19 24 “ e 1. . dr. 4, 14 58 “ W 7 Des Prarrers Toehter b in Taubenhayn. Volksſage nach Buͤrgers Ballade f dargeſtellt 4 vdn Dr. Ew. Dietrich. Zweite Auflag e. eißew ——— —— 1. Ein herrlicher Sommermorgen ſenkte ſich vom Himmel zur feiernden Erde, „Pfingſten, das liebliche Feſt, war gekommen, es gruͤnten und bluͤhten „Wieſen und Felder und Baum,“*) und verkuͤndeten dem Fleiße des wackern Land⸗ manns die geſegnetſte Ernte. Der Morgen⸗ gruß der Glocken rief melodiſch zum Fruͤh⸗ gottesdienſte, und, als wollte die ganze Natur dieſes hohe Feſt feiern, ſo floͤhtete die Nachtigal auf belaubten Zweigen, ſo jubilirte die Lerche, von der niedern Erde zum hohen Aetherblau ſich erhebend, und die gefiederten Saͤnger des Waldes ſtimmten ein in das freudige Hochlied. 4 Eben jetzt erhob ſich in ſeiner Studier⸗ 3 ſtube von ſeinem Lehnſeſſel der Pfarrer zu Taubenhayn, und wiederholte, ans Fenſter 14 tretend, die Schlußworte der eben memorir⸗ ten Feſttagspredigt: „Sehet zu, daß euch Niemand eu re Krone raube!!“ - Nun uͤberblickten ſeine Augen die herrli⸗ che Ausſicht, die ſich vor ſeiner Studierſtube eroͤffnete, bald ruhten ſie auf den gruͤnenden Bergen, bald auf dem Wellenmeere der jun⸗ gen Saaten, bald auf dem nahen Obſtgar⸗ ten, der das herrſchaftliche praͤchtige Schloß umbluͤhte. „Herrl wie biſt du ſo groß in deie nen Werken!“ ſtammeln ſeine Lippen, da ſenkt ſich ſein Blick, ſein Antlitz wird ernſter, blaͤſſer, ausdrucks⸗ voller; eine bange Erinnerung ſcheint ſich in ihm zu ſpiegeln, unwillkuͤhrlich traͤufelte eine Thraͤne uͤber die braͤunliche Wange, denn ſein Auge 86 anf den nahen Gotkesacken * auf eine uralte Linde und hinter ſelbiger auf 4 8 p die Ecke, den die Kirchhofsmauer bildete, wo ein uͤppig bluͤhender Hollunderſtrauch ein nie⸗ deres Grab beſchattete, das die nun laͤngſt vermoderten Gebeine einer ungluͤcklichen Selb ſt moͤrderin deckte. Arme Mariel bebt unwillkuͤhrlich ſein Mund. Mein Amtseifer fuͤr das Geſetz fuͤhr⸗ te dich zur Kirchenbuße, und, da dieſe Schmach dein Herz brach, zum Selbſtmord! —— Vergieb, wenn ich zu hart war— 4—— er trocknete ſich die Thraͤne vom An⸗ tlitze, da klopfts ihm auf die Schulter, er iſt in ſeiner Betrachtung geſeoͤrt, blickt um ſich, und vor ihm ſieht ſeine Hausehre, die Frau Magiſterin, gar feſtlich ge⸗ ſchmuͤckt und ſpricht: Ei, lieber Mann! wo denkſt Du wieder einmal hin? Laß die Tod⸗ ten ruhen und ſiehe, welch ein Gluͤck uns der Himmel beſcherte; komm in die Putzſtube, ſieh unſer Kind, das heute am ſchoͤnſten der Hochfeſte ihren ſiebenzehnt burtstag feiert, ſieh, unſer Roͤschen, wie ſchoͤn ſie der Feſttagsputz kleidet, wie lieb⸗ lich das Maͤdchen bluͤht, wie ſie ſich ſchon fuͤhlt, wie ſie uns, hier erhob ſich das eitle Weib, und ein ſtolzes, nicht angenehmes Laͤ⸗ cheln, ſchwebte um ihre Lippen, wie ſie uns gluͤckliche Aeltern bereits zu den herrlich⸗ ſten Hoffnun gen berechtigt. Im Pfarr⸗ hauſe geboren, habe ich ſie erzogen, daß ſie mit Ehren in's ſchoͤnſte Schloß einziehen kann!—— Du haſt mich unangenehm in meinen Betrachtungen geſtoͤrt, antwortete der Pfar⸗ rer, ſiehſt Du, und er zeigte auf das Grab, das ſind die Fruͤchte der Eitelkeit! Haͤtte Mariens Mutter, die eitle Hirtenfrau, die im Wahnſinn ſtarb, nicht das liebe Toͤchterlein verzogen und in ihr Herz den Trieb zur Ei⸗ telkeit gegeben, das arme Kind haͤtte nie an den Verwalter gedacht, der ein Sohn des eichen Pachters war, ſie waͤre von ihm nicht erfuͤhrt worden, haͤtte dort an der Linde — ꝗ—— 7 nicht Kirchenbuße gethan, welche Strafe das Geſetz den Geſchwaͤchten zuerkannte, und haͤtte ſich ſodann im Gefuͤhl ihrer Schande nicht erſaͤuft.„Eitelkeit der Mutter war der Tochter Ungluͤck!!!“ Weg mit dieſen milzſuͤchtigen Ermah⸗ nungen! rief jetzt die Pfarrerin, hebe Deine Sittenlehren fuͤr die Kanzel auf. Jetzt komm, ſieh ſie ſelbſt, und von Stein muͤßteſt Du ſeyn, wenn dein Herz ſich nicht erfreute. Haſt Du denn kein Angebinde fuͤr ſie? Ja wohl, ſprach der Pfarrer, oͤffnete ſein Pult, nahm daraus eine neu gebundene Bi⸗ bel, legte einige Goldſtuͤcke in ſelbige, und folgte nun der lieben Hausfrau, die man, da ſie des Hauſes Regiment fuͤhrte, wohl 2uch des Hauſes Herrin ennn konnte.— „. 2. Sie traten in's Gaſtzimmer ein, und ſchoͤn, wie eine Huldin, gluͤhend, wie der junge Mor⸗ gen, tritt den Aeltern das zarte Toͤchterlein entgegen. Daß die Mutter auf dieſes Maͤgd⸗ lein ſtolz war, dies war ihr nicht zu ver⸗ argen, denn Roſette war wirklich das herr⸗ lichſte Maͤdchen der ganzen Gegend rings umher.— Dieſe ſchlanke, reizvolle Geſtalt, dieſe zarte Jungfraͤulichkeit, dieſe friſche Geſundheit, das ſprechende blaue Auge, der goldnen Locken Fuͤlle, der kleine Purpurmund, der Hals und Buſen nach den ſtrengſten Regeln der Kunſt ggeformt, der idealiſche Wuchs vollendete an Roſetten die Huldin, und alle dieſe Reize zogen auf das lieblichſte der Land⸗ maͤdchen, als ſie, nach dem Wunſche der Nutter, ein Jahr bei einer Muhme in der Reſidenz verweilte, a ller Augen.—— Schon = 6 der knospenden Jungfrau wurden tau⸗ ſend Huldigungen, und ach! nur zu fruͤh erkannte es das Moͤdchen ſelbſt, wie ſchoͤn ſie ſey, und der Saame der Eitelkeit keimte in der jugendlichen Bruſt.—— Die Modekleidung der damaligen Zeit war eben nicht geeignet, ſchoͤne Formen zu erheben. Die goldnen Locken,(ſo befahl es die Mode, die tyranniſche Herrſcherin des ſchoͤnen Geſchlechts, die vom Throne von Pa⸗ ris despotiſch befehligte) zwangen ſich in ein Pomade⸗duftendes, ſtark gepudertes Tou- pée, das hunderte von Nadeln befeſtigten. Ein Blankſcheit ſtrebte gegen den wogenden Lilienbuſen, der Reifrock ließ die Wellen⸗ linien des Wuchſes nicht ſchauen, und der hohe Abſatz am engen Schuh hinderte den ſchwebenden Gang der Grazie, und dennoch war auch in dieſer Kleidung Roͤs chen ſo bezaubernd ſchoͤn und lieblich.— Ein ſtolzes Laͤcheln umzog das Antlitz ““ des ſonſt ſo enſten Vaters, und ſeine d.. thetiſche Anrede loͤſete ſich in ſuͤße Freuden⸗ thraͤnen auf, als ihm das holde Kind in allem ihrem Liebreiz nahte, und ehrerbietig ihm und der Mutter die Hand kuͤßte, und zum Feſte Gluͤck wuͤnſchte. Hier, liebe Roſette, haſt Du mein Angebinde, ſprach er, dieſes Bibelbuch verehre ich Dir zu Deinem Geburtstage! Mein Gebet fuͤr Dein Wohl, mein herzlichſter Wunſch fuͤr Dein wahres Gluͤck begleitet dieſes Bibelbuch. Das Wort des Herrn bewahre Dein Herz vor Eitelleit und Sinnesluſt, es bereite Dich zu jedem morgenden Tage vor, und ſtaͤrke und befeſtige Dich im wahren Glauben; und dieſe Goldſtuͤcke bewahre auf, bis die Zeit kommt, daß Du Deine Ausſtattung bereiteſt. Ein wackerer Freier wird der frommen, haͤus⸗ lichen, in aller gottſeligen Ehrbarkeit erzo⸗ genen Jungfrau nicht fehlen, und hoffnungs⸗ voll ſehe ich dem Abende meines Lebens ent⸗ gegen, gluͤcklich werde ich mich ſchaͤtzen, wenn einſt ein braver, wohlgelehrter junger Geiſt⸗ 1 41 licher, Schulmann, oder ein anderer biederer 4 Gelehrter oder ſonſt ein wackerer, frommer Mann mein werther Eidam wird. Roͤschen laͤchelte, aber in der eitlen Mut⸗ ter Antlitz gluͤhte bei dieſen Worten gekraͤnk⸗ ter Stolz, der ihr den Mund unangenehm verzog; doch bemerkte dies der gute Pfarrer nicht, der in hebraͤiſchen heiligen Buͤchern und den alten griechiſchen und lateiniſchen Schrift⸗ ſtellern einheimiſcher als in ſeiner Familie war. 3 Roͤschen war bereits ein eitles, verzogenes, 8 aber immer noch ein frommes, herzensgutes und unſchuldiges Maͤdchen. Deshalb verklaͤrte ſich ihr Antlitz, als ſie ihren Blick auf das ſchoͤn eingebundene Bibelbuch richtete, 3 auf deſſen Vorderſeite ihr ganzer Name, in in goldenen Buchſtaben eingedruckt, prangte. ——— . Sie ſchlaͤgt es auf, und was findeſt Du fragte liebreich der Vater, und X Sch en las mit innigem Gefuͤhl: „Habe Gott vor A uge us im „Herzen, ſo wirſt Du in keine „Suͤnde willigen.“ Laß Dir dies eine Stimme Gottes ſeyn! rief der Vater in der Begeiſterung des Kanzelred⸗ ners, und fliehe den erſten Schritt zur Suͤnde, er fuͤhrt zu mehreren. Laſſe nicht das Fleiſch Gewalt uͤber Dich haben! Mor⸗ gen wollen wir vereint zum Tiſche des Herrn gehen! Ein junger Nachbar⸗Geiſtlicher, als Menſch und Gelehrter gleich achtbar, wird predigen, und das Amt verrichten, dort er⸗ hebe, dort heilige Dein Herz, und heute nimm des Vaters Segen. Er legte die Hand auf des Maͤgdleins Haupt, ſie weinte, und dieſe Scene ſiegte auch uͤber der Mutter eit⸗ les Herz, auch ſie empfand in dieſem Augen⸗ blicke, daß es ein Gut giebt, hoͤher als Glanz, Reichthum und Ehre.—— Da laͤuteten die Glocken zum zweitenmal, der Pfarrer warf ſich in ſeinen Ornat, und Frau und Tochter folgten ihm in's Haus des Herrn. ——— Dort, lieber Leſer, laß ſie beten und lerne nun die haͤuslichen Verhaͤlt⸗ niſſe unſeres Pfarrers kennen. 3. Der Pfarrer, M. Gotthilf Ernſt, war der Sohn eines wuͤrdigen Schulmannes, der durch tiefe Gelehrſamkeit und ſtrenge Schul⸗ zucht ſeiner Schule neuen Ruhm gegeben hatte. Seine Kinder wurden in aller Ehr⸗ barkeit und Gottesfurcht erzogen, genoſſen aber, da der Vater ein gar ſtrenger Sitten⸗ eiferer war, die Freuden des jugendlichen Le bens gar wenig, und unſer Gotthilf kam, als er ſechszehn Jahre zaͤhlte, ſehr wohl unter⸗ richtet, aber ohne alle Weltkenntniß, auf eine jener Landesſchulen, wo bei dem reg⸗ ſten Fleiße noch der alte Pennalismus in al⸗ ler ſeiner Haͤrte gewaltig herrſchte, jedes Vergehen gegen denſelben, mit oft 13 — und 14 kuͤhrlicher, grauſamer Strenge geruͤgt wurde. Im ſtrengen Gehorſam verehrte er ſeine Obern und war, als er Primaner war, nicht minder hart gegen ſeine Untergebenen.—— Doch glaubte er es um ſo eher ſeyn zu koͤnnen, da er von ſeiner Sittenreinheit auf an⸗ dere ſchloß. So bezog er mit dem 22. Jahre die Landes⸗Univerſitaͤt, zog ſich dort von al⸗ len rauſchenden Freuden zuruͤck, lebte nach dem Tode des Vaters ſehr beſchraͤnkt, und trat als ein kraͤftiger, ſchoͤner junger Mann, mit den ehrenvollſten Zeugniſſen, unter die Candidaten des Predigtamts. Sein Ernſt und Anſtand, ſein wuͤrdegebietendes Aeußere, ſeine exemplariſche Sittlichkeit empfahl ihn em Criminalrathe B., der bei der Feier ſei⸗ nes funf und zwanzigjaͤhrigen Dienſtjubilaͤums ſich ruͤhmte, ſchon 500 zum Theil geſchaͤrfte Todesurtheile, die ſaͤmmtlich vollzo⸗ gen wurden, gefertigt zu haben. In dem 4 ganzen Hauſe des geiſtreichen, aber herzloſen Juriſten, herrſchte der Ernſt eines Crimi⸗ —,— — 15 nalamts, und die Kinder wurden in Furcht und Demuth erzogen. Karb, der aͤlteſte, ein ſanfter Knabe, gewann ſeinen Lehrer ſehr lieb, und dieſer bildete ſeinen Verſtand, und legte in ſein Herz Gefuͤhl fuͤr Menſchlichkeit und Menſchenwuͤrde. Der Criminalrath ſtarb —— vor Aerger, daß einige ſeiner Urtheile durch die Gnade des Landesherrn gemildert wurden, und unſer Candidat, der in dieſem Hauſe ſo viel des Guten geſtiftet und bereits das Magiſterium erhalten hatte, wurde jetzt in das Haus des Amtsraths X. empfohlen. Hier war ganz das Gegentheil des Vorigen— Schwelgerei und Stolz hatten hier unter dem Scheine des Reichthums ihren Sitz.„Leben und leben laſſen, und macht euch Freun⸗ de mit dem ungerechten Mammon!“ hieß der Wahlſpruch ſeines ſonſt herzensgu⸗ ten Prinzipals, der unter dem Regimente ſei⸗ nes Weibes ſtand, und ſorglos nie die Aus⸗ gabe ſeines ſchwelgeriſchen Hauſes uͤberſah. Eine graͤfliche Tafel, der Keller eines Praͤ⸗ 16 laten, und Equipagen, wie ſie nur ein Cava⸗ lier ſich erzeugen konnte, ließen im Amtsrathe x. den Mann des Gluͤcks erkennen. Offi⸗ ziere und Junker begruͤßten den eitlen, gaſt⸗ freien Mann mit bruͤderlicher Zutraulichkeit, und machten Riekchen, ſeiner Tochter, ei⸗ nem ſchoͤnem, aber bereits ſehr verzogenen Maͤdchen, den Hof. Vielen ſtach das an⸗ ſcheinlich reiche Maͤdchen ſehr in die Angen, und einer der ſchoͤnſten Offiziere ſchien be⸗ reits ernſte Abſichten zu haben. Es war der Vorabend ihres 17. Ge⸗ burtstages. Schon hatte unſer Magiſter ſein Carmen ſauber abgeſchrieben, ſchon hat⸗ ten ihre juͤngeren Geſchwiſter, ſeine Zoͤglinge, ihre Gratulationen erlernt. Kuͤche und Kel⸗ ler war in Bewegung, die alten Rheinweine perlten in den verſiegelten Flaſchen. Der Italiener Schuri Muri ſandte aus der Reſi⸗ denz den koͤſtlichen Schaumwein der Cham⸗ pagne, ſandte den feinſten Burgunder, ſandte — —— 4 4 17 Auſtern, Rack de Goa, Schinken, Salamis, Caviar und die Prachtexemplare der Wuͤrſte von Goͤttingen, Braunſchweig und Hildesheim, nebſt koͤſtlichem Hamburger Poͤkelfleiſch; ſchon hatten im Oeconomiehofe des herrlichen Kam⸗ merguts Truthuͤhner, Perlhuͤhner und Enten unter dem Meſſer der Koͤche geblutet, ſchon der nachbarliche Wildmeiſter ein feiſtes, hau⸗ end Schwein, einen Hirſch, drei Rehe und ein Dutzend Haſen, Rebhuͤhner und Schnepfen geſandt, und Riekchen ordnete die Spieltiſche und dachte ſich als Koͤnigin des Feſtes, als die Braut des ſchoͤnen, jungen Freiherrn und Adjutanten des in der nachbarlichen Gar⸗ niſon liegenden Dragoner⸗Regiments. Der alte Amtsrath, dem die Flaſche ſein Gott war, erprobte eben froͤhlich und guter Dinge Schuri Muri's Schaumwein; ſiehe, da roll⸗ ten Equipagen in den Hof, aber aus ihnen ſtieg weder Freiherr, noch Offizier; es waren Abrahams und Iſaaks, Schm und Sauls, Moſes und Mendel ————— 18 ne, ſie kamen mit ihren Rechts⸗Conſulenten, producirten die allerhoͤchſten Captur⸗Be⸗ fehle und ihre Wechſel— ihnen folgte ein Amtsbote, der das Reſcript des abgeſchla⸗ genen Pachterlaſſes inſinuire.——— Bald darauf brachte die Boten⸗Eve ein Schreiben von der Poſt. Der Agent mel⸗ dete eine Unterſuchungs⸗Commiſſion —— wegen der Defecte, die ſich in der Forſtkaſſe zeigten, und unrichtig befundener Belege. Der Amtsrath erwachte aus ſeinem Raͤuſchchen, war ganz exaltirt, heftige Zahn⸗ ſchmerzen preßten ihm Thraͤnen aus. Er er⸗ bat ſich nur einige Minuten Ruhe, und waͤhrend die Hebraͤer ſeine Zimmer betrachteten, und die Rechtsanwalde Schuri Muri's Spenden pruͤften, der Amtsbote ſich's mit der Boten⸗ Eve bei der Dienerſchaft, die in der Eile eine Flaſche Champagner ſtatt des Senftenberger Ausbruchs ergriffen hatte, wohl ſeyn ließ, ging der arme Amtsrath in ſeinem Zimmer auf und ab, nahm haſtig, den Schmerz zu 19 betaͤuben, zwanzig Tropfen von einem Liquor, den er ſich, da er oft an Zahnweh litt, zur Betaͤubung der Schmerzen erkauft hatte, ent⸗ ſchlummerte bald darauf, und als ihn Abraham und Schmuel(denen ein unvorſich⸗ tiger Bedienter Bayonner Schinken praͤſen⸗ tirt hatte, welches ſie fuͤr eine abſichtliche Be⸗ ſchimpfung hielten) nun ernſtlich erinnern woll⸗ ten, fanden ſie ihn todt auf einem Lehn⸗ ſtuhle. Der Schlag hatte ihn ge⸗ ruͤhrt!— Weih mir! rief Schmuel, aber der vorſichtige Iſaak heftete ſeine Augen auf das noch offene Medizinglas, deſſen Signatur: Laudan. Liquid. Sydenhami, mit dem Bemerk:„Auf den ſchmerzhaften Zahn zu legen!“ enthielt, und ſprach achſelzuk⸗ kend, unſer Schuldner ſtarb am Wechſel⸗ oder weih mer! wohl gar am Unterſu⸗ chungsfieber.——— Wars Abſicht, war's Furcht vor der Unterſuchung, wars ein trauriger Mißgriff, der Amtsrath war und blieb todt. Tiefe Trauer erfuͤllte das. Hans d 20. Freude. Alle ſeine Habe wurde gerichtlich verſiegelt, er in aller Stille Tags darauf be⸗ erdigt, und der ſonſt gute, gemuͤthliche, gegen ſeine Unterthanen milde, und gegen jeden Ar⸗ men wohlthaͤtige Mann, hinterließ eine ver⸗ laſſene Wittwe und arme, trauernde Wai⸗ ſen. Der Hauslehrer wurde ſofort ent⸗ laſſen.— 4. Ein Jahr war voruͤber, Candidat Ernſt erhielt einen ehrenvollen Ruf als Pfarrer, er hatte bereits ſeine Antrittspredigt in Z— a gehalten, Patron und Gemeinde ehrten den ernſten Mann, den gewaltigen Prediger, da gedachte er des armen Riekchens,— die nach ausgebrochenem Concurs mit ihrer Mutter, einem gebornen Fraͤulein N. N., ſtill und freudelos lebte, und eben jetzt ihre junge Schweſter, die eine Blatter⸗Epidemie weg⸗ raffte, betrauerte.* 24 Alle alten Tiſchfreunde hatten die Un⸗ gluͤcklichen verlaſſen, abgewieſen und verach⸗ tet, alle alten Freier flohen das verwaiſte Maͤdchen, und wollte Riekchen nicht hun⸗ gern, ſo mußte ſie nun arbeiten oder betteln. — Ansserſte war ſie nie gewoͤhnt. Eben weint ſie im tiefen Schmerzgefuͤhl, da tritt Paſtor Ernſt unverhofft in ihr froſtiges Dachſtuͤb⸗ chen. Das ſchoͤne, reiche Maͤdchen hatte ihn nicht bezaubert, das arme, trauernde ruͤhrte ſein Herz, mit unverſtellter Freundlich⸗ keit gruͤßt ſie ihn als wahren Freund ——— und reicht ihm, da der Freund zum Freier wird, ihre Hand. Riekchen hatte kein boͤſes Herz, aber der Stolz, die Eitelkeit war ihr, von der Noth noch nicht gebeugt, geblieben, und ſo ſehr ſie ihren Gatten, den wahrhaft ſchoͤnen, ernſten Mann liebte, ſo wollte ihr das Le⸗ ben des Landpfarrers nicht behagen. Ihre Mutter, die ſie zu ſich nahm, naͤhrte den -————y(— 22 Stolz, und ſie mußte der Sterbenden ver⸗ ſprechen, einſt ihre Kinder wieder zu Ehren(?) zu bringen. Die Soͤhne ihrer Ehe ſtarben fruͤh dahin. Der Schmerz, ſo nahe bei ih⸗ ren Graͤbern zu wohnen, bewog den Pfarrer, ſich um die eben vacante Stelle von Tau⸗ ben hayn, die der Vormund des unmuͤndi⸗ gen Patronatsherrn, der Geſandte und Ge⸗ heime Rath, Freiherr von Falkenſtein, zu vergeben hatte, zu bewerben, und er er⸗ hielt ſie, denn ſein Leben, ſeine Lehre und ſein Wandel waren lauter und ohne Tadel, und ſeine Probepredigt hatte die Herzen ergriffen. Die Pfarrerſtelle zu Taubenhayn gehoͤrte zu den eintraͤglichſten des Landes. Des Pfar⸗ rers Wohlſtand mehrte ſich, mit ihm die Glanzſucht ſeines Weibes. Das Pfarrhaus zu Taubenhayn zeichnete ſich bald durch ſeine Gaſtlichkeit und innere propere Einrichtung aus. Schon war Ernſt hier zwei Jahre, und nun gebar ihm ſein Weib eine Tochter. Das Maͤdchen erhielt den Namen Roſetta 23 Amalia. Man rief ſie Roͤschen oder Roſa. Die Erziehung der Soͤhne hatte ſich der Va⸗ ter vorbehalten, die der Tochter uͤberließ er ganz der Mutter, und fruͤh wußte das ſonſt brave Weib den Keim der Eitel⸗ keit in den Buſen des wunderhold bluͤhen⸗ den Maͤgdleins zu legen, nicht ahnend, daß ſie ihr ungluͤcklichen, namenloſen Jammer und Verderben bereitete.——— 5. In den Zeiten, wohin die Sage die Be⸗ gebenheit, die wir erzaͤhlen, verlegt, herrſchte in den Haͤuſern der proteſtantiſchen Pfarrer Ernſt und ſtrenge Sitte. Weder der Pfarrer, noch ſeine Frau und Kinder durften an oͤffentlichen Aſſembleen, Feſtins und rauſchenden Luſtbarkeiten, am Spiel und Tanzen Antheil nehmen. Se 5 ſollten in jeder Hinſicht ein Beiſpiel fuͤr Andere ſeyn, und dieſe ſtrenge Zuruͤckgezogen⸗ — heit, dieſe exemplariſche Sittenreinheit war der Grund zur Ehrerbietung, die ſie von ihren Kirchkindern uͤberall erhielten. Sitte war es, und Sitte iſt es noch, daß, wenn der Paſtor des Orts commu⸗ nicirt, ein befreundeter Nachbarprediger das Amt haͤlt, und nach der Kirche beim Mahle bleibt. Dieſes Mahl wurde nun, da dem amthaltenden Prediger oft ſeine miteingela⸗ denen Lieben begleiteten, in allem Anſtand mit patriarchaliſcher Gaſtlichkeit gefeiert. Die Maͤn⸗ ner unterhielten ſich von gelehrten Gegenſtaͤn⸗ den, und waͤhrend deſſen hatte die Pfarrfran Gelegenheit, ihren haͤuslichen Wohlſtand und wirthliche Einrichtung zu zeigen. Ein ſolcher Tag war fuͤr das Taubenhaynſche Pfarr⸗ haus der zweite Pfingſttag. Ein neuordi⸗ nirter Prediger der Nachbarſchaft hielt die Predigt und das Amt. Es war ein Mann von Geiſt und Herz, von herrlichem Anſtand, feiner Sitte und Weltkenntniß, denn er war Hauslehrer im Hauſe eines hochherzigen 1 25 Fuͤrſten geweſen, der ohnweit Taubenhayn einen ſchoͤnen Ritterſitz beſaß, und wohlthaͤtig und anſpruchslos ſich im Gluͤcke ſeiner Un⸗ terthanen gluͤcklich fuͤhlte. Mit dem Erbprin⸗ zen des Fuͤrſten hatte Paſtor Ehrenfeld als Gouverneur Frankreich, die Schweiz und Italien bereiſt, mit ihm in Wien den ſchoͤnen Wiſſenſchaften gehuldigt, und durch des alten Fuͤrſten Huld die ſchoͤne Stelle, eben an ſei⸗ nem 25. Geburtstage, erhalten. Der junge Paſtor Ehrenfeld hielt am zweiten Pfingſttage eine muſterhafte Predigt, die Worte des Heils gingen aus dem Herzen zu den Herzen, und Thraͤ⸗ nen perlten auf der Wange des alten Paſtors, als er nach vollendetem heiligen Amte mit Wuͤrde, Milde und melodiſcher Stimme den Segen ſprach. Er kuͤßte und umarmte den jungen Amtsbruder und ſprach: Lieber Herr Amtsbruder! den heutigen Tag ſchenken Sie uns.— Meine Roſette mag heute unſere Martha ſeyn. Kommen Sie, ehe der Mit⸗ tagstiſch bereitet iſt, laſſen Sie uns das herr⸗ 3 ———— 26— ſchaftliche Schloß, ſeine herrliche neue Einrichtung und ſeinen Garten ſehen. 6. Sie gingen,— und Paſtor Ernſt er⸗ zaͤhlte beim Eintreten in den neuen Burghof: „Die Burg in Taubenhayn, der Falken⸗ ſtein genannt, wurde, ſo erzaͤhlt es die, frei⸗ lich hiſtoriſcher Gewißheit entbehrende, Sage, unter Heinrich dem Erlauchten, von einem thuͤringiſchen, aus den Kreuzzuͤgen zuruͤckge⸗ kommenen Ritter, dem Horſt von Falken⸗ ſtein erbaut. Die Falkenſteine waren ta⸗ pfere Herren, aber nach der unſeligen Sitte des Fauſtrechts oft Raubritter, und biswei⸗ len das ſchoͤne Geſchlecht allzuſehr liebend, fuͤr die Toͤchter ihrer Unterthanen Falken unter den Tauben. In ſpaͤtern Jahrhun⸗ derten gelangten ſie, wegen ihres alten Adels, zu den hoͤchſten Wuͤrden im Staate, im Heere und in der Kirche. Ihr Aufwand war fuͤrſt⸗ 27 lich, aber die aͤltere Linie verarmte. Der Vater des hochſeligen Herrn ſah ſich bereits auf den Ertrag einer Rente reducirt. Da ſtirbt ſein Oheim, ein Kreuzherr, vermacht ihm zwei Tonnen Goldes, befreit dadurch Tauben⸗ hayn von ſeinen Conſenſen, erhebt es zum Majorate, und beſtimmt, daß jeder Beſitzer als Bedingung des Beſitzes bei der Ueber⸗ nahme geloben ſollte, ſeinen Stamm adelich⸗ rein zu erhalten und fortzupflanzen, oder des Majoratsbeſitzes ſich zu enthalten. Das Te⸗ ſtament gab dem Hauſe neues Leben, und die alte Burg wurde praͤchtig erneuert, geſchmuͤckt, durch Kunſt und Geſchmack verherrlicht. Der alte Herr ſtarb, eh' ſie vollendet war, er hin⸗ terließ einen einzigen Sohn im zarten Kna⸗ benalter. Sein Vormund, ein reicher ſtolzer Comthur der Balley Thuͤringen, vollendete den Bau. Herrlich ſteht ſie nun und verkuͤn⸗ det des alten Ritterhauſes neuen Glanz und Reichthum. Der Comthur iſt das Haupt der juͤngern Linie, die große Guͤter in Thuͤ 28 ringen beſitzt. Der jetzige Herr, Heinrich, der Mutter Liebling, war ein wilder Knabe. Er ward im Glanze und Reichthume erzogen und iſt jetzt, um ſich fuͤr die große Welt zu bil⸗ den, auf Reiſen, und Gott gebe, daß ſein Herz ſich rein erhalten moͤge.“ Das wolle Gott! antwortete der junge Pfarrer, der den Freiherrn von Paris her als Bonvivant kannte; er wollte weiter ſprechen, da traten ſie, vom Caſtellan bewillkommnet, in das In⸗ nere des Schloſſes. Alles beurkundete hier glaͤnzenden Reichthum, Prunkſaal und Stuben waren reich geſchmuͤckt, koſtbare Mobilien, vorzuͤglich Gemaͤlde, und die Bilder der Ahn⸗ herren von Meiſtern gezeichnet, in großen gol⸗ denen Rahmen, bezeugten Stolz und Kunſt⸗ ſinn, die Mobilien waren aus Paris. Pracht⸗ voll war das Schlafzimmer, am praͤchtigſten der Torus*), der nach dem Willen des fides commissarii fuͤr den Herrn beſtimmt war. 2) Ehebett. . 29 Ein Pariſer Meiſter hatte hier ein wahres Kunſtwerk vollendet. Es war ein koſtbares Himmelbett mit ſeidenen, goldgeſtickten Vor⸗ haͤngen, koſtbaren Matratzen, ſeidenen, geſtick⸗ ten Decken, neben dem Bette prunkte das Bild des jungen Herrn und uͤber ihm das Falkenſteinſche Wappen: ein Falke, der eine Taube raubt;— neben dieſem war ein leeres Schild, fuͤr das Wappen der zu Er⸗ waͤhlenden. Wird im Glanze des Schein⸗ gluͤcks auch die Neuerkorne gluͤcklich ſeyn? ſagte eben der junge Prediger, da repetirt die Seigeruhr des Zimmers, und ihre Sil⸗ berglocken toͤnen ein Lied Petrarca's. Und in dieſem Augenblicke trat Roͤs⸗ chen, ſchoͤn wie der jugendliche Morgen, in's Zimmer, und ergluͤhte in jugendlicher Schaam, als ſie ſich vor dem Torus, dem Ehebette des jungen Herrn, ſah und ſprach, den jun⸗ gen Pfarrer kaum bemerkend, denn ihre Au⸗ gen ruhten auf dem Bilde des Freiherrn, —y——õ— 30 8 „es iſt angerichtet, den lieben Gaſt erwartet das laͤndliche Mahl!“ Schnell, wie ein Reh, war ſie entſchwunden. Ein herrliches Maͤdchen, ſprach M. Eh⸗ renfeld, gluͤcklich der Mann, den ſie erwaͤhlt. Ehrwuͤrdiger Mann, fuhr er fort, des Paſtors Hand ergreifend, wollte Gott, ich duͤrfte. mir des Kindleins Hand und der Aeltern Segen erbitten. Viel des Guten hab⸗ ich ſchon von ihr gehoͤrt.—— Mein Vater war Hofrath in der Reſidenz, er wendete Viel auf meine Erziehung, ich waͤhlte die Gottesgelahrtheit zu meinem Beruf, und danke Gott, daß ich ſie erwaͤhlte, ſie gab mir Brod und Zufrieden⸗ heit. Meine Stelle ernaͤhrt mich wohl, ich beſitze eignes Vermoͤgen und geſtern erhielt ich den ehrenvollen Ruf als Profeſſor extra- ordinarius auf der Landes⸗Univerſitaͤt, doch an Roͤschens Hand wird das Stillleben, der gottſelige Wandel des Landpfarrers, mir der geſegnetſte ſeyn. Mein Gluͤck leg' ich in ihre Haͤnde! Guter Mann, ſprach der Va⸗ s 31 ter, meinen Segen haben Sie, gewinnen Sie der Mutter und Tochter Herz, und zwei 1 Familien werden durch Ihre Wahl gluͤck⸗ lich ſeyn! 7. — Sie traten in's Taubenhaynſche Pfarr⸗ haus, Freude gluͤhte auf ihrem Antlitz, mit Herzlichkeit kuͤßte der junge Pfarrer der Mut⸗ ter Hand, inniger, zaͤrtlicher die der lieblichen Tochter. Die Frau Paſtorin blickte ihn gar ernſt an.—— Sie benahm ſich waͤhrend der koͤſtlich vorgerichteten Tafel vornehm⸗kalt, und als die Maͤnner beim alten Meißner froher wurden und nun der Pfarrer zum Deſſert alten Rheinwein, ein Geſchenk des guͤtigen Foͤrſters, herzubringen gebot, ging ſie hinaus, ließ die Tochter, ein Geſchaͤft vorge⸗ bend, in's Nebenzimmer rufen, und ſprach: „Kind! der junge Paſtor Ehrenfeld— Se 32 hat Abſichten auf Dich; ich habe nichts wi⸗ der ihn, aber Du biſt nicht fuͤr eine Pfarr⸗ frau erzogen, genieße Dein junges Leben bei Deiner Schoͤnheit nach Deiner Erzie⸗ hung, und Du kannſt dem Edelmanne nicht entgehn. An dem heutigen heiligen Tage ſtandeſt unverhofft Du am herrſchaft⸗ lichen Torus, dies iſt ein Anzeichen des Schickſals, und die alte Marie Lieſe, von der die Leute meinten, daß ſie wahrſagen koͤnnte, hat Dir prohezeiht, als Du Kind warſt: Du wuͤrdeſt bekannt werden im Lan⸗ de, Dein Haupt ſollte dereinſt erhoͤht ſeyn, und Dein Name nicht vergehen; darum folge mir, taͤuſche den guten Mann nicht mit eitlen Hoffnungen, ſondern ſprich Deinen Willen rein und wahr aus. Jetzt pruͤfe Dein Herz, es gilt Entſcheidung!“ Die in’s Tafelzimmer. Mutter holte den Wein und Roſa folgte ihr 8.— Sie traten ein,— auf Noͤschens Wan⸗ gen wechſelte die Glut des jungfraͤulichen Stolzes und der Ueberraſchung, denn jetzt ſah ſie, daß der wackere junge Prediger auch ein kraͤftig⸗ſchoͤner Mann bar. Ihr Sitz war neben dem ſeinigen, und als jetzt Pa⸗ ſtor Ernſt das mit Aßmannshaͤuſer Rhein⸗ wein gefuͤllte Kelchglas ergriff, und ausrief: „Unſer Herr Amtsbruder lebe!“ da ſtand der junge Pfarrer auf, ergriff Roͤschens Hand, und bat geziemend um ihre Liebe, die Aeltern um ihren Segen; aber Roſa ſah der Mutter warnendes Antlitz, und ſprach: Hoch⸗ ehrwuͤrdiger Herr Paſtor, mein Herz, meine 8 Hand kann Sie nie begluͤcken— ich achte, ich verehre Sie, doch ſchonen Sie mich, ich bitte, denn dieſes Herz— ſie ſchwieg betrof⸗ fen.— Wie? ſprach der Vater, Roſa, du woillſt Dein Gluͤck von Dir ſoßen; Schons 8 34 3 das Kind, erwiederte die Mutter, ſie iſt noch zu jung und der Entſchluß zur Ehe bedarf Ueberlegung. Und Du kennſt meinen Wunſch! rief entruͤſtet der Pfarrer. Willſt Du durch Deine Eitelkeit, die ich durchblicke, mir des heut gen Tages nani dae⸗ der Toch⸗ ter Gluͤck vernichten? Zorn funkelte in ſennem Auge und finſterer Ernſt furchte ſeine Stirn, ſchon wollte das Weib widerſprechen, Roͤschen weinte, da ſtand der junge Pfarrer auf und ſprach: „Friede ſey mit Euch!“ „Roſa, ſeyn Sie gluͤcklich, ich entſage, „aber wer Ihre Schwaͤche reizen und nuͤz⸗ „zen duͤrfte, ihn treffe das Gericht!!“ Dees Mahles Freude, des Tages Zufrie⸗ denheit blieb geſtoͤrt. Paſtor Ernſt ſchloß das Mahl mit ſtillem Gebete, und Paſtor Ehrenfeld ſagte ihm bald, die zitternde Hand in die ſeine legend, ſein Lebewohl.— 9. Fort grollte der alte Hausvater, der die Motive von Roͤschens Entſagung wohl kannte, die eitle Mutter fiollte, Roͤschen aber weinte bitterliche Thraͤnen, da nahm der Pfarrer das Wort und ſprach: Weib! Ich kenne Deine fixen Ideen, huͤte Dich, daß ſie nicht zum Wahnſinn werden. Einen Edel⸗ mann haſt Du der Tochter zugedacht, weil Du muͤtterlicher Seits die Enkelin eines Edel⸗ manns biſt. Denke, Weib, denke, was koſtet Dei⸗ nem Vater des Weibes Eitelkeit und Glanz⸗ ſucht!— Leben und Ehre. Du willſt, ich muß Dich am 17ten Geburtstag der Toch⸗ ter an den ungluͤcklichſten Tag Deines Le⸗ bens erinnern.— Dieß iſt zu viel, kreiſchte die Paſtorin, und ſchluchzte und weinte. 2 Dies dauerte den guten Mann, und er ſprach, ihre ſchwache Seite erkennend: Mein Riekchen, 36 boͤſe iſt das nicht gemeint, Glanz und Ehre ſind hohe Guͤter, aber wiſſe es, der Landedel⸗ mann ohne Charakter geht im Range unter dem graduirten Rathe. Dem Edelmanne un⸗. term Militair iſt oft ein kleiner Raum zwi⸗ ſchen Feldlager und Grabziter Edelmann am Hofe muß eine adeliche Gemahlin erkie⸗ ſen, ſonſt iſt er und ſie in den Geſellſchaften des alten Adels zuruͤckgeſetzt, und wo wird 5— der Edelmann gefunden, der im Zirkel adeli⸗ cher Frauen nicht den Wunſch im Herzen fuͤhlen ſollte: O! gehoͤrte dein Weib doch auch zu ihnen!! Solche Wuͤnſche ſind oft die Quelle der Unzufriedenheit!—— Laſſe darum dem Adel, was ihm gebuͤhrt, er be⸗ haupte den Ruhm ſeiner Ahnherren, aber auch ich geſtehe Dir meine Eitelkeit. Wiſſe es, Paſtor M. Ehrenfeld, er traͤgt den Na⸗ men in der That, hat den Ruf eines akade⸗ miſchen Lehrers erhalten, er wird baldigſt dann in Doctorem theologiae promoviren.— Denke Dir, Weib! den kuͤnftigen Schwieger⸗ 37 ſohn in der Wuͤrde des großen Refor⸗ mators! Stolz heftete ſich hier ſein Blick auf Luthers Bild, das neben dem, der Ca⸗ tharina von Bora, der wahrhaft a de⸗ lichen Jungfrau, uͤber Roͤschens Clavier hing. Des Weibes Blick erheiterte ſich, und Roͤschen laͤchelte durch Thraͤnen, und Paſtor Ernſt fuhr durch neue Hoffnung begeiſtert fort: Dem Doctor der Gottesgelahrt⸗ heit, dem verdienſtvollen akademiſchen Leh⸗ rer kann, wenn er in's Predigeramt zuruͤck⸗ treten will, der Ruf zu einer Ephorie nicht fehlen, und der Ephorus ſteht bei amtlichen Verrichtungen uͤber dem Beamten und wenn dieſer ein Hofrath waͤre,(ſtolzer wurde ſein Blick, lauter ſchlug Roͤschens Buſen, und die Mutter hoͤrte wohlgefaͤllig zu und ſprach: Ja, der Herr Magiſter iſt ein wackrer Ge⸗ lehrter, ein Mann von Geiſt und Herz,— und trefflicher Bildung, fiel ihr der haſſor ins Wort, und Roͤschen lispelte: ein lieber Mann.) Willl er aber, ſetzte der Paſtor ſeine Rede fort, bei der akademiſchen Lauf⸗ bahn bleiben, ſo glaͤnzt am Ziele die Wuͤrde des Domherrn, ja die Hoͤhe des Praͤla⸗ ten. Er tritt feierlich ein in die Berathun⸗ gen der Staͤnde fuͤr Vaterland und Kirche, ſitzt auf der Herrenbank des Landtags, der Hochwuͤrdige neben dem Erlauch⸗ ten, die Magnifizenz neben der Erzellenz!! und Mutter! wenn ihm Gott langes Leben ſchenkt, wenn er einſt ſein Jubelfeſt feiert, ihm beim Scheine von hundert Fackeln, Tauſend junge Studirende, mit ihnen Fuͤrſien, Grafen und Herren, bei jubelnden Pauken, bei ſchmettenden Drommetenton, als dem Hochverdienten Magnificus das Vivat ju⸗ belnd bringen, Mutter, wir ſind dann uͤber den Sternen, wo es keinen irdiſchen Prunk giebt, aber freuen werden wir uns, und vom Himmel herab das Glück der Kinder ſegnen. Roͤschens lautes Schluchzen unterbrach ihn, 39 und die Mutter nur aus Eitelkeit charakter⸗ los, ſprach: Auf denn, lieber Mann! laß uns den Herrn Paſtor Ehrenfeld auf's Trinitatis⸗ feſt beſuchen und Roͤschen erhob ſich und kuͤßte dankbar des Vaters Wangen, da— ach wie oft entſcheidet ein Augenblick uͤber Heil und Weh,—— wie dunkel ſind die Verkettungen des Sch ick⸗ ſals— da ſchmettert im Pfarrhofe ein Poſt⸗ horn, alle blicken heraus; ein praͤchtiger Jaͤger und ein Poſtillon reiten kuriermaͤßig ein. Sie ſteigen ab und bald klirren des Jaͤgers Sporen auf der Treppe. 10. Der Jäͤger tritt ein. Eine hohe, kraͤf⸗ tige Geſtalt, Zuͤge voll Ausdruck, die man ſchoͤn nennen konnte, haͤtte man tiefer for⸗ ſchend darin nicht etwas boshaft Geſchmei⸗ diges bemerkt. Sein Anſtand war herr⸗ lich, und der reiche Jaͤgeranzug glich mehr . 40 einer militaͤriſchen Uniform, als einer herr⸗ ſchaftlichen Livree. Mit Ernſt und Ehrfurcht verbeugt er ſich gegen den Paſtor, und wen⸗ det ſich mit leichter Gewandtheit gegen die Frau Paſtorin, ihr die Hand kuͤſſend. Nun ſpricht er, in militairiſcher Haltung an der Thuͤr ſtehen bleibend: Ew. Hochehrwuͤrden empfangen durch mich dieſen Brief von mei⸗ nem wuͤrdigen Herrn, dem Freiherrn von Falkenſtein! Er uͤberreichte den Brief und nun richtete er einen Blick, der feine Lebens⸗ und Frauenkenntniß verrieth, wohlgefaͤllig auf Noͤschen, waͤhrend der Pfarrer den Brief er⸗ brach und halblaut mit ſteigendem Affecte las: Ew. Hochwohlehrwuͤrden! „Meine Reiſe durch den Continent iſt vollendet. Ich habe die Welt geſehen und ihre Freuden genoſſen, und mein Herz ſehnt ſich nach laͤndlicher Ruhe.— 41 Der letzte Wille meines Vaters, des ſeli⸗ gen Majoratsherrn, hat unſern Falken⸗ ſtein praͤchtig erneuert und geſchmuͤckt, daß ich dort leben und wirken ſoll. Es be⸗ ginne dies Wirken mit Wo hlthun. Das heil. Trinitatisfeſt, der Tag meines feſtlichen Einzuges, ſey fuͤr alle meine treuen Taubenhayner Unterthanen ein Tag der Freude und des Gluͤcks,—— auch die Armen und Preßhaften ſollen meiner in Liebe gedenken, und damit die Gabe durch die Hand des Gebers erhoͤht werde und den wahrhaft Bedraͤngten betreffe, ſo bitte ich Ew. Hochwohlehrwuͤrden, als den treuen Seelſorger meiner Gemeinde, als meinen kuͤnftigen Beichtvater, ſich auf die beiliegende meine Anweiſung vom Pachter eine Summe von 200 Mfl. aus⸗ zahlen zu laſſen, und ſelbige nach Ihrem Ermeſſen und Gutduͤnken zu ver⸗ theilen.— Die beifolgende Kleinigkeit nehmen Sie im Voraus als einen Be 42 weis meiner Dankbarkeit an. Unter ach⸗ tungsvollem Gruß an Ihre Lieben Ew. Hochwohlehrwuͤrden Ergebenſter Leipzig, Heinr. Freih. v. Falkenſtein, am Tage Victoriä Majoratsherr auf Taubenhayn.“ im Jahre 17— Der Jaͤger uͤberreichte jetzt dem Pfarrer eine goldene Repetiruhr und einen Solitair. Heeil ihm, Heil uns! rief in freudiger Extaſe, des Jaͤgers Gegenwart nicht beachtend, der Pfarrherr, mein Gebet hat Gott erhoͤrt, des Junkers Gemuͤth, der als Knabe ein arges Weltkind zu werden drohte, hat ſich zu ihm gewendet, und im Kampfe des Leicht⸗ und Edelſinns hat der letzte geſiegt. Heil der Ge⸗ meinde, die einen ſolchen Herrn hat, Heil der gluͤcklichen Auserwaͤhlten, die mit ihm durch's Leben wallt, mit ihm begluͤckend gluͤcklich Se⸗ gen ſpenden, Segen nehmen kann! 11. Dieſe Worte, im Kanzelrednerton geſpro⸗ chen, trafen wie ein Blitzſtrahl das Herz des Weibes und der Tochter, in hohen Wogen erhob ſich Noͤschens Buſen, ihr Antlitz gluͤhte, ihr Auge leuchtete Freude, und der Paſtor ſtoͤrte ſie in dieſen Empfindungen. durch das Gebot, dem Jaͤger den Willkommnungsbecher zu reichen. Roͤschen ſchenkte den Rheinwein in's Kelchglas, war aber ſo zerſtreut, daß der rothe Aßmannshaͤuſer aus der Flaſche fortfloß, als das Glas ſchon uͤbervoll war, und wie ein breiter Blutſtreif uͤber den Schoͤnauer Dam⸗ maſt des Tiſchtuchs ſtroͤmte, auf welchen des Webers Kunſt viel bibliſche altteſtamentiſche Geſchichten eingewirkt hatte. Von Rebenblut uͤberſtroͤmt, ward die herrliche Eſther und die ſchoͤne Ruth, und es traͤufelte in großen Tropfen von dem Haupte der Maccabä erin. Was haſt Du gemacht! meine Roſa, rief die Mutter, indem ſie das befleckte Tiſch⸗ tuch ſah, und ſprach: Bild der Eſther! Deine Schoͤnheit iſt dahin—— troͤſte dich, daß dein Urbild durch ihre Jugend und Schoͤn⸗ heit den erhabenen Ahnherrn, den Kenner weiblicher Huld feſſelte, der des holden Wei⸗ bes Reize mehr als den Glanz der Kronen liebte. Jetzt praͤſentirte ſie ſelbſt mit einer affectirt vornehmen Herablaſſung das Kelch⸗ glas dem Jaͤger, waͤhrend Roſa von der Torte ein Stuͤck abſchnitt, auf ſelbiges ein zerſchnit⸗ tenes Marzipan⸗Herz legte, und dieſes auf dem Porzellanteller dem Jaͤger darbot. Ich bin von der Gnade meines Hoch⸗ und Wohlgebornen Herrn Patroni, unſers gnaͤdiglieben und huldreichen Herrn ganz be⸗ ſchaͤmt, nimmt jetzt der Pfarrer das Wort, ich werde ſeine Befehle reſpectiren, und der Bote nehme dieſes von mir als einen Be⸗ weis meiner Erkenntlichkeit. Er ging an's 45 Pult und reichte dem jungen Jaͤger zwei blanke Speciesthaler von dem diesjaͤhrigen Segen des Bergbaues. Dieſer ſchien aber dadurch beſchaͤmt und ſprach: Ew. Hochwohlehrwuͤrden! Ich bin des jungen Herrn Leibſchuͤtz, ſein treuer Diener, aber nicht ein Bedienter, wie Sie glauben. Laſſen Sie mir das Gluͤck, dieſe Botſchaft ohne Eigennutz uͤberbracht zu haben, und das Geld, welches Sie mir guͤtigſt darbieten, ver⸗ wandle ſich in Ihrer milden Hand zu einer Spende des Wohlthuns. Nehmen Sie, ich bitte, es wieder zuruͤck!„Braver, lieber jun⸗ ger Mann, laͤchelte der Paſtor, ſolchen Glau⸗ ben findet man unter Eures Gleichen ſelten, aber wollt Ihr denn ganz ohne Erkenntlich⸗ keit ſcheiden, Nichts von mir annehmen? Der Jaͤger ſchwieg; da nahm Roͤschen das Wort und ſprach: Guter Vater, Sie werden ſich der ſchoͤnen Medaille erinnern, die ich aus der Reſidenz mitbrachte, die Treue iſt 46 darauf gepraͤgt mit dem Eichenkranze, die Umſchrift: Treue fuͤhrt zur Ehrel be⸗ zeichnet ihren Zweck! Des edlen Herrn wack⸗ rer Diener wird die kleine Gabe ehren. Ja! ja! mein Kind, laͤchelte der Vater, und das ſuͤße Maͤgdlein eilt in ihr Kaͤmmerlein und kommt bald laͤchelnd zuruͤck, und giebt auf ei⸗ nen Wink des Vaters dem Jaͤger die Medaille, zieht aber das Roſenhaͤndchen ſchnell aus der ſeinigen, als ſie den brennenden Druck fuͤhlt, —— und geht von dannen— und Roſas Blick ſagt ihm: Du biſt mir zu gering!!! Er beſteigt ſein Pferd, das der Poſtillon haͤlt, und ſprengt nun ſtattlich mit dieſem dem Herrnhofe entgegen. Alle ſehen ihm nach, da tritt Schulmeiſters Evchen in den Hof, ein Briefchen in den Haͤnden tragend. Was bringt denn dieſe? fragt die Pfar⸗ rerin, gewiß hat den Schulmeiſter die liebe Neugierde geplagt, und er macht ſich einen Be⸗ helf, zu hoͤren, was es giebt. Es pocht.— Herein!— Herein tritt Evchen und ſpricht: 47 Herr Paſtor Ehrenfeld, welcher mit meinem Vater etwas wegen der dortigen Schulva⸗ canz beſprach, ſchrieb dieſen Brief und ſendet mich, ihn Ew. Hochwohlehrwuͤrden zu uͤber⸗ bringen. Gut, gut mein Kind, antwortete der Pfarrer, trinke einmal und gruͤße Deine gu⸗ ten Aeltern, Eochen trank und ging. Er aber erbrach den Brief und las: Verehrteſter Herr Amtsbruder! „Die ſchoͤnſte Hoffnung meines Lebens iſt in ihrem Beginnen untergegangen. Das Gluͤck meiner Zukunft in gottſeligem Still⸗ leben als harmloſer Landprediger mit Ih⸗ rer Roſa zu theilen, hat des lieben Maͤd⸗ chens Entſagung geſtoͤrt. Gott gebe ihr die Erfuͤllung gerechter Wuͤnſche, er ſegne Sie, wackrer Mann und Ihr ganzes Haus! Ich entſage ohne Groll und unter dem 48 Gebete fuͤr Ihr Wohlergehen.—— Um in Ihrer Naͤhe mich nicht zu oft an dieſe verhaͤngnißvollen Minuten zu erinnern, neh⸗ me ich den Ruf nach Leipzig, als aka⸗ demiſcher Lehrer, dankbar an, und verlaſſe die Stelle, die mich ſo gluͤcklich zu ma⸗ chen verſprach. So leben Sie wohl, ewig bleibt Ihnen, Verehrter, meine Dankbar⸗ keit. Gott ſey mit Ihnen und den Ih⸗ rigen. Um fernere Freundſchaft bittet M. Ehrenfeld.“ Schulhaus Taubenhayn, am 2. Pfingſttage 17— 12. Einen Korb auf das Koͤrbchen! tief jetzt die Paſtorin. Nun, lieber Mann, ich habe Deine Luftſchloͤſer nicht zerſtoͤren wollen, er⸗ halte Du die Meinigen. Sollen wir unſer Kind dem Herrn Profeſſor etwa nachtragen? 49 Nein! Seine Entſagung iſt des Schick⸗ ſals Wink. Er gehe ſeinen Weg, ich wuͤn⸗ ſche ihm herzlich alles Gute, er finde ein Weib nach ſeinem Herzen, und was unſerm Kinde beſtimmt iſt, wird ihm ni cht entge⸗ hen. Jetzt, lieber Mann, denke Du nur daran, wie wir den lieben gnaͤdigen Herrn recht feſtlich empfangen, der erſte Eindruch ſichere ihm, ſichere uns eine gluͤckliche Zu⸗ kunft. Die Erziehung der Soͤhne, die Gott zu ſich nahm, uͤberließ ich Dir, mir blieb die der Toͤchter; ich habe ſie begonnen, ich will ſie vollenden, ihr Gluͤck wollen wir theilen, und trifft ſie,(was Gott ver⸗ huͤte) ein Unfall, ſo bleibe mir nur, mir die Reue und die Zurechnung. Roſa um⸗ fing ſchluchzend die Mutter, der Vater druͤck⸗ te ihr mit Schmerzensgefuͤhl die Hand, und zog ſich, des Hauſes Frieden zu erhalten, in ſeine Studierſtube zuruͤck. Dort uͤber die Solennitaͤten des Empfangfeſtes nachdenkend, n ſtudierend, wie er des Patrons Güte und 3 50 5 Wohlthun am Tage des Herrn, ohne Schmeichelei, aber mit Kraft, Wahrheit und 5 Erbauung verkuͤnde. So ſchloß der Tag, an welchem die Cataſtrophe des Schickſals der holden Roſa begann, der fuͤr ſie—— der gluͤcklichſte zu werden verſprach. 13. Das heilige Trinitatisfeſt war erſchienen, der Fruͤhgottesdienſt durch die ge⸗ muͤthvolle Predigt des Paſtors verherrlicht, Freudenthraͤnen blitzten in dem Auge des from⸗ men geiſtlichen Redners, Hoffnung durch⸗ gluͤhte das Herz der Gemeinde, die durch den neuen Herrn ſo viel des Guten erwartete. Unter der Gemeindelinde verſammelten ſich die Communen der Gerichtsherrſchaft, den Gerichtsdirector, die Richter und Kirchvaͤter 51 an ihrer Spitze, und zogen nun mit laͤndli⸗ cher Muſik zum Schloſſe. Hier war eine geſchmackvolle Ehrenpforte errichtet, um ſie herum ſtand die Schuljugend, und im innern Burghofe alle erwachſenen Jungfrauen. Vor ihnen, als Zugfuͤhrerin, Roſa. Nicht die despotiſche Mode, ihr eigenes Schoͤnheitsgefuͤhl hatte diesmal den 3% ſchmackvoll⸗reichen Anzug geordnet. Er war idealiſch gewaͤhlt und erhob jeden ihrer Reize; ſie glich der Goͤttin der Jugend!— Sie trug, hold wie der Genius des Lebens, auf roſaſammetnem Kiſſen einen Lorbeerkranz, in den ſie ſchalkhaft eine junge entknospete Moos⸗ roſe und Myrthenzweig an roſa Baͤndchen verknuͤpft hatte. So erwartete ſie klopfenden Herzens den neuen Herrn. Jetzt donnern die Boͤller an der Schaͤferei, vom Altan des Schloſſes wirbeln Pauken, hallt ernſter Po⸗ ſaunenruf, ſchmettern die Trompeten, und ſiehe, unter dem Vorritte von mehr als funf⸗ zig wohlgekleideten Landleuten dieſer ſehr 4* 8 52 wohlhabenden Gegend, rollt die praͤchtige Staats⸗Caroſſe des Freiherrn, von Pari⸗ ſer Meiſtern gebaut, von vier brauſenden ſchwarzen Hengſten in glaͤnzenden Geſchir⸗ ren gezogen, in den Hof. Sie haͤlt.— Der Freiherr ſteigt aus, ein ſchlanker, ſchoͤner junger Mann, deſſen dunkles, ſprechen⸗ s ſchwarzes Auge mit dem blonden Haar, das ein Erbe aller Falkenſteiner war, im ſchoͤ⸗ nen Contraſte ſtand. Die Blaͤſſe ſeines Antlitzes gab ihm etwas Ernſtes, und er war in ſeiner glaͤnzenden Cavaliertracht ein Mu⸗ ſter jenes vornehmen Anſtandes, der, ohne ſich gemein zu machen, durch Herablaſſung jedes Herz gewinnt. Huldreich gruͤßend uͤberblickt er die Menge, freundlich weilt ſein Auge auf dem alten Pfarrer, und eine Thraͤne perlt unwillkuͤhr⸗ lich uͤber ſeine Wange, als dieſer: „Der Herr laſſe Ihren Eingang „geſegnet und Ihr Wirken ihm „angenehm ſeyn!“ 53 im feierlichen Gruß verkuͤndet, und nun die Gemeinde: Hoch lebe Heinrich Freiherr von Falkenſtein! Hoch lebe unſer Ge⸗ richtsherr! im jubelnden Rufe ausruft, daß es das Echo wiederhallt. Jetzt nahen die Jungfrauen. Ro⸗ ſa reicht ihm den Kranz, und er laͤchelt, als er die Roſe und Myrthen unter den Lorbee⸗ 9 ren ſieht und ſpricht:„Ich bin ein Gluͤckli⸗ cher, die Treue oͤffnet mir die Thore des Vaterhauſes, frommes Gebet begruͤßt mich — und Schooͤnheit windet Myrthen und Ro⸗ ſen in das ernſte Leben!! Treue, Glaube, Pflichterfuͤllung ſey mein Ziel— Liebe mein Lohn!— So lebt denn alle hoch, geliebte Taubenhayner, ſeyd gluͤcklich, und ich werde es auch ſeyn!e Er reicht jetzt dem Pfarrer die Hand, kuͤßt ihn und geht mit ihm in's Schloß. Der Gemeinde wird auf dem Pachthofe ein Gelag mit Tanz und Feſtſpiel bereitet. Der Pfarrer, Gerichts⸗Director und einig ge benach⸗ barte Cavaliers ſpeiſten auf dem Schloſſe, 54 denn dieſer Tag ſollte, ſo wollte es der jun⸗ ge Herr,— nur an Freundesſeite voruͤber gehen.—— Morgen war er von der Lehns⸗ Curie in die Reſidenz eingeladen, und zu dem naͤchſten Sonntage ſollte im Prunk das Antrittsfeſt mit feſtlichem Aufwande gefeiert werden.— 7 Als der Pfarrer vom Mittagseſſen heim⸗ kehrte, war er voll des Lobes des neuen gnaͤ⸗ digen Herrn, brachte Roſa von ihm einen Gruß, der Mutter unbekannter Weiſe einen Empfehl, und ſchloß ihn, nach der frommen Sitte jener Zeiten, in ſein Abendgebet ein. 14. Die Frau Paſtorin und ihre Tochter bau⸗ ten Luftſchloͤſſer, der Freiherr als Gemahl und Schwiegerſohn war das Ziel ihrer Waͤnſche, 8 und kein Wagniß zu groß, welches nicht un⸗ ternommen werden durfte, wenn es nur zum Ziele fuͤhrte. Ach! nur zu bald ſollte der 3uͤſterne Freiherr dieſen, Wuͤnſchen entgegen⸗ kommen.— Das Feſt im Schloſſe wurde mit allem Prunke nach der Zuruͤckkunft des Freiherrn von Dresden gefeiert.— Nicht nur der nachbarliche Landadel,— ſondern auch die nachbarliche Geiſtlichkeit waren mit ihren Fa⸗ milien eingeladen,— der Freiherr benahm ſich aͤußerſt human und wahrhaft liebenswuͤrdig. Am Ende der Tafel, als bereits ſein Lebe⸗ hoch ausgerufen war,— erhob er den gol⸗ denen Famillienpokal, fuͤllte ihn mit hundert⸗ jaͤhrigem Rheinwein, und rief, ſich zu ſeinem Pfarrer wendend, laut aus: „Dem Gluͤcke meiner lieben Ge⸗ meinden! und dem Wohle ihres ver⸗ dienſtvollen Seelſorgersle— Trom⸗ peten und Pauken ſchmetterten und wirbelten, — und Paſtor Ernſt fuͤhlte ſich hochgeehrt, ergriff ein Glas und antwortete: 4 55 56 „Heil und Gluͤck, und Gottes reichen Se⸗ gen dem edlen Herrn, ihm bluͤhe in einer wahrhaft adelichen Hausfrau der Himmel auf Erden, und ſein adelich Geſchlecht gruͤne in ſpaͤten Enkeln fuͤr und fuͤr!“ „Der zukuͤnftigen Auserwaͤhlten!“ riefen jetzt alle Gaͤſte, und alle Glaͤſer klangen wie Silberglocken, und Roſa, die mit ihrer Mut⸗ ter beim Feſte zugegen war, ergluͤhte wie die Morgenroͤthe,— und ein Blick des holden Maͤdchens traf den ihr gegenuͤber ſitzenden Freiherrn, der ihm in die Tiefe des Herzens drang, und der ihm eine Seligkeit verhieß, haͤtte es ſein Herz verſtanden, wahrhaft zu lieben, und durch wahrhafte, reine Liebe gluͤck⸗ lich zu ſeyn.—— Die Tafel war geendet,— nach dem Caffee entfernten ſich die Gaͤſte.— 15. Tochter!— ſprach die Pfarrerin, als ſie in’s Pfarrhaus zuruͤckgekehrt waren, ſaheſt Du, wie wohlgefaͤllig der Freiherr Dich be⸗ trachtete?— In meinen Traͤumen ſah ich Dich als ſeinen Engel, als die Auserwaͤhlte ſeines Herzens.—— Es iſt nicht allein der Wunſch, durch Deine Erhebung meine Aeltern, welche adeli⸗ cher Herkunft und adelichen Herzens waren, im Grabe zu ehren, ſondern ich will, weil ich Dein Herz kenne, durch Dich viel des Guten keimen und gedeihen ſehen.— Denke Dir, meine Noſa,— wenn Du als ſeine Haus⸗ frau, als Herrin dieſer ſchoͤnen Guͤter, ſo ganz die Mutter ſeiner Unterthanen ſeyn koͤnn⸗ teſt,— lenken wuͤrdeſt Du ſein Herz zum wahrhaft Guten;— das Beiſpiel Deines 58 frommen Vaters wuͤrde ihn abwenden von den Luͤſten der Welt und des Lebens,— ſei⸗ nen Weltſinn in Froͤmmigkeit verwandeln. — Du wuͤrdeſt falſche Freunde von ſeinem Herzen entfernen, und im Stillen die Wohl⸗ thaͤterin der Ungluͤcklichen ſeyn.— Deine Liebe, Deine Schoͤnheit, Deine unverbruͤchliche Treue wuͤrde ihn vor Wankelmuth bewahren. — Du wuͤrdeſt— und hier glaͤnzten Freu⸗ denthraͤnen in ihren Augen,— mit ihm, dem Verehrten und Geliebten im Kirchengebete genannt ſeyn, und ſegnend wuͤrden Dein Va⸗ ter und Deine Mutter die Welt verlaſſen, da ſie Dein Gluͤck begruͤndet ſehen.— So wußte die Pfarrerin in ungluͤcklicher Selbſttaͤuſchung das reine Herz ihrer ſchoͤnen Tochter dem Scheingluͤcke zuzuwenden, und muͤtterliche Liebe fuͤhrte das arme Kind auf eine Bahn, auf der ſie untergehen mußte. 16. „Ein wunderhuͤbſches Maͤdchen,“ ſprach der Freiherr am Abende dieſes Tages zu ſei⸗ nem Jaͤger,„ſie koͤnnte ich wahrhaft lieben.“ Der Jaͤger antwortete:„Sie iſt ſchoͤn und geiſtreich, und Ihnen, gaaͤdiger Herr, bereits herzlich gut.“ Freiherr. Wie, glaubſt Du das?— Roland. Ihr Erroͤthen,— wenn ſie Ew. Gnaden erblickt,— die oͤftere Nachfrage nach Ihnen— und wie ich von der Magd hoͤrte, ſo ſoll dem guten Kinde bereits in der Wiege prophezeihet ſeyn, daß ſie erhoͤhet wuͤrde unter den Jungfrauen;— dies deutet ſie ſelbſt und die eitle Mutter dahin, daß ſie einſt Herrin und Hausfrau werden wuͤrde auf dieſem ſchoͤnen Schloſſe.— Ja, gnaͤdiger Herr,— ich verſichere Sie, ſo wahr ich lebe, Sie ſind des Maͤdchens Himmel und 4 ihre Seligkeit.— Sie koͤnnen, als ihr Ge⸗ mahl, ein Weib in ihr gewinnen, das, wo Sie weilen, ein Paradies fuͤr Sie ſchaffen und erhalten wird. Freiherr. Roland! ich habe Dich nie als meinen Bedienten, ſondern immer nur als meinen treuen Diener und Vertrauten betrach⸗ tet,— ich rettete Dich, als Du als bereits religirter Student, Deiner Strafe als Moͤrder Deines im Duell gefallenen Gegners entge⸗ gen ſahſt, durch meine Fuͤrſprache. Ich bezahlte Deine Schulden, mit mir und durch mich haſt Du manche Freuden genoſſen,— Du haſt mir meine Freundſchaft vielfach vergol⸗ ten, Du retteteſt mich in Venedig aus den Haͤnden der Banditen, in den Vogeſen aus denen blutduͤrſtiger Raͤuber;— Du haſt manche Gefahr, die mir meine Frauenliebe zuzog, durch Liſt aßsewender. Roland. Pflicht der Dankbarkeit. F reiherr. Jetzt ſetze deiner Freundſchaft die Krone auf.— Die ſchoͤne Pfarrerstoch 61 ter lebt in meinem Herzen, wie keine vor ihr. Lehre mich ſie pruͤfen und erforſchen, und dies gelobe ich bei meiner freiherrlichen Ehre, wer Dich, wer mich uͤberzeugt,— daß ſie in mir nur den Mann und nicht den Freiherrn liebt, daß wahrhafte Anhaͤnglichkeit des Her⸗ zens, nicht Eitelkeit und Selbſtſucht, Roſa an mich kettet, der gruͤndet mein Gluͤck. Das treue unſchuldige Maͤdchen will ich ehren;— aber gegen das eitle mich auch aller Waffen bedienen. Das wahrhaft treue nenne mich ihren Heinrich— ihren Gemahl; die eitle aber ſoll nur meine Geliebte, meine Gabriele ſeyn. Roland. Ich glaube nicht, daß ſie be⸗ ſtehen wird, denn Eitelkeit iſt des Weibes Name und den Leichtſinn erbten alle von Eva. Freiherr. Verſuchen wollen wir, ob ſie Geſchenke liebt,— annſt den koͤſtli⸗ chen Schmuck, den ich mit von Paris brachte, bringe ihr ihn in meinem Namen. Roland. Wird ſie ihn annehmen duͤr⸗ 62 fen?— Der Vater iſt ein ſtrenger, frommer Mann. Freiherr. Auch ihn muͤſſen wir zu ge⸗ winnen ſuchen. Roland. Seyn Sie immer gut, recht⸗ lich, brav und anſpruchslos wohlthaͤtig, ſo wird er Ihr Freund ſeyn und bleiben. Freiherr. Heuchler! Roland. Schmeicheln Sie ſeinem Ge⸗ lehrtenſtolz, ein Erbauungsbuch kann hier mehr thun, als Gold und Silber;— er liebt auch die alten Roͤmer und Griechen.— Freiherr. Du faͤhrſt morgen in die Reſidenz, ich werde Dir das noͤthige Geld mitgeben,— ich ſelbſt will mich einige Tage entfernen!— liebt ſie mich, ſo wird die Ent⸗ fernung ihre Liebe anfeuern. Roland. Es geſchehe, wie ee. be⸗ fehlen. So war der Plan gemacht, der Roſa ſo verhaͤngnißvoll wurde. 17. Naͤchſten Sonntag darauf, wo der Pfar⸗ rer zu Taubenhayn, Roſa's Vater, eine Va⸗ canz⸗Predigt zu halten hatte, und in der Tau⸗ benhayner Kirche ſogenannte Schulmeiſter⸗Leſe war, ging die ſchoͤne Pfarrerstochter vor be⸗ gonnenem Gottesdienſte in ihrem Garten ſpazieren,— ſehnlich ſah ſie nach dem Schloſſe hinuͤber, denn der Freiherr lebte in ihrem Herzen. Eben jetzt erblickt ſie den herrſchaftlichen Jaͤger. Roland naͤherte ſich ehrfurchtsvoll, und uͤbergab ihr, nebſt einem Gruße des Freiherrn, ein verſiegeltes Paͤcktchen.— Sie dankte, gab ein Compliment zuruͤck, und ſchob das Geſchenk ſchnell in den Buſen, den be⸗ rufenen Hehler weiblicher Geheimniſſe.— „Danken Sie, in meinem Namen, Ihrem Herrn, ſprach ſie, ich werde antworten, ſobald 64 dies mit Vorbewußt meiner guten Aeltern geſchehen kann.“ Der Jaͤger entfernte ſich. — Roſa ging in die Jasminlaube des Gar⸗ tens und eroͤffnete das Packet.— Eine praͤchtige Buſennadel mit Diaman⸗ ten fiel ihr zuerſt in's Auge,— bald aber ruhten dieſe auf einem noch ſchoͤneren Ge⸗ genſtande,— und wer ſchildert ihr frohes Erſtaunen, als das trefflich getroffene Bild des Freiherrn ſie anzublicken ſchien;— es war ein goldenes mit Diamanten beſetztes Medaillon gefaßt, und bei demſelben lag eine ſchoͤne Perlenſchnur, an welcher ein flam⸗ mend Herz hing.— Des Maͤdchens Herz ſchlug vor Freude in ſchnellern Pulſen, ſie laͤchelte, ſie weinte Freudenthaͤnen— ſie kuͤßte das Bild und druͤckte es an ihr Herz; denn es war ja der Gegenſtand ihrer Liebe, und erfuͤllt ſah ſie die ſeligſten Traͤume ihrer Zu⸗ kunft.—„Dein, rief ſie,— Dein auf ewig! — mein Heinrich;— die Treue, die Liebe Deiner Auserwaͤhlten erſetze Dir den Adel 65 der Zukuͤnftigen.“— Jetzt heften ſich ihre Augen auf ein beſchriebenes Blatt,— es iſt ein Briefchen auf Seidenpapier, welches gol⸗ dene Kanten umraͤnderten,— ſie entfaltet es und lieſt:— „Verehrtes, geliebtes Maͤdchen!“ „Sind Sie eine Zauberin?— wie konn⸗ ten Sie ſo ſchnell mein Herz zu heißer Liebe entflammen,— ſeitdem ich Sie ſah, lebt nur ein Gedanke, nur ein Wunſch in meinem Herzen,— der Gedanke heißt Roſa, der Wunſch, ihr anzugehoͤren bis in den Tod. Dem Freiherrn oͤffnen ſich die Reize des Lebens;— nicht fuͤr ihn, ſondern fuͤr Heinrich allein, werbe ich um den Herr⸗ lichſten. Roſal! waͤre ich Ihnen nicht gleichgul⸗ tig, war das Erroͤthen an meiner Ta eine Sprache ihres Herzens, ſe 5 66 Sie, heut, wenn der Abend niederſinkt, heute in der Nacht, wenn der Wachtelge⸗ ſang in dem Waizenfelde hinter dem Gar⸗ ten ertoͤnt,— wenn das Nachtigallmaͤnn⸗ chen die Braut lockt, ſo kommen Sie in den Garten!— laſſen Sie ſich nicht grau⸗ en, die Liebe ruft,— vertrauen will ich Ihnen die Geheimniſſe meines Herzens, und die Nacht, die wahre Freundin aller Liebenden entſcheide, ob Heinrich in Ihrem Herzen lebt. * H. v. F.“ Roſa vermochte es nicht, den Brief ohne Anhalten durchzuleſen,— bald kuͤßte ſie ihn, 1 bald druͤckte ſie ihn an ihr laut klopfendes 3 Herz;— aber jetzt ſchwieg ſie und erblaßte, — eine Wolke des Unmuths umzog ihre Stirn,— ſie legte Schmuck und Brief ha⸗ ſtig von ſich, ging unruhig im Garten um⸗ her und ſprach zu ſich ſelbſt: „Wie,— er beſcheidet mich in den ein⸗ 67 ſamen Garten? Um Mitternacht? allein, die Jungfrau,— ſoll ſie vergeſſen die hei⸗ lige Zucht der Jungfraͤulichkeit, allein, ohne der Aeltern Wiſſen und Willen?— Das ſind Forderungen die ein ehrliches Maͤdchen nicht befriedigen darf. Die Tugend ſpricht nein, und ſie nur iſt der Weg des Lebens und des Gluͤcks, und folg' ich ihr, wenn ich des Freiherrn Willen erfuͤlle?— und doch, — er liebt mich ſo innig, ſo treu, dieſe Ge⸗ ſchenke konnte er nur der kuͤnftigen Gemahlin anbieten;— wohlan! ich komme.— Ein Geraͤuſch hinter der Laube ſtoͤrte ſie, ſie, nahm Brief und Geſchenke, und ging ſchnell aus dem Garten,— und ſahe nicht, daß ſie Ro⸗ land belauſcht hatte. Die Kirchenglocken laͤu⸗ teten zum erſten Mal ein, das Maͤdchen ging mit ihrer Mutter ines ſtille, friedliche Gottes⸗ haus; aber ſie hoͤrte die Worte der Andacht nicht, denn ihr eitles Herz war bei dem Ge⸗ liebten. Sie traute ſich, als die Kirche ge⸗ endet war, nicht, ſich der Mufter. in entdek . 68 ken, denn ihr Gewiſſen ſagte ihr: du thuſt nicht recht. In der vierten Nachmittags⸗ ſtunde kehrte der Vater recht heiter zuruͤck, er hatte den Freiherrn unterwegs getroffen, und in ihm den wiſſenſchaftlich gebildeten Mann erkannt. Bald darauf brachte ein Livree⸗Be⸗ dienter ein Paket und einen Brief vom Schloſ⸗ ſe,— der Pfarrer eroͤffnete ihn und lieſt: „Beſter Herr Paſtor!. 3 „Wir ſprachen vom Virgil, hier ſende ich ihnen eine Ausgabe, die ich in Man⸗ tua kaufte,— es liegt in ihr ein Lorbeer⸗ blatt, welches ich am Grabe des großen Dichters pfluͤckte. Noch geb' ich mir die Ehre, ein geiſtliches Erbauungsbuch zu uͤberſenden, welches eine Verlaſſenſchaft mei⸗ 1 ner ſeligen Mutter iſt. —— Hochachtungsvoll H. F. v. F.“ 69 Er uͤberhaͤuft uns mit Guͤte, rief der Pfarrer, laßt uns ihn mit Dankbarkeit be⸗ handeln, aber nie vergeſſen, daß er Freiherr und unſer Patron iſt.— So verließ der Pfarrer das Zimmer;— moͤge er Dich, mein Kind gluͤcklich machen, rief jetzt die Mutter, und kuͤßte das hocherroͤthende Maͤdchen. 18. Die Glocke der Kirchuhr verkuͤndete die Mitternachtſtunde, Roͤschen erwachte und ging mit hochſchlagendem Herzen ihrem Ver⸗ haͤngniß entgegen. Die Pantoffeln in der Hand, ein ſeidenes Tuch um den wogenden Buſen, im leichten ſeidenen Unterroͤckchen, ſchlich das liebliche Maͤdchen bei dem Schlaf⸗ zimmer ihres Vaters voruͤber, durch den Pfarr⸗ hof dem Garten zu. Sie naht der Laube 4 70 und der Junker fliegt in ihre Arme.„Meine Einzige, Erkohrne, Engel meines Lebens!“ ruft ihr der Junker zu, und ſeine Kuͤſſe bren⸗ nen auf des Maͤdchens gluͤhenden Lippen, Roſa's Reize wurden in dem Zwielichte des Mondes nur noch verfuͤhreriſcher; wie eine guͤtige Zauberin ſchien ſie herabgeſunken zu feyn, um den Sterblichen zu begluͤcken,„Du biſt meine Diana und ich Dein Endymion!“ rief der Junker und feuriger brannten ſeine —— .„—. Kuͤſſe und auch Roſa war gluͤcklich, denn der Athem des ſchoͤnen Mannes, den ſie mit al⸗ lem Feuer der erſten Lekbe liebte, der um ihre Locken nicht nur den Myrthenkranz, ſon⸗ dern auch die ſtolze Freiherrnkrone winden d ſollte, wehete ſie liebewarm mit ſuͤßen Wohl⸗ geruͤchen an. Feuer ſtroͤmten ſeine Kuͤſſe an ihrem Buſen und ſein Nacken, den ihr vol⸗ ler Arm umſchlang, war ſo fein wie Sam⸗— „ . met. Roͤschens Sinnlichkeit war erhitzt, und ſchon jetzt waͤre ſie gefallen,— haͤtte des Junkers eigne Vorſicht nicht die Scene ge⸗ 71 aͤndert.„Wir ſind ſo nahe an dem Hauſe Deines Vaters, die Gartenthuͤre iſt offen, der alte Mann kͤnnte erwachen, es ſehen, Diebe vermuthen, herunter kommen und uns uͤber⸗ raſchen,“ ſprach er—— Roͤschen erroͤthete, und als der Junker ſeine Frage wiederholte, ſprach ſie:„ich will nachſehen, ob der Vater 3 ſchlaͤͤt, harre Du hier, mein Einziger, ich 3 komme wieder.“ Sie ging, und wird ſie wiederkehren dachte der Junker bei ſich ſelbſt, wird die Tugend, wird die Leidenſchaft ſiegen?—— Und wie er noch dachte,— kam Roͤschchen wieder. Sie ſetzten ſich in eine dunkle Jasmin⸗ und Roſenlaube die Roͤschens Vater mit eignen Haͤn⸗ den erbaut hatte. Die Wachtel ſchlug hin⸗ ter dem Garten im Waizenfelde ihr warnen⸗ des Fuͤrchtegott! das Nachtigallmaͤnnchen lockte die Braut und das Zirpen der Heim⸗ chen, der balſamige Duft der Blumen und Kraͤuter, die Schoͤnheit der Nacht, Alles dieſes ſtimmte ihr Herz zur Liebe.— Ich 3 72 3 bin Dein Heinrich, Du meine Gabriele! (rief jetzt der Freiherr) ſtuͤrmiſcher wurden ſeine Kuͤſſe, Maͤdchen rief er, ſey mir das, was Gabriele ihrem Heinrich war. Nicht Convenienz; Liebe, nur Liebe binde unſre Herzen. Schwer druͤckt die Freiherrenkrone, Dein Haupt ziere Myrthe und junge Roſe. Maͤdchen! rief er, warum biſt Du ſo ſchoͤn, warum mußteſt Du mir ſo lockend entgegen kommen? Du kannſt, wenn Du nur Lieee willſt, mein Himmel, aber willſt Du mehr, auch meine Hoͤlle werden. Roͤschen, unter 3 freiem Himmel ſchwoͤr' ich Dir, entſagen will 4 ich den Anſpruͤchen des Standes; will dieſes 3 Majorats⸗Gut meinen Verwandten uͤberge⸗ ben und mit Dir und wenigem Vermoͤgen, in irgend eines jener Thaͤler der gluͤcklichen Schweiz entfliehen, wenn Du nur Deinen Heinrich liebſt, willſt Du aber die Frei⸗ herrnkrone mit dem Myrthenkranze, dann 3 kaͤmpfe Dein Stolz mit dem Stolze des Frei⸗ herrnhauſes, dann ſiehe Du zu, ob Deine 3 —, 73 Schwachheit das feinbliche Schickſal beſiegen wird!!——— Roſa ſchwankte, das eitle Maͤdchen wollte mehr als Liebe. Ich will die Mutter fragen, rief ſie, kuͤßte einen Feuer⸗ kuß auf des Junkers Lippen und entfloh.— Heimgekehrt in ihr Kaͤmmerlein, gingen die Scenen der Nacht ihr noch einmal vor⸗ uͤber, mit unbeſchreiblicher Wonne ergriff ſie 1 das Contrefei des Junkers, kuͤßte es und rief: „Dein, dein muß ich ſeyn, aber kaͤmpfen will ich mit dem Schickſal, um die Ehre deines Standes zu theilen. Den andern Morgen fragte ſie ihre Mutter, der ſie jedoch ihr Stelldichein im Garten verſchwieg, ob ſie ein⸗ willige, daß ſie des Junkers Weib wuͤrde, wenn er ihrentwegen der Anſpruͤche ſeines Standes entſagte, da zuͤrnte dieſe und rief: „Nein! nein!! wer meine Roſa will, der muß mit ihr auch Rang und Ehre theilen, habe keine Angſt, mein Kind, der Junker liebt Dich, feßle ſein Herz durch Liebe und Du wirſt gewiß bald die Seine, die reichſte, ſchoͤnſte, 74 vornehmſte Frau dieſer Gegend wer⸗ den!!"—* Heinrich hatte nun ſein Maͤdchen durch⸗ blickt, Ehrgeiz, nicht treue, reine Liebe ſah' er in ihrem Herzen und nun glaubte er, ohne ſein Gewiſſen zu beleidigen, gegen ſie * jene Waffen gebrauchen zu koͤnnen, wodurch das gefallſuͤchtige Maͤdchen, ſo klug es auch ſeine Netze ſtellt, immer ſich ſelbſt zu fangen pflegt; Genuß, nicht Liebe, war nun der Gegenſtand ſeiner Wuͤnſche, und ſo lebte nun Roͤschen in ſeinen Traͤumen.—— 19. Des andern Morgens fuhr der Freiherr beim Pfarrer vor; er ward von Roͤschens Vater mit biederer Herzlichkeit, von der Mut⸗ ter mit einer ihr nicht wohl ſtehenden, vor⸗ nehmen Freundlichkeit empfangen. Klug, wen⸗ 75 dete er das Geſpraͤch auf Gegenſtaͤnde, welche das Wohl der Gemeinde betrafen, und wußte ſo das Herz des alten Mannes immer mehr zu gewinnen; jetzt noͤthigte der Pfarrer ſeinen Patron in den Garten, um ihn hier die Veredelung ſeiner Obſtbaͤume zu zeigen. Schon wußte der Freiherr durch ſeinen Ro⸗ land, daß naͤchſt der Lectuͤre der alten Claſ⸗ ſiker und namentlich des Virgils, die Baum⸗ zucht das Steckenpferd des weltunkundigen Mannes ſey, er erfuͤllte ſeinen Wunſch alſo um ſo lieber, als er hier Roͤschen zu finden glaubte; ſie nahmen in der Jasminlaube Paatz und der Pfarrer, welcher ein leidenſchaft⸗ licher Raucher war, fand ſich angenehm uͤber⸗ raſcht, als ihm ſein werther Gaſt eine koſtbare ſchoͤne ungariſche Pfeife verehrte. So ſaßen ſie und plauderten uͤber Gartenbau und Baum⸗ veredlung recht traulich zuſammen, der Frei⸗ herr ſaß, ſo wollte es ſein Schickſal, auf demſelben Plaͤtzchen, wo er vor wenigen Stunden ſein wonniges Maͤdchen herzte und 76 kuͤßte.———— Alle Bilder des Ent⸗ zuͤckens der verfloſſenen Nacht kehrten in ſeine Seele zuruͤck und eben dachte er ſich ſein Roͤschen, als ſie ihm jetzt ſelbſt, ſchoͤn wie ihre Namenſchweſtern unter den Blumen, holdlaͤchelnd entgegen trat, und der Mutter Platz einnahm, die jetzt ging, ein leichtes Fruͤh⸗ ſtuͤck zu beſorgen.— Ein leichtes Sommer⸗ kleid bedeckte den ſchoͤnen Koͤrper, die Haare floſſen kunſtlos um den blendend weißen Nak⸗ ken. Roſig bluͤhten ihre Wangen, und ihr ſchoͤnes blaues Auge laͤchelte Liebe; ehrerbie⸗ tig mit kindlicher Zaͤrtlichkeit, kuͤßte ſie des Vaters Hand und als ſie den Freiherrn er⸗ lickte, uͤberzogen ſich ihre ſchoͤnen Wangen mit hoͤherm Roth, ihr voller Buſen hob ſich leicht athmend und drohte die duͤnnen Flor⸗ feſſeln zu durchbrechen. Gruͤße den gnaͤdigen Herrn als mei⸗ nen Freund!l rief jetzt der Vater, und Roͤs⸗ chen reichte dem Freiherrn die Hand und eine Thraͤne entperlte ihrem Auge, denn ihr — 77 Gewiſſen ſagte ihr, daß ſie die vorige Nacht nicht auf guten Wegen ging; beide ſchwiegen, der Pfarrer betrachtete die ſteigende Roͤthe auf den Wangen ſeines Kin⸗ des und wollte eben ſprechen, als die Mut⸗ ter mit dem Fruͤhſtuͤck zuruͤckkam. Ein ſchoͤ⸗ ner Tag, ſprach die geſpraͤchige Frau, recht dazu geeignet, ihn in der freien, herrlichen Natur zu genießen. Dies wollen wir! antwortete der Freiherr, ungeduldig ſtampfen meine Rappen in den Staͤllen, ich wuͤnſchte ſie heute ſelbſt auszufahren und den neuen Wagen, den ich von Wien erhielt, einzu⸗ weihen. Wie koͤnnte es ſchoͤner geſchehen, als in Ihrer Geſellſchaft, ich bitte Sie, ehrwuͤrdiger Herr Paſtor! mich mit den lie⸗ ben Ihrigen zu begleiten. Wir fahren nach Scharfenberg. Wunderſchoͤn iſt dort die Aus⸗ ſicht und gewiß, der Nachmittag wird uns allen froh voruͤber gehen, zeigen Sie mir ein ander Mal Ihre trefflichen Baumanlagen, ich will in dieſem Zweige der Landwirthſchaft 78 Ihr dankbarer Schuͤler werden, guter Herr Paſtor. Kommen Sie recht oft zu mir, die⸗ ſen Abend bin ich Ihr Gaſt und Sie erlau⸗ ben mir, daß mein Koch einſtweilen Ihre Kuͤche beſorgt.„Ihr Anerbieten, gnaͤdiger Herr! uͤberraſcht und erfreut mich, antwor⸗ tete der Pfarrer, aber ich habe heute noch eine Leiche zu beerdigen. Des Muͤllers Toch⸗ ter, Roſa, eine Schulfreundin meines Kin⸗ des; ſie iſt an der Auszehrung, den Fol⸗ gen der Erkaͤltung nach erhitzendem Tanze geſtorben. In der Leichenpredigt wuͤnſchte ich dies allen Maͤdchen ans Herz zu legen, und ſaͤhe gern, wenn meine Roſa, ihre Jugendfreundin und Namens⸗ ſchweſter, ſie zum ſtillen Friedhofe begleitete.“ Wozu das Kind mit Todesgedanken pla⸗ gen! nahm die Pfarrerin aͤrgerlich das Wort. Auch mich wuͤrde es ſehr ergreifen, ſprach der Freiherr, wenn das Maͤdchen, welches mir vor wenigen Tagen ſeine Blumenkraͤnze reichte, jetzt mit den Kraͤnzen der Trauer auf X 79 dem Grabe ihrer Freundin ſtehen ſollte. Laſ⸗ ſen Sie das holde Kind die Gegenwart ge⸗ nießen, die werthe Frau Mama und Roſa moͤgen mich begleiten, ſo iſt der Leumund der boͤſen Welt beſchwichtigt und waͤhrend Ihr ernſtes Wort, Herr Paſtor, die Gemeinde am Grabe einer holden, fruͤh verblichenen Jungfrau erbaut und begeiſtert, wollen wir unſere Herzen in der ſchoͤnen Natur erheben, und ausrufen:„Der Herr iſt groß in ſeinen Werken!“ Das wollen wir! rief die Paſtorin, erlaube es, guter Vater, ſprach Roſa, umarmte und kuͤßte ihren Vater recht inbruͤnſtiglich und der gute Alte, der nie Herr in ſeinem Hauſe war, willigte kopf⸗ ſchuͤttelnd ein.— Der Freiherr empfahl ſich, der Pfarrer ging in die Studierſtube, Roſa im Garten herum, brach einen Cypreſſenzweig, wand ihn unter Thraͤnen inniger Wehmuth zum Kranze ihrer verblichenen Freundin, pfluͤckte weiße Roſen und band ſie zum Strauße, daß er 80 den Buſen der Verſtorbenen ſchmuͤcke. Thraͤ⸗ nen fielen auf die Blumen; eine innere, bange Ahnung beſtuͤrmte ihr Herz und als der Strauß gebunden war, blickte ſie auf, und ihre Mutter ſtand vor ihr.— Roſa, ſprach das eitle Weib, heute weine nicht, heute gilt es Dein Gluͤck und Heil, die Ehre mei⸗ nes Hauſes, die Schoͤnheit feſſele den Men⸗ ſchen, die Klugheit den Freiherrn! Schmuͤcke Dich mit allem Schmuck,— kleide Dich ſo, wie er Dich zum erſten Male ſah, ſey freundlich gegen ihn und gewiß heute noch ſtrahlt der Verlobungsring an Deinem Fin⸗ ger. Der Anblick der Leiche Deiner verklaͤr⸗ ten Freundin ſtoͤre Deinen Frohſinn nicht, die Magd trage die Kraͤnze ins Sterbehaus, Freude kleide Dein Antlitz und Hoffnung hebe den jugendlichen Buſen. Gehe, Maͤdchen, Deinem Schickſale kuͤhn entgegen, ein altes Weib hat Dir geweiſſagt, als Du noch in der Wiege ſchliefſt:„Du wuͤrdeſt manches leiden und dulden, aber ein ſchoͤner, vorneh⸗ 4 Herrn im Wagen mit Paſtors Roͤschen er⸗ 81 mer Herr wuͤrde Dich lieben und dein Haupt wuͤrde erhoͤhet werden, daß alle im Lande nach ihm ſehen, rings umher!“ So ſprach die ſtolze Mutter und das eitle Maͤdchen folgte.——— Die zweite Nachmittagsſtunde ſchlug, Mutter und Tochter waren feſtlich geſchmuͤckt, der Freiherr fuhr vor, heute trug er praͤch⸗ tige Jagduniform und goldenes Wehrgehaͤnge. Ungeduldig ſtampften die rabenſchwarzen Roſſe in ihrem ſchoͤnſten Schmucke. Der Freiherr uͤbergab Rolanden einſtweilen die Zuͤgel, holte die Frauen in ihrer Stube ab, hob ſie ſelbſt in den Wagen und leitete nun die ſtolzen Roſſe, waͤhrend Roland in praͤchtiger Livree auf weißem Jagdroß vorritt. Der Weg fuͤhrte bei der Muͤhle, dem Sterbehauſe der⸗ ſchoͤnen Muͤllerstochter, voruͤber. Schon war hier die ehrſame Gemeinde im Trauerſtaate verſammelt. Alle Bauern und Baͤuerinnen wunderten ſich hoͤchlich, als ſie den gnaͤdigen 82 blickten. Jedermann machte kopſſchuͤttelnd ſeine Bemerkung.— Der gute Pfarrer ſollte mich dauern, meinte der Schulmeiſter und der Schulze.„Der Junker,(ſo nannte man den Freiherrn gewoͤhnlich in der Ge⸗ meinde, und der Erzaͤhler behaͤlt dieſen Aus⸗ druck zur Abwechſelung bei) meint es nicht ehrlich, heirathen kann er das Maͤdchen nicht, ſie ſoll alſo ſeine Maͤtreſſe werden? Wehe dem armen Vater, wehe der eitlen Mutter, wenn ihnen die Augen aufgehen, dop⸗ pelt wehe der Mutter, welche ſehen kann und nicht will!“ So ſprachen die Bauern. Der Junker rollte ſtolz voruͤber, die Pfarre⸗ rin bruͤſtete ſich im Wagen und Roͤschen gruͤßte vornehmfreundlich ihre Bekannten. Naſch rollten ſie dem herrlichen Scharfenberg zu, um ihre Erfriſchungen, die der Freiherr mitgebracht hatte, einzunehmen. 20. Auf herrlichen Hoͤhen erhebt ſich die Veſte Scharfenberg. Seit Jahrhunderten war ſie im Beſitze einer der edelſten adelichen Familien des Landes, welche jedoch, da ſie noch mehrere herrliche Ritterburgen beſaß, in dem alten Burggemaͤuer ſeltner verweilte, und die Aufſicht uͤber dieſe Veſte einem alten Ka⸗ ſtellan und ſeinem Weibe aufgetragen hatte. Letzterer war es erlaubt, die Fremden, die dieſe Hoͤhen wegen ihrer wunderſchoͤnen Ausſicht beſuchten, mit laͤndlichen Erfri⸗ ſchungen zu bewirthen. Hierher lenkte der Junker ſeinen Weg. Bald ſaßen ſie insge⸗ ſammt auf dem Seller der Burg— und ein wunderſchoͤnes Rundgemaͤlde er⸗ oͤffnete ſich ihren Blicken. Da rollte der ma⸗ jeſtaͤtiſche Strom mit gelblichen Fluthen in ſchoͤner Bogenkruͤmme durch das reizendſte 6* 84 Thal— jenſeits und dieſſeits deſſelben feſſel⸗ ten wohlhabende Doͤrfer ihre Augen; dort weideten treffliche Heerden auf uͤppigen Trif⸗ ten. Im Hintergrunde erhoben ſich die forſt⸗ und wildreichen Hoͤhen des Friedewaldes, und die Kalkoͤfen in demſelben zogen eine wan⸗ delnde Wolke uͤber das Gruͤn hoch beſtand⸗ ner Forſten. Roͤschen war ganz Entzuͤcken und nur der Mutter Ruf, daß nun die Er⸗ friſchungen bereitet waͤren, erweckte ſie aus ihren Betrachtungen.— Wuͤrzig dampfte der Trank der arabiſchen Bohne,(damals noch ein nur reichen Familien aufbewahrter Genuß) in braunen Schaalen, die Meißens jetzt erſt neu er⸗ fundene Kunſt, bereitet hatte. Die Frau Pa⸗ ſtorin ließ ſich den trefflichen levantiſchen Caffee wohl ſchmecken, und der Freiherr war klug genug, ſie in ein wirthſchaftliches Geſpraͤch mit der Kaſtellanin zu verwickeln, ihrer Eitelkeit als Land⸗ und Hauswirthin zu ſchmeicheln und dadurch ihre muͤtterliche 85 Aufmerkſamkeit von Roͤschen abzulenken. Jetzt benutzte er die frohe Gemuͤthlichkeit der Mut⸗ ter und bat ſie geziemend und ehrbar, der Tochter zu erlauben, mit ihm im Luſtgarten zu promeniren. 3 Gern willigte die eitle Mutter, die in ihm ſchon den kuͤnftigen Eidam ſah, ein. Roͤschen gab dem Freiherrn den Arm und folgte ihm in den Garten. Der Zau⸗ ber der Natur war hier der Kunſt zuvorge⸗ kommen. Stolze Eichen und Linden woͤlb⸗ ten ihr Laubdach, jede Terraſſe des Gartens (der auf der Abdachung des Berges ange⸗ legt war) bot neue uͤberraſchende An⸗ und Ausſichten in lieblicher Abwechſelung dem Auge des Wanderers dar.— Hier winkten duftende Jasminlauben, dort gluͤhten Roſen in kunſtreich angelegten Hecken. Im Dun⸗ kel des Laubes floͤtete die Nachtigall ſo kla⸗ gend und ſchmelzend, daß Roͤschen ſich der vergangenen Nacht erinnerte und ihre Wangen ſich ploͤtzlich im hoͤhern Purpur färb. 86 ten.—„Ich weiß, woran Du denkſt, ſprach jetzt der Junker, einen feurigen Kuß auf des Maͤdchens Lippen druͤckend. Dieſe Nacht war eine gluͤckliche, ſie kehr' uns heute ſchoͤner wieder!“ Heuteꝛ! erwiederte Roͤschen, noch hoͤher erroͤthend, heute wo uns ſelbſt das Mondlicht verlaſſen wuͤrde? „So bleiben uns die Sterne, erwiederte der Junker, und mehr als die Sterne des Himmels werden mir, holdes Maͤdchen, Deine Augen leuchten. Du biſt, denn nicht wahr, Du erlaubſt mir fortan, dieß zutrauliche Woͤrtchen bei uns anzuwenden? Du biſt der Liebe Stern, Du ſey mir Mondlicht in dunkeln Naͤchten; nicht wahr, Du wirſt es auch in der heutigen ſeyn?“— Roͤschens ſeelenvoller Blick und ihr lis⸗ pelndes Ja kroͤnte ſeine Wuͤnſche.— Sie kehrten zur Mutter zuruͤck. Der Abend war kuͤhl. Des Freiherrn Vorſicht hatte fuͤr koͤſt. liche Weine geſorgt, und Champagnes Schauma 87 wein goß neue Gluth in die liebenden Her: zen. Die Sonne ging praͤchtig unter, die Frau Paſtorin bat den Ruͤckweg anzutreten. — Roͤschen bedauerte, daß der ſchoͤne Tag ſo ſchnell entflohen war, ſie ſtieg mit der Mutter in den Wagen, der Junker folgte ihr und von ihm geleitet, erreichten die praͤch⸗ tigen Roſſe im Trabe das, dem ſich gluͤcklich waͤhnenden Maͤdchen ſo verhaͤngnißvolle Tau⸗ benhayn und ſein friedliches Pfarrhaus. Der Koch des Freiherrn hatte hier bereits ein treffliches Nachtmahl vorgerichtet. Als die Herrſchaften ankamen, war die Tafel be⸗ reits ſervirt. In ſilberner Terrine duftete eine koͤſtliche Weinkaltſchale mit Erdbeeren,— blau geſotten kruͤmmte ſich die geſprenkelte Forelle in der weiten Schuͤſſel und das Leib⸗ eſſen des alten Pfarrers, ein gebratenes jun⸗ ges Reh, lud zum Genuſſe ein. Bald er⸗ klangen die Weinglaͤſer, bald ſchaͤumte Eper⸗ nais perlender Schaumwein im hohen Kelch⸗ glaſe,— und der harmloſe, ſeines Hauſes 88 Schickſal nicht ahnende Pfarrer, verlebte nach des Tages Muͤhen einen froͤhlichen Abend. des Weines belebt hatte, las, da ihn der Schlaf floh, in Saurins geiſtreichen Reden, dem Geſchenke des Freiherrn. 21. Die Mitternachtsſtunde ſchlug,— Roͤschen erwachte; aber die Mutter lag noch im tiefen Schlummer.— Das argloſe Maͤdchen glaubte den Vater ſchlafend, ſchnell zog ſie ſich an und ging dreiſt die Treppe hinab. Der Vater hoͤrte Fußtritte, oöͤffnete Um Zehn Uhr empfahl ſich recht ehrbar⸗ 5 lich der Freiherr, Mutter und Tochter gingen nun zur Ruhe, nur der Vater, den der Geiſt — die Thuͤr und rief:„Kind, Du biſt angeklei⸗ 3 det? wo willſt Du hin? Biſt du eine Naht: wandlerin? Biſt Du auf boͤſen Wegen? —— 89 Iſt es das Erſtere, ſo ſoll mein Gebet den Einfluß feindlicher Geiſter beſchwoͤren; iſt es aber das Letztere, ſo ſiehe, Kind die grauen Haare Deines Vaters und bete fuͤr ihn und Dich, daß Du ihn nicht mit Jammer in die Grube bringſt! Geh zu Bette, ich befehle es!“ Roͤschen ſchwieg, weinte und ging. Der Freiherr harrte vergebens.— „Erkundige Dich,“ ſprach er des andern Morgens zu Roland,„was die Urſache ih⸗ res Außenbleibens war. Der Vater iſt, wie ich weiß, in Amtsgeſchaͤften heute auswaͤrts, Du findeſt Mutter und Tochter alleinz der Letztern gieb dieſen Brief, er wird ſeine Wir⸗ kung nicht verfehlen,“ Roland ſuchte und fand das Maͤdchen im Garten. Roſa erroͤthete, als ſie ihn ſah. — Schnell gab er ihr des Freiherrn Brief und zog ſich hinter ihre Laube zuruͤck. Sie entfaltete den Brief und las: „Theures Maͤdchen! Vergebens habe ich Sie erwartet; Sie lieben mich nicht! Wohlan! ich entſage, obwohl mein Herz bricht, meine Ruhe, mein Gluͤck will ich nicht mit der Ihrigen erkaufen. Koͤnnen, wollen Sie, denn ich nehme nun das freundliche Du zuruͤck, nicht die Geliebte meines Herzens ſeyn, ſo waͤhlen Sie ſich einen Gatten nach dem Wunſche Ihres wuͤrdigen Herrn Vaters. Ich werde Taubenhayn verlaſſen und den ſtolzen Hoffnungen meines Oheims zu ent⸗ ſprechen mich bemuͤhn. Die Bahn der Ehre und des Glanzes eroͤffnet ſich mir; aber fuͤr mich hat ſie nur Dornen, mein Herz wird verbluten, ehe es Sie vergißt! So leben Sie wohl!— Wollen Sie aber meine Geliebte ſeyn und bleiben, blei⸗ ben die Auserkorne meines Herzens, beweiſen Sie es dadurch, daß die Stur der heutigen Mitternacht Si mir kührr— — 91 Mit der Fuͤlle der Liebe erwartet die Entſcheidung ſeines Gluͤcks der Sie ewig verehrende Schloß Falkenſtein, am Tage Deſid. 17—. Freiherr v. Falkenſtein.“ Roͤschen las und weinte, Kindespflicht kaͤmpfte mit Eitelkeit und Liebe, der Augen⸗ blick der Entſcheidung war gekommen, ſo waͤhnte es ihr betrogenes Herz. Soltte ſie, ſo nahe am Ziele, die ſchoͤnſten Hoffnungen verlieren? Nein, dieß litt ihr Stolz nicht, — ſie laͤchelte durch Thraͤnen, rief den Jaͤ⸗ ger und ſprach:„Verkuͤnde Deinem Herrn, ich komme!“ Schnell eilte ſie nun in ihr Zimmer zuruͤck. Die Mutter, der ſie ſich entdecken wollte, war abweſend, und der Va⸗ ter ebenfalls noch nicht zuruͤckgekehrt, und ihm ſich zu offenbaren, haͤtte ſie ohnehin nicht gewagt. Sie weinte und ſchluchzte, und eben wollte ihr beſſerer Schutzgeiſt ſiegen, als 5 Blicke ſich auf das Bild des Iunkas 92 hefteten und der boͤſe Geiſt der Eitel⸗ keit das leichtglaͤubige Herz mit neuen Hoff⸗ nungen taͤuſchte. Sie kuͤßte das kalte Bild und rief:„Ich komme,— treu, mein Heinrich, bin ich Dir, bis in den Tod!!— G Liſtig wußte ſie den Tag uͤber ihren See⸗ lenkampf der Mutter zu verbergen. Der Va⸗ ter kam nach 9 Uhr Abend nach Hauſe und legte ſich, von den Muͤhen des Tages er⸗ ſchoͤpft, bald zu Bette, die Mutter ſchien heut ſehr betreten und mißgelaunt, ſie ging um 10 Uhr in ihr Schlafzimmer. Nur Roͤs⸗ chen war noch wach. Oft war es ihr, als ob ihr Vater warnend vor ihr ſtuͤnde. Ich komme nicht! rief ſie jetzt auf ein⸗ mal, wie von einer Erſcheinung erſchreckt, da toͤnte die Thurmuhr die eilfte Stunde. Vom 7 des Waldhorns, das der Junker ſo meiſter⸗ haft blies, und der boͤſe Geiſt der Verfuͤh⸗ rung ſiegte.— Schloſſe her vernahm ſie den lockenden Ruf ——— V zu kaͤmpfen hatte, die der Reinheit ihrer 93 Ich kommel lispelten ihre Lippen, ſie nahm die Saloppe, warf ſie uͤber das leichte Nachtkleid und ſchlich, die Pankoffeln in der Hand, die Treppe hinab, ſuchte und fand in der Unterſtube den Schluͤſſel zur Hof⸗ und Gartenthuͤre und taͤuſchte ſo die Wachſamkeit der Ihrigen.— So ging das ungluͤckliche Maͤdchen, durch die Taͤuſchung des eignen Herzens, ihrem Falle ſchnellen Schrittes entgegen. Schon jetzt war ſie ſo weit, das Mahnen ihres Gewiſſens nicht mehr zu ach⸗ ten, der Warnung ihres Vaters ungehor⸗ ſam zu ſeyn. Die Feuerkuͤſſe des Freiherrn hatten Wuͤnſche in ihr entzuͤndet, welche dem Buſen der ehrbaren Jungfrau fremd ſeyn ſollten.— Schon jetzt war der erſte ent⸗ ſcheidende Schritt geſchehen, und uͤber das Wohl und Wehe ihres Lebens entſchieden. Sie erkannte die Suͤnde und folgte ihren Lockungen; ſie wußte, daß ſie mit Gefahren 94 Jungfraͤulichkeit, die ihrer Tugend drohten, und widerſtand doch nicht.——— Schoͤne junge Leſerin denke Dich an Roͤschens Stelle, ehe Du uͤber die Un⸗ glaͤckliche urtheilſt, pruͤfe Dich, ehe Du ſie verdammſt, und laß Dir ihren Fall ein Bei⸗ ſpiel der Warnung ſeyn!!——— 22. Ein Viertel auf Zwoͤlf ſchlug die Glocke, da trat ſie in den Garten. Klagend floͤtete die Nachtigall vom Kirchhofe heruͤber, ſie vernahm ſie nicht, Schritte rauſchten durch G das hohe Gras des Gartens, lauter klopfte ihr Herz, ſie lag in ihres Heinrichs Armen, und ſeine Feuerkuͤſſe erſtickten die Entſchuldi⸗ gungen des geſtrigen Außenbleibens. Sie nahmen in der verhaͤngnißvollen Laube Platz. 95 Schoͤnheit der Liebenden erkennen, traulicher wurden ihre Umarmungen, der Freiherr war heut, wie es Roͤschen duͤnkte, ſchoͤner als je, mit lockenden Schwaͤrmereien, mit ſuͤßen Traumbildern der Zukunft— erhitzte er des Maͤdchens Phantaſie.„Roſa“ rief er,„ſey Du die Meine! und des Lebens Himmel wird uns laͤcheln. Fuͤr Vater und Mutter will ich mit fuͤrſtlicher Freigebigkeit ſorgen und ſie ewig dankbar ehren. Du Kind, folge mir ins herrliche Land Italien, folge mir dorthin, wo der Veſuv ſein Feuer ſpeit, und unter ihm die koͤſtlichſten der Reben rei⸗ fen, dort umfange mich mit der Glut des Suͤdens, dort wollen wir ein Leben fuͤhren, ſchoͤner als hier unter den eſſeln der Con⸗ venienz, und gluͤcklich ſeyn, wie es jene fried⸗ lichen Hirten waren, deren Leben Dein wack⸗ rer Vater mit ſo viel Liebe und Eifer in den gefeierten Dichtern des alten Roms lieſt und von welchen er ſo gern erzaͤhlt.“— So nahm der Junker, immer mehr und mehr 96 ergluͤhend, Roͤschens Phantaſien ein, ſo zeigte er ihr Bilder der Zukunft, nach denen ihre erhitzte Einbildungskraft begierig rang. Ihr Herz war beſiegt, und ein ſuͤßes, ihr bis⸗ her unbekanntes Sehnen durchgluͤhte ihren Buſen.— Der Glaube der Liebe iſt(wie ein wackerer, fruͤherer Erzaͤhler dieſer Bege⸗ benheit es ſchoͤn und wahr ausſpricht) nder Glaube der Liebe iſt nicht ſtandhaft, die Schaam ſtraͤubt ſich, aber ſie erliegt dem Sirenengeſange der Wolluſt.“— Schon hatte ſie der Freiherr, kuͤhner durch die Macht des Augenblicks, umſchlungen, ſchon ruh⸗ te ſein Antlitz auf ihren Schultern, und ſeine Rechte druͤckte Roͤschens Hand an ſein laut klopfendes Herz, da wandte des Maͤd⸗ chens fliehender Schutzgeiſt ſich noch einmal zuruͤck, ſie erwacht aus ihrem Taumel. Hein⸗ rich, mein Heinrich! rief ſie, ſchone der Schwachen, der Weg zu meiner Liebe geht nur durch die Kirche, dann aber wird ſie ewig und unvergaͤnglich ſeyn!— 4 3 9 Der Freiherr war uͤberraſcht durch des Maͤdchens Bitten, aber wohl erfahren auf* den Wegen der Liebe und ein Kenner der Schwaͤchen des weiblichen Herzens, zog er die Straͤubende zuruͤck auf die Raſenbank der Wohlgeruͤche duftenden Laube. Ich liebe Dich ſo herzlich, ſo innig, und Du trauſt meiner Lebe nicht, eitles Maͤdchen! nur dem Junker, nur dem Freihern, nicht Dei⸗ 1 nem Heinrich, ſchlaͤgt Dein ſtolzes Herz! So lebe wohll und nimm dieſen Ring als Beweis meiner Entſagung. Roͤschen ſah, wie der Ring an ihrem Finger blitzte, denn ſein Goldreif umſchloß einen koͤſtlichen Juwel, ſie waͤhnte Thraͤnen in ihres Hein⸗ eichs Augen zu erblicken und—„ich liebe Dich uͤber alle Schäͤtze der Welt! ich wil, Dir trauend, die Deine ſeyn rief ſie, durch de in ſich ſchon fuͤr ſeine Gattin hültend in ungluͤcklicher Bethoͤrung; ſ ſie ſaͤnk in ſeinen Hals. Wieder ſaß ſie mit ihmn uß der Raſebank ihr Herz wochte in in lau. 98 teren Schlaͤgen, der Buſen ſprengte des Mie⸗ ders Feſſeln, heißer rollte das Blut durch alle Adern,— Heinrich umfing ſeine Huldin, ſeine Kuͤſſe brannten, des Maͤdchens Sinn⸗ lichkeit war⸗gereizt/———„Heinrich! rief ſie, der Himmel vergebe mir und Dir! Dein auf ewig!“ Heinrich benutzte den unbewach⸗ ten Augenblick. Roͤschen war ſein— die Blume ihres Magdthums gebrochen— und der Engel der Unſchuld hatte ſie ver⸗ laſſen——— Die Stunde der Mitternacht ſchlug, ein Windſtoß raſſelte durch die Blaͤtter der Laube, die Nachtigall klagte in girrenden Trauertoͤnen, die Wachtel ſchwieg, und kla⸗ gend zirpte das Heimchen im Wajzenfelde, denn eine Huldin war gefallen, eine Rei ne. zur Suͤnderin geworden—— Gottes freiem Himmel!“ Roſa blickte nach⸗ 23. Seeſere AAſ dum den Ram eschen g⸗ buhrt der Gefaͤlhemen nüle mche, ſah, als ſie aus dem Taumel der Sinnlichkeit er⸗ wachte, ihren Heinrich mit wehmuͤthigen Blik⸗ ken an.„Du biſt meinl rief er, und wirk⸗ lich meinte er es in dieſem Augenblicke gut, fliehe mit mir,— im fernen Lande werde mein Weib, dort, wo keine Convenienz die Herzen trennt,—— dort ſey die Aus⸗ erwaͤhlte meines Herzens. Unter dieſ er Be⸗ dingung bin ich Dein, ich ſchwoͤr' es unte denkend zu den Sternen, dann wendeten ſich ihre Blicke gegen das vaͤterliche Haus, ſie weinte laut und rief: In der Stille der Nacht haſt Du mich geliebt, des Maͤdchens Unſchuld iſt gebrochen, ihr Ehrgefübl— i ſt pbleben. Vor der Walt ſollſt Du bekennen, daß ich die Deine bin, Du haſt mich ungluͤcklich gemacht, nur am Al⸗ tare, nur durch den Segen, den Dir mein Vater in ſeinem Gotteshauſe geben wird, kannſt Du Gluͤck und Zufriedenheit dem brechenden Herzen wiedergeben! Jetzt geh' ich, ſtolzer Freiherr! Gehe mit Dir und Deinem Herzen zu Rathe, und entſcheide, ob es Dir mehr frommen wird, wenn ein buͤrger⸗ liches Schild neben Deinem adelichen Waps⸗ pen ſteht, oder wenn Du das der ebenbuͤr⸗ tigen Gemahlin—— auf das fruͤhe Grab der Verſtoßenen ſetzen ſollſt.——— Lebe wohl! Gott ſey mit Dir und mir! Du haſt, ach! Alles, Alles empfangen, was Dir die Jungfrau geben konnte, der Herr ſey Dir gnaͤdig und ſeine Barmherzigkeit verlaſſe die Gefallene nicht! Sie reichte ihm die zit⸗ eee Mrrir a Thraͤnen entrollten ihren Wangen, und ſie entriß ſich ihm, als er ſie umarmen wollte.— Im Gefuͤhle der Lei⸗ denſchaft und des Schmetzes hatte ſie den 10¹1 Schluͤſſel zur Hoſthuͤre in der Laube lie⸗ gen laſſen; keine Macht der Erde haͤtte ſie in die Laube zuruͤckgebracht, darum waͤhlte ſie den Ruͤckweg uͤber den Kirchhof. Eben will ſie um die Ecke der Kirche der Hinter⸗ thuͤr des Pfarrhauſes ſich zulenken, als ein friſches Grab ihre Aufmerkſamkeit feſſelt. Ploͤtzlich bleibt ſie ſtehen, es ſtumm betrach⸗ tend, und endlich bricht ſie voll Schmerz und 9„ Staunen in die Worte aus: Wie, Roſa! Jugendfreundin, Du biſt es, die hier ſchlummert? Du, deren Begleiterin zur ſtillen Ruheſtaͤtte ich zu ſeyn verſchmaͤhte, Du ſollſt die erſte Troͤſterin in meinem Leide ſeyn! Ein unvorſichtiger Tanz rufte Dich in's fruͤhe Grab, wohin wird mich meine Suͤnde fuͤhren? Eine Verklaͤte, blicke troͤſtend herab auf die verirrte Freun⸗ din, und dein Geiſt erſcheine ihr, wenn Ge⸗ wiſſensangſt ſie foltern wird, wenn der un⸗ treu iſt, dem ſie Alles opferte! So ſprach eoſe ſteckte eine von den auf s Grab ge⸗ 102— ſtreuten Blumen in ihr Haar und wankte dem Pfarrhauſe zu. Noch ſchliefen Vater und Mutter, und alles Hausgeſinde. Roſa entkleidete ſich ſchnell, warf ſich auf's Bett; aber der Schlaf floh ſie. Ein holder Mor⸗ gen brach an; aber die Morgenſonne ſpiegelte ſich in ihren Thraͤnen, und die Mutter ſah, als ſie erwachte, und die Tochter ihren Mor⸗ gengruß erwiederte, ihres Kindes Kampf und Leiden. Es wird noch alles gut werden! rief ſie ihr zu, das Graͤßliche nicht ahnend. Sey verſichert, der Freiherr iſt Dir herzlich gut, und er zoͤgert nur deshalb mit ſeiner Be⸗ werbung, um Deine Treue zu pruͤfen.— Der Vater hatte eine unruhige Nacht ge⸗ habte Um ſich zu erheitern, geht er nach verrichtetem Morgengebet in den Garten, ſetzt ſich in die Laube und findet— den Schluͤſ⸗ ſel. Wie Felſen ſank es auf ſeine Bruſt, ſein Herz war beaͤngſtet, er zagte, weiter dar⸗ uͤber nachzudenken;— das Begegnen der Tochter in der vorigen Nacht fiel ihm wes 4 — 103 der ein, er ſah des Kindes und ſeines Hau⸗ ſes Ungluͤck, aber er zagte, und weil er . zagte, ſo war er zu ſchwach, weiter nachzu⸗ forſchen. So fuͤrchtet ſich der Verwun⸗ 1 dete, die ſchmerzende Wunde zu beruͤhren, ſo flieht er die naͤhere Unterſuchung und den Verband, der allein retten kann, ſo glaubt er, die Natur wird helfen, bis endlich der Brand ſeine Hoffnungen zerſtoͤrt und ſeine G„ Schmerzen nur das Grab heilt. Nicht V wagte es der gute, aber ſchwache Mann, ſich ſeiner Frau, deren Eigenheiten er kannte, zu entdecken, er ſchlich ſich in die Stube zuruͤck, erhob ſein Herz durch ein frommes Gebet, und rief dann troͤſtend zu ſich ſelbſt:„Es wird ſich ſchon geben, die Zeit wird heilen!“ Aber ach! es gab ſich nicht, und nur Jam⸗ mer, nicht Troſt, ergoß die Zeit uͤber ihn und die Seinen. Der Freiherr bekam eine Eſtaffette von ſei⸗ nem Oheim aus Thuͤringen, dieſer ermahnte 4 ohn, ſo ſchnell als moͤglich in wichtigen Fa⸗ N 104 milienangelegenheiten ſich zu ihm zu begeben. Noch ſelbigen Tages reiſte Heinrich, Freiherr von Falkenſtein, in Begleitung ſeines Ro⸗ lands,—— ohne dem Pfarrhauſe ſein Le⸗ bewohl zu ſagen, mit Courierpferden ab. Noch traute ſeinen Worten die arme Verfuͤhrte, ſie glaubte, jetzt wird er den harten Oheim erweichen, und fuͤr ſich und mich ſeinen Se⸗ gen erflehen, aber Tage kamen und vergingen, und der Freiherr kam noch nicht zuruͤck. Ro⸗ ſa hatte den Ring als Zeichen ihrer Schuld, ſchuldbewußt, vor den Augen ihrer Aeltern verborgen, jetzt, als ſie eines Tages allein war, beſah ſie ihn, aber ſtarres Entſetzen malte ſich in ihrem Antlitze, als ſie auf ſei⸗ nem Goldreife nicht des Freiherrn Namen, ſondern nur die Inſchrift: ſuͤßer Minne! erblickte. Furchtbar fiel der Schleier von ihren Augen, ſie litt unbeſchreiblich, und den⸗ nooch hoffte ſie; kein Blick der Freude um⸗ ſtrahlte ihr Sorgenumhuͤlltes Antlitz, und was das Schlimmſte war, ſie wollte, ſie —— Krankheiten leidender Frauen ſo unbekannten 105 konnte ſich Niemandem entdecken. Die Nutter ſah in dieſen Leiden nur der Liebe Sehnen und ihre Eitelke t, die Ver⸗ fuͤhrerin der Tochter, ließ ſie noch immer hoffen. Roſa's Antlitz veraͤnderte ſich, die Roſen der Unſchuld, die auf ihren Wangen und Lippen bluͤhten, verblichen, ihre Blicke, in denen ſich ſonſt heilige Unſchuld ſpie⸗ gelte, wurden Menſchenſcheuer, ſie, die ſonſt ſo harmlos Heitere, floh den Kreis ihrer Freundinnen, bald weinte ſie, bald ſuchte ſie den Schmerz durch erzwungene Heiterkeit zu betaͤuben. Die Buͤcher der Erbauung gaben ihr keinen Troſt, die ſchoͤnen Abende des Som⸗ mers keine Heiterkeit. Wochen vergingen. Wie Schnee im Fruͤhlinge lag die Blume entweihter Unſchuld auf den ſonſt ſo bluͤhenden Wangen, das Feuer ihrer Augen vergluͤhte, und der blaue Kreis um dieſelben zeigte bereits aufmerkſamen Muͤttern, nur nicht der Ihrigen, nur nicht dem mit den Vater, die Gefallene. Endlich, als be⸗ reits auf den duftenden Blumenbeeten die röͤthlichen Bohnen verbluͤhten, als ſchon die Lilie ihre reife Bluͤthenkrone verwelken ſah, wur⸗ den Vater und Mutter auf der Tochter ver⸗ bluͤhende, hingewelkte Schoͤnheit aufmerkſam. Unſer Kind iſt krankl meinte der alte, wuͤrdige Mann, ich will in die Stadt gehen und den Doctor Hel fer, meinen wuͤrdi⸗ gen Freund, befragen. Es iſt dies ein gar erfahrner und religioͤſer Arzt. Er wird ihre Krankheit erforſchen, und es ſey Seelen⸗ oder Koͤrperleiden, mit des Allmaͤchtigen Huͤlfe heilen. Du, Weib, erforſche ſie ſelbſt, Deine Bitten, Deine Thraͤnen moͤgen die Rinde bre⸗ chen, die ihr Herz umſtarrt. Gebe Gott, daß Du keine Schuld an ihren Leiden haſt. Bitte mit mir den Allguͤtigen, daß er den Kummer von uns nehme.— Er reiſte ab. ſ —— 24. „Komm mit mir, liebes Kind,“ ſprach die Mutter zu Roſa,„komm, in der freien Na⸗ tur, in dem Garten, in der Lieblingslaube Deines Vaters enthuͤlle mir, was Dein Herz beengt.“ Sie nahm den Gartenſchluͤſ⸗ ſel in ihre Hand, Roſa glaubte ſich er⸗ kannt, verrathen.„Mutter! rief ſie, Mutter, verſtoße mich nicht, wenn Dir mein Elend das Herz bricht, kein Arzt kann mich heilen, nur Falkenſtein, den Du mir als Ziel meiner Wuͤnſche zeigteſt, als mich, es war ein heiliger Tag, der zweite Pfing ſt⸗ tag, ein wuͤrdiger Mann begluͤcken wollte, kann die Gefallene erheben———— Ach!! Falkenſtein ſah meine Schwaͤchen, er hat mich geliebt, hat mich, wenn er nicht bald zuruͤckkommt, aus allen meinen Himmeln geriſſen, mich unausſprechlich elend 108 gemacht. Gewiſſensangſt zerreißt mein Herz, wenn ich ſeiner gedenke ich bin, ich ſoll!“—„Was? rief die Mutter, und zitterte an allen Gliedern, und Zorn und Weh⸗ muth zuckten in den Muskeln ihres Antlitzes. — Gerechter Gott, Du ſollſt?——— ℳ „Mutter werden!“ aͤchzte Roſa und ſank ohnmaͤchtig zu den Fuͤßen ihrer Mut⸗ ter. Dieſe war ihrer Sinne ſelbſt nicht maͤch⸗ tig, ſie vermochte es nicht, die ohnmaͤchtige anzuruͤhren. Starr und wild blickte ſie vor ſich hin, und endlich erleichterte ein Thraͤnen⸗ ſtrom ihr Herz, ſie erhob die Gefallene, be⸗ netzte ſie mit ihren Thraͤnen, und rief ſie, ach! zu unſaͤglichem Jammer,— ins Le⸗ ben zuruͤck. Roſal rief ſie, als die ungluͤckliche Toch⸗ ter ihre Augen aufſchlug, Du haſt mein Herz gebrochen, mein einziges Kind, meine Wonne, mein Stolz, warum biſt Du gegangen den Weg, den die Suͤnder gehen, warum haſt Du den Pfad betreten, der in's Verderben 109 fuͤhrt?“„Wußte ich dies?! erwiederte die Ungluͤckliche, es war der Pfad, auf den mich Deine Liebe fuͤhrte, wir kamen dem Frei⸗ herrn entgegen, Uns iſt die Schuld, wir wollen nicht mit uns rechten! Was wird der Vater ſagen?“„Er wird fuͤrchter⸗ lich zornig ſeyn! antwortete die Mutter, jetzt verſchweige ihm noch Deine Miſſethat. Noch kann ſich ja das Herz des Freiherrn zu Dir, noch Alles ſich wieder zum Beſten wen⸗ den!———“ Der Vater kam am Abend zuruͤck. Er war heiterer, als man glaubte.„Im Do⸗ ctor Helfer, rief er, habe ich ganz den al⸗ ten wuͤrdigen Freund wieder gefunden; er meinte, er muͤßte Dich ſelbſt ſehen, und wuͤr⸗ de uns noch in dieſer Woche beſuchen. Ich mußte bei ihm fruͤhſtuͤcken; hier ſtellte er mir ſeinen Sohn vor, der vor einem Jahre in Leipzig die Doctorwuͤrde der Medizin er⸗ hielt, nun ſeine Reiſen vollendet hat, und au kommenden Monat die Pruͤfung, welche i 110 3 die Nachfolge in das Phyſikat ſichern ſoll, beſtehen wird. Frau! Tochter! das iſt ein herrlicher junger Mann, gelehrt und beſchei⸗ den, Weltmann, ohne Eigenduͤnkel, fromm, ohne ein Froͤmmler zu ſeyn. Er iſt 25 Jahre, und noch bluͤht ungeſchwaͤchte Jugend auf ſeinen Wangen, und ſein feuriges Auge ſpricht: Ich bin ein Mann! Ich wuͤnſchte dem Vater zu dieſem Sohne Gluͤck. Da ließ der alte Mann einen Goldpokal bringen, welchen ihm Ihro Hochfuͤrſtliche Durchlaucht, die verwittwete Herzogin, deren Leibarzt er iſt, verehrt hatte, fuͤllte ihn mit der Gabe der Huldreichen, mit hundertjaͤhrigem Rheinwein, trank mir ihn zu, und brachte die Geſund⸗ heit aus: Dem Gluͤcke unſerer Kin⸗ der!— Roſa, Roſa lich glaube in dieſer Geſundheit dachte er in Dir noch etwas an⸗ deres, als die Tochter ſeines Freundes. Wenn der junge Doctor Helfer Dich zuruͤck⸗ uͤhrte auf die rechte Bahn, wenn er mehr Dein Arzt, wenn er der Retter Deiner 111 Seele wuͤrde!! Tochter, ich durchblicke Dein Herz. Der Freiherr lebt in ihm!— Gott gebe, daß— hier ſchwieg der Vater und Roſa, ſeinen Seelenkampf und unver⸗ hohlenen Schmerz bemerkend, ſtand haſtig auf, in's Nebenzimmer eilend. Jetzt ergriff der Pfarrer, ſich ermannend, die zitternde Hand ſeines ſchuldbewußten Weibes.„Weib! ſagte er:„der Schmerz unſeres Kindes hat in Deiner Eitelkeit ſeine truͤbe Quelle, gluͤcklich konnte unſer Kind ſeyn, wenn ſie den jungen Paſtor erwaͤhlte, der ihretwegen ſeiner ſchoͤnen Stelle entſagte, und jetzt als akademiſcher Lehrer, als Doctor der heiligen Schrift, mit raſchen Schritten auf der Bahn der Ehre ſeines hochwuͤrdigen Berufes fort⸗ ſchreitet. Was ſoll ſich das arme Kind mit eitlen Hoffnungen plagen, der Freiherr iſt ſeinen Ahnherren, iſt der Aſche ſeines Vaters, iſt ſeem Oheime und Wohlthaͤter, iſt dem Adel ſeines Vaterlandes die ebenbuͤrtige Gemahlin ſchuldig. Soll unſere Ro⸗ 112 ſa— und hier gluͤhten ſeine Augen fuͤrch⸗ terlich, die Ehre, nein, ich ſage die verruchte Schande, ſeine Geliebte zu ſeyn, mit dem Vaterfluche, oder der Verachtung der Welt erkaufen? oder ſoll ſie— zu ſpaͤt ein⸗ ſehend, daß ſie hintergangen war, ſo man⸗ chem Maͤdchen ihres Standes glei⸗ chen, welche, ſtolz auf ihr Laͤrvchen, recht⸗ liche Maͤnner mit vornehmen Hohne abwie⸗ ſen, und jetzt verwaiſt, in gezwungener Zu⸗ ruͤckgezogenheit, unbedauert— verwelken, und verdientermaßen den leidigen,(dem wackern Maͤdchen ehrenvollen, die eiteln aber mit Recht druͤckenden und huͤlflos laſ⸗ ſenden) Stand alter Jungfrauen durch ein freudenloſes Leben ins Grab nehmen. Die Ehe iſt ein Geſetz Gottes, und der Beruf der Mutter des Weibes hohes Ziel! ——— Weib! warum muß mir jetzt die arme Selbſtmoͤrderin, die Hirtin Marie, ein⸗ fallen— die mein Amtseifer toͤdtete!— — Iſt ſie mir zur Nachegöͤttin geworden — ⸗⸗⸗— — —,——— 115 kann uns Arzt und Retter ſeyn! Meine Toch⸗ ter hat ihm geſchrieben, der Brief, den ihre Thraͤnen benetzten, wird ſein Herz erweichen, und alles kann ſich ja noch zum Beſten wenden!“ 4 Der Doctor ward ernſter, und rief: Wei⸗ ber! wohin wird Euch Eure Zuverſicht fuͤh⸗ ren? Traut dem Freiherrn nicht, und ret⸗ tet Euch, da es noch Zeit iſt! Es koͤnn⸗ ten boͤſe Tage kommen, und der Retter dann zu ſpaͤt erſcheinen! Eben kommt der Vater zuruͤck, ſammlet Euch, daß er in Eu⸗ rem Antlitze nicht Eure Schuld erblicke, ich will ihn vorbereiten, damit ſein Zorn nicht in ſeiner Furchterlichkeit ausbreche. Der Pfar⸗ rer kam. Ihr Kind iſt ſehr krankl rief ihm der Arzt zu, ihr Herz leidet, ſchonen Sie die arme Leidende, daß es nicht bricht. Als Chriſt, als Vater, als Freund und Pre⸗ diger, ſtehen Sie fortan an ihrem Kranken⸗ bette, und wenn es des Maͤdchens Geſund⸗ heit erlaubt, ſo verordne ich als ihr Alrzt eine 116 Reiſe, eine Veraͤnderung des Orts. An meiner Schweſter wird ſie eine Mutter, an mir den Vater finden. Mit Thraͤnen gelobte der alte Paſtor, ſein Kind zu ſchonen, und geſegnet von Allen verließ der wuͤrdige Arzt das Krankenhaus. 26. So vergingen unter abwechſelnden Krank⸗ heitszufaͤllen und tauſend haͤuslichen Kuͤm⸗ merniſſen wieder einige verhaͤngnißvolle Wo⸗ chen. Der Vater mußte viel leiden, er er⸗ kannte ſein Ungluͤck nur zu ſehr, und dennoch wagte er es nicht, weiter zu forſchen. Roſa hatte Tag und Nacht wenig Ruhe, weil ihr Kummer um ihre Aeltern, weil das ſtille aber gefraͤßige Nagen des Wurms am ſchuld⸗ bewußten Herzen und die bange Erwar⸗ tung auf eine Antwort des Freiherrn ihrem Schlafe keine Ruhe, keine Erquickung gab. 117 Als nun die Sichel zu Felde ging, als der ſchwer beladene Erntewagen, mit dem reichen Segen Gottes, unter dem frohen Geſange in's Dorf und den Pfarrhof einzog, und Schnitter und Schnitterinnen ſich nach dem Befinden der Pfarrerstochter bei der be⸗ reits wieder geneſenen Mutter erknndigten, da ſahe die ungluͤckliche Roſa, daß es nicht mehr moͤglich waͤre, ihre Schuld zu verſtek⸗ ken. Sie fuͤhlte das, was nur Frauen fuͤh⸗ len ſollen, ſie fuͤhlte das wachſende Kind unter ihrem Herzen und alle jene Anzeichen, die dem Weibe, das der Eheſegen heiligte, verkuͤnden, „freue Dich, Du ſollſt Mutter wer⸗ den!“ ihr aber, der Verfuͤhrten, wie eine Stimme des Todes aus dem Abgrunde ent⸗ gegen toͤnten. Mutter! rief ſie, ich kann meine Schmach nicht mehr verbergen, ich will fliehen den Ort der Schuld. Der gute Doctor Helfer und ſeine Schweſter ſollen meine Engel ſeyn!!——— Thue dies nicht! mein Kind! ſprach die 118 bethoͤrte Mutter. Es iſt uns ſichere Nach⸗ richt geworden, der Freiherr wird wegen der nahen Pachtuͤbergabe baldigſt zuruͤckkehren, er hat ſich mit ſeinem Oheime, wie es heißt, uͤberworfen, ich halte ihn fuͤr einen Mann von Ehre; drum bleib, mein Kind, Deine Flucht wuͤrde jeden Verdacht beſtaͤtigen, man wuͤrde nachforſchen und der Zorn des belei⸗ digten Geſetzes wuͤrde Dich auch in der Hauptſtadt erreichen. Hoffe, dulde, glaube! Alles kann noch beſſer werden. So beſchwich⸗ tigte die verblendete Mutter der Tochter Kla⸗ gen, ſo nahete die ſchreckliche Zeit der Ent⸗ ſcheidung furchtbar heran.— Noch waren Roſa's Vater einige frohe Augenblicke vorbehalten. Ach, ſie ſollten ihm nur erſcheinen, daß die traurigen noch trau⸗ riger wuͤrden. Der Sohn des Criminal⸗ raths, den er als Lehrer erzogen hatte, war als Amtmann in das Bezirksamt, worunter Taubenhayn gehoͤrte, verſetzt worden. In Beruͤckſichtigung der Verdienſte ſeines Vaters ————y 119 hatte ihn der Landesherr das Praͤdikat eines Hofrathes verliehen. Er benutzte die Naͤhe ſeines Aufenthalts, ſeinen wuͤrdigen, alten Lehrer zu beſuchen. Welch ein Wieder⸗ ſehen! Segnend legte der alte Pfarrer ſeine Hand auf das Haupt ſeines Zoͤglings, und dieſer fuͤhlte ſich ploͤtzlich in die Jugendzeit zuruͤckgefuͤhrt, und herzte und kuͤßte den vaͤ⸗ terlichen Lehrer mit kindlicher Liebe. Sie ſetz⸗ ten ſich, und zetzt nahm der Hofrath das Wort.„Lieber Paſtor! Sie bildeten mein kindlich Herz, Ihnen verdanke ich es, daß ich nicht ſtrauchelte auf dem Wege der Verfuͤh⸗ rung. Ich habe jetzt Brod und Ehre und ein Amt, welches gluͤcklicher iſt, als das mei⸗ nes Vaters. Mir fehlt nichts, als ein from⸗ mes, wackres Weib, die Maͤdchen in der Hauptſtadt ſind nur zu oft und zu ſehr Scla⸗ vinnen der Mode, von Vergnuͤgungsſucht hingeriſſen. Fremd ſind vielen derſelben die hoͤchſten Freuden des Lebens, die Freuden — 120 1 der Haͤuslichkeit, und nach dieſen ſehnt ſich ſo ſehr mein Herz. Der Ruf der Schoͤnheit ihrer Tochter iſt weit umher erſchollen, ihre Tugend wird ihr gleichen, dafuͤr buͤrgt mir der Name ihres Vaters. Ich will ſie ſehn und komme als ein Freiersmann! Werde ich ein willkommener ſeyn?“ Der Pfarrer ſchlug den Blick betroffen zur Erde. Unwilluuͤhrlich entſtuͤrzten Thraͤ⸗ nen ſeinen Augen, er druͤckte des Hofraths Hand an ſein Herz und rief im tiefen Schmerz⸗ gefuͤhl: Edler Mann, glauben Sie wirklich mit meiner Tochter gluͤcklich zu ſeyn? Sie iſt jetzt krank an Leib und Seele, tiefer Harm nagt an ihrem Herzen, ſie hat ſchon viele ſehr gute Partien ausgeſchlagen, ſie wird Sie, wuͤrdiger Mann! verehren, aber——— „Wenn ſie mich auch ausſchlaͤgt, antwor⸗ tete der Hofrath, ich werde ihre Gruͤnde hoͤ⸗ ren, aber, wie ſie auch ſeyn moͤgen, das Dind immer achten, welches die Tochter E * — 7 * — G⅜ eines ſolchen Vaters iſt.“ Nun, ant⸗ wortete der Paſtor, ich will mit ihr ſprechen, und mein Gluͤck wird ſich in dem Ihrigen entſcheiden. Bleiben Sie mir heut ein lieber Gaſt, morgen iſt's entſchieden! Ro⸗ ſa ließ ſich vor dem Fremden nicht ſehen, der Vater ſuchte ſie in ihrer Stube auf, er⸗ klaͤrte ihr des Hofraths Wuͤnſche; aber das Maͤdchen rief: Das Ende meiner Leiden iſt nur der Tod! Mein Ungluͤck ſoll kein biedrer Mann theilen, doch wohlan,— und hier funkelten ihre Augen— und lauter klopfte ihr das Herz im Buſen— ich nehme die Hand des Hofraths ſegnend an, wenn er ſie dann noch wuͤnſcht, wenn ich mit ihm geſprochen habel! Der alte Mann fiel ſeiner Tochter um den Hals, dankte ihr und rief: Roſa, gieb Dich Dir ſelbſt, gieb Dich Deinen Aeltern wieder und waͤlze den Sor⸗ genſtein von meinem Herzen, der es zu er⸗ druͤcken droht!“ Roſa aber weinte, antwortete nicht, und als ſie antworten wollte, kehrten 121 122 ihre Zufaͤlle zuruͤck, ihre Haͤnde zitterten, zuk⸗ kend verzogen ſich die Muskeln ihres Antliz⸗ zes und in Kraͤmpfen ſank ſie auf ihr Bett! Gott ſey Dir gnaͤdigl! rief der Vater, die Mutter kam und pflegte die Leidende. Des andern Morgens ging der Hofrath zu Roſa, ſie nahm ihn mit Ruhe und ſicht⸗ barer Heiterkeit auf.„Herr Hofrath, ſprach ſie, oder ſoll ich Sie als den Zoͤgling meines Vaters gruͤßen, der noch fortlebt in ſeinen Gebeten, fuͤr den er ſeine Tochter beten lehr⸗ te. Ich weiß es, was Sie wuͤnſchen, pruͤfen Sie Ihr Herz, Dankbarkeit gegen den alten Lehrer iſt Ihre Fuͤhrerin, nicht Liebe zu mir, denn Sie kennen mich nicht; laſſen Sie mich voollenden, der Kelch der Leiden ſteht vor mir, ich will ihn leeren bis das Herz mir bricht. Koͤnnen Sie mich wirklich lieben?“ Ja! ſprach der Hofrath. Auch dann noch, erwiederte Roſa, wenn das Maͤdchen, das Sie ſich erkoren, nicht mehr das fromme, tugendhafte iſt, das einſt der Stolz des Va⸗ 123 terhauſes und reines Herzens, die glucklichſte war unter den Toͤchtern Taubenhayns? Hofrath(ſtaunend.) Wie, Roſa? was deuten dieſe Worte, ſprechen Sie dieſelbe Sprache, die ihr blaſſes Antlitz ſpricht, Sie ſind——? Roſa. Eine gefallne Ungluͤckliche, nicht werth des Biedermannes Hand, der mich begluͤcken will, nur der Eine kann mich retten und der rettet nicht—— Hofrath. Roſal waͤr' es moͤglich? Roſa. Freund meines Vaters! Sie, den die Gerechtigkeit ihren Prieſter nennt, er⸗ fahren Sie das Geheimniß, das der Vater noch nicht weiß. Ich bin—— ach, ich kann es nicht ausſprechen, das ſchreckliche Wort——— ich ſoll Mutter wer⸗ den, ehe ich Weib bin. Der Freihetr von Falkenſtein— Hofrath. Das Geſetz wird lun ſeine Pflichten lehren. Ein gerechter Herr waltet im Vaterlande, und der Freiherr ſteht unter 124 dem Geſetze, welches mit gleicher Waage waͤgt und entſcheidet. Roſa. Wird es, kann es dies? Ich habe kein ſchriftliches Eheverſprechen, ſelbſt ſei⸗ ne Worte waren zweideutig. Bedingnißweiſe ſollte ich ſeine Gattin werden, dies war mir zu keein, und ach! ich fuͤrchte, er iſt fuͤr mich verloren. Der koͤſtliche Schmuck, den er mir, meine Eitelkeit zu bethoͤren, ſchenkte, die Buſennadel mit der Inſchrift: Liebe oder Todl! der Ring, der mein Herz beſtach, kann er binden? Sie oͤffnete ihren Schmuck⸗ kaſten, zeigte es dem Hofrath und dieſer ſprach: Gott, der das Herz ſieht, kann hier ent⸗ ſcheiden, nicht der Menſch nach ſeinen Rech⸗ ten. Kein Geſetz kann den Freiherrn zwin⸗ gen, ein Eheverſprechen zu erfuͤllen, das er, wie ſie ſelbſt ſagen, nicht beſtimmt ge⸗ 1 Vaters, es ſchließt ihn vom Majorate aus, wenn er ein buͤrgerliches Weib in's Ehebett geben hat. Ich kenne das Teſtament ſeines 3 4 2 125 fuͤhrt. Ich kenne den Stolz ſeines Oheims — und fuͤrchte das Schrecklichſte. Roſa, ich weine um Sie, was fuͤr ein Kleinod hat dieſer Leichtſinnige zerſtoͤrt? Ungluͤckliches, armes Maͤdchen! arme Verfuͤhrte! noch jetzt boͤte ich Ihnen meine Hand— allein mein Amt, das Beiſpiel, das ich in meinem Hauſe geben ſoll, rufen ihr Nein mir drohend ent⸗ gegen. Noch verzagen ſie nicht. Schon um des Freiherrn willen wird man die Sache gern ununterſucht laſſen. Suchen Sie Schutz im Hauſe einer Freundin, wollen Sie das meiner Tante waͤhlen? Gott richtet uͤber Sie, und den, der Sie verfuͤhrte, und Ihre Thraͤnen und das erſte Wimmern Ihres Kindes, das Sie unter Ihrem Herzen tra⸗ gen, ſie werden am Throne des Ewigen den verklagen, der jetzt vielleicht nicht an Sie denkt. Roſa antwortete: Alles wollte ich tragen, aber der Mutter Thraͤnen, des tief⸗ gekraͤnkten Vaters gerechten Zorn— das Leiden des verlaßnen Kindes, dem ſchon 126 bei ſeiner Geburt die Schmach des Fa ll⸗ kindes, des Baſtarden wird?——— e 27 X Falttind Baſtarbt Schrie es hinter ihnen, und der Vater, der die letzten Worte vernommen, ſtuͤrmte in's Zimmer. Mein Kind, mein einziges Kind! rief er, daß ich, der ſtrenge Sittenrichter, in Zuͤchten und Ehren erzogen, iſt eine Buhlerin des Frei⸗ herrn, ein Naub ſchnoͤder Verfuͤhrung!! Herr, Herr! deine Wege ſind unerforſchlich, groß die rief er jetzt im fuͤrchterlichen Seelenkampfe, verflucht ſey die Frucht Deines Leibes, haſt Du Die das Kind in der Wiege erhuhle ſo Leiden, die Du uͤber mich verhaͤngſt!! Roſa! 4** —— —.—.— 2 — — —;— —-———— 2 — ber ſein zorngluͤhendes Auge verkuͤnde 8 127 8 hindern konnte,— ſiehſt Du die Linde dort und das Schandeiſen an ihr? Dort wirſt Du ſtehn, verhoͤhnt vom Volke, ſtrafba⸗ rer ſeyn, als es die war, die mein Amtsei⸗ fer verdammte, die mehr Ehrgefuͤhl hatte als Du, Du wirſt der Spott des Volkes ſeyn, indeß Dein Vater Dich ver⸗—— flucht!———— Heiland der Welt! Du, der ſich der Suͤnder erbarmt, ſey mir gnaͤdig, hoͤre es nicht, das Wort des Vaterfluchs. Meine Tochter klage ich an! Hier ſank er zuſammen. — Da lag er gleich dem reifen Halme, den die Sichel des Schnitters zerſchneidet. Krampf⸗ haft bewegte ſich ſein Mund, ohne zu ſpre⸗ chen, ſeine Augen brachen, eine Ohnmacht entriß ihn endlich dem fuͤrchterlichen Schmerze. Mein Vater! rief Roſa, fluche nicht der Toch⸗ ter, erwache, daß ich noch einmal Dein Auge ehe, und ſchluchzend fiel ſie auf den Ohn⸗ achtigen, und ihre Thraͤnen erweckten il 128 Verbitkerung ſeines Herzens, und nur des Hofraths Gegenwart konnte heute Schreckens⸗ ſcenen verhindern. Ein Gluͤck war es, daß 1 die Mutter eben nicht zu Hauſe war.—— Jetzt einen Blick auf den Freiherrn.— * 28. Ein ſchoͤner Tag war auf Thuͤringens fruchtbare Gefilde hernieder geſunken, Freude und Jubel herrſchte auf einer der reichſten ſeiner Burgen. Der reiche Freiherr und Comthur, Curt Maximilian von Fal⸗ enſtein, feierte den Geburtstag ſeines Bru⸗ ders⸗Sohns und Erben, und der junge Ca⸗ valier Heinrich von Falkenſtein ſollte mit dem Erntekranze zugleich eine Myr⸗ thenkrone von jungen Landmaͤdchen v ten, um ſie in die Locken Roſamunden — von Heldrungen zu winden und dieß 4 * ——yy—„— und hanrice ſie zaͤhlte erſt ſechzehn Jahre, 129 ſtolze, ſchoͤne Fraͤulein, den Liebling ſeines Oheims, den letzten Sproͤßling eines alten Ritterhauſes, mit ſeiner Hand zu begluͤcken. Unter den Linden des Burggartens ſtand Heinrich im reichen Cavalierkleide, unter den geladenen Cavalieren. Trompeten ſchmet⸗ terten und Pauken wirbelten vom Schloß⸗ thurme, und unter laͤndlicher Muſik kam, von ſechs weißen Edelroſſen gezogen, der reich be⸗ ladene Erntewagen in den Hof. Ihm folg⸗ ten Schnitter und Schnitterinnen, und ſan⸗ gen ein froͤhliches Erntelied. Zwei der ſchoͤn⸗ 4 ſten Landmaͤdchen trugen ſeidne Kiſſen. Auf dem einen war ein mit ſeidenen Baͤndern durchflochtener Erntekranz auf dem andern eine Myrthenkrone, ſie naheten dem Frei⸗ herrn und uͤbergaben ihm beides. Unſtaͤt ir⸗ ren ſeine Angen umher, da naht ihm ſein Oheim und fuͤhrt ihm das koͤſtlich⸗geſchmuͤckte Fraͤulein entgegen, Roſamunda war ſchoͤn die(Glut der Liebe blitzte aus dan ſchwarzen 130 Augen der Bruͤnette, und ihre ſtolze Haltung, die die Grazie ihres Wuchſes erhob, bezeugte das Maͤdchen von Welt und vornehmer Er⸗ ziehung. Heinrich! ſprach der Freiherr und Com⸗ thur, ihn bei Seite nehmend, ich gelobte Deinem ſterbenden Vater der Deinige zu wer⸗ den. Du biſt mein Erbe, und Deine Gat⸗ tin habe ich Dir erwaͤhlt, Du biſt Frei⸗ herr, ſie iſt Dir ebenbuͤrtig. Du warſt ein arges Weltkind. Sie weiß es, und ver⸗ zeiht Dir. Ich billige Deine Liebe in Tau⸗ benhayn nicht! Leugne nicht, was dort ge⸗ ſchah. Es war nicht loͤblich! Schon ward uns Kunde. Vergeſſen ſey's! Werde klug, beobachte immer den Anſtand, den Du Dei⸗ ner Braut, bald Deiner Gemahlin, ſchuldig biſt, reiche ihr die Myrthenkrone und empfange mit der Hand des Präulains, das ich(hier uͤberreichte er ihm ein Pergament) feierlich fuͤr meine encnn cuanee den Anſpruch auf meine Guͤter!— Er führte I V V 131 das Fraͤulein ſeinem Heinrich entgegen, und dieſer wand unter dem Jubel des Vol⸗ kes die Myrthenkrone in Roſamundens ra⸗ benſchwarze Locken, und der T Treuloſe em⸗ „ piing, ſeine Nofe erLSnnd den Brautkußl— Der Tag de ein Tag der Freude ſeyn. Alle Einwohner der Falkenſteiniſchen Herr⸗ 3 ſchaften waren zu einem Volksfeſte eingela⸗ den, und ergoͤtzten ſich bei Bier und Wein und ſchmackhaftem Imbiß mit Volksbeluſti⸗ gungen, und die jungen Purſche und Maͤd⸗ 3 chen ſchwenkten ſich jubelnd in muntern Taͤn⸗ zen um die Linden des Schloßgartens, waͤh⸗ 3 rend die Herrſchaften ein praͤchtiges Feſtmahl einnahmen. Der Abend ſank hernieder, bei Fackelſchein brachten die herrſchaftlichen Jaͤ⸗ ger dem Junker ein Vivat. aland hielt die Anrede mit Kraft und wohlgefaͤllig ruhten die Au⸗ Braut auf dem ſtattlichen d des Bräuegans Blicke 132 Unruhe, Unzufriedenheit und innern Seelen⸗ kampf verriethen. Jetzt erhob ſich die Braut, ging in's Schloß und kam bald in dem ſchmucken Kleide einer Jaͤgerin, wahrhaft idealiſch⸗ſchoͤn, zuruͤck. Ueber ihre Schultern hatte ſie eine praͤchtige tuͤrkiſche Doppel⸗ flinte geworfen. Mit Anſtand und Hoheit nahm ſie ſie jetzt in die Hand, uͤberreichte ſie ihrem Braͤutigam und ſprach: der Cava⸗ lier ſoll Jaͤger ſeyn, Kraftuͤbend ſoll er ſich vorbereiten, dem Vaterlande zu dienen, wenn es ruft; darum bitte ich Dich, lieber Heinrich, ſey ein wackrer Jaͤger, nimm dieſe Doppelflinte als Maalſchatz an, aber ſchone, ich bitte Dich, das Edelwild in Tau⸗ benhayn! Ein Weib ſoll Dir werden aus adelichem Stamme, ihr ſey Deine Hand und Deine Liebe!—— Der Freiherr gelobte, ein Kuß d lobten milderte die Stiche ſein und bis ſpaͤt in die Nach unter Tanz und Becherklal 133 Saͤle des Schloſſes, bis Alle, ſuͤßen Weines trunken, der Ruhe entgegen eilten. Bange Traͤume ließen Heinrich nicht des Schlafes erquickenden Balſam fuͤhlen. Ach, ſein Freudentag war ja der Tag, wo ſeine Roſa des Vaters Fluch und Zorn vernahm und ihn, den Abtruͤnnigen, noch mit gebrochnem Herzen ſegnete. 4 29. Der Morgen daͤmmerte, der Freiherr er⸗ hob ſich von ſeinem Lager, das ihm keine Ruhe gab. Rolandl!l rief er, und ſein Mephiſto⸗ pheles ſtand neben ihm. 5 Freiherr. Haſt Du Nachnihig aus Taubenhayn? Roland. Ja! der Gärtner dar mir geſchrieben! Verfuͤhrer! 134 Freiherr. Wie gehts? Roland. Traurig!— Roſa—— Freiherr. Roſa? was macht ſie? Roland. Sie ſoll Mutter werden. Freiherr. Und ihr Vater? Roland. Verflucht Sie und das ar⸗ me Kind! Freiherr. Beweiſe! Bube! Roland. Hier ſind ſie. Dies iſt der Brief des Gaͤrtners, und dieſer kam in die Haͤnde Ihres Oheims, da er ungluͤcklicher Weiſe ohne Vornamen addreſſirt war. Er erbrach ihn, hob ihn, um die Freuden des Verlobungsfeſtes nicht zu ſtoͤren, bis heute auf, ich ſoll Ihnen ſelbigen einhaͤndigen. Der Herr Comthur wuͤnſchen, daß Sie die fatale Sache bald abthun, und dem Maͤdchen, die Siie nicht heirathen koͤnnen, wohl auch nie wollten, Genugthuung geben. Freiherr. Bube, Du wurdeſt mein — 135 Roland. Es war Ihro Gnaden eig⸗ ner Wille. Freiherr. Geh' aus meinen Augen! Den Brief her! komm nicht wieder, bis ich Dich rufe, oder mein Zorn erreicht Dich—— Roland ging. Haſtig entfaltete Hein⸗ rich den Brief, und Schmerz und Liebe, Stolz 4 und der letzte Funken verloͤſchenden wahren— Ritterſinnes, kaͤmpften in dem ſchuldbewuß⸗ ten Herzen, waͤhrend er las: Mann meines Herzens! Du, mein Gluͤck und mein Ungluͤck, Du, deſſen Bild ich am Morgen und am Abend ſehe, das in meinen Traͤumen lebt, deſſen Namen ich im Gebete nenne, gedenke meiner, erbarme Dich der Verlaſſenen, ein Kind, das unter meinem Herzen lebt, ver dankt Dir ſein Leben. Heinrich! was haſt Du aus mir gemacht, erfuͤlle Deine Verr: ſprechen. Deine Roſa, Deine Auserkohrne 89 36— ſey, ehe ſie Mutter wird, Dein Weib, Dein treues Weib. Ich geſtehe es, es war Ei⸗ telkeit, mich als Freifrau zu denken; aber der Gedanke war zu ſchoͤn, Dich in den Gebeten meines Vaters, als Patron ſeiner Kirche, als Gerichtsherr und als Sohn leben zu ſehen, es war herzerhebend, in ei⸗ ne Zukunft zu blicken, wo Du als ein wahrer Vater Deiner Unterthanen, als ein Edelmann in des Wortes ſchoͤnem Sinne, das Gluͤck der Deinen auf Erden erhebſt, waͤhrend mein guter Vater ſie durch Gebet, Lehre und Beiſpiel zu einem Sowigen vorbereitet. Der Stand der Ver⸗ ekuͤndiger des Wortes iſt ein heiliger, hoch⸗ geehrter, und der Freiherr darf ſich nicht ſchaͤmen, die Tochter des rechtſchaffenen Predigers als Gemahlin, als Hausfrau zu erkieſen. Es ſind Beiſpiele vorhanden, wo dieſe Ehen die gluͤcklichſten wurden. Du fuͤrchteſt den Zorn Deines Oheims, wohlan, der Stolz iſt von mir gewichen, die Liebe iſt geblieben. Entſage, wie Du verſprachſt, dem Glanze Deines Hauſes, und ich will Dir folgen, wohin Du willſt. Der Allbarmherzige legte in jedes Men⸗ ſchen Herz ſeinen Frieden, ſeine Ruhe, ſeine Seligkeit. Du haſt die Meinige zerſtoͤrt, gieb ſie mir wieder! erhebe mich aus meiner Schmach, verſuͤndige Dich nicht an 1 dem Kinde, deſſen Vater Du biſt; fuͤrchte, daß der Harm meines Vaters und ſein ſtrenger aber gerechter Zorn uns anklage am Throne des Ewigen, ſende einen Strahl Deiner Liebe in mein Herz, und laß es nicht zum Raube der Verzweiflung werden. Gott ſey mit Dir, er lenke Dein Herz. Kehre, kehre bald zuruͤck! Du biſt meines Lebens Seligkeit und ich auf ewig Deine Taubenhayn, am Tage Bonifacii 17— treue Roſa. 3 So, auf ewig Dein! toͤnte es hinter 5 138 ihm, und Roſamunde hatte ihn belauſcht. Heinrich, ſprach das geiſtreiche Maͤdchen, es wmar nicht brav, daß Du die Einfaͤltige taͤuſchteſt, die kleinglaͤubige Eitle hintergingſt, Du wußteſt, daß ich Dir beſtimmt war, Du kannteſt den feſten Willen Deines Oheims, und ließeſt Dich von einem Landmaͤdchen hintergehen, denn bei aller ihrer Unſchuld war die Perſon vielleicht liſtiger als Du, hat Dir ein ſchriftliches, guͤltiges Ehever⸗ ſprechen entlockt? Freiherr. Nein, das hat ſie nicht, ich war ſchwach, aber ſie ſpannte die Saiten zu hoch, die Liebe ward in mir Begierde, und die ſich ſelbſt Taͤuſchende trage ihre ei⸗ gene Schuld! Roſamunde. Wie dem auch ſey, Du biſt Cavalier, ſie die Tochter eines rechtli⸗ chen Mannes, eines Geiſtlichen, Du biſt ihr Verguͤtigung ſchuldig, ich beſtimme das mmeinen Schmuck verwenden ſollte, dazu. Brautgeſchenck Deines Oheims, das ich fuͤr 1 139 Freiherr. Edles Maͤdchen! Roſamunde. Jetzt ſchreibe ihr, daß keine eitle Hoffnung ſie mehr bethoͤrt, daß ſie Taubenhayn verlaͤßt, und ſich einen Mann ſuche, der ſich daruͤber wegſetzt, was geſche⸗ hen iſt. Du mußt die Sache mit Klugheit und Ernſt abmachen. Des alten Pfarrers Zorn haben wir nicht zu fuͤrchten, er wird verbrauſen; aber der Gaͤrtner hat alles treu raportirt: Der Doctor Helfer, der Leibarzt der Fuͤrſtin, der der Prinzeſſin Seraphine, als ſie die Blattern ſchnell uͤberfielen, das Leben rettete, hat große Verbindungen, und kann Dir vieles ſchaden, er nimmt ſich des Maͤdchens vaͤterlich an, ungeachtet die eitle Perſon ſeinem braven Sohne ein Köͤrbchen wand! 1 Freiherr. Wo ſoll ich den finden, der Roſa's Herz feſſeln koͤnnte? Er dachte nach und ſchwieg. Roſamunde. Beſſer iſrs, er iſt fern von uns. 140 Freiherr. Er iſt gefunden! mein Ro⸗ land!—— Roſamunde. Ein ſchoͤner, geiſtreicher Mann. t. Freiherr. Hatte immer viel Gluͤck bei den Weibern. Roſamunde. Hat Bildung und ver⸗ ſteht es, ſich angenehm zu machen, aber ſein Herz. Freiherr. Was fragt darnach das eitle Weib? Roſamunde. Sein Stand? Freiherr. Er war, ich geſtehe es Dir, bis jetzt zu ſehr mein Freund und Vertrauter, um fernerhin noch meine Lioree tragen zu koͤnnen. Roſamunde. Du willſt den treuen Freund entlaſſen, doch nicht meinetwegen? Freiherr. In meinem Brode ſoll er bleiben, ohne im eigentlichen Verſtande zu mei⸗ ner Bedienung zu gehoͤren, ich erhebe ihn zum Inſpector meiner thuͤringiſchen Forſten. —— Mein erlauchter Nachbar, der Reichsfreigraf und 141 Herr von Mannsfeld, der auf einigen meiner Guͤter mein Lehnsherr iſt, wird auf meine Vor⸗ bitten die Gnade haben, ihm den Titel eines Hofjaͤgers zu verleihen, ich gebe ihm ein gut Stuͤck Geld, und der Tag, wo er der Roſa die Hand reicht, iſt der Tag ſeiner Erhoͤhung. Roſa's Kinde ſetze ich ein Jahrgeld aus. Seine Verheirathung geſchehe, wo moͤglich, vor der unſrigen, und ich wuͤnſche, daß wir das junge Ehepaar dann ſobald nicht wieder ſehen! Roſamunde. Fuͤrchteſt Du meine Ei⸗ ferſucht? Sollte das Weib Roſa Roland, Roſamunden von Falkenſtein gefaͤhr⸗ lich ſeyn? Maͤnner was iſt euer Herz? Daß wir die Rechnung nicht ohne den Wirth ma⸗ chen, rufe den Roland. Freiherr. Es geſchehe, wie Du willſt. (Er rief und klingelte.)— Roland erſchien. Roland. Was befehlen Euer hochfrei⸗ herrliche Gnaden? Freiherr. Ich befehle nicht, ich wuͤn⸗ ſche Dein Gluͤck, um Dich bald zu verſorgen, 142 Du haſt Dein Leben fuͤr mich gewagt, haſt mir manchen treuen Dienſt geleiſtet. Roland. Schuldige Dankbarkeit fuͤr tauſend empfangene Wohlthaten. Freiherr. Du kennſt meine Verhaͤlt⸗ niſſe mit der Pfarrerstochter? Roland. Ach ja! das ſchoͤne Maͤdchen, wak⸗ kerer Aeltern Kind,iſt hoͤchſt ungluͤcklich geworden. Freiherr. Du haſt Mitleid mit ihr. Roland. Chriſtenpflicht.— Freiherr. Heuchler, Du warſt ihr ſelbſt gut! Roland. Ihr war ich zu gering, de⸗ ren Ziel nur die Freiherrnkrone war. Freiherr. Du bahnteſt mir den Ws in ihr Haus. Roland. Die eitle Mutter hatte ihn geebnet, ehe wir daran dachten. Freiherr. Hinterliſtig lehrteſt Du mich. wie ich den Vater taͤuſchen ſollte, 2 Du warſt mein Liebesbote, Gelegenheitsmacher, und traͤgſt viel der Schuld mit mir. 8 Roland. Es geſchah Ihretwegen, wenn ich fehlte. Freiherr. Wir beide muͤſſen verguͤten. Roſa, die Pfarrerstochter, kann mein Weib nicht werden. Roſamunde nur, die Holde und Guͤtige, kann mich begluͤcken. Roland. Heil Ihnen! Welch ein Weib wird der Engel Ihres Lebens werden! Freiherr. Schmeichler! Aber auch des Pfarrers Tochter iſt ſchoͤn, brav und gut, ein Fehltritt ſoll ſie nicht vernichten. Ver⸗ loren iſt die Ehre ihrer Jungfraͤulichkeit, nur das Ehebett kann ihr die Ruhe wieder geben. Roland, Dich habe ich erkoren, Du haſt gelernt, Dich uͤber Manches hinweg zu ſetzen, biſt ein Weltmann, und ich glaube, Du biſt, ſo gut wie ich, des ledigen Herumirrens muͤ⸗ de. Es giebt keine Roſen ohne Dornen, nimm die, deren Dornen Du kennſt; beſſer iſts, als Du waͤhlſt Dir ein Maͤdchen, die Du, der oft ſchon fehlte, fuͤr tugendhaft haͤltſt, und die es nicht iſt!—— 144 Roland. Ich ſoll——? Noch erkenne ich Ihren Willen nicht!——— Freiherr. Du ſollſt heirathen! und Roſa heirathenl! Ich entſage ihr, mag ſie nicht wiederſehen, im Beſitze dieſer meiner Huldin koͤnnte Dein Weib mir nie wieder gefaͤhrlich werden. Roland. Wird das ſtolze Maͤdchen, die den Prediger, den Arzt, den Rechts⸗ gelehrten ausſchlug, weil ſie nur den Freiherrn liebte, mich nehmen? Freiherr. Die reine Jungfrau konnte ihre Blicke auf das Hohe richten; nicht die Gefallene. Du, Roland, biſt guter und wak⸗ kerer Aeltern Sohn, Dein Leichtſinn riß Dich aus Deiner Carriere, Dein Jaͤhzorn machte Dich als Student zum Moͤrder im Zweikampf. Ich will Dich der Welt zuruͤck⸗ geben, Du wirbſt um Roſa, und der Tag ihrer Einwilligung erhebt Dich zu meinem Forſtinſpector. Ein freier Landesherr wird, ſo hoffe ich es, dieſen Titel beſtaͤtigen. Sey ———-’’ —Y—ꝛ;Xÿü— Roſa ein treuer Gatte, ein liebender Vater ihres Kindes, dem ich einen Jahrgehalt ausſetze. Roſamunde. Waͤlzen Sie, lieber Ro⸗ land, die Sorge von dem Herzen meines Ver⸗ lobten, erfuͤllen Sie ſeine Wuͤnſche, bleiben Sie der wahre Freund unſeres Hauſes, und glauben Sie, daß auch ich immer dankbar ſeyn werde. Roland. Es gilt das Gluͤck meines Lebens. Je ſchoͤner das Weib iſt, deſto un⸗ gluͤcklicher iſt die Ehe, wenn ſie zu lieben nicht verſteht. Roſa wird nie den Jaͤger lieben, da ſie der Freiherr verſchmaͤhte; doch es ſey gewagt! wiewohl ich noch ſchreckens⸗ volle Scenen fuͤrchte, wenn der Zorn des Al⸗ ten ausbricht. Roſamunde. Wir wollen ihn verkuͤh⸗ len laſſen, ſorge fuͤr die Beduͤrfniſſe des, ih⸗ er Entbindung entgegenharrenden Maͤdchens. Die Zeit wird ihren Kummer heilen, und ſie, wenn ſie rathlos iſt, herzensgern dem ſchoͤ⸗ nen Jaͤger, um den ſie manches Weib be. 10 146 neiden duͤrfte, der Schmach vorziehen, welche nur eine Verbindung mildern kann. Lieber Heinrich, wir reiſen einige Monate in's Aus⸗ land, in einen der Kurorte. Der Onkel und meine Mutter begleiten uns vielleicht, indeß wird ſich das Ungewitter verziehen, und Ro⸗ land den rechten Augenblick benutzen, wo er nicht unerhoͤrt bittet, und ſein Gluͤck ſich mit unſerer Zufriedenheit vereinigen kann. Freiherr. Huldin meines Lebens! Maͤdchen! wie klug ſind Deine Rathſchluͤſſe, wie beredt Deine Worte, ewig der Deine! und keine Eiferſucht ſtoͤre forthin unſere Zu⸗ friedenheit. 3 Feurig umarmte er ſie, als eben der Oheim eintrat.„Brav, mein Sohn! rief er, Du feierſt ein ſchoͤnes Verſoͤhnungsfeſt, nun voll⸗ ende, ſchreibe an Roſa in Taubenhayn Dei⸗ nen Abſagebrief. Wahtheit, nicht Hohn, fuͤhre Deine Feder, ſchreibe, daß ihr, daß dem getaͤuſchten Vater keine Hoffnungen mehr bleiben, aber ſorge dafuͤr, daß die Arme, die 6 ihr Schickſal ſelbſt verſchuldete, keine Noth 147 leide. Ich bin Geld, Du aber ſey Mann, die letzten Stuͤrme in Deinem Herzen zu er⸗ tragen! Eine praͤchtige Equipage rollte in den Schloßhof.„Das iſt ſein Erlauchter, der Herr Reichsgraf! rief der Comthur. Er ſey aufgenommen, wie es ſeinem hohen Range gebuͤhrt, komm, Heinrich, hilf ihm aus dem Wagen und Du, liebe Tochter, ſey uns eine angenehme Wirthin!“ So endete das fuͤr Roſa ſo verhaͤng⸗ nißvolle Geſpraͤch. . 2 30. Es vergingen lange Wochen, noch war keine Nachricht von des Frecherrn Entſchluß in Taubenhayn erſchienen. Die Pachtuͤber⸗ nahme war durch Bevollmaͤchtigte geſchehen; Roſas Angſt wurde almaͤlig zur Ver. 10* 148 zweiflung. Als der Herbſtſturm uͤber Flur und Stoppeln rauſchte, als der Saft der begeiſternden Rebe bereits der Kelter ent⸗ rann, da konnte ſie es nicht mehr ver⸗ ſtecken, da wurde es ſtadt⸗ und landkun⸗ dig:„Roſa, des Pfarrers Tochter von Taubenhayn, ſolle in Unehren Mutter werden, ehe ſie ein Weib waͤre!“ Ein Un⸗ gluͤck kommt ſelten allein. Eine anſteckende Krankheit brach in der Nachbarſtadt aus, und der wahre Freund ihres Hauſes, Doctor Hel⸗ fer, ſank rettend als ihr Opfer in die Arme des Todes. Jetzt entſagte der Sohn der Nachfolge und ging als Leibarzt eines fuͤrſtlichen Hau⸗ ſes nach Rußland; vorher ſollte er das junge Ehepaar nach Carlsbad begleiten. Der Hofrath erhielt eine Stelle in der Landesregierung, und ſo hatte das Pfarrhaus drei der wuͤrdigſten Freunde verloren. Noch groͤßerer Harm war dem Pfarrer vor⸗ behalter. Anne⸗Lie ſe, die Kuͤchenmagd des 149 Gaͤrtners, eines alten Junggeſellen und hin⸗ terliſtigen Mannes, ward zum zweiten Male in Unehren ſchwanger, ſie behandelte die Ge⸗ richten, die ihr dies vorhielten, mit frechem Hohn, der Gaͤrtner warf den alten Richter zum Hauſe hinaus, und als dieſer mit dem Pfarrer drohte, ſo rief das freche, alles Ehr⸗ gefuͤhl verleugnende Weibsbild:„Geht nur und ſagt es ihm, daß ich nicht anders Kir⸗ chenbuße thue, als wenn ſein geweſenes Juͤngferchen mit mir ſteht, was Einem recht iſt, iſt dem Andern billig, und wenn ich an der Linde prangen muß, ſo ſoll ſie, das ſtolze, ſchmucke Roͤschen, wenigſtens im⸗ Strohkranze auf dem Strohbuͤndel vor'm Al⸗ tare knien, ſagt ihm dieß!!“ Der beleidigte Dorfſchulze war ſo unvor⸗ ſichtig, dieß in ſeinem Zorne zu thun, und jetzt brach der Grimm des alten Predigers furchtbar aus.„Roſa!“ rief er, und als dieſe vor Krankheit ſchwankend in's Zimmer trat, ſo zuͤrnte er ihr zu:„Aus meinen Au⸗ 150 gen verworfene Dirne! Du biſt mein Kind nicht mehr, entehrt haſt Du das Vaterhaus, entehrt das Pfarrhaus, welches ein Beiſpiel ſeyn ſoll der Gemeinde. Gehe nun, wohin Du willſt. Der Mutter Thraͤnen werden Dir wahrlich keine Roſen auf den Weg ſtreun, und wo Du weilſt, wird der Vaterfluch Dich verfolgen. Fliehe, fliehe! denn wiſſe es, wenn Du geboren haſt, wirſt, ſollſt Du Kir⸗ chenbuße thun mit Anne⸗Lieſen, der Gaͤrt⸗ nermagd, der verworfenſten der Dirnen.— Dieſer Tag bringt mich in's Grab!!!“ Roſa. Ich Ungluͤckliche!!!— Pfarrer.„Ja, das biſt Du, Du haſt die Schande auf Dich geladen, trage ſie, Deine Schmach iſt groß— Deine Ehre ver⸗ loren.— Dein adelicher Buhle verachtet Dich, ſein Schweigen bezeugt, daß er ſich ſchaͤmt, Dir zu antworten. Aus meinen Augen, Verworfene! Oeffentlich will ich meine Schande verkuͤnden, und an Dir ſoll die Ge⸗ meinde ein Beiſpiel nehmen, wie ich das 3 Stirn⸗Ader von Zorn geſchwollen, und zu 5 151 Verbrechen haſſe, wie ich es am eignen Kinde ſtrafe. Morgen komme in die Kirche, ich befehle es, verkuͤnden will ich Deine Schmach, denn ich will nicht ein Hehler ſeyn Deiner Unthaten, an welchen Deine Mutter ſo viel Schuld hat, auch uͤber ſie wird der Himmel richten!“— 31. Der Sonntags⸗Morgen erſchien. Seine Glockentoͤne, die Erbauung in die Herzen ru⸗ fen, waren Roſen ein armes Suͤndergelaͤute, denn ihre eigene Schmach ſollte ſie ver⸗ kuͤndigen hoͤren vor der Gemeinde. Jetzt, als ſie zum zweiten Mal riefen, trat der Va⸗ ter in ihr Zimmer. Sein greiſes Haupt, welches ſonſt eine wuͤrdeverkuͤndende Allon⸗ gen⸗Peruque zierte, war heute blos, die 3 15² Berge ſtanden die einzelnen weißen Haare. „Hoͤrſt Du! rief er, die Glocken verkuͤnden Deine Schande und meinen nahen Tod! Ach! meine, meines Hauſes Ehre iſt eher in das Grab geſunken, als ich ſelbſt,— und dies iſt der Lohn meines Berufs, wo ich, der Sit⸗ tenreinheit und Geſetz verkuͤndete, nun laut ausrufen muß: Wehe mir! denn die Suͤnde iſt in mein Haus gegangen!!“ Roſa war ſtumm bei dieſen Vorwuͤrfen, ihr Herz blutete und ihr Gewiſſen ſagte ihr: Du biſt eine Suͤnderin! Dein Leichtſinn bringt den guten Vater in das Grabl!— Sie folgte ihm in die Kirche, denn die Mutter mußte, wegen Krankheit, das Haus huͤten. Heute ließ der Paſtor lauter Sterbe⸗ lieder ſingen, das Evangelium vom allge⸗ meinen Weltgericht berechtigte ihn da⸗ zu. Er ſprach aus der Tiefe des Herzens mit großer, ſichtbarer Anſtrengung. In der Rede Begeiſterung ſchilderte er mit treffender 3 ſeinen Augen, er wankte, ſank, ein Schlag⸗ 153 Wahrheit, wie der Menſch aus ſeinem Him⸗ mel, der in der Unſchuld und im reinen Her⸗ zen leuchtet, durch die Luͤſte der Erde auf der Bahn des Laſters und der Sinnlichkeit zur Hoͤlle wandle, und nun ging er zu den Hoͤl⸗ lenſtrafen uͤber.—— Seine Thraͤnen verhinderten, die herzer⸗ greifenden Worte deutlich auszuſprechen. Er ſchwieg im innern Seelenkampfe einige Mi⸗ nuten, dann nahm er alle ſeine Kraͤfte zu⸗ ſammen, warf einen ſchreckenden Blick der Tochter zu und rief laut aus: „Welcher Schmerz wird an dem Tage des Gerichtes die Herzen jener Kinder durch⸗ gluͤhen, die ihre Aeltern erblicken werden unter den Suͤndern; wie fuͤrchterlich wird die Qual der Aeltern ſeyn, die ihre Kinder, die Pfaͤnder, die ihnen Gott an⸗ vertraute, unter den Gerechten ſuchen, und ſie finden unter den Verdammten!!“ Hier ſchwieg er,——— es funkelte vor 154 fluß wandelte ihn an, eine Ohnmacht uͤber⸗ fiel ihn. 3 Der Gottesdienſt war geſtoͤrt, Alles eilte dem Fallenden zu Huͤlfe, ſein Haupt war an eine Saͤule angefallen, und Blut netzte ſein greiſes Haar, die Blaͤſſe des Todes bedeckte ſein Antlitz. 32. Der Gottesdienſt war geſchloſſen, der Pa⸗ ſtor wurde nach Hauſe getragen. Die, welche heute zum Tiſche des Herrn gehen wollten, folgten ihm, und ſo glich dieſer Zug einem Leichenzuge.— Roſa folgte, ſie raufte ihr Haar, ſchlug ſich ſelbſt unter Verwuͤnſchun⸗ gen in's blaſſe, gramentſtellte Antlitz, klagte ſich, ihre Schande laut bekennend, als Moͤr⸗ derin ihres guten Vaters an, ſtuͤrzte, als ſie in's Haus angekommen war, aufs Bett ih⸗ rer todtkranken Mutter, aber ach, dieſe 155 konnte nicht helfen! Endlich kam der Va⸗ terr zu ſich, die Ohnmacht verließ ihn, aber ein Schlagfluß hatte den linken Arm ge⸗ laͤhmt, und es zeigten ſich bald Spuren von 3 Geiſtes⸗Verwirtungen. Der herbeigerufene Wundarzt verordnete, daß jetzt die Tochter ſich nicht ſehen laſſen ſollte. Im fuͤrchter⸗ lichſten Schmerz rannte ſie auf den Kirchhof und ſetzte ſich auf Muͤller Roͤschens Grab,— dort ihren Kummer auszuweinen. Ach, die Thraͤnen gaben ihr keine Linderung. Kaͤlte zwang ſie, in's Haus zuruͤckzugehen. Als ſie im Hanſe ankam, fand ſie einen Brief. Es war der des Freiherrn, und nun war Roſa's Stab gebrochen.„Nein! rief ſie, indem ſie ihn ſchluchzend ſelbſt las. Abfertigen will er mich mit einem Suͤnden⸗ gelde, er leugnet jedes Eheverſprechen. Der Jaͤger, der hinterliſtige Roland, dem Hohn und Luͤge aus den Augen blitzt, der mich haßt, weil ich ihm zu ſtolz und kalt war, ſoll um ein Stuͤck Geld mein Schanddeckel 156 werden, und ich vielleicht die Metze des Frei⸗ herrn bleiben? Nein, nein! Mein Kind er⸗ blicke die Welt und dann, ungluͤckliche Ma⸗ ria, die des Vaters Haͤrte toͤdtete, hoͤre ich das Rufen deines Geiſtes aus des Brunnens Tiefe. Ich will ihn verſoͤhnen! Mutter! rief ſie, jetzt der kranken Mutter die Hand rei⸗ chend, zu: Du biſt an meinem Ungluͤcke ſchuld! Dein Stolz entriß mich meinem Him⸗ mel, ich fluche Dir nicht, aber bitte fuͤr meine Seele, wenn ſie das Licht des ewigen Lebens nicht mehr ſchauen darf, ob meiner Miſſethat und Deiner Eitelkeit!“— So ſprach ſie, und ſank in Kraͤmpfen vor der Mutter Schmerzensbett zur Erde nieder; ihre Sinne wichen und die herein⸗ tretende Magd rief die Scheintodte in's Leben zuruͤck. Der Vater hatte den letzten Verſuch ge⸗ macht und an den Freiherrn geſchrieben. Es war zu ſpaͤt; des Freiherrn Vermaͤh⸗ lung war bereits vollzogen! 157 Im dumpfen, hinbruͤtenden Schmerze war nun wieder eine ſchreckensvolle Zeit im Pfarrhauſe dahingegangen. Der Winter erſchien mit allen ſeinen Schrecken und am Weihnachtsfeſte mußte ein anderer Pfar⸗ rer das Amt halten, denn Roſa's Vater war dem Tode nahe.— Die harte Kaͤlte kam nun mit allen ih⸗ ren Schrecken, mit Eis und Schneggeſtoͤber; furchtbarer Froſt erſtarrte die Felder, die ent⸗ feſſelten Stuͤrme heulten, dickes Eis deckte die Fenſterſcheiben. Der Paſtor konnte aus Koͤrper⸗ und Geiſtesſchwaͤche keinen Gottes⸗ dienſt mehr halten, und ſein Weib mußte das Bett huͤten. Roſa glich einer wandeln⸗ den Leiche, und Amt und Wirthſchaft litten ſehr.— Da brauſten die erſten Stuͤrme des Fruͤhlings. NRegenguͤſſe ſchmolzen den Schnee, Fluß und Baͤche ſchwollen und die empoͤrte Natur ſchien in dieſem Jahre der fuͤndigen Erde den Zorn des Himmels zu verkuͤnden, da nahte Roſ a's Entbi g. 158 Nothwendige Arrangements auf dem Gute machten jetzt des Freiherrn Gegenwart un⸗ „umgaͤnglich noͤthig. Er glaubte die Sache abgemacht, hielt Roſa's bisheriges Schweigen fuͤr ſtillſchweigende Einwilli⸗ gung in ſeine Plaͤne, denn er wußte nicht, daß Roland, dem er die Abſendung ſeines Briefes uͤbertragen, dieſes mit Fleiß deshalb ſo lange verzoͤgert hatte, weil er glaubte, daß, je naͤher die Zeit der Entbindung heran⸗ ruͤckte, Roſa deſto billigere Bedingungen machen wuͤrde. Er kannte die Mutter und des Maͤdchens Stolz, und dieſer ſollte gebro⸗ chen ſeyn, ehe er, Roland, ihr als Freier nahte. Der Freiherr dachte ſich Roſa's Lage bei Weitem nicht ſo ungluͤcklich, als ſie war, und die Flitterwochen der Ehe, die ihn von Luſt zu Luſt hinriſſen, und dann immer neue intereſſante Bekanntſchaften in den Baͤdern, in den Reſidenzen, hatten ſein leichtſinniges Herz unempfaͤnglich fuͤr fremde Leiden gemacht. So fuhr er eines Morgens in Taubenhayn 8* 159 ein. Kaum war die Nachricht ſeiner langer⸗ ſehnten Ankunft erſchollen, als der Pfarrer in einem lichten Augenblicke ſeiner Gemuͤths⸗ ſtimmung an ihn einen Brief ſchrieb, den Ring und die Buſennadel ausgenom⸗ men, hatte er alle Geſchenke deſſelben bei⸗ gelegt, und auch dieſe Pretioſen wuͤrden nicht gefehlt haben, haͤtte Roſa ihren Beſitz dem Vater nicht verſchwiegen. Der Brief war in harten Ausdruͤcken abgefaßt, und ſchloß mit Worten, welche ein ſteinernes Herz ruͤh⸗ ren mußten, und den Freiherrn auch bekehrt haben wuͤrden, wenn er nicht vermaͤhlt ge⸗ weſen waͤre, was freilich der alte Paſtornicht wußte.. Der Freiherr konnte hier nichts Anderes thun, als die Bitterkeiten verſchmerzen und einſtweilen ſchweigen. Roland, ſein Vertrau⸗ ter, wurde erſt am Abend aus der Stadt zurüͤck erwartet, und der Freiherr hatte den ungluͤcklichen Gedanken, den Gaͤrtner zu beauftragen, dem Pfarrer beizubringen daß 8 160 an eine Vermaͤhlung nicht mehr zu denken ſey.— Dieſer hinterliſtige, boshafte Menſch ſah den Sturm voraus, der da kommen wuͤrde und waͤhlte, um ſich oͤffentlicher Beſchimpfung nicht auszuſetzen, mit Fleiß die ſpaͤte Abend⸗ ſtunde zur Ausfuͤhrung ſeines Auftrages. 33. Die Natur ſchien an dieſem Tage allen ihren Grimm ausgelaſſen zu haben. Ein fuͤrchterliches Schneegeſtoͤber ließ kein Auge aufblicken, wuͤthend heulten die Stuͤrme und warfen die alte Linde vor dem Pfarrhauſe bre⸗ chend nieber und Wolken verhuͤllten das Licht der Sterne in dieſer mondloſen, grauenvollen Nacht. Der alte Pfarrer erwartete die Antwort auf ſeinen Brief und Zorn und unmuth ver⸗ gaͤllte ſein Herz um ſo mehr, als er beun 161 Weib und Tochter kraͤnker, leidender, hoff⸗ nungsloſer als je, erblickte, denn beide wuß⸗ ten von der Ankunft des Freiherrn noch nichts. Eben ſahe er im dumpfen Hinbruͤ⸗ ten aus ſeiner Stube auf die gebrochene Lin⸗ de, als der rothkoͤpfige Gaͤrtner, der, als Anne⸗Lieſens Liebhaber, dem Pfarrer in den Tod fatal war, mit einem wahren Ju⸗ dasgeſichte hereintrat. Hohn und Luͤge ſpiel⸗ ten um die aufgeworfne Lippe und die er⸗ zwungene, kriechende Hoͤflichkeit gab ſich durch ein haͤßliches Laͤcheln kund. Er vermeldete den Gruß des Freiherrn, ſeine Bereitwillig⸗ keit, moͤglichſt gut zu machen; aber auch zu⸗ gleich die Unmoͤglichkeit einer Vermaͤh⸗ lung, da dies nicht mehr in der Ausfuͤh⸗ rung des bereits ebenbuͤrtig vermaͤhl⸗ ten Freiherrn laͤge. Der lang verhaltene Zorn des gemuͤths⸗ kranken Pfarrers brach fuͤrchterlich aus. Er ſtieß den Sprecher von ſich, eigtiff eine an 3 2, 162 der Thuͤr haͤngende Schlittenpeitſche und ſchlug mit ihr nach dem verhaßten Boten, der ſpornſtreichs davon lief. Nun ſtuͤrmte — ſo erzaͤhlt es die Sage, ſo verkuͤndet es in Herzoerſchuͤtternden Toͤnen der Dichter— der ſeines Willens in dieſem Augenblicke nicht maͤchtige, ungluͤckliche Pfarrer in das Krankenzimmer der Frauen, die beide im Bette lagen.„Dirne! rief er ſeiner Tochter zu. Erwache!! Heraus mit Dir, aus dieſem Zim⸗ mer und aus meinem Hauſe! Dein Athem vergiftet. Hebe Dich weg von mir, Unreine! Hoͤre! Hoͤre! den fuͤrchterlichen Vater⸗ fluch, der zuͤrnende Himmel hoͤrt ihn und wird ihn raͤchen an Dir, an Deinem Ver⸗ fuͤhrer und dem Baſtarde Eurer Liebe. Hin⸗ weg von mir, gehe zu deinem Buhlen, wiſſe es, er iſt hier!! aber wiſſe es auch, und hier zuckten ſeine Lippen, ſein Zorn ergluͤhte zur Tobſucht, er iſt vermaͤhlt und Deine Gedanken an ihn ſind ein Ehebruch!!! Ha! Verbrecherin! wie groß iſt Deine Schande . 163 und der Aeltern Herzleid und Schmach! Acht!!“——— Er ergreift die Zitternde, ſchlingt, ſeiner ſelbſt nicht maͤchtig, ſeine krampfhaft zuckende Fauſt um ihr einſt ſo ſchoͤn fließendes, blon⸗ des Haar, reißt ſie aus dem Bette und zu Boden, und eben hebt er uͤber ſie die Geiſ⸗ ſel, als die todtkranke Mutter, ihre Schwaͤche beſiegend, ſich aus dem Bette in die Hoͤhe richtet,— dem Vater in die Arme faͤllt und nun mit ihm ringt.— Schone Dein Kind! rief ſie,— daß ſich Deiner Gott erbarme. Der Vater ſchauderte zuſammen,— die Be⸗ ſinnung kehrte wieder,— er umarmte ſein Weib.— Verzeihung! rief die Ungluͤckliche, ich trage einen großen Theil der Schuld,— der Herr vergebe ihr und mir.— Ihre Stimme ſtockte, ihre Lippen erblaßten,— ein Schlagfluß traf ſie,— ſie fiel auf die Dielen nieder, und ihr Geiſt war ent⸗ f lohen.—— 34. Muttermoͤrderin!— rief jetzt der Vater in neuerwachendem Zorne der Tochter zu, die, hein Bild des Elendes, blutend auf der Erde lag,— aus meinen Augen, Verruchte!— oder willſt Du mich auch toͤdten?— ſo bleib.—— Fort von hier!! Dein Buhle iſt da,— zeige Dich ihm, Du Kind der Suͤnde und ſieh, ob er Dich in dieſer Jam⸗ mergeſtalt noch lieben wird.— Roſa floh, aber ihre Kraͤfte waren zu ſchwach, als daß ſie aus dem Hauſe gehen konnte;— ſie fluͤchtete ſich in die Kammer der Magd und weinte die Nacht herbei.— Es war dies uͤber dem Zimmer ihres Va⸗ ters,— hier hoͤrte ſie ſeinen Jammer— ſein Heulen und Schluchzen,— und jetzt fuͤhlte ſie die Wehen der nahenden Geburt. Eiine unbeſchreibliche Seelenangſt wuͤthete in 1 1 165 ihrem Herzen, es litt ſie nicht,— ſie ſprang mit bloßen Fuͤßen, leichtverhuͤlltem Buſen und aufgeſtreiften Armen vom Bette der Magd auf, und ging, wie vom Wahnſinn gepeitſcht, bei des Vaters Zimmer voruͤber, welcher die Thuͤre ſchnell aufriß, und in neu⸗ erwachendem Zorne ihr harte Worte nachrief. Sie floh in den Garten, ein pfeifender Wind ſchlug die Gartenthuͤre zu, und nun ſtand ſie auf dem offenen Felde. Eine finſtere, grau⸗ envolle Nacht ſchwebte uͤber der Erde, Roſa ſtand in der Finſterniß, und wußte nicht, wohin,— ſie ging einige Schritte vorwaͤrts, — hielt an,— und jetzt durchblitzt ein Ge⸗ danke die Nacht ihres Herzens,— der letzte Hoffnungsfunke ſenkte ſich in ihr traurendes Gemuͤth.— Ha!— rief ſie,— vielleicht hat er Erbarmen, der mich ungluͤcklich machte. Der Freiherr wird frei ſeyn wollen von Miſ⸗ ſethat,— der Edelmann wird edel ſeyn;— ich will zu ihm,— will bittend ſeine Knie umfaſſen, und Gerechtigkeit erflehen, wo ich 166 Liebe hoffen konnte;— wenn er meinen zer⸗ ſchlagnen Koͤrper ſieht, wird Mitleid, wird Erbarmen in ſeiner Seele wiederkehren.— Sie tappte durch die Finſterniß; Regen, Schneegeſtoͤber und Sturm wehten ſie mit kaltem Entſetzen an; aber ſie ging durch alle Schrecken der Nacht,— das Schloßthor war noch auf, ſie ſah im Zimmer des er⸗ ſten Stockes Licht, ging unbemerkt die Stie⸗ gen hinan, oͤffnete eine Thuͤre, und ſtand jetzt vor ihrem Verfuͤhrer. Gegenſeitiges Entſetzen feſſelte beide. Des Freiherrn Antlitz war blaß und leidend, ſein Auge ruhete ſchwach und unſtaͤt auf der Jammergeſtalt, er wollte ſprechen,— und vermocht es nicht, er wollte ihr die Hand reichen, und ſie zitterte.— Ro⸗ ſa's Auge fuͤllte ſich mit Thraͤnen,— ſie ſtreckte ihre Arme nach ihm aus,— ließ ſie ſie ſchluchzend ſinken,— aber ihr Schmer⸗ zensblick ſagte: Erbarme Dich meiner! Schreck und Entſetzen ergriff den Frei⸗ herrn, als er das einſt ſo ſchoͤne Maͤdchen 8 167 jetzt als ein Bild des entſetzlichſten Elends eintreten ſah. Sie fiel auf ihre Knie nieder, umfaßte die ſeinigen und rief: Rette! rette!! Hier iſt kein Saͤumen, nur eines bringt mich wieder zu Ehren. Was Du der Geliebten verſprachſt, das halte der Braut, laſſe es vor dem Altare des Herrn vom Prieſter und Zeugen hoͤren, und ewig dankbar wird dieſes Herz, dem Du ſein Him⸗ mel warſt, Dich lieben!! Es iſt zu ſpaͤtl! antworkete der Frei⸗ herr. Damals beſtandeſt Du die Pruͤfung nicht; nie verſprach ich Dir als Frei⸗ herr die Ehe, ich konnte, durfte es nicht. Du kamſt mir mit ſuͤßer Hingebung entge⸗ gen, Du warſt gluͤcklich, wie ich es war, eine eheliche Verbindung konnte unter die⸗ ſen Verhaͤltniſſen nicht ſtatt finden. Die Verbindung mit Dir wuͤrde nur Dornen tragen. Verfolgt von meinen Freunden, ver⸗ achtet vom Adel, verarmt, wuͤrden wir da⸗ ſtehen und nie gluͤcklich ſeyn.— Zuͤrne nicht! Wiſſe es: Ich bin vermaͤhlt!!! Vermaͤhlt: rief Roſa, und ſank mit einem Schrei des Entſetzens zur Erde.— Sey ruhig! rief jetzt, nicht ohne Theil⸗ nahme, der Freiherr, werde das Weib mei⸗ nes Jaͤgers, er iſt ein ſchoͤner, junger Mann, wird Inſpector meiner Forſten, und im ſchoͤ⸗ nen Thuͤringen ſollt Ihr Eure Huͤtten bauen. Einſtweilen bleibe in meinem Schutze! und es ſoll Dir an Nichts fehlen!—— Dieſer Antrag ergrimmte die Ungluͤckliche, und das tief gekraͤnkte Ehrgefuͤhl brach in ſchreckliche Verzweiflung aus. Sie war jetzt ihrer ſelbſt nicht mehr maͤchtig, ihre Augen rollten, furchtbar zuckten ihr)e Wangen, die Haͤnde ballten ſich und wie eine Furie trat ſie dem Junker entgegen und rief: Nimm ſie zuruͤck, dieſe ſchaͤndlichen Gaben, hoͤre mein letztes Wort: „Verderbe Dich Gott, Du ſchaͤndlicher Mann! War ich Dir gut zur Sinnesluſt, 169 warum verſchmaͤhſt Du jetzt des Weibes treue Liebe? Gehe hin zu Deinem adelichen Weibe, ſie lerne Dich kennen und verach⸗ ten, der Hausfreund werde dein Verraͤther, der Hinterliſtige und Falſche, dem Du ver⸗ trauſt, ſchaͤnde Deine Ehre und Dein Haus, dann wecke Verzweiflung Dich aus Deinem Taumel! Mein blutiger Schatten rufe Dir ſein Wehe! zu, der Friede Gottes fliehe aus Deinem Herzen, dann, wenn ich laͤngſt vermodert bin, dann jage, an Deiner Selig⸗ keit verzweifelnd, eine Kugel durch Dein Haupt, dann, Meineidiger! Moͤrder meiner Unſchuld, meines Gluͤcks! dann, Teufel! fahre zu den Teufeln!“— Laut auf ſchrie ſie bei dieſen letz⸗ ten Worten, rannte gegen die Thuͤr, ſtuͤrzte mit dem graͤßlich⸗gellenden Gelaͤchter der Ver⸗ zweiflung und des Wahnſinns die Treppe hernieder und durch den Garten auf den na⸗ hen Kirchhof. An einem Leichenſteine fiel ſie nieder, es war der neu errichtete ihrer Preun din Roſ⸗ g. 170 Heiße Thraͤnenſtroͤme ſtuͤrzten uͤber die, trotz der Kaͤlte, in Fieberhitze gluͤhenden Wan⸗ gen. Sie waͤlzte ſich und griff in die Dor⸗ nen des Roſenſtocks, der jetzt duͤrr auf der Freundin Grabe ſtand. Furchtbar war ihr Seelenkampf, und nun trat Fuͤhlloſigkeit an die Stelle des Schmerzes. Sie ſtierte den Himmel mit graͤßlichen Blicken an, verzog die Lippen, Haͤnde und Fuͤße erſtarrten, und gewiß, ſie waͤre erfroren, haͤtte nicht der neue Schmerz der Wehen ſie erweckt. 35. Sie fuͤhlte, daß ſie bald Mutter wer⸗ den ſollte, raffte ſich auf, verließ den Gra⸗ beshuͤgel, eilte zur Heimath zuruͤck, und ihr Unſtern wollte, daß ſie das Haus geſperrt, die Gartenthuͤr aber offen fand. Hier ſank 171 ſie entkraͤftet nieder, kroch in die Laube, 3 welche Zeugin ihres Scheingluͤckes und ihrer Schande war. Duͤrres Laub lag hier, auf dieſes legte ſie ſich, die Wehen der Geburt traten von Neuem ein. Beſinnung kehrte wieder, ſie ſchrie und Niemand hoͤrte ihr Schreien, und der Sturm, der von Neuem brauſte, verſchmaͤhte ihr Sterbegewinſel. Sie flehte um den Tod, und ein neues Leben ſollte ſie zu neuer Verzweiflung rufen. Ein Knabe wand ſich, bei der Mutter wilden, unſaͤglichen Schmerzen, weinend aus ih⸗ rem Schooße, und der Wahnſinn kehrte wieder. Mutter bin ich! rief ſie laut aus, Mutter! und das Wort des Himmels iſt mir zur Hoͤlle geworden!“ „Kind des Ungluͤcks! rief ſie dem Neugebornen zu. Du weinſt? weine, jam⸗ mere, denn des Großvaters Fluch, der Groß⸗ mutter Tod, des Vaters Meineid und Un⸗ treue, und der Mutter Verzweiflung ruht auf 172 Dir! Kind! rief ſie, nicht ſollſt Du ihren Schmerz theilen, gehe ein in Frieden, ehe Du die Hoͤllenqual der Erde kennen lernſt!“—— Laut ſchluchzend druͤckte ſie es an ihr Herz. Ein heftiger, ſtechender Schmerz durch⸗ zuckte ihren Buſen. Unwillkuͤhrlich fuhr ihre zitternde Hand nach der ſchmerzhaften Stelle und ſie fand die brillantene Schmuck⸗ nadel, die ſie im Kampfe der Verzweiflung dem Freiherrn zuruͤck zu geben vergeſſen hatte. Hal rief ſie, du ſollſt dem Schmerzensſohne die Ruhe gebe. Heftig riß ſie die blitzende, ſpitze Nadel aus ihrem Gewande, und ſtieß ſie dem wimmernden Kinde in's Herz, daß das arme Kindlein unter Kraͤmpfen zuckend ſtarb.—— 36. Mit dieſer abſcheulichen That kehrte, als ſte vollbracht war, ihre vollkommene Beſin⸗ nung wieder. Sie laͤßt die Nadel fallen, ſinkt auf ihre Knie, legt das Kind in's Laub und wirft ſich uͤber ſeinen Leichnam. Aller Schmerz der Verzweiflung zerriß ihr Herz. „Mein Heiland! rief ſie, was hab' ich ge⸗ than?“ Schreiend ſtuͤrzte ſie dem Kirchhofe wieder zu, zerſchlug ihren Buſen, deſſen ſtuͤr⸗ miſches Aufwogen die, das Gewand zuſammen⸗ haltende Nadel nicht mehr hinderte, und wand ſich die zarten Haͤnde wund und blutig. An der Kirchhofsmauer, unter dem duͤrren Hollun⸗ derſtrauche, der das Fluchgrab Mariens bezeichnete, ſank ſie nieder. Jetzt ſteht ſte wieder auf, wankt taumelnd zur Laube zuruͤck, nimmt des Kindes Leichnam in ihre Arme, bedeckt ihn mit ihren Kuͤſſen, kratzt mit ihren. 174 geln ein Grab und legt die erſtarrende Leiche in daſſelbe.— Nun faltet ſie die zittern⸗ den Haͤnde zum Gebet und ruft: Da ruhe nun mein armes Kind! da ruhe in Gott! des Himmels Friede ſey mit Dir, Du biſt vor Spott und Jammer geborgen; uͤber mich, Deine Dich liebende Moͤrderin, richtet das Geſetz!! Dann ſcharrte ſie das Grab zu, bedeckte es mit Laub und Schnee, kuͤßte die Erde, die ihr Kindlein barg, und von Neuem rannen ihre Thraͤnen. Jetzt knarrte die Thuͤr des Gartens. Der Vater tritt heraus, in den zitternden Haͤnden eine Laterne.„Komm, mein Kind! rief er, verzeihe mir, wie ich Dir verziehen.“ Er hob ſie, das Graͤßliche nicht ahnend, von dem Grabe auf, und trug ſie mehr als er ſie fuͤhrte, in's Pfarrhaus zuruͤck. Hier in der unterſtube ſetzte er ſie auf ſeinen Lehn⸗ und Sorgenſtuhl, und ſprach: „Der Schmerz um Dich hat mein Herz ge⸗ brochen, die Worte des Fluchs, die ich im 175 Zorne ausſprach, ſie moͤgen fuͤr Dich zum 3 Gebete werden, ich bereue ſie. Tochter, meine Stunde nahet, aber bitten will ich fuͤr Dein Seelenheil am Throne des Allbarm⸗ herzigen!“ Segnend legte er jetzt ſeine Haͤnde auf ihr Haupt, kuͤßte ihre Wange, erblaßte und ſank.— Ein Schlagfluß hatte ihn aber⸗ mals getroffen, und der Tod ihn abgerufen aus dem Reiche der Vergaͤnglichkeit. 37. Weinend warf ſich Roſa uͤber des Va ters Leichnam. Deinen Segen, Vater, habe ich! rief ſie, und nun will ich der Strafe,“ die meiner harrt, getroſt entgegen gehn. Un⸗ ter abwechſelndem Beten und Weinen erwar⸗ tete ſie den Morgen. Eben wollte ſie ein wenig ſchlummern, als ein Geraͤuſch ſie er⸗ weckte, ſie blickte an's Fenſter, und der Rei⸗ ſewagen des Freiherrn rollte aus dem Schloſtt. 4 176 Ich fluche Dir nicht mehr! rief ſie ihm weinend nach. Er, der Alles ſieht und richtet, er entſcheide uͤber meine, uͤber Deine Schuld. Das Blut des gemordeten Kindes komme nicht uͤber Dich. Reiſe! und nicht quaͤle Dich das Bewußtſeyn Deiner Unthat! Jetzt kehrte Wehmuth in ihr Herz, heiſ⸗ ſer floſſen ihre Thraͤnen, ſie ſchlummerte ein und als ſie erwachte, weckte ſie ſelbſt die Magd und befahl, den Richter zu holen. Herr Andreas Ehrmann war, als Beſitzer des großen Brauſchenkengutes, der reichſte Nann im Dorfe. Er hatte ſich durch Biederkeit allgemeine Achtung erwor⸗ ben und dadurch das Nichteramt erhalten. Er war Roſas Pathe, ein treuer Freund des Pfarrers und der Großvater des ſchoͤnen, fruͤh vollendeten Muͤller⸗Roͤschens. Er kam. Roſa ging ihm mit ſchwan⸗ kenden Schritten entgegen, fuͤhrte ihn zur Leiche ihres Vaters und ſprach: Mein Va⸗ ter ſtarb in dieſer Nacht, und ich wurde in 177 derſelbigen Mutter und Moͤrderin mei⸗ nes Kindes, das Kind liegt im Garten in der Laube verſcharrt. Ueberzeugt Euch ſelbſt, ich bin eine Verbrecherin, und das Geſetz richte über mich. 2 Andreas wollte es nicht glauben, aber die Leiche des Kindes, die man am bezeich⸗ neten Orte fand, uͤberzeugte ihn von der graͤßlichen That. Er nahm jetzt Roſa in ſein Haus, und meldete den Vorfall an den Juſtiziar. Die Unterſuchung wurde, da der Gerichts⸗ herr ſelbſt mit darin verwickelt ſchien, dem Be⸗ zirksamte uͤbertragen und die Inquiſitin da⸗ hin abgeliefert. Es geſchahe dies an demſel⸗ ben Tage, wo ihr Vater beerdigt wurde. 38. Furchtbar ſtrenge war das Kriminalge⸗ ſetz jener Zeiten, und der Kriminalprozeß ging auf ſeiner blutigen Bahn raſch, ſcho⸗ nungslos, ja oft grauſam vorwaͤrts. Der Kreisamtmann war der Nachfolger des Hofraths und ein biederer rechtlicher Mann, ſein Herz blutete uͤber die That der armen Ungluͤcklichen, welche, als ſie in der Stadt in Penſion war, mit ſeiner Lochter die treueſte Freundſchaft geſchloſſen hatte. Er nahm innigen Antheil an ihrem Schick⸗ ſale, aber die Unterſuchung ging vorwaͤrts. Roſa wurde gut und anſtaͤndig behandelt, ſie geſtand in den Verhoͤren unumwunden ihre Miſſethat und die Veranlaſſung dazu.— 3 Eine pſychiſche Anſicht der Verbrechen gab es in jener rohen Zeit noch nicht, das Urtheil ſprach auf's Schwert, ruhig ver⸗ 179 nahm ſie es, und ihre Gemuͤthsſtimmung wurde immer heiterer und die ſchoͤne Amt⸗ mannstochter, die ihre Freundin in der Noth blieb, wurde der Engel des Troſtes in ihrem Leide. Noch iſt Huͤlfe! ſprach Auguſta, ſo hieß die Tochter des Amtmanns, zu der Inquiſi⸗ tin; der Hofrath,— einſt der Zogling Deines Vaters, hat ſich fuͤr Dich verwen⸗ det, er ſelbſt hat die Bittſchrift an den Lan⸗ desherrn entworfen, und Gnade wird fuͤr Recht ergehen. Roſa war tief bewegt uͤber dieſe Worte, ſie weinte lange und heftig, dann ſprach ſie: Auguſta, haſt Du mich lieb? Auguſta. Ja, ich liebe Dich herzlich!— Roſa. Nun, ſo bitte Deinen Vater, daß er es berichte, daß ich, die Suͤndern, noch meiner Strafe getroſt entgegen ſehe, daß ich mein Verbrechen mit vollem Be⸗ wußtſeyn beging, und daß der Tod mir eine Wohlthat iſt, ich will ein warnendes Vei⸗* ſpiel ſeyn, und lehren ſoll mein Hhaupt, wen 180 es auf dem Pfahle pranget, wie der erſte Schritt zum Boͤſen zum graͤßlichſten Verbre⸗ chen fuͤhren kann, und abſchrecken ſoll es jede meines Gleichen von der Bahn der Suͤn⸗ de, die die Bahn des Todes iſt, und von ihren erſten Stufen, welche da ſind: Stolz, Sinnesluſt und Eitelkeit. Auguſta. Aber der Hofrath, der in Deiner Rettung ſein Gluͤck ſieht. Roſa. Maͤdchen, Du redeſt ſo beredt fuͤr ihn, das hoͤhere Roth Deiner Wangen verkuͤndet die Stimme Deines Herzens. Der Hofrath iſt ein edler Mann, durch mich wankte ſein Glaube an Weiberunſchuld und Weiber⸗ treue, Du gieb ihm denſelben zuruͤck, werde der Engel ſeines Lebens! Aug uſta. Er iſt der meinige und wiſſe es, Roſa, er iſt mein Braͤutigam. Roſa. Und das Gebet der armen Suͤn⸗ derin ſey Euer Segen. Es geſchahe, wie Roſa gebeten hatte. Das Urtheil wurde um ſo eher beſtaͤtiget, als aͤhnliche Verbrechen harte Strafen noͤ⸗ thig machten. Das landesherrliche Reſcript war der armen Suͤnderin vorgeleſen worden, nur noch acht Tage ſollte ſie weilen unter den Sterb⸗ lichen, ſie nuͤtzte ſie zu innigem Gebete, und neue Ruhe war in ihrem Herzen heimgekehrt. Tauſend Beweiſe von Mitleid und Theil⸗ nahme empfing ſie, und mit Dank und Liebe nahm ſie das Geſchenk der guͤtigen Nachbar⸗ fuͤrſtin ihres Taubenhayns, ein ſeidnes Kleid mit ſchwarzen Schleifen.— 39. Der Tag vor ihrer Hinrichtung war an⸗ gebrochen, ſie hatte das Mahl der Verſoͤh⸗ nung und Liebe genoſſen, und recht eiftig, innig gebetet, der Segen der Kirche hatte den Echmen aus ihrem Herzen, aus ihreu 8 182 tlite den Kummer genommen, neue Schoͤn⸗ heit umſtrahlte es, und der Friede des Him⸗ mels, die Zuverſicht der Verſoͤhnung und des Wiederſehens ihrer Lieben laͤchelte aus ihrem ſchoͤnen Auge. So ſaß ſie, als die dritte Mittagsſtunde ſchlug, und las in dem Bibelbuche, welches ihr ihr Vater an ihrem Geburtstage verehrt hatte. Heiße Thraͤnen benetzten es, ſie fiel auf ihre Knie und ein erbauungsvolles Gebet entſtroͤmte ihren Lippen, da oͤffnet ſich die Thuͤr ihres Gefaͤngniſſes und der Amtmann, ſeine Tochter und der Hofrath, deren Braͤu⸗ tigam, ſo wie der neuerwaͤhlte Pfarrer zu Taubenhayn und der alte Richter, treten herein. 4 Sie reichte allen die Hand, und hoͤher roͤthete ſich ihre Wange, als ſie die des Hof⸗ kaths in ihren Haͤnden hielt. „Verehrte Freunde! ſprach ſie, ich danke fur Ihre Theilnahme, die Thraͤne, die ich in 8 183 Ihren Augen glaͤnzen ſehe, bezeugt mir mehr, als beredte Worte.“ „Ich werde ſterben. Hoͤren ſie insge⸗ ſammt mtin letztes Vermaͤchtniß: Ue⸗ ber meine Seele erbarme ſich Gott der Herr, uͤber meinen Koͤrper richte das Geſetz. Ich bitte, daß man meinem Andenken in der Gemeinde nicht fluche, der Segen des Him⸗ mels ſey mit ihr und ihrer Herrſchaft, ich verzeihe dem, der der Moͤrder meines Gluͤcks und meines Lebens ward. Verſoͤhnt und fuͤr ihn betend will ich von dieſer Erde ſcheiden! Dieſen Brief bitte ich an ihn zu uͤberſenden.“ Sie uͤbergab dem Amtmann einen Brief, und weinte jetzt einige Minuten recht bitterlich. Jetzt ergriff ſie die Hand des jungen Pfarrers, welcher ihr als Nach⸗ folger ihres ſeligen Vaters genannt worden. „Meine Unthat, rief ſie, brachte Schmach uͤber das ſchuldloſe Pfarrhaus. Des Him⸗ mels Friede ruhe hinfort nur auf ihm, und 184 der Friede des Herzens ſey der Lohn ſeiner frommen Bewohner. Alle Toͤchter Tauben⸗ hayns moͤgen ſich an mir ein Beiſpiel neh⸗ men, und Herzensreinheit und Unſchuld und feſter Glaube, der ſich nur auf wahre Froͤmmigkeit gruͤndet, ſey das Nitgift, das ſie einſt dem geliebten Manne in's Haus bringen!“ Jetzt laͤchelte ſie durch Thraͤnen, kuͤßte die Hand des Pfarrers und ſprach: „Sie ſind Erbe meiner Blumen. Den weißen Roſenſtock ſetzen Sie auf Roſa's, den purpurrothen auf Mariens Grab, ſetzen Sie auf's Fruͤhjahr Veilchen auf die Graͤber meiner guten Aeltern, und nun eine Bitte: Die Laube, die Zeugin meiner Schmach und meines Unfalls ſey vertilgt aus dem Pfarrgarten zu Taubenhayn!—— und Sie, beſter Herr Paſtor! begleiten Sie mich zum Hochgerichte, troͤſten Sie mich in der bangen Todesſtunde, und Ihr Se⸗ gen ſoll mir der Segen meines Vaters ſeyn.“ Hier weinte ſie von Neuem und nahm nun 185 herzlichen Abſchid.——— Die Nacht ſchlummerte ſie ſanft.— 40. Der Tag der Hinrichtung war er⸗ ſchienen. Tauſende von Menſchen erfuͤllten den Platz, wo das hochnothpeinliche Gericht gehalten wurde,— ein ſchwarzes Leichentuch umhuͤllte den Tiſch, um welchen in ehrwuͤrdiger Verſammlung Roſa's Richter ſaßen. Das arme Suͤndergloͤckchen rief. Sie erſchien, ihre Seele war bereits in einer an⸗ dern Welt, und Nuhe wohnte auf ihrem An: tlitze, noch einmal beantwortete ſie die Fragen, die uͤber Leben und Tod entſchieden, mit lautem Jal und jetzt brach uͤber ſie der verhaͤng⸗ nißvolle Stab, und nun ging ſie feſten Scehrittes dem Wagen zu, der ſie zum Blu geruͤſte fuͤhrte. Tauſende und abermal tau 186 ſende von Menſchen folgten ihr, Berge und Thaͤler belebten ſich, und bald war der Raum um den weitumſchauenden Richtplatz mit der Menge der Zuſchauer uͤberdeckt. Jetzt ſteht der Wagen am neuuͤbertuͤnch⸗ ten Rabenſteine, ein meſſingenes Kreuz auf demſelben wirft, von der Morgenſonne erleuch⸗ tet, ſeine Strahlen weit umher. Roſa ſteigt aus dem Wagen. Ihr Geſicht glaͤnzt verklaͤrter, ihr Auge laͤchelt durch Thraͤnen. Sie reicht ih⸗ ren weinenden Richtern, dann dem ihr ent⸗ gegenkommenden Scharfrichter die Hand, und nun ſchreitet ſie, das Bibelbuch ihres Vaters in den Haͤnden, die Treppe hinauf, blickt noch einmal nach der Gegend von Taubenhayn, beichtete, worauf ſie den Segen empfing und kniete nun am Kreuze nieder. Die ſchoͤnen, blonden Locken wurden auf⸗ gebunden, der Hals entbloͤßt und zum Letzten⸗ male ſah ſie das Licht der Welt, da ihre Augen nun verbunden wurden. Noch bebten ihre Lypen im Gebete, das Volk faltete die Haͤn⸗ 8 187 de, die Schuljugend kniete um den Raben⸗ ſtein. Eine ſchauerliche Stille ſchwebte auf dieſen Hoͤhen, da erhob der Nachrichter das breite, blitzende Schwert und nahm ſeine Richtung.——— „Herr Jeſu, Dir lebe ich!“ ſprach der Pfarrer, der ſie eingeſegnet hatte, „Dir ſterbe ich!!!“ 8 — Das Schwert blitzte,— ihr Haupt ſank— ſie fiel und die Nacht des To⸗ des hatte ſie umfangen.— Das blutige Schwert noch in den Haͤn⸗ den haltend, rief jetzt der Nachrichter, vor den enthaupteten Leichnam tretend,„Habe ich recht gerichtet?“ Und als dies die Krimi⸗ nalrichter bezeugten, wandte er ſich gegen Auf⸗ gang der Sonne und ſprach mit lauter und bewegter Stimme:„Allmaͤchtiger, ich danke dir, du haſt meine Hand gelenkt, daß ic ſchnell vollbrachte!“ Jetzt wurde der Leib der Gerichteten beim Hochgerichte beerdigt, und tuſend Shräna 188 floſſen ihr, und die Toͤchter Taubenhayns legten gruͤne Reiſer auf ihr Grab, ſtellten ſich um daſſelbe und beteten fuͤr Roſas See⸗ lenheil ein andaͤchtiges Gebet. So laͤßt die Sage ein Raͤdchen enden, welches durch die Gaben ihres Geiſtes und Herzens ein beſſeres Schickſal verdiente, ſo laͤßt ſie noch lange Jahre ihren Geiſt im Garten zu Taubenhayn und um s Hochgericht wandeln, daß er furchtbar warne vor Flei⸗ ſchesluſt und ſchrecklicher Unthat!— Ein gemuͤthvoller Dichter, Buͤrger, hat dieſe Begebenheit durch ein unſterbliches Ge⸗ dicht verewigt, und nach dieſem haben mehrere Erzaͤhlungen die Schickſale, Leiden und den Tod der Tochter des Pfarrers von Taubenhayn, verkuͤndet. 41. Der Freiherr von Falkenſtein fand in den Armen der Neuvermaͤhlten die verlorne Herzensruhe nicht wieder. Die Feſte der Freude konnten ſeine Sinne nur betaͤuben, die Stimme des Gewiſſens aber, des unbe⸗ ſtechlichſten der Richter, nicht ſchweigend ma⸗ chen. Immer ſchwebte Roſa's Jammerbild vor ſeinen Augen, und ſie, nur ſie lebte in ſeinen Traͤumen. Seine Gemahlin bemerkte dieſen Kummer, ſie erkannte nur zu bald, daß ſie nicht herzlich von ihm geliebt wurde, und jemehr nun auch ihre Liebe gegen den Gat⸗ ten erkaltete, deſto heißer entbrannte ſie gegen Roland, den ſchoͤnen Jaͤger, der es ver⸗ ſtand, Weiberherzen zu gewinnen und zu feſ⸗ ſeln, wie ihr fruͤher ſchon ihr Gemahl be⸗ merkt hatte.— Nur eine Reiſe in's Ausland kann Ew. 190 Gnaden heilen! ſprach zu dem Kraͤnkelnden ſein Arzt.—— Wir reiſen! ermahnte die Freifrau— und bald darauf entrollte der ſchwere Reiſe⸗ wagen der Burg;— Foͤrſter Roland beglei⸗ tete ſie.— Wir treffen ſie in Karlsbad, welches ſchon in jener Zeit den Weltruhm ſeiner Heilkraͤfte behauptete und der Sammelplatz der großen, eleganten Welt des In⸗ und Auslandes war, wieder. Die Kurzeit dieſes Jahres war glaͤnzend. Der Stern der Da⸗ men war diesmal eine junge, neuvermaͤhlte ruſſiſche Fuͤrſtin, deren Reichthum, Schoͤn⸗ heit, Prachtliebe und Wohlthaͤtigkeit Aller Augen und Herzen in Bewunderung feſſelte. Die vornehmſten Badegaͤſte machten der Ge⸗ feierten den Hof, und auch der Freiherr hatte, nebſt ſeiner Gemahlin, Viſitenkarten abgegeben, und war bald darauf von ihr zu einem Feſte auf dem Hammer einge⸗ 191 laden worden. Alles wollte hier in grande kenue erſcheinen. Der Freiherr kleidete ſich in die Uniform, die er einſt bei ſeiner Huldigung trug, und eine heiße Thraͤne rollte auf das goldne De⸗ gengefaͤß, denn eben jetzt dachte er ſeiner Roſa! In dem Augenblicke, als ſie in den Wa⸗ gen ſteigen wollen, kommt der Brieftraͤger und uͤbergiebt dem Freiherrn ein Schreiben. Er erbricht es, lieſt, erblaßt, und ru Tone des hoͤchſten Seelenſchmerzes ſein Gemahlin zu: „Fahre allein vor,— ich folge nach! ich werde meinen Goldfuchs ſatteln laſſen, bald bin ich bei Euch, jetzt laß mich allein!!“—— Ddie Freifrau fuhr ab.— Er durchlas den Brief, der in ſeiner Hand zitterte, auf den ſeine heißen Thraͤnen rollten, noch einmal!—— In ihm mel⸗ dete der Gerichtsdirector Taubenhayns die vollzogene Hinrichtung der ungluͤckli⸗ 192 chen Pfarrerstochter,— daß ſie ihm ver⸗ ziehen und fuͤr ihn in den letzten Stunden ihres Lebens noch gebetet habe! „Theuere Vollendete! rief der Freiherr aus, Du verzeihſt, aber der zuͤrnende Him⸗ mel wird richten, ich bin ungluͤcklicher als Du, und ich folge Dir! Dein blutiger Schatten wird nicht eher ruhen, als bis mein Blut ihn verſoͤhnt!“— Unruhig ging er auf und ab.„Erhei⸗ tern ſich der gnaͤdige Herr, ermahnte ihn der alt treue Reitknecht,—— ich will den Goldfuchs vorfuͤhren,— es iſt Zeit, ſchon ſind alle Gaͤſte hinaus auf den Hamm er*).“ DSDas ſchoͤne, muthige Daͤnenroß erſchien, im Sturme der keidenſchaft ſitzt der Freiherr auf und galoppirt laͤngs dem Ufer der Toͤpel dem Hammer⸗Gaſthofe zu. Es iſt dies ein ro⸗ mantiſch⸗ſchoͤner Weg durch ein enges Felſen⸗ thal, ganz geeignet, die Herzen zu erheben *) Ein beliebter Bergnügungsort d der Kurgaͤſte von Karlsbad. . 193 und zur Andacht zu entflammen. Der Frei⸗ herr war heut zu tief im Gram verſunken, um ſeine Schoͤnheit zu genießen, die ſchwarze Sorge, die Furie der Gewiſſensangſt, war mit ihm aufs Roß geſtiegen. Schon ſchallen die Harmonien der Toͤne vom Feſtplatze ihm entgegen, ſchon ſieht er die geladenen Damen, ſchoͤn wie die Huldin⸗ nen, auf gruͤnen Matten wandeln, da knal⸗ len, zur Tafel rufend, die Boͤller, das Pferd baͤumt, wird ſcheu, geht durch, wirft den Rei⸗ ter ab und ſchleift ihn, da der Fuß im Steigbuͤgel haͤngen blieb, uͤber den ſteinigten Felſenweg.—— Huͤlfe! Huͤlfel riefen jetzt die Frauen, die ihn ſahen. Ein muthiger Cavalier ſpringt herzu, haͤlt das Roß—— bald liegt der Freiherr furchtbar verwundet auf den Mat⸗ ten des Uferrandes. Die junge Fuͤrſtin ruft ihren Arzt.— Er erſcheint, und Ent⸗ ſetzen malt ſich im Antlitze des, der hel⸗ fen ſoll, denn der Arzt iſt— Doctor Hel. 413 194 fer, der einſt Roſa heirathen wollte, und nun die Prinzeſſin Seraphine, dies war die junge, neuvermaͤhlte Fuͤrſtin,— als Arzt begleitet hatte.— „Himmel! rief der junge Arzt, du rich⸗ teſt gerecht und wahr! Dies iſt der Moͤrder meines Gluͤcks, aber mit Gott will ich ſein Retter ſeyn!!“—— Er unterſuchte ſeine Wunde und brachte den Ohnmaͤchtigen in's Leben zuruͤck.— Alle ſtanden um den Kranken, und ihr Mit⸗ leid wird zum Entſetzen, als jetzt der Freiherr mit ſchwacher Stimme ſelbſt ſeine Schuld be⸗ kennt und erzaͤhlt.— Die Freude des ſchoͤnſten Feſtes iſt un⸗ terbrochen und geſtoͤrt, der Freiherr wird auf einer Trage nach Karlsbad zuruͤckgetragen, und die beſchaͤmte Gemahlin, die nun ſahe, daß ſie die Achtung aller Edlen verſcherzt hatte, konnte nur der ſchoͤne Jaͤger— tröſten.— So wurde auch ſie das Opfer ihrer Sinnlichkeit.—— 195 Sie verließ Karlsbad unter Rolands Be⸗ gleitung gar bald.—— Der Freiherr mußte zuruͤckbleiben, denn ein heftiges Wundfieber feſſelte ihn an's Krankenbett. Nach Mo⸗ natsfriſt war er durch Doctor Helfers ſorgſame Huͤlſe geneſen,—— ein tiefer Schmerz hatte ſeine Stirne gefurcht und bange Schwermuth ſich in ſein Herz gela⸗ gert.—— Roſa’s Bild begleitete ihn auf allen ſeinen Wegen,— und der Tod war fortan ſeine Hoffnung. * 4 42. Nachrichten aus Thuͤringen riefen ihn auf ſeine dortigen Guͤter. Er kam gerade noch zeitig genug an, um ſeinen Oheim, den Comthur, ſterben zu ſehen, und wurde nun als Erbe der Herr“ ehriras aber töſehr Henſcudeß Guͤten— 196 Bald erſchienen die Glaͤubiger, Prozeſſe wurden eingeleitet, und ſo unangenehm dieſe fuͤr ihn auch waren, ſo begannen ſie doch ſein kummervolles Gennuch allmaͤhlig zu zer⸗ ſtreuen.— Seine Gattin lebte indeß in Tauben⸗ hayn, und bald wußte ihr die arge Welt viel Boͤſes nachzureden; der uͤble Leumund war beſchaͤftigt, es dem Freiherrn zu hinter⸗ bringen und ihm mit den gehaͤſſigſten Far⸗ ben das trauliche Verhaͤltniß der gnaͤdigen Frau mit ihrem Leibjaͤger auszumalen. Dieſes ſchmerzte ihn gar ſehr, und ge⸗ kraͤnkter Stolz und Eiferſucht zedachten in ſeinem Herzen. Schon wollte er dieſem Geruchte durch naͤhere Nachforſchungen auf den Grund zu kommen ſuchen, als wichtige Prozeß⸗Angele⸗ genheiten ihn nach Leipzig riefen.— Hier erforderte es die Ehre ſeines Standes, im freiherrlichen Glanze zu erſcheinen, darum weaͤhlte er diesmal die praͤchtigſte ſeiner Equi⸗ 197 pagen, und ſein Kutſcher, nebſt dem Reit⸗ knechte, mußten ſich an dem Tage, wo er in Leipzig einfuhr, in die reichſte Lioree werfen; er ſelbſt trug ein reichgeſticktes, ſcharlachro⸗ thes Cavalierkleid und einen Degen mit koſt⸗ barem goldenem Gefaͤß. 2 So nahete er der ſchoͤnen Lindenſtadt, dem Sitze des Welthandels, der Induſtrie und wahrer Gelehrſamkeit. 4 Eben hatte er das damals ſchon freund⸗ liche Lindenau erreicht, eben wollte er mit ſeinem brauſenden Poſtzuge uͤber die Bruͤcke am Kuhthurme fahren, als hoch aufwirbelnder Staub ihm einen nahenden Aufzug verkuͤndete, und entgegenſprengende Reiter ihn erſuchten, entweder hier zu hal⸗ ten, oder auf einen Seitenweg einzulenken.— Er waͤhlte das erſtere,— ſtieg aus dem Wagen, trat in die Wohnung des Oberfoͤ⸗ ſters,(deſſen Dienſtwohnung der ſogenannte Kuhthurm war,) ein, und ward hier vom biedern Wirthe und einigen zum Predigercoll 3 198 legio gehoͤrigen, wackern jungen Geiſtlichen begruͤßt. Der Fuͤhrer der Letzteren trug ein praͤchtig eingebundenes Feſtgedicht, und antwortete dem Freiherrn auf die Frage: wem die Feier dieſes Tages gelte?— „Die ganze Univerſitaͤt feiert den Ab⸗ ſchied eines zwar jungen, aber ihr ſehr wer⸗ then Profeſſors der Moral,— den ein un⸗ gluͤckliches Verhaͤltniß von uns rief, durch eine feierliche Begleitung.— Doch, ſo eben kommen ſie!— wir muͤſſen an unſern Platz.“— Sie gingen zum Eingange des Hauſes, um den Gefeierten zu bewillkomm⸗ nen. Der Freiherr trat an's Fenſter, wel⸗ ches nach der Straße zu die Ausſicht hatte, um den Feſtzug zu betrachten. Hoͤher gluͤhte ſeine Wange, lauter ſchlug ſein Herz, als er jetzt den Nahenden erblickte. 43. Zwei Muſikchoͤre zu Pferde eroͤffneten den Zug, dann folgten die Fuͤhrer der Studen⸗ ten auf praͤchtig gezaͤumten Roſſen; es waren zwei herrliche junge Maͤnner: Graf Nikolaus von Zigeth, der Sohn eines ſiebenbuͤrgiſchen Magnaten, in der unermeßlich reichen Uni⸗ form der Edelgarde ſeines Volkes,— neben ihm der Sohn des fuͤrſtlichen Wojewoben Sarmatiens, Graf Wladimir Benjovski, in der Nationaltracht des hohen Adels ſeines Vaterlandes.— Dieſen folgten alle Stu⸗ direnden, von ihren Senioren angefuͤhrt, nach den Nationen geordnet, theils zu Roß, theils zu Wagen. Nun folgte, von ſechs Edelroſ⸗ ſen gezogen, der Wagen, in welchem der ge⸗ liebte Lehrer neben den wahrhaft hoch 5* wuͤrdigen Praͤlaten, dem Rector⸗ Magnifieus und dem Ordinario der Juriſen Häcultät 200 ſaß,— ihm ſchloſſen ſich die Equipagen der ſaͤmmtlichen akademiſchen Lehrer und mehre⸗ rer Honoratioren der reichen Stadt, in wel⸗ cher der Abgehende allgemein geliebt und geehrt wurde, an.— Eine unuͤberſehbare Menge Volkes folgte. Der Zug hatte die Bruͤcke erreicht. Halt!!— ruufen die Fuͤhrer,— erhe⸗ ben die blitzenden Damascener⸗Klingen, und ihre milchweißen Edelroſſe baͤumen ſich un⸗ ter den ſtattlichen Reitern. Halt! Halt! toͤnten die Stimmen der zugfuͤhrenden Senio⸗ ren wieder.— Der Zug hielt, die Muſik⸗ choͤre ſtellten ſich rechts und links, und der Pole kommandirte:„Wenn mein Freund, Graf Ziegeth, der den Mann, den wir ehren, im Hauſe begruͤßen wird, ſein Lebehoch ausruft, dann fallt mit allen Accorden im feierlichen Tuſche ein,— dann ſchließe ſich das Gaudeamus an!“— Eine feierliche Stille herrſchte, der Ungar ſtieg vom Roſſe und trat in ſeiner reichgeſtickten Scharlach⸗ 201 Uniform, welche das Tiegerfell umwallte, ſchoͤn wie ein Fuͤrſtenſohn der alten Fabel⸗ zeit in das Zimmer.— Jugendmuth flammte in ſeinen Augen, Kraft und Anmuth ſprach in jeder ſeiner Geberden.— Mit wuͤrde⸗ vollem Anſtande und liebenswuͤrdiger Freund⸗ lichkeit gruͤßte er die Anweſenden,— und als er vernahm, welche Urſache den Frei⸗ herrn hier einzukehren noͤthigte, ſprach er, ohne ihn zu kennen:„Mein Herr! Sie ſind ſaͤchſiſcher Cavalier, ehren Sie mit uns das Andenken eines Mannes, der Ihrem Vater⸗ lande Ehre macht,— der es aber verlaͤßt, weil eine fruͤhere Geliebte ein Wolluͤſtling von Stande verfuͤhrte und ſie alsdann ver verließ.— Sie ward die Moͤrderin ihrts Kindes,— ſie ſtarb als Verbrecherin auf dem Rabenſteine,— menſchliches Geſetz ſprach den argliſtigen Verfuͤhrer frei. Ei⸗ nige unſerer jungen Studirenden wollten den Freiherrn von Falkenſtein, dies iſt ſein Name, fordern, aber heilig beſchwor ſie Pro⸗ 1 202 feſſor Ehrenfeld, es nicht zu thun, und die Heiligkeit des Geſetzes, des un verbruͤch⸗ lich en, zu ehren,— und offenherzig geſagt: Verdiente er, der die Tochter des Pfarrers von Taubenhayn verfuͤhrte, wohl die Ehre des Zweikampfes, in welchem ein rei⸗ nes Leben ſich dem des Schuldbewußten entge⸗ genſtellen wuͤrde?— entſcheiden Sie, wacke⸗ rer, unbekannter Cavalier!“— 44. „Er verdient es durch ſeine Reue! ſprach jetzt der Freiherr,— auf deſſem An⸗ tlitze Todtenblaͤſſe mit flammender Roöͤthe ploͤtzlich wechſelte.— Er beginne den Kapmf und falle durch die Hand des Edelman⸗ nes.“ Schnell wie der Blitz zog er ſeine Klinge,— legte ſich in die Auslage, auch des Ungars Saͤbel blitzte,— und bald begann Graf! ich hielt Sie fuͤr meinen Freund, 203 das Verderben drohende Klingenſpiel.— „Vollende!“ rief jetzt der Freiherr,— ein ſehr gewandter Fechter,— er giebt ſich eine Bloͤße.—„Vollende! mein Blut verſoͤhne! erkenne Deinen Gegner!— ich bin der Freiherr, Heinrich von Falkenſtein! — Roſa's Geliebter und Verfuͤhrer.“ Da ſenkt der Ungar ſeinen Saͤbel, und in dieſem Augenblicke tritt der Profeſſor Ehrenfeld in das Zimmer.— In der Hitze des Kampfes hatte man ſein Ausſtei⸗ gen aus dem Wagen nicht bemerkt.— Starres Entſetzen malte ſich in ſeinem An⸗ tlitz, als er die Kampfſcene erblickte, und er ſprach im Aufwallen des Unmuths:„Herr Sie ſind es nicht, Ihr ritterlicher Jugend⸗ muth hat Sie zu einer That gefuͤhrt, de kuͤhn uͤber das Heiligthum der Ge⸗ ſetze ſchreitet, die meinen Schmerz,— da ich mich in dem edelſten der Herzen taͤuſcht, d 204 nur erhoͤhen kann.— Und Sie, Herr Ba⸗ ron,(fuhr er, mit Ernſt und Wuͤrde ſich in ſeiner Rede zu dem Freiherrn wendend, fort) glaubten Sie, daß das Blut Ihres ſchuld⸗ bewußten Herzens,— das Blut der gemor⸗ deten Verfuͤhrten, verſoͤhnen wuͤrde?— oder meinten Sie, wenn Ihr hochherziger Gegner fiel, Ihre That waͤre nun eine gute?— O! irren Sie ſich nicht, der Herr laͤßt ſich nicht ſpotten, und immer wird ein verhaͤng⸗ nißvoller Tod der Suͤnde Lohn!“ Auf Ehrenwort! wir ſind unſchuldig, rief der Graf.— Er erklaͤrte nun, wie und wo⸗ durch ſich der Zweikampf entſponnen. Der Profeſſor erhob, nach Anhoͤrung die⸗ ſer Erkaͤrung, ſeine Augen gen Himmel, de⸗ muthsvoll ausrufend:„Herr! Du biſt un⸗ erforſchlich und groß,— Du laͤſſeſt mich den, dem ich entfliehen wollte, als reuigen Suͤn⸗ der wiederſehen,— die, die er verfuͤhrte, heat ihm verziehen, ehe ſie auf dem Blut⸗ geruͤſte ſtarb,— und ich verzeihe ihm“— 205 Jetzt wendete er ſich zum Freiherrn, deſ⸗ ſen Staunen und Schreck ſich in Thraͤnen aufloͤſte,— reichte ihm die Hand und ſprach: „Ich kannte Sie ſchon fruͤher,— Sie wandelten ſchon in Paris auf boͤſen Wegen, und wohin dieſe fuͤhren,— das haben Sie geſehen.“ Jetzt war der Rector Magnificus mit dem Ordinarius und der Ehrenwacht der Senioren der Landsmannſchaften in's Zim⸗ mer getreten, zu Letzteren wendete ſich der Profeſſor mit folgenden Worten: „Meine Herren!— Sie wollten den Tag meiner Trennung von Leipzig zu dem ſchoͤn⸗ ſten und ehrenvollſten erheben,— hier, wo wir ſcheiden, wollte ich einige Worte des Dankes ſprechen, welche aus dem Herzen zu dem Herzen gingen, wollte Ihnen einen Blick in mein fruͤheres Leben eroͤfnen. Heute ver⸗ vermag ich's nicht,— Wehmuth hat mein. Herz umfangen,— und doch fuͤhle ich eben jetzt jene Begeiſterung, die uͤber das Irdiſche er⸗ 206 hebt.— Verſoͤhnend tritt der heutige Tag zwiiſchen den Groll meines Herzens und ei⸗ nen Mann, der einſt mein Gluͤck zerſtoͤrte. — Sehen ſie ſein Antlitz,— in ihm er⸗ blicken Sie die raͤchende Macht des Gewiſ⸗ ſens,— in ihm Erkenntniß und Reue. Hein⸗ rich, Freiherr von Falkenſtein, der Sohn ei⸗ nes alten, durch ſeine Ahnen beruͤhmten Hau⸗ ſes, konnte geehrt und gluͤcklich ſeyn.— Sein Leichſinn wurde zum Vergehen,— ſeine Galanterie zur lichtſchenen Unthat,— und ſeine Untreue fuͤhrte die Verlaſſene zum Kin⸗ desmord,— die Moͤrderin auf das Blut⸗ geruͤſt.—— Sein Gewiſſen iſt erwacht, — er leidet jetzt mehr als die, welche er ver⸗ fuͤhrte. So weit kann der erſte Schritt des Boͤſen fuͤhren;— fliehen Sie ihn, meine Herren,— und wer da ſteht, der ſehe zu, daß er nicht falle.“—— Baron! hier meinen Handſchlag,— wir ſcheiden als Freunde,— und als ein ver⸗ ordneter Diener des Wortes der Liebe rufe 207 ich Ihnen ſegnend zur:„„Der Herr gebe Ihnen der Seele, des Lebens und des Ge⸗ wiſſens Frieden!““— und nun, Verehrte, lebt Alle wohl,— dieſer Augenblick erhalte ſeinen Eindruck fuͤr das ganze Leben!“— Hier ſchied er.——— Dem fortrollenden Reiſewagen hallte der Jubel des Lebehochs in lauten harmoniſchen Toͤnen nach.— 45. Herr Baron! nahm nun der Ungar das Wort.— Sie begleiten uns nach Leipzig und ſind mein Gaſt,— auch ich feiere heut mein Lebewohl von der Univerſitaͤt.— Mein Vater, Fuͤrſt und Maforatsherr in Sieben⸗ buͤrgen, iſt kaiſerlicher General der Kavallerie, Chef und Eigenthuͤmer eines Huſarenregi⸗ * 208 ments. Er hat mich als Offtzier berufen! — Wir, lieber Baron, lernten uns in einem entſcheidenden Augenblicke unſers Le⸗ bens kennen, im Zweikampfe konnte ich Iht Moͤrder werden, ich will Ihr Freund ſeyn. — Giebt Ihnen Ihr Vaterland zu viele b traurige Erinnerungen, ſo folgen Sie mir, der deutſche Cavalier wird meinem Vater als Offizier willkommen ſeyn,— im muntern Sol⸗ datenleben wird Ihre Schwermuth fliehen,— und ruft Pflicht und Kampf, nun, was iſt ſchoͤner, als der Tod eines Helden auf dem Felde der Entſcheidung.— „Ich folge Ihrem Rufe, edler Mann, antwortete der Freiherr, ihn kuͤſſend— zuvor aber will ich mein Hausweſen beſtellen, und die Trennung von einem ungetreuen Weibe vollenden!“— 46. Der Freiherr ordnge ſeine Erbſchaftsan⸗ gelegenheiten.— Sie ſtanden nicht ſo ſchlimm, als man glaubte,— und die Entſcheidung eines Prozeſſes konnte ihm große Summen gewinnen.—„Die Sache iſt in guten Haͤn⸗ den, meinte ſein Rechtsanwald, Doctor P., der Hofrath N. N., der fruͤher Kreisamt⸗ mann zu M. war, iſt Referent.“— Wie? — rief der Freiherr,— muß ich denn im⸗ mer mit Maͤnnern zuſammenkommen, die mich haſſen oder durch ihre Großmuth mein Herz verwunden muͤſſen!— Lieber Doctor,— ich gebe Ihnen Voll⸗ macht zum Vergleich, betreiben Sie dann meine Scheidungsſache.— Jetzt gehe ich nach Taubenhayn, es iſt ein ſchwerer, ſauerer Gang,— und dann in's ferne Ungarland, unter den Waffen heile mein hantes Herzz 47. Wir treffen den Freiherrn auf dem Wege nach Taubenhayn.— Dort, wo die N. Straße ſich bei K. theilt, nimmt er einen Fuͤhrer, laͤßt ſeinen Wagen uͤber M. fahren, und rei⸗ tet, nur von ſeinem treuen Reitknechte be⸗ gleitet, uͤber die Feldwege dem ritterlichen Ahnenſitze zu.— Schon dunkelte der Abend,— ſie hatten bereits das freundliche M. erreicht, wo eine Allee veredelter Kaſtanien an ein milderes Klima erinnert,— hier hielten ſie ein wenig an, und der Freiherr ließ dem Fuͤhrer eine Erfriſchung geben. Biſt Du in Taubenhayn bekannt?— fragte der Freiherr den Fuͤhrer.—— Seit Kurzem nur,— antwortete dieſer, — aber ſeitdem auch recht wohl;— mein juͤngſter Sohn dient jetzt auf dem Hofe als 3 211 Schaafknecht, aber ich will ihn wieder weg⸗ nehmen;— ſeitdem das arme Pfarr⸗Roͤs⸗ chen unter Scharfrichters Haͤnden ſtarb und umgeht,— iſt dort kein Segen mehr.—— Der Junker,— meint unſer Herr Schul⸗ meiſter, hat in Wolluſt ausgeſaͤet und erntet den Fluch.— Nun kommt's ihm,— die gnaͤd'ge Frau haͤlt's mit dem Jaͤger,— die⸗ ſer ſetzt dem Herrn Hoͤrner auf, und druͤckt die armen Unterthanen bis aufs Blut,— denn er weiß, daß er Huͤlfe hat;— da die gnaͤd'ge Frau herrſcht und der abweſende gnaͤd'ge Herr gewaltig unterm Pantoffel ſteht. Halt’s Maul, Schlingel!— rief jetzt der Reitknecht,— Du luͤgſt!!— Na!— ich luͤge nicht,— antwortete treu⸗ herzig der Fuͤhrer,— mein Bube hat's mit eigenen Augen geſehen, wie der Jaͤger mit der gnaͤdigen Frau auf die Jagd ſchlenderte, und wie ſie ſich einander in dem Hoͤlzchen, das von Taubenhayn nach K. fuͤhrt, herzten und kuͤßten.— Ich bin en gerninger Haͤus⸗ 212 chensmann, und meine Lieſe war ein armes Maͤdel, als ich ſie freite,— aber halb todt haͤtt ich ſie geſchlagen, haͤtte ſie mir das ge⸗ macht;— aber, wie man's treibt, ſo geht's! — Das Alles hat der Junker an der armen Pfarr⸗Roͤſel verdient!— Welche Gefuͤhle des Schmerzes und des Zorns mußten bei dieſer Rede des biedern Landmanns des Freiherrn Herz durchdringen, — er ſchwieg und ſetzte ſeinen Weg nur langſam vorwaͤrts, denn er fuͤrchtete ſich vor der Naͤhe ſeines Weibes, und es weiſſagte ihm ſein Herz ein nahes, fuͤrchterliches Ungluͤck. Ddie Nacht war eingebrochen, Taubenhayn erreicht. Der Junker ließ die Roſſe an der Schule halten und ging nun allein dem Herrnhofe zu.— 213 Unwillkuͤhrlich ſteht er an der Pforte des Kirchhofes.— Er tritt ein, Geiſter⸗ ſtimmen ſcheinen ihm raͤchend zuzufluͤſtern, er glaubt den Schatten ſeines Kindes zu erblik⸗ ken, will ihn abwehren, und greift in die Dornen eines wilden Roſenſtocks.— Jetzt heftet ſich ſein ſtieres Auge auf die Pforte des Gotteshauſes.— Hier erblickt er beim Mondenlicht an der Pforte des Friedens und der Erbarmung das entehrende Hals⸗ eiſen, welches, ſo wollte es der Geiſt jener rauhen Zeit— von der geſtuͤrzten Linde hier⸗ her verſetzt worden war.. Todesſchauer durchbebten ſein Herz;— denn war es nicht die Furcht vor der Schan⸗ de, welche die arme Roſa zum Kindesmord rief?— Jetzt erheben ſich ſeine Blicke,— er ſieht Licht im Erkerzimmer des S ſchloſſes, . * tritt in ſeinen Vorhof, geht unbemerkt, da alles ſchlief, die Treppe hinauf— betritt ſein Zimmer,—— ach, es war d wo einſt Roſa im aufwallenden Zorn 2* 214 ihn die grauſen Worte der Verwuͤnſchung ſprach.— Jetzt vernimmt er ein Geraͤuſch im Schlafzimmer ſeines Weibes,— deutlich hort er das Fluͤſtern eines Zwiegeſpraͤchs. 49. Ha! was iſt das?— ſpricht er zu ſich ſelbſt,— ſein Zorn ergluͤht,— ſeine Augen ſehen die Doppelflinte, die ihm einſt ſein Weib ſchenkte,— er nimmt ſie in die Haͤnde,— ſieht, ſie iſt geladen,— Pulver auf der Pfanne.— Er ſpannt den Hahn bei⸗ der Schloͤſſer,——— ſchleicht ſich an die Chuͤre,— erblickt ſein Weib in ihrem Schlaf⸗ zimmer,— ſie ruht— ach! ſie ruht— in den Armen ihres Jaͤgers.——— „Fluch Euch!“— bruͤllt er, zielt— giebt aus beiden Laͤufen Feuer,—— und — in ihrem Blute liegen roͤchelnd die Baro⸗ nin und der Jaͤger.— 215 Todesfurcht umklammert ſein Herz,—— hemmt ſeine Schritte, einzutreten in das Zim⸗ mer der Rache.— Er eilt, als ſeine Beſin⸗ nung zuruͤckgekehrt, aus dem Schloſſe, ſeinen Pferden zu.— Reite! ruft er dem Reitknecht zu, ſofort in's Kreisamt, und vermelde: Der Freiherr von Falkenſtein mordete ſein Weib und ihren Buhlen.—— Du aber, Alter, ſprach er zu ſeinem Fuͤhrer,— nimm dieſes Geld!— er gab ihm ſeine Goldboͤrſe, — und nun fuͤhre mich zum Rabenſteine, wo meine Roſa verblutete:— ich fuͤhle es,— ſie naht, die Stunde der Vergeltung.— 50. Eben umſaͤumte das Morgenroth mit ſei⸗ nen erſten Strahlen den Himmel, als der Freiherr das Hochgericht erreichte.— Wo liegt Roſa begraben?—— fragte 216 er haſtig den zitternden Fuͤhrer,— dort,— wo der Lindenbaum im F de ſteht, — dort iſt ihr Grabeshuͤgel. Nun, Alter! rief der Freiherr,— bet ein andaͤchtiges Stoßſeufzerlein. Leb' wohl!— er giebt dem Roſſe die Sporen,— ſprengt zur Linde, ſteigt ſchnell ab, und reißt eine geladene Piſtole aus dem Sattelgurte.— Bald findet er den Grabes⸗ 1 huͤgel, er kniet an demſelben nieder,— betet, die Piſtole mit gefaltenen Haͤnden haltend, und ruft: „ Theure Gemordete!— ich komme!!“— Der Fuͤhrer hoͤrt dieſen Ruf,— will rettend herzuſpringen,— da flammt'’s,— knallt's, und mit zerſchmetterter Hirnſchale ſinkt der Freiher todt auf dem Grabe ſeiner Ah nieber.“ — — 3 31 8 d 5 4. 8 eue ·—