Aber hoch — 241— oben auf dem, von der ſtarrgewordenen Maſſe gebildeten unfoͤrmlichen Huͤgel, erhebt ſich zwiſchen regellos hingedraͤngten Felſenſtuͤcken eine einfache Marmorſaͤule: dem Angedenken des treuen Robert und des ungluͤcklichen Mattheo geweiht. 16 1— 2 — — — — 4 — — 1 4 X — ε 8 8 — N 1. „Glabe mir, Marie,“ ſo ſprach der junge Walliſer Werni zu ſeiner auserwaͤhlten Braut, dem lieblichſten Maͤdchen im Vie⸗ ſcherthale:„dort oben, von wo die zwei weiß glaͤnzenden Hoͤrner heruͤberblicken und unſer Gletſcher wie ein langer Arm, der uns hinauf reichen moͤchte, herahſteigt— dort oben gibt es noch manchen Schatz zu heben, der nur auf den harrt, welchem er beſchie⸗ den iſt.“. Bei dieſen Worten erglaͤnzten die Blicke des Juͤnglings von einem hoͤhern Feuer und uͤber ſeine Wangen legte ſich ein dunkelgluͤhen⸗ des Noth. Er druͤckte die Braut krampfhaft an ſeine Bruſt. Der Ausdruck ſeines An⸗ .— 246— ſichtes und ſeine Gebehrden ſagten: wie wollte ich dich gluͤcklich machen, wenn dieſe Schaͤtze mein waͤren! Marie aber ſah den Geliebten furcht⸗ ſam an und entgegnete, indem ſie liebkoſend ſeine gluͤhende Wangen ſtreichelte: „Laß dich nicht in Verſuchung fuͤhren, mein Werni! Wir ſind zwar arm und muͤſſen durch unſerer Haͤnde Arbeit den ſpaͤr⸗ lichen Unterhalt verdienen, aber ſind wir nicht gluͤcklich? Was hat der ſchwarze Herli jetzt davon, daß er auf der Gemsjagd die reiche Kriſtallhoͤhle am Aletſchgletſcher entdeckte? Sein Antheil iſt laͤngſt verpraßt und verthan, Frau und Kind ſind ihm im Elende verſtor⸗ ben, er ſelbſt ſchleicht truͤb und in ſich gekehrt umher, wie einer der kein gutes Gewiſſen hat, und es treibt ihn immer und ewig nun hinauf in die wilden Eiswuͤſten, um nach neuen Schaͤtzen zu ſuchen... „Bei dem Allen iſt er doch ein wunder⸗ barer Kauz, der ſhumze Herli,“ ſprach — 247— Werni traͤumeriſch fuͤr ſich hin:„haͤtte er nur ſein Geld beſſer anzuwenden gewußt!“ „Das iſt eben das Unheil,“ erwiederte Marie mit vielem Eifer,„daß jeder, der's nicht hat, meint, er wuͤrde den rechten Ge⸗ brauch verſtehen, wenn er's haͤttel“ Voll zaͤrtlicher Innigkeit ergriff das Maͤdchen die Hand des Braͤutigams und fuhr fort:„Sieh, herzlieber Wern i, du haſt den kleinen Wein⸗ berg von deinem Vater ererbt; mir iſt das Stuͤckchen Land von meiner ſeligen Mutter geblieben. Das Eigenthum, was uns Gottes Willen gegeben, laß uns pflegen und nach keinem andern geluͤſten!“ „Wenn ich dich mit deiner ſanften Stimme ſo reden hoͤre,“ ſagte Werni und blickte hinab in die Rhone, die an dem Fuße des felſig⸗ ten Geſtades ſich brach, an welchem die beiden Liebenden ſtanden:„dann kommt es mir wohl vor, als haͤtteſt du recht. Wenn ich aber dann wieder bedenke, wie ſich der Wein⸗ berg erweitern ließe, wie das Stuͤck Land ſich — 248— ausdehnen koͤnnte, wie wir dann Knechte und Maͤgde zu dingen vermoͤchten, wie du von der harten Arbeit dich fern halten koͤnnteſt, im Falle es mir gelaͤnge, einen ſolchen Schatz aufzufinden, dann— „O ſtill, ſtill!“ unterbrach ihn Marie raſch und aͤngſtlich:„das ſind thoͤrigte Traͤume, die uns nur die Gegenwart und das, was wir wirklich beſitzen, verleiden.“ „Es mag wohl ſo ſeyn, und ich mag oft recht ſeltſam traͤumen!“ antwortete Wern i, indem er ſich mit der Hand uͤber die Stirne fuhr.„Oft befand ich mich ſchon an dieſer Stelle und ſchaute hinab in den ſilbernen Strudel der Rhone und es kamen mir wun⸗ derbare Dinge dabei in den Sinn. Einmal war es mir, als riefe es mich mit Namen von da unten herauf; ein andermal glaubte ich ein ſuͤßes, lieblich lockendes Singen in dem Geraͤuſche der Wellen zu erkennen. Dann regte ſich ein gar ſeltſames Ding in meinem — 249— innerſten Weſen. Es war, als ſpraͤche eine Stimme ermahnend in mich hinein: was thuſt du hier oben auf dem duͤrren Felſengrunde? Spring da hinab in den wallenden Silber⸗ ſchaum, mache dich vertraut mit den keck auftauchenden Klippen und, ob auch dein Gebein an ihnen zerſchellt und im wilden Tanze mit den huͤpfenden Wellen weiter ſtroͤmt, und dein Blut ſich miſcht in die glaͤnzende Fluth, das iſt lange ſo ſchlimm nicht, als die Menſchen es machen. Deine Lebensgeiſter ſind dann mit hoͤhern und kraͤftigern vermaͤhlt, die weite Natur“— „Hoͤr auf, Werni,“ flehte Marie. „Die ſuͤndigen Gedanken kommen von dem Umgang mit dem ſchwarzen Herli. Wenn du mich liebſt, ſo meide ihn, den der Him⸗ mel gezeichnet, und reiße dich los von allen ſolchen haͤßlichen Traͤumereien. Mir wird's wehe an dieſer Stelle. Laß uns zu deinem freundlichen Weinberg gehen!“ — 250— Schweigend ſchritt Werni an Mariens Seite den Weinbergen zu. Die Vieſcher⸗ hoͤrner erglaͤnzten eben im Strahle der Abendſonne; mit einem tiefen Seufzer, der einer geheimen Sehnſucht zu entquellen ſchien, blickte Werni zu ihnen hinauf. Marie ſchuͤttelte trauernd das liebliche Kopfchen. Der ſchwarze Herli hatte es ihrem Braͤutigam angethan; das war ihr klar. 2. Werni ging am Morgen des folgenden Tages nach dem, auf dem jenſeitigen Rhone⸗ ufer gelegenen Flecken Aernen, um dort fuͤr den naͤchſten Tag die Trauung bei dem Herrn Pfarrer zu beſtellen. Auf dem maͤch⸗ tigen Bogen der Bruͤcke, welche hier, uͤber einem Abgrunde ſchwebend, die beiden Felſen⸗ ufer des engen Thales vereinigt, blieb er ſtehen und ſah hinab in die ſchauerliche Tiefe. Eine ſeltſame Aengſtlichkeit bemaͤchtigte ſich dabei ſeines ganzen Weſens. Er war doch ſchon ſo oft hier hinuͤber geſchritten, ohne durch eine neue und druͤckende Empfindung geſtort zu werden; er hatte im Gegentheile wohl zu Mehrerenmalen ſchon mit Luſt und Freude dem wilden Spiele der Wellen in der tiefen Felſenſchlucht zugeſchaut und den wunderbaren Melodien gelauſcht, die ihm von da unten herauf zu toͤnen geſchienen: aber heute war das ganz anders. Wie ein Hohn⸗ gelaͤchter hoͤliſcher Geiſter klang das Getoſe der durchbrechenden Wogen in Wernis Ohren; die Silberſtrahlen der aufſprudelnden Wellen blitzten zu ihm herauf, gleich daͤmo⸗ niſchen Augen, welche ein Opfer ſuchten; die ſchwarzen Felſenwaͤnde, mit gruͤnlich geſchlaͤn⸗ geltem Moos durchzogen, ſtarrten ihn an— ein gaͤhrendes Grab voll Ungethier uud feuch⸗ tem Moder. Grauſend kehrte Werni das Antlitz von der Kluft hinweg. Unwillkuͤhrlich fiel ſein Blick auf ſein Doͤrfchen, das er eben verlaſſen, und ſchweifte dann hinauf, uͤber — 252— das gruͤnende Waldgebirg zu den ewigen Eisrieſen, die gar herlich aus blauem Him⸗ melsraume herniederſchauten. Ha, wie war es doch da ſo ganz Anders— ſo heiter— ſo herzerhebend und glaͤnzend! 4 „Fuͤrwahr,“ ſprach Werni bei ſich, „es iſt ganz recht und natuͤrlich, daß der edle Kriſtall dort oben, wo Alles Licht und Strahl iſt, Entſtehen und Gedeihen findet! Wer nur den Schluͤſſel zu all den Herrlichkeiten haͤtte, die da noch verborgen liegen! Die Sonne neigt ſich ſo mild und vertraulich zu den ſtolz aufſteigenden Gipfeln, die goldnen Woͤlkchen ſpielen ſo freundlich mit den ſpitzi⸗ gen Eisnadeln, daß es ganz offenbar daliegt, wie willig der Himmel dort ſeinen Segen ſpendet. Und wenn auch manchmal die Glet⸗ ſcher krachend ſich ſpalten und die Lavinen donnernd herniederſtuͤrzen, ſo iſt doch das wohl nur ein kraͤftiger Ruf der Natur, die den Menſchen gern ihre Geheimniſſe entraͤthſeln —-— 253— möchte. Die Menſchen aber ſind zu thoͤrigt, um dieſen Ruf zu verſtehn, und zu feig, um ihm zu folgen.“ Werni ſah noch immer ſehnſuͤchtig be⸗ wegt zu den zwei ſtrahlenden Hoͤrnern des Vieſcher Gletſchers hinauf. Da entdeckte ſein ſcharfes Auge einen Menſchen, der ſtill und unbeweglich auf dem Gletſcherpfade ſtand. Von einer leichten Neugierde gereizt, nahm Werni ſein kleines Fernrohr zur Hand, das er, als ein Freund der kuͤhnen Gemsjagd, gewoͤhnlich bei ſich trug. Er erkannte den ſtillſtehenden Wanderer auf dem Gletſcher⸗ pfade: es war der ſchwarze Herli. Gar beſonders und ſeltſam aber duͤnkte es ihn, daß der ſchwarze Herli, mit ſeinen dunkelgluͤ⸗ henden Augen, ſtarr und drohend ihn anblickte, auch die Arme ausgeſtreckt, wie beſchwoͤrend, gegen ihn erhob. „Ein wunderlicher Geſell, das!“ fuhr Werni in ſeinem innern Geſpraͤch fort „Die Leute heißen ihn wahnſinnig: aber beim — 254— Himmel! wenn er erzaͤhlt von den gewaltigen Schaͤtzen, die dort oben liegen, von der Kriſtall⸗ konigin, die ſie bewacht und die ſo gern von ihnen mittheilen moͤchte: wenn nur der Rechte kaͤme— und wenn er dann in Klagen und Thraͤnen ausbricht, daß er dieſen Anſpruch verloren habe, da unter dem Rechten ein Juͤngling gemeint ſey, noch nicht gebunden an Weib und Kind— hal dann dringt ſeine Rede tief in das Herz und ich moͤchte den ſehen, der ihm nicht beipflichten muͤßte! Werni, Wernil jetzt iſt es noch Zeit. Ein kuͤhner Gang und du kannſt deine Marie und dich gluͤckklich machen fuͤr immer. Wahrhaftig! der Herli winkt mir. Es iſt als ob er meine Gedanken errathen koͤnnte. Ich komme, Alter, ich komme!“ 49 Schon hatte Werni den Fuß gehoben, um dem Herli nach dem Gletſcherpfade hin⸗ auf zu folgen; da erklang mit einemmale das Kirchengelaͤute in Aernen. Werni erin⸗ nerte ſich der Wichtigkeit des Geſchaͤfts, wel⸗ — 255— ches ihn dorthin berief. Seufzend kehrte er um und ſchritt uͤber die Bruͤcke dem Pfarr⸗ hauſe in Aernen zu. 3. Der Pfarrer in Aernen, ein wuͤrdiger Greis, der dem rechtlichen Werni und der frommen Marie von Herzen zugethan war, empfing den Juͤngling mild und freundlich; allein er war zu ſehr mit Amtsgeſchaͤften uͤberladen, um lange mit dem Werni ver⸗ kehren zu koͤnnen und deſſen ungewoͤhnliche Tiefſinnigkeit zu bemerken. Er ſagte ſeinen geiſtlichen Beiſtand fuͤr den naͤchſten Tag zu und entließ dann den Braͤutigam, indem er ihm freundliche Gruͤße an Marien auftrug. Es war ein druͤckend heißer Morgen. Die Strahlen der Sonne hefteten ſich ſo gluͤhend an die ſchroffen Waͤnde des Rhone⸗ thals, daß die bunten Schmetterlinge, welche dort in reicher und mannigfaltiger Pracht — 256— zu Hauſe ſind, mit erlahmten Flugeln nieder⸗ ſanken und das friſche Gruͤn der durſtigen Reben erbleichte. Im Felde arbeitete niemand. Wer auch am fruͤhen Morgen hinausgegangen war, irgend ein Tagewerk zu vollbringen, hatte dem gluͤhenden Hauche der Atmosphaͤre weichen muͤſſen und ſich unter das ſchuͤtzende Dach ſeiner Huͤtte zuruͤckgezogen. Wie ausge⸗ ſtorben war die lange Schlucht des engen Thals. Aber je baͤnglicher und druͤckender es unten war auf den Felſenufern des wild vor⸗ uͤbertoſenden Stroms, deſto friſcher und freier ſchien es auf den heiter glaͤnzenden Eisbergen zu ſeyn, denen Werni langſam entgegen ſchritt und auf welchen ſinnend ſein Blick ruhte. Da blickten die Schneehaͤupter in ewiger Jugend hernieder, da rauſchten die Baͤche kuͤhlend herab, da lebte die Gemſe in ungebundener Freiheit und Freude, und vor Allem waren ja dort Schaͤtze zu finden, die den Sterblichen auf Lebenszeit begluͤcken konnten! — 257— Ohne auf das graͤßliche Brauſen des Stromes zu hoͤren, der von den durch die große Hitze in den obern Gegenden der Grim⸗ ſel und der Furka aufgeloͤſten Schneemaſſen angeſchwellt worden, uͤberſchritt Werni traͤu⸗ meriſch die kuͤhne Bogenbruͤcke. Erſt als er, ohne eigentlich zu wiſſen was er that, den zu ſeinem Doͤrfchen fuͤhrenden Weg verließ und den Pfad an dem Gletſcherbache hinauf einſchlug, wurde er durch das nachbruͤllende Getoͤſe des Fluſſes aus ſeinem Traume erweckt. Da war es ihm, als riefen die laͤrmenden Wellen ihm warnende Worte zu: „Bleib unten, bleib unten! Unten iſt Ruhe, unten iſt Gluͤck!“ Werni ſchuͤttelte unwillig das Haupt und entgegnete bei ſich: „Was ſchreit ihr doch, ihr vorwitzigen Wellen? Ich will ja nur Erquickung holen in den kuͤhlen Schneegefilden, will mich erlaben an den friſchen Gletſcherwinden und mich erfreuen an dem Anblicke der herrlichen Eis⸗ 17 — 258— rieſen, daß ich der Braut einen frohen Geiſt und ein freies Herz mit heimbringe.“ Mit ſolchen Gedanken ſuchte er zugleich die eigene innere Unruhe zu beſchwichtigen. Er ging ſchneller fuͤrbaß; ſchon wehte ihn ein ſtaͤrkendes Luͤftchen aus der Bergſchlucht an, in welcher luſtig und klar der herabſpru⸗ delnde Gletſcherbach ſpielte. Tannen draͤngten ſich jetzt von den beiden Hoͤhen zu den Seiten des Pfades herab. Bald befand ſich Werni in einem dichten Gehoͤlze. Hier lagen bereits große Schneemaſſen, welche, da nie die Sonne zu ihnen hindurch drang, waͤhrend einer un⸗ denklichen Reihe von Jahren, zu ſeltſamen ungeheuren Geſtalten emporgewachſen waren. Auf dem dunkeln Grunde der Tannen nah⸗ men ſich dieſe Schneeklumpen gar wunder⸗ bar aus. Werni wanderte mit beaͤngſtigten Gefuͤhlen zwiſchen ihnen hindurch. „Wie,“ ſo ſprach er bei ſich:„wenn dieſe furchtbaren Geſtalten jetzt ploͤtzlich belebt — 259— wuͤrden, ſich an dich draͤngten und dich erſtickten in ihren eiſigen Umarmungen?“ Er eilte ſchneller vorwaͤrts. Eine uner⸗ klaͤriche Gewalt in ſeinem eignen Innern trieb ihn unaufhaltſam hinauf in das Gebiet der ewigen Eisrieſen. Sein Kopf gluͤhte fieberhaft; empoͤrt regten ſich die Lebenskraͤfte in den haͤmmernden Pulſen. „Dort oben wird's beſſer ſeyn!“ rief Werni laut aus. Eine verirrte Grasmuͤcke ſang aus den Zweigen einer Tanne herab; ihr Geſang klang dem Juͤnglinge wie der wehmuͤthige Abſchied eines Freundes aus der Heimath. Da rauſchte mit einemmale ein ferner Donner an ſein Ohr. „Juchhey!“ jauchzte Werni im halb wahnſinnigen Taumel auf:„ſie rufen mich da oben; ſie ſenden die maͤchtige Lavine herab, mich willkommen zu heißen!“ Im wuͤthenden Laufe erſtieg er die kleine, vor ihm liegende Anhoͤhe. Die Tannen um ihn her wurden niedriger; die zeugende Kraft 17* 1— 260— der Erde unterlag der Uebergewalt des ewigen Winters. Noch wenige Augenblicke und Werni ſtand oben auf dem Huͤgel, vor ſeinem freien Blicke lag das glaͤnzende Reich der hohen Jungfrau und des Finſteraarhorns: ein erquickender Nordwind kuͤhlte das bren⸗ nende Haupt. 4. Mit Entzuͤcken flogen die Augen des Juͤnglings von einem Lichtpunkte des weit aufgethanen Eisreiches zum andern. Da ſpiel⸗ ten die golddurchglaͤnzten Woͤlkchen um das ſtrahlende Haupt der majeſtaͤtiſchen Jung⸗ frau; da blickte der ſchwarze Felſengipfel des Finſteraarhorns ernſt und groß her⸗ nieder; da durchſtießen die blinkenden Nadeln der Vieſcherhoͤrner einen leichten Wolken⸗ ſtreif und ſchauten uͤber dieſen aus blauem Him⸗ melsraume freundlich zu den tieferliegenden Gletſchern und den wild rauſchenden Eis⸗ — 261— baͤchen. Ganz dicht neben Werli quoll aus dem, um den Gletſcher angehaͤuften Schutt das Weiswaſſer hervor, jenes Baͤchlein, welches nach dem Dorfe Vieſch hinab ſtroͤmt und in deſſen Naͤhe von der gewaltigen Rhone verſchlungen wird. „Haͤtte ich nur meine Eisſchuhe bei mir!“ ſeufzte Werni:„ſo allgewaltig hat es mich noch nie da hinauf und hinein gerufen wie jetzt. Wer weiß, ob ſich die Kriſtallkoͤnigin nicht heute willig finden ließe, mir einen Theil ihrer Schaͤtze abzutreten? Heute waͤre es noch Zeit; morgen— gehore ich Marien!“ Halb gedankenlos erſtieg Werni den Schutthaufen vor dem Gletſcher. Auf den Schwingen des Windes flog das Glocken⸗ gelaͤute aus dem Dorfe Aernen heruͤber. Werni blieb, von einem ſeltſamen Gedanken getroffen, einige Augenblicke ſtehen: es war ihm, als hoͤre er in den fernhergetragenen Toͤnen Mariens Stimme, wie ſie ihn bei — 262— Namen rufe, wie ſie ſehnſuͤchtig uud dringend ihn bitte zuruͤck zu kehren. „Thoͤrigte Einbildungen!“ ſprach der Juͤng⸗ ling unwillig bei ſich:„und wenn's auch waͤre! Ich will mir ja nur das bunte Far⸗ benſpiel des Gletſchers ein wenig beſchauen und kehre dann gleich wieder um.“ Er kletterte auf dem locker uͤber einander liegenden Geſtein empor; bald war die Hoͤhe uͤberſtiegen, aber noch barg ein maͤchtiger Fels⸗ block die erſehnte Ausſicht auf dem Gletſcher. Werni hatte in ſeinem fieberhaft aufgeregten Zuſtande, den gewoͤhnlichen, gut zugaͤnglichen Pfad nach dem Gletſcher verfehlt und war nun von einer, ihm bisher noch unbekannten Seite dahin gelangt. Er maß den Felſen⸗ block mit zweifelhaften Blicken. Der glatte Fels ſtieg ſenkrecht zu einem Ausfluß des Gletſchers hinab, von welchem eine weite, toddrohende Eisſpalte heraufgaͤhnte. Werni ſelbſt ſtand in einer von dem aufſteigenden Schutt und der entgegentretenden Klippe, gebil⸗ 1 — 263— deten Enge. Er draͤngte ſich, ſo nahe er konnte an den Block. Da ſchien es ihm, als finde wohl auf einem kleinen Vorſprunge der Fuß einen ſicheren Raum,— aber wo die Hand anlegen zum kuͤhnen Schwunge um den Fels? Werni ſah bedenklich, allein mit ſtei⸗ gendem Geluͤſt, das Wageſtuͤck zu vollbringen, die Klippe an. Ploͤtzlich erregte ein anderer Gegenſtand ſeine Aufmerkſamkeit. Um die ſpitzablaufende Vorderſeite der Klippe bog ſich ein Arm dem Juͤnglinge entgegen; eine be⸗ kannt ſcheinende Stimme ſprach: „Faſſe nur meine Hand; tritt feſt auf und ſchwinge dich kuͤhn zu mir heruͤber! Fuͤrchte nichts! Du kannſt mir vertrauen.“ Werni zauderte; ein Schauer durch⸗ wehte ihn bei dem Blick in den Abgrund. „Du zagſt?“ ſprach da hoͤhniſch die Stimme weiter;„ein Erkorner der Kriſtallkoͤnigin hegt Furcht, wann ihn die Gebieterin ruft?“ — 264— Entruͤſtet uͤber den Vorwurf der Feig⸗ heit, beſtimmt durch den lockenden Sinn der Rede, ergriff Werni die gebotene Hand; ſein Fuß wurzelte auf dem Vorſprunge und in dem Fluge eines Moments war der toll⸗ kuͤhne Schwung um den Fels gewagt und gegluͤckt. Werni hatte empfunden, wie die Hand, welcher er vertraut, ihn mit gewaltiger Kraft emporgehalten. Er blickte jetzt jenen huͤlf⸗ reichen Gefaͤhrten an; ſeine Ahnung hatte ihn nicht betrogen: es war der ſchwarze Herli. 5. „Kommſt endlich?“ rief ihm der Herli entgegen:„ſchon lange harr ich deiner an die⸗ ſer Stelle. Faſt haͤtte dich das dumme Glocken⸗ gelaͤute von Aernen heruͤber verwirrt gemacht und auf einen Abweg gefuͤhrt, allein ich wachte uͤber deine Schritte und leitete ſie.“ 1 Werni verſtand den Sinn dieſer Worte nicht und ſah den Alten groß an. Da mußte — 265— er erſtaunen uͤber die ſchnelle und ſeltſame Umwandlung, welche, ſeit er den Herli durch ſein Fernrohr beſchaut, mit dieſem vor⸗ gegangen war. Der Alte ſtand nicht gebeugt, wie gewoͤhnlich unten im Thale; er hob ſein Haupt faſt ſtolz empor, ſein Antlitz war mit jugendlicher Roͤthe uͤberflogen, aus ſeinen ſonſt truͤben Augen blitzte ein zwar duͤſtres, aber recht lebendiges Feuer. Werni konnte ein inneres Grauen nicht bekaͤmpfen. Der fieber⸗ hafte Zuſtand des Juͤnglings ſtieg von Augen⸗ blick zu Augenblick, in maͤchtigern Wallungen ſtuͤrzte das Blut durch ſeine Pulſe; umſonſt wehten die Gletſcherwinde um ſeine gluͤhende Schlaͤfe: die Phantaſie jagte tauſend ſeltſame Gebilde durch ſein Haupt. „Was ſprachſt du von der Kriſtallkoni⸗ gin?“ ſo redete er nach einem langen Schwei⸗ gen den Herli an, der ſeit dem erſten Gruße ſtarr und ſtumm in die weite Eis⸗ und Schnee⸗ gegend geblickt hatte. Der ſchwarze Herli wendete ſich auf dieſe Frage nach dem Juͤng⸗ — 266— linge um und entgegnete, indem er mit der ausgeſtreckte Hand vorwaͤrts deutete: „Siehſt du nicht, wie heute die Glet⸗ ſcher und die Eisberge in einem herrlicher ſtrahlenden Lichte gluͤhen, als gewoͤhnlich. Da naht ſich der ſchaffende Geiſt in ihnen, der ihre Zacken, ihre Spiegel, ihre Schluͤnde bil⸗ det, der in das, ihrem Innern angehoͤrige, harte Geſtein den Glanz der Sonne gießt und ſo den edlen Kriſtall ſchafft, mehr und mehr dem ihm befreundeten Menſchen. Er iſt geneigt, ihm Antwort auf die kuͤhn gewagte Frage zu geben, er wird ihn, wenn dieſer nur den Muth hat zu wollen, liebend in ſein Reich aufnehmen und von der Fuͤlle ſeiner Schaͤtze mittheilen.“ Vor den Blicken Wernis wogte der, wie ein ausſtroͤmendes Eismeer, daliegende Gletſcher in unzaͤhligen herrlichen und locken⸗ den Farben hin und her. Die hoͤchſten Eis⸗ gipfel, welche den Blick begrenzten, ſtrahlten, von der maͤchtigen Sonne liebevoll umfangen, — 267— gleich ungeheuern Edelſteinen heruͤber; die Luͤftchen, welche aus den Gletſcherſpalten ſtroͤmten, ſchlugen melodiſch an des Juͤng⸗ lings Ohr. „Und die Kriſtallkonigin?“ ſtammelte er und heftete das fragende Auge auf den Alten: „Die liegt dir ja gewaltig am Herzen!“ entgegnete der ſchwarze Herli. Ein hoͤh⸗ niſches Laͤcheln flog bei dieſen Worten uͤber ſein Antlitz. Dann fuhr er fort: „Freilich! Heute waͤre es noch Zeit fuͤr dich. Du koͤnnteſt dann der Braut eine ſchoͤne Mitgabe heimbringen und fuͤr immer herrlich und in Freude leben! Wenn du nur nicht ſo engherzig waͤrſt und allzuſehr an alten, thoͤrigten Vorurtheilen hielteſt; aber ich wette darauf, wenn ich Ernſt machen und dir den Weg zur Kriſtallkoͤnigin zeigen wollte, du wuͤrdeſt zuruͤckbeben und meinen Beiſtand verſchmaͤhen!“ „Verſuchſe es nur!“ antwortete Werni. „Kommt es drauf an dem Deufel in's Geſicht — 268— zu lachen und in die Gluth der Hoͤlle zu ſchauen, ſo habe ich wohl eben ſo viel Muth, wie du! Gilt aber die Sache nichts mehr und nichts weniger, als den Beſuch bei einem ſchoͤnen Weibe, ſo wuͤſte ich gar nicht, warum ich, der juͤngere, dahinten bleiben ſollte?“ Bei dieſen Worten hatte eine dunklere Gluth die Wangen des Juͤnglings gefaͤrbt, das Feuer ſeiner Augen flackerte unſtaͤtt hin und her und ein tollkuͤhner Trotz lag in ſeiner Miene. 3 „Steht es ſo mit dir?“ ſprach hierauf lang und gedehnt der ſchwarze Herli:„dann koͤnnen wir freilich den großen Gang mit ein⸗ ander wagen und die Großmuth der glaͤnzen⸗ den Koͤnigin auf die Probe ſtellen!“ Hiermit ergriff er Wernis Rechte und zog ihn nach dem Gletſcher hin. Des Juͤng⸗ lings Beſinnung kehrte fuͤr einen Augenblick zuruͤck: „Aber ich habe keine Eisſchuhe, keinen Stab“— wandte er ein. — 269— „Deren bedarfſt du nicht an meiner Hand!“ erwiederte mit ſtarker Stimme der ſchwarze Herli. Zugleich zog er den ſich wenig ſtraͤu⸗ benden Werni auf die Oberflaͤche des Glet⸗ ſchers hinab und die beiden Maͤnner gingen 1 nun mit ſtarken Schritten Fuͤrbaß in das vor ihnen liegende Eismeer. „ 6. Dem Werni haäͤtte es in der That wunderbar erſcheinen muͤſſen, wie ſein Ge⸗ faͤhrte und er die ſonſt unzugaͤnglichſten Stellen des Gletſchers ohne Hinderniß und Aufent⸗ halt uͤberſchritten, wenn nicht in ſeiner hohen Ueberſpannung all ſein Sinnen auf die Kriſtall⸗ koͤnigin und deren Schaͤtze gerichtet geweſen waͤre. Er bemerkte es nicht, wie der ſchwarze Herli ſich leicht und luftig mit ihm uͤber weit klaffende Gletſcherſpalten ſchwang; er fuͤhlte es nicht, wie deſſen ſtarke Rechte ihn im Fluge, ſteile Waͤnde hinauf und hinab, — 270— ſicher leitete: vor ſeinem geiſtigen Blicke lagen ſchon die ſtrahlenden Schaͤtze ausgebreitet, welche ihm in wenigen Stunden beſchieden ſeyn wuͤrden. Die beiden Walliſer waren, ohne ein Wort mit einander zu wechſeln, ſchon weit voorgedrungen in die eiſige Einoͤde, als die Sonne anſfing, ſich zu dem Gipfel der hohen Jungfrau zu neigen. Es war ein großer Anblick, wie hier die Natur ihre Ver⸗ klaͤrung feierte; aber die Wanderer, von boͤſen und thoͤrigten Geluͤſten befangen, achteten nicht darauf. Ein verirrter Schmetterling, erſchoͤpft von dem kuͤhnen Fluge in dieſe Gegenden, die ihm weder Nahrung noch Luſt boten, ließ ſich auf Werni's Arm nieder. Die Erſchei⸗ nung dieſes Gefaͤhrten ſeines taͤglichen Lebens machte einen ſeltſamen Eindruck auf den Juͤng⸗ ling. Er fuhr wie aus einem tiefen Traume empor und ſagte zu dem raſtlos fortſchreiten⸗ den Herli: — 271— „Wie waͤre es, wenn wir noch umkehr⸗ ten? Marie mag daheim wohl voller Sehn⸗ ſucht und Sorge meiner harren!“ „Thor!“ entgegnete Herli, indem er zaͤhneknirſchend ſeine Hand nach dem Schmet⸗ terlinge ausſtreckte und dieſen zerdruͤckte.„So nahe dem Ziele kann eine kindiſche Erinnerung dir den Muth rauben?“ Bei dieſer Rede riß er den ſtillſtehenden Juͤng⸗ ling weiter mit ſich fort. In der Seele Wer⸗ ni's erloſch das Gedaͤchtniß der ſehnſuͤchtig harrenden Braut und alle Luſt nach den Schaͤtzen der Kriſtallkoͤnigin erwachte auf's Neue. Ohne Raſt und von wildem, unklarem Drange gepeitſcht, ſtuͤrmte er mit ſeinem Gefaͤhrten immer weiter fort, deſſen Kraͤfte von Augenblick zu Augenblick zuzunehmen ſchienen, deſſen Schritte immer rieſiger wurden, ſo daß Werni, mehr von ihm getragen als durch eigene Anſtrengung vorwaͤrts kam. Das Grauen der abendlichen Daͤmme⸗ rung ſtieg aus den Thaͤlern herauf. Da — 272— gewahrte Werni ploͤtzlich gerade in der Rich⸗ tung, nach welcher ſie ſchritten, eine dunkel emporſtarrende Bergmaſſe, einer ungeheuern ſchwarzen Felswand aͤhnlich, welche er ſich nicht erinnern konnte, jemals in dieſer Gegend bemerkt zu haben, obgleich ihn die Gemsjagd wohl ſchon zum Oeftern hierhergefuͤhrt. Die Eil der Wanderung ließ dem Juͤnglinge keine Zeit zu fragen. Je naͤher die beiden Walliſer der maͤchtigen Felsmauer kamen, deſto ſelt⸗ ſamere Geſtalten bildeten die abgeriſſenen Gipfel des ſchwarzen Gebirgs gegen den Himmel, an dem jetzt auch manches blinkende Sternlein erſchien. Jene Auszackungen des dunkeln Berges glichen bald emporſpringenden Drachen, wie dieſe dem Werni in alten Sagen des Landes geſchildert worden waren, bald andern ſeltſam geſtalteten Ungeheuern oder auch wohl Truͤmmern alter Burgen und verfallener Staͤdte. Als der ſchwarze Herli mit ſeinem Gefaͤhr⸗ ten den Fuß des wuͤſten Gebirgs erreicht hatte, trat gerade die ſtrahlende Scheibe des — 273— Vollmonds im Ruͤcken der Wanderer hervor und warf ihr ſilbernes Licht weithin auf die ſchauerliche Gegend. Die Mondbeleuchtung, von den ſeitabſtehenden vielfachen Eisgipfeln ſeltſam zuruͤckgeworfen, trieb ein wunderbares Spiel mit den ſchroffen Gebilden der Fels⸗ mauer, ſo daß dieſe vor den Blicken Werni's ſich zu bewegen und drohend zu ihm ſich herab zu neigen ſchienen. Der Juͤngling befand ſich jetzt mit ſeinem Fuͤhrer vor einer engen und dunkeln Schlucht, welche zwiſchen der hohen Felſenmauer und einem niedrigern Bergruͤcken ſich hinab wand. In der Tiefe rauſchten die Faͤlle eines wilden Bergwaſſers. Der ſchwarze Herli blieb einen Augenblick an dieſer Stelle ſtehen und, indem er den Arm ſeines jungen Gefaͤhrten ſtaͤrker faßte, ſprach er: „Da hinab muͤſſen wir! Bleib hart an meiner Seite; laß dich durch nichts irren, was uns auch begegnen moͤge. Die Kriſtall⸗ koͤnigin harrt deiner, ihre Schaͤtze ſind dir beſchieden.“ 18 4 — 274— Wild ſtarrte ihn der Juͤngling an. Seine Gebeine bebten im Fieber, ſein zerruͤtteter Geiſt vermochte nur einen Gedanken zu faſſen. Er ſtammelte ſeltſam lachend: „Ja, ja, die Kriſtallkönigin! Die muß mir geben was ich verlange; das weiß ich wohl. Nur vorwaͤrts, damit wir bald bei ihr ſind!“ Nach dieſen Worten betraten ſie den Ein⸗ gang der Schlucht. Bald wurde durch vor⸗ tretende Felſen das Licht des Mondes verbor⸗ gen; ein wilder Sturm heulte herüher aus dem Thalgrunde. 3 7. Werni, von dem ſchwarzen Herli ſtark gefaßt und geleitet, ſchritt an deſſen Seite neben dem toſenden Gebirgsſtrome hin, uͤber einen wilden und unebenen Pfad, deſſen, oft nach dem Strombette, ſchief ablaufende Stel⸗ len die Wanderer in Lebensgefahr gebracht haben wuͤrden, wenn nicht aus der Tiefe der — 275— Schlucht, der ſie entgegen gingen, ein ſeltſam blaͤulicher Lichtſchimmer den ungebahnten Weg einigermaßen erhellt haͤtte. Der Juͤngling bemerkte nichts hievon. Seine empoͤrte Phan⸗ taſie trieb ein tolles Spiel mit ſeinen Sinnen und bildete vor ſeinen Blicken ein nahe lie⸗ gendes, herrliches Luſtgefilde, in welchem die Kriſtallkoͤnigin auf ihrem ſtrahlenden Sitze ſeiner harre. Da rollte ein furchtbarer Don⸗ ner ploͤtzlich vom Gebirge hernieder. Ein maͤchtiger Felsblock wurde durch die Macht des Sturmes herabgeſchleudert, und flog dicht vor den Fuͤßen der Wanderer, im ſaußenden Schwunge hinab in den Strom, deſſen Wel⸗ len, aus ihrer Bahn gedraͤngt, hoch empor⸗ ſchlugen und einen naͤſſenden Regen weit um⸗ herſandten. Dieſes furchtbare Ereigniß ſchreckte den Werni fuͤr einen Augenblick aus ſeinen Traͤumen auf. Er ſtutzte und zauderte im Weiterſchreiten; ſein Gefaͤhrte aber riß ihn uͤbermaͤchtig vorwaͤrts, indem er vor ſich hin murmelte: 18* 5 2 ——; ——— —— . — 276— „Die erſte Meldung! Der Alte iſt ein ſtrenger Glaͤubiger. Wer da nicht zahlen könnte mit der Seele eines andern, der waͤre ihm verfallen und muͤßte mit hinab in ſein unterirdiſches Reich!“ Werni hoͤrte nichts von dieſer Rede. Schon hatte die uͤberreizte Phantaſie ihn wieder von der Wirklichkeit abgezogen und er ſchwelgte in ihren lockenden Geſtaltungen. Aus der Schlucht herauf den Wanderern entgegen waͤlzte ſich jetzt ein ſonderbar toͤnendes Rauſchen. Es drang naͤher und naͤher: eine Heerde ganz ſchwarzer Gem⸗ ſen, wie ſie Werni noch nie erblickt, ſtuͤrmte in gewaltigen Spruͤngen auf ihn und ſeinen Begleiter los. Die Thiere ſchienen mehr in der Luft zu ſchweben, als den Boden zu betreten. Ohne die, ſonſt ihnen eigene, Furchtſamkeit flogen ſie dicht an den Walliſern voruͤber; ihre Augen ſpruͤhten Feuer, ein roth⸗ gluͤhender Dampf wogte um Mund und Naſe. „Der Alte iſt nahe!“ ſprach Herli dumpf in ſich hinein. Kaum hatte er dieſe — 277— Worte geſagt, ſo trat hinter einem Felſen⸗ ſtuke eine hohe Mannsgeſtalt hervor, gandz gekleidet wie ein Walliſer Gemsjaͤger, ver⸗ ſehen mit Flinte, Waidtaſche, dem Eisſtabe und den Fußeiſen. Der Fremde war um einen Kopf hoͤher als ſelbſt Werni, einer der ſtattlichſten Juͤnglinge im Rhonethale, was korperliche Groͤße betraf. So wie der Gems⸗ jaͤger erſchien, wurde der blaͤuliche Glanz, der bis jetzt die Schlucht fernher mit einer unbeſtimmten Daͤmmerung uͤbergoſſen hatte, zu einem nahen, Alles erhellenden Lichte. Auf der Bruſt des Jaͤgers war ein großer Kriſtall befeſtigt, der dieſes Licht verbreitete. Werni's gierige Blicke hingen an dem Steine. Alle Luſt, alles Gluͤck des Lebens waren ihm in ſeinem Glanze aufgegangen. Er ſah nicht, wie aus dem tuͤckiſch verzerrten Antlitze des Jaͤgers zwei Augen, wie dunkelroth gluͤhende Flammen ihn anſtarrten; er gewahrte nicht wie ſelbſt der ſchwarze Herli vor dem Unbekannten aͤngſt⸗ lich und bebend ſtand: nur der funkelnde Stein — 278— feſſelte ſeine Aufmerkſemkeit und es war ihm, als geſtalte ſich in dem glaͤnzenden Spiegel ein wunderholdes Frauenbild, das liebevoll und ſehnſuͤchtig die Arme nach ihm ausſtreckte. Er trat dem Unbekannten naͤher; Herli's zitternde Hand hielt ihn zuruͤck. „Er will die Kriſtallkoͤnigin kennen ler⸗ nen;“ ſprach jetzt Herli mit halblauter und furchtſamer Stimme, indem er auf den Juͤng⸗ ling deutete:„mein Wort iſt geloͤst, mein Pact auf neue Friſt erfuͤllt.“ Der Unbekannte winkte ſchweigend mit der Hand, ihm zu folgen. Der Bewegung ſeiner Hand zog ſich ein ploͤtzlich aufſtrahlen⸗ der Lichtſtreif nach. Er wandte ſich und ſchritt um den Felsblock zuruͤck, hinter dem er fruͤher hervorgetreten war. Der ſchwarze Herli hielt Werni's Hand krampfhaft gefaßt; der Juͤngling aber draͤngte ſich in wilder Haſt dem fremden Gemsjaͤger nach. Durch die Wendung des Unbekannten war ihm der An⸗ blick des ſtrahlenden Kriſtalls entzogen worden — 279— und dieſen wieder zu ſchauen und zu beſitzen, trieb es ihn mit unbezwinglicher Sehnſucht. Nur wenige Schritte waren die beiden Walliſer dem ſeltſamen Unbekannten gefolgt, als ſie ploͤtzlich durch eine enge Felſenſpalte in einen Hoͤhlengang traten, der ſchraͤg abwaͤrts in die Tiefe fuͤhrte. Das niedrige Felſen⸗ gewoͤlbe wurde nur von dem Glanze erleuch⸗ tet, welcher aus dem wunderbaren Kriſtalle auf des Fremden Bruſt floß. Bald erweiterte ſich der Gang, in kuͤhnern Bogen ſtieg das Gewoͤlbe empor; ein Lichtſtrom, welcher aus dem Hintergrunde quoll, uͤberſtrahlte das Leuchten des Kriſtalls, ſuͤße Toͤne wallten und wogten in zauberiſcher Harmonie aus der Ferne her. Die Wanderer ſtanden mit einemmale in einer weiten Halle, in der Alles Licht und Glanz war. Die Seitenwaͤnde, der Boden, die Decke ſchienen aus dem rein⸗ ſten Kriſtalle gebildet. In zahlloſe bunte Strahlen brach ſich das Licht, das von allen Seiten einſtroͤmte. Aus dem Durcheinander⸗ —öö 2 —— —— — —m— — 280— wogen der Strahlen ſchienen die wunderbaren Toͤne aufzutauchen, welche die Seele Wernis zu ſuͤßer Luſt anregten. Da ſpaltete ſich unter einem ſtarken Accorde, zu dem die Toͤne ſich ploͤtzlich vereinigten, der Kriſtallgrund vor Werni's Fuͤßen. Von einer Strahlenglorie umgeben draͤngte ſich, aus einem Meere voll Glanz, eine Frauengeſtalt von zauberiſcher Schoͤnheit herauf. Ihr Haupt trug eine Krone, mit ſtrahlenden Edelſteinen von allen Farben beſetzt; ein feuerfarbenes Gewand umfloß die reizend gebildeten Glieder, Werni erkannte das wunderbare Weſen: es war dasſelbe, deſſen Bild er in dem Kriſtalle des Gemsjaͤgers erſchaut hatte. Von den ſuͤßen Blicken der Frauengeſtalt, welche feſt auf ihm ruheten, fuͤhlte er ſich im tief Innerſten ergriffen. Der letzte Reſt ſeiner geiſtigen Herrſchaft ſchwand: dieſe Augen hatten ihn unterjocht und ſein Willen mußte ihrem Winke folgen. Da laͤchelte ihn die ſtrahlende Geſtalt holdſelig an, ſie breitete ſehnſuͤchtig die Arme nach ihm aus, — 281— naͤher drang ſie zu ihm heran: er verlor die Beſinnung und ſank, von einem Wonneſchauer durchbebt, an ihre Bruſt. „Noch fuͤnf und zwanzig Jahre mein!“ jauchzte Herli auf:„Gottlob!“ Kaum war der Name des Allmaͤchtigen uͤber ſeine Lippen gegangen, ſo ſchoß die Ge⸗ ſtalt des Gemsjaͤgers zur furchtbaren Rieſen⸗ groͤße empor, bis an die Decke des hohen Gewoͤlbes. Aus ſeinen Augen, aus ſeinem Munde quollen Feuerſtroͤme. Eine heulende Windsbraut draͤngte ſich aus der Tiefe der Hoͤhle herauf, ergriff den ſchwarzen Herli und ſchleuderte ihn, im tollen Wirbeldrehen, aus der Hoͤhle, uͤber den Felſenpfad der Berg⸗ ſchlucht, ſo daß er in wenigen Augenblicken, mit graͤßlich zerſchellten Gliedern am Fuße der hohen Felswand lag, mit deren ſeltſam geſtalteten Gipfeln das ſchwankende Licht des Mondes noch immer ein magiſches Spiel trieb.— ——— — ——— —-—-——— Die arme Marie hatte daheim in ihrer Huͤtte den lieben Werni bis zum Mittage hin ſehnſuͤchtig erwartet. Er hatte verſpro⸗ chen, ihr die Antwort des Herrn Pfarrers in Aernen mitzutheilen, und Beide wollten dann im Verlaufe des Tages fuͤr ihre haͤus⸗ liche Zukunft noch Mancherlei bereden und berathen. Der Mittag ging voruͤber und Werni kam nicht zuruͤck. „Vielleicht hat ihn der Herr Pfarrer zum Eſſen behalten!“ dachte Marie bei ſich: „er war ihm immer wegen ſeiner Froͤmmig⸗ keit ſehr geneigt und bemuͤht ſich wohl, ihm die truͤben Gedanken aus dem Kopfe zu reden, die ihn jetzt ſo oft plagen.“ Marie beſchloß, ihrem Braͤutigam ent⸗ gegen zu gehen. Sie bedeckte das Haupt mit dem kleinen barettartigen Strohhuͤtchen, wel⸗ — 283— ches die Walliſer Jungfrauen ſo lieblich kleidet, und ging mit geſenkten Blicken, wie es einer Braut geziemt, durch ihr Doͤrfchen der Rhone⸗ bruͤcke zu. Sie ordnete auf dieſem Wege ihre ganze kuͤnftige Haushaltung in ihrem Koͤpf⸗ chen im Voraus an. Da wurde genau berech⸗ net, wie viel im naͤchſten Jahre des Wernis Weinberg und ihr Feldſtuͤckchen eintragen koͤnnten, wenn ſie beide recht fleißig an deren Bearbeitung ſich hielten; dann wurde uͤberlegt, was aus dem geloͤsten Gelde fuͤr Stuͤcke in Kuͤche oder Stube angeſchaft werden moͤchten, und das wirthliche Maͤdchen ſah im Geiſte ſchon die erworbenen Dinge an ihrem Orte ſtehen. Ihre Phantaſie verſtieg ſich dann auch wohl wei⸗ ter, zu dem Gewinne einer Kuh, einer Heerde und uͤberhaupt einer anſehnlichen Wohlhaben⸗ heit, die ſie aber doch nur der Arbeit ihrer Haͤnde zu danken haben wollte. In ſolche Gedanken verſunken war ſie uͤber die Bruͤcke geſchritten und ſchon weit an dem jenſeitigen Ufer, dem Dorfe Aernen zu gegangen, als — 284— ſie dieſe unwillkuͤhrliche Entfernung von ihrem Heimathsdoͤrſchen gewahrte. Sie ließ ſich auf einen Stein am Wege nie⸗ der und ſpann hier jene Gedanken, an denen ſie eine ſo harmloſe Freude fand, weiter fort. Da wurde ſie ploͤtzlich durch die Stimme des Herrn Pfarrers, der von Aernen herab kam, aus ihren anmuthigen Traͤumereien geweckt. „Nun, Marie,“ ſprach der Geiſtliche verwundert:„du weilſt noch hieruͤben bei uns und dein Braͤutigam iſt ſchon am Morgen wieder zuruͤckgekehrt nach Vieſch?“ Mit einemmale war Mariens ſtill frohe Gemuͤthöſtimmung in die druͤckendſte Beaͤng⸗ ſtigung verwandelt. Ohne dem ſonſt hoch⸗ verehrten Geiſtlichen weiter Rede zu ſtehen, eilte ſie im Fluge nach ihrem Doͤrfchen zuruͤck. „Wo kann er ſeyn? Was iſt aus ihm geworden?“ Das waren die Fragen, welche unaufhoͤrlich die erregte Sorge um den gelieb⸗ ten Werni aufwarf. In wilder Haſt fragte ſie einen jeden, der ihr begegnete, nach dem — 285— theuern Juͤnglinge: aber niemand wollte ihn, ſeit Morgens in der Fruͤhe, geſehen haben.— Kaum hatte Marie das Dorf erreicht, ſo begab ſie ſich in Werni's Wohnung. Sie fand die alte Baſe daheim, welche dem Haus⸗ weſen des Juͤnglings vorſtand, doch keine Kunde von dem Braͤutigam. Nachdem ſie der Alten empfohlen hatte, ihr ſogleich Nachricht zu bringen, wenn Werni etwa fruͤher in ſeinem Hauſe, als bei ihr eintreffen wuͤrde, ging ſie kummervoll zu ihrer Huͤtte. Der Abend war eingebrochen, ein furcht⸗ barer Sturm durchtobte von dem Gletſcher herab, das Vieſcher Thal. Zwiſchen Angſt und Erwartung getheilt verbrachte Marie eine ſchreckliche Nacht. Ihre Thraͤnen rannen unaufhaltſam; allerlei unbeſtimmte und fuͤrch⸗ terliche Ahnungen beſtuͤrmten ihr Herz. Endlich erſchien der erſehnte Morgen; Werni aber kam nicht. — 286— 9. Marie war außer ſich. Der heutige Tag hatte die langgepflegten Wuͤnſche befriedigen, hatte die Jungfrau auf immer mit dem gelieb⸗ ten Juͤnglinge verbinden ſollen, und ſtatt dieſer Wonne, war ein Unheil uͤber ſie hereinge⸗ brochen, das in ſeinen ungewiſſen Deutungen ſie auf das Peinlichſte ergriff. So wie es rege wurde im Dorfe, flog ſie von Haus zu Haus und verlangte Kunde von Werni. Niemand wußte etwas von ihm. Die Land⸗ leute verſammelten ſich zu einzelnen Haufen in und vor dem Dorfe. Werni's ſeltſames Verſchwinden war der Inhalt aller Geſpraͤche. Ploͤtzlich begann es ſchrecklich zu tagen in der Seele der armen Marie. Sie erin⸗ nerte ſich des Geſpraͤches, welches ſie am vor⸗ geſtrigen Abende mit ihrem Braͤutigame gehabt: wie er die Herrlichkeiten geprieſen, welche die Kriſtallkoͤnigin in den hohen Eisgebirgen ver⸗ wahre, um ſie einem auserwaͤhlten Lieblinge — 287— zu ſchenken; wie er ſeine Sehnſucht nach dieſen Schaͤtzen an den Tag gelegt, die ihn und Marien fuͤr immer begluͤcken koͤnnten! Bald hegte Marie keinen Zweifel mehr. Werni hatte ſeinem Geluͤſt nicht widerſtehen koͤnnen. In dem Wahne ſeinem Gluͤcke ent⸗ gegen zu gehen, war er in ſeinen Tod geeilt: eine Eisſpalte hatte ihn verſchlungen, ein herabſtuͤrzendes Felsſtuͤck zerſchmettert, oder eine Lavine verſchuͤttet. Heitige Huͤlfe konnte vielleicht noch retten! Marie flog aus dem Dorfe zu dem Haufen der vor demſelben ver⸗ ſammelten Maͤnner und Juͤnglinge. Eben war zu dieſen ein Mann aus dem Gebirge, der Kuͤher von der, hoch am Gletſcher gelege⸗ nen, Alp getreten und erzaͤhlte: er habe den Vermißten geſtern Mittag in haſtiger Eile den Pfad nach dem Gletſcher hinanſteigen geſehen. Dieſe ungluͤckliche Beſtaͤtigung ihres furcht⸗ baren Ahnens mahnte die verlaſſene Braut zur eiligſten und eifrigſten Thaͤtigkeit. Sie beſchwor die verſammelten Maͤnner und Juͤng⸗ — 288— linge, mit ihr ſogleich nach dem Gletſcher zu gehen und dort nach einer Spur Werni's zu forſchen. Alle fanden ſich bereit, denn Alle waren dem gutmuͤthigen und ſtillen Juͤng⸗ linge gewogen. Bald hatten ſich die Maͤnner mit ihren Jagdgewehren und die juͤngern Leute mit Allem verſehen, was etwa zur Rettung des Ungluͤcklichen noͤthig ſeyn konnte: mit Stricken, Leitern, langen Hakenſtangen und dergleichen. So ging der Zug am Weiß⸗ waſſer nach dem Gletſcher hinauf. Durch keine Reden und Bitten ließ ſich Marie bewegen, im Dorfe zuruͤck zu bleiben. Sie eilte im verzweifelten Laufe an der Spitze des Zugs voran, ſo daß die Andern Muͤhe hatten, ihr zu folgen.— Die Suchenden waren in der Naͤhe des Gletſchers angelangt. Da erregte mit einem⸗ male ein Stoͤhnen und Wimmern, das hinter einem Haufen Gletſcherſchutts hervordrang, der Vorangehenden Aufmerkſamkeit. Marie und die Maͤnner folgten ſogleich dem Laute. — 289— Da lag der ſchwarze Herli auf der Erde, mit furchtbar zerbrochenen Gliedern, zu einem ſcheußlichen Zerrbilde entſtellt. Vergebens ver⸗ ſuchte er am Boden weiter zu kriechen; der ge⸗ laͤhmte Koͤrper verſagte ihm den Dienſt. Er blickte die Umſtehenden ſtier und wahnſinnig an. Als ſein Auge auf Marien traf, brach er in ein krampfhaftes Gelaͤchter aus und wurde von den ſchrecklichſten Convulſionen befallen. Es war nicht moͤglich, durch ihn etwas von dem vermißten Werni zu erfahren; ſein Geiſt war fuͤr immer in undurchdringliche Nacht ver⸗ ſunken. Einige Juͤnglinge bildeten von den mitgebrachten Geraͤthſchaften eine Tragbahre, um den Elenden nach Vieſch hinab zu tragen. Mariens Angſt war durch dieſe Be⸗ gegnung um Vieles geſteigert worden. Ein innerer Schauer hatte ſie immer ergrif⸗ fen, wenn ſie den Werni im vertraulichen Geſpraͤche mit dem halb wahnſinnigen Herli geſehen hatte: ſie betrachtete dieſen wie den — 290— Verſucher, der ihren Geliebten zu graͤßlichem und ſuͤndhaftem Beginnen verlocken wolle. Nun mußte ſie den Gefuͤrchteten hier finden, hier, wohin ſie die peinigendſten Zweifel um das Schickſal ihres Braͤutigams fuͤhrten! Man ſtand an dem Rande des Glet⸗ ſchers. Die Kraͤfte der Jungfrau waren erſchoͤpft, ſie konnte nicht weiter. Mit der Baſe Werni's, welche auch dem Zuge ge⸗ folgt war, blieb ſie auf den umliegenden Stein⸗ truͤmmern zuruͤck, waͤhrend die Maͤnner und Juͤnglinge muthig in die Eiswuͤſte hineinſchrit⸗ ten und durch Rufen und Schießen dem etwa Verirrten ihre Naͤhe anzeigten. Nach mehreren, von Marien mit den ſchrecklichſten Empfindungen verlebten Stun⸗ den, kehrten die Maͤnner aus Vieſch von ihrem kuͤhnen Unternehmen zuruͤck. Kein Zei⸗ chen des freudigen Gelingens ward von den Herannahenden der aͤngſtlich harrenden Marie gegeben. Bei ihrem Berichte ſchwand die letzte Hoffnung. Sie waren vorgedrungen, — 291— ſo weit es die Umſtaͤnde erlaubt hatten. Er⸗ fahrne und in dieſen Gegenden bekannte Gems⸗ jaͤger hatten den Zug geleitet. Als ſie aber von dem Vieſcher Gletſcher links ab ſich zu dem Aletſchgletſcher wenden wollten, fanden ſie hier zu ihrem Erſtaunen eine große Strecke Eiſes eingeſtuͤrzt; in der Tiefe hatte ſich ein breiter Gletſcherſtrom gebildet, uͤber welchen zu gelangen keine Möͤglichkeit auszu⸗ finden war. Auch konnte man ſich leicht denken, daß Werni von demſelben Hinder⸗ niſſe aufgehalten worden ſeyn muͤſſe. Indem die Juͤnglinge uͤberlegend an dem Strom auf und niedergingen, entdeckte einer derſelben an einer, nur wenig uͤber die Fluthen her⸗ vorragenden, Felsſpitze ein flatterndes Tuch. Dieſes wurde mit Huͤlfe einer Hakenſtange ſogleich heraufgeholt. Man fand Werni's Namenszug in dem Tuche und Jedem drang ſich nun die Ueberzeugung auf: der Ungluͤck⸗ liche ſey, waͤhrend er an dieſer Stelle uͤber den Gletſcher zu gehen verſucht habe, durch 19* — 292— den Einſturz uͤberraſcht worden und habe ſeinen Tod auf eine ſchreckliche Art gefunden. Des ſchwarzen Herli furchtbare Verletzungen, der wohl in Werni's Geſellſchaft geweſen ſeyn konnte und ſich vielleicht nur mit großen Anſtrengungen gerettet hatte, mußten dieſe Meinung beſtaͤrken. Man ſuchte eifrig, aber umſonſt, nach Werni's Leichnam. Wenn gegen den Herbſt hin ſich die Waſſer verlaufen wuͤrden, moͤchte es wohl eher thunlich ſeyn, nach einer Spur des Verungluͤckten weiter zu forſchen, aͤuſſerten die Maͤnner gegen einander. Marie hatte dieſen Bericht in ſtarrer Troſtloſigkeit angehoͤrt. Sie riß das mir⸗ gebrachte Tuch heftig an ſich. Sie erkannte es: es war eine Halsbinde, die ſie ſelbſt vor wenigen Tagen dem Braͤutigame zum Geſchenk gemacht hatte. Sie verbarg das Tuch auf ihrem Herzen. Ohne weiter eine Thraͤne zu vergießen und ohne ein Wort zu ſprechen, kehrte ſie mit den Maͤnnern und Juͤnglingen nach ihrem Dorfe zuruͤck. Der Herbſt kam und die Waſſer verran⸗ nen. Man ſuchte auf's Neue nach dem Leich⸗ name Werni's. Das Bett des Gletſcher⸗ ſtroms war ausgetrocknet, der Uebergang nach dem Aletſchgletſcher ohne Muͤhe und Gefahr; aber vergebens blieb alles Forſchen: eine Eisſpalte mußte den Juͤngling verſchlun⸗ gen und auf ewig in ihrer unergruͤndlichen Tiefe begraben haben. Nur den Troͤſtungen der Religion und der wohlthaͤtigen Gewalt der Zeit gelang es, Mariens tiefen Gram zu lindern. Auch des ſchwarzen Herli gebrochene Glieder wur⸗ den geheilt; allein ſein Geiſt war nicht aus den Banden des Wahnſinns zu loͤſen. Als ein Kruͤppel ſchlich er im Thale umher, die Menſchen und ihre Wohnungen ſcheu fliehend. Keinem ſtand er Rede; unaufhoͤrlich aber mur⸗ melte er unverſtaͤndliche Worte vor ſich hin. 10. Viele Jahre waren verfloſſen, als an einem freundlichen Sommernachmittage die Maͤdchen und Juͤnglinge von Vieſch ſich vor dem Dorfe verſammelten, um nach dem nahe gelegenen Lax, wo bekanntlich ein geraͤumi⸗ ger Tanzplatz, ſich zu einer muntern Hoch⸗ zeitsfeier zu begeben. Man harrte nur noch der Braut, ihrer Eltern und des Braͤutigams: dann ſollte der Zug, unter Vortretung der Muſikanten, luſtig vorwaͤrts gehn. Indeſſen beſchaͤftigte ſich die allgemeine Unterhaltung mit einem Ereigniſſe, welches ſich in der ver⸗ gangenen Nacht zugetragen hatte. Der ſchwarze Herli, den Alle ſeit ihren Kinderjahren kannten und den man als einen unſchaͤdlichen Wahnwitzigen hatte frei umher⸗ gehen laſſen, war von einem heftigen Gewit⸗ ter, das um Mitternacht ſich uͤber dem Thale zuſammengezogen hatte, erſchlagen worden. Man hatte ſeine Leiche, mit allen, dergleichen — — 295— Ungluͤcksfaͤlle begleitenden Zeichen, am Morgen auf der Rhonebruͤcke gefunden und ſogleich im Stillen begraben. Vielerley wurde nun von dem Dodten hin und hergeredet. Manche ſprachen von ſeinem fruͤhern Reichthume, von der leichtſinnigen Vergeudung deſſelben und wie es doch aͤußerſt ſeltſam ſey, daß Herli bei aller koͤrperlicher Siechheit ein Alter von nahe an hundert Jahren erreicht habe. Nicht undeutlich trat im Allgemeinen die Meinung hervor: der Todte habe einen Pact mit dem Boͤſen gehabt, wovon auch ſein ſchreckliches Ende die unausbleibliche Folge geweſen ſey. Die Ankunft der Erwarteten endigte die⸗ ſes Geſpraͤch. Von allen Seiten ſtroͤmten die Freunde und Verwandten des Brautpaars dieſem entgegen und erſchoͤpften ſich in Gluͤck⸗ wuͤnſchen und Freudebezeigungen. Die Braut war ein lieblich zartes Weſen von kaum acht⸗ zehn Jahren; der Braͤutigam ein munterer, friſcher Burſche aus Lax, der von ſeinen Eltern ein anſehnliches Vermoͤgen ererbt hatte. — 296— Beiden jungen Leuten ſtrahlte die Zufrieden⸗ heit mit der gegenſeitigen Wahl aus den fro⸗ hen Blicken. Auch der Vater des Maͤdchens, ein reicher Viehhaͤndler aus Vieſch, von wohlgenaͤhrter hoher Geſtalt, ſchien auf das Freudigſte bewegt und ſchuͤttelte mit frohem Willkommen einem jeden der Gaͤſte traulich die Hand. Nur auf dem Antlitze der Braut⸗ mutter, einer ſtillen, noch immer ſchoͤnen Frau, ſchwebte ein duͤſteres Woͤlkchen, viel⸗ leicht der Zeuge einer, aus fruͤhern Jahren aufſteigenden, truͤben Erinnerung. Der Vater hatte ſeine Gruͤße reihum vollendet und ſagte jetzt zu ſeiner Frau: „Friſch auf, Mariel An den Ehrenplatz! Ein ſolcher Tag kommt nur einmal im Leben und das Gluͤck unſers einzigen Kindes lohnt wohl der Muͤhe, ſich zu freuen.“ Die Eltern traten nun an die Spitze des Zuges; dann folgten Braͤutigam und Braut, Hand in Hand; die Uebrigen ſchloſſen ſich paarweiſe an, und die geſchmuͤckte Dop⸗ — 297— pelreihe bewegte ſich jetzt, unter dem marſch⸗ artigen Vorſpiele der Muſikanten, dem Dorfe Lax zu. Schon war man den erſten Haͤuſern von Lax nahe, als der Fortgang des Zugs durch ein ſeltſames Ereigniß unterbrochen wurde. Ein Mann von verwildertem Anſehen, mit langem ſtruppigem Barte, in abgeſchoſſener und vielfach zerriſſener Kleidung draͤngte ſich, bei einer Wendung des Pfades, in die Reihe. „Halt da!“ rief er mit donnernder Stimme:„die Braut iſt mein, und niemand ſoll ſie mir rauben!“ Zugleich ergriff er die Hand der Braut und riß das erſchrockene Maͤdchen ſtark an ſich. „Was wollt ihr? Ich kenne euch nicht;“ ſtammelte die Jungfrau. Ihr Braͤutigam faßte den zudringlichen Fremden bei der Bruſt und ſchleuderte ihn weit hinweg. „Wie,“ ſprach dieſer jetzt, indem ſeine Stimme weich und zitternd wurde und uͤber ſein Antlitz eine Thraͤne rann:„Du kennſt 8 — 298— mich nicht mehr, Marie? Seit geſtern bin ich dir fremd geworden?“ „Laßt den Wahnſinnigen!“ riefen die Verſammelten durcheinander, indem ſie vor⸗ waͤrts draͤngten:„er ſoll unſere Freude nicht ſtoͤren!“ Aber die Brautmutter fuͤhlte ſich von der Stimme des Unbekannten zu beaͤngſtigen⸗ der Ahnung erregt. Sie fluͤſterte ihrem Manne einige Worte in das Ohr und eilte dann im Gedraͤnge der Uebrigen, den Arm des Gatten feſt umklammernd, in das Dorf. Nach jener wehmuͤthigen Aeußerung machte der Fremde keinen weitern Verſuch, ſich in den Zug zu miſchen oder ihm zu fol⸗ gen. Er ſetzte ſich erſchoͤpft am Rande des Weges nieder und blickte ſinnend den Hinweg⸗ eilenden nach. 11. „Traͤume ich denn noch immer?“ ſprach er nach einiger Zeit duͤſter vor ſich hin:„oder 5 2 — — 299— habe ich mich ſeit geſtern ſo ſehr veraͤndert, daß mich meine eigene Braut nicht mehr kennt? Wenn ich es recht uͤberdenke,“ fuhr er fort und hob ſich zugleich von ſeinem Sitze empor, „ſo kam mir doch im Ganzen dieſes Maͤd⸗ chen auch anders vor: juͤnger, zarter und ſchlanker, als meine Marie. Wie?— Wenn ſie es nicht geweſen waͤre, wenn ich in einem Irrthume— Fort! Es haͤngt ja nur von mir ab, dieſen Zweifel zu loͤſen.“ Nach dieſen Worten ſchritt er dem Dorfe zu, in welchem der Hochzeitsreigen verſchwun⸗ den war. Je naͤher er kam, deſto mehr ſtieg ſeine Verwunderung. Das Dorf ſchien ſeit wenigen Tagen an Umfang und Anſehn auf eine unerklaͤrliche Weiſe zugenommen zu haben. Stattliche Haͤuſer, von freundlichen Gaͤrten umgeben, ſtiegen empor, wo noch in der ver⸗ gangnen Woche ein wuͤſtes Trinnmerſeld gelegen hatte. „Das iſt ein wunderbarer Traum im Wachen!“ ſagte der Wanderer bei ſich.„Am — 300— Ende bin ich krank und das ſind nur Fieber⸗ bilder, die mir im Gehirne aufſteigen.“ Er trat jetzt in das erſte Haus des Dor⸗ fes. Eine freundliche alte Frau noͤthigte ihn in ein Zimmer. Auf ſeine Bitte erhielt er von ihr einen Becher Milch. Als ihm die Frau den Trunk vorſtellte, ſagte ſie: „Man hat mich ganz allein zur Bewa⸗ chung des Hauſes zuruͤckgelaſſen. Die jungen Leute ſind alle bei der Hochzeit. Auf dem großen Platze wird getanzt; Abends ziehen ſie ins Wirthshaus!“ „Iſt nicht die Braut die junge Marie aus Vieſch?“ fragte jetzt der Fremde und in allen ſeinen Zuͤgen offenbarte ſich die un⸗ gemeine Spannung, mit der er die Antwort erwartete. „Freilich,“ entgegnete die Frau:„die liebe Marie iſt's, die an den Armen ſo viel Gutes thut. Jedermann goͤnnt ihr den braven Burſchen, den ſie bekommt. — 301— „Marie Lehn?" fragte nochmals der Fremde mit Heftigkeit, indem er haſtig den Trunk hinunterſtuͤrzte. „Marie Lehn?“ erwiederte die Alte verwundert:„Was faͤllt euch ein? Die moͤchte wohl ſo leicht keinen Freier mehr finden, 1 wenn ſie noch ledig waͤre! Marie Lehn hieß die Mutter der Braut vor ihrer Ver⸗ heirathung. Es war die bleiche Frau an der Spitze des Zugs; der ſo ruͤſtig und wohlge⸗ muth neben ihr einherging, war ihr Mann.“ Nach dieſen Worten verließ die Alte, eines haͤuslichen Geſchaͤfts wegen, das Zim⸗ mer. Der Fremde ſprang von ſeinem Sitze auf und ſchritt unruhig auf und nieder. „Welche unglaubliche Dinge!“ rief er aus.„Sollte denn die Zeit in einem Eilfluge vorwaͤrts geſprungen ſeyn und nur mich mit⸗ zunehmen vergeſſen haben?⸗ Zufaͤllig haftete jetzt ſein Auge auf dem, an der Wand des Zimmers haͤngenden Spie⸗ gel. Er erſtarrte. — 302— „Bin denn ich das?“ fuhr er mit beben⸗ der Stimme fort:„Ich, der geſtern als ein Juͤngling am Rande des Gletſchers einſchlief und heute Morgen, nach einem wilden Traume von dem Herli und der Kriſtallkoͤnigin, dort wieder erwachte, ſollte dieſes fahle Geſpenſt ſeyn mit den tiefliegenden Augen, den alter⸗ gefurchten Wangen und dem wuͤſtentſtellen⸗ den Barte? Kann denn eine Nacht den Juͤngling zum Greiſe machen?“— Neben dem Spiegel war ein Kalender befeſtgt. Der Mann riß ihn haſtig herab und ſuchte mit Eifer nach der Jahreszahl. Die Deutung ſeiner Traͤume wurde ihm ploͤtz⸗ lich klar: fuͤnf und zwanzig Jahre waren vergangen ſeit dem Tage, an welchem er zu dem Glekſcher hinaufgeſtiegen. Sein Zuſammentreffen mit dem Herli, mit dem furchtbaren Gemsjaͤger und der reizenden Kriſtallkdnigin war kein Traum, Alles ſtellte ſich ihm nun als ſchreckliche Wirklichkeit dar. Die ſchoͤnſten Jahre ſeines Lebens blieben — — — 303— dunkeln Gewalten hingegeben, denen er ſelbſt, aus Habſucht und Leichtſinn die Macht uͤber ſich eingeraͤumt. Die Frau vom Hauſe kam wieder in das Zimmer zuruͤck. Ihr Gaſt, große Schweiß⸗ tropfen auf der Stirn, trat ihr mit der Frage entgegen: „War nicht die Mutter der Braut, die Marie Lehn meine ich, fruͤher mit einem jungen Burſchen aus Vieſch, Namens Werni verſprochen?“ „Ja wohl!“ antwortete die Alte:„Mit dem hat ſie aber wenig Gluͤck gehabt. Am Tage vor der Hochzeit ging er, man weiß nicht warum, nach dem Gletſcher und iſt dort auf eine unbekannte Art ums Leben gekommen. Sie hat ihn viele Jahre lang beweint und nur endlich auf das Andringen der Freunde und Verwandten, ihren jetzigen Mann genommen. Sie ſoll aber noch immer mit trauriger Erinnerung an dem Angedenken ihres erſten Braͤutigams haͤngen.“ — 304— „Und was iſt aus dem ſchwarzen Herli geworden?, forſchte der ſeltſame Gaſt weiter, indem er eine Thraͤne zerdruͤckte, welche uͤber die bleiche Wange rann. „Den hat in dieſer Nacht der Blitz erſchlagen;“ erwiederte die Frau und machte dabei das Zeichen des heiligen Kreuzes:„der Boͤſe hat von dem grauen Suͤnder endlich ſeine Schuld eingefordert.“ Ohne ein Wort weiter zu reden, ſtuͤrzte der Fremde aus dem Zimmer und aus dem Hauſe. Er flog mehr, als er ging, uͤber den nach Aernen fuͤhrenden Weg. Dort begab er ſich gerade zu dem ehrwuͤrdi⸗ gen, alten Pfarrer, mit welchem er eine lange Unterredung hatte. Erſt am naͤchſten Mor⸗ gen verließ er dieſen und verſchwand aus dem Thale.— 12. Die junge Marie, deren Hochzeitsreigen ſo ſeltſam geſtoͤrt worden war, fand an der Seite ihres Auserwaͤhlten ein ungetruͤbtes Lebensgluͤck. Bluͤhende Kinder ſpielten bald um die arbeitſamen Eltern und vermehrten deren Zufriedenheit. Nach wenigen Jahren ſtarb Mariens Vater. Die trauernde Wittwe ſchlug nun ihre Wohnſtaͤtte bei ihren Kindern in Lax auf und ſuchte in der Pflege der lieben Enkel manchen Schmerz aus vergan⸗ genen Tagen zu vergeſſen. Sie mochten nun erſt ſeit einiger Zeit hier geweilt haben, als ſich zum Oeftern ein ehrwuͤrdiger Pater aus dem Kapuzinerkloſter auf dem Gotthard bei der Familie einfand. Er brachte den heranwachſenden Kindern glaͤn⸗ zende Heiligenbilder mit und bemuͤhte ſich in ihren jungen Gemuͤthern den Keim zu Tugend 20 — 306— und Religion zu entwickeln. Er war ſonſt ſtill und ernſt. Auf ſeinem Antlitze ruhte ein Frieden, der erſt nach mannigfachen Lebens⸗ ſtuͤrmen ſich dort angeſiedelt zu haben ſchien. Nicht allein die Bewohner des Hauſes, ſon⸗ dern auch die uͤbrigen Nachbarn aus dem Dorfe gewannen ihn lieb und jedermann freute ſich, wenn der gute Pater wiederkehrte. Wo eine Verlegenheit eintrat, kam ſein freund⸗ licher Rath zu Huͤlfe; bei unabwendbaren Leiden beruhigte ſein Troſt. Niemand fand an dem Pater etwas Beſondres; nur die Wittwe von Vieſch machte hierin eine Ausnahme. Oft, wenn er mit den Kindern ſich beſchaͤftigte, ruhte unbemerkt ihr Blick auf ihm. Sie glaubte dann in dem Antlitze des Greiſes die Zuͤge jenes Un⸗ bekannten aufzufinden, der einſt ihrer Tochter Hochzeitsfeſt unterbrochen; weiterfliegende Ge⸗ danken knuͤpften ſich an dieſe: des fruͤhe ver⸗ 6 — 307— lornen Werni's Bild trat aus dem Hinter⸗ grunde der Vergangenheit hervor, der unver⸗ geßliche Klang ſeiner Stimme ſchlug an ihr Ohr, wenn der Pater die Enkel vor den Ver⸗ ſuchungen zum Boͤſen warnte. Mehrere Jahre hindurch hatte der Pater dieſe Beſuche in Lax, waͤhrend der Som⸗ mermonate, fortgeſetzt. Im Fruͤhjahre, Herbſt und Winter blieb er auf dem Berge, um dort bei ſteter Muͤhe und Gefahr, verirrten Wandrern beizuſtehen und ſeinen heiligen Pflichten obzuliegen. Als er nun auch an einem ſchoͤnen Som⸗ mertage, in dieſem Jahre zum erſtenmale, wieder in Lax erſchien, wurde er auf das Freudigſte von der Familie aufgenommen, die ihn mit Sehnſucht erwartet hatte. Aber noch an demſelben Tage warf ihn eine ſchwere Krankheit auf das Lager nieder. Keine Huͤlfe, —————— — 308— keine Pflege konnte die erſchoͤpften Kraͤfte erſetzen. Er ſah nicht nur mit Ruhe, ſelbſt mit einer gewiſſen innern Freudigkeit dem Augen⸗ blicke ſeiner Aufloͤſung entgegen. Als dieſer nun nahe war, befand ſich niemand bei dem Pater, als die Wittwe, welche ihn eben bei einem heftigen Anfalle des Uebels unterſtuͤtzte. Er fuͤhlte die kalte Hand des Todes in ſeiner Bruſt. Da hob er die brechenden Augen zu ſeiner Pflegerin in die Hoͤhe und ſprach mit matter, aber zufriedener Stimme: Mein letzter und hoͤchſter Wunſch iſt erreicht. Ich ſterbe in deinen Armen, Marie! Der arme Werni, dem Gott verzeihen moͤge, wird dich nun wohl dort oben bald auf im⸗ mer beſitzen!“„ Nach dieſen Worten entfloh ſeine Seele. Die Wittwe ſtand in ſtarrem Schmerze.— Was ihr noch raͤthſelhaft blieb, wurde ihr ſpaͤter von dem Geiſtlichen in Aernen 2 — 309— erklaͤrt, der den Verſtorbenen mit aller ge⸗ buͤhrenden Feierlichkeit in geweihter Erde beſtattete.— Die Wittwe uͤberlebte ihn nicht lange. Bald bezeichnete ein ſchwarzes Kreuz den Ort, wo ihre Aſche ruht: er iſt dicht neben dem Grabe Werni's. — Inhalt. Seite Seppi's Reiſe zur Hochzeit 3. Nach Stuͤrmen Ruhe 67. Die Kriſtallkönigin 243. 5 8 * 6 1.“ ——————— S