— 3 1 ) 8 e 1o5 ——————— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von*» Eduard Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und JCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3 3 1 1 1 17— 9„— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und deſecte Bücher(namentlich bei ſolchen mir Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer kun Erſatz des Ganzen verp flichtet. 4 17. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtatrfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. A 4 ————— 4 Erzählungen Georg Dörins. Dritter Theil. Die Italiener.— Die junge Gelehrte. — Frankfurt am Main. Gedruckt und verlegt von Johann David Sauerländer. 1 8 3 3. — — — — 9 Die Die Begegnung. Es war eine ſchöne, laue Sommernacht. Im Kel⸗ ler des Italieners, aus dem ich eben zurückkehrte, war es laut und luſtig hergegangen. Man hatte über das Gaſtſpiel der fremden Schauſpielerin hin und her geſprochen, es waren eben ſo viele Kämpen dafür, als dawieder aufgetreten, dann war die Unterhal⸗ tung auf die neu angelangte italieniſche Opernge⸗ ſellſchaft übergegangen, und hatte nun bei dem all⸗ bewunderten, erſten Tenor, Signor Zechi, verweilt. Die Geſellſchaft hatte erſt eine Vorſtellung gegeben, und in dieſer einen Vorſtellung hatte Signor Zechi den Preis davon getragen. Man wußte nicht, ob man mehr dem wundervollen, herrlichen Klang ſei⸗ ner Stimme ſelbſt, oder deren kunſtvolle Ausbildung, oder das edle, ſchöne Außere des Sängers, oder ſein lebendiges, durchdachtes Spiel bewundern ſollte. Dabei erhielt ſeine Perſönlichkeit durch allerlei ſelt⸗ ſame, dunkle Gerüchte, die von ihm im Gange waren, eine beſondere Bedeutung. Man behauptete, er zähle, obſchon er das Anſehen eines Dreißigers hatte, nahe an fünfzig Jahren; man ſagte ihm das Argſte nach und wollte wiſſen, neben der Gewiß⸗ heit verſchiedener Entführungen, ruhe auch der Ver⸗ dacht einiger Mordthaten auf ihm; er habe in Rom in den Gefängniſſen der Inquiſition wegen angeklag⸗ ter Ketzerei geſchmachtet, ſey aus dieſen wie durch ein Wunder entkommen und dürfe nun nicht wa⸗ gen, je wieder ſeinen Fuß die ſüdliche Heimath be⸗ treten zu laſſen. Der anweſende Polizeiaktuar, Vir⸗ gilius Blümlein, ein kleines, ſchlankes, ge⸗ ſchniegeltes und gebügeltes Weſen, that, indem er langſam ſeinen halben Schoppen Landwein nieder⸗ ſchlürfte, ſehr geheimnißvoll, und warf bedeutungs⸗ ſchwer die Bemerkung hin, es gäbe Italiener, die ihre Mordluſt auch über die Gränze ihres Landes zu friedlichen, ſedaten Nationen trügen, aber eine hohe polizeiliche Behörde kenne ſie wohl und in⸗ vigilire auf ſie zum Beſten und zur Sicherheit des Publikums. Man hatte ihm Johannisberger, Nuits und Champagner präſentirt, um ihn noch zu wei⸗ tern Mittheilungen zu bewegen, allein der Aktuar Blümlein hatte Alles verſchmäht, mit verſchwie⸗ gener Miene ſein Fiſchbeinſtöckchen ergriffen, und zum allgemeinen Leidweſen der Gäſte ſtill und ernſt den Keller verlaſſen. Alle dieſe Dinge gingen mir im Kopfe herum, — 27— und wurden von meiner Phantaſie weiter ausge⸗ ſponnen, als ich im Mondesſchein auf dem ſchönen Quai längs dem Fluſſe, meiner Wohnung zuſchritt. Ich war jung und lebhaft, ich liebte das Theater, und die Ankunft der italieniſchen Operngeſellſchaft hatte mein ganzes Weſen in Spannung verſetzt, ihr Auftreten meine Erwartungen übertroffen. Auch mein Held, auch meiner Bewunderung Gegenſtand war Signor Zechi geworden. Es lag in ſeiner Stimme etwas Erſchütterndes, die Tiefen der Seele Durchbebendes, deſſen grauenhaftem und dennoch anziehendem Eindrucke Niemand widerſtehen konnte. Wenn er den Ton in leiſen, dann ſteigenden und langſam bis zu ſeiner ausgedehnteſten Kraft an⸗ wachſenden Schwingungen aus dem Innerſten ſei⸗ ner Bruſt heraufhallte, dann war es, als öffne ſich ein unendlicher Abgrund der Melancholie, in dem Reue, Wehmuth, Klage und Schmerz, den nur die⸗ ſer Ton auszudrücken vermochte, wohnten. Dann war Alles ſtille im weiten Hauſe. Kein Odemzug wurde gehört, jeder gab ſich der aufgereizten Em⸗ pfindung hin, und weinte und klagte in ſeiner Seele mit dem Sänger. Herrſchte nun dieſe allgewaltige tiefe Rührung über alle Herzen, dann ſchien es oft, als fliege ein Blick des Hohns aus dem Auge des Sängers über die Menge hin, die ſich ihm un⸗ terwarf, und als trete der tückiſche Dämon, der in ſeinem Innern laure, plötzlich für einen Moment hervor. So wenigſtens kam mir Signor Zechi vor, und ich betrachtete ihn wie ein wunderliches Räthſel, deſſen Bedeutung uns anzieht, ob wir gleich in ſeiner Löſung etwas Unheilverkündendes ahnen. 4 Ich hatte mich auf das Eiſengeländer gelegt, das nach der Seite des Fluſſes hin den Quai be⸗ gränzte. Ich ſah in die Wellen, die in zitternden Bewegungen den Mond wiederſpiegelten; ich ließ mich von den unbeſtimmten Empfindungen ergrei⸗ fen, denen ich mich in ſolchen Augenblicken gern hingab, und vergaß bald über dieſe ſentimentale Träumereien die italieniſche Operngeſellſchaft, den Sänger Zechi und den Keller des Italieners, wo das Wohl und Wehe des Theaterweſens und die wunderliche Erſcheinung des Tenoriſten abgehandelt worden waren. Gewiß hätte mich eine poetiſche An⸗ wandlung ergriffen, und ich hätte den ſchönen Abend, den reizenden Mondſchein, das Spiel und Flüſtern der Wellen in einem lhriſchen Erguſſe gefeiert, wenn nicht plötzlich in geringer Entfernung von mir die helle, dünne Stimme meines Freundes, des Polizeiaktuars Virgilius Blümlein, er⸗ klungen wäre, die bald drohend, bald ermahnend auf eine andere Perſon einſprach, welche ihm, wie es ſchien, nur Thränen, Schluchzen und laute Kla⸗ gen zu erwiedern hatte. Ich war erſtaunt, den ſonſt ſo friedfertigen Virgilius, der regelmäßig, wenn die Glocke die eilfte Stunde ſchlug, in ſeine Hausthüre trat, jetzt noch gegen Mitternacht in einer ſo lebhaften Controverſe zu finden. Indem ich mich langſam näherte, vernahm ich, daß ſeine Rede von Augenblick zu Augenblick eifriger wurde, daß ihn ein Feuer ergriffen hatte, welches ihm ſonſt nicht eigen war. „Ja,“ hörte ich ihn jetzt ſprechen,„es iſt nicht zu leugnen, daß Ihr die Natur ein Antlitz gege⸗ ben hat, auf dem ein Freibrief gegen jeden Ver⸗ dacht, ein Teſtimonium Gottes für Ihre Tugend und Unſchuld zu ſtehn ſcheint. Aber mißbrauche Sie dieſe Gabe nicht, und ſtrafe Sie unſern Herr⸗ gott, der den Freibrief der Tugend leicht in einen Steckbrief des Laſters verwandeln kann, nicht Lügen. Er führt die oberſte Polizei in jedes Menſchen Le⸗ ben, und ſieht ſchärfer, als unſer hochlöbliches Poli⸗ zeiamt in copore, und wenn er Sie einmal auf dem Sündenpfade erwiſcht, ſo wird Sie der Strafe nicht entgehn.“ Ich konnte die Antwort, die auf dieſe Rede ge⸗ geben wurde, nicht verſtehn. Ich hörte nur wei⸗ — 10— nen und ſchluchzen, ich hörte, daß es eine weib⸗ liche Stimme war, die ſich in dieſem Klageton gegen den Argwohn Blü mleins zu vertheidi⸗ gen ſuchte.— „Blumen verkaufen um Mitternacht!“ fuhr jetzt dieſer zorniger fort.„Stünde Sie jetzt vor dem hochachtbaren Polizeigerichte und ich hätte die Rede, die Sie hier vorbringt, zu Protokoll zu nehmen, ſo würde ich am Rande bemerken: Faule Fiſche, Delinquenten⸗Umtriebe! Ich kenne Sie aber, Ro⸗ ſine, und es iſt nicht das erſte Mal, daß Sie mir ſo vorkommt. Ich will es Ihr glauben, daß Sie am Tage ſich ſchämt, Blumen auszutragen und ſo auf eine verſteckte Weiſe zu betteln, denn Ihr ſeliger Großvater war Hoffourier und Ihre ſelige Großmutter war Silberwäſcherin. Ich will es Ihr glauben, daß Sie ſich verſpätet hat in dieſem ent⸗ legenen Stadtquartier, nun den Weg nicht nach Hauſe finden kann, ich will noch mehr thun, ich will in meinem dünnen Luftfräckchen eine Ver⸗ kältung riskiren, und Ihr das Geleit geben in Ihre Vorſtadt!“ „Das dürft Ihr um des Himmels willen nicht, Virgilius!“ brach ich jetzt aus meinem Verſtecke hervor.„Ihr dürft Eure koſtbare Geſundheit, Euer Leben, das dem Staate theuer iſt, nicht leichtſinnig — — — 11— in die Schanze ſchlagen. Uberlaſſet es mir, das verirrte Kind ſeinen Altern zurückzubringen. Mir ſchadet die Nachtluft nicht. Ich bin jünger als Ihr, und ſolcher Spaziergänge um Mitternacht ge⸗ wöhnt!“ Ich hatte, wie ich jetzt beim Scheine einer be⸗ nachbarten Laterne ſah, ganz recht gehabt, als ich das weibliche Weſen, zu deſſen Beſchützer ich mich aufwarf, ein Kind nannte. Es ſaß auf einem Eck⸗ ſteine, hielt ein Körbchen mit Blumen im Arme, und ſah mich aus großen blauen Augen verwundert an. Es mochte kaum ſiebenzehn Jahre zählen. Die blonden Locken hingen in artigen Ningen um das kleine Koͤpfchen herab, ein ſauberes weißes Kleid⸗ chen deckte die zarte Geſtalt, und auf dem lieblichen Angeſichte war, wie Blümlein ganz richtig geſagt hatte, ein Freibrief der Unſchuld und Sittſamkeit zu leſen, den der liebe Gott dem Mädchen zur Reiſe durch das Leben mitgegeben hatte. Welche Altern aber mochten das ſeyn, die es wagten, ein Mädchen von dieſem Alter Nachts auf die Straße zu ſchicken, um Blumen feil zu bieten? Hieß das nicht die Tugend ſelbſt der Verſuchung ausſetzen, begaben ſie ſich nicht durch dieſe Verfahrungsweiſe aller Rechte auf ein Weſen, zu deren ſorgſamer Pflege, zu de⸗ ren Schirme ſie von der Natur berufen waren? ——— — 12— Während dieſe Gedanken mir durch den Kopf gin⸗ gen, konnte ich meine Blicke von der anmuthigen Geſtalt nicht abwenden. Ich war ſchon oft verliebt geweſen in meinem Leben; aber weder des Gehei⸗ meraths Clärchen, noch des Kammerdirektors Thusnelda, noch des Oberforſtmeiſters Diana, noch ſo viele andere konnten ihre Reize neben denen des kleinen Blumenmädchens geltend machen. Es war Mitternacht um mich; aber in meinem Herzen ging ein neuer Morgen der Liebe auf. Röschen. Der Polizeiaktuar, Anfangs über meine uner⸗ wartete Erſcheinung betroffen, hatte indeſſen über meinen Vorſchlag nachgedacht. Er war ein Hage⸗ ſtolz in den Vierzigen, höchſt pünktlich in ſeinem Dienſte, ängſtlich wachend über ſein körperliches Wohlbefinden, und überhaupt Hypochonder in einem hohen Grade. Er knöpfte ſich feſter zu, ſetzte den Hut tiefer in den Kopf, hüſtelte ein Weniges und ſagte dann: „Wahrhaftig, Baron, ich erkenne, daß Ihr mein wahrer Freund ſehd! Ihr wollt mich bewahren vor Schnupfen und Chatarrh, und das iſt in der That ein guter Nath zur rechten Zeit, denn ich fühle, = 13— wie mich's ſchon auf der Bruſt kratzt. Was ſchadet es Euch auch groß, wenn Ihr eine kleine Verkältung davon tragt? Ihr habt keine Pflichten gegen den Staat, Ihr ſeyd unabhängig und reich, Ihr könnt ruhig auf dem Sopha liegen, Eures Leibes pflegen, und den Doktor bezahlen, ohne daß es Eure Börſe ſchmerzt. Unſer einer würde dagegen hundertmal von dem geſtrengen Herrn Direktor beſchickt, ſäͤhe den theuern Medicinalrath mit Schreck in's Zim⸗ mer treten, und auch die langen Recepte, die er ſchreibt, mit ſchauderhaften Gedanken an die Apo⸗ thekerrechnung. Geht mit Gott, Baron, und be⸗ wahrt das Mädel wohl! Ihr ſeyd ein moraliſcher Menſch, denn Ihr kennt den Caſanova, Leipzig bei Brockhaus, nicht, Ihr habt auch einige Religion, denn neulich erſt ſagte mir die dicke Conſiſtorial⸗ räthin, daß Ihr ihren Mann zum Eſſen eingeladen. Deßhalb vertraue ich Euch auch das Mädel ruhig an. Noch einmal: gehet mit Gott! Sie wohnt in der Grünberger Vorſtadt, Nummer 999.“ Mit dieſen Worten huſchte Virgilius fort und ließ mich mit dem Mädchen allein. Sein Fiſchbeinſtöckchen ließ ſich noch eine Zeitlang klap⸗ pernd auf dem Pflaſter vernehmen, dann wurde es ſtill und das ſiebenzehnjährige Kind, das indeſſen aufgeſtanden war, ſah mich und ich ſie erwartungs⸗ — 14— voll an. Sie hatte ihre Thränen getrocknet, ihr Blumenkörbchen gänzlich mit einem farbnen Tuche zugedeckt, und ſchien nun mit einem Anſtande, den ſie unleugbar einer Dame von Welt abgelauſcht hatte, dem Augenblick entgegenzuſehn, in dem ich ihr meinen Arm bieten würde. „Wie heißeſt du?“ fragte ich zerſtreut, indem ich meine Blicke noch immer auf ihr ruhen ließ, und mir noch während der Frage einfiel, daß Blüm⸗ lein ſie Roſine genannt hatte. „Röschen!“ antwortete ſie mit einer ſehr wohl⸗ lautenden Stimme. Das klang nun freilich viel leichter, friſcher und duftiger, als des Polizeiaktuars ſteife und trockne Roſine. Ich bot dem Röschen meinen Arm ſo gefällig, als hätte ich ihn einer Gräfin gereicht, und mit leichten Schritten traten wir nun den Weg nach der entlegenen Grünberger Vorſtadt an. Bald war unſere Unterhaltung in vollem Gange. Rös⸗ chen erzählte Alles, was ſie auf dem Herzen hatte, und je länger ſie ſprach, deſto mehr und erkennbarer trat die Reinheit ihres Gemüthes an den Tag. Ehe wir ein Paar hundert Schritte zurückgelegt hatten, wußte ich ſchon, daß ſie das einzige Kind ihrer Eltern ſey. Daß dieſe in der tiefſten durch Krank⸗ heit erzeugten Armuth ſchmachteten, daß ſie ſich ,— — 1415— durchaus nicht entſchließen könne, am Tage Blumen zum Verkaufe auszutragen, und daß es ihr Abends, wie heute auch, ſchon öfters begegnet ſey, keinen Pfennig zu löſen und daß ſie dann harre und harre auf einen Glücksfall, bis ſie ſich endlich verſpäte, und oft den Weg nach Hauſe nicht zu finden wüßte. Sie habe weinend auf dem Straßenpfeiler im Eck⸗ chen geſeſſen, als Virgilius Blümlein vorüber gekommen ſey, ſie erkannt und angeredet habe. Von dem Vater, der früher, ehe ihn ſchwere und lang⸗ wierige Krankheit befallen, ein fleißiger und vielbe⸗ ſchäftigter Gärtner geweſen ſey, wäre ſie in der Blumenzucht unterrichtet worden, und was ihr dann gelinge, in dem kleinen Gartenraume an ihrer Woh⸗ nung zu erzielen, das trage ſie dann zum Verkaufe aus, um den armen Eltern eine Erquickung zu ver⸗ ſchaffen, oder eine nothwendige Arznei heimzubrin⸗ gen. Heute aber ſey ſie leider unglücklich geweſen, und nicht eine ihrer friſchen Roſenknospen habe Abgang gefunden. Bei dieſen Worten ſah ſie traurig auf ihr Körb⸗ chen hinab. Es war mir, als finge die Börſe in meiner Bruſttaſche an ſich zu bewegen, und zu al⸗ lerlei Sprüngen zu rüſten, von welchem der in das Blumenkörbchen am ſicherſten zu erwarten ſtand. Allein ich hatte andere Plane. Ich wollte das — 16— Mädchen im Innern ſeiner Wohnung, ich wollte ſie als Tochter und treue Pflegerin ſehen, ich wollte dann— gewiß in keiner unredlichen Abſicht— mehr thun, als der Inhalt meiner Börſe mir jetzt geſtatten konnte. Mit einem kräftigen Drucke ſchob ich dieſe in die Tiefe ihres Behältniſſes hinab. „Herz,“ ſagte ich, und erkannte in dieſem Au⸗ genblicke, daß ich im Begriffe war, etwas Albernes vorzubringen,„Herz,“ begann ich noch einmal und fuhr dann, den Sinn meiner Rede abändernd, fort, „ſollte Jedermann zu unverſchuldeter Armuth tra⸗ gen, die in Einſamkeit und Vergeſſenheit leidet, dann würde es bald beſſer ſtehn um diejenigen, die da geben, wie um diejenigen, die da nehmen. Jene würden Segen im Himmel und dieſe Segen auf Erden erlangen. Dir aber, mein Kind, iſt der Segen des Himmels und der Erde gewiß, denn du ehreſt Vater und Mutter und biſt von denen, welchen es wohlergehen wird aller Orten.“ Das Mädchen ſah mich erſtaunt, aber fromm an. Sie mochte eine ſo ernſte Außerung nicht von mir erwartet haben. Leicht erkennbar aber war es, daß ihr dieſe ein größeres Vertrauen zu mir ein⸗ flößte. Sie ſtützte ſich feſter auf meinen Arm, ſie vertrauete mir auch nun an, daß ſie gar zu ſehr wünſche, irgend Etwas zu lernen„ um den Eltern — 17— auf eine andere Weiſe nützlich zu ſehn, als durch den Blumenverkauf. Es träfe ſich gar oft bei die⸗ ſem, daß ſie unartigen Menſchen begegne, und ſie würde weit lieber eine häusliche Handarbeit, wie Nähen, Sticken oder auch nur Stricken unterneh⸗ men, weil ſie dann auch etwas gewinnen könne, ohne ſich von den kranken Eltern zu entfernen. „Und du verſtehſt von allem dieſem nichts?“ konnte ich mich nicht enthalten auszurufen:„nicht einmal Nähen und Stricken?“ „Du lieber Gott,“ antwortete Röschen, in⸗ dem ſie ſehr offen zu mir aufblickte,„wo hätte ich das lernen ſollen? Meine Mutter iſt krank, ſo lange ich mich's erinnern kann, und der Vater hatte immer genug zu thun, das zu erwerben, was zu Pflege und Arzneien nöthig war. In ihren guten Stunden unterrichtet mich wohl die Mutter, aber das, worin ſie mich unterrichtet, ſoll ich nicht eher in der Welt anwenden, als bis ſie es haben will.“ „Und was iſt das?“ fragte ich in einiger Spannung. „Ich darf es nicht ſagen,“ erwiederte ernſt das Mädchen.„Das habe ich ihr und dem Vater ver⸗ ſprochen, und ich halte mein Wort. Schreiben hätte ich auch für mein Leben gern gelernt,“ fuhr ſie dann III. 2 — 18— leichter fort,„aber das Schulgeld war nicht auf⸗ zubringen—“ „Armes Kind,“ fiel ich ein,„du kannſt nicht ſchreiben, vielleicht auch nicht einmal leſen?“ „Doch!“ verſetzte ſie:„Leſen hat mich die Mut⸗ ter auch gelehrt, denn— ſagte ſie— es ſey nöthig zu dem höhern Unterrichte, den ſie mir jetzt gibt.“ Was mochte das für ein geheimnißvoller Unter⸗ richt ſeyn? Ich marterte noch meinen Scharfſinn, dieſes Räthſel zu löſen, als wir vor der Thüre einer elenden Hütte in der Grünberger Vorſtadt ſtehen blieben und Röschen mir ankündigte, wir hätten das Ziel unſerer Wanderung erreicht. Abandonnata io sono. Nur das Erdgeſchoß der Hütte ſchien ſich in einem bewohnbaren Zuſtande zu befinden. Oben, wo die Fenſterräume nur durch einige zerbrochene Scheiben ſpärlich bedeckt wurden, ſchwirrten Eulen und Fledermäuſe aus und ein. Röschen ſchob leiſe den Schlüſſel in die Thüre der Hütte, um aufzuſchließen, wandte ſich nach mir um und nickte mir freundlich zum Abſchiede ihren Dank zu; ich aber ergriff ihre Hand und ſprach mit ernſter, ge⸗ ſetzter Stimme: — 10— „Kind, ich kann dich nicht ſo verlaſſen. Ich will mit deinem Vater reden, du mußt irgend Et⸗ was lernen, was ſich für dein Geſchlecht ziemt, ich will dafür ſorgen, daß du in der edeln Kunſt des Schreibens Unterweiſung erhältſt, daß dir die Ge⸗ heimniſſe des Naͤhens und Strickens erſchloſſen wer⸗ den. Es iſt nicht vor Gott zu verantworten, daß du noch in deinem ſiebenzehnten Jahre, nicht wahr, Röschen, ſo alt biſt du?—“ ſie nickte bejahend —„daß du noch in deinem ſiebenzehnten Jahre,“ fuhr ich fort,„das Pflaſter einer ſo gebildeten Re⸗ ſidenzſtadt, wie die unſrige, betrittſt, ohne in den nothwendigſten Dingen einige Erfahrung zu beſitzen. Nein, Kind, das darf nicht länger dauern! Morgen ſchon muß ſich das ändern.“ „O mein Herr,“ rief in feuriger Bewegung das Mädchen, und Thränen rannen über ihre Wan⸗ gen,„Sie wollen ſich meiner annehmen, Sie wol⸗ len mich jene Dinge lernen laſſen—“ „Ich ſelbſt werde dich unterrichten;“ fiel ich lebhaft ein,„freilich nicht im Stricken und Nähen,“ ſetzte ich verbeſſernd zu,„aber doch im Schreiben, denn ich darf mich rühmen, mich von jeher einer leſerlichen Hand befleißigt zu haben, und in der Kurrent, wie in der Fraktur, mehr als das Ge⸗ wöhnliche zu leiſten.“ 2* —— — 20— Indeſſen hatte Roͤschen geöffnet und trat in das dämmerige Gemach, das nur von einem ſchwach brennenden Lämpchen erleuchtet wurde. Ich drängte nach und ſah mich nun von einer Scene des Elends umgeben, wie wir ſie in den Hütten der Armuth nur zu oft finden. Einige alte, halb zerbrochene Geräthſchaften ſtanden umher, die Umriſſe eines mäͤnnlichen Lagers erkannte ich im Hintergrunde, und ſonſt ſtarrten mich nur die nackten, kahlen Wände an. „Röschen, biſt du es?“ ſprach eine ſchwache, heiſere Stimme vom Lager herüber. Dieſen Wor⸗ ten folgte ein heftiger, anhaltender Huſten, der nur zu ſehr den gefährlichen Zuſtand des Kranken, das Übel, woran er litt, verrieth. „Vater, ich bin es!“ erwiederte das Mädchen, nachdem ſie ihm einige Tropfen Arznei eingeflößt hatte.„Ein Engel Gottes,“ fuhr ſie dann in einem begeiſterungsvollen Tone, den ich noch nicht von ihr vernommen hatte, fort,„hat mich hierher geführt, und iſt mit mir eingetreten in unſere Woh⸗ nung. Er will ſich meiner annehmen, er will mich in nützlichen Dingen unterrichten laſſen, damit ich die Eltern kräftiger unterſtützen, daß ich ihnen beſ⸗ ſer helfen kann.“ So wenig die Rede des Mädchens mich auch — 21— 4 in Verſuchung führte, mich für ein Weſen von himmliſcher Abkunft zu halten, ſo hielt ich mich doch jetzt berufen vorzutreten, und ihren Worten eine Erklärung folgen zu laſſen. Der Kranke ſah mich aus den tief liegenden Augen ſtarr an. Er ſchien mit großer Aufmerkſamkeit meinen Eröffnun⸗ gen zu lauſchen, er wurde unruhig dabei und richtete ſich zuletzt, indem er ſeine ganze Kraft auf⸗ bieten mochte, mit halbem Leibe vom Lager auf. „Ich irre mich nicht,“ ſagte er dann mit ſchwa⸗ cher Stimme.„Sie ſind ein Baron Felsberg, oder die Natur, die Sie mit den Zügen, mit dem Klange der Stimme dieſes edeln Geſchlechtes aus⸗ geſtattet hat, müßte lügen, müßte mich täuſchen wollen in einer frohen Vermuthung, die ſich bei Ihrem Anblicke in meiner Seele erhebt.“ „Ich heiße Guido von Felsberg,“ antwor⸗ tete ich, erſtaunt mich hier gekannt zu ſehen.„Aber wer ſind Sie, woher kennen Sie meine Familie ſo genau, daß eine leichte Ahnlichkeit, daß der Ton meiner Rede mich Ihnen als einen Zweig dieſes Stammes verrieth?“ „Herr Baron,“ verſetzte der Mann und aus ſei⸗ nen Blicken leuchtete ein ſeltſames Feuer,„ich habe ſie auf meinen Armen getragen, als Sie noch ein kleiner Knabe waren, ich habe Ihrem Vater treu⸗ gedient, viele Jahre lang, und nur meine eigene Schuld, eine wunderliche Eigenheit, die mich be⸗ herrſchte, konnte mich aus einem Hauſe entfernen, wo mir ſo vieles Gute erwieſen worden. Hat man Ihnen nie von dem Gärtner Heinrich erzählt?“ Freilich war mir oft von dieſem ſeltſamen Manne geſprochen worden, und ich war nicht wenig be⸗ fremdet, in dem Vater Röschens den ehemaligen Gärtner meines Vaters, den unverbeſſerlichen Mu⸗ ſiknarren, wie man ihn nur genannt hatte, zu fin⸗ den. Er hatte nur noch in den erſten Jahren meines Lebens auf unſerm Gute gedient, und ich konnte mich alſo ſeiner nicht mehr erinnern; aber oft war ſpäter die Rede von ihm geweſen, meine Eltern hatten ſich von ihm und ſeinem wunder⸗ lichen Weſen unterhalten, und was ich damals ge⸗ hört, war mir wohl im Gedächtniß geblieben. Hein⸗ rich verſtand ſeine Kunſt aus dem Fundamente. Unter ſeiner Hand, unter ſeiner Leitung, gedieh weſen in den erſten Jahren trefflich, Vater geſtand oft, daß es nachher nie wieder zu einem ſolchen Zuſtande der Vollkommen⸗ heit gebracht worden ſey. Nur eins mußte man dem ſonſt fleißigen Manne nachſehn. Er liebte lei⸗ denſchaftlich die Muſik, und da er auf der Stufe der Bildung, zu der er gelangt war, freilich nicht — 23— Gelegenheit fand, die Kunſt in ihrer höhern Be⸗ deutung kennen zu lernen, ſo beſchränkten ſich ſeine Forderungen auf das, was ihm eine Drehorgel, die er von ſeinen Erſparniſſen erkauft hatte, ge⸗ währen konnte. Dieſe hatte er mit in den Dienſt meines Vaters gebracht, und man hörte nun in jedem freien Augenblicke, den ihm ſein Geſchäft gönnte, und Abends oft bis gegen Mitternacht hin, ihn unermüdet die Stückchen wiederholen, welche ſich auf der Walze ſeines Inſtruments befanden. Die Gärtnerwohnung war dem Herrenhauſe ſehr nahe gelegen. Meine Eltern hatten alſo die mu⸗ ſikaliſchen Genüſſe, wie ſie der Genius des Gärt⸗ ners, dem freilich die Flügel ſehr gebunden waren, zu bieten vermochte, aus der erſten Hand. Beſon⸗ ders fielen ſie meiner Mutter, die öfters an Ner⸗ venkopfſchmerz litt, zur Laſt. Auf einen Verſuch, durch den nur leicht darauf hingedeutet wurde, Heinrich möge ſich in der übung ſeiner Liebha⸗ berei beſchränken, hatte er trotzig geantwortet: eher gebe er den Dienſt, als die Muſik auf; und war ſeiner lieben Drehorgel treu geblieben, die Tag und Nacht keine Ruhe vor ihm hatte. Meine Mutter gewöhnte ſich endlich an das ewige Muſiciren um ſo eher, da durch Heinrich ihr Blumenflor, der ihr ſehr am Herzen lag, ſich in einer Fülle und 2 Pracht entwickelte, die ſie beſtach, indem ſie ſie ent⸗ zückte. Der muſikaliſche Gärtnersmann ſuchte aber bald ſeiner Liebhaberei eine weitere Ausdehnung zu verſchaffen. Er fing an bei dem Schulmeiſter Geige — zu lernen, und die Privatübungen, die er nun in ſeinen abendlichen Feierſtunden vornahm, waren in der That ſo Ohr und Herz zerreiſſend, daß alle Güte, welche meine Eltern in einem hohen Grade beſaßen, dazu gehörte, ſie zu ertragen. Jedermann konnte ſich bald überzeugen, daß Heinrich, bei aller unmäßigen Liebe zur Tonkunſt, bei allem Drange ſie zu treiben, auch nicht die mindeſte An⸗ lage, nur etwas Erträgliches darin zu leiſten, beſaß. Nach halbjähriger Ubung war er nicht im Stande, die Tonleiter rein zu ſpielen, er ſtümperte allerlei bekannte Melodieen mühſam herunter, von denen 54 Niemand ahnen konnte, was ſie eigentlich und ur⸗ 8 ſprünglich waren. Nichts deſto weniger ſtrebte er immer weiter. Er griff nun auch zur Flöte, er *. warb den Schulmeiſter und den Amtsſchreiber zu einem Liebhaberkonzerte an, ſtellte einen Bauern⸗ 1 jungen zu ſeiner Drehorgel und brachte nun die entſetzlichſten Aufführungen zu Wege, welche je⸗ mmals die Tonkunſt verhöhnt haben. Das war nicht mehr zum Aushalten. Mein Vater ſprach ein ern⸗ ſtes Wort mit dem Muſiknarren, und die Folge dieſes Wortes war, daß Heinrich aus dem Dienſte trat, und eines Morgens mit der Orgel auf dem Rücken, der Geige unterm Arm und der Flöte unter dem zugeknöpften Rocke ſeine Wanderung in die weite Welt antrat. Man hatte dann nichts mehr von ihm gehört, man hatte ſeiner nur manch⸗ mal als eines Sonderlings gedacht, und ich ſelbſt mußte tief aus den Erinnerungen meiner Kindheit und Jugend ſchöpfen, um dieſes Charakterbild eines Mannes vor meine Seele zu bringen, den ich jetzt ſo unerwartet in Armuth und Elend fand. Ich ließ mich an dem Bette des Kranken nie⸗ der, nahm ſeine Hand und verſicherte ihn, daß meine Eltern immer mit Wohlwollen ſeiner gedacht hätten. „Ja, ja!“ ſagte er.„Ihr Vater war ein vor⸗ trefflicher Herr und Ihre Frau Mutter, den klei⸗ nen Widerwillen gegen die edle Tonkunſt abgerech⸗ net, eine verehrungswürdige Dame. Mein Leben wäre wie im Paradieſe geweſen, wenn ich immer ſo hätte muſiciren können, wie ich gern wollte.“ Indem er von Muſik ſprach, ſtrahlte ein Glanz aus ſeinem Auge, der mir ſagte, er verehre dieſe Kunſt noch immer wie ehemals. Ich konnte mich einer wehmüthigen Empfindung nicht erwehren. Das Grab ſtand ſchon offen vor den Füßen des — 26— kranken Mannes, und er lebte doch fort und fort in der Freude der Täuſchung, daß er wahrhaft und begeiſterungsvoll die Muſik liebe, obſchon er nur ihr Zerrbild, ihre gemeine Allerweltslarve, wie ſie vor ihn trat, für die göttliche nahm. „Und die Luſt dazu hat Sie noch immer nicht verlaſſen, wie es ſcheint?“ warf ich leicht hin. „Dieſe Luſt iſt unſterblich wie meine Seele,“ verſetzte er ernſt:„aber die Macht, ſelbſt thätig zu ſehn, iſt mit der Kraft meines Körpers gebrochen! Die Noth und das Elend haben auch Arges ge⸗ than an mir. Meine Orgel mußte ich verkaufen, um den Miethzins zu bezahlen, die Geige nahm der Apotheker auf ſeine Rechnung an. Meine Flöte iſt noch da, Herr Baron, ſie ruht zu meinen Füſ⸗ ſen, ſie wird da ruhen, bis ſie mir in's Grab ge⸗ geben wird, denn der Odem fehlt mir ſie zu bele⸗ ben, auch nur noch einmal ſie zum Abſchiede von der Muſik ertönen zu laſſen. Aber hören kann ich noch, Herr Baron,“ fuhr er mit leuchtenden Augen fort.„Das Gehör hat mir die Güte Got⸗ tes gelaſſen, und wenn ein Vogel draußen zwit⸗ ſchert, wenn ein vorübergehender Knabe ſingt, wenn ein Orgler oder Geiger auf der Straße ſpielt, wenn gar ſie—“ In dieſem Augenblick ſchwieg er und richtete — 22— ſich lauſchend, mit verklärtem Angeſichte, höher em⸗ por. Ich ſelbſt fuhr betroffen auf und ſah fragend nach Röschen hin, die beſchämt und verwirrt in der Mitte des Zimmers ſtand. Ein langer, beben⸗ der und vom leiſeſten Piano zur höchſten Fülle anſchwellender Ton einer weiblichen Stimme drang aus der klaffenden Thüre eines Nebengemaches, im reinſten toskaniſchen Dialekte, tief aus metallreicher Bruſt hervorgezogen, vernahm ich die erſten Worte eines beginnenden Adagio's:„Abandonnata io sono.“ Die Cantatricce. Es war ſo ſtill im Krankenzimmer geworden, daß ſelbſt jeder Odemzug der Anweſenden unter⸗ drückt ſchien. Nur die Stimme der unſichtbaren Sängerin, ſich in Gehalt und Manier immer groß⸗ artiger entfaltend, zog herrſchend durch die ärmlichen Räume, die mich jetzt fremder, als zuvor dünkten, da ein ſo vollendeter Geſang wie dieſer, nur in den Salons der Großen, in den Conzertſälen der vornehmen Welt einheimiſch zu ſeyn pflegte. Der Kranke war von dem höchſten Enthuſiasmus ergrif⸗ fen. Er lächelte und weinte durcheinander, er drückte mir an vielen Stellen convulſiviſch die Hand und richtete die verzückten Blicke zum Himmel, als werde ihm von dort eine beſeligende Offenbarung. — 28— Auf einem elenden, verſtimmten Spinet begleitete ſich die mitternächtliche Sängerin. Ich mußte mich lange darauf beſinnen, was es eigentlich war, das mich bekannt aus der Art ihres Vortrags anſprach. Die ſchwierigſten Läufe, die kühnſten Paſſagen warf ſie mit bewundernswürdiger Leichtigkeit hinz wenn ſie nun aber in ein klagendes Cantabile überging, in eine ſanfte rührende Melodie, in der ſich der Schmerz eines tiefgebeugten Gemüthes ausſprach, das von unnennbaren, geheimnißvollen Leiden er⸗ griffen war; dann ſtieg es mir auf, wie eine leiſe Ahnung, als habe der Geiſt, der in dieſem Vortrage lebte, ſchon zu mir geredet, dann drang in meine Seele ein wunderliches Grauen, ein widerſprechen⸗ des Spiel von Wonne und Pein, das ſchon einmal meinem geiſtigen Weſen ſich aufgedrängt haben mußte. Plötzlich bei einem Übergange, den die Sängerin machte, wurde mir Alles klar. Denſel⸗ ben UÜbergang hatte ich von Signor Zechi gehört, jenes Wunderbare, Schauerige, was in ſeinem Ge⸗ ſange vorherrſchte, waltete auch über dem der Un⸗ bekannten; es war, als habe eine Schule ſie ge⸗ bildet, als beſeele ſie ein und derſelbe muſikaliſche Geiſt, in allen kleinen Nüancen ſchienen ſie mir jetzt ſo übereinſtimmend, daß nichts ſie ſonderte, als die Verſchiedenheit der Stimmlagen. Waͤhrend meine Blicke auf dem reizenden Rös⸗ chen, das noch immer blöde und ängſtlich an ſei⸗ ner Stelle ſtand, ruheten, horchte ich aufmerkſam und entzückt dem Geſange. Eine ſo großartige, vollendete Sängerin hatte ich noch nie gehört. Freilich glänzte der erſte Schmelz der Jugend nicht mehr von dieſer Stimme auf, den früheſten Blü⸗ thenſtaub hatte der rauhe Odem der Zeit hinweg⸗ genommen; aber ſie beſaß noch genug, um hundert andere reich zu machen, ſie war voll und mächtig, wenn auch nicht mehr friſch und blühend. Die Arie, die ſie ſang, und welche ſich jetzt ihrem Schluſſe zuneigte, ſchien mir aus einer alten italieniſchen Oper, vielleicht aus der Dido abandonnata des Jo⸗ melli. Nach einer kühnen wunderlichen Cadenz, nach einem langgehaltenen, ſchwellenden Trillo, ver⸗ ſtummte, noch ehe der Schlußton einfiel, mit einem⸗ male die Stimme, ein niedriger, milder Accord, als ſeyhen willenlos beide Hände auf die Taſten des Spinet's niedergefallen, ertönte von dieſem und nun folgte ein kurzer, heftiger Schrei, der in ein lautes, jammervolles Weinen überging. Röschen bedeckte ſich das Geſicht mit beiden Händen und eilte in das Nebengemach, deſſen Thüre ſie hinter ſich ver⸗ riegelte. Ich blickte erſtaunt und erſchrocken den kranken Alten an, den übrigens die plötzliche und — 30— ſeltſame Weiſe, wie unſere muſikaliſche Unterhaltung geendet hatte, gar nicht in ſeiner Verzückung zu ſtören ſchien. Er blickte fortwährend empor, ſeine Augen ſtanden voll Thränen, auf ſeinen eingefallenen Wangen brannte ein glühendes Roth. Er lauſchte noch einige Zeit aufmerkſam, als dauere der Ge⸗ ſang fort, und dennoch war nur ein leiſes Wim⸗ mern aus dem Nebengemache zu hören. Dann lehnte er ſich in ſeine Kiſſen zurück und ſagte, nach einem langanhaltenden, krampfhaften Huſten, ſchwach und heiſer: „Die Nachtigallen ſind alle miteinander geſtor⸗ ben, Herr Baron, als ſie zum erſtenmale dieſen Geſang gehört. Was wollten ſie auch vorbringen, das nun noch Jemand gefallen möchte? Habe ich nicht ſelbſt Orgel und Geige in die Ecke gelegt, da ich mit ihm bekannt wurde, und erſt nach acht Tagen wieder gewagt, mich an meinen alten, be⸗ kannten Liedern zu ergötzen? Ich ſage Ihnen, Herr Baron—“ „Sagen Sie mir nur,“ fiel ich ungeduldig ein, „wie kommt dieſe ganz vortreffliche Sängerin hier⸗ her? Wie geht es zu, daß ſie in einer ſo kunſtlie⸗ benden Stadt, wie dieſe, unbekannt bleiben konnte? Welche ſeltſame Bewandtniß hat es mit ihr und — 31— ihrem wunderlichen Treiben? Was thut ſie bei Ihnen, wer iſt ſie?“ „Es iſt meine Frau,“ antwortete der Kranke in einem Tone, der zeigte, welchen Werth er auf den Beſitz dieſes räthſelhaften Weſens legte.„Es iſt die Gefährtin meines Elends und meines Un⸗ glücks, die mit mir hierhergezogen iſt in meine Geburtsſtadt, um hier wieder mit mir fortzuleiden und zu entbehren. Die Leute und der Doctor ſagen, ihr Geiſt ſey verwirrt und ein früheres, großes Unglück, das in ihren Erinnerungen fortlebe, habe ſich ſo gewaltig ihrer bemächtigt, daß es ſie irre mache. Ich aber kann das nicht glauben. Sie beſitzt einen hohen Geiſt, den ich nie begriffen habe, und ſo mag es andern wohl auch gehn. Wer ſo ſingen kann, wie ſie, der iſt verſtändiger, als alle Doctoren auf der Welt.“ Ich hütete mich wohl, den guten Glauben Heinrichs zu ſtören, obſchon das ganze Weſen der Sängerin, in ſo fern ich es kannte, verdächtig und wohl jenem Ausſpruche des Arztes mit Recht unterworfen ſchien. „Sie muß eine Italienerin ſeyn!“ hob ich auf's Neue an.„Einer Deutſchen, einer Engländerin oder Franzöſin würde es unmöͤglich fallen ſich den — 32— reinſten toskaniſchen Dialekt anzueignen, wie ſie ihn beſitzt.“ „Lingua toscana in bocca romana!“ lächelte der Kranke, der dieſes ſprüchwörtliche Lob aus den Reden ſeiner Frau aufgefaßt haben mochte.„Sie iſt eine Römerin, Herr Baron,“ fuhr er fort,„ge⸗ boren an der Tiber, in der Weltſtadt, wo von jeher die Geheimniſſe des Geſanges bewahrt und nur G denen, welche die Natur hoch begünſtigt, erſchloſſen worden ſind. Als eine herrliche, ſtrahlende Feuer⸗ lilie iſt ſie über die Gränze gekommen, aber hier im kalten Deutſchlande iſt ſie eine weiße Lilie ge⸗ worden, die nun traurig das bleiche Haupt neigt.“ Die ſeltſamen Dinge, die ich in kurzer Zeit erfahren hatte, beſchäftigten meine ganze Einbil⸗ dungskraft. Ich hatte noch tauſend Fragen auf der Zunge, noch eben ſo viele Räthſel zu löſen, ich trug überdem die Sehnſucht im Herzen, Rös⸗ chen noch einmal zu ſehn. Da mahnte mich die erſte Morgenſtunde, welche die Glocke vom nahen Thurme verkündigte, daß es Zeit ſey zur Heimkehr. Der Kranke reichte mir noch einmal die Hand, dankte für das, was ich an ſeinem Kinde zu thun Willens ſey und ſprach die Überzeugung aus, ein Felsberg ſpende ſeine Wohlthaten nur in der reinſten Abſicht, und ich ſähe Röschen gewiß nur, — 33— wie er, mit väterlichen Augen an. Indem ich mich nicht ganz unſchuldig in dieſem Punkte fühlte und noch einmal hinhorchte, ob ich nicht wenigſtens die Stimme des lieben Kindes vernehme, nichts aber als das leiſe Wimmern der Sängerin hörte, ließ ich unbemerkt meine Börſe auf das Nachttiſchchen des Alten gleiten und verſprach, auf ſeine wieder⸗ holte Bitte, in den nächſten Tagen wiederzukommen. Die MNaremmna. „Freundchen, Freundchen,“ rief mir am Mit⸗ tage, als ich zur table d'hôte im römiſchen Kaiſer ging, der Policeiactuar Virgilius Blümlein mit aufgehobenem, drohendem Zeigefinger zu, indem er raſch an mir vorüber ging, um in der Garküche zum ſilbernen Löffel, die Suppe noch warm zu fin⸗ den,„ſucht mir die Noſ ine, das gute Ding nicht auf ſchlimme Wege zu führen! Ich weiß, was ich weiß. Ihr ſeyd erſt nach halb zwei dieſen Mor⸗ gen nach Hauſe gekommen. Der Nachtwächter Fingerlein, der in Eurer Straße Wache hält, hat mir es rapportirt. Wenn Ihr mein Vertrauen täuſcht, iſt's aus mit unſerer Freundſchaft, und wie ich Euch bisher allenthalben geprieſen, als das Muſter eines ehrbaren Junggeſellen, ſo werde ich III. 3 — 34— vor Euch warnen, als einem zweiten Lovelace und Don Juan.“ Ich wollte repliciren und meine Unſchuld be⸗ theueren, aber Virgilius war ſchon, das Fiſch⸗ beinſtöckchen gegen mich ſchwingend, hinter der näch⸗ ſten Straßenecke verſchwunden. Ich mäßigte meine Schritte und dachte nun ernſthaft darüber nach, welche Gründe mein Benehmen gegen Röschen und die Ihrigen leiteten. Da pochte es freilich verdächtig unter den Rippen der linken Seite, und ich mußte mir geſtehen, daß des Mädchens Lieblich⸗ keit keinen geringen Antheil an meinem Wohlthätig⸗ keitsdrange habe. Daß aber dieſer doch auch durch die Entdeckung, die ich hinſichtlich der Perſon ihres Vaters gemacht, durch die Erinnerungen, die ſich daran knüpften, anſehnlich geſteigert worden ſey. Zugleich gab ich mir ſelbſt mein Ehrenwort darauf, nur in den rechtlichſten Abſichten meine Blicke auf Röschen zu richten, in den Schreib⸗ ſtunden, die ich verſprochen hatte, als ernſter, ſtren⸗ ger Lehrer aufzutreten, und die Familie ſonſt zu unterſtützen, wie es das Bedürfniß erheiſchte, nicht wie es etwa eine zärtliche Neigung eingebe. Mit dieſen guten Vorſätzen langte ich im roͤmi⸗ ſchen Kaiſer an. Die Gäſte ſtanden noch in ein⸗ zelnen Gruppen um die Tafel und in den Fenſter⸗ — 935— vertiefungen. Die Neuigkeiten des Tages wurden derhandelt. Man ſprach von Griechenland und Al⸗ gier, von Nationalismus und Myſtik, von den Bäl⸗ len und vom Theater. Mein gewöhnlicher Tiſch⸗ nachbar, der Commerzienrath Meuſelwitz, ein Mann, deſſen körperlicher Umfang, deſſen ganzes behagliches Außeres, auf Reichthum und Wohlleben ſchließen ließen, drängte ſich durch alle durch auf mich zu, nahm mich beim Knopfloche und flüſterte mir in die Ohren: „Unſer trefflicher Wirth hat uns heute große, koͤſtliche uberraſchungen zugedacht. Der Oberkellner hat mir's geſteckt, und ich halte es für meine Pflicht, einen alten Freund und Nachbar davon zu averti⸗ ren, damit er für die einen ein Plätzchen in sto- macho frei hält, auf die andern ſich freudig vorbe⸗ reite. Denken Sie ſich, Baron, wir werden nicht allein friſchen Rheinſalm, nicht nur das unver⸗ gleichliche ragout ſin aux truffes et à la salade ha⸗ ben, ſondern auch zum Schluſſe einen Italiener, der deliciös ſingt, ſchmackhaft maultrommelt und auf die pikanteſte Weiſe alle Inſtrumente von der Welt nachahmt.“ Der Commerzienrath, einer der erſten Gut⸗ ſchmecker der Reſidenz, war ſo ſehr gewöhnt, faſt immer nur von Eſſen und Trinken zu ſprechen, daß 3* — — 36— er Ausdrücke, welche dieſes beſonders angingen, auch auf andere Dinge zu übertragen pflegte. So hatte ich ihn oft ſchon von einer magenſtärkenden Tragödie, von einer Arie aux fines herbes, von einem neuen Roman aA la sauce picante ſprechen hören. Niemand nahm einen Anſtoß daran, man hatte ſich nach und nach gewöhnt, ſolche Bezeich⸗ nungen aus ſeinem Munde zu hören und wußte, was er damit ſagen wollte. „Ja, liebſter, nachbarlicher Baron,“ fuhr er fort, indem er mich, da die Speiſeglocke eben zur Tafel läutete, an meinen Platz und an ſeine Seite niederzog,„es iſt nicht genug heutiges Tages, daß die Wirthe darauf raffiniren, uns die ausgeſuchte⸗ ſten Leckerbiſſen vorzuſtellen; wir verlangen auch noch immer eine Beiwürze, einen äſthetiſchen Ca⸗ hennepfeffer, der nach⸗ und mithilft, der beim Deſ⸗ ſert ein Stomachale, ein Caviar für das Souper wird. Ein ſolcher Caviar ſoll nun heute beſagter Italiener ſeyn. Weiß der Himmel, in welcher Kneipe, in welcher Spelunke ihn der Wirth aus⸗ findig gemacht hat; der Welſche aber ſoll die wun⸗ derlichſten, dem Wohlergehen nach Tiſche erſprieß⸗ lichſten Gaben beſitzen, die delicateſte Komik im Geſichterſchneiden, einen prickelnden, gleichſam mouſ⸗ ſirenden Vortrag im Geſange, eine Kunſt den Schlag —— — 37.— der Lerche und Wachtel nachzuahmen, daß man darüber vergißt, welchen herrlichen Genuß dieſe Gottesgeſchöpfe auch gebraten gewähren.“ Der erſte Gang, der aufgetragen wurde, ſetzte dem Rednerguſſe des Commercienrathes ein Ziel und nahm ſeine ganze Aufmerkſamkeit in Anſpruch. Mir lag der Italiener im Kopfe. Die geſtrige Unterhaltung über den Sänger Zechi im Wein⸗ keller des Italieners, die ſpätere wunderliche Uber⸗ raſchung durch die italieniſche Cantatrice in der Wohnung des Jammers und des Elendes, die An⸗ kündigung der neuen ſeltſamen Erſcheinung eines Italieners: Alles kam zuſammen, um meine Phan⸗ taſie auf eine eigene Weiſe aufzuregen, um ſie auf außerordentliche Dinge zu ſpannen, welche von die⸗ ſen Italienern kommen mußten, um mich ſelbſt den ttalieniſchen Bänkelſänger, den wir zu erwarten hatten, in einem geheimnißvollen Lichte erblicken zu laſſen. Die köſtliche Tafel ließ mich ungerührt, die Tiſchreden der Nachbarn überhörte ich, indem ich den Theaterzettel, der die Darſtellung von Roſ⸗ ſini's Othello durch die italieniſchen Truppen und Signor Zechi's Auftreten in der Rolle des ſchreck⸗ lichen Mohren von Venedig anzeigte, wohl ſechs⸗ mal auf das Aufmerkſamſte durchlas und endlich in ein ſo tiefes Nachbrüten über das Geheimniß, — 38— welches Röschens Mutter umgab, verſank, daß nur des Commerzienrathes ſehr empfindliche Ellen⸗ bogenberührung und ſeine mit Stentorſtimme wie⸗ derholte Frage: ob ich denn ganz und gar verblen⸗ det ſey, und gegen alle Reize des köſtlichen Rhein⸗ ſalms unempfindlich bleiben wolle? mich aus mei⸗ nen Träumereien emporreißen konnten. Ich nahm nun meine ganze Faſſung zuſammen, um an der öffentlichen Wirthstafel nicht lächerlich zu erſcheinen. Ich miſchte mich in die ſehr leb⸗ hafte Unterhaltung der nächſten Tiſchgeſellſchaft und ſtellte allerlei paradoxe Behauptungen auf, die ich in der Abſicht zu vertheidigen ſuchte, damit mein Geiſt ſich lebendig mit irgend einem Gegen⸗ ſtande beſchäftige und, von dieſem gefeſſelt, nicht wieder in jenes Nachbrüten verfalle. So ſuchte ich die übereilte Handlung Othello's zu recht⸗ fertigen, ſo bemühete ich mich zu beweiſen, daß ſchon ein weit unbedeutenderer Argwohn einen hin⸗ länglichen Grund zu einem ſo mörderiſchen Ver⸗ fahren geben könne. Ich gerieth in einen um ſo größern Eifer, je mehr ich Gegner fand, die ſich ſämmtlich der Sache Desdemonens annahmen. Da fielen plötzlich meine Blicke auf einen Mann, der mir gerade gegenüber, hinter dem Stuhle eines — 39— Tiſchgaſtes ſtand. Es war ein alter Mann. Lei⸗ den und Jahre mochten ſein Haar gebleicht haben, das Wenige, was ihm geblieben war, hing ſchlicht und gerade zu beiden Seiten herab. Der kahle Scheitel war gebeugt, ſein Angeſicht von tauſend Furchen des Kummers und der Entbehrungen durchzogen; aber ſein dunkles Auge belebte noch jugendliches Feuer, ſein Mienenſpiel war ausdrucks⸗ voll, ſein ganzes Außere verrieth den Eingebornen des Südens, den Spanier oder Italiener. Ein einziger Blick, der über ſeine Geſtalt glitt, reichte ehin, ſeine Armuth erkennen zu laſſen. Ein langer Uberrock von grobem Tuche, an vielen Stellen zer⸗ riſſen, an andern plump ausgebeſſert, verhüllte ihn. Seine zitternde Linke hielt eine Laute, mit der ſie ſchlaff herabgeſunken war. Er ſtand mit eingebo⸗ genen Knieen, ſchwach und ſchwankend an ſeiner Stelle. Alles dieſes beſchäftigte mich nur im Fluge des Momentes, aber der Ausdruck der tiefſten Wehmuth, eines bittern Schmerzes, eines ſtillen, aber ſchwer anklagenden Vorwurfs, mit welchem mich der Alte aus den blitzenden Augen anſah, der aus ſeinen Geſichtszügen ſprach, als ich der Wuth, der Mordluſt, der Eiferſucht das Wort redete, feſ⸗ ſelte mich plötzlich ſo gewaltig, daß mir die Rede auf der Lippe erſtarb und ich, zum Erſtaunen der — 40— ubrigen Zuhörer, ſtumm den ſeltſamen Alten an⸗ ſtaunte. Alle Blicke flogen nun auf dieſen. „Der Italiener!“ rief der Commercienrath und ließ das Stück Punſchtorte, das ſeine Hand hielt, auf den Teller fallen. „Der Italiener?“ tönte es im vielſtimmigen, fragenden Echo durch den Saal. Da hatte der Alte ſchon die Laute ergriffen, fuhr leiſe mit der Hand über die Saiten, ſo daß dieſe in einigen ſanft verſchwebenden Accorden er⸗ klangen und begann nun mit einer ſchwachen, aber nicht unangenehmen Stimme in italieniſcher Sprache eine Romanze, deren Sinn folgender war: „Laßt Euch warnen, laßt Euch ſagen Von entſetzlich böſer That, Die ſich einſt in frühen Tagen Schauerlich begeben hat! Laßt Euch warnen vor der Tücke Wild empörter Leidenſchaft, Daß ſie nicht im Mißgeſchicke Euch verwirren Geiſt und Kraft! Pietro Neri, hoch geboren Von patriciſchem Geſchlecht, Hatte Lieb' und Treu geſchworen— Was er ſchwur das hielt er recht— Hatte Lieb' und Treu gegeben Seiner Gattin Laura hin, Die ihm auch ihr Herz und Leben Sngelobt in gleichem Sinn. — 141— Was die Schönheit, was die Tugend Reizend im Geleite führt, Das hat ſeiner Gattin Jugend, Leib und Seele hold geziert; Und er hat ſie hochgehalten, Höher wohl, als jedes Gut, Ließ ſie über Alles walten, Gab ihr hin ſein Herzensblut. Sie nur lieben, ihr vertrauen, Füllte ſeine Tage aus, In das holde Antlitz ſchauen, Nach der Königin vom Haus, Nach der Herrin ſeines Lebens, Die er liebte bis zum Grab, Die er liebte nicht vergebens, Da ſie Lieb' und Treue gab. Pietro Neri, deine Stunde, Deine böſe Stunde kam, Die dir ſchlug die Todeswunde, Die dir alle Freuden nahm; Wo, was Jahre lang gegründet, Liebe dir und Treue hat, Sein Verderben plötzlich findet An der alten Glückesſtatt. Ach, dein Blick war nicht umdüſtert, Sah' zu ſcharf nur und zu frei, Als die Hölle dir zuflüſtert: Sieh', dein Weib iſt ungetreu! Als im abendlichen Schatten Fort von ihr ein Fremder ſchlüpft, Vor dem Blick des ſtarren Gatten Von des Gartens Mauer hüpft. Saat des Böſen lag im Herzen, Du bewahrſt ſie darin feſt, Daß das Uebermaß der Schmerzen, Sich von Niemand ahnen läßt, 1 — 42— Daß der Flecken deiner Ehre Nicht zum Hohne and'rer wird⸗ Daß die Rache ſich gewähre, Die der Sünd'rin Haupt umſchwirrt. Rache, die in leiſen Ringen Enger ſich und enger ſchlingt, Der es endlich muß gelingen, Daß ſie ihre Opfer bringt, Rache, die nicht kann ſich trügen, Die zum ſichern Ziele winkt, Rache, die in langen Zügen Ihrer Beute Herzblut trinkt. Kennt Ihr jene wüſte Stätte, Wo der Tod iſt hingebannt, Die der gift'gen Fieber Bette, Die Maremna wird genannt? Wo der Odem, der mit Leben Jedes Menſchen Bruſt erfüllt, Nur vermag uns Gift zu geben, Weil ihm Gift entgegenquillt? Dahin führt der finſt're Gatte, Der ſein Schweigen nimmer brach, Seit er jenen Anblick hatte,„ Sich die junge Gattin nach; Sieh't ſie dulden, ſieh't ſie bleichen, Sieh't ſie neigen ſich in's Grab, Und er bricht doch nicht ſein Schweigen, Wie das Gift ſie zehrt auch ab. und ſie lächelt und ſie duldet, und ſie liebt den Gatten fort⸗ Weiß nicht, was ſie hat verſchuldet, Was ſie bannt an dieſen Ort; Eins nur kann ihr Schmerzen bringen, Daß der Gatte immer ſchweigt, Daß auch ihn das Gift durchdringen Muß, das ihre Wange bleicht. — 43— Als nun tritt der Todesengel Hin an ihre Lagerſtatt, Als ſie dieſe Welt voll Mänget Nur noch leicht gefeſſelt hat, Möcht' ſie ihre Schuld gern wiſſen— Da dem Gatten bricht das Herz: Da entdecket ſein Gewiſſen Ihre Schuld und ſeinen Schmerz. „Das nur?“— lächelt ſie ſo milde, Als empfänd' ſie Seligkeit, Gleichet einem Engelsbilde, Das dem Gatten Troſt noch beut. „Wiſſe, jener Unbekannte War mein Bruder,“ fuhr ſie fort⸗ „Den man übereilt verbannte, Fälſchlich angeklagt um Mord!“ Pietro Neri ſtarret nieder, Lächelnd ſtirbt das treue Weib, Pietro Neri ſpricht nie wieder, Läßt dem Gifte ſeinen Leib, Läßt es langſam an ſich nagen⸗ Seiner Uebereilung Lohn, Will die Strafe ſelbſt nun tragen, Welche trug die unſchuld ſchon. Die Maremna hat ſie Beide Aufgefaßt in ihren Schooß, Ihn nach ſchwerem bittern Leide, Sie zu einem ſel'gen Loos. Die Maremna gleicht dem Triebe, Der ſo leicht die Herzen trifft⸗ Der die allertreuſte Liebe Wandelt in ein zehrend Gift.““ Der Alte ſchwieg und ſah finſter zur Erde. Es war nicht zu leugnen, daß ſein Geſang etwas lange gedauert hatte. Dieſer Urſache, und wohl — 14— auch dem traurigen Inhalte ſeines Vortrags mochte es zuzuſchreiben ſeyn, daß der größte Theil der Gäſte, die der Oberkellner auf etwas Luſtiges, auf eine Unterhaltung zum Todtlachen vorbereitet, in ſeinen Erwartungen getäuſcht, ſich entfernt hatte. Mein Nachbar, der Commercienrath, war gleich nach dem Eingange mit einer Verwünſchung auf den Lippen aufgeſprungen, hatte die Serviette wild bei Seite geworfen, dem Sänger einen zornigen Blick zugeſandt, und in eiliger Haſt den Saal ver⸗ laſſen. Wer, indem der Alte die letzten Schluß⸗ accorde anſchlug, noch im Saale war, ſchickte ſich nun auch zum Fortgehn an, und ich ſah mich nach wenigen Augenblicken mit dem Sänger allein. Der Wirth ſtürmte wuthentbrannt heran und überſchüt⸗ tete den armen Mann mit Vorwürfen, daß er nicht Wort gehalten, nicht luſtige Lieder geſungen, nicht wie ein Hahn gekräht, nicht wunderliche Geſichter geſchnitten, wie er doch verſprochen, ſondern viel⸗ mehr eine Jammermuſik angeſtimmt habe, wie ſie vom St. Chatharinenthurme herniederklinge, wenn eins begraben werde; daß er ihm die Gäſte ver⸗ ſcheucht mit ſolchem Gewinſel, und er nun den Champagner, auf deſſen Abſatz durch ihn er gerech⸗ net, wieder ungebraucht in den Keller zurücktragen müſſe. Ich ſuchte den heftigen Mann zu beruhigen, behauptete, der Alte habe vortrefflich geſungen, die Gäſte wüßten es nur nicht zu ſchätzen, und beſtellte dann auf eine ſo ernſte, kalte Weiſe eine Flaſche Bourgogne Chambertin, daß der Wirth verſtummte und ſich beeilte, meinen Auftrag auszuführen. Nun bat ich den erſtaunten Alten, ſich zu mir zu ſetzen und mit mir zu trinken. Mich hatte ſein Geſang wunderbar ergriffen, ſein ganzes Weſen hatte einen ſeltſamen Eindruck auf mich gemacht. Er war ärmlich gekleidet, er hatte das Anſehn eines Bett⸗ lers, und dennoch zeigte jede ſeiner Bewegungen, wenn ſie auch das Gepräge der ſüdlichen Raſchheit und Lebendigkeit trugen, den Mann, der in beſſern Verhältniſſen, in der ſogenannten guten Geſellſchaft gelebt hatte. Während er jenes Lied ſang, konnte der aufmerkſame Beobachter leicht erkennen, daß ſein Inhalt ihn mit der lebhafteſten Theilnahme erfüllte, daß jedes Gefühl, welches dort berührt wurde, ſich in ſeiner Seele wiederſpiegelte. Er hatte nicht nach der gewöhnlichen Weiſe ſeinen Geſang in Strophen abgetheilt, er trug ihn recita⸗ tiviſch, faſt dramatiſch vor. Das lebendigſte Mie⸗ nenſpiel, auf dem bleichen, abgezehrten Angeſichte faſt grauenhaft anzuſehn, begleitete ihn. Kaum hatte er mit ſeiner leiſen, wie aus der Ferne einer frühern Zeit herübertönenden Stimme, angefangen — 46— zu ſingen, ſo fühlte ich meine Seele angezogen und gefeſſelt. Kannte ich denn nicht ſchon den Geiſt, der in dieſem Vortrage lebte, hatte er nicht zu mir geſprochen aus dem Geſange Zechi's, aus der Arie der mitternächtlichen Sängerin? Mußte er mir nicht Röschens Bild vor die Seele rufen, nicht das ihres kranken Vaters, die Erinnerung an ihre wahnſinnige Mutter? Seltſames Zuſammen⸗ treffen, wunderliches Gewebe unſichtbarer Banden, mit denen die Tonkunſt mich zu umſchlingen drohete! Sebaſtiano Infelice. Der Alte ſaß neben mir und ſchlürfte den köſt⸗ lichen Burgunder in langen Zügen behaglich hinab. Seine tiefgefurchte Wange röthete ſich, ſein Blick wurde freier, er erhob den Kopf und fing an, mit dem Ausdrucke eines Stolzes um ſich zu blicken, auf den ihm ſeine frühere Stellung in der Welt Anſpruch gegeben haben mochte. Dieſes Betragen eontraſtirte wunderlich zu ſeiner ärmlichen, zerriſſe⸗ nen Kleidung. Seine ganze Erſcheinung erfüllte mich mit Wehmuth, ich konnte des Gedankens nicht Herr werden, daß der Alte ein trauriges Bild alles Irdiſchen ſey, an frühe Blüthe mahnend, ſpäten Verfall darſtellend. „Die alte Zeit ſoll leben!“ ſagte ich ernſter zu = 47— ihm, als es für den Ort paßte, indem ich an ſein Glas anſtieß.„Wer bewahrt nicht in ihr ſchoͤne Stunden, die er gern einmal in der Erinnerung wieder aufleben läßt? Wem hat ſie nicht ihr Ca⸗ pital Freuden vorgeſchoſſen, von dem er nicht noch zu zehren hätte in alten, entbehrungsvollen Tagen?“ „Si, Signor!“ antwortete mein Alter, indem er trank und ſeine Blicke glänzten.„Per bacho, ich habe eine ſchöne Zeit erlebt und ſeyn geweſen, oben hinaus frühe, wie ich jetzt ſeyn unten hinaus in meinem Alter.“ „Sie wollen ſagen, daß das Glück Sie einſtens mehr begünſtigt habe, als jetzt?“ verſetzte ich er⸗ läuternd und fragend zugleich, denn ich hoffte, der Alte werde auf weitere Mittheilungen eingehen, von denen ich eine intereſſante Ausbeute erwartete. „Tempi passati!“ erwiderte er lebhaft.„Der Scepter, mit dem ich regierte, ſeyn zerbrochen, ſtill iſt geworden das Jubelgeſchrei in theatro San Carlo und die Kränze ſeyn verblüht, die aus Logen und Gallerie herabregneten auf den divino maëstro, wenn er erſchien. Die Vergangenheit ſeyn geworden ein sepolcro, auf dem ich promenir' und canzonetti do- lorose ſinge, welche ſpaßhafte dilettanti für musica buffa, für luſtiges Lied mit Grimaſſen und Lazzi aufzunehmen belieben.“ — 48— Eine Bitterkeit, für welche ich keinen Ausdruck habe, flog, während er dieſes ſprach, über ſeine Geſichtszüge. Er lachte dumpf und höhniſch in ſich hinein, leerte haſtig ſein Glas und fuhr dann fort: „Haben der Signor geweſen in Napoli, der Götterſtadt?“ Ich verneinte. „Vedi Napoli e poi muori!“ rief er begeiſtert. „Sehen Sie Napoli und dann ſterben Sie! Was kann noch zeigen die Erde Herrliches dem Manne, der die Stadt am Veſuvio geſehen hat, was kann ſie noch geben Schönes und Gutes, was er nicht dort ſchon Alles gefunden haben, was ihm nicht dort geworden in ricchezza e perfezzione? Es ſeyn ein Stück Land gefallen dal cielo alla terra, es ge⸗ ben Alles, was im Paradieſe ſeyn geweſen, ehe Mutter Eva vom Apfel geſpeiſt. Dort ſeyn ich geboren, Signor. Ja,“ wiederholte er, ſich ſtolzer aufrichtend,„io sono Napolitano! Dort ich haben den erſten Unterricht gehabt in der divina musica bei dem unſterblichen Maestro Cimaroſa, dort ich haben componirt die Opera seria Alessandro in Persia, dort ich haben erhalten die corona, dort ich haben gelebt glücklich und ſelig con mia sposa, Eleonore, der größten Sängerin der Welt, dort ich haben ſie begraben und meinen Ruhm und meinen Namen r ——õ;— — 49— und mich von nun an genennt Sebaſtiano In⸗ felice, weilen es kein Glück mehr für mich gege⸗ ben auf Erden.“ Seine letzten Worte und die Art wie er ſie vorbrachte, hatten mich tief erſchüttert. Er weinte nicht, es lag nichts klagendes in ſeiner Stimme, aber ſie war leiſe und tonlos verhallt, wie ein Geiſterhauch. Er ſaß jetzt ſtill und ohne Bewegung da und ſah ſtarr in das Glas, das ſeine Rechte hielt. Die Runzeln ſeiner Stirn ſchienen ſich in das Unendliche zu vermehren, ſein Angeſicht ſank in tiefere Furchen zuſammen und es ſchien mir nöthig, ſeine Aufmerkſamkeit auf einen andern Ge⸗ genſtand zu leiten, wenn er nicht vielleicht gänzlich verſtummen ſollte, wenn ich nicht alle Frucht meiner bisherigen Bemühungen einbüßen wollte. „Sie ſchienen ſich vorher ſehr für das Schick⸗ ſal Desdemonens zu intereſſiren,“ hob ich von Neuem an, indem ich ihm ein Theaterbillet, das ich Morgens genommen hatte, darbot:„macht es Ih⸗ nen vielleicht Vergnügen, der heutigen Vorſtellung des Othello beizuwohnen?“ „Vergnügen!“ lachte er wild und höhniſch auf und riß mir zugleich das Billet aus der Hand. „Qual, Pein, Entſetzen es mir macht. Aber ich will hingehn, ich will dieſe Muſik, die aus meinem III. 4 — 50— Herzen geriſſen iſt, hören, ich will dieſe Tragödia, die in meinem Leben ſpielt, ſehn. O Monſignor,“ fuhr er fort und ſeine Stimme ging jetzt in den Ton des tiefſten Schmerzes über,„Sie mir haben ſehr wehe gethan, als Sie den Banditen Othello vertheidigt, Sie mich gezwungen haben, das Lied von der Maremna zu ſingen, das ich gern ruhen laſſe in Schweigen und Vergeſſenheit.“ „Mein Himmel,“ rief ich in einiger Verlegen⸗ heit,„da habe ich nicht allein wider meinen Willen gehandelt, ſondern auch wider meine Üüberzeugung geſprochen! Glauben Sie mir, wertheſter Maöſtro, ich bin weder ſo blutdürſtig noch ſo eiferſüchtig, wie Sie aus meinen Reden vermeinen möchten. Ich bin ſanft, ich bin mild, ich werde dereinſt meine Gattin beglücken, und gewiß nicht gleich nach Gift und Dolch greifen, wenn ein andrer ihr den Arm präſentirt. Als ſie mich die That des Mohren vertheidigen hörten, redete ich in den Tag hinein, blos um etwas zu ſprechen, das mich von allerlei Grillen ableiten ſollte. Trinken Sie, ſchätzbarer Maöſtro, überzeugen Sie ſich, daß derjenige, der die Ehre hat, Ihnen dieſes Glas Chambertin zu kredenzen, ein kindliches, reines Gemüth iſt.“ Ich wußte mir ſelbſt nicht zu erklären, warum ich einen unbezwinglichen Drang in mir fühlte, — 51— vor den Augen des alten Italieners, gereinigt von den Laſtern der Eiferſucht und ſeinem ſchrecklichen Einfluſſe auf die Entſchlüſſe derjenigen, die ihm heimgefallen, dazuſtehn. Es war mir, als habe er, eben weil ich ihn durch meine Behauptung ver⸗ letzt, weil ich ihn verleitet, ein Lied anzuſtimmen, das weder die Gäſte ergötzt, noch den Wirth befrie⸗ digt, einen Anſpruch auf dieſe Rechtfertigung; dann aber empfand ich auch, daß mich ein mächtigeres, geheimnißvolles Gefühl dazu antrieb. „Sie gut ſeyn, gut wie Ihr Wein,“ lachelte jetzt der Alte, indem er trank und mir die abge⸗ magerte Hand reichte.„Sie nicht Dolche tragen im Auge und Gift im Herzen, wie Caroli, der mordſüchtige Virtuoſo, der Dämonio meines Lebens. Haben Sie nie ſprechen hören von ihm, nie die Fama trompeten hören ſeinen Ruhm, als den des Stolzes vom Lande Italia, des erſten Saͤngers, der je geboren, der je gebildet worden?“ Mein Stillſchweigen ſagte dem Alten, daß mir der mordſüchtige Signor Caroli, der dämoniſche Vir⸗ tuoſo, der Stolz des Landes Italia, leider Länälich unbekannt ſey. „Er mein Schüler geweſen ſeynz“ fuhr der Alte fort, indem er kein geringes Gewicht auf die⸗ ſen Umſtand zu legen ſchien.„Er von mir haben 4*½ — 32— il methodo, das portamento di voce, l'espressione, mit einem Worte il tutto. Er zu mir gekommen ein armer Bauernjunge, aber mit der Stimme eines principe. Er gelernt haben fleißig, er dann geſun⸗ gen haben auf allen Theatern von Italia, ein mi⸗ raclo del mundo. Er ſeinem Maöſtro große Ehre gebracht, viele scolare, die alle Caroli werden wollen.“ „Er ſoll leben, der große Sänger!“ rief ich, um dem Alten etwas Angenehmes zu erzeigen, und ermunterte ihn zum Trinken. „Sterben ſoll er!“ zeterte der Greis, daß es mir durch alle Glieder bebte, indem er ſein Glas zur Erde ſchleuderte und mich mit wild verzerrten Zügen anſah.„Sterben ſoll er und müßte es ſeyn von meiner Hand.“ Er war aufgeſprungen und ſtand in der Mitte des Saales. Seine ganze Geſtalt ſchien größer, ſeine Haltung war drohend, er hatte den rechten Arm mit der Laute erhoben und weit von ſich ge⸗ ſtreckt, „Der principe der Sänger,“ ſprach er dann verbiſſen,„iſt auch der principe der Böſewichter. Ich hatte ihn eingeführt in dem templo del arte, dafür hat er mich eingeführt in die casa des Elends und der Verzweiflung. Er von mir erhalten hat die ſüße Kunſt des Geſanges, er mir dagegen ge⸗ geben den bittern Trank des Schmerzes. Ja, Sig⸗ nor, er es war, der die Tragödia vom ſchwarzen Mohren von Venedig in mein Leben hineingeſpielt, er, der grauſame Othello, ich der arme Bra⸗ bantio, ſie, mein einziges Kind, meine Tochter Giulietta, die unglückliche, unſchuldige und er⸗ mordete Desdemonal Ich ſie ihm nicht geben wollen, die melodiſche Nachtigall, weil ich ihn ge⸗ kannt, als einen Wütherich; er ſie mir da geraubt, verführt und ermordet in kalter Eiferſucht, als ein entſetzlicher Othello. O Signor, Ihr wißt nicht, was den armen Muſikanten, den alten Bettelſänger quälet, Tag und Nacht! Da rinnt Giulietta's Blut in dunkeln Strömen zu meinen Füßen und eine Stimme will ſchreien aus dem Blute: räche mich, Vater, räche mich, räche die unſchuldig Ge⸗ mordete! Dann das Blut ſich erheben und vermeh⸗ ren zu einem weiten Strome, in Wellen aufſchla⸗ gen an mein Herz, mich ertränken, mich umbrin⸗ gen! Diavolo! es nur ein Mittel geben gegen dieſe Qual. Wenn Caroli's Herzblut hinſtrömt zu meinen Füßen, wenn mein Meſſer ſeine Bruſt ge⸗ funden, dann wieder Alles luſtig ſeyn und gut wie vorher, dann wieder oben hinaus, Sebaſtiano Infelice, und nicht mehr unten hinab!“ — 54— Er hatte die Laute unter den Arm geworfen und fuhr mit einer haſtigen Bewegung der rechten Hand nach der Bruſttaſche, als wolle er nachſehn, ob dort noch ein Gegenſtand vorhanden ſey, der ihn von großer Wichtigkeit dünken mochte. Dann lächelte er zufrieden, machte mir eine anſtändige Verbeu⸗ gung und ſchritt, ohne ſich durch mein Nachrufen, das ihn zurückhalten ſollte, ſtören zu laſſen, zur Thüre hinaus. Der Mord. Ich war verſtimmt. Des Italieners Mitthei⸗ lungen erregten mein Intereſſe in einem hohen Grade, aber ſie ſtanden mir doch wiederum als neue Räthſel gegenüber, mit deren Löſung ich mich vergebens quälte, die nur irgend ein neues Zuſam⸗ mentreffen mit dem Alten, eine günſtigere Stim⸗ mung von ſeiner Seite etwa offenbaren konnten. So reich an wunderlichen, ſeltſamen Ereigniſſen, wie ich ſeit dem geſtrigen Abende erlebt hatte, war mein Leben noch nie geweſen. Alles ging mir wild durch den Kopf, Allem hätte ich gerne auf den Grund geſchaut, aber ich ſah nur immer eine Fin⸗ ſterniß, aus der ſpukhafte, dämoniſche Schattenge⸗ ſtalten herauftauchten, aber keine beſtimmte, beru⸗ higende Erſcheinung. — 55— Heute Nachmittags wollte ich den Schreibun⸗ terricht bei Röschen beginnen. Nichts konnte mir willkommener ſeyn, als die Ausſicht auf die Stunde, die ich nun mit ihr verleben würde. Da konnte ich nun in ein Herz voll Unſchuld, Einfachheit und Kindesliebe blicken, da konnte ich aus der reinen Seele des Mädchens, aus der Ruhe ſeines Gemü⸗ thes, Frieden für das meinige ſchöpfen, da konnte ich, in ihr Anſchauen verloren, den wunderlichen Maöſtro, den Pietro Neri mit ſeiner gifthau⸗ chenden Maremna, die unglückliche Giulietta und den dämoniſchen Virtuoſen vergeſſen. In wenigen Augenblicken war ich auf dem Wege nach der Vor⸗ ſtadt. Röschens Bild ſchwebte vor mir her, meine Schritte eilten der lieblichen Schöpfung meiner Phantaſie nach. Ich bog um eine Straßenecke. Da fühlte ich mich plötzlich am Arme zurückgehalten und die bekannte Stimme des Polizeiaktuars Blüm⸗ lein ſchlug an mein Ohr. „Baron,“ ſagte er haſtig,„was iſt vorgegangen heute an der Table d'Hôte im römiſchen Kaiſer? Meuſelwitz, der Kommercienrath, iſt mir begeg⸗ net in der Stadtpromenade und beklagte ſich bitter uͤber den Wirth, der, wie er ſagt, nach dem wün⸗ ſchenswertheſten Tafelaufwande mörderiſche Angriffe auf das Leben ſeiner Gäſte wage, indem er ſoge⸗ — 56— nannte Unterhaltungen beibringe, die den Menſchen in ſeinen beſten Kräften lähmen, und ſo den Ver⸗ dauungsorganismus zur völligen Unthätigkeit herab⸗ ſtimmen müßten?“ Dieſe Anrede des Polizeiaktuars verſetzte mich mit einem Male in eine heitere Laune. Ich hatte früher wenig auf meines alten Tiſchnachbarn Be⸗ nehmen geachtet, jetzt konnte ich mir recht wohl denken, welchen unheimlichen Eindruck die ſchaueri⸗ gen Klänge des Liedes von der Maremna auf ihn gemacht haben mochten, in welche Beſorgniß um die Erhaltung ſeines Appetits ſie ihn verſetzt hat⸗ ten. Virgilius hörte nun von mir das Nähere der Sache. „Der Kommerzienrath iſt ein Narr!“ ſprach er ärgerlich.„Ein Narr in Folio, der mich ungerech⸗ ter Weiſe in Harniſch gebracht hat gegen den Kai⸗ ſerwirth und gegen den armen, alten Italiener, der nach Geſetz und Ordnung Conceſſion gelößt hat bei dem wohllöblichen Polizeiamte. Aber Ihr ge⸗ fallt mir auch nicht, Baron! Wie könnt Ihr, ein deutſcher Freiherr, Euch ſo gemein machen und mit einem Lump von Wandersmuſikanten Burgun⸗ der trinken, im erſten Gaſthofe der Reſidenz? Ich bin älter als Ihr, ich mag Euch wohl leiden, weil Ihr nicht hochmüthig ſeyd auf Euer Geld und — 52— Euern Adel, ich will Euch deßhalb zum Guten ra⸗ then, und Euch von ſolcher Geſellſchaft abmahnen, deren Bekanntſchaft Euch einmal vor meinen Pro⸗ tokolltiſch auf dem Polizeiamte führen könnte. Die⸗ ſem Geſindel iſt nicht zu trauen und Ihr wißt, wer dem Teufel ein Haar läßt, den nimmt er leicht ganz am Schopf. Lebt wohl, Baron! Dixi et sal- vavi animam meam.“ 4 Virgilius huſchte fort um die Ecke, indem er mit ſeinem Stöckchen einige ſeltſame Figuren in die Luft beſchrieb. Ich lachte über ihn, wie ich früher über Meuſelwitz gelacht hatte. Virgi⸗ lius war eine höchſt gutmüthige Seele, beſaß auch einen gewiſſen Grad von Verſtand und einige Bil⸗ dung; aber jeder Fremde, jeder, der nicht in der Reſidenz geboren war, deſſen Herkunft, deſſen El⸗ tern und Großeltern er nicht kannte, ſchien ihm verdächtig und galt ihm für eine Art von Vagabund. Röschen fand ich hinter einem Tiſche begie⸗ rig meiner harrend, auf dem Schreibpapier ausge⸗ breitet war und ein ganz neues porcellanenes Schreib⸗ zeug ſtand. Sie erzählte mir vertraulich, daß ſie einem Geſpielen ihrer Kindheit, dem gegenüber woh⸗ nenden Schreinersſohne, ſchon in der Frühe des heutigen Morgens ihr Glück mitgetheilt habe, daß ſie nun Unterricht in allerlei nützlichen Dingen er⸗ — 58— halten ſollte und ich ſelbſt ſie im Schreiben unter⸗ weiſen werde. Darauf hatte denn der Schreiners⸗ ſohn und Kindheitsgeſpiele am heutigen Mittage das Schreibzeug zum Präſent gebracht und ihr al⸗ len möglichen guten Erfolg in ihren Bemühungen gewünſcht. Der Menſch wollte mir gar nicht gefallen, ob⸗ ſchon ich heute das erſte Wort von ihm hörte. Ich wurde zerſtreut und verdrießlich und hörte wenig auf die Außerungen des Dankes, welchen der kranke Gärtner von ſeinem Lager aus für das reichliche Geſchenk, das ich in der Nacht hinterlaſſen, an mich richtete. Röschens Liebenswürdigkeit, das Geſchick, welches ſie zu der neuen, ihr bisher gänz⸗ lich fremden UÜbung zeigte, erheiterten mich bald wieder. Zwei Stunden flogen ſo ſchnell und un⸗ bemerkt vorüber, daß ich nicht wenig erſtaunte, als die Uhr vom nahen Thurme die ſechſte Abendſtunde angab und mich erinnerte, daß es Zeit ſey, in's Theater zu gehen, wenn ich nicht einige meiner Lieblingsmuſikſtücke verſäumen wollte. Ich hatte oft nach dem Nebenzimmer gelauſcht, ob ich nicht einige Töne, nur eine leichte Paſſage aus dem Munde der wunderlichen Sängerin vernehmen werde; Alles war ruhig geblieben, bis auf einige ſchwere Seufzer, welche ich von Zeit zu Zeit hörte, und — 59— bei denen Röschen, als ich ſie erſtaunt und fragend angeblickt, immer tief erröthet war. Jetzt nahm ich Hut und Stock, um zu gehen, indem ich mor⸗ gen wieder zu kommen verſprach. Da wurde ge⸗ klopft, die Thüre öffnete ſich, und ein hübſcher, blü⸗ hender, junger Mann in bürgerlicher Kleidung, von dem mein Herz mir gleich ſagte, daß es der ver⸗ wünſchte Spielgenoſſe ſey, trat mit einer anſtändi⸗ gen Verbeugung herein. Zu meinem Arger mußte ich bemerken, daß Röschens Augen heller leuch⸗ teten, als ſie ihn erblickte. Er ging gerade zum Bette des Vaters, der ihm die Hand entgegenreichte, und ſagte dieſem:„er benutze jetzt die eintretende Feierſtunde, um die Kleinigkeit am Klavier zu re⸗ pariren, von der ihm Röschen geſprochen, er hoffe bald damit zu Stande zu ſeyn und wolle ihm dann wie gewöhnlich die Zeitung vorleſen, die er mitge⸗ bracht.“ Aus Allem erkannte ich, daß der junge Mann ſehr bekannt im Hauſe ſeyn müſſe. Ich ver⸗ biß meinen Grimm und warf, indem ich mich ent⸗ fernte, einen ſehr kalten und vornehmen Blick auf meinen Nebenbuhler, der eben das Glück hatte, von Röschen in das Nebenzimmer geführt zu werden. Mit den Qualen Othello's in der Bruſt eilte ich zum Othello. Nicht allein meine erwachende Liebe, auch mein Stolz war beleidigt. Blümleins — 60— Rede, in der er mich an den deutſchen Freiherrn erinnert, kam mir in den Sinn. Ein Freiherr und ein Schreinergeſell! Ein Edelmann, der jeden Tag den Kammerherrnſchlüſſel haben konnte, wenn er nur den Wunſch darnach laut werden laſſen wollte, und ein Mädchen, das auf öffentlicher Straße Blu⸗ men feil geboten hatte! Welche Kluft lag zwiſchen mir und jenem, zwiſchen mir und dieſer! Ach, die unendliche Liebenswürdigkeit Köschens füllte die letzte immer wieder aus, wenn mein Edelmannsſtolz ſie geöffnet hatte; wenn ich mir des Mädchens Bild zurückrief, wie ſie um Mitternacht, vom Strahle des Mondes beleuchtet, mit dem Blumenkörbchen im Arme an der Straßenecke geſeſſen hatte, da wandelten ſich alle Blumen in Adelsdiplome um und ihre Reize wurden zu Ahnen, die weit über die Zeiten der Kreuzzüge hinaufragten! Ich erkannte, daß ein entſcheidender Augenblick eintreten konnte, in welchem ich mich berufen fühlen möchte, für die Ebenbürdigkeit Röschens zu mir, aller Welt den Fehdehandſchuh hinzuwerfen, in welchem ich mei⸗ nen Freiherrnſtand nicht höher anſchlagen möchte, als ihr Blumenkörbchen, als ihre Armuth, ihre Kin⸗ desliebe, ihre Herzensgüte, als alle preiswürdigen Eigenſchaften, die ſie an den Tag legte, die aus ihrem ganzen Weſen ſprachen. — 61— In dieſer Stimmung kam ich in die Oper und träumte fort von Röschen und ihrer Lieblichkeit. Ich hörte nicht auf die Muſik, die mich doch ſonſt ſehr anzog, ich ſah nicht auf die Schaubühne vor mir, ſondern in die kleine Szene meines Herzens, wo Röschen als Prima Donna lebte und waltete. Ich würde vielleicht die ganze Darſtellung verträumt haben, wenn nicht ein ſeltſames Stöhnen neben mir, ein dumpfes Murmeln, Worte, die wie unter⸗ drückte Flüche klangen, mich geſtört hätten. Ich ſah auf und neben mir, etwas näher der Bühne, als ich, meinen alten Italiener, den Maöſtro Se⸗ baſtiano Infelice. Er ſtand auf den Fuß⸗ ſpitzen und ſah mühſam über die Schulter eines vor ihm ſtehenden größern Mannes nach der Bühne hin. Er ſchien keinen Augenblick Ruhe zu haben. Er bewegte ſich hin und her, er drehete den alten, zerknitterten Hut fortwährend in der Linken, wäh⸗ rend die Rechte geſchäftig in der Bruſttaſche wühlte. Konnte er das beſchwerliche Stehen auf den Fuß⸗ ſpitzen nicht länger ertragen, ſo ſtampfte er mit den Füßen und hörte nicht auf das Stille gebeee: tende Ziſchen der Nachbarn. Er war ganz verlo⸗ ren in die Empfindungen, welche das Stück oder irgend ein Individuum unter den Darſtellern in ihm erregte. Zechi, der unvergleichliche Sänger, b — 62— defand ſich gerade auf der Szene. Aller Ohren, aller Aufmerkſamkeit waren ſeinem Geſange und ſeinem Spiele zugewandt. Während man von al⸗ len Seiten halb unterdrückte Ausrufungen des En⸗ thuſiasmus, leiſes Klatſchen, anſtaunende Seufzer vernahm, gingen aus dem Munde des alten italie⸗ niſchen Maöſtro, deſſen Blicke, von dunkler Gluth beſeelt, jede Bewegung, jeden Schritt des Sängers verfolgten, jene Verwünſchungen, jene Flüche her⸗ dor. Carissima mia! ſang eben Zechi, Maledetto! ſchimpfte unſer Sebaſtiano. So ging es im feindſeligen Duett fort, und nicht ich allein war Zuhörer der Art und Weiſe, wie der Alte ſeine Partie ausführte, ſondern auch ein großer Theil der Umgebung mußte ſich dieſe ſtörende Dreingabe gefallen laſſen. Indem Zechi einen glänzenden Schlußtrillo ſchlug, trommelte Sebaſtiano ſo aarg mit den Füßen, daß viele Stimmen in der . Näͤhe laut wurden und die Hinausſchaffung des Störenfrieds verlangten. „Gott hat in ſeinem Zorne, in einem Grolle aauf mich dieſen alten Haſelanten in die Welt ge⸗ ſetzt!“ ſtöhnte ein dicker Herr hinter mir, in dem ich ſogleich den Kommercienrath erkannte.„Sie waren Zeuge, theuerſter Baron,“ fuhr er fort, nach⸗ dem er mich am Nockſchoße gezupft,„wie er mir — 63— heute das köſtlichſte Diner bei'm Deſſert in Gift und Opperment verwandelt durch ſeinen malitiöſen Geſang. Wie eine verbrannte Trüffelſauce, wie ein aufgewärmter Fiſch, wie ein übertägicher Krebs ging mir der miſerable Geſang hinab, und ich ließ lieber die delikate Crémetorte im Stich, als daß ich ausgehalten hätte bis zum Ende. Was geſchieht nun? Ich hoffe, mich in der zuckerſüßen, ſchaum⸗ artigen, gewürzvollen Roſſiniſchen Oper zu entſchä⸗ digen für die verlaſſene Crémetorte und da führt wieder mein böſer Genius den tollen Muſikanten her, daß er mir die ſchmackhafteſten Arien durch ſündliches Fluchen verdirbt, und die edelſten Lecker⸗ biſſen von Paſſagen, Coloraturen und wie die In⸗ gredenzien eines geſchmackvollen Geſanges alle heiſ⸗ ſen mögen, durch verrücktes Strampeln vor den Ohren wegnimmt. Was halten Sie davon, Ba⸗ ron? Mich weht es ordentlich gräulich an in der Nähe des Welſchen. Eine ungeheure Angſt er⸗ greift mich, der tolle Menſch wäre, wie es die Dich⸗ ter nennen, mein Fatum, das mich mit Unglück auf Schritt und Tritt verfolge, und mich am Ende. erwürgen werde in einer Situation, die das Leben am wünſchenswertheſten macht, bei einer Rebhuhn⸗ paſtete oder bei einem wilden Schweinskopfe. Ba⸗ ron, ich zittere in der Nähe des Welſchen und kann — 64— doch nicht fort von ihm in dem ungeheuren Ge⸗ dränge!“ In dieſem Augenblick fuhr ein elfenbeinerner Stockknopf, der mir bekannt war, vor meinen Augen vorüber. Er fiel auf die Schulter des Italieners nieder, der ſich überraſcht umſah, und ich vernahm Blümleins krähende Stimme: „Man menaggire ſich! Man ſtöre ein hochedles Publikum nicht im Kunſtgenuſſe durch lautes Ge⸗ rede und unziemliches Geſtrampel, man reſpectire die Anweſenheit der höchſten Herrſchaften, welche heutige Vorſtellung mit ihrer Gegenwart zu beehren geruhen, man reterire ſich, wenn man ſich etwa bewußt iſt, einen Trunk über den Durſt gethan zu haben, oder man halte ſich fein ruhig in den Grän⸗ zen des geſelligen Anſtandes, wenn man nicht ge⸗ fährden will, vom dienſtthuenden Polizeiperſonale zur Naiſon gebracht zu werden!“ Virgilius hatte ſich ſehr ereifert. Sein An⸗ geſicht brannte in dunkler Zornesgluth, das noch in der Luft ſchwebende Stöckchen zitterte in ſeiner Hand. Aller Trotz, alle Wildheit hatten ſich mit einem Male aus dem Weſen des Italieners verloren. Er ſtand demüthig mit geſenktem Haupte, er ließ die Hände ſchlaff herabhängen, und hörte geduldig auf des Polizeiaktuars heftige Rede. Als dieſer geen⸗ digt hatte, machte er eine tiefe, unterwürfige und bejahende Verbeugung, und verhielt ſich auch von nun an ſtill, ſo daß die Umſtehenden ſich nicht über ihn zu beklagen hatten. Seine Erſcheinung, ſein Benehmen war mir zu intereſſant geworden, als daß ihn ganz auſſer Acht hätte laſſen können. Ich bemerkte wohl, daß die Ruhe, die er jetzt zeigte, nur ſcheinbar war. Sonderbar dünkte es mich, daß nur Zechi's Erſcheinen auf dem Theater ihn in die ſtille Wuth verſetzte, die ſich dem aufmerkſamen Beobachter in einzelnen Symptomen verrieth. Die rechte Hand wühlte dann wieder in der Beuſttaſche, die Linke ſtreckte er krampfhaft geballt von ſich, ſeine Lippen bewegten ſich und ſchienen nun jene Schimpfwörter und Flüche, die er vorher laut aus⸗ geſtoßen, nur anzudeuten, ein ſeltſames Muskel⸗ ſpiel waltete, wie in einem eigenen, für ſich beſte⸗ henden Leben, auf Stirn und Antlitz. Zechi übertraf heute in Spiel und Geſang Al⸗ les, was man bisher von ihm geſehn und gehört hatte. Die Anlage zu der Unglücklichſten aller Leidenſchaften trat gleich Anfangs, leiſe wie weit entferntes Wetterleuchten, aus ſeiner tief wurzeln⸗ den Neigung zu Desdemonen hervor, ſie ent⸗ wickelte ſich langſam, wie ein aufſteigendes Gewit⸗ ter bei der Windſtille des Abends, ſie brach in III. 5 furchtbaren Wetterſchlägen aus, ſie vernichtete im niederſchmetternden Blitze. Alles war in Entzücken, in Bewunderung verloren. Auch mein wunderlicher Nachbar wurde gegen das Ende des Stücks ein ganz anderer. Aber wie die Anerkennung des Pu⸗ blikums ſich in tiefer Stille an den Tag legte, wie jeder von dem Tragiſchen des nahen Ausgangs grauenvoll ergriffen ſchien, wie aus ſchönen Augen Thränen geweint wurden, wie ſelbſt in der fürſtli⸗ Loge Prinzeſſin Eliſe, die Schweſter Sereniſſimi, die ſchon der Jugend erſte Blüthe der Zeit zum Opfer bringen müſſen, laut ſchluchzte, wie ſo die allgemeine Theilnahme ſich auf natürlichem, ganz gewöhnlichem Wege kund gab; ſo zeigte ſie ſich bei dem italieniſchen Maöſtro in einer ganz entgegenge⸗ ſetzten Weiſe, indem er leiſe in ſich hineinlachte, ſelt⸗ ſame Lazzi ſchnitt, Hohn und Spott auf die Lippen zu legen ſchien und von Zeit zu Zeit ſeltſame, un⸗ heimlich drohende Blicke auf die Bühne warf. Desdemona war getödtet. Othello ſah ſich enttäuſcht und wüthete gegen ſich ſelbſt. „Charmant!“ bebte es über die Lippen Seba⸗ ſtiano's.„Kann angenehme werden geſtorben, als im Adagio expressivo, in Cantabile doloroso.“ Er ſah mich an, aber ſchien mich nicht zu erkennen. Dann raffte er ſich plötzlich zuſammen, ſchob mit — 67— einer Kraft, die niemand dem alten hinfällig ſchei⸗ nenden Manne zutrauen konnte, die Zunächſtſtehen⸗ den auseinander und drängte ſich durch die Maſſe raſch nach dem Ausgange. Ich weiß nicht, welches Gefühl mich antrieb, ihm zu folgen. Auch Blüm⸗ lein war ihm ſchon auf den Ferſen und das be⸗ kannte Stockknöpfchen ſchwebte vor mir her und wies mir den Weg. Dem Polizeiaktuar mußte et⸗ was Verdächtiges in dem Weſen des Alten aufge⸗ fallen, die Ahnung von irgend etwas Böſem, das dieſer im Schilde führe, mußte in ihm erwacht ſeyn, er wollte den Italiener invigiliren, das war mir offenbar. Indem wir den Ausgang erreichten, war das Stück zu Ende und der Vorhang fiel. Ich befand mich jetzt dicht neben Blümlein, und faßte ſeinen Arm. Er ſuchte, indem er haſtig vorwärts drängte, ſich loszumachen und ſagte: „Haltet mich um Gotteswillen nicht auf, Baron! Der Alte möchte mir ſonſt entkommen und einen Frevel üben, der eine wohllöbliche Polizei vor Gott und Menſehen der Fahrläßigkeit anklagte. Er hat's auf den Zechi gemünzt. Seine Drohungen, ſeine Verwünſchungen ſind mir nicht entgangen, und mein ſcharfes Polizeiauge hat einen blanken Dolch unter ſehner Rockklappe ergattert.“ 5*† — 68— In dieſem Augenblicke ſahen wir den welſchen Maöſtro, der raſch, wie ein Jüngling, den Gang durcheilt hatte, in der Thüre verſchwinden, welche auf das Theater führte. Die Logen öffneten ſich, und die Menge ſtrömte heraus. Dieſer Umſtand war natürlich unſerm raſchen Vordringen hinderlich, und verzögerte dieſes. Endlich hatten wir uns durch⸗ gedrängt, endlich ſtiegen auch wir durch jenen Ein⸗ gang auf die Bühne, und ſandten nun unſere ſpä⸗ henden Blicke, zwiſchen den Couliſſen hin, nach Sebaſtiano Infelice, dem„geheimnißvollen Dolchritter,“ wie Blümlein ihn romantiſch be⸗ nannte. „Mord! Mord!“ ſchrie es da von der Scene. „Mord!“ wiederholte es ſich im vielſtimmigen Echo aus allen Garderoben. Sänger und Sängerinnen, Choriſten und Choriſtinnen ſtürtzten in wunderlicher Kleiderverwirrung herbei. „Zur Ruhe, zur Ordnung!“ krähete Blüm⸗ lein, und hob ſein Fiſchbeinſtöckchen.„Im Na⸗ men einer hochlöblichen Polizei ermahne ich jeglichen, ſich in ſeinen Schranken zu verhalten.“ Man hörte nicht auf ihn. Alles draͤngte nach der Scene. Ich war einer der erſten, die hier an⸗ langten. Da ſah ich den Sänger Zechi blutig und entſtellt im Ringkampfe mit dem alten Seba⸗ * * — 69— ſtiano. Dieſer ſchwang den blanken Dolch, von dem ſchon Blut herniederfloß, in der Rechten, und war bemüht, dem verwundeten Sänger, der ſich ge⸗ gen die wüthenden Angriffe des Alten bloß mit den Händen vertheidigte, einen tödtlichen Stoß beizu⸗ bringen. Zechi war ein Bild des Entſetzens. Dicke Schweißtropfen rannen von ſeiner Stirn über das geſchminkte Antlitz nieder. Seine ſonſt ſo leben⸗ digen Augen ſchienen zu Glas geworden und ſtarr⸗ ten den Alten wie eine Geſpenſtererſcheinung an. „Mord, Mord!“ lallte ſeine Zunge mechaniſch. „Ja, Caroli, deine Stunde iſt gekommen,“ wüthete in italieniſcher Sprache der Alte, und lachte grauenhaft dazwiſchen,„du mußt jetzt ſterben, weil du die Desdemona getödtet haſt, und der Bra⸗ bantio iſt kein Narr, daß er ſich das Henkeramt an dir nehmen ließe. Blut um Blut heißt es bei uns daheim, und die Blutrache iſt ſüß, wie der Orangenduft am Pauſilipp!“ „Neißt den Tollen von mir!“ zeterte plötzlich mit einer Gewaltanſtrengung der Sänger, denn er fühlte Sebaſtiano's Eiſen an ſeinem Halſe. Schon hatte ich den wüthenden Sebaſtiano ergriffen. Indem ich ihn raſch umſchlang und den gehobenen Arm mit dem Dolche niederdrückte, ſchie⸗ nen ihn ſeine Kräfte zu verlaſſen. Mit dem hin⸗ — 70— ſterbenden Ausrufe:„Giuliettal Giuliettal“ ſank er zu Boden, und verlor die Beſinnung. Den blutigen Dolch hielt meine Hand. Ohne zu wiſſen, was ich that, ſchob ich ihn in meine Bruſttaſche. Alles ſtürzte jetzt auf den ohnmächtigen Alten zu. Jeder glaubte ein Recht zu haben, den ruchloſen Mörder zu ſchmähen, zu verdammen, ihm im Vor⸗ aus das Urtheil zu ſprechen. Es wäre vielleicht dahin gekommen, daß man ſich an dem Wehrloſen thätlich vergriffen hätte, wenn ich nicht abgewehrt, wenn nicht Blümlein als eine Polizeiperſon da⸗ zwiſchen getreten wäre und erklärt hätte: er ſey dem Geſetze verfallen, und unverletzlich für Jeder⸗ mann, mit Ausnahme einer hohen Obrigkeit. Zechi, der aus einer Wunde in der Schulter blutete, ſchwankte, auf einen Statiſten geſtützt, vor. Während die Damen und Herren vom Theater ſich zu ihm drängten, um ihm ihre Gratulationen abzu⸗ zuſtatten, ſah er mit ſcheuen Blicken auf den be⸗ wußtloſen Sebaſtiano. Er berührte, ohne daß er ſich bemerkt glaubte, deſſen Körper leiſe mit dem Fuße und ſprach dann dumpf in ſich hinein, ſo daß nur ich, der ihm am nächſten ſtand, es hö⸗ ren konnte: „Er lebt, er iſt es wirklich! Kein Geſpenſt, — 21 ·— kein Rückkehrender aus dem Grabe: Sebaſtiano iſt es ſelbſt!“ Als erlebe er in dieſem Augenblicke ein wunder⸗ bares, unerklärliches Ereigniß, ſah er mit dem Aus⸗ drucke einer völligen Geiſteslähmung ſtarr vor ſich hin. Meinen Kopf durchkreuzten ſeltſame, verwirrte Gedanken. Was ich von dem Alten gehört hatte, was ich jetzt ſah, was ich aus dem Munde Zechi's vernahm, was ſchon früher dunkle Gerüchte von dem Sänger geſagt hatten: Alles häufte ſich in meiner Phantaſie zu ſeltſamen Vermuthungen, die den Signor Zechi nicht im Lichte der reinſten Un⸗ ſchuld erſcheinen ließen. Die Wache kam, um ſich des Verbrechers zu bemächtigen. Man bemühete ſich vergebens, ihn zu ſich zu bringen. Die Ohnmacht, in der er lag, wollte ſich nicht löſen, und man ſah ſich genöthigt, ihn auf einer Tragbahre fortzuſchaffen. „Laßt ihn, laßt ihn!“ rief der Zechi mit al⸗ ler Anſtrengung der Kräfte, welche ihm der Blut⸗ verluſt nicht geraubt hatte.„Ich kenne den Alten ſchon. Er iſt ein armer Wahnſinniger, er iſt un⸗ ſchädlich, ſobald ſein Anfall vorüber iſt. Es wäre ungerecht, ihn zur Strafe, zur Verantwortung zu ziehn. Laßt ihn ruhig nach Hauſe gehn, wenn er ſich erholt hat. Hört nicht auf das Gerede ſeines ——————— — 22— Wahnſinns, ſeiner irren Träume. Er hält ſich in dieſen oft für einen weltberühmten, großen Muſi⸗ kus, mich für ſeinen Todfeind. Laßt den Armen frei und beunruhigt ihn nicht weiter!“ „Mit Nichten!“ verſetzte in einem ſcharfen Tone und mit einem ſtechenden Blicke, der etwas Ge⸗ heimnißvolles in ſich trug, der Polizeiaktuar. „Sie ſelbſt, mein verehrter Signor Zechi, Caroli oder wie Sie ſonſt ſich zu nennen belie⸗ ben mögen, werden einſehen, daß es Pflicht einer hohen Obrigkeit iſt, ſolchen verbrecheriſchen Verſu⸗ chen gegen das koſtbare Leben eines dem Hofe wie der Stadt hochwerthen Künſtlers auf den Grund zu kommen, beſonders, wenn, wie es hier der Fall iſt, vom Delinquenten Worte ausgeſtoßen wurden, die auf anderweitige, eben ſo wichtige Unterſuchun⸗ gen leiten. Delinquent wird vor der Hand in po⸗ lizeilichen Gewahrſam gebracht, dort vorläufig ver⸗ hört und weiter, wie es der Geſchäftsgang will, einem hohen Kriminalgerichte übergeben. Übrigens empfehle mich zum beſten Angedenken, mein wer⸗ ther Signor, und habe die Ehre, gute Beſſerung zu wünſchen.“— Er ſchwang ſein Fiſchbeinſtöckchen und gab der Wache das Signal, den Ohnmächtigen fortzubringen. Zechi ſandte ihm einen giftigen Blick nach, lächelte, — 23— nach einigem Beſinnen, höhniſch für ſich hin, und ſchwankte dann nach dem Ausgange, ſeinem Wagen zu, der indeſſen vorgefahren war. Caroli iſt die Loſung. Am nächſten Morgen erwachte ich mit einem heftigen Kopfſchmerze, mit einem Gefühle der Dumpf⸗ heit und Ode, das mir höchſt läſtig war. Ich hatte die Nacht hindurch häßliche, verworrene Träume ge⸗ habt. Fort und fort klang in meine Ohren der Geſang von Röschens wunderlicher Mutter, dazu hatte in ſeltſamen, grauenhaften Sprüngen der alte Sebaſtiano Infelice einen Tanz aufgeführt, bei welchem Zechi ſein Partner geweſen, bis endlich Sebaſtiano ſich in einen Geier verwan⸗ delt habe, Zechi zum angeſchmiedeten Prometheus geworden ſey, und jener ſich nun, wie einſt der Rachediener Jupiters an dem Bildner des Men⸗ ſchengeſchlechtes, an der Leber des angeſchmiedeten Sängers geletzt. Aus dieſen tollen Träumen er⸗ wachte ich durch ein lautes Klopfen an meiner Thüre, das ſich ſehr raſch und haſtig wiederholte. Auf mein ungeduldiges;„Herein!“ erſchien ſo⸗ gleich odemlos mein Tafelnachbar, der Kommerzien⸗ rath Meuſelwitz. — 74— „Freundchen, Herzensſeele,“ keuchte der Er⸗ ſchöpfte:„ich ſuche Sie ſeit einer Stunde ſchon, wie eine Stecknadel. Was, Himmel, treiben Sie auch, daß Sie bis Glockenſchlag eilf im Bette lie⸗ gen und weder ſuperfeine Vanille⸗Chokolade bei Nannini, noch herzſtärkenden Caviar bei Le⸗ gendre, dem erquicklichen Reſtaurateur, nehmen? Ihnen zu Gefallen habe ich bereits beides genoſſen, denn Sie ſind der Mann des Tages geworden, Sie mußte ich ſprechen, von Ihnen die gräßliche Mord⸗ geſchichte des geſtrigen Abends vernehmen, bei der Sie Zeuge geweſen, bei der Sie ein köſtliches Men⸗ ſchenleben gerettet.“ Ich ſah nach der Pendule. In der That war die eilfte Stunde ſchon vorüber, und ich hatte weit über meine Gewohnheit der Ruhe geopfert. „Sie liegen nun einmal noch im Bette,“ fuhr indeſſen der Kommercienrath fort,„und ich laſſe Sie jetzt nicht heraus. Sie müſſen mir erſt die blutige Begebenheit mit allen kleinen Einzelnheiten, mit allen jenen Umſtänden und Umſtändchen er⸗ zählen, die ihr das eigentlich Pikante geben. Ich habe vor der Hand nur einen kleinen Vorgeſchmack davon, faſt nur den Duft, wie er geſtern Abends an der Table d'Höte aushauchte, wie er bei Nan⸗ nini und Legendre heute Morgens aufſtieg, — 75— wie Alt und Jung in der Reſidenz ihn aus un⸗ beſtimmten Gerüchten hat. Ich aber liebe das Conſiſtente, das Wahre von jeder Sache. Deshalb komme ich zu Ihnen, Baron. Wie war die Sache, wie hat ſie auf Ihre Nerven gewirkt, auf Ihren Appetit? Sie erinnern ſich, Baron, daß der alte Bandit geſtern Abends in unſerer Nähe ſtand im Parterre? Wie leicht hätte ihn nicht da ſchon die Mordluſt befallen können, und er hätte den Dolch auf Sie gezückt, oder gar auf mich, und einen von uns abgeſchlachtet noch vor dem Abendeſſen! Doch Sie ſollen erzählen, ich will hören, ich will ſtumm ſeyn wie ein Fiſch und die delikate Erzählung in mich ziehn, in mich ſaugen, wie eine Bisquitſchnitte und feinen Dry Madera.“ Ich ſah ein, daß ich mir den überläſtigen Schwätzer nicht anders vom Halſe ſchaffen könne, als indem ich ſein Verlangen befriedigte. Ich er⸗ zählte ihm, was er wiſſen ſollte, die einfache That⸗ ſache, wie ſie ſich begeben hatte, nichts von meinen Vermuthungen, nicht, daß der Alte den Sänger Caroli genannt habe, nichts von Zechi's bedeu⸗ tungsvollem Selbſtgeſpräche. „Das iſt Alles?“ ſagte er, nachdem ich geen⸗ digt hatte, gedehnt und im Tone der Unzufrieden⸗ heit.„Wahrhaftig, da iſt die Sauce, welche die — 76— Klatſchlippen unſerer lieben Reſidenz dazu geben, intereſſanter, als der Braten, den ſie auftiſchen, Baron! Geſtern Abend ſchon waren ganz andere Dinge im Umlaufe. Der Alte ſollte den Zechi, wegen einer frühern italieniſchen Angelegenheit, auf⸗ gefordert haben, ſich mit ihm zu ſchießen über den Mantel oder über's Schnupftuch, Sie, Baron, dem ſich der Bandit geſtern Mittag bei'm Burgunder im römiſchen Kaiſer halb und halb vertraut, wären erbötig geweſen, deſſen Sekundant zu ſeyn, und erſt, als der Zechi feſt auf ſeiner Weigerung be⸗ harrt, dem Bettelmuſikanten im Duelle zu ſtehen, habe dieſer den Dolch gezogen und ſich mit der Wuth eines wahren Kannibalen und Menſchenfreſ⸗ ſers auf ihn geworfen. Wenn nun an allem die⸗ ſem nichts iſt, ſo verliert die Sache ihren köſtlich⸗ ſten Beigeſchmack, die feine romantiſche Würze, den Citronenſaft zur Auſter.“ „Kommercienrath,“ antwortete ich, indem ich mich des Lachens nicht enthalten konnte,„Sie ſind in der That der merkwürdigſte Koch, der mir noch vorgekommen iſt. Sie wären im Stande, aus einer Mordgeſchichte eine soupe à la tortur, eine Straßburger Paſtete oder ein Wiener⸗Gebackenes zu machen.“ „Larifari!“ verſetzte ärgerlich Meuſelwitz; —C—C———ę—ę—ę—Q—N: — 2— „es verdrießt mich nur, daß ich den Bekannten und Freunden auf dem Mittagsſpaziergange nichts Neues präſentiren kann, was die Geſchichte angeht; daß Ihre Thatſache, bis auf das Geheimniß, das noch im Hintergrunde ruht, ſo ſehr geſchmacklos und ungeſalzen iſt. Ich will Ihnen dagegen Beſſeres mittheilen, Baron, was Sie noch nicht wiſſen, was Sie verſchlafen haben. Die ganze Sache iſt,“ fuhr er leiſe, indem er ſich zu meinem Ohre nieder⸗ beugte, fort,„auf höchſten Befehl niedergeſchlagen worden. Es darf keine polizeiliche, keine krimina⸗ liſtiſche Unterſuchung ſtatt finden. Der alte Lau⸗ tenſchläger iſt noch im Laufe der Nacht aus dem Polizeigefängniß als ein Verrückter in's Irrenhaus gebracht worden. Niemand darf ihn ſehen, Nie⸗ mand ihn ſprechen. Zechi leidet ſehr an ſeiner Wunde; Sereniſſimus ſelbſt haben ihm ſeinen Leib⸗ arzt geſchickt. Man munkelt vielerlei hin und her über dieſen ſeltſamen Ausgang der Sache, man kocht eine wahre Olla Potrida von tollen Meinun⸗ gen zuſammen und vertheilt ſie in Portionen unter's Publikum. Wohlunterrichtete Leute, Männer, die bei Hofe Etwas gelten, wollen wiſſen, daß Prin⸗ zeſſin Eliſe, von der es bekannt iſt, daß ſie einige Schwachheit für den Sänger empfindet, auf Zechi's Anſuchen, ſich höchſten Ortes dahin verwendet habe, — 28— daß die Angelegenheit auf dieſe Weiſe unterdruͤckt worden. Zechi's Lob iſt in aller Munde. Er wird geprieſen wegen ſeiner Verſöhnlichkeit, wegen ſeiner Großmuth; denn wäre die Geſchichte auf dem Wege Rechtens durchgeführt worden, ſo hätte der alte Bluthund den Kopf verloren, vielleicht vor⸗ her noch die Hand, weil er mit dieſer gefrevelt im herrſchaftlichen Theatergebäude.“ Mir ahnete, daß Signor Zechi wohl noch an⸗ dere Gründe haben möchte, den Sebaſtiano In⸗ felice einer Unterſuchung zu entziehn, die weiter führen konnte, als ihm lieb war. Aus dem Be⸗ klagten konnte ein Ankläger, aus demjenigen, der ſich jetzt durch ſeine ſcheinbare Gutmüthigkeit den Beifall der Welt erwarb, ein Verabſcheueter werden. Der Alte dauerte mich. Ich hatte ihm einmal meine Theilnahme geſchenkt, das Unglück, welches offenbar ſeine tiefſten Spuren in ſein Inneres ge⸗ graben, hatte mir ihn lieb gemacht, ich konnte die That, welche ihn jetzt vor den Augen der Menſchen als einen verdammungswürdigen Verbrecher erſchei⸗ nen ließ, nur als die Verirrung einer gereizten Lei⸗ denſchaft, nicht als das Ergebniß einer lange nach⸗ tragenden Tücke anſehn. Ich konnte mich nicht entſchließen, ihn ſeinem Schickſale zu überlaſſen. Viel Räthſelhaftes lag noch für mich in ſeinem — 29— ganzen Weſen, aber der Schleier war doch etwas gehoben, und ich rechnete darauf, ihn ganz zu ent⸗ fernen, Alles klar und offenbar zu ſehen, um dem Unglücklichen vielleicht zu nützen. Sobald ich mich des Kommerzienrathes entle⸗ digt hatte, eilte ich zu Blümlein. Er empfing mich mit einem verdrüßlichen Geſichte. Er mußte eben nach Hauſe gekommen ſeyn, denn er hatte Hut und Fiſchbeinſtöckchen noch nicht abgelegt und ging, mit dem letzten wild in der Luft fechtend, unruhig in der Stube auf und nieder.— „Was hilft uns nun Alles?“ ſagte er nach der erſten Begrüßung:„Euch der Heldenmuth, mit dem Ihr einem weltberühmten Virtuoſo das Leben gerettet, mir die polizeiliche Wachſamkeit, mit der ich dem alten Mordmenſchen auf Schritten und Tritten nachgegangen bin? Ihr habt doch wenig⸗ ſtens den Ruhm davon, Euer Name wird glänzen in Zeitungen, in politiſchen und unpolitiſchen, in ele⸗ ganten und uneleganten! Was aber habe ich? Frei⸗ lich dürſte ich nach ſolchem publiken Lobe nicht, aber dem Subalternen thut es wohl, wenn die Obern ſeine Thätigkeit, ſeinen Eifer im Dienſte anerken⸗ nen, es wäre zur Unterſuchung, zum Protokolliren gekommen, man hätte eingeſehen, wie der Polizei⸗ amtsaktuar Virgilius Blümlein etwa geeig⸗ — 80— net wäre, höoͤher zu ſteigen und die nächſte vacante Aſſeſſorſtelle hätte mir nicht gefehlt. Baron, Baron,“ fuhr er in einem wichtigen, feierlichen Tone fort, „es ſchlummern da im nächtlichen Hintergrunde dieſer Sache noch wunderliche Dinge, die ein ge⸗ ſcheiter Polizeiamtsaktuar an den Tag bringen könnte! O, ich verſtehe Italieniſch genug, um begriffen zu haben, daß der Alte den weltberühmten Signor Zechi„Caroli“ nannte, ich beſitze ein ſcharfes Auge, um zu ſehen, wie Signor Zechi bei dieſer Anrede unter der Schminke erblaßte, ich habe im vieljäh⸗ rigen Dienſte hinlängliche Menſchenkenntniß erwor⸗ ben, um in dieſem Erblaſſen die Sprache des bö⸗ ſen Gewiſſens zu erkennen! Umſonſt wollte der Alte ihm nicht an den Kragen. Und Caroli?— Baron,“ ſetzte er leiſe hinzu,„der Name ſteht auf einer gewiſſen Liſte, auf der kein rechtſchaffener Mann den ſeinigen leſen möchte! Doch ich muß ſchweigen, der Herr Director haben mir ſelbſt den Mund gebunden. Die ganze Geſchichte ſoll begra⸗ ben werden hinter den eiſernen Gitterſtäben des Irrenhauſes, und eine zarte, ſentimentale Verwen⸗ dung von Prinzeſſin Eliſe an höchſter Stelle bläst die Gleichheit vor dem Gefolge fort, wie ein böſer Bube eine Seifenblaſe; ein treuer Diener der Ge⸗ rechtigkeit erhält eine lange Naſe, wo er Beförde⸗ — — 81— rung und nächſt dieſer die Civilverdienſtmedgille er⸗ wartete, keine Unterſuchung, kein Protokoll, kein richtiger Verlauf auf dem Wege Rechtens— kurz, Baron! ich habe dergleichen noch nicht erlebt, ſeit ich prakticire.“ „Aber was iſt es denn eigentlich mit dieſem Caroli, was ſagt Euch Euere Liſte von ihm?“ fragte ich neugierig.„Ihr wißt, Virgilius, zu mir könnt Ihr aufrichtig ſprechen, meine Bruſt iſt verſchloſſen, wie ein Grab.“ „Kein Wort weiter!“ verſetzte Blümlein und preßte den elfenbeinernen Stockknopf wider die Lip⸗ pen.„Wenn unſer einem auch manchmal etwas Menſchliches befällt, und die Geduld ihn verläßt, und er dann herausplaudert, was er nicht ſoll, ſo erinnert er ſich doch bald wieder, daß Pflichten auf ihm ruhen, ſchwere, gewichtige Pflichten, von denen freilich ein Leichtfuß, wie Ihr, Baron, nichts weiß. Aber legt ab, ſetzt Euch, Baron, ich will mir's auch bequem machen.“ Bei Virgilius war Alles ſo nett und er lich eingerichtet, wie im Boudoir einer Gräfin. Nichts von jener genialen Unordnung, jener ſorgloſen Nach⸗ läßigkeit, die ſonſt die häusliche Einrichtung eines Junggeſellen bezeichnen. Er hatte von ſeinen El⸗ tern ein bedeutendes Vermögen geerbt, von dem er III. 6 4 — 82— nur nicht gern ſprach, ſondern ſich lieber fuͤr ſehr arm ausgab, er diente dem Staate mehr aus Am⸗ bition, als um der Beſoldung willen, er ritt ſein Steckenpferd, indem er ſich eine Reihe von Zimmern hielt, die ſämmtlich auf das Glänzendſte meublirt waren, in denen es an keinem Luxusartikel, der ſie ſchmücken konnte, fehlte. Man konnte ſich deshalb recht behaglich bei ihm fühlen, und da ich ohnehin weitere Abſichten mit ihm hatte, ſo folgte ich ſeiner Einladung. „Blümlein,“ ſagte ich, indem ich mich auf die elaſtiſche Ottomane ſtreckte,„ich will Euch ge⸗ ſtehen, daß ich einen beſondern Antheil an dem armen, alten Sebaſtiano nehme. Verfährt man recht, verfährt man billig mit ihm? Ich wette darauf, bei einer nähern, genauen Unterſuchung hätte ſich ausgewieſen, daß er eine ſchwere Schuld an den Zechi abzutragen hat, daß ſein Verbrechen bei Weitem nicht ſo groß iſt, wie es ſcheint, daß der Ruhmestempel des welſchen Gurgelvirtuoſen zuſam⸗ menfällt, wie ein Kartenhaus.“ „Meine ich denn nicht daſſelbe,“ erwiederte hitzig der Aktuar, der ſich indeſſen in einen blendend⸗ weißen Hausrock geworfen hatte.„Himmelſchreiend iſt es, daß man ihn auf Zeitlebens vielleicht unter die Narren ſteckt; zu den Maleficanten, zu vernünf⸗ ⸗ — 83— tigen, wohl conſtituirten Malificanten hätte er ge⸗ hört, bis ſich die Sache klar ausgeſtellt hätte, bis der Grad ſeiner Strafbarkeit aus dem quid juris hervorgegangen wäre.“ „Wir müſſen ihm ſein Loos zu erleichten ſu⸗ chen;“ fuhr ich fort, indem ich vertraulich näher rückte.„Wer weiß, ob ich nicht einen Theil von des Alten übereilter Handlung zu verantworten habe, da ich ihn Nachmittags mit Burgunder trac⸗ tirt, der ihn vielleicht überreizte und in eine blut⸗ dürſtige Stimmung verſetzte. Es drängt mich in meinem Gewiſſen, ihn zu troͤſten, ihm Muth ein⸗ zuſprechen. Dann iſt er gewiß auch ohne Geld, ohne das Nothwendigſte. Hört mich ruhig an, Virgilius, und laßt Euch rühren, laßt Euch in eine weiche, nachgiebige Stimmung verſetzen. Denkt an das graue Haar des Alten, an die wenigen Le⸗ bensjahre, die ihm noch übrig ſind, an den ſchreck⸗ lichen Aufenthalt, zu dem ihn eine thörigte Milde, oder vielmehr eine Intrike ſeines Gegners ver⸗ dammt hat! Vergeßt einmal den Polizeiaktuar, den Aktenmenſch, den Protokollführer, ſeyd nur rein ein Menſch, ein Chriſt, ein Nächſter, der ſeinem Näch⸗ ſten Mitleiden und Wohlwollen ſchenkt. Ich hoffe, Ihr ſehd nun hinlänglich gerührt und in dieſer Vorausſetzung will ich Euch denn meinen Wunſch 6* — 84— offenbaren. Ich möchte den Alten gern ſehen und ſprechen. Ich weiß, daß Ihr Leute vom Amte alle miteinander wohl vertraut ſehd, daß eine Dienſt⸗ leiſtung die andere gewinnt, daß eine Hand die andere wäſcht. Euch kann es nicht ſchwer fallen, durch Euere Bekanntſchaften Eingang in's Spital, in den Kerker Sebaſtiano's zu bekommen. Dann nehmt Ihr mich mit, dann bereiten wir dem Alten eine gute Stunde, dann feiert Euer Menſchengefühl den ſchönſten Triumph!“ „Es geht nicht,“ antwortetete barſch Virgi⸗ lius, und ſah ſtarr zur Erde.„Es geht wahr⸗ haftig nicht!“ ſetzte er in einem ſchon mildern Tone hinzu. „Virgilius,“ hob ich auf's Neue an, und ergriff ſeine Hand, die er mir überließ:„ich be⸗ ſitze noch immer die künſtliche Pendule mit der Mechanik von Droz. Ihr habt ſie Euch tauſend⸗ mal gewünſcht, Ihr habt mich tauſendmal um ihren Beſitz beneidet. Sie iſt Euer, wenn Ihr mir Zu⸗ gang zu dem alten Italiener verſchafft!“ Ich hatte den Polizeiaktuar an ſeiner ſchwa⸗ chen Seite angegriffen. Er ſprang auf und durch⸗ ſchritt einigemal haſtig das Zimmer. Dann blieb er vor mir ſtehen, ſah mich eine kurze Zeit nach⸗ — 85— ſinnend an, und ſprach hierauf, indem er ſich mit dem Taſchentuche über die Augen fuhr: „Wahrhaftig, Baron, Ihr habt mich gerührt, und wenn die Rührung nicht gleich zum Durch⸗ bruche kam, ſo war es nur deshalb, weil ich ihr die Amtswürde, das Polizeigefühl entgegenſtellte. Aber jetzt kann ich nicht länger meine wahre Ge⸗ ſinnung verbergen. Ja, Baron, ich bin in dieſem Augenblicke ein reiner Menſch, ein liebevoller Näch⸗ ſter, und den Aktuar habe ich weit hinweggeſcho⸗ ben in die Aktenſtube, in die Regiſtratur wohllöb⸗ lichen Amtes! Wir wollen den Alten ſelbander be⸗ ſuchen. Wir wollen ihm Troſt, wir wollen ihm Mitgefühl bringen. Ich werde eine Flaſche Wein und kalten Braten einſtecken, um ihm beſſere Be⸗ griffe von der Menſchheit einzupflanzen. Er ſoll nicht an ihr verzweifeln, er ſoll ſehen, daß es noch ſchöne Seelen, ſelbſt in hieſiger Reſidenz gibt, daß ſogar ein Polizeibeamter auch ein Menſch ſeyn kann. Aber reinen Mund gehalten, Baron! Keinem Men⸗ ſchen eine Silbe geſtanden, und wenn Daumſchrau⸗ ben und ſpaniſche Stiefeln angelegt würden! Der Mond geht erſt gegen Mitternacht auf. Das müſ⸗ ſen wir berückſichtigen. Um zehn Uhr präziſe fin⸗ den wir uns an der hintern Rotunde der Domkirche: das Loſungswort iſt Caroli. Für das Übrige — 86— laßt mich ſorgen. Wir haben Mittel und Wege, allenthalben einzutreten, wo eine hohe Obrigkeit waltet, einer wohllöblichen Polizei iſt keine Thüre verſchloſſen.“ „Ihr ſeyd ein Prachtmenſch, Virgilius!“ rief ich aufſpringend.„In einer halben Stunde habt Ihr die Pendule im Hauſe.“ „Ich nehme ſie an,“ verſetzte Blümlein, in⸗ dem er mich zurückhielt:„aber nur unter einer Bedingung. Ich zahle Euch den Preis, den ſie Euch koſtet. Beſtechen läßt ſich ein Mitglied hieſigen wohllöblichen Polizeiamts nicht, aber wohl durch eine Gefälligkeit verbinden. Ich weiß, Baron, wie lieb Euch die Pendule iſt, daß Ihr ſie eben ſo hoch haltet, wie ich ſie hoch halten werde, und dennoch ſeyd Ihr edel genug, Euch von ihr tren⸗ nen zu wollen, um einem Unglücklichen Troſt und Hülfe zu bringen! Das hat mich gerührt, das hat mich bewegt bis tief in meine Bruſt hinab, das hat mich beinahe zu Thränen genöthigt, die einem Manne in meinem Amte durchaus nicht geziemen. Dieſer ſchönen Stunde zum Gedächtniß werde ich die Uhr bewahren. Sie ſoll den Ehrenplatz auf meinem Se⸗ kretär von Citronenholz erhalten, und jedesmal, wenn der Mohr heraustritt mit dem Colibri im kleinen goldnen Käficht und der Colibri anfängt — 87— mit den Flügeln zu ſchlagen, das Smaragdhäls⸗ chen zu drehen und ſein Liedchen zu pfeifen, dann werde ich mich Eurer und Eurer Menſchenliebe er⸗ innern, dann werde ich des Augenblicks gedenken, wo wir im edeln Bund beſchloſſen, einen Unglück⸗ lichen zu tröſten, ihn mit Wein und kaltem Braten zu erheitern.“ Der Aktuarius war wirklich gerührt. Eine große Thräne glänzte in dem einen Auge, während das andre nach dem Platze ſchielte, den die Pendule in Zukunft einnehmen ſollte. Er begleitete mich zur Treppe. Dort drückte er mir abſchiednehmend die Hand und ſagte noch einmal: „Caroli iſt die Loſung!“ Der Beſuch bei Zechi. Um mich den überläſtigen Fragen der Neugie⸗ rigen zu entziehen, beſchloß ich heute nicht, wie gewöhnlich, die Wirthstafel im roͤmiſchen Kaiſer zu beſuchen, ſondern mein Mittagsmahl ganz einſam in meinem Zimmer zu nehmen. Als ich zu Hauſe anlangte, war ich nicht wenig betroffen, ein Billet von Signor Zechi zu finden, das, mit zitternder, ſchwacher Hand geſchrieben, Worte des Dankes an ſeinen Lebensretter und eine Einladung, ihn zu be⸗ — 88— ſuchen, enthielt. Was konnte mir erwünſchter ſeyn? Welche herrliche Gelegenheit bot ſich mir dar, ihn zu beobachten, durch einzelne Bemerkungen, un⸗ ſcheinbar hingeworfene Worte vielleicht irgend eine übereilung, eine Unbeſonnenheit von ſeiner Seite zu veranlaſſen, die mir einen Aufſchluß über ſein Verhältniß zu Sebaſtiano Infelice gaben. Wußte ich denn nicht bereits mancherlei, was hier dienen konnte, von der Tochter Giulietta, von dem Sänger Carolis hatte er nicht ſelbſt ſich von dem Alten mit dem Namen Caroli nennen hören, und gezittert vor dem Worte, das ihn un⸗ erwartet traf, ſtand er nicht da vor dem Alten, wie ein Sünder vor ſeinem Richter? Ohne zu zögern, trat ich den Weg nach Zechi's Wohnung an. Der Vorſaal war mit Livreedienern angefüllt, die ſich Namens ihrer Herrſchaften nach ſeinem Befinden erkundigen ſollten. Man ſchien mich zu erwarten. Zechi's Jockey ſprang ſogleich vor und benachrichtigte mich, er habe Befehl, mich im Augenblicke meiner Ankunft bei dem Verwun⸗ deten einzuführen. In dem dämmerigen Zimmer fand ich nur ihn und den fürſtlichen Leibarzt, der in ängſtlicher, beſorgnißvoller Stellung an ſeinem Lager ſtand. Ich erhielt einen Wink, mich ſtill zu verhalten. Zechi phantaſirte. Er brachte das wun⸗ — 99— derlichſte Zeug in italieniſcher Sprache vor, die Namen Giulietta und Sebaſtiano klangen dazwiſchen, dann ſprach er auch von der Prinzeſſin Eliſa, von Desdemona und Othello, von Roſſini's mörderiſcher Muſik und beſonders dem Finale, das er mit obligater Dolchbegleitung com⸗ ponirt habe. Aus Allem ging hervor, daß in der That mein Verdacht gegründet, daß Sebaſtiano nicht in einer bloßen augenblicklichen Geiſtesverwir⸗ rung das Meſſer auf ihn gezückt habe. „Fatal, daß der Menſch in einer neuen unklaſ⸗ ſiſchen Sprache phantaſirt,“ flüſterte der Arzt mir zu,„die aanihe des Hyppocrates nicht gehal⸗ ten iſt, zu verſtehn! Das ordinäre, commune Deutſch laſſe ich mir noch gefallen, denn das ſaugt man mit der Ammenmilch ein, das lernt man in der Kinderſtube, und auf der Straße. Da kann man denn auch die Phantasmata der Landeskinder hin⸗ länglich begreifen, würdigen und ſelbſt für die Cur benutzen. Aber ein jeder Fremder, der in andere Länder reiſt, wo eine andere Sprache, als die ſei⸗ nige, geſprochen wird, ſollte von Rechtswegen, wie die Ungarn, lateiniſch ſprechen, um, wäre es auch nur für einen Krankheitsfall, in der gelehrten Sprache zu phantaſiren, in der Sprache, in der wir Arzte ohnehin delibriren, conſultiren, receptiren — 909— und curiren. Doch, silentium! Der Kranke wird ruhiger. Treten Sie noch ein wenig zurück, Herr Baron! Ich werde ihm einige Tropfen appliciren, die der Gluth des Fiebers entgegenarbeiten, ich werde dieſen Ausbruch moderiren und hoffentlich in einen friedlichen Zuſtand reduciren.“ Zechi hatte die Arme, mit denen er ſehr in der Luft gearbeitet hatte, ſinken laſſen, die Augen geſchloſſen, und war nun ſtill geworden. Durch die heftige Bewegung hatte ſich der Verband um ſeine Schulter gelöſt und der Medicinalrath mußte ihn feſter binden. Dann gab er die Tropfen, die wirklich einen ſo guten Erfolg hatten, daß Zechi bald die Augen wieder öffnete, und ſich mit einem Seufzer aufrichtete. Der Medicinalrath prüfte den Puls, ſah dann nach der Uhr und ſagte haſtig: „Es hat nichts mehr zu bedeuten, liebwertheſter Signor! Der Anfall iſt glücklich paſſirt und wird vor Abends, wenn nicht beſondere Umſtände arrivi⸗ ren, nicht retourniren. Nur hübſch gelaſſen, tran⸗ quill und moderat! Waſſer mit Himbeerſaft, Limo⸗ nade, Zuckerwaſſer, dann und wann ein niederſchla⸗ gendes Pulver— mehr bedarf es nicht, um das Gleichgewicht der Körperkräfte zu retabliren. Was die Wunde betrifft, ſo führt ſie nicht die mindeſte Gefahr mit ſich, aber für Hof und Stadt die trau⸗ — 91— rige Nothwendigkeit, ihren Liebling, den hohen Meiſter des Geſanges, auf Wochen vielleicht noch entbehren zu müſſen. Jetzt ruft mich die Pflicht zur Prinzeſſin Eliſe. Die arme Hoheit! Schon ſeit geſtern Abend liegt ſie in Krämpfen und ſpricht nur von Dolch und Mord. Auf Wiederſehn, lieb⸗ wertheſter Signor! Ich laſſe Sie in der beſten Geſellſchaft, mit unſerm theuren Baron, Ihrem hochgeprieſenen Lebensretter.“ Während der Medicinalrath ſich zur Thüre hin⸗ ausdrehete, fielen Zechi's Blicke auf mich. Er erkannte mich und lächelte zu mir hin; aber in dieſem Lächeln lag etwas Scheues, Forſchendes und Lauerndes, das mir auffallen mußte. Ich nahm auf ſeine Einladung an ſeinem Lager Platz. Er ſchien unentſchloſſen, wie er das Geſpräch mit mir eröffnen ſolle. Endlich begann er in einem ſehr verbindlichen Tone: „Sie haben mir geſtern einen ſo großen Dienſt erwieſen, daß ich mir es nicht verſagen konnte, Ihnen mündlich meinen Dank abzuſtatten. Aber Sie ſprechen vielleicht Italieniſch und mir fällt das Deutſche ſo ſchwer?“ ſetzte er hinzu, indem ſein Auge liſtig auf mir ruhte. Ich erkannte, daß dieſe Frage abſichtlich ſey, aber ich bejahete ſie ungezwungen. Eine flüchtige Köthe flog über ſein Angeſicht. Ich ſah in ſeine Seele. Er konnte denken, daß ich Sebaſtiano's Ausruf bei deſſen Angriff auf ſeine Perſon vernom⸗ men habe, er ſchien aber noch unentſchieden, er hoffte vielleicht noch, ich hätte ihn überhört. „So Wunderliches iſt mir noch nie begegnet, wie am geſtrigen Tage;“ fuhr er in ſeiner Mutter⸗ ſprache fort, und verſuchte zu lächeln.„Dieſer be⸗ dauernswürdige Sebaſtiano Infelice, dieſer herumziehende Lautenſchläger, deſſen Gehirn ſchon ſeit langer Zeit verwirrt iſt, mit dem mich ſchon in ſo mancher Stadt meines Vaterlandes der Zu⸗ fall zuſammengebracht hat, wo ich Gelegenheit hatte, ihn aus Verlegenheiten aller Art zu reißen, ſchnappt mit einemmale, von Meiſter Roſſini's Muſik allzu gewaltig ergriffen, gänzlich über, vergißt in der Comödie, daß ſie nur Comodie iſt, hält ſich für den Brabantio, der berufen, die ſchuldloſe Desdemona zu rächen, und hat dann natürlicher Weiſe nichts Angelegentlicheres zu thun, als mir, dem grauſamen Othello, den Dolch an die Gur⸗ gel zu ſetzen. Es wäre zum Todtlachen, wenn es nicht zugleich ſo höchſt traurig wäre! Der arme Alte dauert mich. Ein Glück für ihn, daß mein Zeugniß ihn vom Schaffot retten konnte!“ „Der Mann muß ein tiefes Leiden erlebt haben,“ E — = 93— verſetzte ich ſo gleichgültig als möglich,„das dem des Vaters der Desdemona ähnlich iſt. Er ſang geſtern Mittags im römiſchen Kaiſer eine Ro⸗ manze von Pietro Neri und ſeiner Gattin, von blinder Eiferſucht und entſetzlicher Rache, kurz von einem dem Sujet des Othello gleichen Inhalte, der ihn in der Tiefe ſeiner Seele zu erſchüttern ſchien. Später unterhielt ich mich mit ihm, und konnte aus einzelnen leidenſchaftlichen Außerungen erkennen, daß ein gewiſſer Caroli ihm die Toch⸗ ter entführt und ebenfalls in toller Eiferſucht ge⸗ tödtet habe, daß er nun dieſem Caroli nachſtrebe mmit aller Kraft, welche ihm noch übrig ſey, um Blutrache an ihm zu nehmen, um die Tochter zu rächen.“ Ich beobachtete den Sänger. Er war leichen⸗ blaß geworden. Er zwang ſich zu lächeln, aber ſeine Lippen bebten, ſeine Wangen zuckten. „Darin liegt ja eben das Beſondere der Sache,“ ſprach er endlich mit zitternder Stimme,„das iſt der Umſtand, mit dem der Teufel ſein Spiel treibt, daß ich mit jenem Caroli, der einſt ein großer Sänger geweſen, auf einer Seereiſe von Neapel nach Genua aber im Schiffbruche umgekommen ſeyn ſoll, eine wunderliche, täuſchende Ahnlichkeit haben mag. Es kann ſeyn, daß der Alte ſich über — 91— dieſen zu beklagen hat, ich gebe ſogar zu, daß er ihm eine Tochter verführt, entführt und gar ermor⸗ det haben mag, aber bin ich nicht derjenige, der hierbei am meiſten zu beklagen iſt, der Beläſtigte, unſchuldig Verfolgte?“ „Freilich!“ ſagte ich leichthin.„Aber eben das Gefühl Ihrer Unſchuld muß ein Troſt für Sie ſeyn, und ich begreife noch nicht, wie Sie, ein ſtar⸗ ker, rüſtiger Mann, dem es nicht an Muth fehlen kann, dem ſchwachen Alten ſo widerſtandlos gegen⸗ über ſtehn konnten?“ „Herr Baron,“ entgegnete der Sänger finſter, „es gibt Dinge, die ſelbſt den muthigſten Mann zum ſchwachen Kinde machen können, die ſeine Geiſteskraft für Augenblicke vernichten, ſeine kör⸗ perliche Stärke lähmen. Glauben Sie mir, ich bin keine Memme, die ſo leicht erſchüttert wird, daß ſie vor einem blanken Stahl in die Knie ſänke, daß ſie ſich keines Mordangriffs zu erwehren wüßte! Wir Italiener haben heißes Blut, wir leben nicht, wie Ihr Nordländer, in dieſer eiſigen Starrheit der Seele, in dieſer beſtändigen Wachſamkeit über die Leidenſchaften. Ein verwegener Blick, ein unbe⸗ dachtes Wort reicht hin, den Dolch nach unſrer Bruſt zu lenken, und Angriff und Vertheidigung werden zur Gewohnheit, die jedem augenblicklichen — 95— Ereigniſſe ſteht. Aber dieſer alte Lautenſchläger, dieſer ſogenannte Sebaſtiano Infelice,“ fuhr er finſtrer und indem ein Schauer ſeinen Körper durchbebte, fort,„mußte am geſtrigen Abende eine außerordentliche, grauenvolle und entſetzliche Er⸗ ſcheinung für mich ſeyn. Sprechen Sie, Herr Ba⸗ ron, würde nicht auch Ihr Muth, Ihre nordiſche Standhaftigkeit unterlegen haben, wenn Sie in einem ſolchen Augenblicke, erſchöpft von der Dar⸗ ſtellung einer angreifenden, leidenſchaftlichen Rolle, plötzlich ein Weſen als ihren mörderiſchen Gegner erblickt hätten, das Sie vor Jahren ſchon todt und ſtarr im Sarge ſahen, das Sie begraben und ver⸗ weſend glauben mußten?“ Auf dieſe Eröffnung war ich nicht gefaßt. Der Sänger bemerkte meine Uberraſchung; er mochte ſie für Ungläubigkeit nehmen. „Ja, mein Herr,“ ſprach er heftig weiter,„ich habe dieſen blutdürſtigen, wahnſinnigen Alten, als ich vor mehreren Jahren durch Mailand reiſte, und ich ihn in dem Hauſe, das man mir als ſeine Wohnung zeigte, aufſuchte, als eine Leiche geſehen, die man eben in den Sarg niederlegte, um ſie zur Gruft zu bringen. Ich habe ſeine ſtarre, kalte Hand gehalten, ich habe vergebens nach einem Zeichen des Lebens geſucht, ich reiſte weiter mit der vöͤlli⸗ — 96— gen Überzeugung, er gehöre nun zu den Todten, er habe die Ruhe endlich gefunden, die ihm das Leben nicht gewährte. Er war aus meinem Gedächtniſſe verſchwunden, er lag bei ſo vielem Andern, was die Zeit nimmt, und was der Lebende, will er anders ſeine Heiterkeit bewahren, fern von ſich halten ſoll. Und dennoch— dennoch— geſtern, gerade nach der Vorſtellung des Othello, mußte dieſe Leiche wieder aus ihrem Grabe aufſteigen, mußte ſie vor mich hintreten, mußte ſie— Herr Baron, es iſt entſetzlich, ſinneverwirrend, aber Sie wiſſen mir viel⸗ leicht Aufſchluß zu geben, Sie kennen den Alten, Ihnen hat er vielleicht Entdeckungen gemacht, welche dieſes Geheimniß enthüllen.“ „Nicht im Mindeſten;“ verſetzte ich kalt, indem ich aufſtand.„Sie behaupten ja ſelbſt, daß Se⸗ baſtiano wahnſinnig ſey. Welches Vertrauen verdiente auch die Ausſage eines Verrückten?“ „Er iſt toll, völlig toll, ſage ich Ihnen;“ fuhr er zornig auf, als hielte er mich für zweifelnd und wollte mit Gewalt ſeiner Ausſage Kraft verleihen. „Wie könnte auch ein anderer, als ein Verrückter, es wagen, mich auf der Bühne, im Angeſichte vie⸗ ler Menſchen, ermorden zu wollen. Niemand zwei⸗ felt an ſeiner Geiſtesverwirrung. Hof und Stadt — 97— ſind davon überzeugt: ſie allein vermag ihm das Leben zu retten.“ Ich verbeugte mich ſtumm und abſchiednehmend. Als ich der Thüre nahe war, reichte er die Hand zu mir hin und gab mir ein Zeichen, noch einmal an ſein Lager zurückzukehren. „Es iſt ſeltſam, mein Herr,“ ſagte er mit Em⸗ pfindlichkeit;„Sie haben mir einen Dienſt erwie⸗ ſen, den ich Ihnen höchſt wahrſcheinlich nie ver⸗ gelten kann, einen Dienſt, durch den man gewöhn⸗ lich denjenigen lieb gewinnt, dem man ihn erzeigt, indem man ihn dann für ſein Geſchöpf, faſt möchte ich ſagen, für ſein Eigenthum anſehen kann; und dennoch fühle ich recht wohl, daß etwas Herbes, Brennendes zwiſchen uns liegt, daß Sie ſich abge⸗ neigt fühlen, mir ein offenes, freundliches Ver⸗ trauen zu zeigen, daß irgend ein Umſtand, den ich nicht errathe, Sie gegen mich eingenommen hat. Es iſt möglich, daß Ihr Vertrauen ſich nach einer Richtung gewandt hat, die es nicht verdient, daß gerade von dieſer Seite Ihr Mißtrauen gegen mich herrührt. Aber glauben Sie mir,“ ſetzte er ſtolz hinzu,„daß keine Anklage gegen mich aufkommen kann, daß mir Mittel zu Gebote ſtehen, diejenigen, die mir durch falſche, nachtheilige Mittheilungen an's Publikum, ſchaden wollen, verſtummen zu machen.“ III. 7 — 98— „Ich zweifle nicht daran!“ verſetzte ich ironiſch lachelnd.„Dergleichen kann auch nöthig ſeyn für einen und den andern Fall, ich aber beneide den⸗ jenigen nicht, der ſolcher Mittel bedarf.“ Zechi ſchien nicht zufrieden mit dem Ergebniß unſerer Zuſammenkunft. Wir trennten uns ohne Abſchied. Indem ich mich entfernte, warf er mir einen finſtern, argwöhniſchen Blick zu und kehrte ſich dann mit dem Geſichte gegen die Wand. Giulietta. Wie geſtern, ſo wurde mir auch heute wieder der Gang zu Röschen zu einem Freuden⸗ und Blüthengange. Alles, was mich beunruhigte, was mich verwirrte und, wie Göthe's Egmont ſagt, einen fremden Tropfen in mein leichtes Blut geworfen hatte, wollte ich dort vergeſſen, wollte ich im An⸗ blicke des lieblichen Mädchens, bei der Beſchäftigung mit ihr, aus meiner Seele wegziehen laſſen, wie eine ſchwere Wolke von dem Himmel eines Som⸗ mertages. Ich fand das anmuthige Kind wiederum am Schreibtiſche meiner harrend. Ein Blumen⸗ ſtrauß, von ihrer Hand ſinnig zuſammengefügt und geordnet, lag auf dem Tiſche vor meinem Sitze. Als ich in's Zimmer trat, legte ſie den Finger — — 99— bedeutungsvoll auf die Lippen und winkte mir Stille zu. Der Kranke ſchlief. Ich ſetzte mich leiſe zu Röschen, ſah ihr Übungsbuch nach und lobte nach Verdienſt, was ſie in meiner Abweſenheit ge⸗ ſchrieben hatte. Im Laufe des Morgens ſchon hatte ſie Unterricht in Handarbeiten genommen; ſie that jetzt Alles, um das Verſäumte nachzuholen. Ihr kindliches, liebliches Weſen entzückte mich. Sie zeigte ein Zutrauen, eine Ungezwungenheit, als hätte ſte mich Jahre lang gekannt, als ſey Alles, was ſich ſeltſam genug zwiſchen uns geſtaltet hatte, gerade ſo, wie es ſeyn müſſe. Im Zimmer ihrer Mutter war es ganz ſtill; zwiſchen uns herrſchte blos ein leiſes Flüſtern, das den Vater nicht ſtoͤren konnte. Sie war eifrig beſchäftigt, meine Schrift⸗ züge nachzuahmen; ich verbeſſerte, wo es nöthig war, ich gab Anleitung, das Verfehlte beim näch⸗ ſtenmale zu vermeiden. Es wurde mir aber doch endlich gar zu ſchwer, die Rolle des Lehrers zu be⸗ haupten. „ Ach, Röschen!“ ſagte ich zuletzt mit einem Seufzer, der komiſch genug geklungen haben mag: „wenn nun die ſchöne Zeit vorüber iſt, in der wir jetzt leben, wenn du dich aller Geheimniſſe der Schreibkunſt bemächtigt haben wirſt, was deinen guten Anlagen zu Folge nur zu bald geſchehen 7* — 100— dürfte, wenn wir nicht mehr ſo traulich, ſo fried⸗ lich und ſtill vergnügt zuſammenſitzen, wie jetzt, wirſt du dann wohl noch an mich denken, wirſt du mir auch wohl ein Wenig gut bleiben?“ „Wie einem Vater!“ antwortete das Mädchen und ſah mich ſo offen und treuherzig dabei an, daß es mir in die Seele ſchnitt. Das war alſo aller Lohn, den meine Liebe, die ſich von Augenblick zu Augenblick vermehrte, zu erwarten hatte! Das war das höchſte Glück, das ich mir verſprechen durfte: Kindesliebe von einem reizenden Mädchen, das etwa ſechs Jahre jünger war, als ich! O, der Schrei⸗ nergeſell, der Schreinergeſell! Der Gedanke an ihn fiel mir ſchwer auf's Herz. Er hatte mir den Himmel meiner Zukunft vornweg geſtohlen, er war der Verderber, der meine Liebeshoffnungen im Keim erſtickte. Ich wurde einſilbig und finſter. Rös⸗ chen mußte es empfinden; ſie wurde ſcheu und blöde. Als ich den Unterricht ſchloß, erwachte der Alte. „Da ſind Sie ja glücklich und mit heiler Haut!“ rief er mit heiſerer Stimme, die oft vom Huſten unterbrochen wurde.„Wir haben Dinge von Ihnen gehört, die uns um Sie beſorgt machten, Herr Baron, die uns aber auch einen neuen Beweis von Ihrem Edelmuthe gaben. Ja, ja, Sie lieben die Muſik und da müſſen Sie nothwendig auch ein — 101— edler Menſch ſeyn! Die Muſik hatte Sie begeiſtert geſtern Abend, deshalb retteten Sie ein Menſchen⸗ leben.“ Auch in dieſe Hütte hatte das geſchwätzige Ge⸗ rücht mein geſtriges Abentheuer getragen, entſtellt, verkehrt, wie es ſchien. Jetzt wurde Röschen wieder geſprächig. Sie ergriff theilnehmend und beſorgnißvoll meine Hand, ſie verſicherte, daß ſie große Angſt um meinetwillen ausgeſtanden habe, da die erſte Nachricht dahin gelautet, ich habe den Stoß, der dem italieniſchen Sänger gegolten, auf⸗ gefangen und liege nun ſelbſt ſchwer verwundet danieder. Später hätten ſie dann freilich die Wahr⸗ heit erfahren und den Himmel geprieſen, der mich, ihren Wohlthäter, beſchützt. Durch Röschens Händedruck, durch ihre in⸗ nige Theilnahme fühlte ich mich wieder erwärmt. Der kranke Gärtner hatte wunderbare, geheimniß⸗ volle Dinge von dem Lautenſchläger vernommen. Man wollte ihm übernatürliche, magiſche Kräfte beilegen, der Aberglaube ſagte aus, die Thüre ſei⸗ nes Gefängniſſes ſey durch einen Prieſter geweiht und gebannt worden, denn gegen gewöhnliche Rie⸗ gel und Schlöſſer wiſſe ein ſolcher Teufelsgenoß immer Mittel. Ich ſelbſt, hatte man verſichert, ſeh ein Gegenſtand ſeiner ſchwarzen Kunſt geweſen, — 102— denn er habe mich verzaubert durch einen wunder⸗ lichen Geſang, ſo daß ich ihm Freundſchaft und Vertrauen geſchenkt, weshalb ich ihn nicht allein mit Burgunder regalirt, ſondern ihm ſogar auch das Theaterbillet geſchenkt, das er ſo ſchändlich zu ſeinen mörderiſchen Abſichten mißbraucht habe. Ich ſah nicht ein, warum ich dieſen Leuten, die ſo abgeſchloſſen und fern von dem gewöhnlichen Treiben der Welt lebten und einen Antheil an mir nahmen, der mich erfreuen mußte, die ganze Sache nicht im Lichte der Wahrheit hätte zeigen ſollen. Ich erzählte ihnen die Art und Weiſe, wie ich den alten Maöſtro hätte kennen lernen, ich bemerkte wohl, daß in meinem Rücken die Thüre des Neben⸗ zimmers leiſe geöffnet wurde, und ich einen Zuhörer mehr erhalten hatte; aber ich ließ mich in meinem Vortrage nicht ſtören, ich erzählte Alles, wie es mir begegnet, ich nannte die Namen Seb a ſtiano Infelice und Caroli. Da ſah ich mit einem⸗ male den Gärtner ſich hoch aufrichten und mich anſtarren, da ſah ich ſein Angeſicht in Fieberhitze erglühn, da ſah ich Röschen erblaſſen und erbe⸗ ben, und ihre Blicke ängſtlich nach der Thür des Nebenzimmers gerichtet. Ein tiefer, klagender Laut ertönte hinter mir. Überraſcht wandte ich mich um und ſtand nun einer hohen Frauengeſtalt gegenüber, . 1 — — 103— die in ſchwarze Seide gekleidet war und überhaupt in ihrem ganzen Außern eine Würde, in den übri⸗ gen Stücken ihres Anzugs einen gewiſſen Prunk zeigte, die mit der Armlichkeit der ganzen Umge⸗ bung auffallend contraſtirte. Sie hatte Ahnlichkeit mit Röschen, aber ſie ſchien ſich ſo wohl erhal⸗ ten zu haben, daß man ſie eher für des Mädchens ältere Schweſter, als für ihre Mutter gehalten ha⸗ ben würde. Ihre großen, ſchwarzen Augen hafte⸗ ten feſt auf mir. Ein dunkles Feuer brannte in ihnen, jener Ausdruck, der den Unglücklichen, wel⸗ chen oft das Licht des Geiſtes ſich verdunkelt, eigen iſt. Dennoch ſchien es mir, als ſehen Röschen und ihr Vater erſtaunt, ſie in einer ſo ruhigen, ſonſt durch nichts eine Geiſteskrankheit anzeigenden Haltung zu ſehen. „Mein Herr,“ ſagte ſie in einem fremdartigen Accorde, aber ſehr melodiſchen Stimme zu mir, „was Sie erzählen, geht mich an, es iſt mein Eigenthum, einzig und allein das meinige, wenn es noch Rechte der Kindesliebe auf einen Vater gibt. Es iſt vielleicht nicht gut, wenn dieſer kranke Mann Dinge vernimmt, die ihn tief erſchüttern können, wenn dieſes Mädchen von Begebenheiten hört, die über ihrem Geſichtskreiſe liegen, von denen es vielleicht beſſer iſt, daß ſie ihr immer verborgen — 104— bleiben. Folgen Sie mir in mein Gemach! Erzäh⸗ len Sie dort weiter und erkennen Sie die Anſprüche, die ich beſonders auf Ihre Mittheilung habe!“ Das war nicht die Sprache einer Wahnſinnigen. Röschen blickte mit Hoffnung und Zagen auf die Mutter. Man konnte erkennen, daß ſie ſeit Jah⸗ ren vielleicht zum erſtenmale dieſe in einem Zuſam⸗ menhange ſprechen hörte, der dem Beſonnenen, dem geiſtig Geſunden angehört. Der Vater ſaß noch immer ſtarr und ſtaunend in ſeinem Bette aufrecht. Auf einen wiederholten Wink der Frau folgte ich ihr in das Seitenzimmer, deſſen Thüre ſie hinter uns verſchloß. Hier fand ich von neuem Urſache zu Befremden und Verwunderung. Alles war hier behaglich und zierlich eingerichtet. Die Möbel waren anſtändig, wenn auch nicht mehr neu„ blendend weiße Vorhänge zierten die Fenſter und umgaben zwei Lagerſtätten, die für Mutter und Tochter be⸗ ſtimmt ſeyn mochten. Sogar einige Kupferſtiche von Werth hingen an den Wänden. Nur zu einem hübſchen Pianoforte, das zu dem Ubrigen gepaßt hätte, ſchien man das Geld noch nicht erſchwingen zu können; denn das Clavier, das in einem Winkel ſtand, verrieth in ſeinem ganzen Außern Alter und Gebrechlichkeit.. Die Frau ſchien die Urſache meines Erſtaunens — 105— zu errathen. Indem ſie mich noͤthigte, auf einem Sopha neben ihr Platz zu nehmen, ſagte ſie haſtig: „Mein guter Mann hat ſich oft ſelbſt das Noth⸗ wendige entzogen, um mir es bequem und wohl⸗ gefällig zu machen. Aber jetzt erzählen Sie weiter, mein Herr, erzählen Sie von Sebaſtiano In⸗ felice, ſeiner Tochter, der unglücklichen Giu⸗ lietta!“ Meine Ahnung war Gewißheit geworden. In Röschens Mutter ſah ich die Tochter Sebaſti⸗ ano's vor mir, ſie, die er todt, die er ein Opfer der Eiferſucht Caroli's wähnte. Ich bezeigte ihr mein Erſtaunen, ich ſagte ihr, daß der Vater über⸗ zeugt ſey, ſie gehöre ſchon zu den Verſtorbenen und auf ihm ruhe die Pflicht, ſie an ihrem Mörder zu rächen. Sie hörte mich ruhig an und lächelte bitter. „Ein andrer glaubte mich auch todt,“ ſagte ſie dann kalt.„Er glaubte, der Tod ſey über mich gekommen im Schlafe und ein weißes Leichentuch liege auf mir, das mich ewig bedecke; aber da kam ein Engel Gottes und nahm das Leichentuch von mir und hauchte mich an mit dem Lebensodem, und ich erſtand wieder und wandle nun umher, fremd geworden den Menſchen und oft mir ſelbſt. O, es ſind viele Jahre her ſeitdem, und es war manch⸗ mal recht dunkle Nacht in mir, wenn ich an den — 106— Vater dachte und wie meine Flucht ihn gegrämt haben müſſe, der nichts gehabt als mich, wie der Gram ihn getödtet haben werde und der Fluch des Vatermordes auf mir liege! Und nun— nun— die Mutter Gottes und alle Heiligen ſeyen geprieſen — nun lebt er und ich bin keine Vatermörderin, kein ſchwerer Fluch laſtet auf mir, nun wird es wieder hell in mir auf immer, und die Kunde: er lebt! ſtrahlt wie ein mildes Sonnenlicht in mein Leben! Aber jetzt, mein Herr, ſprechen Sie weiter, erzählen Sie, laſſen Sie mich nicht länger harren, ich habe noch Vieles zu hören.“ Ich folgte ihrem Verlangen. Sie hatte ein Recht auf eine genaue, vollſtändige Mittheilung in dieſer Angelegenheit. Sie erfuhr Alles, ſelbſt meinen, bei ihrem Vater für den heutigen Abend beabſichtig⸗ ten Beſuch mit Blüm lein. Als ich geendigt hatte, ſtand ſie auf. Sie durchſchritt einigemale ſchweigend und nachſinnend das Zimmer, dann blieb ſie vor mir ſtehen und ſprach in großer Bewegung: „Mein Herr, das Herz einer Tochter, die zwan⸗ zig Jahre von ihrem Vater getrennt geweſen, die ſich ſchweren Unrechts gegen dieſen bewußt iſt, und nach ſeiner Verzeihung ſich ſehnt und ſie hofft, wen⸗ det ſich flehend zu Ihnen. Nehmen Sie mich mit zu meinem Vater! Geben Sie dem Greiſe ſeinen — 107— Frieden, geben Sie ihm die Uberzeugung meines Lebens zuruͤck, laſſen Sie mich ſeine Liebe wieder⸗ finden, laſſen Sie mich die theuern Züge ſehen, die das Alter verändert, aber nicht unkennbar für mich gemacht haben kann. Ich bin zum Tage erwacht. Laſſen Sie mich auch ſeine Freude genießen. O, ich weiß, Sie ſind ein edler Menſch, Ihr Herz iſt nicht dem Mitgefühle für fremdes Leiden verſchloſ⸗ ſen! Welches ſchöne Bewußtſeyn für Sie, mir Ge⸗ legenheit zur Verſöhnung mit dem Vater gegeben zu haben, ihm die wenigen Schritte, die er noch zum Grabe hat, zu erleichtern. Ich habe Allles vergeſſen, nur ihn nicht. Mag jener Zechi der ſchändliche Caroli ſeyn, es iſt mir gleichgültig in dieſem Augenblicke, ich denke nur an den Vater, ich ſchwanke nur zwiſchen Hoffnung und Furcht, wie Sie meine Bitte aufnehmen. O, ſeyn Sie gütig, widerſtehn Sie ihr nicht!“ Ich vermochte es auch nicht. Schon hatte ich ihre beiden Hände ergriffen, ſchon hatte ich ihr die Gewährung zugewinkt. „Wir wollen es verſuchen!“ erwiederte ich jetzt. „Iſt Virgilius Herz nicht ſo hart, wie Stahl und Marmor, ſo führt er uns beide ein bei Ihrem unglücklichen Vater. Ich vertraue viel auf ſein Rechtsgefühl, auf ſeine Menſchlichkeit. Halten Sie — 108— ſich um zehn Uhr fertig, Madame! Ich werde Sie abholen.“ Sie wollte mir zu Füßen fallen. Ich hielt ſie zurück und verließ eilig, ehe ſie den Verſuch wie⸗ derholen konnte, das Zimmer. Jetzt dachte ich noch einige Augenblicke mit Röschen fröhlich zu ver⸗ plaudern, auf den Ernſt den Scherz, auf das Bit⸗ tere das Süße folgen zu laſſen; aber der neckende Kobold meiner Liebe trieb wieder ſein boshaftes Spiel mit mir. Wer ſaß denn, als ich in das Wohngemach trat, breit und feſt am Lager des Kranken, und las ihm die Zeitung vor, während Röschen ihm gegenüber ſehr andächtig zuhörte, und die Blicke nicht von ſeinen friſchrothen Wangen abwandte? Niemand anders, als der fatale Schrei⸗ nergeſell, der unheildrohende Nachbarsſohn, der ver⸗ dächtige Kindheitsgeſpiele! Er ſtand bei meinem Ein⸗ tritte auf und verbeugte ſich ehrerbietig; Röschen machte Miene, mir ihren Platz einzuräumen; ich aber grüßte Alle im Arger leicht und flüchtig, ent⸗ fernte mich ſchweigend und ſtürmte, von bittern Empfindungen ergriffen und gequält, zum Hauſe hinaus. 4 Die überraſchungen. Die zehnte Abendſtunde tönte in mächtigen Schlägen vom hohen Thurme des Domes herab. — 109— Giulietten am Arme, betrat ich den finſtern, weiten Raum, der die Kathedrale umgab. Der Himmel war mit Wolken bedeckt. Kein Sternchen glänzte herab; es war ein ſtiller, warmer Abend, und in den Straßen herrſchte eine vollkommene Ode, da die Furcht vor einem nahenden Gewitter die Bewohner in ihren Häuſern zurückhielt. Giu⸗ lietta ſprach nichts, aber die Haſt, mit der ſie fortſchritt, ihre ſchweren, unruhigen Odemzüge ver⸗ riethen mir die Stimmung ihres Innern. Der Arm, der in dem meinigen lag, zitterte, ich fühlte den Schlag ihres Pulſes durch die Kleidung hindurch. Wir hatten ſchon einigemale das weitläufige Gebäͤude umſchritten, ohne einer Menſchenſeele zu begegnen. Meine Gefährtin wurde ungeduldig. Sie brach jetzt zum erſtenmale das bisher beobachtete Schweigen und äußerte die Beſorgniß, mein Freund möge ſeines Verſprechens vergeſſen haben. Da ver⸗ nahm ich in der Ferne ein leiſes Huſten. Das konnte, das mußte Blümlein ſeyn. Ich führte ſie hinter einen Vorſprung des Gebäudes und bat ſie, meiner zu harren. Ich wollte den Polizetac⸗ tuar nicht unvorbereitet mit ihr zuſammen bringen, ich wollte ihm erſt die Nothwendigkeit, dem armen, verlaſſenen Alten die todtvermeinte Tochter wieder⸗ zugeben, recht anſchaulich machen. — 110— „Carolil“ flüſterte es da aus einer Vertie⸗ fung, welche zwei Pfeiler bildeten, mir zu. „Caroli!“ antwortete ich und fühlte Blüm⸗ leins Hand in der meinigen. „Caroli!“ rief da laut und unverſchämt noch eine dritte Stimme aus dem Hintergrunde der Niſche, und gleich darauf legte ſich eine dritte Hand auf unſere beiden vereinigten. Dieſe fuhren auseinan⸗ der wie vom Blitzſtrahle getroffen. Ein lautes Gelächter folgte unſrer raſchen Bewegung. Wir er⸗ kannten, ſo viel es die Dunkelheit erlaubte, die Umriſſe der corpulenten Geſtalt unſeres Bekannten, des Commercienrathes, wir vernahmen ſeine Stimme, die ſich jetzt ſpottend erhob. „Habe ich Euch gefangen, Ihr loſen Voͤgel?“ lachte er.„Meinen trefflichen Tiſchnachbarn, den Menſchenleben rettenden Baron und meinen alten Special Virgilius! Was Henker, fällt Euch ein, daß Ihr hier unter freiem Himmel, beim drohen⸗ den Gewitter, im Schatten des alten ſpuckhaften Domes collationiren, crouſteliren oder gar kalt ſou⸗ piren wollt? Ja, ja, Virgile, ich habe Ihn ſcharf unterm Auge gehabt, als Er bei der Legendre kaltes Rebhuhn, Rehbraten und Capwein beiſteckte! Ich dachte gleich, das geht auf irgend eine Partie hier mit einem guten Freund los, du mußt dabei — 111— ſeyn, du mußt die Gelegenheit beim Schopfe faſſen. Da bin ich Ihm denn auf Schritt und Tritt ge⸗ folgt, Virgile, und nun habe ich Ihn und den Baron und es ſoll an ein luſtiges, ſchmackhaftes Leben gehn, meinetwegen auch unter freiem Himmel, unterm Eingangsgewölbe des Domes, bei Donner und Blitz! Ich war von jeher ein Freund ſolcher genialen Partieen, ſie ſind der wahre Cayennepfef⸗ fer zu dem Eſſen, das man mitnimmt. Ihr müßt nicht auch glauben, daß ich mich lumpen laſſe und ledig komme. O, nein! Ich trage delicate Gänſe⸗ leberpaſtete und gefüllten Welſch im Sack, und beide Bruſttaſchen habe ich mit einem Oeil de perdrix ge⸗ füttert, das ſeines Gleichen nicht mehr hat in der Reſidenz.“ Konnte es eine fatalere Überraſchung geben? Blümlein war außer ſich. Ich hörte ihn an meiner Seite franzöſiſch fluchen, was er nur that, wenn ihn der Zorn übermannte.„Diantre, Diable!“ ertönte es zwiſchen den zuſammengebiſſenen Zähnen und das weiße Knöpfchen ſeiner Badine ſchwirrte durch die Finſterniß wild um ſeinen Kopf. End⸗ lich ſchien er ſich zu beruhigen oder vielmehr ſchien ſeine innere Bewegung einen andern Charakter an⸗ zunehmen. Er lachte trotzig und höhniſch, trat dem Commercienrath näher, und ſagte verbiſſen: „Es iſt gut, Commercienrath, und weil Er ein⸗ mal da iſt, ſo kann er auch mitgehn! Diable! Ich will Ihn an einen Ort führen, wo Er sauce piquante aux petites maisons zu, ſeinem gefüllten Welſchen haben ſoll und durſtige, abgeſchrieene Gurgeln ge⸗ nug für ſein unvergleichliches Oeil de perdrix. Wir wollen crouſteliren und ſoupiren hinter Schloß und Riegel, beim Geraſſel der Ketten, beim Geſchrei der Ubergeſchnappten, in einem Salon, den ein einziger Dacht mit faſt aufgezehrtem Bl in die glänzendſte Gasbeleuchtung verſetzt. Diantre! Er ſoll ſeine Freude haben, Commercienrath. Komm Er nur mit, fürchte er ſich nicht!“ „Das thu' ich auch nicht!“ verſetzte mit beben⸗ der Stimme Meuſelwitz.„Mag Er noch ſo toll räſoniren, Virgile: Er ſchreckt mich nicht ab. So viele Courage, wie Er, habe ich auch, und was im Nothfalle meine Leibeskräfte betrifft, ſo werden ſte auch noch mitgehen, denn ich laſſe mir es ſchwe⸗ res Geld koſten, ſie zu erhalten und zu erheben durch kräftige Speiſe und begeiſternden Trank. Mit einem Worte: Er wird mich nicht los, Polizeiac⸗ tuar! Ihr beide ſehd meine Freunde und ich muß ſehen, was aus Euch wird. Meine Neigung zu Euch duldet nicht, daß ich Euch bei irgend einem gefährlichen Unternehmen allein in der Patſche — 113— ſtecken laſſe: wir halten feſt beiſamen! Einer fur Alle, Alle für Einen!“ Da näherte ſich wiederum eine dunkle Geſtalt und Giulietta, von Uinruhe und Sehnſucht ge⸗ trieben, ſprach leiſe und zitternd: „Caroli!“ „Numero Vier!“ rief entſetzt Virgilius und ergriff meinen Arm, den er in ſteigender Wuth hef⸗ tig preßte und ſchüttelte.„Par ma foi, Baron, Ihr ſehd ein Verräther und eine Plaudertaſche!“ fuhr er leiſer fort.„Glaubt Ihr, ich werde mit einem ganzen Armeecorps einrücken in's Narrenhaus? Hal⸗ tet Ihr mich für ſo dumm, daß ich mich mit Ge⸗ walt um den Dienſt, um Anſehen und Ehre brin⸗ gen ſolle? An dem Commercienrath ſeyd Ihr un⸗ ſchuldig, aber dieſe neue Erſcheinung gehört zu Euch, Ihr verwundert Euch nicht über ſie, ſie drängt ſich an Euch, wie an einen alten Bekann⸗ ten. Was hat ſie, was will ſie, wer iſt ſie? Iſt ſie generis feminini oder masculini?“ „Feminini!“ verſicherte der Commercienrath, der indeſſen näher geſchlichen war und Giulietta's Hand zu ergreifen verſucht hatte.„Sie hat ein Patſchchen, ſo zart wie eine Mandeltorte, aber auch ſo ſpröde, wie eingemachte Ananas von Borneo. Ausgemachte Spitzbuben ſehd Ihr übrigens alle III. 8 — 114— Beide! Wer weiß, wer noch alle kommt, zur partie ſine und wie hoch und herrlich es hergehen wird? Lach' Er ſich jetzt ſelbſt aus, Virgile, weil Ihm ſein Verſuch mich abzuſchrecken, ſo wenig gelungen iſt. Meuſelwitz hat eine feine Naſe. Das kalte Rebhuhn hat ihn auf die rechte Fährte gebracht.“ Indeſſen hatte ich den Polizeiaktuar ein wenig zur Seite geführt und ihm das zwiſchen Giuliet⸗ ten und Sebaſtiano obwaltende nahe Verhält⸗ niß entdeckt. Ich ſprach ihm von der heiligen Pflicht der Menſchenliebe, wie ſie ihm gebiete, die Bande der Natur, die Vater und Tochter zuſammen⸗ hielten, nicht nur nicht zu trennen, ſondern viel⸗ mehr nach ſeinem Vermögen enger zu knüpfen, wie ihm gleichſam der Himmel es anheimgeſtellt habe, ein ſchönes Werk zu thun, ein Werk, was ihm vor Gott und Menſchen zu höherem Verdienſte gereiche, als aller Eifer, aller Fleiß und alle Accurateſſe im protokolliren und regiſtriren. Anfangs wurde ich durch einige Diable und Diantre unterbrochen, dann aber ſchwieg Virgilius und ich hörte ihn bald ſchluchzen und müheſam das Weinen verhalten. „Geſchehe was da wolle!“ brach er endlich aus. „Ich habe bis dato kein Titelchen umgangen im Dienſte, und den Herrn Polizeidirektor Hochwohl⸗ geboren für den Ordner meines Lebens und Han⸗ — 115— delns, für mein Fatum, dem ich auf keinerlei Weiſe entgehen könne, gehalten. Aber ich weiß nicht, wie es zugeht am heutigen Abende, ich fühle meine Menſchenwürde, meine Selbſtſtändigkeit. Ich ſelbſt will eingreifen in die Räder des Geſchickes und komme ich darüber auch vom Amte, ſo will ich das Bewußtſeyn in mir tragen, ein edler Menſch zu ſeyn, einmal gewirkt zu haben im Dienſte der Menſch⸗ heit. Verhungern wird darum Virgilius Blüm⸗ lein doch nicht, denn die lieben, ſeligen Altern ha⸗ ben dafür geſorgt, daß er auch ein Paar Batzen für eine Zeit der Noth hat. Kommt alle mit mir! Polizeipflicht und Amtszwang laſſe ich zurück: Vi⸗ vat die Menſchenliebe!“ Virgilius hatte bereits der Flaſche mehr, als gewöhnlich, zugeſprochen. Das merkte ich jetzt. Er eilte mit ſo großen Schritten vor uns her, daß ich, Röschens Mutter am Arm, ihm kaum zu folgen vermochte. Der Commerzienrath ſchritt keu⸗ chend neben uns her. Einzelne Blitze und fernes Donnerrollen verkündigten den baldigen Ausbruch des Gewitters. Wiederſehen. Wir waren durch eine entlegene Hinterthür in den Garten des Spitals gekommen. Der Sturm, 8 — 116— der ſich erhoben hatte, der Donner, der immer lau⸗ ter und anhaltender wurde, verhinderten uns, das Geſchrei der Verzweiflung, das Geklirr der Ketten, ſo wie jeden andern Schreckenslaut, der hier ein⸗ heimiſch ſeyn mochte, zu vernehmen. Virgilius hatte ſich mit allen nöthigen Schlüſſeln verſehen. Vor einer Seitenpforte zündete er eine kleine Blend⸗ laterne an, und führte uns nun in den Theil des Gebäudes, den man, wie er verſicherte, die Woh⸗ nung der Stillen nannte. Der Commercienrath zauderte, indem er den Eingang betrat. „Wahrhaftig,“ ſagte er,„ich fange an einzu⸗ ſehen, daß Euere Parthie hier einige Beimiſchung von ſchauerlicher Romantik hat, die mir nicht ganz behagen kann! Aber jacta est alea. Man muß das Ende aller Dinge erleben, man muß ihnen auf den Grundgeſchmack kommen: eher kann man nicht über ſie urtheilen.“ Als wir vor der Thür ſtanden, hinter der Giu⸗ lietta's Vater eingekerkert war, zitterte meine Be⸗ gleiterin heftig. Wir hörten ihn ſingen. Es war die Ballade von Pietro Neri und ſeiner Gemah⸗ lin. Eine Zeitlang horchten wir ſchweigend alle vier. Giulietta ſchien von Schwäche befallen; ſie ſtützte ſich mit dem ganzen Gewichte ihres Kör⸗ pers auf meinen Arm. — 410— „O, Gott!“ flüſterte ſie mir zu.„Dieſer Augen⸗ blick iſt entſetzlich! Wie werde ich ihn wieder fin⸗ den, wie wird Alter und Gram ihn zerſtört und verändert haben, wie wird er die Tochter, die ihn treulos verlaſſen, empfangen? Wird er die Liebe, die er der Todtgeglaubten geſchenkt, der Lebenden zuwenden? Wird er mir verzeihen und mich auf⸗ recht erhalten in dem neuen Tage, den ich gewon⸗ nen, oder mich wieder zurückſtoßen in die Nacht der Verzweiflung, der ich eben entgangen?“ „Sie werden einen milden Vater finden!“ ſagte ich im Tone der überzeugung, die mich ſelbſt be⸗ ſeelte.„Sie bringen ihm eine große Freude, Sie führen ihm ein vom Grabe erſtandenes Kind zu: 1 wie könnte er unerkenntlich, unempfindlich dage⸗ gen ſeyn?“ Als Blümlein die Thüre öffnete, ſahen wir den Alten bei'm Scheine einer Lampe, an einem Tiſche ſitzen, mit der Laute in der Hand und die Blicke zum Himmel gehoben. Wir traten leiſe ein; er bemerkte uns nicht und ſang fort. Ich näherte mich ihm zuerſt, ich ſuchte nach paßlichen Eingangs⸗ worten, um ihm die Tochter vorzuſtellen, um die Verſöhnung einzuleiten. Aber Giulietta kam mir zuvor. Sie konnte länger nicht den Sturm, der in ihrer Seele ſich erhoben hatte, beherrſchen. In — 118— lautes Weinen ausbrechend warf ſie ſich ihrem Va⸗ ter zu Füßen. Der Alte ließ die Laute ſinken, und ſah ſie ſtarr an. Alte Erinnerungen mochten aus ihren Zügen aufſteigen, das Vatergefühl regte ſich in ſeiner Bruſt, ohne daß er es ſchon erkannte, er glaubte vielleicht ein Geſpenſt zu ſehen, denn er wähnte die Tochter ja todt, längſt der Vernichtung heimgefallen. Da konnte ich mich nicht länger hal⸗ ten, da drängte es mich von Innen heraus, dieſen zweifelhaften Zuſtand zur Entſcheidung, dieſe Räth⸗ ſel zur Auflöſung zu bringen. „Signor Sebaſtiano,“ rief ich laut,„erken⸗ nen Sie in dieſer Dame, in dieſer Unglücklichen, die, Verzeihung und Verſöhnung erflehend, die Hände zu Ihnen erhebt, Ihre Tochter, Ihr wiedergebore⸗ nes, vom Himmel Ihnen wiedergeſchenktes Kind. Ja,“ wiederholte ich lauter„ da der Alte mich em⸗ pfindungslos und betäubt anzuſtarren ſchien,„es iſt Giulietta, die nicht geſtorben iſt; die vom Tode errettet worden„ wie und wodurch weiß ſie ſelbſt am beſten!“ Er hatte mich verſtanden„ aber er konnte noch nicht an die Wahrheit meiner Worte, an die Wirk⸗ lichkeit der Erſcheinung glauben. Er legte die zit⸗ ternden Hände auf Giulietta's Schultern, dann ergriff er eine ihrer Hände, indem er mit der an⸗ — 119— dern ihren Kopf leiſe erhob und ihr in das thrä⸗ nenvolle Angeſicht ſchaute. Eine große Erſchütte⸗ rung ſchien ſich ſeines ganzen Weſens zu bemäch⸗ tigen. Nach und nach gewann die überzeugung, es ſey Alles ſo, wie ich es geſagt, die Oberhand über alle Zweifel und die wunderlichſte Verände⸗ rung ging in dieſem Augenblicke mit Sebaſtiano vor. Er ſprach nicht, aber er lachte und weinte durcheinander, wahre fratzenhafte Lazzi, einem Krampfe der Freude angehörend, die in einer andern Lage zum Lachen gereizt haben würden, flogen über ſein Angeſicht, und mit einer wilden Heftigkeit riß er die Tochter empor und ſchloß ſie an ſeine Bruſt. „Dir verzeihen, Giulietta?“ rief er nun mit bebender Stimme.„Was hätte ich dir zu ver⸗ zeihen? Daß ich dich wieder beſitze, daß ich nun ein Kind wieder habe, und nicht einſam und ver⸗ laſſen ſtehe auf der weiten Erde? Wie manche Nacht habe ich nicht in Sehnſucht nach dir hinge⸗ bracht, durchweint, durchrungen in dem Wunſche, dich wiederzuſehen, in der jammervollen Erkennt⸗ niß der Unmöglichkeit ſeiner Erfüllung— und nun iſt er dennoch befriedigt worden, nun iſt mit einem⸗ male die Diſſonanz meines Lebens aufgelöſ't und ein herrlicher, beſeligender Accord ſchwebt wie ein Engel des Segens über meiner Zukunft. Aber iſt 2 — 120— es auch kein Traum, der mich in meiner Kerker⸗ nacht höhnen will, lebſt du, biſt du es wirklich, Giulietta, mein Kind?“ Giulietta vermochte nur durch Thränen zu antworten. Sie war ſelig in dieſem Augenblicke: ſie hatte ihren Vater wieder und ſeine Verzeihung. Der Alte hatte in italieniſcher Sprache zu ihr ge⸗ redet. Ich bemerkte, daß Virgilius, der ſich natürlich für die Hauptperſon bei unſerer nächtli⸗ chen Expedition anſah und nur ſehr wenig Italie⸗ niſch verſtand, hiermit gar nicht zufrieden war. Er hatte gleich nach dem Eintritte ſich damit be⸗ ſchäftigt, einige Wachskerzen, die er mitgebracht, an den Wänden zu befeſtigen und anzuzünden, ſo daß nun Tageshelle in dem Gemache herrſchte. In⸗ dem er dann auspackte und den Tiſch mit Speiſen und Getränke beſetzte, ſagte er: „Schätzbarer Signor und wohledle Signora! Unter allen Sprachen, mit denen ich vertraut bin, iſt mir keine ſo geläufig, wie die Deutſche! Von der italieniſchen habe ich wohl werthvolle Bruch⸗ ſtücke im Theater und in Conzerten aufgerafft und was: mio caro, heißt, kann ich mir wohl ohne Wör⸗ terbuch erklären, ſo wie einige andere höchſt melo⸗ diſche Ausdruͤcke, wie piano und forte, adagio, allegro. Ich bin überhaupt mehr in den Geiſt der Sprache — 121— eingedrungen, als in die Form, ſo daß ich mehr von ihr ahne, als verſtehe. Heute aber kommt es auf das Verſtehen an, wenn ich fortfahren ſoll, zu rathen und zu helfen, wie ich bereits gethan habe, und ich erſuche daher ſubmiſſeſt: man wolle ſich des deutſchen Idioms bedienen, da man allerſeits deſſen mächtig iſt!“ Der Commercienrath, der indeſſen auch den Inhalt ſeiner Taſchen auf dem Tiſche auskramte, äußerte den nämlichen Wunſch, und fügte hinzu: er habe es zwar etwas weiter gebracht, als ſein Freund Virgilius, indem er ſich wohl ohne Nach⸗ theil ſeines Magens durch Italien durchzuſchla⸗ gen gedenke, da er Maccaroni, Palenta, Pesce, Con⸗ fetto und Vino in verſtändlicher Ausſprache zu ver⸗ langen verſtehe; er ſey aber doch, was andere min⸗ der wichtige Gegenſtände betreffe, ſehr aus der Übung gekommen, und ziehe überhaupt, als ein guter Patriot, die deutſche Sprache jeder andern vor. Ich gab Vater und Tochter einen Wink, daß wir dem Polizeiaktuar für die Einführung in das Haus, welches Sebaſtiano jetzt gezwungen be⸗ wohnte, beſonders zu Dank verpflichtet ſeyen, und der Alte wandte ſich nun in ſeinem italieniſirenden Deutſch zu Blümlein. „O, Monſignor, Sie der Wohlthäter ſeyn eines — 122— pPovero maestro di capella! Er ſelig, er im Him⸗ mel ſehn mit der nglia ritrovata, Sie nicht glau⸗ ben müſſen, er ſeyn un bandito von professione, weil er erdolchen wollen den ſchändlichen Caroli. O, nein! Er früher nur geführt habe den battone des Maſtro im Theater San Carlo„ und nimmer das Stilletto des gran diavolo. Aber in ſeiner Bruſt ein Herz ſchlagen, ein Herz voll Liebe ge⸗ gen ſein Kind, gegen Giulietta, und als der scellerato Caroli durch einen ſeiner Genoſſen ihn benachrichtigt, daß die carissima ſiglia aus Eifer⸗ ſucht von ihm ſeyn ermordet, da ihm der battone entfallen, alle musica ſich in canto doloroso ver⸗ wandelt und das Schickſal ſelbſt das stiletto in die Hand gegeben gegen die Bruſt des Caroli. Aber, Giulietta, du lebſt, du ſeyn bei mir? Hat dich ein miracolo gerettet, biſt du auferſtanden dal se- polcro, wie il padre tuo, nachdem er zu Milano im Starrkrampf gelegen zwei Tage lang?“ Giulietta hatte ſich indeſſen gefaßt und ſich neben den Vater auf deſſen Ruhebett niedergeſetzt. Sie hielt ſeine abgemagerte Hand und bedeckte ſie mit Thränen und Küſſen. Er verſchwendete, nach⸗ dem er ſeine geſchloſſen, die zärtlichſten Liebkoſungen gegen ſie, er nannte ſie leiſe mit den ſchmeichel⸗ hafteſten Benennungen, die ihm ſeine Sprache eingab. — 123— „Belieben Sie zuzugreifen!“ ſagte jetzt der Com⸗ mercienrath, indem er auf den beſetzten Tiſch wies, und verliebte Blicke auf Welſch und Rebhuhn warf. „Es iſt zwar nicht Alles, wie es ſeyn ſollte,“ fuhr er fort,„denn die feinern Würzen, moutarde de Dijon, Kapern, Trüffeln und Sardellen fehlen, aber für ein souper à l'improviste kann es doch paſſiren und wir befinden uns überhaupt an einem Orte, aus dem die ſogenannte Mäßigkeit— ein ſchreck⸗ liches, übelſchmeckendes Wort— alle Freuden des Lebens verbannt. Pereat die Frugalität, vivat die Hülle und Fülle!“ Er war ſelbſt der erſte, der ſeiner Einladung Folge leiſtete, ſey es, daß er durch ſein Beiſpiel zur Nachahmung ermuntern wollte, oder weil er dem anlockenden Dufte des Bratens, dem Glanze des Weins im ſilbernen Becher, den Virgilius mitgebracht hatte, nicht länger widerſtehn konnte. Ihm ſchloß bald ſich der Polizeiaktuar an. Wir übrigen berührten weder Speiſe noch Trank! Vater und Tochter waren glücklich im Wiederſehn, in der Verſöhnung, welche ſich ſo ſchön gebildet, ich, als ein Verehrer Röschens, der Tochter und Enkelin, nahm einen Herzens⸗ und Familienantheil an ihrem Glücke. Der Donner rollte über unſern Häuptern, Blitze zuckten am kleinen Gitterfenſter vorüber, aber — 124— in der Zelle Sebaſtiano's herrſchte ſtille Freude, ſeliger Friede und— ſinnliches Wohlleben. Todesſchlaf. Virgilius und Meuſelwitz aßen und tran⸗ ken mit großem Appetit und verhältnißmäßigem Durſte, während Giulietta auf die Aufforderung ihres Vaters ihre Geſchichte erzählte. Gefühle der Reue und des Schmerzes ſchienen in ihr zu erwa⸗ chen, und ich erkannte leicht, wie ſehr ſie dieſe bekämpfen mußte, um ruhig und gefaßt zu bleiben. „O, mein Vater,“ hob ſie an,„warum folgte ich nicht deiner Warnung, warum gab ich einer irreleitenden Neigung, einem Gefühle nach, das mich in dem Verderber meinen Freund, in dem wohlmeinenden Vater meinen Feind erblicken ließ? Zwanzig Jahre ſind ſeitdem hingeſchwunden im Laufe der Zeit, und was habe ich nicht gelitten, wie ſchwer nicht dieſen unglückſeligen Wahn ge⸗ büßt? Höre mich an, mein Vater, freundlich und friedlich, damit dein Zorn, den die ungehorſame Tochter verdient hat, nicht erwache, daß das ſchöne Band der Verſöhnung nicht wieder zerreißt! Ich brauche die Nacht nicht in dein Gedächtniß zurück⸗ zurufen, in der ich, von Caroli verleitet, heimlich — 125— mit ihm aus Rom flüchtete. Er verließ mit mir Italien. In England und Frankreich fanden wir reichlichen Gewinn, aber ich verlor von Tag zu Tag an meiner Ruhe, denn ich gedachte deiner, ich lernte Caroli näher kennen und ſah ein, daß er ein gewiſſenloſer, Alles nur ſeinen Wünſchen, ſeinen ungeregelten Leidenſchaften aufopfernder Menſch ſey. Ich wollte an dich ſchreiben, ich wollte deine Ver⸗ zeihung erflehen, aber erſt dann, wann unſer Bünd⸗ niß durch den Segen der Kirche geheiligt ſeyn würde. Immer wußte Caroli, wenn ich in ihn drang, dieſen meinen heißeſten Wunſch zu erfüllen, Aus⸗ flüchte zu finden und den erſehnten Augenblick hin⸗ aus zu ſchieben. Bald mußte ich erkennen, daß er mir nicht treu ſey, obgleich er mich mit der uner⸗ träglichſten Eiferſucht quälte. Als ich ihm darüber Vorwürfe machte, antwortete er mir mit Hohn⸗ lachen und meinte, ein Weib ſtehe in einem ganz andern Verhältniſſe zu der Welt, als der Mann; was ihm erlaubt ſey, gelte von mir als ein Ver⸗ brechen, und überhaupt müſſe ich mich gewöhnen, wenn ich angenehm mit ihm leben wolle, mich in ſeine Launen zu fügen. So hart, ſo despotiſch er ſich gegen mich betrug, ſo liebte ich ihn doch noch ſo innig, als in jenem Augenblicke, wo ich ihm Alles opferte, wo ich ſeinetwegen das väterliche — 126— Haus verließ. Ach, er verſtand, er fühlte die liebe⸗ vollen Blicke nicht, mit denen ich ihn verfolgte, wenn er von mir ging, mit denen ich ihn ſo gern zurückgehalten hätte, wenn ihnen die Macht dazu verliehen geweſen wäre! Er brachte die meiſte Zeit außer dem Hauſe, ich wußte, er brachte ſie bei mei⸗ nen Nebenbuhlerinnen zu und gedachte nicht der Thränen, die ich um ſeinetwillen indeſſen vergoß. Bald mußte ich noch Schlimmeres von ihm wahr⸗ nehmen: er ſpielte und ſpielte— falſch. Er ſelbſt rühmte ſich ſeiner Geſchicklichkeit gegen mich, er zeigte mir mit lachendem Munde die Kunſtgriffe, die er anwende, um ſeinen ehrloſen Zweck zu er⸗ reichen. O, mein Vater, ich befand mich gewiß in einer ſehr bedauernswerthen Lage: ich mußte den Mann verachten, den ich doch noch immer ſchwach genug war, zu lieben. Es kam noch ſchlimmer. Ich ſah ein, er wurde meiner überdrüſſig, aber ich vermochte nicht meine Liebe zu bekämpfen, ich war froh, nur in ſeiner Nähe geduldet zu ſeyn. Mit Zauberbanden war ich an ihn gefeſſelt. Von unſrer Verheirathung wurde nicht mehr geſprochen. Ich war ſeine Sklavin, ich mußte die Dienſte einer Hausmagd verrichten, ich trug Alles— denn ich durfte ja um ihn ſeyn. An dich zu ſchreiben, mein Vater, konnte ich mich nicht entſchließen. Sollte . — 122— ich die Wahrheit ſagen, ſollte ich lügen? Vor bei⸗ den ſchämte ich mich. Noch immer hoffte ich, Ca⸗ roli werde zu mir zurückkehren, und es werde mir dann gelingen, ihn nach und nach für ein regel⸗ mäßiges, rechtliches Leben zu gewinnen. Ich täuſchte mich bitter. Er vernachläßigte mich immer mehr, er zeigte ſich täglich kälter gegen mich. Dieſe Kälte ging endlich in Widerwillen, in Haß über. Ich war ihm zur Laſt, ſo wenig er ſich auch um mei⸗ netwillen Zwang anthat, er glaubte durch mich beſchränkt zu ſeyn, wenn er es in der That nicht im Mindeſten war. Er ſah meine Thränen nie, aber ihre Spuren konnte ich ihm nicht verber⸗ gen. Er trat mich tief in den Staub, er mißhan⸗ delte mich, er wollte mich zwingen, ihn zu verlaſ⸗ ſen, aber ich konnte es nicht, ich konnte nicht auf⸗ hören ihn zu lieben. Wir hatten das nördliche Deutſchland durchreiſt, wir betraten das ſüdliche und näherten uns der Gränze Italiens, des Hei⸗ mathlandes, das Caroli unter einem fremden Na⸗ men wieder zu beſuchen beſchloß. Wie bebte da mein Herz, wie ſchwankte ich zwiſchen Furcht und Hoffen vor der Möglichkeit eines Zuſammentreffens mit dir, mein Vater, den ich ſo ſchwer beleidigt hatte. Je näher wir dem Vaterlande kamen, deſto mürriſcher, grauſamer gegen mich wurde Caroli's Betragen. Aber er fing wieder an, mich mit ſeiner eiferſüchtigen Laune zu verfolgen und das erfreute mich, denn ich wähnte in ihr eine Rückkehr ſeiner Liebe zu erkennen. Da kam er eines Abends ſpät und verſtört nach Hauſe. Er kündigte mir an, daß wir ſogleich abreiſen müßten, daß ein unangenehmer Vorfall, deſſen Natur er mir nicht näher bezeichnete, ihm ſchleunige Entfernung gebiete. Wir begaben uns auf einem Umwege nach der Schweiz. Da erſah ich wenige Tage nach jener plötzlichen Abreiſe in der Nacht aus den Zeitungen, daß an demſelben Abende in einem öffentlichen Spielhauſe des Ortes, wo wir uns aufgehalten, Streit ausgebrochen ſey, daß man einen falſchen Spieler habe verhaften wol⸗ len, daß aber dieſer, indem er einen ſeiner Gegner tödtlich verwundet, glücklich entkommen ſeyh. Man halte den Entflohenen für einen Italiener, über deſſen Namen und Stand man jedoch nicht hin⸗ längliche Auskunft beſitze.“ „Er hieß Caroli,“ fiel wichtig der Polizei⸗ aktuar ein,„er iſt kein andrer, als unſer trefflicher Zechi: hat doch ein wohllöbliches Polizeiamt Steck⸗ briefe und Requiſition von jenem Orte in Verwahr!“ „Er war es!“ fuhr ſeufzend Giulietta fort. „Ich reichte ihm ſchweigend das Zeitungsblatt. Er war zu reif geworden in der Schule der Verbrechen, — 129— um ſich zu verwirren, um ſich zu verrathen, aber ſich von mir entdeckt zu ſehn, ſich von mir vielleicht bedroht glauben zu müſſen— das empörte ſeine ſchwarze Seele. Er warf mir einen finſtern, mör⸗ deriſchen Blick zu, aber kein Wort über dieſe Sache kam über ſeine Lippen. Ich ſah ein, daß er in dieſem Augenblicke erſt mein Feind geworden war, den ich zu fürchten hatte, weil er mich fürch⸗ tete. Wahrſcheinlich keimte ſchon damals der Ge⸗ danke in ſeiner Seele, ſich meiner auf irgend eine Weiſe, wenn auch gewaltſam und mörderiſch, zu entledigen. Ich war noch immer blind genug zu hoffen, ſchwach genug ihn zu lieben, ich ſah in ihm meine einzige Zuflucht, da ich ihm Alles, Vater und Vaterland, geopfert hatte. Ich kannte die Welt noch wenig, ich glaubte, derjenige, der eine Hei⸗ math, eine Sprache mit mir habe, dem ich uͤberdem mich ganz hingegeben hatte, ſey immer ein ſicherer Beſchützer, als der Einwohner des fremden rauhen Landes. Wir nahmen unſern Weg durch die Schweiz. Ich bemerkte, daß Caroli die gröſ⸗ ſeren Straßen vermied und Gebirgspfade ſuchte, die wir oft nur zu Fuße oder auf Maulthieren zu über⸗ ſchreiten vermochten. Wie klopfte mein Herz, als ich zum erſtenmale nahe vor mir die Felſenwände und Schneehäupter, hinter denen mein Vaterland III. 9 lag, erblickte! Noch eine Tagreiſe und ich hörte wieder die ſüße Sprache der Heimath, ich betrat wieder den Boden, den du, mein Vater, bewohn⸗ teſt, wo ich gefehlt hatte, wo ich aber auch viel⸗ leicht Verzeihung fand. Es war ſchon gegen Ende des Herbſtes, als wir den letzten Berg erſtiegen, der noch auf Schweizer Boden lag. Caroli hatte unſer Gepäck vorausgeſchickt, und wir ritten lang⸗ ſam auf Maulthieren dem Gipfel zu. Caroli war ſehr finſter und in ſich gekehrt. Als wir die höhern Gebirgsſchluchten durchzogen, überraſchte uns ein furchtbarer Schneeſturm; die Kälte, die ohne⸗ hin ſchon ſehr empfindlich geweſen, ſtieg von Augen⸗ blick zu Augenblick. Wir ritten am Rande ſchreck⸗ licher Abgründe hin. Oft ſchien es mir, als zucke, wenn Caroli ſich neben mir befand, ſeine Hand nach dem Zügel meines Thieres, als erhebe er ſie nach mir ſelbſt, als leuchte dann ein wildes Feuer aus ſeinem Auge, das mich mit Mord bedrohe; aber ich verwies mir dann ſelbſt meinen Argwohn, ich warf mir vor, ihm ſchweres Unrecht zu thun. Das Wetter wurde indeſſen ſo entſetzlich, daß wir uns genöthigt ſahen, nach einem Zufluchtsorte zu ſuchen. Ich zitterte vor Kälte an allen Gliedern, mein Kopf war eingenommen und betäubt. Die erſehnte Zu⸗ ſlucht fanden wir endlich unter einem überhangen⸗ — 131— den Stein, ſeitab in einer ziemlichen Entfernung vom Wege gelegen. Noch immer wurden wir hier von Kälte gequält, aber wir waren doch gegen den dicht fallenden Schnee geſchützt. Eine Ermüdung, der ich nicht widerſtehn konnte, hatte mich ergriffen. Trotz der großen Kälte, die ich ſchmerzlich empfand, ſchlief ich ſogleich ein, als ich mich niedergeſetzt hatte. Ich weiß noch, daß dieſer Schlaf wie ein Centnergewicht ſich auf meinen Kopf und meine Glieder legte, daß ich einſchlummernd dachte: ſo muß der letzte Schlaf ſeyn. Für Caroli war er willkommen, er hielt ihn für den Vorboten meines Todes, für dieſen ſelbſt. Es mochte wohl eine ge⸗ raume Zeit vorüber ſeyn, als ich mich durch eine ſonderbare Erſchütterung, durch ein ſeltſames Bren⸗ nen an Geſicht und Händen erweckt fühlte. Ich ſchlug die Augen auf. Die letzten Strahlen der Abendſonne beleuchteten die Schlucht und ließen mich einen fremden Mann erkennen, der neben mir auf den Knieen lag, mir Geſicht und Hände hef⸗ tig mit Schnee rieb und mich dann mit beiden Armen ergriff, um mich durch ſtarkes Schütteln zur Beſinnung zu bringen. Ich ſah ihn, aber ich konnte nicht ſprechen, ich war noch immer ſehr betäubt im Kopfe, ich konnte kein Glied rühren, und dachte nur unbeſtimmt, fern an Caroli. Der fremde . 9* Mann bemerkte mein Erwachen. Er blickte mir in die Augen, er unterſuchte meinen Puls und redete mich dann in deutſcher Sprache an. Ich hörte ihn, wie aus weiter Ferne, aber meine Zunge blieb gelähmt. Da hob er mich kräftig vom Boden, nahm mich in ſeine Arme und trug mich raſch bergab⸗ wärts über einen ſchmalen Felſenpfad. Die Luft we⸗ hete noch ſcharf, aber es fiel kein Schnee mehr; der Himmel war ganz heiter. Während ich im Arme des Mannes lag, oder wenn er mich für einige Augenblicke niederlegte, um neue Kräfte zu ſammeln, befiel mich oft wieder die Neigung zum Schlafen, aber mir war, als gebiete mir eine unbekannte Macht aus meinem Innern, mich wach zu erhalten und gegen dieſe Anwandlung aus allen Kräften zu käm⸗ pfen. Erſt mit dem Einbruche der Nacht langten wir in einem kleinen Gebirgsdörfchen an. Hier brachte man mich zu Bette, hier flößte man mir ein warmes Getränk ein und überließ mich dann der Ruhe, die jetzt ebenſo belebend und erquickend, wie früher lähmend und tödtlich auf mich wirkte. Die Sonne ſtand ſchon hoch am Himmel, als ich am nächſten Tage erwachte. Ich mußte mich lange beſinnen, ehe mir klar wurde, was mit mir vorge⸗ gangen war. Dann dachte ich zuerſt an Caroli. Ich konnte mir nichts anders einbilden, als, er — 133— habe eine beſſere Zufluchtsſtätte geſucht, ſeh zu weit von mir abgekommen, um mich wiederzufinden, und irre nun in den Gebirgen umher, oder ſey, wovon ich nur durch den glücklichſten Zufall errettet, im Froſte erſtarrt. Ich ſchauderte. Ich wollte rufen, aber noch immer vermochte ich keinen Laut hervor⸗ zubringen. Ich war ganz allein im Zimmer. Da fielen meine Blicke auf die kleine Reiſetaſche, die ich mit mir führte, und ich ſah aus ihr Caroli's Portefeuille hervorragen. Sie lag auf einem Stuhle neben meinem Lager. Mechaniſch und höchſt mü⸗ heſelig griff meine Hand, die aller Kraft beraubt ſchien, darnach. Es gelang mir, ſie zu öffnen und ein Papier, das mir ſogleich in die Hand gerieth, zu entfalten. Ewiger Gott! Da lag ſeine ganze Verruchtheit mit einemmale frei vor meinem Blicke. Es war ein Brief an einen ſeiner Freunde, einen mir wohl bekannten Bankhalter in Paris, gerichtet. Der Brief war nur angefangen, in dem erſten ita⸗ lieniſchen Orte ſollte er vollendet werden. Caroli ſprach hier den feſten Vorſatz aus, mich auf dem Wege über das Gebirge bei Seite zu ſchaffen, mich entweder in einen unzugänglichen Abgrund zu ſtür⸗ zen, oder ſonſt ſich irgend eines Zufalls, der mein Verderben herbeiführen könne, zu bemächtigen. Konnte der Zufall ihm günſtiger ſeyn, als er ihm geſchie⸗ nen hatte? Ich lag in der einſamen Felſenenge, erſtarrend, dem Tode zuſchlafend; wenn er mich ſo verließ, wenn er es ſo meinem Geſchicke anheim ſtellte, über Tod und Leben zu entſcheiden, ſo konnte er ſich ſogar noch gegen ſich ſelbſt entſchuldigen,“ daß er nicht mein Mörder geweſen ſey, daß eine höhere Macht meinen Untergang gewollt habe. Zum erſtenmale empfand ich eine ſcharfe, lebhafte Erbit⸗ terung gegen ihn. Ich bewahrte das entſetzliche Blatt auf meiner Bruſt, ich fühlte, wie aus ihm elne Erkältung in mein Herz drang, die bald alle Liebe zu ihm bis auf die letzte Spur vertilgte. Er hatte meinen Tod gewollt, ich wollte nun auch todt ſeyn für ihn, für meine Heimath. Ach, mein Va⸗ ter, ich fühlte mich damals ſo ſchuldig gegen dich, daß ich an der Möglichkeit einer Verzeihung von deiner Seite ganz und gar verzweifelte! Er ſoll nie durch den Anblick der verworfenen Tochter, die um eines Böſewichts willen ihn verlaſſen konnte, betrübt werden: ſo ſchien es mir die Pflicht zu ge⸗ bieten.— Der Mann, der mir das Leben gerettet hatte, war unabläßig beſchäftigt, mich auch der Ge⸗ neſung zuzuführen. Er war ſelbſt ein Fremder, ein Deutſcher, den mein guter Genius in jener Stunde in meine Nähe gebracht hatte. Er ſchien von beſchränktem Sinne, aber von außerordentlicher — 135— Gutmüthigkeit. Seiner unermüdlichen Pflege ver⸗ dankte ich endlich meine Wiederherſtellung; ich ge⸗ wann die Rede, ich gewann meine Kräfte wieder. Aber wohin nun meine Schritte wenden in der Welt, in der ich mich jetzt ganz allein fühlte? In dieſen Gedanken verſunken, ſtimmte ich eines Abends ein trauriges Lied an, das in meine Lage paßte. Mein Erretter hörte mich, er belauſchte mich. Noch während ich ſang, ſchlich er mit der Miene eines Verzückten in mein Zimmer und blieb mit der Ge⸗ behrde eines Menſchen vor mir ſtehen, der dem Bilde eines Heiligen ſeine Verehrung widmet. Et liebte die Muſik mit Leidenſchaft, er war außer ſich über meinen Geſang. Bald erklärte er mir, daß er nicht ohne mich leben könne, daß er mir durch die weite Welt folgen werde, und— was blieb mir in meiner Lage übrig— ich heirathete ihn, ich wurde die Frau eines Mannes, über den ich in einer langen Ehe nie zu klagen gehabt habe. Er war ein Gärtner, in einer deutſchen Hauptſtadt anſäßig. Ich zog mit ihm, ich fand mit dem recht⸗ ſchaffenen treuen Mann hier ein ſtilles Glück. O, mein Vater, damals wagte ich an dich zu ſchreiben; als ich meinem Manne eine Tochter gebar, wieder⸗ holte ich den Verſuch, aber beide Briefe kamen mit dem Bemerken zurück: du ſeyeſt nirgends aufzu⸗ —— ¹ ¹ ¹ 6 2 ————— — — 136— finden. Da hielt ich dich für todt, da beweinte ich dich ſchmerzlich und reuevoll. Mein Mann war fleißig; ich ſelbſt hatte durch Unterricht im Ge⸗ ſange einen nicht unbedeutenden Erwerb. Unſer Röschen, deine Enkelin, mein Vater, wuchs friſch und fröhlich heran! Aber das Unglück hatte ſich noch nicht erſchöpft gegen mich. Wie es eigentlich auf mich eindrang, weiß ich nicht genau, denn ich verfiel mit einemmale in eine Geiſtesnacht, in ein dumpfes, zweckloſes Brüten, woraus ich nur wenige Stunden des Tages über zu einem lichtern Den⸗ ken erwachte. Ach, und dann mußte ich erkennen, wie mein Mann von einer töodtlichen zehrenden Krankheit ergriffen war, wie wir uns in Mangel und Elend befanden, wie unſer Kind alles Unter⸗ richts entbehrte, den ſein Alter erheiſchte. So, mein Vater, war es bis auf den heutigen Tag. Da ſchlug mit einemmal der Klang deines Namens an mein Ohr, da hörte ich, daß du noch lebteſt, daß du hier ſeheſt, und mit einemmale wich die Nacht von mei⸗ nem Geiſte, und ich fühlte, daß ich durch deine Verzeihung, durch die Verſöhnung mit dir für im⸗ mer dem Lichte wiedergegeben werde. Jetzt, mein Vater, weißt du Alles, du weißt, daß du eine En⸗ kelin beſitzeſt; deine Tochter hat dich wieder.“ Die Verſchwörungen. Giulietta hatte geendigt. Sie hielt die Hand ihres Vaters und ihre Thränen floſſen auf dieſe. „Nicht weinen, Giulietta!“ ſprach er lieb⸗ koſend und weich lächelnd zu der Tochter.„Aus dem Infelice ein Felice geworden ſeyn, eine ſchöne Canzonetta für ihn erklingen von Tochter und En⸗ kelin, ein canto celeste, der nun dauert bis zu ſei⸗ ner letzten ora. Aber Caroli, il scellerato,“ brach er plötzlich mit Heftigkeit aus,„warum hat mein Stiletto ihn nicht getroffen in's ſchwarze Herz, war⸗ um war mein Arm zu ſchwach, ihn zu ſtrafen, dich zu rächen, mia ſiglia?“ „Pereat Caroli!“ rief der Commercienrath, der indeſſen wacker geſpeiſ't, aber auch an manchen Stellen der Erzählung ſich die Thränen aus den Augen gewiſcht hatte.„Man ſollte ihn vergiften mit einer Champignonſauce, mit Sauerkraut in einem kupfernen Topfe gekocht oder mit würtem⸗ bergiſchem Wurſtgifte. Sprecht, Sebaſtiano, könnt Ihr beſchwören, daß der Zechi der wirkliche Ca⸗ roli iſt, und nicht etwa nur ein Doppeltgänger? Iſt er es leibhaftig, ſo wird er ausgepfiffen radi⸗ caliter, beom erſten Auftreten nach ſeiner Gene⸗ ſung, ſo wahr ich Meuſelwitz heiße und dieſes — 138— köſtliche Oeil de perdrix auf den Fluren der Cham⸗ pagne gewachſen iſt.“ Er trank und reichte dem Alten ein Glas, der es aber verſchmähete. „Er muß trinken, Infelice!“ ſagte mit zarter, gerührter Stimme Blümlein, den der Wein in der Regel weich und ſentimental machte.„Nicht auf den Untergang eines Andern, denn das darf ich von Amtswegen nicht dulden, da es Pflicht einer wohlorganiſirten Polizei iſt, einen jeden Bürger, Beiſaſſen oder Schutzgenoſſen nach Kräften gegen böswillige Abſicht und That zu verwahren. Aber trink Er auf die Geſundheit Seiner Enkelin„ In⸗ felice! Ich kann Ihm ſagen, daß die Roſine, das gute Kind, Seine ganze Liebe verdient, daß ſie an den Eltern handelt als eine rechtſchaffene Toch⸗ ter, und ſie thut in der Noth, was ſie vermag.“ „E viva!“ rief mit glänzenden Blicken Seba⸗ ſtiano, indem er den ſilbernen Becher, den der Polizeiaktuar ihm bot, freudig leerte.„Ohime,“ fuhr er dann wehmüthig fort,„warum ich nicht ſeyn in liberta, warum ich die Kgliuola nicht drücken kann an mein Herz, warum ſie nicht ſehn, nicht vedere in ihr die Mutter, wie ſie geweſen in ihrer Jugend! Davon auch il ladro Caroli tragen — 139— die Schuld, il maledetto, der mein ganzes Glück zerſtört haben.“ Ich ſuchte ihn zu beruhigen. Ich ſprach wie⸗ der von Röschen, ich bemühete mich, ihm einen Begriff von der Lieblichkeit, von der Herzensgüte und Unſchuld des Mädchens zu geben. Er wurde heiterer. Nun verwies ich ihn an Blümlein, welcher der Mann ſey, der es wohl zu karten ver⸗ möge, daß Röschen mit der Mutter ihn einmal heimlich beſuche, ich achtete nicht auf das finſtre Geſicht, das Virgilius bei dieſer neuen Zumu⸗ thung ſchnitt, ich rühmte im Gegentheile ſeine un⸗ gemeine Menſchenliebe, ich prieß ihn als denjeni⸗ gen, der dieſes ſchöne Feſt des Wiederſehens und der Verſöhnung bereitet, ich ſah ihn wieder weich, wieder gerührt werden. „Ich kann mich nicht halten,“ ſagte er mit einemmale heftig und ſtürzte einen Becher mit Wein nieder,„ich kann nicht kämpfen wider die Macht des Herzens, ich muß rebelliren gegen den Dienſt⸗ zwang. Er ſoll die Enkelin ſehen, Infelice! Ich gebe Ihm mein Blümleins⸗Wort darauf. Ich führe ſie Ihm hierher, ſie und die Mutter, aber Niemand weiter darf darum wiſſen, es darf nicht noch einmal Pickenik gehalten und bankettirt werden im Spittel.“ — 140— „Infelice, Er muß eſſen,“ fiel kauend der Commercienrath ein,„ſonſt iſt es bald am Ende mit den Herrlichkeiten aus Legendre's Reſtauration und Er hat nichts davon gehabt, als den Geruch und das Zuſehn! Aber zuvor beruhige er mich, zuvor ſtille Er den Appetit meiner Sehnſucht und geſtehe Er, ob Ihn nichts getäuſcht, ob kein aus dem Magen aufſteigender Nebel ſein Auge etwa getrübt, ob Er in der That und wirklich in dem Signor Zechi den Caroli unter den Fäuſten ge⸗ habt, ob Er dieſen abſcheulichen Tochterräuber und Frauen⸗endormeur hat ſtillettiren wollen?“ „Er es ſeyn geweſen, ſo war mir Gott helfe!“ entgegnete verbiſſen der Alte.„Ich ihn erkennen wollen unter Millionen Menſchen, ob er ſchwarz ſeyn colorirt, oder grün, oder gelb! Ich ihn er⸗ kennen wollen, ohne gar ihn zu ſehn, wie wenn er sotto voce einen einzigen Ton anſchlägt, wenn er Pianissimo im Nebenzimmer trällert, wenn er lacht in der wilden, höhniſchen Weiſe, die er von einem demonio gelernt hat. Er mich auch erkannt ha⸗ ben, als ich mit dem Stilette vor ihn trat und ihn fragte: wo iſt Giulietta, meine Tochter, wo iſt das Grab der Gemordeten? Er zuſammengebebt und ſehr erſchrocken geweſen, weil er geglaubt, ich ſehe un spettro, da er mich geſehen im Starrkrampfe — 141— zu Milano und mich als einen Todten, come un morto, gehalten. Er meinen Namen genannt ha⸗ ben, er gerufen Sebaſtiano, er kein anderer ſeyn und ſeyn können, als Caroli, mein scolare in der großen citta di Roma!“ „Das wollte ich nur wiſſen!“ verſetzte Meu⸗ ſelwitz.„Der Böſewicht darf nicht ungeſtraft ausgehn, er muß auf eine Weiſe gehänſelt werden, die ihm wenigſtens für die nächſten vierzehn Tage den Appetit verdirbt. Laßt mich nur machen, Kin⸗ der! Ich zähle Freunde an allen Wirthstafeln, auf allen Kaffeehäuſern, in allen Reſtaurationen. Ich laſſe mich es etwas koſten, um eine ordentliche, wohlangelegte und ſichere Verſchwörung gegen den Zechi Caroli zuſammenzubringen. Mag die ſen⸗ timentale Hoheit, Prinzeſſin Eliſe, ihren ganzen Hofſtaat, Kammerherrn und Kammerjunker, La⸗ kayen und Küchenperſonale, auf den Kriegsfuß ſetzen, um ihn zu vertheidigen, ſie ſoll nicht auffommen gegen unſre ſchneidenden Pfeifen, unſre hufeiſenbe⸗ ſchlagenen Stiefeln, unſre überreifen Apfel, unſre vollſaftigen Orangen und Apfelſinen. Wie ſchon geſagt, ich laſſe mich es etwas koſten, erſtlich weil dieſer gute Künſtler in der That ein ſchlechter Menſch iſt, zweitens, weil er auf uns übrige Chriſtenkinder immer ſo ſtolz und wegwerfend herabſieht, als lege — 142— ihm unſer Anblick eine verdorbene Auſter oder ſonſt einen widrigen Speiſeirrthum auf die Zunge. O, ich weiß meine Freunde zu bearbeiten, wenn es eine gute Sache gilt! Ich weiß, wohin jeder inelinirt, welchen Wein er am liebſten trinkt, welcher Lecker⸗ biſſen ihm am beſten mundet. Ausgepfiffen wird der Signor Zechi Caroli, mit weichem, ſaftigem Obſte öffentlich regalirt und überdieß in der hieſigen Proſerpina mit einem Spottgedichte, das ihn ſicher⸗ lich aus unſern vier Mauern forttreibt.“ „Um Gotteswillen, Commercienrath,“ hob ängſt⸗ lich Virgilius an.„Laßt mich nicht wiſſen, wie und wann! Ich bin ein verpflichteter Mann, ich darf keine Verſchwörungen einem hochgeborenen Herrn Policeidirector verheimlichen, wenn ich darum weiß!“ „Larifari!“ höhnte der Commercienrath, indem er eifriger der Flaſche zuſprach.„Er hat einmal uͤber die Schnur gehauen und kann nicht mehr zu⸗ rück; der Rubikon liegt hinter Ihm, Virgile, und es wird nun in's Feld, zum Sieg, zur Frei⸗ heit gezogen, wie der unſterbliche Schiller ſingt. Bedenk' Er,“ fuhr Meuſelwitz mit gerührter Stimme fort,„was hat der Canibal, der Nero und Caligula, der ſchätzbaren Signora nicht Alles rauben wollen mit dem Leben? Was liegt nicht demjenigen 2 — 143— offen zum Erwerbe, zum Beſitzthume, der da lebt, deſſen Hand der Tod nicht gelähmt, deſſen Zunge er nicht ſtumm und ſtumpf, deſſen Haupt er nicht gedankenunfähig gemacht hat? Konnte ſie nicht ge⸗ winnen in der Güter⸗ oder Claſſenlotterie, nicht im Papierhandel, nicht im ordinären Commerz oder durch ihre Kunſt? Und was ging hieraus hervor? Neues Leben in Fülle und Freude, Jubel mit Fa⸗ milie und Freunden, Dajeuner à la fourchette, Di- ner incomparable, souper fin und alle köſtlichen Ge⸗ nüſſe, die der Tod mit einemmale raubt und der Mörder ſeinem Opfer ſtiehlt. So iſt der Signor Zechi⸗Caroli nicht allein als ein Bandit anzu⸗ ſehn, ſondern auch als ein gemeiner Dieb, als ein Candidat des Galgens, den wir noch höchſt gnädig mit einem kleinen Regal von Pochen, Pfeifen und ſo weiter davonkommen laſſen.“ Giulietta hatte indeſſen ruhig und ſchwei⸗ gend an der Seite ihres Vaters geſeſſen. Anfangs ſchien ſie ganz den Gefühlen hingegeben, welche die Lage der Dinge in ihr erwecken mußten. Sie blickte zärtlich auf den Vater, während noch Thränen ihr großes, ſprechendes Auge näßten, ſie hielt mit be⸗ benden Händen eine der ſeinigen, ſie mochte noch bittre, tief nagende Reue empfinden. Dann war ſie ruhiger geworden, dann verſank ſie in ein Nach⸗ — 144— ſinnen, in ein ſtilles Brüten, das irgend eine wich⸗ tige Sache zum Gegenſtande haben mußte. „Mein Herr,“ brach ſie nun, zu Blümlein gewandt, ihr Schweigen, indem der ſprechende Blick ihres noch immer ſchönen Auges auf ihm weilte, „Sie haben, wie ich höre, ſo Vieles, ſo Großes an uns gethan, Sie haben dem Vater die Tochter le⸗ bend zugeführt, die er todt wähnte, durch Sie iſt der höchſte Wunſch meines Lebens erfüllt, iſt mir eine Verzeihung geworden, die meine ganze Zukunft erhellt und beglückt. O, mein Herr, ſetzen Sie Ihrem edeln Werke die Krone auf! Befreien Sie meinen Vater aus dieſem Kerker, in den ihn die ſchändlichſte Intrike gebannt hat, geben Sie ihn mir ganz wieder, der ja nur von einem Irrthume geblendet, den Verſuch machte, einen Böſewicht, der ihm Alles geraubt, zu ſtrafen! Was ſteht ſei⸗ ner Befreiung entgegen? Warum könnte er nicht in dieſer nächtlichen Stunde mit uns dieſes Haus verlaſſen und dann ſtill und verborgen bei mir le⸗ ben, ſo ſtill und verborgen, daß Niemand ſein Da⸗ ſeyn ahnt?“ „Nimmermehr!“ rief außer ſich Virgilius und ließ den Rebhuhnſchenkel, den er eben zum Munde führen wollte, ſeiner Hand entfallen. Zu⸗ gleich ſprang er einige Schritte weit zurück und — 145— hielt, wie zur Gegenwehr bereit, das Elfenbein⸗ knöpfchen ſeiner Badine der Italienerin entgegen. „Alles hat ſeine Grenzen, auch die Menſchenliebe,“ fuhr er fort, indem ſeine feine Stimme in der Entrüſtung ſich bis zum Krähen ſteigerte,„Alles ſollte erkannt, aber nie mehr verlangt werden, als das Gewiſſen, wenn es auch ſchon ein wenig nach⸗ giebig ſich gezeigt hat, erlaubt. Was ich gethan habe, iſt in der Rührung geſchehn, die mein Freund, der Baron, in mir erweckt, aber bis zur völligen Dienſtvergeſſenheit, bis zur Befreiung eines Men⸗ ſchen, der doch gewiſſermaßen als ein Delinquent zu betrachten iſt, laſſe ich mich nicht rühren. Ich habe verſprochen, die Tochter und die Enkelin noch einmal herzuführen, und mein Verſprechen halte ich. Drüber aber gehe ich nicht, ſo gewiß ich überzeugt bin, daß alle Polizeianſtalten nur das Heil der Menſchheit bezwecken!“ Ich verſuchte nicht, den Entrüſteten zu einem andern Entſchluß zu bewegen. Ich kannte ihn zu gut, um eine günſtige Umſtimmung zu hoffen. Giulietta ſchien auch ſchon auf ſeine Weigerung gefaßt. „So werde ich denn meinen eigenen Weg gehen;“ antwortete ſie kalt und gefaßt.„O, ich kenne ein Mittel, in das Herz desjenigen, der mein Leben III. 10 — 146— vergiftet hat, Grauen und Entſetzen zu ſchleudern. Er ſoll zittern vor mir, er ſoll bebend ſeine Unthat geſtehn, er ſelbſt ſoll dieſen unglücklichen Greis der Freiheit wiedergeben. Ich bedarf keiner Hülfe, keiner Unterſtützung Fremder. Eine ſoll mir hel⸗ fen und dieſe wird es, wenn die Zeit kommt und die That reif iſt. Caroli's ſchwarze Stunde naht, das Maaß ſeiner Unthaten iſt voll.“ „Charmant!“ rief der Commercienrath.„Zwei Verſchwörungen für Eine. Die Signora conſpirirt im Stillen nach ihrem Plane, ich ebenſo nach dem meinigen. Treffen wir beim Ausbruche zuſammen, ſo ſind wir gute Alliirte, wir müſſen ſiegen und ſchießen Victoria aus Champagnerflaſchen. Aber,“ ſetzte er im kläglichen Tone hinzu, indem er die leeren Flaſchen gegen das Licht hielt,„ich wittre Morgenluft, wie der Geiſt von Hamlet's Vater. Das Gewitter iſt auch vorüber, durch's Gitterfen⸗ ſter ſcheinen die Sternlein ſo milde herab, wie eine Berliner Oſterſuppe, wir müſſen ſcheiden, um auch die Genüſſe des morgenden, oder vielmehr nun heu⸗ tigen Tages mit heiterm Gemüthe und friſchem Ap⸗ petite aufnehmen zu können.“ Virgilius ſtimmte in das Begehren des Commercienrathes ein und legte, durch die letzte Zumuthung Giulietta's gereizt, ein gebieteriſches — 147— Gewicht auf ſeine Worte. Während die beiden Männer, die dem Souper und den Flaſchen, welche ſie mitgebracht, allein die gebührende Ehre bezeigt hatten, wieder einpackten und alle Spuren des nächtlichen Banketts hinwegräumten, lag die Sig⸗ nora an der Bruſt ihres Vaters und nahm von dieſem den zärtlichſten Abſchied. Dann ſchlichen wir unter Blümleins Anführung leiſe den Weg, den wir gekommen, wieder zurück. An der Dom⸗ kirche trennten wir uns. Als ich die Signora zu ihrem Hauſe begleitet hatte und ſie vor der Thüre ihrer Wohnung verließ, ſah ich durch einen Spalt im Fenſterladen einen Lichtſchimmer in der Stube des Kranken. Gewiß ſaß Röschen, das liebe Kind, dort noch wach und harrte der Mutter und hütete den unruhigen Schlummer des ſiechen Vaters. Ich ging nach Hauſe, indem ich an ſie dachte, ich legte mich zur Ruhe, um von ihr zu träumen. Roſalja.— Röschene Mehrere Wochen vergingen, ohne daß ſich irgend etwas Beſonderes ereignet hätte. Von Zechi ver⸗ nahm ich nur, daß er auf dem Wege der Gene⸗ ſung vorwärts ſchreite, man ſprach ſchon davon, er werde bald wieder auftreten, und Publicum und 10* — 148— Theatercaſſe, die beide unter ſeinem Nichterſcheinen gelitten, durch zahlreiche Darſtellungen entſchädigen. Der alte Lautenſchläger, der ihn verwundet, war vergeſſen, und wenn noch einer oder der andere ſeiner gedachte, ſo geſchah es, um den Wohlthätig⸗ keitsſinn der Prinzeſſin Eliſe zu rühmen, die dem Unglücklichen ein angemeſſenes Aſyl für ſeine noch übrigen wenigen Lebensjahre verſchafft. Mein alter Freund, der Commercienrath, ſchien die Rolle, die er ſich ſelbſt zugetheilt hatte, für höchſt wichtig zu halten. Er nahm mich oft vor oder nach Tiſch bei Seite, und gab mir dann mit der Miene des froheſten Triumphs über das Gelin⸗ gen ſeines Unternehmens ngeheimnißvolle Aufſchlüſſe, merkwürdige Andeutungen“ und wie er es ſonſt nennen mochte. „Ja, ja, Baron,“ ſprach er,„die Verſchwörung gedeiht prächtig, ſie kocht unter unſern jungen Leu⸗ ten und ſogar unter löblicher Judenſchaft, die ich für unſere Sache zu intereſſiren gewußt habe, und wird gar ſeyn, ausgebacken und reif zur Stunde der Entſcheidung. Man ſieht mir es nicht an, aber ich bin ein Teufelskerl, wenn es gilt, die Un⸗ ſchuld zu rächen. Man trägt unter der Corpulenz ein Herz, man hat nicht allein Gefühl für Braten und Auſtern, man ſtrebt auch nach dem Höheren, — 149— nach Veredlung des Menſchengeſchlechtes, nach der Vervollkommnung ſeines eigenen Selbſt, nach Ver⸗ nichtung aller Sünde, nach reiner Erhebung der Tugend. Ich denke noch immer mit Rührung an jene mitternächtliche Stunde, wo die Signora ihre entſetzliche Geſchichte erzählte, wo der Blitz durch das kleine Gitterfenſter des Gemachs niederleuchtete, wo der Donner in den weiten Gängen des Spit⸗ tels widerhallte, und ich glaubte eine Scene aus Walter Scott oder Cooper zu erleben. Baron, ich möchte mich ſelbſt prügeln darüber, daß ich damals dem ſchnoden, ſinnlichen Gelüſte erlag, und meine edlern Gefühle der ſüßen Würze des Capwein, dem Pokale das Oeil de perdrix, der Gaumenwohlthat der Leckerbiſſen, die eigentlich dem Alten beſtimmt waren, uns aber zu Gut kamen, opfern konnte! Es paſſirt mir nicht wieder bei einer ähnlichen Ge⸗ legenheit, lieber eſſe und trinke ich vorher über Maaß!“ Weit merkwürdiger und intereſſanter, als der Commercienrath, begann jetzt Virgilius und ſein Treiben mir zu erſcheinen. Er hatte Röschen und ihre Mutter zu Sebaſtiano geführt und von dieſem Augenblicke an war er ein Vertrauter Giulietta's geworden, der oft, während ich meine Schreibſtunden bei der Tochter fortſetzte, lange ge⸗ —-—— — 150— heime Berathungen mit jener hielt. Alle Verſuche, die ich machte, etwas über den Inhalt dieſer Unter⸗ redungen von ihm herauszulocken, blieben vergebens und ſcheiterten an ſeiner eiſernen Verſchwiegenheit. „Ihr werdet Alles gewahr werden zu ſeiner Zeit,“ ſagte er mit einem Hohne, der mich ärgerte, indem er meine Neugierde auf's Höchſte ſpannte, „Ihr und zugleich noch viele hundert andre, die wunderlich überraſcht ſehn werden von dem, was ein ſchlichter Polizeiactuar im Stillen vorbereitet. Und der Polizeiactuar wird immer und ewig in ſeinem Verſteck bleiben und Niemand wird ahnen, daß er es geweſen, der die ganze Reſidenz in Alarm verſetzt! Geht, Baron, und gebt ruhig und ohne daß Euer Puls lebendiger ſchlägt, Eure Schreib⸗ ſtunden! Die Gärtnerstochter und der Reichsfrei⸗ herr paſſen nicht zu einander.“ Das war freilich ein guter Rath, allein er theilte mit ſo vielen Andern das Schickſal, nicht beachtet zu werden. Röschen wurde mir täglich lieber und ich fing bereits an, Entwürfe für die Zukunft zu bilden, auf welchem meiner Güter ich mit ihr leben wolle, und in welcher Art die ganze Sache meiner weitläufigen Verwandtſchaft am beſten zu ratificiren ſey. Sie war freundlich, gütig und gefällig gegen mich. Jeden Tag fand ich regel⸗ mäßig meinen Blumenſtrauß auf meinem Platze. Ihre Fortſchritte in der Schreibkunſt waren reißend. Sie hatte bereits die Stufe der Geſchicklichkeit, auf der ich ſelbſt ſtand, erreicht, und ich gab mir nur das Anſehn, ſie weiter zu führen, um den Un⸗ terricht mit ihr fortſetzen zu können. Aber ſie ſchien mir jetzt zerſtreuter als ſonſt. Oft fing ſie mitten unter meinen Unterweiſungen an zu trillern und zu ſingen und ich ſah dann freilich ein, daß ſi ſie eine recht ſchöne, wohlklingende Stimme habe, aber es war mir denn doch wieder unangenehm, daß ſie mir nicht mehr Aufmerkſamkeit widmete. Beſonders unruhig ſchien ſie gegen das Ende der Stunden zu werden. Dann ſchielte ſie bald nach dem Fenſter, bald nach der Thüre, keine Feder wollte ihr mehr zuſagen, wie ich auch alle erworbene Kunſt und Aufmerkſamkeit darauf verwandte, ſie zu ſpitzen und zu ſchneiden. Klopfte es aber dann leiſe, und wurde beſcheiden die Thüre geöffnet und der Locken⸗ kopf des bewußten Schreinergeſellen ſah herein, ſo erglühete ſie über und über, und mit ihren Wangen erglühete mein Herz und das peinliche Othello⸗ fieber kam über mich. Am Anfange der nächſten Unterrichtsſtunde ſchmollte ich dann wohl mit Rös⸗ chen, aber das gute Kind war dann wieder ſo ergeben, ſo freundlich, und ſchien ſo gar nicht be⸗ — 152— greifen zu koͤnnen, was ich eigentlich wolle, daß dieſe Unſchuld mich ganz und gar entzückte und allen Unwillen aus meiner Seele verbannte. Niemand ſchien in dieſer Zeit glücklicher, als der kranke Gärtner. Er lächelte faſt immer verklärt für ſich hin, ſpielte auf der Decke ſeines Lagers Clavier und hatte das Anſehn, immer in ſeinem Innern Muſik zu hören. Täglich wurde er dabei ſchwächer und der Augenblick ſeiner Auflöſung ſchien nicht fern. Als ich ihn einesmals allein traf, winkte er mir an ſein Lager zu treten und ſagte geheim⸗ nißvoll: „Es geht mir jetzt gar gut in meinem Hauſe, Herr Baron! Sie werden es nur nicht gewahr, denn vor Ihnen wird Alles verſchwiegen gehalten und verborgen. Den ganzen Tag über höre ich Muſik, Geſang, wie von Engelszungen, herrliche Sachen, wie man ſie nur im Himmel vernehmen kann. Das iſt Röschen und meine Frau im an⸗ dern Zimmer. Ich liege dann ganz ſtill und lauſche, und lauſche mich hinauf in den Himmel und meine ſchon die Engel um mich verſammelt zu ſehn und demüthig vor dem Throne Gottes zu knieen, von dem alle Muſik ausgeht. Ich treibe es nicht mehr lange auf Erden, Herr Baron! Von Tage zu Tage klingt mir die Muſit herrlicher, was ich ſehe, wird mir fremder, und ich fühle, daß die Welt keine Heimath mehr fuͤr mich iſt.“ Auch ich ſah ein, daß der Arme bald zu einem beſſern Aſyle eingehn würde. Aber dieſes ſeltſame Treiben Röschen's und ihrer Mutter? Das Ge⸗ heimniß, das darüber ruhete, das mit Ernſt und Feſtigkeit bewahrt wurde? Stand alles dieſes viel⸗ leicht mit Blümlein's häufigen Beſuchen in Ver⸗ bindung, mit ſeinen Andeutungen, die mehr ahnen ließen, als ſie beſtimmt ausſprachen? Verwünſchter Zuſtand des Zweifelns, des Tappens in einer Fin⸗ ſterniß, aus der ich mich nicht herauszufinden ver⸗ mochte! Ich, der ſich früher für die Hauptperſon, für den Lenker der Fäden, die hier eingreifen und bewegen ſollten, gehalten, ſtand jetzt inmitten der ganzen Maſchinerie, willenlos, ohne Leben und Thä⸗ tigkeit, ohne ihr Weſen und ihren Zweck zu erken⸗ nen. Umſonſt hatte ich den Polizeiactuar auf das Eifrigſte beobachtet, ſeinen Gängen nachgeſpürt, den Sinn von jeder ſeiner Außerungen reiflich erwogen und hin und her gedeutet, um auf irgend eine Spur zu gerathen: Alles blieb Finſterniß, undurchdring⸗ liche Nacht vor meinen Augen. Freillich fiel mir auf, daß Virgilius dem Theaterintendanten jetzt angelegentlich ſeinen Hof machte, daß er häufig auf der Bühne zu finden war und ſich oft im eifrigen — 154— Geſpräch mit dem Director in einer Couliſſe an⸗ treffen ließ; aber da konnten ja Dienſtverhältniſſe zum Grunde liegen, da wurden wahrſcheinlich ganz gewöhnliche, unbedeutende Dinge verhandelt. Ich ging in einer wahrhaft melancholiſchen und, was meine beabſichtigten Herzenseröffnungen an Röschen betraf, unentſchloſſenen Stimmung um⸗ her, als ſich plötzlich in der Reſidenz die Nachricht verbreitete, Signor Zechi ſey nun völlig geneſen und werde an einem der erſten Tage in der näch⸗ ſten Woche in der Rolle des Don Juan wieder auftreten. Man hatte den Don Juan noch nie italieniſch gehört, Alles war geſpannt, das Meiſter⸗ ſtück Mozarts in der Sprache, zu der er ſeine unſterbliche Muſik gedichtet, mit allen Recitativen, mit der Lebhaftigkeit, der wahrhaften Inſpiration der fremden Darſteller zu genießen. Nebendem ver⸗ lautete auch, daß eine eben ſo reizende, als vortreff⸗ liche Sängerin, die man täglich aus Italien er⸗ warte, in der Rolle der Elvira eine Gaſtvorſtel⸗ lung geben werde, daß überhaupt die Oper ſo wür⸗ dig ſolle ausgeſtattet werden, wie man ſie hier noch nie geſehn. In allen Geſellſchaftskreiſen war das Geſpräch über den Don Juan an der Tagesord⸗ nung. Schon hatte man Zechi ausfahren ſehen, man wollte wiſſen, daß bereits Proben gehalten — 155— wuͤrden, von denen aber Zechi der Ruhe halber, deren er noch bedürfe, ſich bis auf die letzte Haupt⸗ probe habe diſpenſiren laſſen. Als ich Giuliet⸗ ten, die ich freilich nur ſelten ſah, hiervon benach⸗ richtigte, zeigte ſie ſich zu meinem Erſtaunen ſehr gleichgültig und ſuchte die Rede auf einen andern Gegenſtand zu lenken. Ich hatte ſie am Bette ihres Mannes gefunden. Dieſer wurde jetzt oft von Schwächen heimgeſucht, welche immer ſicherer ſein nahes Ende verkündigten. War er aber ſeines Bewußtſeyns mächtig, ſo trat wieder jenes verklärte Lächeln auf ſein Angeſicht, das innern Frieden und ſchöne Hoffnungen deutete. Zu meinem Verdruſſe ſetzte jetzt Nöschen unter einem Vorwande, der mir ſehr unerheblich ſchien, auf einige Tage die Schreibeſtunden aus. Schicklicherweiſe konnte ich ſte nun nicht jeden Tag ſehen; ich mußte meine Sehnſucht, meine Ungeduld bekämpfen, war nun aber auch feſt entſchloſſen, ſobald ich wieder den Unterricht beginnen würde, meine Werbung anzu⸗ bringen. Übrigens ſchien weder ſie, noch ihre Mut⸗ ter zu ahnen, in welcher Gefahr das Leben des Kranken ſchwebe; ſie glaubten im Gegentheile zu bemerken, daß er ſich beſſere, ſie hofften auf ſeine Geneſung, und ich hielt mich nicht für berufen, dieſen ſchönen Wahn zu zerſtören. „Don Giovanni!“ rief mir, als ich nach einem überlangen Morgenſchlafe eines Mittags den Spei⸗ ſeſaal im römiſchen Kaiſer betrat, der Com⸗ mercienrath zu, indem er mir den Theaterzettel darreichte.„Don Giovanni!“ wiederholte er, ſich die Hände reibend und in ſich hineinkichernd.„Die Mine iſt geladen und heute Abends platzt ſie los und der Zechi muß tanzen nach unſrer Pfeife,“ fuhr er dann fort:„Freundchen, die Verſchwörung iſt fir und fertig, und wenn die Signora aus dem Spittel auch die ihrige zu Stande gebracht hat und beide zuſammenklappen, ſo gibt es einen Teufels⸗ hallo und Capitallärm. Aber Geld und Mühe hat es mich gekoſtet, bis ich die muthigen Jakobiner, die theatraliſchen Feuillans zuſammengebracht hatte. Der Zechi hat einen wahren Zentnerſtein im Brette beim Publikum, der ſchwer zu untergraben war, aber doch endlich wackelig geworden iſt und nun zuſammenbrechen muß, und wenn Prinzeß Eliſe ihn mit höchſt eigenen Schultern unterſtützte. Die Rollen ſind ausgetheilt unter den Verſchwore⸗ nen; jeder weiß, was er zu thun hat. Sie haben Alle geſchworen, treu zuſammenzuhalten, geſtern bei der Generalverſammlung und jeder legte den Eid auf einen großen Korb mit Champagner ab, den ich zum Beſten gab. Er war delicat, der Cham⸗ pagner nämlich, von Laboullaye in Ay, prémieère qualité. Alles bleibt ſtill und ruhig während des Stücks. Niemand von den unſrigen applaudirt dem Zechi; applaudiren andere, ſo laſſen wir ſie ge⸗ währen. Das iſt die Windſtille vor dem Sturme. Nach dem Stücke wird die fremde Signora, wenn ſie gut iſt, herausgerufen; dann wird auch Zechi gerufen, aber wehe ihm, wenn er erſcheint! Hun⸗ dert Stimmen begrüßen ihn im wilden Chorus mit dem Donnerrufe: Caroli, Giuliettal Es wird gepfiffen, geziſcht, geſtrampelt, faules Obſt nach der Bühne hinauf ſervirt— kurz! ein Lärm wird ge⸗ trieben, wie noch nie in hieſigem Theater erlebt worden und der ſicherlich das Gewiſſen des Sig⸗ nor Zechi Caroli aus ſeinem ſchweren Schlafe wach rütteln ſoll!“ Noch waren wir beide allein im Salon. Die Kellner waren außerhalb beſchäftigt, Niemand ach⸗ tete auf uns.— „Um Gotteswillen, Meuſelwitz,“ ſagte ich betreten,„Sie haben doch Giulietten nicht com⸗ promittirt, nicht ihre Unglücksgeſchichte dem großen Haufen preisgegeben?“ „Wie können Sie mich für ſo dumm halten, Baron?“ erwiederte er beleidigt.„Mich koſtet die Kenntniß dieſer Unglücksgeſchichte ſchweres Geld — — ͦ— — 138— und die große überwindung, um Mitternacht in's Narrenſpittel eingetreten zu ſeyn. Soll ich ſie nun Andern zum Beſten geben, gratis oder gar noch von Gaſtfreundſchaft begleitet, die mir wiederum kein Wirth umſonſt gibt? Proſit die Mahlzeit! Meine Verſchworenen ſchreien was ich will, ohne weiter darnach zu fragen, was es bedeutet: dafür haben ſie ihr vollſtändiges delicates Souper erhal⸗ ten, ihren Rheinwein und ihren Laboullaye. Ple- nus venter non studet libenter! An tiefes Nachden⸗ ken, an ſpeculative Grübeleien ſind die Burſche nicht gewöhnt.“ Ich blickte auf den Theaterzettel. Zechi war hier als Don Juan angeſetzt, eine Signora Ro⸗ ſalia vom Theater San Carlo in Neapel, hieß es weiter, werde in der Rolle der Donna Elvira als Gaſt auftreten. „Eine ſonderbare Sache iſt es mit der fremden Sängerin,“ hob Meuſelwitz auf's Neue an. „Sie ſoll noch auf keiner der Proben den Schleier abgelegt haben, der ihr Angeſicht bis zum Kinn be⸗ deckt, Alles mit leiſer, nicht einmal halber Stimme, aber in vortrefflicher Manier geſungen und dem Director die Bedingung gemacht haben, mit der größten Strenge darauf zu wachen, daß Niemand, wer es auch ſey, zu den Proben zugelaſſen werde. — 159— Der Director thut ungemein geheimnißvoll, wenn man von ihr zu ihm ſpricht. Sie werde Alles be⸗ zaubern, Alles begeiſtern: verſichert er auf Ehre; ſie ſey ein wahrer Deſſertbiſſen, ächter Confect und indiſches Eingemachtes für das hieſige, kunſtliebende Publikum!“ „Roſalia, Roſalia!“ ſprach ich traͤumeriſch in mich hinein und dachte an Röschen. Der Anblick der fremden Roſe war mir gewiß, aber mein liebes, einheimiſches, trautes Röschen durfte ich heute nicht ſehen, denn die Mutter hatte mit einem ſeltſamen Ernſte davon geſprochen, daß die Familie wünſche, heute von Niemand geſtört zu werden.— Der Abend kam. Wer nur von den Bewoh⸗ nern der Reſidenz einigen Anſpruch auf künſtleriſche Bildung machen wollte, eilte in's Theater. Ich war ſchon frühe hingegangen und glücklich genug geweſen, mein gewohntes Plätzchen in den erſten Reihen des Parterre zu erlangen. Rings um mich war die Rede von der neuen Sängerin und Zechi. Letzterer ſollte ſich noch nicht ganz geneſen fühlen von ſeiner Wunde, oft noch an Fieberſchauern lei⸗ den und hauptſächlich von einer melancholiſchen Stimmung beherrſcht ſeyn, wegen der man heute ſich nicht ſo Großes von ſeiner Darſtellung verſprach. — 160— „Im Gegentheile!“ rief der Commereienrath, der ſeine Stelle immer in meiner Nähe einzuneh⸗ men pflegte.„Ich getraue mich zu behaupten, daß der Don Juan eigentlich ein Melancholicus iſt, der, weil ihm der Arzt Zerſtreuung angerathen, dieſe auf allen möglichen Wegen ſucht. Ein blo⸗ ßer luſtiger Lebemann würde dem alten Gouver⸗ neur nicht gleich das Lebenslicht ausblaſen, weil er ihn bei der Tochter ertappt; ein Melancholicus aber iſt ein Menſchenfeind und brütet heimlich im⸗ mer Verderben gegen das Menſchengeſchlecht. Ein Lebemann würde galant gegen die Donna El⸗ vira ſeyn, wenn er ihrer auch überdrüſſig gewor⸗ den; der finſtere, ſtarre Melancholicus überläßt ſie dem Hohne ſeines Bedienten. Was ſagen Sie zu dieſen kritiſchen Andeutungen, mein Herr? Sind ſte nicht neu, pikant und ein angenehmes Reizmit⸗ tel vor dem Schmauſe, der uns aufgetiſcht wer⸗ den ſoll?“ Die Umſtehenden nahmen des Commercienraths Worte für Scherz und lachten unmäßig. Ich aber erkannte, daß mein Freund ſich in einer großen Aufregung befand, die auf irgend einem Wege auszubrechen ſuchte, daß er mit Ungeduld auf den Augenblick harrte, wo ſein Werk, das er heimlich geſponnen, an das Licht trete und bis dahin nach — 161— Ausfuͤllungsmitteln, nach erzwungenen Scherzen, um ſich hinzuhalten und zu zerſtreuen, ſtrebte. Den Polizeiaktuar bemerkte ich in der Ferne am Eingange. Er war in voller Amtsuniform, ſchien ſehr geſchäf⸗ tig und ohne Neigung, ſich, wie er es gewöhnlich that, ſeinen alten Freunden zu nähern. Da gab der Kapellmeiſter das Zeichen zum An⸗ fange und die erſten ſchauerlichen Accorde der Ouver⸗ ture rauſchten wie ernſte Mahnungen einer höhern Welt, wie Verkündigungen von Verbrechen und Strafe, wie Hindeutung auf fluchwürdige That und Verdammniß durch den weiten Raum hin. Alles war todtenſtill. Der ernſte Sinn der Töne ergriff jeden, wenn ihn auch nicht jeder verſtand. Ich träumte von gefallenen Engeln, die den Kampf mit dem Leben nicht zu beſtehen vermocht, von dem Himmel, der in ihnen untergegangen ſey, weil ſie die Luſt der Erde gierig in ſich eingeſaugt; von Jammer, den ſie in die Herzen anderer gegoſſen, von Elend, das ſie ſchwerer, als ein Todtenkranz iſt, auf jener Häupter gelegt. Ich träumte und erlebte Alles mit: den Kampf und den Jammer, das Elend und den Untergang. Mein Traum dauerte noch, als die Ouverture geendigt hatte, als Leporello, in ſeinen Mantel gehüllt, auftrat und ſein: Notte e giorno faticar anſtimmte. Da aber III. 11 — 162— bebte es plötzlich durch meine Seele und erweckte ſie zur Theilnahme an der Gegenwart. Ma qual mai s'offre, oh Dei spettacolo funesto jammerte Donna Anna und ſtürzte verzweiflungsvoll neben der Leiche des Vaters nieder. Jetzt wurde mein Intereſſe ganz auf die Darſtellung gelenkt. Ich be⸗ reuete, die Scene zwiſchen Donna Anna und Don Juan, das Zuſammentreffen dieſes mit dem Gouver⸗ neur verträumt zu haben. Ich war nun ganz Auge, ganz Ohr. In meiner Näle wurde indeſſen geziſchelt und geflüſtert. Alles war geſpannt auf die Erſchei⸗ nung der Signora Roſalia, die Wirkung des ſchönen Duetts zwiſchen Anna und Ottavio ging bei dieſer allgemein herrſchenden Neugierde großen Theils verloren. Da erſchien ſie im Hintergrunde der Bühne: etne nicht große, aber höchſt zierlich gebaute Ge⸗ ſtalt, lieblich in allen Formen. Noch hing der Schleier vor ihrem Angeſichte nieder, aber man ahnete hinter ihm Jugend und Schönheit. Ihr Gang war ſchwankend, ſie ſchien bloͤde, ſie ſchien zu zittern. Aber jetzt begann das Ritornell des wunderherrlichen Terzetts und wie von einer höͤ⸗ hern Macht begeiſtert, näherte ſie plötzlich mit be⸗ ſtimmten und feſten Schritten ſich dem Proſcenium und indem ſie den Schleier zurückſchlug und mit — 163— herrlicher, metallreicher Stimme: Ah! chi mi dice mai, anhob, rauſchte ein Ton der Bewunderung über die Anmuth der Erſcheinung, die noch alle Erwartung übertraf, durch die weite Verſammlung. Ich aber vermeinte in die Erde zu ſinken: die Signora Roſalia vom Theater San Carlo in Neapel war Röschen aus der Grünberger Vor⸗ ſtadt, oder ich war im Fieber und ſah Phantas⸗ mata, wie der ſelige Nicolai. Das Finale. „Bravo, bravissimo!“ jubelte das Haus, als die Sängerin ihr erſtes Solo geendigt. Ich ſtand noch ohne Leben, ohne Beſinnung. Hundert Zwei⸗ fel drängten ſich mir auf, und wenn ich dann wie⸗ der an meine Sinne appellirte, ſo war und blieb es Röschen, mein Röschen, meine Schülerin! Ich bemühete mich, nun aufmerkſam zuzuhören. Es war ganz die Methode Giulietta's, nach der ſie ſang, es war die Stimme der Tochter Sebaſtia⸗ n o's, nur jugendlicher, kräftiger. Ihr Spiel war befangen, verlegen; aber man hielt das gerne ihrer Schönheit zu gut, man verzieh es ihr gerne um des herrlichen Geſangs willen. Eben ſo betroffen, wie ich, ſchien ein andrer, 11* — 164— der wohl der Herrſchaft uͤber ſich ſelbſt bedurfte in dieſem Augenblicke; dieſer andre war Zechi. Die Sängerin mußte in den Proben ihre Mittel nicht in dem Grade entfaltet haben, wie es jetzt bei der Aufführung geſchah, ſie hatte, wie es ja auch ver⸗ lautete im Publikum, die Macht ihrer Stimme, die Schönheit des Vortrags verborgen, ſie uͤberraſchte nun ſelbſt die Mitſpielenden. Zechi, der im Hin⸗ tergrunde mit Leporello lauerte, und nach der neuen Eroberung angelte, machte eine Gebehrde des Entſetzens und ſtieß einen vernehmlichen Schrei aus, als die Sängerin begann. Seine Lebhaftig⸗ keit, das Feuer ſeines Spiels war verſchwunden. Er ſang unſicher, er ſchien von einem Gefühle be⸗ unruhigt, das ihn mehr beherrſchte, als der Ge⸗ danke an ſeine Rolle. Erſt als das Terzett zu Ende war, als die Donna ſich nach ihm umwandte und er ihr Angeſicht erblickte, gewann er ſeine Faſſung wieder. Schwelgend in dem alten Frevelmuthe höhnte er die verlaſſene Geliebte, aber wenn gleich ihr Spiel im Ganzen unſicher blieb, ſo wußte ſie doch die Vorwürfe, die ihn trafen„ mit dem Aus⸗ drucke einer ſo unendlichen Verachtung auszuſtatten, daß ſein Hohn vernichtet„elend und jämmerlich daſtand. „Und das ſollte, das konnte Röschen ſeyn?“ — 165— fragte ich mich immer wieder. Aber als ſie an⸗ fing zu ſprechen, als ich in gewöhnlicher Rede den Ton ihrer Stimme vernahm, da erkannte ich ſie ganz genau, da wußte ich auch, daß in dieſem Aus⸗ drucke unſäglicher Verachtung der Geiſt ihrer Mut⸗ ter aus ihr ſprach. Das Italieniſche floß ihr mit einer Leichtigkeit vom Munde, als ſey ſie am Arno oder an der Tiber geboren. Ganz natürlich! Sie hatte nie eine andere Sprache mit Giulietta geſpro⸗ chen. Ihrem Abgange, ſo wenig er auch dazu auf⸗ forderte, folgte ein donnerndes Applaudiſſement. „Herrlich, herrlich!“ rief überlaut der Commer⸗ cienrath.„Das iſt eine Sängerin, wie wir brau⸗ chen. In der Stimme iſt Metall— Metall, wie an der großen Glocke im Domthurme; und der Vortrag— kann man ihn geſchmackvoller, delicioͤ⸗ ſer, pikanter und ich möchte, um einen angenehmen Vergleich zu haben, ſagen, muſirender finden? Da iſt keine uberladung an Ingredienzien und Acci⸗ denzien, da iſt Alles einfach und edel, wie es Mut⸗ ter Natur will, aber mit ihrem Gepräge, mit dem Stempel der Wahrheit! Den Zechi macht ſie todt heute. Er ahnt es, er iſt verwirrt, er war aus dem Häuschen, als ſie die erſten Töne anſchlug. Und wie jung und ſchön iſt ſie, faſt zu jung und zart für dieſe Rolle! Aber da kann man — 166— nachhelfen, wenn man einen Beigeſchmack von Aſthetik hat, einige natürliche Dreingabe von Phan⸗ taſie. Donna Elvira iſt ein junges, unſchuldiges Täubchen geweſen, als der Ruchloſe ſie ent⸗ oder verführt. Er war ihre erſte Liebe, er iſt ihre ein⸗ zige. Er zieht ſie nach über Berg und Thal, und ſie folgt ihm, wie der Menſch ſeinem Erhaltungs⸗ triebe, dem Sehnen nach wohlſchmeckender Speiſe und ſtärkendem Trank. Sie kennt und verachtet ihn, aber dennoch kann ſie nicht von ihm laſſen: denn ſie iſt die Sclavin ihres Herzens, und ihr Herz gehört ihm. Ja, ihr Leute, ſo ſteht es mit dieſer Donna Elvira, der noch keine gleich gekom⸗ men von allen, die ich geſehen in langjähriger Thea⸗ terpraxis. Aber noch einmal: der Zechi macht heute einen Purzelbaum aus der Gunſt des Publi⸗ kums, dafür ſtehe ich. Die Signora Roſalia bricht ihm den Hals.“ Der Commercienrath hatte gut prophezeihen. Hatte er doch ſelbſt die Erfüllung ſeiner Prophe⸗ zeihungen ſicher vorbereitet. Ich ſaß in fortwäh⸗ render Betäubung. Röschen eine Prima Donna, eine Künſtlerin vom erſten Nange! Jetzt fiel mir wieder ein, was ſie mir vor langer Zeit geſagt, daß nämlich die Mutter ſie in einer Sache un⸗ terrichte, die dereinſt zum Vorſchein kommen werde, — 167— jetzt konnte ich mir erklären, warum ſie in der letzten Woche ſo viele Unterrichtsſtunden verſäumt habe, jetzt glaubte ich auch zu errathen, was Vir⸗ gilius im Geheim mit der Familie, mit dem Theaterintendanten und dem Direktor zu verhandeln gehabt habe. Aber zu welchem Ende, zu welchem Zwecke? Lauerte dahinter vielleicht die Rache, die Giulietta an Caroli zu nehmen ſich vorgeſetzt hatte? Ich begriff es nicht, ich mußte mich ent⸗ ſchließen, geduldig die Auflöſung dieſer wunderlichen Räthſel zu erwarten. Auf jeden Fall dünkte mich, daß Röschen mir nun weit näher ſtehe, daß eigent⸗ lich eine Verbindung zwiſchen uns keine Mißheirath genannt werden könne, indem ihre Kunſt ſie adle und, wenn ich morgen ſchon meine Bewerbung an⸗ brachte und ſie dem weitern Theaterleben entzöge, auch dieſes in ſeiner eintägigen Dauer auf keiner⸗ lei Weiſe ihrem Rufe nachtheilig ſey könne. Der Beifall, welcher der fremden Sängerin ge⸗ zollt wurde, ſtieg mit jeder Scene, in der ſie er⸗ ſchien. Zechi aber wollte durchaus nicht anſprechen: er ſchien zerſtreut, verblüfft, ohne Leben und ohne Kraft. Erſt als das Finale des erſten Aktes be⸗ gann, wurde er wieder der alte. Mir kam es vor, als habe er ſich durch geiſtige Getränke erhoben. Mit frivolem, höhnendem Muthwillen verfolgte er — 168— Zerlinen; vornehm und leichthin wirft er Ma⸗ ſetto zurück. Nun kam das himmliſche Terzett der drei Masken. Niemand ſchien jetzt zwiſchen der Elvira, die jetzt auftrat, und der vorigen einen Unterſchied zu finden. Ich aber fand ihn. Mein Herz fühlte, meine Sinne erkannten zu genau. Mochte man nicht die höhere Geſtalt der gegen⸗ wärtigen Erſcheinung bemerken„ mochte man die feſtre Haltung in Spiel und Anſtand überſehn, mochte man die mindre Friſche der Stimme auf Rechnung des Flors ſetzen, der vor dem Munde niederhing; ich täuſchte mich nicht: das war nicht mehr Röschen, das war Giulietta, ihre Mut⸗ ter! Jetzt fing es an in mir zu tagen. Ich ahnete eine ſeltſame, wunderliche Rache. Da entfernten ſich die Masken und der hintere Vorhang flog auf, und im bunten Gewimmel be⸗ wegte ſich Alles im glänzenden Salon zum fröh⸗ lichen Tanze. Zahlloſe Kerzen ſtrahlten hernieder, Bediente flogen hin und her, um auf ſilbernen Cre⸗ denztellern Erfriſchungen zu reichen, Alles war Le⸗ ben, Alles war Freude. Don Juan jubelte in frecher Luſt. Zechi ſchien nachholen zu wollen, was er früher verſäumt, er übertraf ſich ſelbſt in Spiel und Geſang. Wie reichhaltig ſtrömte da die Fülle der Freude, wie athmete Alles Uppigkeit und — 169— Wohlleben! Aber der Daͤmon, der alle dieſe Herr⸗ lichkeit mit einem Schlage zerſchmettern ſollte, war nicht fern. Immer enger ſchlang Don Juan ſein Netz um die thörigte Zerlina. Sie ſchwankte, ſie gab nach, ſie folgte ihm. Da ſchlug die Wuth des verhöhnten Bräutigams in wilden Flammen auf, Don Juan fah ſich entdeckt, verfolgt, bedrängt. Mit Rieſenkraft ſchleppte er ſeinen unglücklichen Die⸗ ner herbei, um durch deſſen Tod die rachedürſten⸗ den Gegner zu verſöhnen. Aber die drei Masken traten ihm drohend entgegen. L'empio crede non tal frode di nasconder l'impietà! zürnte Donna El⸗ vira, ihre Maske ſinkt, und vor ihm ſteht— ein leichenblaſſes Weib, eine Todte, die er im Eiſe be⸗ graben glaubt, ſeine Anklaͤgerin vor dem Richter⸗ ſtuhle des Höchſten. Alles iſt Überraſchung, Alles iſt in Aufruhr, auf der Bühne, wie in den Logen und im Parterre. Aber Don Juan wankt, er bebt zuruͤck, er ſucht ſich vergebens zu halten, ſeine Glie⸗ der verſagen ihm den Dienſt, er lallt noch einige unverſtändliche Worte, dann ſinkt er, vom Schlage getroffen, todt zur Erde. Entſetzen ergreift die Mit⸗ ſpielenden und die Zuſchauer. Der Vorhang muß fallen. Mit Zechi's plötzlichem Tode iſt die Vor⸗ ſtellung zu Ende. ——-— ——— — 170— Morgen! Ich, mit vielen andern, eilte nach dem Gange, der auf die Bühne führte. Aber hier ſtand Poli⸗ zeiwache und ließ Niemand hindurch. In der Ferne bemerkte ich Blümlein, wie er eben mit zwei verſchleierten Damen am Arme die Treppe hinauf⸗ ſtieg, die in die Privatloge der Prinzeſſin Eliſe ging. Eine entſetzliche Verwirrung herrſchte allent⸗ halben. Jederman fragte, jedermann wollte Nähe⸗ res wiſſen. Zechi war todt, das blieb gewiß, das verſicherten alle Statiſten, die von der Bühne ka⸗ men; herab durfte jedermann, hinauf niemand. Vor dem Theater hatten ſich viele Gruppen gebildet, welche die Sache beſprachen. Aus einer von die⸗ ſen trat mir der Commercienrath blaß und verſtoͤrt entgegen. „Eine merkwürdige Geſchichte das!“ ſprach er in großer Bewegung.„Den Don Juan abzuthun vor dem zweiten Akte, ehe er das köſtliche Souper eingenommen, ehe er ſich zum Tode vorbereitet durch herzſtärkenden Champagner— es iſt arg, es iſt arg; aber im Charakter einer Italienerin. Das muß man ihr laſſen, der Giulietta: zu conſpi⸗ riren verſteht ſie meiſterlich, ſtill, geheimnißvoll und auf eine ganz neue, überraſchende Weiſe. Was bin ich — 171— gegen ſie? Ein Stümper, ein Bönhaaſe! Ich war ſtolz geworden auf mein Conſpirationstalent, ich war mir bewußt, nichts verſäumt zu haben zum Sturze des Zechi Caroliz Geld habe ich es mich koſten laſſen, Uberredungskunſt, unzählige Gänge, ſelbſt leichte Unpäßlichkeiten— und ſie— ſie tritt da⸗ her, nimmt bloß die Maske vom Geſicht, wirft dem Zechi einen Blick zu und drei Worte hin und er muß d'ran ſterben auf der Stelle, als habe er Blau⸗ ſäure geſchluckt. Er iſt um's Leben, ich bin um mein Geld, um meine Bemühungen, um die Re⸗ ſultate meiner Redekunſt gebracht. Kommen Sie, Baron! Laſſen Sie uns in den römiſchen Kaiſer gehen, und etwas Stärkendes nehmen auf den Schreck. Es iſt dort gewiß viel Geſellſchaft. Das zerſtreut, das lenkt den Geiſt von den Todesgedan⸗ ken ab, die das plötzliche Ende Zechi's uns ein⸗ floßen muß.“ Ich fühlte mich zu ſehr erregt, um den Vor⸗ ſchlag des Commercienraths anzunehmen. Ich wollte auf dem Paatze bleiben, ich wollte Röschen und ihre Mutter erwarten. Meuſelwitz entfernte ſich, nach und nach löſ'ten ſich die Gruppen auf und es wurde ſtill auf dem Platze. Ich ging mit ha⸗ ſtigen Schritten vor den Eingängen des Theaters auf und nieder. Man hatte ſie verſchloſſen, nach⸗ — 172— dem die Menge ſich entfernt. Einzelne Perſonen kamen noch heraus, hinter ihnen aber fiel gleich wieder Schloß und Riegel vor. Da wurden mit einemmale beide Flügel der hintern Thüre, die nach der Scene führte, aufgeriſſen. Ein düſtrer Zug trat heraus. Ich näherte mich, ich ſah eine langgeſtreckte Geſtalt, deren Angeſicht mit einem Tuche bedeckt war, auf einer Bahre inmitten des Zugs: es war Zechi's Leichnam. Ein Schauer ergriff mich und ich wich zurück. Langſam entfernte ſich der Zug und verlor ſich in eine benachbarte Straße. Nur noch eine Kutſche hielt auf dem weiten Platze. Ich war feſt überzeugt, daß die beiden Frauen, die ich erwartete, ſich noch in dem Gebäude befan⸗ den, ich konnte nicht anders denken, als daß dieſe Equipage beſtimmt ſey, ſie aufzunehmen. Als ich ſie in der Nähe unterſuchte, erkannte ich das fürſt⸗ liche Wappen, die fürſtliche Livree. Ich wollte eben mit dem Jäger, der neben dem Wagen ſtand, und einige vernehmliche Reden des Unwillens und der Ungeduld ausſtieß, ein Geſpräch anknuͤpfen, um zu erforſchen, wer noch von der fürſtlichen Familie zuruͤck ſey, als die Thüre des Haupteinganges raſch auflog, der Jäger eilig zu den Heraustretenden hin⸗ ſprang, und der Wagen ſo ſchnell vorfuhr, daß ich, als ich herankam, nur noch den Schlag zuklappen — 473— hörte, und ſeiner gleich darauf erfolgten Abfahrt beiwohnen konnte. Aber auf der Treppe des Ein⸗ ganges ſtand Blümlein. Er hatte die Einſtei⸗ genden begleitet, er kam jetzt langſam und bedäch⸗ tig herab. „Virgilius,“ rief ich und hielt ihn an bei⸗ den Handen feſt.„Mein guter Genius führt Euch her! Ihr müßt mir Rede ſtehen als ein alter Freund, Ihr müßt mir ſagen, wo Röschen iſt?“ „Dort fährt ſie hin,“ ſagte er lakoniſch, indem er ſich loswand und nach der Gegend deutete, in der noch das ferne Rollen der fürſtlichen Equipage hoͤrbar war. „In der Hofequipage?“ verſetzte ich ſtaunend: „mit Jäger und Lakayen?“ „Ganz richtig!“ antwortete er eben ſo trocken, wie früher.„Ein Kammerherr iſt auch dabei.“ „Um Gotteswillen, Virgilius,“ drang ich in ihn,„ſagt mir etwas Näheres, erklärt mir die wun⸗ derliche Sache! Ihr habt ſie geleitet, Ihr kennt ſie genau, Ihr wißt nicht, wie nahe mir das Mäd⸗ chen am Herzen liegt!“ „Morgen!“ erwiederte er mit großer Beſtimmt⸗ heit.„Heute Abend kein Wort mehr!“ Er hielt Wort. Ich ging ihm nicht von der Seite, ich begleitete ihn bis zu ſeinem Hauſe, ich — 474— beſturmte ihn mit Bitten, mit Beſchwörungen, ſelbſt mit Drohungen, unſer vieljähriges Freundſchafts⸗ band aufzulöſen: nichts konnte ihn bewegen, das Siegel, das er auf ſeine Lippen gelegt hatte, zu brechen. Lächelnd, aber ſtumm, verließ er mich an der Thür ſeiner Wohnung und trat in dieſe, ohne mich einzuladen, ihn zu begleiten. Unruhig lief ich noch einige Straßen auf und nieder; dann trieb es mich in die Grünberger Vorſtadt. Ich ſtand vor dem Häuschen, welches Röschen und ihre Altern bewohnten, ich lauſchte an dem verſchloſſenen Fen⸗ ſterladen: Alles war ſtill, kein lebendes Weſen ſchien ſich in dem Innern des Häuschens zu befinden. Da hielt ich es denn endlich für das Beſte, meine Un⸗ geduld, meine Unruhe zu bekämpfen und ſo gelaſ⸗ ſen wie möglich Blümleins verhängnißvolles: Morgenl zu erwarten. Und dieſes Morgen kam! Ich war erſt ſehr ſpaͤt eingeſchlafen; der Tag war ſchon weit vorge⸗ rückt, als ich erwachte. Ich ſtürmte zu Blümlein. Es war Sonntag, er war heute frei von Amtsge⸗ ſchäften, aber er ſeh in die Grünberger Vorſtadt gegangen, wohin ihn ein wichtiges Geſchäft rufe, hieß es. In die Grünberger Vorſtadt? Rief es denn nicht auch mich dahin mit mächtigen Stimmen, denen ich nicht zu widerſtehn vermochte? War denn — 175— die Grünberger Vorſtadt nicht das Ziel, nach dem alle meine Gefühle ſtrebten? Ich war dort, ohne mir ſelbſt bewußt zu ſeyn, wie ich hingekommen war. Ich ſtand odemlos vor der Thüre des be⸗ kannten, lieben Zimmers, ich klopfte, aber ohne das einladende: Herein! zu erwarten, trat ich ein und— ſah— ſah Röschen in den Armen eines Mannes, in dem ich im nächſten Augenblicke den verwünſchten Schreinergeſellen erkannte. Lächelnd ſtanden Giulietta, Sebaſtiano und Virgi⸗ lius zur Seite, lächelnd blickte der Kranke auf das Paar. Ich ſtand wie bedonnert. Da erhob Röschen das Köpfchen, ſie ſah mich, erröthete über und über und verbarg ihr Geſicht wieder an der Bruſt des Glücklichen, den meine Gegenwart gar nicht zu ſtoͤren ſchien. 3 „Sie mich befreit haben aus dem prigione, Sie zum Lohne jetzt empfangen ihren amante für spaso! hob Sebaſtiano an, indem er auf mich zuſchritt und mir die Hand bot.„Sie, Herr Baron, ſeyn der generoso amico della casa, Sie durch Wohlthä⸗ tigkeit haben erhalten die Armuth, Sie die Tochter haben geführt zu il suo padre in das Gefängniß, Sie Alles haben preparato durch die Güte Ihres — 176— Herzens, Ihnen ewig wird bleiben riconoscenza von uns!“ Nun näͤherte ſich mir auch Virgilius, um deſſen Mund ein Zug leiſen Spottes ſpielte, der ihm ſonſt nicht eigen war. In wenigen Augen⸗ blicken wußte ich Alles, was mir bis jetzt noch räthſelhaft ſcheinen konnte. Giulietta hatte in jener Nacht, wo wir den Alten beſuchten, den Plan der Uberraſchung und der Beſtrafung Caroli's erdacht, deſſen Ausführung den Sänger freilich ſchwe⸗ rer als ſie gewollt, der ihn tödlich getroffen. Nös⸗ chen, von ihr ſeit früher Kindheit im Geſange un⸗ terrichtet, weigerte ſich ſo lange den ihr zugedach⸗ ten Antheil zu übernehmen, bis ihr endlich von der Mutter heilig verſprochen wurde, dieſes ſollte das einzigemal ſeyhn und bleiben, daß ſie die Thea⸗ terbretter betrete; bis die Mutter ihr die bisher ver⸗ weigerte Einwilligung zu ihrer Verbindung mit dem jungen Schreiner, mit dem das Mädchen ſeit lange ein Herzensverſtändniß hatte, zuſagte. Dann war Blümlein in das Geheimniß gezogen worden, und hatte alle nöthigen Schritte gethan, um Rös⸗ chen, welche er der Theaterintendanz als eine ihm ſehr empfohlene italieniſche Sängerin wiederum em⸗ pfahl, die Gaſtrolle der Donna Elvira zu ver⸗ ſchaffen. Alles war gelungen, alles ergab ſich nach Wunſch, bis auf den Tod Caroli's, den Giu⸗ lietta nur hatte einſchüchtern, nur hatte dahin bringen wollen, die Freiheit ihres Vaters zu bewir⸗ ken. Heimlich raunte mir Virgilius noch zu, daß die beiden Frauen eine geheime Audienz bei Prinzeſſin Eliſe gehabt, die bis ſpät in die Nacht gedauert, daß in Folge derſelben Sebaſtiano ſo⸗ gleich in Freiheit geſetzt und von der Prinzeſſin mit einer anſtändigen, lebenslänglichen Penſion be⸗ gnadigt worden ſey. Was blieb mir übrig? Ich mußte gute Miene zum böſen Spiele machen, ich mußte gratuliren mit Bitterkeit im Herzen, ich mußte verſprechen, über vier Wochen zur Hochzeit zu erſcheinen. „Wir kommen beide,“ ſagte Blümlein, ſich froͤhlich die Hände reibend und triumphirend, daß er ſo großen Antheil an dem neuerrichteten Familien⸗ glücke habe,„wir kommen beide und bringen noch einen Dritten mit: den Caroli Nr. 3, den dicken Commercienrath, der damals treulich mir beigeſtan⸗ den bei dem Bankett im Narrenſpittel, das Ihr uͤbrigen alle verſchmäht.“— Wir kamen und waren Zeugen der Seligkeit des jungen Paares. Der Vater des jungen Schrei⸗ ners hatte dem Sohne zu Gunſten ſein Geſchäfte niedergelegt, dieſer war Meiſter geworden und Rös⸗ III. 12 — 178— chen bewegte ſich als Frau Meiſterin gar lieblich unter den Gäſten umher. Vor mir aber zeigte ſie eine beſondere Scheu, eine Zurückgezogenheit, die mich ahnen ließ, ſie erkenne recht wohl, daß zwi⸗ ſchen uns Beiden nicht Alles ſo ſtehe, wie es ſolle. Niemand war heiterer an dieſem Tage als der kranke Bärtner. Der Ausdruck eines friedlichen Entzük⸗ s ſprach aus ſeinem ganzen Weſen. Er nahm von ſeinem Lager aus den innigſten Antheil an dem Feſte, wollte von nichts, wie von Muſik ſpre⸗ chen, und hörte nicht auf, die Frauen zu bitten, ſie möchten nur ſingen, ſie möchten ihn nur hinüber⸗ ſingen in das liebe Himmelreich, wo Alles Geſang und Muſik ſeyh. Am folgenden Tage wurde ſein Wunſch gewährt. Er ſchlummerte ſanft unter einer Canzone, die Sebaſtiano ſeiner Tochter auf der Laute begleitete, in das„liebe Himmelreich“ hin⸗ über. Dieſes war der erſte bittere Tropfen, der in den Freudenkelch der jungen Eheleute fiel. — — Die junge Gelehrte. In ganz Bologna wurde Alleſandra, das ein⸗ zige Kind des Doctors und Profeſſors Battoni, für das reizendſte Mädchen der Stadt gehalten. Da⸗ bei galt ſie aber auch für eben ſo gelehrt, wie ſchön, und ihre Mitbürgerinnen, die in andern, wie ſie meinten, ihrem Geſchlechte beſſer anſtehenden Din⸗ gen ihren Ruhm ſuchten, mieden die junge Gelehrte und zogen ſich ſcheu von ihr zurück, wenn ſie zu⸗ fällig mit ihr in Geſellſchaft zuſammentrafen. Sie beſaß eine hohe ſchlanke Geſtalt, wie ſie das Welſch⸗ land meiſt unter ſeinen Frauen hervorbringt. Unter dem geſcheitelten Haare und den ſcharfgeſchnittenen Augenbrauen blickten, über ein zierliches Adler⸗ näschen, zwei dunkelglühende Augen hervor, aus denen Ernſt und Nachdenken ſprachen. Die edeln und regelmäßigen Züge trugen den nämlichen Aus⸗ druck und aus dem ganzen Weſen der jungen Dame trat mehr männliche Feſtigkeit, als weibliche Zart⸗ heit an den Tag. Man hatte die achtzehnjährige Gelehrte nur einmal lächeln geſehen. Dieſes war in dem Augenblicke geſchehen, als ſie nach ſiegreich vertheidigter Diſſertation von der verſammelten Aca⸗ demie mit der philoſophiſchen Doctorwürde beklei⸗ — — 182— det worden war. Als eine getreue Gehülfin ſtand ſie ihrem Vater in ſeinen gelehrten Arbeiten zur Seite. Alte Sprachen, Mathematik und Phyſik wa⸗ ren es, denen Alleſſandra ihre Studien mit beſonderer Vorliebe gewidmet hatte. Doch verſäumte ſie auch nicht, ſich Kenntniſſe in andern Wiſſenſchaf⸗ ten zu erwerben und dieſe täglich zu erweitern. Den Huldigungen der Männer begegnete ſie mit einer Verachtung, die bald die Bewerber aus ihrer Näbe entfernte. Auch hatte ſte keine Freundin: denn wo wäre ein gleichgeſinntes Mädchen von ihrem Alter zu finden geweſen, das ſich lieber mit ihr über die Trach⸗ ten der alten Griechinnen und Römerinnen, als über die neueſte Mode, die aus Paris oder Neapel an⸗ kam, unterhalten hätte? So ſchöne Früchte nun auch die Gelehrſamkeit der Tochter den Wiſſenſchaften, in denen Battoni forſchte, brachte, ſo dürre Blätter fielen von dieſem Baume der Erkenntniß für den Haushalt ab. Kam ein unerwarteter Gaſt, ſo fehlte es an Mitteln, ihn zu bewirthen, eine unverbrannte Suppe hatte Bat⸗ toni mun ſchon ſeit Jahr und Tag nicht gegeſſen, und in ſeinen Geldangelegenheiten herrſchte eine ſolche Unordnung, daß die Gläubiger ihm oft das Haus zu ſtürmen droheten. Wurden dieſe nun allzu ungeduldig, wollten ſie ſich mit Gewalt der — 183— anſehnlichen Bibliothek des Doctors und der ſchö⸗ nen Alleſſandra bemächtigen, um ſich bezahlt zu machen, ſo trat gewöhnlich ein junger römiſcher Edelmann, Namens Riccardo di Solano, in's Mittel, befriedigte die ungeſtümſten Mahner und wußte die andern durch beredte Vorſtellungen zur Ruhe zu verweiſen. Dieſer junge Röͤmer lebte ſeit einem Jahr als Penſionär im Hauſe des Doctors, lag hier auf's Eifrigſte den Studien ob und hoffte, in den nächſten Tagen von dem Grade eines Bac⸗ calaureus, den er bereits erreicht hatte, ſich zu der Würde eines Doctors empor zu ſchwingen. Die An⸗ nehmlichkeiten ſeiner Perſon und ſeines Umganges würden ihm viele Freunde gewonnen haben, wenn er ſich nicht ganz auf das häusliche Leben bei dem Doctor beſchränkt und alle geſelligen Zuſammenkünfte gemieden hätte. Man wußte, daß er reicher Leute Kind war, manche Mutter dachte ſeufzend an ihn, wenn ſie ihre heirathsfähige Tochter betrachtete; aber es war da nun nichts anders zu machen und Ric⸗ cardo galt für eben ſo unempfindlich gegen die Lei⸗ denſchaft der Liebe, wie ſeine gelehrte Hausgenoſſin. „Stille Waſſer ſind betrüglich!“ ſagt ein altes Sprichwort und ſo war es auch hier. Freilich ſchaute der junge Römer nicht aus dem Hauſe, um ſein Herz an die rechte Adreſſe zu bringen, ſondern viel⸗ — 184— mehr hinein, wo leider aber die ſchöne Alleſſan⸗ dra in einer herben und ſtrengen Weiſe waltete, die jede ſolche Botſchaft ſchon im Voraus zurückzu⸗ weiſen ſchien. Riecardo wußte recht gut, daß Marcheſen und Grafen, junge Patricier und alte Cröſuße bereits mit Werbgeſuchen um die reizende Tochter an die Thüre Battoni's angeklopft hatten und anſtatt mit einem freundlichen: Herein! zuge⸗ laſſen zu werden, mit einem derben: Nein! abgefertigt worden waren; aber hatte er nicht vor allen dieſen voraus, daß er nun ſchon ſeit einem Jahre mit der jungfräulichen Doctorin unter einem Dache lebte, erträglich von ihr behandelt wurde und tagtäglich mit ihr und dem Vater tiefſinnige Berechnungen an⸗ ſtellte, dunkle Stellen alter Autoren nach Handſchrif⸗ ten vergleichen und erklären durfte? War ihm nicht oft ſchon, wenn er, nach langem vergeblichen Forſchen von Vater und T Tochter, den einzig möglichen Aufſchluß plötzlich gefunden, ein Blick der letztern geworden, in dem er gar zu gern eine Hoffnung für ſeine Wünſche las? Dennoch konnten ihn alle dieſe Be⸗ günſtigungen nicht über die Gefahr einer entſchei⸗ denden Anfrage verblenden, und er beſchloß nun endlich nothgedrungen, dieſe zu thun, als die Woche kam, in deren Verlauf er ſeine Diſſertation zur Er⸗ langung der Doctorwürde zu vertheidigen hatte, weil — 185— er gleich darauf zu ſeinen Eltern in die Heimath zurückkehren ſollte. So geſchah es denn eines Morgens, daß er, während der alte Battoni abweſend war, plötzlich in einer ſchwierigen Logarithmenrechnung abbrach, mit zitternder Hand die Feder zur Seite legte und nur anfangs ſtammelnd, dann aber mit feſter Stimme eine wohlbedachte Rede an die erſtaunte Alleſſan⸗ dra richtete, in der er ihr ſein Vermögen, ſein Herz und ſeine Hand zu liebevoller Annahme darbot. Wäh⸗ rend er ſprach, wagte er nicht die Blicke zu der jun⸗ gen Schönen zu erheben. Sie ließ ihn ohne Un⸗ terbrechung ausreden, ſo ſehr hatte ſie dieſer uner⸗ wartete Antrag überraſcht. Jetzt nahm er ſeinen ganzen Muth zuſammen und warf einen ſcheuen, fra⸗ genden Blick auf die noch immer Schweigende. Sie war blaß geworden und ſah nachdenklich vor ſich hin. Schon gab Riccardo einer ſchönen Hoff⸗ nung in ſeinem Herzen Raum. Da erhob ſich mit einemmale Alleſſandra ſtolz, kalt und mit ver⸗ ächtlicher Miene:„Ihr habt Euch in mir und ich habe mich in Euch geirrt, Signor!“ verſetzte ſie in einem wegwerfenden Tone.„Laſſet uns ferner bis zu Eurer Abreiſe nicht mehr einander ſehen und mit einander reden, als gerade noͤthig iſt.“ Nach dieſen Worten entfernte ſie ſich mit raſchen Schritten. Ehe — 186— ſie aber noch die Thüre ihres Zimmers erreicht hatte, brach ſie vor innerlichem Unmuthe in ein lautes Weinen aus. Sie verriegelte ſich und der beſtürzte junge Mann, der eine Zeitlang an der Thüre lauſchte, hörte ſie mit ſich ſelbſt reden und heftig ſchluchzen. Als Battoni zurückkam, war er ſehr erſtaunt ſeine Tochter nicht in Riccardo's Geſellſchaft bei ihren gewöhnlichen Beſchäftigungen zu finden. Auf ſeine Frage theilte ihm der junge Römer, der ſei⸗ nen Schmerz über das Mißlingen ſeines theuerſten Planes nicht verbergen konnte, Alles mit, was ſich begeben hatte. Battoni, dem, nach einer kürz⸗ lich vorgenommenen nähern Unterſuchung ſeiner zer⸗ rütteten Vermögensumſtände, ein reicher Schwieger⸗ ſohn ganz recht geweſen wäre, ſchüttelte den Kopf und meinte: Alleſſandra werde doch noch viel⸗ leicht auf andere Gedanken kommen, es ſey nur darum zu thun, ſie zu überzeugen, daß man auch im Eheſtande den Wiſſenſchaften leben könne, wie er ſelbſt während einer zwölfjährigen ungetrübten Ehe gethan habe. Er wolle mit ihr reden und hoffe ihre Hartnäckigkeit zu überwinden. Riccardo ſetzte zwar wenig Vertrauen in das Gelingen dieſes Verſuchs, allein der Schiffbrüchige faßt nach einem Halme, wenn er kein anderes Werk⸗ zeug zu ſeiner Rettung ſieht. In dem Zimmer Al⸗ — 187— leſſandra's, zu dem noch ein Zugang aus Bat⸗ toni's Bibliothek führte, fand dieſer die Toch⸗ ter freilich in einem Zuſtande, der ſeine Hoffnun⸗ gen ſehr herabſtimmte. Sie lag knieend am Boden und hatte ihr Geſicht in die Kiſſen des Sopha ver⸗ borgen. Noch immer weinte und ſchluchzte ſie und ihr ſchönes Haar hing, wie bei einer ganz Verzweif⸗ lungsvollen, aufgelöſ't herab. Sie hörte, was der Vater beſänftigend ſprach, nur halb an. Mit einer heftigen Bewegung ſprang ſie plötzlich auf, trat vor Battoni und unterbrach dieſen, indem ſie in den leidenſchaftlichſten Ausdrücken ihre Entrüſtung, ihren Zorn an den Tag legte. Sie verwünſchte den Augen⸗ blick, in dem Riccardo in ihr Haus getreten war, die Zeit, in welcher ſie arglos vertrauend ſeine täg⸗ liche Geſellſchaft geduldet hatte, den Dünkel. der Männer, der nur danach ſtrebe, ſelbſt ein Weib, das nicht den Eitelkeiten, nur dem Ernſte des Le⸗ bens fröhne, tyranniſch zu unterjochen. Sie erklärte, daß ſie niemanden auf der Erde mehr haſſe, als dieſen heuchleriſchen Riccardo, der ſie ſo lange getäuſcht. Dann überließ ſie ſich wieder ganz dem Schmerze über die vermeinte Beleidigung und ver⸗ goß ſo häufige Thränen, daß Battoni jeden Ge⸗ danken aufgab, ſeinen Ermahnungen Eingang bei ihr zu verſchaffen. Er wollte eben das Zimmer ver⸗ 8 — 188— laſſen, als ſie ſich wiederum erhob und auf's Neue vor ihn trat. Jetzt hatte ſich ihr ganzes Außere verändert und der Vater war nicht wenig betroffen, ſie mit einemmale beruhigt, ohne Thränen und mit faſt heiterer Stirn zu ſehen. Ein ſeltſames Lächeln umſpielte ihre Lippen.„Er hat die Wiſſenſchaft in mir beleidigt,“ ſagte ſie, indem ſie Battoni's Hand ergriff:„durch ſie will ich mich an ihm rächen. Er ſtrebt nach ihrer höchſten Würde. Er ſoll ſie nicht erringen. Das werde ſeine Strafe!“— Von dieſem Augenblicke an ließ ſich Alleſſandra vor ihrem Vater nur ſelten, vor Riccardo gar nicht ſehen. Sie war immer in ihrem Zimmer, holte viele Bücher aus Battoni's Bibliothek und blieb, wie dieſer bemerkte, bis ſpät in die Nacht auf. Indeſſen überließ ſich der junge Römer nicht, wie viele in ſeiner Lage gethan haben würden, einem unmännlichen Liebesſiechthum. Er fühlte, daß Alleſſandra ſeinem Herzen nie gleichgültig werden könne, aber er bemühete ſich, in den erſten Vorarbeiten zu ſeiner nahen Promotion Zerſtreuung und Vergeſſenheit zu finden. — Der Tag, welcher für dieſes ihm ſo wichtige Ereigniß beſtimmt war, kam heran. Er fand, als er die academiſche Halle betrat, die Bänke der Stu⸗ denten ungewöhnlich ſtark beſetzt. Er hatte keine — 189— Freunde unter den jungen Leuten, da er es ver⸗ ſchmähete, an ihren Vergnügungen Theil zu neh⸗ men. Es konnte ihn alſo nicht befremden, von die⸗ ſen ohne ein Zeichen des Wohlwollens aufgenom⸗ men zu werden. Sein Blick flog ſchüchtern nach der Tribune. Da ſah er in der Reihe der Docto⸗ ren und Profeſſoren, die ihn zu bekämpfen gekom⸗ men waren, auch die achtzehnjährige Doctorin Al⸗ leſſandra Battoni. Ein ſpöttiſcher Blick von ihr traf in den ſeinigen. Er verſtand, was dieſer Blick ſagen wollte, er fühlte, wie ihm in dieſem Augenblicke das Blut zu Kopf ſtieg, aber er nahm auch ſeinen ganzen Muth, ſeine ganze Faſſung zu⸗ ſammen, um dem Angriffe, dem er entgegen ſehen konnte, zu entſprechen. Hier galt es, die Liebe dem Willen unterzuordnen, hier mußte die Leiden⸗ ſchaft ganz verſtummen, um Geiſt und Wiſſen frei walten zu laſſen. Siegreich hatte er ſich aller ſeiner Gegner ent⸗ ledigt; ganz zuletzt erſt trat Alleſſandra, vor Unmuth und Eifer erglühend, wider ihn auf. Er hatte ſie noch nie ſo ſchön geſehen, wie in dieſem Augenblicke. Die in der Halle herrſchende Stille war Zeuge der allgemeinen Bewunderung. Sie ſprach begeiſtert, ergreifend, aber nicht ſo bedacht und über⸗ legt, wie ſonſt. Was gründlich zu widerlegen war, — 190— fertigte ſie mit einem kühnen, witzigen Ausſpruche ab, was erſt nach einer tiefen Unterſuchung hätte verurtheilt werden können, ſuchte ſie als unrichtig, als thöricht und lächerlich darzuſtellen. Dieſe Schwä⸗ chen wußte Riccardo wohl zu benutzen. Indem er es vermied, ſie anzublicken und ſich dem Ein⸗ drucke ihrer Schönheit bloszuſtellen, vertheidigte er ruhig und klar ſeine Sätze, er ſchonte die Gegne⸗ rin nicht und erwies deutlich, daß es mehr ihr Be⸗ mühen ſey, ihn perſoͤnlich zu verletzen, als den Ge⸗ genſtand, um den es ſich handele, in ſein richtiges Licht zu ſtellen. Vor dieſer Beſchuldigung, deſſen Wahrheit ſie erkannte, verſtummte Alleſſandra. Die Fakultät brach überdem in laute Lobeserhebun⸗ gen Riccardo's aus und während Battoni's Tochter ſich beſchämt und erbittert zurückzog, wurde der junge Römer unter den Glückwünſchungen al⸗ ler Anweſenden mit der höchſten academiſchen Würde bekleidet.— Alleſſandra kam außer ſich nach Hauſe. Sie blieb mehrere Stunden in ihrem Gemache, ohne je⸗ mand ſehen zu wollen. Endlich vernahm ihr Va⸗ ter ein Geräuſch und ſah nun durch die Spalte ſeiner wenig geöffneten Thüre, daß Alleſſandra beſchäftigt war, mit großer Haſt alle Bücher, die ſie in ihrem Zimmer gehabt, in die Bibliothek zu⸗ — 191— rückzutragen. Als dieſes geſchehen war, trat ſie mit niedergeſchlagenen Blicken in ſein Zimmer. „Lieber Vater,“ ſagte ſie,„ich habe eine Bitte an dich. Meine Empfindungen, meine Würde ſind auf das Schwerſte beleidigt worden und die Belei⸗ digung kann nur durch ein Mittel wieder gut ge⸗ macht werden. Riccardo muß mich heirathen. Sage ihm das und bringe mir recht bald Nachricht von ihm!“ Weinend ließ ſie ſich in einen Seſſel nieder und verbarg ihr Angeſicht in ihre Hände. Ihre Erbitterung ſchien auf das Höchſte geſtiegen zu ſeyn, das Gefühl ihrer Kränkung ſchien ſie zu über⸗ wältigen. Mit Entzücken vernahm Riccard o, der nach der Scene in der academiſchen Halle auch den letzten Hoffnungsſchimmer aufgegeben hatte, die Kunde, die Battoni ihm brachte. Er eilte zu Alleſſandra und warf ſich ihr, Verzeihung erbittend, zu Füſſen. Sie aber hob ihn auf, ſchloß ihn in ihre Arme und geſtand ihm nun mit lei⸗ ſem, mädchenhaftem Widerſtreben: daß ſie ihn ſchon früher geliebt, daß ſie dieſes Gefühl erſt erkannt habe, als er ihr ſein Geſtändniß gemacht, und daß dieſe Entdeckung ſie in einen Zwieſpalt mit ſich ſelbſt verſetzt, den ſie an ihm, als deſſen Urheber, habe rächen wollen. — 192— Beide wurden ein glückliches Paar. Alleſ⸗ ſandra verblendete ſich nicht länger über die eigent⸗ liche Beſtimmung ihres Geſchlechts und ſah bald ein, daß es ihr beſſer anſtehe, die Frau eines Doc⸗ tors und Mutter etwaiger künftiger Doctoren, als ſelbſt eine Doctorin zu ſeyn. 8* ——