— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 2 Eduard Okflmann in Gießen,/ Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 6 Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme 1 ſ ſ eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe 8 8 7 l. 4. —-— hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b 4. Abonnament. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk. pff. 3 „ 3 4 u uI 82 1—„ 1„— u 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer jumn Erſatz des Ganzen verp flichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — —--- 9 K— — — Dramatische Novellen don Georg Döoͤring. Zweiter Theil. Der graue Mann.— Das Gaſthaus im Gebirge. Abentheuer über Abentheuer. Frankfurt am Main. Gedruckt und verlegt von Johann David Sauerländer. 1 8 3 3. ———O—᷑—᷑—ꝛ—xp/ Angeeignetes. Hätt' es beſſer gern gegeben, 6 Doch man gab's nicht beſſer mir: Leben laſſen, ſelber leben, D'rum treibt unſer Schifflein hier. Der graue Mann, Luſtſpiel in drei Aufzügen. Nach dem Franzöͤſiſchen bearbeitet. Perſonen:; Müller. Der Graf von Roſenthal. Der Baron von Wallen, ſein Neffe. b Henriette, ſeine Gattin. Minna, ihre Schweſter. Baron Lindorf. Rath Salberg. Kriegskommiſſär Meinau. Franz, Wallens Kammerdiener. Peter, ein alter Diener. Thereſe, Kammermädchen. Löb Herz, ein jüdiſcher Wucherer. Springer, Tapezier. Ein Notarius. Ein Diener. (Die Scene iſt auf Wallens Landgute, nahe bei einer 4 bedeutenden deutſchen Univerſität.) 4 5 4 Erſter Aufzug. (Das Theater ſtellt einen Garten vor. Rechts ſieht man Wallens Landhaus, links einen Pavillon. Im Hinter⸗ grunde iſt eine Mauer, mit einer Pforte, die auf auf das Feld führt.) Erſter Auftritt. Franz. Springer. Franz(allein aus dem Hauſe kommend, und ſprechend). Bravo, bravo, meine Herren! Sie haben in ihren Einrichtungen ſich ſelbſt übertroffen. Unſer Feſt muß herrlich werden und mein Herr wird mich mit Lobeserhebungen überhäufen, die na⸗ türlich auf Sie zurückfallen.(Zu Springer, welcher ihm folgt.) Ihre Tapeten in's Beſondere, mein wertheſter Herr Springer, ſind von einem Glanze, von einer Friſche— ihre Meubles prächtig und von einer Elaſtizitaät— Springer. Zu gütig, zu gütig! Aber, ohne mich zu rühmen, kann ich wohl ſagen, daß kein Tapezierer in Europa geſchmackvoller und ſolider arbeitet als ich. Meine Sophas halten ſogar die vielen muſikaliſchen Abende aus, welche jetzt in den großen Häuſern an der Ordnung ſind, und das will viel ſagen, denn die Herrn Muſiker und Sän⸗ ger machen ſich die bequemen Meubles auf eine Weiſe zu Nutze, die denn auch wieder unſern Nutzen herbeiführt. Franz. Aha! Herr Springer macht Witz. O, ich habe Sie immer für einen klugen Kopf gehalten! Springer. Apropos! weil wir doch eben von der Klugheit ſprechen— wie ſtehts mit meinen bei⸗ den Rechnungen? Die dritte kommt jetzt auch noch hinzu. Franz. Sie werden alle drei zuſammen bezahlt. Springer. Das ſoll mir ſehr angenehm ſeyn. Denn mich hat wirklich ſchon einige Beſorgniß angefochten— Franz. Beſorgniß? Pfui, Herr Springer, pfui! Springer. Die ganze Welt ſagt, der Herr Baron beſitze weiter nichts als dieſes Landhaus und geſcheidte Leute ſagen, daß es ihm nicht viel eintrage. Franz. So ſagen ſie mir denn einmal, mein Herr Springer, kennen ſie den Grafen von Roſenthal? Springer. Der Tauſend, das iſt mein beſter Kunde. Immer baare Bezahlung, ein Herr von ungeheuerm Reichthum. Franz. Nun denn, dieſer ungeheure reiche Mann iſt unſer Oheim, er hat keine Kinder und wir beerben ihn. Springer. Das wäre wohl gut— aber man ſpricht auſſerdem noch davon, daß der Herr Onhel den Neffen enterbt habe, weil er, wider ſei⸗ nen Willen, die Tochter eines bloßen bürgerlichen Profeſſors zur Frau genommen. Franz. Nicht weiter, Herr Springer, nicht weiter! Sie haben da ein Wort geſagt, das Sie auf ganz falſche Gedanken bringen könnte. Enterbt? ſagten Sie. Gott bewahre! Wir haben uns nur ein wenig überworfen. Mein Herr Springer, leſen Sie Romane? Springer. Ich bin Tapezierer meines Zeichens, aber meine Frau— Franz. Nun ſo fragen Sie die werthe Ehe⸗ hälfte! Was ſieht man in allen Romanen? Söhne und Neffen, die mit ihren Vätern und Onkeln in Uneinigkeit leben, weil zarte Bande ſie an das Mädchen ihrer Neigung feſſeln; aber überſpringen Sie einige hundert Seiten, laufen Sie zum letzten 4 Kapitel— Welche rührende Szene! Die Alten ver⸗ 4 — 10— zeihen den Jungen, widerrufen ihr Teſtament und ſterben baldmöglichſt, um ihren Erben das Ver⸗ gnügen zu verſchaffen, die ehrlichen Leute zu bezah⸗ len und zu belohnen, die Vertrauen genug in ſie ſetzten, um ihnen Credit zu geben. Springer. In der That! Geſtern Abend noch vergoß meine Frau einen Thränenſtrom, als ſie eine ähnliche Szene las; aber das Ding hatte etwas lange gedauert— erſt im ſechſten Bande ging die Verſohnung vor ſich. Franz. Wir ſind beim ſechſten Bande! Die Verzeihung des Grafen kann nicht ausbleiben. Iſt die einmal da, ſo wird der liebe Onkel auf das ſchnellſte begraben, die Erbſchaft in Beſitz genom⸗ men und Ihre Rechnung bezahlt. Alſo friſch an's Werk, mein Herr Springer, ohne Sorgen! Vor Ihrem Geiſte ſchwebe nur der Ruhm, der ihnen blüht. (Springer ab.) X Zweiter Auftritt. Franz(allein). Alles geht nach Wunſche! Eine prachtvolle Fete und keinen Gulden„ um ſie zu bezahlen! Unſere Gläubiger werden unruhig und einige von ihnen haben ihre Beſorgniß ſogar den Gerichten anvertraut. In acht Tagen weiß „ — — 11— mein Herr nicht mehr, wo er ſein Haupt hinlegen ſoll und ich hätte die tauſend Gulden des Grafen von Roſenthal verdient. Es giebt große Geiſter in der Welt, aber die größten ſind die, welche aus Allem Geld zu ziehen wiſſen. Dritter Auftritt. Franz. Thereſe auf der Terraſſe des Pavillons. Thereſe(rufend). Musje Franz! Franz. Ah! Jungfer Thereſe. Was machen Sie denn da oben? Thereſe. Ich ſtehe Schildwache. Meine gnaͤ⸗ dige Frau erwartet für das heutige Feſt den lieben Papa und die Jungfer Schweſter. Ich ſoll dann das Zeichen ihrer Ankunft geben. Aber was machen denn Sie da unten? Franz. Auch ich ſtehe auf dem Lauerpoſten. Ich erwarte einen gewiſſen Löb Herz, einen Juden, wie es wenige gibt. Er wird ganz im Geheim durch dieſe kleine Pforte herbeiſchleichen. Der gnädigen Frau gefallen die Geldphiſyonomieen nicht. Thereſe. Musje Franz, morgen verlange ich meinen Abſchied. Franz. Und ich— ich bleibe. — 12— Thereſe. Wir treten unſrer Ehre zu nahe, wenn wir länger in dieſem Hauſe dienen. Franz. Wo ich Geld verdiene, finde ich Ehre. Thereſe. Pah! Unſer Lohn ſteht auf dem Kerbholze. Franz. Ein geſcheidter Diener betrachtet den Lohn gleichſam nur als Appendix. Thereſe. Apropos! ich habe einen Brief fuͤr Sie. Franz. Einen Brief? Werfen Sie ihn ſchnell herunter.(Sie wirft den Brief herab, er öffnet ihn). Ahal es iſt derſelbe, den ich erwartete. Thereſe. Der Inhalt ſcheint ſehr wichtig zu ſeyn? Franz. Sehr wichtig... Er betrifft auch Sie. Thereſe. Mich?. Franz. Sie ſelbſt. Ich habe Sie zu gewiſſen Abſichten nöthig; an guter Bezahlung ſoll es nicht fehlen, aber Ihrer Verſchwiegenheit muß ich ver⸗ ſichert ſeyn! Thereſe. O, ich kann ſchweigen, wie das Grab, notabene wenn ich dafür bezahlt werde. Franz. Dieſer Brief iſt vom Grafen von Roſenthal. 4* — 13— Thereſe. Wie, eine Correſpondenz mit unſerm Feinde? Franz. Still! man kommt. (Thereſe zieht ſich zurück.) Vierter Auftritt. Franz. Henriette. Wallen. Henriette(im Eintreten). Das Kleid, welches du mir aus der Stadt mitgebracht haſt, iſt zwar ſehr ſchön, lieber Mann,— ſehr geſchmackvoll, aber, nimm mir es nicht übel, doch ein wenig zu koſtbar. Wallen. Heute darfſt du mir nicht ſchmollen, liebe Henriette— Henriette. Nun ſo verſpare ich es auf mor⸗ gen. Sieh', lieber Mann, wir müſſen wirklich dar⸗ auf denken, unſere häuslichen Angelegenheiten in Ordnung zu bringen, ökonomiſch zu leben und hauptſächlich unſre Schulden zu bezahlen. Wallen(launig). Für das Letzte laß ich mei⸗ nen Onkel ſorgen! Henriette. Du rechneſt noch immer auf ſeine Verzeihung? Wallen. Ich hoffe ſie mehr als jemals— — 14— In der Stadt ſagte man mir, daß er viel von mir ſpreche, ſich eifrig nach mir erkundigt habe— Franz. Ich wollte darauf wetten, daß der Herr Graf von Roſenthal mehr Antheil an Ihnen nimmt, als Sie ſelbſt denken. Henriette(zu Wallen). Du willſt mich für den heutigen Abend erheitern. Thereſe(auf der Terraſſe erſcheinend). Gnä⸗ dige Frau! gnädige Frau! Ein Wagen hält unten an der Allee— ein junges Frauenzimmer ſteigt ab. Henriette Gu Wallen). Das iſt Minna. Thereſe. Ein ältlicher Herr begleitet ſie— Henriette. Mein Vater— ich eile ihm entgegen. Thereſe. Sie kommen gerade auf das Haus zu. Der Herr iſt ganz grau gelleidet. Wallen(beunruhigt). Ganz grau! Thereſe. Grauer Rock, graue Weſte, nichts fehlt, ſogar der Hut iſt grau. Wallen(bei Seite). Er iſt es! Es iſt der graue Mann. Ich bin verloren! Henriette. Herr Müller mit Minna! Sollte meinem Vater Etwas zugeſtoßen ſeyn? Wallen. Wenn das wäre, ſo hätte ihn deine Schweſter wohl nicht verlaſſen. Henriette. Meine Beſorgniß iſt zu groß. Komm, lieber Wallen— ihnen entgegen— * * — 15— Wallen. Ich würde dich begleiten— aber ein Geſchäft von der höchſten Wichtigkeit— ich erwarte im Augenblicke Jemanden hier— Eins aber bitte ich dich, ich beſchwöre dich darum, theure Henriette, ſuche Herrn Müller ſo zu führen, daß er nicht Zeit habe, meine Ländereien in Augenſchein zu nehmen, meine Leute auszufragen und in dem Hauſe herum zu ſpioniren. (Henriette ab.) Fünfter Auftritt. Wallen. Franz. Franz. Wer iſt denn dieſer Herr Müller, deſ⸗ ſen Ankunft meinem gnädigen Herrn eine Art von Schrecken einflößt? Wallen. Ein Original vom Kopf bis zu den Füßen. Bizarr in ſeiner Kleidung, ſonderbar und eigen in ſeinen Reden, unbegreiflich in ſeinen Hand⸗ lungen. Sein Gang iſt beſcheiden und ſtolz zu⸗ gleich, ſein Benehmen rauh und zuvorkommend, der Ton ſeiner Stimme erhaben und freundlich, ſein Blick ſanft und ſtrenge. In einer Viertelſtunde hört man von ihm die angenehmſten und zurück⸗ ſtoßendſten Dinge: Morgens wird man mit Spötte⸗ reien von ihm überhäuft, Abends mit Lobeserhe⸗ ———— — 16— bungen. Ein geſchworner Feind der Luͤge, kann er durch keine irdiſche Gewalt verhindert werden, ſeine Denkweiſe gerade herauszuſagen; weder Alter noch Geſchlecht, noch ſelbſt der Rang werden von ſeinen ſogenannten Wahrheiten verſchont. Wird man un⸗ willig, ſo achtet er nicht darauf; wird man ernſt⸗ lich böſe, ſo fängt er an zu lachen und kehrt dem Beleidigten den Rücken zu. Niemand weiß, wer er iſt, er hingegen kennt die ganze Welt. Heute läßt er merken, daß er nur ein ſehr mäßiges Vermögen beſitze, morgen ſpricht er, wie ein Millionär. Kurz! Herr Müller iſt in einem und dem nämlichen Tage den Anfällen einer mürriſchen oder heitern Laune, des Zorns und der Liebenswürdigkeit, der Beſchei⸗ denheit und des Stolzes, der Bosheit und Gut⸗ müthigkeit unterworfen. Franz. Und wo haben Ew. Gnaden dieſe er⸗ freuliche Bekanntſchaft gemacht? Wallen. Am Tage meiner Verlobung nahm er, unter dem Vorwande, ſein Wagen ſey zer⸗ brochen, bei meinem Schwiegervater das Recht der Gaſtfreundſchaft in Anſpruch. Ob er gleich ziem⸗ lich kalt empfangen wurde, und wohl merken konnte, daß an einem ſolchen Tage ſein Verlangen für eine Unbeſcheidenheit galt, ſo ließ er ſich das nicht im Geringſten anfechten, ſondern blieb zum Abend⸗ — — 17— eſſen, und wußte ſich ſo geſchickt in die Unterhal⸗ tung zu finden, daß jeder ihn für einen eingela⸗ denen Verwandten gehalten hätte. Er wollte am andern Morgen abreiſen: aber als wir vierzehn Tage nachher meinen Schwiegervater verließen, war er noch da und hatte ſich ſo feſtgeſetzt, als wenn er dort zu Hauſe wäre. In den erſten acht Tagen dachte niemand daran, ihn um ſeinen Namen zu fragen, und da er aus Eigenſinn oder Gewohnheit ſich immer grau kleidet, ſo nannten wir ihn nur den grauen Mann. Franz. Dieſer graue Mann erſcheint mir ſehr bedenklich.. Wallen. Mich beſonders beehrte er ſtets mit ſeinen Neckereien und ſeinem guten Rathe. Franz. Mit ſeinem guten Nathe? Wallen. Ich ſollte das Land bauen, meint er. Franz. Ha, hal! der Herr Baron hinter dem Pfluge! der graue Herr Müller iſt dem Toll⸗ hauſe entlaufen! Wallen. Die Zeit vergeht und der Jude kommt immer noch nicht. Ich habe die 2000 Gulden unumgänglich nothig. Morgen muß ich Verſchiedenes zahlen und dann— dieſe Nacht könnte geſpielt werden— (Man hoͤrt huſten.) II. 2 — 18— Franz. Beruhigen Sie ſich, gnädiger Herr! Dieſer trockene Huſten iſt für uns das Vorſpiel von dem lieblichen Klange des Goldes. Sechſter Auftritt. Die Vorigen. Löb Herz. Wallen. Ihr laßt lange auf euch warten. Löb. Der Herr Baron werden verzeihn. Der Weg von der Stadt hieher beträgt zwar nur eine halbe Stunde, aber je mehr kommen zu gehn die Jahre, deſto weniger kann der Menſch machen Schritte. Franz. Warum nehmen Sie keinen Wagen? Löb. Gottes Wunder— ich— einen Wagen? Franz. Der Herr Baron würde ihn bezahlt haben. 3 Löb. Wenn ich gewußt hätte, daß der Herr Baron wäre von der Generoſität— Franz. Und dabei noch die 2000 Gulden;— Sie müſſen ſchwer zu tragen gehabt haben, Herr Löb? Löb. Die 2000 Gulden— ich hab' ſie doch nicht. Wallen. Wie, Ihr bringt das Geld nicht? Ich habe es durchaus nöthig. Löb. Glaub's, Herr Baron, glaub's! Aber der gnädige Herr werden ſich wohl erinnern, daß — 19— ich ſchon habe zu fordern an ihn die große, große Summe von 5,600 Gulden, mit die Prozente. Die vornehmen Herrn geben einem armen Juden das Wort, ihn zu bezahlen: das Wort hat er, aber das Geld kriegt er nicht. Und kriegt er nicht das Geld, was muß er thun? Er muß nehmen ſeine Zuflucht zu die Gerichte. Das thut weh einem empfind⸗ lichen Gemüthe und macht krank den Leib. Franz. Über die zarte Seele! Wallen(bei Seite zu Franz). Mir geht die Geduld aus. Suche ihn zu überreden— Franz. Laſſen Sie mich nur machen, ich will ihn ſchon herumkriegen.(Leiſe zu Löb, dem er ſich nähert.) Erinnern Sie ſich noch deſſen, was ich Ihnen vom Grafen von Roſenthal ſagte? Löb. Ich werde doch! Franz. Kennen Sie ſeine Handſchrift. Löb. Ob ich ſie kenne? Haben wir doch ſchon gemacht Geſchäfte zuſammen in die Kompagnieſchaft. Franz(ihm den Brief des Grafen zeigend). So leſen ſie denn. Wallen(bei Seite). Wie unangenehm iſt es doch, ſeine Zuflucht zu dergleichen Leuten nehmen zu müſſen.. Löb(liest mit halber Stimme, ſo daß es der Baron nicht hören kann).„Vernachläßige er nichts, 2* — 20— mein lieber Franz, was die Ausführung meiner Plane herbeiführen könnte; nur unter der einzigen ihm bekannten Bedingung, bezahle ich die Schulden meines Neffen, hinterlaſſe ihm mein Vermögen und ſchenke ihm meine Liebe wieder!“ Franz. Nun, an der Liebe wird Ihnen nichts liegen, Herr Löb, aber bedenken Sie, die Schulden bezahlt er, die Schulden— Löb. Das iſt ſchön, das iſt löblich; aber die Bedingung, ſagen Sie die Bedingung— Franz. Eine Kleinigkeit; er ſoll ſich von ſeiner Frau ſcheiden laſſen, weiter nichts. Löb. Bei dem Handel gewinnt er 1000 Pro⸗ zent, wenn's möglich wäre. Großer Gott! warum kommt unſer einem ſo ein Geſchäft nicht vor. Siebenter Auftritt. Die Vorigen. Peter. Peter. Hier ſind verſchiedene Rechnungen, die ich dem Herrn Baron übergeben ſoll. Franz Gu Peter). Man könnte wohl ſeine Zeit beſſer wählen. Wallen. Mit allen Bagatellen werde ich über⸗ laufen. Nächſtens nehme ich einen Haushofmeiſter. Peter(bei Seite). Um deſto ſchneller Ban⸗ kerot zu machen, — 21— Löb. Der Herr Baron wollen nehmen einen Haushofmeiſter? Wallen. Schon iſt mir ein taugliches Sub⸗ ject zu dieſem Platze vorgeſchlagen. Löb(bei Seite). Mit dem Haushofmeiſter könnte man machen gute Geſchäfte. Der Onkel bezahlt doch die Schulden!(Laut zu Wallen.) Sie ſollen haben das Geld. Franz. Braver Mann! Löb. Gott! man hat ein Herz. Morgen ſol⸗ len Sie haben das Geld. Schöne blanke Lugedore! Sie waren beſtimmt vor den Sohn eines reichen Bankiers. Der Vater gewinnt an die Wechſel, der Sohn verliert dran. Wallen. Morgen alſo bei guter Zeit. Löb. Soll ich nehmen einen Wagen? Franz. Zwei, wenn ſie wollen. Wallen. Peter, er wird Herrn Löb den näch⸗ ſten Weg führen;(leiſe zu Peter) den Fußpfad durchs Dorf.(Für ſich.) Es ſind zwar einige hun⸗ dert Schritte mehr, aber dort wird er doch dem verwünſchten grauen Manne nicht begegnen. Franz(der es gehört hat). Kluge Vorſicht! (Peter und Löb Herz ab durch die Pforte.) — 22— Achter Auftritt. Wallen. Franz. Wallen. Gott ſey Dank, morgen werde ich aus aller Verlegenheit geriſſen. Jetzt bin ich weit ruhiger und will meinem Originale entgegen gehn. Es iſt überflüſſig, dir Sorgfalt für unſere Fete zu empfehlen; vernachläßige Nichts, damit ſie meiner würdig werde. Franz. Ew. Gnaden ſollen vollkommen zu⸗ frieden ſeyn. (Wallen ab.) Neunter Auftritt. Franz. Thereſe eilig. Thereſe. Endlich finde ich Sie allein, Mosje Franz! Habe ich denn recht gehört, ſie ſtehn in Briefwechſel mit dem vertrakten Onkel, der allenthal⸗ ben laut ausſchreit, daß er eher ſein ganzes Vermögen den Armen ſchenken, als ſeinem Neffen einen Gul⸗ den hinterlaſſen wolle? Franz. Aufgemerkt! Jungfer Thereſe wird ſich erinnern, daß der Graf von Roſenthal alle Mittel in Bewegung ſetzte, um den dummen Streich ſeines Neffen, wie er deſſen Verheirathung nennt, zu hintertreiben. Ob es ihm gleich vor der Hoch⸗ zeit nicht glücken wollte, ſo hat er doch ſeine — 23— Plane nicht aufgegeben, und denkt, zwei Ehe⸗ leute könnten eher uneinig gemacht werden, als zwei Verliebte.— Thereſe. Nun, da könnte der Herr Graf nicht Unrecht haben! Franz. Ich war früher in ſeinen Dienſten; mein Talente ſind ihm bekannt. Er ſchickte eine vertraute Perſon an mich ab; unſer Bündniß ward geſchloſſen und für 1000 Gulden habe ich mich ver⸗ pflichtet, die Sucht zur Verſchwendung in meinem Herrn rege zu halten, ihn mit ehrlichen Leuten in die engſte Verbindung zu bringen, welche ihrem Nächſten zu 50 Prozent dienen, kurz, alle Mittel anzuwenden, um ſein Verderben zu beſchleunigen. Thereſe. Ahal jetzt erkläre ich mir die öf⸗ tern Beſuche des Herrn Löb Herz. Franz. Iſt mein Herr einmal ruinirt, ſo er⸗ ſcheinen Se. Excellenz der Herr Graf, wie der Oberon in der Komödie, ſtatt dem Lilienſtengel einen Geldſack in der Hand und erklären: Höchſtdieſel⸗ ben ſehen geneigt, den Neffen wieder zu Gnaden anzunehmen und deſſen Schulden zu bezahlen, wenn er, wie auch die bürgerliche Eheliebſte, die gegenwär⸗ tige Scheidungsacte unterſchreiben wollte. Der häus⸗ liche Zwiſt iſt dann ohnehin ausgebrochen und un⸗ — 241— ſere Profeſſorstochter wird wieder zu dem Katheder ihres Vaters geſchickt. Thereſe. Nicht übel erſonnen, wahrhaftig! Franz. Das iſt noch nicht Alles.(Den Brief aus der Taſche nehmend, lieſt:)„Wir brauchen nicht zu fürchten, daß Wallen, in einem Augenblicke ehelicher Zärtlichkeit, ſein Landgut zur Bezahlung ſeiner Schulden verkaufen werde. Dafür habe ich ge⸗ ſorgt; ich ſtehe mit einigen ſeiner Gläubiger auf ei⸗ nem gewiſſen Fuße und, ſobald ich will, iſt dieſes Gut mein.“ Dieſer Punkt geht Sie eigentlich nichts an, Jungfer Thereſe, aber bewundern Sie die Vor⸗ ſicht, mit welcher der Graf ſeine Maßregeln nimmt. Es iſt ein wahres Vergnügen, mit dieſem Manne zu thun zu haben.(fortfahrend)„Ich ſehe übri⸗ gens nicht ein, wozu es nöthig ſeh, daß Löb Herz meinem Neffen noch 2000 Gulden leihe. Da er ſchon ſeine Klage anhängig gemacht hat, ſo wäre es beſſer, ihn handeln zu laſſen“——— Das iſt auch Ihr Punkt noch nicht. Thereſe. Der Graf hat recht. Wenn die Entwickelung durchaus nöthig iſt, ſo wird ſie dunch dieſe 2000 Gulden nur verzögert. Franz. Es giebt ein Spruch, der jetzt faſ zum allgemeinen Grundſatze geworden iſt und der — 25— heißt:„Jeder iſt ſich ſelbſt der Nächſte.“ Ich habe bei meinem Herrn ein ziemliches Sümmchen ſtehen und auſſerdem muß er meine guten Dienſte noch ins Beſondere belohnen. Deshalb werden von Löb Herz noch 2000 Gulden geborgt. Thereſe. Das iſt etwas Anders. Franz(fortleſend).„Auch wäre es zu wun⸗ ſchen,“— Aha! das betrifft Sie.„Auch wäre es zu wünſchen, daß die junge Frau durch eine ver⸗ traute und kluge Rathgeberin zu irgend einem un⸗ vorſichtigen Schritte verleitet würde; die Sache würde nur noch beſſer in Zug kommen.“ Thereſe. Wahrhaftig! Ihr Graf iſt für einen großen Herrn paſſabel geſcheidt. Franz. Zu dieſem Zwecke habe ich meine Au⸗ gen auf Sie geworfen. Jungfer Thereſe hat Erfah⸗ rungen in dergleichen Dingen; Ihre alte Herrſchaft, Frau von Felsheim— Thereſe. Schweigen Sie mir von dem er⸗ baͤrmlichen Handel, bei dem ſich alle blamirt haben, ich ausgenommen. Der Mann machte einen furcht⸗ baren Lärm; die Gerichte wollten ſich hineinmi⸗ ſchen— und was war eigentlich mein Vergehen? Franz. Eine Kleinigkeit. Die guten Rath⸗ ſchläge, welche Jungfer Thereſe der gnädigen Frau mittheilte, brachten die Dame bald in die Reihe ———— V — 26— jener liebenswuͤrdigen Frauenzimmer, denen der Papagey lieber iſt, als ihre Kinder, welche einen türkiſchen Shawl dem Mann und einen koſtbaren Diamantſchmuck ihrem Rufe vorziehen. Thereſe. Mit Frau von Wallen werde ich nicht ſo leichtes Spiel haben. Die Felsheim war in einer Penſion erzogen worden— da wird vor⸗ gebaut. Franz. Heute Abend kommt ein geviſſer Baron Lindorf; er iſt ein Freund des Herrn und ein alter Anbeter ihrer gnädigen Frau. Das könnte uns nützen. Verſäumen Sie keine Gelegenheit— Graf Roſenthal iſt großmüthig; Sie werden zufrie⸗ den ſeyn! Thereſe. Sagen Sie einmal, Musje Franz, iſt denn dieſer brave Onkel unſre einzige Zu⸗ flucht? Iſt ſonſt kein Verwandter da? Franz. Er iſt der einzige. Wir hatten noch einen Oheim mütterlicher Seite, einen Herrn von Alberg, der ehemals des Grafen vertrauter Freund war, aber ſeit 25 Jahren verſchwunden und ohne Zweifel ein Bürger der andern Welt geworden iſt. Er entfernte ſich zu der Zeit, als der Großvater unſres Herrn ſtarb. Thereſe. Damals ſoll der jetzige Graf Roſen⸗ thal einen Meiſterſtreich ausgeführt haben? — 272— Franz. Er brachte es durch allerlei Intri⸗ guen dahin, daß ſein Bruder enterbt wurde. Der alte Baron Wallen wollte klagen, er hatte das Recht für ſich, aber die liebe Gerechtigkeit ließ ſich vom Glanze des Goldes blenden, und er verlor ſeinen Prozeß. Aus Verdruß machte er einen dummen Streich— er ſtarb nämlich und hinterließ einen unmündigen Sohn. Dieſer würde ſehr übel dran geweſen ſeyn, wenn nicht Graf Roſenthal, als er ſeinen eigenen Sohn durch den Tod verlor, ihn an Kindesſtatt angenommen hätte. Baron Wallen wäre der Erbe von Roſenthals Rang und Vermögen, wenn er ſich nicht durch die Liebe zu einer Uber⸗ eilung hätte verleiten laſſen. Doch, ſtilll man kommt. Zehnter Auftritt. Die Vorigen. Henriette. Minna. Minna(zu Henrietten). Noch nicht hier? Henriette(zu Franz). Habt ihr niemanden geſehen? Franz. Nein, gnädige Frau. Minna. Der Herr Müller iſt ein pudelnär⸗ riſcher Mann. Mitten in der Allee bleibt er ganz gravitätiſch bei einem Bauer ſtehen und unterhält ſich mit ihm. Umſonſt verſuche ich, ihn fortzuziehn — er thut, als merke er es gar nicht. Mich trieb — 28— die Ungeduld, dich zu ſehen, und ich konnte das Ende ſeines Geſprächs nicht abwarten. Gewiß nimmt er Wallens Felder in Augenſchein oder ir⸗ gend eine neue Pflanzung.— An dergleichen hat er ſeine Freude. Franz. Der Herr Baron iſt dem Herrn be⸗ reits entgegen gegangen. Minna. Nun, da ſind ſie gewiß beiſammen. Franz. Hat die gnädige Frau mir keine Be⸗ fehle zu geben? Henriette. Sehet nach, ob in dem Vallſaale Alles in der gehörigen Ordnung iſt. Du, Thereſe, erwarte mich in meinem Cabinette. (Thereſe und Franz ab.) Elfter Auftritt, Henriette. Minna. Minna. Hör' einmal, Schweſterchen, bei dir geht es hoch her— nun, dafür biſt du auch eine Baronin. Unſer eins iſt das nicht ſo gelohnt Du biſt wohl recht glücklich? Henriette(ſeufzend). Ja, ich bin ſehr glück⸗ lich!(Munter.) Aber, ſage mir, die Unpäßlichkeit unſres Vaters iſt doch wirklich nicht von Bedeutung. Minna. Sey auſſer Sorgen deshalb! Sein altes Ubel, das Podagra, hat ſich einmal wieder — 29— eingeſtellt, ſonſt iſt er friſch und geſund. Bei uns zu Hauſe iſt auch auſſerdem noch manches Neue vorgefallen. Erſtlich hat Mütterchen alle Romane weggeſchloſſen, die Wallen mitbrachte; ein Roman in unſrer Familie ſey genug und den hättet Ihr ſelbſt geſpielt. Mütterchen aber irrt ſich, ich habe auch ſchon meinen Roman mit Vetter Salzmann angefangen. Henriette. Ey! Minna. Er iſt zwar nur ein Pachter und weiß die Worte nicht ſo ſchön zu ſetzen, wie dein Wallen— Frau Baronin werde ich auch nicht ge⸗ nannt werden, aber der Vater meint, Salzmann ſey reich und ich meine, er ſey auch ſonſt ſo übel nicht und hätte dabei Anlagen zu einem recht bra⸗ ven Ehemann. Henriette(lächelnd). Meinſt du wirklich! Und Herr Müller? Minna. Iſt immer derſelbe. Seit du uns verlaſſen haſt, iſt ihm der Gedanke noch nicht ge⸗ kommen, ſeine Reiſe fortzuſetzen. Sein zerbrochener Wagen iſt noch nicht einmal reparirt. Henriette. Was mag dieſen ſonderbaren Mann an unſere Famili feſſeln? Minna. Er ſagt: Der Vater wäre ein treff⸗ licher, grundgelehrter Mann, Mütterchen eine gute - 30— Hausfrau und ich— eine kleine Närrin; dich aber nennt er die Krone aller Weiber. Von Wallen ſpricht er zwar auch manches Gute; doch meint er, daß er ſtolz und ein Verſchwender ſey, den die Sucht zu glänzen bald ins Verderben ſtürzen werde. Henriette. Von wem mag er erfahren haben— Minna. Das weiß der Himmel! Aber ſo viel i*ſt ſicher, Herren Graumann— ſo habe ich ihn ge⸗ tauft— bleibt nichts unbekannt. Sonntags nach der Kirche machte mir der Vetter ſeine Liebeserklä⸗ rung, Montags wiederholte ſie Herr Graumann Wort für Wort. Geſtern hat er mir dieſes Collier geſchenkt, mit der Bedingung, es heute bei dir zu tragen. Das muß auch etwas beſonders zu bedeu⸗ ten haben! Nun— ruinirt hat er ſich eben nicht mit dem Geſchenke; die Perlen ſind ziemlich klein und die Steine zu groß, um ächt zu ſeyn. Zwölfter Auftritt. Die Vorigen. Müller. Müller(im Eintreten bei Seite). Ich weiß genug!(Henriette wahrnehmend.) Darf ich der Frau Baronin meinen Reſpect zu Füßen legen? Henriette. Seyn Sie mir willkommen, Herr Müller. Sonſt aber nannten Sie mich Ihre liebe Henriette! — 31— Müller(mit Empfindung). Nun, es freut mich, daß mit dem Adelſtande nicht auch die Eitelkeit eingetroffen iſt. Minna. Ohne Umſtände, Herr Graumann. Bei meiner Schweſter ſind Sie ſo wohl aufgehoben, wie bei unſerm Vater. Müller(zu Henrietten). Sie ſind ſeine wür⸗ dige Tochter. Niemand wünſcht inniger Ihr Glück, als ich. Minna. Mein lieber Herr Müller, unterwegs haben Sie mir verſprochen, heiter und liebenswür⸗ dig zu ſeyn— Ach Gott! und jetzt ſchon wird die Unterhaltung ganz empfindſam.— Dreizehnter Auftritt. Die Vorigen. Thereſe. Thereſe. Iſt es Ew. Gnaden gefällig, Ihre Toilette zu machen; Alles iſt bereit. Gei Seite.) Aha, das iſt der graue Mann. Henriette. Es hat noch Zeit. Müller. Ey, ein Kammermädchen! Henriette(mit einem unterdrückten Seufzer). Ja freilich! Minna. Schweſterchen, nach Allem, was ich geſehen habe, wird dein Feſt ſehr glänzend werden. Da befinde ich mich denn wirklich in einiger Ver⸗ — 32— legenheit: mein Anzug iſt wahrhaftig zu einfach. Ich glaubte, es wäre blos von einem Tänzchen im Grünen die Rede, aber wie es ſcheint, ſo erwarteſt du glänzende Geſellſchaft. Die arme Minna wird in ihrem weißen Kleidchen und ihrem Strohhute eine traurige Figur neben der Baronin von Wallen ſpielen. Henriette. Wir wollen ſchon aushelfen. Thereſe. überdem hat Mademoiſelle ein ſo ſchönes Collier von Perlen, von ſo hohem Werthe, daß es hinreichen dürfte— Minna(unwillig). Ja! mein Collier iſt auch ſehr ſchön und hat großen Werth für mich.(Bei Seite.) Ich glaube, ſie will mich zum Beſten haben. Thereſe. Die Frau Baronin werden erlauben, daß ich Sie erinnere— Henriette. Im Augenblicke. Thereſe. Aber gnädige Frau— Müller. Wenn die Frau Baronin Ihren Wil⸗ len einmal zu erkennen gegeben hat, ſo würde Jungfer Thereſe wohl daran thun, wenn ſie ſchweige. Thereſe(erſtaunt). Wie, der Herr weiß mei⸗ nen Namen!? Muller. Apropos, was macht ihre alte Herr⸗ ſchaft, Frau von Felsheim? Thereſe(ſtotternd). Ich weiß wirklich nicht — Haben die Frau Baronin ſonſt noch Etwas zu befehlen? Henriette. Ich werde dich rufen laſſen. Thereſe(im Hinausgehn). Welcher Satan hat dieſem grauen Teufel mein Geheimniß verrathen? (Ab.) Vierzehnter Auftritt. Die Vorigen, ohne Thereſe. Minna. Das arme Mädchen iſt ganz nieder⸗ geſchlagen. Pfui, Herr Müller, man muß nie⸗ manden kränken! Henriette. Wer iſt denn dieſe Frau von Felsheim, deren bloßer Name— Müller. Sie ſollen es erfahren. Trauen Sie übrigens dieſer Thereſe nicht und geben Sie ins Beſondere ihren Rathſchlägen kein Gehör. Henriette. Sie hat mir nie gefallen und ich habe Wallen ſchon oft gebeten, mich von der über⸗ fluͤſſigen Perſon eines Kammermädchens zu befreien. Müller. Das wäre jetzt unnöthig, denn ſie ſelbſt trägt ſich mit dem Gedaffken, ihren Abſchied zu verlangen. Minna. Mein Herr Graumann, Sie ſind ein Tauſendkünſtler, Sie wiſſen ſogar beſſer, als meine Schweſter, was in ihrem Hauſe vorgeht und können die Gedanken der Dienſtboten errathen. II. 3 / — 31— Fünfzehnter Auftritt. Die Vorigen. Wallen. Wallen. Ergebener Diener, Herr Müller. Ich hatte mich beeilt, Ihnen entgegen zu gehen, aber ich war nicht ſo glücklich, Sie zu treffen. b Müller. Herr Baron, Sie werden verzeihen — ich bin ſo unbeſcheiden geweſen, ohne Einla⸗ dung zu kommen. Wallen. Um ſo angenehmer iſt dieſe Über⸗ raſchung Ihrem Freunde.. Müller. Angenehm? Seyn Sie aufrichtig, 1 Herr Baron, geſtehen Sie, mein Beſuch kommt Ihnen gar nicht gelegen? . Henriette. Sie ſcherzen, Herr Müller. Müller. Gott bewahre! Ich ſpreche im Ernſte. Der liebe Wallen kennt mich: er fürchtet meine Aufrichtigkeit, meine Wahrheitsliebe. Beruhigen Sie ſich, Herr Baron, ich bin weit entfernt, Ihnen Vorwürfe zu machen oder Sie über das Eine und Andere zu tadeln. Im Gegentheil! nur Lobeserhe⸗ bungen ſollen Sie von mir hören. Wallen. Lobeserhebungen? Müller. Nicht anders. Ich bin zufrieden, aͤuſſerſt zufrieden mit Allem, was ich ſehe. Minna. Das heiſſe ich einmal geſcheidt geſprochen: es paſſirt Ihnen ſelten, mein lieber Herr Graumann! Auch ich hatte mich ſchon auf eine langweilige Predigt gefaßt gemacht. Henriette(welche Müllern lächelnd droht). Herr Müller, bleiben Sie in dieſer roſenfarbenen Laune. Sie werden verzeihn— ich habe noch ei⸗ nige Anordnungen zu machen.— Müller. An einem ſolchen Tage gehört eine Hausfrau ganz ihrer Pflicht an, ihre Freunde müſ⸗ ſen ſich mit den Augenblicken begnügen, die ein günſtiger Zufall ihnen ſchenkt. Minna. Ich gehe mit dir, Schweſterchen. Auch ich bitte Sie, mein lieber Herr Graumann, hübſch artig zu bleiben; ſonſt werde ich Ihnen böſe, und Sie wären wirklich der erſte Menſch, dem die⸗ ſes Unglück begegnete. (Henriette und Minna ab.) Sechszehnter Auftritt. Wallen. Müller. Müller. Nun, mein lieber Herr Baron, da wir allein ſind, will ich friſch von der Leber weg⸗ ſprechen. Ich mochte in Gegenwart Ihrer Frau Ihrer Beſcheidenheit nicht zu nahe treten, aber jetzt empfangen Sie mein aufrichtiges Compliment. Ich bin wahrhaftig auſſer mir vor Freuden. Sie haben ſich mit einem Zartgefühl benommen— 3* — 36— Wallen kerſtaunt). Mit einem Zartgefühl? Müller. Das Ihnen die größte Ehre macht. Als Sie bei meinem Freunde Bernroth, Henriettens Vater, um die Hand der Tochter anhielten und erklärten, daß für den Fall der Verbindung Ihr Onkel Sie ganz gewiß enterben würde, gaben Sie vor, Ihr ganzes Vermögen beſtände dann nur noch in dieſem kleinen Landgute, das bei angeſtrengter Arbeit und weiſer Okonomie eine Familie erhalten könne, die unter ihren Vorfahren keinen Nitter zähle, der am heiligen Grabe mitgefochten habe— Aber nach dem Luxus, dem Glanze zu urtheilen, der hier herrſcht, ſo haben Sie, wahrſcheinlich aus Furcht, der gute bürgerliche Schwiegervater möge glauben, Sie ſehen zu reich für ſeine Tochter, noch irgend ein tüchtiges Kapital im Verſteck gehalten. Nicht wahr, lieber Baron? Wallen. Ich weiß nicht, Herr Müller, wohin dieſer Scherz führen ſoll. Ubrigens kann ich Sie verſichern, daß ich Herrn Bernroth die ſtrengſte Wahrheit geſagt habe. Ich beſitze nur dieſes Landhaus. Müller. Dann möchte ich doch wirklich in das Kunſtſtückchen eingeweiht ſeyn, wie man mit einem Einkommen von 7 bis 800 Thalern eine Ausgabe von beinahe 6000 Gulden beſtreiten kann. Wallen. Ich habe gute Freunde. 2— ½8*½£—— — 3,7— Müller. Die Ihnen Geld borgen? Nun das ſind die wahren Phönixe! Wallen. Wer in ſeiner Bruſt das heilige Ge⸗ fühl der Freundſchaft trägt, findet leicht verwandte Seelen. Müller. Ich bin doch auch Ihr Freund, aber trotz der Freundſchaft würde ich Ihnen keinen Pfen⸗ nig borgen.— Wallen(mit einer leichten Verbeugung). Ich verlange nichts von Ihnen, Herr Müller. Müller. Das weiß ich; denn Sie ſind zu ſtolz dazu. Allein wenn man die Hülfe Anderer entbehren will, ſo muß man ſich ſelbſt genug ſeyn können. Deshalb hätten Sie meinem Rathe folgen ſollen. Wallen. Und das Land bauen? Müller. Ja, Herr Baron, das Land bauen! Ich achte Ihre Gemahlin hoch genug, um von ihr die Meinung zu hegen, daß ſie lieber ein leinenes bezahltes Kleid tragen möge, als ein ſeidenes, welches der Gefahr ausgeſetzt iſt, von Schneider und Kaufmann reklamirt zu werden. Wallen. Wer ſagt Ihnen, daß ich von ſolchen Leuten borge? Müller. Nun, es iſt möglich, daß es jetzt — 38— nicht mehr geſchieht— Solche Leute werden das ewige Kreditgeben zuletzt auch müde! Wallen. Herr Müller, Sie vergeſſen, bei wem Sie ſind! Müller. Bei dem Herrn Baron von Wallen, der die Lebensweiſe eines unnützen Verſchwenders dem Stande eines nützlichen Arbeiters vorzieht. Wallen. Mein Rang— mein Name ver⸗ binden mich— Müller. Herr Baron! Der große König, deſſen Name von allen Deutſchen mit Verehrung ausgeſprochen wird, Friedrich der Einzige, nahm ſeinen Hut vor einem Ackersmanne ab. Glauben Sie, daß er die nemliche Ehre einem Edelmanne erwieſen haben würde, der, ſtatt aller Verdienſte, nur Schulden gehabt hätte? Wallen. Wenn ich Schulden habe, ſo werde ich ſie zu bezahlen wiſſen. Müller. Womit? Wallen. Meine Ländereien ſind trefflich, ſie können mir viel einbringen. Müller. O jal wenn ſie gut bearbeitet werden. Wallen. Mein Haus— Müller. Iſt ſehr artig, in der angenehmſten Lage. Das Erdgeſchoß iſt reich meublirt— im er⸗ ſten Stock ſind Wände ohne Tapeten— im zweiten — 39— Fenſter ohne Glas und das dritte ſcheint zu einem Recervoir für die liebe Gottesgabe, den Regen, be⸗ ſtimmt zu ſeyn. Wallen. Ich erwarte einen Baumeiſter. Müller. Einen Baumeiſter? Einen Advo⸗ katen haben Sie ſchon, beſtellen ſie lieber den Todtengräber. Siebenzehnter Auftritt. Die Vorigen. Lindorferſcheint in engliſchem Coſtüm. Lindorf. Ey, da finde ich endlich den lieben Wallen! Wallen. Ah! Freund Lindorf. Wie geht es? Lindorf. Trefflich, lieber Wallen, trefflich! Dich brauche ich nicht zu fragen, du haſt eine eifen⸗ feſte Geſundheit.— Aber die gute Baronin? Wallen. Auch von ihrem Wohlſeyn wirſt du dich bald ſelbſt überzeugen. Lindorf. Wahrhaftig, ich brenne vor Be⸗ gierde, der ſchönen Frau mein Compliment zu machen! Du haſt dich bei mir zu bedanken, lieber Freund, daß wir ſo frühe kommen— ich ſage: wir, denn ich bin nicht allein; ich bringe zwei muntere Gäſte mit, den Kriegscommiſſär Meinau und den Rath Salberg. — 40— Wallen. Meinau— Salberg— ich erinnere mich nicht— Lindorf. Nimm mir es nicht übel, lieber Wallen, aber du haſt ein ſchlechtes Gedächtniß für deine Freunde. Du machteſt ja ihre Bekanntſchaft auf dem Balle, den die kleine Frau des großen Bankiers gab, der noch am nämlichen Abende Ban⸗ kerott machte. Wallen. Ahl jetzt— Lindorf. Zwei herrliche Geſellſchafter und noch dazu von großem Nutzen für den Herrn vom Hauſe. Ich wette d'rauf, ſie haben ſchon Küche und Keller mit Sturm eingenommen— arrangiren — ordonniren— viſitiren— Weißt du wohl, daß man allenthalben nur von deiner Fete ſpricht? Ich will mich aber auch amuſiren— Ich bin heute ſo recht im Zuge. Müller(mit Beziehung). Mylord ſcheint hier in Deutſchland den Ernſt ſeiner Nation abgelegt und unſern geſelligen, fröhlichen Sinn angenom⸗ men zu haben. Lindorf. Wie?— Mylord!— Ah, ich ver⸗ ſtehe.(lachend) Das iſt göttlich, auf Ehre! das iſt göttlich! Merkſt du nichts, Wallen? Betrachte einmal meinen Anzug. G Wallen. Ein ſpaßhafter Irrthum. — 11— Lindorf. Deliziös! Wahrhaftig, deliziös! My⸗ lord! Ha, ha, ha! Wallen. Ich ſehe hierin nichts Spaßhaftes. Lindorf. Sie werden verzeihen, mein lieber, charmanter Mann, aber ich muß lachen— ha, ha — Sag: Wallen! Ich ſehe alſo ächt engliſch aus? Wallen(lachend). In London ſelbſt würde man dich für einen Eingebornen halten. Müller. Der Herr iſt demnach kein Engländer? Lindorf. Bewahre Gott! Müller. Aber dieſes Kleid— dieſer Hut? Wallen. Lieber Müller, Sie vergeſſen, die Mode— Lindorf. Ohnerachtet dieſes kleinen Huts, die⸗ ſes, wahrhaftig mehr als zu unbequem ſitzenden Anzugs, der 24 Knöpfe auf jeder Seite, der ſtäh⸗ lernen Uhrkette, bin ich doch Ihr ganz ergebener Landsmann. Müller. Der gute Ton verlangt alſo heut zu Tage, daß der deutſche Nationalcharakter ſich verläugene? Lindorf. Hören Sie, das war prächtig ge⸗ ſagt; ordentlich erhaben! An Ihrer Stelle ließ ich es in die Zeitung ſetzen. Müller. Mein Herr! Wenn jedermann ſo dächte wie ich, ſo würden wir nicht undankbar ge⸗ — 42— gen das Vaterland ſehn und von fremden Völkern nicht das holen, was die Heimath willig und reich hervorbringt. Lindorf. Lieber Gott! Sie ſind auch einer von denen, die dem deutſchen Fabrikweſen wieder aufhelfen wollen? Sie wären, glaube ich, im Stande, alle die herrlichen Erfindungen zurückzu⸗ weiſen— die Dampfböte— die Gasbeleuchtung — die göttlichen Beefſteak's— Müller. Ich achte die Erfindungen aller Na⸗ tionen. Wir wollen uns der Dampfböte bedienen, wenn wir geſchwinder und ſicher darauf fortkommen; wir wollen die Gasbeleuchtung einführen, wenn ſie uns heller ſehen macht, und wollen Beefſteaks eſſen, wenn ſie gut ſind— aber Ihren kleinen Hut, Ih⸗ ren unbequemen Rock und den übrigen Firlefanz ſchicken Sie nach England zurück, und weil der liebe Gott Sie denn doch einmal zum Deutſchen machen wollte, ſo ſehn Sie ein Deutſcher und kein — forcirter Engländer! Achtzehnter Auftritt. Die Vorigen. Peter. Peter. Herr Baron, iſt es Ihr Wille, daß zwei fremde Herrn im Hauſe das Unterſte zu Oberſt — 43— kehren? Der Eine wirthſchaftet jetzt im Keller, der Andere in der Küche. Lindorf(lachend). Daran erkenne ich unſere beiden Freunde! Voll Eifer und Sorge für das allgemeine Beſte!(zu Wallen) Störe ſie ja nicht in ihrem wichtigen Geſchäfte. Wallen. Im Gegentheil! Ihre Güte ver⸗ bindet mich. Peter, man ſoll dieſen Herren wie mir ſelbſt gehorchen. Peter(erſtaunt). Wie, Herr Baron, Sie ſind es zufrieden, daß— Wallen. Thue er, was ihm befohlen wird, und laſſe er das Räſonniren. Müller(zu Peter). Wie kann es ihm auch in den Gedanken kommen, für den Nutzen ſeines Herrn ſprechen zu wollen. Betrüge er ihn öffent⸗ lich, aber ſchmeichle er ihm zugleich auf eine feine Weiſe und er wird nie getadelt werden. Lindorf(zu Wallen). Höre, Wallen, wer iſt denn eigentlich der Menſch da? Wallen(verlegen). Ein Sonderling, über den wir uns luſtig machen können, ein Freund, ein Verwandter meiner Frau. Übrigens ſehr rechtlich, aber eben ſo langweilig. Lindorf. Zwei Eigenſchaften, die immer Hand in Hand gehn! Peter(im Hinausgehn nach Müller blickend). Der ſcheint mich zu kennen— ich weiß mich aber doch nicht zu erinnern. (ab.) Neunzehnter Auftritt. Müller. Wallen. Lindorf. Meinau. Salberg. Meinau(in die Couliſſe). Es bleibt bei der Rebhuhnpaſtete! Salberg(ebenſo). Daß alſo gleich ein rei⸗ tender Bote in die Stadt geſchickt werde und meine Commiſſton in Saloni's Weinhandlung ausrichte! Lindorf. Sie ſind es!(zu Meinau und Sal⸗ berg) Meine Freunde, hier iſt Herr von Wallen. Meinau. Auf Ehre, ich ſchätze mich glücklich— Salberg. Eine ſo angenehme Bekanntſchaft zu erneuern— Wallen. Freund Lindorf hat mich ungemein verpflichtet, indem er mir ſo willkommene Gäſte zuführt. Meinau. Es thut mir leid, alter Freund, daß ich bei unſerem Wiederſehn ſogleich von ernſt⸗ haften Dingen und Geſchäftsſachen mit dir reden muß. Ich war in der Küche und habe deinen Koch examinirt, aber, du lieber Gott, der Menſch hat auch nicht die geringſte Kenntniß ſeiner Kunſt. — 45— Keinen Erfindungsgeiſt, keine Genialität! den mußt du fortſchicken. Wallen. Er war im Dienſte meines Vaters; er ſtirbt bei mir.— Meinau. Nun, ſo ſetze ihn in Penſion! Ich verſchaffe dir einen andern, ein großes Talent, ei⸗ nen ächten Virtuoſen in der Kochkunſt. Er iſt bil⸗ lig zu haben, für eine wahre Lumperei, 1000 Gul⸗ den und einige Nebenaccidenzien. Wallen. Wir wollen ein andres Mal davon ſprechen. Salberg. Ich war in deiner unterirdiſchen Bibliothek, aber, verehrter Freund, ſie iſt ſehr un⸗ vollſtändig und in einer gewaltigen Unordnung. Wallen(lachend). Du haſt Recht, mein Kel⸗ ler iſt ſchlecht meublirt. Salberg. Viele vereinzelte Baͤnde, einige alte Charteken!— die beſten Autoren fehlen ganz. Um dem augenblicklichen Mangel abzuhelfen, habe ich ein Verzeichniß des Nothwendigſten gemacht und bei Saloni 50 Bouteillen Bordeaux, 2 oder 3 Korbe Champagner, einige Bouteillen Tokaier, Malaga und dergleichen Kleinigkeiten beſtellt. Für heute Abend wäre hiermit wenigſtens geſorgt; morgen wollen wir denn weiter ſehn. Lindorf. Unſre beiden Freunde verſtehen die — 46— Sache von Grund aus. In der letzten Campagne führte Meinau den beſten Tiſch in der Armee. Meinau. Ich ſchmeichle mir damit. Menſchen und Vieh krepirten vor Hunger; aber bei mir wurde jederzeit köſtlich geſpeiſt, drei Gänſe, Kaffee und Liqueur. Täglich hatte ich die Ehre, wenigſtens zwanzig Generäle bei mir zu ſehn. Müller. Deſto ſchlimmer für Sie. Meinau. Im Gegentheil! Meine Tafel war daran Schuld, daß ich nach geendigtem Kriege eine beſſere Stelle bekam. Müller. Deſto ſchlimmer für Sie, ſage ich noch einmal, denn ich würde mich für einen Dumm⸗ kopf halten, wenn ich bei einem Vermögen, das mir erlaubte, offene Tafel zu geben, mich dem Wech⸗ ſel des Kriegs ausſetzte, oder würde mich als einen Spitzbuben anſehn, wenn ich mein Amt mißbraucht hätte, um im Überfluſſe zu ſchwelgen, während unſre braven Krieger dem Mangel ausgeſetzt waren. Meinau. Wie, mein Herr, Sie unterſtehen ſich— Mäßigen Sie Ihre Ausdrücke. Lindorf Gu Meinau). Sey ruhig, Meinau, der Kerl iſt ein Narr. Meinau. Nun denn, ſo mag es hingehn.— Der Herr ſcheint ein Freund der Satyre zu ſeyn. — 412— Müller. Keineswegs. Ich bin nur ein Freund der Wahrheit. Salberg. Es dürfte aber Leute geben, denen Ihre Wahrheiten nicht gefielen. Müller(im ſcherzhaften Tone). Ihnen zum Beiſpiel, Herr Rath. Sie würden es vielleicht übel nehmen, wenn man Ihnen riethe, nicht zu ſtolz auf eine Stelle zu ſeyn, die Sie nicht Ihren Ver⸗ dienſten, ſondern einigen Thalern zu verdanken haben? Lindorf. Abgeführt, mein lieber Salberg, ab⸗ geführt! Da bin ich glücklicher, wie ihr, Kinder; mir kann er nichts anhaben. Ich beſitze kein Amt und lebe ſchlechtweg von meinen Renten. Müller. Deſto beſſer für Sie! Denn, wenn Sie für Ihre Exiſtenz den Körper oder den Geiſt hätten anſtrengen müſſen, ſo wären Sie längſt Hungers geſtorben. Meinau. Bravo, bravo! Der gute Lindorf glaubte, mit ſeinen Renten durchzukommen! Wallen. Meine Herren, laſſen ſie uns eine Unterhaltung abbrechen, die für Keinen von uns angenehm ſeyn kann. Freund Müller wird ſo gut ſeyn, ſeiner ſathriſchen Laune Zaum und Gebiß anzulegen. Müller. Sie haben Recht, Herr Baron. Die Reihe möchte an Sie kommen und da dürfte der Gegenſtand nicht ſobald erſchoͤpft werden. (Alle lachen.) Wallen. Auch an uns wird die Reihe kom⸗ men, unſere Revange an Ihnen zu nehmen, Herr Müller. Wenn es meinen Freunden gefällig iſt, ſo wollen wir ein wenig den Garten durchlaufen, und uns über manche Anlagen, die ich zu machen geſonnen bin, beſprechen. Lindorf. Ein herrlicher Gedanke! Kommt ihr Herrn, wir wollen ſeine kleine Monarchie durch⸗ wandern. (Alle ab, auſſer Muller.) Zwanzigſter Auftritt. Müller(allein). Bis jetzt trifft alles ein! Meine Nachrichten ſind von der pünktlichſten Ge⸗ nauigkeit. Wallen ſtürzt ſich und ſeine Frau in das Verderben. Schon kenne ich meine Leute, die drei Freunde— das Kammermädchen Thereſe und den alten Peter. Wer bleibt mir denn noch übrig? (Er ſieht in ſeinen Papieren nach.) Erſtens der brave Onkel, Graf von Noſenthal. Nun, der rennt mir morgen von ſelbſt in den Schuß. Zweitens der Wucherer Löb Herz, der ſchwankend zwiſchen ſeiner Liebe zum Gelde und ſeinem Advokaten, — 49— nicht weiß, ob er im Borgen oder in ſeinen gericht⸗ lichen Verfolgungen fortfahren ſoll. Drittens der Kammerdiener Franz— impertinent wie ein Glücks⸗ pilz, ein abgefeimter Spitzbube, dem Grafen Roſenthal ganz ergeben— Einundzwanzigſter Auftritt. Müller. Franz. Franz(bei Seite). Nun, da finde ich ja endlich den berühmten grauen Mann, deſſen ſpitze Zunge Jedermann fürchtet— ich bin doch neu⸗ gierig— Müller(ihn wahrnehmend). Aha! der ehrliche Kammerdiener!(ihn rufend) Herr Franz! Franz(grüßend). Kann ich dem Herrn worin dienen? Hat er vielleicht auch mir irgend eine angenehme Wahrheit zu ſagen, irgend einen guten Rath zu geben? Müller. Ihm Wahrheiten ſagen!— Das würde zu lange dauern. Lieber will ich ihm einen guten Rath geben. Franz. Ich werde ihn mit der größten Er⸗ kenntlichkeit aufnehmen. Müller(die Uhr zeigend). Es iſt ſieben Uhr? Franz. Nun! II. 4 — 30— Müller. Beſtehle er ſeinen Herrn noch heute, ſo viel es ihm möglich iſt; denn morgen um dieſe Zeit wird er zum Teufel gejagt.(Ab.) Zweiundzwanzigſter Auftritt. Franz(allein. Er bleibt ganz perplex ſtehen und ſieht Müllern nach). Ich— morgen— zum Teufel! Zweiter Auf zug. (Die Bühne ſtellt einen reich decorirten, mit Kronleuchter erhellten Saal vor.) Erſter Auftritt. Franz(allein). uf! Hier kann man doch endlich einmal frei Athem ſchöpfen. Sie ſitzen noch beim Souper. Zwei Männer von Nang, ein Rath und ein Kriegscommiſſär, haben ihre Talente und Kenntniſſe vereinigt, um dieſes Souper zu Stande zu bringen. Mir ganz recht; die heutige Fete gibt meinem Herrn vollends den Reſt und bringt mich den verſprochenen 1000 Gulden näher. Wenn nur der verwuͤnſchte graue Mann nicht wäre; ſeine letzten Worte gehn mir noch immer im Kopfe herum. Während des Balles folgte er mir auf jedem Schritte und ſeine durchdringenden Blicke waren ſtarr auf mich geheftet. Ich habe mich bei den Domeſtiken unſrer Gäſte nach ihm erkundigt, aber niemand kennt ihn. Am Ende hat er ſich nur über mich luſtig machen wollen! Aber aus welcher Abſicht? Und ſein Benehmen gegen Thereſen— Mir ſteht der Verſtand ſtille! Zweiter Auftritt. Franz. Wallen. Wallen(eilig). Endlich finde ich dich. Mit Tagesanbruch mußt du den Löb Herz herbeiſchaffen. Es iſt geſpielt worden, ich habe verloren und bin meinen Freunden 400 Gulden auf mein Ehrenwort ſchuldig geblieben. Franz. Vierhundert Gulden? Eine wahre Kleinigkeit, gar nicht der Mühe werth, daß man davon ſpricht! Es iſt jetzt drei Uhr; nach dem Souper wird wieder getanzt werden, das kann dauern bis zum Tage und ehe die Geſellſchaft aus⸗ einander geht, bringe ich Ihnen den Juden todt oder lebendig, aber in jedem Falle mit den 2000 Gulden. . 4* Wallen. Meine Verlegenheit iſt dringend. Franz. Verlaſſen Sie ſich auf mich. Dritter Auftritt. Die Vorigen. Peter. Peter. Herr Baron, das Haus wird geplün⸗ dert. Ein ganzes Heer von Lakaien hat Boden, Küche und Keller mit Sturm eingenommen und ſchaltet darin, wie in einem eroberten Lande. Wallen. Das iſt ſeine Schuld; dem hätte er zuvor kommen müſſen und wenigſtens Alles herbei⸗ ſchaffen ſollen, was verlangt worden wäre. Franz. Wie kann man nur wegen ein paar elender Bunde Heu und einiger Flaſchen Wein einen ſolchen Lärm erheben? Einem Jeden das Seine, Herr Peter; die Leute können doch nicht verdurſten! Peter. Die Pferde freſſen aber auch, als wenn ſie wüßten, daß es nichts koſtete, und die Bedienten thun's ihnen im Trinken nach. Wallen. Daß nur nicht etwa geknauſert wird! Bei mir ſoll Pracht und Uberfluß in Allem herr⸗ ſchen; du, Franz, gedenke meines Auftrags. Franz. Ich werde ihn auf das Pünktlichſte ausrichten. (Wallen ab.) — 33— Vierter Auftritt. Franz. Peter. Franz. Nun, Herr Peter, haben Sie gehört? Keine Knauſerei, nur Pracht und überfluß— das iſt die wahre Nobleſſe. Peter. Meinetwegen! Dem Herrn Baron iſt es recht, daß er ausgeplündert werde— nun, es ſteht bei ihm. Er gibt nur den Spitzbuben ein williges Gehör— das ſteht wieder bei ihm. Des⸗ halb laſſe ich auch den ehrlichen Leuten freies Feld, die ſeiner Eigenliebe ſchmeicheln, ſeinen Launen die⸗ nen und ſein Geld— ſtehlen. Ich gehe zu Bette, (Er will ab.) Fünfter Auftritt. Die Vorigen. Thereſe. Thereſe. Wahrhaftig, Herr Peter, Sie wiſ⸗ ſen auch gar nicht was ſich ſchickt. Sieben oder acht Damen von der Geſellſchaft haben ihre Kam⸗ mermädchen mitgebracht: der Anſtand verlangt, daß ich ſie mit einem kleinen Souper bewirthe und der Tiſch iſt nicht einmal gedeckt. Franz. Und ich müßte, Schande halber, ein Dutzend guter Freunde regaliren, aber es fehlt noch an Allem. Morgen wird man in der Stadt ſich auf unſere Koſten luſtig machen. — 54— Peter. Charmant! Jungfer Thereſe will den Kammerkätzchen, und Mosje Franz, den Lakaien eine Ehre anthun? Franz. Lakaien! Meine Freunde ſind Kam⸗ merdiener. Peter. Lakaien oder Kammerdiener; Kammer⸗ kätzchen oder Kammerjungfern— mir Alles gleich! Ich bekümmere mich um nichts. Richtet eure Gaſte⸗ reien ein wie ihr wollt— Küche und Keller ſte⸗ hen offen,— das Stehlen verſteht ihr— Ange⸗ nehme Ruh! (ab) Sechster Auftritt. Franz. Thereſe. Thereſe. Der alte Peter drückt ſich auf eine Weiſe aus— Franz. Man könnte ihn beinahe grob nennen. Thereſe. Der gute Mann köͤnnte uns wirk⸗ lich einen Gefallen erweiſen, wenn er uns von ſei ner liebenswürdigen Perſönlichkeit befreien wollte. Franz. Er ſollte zum grauen Mann gehen. Die Beiden paſſen für einander; der Herr wäre ſo unausſtehlich wie der Diener. Thereſe. Apropos! Ich habe eine Entdeckung gemacht. 1 — 55— Franz. Nun? 3 Thereſe. Der graue Mann iſt ein Liebhaber. Franz. Wie, ein Liebhaber? Thereſe. Ein Anbeter der gnädigen Frau. Nur ihr allein ſpendet er Lob, ſeine Blicke ſind ohne Unterlaß auf ſie geheftet; während des Balls, ſogar beim Souper wußte er immer in der Nähe der theuren Henriette ſich zu placiren. Ich müßte mich ſehr irren, wenn dieſes nicht ganz das Benehmen eines ſchüchternen Liebhabers wäre. Franz. Sollte der Narr in weißen Haaren Abſichten auf das Herz einer jungen, ſchönen Frau haben?. Thereſe. Mein Himmel! Die Alten ſind oft gefährlicher, als die Jungen. Franz. Mir iſt die Sache nicht wahrſchein⸗ lich— übrigens iſt der Gedanke gut und ich werde ihn zu benutzen wiſſen. Der Baron iſt eiferſüchtig wie ein Bürgerlicher, er fängt leicht Feuer und der liebe Herr Müller wird ohne Umſtände— Thereſe. Still! Der Graue. Siebenter Auftritt. Die Vorigen. Müller. Müller(ſich allein glaubend). Länger konnte ich es in der ſogenannten feinen Welt nicht aus⸗ * halten— mein Unwillen würde hervorgebrochen ſeyn. Die niedrigen Schmeicheleien der Einen; die Dummheit und der Egoismus Anderer, Wallens be⸗ friedigte Eitelkeit— Alles das hat mich in eine Laune verſetzt, die ich nur mit Mühe unterdrücken konnte. Wie iſt es möglich, daß man bei geſunder Vernunft ſeine Zeit und ſein Vermögen ſolchen verächtlichen Geſchöpfen aufopfern kann! Thereſe(zu Müller). Sie verlaſſen das Sou⸗ per ſehr zeitig, mein Herr! Freilich können die leichtſinnigen Reden junger Leute wenig Reiz für einen ſo großen Philoſoph haben. Franz. Könnte ich vielleicht dem Herrn worin dienen? Ich würde mich glücklich ſchätzen, den guten Nath auf irgend eine Weiſe zu vergelten, den ſie ſo gütig waren mir zu geben. Müller. Das muß ich geſtehn! Nur bei Herrn von Wallen und bisweilen in der Komödie führen die Domeſtiken das große Wort. Thereſe. Bei Tiſche ſchien der Champagner Ihnen zu munden; da glaubte ich denn, das hätte Sie ein wenig geſchmeidiger gemacht. Müller(ſie beide bei der Hand nehmend und vor einen großen Spiegel führend). Ich möchte wohl wiſſen; ob ein ehrlicher Mann, wenn er(zu Thereſen) ein ſo unverſchämtes und abgefeimtes Ge⸗ .₰— 57— ſicht ſieht wie dieſes,(zu Franz) oder eine Figur, auf der die Niederträchtigkeit mit allen Zügen ge⸗ ſchrieben ſteht, wie auf der ſeinigen, kaltes Blut ge⸗ nug bewahren kann, ſolchen verächtlichen Weſen eine andre Antwort, als den Befehl zu geben, ſeine Gegenwart auf das Schleunigſte zu meiden.(Sie los laſſend) Hinaus! Thereſe. Aber, mein Herr— es iſt wahr⸗ haftig zu arg— ſie behandeln uns auf eine Weiſe— man ſollte glauben— doch ich mache mir nichts draus. Ihre Dienerin.(für ſich) Aber rächen will ich mich an ihm. O, wir Weiber verſtehn das! (ab.) Franz. Herr Muller, mein Herr dürfte nicht ſo mit mir ſprechen; Sie bedienen ſich eines Tons— (Eine heftige Bewegung Müllers.) Aber wer könnte Ihrem höflichen Verlangen nur das Geringſte ab⸗ ſchlagen; es wäre auch das Erſtemal in meinem Leben, daß ich einem zärtlichen Stelldichein etwas in den Weg hätte legen wollen.(bei Seite) Er ſoll mir ſeine Grobheit theuer bezahlen. (ab.) Achter Auftritt. Müller(allein). Ein zärtliches Stelldichein? Ich glaube man hält mich für einen verkappten Lieb⸗ — 58— haber. Hätte ich doch nicht gedacht, daß mir die Ehre noch in meinem fünfzigſten Jahre erzeigt würde. Doch, ich durchſchaue dieſe Liſt: das edle Dienerpaar will ſich rächen; ich bin verliebt in Frau von Wallen, der Mann ſoll es erfahren und mir die Thüre weiſen. Schade, daß die Leutchen nicht Zeit haben werden, ihr löbliches Project in's Werk zu ſetzen! Neunter Auftritt. Müller ſetzt ſich. Salberg. Lindorf. Salberg(im Hereintreten zu Lindorf.) Das iſt wahr! Die Baronin iſt ein göttliches Weib. Wallen iſt ſo übel auch nicht; er verliert ſein Geld mit ungemeinem Anſtande. Lindorf. Hat er dir die 400 Gulden zugeſtellt? Salberg. Noch nicht. Lindorf. Die Verzögerung wundert mich. Das Baronchen hat ſonſt einen ziemlichen Dünkel. Salberg(Müller wahrnehmend). Still, wir ſind nicht allein. Lindorf(Müllern näher tretend). Ahl da iſt ja unſer Miſanthrop, der Feind des menſchlichen Geſchlechts! Müller(immer ſitzend). Ich, ein Feind des menſchlichen Geſchlechts? Sie irren. Ich haſſe nur — 59— falſche Freunde, Egoiſten, Undankbare und Böſe⸗ wichter. Wenn ich Frau von Wallen abrechne, de⸗ ren Tugend ich hochſchätze, ihre Schweſter Minna, die ein recht glückliches Temperament hat, und ſelbſt Wallen, den ſeine Thorheiten nur zu einem Gegen⸗ ſtand des Mitleidens machen— ſo möchte es ſchwer ſeyn, hier einen Menſchen zu finden— Lindorf(gereizt). Der Ihnen den Hals bräche? Ich glaube nicht. Salberg. Auch ich muß Ihnen erklären, daß ich Ihre albernen Redensarten längſt überdrüßig bin.—— Lindorf. Und daß dem Herrn Miſanthrop eine Lektion zu Befehle ſteht— Salberg. Die ihn auf Zeitlebens von ſeiner ſathriſchen Laune heilen dürfte. Müller. Ach! meine Herrn, Sie nehmen es auf dieſe Weiſe? Lindorf. Ja, mein Herr, auf dieſe Weiſe. Müller. Ich werde von Ihnen für einen Sonderling, einen ſeltſamen, wunderlichen Men⸗ ſchen gehalten? Nun wohl! Sie irren ſich nicht. (Er ſteht auf) Ich bin ein rechtlicher Mann im weiteſten Umfange des Wortes und meines gleichen mögen jetzt wohl ſelten ſeyn. Fehlerfrei iſt nie⸗ mand unter dem Monde, ich bin es auch nicht! — 60— Mein Vermögen iſt groß, groͤßer meine Liebe zur Wahrheit. Ich kann nicht heucheln. Der unwider⸗ ſtehliche Trieb, allen Leuten meine Denkungsart ge⸗ rade herauszuſagen iſt mir angeboren, ihm muß ich folgen und da können ſie ſich leicht einbilden, daß meine Aeußerungen nicht immer Angenehmes ent⸗ halten. Salberg. Das mag Ihnen übrigens manch⸗ mal nicht wohl bekommen ſeyn. Müller. Dagegen wußte ich mich auf eine Weiſe ſicher zu ſtellen, die ſich durch ihren Erfolg auf das genügendſte bewährt hat. Seit dreißig Jahren fechte ich jeden Morgen noch vor dem Früh⸗ ſtück, zwei Stunden lang, das amuſirt mich und reizt meinen Appetit. Nach dem Mittagseſſen ſchieße ich eine Stunde lang nach der Scheibe, das zerſtreut mich und ich bin dann durch dieſe bungen ſo weit gekommen, daß Niemand im Stande iſt, mir einen Stich oder Hieb beizubringeu und ich eine Wette eingehe, mit jedem Schuß meinem Gegner die Naſe gerade vom Kopf weg zu ſchießen. Salberg. Das iſt erſtaunlich. Lindorf. Sie mißbrauchen Ihre Uberlegenheit. Müller. Wenn man mir einen Zweikampf vorſchlägt, ſo nehme ich ihn jedesmal an. Lindorf(verlegen). In der That! — 61— Müller. Doch gebrauche ich noch eine an⸗ dere Vorſicht. Vor dem Duell ſchlage ich eine Par⸗ tie mit dem Rappier vor; hat mein Gegner Piſto⸗ len gewählt, ſo nehme ich eine Bouteille Champag⸗ ner und laſſe den Kork, auf zwanzig Schritte weit, nach jeder vorher bezeichneten Stelle von der Größe eines Kreuzers ſpringen; treffen thue ich gewiß. Wenn nun nach dieſen Formalitäten mein Gegner bei der Herausforderung beharrt, ſo waſche ich meine Hände in Unſchuld und ſtehe für nichts. Salberg(lebhaft). Haben Sie ſich oft ge⸗ ſchlagen? Müller. Niemals. Salberg. Das glaube ich gern. Müller. Jetzt mein Herr bin ich zu Ihren Dienſten. Lindorf. Sie werden doch unſern Scherz nicht mißdeuten, lieber Herr Müller? Sie ſind ein char⸗ manter, witziger Mann und Ihre allerliebſten, klei⸗ nen Späſſe athmen einen Geiſt, eine Laune, denen man ſeinen Beifall nicht verſagen kann. Auf Ehre, ich bin ganz enchantirt, Ihre Bekanntſchaft gemacht zu haben. Um Ihnen Ihre ſatyriſchen Bemerkungen ein wenig zu vergelten, erlaubten wir uns den Spaß. Salberg(lachend). Und Sie nahmen den unſchuldigen Spaß für Ernſt! Wahrhaftig, das iſt köſtlich! 4. Müller. Die Herrn ſcherzten alſo nur? Lindorf. Nicht anders, mein verehrter Herr Müller.. Salberg. Wie könnten Sie auch nur denken, daß uns dergleichen Ernſt ſey. Müller(gedehnt). Ja, ſo. Zehnter Auftritt. Die Vorigen. Meinau. Meinau(eilig). Wie, meine Freunde, ihr noch hier— die Geſellſchaft geht auseinander. Müller. Ah, der Herr Kriegs⸗ und Küchen⸗ kommiſſär! Lindorf. Der Ball iſt ſchon geendigt? Müller. Wahrhaftig, es iſt heller Tag. (Nach dieſen Worten geht Müller in den Hinter⸗ grund des Saals und beobachtet, was im Tanzſaale vorgeht). Meinau(zu Lindorf und Salberg). Liebe Freunde, Alles entfernt ſich, aber wir— wir ha⸗ ben unſer Geld noch nicht. Lindorf. Teufel! wir müſſen warten. Salberg. Ich gehe nicht eher von der Stelle— es iſt auch noch viel zu frühe. 5 Lindorf. Kommt, Kinder, laßt uns auf Mit⸗ tel denken, wie wir unſern Aufenthalt bis zur Zah⸗ lung mit Ehren verlängern können. (Alle drei ab.) Eilfter Auftritt. Franz. Löb Herz. Franz. Bleiben Sie hier, Herr Löb, ich rufe nur meinen Herrn. Löb. Soll mir Gott! ich weiß nicht, ob ich wache oder träume. Iſt mir's doch noch nicht ge⸗ paſſirt mein ganzes Leben lang, daß ich geholt bin worden aus dem Bette, mit dem Anbruch des Ta⸗ ges, um zu machen ein Geſchäft. Franz. Sie ſollen Geld verdienen, Geld, ſage ich! und zum Geldverdienen iſt's niemals zu früh. (ab.) Löb. Geld verdienen, ſagt der Herr; Geld borgen meint der Herr! Zwölfter Auftritt. Löb Herz. Müller. Löb. Würde ich doch nicht ſeyn gekommen mit die 2000 Gulden, wenn der Herr Graf nicht zahlte die Schulden und nicht die Ausſicht wäre auf den Haushofmeiſter. — 64— Müller Gurückkommend). In dieſer Nacht habe ich manche neue Entdeckung gemacht, die—(den Löb Herz wahrnehmend.) Was iſt denn das für eine iſraelitiſche Phyſiognomie? Löb(ihn betrachtend). Wer iſt der Menſch? was will der Menſch? Warum betrachtet er mich ſo gewaltig? Er hat doch nicht Abſichten auf mein Geld!(Er ſteckt beide Hände in die Taſchen.) Muͤller(ſich ihm nähernd). Was ſucht Ihr hier zu dieſer Stunde? Löb. Hat der Herr zu fragen darnach? Müller. Mehr, als Ihr denkt. Löb(bei Seite). Bei Gott, ich glaube gar— die aufgeblaſene Miene— die Grobheit— Soll mir Gott, er iſt's.(Laut.) Ich kenne doch den Herrn. Müller. So! Löb. Der Herr iſt ein ehrlicher Mann— ein Geſchäftsmann; er beſorgt doch die Geldgeſchäfte vor den Herrn Baron. Mit einem Wort, er iſt der neue Haushofmeiſter, den der Herr Baron hat erwartet. Müller. Ey! Löb. Gelt! ich kann doch rathen? Ich habe doch eine feine Naſe? Müller. Ich will doch einmal verſuchen, ob — 65— ich auch ſo glücklich im Errathen bin, ob ich auch eine ſo feine Naſe habe: Ihr ſeyd einer jener jüdiſchen Wucherer, deren es, Gott ſey Dank, in unſern aufgeklärten Zeiten nur noch wenige gibt, die ihren Kopf nur mit Additionsexempeln angefüllt haben, aber durch vieles Subtrahiren zu der Mul⸗ tiplication ihres Kapitals gelangt ſind— Ihr nennt Euch Löb Herz.— Löb. Soll mir Gott! der Herr iſt ein Pro⸗ phet, er weiß Alles, ſogar den Namen. Nun, es iſt mir lieb, daß der Herr mich kennt ſo genau! Ich kenne ihn doch auch;z ich weiß zwar nicht, wie er heißt mit dem Namen, aber er iſt ein Haus⸗ hofmeiſter und ich kenne doch die Haushofmeiſter— Herr Haushofmeiſter, wir koͤnnten machen ein Ge⸗ ſchäftchen zuſammen? Müller. Ey, wie denn ſo? Löb. Der Herr Baron iſt mir ſchuldig eine große, große Summe; hier bringe ich ihm noch 2000 Gulden— das Meſſer ſteht ihm an der Kehle, er hat mich laſſen holen aus dem Bett und hat mich laſſen fahren hierher in einem Wagen. Herr Haushofmeiſter, verſtehn Sie mich, leihen Sie mir ein geneigtes Gehör! Der Herr Baron wird bezahlen die rückſtändigen Schulden; Sie be⸗ kommen die Commiſſion, wir verſtändigen uns mit II. 5 4 — 66— einander und machen noch nebenbei einen tüchtigen Rebbes. Müller. Baron Wallen will ſeine Schulden 4 bezahlen? Löb. Er will! er wird! Ich weiß es, ich kenne den ganzen Handel. Der Mosje Franz hat mir doch Alles geſagt. Der Herr Graf von Roſen⸗ thal wollen ſeyn von der Gnade— Müller. Ahal! der Graf von Roſenthal. Löb. Ein braver Herr! Er will bezahlen die Schulden, das Kapital mit die Prozente. Müller. Ohne irgend eine Bedingung? Löb. Eine pure Kleinigkeit! Der Herr Baron ſollen ſich laſſen ſcheiden von die Baroneß. Müller. Wie, er ſoll ſich ſcheiden laſſen! (Bei Seite.) Das alſo, Herr Graf, iſt das Reſultat Ihrer geheimen Zuſammenkünfte mit dem Spitz⸗ buben Franz.(Laut.) Mein Herr Wucherer— Löb. Wucherer? Sprechen Sie doch nicht aus das garſtige Wort. Ich bin ein Geſchäftsmann. Müller. Nun denn, mein Herr Geſchäfts⸗ mann, ihr werdet betrogen. Löb. Betrogen! Was wollen Sie damit ſagen? Müller. Wallen betrügt Euch und ſich ſelbſt, wenn er glaubt, er könne Euch befriedigen. Sein Vermögen iſt längſt verſchwendet; der ſaubere Franz 4 * — 67— hintergeht Euch mit leeren Verſprechungen und un⸗ gegründeten Hoffnungen. Der Graf hat ſeinen Neffen enterbt— ich habe das Teſtament geſehn. Löb. Sie haben geſehn das Teſtament? Müller. Ich habe es geſehn. Der brave Mann— der edle Onkel hat nicht die geringſte Luſt, Euch zu Gefallen ſeine Geldſäcke zu öffnen und überdem wird Wallen eher lebenslang Euer Schuld⸗ ner bleiben, als ſich von ſeiner Frau trennen, da⸗ mit Ihr bezahlt werdet. Löb. Soll mir Gott! ich laufe zu meinem Advokaten und ehe drei Stunden vergehn, ſind die Gerichtsdiener hier und verſtegeln das Haus und den Garten. Müller. Der Tauſend! Herr Löb läßt nicht mit ſich ſpaßen. Löb. Was thue ich mit dem Spaß! ich muß doch haben mein Geld. Ich laſſe den Herrn Ba⸗ ron ſtecken in den Schuldthurm, ich, der Geſchäfts⸗ mann Salomon Löb Herz. Müller. Wir könnten aber vielleicht ein Ar⸗ rangement treffen— Löb. Nichts Arrangement! Geld, Geld! Müller(ſein Taſchenbuch zur Hand nehmend). In dieſem Falle— Löb(das Taſchenbuch mit den Augen verſchlin⸗ 5*⅔ — 68— gend). Wie? der Herr wollte— der Herr hat Recht! Der Baron iſt doch ein Mann von Ehre, nur zu jung, zu jung. Müller. Sie ſehen— Löb. Herrliche Wechſelchen, prächtige Aaplerchen — Gott! der Menſch hat ſeine Freude d'ran! Müller(die Brieftaſche verwahrend). Ich bin derſelben Meinung, mein werther Herr Löb, und deshalb werden die lieben Wechſelchen— wieder in meine Taſche ſpazieren.(Eine Bewegung Löb's.) Ubrigens koͤnnt Ihr verſichert ſeeyn, daß der Herr Graf von Roſenthal Euch noch heute bezahlen wird. Er denkt zwar nicht dran, aber in dem Falle, daß es nicht geſchähe, übernehme ich die Schuld. Lob. Will mir der Herr geben eine Hypothek? Müller. Mein Wort. Löb. Will mir der Herr geben eine Aſſecuranz vor die Hypothek? Müller. Iſt Euch das Wort eines ehrlichen Mannes nicht hinlänglich? Löb. Gibt mir der Herr nicht die Aſſecuranz vor die Hypothek, ſo gehe ich zum Advokaten und ſchicke her die Gerichtsdiener. (Will abgehen.) Müller. Wer hat Euch denn geſagt, daß Ihr dieſes nicht thun ſollt? — 69— Löb Gurückkommend). Erklären Sie ſich deutlich! Müller. Ich verbürge mich für die Schuld des Barons unter folgenden Bedingungen. Erſtens müßt Ihr die 2000 Gulden wieder mitnehmen. Löb. Der Rath iſt gut— aber er kommt zu ſpät. Ich hätt's doch gethan. Müller. Zweitens müßt Ihr ſchreien, ſchimpfen und einen Teufelslärm machen, wenn Ihr beim Weggehen dem Baron oder ſeinem Kammerdiener begegnet. Löb. Im Schreien bin ich ſtark. Der Herr ſoll hören, was der Löb für eine Stimme hat! Müller. Drittens muß in Zeit von einer Stunde dieſes Haus in Beſchlag genommen und der Baron arretirt ſeyn. Löb. Soll auch geſchehn! Ich ſeh', mit dem Herrn iſt nichts zu riskiren; ich nehme an ſeine Bürgſchaft. Haben Sie ſonſt nichts zu befehlen? Müller. Nein! Löb. Ich ſtehe ganz zu Ihren Dienſten, meine Perſon und mein Geld— Verſteht ſich: wenn der Herr mitbringt gute Wechſelchen als die Aſſecuranz vor die Hypothek. (Ab.) — 20— Dreizehnter Auftritt. Müller(allein). Aha, mein Herr Graf, jetzt iſt die Partie nicht mehr ungleich, auch ich habe einen Allüirten gefunden, der mir treffliche Dienſte leiſten ſoll. Er alſo ſtürzt ſeinen eignen Neffen, den Sohn ſeines Bruders, in das Verderben, um ihn dann zu einem Schritte zu zwingen, der— Ol mein Herr Graf, wir ſind noch nicht ſo weit, ein Wort von mir und Ihre Plane ſind vernichtet! Vierzehnter Auftritt. Müller. Wallen. Henriette. Minna. Salberg. Lindorf. Meinau. Lindorf. Endlich, lieber Wallen, ſind wir unter uns! Jene, die nur der Reiz des Vergnü⸗ gens herbeigelockt hatte, verſchwinden mit ihm, aber der vertraute Kreis deiner aufrichtigen, treuen Freunde, die nur deine Perſönlichkeit anzieht, konnte dich ſo⸗ bald nicht verlaſſen. Wallen. Dieſe Geſinnung erfreut mich wahrhaft! Salberg(ihm die Hand reichend). Wallen weiß, welchen Antheil ich an ihm nehme! Meinau. Bleibt mir mit der Empfindſamkeit weg und hört lieber auf meinen Vorſchlag. Der Morgen iſt wunderſchön, es wäre eine wahre Sünde, — 271— ſich zu Bette zu legen— laßt uns im Wäldchen frühſtücken! Salberg. Die Idee iſt köſtlich! Wallen. Charmant! Lindorf. Und gibt uns Gelegenheit, den gu⸗ ten Wallen noch länger zu genießen. Ich bin da⸗ bei! Gei Seite.) Vielleicht kann ich da der liebens⸗ würdigen Baronin meine Deklaration machen. Meinau. Wenn die Damen mit uns einver⸗ ſtanden ſind— Henriette(mit Zwang). Wallen iſt es zu⸗ frieden— Minna(freudig). Schweſterchen, das iſt präch⸗ tig! Das Frühſtück im Freien— Lindorf. Herr Müller wird unſere Geſell⸗ ſchaft nicht verſchmähn— ſeine Epigramme ſind das Salz der Converſation— Müller. Für Manchen auch wohl ſpaniſcher Pfeffer! Meinau. Die Hauptſache nehme ich über mich — die Lebensmittel. Das iſt mein Fach, als Kriegs⸗ commiſſär. Ich eile demnach in Küche und Keller, um die Poſition der Magazine zu rekognosciren. Wallen. Du biſt wahrlich ſehr gütig! Lindorf. Komme, Salberg, wir wollen den Kriegscommiſſär begleiten, damit er nicht allein — 2— Anſpruch auf den Dank der Damen und unſeres Freundes machen kann. (Meinau, Lindorf und Salberg ab.) Fünfzehnter Auftritt. Müller. Minna. Henriette. Wallen. Franz. Franz(der ſchon im Hintergrunde auf die Entfernung der drei Freunde wartet). Gnädiger Herr, Alles iſt verloren, Wallen. Wie? Henriette. Was ſoll das heißen? Müller(bei Seite). Ich errathe— Löb Herz wird ihm begegnet ſeyn. Franz. Ihrem Befehl gemäß hatte ich den Löb Herz, ſamt den zweitauſend Gulden, glücklich hieher gebracht. Gott weiß, welche Mühe, welche UÜberredungskünſte es mich koſtete! Ich laſſe ihn in dieſem Saal. Ich eile, Sie von ſeiner Ankunft zu benachrichtigen, aber Sie waren, umringt von Ihren Freunden, im tiefſten Geſpräch— ich konnte Sie nicht unterbrechen. Während ich nun den gün⸗ ſtigen Augenblick erwarte, ſo ſehe ich auf einmal, wie der Jude ſich wegſchleichen will. Ich laufe ihm nach, halte ihn zurück, allein er lärmt und ſchreit: er wiſſe alles, Sie ſeyen ruinirt, enterbt— End⸗ lich bitte ich ihn, er möchte doch wenigſtens die — 73— 2000 Gulden da laſſen. Gott bewahre! Taub ge⸗ gen meine Verzweiflung, lief er mit dem Gelde fort, als ob ihm der Kopf brenne, und ſchwur, ſeine Sache gleich bei den Gerichten anhängig zu machen. Wallen. Um Gotteswillen! Ich bin verloren, entehrt! Henriette. Entehrt? Wallen. Dieſes Geld hatte ich durchaus nö⸗ thig, um heute noch eine Ehrenſchuld zu tilgen. Henriette. O, mein Gott! Minna. Liebe Schweſter! Wallen(ſtark). Aber, wie hat der Jude wiſ⸗ ſen können— Wer hat ihm geſagt— Franz. Das hat er mir nicht geſtehen wollen, übrigens hat er unter Schimpfreden aller Art mich merken laſſen, daß eine Art von Haushofmeiſter ihm dieſe wichtigen Entdeckungen gemacht habe. Wallen. Ein Haushofmeiſter? Franz. Ich wüßte niemand, als den alten Peter— Wallen. Kein Zweifel! er iſt es. Er hat ſich dafür rächen wollen, daß ich ſeinen elenden Rath⸗ ſchlägen kein Gehör gab— Wehe ihm! — 74— Sechszehnter Auftritt. Die Vorigen. Peter. Peter(im Eintreten). Ew. Gnaden befehlen, daß das Frühſtück in's Wäldchen gebracht werde? Wallen(wüthend). Hal da iſt ja der treue und ehrliche Diener— Schurke, wer hat ihm die Erlaubniß gegeben, die Geheimniſſe ſeines Herrn zu verrathen. Peter(erſtaunt). Gnädiger Herr, ich weiß wahrhaftig nicht— Wallen. O, ich kenne ſeine ganze Nieder⸗ trächtigkeit. In dieſem Augenblicke verlaſſe er mein Haus. Fort! Peter(weinend). Lieber Herr Baron— Müller Gu Wallen). Sie begehen ein ſchreien⸗ des Unrecht, indem Sie dieſen redlichen Mann be⸗ trüben. Er hat den Löb Herz nicht geſprochen. Wallen(immer entrüſtet). Wer hat ſich denn unterſtanden— Müller(kalt), Ich! Wallen. Sie— Müller. Ich habe Ihnen einen wahren Dienſt geleiſtet, da ich Sie verhinderte, neue Schulden zu machen, ehe ſie die alten bezahlen konnten. Wallen. Wer hat Ihnen denn geheißen, mein Herr, ſich um meine Angelegenheiten zu beküm⸗ — 75— mern?— Kennen Sie die Folgen dieſes Schrittes? Wiſſen Sie, in welche Verlegenheit ich dadurch ge⸗ ſtürzt werde?— „Müller. Ja, Herr Baron. Sie beſtimmten einen Theil der 2000 Gulden zur Tilgung der Spielſchuld von 400 Gulden, welche Ihre guten Freunde Ihnen abgenommen haben— Daraus wird nun freilich nichts! Wallen(auſſer ſich). Mein Herr, bis jetzt ehrte ich die Rechte der Gaſtfreundſchaft, aber Ihr unwürdiges Betragen— Entfernen Sie ſich auf der Stelle! Henriette(zu Wallen). Mäßige dich, ich beſchwöre dich darum.(Zu Müller mit dem Tone des Vorwurfs.) Sie nannten ſich unſern Freund?— Franz(mit einer Bewegung, als wolle er Leute holen). Gnädiger Herr, ſagen Sie ein Wort, und Ihre treuen Diener— Henriette. Ruhig, Franz! Müller. Sie ſind wahrlich zu gütig, Frau Baronin, daß Sie dem Eifer(auf Franz zeigend) des Menſchen da einige Aufmerkſamkeit ſchenken. Herr Baron, wenn ich nicht Ihr Freund wäre, ſo würde ich nicht hierher gekommen ſeyn. Ohngeach⸗ tet Ihrer Thorheiten liebe ich Sie noch— auch entferne ich mich nicht und bleibe hier ſelbſt wider — 76— Ihren Willen und trotz der Dienſtfertigkeit des Mosje Franzä. Wallen. Wie, Sie bleiben? Müller. Ich bleibe. 4 Wallen. Wider meinen Willen? Müller. Ja. Wallen. Herr!— Sein kaltes Blut ver⸗ wirrt mich, ſeine Ruhe ſetzt mich in Erſtaunen und die Stimme der Freundſchaft entwaffnet mich.— Dieſer Mann hat eine unbegreifliche Gewalt über mich. Henriette(bei Seite). Ich weiß nicht, was ich davon denken ſoll! Franz(bei Seite). Den Kerl kann der Teu⸗ fel ſelbſt nicht von der Stelle bringen! Minna(bei Seite). Herr Graumann kommt mir vor wie eine Charade, die ich nicht auflöſen kann. Wallen. Was ſoll ich anfangen— was ſoll aus mir werden?— Müller(mit Beziehung). Die Kammerdiener ſind ſonſt fruchtbar an Auswegen,— vielleicht könnte der ehrliche Mann da— Franz. Ja, wenn Alles meinen Herrn ver⸗ läßt, ſo wird(auf ſich deutend) der ehrliche Mann ihn nicht verlaſſen. Hören Sie mich, Herr Baron, noch iſt nicht Alles verloren, mir fällt ein Mit⸗ tel ein— — 27— Wallen. Sprich! Franz. Geld müſſen Sie haben, Geld um jeden Preis. Bei chriſtlichen und jüdiſchen Wuch⸗ rern Hülfe zu ſuchen, wäre verlorne Mühe— Ihre Freunde darum anzuſprechen eine Thorheit, denn heute zu Tage(mit einem Blick auf Müller) hält jeder feſt, was er hat.— Nun denn, Herr Baron, wir müſſen zu großen Mitteln unſere Zuflucht nehmen. Wallen. Was wird er mir vorſchlagen? Müller. Sie ſollen ſich an den Grafen von Roſenthal wenden. Franz(erſtaunt, daß Müller ſein Projekt er⸗ rathen hat.) Wahrhaftig— ja!— ja, Herr Ba⸗ ron, wenden Sie ſich an den Grafen Roſenthal. Er iſt erzürnt, wie Sie ſagen— deſto beſſer! Er⸗ zürnte Leute haben Gefühl und ſind zu rühren. Malen Sie ihm Ihre unglückliche Lage— Ihre Verlegenheit— Ich bin überzeugt, dieſer ſo ge⸗ fürchtete Onkel wird mehr für Sie thun, als An⸗ dere, die ohn Unterlaß das Wort Freundſchaft im Munde führen und Sie ruhig Hungers ſterben ſe⸗ hen könnten, ehe ſie mit einem Thaler Ihnen beiſprängen. Müller. Folgen Sie dem Rathe des braven Franz— Schreiben Sie dem Grafen. Franz(zu Müller). Ich ſchätze mich wirklich ungemein glücklich, daß dem Herrn mein Projekt nicht mißfäͤllt. Henriette Gu Wallen). Lieber Wallen, mir ſcheint es gewagt— allein— Wallen. Ich ſoll die Gnade meines Onkels anflehn? Müller. Sonſt bleibt Ihnen nichts übrig. Dieſes Mittel reißt Sie aus aller Verlegenheit— ich ſtehe dafür! Wallen. Sie— Sie! O, welche Erniedrigung — meine ganze Wuth erwacht auf's Neue— Mein Herr— Ihr Benehmen— es iſt ſchändlich— (Müller nimmt ruhig eine Priſe Tabak) Verdammte Ruhe!— Komm, Franz, komm! Du ſollſt der Ulberbringer meines Briefes ſeyn. Franz. Sie können keinen beſſern Boten wählen. (Wallen, Franz und Peter ab). Siebenzehnter Auftritt. Müller. Henriette. Minna. Henriette. Herr Müller, Wallen iſt lebhaft, jähzornig— aber ſein Herz iſt gut— er ſelbſt wird bereuen, daß— Minna. Der Schwager hat ſo viele gute Ei⸗ genſchaften, daß man ihm wohl das bischen Unge⸗ ſtüm verzeihen kann. „4 — 79— Müller. Verzeihen? Im Gegentheil, es iſt ihm erlaubt. Ich an ſeiner Stelle würde nicht ſo viel Mäßigung gehabt haben. Achtzehnter Auftritt. Die Vorigen. Thereſe. Thereſe(herbeieilend.) Ach, gnädige Frau— das Unglück— nein es iſt zu arg— ich überlebe es nicht.— Henriette. Um Gotteswillen, was iſt? Thereſe(wirft ſich in verſtellter Ohnmacht in einen Seſſel.) O Himmel!— mein Herz— Minna. Ihr iſt nicht wohl. Müller. Wie ſich doch Alles vervollkommnet in der Welt! Zu meiner Zeit wurden nur die Da⸗ men ohnmächtig, jetzt machen die Kammermädchen ihnen den Nang ſtreitig. Gu Thereſe.) Hör' ſie einmal Kind, was iſt Ihr denn für ein Unglück begegnet, das Ihr das Herz abſtoßen will. Thereſe(ſich trotzig erhebend). Was mir be⸗ gegnet iſt? Das ganze Haus iſt von Gerichtsdie⸗ nern überſchwemmt. Henriette. Mein Gott! Müller(bei Seite.) Der Jude hat Wort gehalten. — 80— Neunzehnter Auftritt. Die Vorigen. Lindorf. Salberg. Meinau. Gnädige Frau, es thut mir unge⸗ mein leid, daß ich das Frühſtück nicht zu Stande bringen kann, aber Küche und Keller ſind von be⸗ waffneter Macht eingenommen worden. Salberg. Ich glaube, unſre Gegenwart wird hier ſehr überflüſſig.(Er ſucht ſeinen Hut und Stock.) Meinau. Wir empfehlen uns demnach der Frau Baronin ganz ergebenſt— Salberg(in einiger Verlegenheit.) Mit der Bitte, die Gefälligkelt haben zu wollen, den lieben Wallen zu erinnern— Meinau. Daß er vergeſſen habe, eine Klei⸗ nigkeit abzutragen— Henriette. Ich weiß, meine Herrn! Wal⸗ len hat im Spiele an Sie verloren. Sie werden noch heute ihr Geld erhalten. Salberg. Es iſt zwar ſehr angenehm, Schul⸗ den einzukaſſiren, aber wenn es Sie im Geringſten Meinau. genirt— ſo— Meinau. Ich geſtehe aufrichtig— ich werde es ſehr gern empfangen. Salberg. Du gehſt nicht mit uns, Lindorf? — 81— Lindorf. Nein, meine Herrn, ich verlaſſe meine Freunde nicht im Unglücke. Meinau. Teufel! ich habe dich von der empfindſamen Seite noch nicht gekannt! Salberg(lachend.) Das iſt ganz natürlich. (Nach Henrietten blickend.) Er fürchtet die Ver⸗ ſiegelung nicht, er— Meinau. Ah, ich verſtehe!(Beide ab.) Zwanzigſter Auftritt. Die Vorigen, außer Salberg und Meinau. Lindorf. Die Elenden! Es iſt ſchändlich— ich bin außer mir. Wahrhaftig, ich würde ganz an⸗ ders mit ihnen verfahren ſeyn, wenn ich nicht ge⸗ fürchtet hätte—(zu Henrietten) Ich hoffe, gnä⸗ dige Frau, daß Sie einen Unterſchied zu machen wiſſen. Müller(ihn unterbrechend.) Nun, Herr von Lindorf, warum folgen Sie denn nicht Ihren wür⸗ digen Freunden? Lindorf. Ich, Wallen verlaſſen in dieſem Augenblicke!— Müller. Um Wallen iſt es Ihnen gar nicht zu thun, Sie haben ganz andere Abſichten; aber ich ſage Ihnen im Vertrauen, das iſt verlorne Mühe. II. 6 — 82— Ein und zwanzigſter Auftritt. Die Vorigen. Peter. Peter. Gnädige Frau, ſo eben wird der Herr Baron arretirt. Meine Bitten, meine Thränen, Alles war fruchtlos.— Sie ſchleppen ihn in's Ge⸗ fängniß.— Henriette. Wallen in's Gefängniß— die⸗ ſer letzte Schlag beugt mich ganz darnieder! Minna. Liebe Schweſter. Lindorf. Mein Freund arretirt? Das iſt abſcheulich!. Henriette. Herr Müller, ich halte Sie für Wallen's wahren Freund. Eben noch verſicherten Sie es ſelbſt; zu Ihnen allein habe ich Vertrauen. Ich erröthe nicht, Ihre Großmuth anzurufen— ſchlagen Sie mir meine Bitte nicht ab— geben Sie meinem Gatten die Freiheit wieder— ent⸗ reißen Sie mich der Verzweiflung! Müller. Sie wiſſen es nicht, wie wehe es mir thut— aber ich kann nicht— ich darf nicht. Min na. Lieber Herr Müller! Müller. Wenn es in meiner Macht ſtände— würde ich denn wohl Minna's Bitten erwartet haben? Henriette(mit Würde.) Nun denn, mein Herr, ich verlange nichts von Ihnen— ich ſuche — 83— meinen Gemahl auf und wenn ich ſeine Freiheit nicht erlangen kann, ſo werde ich thun, was mir die Pflicht gebeut.(Ab.) Lindorf(zu Müller.) Mein Herr, Sie ſind unſtreitig ein großer Philoſoph— aber ein andrer großer Philoſoph— ich entſinne mich nicht gleich wie er heißt— hat behauptet, daß die Leute, welche immer die ſchönen Worte, Wohlthun und Menſchenliebe im Munde führten, gerade diejenigen ſeyen, welche dieſe Tugenden am wenigſten üben.— Ihr Herr Kollege hat Recht, wie ich ſehe. (Er grüßt und geht ab.) Thereſe(zu Müller.) Ich hätte mir einge⸗ bildet, daß Sie meiner gnädigen Frau zu Gefallen etwas für den gnädigen Herrn gethan haben würden. (Sie macht einen großen Knix und geht ab.) Peter(zu Müller.) Und ich— ich hätte drauf gewettet, daß Sie ein gutes Herz hätten. Es thut mir leid für Sie und den Herrn Baron, daß ich mich geirrt habe.(Grüßt und geht ab.) Minna(nachdem ſie näher geblickt hat, ob ſie allein ſind.) Jetzt, lieber Herr Müller, ſind wir allein. O! ich habe Ihre Abſicht wohl gemerkt.— Da Sie ſich mit Wallen überworfen hatten, ſo woll⸗ ten Sie ihn nicht beſchämen und ihm perſönlich aus der Noth helfen.— Sie haben dieſes Ver⸗ 6„ — 84— gnügen ihrer Minna uigaſpast— Habe ich nicht recht? Müller. Nein, liebes Kind, ich habe Ihnen kein Geld zu geben. Minna. Ich ſah doch bei der Abfahrt ein gewiſſes Portefeuille in Ihren Händen— Müller. Uber deſſen Inhalt ich nicht ver⸗ fügen kann. Minna(gereizt). Herr Müller, Sie waren immer ein wunderlicher unbegreiflicher Menſch! Aber heute ſind Sie ein Barbar, ein Thrann. Ich gehe jetzt zu dem Juden, der meinen guten Schwager in's Gefängniß hat ſetzen laſſen, und vielleicht hat ſo eine Wucherſeele mehr Gefühl als Sie. Müller(mit Beziehung.) Ja, Minna, gehen Sie zu Löb Herz, vielleicht— Minna(heftig.) Mein Herr, ich brauchte Ihr Geld, aber nicht Ihren guten Rath!(Ab). Zweiundzwanzigſter Auftritt. Müller(allein.) Der edle Freund perſiflirt mich, das edle Kammermädchen ſpottet meiner, der alte Peter regalirt mich mit erbaulichen Redensar⸗ ten— Henriette iſt entrüſtet— Minna in Zorn! Bei'm Himmel, Sie haben nicht Unrecht. Mein Be⸗ nehmen gibt Ihnen wohl Urſache— doch, was liegt dran? Laßt ſie ſprechen— Das Haus iſt verſiegelt, Wallen arretirt, der Graf von Roſenthal wird bald hier ſeyn und ich— ich gehe zum Frühſtück(Ab.) Dritter Aufzug. (Nämliche Decoration wie im zweiten Akte.) Erſter Auftritt. Thereſe, Franz, von verſchiedenen Seiten. Thereſe. Nun, Mosje Franz„ was bringen Sie für Nachrichten?— Franz. In einer Stunde iſt der Onkel hier. Seine Hochgräfliche Gnaden ſind entzückt bis in den dritten Himmel, daß der werthe Neffe in der Patſche ſitzt und dieſes Entzücken wird noch eine Etage höher, bis in den vierten Himmel ſteigen, wenn Höchſtdieſelben vernehmen, daß der vorſichtige Löb Herz den Herrn Baron zwiſchen vier Mauern feſt hält. Thereſe(lachend.) Mir kommt das Ding recht neckiſch vor. Der Herr Baron in der Mauſe⸗ falle, ha, ha, ha! — 86— Franz. Und der gewaltige Wortmacher, der graue Philoſoph hat ſeinen Freund ruhig in das Gefängniß führen laſſ en? Thereſe. Nicht eine Miene hat er gemacht, dem Herrn Baron mit einem halben Dutzend Bank⸗ noten zu Hülfe zu kommen. Ungerührt von den Thränen der gnädigen Frau, taub gegen die Bitten der naiven Minna, ruhig bei den Stachelreden des Herrn von Lindorf und meiner Wenigkeit, ſtand der große Moraliſt ſtumm und ſtarr da, wie eine Bildſäule. 3 Franz. Die gnädige Frau iſt nach der Stadt. Thereſe. Mit der Jungfer Schweſter und dem alten Peter. Auch Herr von Lindorf iſt mit. Der empfindſame Baron wollte ſeine angebetete Henriette nicht verlaſſen. Franz. Das iſt ganz natürlich. Ein Mann, der ſein Vermögen verliert und noch dazu im Ge⸗ fängniß ſitzt, wird oft in einem Augenblicke ſeiner Frau unausſtehlich. Zweiter Auftritt. Die Vorigen. Lindorf. Lindorf. Das iſt ein Teufelsweg. Franz. Sie bringen die gnädige Frau nicht mit zurück? — 87— Lindorf. Nein! Sie blieb in der Stadt. Franz. Die Sache iſt alſo nicht in der Güte beigelegt worden? Lindorf. In der Güte? Gott bewahre! Franz(zu Thereſen). Herrlich! Lindorf. Frau von Wallen ſpendete dem jüdi⸗ ſchen Wucherer die rührendſten Redensarten, Demoi⸗ ſelle Minna bat auf die intereſſanteſte Weiſe, ich ſuchte ihm mit wahrer Eloquenz zu erweichen, aber das iſraelitiſche Kieſelherz wollte von Allen dem nichts wiſſen, ſondern verlangte höchſt lakoniſch ſein Geld. Ich ließ dann einige Worte fallen von unbe⸗ ſonnenen Ehemännern, deren Verſchwendung die unglückliche Gattin dem Elende Preis gebe— von dem Glücke eines uneigennützigen Freundes, den ſein Vermögen in den Stand ſetze, einem ſolchen Unheile zuvorzukommen;— ich begleitete die Da⸗ men bis zum Gefängniſſe, die ſchöne Baronin und ihre Demoiſelle Schweſter ſtiegen ab und die lie⸗ benswürdige Frau erklärte mir mit dürren Worten: daß noch heute Morgen Herr von Wallen ſeine Spielſchuld bezahlen werde, daß ſie meines Geleits nicht mehr bedürfe, grüßt mich mit allerliebſtem Anſtande und verſchwindet, ohne meine Antwort zu erwarten. Ich bin nun Keiner von denen, die ſich leicht zurückſchrecken laſſen; der Baum fällt nicht auf einen Schlag und ich komme expres zurück, um zu erwarten— Franz. Ob nicht eine günſtigere Gelegenheit ſich bieten werde? Lindorf. Richtig! und ihr, meine lieben Freunde, ſollt mir hiebei mit Rath und That an die Hand gehn. Die Proben meiner Erkenntlichkeit— Franz. Erkenntlichkeit, mein Herr Baron— das iſt ein charmantes, zum Herzen dringendes Wort, aber man will gern heut' zu Tage ſeiner Sache ge⸗ wiß ſehn— Wie hoch ſchlagen Sie Ihre Erkennt⸗ lichkeit an? Dritter Auftritt. Die Vorigen. Müller. Müller. Ah, ſiehe da, Herr von Lindorf! Schon wieder zurück? Nun, Sie bringen uns ge⸗ wiß den lieben Wallen mit. O, ein Freund, wie Sie, läßt ſeinen Pilades nicht im Gefängniſſe ſtek⸗ ken— auf ein paar Tauſend Gulden kommt es Ih⸗ nen gar nicht an— Sie leben ja von Ihren Ren⸗ ten— Wo iſt denn der theure Baron, daß ich ihn umarmen, an mein Herz drücken kann! Lindorf. Ich bedaure unendlich— wenn es in meinen Kräften geſtanden hätte, ſo würde ich in der That den Gatten einer ſo ſchätzbaren Dame— — 89— aber die Schuld iſt enorm und ich bin in dieſem Augenblicke gerade nicht bei Kaſſe. Müller. Wie ſehr muß Sie das ſchmerzen! Thereſe(mit verſtelltem Weinen). O, meine arme gnädige Frau, kein Menſch nimmt ſich ihrer an! Franz(mit affectirter Rührung). Und mein unglücklicher Herr— ich will ſeinen Kerker mit ihm theilen. Lindorf(ebenſo). O, meine Freunde, auch mein Herz— Müller(ſein Schnupftuch ziehend). Herr von Lindorf, Ihre Freundestreue—(zu Franz und Thereſen) eure aufrichtige Ergebenheit— Wahrhaftig, ich bin ſo gerührt, ſo gerührt—(Er ſchneuzt ſich.) Thereſe. Mich ſtuͤrzt der Kummer in's Grab. Franz. Ich folge Ihnen nach, Jungfer Thereſe. Lindorf. Und ich fürchte, ich bekomme den Spleen. Müller. Herr von Lindorf, Sie bemühen ſich vergebens, Ihre Rede in den Ton der Rührung zu ſtimmen; er ſteht Ihnen gar nicht an. Sprechen Sie von der Vortrefflichkeit der Beefſteas— das iſt Ihre Sache, da glaubt man Ihnen eher.(Zu Thereſe.) Sie, meine Liebe, braucht ihre Augen nicht mit dem Schnupftuche zu bedecken. Von den Thränen, welche ſie vergießt, wird es nicht naß. — 90— (Zu Franz.) Er kann nun gar mit ſeinem Kummer zu Hauſe bleiben— Die tauſend Gulden des Gra⸗ fen von Roſenthal werden ſein Leid bald in Freude. verwandeln. Apropos, was hat der Graf auf den Brief ſeines Neffen geantwortet? Iſt er enſ chloſſen— Franz. Nur meiner Herrſchaft bin ich ſchul⸗ dig, auf dieſe Frage Rede und Antwort zu geben. Müller. Er hat Recht— ich habe Unrecht. Ich danke ihm für die Lehre. Vierter Auftritt. Die Vorigen. Ein Bedienter. Der Bediente. Man fragt nach Herrn Müller. 4 Müller. Laßt den Fragenden hereinkommen. (Der Bediente ab.) Fünfter Auftritt. Die Vorigen. Löb Herz. Müller(dem Hereintretenden entgegengehend). Ahl der Geſchäftsmann Löb Herz. Lindorf, Franz, Thereſe. Löb Herz! Löb(leiſe zu Müller). Es hat ſich zugetragen eine ſonderbare Geſchichte, die dem Herrn vielleicht macht einen Strich durch die Rechnung, aber— ſoll mir Gott, ich konnte nicht Anders— 3 Müller. Wir werden behorcht— Kommt mit in das Nebenzimmer. Franz. Die ſcheinen ja ſehr vertraut mit einander. Lindorf. Was Teufel, iſt das für eine Ver⸗ kettung.— Thereſe(bei Seite). Ich errathe. Müller(der den Juden in das Nebenzimmer geführt hat, zurückkommend). Herr von Lindorf, an Ihrer Stelle blieb ich nicht länger in dieſem Hauſe, es könnte Ihnen übel bekommen. Ja, ſo⸗ gar Ihr Leben ſteht dabei in Gefahr. (Ab in das Nebenzimmer.) Sechſter Auftritt. Lindorf. Franz. Thereſe. Franz. Ich begreife nicht— Lindorf. Mein Leben ſteht in Gefahr? Thereſe. Mir iſt alles klar wie der Tag. Franz. Und was ſieht Jungfer Thereſe in dieſer gewaltigen Klarheit? Thereſe(zu Lindorf). Hat der liebe Herr Müller nicht in unſerer Gegenwart ſich geweigert, dem Baron zu Hülfe zu kommen? Lindorf. Nichtig. Thereſe. Folglich kommt der Jude nicht, — 92— um etwa die Sache in der Güte mit ihm abzu⸗ machen. Franz. Kein Zweifel! Thereſe. Wie ich Ihnen ſchon geſagt habe, Mosje Franz: der graue Brummbär iſt ein Anbeter der gnädigen Frau— er ſteckt mit Löb Herz unter einer Decke; der Jude läßt den Mann einſperren und das Ubrige— nun das findet ſich. Lindorf. Was Teufel— der alte Grauſchim⸗ mel hätte Abſichten auf die göttliche Baronin. Das wollte ich ihm gerathen haben! Habe ich doch mit einer langen Naſe abziehen müſſen! Franz. Noch eins. Vielleicht will er jetzt gar die Stelle des Befreiers übernehmen— dann ſtellt ſich die Dankbarkeit von Seiten der gnädigen Frau ein und mit Hülfe der Dankbarkeit iſt ſchon Mancher der Liebe auf die Spur gekommen. Lindorf. Ich höre Geräuſch. Franz En die Couliſſe blickend). Die gnädige Frau! Ich will ihr doch gleich den Erfolg meiner Sendung melden.(Ab.) Lindorf. Ich bin wahrhaftig begierig, zu er⸗ fahren— Thereſe. Und ich will wieder ein betrübtes jammervolles Geſicht ſchneiden. Es iſt zwar kein beſonderes Plaiſir dabei, aber— es koſtet ja nichts! — 93— Lindorf. Der verwünſchte graue Mann hat mich mit ſeiner Warnung ganz confus gemacht. So⸗ gar mein Leben ſtünde in Gefahr! Am Beſten iſt's, ich gehe ihm aus dem Wege.(Ab.) Thereſe. Da fällt mir etwas ein—(nach dem Kabinet blickend, in welchem ſich Müller und Löb Herz befinden) Wie wäre es, wenn ich ein wenig horchte! Einige aufgeſchnappte Worte könn⸗ ten wohl Licht geben—(Nach dem Kabinet ſchlei⸗ chend.) Warten Sie nur, mein lieber grauer Herr Schulmeiſter, bald wollen wir wiſſen—(Sie will den Kopf an die Thüre lehnen, um zu horchen.) Siebenter Auftritt. Die Vorige. Müller. Müller(ſchnell aus dem Kabinet tretend). Überflüßige Mühe, meine Liebe! Die Unterhand⸗ lung iſt beendigt. Thereſe(abgehend). Verwünſcht! Nicht einmal ruhig horchen kann man vor dem Menſchen.(Ab.) Müller. Sie iſt fort. Es hat mir Mühe ge⸗ koſtet, den ſpitzbübiſchen Juden zu überreden.— Achter Auftritt. Müller. Löb. Löb(den Kopf durch die halbgeöffnete Kabinets⸗ thüre ſteckend). Der Herr iſt allein.— Ich bitt' — 94— ihn um Gotteswillen, daß er nicht läßt ſtecken ei⸗ nen ehrlichen Mann in der Noth— Sie haben mir abgeſchwazt ein Pfand, ein koſtbares Unterpfand.— Müller. Es iſt ſo gut, als hättet Ihr es noch. Löb. Gut iſt gut, aber beſſer iſt beſſer! Nun, ich vertraue dem Herrn.— Ich will warten in dem Kabinet, bis kommt zu gehn der Herr Graf von Roſenthal und bezahlt die Schuld. Müller. Haltet Euch ruhig und erſcheint, wenn ich Euch rufe. Nur unter dieſer Bedingung erfülle ich mein Verſprechen. Fort! Man kommt. (Löb Herz zieht ſich zurück.) Neunter Auftritt. Müller. Henriette. Henriette. Sie waren ſehr hart gegen uns, Herr Müller, und doch ſind Sie der einzige Menſch, zu welchem ich den Muth habe, mich in meiner unglücklichen Lage zu wenden. Sie koͤnnen mir ei⸗ nen großen Dienſt erweiſen, ich fürchte nicht, daß Sie mir meine Bitte abſchlagen werden. Müller. Wenn ich Ihnen in irgend einer Hinſicht dienen kann— ich bin ganz zu Ihren Be⸗ fehlen. Uber Wallen wage ich nicht, Sie zu fragen.— Henriette. Sein Gläubiger war unerbittlich. Unſere Lage iſt ſchrecklich, aber Wallen's Benehmen hat mir einen Muth eingeflößt, deſſen ich mich nicht fähig glaubte. Er trägt ſein Unglück mit Ruhe und Ergebung— Müller(mit Empfindung). Liebe Henriette, glauben Sie mir, bald werden Sie das Glück wie⸗ der finden. Ihr Freund Müller gibt Ihnen dieſe Verſicherung; trauen Sie ſeinen Worten.— Aber wo iſt Baron Lindorf hingekommen? So eben war er noch hier. Henriette. Ich habe ihn erſucht, mich zu verlaſſen. Er und ſeine beiden Freunde ſind bezahlt. Müller. Ich frage Sie nicht, um welchen Preis Sie dieſe ehrlichen Männer los geworden ſind. Ihr Schmuck— Henriette(lebhaft). Laſſen Sie uns zu mei⸗ nem Anliegen zurückkommen. Der Graf Roſenthal hat ſich entſchloſſen, ſeinen Neffen wieder zu ſehen; mit jedem Augenblicke kann er hier ſeyn. Ich bin allein! Würden Sie ſo gefällig ſeyn, bei dieſer Zuſammenkunft gegenwärtig zu bleiben? Ich geſtehe es gern, der Gedanke, vor ihm zu erſcheinen, er⸗ ſchreckt mich ſo ſehr— Müller. Beruhigen Sie ſich, ich übernehme es, Sie zu ſchützen. — 96— Zehnter Auftritt. Die Vorigen⸗ Thereſe. Thereſe(mit halber Stimme). Gnädige Frau! Henriette. Was willſt du? Thereſe. Ich wünſchte mit der gnädigen Frau zwei Worte in Geheim zu ſprechen. Henriette Gu Müller). Sie erlauben. Müller verbeugt ſich.) Thereſe. Franz und ich, wir haben ein ab⸗ ſcheuliches Komplott entdeckt, das gegen Sie ge⸗ ſchmiedet worden iſt. Sie ſind auf die ſchändlichſte Weiſe verrathen worden. Henriette. Verrathen?— Durch wen? Thereſe. Löb Herz iſt hier. Er hat eine Zu⸗ ſammenkunft mit Herrn Müller gehabt, und es iſt auf deſſen Betreiben, daß der Herr Baron feſtgeſetzt worden iſt. Henriette(mit Würde zu Müller). Wiſſen Sie, mein Herr, was mir ſo eben unter der Hülle des Geheimniſſes offenbart wird? Mein Mann und ich ſehen die Opfer der ſchwärzeſten Treuloſigkeit. Man beſchuldigt Sie, zu dem Unglücke meines Gat⸗ ten mitgewirkt zu haben; man behauptet ſogar, daß Löb Herz in dieſer Hinſicht nur Ihrem Rathe ge⸗ folgt ſehe.— — 97— Müll er. Man hat Ihnen die Wahrheit geſagt. Henriette(erſtarrt). Die Wahrheit! Eilfter Auftritt. Die Vorigen. Franz. Franz(eilig). Der Herr Graf von Roſenthal; er folgt mir auf dem Fuße. Henriette(mit dem Ausdrucke der Verzweif⸗ lung). Ewiger Gott! In dieſem ſchrecklichen Au⸗ genblicke— Alles verläßt mich, kein Freund, keine Stütze— ich allein ſeinem Hohn, ſeinem Zorn Preis gegeben! Müller. Bin ich nicht bei Ihnen? Henriette. Sie? Was kann ich von Ihnen hoffen! Wallen ſitzt im Gefängniſſe und es iſt Ihr Werk. Müller. Eben weil es mein Werk iſt, weil er ſich durch mich in der Unmöglichkeit befindet, Sie in dieſem Augenblicke zu ſchützen, ſo iſt es meine Pflicht, es ſelbſt zu thun. Thereſe. Der Herr Graf kommt. Müller(zu Thereſe und Franz). Laßt uns. Franz. Aber die gnädige Frau koönnte— Müller. Hinaus! (Franz und Thereſe ab.) II. 7 — 98— Zwölfter Auftritt. Henriette. Müller. Der Graf. Der Graf. Ich ſehe in Ihnen die Tochter des Herrn Bernroth?. Henriette(zitternd). Ja, Herr Graf. Der Graf(auf Müllern zeigend). Wer iſt der Herr? Henriette(Müllern anſehend, verlegen). Es iſt— Müller. Ein Freund der Familie Bernroth und des Herrn von Wallen. Der Graf. Wo iſt mein unwürdiger Neffe? Henriette(bei Seite). Gott⸗ was ſoll ich ihm ſagen! Der Graf(mit befehlendem Tone). Wo iſt Wallen? Müller(kalt). Im Gefängniß. Der Graf. Im Gefängniß. Das war alſo das Ziel ſeiner vorgeſteckten Laufbahn, der verdiente Lohn ſeiner Thorheiten und unbeſonnenen Streiche — So erdigen ſie alle, jene unſinnigen Jünglinge, die, taub gegen die Stimme der Vernunft, nur ihre Leidenſchaft hören, einen vorübergehenden Reiz für Liebe halten und zum Schimpf ihrer Verwandten eine ungleiche Verbindung eingehn. Der Herr Ge⸗ mahl iſt ohne Vermögen, die werthe Ehehälfte hat nichts. Aber die Sucht zu glänzen iſt da— der — 99— ſtille Landſitz wird zum Schloſſe erhoben, eine ſchim⸗ mernde Equipage fliegt durch die Straße, Schma⸗ rotzer umlagern, unter dem Namen von Freunden, die Tafel; koſtbare Kleider, Diamanten ſchmücken die Dame— Leider dauert aber die Herrlichkeit nicht lange. Bald iſt der Credit erſchöpft, die Gläubiger werden unruhig, handeln, und der arme Mann, geheilt von einer Liebe, die er ewig glaubte, verliert im nämlichen Augenblicke Ehre, Freiheit, Freunde und oft die ſchönſten Jahre ſeines Lebens. Müller. Dieſe Schilderung iſt wahr, aber hier an der unrechten Stelle— Frau von Wallen— Der Graf. Geben Sie ihr nie dieſen Namen in meiner Gegenwart. Müller(mit Nachdruck). Die Frau Baronin von Wallen beſitzt eine zu erhabene Denkungsart, um ſich auf Koſten ihres Mannes rechtfertigen zu wollen. Hätte er ihrem Rathe gefolgt, ſo wäre das ſchönſte Glück der Häuslichkeit und nicht das Loos eines verlaſſenen Gefangenen ihm zu Theil geworden. Der Graf Gu Henriette, ohne auf Müller zu hören). Sie, Madame, finden ſich in Ihren Hoff⸗ nungen betrogen— Das läßt ſich denken— Sie glaubten, den reichen Baron von Wallen zu hei⸗ rathen, aber er iſt arm und wird arm bleiben, wenn nicht etwa— 7* Müller(ihn unterbrechend). Henriette Bern⸗ roth liebte Ihren Neffen, ehe Sie wußte, daß er ein Edelmann und der Erbe eines ſo gewaltig reichen Onkels ſey. Nur mit Zwang willligte ihr Vater in dieſe Heirath. Ihres Reichthums beraubt, verſtoßen von Ihrem Herzen, würde Wallen doch noch glücklich haben werden können, wenn ein ein⸗ ziger Fehler nicht alle ſeine guten Eigenſchaften überwogen hätte. Sein Stolz hat ihn in das Ver⸗ derben geſtürzt. Sie, Herr Graf, hätten ihn wohl von dieſer unglücklichen Schwachheit heilen ſollen. Der Graf. Verſchonen Sie mich mit Ihren Bemerkungen. Wenn mein Neffe den Stolz beſeſſen hätte, deſſen man ihn jetzt beſchuldigt, wenn er die Würde ſeines Ranges gefühlt hätte— ſo würde er nie daran gedacht haben,— ſich mit der Tochter ei⸗ nes bloßen bürgerlichen Profeſſors zu verbinden. Müller. Ein bloßer bürgerlicher Profeſſor, der zugleich als ehrlicher Mann geſchätzt wird, ſteht höher, als ein großer Herr— der ein Spitzbube iſt. Der Graf. Mein Herr! 1 Henriette(zu Müller). Ich bitte Sie, reizen Sie ihn nicht. Müller. Noch ſchweige ich, noch bezeichne ich niemand, aber die Zeit iſt nicht fern, wo ich den großen Herrn nennen werde. Der Graf. Madame, ich komme nicht her, um Ihnen Vorwürfe zu machen. Wenn auch mein Neffe gefehlt hat, ſo iſt er deshalb meinem Herzen noch nicht fremd geworden. Eine Empfindung, die ich nicht unterdrücken kann, treibt mich an, ihm zu dienen— Henriette. Wallen wird kein Opfer ſcheuen, um Ihre Liebe wieder zu gewinnen. Der Graf. Seine Heirath iſt eine Thorheit; dieſe Thorheit hat lange genug gedauert. Nur ein Mittel gibt es, mich zu verſöhnen.— In Ihren Häͤnden liegt es, Madame. Eine Scheidung— Henriette. Endigen Sie nicht, Herr Graf. Der Graf. Nur unter dieſer Bedingung be⸗ zahle ich die Schulden meines Neffen und werde Ihnen Beweiſe meiner Freundſchaft und Achtung geben. Wählen Sie, meinen Haß oder meine Wohl⸗ thaten.— Wenn es wahr iſt, daß Sie, wie man ſagt, alle Tugenden beſitzen, ſo werden Sie den Ba⸗ ron von Wallen lieber ſeinem Glücke und ſeiner Ehre wiedergeben, als ihn, in Schmach und Schande, im Gefängniſſe ſterben laſſen. Uberlegen Sie mei⸗ nen Vorſchlag wohl. Mein Notar iſt hier, und ich rechne ſo beſtimmt auf Ihre Seelengröße, daß ich ſogleich Befehl geben werde, die Acte auszufertigen, welche jedem fernern Familienzwiſte ein Ziel ſetzen ſoll. Ich komme im Augenblicke zurück.(Ab.) Dreizehnter Auftritt. Henriette. Müller. enriette. Meine Seele iſt im Innerſten empört! Ich ſollte mich von Wallen trennen? O, ſeines Herzens bin ich verſichert! Er wird das Elend dem Verluſte ſeiner Henriette vorziehen. Müller. Der Graf von Roſenthal hält ſich für den Herrn Ihres Schickſals, er glaubt Ihnen Geſetze dictiren zu können und zweifelt uicht daran, daß Sie ſeinen ſchändlichen Vorſchlag eingehen werden — O, er irrt ſehr! Dieſe Scheidungsacte, auf der alle ſeine Hoffnungen gegründet ſind, dieſe Acte, welche mit Recht Ihre reine Seele empört,— vor Ihren Augen ſoll ſie der Graf zerreißen. Henriette(erſtaunt). Wie, der Graf— Vierzehnter Auftritt. Die Vorigen. Minna. Minna(läuft herbei und wirft ſich in Hen⸗ rietten's Arme). Schweſterchen, Schweſterchen, ich bin glücklich, ich bin ſelig! Umarme mich! Henriette. Minna, was iſt dir? Minna. Umarmen Sie mich auch, mein gött⸗ licher Herr Graumann. Müller. Von ganzem Herzen. Henriette. Welche gute Zeitung bringſt du uns, Minna? Müller. Daß Wallen frei iſt! Henriette. Gott, mein Gatte wäre mir wiedergegeben! Minna. Ah, Sie wiſſen ſchon? Kennen Sie aber auch das Mittel— Müller. Minna, wo iſt Ihr Collier? Henriette. Ihr Collier! Minna. Sieh, Schweſterchen, das Collier hatte mir Herr Müller nicht ohne Abſicht gegeben. Er wollte mich überraſchen und auch wohl ein we⸗ nig auf die Probe ſtellen. Ich wußte nicht, von welchem hohen Werthe ſein Geſchenk ſey, aber ein glücklicher Zufall machte mich damit bekannt. Troſt⸗ los verließen wir meinen guten Schwager; als wir aus dem Gefängniſſe traten, höre ich einen der Umſtehenden ſagen: Der Tauſend, welch ein ſchö⸗ nes Collier! Dieſe Worte waren für mich ein Lichtſtrahl in der Nacht. Schon während des Bal⸗ les hatte ich hie und da ähnliche Bemerkungen ge⸗ hört, aber ihnen keine große Aufmerkſamkeit ge⸗ ſchenkt; Herr Müller ſelbſt hatte mir etwas der⸗ gleichen geſagt. Alles das fiel mir mit einem Male auf's Herz. Dir, Schweſterchen, wollte ich eine Hoffnung noch nicht mittheilen, die, wenn ſie fehl⸗ ſchlug, nur deinen Schmerz vermehren mußte. Ich verlaſſe dich ſchnell, ſchleppe den alten Peter mit mir, fliege zum Löb Herz und zeige ihm mein Col⸗ lier. O, wie ſchlug mir das Herz, indeſſen der habſüchtige Wucherer den Schmuck mit gierigen Blicken unterſuchte. Jede Minute ſchien mir eine Stunde. Endlich ſagte er dann:(mit jüdiſchem Dialecte)„Soll mir Gott, Mamſel, die Perlen ſind fein, die Steine ſind gut, vom ſchönſten Waſ⸗ ſer.“ Der Handel war bald geſchloſſen; er ver⸗ ſprach Wallen frei zu geben und Gu Müller) Sie ſind mir doch nicht böſe, daß ich Ihr Collier ver⸗ ſetzt habe? Müller. Ich ſollte Ihnen böſe ſeyn?(Das Collier aus ſeiner Taſche ziehend.) Hier iſt es, nehmen Sie es zurück. Minna. Mein Collier! Müller. Wen könnte es würdiger ſchmücken, als Sie? Minna. Sie wollen mir das Vergnügen rau⸗ ben, meiner Schweſter gefällig geweſen zu ſeyn? Müller. Nein; ich will Ihnen nur die Mittel geben, auch in Zukunft ihr dienen zu können. —V —V — 105— Minna. Nun denn, unter dieſer Bedingung nehme ich es zurück. Henriette. Aber wo bleibt Wallen, warum begleitete er dich nicht? Minna. Man kommt ſehr geſchwind in's Ge⸗ fängniß, aber nicht ſo geſchwind wieder heraus. Da ſind allerlei Formalitäten nöthig— Dein Mann aber wünſchte, du möchteſt ſobald als möglich von dem glücklichen Ereigniſſe unterrichtet ſehn und des⸗ halb bin ich vorausgelaufen. Er muß auch gleich hier ſeyn. Henriette. O, Herr Müller, wie habe ich Sie verkannt! 3 Minna. Auch Wallen iſt ganz andern Sinnes geworden, und meint: er beſitze in Ihnen einen wahren Freund, der ihm eine nothwendige und nützliche Lektion gegeben habe. Er will der Hof⸗ fahrt und Eitelkeit auf immer entſagen, keine Gaſte⸗ reien mehr geben, ſich einſchränken und, Ihrem Nathe zu Folge, ſeinen Fleiß dem Landbaue widmen. Müller. Endlich erkennt er ſein eignes Beſte! Henriette. In mir ſoll er ſeine treue Ge⸗ faͤhrtin finden, und bald hoffe ich, wollen wir durch Arbeit und Sparſamkeit ſo viel gewonnen haben, daß wir unſre Schulden tilgen können. Müller. Ihr Freund wird Sie nicht verlaſſen. Minna. Und ich— habe ich doch noch mein Collier! Henriette. Gute Minna. Fünfzehnter Auftritt. Die Vorigen. Löb Herz. Löb Herz(die Thüre vorſichtig öffnend). Wol⸗ len Sie erlauben, daß ich komme zu gehn— Müller. Was wollt Ihr? Löb. Ich warte und warte, aber Sie rufen doch nicht. Sind der Herr Graf von Roſenthal noch nicht angekommen? Müller. Er iſt da. Löb. Und mein Geld. Minna. Ei, Herr Löb Herz hier? Löb. Und— ſoll mir Gott— die Mamſel, ſie hat das Collier! Müller. Es iſt an ſeiner Stelle. Löb. Aber— Müller. Fort, in das Kabinet. L5ͤb. Gott, mir kommt die Angſt, ich glaub', ich habe gemacht einen dummen Streich.(Ab.) Henriette. Ein Wagen! er iſt's, es iſt Wal⸗ len, ich eile ihm entgegen. Müller. Bleiben Sie, liebe Henriette; ich hoͤre den Grafen. Ich wünſche, daß ihm die glückliche Ent⸗ —— wicklung noch unbekannt bleibe. Die gute Minna geht wohl ihrem Schwager entgegen und führt ihn heimlich in dieſes Kabinet; dort ſoll er, ohne geſehn zu werden, die ſaubern Abſichten ſeines Onkels erfahren. Bit⸗ ten Sie ihn in meinem Namen, nicht eher zu er⸗ ſcheinen, als bis ich ihn rufen werde. Henriette. Aber, lieber Herr Müller— Müller. Nur Ihr Glück habe ich hiebei im Auge. Sechszehnter Auftritt. Die Vorigen. Der Graf, welcher durch ſeinen Eintritt Ninna's Abgang verhindert Der Graf. Madame, die Scheidungsacte iſt bereit. Minna(keck). Gehn wir eine Wette ein: dieſe Acte wird nicht unterſchrieben. Der Graf. Wer iſt das junge Frauenzimmer? Minna(mit einer Verbeugung). Die Schwe⸗ ſter der Baronin von Wallen. Der Graf(mit höhniſchem Lächeln). Der Baronin von Wallen! Welcher Triumph für die kleinliche Eitelkeit einer Bürgerlichen, die Schweſter Baronin nennen zu können. Minna. Mein werther Herr Graf, ich habe einen Liebhaber, meinen Vetter Salzmann, einen bloßen Pachter. Wenn es alſo der Himmel erlaubt, ſo werde ich die Pächterin Salzmann. Ich wäre auch wohl recht gern Baronin geworden, aber wenn es mir ſo theuer zu ſtehn käme, wie meiner Schwe⸗ ſter, ſo würde ich es hübſch bleiben laſſen. Und wenn ich nun noch gar ſo einen vortrefflichen On⸗ kel mit in den Kauf bekäme, ſo wäre mir die Ba⸗ ronin um jeden Preis zu theuer. Ihre gehorſame Dienerin.(Sie verbeugt ſich und geht ab.) Siebenzehnter Auftritt. Die Vorigen, ohne Minna. Der Graf. Welche Frechheit! Jetzt, Madame, bitte ich um Ihren Entſchluß. Willigen Sie in mein Begehren? Unterzeichnen Sie und mein Neffe erhält ſeine Freiheit, meine Liebe und mein Ver⸗ mögen. Auch Sie werden ſich nicht über das Schickſal zu beklagen haben, das ich Ihnen bereite. Henriette. Ich ſollte in meine Schande wil⸗ ligen! Nimmer. Der Graf. Berückſichtigen Sie, daß durch die⸗ ſelbe Acte Ihnen eine jährliche Penſion von 4000 Gulden— Henriette. Nicht weiter! wenn ich je einen Augenblick hätte vergeſſen koͤnnen, daß ich die Ba⸗ ronin von Wallen ſey, ſo würde ich jetzt mich deſſen erinnern. Ich erſuche Sie, Herr Graf, nicht laͤn⸗ ger auf einem Vorſchlage zu beſtehn, den ich weder annehmen kann noch darf. Der Graf. Madame will die Stolze ſpielen— man wird ſie aus einem andern Tone ſprechen lehren. Müller. Sie ſollten wohl damit anfangen, den Ihrigen zu ändern. Der Graf. Wer ſind Sie, daß Sie es wa⸗ gen, auf dieſe Weiſe mit mir zu ſprechen? Müller. Ein Mann; ein Mann, der Mittel finden wird, Sie in die Gränzen des Anſtandes zurückzuführen, wenn Sie ſich daraus entfernen. Der Graf. Wie? Drohungen mir in dieſem Hauſe! Ich kann als Herr hier ſprechen und werde es bald beweiſen. Ich habe Rechte auf dieſes Haus. Müller(mit gemilderter Stimme). Es iſt wahr; faſt hätte ich das vergeſſen. Herr Graf, in Ihren Händen liegt das Schickſal dieſer Fa⸗ milie. Dieſes kleine Grundſtück iſt alles, was ſie beſitzt. Könnten Sie den Sohn Ihres Bruders der Verzweiflung Preis geben? Nein, nein! So weit werden Sie die Grauſamkeit nicht treiben! nein, Herr Graf, Sie werden Ihre nächſten Ver⸗ wandten nicht in das tiefſte Elend ſtürzen! Der Graf. Dieſe Bitten kommen ein wenig zu ſpät. Wenn Madame unterzeichnet— — 110— Muͤller. Im Namen Ihres Bruders—(mit Beziehung) Ihres ſterbenden Vaters, haben Sie Mitleid mit dem unglücklichen Wallen, mit dieſer gebeugten Familie! Der Graf. Vergebliche Rednerkniffe! Müller(kalt.) Iſt dieſes Ihr letztes Wort, Herr Graf? Der Graf. Ja, mein Herr, es iſt mein letz⸗ tes; und wenn mein Neffe nicht einwilliget, ſich von einer Gattin zu trennen— Achtzehnter Auftritt. Die Vorigen, Wallen. Minna. Wallen(mit Ungeſtüm aus dem Kabinet ſtür⸗ — zend.) Ich mich trennen.— Nimmermehr! Henriette(Wallen entgegen.) Mein theurer Gatte! Der Graf. Wallen hier!— Es war alſo ein angelegter Plan— Müller. Wallen, du haſt gehört, was dein Onkel von dir fodert. Wenn du nicht einwilligſt, eine angebetete Gattin zu verlaſſen, ſo wird er dich deines kleinen Erbes berauben, dein Weib aus dem Hauſe deiner Väter jagen und dich auf immer ver⸗ ſtoßen. Ich wollte in ſeinem Herzen das ſchöne Gefühl der Liebe und des Mitleids rege machen— — — mu Eitle Mühe! Dieſer harte Mann verdient keine Schonung mehr und die Nache, welche über ſeinem Haupte ſchwebt, iſt dir erlaubt. Nun denn, willſt du, daß ich mit einem einzigen Worte ſeinen Stolz niederſchmettre, daß ich Angſt und Zagen in ſeine Seele ſchleudere und ſeine Stirne mit der Farbe der Schaam bedecke?— Sprich, Wallen, willſt du? Wallen. Wie, ich ſollte das Verderben deſ⸗ ſen wollen, der den Tagen meiner zarten Kindheit ſeine väterliche Sorgfalt widmete, der mich ſo lange als ſeinen Sohn liebte? Herr Müller, ich kann mir nicht denken, daß es in Ihrer Gewalt ſtehe, Ihr Wort in Erfüllung zu ſetzen; aber wenn die⸗ ſes ſchreckliche Geheimniß Ihnen bekannt ſehn ſollte, o, ſo begraben Sie es auf ewig in Ihren Buſen! Man kann mich wohl mancher Unbeſonnenheit be⸗ ſchuldigen, aber fern bleibe von mir das Laſter der Undankbarkeit. Henriette. Wir wollen nichts wiſſen. Müller. Ihr entehrter Neffe, wie Sie ihn nennen, Herr Graf, Ihre bürgerliche Nichte, die Sie verderben wollen, bitten um Gnade für ſie. Der Graf(uußer ſich.) Das iſt zu arg! Mein Herr, Ihre Frechheit— Müller(falt.) Halt! Erinnern Sie ſich des rothen Buches, des Notar Flammer. — 112— Der Graf(bernichtet.) Ew'ge Gottheit!(ber⸗ wirrt.) Wir ſehn uns wieder, mein Herr wir ſehn uns wieder. Müller. O, ich weiß dieſes ſtolze Herz zu beugen, ich kenne den Fleck, wo es verwundbar iſt. Der Graf. Was wollen Sie damit ſagen, was können Sie wiſſen? Müller. Was Sie der ganzen Welt— ſich ſelbſt verbergen möchten. Der Graf. Ich gehe. Müller. Sie bleiben. Der Graf. Wer kann mich zwingen? Müller. Ich— Ihr Gewiſſen. Der Graf(unruhig.) Sie wollen mir Furcht einflößen. Müller. O, nein! Sie ſollen nur in Alles willigen, was ich Ihnen vorſchreiben werde. Der Graf. Nun denn, mein Herr, was verlangen Sie von mir? Müller. Gleich ſollen Sie es erfahren. (Nach dem Kabinette rufend) Herr Löb! Neunzehnter Auftritt. Die Vorigen. Löb Herz. Löb(eilig.) Sie haben nur zu befehlen. Wallen. Löb Herz? — 113— Müller. Hier iſt der ehrliche Mann, der auf das Verſprechen, welches der Kammerdiener Franz in Ihrem Namen ihm gab, dem Baron Wal⸗ len eine beträchtliche Summe vorſchoß. Ich habe ihn davon unterrichtet, daß er betrogen werde und auf ſeine Veranſtaltung wurde Ihr Neffe arretirt. Auch habe ich mich für das Verſprechen des Mosje Franz verbürgt; Sie, Herr Graf, werden die Güte haben, mein Wort zu löſen. 1 Der Graf(zu Löb.) Wie viel iſt ihm mein Neffe ſchuldig? Löb. Fünf tauſend ſechshundert Gulden mit die Prozentchen. Der Graf(ihm Wechſel aus ſeinem Porte⸗ feuille gebend.) Hier iſt die Summe.(Erſtaunen von Seiten Wallens, Henriettens und Minnas.) Löb. Soll mir Gott, der Herr Graf iſt ein generö⸗ ſer Herr, Cu Müller) wenn Sie wieder haben zu machen ein Geſchäft, ſo wenden Sie ſich an mich; Sie ſollen bedient werden prompt und ſicher.(Ab.) Zwanzigſter Auftritt. Die Vorigen ohne Löb. Franz, den die Neugierde herbeiführt. Müller(ihn bemerkend.) Ach, der ehrliche Kammerdiener! Er kommt gerade recht. Nur na⸗ II. 8 — 114— her, mein Freund. Herr Graf, was rathen Sie Ihrem Neffen, mit dieſem braven Manne zu thun? Der Graf. Ihn zum Teufel zu jagen. Müller(die Uhr ziehend.) Es i*ſt noch nicht ſieben Uhr. (Franz geht mit einer heftigen Bewegung ab.) Einundzwanzigſter Auftritt. Die Vorigen, ohne Franz. Der Graf. Jetzt, mein Herr— Müller(rufend.) Peter!(Zu dem eintre⸗ tenden Peter) Sagt dem Notar des Herrn Gra⸗ fen, daß er hier erwartet werde.(Peter ab.) Der Graf. Was können Sie noch verlangen? Müller. Sie errathen nicht? Der Graf(verlegen.) Ich ſehe wirklich nicht ein— Müller. Das thut mir leid um Ihretwillen. Zweiundzwanzigſter Auftritt. Die Vorigen. Der Notar. Müller(zu dem Notar.) Wo iſt die Schei⸗ dungsakte, welche Sie auf Befehl des Herrn Gra⸗ fen abfaßten? Der Notar. Hier iſt ſie. Müller Gzum Grafen.) Herr Graf, nehmen 1⸗ n — 115— Sie dieſe Akte; Sie wiſſen, was Sie damit zu thun haben.(Der Graf zerreißt ſie; zu Henrietten.) So löſe ich mein Verſprechen.(Zum Grafen.) Jetzt mein Herr wollen wir ſchließen. Der Graf. Es ſcheint mir, als hätte ich bereits— Müller. Nur wenige Ungerechtigkeiten wieder gut gemacht; aber die erſte, die Grundquelle aller übrigen, die bleibt noch gut zu machen und, ſo wahr ich ein rechtlicher Mann bin, es ſoll geſche⸗ hen.(Er gibt dem Notar ein Zeichen, der ſich zum Schreiben niederſetzt.) Herr Notar ſetzen Sie eine Akte auf, durch welche der Herr Graf von Roſenthal, ſeiner Nichte der Frau Baronin von Wallen, die Summe von 100,000 Gulden ſchuldig zu ſeyn erkennt. Henriette(erſtaunt.) Mir 100,000 Gulden. Wallen. Es iſt nicht möglich! Müller(fortfahrend.) Zahlbar—(zum Gra⸗ fen) Wie lange Friſt verlangen Sie? Der Graf. Zehn Tage ungefähr. Müller(zum Notar.) Zahlbar in zehn Ta⸗ gen.(Nachdem der Notar die Akte beendigt hat, uͤberreicht er ſie dem Grafen, welcher unterzeichnet.) Minna(bei Seite zu Henrietten.) Er unter⸗ ſchreibt, ohne die geringſte Einwendung. Hun⸗ 8* — 116— derttauſend Gulden! Schweſterchen, du biſt ein Millionär! (Der Notar geht ab. Müller nimmt die Akte und bie⸗ tet ſie Henrietten dar.) Henriette(ohne ſie anzunehmen.) Ich weiß nicht, ob ich dieſes Geſchenk annehmen darf. Nein, nein! es iſt dem Onkel meines Gatten durch Ge⸗ walt abgedrungen— ich nehme es nicht. Wallen. Deine Geſinnungen ſind die meinigen. Müller. Sie ſehn, Herr Graf, er wollte ſich nicht rächen, und ſie ſchlägt Ihren Erſatz aus. (Eine unmuthige Bewegung des Grafen.) Ja, Herr Graf, Erſatz— das iſt das Wort. Meine Freunde, euer Onkel ſchenkt euch nichts; dieſe Hun⸗ derttauſend Gulden gehören euch von Rechtswegen. Nicht wahr, Herr Graf?(Er nöthigt Henrietten die Akte anzunehmen.) Der Graf. Ja, ſie gehören meinem Neffen. Jetzt, mein Herr, habe ich alle Ihre Wünſche er⸗ füllt. Darf ich nun zum mindeſten auf Ihr Still⸗ ſchweigen zaͤhlen? Werden Sie ein Geheimniß bewahren— 1 Müller. Habe ich Ihnen das verſprochen? Der Graf. Ich wäre alſo betrogen. Müller(auf die Akte zeigend, welche Henriette in Händen hat). Nehmen Sie dieſes Papier zurück. — 117— (Sein Portefeuille hervorziehend.) Ich werde Ih⸗ nen die Summe wiedererſtatten, welche Sie Ihrem jüdiſchen Helfershelfer zahlten. Sie können ſogleich Ihre Rechte auf dieſes Haus geltend machen. Was hält Sie ab? Die Reue etwa, die Furie des Ge⸗ wiſſens? Unglücklicher! du haſt dich eines enteh⸗ renden Verbrechens ſchuldig gemacht, um eines Sohnes willen, den, vielleicht um dich zu ſtrafen, der Himmel dir ſchon vor langer Zeit nahm. Der Tod zertrümmerte deine hochfliegenden Plane— nicht die Frucht deines Verbrechens konnteſt du genießen, eines Verdrechens, das ich deinem Herzen nie zu⸗ getraut hätte. Der Graf(bewegt.) Wallen war mein Erbe — Ich habe ihn erzogen, ich liebte ihn. Müller. O ja, du liebteſt ihn! aber als er ſelbſt das ſchöne Glück ſeines häuslichen Lebens be⸗ gründete, da ſtreckteſt du die Hand nach ſeinem Eigenthume aus, und wollteſt ihn berauben, wie einſt ſeinen Vater. Der Graf(erſtaunt.) Mein Herr, wer ſind Sie? Müller. Ein Mann, der nicht die Furcht, der die Reue in deinem Herzen wecken wollte.(Er entfernt ſich einige Schritte, bleibt ſtehen und be⸗ trachtet Roſenthal.) Sollte denn alles Gefühl in dieſer kalten Bruſt erſtorben ſeyn? Sein Beneh⸗ — 118— men ſoll mich lehren, ob er noch der Freundſchaft würdig iſt, die mich einſt an ihn kettete.(Er geht in den Hintergrund, Roſenthal bleibt auf der näm⸗ lichen Stelle ſtehn, in tiefen Gedanken verſunken, dann wirft er ſich in einen Seſſel. Henriette, Wal⸗ len und Minna haben die Blicke auf Roſenthal ge⸗ heftet.) Minna l(auf den Grafen deutend.)) Er thut mir leid! Er ſcheint ſo unglücklich! Chm nahend) Herr Graf— Der Graf ſſeinen Blick erhebend.) Was wol⸗ len Sie, mein liebes Kind? Min na. Sein liebes Kind! Er iſt ſo gütig gegen mich und ich habe ihn doch ſo ſehr beleidigt. Eebhaft.) Herr Graf, ich war vorher ein wenig naſeweis ge⸗ gen Sie— Verzeihen Sie mir und(auf Müller zei⸗ gend) fürchten Sie ſich nicht vor dem da, er iſt nicht ſo ſchlimm, wie er ausſieht. Wallen. O, mein theurer Onkel, wenn Sie in meiner Seele leſen könnten. Henriette(dem Grafen die Akte darbietend, welche ſie unterdeß in der Hand hielt.) Nehmen Sie dieſes Papier zurück, ich beſchwöre Sie darum Wenn uns dieſes kleine Gut bleibt, ſo ſind alle unſre Wünſche erfüllt. — —* — 119— Wallen. Schlagen Sie Henrietten ihre Bitte nicht ab. Der Graf. Ich kann nicht; behalten Sie— (Er betrachtet Müller.) Minna. Er fürchtet ſich immer vor dem grauen Mann. Henriette(zärtlich.) Niemand ſoll erfahren, daß Sie dieſe Acte von mir zurück erhielten. Wallen. Minna wird ſchweigen. Minna. Ich werde ſtumm ſeyn, ſtumm wie das Grab.(Indem ſie ſich ſo ſtellt, daß Müller den Grafen nicht ſehen kann.) Greifen Sie zu, er ſieht's nicht. Henriette. Schenken Sie uns Ihre Liebe und wir werden reich genug ſeyn. Der Graf. Sie wollen durchaus? Henriette und Wallen. Nur Ihre Liebe, theurer Oheim. Der Graf. Wallen, es iſt dein Eigenthum, dein rechtmäßiges Erbe, das du mich nöthigſt, zurück⸗ zunehmen; ſeit zwanzig Jahren warſt du deſſen beraubt. Wallen. Mein Oheim— Der Graf(uufſtehend). Eine Kluft von Jah⸗ ren liegt zwiſchen mir und meinem Verbrechen; ich glaubte, es ſey verſunken in den Strudel der — 120— Vergeſſenheit und kein lebendes Weſen theile mit mir mein ſchreckliches Geheimniß, aber drohend ſteht es jetzt vor mir auf und die Reue ſchwingt ihre furchtbare Geiſel. Ja, Wallen, ich trage die Schuld, daß dein Vater enterbt wurde. Ich wollte das Glück meines Sohnes begründen, ſein einſtiges Erbe vergrößern. Kurz vor ſeinem Tode ließ mein Vater mich rufen— der Notar Flammer war bei ihm; auf dem Tiſch lag jenes rothe Buch, unſer Familien⸗Archiv, deſſen Namen ſo eben— Muüller(ſchnell vortretend). Jetzt, Roſenthal, jetzt verſpreche ich dir das Geheimniß. Der Graf(ſeinen Stolz zurückrufend). Und ich verlange es nicht. Sie ſollen die ganze Größe meines Fehltritts kennen lernen; dieſes Geſtändniß wird mir vielleicht Rechte auf Ihr Mitleid geben und mich von der Schaam befreien, vor Ihnen er⸗ röthen zu müſſen. Aber vor Allem, Madame, neh⸗ men Sie dieſe Acte zurück. Freiwillig und von gan⸗ zem Herzen gebe ich ſie Ihnen jetzt. Henriette. Sie könnte uns nur traurige Erinnerungen zurückrufen. Wallen, in deinen Au⸗ gen leſe ich, was ich zu thun habe.(Sie zerreißt die Acte.) Der Graf. Dieſer letzte Zug gewinnt Ihnen — 121— meine ganze Zärtlichkeit.— Liebe Nichte, kommen Sie in die Arme Ihres Oheims. Henriette(ihn umarmend). Mein theurer Onkel. Wallen(auſſer ſich vor Freude). O, Herr Müller, Sie machen mich zum glücklichſten der Menſchen. Muüller. Auch ich bin glücklich; alle meine Wünſche, meine Hoffnungen ſind erfüllt. Wallen hat dem Glanze des Goldes widerſtanden, Henriette war, was ſie immer ſeyn wird, die beſte der Frauen, Minna iſt ihrem guten Herzen gefolgt und Roſen⸗ thal hat durch ſein Geſtändniß ſich meine Freund⸗ ſchaft wieder erworben. Wallen, meine Ankunft bei deinem Schwiegervater war kein Werk des Zufalls; ich wollte ſie kennen lernen, der du die Hoffnung eines großen Vermögens aufopferteſt; ich ſah Hen⸗ riette und deine Wahl würde vor dreißig Jahren auch die meinige geweſen ſeyn. Roſenthal, dein ſterbender Vater machte mich mit der Teſtaments⸗ Clauſel bekannt, durch welche er dich beauftragte, deinem Bruder 100,000 Gulden als ſein Erbe zu⸗ zuſtellen und der Notar Flammer, beängſtigt durch meine Drohungen, offenbarte mir das ſtrafbare Ver⸗ hältniß, welches zwiſchen euch Beiden beſtand. Fünfundzwanzig Jahre brachte ich im fremden Welt⸗ — 122— theile zu— wohl mögen meine Züge ſich verän⸗ dert haben, aber, Roſenthal, ſieh mich genau an— Der Graf. Iſt es Täuſchung? Dieſe Züge — Ich irre mich nicht. Mein Freund, mein Alberg! (Umarmt ihn.) Wallen(lebhaft). Mein Onkel! Henriette und Minna. Sein Onkel? Alberg. Ja, meine Kinder, euer guter Onkel Alberg. Roſenthal, nimmer ſey zwiſchen uns die Rede vom Vergangnen, wir wollen jeden Gedanken daran aus unſrem Herzen verbannen. In eurer Mitte will ich meine Tage beſchließen. Immer noch werde ich einige kleine Eigenheiten und Ge⸗ wohnheiten beibehalten, die den Leuten vom ſoge⸗ nannten guten Ton auffallend ſind, meine Wahr⸗ heitsliebe wird wohl noch manchmal ihr altes Recht üben, aber ſtets werdet ihr einen wahren Freund, einen treuen Verwandten im grauen Manne finden. (Der Vorhang fällt.) Das Gasthaus im Gebirge, Drama in drei Aufzügen. — Nach dem Franzöſiſchen bearbeitet. Perſonen;: Maria, eine arme Frau. Günther, Wirth. Karl, deſſen angenommener Sohn. Ludwig, Pachter. Clementine, ſeine Tochter. Oswald,. Bertrand, Naäuber. Peter, Kellner. Robert, Anführer einer Dragonerpatrouille, Unter⸗ offizier. Mehrere Diener in Günthers Hauſe. Ein Notar. Bauern und Bäuerinnen. Dragoner. (Die Handlung ſpielt in einem Gaſthauſe, auf der Straße von Grenoble nach Chambery.) Er ſter Aufzug. (Hof der Herberge, hhinten durch einen hohen Zaun ge⸗ ſchloſſen, in welchem ſich eine Thüre befindet. Links dem Schauſpieler die große Eingangspforte. Vorn auf der nämlichen Seite eine Kellerthüre. Gegenüber Bäume, unter welchen Tiſche ſtehn.) ——¶¶¶ Erſter Auftritt. Peter. Andre Diener. (Beim Aufztehn der Gardine ſind die letztern mit der Ein⸗ richtung der Tiſche ꝛc. beſchäftigt; einige tragen Körbe mit Bouteillen. Andre trinken verſtohlen. Bei Peters Eintritt gerathen dieſe in Verlegenheit.) Peter. Was, Henker, treibt ihr da? Ein Diener. Wir— treiben?— Nichts. Peter. Nun wahrhaftig, das iſt eine ganz neue Art, nichts zu treiben. Habe ich denn nicht eben geſehn— Ein Diener. Ich kann auf meine Ehre verſichern— Peter. Auf deine Ehre? So ein Menſch hat — 126— Ehre? Wenn er noch Kellner wäre.(Auf's Neue ereifert.) Habe ich denn nicht geſehn, wie du dieſe Bouteille genommen—(er nimmt ſie) ſo das Glas gefüllt—(er füllt es) und drauf dergleichen Streiche getrieben haſt?(Er trinkt das Glas aus.) — Nun fort; ich habe nichts geſehn!— Raſch an die Arbeit, daß alles in ſeiner Ordnung iſt, wenn Herr Ludwig mit der allerliebſten Jungfer Clemen⸗ tine ankommt. Legt ein tüchtiges Brett auf dieſe Fäſſer. Da ſollen die Muſikanten hinauf— das Orcheſter.— So iſt's recht. Welche Mühe es koſtet, ſolche Faulentzer in Bewegung zu bringen! Nun, was ſteht ihr da? Glaubt ihr, daß mit unterge⸗ ſchlagenen Armen und offenen Mäulern die Arbeit vorwärts geht?— Marſch, in den Garten!— Ihr in den Keller!— Ihr Andern in's Haus. Die Küche will bedient ſehn, der Wein geholt und die Blumen ſehnen ſich ordentlich darnach, bei dem heu⸗ tigen Feſte zu glänzen. Alle fort— wollt ihr wohl die Beine ſchneller heben?— Welches Elend mit ſolchen Menſchen!—(Die Diener ab.) Zweiter Auftritt. Peter. Günther. Karl. Günther. Du biſt ja recht im Eifer? Gelt', heute gibt's zu thun? — 127— Peter. Wenn ich nicht eifrig bin, ſind jene auch nicht eifrig. Der Eifer muß den Eifer her⸗ vorbringen und wenn einmal der Eifer— Günther. Du kannſt ſchalten und walten wie du willſt. Ich habe dir unumſchränkte Voll⸗ macht gegeben. Verſäume nichts! Junge Leut' und alter Wein, rüſtige Muſikanten und gute Schüſſeln — das Beſte ſoll den heutigen Tag verherrlichen! Karl. Gütiger Vater!(Zu Peter.) Und du, mein Freund, bemühſt dich ſo ſehr um meinetwillen. Peter. Iſt gar nicht der Rede werth, lieber junger Herr. Eine tüchtige Bewegung iſt der Ge⸗ ſundheit zuträglich und was thut man nicht gern für ſolche brave Herrn? Nochmals gratulire ich von ganzem Herzen zu dem glücklichen Hochzeitstage, der denn endlich ſo nahe iſt— heute kommt der Schwiegerpapa und die Braut— und morgen— Karl(ſeufzend). Ach! Peter. Sie ſeufzen— am Abende vor der Hochzeit— in dem Augenblicke, wo Sie die Liebſte erwarten— Karl. Du irrſt, es iſt nichts! Peter. Ich irre?— Wahrhaftig, nein! Ich irre nicht. Sagen Sie ſelbſt, Herr Günther, hat der junge Herr nicht ſo eine gewiſſe melancholiſche Wehmüthigkeit im Geſichte?— — 128— Günther. In der That— allein das iſt leicht zu erklären. Er ſteht dem wichtigſten Schritte ſeines Lebens ſo nahe.— Peter. Der Henker, ja! Sie haben Recht. Wenn man heirathet, nimmt man eine Frau, und eine Frau iſt mannichmal— freilich denke ich nicht, daß Jungfer Clementine— 1 Günther. Ich denke, daß du etwas beſſeres thun könnteſt, als hier deine Zeit verplaudern. Peter. Da haben Sie wieder recht. Wenn ich einmal anfange zu ſprechen, ſo komme ich aus dem Sprechen leicht in's Reden, aus dem Reden in's Plaudern, aus dem Plaudern in's Schwätzen, aus dem Schwatzen—(ſchlägt ſich auf den Mund) Da vergeſſ' ich mich ſchon wieder. Aber nun ſoll es auch um ſo raſcher bei der Arbeit gehn. O, ich habe noch Vollauf zu thun.(Ab in's Haus.) Dritter Auftritt. Günther. Karl. Günther. Du ſiehſt, mein Freund, ich bin nicht der einzige, dem deine Traurigkeit auffallend iſt. Bald wird Clementine hier ſeyn. Was ſoll ſie von ihrem Geliebten denken, wenn nicht ſein ganzes Weſen von der heiterſten Freude belebt iſt — 129— an dem Tage, der ihn an das Ziel ſeiner Wünſche bringt. Karl. Ach! Wird Clementinens Vater noch in die Verbindung mir ſeiner Tochter willigen, wenn ihm das unglückliche Geheimniß bekannt iſt, das Sie mir ſo eben mitgetheilt haben? Günther. Freilich entdecke ich ihm dieſes Ver⸗ hältniß etwas ſpät, allein er wird meine Gründe hören und zufrieden ſeyn. Er iſt zu gut, zu ge⸗ recht, um an thörigten Vorurtheilen zu hängen. Er liebt ſeine Tochter, er liebt dich;z auch nach der Offen⸗ barung unſres Geheimniſſes wird er in dir ſeinen Ei⸗ dam, den braven Sohn ſeines alten Freundes ſehn. Karl. Ihr Sohn! O wie ſüß und wohllau⸗ tend iſt dieſes Wort. Aber der ſchönſte Wahn mei⸗ nes Lebens iſt vernichtet. Sie ſelbſt— Günther. Ich mußte. Dir vor Allen andern war ich die Entdeckung einer Angelegenheit ſchul⸗ dig, die dich am Nächſten angeht. Karl. Und wenn dieſes nie geahnte Verhält⸗ niß die Freude meines Daſeyns, das Glück meiner Liebe zu Grunde richtet? Günther. Ruhig, lieber Sohn! Du peinigſt dich mit ungegründetem Zweifel. Wo fände Lud⸗ wig einen tüchtigern Schwiegerſohn als dich? Ich trete dir mein Gaſthaus ab— das iſt kein magrer II. 9 — 130— Biſſen— du biſt jung, thätig, ſparſam; Clemen⸗ tinens Heirathsgut wird unter deinen Händen mäch⸗ tige Zinſen tragen. Sey ohne Furcht, ich ſeh' dich ſchon im Geiſte als Clementinens Mann, ich ſeh' die lieben Kleinen— Karl(ſeine Hand ergreifend). Möge der Him⸗ mel dieſe Hoffnung erfüllen. (Man hört einen Wagen vorfahren.) Günther. Was hör' ich?— Das ſind wohl gar ſchon unſre Freunde?— Beim Himmel— Karl(nachſehend). Sie ſind's. Es iſt Clementine. Günther. Heda! Peter! Heinrich! Franz! herbei! Karl(für ſich). Noch einen Augenblick und das Loos iſt geworfen für den Himmel oder— die Hölle. Vierter Auftritt. (Die Vorigen. Peter mit Dienern aus dem Gaſthauſe nach der Thüre im Hintergrunde, welche ge⸗ öͤffnet wird. Durch dieſe herein: Ludwig und Cle⸗ mentine. Letztere bleibt im Hintergrunde, während die Diener allerlei Gepäcke, Hüte, Schachteln u. dergl. herein nach dem Hauſe tragen. Karl in ihrer Nähe.) Ludwig(zu Günther). Guten Tag, beſter Freund! So bald haſt du uns nicht erwartet! Nicht wahr? Aber Clementine ließ ſich nicht halten. Flügel hätte mein guter Schimmel haben müſſen, um ihren Wün⸗ ſchen zu genügen. — 131— Günther. Ach, die jungen Leute werden noch ſo Manches zu beſprechen haben.— Am Tage vor der Hochzeit, was gibt es da nicht Alles. Wir wiſſen das, wir haben das ſelbſt mitgemacht.— Ludwig. Freilich! Wenn ich noch daran denke — meine verſtorbene Margarethe konnte gar nicht fertig werden.— Günther. Was gibt's denn dahinten?— Ludwig. Reſpect, Freund! Die Staats⸗ kleider, die Hauben, die Hüte, die Schachteln und noch tauſend andre Dinge ohne Namen werden ausgeſchifft. Dein Haus wird ausſehn wie das Magazin eines Trödeljuden. Ich danke Gott, daß ich hier bin. In dem Wagen war ich meines Le⸗ bens nicht ſicher. Ein babyloniſcher Thurm von Päckchen und Futeralen drohte mich in jedem Augenblicke unter ſeine Trümmer zu begraben. Clementine(zu den Dienern). Nehmt Alles wohl in Acht. Die Schachteln ganz beſonders. Peter. Soll beſtens beſorgt werden, Jungfer Cle⸗ mentine.(Mit den übrigen Dienern ab in's Haus.) Luwig(zu ſeiner Tochter). Die Staatsgeſchäfte ſind beendigt. Jetzt tritt herbei und umarme deinen künftigen Schwiegervater. Clementine heiter). Recht von Herzen. (Sie umarmt Günthern.) 9* — 132— Ludwig. Und du, Karl, wie ſtehſt du da? Warteſt du auf meine Erlaubniß, daß du deine Frau küſſen darfſt? Karl. Ich kenne kein größres Glück, als das, der Gatte Clementinens zu ſeyn, allein nicht eher kann ich darauf Anſpruch machen, als nachdem Sie meinen Vater gehört, nachdem Sie entſchieden ha⸗ ben, ob ich noch würdig bin, die Hand Ihrer Tochter vor dem Altare zu empfangen. Ludwig(überraſcht). Was ſoll das bedeuten? Günther. Ich will dir das Nähere mitthei⸗ len, während Karl ſeine Geliebte in ihren fernern Staatsangelegenheiten unterſtützt. Clementine. Das heißt ungefähr: ich bin überflüſſig hier. Günther. Auch du wirſt ſpäter Alles erfah⸗ ren. Geht, liebe Kinder, ihr werdet einander wohl auch allerlei zu offenbaren haben.— Ludwig. Aber vergeßt das Wiederkommen nicht. (Karl und Clementine in's Haus ab.) Fünfter Auftritt. Günther. Ludwig. Ludwig. Wir ſind allein. Nun ſprich. Welches wichtige Geheimniß kann deinen Sohn zu einer ſo ſeltſamen Auſſerung bewegen? — — 133— Günther. Nicht ohne Grund, mein Freund, fürchtet Karl dieſen verhängnißvollen Augenblick, da von dem, was du hören wirſt, das Glück oder Unglück ſeiner Zukunft abhängt. Ludwig. Auch du führſt eine gleiche Rede? Da wird mir angſt und bange— erkläre dich. Günther. So erfahre denn dieſes Geheimniß, das aller Welt verborgen blieb, das ich aber am heutigen Tage dir entdecken muß: Karl iſt nicht mein Sohn. Ludwig. Was ſagſt du, Karl iſt nicht dein Sohn? Günther. Nein, mein Freund. Es ſind nun ungefähr achtzehn bis neunzehn Jahre her— damals befand ich mich in Grenoble, das Unglück ſtürmte auf mich ein und entriß mir in einem Zeitraume von acht Tagen eine geliebte Gattin und mein ein⸗ ziges Kind. Mein Schmerz trieb mich aus der Stadt. Ich eilte zu einem Verwandten auf das Land. Als ich unterwegs vor einem Gaſthofe an⸗ halte, ſehe ich eine Menge Menſchen um ein lie⸗ benswürdiges Kind verſammelt. Dieſes hatte eine arme Frau dem Wirthe zurückgelaſſen. Vergebens hatte man bis jetzt auf ihre Rückkehr gewartet. Ich konnte dieſes Kind nicht ohne Bedauern anſehn; dann erwachte plötzlich der Gedanke in meiner — 134— Seele, das hülfloſe Weſen zu einer Stütze meines Alters zu erziehn; kurz, ich nahm es zu mir. Ludwig. Ohne weitre Erkundigung? Günther. Nach dem Berichte einiger Polizei⸗ reuter, welche der Mutter nachgeſchickt worden wa⸗ ren, hatte ſich dieſe Unglückliche aus den Gefäng⸗ niſſen von Grenoble heimlich entfernt. Welche Ubel⸗ thaten ſie dort hingeführt, konnte ich nicht erfahren. Man ließ ſie dort, aus Mitleiden mit ihrem Zu⸗ ſtande, eine gewiſſe Freiheit genießen, wodurch es ihr gelang, die Wachſamkeit des Kerkermeiſters zu hintergehn und ihre Flucht zu bewerkſtelligen. Ludwig. Was iſt aus ihr geworden? Günther. Wer kann das wiſſen! Wahrſchein⸗ lich iſt ſie in irgend einem fernen Lande im Elend umgekommen. Ludwig. Und kein ſonſtiges Zeichen, keine Nachweiſung— Günther. Doch! Ein Papier, welches ich in des Knaben Kleider verborgen fand, gab ihm den Namen Karl. Neben dieſem ſteht noch der Name Maria und der Buchſtaben B., letzterer wahr⸗ ſcheinlich als Anfangsbuchſtaben des Geſchlechts⸗ namens der Mutter. Seit dieſer Zeit hat Karl für Jedermann als mein Sohn gegolten, und ich kann den Entſchluß nicht genug ſegnen, der mich ein — 135— verlaſſenes Kind vielleicht dem Verbrechen entreißen ließ, indem er mich zum glücklichen Vater eines wackern Sohnes machte. Ludwig. Niemand, ſagſt du, kennt dieſes ſeltſame Geheimniß? Günther. Niemand. Ludwig. Und der Verwandte, welchen du damals beſuchteſt— Günther. Iſt gleich darauf geſtorben. Ludwig. So. Nun iſt mir wieder leicht. Gib deine Hand, alter Freund! Günther. Du änderſt alſo deine Geſinnungen nicht? Ludwig. Gott behüte! Ich ſollte den armen Burſchen die Fehler ſeiner Mutter vergelten laſſen? Ich ſollte ihm ſeine Geburt zum Verbrechen machen? Er iſt und bleibt mein lieber Karl; er wird meiner Tochter Gatte, und wird mich und meine Clemen⸗ tine durch ſeine Redlichkeit beglücken und darum— nur bald den Contrakt herbei, daß wir unterzeichnen! Günther. Braver Freund! Doch das konnte ich denken. Ich kenne ja deine Herzensgüte, deinen aufgeklärten Geiſt. Ludwig. Dieſe Sache ſey für immer abge⸗ than. Dieſes Geheimniß iſt todt für uns zwei. Wenn alle Menſchen ſo dächten, wie wir, ſo könnte — 136— Res Jedermann wiſſen, aber die Welt iſt einmal Welt und ihr zu Gefallen ſchweigen wir. Sechſter Auftritt. Die Vorigen. Karl. Clementine. Clementine(läuft herzu, indem ſie den furcht⸗ ſam folgenden Karl nachzieht). Alles iſt in der beſten Ordnung, lieber Vater. Keine Spitze ge⸗ drückt, kein Fältchen in den Kleidern. Nicht wahr, Karl? Günther(zu Karl, bedeutungsvoll). Nun, mein Sohn, wirſt du mir jetzt glauben? Karl(aufgeweckt). Wie, mein Vater? Ludwig(auf Clementinen deutend). Da ſteht deine Frau. Karl(mit hoher Freude). Iſt es möglich? Mein Glück bleibt dennoch— Ludwig. Noch einmal, mein Freund: da ſteht deine Frau. Karl. O Gott— meine Dankbarkeit— meine Freude— Ludwig. Nun, Kinder, laßt uns guter Dinge ſeyn! Clementine. Aber, mein Himmel, was ſind das für ſeltſame Reden, die hier gewechſelt werden? Ich verſtehe kein Wort davon und möchte in der That wiſſen— — 137— Ludwig. Iſt es dir nicht genug, liebe Toch⸗ ter, wenn ich dich verſichre, daß Karl in einem neuen Beweiſe ſeines Vertrauens mir auch eine wiederholte Probe ſeines Edelmuths gegeben hat? Clementine. Freilich! Allein— Günther. Daß wir die Hauptſache nicht ver⸗ geſſen. Karl, benachrichtige unſere Freunde im nahen Dorfe und führe ſie ſogleich herbei. Clementine. Ei, warum denn? Günther. Warum?— Um meiner lieben Clementine und ihres guten Vaters Ankunft zu feiern. Das ſoll heute nur ein kleines Feſt, eine Probe für morgen ſeyn. Am Hochzeitstage kommt die Hauptſache. Ludwig. Den Staub der Reiſe aber müſſen wir abſchütteln. Komm, Clementine. Wir wollen deinem Bräutigam Ehre machen. Auf Wiederſehn, lieber Sohn. Clementine. Kehre bald zurück! Karl. Im Augenblicke, theuerſtes Mädchen. Die Liebe gibt mir Flügel. (Karl durch den Eingang, die übrigen in den Gaſt⸗ hof ab.) — 138— Siebenter Auftritt. Oswald. Bertrand. (Ihre Kleider ſind mit Staub bedeckt. Der erſte trägt ein breites ſchwarzes Band, das mit dem linken Auge einen Theil ſeines Geſichts bedeckt.) Oswald. Endlich ſind wir der Grenze nahe. Bertrand. Dem Himmel ſey Dank!— Seit den zwei Tagen, daß wir aus den Gefängniſſen von Lyon entwichen ſind, werde ich einen fortwäh⸗ renden Schauder und ein verdammtes Zähnklappern nicht los. Alle Straßem ſind mit Dragonern be⸗ deckt. Sie kommen von allen Seiten herbei, wie die Krähen am Hochgericht. Und Augen haben die Hunde— Oswald. Pah! Du zitterſt bei jeder Kleinig⸗ keit wie ein altes Weib. Bertrand. Gern geſteh' ich, daß ich noch hundert Meilen weit von der edeln Dreiſtigkeit ent⸗ fernt bin, die dich beſeelt. Solche Unverſchämtheit, ſolche Frechheit— ach! das ſind köſtliche Güter für unſereins. Da trägſt du den Kopf ſo ſtolz, ſo frei— als wenn du der ehrlichſte Burſche von der Welt wärſt. Oswald. Nur recht zuverſichtlich und dreiſt einem Jeden ins Auge geblickt! das entfernt den Verdacht. Was haben wir überhanpt zu fürchten? — 139— Mich macht dieſe Binde unkenntlich. Unſre Flucht war ſo eilig, daß uns vor der Hand noch keine Verfolgungen erreichen können. Übrigens haben wir Päſſe— Bertrand. Meine Kunſtwerke. Oswald. Welche uns bereits höchſt nützlich geweſen ſind. Bertrand. Das denk' ich! Aber immer packt mich ein unwillkührliches Erbeben, wenn die Spür⸗ hunde der Gerechtigkeit ihre Naſen hineinſtecken. Eine Kleinigkeit, ein verfehlter Strich, kann uns verrathen. Oswald. Nur Zuverſicht— dann kommt das Glück von ſelbſt. Wie wurde der Unteroffizier des letzten Pikets nicht von uns angeführt. Er las die Päſſe mit einer Aufmerkſamkeit, verglich unſre Per⸗ ſonen mit dem Signalement ſo eifrig— Bertrand(giftig). Der Hund!— Das Blut erſtarrte mir in den Adern. Oswald. Dummer Tropf! der mindeſte An⸗ ſchein von Verlegenheit hätte ſeinen Verdacht erre⸗ gen und uns in die angenehme Lage bringen kön⸗ nen, an einer engen Halsbinde zu erſticken. Ich ſah ihm dreiſt und guter Dinge ins Geſicht, da ließ er uns ohne Umſtände weiterziehn. Bertrand. Für diesmal ſind wir mit einem — 140— blauen Auge davon gekommen. Aber ich wollte doch, wir wären in Sicherheit. Oswald. In ein Paar Stunden ſind wir auf piemonteſiſchem Grunde. Bertrand. Bis dahin trag' ich einen Stein auf dem Herzen. Oswald. Die Hitze iſt drückend heute. Ich kann nicht mehr fort. Dieſes iſt das Wirthshaus, von dem ich dir geſprochen habe. Hier wollen wir bleiben und die müden Knochen ſtärken. Bertrand. Woran denkſt du? Das wäre die größte Unvorſichtigkeit— Oswald. Mit deiner ewigen Bedächtigkeit! (Nimmt Bertrands Hand.) Sey muthig und guter Dinge. Wozu die ſtete Furcht? Müſſen wir ein⸗ mal den dreibeinigten Pallaſt beziehn, ſo mag's drum ſeyn— bis dahin mag ich mir das Leben nicht verbittern. Bertrand. Der Satan hat dich mit dieſer Gleichmüthigkeit ausgeſtattet. Oswald(ruft). Heda, Kellner! Achter Auftritt. Die Vorigen. Peter. Peter(noch im Hauſe). Gleich, gleich!(er erſcheint) Wer ruft? — 141— Oswald. Hier, mein Freund! Peter. Sein Freund?— Haha, mit dem möchte ich noch keine Brüderſchaft trinken. Geide betrachtend.) Was verlangt ihr? Oswald. Was du haſt.— Kalten Braten, alten Wein— Peter. Gut! Im Augenblick.(Er bleibt ſtehn und betrachtet ſie fortwährend.) Oswald. Nun?— Ich glaube, der Burſche iſt taub.— Peter(etwas verblüfft). Bitt' um Verzeihung! Aber da drinn im Hauſe geht Alles drunter und drüber. Morgen halten wir Hochzeit, heute iſt ein kleines Feſt— da wollt' ich nur ſagen, wenn es Ihnen einerlei iſt, ſo könnten Sie wohl hier im Grünen die verlangte Collation— Oswald. Schon recht!— Bring' Alles her. Peter. Auf das Schnellſte ſollen Sie bedient werden.(Bei Seite.) Was das für Geſichter ſind! Denen möchte ich nicht im Walde begegnen zwiſchen Licht und Dunkel.(Ab in's Haus.) Neunter Auftritt. Oswald. Bertrand. Oswald(ſieht ſich nach den Zubereitungen des Feſts um). In der That! Alles iſt hier zu einem — 142— Feſte bereitet. Zu einer Hochzeit, ſagte der Burſche. Deſto beſſer. Das wird uns zerſtreuen. Ich bin ein Freund von Hochzeiten. Bertrand. Da ſollteſt du heirathen. Oswald. Das iſt bereits ohne deinen Rath geſchehn. Schon manche Sonne iſt ſeit jener Zeit untergegangen. Bertrand. Was Henker! Davon haſt du mir nie geſprochen. Wo befindet ſich denn deine glück⸗ liche Ehehälfte. Oswald. Vor achtzehn oder neunzehn Jahren wurde ich ihrer müde, da ließ ich ſie ſitzen. Bei derſelben Gelegenheit betrog ich die liebe Gerechtig⸗ keit um meine werthe Perſon, nach der ſie gerade ein ſtarkes Verlangen zeigte. Bertrand. Und was iſt aus deiner Frau geworden? Oswald. Davon weiß ich nichts. Bertrand. Wahrſcheinlich wird ſie eine eben ſo ruhmwürdige Bahn durchlaufen haben, wie du? Oswald. Daran zweifle ich. Das war eine Frau von Grundſätzen. Die hatte Tugend und Moral beim dritten Wort im Munde. Die Närrin wäre lieber bei Elend und Arbeit zu Grunde ge⸗ gangen, als daß ſie ſich unſrer bequemen Mittel, — 133— dem Glücke ſeine Gunſtbezeugungen abzunöthigen, bedient hätte. Bertrand. Das war keine Frau für dich: ſo⸗ viel iſt gewiß. Seit eurer Trennung haſt du nichts von ihr gehört? Oswald. Kein Wort. Bertrand. Sonderbar! Zehnter Auftritt. Die Vorigen. Peter. (Am Ende des vorigen Auftritts hatte Peter einen Tiſch gedeckt und beſetzt, ohne daß Oswald und Ber⸗ trand es gewahrt hatten. Nachdem er alles geord⸗ net, geht er hinter Bertrand und ſchlägt ihn leiſe auf die Schulter.) Peter. Iſt's gefällig, meine Herrn? Alles ſteht bereit. Bertrand(fährt bei Peters Berührung heftig empor). Was, Teufel— Peter(erſtaunt). Ei Jemine, ich wollte nur— Oswald(bei Seite zu Bertrand). Thor! Du wirſt uns verrathen. Bertrand. Nun, nun! UÜber dergleichen Dinge kann man nicht Herr werden. Ich glaubte, es wäre ein Dragoner. (Sie ſetzen ſich an den gedeckten Tiſch. Man hört eine ländliche Muſik.) — 144— Peter. Wer kommt da?(Er ſieht durch den Eingang.) Das ſind ja ſchon die Gäſte, die der junge Herr uns zuführt. Schöne Mädchen, ſchmucke Burſchen, rüſtige Muſikanten—(Er läuft zum Hauſe.) Herr Ludwwig, Jungfer Clementine, kom⸗ men ſie herunter. Das Feſt geht los. (Landleute beiderlei Geſchlechts; Muſikanten vor dem Zuge. Karl läuft voraus und holt, wäh⸗ rend die andern ſich auf der Bühne ordnen, Günther, Ludwig und Clementinen herbei.) Eilfter Auftritt. Die Vorigen. Günther. Ludwig. Clementine. Karl. Bauern, Bäuerinnen, Muſikanten. Spater Maria. Günther. Willkommen, lieben Freunde. Ich hoffe, ihr bringt muntre Beine und trockne Kehlen mit. Da ſind hübſche Mädchen für rüſtige Tänzer, dort Eſſen und Trinken. Nun bediene ſich jeder ſelbſt! (Einige ſetzen ſich an die gedeckten Tiſche. Diener tragen Eſſen und Trinken zu. Im Hintergrunde wird getanzt.) Peter(am Eingange). Was für ſeltſame, weh⸗ müthige Tone! Jemine! Wer kommt denn noch? (Karl eilt zum Eingange.) Günther. Was iſt? — 145— Karl(indem er Marien hereinführt). Eine Unglückliche! Halbtodt durch Hunger und Ermü⸗ dung war ſie an der Landſtraße niedergeſunken. Ludwig. Die Arme. Clementine(welche von den Tänzern ſchnell vorgetreten iſt). Man muß ihr ſogleich Hülfe leiſten. Günther. Peter, gib Wein— (Maria genießt etwas Wein.) Karl Gu Marien). Fühlt Ihr euch nun er⸗ leichtert? Maria(noch ſchwach). O, mir iſt um Vieles beſſer. Das war Hülfe in der Noth. Seit geſtern Morgen hatte ich nichts genoſſen. Die Umſtehenden. Armes Weib! Günther. Ihr ſeyd nicht aus dieſer Gegend? Maria. Nein, mein Herr. Karl. Habt wohl eine lange Reiſe gemacht? Maria. Ich komme aus Italien. Ludwig. Und wo führt Euch euer Weg hin? Maria. Nach Montmelion. Ludwig. Welche Abſicht— Maria. Ich fühle mich zu ſchwach, um im Felde zu arbeiten. Ich will dort einen Dienſt ſuchen. Ludwig. Ohne Zweeifel findet Ihr in Mont⸗ melion Eure Verwandte, Eure Freunde. II. 10 — 146— Maria. Ach! Ich habe keine Verwandte mehr und— wo fände der Unglückliche Freunde? Ludwig. So habt Ihr doch wenigſtens Be⸗ kannte.— Maria. Niemand. Ludwig. Wie? Ohne Verwandte, ohne Freunde, glaubt Ihr— Maria(mit einem Blick zum Himmeh. Gott wird helfen! Ludwig(für ſich). Die Unglückliche! Sie erregt meine ganze Theilnahme. Maria. Doch Verzeihung! Ich ſeh', daß meine Gegenwart Ihre Freude ſtört und will mich entfernen. Ludwig. In dieſem Zuſtande dürft Ihr Eure Reiſe nicht fortſetzen. Karl. Gott behüte! Ihr bleibt dieſe Nacht hier; mein Vater wird gern— Günther. Du biſt jetzt Herr im Hauſe und überdem— ich wies noch keine Unglückliche von meiner Thür. Maria. Welche Güte! Ludwig. Alſo, dabei bleibt's. Morgen wer⸗ det Ihr euch erholt haben und könnt weiter ziehn. Karl. Peter, du wirſt dieſer armen Frau ein — 147— Gemach anweiſen. Indeſſen laſſe ſie hier nieder⸗ ſitzen und bediene ſie mit Speiſe und Trank. Peter. Soll geſchehn. (Maria ſetzt ſich zu einem Tiſche. Die übrigen kehren zu den Gäſten zurück, Der Tanz dauert noch eine kurze Zeit. Dann tritt die Dämm⸗ rung ein. Die Gäſte verſammeln ſich zum Ab⸗ ſchied um Günther.) Günther. Lebt wohl, meine Freunde! Schlaft gehörig aus, daß ihr mir morgen neue Kräfte mit⸗ bringt. Gute Nacht! Alle. Gute Nacht! Auf Morgen! (Alle grüßen das Brautpaar und deſſen Ver⸗ wandte. Während dieſer Zeit nähert ſich Os⸗ wald Marien und beobachtet ſie aufmerkſam, als ſuche er ſich ihrer zu erinnern.) Bertrand(das bemerkend). Du betrachteſt dieſes Weib ſo aufmerkſam? Was haſt du— Oswald. Nichts! Bertrand. Aber— Oswald. Nein, nein! Es iſt unmöglich. Doch wäre ich begierig, zu wiſſen— (Maria, in tiefes Nachdenken verſunken, bemerkt Oswalds Nachforſchungen nicht. Günther, Ludwig und ihre Kinder, welche die Gaͤſte begleitet, kehren auf die Scene zurück.) 10* — 148— Zwoͤlfter Auftritt. Die Vorigen, ohne die Landleute und Muſikanten. Ludwig. Nun, meine Freunde, laßt uns noch das Wichtigſte beſprechen. Ich hätte noch heute gern unſre kleinen Finanzgeſchäfte in der Ordnung. Günther. Heute— morgen— übermorgen — das hat Zeit. Mit zwei Worten iſt das abge⸗ than. Ich übergebe Karl mein Gaſthaus, meine Feldgüter; die Ausſtattung deiner Tochter beträgt— Ludwig. 12,000 Francs— Oswald(bei Seite). Ein ſchöner Biſſen! Das Waſſer läuft mir im Munde zuſammen. Ludwig. Die in gültigen Banknoten ſich in dieſem Taſchenbuche befinden. Oswald(zu Bertrand). Hörſt du? Bertrand. Ich verliere kein Wort. (Von dieſem Augenblick ſcheint Oswald mit einem Plan beſchäftigt.) Ludwig. Und eben aus dieſem Grunde mochte ich die Sache zu Ende gebracht ſehn. Das ver⸗ wünſchte Taſchenbuch drückt mich, wie eine Eiſenlaſt. Die beſtändige Furcht, es zu verlieren. Oswald(bei Seite). Von der will ich dich bald befreien. Ludwig. Sobald der Contrakt unterzeichnet iſt, — 149— übergebe ich Karln die Mitgift ſeiner Frau und bin dann alle Sorgen los. Karl. Wie wär's, mein Vater, wenn ich den Notar holte?. Clementine. Welcher Gedanke! Du wollteſt um dieſe Stunde noch zur Stadt? Das ſind wenig⸗ ſtens vier gute Stunden— Günther. In der That, der Gedanke iſt ſo übel nicht. Karl mag ſeines Schwiegervaters Ca⸗ briolett nehmen. Die Nacht ſchläft er unten und morgen mit dem Frühſten kehrt er, von dem No⸗ tar begleitet, zurück. Ludwig. Vortrefflich! Wie aus der Seele geſprochen. Clementine. Aber könnt' er denn nicht bis morgen warten? Ludwig. Nein, nein! Das iſt eine abgemachte Sache. Peter, laß einſpannen! Peter. Das ſoll gleich geſchehn ſehn! Aber, junger Herr, wollen Sie mir nicht vor der Abfahrt Ihre Befehle geben. Wie werden unſre Gäſte logirt? (Oswald höͤrt aufmerkſam zu.) Karl. Mein lieber Schwiegervater in Num⸗ mero 13. Das iſt das ſchönſte Zimmer im ganzen Hauſe. Clementine in das niedliche Gemach am Ende des Gangs— — 150— Peter(auf Maria deutend). Und dieſe arme Frau? Karl. Ihr weiſ' das kleine Zimmer neben dem des Herrn Ludwig an. Peter. Gut. Nummero 8. Wenn nun aber noch Reiſende kommen. Karl. Sie erhalten ihre Zimmer auf der an⸗ dern Seite. Kein Geräuſch ſoll den Schlummer meiner theuern Clementine ſtören. Peter. Gut.(Er wendet ſich zum Gehn.) Karl. Apropos. Hier nimm für jeden Noth⸗ fall das Bund mit den doppelten Schlüſſeln. Sie ſind nummerirt. Peter. Gut.(Ab in's Haus.) Karl. Nun habe ich noch ein kleines Geſchäft zu beſorgen, dann geht's gleich auf die Reiſe. (Karl, Günther in's Haus. Clementine folgt und winkt hierzu auch ihrem Vater. Dieſer aber gibt ihr zu verſtehn, daß er mit Marien reden will. Clementine ab.) Dreizehnter Auftritt. Ludwig. Maria. Oswald. Bertrand. Bertrand(zu Oswald, während Ludwig Ma⸗ rien betrachtet). Was geht dir im Kopfe herum? Du ſcheinſt mit einem wichtigen Gedanken beſchäftigt. — 151— Oswald. Die verdammten 12,000 Franken haben meine Sehnſucht erweckt. Bertrand. Wie könnten wir— Oswald. Ich habe ein Plänchen— begleite mich. (Beide in das Haus.) Vierzehnter Auftritt. Ludwig. Maria. Ludwig(bei Seite). Ja, ja! Hier im Hauſe braucht man ehrliche, verſtändige Leute. Dieſe Frau gefallt mir. Ich muß doch einmal näher ſehn, ob ſie nicht etwa für meine jungen Leute paßt. UÜber die erſte Jugend iſt ſie hinaus. Nun— eine Frage iſt erlaubt.(Maria ſteht auf, um ſich zu entfernen, Ludwig hält ſie zurück.) Bleibt! Ich wünſche mit Euch zu reden. Maria. Ich erwarte Ihre Befehle, mein Herr. Ludwig. Wie nennt Ihr euch? Maria. Maria. Ludwig. Maria, Euer ſanftes und beſonnenes Weſen laſſen mich glauben, daß Ihr nicht in dem elenden, niedrigen Stande geboren ſeyd, in dem Ihr euch befindet? Maria. Ach, mein Herr! rechtſchaffne Ackers⸗ leute waren meine Eltern. Sie ließen mich viel⸗ leicht über meinem Stande erziehn. Alles ſchien — 152— mir in meiner Jugend eine glückliche Zukunft zu weiſſagen; aber es gibt Weſen, an deren Schritte ſich das Unglück zu feſſeln ſcheint, und die arme Maria gehört zu dieſen. Ludwig. Wurden Euch vielleicht durch den Tod Eure nächſten Freunde geraubt?— War't Ihr verheirathet? Maria(mit Schmerz). Verheirathet?— Ja, mein Herr. Ludwig. Hattet Ihr Kinder? Maria. Ich hatte einen Sohn.— Meinen Gatten— mein Kind— habe ich verloren und mit ihnen meine Ruhe, mein Glück—(bei Seite) Ach, und noch mehr! Ludwig. Tröſtet Euch, armes Weib! Der Himmel kann dieſe Leiden lindern. Maria. O, nein! Mein Frieden iſt unwieder⸗ bringlich dahin. 3 Ludwig. Glaubt das nicht. Der Frieden der Seele kehrt leicht wieder, wenn wir die Liebe und Achtung rechtſchaffner Leute beſitzen. Maria(ſchluchzend). Ewiger Himmel! Ludwig. Wie?— Meine Rede ſcheint Euch zu beunruhigen. Hätte ein Verbrechen— Maria(lebhaft). Ein Verbrechen?— Nein, nein! Ich bin ſchuldlos. Ich rufe den Himmel zum Zeugen. Ludwig. Schuldlos?— Welche Beziehung hat dieſes Wort! Wäret Ihr ungerechterweiſe an⸗ geklagt worden? Maria(berlegen). Mein Herr— Ludwig. Sprecht deutlicher! Maria. Verzeihen Sie— ich kann nicht— Ludwig. Sprecht ohne Furcht, Maria. Offnet mir Euer Herz. Vielleicht— Ihr ſchweigt. Freilich, dann muß ich meine Vorſchläge zurückbehalten. Ubrigens— Ihr ſeyd unglücklich— Ihr habt An⸗ ſpruch auf mein Mitleid. Nehmt dieſe Börſe. Sie enthält einiges Geld und kann Eure erſten Bedürf⸗ niſſe befriedigen. Maria(weinend). O Gott! Warum werde ich ſo tief erniedrigt? Ludwig. Nun, ſo nehmt. Maria. Nein, mein Herr. Behalten Sie dieſe Gabe— ich entferne mich, um Ihnen den Anblick einer Elenden zu entziehn. Ludwig. Und wo gedenkt Ihr hin? Maria. Ich weiß es nicht; aber Gott, vor dem die Herzen offen da liegen und dem es bekannt iſt, ob ich das Unglück verdiene, das von allen Seiten über mich eingebrochen iſt, wird mich nicht verlaſſen. Ludwig(weich). Bleibt, Maria, bleibt— ich — 154— bitte darum. Meine unwillkürliche Aufwallung hat Euch gekränkt? Maria. Ich kann es nicht läugnen. Sie hat mein Herz zerriſſen. Ludwig. Aber warum verſagt Ihr mir auch Euer Vertrauen? Maria(immer in Thränen). O— mein Herr— Ludwig. Bedenkt Euch. Ich meine es gut mit Euch; ich habe im Sinne, Euch dem Elende zu entreißen. Morgen, wenn Ihr vielleicht mehr Vertrauen zu mir gewonnen habt, ſollt Ihr meine Abſichten kennen lernen. Bis dahin nehmt immer⸗ hin dieſe Börſe, nicht als einen Beweis meines Mitleids, ſondern als ein Zeichen der Theilnahme, die Ihr mir einflößt. Maria(nimmt die Börſe). Ich gehorche. Ludwig. Kommt mit herein. Ihr habt mich verſtanden? Morgen, hoffe ich, werdet Ihr euch nicht entfernen, ohne zuvor mit mir geredet zu haben. Maria. Ich verſpreche es Ihnen. (Beide in das Gaſthaus ab, während Oswald und Bertrand heraustreten. Erſterer iſt ſo nachdenkend, daß er jene gar nicht bemerkt.) — 155— Fünfzehnter Auftritt. Oswald. Bertrand. Bertrand. Jetzt ſprich endlich einmal, was dein ſeltſames Benehmen zu bedeuten hat? Du mietheſt da ein Zimmer für die Nacht— Oswald(umblickend). Still. Ich ſuche einen entlegenen Ort, wo ich dir meinen Plan mittheilen kann, ohne daß wir fürchten dürften— Bertrand. Wir ſind allein. Laß mich nicht länger warten. Oswald. Haſt du Muth, mir in einem ge⸗ fahrvollen Unternehmen beizuſtehn? Bertrand. Warum nicht. Laß hören, was führſt du im Sinn— Oswald. Die zwölftauſend Franken müſſen wir haben. Bertand. Wie— du wollteſt noch— Oswald(ohne auf ihn zu hören). Der dumme Burſche— Peter, hat das Bund mit den numme⸗ rirten Nachſchlüſſeln— Bertrand. NRichtig. Oswald. Auch der Schlüſſel von Ludwigs Zimmer muß ſich daran befinden. Bertrand. Ohne Zweifel. Oswald. Den müſſen wir zu faſſen ſuchen. Bertrand. Azer— — 156— Oswald. Dieſe Nacht machen wir in der Stille bei Ludwig einen Beſuch und— das Taſchen⸗ buch iſt unſer.. Bertrand. Wenn er aber durch das Geräuſch erwacht, nach Hülfe ruft— Oswald. Pah! Mit deinen albernen Bedenk⸗ lichkeiten! Er wird nicht erwachen. Bertrand. Nun, meinetwegen. Und— das Schlüſſelbund? Oswald. Schweig'!— Der Kellner kommt. Sey im rechten Augenblicke bei der Hand. Sechszehnter Auftritt. Die Vorigen. Peter. Oswald. Et, unſer werther Herr Peter! Iſt unſer Zimmer bald bereit? Peter. Im Augenblick, meine Herrn— Je⸗ mine! Ich bin ſo beſchäftigt— Bertrand. Wir haben keine Eil'. Peter. Eine ſolche Arbeit, eine ſolche Laſt— Oswald. Wenn wir Ihnen worin dienen kön⸗ nen, mein theurer Herr Peter, ſo geſchieht es mit dem größten Vergnügen. Peter. Danke ſchön, meine Herrn. Das Pferd iſt eingeſpannt, der junge Herr wird gleich — 157— abfahren. Ich will nur noch einen Korb mit altem Wein aus dem Keller holen. 1. Oswald(bei Seite zu Bertrand). Suche für einen Augenblick ſeine Aufmerkſamkeit auf dich zu wenden. Bertrand(nimmt Peter bei Seite). Aber iſt es nicht unvorſichtig von deinem jungen Herrn, um dieſe Stunde eine ſolche Reiſe zu unternehmen? Peter. Freilich, freilich. Aber ich habe ihm ein Paar gute Piſtolen in den Wagen gelegt— ei⸗ nen Degen daneben und— noch eine Jagdflinte. Bertrand. Das iſt etwas Andres. Oswald(welcher während dieſes Geſprächs leiſe zu der Kellerthüre geſchlichen iſt, dort den Schlüſſel abgezogen hat und, ohne daß dieſes Alles von Peter bemerkt wurde, nun wieder an ſeinen alten Platz tritt). Daran hat Herr Peter ſehr wohl gethan. Man kann ſich nicht genug vorſehn bei ſolchen Gelegenheiten. Peter(an der Kellerthüre). Jemine! Der Schlüſſel iſt fort. Wer mag nur— Oswald. Was iſt? Peter. Nichts. Nur der Kellerſchlüſſel— (EEr ſucht in ſeinen Taſchen.) Oswald. Hat man einen Schlüſſel entwendet? Peter. Pah! Entwendet! Da unten iſt nichts — 158— zu ſtehlen. Da iſt noch eine ſtarke Eiſenthüre— aber der verdammte Schlüſſel— Nun, ich werde ihn ſchon wiederfinden. Indeſſen will ich das Bund holen.(In's Haus.) Oswald. Jetzt gilt's! Du haſt mich verſtan⸗ den. Er bringt die Schlüſſel— Bertrand. Vergiß nicht. Nummero 13— Oswald. Sey unbeſorgt— er kommt— ſtill! Peter(kehrt mit dem Schlüſſelbunde zurück; er liest die Aufſchriften). Kellerſchlüſſel! Das iſt der rechte.(Er will ſich des Schlüſſels bedienen, ohne ihn von dem Bunde loszumachen, allein der Schlüſſel dreht ſich nicht.) So geht's nicht.(Er nimmt den Schlüſſel aus dem Bund und legt die⸗ ſes auf einen Tiſch nahe an der Kellerthüre; dann öffnet er die Thüre und ſteigt hinab.) Oswald(läuft ſchnell, um ſich des Schlüſſel⸗ bunds zu bemächtigen). Laß uns keinen Augenblick verlieren. Bertrand. Irre dich nicht. Es iſt Nummero 13. Oswald(überfliegt die Aufſchriften). Zehn— eilf— dreizehn! Da iſt er. Bertrand. Schnell. Oswald(hat den Schlüſſel losgemacht). Ich habe ihn. — 159— Peter(der wieder erſcheint mit einem Wein⸗ korb). Was, den Schlüſſel? Oswald(verlegen). Den Schlüſſel?— Frei⸗ lich— ich habe ihn wiedergefunden.“ Peter. Jemine! Wo war er denn? Oswald(gefaßt, indem er ihm den Keller⸗ ſchlüſſel gibt). Auf dieſem Tiſche.— Da! Peter(im Abgehn). Danke auf's Schönſte. Bertrand. Nicht Urſache.(Ihn zurückrufend.) Ei, Herr Peter, Sie vergeſſen Ihr Schlüſſelbund. Peter. Wahrhaftig. Nun, ich bin ja unter ehrlichen Leuten.— Jetzt kann der junge Herr abreiſen.(Ab in's Haus.) Siebenzehnter Auftritt. Oswald. Bertrand. Oswald(ſchlägt Bertrand freudig auf die Schulter). Freund, wir haben ihn. Bertrand. Man kommt. Oswald. Still. Achtzehnter Auftritt. Die Vorigen. Ludwig. Günther. Clementine. Karl. Maria. Peter. Diener mit Fackeln. (Während Karl von Allen Abſchied nimmt, geht Peter ab und öffnet den hintern Ausgang.) Karl. Lebt wohl, meine Freunde. Gute Nacht, gute Nacht. 1 — 160— Alle. Glückliche Reiſe. (Karl geht nach dem Hintergrunde, die übrigen geleiten ihn. Oswald und Bertrand blei⸗ ben im Vorgrunde und drücken in Mienen und Blicken die Ungeduld, ihren Plan auszufüh⸗ ren, aus.) Zweiter Auf zu g. (Der große Saal des Gaſthauſes. Rechts dem Schauſpieler eine Treppe, welche zu einer Gallerie führt. Dieſe geht über die ganze Breite der Bühne. Auf der Gallerie ſieht man die Zimmerthüren, welche nummerirt ſind. Nro. 13. befindet ſich in der Mitte. Links dem Schau⸗ ſpieler, bei der erſten Couliſſe, eine Thüre, welche zur Küche führt; bei der zweiten eine nach Außen führende Thüre. In der Mitte unter der Gallerie der Haupt⸗ eingang. Links dieſes Eingangs eine andre Thüre zu dem von Oswald und Bertrand beſetzten Zimmer.) Erſter Auftritt. (Oswald, Bertrand treten mit den Zeichen des Schrecks und der Verwirrung aus Nro. 13. Sie ſchauen nach allen Seiten, ob niemand ſie bemerken kann, und ſteigen herab.) Bertrand. Nur ſchnell, nur geſchwind in un⸗ ſer Zimmer— bald wird's Tag— wenn man uns bemerkte—. — 161— Oswald. Alle Welt ſchläft. Bertrand. Dein verdammtes kaltes Blut! Biſt du auch gewiß, daß die Bettlerin neben Lud⸗ wigs Zimmer uns nicht gehört hat? Oswald. Alberne Feigheit! Bertrand Guſammenſchaudernd). Beim Hen⸗ ker! Ich habe keinen Tropfen Bluts in meinen Adern. Oswald. Das thut mir leid. Aber was iſt zu machen?. Bertrand. Mein Rath wäre, auf das Schleu⸗ nigſte dieſes Haus zu verlaſſen, ehe noch jemand erwacht. Was thun wir auch hier? Du haſt die zwölftauſend Franken. Oswald. Unſre Flucht würde uns anklagen. Wir bleiben. Bertrand(lauſchend). Ich höre gehn— Oswald. Komm mit in unſer Zimmer. Wir wollen theilen!(Beide ab in ihr Zimmer.) Zweiter Auftritt. (Maria, allein. Sie erſcheint rechts auf der Gallerie und ſteigt langſam herab. Der Tag bricht an.) Maria. Noch ſind alle im Schlummer. Der Augenblick iſt günſtig. Fort, ehe der gütige Herr herabkommt. Er würde ſein Verlangen wiederholen, näher in mich dringen— nein, nein! Eh' ich mich II. 11 ₰ — 162— mit Schmach und Schande bedecke, will ich lieber wieder hinaus in mein unabſehbares Elend. Die arme Maria begräbt ihr Unglück in der eigenen Bruſt. Wenn ich nur, ohne Geräuſch zu verur⸗ ſachen, dieſes Haus verlaſſen könnte!(Sie geht zu der Thüre im Hintergrunde, welche ſie verſchloſſen findet. Indem ſie den Seiteneingang bemerkt, ſucht ſie dieſe Thüre zu öffnen. Peter erſcheint links auf der Gallerie. Er iſt noch im Ankleiden begriffen.) Dritter Auftritt. Maria. Peter, auf der Gallerie. Peter. Jemine, es iſt noch nicht einmal recht Tag und ich bin ſchon auf den Beinen.(Er ſieht hinab.) Wer iſt denn ſchon da unten im Saal? Wahrhaftig, das iſt die arme Frau, die wir geſtern aufgenommen haben. Was Teufel, treibt ſie denn da unten?(Er ſteigt langſam herab.) Maria(in vergeblicher Anſtrengung). Die Thüre wankt und weicht nicht. Wenn nur das Schloß— Peter. Bemüht Euch nicht— das Schloß iſt feſt. Maria(erſchrocken). Ah! Peter. Wo wollt Ihr denn ſchon ſo zeitig hin? Herr Ludwig ſagte doch, Ihr würdet vor — 163— Eurer Entfernung ihn noch zu ſprechen ver⸗ langen? Maria(verlegen). Das iſt wahr— auch hatte ich nicht die Abſicht— ich wollte— ich wollte— nur friſche Luft ſchöpfen— meine Schlafkammer iſt ſo klein,— eine drückende Hitze— Peter. Nun hier z. B. iſt es luftig genug. Da hättet Ihr ein Fenſter öffnen können. Aber die Thüren zu öffnen, ehe die Leute vom Hauſe aufge⸗ ſtanden ſind, das kommt niemanden zu. Maria. Verzeihung. Peter. Mein Herr wird noch einmal tüchtig angeführt werden, aber das geſchieht ihm recht. Zu gut iſt dumm, ſag' ich immer. Alles herumſtrei⸗ fende Geſindel nimmt er auf, jeder träge Bettler, der nicht arbeiten mag, wird hier geduldet— Maria(weinend). Eine neue Erniedrigung! O ich Elende!(Sie nimmt ein Tuch, um ihre Thränen zu trocknen und läßt die Börſe aus ihrer Taſche fallen, welche ſie von Ludwig erhielt.) Peter Oieſe ſchnell aufhebend). Jemine, was iſt das? Eine Börſe— und wahrhaftig— Gold drinnen. Maria(lebhaft). Sie gehört mir. Peter. Nun, nun! Ihr ſehd auch nicht, was Ihr ſcheint. Eure Armuth ſitzt blos auswendig.(Er 11* — 164— gibt ihr die Börſe zurück. Man hört an eine ent⸗ fernte Thüre klopfen.) Wer klopft denn da ſo frühe ſchon? Was mögen das für Gäſte ſeyn? Ruhig, ruhig! Gleich wird aufgemacht.(Eilig ab.) Vierter Auftritt. Maria, ſitzend. Oswald. Bertrand. Bertrand(noch unter der Zimmerthüre). Welches Geräuſch— Sollte man ſchon wiſſen— Oswald. Du ewige Memme!(Er bemerkt Maria.) Wahrhaftig, da ſitzt ja die Frau— Bertrand. Welche du geſtern zu kennen glaub⸗ teſt? Ja, ſie iſt's. Oswald. Ich will ſie anreden. Meine Zwei⸗ fel müſſen gehoben werden.— Maria. Schreckliches Vorurtheil, welches das Unglück einfloͤßt. Man hält den Armen jedes Ver⸗ brechens fähig. Oswald(zu Maria). Ihr ſcheint betrübt?— Was verurſacht dieſen Kummer?(Maria ſeufzt, ohne zu antworten.) Ihr ſchweigt? Ihr habt un⸗ recht. Oft ſteht man, ohne es zu wiſſen, einem alten Bekannten gegenüber. Maria(beſorgt). Mein Gott! Wär' ich Euch ber nnt? Oswald. Das ſage ich grade nicht. Freilich — 165— erinnerte mich im erſten Augenblicke Euer Auſſeres, der Ton der Stimme, ſo manches Andre noch, an— Maria(unruhig). An wen? Oswald. Seyd Ihr in Grenoble bekannt? Maria. In Grenoble! Oswald. Ich habe einige Zeit dort zugebracht und— Ihr? Maria(unentſchloſſen). Ich?— Oswald. Wart Ihr niemals dort? Maria(verlegen). Es iſt wahr— ich habe— Oswald. Es iſt wahr!(Bei Seite.) Ich irre mich nicht.(Laut.) Kanntet Ihr dort nicht vor un⸗ gefähr achtzehn bis neunzehn Jahren— es iſt frei⸗ lich ſchon eine alte Geſchichte— einen gewiſſen Filippo Treſſini? Maria. Großer Gott! Welcher Namen— Oswald. Der Eures Gatten. Maria. Schweigt. Wiederholt nicht den Na⸗ men dieſes Ungeheuers. Mein Elend, mein Kum⸗ mer, das Leiden, das nie von mir weicht, ſind ſein Werk. Oswald(kalt). Pah! Was iſt das Beſondres. So etwas kommt alle Tage vor.(Bei ſich.) Sie iſts. Es iſt meine Frau. Bertrand. Deine Frau? Verdammter Zu⸗ fall! Wenn ſie dich erkennt. — 166— Oswald. Fürchte nichts. Maria. Aber ſprecht— wie könnt Ihr wiſſen— Oswald. Bloßes Ungefähr— Mit Treſſini war ich eine kurze Zeit lang befreundet. Aber wer mochte mit dem ſchlechten Burſchen ſich viel abge⸗ ben? Ihr könnt dem Himmel danken, daß er Euch bereits ſeit zwei Jahren von einem ſolchen Manne befreit hat. Maria. Er iſt todt! Oswald. Er kam bei einem Schiffbruche mit der ganzen Equipage um. Maria. Ewiger Gott! Vergieb ihm alles das übel, welches er mir zugefügt hat. Bertrand(für ſich). Ich habe genug an dem Gewinſel. Das könnte noch gar zu einer Entdeckung führen!(Laut.) Du ſiehſt, daß du den Kummer dieſer armen Frau vermehrſt. Ubrigens denke ich, ſie wird ſich bald tröſten. Einen ſolchen Mann zu verlieren, iſt reiner Gewinn. Maria. Er iſt nicht mehr! Ach, mußte das Angedenken dieſes Böſewichts mich noch einmal er⸗ ſchüttern, mich bis zu dieſer Stätte verfolgen? (Sie ſteigt zu ihrem Zimmer hinauf.) Bertrand. Sie geht! Oswald. Laß ſie gehn! Das rührt mich nicht. Bertrand. Nun komm ſchnell— hinweg. — 167— Oswald. Nur ruhig— beſonnen! Erſt müſſen wir wiſſen, wer ſo frühe geklopft hat.— Bertrand. Fürchteſt du denn nicht— Oswald. Noch hat man nichts bemerkt. Wir wollen erſt frühſtücken— Bertrand. Nun denn— meinetwegen. Aber dann auch gleich fort. Oswald. Kellner! Bertrand. Heda! Herr Peter. Fuͤnfter Auftritt. Die Vorigen. Peter. Peter(in der Couliſſe). Hier! Hier iſt der Peter!(Er erſcheint.) Ei, meine Herrn, ſchon ſo früh erwacht? Haben ſie vielleicht eine üble Nacht gehabt? Oswald(lächelnd). Nicht ſo gar übel. Peter. Deſto beſſer. Sie haben mich gerufen? Bitt' um Verzeihung, wenn ich ſie habe warten laſſen— Bertrand. Nicht Urſache, Herr Peter. Peter. Sehn ſie, ich habe erſt die Pferde der drei Cavalleriſten in den Stall führen müſſen, die ſo eben angelangt ſind. Bertrand. Drei Cavalleriſten? Peter. Ja! Dragoner. — 168— Bertrand(erſchrocken.) Dragoner?(Bei Seite.) Die Hunde! Peter. Jemine! Sie erſchrecken ja ordentlich. Bertrand. Ich— ich wüßte nicht! Was ha⸗ ben denn die guten Leute hier zu thun? Peter. Erſtens wollen ſie frühſtücken, zwei⸗ tens— Oswald(ihn unterbrechend). Schon gut— ſchon gut! Was kümmert uns das? Aber wir wol⸗ len auch frühſtücken, Herr Peter. Peter. Gleich, gleich.(Er geht und kömmt zurück.) Sehn ſie— ſie müſſen wiſſen— man hat mich gefragt— man wünſcht— 1 Oswald. Das Frühſtück, mein Lieber. Sonſt nichts. Bertrand. Hol' ihn der Henker mit ſeinen Dragonern!(Peter deckt einen Tiſch.) Oswald(leiſe zu Bertrand). Deine verdammte Haſenherzigkeit wird uns noch verrathen. Sechſter Auftritt. Die Vorigen. Robert. Zwei Dragoner. Peter(am Tiſche beſchäftigt). Ah! Herr No⸗ bert. Haben Sie ſelbſt nach Ihren Pferden geſehn? Robert. Ja, ſie frühſtücken. Nun iſt die — 169— Reihe an uns. Schinken her, Peter!(Zu ſeinen Leuten.) Hier iſt er köſtlich. Peter. Sie ſollen im Augenblick bedient werden. Robert. Aber auch guten Wein! Hörſt du? Peter. Seyn Sie unbeſorgt. Unſre alten Kunden bekommen den beſten. Hier iſt gedeckt. Sie werden mit jenen Herrn frühſtücken. Bertrand. Verwünſchte Tiſchgeſellſchaft! Die Ehre hätt' ich ihm geſchenkt. Robert(den Oswald und Bertrand von der Seite betrachtend). Dieſe Leute kommen mir ſo be⸗ kannt vor— Peter! Peter. Herr Unterofftzier. Robert. Kennſt du die Zwei dort? Peter. Es ſind Reiſende— ſie waren uͤber Nacht hier. Bertrand(zu Oswald). Wie er uns betrach⸗ tet— der Hund! Robert. Wahrhaftig— ich erkenne ſie. Geſtern traf ich ſie auf der Landſtraße— Peter. Ah— es ſind brave Leute— recht⸗ lich— beſcheiden— Robert. Schon gut.— Man muß frellich nicht einen Jeden nach dem Schein beurtheilen. (Peter hat fertig gedeckt.) Ooswald. Ich irre nicht. Das iſt derſelbe Unter⸗ 5 — 170— offizier, der geſtern mit unſrer Unterſuchung gar nicht fertig werden konnte. Bertrand. Freilich. Derſelbe, der unſre Päſſe ſo unverſchämt beäugelt. Der Teufel führt ihn noch⸗ mals in unſern Weg. Oswald. Ruhig. Kühnheit! Frechheit! Peter. Es iſt gedeckt, meine Herrn. Robert(zu Oswald). Sie erlauben— Oswald. Mit Vergnügen— höchſt angenehm. — Iſt's gefällig, ſo wollen wir uns niederſetzen. (Bertrand bleibt in einem Winkel der Bühne. Oswald macht die Honneurs der Tafel ge⸗ gen Robert und ſeine Kameraden. Er gibt Bertrand einen Wink, welcher nur mit Widerwillen ſich zwiſchen die beiden Dragoner niederſetzt.) 3 Peter(mit Wein). Sie haben ſeit langer Zeit nicht bei uns eingeſprochen, Herr Robert? Robert. Das Land iſt ſicher; unſre Gegen⸗ wart wäre überflüſſig geweſen. Da ſind aber zwei Böſewichter aus dem Gefängniſſe entſprungen(Os⸗ wald hört mit Frechheit zu, Bertrand ſcheint beun⸗ ruhigt) und haben uns aus unſrer Nuhe aufgejagt. Sie ſollen ſich hieher in's Gebirg gewendet haben. Peter. Jemine! Hieher in's Gebirg— in unſer ehrliches Gebirg— die Böſewichter. * Robert. Mir iſt befohlen, dieſe Berge nach — 171— allen Richtungen zu durchſtreifen und, was ſich von verdächtigem Geſindel blicken läßt, feſtzunehmen. Peter. Nehmen Sie nur die beiden Böſewichter recht bald feſt, denn ſonſt bin ich wahrhaftig im Stande— Robert. Sie ſelbſt feſtzunehmen? Peter. Gott bewahre! Laſſen Sie mich nur ausreden. Ich bin im Stande, die ganze Nacht nicht zu ſchlafen, ſo lange ſich die beiden Schurken von Böſewichtern noch im Walde umhertreiben. Robert(lachend). Du biſt ja ein wahrer Held! Peter. Das glaub' ich. Mein Vater war auch Feldſchütz. Siebenter Auftritt. Die Vorigen. Günther und Clementine ſteigen herab. Peter. Ah! Da iſt der Herr und Jungfer Clementine. Robert. Guten Morgen, Vater Günther. Günther. Guten Morgen, mein Freund. (Auf das Frühſtück zeigend.) Da habt Ihr ſchon ein Scharmützel geliefert. Robert. Freilich, es wurde tüchtig eingehauen. Immer noch guter Laune? — 172— Günther. Immer noch! Heute gar— an einem Hochzeitstage. Robert. Wie? Ein Hochzeitstag— wer ſind denn die Glücklichen? Günther. Mein Sohn Karl und dieſes liebe Kind. Robert. Der Herr Sohn hat Geſchmack. Das muß wahr ſeyn! Wo iſt denn der Bräutigam? Ich habe ihn noch nicht geſehn. Günther. Er iſt zur nahen Stadt und holt den Notar. Er muß nun bald zurückkommen. Peter(von Auſſen). Der junge Herr! Der junge Herr! Da kommt der Wagen den Berg herauf. (Günther und Clementine eilen an die Thüre. Robert und die zwei Reuter folgen. Oswald und Bertrand benutzen dieſen Augenblick, um vom Tiſche aufzuſtehen.) Bertrand(zu Oswald). Du haſt's gehört!— Wir werden verfolgt. Wir haben keine Zeit zu ver⸗ lieren. Wir müſſen gleich fort. Oswald. Komm in unſer Zimmer! Dann rufen wir den Kellner, rechnen ab und ſchleichen uns in der Stille hinweg. (Beide ab in ihr Zimmer.) 1 — 173— Achter Auftritt. Günther. Clementine. Maria. Robert. Karl. Der Notar. Die zwei Dragoner. Nobert(zu Karl). Herbei, herbei, junger Herr! Ein Bräutigam muß nicht auf ſich warten laſſen. Karl. Es iſt nicht meine Schuld. Schon vor Tage ſind wir ausgereist, aber die Gebirgswege ſind ſo übel! Ubrigens ſcheinen wir noch nichts verſäumt zu haben, Herr Ludwig iſt noch nicht bei meinen Freunden— Peter. Richtig! Günther. Er bleibt lange aus. Freilich— man iſt nicht immer jung— das Alter kommt und bringt die Trägheit mit. Wir wollen noch ein we⸗ nig warten, dann aber müſſen wir ihn doch wecken! Karl. Ja wohl! Robert. Sie ſind ein glücklicher Menſch, mein lieber Karl. So eine liebenswürdige Braut— (Man hört Muſik von Auſſen.) Clementine. Ei, wer kommt denn da? Günther. Unſre Nachbarn und Freunde, die Zeugen eurer Verbindung.— Karl(den Notar zu einem Tiſch führend). Hier, Herr Notar. Setzen Sie ſich immerhin. — 174— Neunter Auftritt. Die Vorigen. Bauern, Bäuerinnen, alle geputzt. Günther und Karl becomplimentiren ſie. Am Ende des vorigen Auftritts iſt Maria wieder herab⸗ gekommen und ſieht ſich um, ob man auf ſie achtet. Maria(bei Seite). Niemand bemerkt mich. Der Augenblick iſt günſtig. Fort von hier! (Sie erreicht den Eingang und, indem ſie hinaus⸗ gehen will, findet ſie ſich dem Robert gegen⸗ über, der ihr Platz macht, indem er ſie auf⸗ merkſam betrachtet.) Zehnter Auftritt. Die Vorigen, ohne Maria. Günther. Noch immer kommt Ludwig nicht! Es iſt nahe an acht Uhr. Clementine. Wenn ihm eine Unpäßlichkeit zugeſtoßen wäre— Karl. Du haſt recht— ich eile ſelbſt hinauf. (Er ſteigt zu Ludwigs Zimmer hinauf.) Günther. Vielleicht iſt er ausgegangen, ohne jemand zu benachrichtigen? Peter. Nicht möglich, Herr Günther. Ich habe das Haus geöffnet und bin ſeitdem hier nicht von der Stelle gewichen. — 175— Karl(horcht an Ludwigs Thüre). Das klingt ja ſeltſam— wie ein Seufzen— ein Stöhnen— Günther. Peter, du haſt das Schlüſſelbund. Gib ſchnell den Schlüſſel zu Nro. 13. Peter. Gleich, Herr.(Er ſucht am Bunde.) Jemine! Das iſt merkwürdig— er iſt nicht da. Clementine. Was iſt zu thun? Karl. Ich ſtoße die Thüre ein. Peter(indem er hinaufeilt). Ich will Ihnen helfen. Clementine(mit ihm hinauf). Um Gottes⸗ willen, ich muß ſehn— (Alle Drei ſtoßen die Thüre auf und dringen in das Zimmer. Gleich drauf hört man einen durchdringenden Schrei.) Eilfter Auftritt. Günther. Robert. Der Notar ꝛc. Heiliger Gott! Was bedeutet dies Geſchrei? Zwölfter Auftritt. Die Vorigen. Clementine mit aufgelöſten Haaren, bleich, in Verzweiflung, ſtürzt über den Gang die Treppe herab. Clementine. Mord! Mord! Mein Vater iſt ermordet! — 176— Alle. Ermordet! (Allgemeines Entſetzen. Clementine ſtürzt ohnmächtig vor Günther nieder. Man ſteht ihr bei.) Dreizehnter Auftritt. Die Vorigen. Karl. Peter. Karl. Fluchwürdiges Verbrechen! Dort oben liegt unſer Vater, mit Wunden bedeckt, in ſei⸗ nem Blut. (Mehrere eilen ſchnell hinauf. Clementine will nach, man hält ſie gewaltſam zurück. Sie verliert auf's Neue ihre Beſinnung und wird hinweggebracht. Auch Günther will hinauf; Robert hält ihn aber.) Robert. Welch' ſchreckliches Ereigniß! Hatte der Mann Feinde? Günther. Keinen. Er lebte nur, um Gutes zu thun. Karl(herabſteigend). O es iſt kein Zweifel, daß die Böſewichter ſeine Mörder ſind, welche ihn zugleich beraubꝗt haben. Hier— ſein Taſchenbuch lag geöffnet zu ſeiner Seite.— Günther. Und die zwölftauſend Francs? Karl. Sind entwendet. Robert. Haben Sie keinen Verdacht auf ir⸗ gend— — 177— Günther. Nicht den mindeſten. Peter. Da fällt mir ein— wahrhaftig! Ich argwöhne— Alle. Wen? Peter. Die Frau, welche wir geſtern aufge⸗ nommen haben. Günther. Maria? Peter. Richtig. Robert. Deren Kleider, deren Außres das tiefſte Elend anzeigten? Alle. Dieſelbe. Robert. So eben ging ſie dort hinaus. Sie lenkte ihre Schritte nach jener Seite. Peter. Herr Günther, Herr Robert, laſſen ſie ihr ſchnell nachſetzen und ſie ſogleich zurückbringen. Günther. Worauf gründet ſich dein Verdacht? Peter. Ich werde mich erklären, aber nur ſchnell ihr nach. Robert(zu einem Dragoner und den Land⸗ leuten). Verliert keine Zeit, meine Freunde. Eilt der Verbrecherin nach. (Die Bauern mit den Dragonern ab. Von Zeit zu Zeit ſieht man Leute zu Ludwigs Zim⸗ mer aufſteigen, welche mit Arzneien verſehen ſind. Auch Günther geht hinauf, kommt aber ſpäter wieder.) II. 12 — 178— Vierzehnter Auftritt. Karl. Robert. Peter. Landleute. Ein Dra⸗ goner. Günther. Robert(zu Peter). Nun, erkläre dich! Peter. Recht gern! Heute Morgens ſchon mit Anbruch des Tages komme ich hier herab— was ſah ich? Frau Maria, wie ſie im Begriff iſt, mit aller Anſtrengung dieſe Thüre zu öffnen. Holla! rufe ich, was ſoll das heißen? Sie erſchrickt und weiß nicht zu antworten; endlich beginnt ſie zu re⸗ den, ſo verwirrt, ſo durcheinander— man konnte leicht merken, daß das Alles eitel Lügen und Ge⸗ flunker war. Drauf ſagte ich ihr, ſie ſolle doch hier bleiben, bis ſie dem Herrn Ludwig Rede ge⸗ ſtanden habe, wie ſie ihm das Verſprechen gegeben — da fängt ſie an zu weinen und indem ſie ſich die Thränen trocknet— plumps! fällt eine Börſe mit Gold aus ihrem Taſchentuche auf den Boden. Alle. Iſt's möͤglich. Peter. Das geht nicht mit rechten Dingen zu. Eine Bettlerin, die geſtern vor Hunger ſter⸗ bend auf der Landſtraße lag, keinen Heller im Ver⸗ mögen hatte— und heute— Gold! Robert. In der That! Dieſer Umſtand iſt wichtig. Und warum wollte ſie ſich überhaupt aus dem Hauſe ſchleichen? — 179— Karl. Wem ſoll man noch vertrauen können in der Welt? Robert. Es iſt meine Schuldigkeit, uͤber die⸗ ſes ſchreckliche Ereigniß die genaueſten Nachfor⸗ ſchungen anzuſtellen.(Zu dem Dragoner.) Setz' den Napport auf und vergiß keinen Umſtand.(Zu Peter.) Hat Maria nur allein dieſe Nacht hier logirt? Peter. O nein. Wir haben noch zwei Fremde. Sie haben mit ihnen gefrühſtückt. Karl. Rufe ſie herbei! Peter. Gewiß ſind ſie in ihrem Zimmer. Ich will ſie holen. (Er klopft an ihre Thüre. Günther kommt aus Ludwigs Zimmer herab.) Karl(dringend). Nun? Günther. Noch immer in demſelben Zuſtand. Er gibt kein Zeichen des Lebens. Fünfzehnter Auftritt. Die Vorigen. Oswald. Bertrand. Oswald(noch von innen, indem er öffnet). Was gibt's? Peter. Der Herr Unteroffizier verlangt ſie zu ſprechen. Bertrand(mit Oswald heraustretend, zu die⸗ ſem). Wenn wir entdeckt wären? 12* — 180— Oswald. Schweig!(Sie kommen vor. Zu Robert.) Was ſteht zu Ihren Dienſten? Robert. Ein Mord iſt in dieſem Hauſe be⸗ gangen worden. Ich muß die ſtrengſte Unterſuchung anſtellen. Oswald. Ein Mord! Das iſt ſchrecklich.— Wer iſt der Ermordete? Günther. Mein unglücklicher Freund, Ludwig. Oswald. Dieſer ehrwürdige Greis?— Nur ein Ungeheuer iſt einer ſolchen Frevelthat fähig. Robert. Ich muß ihre Päſſe nachſehn. Oswald(keck). Ganz recht. Hier iſt der meinige. Robert. Sie heißen? Oswald. Oswald. Robert. Und gehn? Oswald. Nach Genf. Robert(gibt den Paß zurück). Gut.(Zu Bertrand.) Ihr Paß?(Bertrand zaudert.) Haben Sie keinen Paß? Bertrand. Freilich, aber— Oswald(ungeduldig). Nun ſo gib ihn doch, wenn man ihn erlangt. Bertrand. Hier iſt er— ich habe ihn dem Herrn Unteroffizier ſchon geſtern vorgezeigt. — 181— Robert(unterſucht ihn). Dagegen iſt nichts zu ſagen. Der Paß iſt in der Ordnung. Bertrand(bei Seite). Ich lebe wieder auf. (Zu Oswald.) Wie iſt's? Brechen wir auf? (Man hört ein großes Geräuſch von Auſſen.) Oswald(u Robert). Leben Sie wohl, Herr Unteroffizier— Robert. Niemand darf ſich von hier entfernen, ehe nicht die vorläufige Unterſuchung geendigt iſt. Sie bleiben. Bertrand(bei Seite). O weh! O weh! Das iſt ein Hund!! Oswald. Ganz recht. Natürlich. Peter. Da bringen ſie die Miſſethäterin. Sechszehnter Auftritt. Die Vorigen. Maria. Landleute. Ein Dragoner. Maria. Um des Himmels Willen! was ver⸗ langt man von mir?(Sie blickt um ſich.) Was ſoll das bedeuten? Günther. Tritt näher, Elende, und ſuche dich von dem Verbrechen zu reinigen, deſſen man dich beſchuldigt. Maria. Von welchem Verbrechen iſt hier die Rede? — 182— Robert. Herr Ludwig iſt in dieſer Nacht er⸗ mordet worden. Maria. Und mich hat man in Verdacht? Alle. Ja, dich! Oswald(bei Seite). Glücklicher Zufall! Maria. Großer Gott, iſt dein Zorn gegen mich noch nicht erſchöpft? Robert. Was habt Ihr zu entgegnen? Maria. Es iſt mir unbegreiflich, wie ein ſo ſchrecklicher Verdacht mich treffen kannz aber im Namen des ewigen Gottes kann ich meine Unſchuld beſchwören. Peter. Könnt Ihr auch ſchwören, daß ich dieſen Morgen kein Gold bei Euch geſehn habe? Maria. Noch beſitze ich vier Goldſtücke in dieſer Börſe, welche mir Herr Ludwig geſchenkt hat. Robert. Euch? Aus welchem Grunde? Zu welcher Abſicht? Kannte er Euch etwa aus einer frühern Zeit? Maria. Ich ſah ihn geſtern zum erſtenmale. Robert. Und ohne Euch zu kennen, hätte er Euch eine ſo bedeutende Summe geſchenkt, und noch obendrein ſeine Börſe? Maria. Ich habe die Wahrheit geſagt. Robert. Genug! Oswald. Hat dieſe Frau nicht ein Zimmer ——᷑—᷑—ꝛ—ꝛ—ꝛ—ꝛ—ꝛ˖— ———— — 183— neben dem des unglücklichen Ermordeten inne gehabt? Peter. Freilich. Oswald. Da muß ſie ja nothwendigerweiſe ein Geräuſch, einen Lärm gehört haben! In dieſem Falle könnte ihre Ausſage vielleicht die Entdeckung der ſchändlichen Mörder erleichtern. Peter. Ein geſcheidter Einfall! Bertrand(leiſe zu Oswald). Was thuſt du? Oswald. Ich entferne den Verdacht. Robert(zu Maria). In der That, man hat nicht in Ludwigs Zimmer dringen können, ohne daß Ihr nicht ein Geräuſch wahrgenommen haben müßtet— Maria. Bei der Gerechtigkeit Gottes, ich habe nichts gehört!(Freude Oswalds und Bertrands.) Robert. Iſt es wahr, daß Ihre heute mor⸗ gen von dem Kellner überraſcht wurdet, als Ihr verſuchtet, dieſe Thüre mit Gewalt zu öffnen? Maria. Es iſt wahr. . Peter. Sie wollte friſche Luft ſchöpfen! Ich glaube wohl, daß ihr die Luft in unſerm Hauſe drückend war. Günther. Was bewog dich, ſo eilig und ge⸗ heim dieſes Haus zu verlaſſen, in dem man dich mit Güte aufgenommen hatte? — 184— Maria(berlegen). Die Furcht— beſchwerlich zu fallen. Peter. Schlechte Ausflucht! Ihr hattet doch dem armen Herrn Ludwig verſprochen, ihn noch einmal zu ſehn. Maria. Es iſt wahr— ich hatte es vergeſſen. Peter. Und habt Euch nicht daran erinnert, als jedermann über ſein Ausbleiben beſorgt war? Im Gegentheil, Ihr ſuchtet das weite Feld zu ge⸗ winnen.(Maria ſchweigt betreten.) Robert. Es iſt hinreichend. Verſichert Euch dieſer Frau.(Ein Dragoner tritt neben ſie.) Oswald und Bertrand(beei Seite). Wir ſind gerettet. Maria. Großer Gott! Man hält mich für ſchuldig?(Zu Günther.) Spricht denn Euer Herz, nicht das Eures Sohnes mich von dieſer Schand⸗ that frei? Laßt mich Eure Füße umſchlingen, dul⸗ det nicht— Günther(ßeiſt ſie zurück). Hinweg! Deine Nähe bringt— Maria. Ich Elende! Robert. Euer Namen. Maria. Maria Beaumont. Günther(aufmerkſam). Maria Beaumont! Du nennſt dich Maria Beaumont? — 185— Maria. Ja, mein Herr. Günther. Großer Gott, welche Ahnung! Haſt du nie Kinder gehabt? Maria. Ach! Ich hatte einen Sohn. Günther. Einen Sohn— was iſt aus ihm geworden? Maria. Ich weiß es nicht. Mein grauſames Schickſal zwang mich, ihn als ein hülfsbedürftiges Kind in einem Gaſthofe zurückzuſtellen. Karl. Schreckliches Licht! Günther. Maria— du warſt einſt in Grenoble? Maria(zögernd). Mein Herr— Günther. Entdecke dich— Karl. Beantwortet dieſe Frage, ich beſchwöre Euch! Maria. Nun denn— ich war vor vielen Jahren— Günther. Du befandeſt dich in den Gefäng⸗ niſſen dieſer Stadt. Maria. Mein Herr, Sie wüßten— Günther. Damals, wie jetzt, warſt du eines Verbrechens angeklagt. Maria(in Thränen ausbrechend). Und da⸗ mals, wie jetzt, war ich unſchuldig. Karl. Kein Zweifel— ſie iſt's! Maria. Aber warum befragen Sie mich ſo — 186— genau? So dringend? Iſt Ihnen das Schickſal meines Kindes bekannt? Seyn Sie barmherzig: ſagen Sie mir, ob es noch lebt? Günther. Ja, zu ſeinem Unglück! Maria(lebhaft). Mein Sohn lebt, er lebt? Wo iſt er, daß ich ihn an mein Herz drücke? Günther(zu Karl, der im Begriff iſt, ſich zu verrathen). Halt ein, Karl! Maria. Laſſen Sie ihn reden— wäre er vielleicht — o Himmel! Karl(kann nicht widerſtehn, ihr engegen). Meine Mutter!(Maria fällt mit einem Schrei in ſeine Arme.) Alle. Seine Mutter? Oswald(zu Bertrand). Sieh da, mein Söhnchen! Günther. Karl, was haſt du gethan? Alle. Seine Mutter? Karl. Ja. Herr Günther iſt nicht mein Va⸗ ter. Aus Milde, aus Wohlwollen erzog er mich als ſein eignes Kind. Maria(Karl liebkoſend). Mein Sohn, mein theurer Sohn! Karl. Ewiger Gott, mußteſt du mir ſo meine Mutter wiedergeben? Robert(zu Maria). Ihr müßt mir folgen. Karl. Robert, es iſt meine Mutter! Eh' du —-— — 187— ſie der Gerechtigkeit überlieferſt, laß mich Alles verſuchen, die Wahrheit zu entdecken. Robert. Ich weiß nicht, ob ich darf— Maria. O fürchten Sie nicht, daß ich fliehe. Hier habe ich meinen Sohn wiedergefunden, hier wird der Himmel als Zeuge meiner Unſchuld ſich offenbaren. Siebenzehnter Auftritt. Die Vorigen. Ein Dragoner. Der Dragoner(gibt dem Robert ein Papier). Unteroffizier! (Robert liest leiſe, während er dazwiſchen Os⸗ wald, Bertrand und ihre Päſſe betrach⸗ tet, welche er noch in Händen hat. Hierauf ſpricht er dem Dragoner, welcher die Ordre brachte, in's Ohr.) Bertrand(leiſe zu Oswald). Was ſoll das bedeuten? 8 Oswald. Nichts.(Dragoner ab.) Achtzehnter Auftritt. Die Vorigen, ohne den Dragoner. Robert(zu den andern zwei Dragonern und Bauern, indem er auf Oswald und Bertrand zeigt). Bemächtigt euch dieſer Beiden! Bertrand. Wie— was— — 188— Oswald. Mit welchem Recht? Robert. Ihr ſollt es hören.(Er liest.)„Unter⸗ offizier Robert iſt beauftragt, aller Orten, wo er ſie findet, zwei Leute feſtzunehmen, welche aus den Gefängniſſen von Lyon entſprungen ſind. Sie be⸗ ſitzen falſche Päſſe und reiſen unter den Namen Bertrand und Oswald; allein der erſte iſt niemand anders, als der berüchtigte Jacob Strobel, und der andre ein nicht minder gefährlicher Verbrecher, Fi⸗ lippo Treſſini.“ Maria(bei Seite). Habe ich recht gehört? Robert(fortfahrend).„Dieſer Letzte verbirgt einen Theil ſeines Antlitzes unter einer Binde—“ (Robert hat ſich ihm genähert und reißt ihm bei dieſen Worten die Binde ab.) Maria(laut aufſchreiend, indem ſie ihn erkennt). Mächte des Himmels! Er iſt's! (Sie ſinkt ohnmächtig nieder. Gruppe.) — 189— Drirter Aufzug. (Ein Hof des Gaſthauſes. Links ein Pavillon; rechts eine Scheuer mit einem Oberboden. Im Dache ein Fenſter mit einer Rolle, über welcher ein Strick zum Auf⸗ und Abwinden des Heu's niederhängt. Unten neben dem Thore der Scheuer ein vergittertes Fenſter. Im Hintergrund eine Mauer. In deren Mitte eine kleine Pforte. Ueber der Mauer ſieht man waldigtes Gebirg.) Erſter Auftritt. Robert. Peter. Wachen. (Beim Aufziehn des Vorhangs iſt Robert mit den beiden Schildwachen nahe bei dem Pavillon, deſſen Thüre er ſorgfältig verſchließt.) Peter. So weit wären wir. Aus der Hoch⸗ zeit iſt eine Jammerzeit geworden; aus unſerm Gaſt⸗ hof ein Gefängniß. Robert. Sind die Schlöſſer zuverläſſig? Peter. Jemine! Die können vier Pferde nicht aufreißen. Robert Gzu einem Dragoner). Nur ſchnell zu Pferde und im geſtreckten Laufe zum Regiment! Du bringſt eine Escorte mit, vier bis ſechs Mann. (Dragoner ab.) — 190— Peter(auf den Pavillon zeigend). Dort, mein lieber Herr Filippo Treſſini, ſitzen Sie jetzt und können Ihren Sünden nachdenken. Nun, da wird Ihnen auch die Zeit nicht lang!(Zu Robert.) Dem haben Sie ſchnell den Staar geſtochen, Herr Unteroffizier. In einem Augenblicke war das eine Auge ſo geſund wie das andre.(Auf das vergit⸗ terte Fenſter.) Da drinn ſitzt der andre. pfui Das iſt ein widriger Menſch. So eine rechte Miß⸗ geburt von einem Räuber. Jacob Strobel heißt er — Strobel! Wie kann man nur Strobel heißen? Robert(zu der Schildwache). Herr Ludwig iſt endlich wieder zur Beſinnung gekommen. Nur der Blutverluſt hatte ihn ſo ſehr geſchwächt. Aber da er faſt im Schlafe überfallen wurde, ſo konnte er die Thäter nicht erkennen. Maria mag immerhin noch frei im Hauſe umhergehn! Ich bin ihrem Sohne dieſe Gefälligkeit ſchuldig. Doch habt wohl Acht, daß ſie nicht auf irgend eine Weiſe ſich entfernt. (Er betrachtet noch einmal den Pavillon und die Scheuer ſorgſam.) Peter. Da iſt nichts zu fürchten. Wer da drinn ſitzt, ſitzt feſt. Robert(zu dem Dragoner). Es iſt doch beſ⸗ ſer, wenn du die Hauptthüre beſetzeſt. Laſſe Nie⸗ manden herein noch hinaus.(Zweiter Dragoner ab.) — 191— Peter. Das iſt erſtaunlich, was ſeit geſtern für gräßliche Dinge hier im Hauſe vorgegangen ſind. Eine Mordthat! Be, die Haut ſchaudert unſer einem! Eine Mordthat ſtatt einer Heirath, aus zwei ehrlichen Leuten werden zwei Spitzbuben; mein Herr verliert einen Sohn, Mosje Karl ge⸗ winnt eine Mutter. Eine ſchöne Mutter das!— Wenn ſie aber unſchuldig wäre? Peter, dann wärſt du ein Eſel geweſen, ein Eſel mit Ohren, ſo lang— Nobert. Alles wird ſich aufklären. Auf Wie⸗ derſehn. Ich will meinen Bericht vollenden.(Ab.) Zweiter Auftritt. Peter, allein. Wie man ſich doch aber irren kann!— Die zwei Spitzbuben hielt ich für die ehrlichſten Leute! Wahrhaftig, es iſt ordentlich ein Glücksfall, daß ſie uns nichts geſtohlen haben. Da fällt mir's ja brühheiß ein, daß ſie geſtern Abend die Gelegenheit in Händen hatten— das Schlüſſelbund! Jemine! Wenn ſie von dem Bunde ein Paar Schlüſſel ent⸗ wendet hätten und in der Nacht— während wir ſchliefen—(aufſchreiend) Herr Gott, welchen Ge⸗ danken! Der Schlüſſel von Nummero 13. iſt ver⸗ ſchwunden!— Wenn es wäre— wenn ſie— Solches Volk iſt zu Allem fähig— und ich— — 192— die arme Maria— o ich doppelter, doppelter Eſel! Doch Nuhe— Beſinnung— Uberlegung.— Eh⸗ ich rede, will ich mich überzeugen. Dritter Auftritt. Peter. Karl. Günther. Peter. Da kommt der arme junge Herr mit ſeinem Vater, der nicht mehr ſein Vater iſt. Seine Augen ſind voll Thränen— Nun, Herr, was macht Herr Ludwig? Günther. Eine ferne Hoffnung zeigt ſich.— Der Arzt denkt, daß der Anblick ſeiner Tochter wohlthätig auf ihn wirken werde. Er hat ſie ver⸗ langt; ſie befindet ſich in dieſem Augenblicke bei ihm. Peter. Der arme Mann! Wenn er nur da⸗ von kommt. Günther. Sollte man nach uns fragen, wir bleiben hier in der freien Luft. Peter. Gut, Herr!(Bei Seite.) Ich muß mit meinen Vermuthungen in's Reine zu kommen ſuchen. Jemine! wenn die Spitzbuben—(Ab.) Vierter Auftritt. Günther. Karl. Günther. Überlaſſe dich nicht zu ſehr dieſem ſchwarzen Kummerz ich beſchwöre dich, mein Sohn— — 193— Karl. Ihr Sohn— darf ich mich noch ſo nennen? Günther. Du thuſt mir wehe mit dieſer Frage. Karl. Bin ich nicht durch die Bande des Bluts an ein Verbrechen gekettet— Günther. Du?— Wie kannſt du dich be⸗ ſchuldigen, mein guter Sohn? Karl. Und die Mutter— meine Mutter muß ich wiederfinden, um in dieſem Augenblicke Alles zu verlieren, was mir das Leben theuer macht! Günther. Muth, Muth, mein Sohn! Noch iſt nicht jede Hoffnung verſchwunden. Karl. Nein, nein! Dieſe Mutter kann keine Verbrecherin ſeyn! Meine Seele kämpft mit aller Macht wieder den Gedanken. Ihr Auge, ſo rein und treu— ihre Sprache, der Ton der Sanftmuth und Güte— Nein, nein! Sie iſt nicht ſchuldig. Aber wie wird ſie ihre Unſchuld beweiſen können? — Mein Loos iſt geworfen! Schon an meiner Wiege ward es beſtimmt. Im Elende geboren, ſoll ich wieder zurückkehren in's Elend— Mein Vater, — Herr Günther— laſſen Sie mich fern von Ihnen— Günther. Beruhige dich, mein guter Sohn! Deine Gedanken verwirren ſich.— Wie auch dein Schick⸗ ſal ſey, ich werde es mit dir theilen. Clementine II. 13 — 194— kommt. Verbirg deinen Schmerz, um nicht den ih⸗ rigen noch zu vermehren. Fünfter Auftritt. Die Vorigen. Clementine. Clementine. Karl— Herr Günther— warum fliehen ſie mich— meinen unglücklichen Vater? Günther. Sollte unſre Gegenwart die Auße⸗ rungen der kindlichen Liebe beſchränken? Nur dieſe Rückſicht konnte uns entfernen. Clementine. Die Zeichen Ihres Mitgefühls würden meinen Kummer gelindert haben und wer — wer vermag mir beſſern Troſt zu geben, als du, mein Karl? Karl(ſeufzend bei Seite). Ach! Clementine. Der Himmel belebt ſchon meine Seele mit einer Hoffnung. Die Tage meines Va⸗ ters werden erhalten— der Arzt verbürgt ſeine Ret⸗ tung. Noch iſt er ſehr ſchwach— allein die Sprache iſt wieder gekommen— er befindet ſich bei voller Beſinnung. Ich habe ihm alle Umſtände des gräß⸗ lichen Ereigniſſes mittheilen müſſen! Wie groß war ſein Kummer, als er erfuhr, daß die Beſchul⸗ digte Karls Mutter ſey! Karl. Ewiger Gott! Er weiß es— er ver⸗ abſcheut mich nicht. — 195— Clementine. Mein Freund, wie könnte mein Vater, der dich liebt, deine Verzweiflung ver⸗ mehren wollen. Sechſter Auftritt. Die Vorigen. Maria. Maria(für ſich). Welche Prüfung!— Cle⸗ mentine— mein Sohn— 3 Clementine(zu Karl). Nur zu wahrſchein⸗ lich iſt es, daß die Unglückliche, der du dein Da⸗ ſehn verdankſt, auch die Thäterin— Maria(bei Seite). Fürchterlicher Argwohn! Clementine. Aber, mein Freund, ſie iſt deine Mutter, ſie muß der Strafe entriſſen werden. Du biſt das deiner Ehre, der Ehre deines Pflege⸗ vaters, uns allen biſt du das ſchuldig. Maria(bei Seite). Was hör' ich? Clementine. Du mußt ihr zur Flucht be⸗ hülflich ſeyn. Deine und unſre Bitten haben be⸗ wirkt, daß man ſie nicht verhaftet hat. Benutze dieſen Umſtand, um ſie zu retten. Führe du ſelbſt ſie auf verborgenen Pfaden nach der Grenze. Mit Hülfe des Geldes, das ſie allein zu der ſchauder⸗ haften That bewegen konnte, wird ſie— Karl. Clementine! Clementine(verbeſſernd). Durch ihrer Hände 13* — 196— Arbeit wird ſie im fremden Lande ihre Tage friſten können. Aber ſie ſoll fliehn, ſie ſoll ihr Haupt dem Henkerbeile entziehn, durch Reue die Barm⸗ herzigkeit des Himmels verdienen. So will es mein Vater. Maria(für ſich). Ewiger Gott! Karl. Dieſes großmüthige Benehmen zeigt mir den ganzen Umfang meines Verluſts— Aber nein, nein! Jenes Geld ſoll deinem Vater nicht verloren ſehn. Meine Thätigkeit, mein Eifer— Clementine(ſeufzend). Dieſe Summe ſollte unſern Wohlſtand, unſer Glück begründen— So mag ſie nun deine Ehre retten! Sobald es Nacht wird, führe deine Mutter hinweg. Maria(bortretend). Glaubt nicht, daß ich fliehen werde. Ich bleibe. Alle. Großer Gott— ſie— Maria. Mein Sohn, ich bin unſchuldig. Selbſt der Anblick des Hochgerichts könnte mich bei dieſem Bewußtſeyn nicht erſchuͤttern. Ich ſchwöre bei dem Gotte, dem nichts verborgen iſt: mein Gewiſſen iſt rein. Clementine, Tochter des großmüthigſten Mannes, glaube meinen Verſicherungen, meinen Thränen— Clementine(zurückſchaudernd), Laßt mich! — 197— Maria. Du ſtößeſt eine Unglückliche zurück und biſt ſelbſt unglücklich? Clementine. Ich kann ihren Anblick nicht ertragen. Karl! Lebe wohl!(Ab.) Siebenter Auftritt. Die Vorigen, ohne Clementine. Günther. Maria— ſchuldig oder unſchuldig, nur der Himmel kann das entſcheiden— ſprecht endlich— Maria. Ich habe nur ein Wort zu ſagen und werde es bis zu meinem letzten Augenblicke wieder⸗ holen: ich⸗bin unſchuldig. Ach! ich war fern zu glauben, daß die Wohlthaten eines mitleidigen Mannes zu ſo grauſamen Waffen wider mich wer⸗ den könnten. Günther. Man weiß jetzt, daß Ihr jene Börſe in der That von Ludwig erhieltet— Aber wie könnt Ihr Eure heimliche Flucht rechtfertigen, da Ihr doch meinem unglücklichen Freunde verſprochen hattet— Maria. Herr Ludwig war von meinem Elende gerührt. Er äußerte die Abſicht, dieſes zu lindern, verlangte aber vorher einen genauen Bericht über mein früheres Leben, über die nähern Umſtände meines Leidens.— Ich wollte nicht; er drang in — 198— mich; endlich verſprach ich— Aber ich hatte nicht die Kraft, meine Schmach zu entdecken, ihm zu offenbaren, daß ich gebrandmarkt in den Augen der Geſellſchaft— Günther. Ach! Dieſer Umſtand ſpricht nicht am Stärkſten wider Euch— Maria. Auch damals war ich das Opfer eines Irrthums und ungerecht verurtheilt. Karl. Wie, meine Mutter— Maria. Ja, mein Sohn, ungerecht. Ich muß mich vor deinen Augen rechtfertigen, wenn ich auch deinen Kummer vermehre. Dir bin ich die Wahr⸗ heit ſchuldig in ihrem ganzen ſchrecklichen Umfange. Ich bin die einzige Tochter bemittelter Eltern. Meine Jugendzeit entfloh in ungetrübtem Glück. O Himmel, wie ſchnell!— Von einer trügeriſchen Auſſenſeite verführt, vermählten mich meine Eltern mit deinem Vater. Nur mein Vermoͤgen hatte ſeine Wahl beſtimmt, nicht ſein Herz. Kaum waren meine Eltern todt, ſo überließ er ſich den niedrigſten Ausſchweifungen. Bald waren wir am Bettelſtabe— Karl. Meine arme Mutter! Günther. Arme Frau! Maria. Für ihn war es nur ein Schritt vom Elende zum Verbrechen. Jede Art von Thätigkeit war ihm verhaßt; an Wohlleben gewöhnt, wurde er — 199— zum Betrüger, zum Räuber.— Du ſchauderſt, mein Sohn. Ja, der Raub war ſeine letzte Zuflucht. Die Gerechtigkeit argwöhnte eher, als ich, ſeine Verbrechen. Er entfloh. Die Gerichtsdiener über⸗ fielen plötzlich in der Nacht meine Wohnung und durchſuchten ſie auf das Genauſte. Man fand meh⸗ rere geraubte Gegenſtände, welche dein Vater ohne mein Wiſſen verborgen hatte; ich wurde vor Ge⸗ richt geſtellt, verurtheilt— die Richter waren ver⸗ blendet— Ach! ich verzeihe ihnen! Der Schein ſprach gegen mich. Karl. Und der Urheber dieſes Elends— was iſt aus ihm geworden— ſein Geſchick— Maria. Sein Geſchick! Meine Sinne ver⸗ wirren ſich, meine Haare ſträuben ſich empor, das Blut erſtarrt in meinen Adern, wenn ich daran denke, es dir zu entdecken. Achter Auftritt. Die Vorigen. Peter. Peter(ſchnell herbei). Herr Günther, Herr Karl, eine Sache von gewaltiger Wichtigkeit— Günther. Sprich! Peter(Maria zurückhaltend, welche ſich ent⸗ fernen will). Bleiben Sie, Frau Maria. Sie ſind hier nicht zuviel. Sie geht's hauptſächlich an. — 200— Maria. Wäre eine neue Anklage— Peter. Für dieſesmal haben Sie keine Sorge! Ich habe ſchon einen dummen Streich gemacht, der zweite ſoll nicht nachkommen. Liebe Frau Maria! Können Sie mir verzeihn, daß ich Sie beſchul⸗ digt habe? Karl. Was ſoll— Peter. Ich bin jetzt feſt überzeugt, Sie ſind keine— das heißt— Sie haben nicht— überhaupt— Günther. Sprich verſtändlicher. Peter. Ich habe die Mörder entdeckt. Maria und Günther. Was höre ich? Karl. Weiter— weiter— erkläre dich! Peter. Wenigſtens habe ich große Urſache, ſie dafür zu halten, da ich den verlornen Schlüſſel bei ihnen gefunden— Karl. Bei wem? Peter Sie errathen nicht?— Die zwei Schufte ſind's, welche der Unteroffizier heute Morgen feſt⸗ genommen hat und die jetzt unter tüchtigen Riegeln dahinten verwahrt ſitzen. Karl und Günther. Sie? Maria(für ſich). Ha, meine Ahnung! Auch dieſe Sünde noch auf ſeinem Haupte! Günther. Aber wie kommt's— Peter. Als wir heute Morgen den Schluͤſſel — 201— von Nro. 13. vermißten, erinnerte ich mich nicht gleich, daß geſtern Abend das Schlüſſelbund den beiden Spitzbuben in Händen war— zwar nur ei⸗ nen Augenblick— aber das war genug— Günther. So komm zu Ende! Peter. Plötzlich fällt mir das Bund wieder in den Sinn, ſammt den Spitzbuben— halt! denke ich: könnte nicht— wahrhaftig, es könnte! Hals über Kopf laufe ich in die Kammer, welche die Bei⸗ den bewohnt haben, werfe dort Alles übereinander, ſuche allenthalben und finde— Nichts. Günther. Nichts? Peter. Nichts. Aber mit dem Nichts hatte ich nicht genug— Ich ſchaue noch einmal allent⸗ halben hin— da kommt mir's im Kamin ſo ver⸗ ſtört vor— die Aſche neu aufgerührt— es war doch kein Feuer gemacht worden— ich ſtöbre nach: richtig, tief unter der Aſche blinkt mein Schlüſſel hervor. Günther. Seltſam— in der That— Karl. Unerwartetes Glück! Maria(mit Unruhe zu Peter). Haſt du ſchon mit irgend Jemand hiervon geſprochen, mein Freund? Peter. Gott bewahre, Frau Maria! Sie und meine Herrn ſind die erſten. Karl. O meine Mutter, ich verſteh' deine Un⸗ — 202— geduld! Du ſehnſt dich, von der gräßlichen An⸗ klage frei zu ſeyn. Ich eile, die Ungeheuer an⸗ zuzeigen— Maria(ihn zurückhaltend). Unglücklicher, was willſt du thun? Karl. Den Mörder der Gerechtigkeit übergeben. Maria(erſchrocken). Mein Sohn, bereite dir keine ewige Reue! Karl. Ich kann nicht begreifen— Maria. Du wirſt Alles erfahren.(Indem ſie die übrigen geheimnißvoll vorführt). Aber ehe das geſchehen kann, muß ich mit Demjenigen, deſſen Anblick mich mit Entſetzen erfüllt hat, unter vier Augen reden.(Alle Drei erſtaunen.) Verſprich mir das, mein Sohn! Und Niemand darf, bevor das geſchehn, ein Wort über ſein Verbrechen laut wer⸗ den laſſen. Schwört mir das! Karl. Ich ſoll verſprechen— Maria. Dieſes iſt meine erſte Bitte, mein Sohn— Du zauderſt—(flehend) mein Sohn— Günther. Was ſoll ich denken— Maria. Sie haben meinen Karl als Ihren Sohn aufgenommen. Seine Ehre, ſein Leben ſind Ihnen theuer— nun, um dieſer beiden Güter willen beſchwöre ich Sie, mein Verlangen zu erfüllen. — 203— Günther. Aber du ſelbſt, Maria— kann ich dich mit dieſem Ungeheuer allein laſſen? Peter. Was das betrifft, ſo iſt nichts zu fürchten. Herrn Roberts Leute haben das Haus ſo ſcharf bewacht, daß Niemand heraus und herein kann. Er käme gut an, wenn er zu entwiſchen verſuchte. 3 Günther. Aber der Schlüſſel— er iſt in den Händen des Unteroffiziers. Peter. Dafür weiß Peter Rath. Hier iſt das Schlüſſelbund— hier der Schlüſſel. Maria(nimmt ihn). Gib ihn mir. Karl. Wie, meine Mutter, du willſt es wirk⸗ lich wagen— Maria. Was habe ich noch zu fuͤrchten? Günther. So mag es ſeyn! Aber wir blei⸗ ben hier in der Nähe. Und wenn die mindeſte Gewaltthätigkeit— ein einziger Schrei, ſo iſt's um ihn geſchehn. Peter. Vorzüglich muß das Militair von die⸗ ſer Stelle fern gehalten werden. Dafür will ich ſor⸗ gen; denn ich bin gar nicht begierig, den liebens⸗ würdigen Herrn Filippo Treſſini nochmals von An⸗ geſicht zu Angeſicht zu ſchauen. Wenn's aber Lärm gibt, werde ich doch nicht fehlen. (Die Drei ab.) — 204— Neunter Auftritt. Maria(allein). O, mein Sohn! Nur der Ge⸗ danke, deine unglückliche Mutter in deinen Augen und vor denen der Welt von aller Schuld zu rei⸗ nigen, ſie deiner Umarmungen würdig zu machen, gibt mir Kraft, den Anblick des Ungeheuers zu er⸗ tragen, das meine Tage vergiftete. Mag er von Clementinens großmüthigem Anerbieten Gebrauch machen; er ſoll dagegen meine Unſchuld in das hellſte Licht ſetzen. (Sie geht nach dem Pavillon, zaudert; dann öffnet ſie.) Zehnter Auftritt. Maria. Oswald. Oswald(von Innen). Was gibt's? Maria. Tritt heraus! Oswald(kommt vor). Was ſeh' ich? Du— Maria— Maria. Ich begreife dein Erſtaunen, deine überraſchung. Es kann dir nicht lieb ſeyn, das unglückliche Opfer deiner Schandthaten vor dir zu ſehn. Oswald. Pah! Das iſt mir gleichgültig. Willſt du mir Vorwürfe machen, ſo gehe ich. Maria. Bleib! Dieſe Sorge überlaſſe ich dei⸗ nem Gewiſſen. — 205— Oswald. Gewiſſen? Du darfſt ſo ſprechen! Haſt du nicht den armen Ludwig— Maria. Ich kenne deine Abſicht. Ich weiß, daß es dir nicht genug, mir einmal die Strafe für deine Verbrechen zugeſchoben zu haben. Auch dieſesmal ſollte die ſchwarzeſte Schandthat mir zur Laſt fallen, aber der Himmel hat dieſen Frevel nicht geſtattet. Oswald. Was ſoll das heißen? Maria. Die wirklichen Mörder ſind entdeckt. Oswald. Entdeckt? Maria. Ja. Und deine Verlegenheit in die⸗ ſem Augenblicke beweiſt mir, daß man ſich nicht geirrt hat. Oswald(kalt). Und wer ſoll denn, außer dir— Maria. Filippo Treſſini. Oswald(bei Seite). Verdammt! Caut.) Ha! Dieſe Schlinge iſt zu grob. Man will meine Lage benutzen, meine Seelenruhe erſchüttern— Maria. Deine Seelenruhe?— Iſt die noch nie durch das Angedenken der armen Maria erſchüt⸗ tert worden?— Haſt du noch nie eine Reue über das Üble empfunden, welches du ihr zugefügt haſt? — O, ſey einmal großmüthig in deinem Leben! Mache einen Theil dieſes Unheils wieder gut: die Gelegenheit iſt da, Thue es um deines Sohns — 206— willen, der eines beſſern Schickſals würdig iſt, den deine Verbrechen entehren— Oswald. Maria! Maria. Gib ihm ſeine Ehre, ſeine Ruhe wieder. Laſſe ihm keinen Zweifel mehr darüber, ob ich— ſeine unglückliche Mutter— ſeiner Liebe würdig bin. Oswald. Wie— ich ſollte bekennen— Maria. Fürchte nichts! Wir werden dein Haupt dem Hochgerichte zu entziehn wiſſen. Ja, dem Hochgerichte! Umſonſt würdeſt du dein Ver⸗ brechen läugnen. Wenn du auch ſtandhaft vernein⸗ teſt, wenn du dieſe gräßliche Gelaſſenheit beibe⸗ hielteſt— der Schlüſſel zu Ludwigs Zimmer, den man in deinem Schlafgemache gefunden hat, iſt ein gültiger Zeuge deiner Schuld— Oswald(bei Seite). Dummer Zufall(Laut.) Der Schlüſſel— pah! Maria. Die entwendete Summe, welche man bei dir entdecken würde; die Ausſage deines Ge⸗ noſſen— Filippo! Du ſiehſt deinen Untergang vor Augen. Noch kannſt du ihm entgehn. Niemand, als ich, weiß, daß Karl dein Sohn iſt: dein Ge⸗ ſtändniß bringt ihm keinen Nachtheil. Mir hat man alle Mittel zur ſchleunigen Flucht anerboten. Ich bin unſchuldig, ich bedarf ihrer nicht. Aber die — 207— gleiche Gunſt kann ich für dich bewirken. Bekenne dein Verbrechen, gib deinen Genoſſen an und— die weite Welt ſteht deiner Flucht offen. Oswald. Meiner Flucht?(Für ſich.) Wenn das keine Falle wäre? Maria. Du zauderſt? Oswald. Nein. Maria. So eile ich zu meinem Sohne. Ja, ich verſpreche dir— Oswald. Ein Augenblick!— Ich möchte gern ſelbſt mit ihm reden.— Weiß er, daß er mein Sohn iſt? Maria. Noch habe ich mich nicht zu dieſem traurigen Geſtändniſſe entſchließen können. Oswald. Das nehme ich über mich. Maria. O, erfülle meine Wünſche— und ich verzeihe dir alles Elend, was du mir aufgebürdet! Oswald. Gut, gut! Laß ihn kommen, ich erwarte ihn. Maria. O, Herr! Laß die Reue zu dieſem ſtarren Herzen Eingang finden!(Ab.) Eilfter Auftritt. Oswald(allein). Ja! Der verdammte Zufall mit dem Schlüſſel kann Nachforſchungen veran⸗ laſſen, Unterſuchungen.— Da wäre ich wohl ein — 208— Narr, wenn ich von der guten Gelegenheit keinen Gebrauch machte.— Da gibt's kein Halsweh, nicht einmal Gefängniß!— Aber wen nenne ich?— Bertrand! Bei meiner Seele, Bertrand ſoll für uns zwei zahlen. Ein prächtiger Gedanke! Adieu, Freund Bertrand! Auf Wiederſehn in der an⸗ dern Welt! Zwölfter Auftritt. Oswald, ſitzend. Bertrand erſcheint hinter einem Gitterfenſter. Im Hintergrunde ſieht man Maria, welche mit Günther und Karl ſpricht. Bertrand. Ha, hal! Dieſes Fenſter geht auf den Hof!(Er ſchüttelt an dem Gitter.) Verdammte Eiſenſtäbe— die Thüre gab beſſer nach— ihre Angeln flogen in einem Nu aus der Mauer. Es wäre wahrhaftig ſchade, wenn man auf ſo ſchoͤnem Wege inne halten ſollte. (Maria und Günther gehn in die Couliſſen. Karl geht vor.) Dreizehnter Auftritt. Die Vorigen. Karl. Karl(zu Oswald). Ihr wünſcht mit mir zu reden! Was begehrt Ihr? Bertrand(für ſich). Man ſpricht.— Laß hören— —y— . — 209— Oswald Gu Karl). Mein Begehren kam Ih⸗ nen wohl unerwartet? Bertrand(wie oben). Oswald frei— mit dem Sohn vom Hauſe? Oswald. Man hat mich hier in einem unge⸗ rechten Verdachte. Mißgeſchicke— ſeltſame Um⸗ ſtände— Karl. Ich verlange Eure Rechtfertigung nicht zu hören. Ich bin nicht Euer Richter. Oswald. Was gilt die Wette: Sie werden gleich aus einem andern Tone mit mir ſprechen? Karl. Wie— ich? Oswald. Ja— Dul! Karl. Welche Frechheit. Oswald. Keine Frechheit! Ich will— ich darf ſo mit dir ſprechen.(Auf eine Bewegung Karls.) Du bleibſt, du hörſt; das Leben deiner Mutter iſt in meiner Hand. Karl. Das Leben meiner Mutter!(für ſich.) Ich ſchaudre. Bertrand(für ſich). Was, Henker, ſoll das heißen? Oswald(um ſich blickend). Niemand kann uns hören? Karl. Niemand. Oswald. Es iſt um deines eigenen Vortheils, II. 14 — 210— um das Wohl deiner Mutter willen, daß ich dich zu ſprechen wünſchte. Außerdem iſt meine unglück⸗ liche Lage, aus der nur du allein mich zu retten vermagſt— Karl. Ohne Umſtände. Zur Hauptſache! Oswald. Du kennſt das Verbrechen, welches man deiner Mutter vorwirft? Karl. Sie iſt unſchuldig. Oswald. Schuldig oder unſchuldig! Der Schein iſt wider ſie. Sie wird verurtheilt werden. Karl. Meine Mutter— verurtheilt— Oswald. Nur Einer vermag, ſie zu retten. Karl. Wer? Oswald. Ihr Gatte. Karl. Ihr Gatte!— Wo iſt er? Oswald. Er ſteht vor dir. Karl. Ihr wärt— Oswald. Dein Vater! Karl. Ewige Gottheit! Bertrand(für ſich). Dem Soͤhnchen ſcheint die Bekanntſchaft des Herrn Vaters keine ſonderliche Freude zu machen. Karl(ſein Geſicht verbergend). Nein— nein! Es kann nicht ſeyn,— Ihr betrügt mich. Oswald. Du glaubſt mir nicht!— Frage nur Marien. — 211— Karl. Meine Mutter!— Ja, ich erinnere mich ihrer Worte— einzelne Andeutungen— ihre War⸗ nung, Euch nicht als Mörder anzuklagen— Ja! ja, es iſt nur zu wahr. Wo ich hinblicke, tritt mir die Schande und das Verbrechen entgegen. Meine Mutter unter der Laſt einer ſchrecklichen Beſchul⸗ digung— und Ihr, Ihr— mein Vater— meine Sinne verwirren ſich. Oswald(kalt). Wozu dieſe Aufwallungen? — Wir haben Eil'; die Zeit iſt koſtbar. Hüre mich. Ich mache auf deine kindliche Liebe keine be⸗ ſondre Anſprüche, aber willſt du mir beiſtehn, mein Unrecht gegen deine Mutter wieder gut zu machen? Karl. Ob ich will!— Bertrand(wie oben). Was führt er im Schilde? Oswald. Willſt du mir in der Ausführung eines Plans behülflich ſeyn, der mein Haupt dem Richtbeile, dein Leben und das deiner Mutter der Schmach und Schande entreißt? Karl. Könnt Ihr daran zweifeln? Oswald. Dein Wort? Karl. Ihr habt es. Oswald. Ich vertraue darauf. Nun kann ich geſtehn, daß Maria unſchuldig iſt. Karl. Das wußte ich. 14* — 212— Oswald. Die Urheber jener unglücklichen That ſind in Wahrheit— Karl. Nennt ſie mir nicht! Im Namen des Himmels— Oswald. Wie du willſt. Glaubſt du, daß wir noch dieſe Nacht hier zubringen? Karl. Die Escorte, welche euch begleiten ſoll, kommt erſt morgen. Oswald lauf die Hinterthüre deutend). Dieſer Ausgang führt in den Wald? Karl. Ja. Oswald. Gut. Ich brauche den Schlüſſel zu dieſer Thüre und ein rüſtiges Pferd. Dieſes laß mich um neun Uhr am Eingange des Waldes finden. Dort werde ich dir ſchriftlich die nähern Umſtände des Verbrechens dieſer Nacht mittheilen; ich werde den Mörder nennen, bei welchem man noch einen großen Theil der entwendeten Banknoten finden wird— Bertrand(für ſich). Teufel! Ich errathe dich. Der Hund! Oswald. Dann verlaſſe ich dieſes Land für immer. Maria ſteht ſchuldlos vor den Augen der Welt; Niemand weiß, daß es dein Vater war— Karl(einfallend). Ich willige ein. Bertrand(für ſich). Wart, mein guter Ka⸗ merad! Uber dieſen Plan ſollſt du den Hals brechen. —— — 213— Karl. Wenn ich mich eines Unrechts ſchuldig mache, wenn die Geſetze mich verdammen, ſo wird die Natur mich rechtfertigen.(Zu Oswald.) Ihr, frei und fern von dieſem Lande, o ſucht die Tugend— Oswald(ungeduldig). Die Schlüſſel! Karl. Gleich. Ich werde Euch Lebensmittel ſchicken. Die Schlüſſel ſollen in einem Brode ver⸗ borgen ſeyn. Oswald. Und um neun Uhr? Karl. Am Eingange des Waldes. Oswald. Um unkenntlich zu ſeyn— hätte ich gern— Karl. Einen Mantel. Oswald. Dann— Waffen. Karl. Unten im Korbe. Oswald. Schreibzeug— Karl. Das findet Ihr in Eurem Gemache. Oswald. Gut! Vergiß nicht: um neun Uhr! Karl. Um neun Uhr. (Oswald in den Pavillon. Kar!l riegelt hinter ihm und geht ab.) Vierzehnter Auftritt. (Abenddämmerung.) Bertrand(allein). Das iſt ein ſtarkes Freund⸗ ſchaftsſtück!— Aber du wirſt ſelbſt in die Grube — 214— fallen, die du andern gräbſt, mein theurer Oswald. Wie komme ich nur hier heraus—(Er blickt in⸗ wendig nach oben.) Eine Fallthüre— eine kleine Treppe— Friſch gewagt!(Er erſcheint an dem Fenſter des Heubodens.) Da wären wir glücklich! — Der Strick hier könnte— wahrhaftig, das muß gehn!(Er blickt hinaus.) Niemand in der Nähe? — Der Augenblick iſt günſtig.(Er ſchlingt den Strick um ſeine Hüfte und läßt ſich ſelbſt hinab.) Fünfzehnter Auftritt. Peter. Bertrand. Später Oswald. Peter(nach Innen). Viel zu gütig gegen ſolche Menſchen— eine unerhörte Großmuth— Bertrand(für ſich). Man kömmt!— Ver⸗ dammter Zufall!(Verbirgt ſich nächſt der Scheuer.) Peter(im Eintreten). Nein, das iſt zu arg! Einem Diebe— einem Mörder— Ich wollte dir etwas andres ſchicken, als einen warmen Mantel, ein gutes Eſſen— Ich muß den Packeſel machen — muß die Gefahr über mich nehmen, einem Wüth⸗ rich gegenüber zu ſtehn, der im Stande iſt— Was hilft das Alles! Er iſt der Herr, ich der Knecht! Das iſt der Grund zu einer Urſache, und die Ur⸗ ſache zu einem Verhältniß— Aber er hat mir kei⸗ nen Schlüſſel gegeben und iſt nun ausgegangen— Deſto beſſer! Ich werde dem Arreſtanten Alles durch's Fenſter hineinreichen. Es iſt gar ſo übel nicht, wenn ſich ein eiſernes Gitter zwiſchen unſer einem und ſo einem befindet.(Geht näher.) Heda! Seyd ihr drinn? Oswald(von Innen). Wer iſt's? Wer ruft? Peter(erſchrocken). Jemine! Ich bin's, meine Wenigkeit. Laſſen Sie ſich ja nicht ſtoren. Hier bring' ich Ihnen Allerlei von meinem jungen Herrn — Er hat mir geſagt— Oswald. Gut, gut! Gib nur her! Peter(ſetzt den Korb zur Erde). Hier haben Sie vor der Hand Etwas zum Warmhalten von Auſſen. (Er ſchiebt ihm den Mantel durch das Gitter hinein.) Bertrand(nähert ſich dem Korbe, ohne daß Peter es gewahrt, ſucht darin nach und findet die Waffen). Waffen!— Die ſind für mich.(Er nimmt ſie.) Peter(kehrt zum Korbe zurück; Bertrand weicht ihm aus). Und hier iſt Etwas zum Warmhalten von Innen: Wein, Braten—(Er ſchiebt den Korb durch das Fenſter). Oswald. Gut. Nun geh' zum Teufel! Peter. Sage gehorſamen Dank!(Kommt vor.) Grober Menſch! Es iſt aber doch ſonderbar! Dem da wird Eſſen geſchickt— der Andre muß hungern — 216— — der bekommt einen Mantel, jener mag frieren— Meinetwegen, was geht's mich an. Der Herr be⸗ fiehlt, der Knecht gehorcht.(Zu den Gefängniſſen gewendet.) Angenehme Ruh', meine Herrn! Sie haben hölzerne Bänke: die ſind noch viel zu gut für ſie. (Ab in's Haus.) Bertrand(allein). Jetzt, Bertrand, gilt's. Der Hund wollte mich verrathen. Das ſoll ihm ſchlecht bekommen. Auf, jetzt zeige dich deiner würdig! Dort iſt die Thüre, durch welche er entfliehn ſoll — er hat die Hälfte des geraubten Geldes bei ſich, wie ich— ein Pferd erwartet ihn— das ſoll mir gute Dienſte leiſten.(Er geht in den Hintergrund und klettert auf die Mauer. Es ſchlägt neun Uhr.) Neun Uhr! Es iſt Zeit.(Er verſchwindet.) Oswald(ſeine Thüre öffnend). Er hat Wort gehalien— hier ſind die Schlüſſel— aber ich habe die Waffen nicht gefunden, welche er mir verſprochen hatte!(Sieht ſich um.) Alles iſt ſtill. Fort!(Er geht in den Hintergrund und öffnet die Thüre.) Ich bin gerettet. Bertrand(von Auſſen). Noch nicht! Oswald. Wer da? Bertrand. Bertrand!(Man hört das Ge⸗ räuſch zweier miteinander Ringenden) Stirb, Ver⸗ räther!(Ein Piſtolenſchuß.) —— —— Oswald Gurückwankend.) Ich bin verwundet. (Er fällt auf die Bank vor dem Pavillon nieder.) Robert(von Auſſen). Halt, Schurke!— (Noch ein Piſtolenſchuß.) Sechszehnter Auftritt. Alle, außer Ludwig. Die Diener mit Fackeln. Peter Guerſt von der Seite des Hauſes). Zu Hülfe, zu Hülfe! Hier war der Lärm! Günther. Um Gottes willen, was iſt. (Robert und die Dragoner führen den Ber⸗ trand durch die Hinterthüre herein. Karl.) Peter. Jemine, hier liegt ſchon wieder ein ermordeter Menſch. Bertrand. Ich bin gerächt.(Man richtet Os⸗ wald empor.) Karl. Was ſeh' ich? Maria(bei Seite). Filippo! Peter. Unſre zwei Arreſtanten— Maria. Schafft Hülfe— Oswald. Laßt!— Sie würde vergeblich ſehn. — Maria, der Himmel hat deine Nache übernom⸗ men.(Zu Robert.) Sie iſt unſchuldig. Dort— Bertrand iſt Ludwigs Mörder— ich ſein Mit⸗ genoſſe. Alle. Ha! — 218— Karl. Furchtbare Wahrheit!(Oswald gibt ihm ein Zeichen, ſeine Theilnahme zu verbergen.) Clementine(im frohen Ausbruch). Karl, deine Mutter iſt unſchuldig. Oswald(nimmt ein Papier aus ſeinem Bu⸗ ſen). Hier— das Geſtändniß meiner Verbrechen — die Hälfte der entwendeten Summe!— Die andre Hälfte— Bertrand(ſtie zurückgebend). Da iſt das Ubrige.(Zu Oswald.) Du biſt bezahlt!— Da⸗ mit habe ich genug. Robert. Führt ihn hinweg!(Die Dragoner führen Bertrand ab.) Oswald(ſchwach). Maria, Karl— verzeiht mir— ich ſterbe! Karl(will ſich auf Oswald werfen). Es iſt mein— Maria(ihn lebhaft unterbrechend). Schweig! Er hat ausgelitten.(Gruppe.) (Der Vorhang fällt.) —— Abentheuer über Abentheuer. Dramatiſche Burleske in drei Aufzügen. Nach einer Erzählung des Pigault Lebrün. Perſonen: Herr Duplant. Madame Duplant. Hippolit, ihr Sohn, 19 Jahr alt. Eſtelle, Nichte der Madame Duplant. Eduard, Neffe des Herrn Duplant. Dormond, Kapitain. Karl, Eduards Freund. Lerent⸗ zwei junge Franzoſen. La Valeur, Sergeant in Dormonds Compagnie. Lunes, Corregidor von Urgel. Auda, ſeine Braut und Haushälterin. Eine Wittwe. Urſula, ſeine Schweſter. Pedro, ſpaniſcher Wirth. Carlos, Kapitain der ſpaniſchen Rekruten. Ein ſpaniſcher Korporal. Der Alcade von Aranza. Franzöſiſche Schildwache. Spaniſche Schildwache. Cavallos. Zwei Diener des Lunes. Zwei Diener Eſtellens. Räuber. Volk von Aranza. Spaniſche Rekruten. dienten im Hauſe des Herrn Duplant. Be⸗ ————— — ¶W——— Erſter Auf zug. (Die Scene iſt ein Garten, der im Hintergrunde von einem Gitter geſchloſſen wird. Rechts und links Bosquet.) Erſter Auftritt. Herr und Madame Duplant. Madame Duplant. Noch einmal und zum Letztenmale, ich kann deinen Eduard nicht ausſtehn. Herr Duplant. Iſt mir bekannt, theure Ehehälfte. Mad. Duplant. Sein Vater, dein verſtor⸗ bener Bruder, war ein achtungswerther Mann, aber der Sohn— Herr Duplant. Iſt ein recht geiſtvoller, liebenswürdiger Jüngling. Mad. Duplant. Nun, dieſe Eigenſchaften— Herr Duplant(fortfahrend). Der das glück⸗ lichſte, beneidenswertheſte Temperament von der Welt beſitzt. Sorgenlos und heiter ſieht er in das Leben, nichts kümmert ihn, Alles muß ſeiner frohen — 222— Laune dienen. Worüber Tauſende in Thränen zer⸗ fließen möchten, es kann den reinen Himmel ſeiner Freude nicht trüben. Stellt ſich ihm ein Hinderniß in den Weg— er überſteigt es; eine Gefahr— er geht ihr muthig entgegen; ein ſicheres Unglück— er lacht darüber, mit einem Wort— Mad. Duplant. Er iſt ein Taugenichts. Herr Duplant. Nur ein Bruder Sorgenfrei. Mad. Duplant. Den du unſrem Sohne Hy⸗ polit vorziehſt. Herr Duplant. Du irrſt, werthe Gattin. Mad. Duplant. Man muß wahrhaftig ſehr eingenommen ſeyn, um nicht den Unterſchied wahr⸗ zunehmen, der zwiſchen beiden jungen Leuten herrſcht. Herr Duplant. Ich ſehe recht wohl ein, daß ſie einander gar nicht ähnlich ſind. Mad. Duplant. Hppolit iſt liebenswürdig. Herr Duplant(bei Seite). Falſch. Mad. Duplant. Ein guter Geſellſchafter— Herr Duplant(wie oben). Ein Fat. Mad. Duplant. Macht Verſe. Herr Duplant(wie oben). Gereimter Unſinn. Mad. Duplant. Tanzt mit der Leichtigkeit eines Zephyrs— Herr Duplant(wie oben). Von Blei. Mad. Duplant. Spielt alle Inſtrumente. — 223— Herr Duplant(bei Seite, die Ohren zuhal⸗ tend). Das ſey Gott geklagt! Mad. Duplant. Kurz, er iſt ein junger Menſch, von dem ich mit Recht behaupten kann— Herr Duplant(wie oben). Daß er ein Narr ſey. Mad. Duplant. Jedermann ſagt, er ſehe dir aähnlich; auch habe ich einen gewiſſen Plan im Werke. Herr Duplant. Darf man wiſſen? Mad. Duplant. Als Hypolit faſt noch ein Kind war, liebte er ſchon unſere Nichte, die wir erzogen haben und als Tochter— Herr Duplant. Wenl! Eſtellen? Der fünf⸗ zehnjaͤhrige Knabe? Und du denkſt— Mad. Duplant. In fünf oder ſechs Jahren koͤnnten ſie ein Paar werden. Herr Duplant. Nimmermehr. Mad. Duplant. Nimmermehr? Noch heute Abend wird der Contrakt unterzeichnet. Herr Duplant. Heute Abend? Und in ſechs Jahren die Hochzeit? Mad. Duplant. So machen es die großen Herrn auch. Herr Duplant. Aber Eſtelle hat nicht die geringſte Neigung zu Hypolit und wird nimmermehr 1 — 224— einwilligen, einen Menſchen zu heirathen, den ſie nicht lieben kann. Mad. Duplant. Sie wird ſchon— Ich habe dich auch nicht geliebt und doch genommen. Herr Duplant(lachend). O, ich erinnere mich noch recht wohl— Mad. Duplant. Nun? Herr Duplant. Deines verdrießlichen Ge⸗ ſichtes, als du das verhängnißvolle Ja ausſprachſt. Mad. Duplant. Was liegt daran? Es war ein unangenehmer Augenblick— er iſt vorüber gegangen, wie ſo viele andere. Herr Duplant. Verbunden! Gei Seite.) Es geht doch nichts über die Süßigkeiten der Ehe! Mad. Duplant. Laß uns abbrechen und auf die Hauptſache zurückkommen. Herr Duplant. Du haſt recht, mein Kind; die Liebe war freilich nie eine Hauptſache für uns. Mad. Duplant. Eduard muß noch heute bei einem Advokaten untergebracht werden. Herr Duplant. Er ſoll ein Handlanger der Gerechtigkeit werden? Er wird ſeinen Gegner prügeln und zur Entſchädigung todt ſchießen. Mad. Duplant. Du langweilſt mich mit dei⸗ nen Einwendungen, mein Schatz. Eduard muß — — 225— Adbokat werden und Eſtelle meinen Hypolit hei⸗ rathen. So iſt mein Wille. (Hier erſcheint dormond und hört dem Geſpräch zu.) Herr Duplant. Nein! Eduard ſoll die Bahn der Waffen verfolgen; bald wird er es zum Haupt⸗ manne gebracht haben und dann wird Eſtelle die Seinige. Dem Hypolit kaufe ich ein Landgut: dort mag er müßig gehen, den Herrn ſpielen und ſich an den Freuden der Tafel ergötzen. So iſt jeder an ſeinem Platze. Eduard wird ein hraver Soldat ſeyn, Eſtelle eine gute Frau und Hypolit— ein reicher Mann. Das iſt meine Meinung. Mad. Duplant. Der, wie gewöhnlich, der geſunde Menſchenverſtand fehlt. Zweiter Auftritt. Die Vorigen. Dormond. Dormond(ſpöttiſch). So zärtlich? Mad. Duplant. Sie kommen gerade recht, Kapitain. Herr Duplant. Du ſollſt hören— Mad. Duplant. Ich will Ihnen ſagen— Dormond. Ich habe Alles gehört. Mad. Duplant. Nun, ſo denken Sie gewiß— Dormond. Wie Ihr Mann, Madame. Mad. Duplant. Wie mein Mann? II. v 15 — 226— Dormond. Ja; und da er mir bereits ſeinen Plan vertraut hatte, ſo bringe ich für Ihren Neffen das Patent als Fähndrich in meiner Compagnie mit. Mad. Duplant. Das leide ich nicht; mein Hypolit allein ſoll das Vaterland vertheidigen. Herr Duplant. Aber er hat die beſten An⸗ lagen, eine feige Memme zu werden. Mad. Duplant. Pure Verläumdung. Herr Duplant. Wahrheit, Wahrheit, nichts als die Wahrheit.(Man hört ein Geräuſch.) Mad. Duplant. Welcher Lärm! Hypolit(noch in der Ceouliſſe). Das iſt zu arg— das iſt abſcheulich! Mad. Duplant. Das iſt meines Sohnes Stimme. Dritter Auftritt. Die Vorigen. Hypolit. Hypolit(ſchnell). Es unterliegt keinem Zwei⸗ fel mehr.— Alles iſt entdeckt. Mad. Duplant. Was iſt, mein liebes Kind? Herr Duplant. Erkläre dich. 8 Hypolit. Ich ahnete es ſchon längſt.— Herr Duplant. Was denn? Hypolit. Aber dennoch glaubte ich es nicht. * — 227— Mad. Duplant. So ſprich doch deutlicher, mein Söhnchen. Hypolit. Jetzt habe ich den Beweis. Herr Duplant und Mad. Duplant. Welchen Beweis? Hypolit. Sie wollen es wiſſen? Alle. Freilich! 4 Hypolit. Nun denn— weil ſie darauf drin⸗ gen— ich habe Eſtellen geſehn— Mad. Duplant. Mit Eduard? Hypolit. Richtig. Herr Duplant. Gebärdet ſich der Affe doch, als wäre ein Erdbeben im Anzuge. Mad. Duplant(den Hypolit liebkoſend). Wie hatteſt du mich erſchreckt! Hypolit. Denken Sie, Mütterchen: Eduard hat Eſtellen ſeine Geliebte genannt. Mad. Duplant. Der Unverſchämte! Hypolit. Dann hat er geſagt: Höre, Cou⸗ ſinchen, du mußt dir nur eine rechte Courage faſ⸗ ſen; wir lieben uns, wir wollen uns heirathen, ich werde um dich anhalten.— Wird eingewilligt, ſo machen wir dieſen Abend Hochzeit— wird nicht eingewilligt, ſo laſſen wir's bleiben. Das übrige wird ſich finden.(Herr Duplant und Dormond lachen.) Mad. Duplant. Impertinent, wahrhaftig! 15* — 228— Herr Duplant(zu Dormond). Das wird ſich finden! Das iſt ſein großer Wahlſpruch, wenn er in Verlegenheit iſt. Dormond(zu Duplant). Ganz an der rechten Stelle für einen Eheſtandskandidaten. Mad. Duplant. Lachen ſie immerhin, meine Herrn; ich allein werde die Frechheit dieſer unbe⸗ ſonnenen jungen Leute zu zügeln wiſſen. Sey auſſer Sorge, mein Söhnchen, aus dieſer Heirath wird nichts.(Rufend.) Jean! Pierre! Francois! Vierter Auftritt. Die Vorigen. Bediente. Mad. Duplant. Ruft Eduard und Eſtellen herbei. Indem die Bedienten ſich entfernen, treten Eduard und Eſtelle Hand in Hand herein. Bediente ab.) Fünfter Auftritt. Die Vorigen. Eduard. Eſtelle. Eduard. Zu Ihrem Befehl, theuerſte Tante. Mad. Duplant. Eduard— Eſtelle, trennt euch. Eduard. Das geht nicht, Tantchen— oder beſſer— Mutter, denn Ihre kleinen Eigenheiten abgerechnet— Mad. Duplant. Junger Herr! — 229— Eduard. Liebe Mutter, lieber Vater, wir kommen als ehrerbietige Kinder, um ihnen anzuzei⸗ gen, daß wir uns heute oder morgen zu heirathen gedenken und dieſem löblichen Entſchluſſe auf keiner⸗ lei Weiſe entſagen wollen— dieſes ſind die Geſin⸗ nungen ihrer beiden gehorſamen Pflegekinder, die übrigens bereit ſind, Alles zu thun, was ſie verlangen, wenn Sie in Alles willigen, was wir wünſchen. Hypolit Gu Mad. Duplant). Da hören Sie ſelbſt. Dormond. Er fällt mit der Thüre in's Haus. Mad. Duplant. Was ſagſt du dazu, werther Gatte? Herr Duplant. Es iſt ein Scherz! Mad. Duplant. Eine Unverſchämtheit iſt es. Eduard. Hätten Sie vielleicht lieber geſehn, wenn ich mit pathetiſcher Stimme, mit thränendem Blicke, folgendergeſtalt ſie haranguirt hätte: Wohl⸗ geborne, inſonders verehrte Tante, wie auch Pflege⸗ mutter, ewiger Gegenſtand meiner unſterblichen Ver⸗ ehrung! In Ihren Händen liegt mein Geſchick, mit einem Wort können Sie das Glück oder Unglück meines Daſeyns gründen.— Sprechen Sie es nicht aus, dieſes ſchreckliche Wort.— Vereinigen Sie zwei Herzen, die von Thränen dick angeſchwollen ſind, wie Mehlſäcke, legen Sie dieſe zitternden Hände in — 230— einander.— Zu Ihren Füßen erwarten wir Leben oder Tod! Ha, ha, ha, ha! Mad. Duplant. Ja, wenn du ſo geſprochen hätteſt! Eduard. Pfui, Tantchen, pfui! Es iſt nichts langweiligeres auf der Welt, als dieſe weinerlichen Liebhaber, die nur noch in einigen abgedroſchenen Romanen umherſpuken. Sie erſäufen Liebe und Freude in einem Strome von Thränen. Mich begei⸗ ſtert Eſtellens Gegenwart zur Freude, und wenn ich froh bin, lache ich, mit lachendem Munde ſpreche ich ihr von meiner Liebe, mit lachendem Munde ſchwöre ich ihr ewige Treue, folglich iſt es auch ganz natürlich, daß ich mit lachendem Munde ihre Hand verlange. Hypolit. Aber, Herr Vetter, ich liebe Eſtellen auch und dereinſt— Eduard. Frage nur: ob ſie dich liebt oder dereinſt lieben wird. Eſtelle. Als meinen Vetter, recht gern; aber— Eduard. Aber nicht wie mich; da hörſt du's. Ich habe den Vorzug, und ich verdiene ihn. Herr Duplant(zu Dormond). Ein herr⸗ liches Temperament. Dormond. Und ſeine Gutmüthigkeit gleicht ſeiner Laune. — 231— Mad. Duplant. Du ölldeſt dir alſo ein, Mosje Taugenichts, ich würde deinem lächerlichen Verlangen nachgeben und dir meinen Hypolit auf⸗ opfern? Eduard. Keinesweges, theuerſte Tante; dem wird's an einer Frau nicht fehlen. Er iſt zehnmal reicher als ich— ein wenig dumm dabei. Ehe wir uns verſehen, iſt er verheirathet. Wenn er auch gleich noch ein Kind iſt, ſo verräth er doch ſchon herrliche Anlagen zu einem Ehemann, der einſt mit Geduld die Krone Hymens tragen wird. (Dormond und Duplant lachen.) Hypolit(bös, zu Eduard). Herr Vetter. Herr Duplant. Hypolit. Eduard. Ich glaube gar, er wird böſe. Sey ruhig, Kleiner, ſonſt laß ich dich auf Erbſen knien. Nun dann noch einmal, verehrteſte Pflegemutter, wollen Sie uns verheirathen oder nicht?(Zu Eſtelle.) Rede auch ein Wort, Couſinchen, vielleicht hilft's? Eſtelle. Ich fürchte mich. Eduard. Das thut nichts; ſprich nur immerhin. Eſtelle. Liebe Tante; ich kann zwar die Art und Weiſe, mit welcher Eduard die Einwilligung zu unſerer Verbindung von ihnen verlangt, nicht billigen, aber die Liebe möge ihn entſchuldigen. Ein — 232— Wort, ein einziges Wort und wir verdanken Ihnen das Glück unſers Lebens! Eduard. Nicht übel! Nun, jeder hat ſeine Manier! Papa und Mama können ſich nicht be⸗ ſchweren. Gefällt ihnen das Luſtige nicht, ſo mö⸗ gen ſie ſich an das Rührende halten. Sie willigen ein und heute Abend gibt's Hochzeit. Mad. Duplant. Du könnteſt dich irren. Dormond(zu Duplant). Er kennt keine Hinderniſſe! Mad. Duplant. Hört den unwiederruflichen Entſchluß, den ich gefaßt habe. Eduard(zu Eſtellen). Wer Ohren hat zu hören, der höre! Mad. Duplant. Du wirſt Advokat— Eduard. Ich, Advokat? Nein, theuerſte Tante, daraus wird nichts. Wie ſollte ich mich in die Spitz⸗ findigkeiten der Gerechtigkeit finden, in den ſchlep⸗ penden Gang der Prozeſſe; ich hüpfe lachend durch die Welt und will mein gutes Gewiſſen bewahren. Alſo: der erſte Artikel kann nicht paſſiren. Laſſen Sie den zweiten hören. Herr Duplant(zu Dormond). An der Ant⸗ wort fehlt's ihm nie. 6 Eſtelle. Sey doch ein wenig ernſthaft. Eduard(u Eſtelle). Laß mich nur machen; es wird ſich ſchon finden.(Zu Mad. Duplant.) Fahren Sie fort, wertheſte Tante. Mad. Duplant. Eſtelle hat kein Vermögen. Eduard. Sie werden ſie damit verſehen. Mad. Duplant. Ich beſtimme ſie meinem Sohne Hypolit. Eduard. Das wird ſich finden, wertheſte Frau Tante. Hypolit ſollte Eſtellen beſitzen— Eſtelle mir entriſſen werden— ich gar ein Advokat, ein Rechtsverdreher— Nein, nein nein, dreimal nein! Das iſt auch weder meines Vaters Meinung, noch die des Kapitains. Nicht wahr, meine Herrn? O, ich ſehe es ihnen an der Stirne an, daß ſie auf meiner Seite ſind. Wiſſen Sie was, Tantchen! Wir wollen Stimmen ſammeln, vier für mich, zwei für ſie. Ich habe gewonnen, Eſtelle iſt mein und wir können den Pfarrer nur gleich holen laſſen. Mad. Duplant. Deine Narrheiten führen dich keinen Schritt weiter. Noch heute werde ich mit einem Advokaten ſprechen, bei dem du deine künftige Laufbahn antreten ſollſt. Eduard. Nun, der kann lange warten, ehe er mich zu ſehen bekommt. Mad. Duplant. Meinem Hypolit kaufe ich eine Compagnie. Folge mir, mein Söhnchen, und gib deiner Couſine den Arm.(Ab.) (Eſtelle und Hypolit folgen ihr.) — 234— Sechſter Auftritt. Eduard. Dormond. Duplant. Eduard. Und ich ſollte dulden— Dormond. Achten Sie den Willen einer Frau, welche Mutterſtelle bei Ihnen vertritt.(La⸗ chend.) Das Ubrige wird ſich finden.(Ab.) Herr Duplant. Verliere den Muth nicht, und was deine Heirath betrifft, nun— das wird ſich finden.(Ab.) * Siebenter Auftritt. Eduard(allein). Das ſoll ſich auch finden, beym Teufel! Ich glaube gar, ſie machen ſich lu⸗ ſtig über mich. Was hilft aber das Alles? Ma⸗ dame Duplant iſt Herr im Hauſe und ſchwingt den Pantoffelſcepter mit unerbittlicher Gewalt— Sie ſetzt ihren Willen durch. Nun ſo will ich denn Advokat werden, blos um euch zu rächen. Ich will ihnen einen Prozeß an den Hals werfen, der ſie an den Bettelſtab bringen ſoll und(ſich beſinnend) — mich per Compagnie auch, weil ich nichts habe, und von ihrer Bereitwilligkeit Alles erwarte. Daß ich ein Narr wäre! Und Eſtellen bekäme ich doch nicht. Was iſt zu thun? Wenn ich einen guten Freund hätte, der eben ſo geſcheidt wäre wie ich, ſo könnte ſich wohl ein und das andere Plänchen —— — 235— ſchmieden laſſen. Karl wäre ſchon mein Mann, wenn er gleich die lächerliche Gewohnheit hat, über Alles zu klagen und betrübte Geſichter zu ſchneiden — er hat manchmal einen geſcheidten Einfall und könnte mir vielleicht ein Mittel an die Hand geben. Verwünſcht! Faſt an jedem Morgen beſucht er mich und gerade heute, wo ich ſeiner benöthigt bin, kommt er nicht. Achter Auftritt. Eduard. Karl. Karl. Du irrſt! Hier bin ich. Eduard. Du kommſt gerade recht; ich habe dir etwas Wichtiges mitzutheilen. Karl. Ich dir auch. Eduard. Aber— du ſiehſt ſo niedergeſchla⸗ gen aus?. Karl. Das iſt kein Wunder. Eduard. Was fehlt dir denn? Karl. Ich ſoll mich verheirathen. Eduard. Mit deiner Couſine? Karl. Ja. Eduard. Du liebſt ſie,— ich gratulire dir. Karl. Aber ich fürchte mich vor dem Eheſtande. Eduard. Kleinigkeit! Karl. Die Eiferſucht.— — 236— Eduard. Thorheit. Karl. Die vielen Hausfreunde.— Eduard. Man zeigt ihnen die Thür'. Karl. Die Erziehung der Kinder.— Eduard. Man ſpielt mit ihnen. Karl. Die Sorge der Haushaltung. Eduard. Die überläßt man der Frau. Karl. Alles das will mir nicht aus dem Kopfe. Eduard. Du biſt ein Narr! Allenthalben wohnt die Freude, man muß nur ſo geſcheidt ſeyn, ſie aufzufinden. Karl. Dann paſſirt mir auch gerade jetzt noch ein anderes Unglück. Ein reicher Onkel iſt geſtor⸗ ben und hat mich zum Erben eingeſetzt. Nun wer⸗ den die Schmeichler kommen, die Schmarotzer.— Eduard. Bei unſerer Geburt, lieber Freund, haben doch wahrhaftig zwei ganz verſchiedenartige Sterne geleuchtet. Du biſt reich wie Kröſus, kannſt heirathen wenn du willſt, und ergießeſt dich trotz dem Allen in Jeremiaden. Ich bin ſo arm wie eine Kirchenmaus, ſoll nicht heirathen und bin doch immer luſtig und guter Dinge. Karl. Du biſt auch ſo leichtſinnig— Eduard. Höre! Uns beiden kann geholfen werden.— Du findeſt das Unglück im Glücke, ich das Glück im Unglücke? Wir müſſen ein Bündniß — 237— auf Schutz und Trutz mit einander eingehen. Sag' an: was willſt du thun, um dem Eheſtand und der Erbſchaft zu entgehen. Karl. Ich habe im Sinne, mich für einige Zeit zu entfernen, um zu ſehen, ob meine Geliebte mir treu bleibt und mich um meiner ſelbſt und nicht um meines Vermögens willen heirathen will. Eduard. Auch ich will mich aus dem Staube machen, um nicht Advokat werden und Eſtellen als die Frau eines Andern ſehn zu müſſen. Karl. Was ſollen wir thun? Eduard. Durchgehen! Karl. Allein? Eduard. Gott bewahre! Eſtelle muß mit. Karl. Wie? Eduard. Sage mir, lieber Freund, kannſt du dir Weiberkleider verſchaffen? Karl. Wozu dieſe thörigte Frage? Eduard. Keine Bemerkungen! Folge der Ein⸗ gebung des höheren Geiſtes, der aus mir ſpricht. Noch Einmal! Kannſt du dir Weiberkleider verſchaffen? Karl. Sehr leicht, in meinem Hauſe wohnt eine alte Spanierin— Eduard. Eine alte Spanierin? Erwünſcht! Karl. Und wenn ich die mit einigem Geld beglücke— — 238— Eduard. Beglücke ſie, verkleide dich und kehre ſchnell zurück. Karl. Zu welchem Zwecke? Eduard. Hypolit ſoll Eſtellen heirathen. Karl. Wirklich? Eduard. Noch heute will ſie das grimmige Schickſal mir rauben! Karl. Und du ſuchſt— Eduard. Ein Mittel, ſie der Gefahr, die uns Beiden droht, zu entreißen. Karl. Aber Eſtelle. Eduard. Bleib mir vom Halſe mit deinen Abers— Höre den Plan, den mein Genie, das große Ding, das in mir denkt, an das Licht geför⸗ dert. Du biſt eine höchſt achtungswürdige ſpaniſche Dame, welche die Freundin meiner verſtorbenen Eltern war und mich genau kennt. Du haſt die Grenze der Pyrenäiſchen Halbinſel überſchritten, um die kennen zu lernen, der ich mit ungeheurer Liebe ergeben bin; du vernimmſt, daß ſie ein Opfer elter⸗ licher Tyrannei werden ſoll, du bedauerſt ſie, du ſeufzeſt mit ihr, du mußt die Thränenſchleußen öff⸗ nen und ein Doppelkonzert im Schluchſen mit ihr vortragen— das iſt jetzt Mode beym Comödie⸗ ſpielen— zuletzt mußt du ihr den Vorſchlag machen, mit dir zu entfliehen und bei dir zu bleiben, bis — 239— der Schmerz über ihren Verluſt die Eltern zur Vernunft zurückgeführt habe— ſie ſteht an— du dringſt in ſie, endlich gibt ſie nach; wir gehen durch und ſind in zwei Stunden in der ſpaniſchen Grenz⸗ ſtadt Urgel. Was das UÜbrige betrifft— das wird ſich finden. Karl. Alſo über die Grenze? Eduard. Es geht nichts über das Reiſen. Karl. Und ich ſoll eine Art von Tante vorſtellen? Eduard. Habe ich doch neulich bei einem Abentheuer den Onkel für dich gemacht— du biſt mir alſo die Tante ſchuldig. Karl. Aber wenn man uns aufſucht, uns ver⸗ folgt— uns arretirt— in's Geängniß ſteckt, als Jungfernräuber an den Pranger— Eduard(ihm den Mund zuhaltend). Still! nicht weiter mit dergleichen albernen Prophezeihungen. Gehe ſchnell und wirf dich in das Coſtüm, welches deine Gaſtrolle erheiſcht. Karl. Aber die Geſetze? Eduard. Du biſt 20, ich 22 Jahre alt— die Geſetze der Liebe beſtanden vor allen Andern, ihnen woollen wir folgen. Eſtelle kommt— hebe dich hinweg, wiederſpenſtiger Satanas, und kehre in zehn Minuten als reſpektable Spanierin und geliebte Tante zurück. — 240— Karl. Es ſey, aber was daraus entſteht— Eduard. Das wird ſich finden.(Karl ab.) Neunter Auftritt. Eduard. Eſtelle. Eduard(mit ausgelaſſenem Gelächter). Ha, ha, ha, ha! Eſtelle. Dein Lachen iſt in der That ſehr ſchmeichelhaft für mich— in dem Augenblicke, wo mein Heirathscontrakt mit Hypolit abgefaßt wird. Eduard(immer lachend). Schon? Eſtelle. Und du lachſt noch immer? Eduard. Das iſt herrlich! Eſtelle. Morgen bin ich Hypolit's Frau. Eduard. Göttlich! Eſtelle. Höre, Eduard, ich habe dir wohl ſchon öfters dergleichen Ausbrüche unüberlegter Lu⸗ ſtigkeit verziehn, aber heute— Eduard. Und weshalb ſollte ich denn trau⸗ rig ſeyn? Dieſe Heirath— Eſtelle. Wird, wenn der Himmel nicht etwa einfällt, geſchloſſen werden. Eduard. Gott bewahre! Der Himmel hat gar nichts damit zu ſchaffen. Du brauchſt nur nein zu ſagen; aber wenn du etwa eine nicht zu ——— — 241— bekämpfende Luſt in dir ſpürſt, den theuren Hypolit mit deiner Hand zu beglüchen, ſo— Eſtelle. Wie kannſt du ſo grauſam ſcherzen! Eduard. Nun, ſo ſprich: nein! Eſtelle. Wo ſollte ich den Muth hernehmen? Eduard. Du willſt nicht? Gut! Ich gehe in die weite Welt und— das Ubrige wird ſich finden. Eſtelle. Du willſſt fort. Eduard. Fort! UÜber das Meer, über die Erde, in den Krieg, in den Tod— du trägſt al⸗ lein die Schuld, du haſt es dereinſtens zu ver⸗ antworten. Eſtelle. Du thuſt mir wehe, Eduard. So denke doch nur nach— Eduard. Nachdenken? Das iſt die häßlichſte Gewohnheit, die ich kenne. Nachdenken ermüdet das Genie und führet zu Nichts. Eſtelle. Gibt es denn kein Mittel, die Ge⸗ fahr abzuwenden? Eduard. Ein Mittel? Eſtelle. Ja. Eduard. Ein ganz einfaches: morgen ſollſt du dich verheirathen— begib dich noch heute in Geheim zu irgend einem reſpektablen Frauenzimmer. Dort biſt du ſicher vor tyranniſcher Gewalt, die Verläumdung muß ſchweigen und Jedermann Eſtellen II. 16 — 242— bewundern, die ſelbſt im Unglücke treu ihren Pflich⸗ ten und der Tugend blieb. Haſt du denn nicht ſo eine alte Verwandte, eine bejahrte Freundin, oder betagte Couſine? Alt muß ſie ſehn, das iſt die Hauptſache. Eſtelle. Ich wüßte nicht— Eduard. Ich auch nicht.(Nachſinnend.) Doch da fällt mir etwas ein— Eſtelle. Nun? Eduard. Eſtelle? Eſtelle. Eduard. Eduard. Ich kenne ſeit geraumer Zeit eine ſpaniſche Dame von reifem Alter— ſie iſt eine ent⸗ fernte Verwandte von mir, eine Art von Tante. Schon öfters hat ſie mich beſucht. Eſtelle. Du haſt mir doch nie von ihr geſprochen? Eduard(bei Seite). Das glaub' ich gern; ſie kommt ſo eben erſt aus meiner Fabrik.(Laut.) Als ich noch im Hauſe meiner verſtorbenen Eltern lebte, waren ihre Beſuche häufiger, doch auch hier gab ſie mir ſchon Gelegenheit, ihr meine Ehrfurcht zu bezeigen. Sie wohnt zu Urgel— Wenn ſie könnte— O, das wäre eins von den glücklichen Ereigniſſen, die der Zufall wohl ſchon öfter her⸗ beiführte! — 243— Eſtelle. Du glaubſt— Eduard. Morgen ſchon will ich ihr ſchreiben — dieſen Abend— nein, gleich! (Er nimmt ſeine Schreibtafel zur Hand.) Eſtelle. Was machſt du? Eduard. Ich ſchreibe. Eſtelle. Ein Augenblick. Eduard. Wir haben auch nicht einen Augen⸗ blick zu verlieren. Eſtelle. Ich ſollte— Eduard. Mich heirathen. Eſtelle. Iſt es denn erlaubt? Eduard. Glücklich zu ſeyn? Freilich! Eſtelle. Was werden die Leute ſagen? Eduard. Das wird ſich finden. (Man hört einen Wagen vorfahren.) Eſtelle(in die Couliſſe ſehend). Ein Wagen! Ein Frauenzimmer ſteigt aus. Eduard. Ein Frauenzimmer? Zehnter Auftritt. Die Vorigen. Karl, als Frauenzimmer verkleidet. Eſtelle. Wer mag dieſe Dame ſeyn? Eduard(bei Seite). Er iſt's.(Laut.) Iſt es ein Traum, iſt es Wahrheit, täuſchen mich meine Sinne oder ſpricht die Wirklichkeit zu meinem Herzen 16* —* sAnn 1 1 6 ¹ 1 — — 244— — Sie ſind's, Donna Leonarde!(Eeiſe zu Karl.) Du nennſt dich Leonarde!(Laut.) So eben war ich im Begriffe— Eſtelle. Iſt dieſes vielleicht deine Tante von Urgel? Eduard. Sie ſelbſt— Eſtelle. Ihr Außeres iſt ſehr reſpektable, aber ſie ſcheint verlegen. Eduard. Sie iſt noch ſo blöde— Sie be⸗ ſucht mich gewöhnlich, wenn ich allein bin. Karl(zu Eduard, mit veränderter Stimme). Es freut mich, dich ſo wohl zu ſehn, theurer Neffe. Wer iſt dieſes junge, liebenswürdige Frauenzimmer? Vielleicht Demoiſelle Eſtelle? Eſtelle(zu Eduard). Sie weiß meinen Namen? Eduard. Wie ſollte ſie nicht? Nur von dir unterhalten wir uns, wenn wir beiſammen ſind. (Zu Karl.) Ja, theuerſte, verehrteſte, reſpektabelſte Tante, es iſt die holde Eſtelle, der Gegenſtand mei⸗ ner Anbetung. Karl(zu Eſtelle). Das liebe Kind.(Er geht auf ſie los, um ſie zu umarmen.) Erlauben Sie, meine Gute. Eſtelle(indem ſie es duldet). Von Herzen gern. Eduard(leiſe zu Karl). Wir ſind höchſt eilig, lieber Freund! — 245— Karl(Eſtellen noch einmal umarmend). Noch einmal, meine Theuerſte! Eduard. Du mißbrauchſt meine Lage. Karl(leiſe zu Eduard). Im Gegentheile, ich benutze die meinige.(Laut.) Aber das liebe Mädchen ſieht ſehr niedergeſchlagen aus, was könnte dieſes junge Herz betrüben? 1 Eduard. Ach, verehrte Tante, auch ſie muß die Leiden dulden, welche einſtens die frohen Tage Ihrer Jugend trübten! Karl. Welche Leiden? du erſchreckſt mich. Eduard. Man will ſie wider ihren Willen verheirathen. Karl. Wider ihren Willen? O Himmel und Erde! Hat auch ſie eine eigenſinnige Mutter, einen Schaafskopf von Bräutigam— Eduard. Und einen Geliebten, den ſie mit Recht verehrt. Alles das hat ſie, reſpektabelſte Tante— Karl. Arme Eſtelle! Ach, die Erinnerung an die unglücklichſten Augenblicke meines Lebens ent⸗ lockt mir noch jetzt Thränen! Eſtelle. Was thaten ſie in jener bedauerns⸗ werthen Lage. Karl(zu Eduard). Soll ich es geſtehen? Eduard. Geſtehn Sie es, Verehrungswürdigſte! Karl. Ich ging durch. — 246— Eſtelle. Wie? Karl. Das heißt, ich hatte den Muth, mich auf einige Zeit von meinen grauſamen Verfolgern zu entfernen. Eduard(zu Eſtelle). Da hörſt du, was ein⸗ ſtens die tugendhafteſte Perſon von ganz Spanien that. Karl. Ich begab mich in den Schutz einer Dame, die damals ſo reſpektable war, als ich es jetzt bin— meine Eltern weinten, verzweifelten, riefen mich zurück— Eduard. Und vereinigten Sie mit Ihrem Geliebten? 2 Karl. Ja, ich wurde ſo glücklich. Eduard. Reſpektabelſte Tante, könnten Sie ſo hartherzig ſeyn, bei uns die Stelle nicht vertre⸗ ten zu wollen, welche jene Dame— Karl. Wie ſo, lieber Neffe? Eduard. Würden Sie der unglücklichen Liebe einen Zufluchtsort verſagen? Karl. Wie könnte ich ſo grauſam ſeyn! Nein, nein! Kommt mit mir, ihr guten Kinder. Eduard. Tante Leonarde willigt ein.— Liebe Eſtelle, laß uns das einzige Mittel ergreifen, das vielleicht im Stande iſt, uns dem Glücke unſres Lebens zuzuführen. Eſtelle. Aber— — 247— Eduard. Die gute Tante wohnt nur zwei Stunden von hier. Karl. Mein Wagen iſt da. Eduard. Noch heute wirſt du gezwungen, den Contrakt zu unterzeichnen. Karl(Eſtellen mit ſich ziehend). Noch heute? Kommen Sie geſchwind, meine Liebe. Eſtelle(widerſtehend). Aber, Eduard— Eduard(u ihren Füßen). Eſtelle, ich be⸗ ſchwöre dich.— Eilfter Auftritt. Die Vorigen. Hypolit. Hypolit l(eintretend, ohne aufzublicken; er hält ein Papier). Hier bring' ich meinen Heiraths⸗ contrakt mit Eſtellen. Eduard(leiſe). Hypolit! Karl(ebenſo). Alles iſt verloren! Eduard. Gott bewahre! nur ruhig. Hypolit(ſie ſehend). Was erblick' ich? Eduard(laut zu Eſtellen). Hochgeſchätzteſte Couſine, wir wollen nicht länger dem Willen unſerer Pflegeeltern uns widerſetzen. Zu deinen Füßen be⸗ ſchwöre ich dich, unterzeichne jenen verhängnißvollen Contrakt.(Bei Seite.) Wenn ich ihn nur erwiſchen könnte.(Laut.) Unterzeichne ihn, ſobald ſie es — 248— verlangen. Ich erkenne ihre Rechte, ich unterwerfe mich ihrem Gebote und bitte dich, daſſelbe zu thun. Hypolit. Nun, das heiße ich einmal ver⸗ nünftig geſprochen. Couſinchen, der Contrakt iſt bereit. Eduard(leiſe zu Eſtellen). Nimm ihn. Eſtelle(ebenſo zu Eduard). Aber— Eduard(wie vorher). Zaudre nicht. (Eſtelle nimmt den Contrakt.) Karl(bei Seite). Prächtiger Gedanke! Eduard. Komm. Eſtelle, komm mit mir, um die heiligſte Pflicht zu erfüllen.— Hypolit, folge uns nicht; mir allein ſollſt du dein Glück verdanken. Du ſiehſt, was ich für dich zu thun im Stande bin. Hypolit. Wahrhaftig! ich bin gerührt. Eduard(Karl und Eſtellen folgend). Faſſe dich, lieber Junge, du wirſt bald deiner ganzen Faſſung bedürfen. Zwölfter Auftritt. Hypolit(allein). Er iſt doch wahrhaftig ſo übel nicht— er hat ſich eines Beſſern beſonnen, er hat bedacht, daß er meinen Eltern Achtung und mir Reſpekt ſchuldig ſey.— Er hat ſehr wohl daran gethan.(Man hört einen Wagen.) Was iſt das? Ein Wagen. Ha, was ſeh' ich? Eduard, — meine Couſine und die fremde Dame ſind darin. (Er ruft.) Jean, Pierre, Francois! Gediente treten ein.) Eduard entführt meine Couſine, dort fahren ſie hin. Lauft ihnen alle nach!(Er und die Be⸗ dienten ab, der Wagen fährt ſchnell über den Hin⸗ tergrund.) (Das Theater verwandelt ſich. Im Hintergrunde iſt das Thor der Stadt Urgel, rechts ein Wach⸗ haus, links die Wohnung des Corregidors.) Dreizehnter Auftritt. Ein Korporal, ſpaniſche Rekruten, alle von verſchiedener Größe, im Exercitium. Der Korporal. Rechts um kehrt!— Wollt ihr euch nicht links drehen, ihr Schlingel! Seht nach der rechten Seite. Es iſt freilich ein ſehr ſchweres Manövre, das ich ſchon ſeit vier Wochen euch vergebens beizubringen ſuche— aber es ſoll ſchon gehn;(mit dem Stocke drohend) ich werde. nachhelfen. Vorwärts marſch! Links— Rechts— Links— Nechts. Wollt ihr mir nicht auf die Füße laufen. Gott im Himmel, warum haſt du ſolche Rindviehe geſchaffen. Ich will ſie in Schlachtord⸗ nung vor dem Hauſe des Herrn Corregidors auf⸗ marſchiren laſſen, damit er ſie muſtern kann. Vor⸗ wärts in Schlachtordnung!(Mehrere Rekruten lau⸗ — 250— fen aus dem Glied.) Wollt ihr wohl bleiben, ihr Eſel! Das iſt blos eine Schlachtordnung zum Spaß. Wenn es einmal Ernſt gibt, ſo werde ich euch mit meinem Beiſpiele vorangehn. In Reih und Glied! Richt euch! Sechs Monate lang ver⸗ ſchwende ich ſchon dieſen Holzblöcken meinen militä⸗ riſchen Unterricht, aber Hopfen und Malz iſt an ihnen verloren. Der Herr Corregidor und der Ka⸗ pitain. Gewehr in Arm! Vierzehnter Auftritt. Die Vorigen. Der Corregidor. Caxlos. Der Korporal(nimmt den Hut ab). Gehor⸗ ſamer Diener, Herr Corregidor. Alle Rekruten(nehmen die Hüte ab). Gehor⸗ ſamer Diener, Herr Corregidor. Der Korporal. Wollt ihr wohl das Maul zu und den Hut aufbehalten, ihr Einfaltspinſel. Der Corregidor. Eure Leute ſind zu höflich, Korporal. Carlos(zum Korporal). Laßt ſie die Reihe öffnen. Der Korporal. Offnet die Glieder! Marſch. (Die Rekruten laufen weit auseinander.) Halt! Ihr lauft ja meilenweit auseinander.(Er ſtellt ſie zurecht.) Carlos(zum Corregidor). Iſt es gefällig, Herr Corregidor. Der Corregidor(ſetzt ſeine Brille auf und geht durch die Reihen; Carlos ihm nach). Vier Fuß, fünf Zoll— neun Zoll— eilf Zoll und ein halb, drei Fuß und ein halb. Kapitain, das ſind herrliche Soldaten; die müſſen ſie Alle zu Grena⸗ dieren machen? Ein und der andere iſt zwar noch ein wenig ungeſchickt, aber das gibt ſich mit der Zeit. Das Hülfscorps, welches ich im vorigen Jahre dem Depot der Invaliden abgehn ließ, hat großes Aufſehen gemacht. Apropos, iſt die Compagnie jetzt vollzählig? Die zwei franzöſiſchen Freiwilligen abgerechnet, die wir geſtern tüchtig knebeln und fuchteln ließen, bis ſie unterzeichneten.— Carlos. Lecourt und Lafleur? Der Corregidor. Richtig! Nun, dieſe abge⸗ rechnet, ſo fehlen uns noch zwei Mann. Carlos. Die wollen wir ſchon bekommen, Herr Corregidor. Der erſte, beſte, der hier anlangt, und nicht mit einem guten Paſſe verſehn iſt, wird arretirt und unter die Freiwilligen geſteckt. Der Corregidor. Nach Recht und Billig⸗ keit! Man muß ſie zwingen, freiwillig zu ſeyn. Auch habe ich eine neue Inſtruktion erhalten, nach welcher kein Franzoſe in Spanien reiſen darf, — 252— ohne mit einem Paſſe des Geſandten verſehen zu ſeyn. Carlos. Korporal! Ihr werdet wohl Acht auf alle Päſſe haben. Der Corregidor. Wer keinen hat, paſſirt nicht. Carlos. Wird arretirt. Der Korporal(zu der Schtldwacho) Arre⸗ tirt jeden, der ſich am Thore zeigt. Der Corregidor. Spanier! ich bin zufrie⸗ den mit euch; ihr habt euren alten Ruhm bewährt. Auch Ihr, Korporal, verdient eine Belohnung; Frühſtücken Sie mit mir, Herr Kapitain. Carlos. Dieſe Ehre! Ich bin nicht würdig — Gu den Rekruten) Ihr dürft euch den Süßig⸗ keiten des Schlafs auf der Prietſche überlaſſen. Der Corregidor. Vor allem ſeyd wachſam — Keine Maus darf vorbei ohne Paß— Wider⸗ ſetzt ſich jemand, gleich Feuer gegeben. Morgen werde ich Flintenſteine austheilen laſſen, und dann braucht ihr euerm Muth nicht länger Schranken zu ſetzen. Voran, Herr Kapitain. Carlos. Nach Ihnen, Herr Corregidor. (Corregidor und Carlos ab in die Wohnung des Corregidor, der Korporal und die Rekruten in die Wache.) — 253— Fünfzehnter Auftritt. Karl, Eſtelle, Eduard erſcheinen im Thore. Die Schildwache. Eduard. Endlich ſind wir glücklich auf ſpa⸗ niſchem Grunde und Boden angekommen— im Vaterlande des Michael Cervantes— hier wohnt die Freiheit, die Poeſie— Die Schildwache. Halt! Eure Päſſe! Eduard. Wir ſind Franzoſen! Der Name fährt durch die ganze Welt. Die Schildwache. Nicht von der Stelle. Eſtelle. Mein Gott— Karl(zu Eduard). Unbeſonnener! Eduard(bei Seite zu Karl). Weiſt du was! wir ſchlagen die Schildwache todt und ſetzen un⸗ ſern Weg fort.(Eie wollen vorüber.) Die Schildwache. Korporal! Sechszehnter Auftritt. Die Vorigen. Soldaten. Der Korporal. (Acht Soldaten kommen aus der Wache mit dem Korporal und umringen Eduard, Eſtellen und Karl.) Der Korporal. Was geht hier vor? Die Schildwache. Drei Reiſende ohne Päſſe. — 254— Der Korporal(zu einem Soldaten). Man benachrichtige den Herrn Corregidor. (Ein Soldat klopft an das Haus des Corregidor.) Eſtelle(zu Eduard). Was werden wir ſagen? Karl(zu Eduard). Was ſollen wir anfangen? Eduard. Noch weiß ich's nicht, aber— es wird ſich finden. Siebenzehnter Auftritt. Die Vorigen. Auda. Auda(mit ſtrengem Tone). Was iſt Euer Begehren? Der Korporal. Gnaädige Frau, hier ſind drei Franzoſen, die ohne Päſſe die Grenzen unſres Königreichs überſchreiten wollen. Auda. Mein Gatte ſitzt bei'm Frühſtück, und wenn er frühſtückt, bekümmert er ſich nicht um ſein Amt. Eduard. Der Mann flößt mir Zutrauen ein. Auda. Korporal, macht mir euern Rapport, kurz, anſtändig und verſtändlich. Der Korporal(ſich in Poſitur ſtellend). Hier ſind drei Fremde, welche ich arretirt habe. Eduard(zu Auda). Schönſte Donna— Auda. Still! Eduard(bei Seite zu Karh. Ach Gott! Das iſt die Sanftmuth ſelbſt. Karl(leiſe zu Eduard). Setz' doch endlich ein⸗ mal deinen Narrenſtreichen ein Ziel.— Eduard(ebenſo zu Karl). Biſt du bei Ver⸗ ſtande? Hier im Vaterlande Don Quixotes kann man nichts Geſcheidteres machen, als dumme Streiche und ich will dir's beweiſen.(Zu Auda.) Gunädigſte Donna! Ihre Anmuth, Ihr ſanftes Weſen, Ihre Liebenswürdigkeit— Auda. Ich bin nicht anmuthig, nicht ſanft, nicht liebenswürdig. Eduard(bei Seite). Die Verſicherung war überflüſſig. Auda. Welche Abſicht führt euch nach Spanien? Eduard(mit affectirter Rührung). Sie ſehn in mir einen unglücklichen Jüngling, der ein Opfer der Liebe den Bedrängniſſen einer erzwungenen Ehe entriſſen hat.(Zeigt auf Eſtellen.) Auda. Lügen! Märchen!(Auf Karl deutend.) Wer iſt dieſes Frauenzimmer? Karl(bei Seite zu Eduard). Sie betrachtet mich.— Iſt ſie eine Kennerin, ſo bin ich verloren. Eſtelle. Dieſe Dame nimmt uns gaſtfreund⸗ lich auf, ſie iſt eine Spanierin. Auda. Eine Spanierin? — 256— Eſtelle. Und wohnt in dieſer Stadt. Auda. Das iſt erlogen, ſie iſt nicht von Ur⸗ gel; ich kenne ſie nicht. Eduard(bei Seite). Das glaube ich gern. Auda. Ich kenne Alles, was in Urgel an⸗ ſäſſig iſt, Männer, Weiber, Kinder, Hunde und Kanarienvögel. Eduard. In dieſem Falle beſitzt Madame eine ausgebreitete Bekanntſchaft. Eſtelle(leiſe zu Eduard). Eduard, du haſt mich betrogen. Auda. Laß dieſe Fremden wieder dahin zurück⸗ kehren, von wannen ſie gekommen, es ſind drei Betrüger. Karl(zu Eduard). Alles iſt verloren. Eduard(zu Auda). Seyn Sie doch nur menſchlich. Auda. Das war ich nie.— Fort oder in's Gefängniß! Alle(auſſer den drei Fremden). In's Gefängniß. Auda. Mein Mann dictirt nur zwei Strafen, den Galgen oder das Hundeloch. Eduard. Aber— Auda. Kein Aber! Karl. Doch— Auda. Kein doch! — 257— Eſtelle. Wenn— Auda. Kein Wenn! Eduard. Nun, ſo hol' dich der Teufel! Auda. Was? Eduard. Madame iſt höchſt intereſſant und ihre Unterhaltung von einer Lebhaftigkeit— Auda. Unverſchämter! Mein Gatte naht. Eduard(bei Seite). Unerbittlich— unge⸗ ſprächig— unmenſchlich— und dabei ein Frauen⸗ zimmer? Das geht über meinen Horizont! Achtzehnter Auftritt. Die Vorigen. Der Corregidor. Carlos. Der Corregidor. Wer unterſteht ſich, mich bei'm Frühſtücke zu ſtören? Sind es Spitzbuben? Auda. Nein. Der Corregidor. Man hänge ſie auf. Der Korporal. Es iſt ein Franzoſe— Der Corregidor. Man ſchließe ihn krumm. Der Korporal. Zwei Damen— Der Corregidor. Ei, eil Schönes Geſchlecht? Eduard(bei Seite). Der alte Affe! Karl(bei Seite). Verwünſchte Reiſe! Eſtelle(bei Seite). Ich zittre am ganzen Leibe. Der Corregidor. Wie alt ſind ungefähr dieſe Damen? II. 17 — 258— Der Korporal. Die eine iſt wenigſtens fünfzig Jahre alt. Der Corregidor. Man ſchließe ſie krumm. Der Korporal. Die andere höchſtens achtzehn. Der Corregidor. Man ſtelle ſie mir vor. (Er ſucht ſeine Brille.) Verwünſcht! ich habe meine Brille vergeſſen.(Zu Carlos.) Wie gefällt ſie Ihnen, Kapitain? Carlos(leiſe zum Corregidor). Alleelliebſt! Der Corregidor(zu Eſtelle, auf Eduard deutend). Seyd Ihr mit dieſem Manne verheirathet? (Eduard und Carlos winken ihr, es zu bejahen.) Eſtelle(zaudernd). Ob ich verheirathet— Der Korporal. Nein! Sie ſind nicht ver⸗ heirathet, er hat ſie ihren Eltern entführt. Der Corregidor(zu Carlos). Kapitain? bringt ſie in die innerſten Gemächer meines Hauſes. Eſtelle(bei Seite). In ſein Haus. Auda(bei Seite). Das konnte ich mir denken, deshalb wollte ich ſie entfernen. Eduard. Das wollen wir doch ſehn— Der Corregidor. Elender Verführer!(Zum Korporal.) Man bemächtige ſich ſeiner.(Auf Karl deutend.) Dieſe Alte ſcheint mir verdächtig. Karl(bei Seite). Ahal jetzt kommt die Reihe an mich. Der Corregidor Gu Karl). Madame, wie heißen Sie? Karl. Wie ich heiße? Carlos. Sie werden doch wiſſen, wie Sie heißen? Karl(zu Eduard). Nein, beym Teufel! ich habe es vergeſſen. Weißt du es nicht? Eduard(zu Karl). Einen Augenblick! Ja! Leonarde. Karl(ſchnell). Donna Leonarde. Der Corregidor. Wo wohnen Sie? Karl. Ich wohne— Der Corregidor. Nirgends, wie ich merke. In's Gefängniß mit ihr. Eduard. In's Gefängniß! Eſtelle. In's Gefängniß! Karl(ſich vergeſſend, im Zorn). In's Gefängniß! Carlos. Welches Organ? Der Corregidor. Welche Stimme! Eduard. Das iſt die Stimme des Zorns. Der Corregidor. Man bemächtige ſich ihrer. Eduard. Jetzt geht mir die Geduld aus. Karl(das Weiberkleid abwerfend). Der erſte von euch— Der Corregidor. Ein Mann! Eſtelle. Ein Mann! Carlos. Ein Mann! 17* — 260— Der Korporal. Ein Mann! Auda. Ein Mann! Eduard. Zwei für einen! Beide in der beſten Laune, euch durchzuwalken. Der Corregidor. Rebellion! Rebellion! Nehmt euern Corregidor in Schutz. Kapitain, ſtellt Euch vor mich. Carlos. Korporal, ſtellt Euch vor mich. Der Korporal. Soldaten, ſtellt euch vor mich. (Das Gefecht beginnt; Eduard erobert die Per⸗ rücke des Corregidor; Karl wirft den Kapitain zu Boden; der Korporal verkriecht ſich hinter Auda; die Soldaten flüchten ſich in die Wache.) Eduard(die Perrücke ſchwingend). Victoria, Victoria! Die Schildwache. Wache heraus! (Eduard, Eſtelle und Karl wollen entflie⸗ hen; Soldaten kommen aus der Wache und beſetzen den Hintergrund.) Carlos. Wir haben Verſtärkung, Herr Cor⸗ regidor. Der Corregidor. Man arretire ſie, ſammt meiner Perrücke. Karl(zu Eduard). Jetzt ſitzen wir ſchön in der Patſche! Eduard(nähert ſich mit betrübter Stimme der Auda und überreicht ihr die Perrücke). Verehrungs⸗ — 261— würdigſte Dame! In Ihre Hände lege ich dieſes unſchätzbare Kleinod nieder. Das unbeugſame Fa⸗ tum hat unſern Muth verrathen.— Nehmen Sie, Madonna, nehmen Sie! Ihnen kommt es zu, das Haupt des Herrn Corregidor zu ſchmücken. Der Corregidor ſſetzt ſeine Perrücke wieder auf). Soldaten! Dieſe Franzoſen verdienen keine Schonung. Sie haben mich geſchlagen, ſie haben den Kapitain geſchlagen, ſie haben den Korporal geſchlagen, ja! euch ſelbſt haben ſie geſchlagen! Ka⸗ pitain! Es fehlten noch zwei Rekruten in Ihrer Compagnie: hier ſtehen ſie. Karl(bei Seite). Was Teufel! Eſtelle. Was ſoll aus mir werden. Der Corregidor(zu Auda). Weib, nimm ſie mit dir. Auda(bei Seite zum Corregidor). Ich werde mich deinen ſchändlichen Abſichten zu widerſetzen wiſſen. Der Corregidor. Soldaten! Führt mein Weib und dieſe Jungfrau in meine Wohnung. Auda(bei Seite zum Corregidor). Böswicht! (Auda und Eſtelle werden in das Haus geführt.) Der Corregidor. Still!(Zu Carlos.) Ka⸗ pitain, legt ihnen die Contrakte vor. Carlos(überreicht ihnen zwei Contrakte). Unterzeichnet. — 262— Karl(zu Eduard). Was ſoll das heißen? Der Corregidor. Könnt ihr nicht leſen? (Er liest.) Contrakt für den Eintritt in das Korps der Freiwilligen— Eduard. Das will ſagen, wir ſind gezwun⸗ gen, freiwillig zu dienen— Carlos. Nicht lange geplaudert! Der Corregidor. Unterzeichnet. Karl. Nein. Eduard. Nein. Der Corregidor. Nein? Eduard und Karl. Nein. Der Corregidor. Soldaten Schießt ſie nieder. Eduard(zu Karh. Du, ſollen wir in den ſauern Apfel beißen? Karl. Lieber, als in den bittern Tod. Eduard. Nun denn, ſo laß uns unterzeichnen. (Zum Corregidor.) Herr Corregidor, wir ſchätzen uns ungemein glücklich, in den tapferſten Trup⸗ pen der Welt dienen zu dürfen und unterzeichnen mit Vergnügen.(Sie unterzeichnen.) Der Corregidor(die Contrakte zurückneh⸗ mend). Wieder zwei Freiwillige!(Zu den Soldaten.) Schleppt ſie in die Wache. Karl(zu Eduard). Wie ſoll das enden? — 263— Eduard. Das wird ſich finden! (Eduard und Karl werden in die Wache ge⸗ bracht; Auda und Eſtelle ſtehn am Fenſter.) Zweiter Aufzug. (Das Innere von des Corregidors Wohnung. Zwei offene große Fenſter im Hintergrund und zwei auf bei⸗ den Seiten. Eine Thüre im Hintergrunde.) Erſter Auftritt. Auda, tritt zornig herein, ihr folgt Carlos. Auda. Ich bin auſſer mir. Carlos. Aber der Herr Corregidor— Auda. Er verläßt mich, der Treuloſe, um— Carlos. Ich verſichere Sie— Auda(ohne auf ihn zu hören). Dergleichen Thorheiten in ſeinem Alter. Carlos. Der Herr Corregidor— Auda. Nicht genug, daß er mich gezwungen hatte, die junge Landſtreicherin in meinem Hauſe aufzunehmen, nicht genug, daß er ſie in meiner Gegenwart mit Schmeicheleien und Zärtlichkeiten über⸗ häufte und ſie für ſeine Nichte ausgab— nein, er führt ſie auch noch nach Aranza, unter dem lächer⸗ — 264— lichen Vorwande, ſie den verführeriſchen Schlingen der hieſigen Garniſonsoffiziere entziehn zu wollen. Carlos. Wie, der Herr Corregidor— Auda. Ol ich räche mich. Carlos. Weshalb? Auda. Seine böſe Abſicht muß beſtraft werden. Carlos. Aber der Herr Corregidor— Auda. Wenn ein günſtiger Zufall mir die Ge⸗ legenheit bietet, den jungen Franzoſen dienen zu können, die ihr mit Gewalt unter die Freiwilligen geſteckt habt, ſo werde ich ſie mit meinem ganzen Anſehn unterſtützen; ich werde ſie befreien und dem Herrn Gemahl nachſchicken. Carlos. Das iſt Ihr Ernſt nicht, Madonna! Auda. Das iſt mein voller Ernſt und der erſte Augenblick— Zweiter Auftritt. Auda, Carlos, Eduard, Karl, Lecourt, Lafleur, der Korporal auf der Straße. Der Korporal(auſſerhalb). Wer da?(Es wird geantwortet: Zollbeamte.) Auda Gu Carlos). Eine Patrouille in dieſer Stunde? Das nimmt mich Wunder.(Sie treten an das Fenſter.)(Sehr laut.) Richtig, es iſt eine Patrouille. Eduard(auſſerhalb). Iſt das nicht der Silber⸗ laut der himmliſchen Gattin unſres Corregidors? Auda. Da ſind ja die jungen Franzoſen. Carlos. Mäßigen Sie ſich, Madonna. Auda. Gott bewahre! Der Himmel ſelbſt führt ſie mir zu. Carlos. Ich bitte— Eduard(auſſerhalb). Höre, Karl! Ich dächte, während der Korporal ſich mit den Zollbeamten unterhält, machten wir dem Herrn Corregidor ei⸗ nen Beſuch. Eſtelle muß bei ihm ſeyn. Carlos. Welche Frechheit! Karl. Die Thüre iſt verſchloſſen. Eduard. Wir ſteigen durch's Fenſter. Karl. Aber, wenn die Schildwache uns be⸗ merkt— Eduard. Das wird ſich finden. Nur muthig mir nach! Dritter Auftritt. Auda, Carlos, nach einigen Augenblicken Eduard, Karl, Lecourt, Lafleur und der Korporal. Carlos. Da iſt das Geſcheidteſte, ich verſchließe die Fenſter.(Indem er ein Fenſter verſchließen will, erſcheint Eduard darin.) Heiliger Jacob! Da iſt ſchon Einer. — 266— Auda. Gut! Eduard(zu den Andern auf die Straße hin⸗ aus). Folgt mir, Kamaraden! Die Feſtung iſt unſer. Carlos(der ein andres Fenſter ſchließen will, in welchem aber im nämlichen Augenblick Lecourt erſcheint). Da iſt der Zweite. Auda. Immer beſſer! (Lecourt ſpringt, wie früher Eduard, in dasZimmer.) Carlos(geht zu einem andern Fenſter, indem er es verſchließen will, erſcheint Lafleur darin). Und der Dritte! Auda. Göttlich! Lafleur(ſpringt in's Zimmer). Da bin ich. Carlos(will das letzte Fenſter verſchließen, aber Karl erſcheint darin). Endlich der Vierte! Auda. Die Stunde der Rache ſchlägt. (Karl ſpringt herein.) Eduard. Wo haſt du den Korporal gelaſſen? Karl. Er folgt mir auf dem Fuße. Eduard. Nun ſo mag er auch unſern luft⸗ gen Weg betreten. Der Korporal(auſſerhalb). Soldaten! Vor⸗ wärts Marſch! Was Teufel, wo iſt meine Patrouille hingekommen? Eduard, Karl, Lecourt, Lafleur(jeder an ſeinem Fenſter). Hier, Herr Korporal! — 267— Der Korporal(auſſerhalb). In dem Hauſe des Herrn Corregidor? Eduard. Auch Sie können die Ehre haben, verehrter Militair! Der Korporal(auſſerhalb). Ich glaube gar, ihr macht euch über mich luſtig? Ich werde Sturm laufen. Eduard. Gewiß zum Erſtenmale in Ih⸗ rem Leben. Der Korporal(auſſerhalb). Ihr ſollt ſehn— Eduard. Sachte! ſachte! Warten Sie, daß der Feind Ihnen die Hand reiche. So! Das rechte Bein vor— das linke nach.— Es will nicht, es ſündigt gegen die Subordination.— Helft mir, die widerſpenſtigen Glieder des Belagerungscorps zur Raiſon bringen. (Sie heben den Korporal herein und bringen ihn auf einem Lehnſtuhl in den Vorgrund.) Eduard(zu ſeinen Kamaraden). Jetzt ſchließt die Fenſter.(Sie thun es.) Der Korporal. Da bin ich in der Feſtung. Spitzbuben, ergebt euch! Eduard. Was, ergeben? Welches Verlangen! Wir befinden uns ſehr wohl hier, und ſind dieſer liebenswürdigen Dame, wie mir's ſcheint, gar nicht unangenehm. — 268— Carlos Gzu Auda). Sollten dieſe vier Sol⸗ daten auf Ihre Einladung— Auda. Nein; aber es iſt mir ganz recht, daß ſie hier ſind. Der Korporal. Kapitain, was iſt zu thun? Carlos. Wir ſtellen ſie vor ein Kriegsgericht. Eduard. Umgekehrt, meine Herren, wir ſtel⸗ len euch vor ein Kriegsgericht. Es beſteht aus vier würdigen Männern, aus uns. Ich bin Präſident. (Auf Karl deutend.) Hier iſt der Secretair.(Auf Lecourt.) Hier iſt der Commiſſair.(Auf Lafleur.) Und hier der Richter. Carlos. Unverſchämter! Eduard. Antwort verlang' ich. Wo iſt das junge Frauenzimmer, das der Corregidor dieſer Stadt geraubt hat? Auda. Franzoſen! er iſt mit ihr nach Aranza gereißt. Eduard. Nach Aranza— Die Sitzung iſt aufgehoben— Der Kapitain und Korporal ſind verurtheilt, vierundzwanzig Stunden lang eingeſperrt zu bleiben! Wir verlaſſen Urgel. Kamaraden, ſeyd ihr meiner Meinung? Alle Drei. Wir ſind's. Auda. Das wollte ich eben. — 269— Carlos(zum Korporal). Wir wollen doch ſehn, wie ſie zur Stadt herauskommen. Karl Gu Eduard). Aber du vergiſſeſt— Eduard. Was? Karl. Der Corregidor hat Eſtellen entführt. Wer kann die Folgen dieſes Ereigniſſes ermeſſen? Wir müſſen eine Bürgſchaft, eine Geiſel für die Entführte haben. Auda. Ich will eure Geiſel ſeyn. Eduard. Zugeſtanden. Karl. Ihr hört's, Kamaraden; wir entführen Madame Auda. Lecourt und Lafleur. Ja, wir entführen Madame Auda. Auda. Wir haben eine gemeinſchaftliche Sache zu verfechten— Dieſelbe Beleidigung zu rächen. Ihr verfolgt einen Jungfernräuber, ich einen treu⸗ loſen Gatten, der, vergeſſend ſeiner Schwüre— Eduard. Nie beſchien die Sonne ein Unter⸗ nehmen, das gerechter, vernünftiger, natürlicher und— Karl(leiſe zu Eduard). Moraliſcher war. Eduard. Das verwünſchte Wort will mir nie über die Zunge. Auda. Die eheliche Pflicht gebietet es mir. Eduard. Nun denn an's Werk, Madame! Auda. Ich werde den Treuloſen überraſchen.— — 270— Eduard. Ja, wir wollen ſie überraſchen— Friſch auf, nach Aranza. Lafleur, Lecourt, Karl. Nach Aranza! Carlos. Ihr werdet euch irren, die Thore von Urgel ſind durch ſtarke Riegel verwahrt. Eduard. Teufel! Auda(leiſe zu Eduard). Ich habe den Schlüſ⸗ ſel zu einer abgelegenen Pforte. Eduard. Herrlich, herrlich! Soldaten, vor⸗ wärts Marſch. Bei der geringſten Bewegung des Feindes wird Feuer gegeben. (Sie nehmen Auda in die Mitte und ziehen ſich, rückwärts ſchreitend, zurück, indem ſie auf Car⸗ los und den Korporal anſchlagen.) Eduard(zu Carlos und dem Korporal, welche folgen wollen). Halt! oder—(Carlos und der Korporal fliehen in den entfernteſten Winkel). So iſt's recht. Ganz gehorſamſter Diener, meine Herrn! (Sie gehen und verſchließen die Thüre von auſſen.) Vierter Auftritt. Carlos und der Korporal. Der Korporal(in Wuth). Rebellion! Inſu⸗ bordination! Confuſſion! Carlos(ebenſo). Welche Frechheit! Welche Kühnheit! Welche Schändlichkeit! Ihnen nach! — 271— Noch innerhalb den Mauern dieſer Stadt müſſen wir ſie fangen. Der Korporal. Ja, ihnen nach. Aber wie kommen wir hinaus? Carlos(auf die Seitenthüre deutend). Durch dieſe Thüre, ich glaube, ſie iſt offen! Ja. Mir nach, Korporal. Der Korporal. Ihnen nach, Kapitain. (Beide ab.) Fünfter Auftritt. (Wald mit Bergen, im Hintergrunde auf einem Felſen eine Einſtedlerhütte.) Cavallos(kommt aus dem Wald, ſich um⸗ ſehend). Richtig! dort hinaus liegt Urgel. Wer doch ſchon da wäre. Es iſt verdammt unheimlich in dieſer Gegend. Nun, ich will mein liebes Eſelchen nachholen und dann mit Gott weiter. (Er will wieder zurück, mehrere Räuber ſtürzen aus dem Wald auf ihn los.) Räuber. Dein Geld, Spitzbube! (Er vertheidigt ſich gegen die Räuber.) — 272— Sechſter Auftritt. Die Vorigen, Eduard, Karl, Lecourt, Lafleur, Auda erſcheinen auf den Bergen. Eduard. Was ſeh' ich? Räuber, drei ge⸗ gen Einen. Gebt Feuer, meine Freunde! (Sie ſchießen auf die Räuber, dieſe eilen in den Wald, Cavallos flüchtet in die Einſiedlerhütte. Lafleur und Lecourt den Räubern nach.) Siebenter Auftritt. Auda. Eduard. Karl. Eduard. Alles flieht bei unſerm Anblick, Verfolger und Verfolgte. Karl. Die Schlacht iſt gewonnen. Eduard. Die Siegesgöttin reicht uns den Lorbeer. Karl. Aber, Eduard, wie leicht koͤnnen die Diener der heiligen Hermandad durch unſer Schießen aufmerkſam geworden ſeyn und uns hier im Walde aufſuchen. Das wäre eine ſchöne Geſchichte! Die verwünſchten ſpaniſchen Soldatenkittel, zu denen wir gezwungen wurden, verrathen uns noch dazu gleich als Freiwillige. Wir würden— Eduard. Gehenkt, geköpft oder erſchoſſen? Mit deiner ewigen Furcht vor der Zukunft! Halte dich an die Gegenwart, die iſt dir ſicher. — 273— Achter Auftritt. Die Vorigen, Lafleur und Lecourt in der 4 Couliſſe. Lafleur und Lecourt. Wo ſeyd ihr? Alle. Lafleur und Lecourt! Eduard. Hier! Lafleur(er hält einen Eſel am Zaumez die⸗ ſer iſt beladen: auf beiden Seiten Strohkörbe, daran eine Trommel, links eine Trompete, auf dem Rücken ein anſehnliches Felleiſen). Hier bringen wir einen Kriegsgefangenen. Lecourt. Und noch dazu einen Vierbeinigten. Alle(lachend). Einen Eſel!— Lafleur. Es hat Mühe genug gekoſtet, ſeinen ſtarren Sinn zu beugen.(Zu dem Eſel, indem er ihn vorwärts zieht.) Vorwärts, hier hilft kein Maulſpitzen.(Alle ſchlagen auf das Thier.) Eduard(ſie zurückhaltend). Was thut ihr, meine Freunde? Achtet das Unglück und helft mir die Laſt deſſen vermindern, der ihr erliegt. (Alle drängen ſich herbei, ihn abzuladen.) Ein Augenblick! Laßt uns in Ordnung das Inventarium aufnehmen.(Sie nehmen dem Eſel die Körbe ab, ſtellen ſie in die Mitte, und ziehen folgende Gegen⸗ ſtände heraus.) Was ſeh' ich? Ein geſticktes Kleid — Gold auf allen Näthen! II. 18 2 — 274— Karl. Gelbſeidene Weſte und Pantalon. Lecourt. Ein vollſtändiger Bajazzo⸗Anzug. Karl. Das Coſtüm eines arkadiſchen Schmacht⸗ Schäfers. Eduard. Colombinens bunte Hülle. Lafleur. Das iſt die Garderobe einer herum⸗ ziehenden Comödianten⸗Bande. Karl. Eine Trompete. Eduard. Das Orcheſter. Lafleur. Was kommt da? G Karl. Zwei Schachteln. Alle. Voll Gold? Eduard. Nur vergoldete Pillen— eine Schreibtafel; laß ſehen!(er liest)„Wir, der Unter⸗ zeichnete, Corregidor von Siguenza, beſcheinigen hiemit, daß Antonin Filippo Maskarez Cavallos, die höhere und niedere Heilkunde auf allen öffent⸗ lichen Plätzen, ſo wie in allen Häuſern Spaniens auszuüben autoriſirt ſey.“ Ha, ha, ha! meine Freunde, das iſt herrlich! Karl. Nun, die Herrlichkeit iſt nicht großn Eduard. Ihr ahnet nicht— Alle. Nein. Eduard(zu Auda). Auch Sie, verehrungs⸗ würdige Dame, errathen nichts? Auda. Nein. — 275— Eduard. O, wie ſelten iſt doch heut zu Tage die ſchöne Eigenſchaft der Geiſtesgegenwart. Fürch⸗ tet ihr denn nicht, daß unter den Kleidern, die wir tragen, bald die heilige Hermandad einen Fang wittern dürfte. Alle. Nun? Eduard. Ei, wir werfen das Grauſen erre⸗ gende Gewand des blutigen Krieges von uns und ſtecken uns in Esculaps friedliche Livree. Alle. Er hat Recht. Eduard. Ich— ich bin der Doctor; du, Karl, biſt der Bajazzo, deine natürliche Furchtſam⸗ keit wird dir dabei zu Statten kommen; Gu La⸗ fleur) du ſchlägſt die Trommel;(zu Lecourt) du machſt den arcadiſchen Schäfer und(zu Auda) Madonna wird die Nolle der anmuthigen und lie⸗ benswürdigen Colombine übernehmen, zu welcher die Natur Sie mit den trefflichſten Anlagen ausſtattete. Auda. Wie, ich ſollte mich verkleiden? Karl. Bedenken Sie, unter dieſer Maske wer⸗ den Sie den treuloſen Gatten um ſo beſſer überraſchen. Auda. Ich werde ihn überraſchen? Vorwärts, meine Freunde! Eduard. Nun denn, fort und an die Mas⸗ kerade! Ich in Gold— O, ſo ein goldgeſticktes Kleid verblüfft den Janhagel, die Erfahrung hat 18* — 276— mancher berühmte Staatsmann gemacht. Die Pillen⸗ ſchachtel unter dem Arm,(zu Karl) du nimmſt die Trompete,(zu Lecourt) der Arcadier da ſchlägt die Becken. Ihr gemeines Geſindel zu Fuß, ich zu Pferd auf dem Eſel, die hochverehrte Frau Corrgi⸗ dorin an der Hand führend— und nun vorwärts nach Aranza— blaſ', Trompeter; trommle, Tam⸗ bour— Friſch auf, nach Aranza.(Eduard beſteigt den Eſel, gibt der Auda die Hand und der Zug entfernt ſich unter dem Schall der Trompete, Trom⸗ mel und Becken.) (Das Theater verwandelt ſich in einen öffentlichen Platz von Aranza, von beiden Seiten Häuſer, im Hintergrund ein Gaſthof mit einem großen Bal⸗ con, welcher die Breite des Theaters einnimmt.) Neunter Auftritt. Der Corregidor. Eſtelle. Diener mit Reiſegeräthe. Corregidor. Hier iſt's.(Zu den Dienern.) In dieſes Haus; legt Alles nieder und bereitet das Zimmer zu unſerer Aufnahme. (Die Diener gehen in das Haus rechts.) Zehnter Auftritt. Der Corregidor. Eſtelle. Eſtelle. Uber die langweilige Reiſe! Der Corregidor. Hebe ich dir nicht getreu Geſellſchaft geleiſtet? Eſtelle. Deshalb eben! Der Corregidor. Habe ich dich nicht auf die galanteſte Weiſe unterhalten, mein Zuckerkätzchen? Eſtelle. Geſchlafen haben Sie von Urgel bis hieher. Aber jetzt ſagen Sie mir, Herr Corregidor, was ſoll ich eigentlich hier? Der Corregidor. Hier wird dich ein ach⸗ tungswerthes Frauenzimmer in Obhut nehmen, und ihre ganze Sorgfalt darauf verwenden— Eſtelle. Mich zu langweilen. Der Corregidor. Sie wird alle deine Wünſche anhören— Eſtelle. Um ſie nicht zu erfüllen. Der Corregidor. Nichts ſoll meinem Zucker⸗ kätzchen vorkommen, was ihm unangenehm ſeyn könnte. Eſtelle(munter). Sie kehren alſo bald wie⸗ der nach Urgel zurück? Der Corregidor. Du kleiner Schalk! Eſtelle. Ach, Gott! es iſt purer Ernſt. Der Corregidor. Holdes Mägdlein— Eſtelle. Herr Corregidor, ich ſage es Ihnen gerade heraus, Ihre Liebesbetheuerungen machen mir Krämpfe, und nichts ſoll mich abhalten, mich wieder mit meinem Eduard zu vereinigen. — 278— Der Corregidor. Bemiühe dich nicht, Kind⸗ chen, es hilft dir nichts. Eſtelle. O, ich werde Ihre Wachſamkeit hintergehn. Der Corregidor. Glaube nicht! Eſtelle. Ich ſtehe dafür. Der Corregidor. Du biſt zwar jung und verſchlagen— 4 Eſtelle. Sie ſind zwar alt und ein wenig boshaft—— Der Coregidor. Aber ich habe Erfahrung— Eſtelle. Aber ich werde ſie doch zu überliſten wiſſen. 1 Der Corregidor. Tüchtige Eiſenſtäbe— Eſtelle. Die fallen unter dem Hauche der Liebe. Der Corregidor. Doppelte Riegel— Eſtelle. Ich krieche durch's Schlüſſelloch. Der Corregidor. Mein Zuckerkätzchen ſpaßt. Eſtelle. Eduard bleibt auch nicht ewig Soldat. Der Corregidor. Kann ſeyn. Eſtelle. Er wird davon laufen. Der Corregidor. Die Gerechtigkeit wird ihn erreichen. Eſtelle. Die Gerechtigkeit ſchleicht und die Liebe fliegt. O, Sie werden ſehn, ſchon morgen, vielleicht noch heute Abend, erfährt mein Eduard, — 279— daß ich hier bin, eilt auf den Schwingen der Liebe und ſeines Muthes hierher, zerbricht meine Feſſeln, dreht Ihnen den Hals herum und dann auf Wieder⸗ ſehen in der Ewigkeit, mein Herr Corregidor. Eilfter Auftritt. Die Vorigen. Ein Diener. Der Diener. Alles iſt zum Empfange der Donna bereit. Zwölfter Auftritt. Die Vorigen. Der Alcade. Bauern. Der Alcade. Als unwürdiger, jedoch wohl⸗ beſtallter Alcade dieſes Orts, halte ich es für meine Pflicht, den Herrn Corregidor zu bewillkommen und Kraft Auftrags der geſammten Einwohnerſchaft das Wort zu führen—(Man höͤrt den Eſel ſchreien.) Der Corregidor. Einer nach dem Andern, meine Herrn, wenn ich ſie verſtehn ſoll. Der Alcade. Als der gewaltige Heide Hercules den Stall des Augias reinigte— (In der Ferne das Getöſe der Trompete, der Trommel und der Becken.) Der Corregidor. Ich höre Trommeln, Trompeten und ſonſtige lärmende Inſtrumente, welche — 280— alles Geſindel in hieſiger guten Stadt herbeiziehen werden und ich habe keine Luſt— Eſtelle. Mich ſehen zu laſſen! Das hilft Alles nichts, Herr Corregidor, die Liebe findet tau⸗ ſend Auswege. Der Corregidor. Wie du willſt, mein Zuckerkätzchen, aber vor der Hand ſperr' ich dich ein. (Er führt ſie in das Haus.) Dreizehnter Auftritt. Karl, Eduard, Lecourt, Lafleur, Auda; jedes trägt die früher bemerkte Kleidung. Eduard(zu Lecourt und Lafleur, von denen einer die Trommel ſchlägt, der andere die Trompete bläßt). Stark, meine Freunde, ſtark! Blaßt hinein, als wolltet ihr die Mauern von Jericho noch ein⸗ mal umblaſen. Lärm muß man machen in der Welt, das imponirt! Geht durch alle Straßen der Stadt, Madame Colombine begleitet euch, ſie wird ſchon Aufſehn erregen. (Lecourt, Lafleur und Auda unter dem Klang der Trommel und Trompete ab.) Vierzehnter Auftritt. Eduard. Karl. Eduard. Nun, Karl, ſiehſt du in der Zu⸗ kunft noch immer ſchwarze Bilder? — 281— Karl. So ganz ruhig bin ich nicht. Eduard. Armer Bajaz! Karl. Aber wozu wird die Maskerade am Ende führen? Eduard. Wozu? Sind wir nicht in Aranza und du fragſt noch? Eſtelle iſt hier— und du fragſt noch? O, mein Freund, du biſt nicht mein Freund! Karl. Du haſt gut reden! Dein Muth wird durch die Liebe unterſtützt, aber ich— Eduard. Da wäre zu helfen— Ich glaube, Madame Auda hätte nicht übel Luſt, ſich an ihrem treu⸗ loſen Gemahl zu rächen und du könnteſt leicht— Karl. O, mein Freund, du biſt nicht mein Freund! Eduard. Sie iſt doch ganz artig. Karl. Artig und boshaft. Eduard. Freilich, zum Augenauskratzen ſcheint ſie Neigung und Talent zu haben.(Man hört die Trommel und Trompete.) Aha! Unſere Freunde kommen zurück. Laß uns mit ihnen den Balkon des Wirthshauſes beſteigen und eine kräftige Anrede an das Volk halten. 4 ——— — 282— Fünfzehnter Auftritt. Lecourt, Lafleur und Auda. Sie treten mit Karl und Eduard unter fortwährendem Trommel⸗ und Trompetenlärm in das Wirthshaus, auf deſſen Balkon ſie ſogleich erſcheinen. Das Volk kommt von allen Seiten herbei. Eduard(ſtellt ſeine Pillenſchachtel auf den Balcon zu Lecourt und Lafleur). Beſchließt dieſes harmoniſche Conzert. Volk von Aranza, Herren, Damen und Jungfern, verzeiht, daß ich in dieſem einfachen Anzuge vor euch zu erſcheinen wage. Nicht ausgeſchmückt mit der eitlen Auſſenſeite des Hochmuths, nein! geziert von meinen ungeheuren Kenntniſſen, umgeben mit allen Schätzen der Pharmakopoe— Ein Zuſchauer. Pharma— Eduard. Kopoe. Lecourt, Lafleur, Karl(zum Volke) Kopoe. Eduard. Alſo mache ich die Reiſe um die Welt in einem vergoldeten Wagen. Karl(zu Eduard). Wenn ſie den nun ſehn wollen? Eduard. In meinem vergoldeten Wagen, den ich eine Stunde von hier zurückgelaſſen habe, um durch unerhörten Glanz nicht eure Augen zu ver⸗ — 283— blenden. Nur gemeine Charlatans bedienen ſich ſolcher elenden Mittel, aber Männer von Talent, wie ich— Lecourt. Wie ich! Karl. Wie ich! Lafleur. Wie ich! Alle Vier. Wie ich! Eduard. Verachten ſie. Da ich mich übri⸗ gens in aller Eile nach der Tartarei begeben muß, wo man mich in wenigen Tagen erwartet, ſo kann ich dem Königreiche Spanien nur wenige Augen⸗ blicke widmen und die Stadt Aranza, berühmt— Gzu Karl) Weißt du nicht, ob ſie berühmt iſt? Karl(leiſe zu Eduard). Nein. Eduard. Es iſt auch nichts daran gelegen. (Laut.) Berühmt in allen Hinſichten, verdient mit Recht den Vorzug.(Ceiſe zu Lecourt, auf die Per⸗ ſonen, welche ſich an den Fenſtern befinden, zei⸗ gend.) Siehe genau an alle Fenſter, ob Eſtelle nicht erſcheint.(Laut.) Meine Herrn! Auſſer allen Zweigen der Arzneikunde, welche ich ſchon ſeit 200 Jahren übe(leiſe) ſie verſchlucken die 200 Jahre, wohl bekomm's;(laut) habe ich noch von einem alten Zigeuner, den ich auf meinen Reiſen traf, das wunderbare Geheimniß gelernt, aus Mineralien und aus dem Vieh, maeine Herrn, Pillen zu extra⸗ — 284— hiren, welche alle Krankheiten radikal heilen in ei⸗ ner Minute. Karl. Oder hoͤchſtens in drei Stunden. Eduard. Dieſe Pillen geben Blinden das Geſicht, Tauben das Gehoͤr und Verſtümmelten ihre Gliedmaßen wieder. Sollte irgend Jemand in die⸗ ſer hochanſehnlichen Geſellſchaft an dieſer Wunder⸗ kraft zweifeln, ſo beliebe er nur, ſich eines unnützen Gliedes ſeines Leibes, der rechten Hand etwa, durch einen kühnen Schnitt zu entledigen, verſchlucke ei⸗ nige Pillen und im Augenblicke iſt die Hand wie⸗ der da. Doch wird man mir auch ohne ſolche Proben glauben, wie ich hoffe. E(Eſtelle erſcheint mit dem Corregidor am Fenſter; Eduard gewahrt ſie.) Himmel, ſie iſt's. Sechszehnter Auftritt. Die Vorigen. Eſtelle. Der Corregidor. Auda(den Corregidor ſehend). Er iſt's, der Verräther! Eſtelle(bei Seite). Ich irre nicht, es iſt Eduard. Eduard(ſehr lant). Endlich heilen auch dieſe Pillen ſogar die Ohnmachten junger Schönen, welche eine unglückliche Liebe peinigt. Eſtelle(bei Seite). Ich verſtehe— Geſchwind — — 285— ohnmächtig!(Sie ſchreit) Ach!(und fällt in die Arme des Corregidors.) Eduard(zu Karh). Ihr iſt nicht wohl. Sie hat mich verſtanden. Der Corregidor. Um des Himmels willen, was fehlt meinem Zuckerkätzchen. Auda(im Zorn). Sein Zuckerkätzchen?! Karl(leiſe zu Auda). Still! fallen Sie nicht aus Ihrer Rolle.(Der Corregidor ſchließt das Fenſter.) Eduard Gu Karl!). Was Teufel, er führt ſie wieder fort. Karl. Schweig! Alle Welt ſieht auf dich. Eduard(laut). Meine Herrn, in zwei Stun⸗ den eröffne ich mein Büreau, wo ich ſie ſammt und ſonders erwarte. (Der Lärm der Trommel und Trompete beginnt aufs Neue, das Volk verläuft ſich, Eduard, Karl, Lecourt, Lafleur und Auda ſtei⸗ gen herab.) Siebenzehnter Auftritt. Die Vorigen, ohne Volk. Auda(auf die Thüre des Hauſes ſchnell los⸗ gehend, in welchem ſich Eſtelle befindet). Auf, meine Freunde, laßt uns die Thüre zertrümmern und hineindringen. — 286— Eduard(ſie zurückhaltend). Gott bewahre! Hinein wollen wir, aber ohne die Thüre zu zer⸗ trümmern. Ihr alle habt bemerkt, wie Eſtelle in dem Augenblicke ohnmächtig wurde, als ich erklärte, mein Mittel ſey probat gegen Ohnmachten? Alle. Jal Eduard. Nun, ſo iſt vorauszuſehen, daß ſie den lieben Corregidor ſchicken wird, um mich holen zu laſſen und das übrige— wird ſich finden. Still! Die Thüre wird geöffnet; Mäßigung, Ma⸗ dame Auda!(Zu ſeinen Kamaraden.) Und ihr, ſchneidet recht grimmig gelehrte Geſichter, ſo wie es alle Doctoren machen, die Nichts wiſſen. Da iſt der Corregidor. Achtzehnter Auftritt. Die Vorigen, der Corregidor, Auda verbirgt ſich hinter den Andern. Der Corregidor Gu Eduard). Ach, mein Herr! Sie ſind ohne Zweifel jener bewunderns⸗ würdige Mann—. Eduard. Ja, ich bin jener bewundernswür⸗ dige Mann. Der Corregidor. Der heute Morgen ange⸗ kommen iſt? Eduard. Richtig. — 287— Der Corregidor. Ich komme in höchſter Eile— meine Frau— Alle. Seine Frau! Der Corregidor. Befindet ſich in einer ver⸗ zweiflungsvollen Lage. Eduard. Ei, das iſt ja zum Verzweifeln! Der Corregidor. Kommen Sie ſchnell, be⸗ wundernswürdiger Herr Doctor— Eduard. Gehn Sie nur voraus— ich will ſie ſchon attrapiren. 3 Der Corregidor. Verfehlen Sie ja nicht. (Ab in das Haus.) Neunzehnter Auftritt. Die Vorigen, ohne den Corregidor. Eduard. Jetzt bin ich im Hauſe! Lafleur. Du wirſt Eſtellen ſehen. Karl. Sie entführen. Eduard. Dafür ſteh' ich. Aber der Corre⸗ gidor wird ſich nicht von ihr entfernen wollen— und er muß durchaus aus dem Hauſe, damit ich bei Eſtellen allein bleibe.— wenn da nur ein Mittel zu finden wäre— Wenn ihr— wenn man — es iſt gefunden. Hört, meine Freunde, die ſublimſte Idee aller Ideen. Alle. Nun? — 288— Eduard. Ein tüchtiger Lärm muß in der Stadt gemacht werden— Strohfeuer in allen Straßen, alle Glocken müſſen läuten, wie bei einer Feuersbrunſt— während des Tumults entführe ich Eſtellen— ihr haltet eine Poſtchaiſe bereit— wir binein und ſo fort;(zu Karl) du hinten auf; Gu Lecourt) du oben drouf;(Gu Lafleur) und du machſt den Poſtillon. Karl. Aber das Stroh? Eduard(gibt ihm Geld). Wird gekauft. Lecourt. Die Glöckner? Eduard(gibt ihm Geld). Werden beſtochen. Lafleur. Und die Poſtchaiſe? Eduard. Himmel! wie wenig Geiſtesgegen⸗ wart habt ihr doch; dem erſten beſten Reiſenden, der hier anhält, um die Schönheiten der Natur zu bewundern, wird ſie genommen. Vorwärts, Kinder! Feuer in allen Gaſſen; die Glocken bim, bam, bim, bam— das Volk in Aufruhr— und das Übrige wird ſich finden. (Eduard geht in das Haus des Corregidors, die Andern mit Auda ab.) — 289— Zwanzigſter Auftritt. (Eſtellens Zimmer.) Eſtelle, von zwei Frauen unterſtützt, ſie deutet ihnen durch Zeichen an, daß ſie allein ſeyn will; die zwei Frauen gehen ab. Eſtelle(lachend). Ha, ha, ha! Das heiß' ich angeführt. Der Corregidor ſelbſt holt meinen Ge⸗ liebten herbei und führt ihn mir zu. Aber wie hat ſich Eduard losmachen können?— Welcher glück⸗ liche Zufall führt ihn in dieſe Stadt? Wer ſind ſeine Begleiter und was mag er gedacht haben, als er mich hier bei dem alten, ekelhaften Corregidor ſah? Was kümmert's mich! Er hat Verſtand, Muth— er liebt mich und wird mich befreien— Man kommt— Geſchwind wieder die Kranke geſpielt! (Sie ſetzt ſich in einen Lehnſtuhl und nimmt eine leidende Stimme an.) Ein und zwanzigſter Auftritt. Der Corregidor(zu Eduard, der ihm folgt). Herein, Herr Doctor, herein; hier iſt Ihre Kranke. (Eſtelle und Eduard können eine freudige Be⸗ wegung nicht unterdrücken, allein da ſie ſehen, daß der Corregidor ſeine Blicke nicht von ihnen wendet, macht Eduard ein geavitätiſches Geſicht und Eſtelle fällt in den Lehnſtuhl zurück.) II. 19 — 290— Eduard. Ihre Frau ſieht übrigens recht gut aus— ſelbſt wenn ſie ſich nicht wohl befindet. Der Corregidor. Nicht wahr? Was den⸗ ken Sie davon? Eduard(Eſtellens Hand nehmend). Der Puls ſchlägt heftig, der Athem iſt kurz— man ſollte glauben, daß die Kranke eine Art von Unge⸗ duld in ſich fühle— Der Corregidor. Eine Beängſtigung. Eduard. Sie wird entfliehn, dafür ſteh' ich Ihnen. Der Corregidor. Bald? Eduard. In zwei Minuten. Der Corregidor. Sie beruhigen mich voll⸗ kommen. Eſtelle(leiſe zu Eduard). Mich auch. Eduard(bei Seite). Er weicht nicht von der Stelle.(Laut.) Haben Sie nicht irgend ein gei⸗ ſtiges Waſſer— einen Spiritus— Der Corregidor. Es muß dergleichen ſich vorfinden. Eduard. Bringen Sie ſchnell— Der Corregidor(nach einem Schrank). Ich eile. Eduard. Theuerſte Eſtelle! — 291— Eſtelle. O, was habe ich während deiner Ab⸗ weſenheit gelitten. Der Corregidor. Hier. Eduard. Geben Sie—(zu Eſtelle) Beſorgen Sie nichts, Sennora, alle Ihre Leiden werden endigen. Der Corregidor(zu Eſtellen). Vertraue dichnur ganz dieſem bewundernswürdigen Manne an. Eſtelle. Er flößt mir großes Zutrauen ein. (Leiſe zu Eduard.) Erkläre mir— Eduard(zu Eſtellen). Alles iſt zu unſerer Flucht bereit. Der Corregidor. Nun, Herr Doctor, was verordnen Sie? Eduard. Noch bin ich nicht mit mir einig— (bei Seite) daß auch meine Freunde noch nicht das Geringſte von ſich hören laſſen!(Laut.) Ich denke, ſie nimmt— Der Corregidor. Was? Eduard. Ein flüchtiges Pulver. Der Corregidor. Dieſe Art Pulver iſt mir nicht bekannt. Eduard. Sie werden ſie kennen lernen, da⸗ für ſteh' ich(bei Seite) Noch immer nicht. Der Corregidor. Nun, warum wenden Sie Ihre Mittel nicht an? 19* — 292— Eduard. Ach Gott! es iſt mein höchſter Wunſch — aber— (Indem hört man von allen Seiten Feuer ſchreien und das Geläute der Glocken.) Eduard(zu Eſtellen). Wir ſind gerettet. Der Corregidor. Das iſt Feuerlärm! Eduard(zu Eſtellen). Fürchte nichts.. Der Corregidor. Das benachbarte Haus kann von der Flamme ergriffen werden; dort habe ich meine vier herrlichen Maulthiere ſtehn.— Eſtelle — meine Maulthiere! Liebſter, bewundernswürdiger Herr Doctor, tragen Sie Sorge für die Kranke, ich eile zu meinen Maulthieren und komme ſogleich zurück.(Eilig ab.) Zweiundzwanzigſter Auftritt. Eduard, Eſtelle, Lafleur, Lecourt, Karl, nach einander. Eduard(zu Eſtellen). Fort! Lafleur. Nun, biſt du mit unſerm Feuer⸗ werk zufrieden? Eduard. Bravo! Lecourt. Ich habe die Glöckner beſtochen, die läuten bis an den jüngſten Tag! Karl. Die Poſtchaiſe iſt bereit. Eduard. Friſch auf! — — — 293— Dreiundzwanzigſter Auftritt. Die Vorigen. Auda, ſtürmiſch. Auda. Wo geht ihr hin? Eduard. Zum Teufel. Auda. Ich auch; ich erwarte meinen Mann. Alle. Adieu, Colombine!(Alle ab ohne Au da.) Vierundzwanzigſter Auftritt. Auda(allein). Der Streich iſt herrlich und der Verräther wird nach Verdienſt beſtraft. Da kommt er; ſchnell an Eſtellens Platz! (Sie ſetzt ſich in den Lehnſtuhl.) Fünfundzwanzigſter Auftritt. Die Vorige. Der Corregidor. Der Corregidor. Es war nur ein falſcher Lärm, mein gutes Vieh iſt in Sicherheit, ich hab's nach Urgel zurückgeſchickt(Er nähert ſich dem Lehnſtuhl.) Nun, wo iſt denn der bewundernswür⸗ dige Herr Doctor hin? Mein liebes Zuckerkätzchen ſo allein zu laſſen! Auda(ornig aufſtehend). Das iſt wahrhaftig Schade! Der Corregidor. Meine Frau! Auda. Mich haſt du nicht erwartet, Treuloſer! Der Corregidor. Muß denn alles Unglück — 294— mich in einem Tage treffen. Eſtelle flieht mich und meine Frau find' ich wieder. Auda. Ja, Böſewicht! Dein Zuckerkätzchen iſt entwiſcht. Der Corregidor. Etwa mit dem Doctor? Auda. Richtig! Der war ihr Liebhaber. Der Corregidor. Eduard! Ich bin hinter⸗ gangen. Auda. Geprellt! Der Corregidor. Aber ſie können noch nicht weit ſeyn, ich eile ihnen nach.(Ab.) Auda. Er eilt ihnen nach; ich eile ihm nach. (Ab.) Sechsundzwanzigſter Auftritt. (Das Theater verwandelt ſich in den Platz vor dem Wirths⸗ hauſe und dem Hauſe des Corregidors. Eduard, Eſtelle, Lecourt, Lafleur, Karl, kommen ſchnell aus dem Hauſe des Corregidor, von der andern Seite der Korporal von Urgel mit Soldaten.) Der Korporal. Ha! Da laufen uns ja unſere Spitzbuben von Deſerteurs gerade in die Hände. Ergreift ſie, Kamaraden! Eduard. Vertheidigt euch, meine Freunde! (Das Gefecht beginnt; Eduard faßt den Korpo⸗ ral bei der Bruſt und fährt mit ihm in die Couliſſe; als er wieder hervorkommt, hat er den — — 295— Korporal(eine Puppe) bei den Beinen, und ſchlägt damit auf die Andern los; Eſtelle wird von Soldaten ergriffen. Eduard und ſeine Kamaraden ſchlagen ſich durch. Der Corregidor iſt wahrend des Gefechts in der Thür ſeines Hauſes erſchienen.) Der Corregidor(während des Gefechts). Was ſeh' ich? Die Spitzbuben leiſten Widerſtand — Da nimmt einer den Korporal bei den Beinen und ſchlägt damit auf die Andern los— Unglück⸗ licher Korporal, das hat dir wohl nie geträumt— Muth, meine Freunde, haltet Eſtellen feſt. Gott⸗ lob! endlich iſt ſie mir wiedergegeben. Dritter Aufzug. (Freie Landſchaft. Rechts Uurſula's Haus, welches vor⸗ ſpringt, mit einem Jenſter nach dem Zuſchauer hin und einem zur Seite. Links ein Wirthshaus.) Erſter Auftritt. Urſula(allein; ſie kommt langſamen Schrittes herbei, mit einem Gebetbuch unter dem Arm). Es ſcheint wirklich vom Himmel beſchloſſen worden zu ſeyn, daß ich keinen Mann bekommen ſoll.— So werde ich denn meine ſchönſten Jahre im ledigen — 296— Stande vertrauern— Im ledigen Stande? Schreck⸗ liches Wort— noch ſchrecklichere Sache! Ich habe heute Morgen alle Klöoſter beſucht, habe die Miene der Unſchuld und Sittſamkeit angenommen, welche den Werth der Schönheit erhöht, aber kein Menſch hat mich angeſehen. Auf allen Spaziergängen bin ich herumgelaufen— Wer war da? Junge Laffen, welche die Schönheiten der Natur, aber mich auch nicht im Mindeſten bewunderten. Und ich bin denn doch auch ein Geſchöpf Gottes. Ich will in mein Zimmer gehen, mich an's Fenſter ſetzen. Das Wetter iſt ſehr ſchön, und wenn Jemand das ſchöne Wetter ſehn will, ſo muß er auch mich ſehn(Sie ſeufzt leiſe.) Ach!(Indem ſie langſam nach dem Hauſe geht und eintreten will, hört man das Ge⸗ räuſch eines vorfahrenden Wagens.) Was ſeh' ich? Fremde— ſie kommen hierher— O, Gott! wenn der Himmel endlich mein Gebet erhört hätte!— Ich irre nicht, es iſt mein Vruder, der Corregidor von Urgel.— Ein junges Frauenzimmer begleitet ihn— die nehm' ich nicht auf.— Ich fürchte zwar keine Nebenbuhlerei, aber zwiſchen zwei jun⸗ gen Mädchen bringt die Eiferſucht, der Wunſch, zu gefallen, immer kleine Zwiſte hervor, die ich vermeiden will. — 297— Zweiter Auftritt. urſula. Eſtelle. Der Corregidor. Der Corregidor(u Eſtelle). Du wollteſt mir entwiſchen, Spitzbübchen— Aus dem Zucker⸗ kätzchen iſt ein Tiegerkätzchen geworden. Sey ruhig, Kind, hier ſind wir am Ziel unſerer Reiſe. (Er zeigt auf Urſula's Haus.) Eſtelle. Das iſt alſo mein neues Gefängniß und(auf Urſula deutend) das wahrſcheinlich der Drache, der mich bewachen ſoll. Der Corregidor. Meine Schweſter. Eſtelle. Die Familienähnlichkeit iſt unver⸗ kennbar. Der Corregidor(zu Urſula). Guten Tag, liebe Urſula. Urſula(erdrießlich). Großen Dank, Bruder. Der Corregidor. Hier führe ich dir eine Geſellſchafterin zu. Urſula. Ich brauche keine. Du kannſt die Jungfer nur wieder dahin führen, wo du ſie her⸗ gebracht haſt. Eſtelle(zu Urſula). Sie ſind unendlich liebenswürdig. Der Corregidor(zu Urſula). Beruhige dich, Schweſter. Sieh, wenn du ein junges Frauen⸗ zimmer bei dir haſt, wie Eſtelle, deren Schönheit — 298—— alle Blicke auf ſich zieht, ſo wird dein Haus bald von jungen Leuten belagert werden— du wirſt gleichſam blokirt ſeyn. Urſula. Himmel, was ſagſt du, theuerſter Bruder! Ich werde blokirt ſeyn? Der Corregidor. Und da unter Eſtellens zahlreichen Verehrern nur einer günſtig aufgenom⸗ men werden kann, ſo wird ſich unter der Menge der Abgewieſenen wohl ein Andrer finden, der in der Verzweiflung— Kurz und gut, ich ſehe dich ſchon verheirathet. Urſula. Verheirathet!! Bruder, du packſt mich von meiner ſchwachen Seite. Der Corregidor. Du willſt alſo Eſtellen aufnehmen? Urſula. Ach Gott! Gar zu gern. Der Corregidor. Du wirſt ihr nicht die geringſte Freiheit laſſen? Urſula. Vertraue auf mich.(Zu Eſtelle.) Kommen Sie, mein liebes Kind. Meine Freund⸗ ſchaft, die Reize meiner Unterhaltung, ſollen Sie die kleinen Unannehmlichkeiten, welche Sie zu be⸗ trüben ſcheinen, bald vergeſſen machen.(Zum Corre⸗ gidor.) Es iſt ein kleiner Engel! Und der ſchöne Blick in die Zukunft! Mein Haus wird belagert werden, ich werde blokirt ſeyn! (In's Haus mit dem Corregidor und Eſtellen.) — 299— Dritter Auftritt. Eduard. Karl. Lafleur. Lecourt. Eduard(der Eſtelle in Urſula Haus eintreten ſieht). Beim Himmel, das war ſie! Herbei, meine Freunde, ſchnell herbei! Lafleur. Eile mit Weile.— Ich bin noch krumm und lahm von dem Kampfe mit den ver⸗ dammten Alguanzil's. Eduard. Ubrigens haben wir uns tapfer ge⸗ halten.— Habt ihr wohl geſehn, wie ich den klei⸗ nen, magern Korporal bei den Beinen nahm und damit die andern bearbeitete? Ha, ha, ha! Doch eine wichtigere Angelegenheit muß uns jetzt beſchäf⸗ tigen. Meine Freunde, Eſtelle befindet ſich in die⸗ ſem Hauſe? Alle. Wie? Eduard. Wir müſſen hinein. Karl. Auf welche Art? Eduard(zu Karl, auf das Wirthshaus deu⸗ tend, das links ein wenig im Hintergrunde ſteht). Klopf' an die Thüre dieſes Wirthshauſes. Karl. Wozu das? Eduard, Lafleur, Lecourt. Klopf! Karl. Es iſt geſchehn. — 300— Vierter Auftritt. Die Vorigen. Pedro. Pedro. Was ſteht den Herren zu Befehl? Eduard. O, Sie trefflicher Mann.(Ceiſe zu ſeinen Kamaraden.) Sprecht mir nur nach. Alle. Trefflicher Mann! Eduard(ihn umarmend). Himmliſcher Mann! Alle(ſich mit offnen Armen zu Pedro drän⸗ gend). Himmliſcher Mann! Pedro(macht ſich mit Mühe von ihnen los). Artige junge Leute, das muß ich ſagen. Eduard(ſeine Börſe mit Gefliſſenheit öffnend, ſo, daß Pedro den Inhalt ſehen kann). Wie heißen Sie, mein Vortrefflicher? Pedro. Pedro.(Bei Seite.) Das iſt ein Gold⸗ fiſch, wie mir's ſcheint. Eduard. Nun denn, mein theuerſter Herr Pedro, Sie ſehen in mir ein Opfer obrigkeitlicher Gewaltthätigkeit. Pedro. Ei, wie ſo? Eduard. Ein Corregidor hat mir die Geliebte meines Herzens geſtohlen. Pedro. Wahrhaftig? Eduard. Aber ich habe die Spuren des Räu⸗ bers verfolgt.. — 301— Pedro. Das iſt recht. Eduard(auf Urſula's Haus deutend). Er be⸗ findet ſich in dieſem Hauſe da. Pedro. Worin kann ich helfen, ſagen Sie, mein goldner Herr! Eduard(bei Seite). Aha!(Laut.) In Allem müſſen Sie helfen, Verehrteſter, in Allem, Nehmen Sie vor der Hand dieſen kleinen Beweis meiner Hochachtung.(Er giebt ihm Geld.) Der Corregidor wird ohne Zweifel das junge Frauenzimmer weiter führen wollen, an irgend einen entlegenen, verbor⸗ genen Ort. Pedro. Wahrſcheinlich! Eduard. Zu der Reiſe braucht er Maulthiere und Maulthiertreiber— Pedro. Gewiß. Eduard. Sie geben die Thiere her und wir ſtellen die Treiber vor. Alle. Ja! Herr Pedro, wir ſind die Treiber. Pedro. Mit Vergnügen! Wenn der Herr fort⸗ fäͤhrt, auf dieſe Weiſe mit mir zu ſprechen. (Er klingelt mit dem empfangenen Gelde.) Eduard. Gern, mein Theuerſter, gern! Meine Beredtſamkeit iſt unerſchöpflich. Pedro. Aber wenn es der Corregidor entdeckt — 302— — ſo ein Mann iſt mehr zu fürchten, wenn er Recht hat, als wenn er Unrecht hat. Eduard. Vergebliche Furcht.— Er kennt mich nicht— er hat uns niemals geſehn.(Zu ſeinen Kamaraden.) Sprecht mir nach.(Laut.) Laſſen Sie ſich erweichen! Alle. Laſſen Sie ſich erweichen! Eduard. Seyn Sie unſer Troſt im Leiden. Alle. Seyn Sie unſer Troſt im Leiden. Pedro(erührt). Laſſen Sie ab, meine Her⸗ ren, laſſen Sie ab! Ich bin gerührt, wer könnte ihnen widerſtehen? Kommen ſie mit mir, ich will ihnen vier Maulthiertreiber⸗Kittel geben. Karl. Aber was ziehn wir unter die Kittel? Lecourt. In den Kleidern können wir nicht bleiben. Lafleur Gu Pedro). Habt Ihr keine ſpaniſche Anzüge? Pedro. Ei wohl, meine Herren! Prachtvolle Kleidungsſtücke. Ich beſitze ja ſelbſt vier Söhne, von der ſchönſten Taille— die Hoffnung meines Alters. Eduard. Schön, wie ihr Vater; das verſteht ſich! Nehmen Sie der Hoffnung Ihres Alters die prachtvollen Kleidungsſtücke, geben Sie ſie uns, decken Sie gemeine Kittel darüber und treten Sie — 303— ſomit in den heiligen Bund zur Befreiung der Un⸗ meine Freunde! Kommt in das Haus des unſchätzbaren Herrn Pedro, dort ſage ich euch das Übrige.(Alle in das Haus, Pedro zuletzt.) Der Co rregidor(aus Urſula's Hans, ſieht Pedro eintreten). Pedro! Pedro(in der Couliſſe). Im Augenblick. Fünfter Auftritt. Der Corregidor l(allein). Alles iſt auf das vorſichtigſte angeordnet und ich kann ruhig nach Urgel zurückkehren. Tüchtige Niegel halten mein Zuckerkätzchen feſt— Auch kann Niemand zu ihr gelangen, der nicht vorher meiner Schweſter den Hof macht und den Waghals moͤchte ich ſehn, der das unternimmt.(Ruft.) Pedro, Pedro. Sechſter Auftritt. Der Vorige. Pedro. Pedro. Nun, was gibt's? Der Corregidor. Geſchwind, ich bin eilig. Pedro. Ah, der Herr Corregidor von Urgel, Sennor Lunes.(Bei Seite.) Das iſt gewiß der alte Liebhaber! Der Corregidor. Schafft mir ſogleich Maul⸗ thiere herbei. — 304— Pedro. Sie ſtehn ſchon gezäumt im Stalle. Der Corregidor. Und die Treiber? Pedro. Sind bereit. Der Corregidor. Gut! Pedro(mit Lachen). Befiehlt der Herr Corre⸗ gidor einen zweiſitzigen Wagen? Der Corregidor(uuch lachend). Zweiſitzig, ha, ha! Pedro. Ich habe Sie vorher abſteigen ſehn, Herr Corregidor, mit einem jungen Frauen⸗ zimmerchen. Der Corregidor. Nicht wahr, die iſt allerliebſte Pedro. Allerliebſt. Es iſt ſo ein Appetits⸗ bischen. O, der Herr Corregidor ſind ein Mann von Geſchmack. Sie wiſſen ſich immer etwas Gut's wegzukapern. Der Corregidor. Ganz im Stillen, lieber Pedro, ganz im Stillen.— Aber es iſt hohe Zeit. — Wo ſind die Maulthiere mit den Treibern? Pedro. Im Augenblicke—(ruft) Heda! Fi⸗ lippo, Garcia, Antonello, Joſepho.(Bei Seite.) Der fällt in gute Hände! Karl, Eduard, Lecourt, Lafleur(in der Couliſſe). Gleich— gleich. Pedro(an der Thüre ſeines Hauſes). Nun, ſo macht fort! der Herr Corregidor wartet. — 305— Siebenter Auftritt. Die Vorigen. Lecourt, Lafleur, Karl, Eduard; Alle in Kitteln. Alle(ſich vor dem Corregidor bis zur Erde verbeugend). Herr Corregidor— Eduard(mit grober Stimme). Vorwärts, wenn's gefällig iſt. Der Corregidor. Ihr alſo, meine Kinder, werdet mich führen. Eduard. Geht's weit? Der Corregidor. Gerade nach Urgel. Karl. Der Herr iſt nicht allein? Der Corregidor. Doch, ganz allein. Eduard(zu Karl). Was Teufel, er läßt Eſtellen hier. Karl(zu Eduard). Das iſt eine ſchöne Geſchichte. (Eduard gibt dem Pedro Geld und redet leiſe mit ihm.) Eduard(laut zu Pedro). Aber, Herr, da fällt mir ein— wenn der Herr Corregidor allein iſt, ſo werden zwei Treiber hinlänglich ſeyn— Pedro Gum Corregidor). Das iſt wahr. Mit zwei Treibern haben Sie genug. Es koſtet dann auch nur die Hälfte. Der Corregidor. Aber der Wald, der vor uns liegt, iſt nicht ganz ſicher⸗ II. 20 Eduard. O, wer würde es wagen, einen Corregidor anzufallen? Der Corregidor. Es gibt freche Burſche, — ich brauche nur den vier Franzoſen zu begegnen— Eduard. Von Aranza? O, da können Sie ganz ſicher ſeyn, die ſitzen alle vier im Gefängniß. Der Corregidor. Im Gefängniß? Gut! Eduard. Und der Schlimmſte von ihnen, ein wahrer Ausbund von Zügelloſigkeit— Eduard, glaub' ich— heißt er— der iſt bereits gehangen. Der Corregidor. Gehangen! Endlich iſt doch die Gerechtigkeit einmal gerecht. Nun denn, ſo will ich mich mit zwei Treibern begnügen. Eduard(zu Lecourt und Lafleur). Euch Bei⸗ den kommt die Ehre zu, den Herrn Corregidor zu führen(leiſe) und ihn unterwegs umzuwerfen. Lecourt(leiſe zu Eduard). Verlaß dich auf uns. Eduard lleiſe zu Lecourt und Lafleur). Ihr findet uns in der Grenzſtadt Dax; in zwei Stun⸗ den ſind wir dort. Der Corregidor. Laßt uns nicht lange ver⸗ weilen, meine Freunde. Alle. Ehre, Ruhm und glückliche Reiſe dem hochwohlgebornen Herrn Corregidor von Urgel! Der Corregidor. Wie das meinem zart⸗ fühlenden Herzen ſo wohl thut! Allenthalben bin — 307— ich geliebt— allenthalben trägt man mich auf Händen! Adieu, Pedro— adieu, ihr redlichen Leute.(Nach Eſtellens Fenſter.) Eſtelle, bald führt mich die Liebe wieder zu dir zurück. Eduard(bei Seite). Die Mühe wollen wir dir ſparen. (Der Corregidor mit Lecourt und Lafleur ab; die Andern begleiten ihn und grüßen ihn in die Scene, bis man den Wagen abfahren hört.) Achter Auftritt. Pedro. Eduard. Karl. Eduard. Der wäre glücklich fort. Pedro, bei wem befindet ſich Eſtelle? Pedro. Eſtelle? Eduard. Meine Geliebte. Pedro. Ah ſo! Eſtelle befindet ſich bei einer alten Jungfer. Eduard. So einer recht bösartigen? Karl. Zankſüchtigen? Pedro. Gott bewahre— ſie iſt ſehr empfind⸗ ſam, ordentlich herzbrechend. Eduard. Das iſt herrlich! Pedro. De ſchon ſeit vierzig Jahren vor Be⸗ gierde brennt, ſich in den Stand der Ehe verſetzt zu ſehen. 20* — 308— Eduard(zu Karh. Die mußt du heirathen. Karl. Was fabelſt du? Eduard. Du ſollſt die Alte heirathen. Karl. Nimmermehr. Eduard. Du willſt nicht? Gut, ſo heirathe ich ſie ſelbſt. Wie heißt der Engel? Pedro. Urſula. Eduard. Schön! Ich heirathe die holde Ur⸗ ſula(bei Seite) zum Scherz. Pedro. Aber der Herr Corregidor wird ſchwer⸗ lich ſeine Einwilligung geben. Eduard. Welcher Corregidor? Pedro. Ei, Jungfer Urſula iſt die Schweſter des Sennor Lunes, Corregidors von Urgel. Eduard(bei Seite). Des Räubers meiner Geliebten— die Vorſicht ſelbſt zeigt mir den Weg zur Rache.(Zu Pedro.) Wie kommt man aber hinein zu dem alten Engel? Pedro. Ja, das geht nicht ſo leicht— da ſind Domeſtiken, Duennen, Gärtner— kurz und gut eine vollſtändige Garniſon. Eduard. Gleichviel! Hinein müſſen wir; Jung⸗ fer Urſula iſt empfindſam— folglich iſt ſie eine Freundin vom Abentheuerlichen— Vortrefflichſter Herr Pedro, ſchaffen Sie uns zwei muſikaliſche In⸗ — 309— ſtrumente, um in ihren zarten Tönen die gewaltige Leidenſchaft der Liebe zu malen. Karl(zu Pedro). Haben Sie Inſtrumente? Pedro. Eine alte Flöte.— Eduard. Eine alte Flöte, um die Liebe zu malen!— Cöttlich! ich nehme die Flöte! Pedro. Ein roſtiges Horn— Karl. Ein Horn, ich nehme das Horn. Eduard. Geſchwind, Herr Pedro, holen Sie die Inſtrumente.(Pedro ab.) Neunter Auftritt. Eduard. Karl. Eduard. Alſo dabei bleibt's, ich bin Urſula's Liebhaber. Karl. Und ich Eſtellens Mann! Eduard. Wir ſtellen uns unter die Fenſter unſrer Schönen und machen eine Katzenmuſik, daß der ganze Flecken in Aufruhr geräth. Zehnter Auftritt. Die Vorigen. Pedro mit einer Flöte und einem Horn. Pedro. Hier iſt die Flöte— hier das Horn. Eduard. Wie Schade, daß Sie keine große Trommel haben, Sie hätten das Orcheſter verſtärkt! (n die Flöte blaſend.) Welches göttliche Inſtru⸗ ment! Wenn dieſe Töne auch nicht zum Herzen — 310— meiner Dulzineen dringen, ſo werden ſie doch we⸗ nigſtens den Weg zu ihren Ohren finden. Und dein Horn— probir' es einmal. Karl(bläßt hinein). Es iſt wenigſtens ſo alt, als deine Geliebte. Eduard. Folglich gerade recht! Pedro. Ich verberge mich hinter dieſen Baum und ſehe der Comödie zu. (Er verbirgt ſich hinter einen Baum.) Eduard. Apropos, Karl! Karl. Nun? Eduard. Ich muß dir doch den Inhalt des Stücks ſagen. Wir ſind zwei Liebhaber, die ein⸗ ander nicht kennen. Jeder bläßt ein andres Stückchen, du auf jener, ich auf dieſer Seite. Karl. Das wird herrlich klingen. Eduard. Aber bald ſtoßen wir auf einander, wir gerathen in Streit; Drohungen, Schimpfreden dürfen nicht geſpart werden, wir ziehen die Degen, wir ſchlagen uns, aber verwundet wird keiner— dann klärt ſich alles auf: Du haſt die himmliſchen Töne deines Horns für Eſtellen, ich habe die ſüßen Laute meiner Flöte für Urſula erklingen laſſen— wir umarmen uns, ſchwören uns ewige Freund⸗ ſchaft.— So, jetzt weißt du deine Rolle. Karl. Auf das Genaueſte. — 311— Pedro. Wenn Einer ſtocken bleibt, ſo ſouflier ich. Eduard. Sie ſind der Soufleur, richtig.— Jeder Nan ſeinen Platz, das Konzert nimmt ſeinen Anfang. (Sie trennen ſich. Eduard allein bleibt im Vor⸗ 3 grunde. Jeder ſpielt ein andres Thema, wor⸗ aus ein gräͤßliches Charivari entſteht.) Eilfter Auftritt. Die Vorigen. Urſula am Fenſter. Urſula. Was hör' ich? Welche göttliche Muſik! Pedro. Die hat gute Ohren. (Karl und Eduard halten ein.) Eduard. Da iſt die Alte! Urſula. Ein Unbekannter! Er iſt als Maul⸗ thiertreiber coſtämirt— das iſt ſicher eine Verklei⸗ dung. O, in vielen Romanen habe ich von ver⸗ kleideten Nittern und Troubadours geleſen. Eduard. Jetzt will ich mit meinen Tönen auf ſie losſtürmen, ſo lange meine Lungen halten. Er ſtellt ſich unter Urſula's Fenſter, die er während dem Blaſen immer anſieht.) Urſula. O, Himmel, er betrachtet mich! Er bläßt zu mir! Er liebt mich! Pedro Gu Eduard). Die hätten wir! (Eduard, immer blaſend, gibt dem Karl Zeichen, unter den Balcon zu treten.) — 312— Eduard. Hier iſt dein Stichwort. (Karbl erſcheint im Vorgrunde.) uUrſula. Noch ein Unbekannter! (Karl bläͤßt in's Horn.) Eduard. Jetzt Beide zugleich, das dringt durch. (Beide fangen zugleich an.) Urſula. Soll ich meinen Augen und meinem Herzen trauen? Zwei Liebhaber für Einen! Eduard(zu Karl). Sie kann nicht widerſte⸗ hen. Jetzt das Gefecht, das lockt ſie ſicher herab. Urſula. Soll ich hinunter? Karl(ſich dem Eduard nähernd). Wer unter⸗ ſteht ſich— Eduard. Welcher freche Ehrenſchänder— Karl. Mein Herr, ich werde nicht dulden— Eduard. Und ich werde nicht zugeben— Urſula(vom Fenſter gehend). Ach Gott! die guten Menſchen wollen ſich um meinetwillen die Hälſe brechen.„ Eduard(leiſe). Sie kommt herab. Eaut.) Zu den Waffen, mein Herr, Blut muß ich ſehen! (Sie ſchlagen mit den Degen gegen einander. Sie halten inne.) Karl. Die Thüre öffnet ſich. 8 Eduard. Sie iſt's!(ſchreiend) Vertheidigen Sie ihr Leben.(Sie fechten wieder zum Schein.) — 313— Urſula(tritt aus dem Hauſe und wirft ſich zwiſchen die Kämpfenden). Haltet ein, ihr Bar⸗ baren, haltet ein! Eduard. Eher nicht, bis der Verräther ſeiner Liebe zu dir, göttliche Urſula, entſagt. Urſula. O, heiliger Jacob! Sie lieben mich alle Beide! Karl(zu Eduard). Was höre ich, Sie lieben dieſes junge Frauenzimmer? Eduard. Ja, Urſula iſt's, die ich anbete. (Er knieet vor ihr nieder.) Karl. So ſind wir keine Nebenbuhler— Eſtelle heißt meine Gattin. Urſula. Seine Gattin? Eduard. Eſtelle! Karl. Die mir geraubt wurde. Urſula. Ich athme wieder. Eduard. In meine Arme, theuerſter Freund! (Leiſe zu Karl, den er umarmt.) Verlange, deine Frau zu ſehn. Pedro(bei Seite). Das ſind ganze Spitzbuben. Eduard. Liebenswürdige Urſula, ich bin un⸗ tröſtlich, daß Sie Zeuge dieſes Auftritts ſeyn muß⸗ ten— aber es ſey Ihnen ein Beweis meiner enormen Liebe, meiner ungeheuren Zärtlichkeit— — 314— (zu Karl) Gott! ich finde keine Worte, ihr meine Zärtlichkeit auszudrücken. Urſula. Welche Jungfrau müßte ſich nicht geſchmeichelt fühlen— Eduard(zu Karh). Hat ſie die Thüre offen gelaſſen? Karl lleiſe). Nein. Eduard(ebenſo). Deſto ſchlimmer. Urſula. Sie werden es vielleicht zudringlich finden— aber ich kenne Sie nicht und dieſe un⸗ ſcheinbare Kleidung— Eduard(den Kittel öffnend, wie Karl). Ver⸗ birgt zwei edle Kaſtilianer. Urſula(bei Seite). Ich erſticke vor Vergnügen. Eduard(auf den Kittel zeigend). Dieſe obere Kleidung iſt die Tunica der alten Troubadours. Urſula. Wie, Sie wären— O, ich hätte es gleich vermuthen können! Die himmliſchen Töne, welche Sie ihrem Inſtrument entlockten!— Aber woher kennen Sie mich, wo haben Sie mich geſehn? Eduard. Allenthalben. Urſula. Allenthalben! Und Ihr Herz? Eduard. Schlägt nur für die göttliche urſula und wenn meine Wünſche—. Urſula. Mein Herr! —— — 315— Eduard. Meine Liebe— Urſula. Theuerſter Herr! Eduard. Wenn ich würdig wäre, Ihr Gatte zu werden— Urſula. Mein Gatte?— Einzig geliebter Herr! Eduard. O, wie dieſe Sprache der reinen Zärt⸗ lichkeit zum Herzen dringt— wie ſie mich ergreift, es iſt um von Sinnen zu kommen!(Zu Karl.) Aber, unglücklicher Jüngling, was ſuchen Sie an die⸗ ſem Orte? Karl. Eine angebetete Gattin, welche mir der Bruder ihrer ae geraubt hat. Urſula. Die junge Eſtelle? Eduard. Wie, die junge Eſtelle? Karl. O, Himmel, ja! Eduard. Nun denn, mein Freund, folgen Sie mir. Sie ſollen ſie wiederſehn, in dieſem Augenblick will ich ſie Ihrer Liebe zurückgeben. (Sie gehn nach Urſula's Hauſe.) Urſula. Das iſt unmöglich.— Mein Bru⸗ der hat ſie meiner Obhut anvertraut. Eduard. Ihr Bruder iſt ein Tyrann! Karl. Ja, ein Tyrann! Eduard. Wer zwei liebende Herzen trennt, iſt ein Tyrann, wer zwei Gatten von einander — 316— reißt, iſt ein Tyrann, wer den Gegenſtand einer ewigen Liebe unter eiſernen Riegeln gefangen hält, iſt ein Tyrann.— Urſula— theuerſte Urſula, du biſt die Schweſter eines Thrannen. 8½ Urſula. Wie? großer Gott! Ich die Schweſter eines Thrannen? Wenn ich ſeinem Willen zuwider⸗ handle, er iſt Corregidor und kann— Karl. Wahre Liebe trotzt jeder Gefahr. Eduard. Jeder Gefahr, der kleinen, der großen — der mittelmäßgen— die Liebe iſt die höchſte Ge⸗ walt— Alles gehorcht ihr, von der Venus bis zur Urſula. 5 Urſula. Welche himmliche Sprache und Du hat er mich auch ſchon genannt. Pedro. Die ſitzt feſt. Urſula. Holder Troubadour, gern würde ich mich deinen Wünſchen ergeben, aber— Karl dzu Urſula). Sie wollen uns nicht an⸗ hören, unſer Flehen war vergebens!—(zu Eduard) Mein Freund, ein ſo hartes Frauenzimmer iſt nicht im Stande, ſie zu beglücken. Urſula Gu Eduard). Glaube ihm nicht! Eduard. Sie haben Recht! Wer unempfind⸗ lich gegen die Leiden unglücklicher Liebe iſt, hat niemals geliebt, wird niemals lieben. Unglücklicher Jüngling, ich will Ihnen einen Beweis geben, wie — 317— ſehr mir Ihre verzweiflungsvolle Lage zum Herzen geht, ich will— Urſula(bei Seite). Himmel! was wird er wollen? Eduard. Ich will dieſe Grauſame verlaſſen. Sie werden Ihre Eſtelle nicht wieder ſehn— ich ent⸗ ſage meiner Urſula.— Ich reiſe mit Ihnen ab, ich verlaſſe Spanien, ich gehe nach— nach— nach— Pedro ſſoufflirend'. Nach Konſtantinopel!— Eduard. Ja, nach Konſtantinopel. Folgen Sie mir, unglücklicher Jüngling, fort von dieſem Schrek⸗ kensorte. Urſula(ihm nachlaufend). Liebenswürdiger Kaſtilianer! Eduard. Gib meinem Freund ſeine Eſtelle zurück oder du ſiehſt mich nimmer wieder. Urſula. Aber— Eduard. Lebe wohl auf ewig, du Grauſame! Karl. Lebe wohl! Urſula. Nur einen Augenblick! Eduard(zu Karl). Sie beißt an. Urſula. Aber wenn ich Eſtellen herausgebe, ſo kann ich nicht hier bleiben, denn wenn mein Bruder zurückkömmt— Eduard. Alles iſt bereit— ich entführe dich, du Perle deines Geſchlechts. — — 318— Pedro(bei Seite). Das iſt ſtark! Eduard. Ich entführe dich und eile mit dir nach Frankreich. Urſula. Nach Frankreich? Eduard. Nach Paris. Urſula. Nach Paris! Pedro(bei Seite). Dort müſſen die Perlen hoch im Preiſe ſtehn. Eduard. Das ſüße Band der Ehe— Pedro lbei Seite). Der junge Menſch hat Muth, wie ein Löwe. Urſula. Das Band der Ehe! O, du gefähr⸗ licher Troubadour!. Eduard(zu Karl). Freund! Eſtelle iſt Ihrer Liebe wieder gegeben; ich entführe die anbetungs⸗ würdige, die himmliſche, die göttliche Urſula und— Karl(leiſe zu Eduard). Das Übrige wird ſich finden. Eduard(ebenſo zu Karh). Nein— ich hoffe, das wird ſich nicht finden.(Laut) Geliebte! führe meinem Freunde ſeine Eſtelle zu. Urſula. Ja, ich will zwei Glückliche machen, und ſelbſt glücklich werden. Eduard. Schöne Seele. Urſula. O Liebe, Liebe, Liebe! Wenn du auch den Sterlichen ſpät heimſuchſt, ſo bleibt doch deine —— — 319— unwiderſtehliche Macht dieſelbe. Ich komme im Augenblicke zurück, holder Troubadour. (Ab in's Haus.) Zwölfter Auftritt. Die Vorigen, ohne Urſula. Pedro(in Lachen ausbrechend) Die iſt ſchön angeführt! Karl(zu Eduard). Aber was fangen wir mi⸗ der Alten an? Eduard. Weiß ich's? Pedro. Mich dünkt, ich ſehe ſie ſchon in Frank⸗ reich, wie ſie vor den Häuſern herumgeht und einen Mann bettelt. Karl. Still, ſie kommt. Eduard. Mit Eſtellen— Eile deiner Frau entgegen. Dreizehnter Auftritt. Die Vorigen, Eſtelle, Urſula. Karl(lauft auf Eſtellen zu und umarmt ſie). Theuerſte Gattin! Eſtelle. Eduard! Eduard(zu Eſtelle). Still.(Zu Karl.) Die Umarmung dauert zu lang. — 320— Urſula. Ich hoffe, ihr Ritter— Eſtelle(leiſe zu Eduard). Ritter? Was ſoll das bedeuten? Eduard(leiſe zu Eſtellen). Bezähme deine Neugierde und erſtaune über nichts. Urſula. Dieſer Beweis meiner Hingebung— Eduard. Verdoppelt meine Zärtlichkeit für dich, du Einzige. Urſula. Seine Einzige! Eſtelle(zu Karl). Er hat den Verſtand verloren. Karl(zu Eſtelle). Im Gegentheil, er hat ihn gefunden. Eduard(an der Thüre des Gaſthofs). Holla, Herr Wirth!(Pedro thut, als trete er aus dem Hauſe.) Geſchwind einen guten, großen Wagen und die vier beſten Maulthiere von ganz Spanien. Pedro. Sie ſtehn ſchon gezäumt und ange⸗ ſchirrt; ſie können ſogleich abreiſen. Eduard. Nun denn; wer mich liebt, der folge mir! Urſula. Ich folge dir! Pedro. Glückliche Reiſe. Urſula. Die Liebe iſt mein Leitſtern! (Alle ab, auſſer Pedro, der lachend unter ſeiner Hausthüre ſtehen bleibt.) 3 — 4 — 321— Vierzehnter Auftritt. (Das Theater verwandelt ſich und ſtellt das Stadtthor im erſten Acte dar, aber von der franzöſiſchen Seite. Dormond, La Valeur, franzöſiſche Sol⸗ daten, in Reih und Glied, ziehen auf.) Dormond. Hier wären wir denn in der Stadt Dax auf der Grenze von Frankreich und Spanien. Jetzt, meine Freunde, bezieht eure Kaſerne und morgen— allgemeiner Raſttag. (Die Soldaten marſchiren ab, mit Ausnahme der Schildwache und der, welcher von La Valeur geführt, die Wache beziehn.) Fünfzehnter Auftritt. Dormond lallein). Ich hätte nicht leicht eine Garniſon wählen können, welche mir angenehmer geweſen wäre, als dieſe. Mein Freund Duplant, dem eine ſichere Nachricht zugekommen iſt, daß Eſtelle und Eduard nach Spanien geflüchtet ſehen, bewohnt ein artiges Landgut in der Nähe, um, wie er ſagt, genaue Erkundigungen nach den beiden Flüchtlingen anſtellen zu können. O, wenn die Reue ſie nach Frankreich zurückführte, ſie ſollten in II. 21 — 322— mir einen Vertheidiger finden! Wie mag's ihnen gehn!(Ruft.) La Valeur. Sechszehnter Auftritt. Der Vorige. La Valeur. La Valeur. Herr Capitain. Dormond. Ich gehe hin, mein Quartier an⸗ zuſehen und empfehle dir die ſtrengſte Wachſamkeit. La Valeur. Seyn Sie ohne Sorgen, Herr Capitain, ich bin noch nüchtern. (Dormond ab; La Valeur in die Wache.) Siebenzehnter Auftritt. Urſula, Eſtelle, Karl, Eduard. Eduard. Da wären wir glücklich in Frank⸗ reich! Süßer Boden der Heimath! Urſula(welche an Eduards Arm ſehr ſchnell ge⸗ hen muß). Langſam, liebenswürdiger Troubadour, langſam! Eduard. Stütze dich auf meinen Arm, hold⸗ ſelige Urſula! (Während dieſes Dialogs gehen ſie vorwärts und bei'm letzen Wort haben ſie das Thor paſſirt; die Schildwache dreht ihnen den Rücken.) — 323— Achtzehnter Auftritt. Die Vorigen. La Valeur. La Valeur(aus dem Wachhaus). Halt da! Urſula(zitternd). Heiliger Jacob, ein Soldat! La Valeur. Wo kommt ihr her? Eduard. Wir haben einen Spaziergang nach Spanien gemacht. La Valeur. Wer ſeyd ihr? Eduard. Franzoſen. La Valeur. Und dieſe Damen? Karl(auf Eſtellen deutend). Die eine iſt meine Frau— La Valeur. Und die Andere? Karl. Die Andre— Eduard. Eine junge Spanierin. Karl. Welche, ſobald ſie mündig iſt, meinen Freund mit ihrer Hand beglücken wird. La Valeur(bei Seite). Nun, wenn die noch nicht mündig iſt, ſo bin ich noch ein Kind! Eduard(zu La Valeur). Erlauben Sie, Herr Sergeant, Ihre Uniform iſt mir ſo bekannt. Bei welchem Regiment ſtehen Sie? La Valeur. Regiment Champagne. Eduard. In dieſem Regiment dient Capitain Dormond? 21* — 324— La Valeur. Mein Vorgeſetzter. Eduard. Befindet er ſich vielleicht hier? La Valeur. Er befehligt die Garniſon dieſer Stadt, und iſt heute Morgens mit ſeiner Com⸗ pagnie eingerückt. Kennt Ihr ihn? Eduard und Karl. Gewiß! Er iſt unſer beſter Freund. La Valeur. Mein Capitain der Freund von zwei Maulthiertreibern! Urſula(auffahrend). Von zwei Troubadours, Herr Sergeant! La Valeur.(verächtlich). Troubadours in Kitteln! Eduard. Rufen Sie nur immer den Capitain herbei, Herr Sergeant! Geſchwindſchritt! Vorwärts Marſch! La Valeur. Nun ich bin doch begierig.— (Er geht nach der Seite ab, wohin der Capitain abging.) Neunzehnter Auftritt. Die Vorigen, Lafleur, Lecourt. Lecourt(Xruft). Eduard! Lafleur(ebenſo). Und die Andern! Urſula(ſich umwendend). Noch zweiTroubadours! Eduard lleiſe zu Lafleur und Lecourt). Was macht der Corregidor? — 325— Lafleur(leiſe zu Eduard). Der liegt im Schlamme bis über die Ohren— zwei Schuß wei⸗ ter von hier. Eduard. Das geſchieht ihm recht. Zwanzigſter Auftritt. Die Vorigen. La Valeur. Dormond. La Valeur. Hier iſt der Capitain. Eduard. Er iſt's!(Auf Dormond losgehend). Ich bin's. Karl, Lafleur, Lecourt(den Dormond umringend). Wir ſinds! Dormond(macht ſich von ihnen los). Ein Augenblick, ihr Herrn.(Fixirt Eduard.) Beim Him⸗ mel, mich dünkt— Eduard. Bleiben Sie bei dem guten Gedanken. Dormond q(zu Eduard). Eduard, Sie ſind's? Eduard und Karl. Wir beide, Eduard und Karl. La Valeur(bei Seite). Es iſt doch eine alte Bekanntſchaft des Capitains. Dormond. Da ſeed ihr endlich, ihr lüder⸗ lichen Geſellen. Eduard(zu La Valeur). Lüderliche Geſellen — Merken Sie, daß er uns kennt? Dormond. Auch die liebe Eſtelle— — 326— Eduard. Meine liebe Eſtelle. Urſula. Seine liebe Eſtelle. Dormond(auf Urſula, Lafleur und Lecourt deutend). Aber die kenne ich nicht. Eduard(leiſe zu ihm). Was liegt dran? (Laut.) Ja, Herr Capitain, unſere Pilgerfahrt iſt beſchloſſen.— Ich komme reuig zurück—(auf Eſtelle deutend) Sie kommt reuig zurück— wir kommen alle reuig zurück! Urſula. Aber Troubadour— Eduard. Jetzt ſoll das zärtlichſte Band uns vereinigen und alle Leiden ſind geendigt. Urſula(mit rührendem Tone). Aber Trou⸗ badour— Dormond(zu Eduard). Das wird nicht ſo geſchwind gehn— Herr und Madame Duplant ſind hier— Eduard. Deſto beſſer. Komm Eſtelle— wir fliegen in ihre Arme, zu ihren Füßen, überſchwem⸗ men ſie mit Thränen und ſie können nicht wider⸗ ſtehn, ſie willigen ein. Urſula(mit ſtarker Stimme). Troubadour, aber Troubadour! Dormond. Aber zuvor will ich euch andere Kleidungsſtücke geben. Euer Koſtüm dürfte keine günſtige Wirkung machen. Kommt mit mir. 5 — 327— Eduard. Ihm nach, meine Freunde. Urſula(in Wuth). Aber Troubadour— Dormond. Kommt alle mit! Eduard(indem er bemerkt, daß Urſula ſich anſchickt, ihm zu folgen, zu La Valeur). Kamarad! wenn ſich eine Gelegenheit nach Aranza findet— wenn leere Maulthiere dahin zurückkehren, ſo ladet ihnen dieſe verlaſſene Jungfrau auf.— Lebe wohl auf ewig, ſüße Urſula. Urſula(ſo ſchreiend, daß ihr die Stimme verſagt). Aber Troubadour— Troubadour— Trou⸗ badour— Eduard(zu La Valeur). Bewacht ſie wohl— Kommt den unglücklichen Folgen ihrer Verzweif⸗ lung zuvor. (Alle ab auſſer La Valeur und Urſula.) Einundzwanzigſter Auftritt. Urſula. La Valeur. Urſu la(verzweifelnd auf und nieder rennend). Es iſt ein Traum— es iſt eine Täuſchung der Sinne.— Er kann mich nicht betrügen wollen— er kann nicht ſo leichtſinnig der erſten Liebe eines jungfräulichen Herzens ſpotten.(Nach der Cou⸗ liſſe laufend, in welche Eduard abging.) Trouba⸗ dour, ich werde dir folgen, du wirſt wieder in meine 5 — 328— Arme zurückkehren— oder, liebenswürdigſter Trou⸗ badour, ich werde dich erdroſſeln! La Valeur(dreht ſich um und gewahrt den Corregidor). Da kommt noch ſo eine alte Karrica⸗ tur.(Zu Urſula.) Sie bekommen Geſellſchaft, Mamſell. Zweiundzwanzigſter Auftritt. Die Vorigen, der Corregidor, ſeine Kleidung iſt in Unordnung. Der Corregidor(im höchſten Zorn). Ich will doch ſehn— Urſula. Himmel, mein Bruder! Wohin ver⸗ berge ich mich? Der Corregidor. Wo iſt der Commandant der Wache. Er ſoll mir im Augenblicke zwei Maul⸗ thiertreiber hängen laſſen.(Er bemerkt Urſula.) Teu⸗ fel! was ſehe ich? meine Schweſter? Urſula. Ja, lieber Bruder. Der Corregidor. Du hier, in Frankreich. Urſula. Ja, lieber Bruder! Der Corregidor. Und Eſtelle— Urſula. Laß dir meine Leiden klagen— Der Corregidor. Aber Eſtelle— Urſula. Mein Ungluͤck— Der Corregidor. Wo iſt Eſtelle— — 329— Urſula(in Thränen ausbrechend). Sie iſt die Gattin meines Troubadours. Der Corregidor. Deines Troubadours? Urſula. Ja, des jungen Eduards. Der Corregidor. Muß ich denn allenthal⸗ ben in die Klauen dieſes verwünſchten Eduards fallen! Er entführt meine Frau, er entführt Eſtel⸗ len, er entführt meine Schweſter und zuletzt ent⸗ führt er mich ſelbſt. Aber ich werde ſeiner Spur folgen.(Zu Urſula.) Wo iſt er hingegangen? Urſula. Liebe und Rache ſollen uns leiten. Der Corregidor. Das ſind ſchlechte Weg⸗ weiſer. Ich frage, wo er hingegangen iſt? La Valeur(bei Seite). Wenn ich ſie zu dem Landhauſe des Herrn Duplant ſchickte— das gäͤb' eine angenehme Üüberraſchung! Der Corregidor und Urſula(zu La Va⸗ leur). Wo iſt er hingegangen? La Valeur. Er hat mit ſeinen Kamaraden den Weg da rechts eingeſchlagen— er führt ge⸗ rade zu einem ſchönen Landhaus. In zehn Minu⸗ ten ſeyd Ihr dort. Der Corregidor(zu Urſula). Fort, Urſula! Urſula. Fort, Corregidor! La Valeur. Zu Fuß? Urſula. Auf den Flügeln der Liebe und der Nache! La Valeur. Auf Flügeln!— Nun denn, vorwärts marſch! (Er geht in die Wache. Der Corregidor und Ur⸗ ſula nach der angezeigten Seite ab.) Dreiundzwanzigſter Auftritt. (Garten, zu beiden Seiten zwei Lauben.) Dormond, Karl, Lafleur, Lecourt, Eduard und Eſtelle. Dormond(welcher mit Eſtelle zuerſt herein⸗ tritt, winkt den Nachfolgenden.) Hierher! Eſtelle. Herr Capitain, ich fühle eine innere Bewegung. Dormond. Die nur angenehme Folgen ha⸗ ben wird, wie ich hoffe. Eduard(von den Andern umringt, eintre⸗ tend). So kehrt der verlorne Sohn zurück! Dormond. Still! da kommen Herr und Madame Duplant. 1 Karl. Jetzt werden wir eine moraliſche Vor⸗ leſung hören. Eduard. Schrecklicher Gedanke! Eſtelle. Ich mache mich aus dem Staube. Dormond. Bleiben Sie!(Er ſieht in die — 331— Couliſſe). Hypolit begleitet ſeine Eltern— ſie ge⸗ ſticuliren heftig— ſind in zorniger Aufwallung. Eſtelle(will fort). Ich bleibe nicht— ich laufe fort.— Eduard. Ruhig, liebe Eltern; wir wollen den Sturm vorübergehen laſſen. Kann man ſich denn nirgends verbergen.— Ei wahrhaftig, die Lauben da ſcheinen ordentlich zu einem Verſteck für uns beſtimmt zu ſeyn. Dort können wir in der Stille den Discours von Onkel und Tante mit an⸗ hören und danach abmeſſen, wenn es rathſam iſt, uns zu zeigen. Lecourt. Dabei ſind wir aber überflüſſig. Eduard. Im Gegentheil! Ihr ſollt als Zeu⸗ gen meiner Verlobung gegenwärtig ſeyn. Geſchwind, meine Freunde, ihr hinter jene Laube, Eſtelle und ich hinter dieſe.* (Eſtelle, Eduard, Lecourt, Lafleur, Karl verbergen ſich auf die angegebene Weiſe.) Vierundzwanzigſter Auftritt. Die Vorigen. Herr und Mad. Duplant. Hypo⸗ lit. Eduard tritt zum Oeftern unbemerkt hervor. Herr Duplant(zu Hypolit). Ungerathe⸗ ner Bube! Eduard. Gilt das mir? — 332— Mad. Duplant. Eine ſo ſchändliche Auf⸗ führung— Eduard. Schändlich!— Herr Duplant. Jal! Schändlich im höch⸗ ſten Grade iſt es, daß du in deinem Alter ſchon in allen Spielhäuſern an der Tagesordnung biſt. Eduard(lacht). Ha, ha, ha! Mad. Duplant. Ich glaube gar, der Mosje Taugenichts lacht noch. Hypolit. Ganz und gar nicht. Herr Duplant. So erkennſt du das viele Gute, womit wir dich überhäuft haben! Mad. Duplant. Dir zu Liebe habe ich zwei liebenswürdige und intereſſante Weſen in's Unglück geſtürzt. Eduard. Liebenswürdig— intereſſant! Mad. Duplant. Ja, liebenswürdig waren ſie und intereſſant. Meine Strenge— meine Un⸗ barmherzigkeit hat ſie zu einem Schritte gezwungen — die lieben Kinder! Der närriſche Eduard!— Bei all ſeinem Leichtſinn hatte er doch ein gutes Herz. Herr Duplant. Und die liebe Eſtelle— O! wenn ſie hier wären! Mad. Duplant. Gern würden wir ihne verzeihen, ſie vereinigen— 3 1 4 — 2 — 333— Herr Duplant. Ihnen die Hälfte unſeres Vermögens geben— Eduard. Gut! Herr Duplant. Sie ſollten unſre liebſten Kinder ſeyn. Mad. Duplant. Gewiß! unſre liebſten! Hypolit(lachend). Zum guten Glück ſind ſie weit von hier. Eduard(mit Eſtelle zu den Füßen der Ver⸗ wandten ſich niederwerfend). Du irrſt, guter Vet⸗ ter! Sie ſind ſehr nah! Herr und Mad. Dup lant. Eduard— Eſtelle. Hypolit(ſie berührend). Sie ſind's wirklich! Mad. Duplant. Durch welche Bezauberung Eduard(auf Dormond deutend). Da ſteht der Zauberer. Herr Duplant. Ihr wart— Eduard. Hinter jener Laube verborgen.(Zu ſeinen Kamaraden.) Kommt Alle herbei.(Zu Herr und Mad. Duplant.) Hier habe ich die Ehre Ihnen die Gefährten meiner Abentheuer, ſo wie die Zeu⸗ gen meiner Verlobung vorzuſtellen. O, es nd Leute von Kopf. (Lecourt, Karl und Lafleur kommen hinter der Laube hervor, der Corregidor und Ur⸗ ſula erſcheinen im Hintergrunde.) — 334— Fünfundzwanzigſter Auftritt. Die Vorigen. Der Corregidor. Urſula. Der Corregidor und Urſula. Nache, Rache!— Eduard(auf dieſe zeigend). Das iſt etwas Andres! Das ſind meine Schlachtopfer! Der Corregidor. Nache! Urſula. Rache! Blutige Nache oder— Liebe! Eduard. Ich bin in Verzweiflung, daß ich Ihren beiderſeitigen Wünſchen nicht genügen kann, aber vor der Hand muß ich mich auf das Schleu⸗ nigſte verheirathen. Urſula. Troubador, treuloſer Troubadour! Der Corregidor. Verrätheriſcher Pillendreher. Eduard. Von nun an ſey allen Abentheuern, Irrfahrten und Entführungen entſagt— die ganze Welt lade ich zur Hochzeit ein und beſchenke ſie mit der goldenen Lehre: Laßt die Vergangenheit ruhn, genießt die Gegenwart und das Ubrige— wird ſich finden. (Der Vorhang faͤllt.) — — 3 In demſelben Verlage ſind folgende emplehlenswerthe Schrikten erſchienen und um beigeſetzte Preiſe durch alle ſolide Buch⸗ handlungen zu beziehen. Meyer, Hofr. Dr. Bernh., Reiſeſkizzen. Geh. 12 gr. oder 54 kr. Oettinger, E. M., das ſchwarze Geſpenſt. Taſchenbuch fuͤr 1831. 2 Abtheilungen in Futteral. Rthlr. 2. 8 gr. oder fl. 4. Rückert, Fr., Nal und Damajanti. Eine in⸗ diſche Geſchichte. Rthlr. 1. 18 gr. od. fl. 2. 48 kr. Das Publikum erhält hier eine, von dem rühmlich be⸗ kannten Dichter Rückert, mit aller ihm in ſo ſeltenem Grade eigenen Sprachfertigkeit und Reimfülle übertragene indiſche Dichtung, bei der aber alles Fremdartige, ohne Studium der indiſchen Poeſie Unverſtändliche, vermieden iſt, ſo daß ſie als eine ſinnige Liebeserzählung erſcheint, über welche ſich nur ein leiſer fremdartiger, aber lieblichſüßer Duft ausbreitet und ſie umweht. Das Mythologiſche, völ⸗ lig verſtändlich, erſcheint in der Figur, welche am bedeu⸗ tendſten eingreift, nur als Allegorie des böſen Gelüſtens, welches in unſrer Bruſt wohnt. Liebe, in bezaubernder Schilderung, ihre Leiden und Treue bilden den Inhalt des Büchleins, und wem Sinn für wahre Poeſie einwohnt, wird an dieſer Dichtung, und wem Sinn für Sprachſchönheit und Ausdruck einwohnt, wird an Rückert's Verſen ein Vergnü⸗ gen genießen, wie es ſelten geboten wird. Schopenhauer, Johanna, ſämmtliche Schrif⸗ ten. Vierundzwanzig Baͤnde in Taſchenfor⸗ mat. Mit dem Blldniſſe der Verfaſſerin. Subſcriptionspreiſe: Auf ertrafeinem Velinpapier Rthlr. 16. oder fl. 28. 48 kr. Auf gutem milchweißem Druckpap. Rthlr. 12. oder fl. 21. 36 kr. Leipzig bei F. A. Brockhaus. Frankfurt a. M. bei J. D. Sauerlaͤnder. Die Verfaſſferin iſt ſeit Jahren der Liebling des Publikums, jede ihrer Arbeiten hat ſich des ungetheilteſten Beifalls ſo⸗ wohl von Seiten der Kritik als des Publikums zu erfreuen gehabt, und es wird daher nur der einfachen Anzeige bedür⸗ fen, daß ſie ſich entſchloſſen hat, den vielfachen Aufforderun⸗ gen zur Sammlung ihrer Schriften nachzugeben, um ibre zahlreichen Verehrer zur Subſcription zu veranlaſſen. Die Verfaſſerin hat übrigens, dankbar für den ihr gewordenen Beifall, jede ihrer Schriften, die dieſer Geſammtausgabe einverleibt worden, einer genauen Durchſicht unterworfen, und es hat manche derſelben weſentliche Verbeſſerungen er⸗ halten. Schopenhauer, Johanna, Erzählungen. Acht Theile. Zweite wohlfeilere Aus⸗ gabe. Auf Velinpap. Rthlr. 10. 20 gr. oder fl. 19. 24 kr. Auf Druckpap. Rthlr. 8. od. fl. 14. —— Novellen. Zwei Theile. Geh. Rthlr. 2. 20 gr. oder fl. 4. 48 kr. —— neue Novellen. Drei Theile. Rthlr. 3. oder fl. 5. Dieſe 5 Bände Novellen ſind neu und noch nicht in der Geſammtausgabe aufgenommen. Stelldichein im Tivoli, das, oder Schu⸗ ſter und Schneider als Nebenbuhler. Local⸗ poſſe mit Geſang in zwei Acten. Vom Ver⸗ faſſer des„alten Buͤrgercapitain.“ Geh. 12 gr. oder 45 kr. Storch, Ludwig, Malers Traum. Novelle. Rthlr. 1. 16 gr. oder fl. 3.