deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 1 5 v. Eduard Otftmann in Gießen, Scchloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 8½ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den Angeneumnei bekannte Perf⸗ iſſer, bei G. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahm eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende wmahme hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 89 d39 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 4 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bicher: ———— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 2 6 Bücher: „„„ 7— 5 5 Auswurtige Abounenten haben für Hin⸗ und „ der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefah 3 erſetzt n 4 das Pmubte. ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren erkes, ſo iſt der Leſer. 3 eihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 3———— . —,—— — —— 9 ——— 2 — — QOQ⏑—ů⅓⸗-——u— — Erzählungen Georg Ddöring. Vierter Theil. Römiſche Welt⸗ und Liebeshändel.— Das Opfer. Frankfurt am Main. Gedencke und verlegt von Johann David Sauerländer. — 1 833. — ——⸗̃ — Römische Welt- und Kiebeshändel im vierzehnten Jahrhundert. Vor dem Hauſe des Barbiers Janno Roscio war ein zahlreicher Volkshaufen verſammelt. Die⸗ ſes lag in einer engen, aber ſehr lebhaften Straße Roms, welche nach einer Stelle an der Tiber hin⸗ abführte, wo Fiſcher und Schiffer einen immer re⸗ 3 gen Verkehr unterhielten. Alles trieb gewöhnlich zhier im bunten Gedränge durcheinander: Fiſchwei⸗ ber, die mit leeren Netzen zum Strome hinabeilten, um ſie aus den Vorrathsbehältern der Verkäufer wieder zu füllen, Obſthändler, die ihren Bedarf bei den Landleuten, welche mit beladenen Nachen am Ufer hielten, einnahmen, Genoſſen von dieſen und jenen, welche vom Strome heraufdrängten, wo ſie ſchon ihre Einkäufe gemacht hatten, dazwiſchen Bettelmönche, die nach allen Seiten hin das Mit⸗ leid zu frommen Gaben anzuregen ſuchten, ſchrei⸗ ende Juden, die nichts dachten und erſehnten, als Schacher und übermäßigen Gewinn. Heute war Alles ganz anders. Zwar zeigte ſich das Gedränge ſo ſtark, wie es nur jemals geweſen, beladene und unbeladene Fiſchweiber, Obſthändler mit leeren und X△ gefüllten Körben, Mönche und Juden bildeten ein reiches Gemälde voll wunderlicher Contraſte; allein es war eine große ſtehende Gruppe die ſich dem Blicke des Beobachters bot, nicht die auf⸗ und nie⸗ derwogende, raſtloſe Maſſe, welche ſonſt zu jeder Tageszeit hier zu finden war. Ein jeder war be⸗ müht, ſich ein Plätzchen dem Hauſe des Barbiers gegenüber, zu verſchaffen. Man wagte es auf die Gefahr hin, von den muskelkräftigen Armen der Obſthändler ein ſchmerzhaftes Denkzeichen dieſer Stunde mit heimzunehmen„ man ſcheuete nicht die von Schimpfreden überſprudelnden Lippen der Fiſch⸗ weiber, und drängte immer vorwärts, um nur end⸗ lich zur Anſchauung eines unbekannten Etwas zu gelangen, das nach den einzelnen Ausrufungen der Naheſtehenden höchſt wunderbar und ſeltſam ſeyn mußte. Je weniger die neuen Ankömmlinge ahnten, was hier die Schritte der betriebſamſten Menſchen⸗ klaſſen feſſeln konnte, deſto gewaltiger trieb ſie die Neugierde weiter ins dichte Gedränge. „Bei den Gebeinen des heiligen Antonius!“ rief ein feiſter Mönch, dem es gelungen war, auf einem erhabenen Straßenpfeiler Poſto zu faſſen, ndas mag begreiſen, wer da will, mir aber war es zu hoch. Der Janno muß ein Narr geworden ſeyn, daß er ſolcherlei Bilder auf ſeinem Balcon — ausſtellt, in denen Niemand Sinn und Bedeutung, Anfang und Ende findet. Da, Leute, ſchaut ihr, das Weltmeer, vom Sturme bewegt, und mitten auf dem Meer ein Schiff ohne Maſt und ohne Steuer, und auf dem Schiffe liegt ein Weibsbild in einem zerriſſenen ſchwarzen Kleide auf den Knieen und das Haar flattert ihr wild um den Kopf und die Hände hat ſie auf der Bruſt gefaltet. Iſt das ein Schild für einen Barbier und Wein⸗ ſchenk? Wer erkennt daraus, daß er ſcharfe Meſſer und gutes Getränk führt? Beim Martyrthum der heiligen Roſalie! Seewaſſer iſt kein Monte Pul⸗ ciano und im Sturme auf dem Weltmeere muß auch des geſchickteſten Bartſcheerers Hand mit dem Meſſer zittern.“ „Ich will geſchimpft werden einer von der Rotte Korah,“ ſchrie ein Jude, der auf einem andern Straßenpfeiler zunächſt dem Mönche ſtand,„wenn nicht hinter der Sache ein ganz andrer ſteckt, als der Barbier Janno Roscio! Janno iſt ein muntrer Geſell, der immer einen Spaß auf der Zunge hat für ſeine Kunden, daß mit dem Spaße auch der geſchwefelte Wein deſto leichter hinunterläuft oder über der Luſtigkeit ſich das Au Weh wegen der ſtumpfen, kratzenden Scheermeſſer in ein Juchheh verwandelt. Aber ſoll mir Gott, an eaca Schildereien denkt er nicht! Schaut ihr wohl die vier kleinen Schiffcher um das große Schiffche herum? In jedem von den vier kleine Schiffcher liegt eine todte Weibsperſon, traurig und mitleidig anzuſehen, wie der Hiob auf dem Lager, wo ihn der Dalles heimgeſucht hatte.“ „Das muß ich ſehn!“ ſagte ruhig ein ſtämmi⸗ ger Fiſchhändler, der mit einer kaum merklichen Bewegung der Hand den Juden vom Stein herab⸗ ſchob und ſich hinaufſchwang.„Der heilige Petrus ſoll nie mein Netz wieder geſegnen,“ fuhr er ſo laut und kräftig fort, daß er von einem großen Theile der Anweſenden vernommen wurde,„wenn hier nicht ein betrunkener Maler, der dem Roscio die ſchuldige Zeche mit dem Pinſel bezahlen müſſen, die Hand im Spiele gehabt hat. Grundeln und Hechte können eher Freundſchaft mit einander ſchließen, ehe das Zeug zuſammenpaßt. Da ſind auf einem Paare Inſeln an der Seite noch mehrere jämmerliche Weibsperſonen und rings um das ganze Bild ſteht allerlei Gethier, Bären, Wölfe„Löwen, Hunde und Schweine, Füchſe und Affen und alle tragen Hörner, wie der ſchwarze hölliſche Fürſt der Finſterniß.“ „Wer kommt da?“ riefen mehrere Stimmen zugleich und viele Hände deuteten nach dem Balcon — —y —— hinauf, wo neben dem ſeltſamen Bilde jetzt ein ſchöner junger Mann in ſchwarzen Unterkleidern, mit einem purpurrothen Mantel und einem ſilber⸗ geſtickten Barett, deſſen Geſtalt ſich der einer Krone näherte, auf dem Haupte hervortrat. Er ſchien das Volk nicht zu beachten. Seine Arme waren in Kreuzesform über der Bruſt zuſammengeſchlagen, ſein flammender, ſchwärmeriſcher Blick erhob ſich zum Himmel. „Cola, toller Cola!“ ſchrien einige Fiſchwei⸗ ber.„Was fällt dir ein, was treibſt du wieder für Poſſen? Führſt du einen neuen Streich im Sinne gegen die Barone? Haſt du die Schläge ſchon ver⸗ geſſen, die dir Herr Stephano Colonna we⸗ gen deiner Thorheiten erſt neulich hat vehabteſchen laſſen?“ Eine dunkle Röthe flog über das Angeſicht des jungen Mannes, allein er ſagte nichts, er verharrte in der bisherigen Stellung eines begeiſterten Beters. „Laßt ihn, laßt ihn!“ krähete ein hageres Männ⸗ lein, in einem ſchwarzen Talar, das mit ſeltſamer Behendigkeit an den äußern Verzierungen des Hau⸗ ſes, dem Balcon mit dem Gemälde gegenüber, em⸗ porgeklettert war und nun auf der Wölbung des Portals ritt.„Der Nicolao Gabrini, genannt Rienzi, iſt gar ein hochbegabter Menſch, der es — 10— gut mit dem Volke meint. Wer ſeine Weisheit für Thorheit erachtet, iſt ſelbſt ein Thor; denn, ſeitdem die Welt ſteht, wird die Weisheit von der Thorheit verkannt und geſcholten. Er kennt die frühern Jahrhunderte, in denen unſre Roma die Hauptſtadt der Welt geweſen und die großen Ruinen der alten Welt haben ihm ſeltſame und wunderbare Dinge zugeflüſtert, die er nun weiter offenbart in ſeinen Reden, bis ihr ſelbſt verſtehen lernt, was die Rui⸗ nen ſprechen. Umſonſt iſt er nicht bei der Geſandt⸗ ſchaft geweſen, die die päpſtliche Heiligkeit in Avignon begrüßte, umſonſt haben ihn die dreizehn Männer aus den dreizehn Diſtricten der heiligen Stadt nicht zu ihrem Redner damals ernannt, umſonſt hat päpſtliche Heiligkeit ſelbſt ihn nicht mit der Würde eines Notars des heiligen Stuhls begabt. Große Dinge liegen noch in der Seele des jungen Man⸗ nes. Er liebt das Volk und ſagt, daß es mit ihm noch ſo ſeyn ſollte, wie es in den Zeiten geweſen, von denen die Ruinen erzählen. Was ſprechen ſie von der Gegenwart? Was ſagen die Thürmchen und Mauern mit den Schießiſcharten, welche die Colonna, die Urſini und andre Baronengeſchlechter auf den Circus maximus, auf die Triumphbögen, auf die Tempel gebaut haben und aus denen dro⸗ hend und höhniſch ihre Bogen⸗ und Wurfſchützen N — — — 11— auf den friedlichen Bürger herabſehn? Sie melden uns, daß wir den mächtigen Baronen zu Dienſten ſeyn ſollen, daß wir ihrer Willkühr verfallen ſind mit Haus und Vermögen, mit Weibern und Toch⸗ tern, mit dem Ertrage unſerer Felder, mit dem Gewinn aus dem Fluſſe. Wer von Euch hat den Muth, eine junge Frau oder eine ſchöne Tochter, an einem Gute der Barone vorüberzufahren? Wer wagt es, mit gefülltem Netze, mit vollem Obſt⸗ korbe aus einem Thore der alten Stadt zu treten? Sind nicht gleich Räuber da, welche die Weiber eben ſo gut ſtehlen, wie die Fiſche und das Obſt? Und wer ſind die Räuber? Nicht etwa Fremde, nein! Eure Landsleute, diejenigen, die Euch beſchüz⸗ zen ſollten, ſtatt beſtehlen: die Barone!“ „Herab mit dem alten Schimpfer!“ unterbrach eine wüthende Stimme die Stille, mit der man auf das Männlein gehört hatte.„Er iſt ein Auf⸗ wiegler, ein Empörer. Meine Lanze ſoll ihn her⸗ unterlangen und geſpießt trag' ich ihn zu den ge⸗ ſtrengen Herrn auf's Capitol.“ Aber das Männlein hatte viele Freunde unter dem Volke. Man nannte ihn nur Meiſter Mat⸗ theo, den Mathematikus, und ſchrieb ihm große Kenntniß geheimnißvoller Wiſſenſchaften zu. Die Lanze jenes Schreiers ſchwebte zwar ſchon in der Luft und reichte nach dem Portale hin, allein ſie ward in einem Augenblicke von zwanzig Händen ergriffen und in Stücke zerbrochen. Man erkannte denjenigen, der dieſen Angriff auf den Alten un⸗ ternommen, an ſeiner Kleidung, für einen Diener des Hauſes Colonna. Tauſend Verwünſchungen ſtrömten von den Lippen der Fiſchweiber gegen ihn aus, während die Männer durch drohende Worte und Bewegungen ihn nöthigten, ſein Heil in der Flucht zu ſuchen. Erſt nach einiger Zeit, während Cola Rienzi immer in ſeiner Stellung eines Verzückten verharrte, ſtellte ſich die Ruhe wieder her. Jetzt bewegte er ſich; jetzt ließ er die Arme ſinken, jetzt trat er vor an den Rand des Balcons, doch ſo, daß durch ſeine Geſtalt nichts von dem Bilde bedeckt wurde. „SStill! Still!“ rief die heiſere Stimme Mat⸗ theo's von dem Portale herab.„Er wird ſpre⸗ chen. Laßt kein Wort verloren gehn! Bewahret Al⸗ les wohl, denkt darüber nach und betet zu den lie⸗ ben Heiligen um Rettung und Beiſtand!“ „Ich muß ſprechen;“ hob jetzt mit einer ſtar⸗ ken, wohltönenden Stimme Rienzi an,„denn die Mutter des Heilandes, die einige Jungfrau gebeut es alſo. Sie hat mich angelächelt von ihrem Him⸗ melsthrone herab, nachdem ſie blutige Thränen auf — 13— die Hauptſtadt der Chriſtenheit herniedergeweint, ſie hat mich ermuthigt, ſie ſelber hat mir eingege⸗ ben, was ich ſagen ſoll. Sah ſie keiner von Euch dort in dem goldnen Wölkchen, das der Sonne zuſchwebt? Nein, nein! Keiner hat ſie geſehen, denn wie vermöchtet Ihr das Himmliſche zu erkennen, da Ihr mit Blindheit geſchlagen ſeyd für das Ir⸗ diſche. Ich aber bin ihr Auserwählter, deshalb er⸗ kenne ich ſie, ich bin ihr Bote, deshalb rede ich in ihrem Namen zu Euch, ich bin ihr Ritter, den ſie ſendet, euch zu befreien aus tiefer Schmach und Sklaverei. Wo gibt es noch Römer und Römerin⸗ nen? Ich ſehe nur Diener und Schmeichler der Tirannen, nux Feiglinge und Elende, die froh ſind, ihr Leben von einem Tage zum andern zu fri⸗ ſten. Ein Leben ohne Freiheit? Und das Capitol ſtürzt nicht zuſammen, weil die Geiſter des Alter⸗ thums ſich unwillig in ihm regen, die Triumphbö⸗ gen, der Circus, die Bäder ſtehen noch? Fühlt Ihr nicht die Geduld, die der Himmel mit Eurer Schlaff⸗ heit hat? Ihr kennt vielleicht Euere Lage nicht, Ihr habt Euch ſchon ſo daran gewöhnt, daß Ihr Euer Elend nicht empfindet? Hier könnt Ihr es ſchauen,“ fuhr er fort, indem er einen weißen Stab ergriff und auf das Gemälde deutete,„hier auf dieſem Bilde, das mir in einem oſſenbarungsvollen — 14— Traume der heilige Lucas ſelbſt vorgezeichnet hat. Das jammernde Weib, das hier auf dem wogenden Weltmeer treibt, iſt die einſt ſo ruhmwürdige Roma. Wer lenkt jetzt das Steuer ihres Schiffes, wer gibt ihm glänzende Segel, daß es ſtolz hinfliegt durch das Meer der Zeit? Armes Schiff, bald wirſt du verſinken in den Wogen, die dich umſtürmen! Seht hier die todten Weiber in den untergehenden Boo⸗ ten: die eine heißt Babylon, die andre Carthago, die dritte Troja, die vierte Jeruſalem. Alle verdarben durch Ungerechtigkeit, alle hat Roma an Hoheit übertroffen, aber nun erblicken wir auch ſie in ihrem Untergange. Wehe dem Volke, das die heilige Stadt Petri ſinken läßt! Sehet hier das einſame Weib auf einer Inſel im weiten Meere! Das iſt Italia. Sie ſtehet beſchämt, ſie blickt trauernd auf Roma. Sie hat ihre Gebieterin ver⸗ loren, ſie iſt ſelbſt ohne Schutz, ſie kann ihr nicht helfen. Und dort die vier Frauen, die im Ueber⸗ maße des Kummers die Hände ringen und bittere Thränen vergießen? Es ſind die vier Haupttugen⸗ den: die Enthaltſamkeit, die Gerechtigkeit, die Weis⸗ heit und die Tapferkeit. Sie rufen klagend gen Rom hin:„Vormals beſaßeſt du alle Tugenden, ſeit ſie dir fehlen, treibſt du unſtät auf dem Meere herum.“ Wer iſt unter Euch, dem dieſer Anblick ———— — 15— nicht das Herz zerreißt, wer kann gleichgültig auf die verlaſſene Vaterſtadt ſehen? Dort im Winkel iſt noch eine Frau. Sie hat das Antlitz einer Hei⸗ ligen und trägt weiße Kleidung. Das iſt der chriſt⸗ liche Glaube und er jammert:„Allmächtiger Va⸗ ter, mein Herr und mein Führer, wo ſoll ich blei⸗ ben, wenn Rom untergeht?“ Und Ihr ſeyd Chri⸗ ſten und der Jammer des Glaubens rührt Euch nicht, und Ihr ſehd Römer und ſeht die alte Herr⸗ lichkeit und erkennt nicht, was Ihr waret und was Ihr ſeyn ſolltet?“ Er ſchwieg und verhüllte, gleich als überwäl⸗ tige ihn ſein Gefühl, das Antlitz in ſeinen Mantel. Unter dem Volke entſtand ein Gemurmel der Theil⸗ nahme und des Unwillens; viele Stimmen aber wur⸗ den auch laut, die mit Hohnlachen den Rienzi einen Wahnwitzigen nannten, die da meinten, ſeine Spie⸗ lereien ſeyen recht ergötzlich, nur müſſe man ſie nicht anders, als die Träumereien eines Narren be⸗ trachten. Der Dünkel ſey ihm zu Kopfe geſtiegen, ſeit er mit der Geſandtſchaft am päbſtlichen Hofe in Avignon geweſen und es ſpuke in ſeinem Gehirn von Veränderungen, die in der Wirklichkeit gar nicht möglich ſehen. Die Barone ließen ihn auch nur deshalb gewähren, weil ſie von der Unſchäd⸗ lichkeit des Narren überzeugt ſeyen, weil auch ſie — 16— ſeine Tollheit ergötze und ſein ubermuth ihr Ge⸗ lächter errege. „Beim Segen Abrahams, das iſt wahr!“ rief der Jude, der ſich wieder auf den Stein geſchwun⸗ gen und an den Fiſcher, der ihn früher herabge⸗ drängt, angeklammert hatte.„Habe ich nicht mit ſelbeigenen Ohren vernommen, als ich neulich bei Tafel dem Herrn Stephan Colonna ein koſtbares Steinchen zeigte, wie der Rienzi auf das Gebot der Barone aufſtehen und eine Rede halten mußte, in der er ſie ſchimpfen und höhnen durfte nach Her⸗ zensluſt? Soll mir Gott, er hat es redlich gethan, aber je gewaltiger er ſchalt, je mächtiger er ihnen Raub, Mord und Ungerechtigkeit vorwarf, deſto mehr wollten ſie ſich ausſchütten vor Lachen über den tollen Menſchen! Zuletzt reichte mir Herr Stephan einen Becher Wein und ſprach: Siehe, Iſraelit, das iſt unſer Hofnarr! Macht er ſeine Sache nicht gut genug für einen Anfänger?“ „Halt's Maul, Ketzer!“ krähte in vollem Eifer der Mathematikus von ſeinem hohen Reiterſitze herab. „Jetzt iſt die Zeit, wo ſie lachen, aber die Stunde wird kommen, wo ſie weinen. Sie ſind mit Blind⸗ heit geſchlagen, wie das Volk, ſie verachten aus Hochmuth denjenigen, von dem in den Sternen geſchrieben ſteht, daß er über ſie alle herrſchen — 12— wird. Ich habe ihm das Horoscop geſtellt, ich weiß, daß Jupiter hell über ſeinem Haupte leuch⸗ tete, als er auf die Welt kam. Bald wird er in ſeiner Löwengeſtalt ſich zeigen, mit der goldenen Krone und dem Schwerte der Gerechtigkeit. Die ihn einſt höhnten, ſollen zittern vor einer Bewe⸗ gung ſeiner Hand. Meint Ihr, er habe umſonſt das heilige Antlitz des Stellvertreters Gottes auf Erden geſchaut? Meint Ihr, er ſpreche blos aus ſich ſelbſt und der Segen des heiligen Vaters wirke nicht in ihm fort, wie die geheimnißvolle Zahl Drei in den Berechnungen der Mathematiker und Sternkundigen? Doch ſtill, ſtill! Verhaltet Euch alle ruhig, denn er will wieder reden, der Erwählte, der Begnadigte!“ Cola hatte den Mantel von ſeinem Anllitze ſin⸗ ken laſſen. Mit Blicken des Vorwurfs und der Verachtung ſah er auf die Menge herab. Dann begann er, indem er den Stab erhob und nach den Thieren deutete, die gleichſam den Ramen des Gemäldes bildeten, auf's Neue: „Der heilige Lucas ſah in Eure Herzen, als er Euch ſo abzeichnete, wie Ihr daſteht. Ja, das ſehd Ihr, Ihr ſelbſt, die Ihr Euch nicht aus der Thierheit erheben wollt, zu der man Euch ernie⸗ drigt hat! Ihr ſeyd dieſe Hunde, Böcke, Haſen und IV. 2 — 18— Affen, die vor den Bären, Wölfen und Tiegern mit niederträchtigen ſklaviſchen Gebehrden ſich beugen, die ihnen kühle Lüfte zufächeln, ihnen den Rücken ſtreicheln und furchtſam hinweghinken, wenn die Tatze des tückiſchen Bären ſie getroffen, wenn der Wolf nach ihrem Beine geſchnappt, wenn der Zahn des blutdürſtigen Tiegers ſie verwundet hat. Lacht nur, lacht! Jetzt noch begreift Ihr die tiefe Schmach Eurer Erniedrigung nicht, aber der Tag wird kom⸗ men, wo die ewige Himmelskönigin die Binde von Euren Augen nimmt und Euch Euch ſelbſt in Eurem ganzen Elende, in Euerer Verworfenheit zeigt. Lacht nur immermehr und bemüht Euch, mit dieſem hölliſchen Lachen die Stimme des Ge⸗ wiſſens zu betäuben! Ich will Euch von einem al⸗ ten Römer erzählen, der ein wenig anders dachte und handelte als Ihr. Er hatte eine einzige Toch⸗ ter, die hieß Virginia, er ſelbſt Virginius. Da begehrte der mächtige Decemvir Appius Clau⸗ dius der Jungfrau und bemächtigte ſich ihrer mit Gewalt; aber der Vater, unter dem Scheine als wolle er Abſchied von ihr nehmen, tödtete ſie mit einem Dolchſtoße, ehe er ſie der Schmach überließ, und das Volk jubelte bei dieſer That und vertrieb im Aufruhr den Tieger Appius und wurde wieder frei, wie es ehemals geweſen! Wer von Euch macht — — 19— mir ein ſolches Römerſtückchen? Ihr ſeyd andre ge⸗ worden, Ihr führt ſelbſt Eure Töchter in die Höh⸗ len der Wölfe und Tieger, um ein großes Geſchenk oder ein einträgliches Amt zu erhalten— die Hei⸗ ligen wenden ihr Angeſicht von ſolchem Gräul— wehe, wehe über Roma!“ Er hielt den weißen Stab und die rechte Hand vor ſich hingeſtreckt, indem er dieſe Worte mit Ze⸗ terſtimme ausrief. Eine große Bewegung erhob ſich unter der Verſammlung. Viele ſchrien, man ſolle den Notar herabholen und ihn züchtigen für ſeine Frechheit, andre waren ernſt geworden und ſprachen gegen jede Gewaltthat, ein großer Theil der Weiber weinte laut, ſchlug ſich wider die Bruſt, wie zur Buße, und bekreuzigte ſich unter Gebeten zu ihren Schutzheiligen. Die Mehrzahl aber brach wieder in ein ſtürmiſches Gelächter über die Poſ⸗ ſen des Narren aus, meinte, man dürfe dem Wahn⸗ witzigen nichts anrechnen, und trieb, als Rienzi jetzt von dem Balcon verſchwand, die übrigen fort⸗ drängend auseinander, ſo daß nun bald der Platz vor dem Hauſe des Barbiers Janno Noscio frei war und man nur noch den alten Mattheo erblickte, der bedächtig von dem Portale herabklimmte und mit ernſthafter, nachdenklicher Miene in das Innere der Wohnung trat, wo der junge Mann, deſſen 2* — 20— wunderliche im Chriſten⸗ und Heidenthume ſchwär⸗ mende Beredſamkeit die Menge gefeſſelt hatte, noch immer verweilte. Dieſe Szene begab ſich in der Mitte des vier⸗ zehnten Jahrhunderts, als die Päpſte, der Macht der übermüthigen Barone weichend„ ihre Reſidenz von Nom nach Avignon verlegt hatten. Voller Blumen ſteht mein Garten Und ich bin die Gärtnerin; Aber meines Liebſten Auge Blickt auf Alles finſter hin. Habe ſie ſo treu gepfleget, Daß ſie jetzt ſo freundlich blühn— Will denn ihre ſtille Freude Nicht in deine Seele ziehn? Fort die Nacht aus deinem Auge! Fort, was meines Herzens Pein! Meine Roſe blühet heiter, und dein Blick muß heiter ſeyn. So ſang im Hausgärtchen des Barbiers Janno Roscio ein liebliches, etwa ſiebenzehnjähriges Mädchen mit der Begleitung einer Chther, während man den Tumult der vor dem Hauſe verſammelten Menge bis in dieſe Einſamkeit vernahm. Sie ſchien durch ih⸗ ren Geſang, ſo wie durch den Inhalt ihres Liedes den Unmuth verſcheuchen zu wollen, der in den — 21— Zügen eines neben ihr in der Rebenlaube ſitzenden jungen Mannes lebendig hervortrat. Seine Hand gab ſich, nachdem ſie geendigt hatte, nachläſſig der ihrigen hin, er bemühete ſich durch den Verdruß, der ſein Angeſicht verdüſterte, ihr zuzulächeln, aber es wollte nicht recht gelingen und indem ſie das dunkle Haar aus ſeiner gerunzelten Stirn ſtrich, ſagte ſie: „Höre einmal, Lucio, ich muß ein ernſtes Wort mit dir ſprechen! Schon ſeit einer Stunde, ſeit das Getöſe zu uns herüberſchallt von der Straße, habe ich etwa höchſtens zwölf Worte von dir ver⸗ nommen, bei denen du, wie man recht wohl mer⸗ ken konnte, nicht einmal etwas dachteſt.„Ja, beſte Gianetta!— So, liebſtes Kind!— Meinſt du?“ — Das war Alles, was du mir zerſtreut hinwarfſt, wenn ich dich noch ſo freundlich anredete, wenn ich von den wichtigſten Dingen, von unſrer Zukunft, von des Vaters Zögern mit einer beſtimmten Ent⸗ ſcheidung, von Allem, was wir dann zur Hochzeit einzukaufen hätten, mit dir ſprach. Du warſt nicht hier, du warſt draußen vor dem Hauſe mit deinen Gedanken. Was gehn dich die Poſſen an, die der tolle Cola dort vor den Fiſchhändlern und Markt⸗ weibern treibt? Laß ihn den Narren ſpielen vor den Leuten, laß ihn auslachen und ausſpotten, wenn — 22— er es nicht beſſer haben will, aber deine künftige Frau vom Hauſe darfſt du deshalb nicht vernach⸗ läſſigen.“ „Der tolle Cola?“— wiederholte nachdenklich der junge Mann.„Er iſt toll, aber in einem an⸗ dern Sinne, als die Ritter und Barone meinen, und die Zeit wird kommen, in der ſie das zu ihrem Schrecken einſehn;“ fuhr er dann, ſein Mädchen ernſt anblickend, fort.„Was ſie für Tollheit jetzt halten, woran ſie ſich bei ihren Tafeln und Prunk⸗ feſten, wenn ſie ihn kommen laſſen, ergötzen, das i*ſt ein tief angelegter Plan bei Rienzi, damit ſchlä⸗ fert er ſie in Sicherheit, daraus wird er einſt her⸗ vortreten wie ein Löwe, der bisher ein Luchs ge⸗ weſen. Cola's Tollheit dringt weiter, ſie geht höher. Der Löwe will auch das Scepter, er will die Krone, dann aber werden ſie wieder nur den Luchs in ihm ſehn und er wird untergehn im all⸗ gemeinen Jagen auf das Raubthier.“ „Uberlaß das Prophezeihen dem alten Mattheo!“ ſchäkerte Gianetta.„Es ſteht dir ſo wenig zu Ge⸗ ſicht, wie der Ernſt, deinem Mädchen gegenüber. Meine Roſe blühet heiter Und dein Blick muß heiter ſeyn!“ fügte ſie ſingend hinzu. „Er wird uns alle in's Unglück bringen;“ fuhr — 25— Luclo, den nichts in ſeinem ernſten Nachdenken ſtören konnte, fort.„Sein Ehrgeiz kennt keine Schranke, und das Feuer, das in ihm glimmt, wird zu ſei⸗ nem und unſerm Unheile täglich mehr von deiner Schweſter Caſſia angeſchürt.“ „Caſſia iſt ſtolz und eitel, wie er,“ ſagte Gia⸗ netta:„aber laß ſie nur erſt Mann und Frau ſeyn, ſo kommen die Sorgen des Haushalts und werden den Stolz ſchon in Demuth, die Eitelkeit in Be⸗ ſcheidenheit verwandeln. Das hat mir der Pater Anſelmo in der Beichte geſagt. Und nun fröhlich, beſter Lucio! Bedenk, daß heute Abend„Hochzeit iſt, wenn auch Rienzi's und Caſſia's, erinnere dich, daß mein Vater nur fröhliche Geſichter leiden mag und daß dir, wenn du mich wahrhaft liebſt, die Neigung meines Vaters viel werth ſeyn muß.“ „Gianetta, Gianetta!“ rief in dieſem Augen⸗ blicke die Stimme des alten Janno aus dem Hauſe. „Wo bleibſt du, Röschen von Genzano? Soll dein alter Vater die Füße ſich ablaufen, um den Durſt aller derer zu ſtillen, die über den luſtigen Cola ſich heiſer gelacht?“ Gianetta wollte fort, Lucio aber hielt ſie zuruͤck. „Noch Eins, Herzensmädchen!“ ſagte er beſorgt und angelegentlich.„Seit du neulich im Laden meines Vaters Sergiani mit deiner Schweſter — 24— Caſſia geweſen, um Sammet zum Hochzeitskleide einzukaufen, habe ich keine Ruhe mehr im Herzen. Damals ſah dich Stephanulo Colonna, des mächtigen alten Baronen Sohn, und was ich in ſeinem Blicke las, das drohete Verderben meiner Liebe und meinen Hoffnungen. Sprich, Gianetta, hat er nicht verſucht, ſich dir zu nähern? Hat er nicht Diener abgeſchickt, dir Briefchen oder Ge⸗ ſchenke zuzuſenden?“ „Du ſiehſt Geſpenſter!“ antwortete lachend Gia⸗ netta, indem ſie ſich losmachte.„Der Herr Ste⸗ phanulo hat ein ſo unbedeutendes Mädchen gewiß nicht beachtet und weiß ſeine Geſchenke höher an⸗ zubringen, als an die Tochter eines Barbiers und Weinſchenken.“ „Will denn meine Noſe gar nicht kommen?“ rief jetzt nochmals wild der Alte.„Soll der Vater am heutigen Freudentage vor Müheſeligkeit und Strapaze das Zeitliche geſegnen, ehe noch die wahre und wirkliche Freude eingetreten? Heiliger Petrus, gib dem Mädchen Kraft und Kindesliebe, daß es den Vater nicht ſchnöde erlahmen und in Schwäche fallen läßt!“ Dieſer Nuf war zu dringend, als daß Gianetta noch länger durch die Gegenwart des Geliebten zu⸗ rückgehalten werden konnte, ihm zu folgen. Sie — 25— eilte fort, und Lucio Sergiani ſah mit dem Ent⸗ zücken eines Liebenden der leicht hinſchwebenden, anmuthigen Geſtalt nach. Über ein Jahr war es nun ſchon her, daß ſeine und Gianetta's Liebe dauerte. Der alte Roscio, ein ſeltſamer Mann, der zwar ſeinen Geſchäften mit unabläſſigem Eifer nachging, aber deſſen Geiſt auch immer mit Ge⸗ danken an politiſche Veränderungen beſchäftigt war, wollte dem jungen vermöglichen Kaufmanne wohl; nur hielt ihn der Umſtand, daß die reichen römi⸗ ſchen Kaufleute und unter dieſen auch der alte Sergiani noch gar zu feſt am Adel und der Ritter⸗ ſchaft hingen, zurück, dem ſonſt annehmlichen Be⸗ werber ſeine beſtimmte Einwilligung zu geben. Da Janno eine offene Wirthſchaft hielt, ſo konnte er natürlich dem Lucio den Eintritt in ſein Haus nicht wehren, allein er geſtattete ihm auch, ſich mit Gia⸗ netten im Garten allein zu ſehen; er ließ ihn hof⸗ fen, daß ſeine Wünſche Erfüllung finden würden, ſobald nur einmal ſein Vater, deſſen Beiſpiel ge⸗ wiß viele andre nachzöge, ſich mehr dem Bürger⸗ ſtande genähert. Der Barbier war früher Wein⸗ und Blumengärtner in Genzana, einem Flecken unfern Rom, der ſeiner Blumenzucht wegen be⸗ rühmt war, geweſen. Von jener Zeit blieb ihm eine ſeltſame Gewohnheit eigen. Seine Töchter, — 26— ſeine Verwandten und nächſten Bekannten pflegte er nur unter Blumennamen zu bezeichnen, ſo wie dieſe den Characteren der Perſonen zu entſprechen ſchienen. Die jüngere Tochter, Gianetta, war ſein Röschen, die ältere, Caſſia, ſeine Lilie. Den Neffen Rienzi, von dem er große Dinge erwartete, nannte er ſeine Kaiſerkrone, den Mathematiker und Aſtrologen die Nachtviole, den jungen Lucio, wegen ſeines Reich⸗ thums, den Goldlack. Gab ihm aber eine dieſer Perſonen, nach ſeiner Meinung, Anlaß zum Ver⸗ druß, ſo wurden die Benamungen ſtufenweiſe in das Häßliche überſetzt, ſo daß zuletzt aus der Roſe wohl eine Diſtel, aus der Lilie eine Brennneſſel entſtand. So entlieh nun der ſtets ſcherzluſtige Mann ſeine Gleichniſſe und Redensarten meiſt aus der Gartenkunſt und von ſeinem Weingeſchäfte, das ihm jetzt, da ſeine Gaſtſtube faſt nie leer wurde, mehr am Herzen lag, als ehemals die Blumiſterei. In Gedanken an den wunderlichen Mann verſun⸗ ken, von dem er das Glück ſeines Lebens zu erwarten hatte, ſchritt Lucio einen dämmerigen Laubgang von überhangenden Rebengewinden hinab. Das Getöſe außerhalb des Gartens war verſtummt und nur das Lachen der Gäſte in Janno's Weinſtube unterbrach die herrſchende Stille. Am Ende des Laubganges ſtand ein — 2/— kleiner Pavillon, deſſen Inneres nach der Seite, von der Lucio ſich ihm näherte, nur durch ein Laubgeflechte von Jelängerjelieber verdeckt wurde. Der junge Kaufmann hörte von lauten Stimmen ſeinen Na⸗ men und auch den Gianetta's drinnen nennen. Er blieb ſtehen und ſein Blick fiel unwillkührlich durch eine Hffnung des Geſträuches in das Innere. Da ſah er in ſeinem ſeltſamen Prunkgewande den No⸗ tar Cola Rienzi, neben ihm, ſchon im ſchwarzſam⸗ metnen Hochzeitskleide, die ſtolze hohe Geſtalt der Caſſia Roscio, und vor beiden eifrig redend, den Mathematiker Mattheo. „Ich wiederhole es dir, Cola,“ ſprach der Alte, „du mußt den Lucio mehr durch Freundlichkeit und Liebe zu gewinnen ſuchen, als ihn durch Stolz und Hoheit feſſeln wollen. Ihr ſehd beide unter dem Zeichen der Wage geboren und die Wage verlangt Gerechtigkeit! gleiches Gewicht in jeder Schale. Iſt nicht der Beweis ſchon da für meinen Spruch? Sehd Ihr beide nicht verliebt in zwei Schweſtern und wer⸗ det Ihr nicht von dieſen wiederum geliebt? Schwebſt du nicht mit Caſſia in der einen Wageſchale und der junge Sergiani mit Gianetta in der andern?“ „Halt da, Mattheo!“ unterbrach mit übermüthi⸗ gem Tone und indem er, wie zum Befehle, die rechte Hand ausſtreckte, Rienzi den Mathematikus. 4 — 28— „Schweben ſie denn gleich dieſe Wageſchalen? Macht der Scepter, der kaiſerliche Mantel, die Krone, die einſt der jetzt verlachte Cola tragen wird, ſeine Wageſchale nicht ſinken?“ nUnd ich,“ ſetzte in ſtolzerer Haltung Caſſia hinzu,„bin ich mit der bloͤden Gianetta zu ver⸗ gleichen? Mit ihr, die zufrieden wäre, ihre Lebens⸗ zeit hier im kleinen Hausgärtchen hinzubringen und mit Blumen und Zweigen zu tändeln, während mein Schritt nach dem Capitol, nach einem Throne ſtrebt?“ „Noch ſeyd Ihr gleich, noch ſeyd Ihr ganz gleich!“ eiferte das gelehrte Männlein.„Ohne Lucio's Beiſtand bleibt Ihr, was Ihr ſeyd, der No⸗ tar Rienzi und ſeine Eheliebſte Caſſia. So lauten meine Conſtellationstafeln, und wer ſie Schelme nennt, der beſitzt von den Einwirkungen des Him⸗ mels auf die Schickſale der Menſchen keine Kennt⸗ niſſe, der kommt mir vor, wie ein Thier, das ſeine Naſe zur Richtſchnur ſeines Laufes macht. Aber Cola, Cola, mein Liebling, den ich als Kindlein auf meinen Knieen gewiegt, du haſt dich ſehr zu hüten vor einem einzigen Menſchen und der biſt du ſelbſt! Nicht umſonſt habe ich dich in der Sprache unſerer Vorvbäter unterrichtet, nicht umſonſt dich, als du ein Knabe geworden, auf die höchſte Staf⸗ ,. fel des Coliſſäums geführt und dir von dort die Ruinen der alten Roma gezeigt, die von der Größe der Ahnen und unſerer, der Enkel, Schmach ſpre⸗ chen. Oft haben wir Nächte durchwacht und ich zeigte dir den Stern, der über deiner Geburt ge⸗ leuchtet, der dich belebt und erhebt, den hohen Jupiter. Aber du ſollſt Jupiter der Gott werden und nicht Jupiter der Stern. Wie der Gott nur für die Menſchheit wirkte, ſo ſollſt du wirken für das Volk der heiligen Stadt, um es aus Elend und Sklaverei zu reißen. So wie aber der Gott, wenn ihn die Triebe der Staubgeborenen überwäl⸗ tigten, gleich niederſank zum Thiere, und dann oft das Ungemach, welches dem Irdiſchen anhängt, zu lei⸗ den hatte, ſo wird es auch dir gehn, wenn du deines göttlichen Berufes vergiſſeſt, wenn du dich unwürdigen Leidenſchaften, dem Ubermuthe, der Prunkſucht, der Unmäßigkeit im Genuſſe niederer Freuden hingibſt. Höre auf die Stimmen der Warnung, Cola! Bleibe ſtets der Gott des Volkes, aber werde nie dein eige⸗ ner! Hüte dich vor goldgeſtickten Kleidern, vor Edelſteinprunk, vor reichbeſetzten Tafeln, vor der Sucht, den Erdenherrſcher zu ſpielen. Wenn ich in den Sternen ſuche, welches Loos dich dann tref⸗ fen wird, dann fällt ein dunkler Vorhang über das ſtrahlende Gewölbe und die Sterne ſind ver⸗ ſchwunden, und es dünkt mich nun, als tauche — 30— ein blutig rothes Schwert aus der ſchwarzen Decke hervor!“ „Aber, Sergiani?“ ſagte ungeduldig Rienzi. „Von ihm wollteſt du ſprechen, nicht von mir!“ Der Mathematikus ſah nachdenklich vor ſich nie⸗ der, während der Notar und ſeine Braut ihn er⸗ wartungsvoll anblickten. Dann nahm er eine kleine Pergamenttafel aus ſeinem Gewande hervor und ſchien in ſeltſamen unverſtändlichen Zeichen etwas zu berechnen. Seine Miene wurde heiter und, in⸗ dem er die Zeichen auf dem Pergamente wieder auslöſchte, ſagte er: „Zeige dich ihm als Freund und das Übrige wird ſich von ſelbſt finden. Wäre die Himmels⸗ wage gerecht, wenn das nicht geſchähe? Lucio iſt dir geneigt, aber eben das, wovor ich dich warnte, hält ihn ab ſich dir zu nähern und ſein Vertrauen zu offenbaren. Strebe kühn, ſtrebe mit der Hoheit, die deinem Geiſte angeboren iſt, zum Ziele; aber überwältige die Schlangen in deiner Bruſt, Dün⸗ kel und Übermuth!“ „Der Zufall hat mich zum Zeugen Eures Ge⸗ ſpräches gemacht,“ ſagte hervortretend der junge Sergiani,„aber Mattheo hat Recht, Cola! Ich wäre gern dein Freund, wenn du dich nur be⸗ quemen wollteſt, das hochfahrende Weſen abzulegen — 31— und von dem Stande, dem ich angehöre, nicht mit Verachtung zu ſprechen. Siehe doch auf dich ſelbſt zurück! Kann man dich bei aller Liebe zur Freiheit, die du darlegſt, hochachten, wenn man wiederum bedenkt, wie du dich zum Narren und Poſſenreißer der Großen herabwürdigſt?“ „Heilige Jungfrau, gib mir Geduld, den Ta⸗ del dieſer Kurzſichtigen zu ertragen!“ erwiederte, den aufwallenden Zorn unterdrückend, Rienzi.„Lacht über mich, ſpottet mein, ſeht mich für einen Ver⸗ rückten an: ich will es ja nicht anders! Aber wenn Ihr da hübſch verſtändig, mit der Miene der Wohl⸗ meinendheit, der gutmüthigen Ermahnung kommt und mir von Ehrbarkeit, von Menſchenwürde, von Selbſtachtung ſprecht, dann— dann— o es ſchäumt über in mir, es will die Bruſt durchbre⸗ chen und es darf doch nicht! Ja, Lucio, du ſiehſt in mir den Hanswurſt der Colonna's und Urſini's, aber du ſiehſt auch denjenigen in mie, welcher der⸗ einſt mit dem Schwerte der Gerechtigkeit in der Hand, mit der Krone der Hoheit auf dem Haupte, angethan mit der kaiſerlichen Dalmatika jene Ba⸗ rone demüthig unter ſeinem Gefolge herſchreiten läßt. Er wird einziehn in das Capitol und die al⸗ ten Rechte des Volks wieder herſtellen, er wird die entweihte heilige Stadt dem Schutze des Glau⸗ — 32— bens wiedergeben. Blicke mich nicht unwillig an, Sergianil Es iſt nicht Eitelkeit, es iſt nicht Hoch⸗ muth, die aus mir ſprechen; es iſt der Geiſt der Wahrheit. Kann ich davor, daß ich zu dieſem Werke erkoren bin? Muß ich nicht den Stimmen, den Auf⸗ forderungen lauſchen, die aus den Trümmern der alten Herrlichkeit zu mir ſprechen, nicht den Ge⸗ boten des Chriſtenglaubens, welche mir die Heili⸗ gen zurufen, wenn ich an ihnen vorübergehe, ihren Weheklagen über ihre Schmach?“ Er hatte ſich ſtolz erhoben während er ſo ſprach. Sein Arm umſchlang die Braut, die mit begeiſterten Blicken an ſeinen Lippen hing. Mattheo ſchüttelte mit beſorglicher Miene das Haupt und ſprach halblaut: „Neec plus ultra, lieber Cola! Nicht über die Rechte des Volkes hinaus, nicht über deine eigenen als ſein Vertreter, nicht über den Rubicon, damit du nicht fällſt als ein Cäſar!“ Man vernahm Schritte, die ſich näherten, Stim⸗ men, die einem der Anweſenden galten. Dieſe traten in den Eingang des Pavillons. „Kaiſerkrone, meine Kaiſerkrone, biſt du da?“ krächzte der Barbier Janno, der unter dem Ueber⸗ maße ſeiner Corpulenz faſt erliegend, an der Seite eines Mannes, der die Farben des Hauſes Colonna trug, herantrippelte. Er war, dem Hochzeitstage ſeiner ältern Tochter zu Ehren, in ein hellgrünes Staatswamms mit gelben Puffen und Aufſchlägen gekleidet. Indem er ſo neben dem Beete mit jun⸗ gem, friſchgrünem Salate, zwiſchen dem gelbe Schafblumen aufgeſchoſſen waren, hineilte, ſah er beinahe aus wie ein losgeriſſenes Stück von dieſem, das eine unbekannte Kraft in Bewegung ſetze. Er war außer Odem und konnte nicht eher weiterſpre⸗ chen, als bis er, vor dem Pavillon haltend, einige Augenblicke geruht hatte. „Holdſelige Kaiſerkrone,“ hob er jetzt aufs Neue an,„da iſt ein Gärtnersmann, der deiner begehrt in die Gärten des hochmögenden Herrn Stephano Colonna, der ſich deiner Blüthenpracht, deines zier⸗ lichen Weſens und deiner Hoheit erfreuen möchte. Oeffne den Kelch deines Gehörs, um ihn ſelbſt zu vernehmen, prüfe ſein Wort mit deinen Fühl⸗ fäden, aber vorſichtig, damit der zarte Blüthenſtaub dir nicht entfalle.“ Der Alte begleitete dieſe Worte mit einem liſtigen, mahnenden Blicke, während der Bote, ohne zu grüßen, übermüthig und trotzig daſtand. Als Nienzi ſeine fragenden Blicke auf ihn richtete, ſagte er: „Ihr ſollt bei meinem mächtigen Gebieter, Herrn Stephano Colonna, zur Abendmalzeit Euch einfin⸗ IV. 3 — 34— den. Die Ritter und Barone wollen zu ihrer Kurz⸗ weil das Bild ſehn, das Ihr auf dem Balcon die⸗ ſes Hauſes ausgeſtellt. Ihr ſollt es ihnen erklären, wie Ihr es den Höckerinnen und Fiſchern erklärt, Ihr ſollt Ihnen Spaß machen mit Euern tollen Reden und Drohungen, wie Ihr das ſchon oft gethan.“ Rienzi wurde roth bis über die Stirn, ſeine Lip⸗ pen bebten; aber er faßte ſich bald und antwortete, die Haltung und das Weſen des tollſten übermu⸗ thes annehmend: „Gehe hin, elender Sklav, und ſage demjenigen, der ſich einen Ritter der heiligen Stadt nennt, daß der Erwählte der Götter und der Heiligen heute ſich nicht herablaſſen könne, die Stimme ſeines Zorns in die Sünden ſeines Gelags erſchallen zu laſſen! Cola Rienzi feiert heute ſeine Hochzeit mit Caſſia Roscio. Wollen die Barone im feierlichen Zuge herankommen und ihm Glück wünſchen, ſo iſt es gut; wo nicht, ſo kennen ſie ihre Pflicht ſchlecht und ſie werden es in Zukunft bereuen.“ „Du ſpannſt die Seiten zu hoch!“ flüſterte Mat⸗ theo dem Zöglinge zu. „Je höher ich ihnen aufſpiele, deſto mehr be⸗ ſtrickt ſſe mein Spiel;“ antwortete leiſe Cola. Der Diener hat die Antwort mit einem ver⸗ ächtlichen Lächeln, wie man es den Geboten eines — 35— Aberwitzigen zeigt, aufgenommen. Er wandte ſich ohne Weiters zum Fortgehn, um ſie ſeinem Herrn zu hinterbringen. Da ſtürmte eben Luigi Ga⸗ brini, der Bruder Rienzi's, ein leichtſinniger, hän⸗ delſüchtiger junger Menſch, in den Garten. Er war bunt aufgeputzt zur Hochzeit und ſchien be⸗ reits dem edeln Getränke aus Noscio's Weinkeller fleißig zugeſprochen zu haben, um ſich würdig für den Ehrentag ſeines Bruders vorzubereiten. Ein großer Raufdegen hing an ſeiner Seite und fuhr bei den lebhaften Bewegungen des jungen Mannes ſo gewaltig hin und her, daß niemand, der dem Luigi im ſchmalen Gartengange begegnete, vor ſei⸗ ner Berührung ſicher war. So geſchah es denn, daß, abſichtlich durch den jungen Fant veranlaßt oder zufällig, der lange Raufdegen dem ernſt und hochmüthig fortſchreitenden Boten des mächtigen Barons zwiſchen die Füße gerieth und er, nach ei⸗ nigen fruchtloſen Bemühungen ſich im Gleichge⸗ wichte zu erhalten, mit der ganzen Länge ſeines Körpers den Boden maß. Luigi ſchlug ein lautes Gelächter auf und rie, höhnend: „Beim Himmel, wenn das Haus Colonna auf keinen feſtern Säulen ruht, als Ihr ſeyd, ſo iſt es ſeinem Einſturze nahe! Welcher Unſtern führt Ench 3* — 36— auch in die Nähe meines Degens, der keinen, wel⸗ cher einer hochedeln Ritterſchaft anhängt, wittern kann, ohne ihm Ungelegenheit zu verurſachen? Geht heim, waſcht Eure Quetſchungen mit Wein und nehmt dann ſogleich einen Tanzmeiſter, der Euch zierlichere und gewandtere Schritte lehrt, um in Zu⸗ kunft dem Degen des Luigi Gabrini auszuweichen.“ „Den Teufel will ich zum Lehrmeiſter nehmen, daß er mich lehrt, den Dolch ſicher auf deine Bruſt führen!“ murmelte der Diener in ſich hinein, wäh⸗ rend er ſich aufraffte und eilig der Gartenpforte zuhinkte. Hier blieb er noch einmal ſtehn und ſah drohend dem Luigi nach, der nachläſſig, als ſey nichts vorgefallen, auf die übrigen zuging. Dann ent⸗ fernte er ſich, einen Fluch ausſtoßend, mit dem feſten Vorſatze der Nache im Herzen. „Schwertlilie, ſchneide nicht ſo ſcharf!“ rief Janno dem herankommenden Luigi entgegen.„Weißt du nicht, daß allzuſcharf bald ſchartig macht und daß der Wein, der gährend den Spund abwirft, dem Verderben nahe iſt?“ „Ich kann nun einmal dieſe beblechten Schur⸗ ken, dieſe Handlanger der Tiranney nicht leiden!“ erwiederte verdrießlich der Jüngling.„Meint Ihr, ich nähme die beſte Kanne Weins, die der alte Janno in ſeinem Keller ſtehn hat, dafür, daß mir — 27— der Spaß nicht geworden wäre! Und dann war es gewiß wieder auf einen Schimpf gegen den Bru⸗ der angeſehn, der mehr werth iſt, als alle Ritter und Barone der Stadt, und dem ich nur einen Groll trage, daß er ſich von ihnen zum Narren halten läßt, während er ſie alle nach ſeiner Pfeife tanzen laſſen könnte.“ „Noch nicht, noch nicht!“ fiel Mattheo ängſt⸗ lich ein.„Wenn der Jupiter wieder ſtrahlend herabflammt vom nächtlichen Himmel, dann iſt es Zeit, daß die Gluth in Cola's Seele aufflammt, du aber, junger Mann, trägſt heute eine Unglücks⸗ falte auf der Stirn. Folge dem Rathe eines Freun⸗ des! Gehe heim und verlaſſe dein Haus nicht eher, als bis die Sonne des morgenden Tages angebro⸗ chen iſt!“ „Was fällt dir ein, unglückarsbe?“ verſetzte ſpöttiſch Luigi.„Am Hochzeitstage meines Bruders ſoll ich das Zimmer hüten, wie ein Siecher? Ich bin geſund, munter und lebenskräftig, tanzen will ich die Nacht hindurch, bis der Morgen anbricht und dann, von den erſten Blicken Aurora's beglei⸗ tet, nach Hauſe taumeln und den Tag über aus⸗ ſchlafen.“ „Heute roth, morgen todt!“ ſprach düſter der Mathematicus in ſich hinein und folgte den übrigen, — 38— die von Janno aufgefordert ſich dem Hauſe näher⸗ ten. Die jungen Leute ſchienen in der Ausſicht auf die Hochzeitsfreude ſehr glücklich, nur der ru⸗ hige, friedliebende Lucio füͤhlte. ſich unter ihnen nicht heimiſch. Der Bund war geſchloſſen. Der Zug, der, von Janno's und Rienzi's zahlreichen Bekanntſchaf⸗ ten und den Gäſten der Taverne gebildet, eine ſtatt⸗ liche Ausdehnung erhalten, kehrte aus der benach⸗ barten Kapelle zurück. Auch bei dieſer Gelegenheit ſtellte der päpſtliche Notar ſeine Prunkſucht öffent⸗ lich zur Schau. Vier Knaben in weißen Atlas ge⸗ kleidet und mit Purpurmänteln geſchmückt, auf de⸗ nen das päpſtliche Notariatswappen prangte, trugen einen Baldachin, der das Brautpaar beſchirmte. Mehrere, ebenfalls koſtbar gekleidete Diener folgten ihm mit weißen Stäben, an deren oberm Ende die Hand der Gerechtigkeit, die er im Namen des hei⸗ ligen Vaters zu pflegen hatte, ſich zeigte. Seine Haltung war ſtolz, ſein Blick flog übermüthig über die gaffende Menge hin. Nicht minder ſtolz zeigte ſich die Braut, welche, von der Natur mit der rei⸗ zenden Hoheit einer alten Römerin ausgeſtattet, zu einer Königin geboren ſchien. Das zuſammengelau⸗ — 39— fene Volk ſah auch in dieſem Aufzuge nur eine neue Außerung von Rienzi's vermeinter Narrheit und begleitete den Zug mit lautem Lachen und höhnenden Scherzen. 8 Das Brautpaar gab ſich das Anſehn, als ver⸗ nehme es nichts von dieſem Pöbelmuthwillen. Auch Janno Roscio ſchien darüber nicht ſonderlich beküm⸗ mert, ſprang auf die Herandrängenden im komiſchen Zorn ein, nannte ſie Diſtelköpfe und alberne Stech⸗ äpfel, und lachte dann und wann auch wohl herz⸗ lich über einen plumpen Scherz, der ihm zuſagte. Deſto mehr fühlte ſich Gianetta, die mit den Kranzjungfern ſich dem Brautpaare anſchloß, gede⸗ müthigt. Sie war bleich geworden und ihr Schritt ſchwankend. Sie hatte Mühe, die Thränen, die ſich gewaltſam in ihr Auge drängen wollten, zu un⸗ terdrücken. Indeſſen lag ihrem Geliebten das ſchwere Geſchäft ob, den tollen Luigi Gabrini von thätlichen Angriffen auf die Zudringlichſten unter der Menge zurückzuhalten. Dieſer konnte es kaum ertragen, den Degen ruhig in der Scheide zu laſſen, während ſein Bruder an ſeinem Ehrentage geſchmäht wurde. Alle Beredſamkeit Lucio's, der das Unheil, welches in einem ſolchen Falle entſtehn mußte, vor⸗ ausſah, reichte kaum hin, den Händelmacher zu be⸗ ſänftigen. Endlich wurde er ſogar zornig gegen — 4 — 40— den, der ihm wohlmeinend zum Frieden rieth, und ſagte im beleidigenden Tone: „Man merkt es Euch wohl an, daß ihr mehr gewohnt ſeyd, die Elle zu führen, als den Degen! Mit einem friedfertigen Stücke Seidenzeug werdet Ihr wohl fertig, wenn Euer geſtrenger Vater Euch aufträgt, es zu meſſen, ſollt Ihr aber einmal gegen einen Mann Eure Tapferkeit meſſen, ſo reicht die Elle nicht aus und ein ſpitziges Ding, wie ein Degen, wird Euch eine Ehrfurcht einflößen, die Euch auf fünfzig Schritt davon entfernt hält.“ Lucio verzieh dem Unſinnigen gern ſeine Schmäh⸗ reden. Er war nur bedacht, ihn raſch in das Hoch⸗ zeitshaus zu ſchaffen, in deſſen Eingang ſchon der voranſchreitende Theil des Zuges verſchwunden war. Hier empfing Janno Roscio in der großen Halle des erſten Stockes die Eintretenden und ſagte, in⸗ dem ſein ganzes Antlitz ſich in den Strahlen der aus ſeiner Seele heraufſteigenden frohen Laune verklärte: „Auf der Hochzeit der Kaiſerkrone mit der ſchlan⸗ ken Lilie ſoll es luſtig ausſehn, wie in einem bun⸗ ten Garten und keine Blume darf mir fehlen. Ich will ſie mit Wein begießen, daß ſie aufblühn. in aller Fröhlichkeit. Komm her, Schwertlilie, und mach' mir ſo kein bitterſaures Geſicht, als ob du — 11— heute eine Waſſerlilie bleiben wollteſt. Gib deinem Cumpan, dem Goldlack, die Hand, denn ich habe wohl bemerkt, daß er es gut mit dir meint und dich vor Hagelſchlag und Wetterſturm beſchützte, als du dich nutzlos beiden ausſetzteſt! Herbei, Gia⸗ netta, meine Noſe! Reich ihnen den Verſöhnungs⸗ trank, ſey friſch und rührig im Auffordern der Gäſte, werde mir nur nicht welk und nachläſſig, daß ich dich nicht eine Hagebutte ſchelten muß!“ Mit dieſen Worten kehrte er ſich nach dem Braut⸗ paare um, in deſſen Nähe ſich unterdeſſen eine Gruppe von Gäſten verſammelt hatte, unter der man einen hochgewachſenen, ſehr magern Mann im bunten Kleide, mit Schellenkappe und Pritſche un⸗ terſchied. Während Janno ſich entfernte und Gia⸗ netta mit gefülltem Becher zu den beiden jungen Männern trat, reichte Luigi dem Lucio ärgerlich, aber zugleich gutmüthig die Hand und ſprach: „Ich muß es nur geſtehen, daß Ihr als ein ver⸗ nünftiger Mann, als ein redlicher Freund gehandelt habt und ich als ein unbeſonnener, tolldreiſter Thor. Wie würden die Transteveriner zu Flegeln an mir ge⸗ worden ſeyn und mich gedroſchen haben nach dem derben Tactſchlag, der drüben zu Hauſe iſt, wenn Ihr mir geſtattet hättet, ſie zu kitzeln mit meiner Schwertlilie, wie der ehrſame Barbier Janno Roscio 1 — 412— das Ding an meiner Seite und mich ſelbſt zu nen⸗ nen beliebt. Da wäre ja Mattheo's Prophezeihung wahr geworden und ich habe mir doch feſt vorge⸗ nommen, ihn und ſeine Weisheit für diesmal zu Schanden zu machen! Bleibt mein Freund, Lucio, und ſeyd verſichert, daß mein Arm und mein De⸗ gen ſtets zu Euren Dienſten bereit ſtehn.“ Sergiani erwiederte ſeinen Händedruck. Er konnte ſich aber zugleich nicht enthalten, lächelnd zu antworten: „Ich bin ein friedlicher Mann und, wie Ihr wißt, ſind die Händel, die mir etwa vorkom⸗ men, friedlich mit der Elle auszumachen. Da be⸗ darf ich denn eines ſo heldenkühnen Beiſtands, wie des Eurigen nicht, und denke wohl jedem Forderer in meinem Laden genugzuthun.“ „Man kann nicht wiſſen!“ verſetzte bedeutungs⸗ voll Luigi, indem er den von Gianetten dargebotenen Becher, den er zur Hälfte geleert, dem Lucio hin⸗ reichte.„Stephanulo Colonna hat Eure Roſe ge⸗ ſehen und die Colonna's ſehn keine Roſe, ohne ihrer zu begehren.“ Er miſchte ſich unter das Gedräng derer, die das Brautpaar umgaben. Beſorgt ſah Sergiani auf ſein Mädchen. Gianetta aber lächelte zu ihm — 43— empor und ſagte, mit einem verſtohlenen Hände⸗ drucke, flüchtig: „Du kannſt auf mich vertrauen: was verlangſt du mehr?“ Erheitert blickte er ihr nach, die jetzt leicht und anmuthig die Gruppen der Gäſte durchſchritt, ſie zu geſelligem Genuß, zu allen Freuden, welche nach Janno's Anordnung in Fülle das Feſt bot, einladend. Dann trat er in den Kreis, in wel⸗ chem jener hagre Mann im bunten Narrenkleide heftig gegen das Brautpaar geſtikulirend ſtand und eigentlich den Mathematikus Mattheo wegen ſeines ſeltſamen aſtrologiſchen Glückwunſches neckte. Er nannte ſich Pietro Scamuzzi, war Hausnarr im Pallaſte der Colonna's geweſen, aber, da man ihn ungerechter Weiſe einer körperlichen Züchtigung unterworfen, aus dieſem entwichen. Jetzt trieb er ſich in Tavernen und auf öffentlichen Plätzen un⸗ ter dem Volke umher, das ſeine Späſſe gern hörte und ſie mit Geſchenken aller Art vergalt. Nienzi hatte dieſen Mann, der ohnehin eine bittre Nach⸗ ſucht gegen die Barone in ſeiner Seele be⸗ wahrte, ſich ganz zu eigen und mit ſeinen geheimen Plänen vertraut gemacht. Durch ihn gewann er nach und nach einen Anhang unter dem Volke, der nicht einen Wahnwitzigen, ſondern den künftigen — 44— Befreier von dem Tirannenjoche der Ritterſchaft in ihm erkannte. Dieſen Mann erblickte jetzt der junge Sergiani in einer komiſchen Stellung, mit ausgeſpreizten Bei⸗ nen, die Narrenkappe gegen das Brautpaar, die Pritſche über dem Haupte des kleinen Mattheo ſchwingend. „Ich ſage dir, Gelehrter, deine Prophezeihungen ſind null und nichtig,“ fuhr er gegen dieſen fort, „ob du gleich vorgibſt, ſie aus dem Einmaleins ge⸗ ſchöpft und ſie mit den Sternen multiplicirt zu haben. Du fängſt an, zum Kinde zu werden, Ge⸗ lehrter, und ich rathe dir den Vorſchlag der Markt⸗ weiber auf dem Campo vaccino anzunehmen, ihnen gegen einen wöchentlichen Lohn oder gegen freie Koſt ihre Rechnungen zu ſtellen. Der Sprung bis zu den Sternen iſt nichts für deine alten Beine und deine winzige Figur. Deine ſchwachen Augen rei⸗ chen auch nicht mehr bis dahin, ſondern ſehn den großen Bären für eine wilde Katze an. Gehe in dich, Gelehrter, und prophezeihe nicht mehr ſo dumm! Mein Cola, mein König, hat ganz andre Dinge zu erwarten, als deine Beſchränktheit vor⸗ ausgeſagt. Ja, mein Cola, ich will dir prophe⸗ zeihen, wie du es verdienſt, ob ich gleich nicht in den Sternen leſe, ſondern in den Erfahrungen —— — 45— eines Narren! Auch dich halten ſie für einen Nar⸗ ren, aber du wirſt die Narren in Weiſe verwan⸗ deln, die Pritſche in den Scepter, die Schellenkappe in die Kaiſerkrone. Aus den Ubermüthigen wirſt du Demüthige, aus den Schwertträgern Schlepp⸗ träger, aus den Edelleuten Eſeltreiber, aus den Rittern Schnitter, aus den Baroneſſen Chypreſſen machen, die über ihren eigenen Verfall trauern. Die alte Zeit wird wieder kommen mit den Spie⸗ len im Cirkus, die Bäder des Caracalla werden wieder hergeſtellt und jedes Fiſchweib darf darin baden, ſo gut wie die Kaiſerin, und du wirſt mit der Krone auf dem Haupte nach dem Kapitolium ziehn, um dort zu herrſchen und zu richten. Gelt, das klingt anders, als Mattheo's nüchterne Weiſſa⸗ gung von blebejer Wirkſamkeit und niedrem Leben unterm Pöbel?“ „Die ewigen Sterne lügen nicht;“ ſprach fin⸗ ſter und mit gerunzelter Stirn der Mathematikus. „Des Weiſen Rede mag verachtet ſeyn bei den Menſchen und die des Narren gerne gehört; die Sterne ziehen ungehindert fort am Himmel und mit ihnen die Zeit, Alles unter ſich begrabend, bis auf das Gedächtniß der Vergangenheit, das jedem wird nach ſeinen Werken.“ Das Brautpaar hatte die Wechſelreden der Strei⸗ — 46— tenden ruhig und ernſt angehört, ohne daß es einem oder dem andern eine größere Hinneigung zeigte. Cola und Caſſia ſchienen in dem Benehmen der Männer nur eine Huldigung zu finden, die ihnen gebühre, ſie ſchienen mehr den Träumen von Ho⸗ heit und Glück in der Zukunft, als den Freuden der Gegenwart anzugehören. Der Brautvater drängte ſich aber jetzt heran, trat zwiſchen den Mathemati⸗ kus und den Narren und rief: „Pietro Scamuzzi, meine Tulipane, du ſollſt es fein treiben am heutigen Feiertage und dich vor Allem nicht verſündigen gegen die edle Nachtviole, die in der Nacht tauſend Dinge empfindet und in ſich aufnimmt, von denen freilich ein ſolcher bunter Tulpenſtengel nichts ahnt! Laß ihn ſeine Prophezei⸗ hungen frei ausduften und ertränke die Deinigen in Wein. Wein iſt Waſchwaſſer für die Seele ei⸗ nes Narren und ſie wird dadurch rein und ſauber, daß ſie ſich unter andern vernünftigen Seelen ſehn laſſen kann.“ „Freilich werde ich melancholiſch, wenn ich Wein trinke:“ ſagte ernſt Pietro, indem er ſeine Kappe aufſetzte und die Pritſche einſteckte:„es iſt aber nun einmal die Sünde der beweglichen Pflanzen, die Ihr Menſchen nennt, daß ſie nur den Melancholi⸗ ſchen für vernünftig und den Fröhlichen für näͤr⸗ ———————— —— — 47— riſch halten. Toller Betrug! Iſt die Welt nicht ſelbſt fröhlich und beweglich, und tanzt die Sonne mit den Sternen nicht ewig um die Erde, um uns das Beiſpiel zu geben, daß alles Erſchaffene luſtig und munter ſeyn müſſe, damit es ſeinem Zwecke ent⸗ ſpreche? Das ſieht ein jeder täglich vor Augen, aber die rechte Lehre nimmt ſich nur derjenige her⸗ aus, den Ihr einen Narren ſcheltet. Ich will alſo trinken, weil Ihr es verlangt. Ihr ſollt ſehn, wie ein Gran meiner Luſtigkeit nach dem andern im Becher bleibt, jemehr ich Wein herausziehe, und wie ich ihn zuletzt wieder mit meinen Thränen fülle. Ja! ich werde weinen, wenn ich getrunken habe! Ihr ſollt mich vernünftig machen mit Euerm Ge⸗ tränk nach Eurer Weiſe, dann werdet Ihr erfahren, was Ihr an mir habt, dann möchtet Ihr mich gern wieder nüchtern und fröhlich ſehn, aber ich ſetze auch meinen Kopf auf und bleibe trunken und me⸗ lancholiſch.“ Er nahm gleich den Becher aus Gianetta's Hand, den dieſe ihm kredenzte und leerte ihn auf einen Zug. „Komm mit mir, Pietro!“ ſagte Luigi Gabrini und ergriff ſeinen Arm.„Wir wollen zuſammen⸗ ſitzen bei Tiſche und ich will dir ſo viel tolles Zeug vorſprechen, daß die Melancholie nicht bei dir ein⸗ — 48— ſprechen kann. Ich will dich ein neues Lied lehren vom gepeitſchten Narren, das dich auf dich ſelbſt aufmerkſam macht und auf das, wozu du eigentlich berufen biſt.“ „So iſt's recht, mein Bübchen!“ lachte knirſchend Scamuzzi.„Die Geſchichte hat ſich im Hauſe Co⸗ lonna begeben und der Pietro wird immer luſtig, wenn man davon erzählt, ſäße er auch in der Me⸗ lancholie bis über die Ohren, und angenehme Ge⸗ danken blühen in ihm auf, wie Gift und Dolch. Die Peitſche ſoll leben, Luigi, und wenn mir's ein⸗ fällt, ein ſchwermüthiges Geſicht zu ſchneiden, dann bringe mir nur dieſen Trinkſpruch zu und du wirſt ſehn, wie ich gleich lächle, Witze reiße und den gu⸗ ten Geſellſchafter mache.“ Die Abendtafel war bereit und wie bei den Feſten der Ritter, riefen auch hier Trompeten und Pauken die Gäſte zu ihren Sitzen. Braut und Bräutigam ſchritten ſtolz durch die Reihen der An⸗ weſenden und nahmen die Oberſtellen ein. Nienzi ſprach wenig zu den Gäſten, aber mit Caſſia unter⸗ hielt er ein beinahe ununterbrochenes Geflüſter. Beider Herzen hatte mehr der Stolz, als die Liebe zuſammengeführt. Der Notar in ſeiner feſten Uber⸗ zeugung, daß er berufen ſey, dermaleinſt die hohe Roma zu beherrſchen, fand in Caſſia's majeſtätiſcher — 49— Schoͤnheit, in ihrem hochaufſtrebenden Sinne, die Forderungen befriedigt, welche er an ſeine Gattin ſtellen zu müſſen glaubte; Caſſia dagegen, einge⸗ weiht in den geheimnißvollen Gang ſeiner Plane, bewunderte in ihm den kühnſten und klügſten der lebenden Römer, indem ſie zugleich einen Helden des Alterthumes, mit dem er ſie vertraut gemacht hatte, in ihm erblickte. Tief aus dem Hintergrunde ihrer Seele ſtrahlte, wie ein glänzendes Traumge⸗ bilde, der Thron, den ſie mit ihm theilen würde. Ehrgeiz und Selbſtſucht kettete beide aneinander. Eins wollte durch das andere glänzen: ſie an ſei⸗ ner Hand zum Gipfel irdiſcher Macht emporſteigen, er in ihrem Verſtande, in ihrer angeborenen Hoheit eine Stütze auf dieſem finden. Glücklicher, als das junge Ehepaar, fühlten ſich in dieſem Augenblicke gewiß Gianetta und Lucio. Beide hatte Janno's Gefälligkeit oder ein glückli⸗ cher Zufall neben einander gebracht, beide fühlten ſich von der hoffnungsvollen Freude durchſtrömt, die ein junges Liebespaar empfindet, wenn es Zeuge eines eben geſchloſſenen jungen Bundes iſt. Jedes Wolkchen des Unmuths war von der Stirn des jungen Sergiani, jeder ernſte Zug aus ſeinem An⸗ geſichte verſchwunden. Er war ganz Zärtlichkeit IV. 4 — 50— gegen ſein Maͤdchen, deren offener Sinn die erwie⸗ derte Neigung nicht verhehlen konnte. „Goldlack,“ ſagte der alte Barbier, der allent⸗ halben nach der Bequemlichkeit und Behaglichkeit der Gäſte ſah, indem er hinter die beiden Liebenden trat,„du darfſt ſchon flackern und leuchten in der Nähe meiner kleinen Noſe, aber denke daran, daß ſie nur von dem gebrochen wird, welcher der Kai⸗ ſerlilie zum gebührenden Rechte verhilft. Blicke hin auf die Tafel, blicke hinab! Was ſiehſt du da? Köſtliche Zuckerbäckereien, aber wie ihr Geſchmack ſüß und lieblich iſt, ſo iſt der tiefe Sinn, der in ihnen liegt, bitter und herb. Da in der Mitte ſteht das herrliche Coliſſäum, die Macht des alten Roms verkündigend, aber auch die Schmach des neuen, indem es mit einem ſchwarzen Schleier verhängt iſt. Du wirſt es verſuchen; es ſchmeckt köſtlich, aber der Trauerflor iſt die Bitterkeit daran, der faule Fleck, der ſich immer tiefer einfrißt in die Prachtblume. Dort hinauf erblickſt du die Triumph⸗ bögen des Severus, des Titus, des Druſus, des Conſtantin; dort hinab die Tempel des Jupiter Stator, des Jupiter Tonans, der Virtus, der Con⸗ cordia und noch andre, ſämtlich von würzigem Marzipan, aber ſämtlich auch mit faulen Flecken, mit neuen Thürmchen, Mauern und Schießſcharten, — 51— mit Feſtungswerken, die die Barone erbaut haben, um das Gut, das Geld und die Mädchen, die ſie uns ſtehlen, drin zu ſichern und zu verbergen. Die faulen Flecken müſſen heraus, Goldlack, und die Kaiſerkrone muß auf Alles herableuchten, ver⸗ jüngend, erhebend, erkräftigend und muthig bele⸗ bend. So muß es geſchehn, Herzenslack; denn der alte Nelkenſtock, Janno Roscio, will auch nicht ewig Barbier und Weinſchenk bleiben, ſondern in Sam⸗ met und Goldſtoff gehn, wie ein Herr aus dem Hauſe Colonna oder Urſino.“ Janno ging weiter. Er hatte wieder für die naͤchſten Nachbarn einige ermunternde, einladende Reden; verfehlte aber auch hier nicht, auf den tie⸗ fern, bittern Sinn des Marzipangebäcks aufmerkſam zu machen. „Wie haſt du dich nur, liebe Gianetta“ ſagte nicht mehr ſo heiter, als früher, Sergiani zu der Geliebten,„ſo rein erhalten koͤnnen von dieſem Tau⸗ mel des Ehrgeizes, der deinen Vater und deine Schweſter zum Verderben hinreißt? Er iſt deiner Seele und unſrer Liebe fremd und dennoch fürchte ich ſehr, wir werden gewaltſam hineingezogen, wir müſſen Theil nehmen an einem tollen Spiele, das nur unglücklich endigen kann.“ „Willſt du mir denn durchaus die Hochzeitsluſt 4* und die Freude deiner Naͤhe verleiden mit deinen trüben Betrachtungen?“ antwortete in einem gut⸗ müthigen Tone des Vorwurfs Gianetta.„Laß doch die Leute gewähren nach ihrem Sinne! Wir gehn unſern ſtillen Gang fort nach unſrer Weiſe. Und wollen ſie denn nicht alles Gute und Lohenswerthe? Selbſt Nienzi— iſt es nicht edel von ihm, daß er das Volk befreien will von ſeinem Elende?“ Lucio wollte antworten, aber ein lautes Weinen und Jammern in ihrer Nähe unterbrach das Ge⸗ ſpräch und lenkte ihre Aufmerkſamkeit auf die Ge⸗ genüberſitzenden. Hier erblickten ſie den Narren Pietro Scamuzzi, der, von Luigi Gabrini zum Trin⸗ ken genöthigt, unter Thränen ausrief: „Kühret mich nicht allzuſehr, beſter Luigi und holdſeligſter Gabrini, denn die Augen gehen mir vor Thränen ſchon ſo mächtig über, daß ich Euch doppelt ſehe, Per bacco, dieſe Reben, am Fuße des Veſuvio gewachſen, beſitzen eine Süße und ein Aroma, welche die traurigſten Gedanken in mir er wecken! Ja, Herzensdoppelgaͤnger, die ganze Menſch⸗ heit iſt ſchlecht und wir ſind auch ſchlecht, denn wir gehören ihr an, Siehe drüben die beiden Lie⸗ besleutchen, wie ſie mit einander koſen und ſie füͤh⸗ ren doch nur ein Verbrechen gegen den Himmel im Schilde! Sie wollen einander heirathen und das — 822— iſt verbrecheriſch, weil, wenn es recht wäre, der Himmel die Menſchen ſchon verheirathet erſchaffen hätte.“ „Du bleibſt ein Narr, ſelbſt in der Rührung!“ erwiederte Luigi, deſſen Wangen von Weingluth dunkelroth gefärbt waren. Er ſandte dabei feurige Blicke auf Gianetta und ſchien ganz geſtimmt, ſich zu Lucio's Nebenbuhler aufzuwerfen.„Zwiſchen Schoͤnthun und Heirathen liegt noch eine weite Kluft und wenn das letztere, wie du ſagſt, eine Suͤnde iſt, ſo wird der junge Handelsmann drü⸗ ben ſie erſt nach dem Gewichte meſſen, ob ſein zar⸗ tes Gewiſſen ſie ertragen kann, ehe er ſie begeht.“ Scamuzzi hatte indeſſen wieder getrunken. Die Thränen floſſen ihm unaufhaltſam über die hagern Wangen, das ſeltſam verzerrte Antlitz ſah wunder⸗ lich und eher Lachen, als mitleidige Theilnahme er⸗ regend, unter der Schellenkappe hervor. 1 „O Jüngling,“ hob er auf's Neue und ſehr kläglich gegen ſeinen Nachbarn an,„du biſt unend⸗ lich verderbt und tief verſunken in Sündhaftigkeit. Warum beleidigſt du den jungen Mann, der die Menſchheit bekleidet mit Sammet und Seide und ſo ihren Anblick erträglich macht dem Menſchenken⸗ ner? Die Schlange aus dem Paradieſe iſt in dein Herz geſchlichen und ich ſehe mit Wehmuth, wie — 54— ſie das Gift der Begehrlichkeit und des Sinnentriebes dort ausgießt. Willſt du einer von den Baronen wer⸗ den, mein Bürſchchen, daß du dich ihres Vorrechts anmaßeſt und nach fremd er Liebe verlangſt?“ „Die Barone ließen den Narren peitſchen, als er vorlaut wurde;“ erwiederte Gabrini mit einem wilden Blick auf Pietro. „Richtig, das thaten ſie!“ jubelte dieſer ploͤtzlich hoch auf;„und ſie hätten ihn zu Tode gegeißelt, wenn ihm nicht der Freudenſprung, zwei Stock⸗ werke in die Tiefe, gelungen wäre! Die Barone ſollen leben, damit ihnen das vergolten werde zur ſeiner Zeit! Heiſa! Es iſt eine ſchöne Sache um die Vergeltung: für Strenge Verrath, für Mißhand⸗ lung eine Verſchwörung, für jeden Peitſchenhieb einen Dolchſtoß.“ Der Schall der Trompeten und Pauken erhob ſich auf's Neue. Die Geſundheit des Hochzeitpaa⸗ res war ausgebracht worden. Alle ſtanden auf und draͤngten ſich glückwünſchend zu Rienzi und Caſſia. Dieſe begegneten ernſt und nur ſchweigend dankend ihren Freunden. Auch Gianetta und Lucio eilten heran. Im Gewühle kamen ſie auseinander. Da wurde des Mädchens Hand mit leidenſchaftlichem Drucke ergriffen und als ſie aufſah, erblickte ſie zu ihrem Befremden an ihrer Seite Luigi Gabrini. — 55— „Dein Vater hat wohl Recht, dich der Koͤnigin der Blumen zu vergleichen,“ ſagte glühend der Jüngling,„denn du überſtrahlſt ſie alle an Schoͤn⸗ heit. Hoch verdienſt du zu prangen, wie deine Schweſter Caſſia und ihr dermaleinſt die Nächſte zu ſeyn. Werde die meinige, Mädchen, und du ſollſt— bei allen Heiligen gelobe ich es— nicht zurückbleiben hinter der Schweſter! Achteſt du auch nicht höher den Mann vom Schwerte, als den von der Elle, den Nitter auf dem Kampfplatze, als den im Waarenladen?“ „Laß mich, Luigi!“ verſetzte zornig Gianetta, indem ſie ſich loszumachen ſtrebte.„Dem Weine, der aus dir ſpricht, will ich verzeihen, denn er iſt ein gewaltigerer Ritter als du und zeigt dich ſchon jetzt als Beſiegten. Was ſonſt den Mann von der Elle betrifft, ſo weiß er auch recht wohl im Noth⸗ falle andre Waffen zu führen, obſchon er ſie nicht immer auf der Zunge trägt.“ Ein Schlag, den Luigi in dieſem Augenblicke auf die Schulter erhielt, bewog ihn, das Mädchen frei zu laſſen, das ſich raſch nach einer andern Seite wandte. Gabrini blickte unwillig zurück und ſah hier den Mathematikus, der, warnend die Hand erhebend, hinter ihm ſtand. „Die Jugend iſt voll Leichtſinns und ſpottet der — 56— Stimme des erfahrenen Alters;“ ſprach in einem düſtern Tone Mattheo.„Gehe heim, Jüngling, denn noch iſt es Zeit, deiner unglücklichen Stunde auszuweichen. Sie zieht heran unaufhaltſam, ver⸗ derbenſchwanger für dich, wenn du nicht durch eine eilige Flucht ihr zu entgehn ſuchſt. Ich liebe dich um deines Bruders Willen und flehe aus tiefem Grunde meiner Seele zu dir: gehe heim! Was hilft dir der Rebenkranz, mit dem du jetzt die gluͤ⸗ hende Stirn ſchmückſt, wenn er in kurzer Zeit zur Todtenkrone wird, die dir die kalten Schläfe bedeckt? Einer fluͤchtigen Stunde willſt du im wirbelnden Tanze dich erfreuen, um dann hingeſtreckt zu liegen als ein kalter, ſtarrer Leichnam, der mit langſamem Trauerzuge zur Gruft beſtattet wird! Einer thörich⸗ ten Regung des Herzens willſt du gehorchen und dieſes Herz wird dann bald aufhören zu ſchlagen, ſeine Leidenſchaften ſind erſtarrt, ſeine Glut iſt Eis, ſein Leben iſt Tod geworden. Höre auf meine War⸗ nung, Luigi! Gehe heim und rette dich!“ „Noch nie war ich ein Feiger;“ antwortete ver⸗ ſtört Gabrini, den die lebhafte Schilderung des Alten erſchüttert hatte.„Ich weiß, du biſt ein kluger Mann, du verſtehſt die Schrift der Sterne, im Umgange mit übernatürlichen Dingen iſt dir eine Kraft der Eingebung geworden, die ſich ſchon — 52— oft bewaͤhrte. Aber dennoch weiche ich nicht von dieſer Stelle. Ich will die Gefahr erwarten, ich will ihr ins Auge ſehn, ich will mit ihr ringen. Was wäre das Leben, mit dem man nicht ſpielen dürfte, wie mit einem Einſatze heim Würfeln, das man nicht wagen möchte an die Luſt oder an die Gefahr? Hinter dir liegen ſchon viele ſeiner Jahre und du meinſt, ein jeder müſſe es ängſtlich feſthal⸗ ten, damit es zu einem geſegneten, ruhigen Alter gedeihe. Der Jugendmuth denkt anders. Ein Rauſch des Entzückens wägt ihm eine lange, leere Zukunft auf, eine kühne That des Augenblicks, man⸗ ches langſam hinſchleichende Lebensjahr. Du knüpfſt das Leben an die Sterne, ich an den Zufall. Dir gilt es eine ernſte, tief bedeutungsvolle Sache, mir ein leichtes, verwegenes Spiel.“ Mattheo wandte ſich kopfſchüttelnd ab. Er liebte den Jüngling, er hoffte Großes von eben dieſem Muthe, den er jetzt verwünſchte. Er hatte ſeine Berechnungen, ſeine aſtrologiſchen Beobachtungen zu Rathe gezogen und Alles ſagte ihm, daß ein Un⸗ heil über dem Haupte Luigi's ſchwebte. Mehr noch galt ihm die innere Stimme der Ahnung, mit der er ſich begabt glaubte und welche ihm die Stunde vor Mitternacht als die dem jungen Freunde ver⸗ hängnißvolle bezeichnete. Er konnte keine Ruhe — 58— mehr finden in ſeiner Seele, keine Zerſtreuung von den Gedanken, die ihn quälten, im Gewühle der Gäſte. Er trieb ſich ängſtlich umher, bis er auf den Barbier ſtieß, den er anhielt und mit dringen⸗ den Worten beſchwor, den Luigi Gabrini zu ent⸗ fernen, weil dieſem ſonſt die größte Gefahr, ſelbſt der Tod drohe. Janno ſah ihn ſpöttiſch lächelnd an und ſagte: „Die Blume meines Weins iſt nicht vergiftet, ſein Bouquet duftet lieblich und hat keine verderb⸗ liche Beimiſchung von Belladonna oder Schirling in ſich. Ich glaube, Mathematikus, du haſt heute mehr in den Becher, als nach den Sternen geſehn und meinſt nun, oben ſey dir erſchienen, was aus dem Grunde des Pokales in deine Phantaſei hin⸗ aufgeblüht. Bei einem Feſte, das Janno Noscio veranſtaltet, gibt es keine andre Gefahr, als die den Geiſtern aus ſeinem Keller zu erliegen, beim Tanze ein Bein zu brechen und beim Nachhauſe⸗ gehn auf die Naſe zu fallen. Durch dieſe Gefah⸗ ren ſich durchzufechten iſt die Schwertlilie ſcharf ge⸗ nug, und kurz und gut, beſter Mathematikus! ich bin von Herzen damit zufrieden, wenn du noch weitere aſtrologiſche Erkenntniſſe im Grunde meiner Pokale ſuchſt, aber ſtöre mir mein luſtiges Feſt nicht ferner durch häßlichen Geruch von Todten⸗ — 59— blumen, durch uͤbel duftende Warnungen, durch glanzloſes und welkes Weiſſagen. Hier iſt blühende, bunte Wirklichkeit! Vivat das Blühende, vivat die Wirklichkeit!“ Er wollte dem kläglich blickenden Alten einen vollen Becher aufdringen, als die Aufmerkſamkeit beider plötzlich durch eine von allen Seiten ertoͤ⸗ nende Aufforderung zur Stille auf einen andern Gegenſtand gelenkt wurde. Die Gäſte hatten ſich wieder an ihre Plätze begeben und ſchienen ſehr geſpannt auf das, was ihnen Rienzi, der ſich zum Reden erhoben, ſagen würde. Sein Blick war finſter, ſeine Stirn gerunzelt, ſein ganzes Ausſehn das eines Gebeugten und Trauernden. „Liebe Gäſte,“ hob er ſtill und ernſt an,„daß ich nicht ſo heiter und froh in Eurer Mitte bin, wie es einem glücklichen Bräutigam ziemt, müßt Ihr nicht mißdeuten. Ich habe meinen Bund ge⸗ ſchloſſen in einer trüben gefahrvollen Zeit; ich wuͤrde ihn aufgeſchoben haben, wenn es nicht kom⸗ men könnte, daß aus der trüben Zeit eine völlige Nacht, aus der Gefahr das Verderben hervorginge. Da ſorge dann jeder, daß ihm ein Stern der Liebe leuchte, wie mir in meiner Caſſia! Was ich ihr gelobt, habe ich gehalten; aber noch ein andres Gelübde feſſelt mich, das ich noch nicht erfüllen knnen und worüuͤber mich eben Ernſt und Trauer ergreifen. Ich habe mich, mit Caſſia's Bewilligung, noch einem andern Weſen verlobt und das iſt die hohe Roma. Der Geiſt der alten Zeiten, die wir nicht geſehen, iſt in meine Seele gedrungen, dort wieder jung geworden und will durch mich ſeine Freiheit dem erſten Volke der Welt wieder geben. Der heilige Vater hat mich geſegnet zu dem Werke, die Heiligen fordern mich täglich dazu auf, Schmach und Elend des Volkes rufen mir zu: warum ver⸗ jagſt du uns nicht? Ach, was brauche ich das Elend noch auf's Neue zu ſchildern, das auf uns laſtet? Habe ich es nicht in ſeinem ganzen Um⸗ fange dargeſtellt in dem traurigen, aber wahrhafti⸗ gen Bilde, das auch Ihr alle geſehn? Wir müſſen anders werden, dann wird es auch anders! Wir müſſen die Freiheit wollen, dann wird ſie uns auch werden. Noch einmal, liebe Gäſte, ſeyd nicht bͤſe, wenn Ihr mich und Caſſia ernſt ſeht. Gebt Euch der Freude hin, erzeigt der Gaſtfreundſchaft meines Schwiegervaters die Ehre, die ihm ange⸗ nehm iſt, und laßt uns Beide ſtill gewähren! Ihr ſeyd von andern Gefühlen, von andern Gedanken be⸗ wegt, wie wir. Euch darf unſer Ernſt nicht ſtoͤren.“ „Es iſt kein ſchönes Gefühl in dieſem Men⸗ ſchen;“ ſagte Lucio Sergiani unwillig in ſich hinein. — 61— „Alles Plan, alles überlegung und Abſicht an einem Tage, wo die Welt um ihn her verſchwinden und er nur im Glücke ſeines Herzens leben müßte.“ Viele von den Gäſten waren durch Cola's Worte in ihrer Freude erkältet und auf das allgemeine Unglück verwieſen worden; der frohe Brautvater aber, ſo wie der jüngere Theil der Geſellſchaft und unter dieſem Luigi Gabrini gaben den Ton zu lau⸗ terer Fröhlichkeit an, zu einem Vergnügungstaumel, der bald auch wieder ſich auf jene ernſt Gewordenen erſtreckte. Man zertrümmerte unter Spottreden auf die Edelleute die köſtlichen Confectaufſätze, die jener Befeſtigungen darſtellten, man bot den Frauen da⸗ von herum, man verzehrtte ſie lachend, indem man vergaß, daß diejenigen, die ſie in der Wirklichkeit inne hatten, an dem Marke des Volkes zehrten. Dann wurden die Reihen zum Tanze geordnet. Alles ſtrömte zum fröhlichen Genuſſe herbei, ſo daß Janno in dieſem beweglichen Garten, wie er die bunte Geſellſchaft nannte, ſich höchſt vergnügt um⸗ hertrieb. Nur Pietro Scamuzzi ſaß weinend in ei⸗ nem Winkel der Halle und blickte wehmüthig in einen gefüllten Becher von ungewöhnlicher Größe, den ſeine Haͤnde hielten. Ihm gegenüber hatte Mattheo ernſt und traurig ein abgelegenes Plätzchen eingenommen. — 62— In der Freude des Tanzes vergaß Luigi der Warnungen Mattheo's, die anfänglich nicht ohne Eindruck auf ihn geblieben waren. Es war, als wolle er den Becher der Luſt, den er überſchäumend dem Leben abzuringen gewohnt war, immer von Neuem wieder gefüllt ſehn, um ihn raſch wieder zu leeren. Keck und verwegen, warf er ſich in den Taumel des Vergnügens. So trieb er bittre Neckerei gegen manchen Liebenden, indem er ihm die erſehnte Tänzerin entführte und ſeiner noch mit loſen Worten ſchmähte, ſo zettelte er einigemale Streitigkeiten an, die nur durch des herbeieilenden Janno Bemühungen im Keime erſtickt wurden. Lächelnd und ohne von einer eiferſüchtigen Wallung ergriffen zu werden, betrachtete Sergiani das muth⸗ willige Spiel, welches jener gegen Gianetta trieb. Wenn ihre Geſtalt zwiſchen den Gruppen der Gäſte, die ſie aufmunterte und erheiterte, erſchien, ſo war es, als werde Luigi von einem Blitzſtrahle getroffen. Gleich ſah man ihn an ihrer Seite, Lucio konnte recht wohl bemerken, wie dringend und feurig er zu ihr ſprach, er gewahrte aber auch die leichte, ſpöttiſche Weiſe, mit welcher das Mädchen ſeine Bewerbungen in die geziemenden Schranken zuruͤck⸗ wies. Der junge Kaufmann war der treuen Ge⸗ ſinnungen ſeiner Geliebten zu gewiß, um nur ent⸗ 3 — 463— fernt zu fürchten, daß ſie einem leichtſinnigen Juͤng⸗ linge, wie Luigi Gabrini, Gehör geben könne. Er trat ihm ruhig entgegen, als dieſer, ärgerlich von einem neuen Verſuche auf Gianetta's Gunſt zurück⸗ kehrend, ſagte: „Seidenwurm, du biſt ein Sterblicher von aus⸗ erleſenem Glücke und die Liebesgöttin, die ſonſt dem Mars wohl will, hält es diesmal mit dem Merkur. Die Waare in deinem Laden mag von ausgezeichneter Feſtigkeit ſeyn, aber die Liebe deines Mädchens iſt es nicht minder. Es iſt nichts zu machen gegen dich, ich ſtrecke den Degen vor der Elle, ich erkenne dich als meinen Sieger.“ Er reichte dem Lächelnden treuherzig die Hand. Dann miſchte er ſich wieder in das Getümmel. Alles war heiter belebt, bis auf das ernſte Braut⸗ paar, den weinenden Narren und den truͤben Ma⸗ thematikus Matteo, der in ſeinem Winkel einge⸗ ſchlafen zu ſeyn ſchien. Da rauſchten plötzlich die beiden Flügelthüren der Halle auf und hereinwogte ein glänzender Maskenzug. Er war zahlreich und beſtand nur aus Männern. Die zuerſt Eintretenden und, wie es ſchien, Vornehmſten trugen die Klei⸗ dung der Nitter vom heiligen Grabe, weite Män⸗ tel mit ſchwarzen Kreuzen geziert. Ihnen folgten andere in Knappen⸗ und Pagentracht, denen ſich zuletzt ein bunter Narr anſchloß, welcher damals bei ſolchen Aufzügen nicht fehlen durfte. Keiner von den Gäſten konnte dem andern Rechenſchaft geben, wer dieſe Masken waren. Selbſt der Hausherr lief unruhig von einem zum andern und fragte, ob irgend jemand unter ſeinen Freun⸗ den dieſe überraſchung veranſtaltet und was ſie zu bedeuten habe, da ſie ſo gar fremdartig in die lu⸗ ſtige Feier des Tages eintrete, wie eine Neſſel ſich etwa in einen Straus von Myrthe und Roſe miſche? Nirgends ward ihm eine befriedigende Antwort und er entſchloß ſich endlich, den Anführer des Zuges zu begrüßen und ihn gaſtfreundlich willkommen zu heißen. Eben hielt der Zug vor Rienzi und ſeiner jungen Gattin, die ihn, ohne aufzuſtehen, herannahen ließen, als Janno ſich vordrängte und mit einer Verbeugung gegen denjenigen, welcher der Vornehmſte ſchien und durch ſeine ſtolze Haltung ſich auszeich⸗ nete, ſagte: „Blume der Ritterſchaft, die ich nicht beſtimm⸗ ter zu benennen vermag, ſintemalen mir eine nähere Wiſſenſchaft ihrer beſondern Kennzeichen fehlt, laßt es Euch wohlgefallen auf dem Hochzeitsfeſte der Kai⸗ ſerkrone und der Lilie. Freilich kann es nicht mit kaiſerlicher Pracht gefeiert werden, wie es ſich ge⸗ bührte, aber die Nachfeier in der Zukunft ſchmeckt vielleicht einigermaßen nach dem Kaiſerthume. Jetzt müßt Ihr mit dem vorlieb nehmen, was ein ſchlich⸗ ter Barbier der alten Stadt Rom zu bieten vermag, mit Speiſe und Trank, deren Flor noch nicht gänz⸗ lich verwelkt iſt, deren Blüthen glücklicherweiſe noch nicht ſämmtlich von den lieben Gäſten gepflückt ſind.“ Der verlarote Anführer nickte nur leicht nach Janno hin, indem er den Becher, den dieſer ihm darbot, mit einer ſtolzen Bewegung der Hand zu⸗ rückwies. Er trat dem Rienzi näher und ſagte in einem dumpfen, wie es ſchien, abſichtlich verſtellten Tone: „Ihr habt Euer Hochzeitsfeſt ſeltſam genug begonnen, indem Ihr dem Auge des Pöbels ein Kunſtwerk preisgegeben, das Euch, wie Ihr ſagt, die heilige Jungfrau ſelbſt eingeflößt. Laßt es doch auch uns ſehen, dieſes Prachtſtück! Die Ritter vom Grabe ſind heilige Männer und verſtehen ſich auf dergleichen Dinge.“ Cola war aufgeſtanden. Seine hohe Geſtalt ragte über die nicht unanſehnliche des Ritters be⸗ deutend empor. Er ſah ihn mit durchdringlichen Blicken an, er ſchien ihn unter der Verlarvung erkennen zu wollen, denn man würde es für zu⸗ dringlich gehalten haben, an einem ſolchen Tage ei⸗ nen Gaſt, der abſichtlich ſein Antlitz verborgen, IV- 5 — es— nach Stand und Namen zu fragen. Maskenzüge waren bei ſolchen Gelegenheiten ſchon damals et⸗ was ſehr Gewöhnliches in den Städten Italiens und man hielt ſich verpflichtet, vorauszuſetzen, daß nur Freunde vom Hauſe ſich zu einem Unterneh⸗ men dieſer Art verbinden möchten. „Ihr ſollt das Gemälde ſehen und ſeine Er⸗ klärung hören!“ erwiederte bedeutungsvoll Rienzi, indem ſein forſchender Blick in den Augen des Ver⸗ larvten wurzelte. Dann reichte er Caſſien die Hand und führte ſie dem Zuge der Masken voran in den Hintergrund der Halle. Beide ſchritten ſo ſtolz wie ein Herrſcherpaar einher. Der Tanz hatte auf⸗ gehört. Alles drängte ſich nach, um den Eindruck wahrzunehmen, den das Bild auf die unbekannten Gäſte machen würde. Selbſt der weinende Sca⸗ muzzi, den Becher in der Hand, ſchlich hinter den übrigen her. Niemand blieb zurück, als der alte Mattheo auf der Stelle im einſamen Winkel. Er war tief eingeſchlafen, aber die Ruhe, die ſonſt der Schlaf bringt, ſchien nicht in ſeiner Seele zu herr⸗ ſchen. Sein Kopf war auf die Bruſt gepreßt, wun⸗ derliche Zuckungen flogen über ſein gefurchtes An⸗ geſicht, die Arme waren gegen die Kniee hingeſtreckt, die Hände krampfhaft zuſammengeballt. Sein Odem⸗ zug war ſchwer, dumpf und gedrückt. — 67— Rienzi hatte einen Vorhang weggezogen und das Gemälde ſtand frei da vor Aller Blicken. In noch weit kühnern Bildern, in beſtimmtern ſchmä⸗ hendern Bezeichnungen derjenigen, denen das Ver⸗ derben der Zeit zuzuſchreiben ſeye, mit höherer An⸗ maßung, mit einem Selbſtdünkel, der ſogar ſeinen Freunden als eine unſinnige Übertreibung erſchien, begann er dann die Erklärung ſeiner Bedeutung. Während er ſprach, gerieth er in eine höhere Be⸗ geiſterung, als gewöhnlich, und indem er den Zorn des Himmels und der Heiligen auf die Häupter der tyranniſchen und zügelloſen Barone herabbeſchwor, gebehrdete er ſich, als ſtünde er einem von dieſen gegenüber, als ſolle ſeine Rede das Herz eines die⸗ ſer Sünder gegen Gott und Vaterland treffen. Der Verlarvte hörte ihn ruhig und ohne ihn zu unterbrechen an. Mehreremale wurde eine un⸗ ruhige Bewegung unter ſeinem Gefolge laut, wie Drohungen und Außerungen des Unwillens erklan⸗ gen halb unterdrückte Reden; allein auf einen leich⸗ ten Wink des Anführers ſtellte ſich ſogleich Stille und Ordnung wieder her. Unterdeſſen hatte ſich Pietro Scamuzzi durch das Gedränge der Gäſte hindurch in den Kreis ge⸗ ſchoben und ſtand nun dicht vor dem Bilde. Er vergoß fortwährend reichliche Thränen und hielt 5* — 68— den Becher, der noch zur Hälfte gefüllt war, ſorg⸗ lich ans Herz gedrückt. „Das Bild muß Euch rühren,“ ſchluchzte er, „Ihr mögt nun eine wirkliche Ritterſchaft oder eine Maskerade von einer ſeyn. Habt Ihr den Schlag erhalten, der den Menſchen veredeln ſoll, ſo muß es Euch rühren, den veredelten Menſchen in ein abſcheuliches Naubthier verwandelt zu ſehen; geht Ihr ohne Schlag daher im Nittermantel, ſo kann die Rührung über Unterdrückung und Schlechtigkeit aller derer, die nicht Ritter ſind, nicht ausbleiben. Jammert alſo mit mir, miſchet Eure Thränen in die meinigen über das allgemeine Verderben der Menſchheit.“ Er trank und ließ ſeine Thränen in den Po⸗ kal fließen; der Verlarvte aber nahm auf ihn keine Kückſicht, ſchob ihn bei Seite und ſagte, indem er ſich mit wegwerfender Gebehrde an Rienzi wandte: „Ihr habt mir eine Erklärung Eures Bildes gegeben, ich will Euch aber auch eine geben. Die Frazze von einem verzweiflungsvollen Weibsbilde auf dem ſteuerloſen Schiffe, welche die Hände ringt und ſich gebehrdet, wie eine trunkene Fiſchhändle⸗ rin, iſt die Zukunft Eurer Ehe. Elend und Ver⸗ achtung bringt Ihr Eurer jungen Frau zur Hoch⸗ zeitsgabe. Die andern weiblichen Ungethüme, die — 69— Eure Ehe umgeben, ſind der Wahnſinn, die Tolldreiſtigkeit und der Bettelſtolz. In den Thie⸗ ren, die dieſes Gebild einer verbrannten Einbildungs⸗ kraft umkreiſen, erkennt nur Eure Leidenſchaften. Im Schlamme ſeyd Ihr geboren, dort ſind Eure Triebe zu Hauſe. Nie werdet Ihr Euch daraus erheben, wie auch Euer Wahnſinn nach dem Höch⸗ ſten ringt: darauf verlaßt Euch!“ Stolz wandte er dem Notar den Rücken, der mit untergeſchlagenen Armen und ohne ein Zeichen des Unwillens zu geben, kalt daſtand. Nur ſeine Lippen umſchwebte ein höhniſches Lächeln, das aber, indem er einige leiſe Worte an die hoch erglühende Caſſia richtete, gleich wieder verſchwand. Das Ge⸗ folge des Ritters war in ein lautes Gelächter aus⸗ gebrochen, während die Freunde Rienzi's ihren Un⸗ muth über die Frechheit der fremden Gäſte unver⸗ holen ausſprachen. Da trat Luigi Gabrini, die Hand am Degen und bebend vor Zorn, aus dem Gedränge hervor gegen den Anführer und ſagte trotzig: „Wer meinen Bruder beleidigt an ſeinem Eh⸗ rentage, der hat es mit mir zu thun. Es kommt mir ſtark in den Sinn, daß ihr eine Larve Eurer ei⸗ genen Perſon ſeyd und hier ein Ritterſtückchen auf⸗ führen wollt. Zieht nur Euern Degen vom heiligen — 70— Grabe und ich will Euch mit dem meinigen von Meiſter Puzzi ſo begegnen, daß man morgen dies⸗ ſeits und jenſeits der Tiber davon ſprechen ſoll. Mein Arm iſt zwar nur ein plebejer, aber er ver⸗ ſteht ſich auf Terz und Quart, ſo gut wie irgend ein Nobler in den Häuſern der Colonna's und Marini.“ „Menſchenkinder,“ rief Pietro Scamuzzi und warf ſich zwiſchen beide auf die Kniee,„laſſet die Degen ſtecken und vergießet kein Blut, damit der alte Mattheo nicht Recht behält mit ſeiner Multi⸗ plication aus den Sternen!“ „Ruhe, Frieden, keinen Streit!“ riefen andre Stimmen dazwiſchen. „Wer mir ein andres Metall heute berührt, als das an den Schüſſeln und Bechern, den ſehe ich für meinen Feind an!“ ſagte andrängend Janno. „Scherz muß verſtanden werden, und wenn die unbekannte Blume der Ritterſchaft meine Kaiſer⸗ krone neckt, ſo hat dieſe auch Stacheln auf der Zunge und weiß es ſchon wiederzugeben. Friſch auf, ihr Blumen aller Art! Laßt Euch begießen mit edelm Rebenſafte, daß Ihr friſch aufſtrahlt in Freude und Luſt!“ „Wir verlangen es nicht beſſer;“ verſetzte, gegen den Wirth gewandt, in einem mildern Tone der —— — 71— Verlarvte.„Wir ſind gekommen Theil an Eurer Freude zu nehmen; ſehet uns als wohlmeinende Gäſte an!“ Unwillig zog ſich Luigi zurück. Er ſprach eine Drohung in ſich hinein und ging zum Trinktiſche, wo er raſch einige Becher Wein hintereinander hin⸗ abſtürzte. Indeſſen wurde Sergiani durch die letzte Rede des Fremden, welche dieſer in einem Tone geſprochen, der ihm natürlich zu ſeyn ſchien, von wunderlichen Zweifeln ergriffen, von bangen Ah⸗ nungen erfüllt. Wie die Stimme eines Bekann⸗ ten traf die des Verlarvten an ſein Ohr. War es Stephanulo Colonna, der da ſprach, oder trieb ein Wahn, trieb allzugroße Beſorgniß um die Geliebte ein höhnendes Spiel mit ihm? Der Fremde ſtand abgewandt, Lucio konnte ihm jetzt nicht in die Augen ſehen, um hier vielleicht ſeine Vermuthung zu beſtätigen. Aber es war die Geſtalt Stepha⸗ nulo's, dieſe Haltung konnte niemanden eigen ſeyn, als ihm, ſeine Antwort auf Rienzi's Erklärung des Bildes war ganz im Sinne der Colonna's. Dann aber führte ihn andre Abſicht hierher, als nur die, das Gemälde Cola's zu ſehn, dann war es Gianetta, die ihn angezogen, die von ſeiner lei⸗ denſchaftlichen, gewaltthätigen Gemüthsart Alles zu befürchten hatte. Angſtlich ſuchten Lucio's Blicke —ää — 22— nach ſeinem Mädchen. Eben trat ſie an der Hand des Vaters vor den Verlarvten, ihm Wein und Er⸗ friſchungen bietend. Sie verneigte ſich beſcheiden und heftete blöde die Augen an den Boden, wäh⸗ rend der fremde Gaſt, Alles ausſchlagend, mit her⸗ abgebeugtem Haupte zu ihr ſprach. In Lucio's Seele ſtürmte wild die Eiferſucht und die Beſorg⸗ niß um Gianetta. Alle bei Seite ſchiebend drängte er ſich hinter ſein Mädchen und konnte nun den Verlarvten genau in's Auge faſſen. Ja, es war Stephanulo Colonna! Dieſe überzeugung ward ihm, aber mit ihr eine drückende Steigerung ſeiner Unruhe. Janno war weiter gegangen und hatte ſich un⸗ ter das Gefolge des Ritters verloren, während Gia⸗ netta durch deſſen fortgeſetzte Rede zuruͤckgehalten wurde. Lucio konnte ihn jetzt hören, er konnte ver⸗ ſtehn, was er ſagte. „Eure Schönheit,“ hörte er in einem ſehr ein⸗ ſchmeichelnden Tone ſprechen,„überſtrahlt weit die aller andern Jungfrauen in der heiligen Stadt und und Ihr ſeyd würdig, in Gemächern der Großen zu wandeln, auf ſeidenen Polſtern zu ruhen, Tep⸗ piche von edelm Stoffe zu betreten. Welchem niedern Looſe müßt Ihr Euch dagegen in dieſem Hauſe unterwerfen? Dem Winke eines Gaſtes, ir⸗ gend eines Menſchen von gemeiner Herkunft, ſeyd — 73— Ihr zum Gehorſam verbunden, als eine Magd müßt Ihr dienen, Ihr, die geſchaffen iſt, als Gebieterin zu herrſchen!“ „Ihr irrt, edler Ritter vom Grabe,“ erwiederte ſcherzend und unbefangen Gianetta, indem ſie dem Fremden ihre Hand zu entziehen ſuchte, die er er⸗ griffen hatte,„wenn Ihr mir ſolche Vorrechte der Geburt zuſchreibt. Mein Vater iſt der Barbier und Weinſchenk Janno Roscio und mein Horoscop hat mir nichts Beſſeres geweiſſagt, als Becher füllen und ſie den Gäſten mit einem freundlichen: die Heiligen geſegnen es! darzubringen. Erlaubt daher, daß ich mich der Beſtimmung meines Schickſals un⸗ terwerfe und meinen Trank mit meinem Sprüchlein auch andern darbringe.“ Sie wollte fort, der Verlarvte aber hielt ſie zu⸗ rück und verſetzte: „Noch ein Wort, ſchönſtes Kind! Ein Wort, das vielleicht Eure Geſinnungen ändert und Euch mit einemmale ein erfreulicheres Horoscopzeigt. Wenn es nun Jemand gäbe— und ich kenne einen Jüng⸗ ling, der ſo denkt— Jemand, den Eure Anmuth, Euer ganzes reizendes Weſen bezaubert hätten, ſo daß er, hoch und edel geboren, Euch in die Ge⸗ mächer der Pracht einführte, Schmuck und Edel⸗ ſteine zu Euren Füßen legte, Euch mit allen —ÿõÿõÿ— — 24— Freuden des Lebens umgäbe— würdet Ihr ihm nicht gern folgen aus dieſer Wohnung der Niedrig⸗ keit, aus dieſem Stande der Herabwürdigung?“ Auf dem Angeſichte Gianetta's zeigte ſich eine dunkle Gluth. Sie fühlte ſich tief beleidigt, ſie konnte ſich aber noch nicht gleich entſcheiden, ob ſie den frechen Gaſt mit gebührender Verachtung oder wiederholt im Tone des Scherzes zurückweiſen ſollte. Nach einem kurzen Schweigen antwortete ſie kalt und gelaſſen: „fEs gibt vielleicht Römerinnen, welche Euern wunderlichen Scherz für Ernſt nehmen dürften! Ich will ihn vergeſſen, ich will ihn gar nicht ge⸗ hört haben, ich will nichts darauf erwiedern, als daß mir keine Pracht der Palläſte, keine Edelſteine und Freuden, wie Ihr ſie im Sinne haben mögt, den glücklichen Frieden dieſer niedrigen Wohnung, die Ihr Euerer Gegenwart gewürdigt, erſetzen können.“ Sie machte ſich gewaltſam los und eilte fort.— „Herrliches Mädchen!“ ſagte Lucio froh zu ſich ſelbſt und folgte ihr nach. Der verlarvte Gaſt aber blieb einige Augenblicke nachdenklich ſtehen, dann trat er zu ſeinen Begleitern und ſprach zu dieſen leiſe, aber mit einem höchſt lebhaften Gebehrdenſpiel, das auf die Wichtigkeit ihrer Verabredungen ſchließen ließ. Indeſſen hatte ſich Luigi Gabrini durch Trunk und eifrige Rede über die Fremden immer mehr erhitzt. Er trat jetzt vom Schenktiſche zurück und rief laut: „Aufgeſpielt, ihr Muſikanten! Der Tanz muß wieder anfangen. Kein Ritter und kein Teufel ſoll uns daran hindern!“ Nach dieſen Worten war er bemüht, mit dem Beiſtande einiger andern jungen Leute, die Mitte des Saales, wo ſich die Masken zuſammengedrängt hatten, zu ſäubern, um hier Raum für die Aufſtel⸗ lung der Reihen zu gewinnen. Freilich fiel hier manches harte verletzende Wort, allein die Verlarv⸗ ten ſchienen jeden Streit vermeiden zu wollen und zogen ſich ſtill, immer jedoch zu einer Schaar ver⸗ einigt, auf die Seite. Bald folgten die Juͤnglinge und Mädchen den Ermunterungen Luigi's und der Tanz, von ihm ſelbſt und Gianetta angeführt, rauſchte wieder fröhlich durch die Halle. Sergiani ſtand an einen Pfeiler gelehnt und ſah mit ſüßen Em⸗ pfindungen ſein geliebtes Mädchen anmuthig und leicht dahinſchweben. Er ſelbſt hatte ſie lächelnd zu Luigi geführt und dieſen, um ihm zu zeigen, wie wenig Groll er gegen ihn hege, zu ihrem Tän⸗ zer gemacht. In ſeine Zufriedenheit drängte ſich aber oft jene innere Unruhe, jenes ängſtliche Ge⸗ — — — — 76— fuͤhl, das ihm die Gegenwart Stephanulo Colon⸗ na's einflößen mußte. Er beobachtete ihn ſcharf, allein er konnte weder bei ihm noch bei ſeinen Leuten etwas Verdächtiges entdecken. Im Gegen⸗ theile zogen ſie ſich mehr und mehr nach dem Aus⸗ gange der Halle hin und ſchienen geneigt, ſich bald zu entfernen. 1 Die Freude des Tanzes regte die jungen Ge⸗ müther höher auf. Man vernahm laute Ausru⸗ fungen der Luſt aus dem Munde der Jünglinge, ein„Lebehoch,“ dem Brautpaare gebracht, das wie⸗ der ernſt und feierlich ſeine Stellen eingenommen hatte, ein„Lebehoch den jungen Mädchen,“ die ihre Herzensfreunde unter den Tänzern beſaßen! Der Tanz ſchien ſich zu verwirren, er wurde wilder, die Paare verſchlungen ſich in ungeordnete Gruppen, dieſe wogten aufwärts und abwärts im Saale, ſeine ganze Länge einnehmend. Lucio hatte Gianetta und ihren Tänzer aus ſei⸗ nen Augen verloren. Er drängte ſich durch und ſuchte ſie, wo er ſie zu finden hoffte: im Hinter⸗ grunde der Halle. Dort glaubte er ſie zuletzt mit Luigi geſehen zu haben. Mehrere Gruppen von Tanzenden bewegten ſich hier, allein bald überzeugte ſich der junge Kaufmann, daß die Erſehnte ſich nicht unter ihnen befinde. Da erklang mit einemmale, kend vorwärts ſchreiten, beide Häͤnde abwehrend — 22— Alles uͤbertoͤnend, ein lautes Huͤlfegeſchrei vom Ein⸗ gange her. Es war eine weibliche Stimme, die nach Beiſtand rief, mehrere rauhe Männerſtimmen wurden laut, Waffengeräuſch ließ ſich vernehmen. „Heilige Jungfrau, das war Gianettens Stim⸗ me!“ ſchrie Lucio außer ſich und ſtürzte nach dem Eingange. Hier aber hatte ſich die Menge der Gäſte in einen Knäul verſchlungen, der undurch⸗ dringlich war. Alles rief und ſchrie wild durchein⸗ ander, ohne eigentlich zu wiſſen warum; der Waf⸗ fenlärm vom Eingange dröhnte dazwiſchen, das Hülfgeſchrei war nur noch aus der Ferne von den äußern Gängen zu vernehmen. Mit aller Kraft der Verzweiflung ſuchte Sergiani die Schranken zu durchbrechen, die ihn von dem noch unbekannten Gegenſtande des Tumults trennte, aber alle ſeine Anſtrengungen waren vergeblich. „Wo iſt Gianetta? Iſt ſie es die man raubt?“ rief er den zunächſt Stehenden zu. Dieſe ſtarrten ihn wild an. Niemand wußte Auskunft zu geben. „Mord, Mord!“ ſchrie es da plötzlich aus dem entlegenen Winkel der Halle, wo Mattheo einge⸗ ſchlafen geweſen. Man ſah den Mathematikus ſchlaf⸗ trunken emportaumeln, indem er das entſetzliche Ze⸗ tergeſchrei immer wiederholte, man ſah ihn ſchwan⸗ von ſich geſtreckt, dann gefaßter, ruhiger und mit feſtem Schritte heraneilen. Mehrere von denjenigen, welche nach dem Ausgange drängten, hatte ſein Geſchrei aufgeſchreckt. Sie riefen ſeinen Namen, ſie ſtürzten ihm entgegen. Hierdurch gewann Lucio Raum, in die Mitte des Halbkreiſes zu dringen, der ſich um die Thüre bildete. Er ſah in dieſer Verlarvte, die mit gezogenen Schwertern jedem den Ausgang verwehrten, das Hülfegeſchrei war ganz verhallt. Jetzt vernahm er einen ſchweren Fall in ſeiner Nähe, die Verlarvten eilten fort und:„Mord, Mord!“ umtönte es auch hier ihn von allen Sei⸗ ten. Er ſchob alle hinweg, die ihm im Wege ſtan⸗ den, in wenigen Augenblicken war er an der Stelle, wo ein tiefes Röcheln und Stöhnen die Anweſen⸗ heit eines Verwundeten verrieth. Luigi Gabrini lag mit blutig klaffender Seiten⸗ wunde zu ſeinen Füßen. Auf den einen Arm ſtützte er ſich, die geballte Fauſt des andern erhob er drohend nach dem Ausgange hin. Sein Ange⸗ ſicht war todtenblaß, ſeine Glieder bebten, man erkannte, daß dieſem eben noch ſo friſch blühenden Leben ein nahes Ziel geſteckt ſey. Er bemerkte Lu⸗ cio, reichte ihm die ſchon erkaltende Rechte und ſagte mit matter Stimme: „Ich habe dir dein Mädchen vertheidigt, ſo lange mein Arm ein Schwert heben konnte. Die Ritter vom Grabe haben ſie fortgeſchleppt— aber das Grab, wohin ſie ſie bringen, iſt das Haus der Colonna. Ich habe den Buben erkannt, der mich von hinten niederſtieß: es war derſelbe, der heute die Bothſchaft des alten Colonna meinem Bruder brachte. Der tückiſche Bube vergalt einen Scherz mit einem Dolchſtoße!“ Er ſank ſchwach zurück, ſeine Augen ſchleſ⸗ ſen ſich. „Wo iſt Cola?“ hob er noch einmal im hin⸗ ſterbenden Tone an.„Er ſoll meiner gedenken bei ſeinem großen Werke, er ſoll mich rächen!“ Es waren ſeine letzten Worte. Als Nienzi zu ihm trat und ſeine Hand ergriff, war die Seele ihrer ſterblichen Hülle entflohn. Lucio blickte ihm wie beſinnungslos einige Augenblicke in die gebro⸗ chenen Augen. Dann erkannte er plötzlich die Größe ſeines Unglücks, ſeines Verluſts. Er raffte ſich auf, er rief einigen jungen Männern zu, ſich ihm beizugeſellen, und eilte mit dieſen den Räubern nach. Unten im Hauſe vernahmen ſie, daß dieſe ſich nach dem Garten gewandt hatten. Haſtig be⸗ waffneten ſie ſich und ſetzten, mit Fackeln verſehn, ihre Verfolgung fort. Die Spuren im Sande lei⸗ teten zu dem Pavillon, gewaltſam fand man deſſen Waͤnde zertruͤmmert, hier hinaus hatten ſich die Räuber ihren Weg gebahnt. Aber in den Straßen der heiligen Stadt herrſchte Todtenſtille. Zu weit war ſchon der Vorſprung, den die Entführer mit ihrer Beute gewonnen. Die jungen Männer, von inniger Theilnahme an Gianetten und dem liebenden Lucio erfüllt, legten raſch den Weg bis zum Pallaſte der Colonna's zurück: allein hier herrſchte vollkom⸗ mene Stille, nirgends war Licht zu ſehen, nirgends eine Unruhe zu bemerken. Wie viele Schlupfwin⸗ kel ſtanden den rückſichtsloſen Baronen doch offen, um die Opfer ihrer Zügelloſigkeit zu bergen! Dem unglücklichen Sergiani und ſeinen Beglei⸗ tern blieb nichts übrig, als troſtlos in das Haus zurückzukehren, das ſich aus einer Stätte der Freude in eine Stätte der Trauer verwandelt hatte. Hier fanden ſie die ſtarre Leiche Luigi's auf ein Polſter geſtreckt. Die Halle war verödet; bis auf wenige hatte der Schreck und das Entſetzen die Gäſte fort⸗ getrieben. Rienzi ſtand mit übergeſchlagenen Armen neben dem Todten, ſeine Augen glüheten, ſeine Lip⸗ pen bebten, aber er ſprach nicht. Manchmal fiel ſein Blick auf Caſſia, die mit verhülltem Antlitze in einem Seſſel ſaß und die Thränen verbarg, die aus dem ſonſt ſtarren, jetzt weich gewordenen Her⸗ zen emporſtiegen. Der Leiche zum Haupte ſah man — 81— den alten Mattheo, der das ſchreckliche Ereigniß geahnt und verkändigt, der es dann geträumt hatte, während es ſich wirklich begab. An einem Pfeiler, dem Mathematikus gegenüber, zeigte ſich in einer ſehr nachläſſigen Stellung Pietro Scamuzzi, der Narr. Er weinte nicht mehr, aus ſeinen Zügen war jene Schwermuth verſchwunden, die er früher an den Tag gelegt; er ſah im Gegentheile ganz heiter aus und betrachtete das traurige Schauſpiel mit großer Ruhe und Unbefangenheit. Als Lucio und ſeine Freunde in die Halle tra⸗ ten, ſtürzte ſogleich der alte Roscio, mit allen Zei⸗ chen der Angſt und Verzweiflung auf ſie zu. „Habt Ihr ſie, meine Roſe, oder haben ſie die verlarvten Teufel vom heiligen Grabe in ihren Kral⸗ len?“ rief er ihnen zu. Das düſtere Schweigen unter den Zurückkehrenden beſtätigte Gianetta's Miß⸗ geſchick.„Ach, warum iſt ſie eine Roſe,“ fuhr der Alte jammernd fort,„warum nicht Stechapfel, Tollkraut oder Schirling, daß ſie ihren Räubern den Tod brächte? Goldlack, ſie iſt die deinige, wenn du ſie wiederſchaffſt in meinen Hausgarten! Das Volk muß aufſtehn, die Paläſte der Ritter müſſen geſtürmt werden, die Roſe muß friſch und blühend zurück, wie ſie war, als ſie uns entriſſen worden. Jetzt iſt keine Zeit mehr zu verlieren, jetzt gilt IV. 6 —&— kein Zögern mehr. Werde zur Trauerlilie, Gold⸗ lack, und flamm' empor in Patriotismus und Liebe. Die Burgen müſſen nieder, die Ritter müſſen nie⸗ der, wenn du dir die Braut gewinnen willſt.“ „Er iſt für ſie und dich geſtorben, Lucio!“ ſagte laut und bedeutungsvoll Rienzi, indem er auf die Leiche wies.„Uber dieſem Todten und zur Befrei⸗ ung Gianetta's laß uns ein feſtes Bündniß ſchließen, das Rom frei und dich glücklich macht!“ Da ſchlug Sergiani ein in die dargebotene Rechte Cola's, die über der Leiche ſchwebte, da gelobte er, ſeine Freunde und Gewerbsgenoſſen für die heilige Sache des Vaterlandes zu gewinnen. „Und ich gebe meinen Segen dazu!“ rief der herbeitretende Narr, indem er über die Leiche hin⸗ lachte.„Ich bin ganz nüchtern und heiter geworden über die Unglücksgeſchichte. Luigi aber hat es am beſten von uns allen. Was kümmern ihn nun noch die Barone und der Jammer der heiligen Stadt? Da ſteht der alte Mattheo und berechnet ſchon wieder ſorgenvoll, was ſich alles aus dieſem Unglücksfalle ergeben könne, Janno verzweifelt über die Tochter, Cola und Caſſia ſind in ihrer verſteckt gehaltenen Freude geſtört, Lucio möchte die Welt durchwühlen nach ſeinem Mädchen: Den aber hat der Tod ſtill und friedlich gebettet, der iſt glück⸗ — 83— licher, als wir alle, die heute mit heiler Haut nach Haus gehn, und ich beneide ihn und erfreue mich zugleich, wenn ich ihn anſehe.“ Am Morgen des folgenden Tages war Cola Rienzi, mit der Leiche ſeines Bruders und von trau⸗ ernden Freunden begleitet, vor dem Gerichte der Barone auf dem Capitolium erſchienen und hatte Stephanulo Colonna geradezu des Jungfraunrau⸗ bes, ſowie einen ſeiner Diener des Mordes ange⸗ klagt. Er hatte mit hinreißender Beredſamkeit ge⸗ ſprochen, er hatte erſt die Freuden des Feſtes ge⸗ ſchildert, denen alle ſich ſorglos hingegeben, dann war er zu dem Eintritte der verlarvten Gäſte über⸗ gegangen, hatte des Wohlwollens gedacht, mit dem ſie, obgleich fremd und ihre Namen verheimlichend, aufgenommen worden waren, der Milde, mit der man ſelbſt ihre Zudringlichkeiten überſehen, und nun das Entſetzlichſte verkündigend, den Hohn der Gaſt⸗ freundſchaft, die Verletzung der Sitte, den Raub der Tochter vom Hauſe, den Mord ſeines Bruders, hatte er ſich als Ankläger erhoben und kühn den Namen eines Jünglings genannt, deſſen Vater der mächtigſte der Barone, der ſtolzeſte Verächter des Volks war. Er führte Zeugen auf, die beſchwören 6* — 84— wollten in dem Anführer der Masken Stephanulo Colonna erkannt zu haben, er forderte dieſen, der ſelbſt in den Reihen der Ritter mit zu Gericht ſaß, zu dem Beweiſe auf, daß er in der angegebenen Zeit irgend an einem andern Orte geweſen ſey. Unter den anweſenden Leuten aus dem Volke, welche die Neugierde herbeigetrieben hatte, ſprachen viele ihre Theilnahme unverholen aus. Einige be⸗ haupteten ſogar ohne Scheu, daß man gefliſſentlich dem Rienzi ſolche übel anthue, weil man ihn als einen Freund des Volkes kenne und haſſe. Selbſt der päpſtliche Legat, der dem Gerichte vorſaß, aber, bei ſeinem tief geſunkenen Anſehn, nur eine ſehr untergeordnete Rolle ſpielte, blickte ernſt und finſter auf die Leiche, die Rienzi offen und als einen ſtummen, aber ſchweren Ankläger dem Stephanulo gegenüber aufgeſtellt hatte. Mitt verächtlichen, wegwerfenden Gebehrden hat⸗ ten dagegen die Barone auf die Anklage des No⸗ tars gehört. In ihren Mienen war zu leſen, wie gleichgültig ſie die Worte des wahnſinnig gehaltenen Cola, der auch hier ſeinen Vortrag mit ſeltſamen Bildern und wunderlichen Andeutungen auf ſeine eigene künftige Größe ausſchmückte, ließen. Als Rienzi geendigt, erhob ſich einer von den Nittern mit der Frage:„ob die Anklage eines anerkannten Narren, wie Cola, vor Gericht gültig ſeyn könne?“ und als nun gar Stephanulo Colonna ſelbſt auf⸗ ſtand und keck verſicherte, ihm ſey die ganze Sache fremd und des Rienzi Bruder, der ein weltbekann⸗ ter Händelſucher geweſen, möge wohl ſein Unglück ſelbſt veranlaßt haben: da vereinigte ſich der Hof der Barone zu dem Spruch: daß Cola Rienzi mit ſeiner Beſchuldigung abzuweiſen ſey und daß man ihn nur darum nicht in die Strafe der falſchen An⸗ klage verdamme, weil er als ein Aberwitziger nicht für ſeine Handlungen verantwortlich ſey. Mit finſtern Blicken hatte Cola den Spruch, den die Willkühr gab, angehört. Langſam legte er das ſchwarze Leichentuch wieder auf den Todten und ſagte, indem er den Begleitern einen Wink gab, die Tragbahre aufzuheben, ſehr nachdrücklich:„Einſt ſahen die Götter des Alterthumes hier herab und waren Zeugen, wie gleiches Recht geſprochen wurde gegen Vornehm und Gering, gegen Ritterſchaft und Volk. Jetzt blickt der Erlöſer der Menſchheit, ſeine gebenedeite Mutter und die Schaar ſeiner Heiligen hernieder und alle erkennen, daß die Gerechtigkeit geſchändet, der Glaube verachtet, der alte Ruhm vernichtet iſt! Es wird anders werden ihr Herrn und Barone! Jetzt haltet Ihr an dieſer Stelle Gericht, aber die Zeit iſt nicht fern, wo ich hier richten werde, und dann wehe den Sündern, die mit göttlichem und menſchlichem Rechte ihren Spott treiben! Ich werde die Wage halten, deren Zünglein nur dem Rechte ſich neigt, ich werde das Schwert führen, das kein Anſehn der Perſon kennt.“ Mit einem glühenden, drohenden Blicke auf die Barone, die ihn mitleidig belächelten, verließ er das Capitol. Dem Zuge ſeiner Freunde, welche den Todten trugen, ſchloſſen ſich viele aus dem Volke an. Indem er ſich durch die Straßen Roms, nach der Begräbnißſtätte hin, bewegte, vermehrte ſich die Zahl der Begleitenden außerordentlich. Den Vorü⸗ bergehenden theilten die Leidträger mit, wer der Todte ſeh und daß er durch eine Gewaltthat der Ritter in der Blüthe ſeiner Jugend gefallen. Ver⸗ wünſchungen und mitleidige Theilnahme ſprachen ſich bei allen aus und als der Zug an den Mau⸗ ern des Begräbnißortes angelangt war, als jetzt Nienzi eine faſt unabſehbare Volksmenge wahrnahm, die ſich nach und nach zuſammengefunden hatte, da wurde er, der in jeder Lage Alles beachtete, über⸗ zeugt, daß die unglückliche Begebenheit, die ſeinem Bruder das Leben koſtete, ihn um Rieſenſchritte ſeinem Ziele näher gebracht habe. Indeſſen fühlte ſich der bedauernswürdige Lucio noch keines Entſchluſſes, keines entſchiedenen Han⸗ 87— delns faͤhig. Sein Gemüth war tief gebeugt und von entſetzlichen Zweifeln beängſtigt. Er ſaß in dem kleinen, gewölbartigen und düſtern Gemache des Mathematicus Mattheo, er ſuchte, wie es man⸗ chen verſtändigen Leuten in Zeiten hoher Bedräng⸗ niß geht, eine Hülfe in übernatürlichen Offenba⸗ rungen, an die er ſonſt nicht glaubte. Der Alte war trocken und einſilbig. Er wollte ſich zu keinem Verſuche in ſeiner Kunſt bewegen laſſen. „Die Jugend iſt ungläubig und undankbar;“ ſagte er, ſeine Weigerung rechtfertigend, endlich. „Wie hat mir doch der Luigi ſchlecht gelohnt für meine mühſamen Forſchungen, für meine wohlge⸗ meinte Warnung! Hat er ſich nicht ermorden laſ⸗ ſen aus Undank und mir zum Trotze? Der arme Jüngling!“ fuhr er mit einer Thräne im Auge fort. „Er ſtarb an deiner Zögerung, deiner Unthätigkeit. Dein Vater iſt ein reicher Mann und angeſehen unter den Gilden, aber ſein Herz hängt an dir, an dem einzigen Kinde, und du vermagſt Alles über ihn. Ein Wort von dir und er hätte die übrigen Kaufleute, die Künſtler und Handwerker heimlich geworben für die Sache der Freiheit, die Tyrannei der Barone wäre längſt gebrochen, Luigi lebte noch und dein Mädchen wäre dir nicht entriſſen worden. Glaube mir, Lucio, es geht doch Alles ſeinen Gang, — 88— wie es die Sterne verkünden: Die Menſchen moͤgen zagen und widerſtehn, wie ſie wollen, denn das Schickſal läßt ſich nicht irren. Aber wer nicht han⸗ delt, dem wird kein Lohn, wer nicht kämpft, ver⸗ liert was er beſitzt.“ Lucio erhob den Kopf, den er voll traurigen Nachdenkens in die Hand geſtützt hatte und erwie⸗ derte bitter: „Das Element meines Lebens war der Friede bis jetzt, aber ich ſehe wohl ein, daß es nun an⸗ ders werden muß. Die Gewalt iſt feindſelig gegen mich erſtanden und kann nur durch Gewalt beſiegt werden. Gianetta! Gianetta! das war der Freu⸗ den⸗ und Friedenslaut, der in mein Herz toͤnte; jetzt iſt er zum Trauerlaut, zum ſchneidenden Kriegs⸗ geſchrei geworden.“ Da wurde es laut vor dem Zimmer und wenige Augenblicke ſpäter traten Pietro Scamuzzi und Janno Roscio herein. Der Barbier war ſchwarz gekleidet und hatte ſein Geſicht mit dem Mantel bedeckt; der Narr trug ſeine gewöhnliche Kleidung. Als er im Zimmer erſchien, ſtimmte er in einer klagenden, eintönigen Weiſe folgendes Lied an: „Schwertlilie, die Stolze, Trägt jetzt ein Kleid von Holze, Von Erde iſt ihr Bett, Wohl eine kalte Stätt'. — 89— Mit Erde zugedecket, Wird ſie nicht mehr erwecket, Es hält in ſeinem Arm Der Tod ſie liebeswarm. Das Röschen iſt gefangen, Wie wird es nicht erbangen Im fremden Gartenhaus, Wie ſehnt es ſich hinaus! „Komm, Liebſter, komm! Im Streiten Kannſt du mich nur erbeuten, Verloren ich ſonſt bin Und welke früh dahin!“ „Es iſt mir ſo traurig und ſchwermüthig zu Sinn,“ ſprach Pietro dann weiter,„als wirke der Wein, den ich geſtern Abend in einigem Ubermaße genoſſen, noch immer in mir fort. Aber ich komme von zwei Begräbniſſen und das will auch etwas ſagen, denn die Hinfälligkeit des menſchlichen Rechts, ſo wie die des menſchlichen Leibes ſind auch wohl im Stande, Ernſt in das Herz eines Narren zu predigen. O, Rom, Weltſtadt, Königin aller Städte, was mußteſt du heute ſchauen? Auf dem Capitole haben ſie die Gerechtigkeit begraben und den Mord geheiligt und der Mörder ſaß mit zu Gerichte und ſpottete, als der Gemordete fortgetragen wurde zu ſeinem Bette in der Erde. Ich bin nur ein Narr, aber der Geiſt des Brutus kann ſich auch in die Hülle eines Narren einbürgern.“ — 90— „Goldlack,“ hob Janno in einem weinerlichen Tone an und ließ den Mantel von dem traurig ver⸗ zerrten Antlitze ſinken,„du mußt das Röschen wieder ſchaffen, ſonſt hältſt du dein eigenes Herz von dir fern. Der Himmel weiß, in welches Dorngehege, in welches wilde Geſträuch ſie gerathen iſt; aber, Goldlack, die Zeit iſt da, wo du aus einem Kauf⸗ manne ein Held werden, wo du mit dem Schwerte das Dorngehege zertheilen, das wilde Geſtrüpp niederhauen mußt!“ „Gebt mir meine Gianetta wieder,“ rief unge⸗ duldig aufſpringend Lucio,„und ich thue was Ihr wollt! Bewegt dieſen Mann,“ fuhr er auf Mattheo zeigend, fort,„der ſich rühmt, die Natur zu ſeinem Dienſte zwingen zu können, daß ſie ihm geheime Dinge offenbare, mir Gianetta's Aufenthalt zu ent⸗ decken, und Ihr ſollt ſehen, daß der alte Römer⸗ geiſt auch in mir noch lebt!“ „Ich habe dir ſchon den Spruch geſagt, der dir dient;“ erwiederte gelaſſen Mattheo.„Wer nicht handelt, dem wird kein Lohn, wer nicht kämpft, verliert was er beſitzt.“ Eine hohe Röthe ergoß ſich über das Angeſicht des jungen Mannes; der Kampf, der ſich in ihm erhob, war nur kurz. Dann ergriff er Roscio's Hand und ſagte entſchloſſen: — 91— „Führt mich zu Rienzi! Mit ihm wiilll ich ſprechen. Ich bin jetzt entſchieden, ich bin der Eu⸗ rigen einer.“ „Herzenslack!“ rief der Alte, ihn umarmend. „Das iſt ein capitaler Entſchluß von dir. Jetzt wird eine edle Kaufmannſchaft aus der Saat, die du legſt, aufſchießen zur Blüthenpracht des Wider⸗ ſtandes gegen die Diſtelköpfe von Baronen, das Röschen wird in den väterlichen Garten zurückkeh⸗ ren und dann gebe ich es hin in den deinigen als eine aufgegangene, herrliche Roſe. Ein ganzer Frühling des Lebens wird florirend auferſtehn und ich ſehe im Geiſte ſchon dich, den Cola Nienzi und den Janno Noscio, der das Barbierzeug tief in die Tiber verſenkt hat, als Triumvirn ſitzen auf dem Capitolium.“ Er nahm den jungen Mann beim Arm und eilte mit ihm fort. Ihnen folgten Mattheo und Sca⸗ muzzi, der zum Schluſſe das früher angeſtimmte Lied ſang: „Der Lack, der will nun flammen In ſüßer Liebesgluth Und brennen kühn zuſammen Der Ritter Schloß und Gut. Er holt ſich aus dem Feuer Des Röschens ſüße Pracht, Das, ihm ſo hoch und theuer, Sein Herz in Brand gebracht.“ — 92— Indeſſen befand ſich Gianetta in keiner ſo ge⸗ fahrvollen Lage, wie der Freund ihres Herzens be⸗ fürchtete. Als ſie bei jener blutbefleckten Hochzeits⸗ feier ſich plötzlich von Verlarvten umringt ſah, als einige von dieſen ſich ihrer bemächtigten und, ihres Geſchrei's nicht achtend, ſie raſch forttrugen und durch die Gänge des Hauſes und durch den Gar⸗ ten nach dem Pavillon, wo ſchon ein Ausweg für die Entführer und ihre Beute vorbereitet war: da ſuchte ſie ſich ſtark und bei Beſinnung zu erhalten, um Alles zu bemerken und treu im Gedächtniſſe zu bewahren, damit es ihr in Zukunft vielleicht zu ihrer Befreiung dienen könne. Sie ſah ſich, nach⸗ dem ihre Begleiter mit ihr den Graben im Rücken hatten, genöthigt, eine Sänfte zu beſteigen, deren Thüren hinter ihr verſchloſſen wurden. Die Män⸗ ner ſchwangen ſich auf Pferde, welche hier hielten, und im raſchen Trabe ging es nun mit der Sänfte, die ebenfalls wohl beſpannt war, nach einem unbe⸗ kannten Ziele fort. Gianetta blieb nicht lange im Zweifel, wer ihr Entführer ſey. Lucio's Warnung hatte ſie aufmerkſam gemacht und ihr eigenes rich⸗ tiges Gefühl nannte ihr den Namen: Stephanulo Colonna. Sie beſaß nicht den Stolz ihrer Schwe⸗ ſter Caſſia, aber bei einer heitern Gemüthsart eine größere Seelenſtärke, als dieſe. Sie war vollkom⸗ — 93— men gefaßt auf Alles was geſchehen konnte, obgleich ſie das Mißliche ihrer Lage erkannte, mit tiefem Schmerze an Lucio dachte, an deſſen Befürchtungen um ihretwillen, und an den Vater. In ihre Seele hatte von Kindheit an die Religion ein Vertrauen gelegt, das in jeder Gefahr auf den Beiſtand des Himmels rechnet; allein ſie war auch überzeugt, daß dieſer durch Selbſtthätigkeit, durch die Anwen⸗ dung der Kräfte, die Gott dem Menſchen beigege⸗ geben, erworben werden müſſe. Sie achtete auf jeden kleinen Umſtand, der auf dem Wege, den die Räuber mit ihr nahmen, ſich bemerkenswerth darbot. Die nächtliche Wanderung führte ſie durch viele Krümmungen und Nebenwege. Selten fiel ein Lichtſtrahl durch einen Ritz in das Innere der Sänfte. Endlich hielt dieſe mit dem ganzen Rei⸗ tertrupp. Gianetta vernahm, daß ein Fremder her⸗ zutrat und mit rauher Stimme fragte, was die be⸗ waffnete Schaar um dieſe Stunde der Nacht be⸗ gehre? Dann aber wurde wieder ſo leiſe geſprochen, daß ſie nichts mehr verſtehen konnte. Einige Au⸗ genblicke ſpäter hörte ſie ſchwere Riegel hinwegſchie⸗ ben, Schlöſſer mit großem Geräuſch öffnen, und ein Getöſe, als würde ein eiſernes Fallgatter auf⸗ gewunden. Sie vermuthete, daß ſie am Ziele der unfreiwilligen Wanderung angelangt ſey, allein bald ſah ſie ſich in dieſer Erwartung getäuſcht; denn der Zug ſetzte ſich auf's Neue in Bewegung, ſie hörte das Fallgatter wieder fallen, die Schlöſſer ſorglich verſchließen und die Riegel wieder vorſchie⸗ ben. Ihre Begleiter ſchienen ſich jetzt für ſicherer zu halten, als bisher. Sie ritten langſam, ſie ſpra⸗ chen lauter und Gianetta konnte aus einzelnen Worten, die zu ihr gelangten, ſchließen, daß ſie ſich außerhalb der Mauern Rom's befanden. Bald ver⸗ gaßen ſich zwei ihrer Begleiter ſo weit, daß ſie dicht an Gianetta's Sänfte heranritten, neben dieſer blie⸗ ben und ein Geſpräch fortſetzten, deſſen Inhalt wohl nicht beſtimmt war, zu den Ohren der Gefan⸗ genen zu gelangen. Gianetta hatte, indem man ſie fortſchleppte, nichts von dem Kampfe bemerkt, der ſich ihretwegen zwiſchen Luigi Gabrini und den Verlarvten entſponnen. Jetzt hörte ſie zu ihrem Entſetzen, daß ein Jüngling, der gewiß ſelbſt ein Auge auf die ſchöne Entführte gehabt, alle Kräfte aufgeboten, ſie den Entführern wieder zu entreißen, daß er wie ein Verzweifelter gefochten und nicht anders zu bändigen geweſen wäre, als durch einen Dolchſtoß, der ihn todt zu Boden geſtreckt. Das Blut erſtarrte in ihren Adern, ihre Kräfte drohten ſie zu verlaſſen. Den Namen des Gemordeten nannten die Männer nicht, aher wer— ſo flößten — 95— es Gianetten liebevolle Beſorgniß, Angſt und Ver⸗ zweiflung ein— konnte es anders geweſen ſeyn, als Lucio Sergiani, den die Liebe zum Kampf, den ſie in den Tod getrieben hatte? Dieſe Uberzeugung ſtand bald feſt in ihrer Seele. Sie ergab ſich in ſie mit aller der religiöſen Demuth, die ihrem We⸗ ſen eigen war. Ohne daß ſie es empfand, rollten Thränen unaufhörlich über ihre Wange herab, aber ſie hatte auch ſchon ihren Entſchluß für die Zu⸗ kunft gefaßt, die nun liebe⸗ und freudenleer vor ihr ſtand. Freilich mußte ihr erſtes Beſtreben da⸗ hin gehen, die Freiheit zu erlangen; dann aber be⸗ abſichtigte ſie, ſich in ein Kloſter zu begeben, den Schleier zu nehmen und erſt als eine Braut des Himmels den Vater und die Schweſter wiederzuſe⸗ hen. Sie fürchtete von dieſen die Ausführung ih⸗ res Entſchluſſes erſchwert zu ſehen, ſie wußte, daß Beide der eitlen Luſt der Welt zu ſehr ergeben wa⸗ ren, um ihre Abſicht zu billigen; deßhalb wollte ſie erſt dann, wann kein Zurücktreten mehr moͤglich, ſich ihnen entdecken. Während ſie ſo getrauert, überlegt und ihre Zukunft beſtimmt hatte, war ein gutes Stück We⸗ ges hinter den Reitern und ihrer ſchönen Beute zurückgeblieben. Gianetta nahm wahr, daß ſie jetzt auf unebenen, aufwärts führenden Pfaden weiter — 96—. gelangten. Der Gedanke an den unglücklichen Lu⸗ cio wollte ſie nicht verlaſſen. Sie fuͤhlte, daß der Schmerz um ſeinen Verluſt ihr ganzes Leben erfül⸗ len werde, daß nur die Einſamkeit des Kloſters ihren Empfindungen entſprechen, ein den übungen der Religion ganz geweihetes Daſeyn ihr einigen Troſt gewähren könne. Wie eine Blüthe, die der Sturm bricht, war die Heiterkeit ihres Gemüthes gebrochen, aber die Stärke ihrer Seele war ge⸗ blieben. Die nächtliche Wanderung mochte im Ganzen einige Stunden gedauert haben, als der Zug wie⸗ derum hielt, Gianetta ein Getöſe vernahm, als werde eine Zugbrücke niedergelaſſen, und dann ringsum wildes Gelächter, Willkommrufen und Waffengeräuſch erklang. Sie bemerkte, daß die Pferde an der Sänfte ausgeſpannt wurden, gleich darauf aber fühlte ſie ſich wieder erhoben und in leichterer Be⸗ wegung, in gleicherem Schweben von Menſchenhänden fortgetragen. Dieſesmal irrte ſie nicht, als ſie nun gewiß das Ziel ihrer Reiſe erreicht glaubte. Aus dem dumpfen Wiederhalle der Schritte ihrer Träger ſchloß ſie, daß ſie durch ein Gewölbe weiter gebracht werde. Das Lärmen und Lachen der Menſchen war hinter ihr geblieben. Nur die eintönigen Schritte der Träger ſchlugen an ihr Ohr. Jetzt wurde die — 97— Sänfte niedergeſetzt, ſie hörte an der rechten Seite, die keifende Stimme eines Weibes, das zu den Männern ſprach und ihnen grollte, weil ſie ſie ſo lange warten gelaſſen. In dieſem Augenblicke aber wurde leiſe die Thüre der Sänfte auf der linken Seite geöffnet, Gianetta erblickte in einer dämme⸗ rigen Beleuchtung eine weißgekleidete, jugendliche Frauengeſtalt, mit bleichem Angeſichte und kum⸗ mervollen Mienen, die ihr raſch ein Zeichen des Schweigens gab und ſie zu ſich winkte. Das Mäd⸗ chen glaubte einen Engel der Rettung in dieſer Erſcheinung zu ſehn, ein ſolches Vertrauen flößte ihr das leidende, aber unendlich ſanfte Antlitz ein. Während die Alte noch mit den Trägern zankte, fühlte ſich Gianetta unwiderſtehlich zu der Fremden hingezogen. Sie trat aus der Sänfte, ſie ſank der bleichen Frau in die Arme und wurde nun von dieſer raſch in einen dunkeln Seitengang geführt, den ſogleich nach dem Hauptgange hin geräuſchlos eine Thüre ſchloß. Wenige Augenblicke nachdem dieſes geſchehen war, vernahm Gianetta von außen her ein wildes Toben, ſie hörte, daß man ſie ver⸗ miſſe, ſie hörte Waffengeräuſch, Fluchen und ent⸗ ſetzliche Drohungen. Als ihre Begleiterin bemerkte, daß ſie zitterte, ſagte jene mit tröſtlicher, melodi⸗ ſcher Stimme: IV.* „Fürchte nichts! Bei mir ſuchen ſie dich nicht und jene Pforte, die eine Blende bedeckt, kennt niemand. Du biſt gerettet, du biſt bei einer, die gern Alles gut machen möchte, was Andre Übels thun!“ Gianetta's Führerin ſchien alle Gänge, die ſie durchſchritten, die ſchmalen Wendeltreppen, die ſie erſtiegen, genau zu kennen. Es herrſchte noch im⸗ mer völlige Dunkelheit. Zu mehrernmalen öffnete die Fremde Fallthuren, die ſie wieder ſorglich hin⸗ ter ſich und der Geretteten verſchloß. Sie ſeufzte oft ſchwer, ſie blieb oft einige Augenblicke ſtehn, um friſchen Odem zu ſchöpfen, denn ihre Bruſt ſchien beklemmt und gepreßt. „Wir ſind gleich am Ziele!“ ſagte ſie in einer ſolchen Pauſe mit ſchwacher, bebender Stimme. „Die Lebenden ſind dir feindlich, aber in der Ster⸗ benden haſt du eine Freundin gefunden.“ Von der kalten, feuchten Hand der Unbekannten fühlte Gianetta die ihrige gedrückt. Eine ſeltſame, bange Empfindung ergriff ihre Seele. Die Hand ihrer Führerin hatte etwas Leichenhaftes, Erkälten⸗ des, was ihr durch Mark und Bein ging. Wer war ſie, was konnte ſie bewegen, ſich Gianetta's, die ihr gänzlich fremd, anzunehmen? War ſie auch ein Opfer der wilden Begehrlichkeit der Barone, —— —y — 99— war ſie eine, die ſich ſelbſt getäuſcht und verloren hatte, und jetzt in Werken der Buße die Verzei⸗ hung des Himmels ſuchte? In Zweifel verloren, die ſie nicht zu löſen vermochte, blieb dem Mädchen nichts übrig, als ſich unbedingt ferner derjenigen anzuvertrauen, die ſich ihr wenigſtens bis jetzt als eine Freundin bewieſen hatte. Nach einer langen müheſeligen Wandrung, er⸗ blickten ſie endlich ein ſchwaches Licht, die erſte Dämmerung, die in Oſten anbrach und den jungen Tag verkündigte. Sie waren durch eine im Getäfel verborgene Thüre, in ein kleines gewölbtes Gemach getreten, durch deſſen ſchmale und hohe Bogenfen⸗ ſter man auf eine düſtre, gebirgigte Waldgegend blickte. Im Hintergrunde des Zimmers ſtand ein Ruhebette, auf das ſich Gianetta's Führerin ſogleich erſchöpft niederließ. Das Mädchen konnte ſie jetzt genau betrachten. Es war eine zarte, ſchlanke Ge⸗ ſtalt, ihre Geſichtszüge waren fein, edel und ſpra⸗ chen eine große Herzensgüte aus; aber eine Todten⸗ bläſſe bedeckte das ganze Angeſicht, Kummer und Krankheit ſchienen tiefe Furchen hineingezogen zu haben und in dem dunkeln Auge brannte eine un⸗ ſtäte, fieberhafte Gluth. Sie ſaß noch nicht lange und war im Begriff einige Worte an Gianetta zu richten, als ein heftiger Krampfhuſten ſie beſtel, der 7⁴ ⁸ — 100— in einigen Augenblicken ſo ſehr zunahm, daß Gia⸗ netta, von mächtiger Angſt ergriffen, fürchtete, der letzte Augenblick der Leidenden ſey gekommen. Dieſe aber netzte ihre Lippen mit einem Tranke, der in ihrer Nähe ſtand, wurde dann nach und nach ruhi⸗ ger und ſagte, als ſie ſich völlig erholt hatte, wehe⸗ müthig lächelnd zu Gianetta: „Du wirſt mich noch oft dieſen Anfällen unter⸗ worfen ſehn, wenn du, wie es dein Loos ſeyn dürfte, noch einige Zeit bei mir weilſt. Sicherheit kann ich dir gewähren, aber in die Freiheit kann ich dich nicht führen, denn mir ſelbſt iſt ſie verſagt.“ Indem ſie ſich zur Ruhe zurück in die Polſter des Lagers lehnte, deutete ſie Gianetten an, ſich in ein Nebenzimmer zu begeben, wo auch ſie Ge⸗ legenheit finden würde, einer Ruhe zu genießen, der ſie gewiß benöthigt ſey. Sie ſchloß die Augen und ſchlief ſogleich ein. Gianetta ſah ſie noch ei⸗ nige Augenblicke mit traurigen Empfindungen an: dieſer Schlaf war kein ruhiger, erquickender. Eine fieberhafte Röthe lag in dunkeln Flecken auf den Wangen, die Lippen zuckten, die Hände bebten, ſeltſame Seufzer, wie leiſes Wimmern, entrangen ſich der Bruſt. Als die Gerettete das Nebengemach betrat, ſah ſie ſich von Gegenſtänden umgeben, die allen For⸗ — 101— derungen, welche Luxus und Bequemlichkeit jener Zeit machten, entſprachen. Fußboden und Wände waren mit köſtlichen Teppichen bedeckt, ſilberne Ge⸗ fäße mit wohlriechenden Waſſern und Spezereien angefüllt, ſtanden ringsumher, ein mit goldnen Verzierungen reichlich geſchmückter Altar, auf dem ein Crucifix ſtand, zeugte für die andächtige Ge⸗ ſinnung der Bewohnerin, ein prächtiges, mit pur⸗ purnen Sammetvorhängen umgebenes Lager ladete zur Ruhe ein. Gianetta ließ ſich in einen Seſſel nieder und dachte den wunderbaren Ereigniſſen nach, die ſie im kurzen Laufe einer Nacht erlebt hatte. Da drängte ſich immer allem Andern Lucio's blutige Geſtalt vor, da hörte ſie ſeine Stimme, die nach ihr rief, da ſah ſie ihn fallen durch Meuchelmord. Bald aber wich dieſe Empörung der Gefühle der allge⸗ meinen Erſchöpfung der Körperkräfte. Aus einer zunehmenden Betäubung ging ſie in einen Schlaf uͤber, von Gebilden der erregten Seele in die will⸗ kührlichen einer Traumwelt; aber die Natur trat bald als gütige Vermittlerin ein und ein ruhiger, erquickender Schlummer ſenkte ſich auf die jugend⸗ lichen Glieder und in das feſte, gottvertrauende Gemüth. Als ſie erwachte, ſah ſie im Glanze der Son⸗ i ——-ʒ——y———————õ———-— — — — 102— neuſtrahlen ihre bleiche Freundin vor ſich ſtehen. „Du Glückliche,“ ſagte dieſe mit rührender Freund⸗ lichkeit,„zu dir kommt noch der Schlaf und beruhigt und erquickt dich; andre müſſen ihn zu ihrem Lager zwingen und dann iſt er kein freund⸗ licher Engel des Friedens und der Stärkung, nein! er iſt ein Dämon, der uns die Beſinnung raubt, um neue Schmerzen, neues Elend vorzubereiten.“ Gianetta begriff den Sinn dieſer Rede nicht, allein ſie fühlte ſich bei dem Anblicke der gütigen blaſſen Frau von einem Mitleiden und einer Liebe ergriffen, daß ſie ſich nicht enthalten konnte, ihre Hände mit Küſſen und Thränen, die unwillkührlich rannen, zu bedecken. Die blaſſe Frau ſetzte ſich neben ſie und ließ ſich von ihr ihre Lebensgeſchichte und die Begebenheiten der vergangenen Nacht erzäh⸗ len. Gianetta empfand ein ſo großes Vertrauen zu ihr, daß ſie ihr nichts verheimlichte. Ihre Thrä⸗ nen floſſen, als ſie des todten Geliebten gedachte, ſie ſprach offen ihren Vorſatz aus, in den Mauern eines Kloſters ihre weitern Anſprüche an die Welt zu begraben.. „Wie biſt du zu beneiden, daß dir dieſe Hoff⸗ nung bleibt!“ erwiederte mit einem tiefen Seufzer die Kranke. Hierauf ſchwieg ſie einige Augenblicke, dann brach ſie in Klagen aus:„Ja, es iſt wiederum — 103— Menſchenblut gefloſſen und immer mehr füllt ſich das Maas der Sünden derjenigen, die Gott nicht ehren und die Menſchen nicht lieben! Wie glücklich iſt derjenige, der in der Einſamkeit einer gottgeweihten Stätte von dem Treiben der Welt nichts vernimmt! Du wirſt einſt dieſes Glück genießen, Gianetta, aber dieſe Zeit iſt noch nicht gekommen. Wir beide ſind hier in Kerkermauern eingeſchloſſen, wir ſind ſtreng bewacht, wenn auch der Kerkermeiſter nie in unſerm Gefängniſſe erſcheint, wenn ihm auch ſelbſt der Ge⸗ danke unerträglich iſt, das Opfer, das er hier allein und verlaſſen dem Tode zuwelkend glaubt, könne ihm vor Augen kommen.“ Das Wunderbare und Räthſelhafte in der Er⸗ ſcheinung und dem Weſen der blaſſen Frau mußte nothwendig Gianetta's ganze Aufmerkſamkeit erre⸗ gen. Dabei fühlte ſie ſich von Dankbarkeit und Wohlwollen zu ihr erfüllt. Sie drückte die kalte Hand an ihr Herz und ſagte tröſtend: „Ihr ſeyd noch jung, Ihr werdet geneſen und die Allmacht Gottes kann mit einemmale Euer jez⸗ ziges trauriges Daſeyn in ein Leben voll Glück und Freude verwandeln.“ Da zog ſie die wunderbare Kranke näher an ſich, da hielt ſie Gianetten mit zitternder Hand feſt und flüſterte ihr mit einem trüben Lächeln zu: — 104— „Ich will dir etwas vertrauen, das ich noch Niemand geſagt habe, denn ich halte dich für meine einzige Freundin auf der Welt. Nächſte Oſtern am erſten Feiertage, wann die Sonne dort hinter den Bergen untergeht, ſterbe ich. Bis dahin mußt du ſchon bei mir aushalten, bis dahin mußt du mich nicht der Qual eines einſamen, troſtloſen Hin⸗ welkens überlaſſen: das verſprich mir!“ Es lag eine ſeltſame Üüberzeugungskraft und eeine tief in's Herz dringende Gewalt der Bitte in den Worten der Leidenden, ſo daß Gianetta ihr nicht widerſtehen konnte und in ihr Verlangen willigte. „Du ſollſt auch Alles erfahren!“ ſagte hierauf die blaſſe Frau.„Alle meine Geheimniſſe ſollſt du wiſſen, ſelbſt das Entſetzlichſte, um deſſenwillen ich Stunden habe, in denen ich an Gottes Gnade und Verzeihung verzweifle. Du wirſt mit mir be⸗ ten, du wirſt mich beruhigen in meinen Zweifeln! Nach und nach, wie es meine Kräfte erlauben, ſollſt du mein ganzes Leben, das innere und äußere, ken⸗ nen lernen. Jetzt nur wiſſe, daß ich Il defonſe de Vaurigny bin, Stephanulo Colonna's un⸗ glückſeliges Weib!“ Gianetta erſtaunte um ſo mehr über dieſe Ent⸗ deckung, da ſie nie gehört hatte, daß Herr Stepha⸗ — —— — 105— nulo Colonna vermählt ſey. Sie konnte ſich aber recht wohl denken, daß die Frau eines ſo wüſten und wilden Mannes ein beklagenswerthes Loos ge⸗ troffen habe. Der Unglücklichen, der ſie ihre Ret⸗ tung verdankte und die in der That der Tod ſich ſchon als ein unentrinnbares Opfer auserſehen zu haben ſchien, bis zu ihrer Auflöſung in Liebe und Troſt beizuſtehn, dünkte ſie eine Pflicht der Fröm⸗ migkeit. War doch auch ihr Herz gebrochen, hatte doch auch ſie nun allem Treiben der Welt ſchon entſagt, konnte es ihr doch ein frohes Gefühl mit in die Einſamkeit des Kloſters geben, eine arme Leidende durch Liebe und Gebet zum Tode geſtärkt zu haben! Nach einiger Zeit wurde auf eine beſondere Weiſe an die Thüre des Zimmers geklopft. Ilde⸗ fonſe öffnete ſelbſt, indem ſie die ängſtliche Gia⸗ netta durch die Mittheilung beruhigte, daß die Kom⸗ menden ihre Diener ſeyen, die ihres vollen Vertrau⸗ ens genöſſen. Ein Zwerg von häßlicher Geſtalt, aber in der prächtigen Kleidung, welche damals der Geſchmack der Großen dieſen mißgeſchaffenen Hof⸗ dienern anlegte, trat herein; ihm folgte eine ält⸗ liche Frau, welche ſogleich auf die Kranke zueilte und im Tone der Beſorgniß, aber in franzöſiſcher Sprache, die Gianetta nicht verſtand, ſie anredete. — 106— Nach einer kurzen Unterhaltung mit ihr wandte ſich Ildefonſe zu dem Zwerge und fragte ihn Italtäniſch, ob drüben im Schloſſe große Verwirrung herrſche, ob man ſehr beunruhigt ſey über das ſeltſame Ver⸗ ſchwinden der Entführten und wie man ſich dieſes erkläre? Der Zwerg ſchien verlegen und antwortete durch Gebehrden; Ildefonſe aber bedeutete ihm, daß ſie vor Gianetta kein Geheimniß habe, daß er unge⸗ ſcheut vor der neuen Mitbewohnerin ihres Kerkers die Larbe eines Taubſtummen ablegen könne. Nun erzählte Livio— ſo hatte die kranke Frau den Zwerg genannt— mit großer Zungenfertigkeit, daß allerdings bei der erſten Entdeckung von Gianetta's Flucht Herr Stephanulo Colonna in die höchſte Wuth gerathen, daß kein Winkel im Hofe und in den Gängen des Hauſes undurchforſcht geblieben ſey, daß man aber zuletzt mit Gewißheit angenom⸗ men habe, die Entführte habe ſchon während der nächtlichen Wanderung Mittel gefunden, die Sänfte zu öffnen und entweder nach Rom zurück oder in die benachbarten Wälder zu entweichen. In die⸗ ſer Überzeugung hatte Stephanulo Späher nach allen Himmelsgegenden ausgeſchickt; er ſelbſt war auf dem Wege nach Rom zurückgeſprengt, weil er hier am Gewiſſeſten die Entflohene zu finden gedachte. —— — 407— Ildefonſe ergriff Gianetta's Hand und ſagte: „Du ſiehſt, daß du bei mir am wenigſten zu befürchten haſt! Mein treuer Livio gewahrt Alles, was meine und deine Feinde unternehmen, um ſo mehr, da er ihnen für einen unglücklichen Taub⸗ ſtummen gilt, deſſen Gegenwart ihnen keinen Zwang auferlegt. Durch ihn erfuhr ich den Anſchlag auf dich, durch ihn erfuhr ich, daß hier der Unſchuld und Tugend ein Netz geſtellt ſey und deshalb be⸗ ſchloß ich, dich zu retten.“— Die beiden Frauen führten nun ein ſtilles, ein⸗ förmiges Leben, das nur durch Gebet und religi⸗ öſe Ubung erheitert und erhoben wurde. Immer aber ſchien ein tiefer Kummer auf Ildefonſens Ge⸗ müth zu liegen, ein geheimer Vorwurf ſie zu quä⸗ len, den kein Gebet entfernen konnte. Sie hatte in einzelnen traulichen Mittheilungen Gianetten viele Umſtände ihres Lebens entdeckt. Frühe ſchon, noch ein halbes Kind, war ſie durch ihre Eltern dem reichen und mächtigen Erben des Hauſes Co⸗ lonna verlobt worden. Beide kannten ſich nicht, beide ſahen ſich zum erſtenmale an dem Tage, als Herr Stephanulo das Ufer der Probence betrat, um wenige Stunden nach ſeiner Ankunft der eben⸗ falls reichen Erbin des Hauſes Vaurigny ſeine Hand am Altare zu bieten. Stephanulo war jung, — 108— von ritterlichem Betragen, gefälliger Rede und ein⸗ nehmender Geſtalt. Was Wunder, daß das Herz der jungen unerfahrnen Frau ſich gern der Pflicht, ihn zu lieben und als Gatten hochzuhalten, unter⸗ warf! Er war der erſte Mann, der einen tiefen Eindruck auf ſie machte, er war ihre erſte Liebe Wirklich mußte auch jeder, der das junge Paar aus dem ſchönen Lande der Provence abreiſen ſah, das beſte Glück der Zukunft für ſie hoffen, da eins nur die innige Liebe des andern zu erwiedern und gar zu überbieten ſchien. Bei Ildefonſen war in der That dieſe Neigung tief in die Seele gewurzelt, bei dem jungen Colonna aber, der frühe ſchon den ſchäumenden Becher aller Lebensfreuden an ſeine Lippen geführt, war ſie nur ein flüchtiger Nauſch. Hiervon überzeugte ſich die liebende junge Frau gleich nach ihrer Ankunft in Rom. Mit Abſcheu ſah ſie das zügelloſe Treiben der Barone, mit Ent⸗ ſetzen erkannte ſie, daß ihr Gatte, daß alle Män⸗ ner des Hauſes Colonna, ſelbſt der greiſe Herr Ste⸗ phano, jeder Willkühr, jeder ſinnlichen Begierde ſich hingaben. Sie ſah ſich umgeben von Lüge und Heuche⸗ lei, und als ſie dieſe entlarvte, traten ihr Gewalt, Gleichgültigkeit, Hohn und Spott entgegen. Wie oft flehte ſie nicht zu dem immer noch geliebtan Manne, ihr die Liebe wiederzuſchenken, die er ihr in den ——— ————— — 109— erſten Wochen ihrer Verbindung gezeigt, die niedri⸗ gen Dirnen aus dem Hauſe zu entfernen, denen er jetzt größere Aufmerkſamkeit widmete, als der rechtmäßigen Gemalin, ſich mit ihr auf das Land zurückzuziehen, und dort, fern von allen Lockungen und dem böſen Beyſpiele der andern Ritter, einem friedlichen Glücke zu leben! Man hatte ſie verlacht, als eine thörigte Bußpredigerin verſpottet. Selbſt die Frauen in der Familie mieden ſie, indem ſie die Fremde, die ſich in das ihnen billig und ge⸗ wöhnlich Scheinende nicht fügen wollte, des Stol⸗ zes, der Anmaßung und Abſonderungsluſt beſchul⸗ digten. Auch konnten ſie ihr nicht verzeihen, daß ſie nicht, wie ſie ſelbſt, für die Untreue der Män⸗ ner ſich in ähnlichen Verirrungen entſchädigte. Bald ſah Ildefonſe ein, daß auch die letzte Spur der frühern Liebe aus dem Herzen ihres Gemals ver⸗ ſchwunden ſey. Er behandelte ſie wie eine Magd, ſie wurde von der Familie fern, in Einſamkeit, faſt wie eine Gefangene gehalten. Anfangs be⸗ mächtigte ſich ihrer dumpfe Verzweiflung; dann er⸗ wachte ihr Stolz. Die Liebe zu ihrem Gatten ging in völlige Verachtung über, da ſie ſich überzeugte, daß dieſer nur ihre Hand geſucht habe, um Herr ihres Vermögens zu werden und dieſes nach Gelüſt zu verſchwenden. Sie wandte ſich auf geheimen — 110— Wegen an ihre Verwandten in der Heimath, um durch dieſe eine Auflöſung des unglücklichen Bandes, das ſie an einen Unwürdigen knüpfte, zu bewir⸗ ken. Allein der Pabſt hatte nicht den Muth, die mächtigen Colonna's durch eine ſtrenge Maßregel zu reizen. Er ermahnte zur Geduld, zur Verſöͤhn⸗ lichkeit. Für Ildefonſen hatte der Schritt, den ſie gethan, keine andere Folge, als daß er den Haß ihres Gatten und ſeiner ganzen Familie, die durch ihre Späher am päbſtlichen Hofe von Allem in Kenntniß geſetzt worden, auf ſie zog. Unter dem Vorwande ſie zu erheitern, brachte man ſie auf das Land. Man räumte ihr ein abgelegenes, alterthüm⸗ liches und kleines Gebäude ein, das in der Nähe eines größern Schloſſes ſich befand, in welchem letz⸗ tern Herr Stephanulo ſich oft mit ſeinen Freunden zu Gelagen verſammelte und die geraubten Opfer ſeiner Luſt verſteckt hielt. Ildefonſens Wohnung wurde von Bewaffneten bewacht und weder ſie noch ihre franzöſiſche Kammerfrau durften ſie verlaſſen. Nur dem ſcheinbar taubſtummen Zwerge wurde die Verbindung mit dem ſogenannten neuen Schloſſe geſtattet, damit er für die Bedürfniſſe der Gefan⸗ genen ſorge. Durch ſeine ſchlaue Hülfe war es Ildefonſen gelungen, noch einige Briefe an ihre Verwandten in der Provence zu ſenden, in denen — u1— ſie ihre Lage mit den traurigſten Farben ſchilderte. Nur auf den letzten hatte ſie von ihrem älteſten Bruder eine ſtrenge und herbe Antwort empfangen, des Inhalts: wie man wohl wiſſe, daß ſie durch ihre Unverträglichkeit ſich ſelbſt im Zwieſpalte mit der Familie Colonna und ihrem Gatten erhalte, daß ſie in dieſem Betragen keine Unterſtützung von den ihrigen hoffen dürfe, um ſo weniger, da es nur von ihr abhänge, durch Güte und Ergebung ein freundliches Vernehmen herzuſtellen. So ſah die Unglückliche bei ihren nächſten Verwandten ſich verläumdet, ſich von ihnen verläugnet! In dieſer Zeit war es, als ein Zufall ſie mit dem Geheim⸗ niſſe der verborgenen Gänge und unterirdiſchen Wege, die in das große Schloß führten, bekannt machte; allein was konnte dieſe Entdeckung, wenn ſte auch die Pforten zur Freiheit geöffnet hätte, ihr nützen? Wo fand ſie Freunde, Beiſtand und eine gaſtfreie Stätte? Ihr blieb nichts übrig, als verlaſſen von dem, welchem ſie in ſüßer Täuſchung Liebe und Leben hingegeben, verlaſſen von jenen, welche die Natur ihr nahe geſtellt, den Augenblick ihrer Aufloſung zu erwarten, der freilich mit Rie⸗ ſenſchritten heranzueilen ſchien. Die Kammerfrau, obgleich ihr ſehr ergeben, ſtand immer in dem kal⸗ ten Verhältniſſe einer Dienerin ihr gegenüber, jede — 112— Pflicht mit Gewiſſenhaftigkeit erfüllend, aber ohne jene innige Theilnahme, welche die Leiden einer lang⸗ ſam Hinſterbenden erleichtert. Wie ſehr fühlte ſich nun Ildefonſe durch die Gegenwart Gianetta's, die auch das Unglück aus ſchmerzlicher Erfahrung kannte, getröſtet, wie ſuchte ſie mit ängſtlicher Beſorgniß dieſen Troſt feſtzuhal⸗ ten! Bald geſtaltete ſich unter beiden ein liebevolles ſchweſterliches Verhältniß. Je lieber aber Gianetta die kranke Frau gewann, deſto tiefern Kummer verurſachte es ihr, ſie täglich mehr verfallen, mehr in Schwäche hinſchwinden zu ſehn. Sie konnte nur wenig von ihrem Lager aufſtehn, ſie fand nur einen unruhigen Schlummer, wenn ſie dieſen durch einen Schlaftrunk, der auch zugleich ein Linderungs⸗ mittel ihrer Bruſtkämpfe war, herbeirief. Dann lag ſie da, bleich und an allen Gliedern in leiſen Krämpfen bebend: ein Bild des Elendes, der na⸗ hen Auflöſung. Der Umgang mit dieſer Unglücklichen machte Gianetta oft ihren eigenen Kummer um den todt⸗ geglaubten Lucio vergeſſen. Ihr Gemüth war tief niedergedrückt, die Welt erſchien ihr als ein Auf⸗ enthalt des Elends und ſchwerer Prüfung: wenn ſie dann aber auch wieder in Augenblicken, wo ſich Verzweiflung und Reue über ein ungenanntes Ver⸗ — 113— brechen, deſſen ſich Ildefonſe anklagte, dieſer be⸗ mächtigten, am Lager der Bedauernswürdigen ſtand, dann fühlte ſie doch, daß ihr Leiden, da es von ei⸗ gener Schuld frei, das geringere ſey, daß ſie von der Gottheit, durch ein volles Vertrauen auf dieſe, tröſtend begünſtigt werde. Monate gingen vorüber, ohne daß irgend eine Störung dieſer Verhältniſſe eintrat. Niemand er⸗ ſchien in dem öden Haufe, niemand fragte nach deſſen Bewohnerin. Da rief eines Abends Ildefonſe, gerade als ſie im Begriff war, ihren gewohnten Schlaftrunk zu nehmen, Gianetta näher an ihr La⸗ ger und ſagte in einem bittern Tone: „Ich will dir etwas entdecken, wozu mich die Menſchen getrieben haben: die Sünde, die ſo ſchwer RJauf meiner Seele laſtet. Ich werde leichter leben, leichter ſterben können, wenn du ſie weißt. Aber ſchwöre mir, niemanden auf Erden weiter davon zu ſprechen, ſchwöre mir, das Geheimniß in deiner Bruſt für immer zu begraben.“ Die Kranke befand ſich in einem ſo leidenſchaft⸗ lich erregten Zuſtande, daß Gianetta nicht wagte, ihr Verlangen abzuſchlagen. Sie gelobte ihr unver⸗ brüchliches Schweigen. G „Ich ſagte dir ſchon einſt,“ fuhr Ildefonſe „daß, fort meine Lebensſtunden gezählt ſehen, daß IV. 8 8 — 114— ich den Tag, den Augenblick meines Todes mit Gewißheit voraus wüßte. Du magſt dieſe Auße⸗ rung für den Wahn einer Kranken, für die Grille einer Schwermüthigen genommen haben. Ich ſprach mit Üüberzeugung. Siehe, Gianetta, es kam einſt eine ſchwarze Stunde über mich, eine Stunde, in der ich an— Gott verzweifelte! Hatte mich doch ſein Stellvertreter auf Erden ſtreng zurückgewieſen, als ich demüthig um Erlöſung aus der Hölle, die mich umgab, flehte! Ich ſagte dir ſchon, Mädchen, es war eine ſchwarze Stunde! Ein böſer Dämon raunte mir zu: was verlangſt du Gottes, was ver⸗ langſt du ſeiner Diener Hülfe? Hilf dir ſelbſt— ein Freund iſt dir gewiß, wenn du nur Vertrauen zu ihm trägſt! Höre mich ruhig an, Gianetta, ver⸗ damme mich nicht gleich!“ Ein heftiges Fieber hatte die Leidende ergriffen. Ihr ganzes Weſen wurde von Augenblick zu Augenblick erregter. Ihre glü⸗ henden, bebenden Hände hielten beide Hände der Gefährtin gefaßt, dunkelrothe Flecken kamen und verſchwanden auf ihren Wangen, ihre Lippen wa⸗ ren blau, der Ton ihrer Stimme ging oft in ein tief aus dem Innern kommendes Schluchzen über. Alle dieſe Erſcheinungen mochten durch den unwi⸗ derſtehlichen Drang ſich mitzutheilen, ſich zu offen⸗ baren, veranlaßt werden. Während ihre Bruſt von kurzen, heftigen Athemzügen bewegt wurde, fuhr ſie ſchneller ſprechend, als treibe ſie es, bald mit ihrem Bekenntniſſe zu Stande zu kommen, fort: „Ich war in jenem Augenblicke eine Verirrte, eine Wahnſinnige. Deßhalb wird mir Gott verzeihen. Es war Nacht. Da ſchlich zu mir ein alter Mann im weiten Mantel herein, ein kräuterkundiger Greis, den ich hatte beſtellen laſſen. Unter dem Mantel trug er Phiolen mit Flüſſigkeiten von allerlei wi⸗ derlichen Farben. Ich gab ihm Geld; dafür gab er mir ein Fläſchchen. In dem Fläſchchen— Gianetta, ſey keine ſtrenge Richterin!— in dem Fläſchchen war Gift, ein feines, langſam aber ſicher tödtendes Gift, deſſen künſtliche Bereitung ſeine tödt⸗ liche Wirkung auf den Augenblick berechnen ließ. Derjenige, welcher es nahm, ſchwand langſam hin, ohne daß Jemand die Urſache ſeines Verwelkens ahnte. Gianetta— bebe nicht zurück vor mir! Ich nahm das Gift, ich ſterbe an dem Gift, ich ſterbe in Sünden, oder— oder glaubſt du, daß Gott mir verzeihen kann?“ Sie hatte ſich unter den letzten Worten auf die Kniee erhoben. Mit gefalteten, gegen Gianetta gerichteten Händen, ſah ſie, von entſetzlicher Angſt, von herzzerreißendem Jammer gepeinigt, zu dieſer auf. Von ihrem Munde erwartete ſie Löſung der 8* — 116— ſchrecklichen Zweifel, Beruhigung des gequälten Gewiſ⸗ ſens, neues Vertrauen auf Gott und auf— den Tod. Gianetta war erbleicht bei dem Geſtändniſſe, ein eiſiger Schauer rann durch ihre Glieder. Aber ſie gedachte dann des ſchmählichen Unglückes der Ar⸗ men, ihrer Verlaſſenheit von Allen, ihrer unerfah⸗ renen Jugend, des ſchrecklichen Schickſalwechſels, der ſie aus dem unſchuldigen Freudenhimmel der Heimath in eine Hölle der Verworfenheit, des ver⸗ folgenden Haſſes, der tief verwundenden Schmach geführt hatte. Da ſchloß ſie Ildefonſe in ihre Arme, da rannen ihre Thränen auf das glühende Antlitz der Kranken, da ſagte mit zuverläſſigem, gläubigem Tone Gianetta: „Dir iſt verziehen, du Unglückliche! der Herr des Erbarmens richtet nicht die Werke der Ver⸗ zweiflung.“ Mit einem ſeligen Lächeln ſank Ildefonſe auf ihr Lager zurück. Sie ſchloß die Augen und ent⸗ ſchlief, ohne ihren Betäubungstrank genommen zu haben, zum erſtenmale ſeit langer Zeit zu einem ſanften, ungeſtͤrten Schlummer. In Rom war indeſſen eine gänzliche Verände⸗ rung der öffentlichen Angelegenheiten eingetreten⸗ — 117— Durch Sergiani's Bemühung hatten ſich die Kauf⸗ leute und die Zünfte mit der Parthei des Cola Rienzi vereinigt. Selbſt einige der minder mächti⸗ gen Barone hatten ſich um ſo eher dieſem geheimen Bunde angeſchloſſen, da ſich Rienzi das Anſehen zu geben wußte, als geſchehe Alles, was von ihm aus⸗ ging, mit ſtiller Einwilligung des heiligen Vaters. In einer geheimen Verſammlung auf dem aventi⸗ niſchen Berge faßte man endlich den beſtimmten Entſchluß, das Regiment der Stadt Rom zu ver⸗ beſſern und ihr das alte Anſehn wiederzugeben. Von ſeinen Verbündeten unterſtützt durfte Cola, gerade zu einer Zeit, als die mächtigſten Barone abweſend waren, es wagen, ſeine Entwürfe zu ver⸗ wirklichen. In Begleitung einer ungeheuern Volks⸗ menge begab er ſich eines Morgens aus der Kirche Sancti Angeli in pescaria mit großem Gepränge auf das Capitol. Der Vicar des Papſtes, von ihm ge⸗ täuſcht wie ſo viele andere, ging ihm zur Seite; ein Haufe von hundert Bewaffneten umgab ihn. Durch eine kluge, wohlberechnete Rede gelang es ihm leicht, das ſtets neuerungsſüchtige Volk für die Umgeſtaltung der Dinge zu begeiſtern, für ſeine Perſon zu gewinnen. Noch ehe er das Capitol verließ, wurde er zum Volkstribun, zum Mitge⸗ noſſen der Gewalt des päpſtlichen Legaten ernannt. — 118— Vergeblich blieb ein Verſuch des alten Herrn Ste⸗ phan Colonna, ſich des ehemaligen Anſehens wie⸗ der zu bemeiſtern. Mit Schimpf und Schmach bedeckt mußte er aus Rom entfliehen, das nun Ri⸗ enzi unumſchränkt und Anfangs mit großer Gerech⸗ tigkeit beherrſchte. Wenn es auch nothwendig ſchien, im Eingange dieſer Erzählung die Charaktereigenthümlichkeiten eines ſo wunderbaren Mannes, wie Cola Rienzi, in einzelnen Zügen zu ſchildern; ſo liegt es doch jetzt außer den Verhältniſſen, welche die Haupt⸗ perſonen, Gianetta und Lucio, betreffen, die ge⸗ ſchichtlichen Begebenheiten näher darzuſtellen, als es das Verſtändniß des Ganzen erheiſcht. Es ſey nur noch erwähnt, daß die Barone ſich bald dem vom Volke vergötterten Tribun unterwarfen und daß die ſtolzen Colonna's die erſten waren, die ihm huldigten. Bald hatten ſeine ſtrengen Maßregeln Ruhe und Sicherheit im ganzen Kirchenſtaate her⸗ geſtellt. Der Ruf ſeiner Gerechtigkeitsliebe ver⸗ breitete ſich in ganz Italien und ſogar in fremde Länder, ſo daß oft Geſandtſchaften aus der Ferne zu ihm kamen, um Entſcheidung in irgend einem verwickelten Rechtshandel zu verlangen. Niemand fühlte ſich glücklicher unter dieſen Umſtänden, als Janno Roscio. Er hatte ſeine Badſtube und ſeine Weinwirthſchaft aufgegeben, er hatte mit dem Schwiegerſohne und der Tochter einen der ſtattlichſten Palläſte Roms bezogen. Er nahm ſeinen gebührenden Theil an den NReichthümern, welche Rienzi in der Stille ſammelte. Er erſchien jetzt nur in prachtvoller, einem regierenden Fürſten anſtändiger Kleidung, ging nicht mehr zu Fuße, ſondern ritt ein köſtlich geſchmücktes Araberpferd und war dann immer von einer Leibwache römiſcher Bürger umgeben. Freilich konnte aller dieſer Prunk ſeine lächerlichen Gewohnheiten nicht überdecken, freilich blieb er in den Augen Vieler immer der Janno Roscio, der ſie oft unter dem Raſier⸗ meſſer gehabt oder ihnen eine Kanne Wein gebracht hatte. Caſſia zeigte den größten Ubermuth. Sie ging nie aus, ohne von einer Schaar bewaffneter Jünglinge gefolgt, ohne von adelichen Frauen, ohne von Dienerinnen umgeben zu ſeyn, die ihr Kühlung zufächelten. Von allen nähern Vertrauten Cola's wieſen allein Lucio Sergiani, der Mathematikus Mattheo und Pietro Scamuzzi die glänzenden Belohnungen zurück, welche Rienzi ihnen darbot. Lucio hatte nur Gedanken für ſein Unglück, er lebte nur in ſeiner Sehnſucht nach Gianetten. Gleich am erſten Tage der Befreiung Roms hatte er mit mehreren ——— — 120— ſeiner Freunde die Palläſte der Colonna's bis in ihre geheimſten Schlupfwinkel durchſucht; aber ihre Bemühungen mußten, wie wir wiſſen, eitel bleiben. Er wurde erbittert auf Rienzi, als dieſer im Drange ſeiner Staatsgeſchäfte ſeine Herzensangelegenheit lau betrieb, er zürnte dem Janno Noscio„ da dieſer über das gewonnene Glück die verlorene Tochter zu vergeſſen ſchien. „Man muß nehmen, was die Zeit bringt;“ ſagte der vormalige Barbier eines Tages zu ihm. „Roſen blühen und verwelken und ſo iſt es auch mit unſrer Roſe gegangen. Jetzt ſtehn wir in einem Prachtgarten, wo alle Blumen Gold und Edelſteine ſind und man nur zuzugreifen braucht, um durch ein Paar Vergißmeinnicht, einige Tauſendſchön oder Federnelken ein gemachter Mann zu werden. Warum ſteckſt du die Hände in die Taſche, wenn die gute Zeit da iſt? Schade um die Schwertlilie, um den kecken Burſchen Luigi Gabrini! der würde ſchön aufgeräumt haben in dem Gold⸗ und Juwelen⸗ garten!“ Ohne ihn einer Antwort zu würdigen, wandte ſich Lucio von dem ſelbſtſüchtigen Alten ab. Mehr Troſt und herzlichere Theilnahme fand er in dem Umgange mit Mattheo und Pietro. Der Mathe⸗ matikus war in der letzten Zeit ſehr tiefſinnig ge⸗ — 121— worden. Was ihn ſonſt erfreut hatte, eckelte ihn jetzt an. Alle Berechnungen, alle Conſtellationen der Himmelskörper waren ihm ein Gräuel. Er ſprach bitter über ſie, über ihre Täuſchungen, über den Hohn, den ſie mit dem armen Menſchenge⸗ ſchlechte trieben. Wehe verhieß er über Rienzi's Zukunft und dieſe Erkenntniß eben war es, die den alten Mann, deſſen Liebling Cola immer ge⸗ weſen, ſo tief betrübte. Pietro Scamuzzi hatte ſich ganz und gar von Rienzi und ſeiner Familie zurückge⸗ zogen.„Vornehme Leute laſſen den Narren peitſchen;“ hatte er, als man ihn deshalb befragt, zur Antwort gegeben.„Ich meinte ,er ſolle ein Freund des Volkes werden, ſo aber hat er ſich zu ſeinem Herrn gemacht. Adio Signor Cola: der Pietro tritt in keinen Herrendienſt mehr!“ Es war an einem ſchönen Abende, kurze Zeit vor dem Oſterfeſte, als Lucio, ſeinem Kummer nach⸗ hängend, in den Umgebungen der Stadt abſichtslos umherwandelte. Er hatte einen Weinberg betreten, wo eben die jungen Reben wieder ausſproßten. Er ſah den frühen, üppigen Lenz des Südens ſich vor⸗ bereiten; wie eine tröſtende, leiſe Hoffnung zog es in ſeine Bruſt. Unter den Säulen einer ſchönen Tempelruine fand er einen behaglichen Sitz. Zu ſeinen Füßen lag die ſtolze Stadt, hinter ihr das * — 122— ſanft gerundete Gebirg, durch die Ebene zog die gelbe Tiber, vom fernen Oſtia glänzte das Meer herüber. O wie herrlich iſt dieſe Erde, wie ſchön wäre das Leben für den, der es mit Gianetten theilte! dachte er. Aber ſie iſt nun wohl ſchon längſt todt, fuhr er in ſeinen wehmüthigen Betrach⸗ tungen fort, geſtorben in Elend, vielleicht in ſchmach⸗ voller Verzweiflung! Da raſchelte es neben ihm im Geſträuch, eine wunderliche Zwerggeſtalt trat aus der Tempelruine und winkte ihm! Er blickte die Geſtalt betroffen an. Sie fuhr fort, ihn durch lebhafte Gebehrden aufzufordern, ihr in das Innere der Trümmer zu folgen. Lucio rief dem Zwerge zu. Dieſer deutete auf den Mund, um ſeine Stummheit, auf das Ohr, um ſeine Taubheit darzulegen. Er winkte aber im⸗ mer eifriger und ſchien dem jungen Römer begreif⸗ lich machen zu wollen, er habe ihm etwas mitzu⸗ theilen, wobei er die Arbeiter im Weinberg nicht als Zeugen wünſchte. Plötzlich erwachte, wie ein Blitz, in Sergiani der Gedanke, das Benehmen die⸗ ſes ſeltſamen Geſellen koͤnne in einer Beziehung zu Gianetten ſtehn. Er ſprang auf und eilte in das Gebüſch, in welches der Zwerg, als er ihn aufſtehn ſah, ſich ſogleich zurückgezogen hatte. Er fand die⸗ ſen nicht mehr; aber an einer Säule fand er ein — 123— Pergament aufgehängt mit der Aufſchrift:„Fuͤr Lucio Sergiani.“ Er kannte die Handſchrift nicht. Die Züge ſchienen von ſchwacher, bebender Hand aufgezeichnet. Von Furcht und Hoffnung bewegt, löste er das Wachs des Siegels.„Ver⸗ zweifle nicht, Lucio Sergiani!“ las er in eben je⸗ nen Schriftzügen.„Gianetta lebt und weilt bei ih⸗ rer beſten Freundin. Du wirſt ſie wieder ſehn, ſie wird die deinige werden, wenn eine fromme Pflicht, der ſie ſich gewidmet hat, erfüllt iſt. Das Feſt der Leidenstage und der Auferſtehung deſſen, der für die Menſchheit geſtorben, iſt nahe. Bis dahin ent⸗ behre und hoffe! Nie haben Gianetta's Räuber eine Gewalt über ſie gehabt. Der Engel Gottes, der über die Tugend wacht, gab einem ſchwachen Werk⸗ zeug die Kraft ſie ihren Feinden, nach wenigen Stunden der Gefangenſchaft, zu entziehn und an eine Stätte des Friedens und des Wohlwollens zu bringen. Gianetta's Freundin.“ Sergiani ſtarrte das Blatt an, wie ein Träu⸗ mender. Dann las er es noch einmal ab, noch zweimab und nun ging ſein Inhalt, wie ein Geiſt der Wahrheit, erfreulich, belebend und neue Hoff⸗ nung erweckend, in ſeine Seele über. Wie Vieles war doch noch räthſelhaft, unerklärlich; aber ein ge⸗ ringer Troſt, ein ſchwacher Glücksſchimmer in die 4 * — 124— Zukunft ſind oft hinreichend, Verzweiflung in Ver⸗ trauen, Kummer in Freude zu verwandeln! Vergebens forſchte Lucio nach dem Zwerge, von dem er noch irgend eine nähere Angabe zu erhal⸗ ten gedachte. Er war verſchwunden. Weder in den Trümmern des Tempels noch in dem umgeben⸗ den Gebüſche fand ſich eine Spur des geheimniß⸗ vollen Boten. Freudetrunken eilte Lucio den Berg hinab, nach der Stadt zurück. Wenige Tage wa⸗ ren noch bis Oſtern und doch ſchien ihm dieſe Zeit ſo lang! Kein Zweifel an die Glaubwürdigkeit der erhaltenen Kunde kam in ſeine Seele. Ein Ruch⸗ loſer, der ſeines Unglücks hatte ſpotten, der durch eine Lüge ihn hatte verhöhnen wollen, würde nicht in dieſem Geiſte der Frömmigkeit geſprochen haben! Im Freudentaumel kam er nach Hauſe. Hier harrte ſeiner ein Diener Rienzi's, der ihn zu dem Volstribun beſchied. In der glücklichen Stimmung, in der er ſich befand, fühlte er ſich wenig geneigt, ſich an einen Ort zu begeben, wo man vielleicht durch eitle und prunkende Freuden ihn zu zerſtreuen beabſichtigte. Als der Diener aber jener Aufforde⸗ rung hinzufügte, daß der Tribun ihm in der Ange⸗ legenheit, die ihm die wichtigſte ſey, einen Aufſchluß zu geben habe, zögerte er keinen Augenblick länger, ihm zu folgen. — — 125— Lucio war nicht wenig betroffen, als er in dem Geheimkabinette Colas ſich nicht allein dieſem, ſon⸗ dern auch dem Störer ſeines frühern friedlichen Le⸗ bens, Herrn Stephanulo Colonna, gegenüber fand. Den Ritter ſchien ſein Eintritt in Verlegenheit zu verſetzen. Rienzi aber nahm ſogleich das Wort und ſagte im Tone der Hoheit, deſſen er ſich jetzt immer bediente: „Wir haben den Ritter Colonna vor uns gela⸗ den, daß er ſich auf vertrauliche Weiſe der Anklage des Jungfraunraubes an Gianetta Roscio, unſrer Schwägerin und Eurer Braut, erledige. Wir konn⸗ ten nur ſeine Willfährigkeit in Anſpruch nehmen, da völlige Vergeſſenheit alles Vergangenen und Ge⸗ ſchehenen der Hauptpunkt der Verſoͤhnung zwiſchen Volk und Ritterſchaft waren. Deshalb gedenken wir auch nicht mehr des an unſerm Bruder verüb⸗ ten Mordes und laſſen die Rache ruhen, und die Strafe: Gott wird den Schuldigen ſchon finden! Was nun die Sache der Gianetta Roscio betrifft, ſo beſitzen wir das beeidigte Geſtändniß des Ritters, daß er zwar ihre Entführung veranlaßt, daß aber die Jungfrau noch in derſelben Nacht, auf dem Wege zu einem ſeiner Schlöſſer, unbegreiflicher Weiſe entflohn ſey und er durchaus keine Kunde von ih⸗ ) weitern Schickſale habe. Hört ihn ſelbſt, Lucio — 126— Sergiani! Seine Erzählung klingt wunderlich, allein der Eid, den er geleiſtet, läßt uns an ihrer Wahr⸗ heit nicht zweifeln.“ In der That berichtete nun Herr Stephanulo, ganz der Wahrheit getreu, das Ereigniß, wie es ſich begeben und wie es ſich nach ſeiner Meinung verhielt. Als Lucio vernahm, wie Alles mit dem Inhalte ſeines Pergamentes genau übereinſtimmte, ſo daß er eine neue Bürgſchaft über deſſen Verſpre⸗ chungen erhielt, konnte er ſeine Freude nicht ber⸗ gen und lächelte ſtill beglückt für ſich hin. In ſei⸗ ner frohen UÜberzeugung, daß eine nahe Zukunft ihm Geliebte und Glück wiederbringen werde, über⸗ hörte er leicht, was der junge Ritter ſonſt noch ſagte und äuſſerte zuletzt: er ſey zufrieden mit der gegenwärtigen Lage der Dinge und nehme auch jede Klage gegen Herrn Stephanulo zurück. Rienzi lä⸗ chelte, denn er dachte, dem jungen Kaufmanne ſey es gelungen, Gianetten aufzufinden und er werde ihm dieſes bald unter vier Augen entdecken. Der junge Colonna ahnte das Nämliche, allein in ſeiner Seele, die ohnehin mit bitterm Grimm gegen den Zwang, dem er ſich unterwerfen mußte, erfüllt war, erhob ſich ſogleich Neid, neues Gelüſte nach der Entflohenen und der Vorſatz, jeden 2ai — 127— Lucio's bewachen zu laſſen, um ſo eine Spur der Ver⸗ lorenen zu finden. Als Cola ſich mit Lucio allein befand, entdeckte ihm dieſer die wunderliche Begegnung mit dem Zwerge. Rienzi las den Inhalt des Pergamentes und verfiel dann in ein tiefes Nachdenken. Er gab das Blatt an Lucio zurück und ſagte: „Dieſe Botſchaft gibt mir ein größeres Licht, als du glaubſt! Wir wollen ſehen, ob Gianetta's ſeltſame Freundin Wort hält. Das Oſterfeſt ſoll das Feſt deines Glückes ſehn— wer weiß, ich trage auch wohl dazu bei!“ Mit dieſen räthſelhaften Worten entließ der Tribun den Kaufmann. Dieſer eilte nun, immer von beſeligender Hoffnung belebt, zu dem Mathe⸗ matikus Mattheo, wo er ſeinen Freund Scamuzzi zu finden hoffte. In der That trat ihm Pietro ſo⸗ gleich entgegen, aber mit einem ſehr verdrießlichen Geſichte. 8 „Handelsmann,“ ſagte er,„es gibt wenige Dinge, an denen die Philoſophie eines Narren ſcheitert, aber unter dieſen wenigen Dingen iſt der Eigenſinn eines Gelehrten das tollſte. Hat ſich nicht der aſtrologiſche Menſch da feſt in den Kopf geſetzt, ſich Hungers ſterben zu laſſen? * ihn an, wie er bleich iſt, wie die Lippen „ — 128— ſich nach und nach blau färben, wie ſeine Augen matt am Boden haften! Das kommt davon, daß er ſchon ſeit drei Tagen nichts geſpeißt. Be⸗ trachte die Herrlichkeiten, Handelsmann, die ich um ihn angehäuft habe, um ihn von ſeinem tollen Ent⸗ ſchluſſe ab, auf den Weg der Vernunft und des Eſſens zurückzuführen. Da ſind Feigen von Capri, Melonen von Terni, Hecht und Forelle aus der Tiber, Gebratenes von Rienzus leckrer Tafel, Ge⸗ backnes aus ſeiner Conditorei. Aber der Gelehrte beſteht darauf, nichts anzurühren; er will durchaus verhungern, um— wie er ſagt— Cola's Fall und klägliches Ende nicht zu erleben.“ Sergiani ſah mit Erſtaunen auf den alten Mann. Er erwiederte ſeinen Blick nicht, er ver⸗ harrte in hartnäckigem Schweigen auf ſeine Anrede. „Laß ihn!“ ſagte Pietro.„Der köſtliche Duft des Bratens und des Gebackenen wird ihn rühren, ein zufälliger Blick auf die herrlichen Früchte ſein Herz erweichen zu Gunſten ſeiner eignen Erhaltung. Was iſt alle menſchliche Beredſamkeit neben ſo ſchlagenden Beweisgründen? Ich ſehe dir an, Lucio, daß du mir etwas zu vertrauen haſt. Sprich ohne Rückhalt! Der Gelehrte hört dich nicht; er träumt von ſeinen Prophezeihungen und vom Verhungern.“ Ohne Zägern wurde Scamuzzi in Lucio 3 Ge⸗ 8» 8 — 129— heimniſſe eingeweiht. Er hörte ſehr aufmerkſam zu, er ließ ſich das Abentheuer mit dem Zwerge zweimal erzählen, er ließ ſich dieſen genau beſchreiben. „Dieſer taubſtumme Zwerg iſt ein Leuchtthurm in dunkler Nacht, der deinem Lebensſchifflein den Hafen der Liebe zeigt;“ ſprach er dann liſtig lä⸗ chelnd. Ich kenne ihn, ich habe an einem Tiſche mit ihm gegeſſen, ich habe gleiche Farbe mit ihm getragen, bis mir dieſe vom Leibe gepeitſcht wor⸗ den. Ich weiß auch, wem er jetzt dient und kann mir den Ort denken, wo ſeine Gebieterin reſidirt. Er ward ihr geſchenkt, als ich noch ein ritterlicher Narr, das heißt der Buffo eines Baronen war. Halte dich bereit zu einer fröhlichen Wanderung, Handelsmann! Morgen in der Frühe wollen wir ausziehn, beide als Pilger, mit Muſchelhut und Stab. Niemand darf uns kennen, denn unſer Ge⸗ ſchäft iſt Forſchen und Finden; wir aber dürfen nicht erforſcht und gefunden werden. Den Gelehr⸗ ten können wir, denke ich, ruhig ſich ſelbſt und ſeinen Umgebungen überlaſſen. Die Menſchennatur ſiegt zuletzt über den feſteſten Vorſatz, und Braten, Fiſch und Backwerk triumphiren über den Selbſtmord.“ Ehe ſie ſich entfernten, füllte Scamuzzi die große Lampe, welche das Gemach erhellte, noch einmal mit Ol. Mattheo war eingeſchlaſen und IV. — 130— ſchon, mit dem bleichen, hagern Antlitze einer Leiche ähnlicher, als einem Lebenden. Indeſſen welkte Ildefonſe in dem einſamen Waldſchlößchen, das ſie bewohnte, einem ſichern Tode zu. Keine Klage kam über ihre Lippe, ein Geiſt des Friedens und einer ſeligen Heiterkeit, ſchien, ſeitdem ſie gegen Gianetten ihr Geviſſen erleichtert, in ihre Seele gezogen zu ſeyn. Sie konnte ihr La⸗ ger nicht mehr verlaſſen; Gianetta verließ ſie nicht. Oft wenn des Mädchens Blicke auf ſie fielen, zeigte ſich ein zufriedenes Lächeln auf den bleichen, ab⸗ gezehrten Wangen. Aus ihren Augen, die auf Gianetten ruheten, ſtrahlte ein ungewöhnlicher Glanz und es ſchien, als trage ſie irgend eine ge⸗ heime, ſchöne Hoffnung in ihrem Innern, welche die treue Pflegerin betreffe. Da ſagte ſie einsmal zu dieſer: „Mein Tod bringt dir Glück, Gianetta! Harre nur in Hoffnung auf den erſten Tag des Oſter⸗ feſtes. Traure über mich, aber nimm dieſe Trauer nicht mit in das neue Freudenleben, das dir dann aufgeht. Ich bin ja dann auch glücklich, ich habe dann die Erlöſung gefunden, die ich ſo lange erſehnt!“ Gianetta verſtand den Sinn dieſer Rede nicht. ℳ ————— — 131— Wie konnte es noch ein Glück fuͤr ſie geben auf Erden, da Lucio todt, da alle ihre Hoffnungen mit ihm zu Grabe gegangen waren? So erſchien der erſte Tag des Oſterfeſtes. Il⸗ defonſe war ſehr ſchwach. Sie fiel aus einer Ohn⸗ macht in die andre. Gianetta ſah wohl ein, daß die Berechnung der Wirkung jenes genommenen Giftes ihren vorausbeſtimmten Erfolg haben werde. Sie konnte oft ihre Thränen nicht zurückhalten und dieſe rannen auf die kalte Hand der lieb gewonne⸗ nen Freundin. Als die Kammerfrau ſie einige Augenblicke verlaſſen hatte, wandte Ildefonſe ihr Antlitz nach Gianetten und ſagte ſchwach und mit großer Anſtrengung: „Beruhige dich, Gianetta! Es iſt mir eine große Wohlthat, in meinen letzten Stunden ein Weſen um mich zu haben, das mich wahrhaft liebt, und ich er⸗ kenne aus dieſer Gunſt des Himmels, daß er mir ver⸗ ziehn hat. Dir hat er noch große Freuden aufbe⸗ wahrt und wenn du ihrer genießeſt, dann verzeihſt du wohl auch mir, daß ich ſie dir um wenige Tage vorenthielt. Ich fürchtete, dich zu verlieren und konnte dich nicht entbehren. Der Zwerg lößt dir das Räthſel. Er wird dich deinem Glücke zuführen, wenn du meinem irdiſchen Staube die letztes Ehre erwieſen haſt. Hier ein freundliches Angedenken! 9* — 132— Es iſt der Schmuck meiner Mutter, den ich vor der Habſucht der Colonna's zu wahren wußte. Die Kraft der Rede vergeht mir. Bete über mich, wenn ich es nicht mehr vermag!“ Sehr mühſam hatte ſie das Schmuckkäſtchen, welches ſie Gianetten übergab, unter ihrem Kopf⸗ kiſſen hervorgeholt. Dann ſank ſie zurück, ſchloß die Augen und ſchien alle Beſinnung verloren zu haben. Gianetta knieete an ihrem Lager und betete mit Eifer und Inbrunſt. So währte es bis die Sonne ſich gegen die weſtlichen Gebirge neigte, bis ſie ihren goldnen Glanz um die blauen Höhen webte. Da fuhr Ildefonſe plötzlich aus ihrer Be⸗ täubung empor, richtete ſich auf, öffnete weit die Augen und ſah ungeblendet in die ſtrahlende Son⸗ nenſcheibe. Sie erhob die Hände zu ihr, eine ſelige Verklärung verbreitete ſich über ihr Angeſicht und mit dem Ausrufe:„Gott hat vergeben!“ hauchte ſie das junge, kummerbeſchwerte Leben aus. Es war ein truͤber, nebliger Morgen, an dem ſich das Thor des kleinen Waldſchloſſes öffnete und in dieſem ein einfacher Leichenzug erſchien. Vier Träger waren mit dem Sarge beladen, der mit ſeinem Inhalte in der, im größern Schloſſe, be⸗ — 133— findlichen Kapelle beigeſetzt werden ſollte, zwei ver⸗ ſchleierte Frauen folgten und ihnen ſchloß ſich der Zwerg an, von deſſen Hut lange, nachſchleifende Trauerflore herabhingen. Kein Prieſter ging mit im Geleite, keine reichgeſchmückte Dienerſchaft zeigte ſich: es war, als würde die Frau eines ſchlichten Landmannes beerdigt und nicht die Gemahlin eines der mächtigſten römiſchen Barone. Während der Zug langſam nach der offenern Gegend ſich hinbewegte, wo das größere Schloß lag, ſtiegen zwei Pilger die grasbedeckte Anhöhe hinan, die zwiſchen dem Walde und der bisherigen Wohnung Ildefonſens ſich erhob. Ihr Weg führte ſie dem Zuge entgegen und ſie hatten dieſen bei⸗ nahe erreicht, als der jüngere von ihnen den andern zurückhielt und zu ihm ſagte: „Es iſt ein ſchlimmes Zeichen, daß uns ein Leichenzug begegnet, wo wir ein neues glückliches Leben hofften. Laß uns zurückkehren! Tod und Hochzeit liegen oft nahe: das hat uns das Schick⸗ ſal des armen Luigi gelehrt, aber es iſt mehr ge⸗ ſchehn, daß die Hochzeit den Tod zu Gaſte bat, als daß der Tod zur Hochzeit geladen hätte!“ „Ich ahne, wen ſie da begraben;“ verſetzte der andre, indem er die Pilgerkappe tiefer in das An⸗ tlitz zog.„Es iſt eine, die das Elend, welches — 134— ihr die Hochzeit brachte, gern gegen den Tod tauſchte. Sie war zu aller Herrlichkeit des Lebens von der Natur berufen— wie wohl thut ihr jetzt die Ruhe unter dem Leichentuche! Aber von Umkehren ſprichſt du? Was wandelt dich an? Siehe dort den Schlüſſel deines Räthſels, den Zwerg, der dir ein Hoffnungs⸗ bote war!“ Ein Ruf der Uberraſchung ging über die Lippen des jüngern Pilgers. Beide ſchritten nun raſcher vorwärts und langten gerade zeitig genug an dem Eingange der Kapelle an, um mit dem Zuge ein⸗ zutreten. Es ſcheint kaum nöthig, dem Leſer die beiden Pilger zu nennen. Pietro Scamuzzi hatte, durch Lucios genaue Beſchreibung des Zwerges und ſeine ehemaligen Dienſtverhältniſſe zu dem Hauſe Colonna geleitet, ſeinen jungen Freund nach dem Waldſchloſſe geführt, das, wie er wußte, die ver⸗ ſtoßene Gemahlin Stephanulo's bewohnte. Jetzt ſtanden beide am Rande der Gruft, in die ihre entſeelte Hülle hinabgeſenkt wurde. Ihre Geſichter wurden von den tief herabhängenden Pilgerkappen beſchattet. Ein Prieſter hatte ſich eingefunden und murmelte eilfertig ein unverſtändliches Gebet über der Todten. Sergiani aber konnte keine Andacht, keine Trauer mitempfinden, denn ſein Herz klopfte hoch empor in freudiger Wallung! der Schmerz — 135— uͤber den Tod einer Unbekannten konnte nicht die Wonne des Wiederfindens einer innig Bekannten, der Geliebten, aufwägen. Er ſtand dicht neben einer der beiden ſchwarz verſchleierten Frauen. Er konnte ſeinen Blick nicht von ihr abwenden, eine wunderbare Empfindung zog in ſeine Seele, wie Nähe des Himmels, wie Nähe der Beſeligung. War denn das nicht Gianetta's leichte, zierliche Geſtalt, waren es nicht ihre Augen, die durch den Schleier hindurch glänzten, nicht ihre Locken, die unter dieſem hervordrängten, war es nicht der Laut ihrer Stimme, mit dem ſie jetzt dem Gebete des Prieſters, ſich vergeſſend, ein lautes Amen hinzu⸗ fügte? Sie war es und keine andre! Da ſank mit dumpfem Getöſe der Stein auf die Gruft, da wand⸗ ten ſich die Leidtragenden ab, um die Kapelle zu verlaſſen, da aber warf auch Lucio die Pilgerkappe zurück, ergriff die Hand der einen Verſchleierten und rief: 3 „Gianetta, wirf die Farbe der Trauer ab und winde den Myrthenkranz in deine Locken!“ Aber eine Ohnmächtige lag zu ſeinen Fuͤßen! Glaubte ſie ihn nicht todt und mußte ſie ihn nicht für ein Geſpenſt halten, das die Gruft wiedergegeben, für eine Leiche die man ihr eben geſchenkt? Der Schleier hatte ſich im Falle ge⸗ — 136— löſt und ihr Angeſicht lag offen da, entzückend ſchön, aber todtenblaß. Lucio ſank neben ihr auf die Kniee und rief ſie bei Namen und nannte ſie mit den ſüßeſten Schmeichelworten, um ſie zu erwecken; mehr aber wirkte Scamuzzi's be⸗ ſonnene Thätigkeit, der ſie mit Waſſer aus dem Weihkeſſel beſprengte. Sie ſchlug die Augen auf, ſie erröthete, ſie erinnerte ſich jetzt der Verkündi⸗ gung der ſterbenden Ildefonſe und errieth nun Vie⸗ les. Zugleich trat der Zwerg heran und offenbarte wie ſeine ſelige Herrin, durch Berichte, die er aus dem größern Schloſſe gebracht, darüber aufgeklärt, daß nicht Lucio Sergiani, ſondern Luigi Gabrini durch Meuchelmord gefallen, ihn mit jener Both⸗ ſchaft an Lucio abgeſandt und befohlen habe, das ganze Geheimniß Gianetten erſt nach ihrem Begräb⸗ niſſe mitzutheilen. Das Oſterfeſt hatte den Liebenden das verheiſ⸗ ſene Glück gebracht; aber Lucio's Schritte waren nicht von ſeinem Gegner unbeobachtet geblieben. Indem ſie die Kapelle verlaſſen wollten, erklang draußen Roſſesſtampfen, die Flügelthüren wurden mit Gewalt aufgeſtoßen, und hereintrat in völliger Rüſtung, mit aufgeſchlagenem Viſir und von eini⸗ gen Dienern gefolgt, Herr Stephanulo Colonna. Sein Antlitz glühete, ſeine Augen ſprüheten Blitze — 137— um ſeine Lippen ſpielte ein höhniſches, triumphiren⸗ des Lächeln. Ein Blick auf die Scene, die ſich ihm darbot, überzeugte ihn, daß ſeine Vermuthungen ihn nicht betrogen, daß ſeine Beobachtungen ihn richtig geleitet hatten. „Erkennt ihr die Wölfe im Schafpelze?“ rief er ſeinen Leuten zu, indem er auf die beiden Pil⸗ ger zeigte.„Leiſe ſind ſie eingedrungen zum Raube und meinen nun, ſich ebenſo glücklich mit ihrer Beute zu entfernen, aber ungeſtraft wird kein Co⸗ lonna betrogen. Ergreift ſie und werft ſie in Ketten.“ Da ſtürzte, von empörender Erinnerung an die einſt erlittene ſchmachvolle Züchtigung ergriffen, mit erhobenem Dolche Pietro Scamuzzi auf den Ritter los, um ihn zu durchbohren; da ſchwang Lucio dro⸗ hend den ſchweren Pilgerſtab, um ſich der andrän⸗ genden Knechte zu erwehren: aber ein donnerndes Halt! vom Eingange her lähmte plötzlich Aller Thätigkeit. Der junge Baron wurde bleich und ein Schauer des Entſetzens ſchien durch ſeine Glie⸗ der zu ſtrömen. Mit zitternder Hand winkte er ſeine Knechte zurück. Pietro hatte den Arm mit dem Dolche, Sergiani den erhobenen Stab ſinken laſſen. Alle Blicke waren auf einen Punkt gerich⸗ tet, auf den Eingang der Kapelle. — 138— Dort ſtand im Purpurmantel und mit dem Stabe der Gewalt in der ausgeſtreckten Rechten der Volkstribun. Hinter ihm zeigte ſich im freien Felde die Schaar ſeiner Trabanten. „Mein iſt die Gerichtsbarkeit des römiſchen Landes!“ ſagte er, ohne ſeine Stelle zu verlaſſen, ſtark und ſtreng zu dem jungen Ritter.„Habt ihr eine Klage gegen dieſe Pilger, ſo wißt Ihr meinen Gerichtshof zu finden. Im ÜUlbrigen wiſſet mir Dank, daß ich Euch vor einem Vergehn bewahre, welches Euch und ob Ihr tauſendmal ein Colonna wäret, an den Galgen gebracht hätte.“ Seine Hand erhob ſich höher, indem er die letzten Worte ſprach und in ſeinem großen drohen⸗ den Auge war zu leſen, daß die That ſelbſt der Warnung nicht fern ſtehe. Herr Stephanulo ent⸗ fernte ſich durch eine andre Pforte der Kapelle, die in das Innere ſeines Schloſſes führte, indem er ſich ſehr demüthig vor dem gefürchteten Tribun verbeugte. Rienzi's Gegenwart hatte jeden Hader geſchlich⸗ tet, hatte das Glück geſichert, das Gianetta und Lucio in ihrer Wiedervereinigung fanden. Bei je⸗ ner Zuſammenkunft mit Stephanulo und Sergiani war es ſeinem Späherblicke gelungen, die wahre Lage der Dinge zu durchſchauen. Wie konnte Gi⸗ — 139— anetta auf der Wanderung aus der wohlverwahr⸗ ten, von Bewaffneten umgebenen Sänfte unbemerkt entweichen? Der junge Ritter hatte den Namen des Schloſſes, wohin er Gianetten führen wollte, genannt. Rienzt wußte durch ſeine Späher, daß dort die verſtoßene Gemalin Stephanulo's weile; Lu⸗ cio's Erzählung ſeines Abentheuers mit dem Zwerge, der Inhalt des von dieſem überbrachten Pergaments leiteten ihn auf die weitere Spur. Aber er hatte auch in des jungen Colonna Seele geblickt und deſſen böſe Vorſätze errathen. Er ließ ihn heim⸗ lich beobachten und folgte ihm, als er Rom verließ, ſelbſt mit einer Schaar ſeiner Trabanten. So war er im entſcheidenden Augenblicke erſchienen, ſo ver⸗ mochte er den Blitz, der aus heiterm Himmel nie⸗ derſchlagen wollte, von den Häuptern der Bedroh⸗ ten abzuwenden. Eine Trauerkunde ſtörte die Freude der Lieben⸗ den, als ſie in Rom eintrafen. Der alte Mattheo, lebensmüde und nur Unglück in der Zukunft ſehend, war ſeinem Vorſatze treu geblieben. Dieſen hatten nicht die köoſtlichen Lockungen zum Leben, mit wel⸗ chen ihn Pietro Scamuzzi im vollen Vertauen auf ihre Macht umgeben, erſchüttern können. Man fand ihn als eine Leiche dem Hungertode heimgefallen, inmitten einer Nahrungsfülle des Lebens. — 140— Wir müſſen den Leſer bitten, den Zeitraum von einigen Monaten zu uͤberſpringen und uns dann an das Ufer des Arno, in die reizende Gegend von Florenz zu begleiten, wo vor einem ſtattlichen Land⸗ hauſe, unter einer Rebenlaube, ein junges Ehepaar ſitzt, auf deſſen Stirn Friede und Heiterkeit ihre Heimath aufgeſchlagen haben. Ein Mann, in der Kleidung eines wohlhabenden Landbewohners, iſt nicht fern von ihnen mit einer leichten ländlichen Arbeit beſchäftigt und lächelt und nickt ihnen oft freundlich zu. Da ſchreiten zwei Bettler den nahen Hügel herab und treten vor des Paar. „Sergiani!“ ruft der eine;„Gianetta!]“ der andere. Das Paar ſpringt entſetzt auf, der arbei⸗ tende Mann eilt betroffen herzu. Ein wunderliches Zuſammentreffen fand hier ſtatt. Die Bettler waren Cola Rienzi und Janno Noscio, die jungen Eheleute Gianetta und Lucio, der arbeitende Landmann Pietro Scamuzzi. „So hat es werden müſſen?“ ſagte bedeutungs⸗ voll Sergiani, indem er dem Schwager, der mit finſterm Blicke zu Boden ſah, die Hand reichte. Janno lag in den Armen der Tochter und jammerte und brach in laute Klagen gegen Cola aus. „Ich bin ſelbſt gern vornehm geweſen und lie⸗ ber eine ſtolze Feuerlilie, als eine beſcheidene Gän⸗ — 141— ſeblume;“ rief er,„aber was zu arg it, iſt zu arg. Zu arg hat es die Kaiſerkrone getrieben im Hoch⸗ muth, den heiligen Vater verläugnet, ſich Recht an der Kaiſerwahl angemaßt, ſieben Kronen auf ſein Haupt geſetzt, den Kaiſer, den Pabſt und die Car⸗ dinäle vor ſeinen Richterſtuhl nach Rom gefordert, in Schlemmerei und Trunkenheit ſeine Zeit verſchwen⸗ det, ſich zum Ritter ſchlagen laſſen und dann im Taufſteine des heiligen Conſtantinus ein Bad ge⸗ nommen! Da haben die Leute dann eingeſehen, daß er wahnſinnig ſey, einen wahnſinnigen Volkstribun haben ſie nicht gemocht und er hat fliehn müſſen in Schimpf und Schande und ich als unſchuldiger Schwiegervater mit ihm. Die arme Caſſia! Sie ſitzt jetzt verborgen in einem Kloſter und harrt, daß er wiederkehre und ſie noch einmal zur Frau Tri⸗ bunin erhebe. Sie wird eintrocknen, wie eine Blume, der es am Negen fehlt, denn die alte Tribunen⸗ herrlichkeit kommt nimmer wieder.“ „Und ſie wird doch wiederkehren!“ rief Cola, indem er mit dem Fuße auf den Boden ſtampfte, und glühende Blicke auf alle warf.„Ich werde das hohe Nom wieder beherrſchen und ſeine Baronen demüthigen. Der Kaiſer wird mir helfen, die Koͤ⸗ nige, die mir verbündet, ſtehen mir bei.“ Er hatte das Haupt hoch emporgerichtet, er ſah — 142— ſtolz umher, als ſtände er noch als Gebieter auf der Tribune des Capitols. „Dieſes Unglück habe ich vorausgeſehn;“ ſagte leiſe Sergiani zu ſeiner Gattin.„Um nicht mit von dem Sturme ergriffen zu werden, zog ich, als mein Vater geſtorben, mit dir hieher.“ „Ich bleibe bei Euch, Kinder;“ ſprach Noscio, indem er ſich zwiſchen das junge Paar drängte. „In Euerm Hausgarten will ich vegetiren, das vor⸗ nehme Treibhausweſen habe ich ſatt.“ „Und du, Cola,„redete im herzlichſten Tone Lu⸗ cio den Schwager an:„willſt du nicht unſer fried⸗ liches Glück mit uns theilen, willſt du nicht deine Caſſia kommen laſſen, um in einem ſchönen Fami⸗ lienvereine ein ſüßeres Glück zu finden, als dir ein ungewiſſer und gefahrvoller Schimmer von Pracht und Hoheit bietet?“ „Ich gehe zum Kaiſer!“ erwiederte feſt der ehe⸗ malige Volkstribun. Dann blickte er, von einer wei⸗ chen Empfindung ergriffen, alle noch einmal ab⸗ ſchiednehmend an und eilte mit großen Schritten den Berg hinan, wo er bald hinter Gebüſchen verſchwand. Mehrere Jahre waren vergangen und in dem Landhauſe am Arno ſchien noch daſſelbe häusliche — — 143— Glückz zu walten, wie früher. Alles verküͤndigte Wohlſtand, Behaglichkeit und ein verſtändiges Wir⸗ ken nach einem Zwecke: nach dem des Friedens. Wir finden wiederum Lucio und Gianetta unter dem Laubdache vor dem Landhauſe: ein Säugling ruht an ihrer Bruſt, auf den das Auge des Vaters lie⸗ bevoll blickt. Nicht weit von ihnen wiegt Janno Roscio ein zweijähriges Mädchen auf ſeinen Knieen und erzählt ihm, wie von einem Mährchen, von ſeiner ehemaligen Herrlichkeit. Auf dem Raſenplatze vor dem Hauſe ſpielt Pietro Scamuzzi mit einem vierjährigen Knaben, der, kräftig und friſch, dem Alten genug zu ſchaffen macht. Wir ſehen, daß der Segen der Ehe nicht ausgeblieben iſt, um das Glück des Paares vollſtändig zu machen. Indem Pietro den Knaben, mit dem er ſpielte, bei ſeinem Namen Cola rief, trat ein finſteres Wölk⸗ chen auf Gianetta's Stirn. Sie dachte an den Schwager, zu deſſen Gedächtniß der Knabe be⸗ nannt worden war, ſie dachte an die grauſame Täuſchung, die jenen getroffen, da ihn der Kai⸗ ſer, in den er Vertrauen geſetzt, gefangen dem Papſte nach Avignon ausgeliefert, wo er noch in ſtrenger Kerkerhaft ſchmachtete. Da ſchmetterten Trompeten von der nahen An⸗ hoͤhe herab in's Thal und ein glänzender Zug von Bewaffneten wurde oben ſichtbar. Der Knabe ſprang — 144— vom Raſenplatze fort, den Reitern entgegen, Sca⸗ muzzi eilte ihm nach. Das Ehepaar war vor die Laube getreten, der Säugling lauſchte vom Arme der Mutter empor. Da kam der Zug näher, an ſeiner Spitze zwei Männer in prachtvoller Kleidung: der eine mit dem Cardinalshute, der andere mit einem glänzenden ſilbernen Helm geſchmückt. Der Zug hielt vor dem erſtaunten Paare. Der Mann mit dem Helme öffnete das Viſir. Ein todtenbleiches, langgezogenes Antlitz, deſſen tiefe Furchen von erdul⸗ teten ſchweren Leiden erzählten, ſah daraus hervor. Als aber die flammenden Blicke des großen dunkeln Au⸗ ges auf Gianetta und Lucio trafen, da erkannten mit einemmale beide den Mann und:„Rienzi!“ ſchallte es im Ausrufe der höchſten Überraſchung von ihren Lippen. Cola lächelte, aber in dieſem Lächeln lag etwas Dämoniſches, das man früher nicht an ihm wahr⸗ genommen. „Ich ſagte es Euch ja einſt, daß ich wiederkeh⸗ ren würde, um das hohe Nom aufs Neue zu be⸗ herrſchen;“ ſprach er vom Pferde herab.„Es war an dieſer ſelben Stelle. Habe ich nicht Wort ge⸗ halten? Seht, dieſer ehrwürdige Herr iſt der Legat des Papſtes und er ſelbſt führt mich ein als Reichs⸗ verweſer in die heilige Stadt. Wer will mit? Wer will Glanz und Anſehn mit mir theilen?“ Nur Janno Noscio that unwillkührlich einige Schritte vorwärts. Als aber das kleine Mädchen auf ſeinem Arme ängſtlich wurde und:„Hier blei⸗ ben, Großvater!“ rief, da trat er gleich wieder zurück und ſagte: „Dumme Wallung von ehemals! Will ich wie⸗ der eine kränkliche Treibhauspflanze werden am Hofe, ſtatt hier friſch und kräftig zu blühen unter den Frühlingsroſen? Nichts da, Herr Schwiegerſohn Tribun! Ich bleibe hier. Grüßt mir die Caſſia!“ „So wird ſie allein die Freuden des Herrſchens und der Nache mit mir theilen!“ erwiederte ſtolz Rienzi, indem er das Viſir herabließ und, ohne wei⸗ ter zu grüßen, ſeinen Weg fortſetzte. „Kannſt du das begreifen?“ fragte Gianetta ihren Gatten und ſah noch faſſungslos dem Zuge, der ſich ins Thal verlor, nach. „Er iſt der Löwe, der die Tieger bändigen ſoll;“ verſetzte Lucio.„Das römiſche Land iſt von Räu⸗ bern und Mördern überſchwemmt, in der Stadt hau⸗ ſen wieder in alter Zügelloſigkeit die Barone und verſagen dem Papſte, was ihm gebührt. Da hat er nun den Löwen gegen ſie losgelaſſen. Armer Löwe, ich fürchte ſehr, dein Reich iſt nicht von Dauer! Du biſt mit dir ſelbſt zerfallen, du bringſt nicht die angeſtammie Großmuth, du bringſt Bit⸗ IV. — 146— terkeit und Rachſucht mit dir zurück: das ſind Gifte, die dich verderben.“ Und ſo geſchah es auch! Er wurde vom Volke mit Enthuſiasmus aufgenommen, es begleitete ihn im Triumphe zum Capitol. Anfangs verhüllte er ſeine Entwürfe unter den Schein der alten Gerech⸗ tigkeitsliebe. Dann aber trat Haß und Grauſam⸗ keit in ungerechten Werken gegen ſeine ehemaligen Gegner hervor. Unerträglich wurde ſein Hochmuth, ſeine Anmaßung. Da vereinigte ſich das Volk mit dem Adel in einem Aufſtande gegen ihn und er wurde, wie ſein Bruder Luigi, von einem Diener des Hauſes Colonna meuchelmörderiſch erſtochen. Der Pöbel trieb mit dem Leichnam deſſen, den er einſt abgöttiſch verehrt, grauſamen Hohn; Caſſia, deren Stolz in den Freuden der wiederkehrenden Hoheit geſchwelgt, weihete ſich nun mit zerknirſch⸗ tem Herzen für immer dem Kloſterleben. In dem Landhauſe am Arno aber hatten Glück und Friede ihre Heimath errichtet. Im hohen Al⸗ ter ſtarben Janno Roscio und Pietro Scamuzzi; Gianetta und Lucio ſahen noch in ſpäten Jahren das häusliche und Eltern⸗Glück ihrer Kinder. —— 2 —₰½ — Es war eine regneriſche und ſtürmiſche Dezember⸗ nacht des Jahres 1813. Der Rhein brauſ'te wild herab zwiſchen ſeinen felſigten Ufern, aus den Klüf⸗ ten heulte der Sturm und in den Wäldern des Ufergebirges hörte man von Zeit zu Zeit das Zu⸗ ſammenbrechen mächtiger Bäume. Dieſe rauhen Stimmen der empörten Natur drangen ermunternd an das Ohr eines jungen Mäd⸗ chens, das in einer einſam am Ufer gelegenen Hütte, am Bette eines Kranken ſaß und oft nahe daran war, dem übermächtigen Drange zum Schlafe, den ſie ſchon mehrere Nächte entbehrt, nachzugeben. Ihr Angeſicht war bleich, aber von edler Bildung, das ſtarke blonde Lockenhaar hing entfeſſelt über Rücken und Nacken herab, ihr Anzug war einfach, aber ſehr reinlich. Wenn ſie ſich über den ſchwer und tief athmenden Kranken beugte, ſo zeigte ſich im Dämmerlichte der matt brennenden Lampe die ganze Zartheit ihrer ſchlanken Geſtalt, deren Bewe⸗ gungen dennoch etwas ſehr Kräftiges und Beſtimm⸗ tes hatten. Sie ſah wohl, daß der Kranke nicht — 150— ſchlief, daß ſeine Augen weit offen waren, und ſtarr an der Decke des Zimmers hingen, aber ſie brach die herrſchende Stille nicht und reichte jenem nur, wenn er von einem oft eintretenden heftigen Huſten erſchüttert worden war, einen beſänftigenden Trank. „Anne,“ hob jetzt der Kranke mit gepreßter, heiſerer Stimme an:„es geht zu Ende mit mir. Sechzig Jahre habe ich's mitgemacht, wild und toll genug, wie es das Leben gewollt hat, erſt im bun⸗ ten Soldatenſtande, dann als ein Fiſcher hier am Rheine, der manchen guten Fang gemacht hat, aber nun iſt's vorbei. Der letzte Salmenzug am Lurley hat mir den Reſt gegeben und als mich die ſchwere Netzſtange auf die Bruſt traf und mich zu Boden ſtürzte und mir das helle Blut aus Mund und Naſe drang, da wußte ich, daß ſie mich über ein halbes Jahr hintragen würden, wo ſie die ſelige Gertrud vor vier Jahren hingetragen haben.“ „Beruhigt Euch, Vater!“ ſagte mit einer ſehr ſanften Stimme das Mädchen, indem ſie die kalte Hand des Kranken ergriff.„Es ſteht nicht ſo ſchlimm um Euch, wie Ihr glaubt. Geſtern gab ja noch der Doctor die beſte Hoffnung. Ihr ſolltet Euch nur ruhig halten und wenig ſprechen, Vater!“ Mit einer gewaltſamen Bewegung ſchleuderte — 151— der Kranke die Hand des Mädchens fort und ſprach in ängſtlichem, zitterndem Tone:. „Nenne mich nicht mehr Vater, Anne! Wenn du das Wort ſagſt, ſo iſt es mir, als ſtieße mir einer ein Meſſer in's Herz und drehe es darin herum zu entſetzlichem Schmerze. Habe ich denn an dir als ein Vater gehandelt? Ha, ha, ha,“ lachte er heiſer auf,„ebenſowenig wie an der ſeligen Ger⸗ trude als ein braver Ehemann! Schlemmen und Würfelſpiel war meine Sache, aber das Hausweſen war mir zum Eckel und wenn ich nun doch heim mußte aus der Schenke, dann ließ ich Euch meinen Widerwillen entgelten durch Schelten und Toben. Ein ſchöner Vater das, ein ſchöner Ehemann! Sey froh, daß er ſtirbt, Mädel, ein ſolcher Vater iſt nicht werth—“ Ein entſetzlicher Huſten unterbrach ihn. Mehrere Minuten lang hatte er mit dieſem Anfalle zu käm⸗ pfen. Dann wurde er ruhiger, ſeine ſtarren Blicke ſuchten wieder die Decke und nur das tiefe Röcheln derrieth, daß noch Leben in ihm ſey. Mit einem⸗ male begann er wieder leiſe zu ſprechen: „Die Lurley*) hat mich verführt, die Lurley hat . 3 Eine Waſferfee, die am Lurley⸗Felſen nicht weit von Oberweſel, ihren Spuk treiben ſoll. — 152— mich geſtraft? Weißt du wie die Lurley ſingt, Anne? Es iſt eine arge Hexe, die Lurley, und jedem ſingt ſie von ihrem Felſen herab ſeinem ſündigen Gelüſte zu gefallen und ermuntert ihn zu böſen Thaten. Sie hat auch mir geſungen. Horch! Ich meine, ich höre ſie wieder.“ Heftig wandte er den Kopf nach der Thüre der Hütte, und ſah unruhig nach dieſer Richtung.„Klopfte da nicht jemand an die Thüre?“ fuhr er im Tone der höchſten Beängſtigung fort. „Ja, ja, es hat geklopft? Die Thüre geht auf— eine weiße, bleiche Frau tritt herein— Weh mir, ſie iſt es! Sie wird mich begleiten im Tode und mich anklagen vor dem Throne des ewigen Richters.“ Auch Anne hatte überraſcht und aufmerkſam nach der Thüre hingehorcht, denn es ſchien ihr in der That, als werde draußen geklopft; allein das Geräuſch des Sturmes, der noch immer fortdauerte, konnte leicht eine Täuſchung veranlaſſen und da ſie jetzt nichts mehr hörte, ſo bemühete ſie ſich nur den Kranken zu beruhigen und ſeinen Geiſt von den Wahnbildern abzuziehn, die ihn zu quälen ſchienen. „Sprich, was du willſt,“ wurde ſie bald von ihm unterbrochen:„du redeſt das bleiche Frauen⸗ bild doch nicht fort, das dort an der Thüre ſteht und mir winkt und mit den ſtarren Augen in's Gehirn bohrt! Ihr Haar iſt feucht und hängt ſteif und ſtruppig herab, das naſſe Gewand ſchließt ſich eng an die Glieder, ſie hebt die Hände und reicht nach mir hin— Lurley, Lurley, komm und hilf! Hilf mir von dem bleichen Geſpenſt, bett' es wieder an den Felſengrund, halt' es feſt, laſſ' es nicht herüber zu mir!’“ Röchelnd ſank er auf ſein Lager zurück. Anne hatte nicht auf ſeine letzten Worte gehört. Ihre Aufmerkſamkeit war wieder nach Außen gerichtet. Sie glaubte oft, durch das Wüthen des Sturmes und das Rauſchen des Fluſſes Schritte zu verneh⸗ men, die ſich in der Nähe der Hütte bewegten. Sie trat an das einzige Fenſter der kleinen Kammer, das nach dem Rheine hinausging. Der Himmel war noch immer mit dunkeln Wolken bedeckt und in dem Strome bemerkte man nur den Wiederſchein der einzelnen Bivouacfeuer, die auf den jenſeits liegenden Anhohen brannten und die Wachſamkeit der dort lagernden deutſchen Krieger bekundeten. Seitdem der Vater ſo ſehr krank geworden war und ſie ihre ganze Zeit ſeiner Pflege widmen mußte, hatte ſie den kriegeriſchen Ereigniſſen, die ſich jetzt in ihre Nähe drängten, wenig Aufmerkſamkeit ge⸗ ſchenkt. Ihre ärmliche Hütte wurde auch von frem⸗ den Wandrern ſelten bemerkt und von den Bewoh⸗ nern der Nachbarſchaft eben ſo ſelten beſucht. Jeder 1 — 154— hatte in dieſer unruhigen Zeit mit ſich zu thun und mußte darauf denken, ſich und ſein Eigenthum zu ſchützen, wenn es hier zwiſchen Deutſchen und Fran⸗ zoſen, welche letztere noch das Ufer, wo die Fi⸗ ſcherhütte ſtand, beſetzt hielten, zu blutigen Händeln kam. Anne ließ nachdenklich ihre Blicke von einem Wachtfeuer zum andern ſchweifen. Da rief ſie die Stimme des Kranken wieder zu ſeinem Lager. „Komm her, Annel“ ſagte er mit ſehr ſchwacher Stimme.„Ich will dir eine wunderliche Geſchichte erzählen, die ſich vor vielen Jahren hier zugetragen hat. Die Geſchichte liegt mir ſchwer auf der Bruſt, wie ein Centnerſtein, und ich glaube, es wird mir leichter, wenn ich ſie erzähle. Es war damals eine arge, kriegeriſche Zeit, noch blutiger und wilder, als die jetzige. In Paris war das Volk aufgeſtan⸗ den gegen ſeinen König und hatte ihn ermordet. Da wurde die Kriegsfackel geſchwungen gegen die Franzoſen aus allen Gegenden der Welt. Aber ſie hielten ſich tapfer und kamen ſiegreich herab bis an den Rhein. Sie wollten Freiheit und Gleich⸗ heit bringen für Hoch und Niedrig, ſagten ſie; nie⸗ mand aber konnte es ihnen glauben, denn ſie ſelbſt ſpielten die Herrn und verlangten von den andern Dienſtbarkeit. In jenen Tagen alſo hatte ſich hier am Rheine ein Mann als Fiſcher niedergelaſſen, der die er⸗ — 155— ſten Kriege gegen die Franzoſen mitgemacht. Er war von rauher Gemüthsart und hatte im Felde wohl manche üble Gewohnheit angenommen. Ein Mädchen, das er hier kennen lernte, gewann ſeine ganze Liebe, er entfernte ſich in der Stille von dem Heere, heirathete das Mädchen und nährte ſich nun kärglich, aber ehrlich von ſeinem Fiſcherhandwerke. Horch, Annel“ fuhr der Kranke jetzt lebhaft auf. „Wurde da nicht geſchoſſen? Gar nicht fern von hier, etwa fünfzig Schritte weit!“ „Es wird drüben geweſen ſeyn am andern Ufer oder der Sturm hat wieder einige Bäume gebrochen,“ antwortete Anne, die ſehr begierig auf die Fort⸗ ſetzung der Erzählung war. Sie konnte vermuthen, daß ſie ein Ereigniß aus des Kranken Leben ver⸗ nehmen würde, auf das er oft, von Gewiſſens⸗ regungen ergriffen, hingedeutet, und das, nach die⸗ ſen Andeutungen auch ſie betraf.„Jetzt iſt Alles ſtill,“ ſetzte ſie hinzu,„und Ihr könnt ruhig fort⸗ erzählen, Vater!“ b „Nicht Vater! Nicht Vater!“ rief mit heiſerem Tone der Kranke, indem er beide abgezehrten Hände gegen das Mädchen ballte.„Du ſollſt mich nicht Vater nennen, denn ich bin dein Vater nie gewe⸗ ſen und habe ſchlecht an dir gehandelt, ſchlecht wie dein ärgſter Feind. Höre nur meine Geſchichte wei⸗ ter und es wird dir Alles deutlich werden! Wun⸗ derliche Dinge will ich dir erzählen von dem Fi⸗ ſchersmanne, wie erſt der Gedanke zu dieſer That in ihm aufgekeimt, wie die Lurley ſeiner Frage Ge⸗ hör gegeben und dann den Schwankenden durch ihre hölliſchen Künſte zum Verbrechen verlockt hat.“ Er hielt inne. Ein Anfall ſeines Huſtens unterbrach ihn. Während Anne ihn unterſtützte, bemerkte ſie, daß Sturm und Regen etwas abgenommen hatten, und ſie glaubte nun ſelbſt, in nicht allzugroßer Ent⸗ fernung einzelne Schüſſe zu vernehmen. Der Kranke erhohlte ſich nach einiger Zeit und fuhr nun ſchwä⸗ cher, aber auch ruhiger fort:„Es mußten damals aus dem Lande Frankreich viele Reiche und Ange⸗ ſehene entfliehen, um nicht in die Hände derjeni⸗ gen zu fallen, die ihre Reichthümer wollten und ihnen deshalb nach dem Leben ſtanden. Man nannte ſie Emigranten. Von dieſen Emigranten kamen auch viele an den Rhein und ließen ſich überfahren an das deutſche Ufer, wo ihnen keine Gefahr mehr drohete. Oft erſchienen ſie bei Nacht und Nebel, die Feinde ihnen auf den Ferſen, und ſie zahlten dann demjenigen großen Lohn, der ſie eilig über⸗ führte auf den ſichern Boden. Auch der Fiſchers⸗ mann, von dem ich dir erzählte, hatte manches ſchöne Stück Geld auf dieſe Weiſe verdient. Aber er — 157— trug's in die Schenke, ſtatt es der Frau in den Haushalt zu geben und ſo kam es, daß immer Ar⸗ methei und Elend daheim waren, aber nimmer das Nöthige und Zufriedenheit. Einsmalen war die Frau auf einige Tage zu Beſuch an einem fremden Orte. Der Mann fuhr, als die Dämmerung ſchon nahe war, hinab nach dem Lurley, um nach den Netzen zu ſehen, die er dort zum Salmenfang auf⸗ geſtellt hatte. Er war noch nicht weit gekommen, als er plötzlich vom Ufer her ein ängſtliches Ge⸗ ſchrei vernahm. Er ſah hin und erblickte eine vornehm gekleidete Frau mit einem kleinen Kinde auf dem Arm, die mit der freien Hand ihn herbei⸗ winkte und mit heftigen Bewegungen hinter ſich deutete. Ein zerbrochener Wagen lag auf der Land⸗ ſtraße, aus dem Thale herauf blinkten Gewehre und franzöſiſche Uniformen. Der Mann dachte gleich: da gibt's einen guten Verdienſt! und war raſch am Ufer, um die Frau mit dem Kinde einzunehmen. Während er abſtieß, ſank ſie kraftlos auf den Bo⸗ den des Nachens, hielt aber ihr Kind feſt an der Bruſt. Der Fiſchersmann war ſchon dicht am an⸗ dern Ufer, als die Verfolger drüben erſchienen, nach ihm ſchrieen und einzelne Schüſſe, die ihm nicht ſchaden konnten, herüberſchickten. Er fuhr immer raſch unter dem Schutze des Ufers fort und die — 158— eintretende Dunkelheit entzog ihn bald ganz den Blicken der Nachſetzenden. Jetzt ließ er das Ruder einige Augenblicke ruhen und trat zu der Frau, um ſie zu fragen, wo er anlegen ſolle. Die Frau aber lag in tiefer Ohnmacht und athmete nur noch ſchwach. Das Kind ſchlief ruhig in ihrem Arme. In ſeiner Verlegenheit wußte der Fiſchersmann nichts anders zu thun, als an das gegenüber befindliche Ufer zurückzufahren, wo gerade in dieſer Richtung, zwiſchen Bäumen und Strauchwerk verborgen, ſeine Hütte ſtand. Er brachte die Frau mit Mühe an's Land und in die Hütte, das Kind holte er nach. Als er es von der Bank des Nachens, auf der er es zurückgelaſſen hatte, aufhob, fand er neben ihm auch ein rothes Käſtchen, das er früher ſchon in der Hand der Frau geſehen hatte und das ſeiner Schwere nach, wohl Geld und Geldeswerth enthal⸗ ten konnte. Auch das Käſtchen nahm er mit in die Hütte. Indeſſen war die Frau aus ihrer Ohn⸗ macht erwacht. Sie lag hier, wo ich jetzt liege,“ fuhr er bewegter fort,„ſie konnte nicht ſprechen, aber ſie winkte den Mann, der auf dem Arm ihr Kind und in der Hand das gevichtige Käſtchen trug, zu ſich heran. Ihr Odem ging langſam und ſchwer, wie etwa jetzt der meinige. Sie hob die ſchwache Hand und deutete auf das Käſtchen und dann auf das Kind— der Fiſchersmann verſtand ſie wohl: das, was in dem Käſtchen ſey, ſolle dem Kinde gehören, meinte ſie. Noch einmal reichte ſie mit beiden Händen nach dem Kinde, dann ſank ſie zurück und athmete nicht mehr. Ich kann dir ſa⸗ gen, Anne, es war ſchaurig hier in der Hütte, ſo ganz allein mit der todten Frau und dem ſchlafen⸗ den Kinde, das auch wie eine kleine Leiche ausſah.“ „So hat ſich die Sache denn wirklich hier be⸗ geben?“ fragte in ängſtlicher Spannung Anne, „in unſerer Hütte iſt die Frau geſtorben, hier hat das Kind geſchlafen—“ „Wahr und wahrhaftig: hier iſt die Frau eines natürlichen Todes geſtorben und ich habe ſie nicht ermordet!“ hob der Kranke im ſingenden Tone des Deliriums an.„Aber ein böſer Geiſt ſtand zwiſchen mir und ihr und riß das rothe Käſtchen auf und blendete mich mit dem Glanze des Goldes und der Edelſteine, die darin waren. Nimm das Gold, nimm die Steine, du biſt geborgen dein Lebelang! ſchrie der Böſe. Ohne zu wiſſen was ich that, ſtürzte ich aus der Hütte in meinen Nachen und ruderte den Strom hinab nach dem Lurlei hin. Hey, das war eine luſtige Fahrt im hellen Mondenſcheine und auf den hüpfenden Wellen! Aber der Mon⸗ denſchein erbleichte vor dem Glanze der Edelſteine, * — — 160— der noch immer vor meinem Blicke ſchwebte und das Verlangen nach dem fremden Gute nagte mir an der Seele. War's nicht ein toller Gedanke, daß ich da die Lurlehhexe um Rath fragte: was ich thun ſolle? Ich habe ſie geſehen, Anne, da⸗ mals, hoch oben auf dem Felſen. Vor meinen Augen ſchlugen Flammen auf, aber ich ſah die Hexe doch und ſie lächelte mich an und ſang hinab: Die Frau iſt todt, ihr Gut iſt dein, Das Gut in die Taſche, die Frau in den Rhein! Luſtig blies ſie mir in's Segel. Wie ein Vogel flog mein Nachen nach der Hütte zurück. Nun galt's geſchäftig ſeyn! Das Gut in die Taſche, die Frau in den Rhein! Sie verklagt mich nicht aus dem tiefen Grunde herauf, ein ſchwerer Stein hält ſie feſt am Lande. Freilich war's, als rufe ſie mir nach und als ich mich umblickte, ſah ich eine weiße Geſtalt auf den Wellen ſchweben— aber das war nur ein Blendwerk des Teufels und die Frau iſt nie wieder aus ihrem tiefen Grabe heraufgekommen. Auch das Kind kann ſein Erbe nicht von mir hei⸗ ſchen, denn es hat vor der Gertrud und aller Welt als ein Findling gegolten, und weiß nichts von ſeiner Mutter und dem rothen Käſtchen. Ein Findling, wie du, Anne! Darum ſey luſtig, Mädel, denn du kannſt auch noch reich werden, weil du — 161— ein Findling biſt und ich das ungerechte Gut nicht angerührt, ſondern es heimlich und wohl verborgen habe, damit es mir nimmer zu Geſicht käme. Als die Wellen des Rheins über die Frau rauſchten, da wälzte es ſich ſchwer auf meine Bruſt und das rothe Käſtchen wurde eine Flamme, die mir in's Hirn brannte. Es iſt gut aufgehoben mit ſeinem ganzen Schatze. Nimm es hin, Findling! Dort ſteht's in jener Ecke. Du darfſt es nehmen, Anne, denn du biſt—“. In dieſem Augenblicke ertönte ganz in der Nähe ein heftiges Schießen. Zugleich flog die unverrie⸗ gelte Thüre der Hütte auf und herein ſtürzten zwei junge Männer in deutſcher Kriegerkleidung, aber waffenlos und ohne Kopfbedeckung. Der eine von ihnen ſchien im erſten Momente zu erkennen, daß ſie hier am Lager eines Sterbenden ſtanden, denn er verweilte ſtutzend am Eingange des Gemaches und warf fragende Blicke auf das Krankenlager; der andere aber, mehr mit ſich und ſeiner eigenen Angelegenheit beſchäftigt, wandte ſich ſogleich zu Annen und ſagte in heftiger Bewegung: „Um Gotteswillen, verbergt uns oder ſchafft uns ſchnell über den Rhein, ſonſt ſind wir verlo⸗ ren! Der Feind folgt uns auf den Ferſen, ein ſchimpflicher Tod iſt unſer ſicheres Loos.“ IV. 11 — 162— Anne fühlte ſich von inniger Theilnahme er⸗ griffen. Man konnte die Stimmen, man konnte die Flüche der ſuchenden Feinde vernehmen. Aber wie vermochte ſie zu helfen, ſie, die ſelbſt von einer Stunde der höchſten Bedrängniß heimgeſucht war? „Ich kann Sie nicht verbergen, meine Herrn!“ antwortete ſie mit bebender, ihre Rührung verra⸗ thender Stimme.„Dieſe Hütte hat nur das eine Gemach und hier bietet ſich kein Verſteck. Dort liegt mein Vater im Sterben— ihn kann ich nicht erlaſſen in den Augenblicken des Todeskampfes.“ Indeſſen hatte ſich der Kranke hoch aufgerichtet in ſeinem Bette. Er ſah den jungen Mann, der zu Annen geſprochen hatte, mit ſtarren Blicken an. Dann rief er mit angeſtrengter, heiſer kräch⸗ zender Stimme: „Du mußt ſie hinüberbringen an's andere Ufer, Anne! Ich befehle es dir. Komm her, ich will dir auch ſagen warum! Siehe,“ flüſterte er der Nahetretenden zu,„der junge Menſch, mit dem du ſprichſt, hat ganz das Antlitz deiner Mutter, der bleichen Frau, die ich mit dem Steine in den Rhein verſenkt habe. Ja, ja, Anne, ſie war wirklich deine Mutter, ich ſchwöre dir's bei der Verzeihung Gottes, auf die ich hoffe! Rette ihn, rette ihn! du weißt nicht, welchen Dienſt du dir ſelbſt leiſteſt.“ — 163— „So ſchütze Euch der Himmel!“ rief, von einem unerklärlichen Gefühle fortgetrieben, Anne dem Kranken zu. Sie warf irre Blicke auf die zwei Männer, dann winkte ſie ihnen und eilte, von ihnen begleitet, mit flüchtigen Schritten aus der Hütte. Sturm und Regen hatten aufgehört. Einige lichte Wolkenſtreifen, die aus dem dunkeln Grunde hervor⸗ traten, ließen die baldige Erſcheinung des Mondes erwarten. Man hörte noch immer das Schreien und Schießen der Verfolger in der Nähe, allein ſie ſchienen die rechte Spur der Flüchtlinge verloren zu haben. Anne flog an das Ufer hinab. Mit gewandter Hand kettete ſie den kleinen flachen Kahn los, ihre Begleiter ſetzten ſich ſtill am Boden nieder und bald befanden ſie ſich in einer Entfernung vom Lande, die ſie gegen jeden weitern Angriff der nachſetzen⸗ den Feinde ſicher ſtellte. Die beiden Männer begannen zu ſprechen. Waͤh⸗ rend Annens Hand mechaniſch das Ruder führte, horchte ſie auf ihre Rede. Die Stimme des jun⸗ gen Mannes, von dem der Kranke in ſo bedeu⸗ tungsvollen Ausdrücken geſprochen hatte, klang ihrem Ohre ſo lieblich, daß ſie ihm ſtundenlang hätte zu⸗ hören können, ohne in ihrer Aufmerkſamkeit zu er⸗ müden. Sie vernahm, daß er dem Drange, das Grab ſeines Vaters zu beſuchen, der im Revolu⸗ 11* — 164— tionskriege gegen die Franzoſen als Soldat gedient hatte, an den Folgen einer empfangenen Wunde geſtorben und in der Kirche zu Bacharach beſtattet worden war, nicht länger habe widerſtehn können, daß Dietrich, ſein Freund, ſich mit ihm zu die⸗ ſem Unternehmen vereinigt habe und beide nun, die Uniform unter einem Bauernkittel verbergend, und ohne die möglichen Folgen der verwegenen That zu erwägen, über den Rhein an das feindliche Ufer gekommen ſeyen. Sie hatten ihre Abſicht er⸗ reicht. Der junge Mann hatte am Grabe ſeines Vaters gekniet, er hatte ſich ganz der Rührung hin⸗ gegeben, welche dieſer Augenblick in ihm erwecken mußte. Als ſie aber in der Dämmerung des Abends im Begriff waren, das Städtchen zu verlaſſen, trat mit ſcheuen Blicken und beſorgter Miene ein Bür⸗ gersmann zu ihnen. Von dieſem erfuhren ſie, daß ihre Anweſenheit bemerkt worden ſey, daß man ſie für Spione halte, ſie aufſuche und in dem Wahne, ſie hätten ſich bereits aus dem Städtchen entfernt, auſſerhalb deſſelben ihnen nachſpüre. Auf dieſe Nachricht beſchloſſen ſie, ſich auf einem Umwege der Stelle des Ufers nähern, wo der Nachen, der ſie herüber gebracht hatte, ihrer harrte. Sie ſahen ſich aber bald entdeckt und nur eine ſchleunige Flucht in die Weinberge konnte ſie den Verfolgern ent⸗ — 165— ziehn. Hier hielten ſie ſich verborgen, bis es völ⸗ lig dunkel geworden war. Regen und Sturm und die Hoffnung, unter dem Schutze des entſetzlichen Wetters die Aufmerkſamkeit ihrer Feinde zu taͤu⸗ ſchen, trieben ſie aus ihrem Verſtecke hervor. In dieſer Hoffnung fanden ſie ſich betrogen. Sie wur⸗ den bemerkt, von ihrem frühern Verſtecke abgeſchnit⸗ ten und nach dem Rheine hingedrängt. Oft waren die Verfolger ihnen ganz nahe; ihre Kugeln ſchwirr⸗ ten an ihnen vorüber. Da wurde das Unheil, das in der Hütte des kranken Fiſchers waltete, ihnen zum Heil. Sie ſahen das Licht der Nacht⸗ lampe, die bei dem Kranken brannte; dieſes leitete ihre Schritte, nach langem Suchen fanden ſie die Thüre und traten in das Gemach, wo das Gebot eines Sterbenden ihre Rettung bewirkte. Sie hatten das Ufer erreicht. Eine Belohnung, die ſie dem Mädchen boten, wurde auf eine Weiſe ausgeſchlagen, welche ihnen ſagte, daß ſie das Zart⸗ gefühl ihrer Retterin beleidigt hatten. Sie ſtieß raſch vom Ufer ab, ohne weitere Außerungen des Dankes hören zu wollen. Die jungen Männer ſa⸗ hen ihr nach, bis ſich der Nachen in der Dunkel⸗ heit verlor. „Ein ſeltſames Kind,“ bemerkte jetzt der ältere, den ſein Gefährte Dietrich genannt hatte, ſo — 166— ſchlank und zart gebaut und dennoch ſo kräftig und gewandt in der Führung eines Kahns über den un⸗ ruhigen Strom!“ „Das thut die Gewohnheit,“ ſagte der Andere, „ich habe doch noch Beſſeres bemerkt an ihr, als du: nämlich daß ſie ſehr hübſch iſt und einen ſo kleinen, zierlichen Fuß beſitzt, wie meine franzöſiſche Couſine Gabriele.“ „Und ſonſt haſt du nichts an ihr geſehen, Edmund?“ ſagte bedeutungsvoll Dietrich. „Sonſt gar nichts?“ „Daß ich nicht wüßte!“ entgegnete dieſer höchſt unbefangen.„Sie trug ein kattunenes Kleid, das durch vieles Waſchen in eine unbeſtimmte Farbe übergegangen war, dem Halstuche aber kann ich nachſagen, daß ſeine Grundcouleur vor mehreren Jahren ein angenehmes Roth geweſen ſeyn mag.“ „Poſſen!“ rief ärgerlich ſein Freund.„Es iſt hier von ganz andern Dingen die Rede. Das Mäd⸗ chen iſt dir ähnlich, wie aus den Augen geſchnit⸗ ten. Wenn man ihr den Gedanken von Bart bei⸗ bringen könnte, der deine Lippe ſchmückt, und ſie in die Uniform ſteckte, ſo würde ſie für dich Schild⸗ wache ſtehen können, ohne daß jemand eine Ver⸗ wechſelung entdeckte.“ „Wahrhaftig?“ verſetzte mit angenommener Ernſt⸗ — 167— haftigkeit Edmund: nich bin ſo hübſch, wie das Mädchen, dem wir die Rettung vom Galgen zu verdanken haben? Du wirſt mich eitel machen, Dietrich, und, gib acht, das ſchadet mir am Ende im Avancement, denn ich werde mich nun wohl unendlich bemühen, mein liebenswürdiges Antlitz vor den Säbelhieben der Feinde ſicher zu ſtellen.“ Dietrich wurde über die Neigung ſeines Freun⸗ des, auch bei dieſer ernſten Gelegenheit Alles in Scherz zu ziehen, verdrießlich. Schweigend ging er mit Edmund den Wachtfeuern zu, die auf den Höhen brannten und wo ſie hoffen konnten, zu der Abtheilung, der ſie angehörten, zu gelangen. Indeſſen hatte das Mädchen ſchon einen großen Theil ihrer Heimfahrt zurückgelegt. Der Ton der Stimme des jungen Mannes, den ſie hatte Ed⸗ mund nennen hören, klang immerfort in ihrem Ohre und es ſchien ihr ſo muthig wie edel, daß er den Gefahren Trotz geboten hatte, um der Mah⸗ nung ſeiner kindlichen Liebe zu folgen. Mit ängſt⸗ licher Unruhe gedachte ſie des einſam zurückgelaſſe⸗ nen Kranken. Aber ſie konnte ſich keinen Vorwurf darüber machen, in jenen verhängnißvollen Augen⸗ blicken von ſeiner Seite gewichen zu ſeyn. Hatte ſie doch ſein Gebot, das ſie mit ſeltſamer, unwider⸗ ſtehlicher Gewalt ergriffen, ſelbſt hinweggetrieben, — 168— hatte ſie doch zwei junge, friſchkräftige Menſchenle⸗ ben gerettet, und war es ihr doch immer, als habe ſie gegen den einen der beiden Flüchtlinge höhere, mächtigere Pflichten zu erfüllen, als gegen den kran⸗ ken Fiſcher! Was dieſer ihr in der heutigen Nacht entdeckt hatte, ſchien ihr wie die Auflöſung eines längſt geahnten Räthſels. Freilich war ihr von Martin, dem Fiſcher, früherhin immer erzählt worden, er habe ſie als ein Kind von etwa einem Jahre in einem Gebüſche an der Landſtraße gefun⸗ den, in einem traurigen Zuſtande, in ſchmutzigen, ſchlechten Kleidern! Sie hatte das auch geglaubt, bis ſie in reifere Jahre getreten war und nun be⸗ merkte, daß Martin ſie bei dieſer Erzählung nie offen anblicken konnte, nur nothgedrungen noch von jener Begebenheit ſprach, und endlich ſie mit harten Worten anfuhr, wenn ſie ihn um einige nähere Umſtände befragte. Die Pflegemutter Ger⸗ trud, an die ſie ſich nun heimlich wandte, konnte ihr nichts anders ſagen, als was ſie ſchon wußte. Die gute Frau aber ſchien ſelbſt nicht recht an ihres Mannes Erzählung zu glauben und entdeckte noch auf ihrem Todtbette dem lieben Pflegkinde, das Martin ſeit dem Tage, wo ſie ihn mit dem Findling daheim getroffen, ſeinen frohen, heitern Sinn verloren habe, mürriſch und zankſüchtig ge⸗ — 169— worden und den Zerſtreuungen im Wirthshauſe nach⸗ gegangen ſey. Alle dieſe Dinge zogen in verwirrten Bildern an der Phantaſie Annens vorüber, während das Mädchen mit Eile vie Wogen durſchnitt und ſich dem Ufer näherte. Noch brannte das Licht in der Hütte. Es war ihr, als ſey das kleine Flämmchen ein Zeichen, daß auch das ſchwach glimmende Licht des Lebens in dem Kranken noch nicht erloſchen ſey. Sie legte an, ſie kettetete den Nachen feſt und flog nun mit eiligen Schritten nach der Hütte. Welches Schauſpiel, als ſie die Thüre öffnete! Der Kranke lag in der Mitte des Gemaches am Boden, ein Wandſchränkchen, zu dem nur er allein den Schlüſ⸗ ſel beſeſſen, und in das weder Anne, noch Mut⸗ ter Gertrud je blicken dürfen, ſtand offen. Mar⸗ tin bewegte ſich konvulſiviſch, ohne jedoch ſprechen zu können, und hielt ſtarr die eine Hand, in der ſich das rothe Käſtchen befand, das Annen ſchon aus ſeiner Erzählung bekannt war, der Eintreten⸗ den entgegen. Das Käſtchen war ohne Deckel: Gold und Edelſteine glänzten ihr entgegen, ein Papier war dazwiſchen eingeſchoben. Uber dieſes grauenvolle Bild verbreitete die ſchwach brennende Lampe ein düſteres Licht. Als Anne beſtürzt ne⸗ ben ihrem Pflegevater niederknieete, preßte ihr die⸗ — 170— ſer mit krampfhafter Anſtrengung das Käſtchen in die Hand. Dann holte er noch einmal aus tiefer Bruſt Odem, wenige Augenblicke darauf war er verſchieden. Anne ſah in ſtarrer, dumpfer Betäu⸗ bung auf die Leiche. Die Lampe war im Erlöſchen;z ſie bemerkte es nicht. Hinter ihrem Rücken entſtand ein Geräuſch, ein franzöſiſcher Soldat, wahrſchein⸗ lich einer derjenigen, welche die beiden jungen Män⸗ ner verfolgt hatten, war in die offenſtehende Thüre getreten, ſeine Blicke ruheten gierig auf dem Gold⸗ und Juwelenſchatz in ihrer Hand: ſie hörte und ſah ihn nicht. An dem Sterbelager ihrer Pflege⸗ mutter hatte ſie betend, ſtill ergeben in das Unver⸗ meidliche, geſtanden, ſie hatte mit tiefer Rührung geſehen, wie der Tod die ſchmerzzeriſſenen Züge ge⸗ ebnet, wie da, wo Jahre hindurch das Leiden ſeine tiefen Furchen gezogen, mit einemmale die ſtille Heiterkeit eines himmliſchen Friedens erſchienen war. Hier trat ihr der Tod in einer andern, Ent⸗ ſetzen einflöſenden Geſtalt entgegen. Die krampf⸗ haft zuſammengepreßten Hände des Todten„ das verzerrte Antlitz, die weit offen ſtehenden ſtarren Augen, ſeine Lage auf dem feuchten Boden der Hütte, Alles war geeignet, die Seele eines jungen Mädchens, mit betäubender Furcht zu erfüllen. Noch konnte ſie ſich nicht faſſen, noch betrachtete — 171— ſie gedankenlos die Leiche: da reichte über ihre Schul⸗ ter eine ſtarke männliche Fauſt herüber und entriß ihr das Käſtchen mit dem Gold und den edeln Steinen. Sie ſchrie laut auf. Die ganze Wich⸗ tigkeit des Verluſtes trat vor ihre Seele. Sie ſprang empor und ſah ſich um. In dieſem Augenblicke erloſch die Lampe, ein Hohngelächter ertönte hinter ihrem Rücken, ſie bemerkte nur wie einen dunkelen Schatten eine Geſtalt, die mit flüchtigen Schritten aus der Hütte der nahen Landſtraße zueilte. Ihre Kräfte waren gelähmt. Außer Stande dem Räuber zu folgen, ſank ſie erſchöpft neben dem Todten nieder. Die Nacht, in welcher zwei für Deutſchland ſo verhängnißvolle Jahre ſich ſchieden, war herange⸗ kommen. Noch brannten Wachtfeuer auf den Ber⸗ gen des rechten Rheinufers, aber es wurden ihrer immer weniger und man ſah dagegen viele bren⸗ nende Fackeln ſich die Berge herabbewegen, deren Licht glänzend den am Tage gefallenen Schnee be⸗ ſtrich. Über den Rhein hin war eine Doppelreihe von Pechkränzen ſichtbar und man konnte eine Schiff⸗ brücke unterſcheiden, aus deren Mitte ſich in ſelt⸗ ſamer, alterthümlicher Geſtalt auf ihrem Felſen⸗ grunde die uralte Kaiſerpfalz erhob. Auf der Bruͤcke — 172— herrſchte ein reges, lebendiges Treiben. Fußvolk und Reiterei, Geſchütze und Munitionskarren zogen in geſchloſſener Ordnung hinüber, während an dem einen Ufer ſich immer neue Schaaren zum Uber⸗ gange ſammelten, und an dem andern die bereits hier befindlichen ſich ſtromauf⸗ und abwärts aus⸗ breiteten. Wie düſtere Rieſengebilde, die ſich von ihren Felſengipfel zum nächtlichen Himmel erheben, ſahen von beiden Ufern des Fluſſes die alten Burg⸗ ruinen herab und der Fluß ſelbſt zog ruhig und majeſtätiſch, als erfreue ihn der alt⸗geliebte Klang der deutſchen Waffen, unter der Brücke fort. Fern⸗ her tönten noch in ungleichen Zwiſchenräumen Flin⸗ tenſchüſſe aus den Gebirgen, in welche einzelne Feinde von den Plänklern des vorſchreitenden Hee⸗ res getrieben worden waren. Edmund und Dietrich, die beiden Freunde, hatten mit dem Regiment, bei dem ſie ſtanden, be⸗ reits einen der am linken Rheinufer gelegenen Orte beſetzt. Das Quartier, auf welches ihre Charte lautete, lag, wie man ihnen ſagte, außerhalb des Ortes in einem Thale, das die hier mächtig em⸗ porſteigenden Schieferberge einſchloſſen. Sie hatten den Flecken verlaſſen und zogen durch die heitere Sternennacht ihrem Ziele zu. „Höre, Dietrich!“ begann jetzt Edmund, — 173— „es iſt doch ein anderes Gefühl, mit dem ich heute hier am linken Rheinufer einherſchreite, als vor ei⸗ nigen Wochen, da uns der Bauernkittel einhüllte und wir Gefahr liefen, am ausgehenden Odem plötzlich zu erſterben. Und worin ſteckt eigentlich dieſes Gefühl?— In dem bischen Pulver und Blei, das wiederum in unſerm Büchſenlaufe ſteckt, in dem edeln Hirſchfänger an unſerer Seite, der gleichermaßen in ſeiner Scheide ſteckt.“ „Falſche Begriffe und ſchlechte Wortſpiele!“ er⸗ wiederte in ſeiner grämlichen Weiſe der Freund. „Damals hatten wir Unrecht und jetzt haben wir Recht: das giebt Sicherheit und Vertrauen. Als ich noch Referendar beim Criminalgerichte in Bres⸗ lau war, hatte ich einmal einen Menſchen, der im Verdacht des Diebſtahls ſtand, zu inquiriren;z der Burſche war grob, grob mit Ausdrucke, Ge⸗ wandheit und Genialität, wahrhaft bewundernswür⸗ dig grob! Aber es war nichts auf ihn zu bringen und am Ende wies es ſich aus, daß er völlig un⸗ ſchuldig war. Nach einem Jahre ſtand er wieder vor meinem Inquiſitorentiſche, man beſchuldigte ihn aufs neue des Diebſtahls und viele Dinge ſprachen gegen ihn. Da hätteſt du ihn ſehen ſollen, Ed⸗ mund! Die bewundernswürdige Grobheit hatte ſich in die ſüßlichſte Höflichkeit verwandelt; der Burſch, — 174— der mir damals höhniſch in's Geſicht gelacht, be⸗ ſchwor mich zitternd und unter Thränen, an ſeine Ehrlichkeit, an ſeinen vortrefflichen Wandel und alle übrigen lobenswürdigen Seeleneigenſchaften zu glauben, die er zu beſitzen vorgab. Aber das böſe Gewiſſen ſprach aus allen ſeinen Zügen. Und rich⸗ tig! Er hatte geſtohlen und mußte ins Zuchthaus ſpazieren. Sieh, Edmund, das ſcheint mir eine Paralelle zu unſern damaligen und jetzigen Ver⸗ hältniſſen zu ſeyn.“ „Dietrich,“ ſagte Edmund, indem er ſte⸗ hen blieb und ſeine Blicke zuweilen nach der Stelle des Stromes, in der ſich die Brückenbeleuchtung ſpiegelte, ſchweifen ließ,„es iſt ſeit jener Nacht, in der uns die ſeltſame Schifferin, die keinen Lohn von uns annehmen wollte, über den Strom fuhr, eine wunderliche Veränderung in mir vorgegangen. Ich ſuche ſie zu verbergen, wie ich kann, aber vor dir mag ich nicht länger Verſteckens ſpielen. Um meinen innern Frohſinn iſt's gethan, meine Späſſe kommen nicht mehr aus einem heitern Gemüthe, ſondern ich mache ſie mit Gewalt, um noch als derjenige zu erſcheinen, der ich früher war. Weißt du, was mich mit ſo gewaltiger Macht ergriffen hat? Es war nicht der Schmerz am Grabe des Vaters, nicht die Furcht vor den nachfolgenden Fein⸗ — 175— den und einem ſchmählichen Tode! es war die Er⸗ ſcheinung des wunderbaren Mädchens, das in jener Stunde ſich vom Sterbebette des Vaters losriß, um uns, die Fremden, die Feinde ihres Landes, vom Verderben zu retten.“ „Du biſt verliebt!“ erwiederte lakoniſch Diet⸗ rich und nöthigte, während er ſelbſt auf dem Wege, den ſie nehmen mußten, weiter fortſchritt, den Freund ſeine Stelle zu verlaſſen.„Das Mäd⸗ chen war hübſch, ihr Betragen verdient in der Geſchichte dieſes Feldzugs verherrlicht zu werden und da ſie dir ähnlich war und du bekanntlich ein großer Egoiſt biſt, ſo iſt es ganz natürlich, daß dir der artige Rettungsengel die gute Laune aus deiner Seele vertrieben und dafür ſelbſt einen anſehnlichen Platz in deinem Herzen eingenommen hat.“ „Ach, Liebe iſt es gerade nicht, was mich ſeit jenem Ereigniſſe plagt,“ verſetzte mit unſicherer Stimme Edmund,„obgleich ich gern geſtehe, daß die Schifferin die Vergleichung mit allen Da⸗ men meiner Bekanntſchaft aushält. Nein, Diet⸗ rich, ein grauenhaftes, unheimliches Gefühl waltet ſeitdem in meinem Innern, Mährchen und Geſpenſter⸗ geſchichten aus meiner Kindheit drängen ſich herauf in die Gegenwart und es iſt mir als wollten wun⸗ derliche Geſtalten aus ihnen auf mich hervorbrechen.“ — 176— Mit ſtarker Hand ergriff Dietrich den jün⸗ gern Freund beim Arm, hielt ihn an der Stelle feſt, wo ſie ſich befanden und ſchaute ihm einige Augenblicke ſchweigend in's Antlitz. „Du träumſt bei offenen Augen, Edmund, oder du biſt mondſüchtig geworden!“ ſagte er dann. „Was ſoll das dumme Zeug im Bivouac und auf dem Marſch gegen die Feinde? Sey entweder ein trockner Proſaiſt, wie ich, oder kehre die Poeſie dei⸗ ner guten Laune wieder yns Leben.“ Argerlich riß ſich Edmund los und entgegnete im Weitergehn: „Du ſelbſt biſt daran Schuld, wenn ich mich als ein Sonntagskind betrage und vor den Came⸗ raden zum Skandal werde. Was brauchteſt du mich auch auf die Aehnlichkeit, die das Schiffermädchen mit mir haben ſoll, aufmerkſam zu bene Dieſe Bemerkung iſt mir immer wieder in das Gedächtniß zurückgekommen und hat eine alte vergeſſene Ge⸗ ſchichte, die ſie mir in meiner Kindheit erzählt, darin aufgefriſcht und bei der mir, wenn ich ſie hörte, immer die Haare zu Berge ſtanden. Es iſt eine Familienbegebenheit und ich erinnere mich recht wohl, daß ich die alte Haushälterin meiner Mutter oft in der Dämmerſtunde gebeten habe, mir die Geſchichte von der verloren gegangenen Tante — 177— und der verſchwundenen kleinen Couſine zu er⸗ zählen.“ „Wahrhaftig, die Sache wird ernſthaft;“ ſprach Dietrich in einem bedenklichen Tone.„Hier ſcheinen Thatſachen in einer Verborgenheit zu lie⸗ gen, deren Enthüllung zu bedeutenden Reſultaten führen könnte, und da iſt es die Schuldigkeit eines rechtlichen Juriſten, nach jedem Endchen des Fa⸗ dens, der aus dem Labyrinthe leiten kann, zu ſuchen. Erzähle mir die Geſchichte von den verloren gegan⸗ genen Subjecten, kdmund! Du ſollſt einen auf⸗ merkſamen Zuhörer an mir finden.“ „Ich war noch ein kleines Kind, etwa zwiſchen vier und fünf Jahren,“ hob Dietrichs Gefährte an,„als mir jene Haushälterin die ſeltſame Bege⸗ benheit auf eine geheimnißvolle Weiſe und mit der Mahnung, ja gegen die Mutter nicht davon zu ſprechen, zum erſtenmale mittheilte. Sie erfüllte aber ſo ganz mein Inneres, daß ich jener Mah⸗ nung vergaß und noch am nämlichen Abende der Mutter das Gehörte verrieth. Die Folge davon war, daß die ohnehin kränkliche Frau heftige Ner⸗ venzufälle bekam, mehrere Tage ihr Zimmer nicht verlaſſen konnte und, wenn ich in dieſer Zeit auf ihr Verlangen zu ihr geführt wurde, in heftiges Weinen ausbrach. Dieſe Umſtände machten einen IV. 12 — 178— tiefen, lange unvergeßlichen Eindruck auf mich, aber ſie ließen mir jene Erzählung nur noch bedeutungs⸗ voller und ihre öftere Wiederholung wünſchenswer⸗ ther erſcheinen. Die Haushälterin ſchmälte mich tuͤchtig aus, allein ſie widerſtand doch meinen kin⸗ diſchen Bitten nicht und erzählte mir noch oft von den verloren gegangenen Verwandten. Mit dieſen aber hatte es folgende Bewandniß. Eine Schweſter meiner Mutter mit Namen: Helene, war einige Jahre vor der Revolution nach Frankreich verhei⸗ rathet worden, an den Grafen von Landrecy, einen reichen Gutsbeſitzer und ſehr geachteten Mann. Couſine Gabriele, die vor drei Jahren zu Be⸗ ſuch bei uns war und die du damals kennen lern⸗ teſt, war die erſte Frucht dieſer Verbindung. Die Revolution war ſchon ausgebrochen, als meine Tante ein zweites Töchterlein, Cäcilia, gebahr. Da⸗ mals zeigten ſich auch in den Beſitzthümern meines Oheims unter dem Landvolke unruhige Bewegungen, die jedoch bald durch ſeine weiſe Mäßigung und Klugheit unterdrückt wurden. Er ſah aber ein, daß dieſe Ruhe nicht von Dauer ſeyn könne und beſchloß ein Aſyl für eine ſchlimmere Zukunft zu ſuchen. Meine Tante war noch ſchwächlich und konnte mit dem Neugeborenen nicht wagen, eine Reiſe zu un⸗ ternehmen. Von Gabrielen begleitet und mit — 179— dem größten Theil ſeines Vermögens in Wechſeln verſehen, verließ der Graf Frankreich mit dem feſten Vorſatze, ſobald es die Umſtände erlauben würden, ſeine Frau und ſein jüngſtes Kind nachzuholen. Kaum hatte er die Grenze überſchritten„ſo erſchie⸗ nen jene geſchärften Verordnungen gegen die Aus⸗ wanderer und alle Gräuel eines Bürgerkrieges bra⸗ chen in einer blutigern, ſchrecklichern Geſtalt los. Da wurde eines Nachts meine Tante von Flinten⸗ ſchüſſen und von einem wilden Geheule, das zu den Fenſtern des Schloſſes empordrang, erweckt, und als ſie die Augen öffnete, ſah ſie ſchon aus den Nebengebäuden Flammen hervorbrechen und von dem Glanze des Feuers ihr Zimmer erleuch⸗ tet, wie am Tage. Dietrich, ich kann dir ſagen, wenn meine alte Erzählerin an dieſe Stelle kam, ſo überlief jedesmal ein Schauder meinen ganzen Körper und ich ſchmiegte mich an ſie, als ſollten die Flammen über mich hereinbrechen und als könne ſie mir Schutz gewähren!“ „Das haben wir alle ſo gemacht als Kinder, wenn uns vom Blaubart oder dem Nieſen Kin⸗ derfreſſer erzählt wurde;“ bemerkte in einem gleich⸗ gültigen Tone der Freund.„Aber thue mir den Gefallen und entkleide deine Mittheilung dieſer red⸗ neriſchen Exclamationen, dieſes überflüßigen Schmuk⸗ 12* — 180— kes, der dem Juriſten ein wahrer Gräuel iſt, und gieb mir das reine Factum, wie es das Schickſal in deine Familiengeſchichte geworfen.“ „Gefühlloſer Actenwurm, den nur das lockere Gerippe der Thatſache reizen kann, dein Proteſtiren hilft dir nichts!“ rief unwillig Edmund.„Du mußt allen romantiſchen Schauer, allen rhetoriſchen Schmuck, und die Hülle und Fülle der Darſtellung, wie ich ſie aus dem Munde meiner Scheherazade habe, mit in den Kauf nehmen, wenn dir anders an dem Factum gelegen iſt. Meine Tante erwachte alſo unter dem Geheul der Blutſäufer, beim Scheine der Flammen, die ihre Wohnung verzehrten, bedroht vom Morde durch die Böſewichter ſelbſt, oder durch das Beil der Guillotine. Ihr erſter Gedanke war ihr Kind. Es lag ſchlummernd in der Wiege neben ihr. Sie ſchellte, während ſie ſogleich einige Klei⸗ der überwarf, der Kammerfrau, die im nächſten Zimmer ſchlief: niemand erſchien. Die Dienſtboten waren entflohn; ſie hatten ihre Gebieterin treulos verlaſſen. In dieſem Augenblicke fühlte ſie ihre Schwäche nicht, ſie war ſtark und beſonnen wie eine Geſunde. Raſch hüllte ſie das Kind in einen weiten Mantel, ein Käſtchen mit Gold und Edel⸗ ſteinen, das ſie für den Fall eines ſolchen Ereig⸗ niſſes gepackt hatte, verbarg ſie unter ihren Kleidern, — 181— dann nahm ſie das Kind in ihren Arm und wollte nun verſuchen ſich aus dem brennenden Schloſſe und vor der blutgierigen Rotte zu retten. Da öff⸗ nete ſich die Thüre und in ihr erſchien, in ſeiner furchtbaren Sansculottenkraft, mit dem blutigen Mordſtahl in der Hand, einer jener Unmenſchen, welche die damalige Zeit zum Entſetzen der Ge⸗ rechten, zum Verderben der Unſchuldigen nur zu häufig gebahr.„Da iſt ja die Taube und das Täubchen!“ rief der Mörder:„das Meſſer iſt ge⸗ ſchlifen. Kommt her und laßt Euch ſchlachten!“ Dietrich,“ unterbrach an dieſer Stelle Edmund ſeine Erzählung:„iſt dieſer Moment nicht entſetz⸗ lich, ergreift er dich nicht mit furchtbarer Gewalt in den innerſten Tiefen deiner Seele?“ „Nun weiter, weiter!“ verſetzte der ehemalige Referendar:„wir wollen erſt hören, ob der Mord wirklich vollbracht worden und dann erkennen über den Mörder quid juris.“ „Du biſt unverbeſſerlich!“ zürnte der Freund: aber du wirſt mich nicht irre machen im Gange meiner Erzählung und, wie geſagt, ich ſchenke dir nichts von ihrem Romantiſchen und Schauerlichen. Während jener Unmenſch noch ſeine ſchreckliche Dro⸗ hung ausſprach, beſaß Tante Helene Geiſtesgegen⸗ wart genug, mit ihrer kleinen Laſt durch eine nahe Tapetenthüre zu entweichen und dieſe hinter ſich zu verriegeln. Sie flog eine verborgene Treppe hinab, die nach einem hintern Ausgange des Gebäudes führte. Hier hoffte ſie Rettung zu finden. Die Flüche, die gewaltigen Stöße, mit denen jener Bö⸗ fewicht die Thüre, die ſie von ihm ſchied, zu zer⸗ trümmern ſuchte, tönten hinter ihr her. In der aͤngſtlichſten Haſt bemühete ſie ſich, den wenig ge⸗ brauchten ſchweren Riegel, der die geheime Pforte von innen verſchloß, zu öffnen. Es gelang ihrer verzweiflungsvollen Anſtrengung. Sie ſtand am RNande des Waldes, der an die Ruͤckſeite des Schloſ⸗ ſes ſtieß. Unaufhaltſam eilte ſie auf ungebahnten Pfaden vorwärts, das noch immer glücklich ſchla⸗ fende Kind an ihre Bruſt drückend. Bald verhallte das Geſchrei der Blutſäufer hinter ihr, den Feuer⸗ ſchein am Himmel verbarg das Laub des Waldes. Sie fühlte keine Ermüdung, der Drang, das ge⸗ liebte Kind zu retten, trieb ſie immer weiter. Aber die Natur machte endlich auch ihre Rechte geltend. Der Morgen dämmerte, als ſie ſich vor einem ein⸗ ſam im Walde ſtehenden Hauſe ſah. Sie ſchwankte auf die Bank vor dem Hauſe zu. Da verließen ſie ihre Kräfte. Beſinnungslos ſank ſie auf den Sitz nieder. Das Kind ſchlummerte fort in ihrem Schooße. Als ſie wieder zu ſich kam, fand ſie ſich — 183— auf einem ärmlichen Lager, in einem kleinen nie⸗ drigen Gemache. Die helle Morgenſonne ſchien in das Zimmer und beleuchtete das lächelnde Antlitz ihres ſpielenden Kindes, das eine neben ihr ſitzende ältliche Frau von freundlichem, wohlwollendem Auße⸗ ren im Arme hatte. Die Frau richtete ſogleich beruhigende Worte an meine Tante, ſagte ihr, daß ſie ſich bei ihr in vollkomwener Sicherheit befinde und daß nicht leicht ſich jemand zu dieſer abgele⸗ genen Waldwohnung verirre. Sie habe gleich die Gräfin Landrecy in ihr erkannt, da es ihr aber recht wohl bekannt ſey, wie dieſe edle Frau ihre Reichthümer nur dazu verwandt habe, Arme und Elende durch Wohlthaten zu beglücken, ſo werde ſie eher ihr eigenes Leben hingeben, als dulden, daß ihrem Gaſte das mindeſte Leid geſchehe. Sie war die Wittwe eines Förſters, deſſen Stelle in den Verwirrungen der Revolution nicht wieder be⸗ ſetzt worden war, und der man die einſame, von niemand begehrte Wohnung gelaſſen hatte. Meine Tante verweilte mehrere Monate an dieſem entle⸗ genen Orte. Sie hoffte immer eine Nachricht von ihrem Manne zu erhalten und mit dieſem dann in's Ausland zu fliehen. Ihre gefällige Wirthin begab ſich oft in die Nähe des Schloſſes, um ir⸗ gend eine Kunde zu vernehmen, welche den Wün⸗ — 184— ſchen der Gräfin entſpräche, aber ſie fand nur der trauerigen, vereinſamten Ruinen, die alten Diener und Bekannten hatten ſich nach allen Weltgegenden zerſtreut. Da entſchloß ſich meine Tante, die Reiſe nach Deutſchland, wohin ſich der Graf gewendet hatte, ohne andern Schutz, als den des Himmels, mit ihrem Kinde zu unternehmen. Die Sache war gefährlich, aber was wagt die Liebe eines treuen Weibes nicht? Deutſche Heere waren damals ſchon bis in die Champagne vorgedrungen, in wenigen Tagen durfte ſie hoffen, ſich unter ihrem Schutze zu befinden, vielleicht den Gemahl ihrer Schweſter, der unter jenen Heeren diente, aufzufinden. Sie entdeckte der Förſterswittwe ihren Plan. Da er⸗ klärte ihr dieſe, daß ſie ihren Gaſt mit dem ihr ſo lieb gewordenen Kinde nicht allein reiſen laſſen könne, daß ſie beide bis dahin, wo ſie Schutz und Sicherheit fänden, begleiten würde. Auf einem ein⸗ fachen, bäueriſchen Leiterwagen, mit einem leinenen Tuche bedeckt, wurde die Reiſe angetreten. Die kleine Cäcilia war friſch und munter, ein Troſtes⸗ engel für die ſorgenvolle Mutter. Unter mancher⸗ lei Gefahren gelangten ſie in die Nähe des feind⸗ lichen Heeres. Jetzt galt es nur noch die Schwie⸗ rigkeit, den Scharfblick der franzöſiſchen Vorpoſten zu täuſchen. Da ſtand ihnen der Zufall bei, und — 185— als ſie eines Morgens in einem Wäͤldchen umher⸗ irrten, ſahen ſie ſich plötzlich von einem Haufen deutſcher Krieger umringt, deren Anführer in der einen Reiſenden ſogleich eine Dame von Stande zu erkennen ſchien. Sie nannte ihren Namen, gab die Abſicht ihrer Reiſe an und erfuhr nun auf ihre Erkundigung zu ihrem freudigen Erſtaunen, daß ſich ihr Schwager, mein Vater, ganz in der Nähe be⸗ finde und das Corps befehlige, zu welchem dieſe Streifpartie gehörte. Nach wenigen Stunden ſah ſich meine Tante dem wohlbekannten Verwandten gegenüber, in ſeinem Zelte, das wohl wenig geeig⸗ net war, einen ſolchen Beſuch zu empfangen. Er war eben ſo überraſcht, als erfreut, ſie vor den blut⸗ dürſtigen Verfolgungen der Freiheitsmänner gerettet zu ſehen, aber er konnte ihr keine beſtimmten Nach⸗ richten von ihrem Gatten ertheilen, von dem er nur wußte, daß er, nachdem er die kleine Gabriele bei meiner Mutter zurückgelaſſen, ſich in die Schweiz begeben habe. Die gutmüthige Förſtersfrau wurde nun reichlich belohnt zurückgeſandt. Noch immer beſaß Tante Helene das Käſtchen mit den Ju⸗ welen, mit einer anſehnlichen Summe in Gold und einigen wichtigen Familienpapieren. Für die erſte Nacht hatte mein Vater ſein Gezelt der Tante und ihrem Kinde überlaſſen; allein am nächſten — 186— Morgen vermehrte ſich ſeine Verlegenheit, da füͤr den bevorſtehenden Tag der bekannte Angriff auf die Höhen von Valmp angeordnet wurde. Er ſandte die Tante mit der kleinen Cäcilia unter einer Be⸗ deckung nach dem Troß der Armee zurück, bei dem ſich mehrere Frauen angeſehener Offiziere befanden. Die deutſchen Heere mußten weichen und meine Tanke hatte den Schmerz, ihren Schwager am nächſten Tage ſchwer verwundet zurückkehren zu ſe⸗ hen. Währens des Rückzuges, auf welchem mein Vater große Leiden mit Geduld und Faſſung er⸗ trug, theilte meiner Mutter Schweſter ihre Sorge zwiſchen ihm und ihrem Kinde. Sie ſchrieb meiner Mutter und meldete dieſer ihre gelungene Flucht und den Unfall, der meinen Vater getroffen. Erſt ſpät gelangte dieſer Brief zu uns mit einem zwei⸗ ten, von dem ich nachher ſprechen werde. Von Tage zu Tage verſchlimmerte ſich, ungeachtet der ſorgſamſten Pflege, die Wunde meines Vaters. Er verfiel zuletzt in einen Zuſtand der Bewußtloſigkeit, in dem nur mit Mühe der Lebensfunke, der dem Er⸗ löſchen ſo nahe, unterhalten werden konnte. Es war nicht möglich ihn weiter zu transportiren. Er blieb unter der Pflege meiner Tante in dem Städtchen Bacharach zurück, während die Heere andern Be⸗ ſtimmungen entgegen zogen. Monate lang ſchmachtete — 187— er in dieſem Zuſtande. Oft drangen einzelne Streif⸗ corps der Franzoſen ſchon bis in die Nähe des Rheines vor. Sie wurden immer häufiger und zahlreicher und die Gefahr für den Vater und Tante Helene, eine Ausgewanderte, ſtieg mit jedem Tage. Schaaren von Emigranten flüchteten über den Rhein und ihr Beiſpiel ermahnte ſie, auf ihre Sicherheit zu denken; allein ſie hielt es für eine heilige Pflicht, bis zu dem letzten Augenblicke bei dem langſam Skerbenden auszuhalten. Da fand ſie ihn eines Morgens eingeſchlafen, kalt und ohne Leben. Er war ſtill verſchieden. Sie meldete das traurige Er⸗ eigniß ihrer Schweſter, ſie ſchrieb, daß ſie für ein ehrenvolles Begräbniß ſorgen und dann ſogleich zu uns eilen werde. Sie erwähnte mehrerer Briefe, die ſie von Bacharach aus an uns geſchrieben habe, von denen aber keiner ſeine Beſtimmung erreicht hatte. Dieſen letzten mit der Todesnachricht empfingen wir zugleich mit dem erſten, der die Verwundung mei⸗ nes Vaters anzeigte. Du kannſt dir denken, in welche Trauer dieſe Bothſchaft meine Mutter verſetzte. Ich war noch ein kleiner Knabe, aber ich erinnere mich noch der Thränen, die ſie unaufhörlich ver⸗ goß. Von Tage zu Tage erwartete man nun die Tante mit der kleinen Couſine. Monate vergingen, ein Jahr entſchwand, ohne daß ſie anlangte, ohne — 188— daß eine Kunde von ihr eintraf. Der Graf von Landrech kam aus der Schweiz zurück, wo ſeine Verſuche, die franzöſiſche Grenze zu überſchreiten, vergeblich geweſen waren. Alle Mittel wurden auf⸗ geboten, Erkundigungen von der Verſchwundenen einzuziehn: das Grabmal meines Vaters ſtand in der Kirche zu Bacharach, aber wo die Dame, die es ſetzen laſſen, hingekommen, wollte niemand wiſ⸗ ſen. Meine Mutter verftel in Krämpfe, wenn ſie von der Sache ſprechen hörte. Nach mehreren Jah⸗ ren kehrte der Graf nach Frankreich zurück und wurde wieder in ſeine alten Rechte eingeſetzt. Er ließ es fort und fort an Nachforſchungen nach Frau und Kind nicht fehlen, aber alle Bemühungen wa⸗ ren eitel: ſie waren und blieben verloren.“ „Parla come un libro stampato: würde ich mit dem Leporello im Don Juan ſagen, wenn ich ein ſchlechter Spaßmacher wäre, wie du noch vor vier Wochen wareſt!“ verſetzte ſehr trocken Dietrich. „Ruhig habe ich dich angehört, ich habe mich ge⸗ zwungen, dich nicht zu unterbrechen, während ich mich im Innern ſchwer geärgert und mich jeden Augen⸗ blick in der Laune gefühlt, dir einiges Unhöfliche zu ſagen. Sieh vor dich und gib Acht, daß du nicht ſtrauchelſt, denn der Weg auf dem hartgefro⸗ — 189— renen Schnee iſt gefährlich in dieſer Bergſchlucht. Laß uns vorſichtig weiter dringen und höre an, was ich dir ſagen will. Warum haſt du mir die ganze Geſchichte nicht früher erzählt, warum nicht, ehe wir in der Geſtalt unſchuldiger Landleute die Wall⸗ fahrt nach der Kirche zu Bacharach antraten?“ „Ich hatte meine guten Gründe,“ antwortete Edmund.„Ich will dir nur geſtehen, daß ich ſchon als Kind eine ſeltſame phantaſtiſche Liebe zu der verloren gegangenen kleinen Couſine Cäcilia in mir trug, daß ich immer meinte, ſie würde ſich einmal wiederfinden, als eine Königin oder Prin⸗ zeſſin auf einem goldſtrahlenden Throne, und mich dann heirathen. Die Haushälterin hatte, wenn ſie die Geſchichte erzählt, immer geheimnißvoll hinzu⸗ geſetzt: wahrſcheinlich habe das Waſſerweibchen die zwei Verlorenen in ihr Reich entführt. Ich ſah nun die Couſine immer in einem Kriſtallpallaſte wandeln und liebte ſie unbeſchreiblich. Dieſe wun⸗ derliche Liebe ging, freilich unter anders geſtalteten Hoffnungen, mit in meine Jünglingsjahre über und Alles, was ſich darauf bezog, ſchien wie ein Heilig⸗ thum, das ich durch Entdeckung an einen andern nicht entweihen dürfe. Das Leben im Kriege hat mich nun wohl manchmal dieſen Selbſttäuſchungen entzogen, aber immer behielt ich die Gewohnheit bei, — 190— auf dieſer Sache den Schleier des Geheimniſſes ruhen zu laſſen, der mir ſelbſt ſie nur intereſſan⸗ ter machte.“ nEine ſchöne Gewohnheit, das!“ brummte der Freund.„Weißt du, was ſie dich koſtet?“ „Du ſprichſt in Näthſeln,“ erwiederte Edmund. „Was kann ich durch ſie verlieren, was kann ſie nach deinem Ausdrucke mich koſten?“ „Das will ich dir ſagen,“ entgegnete ernſt und gleichmüthig Dietrich.„Ich bin kein Phantaſt, kein romantiſcher Schwärmer und Mährchenphilo⸗ ſoph, aber als routinirter Juriſt behalte ich bei einem verwickelten Falle alle einzelnen Umſtaͤnde im Auge, welche die Sache erklären oder doch er⸗ klären könnten. Wo iſt deiner Mutter Schweſter mit ihrem Kinde verſchwunden? Hier am Rheine, in dieſer Gegend, vielleicht in dem Umkreiſe einer halben Stunde. Was fiel mir an der ſeltſa⸗ men Schifferin auf, die uns in jener gefährlichen Nacht über den Rhein gebracht? Die wunderbare Ahnlichkeit mit dir, die ſo weit ging, daß ſie, wie ich noch in der Hütte bemerkte, ſogar das kleine rothe Maal unter dem Auge mit dir gemein hat, das leicht ein Familien⸗Maal ſeyn kann. Das Alter ſtimmt auch überein und hätte ich damals gewußt, was ich jetzt weiß, ſo hätte das hübſche Kind mit — 191— Guͤte oder Gewalt uns in's Bivouac begleiten müſſen, um dort ſcharf verhört zu werden und aus dem Verhöre vielleicht als deine leibliche Couſine, Cäͤ⸗ cilia, Gräfin von Landrech, hervorzugehn.“ Dem Begleiter Dietrichs war es, als werde durch ein plötzliches Licht die Nacht erhellt, die ihn bisher umgeben. Er blieb ſtehen und ergriff des Freundes beide Hände. Ein Zittern in der ſeini⸗ gen verrieth die heftige Bewegung ſeines Innern. „Bei'm Himmel!“ hob er nach einer Pauſe mit bebender Stimme an:„dieſes Maal iſt in der Familie meiner Mutter herrſchend, ſie ſelbſt trägt es, auch Couſine Gabriele. Es war oft in traulichen Geſprächen die Rede davon, daß es ſich bis jetzt noch auf alle Glieder ihres Geſchlechtes fortgepflanzt habe, daß es aber bei vielen erſt ſichtbar werde, wenn irgend ein lebhaftes Gefühl, eine Leidenſchaft ſie bewege. Dietrich, du haſt mich auf wunder⸗ liche Gedanken gebracht. Jene Schifferin— ich will es nicht läugnen, ihre Schönheit, ihr Muth, vielleicht auch der Umſtand, daß ſie unſere Retterin geworden, haben auf mich einen tiefen Eindruck ge⸗ macht. Statt jenes phantaſtiſchen Bildes der Cou⸗ ſine Cäcilia ſehe ich jetzt immer ſie vor mir. Die Ahnlichkeit, die du damals zwiſchen uns fin⸗ den wollteſt, hat mich ſchon mit ſeltſamen Ah hnungen — 192— erfüllt und nun das Maal— Dietrich, wenn es wäre, wenn die Verlorene wiedergefunden eine—“ „Baſta!“ unterbrach ihn mit feſter Stimme der Freund.„Das Ganze iſt nichts als eine Fabel, die ich dich zu necken erſonnen. Ich wollte dir nur zeigen, daß ein proſaiſcher Actenwurm, wie ich, auch einmal in das Nomantiſche hineinpfuſchen kann. Im Ubrigen ſey überzeugt, daß Ahnlichkeiten, Mä⸗ ler und dergleichen vor dem Forum des Richters durchaus unbedeutende Dinge ſind und daß aus gewöhnlichen Schifferinnen nur in Comödien und Novellen etwa Gräfinnen werden. Doch halt! hier ſind wir der Beſchreibung nach am Ziele unſerer Wanderung. Dieſe Spelunke iſt beſtimmt, uns Quar⸗ tier zu geben.“ Edmund blickte auf. Sie ſtanden vor einem anſehnlichen, halb verfallenen Hauſe, das ſich mit der Rückwand an einen der mächtigen Schieferberge lehnte, zwiſchen denen ſich die Thalſchlucht hinzog. Der Mond, der während ihrer nächtlichen Wande⸗ rung aufgegangen war, ließ ſie ihre Umgebungen in unſichern Umriſſen erkennen. Gleich ungeheuern rieſigen Gebilden ſtiegen zu beiden Seiten die ge⸗ waltigen Leyenberge zum Himmel, an deren ſchrof⸗ fen Wänden nur ſelten eine Schneeſpur haftete; im Hintergrunde dehnte ſich ein ſanfter aufſteigendes, — 193— ſchneebedecktes Gebirge in die Ferne. In dem Hauſe war es ſtill. Die Fenſter des Erdgeſchoßes waren mit ſtarken Laden verwahrt; in denen des obern Stockes, welche hohe Schwibbögen bildeten, brannte kein Licht. Das ganze Haus hatte etwas Alter⸗ thümliches, Kirchenartiges. Durch die Sparren des ſteinentblösten Dachwerks fielen die Strahlen des Mondes auf unſere Wanderer herab. Alles ſchien im Innern wie ausgeſtorben und Dietrich riß den Freund aus ſeinen Träumereien durch die Bemerkung empor: daß ſie allem Anſcheine nach genöthigt ſeyn würden, Quartiergeber und Quartier⸗ gaſt in eigener Perſon vorzuſtellen. Wenige Augen⸗ blicke ſpäter erkannte er ſeinen Irrthum. Auf ſein Klopfen wurde geöffnet und eine bejahrte Frau mit einer Lampe in der Hand, trat, nach ihrem Begehren fragend, in die Thüre. Die Abſicht des nächtlichen Beſuches ſchien ſie nicht zu befremden. Sie forderte die beiden jungen Männer auf, ihr in das warme Zimmer zu folgen, wo ſie noch einen Gaſt finden würden, der ſich freilich auf eine un⸗ befugte und gewaltſame Weiſe bei ihr eingedrängt habe. Begierig die Bekanntſchaft dieſes Gaſtes zu machen und der Ruhe bedürftig, folgten ihr Ed⸗ mund und Dietrich. IV. 13 — 194— Es liegt in der Eigenthümlichkeit dieſer Ge⸗ ſchichte, daß es uns noch nicht vergönnt iſt, einen Blick auf Anne zurückzuwerfen, die wir allerdings in einem verhängnißvollen Momente verließen; al⸗ lein wir würden den Gang der Verhältniſſe, wie er uns zum Ziele führen muß, ſtören, wollten wir ihrer Entwickelung zuvorgreifen, die ſich zu ihrer Zeit von ſelbſt ergeben wird. In dem Innern des Hauſes, das die zwei be⸗ freundeten Krieger ſo eben betreten hatten, befand ſich ein hohes gewölbtes Gemach, an deſſen Stein⸗ wänden halb vorſpringende Säulen emporſtiegen und ſich zu einer ſpitzigen Kuppel vereinigten. Dieſes Gemach war von bedeutender Größe und ſchien ſei⸗ ner erſten Beſtimmung nach zu einer Capelle ge⸗ dient zu haben. An jenen Säulen zeigten ſich noch erhaben gebildete Wappenſchilder mit verbleichten Farben und halb erlöſchten Umriſſen. Eine hell brennende Lampe hing von der Kuppel herab und ergoß ihr Licht über die Menſchen und die Gegen⸗ ſtände, welche ſich in dem Gemache befanden. Auf einem großen, alterthümlichen Lehnſtuhle in der Mitte des Zimmers ſaß eine ſtark gebaute männ⸗ liche Geſtalt in der Uniform eines franzöſiſchen Krie⸗ gers. Die Grenadiermütze lag neben ihm auf dem — 195— Boden, die rechte Hand ruhete an dem Gewehr, das an den Seſſel gelehnt ſtand, die linke war un⸗ ter den Aufſchlag des Kleides geſchoben und ſchien hier irgend einen Gegenſtand zu halten. Der Krie⸗ ger hatte ſich lang hingeſtreckt auf den Seſſel, ſein Angeſicht war todtenblaß, ſeine Augen waren ge⸗ ſchloſſen, um die Stirn lag ſehr locker gebunden ein Tuch, unter dem langſam ein ſchwarzer Blut⸗ ſtrom hervordrang und in dicken Tropfen über die bleichen Wangen herabſickerte. Er ſchien ohne Be⸗ wußtſeyn. Schwere Odemzüge, in langen Zwiſchen⸗ räumen, zeigten an, daß er noch lebe. Weit von ihm, in einem düſtern Winkel des Gemaches ſaß auf einem niedern Sitze ein Frauenbild. Sie war in ein weites grünes Gewand gehüllt, eine Fülle von Haaren hing über ihren Rücken hinab, ihr An⸗ tlitz, das noch Spuren ehemaliger Schönheit ver⸗ rieth, war noch bleicher, als das des verwundeten Soldaten. Sie hatte die Ellenbogen auf die Kniee geſtützt, den Kopf in die Hände, und ſaß in einer ſeltſamen kauernden Stellung. Auch ihre Augen waren geſchloſſen und nichts verrieth, daß der an⸗ weſende Mann auch nur in einem geringen Grade ihre Aufmerkſamkeit errege. Sie ſchien völlig ſtumpf und gleichgültig. Kein Laut kam über ihre Lippen. Es war ſo ſtill in dem weiten Gemache, daß jeder 13* — 196— einzelne Seufzer des Verwundeten laut durch den ganzen Raum hinhallte. Jetzt bewegte es ſich auf dem Vorplatze, die Stimme der Frau, welche die beiden jungen Deut⸗ ſchen eingelaſſen hatte, ließ ſich vernehmen, ihr antworteten die herankommenden Männer. Da ſchien Leben in die ſtarre, leichenähnliche Geſtalt des fran⸗ zöſiſchen Kriegers zurückzukehren. Er fuhr zuſam⸗ men, richtete ſich mit dem halben Oberleibe etwas auf und heftete die dunkeln, wild flammenden Augen auf die Thüre des Gemaches. In dieſem Augen⸗ blicke öffnete ſich dieſe. Die Uniformen der Ein⸗ tretenden, ihre blitzenden Waffen wurden ſichtbar. „Qui vit?“ rief mit gewaltſamer Anſtrengung der Franzoſe im Tone des gewöhnlichen Wachtrufs. Vergebens bemühete ſich ſeine Rechte, das Gewehr, das an ſeiner Seite ſtand zu erheben, ſie ſank kraft⸗ los an dem Laufe nieder.„Qui vit?“ ſtammelte er noch einmal mit bebender Lippe und fiel, ohne ſich länger aufrecht halten zu können, in den Seſſel zurück. Die beiden Freunde ſahen ſogleich ein, daß ſie von dieſem Feinde nichts zu fürchten hatten. Während die Frau, die ſie hereingeführt, erzählte, daß er vor einer Stunde etwa, als man noch hef⸗ tig im Gebirge geſchoſſen, mit blutendem Kopfe an — 197— ihrer Thuͤre angelangt ſey und unter Flüchen und Drohungen ſich den Eingang erzwungen habe, ſeit⸗ dem aber immer tiefer in Schwäche verfallen ſey, näherten jene ſich ihm mitleidig und Dietrich re⸗ dete ihn in franzöſiſcher Sprache an. Indeſſen blieb die im Winkel ſitzende Frau immer ſtill und theilnahmlos und wurde von den neuen Ankömm⸗ lingen nicht bemerkt. Alle Fragen, welche Die⸗ trich an den Franzoſen that, in wie fern er ihm eine Linderung ſeiner Schmerzen verſchaffen könne und ob nicht eine Erquickung in dieſem Augenblicke ihm Noth thue, ließ dieſer unbeantwortet. Seine Blicke ruheten nur immer ſtarr auf Edmund, der nahe bei ihm ſtand und mit einem Gefühle tiefen Mitleids den benarbten Krieger betrachtete, der ge⸗ wiß oft glücklich den Gefahren des Todes entgan⸗ gangen war, jetzt aber ihm unerrettbar verfallen ſchien. Da erhob ſich mit einer äuſſerſten Anſtren⸗ gung noch einmal der Franzoſe von ſeinem Sitze, ſo daß er halb ſtehend, in vorgebogener Haltung ſich Edmund gegenüber befand, indem ſeine Rechte auf die Lehne des Seſſels ſich ſtützte und die linke krampfhaft auf der Bruſt, unter dem Klappenauf⸗ ſchlage der Uniform, wühlte. Er näherte ſein An⸗ tlitz ſo ſehr als möglich dem jungen Krieger und ſchien eifrig in deſſen Zügen zu forſchen. Dann — 198— ſagte er, während ſeine Kniee zitternd zuſammen ſchlugen und in jedem Augenblicke zuſammenzu⸗ brechen droheten, mit feſter Stimme: „Mademoiſelle, ich kenne Sie wohl! Sie wollen Ihr Eigenthum zurück, das ich Ihnen geſtohlen habe in jener Nacht, als Sie neben dem todten Manne in der Hütte am Rheine knieeten. O, ich erinnere mich noch recht gut dieſes Augenblicks! Was haſt du aber einen Soldatenrock und blanke Waffen angelegt, tolldreiſtes Mädchen?“ fuhr er heiſer lachend fort.„Meinſt du denn, du könnteſt den Sergeant Girard zwingen, dir herauszugeben, was er behalten möchte? Nein, nein, Kind! Vor Waffen hat ſich Girard nie gefürchtet und mit Bitten und Thränen hat ihn auch nicht leicht ein Weib gerührt. Aber jetzt geht's zum großen Apell und wenn da gerufen wird: Sergeant Girard, haſt du kein ungerechtes Gut auf deiner Seele? Dann möchte ich doch gern antworten können: nein, Obergeneral! Was ich an mich gebracht habe, ge⸗ ſchah in gerechter Plünderung im Feindeslande, aber nicht durch Raub und Diebſtahl in Freundes⸗ lande. Da, Mädchen, nimm dein Eigenthum zu⸗ rück! Es iſt unverletzt. vive la France! Vive UEmpereur!“ Bei dieſen letzten Worten hatte er müheſam — 199— ein rothes Käſtchen, das er unter ſeiner Uniform verwahrt, hervorgenommen. Er drückte es dem er⸗ ſtaunten Edmund in die Hand, dann knickten ſeine Kniee zuſammen und mit dem leiſe wieder⸗ holten: Vive PEmpereur! ſank er, von Dietrich unterſtützt, halb auf den Seſſel, halb auf den Bo⸗ den nieder. Seine Augen brachen, ein leiſes Zuk⸗ ken flog über das bleiche Angeſicht, nun wurde es ſtarr und ruhig und als Dietrich die Hand auf ſein Herz legte, hatte es aufgehört zu ſchlagen. „Er iſt todt;“ ſagte Dietrich zu der herbei⸗ tretenden Hausfrau.„Er iſt als ein wackerer Sol⸗ dat geſtorben und ich werde Sorge tragen, daß ihm morgen ein ehrenvolles Begräbniß wird. Aber jetzt laßt ihn uns wegſchaffen. Jedem ſein Recht! Der Todte gehört nicht unter die Lebenden.“ Die Frau rief einen Knecht herbei, den einzi⸗ gen Diener, den ſie im Hauſe hatte. Mit ſeiner und ihrer Hülfe ſchob Dietrich den Seſſel mit dem Geſtorbenen hinaus. Edmund, der ſich an einen Tiſch geſtellt hatte und dem Freunde den Rücken zukehrte, hörte nicht auf deſſen Anforderun⸗ gen, mit Hand anzulegen, und ſchien ganz in den Anblick eines Gegenſtandes, der ſich vor ihm auf dem Tiſche befinden mußte, verſunken. Als der ältere Freund zurückkehrte, fand er ihn noch in der⸗ — 2⁰00— ſelben Stellung. Dietrich trat näher. Jetzt be⸗ merkte er, daß eine dunkele Gluth auf Edmunds Angeſicht getreten war, daß ſeine Hände, welche zwei Papiere hielten, heftig zitterten und ſeine Blicke auf den Schriftzügen der Papiere wild um⸗ herirrten. Das rothe Käſtchen ſtand vor ihm auf dem Tiſche. „Dietrich, ich glaube, ich werde noch wahn⸗ ſinnig;“ hob er mit einem ſeltſam veränderten Tone der Stimme an.„Alles, was mir begegnet, iſt geeignet, meinen Verſtand zu verwirren und es klopft ſo wunderlich in meinem Gehirne, als ſey ein fremder Gaſt eingekehrt. Siehe, das iſt das Käſtchen, das mir der Franzoſe gegeben! Als ich es öffnete, funkelten mir Gold und Edelſteine entgegen. Dazwiſchen lagen zwei Pa⸗ piere. Hier ſind ſie. Das eine iſt ein preußiſcher Militärpaß aus den neunziger Jahren, auf meine unglückliche Tante ausgeſtellt, das andere der Tauf⸗ ſchein meiner Couſine Cäcilia. Sind das nicht tolle Streiche des Schickſals, ſo gibt es keine, und wenn mich ſein toller Wirbel mit fortreißt, ſo halte ich das für nichts Beſonderes.“ Dietrich griff haſtig nach den Papieren. Er glaubte ſich allein mit dem Freunde. Da ertönte — 201— ein Geräuſch in ihrem Rücken und jene Frau, die bisher von ihnen unbemerkt im Winkel gekauert ge⸗ weſen, erhob ſich von ihrem niedern Sitze. Ihr Antlitz war nicht mehr bleich, wie früher. Eine ſanfte Röthe lag auf den Zügen, aus denen jetzt Leben und Empfindung ſprach. Eine wunderbare Heiterkeit— man hätte ſie eine Verklärung nen⸗ nen können— thronte auf der Stirn, in den ſchö⸗ nen blauen Augen zeigte ſich ein Ausdruck der Überraſchung, während auf den Lippen eine Frage zu ſchweben ſchien. In weiten Faltenwürfen fiel das grüne Gewand um ihre Geſtalt, allein man konnte doch in der edeln Haltung, in der freien Bewegung jene Feinheit des äußern Benehmens erkennen, die nur eine höhere Bildung gibt. Sie näherte ſich mit Haſt aber dennoch mit Anſtand den erſtaunten jungen Männern. Hätten dieſe ſie früher bemerkt in ihrem ſtumpfen Hinbrüten, in ihrer geiſtigen und körperlichen Erſchlaffung, mit der Leichenbläſſe auf den eingefallenen Zügen, mit dem ganzen Anſehn einer mitleidenswerthen, empfin⸗ dungsloſen Gemüthskranken, ſie hätten ſie in dieſem Weſen, das nur durch ſeine plötzliche Erſcheinung ſie überraſchte, nicht wieder erkannt. Mit einem leichten Gruße trat ſie zu Edmund. Sie legte die Hand auf das rothe Käſtchen und ſagte in einem — 202— Tone, der die Bewegung ihres Gemüthes an den Tag legte: „O mein Herr, Sie nannten einen Namen, der mir unendlich theuer iſt und der Umſtand, daß ſie im Beſitze dieſes Käſtchens ſind, welches ich recht wohl kenne, ſagt mir, Sie wiſſen mir auch einen Aufſchluß über das Schickſal derjenigen zu geben, die jenen Namen trägt! Verſchweigen Sie mir Nichts, mein Herr! Niemand hat ein heiligeres Recht auf dieſes theuere Weſen, als ich. Lebt ſie noch? Und wo lebt ſie, welches Schickſal iſt ihr geworden?“ Edmund blickte die Fragende ſtarr an, ohne eine Antwort auf ihre Rede finden zu können. In ſeinem Kopfe wurde es wüſter und wilder. Es kam ihm Alles, was er hörte und ſah, wie ein unklarer Traum vor, in dem er ſelbſt eine Rolle mitſpielen mußte.„Reiße dich heraus!“ rief er ſich ſelbſt zu: „Wahnbilder wollen dich necken und verwirren, Trug will deinen Geiſt umſpinnen und dir eine falſche Gegenwart vorheucheln!“ Dann aber kehrte die Erinnerung des Vorangegangenen, der Ereigniſſe, die ihn herze geführt, zurück; er fühlte Die⸗ trichs Hand in der ſeinigen, er empfand den Odem der naheſtehenden Frau an ſeiner Wange, er er⸗ — 203— kannte wieder, daß Alles, was ihm begegne, Wirk⸗ lichkeit ſey. Indeſſen hatte die Frau langſam das Käſtchen geöffnet. „Da iſt ja noch Alles beiſammen, wie es ſeyn muß!“ hob ſie wiederum an:„die Diamanten von der Großmutter und die Goldſtücke von dem Gra⸗ fen. Die Diamanten trug ich zum erſtenmale an meinem Hochzeitstage, die Goldſtücke ſchenkte mir der Graf bei ſeiner Abreiſe. Aber wo ſind die Pa⸗ piere, die noch dazu gehören? Ach, Sie halten ſie, mein Herr! Sie wiſſen, daß ſie von Wichtigkeit ſind und das wußte derjenige auch, der das Käſt⸗ chen der rechtmäßigen Beſitzerin raubte.“ Nachdenkend blieb ſie einige Augenblicke ſtehen und betrachtete aufmerkſam den Inhalt des Kaͤſt⸗ chens. Dietrich war eben ſo ſehr von der Er⸗ ſcheinung der Frau, ihren ſeltſamen, bedeutungs⸗ vollen Reden, wie von dem Zuſtande ſeines Freun⸗ des, deſſen ganzes Weſen ein ſteigendes Unwohlſeyn verrieth, ergriffen. Er wollte die Frau anreden, er wollte durch eine entſcheidende Frage dieſer räthſelhaften Sache eine beſtimmte Wendung geben. Ehe er aber eine ſchickliche Einkleidung, wie ſie das Achtung gebie⸗ — 204— tende Außere der Frau erheiſchte, finden konnte, nahm dieſe auf's Neue das Wort: „Sonderbar! Nichts fehlt und dennoch wurde ein Mord begangen, um ſich dieſes Goldes, dieſer Kleinodien zu bemächtigen. Viele, viele Jahre ſind verſchwunden, ſeit ich ſie nicht vor Augen gehabt, wie eine graue, trübe Scheidewand liegt es zwiſchen der Gegenwart und jener Zeit und nun muß auf einmal der Glanz dieſes Goldes, das Feuer dieſer Edelſteine wieder meine Blicke treffen. Aber das köſtlichſte Kleinod, das mit dieſen war! Wo iſt es hin, was iſt aus ihm geworden? O, mein Herr,“ wandte ſie ſich im Tone der dringendſten Bitte an Edmund,„wenn Sie das Gefühl einer Mutter achten, die ſich nach dem lange entbehrten Kinde ſehnt, wenn Sie die Qualen der entſetzlichen Un⸗ gewißheit übee das Schickſal des geliebteſten Weſens ahnen, ſo ſagen Sie mir, was Sie von derjenigen wiſſen, die mit dieſem Golde und dieſen Diaman⸗ ten in der Gewalt eines räuberiſchen Böſewichtes blieb, geben Sie mir eine Kunde von meiner Toch⸗ ter, von meiner Cäcilia!“ „Weib!“ ſagte Edmund, der ſich in der außer⸗ ordentlichſten Erregung befand und die Frau mit Blicken betrachtete, in denen Fiebergluth brannte: „biſt du nicht ein bloßes Wahnbild meiner entflamm⸗ — 205— ten Einbildungskraft, eine Geburt meines erhitzten Gehirnes, iſt nicht Alles, was mich umgibt, nur ein Werk der Sinnestäuſchung, dieſes Haus, der Schmuck, der vor meinen Augen, der Freund, der an meiner Seite ſteht: dann— dann,“ fuhr er ſtärker fort, „dann kannſt du keine andere ſeyn, als Helene, Gräfin von Landrecy!“ Da erloſch mit einemmale das Feuer in den Blicken der Frau, die Augenlieder ſchloſſen ſich langſam über den Augen, die Stirn erſchien von unzähligen Falten gefurcht und die ſanfte Röthe der Wangen ging in eine Leichenbläſſe über. Alle Züge ſchienen um viele Jahre gealtert. Der Kopf ſank müde auf die Bruſt herab, kraftlos fielen die Arme nieder und die eben noch ſo hohe Geſtalt ſchwankte zuſammengebrochen, tappend, wie eine Blinde, nach dem niedern Sitze im Winkel zurück. „Gieb Antwort, Gräfin von Landrecy!“ rief ihr Edmund im Tone eines Raſenden nach.„Es muß jetzt hell werden in der Vergangenheit, jetzt oder nimmermehr!“ In dieſem Augenblicke trat' die Hausbeſitzerin herein und ſah erſchrocken auf den jungen Mann und ihre Gefährtin, die im Begriff war, ihre alte Stelle einzunehmen. „Hat die Mondſüchtige zu Euch geſprochen?⸗ — 206— fragte ſie, beſorgt dem wild um ſich blickenden Ed⸗ mund näher tretend.„Ihr müßt Euch nicht an das kehren, was ſie geſagt hat! Es iſt eine arme geiſteskranke Frau, die mein ſeliger Mann vor vie⸗ len Jahren elend im Gebirg umherirrend angetrof⸗ fen hat. Seitdem lebt ſie hier im Hauſe, wenn man ein Daſeyhn wie das Ihrige Leben nennen kann. Sie ſpricht in ihrem gewöhnlichen Zuſtande nie, hat die Augen immer verſchloſſen und ſitzt wie ſtumpf und geiſtesabweſend in ihrem Winkel. Alles was nun um ſie vorgeht, ſcheint ſie nicht zu be⸗ merken und die wenige Nahrung, die ſie zu ſich nimmt, kann ſie nur gerade erhalten. Wenn die Zeit des Vollmondes da iſt, geht manchmal eine ſeltſame Veränderung mit ihr vor. Sie ſteht auf und erſcheint als ein ganz anderes Weſen. Sie ſieht aus wie eine Geſunde, blühend, friſch und ſogar ſchön. Dann fängt ſie auch an zu ſprechen von frühern Zeiten, von einem ſchönen Schloſſe, das ſie bewohnt, und ganz beſonders ſcheint ihr Ge⸗ müth mit den Gedanken an eine Tochter beſchäf⸗ tigt, die ſie todt oder verloren wähnt. Wer kann aber einer Aberwitzigen, einer Mondſüchtigen glau⸗ ben? Dieſer Zuſtand hat auch immer nur ſehr kurze Zeit gedauert. Sie ſank in ihre frühere Stumpf⸗ ſinnigkeit zurück und dann iſt mit allen Fragen kein — 207— Wort mehr aus ihr zu bringen. Es iſt nun ſchon ſehr lange, wohl über Jahr und Tage her, daß ſie die Mondſucht nicht befallen hat und ich dachte ſchon, ſie würde nun immer ſtumm bleiben bis an ihr Ende.“ „Hat ſie etwa, wenn ſie zu Euch ſprach,“ forſchte Dietrich,„das verloren geglaubte Kind Cäcilia genannt?“ „Richtig!“ antwortete die Wirthin.„Von ihrer Cäcilia ſprach ſie immer und ſicherlich hat ſie auch gegen Euch dieſes Kindes erwähnt, vielleicht auch ihres Schloſſes und ihrer ehemaligen Reich⸗ thümer! Lieber Gott, die haben wohl nur in ihrer Einbildung beſtanden! Mein ſeliger Mann fand ſie in Lumpen gehüllt in dem erbärmlichſten Zuſtande einer unglücklichen, verwilderten Perſon.“ Indeſſen hatte Edmund mit ſeltſamer Eilfer⸗ tigkeit das Schmuckkäſtchen mit den Papieren in ſeinen Torniſter gepackt. Ohne weiter ein Wort zu ſprechen, ließ er ſich jetzt auf einem Seſſel nieder, legte den Torniſter auf ſeinen Schooß, breitete die Arme darüber aus und ſchien ſich dem Schlafe hingeben zu wollen. Als ſein Freund, der noch einmal zu der Frau im Winkel trat und dieſe ge⸗ nau betrachtete, nach einem Weilchen ſich ihm nä⸗ herte, fand er ihn wirklich ſchlafend. Sein Kopf — 298— war auf den Torniſter niedergeſunken und die ſchwe⸗ ren Odemzüge, die ſich ſeiner gepreßten Bruſt ent⸗ rangen, wie die Fieberhitze auf ſeiner Stirn, waren nicht geeignet, Dietrichs Beſorgniſſe zu vermin⸗ dern. Er ſetzte ſich leiſe neben den Freund und bewachte deſſen Schlaf. Es ſchien ihm bemerkens⸗ werth, daß die Mondſüchtige, als Edmund ſie mit dem Namen ſeiner Tante anrief, erwacht und in den gewöhnlichen Zuſtand ihres wachen Lebens zurückgekehrt war. Erinnerte er ſich doch, gehört zu haben, daß ſolche Nachtwandler, wenn ſie durch kein noch ſo lautes Getöſe zu ſich zu bringen ge⸗ weſen, bei einer halblauten Nennung ihres Namens erwacht ſehen und daß man deshalb ſich hüte, an gefährlichen Stellen ihnen dieſen zuzurufen, indem ſie dann ſchon oft im erſten Schreck des Erwachens verunglückt ſehen. Auch ſollten ſie in vielen Fäͤl⸗ len, gleich den magnetiſch Somnambulen, höhere Geiſtesanlagen während des mondſüchtigen Zuſtan⸗ des verrathen, als im wahren Daſeyn. Alles die⸗ ſes ſchien bei der Unglücklichen, die im Winkel ge⸗ kauert ſaß, zuſammenzutreffen. Wenn nun Die⸗ trich dabei erwog, daß ſie eine genaue Kenntniß des verhängnißvollen Käſtchens und ſeines Inhal⸗ tes gezeigt hatte, daß ſie von einem verlorenen Kinde ſprach, welches ſie Eäcilia nannte; wenn — 209— er der jungen Schifferin gedachte und ihrer wun⸗ derbaren ÄAhnlichkeit mit Edmund, des ſterbenden Mannes in der Hütte am Rhein und der Auſſage des Sergeanten Girard, der, Edmund für ein Mädchen anſehend, geſtanden hatte, daß er in einer Hütte, wie jene, eben dieſem Mädchen, das neben einem todten Manne gekniet, das Schmuckkäſtchen geraubt habe: dann mußte er ſich bekennen, daß dieſes Zuſammentreffen von Umſtänden ein wunder⸗ liches Licht auf ſeines Freundes Famillienverhält⸗ niſſe verbreitete, deſſen Dämmerung aber, bei der Geiſtesſtumpfheit der Hauptperſon, wohl nie ganz erhellt werden dürfte. Die Scene, die ihn umgab, würde in einem an dern Augenblicke ſeine Aufmerkſamkeit erregt und gefeſſelt haben. Die Wirthin war unter einem groſ⸗ ſen, in die Wand gemauerten Crueifixe eingeſchla⸗ fen, im Winkel kauerte die unglückliche Geiſteskranke, von der es zweifelhaft war, ob ſie ſchlafe oder wache, über das ganze alterthümliche Gemach und in die hohe Halle hinauf, ſandte das flackernde Flämmchen der Lampe ein ſeltſames, unbeſtimmtes Licht, das den zwei Frauen und ihren Umgebungen einen höchſt maleriſchen Reiz mittheilte. Jetzt war Dietrichs Theilnahme ganz ſeinem Freunde ge⸗ widmet. Indem jene Ereigniſſe, gleich flüchtigen IV. 14 — 210— Bildern an ſeinem Geiſte vorüberzogen, legte er bald ſanft die Fläche der Hand auf Edmunds glühende Stirn, bald prüfte er den Schlag des Pulſes, bald lauſchte er auf den Odemzug. Ed⸗ mund ſchien ſchwer zu träumen. Er veränderte oft ſeine Lage, ſtieß unartikulirte Töne aus und preßte einigemale die geballte Hand an ſein Herz. Lange widerſtand Dietrich der Ermüdung, die eine natürliche Folge des Tag⸗ und Nachtmarſches war. Endlich unterlag auch er der Macht des Schlafes und, indem er noch einmal verſuchte die matten Blicke auf den Freund zu richten, ſchloſſen ſich ſeine Augen und verließ ihn das Bewußtſeyn. Als er erwachte, ſtand Edmund vor ihm. Dieſer war ſchon völlig zum Abmarſche gerüſtet und rüttelte an dem Schlaftrunkenen, um ihn zu ermuntern. Geſchäftig bewegte ſich die Wirthin hin und her, während ſie ein Frühſtück für die jungen Männer beſorgte. Die Fenſterläden waren geöff⸗ net und der anbrechende Morgen dämmerte in Oſten. Noch brannte die Lampe und erhellte das Gemach. Stumm und unbeweglich, wie ein Steinbild ſaß die Gemüthskranke in ihrem Winkel. „Hörſt du die Trommel?“ ſagte Edmund, während ſeine Zähne im Fieberfroſte zuſaminen⸗ klappten. Er ſah jetzt ſehr blaß aus und ſchien ſich — 211— nur mit Mühe aufrecht zu erhalten.„Wir müſſen fort zum Regimente,“ ſprach er weiter.„Die Trom⸗ mel ruft und ein wackerer Soldat darf nicht fehlen bei ihrem Rufe.“ Dietrich war aufgeſtanden und ergriff be⸗ ſorgt des Freundes Hand. „Du biſt krank, Edmund,“ hob er an.„Bleibe lieber zurück und pflege deine Geſundheit hier in Ruhe! Ich will dich krank melden beim Regiment.“ „Nein, nein!“ erwiederte der jüngere Freund und ſandte ſcheue Blicke nach der Frau im Winkel. „Ich bleibe nicht hier. Sieh dort die Frau aus meinem Kindermährchen! Sie iſt wahnſinnig ge⸗ worden und ihr Wahnſinn möchte mich anſtecken. Komm, komm! Die Trommel wirbelt Thal auf und Thal nieder. Wir waren nie die letzten auf dem Platze, wir wollen es auch heute nicht ſeyn!“ Ohne die Einladung der Hausfrau zum Fruh⸗ ſtück zu beantworten, eilte er aus dem Gemache, und dem Hauſe. Dietrich ſah ſich genöthigt, ihm zu folgen, um ſo mehr, da in der That vom nahen Städtchen her, wo der Chef ihres Regimentes ſeinen Aufenthalt genommen hatte, Trommelſchlag und Hörnerruf erklangen. Mit gebrochenen Knieen und ſich auf ſein Gewehr ſtützend, das er in der Hand trug, ſchritt Edmund dennoch ſo raſch vor⸗ 14* — 212— wärts, daß Dietrich Mühe hatte, ihn einzuholen. Er ſah immer vor ſich nieder, ſprach unverſtändlich in ſich hinein und gab auf keine der Fragen, die ſein Freund an ihn richtete, Antwort. Seine Phan⸗ taſie ſchien fort und fort geſchäftig, in ſeinem In⸗ nern wunderliche Bilder zu erzeugen. Während er jenes unverſtändliche Selbſtgeſpräch führte, hob er oft die freie rechte Hand und ſtreckte ſie vor ſich hin, als wollte er irgend einen furchtbaren Gegen⸗ ſtand von ſich abwehren. Sein Geſicht verzerrte ſich dann, mit Heftigkeit ſtieß er unartikulirte Laute aus und das irre Feuer in ſeinen Augen brannte glü⸗ hender. Als ſie am Thore des Städtchens anlang⸗ ten, fanden ſich mehrere Kameraden zu ihnen, die ebenfalls zu dem allgemeinen Sammelplatze eilten. Jeder von dieſen hatte von der Art und Weiſe, wie er die Nacht zugebracht, von ſeinem Quartiere, von ſeinem Wirthe zu erzählen. Niemand, außer Dietrich, achtete auf Edmund, der ſeinerſeits die Anweſenheit der Neuhinzugekommenen nicht zu bemerken ſchien. So langten ſie auf dem Markte des Städtchens an, wo ſchon der größte Theil des Regimentes verſammelt war. Noch hielt ſich Ed⸗ mund aufrecht, noch gelang es ihm, ſeine Stelle zu finden und in Reih und Glied einzutreten; aber es flammte vor ſeinen Augen und die Häuſer des — . — 213— Marktplatzes, die er durch dieſen Flammenſchein erblickte, dreheten ſich mit ihm im Kreiſe. Da ſprengte der Obriſt vor, es wurde zum Abmarſche commandirt ünd die Muſik des Regiments ſtimmte eine frohe Weiſe an. In dieſem Augenblicke war es Edmund, als griffen tauſend glühende Krallen in ſein Gehirn, ein entſetzlicher Schmerz durchzuckte ſein ganzes Weſen, eine innere Macht, gegen die er vergebens ankämpfte, riß ihn zu Boden. Mit einem lauten Schrei ſtürzte er ohnmächtig zuſam⸗ men. Dietrich ſah ihn aus der Ferne nieder⸗ ſinken, aber die Geſetze des Dienſtes feſſelten ihn an ſeine Stelle. Er gewahrte noch, wie der Be⸗ ſinnungsloſe in ein benachbartes Haus gebracht wurde; dann mußte er mit zerriſſenem, beängſtig⸗ tem Gemüthe jenen frohen Klängen folgen, die ihn weit fort von dem kranken Freunde in das Gewirre des Krieges und der Schlachten riefen. Edmund von Nordeck hatte, wie wir wiſſen, ſeinen Vater frühe verloren und durch dieſen Ver⸗ luſt blieb ſeine Erziehung ganz der Leitung ſeiner Mutter überlaſſen. Dieſe war eine Frau von vor⸗ crefflichem Herzen, aber die Unglücksfälle, die ſie ſchon in den erſten Jahren einer bisher glücklichen * — 214— Ehe, eines ungetrübten Familienverhältniſſes tra⸗ fen, hatten ihre Geſundheit erſchüttert und ihre Ge⸗ fühle zugleich in eine Weichheit und Reizbarkeit ge⸗ ſtimmt, die ſich in einem mindern Grade auf den Sohn übertrugen. Selbſt das ſpätere Schul⸗ und Univerſitätleben konnte den früh empfangenen Ein⸗ druck nicht erlöſchen. Mit den Fröhlichen war Ed⸗ mund ausgelaſſen luſtig, ſein Mund ſtrömte über von Scherzen und geiſtreichen Witzworten; wo ihn aber Zufall oder Nothwendigkeit zum Zeugen von Scenen des Elends und Unglücks machten, da war es ihm, als ſey der fremde Schmerz ſein eigener und er fühlte ſich dann auch ſo niedergedrückt, daß er ſich nicht einmal zu einer nothwendigen eiligen Hülfleiſtung erheben konnte. Freilich waren dieſe Fälle in dem Leben eines Jünglings, der auf der Univerſität mit fröhlichen Genoſſen ſeines Alters, im Felde mit patriotiſch begeiſterten Waffenbrüdern umging, ſelten und bei allen ſeinen Cameraden galt der Frohſinn Edmunds, der eigentlich durch ihre Heiterkeit hervorgerufen wurde, für einen Grund⸗ zug ſeines Characters. Nur Dietrich, der ihn auf Univerſitäten und ſpäter auf dem Gut⸗ ſeiner Mutter gekannt, ſah ſchärfer, als jene. In Briefe ſeiner Mutter fand ſich eine Stelle, in ſie des Todes ſeines Vaters gedachte und da * — 215— nun bald Gelegenheit haben werde, die Grabſtätte des frühe Geſchiedenen zu beſuchen. Von dieſem Augenblicke an war Edmund von dem Unterneh⸗ men, ſich an das jenſeitige noch von Feinden beſetzte Ufer zu wagen, nicht zurückzuhalten. Es iſt uns bekannt, daß Dietrich ihn begleitete. Selbſt noch auf dieſer Wanderung klang der Ton der alten, im Bivouak genährten Luſtigkeit in ihm nach. Aber Annens Erſcheinung, Dietrichs Hindeutungen auf ihre Ähnlichkeit mit ihm, verſetzten ihn in ein Nachdenken, veranlaßten weitere Folgerungen in ihm, die nach und nach in ihrer großen Ausdeh⸗ nung ſeine ganze Phantaſie einnahmen. Nur mit Mühe gab er ſich den fröhlichen Anregungen hin, die von Außen an ihn kamen. Die verlorene Tante mit ihrem kleinen Kinde lag ihm immer im Sinne und es war ihm, als ſey er berufen und als ſey bald die Zeit da, dieſes Räthſel der Vergangenheit zu löſen. Dennoch ward ihm unter den heitern Umgebungen dieſe ſpannende Ungewißheit, die trübe Stimmung, die jene erregen mußte, zur Laſt. Er ſuchte ſich mit Gewalt von ihr zu befreien. Er trank mehr als gewöhnlich, er ſuchte Zerſtreuungen auf und ſchloß ſich an die luſtigſten Brüder des Bivouaks an; allein ſein Streben blieb vergeblich und er konnte die Bilder, die Ahnungen und Zwei⸗ — 216— fel, die ſich ſeiner Phantaſie bemächtigt hatten, nicht entfernen. Dieſe Kämpfe mit ſich ſelbſt, dieſe Ge⸗ müthsbewegungen und ſelbſt der ungewohnte ſtärkere Weingenuß, vielleicht auch die bisher erlittenen Strapatzen des Krieges, mochten wohl den Keim der Krankheit gelegt haben, die, durch die wunder⸗ lichen Erſcheinungen der in dem abgelegenen Thal⸗ hauſe zugebrachten Nacht gereift, plötzlich mit zü⸗ gelloſer Gewalt hervorbrach und ſchon in ihrem er⸗ ſten Angriffe ſein Leben zu bedrohen ſchien. Man hatte den leichenähnlichen Jüngling in das Haus eines Kaufmanns gebracht, deſſen Frau ſich ſogleich willig erklärte, die Pflege des Kranken zu übernehmen. Mehrere Stunden lag er bewußt⸗ los auf dem Krankenbette, das man ſchnell bereitet hatte. Der Arzt des Ortes erkannte die Symptome eines ausbrechenden Nervenfiebers, das allem An⸗ ſcheine nach ſich in ſeiner ganzen Kraft entfalten werde. Er verordnete geeignete Mittel und über⸗ ließ außerdem den Kranken einer Pflege, von der er überzeugt war, daß ſie mit aller Rechtlichkeit und Treue geübt werden würde. Edmund erwachte endlich unter Fieberphantaſieen. Er erkannte nichts von ſeinen Umgebungen. Ein junges Mädchen ſaß an ſeinem Bette und bemühte ſich vergebens, ihm Ruhe einzuſprechen und ihn zur Annahme der 4 — 217— Arznei, die ihre Hand ihm bot, zu überreden. Die Züge des Kranken ſchienen ihr bekannt, doch wußte ſie ſich nicht zu erinnern, wann und wo ſie ihn geſehn. Die Fiebergluth auf ſeinen Wangen, die Verzerrung, welche die Krankheit in ſeinem Antlitze hervorbrachte, entſtellten ſeine natürlichen Züge. Er rief oft laut die Namen Cäcilia und Helene, dann ſprach er wieder in verwirrten Reden von einem franzöſiſchen Grenadier, der aus der offenen blutigen Stirn ihm Gold und Edelſteine dargereicht, von einer Wahnſinnigen, die ihn angeſteckt habe. Dem Mädchen wurde bange bei dem Kranken, mit dem man ſie allein gelaſſen hatte. Sie ſchlich eben nach der Thüre, um noch einen der Hausgenoſſen herbeizurufen, als der Paroxismus ſich zu mindern ſchien und der Kranke mit einem matten Seufzer aus der gewaltſamen Stellung, in der er ſich mit dem Oberleibe aufrecht erhalten hatte, in die Kiſſen zurückſank. Schnell kam das Mädchen zurück und bat ihm nun wiederholt die Arzney dar. Er nahm ſie an, indem er die trüben Blicke der nun glanz⸗ loſen Augen auf ſie richtete. „Du biſt es, Cäcilia!“ ſagte er dann mit ſchwacher Stine.„Du biſt gekommen meiner zu pflegen? Das iſt ſchön von dir, aber verlaſſe mich auch nicht wieder, Cäcilia!“ „ — 218— „Ich heiße nicht Cäcilia;“ antwortete das Mädchen, die nun, da die Fiebergluth und die Ver⸗ zerrung aus dem Angeſichte des Kranken verſchwun⸗ den war, ſich ſogleich erinnerte, daß und unter welchen Umſtänden ſie ihn ſchon geſehn habe.„Ich heiße Anne,“ fuhr ſie fort,„und bin diejenige, die Sie und noch einen Freund vor einigen Wochen in einer ſtürmiſchen Nacht über den Rhein fuhr.“ „Ganz richtig!“ verſetzte mit ſehr leiſer Stimme Edmund:,aber du biſt dennoch Cäcilia, das verlo⸗ rene Kind, und ich habe das Käſtchen mit dem Golde und den Edelſteinen, das dir angehört, wohl aufgehoben.“ Mit dieſer Rede, deren letzte Worte nur ge⸗ haucht wurden und wie in weiter Ferne verhallten, ſchloß der Kranke die Augen. Das Mädchen neben ſeiner Lagerſtätte ſah nachdenklich auf ihn nieder. Sie bemerkte, daß er einſchlief. Nach und nach kam wieder eine dunkele Röthe auf ſein Angeſicht und heftige Bewegungen verriethen die Unruhe ſeines Schlafes. Seine Außerungen hatten Annen, die nach dem Tode ihres Pflegevaters eine Zuflucht bei der ihr befreundeten Kaufmannsfrau gefunden, mit ſeltſamen Vermuthungen erfüllt. Sollte dieſes Käſtchen mit dem Gold und den Edelſteinen, von dem Edmund geſprochen, dasjenige ſeyn, das ihr der ſterbende Martin in den Augenblicken des Todeskampfes in * — 219— * die Hand gepreßt und welches ihr ſpäter eine fremde, räuberiſche Fauſt entriſſen? Wie konnte aber der kranke Jüngling zu einer Kunde von dieſem Ge⸗ heimniſſe kommen? Sie verſank in Grübeleien und ſo ſehr ſie ſich auch zu überreden ſuchte, die Worte des Kranken ſeien noch Nachklänge der Fie⸗ berphantaſieen geweſen, ſo rief ihr doch immer eine Stimme in ihrem Innern zu:„nein, nein! Sie ge⸗ hen dich an, ſie ſtehen in einiger Verbindung mit dir und deinem Schickſale.“ Sie konnte kaum zweifeln, daß Martin von Geviſſensbiſſen ergriffen, ihr in jener Geſchichte von dem Fiſcher am Lurley ſeine eigene erzählt habe, daß jene unglückliche Frau ihre Mutter, daß jenes ihr übergebene Käſtchen ihr rechtmäßiges Erbe geweſen ſey. Alles Sinnen aber führte ſie nicht über Vermuthungen und Zweifel hinaus, in denen ſie immer wieder neue Rähſel fand. Von dieſem Tage an wurden die lichten Augen⸗ blicke bei dem Kranken immer ſeltener. Er nannte Annen nie anders, als Cäcilia und ſie wider⸗ ſprach ihm, da es ihn zu erfreuen ſchien, nicht wei⸗ ter. Des Käſtchens gedachte er nicht mehr und als nun eine ſchreckliche Zeit kam, in der wüthende Fieberparoxismen nur mit gänzlichen Erſchlaffun⸗ gen wechſelten, ſo war ohnehin an eine erklärende Mittheilung nicht zu denken. Zu mehreren Malen 4 — 220— zog der Todesengel an Edmunds Lager vorüber, aber die Kunſt des Arztes und des Jünglings gute Natur vermochten ihn wieder zu entfernen. Keine ſorglichere, treuere Krankenpflegerin konnte es ge⸗ ben als Anne. Sie belauſchte die Odemzüge des Kranken, ſie wachte genau über die Anwendung der Arzneimittel, ſie kühlte ihm die glühende Stirn mit erfriſchenden Eisaufſchlägen, die er ſelbſt im Zuſtande des Deliriums von niemand anders an⸗ nehmen wollte, als von ihr. Ihre ganze Seele hing an jedem augenblicklichen Wechſel, an jeder Hoffnung, an jeder Befürchtung, die ſich im Laufe der Krankheit ausſprach. Eine Schweſter konnte nicht liebevoller über dem Krankenlager ihres Bru⸗ ders wachen, als Anne über dem Edmunds. Sie ſelbſt fühlte ſich durch dieſe fortgeſetzten Anſtreng⸗ ungen nicht angegriffen. Die Gewohnheit der Kran⸗ kenpflege bei den verſtorbenen Pflegeeltern, ein ſtar⸗ ker feſter Wille, den ſie von Kindheit an beſeſſen und genährt, hielten ihre Kraft aufrecht. Alles was ſie that, geſchah aus vollkommener Ruhe und Beſonnenheit, wie auch die Theilnahme an dem Kranken, das Mitleid mit ſeiner Jugend und viel⸗ leicht ein noch wichtigeres Gefühl, das ſie ſich ſelbſt nicht geſtand, ihr Inneres bewegen mochte. Als die Gefahr der Krankheit immer höher ſtieg, als der — 221— Arzt erklärte, die Kriſis ſeh nahe, die über Tod und Leben des jungen Mannes entſcheiden müſſe, in dieſer Zeit des Bangens und des Hoffens, langte eines Abends, ganz plötzlich und unerwartet Ed⸗ munds Mutter in dem Städtchen an. Dietrich hatte es für ſeine Pflicht gehalten, ihr von dem erſten Orte, wo den vorrückenden Truppen eine kurze Ruhe geſtattet worden, das Erkranken des Sohnes zu melden. Nichts konnte ſie zurückhalten, ſich ſogleich ſelbſt auf den Weg nach dem einzigen Kinde zu begeben, um deſſen Pflege zu überneh⸗ men. Sie wähnte es verlaſſen, verloren, unter fremden theilnahmloſen Menſchen. Die Strenge der Jahreszeit, ihr eigener kränklicher Zuſtand ſchie⸗ nen ihr unter den obwaltenden Verhältniſſen keine Hinderniſſe. Was erträgt eine Mutter nicht, wenn ſie das Leben des geliebten Kindes gefährdet, wenn ſie es in Elend und Noth glaubt? Freilich über⸗ zeugte ſich Frau von Nordeck gleich in der erſten Stunde ihrer Anweſenheit, daß hier von keinem Mangel an Aufmerkſamkeit die Rede ſeyn könne, daß hier eine Sorgfalt und Pflege ſtatt finde, wie ſich die zärtlichſte Mutter ihrem Kinde nur eine wünſchen möchte. Aber wie ſehr wurde dagegen ihre reizZbare Empfindung erſchüttert, als ſie erkannte, wie groß die Gefahr, in der ihr Sohn ſchwebte, als ihr entdeckt wurde, daß der Tag, der alles ent⸗ ſcheiden mußte, nahe ſeh! Sie verſuchte verge⸗ bens, dem Kranken die Hülfsleiſtungen angedeihen zu laſſen, deren er benöthigt war. Ihre Kräfte verließen ſie. Auch erkannte ſie Edmund nicht mehr und wieß ſie von ſeinem Lager zurück, wäh⸗ rend er nur Annen als ſeine Pflegerin ſich nä⸗ hern ließ. So ſehr dieſes auch im Anfange das zärtlich fühlende Mutterherz kränkte, ſo gereichte es doch Frau von Nordeck zur großen Beruhigung, das Mädchen mit einer Einſicht und Geiſtesgegen⸗ wart, mit einem Wohlwollen und einem Eifer ver⸗ fahren zu ſehn, die keiner gewöhnlichen, nur dem Lohne dienenden Krankenwärterin eigen zu ſeyn pflegten. Frau von Nordeck beſchränkte ſich nun darauf, eine ſtumme, aber deſto ſtürmiſcher im In⸗ nern bewegte Zeugin der traurigen Scene, die ihr Herz ſo nahe anging, abzugeben. Sie ſaß ruhig und ſtill in einer Fenſtervertiefung und hatte die Blicke auf den Kranken gerichtet. Von Stunde zu Stunde fühlte ſie ſich dem Mädchen, das jeden Wunſch des Kranken zu errathen ſchien, das fort und fort bedacht war, ihm jede kleine Bequemlich⸗ keit zu bereiten, das in ſeinem ganzen Weſen etwas Seltſames, Edles und Entſchloſſenes trug, geneig⸗ ter. Anne bemerkte neben der Pflege des jungen — 223— Mannes, daß auch die Mutter ſich in einem Zu⸗ ſtande befinde, der ärztlichen Rath und eine ſorg⸗ ſame Aufmerkſamkeit erfordere. Sie beredete ſie nun, den erſten anzunehmen, und war bemüht, ihr die letzte, ſo viel es die Umſtände erlaubten, zu widmen. Der Tag der entſcheidenden Kriſis kam heran. Eine beängſtigende Stille herrſchte in dem Kran⸗ kengemache. Frau von Nordeck, welche Morgens einige Stunden zu ruhen verſucht, ſaß an ihrer ge⸗ wöhnlichen Stelle und hing mit Blicken der Mut⸗ terangſt und zärtlichen Beſorgniß an dem Sohne. Anne war ungewöhnlich blaß. Sonſt bemerkte man in ihrem ganzen Weſen keine Veränderung. Sie war ſo aufmerkſam, ſo ſorglich bedacht auf jede Kleinigkeit, wie immer. In der vorhergehenden Nacht ſchien der Paroxismus des Fieberkranken ſei⸗ nen höchſten Gipfel erreicht zu haben. Jetzt lag er ſchon ſeit mehreren Stunden in einer vollſtän⸗ digen Agonie. Seine Augen waren geſchloſſen, der Mund zuſammengepreßt, die Wangen in eine tief⸗ dunkele Gluth getaucht. Müheſam hob ſich die Bruſt zum Athmen, alle Glieder waren unbeweg⸗ lich bis auf die Finger, die unwillkürlich zuckten und an der Decke des Lagers kratzten. Der Arzt wich nicht von dem Kranken. Er prüfte von Zei zu Zeit den Puls und die gequälte Mutter glalibte — 224— in ſeinen Zügen den Untergang ihrer letzten Hoff⸗ nung zu leſen. Anne ſtand ruhig an ſeiner Seite und reichte ihm die Dinge, deren er benöthigt war. Endlich wurden die Odemzüge des Kranken ſchwã⸗ cher. Frau von Nordeck konnte ſie in der fernen Fenſterniſche nicht mehr vernehmen. Zitternd, den Todesausſpruch erwartend, ſtand ſie auf und nä⸗ herte ſich dem Arzte, da wandte ſich dieſer mit einem freundlichen Lächeln, das ſie beſeligte, zu ihr.„Er iſt gerettet!“ flüſterte er ihr zu.„Die Macht der Krankheit iſt gebrochen. Er ſchlummert jetzt ſanft und dieſer Wendung der Kriſis hat er ſein Leben zu verdanken.“ Aber die Mutter, in deren Herzen eine neue Saat des Glückes aufging, mußte ſich näher überzeugen. Sie beugte ſich über den Kran⸗ ken hin, ſie ſah, daß die Röthe in Bläſſe, ſie hörte, daß jenes heftige, gepreßte Odemholen in den ſanf⸗ ten Odem eines ruhigen Schlummers übergegangen war. Da ſank ſie neben dem Lager auf die Kniee zum ſtillen innigen Dankgebete, daß ihr Gott das Kind, das ſie geboren, zum zweitenmale geſchenkt habe. Leiſe ging ſie dann wieder an ihre alte Stelle zurück. Hier fand ſie Annen, die an das Fenſter getreten war, um die Freudenthränen, die unauf⸗ haltſam aus ihren Augen floſſen, zu verbergen. Dem Kummer hatte ſie gebieten können, die Freude ₰ 4 — 225— uͤberwaͤltigte ſie. Frau von Nordeck ſchloß in dem überdrange ihrer Gefühle das Mädchen an ihre Bruſt. Anne erwiederte die Umarmung mit einer ſeltſamen Heftigkeit, ſie hielt die alte Dame lange an ihr Herz gedrückt und ließ ſie erſt los, als dieſe durch eine leiſe Bewegung ihren Wunſch nach einer freiern Stellung an den Tag legte. Den übrigen Tag und die ganze Nacht hin⸗ durch ſchlief Edmund unnunterbrochen fort. Jetzt, da die bisher ſo ſtürmiſch bewegten Empfindungen der Mutter ſich wieder beruhigten, lag es in der Natur der Verhältniſſe, daß Frau von Nordeck dem jungen ſchönen Mädchen, das wie eine treue Schweſter ihres Sohnes gepflegt hatte, eine größere Aufmerkſamkeit ſchenkte, wie bisher. Sie bemerkte die Zartheit des Wuchſes, das Anſtändige ihres Benehmens und etwas Eigenthümliches in ihren Geſichtszügen, das ſie nicht ohne innere Bewegung betrachten konnte, obgleich ſie ſich keine Rechenſchaft von dieſer Empfindung zu geben wußte. Sie fühlte ſich noch näher zu Annen hingezogen und von einem Wohlwollen zu ihr erfüllt, wie ſie es ſonſt nie den Gliedern ihrer Familie widmete. Freilich konnte ſie einen großen Theil dieſer Neigung auf Rechnung der Dankbarkeit ſetzen, die ſie der treuen Pflegerin des Sohnes ſchuldete; aber ſie erkannte, IV. 15 * — 226— daß es noch mehr, daß es ein anderes mächtiges und unerklärliches Gefühl ſey, welches ſie bei An⸗ nens Anbblick ergriff. Als Edmund am nächſten Morgen erwachte, ſah er mit klaren, hellen Augen um ſich. Er wollte ſich mit dem Oberleibe aufrichten, aber er vermochte es nicht. In ſeiner niedern Lage konnte er nur Annen, die an ſeinem Lager ſaß, nicht aber die Mutter, die ihre Stelle am Fenſter eingenommen hatte, gewahren⸗ „Du biſt noch immer bei mir, Cäcilia!“ hob er mit leiſer Stimme an.„Du haſt treu aus⸗ gehalten während meines langen wüſten Schlafes. Der Kopf ſchmerzt mich. Gib mir zu trinken, Co⸗ cilial“ Ein Geräuſch im Zimmer ließ ſich vernehmen. Edmund hörte ein halb unterdrücktes Weinen; er blickte Annen fragend an. „Faſſen Sie ſich!“ ſagte dieſe.„Ein erfreulicher Augenblick ſteht Ihnen bevor. Sie werden Ihre beſte Freundin ſehen. Sie iſt hergeeilt, Ihrer zu pflegen, ſie hat an Ihrem Krankenlager gewacht, während Sie in einer langen Betäubung lagen: es iſt Ihre Mutter!“ Da trat Frau von Nordeck herzu und ſank, indem ſie die ſchlaff herabhängende Hand des Soh⸗ * — 227— nes an ihr Herz druͤckte, an dem Bette nieder. Sie war ſo bewegt, daß ſie nicht ſprechen konnte. Ed⸗ mund lächelte ihr matt zu. Endlich vermochte ſie die Worte über die Lippen zu preſſen: „Nein, nein, mein Sohn, ich bin es nicht, der du deine Pflege, der du mit die Erhaltung deines Lebens zu verdanken haſt! Dieſes Mädchen hat Alles für dich gethan. Während ich mich, unfähig dazu, meinem Schmerze hingab, hat ſie für dich ge⸗ ſorgt, hat ſie über dich gewacht. Nichts iſt ihrer Beſonnenheit, ihrem Scharfblicke entgangen. Sie war dein treueſter Beiſtand, dein Schutzengel.“ Mit einem ſeligen Lächeln hörte Edmund dieſe Worte. „Ich wußte es wohl!“ ſagte er dann mit ſehr ſchwacher Stimme.„Couſine Cäcilia hat an mir gehandelt, wie eine liebevolle Verwandte. Dank dir, Cäcilia!“ Während er faſt ſchon unter dieſer Rede wie⸗ der einſchlummerte, blickte Frau von Nordeck Annen erſtaunt an. Sie zog das Mädchen in's Fenſter und ſprach in großer Bewegung: „Ich habe Außerungen aus dem Munde mei⸗ nes Sohnes vernommen, die meine ganze Seele er⸗ ſchüttern. Er nannte Sie Cäcilia, er fügte noch eine bedeutungsvollere Bezeichnung hinzu— ſagen 4 15* — 228— Sie mir, welche Urſache ihn hierzu bewogen haben kann? In dieſem Hauſe nennt man Sie Anne, Sie ſelbſt haben ſich gegen mich ſo genannt— ohne Zweifel ſind Sie hier aus dem Orte oder aus der Nähe gebürtig, Ihre Eltern leben noch—“ „Ich bin ein Findling;“ unterbrach Anne die bewegte Frau.„Meine Eltern habe ich nie gekannt, diejenigen, die ſich meiner Kindheit angenommen und mich erzogen haben, ſind todt. Warum Herr von Nordeck ſchon ſeit dem erſten Tage ſeiner Krank⸗ heit, als er mich hier wiederfand, mich mit einem Namen genannt, den ich nicht führe, iſt mir ſelbſt unerklärlich. Vergebens habe ich ihm geſagt, daß ich Anne heiße, daß ich kein Recht auf jenen Namen beſitze: er beharret dabei mich Cäcilia zu nennen.“ „Wie?“ ſagte aufmerkſamer werdend Frau von Nordeck und ſchlug den Fenſtervorhang zurück, der bisher niedergelaſſen geweſen und nur einem mat⸗ ten Dämmerlichte Eingang in das Krankenzimmer geſtattet hatte. Sie ſah jetzt zum erſtenmale An⸗ nen genau bei'm Lichte des Tages. Sggleich fiel ihr des Mädchens Ahnlichkeit mit Edmund auf. Indem ſie aber ihr Befremden darüber zurückhielt, fuhr ſie fort:„Außerten Sie nicht, daß mein Sohn Sie hier wiedergefunden habe? Sie ſahen ihn alſo ſchon früher, Sie kannten ihn bereits?“ — 229— Da erzaͤhlte Anne die Begebenheit, die ſie zum erſtenmale mit Edmund zuſammengeführt. Sie theilte nur mit, was zur Sache gehörte, ſie er⸗ wähnte nicht des ſterbenden Pflegevaters, nicht der Szenen, die der nächtlichen Uberfahrt vorangingen, nicht der, die ihr folgten. Frau von Nordeck ließ den Vorhang wieder ſinken und ſetzte ſich ſchwei⸗ gend an das Lager ihres Sohnes. Welche wunder⸗ bare Fügung, daß dieſes Mädchen in zwei entſchei⸗ denden Zeitpunkten ſeines Lebens dem Jünglinge rettend und hülfreich zur Seite ſtehen mußte! Welche ſeltſame Erſcheinung, daß daſſelbe Mädchen eine Ahnlichkeit mit Edmund beſaß, die der Mutter bisher nur durch die im Gemache herrſchende Däm⸗ merung entgangen ſeyn konnte. Und nun Edmunds Beharrlichkeit, ſie nicht anders als Cäcilia, mit dem Namen der verlorenen Nichte zu nennen! Es ſchien Frau von Nordeck ganz natürlich, daß auch ihm oder ſeinem Begleiter bei der nächtlichen Fahrt, in dem ſie nach der Beſchreibung Dietrich er⸗ kannte, dieſe Ahnlichkeit aufgefallen war; aber, wie ſie ihren Sohn kannte, ſo mußten noch andere Dinge im Hintergrunde liegen, die ihn zu einer ſolchen Beſtimmtheit und Feſtigkeit in dieſer Be⸗ ziehung bewogen. Annens Alter ſtimmte mit dem, in welchem Cäcilia ſtehen mußte, überein, ſie war 4 — 230— ein Findling, ſie beſaß dieſe wunderbare Ahnlich⸗ keit— Frau von Nordeck mußte ſich mit Gewalt der Hoffnungen erwehren, die ſich auf dieſe Um⸗ ſtände gründen ließen. Wie leicht konnte hier nicht eine Täuſchung, wie leicht nicht ein Selbſtbetrug ſtatt finden, für deſſen Folgen ſie mehr noch an⸗ dern, als ſich Rechenſchaft ſchuldig war? Dann bedachte ſie auch, daß Helene mit der Tochter zugleich verſchwunden ſey, daß, wenn Cäcilia wieder gefunden würde, dieſe doch von ihrer Mut⸗ ter eine Kunde haben müſſe und, wenn nicht höchſt ſeltſame Umſtände zuſammengetroffen, nicht allein verlaſſen und unerkannt als Kind in der Welt ge⸗ ſtanden habe. Sie beſchloß, alle näheren Unterſu⸗ chungen auszuſetzen, bis Edmunds Geneſung wei⸗ tere Fortſchritte gemacht haben würde und er dann ſelbſt die geeigneten Aufſchlüſſe, die irgend eine Ent⸗ deckung herbeiführen konnten, zu geben vermöchte. Dieſe Zeit kam früher als ſie dachte. Ed⸗ munds träftige und jugendliche Natur unterſtützte auf's Wirkſamſte die Mittel, die der verſtändige Arzt verordnete. Nach acht Tagen fühlte er ſich ſtark genug, das Lager zu verlaſſen. Immer noch redete er das Mädchen mit dem Namen Cäcilia an und es ſchien ihn zu beunruhigen, daß ſie ihn jetzt mehr der Geſellſchaft ſeiner Mutter überließ — 231— ſo viel im Laufe des Tages bei ihm war, üher. Als ſie eines Morgens, nachdem ſie einiges Nöthige im Zimmer geordnet hatte, wieder im Begriffe ſtand, dieſes zu verlaſſen, rief ſie Ed⸗ mund zurück: „Du haſt als eine treue Schweſter an mir ge⸗ handelt,“ ſagte er, während ſeine Mutter hoch aufhorchte,„und die Zeit iſt nun gekommen, die aufklären muß, wie nahe oder wie fern du uns ſtehſt. Sprich, Cäcilia! Ward dir nicht einſt ein rothes Käſtchen mit reichem Inhalte geraubt? Er⸗ zähle uns Alles, alle Umſtände, unter denen dieſer Naub geſchah, ſprich uns von deiner Kindheit, dei⸗ nen Eltern, von ihrer Herkunft und den Verhält⸗ niſſen, in denen ſie lebten.“ Da erinnerte ſich Anne der Worte, die Ed⸗ mund am erſten Tage ſeines Krankenlagers wegen des Käſtchens zu ihr geſprochen. Was damals in dunkeln Ahnungen ihre Seele bewegt, ſchien nun zur Entſcheidung kommen zu wollen. Ihr Herz pochte ungeſtüm. Sie ließ ſich auf einen Wink der Frau von Nordeck neben dieſer nieder. Dann erzählte ſie, indem ſie mit Gewalt die Bewegung ihres Gemüthes zu bezwingen ſuchte, was ſie von ihren frühern Lebensumſtänden wußte. Die Ge⸗ ſtändniſſe, die Martin in der Stunde ſeines To⸗ — 232— des vor ihr abgelegt, hatten ſich ſo ti Ge dächtniſſe eingeprägt, daß ſie im Stande war, ſie faſt wörtlich zu wiederholen. Frau von Nordeck wechſelte während dieſer Mittheilung zum Oftern die Farbe. Sie zitterte heftig, als von dem Tode jener Ausgewanderten, von ihrer Verſenkung in den Rhein die Rede war. Edmunds Kopfſchüt⸗ teln bei dieſer Stelle der Erzählung war ihr unbe⸗ begreiflich. Als nun Anne mit dem Bericht von den letzten Augenblicken Martins, von dem off⸗ nen rothen Käſtchen, das mit Gold und Edelſtei⸗ nen gefüllt geweſen und auch einige Papiere ent⸗ halten habe, ihre Mittheilung geſchloſſen hatte, ſah Edmund ſeine Mutter mit leuchtenden Blicken an, ergriff ihre Hand und ſagte: „Mutter, ahnſt du nicht, daß wir eine Verlorene wiedergefunden haben? O ich habe ſie längſt er⸗ kannt, und was ich einſah, was ich fühlte, hat mich mit der Wahrheit dieſer Erkenntniß durchdrungen! Die du vor dir ſiehſt, iſt uns nicht fremd, ſie iſt nahe unſerm Blute, unſerm Herzen: es iſt Cä⸗ cilia, Gräfin von Landrecy!“ überraſchung und Befremden malten ſich in Annens Zügen. Von Zweifeln beſtürmt, ſah ſie ängſtlich bald auf Edmund, bald auf Frau von Nordeck. Indeſſen hatte jener raſch aus ſei⸗ — 233— . nem Torniſter, der offen vor ihm auf dem Tiſche lag, das rothe Käſtchen hervorgenommen und hielt es hoch in ſeiner Hand empor. Anne ſtieß einen Laut der Verwunderung aus, denn ſie erkannte es im Augenblicke für daſſelbe, das ſie aus des ſter⸗ benden Martins Händen empfangen. Aber auch Frau von Nordeck ſchien bei dem Anblicke die⸗ ſes Gegenſtandes von einer heftigen innern Bewe⸗ gung ergriffen. „Mein Gott!“ rief ſie aus.„Dieſes Käſtchen kenne ich ſehr genau. Dieſe verblichene Stickerei auf dem rothen Sammet iſt von meiner Hand, ich ſelbſt ſchenkte es meiner Schweſter Helene kurz vor unſerer Trennung.“ „Es iſt dasjenige, das mir geraubt wurde;“ ſagte mit leiſer Stimme Anne.„Alles was in jener Stunde ſich mir zeigte, hat ſich unwillkür⸗ lich für immerdar meiner Erinnerung eingedrängt. Wenn es geöffnet war, befanden ſich rechts die Edelſteine, links das Gold und in der Mitte die Papiere.“ „So iſt es noch;“ ſagte mit frohem Lächeln Edmund, indem er es öffnete. Frau von Nor⸗ deck erkannte nun auch die Kleinodien, die einen Theil des Familienſchmuckes ausgemacht hatten. Sie nahm die Papiere und las ſie. Thränen rannen — 234— * über ihre Wangen, ſie breitete die Arme aus, um Annen an ihre Bruſt zu ſchließen. Als dieſe ſich ihre näherte, wieß ſie ſie aber noch einmal zurück und ſprach: „Kein Schatten der Täuſchung ſoll auf dieſe Stunde fallen. Für ſie habe ich mir den letzten Alles entſcheidenden Beweis aufbewahrt. Laß mich genau dein Antlitz ſchauen, mein Kind, hoffentlich in den nächſten Augenblicken meine Nichte!“ Sie zog mit Haſt die noch immer niedergelaſſe⸗ nen Fenſterrouleaux in die Höhe. Das klare Licht des Morgens fiel auf des Mädchens hoch erglühe⸗ tes Angeſicht. Dicht unter dem Auge zeigte ſich von dunkelrothen Aderchen gebildet, ein Maal, das vollkommen die Geſtalt eines Veilchens hatte. Frau von Nordeck winkte den Sohn herzu. „Es iſt die Verlorene;“ ſagte ſie aus gepreß⸗ ter Bruſt.„Kein Zweifel waltet mehr. Dieſes Maal iſt nur in meinem Hauſe einheimiſch. Komm an mein Herz, Cäcilia von Landrecy!“ Betäubt ſank das Mädchen in die Arme der tief gerührten Frau. Noch konnte ſie ſich das wun⸗ derbare Ereigniß, das ſie mit einemmale ſo hoch erhob, nicht erklären, noch waren für ſie die Bande, die ſie mit Edmund und ſeiner Mutter verknüpfen ſollten, in ein undurchdringliches Dunkel gehüllt. — 235— Da machte ſie der junge Mann darauf aufmerk⸗ kam, daß auch er, daß auch ſeine Mutter daſſelbe Maal unter dem Auge trug, wie ſie ſelbſt. Frau von Nordeck, die bei ihrer großen Erregung das Bedürfniß fühlte, ſich auszuſprechen, erzählte unter Thränen die Geſchichte ihrer Schweſter Helene, ſo weit ſie ſelbſt damit bekannt war, ſie eröffnete dem wie in einem Traume befangenen Mädchen, daß ihr Vater noch auf den wieder erhaltenen Gü⸗ tern in Frankreich lebe, daß ſie auch eine Schweſter beſitze, die nur wenige Jahre mehr zähle als ſie. „O mein Gott, mein Gott,“ rief das Mädchen, die wir jetzt mit ihrem waren Namen Cäcilia nennen wollen,„wie reich machſt du mich in dieſer Stunde! Ich ſtand einſam, verlaſſen, eine Waiſe in der Welt und alle meine Hoffnungen konnten ſich nur auf die Mildthätigkeit fremder Menſchen gegen mich beſchränken. Jetzt habe ich einen Va⸗ ter, eine Schweſter— liebevolle Verwandte erken⸗ nen mich freudig an; aber Eine, Eine fehlt in dem Kreiſe, den die Liebe um mich ſchlingt, meine Mutter, meine arme, arme Mutter!“ „Beruhige dich, Cäcilia!“ ſagte mit glaͤn⸗ zenden Blicken Edmund, indem er ihr die Hand reichte.„Bereiten Sie ſich auf eine neue Über⸗ raſchung, liebe Mutter! Auch Tante Helene lebt. — 236— Welches Wunder ſie errettet, ſie in's Leben zuruͤck⸗ geführt, kann ich nicht ſagen; aber an Wunder können wir hier wohl glauben, da ihr ganzes jetzi⸗ ges Daſeyn einem Wunder gleicht, da die trau⸗ rige Nacht, in die es verſunken iſt, von Zeit zu Zeit, wie durch Lichtblicke aus einer andern Welt, erhellt wird.“ Jene Begegnung mit der unglücklichen Gemüths⸗ kranken in der Thalwohnung kam nun zur Sprache. Frau von Nordeck hatte ſich dicht neben den Sohn geſetzt und ihre Blicke hingen mit einem Ausdrucke an ſeinen Lippen, der die auſſerordentliche geiſtige Spannung, in der ſie ſeine Worte vernahm, an den Tag legte. Als er von jenem wunderbaren Zuſtande ſprach, in der die Geiſtesſchwache plötzlich aus völliger Stumpfheit und Theilnahmloſigkeit über⸗ gegangen, in welchem ſie mit einemmale Herrin ihres Verſtandes und ihrer Gefühle geworden war, der ihr in einem Augenblicke Kraft, Anmuth und edle Haltung zurückgegeben, da ſahen beide Frauen den Erzähler ſcheu an, als verkünde er irgend ein unglaubliches Märchen. Nun aber theilte er mit, was die Unglückliche damals offenbart, wie ſie von ihrem verlornen Kinde Cäcilia geſprochen, wie ſie ihres Gatten, des Grafen, gedacht und ſo richtig den Inhalt des verhängnißvollen Käſtchens angege⸗ ⸗ 44 & — 237— ben, daß über ihre frühere, genaue Kenntniß deſ⸗ ſelben kein Zweifel walten könne.. „Auch hier muß das Veilchen entſcheiden;““ ſagte Frau von Nordeck, nachdem ihr Sohn ge⸗ endigt und ſie einige Augenblicke der Stille benutzt hatte, ſich zu ſammeln.„An welche Geringfügig⸗ keit, an welche zufällige Umſtände ſind doch die Schickſale der Menſchen geknüpft! Der Vater mei⸗ ner Mutter mußte ſeine Gemalin, als ſie gerade das erſte Pfand ſeiner Liebe unter dem Herzen trug, durch einen Wurf mit einem Veilchenſtrauße erſchrecken, damit von Geſchlecht auf Geſchlecht ein Maal ſich fortpflanze, das jetzt allein zur Aufklä⸗ rung der Wahrheit helfen kann! Ich muß ſie ſe⸗ hen, bald muß ich ſie ſehen, jene Bedauernswürdige. Wenn es wirklich Helene iſt, dann ſoll ſie in ihrem Unglücke eine eben ſo treue Schweſter an mir finden, als ich ihr früher im Glücke gewe⸗ ſen bin.“ Cäcilia wurde nun ganz als ein Mitglied der Familie betrachtet. Man hielt es nicht für nö⸗ thig, den Hausgenoſſen die nähern Umſtände der Sache, das eigentliche Verhältniß, in welchem das Mädchen jetzt zu Frau von Nordeck und ihrem Sohne ſtand, mitzutheilen; es wurde ihnen nur zu freundlicher Übereinkunft eröffnet, daß Edmunds — 238— Mutter eine beſondere Zuneigung zu der treuen Pflegerin des Sohnes empfinde und ſie als Freun⸗ din und Geſellſchafterin um ſich zu behalten wünſche. Die wackere Hausfrau nahm innigen Theil an dem Glücke, das die Verlaſſene, wie ſie meinte, doch nur eigentlich der Aufnahme in ihrem Hauſe zu verdanken habe. Indeſſen wurden in der Stille auch Erkundi⸗ gungen über die Bewohnerinnen des Thalhauſes eingezogen. Hier im Orte war nur die Eigenthü⸗ merin der Wohnung, Frau Helferich, bekannt, und man wußte von ihr nicht mehr, als daß ſie eine wohlhabende Wittwe ſey, deren verſtorbener Mann vor mehreren Jahren das alte verfallene Kloſter⸗ gut an ſich gekauft hatte. Frau von Nordeck und ihre Nichte empfanden die lebhafteſte Sehnſucht, recht bald durch einen Beſuch bei der Unglücklichen ſich von den Zweifeln zu befreien, die ſie bedräng⸗ ten; aber Edmund wollte nicht zugeben, daß man ohne ihn dieſen Beſuch mache und der Arzt geſtat⸗ tete ihm noch nicht, das Zimmer zu verlaſſen. Wenn ſchon die Geſellſchaft der Mutter und Cäcilia's dem Geneſenden zu freudigem Troſte gereichen mußte, ſo verſetzten ihn doch die Nach⸗ richten, welche von dem ſiegreichen Vorrücken der deutſchen Krieger einliefen, in eine trübe Stim⸗ — 239— mung, da es ihm verſagt war, an dem Kampfe fuͤr's Vaterland Theil zu nehmen. Auf Monde hatte der Arzt die Möglichkeit dieſer erneuerten Theilnahme hinausgeſetzt; dann aber konnte der Krieg ſchon beendigt, dann konnten alle Lorbeern gepflückt ſeyn, die zu pflücken waren! Der Mutter verhehlte er dieſen Unmuth, der innerlich an ihm nagte. Nur Cäcilia wurde ſeine Vertraute und ſie wußte ihm ſo verſtändig und gütig zuzuſprechen, daß er ſich nach jeder Unterredung über dieſen Gegenſtand wie⸗ der heiterer, aber auch immer näher zu der liebens⸗ wuͤrdigen Verwandten hingezogen fühlte. Wochen vergingen unter dieſem traulichen Zuſammenleben, auf das nur der Gedanke an die unglückliche Kranke im Thale einen trüben Schatten warf. Endlich erlaubte der Arzt den erſten Ausgang, allein nur in den Garten des Hauſes und in das anſtoßende Feld. Der Aufenthalt in freier Luft hatte einen ſo günſtigen Einfluß auf Edmund, daß dieſer ſchon nach wenigen Tagen den Frauen anzeigen konnte, er ſey nun bereit, die Wanderung nach der Thalwohnung mit ihnen anzutreten, wo das große Räthſel ſich loͤſen, die wichtige Entſchei⸗ dung ſich finden werde. Es war an einem der erſten Tage des Maͤrz⸗ monates, als Frau von Nordeck mit ihrer Nichte — 240— und ihrem Sohne in der Kutſche, die ſie bei ſich führte, aus dem Thore des Städtchens der rechts nach dem Gebirge ſich öffnenden Thalſchlucht zu⸗ rollte. Der Tag war einer jener heitern, den Früͤh⸗ ling vorbereitenden, wie ſie der Anfang des Mäͤr⸗ zes nicht ſelten zu bringen pflegt. Sie fuhren bis dahin, wo das Thal ſich ſo ſehr verengerte, daß der Wagen nur mit großer Schwierigkeit wei⸗ ter kommen konnte, und wo die Unebenheiten des Bodens den Fahrenden zur Laſt fielen. Edmund war ſtark genug, um die noch übrige kleine Strecke des Weges zu Fuß zurücklegen zu können. Man hatte ſich lebhaft unterhalten, als aber jetzt das Haus der Frau Helferich hinter einer Bergwand hervortrat, bemächtigte ſich der drei Wanderer ein ſchweres, drückendes Gefühl, das ſie verſtummen machte. Edmund bemerkte mit ſteigender Unruhe, daß vor der Thüre des Hauſes mehrere ſchwarz geklei⸗ dete Männer verſammelt ſtanden. Jetzt kam Bewegung in dieſe, ſie bildeten zwei Reihen und zwiſchen durch drängte ſich aus dem Hauſe ein Leichenzug hervor, der ſeine Nichtung den Wanderern gerade entgegen nahm. Frau von Nordeck erbebte und ſtützte ſich auf Cäciliens Arm. „O mein Gott!“ ſeufzte ſie:„wenn wir zu ſpaͤt gekommen wären, wenn unſere Zweifel, unſere — 241— Hoffnungen nun immer uͤber dem Grabe ſchweben müßten, welches dieſe Leiche aufnimmt?“ Cäcilia ſagte nichts, aber eine Todtenbläſſe bedeckte ihr Angeſicht. Mittlerweile war Edmund, ſo ſchnell es ſeine Kräfte zuließen, dem Zuge ent⸗ gegen gegangen und hatte ſich mit den Männern, die dem Sarge voranſchritten, beſprochen. Die Todte war Frau Helferich. Sie war einer Krankheit von einigen Tagen unterlegen und man brachte die Leiche nun zu dem Kirchhofe des nahen Städt⸗ chens, bei dem ſie eingepfarrt war. Auch nach ihrer armen, geiſteskranken Hausgenoſſin fragte Ed⸗ mund. Dieſe, hieß es, befinde ſich noch in der Wohnung, was aber aus ihr werden ſolle, wiſſe niemand, da die Erben ihr keine Zuflucht einräu⸗ men und ſich überhaupt nicht mit ihr befaſſen wollten. „Dafür iſt geſorgt!“ erwiederte mit einiger Auf⸗ wallung Edmund.„Sie wird es beſſer haben, als jene Erben es ihr je geben könnten.“ Die Männer ſahen ihm verwundert nach. Die Botſchaft, welche er brachte, diente ſeinen Begleite⸗ rinnen zur Beruhigung, wenn ſie ſchon der wackern Frau, die ſich der verlaſſenen Unglücklichen ſo lange angenommen, eine trauernde Theilnahme zollten. Der Leichenzug verſchwand abwärts im Thale. Die drei Wanderer betraten das Innere des Hauſes, W. 8 16 — 242— wo einige Perſonen ſich bereits beſchäftigten, aller⸗ lei Hausgeräthſchaften in Kiſten und Körbe zu pak⸗ ken. Ohne der neugierigen Blicke und fragenden Mienen zu achten, mit welchen dieſe die Eintreten⸗ den empfingen, führte Edmund ſeine Damen ſo⸗ gleich in das ihm wohlbekannte große Gemach. Da ſaß noch immer in dem Winkel am Boden ge⸗ kauert, unbeweglich wie ein Steinbild, die unglück⸗ liche Frau. Ihre Augen waren geſchloſſen, die Züge erſchlafft, das Antlitz hohl und bleich. Sie ſchien nichts von dem zu ahnen, was in ihrer Nähe geſchehen war. Der Tod ihrer vieljährigen Wohl⸗ thäterin war unbemerkt und ſpurlos an ihr vorüber⸗ gegangen, wie die Tage und Jahre, die ſie nun ſchon ſo lange als eine arme Wahnſinnige immer wiederfanden. Ohne ein Wort zu ſprechen, deutete Edmund nach ihr hin. Die Umgebungen, in de⸗ nen er ſich wiederſah, riefen alle Erinnerungen je⸗ ner grauenhaften Nacht, die er mit Dietrich hier zugebracht, in ihm zurück und verſetzten ihn in eine heftige Gemüthsbewegung. Indem Frau von Nordeck Cäcilien einen Wink gab, hinter ihr zurück zu bleiben, näherte ſie ſich, von allen leb⸗ haften Gefühlen, welche dieſer Augenblick mit ſich bringen mußte, ergriffen, allein der Unglücklichen. Sie trat ganz dicht zu ihr heran, knieete vor ihr — 243— nieder und ſah ihr forſchend in das Angeſicht. In dieſer Stellung verweilte ſie eine kurze Zeit. Dann brach ſie plötzlich in einen Strom von Thränen aus, bedeckte das ſtarre, unempfindliche Antlitz der Ge⸗ müthskranken mit Küſſen und rief, während ſie ſich erhob, den beiden Harrenden zu: „Sie iſt es! Es iſt Helene. Das Veilchen blüht unter dem Auge, zwar matt und dämmerig, aber wahrhaftig und Alles entſcheidend. O, es hätte dieſes Zeichens nicht einmal bedurft, ſo ha⸗ ben ſich ſelbſt in dieſer regungsloſen Larve des Wahnſinns die Grundzüge ihres einſt ſo ſchönen Angeſichtes erhalten! Arme, arme Schweſter! Wann wirſt du aus dieſer Nacht erlöſt werden, wann wird der Tag für dich anbrechen, deſſen Morgen⸗ röthe auf dein geliebtes Kind fällt?“ Sie trat ſtill weinend an ein Fenſter. Cäcilia war zu der beklagenswerthen Mutter gegangen, preßte ihre Hände gegen Mund und Herz. Da war es, als rege ſich einige Empfindung, eine ferne leiſe Erkenntniß, wie Mondlicht durch Abendnebel blickt, in der Unglücklichen. Ein mattes, flüchti⸗ ges Laͤcheln belebte auf einige Augenblicke die ſtar⸗ ren Züge, ein Schauer flog durch ihre Glieder. „Mutter, liebe Mutter!“ rief Cäcilia.„Er⸗ wache, begrüße dein Kind!“ Aber ſchon waren die 16* — 244— Zuͤge wieder erſtarrt und der Klang der Kindes⸗ rede rauſchte unvernommen an ihrem Ohre vor⸗ über. Alle Verſuche, ſie aus dem dumpfen Hin⸗ brüten zu erwecken, blieben vergeblich. Frau von Nordeck rief ihr den Namen Helene in's Ohr, ſie nannte ſich ihr als ihre Schweſter, ſie ſprach von Gabrielen, von dem Grafen Landre⸗ cy. Nichts vermochte ihren Stumpfſinn zu er⸗ ſchüttern. Mechaniſch ergab ſie ſich, als Edmund ſie bei beiden Händen ergriff und durch eine leiſe Bewegung ihr die Nothwendigkeit, dieſe Stelle ver⸗ laſſen zu müſſen, andeutete. Auf ihn und Cäci⸗ lien geſtützt ſchwankte ſie langſam aus dem Ge⸗ mache und dem Hauſe. Nur weniger Worte zwi⸗ ſchen Frau von Nordeck und den im Hauſe befind⸗ lichen Leuten bedurfte es, um dieſe die Wegführung der Kranken in der Ordnung finden zu laſſen. Sie verbargen ganz und gar nicht, daß ſie zufrieden ſehen, der unnützen Laſt auf dieſe Weiſe los zu werden, und daß, wie ſie ſagten, ſich eine großmüthige Wohl⸗ thäterin gefunden habe, welche die fernere Sorge für die Kranke, gegen die ſie keine Verpflichtungen hätten, übernehmen wolle. Je weiter dieſe zwiſchen Edmund und Cä⸗ cilien vorſchritt, deſto lebhafter und kräftiger wur⸗ den ihre Bewegungen. Auf Edmund ſtützte ſie — 245— ſich nur wenig, aber Cäcilia mußte den Druck ihres Armes um ſo ſchwerer empfinden. Das Mäd⸗ chen ſtrengte alle Kräfte an, um nicht unter der Laſt zu erliegen. Dennoch würde ſie das beſchwer⸗ liche Amt haben aufgeben müſſen, wenn ſie nicht empfunden hätte, wie nach und nach die Bedauerns⸗ würdige ihrer Unterſtützung ſich weniger bediente, wie ſie bald nur leiſe den Arm in dem ihrigen ver⸗ ſchlungen, faſt ganz von eigener Kraft gehalten, vorwärts ſchritt. Von Edmund hatte ſie ſich ganz losgemacht und dieſer ſah mit Verwunderung, wie ſe plötzlich ſich Kräfte in ihr entwickelten, die bis⸗ her erlahmt geweſen. Daß Cäcilia ſehr bleich geworden, daß dieſe ſich jetzt ſchwankend und un⸗ ſicher fortbewegte, ſchien ihm eine natürliche Folge der erſchütternden Szene, die vorangegangen war. Im Wagen, hoffte er, würde ſie ſich erholen. Frau von Nordeck erwartete ſchon am geöffneten Schlage die Herankommenden. Kaum aber hatte man ſich niedergelaſſen und von der Stelle entfernt, wo der Wagen gehalten, ſo empfand Cäcilia ein Übel⸗ ſeyn und eine Anwandlung von Schwäche, die das bisher ſo kräftige Mädchen nie gekannt. Nur mit Hülfe ſtärkender Mittel, die Frau von Nordeck ſorglich bei ſich führte, erholte ſie ſich nach einiger Zeit. Sie ergriff wieder die Hände der gegenüber — 246— ſitzenden Mutter, ſah ihr fort und fort in das bleiche, unbewegliche Antlitz, wo das Veilchen, jetzt in höherer Röthe brennend, erkennbar hervortrat. Es herrſchte eine tiefe Stille im Wagen. Ebenſo ſtill wurde die Kranke in das Haus und in das Zimmer gebracht, das zu ihrer Aufnahme einge⸗ richtet worden war. Während nun Edmund langſam in ſeiner Geneſung fortſchritt, war die arme Helene der Mittelpunkt, um den ſich alle Sorgfalt und Pflege bewegte, geworden. Cäcilia verließ ſie faſt gar nicht und hatte, um ihr auch Nachts nahe zu ſehn, ihr Lager in dem Zimmer der Mutter aufſchlagen laſſen. Vergebens bemühete ſich Frau von Nor⸗ deck, ſie hiervon zurückzuhalten, indem ſie ihr be⸗ merkte, daß es immer gefährlich ſey, ſich allein mit Gemüthskranken zu befinden, bei denen ein plötz⸗ licher unvorhergeſehener Ausbruch von Raſerei nicht unter die wunderbaren Dinge gehöre; vergebens machte ihr die Tante den Vorſchlag, wenigſtens noch die Kammerfrau zu ſich zu nehmen, um für jeden Fall eine Hülfe in der Nähe zu haben. „Es iſt meine Mutter. Mir kommt ihre Pflege — 247— zu und Gott wird mir beiſtehn in der Erfüllung meiner Pflicht;“ war die Antwort des Mädchens. Man zog den Arzt in das Familiengeheimniß. Man führte ihn zu Helenen und verlangte ſein Gutachten, man bat um ſeinen Beiſtand. Die Kranke hatte ſeit den wenigen Tagen, daß ſie unter ihren nächſten Verwandten lebte, wunderbar an körperlicher Kraft gewonnen. Sie richtete ſich oft aus der nie⸗ drigen, kauernden Stellung, in die ſie ſich auch hier gleich Anfangs verſetzt, empor, öffnete die Augen, die aber immer matt und glanzlos blieben, und ging im Zimmer umher. Dieſes friſche Leben, das ihre körperliche Thätigkeit anregte, ſchien durch⸗ aus in keiner Verbindung mit ihrem Gemüthszu⸗ ſtande zu ſtehen. Dieſer blieb derſelbe, wie zuvor. Keine Erkenntniß irgend einer Sache offenbarte ſich, nichts konnte ihre Theilnahme, ihre Aufmerkſamkeit erregen; ihre Hände ſpielten wohl mit einzelnen Gegenſtänden, allein ohne daß ſie ſie erkannt, daß ſie ein Wiſſen ihrer Beſtimmung verrathen hätte. Über ihre Lippen war noch kein Wort gekommen. Schwe⸗ ſter und Tochter würden ſie für ſtumm gehalten haben, wenn nicht Edmund nach den Erfahrun⸗ gen jener Nacht ſie des Gegentheils verſichert hätte. Der Arzt hörte Alles, was man ihm von der Kran⸗ ken ſagte, mit aufmerkſamer, nachdenklicher Miene — 248— an. Jenen Zuſtand des Nachtwandelns, dem Ed⸗ mund beigewohnt hatte, ließ er ſich zu mehrern Malen beſchreiben. Er meinte, dieſes Zeichen einer im Innern noch immer fortſchlummernden Geiſtes⸗ kraft, die wenn auch nur in einer krankhaften Auße⸗ rung ſich verkünde, gebe allein einige Hoffnung auf eine mögliche vollſtändige Geneſung. Er kam jetzt öfter im Laufe des Tages, als ſelbſt wäh⸗ rend Edmunds bedenklicher Krankheit. Es war ihm daran gelegen, die Kranke in allen Ver⸗ hältniſſen zu beobachten und beſonders einen et⸗ waigen Anfall von Mondſucht, der bei der Annä⸗ herung des Vollmondes ſich leicht einſtellen konnte, nicht zu verfehlen. Cäcilia bemerkte indeſſen mit kindlicher Freude, daß die theuere unglückliche Mut⸗ ter ſich immer vorzugsweiſe ihr nähere, daß ſelbſt, wenn die Tante und Edmund zugegen waren, und jene ihr alle Dienſte, die ihr ſonſt von der Tochter erwieſen wurden, leiſten wollten, ſie ſich⸗von ihnen abwandte und wie von einem innern, bewußt⸗ loſen Triebe geleitet, ihrem Kinde nachging. Von Tage zu Tage gewannen ihre Bewegungen, ihre Haltung an Feſtigkeit. Cäcilia dagegen fühlte ſich jetzt Bbends von einer ſeltſamen Mattigkeit ergriffen, ein dumpfer Schmerz im Kopfe ließ ſich um die nämliche Zeit empfinden und ihr ſonſt ſo geſunder und feſter — 249— Schlaf wurde von wilden, derwirrten Traͤumen be⸗ unruhigt. Sie ſchrieb dieſe Erſcheinungen der un⸗ ausgeſetzten Sorge um die Mutter zu und nahm ſich vor, um ſo weniger ihr Unwohlſeyn irgend jemand zu entdecken, da die Tante und Edmund leicht hierin eine Urſache hätten finden können, ſie don der Kranken mehr als bisher entfernt zu halten. Edmund befand ſich während dieſer Tage in einem ſehr unbehaglichen Zuſtande. Alle Nachrichten aus Frankreich ſprachen von dem ſiegreichen Vor⸗ rücken der deutſchen Heere; ſeine Kräfte aber ſam⸗ melten ſich ſo langſam, daß ihm keine Ausſicht blieb, an dem rühmlichen Kampfe, der ſeinem Ende nahe ſchien, noch Theil zu nehmen. Wenn ihn ſchon dieſes ſehr verſtimmte, ſo mußte die Entbeh⸗ rung von Cäciliens erfreulicher Geſellſchaft, der traulichen Unterhaltung mit ihr, ſeinen Mißmuth noch vermehren. Er konnte ſich nicht länger ber⸗ gen, daß ihm das Mädchen theuer geworden war. Er ſah ſie nicht blos mit den Augen eines freund⸗ lichen Verwandten an; in ſeinem Herzen hatten ſich ſchon Wünſche für eine Zukunft gebildet, in der Cäcilia ihm als die beglückende Gefährtin ſeines Lebens erſchien. Die ſeltenen Augenblicke, in de⸗ nen er ſie allein ſah und freilich in ihrem Lächeln, in der Innigkeit der wenigen Worte, die ſie an — 250— ihn richtete, eine liebevolle Erwiederung ſeiner Nei⸗ gung zu erkennen glaubte, gingen zu flüchtig vor⸗ über, als daß ſie dem Herzen des leidenſchaftlichen jungen Mannes hätten genügen können. Er be⸗ neidete die unglückliche Helene um der treuen Pflege willen, welche die Tochter ihr widmete, er wünſchte ſich die Tage der Krankheit zurück, in denen Cäcilia ihn nicht verlaſſen hatte. Und den⸗ noch ſtieg das geliebte Mädchen, wenn er die Feſtig⸗ keit, die unwandelbare Beſtändigkeit erwog, mit der ſie, Alles andere ihr aufopfernd, bei der unglück⸗ lichen Mutter, die ihr durchaus keinen Erſatz geben konnte, ausharrte, immer mehr in ſeiner Neigung. Er liebte ſie inniger, indem er ſie höher achten lernte. Indeſſen hatte niemand ſo genau, wie der Arzt, auf den Eintritt des Vollmonds geachtet. Schon zwei Tage vorher ließ er ſich in der Nähe des Krankenzimmers ein Lager aufſchlagen, wo er die Nächte zubrachte. Man war auf das Auſſerſte ge⸗ ſpannt, eine Szene zu erleben, die ſo viele und große Aufſchlüſſe geben konnte. Vergebens bemü⸗ hete ſich Cäcilia, in der Nacht wach zu bleiben, der Zuſtand auſſerordentlicher Erſchöpfung, in dem ſie ſich jeden Abend befand, gab dieſes nicht zu. Da wurde ſie eines Nachts durch zärtliche Küſſe auf Mund und Wange geweckt. Sie fuhr auf und — 251— ſah bei'm Schimmer der Nachtlampe in ein ſchönes Frauenantlitz, das mit einem Lächeln der Verklä⸗ rung auf ſie herabblickte. Helenens Lager war leer. „Mutter, meine Mutter!“ rief ſie, indem ſie aufſprang und einen Nachtmantel umwarf.„Du ſiehſt mich, du erkennſt dein Kind?“ „Ja, Cäcilia,“ antwortete mit melodiſcher Stimme die Nachtwandlerin, die ſich ganz ange⸗ kleidet hatte,„ich ſehe und liebe dich! Aber nenne mich nicht bei Namen, ſonſt muß ich vor der Zeit in meine alte Nacht zurückkehren. Ich ſehe Euch dann freilich auch, dich, die Schweſter und Ed⸗ mund, ich höre, was ihr ſprecht, ich nehme wahr, wie ihr mich liebt, aber der Geiſt iſt dann in's Innere zurückgezogen, er kann das Außere in ſich aufnehmen, aber nicht ſelbſt nach Außen thätig ſeyn. Rufe ſie, Cäcilia: Edmund und die Schweſter! Warne auch ſie, daß ſie nicht meinen Namen nennen. Ich habe ihnen Vieles, Vieles zu ſagen.“ Edmund und ſeine Mutter kamen ſogleich herbei. Sie waren auf eine ſolche nächtliche Stö⸗ rung bereitet geweſen. Ihnen folgte der Arzt, der ſtill und beobachtend ſeine Stelle im dämmernden Hintergrunde des Zimmers nahm. Frau von Nor⸗ — 252— deck ſah die Schweſter mit Erſtaunen faſt im Glanze jener jugendlichen Schönheit wieder, die ſie beſeſſen, als ſie vor vielen Jahren ſich von ihr getrennt. Sie lagen ſich lange in den Armen. Dann begann Helene in jenem ſanften, wohllautenden Tone: „Dieſer Augenblick vergilt lange Jahre doll Elend und Qual. Was ich Entſetzliches gelitten, gleicht er aus mit ſeiner Freude, mit ſeiner bele⸗ benden Hoffnung. Ich weiß, daß Alles gut gehe und daß ich wieder auf dem ſchönen Schloſſe meines Ge⸗ mahls mit ihm und Gabrielen, glücklich leben werde, aber ich blicke in dieſe Ausſicht noch immer durch einen trüben, unerklärlichen Nebel. Willſt du wiſſen, wie es der armen Verlorenen gegangen iſt, ſeit ſie deinen Gatten begraben, Schweſter? Ich will es dir erzählen. Von den Feinden verfolgt, flüchtete ſie mit ihrem Kinde und ihrem Schmuck⸗ käſtchen in einen Kahn, der ſie am Ufer des Rheins aufnahm. Der Fährmann führte ſie den Strom aufwärts. Da kam eine ſchwere Ohnmacht, die Schrecken und Angſt veranlaßte über ſie. Als ſie erwachte, ſah ſie ſich mit dem Schiffer und der kleinen Eäcilia in einem düſtern Gemache. Sie lag auf einem herben Lager. Zum Tode ermattet und den letzten Augenblick erwartend, konnte ſie — 253— nicht ſprechen, nur durch Winke jenem Manne an⸗ deuten, daß der Inhalt des Schmuckkäſtchens dem Kinde gehöre. Dann voerfiel ſie in den gräßlichen Starrkrampf. Sie gewahrte Alles, was um ſie vorging, aber ſie konnte ſich nicht bewegen, nicht reden, ihre Pulſe ſtockten, ihr Odem ſtand ſtill. Der Fiſcher hatte indeſſen das Käſtchen geöffnet und ſeine Blicke weilten gierig auf dem glänzenden Inhalte. Sie ſah, wie der gute und böſe Geiſt in ihm kämpften, ſie hörte, wie er zu ſich ſelbſt ſagte: Martin, du kannſt ein reicher Mann wer⸗ den: verſäume die Gelegenheit nicht! Er verließ die Hütte und kam erſt nach geraumer Zeit zurück. Deine arme Schweſter lag noch immer im Zuſtande des Scheintodes. Der Mann ſchien jetzt entſchloſ⸗ ſen. Er belaſtet ſich mit der Erſtarrten und trug ſie zum hohen Ufer des Rheins. Sie ahnete ſein Vorhaben, ſie wollte ſchreien, ſich bewegen: ſie konnte nicht. Er ſelbſt ſchien in der heftigſten Unruhe. Haſtig und nur oberflächlich ſchlang er einen Strick um einen Stein am Ufer und um die Regungsloſe. Dann ſchob er ſie vom Rande hinab in die Wellen und eilte mit den flüchtigen Schritten eines Ver⸗ brechers hinweg. Die Unglückliche berührte das Waſſer, aber der Stein blieb oben, denn das böſe Gewiſſen, das ſich in dem Manne geregt, hatte ihn — 254— ſein Werk nicht vollſtändig vollbringen laſſen. Die Kälte und Tiefe der Fluth löſte mit einemmale den Starrkrampf. Von einer neuen, wunderbaren Kraft fühlte ſich Cäciliens Mutter belebt; nicht von der, die in dem gewöhnlichen Daſeyn ihren Geiſt und Körper beherrſchte, nein! von dieſer hö⸗ hern, Geiſt und Körper über die Grenzen des Ir⸗ diſchen erhebenden, die auch in dieſer Stunde in ihr waltet. Sie rief dem forteilenden Manne nach. Er hörte ſie nicht oder wollte ſie nicht hören. Da nahm ſie wahr, wie es ihr in dieſem wunderbaren Zuſtande möglich ſey, ſich auf der Oberfläche des Waſſers zu erhalten, wie ſie ſich eine Richtung zu geben vermochte, die ſie nach und nach dem Ufer zuführen mußte. Sie erſchrack vor ſich ſelbſt. Trotz ihrer Lage fiel ihr ein, daß man in frühern Jahr⸗ hunderten den Zauberinnen und Hexen die Macht zugeſchrieben habe, ſich von ſelbſt über dem Waſſer erhalten zu können. Der Mond, voll, rund und glänzend, ſchien auf die Wellen herab und zeigte ihr eine Stelle am Nande, die ſie mit leichter An⸗ ſtrengung erreichte. Hier ſank ſie erſchöpft zur Erde, jene Kraft, die ihr Leben und Erkenntniß gegeben hatte, entwich und ſie verlor alles Bewußtſeyn. Lange, lange lebte ſie nun in einem Zuſtande, aus dem ſie keine Erinnerungen hat. Als ſie einsmal aus dieſer Geiſtesſtumpfheit erwachte und ſich wie⸗ der von jener wunderbaren Kraft belebt fühlte, fand ſie ſich bei guten Landleuten, einem Manne und ſeiner Frau, wieder. Sie ſah, daß man ſie als eine Geiſteskranke behandelte und Niemand wollte dem, was ſie von ihren frühern Schickſalen erzählte, Glauben beimeſſen. Auch verlor ſie zu ſchnell das Bewußtſeyn wieder, um ſich ganz verſtändlich zu machen. Edmund weiß, wie es ihr ergangen bei jenen Leuten. Er hat ſie in ihrer Wohnung gefunden, er hat ſie geſehen in dem Zuſtande der plötzlich erwachenden Geiſt⸗ und Körperkraft, den Gott zur rechten Stunde ſandte, damit die arme von dem lieben Verwandten erkannt werde. Er nannte ihren Namen: da ſchwand das Licht ihres Geiſtes und die alte Nacht kam über ſie. Als aber Cäcilia, die theure Tochter, zu ihr trat und ihre Hand berührte, als der Odem des Kindes ihre Wange traf: da fühlte ſie ſich mit einemmale wun⸗ derbar von Empfindung, von Erkenntniß und Be⸗ wußtſeyn ergriffen, ohne es jedoch ausſprechen, ohne das innere Leben in das Außere übertragen zu kön⸗ nen. So iſt es nun in ihr geblieben, ſeit ſie jenes Haus verlaſſen und unter Euch weilt. Cäcilias Nähe giebt ihr Geiſt⸗ und Lebenskraft. Cäcilia wird ſie wieder der Welt zurückgeben, wird ſie wie⸗ — 256— der, wie ſie einſt war, dem Gatten und Gabrie⸗ len zuführen.“ „O, meine theure Mutter,“ rief Caͤcilia und warf ſich an ihre Bruſt,„ich will nicht von dir weichen, ich will mich keinen Augenblick aus deiner Nähe entfernen! Mir iſt ein hohes Glück beſchieden. Ich will ſeiner würdig ſeyn.“ Langſam näherte ſich der Arzt der Somnambu⸗ len. Sie ſah ihn lächelnd an, als ſey er ihr eine ſchon längſt bekannte Perſon. Er ergriff ihre Hand und blickte ſie ernſt an. „Glauben Sie,“ ſagte er dann in einem ſehr beſtimmten Tone,„ob eine Steigerung des Zuſtan⸗ des, in dem Sie ſich jetzt befinden, eine öftere Wie⸗ derkehr deſſelben, durch die Kunſt hervorgebracht, Ihre Geneſung beſchleunigen könne?“ „Ich verſtehe Sie, mein Herr,“ antwortete Thereſe,„aber jener Somnambulismus, der ein Erzeugniß der Kunſt iſt, kann ſich mit dem mei⸗ nigen, in welchem die Natur ſelbſtſtändig hervor⸗ tritt, nicht vereinigen. Es bedarf auch deſſen nicht. Schon Cäciliens Geſellſchaft wird mir helfen, die Nähe, die Berührung meines Kindes iſt mir wohlthäͤtig.“ Der Arzt trat zurück, indem ſeine Blicke mit einem ſeltſamen Ausdrucke von Beſorgniß auf Cä⸗ — 257— cilien weilten. Er hatte im Stillen bemerkt, daß ſeit Helenens Erſcheinen das Mädchen bleich geworden war, daß ſie das ſonſt ſo gerade getra⸗ gene Köpfchen ſenkte und mehrere Zeichen der An⸗ näherung eines langſamen Siechthums ſich einſtell⸗ ten. Er ahnte eine wunderbare, aus Naturgeſetzen nicht erklärliche, aber der Erfahrung bekannte Wech⸗ ſelwirkung zwiſchen Tochter und Mutter, und beſchloß dieſe ferner aufmerkſam zu beobachten. Helene hatte indeſſen mit der Schweſter manche ſchoͤne Erinnerung der Jugend erörtert. Plötzlich mitten in der Rede verſtummte ſie. Ihre Hand zuckte nach dem Kopfe, die Augen ſchloſſen ſich, die Röthe wich von ihrer Wange, ſie ſchwankte auf ihr Lager zurück und war nach wenngen Augenblicken eingeſchlafen. „Sie wird anders erwachen, als ſie bisher Mor⸗ gens erwacht iſt;“ ſagte der Arzt, der zu ihr ge⸗ treten war und ihren Puls geprüft hatte.„Das zuruͤckekhrende Geiſtesbewußtſeyn wird ſich ankündi⸗ gen, wenn auch nur noch in matten, dunkeln Reg ungen.“ Wie er geſagt hatte, ſo geſchah es. Am näͤch⸗ ſten Tage ſchritt Helene kräftiger und wackerer einher, als man ſie noch bis jetzt geſehen hatte. Einiges Feuer war in ihre Augen, einige Farbe IV. 17 — 258— auf ihre Wangen zuruͤckgekehrt. Sie lächelte Cäͤci⸗ lien und ihre Schweſter mit einem Ausdrucke an, der verkündete, daß ſie ihre Lioben erkenne. Die Tochter drückte ſie oft an ihr Herz, dem Neffen bot ſie freundlich die Hand, aber ſie ſprach noch nicht. Als ſie, wie von einer plötzlichen Eingebung er⸗ griffen, ſich einmal raſch an den Schreibtiſch ſetzte und zu ſchreiben verſuchte, verwirrten ſich ihr die Worte unter der Feder, ſo daß ſie nichts Zuſam⸗ menhängendes hervorbringen konnte. Überhaupt ſchien es ihr noch nicht möglich, mehrere Begriffe mit einander zu verbinden. Cäcilia verließ ſie jetzt gar nicht. Zu jenen Schwächen, die bisher das Mädchen Abends befallen hatten, geſellten ſich nun auch Fieberſchauer. Sie fühlte ihre Kräfte ab⸗ nehmen, ſie ſagte aber nichts davon und diejenigen, die täglich um ſie waren, bemerkten den langſamen Verfall ihrer ſonſt ſo blühenden Geſtalt nicht. Edmunds innerer Verdruß ſtieg jetzt auf ſei⸗ nen Gipfel. Die verbündeten Heere waren in Paris eingezogen; Dietrich ſelbſt ſchries ihm dar⸗ über in einem ausführlichen Briefe. „Der Ruhm iſt für mich verloren,“ ſagte Ed⸗ mund, als er dieſe Nachricht empfing, bitter in ſich hinein,„und von der Liebe habe ich auch we⸗ nig Entſchädigung erhalten. Wer weiß überhaupt, * — 259— wie es gehen wird! Cäcilia lebt nur für die Mutter und hat jetzt keinen Sinn für Anderes. Ich muß mit ihr reden, ich will wenigſtens von ihr eine Entſcheidung für meine Zukunft.“ Noch an demſelben Tage führte er dieſen Vor⸗ ſatz aus. Helene war eingeſchlummert und Cä⸗ cilia beſchäftigte ſich in einiger Entfernung von der Mutter mit einer weiblichen Handarbeit. Da trat Edmund zu ihr und ſagte: „Es gilt mein Glück und meine Ruhe, Cäci⸗ lia: deshalb mußt du mir eine offene und beſtimmte Antwort geben. Ich habe dich ſchon geliebt, als ich noch ein Knabe war und du mir in den Er⸗ zählungen, die man von dem dunkeln Schickſale dei⸗ ner Mutter und dem deinigen machte, wie ein wunderbares Feenkind erſchienſt. Mit aller Gluth einer kindiſchen Phantaſie verlangte ich danach, dich nur einmal zu ſehen, die verlorene Cäcilia, von der man mir ſagte, daß ſie als ein Englein mich umſchwebe. Dieſe Liebe iſt durch meine ſpäten Jahre hingezogen und mir treu geblieben. Als nun endlich das Wunder deiner Erſcheinung, der Ret⸗ tung in jener Nacht ſich begab, da wurde ſie mir klar und verſtändlich als eine nothwendige Beding⸗ ung meines Daſeyns. Glaubſt du, dieſe Anſicht könne ſich geändert haben während meiner Krank⸗ 17* — 260— heit, unter deiner treuen Pflege, durch die Ent⸗ deckung unſerer nahen Verwandtſchaft? Du weißt, du haſt es erkannt, daß das nicht iſt! Jetzt, Caͤ⸗ eilia, ſprich das Urtheil meiner Zukunft! Kann ich die Güte, die du mir erzeigſt, deine Freund⸗ lichkeit und Innigkeit für eine Erwiederung meiner Neigung anſehn?“ „Du kannſt es!“ antwortete mit geſenktem Blicke Cäcilia.„Aber ich beſchwöre dich, Edmund, gieb dich nicht, wie bisher, ſo widerſtandlos deinen phantaſtiſchen Träumen hin. Alles hat ſich ja ganz natürlich begeben und du brauchſt nicht in den Wahnbildern deiner Kindheit den Schlüſſel zu die⸗ ſen Dingen zu ſuchen. Jetzt überlaſſe mich ganz der Erfüllung meiner Pflicht gegen die kranke Mut⸗ ter. Du haſt nun meine Erklärung, aber ehe nicht die Mutter ganz geneſen iſt, kann ich mich nicht mit den Gedanken an ein Glück beſchäftigen, das nur mich allein betrifft.“ 3 Sie drückte ihm herzlich die Hand, indem ſie ihn mit einem beruhigenden zärtlichen Lächeln an⸗ ſah, dann wandte ſie ſich zu Helenen, die ſich im Schlafe bewegte. Von dieſem Augenblicke an wurde Edmund in ſeinem ganzen Benehmen, in allen ſeinen Hand⸗ lungen beſtimmter, als er ſeit ſeiner Krankheit ge⸗ — 261— weſen war. Er ging oft Morgens allein ins Freie, er ritt aus und ſchien ſich überhaupt vorgenom⸗ men zu haben, durch feſten Willen und geiſtige Kraft den alten Zuſtand der Geſundheit zu errin⸗ gen. Frau von Nordeck bemerkte wohl, daß et⸗ was Beſonderes in ihm vorging, ſie ahnte, daß ſich irgend ein wichtiger Entſchluß in ſeiner Seele bil⸗ dete. Dieſer war endlich gereift. Der junge Mann, nun von Cäciliens Gegenliebe überzeugt, konnte mit dem Gefühle der endlich zurückkehrenden Kraft den drückenden Zuſtand der Unthätigkeit, in dem er ſich befand, und den hiermit verknüpften Unmuth, von ſeiner Liebe ſchweigen, ſie verhehlen zu müſſen und ihr keine Freuden zu verdanken, nicht länger ertragen. Er erklärte eines Morgens, daß er ſich nun ſtark genug fühle, ſich zu ſeinem Regimente zu begeben, und wenigſtens als eine Frucht ſeiner kriegeriſchen Mühen, Paris in der Gewalt der deutſchen Sieger zu ſehen wünſche. Frau v. Nor⸗ Ddecks Einwendungen, des Arztes bedenkliche Aeuße⸗ rungen konnten ihn nicht von dieſem Entſchluſſe ab⸗ bringen. Cäcilia ergriff zitternd ſeine Hand und ſagte leiſe, nur ihm verſtändlich:„es iſt recht gut, daß du reiſeſt. Ich bleibe meinem Worte treu. In Frankreich ſehn wir uns wahrſcheinlich wieder.“ Mit Edmunds Entfernung ſchien ſeltſamer — 262— Weiſe ein neuer Schritt von Helenens geiſtiger Geneſung in Verbindung zu ſtehen. Als habe ſeine Anweſenheit dieſe in ihrem Fortgange zurückgehal⸗ ten, traten noch am nämlichen Tage mehrere Zei⸗ chen erhöheter Erkenntniß bei der Kranken hervor. Sie begann zu reden. Sie ſprach erſt einzelne Worte, dann zuſammenhängendere Sätze, aber im⸗ mer noch wie ein Kind, das müheſam ſeine Gedan⸗ ken ausdrückt und noch keinen hellen Begriff von ſeinem eigenen Zuſtande, ſeinen Umgebungen hat. Bald lebte ſie in dem Wahne, noch in dem elter⸗ lichen Hauſe zu ſeyn, bald glaubte ſie ſich auf der Reiſe, durch Verfolger geängſtigt. Viele Dinge, die ſie in ihrem Leben erfahren hatte, verwirrten ſich durcheinander. Als ſie plötzlich und wie durch Zufall den Namen ihres Gemahles genannt hatte, rief ſie ſich unterbrechend:„Ja, ja! Nach Lan⸗ drech! Dort iſt Heil, dort iſt Alles wieder wie ſonſt.“ Der Arzt, dem man dieſe Ausrufung mit⸗ theilte, meinte, es ſey leicht möglich, daß ſie das Wiederſehen der vertrauten Umgebungen, des Ge⸗ mahles, der andern Tochter, leicht auf einem ra⸗ ſchern Wege der völligen Geneſung zuführen könne, als es hier geſchehen würde. Er rieth um ſo mehr zu dem Verſuche, da ſeinem ſcharfen beobachtenden Blicke die täglich zunehmende Schwäche Cäciliens — 263— nicht entging und er hoffte, durch irgend eine Be⸗ ſchleunigung des Geneſungganges das Mädchen um ſo eher der, für ſie ſo nachtheiligen Wechſelwirkung, zu entziehn. Dann hatte er auch noch einen andern Vorſchlag im Hintergrunde, mit dem er zu ſeiner Zeit hervortreten wollte. Jetzt gab Frau von Nordeck, die dem Nathe des Arztes zu folgen geſonnen war, ihrem Schwa⸗ ger die erſte Nachricht von dem Wiederfinden ſeiner Gemahlin und Tochter. Sie ſchilderte alle Bege⸗ benheiten, welche dieſes herbeigeführt, mit der größ⸗ ten Genauigkeit, ſie vergaß keines Umſtandes, der zu der Erkennung beigetragen habe, zuletzt führte ſie das bei allen Zweien vorhandene Familienmaal als unumſtößlichen Beweiß der Perſonalrichtigkeit an. Sie bat den Grafen, nicht etwa durch eine Reiſe zu ihnen den Verlauf der ſo gut, wie gewiſ⸗ ſen Geneſung zu ſtören, ſie benachrichtigte ihn, daß ſie ſelbſt Frau und Tochter nach Landreco brin⸗ gen würde. Dieſer Brief ging ab und es wurden nun vor⸗ läufig alle Anſtalten getroffen, das freundliche Städt⸗ chen, wo man Leid und Heil erlebt, wo die wun⸗ derlichſten Räthſel gelöſt worden waren, bald zu verlaſſen. Der Arzt hatte gezweifelt, daß nun, da die Geiſteskraft der Kranken, indem ſie in allgemeine — 264— Lebensäußerungen übertrete, ſich nicht mehr in dem Grade concentriren könne wie früher, noch ein Zu⸗ ſtand der Mondſucht ſich ereignen werde. In der That ging auch die Zeit, in der man einen ſol⸗ chen zu erwarten gehabt hätte, ruhig und ungeſtöͤrt vorüber. Cäcilia fühlte jetzt, da ſie Edmunds liebe⸗ volle Nähe ganz entbehren mußte, wie ſehr ſie ihm geneigt war. Ihre Gedanken folgten ihm auf ſei⸗ nem Wege. Sie freuete ſich auf die Reiſe, die ſie ihm wieder näher brachte, obgleich ſie ihre zuneh⸗ mende Schwäche, das ſteigende Fieber hinwiederum die Beſchwerden derſelben mußte fürchten laſſen. Nur die Geiſtesſtärke, mit der ſie ſich in Gegen⸗ wart der Tante zu erhalten wußte, verbarg ihren Zuſtand dieſer. Helene ſah mit kindiſcher Freude die Anordnungen zur Abreiſe. Ihr ganzes Benehmen wurde das eines frohen Kindes. Sie tanzte und lachte, ſie wiederholte ſingend unzählige Male den Namen Landrecy. Wenige Tage vor dem zur Abfahrt beſtimmten Morgen, näherte ſich der Arzt, der ſeinen gewöhnlichen Beſuch abſtattete, Cäci⸗ lien und machte dieſer den Antrag, die beiden aͤl⸗ tern Damen allein reiſen zu laſſen und noch einige Wochen in ſeinem Hauſe, in der ſchönen freund⸗ lichen Rheingegend zu verweilen, um ihre Geſund⸗ — 265— heit, die, wie er wohl bemerkt, in der letzten Zeit gelitten habe, wieder zu befeſtigen. Frau von Nor⸗ deck, die Zeuge dieſer Anrede war, ſah erſchrocken auf die Nichte und bemerkte jetzt zum erſtenmale, daß das Feuer ihrer Augen nicht mehr den Glanz habe, wie früher, daß die Röthe ihrer Wange mehr das Erzeugniß eines fieberhaften Zuſtandes, als ein Merkmal von Wohlbefinden zu ſeyn ſchien. Caͤ⸗ cilia erklärte ſich mit ſolcher Entſchiedenheit, mit einer Art von Entrüſtung gegen den Vorſchlag des Arztes, daß dieſer ihn nicht zu wiederholen wagte. Dagegen bat er um eine Unterredung unter vier Augen mit dem Mädchen. Dieſe dauerte wohl uͤber eine Stunde. Als ſie geendigt war, erſchien Cäcilia vor ihrer Tante ſo freundlich, ſanft und derklärt, wie Edmunds Mutter ſie noch nie ge⸗ ſehen hatte. Alle Beſorgniſſe, welche Frau von Nordeck über den Zuſtand ihrer Geſundheit äußerte, bemühete ſie ſich zu widerlegen, mit der Verſiche⸗ rung, die Reiſe werde den beſten Einfluß auf ſie haben und ſie hoffe, durch ſie Alles zu erreichen, was ſie wünſche. Als zufällig die Tante Edmunds gedachte, wurden ihre Augen feucht, aber ſie wandte ſich ab, ſo daß dieſe Thränen nicht bemerkt wur⸗ den. Von dieſem Augenblicke an zeigte der Arzt in ſeinem Benehmen gegen Cäcilia eine Ehr⸗ —-— 266— furcht, wie man ſie nur denen zollt, von welchen man erkannt hat, daß ſie durch ihre Geſinnungen ſich weit über das Gewöhnliche erheben. Noch im Mo⸗ mente der Abreiſe küßte er ihr vorzugsweiſe mit Ehrerbietung die Hand und wünſchte ihr in einem Tone tiefer Rührung alles Glück, das ſie verdiene. Die Reiſe wurde durch das heiterſte Wetter be⸗ günſtigt. Allenthalben traten die freundlichen Spu⸗ ren des beginnenden Frühlings hervor. Helene war heiter, fröhlich und kräftig. Man hatte abſicht⸗ lich denſelben Weg gewählt, den ſie auf ihrer Flucht genommen hatte. Sie fing an, ſich der Umgebun⸗ gen zu erinnern, ſie zu erkennen. Sie begann zu⸗ ſammenhängender zu ſprechen. Oft fehlten ihr noch die Worte, aber Cäcilia wußte immer die zu treffen, die ihre Rede ergänzen konnten. Sie ſprach von den Tagen, wo ſie mit dem verſtorbenen Nordeck zuſammengereiſ't war, von ſeiner Ver⸗ wundung, von ſeinem Tode. Manches Ungehörige miſchte ſich noch in ihre Erzählung. Sie ſelbſt aber ſchien es zu empfinden und grollte dann mit ſich darüber. Cäcilia konnte auf der Reiſe die An⸗ wandlungen von Schwäche, denen ſie unterworfen war, weniger verbergen, als früher in dem ruhigen Hausleben, wo jeder ſeinem Geſchäfte nachging. Mehreremale im Laufe des Tages befielen ſie Ohn⸗ — 267— machten, die immer dauernder wurden. Frau von Nordeck fühlte ſich ernſtlich beſorgt um die Nichte und wollte durch einen Aufenthalt die Reiſe unter⸗ brechen. Cäcilia aber gab es durchaus nicht zu. Helene hatte noch keine Erkenntniß, noch keinen Sinn für fremdes Leiden. Sie freuete ſich und genoß nur ihres eigenen erwachenden und von Tage zu Tage ſich mehr erhebenden geiſtigen Lebens. Als man nur noch eine Tagreiſe von Landrecy entfernt war, fühlte ſich Cäcilia Abends ſo ſchwach, daß man ſie aus dem Wagen in das für ſie be⸗ ſtimmte Zimmer tragen mußte. Dennoch beſtand ſie darauf, am nächſten Morgen die Reiſe fortzu⸗ ſetzen. Frau von Nordeck wachte an ihrem La⸗ ger. Sie ſchlief wenig und hatte dann unruhige Träume, in denen ſie oft den Namen Edmund laut werden ließ. Gegen Morgen hörte die Tante ſie einmal leiſe weinen. Als ſie aber theilnehmend fragte, behauptete Cäcilia, Frau von Nordeck habe ſich geirrt, es ſey ihr recht wohl und ſie könne unverzüglich die Weiterreiſe antreten. Wirklich zeigte ſie, als ſie aufgeſtanden war, eine Stärke, die Frau ovn Nordeck überraſchte und ihre Beſorgniſſe ver⸗ minderte. Cäecilia führte freundlich lächelnd die Mutter zum Wagen, die von nichts ſprach, als der — 268— Freude, heute noch ihren Gemahl und Gabrie⸗ len wiederzuſehen. Noch immer lag in dieſen Auße⸗ rungen etwas Kindiſches, unvollſtändig Gedachtes, aber es war zu erkennen, daß der geneſende Geiſt an der letzten Stufe zur vollſtändigen Geſundheit ſtand, es war zu hoffen, daß er in der Erſchütte⸗ rung des Wiederſehens dieſe erreichen werde. Mit einem Ausdrucke innerer Zufriedenheit, der ihr das Anſehn einer Verklärten gab, nahm Cäcilia an dieſer Freude der Mutter Theil. Sie ſprach we⸗ nig, aber ſie ſchien ſich beſſer zu befinden, als an den vergangenen Tagen. Der Morgen verlief, ohne daß ſie von einem Anfalle jener Schwächen heim⸗ geſucht worden wäre, welche die Befürchtungen der Tante in einem ſo hohen Grade erregt hatten. Als Nachmittags Helene in der Gegend, die ſie durch⸗ fuhren, immer mehr bekannte Gegenſtände entdeckte, brach ſie in lauten Jubel aus und in dem En⸗ thuſiasmus, der ſie ergriff, trat das Erkenntniß⸗ dermögen, der geſunde Zuſtand des Gemüthes von Augenblick zu Augenblick reiner und kräftiger her⸗ vor. Sie wurde nun auch theilnehmender gegen Cäcilien. Sie ergriff ihre Hände und ſprach von der nahen Zukunft, in der ſie nun glücklich mit den ihrigen vereint leben würden. Cäciliens Inneres wurde von den heftigſten Bangigkeiten be⸗ — 269— ſürmt, ihr Herz klopfte in unregelmäßigen ſchmerzhaf⸗ ten Schlägen, trübe, verdunkelnde Nebel nahmen ihren Kopf ein; allein mit der letzten Anſtrengung aller Kräfte blieb ſie dem am heutigen Morgen ge⸗ faßten Vorſatze treu, ſich ſtark zu erhalten, ihren Schwäͤchen zu trotzen, ſo lange die Natur es vergönnte. Da zeigten ſich im Glanze der Abendſonne die Zinnen des väter hen Schloſſes. Helene ſchrie laut auf vor Freude. Von einem Schauer durch⸗ zuckt bebte Cäcilia zuſammen, die Fiebergluth auf ihrer Wange wich einer Todtenbläſſe. Frau von Nordeck beobachtete nur die Schweſter, nicht die Nichte. Der entſcheidende Augenblick, der das Werk ganz gelingen machen oder es zertrum⸗ mern mußte, war gekommen. Während der Wagen die kleine Anhöhe, auf welcher das Schloß lag, hin⸗ anfuhr, wurde Helene ruhiger, ſtill und nach⸗ denklich. Bis jetzt hatten ihre Züge eine exaltirte Freude ausgeſprochen, nun zeigte ſich in ihnen eine Rührung und Wehmuth, welche den Umſtänden weit angemeſſener waren. Cäcilia ſah mit ſtar⸗ ren Blicken auf die Mutter. Niemand bemerkte, daß dieſen Blicken faſt aller Ausdruck, alles Le⸗ ben fehlte.. Jetzt fuhr der Wagen in den Schloßhof, die Dienerſchaft eilte herbei, Graf Landrech und Ga⸗ — 270— briele traten aus dem Portal und flogen nun, als ſie Frau von Nordeck, die zuerſt den Wa⸗ gen verlaſſen hatte, erkannten, dieſer entgegen. Nach wenigen Augenblicken lag Helene an der Bruſt ihres Gemals. Er, der indeſſen ſehr gealtert, war erſtaunt, ſie noch blühend, faſt reizender, als er ſie vor vielen Jahren zum letztenmale geſehen, wieder⸗ zufinden. An ſeinem Herzen lösten ſich ihre Ge⸗ fühle in einen Strom von Thränen auf. „Ja,“ rief ſie aus,„jetzt erſt bin ich ganz wie⸗ der die geworden, die ich war! Ich erkenne mich ſelbſt wieder und alle Erinnerungen des frühern Glückes werden lebendig. Hier nur an dieſer Stätte meiner Freuden und meines Mißgeſchickes konnte mein Geiſt ſeine alte Klarheit zurückerhalten. Dort iſt das kleine Zimmer, wo ich mit dir ſo manche ſchöne Stunde genoß, als ich erſt aus der Hei⸗ math zu dir gekommen war; dort das, wo Ga⸗ briele das Licht erblickte; dort, wo die Flamme gewüthet hat, wo ein neuer Anbau ſich erhebt, ſchlief ich mit der kleinen Cäcilia, als die Mord⸗ brenner das Schloß beſtürmten! Jetzt habe ich meine beiden Kinder wieder, dich Gabriele und Cäcilial] Aber wo iſt ſie, warum zögert ſie, ihren Vater zu begrüßen?“ Man drängte ſich zu dem Wagen, in dem ſich — 271— Cäcilia noch befand. Da lag ſie bleich, ohnmäch⸗ tig, die Augen geſchloſſen am Boden. Ihre Hände waren in einander gefaltet und krampfhaft auf's Herz gedrückt, der ganze Körper war zuſammenge⸗ zogen! Vergebens waren alle Bemühungen, ſie gleich aus der ſchweren Ohnmacht zu erwecken, ſie aus dem krampfhaften Zuſtande bald zu befreien, um ſie in das Schloß, in ein Zimmer, wo ihr Ruhe und Pflege werden konnte, zu führen. Man mußte die Bewußtloſe aus der Kutſche heben, man mußte ſie nach dem Gemache tragen. So zog mit der Freude des Wiederſehens auch ſein Schmerz auf Schloß Landrecy ein. Entſetzt folgte der Vater, weinend folgten die Frauen dem kranken Kinde. Indeſſen hatte Edmund Paris erreicht und ſeinen Freund Dietrich leicht aufgefunden. Wie ſehr erſtaunte dieſer, als er die Entwickelung der Begebenheiten, die Entdeckungen, die aus den ihm bekannten frühern Ereigniſſen hervorgegangen waren, erfuhr! Unglaublich ſchien es ihm, daß ſich Alles ohne das Mitwirken eines Juriſten ſo feſt und ſicher ergeben hatte, wie es nun einmal da⸗ ſtand. Er bemerkte bald, daß Edmund für die Merkwürdigkeiten der Hauptſtadt, für alles Wich⸗ — 272— tige, was ſich damals dort ereignete, nur wenige Aufmerkſamkeit hatte. Er war immer zerſtreut, er ſchien mit ſeinen Gedanken bei fernen Gegenſtän⸗ den zu weilen. Dietrich ſagte ihm auf den Kopf zu, daß er verliebt ſey, daß das Ideal ſeiner Kin⸗ dermärchen, daß die ſchöne Couſine Cäcilia wohl binnen Jahr und Tag den franzöſiſchen Namen Landrechy mit dem ächt deutſchen Nordeck ver⸗ tauſchen werde. Aber Edmund nahm dieſen Scherz nicht mit der alten Leichtigkeit auf, er ſchien ihn ſogar als eine Verletzung ſeiner Gefühle anzuſehen. überhaupt war die frühere Heiterkeit ganz von ihm gewichen. Jede Kleinigkeit konnte ihn verſtimmen. ein unabſichtliches Wort ihn reizen. Man hatte ihm, als er ſich wieder zum Dienſte gemeldet, freundlich geäußert, er möge ſeiner Geſundheit noch pflegen, da die gegenwärtigen Umſtände den acti⸗ ven Dienſt nicht in einem ſo großen Umfange er⸗ forderten, wie bisher. Dieſes dünkte ihm ein un⸗ verdienter Vorwurf wegen ſeiner langen Abweſen⸗ heit von dem Regimente. Im Augenblicke der er⸗ ſten Erbittrung wollte er ſeinen Abſchied fodern und nur Dietrichs dringenden Vorſtellungen gelang es, ihn von einem ſolchen übereilten Schritte ab⸗ zuhalten. Er wurde nun bald des Treibens und Drängens in der Hauptſtadt müde. Der Mutter hatte er ſchon dor vlelen Wochen geſchrieben. Daß er bis jetzt keine Antwort erhalten, beunruhigte ihn ſehr. Immer tönten in ſeinem Gedächtniſſe Cä⸗ ciliens letzte Worte:„in Frankreich ſehen wir uns wieder!“ Wo konnte das anders ſeyn, als in Landrecy, auf dem Gute des Oheims? Welche Folgerungen knüpften ſich nicht an dieſen Gedan⸗ ken? Helene konnte geneſen, konnte mit Frau von Nordeck und ihrer Tochter ſich ſchon zu dem Gemahle begeben haben und dort lebte nun ſchon ein Kreis ihm eng verwandter Menſchen, in dem auch er Glück und Ruhe finden würde! Er be⸗ ſchloß, die Muße, die man ihm gewährte, zu einem ſchleunigen Beſuche bei dem Oheim zu benutzen. Dieſer Entſchluß ſchon führte eine größere Zufrie⸗ denheit, eine heitere Anſchauung des Lebens in ſeine Seele zurück. Dietrich war froh, ihn irgend et⸗ was wieder mit der alten Frohſinnigkeit ergreifen zu ſehen. Während die Anſtalten zur ſchnellen Ab⸗ reiſe getroffen wurden, ließ auch Edmund wie⸗ der mit ſich ſcherzen und machte noch bei'm Ab⸗ ſchlede dem Freunde das Geſtändniß, daß er mit Cäcilten ſchon ſo gut wie einig ſey, und ſie als ſeine Braut anſehen könne. Der unglückliche Bräutigam! Als er nach Ver⸗ lauf einer angeſtrengten Tagereiſe auf Schloß Lan⸗ IV. 18 — 274— drecy anlangte, ſah er ſich ſtill und feierlich von ſeinen Verwandten empfangen. Alle waren in Trauer gekleidet. Umſonſt forſchte ſein ängſtlicher Blick nach Cäcilien. Sie war nicht unter den Anweſenden. Das Blut ſtockte in ſeinen Adern, er konnte nicht ſprechen, er richtete das bange fra⸗ gende Auge auf die in Thränen ausbrechende Mut⸗ ter. Da ergriff der Oheim ſeine Rechte, führte ihn an's Fenſter und deutete ernſt nach der Kapelle, in der ſich die Familiengruft befand.„Dort ſchläft mein Kind,“ ſagte er dann dumpf und eintönig: „geſtern haben wir ſie begraben.“ Edmund blickte wie beſinnungslos im Kreiſe umher. Der Schlag hatte ihn zu ſchwer, zu plötzlich getroffen. Es dauerte einige Zeit, ehe er Helenen, ehe er ſeine Mutter und Gabrielen wieder erkannte.„Sie iſt todt, todt? Wirklich todt?“ rief er nun und ſah wie bittend, daß man ihm wiederſprechen möchte, nach jedem hin. Mit einer troſtloſen, bejahenden Gebehrde näherte ſich ihm Frau von Nordeck und fluͤſterte ihm zu:„ich weiß, was dir die Todte war. Komm mit mir! Ich habe einen Auftrag von ihr an dich.“ Wie ein Kind ließ ſich Edmund von ſeiner Mutter in das Zimmer führen, das Cäcilia zuletzt bewohnt hatte. Noch lagen hier einige Klei⸗ nigkeiten, die ſie von Edmund einſt zum Geſchenk —- 275— erhalten hatte. Er erkannte ſie, er nahm ſie auf und ließ ſeine Finger ein bewußtloſes Spiel damit treiben, während er ſich bemühete, den Bericht ſei⸗ ner Mutter von Cäciliens Krankheit und Ende aufzufaſſen. Jener Ohnmacht, die ſie bei der An⸗ kunft im Schloſſe befallen, war eine tiefe Erſchö⸗ pfung gefolgt. Der Arzt, welchen man ſogleich herbeirief, erklärte, daß hier eine bei dieſer Jugend hoͤchſt räthſelhafte Erſchlaffung aller Lebenskräfte ſtatt finde und daß er ſehr fürchte, dieſe werde eine baldige Auflöſung herbeiführen. Helene und Ga⸗ briele ließen es ſich nicht nehmen, die immer ſchwächer werdende Kranke zu verpflegen. Am Abende, der dem Tage ihres Todes voranging, hatte ſie füa die bevorſtehende Nacht die Geſellſchaft der Frau von Nordeck verlangt. Der Tante entdeckte ſie nun ihr Verhältniß zu Edmund, ſie ſchrieb noch mit matter Hand einige Zeilen an dieſen und übergab das Geſchriebene dann an Frau von Nordeck mit der ängſtlich ausgeſprochenen Bitte, dieſe Schrift ja ungeleſen und ohne daß ſonſt jemand es er⸗ führe, Edmunden einzuhändigen. Am nächſten Morgen war ſie ſanft und ruhig entſchlafen. Der junge Mann nahm das Papier, das die Mutter ihm bot, mit Haſt an ſich. Eine zitternde Hand hatte dieſe Zeilen geſchrieben, das Bleiſtift ſie 18* — 276— nur matt wiedergegeben; Edmund aber glaubte eine Flammenſchrift vor ſich zu haben.„Als ich dich zum letztenmale ſah,“ lautete der Inhalt,„wußte ich noch nicht, daß ich frühe ſterben würde. Ich geſtand dir meine Liebe, meine Hoffnung mit dir das Glück des Lebens zu finden. Waͤre mir be⸗ kannt geweſen, was ich bald darauf erfuhr, daß mein Leben nicht mehr mein Eigenthum, daß es einem höhern Gebote verfallen ſey, ſo wuͤrde ich dir meine Liebe verſchwiegen, ich würde dir kein Verſprechen gegeben haben, das mir nicht zu halten geſtattet war. Grolle mir alſo nicht, Edmund! Gott weiß, wie innig, wie treu ich dich liebe! Meine Hand erlahmt, meine Kräfte ſchwinden. Lebe wohl, Edmund! Willſt du alle Räthſel gelöst ha⸗ ben, beruhigt dich dieſe Löſung, ſo gehe zu dem Arzt in dem Städtchen am Rheine, er weiß Alles! Noch einmal, Edmund: lebe wohl bis zum Wie⸗ derſehn! die Liebe iſt ja nicht von dieſer Welt.“— „Nein!“ ſagte Edmund leiſe zu ſich, zerknitterte das Billet und drückte es auf ſeine Bruſt. Er war nun ſehr ruhig und ſchweigſam. Man ſah ihn wenig im Kreiſe der Verwandten und wenn er ſich unter dieſen befand, ſo fühlte er immer, in der nun völlig geiſtes⸗ und körpergeſunden Helene Nähe, eine unerklärliche Unbehaglichkeit, — 27,— die alle Außerungen von Wohlwollen und Dankbar⸗ keit, welche ſie an ihn richtete, nicht entfernen konn⸗ ten. Seine Mutter wußte, daß er nach Paris an den Chef ſeines Regimentes geſchrieben, daß er in dem Dunkel der Nacht Cäciliens Gruft beſucht hatte. Was aber jener Brief enthielt, war ihr un⸗ bekannt, und von dem nächtlichen Beſuche ließ Ed⸗ mund ſelbſt kein Wort verlauten. Eines Morgens zeigte er ihr an, daß er wünſche nach Deutſchland zurückzukehren, und daß nun, da er den verlangten Abſchied erhalten habe, der Erfüllung dieſes Wun⸗ ſches kein Hinderniß entgegenſtände. Frau von Nordeck hoffte, daß die Zerſtreuung der Reiſe, das Wiederſehn der Heimath einen günſtigen Ein⸗ fluß auf ihn haben würde, Sie ſelbſt ſehnte ſich in die gewohnten Umgebungen zurück. Die Abreiſe wurde alſo beſchloſſen und von Edmund mit ſol⸗ chem Eifer betrieben, daß ſie ſich ſchon am zweiten Tage auf dem Wege in's Vaterland befanden. Der Abſchied von den Verwandten war innig und herz⸗ lich geweſen, Helene hatte an der Bruſt ihrer Schweſter viel geweint und dem Neffen zum An⸗ denken einen koſtbaren Demantring geſchenkt, den dieſer aber mit ängſtlicher Haſt tief unten in ſei⸗ nen Koffer verpackte.— Trotz der ſpäten Abendſtunde, in der nach einer — 278— Fahrt von mehreren Tagen die Reiſenden in dem bekannten Städtchen am Rheine anlangten, eilte Edmund ſggleich zu dem befreundeten Arzte, um hier den von Cäcilien angedeuteten Aufſchluß zu erhalten. Erſt nach Mitternacht kehrte er zurück. Seine Mutter hörte ihn bis gegen Morgen im Ne⸗ benzimmer auf⸗ und niederſchreiten. Als er bei'm Frühſtücke erſchien, kam er ihr ganz verändert vor. Er war in der einen Nacht männlicher geworden, ein beſtimmter Ernſt ruhete auf ſeiner Stirn, aus ſeinen Zügen ſprach der Friede einer Entſagung, der den Anſprüchen auf Freuden dieſer Welt ihre Grenze geſetzt hatte.„Mutter,“ ſagte er in einem feierlichen Tone und ergriff die Hand der Frau von Nordeck,„wir haben eine Heilige in unſerer Familie. Nie ward die Martyrerkrone edler errun⸗ gen, als durch Cäcilien. Sie iſt für ihre Mut⸗ ter geſtorben. Ihre Naͤhe, ihre Pflege brachte die⸗ ſer Geſundheit und Leben, ihr ſelbſt aber den Tod. Dieſe wunderbare Wechſelwirkung gehört zu den Geheimniſſen, welche die Natur von Zeit zu Zeit in's Leben ruft, um den Menſchen ihre Kurzſich⸗ tigkeit, ihr Unvermögen, ſie zu ergründen, empfin⸗ den zu laſſen*). Cäcilia wußte es, der Arzt **) Das Beiſpiel einer ſolchen Wechſelwirkung hat der Verfaſſer in einer ihm befreundeten Famillie ſelbſt erlebt. hatte den Gang dieſer innern Verbindung beobach⸗ tet, er hatte ſich von ihrem Daſeyn überzeugt, er hatte Cäcilien Alles entdeckt und ſie gewarnt. Da faßte ſie den großen Entſchluß, dem Wohle der Mutter Geſundheit, Leben und Liebe zum Opfer zu bringen. Sie hat ihn ſtandhaft ausgeführt. Bitte für uns, Heilige,“ ſetzte er mit gefalteten Händen und einem Blicke zum Himmel hinzu,„halte uns würdig, einſtens dir wieder zu nahen!“ Am achtzehnten Juni 1815, als ſchon die Abend⸗ dämmerung auf das leichenbeſäete Schlachtfeld von Waterloo ſich herabſenkte, eilte, zwiſchen Verwun⸗ deten und Sterbenden hinſchreitend, eine kriegeriſche Geſtalt der Anhöhe zu, auf der die Preußen ſieg⸗ bringend im entſcheidenden Augenblicke erſchienen waren. Die Geſtalt lenkte ihre Schritte nach einer buſchbewachſenen Stelle am Rande des Waldes. Hier hatte ſie bald den Gegenſtand gefunden, nach dem ſie forſchte. Neben einem Schwerverwundeten knieete ſie nieder. Der Sterbende öffnete matt die Augen.„Haben wir geſiegt, Dietrich?“ fragte er mit leiſer Stimme.„Wir haben geſiegt!“ erwie⸗ derte der andere, indem er ſanft den Arm unter das verletzte, blutende Haupt des Freundes ſchob. — 280— „So grüße die Mutter und ſage ihr, daß ich Ca⸗ cilien ihre Grüße bringe!“ ſprach mit hinſchwin⸗ dender Kraft der Liegende. In nächſten Augen⸗ blicke athmete er nicht mehr.— Es war Edmund geweſen. Er hatte mit ſei⸗ nem Freund Dietrich noch einmal die Waffen zum Schutze des Vaterlandes ergriffen. Eine der erſten feindlichen Kugeln, die in die Reihen der Heranſtürmenden ſchlugen, befreiete ihn von einem Leben, das ihm nur bittere Erinnerungen, keine Freude mehr bot. ——