ee— deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 3 von. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 5 pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4 9 1 6————— fß 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme ſ eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hin kerlegei welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 143 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 2auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Nk. 50 Pf. 2 Mk. Pf. „ 24„,=, 6„—„ 5 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der⸗Feſer zun Erſatz des Ganzen verp flichtet. 7. Aus der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. X Leihbibliothek 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von eihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, d das Wletterverleihen * 4 8 3 8 — Erzählungen Georg hörin g. Zweiter Theil. Die Enkel.— Das Opfer der Ehre. Frankfurt am Main. Gedruckt und verlegt von Johann Dayld Sauerländer. —— 1 8 3 3. Einem der nördlichen Thore der freien Reichsſtadt Augsburg näherte ſich an einem heitern Maitage des Jahres 1734 ein alter Mann, den ein junges Mädchen mit der Harfe auf dem Rücken begleitete. Der Frühling ſtand gerade in ſeiner vollen Pracht und die Ausſicht über die Stadt hin, die in Blü⸗ thenbäumen halb verſteckt lag, nach den blauen Bergen Tyrols und ihren höher überragenden Schnee⸗ gipfeln, war entzückend. Der alte Mann ſetzte ſich auf eine Bank am Wege, und ſah mit finſtern Blik⸗ ken auf die Stadt, während das Mädchen mit dem Ausdrucke des Vergnügens, welches der Reiz der Neuheit und eines erhabenen Eindruckes hervor⸗ bringt, ſeine Augen auf die Alpen und Schneehäup⸗ ter im Hintergrunde richtete. Sie beobachtete dann auch wohl verſtohlen und forſchend ihren Begleiter, ihre Miene ſagte, daß ſie wohl gern an dieſen einige Fragen thun möchte, allein daß ſie auch nicht wage, ihn in dem finſtern Sinnen, dem er ſich hingege⸗ ben hatte, zu ſtören. Sie empfand nur ſtill und freudig für ſich, ſie lächelte nach den Blüthenbäu⸗ men und nach den glänzenden Eisbergen hin, ſie — 6— faltete unwillkührlich die Hände, als jetzt in vol⸗ lem, melodiſchem Geläute die Vesperglocken aus der Stadt herüberklangen. In ihren Geſichtszügen, in den Blicken ihres großen, blauen Auges lag der unbewußte Reiz der Unſchuld, allein es ſprach auch aus ihnen etwas Schwärmeriſches, was die Nei⸗ gung ihrer Seele, manche Erſcheinungen der Außen⸗ welt anders aufzunehmen, als ſie wirklich waren, verrieth. Wie in ihren Mienen, trat auch in ihrer Geſtalt mehr die gewinnende Anmuth, als die ge⸗ bieteriſche Schönheit hervor. Sie war ſchlank ge⸗ wachſen, aber nicht groß, ihre Bewegungen waren zierlich, ohne durch eine beſondere Aufmerkſamkeit, welche ſie ihnen gewidmet hätte, geregelt zu ſeyn. Sie trug eine einfache Kleidung, die mit dem ſchlich⸗ ten Oberrocke ihres Begleiters übereinſtimmend er⸗ ſchien. 4 d Der Alte, deſſen Haupt die Jahre oder die Sorge grau gefärbt und gebeugt hatten, wandte indeſſen ſeine Blicke nicht von den Thürmen der Stadt. Mancherlei Gedanken ſchienen durch ſeinen Kopf zu gehen. Bald zeigte ſich auf ſeinem ge⸗ furchten Angeſichte ein düſteres Lächeln, bald ein ſtolzer Trotz, bald eine finſtere Unruhe, die zuletzt die Oberhand behielt und in einer dunkeln Wolke auf ſeiner Stirn ſchwebte. Er ergriff die Hand — 2— des Mädchens, zog es neben ſich auf die Bank und unterbrach das lange Schweigen, indem er in einem bedeutungsvollen Tone, der etwas eigenthümlich Herbes hatte, ſagte: „Ahnſt du nichts bei dem Anblicke dieſer Stadt, Antonie? Zieht ſie dich nicht an mit einer uner⸗ klärlichen, beſondern Gewalt, iſt es dir nicht, als ob ſie der Nuhepunkt unſeres langen Wanderlebens werden ſollte?“ Das Mädchen blickte den Alten unbefangen an. Sie war ſeiner Launen, des wunderlichen Wechſels in ſeiner Gemüthsſtimmung zu ſehr gewohnt, um über dieſe Frage ein Befremden zu empfinden. Sie ſah noch einmal nach der Stadt, dann ſchüttelte ſie das blonde Lockenköpfchen und antwortete: „Dieſe dunkeln Mauern, dieſe hohen, ſchwarzen Dächer können mir nicht gefallen. Da behagte es mir weit beſſer in unſerm kleinen freundlichen Städtchen im Thüringerlande. Aber dort drüben die blauen Berge und die ſtrahlenden Schneegipfel, in ihnen liegt eine unwiderſtehliche Sehnſucht und eine Lockung nach oben, nach andern Höhen, wo Alles noch weit herrlicher und ſchöner glänzt, und wenn die Glocken hineinläuten und ſingen, dann iſt es mir, als ſprächen ſie eine Einladung in jene himmliſchen Höhen, und ich meine, ich wäre wie⸗ —— der ein Kind, mit dem die Mutter vor dem Ent⸗ ſchlafenen betete.“ Der Ton ihrer Stimme war belebter, ihr Blick war glänzender geworden unter dieſer Rede. Der Alte ließ unwillig ihre Hand los und verſetzte bitter: „Thorheiten! Schwärmerei! Das iſt ein Erb⸗ theil deiner Mutter, und wenn dir das Übrige, was dir gebührt, ſo ſicher kommt, wie dieſes, da kann dein Vater ruhig das müde Haupt hinlegen und ſterben. Für dich iſt dann geſorgt, Antonie! Ja, mein Kind,“ fuhr er ſanfter fort,„ich habe dieſe Reiſe nicht aus eitler Luſt am Wanderleben, nicht in der Hoffnung, in fremden Ländern mehr durch meine Harfe zu gewinnen, als im heitern, muſikluſtigen Thüringerlande, angetre⸗ ten; deinetwegen habe ich noch einmal zum Wan⸗ derſtabe gegriffen, dein Recht auf ein Glück, das du nicht ahnſt, will ich geltend machen und dann— mag der Himmel über mich verfügen, wann er will!“ „Ihr ſprecht in Räthſeln, Vater!“ erwiederte bewegt Antonie:„aber dieſe Räthſel ängſtigen mich. Ihre Löſung fürchte ich, und mir iſt, als ob in ihr kein Glück, ſondern nur Unheil und Verderben verborgen läge. Was bedarf ich auch eines andern Glückes, als ich daheim hatte? Den Sommer über zogen wir von Ort zu Ort, und — 9— Euer Spiel, von Heinrichs Geige begleitet, war überall willkommen und geliebt. Winters lebten wir ſtill und vergnügt in unſerm kleinen Städtchen, und wenn Heinrich von ſeiner kranken Mutter abkommen konnte, ſo beſuchte er uns, und es gab einen fröhlichen Tag. Meinetwegen,“ ſetzte ſie mit einem Seufzer hinzu,„hätten wir wohl im Thü⸗ ringerlande bleiben können. Ich wünſchte kein Glück auswärts.“ „Es war ein braver Burſche, der Heinrich,“ ſprach finſter der Vater,„aber wenn du ihn viel⸗ leicht anders liebgewonnen haſt als deinen Bruder, ſo mußt du ihn dir aus dem Sinne ſchlagen. Du haſt eine höhere Beſtimmung, Antonie! Blicke dorthin auf das dunkle, mächtige Dach neben dem Kirchthurme mit dem hochgelegenen Umgange! das iſt das Haus, in dem deine Mutter Claudia ge⸗ boren wurde, wo ich ſie kennen lernte, aus dem ich ſie als— mein Weib in die thüringer Hei⸗ math führte.“ „Wie, mein Vater?“ fiel ihm zitternd vor Uber⸗ raſchung und Neugierde das Mädchen in die Rede —„meine Mutter wurde hier geboren, die liebe, gütige, treue, die mich als eine achtjährige Waiſe zurückließ, von der ich mich nur noch erinnere, daß ſie mich unendlich liebte, und dabei oft ſo tief traurig — 10— war? Dann leben wohl auch noch Verwandte von ihr, dann finden wir Freunde dort—“ „Alles wird ſich zeigen!“ unterbrach ſie ernſt der Alte.„Höre mich ruhig an, Antonie! Du ſollſt jetzt Alles erfahren, was dir bisher nicht zu wiſſen nöthig that, du ſollſt die Geſchichte deiner Eltern und ihrer Verirrungen hören, und die Urſache kennen lernen, warum die arme Claudia oft ſo tief traurig war. Dein Vater war nicht immer ein elender Muſikant, der von Dorf zu Dorf, von Flecken zu Flecken ziehen mußte, um Frau und Kind kümmerlich zu ernähren. Sein Name wurde unter den Künſtlern genannt, und im Welſch⸗ land, wo er lange lebte, hoch geprieſen. Ja, An⸗ tonie, ich war dort unter der Leitung des großen Scarlatti ein wackerer Meiſter geworden! Aber das Bewußtſeyn meiner Kunſt hatte mich auch ſtolz und übermüthig gemacht. Ich ſchätzte mich dem Höchſten gleich, weil ich glaubte, daß die Kunſt adle, und daß derjenige, welcher der Fürſt ſeines Inſtrumentes ſey, nicht hinter dem Fürſten eines Landes zurückſtehe. Mit dieſen Geſinnungen kam ich nach Deutſchland zurück. Wie in dieſem Augen⸗ blicke, läuteten damals die Glocken, und die Bäume lühten im Frühlingsſchmucke wie jetzt, als ich zum erſtenmale den Boden Augsburgs betrat. Die — 11— Briefe, welche ich aus Venedig mit mir brachte, verſchafften mir Zutritt in die erſten Patricierhäu⸗ ſer. Der Stolz der Reichsſtädter beleidigte mich nicht; ich ſetzte ihm meinen Künſtlerſtolz entgegen. In Welſchland hatte ich mir eine ſchöne Summe Geldes geſpart. Dieſe verwandte ich dazu, immer in Kleidung und in allen ſonſtigen Außendingen des Lebens wie ein Cavalier, wie die angeſehenſten Patricier der Stadt zu erſcheinen. Ich hielt mir Lakaien, ich wohnte prächtig, und machte, ohne an die Zukunft zu denken, einen Aufwand, der in reichen Städten immer empfiehlt und mich bald mit den erſten Familien in nähere Verbindung brachte. So kam ich auch in das Haus von Clau⸗ dia's Eltern. Der Vater war Senator und ein ernſter, ſtolzer Mann, die Mutter eine eben ſo ſtolze Frau, aber dabei von einem lebhaften, hef⸗ tigen Charakter. Claudia war die einzige Toch⸗ ter, und außer ihr war nur noch ein Sohn da, ein junger Mann von glattem, einſchmeichleriſchem Betragen, der die Muſik ſehr liebte und mich in das Haus eingeführt hatte. Im Anfange achtete ich nicht ſehr auf deine Mutter. Sie war zart ge⸗ baut, bleich und ſchmachtend von Angeſicht, und entſprach nicht den Begriffen von Schönheit, die ich mir unter dem italieniſchen Frauenvolke gebil⸗ — 12— det hatte. Bald aber bemerkte ich, daß ſie mich auszeichnete. Ihre Blicke ruhten oft mit einem be⸗ ſondern Ausdrucke auf mir, und wenn ſie mich ſo anſah, ſeufzte ſie tief und ſchwer auf aus bedräng⸗ ter Bruſt. Das ſchmeichelte meinem Stolze. Ich näherte mich ihr, ich fand bald, daß ſie durch Lie⸗ benswürdigkeit erſetze, was ihr an jener ſüdlichen Schönheit abgehe. Was kann ich noch mehr ſagen, als daß wir bald einverſtanden mit einander wur⸗ den, um ſo mehr, da ſie auf das Andringen ihres Bruders Unterricht auf der Harfe bei mir nahm, und ich nun täglich eine Stunde mit ihr allein zu⸗ brachte? Claudia liebte mich unbeſchreiblich. El⸗ tern, Bruder, Freundinnen, Alles, was ſonſt ihrem Herzen theuer geweſen war, wurde ihr gleichgültig über mich. Dieſe innige Neigung konnte ich nicht erkennen, ohne ſie ebenſo zu vergelten. Ich be⸗ ſchloß, bei ihren Eltern um ihre Hand zu werben. Meine Kunſt dünkte mich ein Goldquell, der nie verſtegen könne. Als ich deiner Mutter meinen Entſchluß offenbarte, bemühete ſie ſich vergebens, mich zu einem Aufſchube, zu einer vorläufigen Er⸗ örterung bei den Eltern durch den Bruder zu be⸗ wegen. Ich war zu ſtolz, ich war von meiner Künſtlerwürde zu ſehr eingenommen, um eine ab⸗ ſchlägige Antwort zu fürchten. Hatte man doch 8 — — 13— in Italien große Sänger zu Grafen und Herzogen erhoben, und mich ſollten dieſe unbedeutenden Reichs⸗ ſtädter als Eidam verſchmähen? Und doch— denke dir, Antonie, meine Demüthigung, meine Wuth, als mich der Vater mit höhnender Verachtung zurück⸗ wies, als die Mutter mich mit Beſchimpfungen uͤberhäufte, als der Sohn, der darüber hinzukam, mich ſpöttiſch fragte: ob ich etwa eine Sonate für einen Adelsbrief hielte, und den Stuhl hinter der Harfe für den künftigen Wittwenſitz meiner Ge⸗ mahlin. Ich war außer mir, ich foderte Genug⸗ thuung. Da ſagte er im Tone der tiefſten Verach⸗ tung: er wolle mir den Hausknecht ſchicken, mit dem könne ich mich ſo lange herumprügeln, wie ich wolle! In dem ſchrecklichſten Zuſtande kam ich nach Hauſe. Ich dachte nur an Claudia und— meine Rache! Nichts ſchien mir arg genug, die⸗ ſen Schimpf zu vergelten. Tauſend Gedanken, tau⸗ ſend Plane, immer einer ausſchweifender, als der andere, gingen durch meinen Geiſt. Da brachte mir eine Frau, die in dem Patricierhauſe ein⸗ und ausging, einen Brief von Claudia. Sie wußte Alles, ſie war vom Vater und Bruder mit Vorſur⸗ fen überhäuft, von der heftigen Mutter ſogar miß⸗ handelt worden. Man hatte ſie in eine Hinter⸗ ſtube eingeſperrt. Die Frau, der man ein beſon⸗ — 11— deres Vertrauen ſchenkte, ſollte ſie bedienen. Sie verſicherte, daß ſie ohne mich nicht leben könne, ſie beſchwor mich, ſie aus ihrem Kerker zu befreien, ſie gab mir Mittel und Wege an, mit dem Beiſtande der Frau das Unternehmen zu bewerkſtelligen. Ich lachte in wilder, rachſüchtiger Freude laut auf, als ich dieſen Vorſchlag las. Da erreichte ich ja mit dem Zwecke meiner Liebe, auch den meiner Rache; da wurde ja Alles mit einem Male ausgeglichen, was zwiſchen mir und Claudia's Verwandten auszugleichen war! Ich war damals ein wil⸗ der, leidenſchaftlicher Menſch, und in Italien hatte ich vergeſſen gelernt, daß man nicht Bö⸗ ſes mit Böſem vergelten ſoll. Dann liebte ich deine Mutter auch viel zu ſehr, als daß ich ihr entſagen, daß ich ſie der grauſamen Behandlung im elterlichen Hauſe hätte überlaſſen können. Die Frau, welche den Brief gebracht hatte, war bald durch einige Goldſtücke gewonnen. Alles gelang nach Wunſch, und um Mitternacht ſtanden wir vor dem Altare einer entlegenen kleinen Kapelle, wo uns ein Prieſter, ebenfalls durch ein anſehnliches Geſchenk bewogen, traute. Dann verließen wir die Stadt. Claudia führte nur ihre Kleidungsſtücke mit ſich; was ihr an werthvollen Dingen von ihren Eltern zum Geſchenk gemacht worden war, ließen wir zurück. Ich raubte ihnen die Tochter, aber ihr Geld wollte ich nicht. Die damaligen kriegeriſchen Zeiten waren unſerer Flucht günſtig. Man ſchlug ſich wegen der ſpaniſchen Erbfolge in Bayern, die Verbindungen waren unterbrochen, und ich wußte unſere Reiſe ſo wohl einzurichten, daß wir wenig unter den Kriegsbedrängniſſen zu leiden hatten, und den etwaigen Verfolgern unſere Spur ent⸗ gehen mußte. Wir kamen glücklich im Thüringer⸗ lande, meiner Heimath, an. Hier hoffte ich meine Eltern wiederzuſehen, um die ich mich freilich, waͤh⸗ rend meines luſtigen und herrlichen Lebens in Ita⸗ lien, wenig gekümmert hatte, aber ſie waren todt, und die alten Freunde, nach denen ich fragte, wa⸗ ren auch geſtorben oder verſchollen. Das war die erſte bittere Erkenntniß, die uns traf. Ich hatte gehofft, meine Claudia in ein freundliches, häus⸗ liches Leben, wie ſie es ſich wünſchte, einzuführen; ich wollte, während ſie ruhig bei den Eltern blieb, in großen Städten meine Kunſt geltend machen. Das wurde nun anders. Sie reiſte mit mir, ſie lernte nun das Künſtlerleben auch von ſeinen dun⸗ keln Seiten kennen. Aber die innige Liebe zu mir, die ſie immerfort beſeelte, erhielt ſie ſtark und hei⸗ ter. Selten gedachten wir der Eltern und des Bruders; ſie glaubte in mir Alles wiedergefunden —y— — 16— zu haben, was ſie in der Heimath aufgegeben hatte. Wir befanden uns gerade zur Sommerszeit in mei⸗ nem Vaterſtädtchen in Thüringen, als mir Clau⸗ dia das erſte Kind, einen Knaben, ſchenkte. Du weißt, Antonie, daß von dieſer Zeit an unſer Mißgeſchick begann. Das Kind ſtarb, deine Mut⸗ ter fing an zu kränkeln. Noch mehrere Kinder, denen ſie das Leben gab, hatten daſſelbe Schickſal; Du, Antonie, das jüngſte, biſt mir geblieben, deine Mutter verſank nach und nach in einen Zu⸗ ſtand von Schwäche, der mir nur ſelten erlaubte, ihr Krankenlager zu verlaſſen. Dann kam noch das Unglück über mich, daß ich bei der letzten Reiſe in eine nahe Hauptſtadt mit dem Wagen ſtürzte und den Arm zerbrach. Er wurde wieder geheilt, aber die alte Spannkraft der Nerven war verloren, und aus einem großen Meiſter wurde ich ein Stümper, der ſich begnügen mußte, ſein Schärf⸗ lein auf Meſſen und Jahrmärkten zuſammenzuklim⸗ pern. Dein gefundes Aufblühen erhob indeſſen auch die Kraft der Mutter wieder, ſie konnte ihr Lager verlaſſen und wir durften Beſſerung hoffen. Das Alles weißt du, Antonie, aber das weißt du nicht, daß Claudia, von dem Verluſte der Kinder, den ſie für eine Strafe des Himmels anſah, ſchwer ge⸗ troffen, voll Reue an ihre Eltern zurückdachte, daß — 17— ſie nun anfing, ihre Flucht als ein Verbrechen zu betrachten, daß wir an die Eltern ſchrieben und um ihre Verzeihung, um Verſöhnung mit ihnen flehten. Der erſte Brief blieb unbeantwortet, viele andere kamen uneröffnet zurück, endlich gelangte ein kurzes Schreiben des Bruders, in das ein Gold⸗ ſtück eingewickelt war, zu uns, in dem er mit kur⸗ zen Worten meldete, der Vater ſey todt, die Fa⸗ milie habe ſich losgeſagt von der entarteten Toch⸗ ter, und man möge das Beigefügte als ein Almo⸗ ſen anſehen, das hiermit zum erſten und letzten Male erfolge. Deine Mutter konnte dieſen Schmerz nicht ertragen. Sie ſtarb an der Unverſöhnlichkeit ihrer nächſten Verwandten.“ Der Alte ſchwieg und zerdrückte eine Thräne, die in den grauen Wimpern hing. Antoniens Hand lag in der ſeinigen. Das Mädchen hatte, von ſeltſamen Empfindungen ergriffen, auf ſeine Rede gehört. Alles ſchien ihr wie ein Traum, aber wenn ſie dann auf die Stadt, wenn ſie auf den Vater ſah, dann tauchte es vor ihr wie trübe Bil⸗ der der Wirklichkeit aus dem Traume auf. „Ich habe das Goldſtück noch!“ fuhr der Alte in einem weichen Tone fort, indem er ein zerknit⸗ tertes Papier aus ſeiner Taſche nahm, in das die Münze eingewickelt war.„Wir haben es in der II. 2 — 18— höchſten Noth nicht angegriffen, deine Mutter hat es durchlöchert, auf eine Schnur gezogen und auf ihrer Bruſt getragen, und iſt geſtorben, während ihre brechenden Augen auf dem letzten Angedenken aus dem Vaterhauſe ruhten. Es iſt ein Maxd'or, die Zeit hat ihn unſcheinbar gemacht, oder die Thraͤ⸗ nen deiner Mutter, die oft darauf gefallen ſind.“ „O, gebt mir das Godſtück, mein Vater!“ bat dringend Antonie.„Auf meiner Bruſt ſoll es ruhen, wie es auf der meiner Mutter geruht hat. Ich will es ehren, wie ein Heiligthum— ich habe ja ſonſt kein Angedenken an ſie.“ Der Alte hing ihr das Goldſtück um und ſagte: „Es iſt dein gerechtes Erbe, meine Tochter, und wie dir dieſes wird, ſo möge auch das dir werden, das mich den ſauren Gang hierher koſtet! Ich bin alt geworden, Antonie, und mit dem Alter kommen die Sorge, die Ahnung des Todes und der Drang, für die Zukunft derjenigen bedacht zu ſeyn, die uns angehören. Du biſt eine rechtmäßige Miterbin dei⸗ nes Großbvaters,“ fuhr er in einem feſten, lebendi⸗ gern Tone fort,„du biſt nicht beſtimmt, immer auf dem Pfade der Armuth zu wandeln, du haſt Rechte auf alle Bequemlichkeit, alle Freuden, alles Glück, was der Reichthum gibt. Ich verlange nichts von dieſen Herrlichkeiten, aber du ſollſt ihrer theilhaf⸗ —— — 19— tig werden, und du ſollſt durch mich erhalten, was deine Mutter durch mich verloren hat. Komm, meine Tochter! noch einen kurzen Weg und du ſtehſt am glücklichen Ziele.“ Wie betäubt verließ Antonie, an der Seite ihres Vaters, die Stelle, wo ſie die überraſchende Eröffnung erhalten hatte. Seldow— ſo nannte ſich der alte Harfenſpieler— ſchien von den Er⸗ innerungen an jene Tage angegriffen. Er empfand einen heftigen Kopfſchmerz, und vermochte nur lang⸗ ſam weiterzugehn. Er hatte Vieles zu überlegen und Vieles zu bedenken. Noch hatte er abſichtlich Antonien den Namen ihrer mütterlichen Ver⸗ wandten verſchwiegen. Er wollte nicht geradezu vor ſie hintreten, er wollte erſt Gelegenheit ſuchen, ihre Geſinnungen auszuforſchen, ob ſie vielleicht gütiger und verſoͤhnender geworden ſeyen. Indeſ⸗ ſen fing Antonie an, ihre Begriffe zu ordnen und mit klaren Blicken in die Zukunft zu ſehen, die der Vater vor ihr eröffnet hatte. Faſt noch als ein Kind hatte ſie die Heimath verlaſſen, und erſt auf der langen Reiſe, die ſie, mit manchen Unter⸗ brechungen, zu Fuße zuruͤcklegen müſſen, war ſie reifer in ihren Anſichten geworden, aber auch noch mehr geneigt, ſich phantaſtiſchen Träumereien und einer Gefühlsſchwärmerei hinzugeben, die noch in 2*⅔ — 20— ihren Richtungen irrte, und bei der es vom Zufalle abhing, ob ſie dem Glücke oder dem Unglücke zu⸗ gelenkt würde. Antonie war ein gutes Kind, ſie liebte den Vater innig und treu, ſie ertrug gern alle Beſchwerden, um ihm eine Erleichterung, eine Bequemlichkeit zu verſchaffen. Bisher hatten noch die grünen Auen und Berge der thüringer Heimath als das Herrlichſte, was ſie ſich denken konnte, aus ihrer Vergangenheit herübergeleuchtet. Wie ſchöne und fruchtbare Länder ſie auch durchwanderte, im⸗ mer ſehnte ſie ſich nach jenen zurück. Aber das Innere der Schlöſſer und Häuſer der Reichen, die ſie auf der Reiſe beſuchten, der Glanz und die Fülle aller Bequemlichkeiten, die hier herrſchten, das glückliche Loos der Frauen, die hier geboten, ergriffen mächtig die Phantaſte des Mädchens und machten Wünſche in ihr rege, auf deren Erfüllung die arme Muſikantentochter keinen Anſpruch hatte. So lange ſie überzeugt blieb, daß ihr ein ſolches Loos von dem Schickſal verſagt ſeh, ſtrahlte noch immer die thüringer Heimath in ihrem ſehnſüchti⸗ gen Glanze in ihr Herz hinein. Jetzt aber war das Alles mit einem Male durch die Entdeckung des Vaters anders geworden. Was ſie in jenen Paläſten bewundert, we⸗ ſie mit, damals eitel ſchei⸗ nenden, Wünſchen erfüllt hatte, darauf war ihr — ——,— 2 — 21— nun ein Recht geworden, das konnte ſie offen, 1 das konnte ſie— nach des Vaters Meinung— fordern. Sie wurde ſich, je mehr ſie darüber nach⸗ dachte, ihres Glückes immer bewußter, es ſchien ihr, als wenn jetzt kein Hinderniß mehr zwiſchen ihre Hoffnungen und deren Erfüllung treten könne. Ihre Augen ruheten auf dem hohen Dache zunächſt dem Kirchthurme. Dort alſo ſollte ihr eine Zu⸗ kunft voll reicher Freuden, voll Herrlichkeit, ohne Beſchwerden und Sorge, erblühen? Wie konnte ſie dann den Vater pflegen, wie ihm dann ein ru⸗ higes, friedliches Alter bereiten! Einen Augenblick dachte ſie an den treuen Heinrich, der ihr uner⸗ müdeter Begleiter auf den muſikaliſchen Wande⸗ rungen im Vaterlande geweſen. Er hatte ſich im⸗ mer gegen den Vater ſo liebevoll bewieſen, wie ein Sohn, er hatte ihr eine Zärtlichkeit gezeigt, die ſie wohl für etwas anderes, als eine brüderliche Neigung erkannt hatte, ohne aber in ihrer damaligen Unbe⸗ fangenheit ſie in ſeiner Weiſe zu erwiedern. Beim Abſchiede, als er ihr die Hand gereicht, hatte dieſe heftig gezittert, er ſah bleich und elend aus, und Thränen ſtanden ihm in den Augen. Erſt auf der Neiſe, wo ſie oft an ihn dachte, oft ſeine Geſell⸗ ſchaft und den heitern Sinn, den er auch recht wohl zeigen konnte, vermißte, glaubte Antonie zu er⸗ — 22— kennen, daß auch ſie ihm recht von Herzen gut ſey, daß ſie ihr ganzes Leben an ſeiner Seite durch das Thüringerland hätte hinwandern können, daß es ihr jetzt beſonders deshalb ſo ſchön erſcheine, weil er dort lebe. Dieſe Empfindung trat nun auch vor dem neuen Glücke, das ſie erwartete, in den Hintergrund. Es war ihr, als müſſe ſich nun Alles, was ſie bisher von der Zukunft gehofft, weit herrlicher und in einer Beglückung geſtalten, für die ſie keinen eigentlichen Begriff hatte. Aus der Tiefe ihrer Erinnerungen traten wunderliche Mär⸗ chen hervor, die ihr die Mutter einſt erzählt, in denen Alles von Gold und Edelſteinen geglänzt, und zuletzt ein wunderſchöner Prinz ein armes Mäd⸗ chen mit ſeiner Hand beglückt hatte. Sie bemühete ſich, dieſe Träumereien als thörigt zu verwerfen, aber ihre Phantaſie war mächtiger als ihr Wille. Während die beiden Wanderer ſo ihren Weg fortſetzten, und durch die einbrechende Dämmerung ſchon das Stadtthor ſehen konnten, geſellte ſich ein ältlicher Mann in Bediententracht zu ihnen und betrachtete ſie mit neugierigen Blicken. Der Har⸗ fenſpieler blieb ſtill, aber ein Blick auf die Livrei des Unbekannten belehrte ihn, daß er einen Diener des Hauſes vor ſich ſehe, in das er Antonien als eine Angehörige, als eine Berechtigte auf ſeinen — 23— Glanz und Reichthum einzuführen gedachte. Es wogte in ſeiner Bruſt, es drängte ihn zu ſo man⸗ cherlei Fragen, allein ehe er ſich noch zu ſammeln vermochte, unterbrach der Fremde ſelbſt das herr⸗ ſchende Schweigen mit den Worten: „Ihr ſeyd Spielleute, und habt wohl eine weite Wanderung zurückgelegt, um auch die reiche Stadt Augsburg in Contribution zu ſetzen mit Eurer Harfe? Sie war von jeher bekannt dafür, daß ſolche arme Schlucker, die mit der Muſik was War⸗ mes verdienen müſſen, gute Zehrung, freundliche Aufnahme und reichlichern Lohn fanden, als fleißige Leute, die den ganzen Tag arbeiten. Iſt das Eure Tochter, Alter, und ſpielt ſie auf der Harfe oder thut Ihr es?“ Bei jeder andern Gelegenheit würde eine ſo unziemliche Art der Anrede den Vater Antoniens zu einem heftigen Ausbruche des Unwillens gereizt haben. Hier aber bekämpfte er den aufwallenden Zorn, er zwang ſich ruhig zu ſcheinen, um eine Unterredung fortzuſetzen, von der er manchen Auf⸗ ſchluß zu erhalten hoffte. „Ich ſpiele,“ antwortete in einem ernſten Tone, der, ohne ihn zu beleidigen, den Fremden zu einem anſtändigern Betragen ermahnen ſollte, Seldow. „Meine Tochter begleitet mich nur, weil ich in meinen Jahren oft ihrer Pflege, ihrer Unterſtützung bedarf.“ „Das Geld wird ſie doch einſammeln!“ ver⸗ ſetzte mit einem rohen Lachen, und indem er einen frechen Blick auf das Mädchen warf, der andere. „Schade, daß ſie nicht auch ſpielt, denn ich wette darauf, unſere jungen Herren aus den edlen Ge⸗ ſchlechtern würden noch einmal ſo tief in die Sek⸗ kel greifen, wenn ein ſo hübſches Kind hinter der Harfe ſäße und die Saiten fingerte, als wenn ein Graukopf mit ſteifen Händen ſein Stückchen her⸗ unterklimpert. Aber es iſt auch ſo gut genug für Euch! Ich kann Euch vielleicht ſchon morgen einen guten Verdienſt verſchaffen in meines Herrn Hauſe. Geld iſt doch bei Euch die Loſung, ſo hoch Ihr auch Eure Worte ſetzen mögt! Morgen iſt Ge⸗ burtstag bei uns und große Geſellſchaft. Der Herr hat die Muſik gern, und beſonders die Harfe, ob ſte gleich dem Hauſe keine große Ehre gebracht hat in frühern Zeiten. Ich werde von Euch ſprechen, ich werde Euch empfehlen. Sagt, Alter, wo kehrt Ihr ein, damit man Euch finden kann, wenn man Eurer bedarf?“ „Im ſchwarzen Kopfe,“ antwortete Seldow, dem die Ausſicht, ungekannt das Haus ſeiner Schwie⸗ gereltern zu betreten, höchſt erwünſcht kam.„Ich — 25— habe vor vielen Jahren einmal dort gewohnt und mich wohl befunden.“ „Es iſt ein großer Unterſchted zwiſchen ſonſt und jetzt,“ erwiederte der Diener.„Sonſt war der ſchwarze Kopf ein Gaſthaus, in das nur Gra⸗ fen und Herren einkehrten, und wo man einen wandernden Spielmann in den Stall zu den Knech⸗ ten und Fuhrleuten logirt hätte; jetzt iſt er aber ſehr heruntergekommen, und das alte Weib, das ihn unterhält, wird Euch wohl ihr Staatszimmer anweiſen, in dem Ihr aber vergebens nach andern Geräthen, als einigen zerbrochenen Schemeln und einem dreibeinigen Tiſch ſuchen dürftet. Ihr wohnt aber da in unſerer Nachbarſchaft, und ich kann Euch gleich finden, wenn ich Euch haben will. Sollte ich Euch nicht morgen beſtellen, ſo kommt von ſelbſt in ein paar Tagen bei uns vor, mein Herr iſt der Senator Traxel und ich heiße Da⸗ niel. Bis dahin Gott befohlen!“ Er beſchleunigte,'ndem er Antonien freund⸗ lich grüßte, ſeine Schritte und war bald den Blik⸗ ken der Wanderer ins Thor entſchwunden. Sel⸗ dow erinnerte ſich ſeiner noch recht wohl. Er hatte ſchon damals, als der Harfenſpieler ſeiner nachherigen Frau Unterricht ertheilt, dem Sohne des Hauſes gedient. Er wurde von dieſem wohl — 26— gelitten, er ſchien dem Bruder Claudia's bei ſeinen geheimen Liebesabentheuern, deren dieſer viele hatte, beſonders nützlich zu ſehn. Der kecke übermuth, mit dem er Jedermann begegnete, ſtützte ſich auf die Gunſt des jungen Herrn. Seldow, deſſen Künſtlerſtolz oft durch ihn verwundet wor⸗ den, hatte ihn unſanft zurechtgewieſen, und ſeiner Nachſucht, ſeinen Einflüſterungen ſchrieb es der Harfenſpieler beſonders zu, daß Claudia's Bru⸗ der, der ſich früher immer als ein Freund von ihm gezeigt, bei jener unglücklichen Kataſtrophe, die ihn aus der Patricierwohnung verbannt, ſo hart und feindſelig gegen ihn und die Schweſter aufge⸗ treten war. Noch ſchien Daniel die volle Gunſt ſeines Herrn, des nunmehrigen Senators, zu be⸗ ſitzen. Die böſen Eigenſchaften, die er in ſeiner Jugend gezeigt, ſchienen ſich aber auch weiter ausge⸗ bildet, und ihn in ſein Alter begleitet zu haben. Wenn es dem Harfenſpieler ſchon ganz gelegen kam, auf eine ungeſuchte und unbefangene Weiſe das Familienverhältniß, wie es ſich ſeit jenen frü⸗ hern Jahren in Claudia's Elternhauſe geſtaltet hatte, zu beobachten, ſo konnte er doch nicht Herr des übeln Eindrucks werden, den der Umſtand, daß gerade der feindlich geſinnte Daniel es war, der ihm von allen alten Bekannten zuerſt begegnen — 22— mußte, auf ihn hervorbrachte. Er glaubte in dieſer Begegnung eine böſe Vorbedeutung zu erkennen, er warf unruhige Blicke auf die Tochter, die in⸗ deſſen viel zu ſehr mit ihren Gedanken beſchäftigt geweſen war, um auf die Nähe und die Rede des fremden Mannes zu achten. Sie ſchritten in die dämmerigen Straßen der Stadt. Die Unruhe, welche den Alten unter ſo vielen Erinnerungen, die ſich ihm hier aufdrängen mußten, ergriff, belebte ſeine Kräfte. Er eilte ſo raſch weiter, daß Antonie Miühe hatte, gleichen Schritt mit ihm zu halten. Des Mädchens trun⸗ kene Blicke weilten auf allen ſtattlichen Häuſern, aus deren Zimmern jetzt ein Lichtglanz angezünde⸗ ter Kerzen herabſchwamm, die ſich in den Kronen⸗ leuchtern, welche ſie trugen, in einem mannigfalti⸗ gen Farbenwechſel wiederſpiegelten. Sie erkannte ſchwere, goldbeſetzte Vorhänge an den Fenſtern, koſt⸗ bare Gemälde mit goldenen Rahmen an den Wän⸗ den. Alles ſchien ihr wie ihr Eigenthum, und ihre Seele ſchwelgte im Entzücken des künftigen Be⸗ ſitzes. Muſik ſchienen die Einwohner ſehr zu lie⸗ ben. Aus mehreren offenen, mit Blumen zierlich geſchmückten Fenſtern tönte Lautenklang und Ge⸗ ſang weiblicher Stimmen. Da vernahm Antonie plötzlich auch die einfache Melodie eines Liedes, das — 28— ihr Heinrich oft geſpielt hatte, und das ehemals ein Lieblingsſtück von ihr geweſen. Ein Schauer wehmüthiger Erinnerung durchſtrömte ſie. Die alte Stimme aus der Heimath drang für Augenblicke in ihr Herz, aber als ſie wieder zu dem Glanze und der Pracht aufſchaute, verſchloß ſie ihr Ohr und— Seele. Sie ſtanden vor einem großen, aber ſehr ver⸗ fallenen Hauſe. Nur das Erdgeſchoß und das erſte Stockwerk ſchienen einigermaßen bewohnbar; in den Fenſtern des obern Bau's waren keine Scheiben, und die Fledermäuſe, welche die Dämmerung aus ihren Winkeln lockte, ſchwirrten dort aus und ein. Über dem Thorwege war ein ungeheurer ſchwarzer Kopf befeſtigt, der oie Beſtimmung des Hauſes an⸗ zeigte und ihm den Namen gab. Seldow deutete die Straße hinab nach einem ſtattlichen Gebäude, das, indem es quer vorlief, die Ausſicht ſchloß, und ſagte mit zitternder Stimme: „Das iſt Claudia's Elternhaus, meine Toch⸗ ter; dort in jenem Zimmer des erſten Stocks, aus deſſen Fenſtern der Lichtglanz durch die ſchweren Vorhänge herabdämmert, ſah ich ſie zum erſten Male, ohne ihrer beſonders zu achten, ohne daran zu denken, daß ſte es wäre, die dereinſt den Pfad des Lebens mit mir wandeln würde, auf dem ſie —— — 29— wenige Blumen gepflückt hat, aber um ſo mehr von Dornen verletzt worden iſt. Ihre Eltern, ihr Bru⸗ der haben nicht gut, nicht recht an ihr gehandelt. Sie hatte ein weiches Herz, und das brach an der Strenge, die ihr entgegentrat. Aber ich will Alles vergeſſen, ich will Alles für ungeſchehen achten, wenn ſie dich freundlich aufnehmen, wenn ſie der Enkelin die Liebe ſchenken, die ſie der Tochter verſagten!“ Antoniens Blicke hingen an den erleuchteten Fenſtern. Dort alſo war der Schauplatz ihrer Zu⸗ kunft, dort ſollte ſie ein Glück finden, das nicht allein der Reichthum, das ein neues ſchönes Ver⸗ hältniß in der Mitte von Verwandten gewährte! Ihre lebhafte Phantaſie malte ſich ſchon Alles auf das Freundlichſte, Herrlichſte aus. Sie ſah in das Innere der Zimmer, ſie ſah Geſtalten, die ihr bis⸗ her fremd geweſen waren, die aber gütig ihr ſich näherten, ſie mit freundlichen Namen begrüßten und ſie behandelten wie eine der Ihrigen. Die weib⸗ liche Eitelkeit miſchte ſich in die Bilder, welche ihr die raſtlos ſchaffende Phantaſte vorführte. Sie ſah ſich ſelbſt, nicht mehr in dem einfachen ſchlichten Kleide, das ſie trug, nein! in Seide und Sammet gekleidet, mit goldenen Ketten, mit Perlen und Sdelſteinen geſchmückt. Sie ſah ſich unter andern V — 30— Frauen, ſie geſtand ſich, daß ſie dieſen an Schoͤn⸗ heit nicht nachſtehe, ſie bemerkte, daß die jungen Männer, Edelleute und Patricierſöhne ſich mehr zu ihr drängten, als zu andern, allein in dieſem Augen⸗ blicke hatten auch ihre Träumereien ihr Ziel erreicht, denn ſie begann ſich vor ſich ſelbſt zu ſchämen, daß ſie ſolchen thörichten Gedanken, die ihr bisher fremd geblieben, Raum in ihrer Seele geben konnte. „Wie die Zeit doch Alles zerſtört, wie ſie es liebt, zu vernichten ſtatt zu erhalten!“ ſagte indeſ⸗ ſen Seldow, der ſich nach dem Gaſthauſe, vor dem ſie ſtanden, gewandt und dieſes nachdenkend betrachtet hatte, mehr zu ſich ſelbſt, als zu An⸗ tonien.„Dort oben, wo jetzt die weiten, dunkeln Mauerſpalten herabklaffen, wohnte ich einſt. Da war eine Reihe prächtiger Zimmer mit Marmor⸗ wänden und fein getäfeltem Fußboden, die ich im geſtickten Kleide, mit dem Cavalierdegen an der Seite, im ſtolzen Selbſtgefühle eines großen Maeſtro durchſchritt. Die Diener lauſchten meinen Befeh⸗ len, ſie gehorchten meinem Winke, und die Gäſte ließen es ſich wohl ſeyn an der Tafel des groß⸗ müthigen italieniſchen Maeſtro. Was die Zeit an dem Hauſe gethan hat, das hat ſie auch an mir gethan. Das Haus iſt eine Ruine ſeiner alten Größe geworden, und mit mir iſt es auch nicht — 31— anders. Der Name Seldoni iſt verſchollen, Nie⸗ mand gedenkt ſeiner mehr, und mit den Klängen, die in jener Zeit ſeine Hand mächtig aus dem Saitenſpiele zu locken wußte, iſt er einer todten, ſtarren Vergangenheit heimgefallen, die wie ein Leichenſtein auf ihm ruht.“ Mit einem tiefen Seufzer ergriff er der Toch⸗ ter Hand und führte ſie in das Haus. Der Haus⸗ gang war dunkel, und es herrſchte ringsum eine Stille, welche der Verödung des einſt ſo glänzenden Gaſthofes entſprach. Endlich entdeckten die for⸗ ſchenden Wanderer eine Spalte in einer Thüre, durch die ein dämmerndes Licht ſchimmerte. Sle hoͤrten eine Frauenſtimme ein geiſtliches Lied ſum⸗ men, die aber plötzlich abbrach und in einem kei⸗ fenden Tone auf eine andere, grämlich antwortende hineinſprach und ſchalt. Seldow öffnete die Thüre. Ein altes Weib, deſſen abſchreckende Häß⸗ lichkeit durch einen nachläſſigen Anzug ſehr ver⸗ mehrt wurde, trat ihnen mit argwöhniſchen, fra⸗ genden Blicken entgegen. In einem Winkel des düſtern Gemachs ſaß hinter einem Spinnrade ein junges Mädchen, das ihre Dienerin zu ſeyn ſchien, und in ſeinem ganzen Weſen den Ausdruck der Stumpfſinnigkeit und Trägheit zeigte. Eine Lampe an der Decke des Zimmers verbreitete ein mattes —-— 32— Dämmerlicht. Tiſche und Stühle befanden ſich in dem erbärmlichſten Zuſtande, und man ſah wohl, daß hier die Einkehr eines Gaſtes unter die Sel⸗ tenheiten gehoͤrte. Als Seldow der Alten ſeinen Wunſch, in ihrem Hauſe Wohnung und Bewirthung zu finden, an den Tag gelegt hatte, betrachtete ſie ihn und Antonien mit ſeltſamen, höhniſchen Blicken. „Aus welchem fremden Welttheile kommt Ihr denn her,“ ſagte ſie,„daß Ihr nicht wißt, wie es ſeit Jahren ſchon mit dem ſchwarzen Kopfe ſteht, daß er leer iſt, wie ein Fruchtboden, den Natten und Mäuſe ausgetragen haben, daß Ihr hier ein Quartier findet, ſchlechter wie bei den Einſiedlern am Berge Carmel, und Speiſe und Trank nur, wenn Ihr ſelbſt das Geld dazu hergebt, damit Frau Lorenzin es Euch über die Straße herbeiſchafft? In jeder Fuhrmannsſchenke auf dem Wege von Venedig bis Frankfurt hättet Ihr erfahren können, was es jetzt für eine Bewandtniß mit dem ſchwar⸗ zen Kopfe hat! Oder,“ fuhr ſie höhniſcher fort, „gedachtet Ihr vielleicht hier zu zehren und zu le⸗ ben auf blauen Dunſt und auf einen leeren Säckel, und eines Morgens ſammt Mädel und Harfe, ſammt Bündel und Zeche verſchwunden zu ſeyn vor den Augen der Frau Lorenzin? So leicht —— — 33— prellt man ſie nicht, wenn auch Euresgleichen in ſolchen Künſten wohl ſehr erfahren und geübt ſeyn ſollen!“ Der Harfenſpieler ſah die Frau finſter an. Ihr Name war bekannt in ſein Ohr geklungen, jetzt fand er in Spuren, welche die Zeit nicht verwiſcht hatte, Geſichtszüge heraus, die er ſchon einſt ge⸗ ſehen. Es war die Fau, welche ihm in jener ver⸗ hängnißvollen Nacht Claudia zugeführt hatte. Daniel und dieſe? Welche Begegnungen, die ihm ſeltſam ſchienen, ihn aber nicht erfreuten! Er hatte damals ſchon in dem Weſen der Frau etwas Tük⸗ kiſches bemerkt, das ihn, indem ſie ſich ſeiner Liebe behülflich zeigte, ahnen ließ, es liege hier mehr die Luſt, der Patricierfamilie ein Ubles zuzufügen, als eine beſondere Neigung zu Claudia zum Grunde. Noch indem ſie, Claudia und er, den Schritt aus dem elterlichen Hauſe entfernt, hatte ihre da⸗ malige Genoſſin laut und höhniſch aufgelacht und die geballte Hand nach den Fenſtern des obern Stocks erhoben. Dieſe Erinnerungen erneuerten ſich in dem Harfenſpieler, während er die Frau betrachtete. Sein Schweigen erweckte mehr und mehr ihr Mißtrauen, ſie war ſchon im Begriff ihn aufzufordern, ihr Haus zu verlaſſen, als Seldow dur⸗ einige Silbermünzen, die er auf den Tiſch I. 3 — 34— warf, ihrem Argwohne ein Ende machte und den feindlichen Ausdruck ihres Weſens in den der Güte und Bereitwilligkeit verwandelte. „So ſind mir die Spielleute willkommen,“ ſagte ſie, indem ſie haſtig das Geld zu ſich nahm.„O, ich habe auch ſchon großmüthige Männer unter ihnen gekannt, die die Goldſtücke ſpringen ließen, wie die reichen Patricierſöhne oder die venetianiſchen No⸗ bili, die ſonſt in den ſchwarzen Kopf einkehrten, als er noch in einem beſſern Rufe ſtand, wie jetzt bei der Frau Lorenzin! Einen habe ich ge⸗ kannt, der trat ſtolz und herrlich auf, wie ein Fürſt, und die Frauen ſahen ihn gern, und er verſtand ſich ihnen angenehm zu machen durch ſein Betra⸗ gen, und, ich glaube ſelbſt, ſie durch ſchwarze Kunſt zu bezaubern, ſo daß ſie nicht von ihm laſſen konn⸗ ten. Er war auch ein Harfenſpieler, aber ſeine Kunſt ging nicht auf Märkten und Kirmeſſen nach Brod, ſie war willkommen und eingeladen bei den Vornehmſten und Reichſten. Und doch— ſo groß er auch that, ſo edelmänniſch er es auch trieb, zu⸗ letzt wurde er doch ein Spitzbube und ſtahl, zwar kein Geld, doch die einzige Tochter aus einem Hauſe, wo man ihn aufgenommen hatte, wie einen Freund und gehalten wie einen Verwandten! Es klebt. immer etwas an den Spielleuten, wovor man ſich 4 1 zu hüten hat, und was nicht unter die ehrlichen Leuue paßt⸗ „Macht das mit Euch ſelber aus,“ antwortete kalt und trocken der Harfenſpieler.„Jetzt bringt uns auf unſer Zimmer, denn wir ſind ermüdet und bedürfen der Ruhe.“ Antonie hatte wenig von dem, was die Frau ſagte, vernommen. Ihre Gedanken waren wieder zu den Bildern des Glanzes und des Reichthums zurückgekehrt, denen ihre Hoffnungen angehörten. Sie folgte träumeriſch dem Vater, der mit der Frau Lorenzin die breite ſteinerne Treppe zum erſten Stocke hinaufſchritt. Oben auf dem Gange er⸗ kannte man beim ſchwachen Scheine der Lampe, welche die Wirthin trug, noch Spuren des ehema⸗ ligen Glanzes; zerriſſene Olgemälde mit abgeblaß⸗ ten goldenen Rahmen, einzelne Stücke von Tep⸗ pichen, die ſonſt den Fußboden bedeckt hatten, und durch die feuchte Schwärze der Wände einige Glanz⸗ punkte des Marmors„ welche der Zerſtörung der Zeit widerſtanden hatten. Sie traten in ein hohes, weites Gemach mit kahlen Wänden, in dem ſich, außer zwei armſeligen Lagerſtätten, nur noch ungefähr das an Zimmerge⸗ räthen befand, was Daniel voraus verkündigt hatte. Die Alte ſetzte die Lampe auf den Tiſch und ſagte: 3* 3 — 36— „Das war ſonſt das Prinzenzimmer. Hier wurden nur Fürſten und edle Herren eingelegt. Seht nur auf das Getäfel im Fußboden! Hier in der Mitte iſt die Krone, die den Gebrauch dieſes Zimmers anzeigte. Hier iſt manches Gute genoſſen worden, und es thut mir leid, daß ich es Euch nicht vorſetzen kann, obſchon Ihr es vielleicht gar nicht zu eſtimiren verſtändet. Es muß Euch Vie⸗ les hier ſeltſam vorkommen in dem großen Hauſe, und am meiſten die Frau Lorenzin in ihrem Bettelſtaate, die wohl zu dem, was Küche und Kel⸗ ler vermag, paßt, aber zu dem großen Steinhauſe nicht im mindeſten. Das iſt eine wunderliche Ge⸗ ſchichte, wie ich zu dem ſchwarzen Kopfe gekommen bin! Ich will ſie Euch erzählen, denn ſo Etwas hört man nicht alle Tage. Der vorige Beſitzer des Hauſes war ein weitläufiger Vetter von mir, der ſich aber bei all ſeinem Reichthume nichts um mich bekümmerte, und mich bei fremden Leuten dienen ließ. Der Reichthum machte ihn zu einem ſtolzen Narren, und er wollte durchaus eine Patriciertoch⸗ ter freien. Er freite denn auch bei allen herum und wurde von allen abgewieſen. Das zog ſich der Narr zu Gemüthe, legte ſich hin und ſtarb. Da fand ſich denn plötzlich, was ich ſelbſt nicht wußte, daß ich die einzige hinterbliebene Anverwandte und — 37— die rechtmäßige Erbin des ſchwarzen Kopfwirthes ſey; aber es fand ſich auch, daß er ſich bei ſeinen Freiereien ſo tief in die Schulden hinein geritten, gefahren, getrunken, geſchenkt und geſpielt hatte, daß die Erbſchaft zuſammenſchmolz wie ein Mum⸗ menſchanz, der erſt einem Rieſen gleicht und dann zu einem Zwerge wird. Da kamen die Gläubiger von allen Seiten herbei, wie die Krähen, wo ſie eine neue Atzung wittern, und Frau Lorenzin ſollte zahlen, aber Frau Lorenzin hatte ſelbſt nichts. Sie ſagten mir, ich ſolle das große Haus mit Allem, was darin wäre, verkaufen, und meinten, es würden mir, nach Abzug aller Schulden, dann noch immer ein paar hundert Gulden für mich übrig bleiben. Ich aber wollte nicht. Der Hochmuths⸗ teufel, den früher der Vetter beſeſſen, war nun in mich gefahren, aber auf eine andere Art. Ich hatte mir es in den Kopf geſetzt, das große Haus zu be⸗ wohnen und darin zu wirthſchaften nach Herzens⸗ luſt. Niemand konnte mich von meinem Entſchluſſe abbringen und ſo ging es mit ganz natürlichen Dingen zu, daß die Gläubiger kamen und von den Geräthen des ſchönen Hauſes und von dem ſchö⸗ nen Hauſe ſelbſt ſo viel mit ſich nahmen, bis ſie genug hatten, und mir nun übrig blieb, was Ihr noch ſeht, Geſtohlen wird mir nun nicht leicht et⸗ — 38— was aus dem großen Hauſe, aber die Frau Lo⸗ renzin hat ihren und den ſchwarzen Kopf behaup⸗ tet, und kein Bürgermeiſter, kein Patricier kann ſie aus ihrem Eigenthume vertreiben.“ Mit einem lauten Hohngelächter verließ ſie das Zimmer. Antonie war erſt jetzt auf die Frau aufmerkſam geworden. Ihr Außeres und ihr gan⸗ zes Weſen ſchienen ihr ſo widrig, daß ſie ſich von ihr abwandte und an's Fenſter trat. Hier hingen ihre Blicke bald wieder an dem Prachtgebäude, das ihre Verwandten bewohnten, und ſie gab ſich wie⸗ der glänzenden Träumen hin, bis der Vater ſie aus dieſen ſtörte und ſie ermahnte, die Ruhe zu ſuchen, deren ſie gewiß nach der ſtarken Tageswanderung bedürftig ſeyn würde. Der Alte ſelbſt blieb noch lange auf und ging unruhig im Zimmer auf und nieder. Endlich behauptete auch über ihn die Na⸗ tur ihr Recht und er fiel in einen Schlummer, der oft von ſchwarzen Traumbildern beunruhigt und geſtört wurde.. Schon in der Frühe des Morgens, als An⸗ tonie noch feſt ſchlief, hatte er ſein Lager verlaſ⸗ ſen und trat zu dem der Tochter. Er betrachtete ſie mit düſtern Blicken, mit dem Ausdrucke eines weichen, wehmüthigen Gefühles. „Sie gleicht ihrer Mutter,“ ſagte er leiſe zu — 39— ſich ſelbſt.„Moͤge ihr Loos ein glücklicheres ſeyn, als das der Claudia!“ Geräuſchlos entfernte er ſich aus dem Zimmer. Noch war Alles ſtill im Hauſe und die erſten Strah⸗ len der Sonne fielen über die verfallenen Hinter⸗ gebäude des wüſten Hofes in die Gänge. Er ſtieg langſam die Treppe nach dem zweiten Stocke hinauf, den er einſt bewohnt hatte. Der Staub, der hier lag, der von den Wänden herabgefallene Kalk, wel⸗ cher die Stufen der Treppe bedeckte, der Umſturz eines Theils des Treppengeländers bewieſen, daß ſich ſelten Jemand hierher verirrte, um zu ordnen, zu reinigen und zu erhalten. Seldow konnte ſich kaum zurecht finden, ſo thätig war in einem Zeit⸗ raume von etwa dreißig Jahren hier die Verwü⸗ ſtung geweſen. Den Eingang zu ſeinen ehemaligen Zimmern erkannte er endlich an den Uberbleibſeln eines Steinbildes in erhabener Arbeit, über einer Offnung, welche ſonſt eine Thüre geweſen war. Jetzt fehlte der nackten Mauer jede Bekleidung, und es ließ ſich vermuthen, daß Frau Lorenzin, um ihre Bedürfniſſe an Brennholz zu decken, nichts verſchont habe, was durch Beil und Hammer von ſeiner Stelle zu bringen war. Jenes Steinbild hatte einſt Dianen, welche den Endymion belauſcht, vorgeſtellt. Es war unverkennbar die Arbeit eines — 40— italieniſchen Meiſters geweſen, und Seldow hatte damals oft lange, im Anſchauen verloren, davor geſtanden, weil er in dem Angeſichte der Diana eine Ahnlichkeit mit ſeiner Geliebten zu finden glaubte. Jetzt war faſt Alles verwiſcht und verwittert, nur der Kopf der Diana hatte ſich einigermaßen erhal⸗ ten, und es gelang dem Harfenſpieler, einige der vertrauten Züge herauszuahnen. Mit einem Seuf⸗ zer trat er in das Innere der Gemächer. Welche Zerſtörung, welche Umwandlung! Nichts zeigte mehr eine Spur der ehemaligen Herrlichkeit. Die Bilder der Decke waren ſo ungeſtüm herabgeriſſen worden, daß ein Theil der Decke ſelbſt mit herab⸗ gefallen war, und man durch eine dämmerige Off⸗ nung in die ungeheuren Räume des Bodens blickte. Das feine Getäfel des Parkets war verſchwunden, die Wände waren kahl und allenthalben traf der Blick auf nackte, von Feuchtigkeit und Schmutz ge⸗ ſchwärzte Mauern. Seldow ließ ſich in eine Fenſteröffnung nie⸗ der und ſah, nachdem er die dichten Spinnweben, welche ihm die Ausſicht verſperrten, weggeräumt hatte, hinüber nach dem Hauſe ſeiner Schwieger⸗ eltern. Dort ſchien noch Alles im tiefen Schlafe zu liegen. Die Vorhänge der Fenſter waren nie⸗ dergelaſſen, die Laden des Erdgeſchoſſes verſchloſſen. — — 41— In den Straßen fing es an ſich zu regen. Milch⸗ weiber mit ihren glänzenden Kannen gingen vor⸗ über, Gemüſekarren fuhren zu Markte. Alles war noch wie ehemals, aber wie ganz anders war es ſeit jener Zeit in Seldow's Herzen, in ſeinen Erkenntniſſen geworden! Wie hatten jene ſtolzen und glücklichen Gefühle, die damals ſeine Bruſt ſchwellten, dem Drucke eines gram⸗ und entbehrungs⸗ vollen Lebens erliegen müſſen, wie war ſein Trotz gebeugt, ſeine Hoffnung getäuſcht worden! Sein Blick fiel auf das Fenſter, aus dem ihn Claudia mit freundlichem Lächeln ſo oft heimlich begrüßt hatte. Es war ihm, als müſſe es ſich wieder öff⸗ nen, als müſſe die liebliche Geſtalt wieder jugend⸗ lich und blühend erſcheinen, die Hand bedeutungs⸗ voll erheben, das lächelnde Antlitz leicht neigen und, wie im Anſchauen des Lebens in den Straßen ver⸗ loren, ihm die Freude ihres Anblickes gewähren. Er ſprang auf und rannte, von bittern Empfin⸗ dungen ergriffen, durch die lange Reihe der wuͤſten Gemächer. „Der Menſch iſt der Narr der Zeit!“ ſprach er verbiſſen in ſich hinein.„Sie nimmt ihn, wie ein Inſtrument, auf dem ſie einige Charlatanskünſte und auffallende Poſſenſtreiche übt, dann wird ſie des Dinges müde und zerreißt eine Saite nach der an⸗ — 42— dern, wie es ihr einfällt, bis zuletzt nur diejenigen übrig bleiben, die einen ſchneidenden Mißklang ge⸗ ben. Ein Thor iſt, wer liebt und hofft! Nur der Augenblick hat ein Eigenthum, und das ihm abzu⸗ ringen für ſein Ich, iſt des Menſchen Aufgabe! Nur ſich ſollte er denken und empfinden. So wollte ich's auch, als ich von den glühenden Welſchen zu den kalten Deutſchen zurückkehrte, aber ich war noch ein Anfänger in der Kunſt des Lebens und erlag ſeinen Veſuchungen. Wer einmal ſeine Ge⸗ fühle von ſeinem Ich entfernt und auf Andere überträgt, der wird ein Spiel jener boshaften Macht, und er muß für Andere leiden, für ſich ſelbſt, und es jämmerlich tragen, wie die Zeit grauſam mit ihm ſpielt.“ Noch lange trieb der arme, in ſeinem Innern zeriſſene Mann ſich in den öden Räumen umher. Endlich hörte er ſich von Antonien rufen. Ihre Stimme klang beſorgt und ängſtlich. Er ſtieg hinab und fand ſie auf dem Gange vor dem ſogenannten Prinzenzimmer. Ihre beſorgniß⸗ dolle Miene verwandelte ſich in eine lächelnde, als ſie ihn erblickte. Sie hatte ihr beſtes Kleid ange⸗ than, ihr friſches, blühendes Angeſicht ſtrahlte von Hoffnung und freudiger Erwartung. Er fühlte ſich ſeiner düſtern Stimmung entriſſen bei dem An⸗ — 43— blicke des lieblichen Mädchens. Sie erinnerte ihn an die Mutter, wie dieſe geweſen, da auch er noch in jugendlicher Männlichkeit geſtanden, da die nun untergegangene Herrlichkeit des ſchwarzen Kopfes auch noch ihren Werth und Ruhm behauptet. Sie gingen hinab in das Gaſtzimmer zu der Wirthin. So redſelig ſich dieſe am geſtrigen Abend gezeigt, ſo ſchweigſam verhielt ſie ſich am heutigen Morgen. Nur durch einen Wink bedeutete ſie die träge Magd, ein einfaches Frühſtück herbeizubringen, an dem ſie ſelbſt keinen Antheil nahm. Oft ſah ſie mit for⸗ ſchenden Blicken auf Antonien, in denen etwas Scheues, Unheimliches lag, was dieſer läſtig gewe⸗ ſen ſeyn würde, wenn ſie überhaupt auf die Frau geachtet hätte. So aber dachte das Mädchen an ganz andere Dinge, an die Verwirklichung der Wünſche in die Zukunft, von denen ihre Phantaſie erfüllt war. Unwillkührlich ſummte unter dieſen Träumereien Antonie die Melodie von Hein⸗ richs Lieblinglied für ſich hin. Sie erſchrack, als ſie dieſes bemerkte, ſie brach es raſch ab, wie man ſich von einem Gedanken, von einer Erinnerung abwendet, die einem läſtig dünkt. Der Harfenſpieler verabſchiedete ſich nach einiger Zeit von der Tochter, um einen Gang durch die Stadt zu machen. Antonie blieb, während die —-— 44— Magd ihren Arbeiten im Hauſe nachging, allein bei der Frau. Dieſe trat jetzt herbei, machte ſich in der Nähe des Mädchens etwas zu thun und be⸗ gann, indem ſie ſich bemühete eine freundliche Miene anzunehmen, nach einiger Zeit ein Geſpräch mit folgenden Worten: „Ihr kommt wohl weit her mit Eurem Vater? Aus der Nähe ſeyd Ihr nicht, das hört man an Eurer Sprache, und der Zuſchnitt Eures Kleides iſt auch anders, wie ſich die Mädchen im Bayer⸗ lande tragen.“ „Wir kommen aus Thüringen,“ antwortete An⸗ tonie, welche ſich durch die freundliche Weiſe der Frau mit der Herbigkeit, die ſie geſtern an den Tag gelegt hatte, verſöhnt fühlte.„Wir ſind viele Tage lang gewandert, ehe wir die Thore von Augs⸗ burg erreichten, wo wir nun raſten und ruhen wollen.“ „Alſo nicht aus Italien!“ ſagte die Frau mehr zu ſich ſelbſt, als zu Antonien. Dann fuhr ſie gegen dieſe fort:„das Thüringerland muß wohl ſehr weit von hier liegen, denn ich habe nie davon reden hören. Die Muſikanten, die hierher kommen, ſind meiſtens Böhmen oder Welſche, und dann kom⸗ men ſie in ganzen Trupps und ſind luſtig und gu⸗ ter Dinge, aber nicht grämlich und zurückhaltend — 45— wie Euer Vater. Ihr habt ihn wohl ſehr lieb, den Alten, weil Ihr ſo überall hin mit ihm geht, Euch die zarten Füßchen breit tretet auf den weiten Wan⸗ derſchaften, und das feine Geſichtchen der Sonne und dem Regen ausſetzt?“ „Mich dünkt, das iſt meine Pflicht ſo,“ ent⸗ gegnete ernſt Antonie.„Habt Ihr denn nie Kinder gehabt, Frau Lorenzin?“ „Die Lorenzin keine Kinder?“ erwiederte die Frau und ſchlug ein häßliches Gelächter auf. „Drei Buben von mir haben in des Churfürſten Regimentern geſtanden, und ſind auf dem Felde der Ehre, wie die Herren Offiziere es heißen, ge⸗ fallen, drei andere waren ſo geſcheidt zu deſertiren, ehe ſie auf das Feld der Ehre kamen, und ein Mädchen— ja, Jungfer! ein Mädchen habe ich gehabt— ſie lebt noch, aber ich ſpreche doch von ihr wie von einer Geſtorbenen— ein Mädchen, das war ſo ſchön, wie die Frühlingsblüthe am Weiß⸗ dorn, aber ſie iſt auch frühe welk geworden, wie die Blüthe, und ein garſtiger Stachel hat ſich ihr in's Hirn gedrückt. Aber das ſind alte vergeſſene Dingel ſie klingen wie ein Mährchen, wie die Ge⸗ ſchichte von meinem todten Mann, der ſich erhing, als er hörte, daß die Weißdornbluͤthe welk gewor⸗ den ſey.“. 4 — 46— Antonie ſchauderte. Die Geſichtszüge der Frau hatten ſich gegen den Schluß ihrer Rede hin wie zu einem böſen Krampfe verzerrt, aus ihren Blicken ſah Etwas, wie aufkeimender Wahnſinn. Sie ging jetzt fort, und Antonie war froh, von ihrer Gegenwart befreit zu ſeyn. Um ſich zu zer⸗ ſtreuen, trat ſie an's Fenſter. Viele Leute beweg⸗ ten ſich jetzt ſchon in der Straße auf und nieder. Schwer beladene Frachtwagen fuhren vorüber und Alles zeugte von der Betriebſamkeit der wohlhaben⸗ den Einwohner. Gerade dem Fenſter gegenüber, in welchem Antonie ſtand, befand ſich der reich geſchmückte Laden eines Goldarbeiters. Mit Wohl⸗ gefallen ſah das Mädchen hinüber. Da waren ſo viele Prachtſtücke, welche den Glanz eines Frauen⸗ zimmeranzuges erhöhen konnten, da ſtrahlte und glizzerte es herüber, wie eitel Diamanten, Sma⸗ ragden und Rubinen! Wer das hätte, wer ſich da⸗ mit putzen dürfte! dachte Antonie, und indem ſie es dachte, war es, als flüſtre eine leiſe Stimme ihr zu: biſt du denn nicht eine aus den edlen Ge⸗ ſchlechtern dieſer Stadt? Haſt du nicht Nechte auf Geld und Gut und was wäre dir dann verſagt von dieſen Dingen, nach denen dein Herz lüſtet? Sie lächelte, indem ſie ſich dieſer freundlichen Hoffnung hingab. In dieſem Augenblicke hörte ſie — 47— ein Geraͤuſch in der Nähe, und als ſie ihre Augen von dem Laden des Juweliers zurückzog, fielen ſie auf zwei junge Männer, die in der Mitte der Straße ſtanden und ſie auf eine freie zudringliche Weiſe betrachteten. Die jungen Männer trugen ſeidene, geſtickte Kleider und leichte Stahldegen an der Seite. Ihr ganzes Außere verrieth, daß ſie vom Stande waren und, in dieſem Bewußtſeyn, ſich Dinge erlauben zu dürfen glaubten, die Andern als Verletzungen der Sittlichkeit erſchienen. Der jüngere von ihnen war fein und zierlich gebaut, ſeine Bewegungen waren geſchmeidiger, als die ſei⸗ nes Begleiters, und ſein Angeſicht trug das Ge⸗ präge einer männlichen Schönheit, die einen ſchnel⸗ len und tiefen Eindrck auf Antonien hervor⸗ brachte. Sie war nicht Menſchenkennerin genug, um zugleich in den Zügen dieſes Angeſichtes den Ausdruck einer großen Charakterſchwäche neben dem einer gewiſſen Gutmüthigkeit, ſo wie die Spuren einer leichtſinnig verlebten Vergangenheit zu erken⸗ nen. Der junge Mann trug einen Blumenſtrauß in der Hand. Er trat jetzt zum Fenſter, legte das Bouket auf den Nahmen nieder und ſagte in einem ſanften Tone zu der erſchrockenen Antonie: „Das hat Euch der Frühling mitgebracht, ſchoͤne Jungfrau! Ihr dürft ſeine Gahe nicht verſchmä⸗ — 48— hen, Ihr müßt ſie annehmen, wenn Euch auch der Bote, den er ſich erwählt, nicht gefällt!“ „Was Teufel, thuſt du, Florentin?“ rief der Andere, indem er ihn die Straße mit ſich hinab fortriß.„Die köſtlichſten Blumen, die je deines Va⸗ ters Kunſtgärtner gezogen und die du deiner hoch⸗ edlen Braut überbringen ſollſt, verehrſt du einem Schützlinge der Frau Lorenzin? Wenn das Aurora erführe, ich glaube, ſie wäre im Stande, ihr Wort zurückzunehmen, und dich zu blamiren vor allen Leuten!“ Antonie war erröthend vom Fenſter zurückge⸗ treten und hatte es verſchloſſen, aber ihre Hand hielt den Blumenſtraus und ihre Blicke ruheten auf dieſem, während ſie noch im Geiſte die Geſtalt des ſchönen jungen Mannes vor ſich, und die Worte, die er geſprochen hatte, unwillkührlich wiederholte. Sie ahnete den Werth des Geſchenkes nicht, das ſie ſo unerwartet erhalten hatte, ſie wußte nicht, daß dieſe Tulpen und Hhyacinten aus Zwiebeln ge⸗ zogen worden waren, die damals eine thörichte Lieb⸗ haberei mit hundert und mehrern Goldſtücken be⸗ zahlte. Zwiſchen den bunten Blumen glänzten brennende Granatäpfel hervor, ſanfte Roſenknoſpen und einfache, aber um ſo mehr bedeutende Myrthe. Der junge Mann war Bräutigam. Das hatte —— — 49— Antonie gehört. Mit einem Seufzer dachte ſie daran, aber dennoch trug ſie raſch und heimlich den Blumenſtrauß hinauf in ihr Zimmer, um ihm dort in friſchem Waſſer ein kurzes Leben zu erhalten. Sie war noch nicht lange oben geweſen, als ſie ſich von der Hauswirthin rufen hörte. Als ſie hinabkam, trat ihr Daniel entgegen, betrachtete ſie mit einem frechen Lachen und ſagte: „Es iſt Alles richlig wegen des Spielens am heutigen Abend. Sagt das Eurem Vater und er ſolle ſich um die achte Stunde im Hauſe des Se⸗ nators Traxel einfinden mit Euch und der Harfe. Wollt Ihr aber die Pracht und die Herrlichkeit recht genau mit anſehn, wollt Ihr den Staat der Herrſchaften bewundern, wie ſie nach und nach eintreten, ſo kommt nur ein paar Stunden früher, und da will ich Euch einen Platz auf der Tribüne anweiſen, wo Euch nichts entgeht, nicht eine Perle auf dem Kleide der alten gnädigen Frau, nicht ein Edelſteinchen im Haare der edeln Fräulein.“ Ohne eine Antwort von Antonien zu erwar⸗ ten, wandte er ſich nach der Hausthüre. Unter dieſer aber drehete er ſich noch einmal um, ſah höhniſch nach der Wirthin, die im Gange ſtand, und rief zurück: „Eure Tochter läßt Euch grüßen. Beinahe hätte II. 4 — 50— ich es vergeſſen, denn wer kann alles tolle Zeug behalten, was ſie ſchwatzt. Sie iſt wohl auf, dick und fett und bei gutem Appetit. Ihr braucht nicht zu ſorgen um ſie.“ „Wärſt du in der Hölle, wo du hingehoͤrſt!“ murmelte die Frau zwiſchen den Zähnen, indem ſie dem lachend fortgehenden Daniel einen giftigen Blick nachſchickte.„Es gibt keinen boshaftern Teu⸗ fel, als dieſer Daniel, und wenn die Wünſche der Frau Lorenzin Jemanden um's Leben zu bringen vermöchten, nun— ich will nicht gottlos reden, aber ich weiß, wie es wär'! Alſo zu Tra⸗ xels geht Ihr!“ fuhr ſie, Antoniens Hand, die vergebens zurückzuckte, nehmend, mit lauter Stimme fort.„Habt acht auf Euch, Jungferle, daß Ihr auf dem glatten Boden in dem vorneh⸗ men Hauſe nicht ausgleitet oder gar fallet! Ich glaube, Ihr thut einen wichtigen Gang. Ihr tragt in Eurem Geſichte und Weſen eine Ahnlichkeit mit einer gewiſſen Perſon, deren man ſich noch recht wohl bei Traxels erinnert, und dieſe wunderliche Ahnlichkeit kann Euch ebenſogut zum Glücke, wie zum Unglücke ausſchlagen. Ich verrathe nichts weiter, aber es kann Euch dort geſchehen, wie es vielen vornehmen Reiſenden bei der Frau Loren⸗ zin ergangen iſt. Die kamen oft an in ſpäter — 1— finſterer Nacht und meinten noch den alten ſchwar⸗ zen Kopf zu finden in aller gaſtlichen Pracht. Dann war Frau Lorenzin gleich bei der Hand, leuch⸗ tete den hohen Herrn und den feinen Damen vor, und fragte demüthig, ob ſie es vorzögen, im Prinzen⸗ oder im Grafenzimmer zu logiren? Prinzenzimmer, Grafenzimmer— das waren Worte, die wie eine luſtige Muſik in die Ohren der ermüdeten Reiſen⸗ den klangen! Wenn ſie aber dann eintraten in die leeren Gemächer mit den kahlen Wänden, den dreibeinigen Schemeln und Tiſchen, wenn ſie das ſtattliche Ruhelager mit den Strohſäcken und der Wolldecke erblickten, dann fuhren ſie zurück, als hätten ſie ein Geſpenſt geſehen, dann wurde es ihnen ſelbſt in der Geſellſchaft der Frau Lo⸗ renzin etwas graulich und ſie ſtürmten die Treppe hinab in ſolcher Eile, daß ich ihnen kaum mit dem Lichte folgen konnte, warfen ſich in den Wagen und rollten davon. Mein luſtiges Ge⸗ lächter ſchallte hinter ihnen her. Seht, Kind, das waren die kleinen Zerſtreuungen in meiner Ein⸗ ſamkeit, und wenn mir ſo etwas begegnet war, ſo konnte ich lange daran zehren in froher Erinnerung.“ Frau Lorenzin ſchien in der That in dieſem Augenblicke eine ſolche Gedächtnißfeier zu begehen. Sie lachte in ſich hinein„ſie fing an, mit ſchnei⸗ 4* — 52— dender Stimme ein Lied zu ſingen, das in ihrer Jugend neu geweſen ſehn mochte, jetzt aber, we⸗ nigſtens in ihrem Munde, einen höchſt widrigen Eindruck hervorbrachte. Antoniens geübtes Ohr konnte dieſe Mißlaute nicht ertragen. Sie floh auf ihr Zimmer, wo ihre Phantaſie ſich ſogleich mit al⸗ len Erſcheinungen der Pracht und des Glanzes, die ihr der heutige Abend vorführen konnte, beſchäftigte. Ddite große Rotunde im Hauſe des Patriciers und Senators Traxel war von einem Lichtmeere, das unzählige Kerzen von den ſchweren Kronleuch⸗ tern und den Spiegelwänden herabſandten, erfüllt. Hier war das ſtattlichſte Gemach des geräumigen Hauſes, der Ort, wo Familienfeſte feierlich began⸗ gen, wo vornehme Gäſte geehrt wurden. Koſtbare Teppiche bedeckten den Boden, zwiſchen den Wand⸗ ſpiegeln ſah man die Meiſterwerke der berühmteſten italieniſchen Maler, und der Glanz des Silbers und Goldes, der hier verſchwendet war, blendete das Auge, das lange auf ihm weilte. Oben um die Rotunde lief ein Umgang, eine Art von Altan, wo die Dienerſchaft des Hauſes, ihre Freunde und Bekannten hinführte, damit dieſe ſich an dem An⸗ blicke der Herrlichkeiten, die ſich unten boten, ergötzten. Hier hatten auch, durch Daniels Vermittlung, der Harfenſpieler und ſeine Tochter eine Stelle gefunden. Antonie ſah voll kindiſcher Luſt, voll eitler Freude und Hoffnung auf das Schauſpiel hinab, das ſich ihren Blicken bot, und ihr ſo viel Neues, was ſie bewundern mußte, zeigte. Sie wußte noch nicht, daß ſie ſich im Hauſe ihrer Ver⸗ wandten befand, denn Daniel hatte ſie, um ſie dem Gedränge zu entziehen, durch eine entlegene Hinterthüre hereingebracht. Sie gab ſich ſo ganz dem Eindrucke des Augenblicks hin, daß ſie nicht bemerkte, wie ihr Vater von einer ungewöhnlichen Aufregung ergriffen war, wie er den Kopf mit dem dunkelroth glühenden Angeſichte weit über die Bruſt⸗ wehr gebeugt hatte, mit dem Anſehn eines Träu⸗ menden hinabſtarrte und vor innerm Froſte bebte. Ihre Blicke hingen an der Geſtalt einer Matrone, die im Hintergrunde des Saales auf einem erhö⸗ heten Sitze, unter einem Baldachin von himmel⸗ blauem, mit goldenen Sternen beſäeten Sammet ihre Stelle eingenommen hatte. Sie ſaß, trotz des hohen Alters, in dem ſie ſchon zu ſtehen ſchien, aufrechn und in einer gebieteriſchen Haltung. Die Züge ihres Angeſichtes waren ernſt und ſtarr. Es glich mehr einem Steinbilde, als der ſchönen Er⸗ ſcheinung des menſchlichen Lebens, die ein Spiegel der Seele, ein Dolmetſcher der Empfindungen iſt. Nur um den Mund ſchwebte ein Ausdruck von Stolz und Bitterkeit, wie ihn nur ein herbes, ſelbſt⸗ ſüchtiges und despotiſches Gemüth zu erzeugen ver⸗ mag. Alle koſtbaren Stoffe, das Gold, die Edel⸗ ſteine, mit denen ſie beladen war, die Pracht, die ſie umgab, waren für ſie nicht da, denn ſie war — blind. „Seht dort die Alte, die in Gold und Juwe⸗ len ſtarrt!“ ſagte in dieſem Augenblicke ein Bür⸗ gersmann hinter Antonien zu ſeinem Nachbar, der ein Fremder zu ſeyn ſchien.„Ihr geſchieht heute Alles zu Ehren. Ihr Geburtstag wird ge⸗ feiert, und jedes Jahr geſchieht es ſo, denn wenn ſie auch von allen Herrlichkeiten nichts mehr ſehen kann, ſo verlangt ſie doch dieſelben Ehrenbezeigun⸗ gen, die ihr in frühern Zeiten dargebracht worden ſind. Es war immer eine hochmüthige und böſe Frau,“ fuhr er leiſer, doch Antonien verſtänd⸗ lich, fort.„Sie war hart gegen die Armuth, herrſchſüchtig in ihrem Hauſe und, wenn es nicht darauf ankam, den Glanz des alten Geſchlechtes zu behaupten, geizig auf einen Pfennig. Sie iſt noch ſo. Das Unglück, das ihr der Himmel zur Strafe geſandt, hat ſie nicht gebeſſert. Sie wurde von ihm geſtraft da, wo es ihr am weheſten thun mußte, denn ihre einzige Tochter hing ſich an einen fremden Landſtreicher, an einen Muſikanten, und ging mit ihm in die weite Welt. Es war ſonſt ein ſanftes, ſtilles Mädchen, das Fräulein Clau⸗ dia, und bei allen Leuten, die ſie kannten, wohl gelitten.“ Antonien ſchwindelte es. Dieſe Frau mit dem bleichen, leichenſtarren Angeſichte, aus dem keine Empfindung der Güte und des Wohlwollens ſprach, war alſo ihre Großmutter! Von dieſen Lip⸗ pen, ſo eng zuſammengekniffen, ſo bitter eine Feind⸗ ſeligkeit gegen das Menſchengeſchlecht bekundend, hatte ſie die Entſcheidung ihres Schickſals, hatte ſie für die liebe ſelige Mutter Verſoͤhnung in den Himmel hinauf, oder— ſie ſchauderte, es zu den⸗ ken— Haß über das Grab hinaus, zu erwarten! Aller Reichthum, aller Glanz, der bisher ihr Auge ſo ſehr ergötzt hatte, der ihr ſo wünſchenswerth und anlockend erſchienen war, verlor ſeine Bedeutung und ſie ſah nur die kalte, ſtarre Frau, die das augenloſe Haupt mit einem Stolze erhob, der kei⸗ nem Bedrängniß des Lebens weichen zu wollen ſchien. „Vater,“ flüſterte ſie ängſtlich zu Seldow hinauf, indem ſie deſſen Rechte, die ihr ungewoͤhn⸗ — 56— lich kalt ſchien, ergriff,„wir ſind hier in dem El⸗ ternhauſe der Mutter? Wird mich die blinde Frau, als ihre Enkelin aufnehmen, wird ſie gütiger ſeyn in ihrem Herzen, als auf dem kalten Antlitze?“ „Ich will dieſes kalte Antlitz ſchon erglühen machen,“ erwiederte in einem ſeltſamen, gepreßten Tone der Alte, und drückte krampfhaft die Hand der Tochter.„Ich will ihr ein Stückchen aufſpie⸗ len, das ihr ſtarres Herz beleben und wieder jung machen ſoll um viele Jahre. Wir wollen Gutes hoffen, Antonie! Ich war auch jung, ſtolz und übermüthig, aber die Zeit iſt über mich gekommen und hat mich weich und demüthig gemacht. Wa⸗ rum ſollte ſie einer Macht widerſtanden haben, die ſich durch nichts in ihrem Wirken hemmen. läßt? Ihre Züge tragen vielleicht nur noch den Ausdruck der Gefühle, die ſie ehemals beherrſchten; die Ge⸗ fühle ſelbſt ſind erſtorben, und nur ihre Form, einer langjährigen, unbewußten Gewohnheit gleich, iſt geblieben. Sey froh, Antonie, und hoffe! Der Himmel iſt gerecht, und nach ſeiner Gerechtig⸗ keit gehört dir ein Theil der Pracht und der Schätze, die du hier erblickſt.“ Dieſe Worte ermuthigten das Mädchen, indem ſie zugleich jene Wünſche und Hoffnungen wieder anregten, in denen ſich ihre Eitelkeit nur zu ſehr —-— 57— gefiel. Sie ließ jetzt ihre Blicke auf den glänzen⸗ den Halbkreis geputzter Frauen und Jungfrauen ſchweifen, der ſich zu beiden Seiten an den Sitz der Großmutter anreihte. Eine hohe, jugendliche Geſtalt neben dieſer fiel ihr am meiſten auf. Im⸗ mer mußten ihre Blicke zu ihr zurückkehren, und es war Antonien, als wohne dieſem Weſen eine unerklärliche, wunderbare Macht inne, die ſie anlockte und feſſelte, indem die Erſcheinung ſelbſt ſie mehr in eine unangenehme, als in eine freudige Stimmung verſetzte. Die Jungfrau neben der blin⸗ den Alten beſaß jenen ſeltenen Reiz, der in ſei⸗ nem auffallenden Widerſpruche etwas Unheimliches, Grauenhaftes hat. Sie war eine Blondine mit ſchwarzen Augen. Unter der lilienweißen Stirn, aus dem ſanftrothen Angeſichte blitzten ſie hervor, wie dunkelglühende Sterne, drohend und bewälti⸗ gend, ahnungsvoll und bannend. Sie wandte ſich oft zu der Matrone an ihrer Seite und ſprach mit ihr, und es war dann ein ſeltſames Schauſpiel, dieſe Augen, die in einem erhöheten Leben zu ſtrah⸗ len ſchienen, den verſchloſſenen Augenhöhlen der Alten gegenüber zu ſehen. Man konnte nicht läug⸗ nen, daß die Geſichtszüge der Jungfrau edel und regelmäßig gebildet waren, daß ihre Geſtalt den Zauber des Mächtigen und Gebieteriſchen trug; — 58— aber aus ihrem jugendlichen Antlitze, aus ihrer ganzen Haltung ſprach auch ſchon jener Stolz, jene Eiſeskälte und Herbigkeit, welche in den Zügen der blinden Greiſin lagen. „Ein Prachtmädel, die Aurora van der Halden aus Antwerpen!“ hob aufs neue der Bürgersmann hinter Antonien zu ſeinem Nachbar an.„Sie iſt ſo reich wie ſchön, und Ver⸗ ſtand ſoll ſie haben für ein Dutzend. Es iſt die, neben der Geburtstägerin. Seht nur einmal das goldene Krönlein mit den Edelſteinen, das die blon⸗ den Locken zuſammenhält! Da ſteckt ein Kapltal von wenigſtens zwanzigtauſend Gulden drin, und ſie trägt das Glück einer ganzen Familie auf dem Kopfe. Sie wird den Junker Florentin heira⸗ then, wie die Leute ſagen! Das hat gewis die Alte ſo abgekartet, damit das Regiment in der Familie immer in Weiberhänden bleibt, denn die Aurora ſteht gerade danach aus, als wenn ſie es recht wohl zu führen verſtände. Hat ſie nicht das Aüſezn einer Königin, Gevatter?“ Antonie überhörte die Antwort. Aurora— Florentin! Waren das nicht Namen, die heute ſchon einmal bedeutungsvoll ihr Ohr getroffen hat⸗ ten? Sie ſah noch einmal ſchärfer und forſchender 8 — 59— nach der prächtigen Jungfrau. Da bemerkte ſie, daß dieſe einen Blumenſtrauß trug, ganz dem ähn⸗ lich, den ſie ſelbſt am heutigen Morgen aus den Händen des fremden jungen Mannes empfangen hatte. Auch ſie trug den ihrigen, ſie hatte dem Gelüſt, wenigſtens mit dieſem einfachen Schmucke in der vornehmen Geſellſchaft an der Seite ihres Vaters zu erſcheinen, nicht widerſtehen können. Und der ihr die Blumen gegeben, der— ſie konnte es ſich nicht bergen— Gefühle in ihrem Herzen rege gemacht hatte, die das Wohlwollen, welches ſie dem Kindheitsgefährten Heinrich ge⸗ widmet, weit überſtiegen, der ſchöne Jüngling, deſ⸗ ſen Bild noch immer vor ihrer Seele ſchwebte, er war ihr Verwandter, er ſtand ihr durch Bande des Blutes nahe, aber wurde auch wieder durch andere, die ihn zu dem ſtolzen Weſen mit der Demant⸗ krone hinzogen, von ihr entfernt! Aurorens dunk⸗ les Auge ſchien ihr jetzt drohender, feindlicher. Sie ſah in ihr eine Gegnerin, ſie fühlte ſich erbittert gegen ſie, ſie empfand ein Vergnügen in dem Ge⸗ danken, nun bald vor ſie hinzutreten, mit einem gleichen Schmucke an der Bruſt, wie jene trug, ihr gleichſam trotzend, ihr eine Erkenntniß aufdrin⸗ gend oder wenigſtens ahnungsvoll bietend, die ſie verletzen, die ſie beunruhigen mußte. Nicht umſonſt — 60— hatte der böſe Geiſt der Eitelkeit und Hoffahrt ſein gleißendes Netz nach Antonien ausgeworfen! Trompeten und Pauken erklangen von einer andern Seite der Tribune in den weiten Raum hinab. Man bemerkte eine Bewegung unter den geputzten Herren, die im Hintergrunde des Saales, den Frauen gegenüber, ſich aufgeſtellt hatten. „Jetzt geht's los, Gevatter!“ rief mit freude⸗ glänzender Miene der Bürgersmann.„Jetzt gebt Acht, ſperrt die Augen auf und auch die Ohren, ob Ihr von allen den trefflichen Dingen, die man dort unten ſagen wird, etwas aufſchnappen und profitiren könnt! Jetzt kommt die Gratulation, Paar um Paar, alle zierlich vortretend im Menuettſchritt, wie es ſich für vornehme Leute paßt, die nicht die Beine ſo gemein ſtellen dürfen, wie unſer einer.“ „Wie behagt Euch die Herrlichkeit, Täubchen?“ ertönte in dieſem Augenblicke eine widrige Stimme dicht an Antoniens Ohr.„Dergleichen habt Ihr noch nicht geſehn in Eurem Thüringerlande, und Ihr konnt auch wohl weit und breit reiſen im lieben deutſchen Reiche, ehe Ihr eine Pracht und einen Reichthum findet, wie in der guten Stadt Augsburg!“ 3 Daniel hatte dieſe Worte geſprochen. Er ſtand in der reichen Livrei des Hauſes neben An⸗ — 61— tonien. Der Bürgersmann und ſein Begleiter wichen in ehrerbietiger Scheu vor ihm zurück, und er befand ſich nun mit dem Mädchen auf einem freien Raume, wo er zu ihr flüſtern konnte, ohne von Andern vernommen zu werden. Der Harfen⸗ ſpieler war ſo tief in ſeine Gedanken, in das Schau⸗ ſpiel unter ihm verſunken, daß er deſſen nicht achtete, was in ſeiner Nähe vorging. In feierlicher Haltung und mit langſamen Schritten traten jetzt zwei Männer, deren Anzüge mit reichen Goldſtickereien prangten, der Doppel⸗ reihe der übrigen vor, die ſich, unter fortwährendem Trompeten⸗ und Paukenſchall, dem Sitze der blin⸗ den Matrone näherte. Antoniens Herz klopfte ungeſtümer. In dem jüngern der beiden Männer erkannte ſie denjenigen, der ſie mit dem Geſchenke des Blumenſtraußes überraſcht hatte. Sie ſah ſcharf nach ihm hin, ſie bemühete ſich zu bemerken, ob ſeine Blicke mit einer beſondern Theilnahme auf der ſchönen Aurora van der Halden weellten. Ihre Beſorgniß beſtätigte ſich nicht. Im Gegen⸗ theil konnte ſie wahrnehmen, wie er verſtohlen nach der Tribune heraufſah, wie er ſuchte und forſchte, und plötzlich ſein Auge auf ſie traf und nun, als habe es gefunden, wonach es geſucht, einige Augen⸗ blicke auf ihr ruhete. — 62— „So geht's immer her am Ehrentage unſerer Alten,“ nahm Daniel wiederum das Wort.„Seht Ihr die zwei ſtattlichen Männer, die in dem Gold auf ihren Röcken und den Ringen an ihren Hän⸗ den den Werth von einem paar Landgütern mit ſich herumtragen? Jetzt treten ſie zu ihr, jetzt fängt der Altere an, ſeine wohlſtudirte Gratulationsrede zu halten in franzöſiſcher Sprache. Das ſind unſere Herren. Derjenige, welcher jetzt redet, iſt der Sohn, der hochgeborene Herr Senator Traxel„ und der neben ihm, der jüngere, mit dem glatten Angeſichte und der freundlichen Miene, der immer zu Euch heraufſchielt, während der Vater ſpricht, iſt der Enkel, der hochedle Patricier, Herr Florentin Traxel. Ein Prachtmännchen, ſage ich Euch, Jungfer Antonie! Gütig, ſanft, herablaſſend und großmüthig, wie ein Prinz! Ihr müßt ihn näher kennen lernen,“ ſetzte er leiſer hinzu,„er hat noch Beſ⸗ ſeres zu verſchenken, als elende, werthloſe Blumen.“ „Er iſt Bräutigam?“ verſetzte ſchüchtern An⸗ tonie, die zu unerfahren war, um Daniels Worte in dem ſchlimmern Sinne aufzunehmen, in dem ſie geſagt worden waren.„Dort jenes ſchöne Fräulein mit der Demantkrone in den blonden Locken iſt ſeine Braut?“ „Wer ſagt das?“ entgegnete mit ſcheinbarem — 63— Unwillen der Diener.„Wenn dergleichen vorginge in der Familie, ſo wüßte ich's! Mir verſchweigt man nichts, mich zieht man zu Rathe in allen Dingen, denn ich diene nun ſchon vierzig Jahre dem Hauſe, und es ſind Ereigniſſe geſchehen, die ohne den Beiſtand des Daniel zu keinem guten Ende gekommen wären. Das iſt mein Stolz, daß ich mehr ein Freund, ein Vertrauter der Familie bin, als ein Untergebener. Deshalb brauche ich auch, nicht aufzuwarten unten mit den übrigen Lakaien, ſondern ich kann herumſchlendern wie ich will, und werfe nur manchmal einen Blick aufs Ganze, ob Alles ſeine Ordnung hat. Ja, was ich ſagen wollte von dem jungen Herrn! Es kann wohl ſeyn, daß ihn die Leute ausſchwatzen als Hochzeiter mit der reichen Niederländerin. Sie iſt entfernt verwandt mit uns, kommt oft ins Haus und die Großmutter hat ſie gern. Aber was will das hei⸗ ßen? Trägt doch Junker Florentin ſie nicht im Herzen, wohl aber eine ganz Andere, die Euch“— ſprach er wiederum mit gedämpfter Stimme—„ſo ähnlich ſieht, daß man darauf ſchwören ſollte, Ihr wäret es ſelbſt!“ Er ſah Antonien ſtarr ins Geſicht und ver⸗ zog den Mund zu einem ſpöttiſchen Lächeln, als er die dunkle Röthe wahrnahm, die ſich über ihre — 64— Wangen ergoß. Sie hatte die Blicke von ihm ab⸗ gewandt, aber er ſah wohl, daß ſie um ſo feſter an Florentin hingen und jede ſeiner Bewegun⸗ gen beobachteten. „Jetzt hat er ſeine Gratulation gemacht und der Großmutter die Hand geküßt,“ fuhr Daniel flüſternd fort.„Er tritt hinter den Stuhl der Niederländerin, aber das geſchieht nicht um ihret⸗, das geſchieht um Euretwillen. Da ſteht er Euch gerade gegenüber und kann Euch immer anſehn, ohne daß es auffällt und Jemand bemerkt. Seht Ihr, wie ſeine Blicke herauffliegen, indem er zu ihr ſpricht und, gewiß nur der Großmutter zu gefallen, einige leere Höflichkeiten an ſie richtet? Wär' er an meiner Stelle, das wäre ihm tauſendmal lieber und— ich wette darauf— er gäbe den Rubin vom Zeigefinger ſeiner rechten Hand dafür hin, wenn er es ſo gut haben könnte!“ Daniels willkommene Rede verſöhnte An⸗ tonien mit ihm, deſſen Erſcheinung und Betragen früher einen ſo unangenehmen Eindruck auf ſie ge⸗ macht hatten. Sie lauſchte mit Vergnügen den Worten, die ihrer Neigung und ihren Wünſchen ſchmeichelten. Sie glaubte keinen Fehler zu bege⸗ hen, indem ſie ſich Hoffnungen hingab, zu denen ſie die Entdeckung ihrer Geburt zu berechtigen ſchien. — 65— Freilich war Florentin ihr naher Verwandter, er war Sohn des Bruders ihrer Mutter; aber wie oft hatte nicht ſchon die Kirche Verbindungen in dieſem Grade der Verwandtſchaft gebilligt? An⸗ tonie glaubte, durch Daniels Mittheilungen er⸗ muthigt und belebt, es ſey jetzt nichts weiter nöthig, als daß ihr Vater rede und ſich entdecke, um ein ſchönes und inniges Familienverhältniß anzuknüpfen, in dem ſie ſich und Florentin ſchon im Geiſte als Brautleute ſah.„Die Großmutter iſt gewiß auch ſo ſchlimm nicht“— dachte ſie—„wie ſie ausſieht und wie die Leute ſie machen. Sie ſteht doch auch ſchon nahe am Grabe und ſieht mehr in den Himmel hinauf als ſie für das Irdiſche em⸗ pfinden kann, das ſie gar nicht mehr ſieht; ſie muß erkannt haben, daß es beſſer iſt zu lieben und zu verzeihen, als zu haſſen und unverſöhnt zu ſterben.“ Ein beſonders glückliches Walten der Vorſehung glaubte ſie darin zu erkennen„ daß ſie und Flo⸗ rentin berufen ſeyen, das neue Band der Liebe, das nun von der ſeligen Mutter aus ihrem himm⸗ liſchen Aufenthalte zu den Verwandten herabreichen werde, inniger und feſter zu verknüpfen. Sie lächelte, ohne zu wiſſen was ſie that, zu Florentin her⸗ ab, bemerkte aber nicht den bedeutungsvollen Blick, I welchem dieſer ihr Lächeln beantwortete. I. 5 — — 66— „Zetzt kommt die Reihe an Euch!“ mahnte nach einiger Zeit Daniel den Harfenſpieler, in⸗ dem er ihn durch einen derben Schlag auf die Schulter ſeinem dumpfen Hinbrüten entriß.„Die Gratulationen ſind vorüber, jetzt wird venetianiſcher Marzipan, Eingemachtes aus Noveredo und ſpani⸗ ſcher Sect herumgereicht, dazu paßt ein zärtliches Stück auf der Harfe, und wenn Ihr Eure Sache gut macht, ſo könnt Ihr darauf rechnen, daß Ihr die nächſten acht Tage hin in den erſten Patricier⸗ häuſern beſetzt ſeyd.“ Der Alte gab ſeine Harfe, die neben ihm ſtand, Antonien. Dann folgte er mit der Tochter, auf die er ſich ſtärker als gewöhnlich ſtützen mußte, dem voraneilenden Daniel die Treppe hinab. „Ich will ihnen ein Stückchen ſpielen,“ ſagte er, indem ſein Angeſicht ſich ſeltſam verzerrte, für ſich hin,„ſo zärtlich, daß es ſie Jahre weit zurück⸗ verſetzen ſoll, in eine Zeit, wo ſie noch von zärt⸗ lichen Empfindungen beherrſcht wurden, die ſie mir freilich nicht gezeigt haben, aber dir nun verſchul⸗ den, Antonie, und an dich abtragen müſſen!“ Er ſchwankte durch die Gänge zur offnen, hohen Thüre der Rotunde. Der Eingang war mit Blu⸗ menkränzen und bunten Bändern behangen. „Hochzeitsplätze und Gräber ſchmückt man mit — 67— Blumen!“ ſprach der Harfenſpieler düſter zu ſeiner Tochter.„Welche Bedeutung mögen dieſe Blumen für uns haben?“ Indem er in den Saal ſchritt, machte er ſich von Antonien los. Er ſchien von neuer Kraft erfüllt und belebt. Seine Geſtalt richtete ſich hoch auf, mit erhobenem Haupte, mit freien, glänzenden Blicken, die die Verſammlung überflogen, trat er ruhig und in einer Haltung, die ein gewiſſes Selbſt⸗ bewußtſeyn, ein Gefühl an den Tag legte, daß er ſich nicht geringer achte, als jeden der hier Anwe⸗ ſenden, zu dem Sitze vor, den Daniel in der Mitte des Saales bereitet hatte. Er war der Ein⸗ zige, der in dem glänzenden, vielfarbigen Kreiſe in ganz ſchwarzer Kleidung erſchien. Seine Erſchei⸗ nung, ſo wie die des einfach gekleideten ſchönen Mädchens an ſeiner Seite, erregte die Aufmerkſam⸗ keit der anweſenden Gäſte. Aller Blicke hefteten ſich auf die Eintretenden. Wenn man in dem Weſen des Alten eine Würde und einen Ernſt fand, die ſehr gegen die Demuth abſtachen, welche andere wandernde Künſtler dieſer Art zeigten, ſo fühlte man ſich doch bald mehr durch die anmuthige Ge⸗ genwart der Tochter angezogen, die mit hoch ergluͤ⸗ henden Wangen, mit ſchüchtern zum Boden geſchla⸗ genen Blicken näher ſchritt und, indem ſie die Harfe 5* — 68— vor dem, ihrem Vater beſtimmten Seſſel niederſtellte, in jeder Bewegung einen neuen Reiz entfaltete. Hier hatte die Kunſt nichts, die Natur alles ge⸗ than, und es war, als beabſichtige die letztere, in dieſem Kreiſe, wo alle Pracht, alle Hülfsmittel des Putztiſches verſchwendet waren, durch Antoniens einfaches Auftreten, durch ein Weſen, deſſen Schmuck nur ſeine Perſönlichkeit war, einen Triumph zu feiern. Unter den jüngern Männern war ein Still⸗ ſtand der Höflichkeits⸗ und Ergebenheitsbeweiſe ein⸗ getreten, mit denen ſie bisher den Damen ſich an⸗ genehm zu machen getrachtet hatten, und während ſie untereinander flüſterten, um ein Näheres von dem ſchönen Harfenmädchen zu erfahren, wichen ihre Blicke nicht von dieſer. Aurora hatte den Blumenſtrauß an Anto⸗ niens Bruſt bemerkt. Mit einem verächtlichen Lächeln nach dieſer hin, wandte ſie ſich um und richtete eine Frage an Florentin, welche dieſer mit einem leichten Achſelzucken beantwortete. An⸗ tonie ſah das, ſie ſah auch, wie Aurora das Gegenſtück ihres Blumenſchmuckes von der Bruſt nahm, es mit einer bemerklichen Bewegung zu Bo⸗ den fallen ließ und zertrat. Sie war hinter den Sitz, den jetzt ihr Vater einnahm, getreten. Au⸗ rora's Benehmen erfüllte ſie mit Bitterkeit. Sie — 69— fühlte wohl, nicht dem jungen Manne hinter ihrem Seſſel, dem fremden, unbedeutenden Mädchen, das es wagte, in demſelben Schmucke, wie ſie, der nicht durch ſeine Koſtbarkeit, der durch ſeine Seltenheit einen Werth erhielt, zu erſcheinen, galt ihre Ver⸗ achtung. Antonie ſah jetzt nicht mehr ſchüchtern und blöde zur Erde. Sie ſcheuete ſich nicht, ihre Blicke offen und frei denjenigen Aurorens be⸗ gegnen zu laſſen, die oft forſchend, argwöhniſch und höhniſch nach ihr hinſchweiften. Aber auch in Flo⸗ rentin's Auge traf ihr Blick, und ſie glaubte hier eine Empfindung zu erkennen, die ihrer eigenen zu ſehr entſprach, um ſie nicht Aurorens Be⸗ nehmen minder ſchmerzlich fühlen zu laſſen. Da begann ihr Vater in ernſten, ſchwermüthi⸗ gen Accorden ein Vorſpiel auf der Harfe. Gleich nach den erſten Gängen mußte ſich Antonie ge⸗ ſtehen, daß ſie ihn noch nie mit dieſer Kraft, die⸗ ſem Schwunge, dieſem Feuer hatte ſpielen hören. Sie war erſtaunt, ſie glaubte einen andern, einen fremden, großen Meiſter zu vernehmen. Als ſie den Vater anblickte, bemerkte ſie aber, daß eine Be⸗ geiſterung über ihn gekommen war, die ſie nur den Erinnerungen aus einer frühern, herrlichern Zeit, die ihn an dieſer Stelle lebhaft ergriffen, zuſchrei⸗ ben konnte. Seine Augen glänzten und waren — 70— zum Himmel gerichtet, ſeine Wangen zeigten eine Röthe, die ihm ein ſtattliches, jugendliches An⸗ ſehen gab. Die Verſammlung war ſtill und lauſchte mit geſpannter Aufmerkſamkeit den Tönen, die ſie, von der Hand eines armen Wandermuſikanten hervor⸗ gezaubert, überraſchen mußten. Nur die blinde Alte bewegte ſich unruhig auf ihrem Platze, ſie legte oft die Hand an die Stirn, als denke ſie tief nach uͤber irgend einen Gegenſtand, oder als ſuche ſie in ihrem Gedächtniſſe nach einer alten, erloſchenen Erinnerung. Da ſchloß der Harfenſpieler die Einleitung, zu der ihn ſeine erregte Phantaſie im Augenblicke be⸗ geiſtert hatte, da ging er in ein Tonſtück ſeines großen Meiſters Scarlatti über, das er in den Tagen ſeines Ruhmes oft vorgetragen, zu dem ihm aber, wie Antonie bei fehlgeſchlagenen Verſuchen oft erkannt, ſpäter immer die Kraft gefehlt hatte. Heute ſchien alle Macht in ihn zurückgekehrt, die er einſt über das Inſtrument beſeſſen. Nicht nur in den Umgebungen, auch in ſeinem Innern wurde die alte Zeit wieder neu. Stolze Hoffnungen der Jugend, Liebesglück und Lebensfreude, Ehre und Ruhm zogen, wie ein rückkehrender, reich blühender Frühling, durch ſeine Seele hin, als ſeine Hände * — 71— kraͤftig und ſicher die alten lieben Töne anſchlugen. Aber er war es nicht allein, deſſen Herz ſie trafen. Kaum waren die erſten Accorde erklungen, ſo daß ſie ſich zur Melodie geſtalteten, ſo erhob ſich die blinde Matrone von ihrem thronartigen Sitz. Ihren Körper hielt ſie gerade und aufrecht, ihre vorgeſtreck⸗ ten Hände aber bebten, und mit den todten Augen⸗ höhlen ſtarrte ſie, als quäle ſie ſich zu ſehen, nach der Stelle hin, von der die Harfentöne erklangen. Dann ſtützte ſie ſich mit beiden Händen auf einen Tiſch, der vor ihr ſtand und beugte den Kopf weit vor, als wolle ſie genauer horchen, beſtimmter erkennen. „Das iſt Seldoni's Harfe!“ rief ſie plötzlich mit einer ſchneidenden, gellenden Stimme, die in dem entfernteſten Winkel der Tribüͤne vernommen wurde.„Hinweg mit dem elenden, dem verwor⸗ fenen Betrüger!“ Erſchöpft ſank ſie zurück. Während auf der Tribüne ein großer Tumult entſtand, und die Frauen ſich um die Ohnmächtige beſchäftigten, eilten der Senator und ſein Sohn, von dem Rufe der Ma⸗ trone ahnungsvoll getroffen, zu dem Harfenſpieler. Sein Inſtrument war verſtummt, es lag zerbrochen am Boden. Er ſelbſt ſaß zuſammengeknickt, leichen⸗ ahnlich da. Sein Haupt war auf die Bruſt ge⸗ ſunken, ein tiefes Röcheln nur vereſeth, daß noch — 22— Leben in ihm ſey. Die übermächtige Anſtrengung, der ſchreckliche Ruf von Claudia's Mutter hat⸗ ten, mit ſeiner letzten Hoffnung, ſeine letzte Kraft zerſtört. Antonie lag händeringend neben ihm auf den Knieen, und nannte ihn bei den ſüßeſten Namen, verſchwendete Bitten und Flehen an den Bewußtloſen, um eine Antwort, ein Zeichen, daß er ſie vernommen habe, zu erhalten. „Der Mann iſt krank!“ ſagte der Senator ha⸗ ſtig zu Daniel, der mit mehrern Dienern herbei⸗ eilte. Ihm war Alles daran gelegen, den Eclat, der ſchon enſtanden, ſo viel als möglich zu ver⸗ wiſchen. Er warf noch einen raſchen, forſchenden Blick auf den Harfenſpieler und ſeine Begleiterin, dann fuhr er dringend fort:„Schafft ihn und ſein Mädchen in's blaue Zimmer! ſchickt nach dem Arzte und ſorgt, daß Alles geſchehe, was zu ſeiner Pflege nöthig iſt, aber,“ wandte er ſich leiſer zu Daniel, „bewache ihn und das Kind wohl bis auf weitere Ordre, laß außer dem Arzte Niemand zu ihm, und bleib immer gegenwärtig, wenn dieſer kommt, denn mir ahnt, daß die Mutter beſſer gehört hat, als wir geſehen haben!“ Er eilte zu der Blinden zurück. Dieſe hatte ſich indeſſen erholt und er ſah, wie ſie bemüht war, gegen diejenigen, die ihr zunächſt ſtanden, eine — 223— Ruhe und Faſſung zu zeigen, die ihrem Innern noch fremd waren. Er drängte ſich zu ihr, er fluͤ⸗ ſterte ihr einige Worte, die ſie mit einem Lächeln des Einverſtändniſſes beantwortete. Dann wandte ſie ſich zu den Uübrigen und bat ſie, Alles für unge⸗ ſchehen anzuſehen und eine arme blinde Frau, durch eine fortgeſetzte Störung der geſelligen Freude, nicht zu ſehr für eine Schwäche zu beſtrafen, der ſie ohne ihre Schuld unterlegen. Dieſe Erklärung ſtellte die Ruhe unter den Gäſten wieder her. Man ehrte den Senator als einen Mann von Bedeutung und großem Reichthum zu ſehr, um ihn durch wei⸗ tere Erwähnung eines Ereigniſſes, das der einfluß⸗ reichen Mutter unangenehm zu ſeyn ſchien, zu be⸗ leidigen. Viele aber erinnerten ſich noch des Na⸗ mens Seldoni, Vielen lag noch die Begebenheit, welche die ſtolze Patricierfamilie ſo tief verletzt und gedemüthigt, im Gedächtniſſe, und der plötzliche Schreckensruf der Matrone legte der Erſcheinung des alten Harfenſpielers eine Bedeutung bei, die ihre Neugierde auf's höchſte ſpannen mußte. Jetzt ſahen ſie ſich nach dem Harfenſpieler um. Er war verſchwunden. Die Trümmer ſeiner Harfe, der Sitz, den er eingenommen, wurden ſo eben fortge⸗ ſchafft. In dem fernen Eingange der Rotunde be⸗ merkte man noch die Geſtalt ſeiner Begleiterin, die, — 274— ſchwankend und gebuͤckt, von Florentin unter⸗ ſtützt und ihrem Vater nachgeführt wurde. In kur⸗ zer Zeit aber ſchien Alles vergeſſen. Die Geſell⸗ ſchaft wogte bunt und lebendig durch einander, und bald erklang eine Muſik, die, zum Tanze einladend, den größten Theil der Anweſenden in einen Tau⸗ mel hinriß, in welchem ſie nicht daran dachten, daß, während ſie hier jubelten und ſich des Lebens er⸗ freueten, vielleicht wenige Schritte von ihnen eine Waiſe den Tod ihres Vaters beweinte. Nur die blinde Matrone war heute zerſtreuter als ſonſt an ihrem Ehrentage, und Fräulein Aurora van der Halden bewilligte ihrem Verehrer Florentin keinen der Tänze, um welche er ſo dringend bat, und deren Verweigerung er endlich damit vergalt, daß er ſich von dem Fräulein gänzlich zurückzog und am heutigen Abend nicht mehr in ihrer Nähe erſchien. ——— Noch in ſpäter Nacht, nachdem die Geſellſchaft ſich entfernt hatte, war der Senator durch Daniel zu einer geheimen Unterredung mit ſeiner Mutter entboten worden. Auch der alte Diener hatte an dieſer Theil genommen. Als er am andern Mor⸗ gen in dem Zimmer erſchien, in welches man An⸗ —-— — 75— tonien und ihren Vater gebracht hatte, zeigte er beiden eine Aufmerkſamkeit und Ehrerbietung, welche ſie nur erwarten durften, wenn man geneigt ſey, die Anſprüche und Hoffnungen, die ſie hierher ge⸗ führt, anzuerkennen. Der Harfenſpieler hatte ſich während der Nacht von dem Krankheitsanfalle am geſtrigen Abend einigermaßen erholt, doch fühlte er ſich ſehr ſchwach und konnte das Lager nicht verlaſ⸗ ſen. Er erinnerte ſich, daß die Mutter ſeiner heim⸗ gegangenen Claudia ihn erkannt habe, aber jene ſchmähligen, drohenden Worte, die ſie noch gegen ihn ausgeſtoßen, waren ſeinem Gedächtniſſe entfal⸗ len, und Antonie hatte ſie ganz überhört. „Ich hoffe,“ ſagte der Alte, nachdem Daniel das Zimmer verlaſſen hatte,„daß ich ruhig werde ſterben können. Du wirſt unter dem Schutze dei⸗ ner mütterlichen Verwandten leben, ſie werden dich lieben und dir nicht verweigern, worauf du ein Recht haſt. Es war ein ſchrecklicher Augenblick, der mich geſtern niederwarf, aber ich will ihn gern ertragen haben, wenn dieſe Art der Entdeckung dich früher zum Ziele bringt. Ich hatte eine Erſchei⸗ nung, Antonie, eine furchtbare Erſcheinung! Mit alterſchwachen, erlahmten Händen wagte ich mich an ein wunderbares Werk meines großen Meiſters, da ſchrie plöͤtzlich die Blinde: das iſt Seldonil — 76— und zugleich ſtand mitten im Saale die Geſtalt Scarlatti's rieſengroß, mit ſtrafendem Blicke, und aus dem Blicke ſchoß ein Blitz in mein Ge⸗ hirn, der es ſchmerzhaft durchzuckte und mir alles Bewußtſeyn raubte. Ich habe gefrevelt an dem Angedenken des herrlichen Meiſters, und ſein Schat⸗ ten trat aus dem Grabe herauf, um mich zu ſtrafen.“ „Beruhigt Euch, Vater!“ ſagte Antonie, die neben dem Bette ſaß und die ſchlaff herabhängende Rechte des Harfenſpielers gefaßt hatte.„Der Arzt will, Ihr ſollt nicht viel ſprechen und ſo viel als möglich alle beunruhigenden Vorſtellungen von Euch fern halten.“ Es folgte eine lange Stille, während der An⸗ toniens Blicke mit dem Ausdrucke der Angſt und Beſorgniß auf den eingefallenen Zügen ihres Vaters ruheten. Der Arzt hatte wenig Troſt ge⸗ geben. Er hatte Antoniens dringende Fragen mit einem bedenklichen Achſelzucken beantwortet, er hatte hingeworfen, daß mehrere Tage vorübergehn könnten, ehe man mit einiger Beſtimmtheit über den Ausgang der Krankheit urtheilen könne. Wie viele Dinge hatte nicht Antonie in kurzer Zeit erlebt, die wohl im Stande waren, ein junges, un⸗ erfahrenes Gemüth, wie das ihrige, zu erſchüttern und zu verwirren. Während ſie au das ſchmerz⸗ — 77— verzerrte Angeſicht ihres Vaters ſah, dachte ſie an die Möglichkeit, ihn zu verlieren. Sie mußte wei⸗ nen, ſie zwang ſich, dieſes ſo leiſe zu thun, daß es der Kranke nicht bemerkte. Aber unter dieſen ſchmerzlichen Empfindungen trat auch das Bild Florentins, wie das eines tröſtenden, hülfreichen Engels vor ihre Seele. So war er ihr am geſtri⸗ gen Abend, als er ſie, die faſt Beſinnungsloſe, unterſtützt und dem Vater nachgeführt, als er ihr troͤſtliche Worte zugeflüſtert, und ſie für jeden Fall ſeiner Hülfe, ſeines Beiſtandes verſichert hatte, er⸗ ſchienen. Es war ihr, als ſehe ſie aus dem düſtern Grunde, auf dem ſie den Vater in der Bahre er⸗ blickte, Florentin hervortreten als denjenigen, der ihr den Todten erſetzen, der ſie mit der Zu⸗ kunft verſoͤhnen werde. Bald beſchäftigten ſich ihre Gedanken nur mit ihm, und ſie verſank ſo tief in dieſe Träumereien, daß endlich nur eine Bewegung des Vaters ſie in die Wirklichkeit der Gegenwart zurückführte. Der Kranke hatte ſich mühſam umgewandt. Er ſah in das Zimmer, und ein friedliches Lächeln trat auf das Angeſicht, das ſeit geſtern ſehr bleich geworden war. „Sie meinen es gut mit mir!“ ſagte er mit ſchwacher, aber bewegter Stimme.„Sie haben mich — 278— in Claudia's Zimmer gebracht. Ja, Antonie, in dieſem Zimmer lebte deine Mutter, und hier haben wir die erſten Schwüre der Treue mit einan⸗ der getauſcht! Wie mich Alles mit ſeltſamer Ge⸗ walt ergreift, was ich ſehe, und wie ein wunder⸗ bares Gefühl aus jenen Tagen in meine Bruſt zieht! Wenn es möglich iſt, daß ſelige Geiſter ſich zu Menſchen herabneigen können, ſo durchzieht in dieſem Augenblicke der Odem deiner Mutter dieſes Gemach. Hier ergriff ich zum erſten Male ihre bebende Hand und legte ſie an die Harfe, hier wurden wir einig über unſere Liebe, hier träumten wir von Glück und ſeliger Zukunft.“ Antonie legte mit bittender Gebehrde einen Finger auf den Mund, um den Vater zum Schwei⸗ gen zu ermahnen. In dieſem Augenblicke erhob ſich ein Geräuſch, das ihre Blicke nach der Thüre lockte. Dieſe öffnete ſich und hereintrat der Sena⸗ tor mit ſeiner blinden Mutter, die ſich auf ihn ſtützte und in ihren Geſichtszügen wiederum allen ſtrengen Ernſt, alle finſtere Kälte zeigte, die An⸗ tonien am geſtrigen Abend ſo unangenehm auf⸗ gefallen waren. Das Maͤdchen ſchritt betroffen und erglühend den Eintretenden entgegen. Geſtern hatte ſie der Senator kaum beachtet, jetzt fuhr er, erſtaunt uͤber die Ahnlichkeit Antoniens mit Claudien, — 79— zuſammen und flüſterte ſeiner Mutter einige Worte zu, welche jedoch keine Veränderung in dem ſtarren Antlitze der Matrone hervorbrachten. Gegen An⸗ tonien hin machte er eine abwehrende Bewegung, ſo daß ſich dieſe ſchüchtern in eine Fenſtervertiefung zurückzog. Dann ließ er die Mutter vorſichtig in einen Seſſel neben der Thüre nieder und trat dem Lager des Kranken näher. „Wer iſt da?“ ſagte dieſer, indem er ſich, wie⸗ wohl vergebens, aufzurichten ſtrebte. Bei dem erſten Worte, das er ſprach, zuckte die blinde Alte, wie von einem elektriſchen Schlage getroffen, zuſammen, und eine leichte Röthe flog über ihr Angeſicht. „Er iſt es!“ ſprach ſie unwillkürlich und ſo leiſe zu ſich ſelbſt, daß ihre Außerung mehr einem Hauche, als einer beſtimmten Rede glich. Ihre Hände hat⸗ ten krampfhaft die Lehnen des Seſſels gefaßt, und ein feiner Beobachter hätte erkannt, wie ſie in die⸗ ſem Augenblicke ein mächtiges, ſtürmiſch erregtes Gefühl zu bekämpfen bemüht war. „Bleibt ruhig, lieber Mann, und laßt Euch nicht ſtören!“ beantwortete indeſſen der Senator die Frage des Harfenſpielers, indem er ihn for⸗ ſchend anſah und in dem veralteten und verfallenen Angeſichte noch Züge einer frühern Zeit ſuchte. „Es iſt der Herr vom Hauſe, Senator Traxel — 80— — wenn Ihr Euch noch aus der Beſtellung meines Bedienten dieſes Namens erinnert— der nach Eurem Befinden ſehen will und Euch alle ärztliche Hülfe, alle Pflege, deren Ihr bedürft, gern zuſichert.“ „Leodogar, kennſt du mich wirklich nicht mehr, oder willſt du mich nicht kennen?“ verſetzte mit weicher wehmüthiger Stimme der Kranke.„Hat der Klang jenes alten, bekannten Liedes nicht in deine Seele getroffen, wie in die deiner Mutter? Iſt ihr Ausruf, ihre Erkenntniß dir kein hinläng⸗ licher Bürge, daß du ſelbſt den Seldoni wieder in dein Haus geladen haſt?“ Antonie ſtand zitternd im Fenſter. Es wurde ihr bange in der Nähe der blinden Groß⸗ mutter, die ihr unbeweglich gegenüberſaß und, wie es ihr ſchien, das Geſpräch der beiden Männer mit der Theilnahmloſigkeit einer Fremden anhörte. Jetzt flogen ihre Blicke auf den Senator, der Aus⸗ druck der geſpannteſten Erwartung trat in ihre Zuͤge, ſie fühlte ihr Herz in unruhiger Bewegung, denn was ſie nun hören, was ſich jetzt entſcheiden ſollte, betraf ja auch ihre künftige Stellung zu Florentin, Wiünſche, die aus der Tiefe ihrer Seele ſprachen, Hoffnungen, mit denen ſie ihre Zukunft ſchmückte. „In der That,“ erwiederte nach einigem Zoͤgern. 2 8 — 81— und indem er das, was er ſprach, vorſichtig abzu⸗ wägen ſchien, der Senator,„iſt meine Frau Mut⸗ ter durch das Muſikſtück, in deſſen Ausführung Ihr durch einen unangenehmen Zufall geſtört wurdet, ſonderbar ergriffen und überraſcht worden. Es mahnte ſie an ein ſchmerzliches Familienereigniß, an Denjenigen, der es veranlaßte. Deshalb ſtieß ſie in der erſten Überraſchung einen Namen aus, der vielleicht in manchem der Anweſenden, wie auch in Euch, die unrichtige Vermuthung erregen mußte, ſie habe da eine Erkenntniß gefunden, wo ſie nur eine Uberraſchung getroffen. Ein Näheres läßt ſich aus einer ſolchen unwillkürlichen Außerung nicht beſtimmen, und es käme nun allerdings erſt auf beſondere Beweiſe an, die Eure Behauptung, Ihr wäret der, für den Ihr Euch ausgebt, unterſtützen müßten! 4 „An dieſen ſoll es nicht fehlen, Leodogar!“ ſprach in einem feſtern Tone, als bisher, der Har⸗ fenſpieler.„Ich will dir von Dingen reden„ die nur demjenigen bekannt ſehn können, der in deine Geheimniſſe und die des Hauſes eingeweiht war. Sage mir, Leodogar,“ fuhr er leiſer fort,„was iſt aus der ſchönen Marie geworden, der Tochter jener Frau, die jetzt im ſchwarzen Kopfe Wirth⸗ ſchaft treibt?“ II. 6 — 82— „Nichts von ihr!“ rief entſetzt der Senator, indem er einen Schritt zurücktrat.„Weshalb ruft Ihr dieſe Schreckensgeſtalt auf, daß ſie zwiſchen uns trete? Sie kann nichts aufklären, ſie kann nur verwirren, das Andenken an ſie erprobt nichts, es kann mich nur verletzen! Andere Beweiſe, alter Mann! Die Wahnſinnigen zeugen nicht vor Gericht.“ „Ich verſtehe dich nicht, Leodogar!“ entgeg⸗ nete ſanfter der Kranke.„Es müſſen Dinge ge⸗ ſchehen ſeyn, die ich nicht kenne, daß dieſe Erin⸗ nerung dich ſo heftig erſchüttert. Aber ich habe andere und beſſere Beweiſe. Siehe jenes Mädchen an, Leodogarl Sie iſt Claudia's und meine Tochter. Trägt ſie nicht die Geſtalt, die Züge ihrer Mutter? Iſt es möglich, daß du das Ebenbild dei⸗ ner Schweſter in ihr verkennſt?“ „Ahnlichkeiten ſind oft ein Spiel des Zufalls,“ ſagte verlegen und indem ſeine Blicke den Boden ſuchten, der Senator.„Mögt Ihr nun Seldoni ſeyn oder nicht, ſo müßt Ihr in jedem Falle mir zugeben, daß man in einer ſo wichtigen Angelegenheit einer Familie, wie die unſrige, nur ſolchen Doku⸗ menten Beweiskraft zugeſtehen kann, welche ſich ſelbſt vor Gericht als vollkommen gültig und unwiderleg⸗ lich darſtellen würden.“ „Claudia iſt todt!“ ſagte in einem Tone — 83— tiefer Rührung der Harfenſpieler.„Ihre letzten Worte enthielten ein Gebet, in dem ſie den Segen des Himmels für ihre Mutter, für ihre Verwand⸗ ten erflehete. Sie ſtarb mit den Gefühlen einer kindlichen und ſchweſterlichen Liebe, die wohl eine Erwiederung verdient hätten. Sprich, Le odogar, zieht dich keine wohlwollende Empfindung zu ihrer Tochter, zu deiner Nichte hin?“ „Ich muß es Euch wiederholen, lieber Mann,“ antwortete ungeduldig der Senator,„daß hier von Gefühlen und Ahnungen, von perſönlichen Anſich⸗ ten und Vermuthungen keine Rede ſeyn kann, ſon⸗ dern nur von geſetzlichen Beweisſtücken, die ein un⸗ umſtößliches Recht begründen.“ Er blickte den Kranken mit erhöheter Aufmerk⸗ ſamkeit an, in ſeinem ganzen Weſen zeigte ſich, neben der geſpannten Erwartung, dieſe Frage auf eine entſcheidende Weiſe beantwortet zu ſehen, etwas Lauerndes, Heimliches und Unruhiges, das irgend eine verſteckte Abſicht ahnen ließ. Antonie hatte ihren Platz nicht verlaſſen. Oft trieb es ſie, zu der blinden Großmutter zu eilen, ſich dieſer zu Füßen zu werfen und unter Thränen um Verzeihung für die todte, unglückliche Mutter zu bitten; aber das ſtarre, kalte Anſehn der Frau lähmte die Kraft ihrer Entſchlüſſe, ehe ſie zur Ausführung kamen, 6* — 84— und die ausweichenden Reden des Oheims ver⸗ ſetzten ſie in eine Beängſtigung, die ihre Gedanken verwirrte. Der Harfenſpleler hatte eine kurze Zeit ſinnend vor ſich niedergeblickt. Dann ſagte er: „Ich ſehe wohl ein, Leodogar, du willſt unſer Wiederſehn, du willſt unſere Anerkenntniß wie ein kaufmänniſches Geſchäft, wie eine ſtreitige Rechtsſache behandeln. Auch dazu bin ich bereit, wenn es ſehn muß. Ich beſitze alle Zeugniſſe, die verlangt werden können: meinen Trauſchein mit Claudia, alle andere Dokumente bis zu ihrem Todesſchein. Sie befinden ſich mit meinem übrigen Gepäck in dem Gewahrſam der Wirthin zum ſchwar⸗ zen Kopfe.“ Kaum hatte der Kranke dieſe Worte geſagt, ſo erhob ſich die Blinde raſch von ihrem Sitze, griff mit ſicherer, bekannter Hand nach der Thüre und verließ, ohne ihren Sohn zur Begleitung aufzufor⸗ dern, das Zimmer. Antonie ſah ihr erſtaunt nach, aber bald zog das Benehmen des Senators, der mit ausgebreiteten Armen, mit einem Angeſichte, aus dem eine übermäßige Freundlichkeit ſtrahlte, ſich zu dem Kranken herabneigte, ihre ganze Auf⸗ merkſamkeit auf ſich. „So ſeyd mir denn herzlich willkommen, Herr Schwager!“ ſagte er in einem Tone, in dem das Suu phen nur Wahrheit und Wohlwollen zu erkennen glaubte.„Um wie viel freudiger wollte ich Euch begrüßen, ſtändet Ihr als ein geſunder, kräftiger Mann vor mirz aber auch das wird beſſer werden, Ihr werdet geneſen und dann ſollt Ihr erfahren, wie ſich unſere Geſinnungen gegen Euch und die gute ſelige Schweſter verändert haben, und wie wir jetzt nur lauter Liebes und Gutes gegen Euch im Herzen tragen. Jetzt ſprechen meine Gefühle für Euch, und ich verlange nicht, jene Papiere zu ſehen, ehe ich Euch anerkenne. Und das“— wandte er ſich gegen Antonien und fragte lauernd—„das iſt Claudia's Tochter, ihr einziges Kind, ihre Erbin?“ „Wenn die Bande des Blutes noch von der Gerechtigkeit der Menſchen anerkannt werden, ſo iſt ſie es,“ antwortete mit feſter Stimme der Har⸗ fenſpieler.„Ach, Leodogar,“ fuhr er fort, und jene Schwäche, der er nur durch eine große An⸗ ſtrengung ſich zu entreißen vermocht hatte, begann wieder zurückzukehren,„warum habt Ihr nicht da⸗ mals ſchon, als unſere Briefe Eure Liebe, Eure Verzeihung erbaten, uns gütig und verſöhnlich ans Verwandtenherz aufgenommen? Claudia würde noch leben, denn, glaube mir, ſie ſtarb am gebro⸗ — 86— chenen Herzen um Eures Haſſes, Eurer Strenge willen!“ „Es iſt ſehr traurig,“ ſprach der Senafsg und— fuhr mit der Hand an die Augen,„aber gerade damals herrſchte hier im Hauſe eine große Verwir⸗ rung, die uns nicht zur Beſinnung kommen ließ. Mein Herr Vater war gerade damals geſtorben, und wenige Tage nach ſeinem Tode wurde ich Witt⸗ wer. Alles ging durcheinander, ich war wie vor den Kopf geſchlagen und kann wohl, ohne es zu wiſſen, Dinge begangen haben, die Euch kränken mußten. Aber laßt das jetzt vergeſſen und verge⸗ ben ſeyn, lieber Herr Schwager! Ihr müßt jetzt an nichts Unangenehmes, Trauriges denken, Ihr müßt nur Eurer Geſundheit pflegen, damit wir bald alles Nöthige ordnen und ausgleichen können. Und du, Jungfer Nichte,“ fuhr er aufſtehend zu Antonien fort,„ſieh dich nun als ein Kind vom Hauſe an! Wahrhaftig, du ſiehſt deiner Mutter ähn⸗ lich, wie aus den Augen geſchnitten! Selbſt das Grübchen im Kinn fehlt nicht. Jetzt erſt bemerke ich dieſe wunderbare Ahnlichkeit. Lebe wohl, Kind, ich werde Sorge tragen, daß du eine auſtändige Be⸗ dienung erhältſt!“ Nachdem er noch einige freundliche Worte an den Kranken gerichtet, entfernte er ſich. Kaum —§— hatte er das Zimmer verlaſſen, ſo rief Seldow ſeine Tochter an's Lager. „Tkaue ihm nicht, Antonie!“ ſagte er ängſt⸗ lich zu dieſer.„Sein Widerſtreben, uns anzuer⸗ kennen, war zu ernſt, und der Wechſel in ſeinen Geſinnungen zu plötzlich, als daß wir an ſeine Auf⸗ richtigkeit glauben könnten. Laß uns Alles auf⸗ und annehmen, als ſey es wahr und offen gemeint; aber wir müſſen auch auf unſerer Hut ſeyn, um uns in unſern Rechten nichts zu vergeben. Ich ahne, daß ſie dieſe fürchten, ich fürchte, daß nur dieſe Furcht ihnen den Schein der Gutmüthigkeit und des Wohlwollens aufdrängt. Wäre ich ein geſunder, kräftiger Mann, ſo ſähe ich ruhig der Entwickelung dieſer Verhältniſſe entgegen; aber, Antonie, wenn ich dieſer Schwäche, die mich lähmt, unterliege, wenn ich ſterbe, ehe ſie dich vor aller Welt als ein Glied der Familie aufgenom⸗ men haben, was ſoll dann aus dir werden, du ar⸗ mes Kind?“ Antonie konnte dieſe Beſorgniſſe in dem ho⸗ hen Grade, wie ſie der Vater empfand, nicht thei⸗ len. Sie fürchtete die blinde Alte, aber ſie ver⸗ traute und hoffte auf Florentin. Das ſpätere Benehmen des Senators hatte ſie mit ſeinem frü⸗ hern verſöhnt, und ſeine Aufforderung, ſie ſolle ſich — 88— als ein Kind vom Hauſe anſehen, war, ſie freudig belebend, in ihre Seele gedrungen. Er war Flo⸗ rentins Vater, und es dunkte ſie, als müſſe ſie ihm als dieſem eine höhere Achtung beweiſen, wie nur dem Oheim, und als verſündige ſie ſich an ihm, indem ſie den Außerungen ſeiner Güte boſe Abſichten unterlege. Aber die Großmutter! Antonie hatte in ihrer Kindheit ein Mährchen von einer bezauberten Prinzeſſin gehört, die ein Herz von Stein in ihrer Bruſt getragen, jeden durch ihre Schönheit angezogen, aber durch ihre Grau⸗ ſamkeit in's Verderben geſtürzt habe, bis endlich die⸗ ſer Zauber auf die einzig mögliche Weiſe gelöſt wor⸗ den ſey, indem man ein Todtengerippe die Verzau⸗ berte habe umarmen laſſen, worauf das ſteinerne Herz in Staub verfallen ſey, und die erlöſte Prin⸗ zeſſin kein Unheil mehr geſtiftet habe. Nun dünkte es ſie, als ſeh die blinde Matrone dieſe bezauberte Prinzeſſin mit dem Herzen von Stein, und das Gerippe ſchien ihr der Tod ſelbſt, der ſich erſt zu jener neigen müſſe, damit ſie kein Böſes mehr brüte und ſtifte. Dieſes häßliche Bild verfolgte ſie auf eine läſtige Weiſe, bis endlich gegen Mittag der Arzt wiederkam und mit ihm Daniel, wel⸗ cher Antonien ein Mädchen zuführte, das, wie er ſagte, nach des„hochgebornen Herrn Senators“ 6 3 — 89— Anordnung, zu ihrer Bedienung und zur Mitpflege des Kranken beſtimmt war. Die Blinde hatte, aller Gaͤnge des Hauſes kun⸗ dig, ohne Jemandes Hülfe ſich zu ihrem Zimmer zurückgefunden. Was ſie gehört, war genug, ihr die Überzeugung zu geben, Derjenige, der ſie auf eine unverzeihliche, tödtliche Weiſe beleidigt, liege als ein Kranker, als ein Sterbender in ihrem Hauſe. Sie haßte ihn noch immer, ſie fühlte keine gütige Regung gegen ihn; die Nachricht von dem Tode ihrer Tochter hatte ſie nicht ſchmerzlich ergriffen, ſie ſah die Verlorene nur als ein Geſchöpf an, das eine Schmach auf die Familie gehäuft, die nun in dem Weſen, das ſie als ihre Enkelin erkennen mußte, fortlebte. Die Bitterkeit, die ſich ihrer vor vielen Jahren bei der Flucht Claudi a's bemäch⸗ tigt, blühete und wucherte noch kräftig und jung in ihrem Herzen fort. Was ſie damals von freund⸗ lichern Empfindungen in ſich getragen, war mehr erdrückt worden von der Laſt herber Erfahrungen, als jenes gehäſſige Gefühl, das ſich im Gegentheile dieſen hülfreich und das Herz immer mehr erkäl⸗ tend anſchloß. Der Menſch war ihr nie als et⸗ was Liebenswürdiges, als ein Weſen, dem ſie ihre * 5— 90— Neigung ſchenken konnte, erſchienen. Sie liebte und ſchätzte ihn nur in ſeiner Beziehung auf Wahn⸗ begriffe, die ſie beherrſchten, auf den Glanz ihres Hauſes, auf den unbefleckten Ruf ihres alten Ge⸗ ſchlechtes, auf den Reichthum, der ihrer Familie geworden, auf künftige Vermehrung deſſelben und zu gewinnende neue Ehren. Als ein ſolches Mit⸗ tel zu dieſen Zwecken, die ihr allein beglückend ſchienen, liebte ſie ihren Enkel Florentin faſt abgöttiſch. Sein Vater war ihr gleichgültiger, da er ſchon gewirkt hatte, was er für das Patricier⸗ haus thun konnte, da mit der Geburt, mit dem Aufblühen des Enkels ſeine Bedeutung, ſein gan⸗ zes Daſeyn überhaupt, wieder nichtig erſchien. Sie hatte früher eine unumſchränkte Herrſchaft auf ihren Gatten geübt, ſie wußte dieſe auch auf den Sohn zu übertragen und, wenigſtens immer in der Haupt⸗ ſache, über den Enkel auszudehnen. Dieſem waren, eben jener thörichten Liebe wegen, die ſie ihm wid⸗ mete, manche Freiheiten geſtattet worden, deren er mit jugendlichem Übermuthe genoſſen hatte. Er wußte nicht, daß man nur das Band lockre und verlängere, an dem man ihn hielt, daß der kalte, berechnende Verſtand der Großmutter Mittel genug beſitze, ihn immer wieder unter ihre Botmäßigkeit zurückzuführen. Die Natur hatte ihn mit günſtigen — — — 91— Anlagen ausgeſtattet, aber die Erziehung hatte ſie verdorben. Er war ein leidenſchaftlicher, charakter⸗ loſer Menſch geworden, den der Augenblick lebendig ergreifen konnte, deſſen beſſere Regungen aber bald wieder erlahmten und ſich dem Willen derjenigen, die ihn zu leiten verſtanden, unterwarfen. Er war wie nie unartiger Knabe, der mit unbeugſamem Starr⸗ ſinn nach einem verbotenen Spielzeug verlangt, es, wenn er es erhalten, zertrümmert und dann der Willkühr des Zufalls überläßt. Die ſchöne Auro⸗ ra van der Halden mußte ihn anziehn, da ſie überhaupt ein Anziehungspunkt für die jungen Herren aus den edlen und reichern Geſchlechtern war, und Florentin, neben andern Schwächen auch die der Eitelkeit in einem hohen Grade be⸗ ſaß. Niemanden konnte dieſe Neigung willkomme⸗ ner ſeyn, als der blinden Großmutter, die ſchon früher einen Plan zur Verbindung ihres Enkels mit der reichen und hochgebornen Niederländerin entworfen hatte. Bei ihrer Kenntniß von dem Cha⸗ rakter Florentins wußte ſie deſſen Neigung durch vorgeſpiegelte Hinderniſſe zu erhöhen, während es ihr gelang, bei Auroren eine günſtige Stimmung für ihn zu erwecken, und dieſe mit Wohlwollen einen Plan aufnehmen zu ſehn, den ſie als das letzte und wichtigſte Werk ihres Lebens betrachtete. Wir wiſſen bereits, daß Florentins körperliches Außere ihn empfehlen konnte. Auch auf Auroren hatte es einen günſtigen Eindruck gemacht, und das ſtolze, herrſchſüchtige Gemüth des Fräuleins erkannte bald, daß ſie einen Gemahl in ihm finden würde, der ſich bei einiger Vorſicht, ohne ſonderliche Mühe leiten laſſen würde. Sie fing alſo an, ſeinen Huldigungen ein freundliches Gehör zu leihen. Flo⸗ rentin wurde nun öfefentlich ein eifriger Verehrer Aurorens, und ſeine Freunde nannten ſie ſchon ſcherzhaft ſeine Braut, während die blinde Matrone bereits mit dem niederländiſchen Fräulein eine vor⸗ läufige Übereinkunft wegen der künftigen Verbin⸗ dung verabredet hatte. Da ſah Florentin die einfache, friſchblühende Antonie, da war ſein Herz mit einem Male von Auroren abgezogen und dem fremden, ſchönen Mädchen zugewendet. Erſt erſchien dieſe ihm nur als ein Gegenſtand, der allerdings anziehend genug, aber doch nicht mehr, als leichter, vorübergehender Opfer werth ſey. Als er ſie aber am geſtrigen Abend dem kranken Vater nachgeführt, als er aus ihrem Munde Worte ver⸗ nommen hatte, die ihn überzeugen mußten, er ſehe in ihr eine nahe Verwandte, die Tochter der Tante Claudia, die er nicht gekannt, die ihm aber doch oft bemitleidswerth erſchienen war, vor ſich: da — 93— wurzelte jene Neigung tiefer, da dachte er mit Über⸗ druß an Auroren, mit neu erwachenden, ernſten Wünſchen an Antonien. Dieſe Stimmung war dauernd geblieben, und in ihr erwartete er die Großmutter in ihrem Ge⸗ mache, die, ſeiner Ungeduld viel zu ſpät, jetzt end⸗ lich von ihrem Forſchungsbeſuche bei dem kranken Harfenſpieler zurückkam. Florentin trat ihr raſch entgegen, küßte ihr, nach dem eingeführten Gebrauche, die Hand und fuhrte ſie zu dem Seſſel, den ſie gewöhnlich einnahm. „Wir haben Gäſte bekommen,“ nahm er dann in einem leichten Tone das Wort,„einen nahen Verwandten und ſeine Tochter. Ihr kommt eben von ihnen, Großmutter, und ich ſehe voraus, daß nun auch vor Euch das Geheimniß mit Gewißheit entſchleiert iſt, das geſtern ſchon Euer feines Ge⸗ fühl ahnete, und daß Ihr nun in dem Harfenſpie⸗ ler Seldow den Italiener Seldoni erkannt habt, und in ſeiner Tochter Eure Enkelin, das Kind der unglücklichen Tante Claudia!“ Die Matrone begnügte ſich, die Außerung ihres Enkels mit einer Bewegung ihres Hauptes zu be⸗ jahen. Ihre Lippen blieben verſchloſſen und keine Veraͤnderung in ihren Zügen verrieth, wie ſehr ſie in ihrem Innern auf die weitere Mittheilung Flo⸗ — 94— rentins, auf die Folgerungen, zu denen dieſe Eröffnung des Geſprächs führen werde, geſpannt war. „Ich kann nicht bergen,“ ſprach nach einer kur⸗ zen Pauſe der junge Mann weiter,„daß mir das Unglück dieſes Mannes und die niedrige Stellung, in der ſo lange eine nahe Verwandte von uns le⸗ ben mußte, ſehr zu Herzen gehe. Mich dünkt, man ſſt zu hart gegen ihn und die arme Claudia ver⸗ fahren, man iſt ſogar über die Grenzen des Rech⸗ tes geſchritten, indem man weder der Zeit, die Al⸗ les verſöhnt, noch ihren Bitten um Verzeihung Ge⸗ hör geſchenkt hat. Wir müſſen in der That das wieder gut zu machen ſuchen. Ihr könnt Euch nicht denken, liebe Großmutter, wie anmuthig und reizend Eure Enkelin iſt, wie ſehr ſie in dem Schmucke ihrer Unſchuld und— wenn man erwägt, daß ſie gerechte Anſprüche auf ein glänzendes Loos hat— wie ſehr ſie eben in dieſen tief unterdrückten An⸗ ſprüchen Theilnahme erregend erſcheint.“ „Du ſaheſt das Mädchen geſtern Abend nicht zum erſten Male?“ fragte abweichend, aber in einem ruhigen Tone, die Blinde.„Sie trug einen Blu⸗ menſtrauß, der nirgend anders, als aus den Ge⸗ wächshäuſern deines Vaters genommen ſeyn konnte.“ Ein Zug des Unmuths flog über Florentins Angeſicht. — „Fräulein Aurora iſt eben ſo ſcharfblickend in ihren Bemerkungen, wie geſchäftig in ihren Mit⸗ theilungen,“ ſagte er dann mit einiger Bitterkeit. „Es iſt zum Erſtaunen, daß eine Dame von ſo hohem Nange, wie Fräulein van der Halden, bei einem übermäßigen Bewußtſeyn der Vorzüge, welche ihr Geburt und Reichthum geben, ſich er⸗ niedrigt mit andern Gefühlen, als denen einer ſtan⸗ desmäßigen Gleichgültigkeit und Verachtung auf ein Weſen herabzublicken, das ihr als ein bloßes Har⸗ fenmädchen erſcheinen mußte. Sie beneidet ſie, well ſie Blumen an der Bruſt trug, die an dem⸗ ſelben Stocke gewachſen ſind, wie diejenigen, die, unter der reichen Umgebung von Gold und Edel⸗ ſteinen, nur ein unbedeutender Schmuck des edlen Fräuleins waren, weil aber vielleicht dieſe Blumen das arme Harfenmädchen mehr putzten, als andere ihre Perlen und Demanten. Ja, theure Großmut⸗ ter,“ fuhr er in einem traulichern Tone fort, in⸗ dem er ſich neben die Matrone ſetzte und ſchmei⸗ chelnd ihre Hand ergriff,„Euch geſtehe ich es gerne, daß ich Antonien ſchon früher ſah, ohne zu wiſ⸗ ſen, wie nahe ſie uns durch die Bande des Blutes ſtehe. Aber dennoch muß in dieſem Augenblicke eine wunderbare ſympathetiſche Kraft in mir geſprochen haben, denn ich fühlte mich unwiderſtehlich zu ihr — 96— hingezogen, ich mußte vor ihr den Blumenſtrauß niederlegen, der Auroren beſtimmt war, und hatte, nachdem ich zur Erkenntniß meines ſeltſamen, von einer fremden Macht regierten Benehmens gekom⸗ men war, nur die Sorge, des Vaters Gärtner um einen zweiten, ähnlichen Strauß anzugehn.“ Die Matrone hatte den Enkel ruhig angehört. Sie ſchien während eines kurzen Schweigens ſeine Worte reiflich zu erwägen. Leiſe zog ſie ihre Hand unter der ſeinigen weg und erwiederte: „Was meinſt du nun, Florentin, daß wir in dieſer wunderlichen Lage beginnen ſollen? Wie wäre die Sache mit den Verwandten am beſten ab⸗ zumachen, raſch und ohne große Umſtände?“ Sie ſaß ſtill und bewegungslos. Nichts zeigte an, daß ſie auf die Beantwortung dieſer Frage einen großen Werth lege. „Liebe Großmutter,“ antwortete lebhaft der junge Mann,„keine Sache iſt ſo verwickelt, daß nicht Eure geſchickte Hand ſie zu entwirren und zu ordnen vermöchte. Aber hier, dünkt mich, liegt Al⸗ les offen da, und die Art der Ausgleichung, der voll⸗ ſtändigſten Verſöhnung, der nothwendigen Güterge⸗ meinſchaft,“ ſetzte er lachend hinzu,„ſcheint mir ſo leicht, daß ich ſelbſt, nach erhaltener Vollmacht von Euch, ſie übernehmen möchte!“ — 97— Die Blinde hatte ihn verſtanden. Sie zuckte leiſe zuſammen, ſie ſchien eine große, unwillkommene Bewegung in ihrem Innern zu unterdrücken. „Und Aurora van der Halden?“ fragte ſie dann lauernd. „Mein Himmel!“ verſetzte im Tone der Unge⸗ duld Florentin,„muß denn dieſe reiche, hochmü⸗ thige Niederländerin mir allenthalben läſtig entge⸗ gentreten? Welche Rechte hat ſie auf mich? welche Anſprüche kann ſie geltend machen? Ich habe ihr meine Ehrerbietung bewieſen, wie es die Pflicht eines jungen Mannes vom Stande iſt, aber wir ha⸗ ben weder Ringe gewechſelt, noch einander Treue gelobt bis in den Tod. Ihre Nähe beläſtigt mich, und ihre Gewohnheiten des Herrſchens und Befeh⸗ lens ſind mir zuwider geworden. Das, Herzens⸗ Großmütterchen, wäre eine Sache, deren Fäden Ihr trefflich zu löſen vermoͤchtet. Aurora hört nur auf Euch, nur Euch vertraut ſie, und ich bin überzeugt, daß aus Eurem Munde ihr ſelbſt das Unangenehmſte erträͤglich ſcheinen wird.“ „Wer ſagt dir denn,“ antwortete im Tone des bitterſten Spottes die Blinde,„daß ſelbſt eine Ver⸗ zichtleiſtung auf deine werthe Perſon für eine Dame von den hohen Eigenſchaften, wie Fräulein Au⸗ rora van der Halden, etwas Unangeneh⸗ II. 7 — 98— mes in ſich trage? Ich glaube, dein Spiegel hat dir den Kopf verrückt, und es wäre gut, wenn er blind wäre wie ich, der ein großer Theil der Vor⸗ züge, die du zu beſitzen wähnſt, völlig unbekannt geblieben iſt!“ Florentin ſchwieg beſchämt. Die Großmut⸗ ter verſank in ein tiefes Nachdenken und hob erſt nach einiger Zeit wieder an: „SIch will dir erlauben, den kranken Mann und ſeine Tochter, drüben im blauen Zimmer, ſo oft und ſo lange zu ſehen, wie du willſt. Du darfſt ihn verpflegen, ſie tröſten, du darfſt beide offen als deine Verwandten behandeln; aber unter zwei Be⸗ dingungen: Niemand, ſelbſt deine nächſten Freunde nicht, erfährt weder die Anweſenheit der Gäſte hier im Hauſe, noch ihren Stand, ihren Namen, und du ziehſt dich nicht eher aus ihrer Geſellſchaft zu⸗ rück, bis ich mich einverſtanden damit erkläre, wo⸗ gegen ich verſpreche, nie deine Trennung von ihnen zu verlangen. Giebſt du mir darauf das Wort eines Patriciers, der ſein Geſchlecht zu hoch hält, um es durch den Bruch eines Eides, den er zu ſeine Ehre geſchworen, zu beflecken?“ „Von Herzen gern, theuerſte Großmutter!“ ſagte in freudiger Bewegung Florentin und legte ſeine Hand in die geöffnete der Blinden.„Die erſte Be⸗ — 99— dingung fällt mir nicht ſchwer, und das, was die andere vorausſetzt, kann nie eintreffen. Nehmt meine Cavalierparole zum Pfande dieſes Vertrags!“ „Florentin,“ ſprach in einem warnenden Tone die Alte,„wenn du einſt vergebens mich mit drin⸗ genden Bitten beſtürmſt, dich von der Erfüllung der zweiten Bedingung loszuſprechen, dann erinnere dich dieſes Augenblicks, dann klage mich nicht an, daß ich dich zu einer Ubereilung, zu einem unbedacht⸗ ſamen Verſprechen bewogen hätte!“ „Nimmermehr!“ rief Florentin und preßte die Hand der Gromutten an ſeine Lippen.„Ich ehre Euren Willen, indem ich die Erlaubniß, die Ihr mir gegeben, benutze, und es für eine heilige Pflicht anſehe, dem armen, ſchönen Bäschen Troſt zu bringen, und Zerſtreuung zu verſchaffen. Tau⸗ ſend Dank für Eure Güte, Herzensgroßmutter! Beſſeres konnte ich mir nicht wünſchen, als Ihr mir gewährt habt!“ Er eilte tanzend aus dem Zimmer. In den Zügen der Matrone zeigte ſich der Ausdruck eines höhniſchen Triumphs, den ſie im Innerſten ihrer Seele feierte. Sie griff nach einem zierlich gefloch⸗ tenen Körbchen, das in ihrer Nähe ſtand und meh⸗ rere Gold⸗ und Silberborden enthielt, welche, nach einem bekannten Gebrauche jener Zeit, der ſich 27* — 100— auch noch in eine ſpätere fortpflanzte, die Blinde zupfte, wodurch ſie eine Beſchäftigung erhielt, die ihren körperlichen Fähigkeiten entſprach. Sie ſchien von einer beſonders glücklichen Stimmung ergriffen, ſie war mit ihren Planen für die Zukunft im Rei⸗ nen, ſie war in ſich überzeugt, daß ſie nicht miß⸗ lingen könnten, ſie hatte ſie auf ihre tiefe Kenntniß von dem Charakter des Enkels, der in ihrer Ausfüh⸗ rung eine Hauptrolle zu ſpielen hatte, gegründet. Da ſtürzte, wie außer ſich, der Senator Tra⸗ xel in's Zimmer, warf ſich in einen Seſſel neben die Matrone und rief in einem kläglichen Tone: „Alles iſt verloren, Frau Mutter! Hätte der Herr Vater ſelig ein Teſtament hinterlaſſen, und die gottloſe Claudia enterbt, wie es ſich gebührte, ſo wäre jetzt Holland nicht in Noth in unſerm Hauſe, und das halbe Haus ſelbſt und das halbe Vermögen ſtänden nicht auf dem Spiele. Wer hat noch an den italieniſchen Seldoni und den thü⸗ ringiſchen Seldow gedacht? Kommt er da mit einem Male vom Himmel gefallen, ſinkt mir in Ohnmacht mitten in einer Geſellſchaft, die Euch zu Ehren verſammelt war, Frau Mutter, läßt ſich von Euch bei ſeinem Namen rufen, der Manchem nur noch zu ſehr erinnerlich war, und kündigt mir nun ohne große Umſtände an, daß er im Beſitz — 101— von Papieren iſt, die mich zu einem miſerablen Manne, zu einem Backfiſche unter den Goldfiſchen, denen ich bisher zugehört, machen können. Was ſagt Ihr dazu, Frau Mutter? Wie iſt da zu ra⸗ then, wie iſt da zu helfen?“ „Sage mir erſt, Leodogar,“ erwlederte in einem faſt verächtlichen Tone die Matrone,„haſt du dich, in der Gegenwart jener fremden Leute, eben ſo albern und läppiſch benommen, wie jetzt in der meinigen?“ „Frau Mutter,“ verſetzte mit einigem Trotze, dem aber Muth zu einem völligen Ausbruche fehlte, der Senator,„ich habe vor jenen Leuten geſtan⸗ den in der Kraft meiner Amtswürde und meines Patriciergefühles, ich habe ihnen das Geſtändniß, daß ſie jene Beweiſe mit ſich führten, abgenöthigt, und erſt, als es am Tage lag, habe ich, wie es Eure Inſtruktion wollte, mich wohlwollend und freundlich als Schwager und Oheim gezeigt. Was iſt aber nun zu thun, wie können wir die geſetz⸗ lichen Anſprüche des Landſtreichers befriedigen, ohne uns zu entehren, ohne Geld und Gut herzugeben?“ „Der Mann, mit deſſen Namen ich nicht meine Lippen beflecken mag,“ ſagte kalt und finſter die Blinde,„wird nicht wieder auferſtehn von dem La⸗ ger, auf das ihn die ſtrafende Hand der ewigen — 102— Gerechtigkeit geworfen hat, als er mit geſtohlenen Anſprüchen auf fremdes Gut dieſes Haus betrat. Der Arzt ſpricht ihm das Leben ab. Er wird uns nicht ſchaden.“ „Aber die Tochter?“ nahm ängſtlich der Sena⸗ tor das Wort.„Leider Gottes, möchte ich ſagen, ſteht dem Mädchen Geſundheit und Lebenskraft ſo leſerlich auf dem hübſchen Affengeſichte geſchrieben, daß man ihm ein Alter von ſiebenzig bis achtzig Jahren prophezeihen könnte.“ „Iſt ſie wirklich hübſch?“ fragte neugierig die Alte. „Süperb, Frau Mutter!“ antwortete Leodo⸗ gar,„und was das Schlimmſte iſt, der gottloſen Claudia wie aus den Augen geſchnitten.“ „Sie ſoll zu mir kommen,“ ſagte überlegend die Matrone.„Gegen Abend, wenn Allles recht ſtill iſt um mich. Dann will ich mich von dieſer Ahnlichkeit überzeugen, nicht um mich zu erfreuen, nein! um mich ſchmerzlich zu verwunden, aber auch zu ſtärken in meinen Vorſätzen.“. Der Senator hörte wenig auf dieſe Worte, welche die Blinde ohnehin mehr an ſich ſelbſt, als an ihn richtete. Er war ganz mit ſeiner Furcht, mit ſeinen Beſorgniſſen in die Zukunft beſchäftigt. „Was hilft uns Alles,“ nahm er auf's neue — 103— den Faden der abgebrochenen Unterhaltung auf, „was hilft es uns, wenn der gute Doctor den Harfenſchwager unter die Erde doctort, und das friſche, geſünde Kind nimmt ſeine Papiere in die Hand und tritt mit dem Claudia'sgeſichte, das man ihr nicht wegpracticiren kann, vor Gericht und ſagt: hochgeborner Herr Senator Leodogarius Traxel, wollet ohne Weiteres gelieben, mir gegen dieſe wenigen Papiere die Hälfte Eures Vermögens nebſt laufenden Zinſen ſeit dem Tode des Erblaſ⸗ ſers herauszugeben? Was werden wir dann antwor⸗ ten, Frau Mutter? Und darauf könnt Ihr Euch verlaſſen, das Mädchen hat ſicher ſeine Inſtructio⸗ nen von dem Herrn Schwager Muſikanten, wie ich die meinige von Euch mit hinübertrug zu dem Bettelvolke.“ 3 „Auch für dieſen Fall iſt zu helfen,“ erwiederte kalt, aber mit einem Anfluge grauſamen Hohnes die Matrone.„Wie wäre es, wenn wir aus den beiden Enkeln, aus Florentin und der Muſikan⸗ tentochter, ein Pärchen machten? Der junge Menſch iſt ſo ſchon in Feuer und Flammen um das Lärv⸗ chen, und das Vermögen bliebe dann zuſammen, und jede läſtige, gerichtliche Verhandlung würde vermieden!“ „Mich rührt der Schlag!“ rief der Senator, — 104— ſprang von ſeinem Sitze auf und trat dicht vor die Matrone.„Hat die Frau Mutter aller Re⸗ geln der nobeln Rechenkunſt ſo ſehr vergeſſen, daß ſte das Deficit nicht bemerken ſollte, das bei einem Bruche der mit dem hochedlen Fräulein van der Halden beabſichtigten Verbindung und einer Ver⸗ heirathung Florentins mit einem Mädchen, das ihm nichts zubringt, als unſer eigenes Geld, uns treffen würde? Die van der Halden iſt um die Hälfte reicher als wir, ſie iſt eine große, glän⸗ zende Partie und kein Fleckchen, nicht ein Titel⸗ chen übler Nachrede haftet an ihrem Namen.“ „Schwachkopf!“ ſagte die Alte, indem ſie auf⸗ ſtand und ſeine Hand ergriff. Dann führte ſie ihn ſo ſicher, wie ſich ein Blinder in ſeinen gewohnten Umgebungen zu bewegen pflegt, nach einem Fen⸗ ſter, das die Ausſicht in den geräumigen Hof und auf das hohe, thurmähnlich ſich erhebende Hinter⸗ gebäude hatte. Sie erhob die Hand und zeigte nach oben, nach einer Gegend dieſes Baues, wo, hinter Mauern und Dachabſtufungen verſteckt, kaum merklich ein kleines, mit eng zuſammenlaufenden eiſernen Gitterſtäben feſt verwahrtes Fenſter her⸗ vortrat.„Siehſt du den Käfich, wo jetzt mit lah⸗ men Flügeln das Täubchen trauert, das dich einſt verlockte?“ fuhr ſie in einem herben, ſchneidenden — 105— Tone fort.„Wer hat damals die Ehre der Fa⸗ milie gerettet, dich von einer Thorheit zurückgehal⸗ ten und die„ſchöne Wahnſinnige,“ wie du ſie nannteſt, den Augen der Welt entzogen, der ſle eine luſtige Geſchichte von den Eulenſpiegelſtreichen des Patriciers Leodogar Traxel hätte mitthei⸗ len können, und die wohl aus allen verrückten Ver⸗ zterungen die Wahrheit herausgefunden hätte?“ „Das waret Ihr, Frau Mutter!“ entgegnete blaß geworden und zitternd der Senator.„Aber wozu das jetzt, wozu die widrige Erinnerung an eine Sache, die ich in ewige Vergeſſenheit begra⸗ ben möchte!“ Ohne auf den Sohn zu hören, ſprach die Alte weiter, indem das ſtarre Angeſicht mit den todten Augenhöhlen nach jener Gegend des Hintergebäu⸗ des gerichtet war: 4 „Ich ſehe den Kerker, der ſie von den Leben⸗ den ſcheidet, nicht mehr, aber noch immer ſehe ich das tolle Mädchen, wie es ſich zu meinen Füßen wand und den Trauring, den du ihr in einer leicht⸗ ſinnigen Stunde gegeben hatteſt, mir vor die Augen hielt. Sie ſey die deinige, ſie ſey deine Braut, ſie wolle mich ehren als eine gute Tochter, ſchrie ſie— die Unverſchämte! Eine Betteldirne meine Tochter? Als mein Fuß ſie hinwegſtieß, als ich — 106— die Diener rief, ſie fortzuſchaffen, da brach ihre Tollheit in wilde Wuth aus, da war ſie in meine Hand gegeben, und man pries und lobte den Edel⸗ muth, den Wohlthätigkeitsſinn derjenigen, die ſich mit der Pflege einer Wahnſinnigen belaſteten. Die Geſchichte kann ſich wiederholen, Leodogar. Da⸗ mals war nur die Ehre, jetzt ſind Ehre und Ver⸗ mögen bedroht. Ich bin nicht ſchwächer geworden, weil ich erblindet ſeitdem; im Gegentheile, ich fühle mich ſtärker, feſter in meinen Entſchlüſſen, beſon⸗ nener in ihrer Ausführung, denn was ſo Manchen beſticht, was ſo leicht eine Anwandlung thörichter Schwäche hervorruft, der Anblick der Menſchen, iſt für mich nicht da.“ Man vernahm ein Geräuſch auf dem äußern Gange. Die Matrone begab ſich wieder auf ihren Sitz zurück, wenige Augenblicke ſpäter rauſchten beide Flügelthüren auf und Fräulein Aurora van der Halden trat ſehr erhitzt in das Zim⸗ mer. Sie begrüßte leichthin den Senator, der ihr in ehrerbietiger Haltung entgegentrat, und nahm ſogleich ihre Stelle neben der Blinden ein. „Ich komme, mich bei Euch zu beurlauben, Frau Traxel,“ ſagte ſie in einer Aufregung, de⸗ ren Grund die Matrone leicht errieth.„Unſere guten Verwandten in Nürnberg plagen mich ſchon — 107— über Jahr und Tag, ſie zu beſuchen, und da ich bei meiner Anweſenheit in Deutſchland, die viel⸗ leicht jetzt nur noch von ſehr kurzer Dauer iſt, gern jedem ſein Recht goͤnne, ſo kann ich ihnen die Erfüllung dieſes billigen Wunſches nicht ver⸗ ſagen.“ „Ihr wolltet uns ja gar nicht mehr verlaſſen, liebes Mädchen!“ antwortete ſehr freundlich und mild die Blinde. Zugleich gab ſie dem ängſtlich auf⸗ horchenden Leodogar einen Wink ſich zu entfer⸗ nen. Dieſer folgte widerwillig.„Wie kommt es,“ fuhr ſie in demſelben Tone der Neigung und Güte fort,„daß Ihr plötzlich Euern Sinn verändert habt, daß eine Dame von Eurem Verſtande, Eurer Feſtigkeit des Willens mit einem Male alle die Hoffnungen, zu denen ſie mich berechtigt, zerſtört, daß ſie ihren eigenen Verſprechungen untreu wird?“ „Fragt Euren Enkel!“ erwiederte ſcharf Au⸗ rora. Dann beklagte ſie ſich in herben Worten über die Nachläſſigkeit, welcher ſich Florentin gegen ſie ſchuldig gemacht, jetzt noch, wo ſie ſchon in den Augen der Welt für ein verlobtes Paar gaͤlten; ſie verſicherte, daß ihr Stolz ein ſolches Benehmen nicht zu ertragen vermöge, daß ſie ſich genöthigt ſehe, zuerſt zu brechen, um nicht durch einen Bruch von Seiten Florentins zum Spotte — 108— der Stadt zu werden, ſie bemerkte mit Bitterkeit, daß auch Florentins Verwandte ſeine unwür⸗ dige Neigung zu begünſtigen ſchienen, indem die Landſtreicherin, der er ſie widme, eine gaſtliche Aufnahme im Hauſe gefunden habe. 1„ſt es nur das, was Euch verletzt?“ ſagte lächelnd die Matrone.„Ihr ſeyd dieſes Mal die Blinde und ich bin die Sehende. Hier waltet ein Geheimniß, deſſen Schlüſſel ich Euch geben werde, weil ich weiß, daß er gut und ſicher bei Euch auf⸗ gehoben iſt. Reiſ't nur immer zu den Nürnberger Verwandten, liebes Kind— dieſe Reiſe iſt gut, iſt nöthig; aber wiederkehren müßt Ihr, wieder⸗ kehren im Triumphe, den ich Euch bereiten werde, Auroral Darauf verlaßt Euch.“ Sie enthüllte nun dem lauſchenden Fräulein das Geheimniß, welches den Harfenſpieler und ſeine Tochter umgab, ſie verbarg ihr Nichts, nicht ein Mal den ſchwarzen, tückiſchen Plan, den ſie zur Vernichtung ſeiner Anſprüche, zum Verderben ihrer eignen Enkelin entworfen hatte. Aurorens ju⸗ gendliches Gemüth war noch nicht ſo ſehr allen ed⸗ lern Empfindungen fremd geworden, um nicht von einem Widerwillen gegen dieſe Handlungsweiſe, von einigem Mitleiden gegen diejenigen, die ſie traf, ergriffen zu werden. Sie ſah in ein ſchwar⸗ — — 109— zes, häßliches Gewebe des Verraths und der Täu⸗ ſchung. Sie konnte ſich nicht enthalten, den Wunſch zu äußern, man möge die Sache auf einem mil⸗ dern Wege beizulegen ſuchen. „Wer iſt milde gegen mich geweſen?“ entgeg⸗ nete hart die Blinde.„Der Fremde hat mir mein Kind geſtohlen, er hat den Namen meines Hauſes beſchimpft— er verlangt noch Lohn dafür und kommt her, ihn auf eine feindliche Weiſe zu for⸗ dern. Sein Kind kenne ich nicht, ſein Weib hörte auf meine Tochter zu ſeyn, als ſie ſein Weib wurde. Er hat mich in Dem verwundet, was ich höher halte, als das Leben: in meiner Ehre, in meinem Stolze. Muß ich Euch, Fräulein van der Hal⸗ den, noch ſagen, daß es kein hoͤheres Glück gibt, als das, Alles, was uns umgibt, zu leiten und zu beherrſchen? Deßhalb werdet Ihr glücklich mit Florentin ſeyn, denn er iſt ſchwach im Innern und Ihr ſeyd klug und ſtark genug, ihn zu führen, wie Ihr wollt.“ Aurorens Stolz wurde durch dieſe Worte erregt und belebt. Sie fing an, die Abſichten der Matrone in einem günſtigern Lichte zu betrachten. Sie war eitel, ſelbſtſüchtig und von früher Kind⸗ heit an gewohnt, ihre Wünſche erfüllt zu hn ſobald ſie dieſe nur leiſe geäußert hatte. Bei 3 — 110— ſen Geſinnungen, bei dieſer Verwöhnung durch eine ſchlechte Erziehung, mußte ihr eine Nebenbuhlerin um ſo haſſenswürdiger dünken, je gefährlicher ihr dieſe durch ihre beſondere Stellung erſchien. An⸗ tonie war nicht mehr das niedrige Harfenmädchen, das nur die flüchtige Laune eines leichtſinnigen jungen Mannes auf ſich ziehen konnte, ſie ſtand ihr jetzt bedeutungsvoller, als Florentins Verwandte, gegenüber, es galt zwiſchen beiden einen Kampf, in der ihr die Blinde als eine mächtige Verbün⸗ dete, als diejenige eigentlich, die nur den Sieg für ſie gewinnen konnte, zur Seite ſtand. „Ich vertraue Euch Alles, Frau Traxel!“ ſagte Abſchied nehmend Aurora.„Eure Erfah⸗ rung überſteigt bei weitem die meinige, und Ihr ſehd auch frei von Schwächen und Vorurtheilen, die mich noch manchmal befallen. Ich werde Euch ſchreiben, aber laßt auch mich Neuigkeiten von Euch vernehmen, von unſerer gemeinſchaftlichen Ange⸗ legenheit.“ Als ſie durch den Vorſaal ging, ſtieß ſie auf den Senator. Dieſer trat ihr freundlich in den Weg, er glaubte in ihren Mienen eine Veränderung ihrer Geſinnungen zu leſen und ſagte ſchlau lächelnd: „Ohr reiſet alſo nicht, hochedles Fräulein? Meine Frau Mutter hat Euch hinreichende Gründe ange⸗ V — 111— geben, dieſen fatalen Gedanken nicht weiter zu verfolgen?“ „Im Gegentheile,“ erwiederte mit einer raſchen Verneigung und indem ſie ſich ohne weitern Aufent⸗ halt entfernte, Aurora,„ich reiſe heute noch, in einer Stunde bin ich auf dem Wege nach Nürnberg.“ Der Senator verſtummte. Das Fräulein hatte keinesweges das Anſehn, als nähme ſie den Groll, den ſie hergebracht, wieder mit ſich fort, ein frohes Lächeln zeigte ſich um ihren Mund, ihre Augen glänzten, und ihr raſcher, ſchwebender Tritt verrieth eine innere, freudige Wallung, eine willkommene Befriedigung ihres Selbſtgefühls.— „Unbegreiflich!“ ſprach nach ns W indem er nach ſeinem Zimmer ſchlich, der Senator zu ſich ſelbſt.„Die Frau Mutter ſpielt ein kluges, ge⸗ heimnißvolles Spiel, aber ich fürchte, ſie wagt zu viel und es geht verloren, wenn ſie noch in der beſten Hoffnung lebt, verloren mit allen ſchönen Ausſichten und Hoffnungen auf das Goldfränlein von Antwerpen.“— Antonie hatte indeſſen, nachdem der Arzt den Vater verlaſſen und in unbeſtimmten Ausdruͤcken eine Hoffnung geäußert hatte, welcher die liebevolle Tochter gern Gehoͤr gab, die Freude, Florentin in ihrem Zimmer erſcheinen zu ſehen, der mit un⸗ — 112— verkennbarer Herzlichkeit beide als liebe Verwandte willkommen hieß. Bei ſeinem offenen, gewandten Benehmen gelang es ihm bald, neben dem Ver⸗ trauen der Tochter, das er ſchon beſaß, auch das des Vaters zu gewinnen, und der Kranke geſtand ſich mit einem tröſtlichen Gefühle, daß die Gutmü⸗ thigkeit des Neffen, die ungeheuchelte Neigung, die er gegen ſie an den Tag legte, wohl eher für eine Bürgſchaft des guten Willens der Verwandten gel⸗ ten könne, als alle Verſprechungen Leo dogars. Florentin war in wenigen Stunden ganz hei⸗ miſch bei Vater und Tochter. Er nahm Theil an der Pflege des Kranken, er tropfte ihm Arznei ein, er ſuchte ihm Alles recht bequem zu machen und ſprach mit einer ſolchen Beſtimmtheit von ſeiner baldigen Geneſung, von einer würdigen, öffentlichen Anerkenntniß Antoniens als Enkelin des Hau⸗ ſes, daß dieſe ihr Entzücken über das Gehörte nicht verbergen konnte und es in einer Weiſe ausſprach, die den glücklichen jungen Mann ihre Neigung zu ihm ahnen ließ. Als der Harfenſpieler eingeſchlum⸗ mert war, ſetzte ſich Florentin zu Antonien, und ſie mußte ihm erzählen: von ihrer Mutter, von ihrer Kindheit, von den ſchönen Gebirgsgegen⸗ den Thüringens, von ihren Wanderungen in dieſen. Indem er ſo der Vertraute ihrer Vergangenheit — 113— wurde, trat er ihrem Herzen immer näher. Ste ſah in ihm den einzigen Freund, den ſie und ihr Vater auf der Welt hatten. Heinrich verſchwand faſt ganz aus ihrem Gedächtniſſe, und ſie fühlte tief und lebendig, wie Florentins Daſeyn mit dem ihrigen ſo innig verſchmolzen ſey, daß dieſes ohne jenes nicht beſtehen könne. Ein unbewußter Nachklang der frühern Liebe zu ihrer Mutter, war ſchon bei Florentins erſtem Anblicke in ihr Herz gezogen. Er trug mit jener einen Zug, der mehr oder minder in der Familie herrſchend war, und der ihr, ohne daß Antonie ihn bemerkte, und daran dachte, ihn lieb, bekannt und vertraut gemacht hatte. Bis gegen Abend blieb Florentin bei den Verwandten. Als er Abſchied nahm, fragte ihn Antonie erröthend und mit gepreßter Stimme: ob er jetzt zu ſeiner Braut, dem Fräulein Auro⸗ ra van der Halden, gehe? Da wies aber Flo⸗ rentin dieſen ungerechten Verdacht, wie er ihn nannte, ſo heftig zurück, daß Antonie, völlig beruhigt über dieſen Punkt, ihn gehen ſah, und mit den ſchönſten Hoffnungen an das Lager ihres Vaters zurückkehrte. Der junge Mann hatte ſich nicht minder froh entfernt, denn er nahm die ülber⸗ d dung von der Gegenliebe Antoniens mit I. 8 — 114— 6 ſich, er ſah, von der jung erwachenden Leidenſchaft geblendet, kein Hinderniß einer Verbindung mit dem reizenden Bäschen entgegenſtehn, es ſchien ihm vielmehr in dieſer das Mittel der Verſöhnung, der Ausgleichung aller Widerſprüche und Verwickelungen zu liegen. Er hatte noch nicht lange die Gäſte verlaſſen, als Daniel zu dieſen in's Zimmer trat und An⸗ tonien zu der blinden Großmutter entbot. Das Mädchen folgte furchtſam und zitternd. Die Alte war allein und rief in ihrem gewöhnlichen herben Tone Antonien zu ſich heran. Bei dem Däm⸗ merlichte, das eine verdeckte Lampe in dem hohen Gemache verbreitete, erſchienen ihre Züge noch ſtar⸗ rer und härter als gewöhnlich. Sie hieß Anto⸗ nien ſich auf ein Tabouret zu ihren Füßen nieder⸗ laſſen. Sie fragte ſie nach ihrem Namen, ihrem Alter. Der Ton der Stimme ſchien ihr aufzufallen, denn bei ſeinem erſten Lautwerden neigte ſie den Kopf, um ſchärfer zu hören. Sie ſelbſt ſprach wenig. Wie von ungefähr ließ ſie die innere Fläche der Hand über Antoniens Angeſicht hingleiten, dieſe fühlte, wie die Hand zuckte, wie ſie mehr und mehr erbebte, und ſah, als ſie ſich erhob, daß die Matrone ſie nachſinnend an die Stirn legte. Jetzt wurde es ſtill und unheimlich in dem Gemach. — 115— Die Blinde ſprach und fragte nichts mehr und als nach einem langen ängſtlichen Harren die Enkelin 3 fragte, ob ſie ſich entfernen dürfe, um zu ihrem kranken Vater zurückzukehren, gab jene ihr nur durch einen bejahenden Wink ihre Zuſtimmung zu erkennen. Am folgenden Morgen wurden Antonien von dem Mädchen, das ſie bediente, mehrere feine An⸗ züge überbracht, welche der Stellung, die ſie nun als eine Enkelin vom Hauſe einnahm, entſprachen, und, wie die Dienerin verſicherte, von der alten Frau Traxel ſelbſt beſorgt worden ſehen. Mit wohlwollendem Blicke ſah der Kranke auf die blü⸗ hende Tochter. Sie ſtrahlte im Reize ihrer jugend⸗ lichen Anmuth und der Freude, die ihr der Putz, der ſie ſo wohl kleidete, machte. Als Florentin kam, trat er überraſcht und bewundernd vor der ſchönen Erſcheinung zurück. Jetzt erſt, dünkte es ihn, ſey dieſem liebenswürdigen Weſen alles Recht gethan, das ihm gebühre, und er konnte ſich nicht enthalten, einige zärtliche Außerungen zu wagen, die von dem eiteln und zu glänzenden Hoffnungen erregten Kinde mit ſichtbarem Wohlgefallen aufge⸗ nommen wurden. Wie von ungefähr ließ er fal⸗ len, daß Aurora am geſtrigen Tage abgereiſt, und daß ihre Wiederkehr zum mindeſten höchſt zweifelhaft ſeyh. Antonie wurde immer froher, 8* und beivegte ſich bald in aller heitern Unbefangen⸗ heit ihres frühern Lebens, die Florentin das ge⸗ liebte Mädchen in einem neuen, reizenden Lichte er⸗ ſcheinen ließ, und ſeine Leidenſchaft zu einem hohen Grade ſteigerte. Auch der Vater, obgleich ſehr ſchwach und leidend, erfreuete ſich der gluͤcklichen Wendung, die Alles zu nehmen ſchien, und rechnete nun feſter auf eine geſicherte, glückliche Zukunft ſeines Kindes. Als gegen Mittag der Senator kam, ſchien er gar nicht befremdet, ſeinen Sohn bei den Verwandten zu finden. Er lobte ihn im Gegentheile wegen ſeiner Fürſorge, er lächelte be⸗ deutungsvoll, als er Florentin beſonders empfahl, auch auf eine Zerſtreuung, eine Erheiterung An⸗ toniens bedacht zu ſeyn, die ihr die Pflege des Vaters erleichtern würde. So vergingen mehrere Tage, ohne daß ſich eine bedeutende Veränderung ergeben hätte. Floren⸗ tin verließ faſt die Gäſte nicht mehr, und ſein Verhältniß zu Antonien nahm immer mehr den Charakter einer innigen Zärtlichkeit an. Sie fühlte ſich nur glücklich in ſeiner Gegenwart, ſie war ſehnſüchtig, unruhig und unzufrieden, bis er er⸗ ſchien. Ihre Empfindungen, tief und ſtark, wie ſie ſte von der unglücklichen Mutter ererbt hatte, richteten ſich jetzt alle auf ihn, auf ſeine Liebe, — 117— ſeinen Beſitz. Sie verſäͤumte nichts in der Pflege des Vaters, ſie zeigte ihm dieſelbe Freundlichkeit wie bisher, aber ſie erkannte doch, daß Florentin ihr höher gelte, ſie ahnete fern, daß ſie den Ver⸗ luſt des Vaters wohl ertragen, daß den Schmerz uͤber dieſen die Zeit lindern könne, daß aber eine Treuloſigkeit Florentins oder ein anderes Ver⸗ hältniß, das ſcheidend zwiſchen ihn und ſie treten möchte, ihr das Herz brechen, ihr die Kraft, ferner zu leben, rauben würde. Der Senator fand ſich täglich mit immer gleicher Freundlichkeit ein, um ſich nach dem kranken Schwager, deſſen Zuſtand noch immer ein ſehr ungewiſſer war, zu erkundigen. Indeſſen hatte auch Antonie zum Oftern, wenn der Vater ſchlummerte und ſie die Sorge für ihn der Dienerin anvertrauen konnte, in Florentins Geſellſchaft die Prunkgemächer des Hauſes beſucht. Sie hatte ſich an der Pracht, an dem Reichthum, die hier herrſchten, ergötzt, ſie hatte ſie mit den Augen, mit den Gefühlen der künftigen Beſitzerin angeſehen. Hier war es, wo Florentins Lei⸗ denſchaft nach und nach Worte gewann, wo er endlich Antonien das Geſtändniß der Gegenliebe, die Verſicherung entrang, daß ſie ohne ihn nicht leben könne, daß alle Güter und Herrlichkeiten der Welt keinen Reiz für ſie hätten, wenn ſie ſie nicht — 118— mit ihm theile. Florentin ſah ſich am Ziele ſeiner Wünſche. Was konnte nun ihrem Bunde, den der Vater, den die Großmutter zu begünſtigen ſchienen, noch entgegenſtehn? Nicht ſo ruhig, nicht ſo glücklich, wie er, fühlte ſich am Abend des Tages, an dem ſich ihr Herz verrathen hatte, Antonie. Jetzt erſt, da ſie rentins gewiß zu ſeyn glaubte, erhoben ſich Zw fel gegen den guten Willen der andern in ihrer Seele. Die immer gleiche Freundlichkeit des Se⸗ nators hatte nichts Drohendes, aber auch nichts Tröſtliches. In Daniels Betragen zeigte ſich, neben aller Demuth, doch immer etwas Falſches, was ſelbſt dem wenig geübten Scharfblicke des Mädchens nicht verborgen blieb. Und warum ließ ſich die Großmutter nie ſehen, warum hatte ſie Antonien noch nicht wieder in ihre Nähe geru⸗ fen, wie ſie doch bei einigem Wohlwollen für die Enkelin ſicher gethan haben würde? Wie eine ſchwüle, drückende Wetterwolke preßten dieſe Gedanken auf Antoniens Gemüth, als ſie noch ſpät Abends, da der Kranke ſchon ſchlief, am Fenſter ſtand und in die Finſterniß einer mond⸗ und ſternloſen Nacht hinausblickte. Da hörte ſie plötzlich aus der Ferne den Ton einer Geige, weich, wehmüthig und kla⸗ gend, aber bekannt und vertraut ihrer Erinnerung. * — 119— Das war Heinrichs Geige, das war jene Melo⸗ die, die er ſo oft geſpielt, Niemand anders als er, vermochte ſie ſo ſchmelzend und an's Herz dringend vorzutragen. Er war hier, er war ihnen gefolgt, darüber herrſchte kein Zweifel in Antoniens Seele. Sie fühlte auch, daß er aus Liebe zu ihr die eimath verlaſſen, daß ihn eine Hoffnung hier⸗ her geführt, in der er ſich ſelbſt grauſam getäuſcht habe. Sie verſchloß leiſe das Fenſter, ſie ſchlich ſtill iss Zimmer zurück, aber der Klang jener Melodie verfolgte ſie noch lange, während ſie ver⸗ gebens auf ihrem Lager ſich nach Ruhe ſehnte, und ſie mußte den armen Jüngling bedauern, für den ſie nun, da ſie ſich als Florentins Braut an⸗ ſah, auf ewig verloren war. Als ſie endlich ein⸗ ſchlief, hörte ſie noch im Traume das klagende Saitenſpiel und manches Bild aus frühern Zeiten lebte neu auf in ihrer Phantaſie. „Und wenn Ihr noch fünfzigmal wiederkämt, ſo gibt die Lorenzin nichts heraus!“ ſchrie die Wirthin des ſchwarzen Kopfes giftig gegen Daniel hin, der in der Abenddämmerung auf dem großen, düſtern Hausgange vor ihr ſtand.„Ihr liefet Euch — 120— nicht die Schuhe von den Füßen, um die elenden Habſeligkeiten des Harfenſpielers in Eure Hände zu bekommen, wenn Ihr nicht irgend einen ſchlech⸗ ten Streich im Schilde führtet! Die Lorenzin kennt Euch, und ſie mag weder Euren falſchen, ſchmeichleriſchen Redensarten, noch Euren Dukaten, den ſie nicht braucht. Meint Ihr, ſie habe nichts geſehen, nichts gehört, nichts gemerkt, ſie ſey ſo dumm wie der hölzerne Mohrenkopf über ihrer Hausthür? Man weiß recht wohl, wie die blinde Alte ſich an ihrem Ehrentage verrathen hat, wie ſie, als der Harfenſpieler ſein Spiel begann, einen Namen ausſtieß, der noch Manchem wohl bekannt klang, daß ſie dann in Ohnmacht fiel und den Harfenſpieler der Schlag rührte, der nun mit ſei⸗ ner hübſchen Tochter einer ſonderlichen Pflege und Ehre im Traxelſchen Hauſe genießt.“ „Das iſt ein gutes Werk von Seiten des hoch⸗ geborenen Herrn Senators,“ erwiederte ernſt Da⸗ niel,„und eben deshalb ſolltet Ihr keinen An⸗ ſtand nehmen, mir das Bischen Gepäck der zwei Fremden zu übergeben, an dem wir uns doch wahr⸗ haftig nicht bereichern wollen.“ „Die guten Werke ſind rarer bei Euch, wie die Ehrlichkeit bei einem Advokaten, und ich für mein Theil glaube gar nicht daran!“ erwiederte höhniſch — 121— das Weib.„Ich habe nicht in das Paket des Har⸗ fenſpielers geſehen, denn es iſt verſiegelt, und ich bin nicht vornehm genug, um mir kein Gewiſſen daraus zu machen, anderer Leute Siegel zu erbre⸗ chen; aber ich wette mein Gaſthaus gegen Euren Treſſenrock, daß irgend eine Sache in dem Paket ſteckt, die Ihr, ich meine den hochgebornen Herrn Senator, meinen ehemaligen Schwiegerſohn, und ſeine kluge, Alles leitende und lenkende Frau Mut⸗ ter, um jeden Preis in Eurem Beſitz ſehen möchtet!“ Daniel blickte die Frau forſchend an. Als er aber in ihren verzerrten Zügen kein Anzeichen, das ihn auf irgend eine Spur leiten konnte, wahr⸗ nahm, ſagte er verdrießlich: „Wie kommt Ihr nur auf ſo tolle Gedanken, Lorenzin? Was kann ein elender Landſtreicher bei ſich führen, an deſſen Beſitz Leuten, wie uns, gelegen ſeyn könnte?“ Die Wirthin lachte widrig in ſich hinein. Dann naͤherte ſie ſich dem Diener, ſah ihn liſtig an, nahm vertraulich ſeinen Arm und ſprach: „Ich will Euch etwas erzählen, Mosje Da⸗ niel, was halb neu und halb alt iſt, aber zeigen ſoll, daß die Gedanken der Lorenzin noch nicht ſo toll ſind, wie die ihrer Tochter. Es gab einmal einen Harfenſpieler, der nannte ſich Seldoni, er 5— — 122— war aber eigentlich ein Deutſcher und hieß Sel⸗ dow. Er entführte die Tochter einer reichen Pa⸗ tricierfamilie, und eine Frau, deren Kind von der Familie unglücklich und wahnſinnig gemacht worden war, ſtand ihm aus Nache darin bei. Nach vielen Jahren kam er arm und elend mit ſeinem einzigen Kinde zurück. Man erkannte ihn, und das Kind ſah ſeiner Muttter ſo ähnlich, daß jeder, der dieſe früher gekannt, es Jungfer Claudia hätte nennen mögen. Die Patricier hatten nun aber ihre guten Gründe, die Leute vor aller Welt zu verbergen, und heimlich nach ihren Abſichten mit ihnen zu verfahren. So weit iſt die Sache, und was wei⸗ ter daraus werden wird, muß die Zukunft lehren. Wißt Ihr's nicht vielleicht, Mosje Daniel, könnt Ihr etwa eine nähere Auskunft darüber geben?“ ſetzte ſie im Tone des giftigſten Hohnes hinzu. „Lorenzin, Lorenzin,“ verſetzte warnend, aber boshaft Daniel,„nehmt Euch in Acht, daß Ihr Euch nicht um den Kopf ſprecht!“ „Ich um den Kopf?“ lachte das Weib.„Nicht einmal um den hölzernen, ſchwarzen Kopf vor mei⸗ nem Hauſe, geſchweige um meinen eigenen, der einmal mit dem übrigen Leibe ſein ehrliches Be⸗ gräbniß haben ſoll. Wir ſtehn in einer großen Abrechnung, die werthe Patricierfamilie da drüben — 123— und die Lorenzin hier hüben, wenn aber der Schluß gezogen wird, ſo hat die Lorenzin noch herauszubekommen. Warum? Weil ſie ſchweigt, weil ſie nicht allerlei Geſchichtchen von verliebten Senatoren und bösartigen alten Weibern unter die Leute bringt.“ „Ihr ſolltet doch bedenken, Lorenzin,“ ſprach Daniel ermahnend,„daß die Familie Euch Gu⸗ tes erzeigt, daß ſie Euch mit der Verpflegung der verrückten Tochter eine große Laſt abgenommen hat.“ „Sie ſollen ihr nur den Stuhl vor die Thüre ſetzen,“ erwiederte haſtig die Wirthin.„Die Lo⸗ renzin kennt noch Schliche und Wege, ihr ver⸗ rücktes Mädchen in's Spital zu bringen, wenn ſich auch der hochgeborene Herr Senaror zehnmal in den Weg ſtellt, und was dann die Marie in ihren hellen Augenblicken vor Doctoren und Wart⸗ leuten dort ausplaudern wird, das kann genug ſeyn, die edle Patricierfamilie ſo ſchwarz zu machen, wie meinen Kopf, ſo ſchwarz, daß die Leute mit Fin⸗ gern auf ſie zeigen und ſagen: ſeht, dort gehn die Mohren aus den alten Geſchlechtern.“ „Laßt einmal vernünftig mit Euch reden!“ hob Daniel nach einer kurzen Pauſe an.„Ihr ſeyd eine heftige, aber eine geſcheidte Frau, das iſt ſtadt⸗ bekannt. Hier ſind zwei Dukaten für Euch, wenn — 124— Ihr mir gebt, was ich verlange. Es iſt blos um der Ordnung willen, und die Zeche der beiden Leute bezahlt der hochgeborene Herr Senator noch oben⸗ drein.“ „Meinen Reſpect ein für allemal an das ganze hochgeborne Haus,“ entgegnete verbiſſen die Alte, „und es würde nichts herausgegeben von dem an⸗ vertrauten Gepäck, wenn nicht der Harfenſpieler ſelber käme oder ſeine Tochter ſchickte, es zu holen. Die Lorenzin wüßte anvertrautes Gut zu wah⸗ ren, und ſie ließe ſich nichts abſchwatzen und ab⸗ kaufen, denn ſie wäre eine ehrliche Frau. Und damit Gott befohlen, Mosje Daniel! Ich kann Beſſeres thun, als die Zeit mit Ihm verplaudern, denn ich habe Gäſte oben im Prinzenzimmer.“ Sie wandte ſich nach der Treppe um und Da⸗ niel entfernte ſich, indem er eine Verwünſchung in ſich hineinmurmelte. Kichernd ſtieg die Alte zum erſten Stock empor. Als ſie das Prinzenzim⸗ mer öͤffnete, fielen ihre Blicke ſogleich auf einen jungen Mann, der am Fenſter ſaß, den Kopf in die Hand geſtützt hatte, und ſchwermüthig vor ſich niederſah. Hier drang durch die großen Fenſter noch hinlängliches Licht herein, um alle Gegenſtände genau erkennen zu laſſen. Eine Geige lag auf einem Jiſche in der Nähe des jungen Mannes, — 125— und ein Pack Noten daneben. Er ſelbſt war von ſtarker, unterſetzter Geſtalt, von friſcher, geſunder Geſichtsfarbe, aber von jenem bedenklichen, finſtern Anſehn, das Leuten von einem vielleicht gutmuthigen, aber auch ſtörriſchen Charakter eigen zu ſeyn pflegt. „Warum ſo melancholiſch, Mosje Heinrich?“ rief ſchon im Eintreten die Wirthin nach ihm hin. „Wenn ich ein Muſikant wäre, ſo wollte ich mir die Grillen und ſchwarzen Gedanken ſchon vertrei⸗ ben. Wenn ich ſpürte, daß ſie an mich möchten, ſo griffe ich gleich nach meiner Fidel und ſpielte ein luſtig Stückchen, daß mir das Herz im Leibe lachen und tanzen müßte. Ihr dürft auch heute einmal flott und munter ſeyn, Mosje Heinricht! Eure Sache ſteht gut, und auf meine Verantwor⸗ tung könnt Ihr ein Scherzoſo oder Jocoſo, wie es die welſchen Muſikanten nennen, aufſtreichen!“ „Was wollt Ihr damit ſagen, gute Frau!“ ſagte der junge Mann, indem er aufſtand und ſich mit der Hand über die Stirn fuhr, als wolle er Alles, was ſchwer und quälend in ſeinem Kopfe umging, von hier vertreiben.„Werde ich endlich Einlaß zu Antonien und ihrem Vater finden?“ fuhr er fort,„wird man mich nicht wieder grob und ſtürmiſch von der Thüre zurückweiſen, wie einen Bettler und Landſtreicher?“ — 126— „Die Jungfer, wegen der Ihr ſo weit her, aus dem Thüringerlande, gekommen ſeyd,“ erwiederte die Alte,„wird mich beſuchen, morgen oder über⸗ morgen. Dann will ich nicht Lorenzin heißen, wenn ich Euch nicht eine geheime Unterredung mit ihr verſchaffe, ſo lange, als Ihr wollt, und in der Ihr Alles vom Herzen wälzen könnt, was Euch darauf drückt. Gelt, das erfreut Euch, das thut Euch wohl! Nun ſpielt mir aber auch Eins auf für die gute Nachricht, was Hübſches, Liebliches, den aimable vainqueur, oder eine alamodiſche Gigue, wie ſie bei vornehmen Leuten geſpielt werden!“ Sie nahm behaglich Platz auf einem der weni⸗ gen im Zimmer befindlichen hölzernen Schemel, und der junge Mann war in der That gefällig genug, ihrem Verlangen zu willfahren. „Es iſt Schade, daß ich nicht mehr jung bin!“ ſagte ſie, nachdem Heinrich geendigt hatte.„Mit dem aimable vainqueur hättet Ihr mir das Herz fort⸗ geſpielt, und ich hätte Euch in die weite Welt nach⸗ laufen müſſen, wie dem Rattenfänger von Hameln die behexten Kinder. Wenn die Jungfer Antonie nur ein ebenſo verliebtes Gehör hat, wie ich, wenn ihr nur nicht die Pracht und der Reichthum drüben im großen Hauſe, und die Patricierverwandtſchaft und der ſchöne Junker Florentin in den Kopf — 127— 5 ½ geſtiegen ſind, ſo daß ihr Hören und Sehen für alles Andere vergangen iſt!“ Heinrich blickte finſter nach der Patricierwoh⸗ nung. Dann erkundigte er ſich weiter nach Flo⸗ rentin, und erfuhr nun, daß er einer der ſchön⸗ ſten jungen Männer der Stadt ſey, daß er dabei ein angenehmes, einſchmeichelndes Benehmen beſitze, aber auch ſchon manches Mädchen, die ſeinen Ver⸗ ſprechungen und Schwüren geglaubt, getäuſcht habe. Schon vor einigen Tagen, als er ſich gleich bei ſeiner Ankunft nach Seldow befragt, hatte ihm die Alte, die ihm ſogleich ein beſonderes Wohlwol⸗ len geſchenkt, ihre Vermuthungen, daß Seldow Seldoni und ſeine Tochter die Enkelin der blin⸗ den Frau Traxel ſey, mitgetheilt, und, was er ſelbſt von ſeinen ehemaligen Freunden wußte, hatte dieſe beſtätigt. So oft er an der Thüre des Tra⸗ xelſchen Hauſes ſich gezeigt, um den Harfenſpieler und Antonien zu ſehen, war er von den Dienern heftig angefahren worden, mit dem Bedeuten, man kenne keine Leute dieſes Namens, er ſolle ſeines Weges gehen und an andern Orten ſeine Genoſſen und Kameraden ſuchen, als in einem vornehmen Patricierhauſe. Heinrich war ein guter Menſch, aber er beſaß ein leicht verletzbares Gemüth, und eine Tiefe der Empfindungen, welche eine ſolche — 128— Verletzung lange nachtrug. Mit Antonien war er faſt aufgewachſen. Noch als er ein Knabe ge⸗ weſen, war er mit ihrem Vater umhergezogen und hatte deſſen Harfenſpiel mit der Geige begleitet. Was er damals erworben, hatte er immer der kränklichen Mutter, einer armen Wittwe, mit heim⸗ gebracht, und eben weil Antonie mit ſo inniger Liebe ihrem Vater ergeben war, weil ſie dieſen un⸗ terſtützte und ihm ſein trübes Leben zu erheitern ſuchte nach ihren Kräften, hatte er ſie liebgewonnen, und im Laufe der Zeit, die ihn das Mädchen näher kennen lehrte, ſtieg ſeine Liebe zu einem Grade, der ſein ganzes Sinnen und Hoffen beherrſchte. Er konnte ſich nicht denken, daß jene Maßregel, die ihn von der Thüre des Traxelſchen Hauſes ent⸗ fernte, von Antonien oder ihrem Vater herrührte. Sie hatte ihm immer zuviel Freundlichkeit, wenn auch nicht die liebevolle, die er erſehnte, der Alte hatte ihm zu viel Wohlwollen bewieſen, um jetzt mit einem Male den Freund, der ihnen ſo weit nachgefolgt, gänzlich zu verläugnen. Er ahnte ein ränkevolles Spiel von Seiten der vornehmen Ver⸗ wandten, die dem Harfenſpieler und ſeiner Tochter jede Mittheilung nach Außen unmöglich machen wollten; er vermuthete auch, daß Junker Floren⸗ tin vielleicht dieſe Zurückweiſungen veranlaſſe, um — 129— in ſeinen Bewerbungen um Antonien nicht durch die Zuführung eines frühern Bekannten gehindert zu werden. Dieſe letzte Meinung, die ihm der Argwohn der Liebe eingab und die Eiferſucht nährte, wurde bald die herrſchende in ſeiner Seele, und er ſah nun mit Ungeduld dem Augenblick entgegen, wo, nach der Wirthin Außerung, Antonie im ſchwarzen Kopfe erſcheinen würde, und ſich dann ſo Vieles aufklären mußte. Sehnſüchtig ſtand er den folgenden Tag hin⸗ durch am Fenſter und harrte und lauerte. Aber erſt als der Abend kam, ſah er zwei Frauengeſtal⸗ ten, von dem alten Diener gefolgt, der geſtern bei der Wirthin geweſen, aus dem Patricierhauſe tre⸗ ten und auf die Herberge zuſchreiten. Die Loren⸗ zin, die, wie er, auf der Wache geſtanden haben mochte, rief ihn herab, und ſchob ihn haſtig in ein Kabinet neben der Gaſtſtube. „Wenn ich dir das Mädchen hereinprakticirt habe, Goldjunge,“ ſagte ſie eilig,„ſo ſchiebe nur gleich den Riegel vor! Du kannſt dann ungeſtört mit ihr reden, was du zu reden haſt, und mir ſoll es indeſſen eine Seelenluſt ſeyn, den Mosje Da⸗ niel und wer ſonſt mitkommt, zu narren und hin⸗ zuhalten, ſo lange es Noth thut. Ihr ſeyd auch nicht ohne Zeugen! Da ſitzt Anne, die taube Magd, II. 9 — 130— und läßt ihr Spinnrad zu Eurem Geſpräche ſchnur⸗ ren. Sie ſieht wohl, aber ſie hört nicht, ſie iſt eine gute Geſellſchafterin für Verliebte, denn ſie verräth nichts.“ Ohne ſich weiter aufzuhalten, begab ſich die Alte in das Gaſtzimmer zurück. Eben trat Anto⸗ nie durch die entgegengeſetzte Thüre herein, und ihr folgten Daniel und das Mädchen, das ſie bediente. Sie war reich und anſtändig gekleidet, wie die Töchter aus den vornehmen Häuſern. Über ein geſticktes, ſeidenes Kleid hatte ſie einen leichten Sammetmantel geworfen, ein Baret, mit Granaten geziert, ſchwebte auf ihrem Kopfe, und ihre ganze Haltung hatte das Sichere, Selbſtbewußte ange⸗ nommen, was dieſem Aufzuge entſprach. Mit einer kurzen Verneigung und einem Ausdrucke von Ver⸗ legenheit in ihren Zügen näherte ſie ſich der Wir⸗ thin. Ehe ſie aber zur Rede kommen konnte, nahm ſchon die Alte das Wort und ſagte: „Gott behüte Euch, ſchönes Kind! Aber es ſind Wunder mit Euch geſchehen, ſeit ich Euch nicht geſehen habe, denn Ihr ſeyd eine Patriciertochter geworden, wie ich ſehe, und gehört zu unſern edlen Geſchlechtern! Bleibt nur auf Eurer Hut gegen das Patricierthum und gegen Euch ſelber! Das Patricierthum ſteigt oft den Leuten in den Kopf, — — 131— wie ſpaniſcher Tabak, und verwirrt ſie und macht ſie glauben, ſie ſehen bei der Erſchaffung der Welt von Gold geformt worden, ſtatt von ſchlechter Erde, wie die übrigen Chriſtenmenſchen. Aber das müßt Ihr ſagen, Mosje Daniel,“ wendete ſie ſich zu dieſem,„in den Kleidern, in dem Staate, den das hochedle Fräulein jetzt trägt, ſieht ſie gerade aus, wie ihre Mutter ſelig, als dieſe ſiebenzehn oder achtzehn Jahre alt war!“ Daniel ſchüttelte unwillig den Kopf, und An⸗ tonie erröthete. Dann erklärte dieſe, daß ſie im Auftrage ihres Vaters, der jetzt durch Krankheit ans Lager gefeſſelt werde, komme, um ihre Rechnung zu berichtigen und das verſiegelte Päckchen in Em⸗ pfang zu nehmen, das er bei ſeiner Entfernung aus dem ſchwarzen Kopfe der Wirthin zur Bewahrung übergeben. „Ihr ſollt Alles haben, Kind!“ antwortete die Frau.„Andere haben ſich heiſer geſprochen um die Dinge,“ fuhr ſie mit einem ſpöttiſchen Blicke auf Daniel fort,„und nichts bekommen, ob ſie gleich ihre Worte vergolden wollten, aber Ihr braucht nur zu winken, ſo befindet ſich alles in Euren Hän⸗ den. Tretet in dieſes Zimmer, ſeht Euch um, wie es die einbrechende Dämmerung noch erlaubt, und Ihr werdet finden, was Euer Herz begehrt!“ . 9* — 132— Unbedenklich ſchritt Antonie in das Gemach, deſſen Thüre die Frau geöffnet hatte. Kaum war ſie hineingetreten, da ſchloß ſich die Thüre hinter ihr, und als Daniel und ſeine Begleiterin ihr nacheilen wollten, drängte ſich die Wirthin dazwi⸗ ſchen und rief in einem höhniſchen, gellenden Tone: „Das iſt nichts für Euch, weder für Ihn, Mosje Daniel, noch für das Jüngferchen, das Er zu ſeinem Beiſtande mitgebracht hat. Ihr ſehd nur arme, geringe Leute, die um Lohn und Brod dienen, und dürft mein Patricierzimmer nicht be⸗ treten, das nur für Angehörige der edlen Geſchlech⸗ ter beſtimmt iſt. Glaubt mir, Mosje Daniel, dem Fräulein Antonie wird auch indeſſen die Zeit nicht lang drin, denn es iſt gute Geſellſchaft bei ihr, von der ſie ſobald nicht fortverlangen wird! Setzt Euch nur ruhig zu mir und erzählt mir Eins und das Andere, etwa wie Junker Florentin der ſchönen Antonie den Hof macht, während das hochedle Fräulein van der Halden verreiſt iſt!“ Sie hatte gehört, daß Heinrich von Innen den Riegel vorgeſchoben, und begab ſich nun mit großer Kaltblütigkeit zu ihrem Lehnſeſſel, indem ſie ſich auf die Feſtigkeit der ſtarken eichenen Thüre, die Daniel voergebens zu öffnen ſuchte, verließ. Antonie hatte indeſſen den Kindheits⸗ und — 133— Jugendgefährten gefunden. Sie ſtand überraſcht, verwirrt vor ihm, er, unentſchloſſen und ſchüchtern gemacht durch den unerwarteten Glanz ihrer Er⸗ ſcheinung, vor ihr. Die Töne ſeines Liedes klan⸗ gen wieder in ihr Ohr: was es ihr an jenem Abende verkündigt, war jetzt Wirklichkeit geworden. Sie ſtanden lange einander ſchweigend gegenüber. Endlich wurde Antonien dieſes Schweigen pei⸗ nigend. Sie reichte, ohne jedoch ſeinen Druck zu erwiedern, dem jungen Manne die Hand und ſagte in einem ſchwankenden, gepreßten Tone: „Was führt dich hierher, Heinrich? Wie haſt du dich entſchließen können, deine kranke Mutter zu verlaſſen?“ „Sie iſt todt,“ erwiederte finſter der Befrag te. „Ich habe nichts mehr daheim, was mich halten konnte, dir und deinem Vater trieb es mich unwi⸗ derſtehlich nach, und da nahm ich meine Geige und ſpielte mich hierher, um nun zu fragen, ob die alte Freundſchaft nicht auch geſtorben iſt, wie meine alte Mutter, und ob deines Vaters Harfe nicht wieder meiner Begleitung bedarf, wie ſonſt?“ „Armer Heinrich,“ verſetzte bedauernd das Mädchen,„ſo haſt du den Schmerz gehabt, am Sterbebette deiner Mutter zu ſtehen! Auch mein Vater iſt krank, ſehr krank, und ich fühle mich oft — 134— von dem Gedanken geängſtigt, der Himmel könne ihn plötzlich abrufen von meiner Seite; aber ich habe gütige, liebevolle Verwandte gefunden, die mich tröſten und beruhigen in ſolchen Augenblicken, die dem Vater alle Pflege, allen Beiſtand angedeihen laſſen, deſſen er benöthigt iſt.“ „Reiche, vornehme Verwandte!“ ſagte mit be⸗ ſonderer Betonung der junge Mann, und indem ſeine Blicke bedeutungsvoll über Antoniens Putz flogen.„O Antonie,“ fuhr er bewegter fort, „traue ihnen nicht zu ſehr! Dieſe reichen, vorneh⸗ men Leute empfinden nicht, wie wir. Kein Bedürf⸗ niß, kein Mißgeſchick hat ſie veranlaßt, ſich Andern innig anzuſchließen, ihren Wünſchen war ihr Glück zuvorgekommen, und Alles, was ſie in ihrem Wege finden, ſcheint ihnen nur da, ihnen zu dienen, oder, wenn es ſie beläſtigt, ſtoßen ſie es zur Seite, gleich⸗ viel, ob ſie es beſchädigen oder verderben.“ „Ich verzeihe dir dieſe Beleidigung meiner Ver⸗ wandten,“ entgegnete Antonie, die ſich in Flo⸗ rentin verletzt fühlte,„denn du kennſt ſie nicht. Wir ſind wohl bei ihnen aufgehoben, ihr Rang, ihr Reichthum iſt für ſie nur da, daß ſie ihn mit uns theilen, und Alles, was uns angenehm ſeyn kann, wird uns von ihnen geboten.“ „Warum hat man mir denn den Eintritt ver⸗ — 135— weigert,“ fragte mit einiger Bitterkeit der Thürin⸗ ger,„mir, der ſich als einen alten Freund von Euch meldete, deſſen Gegenwart Euch doch ſonſt weder läſtig, noch unangenehm war?“ „Davon 3. ich nichts!“ antwortete verlegen Antonie, der einfiel, daß dieſes wohl eine von Florentin angeordnete Maßregel ſeyn könne. „Wahrſcheinlich denken meine Verwandten, daß dein Beſuch meinen Vater in ſeinem gegenwärtigen Zuſtande zu ſehr ergreifen möchte, und es iſt ſelbſt möglich, daß der Arzt dem Kranken Nuhe und Ent⸗ fernung jeder Störung verordnet hat.“ Der junge Mann ging einige Male nachdenklich und unentſchloſſen i im Zimmer auf und nieder. Dann blieb er vor dem Mädchen ſtehen und ſagte: 1„A. utani 4, ich will dir nicht verbergen, wa⸗ d rum i utlch gekommen bin, obſchon die Um⸗ ſtände ſich ſehr verändert haben und du ſelbſt mir auch verändert ſcheinſt. Ich will dir ein Geheim⸗ niß entdecken, das ich Jahre lang verſchwiegen habe, wie es mir auch drückend auf dem Herzen „lag, und manchmal ein freundliches Wort, ein gü⸗ tiger Blick von dir mich ermunterten, es dir zu offenbaren. Ich bin dir immer ſehr gut geweſen, Antonie, ſchon als ein Knabe, und jetzt liebe ich dich ſo ſehr, daß ich meine, ein Leben ohne dich — 136— wäre ein Unglück und nicht zu ertragen. Ich fühle das ſchon lange, aber da die Mutter noch lebte, und ich für ſie zu ſorgen hatte, durfte ich nicht davon ſprechen. Jetzt, Antonie, bin ich gekom⸗ men, um dich zu fragen, ob du meine Frau wer⸗ den willſt, ob du ein treues Herz, das du kennſt, den glänzenden Gütern vorziehſt, die dir vielleicht werden können, die aber wohl nicht immer die Zu⸗ friedenheit hinter ſich tragen.“ 4 Die taube Magd, die ſich mit dem jungen Paare im Zimmer befand, hatte indeſſen eine Lam angezündet, bei deren Schein Antonie ſah, d Hein rich an allen Gliedern zitternd vor ee an.. daß ſein Angeſicht eine dunkle Gluth bedeckte, und ſein ganzes Weſen ſich in der größten Spannung befand. Sie beſann ſich nur einige Augenblickez dann erkennend, daß Heinrichs Frage eine ent⸗ 4 ſcheidende und aufrichtige Antwort erheiſche, ver⸗ ſetzte ſie: „Ich will es nicht läagnen, Heiurich, daß du mir nach meinem Vater und nachdem die Mut⸗ ter geſtorben war, der liebſte Menſch auf Erden geweſen biſt. Wie hätte es auch anders ſeyn kön⸗ nen, da ich Niemanden kannte, als den Vater und dich, da ich täglich mit dir umging und mehr und mehr einſah, wie vielen Dank ich dir wegen deiner — 1237— treuen Anhänglichkeit an uns ſchuldig war? Aber anders, als mit den Augen einer Schweſter, habe ich dich nie angeſehen. Nein, Heinrich,“ fuhr 4 ſie eifriger fort,„du kannſt nicht ſagen, daß ich je ein Wort zu dir geſprochen, je einen Blick auf dich geworfen hätte, der dir zu andern Gedanken Ur⸗ ſache geben konnte!“ „Es iſt ſchon gut,“ ſprach, als. Antonie jetzt inne hielt, der junge Mann dumpf für ſich hin. .„Rede nur weiter, mach' es kurz mit meiner Qual!“ 4„Sch kann nie die Deinige werden, Heinrich!“ ſagte nun mit feſtrer Stimme das Mädchen.„Ich 1 will nicht davon ſprechen, daß ich jetzt nicht mehr ooon mir und meinem Vater allein abhänge, daß h wiel auf die Entſcheidung meiner mütterlichen erwandten ankäme; ich brauche dir nur das Eine zu ſagen, daß ich mich einem Manne, den ich von Len Herzen liebe, gelobt habe, daß ich die raut meines Vetters Florentin bin.“ 0„Des ſchönen Vetters!“ wiederholte gepreßt Heinrich, indem er ſich auf einen Tiſch in ſei⸗ ner Nähe ſtützte und die dunkelrothe Farbe ſeines Angeſichtes in eine Leichenbläſſe überging.„Ich gratulire!“ fuhr er mit bebender Stimme fort. „Sie loben ihn alle wegen ſeiner Schönheit, aber * wehe ihm, wenn er nicht auch ſo brab wie ſchön — 138— iſt! Du liebſt ihn, Antonie, du hoffſt mit ihm glücklich zu werden, und er hat dir auch verſpro⸗ chen, dich glücklich zu machen? Das läßt ſich den⸗ ken, denn die Liebe will ja nichts anders, und ich glaube gern, daß er auch dich liebt, weil ich meine, daß es unmöglich iſt, dich zu ſehen, ohne dich zu lieben. Aber er ſoll nur feſt und treu bleiben in dieſer Liebe! Ich kann dich als die Frau eines An⸗ dern ſehn, Antonie, aber dieſer Andere muß dich beglücken, wie ich es geſonnen geweſen zu thun, ſonſt, glaube ich, könnte ich wahnſinnig werden aus Rachſucht, und ein Verbrechen begehen, deinen Ver⸗ derber zu ſtrafen. Lebe wohl, Antoniel Grüße mir auch deinen Vater, denn die Schwelle jenes Hauſes, in dem mein Glück begraben liegt, betrete ich nun nicht wieder. Lebe wohl! Mich ſiehſt du auch nicht mehr, aber ich werde dich ſehen, denn ich wache über dein Glück.“ Eine Thräne ſtand in Heinrichs Auge. An⸗ tonie war gerührt, allein ſie bemühete ſich, dieſe Rührung zu bekämpfen und zu verbergen, ſie glaubte es Florentin ſchuldig zu ſeyn, eine Gleichgül⸗ tigkeit zu zeigen, die ſie in dieſem Augenblicke nicht empfand. Indem ſie mit der einen Hand ein Päck⸗ chen ergriff, das auf dem nahen Tiſche lag und welches ſie für das ihres Vaters erkannte, berührte 4 ———— —-——— — 139— ſie mit der andern leichthin Heinrichs dargebo⸗ tene Rechte und ſprach in einem verlegenen, zwang⸗ vollen Tone: „Du mußt uns doch nicht ganz vergeſſen, Heinrich! Wir haben ſchöne Tage mit einander verlebt, an die ſich gewiß jedes gern wieder erin⸗ nert. Du kannſt uns ja immer von dir hören laſſen, durch briefliche Nachrichten oder mündliche Kunde, die wohl irgend ein Bekannter, der dir in deinem Wege begegnet, gern übernimmt!“ „Sey überzeugt, daß ich dich nicht vergeſſe!“ erwiederte mit einem tiefen Seufzer der junge Mann und ſchob den Riegel von der Thüre, um Anto⸗ nien anzudeuten, daß er ſie nicht länger zurück⸗ halte.„Wenn deine Wünſche erfüllt werden, wenn du alles Glück erreichſt, das du jetzt hoffſt, ſo iſt es nicht nöthig, daß du noch jemals an das Da⸗ ſeyn eines Menſchen, wie des armen Heinrichs aus Thüringen, erinnert werdeſt; geht es mit dir zum Leide, ſtatt zur Freude, dann lebt der Hein⸗ rich noch und du ſollſt von ihm hören.“ Antonie ging. Die Zuſammenkunft mit Hein⸗ rich hatte ſie nachdenklich gemacht. Sie bemerkte nicht, wie Daniels Blicke argwöhniſch auf ihr ruheten, als ſie aus dem Kabinette trat; ſie ſchritt, ohne auf die Winzhin zu achten, an dieſer vorüber, — 140— ſie hoͤrte nicht auf ihre Rede, in welcher ihr dieſe empfahl, das Päckchen ja in keines andern Men⸗ ſchen Hand niederzulegen, als in die ihres Vaters, nicht auf den ſpöttiſchen Gruß, den die Frau dem Daniel an den„hochgeborenen Herrn Senator“ auftrug, indem ſie hinzufügte, ſeine ehemalige Frau Mutter laſſe ihm alles Gute wünſchen, was er verdiene. Als ſie in die dunkle Straße trat, glänzte ihr das hellerleuchtete Haus ihrer Verwandten ent⸗ gegen. Da ſtand gleich auch Florentins Bild vor ihrer Seele, der ſicherlich im Krankengemache des Vaters ihrer harrte, ihre Schritte beſchleunigten ſich, und was Heinrich geſagt hatte, was er zu leiden und zu fürchten ſchien, trat vor der Hoff⸗ nung, den Geliebten in wenigen Augenblicken zu ſehn, tief in den Hintergrund ihrer Erinnerungen zurück. 4½ Mehrere Tage vergingen, und noch immer zeigte ſich keine günſtige Veränderung in dem Zuſtande des Kranken. Im Gegentheile nahm ſeine Schwäche von Tag zu Tag zu, was nur Antonie, die zu viel um ihn war, um die leiſen Abſtufungen, in welcher die Lebenskraft ſich erſchöpfte, zu erkennen, nicht bemerkte, Sie ſchmeichelte ſich noch mit den — 141— beſten Hoffnungen, während der Arzt hinter ihrem Rücken dem theilnehmenden Florentin eroffnete, daß er von den Hülfsmitteln der Kunſt nichts mehr erwarte, daß die Natur des Kranken ſich nicht mehr zu erheben vermöge, und alſo eine baldige Auflö⸗ ſung zu fürchten ſeh. Florentin ſah dieſer Stunde ängſtlich entgegen. Seine Liebe zu Anto⸗ nien war noch immer ſo leidenſchaftlich, wie bis⸗ her, er glaubte ſie inniger zu lieben, als er noch je ein weibliches Weſen geliebt habe, er wähnte deshalb jetzt eigentlich zum erſten Male zu lieben, und früher nur durch vorübergehende Wallungen getäuſcht worden zu ſeyn. Er ſelbſt erkannte nicht, daß er nur ſolcher leidenſchaftlichen Wallungen, von längerer oder kürzerer Dauer, fähig ſeh. An⸗ tonie war ganz Liebe, ganz Vertrauen. Wenn ſie Nachmittags in der Stunde, wo der Kranke zu ſchlummern pflegte, neben Florentin ſaß, und dieſem in kindlicher Unbefangenheit von ihren frü⸗ hern Tagen, von den Wanderungen in den reizen⸗ den Gebirgsgegenden Thüringens erzählte, wie dort Alles Muſik ſey und athme, wie die Wälder lebten in den Melodien herrlicher Sangvögel, wie die Landleute dieſe zu künſtlichen Virtuoſen zu erziehen wüßten, wie es nicht leicht eine Hütte gebe, in der nicht eine Flöte oder eine Geige zu finden ſey, — 142— wenn ſie dann, ihm näher rückend, nicht ohne einige Scheu von dem verrufenen, wunderbaren Hörſel⸗ berge bei Eiſenach ſprach, in dem ſich unterirdiſche Stimmen hören ließen, und in welchen, der Sage nach, die alte heidniſche Schönheitsgöttin Venus mit ihrem Hofſtaate hineingebannt ſeyn ſollte, wenn alle dieſe Schilderungen und Mährchen über ihre blühenden Lippen gingen, dann war er ganz Ohr, ganz Entzücken, denn dieſe einfache, natürliche Rede, von wahrhaften, lebendigen Gefühlen beſeelt, muß⸗ te für ihn, der gewohnt war, im Munde ſeiner weiblichen Bekanntſchaften immer nur die gewöhn⸗ lichen geſelligen Formeln zu finden, einen Reiz der Neuheit beſitzen, der ihn unwiderſtehlich anzog. Er war überzeugt, jetzt erſt eine Idee des Glückes er⸗ halten zu haben, das einen Mann an der Seite eines liebenswürdigen Weibes erwarte. Seinen Betheuerungen, ſeinen Schwüren einer unwandel⸗ baren Liebe lauſchte Antonie in ſüßer Trunken⸗ heit. Sie bedurfte ihrer nicht, um ſich in dem Glauben an ihn zu befeſtigen, aber ſie erfreuete ſich ihrer, weil ſie immer wieder die Empfindungen aus⸗ ſprachen, die ihr ſo theuer waren, und ſie ſo glück⸗ lich machten. Das junge Paar ahnte nicht, daß oft, während es ſich noch ſeinem Entzücken hingab, während es noch freudig von Liebe und Gegenliebe — 143— ſprach, der Vater ſchon erwacht war, ihnen zuhörte und in jenen Pitheuerungen Florentins eine Beruhigung fand, die ihm ſeinen Zuſtand erleich⸗ terte, den Blick in die Zukunft erhellte. Er ſelbſt fühlte endlich das Herannahen der Stunde, die ihn von der Tochter trennen würde. Da bat er den Neffen, ihn einige Augenblicke mit Antonien allein zu laſſen, da beſchied er dieſe an ſein Lager und befragte ſie mit väterlicher Güte um ihr Verhältniß mit Florentin. Sie geſtand ihm Alles. Er erfuhr, wie ſie dem ſchönen jungen Manne, als ſie ihn noch nicht gekannt, und er erſt durch das Geſchenk jenes Blumenſtraußes ſich ihr genähert, ſchon ihr Herz zugewandt, wie ſie ihn dann am Ehrentage der blinden Großmutter wie⸗ dergefunden, wie ſie ihm anvertraut, wie ſie endlich ſein Geſtändniß und ſeine Schwüre empfangen und dieſe erwiedert habe. Sie zeigte eine ſo offene Liebe, eine ſo feſte Uberzeugung von Florentins red⸗ lichen Abſichten, daß der Kranke freudig erregt auch in ſein Lob einſtimmte, und den Augenblick, in dem er den Entſchluß gefaßt, Antonien ihren Ver⸗ wandten zuzuführen, ſegnete. Dennoch wurde er mit einem Male von einer ſonderbaren Angſtlichkeit befallen. Er nahm das Päckchen, das Antonie aus dem ſchwarzen Kopfe holen müſſen, unter — 144— ſeinem Kiſſen, wo er es ſeitdem verwahrt, hervor, entſiegelte es, betrachtete die Popiere, welche er herausnahm, mit großer Aufmerkſamkeit und ſagte, indem er ſie der Tochter übergab: „Mich kann Gott abrufen in jedem Augenblicke, Antoniel Dieſe Papiere aber enthalten die Be⸗ weiſe deiner Anſprüche auf das Erbe deiner Mut⸗ ter, ſie ſind dein einziges Eigenthum, der Bürge deiner Zukunft. Bewahre ſie wohl, gieb ſie in kei⸗ nes Andern Händoe, ſelbſt nicht in diejenigen deſſen, den du am meiſten liebſt!“ fuhr er beſorgt und unruhig fort.„Du biſt noch unerfahren in der Welt, du kennſt die Menſchen nicht, du kannſt leicht getäuſcht werden. Gelobe mir, ſie in deinem Ge⸗ wahrſam zu halten, unverbrüchlich und heimlich, bis du Florentins Gattin geworden biſt oder deine geſetzliche Anerkennung erfolgt iſt!“ Antonie, von ihres Vaters Todesahnungen tief ergriffen, gelobte weinend, was er verlangte. Sie verbarg die Papiere auf ihrer Bruſt, ſie er⸗ ſchrak zum erſten Male vor dem Ausſehn des Va⸗ ters, deſſen Geſicht ihr bleicher und gedehnter er⸗ ſchien, als bisher, deſſen Blicke nur ſehr matt und trübe glänzten. Doch zeigte er nun wieder eine völlige Ruhe, und verlangte Florentin zu ſpre⸗ chen, der im Nebenzimmer harrte. — 145— „Du liebſt Antonien,“ ſagte er mit matter Stimme zu dem jungen Manne, als dieſer an ſein Lager trat,„du haſt ihr deine Liebe geſtanden, du haſt ihr Gegengeſtändniß empfangen und ſiehſt ſie nun als deine Braut an. Darfſt du auf die Ein⸗ willigung deines Vaters, auf die Zuſtimmung der Großmutter rechnen?“ Da ergriff Florentin Antoniens Rechte, ſah mit einem Blicke des Entzückens in ihre thrä⸗ nenvollen Augen und erwiederte feurig: „Wenn Ihr uns ſegnet, Oheim, ſo iſt uns jeder andere Segen gewiß. Mein Vater iſt unſerer Ver⸗ bindung geneigt, die Großmutter hat mich ſelbſt er⸗ muntert, mich um Antonien zu bewerben, es kann ihrem Scharfblicke nicht entgangen ſeyn, daß dieſe Heirath Alles, was bisher getrennt erſchienen, verſöhnt. Antonie wird glücklich an meiner Seite, ich werde es an der ihrigen ſeyn, Euch werde ich als meinen Vater, als den Schöpfer meines Gluͤckes ehren.“ Florentin ſprach ſo innig und herzlich, daß der Harfenſpieler wohl erkannte, er ſey in der That tief ergriffen von den Empfindungen, die er an den Tag legte. Ein Strahl der Freude leuch⸗ tete aus ſeinem matten Auge zu dem jungen Paare empor. Er hob mit Anſtrengung beide Hände, II. 10 — 146— ergriff die ihrigen und fügte ſie zuſammen. In dieſem Augenblicke öffnete ſich die Thüre, und der Senator trat zu ſeinem gewöhnlichen, täglichen Be⸗ ſuche herein. Er ſchien anfangs überraſcht, als er die bedeutungsvolle Gruppe der jungen Leute vor dem Lager des Kranken erblickte, bald aber hatte er ſich wieder gefaßt, ſah mit einem durchdringen⸗ den Blicke auf den Kranken, und kam leiſe und lächelnd näher. „Mein Vater,“ rief ihm Florentin entge⸗ gen,„dieſer Augenblick iſt der ſchönſte meines Le⸗ bens. Antonie will die Meinige werden, ihr Va⸗ ter hat uns geſegnet und auch Euer Segen wird uns nicht fehlen. Hier führe ich Euch die Tochter zu, Eurer Schweſter Claudia Kind, welcher die Natur ſchon Rechte auf unſere Liebe gegeben hat.“ Der Kranke richtete ſich mit großer Beſchwerde auf, blickte nach dem Senator und ſagte: „Leodogar, der Augenblick iſt gekommen, in dem ſich die Aufrichtigkeit deiner Geſinnungen be⸗ währen muß! Ich rede frei und unumwunden, denn die Nähe des Todes duldet keine Verſtellung. Willſt du meine und Claudia's Tochter als dein eigenes Kind halten, willigſt du in ihre Verbindung mit Florentin? Iſt auch deine Mutter einverſtanden — 147— mit dieſem Bunde, auf den gewiß Claudia aus dem Aufenthalte der Seligen ſegnend niederblickt?“ Der Senator ſtand einige Augenblicke betreten und ſchweigend. Dann ergriff er wie mit einem raſchen Entſchluſſe die dargebotene Hand des Harfenſpie⸗ lers und erwiederte: „Wenn Florentin in dieſer Verbindung ſein Gluͤck findet, habe ich nichts dagegen, und ich darf ſelbſt in dieſem Falle verſichern, daß meine Frau Mutter gleiche Geſinnungen hegt.“ Matt entſank die Hand des Kranken der ſei⸗ nigen. Dieſer ſchien nur eine ſolche beruhigende Außerung erwartet zu haben, um nicht länger durch ein Aufgebot der letzten Kräfte der allgemeinen Er⸗ ſchlaffung, die ſich, der übergroßen Anſtrengungen folgend, ſeiner bemächtigte, Widerſtand zu leiſten. Aber ſchon vermochte die erſchöpfte Natur ſich nicht wieder zu erheben. Er ſank in das Kopfkiſſen zurück, ſein Bewußtſeyn ſchwand und dunkle Vorſtellungen, derwirrte Phantaſien und Fieberträume begannen ihr willkührliches Spiel zu treiben. Er ſprach von ſeiner blinden Schwiegermutter, wie von einem bös⸗ artigen Geſpenſte, das Antonien lauernd und drohend umſchleiche, das ſie auf den Gipfel eines hohen, ſenkrechten Felſens führe und von da hinab⸗ ſtürze in ein wild empörtes Meer, aus dem ſie aber 10* — 148— in Engelgeſtalt wieder auftauche und emporflöge zu Vater und Mutter, die ihrer im Himmel harrten. Dann wurden die Bilder, die vor ſeine Seele tra⸗ ten, heiterer, aber ſeine Sprache wurde ſchwächer und lallender und unverſtaͤndlicher. In demſelben Zimmer, in welchem er jetzt lag, ſah er ſich mit Claudia wieder, als er ihr noch Unterricht auf der Harfe gegeben, als Beiden noch eine reich⸗ blühende Zukunft lächelte. Er ſprach zu ihr wie damals, er unterwies ſie, wie ſie die Toͤne greifen, wie ſie die Accorde bilden müſſe, er ſang mit leiſer, ſterbender Stimme die Melodie eines alten Liedes, das er ſie damals gelehrt, er bat, daß ſie es ihm nachſpielen möchte. Dann ver⸗ ſchloß er die Augen und ſchien Tönen zu lauſchen, die er nur allein vernahm. Ein ſeliges Lächeln umſpielte ſeinen Mund, die tiefen Furchen, die der Gram in ſein Angeſicht gezogen hatte, ebneten ſich, denn ſchon war der Todesengel zu ihm getreten, vor deſſen Nähe die Spuren des irdiſchen Leidens entweichen, der den erſten Hauch der Himmelsver⸗ klärung mit ſich bringt. Antonien traf die überzeugung, daß der Va⸗ ter geſterben ſey, mit betäubender Gewalt. Nur Florentins Stimme, die ſie vernahm, goß einen ſchwachen Troſt in ihr Herz, nicht ſeine Rede, die ſie nicht verſtand. Man mußte ſie behandeln wie eine Kranke, der Arzt verſchrieb ihr Arznei, ließ ſie das Lager hüten, und das Mädchen, welches man ihr zur Bedienung gegeben, mußte ſie verpfle⸗ gen und bei ihr wachen. Nur die Gegenwart Flo⸗ rentins, der ſie den Tag über nicht verließ, und eine ängſtliche Sorge um die ſichere Bewahrung der vom Vater erhaltenen Papiere, regten von Zeit zu Zeit ihr Bewußtſeyn auf. Einesmals, mitten in der Nacht, erwachte ſie und es dünkte ihr, als ſuche Jemand das Band, an dem ſie die Papiere um ihren Hals befeſtigt trug, loszuknüpfen. Sie ſchlug die Augen auf und ſah die Dienerin, die üͤber ſie hingebeugt war. Mit einer heftigen Be⸗ wegung ſtieß ſie das verwirrte Mädchen zurück, die ſich entſchuldigte, ſie habe nur die Kopfkiſſen beque⸗ mer legen und ordnen wollen. Von dieſem Augen⸗ blicke an war Antonie noch angſtlicher beſorgt um die Beweiſe ihrer Herkunft. Sie verbarg ſie tief in der Fülle ihres Haares, wo ſie nicht ver⸗ muthet und nicht geraubt werden konnten, ohne daß ſie es bemerkt hätte. Der Zuſtand der Betaͤubung, der ſie ergriffen hatte, dauerte noch, als ihr Vater begraben wurde. Das Begrähniß fand, nach des Senators Anord⸗ nung, ſtill und in der Nacht ſtatt. Nur Floren⸗ — 150— tin und Daniel folgten der Leiche; der Senator war, unter dem Vorwande einer Unpäßlichkeit, zurückgeblieben. Als der kleine Zug eine nicht weit von dem Traxel'ſchen Hauſe entlegene enge und düſtere Straße betrat, geſellte ſich noch ein dritter Leidtragender zu ihnen. Er trug den Hut tief in die Augen gedrückt, war in einen Mantel gehüllt und ſchritt ſchweigend und mit gebücktem Haupte neben Florentin einher. Dieſer fühlte ſich durch ſeine Gegenwart beläſtigt. Er bemühete ſich ver⸗ gebens ihn zu erkennen, aber ein leiſes Schluchzen unter dem Mantel, mit dem er zur Hälfte ſein Geſicht bedeckt hatte, ließ ihn vermuthen, daß der Fremde dem Hingeſchiedenen als ein Freund und Vertrauter nahe geſtanden haben müſſe. Die traurigen Empfindungen, mit denen er anfangs der Leiche gefolgt war, waren geſtört, es quälte ihn zu wiſſen, wer hier, in der für Antonien und den Verſtorbenen fremden Stadt, einen ſo innigen Antheil an dem letztern nehmen könne. So erreichten ſie den Gottesacker. Während eines kurzen Gebetes, das der Geiſtliche über den eingeſenkten Sarg ſprach, knieete der Unbekannte am Rande des offenen Grabes nieder, und ſein Weinen wurde hörbarer. Der Geiſtliche, die Trä⸗ ger und Daniel entfernten ſich, die Todtengräber — 151— begannen ihr düſteres Geſchäft, aber der Fremde knieete noch immer, und Florentin fiühlte ſich unwiderſtehlich in ſeine Nähe gebannt. Es war ihm, als hänge ſein Glück davon ab, das wunder⸗ liche Räthſel, das ſich ihm in der Perſon des ge⸗ heimnißvollen Leidtragenden bot, zu löſen. Eine dunkle Idee, daß Antonie in irgend einer Bezie⸗ hung zu ihm ſtehen könne, regte ſich im Hinter⸗ grunde ſeiner Seele und mochte die eigentliche Ur⸗ ſache ſeiner Neugierde und ſeiner Unruhe ſeyn. Endlich erhob ſich der Fremde. Er ging lang⸗ ſam der offenen Pforte zu, hier aber blieb er ſte⸗ hen und ſchien Florentin, der ihm folgte, zu er⸗ warten. Bald hatte ſich dieſer ihm genähert und maß ihn mit einem forſchenden, ſtolzen Blicke. „Wir haben uns bei einer traurigen Feier zu⸗ ſammengefunden,“ begann in einem düſtern Tone der Unbekannte.„Ihr beklagt einen nahen Ser⸗ wandten und ich einen zweiten Vater. Ihr ſeyd doch Junker Florentin?“ „Ich nenne mich Florentin und bin der Sohn des Senators Traxel,“ verſetzte gereizt der Angeredete.„Wer aber ſeyd denn Ihr? und was gibt Euch das Recht, Euch zu dieſer ſtillen Be⸗ gräbnißfeier zu drängen?“ Der Fremde hüllte ſich tiefer in ſeinen Man⸗ — 152— tel und ſtieg die Stufen des Einganges hinab, wäh⸗ rend Florentin ſich an ihn anſchloß. „Wenige Menſchen kennen mich, und dieſe we⸗ nigen nennen mich den armen Heinrich,“ erwie⸗ derte er dann,„aber meine Liebe zu dem Geſtor⸗ benen, und die Liebe, die er mir im Leben gezeigt, berechtigen mich ſo gut, wie einen ſeiner Blutsver⸗ wandten, ihm zu ſeiner letzten Ruheſtätte zu fol⸗ gen, ihn zu betrauern und zu beweinen. Ich bin viele Jahre lang mit ihm und Antonien im Thüringerlande herumgezogen, wir haben Freud' und Leid mit einander getheilt, und wenn er er⸗ mattete, oder von ſeinem Kummer über eine ſchlimme Vergangenheit ſo tief ergriffen wurde, daß er nicht ſpielen konnte, ſo brachte ich wohl allein ſo viel mit meiner Geige zuſammen, um uns weiter fort⸗ zuhelfen.“ „Alſo ein Muſikant!“ ſagte in einem veräͤcht⸗ lichen Tone der junge Patricier.„Und Ihr ſeyd ihm nachgereiſ't,“ ſetzte er aufmerkſamer werdend hinzu,„ihm und Antonien! Was kann Euch dazu bewogen haben?“ „Junker,“ antwortete finſter der Thuͤringer, „es verräth kein gutes Herz, daß Ihr in dieſem Augenblicke, wo Ihr von einem ernſten und trau⸗ rigen Geſchäfte zurückkehrt, mich höhniſch und der⸗ — — 153— achtlich behandelt! Man ſagt, Ihr werdet Anto⸗ nien heirathen, und Antonie iſt doch auch nur die Tochter eines Muſikanten, und Ihr ſolltet, ſo nahe dem Grabe ihres Vaters, den Stand, dem er Ehre gemacht, nicht beleidigen. Warum ich ihr und dem Harfenſpieler gefolgt bin, verlangt Ihr zu wiſſen? Ich will es Euch ſagen, wenn Ihr es auch in Eurem Stolze übel aufnehmt und mir nachtragt. Ich liebe Antonien. Die Liebe zu ihr hat mich aus der Heimath fortgetrieben, ſie hat mich hierher geführt, wo ich nun erfahren mußte, daß ſie nicht mich, daß ſie Euch liebt, daß Ihr der Glückliche ſeyd, mit deſſen Leben ſie das ihrige ver⸗ einigen will.“ „Wie,“ fiel heftig Florentin ein,„Ihr habt Antonien geſprochen, Ihr habt hier eine Zu⸗ ſammenkunft mit ihr gehabt?“ „Das kümmert Euch nicht, Junker!“ entgeg⸗ nete mit Feſtigkeit Heinrich.„Sie liebt mich nicht, ſie zieht Euch vor: was koͤnnt Ihr Beſſeres zu wiſſen begehren? Ich habe nur noch wenige Worte mit Euch zu ſprechen,“ fuhr er mit erhobener Stimme und indem er Florentins Hand ſo ſtark ergriff, daß dieſer ſich vergebens loszumachen ſtrebte, fort,„aber bewahrt ſie wohl in Eurem Gedachtniſſe, denn ihre Bedeutung iſt wichtig für — 154— Antoniens Zukunft, für die Eurige. Ich kann Antonien in dem Beſitz eines Andern wiſſen, aber ſie muß glücklich mit dieſem Andern ſeyn, glücklich wie ſie es verdient, wie ſie es erwartet. Alle Freude meines Lebens opfere ich gern ihrem Wohle. Doch, Junker, wenn Ihr treulos an der Vertrauenden handeltet, wenn Ihr ſie täuſchtet in ihren Hoffnungen, wenn ich dieſes Opfer umſonſt gebracht hätte, dann fürchtet mich, dann iſt Euch Antoniens Rächer nahe! Lebt wohl, Junker! Seyd Ihr ein edler Menſch, ſo ſeht Ihr mich nie wieder.“ Mit einem raſchen Sprunge war er in ein dunk⸗ les Seitengäßchen verſchwunden. „Unverſchämter!“ rief entrüſtet der junge Pa⸗ tricier und eilte ihm, mit der Rechten das Gefäß des Trauerdegens ergreifend, einige Schritte nach. Dann blieb er nachdenklich ſtehen.„Es lohnt nicht der Mühe,“ ſagte er nach einer Pauſe für ſich hin, „dieſem Burſchen nachzuſetzen. Einem verſchmähe⸗ ten Liebhaber muß man eine Aufwallung verzeihen.“ Dennoch konnte er, während er ſich zu ſeiner väterlichen Wohnung begab, eines unangenehmen Gefühles nicht Herr werden, das aus dem Be⸗ wußtſeyn, einen Nebenbuhler ſo niedriger Art bei Antonien zu haben, entſprang. Sein Stolz war — 155— verletzt, ſeine Eigenliebe gereizt. Die Drohungen des nächtlichen Begleiters hatten keinen Eindruck auf ihn gemacht, ſie ſchienen ihm ebenſo bedeutungs⸗ los, wie verächtlich. Am nächſten Morgen fand er Antonien beſ⸗ ſer, ruhiger und gefaßter. Sie zeigte ihm ihre Neigung noch inniger, als bisher, ſie fühlte, daß er es nun ſey, der ihr in einer Welt, die ſie ſo wenig kannte, als Stütze dienen müſſe. Der Tod ihres Vaters hatte ſie auf das heftigſte erſchüttert. Während der wenigen Tage, die ſie auf dem Kran⸗ kenlager zubrachte, waren die Roſen ihrer Wangen gebleicht, die Lebhaftigkeit ihres Auges war ver⸗ ſchwunden, ſie ſchien an Friſche, an jugendlicher Blüthe verloren zu haben. Florentin bemerkte dieſe Veränderung mit Mißbehagen. Ihm galt der Reiz der Form zu viel, als daß Antoniens Gegenwart jetzt dieſelbe Anziehungskraft, denſelben belebenden Einfluß auf ihn hätte üben können, wie früher. Er war zerſtreut, er legte manchmal eine Geiſtesabweſenheit an den Tag, die Antonie ſchmerzlich hätte empfinden müſſen, wenn ſie nicht ſelbſt zu ſehr von Empfindungen ergriffen geweſen wäre, die ſie in ihrer Achtſamkeit auf äußere Dinge geſtört hätten. Endlich leitete er, mit dem An⸗ ſcheine, ſie ihrer traurigen Stimmung entreißen zu — 156— wollen, das Geſpräch auf ihr fruͤheres Leben in Thuüringen. Er wußte ſie, ohne daß ſie von ſeiner Seite eine Abſichtlichkeit wahrnehmen konnte, zu einer Erklärung über ihr früheres Verhältniß zu Heinrich zu veranlaſſen, die ihn jedoch nicht be⸗ friedigte, da ſie in dem reizbaren Zuſtande, in wel⸗ chem ſie ſich befand, mit einer Innigkeit des jun⸗ gen Mannes gedachte, die er einem tiefern Ge⸗ fühle, als dem der Dankbarkeit, zuſchrieb. Sie ſagte nicht, daß ſie von ſeinem Hierſeyn wiſſe, ſie ver⸗ ſchwieg, daß ſie ihn geſprochen habe. Sein Arg⸗ wohn erwachte und er ſchied zum erſten Male in einer Verſtimmung von Antonien, die ihm läſtig fiel, und von der er ſich Abends in der Geſellſchaft leichtſinniger Freunde loszumachen ſuchte. Am nächſten Tage, noch ehe er bei Antonien geweſen war, wurde er zu der blinden Matrone beſchieden. Dieſe hatte Briefe von Fräulein Auro⸗ ren erhalten und bat den Enkel, ſie ihr vorzule⸗ ſen. Florentin konnte eine wohlwollende Er⸗ innerung, die bei der Erwähnung Aurorens in ſeiner Seele aufſtieg, nicht zurückweiſen. Er ſah im Geiſte die hohe, blühende Geſtalt, mancher glückliche Augenblick, den er in ihrer Nähe verlebt, erwachte mit Blitzesſchnelle in ſeinem Andenken. Haſtig ergriff er die Briefe, welche die Großmutter — — 157— ihm darreichte. Sie ſchrieb nichts wie Frohes und Freudiges. In den erſten Häuſern, von den edel⸗ ſten Geſchlechtern war ſie mit der größten Aus⸗ zeichnung aufgenommen worden, wie einen Triumph hatte man ihre Ankunft gefeiert. Seitdem waren Feſte auf Feſte gefolgt, bei denen alle ſie als die Köͤnigin erſchienen. Sie nannte unter den Beſu⸗ chenden, die ihr täglich ihre Ehrerbietung bewieſen, mehrere junge Patricier, die Florentin wohl kannte, und wußte nicht genug ihre Aufmerkſam⸗ keit zu preiſen. Das war Florentin verdrieß⸗ lich, er wußte ſelbſt nicht warum! Am Schluſſe des Briefes fanden ſich Grüße an ihn, in deren Stellung er zu erkennen glaubte, daß Aurora ihm noch immer ihr Wohlwollen und ihre Neigung widme. Die Blinde bemerkte ſchon an dem Tone ſeiner Stimme, wie ſich dieſer während des Vorle⸗ ſens veränderte, mit dem ihr eigenen Scharfſinne, daß dieſer Brief ganz den Eindruck auf Floren⸗ tin gemacht hatte, den ſie von ihm erwartete. Sie ſelbſt begann nun in einem ruhigen Tone von Aurorens Vorzügen zu ſprechen, von dem guͤn⸗ ſigen Erfolge ihrer Erſcheinung in Nürnberg, und daß wohl nicht zu bezweifeln ſey, einer der dorti⸗ gen jungen Männer aus den edlen Geſchlechtern werde ſich dieſen Schatz für ſeinen Haus⸗ und 4 — 158— Eheſtand zu gewinnen wiſſen. Florentin fuͤhlte ſich immer verſtimmter. Er wollte Aurorens Bild aus ſeiner Seele verbannen, um wieder das Antoniens allein darin herrſchen zu laſſen, al⸗ lein es gelang ihm nicht. Immer draͤngte ſich die üppig bluͤhende, reizende Aurora wieder vor, und die bleiche, verweinte Antonie trat in den Hintergrund. Antoniens Anblick ſelbſt, hoffte er, würde ihm den gewohnten Gleichmuth zurückgeben. Indem er ſich von der Großmutter beurlaubte, rief ihn dieſe zurück und ſagte in einem Tone, der einen Anflug von Spott enthielt: „Wie geht es deiner Verlobten aus Thuͤringen? Hat ſie deine Liebe über den Tod des Vaters ſchon getröſtet? Wird deine Ungeduld die lange Dauer eines Trauerjahres ertragen können?“ „Das arme Mädchen iſt ſehr zu beklagen,“ antwortete verlegen der Enkel.„Sie härmt ſich und grämt ſich tief, ſo daß es ihrer Geſundheit leicht Nachtheil bringen kann. Ich gehe jetzt zu ihr. Habt Ihr kein gütiges Wort mir für ſie mit⸗ zugeben?“— „Nichts!“ erwiederte ſcharf die Blinde.„Ich bin mit Allem einverſtanden, was bis jetzt zwiſchen ihr und dir vorgegangen iſt; aber erinnere dich des Wortes, das du mir gegeben haſt, Florentin! ——— — 159— Ich ſehe die Zeit nahe, in der es eine Bedeutung erhält.“ Florentin verließ, ohne etwas zu erwiedern, das Zimmer. Die Matrone hörte ihn gehen. „Seine Standhaftigkeit, eine Liebe ohne alle Reize, die Reichthum, Herkunft und Erziehung ge⸗ ben, ſollte ein ganzes Jahr währen können?“ ſprach ſie dann ſpöttiſch für ſich.„Armer Florentin, dein Herz ſchwankt, deine Liebe wird ſchläfrig, in der nächſten Woche ſchon ruht ſie ganz!’? ——-— Was Florentin aus den Briefen Auro⸗ rens an ſeine Großmutter erſehen hatte, beſtätig⸗ ten Nachrichten von ſeinen Nürnberger Freunden in vollem Umfange. Täglich ging er noch zu An⸗ tonten, betheuerte ſie ſeiner Liebe, glaubte auch noch ſelbſt daran; dachte aber dabei mit Entzücken an die Zeit zurück, in der ein bewundertes, benei⸗ detes Weſen, wie Aurora, ihn vor allen Andern ausgezeichnet hatte. Je mehr Antonie ſich er⸗ holte, je mehr die Zeit jene Wunde, die der Tod des Vaters ihrem Herzen geſchlagen, heilte, deſto angſtlicher, drückender und drohender ſchien ihr ihre Lage. Die Großmutter ließ nichts von ſich hören, der Senator erſchien ſeit dem Sterbetage des Har⸗ fenſpielers nur ſelten auf ihrem Zimmer. Immer verweilte er dann nur einige Augenblicke, ſprach von nichts bedeutenden Dingen und entfernte ſich, ſobald Antonie die Rede auf ernſtere, für ſie wichtigere Gegenſtände zu lenken ſuchte. Sie fühlte, daß ſie hier im Hauſe nur einen Freund habe, den Verlobten, ſie bemühete ſich, ihm alle Innigkeit der Liebe, die ſie für ihn empfand, an den Tag zu le⸗ gen. Dennoch drängte ſich dem zagenden Maäͤd⸗ chen eine Ahnung auf, ſie werde nicht mehr ſo ſehr von Florentin geliebt, wie ſonſt. Sie mußte laͤnger harren, bis er kam, ſeine Begrüßung ſchien ihr nicht ſo lebhaft und herzlich, er kam ihr zer⸗ ſtreut vor, wenn ſie zu ihm ſprach, wenn ſie ihrer Jugendzeit, ihrer ſchönen Heimath erwähnte, von der er ſonſt immer ſo gern reden gehört hatte. Sie wurde ängſtlicher, ſie wurde traurig. Flo⸗ rentin bemerkte das, aber fern davon, ſich als Urheber dieſer Veränderung anzuerkennen, ſuchte er vielmehr in ihr eine Entſchuldigung für die Abnahme ſeiner Liebe. Er überredete ſich, ſie ſpreche nur ſo gern von ihrem Vaterlande, weil indeſſen ihre Phantaſie ſich lebhafter mit Heinrich be⸗ ſchäftige, dem ſie ihn nur aus Rückſichten auf Stand Vermoͤgen und verwandtſchaftliche Bande vorziehe; — 161— ſein untreues Gedächtniß ſagte ihm nicht, daß er ſelbſt ſie ſo oft gebeten habe, ihm von ihrer Ver⸗ gangenheit und den thüringer Bergen zu erzaͤhlen; ſeine ſinkende Liebe ließ ihn nicht errathen, daß Antonie Alles aufſuchte und aufbot, wodurch ſie ſeine Aufmerkſamkeit, ſeine Theilnahme zu erre⸗ gen glaubte. Das arme Mädchen grübelte vergebens nach, was ſie ihm gethan haben, was ihn gleichgültiger gegen ſie machen könne. Vorwürfe wagte ſie nicht, aber ſie härmte ſich im Stillen, ſie wachte und weinte die Nächte durch. So verfielen die Reize ihrer Geſtalt immer mehr, und mit dem, was dem jungen Patricier allein liebenswürdig erſchien, ging auch ſeine Neigung ihrem Untergange entgegen. Endlich glaubte Antonie eine Schuld in ihrem Benehmen gegen Florentin zu entdecken. Sie klagte ſich eines Mangels an Vertrauen gegen ihn an, ſie machte es ſich zum Vorwurfe, nicht ihm, der ihr doch den Vater zu erſetzen, der ihr Alles auf der Welt zu ſeyn gelobt hatte, die wichtigen Papiere, welche ihre Herkunft und ihre Anſprüche bewieſen, übergeben zu haben. Sie dachte an des Vaters Warnung, ſie kämpfte lange einen Kampf des kindlichen Gehorſams und der Sehnſucht, den Ge⸗ liebten wieder ganz zu gewinnen. Endlich ſiegte II. 11 — 162— die Liebe. Als Florentin eines Abends von ihr ſchied, und freundlicher, als bisher, geweſen war,. hielt ſie ihn zurück, drückte mit einer ſeltſamen Haſt das Päckchen mit den Dokumenten in ſeine Hand und ſagte mit bebender Stimme: „Ohne ein vollkommenes Vertrauen gibt es keine vollkommene Liebe. Ich hatte noch immer ein Geheimniß vor dir, Florentin: das Erbe mei⸗ nes Vaters, das dieſer in ſeiner Todesſtunde in meine Haͤnde niedergelegt hat, das er mich ermahnte, wohl zu bewahren, und es nicht von mir zu laſſen, bis ich die Deinige ſey. Aber ich habe nachgedacht, 3 ich habe geprüft und gefunden, daß ich ſeinem Willen nicht gehorchen darf in dieſer Sache. Er meinte es wohl gut mit mir, aber er kannte dich nicht, wie ich dich kenne. Mein Herz, mein Leben, meine Seligkeit gehören dir, Florentin! Wel⸗ chen Werth hätten dieſe Dinge, wenn ich ſie den Anſprüchen auf ein vergängliches, irdiſches Glück nachſetzen wollte?“ Florentin erfuhr den Inhalt der Papiere. Er war tief gerührt über dieſen Beweis eines un⸗ umſchränkten Vertrauens, aber auch ſein guter Ge⸗ nius mahnte ihn, einer Gefahr ſich zu entziehn, der er im Augenblicke der Verſuchung wohl unter⸗ liegen könne. Er drang in Antonien, die Pa⸗ — 163— piere zurückzunehmen, er verſicherte ſie, daß er die⸗ ſes Beweiſes ihres Vertrauens nicht bedürfe, um ihrer innigen Liebe gewiß zu ſeyn; er ſchien in dieſen Augenblicken wieder ganz ſo liebevoll und zärtlich, wie in den erſten Tagen ihrer Liebe. An⸗ tonie aber wies ihn gefaßt und lächelnd zurück. „Nein, nein!“ ſagte ſie,„du mußt die Pa⸗ piere behalten. Nun bin ich ganz dein, nun bin ich dein Geſchöpf, ein Weſen, das von deiner Liebe lebt, das unter deinem Schutze nur gedeihen kann.“ Er verließ Antonien mit zweifelhaften Em⸗ pfindungen. Er mußte ſich geſtehen, daß ein ſo zärtliches, innig und tief empfindendes Gemüth, wie das ihrige, ein ſtilles häusliches Leben mit unend⸗ lichen Reizen ſchmücken könne, aber er erkannte auch, daß ein Leben dieſer Art nicht für ihn ge⸗ ſchaffen ſeh, daß es ihn nicht befriedigen könne. Sie opferte ihm Alles, ihre Zukunft lag in ſeinem Willen. Das rührte ihn, das mußte ihn wieder ihr näher bringen. Aber warum war ſie nicht mehr ſchön, wie vormals, warum war dieſes einſt ſo glänzende Auge jetzt getrübt, warum die einſt heitere Stirn umwölkt, warum die Fülle und Blüthe der Wangen verwelkt und warum ſchien Aurora van der Halden in der Ferne ſo herrlich, Al⸗ les überſtrahlend und wünſchenswerth? Die Ge⸗ 11 8 wißheit des Beſitzes, eines unbeneideten, von ſeinen Jugendgefährten nicht gekannten und verlangten Beſitzes, war ihm läſtig, während er den, den er noch vor kurzem verſchmäht, jetzt, da ihn Andere hoch hielten, da er die Überzeugung in ſich trug, durch ein Wort, durch ſeinen Willen ihn ſich ſichern, auf jene Andern im Triumphe herabblicken zu kön⸗ nen, erſehnte. Er war ein ſchwacher, eitler Menſch. Nur wenige Tage wurde durch das rückſichtsloſe Vertrauen, das Antonie ihm bewieſen, das gänz⸗ liche Erſterben ſeiner Liebe zu ihr zurückgehalten. Dann kamen wieder Briefe von Auroren an die Blinde, von ſeinen Freunden an ihn. In jenen meldete das Fräulein, daß ſie ſchon mehrere ange⸗ ſehene Partien, die ſich ihr geboten, zurückgewieſen habe, daß aber jetzt ein neuer Bewerber aufgetre⸗ ten ſey, der allerdings einige Beachtung verdiene. Wieder hatte ſie freundliche Grüße an Florentin hinzugefügt.„Aurora die Frau eines Andern!“ dachte dieſer, nachdem er der Matrone das Schrei⸗ ben vorgeleſen hatte,„ſie, die Jedermann hier ſchon meine Braut nannte, die mich vor allen Andern auszeichnete, die um meinetwillen ihren Wünſchen, ihren Neigungen ſpottete, ſoll mir entriſſen werden? Wird man nicht ſagen, ſie habe mich verſchmaͤht, ſie habe ein Spiel mit mir getrieben, das mich dann — 165— lächerlich vor allen Freunden und Bekannten er⸗ ſcheinen läßt?“ Seine Briefe enthielten genaue Be⸗ ſchreibungen der Feſte, die Auroren gegeben wur⸗ den. Jedermann pries Denjenigen glücklich, den ein ſo reizendes, geiſtvolles und reiches Geſchöpf zu ſeinem Lebensgefährten erwählen würde. Man ſpöttelte darüber, daß er ſich dieſe„goldene Venus,“ wie der„Nürnberger Witz“ Auroren nannte, habe entgehen laſſen; man wollte das um ſo ſeltſamer finden, da frühere Gerüchte ſchon nach Nürnberg berichtet, daß ſie ſich ihm überaus geneigt gezeigt habe und die goldenen Verbindungsringe für das ſchöne Paar bereits beſtellt geweſen ſeyen. Florentin fing an, ſich ſehr unglücklich zu fühlen in dem Verhältniſſe, das ihn an Anto⸗ nien knüpfte. Dieſes drückende Gefühl, das Be⸗ wußtſeyn einer eigenen Schuld, die er gern von ſich abwälzen wollte, machte ihn ungerecht. Er be⸗ ſchuldigte in ſeinem Innern das Mädchen, ſie habe ihn abſichtlich an ſich zu ziehen geſucht, er ſey nur in die Netze gefallen, die ſie ihm geſtellt. Dann dachte er an Heinrich und überredete ſich, in deſſen Liebe ein Recht zu finden, die ſeinige aufzu⸗ geben. Nur eine mitleidige Theilnahme, die er nicht zu bezwingen vermochte, führte ihn noch zu Antonien. Er war aber dann kalt, verſchloſſen — 166— und ernſt. Sie fühlte, daß er ſie nicht mehr liebe, aber ſie ließ es ihn nicht wahrnehmen. In ſeiner Gegenwart bot ſie alle ihre Kräfte auf, heiter und unbeſorgt zu erſcheinen, ihn zu zerſtreuen, ihn freundlich zu ſtimmen; wenn ſie aber allein war, gab ſie ſich ganz ihrem Schmerze, ganz dem Grame über eine Täuſchung hin, die ſie ſchon ſo frühe erkennen mußte. Doch blieb der Gedanke ihrer Seele fern, Florentin koͤnne den Schwüren, die er ihr geleiſtet, dem Gelübde, das er dem ſterben⸗ den Vater abgelegt, treulos werden. Sie fürchtete nur eine trübe, unglückliche Ehe, und dennoch hoffte ſie zugleich, durch fortgeſetzte Zärtlichkeit, durch die Innigkeit ihrer Liebe die verloren ſcheinende Florentins wieder zu gewinnen. Dieſer war zu ſehr an eine entgegenkommende Befriedigung ſeiner Wünſche gewöhnt, um einen ſol⸗ chen Zuſtand lange ertragen zu können. Sein Stolz erlaubte ihm nicht, ſich ſeiner Großmutter zu ent⸗ decken, aber Daniel, der das volle Vertrauen der Blinden beſaß, war ganz zu einem Vermittler in dieſer Angelegenheit geeignet. Einige Tage lang ging er mit dem Entſchluſſe, ſich ihm zu eröffnen, umher, und immer, wenn er den alten Diener an⸗ reden wollte, hielt ihn dunkles, warnendes Gefühl zurück. Endlich konnte er nicht länger ſchweigen. — 167— Er rief Daniel in ſein Zimmer, er entdeckte ihm ſeine Lage, er verlangte ſeinen Rath, wie die Groß⸗ mutter zu bewegen ſey, ihn von dem Worte, das er ihr gegeben habe, zu entbinden. „Das iſt ein verwickelter Handel!“ ſagte Da⸗ niel, indem er eine ſehr ernſte, bedenkliche Miene annahm.„Die hochedle Frau Traxel hat ſich da in ihrer Gutmüthigkeit ein Plänchen in den Kopf geſetzt, deſſen Ausführung Alles ausgleichen ſoll, was zwiſchen der Familie und dem Mädchen, das man einſtweilen für die Enkelin gelten läßt, ſtörend obwaltet. Wenn Ihr das Mädchen heira⸗ thetet, ſo wäre die Sache abgemacht für ewige Zei⸗ ten, und die Großmutter hätte ihren Zweck erreicht. Deshalb hat ſie Euch das Patricier⸗Ehrenwort ab⸗ genommen, und ich kenne nur ein Mittel, das ſie vielleicht vermögen kann, Euch wiederum freie Hand zu laſſen.“ „Du weißt ein Mittel?“ rief haſtig Floren⸗ tin.„Nenn' es, Daniel, hilf mir aus dieſer Bedrängniß, und ich will dir ewig dankbar ſeyn.“ „Seht, hochedler Junker,“ erwiederte der Alte mit einem boshaften Lächeln,„es iſt noch gar nicht ſo feſt ausgemacht, daß der verſtorbene Har⸗ fenſpieler eigentlich der wirkliche Seldoni war, und daß die Jungfer Antonie, die ſich bei uns .— 168— häuslich niedergelaſſen hat, das Kind Eurer Tante Claudia iſt. Der Seldoni iſt wahrſcheinlich ſchon lange geſtorben, und wer weiß, ob er über⸗ haupt Kinder hinterlaſſen hat. Aber die Landſtrei⸗ cher, die ſich bei uns eingedrängt, waren von der Geſchichte unterrichtet, ſie haben ſich Papiere zu verſchaffen gewußt, die ihre Anſprüche auf eine unbeſtreitbare Weiſe beſtätigen, und deshalb zeigt ſich Eure Großmutter ſo nachgiebig, deshalb hat Euer Herr Vater in eine Verbindung gewilliigt, die wahrhaftig ſonſt nicht nach ſeinem Geſchmack iſt.“ „Die Papiere beſitze ich,“ verſetzte übereilt der junge Mann.„Aber Antonie eine Betrügerin? Unmöglich! Das glaube ich nimmermehr.“ Bei der Entdeckung, daß die verhängnißvollen Dokumente ſich in Florentins Händen befän⸗ den, leuchtete eine tückiſche Freude aus Daniele kleinen, grauen Augen. „Hochedler Junker,“ ſprach er dann,„Ihr laßt Euch von Eurem guten Herzen hinreißen und von einem Lärvchen blenden, deſſen Schönheit doch nun auch ſchon ihre Zeit gehabt hat. Wäre ihre Sache ächt und rein, weshalb hätte ſie ſich einen alten Freund aus dem Thüringerlande nachkommen laſ⸗ ſen, der ſie im Falle des Mißlingens wieder heim⸗ geleiten kann? Ihr kennt den Burſchen. Er war — 169— Euer Nebenmann, als wir dem Harfenſpieler zu Grabe folgten. Erſt hat er im ſchwarzen Kopfe gewohnt, wo die Jungfer, als wir des Vaters Ge⸗ päck abholten, ſich auf eine liſtige Weiſe eine lange geheime Unterredung mit ihm zu verſchaffen wußte. Da iſt Alles abgemacht und abgeſprochen worden. Jetzt wohnt er weit draußen in einer Vorſtadt, Abends aber ſchleicht er immer um das Haus her⸗ um, und ſie werden auch wohl da Mittel gefunden haben, ſich mit einander zu verſtändigen.“ Florentin dachte an die Drohungen, die der junge Thüringer gegen ihn ausgeſtoßen hatte, an deſſen Aufforderung, ſein Wort gegen Antonien zu erfüllen und ſie als ſeine Gemahlin zu beglücken. Alles ſchien ihm in einem vollſtändigen Einklange mit der Täuſchung, welche ihm Daniel jetzt ent⸗ deckte, und deren Gegenſtand er geweſen war. Er war beſchämt, empört in einem hohen Grade, daß man ein ſolches Spiel mit ihm getrieben habe; er glaubte gern der Verläumdung, da ſie ihm eine Urſache bot, ſich des drückenden Verhältniſſes zu Antonien zu entledigen. „Wenn Ihr Euch entſchließen könntet,“ fuhr indeſſen in einem gleichgültigen Tone der Alte fort,„der hochedlen Frau Traxel die Papiere einzuhändigen, die doch nur dem Betruge dienen — 170— ſollen, ſo bin ich überzeugt, die gute Großmutter willigt dann gern in Alles, was Ihr begehrt, und läßt Euch ſelbſt den Reiſewagen anſpannen, daß Ihr noch heute nach Nürnberg abfahren, dort um Fräulein van der Halden werben und ſie als Eure Braut, als eine Verlobte, die Eurer und der Familie würdig iſt, hierher führen könnt! Die thü⸗ ringer Jungfer kann dann mit ihrem alten Schatze ziehn. Eine gute Ausſteuer gibt ihr die Großmut⸗ ter noch mit auf den Weg.“ Er entfernte ſich und überließ es der Nachwir⸗ kung ſeiner Worte, Florentin zu einem Ent⸗ ſchluſſe, der den Abſichten der Blinden entſprach, und zu welchem er ſchon ſich hinneigte, völlig zu beſtimmen. Wie hätte der eitle, ſchwache Jüngling einen Kampf der nur leiſe mahnenden Pflicht, die er ohnehin zu verſchleiern und wegzuleugnen ſuchte, gegen ſeine Leidenſchaft ausfechten können? Nach einigen Stunden unterlag er, nach wenigen Stun⸗ den hielt die Blinde die wichtigen Dokumente in ihren Händen und ließ ſie, während die Kutſche mit Florentin fortrollte, der ſchönen Aurora, der willkommnen Enkelfrau zu, durch den folgſamen Leodogar der Flamme opfern. Dann llächelte ſie zufrieden, dann fragte ſie ſpöttiſch den Sohn: „Habe ich nun das gewagte Spiel verloren oder — 171— gewonnen?“ Dann gab ſie dem harrenden Da⸗ niel Befehl, die überläſtige Dirne, wie ſie An⸗ tonien nun nannte, aus dem Hauſe und in ihre Heimath zurückzuſchaffen. Antonie ahnte nichts von dem Ungewitter, das ſich über ihrem Haupte zuſammenzog. Als aber der Tag vorüberging und Florentin ſich nicht ſehen ließ, als ſie die Nacht durch geweint und ſich immer vergebens gefragt hatte, worin ſie gefehlt, um den Geliebten, den Bräutigam zu einer Vernachläſſigung zu veranlaſſen, die ſie, wie er wußte, ſo tief ſchmerzen mußte, als auch der Abend des nächſten Tages kam, und Florentin nicht erſchienen war, als die Dienerin ihr auf alle Fra⸗ gen nur mürriſche, ausweichende Antworten gab, als noch eine entſetzliche Nacht hinter ihr lag, und dann am Morgen, ſtatt des Mädchens, das bisher immer zu dieſer Stunde ſich eingefunden, mit fin⸗ ſterm Blicke, mit einer Unheil verkündenden Miene Daniel, den ſie immer gefürchtet, hereintrat: da war es ihr, als ſey nun auch das Unglück zu ihr getreten, als werde ſich nun das Verderben und Elend und Verzweiflung in ihr Leben drängen. Und es ward ſo! Dem böſen Alten hatte es lange verdroſſen, einem Mädchen, das ihm nicht zur Fa⸗ milie zu gehören ſchien, da er es früher nicht in — 172— dieſer gekannt, eine Ehrerbietung erweiſen zu müſ⸗ ſen, wie der alten Patricierdame, wie dem Senator Leodogar. Jetzt wollte er ſich durch Rache fuͤr dieſen Zwang entſchädigen. Mit bitterm Hohne verkündigte er Antonien, daß ihre Rolle ausge⸗ ſpielt ſey, daß man ihre Papiere unterſucht und ſie falſch befunden habe, daß ihr Vater keineswegs jener Seldoni geweſen, den man einſt hier im Hauſe gekannt, ſondern ein Betrüger, der um Je⸗ nes Schickſale gewußt, und nur die augenblickliche Täuſchung der blinden Frau Traxel geſchickt zu benutzen verſtanden habe. Antonie ſtand erſtarrt. Sie trauete ihren Sinnen nicht; Daniel mußte das Geſagte wiederholen. Dann gab ihr die Ent⸗ rüſtung über die ſchwere Beſchuldigung, die den verewigten Vater traf, Worte. Daniel, hörte ſie ruhig an. Als ſie endlich Alles erſchöpft hatte, was ihr kindliches Gefühl ihr eingab, und nun einen Blick auf ſich ſelbſt, auf ihre eigene Lage warf, als ſie mit bebender Stimme nach Floren⸗ tin fragte und ſeine Gegenwart verlangte, die Alles entſcheiden müſſe, da erklärte wiederum mit einem boshaften Lächeln der Alts, daß der hochedle Junker um die ganze Angelegenheit wiſſe, daß er in völliger Entrüſtung über dieſen ſchmählichen Be⸗ trug ſchon geſtern von Augsburg abgereiſt ſey und — 173— erſt in einigen Wochen in Begleitung ſeiner ſchönen, edlen Braut, Aurora van der Halden, zu⸗ rückkehren werde. „Das iſt eine Lüge!“ rief außer ſich Antonie. „Mir hat er Treue geſchworen, mir hat er ſich ver⸗ lobt im Angeſichte des Todes! Wer fürchtet nicht dieſen Zeugen, wer kann mit einem Meineide auf dem Gewiſſen einſt ruhig vor ihn treten? Ihr ver⸗ läumdet Euren Herrn, ich glaube nichts von Allem, was Ihr von Florentin ſagt; mögen Alle ſich gegen mich verſchworen haben, Florentin iſt nicht unter ihnen.“ „Glaubt, was Ihr wollt!“ entgegnete kalt der Diener.„Thun müßt Ihr doch, was wir wollen. Der hochgeborene Herr Senator hat Mitleid mit Eurer Jugend, Eurer Unerfahrenheit. Deshalb will er Euch nicht öffentlich für Euren Betrug be⸗ ſtrafen laſſen. Er erlaubt Euch ſogar, ruhig in Eure Heimath zurückzukehren, und meint, Ihr wur⸗ det einen Reiſegefährten, der Euch lieb und ange⸗ nehm wäre, in dem jungen Burſchen finden, der Euch von dort nachgelaufen iſt. Paßtet Ihr etwa gut zuſammen zu einem Ehepaare, ſo käme es ihm auch auf ein Stück Geld zur Ausſteuer nicht an: Alles aus purem Mitleiden!“ „Glaubt Ihr,“ verſetzte voll Entruͤſtung An⸗ — 174— tonie,„ich ſehe Euer Unternehmen nicht klar und offen vor mir daliegen, wie es iſt. Man hat Flo⸗ rentin meine Papiere aus den Händen geſpielt, man hat ihn abſichtlich entfernt, damit er mir ge⸗ gen die Ausführung Eurer Pläne nicht beiſtehen kann, daß ein armes, verlaſſenes Mädchen keinen Helfer in ihrer Noth, in ihrer gerechten Sache habe. Aber Ihr verrechnet Euch! Ich gehe nicht aus die⸗ ſem Hauſe, ohne Florentin geſehn, ohne ihn geſprochen zu haben.“ „ Ich meine,“ ſagte Daniel,„Ihr müßtet ſchon an meinem Betragen merken, daß Ihr von dem Junker nichts mehr zu erwarten habt. Dann kennt Ihr ihn auch ſchlecht, wenn Ihr glaubt, er wäre der Mann, ſich in einer Liebesangelegenheit von Andern zwingen und von ſeinem Schatze wider Willen entfernen zu laſſen. Verlaßt Euch drauf, er iſt Eurer müde und hat erſt ein leichtes Herz wiedergefunden, als die gute Stadt Augsburg hin⸗ ter ihm lag, und die Hoffnung mit der ſchönen, jungen Braut vor ihm. Nehmt jetzt in Güte und Gelaſſenheit Euren Rückzug in's Thüringerland, ſonſt möchte dem hochgeborenen Herrn Senator die Geduld und das Mitleid ausgehn, und ein Mann vom Stadtregimente, wie er, hat Mittel und Wege, Euch bei Nacht über die Grenze und als eine ge⸗ - 175— meine Landſtreicherin in Eure Heimath ſchaffen zu laſſen.“ Antonie war vernichtet, ihr Herz, ihr Stolz waren gebrochen. Nicht Daniels Drohung er⸗ ſchütterte ſie, aber die Erkenntniß, daß ſeine Gründe für Florentins Treuloſigkeit Glauben verdien⸗ ten, drang mit bitterm, tödtlichen Schmerze in ihre Seele. Sie verlangte ein Geſpräch mit dem Se⸗ nator, eine Zuſammenkunft mit der Blinden: Beides wurde ihr in harten Worten abgeſchlagen. Da er⸗ griff ſie der Kleinmuth, da wich ihre letzte Stärke, da nahm ſie mit flehendlicher Gebehrde Daniels beide Hände, bedeckte ſie mit Thränen und bat: man möge ihr nur ein ſtilles, entlegenes Winkelchen im Hauſe vergoͤnnen, bis Florentin zurückge⸗ kehrt ſey, bis ſie ihn nur einmal noch geſehen, wenn auch nicht geſprochen, bis ſie ſich von ſeiner Treuloſigkeit überzeugt habe, dann wolle ſie gern gehn, dann gelobe ſie, die Familie nie wieder zu beläſtigen, nie eine Kunde, eine Nachricht von ſich zu geben. Sie dachte nicht an Reichthum und Gut, die ſie durch die leichtſinnige Hingabe der Papiere verſcherzt, ſie dachte nur an Florentin, der ihr mehr als Alles geweſen, und der nun verloren für ſie ſeyn ſollte. Tief im Hintergrunde ihrer Seele lebte noch ein Schimmer von Hoffnung, daß er — 176— reuig zuruͤckkehren könne, und deshalb flehete ſie ſo ängſtlich, man möge ſie nicht gleich verſtoßen. Aber Alles ſchien vergeblich! Daniel ſetzte ihren Bitten Spott, ihrem Jammer Hohn entgegen. Da beſann ſie ſich, wodurch ſie dieſes feindliche Gemüth wohl gewinnen könne, da fiel ihr ein, daß, wenn es dem Mitleiden verſchloſſen ſey, es vielleicht um ſo eher durch ein Geſchenk günſtiger geſtimmt werden könne. Sie beſaß nichts, als das Goldſtück, das ihre Mut⸗ ter einſt aus dem väterlichen Hauſe erhalten, und das ſie in dieſes zuruͤckgebracht hatte. Sie riß es vom Halſe, ſie bot es dem Alten und verſicherte, daß ſie, wenn ſie nur einmal ihres Unglücks gewiß ſey, gleich fort wolle, ohne eine Unterſtützung von dem Senator zu verlangen, noch anzunehmen. Daniel hielt den Maxd'or zwiſchen ſeinen Fingern und überlegte. Er konnte nicht allein das Gold⸗ ſtück, er konnte auch das bedeutende Reiſegeld, die Mitgabe, welche der Senator für Heinrich und Antonien ausgeſetzt hatte, an ſich bringen, wenn er die Wünſche des Mädchens zu erfüllen ſuchte und eine Lüge gegen ſeine Herrſchaft für keine Sünde rechnete. „Es gibt noch ein Plätzchen in dem großen Hauſe,“ begann er nach einem langen Schweigen, das Antonien mit den beängſtigendſten Zweifeln — — 177— erfüllte,„zu dem ſich nie der Schritt eines andern Hausbewohners lenkt, als der meinige. Dort will ich Euch hinführen und verbergen. Es iſt zwar nur ein Dachkämmerlein und kein Prunkzimmer, wie Ihr hier zu bewohnen gedachtet, aber ich gebe es, ſo gut ich kann, und Ihr müßt bedenken, daß der alte Daniel nur ein Bedienter iſt und ſeinen Gäſten keine Patricierherrlichkeit bieten kann. Aber Alles muß geheim und in der Stille abgemacht werden. Niemand darf ahnen, daß Ihr noch hier ſeyd, waͤhrend Daniel für Euch ſorgt und Euch eine Freiſtätte gibt. Ihr müßt auch eben ſo ſtill und geheim Eure Reiſe antreten, wenn Ihr geſehn habt, was Ihr durchaus ſehen wollt. Haltet Euch heute Abend, wenn es dunkel wird, bereit. Dann will ich Euch hinauf, ſtatt hinaus führen, wie der hochgeborene Herr Senator es meint.“ Er ging und überließ Antonien ihrem Grame, dem ſie ſich ganz hingab. Sie machte ſich Vor⸗ würfe, dem Gebote des ſterbenden Vaters nicht Folge geleiſtet, ſie klagte ſich an, vielleicht ſelbſt auf irgend eine Weiſe Florentins Kälte veranlaßt zu haben, ſie bemühete ſich, den Geliebten zu ent⸗ ſchuldigen, und vermochte es nicht, und verſank, weil ſie es nicht konnte, in eine immer tiefere Trauer. Die Zukunft, in welche ſie ſah, war von engen II. 12 — 178— Grenzen beſchränkt, ſie ging nicht weiter bis zu Florentins Rückkehr, bis zur völligen Entſchei⸗ dung ihres Unglücks. Was dann weiter erfolgen werde und müſſe, was mit ihr geſchehen, wohin ſie ſich wenden ſolle, das war ihr gleichgültig, das mochte der Zufall oder ein fremder, äußerer Zwang beſtimmen. An Heinrich dachte ſie mit Schrek⸗ ken. Um keinen Preis hätte ſie ihn je wieder ſehen, ſich ihm nähern oder eine Annäherung von ſeiner Seite erfahren mögen. Was ſollte ſie ſagen, wenn er vor ſie trat wie ein wohlmeinender Schutz⸗ geiſt, der ſie früher umſonſt gewarnt? Was konnte ſie auf ſeine wiederholten Bewerbungen antworten, da ſie fühlte, daß ſie Florentin allein liebe vnd ewig allein lieben werde? Der Tag verging unter bangen, jammervollen Kämpfen. Abends, als es dunkel geworden, kam Daniel, wie er es verſprochen hatte. Er trug eine Blendlaterne und forderte das Mädchen auf, ihm mit leiſen Schritten zu folgen. Er führte ſie durch weite, entlegene Gänge, eine ſchmale Wen⸗ deltreppe hinauf, die bis unter das Dach des Hau⸗ ſes ſtieg. Nachdem ſie hier noch einige düſtere Winkel durchkrochen hatten, ſchloß Daniel eine ſtarke eichene Thüre auf, die über einen langen Gang zu zwei neben einander befindlichen Dach⸗ 4⁴ — 179— kammern führte. In der einen derſelben vernahm Antonie ein ſeltſames Geräuſch, ein dumpfes Sprechen, das bald wie Gebet, bald wie Verwün⸗ ſchung und Drohung klang. „Ihr habt da eine Nachbarin,“ ſagte Daniel, indem er die Thüre der andern Kammer öffnete, „die manchmal unruhig wird, beſonders in der Nacht, und an die Ihr Euch gewöhnen müßt. Es iſt eine arme, verrückte Perſon, die der hochgeborene Herr Senator aus Großmuth hier im Hauſe unter⸗ hält, die keinem Kinde ein Leid thut, aber doch manchmal Zeug ſchwatzt, das nicht für Jedermanns Ohren taugt. Hier iſt Euer Kämmerlein, hier Speiſe und Trank, ſo gut ich's geben kann. Vor morgen Abend ſeht Ihr mich nicht wieder, und Licht darf ich Euch nicht laſſen, das würde uns verrathen! Gehabt Euch wohl bis dahin.“ Als Dantel ſich entfernte, hörte Antonie, daß er die Thüre von Außen verſchloß und verrie⸗ gelte. Von dem Gemache der Verrückten ſchien das ihrige nur durch eine Bretterwand geſchieden. Sie vernahm ihre Seufzer, ihr gebetartiges Mur⸗ meln, und wurde oft durch einen lauten, ſchneiden⸗ den Schrei erſchreckt, der ihr, je mehr ſie ihn hörte, wie der Name Leodo gar klang. In der Finſter⸗ niß, die ſie umgab, tappte ſie vorwärts und ſuchte 12* — 180— nach der elenden Lagerſtatt, die ſie früͤher bei dem matten Schimmer von Daniels Laterne bemerkt hatte. Das halblaute, dumpfe Sprechen, das Schreien der Unglücklichen im Nebengemache, das oft in ein entſetzliches, jammervolles Weinen über⸗ ging, verwirrte ſie ſo ſehr, daß ſie nicht klar an ihr eigenes Unglück denken konnte, und dieſes nur wie eine ſchwere, ahnungsvolle Laſt auf ihrer Seele lag. Sie ſaß ſtill, unbeweglich auf ihrem Lager und ſtarrte in die Finſterniß. So kam Mitternacht heran. Jetzt fielen einige Strahlen des Mondes durch ein hoch über Antoniens Haupt befind⸗ liches Fenſter in die Kammer. Selbſt in dem Ge⸗ fühle ihres tiefen Elendes begrüßte ſie dieſes Licht wie einen alten Freund. Nun wurde auch ihre Nachbarin ruhiger, ſie ſchrie, ſie weinte nicht mehr, ſie ſprach nur immer ſehr raſch und lebendig, aber durchaus unverſtändlich für ſich hin, bis der Mor⸗ gen herankam und ſie nun endlich in Schlaf zu fallen ſchien. Antonie bonnte nicht ſchlafen. Jetzt, da es ſtill um ſie war, ſtiegen die mahnenden Bilder der Vergangenheit vor ihrer Seele auf. Aus dem Hintergrunde ihrer Kindheit trat die Mutter zu ihr und ſagte mit wehmüthiger Stimme: wie konnteſt du Denjenigen dein Glück anvertrauen, die gefühl⸗ — 181— los die Tochter und Schweſter im Elende zuruͤck⸗ geſtoßen? Sie ſah wieder die blinde Matrone im glänzenden Geſellſchaftskreiſe, und mußte ſelbſt ſich fragen: erkannteſt du nicht gleich, daß dieſes ſtarre, kalte Weſen keiner liebevollen Regung fähig ſey? warum vergaßeſt du der Warnung, die in dieſem erſten Augenblicke lag? Der Vater ſchritt finſter und ſchweigend an ihr vorüber, aber ſeine Blicke ruheten durchbohrend auf ihr und ſprachen ſchärfer und quälender ſeine Vorwürfe aus, als es Worte zu thun vermochten. Dann ſah ſie auch Floren⸗ tin wieder, wie er anmuthig und freundlich ihr den Blumenſtrauß dargebracht, dann ſah ſie ihn in der Rotunde, wo ſeine Blicke ſie geſucht und gefunden, dann, als er ſie bei dem Übelbefinden des Vaters unterſtützt, und weiter als freundlichen Beſucher, als zärtlichen Freund und endlich als liebevollen Verlobten! Und dieſes Glück, dieſe beſe⸗ ligende Herrlichkeit ſollte nun verſchwunden, verlo⸗ ren und todt ſeyn? Die Schwüre, die er ihr unauf⸗ gefordert geleiſtet, die Betheuerungen, die er von ihr verlangt und empfangen, waren mit dem Au⸗ genblicke verrauſcht, der ſie geboren?„Nein, nein!“ rief es tröſtend in Antoniens Seele,„er wird wiederkehren, er kann mich nicht untergehen laſſen in Verzweiflung.“ — 182— In dieſem quälenden Wechſel der Empfindun⸗ gen, in der unſichtbaren Geſellſchaft der beklagens⸗ werthen Nachbarin, die fortfuhr, ſich beſonders Nachts bemerklich zu machen, vergingen Tage und Wochen. Immer gegen Abend erſchien Daniel und brachte die gewöhnlichen Lebensmittel, und An⸗ tonie hörte, daß er ſich dann auch zu der Ge⸗ müthskranken begab, deren Unglück ihn nicht ab⸗ halten konnte, ſie auf eine rohe Weiſe zu necken. Wenn Antonie ihn um Nachricht von Floren⸗ tin bat, ſo lachte er ihr höhniſch in's Geſicht und ſagte: „Geduldet Euch nur, Ihr zärtliches Täubchen! Ich denke immer, Ihr ſeht ihn nur zu frühe wie⸗ der, und die Geſellſchaft, in der er dann erſcheint, behagt Euch nicht.“ Mitternacht war ſchon vorüber, als ſie einsmals ein lautes Geräuſch über ſich vernahm. Die Nacht war hell, und ſie ſah eine dunkle Geſtalt, die ſich mit dem Oberleibe durch das Dachfenſter hereinbog und nach ihr blickte. Sie erſchrak, ſie fürchtete für das ſeltſame Weſen, das zu dieſer Stunde ſeinen Aufenthalt an einer ſo gefährlichen Stelle nahm. Auf ihr lag in dieſem Augenblicke das volle Licht des Mondes und jeder Zug ihres Angeſichtes war zu erkennen. — 183— „Alſo hier haben ſie dich eingeſperrt, die hoch⸗ edlen Patricierleute,“ ſprach eine widrige Stimme, in der ſie diejenige der Wirthin aus dem ſchwarzen Kopfe erkannte,„hier neben meinem Töchterchen, der ſchönen Marie, die der hochgeborene Leodo⸗ gar toll gemacht? Iſt es auch ſchon ſo weit ge⸗ kommen mit dir, hat der Sohn die Wege gefunden, die der Vater betreten, und hat die blinde Sünde⸗ rin mit böſem Rathe zur böſen That geholfen?“ „Stört meinen Frieden nicht!“ erwiederte An⸗ tonie, der die aufdringliche Vertraulichkeit der Frau läſtig war.„Ich bin mit meinem freien Willen hier, ich kann dieſen Ort verlaſſen, wann ich will.“. „Mit deinem freien Willen!“ verſetzte jene in einem herben Tone.„Du ſitzeſt mit eben ſo freiem Willen im engen Kämmerlein, wie die Lorenzin auf dem Dache. Die treibt's zu der armen Toch⸗ ter hin, und dich hält es hier, weil du von dem ſchönen Junker nicht laſſen kannſt, der ſich doch kein Gewiſſen draus macht, von dir zu laſſen. Der Daniel ſſt nicht ſo klug, wie er ausſieht, und man kann wohl manches bedeutungsvolle Wort von ihm herausbringen, wenn man es geſcheidt anfängt. Laß dir rathen zum Guten, laß dir helfen, armes Kind, von der Lorenzin, die es beſſer mit dir — 184— meint, wie deine vornehmen Verwandten! Von die⸗ ſem Fenſter aus kommt man leicht über das flache Dach zu den Fenſtern des Kirchendaches. Der Küſter iſt mein guter Freund, er leiht mir eine Leiter, die dich heraufbringt, und dann ſteigen wir durch die Kirche hinab, und ich führe dir bald deinen guten Freund aus dem Thüringerlande zu, der dich mit Freuden aufnehmen, wiederſehn und in die Heimath geleiten wird, wo Ihr dann mit einander noch glücklich werden könnt. Beſinne dich nicht lange, Kind, nimm meinen Rath an und be⸗ folge ihn gleich, denn morgen kommt ein ſchwerer Tag über dich, der Verzweiflung und Wahnſinn mit ſich bringen kann!“ „Ich weiche nicht von hier, ich ſehe den Hein⸗ rich nie wieder!“ ſagte entſchloſſen das Mädchen. „Sagt ihm, daß ich ihm gut bin, wie einem Bru⸗ der, daß er leicht mein beſter Freund auf der Welt ſeyn kann, daß ich aber nur einen Gedanken, ein Trachten habe, ſo lange ich lebe, und daß dieſes ihm fremd iſt.“ „Thörin!“ rief unwillig die Alte.„Du ver⸗ ſchmähſt die Hand, die dich vom Abgrunde zurück⸗ reißen will. Der Heinrich brütet nichts Gutes und dein Elend geht ihm tief zu Herzen. Ich laſſe dir Bedenkzeit. Morgen iſt der Hochzeittag des — 185— Junkers mit dem reichen Fräulein aus Antwerpen. Er iſt zurückgekommen mit ihr in Pracht und Herrlichkeit. Bedenke dich, bedenke deine Zukunft!“ Sie verſchwand vom Fenſter. Während ſie an dem des Nebengemaches mit ihrer Tochter redete, klang die Kunde, die ihr die Alte gegeben, wie von einem lähmenden, entſetzensvollen Donnertone wie⸗ derholt, immerfort in Antoniens Seele. Sie hörte nur ſie immer, ſie konnte nicht weinen, ſie konnte nichts anders denken, nicht einmal, daß ihr Unglück mit dieſer Nachricht ausgeſprochen ſey, daß nun die letzte Hoffnung in Nacht verſinke. Als die Alte wieder vor dem Fenſter erſchien und noch einmal mahnte und fragte, rief ſie ihr ein ſo be⸗ ſtimmtes und entſchloſſenes Nein! zu, daß jene von allen weitern Bemühungen abließ und, eine Unglücksprophezeihung vor ſich hin murmelnd, ſich zurückzog. Der Morgen kam und fand Antonien in demſelben Zuſtande der Betäubung. Raſche Schritte, die von dem Gange her erklangen, der zu den bei⸗ den Kammern führte, erweckten und belebten ſie, aber in einem nur geringen Grade. Sie ſah ſtarr und träumeriſch nach der Thüre. Da trat Daniel, in die Staatslivrei des Hauſes gekleidet, herein und ſagte eilig: — 186— „In einer Stunde ſoll Euer Wunſch erfüllt werden. Dann ſollt Ihr den Junker ſehn und Euch überzeugen, daß es rein aus iſt zwiſchen ihm und Euch und nie wieder Etwas werden kann mit Euch Beiden. Ich laſſe Eure Thüre offen, in dem Gange findet Ihr ein Fenſter, aus dem Ihr auf die Straße ſehen könnt: da mögt Ihr Euch ſatt ſehen und Euren Willen haben, wie Ihr ihn ver⸗ langt! Dann iſt aber auch Alles geſchehen, was ich verſprochen, und heute Abend heißt es: Marſch aus dem Hauſe! und ich laſſe Euch durch die Hinterthüre hinaus, wo Euch Niemand bemerkt.“ Er ging eben ſo raſch, wie er gekommen war. Die Kammerthüre verſchloß er nicht, aber die äußere des Ganges. Mechaniſch ſtand Antonie auf, kramte unter ihren Kleidern und legte das an, welches ſie an jenem Morgen getragen, als ihr Florentin den Blumenſtrauß gegeben. Dann ſuchte ſie dieſen ſelbſt, den ſie wohl aufgehoben hatte, hervor und betrachtete ihn lange mit nichts⸗ ſagenden, bedeutungsloſen Blicken. Er war welk, ſie ſteckte ihn aber doch an ihre Bruſt. Sie weinte nicht mehr, ſie war nur ſehr bleich und in ihren Augen lag etwas Trübes, Mattes, als ſey ſie unendlich müde und ſehne ſich nach Ruhe. So ſaß ſie unbeweglich auf ihrem Lager und horchte in —— — — 187— großer Spannung auf die Glockenſchläge der nahen Thurmuhr, die ihr bald die Stunde einer ſchreck⸗ li en Überzeugung und Entſcheidung anzeigen ſollten. Auf dem Platze vor dem Hauſe des Senators Traxel wogte die Volksmenge hin und her. Man erwartete das Brautpaar äaus der Kirche zurück; Alles war begierig, den Staat der reichen und ſchönen Braut, die heute zum letzten Male den Namen van⸗der Halden trug, zu bewundern. Viele ſahen auch mit Neugierde dem Bräutigam entgegen, der ſchon ſo manchem edeln Mädchen ſeiner Vaterſtadt ſich zärtlich genähert, es getäuſcht hatte und doch nun endlich in Hymens Netz ein⸗ gegangen war. An dem Thorwege des Traxel⸗ ſchen Hauſes, der mit Blumenkränzen geſchmückt war und durch den man auf den mit Teppichen und Seidenſtoffen belegten und behängten Vorplatz ſah, ſtanden viele Bedienten in Gallakleidung, um die Herrſchaft zu erwarten und Jedem, der nicht in das Haus gehörte, den Eingang zu verwehren. Nur Einer aus dem drängenden Volkshaufen bemerkte im höchſten Giebelfenſter des Gebäudes eine weiße weibliche Geſtalt, die unbeweglich die Straße hinabſtarrte, welche der Hochzeitszug kom⸗ 8 — 188— men mußte. Dieſer eine war Heinrich, der junge Thüringer. Er ſah mit verſtörten Blicken hinauf, er winkte, wenn er ſich unbemerkt glauöte, nach der weißen Geſtalt, aber ſie nahm ihn nicht wahr, ſie ſchien nur Aufmerkſamkeit für die Er⸗ warteten zu beſitzen. Mit dem jungen Manne war eine große Veränderung vorgegangen. Sein volles, friſches Angeſicht hatte in kurzer Zeit ſehr gealtert, die Ruhe ſeines Weſens war verſchwunden, er ging haſtig hin und her, und ſeine Rechte wühlte unter dem Aufſchlage ſeines Kleides, wo ſie irgend einen Gegenſtand bald krampfhaft zu faſſen, bald tief in die Bruſttaſche hinabzuſchieben ſchien. In der Nähe des Einganges hatte die Wirthin aus dem ſchwarzen Kopfe einen Theil der Anweſen⸗ den um ſich verſammelt. Sie ſtand hier in ihrem gewöhnlichen, keineswegs dem Auge erfreulichen Hausanzuge, fuhr in lebendigen Bewegungen mit den Händen in der Luft umher und erzählte von der Hochzeit des„hochgeborenen Herrn Senators,“ die vor ſiebenundzwanzig Jahren, um die nämliche Jahreszeit gefeiert worden, und bei der es ſo luſtig hergegangen ſey, daß Einem und dem Andern, welche allzugroßen Theil daran genommen, die Luſt für ihr Lebelang zu Kopf geſtiegen ſey. Die unruhigen Erwartungen der Verſammelten — 189— wurden endlich befriedigt. Man ſah langſam erſt die goldglänzende Staatscaroſſe, welche den Sena⸗ tor und ſeine Mutter brachte, dann die mit dem jungen Paare, und, dieſer folgend, die andern mit den Brautjungfern und Copulationszeugen ſich nä⸗ hern. Die Leute wichen ehrerbietig zu beiden Sei⸗ ten aus, aber nahe am Hauſe harrte doch noch immer ein dichter Haufen, in deſſen erſte Reihen ſich Heinrich, in deſſen düſterm Angeſichte ein drohender Ausdruck lag, und die Wirthin des ſchwarzen Kopfes vordrängten. Die Blinde und ihr Sohn ſtiegen zuerſt aus. Sie traten unter das Portal des Hauſes und ſtanden hier, umgeben von der Schaar der Diener, das Brautpaar erwartend und es gleichſam willkommen heißend. Die Glok⸗ ken läuteten von der Kirche, in der Florentin und Aurora getraut worden waren; es war daſ⸗ ſelbe Läuten, das auch ſchon vielen Tauſenden zu Grabe geläutet hatte. Auf dem ſonſt kalten und ſtarren Angeſichte der blinden Matrone ſchwebte ein zufriedenes Lächeln, mit einer frohen, ſiegreichen Miene flüſterte ſie dem Sohne einige Worte zu. Da hielt die Caroſſe des jungen Paares. Freude⸗ ſtrahlend ſprang Florentin heraus und half dann der ſchönen Braut, die mit Diamanten bedeckt war, zur Erde. — 190— In dieſem Augenblicke ertönte ein furchtbarer Schrei des Entſetzens aus der vordern Reihe der Umſtehenden. Faſt zugleich flog mit Blitzesſchnelle ein verdunkelnder Gegenſtand vor Florentins Augen vorüber und, nach einem ſchweren Falle, ſah er zerſchmettert, blutig und todt das Mädchen, das er grauſam betrogen hatte, zu ſeinen Füßen liegen. Ob ſie der Schwindel, ob ſie die Gewalt des Augenblickes herabgeriſſen, wer konnte das ſagen? „Antonie!“ rief er zurückſchaudernd und hielt ſich an dem Schlag der Kutſche. Es war ſein letztes Wort. Wie ein entflamm⸗ ter Tiger ſtürzte ſich Heinrich auf ihn, ein Meſ⸗ ſer blitzte in der Hand des Jünglings, tödtlich ge⸗ troffen fiel Florentin, ohne noch einen Laut von ſich zu geben, vor der erſtarrenden Braut auf und neben die blutige Leiche Antoniens nieder. „Mord! Ergreift den Mörder!“ tönte es rings⸗ um, und viele geſchäftige Hände packten den jungen Thüringer, der ſich ihnen widerſtandslos überließ. „Was geht vor? Was iſt geſchehen?“ rief mit ſtarker Stimme die Blinde und ſchritt vor. Da ſtieß ihr Fuß an die blutigen Leichen, ſie bückte ſich und griff nach ihnen, ſchaudernd zog ſie die Hand zurück. — — 191— „Es iſt das Blut deiner Enkel, das dir an den Händen klebt!“ ſchrie ihr die Lorenzin, die ſich herangedrängt hatte, in's Ohr.„Claudia's Toch⸗ ter und Leodogars Sohn hat der Tod copulirt. Du haſt ſie ihm in die Knochenhand verkauft, du ſelbſt haſt all' dein Wünſchen und Hoffen gerichtet, das ſtolze Patriciergeſchlecht ſtirbt nun aus und fremde Leute werden nach dir in dem glänzenden Hauſe wohnen!“ Dieſe Prophezeihung traf ein. In dem Hauſe, wo bisher ein glänzendes Feſt dem andern gefolgt war, wurde es nun ſtill und einſam. Sämmtliche Diener, bis auf Daniel, waren verabſchiedet wor⸗ den, die Thüre des Hauſes wurde den ganzen Tag über verſchloſſen gehalten, und Abends verrieth nur ein düſterer Schein aus einem Fenſter des erſten Stockes, daß noch menſchliche Bewohner darin hauſ'ten. Weder der Senator, noch die Blinde hatten der Vollziehung der Strafe, die das Geſetz über Heinrich verhängte, beigewohnt. Dieſer erlitt den Tod mit Ruhe und Standhaftigkeit. Nux die Wirthin des ſchwarzen Kopfes, die noch Nie⸗ mand Thränen vergießen geſehen hatte, weinte öf⸗ fentlich bei dieſer Gelegenheit; alle übrigen Anwe⸗ — 192— ſenden verdammten den Jüngling als einen ge⸗ meinen Mörder. Jahre waren vergangen. Der Senator hatte ſeine Stelle niedergelegt, und nur ſelten wurde unter den frühern Freunden des Hauſes derjenigen gedacht, die ſich gern ſelbſt in eine gänzliche Ver⸗ geſſenheit bringen zu wollen ſchienen. Da bewegte ſich eines Abends ein düſterer Fackelzug, in deſſen Mitte man einen Sarg unterſchied, aus dem Innern des Hauſes. Jetzt erſt erfuhr man, daß der Sena⸗ tor geſtorben ſey. Er hatte der Wirthin im ſchwar⸗ zen Kopfe ein bedeutendes Legat ausgeſetzt, mit der geheimen Klauſel, daß ſie von nun an die Pflege der geiſteskranken Marie übernehme. Ihm folgte bald der greiſe Diener Daniel in die Gruft. Die Blinde blieb allein zurück. Sie hatte ihr Geſchlecht begraben, den Glanz ihres Hauſes, Alles, woran ihr Herz auf Erden hing, weshalb ſie das Recht, weshalb ſie jedes menſchliche Gefühl verleugnet hatte. Niemand gedachte ihrer noch als einer Le⸗ benden, als ſie endlich in eine kurze Krankheit ver⸗ fiel, an der ſie nach wenigen Tagen, in einem beinahe hundertjährigen Alter ſtarb. — 2* — Das Oprer der Ehre. 13 II. Erwach'! Erwach'! Sieh', Liebender, ich bringe Dir frohe Kunde, welche ſüßen Frieden Auch wiedergiebt; jetzt lach' und ſpiel' und ſinge, Denn Heilung iſt vom Himmel dir beſchieden. 1 Jacob I. v. Schottland. — * Es war in der ſtürmiſchen Zeit des ſiebenjähri⸗ gen Krieges, daß eines der Schlöſſer des Barons Sternberg, eines ältlichen, aber noch ſehr rüſti⸗ gen und kräftigen Mannes, der früher in der öſter⸗ reichiſchen Armee gedient hatte, durch ſeine Lage bald zu einem Grenzpunkte zwiſchen den Heeren Friedrichs des Zweiten und Mariens Thereſiens ge⸗ macht wurde, bald unter die Oberherrſchaft einer der beiden Partheien, derjenigen, deren Schritte der Sieg leitete, oder derjenigen, die gerade hier eine günſtige, feſte Stellung fand, gerieth. Die Freunde und Verwandte des Barons hatten ihm ſchon oft ihre Verwunderung geäußert, daß er in dieſen Ta⸗ gen der Unruhe lieber an einem Orte weile, wo er allen Bedrängniſſen, die der Krieg mit ſich brachte, ausgeſetzt ſey, als auf einem ſeiner entlegenen Gü⸗ ter oder in der volkreichen Hauptſtadt der Pro⸗ vinz; er hatte aber dann immer die Sache mit Leichtigkeit behandelt, ſich auf ſeine Vorliebe gerade für dieſes Beſitzthum berufen und gemeint, ein al⸗ ter kriegserfahrener Soldat wiſſe ſich ſelbſt in die 13 ⸗ — 196— ſchwierigen Fälle zu finden, die aus den obwalten⸗ den Zeitverhältniſſen entſtehen könnten. Mit ihm theilten ſeine Frau und ſeine Tochter die Unannehmlichkeiten dieſes Aufenthaltes; jene mit einer Gleichgültigkeit und Gemüthsruhe, die mehr aus Mangel an richtiger Erkenntniß entſpran⸗ gen, als aus einer gewiſſen Stärke des Charakters; dieſe mit einem Ernſte und einer Würde, welche nur einer in ſich abgeſchloſſenen, mit den Erſchei⸗ nungen des äußern und innern Lebens klar vertrau⸗ ten Seele eigen ſeyn können. Hedwig war das einzige Kind des Barons aus einer frühern Ehe. Nach dem Tode ihrer Mutter, die ihr ſchon geraubt wurde, ehe ſie das ſechste Jahr erreicht hatte, kam ſie in ein Fräuleinſtift der Hauptſtadt, wo ſie eine vortreffliche Erziehung erhielt, aber auch jene ſtren⸗ gen und ſtolzen Begriffe über den Werth ihrer Geburt und ihres Standes in ſich aufnahm, die ein edles Gemüth die Aufrechthaltung der Ehre und Tugend für das höchſte Gut anerkennen laſſen, ein unedles aber nur zu oft zu Hochmuth, Anmaßung und ungegründeter Verachtung andrer verleiten. Glücklicherweiſe fiel hier die ausgeſtreuete Saat auf einen guten Boden. Hedwig ſah nicht mit dem Stolze, der ihr eingeflößt worden, auf andere her⸗ ab, ſondern mehr in ſich hinein, wo ſie jeden An⸗ 8 — „— —. — 197— hauch, der ſich hier zu einem Flecken bilden wollte, bemerkte, und mit kräftiger Selbſtbeherrſchung hin⸗ wegſchaffte, ſie ſuchte in der Ausbildung ihres Gei⸗ ſtes und ihres Herzens ſich der Idee der Würde zu nähern, die ihr, wie ſie glaubte, ihre Stellung in der Welt einräumte. Ein ſolches Ehrgefühl verlangte ſie auch von jedem, dem das Loos einer adelichen Geburt gefallen. In unſerer Zeit würde man eine Abſonderung dieſer Art ſchon für eine Anmaßung halten, damals, wo noch eine feſte, un⸗ beſtrittene Schranke zwiſchen Adel und Bürgerthum ſtand, ſchien ſie es nicht. Hedwig hatte das ſiebenzehnte Jahr erreicht, als ſie in das Vaterhaus zurückkehrte. Jetzt erſt lernte ſie die Stiefmutter kennen, mit der ſich in⸗ deſſen der Baron Sternberg ſchon ſeit mehrern Jahren vermält hatte. In dieſer neuen Wahl hatte ihn nicht wie früher die Neigung des Herzens, ſon⸗ dern die Berechnung des Verſtandes, welche Glücks⸗ umſtände und andere günſtige, äußere Verhältniſſe berückſichtigt, geleitee. Des Barons zweite Gemalin war, als er ſich mit ihr verband, weder jung, noch ſchön. Einer äußerſt vernachläßigten Erziehung hielt ein ſehr gutes Herz und ein unerſchütterlicher Gleichmuth, ein ruhiges ſich Fügen in jeden Wech⸗ ſel des Lebens, die Wagſchale. Der Baron ver⸗ * — 198— langte nichts mehr. Er war viel beſchäftigt in ſeinem Kabinet, er beſuchte Abends meiſt die be⸗ nachbarten Landgutsbeſitzer und froͤhnte hier einer Leidenſchaft, die eine unbegrenzte Herrſchaft über ihn übte: dem Spiele. Hedwigs Scharfblick hatte bald die Verhältniſſe im Vaterhauſe durch⸗ ſchaut. Sie wußte ſich in eine freundliche Stel⸗ lung zu der Stiefmutter zu bringen, während ſie dem Vater, bei aller kindlichen Ehrfurcht eine ge⸗ wiſſe Zurückgezogenheit zeigte. Sie hielt die Freunde des Vaters, die er oft zu Spielgelagen einladete, und welche ſich gern der reizend erblüheten Jung⸗ frau nähern mochten, in einer Entfernung, die ihnen bald als ihr natürliches Verhältniß zu Hed⸗ wig erſchien. Sie fand keinen unter ihnen, deſ⸗ ſen Betragen ihr ſeiner Geburt, ſeines Standes würdig erſchien. Da kam der Krieg und vertrieb die Nachbarn aus ihren Beſitzungen. Baron Sternberg, der in der letzten Zeit eine ſehr lebhafte Correſpondenz geführt hatte, blieb ruhig auf ſeinem Gute. Das Hauptquartier der kaiſerlichen Armee kam in deſ⸗ ſen Nähe. Er bewirthete die Stabsoffiziere mit ausgezeichneter Gaſtfreundſchaft, ſeine Feſte waren glänzend, die Art und Weiſe, wie die reizende Toch⸗ ter die Wirthin machte, wirkte wohlthuend auf Alle —— — — —— — —— — 199— und ließ Viele die anſehnlichen Verluſte vergeſſen, die ſie an der Bank des Vaters, welche dieſer ge⸗ wöhnlich Nachts, nachdem die Damen ſich zurück⸗ gezogen hatten, auflegte, erlitten. Baron Stern⸗ berg galt für einen angenehmen Lebemann von unbeſchränkter Gaſtfreiheit, dem man es nicht Dank genug wiſſen könne, durch ſein beharrliches Aus⸗ halten auf dem gefährdeten Gute den Kriegern, die ſelten ſich des Genuſſes einer höhern Geſellig⸗ keit erfreuen durften, dieſen gewährt zu haben. Als ſpäter die Oſterreicher ſich zurückziehn mußten und die Preußen vordrangen, verfuhr er auf eine gleiche Weiſe gegen dieſe und erhielt von ihnen das gleiche Lob, wie von jenen. Nur war es der Tochter auffallend, daß er oft mit einigen Offtzie⸗ ren höheren Ranges ſich in ſein Kabinet verſchloß und Stundenlang mit ihnen darin verweilte. Er ſchien ſehr vergnügt, er zeigte eine Heiterkeit, wie ſie ihm in ruhigern Zeiten nicht eigen geweſen war. Daß in dem Wechſel der kriegeriſchen Ereigniſſe der Baron dieſelbe Aufmerkſamkeit, dieſelbe Gaſt⸗ freundſchaft einer Parthei erwies, wie der andern, konnte ſeiner Tochter nicht auffallen. Das Gut lag auf der ſtrittigen Grenze, es war in den gegen⸗ wärtigen Augenblicken zweifelhaft, wer der eigent⸗ liche Landesherr ſey, wenn auch bis zum Ausbruche — 200— der Feindſeligkeiten Hſterreich ſeine Anſprüche aufrecht zu halten gewußt hatte; es ſchien mit einer ruhigen, unpartheiiſchen Anſicht der Sache, mit einer redlichen Weltklugheit ganz verträglich, daß es der Eigenthümer mit keiner der beiden Streit⸗ mächte verderben mochte. Hedwig ſah dieſes ein, obgleich ſich ihr Herz der Sache der Monarchie zu⸗ neigte, unter deren Szepter ſie geboren war. Als nun aber die Heere einander ernſter gegenüberſtan⸗ den, als ſie ſich feſter auf den eingenommenen Standpunkten hielten und es nun ſtiller ward auf dem Schloſſe ihres Vaters, da fand ſie Gelegenheit an dieſem eine ſeltſame Zerſtreutheit, eine unge⸗ wöhnliche Unruhe zu bemerken und von ſeiner und einer fremden, geheimnißvollen Seite ein wunder⸗ liches Treiben, das ſie Anfangs nicht zu deuten vermochte. Ihr Vater hatte die Gewohnheit, ſich, wenn keine Gäſte im Hauſe waren, ſehr früh zur Ruhe zu begeben. Dem Fenſter ſeines Schlafge⸗ machs befanden ſich die des ihrigen gerade gegen⸗ über; nur ein ſchmaler Raum, ein Einſchnitt des großen Gartens, der ſich in den benachbarten Wald verlief, trennte ſie. Hedwig machte bald die Ent⸗ deckung, daß der Baron um Mitternacht wieder aufſtand, Licht anzündete und dann mit unbekann⸗ ten Männern, die er ſelbſt durch eine in den Gar⸗ — 201— ten führende Hinterpforte einließ, geheimnißvolle Unterredungen hatte, die oft bis gegen den Mor⸗ gen dauerten. Die Fremden entfernten ſich dann eilig auf demſelben Wege, den ſie gekommen waren. Ein Zufall machte Hedwig mit den Geheimniſſen bekannt, die hier walteten, die ihr Ehrgefühl auf das Höchſte empören mußten. Eines Morgens fand ſie auf einem Spaziergange durch den Gar⸗ ten einen Zettel von der Hand ihres Vaters, mit einer genauen Angabe der öſterreichiſchen Streit⸗ kräfte, ihrer gegenwärtigen Stellung und der Punkte, auf denen ein Angriff am Sicherſten gelingen könne. Sie konnte nicht zweifeln: einer der nächtlichen Beſucher hatte dieſes Papier unvorſichtiger Weiſe verloren. Sie fühlte ſich in dem Augenblicke, wo ſie dieſe entſetzliche Entdeckung machte, in den hei⸗ ligſten Tiefen ihrer Gefühle verletzt, ihre Seele war niedergebeugt, ihr Muth zu Boden gedrückt. Sie mußte erkennen, daß ihr Vater ſich, wahrſcheinlich um irgend eines großen Gewinnes willen, 1n Verräther ſeines Vaterlandes hergebe, daß er den alten Ehrennamen des Geſchlechtes mit unauslöſch⸗ lichem Schimpf beflecke. Eine Zeitlang blieb ſie 95 unentſchloſſen, was ſie thun ſolle. Dann war ſie gefaßt, dann ſtieg ſie ruhig hinauf in das Zimmer ihres Vaters. Sie hatte eine lange Unterredung 8 * — 202— mit ihm, aber die Frucht dieſer Unterredung ſchien eine bittere, keine erquickende, ſtärkende zu ſeyn. Als ſie von ihm in das gewöhnliche Frühſtückszim⸗ mer zurückkehrte, fand ſie die Stiefmutter ſchon ge⸗ genwärtig. So ſehr dieſe ſonſt ſich nur in den Schranken ihres häuslichen Wirkungskreiſes hielt und wenig auf das achtete, was um ſie vorging, ſo bemerkte ſie doch heute, daß Hedwig unge⸗ wöhnlich blaß ſey, Alles mit einer ſeltſamen Haſt that und gegen den Vater, als dieſer erſchien, ſich noch zurückhaltender und ernſter betrug, als früher. Üüberhaupt fing jetzt das Verhältniß zwiſchen Toch⸗ ter und Vater an, einen beſondern Charakter zu ge⸗ winnen. Hedwig ſprach nicht anders zu dem Baron, als wenn er eine Frage an ſie richtete und dann immer ſo kurz und entſchieden wie möglich. Der Vater ſchien ſich nicht hierüber beleidigt zu finden, ſondern vermehrte ſogar ſeine Aufmerkſam⸗ keit gegen Hedwig. Er beſchenkte ſie oft, er brachte ihr manches neue Putzſtück; man ſah je⸗ doch nie, daß ſie ſich mit einer dieſer Gaben ſchmückte. Oft lagen die Blicke des Barons nachſinnend auf lihr und ein Wölkchen ſammelte ſich dann auf ſei⸗ ner Stirn, das erſt ſpät, wenn andere Dinge ihn zerſtreut hatten, ſich wieder verzog. Schon öfter waren indeſſen beym Beginne des 2 — 203— Herbſtes, mit eintretendem Abende, einzelne preußiſche Offiziere im Schloſſe eingetroffen, hatten die Nacht hier zugebracht und ſich vor Anbruch des Morgens wieder entfernt. Hedwig war bald überzeugt, daß ſie Nachts geheime Unterhandlungen mit dem Vater gepflogen hatten. Sie behandelte ſie mit einer Kälte, die an Verachtung grenzte, mit einem Stolze, der das Gepräge eines Ubermuthes trug, welchen ihre Gäſte auf Rechnung einer unmäßigen, von dem Bewußtſeyn ihrer Schöͤnheit erzeugten Eitelkeit ſetzten. Selbſt der beſchränkten Stiefmutter fiel dieſes ſonderbare Betragen der Tochter auf, ohne daß ſie es jedoch bei ihrer Gleichgültigkeit gegen Alles, was nicht ihr Hausweſen anging, rügte. Sie wun⸗ derte ſich nur im Stillen darüber, daß der Baron, dem jene Beſuche ſehr werth und willkommen zu ſehn ſchienen, Hedwigs Übelwollen gegen ſie mit einer Ruhe und Gelaſſenheit aufnahm, die ihm ſonſt nicht eigen waren. Die Heere rückten indeſſen einander immer nä⸗ her und eine baldige Schlacht ſchien unvermeid⸗ lich. Die Beſuche preußiſcher Offiziere wurden häu⸗ figer, aber fielen in eine ſpätere Abendzeit. Der Baron trug jetzt ängſtliche Sorge, daß dann die gewöhnliche Dienerſchaft ſchon entfernt war und nur ſein alter vertrauter Kammerdiener das Ge⸗ — 204— ſellſchaftszimmer betreten durfte. Da geſchah es an einem heitern Tage, daß, ehe noch die Sonne ganz hinter den weſtlichen Waldhügeln verſchwun⸗ den war, ein junger ſchlank gebauter Mann zu Pferde ſich raſch dem Schloſſe näherte. Er trug einen bürgerlichen Uberrock, aber den preußiſchen Militärhut und den Degen mit dem preußiſchen Portepée. Sein ganzes Außeres hatte etwas Keckes, Verwegenes und aus dem friſchen, edelge⸗ bildeten Angeſichte ſprachen Offenheit und ein fröh⸗ licher leichter Sinn. Er ſprengte gerade in den Hof des Schloſſes und ließ ſich ſogleich zu der Herrſchaft führen, die Abends gewöhnlich im Ge⸗ ſellſchaftszsimmer verſammelt war. Sein feines und zugleich unbefangenes Beneh⸗ men, vielleicht auch die Vorzüge ſeines Außern, machten auf Hedwig gleich anfangs einen höchſt günſtigen Eindruck. Er hatte ſeinen Familiennamen genannt. Er ſtammte aus einem der älteſten Ge⸗ ſchlechter Preußens. Hedwig zeigte ihm eine Ar⸗ tigkeit, deren keiner ſeiner Cameraden ſich ſeit lange hatte erfreuen dürfen. Als er aber nun freilich mit einer Leichtigkeit, die bei Jemand anders als Hedwig, die ſchon zu tief in das Treiben ihres Vaters eingeweiht war, keinen Verdacht erregt haben würde, dem Baron einen Brief mit großem Siegel einhändigte, welchen —. — .A . — 205— dieſer mit bewölkter Stirn annahm und, während ſeine Blicke von Zeit zu Zeit unruhig und ängſtlich nach dem Offizier hinſchweiften, in einer Fenſter⸗ vertiefung las, als Ottokar— ſo wollen wir den Gaſt nennen— mit ungeſtöorter Leichtigkeit die Unterhaltung der Damen feortſetzte, da glaubte Hedwig in ihm einen vollendeten Heuchler zu er⸗ kennen, da war ſie überzeugt, daß ihn der nämliche Bewegungsgrund herführe, wie die frühern Gäſte, Zund ſie ließ nun ein ſo ernſtes, ſtarres und kaltes Betragen eintreten, daß der junge Krieger über dieſen plötzlichen Wechſel höchſt betroffen ſchien und bald auch ſtiller und zurückgezogener wurde. So kam es denn ſehr natürlich, daß ein finſte⸗ rer Geiſt über der Abendtafel herrſchte, den der Baron vergebens durch eine erzwungene Heiterkeit, durch Scherze, die ſehr gewaltſam herauskamen, zu verbannen ſuchte. Ottokar ſaß wie auf Kohlen. Hedwigs Schönheit, der reine, edle Sinn, der in ihren Zügen hervortrat, die Anmuth, welches ihr ganzes Weſen athmete, waren ganz geeignet, das Herz eines feurigen jungen Mannes mit lebhaften Gefühlen der Verwunderung, wenn nicht gar der Neigung zu erfüllen. Einmal ſchien ſie von einem Geiſte ergriffen, der die Schranken ihrer ſtarren Zurückhaltung durchbrach. Sie ſprach von den Ge⸗ — 206— ſetzen der Ehre, von ihrer unbefleckt zu erhaltenden Heiligkeit, für die das Leben nur ein geringes Opfer ſey, von der hohen Pflicht, einen alten edlen Na⸗ men rein durch das Leben zu tragen und ſeinen Nachkommen zu vererben. Das Feuer, mit dem ſie ſprach, die Anſichten, die ſie entwickelte, ent⸗ zückten Ottokar. So dachte er ſelbſt, ſo hatte er immer das Verhältniß ſeiner Geburt und ſeines Standes betrachtet und er konnte ſich nicht enthal⸗ ten, in Hedwigs feurige Rede lebhaft einzuſtim⸗ men. Da traf ihn ein langer, durchbohrender Blick des Mädchens, da ruhete ihr Auge mit dem Aus⸗ drucke einer Verachtung auf ihm, der ihn verwirrte und ihn verſtummen machte. Unerklärbar dünkte ihn Hedwigs Handlungsweiſe. Nach langem Nachſinnen ſchrieb er ſie endlich einem launenhaften, einer bedeutenden Berückſichtigung nicht werthen Gemüthe zu. Der Baron war eben im Begriff, die Abendtafel aufzuheben, als ein großer Lärm im Hofe entſtand, der alte Kammerdiener des Gutsherrn hereinſtürzte und mit allen Zeichen der Angſt und des Entſetzens berichtete, das Schloß ſey von einem Commando Oſterreicher umringt, deſſen Anführer unter dem Eingange halte, in heftigen, tobenden Worten nach dem Beſitzer verlange und ihn einen Landesverräther — 207— ſchelte, der nun endlich der Strafe der Geſetze, die ihn erwarte, heimfallen werde. Der Baron erhob ſich leichenblaß und zitternd von ſeinem Sitze. Otto⸗ kar war nach ſeinem Degen geſprungen und machte ſich zur Vertheidigung gefaßt, während Hedwig todtenbleich, wie ihr Vater, aber in feſter und ru⸗ higer Haltung aufſtand und nach jenem ſcharf und eintönig hinſprach: „Das habe ich längſt voraus verkündigt, mein Vater! Wer die Ehre begraben hat, der darf den Blick nach dem Schaffot nicht ſcheuen.“ „Um Gotteswillen!“ rief händeringend der Ba⸗ ron.„Mit mir hat es noch keine Noth, ich bin noch nicht verloren, denn man kann mir noch nichts beweiſen. Aber wenn man dieſen hier findet“— er deutete auf Ottokar—„wenn er in die Hände ſeiner Feinde fällt, dann kann ihn und mich nichts retten, dann ſind wir beide verloren! Hedwig, du warſt ſtrenge gegen mich, aber ſey nun auch mild und menſchlich. Verlaß uns nicht mit Rath und That in dieſem Augenblicke! Führe den jungen Mann fort, bringe ihn die heimliche Treppe hinab in's Grabgewölbe! Dort iſt er ſicher, dort ſuchen ihn die Verfolger nicht.“ Der junge Offizier warf befremdete Blicke auf den Baron. Freilich erwartete ihn im ſchlimmſten — 208— Falle das Schickſal, Kriegsgefangener zu werden, und dieſes war allerdings hart genug, aber doch nicht ſo entſetzlich, wie die Worte des Gutsherrn es andeuteten. Da wurde es laut und lebendig auf der Treppe, man vernahm Flüche und Schimpf⸗ reden. „Fort, fort, um Gotteswillen fort!“ ſchrie der Baron mit einer heftigen Bewegung nach ſeiner Tochter und Ottokar hin, indem er ſelbſt in ſein Kabinet entſprang. Hedwig war entſchloſſen. Ottokars Jugend, eine tiefere Urſache der Theil⸗ nahme vielleicht, beſtimmten ihren Entſchluß. Wäh⸗ rend die Stiefmutter, keiner Bewegung fähig, der Sorge des alten Dieners überlaſſen blieb, ergriff Hedwig raſch die Hand des nur wenig wider⸗ ſtrebenden Jünglings und führte ihn durch einige dunkle Zimmer, in denen er ganz ihrer Leitung folgen mußte, in ein erhelltes Gemach. Ottokar wollte ſprechen, aber Hedwig gab ihm ein bedeu⸗ tungsvolles Zeichen, zu ſchweigen. Sie zündete eine Leuchte an, öffnete dann durch den Druck an einer Feder eine wohlverſteckte Tapetenthüre, durch welche ihr der junge Krieger eine ſchmale Wendel⸗ treppe hinab folgte. Unten an der Treppe befand ſich wiederum eine Thüre, die auf einen Druck von Hedwigs Hand ſogleich aufſprang, und nachdem — 209— das Mädchen ihm vorangeſchritten war, den Offizier in ein ſchwarz bekleidetes Gewölbe blicken ließ, wo die ſterblichen Uberreſte der Ahnen des Barons eine bisher noch unentweihte Ruhe gefunden hatten. Hier, wo ein ſo reicher Stoff zu ernſten Be⸗ trachtungen ſich bot, ſollte Ottokar, nach einer kalten und ernſten Mittheilung ſeiner Begleiterin, ſo lange verweilen, bis ihm angezeigt würde, daß er in vollkommener Sicherheit dieſes Aſyl verlaſſen könne. Der junge Mann beſaß einen Muth, der ſich oft ſchon in den verzweifelſten Lagen bewährt hatte. Der finſtere, ruhige Ernſt des Todes, der hier herrſchte, wehete ihn aber mit einem ungewohn⸗ ten, ſein ganzes Weſen ergreifenden Schauer an. Er empfand einen Fieberfroſt, der ſeine Glieder er⸗ beben machte. Mochte auch der Eindruck, den der Ort auf ihn hervorbrachte, den größten Theil hier⸗ an haben, ſo konnte auch der Wechſel der Luft, das plötzliche Eintreten in das feuchte, kalte Grabge⸗ wölbe in einem Zuſtande großer Erhitzung, auf die nachtheiligſte Weiſe wirken. Ein dumpfer Kopf⸗ ſchmerz betäubte ihn, allein, indem Hedwig die Leuchte auf eines der Grabmäler ſtellte, bemerkte er doch, daß ſie das reizendſte weibliche Weſen ſey, welches er je geſehen, und ein bitteres Gefühl über die Verachtung, die ſie ihm gezeigt, bemächtigte ſich II. — 210— ſeiner. Sie war eben im Begriff, die Stufen, welche zu dem heimlichen Gange führten, zu betreten, ſie ſchien ihn verlaſſen zu wollen, ohne ihn weiter eines Grußes, eines Wortes zu würdigen: da überwältigte ihn die Empfindung der unverdient erhaltenen Be⸗ leidigung, und er rief im Tone bitterer Kränkung: „Bei'm Himmel, mein Fräulein, ich weiß nicht, was Sie veranlaſſen kann, mir eine Geringſchätzung zu zeigen, die mich auf das Empfindlichſte ver⸗ wunden muß! Ich bin fremd in Ihrem Hauſe, ich trete als ein Gaſt in daſſelbe, und der Fremde, von dem Sie weder Gutes noch Böſes wiſſen, der Gaſt, der ſich vertrauungsvoll naht, muß hier die herbſte Erfahrung ſeines Lebens machen. Wahrlich, die Gefahr, in die Gewalt des Feindes zu gerathen, hat nicht das Schreckliche, Drückende für mich, wie dieſe Begegnung!“ Hedwig hatte ſich in der Thüre, welche auf⸗ wärts führte, umgewandt. Die Worte des jungen Mannes änderten nichts in der Kälte, in der Strenge ihrer Geſichtszüge, in ihrer ſtolzen Hal⸗ tung. Sie blickte finſter auf ihn hinab, ſie ſtand da wie eine Gebieterin ſeines Geſchicks, von der er den Richtſpruch zu erwarten hatte. Nach einem kurzen ſpannenden Schweigen entgegnete ſie kalt und feſt: —— — 211— „Ich habe Sie gerettet, mein Herr, aber glau⸗ ben Sie mir, kein Gefühl der Achtung, nicht der Wunſch, ein würdiges Leben zu erhalten, hat mich hierzu bewogen; nur das Mitleid, nur eine Theilnahme, wie ich ſie einem zum Tode verurtheil⸗ ten Verbrecher ſchenken würde! Derjenige, der die Ehre ſeines Namens befleckt, wie Sie, mein Herr, iſt der Freundſchaft eines edlen Mädchens unwerth; einen Spion kann Hedwig von Sternberg nur verachten!“ Mit dieſen Worten verſchwand ſie raſch durch die Thüre, die ſie hinter ſich verſchloß. Ottokar ſtand vernichtet. Er ſah ſtumm und betäubt auf den Eingang, durch den ſich Hedwig entfernt hatte. Das ſchreckliche Wort hatte ſeine Geiſtes⸗ und Kör⸗ perkräfte geläͤhmt. Endlich konnte er wieder den⸗ ken, aber zu ſeinem Unglücke! Er überſah das Entſetzliche ſeiner Lage, er ſah ein, daß er von ſeinem Vorgeſetzten, der ihn vorgeblich in einem Pri⸗ vatgeſchäfte, für das er ſeine Gefälligkeit in An⸗ ſpruch genommen, zu dem Baron geſandt hatte, auf das Schimpflichſte mißbraucht worden ſey, daß er in der That die Laufbahn eines Spions betreten habe, daß nun auf ſeiner Ehre ein unauslöſchlicher Flecken hafte. Ein Schwindel ergriff ihn, ſeine Gedanken verwirrten ſich, dumpfer und heftiger 14* drückte der Schmerz in ſeinem Kopfe. Mit einem Gefühle des herannahenden Wahnſinns ſtarrte er auf die Särge, die ihn umgaben. Da war es ihm, als öffneten ſich ihre Deckel, als ſtiegen Gerippe heraus und deuteten mit den langen Knochen⸗ armen auf die unbefleckten Wappenſchilder an ihren Särgen, als richteten ſie bedeutungsvoll die tiefliegenden Höhlungen, die einſt von Au⸗ gen belebt wurden, auf ihn hin. Er konnte das Entſetzliche nicht ertragen. Mit dem Schmer⸗ zensrufe:„meine Ehre, meine Ehre!“ ſtürzte er ſinnlos zu Boden. Als am nächſten Tage eine freundliche und hei⸗ tere Mittagsſonne durch das Gitter der in der Decke des Grabgewölbes befindlichen Offnung ſchien, wurde leiſe die Thüre des geheimen Ganges geöff⸗ net und der alte Kammerdiener des Barons trat durch dieſe ein. Er blieb entſetzt auf der unterſten Schwelle der Treppe ſtehen, denn der erſte Gegen⸗ ſtand, auf welchen ſeine Blicke fielen, war der junge Offizier, regungslos hin auf den Boden geſtreckt, einer Leiche ähnlicher, als einem Lebendigen. Der alte Mann wußte ſich nicht zu faſſen, ſeine Glieder — 213— verſagten ihm den Dienſt, er mußte ſich auf die Treppe ſetzen und eine Stille herrſchte nun rings⸗ um, die nur durch den fernen Donner bald lang⸗ ſam, bald raſch auf einanderfolgender Kanonenſchüſſe unterbrochen wurde. So wenig auch der Liegende ſonſt ein Lebenszeichen von ſich gab, ſo zuckte er doch bei jedem Schuſſe der ertönte, heftig zuſam⸗ men und es war, als ob nur eine einzige Erkennt⸗ niß, die, welche dieſes Zeichen veranlaßte, in ihm zu einer Art von Bewußtſeyn, vielleicht nur zu einer leiſen Ahnung gelangen könne. Der alte Mann befand ſich in der That in einer ſehr ſchwierigen Lage. Das Schloß, noch ge⸗ ſtern eine Wohnung des Reichthums und eines be⸗ quemen Familienlebens, bot jetzt eine öde Stätte, wo allein der Kammerdiener mit ſeiner Tochter, einem ſchon ältlichen Mädchen, noch hauſten. Der öſtreichiſche Commiſſär, der am geſtrigen Abend mit ſeinen Leuten in das Schloß gedrungen war, hatte das geheime Schubfach in des Barons Schreibtiſch entdeckt, das alle Dokumente verbarg, welche ſeine Schuld erwieſen. Er war entlarvt, nichts konnte ihn retten, nur die Gnade ſeiner Landesherrin ver⸗ mochte die Strafe, die ihn erwartete, zu mildern. Bei der Gewißheit ſeines Mißgeſchicks ergriff ihn eine lähmende Verzweiflung. Der Commiſſär zeigte — 214— ihm an, daß er ihn noch im Laufe der Nacht in's Hauptquartier abführen müſſe; er fiel ihm zu Füßen und bat weinend, wie ein Kind, um Aufſchub, der natürlich nicht gewährt werden konnte. So ſehr auch Hedwig das Treiben des Vaters gehaßt hatte, ſo erwachte doch jetzt in ihrem Herzen die ganze Gewalt der kindlichen Liebe. Sie machte der ſchwach⸗ ſinnigen Mutter begreiflich, daß beide Frauen den Vater in dieſer Noth nicht verlaſſen dürften, daß ihre Nähe, ihre Gegenwart allein vermöchten, ihm in der entſetzlichen Lage, die ſein Leichtſinn über ihn verhängt, Troſt zu bereiten. Sie erhielten die Erlaubniß, ſich dem Commando anzuſchließen. In⸗ dem Hedwig den Wagen beſtieg, erinnerte ſie ſich des Verlaſſenen im Grabgewölbe. Der alte Kammerdiener wurde ihr Vertrauter, ihm empfahl ſie für den jungen Mann zu ſorgen und dieſem Mit⸗ tel und Wege anzugeben, wie er ſeine Entfernung aus dem Schloſſe ſicher bewerkſtelligen könne. Kaum hatte der Commiſſär mit dem Gefangenen, den Damen und einer kleinen Militärbedeckung das Schloß verlaſſen, ſo überließen ſich die übrigen Soldaten, die, wie es ſchien, abſichtlich zurückge⸗ blieben waren, allen Zügelloſigkeiten, welche die Gelegenheit ihnen einräumte. Sie erbrachen Schränke und Kiſten und bemächtigten ſich aller Dinge von —— —— — 215— Werth. Die herrenlos gewordene Dienerſchaft ſchloß ſich dieſem Unfuge an und mit dem Anbruche des Morgens, als ein ferner Kanonendonner das Be⸗ ginnen der erwarteten Schlacht ankündigte, ſah man die beutebeladenen Krieger abziehn und ihnen fol⸗ gend die treuloſen Diener, die ſich nach allen Rich⸗ tungen zerſtreuten. Nur der alte Kammerdiener, das Unglück ſeines Herrn und ſeines einſt ſo blü⸗ henden Hauſes bejammernd„blieb mit ſeiner Toch⸗ ter zurück, um zu hüten, was noch zu hüten war. In der Verwirrung, in welche ihn alle dieſe Ereig⸗ niſſe verſetzen mußten, hatte er des fremden Gaſtes im Grabgewölbe vergeſſen, bis ihn gegen Mittag der Anblick ſeines Pferdes, das, in einem Neben⸗ ſtalle verborgen, der Naubgier der Plünderer ent⸗ gangen war, daran erinnerte. Er ſah nun den Unglücklichen vor ſich, er ſah ihn in einem Zuſtande, der ihn mit um ſo größerm Schrecken erfüllte, da er im erſten Augenblicke ſich ſelbſt und ſeine Nachläſſigkeit der Schuld des Miß⸗ geſchickes, welches den jungen Mann getroffen, an⸗ klagen zu müſſen glaubte. Nachdem er ſich einiger⸗ maßen erholt hatte, ſtieg er mit bebenden Gliedern zu ihm hinab. Er überzeugte ſich jetzt, daß er, woran er bisher gezweifelt hatte, noch lebe, er be⸗ — 216— merkte die heftigen Zuckungen, er fand den Kopf in fieberhafter Hitze, die Hände eiskalt. Ein ſchwer Erkrankter lag zu ſeinen Füßen, was ſollte er in der verlaſſenen Lage, worin er ſich ſelbſt befand, mit ihm beginnen, wie konnte er ihm die nothwen⸗ dige Fürſorge und Pflege angedeihen laſſen? Ihm blieb nichts übrig, als ſeine Tochter zur Vertrauten des Geheimniſſes zu machen. Ein weibliches Herz wendet ſich nicht leicht ab, wo das Unglück um— ſeine Theilnahme, um ſeine Hülfe zu ihm ſpricht. Vater und Tochter fühlten ſich zu ſchwach, den ju gen Mann hinauf in eins der Gemächer des Schloſ⸗ ſes zu ſchaffen, um dort ſeiner zu pflegen; auch ſchien dieſes vor der Entſcheidung der Schlacht, die in der Nähe geſchlagen wurde, noch bedenklich. Man mußte daher ein Lager in's Grabgewölbe bringen und unter den Gegenſtänden des Grauens, die ſie umgaben, und die wohl im Stande waren, den Muth eines Weibes zu erſchüttern, übernahm hier das Mädchen eine Pflege, zu der ihr nur wenige einfache Mittel, wie ſie dieſe in häuslichen Noth⸗ fällen kennen gelernt hatte, zu Gebote ſtanden. Das Landhaus ſtand entlegen und einſam. An die Berufung eines Arztes aus dem nächſten, zwei Mei⸗ len weit entfernten Städtchen war unter den ob⸗ waltenden Verhältniſſen nicht zu denken. Man mußte — 217— ſich alſo ganz auf eigenen Rath und auf den Bei⸗ ſtand des Himmels verlaſſen. Der Kranke blieb in dem beängſtigenden Zu⸗ ſtande, in welchem ihn der alte Diener gefunden, bis gegen Abend. Dann trat ein entſetzlicher Pa⸗ roxismus ein mit Ausbrüchen des Irreſeyns, der Wuth und der Verzweiflung. Der Kanonendonner der Schlacht hatte ſich genähert. Ottokar ſchien ihn zu vernehmen. Mitten in den wildeſten Phan⸗ taſieen fing er plötzlich an, ſo tief und klagend zu weinen, daß ſeine Pflegerin auf's Innigſte gerührt wurde. Er ſprach mit anſcheinendem Bewußtſeyn von ſeiner Unwürdigkeit, in den Reihen ſeiner Ca⸗ meraden zu fechten, er beweinte ſich ſelbſt als einen Ehrloſen, der nun ausgewieſen ſey für immerdar aus dem Kreiſe redlicher Männer, er klagte ſich an, ſeiner Familie, ſeinen Eltern einen Schmerz berei⸗ tet zu haben, der nie erlöſchen könne, da er mit einem Schimpf, der den bisher fleckenloſen Namen traf, verbunden war. Dann ging dieſer ſanftere Zuſtand wieder in einen wilden, Grauen erregenden über. Der Kranke ſchien den Ort, wo er ſich be⸗ fand, zu erkennen. Er ſtarrte mit Blicken, aus denen Fiebergluth leuchtete, auf die Särge mit ihren ſchwarzen Behängen, mit ihren goldgeſtickten Wap⸗ penſchildern.„Bin ich denn ſchon todt?“ ſchrie — 218— er in einem Tone der Verzweiflung:„haben ſie mich hier begraben, ſoll ich hier den Spruch des Rich⸗ ters erwarten bis zum jüngſten Tage? Nein, nein!“ fuhr er bebend fort und ſeine Blicke hafteten an dem Eingange.„Dort ſteht ſie ja, das reine Bild der wahren Ehre, die edle, reizende Jungfrau— ſie hat mich gerichtet: ich bin verurtheilt, verdammt — ein Ehrloſer, ein Spion! Sie duldet mich nicht hier in der Geſellſchaft ihrer edeln Vorfahren, die nie ihre Ehre verleugnet!“ Dieſer Tobſucht, dieſen Qualen, welche die Phan⸗ taſie, ſchwach von der Wirklichkeit unterſtützt, berei⸗ tete und vermehrte, folgte eine gänzliche Erſchöpfung. Während der Nacht wurde der Kranke oft von einem Zuſtande der Schwäche befallen„ der ſeine augen⸗ blickliche Auflöſung fürchten ließ. Er ſchien jetzt von einer gänzlichen Bewußtloſigkeit ergriffen, er⸗ kannte niemand und blieb ſprachlos. Welchen Eindruck dieſe Nacht auf Leute, wie den alten Diener und ſeine Tochter, deren Gemüth dem Einfluſſe des Aberglaubens und allen ſeinen entſetzlichen Täuſchungen offen ſtand, hervorbringen mußte, läßt ſich denken! Dennoch hielten ſie treu bet dem Unglücklichen aus, ihre Aufmerkſamkeit der Sorge für ihn widmend, die Empfindungen der Furcht, die ſie von ihm hinwegdraͤngen wollten, — 219— nach ihren ſchwachen Kräften bekämpfend. Die erſte Dämmerung des Morgens erſchien ihnen wie der Gruß eines tröſtenden Engels, den der Himmel ſandte. Jetzt wagte der alte Mann ſeine Tochter zu verlaſſen, nachdem er ſich überzeugt hatte, daß der Funke des Lebens, wenn auch nur ſchwach, noch in der Bruſt des Kranken glimme. Er ſtieg hinauf in die Gemächer des Schloſſes, er fand es zu ſeinem Erſtaunen von Preußen beſetzt, die, nachdem ſich die Schlacht zu ihren Gunſten ent⸗ ſchieden, im Laufe der Nacht eingetroffen waren. Eine Centnerlaſt fiel von der Bruſt des Mannes. Er begab ſich ſogleich zu dem Anführer, zeigte die⸗ ſem die Anweſenheit eines kranken, preußiſchen Of⸗ fiziers an, der ohne alle Hoffnung im Grabgewölbe, wo man ihn vor dem Feinde verbergen müſſen, dar⸗ niederliege, und bat ihn dringend, ſogleich ſelbſt ſich von dem Zuſtande des Unglücklichen zu überzeugen. Der Zufall, der dieſe Abtheilung von Preußen, welche ſich in der Nacht verirrt hatte, in das Schloß führte, rettete Ottokar'n das Leben. Er wurde ſogleich aus dem dumpfen, feuchten Gewölbe in ein heiteres, luftiges Zimmer gebracht, und der Wund⸗ arzt, welcher ſich bei dem Trupp befand„ bot alle Hülfsmittel ſeines, wenn auch vielleicht nur be⸗ ſchränkten Wiſſens auf, dem Kranken Erleichterung —y— — 220— zu verſchaffen. Den Tag über dauerte der Zuſtand der Ohnmacht, in dem man ihn gefunden hatte, fort, Abends aber traten wiederum wilde Phanta⸗ ſieen ein und mit ihnen eine quälende Täuſchung, die ihn in das Grabgewölde zurückverſetzte, dort die drohende Geſtalt Hedwigs erſcheinen und ihn den verdammenden Richterſpruch aus ihrem Munde vernehmen ließ. Zu ſeinem Glücke rückte am näch⸗ ſten Tage die preußiſche Hauptarmee vor und ein Militärſpital wurde nach Schloß S ternberg ver⸗ legt. Jetzt kam der Kranke unter die Aufſicht eines Arztes, der, indem er das körperliche übel zu be⸗ kämpfen wußte, auch mit ſteter Berückſichtigung des pſſchiſchen verfuhr. Aus den Phantaſieen des jun⸗ Igen Mannes, aus einzelnen unbewachten Außerun⸗ gen, die ihm entfielen, nachdem die Krankheit einen glücklichen Wendepunkt überſchritten, als er ſich beſſerte und ſeine körperlichen Kräfte zunahmen, konnte der verſtändige Arzt ungefähr das Ge⸗ heimniß errathen, das quälend auf der Seele Ot⸗ tokars lag. Er wagte einige beruhigende Worte, allein dieſe, ſtatt ein günſtiges Ergebniß herbeizu⸗ führen, verſetzten den Geneſenden in einen Zuſtand, der einen Rückfall befürchten ließ. Der Arzt be⸗ ſchloß nun, dem wohlthätigen Einfluſſe der Zeit es zu überlaſſen, das gebeugte Gemüth wieder aufzu⸗ — 221— richten. Er konnte ihn nach einigen Wochen für geneſen erklären, er rieth ihm aber, mit einem Ur⸗ laubsgeſuch einzukommen, das er ſelbſt durch ſeinen Bericht unterſtützen wolle, und im Schooße ſeiner Familie einige Monate ganz der Ruhe zu leben. Ottokar ſagte nichts auf dieſen Vorſchlag. Er lächelte nur bitter in ſich hinein, knüpfte langſam das Portepée von ſeinem Degen, den er eben hielt, und ſchleuderte es in einen Winkel des Zimmers. Dann ſetzte er ſich nieder und ſchrieb eifrig, aber nicht um Urlaub, ſondern um ſeinen Abſchied. Wir bemerken nur flüchtig, daß er dieſen ohne Weigerung erhielt, indem man aus dem Berichte des Arztes zu erkennen glaubte, es haben ſich Spu⸗ ren eines tief eingewurzelten Irrſinns, einer fixen Idee, die ſich nicht mit dem Dienſte vertragen könne, gezeigt. Als ein blühender Jüngling hatte er ſeine Heimath verlaſſen, als ein Schattenbild ſeiner frü⸗ hern Kraft, ſeiner friſchjugendlichen Geſundheit kehrte er zurück. Die Reiſe konnte ihn nicht zer⸗ ſtreuen, nicht erheitern.„Du biſt ehrlos, du haſt den rein von deinen Vorfahren ererbten Namen be⸗ fleckt, du biſt der erſte deines Stammes, der Schmach und Schande auf ihn geladen 3“ das waren die Ge⸗ danken, die ihn unaufhörlich peinigend verfolgten. Dazwiſchen erſchien ihm das Bild Hedwigs, als 8 — 222— das eines herrlichen weiblichen Weſens, deſſen Be⸗ ſitz allein ihn hätte beglücken köͤnnen. Er dachte an ſie, wie an eine Verklärte, er dachte an ſie mit den Empfindungen einer unnennbaren Seelenpein, denn ſie hatte ſich ja verachtungsvoll von ihm ab⸗ gewandt, ſie hatte durch ihren Ausſpruch ſeine Selbſtachtung vernichtet. Er vermochte nicht mehr einzuſehn, daß er ſchuldlos, daß er nur mißbraucht worden ſey. Was Hedwigs Wort über ihn ver⸗ hängt, das hielt er allein für Wahrheit, der Ge⸗ danke, er habe ſich wirklich ſo weit vergeſſen, als Unterhändler des Verrathes zu dienen, hatte ſich unerſchütterlich in ſeiner Seele befeſtigt, er fühlte, daß dieſer ihn verderbe, aber er vermochte nicht, ihn zu bekämpfen. So mit dem Drucke der Selbſtverachtung, mit dem Bewußtſeyn ſeines Unwerthes, mit der Empfin⸗ dung einer Liebe in ſeiner Bruſt, die keine Erwie⸗ derung hoffen durfte, betrat er das Haus ſeiner Eltern. Sie waren durch den Arzt auf die Ver⸗ änderung, die mit ihm vorgegangen, vorbereitet wor⸗ den, aber ihre Liebe hatte doch eine ſchwere Prü⸗ fung zu beſtehen, als ſie dieſen frühe hinwelkenden, frühe geknickten Zweig ihres Stammes erblickten, als ſie den einzigen Sohn in einem Zuſtande ſahen, der dem greiſen Vater die Meinung einflöſen mußte, — 223— er habe in der That das Vergehen, das man aus hingeworfenen Worten ahnen konnte, begangen und es ſey die Reue, die jetzt an ſeinem Herzen und ſeinem Gewiſſen nage. Der Vater, ein ſtolzer und ſtrenger Mann, fing an, ihn mit Härte zu be⸗ handeln, ihn ſeinen Unwillen empfinden zu laſſen. Ottokar unterwarf ſich dieſer Behandlung in einer Weiſe, welche anzuerkennen ſchien, daß er ſie verdiene. So wurde des Vaters Vermuthung zur völligen Üüberzeugung, gegen die nur Mutter und Schweſter mit aller Gewalt weiblicher Beredſamkeit ankämpften, indem ſie behaupteten, es könne bei der bedauernswürdigen Gemüthslage Ottokar's dieſer recht wohl von einem unglücklichen, ſich ſelbſt anklagenden Wahne beherrſcht werden. Es gelang ihnen, den Vater zu bewegen, ſich ſchriftlich an den ehemaligen Vorgeſetzten Ottokar's zu wenden und von dieſem erhielten ſie nun allerdings einen Auf⸗ ſchluß, der den Sohn in den Augen Aller rechtfer⸗ tigen mußte. Wie ſehr aber wurden alle Hoffnun⸗ gen, die ſie auf dieſe Nachricht baueten, niederge⸗ ſchlagen, als ſie mit freudiger Offenheit dem jun⸗ gen Manne entgegentraten, ihm erklärten, daß ein grundloſer Argwohn auf ihm gelaſtet, daß ihn der Vater nun gern als ſeinen theuern, ehrenwerthen Sohn ans Herz ſchließe! Ottokar gerieth in —— einen Zuſtand, der an Wahnſinn gränzte. In den heftigſten Ausdrücken beſchuldigte er Mutter und Schweſter, ſie wollten ihn betrügen, ihn täuſchen über ſich ſelbſt, ſie wagten es, ſich gegen den Aus⸗ ſpruch eines Engels aufzulehnen, der ihn mit Recht verdammt habe und dem allein ein Urtheil über ihn zuſtehe. Erſt nach mehreren Tagen beruhigte er ſich und verfiel nach und nach wieder in jene ſtille Schwermuth, der er ſich nicht entreißen mochte oder konnte. Das reizbare Gemüth ſeines Vaters war nicht im Stande, die ſchwere Prüfung, die ihm das Geſchick auferlegte, zu ertragen. Eines Morgens fand man ihn todt in ſeinem Bette: der Schlag hatte ihn gerührt. Ottokar ſchien gefaß⸗ ter, als die Frauen, die den unerwarteten Heim⸗ gang des freilich ſchon ſehr bejahrten Mannes laut beklagten und bejammerten. Er ordnete eine glän⸗ zende Trauerfeierlichkeit an, jede Ehrenbezeigung, welche das Gedächtniß des Verſtorbenen verlangen konnte, wurde ihm; Ottokar ſelbſt aber wohnte der Ceremonie nicht bei, er verſchloß ſich in ſein Zimmer, er blieb mehrere Stunden allein und man hörte ihn laut weinen. Als Alles vorüber, als die Gruft geſchloſſen war, ging er hinab, ließ das Ge⸗ ſchlechtswappen, das bisher über dem Thore des Schloſſes geprangt hatte, herunternehmen und ge⸗ 8 bot, die Gruft noch einmal zu öffnen, um es neben dem Sarge ſeines Vaters aufzuſtellen. Eine trauerige Zeit hob jetzt für die drei Men⸗ ſchen an, die ein enges Familienband liebevoll, aber freudenlos zuſammenhielt. Ottokar's Schwermuth nahm täglich zu. Er wollte Niemand ſehen, als Mutter und Schweſter, er flüchtete, wenn ein Be⸗ ſuch eintraf, in den entlegenſten, dunkelſten Theil des Gartens, um hier, wie er ſagte, ſeine Schmach vor aller Welt zu verbergen. Mutter und Schwe⸗ ſter blieben treue Pflegerinnen. Der letzten gelang es ſogar, ſich langſam in ſein Vertrauen einzufüh⸗ ren, ſo daß er ihr endlich jenes Ereigniß auf Schloß Sternberg, freilich wie es ſich in ſeinem Wahne ausgebildet hatte, mittheilte und ſie ſeine Liebe zu Hedwig ahnen ließ. Bei dieſer Entdeckung keimte eine neue Hoffnung in der Seele der Schweſter auf. Hedwig hatte ihren Bruder in den un⸗ glücklichen Wahn geſtürzt; ſie allein konnte ihn davon befreien. Auf dieſe Idee gründete die Schwe⸗ ſterliebe einen Plan, der, wie ſie ſich ſo gern ſchmei⸗ chelte, gelingen mußte. Sie theilte ihn der Mutter mit: beide Frauen beſchloſſen, ihn auszuführen.— Inndeſſen hatte ſich die Stellung, welche früher die Familie Sternber g im öffentlichen Leben einnahm, ſehr verändert. Der Baron war vor ein II. 15 — 226— Gericht geſtellt worden„ das ihn zum Tode verur⸗ theilte, die Monarchin milderte auf die Bitte der Tochter, die ſich ihr zu Füßen warf und um Gnade flehete, dieſe Strafe in lebenslänglichen Feſtungs⸗ arreſt. Aus dieſem befreiete ihn, deſſen Geſundheit die Reue untergrub, ſchon nach einem halben Jahre der Tod. Hedwigs Stiefmutter trennte ſich nun von dem Mädchen, deſſen geiſtige überlegenheit ihr ſchon ſeit lange zur Laſt fiel, und begab ſich zu ihren Verwandten. Hedwig ſelbſt, durch das Schickſal des Vaters tief verwundet in ihren heilig⸗ ſten Empfindungen, in ihrem Ehrgefühle, ſuchte und fand Gelegenheit„als Koſtgängerin in ein Kloſter zu kommen. Hier glaubte ſie vor bittern, gallſüchtigen Bemerkungen ſicher zu ſeyn, die auf ſie, als die Tochter eines bekannten Landesverräthers, fallen könnten; allein ſie mußte bald einſehn, daß ſie geirrt habe. Nicht ſo leicht findet irgendwo ſonſt der Neid, die Schmähſucht eine Stätte, als an dieſen Orten, die nur ein Aſyl für das von der Welt tief gebeugte Gemüth ſeyn ſollten. Bald war das Gerücht von den frühern Schickſalen Hed⸗ wigs, von des Vaters Verbrechen und Strafe in das Innere des Kloſters gedrungen, ausgeſchmückt mit Übertreibungen, die Hedwig ſelbſt als eine Mitſchuldige bezeichneten. Sie ſah ſich beleidigt, — 227— gehöhnt und verachtet. Nun zog ſie ſich ganz in die Einſamkeit ihrer Zelle zurück und zeigte, wenn die Umſtände ſie nöthigten, unter den Kloſterfrauen zu erſcheinen, eine Kälte und einen Stolz, zu dem ſie glaubte ein Recht in ihrem Selbſtbewußtſeyn zu finden. Oft drängte ſich jener Abend, wo Otto⸗ kar im Schloſſe ihres Vaters erſchienen, wo dann das verhängnißvolle Loos ihres Lebens gefallen war, in ihre Erinnerung zurück. Sie konnte ſich nicht bergen, daß der junge Mann anfangs einen höchſt günſtigen Eindruck auf ſie gemacht hatte, ſie fühlte ſich jetzt in ihrem Innern demüthiger als ſonſt, ſie geſtand ſich, daß ſie damals wohl zu hart gegen ihn verfahren ſey. Unter dieſen Empfindungen, in dieſer Lage empfing ſie eines Tages einen Brief von Ottokar's Schweſter. Da lag mit einem Male ihr ganzes ſchweres Unrecht, das ſie gegen einen Unſchuldigen geübt, offen vor ihrer Erkennt⸗ niß, da konnte ſie ſich wahrhaft anklagen, einen edeln Jüngling ins Verderben geſtürzt zu haben, da trat aber auch ebenſo lebendig und gebieteriſch die Pflicht, dieſes Ubel wieder gut zu machen, wenn ſie es vermöge, vor ihre Seele. Von Ottokar's ſtiller Liebe ſtand nichts in dem Briefe, aber ein weibliches Herz ahnet leicht und weit, ob es ſchon ſeine Ahnungen ſich ſelbſt verbergen möchte. Hed⸗ 15*⁸ — 228— wig ſah jetzt nur Eins vor Augen: die Nothwen⸗ digkeit, zu dem Unglücklichen zu eilen, nach ihren Kräften auf ihn zu wirken und das Ubrige Gott anheimzuſtellen. An den Aufenthalt im Kloſter band ſie keine Feſſel. Sie reiſste gleich am andern Tage, nachdem ſie den Brief empfangen hatte, ab. Nichts konnte auf dem Wege ihre Eile hemmen. Schon am Abende des dritten Tages ſtieg ſie an dem Gartenthore von Ottokar's Gut ab. Sie hatte dieſe Stelle gewählt, weil ſie in der Ferne vor dem Hauptthore mehrere Wagen halten ſah und nicht gern vor fremden Zeugen zum erſten⸗ male Ottokar's Mutter und Schweſter begrüßen wollte. Dieſer Auftritt konnte Gemüthserſchütterun⸗ gen hervorbringen, bei denen jedes Fremden Gegen⸗ wart läſtig fiel. Sie betrat die ſchattigſten Gänge des Gartens, um hier die Zeit bis zu einem gün⸗ ſtigern Augenblicke hinzubringen. Immer tiefer verlor ſie ſich in die dunkeln Boskets, in die hohen dämmerigen Alleen, die ſeit Jahrhunderten hier Kühlung zu ſpenden ſchienen. Ottokar's Bild ſtand lebendig vor ihrer Seele. Sie dachte ſich ihn bleich und abgehärmt, unter dieſen Linden ſei⸗ ner Schwermuth nachhängend, wie die Schweſter ihn geſchildert. Da vernahm ſie hinter einer Cy⸗ preſſenwand ein tiefes Schluchzen„ dann ein lautes — 229— Weinen. Ihr Herz klopfte angſtlich. Sie bog leiſe einen Zweig zurück, ſie ſah den Unglücklichen, wie ſie ihn ſich gedacht, am Rande eines Quellwaſſers ſitzen, das den Park durchſtrömte. Er blickte mit thränenden Augen in den Bach. Dann bedeckte er mit beiden Händen ſein Angeſicht und ſtöhnte laut: „meine Ehre, meine Ehre! Auf Ewig befleckt, auf Ewig verloren!“— „Nein, nein!“ rief, von der Lebendigkeit ihrer Gefühle überwältigt, Hedwig und eilte aus ihrem Verſtecke hervor.„Nur ein unglücklicher Wahn, nur der Leichtſinn eines thörigten Mädchens hat gegen Ihre Ehre gefrevelt„ ohne ſie beflecken zu können. Sie ſelbſt ſind unſchuldig, Sie ſelbſt ſtehen reiner da, als diejenige„ die Sie beleidigte. O, verzeihen Sie mir!“ fuhr ſie außer ſich fort, indem der Eindruck, den die abgehärmte Leidensgeſtalt des jungen Mannes auf ſie machte, immer tiefer auf ihre Seele wirkte und ſie, ohne ſich länger zurück⸗ halten zu können, vor ihm auf die Kniee fiel:„ver⸗ zeihen Sie derjenigen, die das Schickſal ſchwer ge⸗ nug für einen Stolz geſtraft, der ſie irre leitete, verzeihen Sie einer Armen, die jetzt kein Glück auf Erden weiter ſucht, als Ihre Verzeihung!“ Sie konnte nicht weiter ſprechen. Sie hatte ſeine beiden Hände ergriffen, ihr Angeſicht darauf 4* — 230— niedergebeugt und ließ ihre heißen Thränen auf ſie fallen. Ottokar war gleich bei ihrer Erſcheinung aufgeſtanden. Erſt hatte er erſtaunt und betroffen auf ſie niedergeſehn, dann ſinnend und zugleich auf⸗ merkſam. Jetzt fing er an zu lächeln, das erſte Lächeln ſeit ſeinem Eintritte in das Grabgewölbe der Sternbergl Seine Wangen fingen an ſich leiſe, dann immer lebendiger zu röthen„bis ſie die Farbe der Geſundheit, die früher auf ihnen prangte, wieder erlangt hatten. Dann richtete er ſich frei und ſtolz empor, ſein Blick gewann das alte Feuer wieder, mit einer Miene des Triumphes ſah er um ſich und auf Hedwig nieder. „Sie knieet vor mir!“ ſagte er, wie mit ſich berathend, zu ſich ſelbſt.„Sie gibt mir die Ehre zurück— noch mehr! ſie betheuert, daß ich ſie nie verloren und ſie hält ſich nicht für zu hoch, zu rein, mir dieſe Verſicherung zu geben, indem ſie vor mir knieet? O nun iſt Alles gut„“ brach er im Tone des Entzückens aus,„nun darf das Wappen⸗ ſchild des Hauſes wieder ſeine alte Stelle einneh⸗ men, nun iſt der Letzte unſeres Geſchlechtes noch nicht begraben! Ein ſchwarzer Schleier, der auf meiner Seele lag, iſt verſchwunden und ich ſehe nun Alles wieder klar, wie es gekommen iſt, wi es kommen mußte. Sie haben dieſes Wunder ge⸗ — 231— than, mein Fräulein! Sie haben mich der Welt, Sie haben mich dem Leben wieder gegeben, Sie haben mehr gethan: Sie haben meine Ehre wieder hergeſtellt. O, ſtehen Sie auf, laſſen Sie mich Sie nicht länger in dieſer Stellung ſehen, die uns beide entwürdigt, erlauben Sie, daß ich Sie zu meiner Mutter führe, die Sie als einen Engel des Glücks, der in unſer Haus getreten, ſegnen wird!“ Hedwig war überraſcht von dem unerwartet ſchnellen Erfolg, den dieſe erſte Zuſammenkunft her⸗ vorgebracht hatte. Zwiſchen Zweifeln und Hoffnun⸗ gen getheilt, ſchwankte ſie, auf Ottokar's Arm geſtützt, dem Hauſe zu. Sie fürchtete einen Nück⸗ fall, allein das Benehmen des jungen Mannes blieb ſo offen, ungezwungen und edel, ſein ganzes Weſen ſprach körperliche und geiſtige Freiheit ſo lebendig aus, daß ſie mit der freudigen Überzeugung, Gott habe ihr Werk gelingen laſſen, das Schloß betrat. Welche beſeligende Uberraſchung für Mutter und Schweſter, die ſo eben von ihren Gäſten ver⸗ laſſen worden waren, Ottokar'n in einem Zu⸗ ſtande zu ſehen, der ſeine völlige Geneſung, die Rückkehr zu Kraft und Geſundheit auf einem wun⸗ derbar ſcheinenden Wege beurkundete! Dieſes Große hatte ſchon Hedwigs bloße Erſcheinung auf den Mann gewirkt, wie konnte nicht der Verein — 232— mit ihr, der ſeiner Seele ganz anzugehören ſchien, ſeine ganze Zukunft beglücken? Hed wig befand ſich unter den liebevollen Menſchen, die Alles thaten, ihr Freude zu bereiten, ihr innigen Dank an den Tag zu legen, in einem ſo ſchönen Verhältniſſe, wie ſie bis jetzt noch nicht gekannt hatte. Liebe von Außen, eine entgegenkommende Liebe war das, was ihrem frühern Leben fehlte und dieſe Entbehrung hatte ſte zu Kaltſinn und Stolz verleitet. Jetzt erſt lernte ſie den ganzen Werth des Familienlebens kennen. Die erſten Tage, die erſten Wochen nach ihrer Ankunft gingen noch unter zweifelhaften Em⸗ pfindungen, unter Furcht und Hoffnung über die Beſtändigkeit von Ottokar's Geneſung vorüber. Der junge Mann aber blieb froh, heiter und glück⸗ lich. Hedwigs Nähe, der inniger werdende Um⸗ gang mit ihr, belebten ihn und durch ihn die ſeini⸗ gen zu einem ſchönen, friedlichen Genuſſe des Da⸗ ſeyns, und als nun an einem ſtillen Abende, wo die ganze Natur in ihrer Ruhe Liebe athmete, Ot⸗ tokar und Hedwig vor die Mutter traten und um ihren Segen für die Vereinigung ihrer Herzen ba⸗ ten, da willigte dieſe mit freudiger Rührung ein und ſie und ihre gute Tochter waren nun überzeugt, daß nichts mehr das Glück ihres Lieblings ſtören könne. Wie ſie hofften und wünſchten, ſo geſchah es auch. —VV——