——— , — 5 Leihbibliothek I deeutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur . von 4.. Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bioliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.. 3 jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 21 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.— 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 3 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk. Pf. 3 m„ „ 5„ 3„=„ 4„ 43. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſe endung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersàtz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern dc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.— 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen rr Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von 1 Ein Weihnachtslobgeſang in Praſa; das heißt: Eine Weihnachts⸗ Geiſtergeſchichte. Von Charles Dickens (Boz). Frei nach dem Engliſchen von Erwin von Moosthal. — 22OEER Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1844. —2— Vorwort. Ich habe mich in dieſem geſpenſtiſchen Büchlein bemüht, den Geiſt einer Idee heraufzubeſchwören, der weder meine geneigten Leſer mit ihrer guten Laune, noch mit einander, noch mit der Jahreszeit, oder gar mit mir entzweien ſoll. Möge er gerne und artig in ihren Häuſern ſpuken, und Niemand wünſchen, daß er wieder verſchwinde. Ihr treuer Freund und Diener December 1843. C. D. Erſte Strophe. Marley's Geiſt. Marley war geſtorben: dieß ſenden wir voran, denn hierüber eriſtirt auch nicht der geringſte Zweifel. Sein Leichenſchein war unterzeichnet von dem Geiſtlichen, dem Notar, dem Leichenbeſorger und dem Leichenmarſchall. Scrooge unterzeichnete ihn ebenfalls, und Scrooge's Name ward an der Börſe in Allem, worunter er ſeinen Namens⸗ uug geſetzt hatte, pflichtlichſt reſpektirt. Marley war ſo todt wie ein Thürnagel. 6 Merkt wohl auf! ich bin weit entfernt, aus eigener Erfahrung behaupten zu können, was denn an einem Thür⸗ nagel ſo beſonders Todtes iſt. Ich möchte vielleicht ſelbſt geneigt geweſen ſein, einen Sargnagel als das todteſte Stück Eiſenwerk im ganzen Handel zu betrachten. Allein die Weisheit unſerer Urväter drückt ſich in dieſem Gleichniß aus, und meine profanen Hände dürfen es nicht verändern, oder iſt's um das ganze Land geſchehen. Man muß mir alſo gütigſt erlauben, daß ich es ausdrücklich noch einmal wiederhole, daß Marley ſo todt war, wie ein Thürnagel. Scrooge wußte alſo wohl, daß er todt war? Ei na⸗ türlich! wie konnte es auch anders ſeyn? Er und Scrooge waren ja— wer weiß wie lange— Handelsfreunde und Geſellſchafter geweſen. Scrooge war ſein einziger Erecu⸗ tor, ſein einziger Adminiſtrator, ſein einziger Anwalt, ſein einziger Haupterbe, ſein einziger Freund und der Einzige, der ihn betrauerte. Ja, Scrooge war von dieſem trau⸗ rigen Unfalle nicht ſo fürchterlich überraſcht und ange⸗ griffen, daß er ſich nicht ſchon am Tage des Begräbniſſes als einen äußerſt geſchickten Geſchäftsmann gezeigt, und dieſen mit einem äußerſt profitvollen Handel beſchloſſen hätte. Die Erwähnung von Marley's Begräbniß bringt mich wieder auf den Punkt zurück, von dem ich ausgegangen bin, daß es nämlich über allen Zweifel erhaben war, daß Marley geſtorben. Dieß muß man wohl in's Auge faſſen, ſonſt kann kein Wunder aus der Geſchichte hervorgehen, die ich zu erzählen im Begriff bin.— Wären wir nämlich nicht vollkommen überzeugt, daß Hamlet's Vater ſtarb, be⸗ vor das Stück begann, ſo würde ſein nächtliches Umher⸗ wandeln im Oſtwinde auf den Außenwerken ſeines Schloſ⸗ ſes um kein Haar merkwürdiger ſein, als wenn irgend ein Herr in mittleren Jahren nach Einbruch der Nacht an ir⸗ gend einem windigen Orte— wir wollen z. B. den St. Pauls⸗Kirchhof annehmen— plötzlich erſchiene, um ſei⸗ nes Sohnes feiges Gemüth buchſtäblich zu erſchrecken. Scrooge gab niemals auf ſeinem Schilde den Namen des alten Marley auf; noch Jahre lang hernach ſtund uͤber der Thuͤre ſeines Magazins zu leſen:„Scrooge und Mar⸗ ley,“ und junge Anfänger und andere in Handelsſachen minder vertraute Perſonen pflegten Herrn Scrooge bald mit ſeinem eigenen Namen, bald mit Marley anzureden, aber er ging auf beide Namen und machte ſich nichts daraus. DO der alte Scrooge war ein Mann bei der Spritze, wie man im gemeinen Leben ſagt! ein alter Filz, ein ſchlauer Fuchs, ein habſüchtiger, geiziger Haltefeſt, ein ſchmutziger alter Sünder! hart und ſcharf wie ein Flinten⸗ ſtein, dem der Stahl niemals das edle göttliche Feuer ent⸗ lockt hatte; geheimnißvoll, ſtreng gegen ſich ſelbſt, voll Rückhalt und Selbſtbeherrſchung, und einſam wie eine? ſter. Seine innere Kälte erſtarrte ſeine alten Geſich kniff ſeine Naſe zuſammen, runzelte ſeine Wangen u machte ſeinen Gang ſteif; ſie röthete ſeine Triefaugen und färbte ſeine Lippen blau, ja ſie that ſich boshafterweiſe ſo⸗ gar in ſeiner ſchnarrenden Stimme kund. Ein Rauhreif lag auf ſeinem Haupte, ſeinen Augenbrauen und ſe borſtigen Kinn. Seinen Mangel an Wärme überteng ſtets auf ſeine Umgebung, machte damit ſogar in Hundstagen ſein Comptoir eiskalt und thaute auch Weihnachten nicht um einen Grad auf. Aeußere Hitze oder Kälte äußerten wenig Eindruck auf Scrooge; keine Sommergluth konnte ihn erwärmen, keine Winterkälte ihn erſtarren. Kein Wind, der irgend blies, war ſchueidender als er; kein fallender Schnee mehr auf ſein Ziel verſeſſen und kein bis auf die Haut durchſchlagen⸗ der Regen unerbittlicher als er. Schlimmes Wetter und Schmutz konnten ihm nichts anhaben. Die heftigſten Schlag⸗ regen, Schnee und Hagel und Schloßen konnten ſich noch eines Vorzugs vor ihm rühmen, wenigſtens in Einer Hin⸗ ſicht: ſie ſielen oft gar ſachte hernieder, während dieß Wort in Scrooge's Wörterbuche nicht zu ſinden war. Niemand ſtellte ihn auf der Straße, um freudeſtrahlenden Augen anzureden:„Wie befinden lieber Serooge? wann werden Sie mich wieder b 2 — Kein Bettler ging ihn um ein geringes Scherflein an, 8 kein Kind fragte ihn unbefangen nach Zeit und Stunde, kein Mann oder Weibsbild wagte je, Scrooge um den Weg nach dieſem oder jenem Orte zu fragen. Selbſt die Hunde der Blinden ſchienen ihn zu kennen, denn ſobald ſie ihn kommen ſahen, zogen ſie lieber ihre Herren in Thor⸗ wege und Höfe hinein und wedelten mit den Schweifen, als wollten ſie ſagen:„Komm, armer blinder Mann! kein Auge iſt noch immer beſſer als ein böſes!“ Was kümmerte Scrooge ſich aber darum? Gerade ſo⸗ wollte er es haben. Sich abſeits und hehlings durch die übervollen Pfade des Menſchenlebens durchzuwinden, jede Sympathie der Menſchen vor Annäherung zu verwarnen, war, was man im gemeinen Leben das„Steckenpferd“ un⸗ ſeres Scrooge nannte. So begab es ſich einmal, daß unter allen guten und feierlichen Abenden des Jahres am heiligen Weihnachts⸗ abend der alte Scrooge allein und noch am Geſchäft in ſeinem Comptoir ſaß. Das Wetter draußen war kalt, fro⸗ ſtig, beißend kalt, und überdem noch nebelig, und er konnte auf dem Hofe draußen die Leute keuchend und in die Hände puſtend auf⸗ und abgehen hören, konnte vernehmen, wie ſie die Hände über der Bruſt zuſammenſchlugen und mit den Fü⸗ ßen auf den Pflaſterſteinen ſtampften, um ſich zu erwärmen. Die Glocken von den Thürmen der City hatten zwar erſt drei Uhr geſchlagen, allein es war bereits ganz dunkel; es war den ganzen Tag über nicht hell geweſen und die Lich⸗ ter blinkten aus den Fenſtern der benachbarten Comptoirs wie röthliche Schmutzflecken auf der handgreiflich dicken braunen Luft. Der Nebel drang zu jeder Ritze und durch jedes Schlüſſelloch herein, und war draußen ſo dicht, daß, wiewohl der Hof unter die kleinſten und ſchmalſten ge⸗ hörte, die Häuſer drüben doch eher Geſpenſtern ähnlich ſa⸗- hen. Sah man die ſchmutzige dichte Wolke ſich ſchwer⸗ fällig herniederſenken und Alles ringsum verdunkeln, ſo hätte man glauben mögen, Frau Natur wohne hart nebenan und koche und braue jetzt eben in größtem Maßſtabe. 1 Die Thür von Scrooge's Comptoir ſtand weit offen, 9 damit er ein wachſames Auge auf ſeinen Commis haben könne, der in einer engen Zelle nebenan, genannt Teich, weil von den feuchten Wänden ſtets das Waſſer nieſelte, Briefe kopirte. Scrooge hatte nur wenig Feuer im Kamin, allein das Feuer im Kamin des Commis war noch kleiner, ſo klein, daß es eher einer einzigen Kohle gleich ſah. Aber er konnte es nicht aufſchüren, weil Servoge das Kohlen⸗ becken in ſeiner eigenen Stube drüben behielt und jedesmal, wenn der Commis mit der Schaufel herein kam, um Koh⸗ len zu holen, prophezeihte, er müſſe gleich dakauf ausgehen; weßhalb denn auch der Schreiber ſein weißes Mantelkrägchen anzog und ſeine Hände an der Kerze zu wärmen verſuchte, wobei ich aber leider hinzufügen muß, daß ihm dieß nur ſenie gelang, da er keine beſonders ſtarke Einbildungskraft eſaß. „Vergnügte Weihnachten, Oheim! Gott ſegne Sie,“ rief eine muntere fröhlich klingende Stimme; es war die Stimme von Scrooge's Neffen, der ſo raſch auf ihn zukam, daß ſich der Alte ſeines Beſuches nicht eher verſehen konnte. „Bah!“ rief Scrooge,„das ſind Poſſen!“ Scrooge's Neffe hatte ſich in Folge der raſchen Wan⸗ derung durch Nebel und Froſt ſo ſehr erhitzt, daß er wie ein Glühwürmchen erglühte; ſein friſch geröthetes Geſicht war ſehr hübſch, ſeine Augen glänzten und ſein Athem dampfte noch. „Wie, Oheim, Weihnachten wäre eine Poſſe?“ rief Scrooge's Neffe,„das kann Ihr Ernſt nicht ſein, denke ich.“ „Und dennoch iſt Dem ſo,“ verſetzte Scrooge;— „was für ein Recht oder was für Gründe haſt Du dazu, luſtig zu ſein, Du armer Teufel?“ „Ei gehen Sie doch, Oheim!“ verſetzte der Neffe fröh⸗ lich,„mit welchem Rechte ſind Sie übler Laune und welche Gründe könnte Sie beſtimmen, mürriſch zu ſein, der Sie doch ſo reich ſind?“ Da Scrogge keine beſſere Antwort fertig hatte, die für gegenwärtige Frage gepaßt haben würde, brummte er wie⸗ derum ein„Bah!“ und ließ ein„Poſſen!“ darauf folgen. 10 „Seien Sie nur nicht unzufrieden Oheim!“ rief der ₰☛ Neffe. „Was ſoll ich denn anders ſein?“ entgegnete der Oheim,—„ſo lange ich in einer ſolchen Welt voll Nar⸗ ren lebe?— Vergnügte Weihnachten? Zum Henker mit vergnügter Weihnachtszeit! Was iſt Weihnachten für Dich anders als eine Zeit, wo Du Rechnungen bezahlen ſolleſt, ohne Geld zu haben?— Eine Zeit, wo Du Dich ſelbſt um ein Jahr älter und nicht um ein Haar reicher findeſt? Eine Zeit, wo Du die Bilance in Deinen Büchern ziehſt und jeder Poſten in denſelben Dir durch ein ganzes volles Dutzend von Monaten hindurch nur Schaden eintrug? — Wenn ich meinen Willen durchſetzen könnte,“ ſetzte der Alte voll Entrüſtung hinzu,„müßte jeder Dummkopf, der die Worte„vergnügte Weihnachten“ hören läßt, mit ſeinem eigenen Pudding abgekocht und mit einem Bratſpieß von Hollunderholz im Herzen in's Grab gelegt werden; das ſollte er mir in der That!“ „Oheim!“ wagte der Neffe einzuwenden. Allein die⸗ ſer unterbrach ihn alsbald. „Neffe!“ erwiderte der Oheim,„ſeiere Du Deine Weih⸗ nachten auf Deine eigene Weiſe und laß mich die meinige auf meine Art feiern.“ 1 —„So feiert ſie, aber ich weiß wohl, Ihr thut's doch „Dafür laß mich nur allein ſorgen!“ meinte der Alte, „mag Dir viel Glück aus dem Deinigen erblühen, ſo viel oder noch mehr, als Dir die Weihnachtszeit ſeither ſchon gebracht hat.“ 3 3 „Es gibt mancherlei Dinge, kann ich ſagen, von de⸗ nen ich Nutzen oder wenigſtens etwas Gutes gezogen haben möchte, wenn ich die Gelegenheit wahrgenommen hätte,“ verſetzte der Neffe;—„Weihnachten gehört auch darunter; ich bin uüberzeugt, ich habe ſtets, wenn die Weihnachtszeit herankam, dieſe für eine ſehr gute Zeit gehalten— abge⸗ ſehen von der Verehrung, die ich ihrem geheiligten Namen und Urſprung ſchuldig bin, wenn man von irgend Etwas, =2 — — 11 was mit ihr zuſammenhängt, abſehen kann. Es iſt in der That eine menſchenfreundliche, herrliche, vergnügte Zeit voll Wohlwollen, Vergebung, Uneigennützigkeit, und die einzige Zeit im langen Kalenderjahre, die ich kenne, wo Mann und Weib gleichſam einſtimmig ihre aufgeſchloſſenen Herzen freiwillig zu öffnen und an die Menſchheit unter ihnen zu denken ſcheinen, als ob dieſe wirklich Mitwallfahrer zum Grabe hin und nicht eine andere Gattung von Geſchöpfen und für ein anderes Lebensziel beſtimmt wären. Und deß⸗ halb auch, Oheim, obwohl die Weihnachtszeit mir nie einen Schatz von Gold und Silber in die Taſche gebracht, glaube ich dennoch, daß ſie mir recht viel Gutes gethan hat und noch viel mehr thun wird, und darum ſage ich auch von ganzem Herzen: Gott ſegne ſie!“ Der Schreiber in dem Teich nebenan gab unwillkür⸗ lich ſeinen Beifall darüber zu erkennen, merkte aber alsbald, daß er dadurch eine Unſchicklichkeit begangen, und ſchickte ſich darum an, das Feuer wieder anzuſchüren, bei welchem Bemühen er auch den letzten ſchwachen Funken unter der Aſche wieder auslöſchte. „Laßt mich nicht wieder einen ähnlichen Ton hören, ſonſt werde ich mich um einen andern Commis umſehen!“ rief Scrooge ſeinem Commis zu, und zu ſeinem Neffen ge⸗ wendet fuhr er fort:„Du haſt ja ein merkwürdiges Red⸗ nertalent und ich wundere mich nur, daß Du nicht ſchon lange im Parlament ſitzeſt.“ „Zürnen Sie mir nicht, Oheim!“ bat der Neffe;— „beſuchen Sie uns lieber morgen und ſeien Sie unſer Gaſt bei Tiſche.“ 1 Scrrooge ſagte zwar zu, gab aber ſeiner Zuſage noch ein anderes Anhängſel, indem er ſagte: er wolle ihn in ſeiner Noth und Verlegenheit zuletzt beſuchen. „Was meinen Sie denn damit?“ rief der Neffe;— „wie ſoll ich denn das verſtehen?“ „Warum haſt Du Dich denn verheirathet?“ fragte Serooge. „Weil ich verliebt war,“ verſetzte der Neffe. . 12 „Weil Du verliebt warſt?“ brummte Secrvoge vor ſich hin, als ob dieſe Thatſache das einzige Ding ſei, das ihm noch lächerlicher erſcheine, als vergnuͤgte Weihnachten;— „guten Abend, Neffe!“ „Nein, Oheim! Sie kamen ja niemals zu mir zum Beſuche, ehe ſich das zutrug. Warum geben Sie es jetzt als Grund an, daß Sie hinfort nicht mehr kommen wollen?“ „Guten Abend!“ rief Scrooge. „Ich brauche ja nichts von Ihnen,“ verſetzte der Neffe,—„ich fordere auch nichts von Ihnen, warum können wir denn nicht gute Freunde bleiben?“ „Guten Abend!“ rief Scrooge. „Es thut mir wahrlich von Herzen leid,“ fuhr der Neffe fort,—„daß ich Sie ſo entſchloſſen finden muß. Wir hatten nie irgend einen Zwiſt mit einander gehabt, zu dem ich Veranlaſſung gegeben hätte; ich habe auch dießmal dieſen Verſuch nur der Weihnachtszeit zu Liebe gemacht und will meine Weihnachts⸗Stimmung bis auf's Letzte be⸗ währen und darum vergnügte Weihnachten, Oheim!“ „Guten Abend!“ ſprach Serooge. „Und ein glückliches Neujahr!“ rief der Neffe. „Guten Abend!“ verſetzte Serooge. Trotz Dem verließ der Neffe das Zimmer, ohne auch nur ein Wort des Zorns hören zu laſſen. Draußen an der Hausthüre aber blieb er ſtehen, um den herkömmlichen Weihnachtsgruß dem Commis ſeines Oheims entgegen zu bringen, der, ſo ſehr ihn auch fror, doch wärmer war als Scrooge, da er ihn recht herzlich erwiderte. „Da iſt noch ein anderer Narr von demſelben Schlage!“ murmelte der Alte, der Alles mit angehört hatte,—„mein Commis, der nur 15 Schillinge wöchentlich bekommt und Weib und Familie hat, ſchwatzt ebenfalls von vergnügten Weihnachten; da könnte Einen wahrlich die Luſt ankom⸗ men, freiwillig in's Narrenhaus zu gehen.“. Als der von Strooge für verrückt erklärte Commis den Neffen hinaus begleitet hatte, traten eben zwei andere Fremde herein. Es waren zwei wohlhäbige Harren von — 0 13 recht gefälligem Aeußern, die nun mit den Hüten auf dem Kopfe in Scrooge's Comptoir ſtanden; ſie hatten Bücher und Papier in Händen und machten ihm eine tiefe Ver⸗ beugung. „Herren Servoge und Marley, wenn ich nicht irre?“ ſagte einer der Herren, nachdem er einen Blick auf ſeine Liſte geworfen;—„habe ich die Ehre, mit Herrn Scrooge zu ſprechen oder mit Herrn Marley?“ „Herr Marley iſt ſchon ſeit ſieben Jahren todt,“ ver⸗ ſetzte Serooge,„gerade heute Nacht werden es ſieben Jahre, daß er ſtarb.“ „Wir zweifeln nicht, daß ſeine Freigebigkeit auf den überlebenden Aſſocie übergegangen iſt,“ ſagte der eine Herr, indem er Scrooge ſeine Vollmacht hinreichte. Das war auch in der That der Fall, denn die beiden gemeinſchaftlichen Beſitzer der Handlung waren zwei ver⸗ wandte Geiſter geweſen; bei dem verhängnißvollen Worte „Freigebigkeit“ ſchauderte Scrooge zuſammen und gab kopf⸗ ſchüttelnd die Vollmacht zurück. „In dieſer feierlich ſeſtlichen Zeit des Jahres, Herr Scrooge,“ hub der fremde Herr an, indem er eine Feder eintauchte,„dürfte es noch wünſchenswerther ſein, als ſonſt gewöhnlich, daß wir Wohlhabenderen auch einigermaßen für die Armen und Verwahrlosten ſorgten, die in gegen⸗ wärtiger Jahreszeit großem Mangel ausgeſetzt ſind. Viele Tauſende leiden an den gemeinſten Lebensbedürfniſſen Man⸗ gel und Hunderttauſende haben nicht ſo viel, daß ſie ſich in dieſen Tagen nur einigermaßen erquicken könnten, Sir!“ „Gibt's keine Gefängniſſe mehr?“ fragte Scrooge. „O ja, Gefängniſſe genug!“ verſetzte der fremde Herr und legte die Feder wieder nieder. nund die großen Zuchthäuſer und Beſſerungsanſtalten?“ fuhr Scrooge fort;—„ſie beſtehen wohl noch immer?“ „llerdings, noch immer!“ entgegnete der Herr;— vich wunſchte ubrigens nichts ſehnlicher, als Sie vom Ge⸗ gentheil berichten zu können.“ 14 „Die Tretmühle und das Armengeſetz ſind alſo noch in voller Kraft?“ fragte Scrooge weiter. „Sie haben beide noch vollauf zu thun,“ erwiderte der Fremde. 4 „Das iſt mir lieb zu vernehmen,“ meinte Scrooge;— „was Sie da anfangs ſagten, ließ mich beinahe fürchten, es habe ſich irgend Etwas zugetragen, das ihr nutzbringen⸗ des Beſtehen gefährdet habe; nun bin ich froh, das Ge⸗ gentheil zu vernehmen.“ 4 „In der Ueberzeugung,“ fuhr der Fremde fort,— „daß dieſe Anſtalten keineswegs hinreichen oder im Stande ſind, der Menge die chriſtliche Fröhlichkeit und entſprechendes Wohlbehagen des Geiſtes und Körpers zu verſchaffen, haben ſich Etliche von uns zu dem Bemühen vereinigt, ein kleines Capital zuſammenzubringen, womit wir den Armen Speiſe und Trank und Schutzmittel gegen den Winterfroſt verſchaffen wollten. Wir haben die gegenwärtige Jahres⸗ zeit gewählt, weil ſie vor allen andern eine Zeit iſt, wo Mangel doppelt fühlbar und Ueberfluß doppelt zum Geben geneigt iſt. Wie viel darf ich für Sie niederſchreiben?“— „Gar nichts!“ verſetzte Scrooge. „Sie wünſchen alſo wohl, nicht genannt zu werden?“ fragte der Fremde. „Ich wünſche jetzt allein zu bleiben!“ war die Ant⸗ wort des filzigen Alten;—„wenn Sie wiſſen wollen, was ich wünſche, meine Herren, ſo kann ich Ihnen nur dieß zur Antwort geben. Ich mache mir ſelbſt über Weihnach⸗ ten keine guten Tage, und kann noch weniger dazu beitra⸗ gen, dem faulen Volk gute Tage zu machen. Ich trage bereits zur Aufrechthaltung der vorerwähnten Anſtalten bei, die mich ſchon genug koſten; wem es alſo ſchlimm geht, der mag ſich dorthin wenden.“ „Manche können nicht dorthin gehen,“ verſetzte der fremde Herr,—„und Andere würden lieber ſterben, als dieß thun.“ „Wenn ſie lieber ſterben würden,“ verſetzte Scrooge, „ſo möchten ſie vielleicht am beſten daran thun, weil ſie ——— 15 dadurch der Uebervölkerung vorbeugen. Entſchuldigen Sie überdieß, ich kann mich darum nicht bekümmern.“ „Das ſollten Sie aber dennoch thun,“ erlaubte ſich der Fremde zu bemerken. „Es iſt nicht mein Beruf,“ gab Scrooge zur Ant⸗ wort;—„ein Mann hat hinlänglich zu thun, wenn er ſein eigenes Geſchäft verſteht und ihm nachkommt, und ſich nicht um das von andern Leuten bekümmert; das meinige nimmt mich beſtändig in Anſpruch,— guten Abend, meine Herren!“ Da die Fremden nun deutlich einſahen, daß es nutz⸗ los ſein würde, ihren Zweck weiter zu verfolgen, entfernten ſie ſich wieder und Scrooge ging mit einer weit höheren Meinung von ſich ſelbſt und in muntrerer Stimmung, als ihm gewöhnlich eigen zu ſein pflegte, wieder an ſein Geſchäft. Inzwiſchen hatten Rebel und Dunkelheit ſo ſehr zu⸗ genommen, daß draußen Leute mit brennenden Laternen umher liefen und ſich anboten, vor den Wagenpferden her⸗ zugehen, um ſie ihren Weg zu führen. Der alte Thurm einer Kirche, deren ranh tönende Glocke aus einem gothi⸗ ſchen Fenſter der Mauer immer traurig und unheimlich zu Serooge's Ohren herniedertönte, war unſichtbar geworden und dieſe hallte ihre Stunden und Viertel ſo trübſelig und mit ſo zitternden Fibrationen hinterher in die Wolken hinein, daß es faſt ſcheinen konnte, als ob ihr in ihrer luftigen Höhe droben vor Froſt die Zähne klapperten. Die Kälte nahm immer mehr zu und draußen auf der Hauptſtraße faſt hart an der Ecke des Hofs hatten einige Arbeiter, welche die Gasröhren ausbeſſern mußten, in einem Kohlen⸗ becken ein großes Feuer angezündet, um das ſich jetzt eine Horde zerlumpter Männer und Knaben geſammelt hatte, die vor dem vorübergehenden Flackerſcheine der Kohlengluth ihre Hände wärmten und mit den Augen blinzelten. Die Schwengel der Pumpbrunnen ſtanden verödet, daß ihr Ueberfluß allmählig gefror und ſich in miſanthropiſches Eis verwandelte. Der helle Lichtſchein aus den Läden und Gewölben, wo Wachholderreißer mit Beeren in der Lampen⸗ 16 hitze der Schaufenſter kniſterten, röthete die bleichen Ge⸗ ſichter der Vorübergehenden. Die Läden der Geflügel⸗ händler und Spezereikrämer entfalteten jetzt freundlichen Glanz und glorienartigen Prunk, daß man kaum glauben konnte, daß ſo düſtere und ernſte Dinge, wie Handel und Wandel, mit ihnen zu ſchaffen hätten. Der Lordmayor⸗ im Burg⸗ frieden des mächtigen Manſionhouſe gab jetzt ſeinen fünfzig Köchen und Tafeldeckern Befehl, ein Weihnachtsmahl zu rüſten, wie es nur immer eines Lordmayor's Haushaltung zu liefern vermochte; und ſelbſt der armſelige Flickſchneider, den er am vorigen Montage wegen Trunkenheit und blut⸗ dürſtiger Geſinnungen, die er auf der Straße geäußert, um fünf Schillinge gebüßt hatte, nadelte noch emſig in ſeiner Dachſtube, um für den Weihnachtspudding des fol⸗ genden Tages zu ſorgen, während ſein ſchmieriges Weib mit dem Säugling ſich aufmachte, das Fleiſch zum Feſt⸗ tagsmahle zu kaufen. Nebel und Kälte nahmen zu und namentlich die letz⸗ tere war bitter ſchneidend und erſtarrend. Wenn der gute heilige Dunſtan die Naſe des böſen Geiſtes mit einer Hand⸗ voll von dieſem Wetter gezwickt haben würde, anſtatt ſeine gewohnten Waffen anzuwenden, hätte er ihn wahrlich zu keinem geringen Weheſchrei zu bringen vermocht. Der Eigenthümer einer armſeligen jungen Stumpfnaſe, die von der Kälte ſo zerfreſſen und zerquetſcht worden war, wie Knochen, die von Hunden benagt werden, hielt gerade vor Scrooge's Thüre und nahte mit dem Mund dem Schluſſel⸗ loch, um ihn mit einem Weihnachtslied zu erfreuen; allein bei dem erſten Verſe des bekannten: Gott ſegn' Euch würdiger, edler Herr, Mög' Euch kein Trübſal treffen— packte Scrooge den Sänger mit ſolchem Nachdruck und Aerger, daß der arme Teufel beſtürzt entwich und das Schlüſſelloch dem Nebel und dem noch heſtigeren Froſte überließ. 3 Endlich kam die Stunde heran, wo das Comptoir 2 — 17 geſchloſſen ward. Schlecht gelaunt entſtieg Scrooge ſei⸗ nem wackelbeinigen Stuhle und winkte mit ſtummer Ge⸗ berde dem harrenden Commis in ſeinem Teiche Feierabend zu, daß dieſer alsbald ſein Licht auslöſchte und ſeinen Hut auſſetzte. „Sie werden morgen den ganzen Tag für ſich haben wollen, denke ich?“ fragte Scrooge. „Wenn's Ihnen recht iſt, Sir!“ verſetzte der Com⸗ mis ſchüchtern. „Iſt mir nicht recht!“ gab Scrooge zur Antwort;— „und iſt auch nicht ſchön von Ihnen. Wenn ich Ihnen eine halbe Krone für dieſen Tag abzöge, würden Sie laut über Beeinträchtigung klagen,— nicht wahr?“ Der Comniis läͤchelte verlegen, „Und dennoch,“ fuhr Scrooge fort;—„halten Sie mich nicht für beeinträchtigt, wenn ich Ihnen ein Tag⸗ geld für einen ganzen Tag ohne Arbeit verabreiche?“ Der Commis wagte einzuwenden, daß dieß ja nur einmal im Jahre vorkomme. „Eine ſchlechte Ausrede dafür, daß man je am 25. December einem Brodherrn ſein Geld aus der Taſche ſtiehlt!“ grollte Servoge, indem er ſeinen Ueberrock bis zum Kinn zuknöpfte,„falls Sie alſo je morgen den gan⸗ zen Tag für ſich haben müſſen, ſtellen Sie ſich dafür über⸗ morgen deſto früher ein!“ Der Commis verſprach dieß zu thun, und Scrooge verließ grollend ſein Comptoir, das in einem Augenblick geſchloſſen war; der Schreiber, dem die langen En⸗ den ſeines weißen Mantelkrägchens um die Beine bau⸗ melten, da er ſich mit keinem Ueberrock brüſten konnte, eilte ſchleifend Cornhill hinunter, wo eine Heerde von Knaben zu Ehren des Weihnachtsabends ſich auf dem Eiſe vergnügte, und eilte dann, ſo ſchnell er nur konnte, nach Camden⸗Town nach Hauſe, um daſelbſt mit den Seinigen Blindekuh zu ſpielen. Scrooge nahm ſein melancholiſches Mahl in ſeinem Boz, Chuzzlewit I. 2 18 gewohnten düſteren Wirthshauſe ein und ging endlich, nachdem er alle Zeitungen geleſen und den Reſt des Abends über ſeinem Banquierbuche hingebrütet hatte, nach Hauſe, um ſich ſchlafen zu legen. Er wohnte jetzt in denſelben Gemächern, die einſt ſeinem verſtorbenen Aſſocié angehört hatten. Es war eine düſtere Zimmerreihe in einem finſtern Gebäude hinten in einem Hofe, das ſo un⸗ berufenerweiſe dort ſtund, daß der Beſchauer ſich des Ge⸗ dankens nicht entſchlagen konnte, das Haus müſſe einſt in ſeinen Knabenjahren, als es einmal mit andern Häuſern Verſteckens ſpielte, ſich dorthin verlaufen und den Heim⸗ weg verloren haben. Nun war es freilich alt genug und auch trübſelig genug, da Niemand als Scrooge es be⸗ wohnte, und die andern Zimmer alle als Comptoirs ver⸗ miethet waren. Der Hof ſelbſt war ſo finſter, daß ſogar Scrooge, dem jeder Stein darin bekannt war, den Weg faſt mit den Händen ſuchen mußte. Nebel und Froſt um⸗ ſchwebten ſo ſehr den alten düſtern Thorweg des Hauſes, daß es nicht anders ſchien, als ob der Genius des Wet⸗ ters in traurigem Nachdenken auf der Schwelle ſitze. Es iſt nunmehr erwieſen, daß an dem Thürklopfer dieſes Hauſes keine andere beſondere Merkwürdigkeit zu ſchauen war, als daß er von jeher unverhältnißmäßig groß geweſen; auch iſt's nicht minder eine Thatſache, daß Scrooge ihn Tag und Nacht faſt zu jeder Stunde ſchon geſehen, ſeit er jenes Haus bewohnte; wie es ebenfalls offenkundig iſt, daß Scrooge von Dem, was man ge⸗ wöhnlich Phantaſie nennt, um kein Härchen mehr beſaß, als irgend ein Mann in der City von London, ſelbſt— was freilich ein kühnes Wort iſt— den ganzen Gemeinde⸗ rath nebſt Aldermen und Zünften mit eingeſchloſſen. Ebenſo müſſen wir im Voraus feierlich verſichern, daß Scrooge, ſeit er an dieſem Nachmittag zum Letztenmal ſeines ſchon ſeit ſieben Jahren verſtorbenen Geſchäftsgenoſſen Erwäh⸗ nung gethan, nicht im mindeſten mehr an Marley ge⸗ dacht hatte. Nun aber ſoll mir Ein Mann herkommen, und, wenn er es vermag, erklären, wie es kam, daß * 19 Serooge, als er ſeinen Hausſchlüſſel in's Thuürſchloß ſteckte, in dem Thurklopfer, ohne daß mit dieſem eine unmittelbare Veränderung vor ſich ging, nicht einen Thür⸗ klopfer ſondern Marley's Angeſicht erblickte.. Ja, ich wiederhole es, er ſah Marley's Angeſicht. Es war nicht in undurchdringlichen Schatten gehüllt wie die übrigen Gegenſtände auf dem Hofe, ſondern verbrei⸗ tete einen kleinen dämmernden Lichtſchein um ſich, wie ein ſtinkender Hummer in einem dunkeln Keller. Es war auch nicht furchtbar oder grauenhaft anzuſchauen, ſondern blickte auf Serooge, wie Marley gewöhnlich zu thun pflegte; es hatte nämlich die geiſterhafte Brille über ſeine geſpenſtige Stirne hinaufgerückt. Seltſamerweiſe ſtand das Haar zu Berge, wie wenn ein Lüftchen oder ein heißer Qualm es emporgeweht hätte, und obwohl die Augen weit offen waren, fehlte ihnen doch alle Bewegung. Dieß und die bleiche Farbe des Geſichts machten es entſetzlich, allein trotz des Geſichts und faſt ohne ſein Hinzuthun ſchien es doch in ſeinem eigenen Ausdrucke neben andern Gemüthsbewegungen auch noch den des Entſetzens auszu⸗ drücken. Als Scrooge ſtarrer auf dieſe Erſcheinung blickte, war es wieder ein Thürklopfer, den er in's Auge faßte. Wir würden uns eine Unwahrheit zu Schulden kom⸗ men laſſen, wenn wir ſagen wollten, der Alte ſei nicht erſchrocken, oder ſein Blut habe nichts von dem fürchter⸗ lichen Eindruck empfunden, der ihm ſchon ſeit ſeinen Kin⸗ derjahren fremd geweſen war. Indeß legte er ſeine Hand wieder an den Schlüſſel, den ſie kaum zuvor verlaſſen, drehte ihn im Schloſſe um, ſchritt in die Hausthüre hin⸗ ein und zündete ſich ſeine Kerze an. Er verweilte jedoch noch einen Augenblick unent⸗ ſchloſſen, ehe er die Thüre wieder abſchloß, und blickte erſt vorſichtig dahinter, als erwartete er halb und halb, zu ſeinem Schreck Marley's Zopf nach dem Flure hin gerichtet, in der Thüre ſtecken zu ſehen. Inzwiſchen war auf der Rück⸗ ſeite der Thüre nichts zu erblicken, als die Schrauben und die Schraubenköpfe, womit der Thuͤrklopfer befeſtigt war, ¹ 7 2*⅝ 20 drum ſtieß er auch ein unwilliges Puh! Puh! aus und ſchlug lautſchallend die Thüre zu. Der Wiederhall davon tönte wie Donner durch das Haus. Jedes Zimmer im obern Stocke und jedes Faß in dem Keller des Weinhänd⸗ lers drunten ſchien ſeinen eigenen Schall von Echo zu haben; Serooge war aber nicht der Mann, der ſich von Echo's in's Bockshorn jagen ließ. Er verriegelte die Thuüre und ſchritt den Flur entlang und die Treppe hin⸗ auf,— etwas langſam freilich und auch nicht ohne zuvor das Licht geputzt zu haben, als er hineinſchritt. Man kann zwar ungefähr behaupten, daß ſich eine ſechsſpännige Kutſche über eine gute Treppe aus unſerer Väter Vorzeit oder durch eine ſchlechte junge Parlaments⸗ akte hindurchkutſchiren laſſe; ich aber wage zu behaupten, man hätte über dieſer Treppe in Scrooge’s Hauſe ohne beſondere Mühe einen Leichenwagen hinaufſühren können, und hätte man denſelben auch der Breite nach mit dem Wagenſchwengel nach der Wand und der Thüre nach dem Geländer zu genommen. Sie wäre, meiner Treu, weit genug dazu geweſen und man hätte nicht einmal den Raum ſparen dürfen; das iſt vielleicht auch der Grund, daß Servoge einen Leichenzug mit einer Locomotive im Dunkel vor ſich herfahren zu ſehen glaubte. Ein halbes Dutzend Gaslampen, wie ſie draußen auf den Straßen ſtehen, hätten nicht hingereicht, dieſe Hausflur auch nur leidlich zu erhellen, und ſo mag ſich jeder unſerer Leſer ſelbſt denken, wie dunkel ſie noch bei dem Lichtchen ſein mochte, das Scrooge in der Hand trug. Servoge alſo ſpazierte die Treppe hinauf und kehrte ſich den Henker darum; Dunkelheit iſt ja wohlfeil, und mehr wollte Scrooge nicht haben. Ehe er aber ſeine ſchwerfällige Zimmerthüre von innen abſperrte, ſchritt er noch einmal durch ſein Zimmer hin, um zu ſehen, ob Al⸗ les in Ordnung ſei; das Geſicht von drunten war ihm noch zu lebhaft im Gedächtniſſe, als daß er nicht dieſen Wunſch noch gehegt hätte. Wohnzimmer, Schlafzimmer, Polterkammer, Alles war 2— 21 in gehöriger Ordnung,— Niemand unter dem Tiſche, Nie⸗ mand unter dem Sopha, Löffel und Teller ſtanden parat, ein kleines Feuerchen kniſterte auf dem Roſt des Kamins und das kleine Keſſelchen mit Haferſchleim(Scrooge hatte nämlich einen Schnupfen) hing am Haken über dem Feuer;— Niemand unter dem Bette, Niemand im Schlafzimmer, und auch kein fremder Kerl im Schlafrocke, der in verdächtiger Stellung an der Wand hing! Auch die Rumpelkammer war wie ſonſt; ein altes Feuergitter, altes Schuhwerk, zwei Fiſchkörbe, ein alter Koffer, ein Waſchtiſch auf drei Bei⸗ nen und ein Schüreiſen bildeten den ganzen Inhalt. Höchſt befriedigt ſchlug Scrooge die Thüre zu und ſchloß ſich ſelber ein; ja er drehte ſogar den Schlüſſel zweimal um, was ſonſt nicht ſeine Gewohnheit war. Als er ſich ſo gegen Ueberraſchung geſchützt hatte, band er ſein Halstuch ab, zog Schlafrock und Pantoffeln an, umhüllte ſein Haupt mit der Nachtmütze, und ſetzte ſich dem Feuer gegenüber, um ſeinen Haferſchleim auszulöffeln. Das Feuerchen war in der That klein genug, faſt zu gar nichts nütze bei einer ſolchen grimmkalten Nacht; er mußte ſich hart an's Feuer ſetzen und gleichſam darüber hinkauern, bevor er nur das mindeſte Gefühl von Wärme aus dieſer Hand voll Feuerung verſpüren konnte. Das Kamin war uralt, vor langen, langen Jahren von irgend einem hol⸗ ländiſchen Handelsherrn erbaut und ringsum mit ſeltſamen holländiſchen Backſteinen bepflaſtert, welche Zeichnungen zum Verſtäudniß und zur Verherrlichung der heiligen Schrift enthielten. Da waren in verſchiedenen Ausgaben zu ſchauen: Kain und Abel, Pharav's Tochter, die Königin von Saba, engliſche Boten, die auf Wolken wie Federbet⸗ ten vom Himmel herniederſtiegen, Abraham, Belſazzar, Apoſtel, die in Marktſchiffen in die See ſtachen,— kurzum Hunderte von Figuren, die ſeine Gedanken in Anſpruch nahmen, und hinterdrein kam jenes geiſterhafte Geſicht des ſchon ſeit ſieben Jahren verſtorbenen Marley, und verſchlang wie jener Stab des alten Propheten das Ganze. Wenn jeder glänzende Ziegel erſt blank und im Stande geweſen 22 wiäre, aus den wirren Fragmenten ſeiner Gedanken irgend ein Gemälde auf ſeine Oberfläche zu zaubern, wäre wohl auf jedem eine Copie vom Kopf des alten Marley geweſen. „Poſſen!“ ſagte Scrooge und ſchritt im Zimmer auf und nieder. Nachdem er dieß mehrmals wiederholt hatte, ſetzte er ſich wieder in ſeinen Stuhl. Als er den Kopf in den Stuhl zurücklehnte, blieb ſein Auge unwillkürlich an einer Glocke hängen, einem alten abgegriffenen Klingelzuge, der im Zimmer hing und Gott weiß zu welch längſt vergeſſe⸗ nem Zwecke mit einer Kammer im oberſten Stockwerk des Hauſes in Verbindung ſtand. Zu ſeinem größten Erſtaunen und mit einem ſeltſamen Gefühle unwillkürlichen Bangens gewahrte er, als er hinblickte, wie dieſer Klingelzug ſich auf einmal zu bewegen begann; erſt ward er nur ſo ſanft und leiſe in Schwingung geſetzt, daß die Glocke kaum ei⸗ nen Ton von ſich gab, bald aber ſchallte ſie laut und alle Glocken im Hauſe ſtimmten daſſelbe Geläute an. Dieß mochte etwa eine halbe Minute, vielleicht auch eine ganze, gedauert haben; für Scrooge aber ſchien's eine ganze Stunde zu ſein. Die Glocken hörten auch zuſammen auf, wie ſie zuſammen begonnen hatten. Plötzlich aber folgte ihnen von der unterſten Tiefe des Hauſes herauf ein klirrendes, lautes Geräuſch,— nicht anders, als ob irgend Jemand eine ſchwere Kette über die Fäſſer im Hauſe des Weinhändlers hinſchleife. Scrooge erinnerte ſich, gehört zu haben, daß man von Spukgeiſtern in Häu⸗ ſern, wo es nicht geheuer war, zu ſagen pflegte, ſie ſchlepp⸗ ten Keiten hinter ſich her.. Die Kellerthüre flog mit dumpfem Knalle auf, und nun hörte er, wie drunten in der Hausflur der Lärmen immer lauter ward, wie er ſodann die Treppe herauf kam und endlich gerade ſeiner Thüre zuſchritt. „Bah!l es ſind immer noch Poſſen,“ murmelte Scrooge vor ſich hin,„ich kann unmöglich daran glauben.“ Indeß änderte er doch die Farbe, als der Spukgeiſt ohne irgend eine Pauſe auf einmal durch die ſchwerfällige Thüre d 23 hereinkam und vor ſeinen Augen das Zimmer betrat. Kaum war er im Gemach, ſo flackerte auf einmal die erſterbende Flamme des Feuers hell auf, als hätte ſie rufen wollen: „Ich kenne ihn, Marley's Geiſt!“ und erſtarb dann wieder. Ja, es war dasſelbe Geſicht, ganz dasſelbe: Marley war's in ſeiner Zopſperücke, mit der gewohnten Weſte, in engen, kurzen Beinkleidern und hohen Stiefeln, deren Qua⸗ ſten ſich ſchaukelten und erzitterten wie der Zopf und die Frackflügel und das Haar auf ſeinem Kopfe; die Kette, die er nachſchleppte und um die Mitte des Leibes befeſtigt trug, war lang und wand ſich wie ein Schweif hinter ihm her. Sie war, wie Serooge deutlich bemerkte, aus Geldkaſſen, Schlüſſeln, Vorlegeſchlöſſern, Hauptbüchern, Urkunden und ſchweren, aus Stahldraht gewobenen Ketten zuſammenge⸗ ſetzt. Der Körper des Geſpenſtes war durchſichtig und er⸗ laubte auf dieſe Weiſe Scrooge, als er ihn genauer in's Auge faßte, durch ſeinen Frack und Weſte hindurch zu blicken und die beiden Knöpfe auf dem Rücken des Fracks zu ſehen. . Scrooge hatte oft behaupten hören, daß Marley kein Herz im Leibe gehabt habe, allein er hatte es bis auf den heutigen Tag noch nicht geglaubt;— ja, er glaubte es faſt jetzt noch nicht. Obwohl er das Geſpenſt durch und durch beſchauen konnte und es vor ſich ſtehen ſah, obwohl er den erſtar⸗ renden Eindruck ſeiner todeskalten Augen fühlte und ſogar das Gewebe des zuſammengefalteten Taſchentuchs bemerken konnte, welches das Geſpenſt um Kinn und Kopf geknüpft trug, und das er vorher nie an ihm bemerkt hatte, war er doch noch ungläubig und mißtraute ſeinen eigenen Sinnen. „Was giebt's?“ rief Serooge mit ſeiner gewöhnlichen kalten, barſchen Kürze;—„Was haſt Du mit mir zu ſchaffen?“ „Mancherlei!“ verſetzte das Geſpenſt dumpf und auch die Stimme überzeugte Scrooge, daß es Marley war. „Wer biſt Du?“ fragte Scrooge noch einmal. 24 „Frage mich lieber, wer ich war!“ erwiderte das Ge⸗ ſpenſt.— 4„Und wer warſt Du denn?“ forſchte Scrooge mit lauter Stimme weiter;„Du biſt ein wunderlicher Kautz für ain Geſpenſt.“ „Zu meinen Lebzeiten,“ gab die Spukgeſtalt zur Ant⸗ wort,„war ich Dein Geſchäftsgenoſſe Jakob Marley.“ „Kannſt Du— auch ſitzen,“ fuhr Scrooge fort, in⸗ dem er einen zweifelhaften Blick auf ihn warf. Das Geſpenſt bejahte. „So nimm Platz,“ fuhr Scrooge fort. 6 Scrooge hatte nur dieſe Frage an ihn gerichtet, weil er nicht gewiß wußte, ob ein ſo durchſichtiges Geſpenſt auch im Stande ſein würde, ſich auf einen Stuhl zu ſetzen, und fühlte, daß, falls ihm dieſes unmöglich wäre, er ihm noth⸗ gedrungenerweiſe einen ſehr ſchwer zu führenden Beweis und eine Erklärung abverlangen könnte; allein der Geiſt nahm auf der entgegengeſetzten Seite des Kamins Platz, als wäre er ganz daran gewöhnt. 2 „Du glaubſt mir alſo nicht?“ fragte der Geiſt. „Keineswegs,“ gab Scrooge zur Antwort. „Was vermöchte Dich außer dem Zeugniß Deiner Sinne noch zu überzeugen, daß ich wirklich vorhanden bin?“ fragte Marley's Geiſt in dumpfen Grabestönen. „Ich weiß es ſelbſt nicht,“ erwiderte Servoge. „Warum mißtrauſt Du Deinen eignen Sinnen?“ fuhr der Geiſt fort. 3 „Weil eine Kleinigkeit ſie angreift,“ verſetzte Scrooge. —„Wenn ich meinen Magen nur im Geringſten überlade, werden ſie zu Betrügern an mir; ein unverdauter Biſſen Fleiſch, ein wenig Senf, eine Käſekruſte, ein Theil von einer halbrohen Kartoffel kann Dich erzeugt haben. Wer Du auch ſein magſt, ſo glaube ich doch, daß eher eine Kraftbrühe als die Gruft Dich ins Leben gerufen hat!“ Scrooge ließ ſich nur ſelten dazu hinreißen, Witze zu machen, auch war es ihm im gegenwärtigen Augenblicke keineswegs ſo ſcherzhaſt zu Muthe; allein er wollte we⸗ 25 nigſtens kühn zu ſein verſuchen, um durch dieſes Mittel theils ſeine eigene Aufmerkſamkeit zu zerſtrenen, theils ſei⸗ nen Schreck niederzukämpfen; denn die Stimme des Ge⸗ ſpenſtes erſtarrte ihm beinahe das Mark im Gebein. Scrooge fühlte wohl, daß es ſich ſelbſt zu viel zuge⸗ inthet heiße, wollte er hier dieſen ſtarren eiſigen Angen eine Weile ſchweigend gegenüberſitzen und entgegenblicken; auch lag etwas wahrhaft Grauenhaftes in dem Umſtande, daß das Geſpenſt gleichſam ſo zu ſagen mit einer eigenen hölliſchen Atmoſphäre umgeben war, welche zwar Scrooge ſelbſt nicht fühlen konnte, die aber doch nichts deſto weni⸗ ger vorhanden war, denn wiewohl der Geiſt vollkommen regungslos daſaß, waren doch ſein Haar, ſeine Quaſten und Rockflügel in ſteter Bewegung wie vom heißen Dampf eines Ofens. „Siehſt Du dieſen Zahnſtocher?“ fragte Scrooge, indem er aus den vben angegebenen Gründen die Sache alsbald wieder ſpaßhaſt zu nehmen verſuchte, und— ob auch nur für eine Sekunde— den eiſigen Blick des Ge⸗ ſpenſts von ſich ſelbſt abwenden wollte. „Ich ſehe ihn,“ verſetzte der Geiſt. „Aber Du blickſt ja nicht drauf hin!“ rief Scrooge. „Ich ſehe ihn nichts deſto weniger deutlich.“ „Wohlan denn,“ verſetzte Scrooge,„ich brauche nur dieſes armſelige Stückchen Bein hinunterzuſchlucken, um all mein Lebtage lang von einer Legion von Kobolden verfolgt zu werden, die ſämmtlich meine eigenen Geſchöpfe ſind. Poſſen! ſage ich Dir, lauter Poſſen!“ Ob dieſen Worten ſtieß das Geſpenſt einen gräßlichen Schrei aus und raſſelte mit feinen Ketten auf eine ſo gräu⸗ lich betäubende Weiſe, daß Scrooge ſich mit beiden Hän⸗ den an ſeinem Stuhle halten mußte, um nicht in ſeiner Ohnmacht vom Stuhle zu ſinken. Aber um wie viel grö⸗ ßer ward noch ſein Schreck, als das Geſpenſt die Binde um den Kopf abnahm, als gäbe ſie ihm im Zimmer zu waßm, und ſein Unterkiefer plötzlich auf die Bruſt herab⸗ ſank, 26 Scrooge fiel auf die Kniee nieder und bedeckte ſein. Geſicht mit den Händen. „Hab' Erbarmen, fürchterliches Geſpenſt!“ rief er,— „warum erſchreckſt Du mich ſo?“ „Menſch mit dem weltlichen Sinne!“ verſetzte der Geiſt,„ſag' an, glaubſt Du jetzt an mich oder nicht?“ „Ich glaube,“ rief Serooge,—„ich muß ja glauben. Allein warum wandeln Geiſter auf der Erde umher, und warum kommen ſie zu mir.“ „Es wird von jedem Menſchen gefordert,“ gab das Geſpenſt zur Antwort,„daß der Geiſt in ſeinem Buſen umherwandere unter den andern Menſchen und große weite Reiſen thue, und wenn jener Geiſt bei des Menſchen Leb⸗ zeiten die Wanderung nicht antritt, wird er verdammt ſie nach dem Tode zu thun. Er iſt verurtheilt, durch die Welt zu wandern und,— Wehe über mich!— Zeuge zu ſein von Dem, woran er nicht Theil nehmen kann, aber auf Erden hätte mitwirken und zum Guten wenden können.“ Hier ſtieß das Geſpenſt von Neuem wieder einen Schrei aus und klirrte mit ſeiner Kette und rang ſeine knöchernen Hände. „Du trägſt ja Feſſeln?“ fragte Scrooge zitternd;— „ſo ſag' mir doch: aus welchem Grunde?“ „Ich trage die Kette, die ich in meinem Leben ſchmie⸗ dete,“ gab der Geiſt zur Antwort;„ich ſchmiedete ſie Glied um Glied und Elle um Elle, gürtete ſie um aus freien Stücken und trug ſie ebenfalls freiwillig. Iſt Dir ihre Form ſo ſehr unbekannt?“ Scrooge zitterte immermehr.. „Möchteſt Du vielleicht wiſſen?“ fuhr der Geiſt fort, „wie ſchwer und lang die ſtarke Kette iſt, die Du ſelbſt trägſt? Vor ſieben Weihnachts⸗Abenden war ſie eben ſo ſchwer und eben ſo lang als dieſe; ſeither haſt Du fleißig an ihr gearbeitet und ſie iſt eine ſchwere, mächtige Kette geworden.“ Scrooge ſah ängſtlich zum Boden hernieder und um ſich her, als erwartete er ſich ſelbſt von funfzig oder ſechs⸗ V V 27 zig Klaftern ſchwerer Ankerketten umgeben zu finden, allein er vermochte nichts zu ſehen. „Jakob!“ rief er in bittendem Tone;—„alter Jakob Marley! eröffne mir mehr! Sprich mir Troſt zu, alter Jakob!“ „Ich kann Dir keinen geben,“ verſetzte der Geiſt;— „er kommt von andern Regionen, Ebenezar Scrooge, und wird von andern Boten und an andere Menſchenkinder als Du gereicht. Auch darf ich Dir nicht ſagen, was ich ſa⸗ gen möchte; nur noch eine kleine Weile kann ich um Dich verweilen. Ich darf nicht ruhen, ich darf nicht ſtille ſtehen, noch irgend ſäumen, meiner Pflicht zu genügen; nirgends iſt mir Raſt noch Ruhe beſchieden. Nie hat mein Geiſt die Schwelle unſers Comptvirs überſchritten; beherzige es wohl, bei meinen Lebzeiten vermochte, wie geſagt, mein Geiſt nie die geringen Grenzen unſrer Geldwechslerhöhle in der City zu überſchreiten!— Jetzt aber muß ich wan⸗ dern und muühſame Reiſen ſtehen mir bevor.“ Scrrooge war gewöhnt, ſo oft er nachdenklich war, ſeine Hände in die Hoſentaſchen zu ſtecken; als er jetzt des Geiſtes Worte näher erwog, machte er es ebenſo, al⸗ lein er wagte weder den Blick zu erheben, noch ſeine Kniee zu regen. „Du mußt wohl recht müde davon geworden ſein, Jakob?“ bemerkte Scrooge in einem ſchnarrenden Geſchäfts⸗ tone, wiewohl mit Demuth und Beſcheidenheit. „Ja wohl, müde,“ wiederholte der Geiſt. „Sieben Jahre todt und ſtets auf der Reiſe?“ mur⸗ melte Scrooge nachdenklich vor ſich hin. „Immer war ich auf Reiſen, ohne Raſt und Ruhe, und ſtets von unaufhörlichen Gewiſſensbiſſen heimgeſucht.“ „So reiſeſt du wohl ſchnelle?“ fragte Scrooge weiter. „Auf den Schwingen des Windes,“ verſetzte der Geiſt. „Da mußt Du wohl in ſieben Jahren eine große Strecke Wegs zurückgelegt haben?“ meinte der alte Filz. Als der Geiſt dies hörte, ſtieß er einen andern Schrei aus und klirrte mit ſeiner Kette ſo entſetzlich durch 28 die Todtenſtille der Nacht, daß das Polizeiamt vollkommen Recht gehabt hätte, wenn es ihm eine Strafe für nächt⸗ liche Ruheſtörung auferlegt haben würde. „O!“ rief das Geſpenſt,—„gefangen und gebunden und in doppeltes Eiſen geſchlagen zu ſein, nicht zu wiſſen, wie lange Jahre voll unaufhörlicher, unausgeſetzter Mühe und Pein die unſterblichen Weſen erwarten, welche ſich nicht hienieden ſchon dazu bequemt hatten, ſo viel Gutes zu thun, als in ihren Kräſten ſtand, weil dieſes irdiſche Daſein ſchnell vorübergeht und wir noch in der Ewigkeit Rechenſchaft dafür geben müſſen,— das iſt ein entſetzliches Loos. Nicht zu wiſſen, daß jeder chriſtliche Geiſt, der in ſeinem kleinen Kreiſe, wie beſchränkt dieſer auch immer ſein mag, Werke der Menſchenliebe und Herzensgüte beabſichtigt, ſein ſterbliches Leben zu kurz finden und manche Gelegenheiten für verſäumt erachten wird! Aber ſo war ich, ja, ſo war ich ſelbſt!“ „ Aber Du biſt ja ſtets ein guter Geſchäftsmann ge⸗ weſen, Jakob,“ ſtotterte Scrooge, dem es nun auf einmal beifiel, die Rede des Geiſtes auf ſich ſelbſt zu beziehen. „Geſchäftsmann?“ ſchrie das Geſpenſt und rang auf's Neue die Hände,„die Menſchheit war mein Geſchäft. Die allgemeine Wohlfahrt und Mildthätigkeit, Menſchenfreundlich⸗ keit, Nachſicht, Herzensgüte und Wohlwollen wären alle zuſammen eigentlich mein Beruf geweſen. Die gemeine Thätigkeit in meinem Handel war nur ein Tropfen Waſ⸗ ſers in dem allumfaſſenden Ocean meines Berufs und meiner Pflichten.“ Er hielt ſeine Kette auf Armslänge empor, als ob ſie die ÜUrſache, ſeines vergeblichen Kummers wäre, und ſchleuderte ſie dann in mächtigem Zorn wieder auf den Boden. „In dieſer Zeit des endenden Jahres,“ fuhr das Spuck⸗ geſpenſt fort,„leide ich am meiſten. Warum wandelte ich auch durch dichte Haufen von Mitgeſchopfen mit abge⸗ wandten Augen, und ſchlug ſie nie zu jenem geſegneten Stern empor, der die drei weiſen Männer zu dem niedern 8 29 Dach von Beihlehem führte? Gab es nicht arme und niedere Hütten genug, zu denen ſein Licht mich geführt haben würde?“ 3 Serooge erſchrack nicht wenig, als er das Geſpenſt ſich auf dieſe Weiſe beflagen hörte, und begann mächtig zu zittern. „Höre mich!“ rief der Geiſt,„meine Zeit iſt nahe um.“ „Ich will ja,“ verſetzte Scrooge,—„aber tadle mich ja nicht hart, Jakob! ſei nicht zu ſtrenge gegen mich, ich bitte Dich!“ „Wie es kommt, daß ich jetzt in einer ſichtbaren und für Deine Sinne begreiflichen Geſtalt erſcheine, vermag ich Dir nicht zu ſagen,“ eiwiderte der Geiſt,—„ich bin manch' lieben Tag unſichtbar an Deiner Seite geſeſſen.“ Das war feineswegs ein angenehmer Gedanke für Serooge, der von innen heraus erbebte und ſich den Schweiß von der Stirne wiſchte. „Dies iſt nicht der leichteſte Theil meiner Buße!“ fuhr der Geiſt fort,„ich mußte heute Nacht hieher kom⸗ men, um Dich zu warnen, daß Du noch eine Ausſicht und Hoffnung haſt meinem Schickſal zu entgehen— eine Ausſicht und Hoffnung, die ich Dir verſchaffe, Ebenezar.“ „Du warſt ſtets freundlich gegen mich geſinnt, und ich danke Dir,“ ſprach Scrooge. 4 „Nun werden Dich noch drei Geiſter heimſuchen!“ ſuhr das Geſpenſt fort. Scrooge's Geſicht war davon beinahe ſo lang als das des Geſpenſtes, wie es das Tuch um das Kinn ab⸗ genommen hatte. 3 „Iſt das die Ausſicht und Hoffnung, derer Du erwähn⸗ teſt, Jakob?“ fragte der gequälte Alte mit halb erſtickter Stimme. „Allerdings,“ war die Antwort. „Ich ſollte meinen,“ verſetzte Scroyge,—„das wäre ſie keineswegs.“ „Ohne den Beſuch jener drei Geſpenſter,“ fuhr der 30 Geiſt fort,„haſt Du keine Hoffnung, den Pfad zu ver⸗ meiden, auf dem ich jetzt wandle. Erwarte den erſten morgen, wenn die Glocke Eins ſchlägt.“ „Könnte ich nicht Alle auf einmal haben, damit die Sache deſto ſchneller vorüber wäre?“ fragte Serooge. Das Geſpenſt antwortete auf dieſe Frage nicht, ſon⸗ dern fuhr fort: 3 „Erwarte den zweiten in der nächſten Nacht und um dieſelbe Stunde. Der dritte wird ſodann in der dritten Nacht erſcheinen, wenn der letzte Glockenſchlag von Mit⸗ ternacht in der Luft zu erzittern aufgehört hat. Erwarte mich nicht ferner zu ſehen, und gib nur Acht, daß Du, um Deines eigenen Heiles willen, nie aus dem Sinne verliereſt, was zwiſchen uns vorgefallen iſt.“ Als das Geſpenſt die Worte ausgeſprochen hatte, nahm es das Tuch vom Tiſche, und band es wieder wie zuvor um den Kopf. Scrooge bemerkte dies an dem knir⸗ ſchenden Tone, den ſeine Zähne machten, als die Kinn⸗ laden durch die Binde zuſammengeſchlagen wurden; er wagte es, ſeine Augen wieder zu erheben, und ſah, daß ſein übernatuürlicher Beſucher die Kette um den Arm ge⸗ wunden hatte, und ihn in aufrechter Stellung feſt firirte. Die Erſcheinung ſchritt rückwärts von ihm hinweg, und bei jedem Schritt, denn ſie nahm, öffnete ſich das Fenſter etwas mehr, ſo daß es in dem Augenblicke, wo das Geſpenſt es erreichte, weit offen war. Sie bat Scrooge näher zu kommen, was er auch alsbald that, und als ſie zwei Schrttte auseinander waren, hielt Marley's Geiſt plötzlich ſeine Hand empor, als wollte er ihn warnen, nicht näher zu kommen. Scrooge blieb ſtehen, nicht ſowohl aus Folgſamkeit, als aus Ueberraſchung und Furcht, denn als das Geſpenſt die Hand erhob, ward er ein wirres, ſeltſames Getöſe in der Luft inne, das wie unzuſammenhängende Töne von Wehklage und Reux, wie Jammergeſchrei voll unausſprech⸗ lichen Kummers und Selbſtvorwurfs klang. Nachdem das Geſpenſt eine Weile ſchweigend zugehört hatte, ſtimmte 31 es in den ſchwermüthigen Trauergeſang ein, und verſchwand auf einmal in der düſtern, kalten Nacht draußen. Scrooge folgte ihm an's Fenſter, von verzweifelter Neugier getrieben, und blickte hinaus: die ganze Luft war mit Geſpenſtern erfüllt, die in ruheloſer Haſt bald hierher, bald dorthin eilten, und fürchterliches Wehgeſchrei dabei ausſtießen; jedes von ihnen trug Ketten wie Marley's „Geeiſt, und manche von ihnen— das mochten wohl Ca⸗ pitalverbrecher ſein— waren Paarweiſe zuſammengeſchmie⸗ det, und kein einziges von ihnen war frei. Manche von ihnen waren zu ihren Lebzeiten Scrooge perſönlich bekannt und befreundet geweſen, beſonders einer von ihnen, der Geiſt eines alten Mannes in einer weißen Weſte, der einen großen eiſernen Koffer am Fuße angeſchmiedet trug, und mörder⸗ lich ſchrie, weil er nicht im Stande war, einem unglück⸗ lichen Weibe mit einem Kinde auf dem Arm, welches er unter ſich auf einer Vortreppe ſah, beizuſpringen. Das Widerwärtigſte bei dieſem Anblick und, wie es ſchien, zu⸗ gleich auch der größte Kummer ſämmtlicher Unglücklichen war, daß ſie offenbar ſich auch beſtrebten, menſchliches Elend zu mildern, und doch die Kraft dazu für immer ver⸗ loren zu haben ſchienen. Ob dieſe ſeltſamen Gebilde nun auf einmal in Nebel zerfloſſen, oder ob der Nebel ſie nur verhüllte, können wir nicht ſagen; ſo viel aber iſt gewiß, daß ſie und ihre gei⸗ ſterhaften Stimmen zugleich unbemerkbar wurden, und die Nacht wieder eben ſo düſter und dunkel ward, als ſie zur Zeit von Scrooge's Heimkehr geweſen war. Scrooge ſchloß das Fenſter, und unterſuchte die Thüre, durch welche der Geiſt eingetreten war; ſie war doppelt verſchloſſen und verriegelt, wie er es mit eigener Hand gethan hatte, und die Riegel waren noch unverſehrt im alten Zuſtande; er wollte eben wieder ſein gewöhnli⸗ ches„Poſſen!“ für ſich hinmurmeln, allein er hielt bei der erſten Sylbe inne, und da er— ſei es nun von der Aufre⸗ gung, unter welcher er gelitten hatte„oder den Strapazen des Tages, oder von ſeinem Blicke in die ihm ſeither ver⸗ 4 ſchloſſene und unſichtbare Welt der Geiſter, oder der ſpäten Stunde, oder der trübſeligen Unterhaltung des Geſpenſtes — ein dringendes Bedürfniß nach Ruhe fühlte, ging er ohne weiteres zu Bette, ohne ſich auszukleiden, und verfiel augenblicklich in tiefen Schlaf. Zweite Strophe. Der erſte der drei Geiſter. — Als Scrooge erwachte, war es ſo dunkel, daß er aus dem Bette blickend kaum das durchſichtige Fenſter von den trüben Wänden ſeines Schlafzimmers zu unterſcheiden vermochte; er bemühte ſich mit ſeinen Frettchenaugen die Dunkelheit zu durchdringen, als das Glockenſpiel einer benachbarten Kirche auf einmal die vier Viertel ſchlug;— ängſtlich lauſchte er nach der Stunde. 3 Zu ſeinem größten Erſtaunen ſchlug die ſchwere Glocke ſechs, dann ſieben, und ſo fort, bis er auf zwölf gezählt hatte; dann hielt ſie plötzlich inne. Zwölf Uhr! es war zwei Uhr vorüber geweſen, als er zu Bette gegangen war, die Uhr konnte unmöglich recht gehen— ein Eiszapfen mußte in's Werk gerathen ſein,— Zwölf Uhr! Er drückte auf die Feder ſeiner Repetiruhr, die vor⸗ eilige Glocke Lüge zu ſtrafen; ihr kleiner raſcher Puls ſchlug ebenfalls zwölfmal, und hielt dann inne. „Nein, es iſt unmöglich, daß ich den ganzen Tag hindurch, und tief bis in die andere Nacht hinein geſchla⸗ fen habe!“ rief er ungläubig;— es iſt aber auch nicht möglich, daß der Sonne irgend Etwas zugeſtoßen iſt, und die Glocke jetzt Mittag verkündet.“ Dieſer Gedanke war ſo beunruhigend für ihn, daß er aus dem Bette ſprang, und tappend ſeinen Weg nach dem Fenſter ſuchte; hier mußte er erſt den Reif mit dem Aermel —— dürfen. 33 ſeines Schlafrocks wegreiben, ehe er Etwas ſehen konnte, und ſelbſt dann vermochte er nur wenig zu ſehen. Das Einzige, was er ausfindig machen konnte, war, daß draußen noch tiefer Nebel und ſchneidende Kälte herrſchte, und kein Lärm und Geräuſch ab⸗ und zugehender Leute bemerkbar ward, kein Lärm und Geſchrei, wie er unzwei⸗ felhaſt von unten gehört haben würde, falls der helle Tag die Nacht vertrieben, und ſchon Beſitz von der Welt ge⸗ nommen hätte. Dies war für ihn ein großer Troſt, weil „drei Tage nach Sicht dieſes erſten Wechſels zahlbar an Herrn Ebenezar Scrooge u. ſ. w.“ für ihn nur etwa eine Bürgſchaft gleich der in den Vereinigten Staaten üblichen geworden ware, hätte er die Zwiſchentage nicht zählen Scrooge legte ſich wieder zu Bette, und grübelte und dachte hin und her, und konnte doch nichts Rechtes herausbringen. Je mehr er grübelte, deſto mehr verwirrte er ſich, und je mehr er ſich bemühte, nichts zu denken, deſto vielfältiger und verwirrter wurden ſeine Gedanken. Marley's Geiſt wollte ihm nie aus dem Kopfe und quälte ihn auf wahrhaft unchriſtliche Weiſe. So oft er, nach reif⸗ licher Prufung, mit ſich ſelbſt in's Reine kam, daß Alles nur ein Traum geweſen ſei, kehrte ſein Geiſt wieder, wie eine ſtarke, plötzlich losgeſchnellte Feder, in ſeinen früheren Zuſtand zurück, und hielt ihm daſſelbe Problem auf's Neue vor, um es wieder nach allen Theilen hin zu erwägen: War es ein Traum geweſen oder nicht? In dieſem Zuſtande lag Scrooge, bis das Glockenſpiel drei Viertel mehr geſchlagen hatte, und er erinnerte ſich jetzt auf einmal, daß der Geiſt ihm ſeinen zweiten Beſuch pünktlich auf die Zeit verkündigt hatte, wenn die Glocke Ein Uhr ſchlug. Er beſchloß alſo wach zu bleiben, bis die Stunde vorüber war, und in Anbetracht, daß er eben ſo wenig wieder einzuſchlafen, als gen Himmel zu fahren vermochte, war dies vielleicht der klügſte Entſchluß, deſſen er fähig war. 3 Boz, Chuzzlewit. 3 34 Die Viertelſtunde dauerte ſo lange, daß er ſich mehr als einmal überreden wollte, er ſei unbewußt in Schlum⸗ mer verſunken, und habe die Glocke überhört. Auf einmal ſchlug Glockenſchlag an ſein ängſtlich lauſchendes Ohr. „Ding⸗Dong!“ „Ein Viertel!“ ſprach Scrooge zählend. „Ding⸗Dong!“ „Halb Ein Uhr!“ rief Serooge. „Ding⸗Dong!“ „Drei Viertel!“ murmelte Scrooge. „Ding⸗Dong!“ „Die Stunde ſchlägt!“ rief Scrooge triumphirend, „„es hat ſich nichts gezeigt!“ Er triumphirte zu früh, ehe noch der Stundenſchlag getönt hatte, der jetzt mit einen einzigen tiefen, dumpfen, hohlen, melancholiſchen Tone er⸗ ſchallte. Augenblicklich übergoß Lichtſchein ſein Gemach, und die Vorhänge ſeines Bettes wurden zurückgezogen. Ja ich verſichere Sie, eine Hand ſchob die Vorhänge ſeines Bettes bei Seite,— nicht die Vorhänge an ſeinen Füßen oder die an ſeinem Rücken, ſondern gerade diejenigen, auf welche ſich ſein Blick richtete. Die Vorhänge ſeines Bettes wurden bei Seite geſchoben, und Scrooge, der in einer halb ſitzenden, halb liegenden Bewegung empor⸗ ſtarrte, ſah ſich ſelbſt von Angeſicht zu Angeſicht dem überirdiſchen Beſucher, der ſie zurückſchlug, ſo nahe gegen⸗ über, als ich es jetzt Ihnen bin, meine verehrten Leſer! und ich ſtelle mich im Geiſte an ihre Ellenbogen. Es war eine ſeltſame Geſtalt, einem Kinde etwa ähnlich, und doch wieder einem Kinde kaum ähnlicher als einem alten Mann, den man durch irgend ein übernatür⸗ liches Medium erblickte, welches ihm den Anſchein gab, als ſei er dem Blicke einigermaßen entrückt und dadurch zu den Verhältniſſen eines Kindes zuſammengeſchrumpft. Sein Haar, das ihm um den Nacken und über den Rücken hinabhing, war weiß, wie vom Alter gebleicht, und doch zeigte das Geſicht nicht eine einzige Runzel, und die zar⸗ teſte, blühendſte Farbe verſchönerte die Haut; die Arme waren ſehr lang und muskulös, wie auch die Hände, in welchen ungewöhnliche Kraft zu liegen ſchien. Seine Beine und Füße von der zarteſten Form waren wie die Ober⸗ theile ſeines Körpers nackt. Es trug eine Tunika vom reinſten Weiß, und um ſeine Hüfte war ein glänzender Gürtel geſchlungen, der einen herrlichen Schein verbrei⸗ tete. Dus Geſpenſt hielt einen Zweig von friſchem, grü⸗ nem Wachholder in der Hand, und hatte in ſeltſamen Wi⸗ derſpruche mit dieſem Sinnbilde des Winters ſein Gewand mit Frühlingsblumen geziert; das ſeltſamſte an ihm aber war, daß der Krone auf ſeinem Kopfe ein hellglänzender Lichtſtrahl entſprang, der all' dies zu erblicken erlaubte, und den er unzweifelhaft zu der Zeit, wo er ihn nicht benützte, d. h. in trüberen Augenblicken unter einer Kappe in Geſtalt eines gkoßen Lichtauslöſchers verbarg, welchen er jetzt unter dem Arme trug. Ja, als Serooge mit wachſender Aufmerkſamkeit und Starrheit auf ihn hinblickte, fand er, daß dies noch nicht einmal ſeine ſeltſamſte Eigenſchaft war. Denn wie ſein Gürtel bald hier, bald dort Funken ſprühte, ſchimmerte und glänzie, und dann wieder an dem Orte dunkel ward, wo er ſo eben noch geleuchtet, ſo ſchien auch ſeine ganze Geſtalt ein ähnliches Licht und eine gleiche Helle auszu⸗ ſtrömen, und ſeine Formen gar oft zu verändern; bald war es nämlich ein Ding mit einem einzigen Arm, dann wieder mit einem einzigen Bein, alsdann wieder mit zwan⸗ zig Füßen, hierauf wieder nur ein Paar Füße ohne einen Kopf, und am Ende gar ein Kopf ohne einen Rumpf, und von den verſchwimmenden, ſich auflöſenden Theilen war alsdann in der dichten Gluth, worin das Uebrige verſchwamm, kein Umriß mehr ſichtbar. Zur größten Verwunderung des ſtaunenden Beſchauers nahm es als⸗ dann wieder ſeine vorigen Formen an und zwar ſo be⸗ ſtimmt und deutlich als je. 1 „Seid Ihr der Geiſt, Sir, deſſen Erſcheinung mir prophezeiht wurde?“ fragte Scrooge. Das Geſpenſt bejahte. 3* Seine Stimme war ſanft und wohltönend und zu⸗ gleich ſo leiſe, als ſtünde die Erſcheinung nicht neben ihm, ſondern wäre ziemlich weit von ihm entfernt. „Wer und was ſeid Ihr denn?“ fragte Scrooge. „Ich bin der Geiſt der vergangenen Weihnacht!“ war die Antwort. 4 „Und wohl einer längſt vergangenen?“ fragte Serooge mit einer Anſpielung auf die zwerghafte Geſtalt des Geiſtes. „Keineswegs,“ verſetzte der Geiſt,„ſondern vielmehr derjenige Eurer jüngſt vergangenen Weihnacht.“ Wenn ihn Jemand befragt hätte, würde Scrooge ſich wahrſcheinlich nicht Rechenſchaft darüber zu geben vermocht haben, allein er trug trotzdem ein beſonderes Verlangen, den Geiſt mit ſeiner Mütze auf dem Kopfe zu ſehen, und bat ihn daher ſich zu bedecken. „Wie!“ rief der Geiſt entrüſtet aus,„möchteſt Du ſo bald ſchon mit profanen Händen das Licht verlöſchen, das ich Dir gebe? Iſt es nicht genug, daß Du ſchon zu denen gehörſt, deren Leidenſchaften dieſe Kappe gemacht haben, und mich durch lange Reihen von Jahren nö⸗ thigen, ſie tief auf meiner Stirne zu tragen?“ Scrooge widerrief ehrerbietig jede Abſicht zu beleidi⸗ gen, und verſchwur ſich hoch und theuer, daß er nicht wiſſe, wie er je in ſeinem Leben mit Willen und Abſicht dazu beigetragen, daß das Geſpenſt ſeine Nachtmütze auf dem Kopfe trage. Alsdann that er kühn die Frage: wel⸗ cher Beruf den überirdiſchen Eindringling hieher führe. „Ich ſorge für Deine Wohlfahrt,“ erwiderte der Geiſt. Scrvoge wollte erwidern, daß er ſich hiedurch hoch ver⸗ pflichtet fühle, allein durchaus nicht abſehen könne, wie eine ſchlafloſe Nacht dieſen Zweck befördern ſollte. Der Geiſt mochte in ſeinen Gedanken geleſen haben, denn er fuhr alsbald fort: 4 „Ich will Deine Geneſung, darum achte wohl auf meine Worte;“ bei dieſen Worten reckte er ſeine ſtarke Hand aus und ſchlug den alten Filz artig auf den Arm. 37 „Steh auf!“ gebot er ihm„und folge mir nach.“ Scrooge würde vergebens vorgeſchützt haben, daß weder das Wetter noch die Stunde zu Fußwanderungen beſonders geeignet ſeien, daß ſein Bett warm und der Thermometer ein gutes Theil unter dem Geſrierpunkte nahe daß er zwar recht gerne erbötig wäre, dieſer Ein⸗ ladung zu folgen, allein jetzt leider nur ſeine Pantoffeln, Schlafrock und Nachtmütze trage und überdieß dermalen an einem Schnupfen leide. Dem Händedruck des Geſpen⸗ ſtes, ob er auch ſanft war, wie von einer Weiberhand, vermochte er doch nicht zu widerſtehen; er ſtand auf: als er jedoch fand, daß der Geiſt dem Fenſter zuſchritt, packte er ihn bittend am Rocke. „Ich bin ein ſterblicher Menſch,“ wagte Servoge einzuwenden,„und darum weder zu fliegen im Stande, noch vermögend, mich vor dem Fallen zu ſchützen.“ „Laß mich Dich nur mit meiner Hand hier berüh⸗ ren,“ ſprach der Geiſt, indem er ihm die Hand aufs Herz legte,„und Du ſollſt zu Höherem befähigt werden, als Du ſelbſt vermutheſt.“ Kaum hatte er dieſe Worte geſprochen, ſo ſchritten ſie durch die Mauer des Hauſes und ſtanden auf einer offenen Landſtraße, zu deren beiden Seiten ſich Felder dehnten; die Stadt war gänzlich verſchwunden und keine Spur mehr von ihr zu ſehen, Dunkel und Nebel waren ebenfalls mit ihr entwichen und ein heller kalter Winter⸗ tag ſchien über das ſchneebedeckte Gefild. „Du lieber Himmel!“ rief Scrooge und ſchlug die Hände zuſammen, als er ſich näher umſah,„das iſt ja die Stelle meiner Geburt, der Ort, wo ich meine Kna⸗ benſpiele ſpielte!“ Der Geiſt blickte mild auf ihn hernieder. Seine leichte Berührung, obwohl ſie kaum bemerkbar und vor⸗ übergehend geweſen war, ſchien dem Gefühl und der Erinnerung des alten Mannes noch vorzuſchweben. Er ward inne, daß tauſenderlei Wohlgerüche in der Luft ver⸗ ſchwammen, deren jeder mit tauſenderlei Gedanken und Hoffnungen und Freuden und Sorgen, die er ſchon ſeit langer, langer Zeit vergeſſen hatte, verknupft war. „Deine Lippe bebt,“ ſprach der Geiſt,„und was iſt denn das hier auf Deiner Wange?“ Servoge verſetzte flüſternd und mit ungewöhnlichen Schmeicheltönen, daß es nur ein Bläschen ſei, und bat alsdann den Geiſt, ihn weiter zu führen, wohin er nur immer wolle. „Erinnerſt Du Dich noch des Weges?“ fragte die Erſcheinung. „Ob ich mich ſeiner noch erinnere?“ rief Serooge begeiſtert,—„ich konnte ja den Weg einſt blindlings finden.“ „'S iſt doch ſeltſam, daß Du ihn ſo lange Jahre vergeſſen hatteſt,“ bemerkte das Geſpenſt, und ſprach als⸗ dann:—„laß uns nun weiter gehen.“ Sie wallten zuſammen den Weg entlang und Scrooge erkannte jeden Zaun und Pfoſten und Baum, bis ein kleiner Marktflecken mit ſeiner Kirche, ſeiner Brücke und ſeinem gewundenen Strome in der Entfernung erſchien. Nun ſahen ſie auf einmal ein Paar zottige Klepper ihnen entgegen traben, auf welchen Knaben ritten, die andern Jungen in ländlichen Wagen und Karren, welche von älte⸗ ren Landleuten kutſchirt wurden, zurieſen. All' dieſe Kna⸗ ben waren ſo munter und jauchzten einander ſo fröhlich zu, bis die weiten Felder ſo voll luſtiger Muſik waren, daß die dicke bräunliche Luſt faſt ſelbſt mitlachte. „Dieſe hier ſind nur Schatten von Geſchöpfen, die einſt geweſen ſind,“ ſprach der Geiſt,„ſie haben kein Be⸗ wußtſein mehr von uns.“ Die muntern Reiter kamen näher, und Scrooge kannte ſie und wußte ſie Alle mit Namen zu nennen, als ſie her⸗ angekommen waren. 3 Wie war er über alle Maßen erfreut, ſie wieder zu ſehen! Wie glänzte ſein kaltes Auge und wie pochte ſein Herz, als ſie vorüberkamen! Wie ward ſein Herz mit Frende und Vergnügen erfüllt, als ſie beim Scheiden an IV 39 Kreuzwegen und Seitenpfaden, die nach ihren verſchiede⸗ nen elterlichen Behauſungen führten, ſich gegenſeitig ver⸗ gnügte Weihnachten zuriefen. 4 Was kümmerte vergnügte Weihnachten den alten Scrooge?! Zum Henker mit vergnügten Weihnachten! was haben ſie denn je Gutes gethan? „Die Schule iſt nicht ganz verwaist,“ ſagte der Geiſt,„ein einſames Kind, von ſeinen Geſpielen und Freunden vernachläſſigt, iſt noch darin zurückgeblieben.“ Servoge behauptete es zu kennen und brach in Weinen aus. Sie verließen nun die Landſtraße und bogen in einen unvergeßlichen Seitenweg ein und näherten ſich auf dem⸗ ſelben bald einem ſtattlichen Gebäude von düſtern rothen Backſteinen, deſſen Dach von einem kleinen Thürmchen ſammt Wetterhahn überragt war und eine Glocke in ſei⸗ ner Kuppel barg. Es war eine weite Behauſung, allein unverkennbar der Wohnort vergangener Herrlichkeit, ent⸗ ſchwundenen Glücks und zerrütteter Vermögensumſtände, denn die weiten Räume waren ſaſt ungenützt, ihre Mauern feucht und mooſig, ihre Fenſter zerbrochen und ihre Zäune vom Zahn der Zeit zerfreſſen. Hühner gluckten und kol⸗ lerten in den Ställen, und die Remiſen und Scheunen waren mit Gras uberwuchert. Auch in ſeinem Innern war nichts von der alten Herrlichkeit zurückgeblieben, denn wenn man den oͤden hohen Hausflur betrat und durch die offnen Thuren in manche Zimmer blickte, fand man ſie armſelig meublirt, kalt und unheimlich. Ein dumpfer, modernder Duft lag in der Luft, eine unbehagliche Nackt⸗ heit war über den Platz gebreitet, die gleichſam harmo⸗ nirte mit der Menge von Kerzenlicht, das nächtlich hier durch die Fenſter brach und dem Mangel an Nahrung, uͤber den die armen Zöglinge klagten. 4 Scrvoge und das Geſpenſt ſchritten über den weiten Hausflur nach einer Thuͤre im Hintertheil des Hauſes, die ſich ihnen von ſelbſt öffnete und ein langes, kahles, melancholiſches Gemach erſchloß, das durch Reihen ein⸗ 40 facher tannener Bänke und Schreibpulte noch nackter er⸗ ſchien. An einem dieſer Pulte ſaß ein einſamer Knabe, leſend, neben einem ſchwachen Feuerchen; und Scrooge ſetzte ſich auf eine Bank nieder und weinte, als er in ihm ſein armes vergeſſenes Ebenbild wieder ſah, wie es einſt aus Gewohnheit lange Jahre geweſen. Kein fernes Echo tönte durch das Haus; kein Quicken und Raſcheln der Mäuſe hinter dem Getäfer, kein Tropfen oder Plätſchern von der halbaufgethauten Dachrinne hin⸗ ter dem Hauſe im düſtern Hofe, kein Seufzer aus den entblätterten Zweigen einer einſamen langweiligen Pappel, kein träges Knarren eines leeren Scheuernthors, ja nicht aus;—„es iſt der gute ehrliche alte Ali Baba! Ja, ja, ich kenne ihn; in einer Weihnachtszeit einmal, als jenes einſame Kind hier ganz allein zurückgeblieben war, erſchien er zum Erſtenmale, gerade wie heute. Der arme dern am Thore von Damaskus im Schlafe gedemüthigt. wurde? ſiehſt Du ihn nicht?— Und des Sultan's Reit⸗ knecht, der dort von den Genien das Unterſte zu oberſt gekehrt ward— dort ſteht er jetzt auf dem Kopfe! Spielt ihm nur tüchtig mit, es ſoll mich freuen! Wer hieß ihn auch, ſich der Prinzeſſin als Freier aufdringen zu wollen!“ Es wäre fürwahr den Geſchäftsfreunden des alten Servoge in der City keine geringe Ueberraſchung geweſen, — 41 hätten ſie ihn mit dem ganzen Ernſt ſeines Weſens und in einer außerordentlichen Stimmung zwiſchen Lachen und Weinen ſich über ſolche Gegenſtände verbreiten hören, und ſein vergnügtes, lebhaft angeregtes Geſicht geſehen. „Hier iſt der Papagei!“ fuhr Scrooge fort,—„der Leib iſt grün, der Schweif iſt gelb, und oben auf ſeinem Kopfe waͤchst ihm ein kleines Ding, wie ein Salatbüſch⸗ chen heraus! Hier iſt er!— Der arme Robinfon Cru⸗ ſoe!“ rief er,„er rief ihm zu, als dieſer von ſeiner un⸗ glücklichen Fahrt um ſeine Inſel herum wieder heimkehrte: — Armer Robinſon Cruſoe! wo biſt Du geweſen?— Der arme Mann glaubte, er träume, aber dieß war nicht der Fall. Es war ja der Papagei, wißt ihr!— Dort geht Freitag, und rennt, um ſein Lebeu zu retten, nach der kleinen Landzunge! Holla, hopp! Halloh!“ Dann brach er auf einmal mit blitzſchnellem Wechſel, der ſeinem ſonſtigen Wechſel ganz fremd war, und ganz als ob er für ſein früheres Ebenbild tiefes Mitleid fühle, in die Worte aus:„Der arme Knabe!“ und weinte wiederum. „Ich wünſchte wohl.....“ murmelte Scrooge vor ſich hin und ſteckte ſeine Hand in die Taſche, nachdem er mit dem Aermelaufſchlag das Waſſer aus den Augen ge⸗ wiſcht und ſich ſcheu umgeſehen hatte,—„Doch, bah! jetzt iſt's ſchon zu ſpät!“ „Was wünſcheſt Du?“ fragte der Geiſt. „Nichts!“ gab Scrooge zur Antwort;—„gar nichts! — Geſtern Abend kam ein armer Knabe vor meine Thüre und ſang daſelbſt ein Weihnachtslied; ich wünſchte jetzt, ich hätte ihm etwas gegeben,— das iſt Alles!“ Das Geſpenſt lächelte gedankenvoll, winkte mit der Hand und ſagte:„Laß uns nun einen andern Weihnachts⸗ tag beſchauen!“ Scrooge's Ebenbild vergrößerte ſich bei dieſen Wor⸗ ten und das Gemach ward etwas dunkler und ſchmutziger. Das Getäfer ſchrumpfte ein, die Fenſter krachten und knarrten; Bruchſtücke des Gypsbewurfs fielen von der Decke herab und die nackten Latten zeigten ſich ſtatt ſeiner. 42 Wie aber all dieſes hervorgebracht wurde, wußte Scrooge eben ſo wenig zu ſagen, als Du, geneigter Leſer; er wußte nur, daß Alles ganz genau zutraf, daß Alles ſich einſt ſo begeben hatte und daß er hier wiederum allein war, als alle andern Knaben ſich nach Hauſe begeben hatten, um dort die fröhlichen Feiertage zu vollbringen. Dießmal las er nicht, ſondern ſchritt mit verzweiflungsvoller Miene und tiefem Groll auf und nieder. Scrooge blickte erſt dem Geſpenſte in's Geſicht und ſchaute dann mit trauri⸗ gem Kopfſchütteln ängſtlich nach der Thüre hin: ſie öff⸗ nete ſich und ein kleines Maͤdchen, weit jünger als der Knabe, hüpfte herein, ſchlug ſeine Aermchen um des Knaben Nacken, küßte ihn oft und begrüßte ihn als ſeinen lieben, lieben Bruder. e „Ich komme, um Dich heimzuholen, lieber Bruder!“ rief das Kind und ſchlug ſeine kleinen Händchen zuſam⸗ men, als, es vor Freuden ſo überlaut lachte;—„ich will Dich heimbringen!“ „Nach Hauſe ſoll ich, liebe Fanny?“ fragte der Knabe. „Ei freilich!“ erwiderte das Kind mit freudeſtrahlen⸗ dem Geſichte,—„jetzt ſollſt Du zu guter Letzt nach Hauſe und zwar für immer und immer. Der Vater iſt jetzt freundlicher, als er ſonſt zu ſein pflegte, ſo daß es zu Hauſe nicht anders iſt, als wie im Himmel! Er ſprach ſo zärtlich mit mir, als ich neulich Abends zu Bette ging, daß ich mich nicht fürchtete, ihn noch ein⸗ mal zu fragen: ob Du nicht heimkommeſt; und er er⸗ laubte mir's und geſtattete es, daß Du nach Hauſe kom⸗ men darfſt, und ſandte mich heute mit der Kutſche, um Dich heimzubringen. Du ſollſt ja jetzt ein Mann werden und nicht mehr hieher zurückkehren,“ ſprach das Kind, den Bruder mit großen Augen meſſend,„zuerſt aber wollen wir alle mit einander den Weihnachtstag feiern und die fröhlichſte Zeit von der Welt verbringen.“ „Du biſt ein ganzes Mädchen, liebe Fanny,“ ſprach der Knabe freundlicher; die Kleine aber klatſchte in die Hände und lachte und gab ſich Mühe, ſeinen Kopf zu be⸗ — —— νv 43 rühren; weil ſie indeß zu klein war, lachte ſie von Neuem, ſtellte ſich auf die Zehenſpitzen, um ihn zu küſſen; hier⸗ Rauf begann ſie in ihrem kindiſchen Eifer ihn am Arme nach der Thüre hinzuzerren, und er, der gerne mitging, folgte ihr ohne Sträuben. Eine fürchterliche Stimme in der Hausflur unten rief den Befehl herauf: Herrn Scrooge'’s Koffer herunter⸗ zubringen, und in der Halle erſchien der Schulmeiſter ſelbſt, der mit fürchterlicher Herablaſſung Herrn Serooge anſtierte und ihn beinahe zum Weinen brachte, als er ihm die Hände drückte. Er führte alsdann ihn und ſeine Schweſter in das Heiligthum eines ſchauerlichen Prunk⸗ zimmers ein, wo die Landkarten an der Wand und die Erd⸗ und Himmelsgloben in den Fenſtern vor Kälte ſchauerten; hier ſtellte er ihnen einen Glaskrug voll merk⸗ würdig leichten Weins und einen Fetzen deſto ſchwerfälli⸗ geren Kuchens vor, und ſetzte den jungen Leuten gleichſam einen Termin für das Verköoſten dieſer Leckerbiſſen. Zu gleicher Zeit ertheilte er einer abſcheulichen, hageren Magd den Auftrag, dem Kutſcher draußen einen Trank zu rei⸗ chen, worauf dieſer jedoch antworten ließ, daß er dem Herrn für ſeinen guten Willen danke, allein lieber auf dieſes Benefiz verzichte, falls der„Trunk“ aus demſelben Faſſe gezapft ſei, wie das Letztemal. Herrn Serooge's Koffer war inzwiſchen auf dem Verdeck des Wagens feſt⸗ gebunden worden, und die Kinder ſagten mitt recht leichtem Herzen dem Schulmeiſter Lebewohl, ſtiegen in den Wa⸗ gen und fuhren vergnügt die Gartenallee hinunter, ſo daß die ſchnellen Räder den Reif und Schnee von den dun⸗ keln Blättern des Immergrüns wie Schaum hinwegſchüt⸗ telten.„Sie war zwar immer ein zartes Weſen, das ein leiſes Lüftchen hätte verdorren können, allein ſie hatte ein ſchönes großes weites Herz,“ ſagte das Geſpenſt. „Ja, das hatte ſie in der That!“ rief Scrooge;— „da habt Ihr ganz Recht, Geiſt! und Gott verhüte, daß ich Euch widerſpräche.“ 3 „Sie ſtarb, glaube ich, als Gattin,“ fuhr der Geiſt fort,„und hatte Kinder, denke ich.“ „Ein Einziges,“ verſetzte Serooge. „Wahrlich ja,“ ſagte der Geiſt;—„'s iſt Euer e.* Neffe Scrooge's gute Laune ſchien hiedurch bedeutend beein⸗ trächtigt zu werden und er antwortete kurz und barſch mit:„Ja.“ Obwohl ſie kaum erſt die Schule verlaſſen hatten, ſahen ſie ſich doch nun plötzlich mitten in den geſchäftigen Gaſſen einer Stadt, wo ſchattenartige, geſpenſtiſche Geſtalten in buntem Gedränge an ihnen voruͤberzogen, geſpenſtige Kutſchen und Karren den Weg verſperrten und all das Getümmel und der Tumult einer wirklichen Stadt ſich geltend machte; aus dem Aufputz der Läden und der Pracht der Schaufenſter ging unwiderſprechlich hervor, daß hier ebenfalls wieder Weihnachtszeit war, und zwar— wie die in dieſem Augenblick allenthalben entzündeten Lichter bezeugten— Weihnachtsabend. Das Geſpenſt hielt an der Thüre eines gewiſſen Ma⸗ gazins und fragte Scrooge:„ob er hier noch bekannt ſei?“ „Ei freilich,“ meinte der Alte, vich habe ja hier meine Lehrzeit zugebracht.“ Sie traten hinein und beim Anblick eines alten Herrn mit einer franzöſtſchen Perücke, der hinter einem ſo erha⸗ benen Schreibpulte ſaß, daß er kaum um zwei Zoll hätte größer ſein dürfen, ohne den Kopf an der Stubendecke zu ſtoßen, rief Servoge mit unwillkührlicher Lebhaftigkeit: „Ei der Tauſend! das iſt ja der alte Fezziwig!'s iſt Fezziwig, wie er leibte und lebte.“ Der alte Fezziwig legte ſeine Feder nieder und blickte zur Wanduhr empor, die eben die ſiebente Abendſtunde ankündigte; freudig rieb er ſich die Hände, rückte ſeine geräumige Weſte zurecht und blickte mit ſelbſtzufriedenem vergnügtem Blicke ſich ſelbſt von der Schuhſpitze bis zum Kinn herauf an, um gleich darauf in behaglichem, öligem, — 45 reichem, fettent und vergnügtem Tone in den Ruf auszu⸗ brechen: „Heda! Ihr Burſche da drinnen! Ebenezar, Fritz!“ Scrooge's früheres Ebenbild, das inzwiſchen ein jun⸗ ger Mann geworden war, eilte in Begleitung ſeines Lehr⸗ genoſſen dienſteifrig herein. 4 „Ei, ei! das iſt ja Fritz Wilkins, nicht wahr?“ fragte Scrooge den Geiſt;—„meiner Treul ja, er iſt's! der gute Burſche war recht anhänglich an mich!— der arme, gute, liebe Fritz!“. „Heda, meine Jungen!“ rief Fezzewig—„für heute iſt's Feierabend, es iſt ja Weihnachtsabend!'s iſt Chriſt⸗ nacht, Ebenezar! Schließt nun die Fenſterladen, ehe einer die Hand umwendet!“ rief der alte Fezziwig und ſchlug laut klatſchend ſeine Hände zuſammen. Ihr könnt Euch kaum einen Begriff davon machen, wie ſchnell die beiden Jungen dem Befehle folgten. Blitz⸗ ſchnell packten ſie die Läden und eilten auf die Straße hinaus; Eins, zwei, drei— rückten ſie an Ort und Stelle zurecht; vier, fünf, ſechs! ſtießen die Querſtangen und Vorlegſchlöſſer hinein!— Sieben, acht, neun— und waren wieder zurück, ehe einer auf zwölf zu zählen ver⸗ mochte, wobei ſie freilich keuchten wie Rennpferde. „Hurrah!“ rief der alte Fezziwig, und ſprang mit wunderſamer Behendigkeit von ſeinem hohen Pult herunter, —„räumt das Zimmer aus, Jungens, und laßt uns hier Raum ſchaffen! Hurrah, Fritz! Hellauf, Ebenezar!“ „Blitz, wie ſchnell war das geſchehen! da war kein Ding, das ſie nicht hätten hinwegräumen wollen oder kön⸗ nen, wenn der alte Fezziwig nur mit den Augen winkte. In einer Minute war Alles geſchehen: was nicht niet⸗ und nagelfeſt war, wurde weggeſchafft, als ſollte es für immer aus dem öffentlichen Leben verſchwinden, der Hausflur ward rein gekehrt und abgewaſchen, die Lampen wurden geſän⸗ bert und hohe Haufen Brennſtoff im Kamin aufgeſchüttet; — mit Gedankenſchnelligkeit war die Hinterſtube des Ma⸗ gazins ſo blank geſcheuert und warm und trocken und ein ſo glänzender Ballſaal, als er nur immer an einem Win⸗ terabend ſein konnte. Und herein trat ein Fiedler mit einem Notenbuche und ſchritt zu dem hohen Pult empor und machte ein Orcheſter daraus und fiedelte und dudelte wie fünfzig hungrige Tau⸗ ber! Und herein trat die alte gute Frau Fezziwig, deren umfangreiches Geſicht nur Ein ſeelenvergnügtes Lächeln war;— und herein traten die drei Miß Fezziwig's in ſtrahlender Schönheit und Liebenswürdigkeit und ihnen folgten die ſechs jungen Anbeter, denen ſie faſt das Herz brachen!— und herein traten alle die jungen Leute, welche im Geſchäfte angeſtellt waren, und herein traten die Haus⸗ magd mit ihrem Vetter dem Bäcker, und ſodann die Kö⸗ chin mit ihres Bruders Buſenfreund dem Milchmann. Hereintrat auch der Laufbube vom Hauſe gegenüber, der, wie man ſagte, bei ſeinem Herrn faſt Hungers ſterben mußte; er ſuchte ſich ſelbſt hinter der Hausmagd vom über⸗ nächſten Hauſe zu verbergen, von der es erwieſen war, daß ihre Frau ſie zuweilen bei den Ohren zauste: ſie alle kamen hintereinander herein, die Einen ſchüchtern, Andere kühn, die Einen vergnügt, die Andern betrübt! Alle dräng⸗ ten und ſchoben und ſtießen einander, wie es gehen mochte, in's Gemach herein, und nun hoben ſie auf einmal, ihre zwan⸗ zig Paare den Ball mit einer Polonaiſe an, ſchritten ein⸗ mal auf dieſer Seite durch die Stube, kehrten dann wieder auf jene zurück und beſchrieben die verſchiedenſten und lu⸗ ſtigſten Touren. Das alte Paar an der Spitze ſchien vor Allem unermüdlich, ſtellte ſich dann wieder zurück, um einem andern Platz zu machen, bis die Reihe den Tanz anzuführen an Allen vorübergegangen war und nicht eines der Paare ſich beklagen konnte, übergangen oder vergeſſen worden zu ſein. Als dieſe Tvur zu Ende war klaſchte dann der alte Fezziwig in die Hände, damit der Tanz inne halte, rief vergnügt ſein Rechtſo, und der Fiedler ver⸗ grub ſein heißes Geſicht in einem Krug voll Porter, der ausſchließlich zu dieſem Zweck herbeigeſchafft worden war. Als aber der Krug leer war und es dem Fiedler um 47 deſſen Wiedererſcheinen ernſtlich zu thun zu ſein ſchien, begann er alsbald die Muſik von Neuem, wiewohl noch keine Tänzer da waren, und that nicht Anders, als hätte man den erſten Fiedler erſchöpft auf einer Tragbahre heim⸗ geſchafft und einen andern kommen laſſen, der es ihm in jeder Beziehung gleich thun wollt; alsdann ward noch mehr getanzt und geſpaßt und gelacht und geſungen und wiederum getanzt und bei Kuchen und Negus“ und einem mächtigen Stücke kalten Roſtbratens und einem nicht min⸗ der rieſigen Fetzen kalten geſottenen Fleiſches, und bei Pa⸗ ſtetchen und reichen Strömen Bier der Freude gehuldigt; das Hauptſtück des Abends kam aber hinter dem Roſtbra⸗ ten und Ochſenfleiſch, als der Fiedler(fürwahr ein ge⸗ ſchickter Kerl! ein Stück von einem Menſchen, der ſein Handwerk beſſer verſtand, als ich es und Du, lieber Leſer, es ihn hätten lernen können!)„Sir Roger de Coverley“ auf⸗ ſpielte. Da ſtand auf einmal der alte Fezziwig auf, um mit Frau Fezziwig zu tanzen; natürlich tanzte das alte Pärchen vor und ließ ſich ein gutes altes ſteifes Stückchen anfſpielen, etwa:„Und als der Großvater die Großmutter nahm!“— und dreiundzwanzig oder vierundzwanzig weitere Paare nahmen daran Theil— Leute, die im Tanzen nicht mit ſich ſpaßen ließen und Leute, die tanzen wollten und doch kaum einen Begriff vom Gehen hatten. Der alte Fezziwig machte nun mit dem ganzen Frauen⸗ zimmer das herkömmliche Ehrentänzchen, und wären es auch zweimal, ja viermal ſo viel geweſen, ſo hätten ſie doch den alten Herrn nicht ermüdet, und eben ſo wenig die gute dicke Miſtreß Fezziwig, die ihres Gemahls in jedem Sinne würdig war, weil ſie mit allen anweſenden Chapeaur ihren Reigen tanzte. Blitz! wenn das kein hohes Lob iſt, ſo ſagt mir ein höheres und ich will's gerne auf ſie anwen⸗ ſen. Ein wahrhaſtes Licht ſchien von Fezziwig's Waden auszugehen, die in jeder Art von Tanz wie Monde ſchie⸗ —— ñ⏑ñB—⸗—— blüche Ein Gemiſch von Waſſer, Wein, Zucker, Citronen und Muskat⸗ 48 nen— man konnte nämlich nie zu einer gegebenen Zeit prophezeihen, was zunächſt aus ihnen werden wollte,— und als der alte Fezziwig und Miſtreß Fezziwig ſich in allen Arten von Tänzen, im Vorwärts und Zurück, im Balan⸗ eiren, Compliment und Verbeugung, Corkzieher, Nadelein⸗ fädeln und wie die veralteten Tanziouren alle heißen moch⸗ ten, ſich gezeigt hatten, machte der alte Fezziwig, bevor er auf ſeinen Platz zurücktrat, noch einen ſo kühnen Luftſprung daß er mit den Füßen zu winken ſchien und doch ohne, Straucheln wieder glucklich auf ſeine Füße kam. Als aber die Glocke elf Uhr ſchlug, war der Hausball plötzlich aufgehoben. Herr und Frau Fezziwig ſtellten ſich zu beiden Seiten der Thüre auf und drückten freundlich grüßend und dankend jeder Perſon noch insbeſondere die Hand, als er oder ſie hinausgingen und wünſchten ihr ver⸗ gnügte Weihnachten. Als Jedermann, bis auf die beiden Lehrlinge, ſich entfernt hatte, thaten ſie dieſen eben ſo und der fröhliche Lärm erſtarb auf dieſe Weiſe allmählig und die Burſchen blieben allein, um ſich in ihre Betten zu be⸗ geben, die unter einem Zahltiſche im hintern Theile des La⸗ dens angebracht waren. 1 Waͤhrend dieſer ganzen Zeit hatte ſich Scrooge ganz wie außer ſich gebärdet. Sein Herz und Weſen waren bei dem Auſtritt und beſonders bei ſeinem früheren Selbſt betheiligt; er beſtärkte Alles, erinnerte ſich wieder an jede Kleinigkeit, freute ſich darüber und befand ſich in der ſelt⸗ ſamſten Aufregung. Erſt jetzt, als die freudeſtrahlenden Ge⸗ ſichter ſeines frühern Ebenbildes und ſeines Lehrkameraden Fritz verſchwunden waren, erinnerte er ſich wieder des Ge⸗ ſpenſt's und fühlte, daß dieß ihn überwachte, während das Licht auf ſeinem Kopfe heller als je ſtrahlte. „S iſt eine Kleinigkeit, dieſe dummen Leute zu ſo innigem Danke zu bringen“ ſagte das Geſpenſt. „Eine Kleinigkeit?“ fragte Serooge. 3 Der Geiſt winkte ihm, auf die beiden Lehrlinge zu hören, die von ganzem Herzen und mit voller Kehle ſich 49 in Fezziwigs Lob erſchöpften; und als Seroo than hatte, fuhr das Geſpenſt fort: „Nicht wahr,'s iſt nicht der Rede werth, was Fezzi⸗ wig gethan hat? Er hat nur ein Paar Pfunde von Euerem vergänglichen, ſterblichen Golde geopfert,— höchſtens drei oder vier! Iſt das der Mühe werth, daß man ſo viel Rühmens davon macht?“ Dieſe Bemerkung erzurnte Scrooge und unwillkürlich ſprach er ſich jetzt nicht mehr wie ſein gegenwärtiges, ſon⸗ dern wie ſein fruheres Ebenbild darüber aus.— 4„Das iſt's nicht, Geiſt!“ ſagte er,—„Fezziwig hat„ es in ſeiner Gewalt, uns glücklich oder unglücklich, unſern Dienſt leicht oder müheſam zu machen, uns den Himmel oder eine Pein zu bereiten. Sagt lieber, ſeine Macht liege in Worten und Blicken, in Umſtänden, die ſo gering und unbedeutend ſind, daß man ſie kaum rechnen und aufzäh⸗ len kann; was wollt Ihr alsdann daruber ſagen? Die Glück⸗ ſeligkeit, die er uns zu verſchaffen weiß, iſt eben ſo groß, als hätte ſie ein ganzes Vermögen gekoſtet.“ Er fühlte, wie das Auge des Geſpenſtes in ge dies ge⸗ ſeiner Seele las und hielt plötzlich inne: „Was haſt Du? fragte ihn das Geſpenſt. „Hm— nichts Beſonderes,“ gab Scrooge zur Antwort. „Nicht doch, Du wollteſt Elwas ſagen, glaube ich? fuhr das Geſpenſt fort. „O nein,“ verſetzte Scrooge,„ich dachte ſo eben nur daran, wie lieb mir's wäre, wenn ich gerade jetzt meinem Commis auch ein Paar Wörtchen ſagen könnte.“ Bei dieſen Worten ſah er, wie ſein früheres Eben⸗ bild gerade die Lampe auslöſchte, und Scrooge und der Geiſt ſtunden wiederum neben einander unter freiem Himmel. „Meine Friſt läuſt zu Ende,“ meinte die Er Mlaß uns raſch fortfahren!“ Obwohl es nicht ſchien, als hätte die Erſcheinung Boz, Chuzzlewit I. 4 ſcheinung, 50 dieſe Worte an Scrooge oder irgend eine andere ſichtbare Perſon gerichtet, brachte es doch eine plötzliche, wunderbare Wirkung hervor. Scrooge ſah wiederum ſein Ebenbild, das nun älter und einem Manne in ſeinen beſten Jahren ähnlich war; ſein Geſicht hatte nicht die ſchroffen, ſtrengen Züge ſpäterer Jahre, allein es trug bereits den Stempel der Sorge und des Geizes. In dieſem Auge war eine haſtige, unruhige, gierige und leidenſchaftliche Beweglich⸗ keit, die ſchon Zeugniß gab von der Leidenſchaft, die in ihm Wurzel gefaßt hatte und bereits zeigte, wohin der Schatten des heranwachſenden Baumes fallen wollte. Er war nicht mehr allein, ſondern ſaß an der Seite eines hübſchen, jungen Mädchens in Trauerkleidern, in deſſen verweinten Augen Thränen ſtanden, welche hell erglänzten in dem Lichte, das der Geiſt der vergangenen Weihnacht ausſtrömte. „Es liegt ja nichts daran,“ ſprach das Mädchen leiſe, —„Dir liegt ja gar Nichts daran: ein anderer Götze hat mich aus Deinem Herzen verdrängt, und ich habe gewiß keine Urſache zu Kummer und Gram, wenn der neue Götze, der jetzt Deine Seele erfüllt, Dich in Zukunft ſo tröſten und erheitern kann, wie ich es zu thun verſucht hätte 1 „Und was für ein Götze ſollte Dich denn aus mei⸗ nem Herzen verdrängt haben?“ fragte der junge Mann. „Ein goldener,“ gab die Weinende zur Antwort. „Das iſt die unpartheiiſche Stimme der Welt!“ ſagte der junge Mann bitter,„gegen nichts iſt die Welt ſo hart und ungerecht, als gegen die Armuth, und dennoch verdammt ſie kaum etwas ſo ſtrenge und mit ſo vieler Hartherzigkeit, als das Streben nach Reichthum und Wohlſtand.“ 3 „Du fürchteſt die Welt zu ſehr!“ gab ſie beſcheiden zur Antwort,—„alle Deine andern Hoffnungen find nun in dem Streben aufgegangen, der Welt keine Gelegenheit zu herbem Tadel zu geben; ich habe geſehen, wie alle Deine edleren Regungen nach einander von Dir abfielen, bis nur noch die Hauptleidenſchaft— der Drang nach Gewinn— Dich beſeelte. Iſt's nicht ſo?“ ſind. O ich will Dir nicht ſagen, wie o „Wie magſt Du mir auch das zum Vorwurf machen?“ gab er ihr zur Antwort,„bin ich nicht inzwiſchen um ſo⸗ viel klüger geworden?— Gewiß, meine Geſinnungen gegen Dich haben ſich nicht geändert.“ Sie ſchüttelte traurig den Kopf. „Bin ich wirklich Dir gegenüber anders geworden?“ fragte der junge Mann. „Unſer Verhältniß ſchreibt ſich noch aus früheren Zeiten her,“ gab ſie zur Antwort;„es ward eingegangen, als wir Beide noch arm und mit unſerm Looſe zufrieden waren, bis wir dereinſt in beſſeren Umſtänden durch Ge⸗ duld, Fleiß und Entſagung unſere bürgerliche Lage hätten verbeſſern mögen. Du haſt Dich umgeändert, denn Du warſt ganz anders, als wir damals unſer Verlöbniß ein⸗ gingen.“ 3 „Ich war zu jener Zeit noch ein Knabe,“ gab er un⸗ geduldig zur Antwort. „Dein eigenes Geſühl muß Dir ſagen, daß Du da⸗ mals nicht ſo warſt, wie Du jetzt biſt,“ verſetzte ſie ihm; —„ich bin noch dieſelbe geblieben. Was uns einſt Glück verſprach, als wir Beide noch Ein Herz und Eine Seele waren, iſt nun voll Elend und Ungluͤck, da wir entzweit i ft und mit welch bitterem Gefühl ich das erwogen habe: es iſt genug, daß mich jener Gedanke quälte und daß ich Dich Deiner Ver⸗ pflichtungen gegen mich entbinden kann.“ „Habe ich je meinen Pflichten ungetreu zu werden geſucht?“ fragte der junge Mann düſter. „In Worten niemals,“ verſetzte ſie,—„nein, wahr⸗ lich, niemals!“ „Wodurch aber denn?“ fragte er. „Durch ein verändertes Betragen,“ verſetzte ſie,— „durch Stolz, dadurch, daß Du einem andern Lebenskreiſe Dich anſchloſſeſt, daß Du andere Hoffnungen hegteſt und einem anderen Ziele nachſtrebteſt, kurzum in Allem, was meine Liebe in Deinen Augen irgend werthvoll oder wün⸗ ſchenswerth machen mußte. Sage mir nun ſelbſt, fuhr 4 52 das Mädchen fort, indem ſie ihm mild, aber feſt und for⸗ ſchend in's Auge ſah,—„würdeſt Du, falls unſer Ver⸗ hältniß nicht bereits beſtünde, würdeſt Du mich noch auf⸗ ſuchen und Dir Mühe geben, jetzt um mich zu freien? Nicht wahr, Du würdeſt es nicht thun?“ Wider Willen ſchien er zuzugeben, daß das Mädchen in ſeiner Vermuthung ſich nicht geirrt habe; zögernd ver⸗ ſetzte er ihr:„Und woraus ſchließſt Du, daß ich es nicht thun würde.“ „Es ſollte mich ſehr erfreuen, wenn ich anders von Dir denken könnte,“ erwiderte ſie,—„Gott weiß es, wie ſtark und unwiderſtehlich und ſprechend eine ſolche Wahr⸗ heit ſein mußte, wenn ſie ſogar mir ſich aufdringen konnte. Allein weun Du heute, wenn Du geſtern oder morgen frei wäreſt, dürfte ich je glauben, daß Du ein armes Mäd⸗ chen ohne Mitgift wählen würdeſt?— Du, der Du ſo⸗ gar noch, als ihr Verlybter, Alles nur nach dem Maß⸗ ſtabe des Gewinnes bemißſt? Glaubſt Du, ich wiſſe nicht, daß, wenn Du auch für kurze Zeit Deinem einzigen und hauptſachlichen Streben ungetreu würdeſt und mich, kraft Deines mir früher gegebenen Wortes, zu Deiner Gattin erheben wollteſt, Gram und Reue von Deiner Seite un⸗ fehlbar folgen müßten?— Dieß weiß ich, und darum gebe ich Dir mit vollem Herzen und um Deſſen willen, der Du einſt warſt, um meine, eigenen Liebe willen, Dein Wort zurück.“ 3. Er wollte etwas darauf entgegnen, allein ſie ließ ihn nicht zu Wort kommen, und fuhr mit abgewendetem Ge⸗ ſicht fort:„Es mag— ja die Erinnerung an unſere Ver⸗ gangenheit läßt mich ſogar hoffen:— es wird Dir dies Schmerz verurſachen, allein nur auf eine ſehr kurze Zeit; hernach wirſt Du Dich der Erinnerung daran gerne ent⸗ ſchlagen, wie der an einen böſen Traum, aus dem Du nur mit einem gewiſſen Vergnügen erwachteſt. Sei fortan glücklich in dem Leben, das Du für Dich gewählt haſt!* Sie ſtand auf, und verließ ihn, und von nun an waren ſie geſchieden.„Zeige mir nun nichts mehr! rief — —— ARSnn; Servoge,—„führe mich nach Hauſe! wie kann es Dir auch Vergnügen machen, mich ſo zu quälen?“ „Nur noch einen einzigen Schatten ſollſt Du ſehen,“ verſetzte der Geiſt. „Nein, keinen mehr!“ rief Serooge,—„ich will nichts mehr ſehen! bringe mich nach Hauſe.“ Allein das unerbittliche Geſpenſt umfaßte ihn mit beiden Armen, und nöthigte ihn auch das mit anzuſehen, was ſich jetzt vor ſeinen Blicken eröffnete. Sie ſtanden nun auf einmal auf einem andern Schau⸗ platze in einem Zimmer, das weder groß, noch hübſch, aber äußerſt wohnlich und behaglich war. Neben dem Feuer am Kamin ſaß ein ſchönes, junges Mädchen, dem vorigen ſo ähnlich, daß Scrooge es für dasſelbe hielt, bis er die Geliebte ſeiner Jugend, nun eine gutmüthige, leutſelige Matrone, der Tochter gegenüber ſitzen ſah. Der Lärm in dieſem Gemach war wahrhaft tumultuariſch, denn ees waren noch mehr Kinder da, als Scrooge in ſeinem aufgeregten Gemüthszuſtande zu, zählen vermochte. Als Ge⸗ gentheil der berühmten Kinderzucht und des Häufleins in dem Gedicht waren es freilich nicht vierzig Kinder, die Alle ſo ſtill, artig und ruhig waren wie ein einziges, ſon⸗ dern jedes Kind betrug ſich im Gegentheil wie ihrer vier⸗ zig. Die Folge davon war, daß ſie einen unſäglichen, unglaublichen Laͤrm verurſachten, um welchen ſich doch Niemand zu kümmern ſchien. Mutter und Tochter lachten im Gegentheil herzlich darüber, und ſchienen viel Gefallen daran zu finden; und die Letztere, die ſich bald unter das lärmende Vergnugen der Kinder miſchte, ward von den jungen Spitzbuben ganz unbarmherzig ausgeplündert; was hätte ich nicht darum gegeben, wenn ich Einer davon hätte ſein koͤnnen, obwohl ich nie ſo grauſam und roh geweſen wäre! Nein, wahrlich, für alle Schätze der Welt hätte ich dieſes ſchön geſcheitelte Haar nicht verwirren und zerreißen mögen, und den zierlich kleinen Schuh hätte ich fürwahr nicht vom Fuß gezogen, und hätte ich bei Gott dadurch mein Leben retten können. Auch das wäre mir nicht mög⸗ 54 lich geweſen, wie die kleine, kühne, junge Brut ihre ſchlanke Taille im Spaße zu meſſen;— ich hätte gefürchtet, mein Arm würde zur Strafe dafür verkrümmen und nie wieder gerade werden. Und doch muß ich eingeſtehen, daß ich recht lüſtern darnach geweſen wäre, ihre Lippen zu be⸗ rühren, daß ich ſie ſo ſchön gebeten haben würde, daß ſie ſie am Ende wohl geöffnet hätte; ja ich hätte ihr ſo lange in die geſenkten Augen geblickt, bis ſie mich erröthend vom Boden erhoben hätte; kurzum, ich geſtehe es ein, ich hätte mögen nur eine Locke von ihrem loſen Haar haben, von dem ein einziger Strähn ſchon ein unſchätzbares Andenken geweſen wäre; ja die geringſte Gunſt, die ſie einem Kinde gewährte, hätte mich entzückt, und ich wäre dabei doch Manns genug geweſen, den Werth derſelben vollauf zu begreifen. Nun hörte man auf einmal an der Thüre pochen, und ein ſo plötzlicher Aufruhr entſtand unmittelbar, daß ſie mit lachendem Geſicht und verſchobenen Gewändern als Mittelpunkt einer lärmenden, muthwilligen Gruppe der Thüre zugedrängt wurde, und eben recht gelegen kam, um den Vater zu begrüßen, der in Begleitung eines mit Weih⸗ nachtsſpielzeug und Geſchenken beladenen Mannes nach Hauſe kam. Da hätte Einer das gellende Lachen und den Lärm und den hartnäckigen Angriff ſehen ſollen, der auf den unbeſchützten Laſtträger eröffnet wurde. Stühle anſtatt Leitern herbeiſchleppend, kletterten ſie an ihm empor, um ihm ſeine Taſchen auszuleeren, ihm die Päcke in braunem Packpapier abzunehmen, an ſeinem Halstuche ſich feſt zu halten, ſich ihm um den Nacken zu ſchlingen, und in maßloſer Aufwallung von Liebe ihm auf den Rücken zu trommeln und in die Waden zu klemmen! Wer beſchreibt den lauten Ausbruch von Wunder und Vergnügen, der die Eröffnung jedes Packets begleitete!— den Schreck bei der Entdeckung, daß der kleine Knabe im Wickelkiſſen die kleine Schmorpfanne der Puppe in den Mund geſteckt hatte, und ſtark im Verdachte ſtand, als habe er einen Truthahn, der auf ein hölzernes Blöckchen feſtgeleimt war, verſchluckt! 5⁵ Wer ſchildert den unausſprechlichen Troſt, als man fand, daß dies nur ein blinder Lärm war! Kurzum die Freude und die Dankbarkeit und Begeiſterung der Kleinen läßt ſich nur mitempfinden, nicht aber ſchildern. Ich begnüge mich nur zu ſagen, daß allmälig die Kinder trotz ihrer Freude und Aufregung ſich aus der Wohnſtube entfernten, in's obere Stockwerk und von da in den Dachſtock des Hauſes ſich verloren, und dort vergnügt ihre Bettchen ſuch⸗ ten, und ſich zur Ruhe legten. Nun blickte Scrodge aufmerkſamer, als ſeither drein, als der Herr des Hauſes, an deſſen Schulter ſeine Toch⸗ ter ſich liebkoſend ſchmiegte, ſich mit dieſer und ihrer Mut⸗ ter zum Kamin ſetzte;— und als er nun bedachte, daß ſolch' ein anderes Weſen, eben ſo anmuthig und eben ſo vielverſprechend, wie ihrer Zeit einſt ihre Mutter, ihn mit dem ſüßen Vaternamen begrüßt, und ihm eine ſchöne, anmuthige Lenzzeit in den düſtern, ſtarren Winter ſeines Lebens verflochten haben würde, überflog ein düſterer Schat⸗ ten der Reue und des Selbſttadels ſeine Züge. „Liebe!“ ſprach der Hausherr lächelnd zu ſeinem treuen Weibe,—„ich ſah heute Nachmittag einen Deiner alten Anbeter!“ „Und welchen denn?“ fragte ſie, leicht erröthend, aber mit anmuthigem Lächeln. „Suche ihn zu errathen!“ war die Antwort. „Wie kann ich?“ rief die Frau, immer noch lächelnd, —„henne ihn nur, ich errathe ihn nicht!— Herrn Scrooge etwa?“ „i freilich! eben den,“ verſetzte der Gatte;—„ich ging heute Abend unter den Fenſtern ſeines Comptoirs vorüber, und da die Läden noch nicht geſchloſſen und drin⸗ nen ſchon Lichter angezündet waren, mußte ich ihn un⸗ willkürlich ſehen. Sein Aſſocié liegt auf den Tod krank, wie ich höre, und da ſaß er nun ganz allein in ſeiner Jahlſtube,— ja vielleicht ganz allein auf der Welt, von Jedermann verlaſſen, glaube ich!“ . „Höre Geiſt!“ hub Scrooge mit bebender Stimme an,—„ich bitte Dich, entferne mich von dieſem Orte.“ „Ich ſagte Dir ja,“ gab die Erſcheinung zur Ant⸗ wort,—„dies ſeien alles nur Schatten von Weſen, die einſt geweſen waren! Daß ſie ſo handeln, wie ſie jetzt thun, darfſt Du ihnen nicht zum Vorwurf machen!“ „Schaffe mich von hier hinweg!“ rief Servoge,— wich kann es nicht ertragen!“ Er drehte ſich nach dem Geſpenſte um, und als er ſah, daß dieſes mit einem Geſichte ihn anblickte, worin gewiſſermaßen und ſeltſamerweiſe Fragmente von den Zü⸗ gen all' der Perſonen, die es ihm gezeigt hatte, lagen, rang er mit ihm. „Verlaß mich jetzt!“ rief er,„bring' mich wieder nach Hauſe zurück, und ſpucke nicht länger um mich her!“ In dem Handgemenge,— wenn man es eigentlich ſo nennen kann, da der Geiſt ohne irgend einen ſichtbaren Widerſtand pon ſeiner Seite, doch von dem Angriff ſeines hegners ganz unverſehrt blieb— bemerkte Scrooge, daß ſein Licht hell und hoch brannte und leuchtete; er ahnte unwillfürlich, daß dieſes Licht mit der unnahbaren Ob⸗ macht des Geſpenſtes über ihn zuſammenhänge, ergriff die Mütze in Geſtalt eines Lichtauslöſchers, und druͤckte ſie ihn mit einer raſchen Bewegung auf ſeinen Kopf herunter. Der Geiſt verſchwand darunter, ſo daß der Auslö⸗ ſcher ſeine ganze Geſtalt überdeckte; allein, obwohl ihn Scrooge aus vollen Kräften darniederdrückte, konnte er er doch das Licht nicht ganz auslöſchen, das in ununter⸗ brochenem Scheine darunter auf den Boden niederſtrömte. Scrooge fühlte ſich dabei ganz erſchöpft und von un⸗ widerſtehlicher Schläfrigkeit überwältigt; auch fand er ſich, als er ſich erſt näher umſah, wieder in ſeinem eigenen Schlafgemach. Nun gab er noch der Mitze einen letzten Druck von oben herab, ließ ſie alsdann fahren, und hatte ſich kaum in's Bett gelegt, als er auch ſchon in tiefen Schlaf verſank. 57 Dritte Strophe. Ver zweite der drei Geiſter. Als Scrooge mitten aus ſeinem wunderbar feſten Schlafe erwachte, und ſich im Bette aufrichtend, ſeine Ge⸗ danken zuſammenſuchte, brauchte man ihm nicht erſt zu ſagen, daß die Glocke wiederum aushole, um die erſte Stunde nach Mitternacht zu verkündigen. Er fühlte, daß er gerade im rechten Augenblicke wieder zum Bewußtſein gekommen ſei, um jetzt ein Zwiegeſpräch mit dem zweiten Boten zu halten, der durch Jakob Marley's Vermittlung an ihn abgeſchickt worden war. Er fühlte ein eigenthüm⸗ liches Unbehagen und Fröſteln, wenn er zu überlegen be⸗ gann, welchen von ſeinen Vorhängen das neue Geſpenſt wohl zurückſtreifen werde, ſchob deßhalb alle mit eigener Hand zurück, legte ſich wieder nieder, und warf einen ſcharfen prüfenden Blick im ganzen Zimmer umher, denn diesmal wollte er den Geiſt im Augenblick ſeiner Erſchei⸗ nung herausfordern und anreden, und ſich nicht durch Ueber⸗ raſchung überrumpeln und einen paniſchen Schreck einja⸗ gen laſſen. 3 Leute von gutem Gewiſſen, die ſich rühmen können, mit verſchiedenen Gemuthsbewegungen bekannt zu ſein, und ſich an keine Zeit des Tages oder der Nacht zu kehren, ſuchen den weiten Umfang ihrer verſchiedenen Eigenſchaf⸗ ten und ihrer Befähigung zum Abenteuern hauptſächlich dadurch zu bezeichnen, daß ſie behaupten, zu allem Mög⸗ lichen vom Maͤuſefangen an bis zum Morde befähigt zu ſein; zwiſchen welchen beiden Ertremen doch ohne Zweifel eine ziemlich weite Kluft und eine umſaſſende Reihe von Gegenſtänden liegt. Ich möchte nun nicht geradezu behaup⸗ ten, daß Scrooge eine ſolche Kühnheit beſaß, aber ich glaube männiglich verſichern zu dürfen, daß er por einer ziemlich bedeutenden Anzahl ſeltſamer Erſcheinungen nicht zurückbebte, und daß es zwiſchen einem Säugling und einem Nashorn ihn Nichts beſonders außer Athem gebracht oder in Erſtaunen geſetzt haben würde. Da er nun faſt auf Alles vorbereitet war, begegnete es ihm dennoch, daß er keineswegs ſich auf ein Nichts ge⸗ faßt gemacht hatte, weßhalb er denn auch, als die Glocke Ein Ühr ſchlug und kein Geſpenſt erſchien, von einem hef⸗ tigen Zittern ergriffen wurde. Fünf Minuten, zehn Mi⸗ nuten, ja eine ganze Viertelſtunde gingen vorüber, ohne daß Etwas erſchien. Inzwiſchen lag er auf dem Bette und ſah Nichts, als den weiten Schein und Lichtkreis einer Art röthlicher Gluth, der von dem Bette auszuſtrömen ſchien, ſeit die Glocke ein Uhr geſchlagen hatte und nun, da es die einzige Helle im Zimmer verbreitete, für ihn weit be⸗ unrnhigender war, als ein ganzes Dutzend Geſpenſter, da er ſich durchaus nicht erklären konnte, was es zu bedeuten hatte oder woher es kam. Manchmal fürchtete er beinahe, er werde im ſelben Augenblick von einem intereſſanten Anſall von Selbſtverbrennung heimgeſucht werden, ohne auch nur den Troſt zu haben, davon zu wiſſen. Indeß begann er doch zuletzt— was ich oder Du, mein verehr⸗ ter Leſer, wahrſcheinlich gleich von Anfang gedacht haben würden, denn es pflegt ja ſiets zu geſchehen, daß eine Perſon, die nicht bei der Sache betheiligt oder in ſie ver⸗ wickelt war, ſtets am beſten weiß, was darin zu thun ge⸗ weſen wäre, und was ſie in einem ſolchen Falle unzwei⸗ felhaft auch gethan haben würde!— zuletzt, ſage ich, be⸗ gann er doch zu muthmaßen, daß die geheime Quelle und Urſache des geſpenſtiſchen Lichtes doch in dem anſtoßenden Zimmerchen ſein könnte, wovon es wenigſtens, wie genauere Nachforſchung ergab, auszuſtrömen ſchien. Da dieſe Idee ſich ſeines Geiſtes gänzlich bemächtigte, ſtand er endlich leiſe auf und ſchlürfte in ſeinen Pantoffeln nach der Thüre hin. Im ſelben Augenblick, wo Scrooge's Hand den Thür⸗ drucker berührte, hörte er ſich von einer unbekannten Stimme angeruſen, die ihn hereinzutreten bat, und welcher er auch alsbald Folge leiſtete. 1 8—⏑ 8— 8SDM9B2 ½ ½ ⏑— à———— J 2— — 59 Es war, wie ihm nun über allen Zweifel erhaben däuchte, ſein eigenes Wohnzimmer, allein es war eine über⸗ raſchende Veränderung damit vorgegangen. Wände und Decke waren über und über ſo mit lebendigem Grün und Laubwerk überhangen, daß es ganz einem vollſtändigen Hain oder Luſtwaͤldchen gleich ſah, aus deſſen Dunkel allenthalben prächtige glänzende Beeren ſchimmerten. Die friſchen Blätter der Miſtel und des Epheu und die grünen Nadeln des Wachholders ſtrahlten das Licht zurück, als ob eben ſo viel kleine Spiegel hier vertheilt worden wären, und im Kamin praſſelte und lohete ein ſo mächtiges Feuer, als wäre jener Herd des Kamins in Serooge's Zimmer ſein Leben lang nie kalt geworden, oder die geizende Oeko⸗ nomie mit dem Feuermaterial längſt mit Marley aus der Mode gekommen. Auf dem Boden aber lagen, zu einer Art von Thron aufgehäuft, Truthühner, Gänſe, Wildpret, Hühner, Pökelfleiſch, mächtige Keulen verſchiedener Thiere, Spanferkel, große Kränze von Würſten, Fleiſchpaſtetchen ¹, Plumpuddings, Körbchen voll Auſtern, geröſtete Kaſtanien, rothbackige Aepfel, ſaftige Orangen, ſube leckere Birnen, ungeheure Dreikönigskuchen und dampfende Schüſſeln mit Punſch, die das ganze Zimmer mit ihrem würzigen Dufte erfüllten. Auf dieſem Lager von den verſchiedenſten Lecker⸗ biſſen ſaß in nachläſſiger Stellung ein luſtiger Rieſe, köſt⸗ lich anzuſchauen, der eine brennende Fackel faſt in der Ge⸗ ſtalt eines Füllhorns in der Hand trug und ſie hoch, hoch emporhielt, um ihr Licht auf Scrooge fallen zu laſſen, als er ſchüchtern durch die Thürſpalte blinzelte. „Komm' herein!“ rief ihm der Geiſt zu;—„komm' herein, Männchen! und lerne mich näher kennen!“ Scrooge trat blöde hinein und beugte ſein Haupt vor dem Geiſte; er war nicht mehr der ſauertöpfiſche, mürriſche alte Servoge, der er ſeither geweſen war, und wiewohl 1 Mince-pies, kleine ſtarkgewürzte Paſtetchen, mit Fleiſch ge⸗ füllt, die beſonders um Weihnachten in England häufig und faſt a. 7 a Il⸗ gemein genoſſen werden. hnac g hauſig f ſ 4 ſeine Augen hell und freundlich waren, wagte er doch nicht, ſie zu dem Geiſte aufzuſchlagen. „Ich bin der Geiſt der heurigen Weihnacht!“ hub die Erſcheinung an;—„faſſe mich näher in's Auge!“ Scrooge gehorchte ehrerbietig dieſer Weiſung. Der Geiſt trug einen einfachen langen grünen Rock oder Man⸗ tel, der mit weißem Pelze beſetzt war; dieſe Kleidung hing ihm ſo loſe um den Körper, daß ſeine breite Bruſt bloß war, als ob er es verſchmähe, ſie durch irgend ein künſt⸗ liches Mittel zu verwahren oder zu herbergen; ſeine Fuße und Beine, welche unter den weiten Falten ſeiner Kleidung hervorragten, waren ebenfalls nackt, und auf dem Kopfe trug er keine andere Bedeckung als einen Kranz von Wach⸗ holderreiſern, woran hie und da luſtig glänzende Eiszapfen hingen. Seine dunkelbraunen Locken umwallten frei und unbeengt Stirne und Nacken,— frei wie ſein geiſterartiges Geſicht, ſeine funkelnden Augen, ſeine offene Hand, ſeine muntere Stimme, ſein zwangloſes Benehmen und vergnüg⸗ tes Ausſehen. Um ſeine Hüfte war ein antikes Schwert gegürtet, aber die Klinge daran fehlte und die alte Scheide war von Roſt zerfreſſen. 3„Du haſt wohl nie zuvor meinesgleichen geſehen?“ rief der Geiſt. „Nein, niemals!“ gab Scrooge zur Antwort. „Du biſt wohl nie mit den jüngern Gliedern meiner Familie umhergewandert?“ fuhr das Geſpenſt fort;— „damit meine ich eigentlich— denn ich bin noch ſehr jung— meine alteren Brüder, die in den letzten Jahren zur Welt kamen.“ „Ich kann mich nicht entſinnen!“ ſagte Scrooge; „ich glaube kaum, daß es der Fall war. Haſt Du viele Brüder, Geiſt?“ „Mehr als achtzehnhundert!“ gab dieſer zur Antwort. 8 „Eine ſchauerlich zahlreiche Familie für Den, der für ſie ſorgen muß!“ meinte Scrooge. Der Geiſt der gegenwärtigen Weihnacht erhob ſich. „Höre, Geiſt!“ ſprach Servoge unterthänig,„führe mich wohin Du willſt; die Erſcheinungen der vergangenen Nacht, die ſich wider meinen⸗Willen mir aufdrängten, ha⸗ ben mir zur Lehre gedient und wirken noch bei mir nach. Wenn Du Luſt haſt, mich zu lehren, ſo lehre mich Nutzen aus ihnen ziehen.“ 3— „Berühre meinen Rock,“ ſprach die Erſcheinung. Serooge that, wie ihm befohlen, und hielt ſich am grünen Kleide des Geiſtes feſt. Wachholder, Miſteln, Vogelbeeren, Epheu, Truthüh⸗ ner, Gänſe, Wildbret, Hühner, Pöckelfleiſch, Fleiſch, Fer⸗ kel, Wuͤrſte, Auſtern, Paſteten, Puddings, Obſt und Punſch, Alles verſchwand auf einmal. Das Zimmer, das Feuer, der rothliche Schein, die ſpäte Nachtſtunde entwichen eben⸗ falls und ſie ſtanden in den Straßen der City an einem Chriſttagsmorgen, wo, weil die Kälte ſtreng war, die Leute eine rauhe, doch fröhliche und nicht ungefäͤllige Muſik machten, indem ſie den Schnee von dem Pflaſter vor ihren Häuſern und von ihren Dächern herabſchaufelten— und es war ein hohes Vergnügen für die Knaben zu ſehen, wie er in ſchweren Maſſen auf die Straße herniederfiel und in tauſend niedliche kleine Schneeſtürme zerſtob. Die Häuſerfronten ſahen ſchwarz und düſter drein, die Fenſter aber noch ſchwärzer, und bildeten ſo einen lebhaften Contraſt mit dem zarten weißen Schneelager auf den Dä⸗ chern und dem ſchmutzigeren Schnee der Straßen, in deſſen tiefe Schichten die ſchweren Räder der Karren und Wa⸗ gen tiefe Furchen eingewühlt hatten,— Furchen, die ſich hundertmal durchkreuzten an den Stellen, wo die großen Straßen einmündeten, und ſchmale, ſchwer befahrbare Ka⸗ näle in den dicken gelben Schmutz und das eiſige Waſſer eingruben. Der Himmel war düſter und die kürzeſten Stra⸗ ßen tief in übelriechenden Nebel gehüllt, der halb Thau, halb Froſt war und deſſen ſchwerere Theilchen in Wolken von ſchwärzlichen Atomen herniederſtiegen, als ob alle Ka⸗ mine in Großbritannien mit Einem Male Feuer gefangen hätten und nun aus vollem Herzen und vollen Backen ih⸗ ren inneren Gehalt an Nuß und Dampf vor ſich bließen, Weder in dem Klima noch in der Stadt ſelbſt war etwas Angenehmes oder Liebliches zu verſpüren, und doch lag über die ganze äußere Natur eine Miene von Fröhlichkeit, Anmuth und Lieblichkeit gebreitet, welche die klarſte Som⸗ merluft und der glänzendſte Sommerſonnenſchein vergebens zu verbreiten ſich gemüht haben würden. Die Leute nämlich, die auf den Hausgiebeln und Gaſſen den Schnee wegſchaufelten, waren luſtig und voller Freuden, riefen einander lachend von den Brüſtungen der Fenſter und Dachgiebel aus zu und warfen ſich hie und da neckend mit Schneebällen— Wurfgeſchuͤtze, die am Ende weit beſſer gemeint ſind, als manches Spaßwort— und lachten herzlich, wenn der Wuf traf, und nicht minder herzlich, wenn er fehlging. Die Läden der Geſlügelhändler waren noch halb offen und die der Obſthändler prunkten noch in ihrem ganzen Schmucke; da waren zu ſchauen: ſchöne, große, runde, dickwanſtige Kaſtanien, körbeweiſe aufgeſchüttet— nicht anders anzuſchauen, als wie Bäuchlein luſtiger alter Her⸗ ren, die unter ihren Hausthüren lungerten und in ihrer apoplektiſchen Behaglichkeit ſich vor dem Straßenvolke brü⸗ ſteten. Da waren röthliche, braungeflammte, breitgedrückte ſpaniſche Zwiebeln, die in der Rundung ihrer Bäuchlein glänzten, wie wohlgemäſtete ſpaniſche Ordensbrüder, und von ihren Brettern und Geſtellen herab in üppiger Selbſt⸗ zufriedenheit den vorübergehenden Mädchen zuwinkten, und ernſthaft und gravitätiſch auf die aufgehangenen Miſtel⸗ zweige blickten. Da waren Birnen und Aepfel zu blühen⸗ den Pyramiden hoch aufgeſchichtet; da hingen Bündel von Trauben, von den Händlern in wohlmeinender Abſicht an hohen, weithinſchauenden Orten ihrer Läden aufgehängt, appetitlich und Lüſternheit erregend hernieder, daß den vor⸗ übergehenden Leuten gratis der Mund wäſſerte; da waren ganze Haufen von Lambertsnüſſen, die braun und mooſig durch ihren Wohlgeruch an die früheren einſamen Spazier⸗ gänge durch die Wälder hin und das angenehme Rauſchen der faſt Fußtief liegenden bunten, vom Herbſt abgeſtreiſten b ————-———,—— —.— „8 n 63 Blätter gemahnten; da waren Biffins aus Norfolk, ſo neit und dunkelbraun, daß ſie dem Goldgelb der Orangen und Limonen gleichſam zur Folie dienten und durch die Dicke ihrer ſaftigen Geſtalten verlockend einluden, daß man ſie in Papierdüten nach Hauſe nähme und ſich an ihnen nach aufgehobener Mahlzeit gütlich thue. Der Gold⸗ und Silberfiſch, der in weitbauchigen Glasflaſchen unter die⸗ ſen ausgewählten Früchten ausgeſtellt war, ſchien, obwohl er einem ſtummen, kaltblütigen Geſchlechte angehörte, den⸗ noch mitzufühlen, daß hier etwas Ungewöhnliches vorgehe und ſteuerte, luſtig genug für einen Fiſch, in träger, lei⸗ denſchaftsloſer Munterkeit im enggefangenen Elemente ſei⸗ ner Glasflaſche umher. Und nun erſt die Gewölbe der Spezerei⸗ und Gewürz⸗ händler, die faſt geſchloſſen waren und höchſtens nur einen oder zwei Läden offen hatten,— welch luſtiges Schauſpiel gewährten ſie durch dieſe kleinen Gucklöcher hindurch! Nicht allein, daß die Waagſchaalen, die auf dem Ladentiſch auf und niederſtiegen, einen hellen luſtigen Ton von ſich ga⸗ ben, daß der Bindfaden behende von der Nolle ſich ab⸗ wickelte, oder die Büchſen wie Taſchenſpielerbecher hin und her geſchüttelt wurden, oder daß der geſegnete Duft von Thee und Kaffee den Beſchauern ſo lecker und lüſtern in in die Naſe ſtach— nein, auch die Roſinen und Korinthen waren ſo groß und von ſeltener Schönheit, die Mandeln ſo ausnehmend weiß, die Zimmtſtengel ſo lang und ker⸗ zengerade, die andern Gewürze ſo ſüßduftend und verfüh⸗ reriſch, die eingemachten Früchte ſo weich und molzig und mit geſchmolzenem Zucker bereift und übereist, daß auch die kaltblütigſten Zuſchauer den Mund voll Waſſer und das Herz von Neid und leckerer Luſt beengt fühlten. Die Fei⸗ gen ſchauten ſo ſaftig und fleiſchig drein, und die einge⸗ machten Pflaumen, die Datteln und Aprikoſen blickten in verlockender, pikanter Säure aus ihren ſchönverzierten Glä⸗ ſern hernieder, und Alles war ſo einladend, ſo appetitlich und in einer Art von Weihnachtsſchmuck anzuſchauen;— ja auch die Kunden ſchienen ſämmtlich ſo eilfertig, ganz von dem Glücke erfüllt, welches ihnen dieſer Feſttag ver⸗ ſprach, daß ſie drängend und mit Püffen die Thüre zu erreichen ſuchten, ihre geflochtenen Körbe wild und drohend ſchwangen und in der Sehnſucht, nach Hauſe zu kommen, ihre Waaren auf dem Zahltiſche liegen ließen, daß ſie wieder zurückeilen mußten, um dieſe zu holen, und Hun⸗ derte von ähnlichen Verſtößen auf dieſe Weiſe in der beſten Laune begingen. Die Herren der Gewürzläden oder ihre Leute waren ſo friſch und frei und fröhlich, daß die blank⸗ polirten Meſſingherzen, weiche ihnen anſtatt der Schließer dienten, und womit ſie ihre Schürzen hinter dem Rücken befeſtigten, ganz ſo ausſahen, als wären es ihre eigenen, die ſie gleichſam außen auf dem Leibe trugen, damit Jeder⸗ mann davon Einſicht nähme und die Weihnachtsraben daran pickten, falls ſie Luſt hätten. Bald darauf riefen die Kirchenglocken männiglich zu Kirche und Kapelle, und die Haͤnſer öffneten ſich und ſpieen die Leute heerdenweiſe und in ihren beſten Kleidern und mit den vergnügteſten Geſichtern auf die Straßen her⸗ aus; und zu gleicher Zeit ſtrömten aus Dutzenden von Nebenſtraßen, Gäßchen und zahlloſen Winkeln und Ecken unzählige Leute heran, um ihr Mittagsmahl zum Bäcker zu tragen. Der Anblick dieſer armen Schwelger ſchien das Geſpenſt ſehr zu intereſſiren, denn er blieb mit Scrooge unter dem Thorwege vor einem Bäckerladen ſtehen, nahm die verhüllenden Tücher und Deckel von den Töpfen und Schüſſeln, wenn deren Träger an ihm vorübergingen, und ſprengte aus ſeiner Fackel Weihrauch auf ihr Mahl. Und die Fackel hatte gar ſeltſame, befremdliche Eigenſchaften, denn ein vaar Mal, als zornige Worte zwiſchen verſchie⸗ denen Perſonen gewechſelt wurden, welche in ihrem emſigen Eifer, ihr Mahl zum Bäcker zu beſorgen, ſich gegenſeitig geſtoßen hatten, ſchuttelte der Geiſt aus ſeiner Fackel ein paar Tropfen Waſſer auf ſie hernieder, welche die Aufge⸗ brachten beſänſtigten, wie Oel die wogende Fluth, und ihnen ihren urſprünglichen Frohſinn wieder verſchafften; denn ſie pflegten zu ſagen, es ſei eine Schande, am Chriſt⸗ tage ſich zu zanken, und das war es anch in der That! Weiß Gott, das war es! Bald darauf verſtummten die Glocken und die Bäcker⸗ läden wurden geſchloſſen und ein geiſterhafter Schatten von all dieſen Speiſen und dem Proceß ihrer Zubereitung ſchien ſich in dem thauenden feuchten Fleck uͤber jedem Bäckerofen niederzuſchlagen, woſelbſt das Pflaſter rauchte, als ſollte es ebenfalls kochen. „Liegt denn ein ſo beſonderer Wohlgeruch in den Funken und Waſſertropfen, die Du von Deiner Fackel aus⸗ ſprühſt?“ fragte Servoge den Geiſt. „Allerdings!“ gab dieſer zur Anwort,„es iſt mein eigener Duft!“ „Und wird es heute eine Würze werden für irgend eine Art von Mahl?“ fragte Scrooge weiter. „O ja, zu Jedem, das gerne gereicht wird!“ verſetzte der Geiſt,—„insbeſondere aber zum Mahle des Armen!“ 3„Und warum denn beſonders für dieſes?“ forſchte der Alte. „Weil dieſes der Würze am meiſten bedarf.“ Serooge verſank eine Weile in tiefes Nachdenken; dann hub er wieder an:„Mich wundert, lieber Geiſt, daß Du unter den mancherlei Weſen der Schöpfung um uns, Dir darin gefällſt, dieſen armen Leuten jede Gelegenheit zu unſchuldigem Vergnügen zu verbittern!“ „Das ſollte ich thun?“ rief der Geiſt. „Du willſt ſie ja der Mittel berauben, je am ſiebenten Tage,— oft dem einzigen, wo ſie eigentlich ſpeiſen kön⸗ nen,— ſich ihr Mittagsmahl zu bereiten?“ ſprach Serooge niſt dem nicht ſo?“ „Meinſt Du denn damit mich?“ rief das Geſpenſt. „Du ſuchſt ja dieſe Orte hier je am ſiebenten oder Sabbathtage zu ſchließen?“ ſagte Scrooge,„und das kommt wohl auf Eins heraus.“ ei Boz, Chuzzlewit. I. 5 Gei„Das ſollte ich zu thun mich mühen?“ fragte der 66 „Vergieb mir, wenn ich mich irre!“ vetſetzte Servoge; —„man giebt wenigſtens vor, es geſchehe in Deinem Na⸗ men oder in dem Deiner Familie!“ 5 „So hat man uns bitter Unrecht gethan!“ verſetzte 1 der Geiſt;—„es giebt Menſchen auf dieſer Erde, die uns zu kennen vorgeben, und die da ſich vermeſſen, die Thaten des Stolzes, der Leidenſchaft, der Bosheit, des Haſſes, der Heuchelei und der Selbſtſucht, welche ſie ſich zu Schulden kommen laſſen, uns aufzubürden;— Menſchen, die uns fremd ſind und unſerer ganzen Sippſchaft, ja die uns ſo wenig kennen, als hätten wir nie gelebt. Erwäge das und lege ihr Thun in Zukunft ihnen ſelbſt zur Laſt, und nicht uns!“. Scrooge verſprach dieß zu thun, und wiederum be⸗ gannen ſie, unſichtbar wie zuvor, nach den Vorſtädten der großen Hauptſtadt hinzuſchweben. Der Geiſt beſaß— wie Scrooge unter dem Thorwege des Bäckers bemerkt hatte, — die ſeltſame Eigenſchaft, daß er trotz ſeiner rieſigen Größe ſich leicht in jeden Ort zu ſchicken wußte, und daß er unter einem niedern Dache eben ſo voll Anmuth und von ſeinem übernatürlichen Weſen umfloſſen daſtand, wie er es in einer hochgewölbten, luftigen Halle zu thun ver⸗ mocht hätte. Vielleicht machte ſich der gute Geiſt ein Vergnügen daraus, ihm dieſes ſein eigenthümliches Vermögen zu zei⸗ gen, oder ließ er ſich von ſeinem gütigen, edelmüthigen, herzlichen Weſen und ſeiner Vorliebe für alle Armen und Bedrängten verführen, den alten filzigen Serooge geradezu in die Wohnung ſeines Schreibers hinzubringen. Hieher verſetzte er nämlich ſich und Scrooge plötzlich, weil dieſer ſich an ſeinem Kleide hielt. Auf der Schwelle des Hauſes aber blieb der Geiſt lächelnd ſtehen, um Bob Cratchit's 4 niederes Haus durch Beſprengung ſeiner Fackel einzuwei⸗ hen und zu ſegnen. Denkt Cuch nur! der gute, arme Bob Cratchit hatte ſelber nur einen Gehalt von fünſzehn Bob's(Schillingen, à 8 ggr. oder 36 Kreuzern rhei⸗ niſch), zog am Sonnabend nur fuͤnfzehn Kopien ſeines ——,——„ y-—ÿÿÿy— 2— —, ⏑ ⏑* ◻⏑☛ ϊ 8— — A N S 8 ⏑—A 67 Taufnamens ein, und dennoch ſegnete der Geiſt der heuri⸗ gen Weihnacht ſein kleines Häuschen, das nur vier Gemä⸗ cher enthielt, ein!..... 4 Auf einmal erhub ſich Miſtreß Cratchit, Bob Crat⸗ chit's Weib, das nur armſelig ein zweimal gewendetes Kleid, welches mit Borten und Bändern beſetzt war, am Leibe trug; die Bänder und Borten aber, die es noch leidlich heraus⸗ putzten, waren wohlfeil und machten großen Staat um ſechs Pence. Sie deckte den Tiſch und ließ ſich dabei von Belinda Cratchit, ihrer zweiten Tochter, helfen, deren Kleid⸗ chen auf gleiche Weiſe mit Bändern verziert war. Meiſter Peter Cratchit aber, der erſtgeborene Sphn, der Stamm⸗ halter der Familie, ſtieß mit der Gabel in die Kaſſerole, worin die Karkoffeln köochten, nahm die Enden ſeines un⸗ geheuerlichen rieſigen„Vatermörders“ oder Hemdkragens (dieß Hemd war eigentlich Bob Cratchit's Eigenthum, al⸗ lein dem Sohn und Erben zu Ehren des heutigen Feſtes übertragen und zu tragen verſtattet) in den Mund, und war eben ſo entzückt, ſich ſelber ſo prächtig geputzt zu fin⸗ den, als begierig, ſein Weißzeug in den eleganten Parks zu zeigen. Und nun ſtürmten die beiden jungen Cratchit's, ein Knabe und ein Maͤdchen, tobend in's Gemach herein und riefen, daß ſie draußen im Vorübergehen am Bäcker⸗ hauſe den Duft einer gebratenen Gans gerochen und dieſe für ihre eigene erkannt, die in des Bäckers Ofen ſchmore; und im lüſternen Vorgenuſſe und ſüßer Ahnung von Sal⸗ bei und Zwiebeln ſchwelgend, tanzten die beiden jüngſten Cratchit's um den Tiſch herum, und erhoben Meiſter Pe⸗ ter Cratchit bis zum Himmel, während er— nichts we⸗ niger als ſtolz, obwohl ſein Hemdkragen ihn ſchier erwürgte — das Feuer anblies, bis die trägen Kartoffeln endlich ſprudelten und aufwallten und laut an den Deckel der Kaſ⸗ ſerole pochten, weil ſie heraus ſpazieren und geſchält wer⸗ den wollten.— 1 „Was mag denn wohl aus dem guten Vater gewor⸗ den ſein?“ ſagte Miſtreß Cratchit,—„und aus Eurem Bruder, dem armen kleinen Gottlieb? wo mögen ſie wohl⸗ 5*¾ ſo lange ſtecken! Auch Martha kam letzten Chriſttag um eine gute halbe Stunde früher.“ „Hier iſt ja Ihre Martha, gute Mutter!“ rief ein Mädchen, das mit dieſen Worten in die Thüre trat. „Hier iſt Martha, liebe Mutter!“ riefen die beiden Kleinen;„Hurra, Martha! Du ſollteſt nur die Gans ſehen, die mächtige Gans, die wir heute verzehren!“ „Gottlob, daß Du da biſt, liebes Kind! Wo ſteckſt Du denn ſo lange?“ rief Miſtreß Cratchit ihrer Tochter zu und küßte ſie wohl ein Dutzendmal und nahm ihr mit geſchäftigem Eiſer Halstuch und Hut ab. „Wir hatten geſtern noch bis ſpät in die Nacht zu arbeiten,“ verſetzte das Mädchen,„und heute früh mußten wir den Laden noch aufräumen, liebe Mutter!“ „Nun ja doch,“ ſprach die Mutter;—„was liegt auch dran, ob Du etwas ſpäter kommſt, wenn Du nur da biſt! Setz' Dich jetzt nur zum Feuer, liebes Kind, und wärme Dich! Um Gotteswillen! Du biſt ja halb erſtarrt!“ „Hurrah! der Vater kommt!“ riefen die beiden jun⸗ gen Cratchit's, die überall und nirgends waren,„friſch auf, Schweſter Martha! verſtecke Dich! Der Vater kommt! verſtecke Dich!“ Und Martha eilte hinter die Thüre des Alkovens, und hereintrat der kleine Bob, der Vater, und ließ faſt zwei Ellen weit das Mantelkrägchen vor ſich niederhängen und trug den„armen Gottlieb“ auf der Schulter. Der arme Mann, er hatte ſeine ſadenſcheinigen Kleider heute durch Waſſer und Bürſte wieder einigermaßen aufgefriſcht und wieder heraufgeputzt, daß ſie wenigſtens ein feſtliches Anſehen hatten. Der arme, kleine Gottlieb aber war recht zu beklagen, denn er trug eine kleine Krücke und ſeine armen Glieder waren durch eine eiſerne Maſchine zuſam⸗ mengezwaͤngt. 4 „Wo ſteckt denn unſere Martha?“ rief Bob Cratchit lant und ſah ſich im ganzen Stübchen um, während Mar⸗ tha mit Freudenthränen in den Augen hinter der Thüre ſtund. — —₰3 ——,—— chit's den armen G 69 „Sie kommt heute nicht,“ ſagte Miſtreß Cratchit. „Sie kommt nicht?“ fragte Bob und ſein Frohſinn war tief herabgeſtimmt; denn er war den ganzen Weg von der Kirche her Gottlieb's Vollblutreitpferd geweſen und keuchend, aber dennoch vergnügten Sinnes auf ſeiner eige⸗ nen Schwelle angelangt.—„Ei, ei, daß ſie auch gerade am Weihnachtstage nicht kommen kann!“ Martha konnte ihn nicht bekümmert wiſſen, und wäre e geweſen, drum eilte ſie plötzlich es auch nur zum Spa und voreilig hinter der 2 dem Vater in die Ar ven venthüre heivor und ſtürzte me, wäͤhrend die beiden jungen Crat⸗ tlieb aufhockten und ihn in die Küche hinaustrugen, damit er auch den Pudding im Keſſel brodeln höre. „Und wie bettug ſich denn der kleine Gottlieb?“ gte Miſtreß Cratchit, ſie Bob über ſeine Leichtgläubigkeit ausgezankt und Bob ſeine Tochter mit warmer Zärtlichkeit an's Herz gedrückt hatte. „So gut wie Gold und beſſer noch,“ verſetzte Bob. „Das arme Kind wird ganz gedankenvoll, weil es ſo oft allein zu Hauſe ſitzt, und da kommen ihm die ſeltſam⸗ ſten Dinge in den Kopf. So ſagte er mir auf dem Heim⸗ wege: er hoffe, daß die Leute ihn in der Kirche geſehen, weil er ein armer, kleiner Krüpyel ſei, und daß ſie viel⸗ leicht nnn um ſo fröhlicher und andächtiger des Weih⸗ nachtabends gedäͤchten, welcher lahme Bettler rüſtig gehend und Blinde ſehend machte.“ Bob's Stimme erbebte vor Rührung, als er ihnen dies erzählte, und zitterte noch mehr, als er ihnen ſagte, daß das arme gebrechliche Kind jetzt ſichtlich ſtärker und gefaßter werde. Von draußen aber hörte man die geſchäftige Krücke des Kleinen auf dem Hausſtur näher kommen, und ehe noch ein anderes Wort geſprochen ward, kam der kleine Gott⸗ lieb, von ſeinem Brüderchen und Schweſterchen geleitet, in die Stube zurück und ſetzte ſich in ſeinen Stuhl neben dem eines Fracks zurück, Kamin; Bob aber ſchlug die Aermel ſe 70— als wäre es möglich geweſen, ſie noch fadenſcheiniger und ſchäbiger zu machen,— braute mit Wachholderbranntwein und Citronen ein heißes Getränk in einem Kruge, rührte es emſig um und ſtellte es dann zum Feuer, um es kochen zu laſſen; Meiſter Peter aber und die beiden unruhigen jungen Cratchit's entfernten ſich, um die Gans vom Bäcker zu holen, mit der ſie bald in hoher Prozeſſion zurückkamen. Darob entſtand ein ſolcher Freudenlärm, als ob eine Gans der ſeltenſte aller Vögel, ein befiedertes Phänomen geweſen wäre,— eine Curioſität, neben welcher ein ſchwar⸗ zer Schwan noch etwas ganz gewöhnliches war!— Und in der That mochte ein ſolches Thier auf dem Tiſche die⸗ ſer Familie auch eine große Seltenheit ſein. Miſtreß Cratchit wärmte die Sauce, die ſchon zuvor in einem klei⸗ nen Pfännchen fertig geweſen, am Feuer wieder auf, wäh⸗ rend Meiſter Peter mit unglanblicher Kraft und Rüſtigkeit die Kartoffeln zerquetſchte und knetete; Miß Belinda ver⸗ ſüßte mit Zucker die Apfelbrühe und Martha ſcheuerte das heiße Geſchirr rein; Bob aber nahm den armen Gottlieb und ſetzte ihn neben ſich auf einen Stuhl in ein kleines Eckchen des Tiſches, während die beiden jungen Cratchit's für Jedermann Stühle zum Tiſche rückten und natürlich ſich ſelbſt nicht dabei vergaßen, dann aber wie Schildwa⸗ chen ihren Poſten bezogen und ihre Löffel in den Mund ſteckten, damit ſie nicht nach der Gans ſchreien ſollten, be⸗ vor die Reihe an ſie kam. Endlich wurden alle Gerichte aufgetragen und das Tiſchgebet hergeſagt, worauf dann eine athemloſe Pauſe folgte, als Miſtreß Cratchit ſich ge⸗ mächlich nach dem Tranchirmeſſer umſah, es zum Zerlegen ſchärfte und ſich anſchickte, den ſchneidenden Stahl in die Bruſt des leckeren Thieres zu verſenken. Und als dies endlich geſchah, und die lang erſehnte Fülle des leckeren Gerichtes ſich auf den Teller ergoß, erſchallte rings um den Tiſch ein anhaltendes, lautes Gemurmel des Beifalls und Vergnügens, und ſelbſt der kleine Gottlieb ſchlug, von den beiden jüngeren Geſchwiſtern und ihrer Fröhlichkeit angeſteckt, mit dem Heft ſeines Meſſers freudig auf den 1 71 Tiſch und rief mit ſchwacher Stimme ſein begeiſtertes Hurrah. 2 4 Ja wahrlich! eine ſolche Gans war noch nie geſehen worden. Bob konnte unmöglich glauben, daß ein ſolcher Vogel wie dieſer je gebraten worden war. Seine Zartheit und leckerer Wohlgeruch, ſeine Größe und Wohlfeilheit waren der Gegenſtand allgemeiner Bewunderung. Von dem Kartoffelmuß und der Apfelſauce unterſtützt, bildete die Gans eine hinreichende Mahlzeit für die ganze Familie, und Miſtreß Cratchit behauptete in der That mit großem Vergnügen(wobei ſie natürlich nur das Gebein des Ge⸗ richts im Auge hatte), es möchte wohl unmöglich werden, ſie ganz aufzuzehren!— Inzwiſchen bekam doch Jeder⸗ mann ſatt und vornehmlich die beiden jüngſten Cratchit's, die bis zu den Augbraunen hinauf mit Salbei und Zwiebeln ſich verzierten! Als aber endlich Miß Belinda die Teller wechſelte, verließ Miſtreß Cratchit allein das Zimmer— ihr Ehrgeiz erlaubte nämlich nicht, daß ſie Zeugen mit ſich nahm,— um den Pudding zu holen und herein zu bringen. Denkt Euch nur einmal, der Pudding wäre nur halb gar gekocht, oder er wäre zerbrochen, als man ihn aus der Serviette nahm! Denkt Euch nur, irgend Jemand hätte inzwiſchen ſich über die Mauer des Hinterhofs geſchwun⸗ gen und ihn aus der Waſchküche geſtohlen, während die guten Leutchen hier ſich mit der Gans gütlich thaten! All dieſe Vermuthungen, zumal die letztere, bei⸗ welchen die bei⸗ den jüngſten Geſchwiſter erbleichten, füllten die kurze Pauſe während der Entfernung der Mutter und gaben ſich faſt lesbar auf den Zügen der um den Tiſch Verſammelten zu erkennen. Hallohl welch eine Dampfmaſſe!... Der Pudding war jetzt aus dem Keſſel genommen. Nun roch es gar wie an einem Waſchtage— das war die Serviette. Und der Geruch, der ſich jetzt verbreitete, war nicht anders als der⸗ jenige, welchen ein Speiſehaus aushaucht, neben welchem ſich auf einer Seite ein Paſtetenbäcker und auf der andern 72 die feuchte Werkſtätte einer Wäſcherin befindet! Dies war der Pudding. Eine halbe Minute ſpäter trat Miſtreß Cratchit wieder herein: beſcheiden erröthend zwar, allein mit ſelbſtzufriedenem Lächeln, und trug den Pudding her⸗ ein, ſo hart und feſt, und wie eine geſprenkelte Kanonen⸗ kugel anzuſchauen, die inmitten einer angezündeten Flaſche Branntwein glühte und auf deren oberſter Fläche ein kleines Wachholderrüthchen als Weihnachtsſchmuck ſich ſchaukelte. 1 „Ah! welch ein wunderſchöner Pudding!“ rief Bob Cratchit, und behauptete ſteif und feſt und mit ernſter Würde, daß dieß das größte Kunſtſtück im Küchendeparte⸗ ment ſei, das Miſtreß Cratchit während ihrer ganzen⸗ Ehe je zu Tage gefördert. Miſtreß Cratchit aber ver⸗ ſicherte mit triumphirendem Herzen, daß ihr jetzt ein Stein vom Herzen ſei, und geſtand, ſie habe in Betreff der Quan⸗ tität des dazu verwendeten Mehls etliche Befürchtungen hinſichtlich des Gelingens gehegt. Jedes wußte Etwas darüber zu ſagen, allein keines wagte zu behaupten oder auch nur zu denken, daß der Pudding am Ende doch etwas klein ausgefallen ſei für eine ſo zahlreiche Familie;— Bahl es wäre auch pure Ketzerei geweſen, etwas Derartiges zu behaupten, und ein Cratchit würde ſich geſchämt haben, hierauf auch nur anzuſpielen. Endlich war das Mahl vorüber, der Tiſch abgedeckt, der Heerd geſegt und friſches Feuer angemacht. Als man das Gebräne im Kruge verſucht und fertig beſunden hatte, wurden Aepfel und Orangen auf den Tiſch geſetzt und eine Schaufel voll Kaſtanien auf den Roſt geſchüttet; dann rückte die ganze Familie Cratchit dem Heerde näher und bildete, was Bob Cratchit einen Zirkel nannte, obwohl es nur ein halber war; und an Gaatchit's Ellenbogen ſtand der ganze Vorrath an Glaswerk, den die Familie aufzu⸗ weiſen hatte, nämlich zwei Sturzbecher und eine Rahm⸗ kanne ohne Henkel. Dieſe faßten ja den heißen Inhalt des Krugs am Ende eben ſo gut, als es goldne Polale irgend wie gethan —-—,—* 73 haben würden, und Bob machte mit freudeſtrahlenden Blicken den Mundſchenk, während die Kaſtanien über dem Feuer luſtig kniſterten und krachten. Nun ſchickte ſich Bob an, einen Triukſpruch auszubringen: „Gott ſei mit uns Allen, meine Lieben,“ ſagte er, „und ſchenke uns vergnügte Weihnachten!“ Die ganze Familie ſtimmte mit froher Andacht in dieſen Wunſch ein, und’ der ſchwächliche Gottlieb erlaubte ſich hinterdrein noch den Wunſch anzufügen:„Gott ſegne Jeden von uns insbeſondere.“ So ſaß er auf ſeinem kleinen Stuhle hart an des Vaters Seite, und Bob hielt ſeine kleine abgemagerte Hand in der ſeinigen und blickte zu dem Knaben hernieder, als ob er das Kind beſonders liebe und es an ſeiner Seite zu behalten wünſche, obwohl er fürchtete, es möchte ihm ent⸗ riſſen werden. „Höre, Geiſt,“ ſprach Serooge mit einer Theilnahme wie er ſie noch nie zuvor gefühlt hatte,„ſag' mir doch, ob der kleine arme Gottlieb am Leben bleiben wird?“ „Das ſteht dahin!“ verſetzte der Geiſt,—„ich ſehe einen leeren Stuhl in der Ecke am armſeligen Kamin und eine Krücke ohne Eigenthümer, die man ſorgſam aufgeho⸗ ben; wenn dieſe Schatten von der Zukunft nicht geändert werden, wird das Kind unfehlbar ſterben.“ „Nein, nein!“ rief Serooge,—„p, ſprich nicht ſo, guter Geiſt! verſichere mich lieber, daß er verſchont bleibe.“ „Wenn dieſe Schatten nicht durch die Hand der Zu⸗ kunft geändert werden,“ wiederholte das Geſpenſt,„ſo wird keiner meiner Brüder ihn mehr hier finden. Was liegt auch daran: wenn der Knabe lieber ſterben will, ſo mag er ſterben und dadurch der Uebervölkerung vorbeugen helfen.“ Servoge ſenk e ſein Haupt beſchamt, als er ſeine eige⸗ nen Worte aus dem Munde des Geſpenſts wiederholt hörte, und fühlte ſich von Kummer und Reue ergriffen. „Höre, Menſch!“ hub der Geiſt an,„wenn Du wirk⸗ lich das Herz eines Menſchen und nicht einen Diamant im Buſen trägſt, ſo hüte Dich vor einer ſolchen verfluch⸗ ten Rede, bis Du erſt entdeckt haſt, was Uebervölkerung heißt und wo ſie ſtattfindet. Maßeſt Du Dir an, zu ent⸗ ſcheiden, was für Menſchen leben ſollen und Welche hin⸗ wiederum ſterben? Es könnte geſchehen, daß Du in den Augen des Himmels weit weniger würdig und geeignet wäreſt zu leben, als Millionen Anderer oder ſolcher Ge⸗ ſchöpfe, wie das Kind dieſes armen Mannes. O Gott! wie ſchrecklich iſt's zu hören, daß das Inſekt auf dem Blatte zu klagen ſich vermißt, daß allzuviel von ſeinen Brüdern hungrig im Staube leben!“ Scrooge fand ſich tief erſchüttert durch des Geiſtes Erwiderung und ſchlug zitternd ſein Auge zu Boden. Plötzlich aber erhob er es wieder als er ſeinen eigenen Namen ausſprechen hörte. Bob brachte nämlich eben einen Trinkſpruch auf ihn aus.— „Nun wollen wir auch Herrn Serooge leben laſſen!“ rief er,„kommt her, meine Lieben! das Wohlſein des Herrn Scrooge, der doch der Gründer dieſes Feſtes iſt!“ „Ein ſauberer Gründer dieſes Feſtes,“ verſetzte Miſt⸗ reß Cratchit mit unwilligem Erröthen;„ich wollte, ich hätte ihn hier, ich wollte ihm ein Stück meiner Stimmung bei dieſem Feſte fühlen laſſen, das ihm wahrlich ſchlecht be⸗ hagen ſollte.“ „Stille, liebes Weib!“ erwiderte Bob;—„bedenke, 's iſt Weihnachten und die Kinder ſind hier!“ „Muß es denn auch gerade Weihnachtstag ſein,“ ſprach ſie,—„an welchem man die Geſundheit eines ſo verhaßten, mürriſchen, unbarmherzigen und gefühlloſen Mannes trinkt, wie Herr Scrooge? Du weißſt ja, wie er iſt, Robert! Niemand kann es beſſer wiſſen als Du, armer Mann!“, „Schweige doch, liebes Kind!“ gab Bob milde zur Antwort,„bedenke, es iſt Weihnachtstag!“ „Nun ja doch!“ meinte Miſtreß Cratchit widerſtre⸗ bend;—„um Deinetwillen und dem Tag zu liebe, nicht aber wegen Scrooge will ich ſeine Geſundheit mittrinken. „E 75 Wir wollen ihm langes Leben, vergnügte Weihnachten und ein glückliches Neujahr wünſchen!— Ich kann mir ſchon denken, wie vergnügt und glücklich er ſein wird!“ Die Kinder tranken nach ihr denſelben Toaſt und es war der erſte Schritt des heutigen Tages zu dem ſie ſich nicht aus herzlichem gutem Willen bequemten. Der arme gebrechliche Gottlieb trank zu allerletzt, aber es lag ihm gar nichts daran. Herr Serooge war der Popanz und Kinderſchreck der ganzen Familie und die Erwähnung ſei⸗ nes Namens genügte ſchon, einen düſteren Schatten über die Geſichter der ganzen Geſellſchaft zu verbreiten, der ſich volle fünf Minuten lang nicht wieder verwiſchen ließ. Als er wieder verſchwunden war, waren ſie freilich zehnmal vergnügter als zuvor, nur darum, weil ſie den Troſt hatten, daß des grämlichen Scrooge nicht ferner Er⸗ wähnung geſchah. Bob Cratchit theilte ihnen nun mit, wie er ſich ſchon nach einem Plätzchen für Meiſter Peter umgeſehen, das, falls er es erlangen konnte, dem jungen Manne wöchentlich fünf und einen halben Schilling in runder Summe ertragen würde. Die beiden jungen Crat⸗ chit's lachten uberlaut bei dem Gedanken, daß Peter nun ein Geſchäftsmann werden ſollte, und Peter ſelbſt blickte über ſeine Vatermörder hinweg ſo gedankenvoll in's Feuer als ob er ſo eben bei ſich überlegte, was für großartige Capitalien er ſich erübrigen wollte, ſobald ihm der Em⸗ pfang dieſes erſtaunlich großen Einkommens gewiß ſei. Martha, die bei einer Putzmacherin in der Lehre war, er⸗ zahlte ihnen hierauf, was für Geſchäfte ſie ſelbſt zu beſor⸗ gen habe, und wie lange Zeit ſie an Einem fort arbeiten müſſe, und wie ſie geſonnen ſei, morgen früh ein Stündchen länger im Bette zu liegen, da es ihr vergönnt ſei den morgigen Feſttag zu Hauſe zuzubringen; ſie wußte ferner zu erzählen, daß ſie ein Paar Tage zuvor eine Gräfin und einen Lord geſehen und wie der Lord faſt eben ſo groß geweſen ſei wie Peter; bei welcher Neuigkeit Peter ſeine Vatermörder ſo hoch heraufzupfte, daß man unmöglich ſein Geſicht hätte ſehen können und wäre man ihm auch gegen⸗ kleidet; ihre Schuhe waren nichts weniger als waſſ 76 über geſtanden. Unterdeſſen gingen die Kaſtanien und der Krug in der Stube herum und der arme kleine Gottlieb, der ein gar klaͤgliches rührendes Stimmchen hatte, gab gelegentlich ein Lied zum Beſten„von einem armen Kinde, das ſich auf der Neiſe im Schnee verloren,“ welches er recht gut zu ſingen wußte. Darin lag freilich nicht viel Merkwürdiges, denn die Familie war keineswegs ſchön, noch auch nur leidlich ge⸗ ſerdicht, ihre Kleider ſchäbig und abgetragen und Peter mochte, was auch in der That der Fall war, recht wohl wiſſen, wie eine Trödlerbude von innen ausſehe. Allein ſie Alle waren glücklich, genügſam, dankbar, im Frieden mit ein⸗ ander und zufrieden mit ihrer Lage. Und als allmäͤhlig der Kummer von ihren Zügen wich und ſie beim hellen Funkenſprühen der Fackel des Geiſtes, der ſich jetzt zum Gehen anſchickte, noch glücklicher dreinblickten, faßte Scrooge ſie feſt in's Auge und beſonders den armen Gottlieb, bis ſie allmählig verſchwanden und ſich in ein Nichts auf⸗ lösten. Inzwiſchen war Dunkelheit hereingebrochen und es hatte tüchtig zu ſchneien begonnen, und als Servoge und der Geiſt durch die Straßen dahin gingen, entzückte ſie der Glanz der hellkniſteruden Feuer in Küchen, Wohnzim⸗ mern und aller Art von Gemächern, der wirklich wunder⸗ lieblich anzuſchauen war. Hier zeigte der Flackerſchein der Flamme Vorbereitungen zu einem Familienmahle, wo heiße Gerichte vor dem Feuer brodelten und dunkelrothe Vor⸗ hänge vor den Fenſtern hingen, um die fröhlich Feiernden von der Dunkelheit und Kälte draußen abzuſchließen. Dort rannten die Kinder eines Hauſes alle in den Schnee hin⸗ aus, um ihren verheiratheten Schweſtern, Brüdern, Vet⸗ tern, Oheimen, Muhmen u. ſ. w. entgegenzueilen und die Erſten zu ſein, welche ſie willkommen hießen. Dort erſchie⸗ nen wieder Schatten von Gäſten an den Fenſtervorhängen eines geräumigen Wohngemaches und deuteten auf eine zahlreiche Verſammlung; und hier trippelte eine Gruppe 77 hübſcher junger Mädchen in Hüten, Mänteln und Pelz⸗ gtiefeln mit frohem Geplauder und Kichern leicht einem Nachbarhauſe zu, und wehe dem ledigen Manne, der die lieben kleinen Herchen hier eintreten ſah, und in deſſen Bruſt ſich nicht in einem Augenblick eine Menge geheimer ſehn⸗ ſüchtiger Wünſche regten. Hätte man aber aus der Anzahl der Leute, die ihnen auf den Wegen zu befreundeten Wohnungen begegneten, geſchloſſen, ſo hätte man auf den Gedanken gerathen kön⸗ nen, daß gar Niemand zu Hauſe wäre, wenn ſie dort ankamen, anſtatt daß man in jedem Hauſe Geſellſchaft erwartete, und die Feuer darin zur halben Kaminhöhe auf⸗ thürmte. Ci, wie anmuthig war es zu ſchauen, wie der Geiſt jetzt ſo ausgelaſſen war, wie er ſeine Bruſt der gan⸗ zen Breite nach entblöste und die geräumige Hand öffnete, und mit unerſchöpflicher Freigebigkeit ſeine frohe, harmloſe Luſt reichlich und nach allen Seiten hin, ſo weit er reichen konnte, ausſpendete! Sogar der Lampenanzünder, der wie verrückt mit ſeinem kleinen Laternchen in der Hand durch die düſtern nebligen Gaſſen hinſprang, und ſich heeilte, um wenigſtens noch einen Theil des Abends in frohem Kreiſe zuzubringen, brach in lautes Lachen aus, als der Geiſt vorüberging. Nun ſtanden ſie auf einmal, ohne daß der Geiſt zu⸗ vor ihm Nachricht davon gegeben, auf einer fahlen, ein⸗ ſamen und verlaſſenen Haide, auf einem Moorgrunde, wo rieſige Maſſen roher Steine umhergebreitet lagen, als waͤre hier der Begräbnißplatz eines Rieſengeſchlechts, und allenthalben Waſſer rieſelte, wohin das Auge lauſchte oder wenigſtens gerieſelt haben würde, hätte der Winterfroſt es nicht in ſtarre, eenge Bande geſchlagen, und nichts wuchs, als Moos und Stechginſter und rauhes, dürres, binſen⸗ artiges Gras. Ddie Sonne, die im Weſten niedergeſunken war, hatte einen feuerrothen Streiſen hinter ſich gelaſſen, der nun für einen Augenblick die öde Fläche noch beleuchtete, wie ein tzübes Auge, und dann immer tiefer und tiefer ſin⸗ and, ſich in das duukle Düſter der ſchwärzeſten Nacht verlor.. „An was für einem Orte ſtehen wir?“ fragte Scrooge. „An einer Stelle, wo arme Bergleute wohnen, die tief in den Eingeweiden der Erde arbeiten!“ gab der Geiſt zur Antwort;—„allein ſieh' nur hin, auch ſie kennen mich.“ Heller Schein drang aus den Fenſtern einer Hütte, auf welche ſie gemächlich zuſchritten; als ſie durch die aus Lehm und Steinen aufgeführte Wand eintraten, fan⸗ den ſie eine luſtige Geſellſchaft um ein helles Feuerchen verſammelt. Ein ſteinaltes Ehepaar mit Kindern und Kindskindern um ſich her, eine ganze Reihenſolge von Ge⸗ nerationen, prunkte hier in ſeinen beſten Kleidern, im Feſt⸗ tagsſtaate; der alte Mann, deſſen Stimme nur ſelten das Heulen und Brauſen des Sturmes draußen zu übertönen vermochte, ſang ein Weihnachtslied, das ſchon in ſeinen Knabenjahren ein alter, längſt üblicher Geſang geweſen war, in welches von Zeit zu Zeit die Uebrigen im Chor einſtimmten. Und ſo oft ſie ihre Stimmen erhoben, ſang auch der Alte lauter und luſtiger, und wenn ſie inne hiel⸗ ten und verſtummten, ſank auch die Kraft ſeiner Stimme wieder um ein Bedeutendes. Deer Geiſt verweilte nicht lange hier, ſondern bat Scrooge, ſich an ſeinem Kleide zu halten, und ſchwebte mit ihm weit über die Haide hin,— und wohin meint Ihr wohl?— Doch nicht in die See?— O ja, doch in die See hinaus, und Scrooge ſah zu ſeinem größten Schreck, als er zurückblickte, daß auch die letzte Landſpitze, der äußerſte ſtarre Gürtel von Felſen hinter ihm verſchwand; donner⸗ ähnliches Getöſe des Waſſers, der brandenden, überſtürzen⸗ den Wogen, die in den Höhlen, welche ſie ſelber ausge⸗ wühlt, ſchäumend zerſchellten, ſchlug an ſein Ohr und brüllte, als ob die wild bewegte Fluth der Erde Grund⸗ veſten unterwühlen wollte.. Auf ein furchtbares, ſtarr emporragendes Riff verſun⸗ kener Felſen erbant, über eine Meile von der Küſte ent⸗ fernt, an welcher die Wogen das ganze Jahr hindurch. 8 —— B ſ———„„„„Q,O,f ͤ N N N N — y hochaufſpritzend ſich ſelber zerbrachen, erhob ſich ein ein⸗ ſamer Leuchtthurm. Große Haufen Tang nnd Seegras hingen um den Fuß des Felſens, von der toſenden Fluth hinaufgeſpült, und Sturmvögel— man hätte ſie für Kin⸗ der des Windes halten mögen, wie den Tang für das des⸗ Meeres— umſchweiften des Thurmes hohe Zinnen, und ſtiegen auf und nieder wie die Wogen, in deren Schaum ſie ihre Schwingen tauchten. Aber ſelbſt auch hier hatten die Männer, denen die Bewachung anvertraut war, ein Feuer angemacht, das durch das Guckloch in der dicken Steinmauer einen glän⸗ zenden Strahl weit hinauswarf in die furchtbare See. Ueber den rauhen Tiſch hin, woran ſie ſaßen, boten ſie ſich grüßend die Hände, und wünſchten einander fröhliche, vergnügte Weihnachten mit dem Inhalt ihrer Kanne voll Grog; und Einer von Ihnen, der Aeltere, auf deſſen groben Zügen Wind und Wetter eben ſo viele Furchen gezogen und Narben eingewühlt, als die Figur am Vor⸗ dertheile eines Schiffes aufzuweiſen vermochte, ſtimmte einen friſchen, muthigen und kräftigen Geſang an, der ſelber wie eine friſche Briſe klang. Da brach der Geiſt wiederum auf, und ſchwebte wei⸗ ter, weiter über die ſchwarze, wogende See hin, bis ſie, weit, weit vom Geſtade entfernt, ſich auf ein Schiff her⸗ niederſenkten. Nun ſtanden ſie hart neben dem Steuer⸗ mann am Rade, bei den Offtzieren, welche den Nacht⸗ gucker(eine Art Fernglas) in der Schleife tragend, hier die Wache thaten; dunkle, geiſterhafte Geſtalten waren auf dem Verdeck, und an den verſchiedenen Poſten, aber Jeder von Ihnen ſummte ein Weihnachtsliedchen, oder hatte einen Weihnachtsgedanken, oder ſprach leiſe mit ſeinem Kameraden von irgend einem vergangenen Weihnachtstage, und hegte ſehnſüchtige Hoffnungen ſeinetwegen, oder ſehnte ſich, für heute wenigſtens, nach Hauſe. Und jeder Mann an Bord, ob wach oder im Schlafe, hatte heute ein freund⸗ licheres Wort für ſeine Gefährten als an irgend einem andern Tage des Jahres, und hatte ſich einigermaßen 80 bei der Feier betheiligt, und hatte auch aus der Entfer⸗ nung derer gedacht, für welche er ſorgte, und erfreute ſich bei dem Gedanken, daß ſie auch ſeiner ſich erin⸗ nern würden.. Während Scrooge ſo auf des Windes dumpfes Heu⸗ len oder ziſchendes Pfeifen hörte und bedachte, welch' ein feierliches Ding es wohl ſein mochte, ſo durch das einſame Dunkel über einen unbekannten Abgrund hinzuſchweben, deſſen Tiefen ein ſo unergründliches Geheimniß deckte, als die des Todes, ſetzte es ihn in lebhaftes Erſtaunen, plötz⸗ lich ein herzhaftes Lachen zu vernehmen. Noch mehr aber wuchs Scrouge's Ueberraſchung, in dieſer herzhaften lachen⸗ den Kehle die ſeines Neffen zu erkennen, und ſich ſelber plötzlich in ein hellerleuchtetes, wohldurchwärmtes behagli⸗ ches Zimmer verſetzt zu ſehen, während der Geiſt noch immer an ſeiner Seite ſtund, und den lachenden Neffen mit leutſeligem, beifälligem Lächeln betrachtete. „Hahaha!“ lachte Servoge's Neffe,„hahaha!“ Wenn Du, geneigter Leſer, durch einen unwahrſchein⸗ lichen Zufall einen Mann kennen lernen ſollteſt, der mit einem noch anſteckenderen, herzerquickenderen Gelächter begabt war, als Servoge's Neffe, ſo kann ich Dich nur verſichern, daß ich ihn ebenfalls kennen lernen möchte! Führe ihn bei mir ein, mache mich mit ihm bekannt, und er ſoll keinen gleichgültigen Freund an mir haben! Es iſt von der Natur edelmüthig, unparteiiſch und ſchön ausgetheilt, daß wie in Unglück, Gram, Kummer und Elend eine gewiſſe anſteckende Kraft ſich äußert, ſo auch nichts in der Welt ſo unwiderſtehlich kontagiös wirkt, als Gelächter und guter Humor. Wie Serooge'’s Neſſe ſich auf dieſe Weiſe die Seiten hielt, ſeinen Kopf ſchaukelte und ſein Geſicht in die ſeltſamſten und abenteuerlichſten Fratzen verzerrte, mußte auch ſeine Gattin, die durch Hei⸗ rath Serooge's Nichte geworden war, in ein eben ſo herz⸗ liches Gelaͤchter ausbrechen, und auf gleiche Weiſe wollten auch die uübrigen verſammelten Freunde nicht zurückblei⸗ 8¹ ben, und ſtimmten luſtig in dieſelbe lärmende Frohlichkeit mit ein. „Hahaha! haha!“. „So wahr ich lebe!“ rief Scrooge's Neffe,—„er nannte Weihnachten eine Poſſe! Und wahrlich, er glaubt auch im Ernſte daran!“ „Dann ſollte er ſich um ſo mehr ſchämen!“ rieſ Secrooge's Nichte voll Entrüſtung;— Gott ſegne dieſe Frauen!— nie thun ſie ein Ding nur halb, ſtets iſt es ihnen ernſt. 3 Die Frau von Scrooge's Neffen war in der That recht hübſch, ausnehmend hübſch; ſie hatte Grübchen in Kinn und Wangen und ein niedliches, erſtaunt und ſchüch⸗ tern drein blickendes allerliebſtes Geſichtchen; ein reiſer, kleiner Mund, der ganz zum Küſſen geſchaffen ſchien, wie man gar nicht zweifeln konnte; alle Arten guter kleiner Fleckchen und Pünktchen um ihr Kinn her, die alle in⸗ einander zerfloſſen, wenn ſie lachte, und das freundlichſte ſonnigſte Augenpaar, das man je im Köpfchen eines ſo lieben Weſens ſehen konnte. Sie war dabei, was man gewöhnlich pikant nennt, aber dabei doch äußerſt beſcheiden, äußerſt kindlich und unbefangen. „Ja wahrlich!“ rief Scrooge's Neffe,—„ein kurio⸗ ſer komiſcher alter Kauz iſt doch dieſer Oheim, und lange nicht ſo gefällig und angenehm, als er leicht ſein könnte. Uebrigens trägt er für alle Kränkungen, die er ſich gegen Andere zu Schulden kommen läßt, die Strafe in ſich ſelbſt herum, und ſo habe ich nichts gegen ihn zu ſagen.“ „Ich bin's gewiß, daß er ſehr reich iſt, Alfred!“ ſprach Scrooge's Nichte nicht ohne geheime Beziehung;— „Du wenigſtens machteſt es ja mir ſtets glauben!“ „Was das anbelangt, meine Gute,“ ſagte Scrooge's Neffe,„ſo zieht er doch keinerlei Nutzen aus ſeinem Reich⸗ thum;— er weiß ja nichts Gutes damit zu thun und gönnt ſich ſelbſt nicht die geringſte Bequemlichkeit damit. Er hat nicht einmal die Befriedigung und den Troſt des Boz, Chuzzlewit. I. 6 Gedankens, daß er mit all ſeinem Zwacken und Kargen am Ende nur Uns einen Gefallen thut.“. „„Ich habe weder Geduld noch Erbarmen mit ihm,“ ſprach Scrooge's Nichte und ihre Schweſtern und die übri⸗ gen Damen ſtimmten derſelben Meinung bei. „Aber ich bemitleide ihn,“ verſetzte Scrooge's Neffe; —„mich dauert er herzlich und ich könnte ihm nicht zür⸗ nen, wenn ich mir's auch vornähme. Wer leidet denn am meiſten unter ſeinen thörichten Launen? Kein anderer Menſch als immer und ewig er ſelbſt! Da ha: er's ſich nun einmal in den Kopf geſetzt, unſere Freude zu ſtören, und darum will er auch nicht kommen und mit uns ſpei⸗ ſen; die einzige Folge davon iſt, daß er nicht viel von einem Mittagseſſen verliert.“ „Ei, ich bitte mir's aus!“ unterbrach ihn ſeine Gattin; —„ich denke, er büßt ein ſehr gutes Mittagsmahl ein 44 Die Andern behaupteten daſſelbe und man mußte ſie als competente Richter gelten laſſen, da ſie ſo eben das Mittagsmahl verzehrt und nun mit dem Deſſert auf dem Tiſche beim Lampenlicht ſich um das Kamin verſammelt hatten. 2 „Wohlan denn, das höre ich ſehr gern verſetzte Scrooge's Neffe;— ich hatte eigentlich keinen großen Glauben in unſere jungen Hausfrauen.— Was meinſt Du, Topper?“ Topper hatte augenſcheinlich ein Auge auf eine der Schweſtern von Scrooge's Nichte geworſen, denn er be⸗ hauptete jetzt, ein Junggeſelle ſei zu unwürdig und ver⸗ ſtoßen, um über einen ſolchen Gegenſtand ſeine Meinung abgeben zu können, worüber denn eine von des jungen Scrooge's Schwägerinnen— die dicke mit dem Spitzenhals⸗ kragen, nicht die mit den Roſen im Haar— beſcheident⸗ lich erröthete. „Ei, geh' doch, Alfred“ ſagte Scrooge's Nichte lächelnd zu ihrem Gatten und ſchlug ihn mit den Händen auf die Schultern;—„er führt nie einen Satz zu Ende, den er 83 einmal angefangen hat! ˙s iſt ein ſo kuriofer Kauz, mein Alfred.“ Servoge's Reſſe brach wiederum in ein Celächter aus, und da es unmöglich war, der Anſteckungskraft der⸗ ſelben zu widerſtehen, obwohl ſeine dicke Schweſter es mit Wurzeſſig zu unterdrücken verſuchte, folgten die Andern einſtimmig ſeinem Beiſpiel. „Ich wolite vorhin nur ſagen,“ hub Servoge's Neffe wieder an,„daß die Folge ſeines Vorſatzes, unſere Freude zu ſtören und ſich nicht mit uns luſtig zu machen, meines Bedenkens keine andere iſt, als die, daß er ſich ſelbſt um ein Paar vergnügte Augenblicke beraubt, die ihm keinerlei Leid gethan haben würden. Ich bin überzeugt, daß er ſich dadurch um luſtigere Geſellſchaſt bringt, als er in ſeinen eigenen Gedanken oder in ſeinem verſchimmelten alten Comptoir oder in ſeinen ſtaubigen Zimmern finden kann. Ich meine, ich muß ihm dieſelbe Ausſicht jedes Jahr geben, gleichviel, ob er ſie benutzt oder nicht, denn der arme alte Mann thut mir in der Seele leid. Mag er auch über Weihnachten ſpotten bis er ſtirbt, ſo behaupte ich ihm doch zum Trotze, daß er nicht wird umhin können am Ende beſſer davon zu denken, wenn er mich guten Muthes Jahr für Jahr bei ſich ſelbſt erſcheinen ſieht und mich nach ſei⸗ nem Befinden erkundigen hört;— wenn das ihn nur ver⸗ anlaßt, ſeinem armen Commis einmal funfzig Pfund zu hinterlaſſen, ſo iſt das ſchon ein hinreichender Gewinn für uns, und das wird am Ende auch nicht usbleiben, denn ich möchte faſt glauben, daß ich ihn geſtern gerührt habe.“ Nun brachen die Andern in ein fröhliches Gelächter aus, als Scrooge's Reſſe behauptete, daß er den Oheim gerührt habe; der junge Mann aber war ſo gutmüthig und kümmerte ſich ſo wenig darum, worüber ſie lachten, wenn ſie nur lachten, daß er ſie ſelbſt in ihrer Luſtigkeit aufmunterte und fröhlich die Flaſche herumbot. Nach dem Thee ergötzten ſie ſich mit Muſik, denn ſie waren eine ſehr muſtkaliſche Familie und wußten wohl, was ſie thaten, wenn ſie eine Fuge oder Rundgeſang an⸗ . 6* . 8⁴ ſtimmten, das dürft Ihr mir glauben! beſonders Topyer, der einen recht ordentlichen Baß ſang, ohne daß ihm die Stirnadern anſchwollen oder ſein Geſicht ganz kirſchbraun wurde. Scrooge's Nichte ſpielte die Harfe gut und ſpielte unter andern Weiſen auch ein ſchlichtes Liedchen(ein wah⸗ res Nichts, das man in zwei Minuten hätte pfeifen lernen können), das einſt auch jenes Kind geſungen hatte, wel⸗ ches Scrooge von der Koſtſchule abholte, wie es ihm der Geiſt der vergangenen Weihnacht in's Gedächtniß gerufen hatte; als dieſe Tonweiſe erklang, zogen alle dieſe Dinge, welche ihm der Geiſt gezeigt hat, an ſeinem Geiſte vor⸗ über, er ward immer milder und weicher geſtimmt und fühlte deutlich, daß, wenn er es vor Jahren oft gehört haben würde, er die angenehmen Seiten dieſes Lebens um ſeines eigenen Glückes willen mehr gepflegt hätte, ohne ſeine Zuflucht zu den Spaten des Todtengräbers zu neh⸗ men, der Jakob Marley beerdigt hatte. Indeß verbrachten ſie nicht den ganzen Abend mit Muſtk, ſondern begannen nach einer Weile ein Pfänderſpiel, da es doch gut iſt, ſich zuweilen wieder zum Kinde zu machen und gewiß nie beſſer als an Weihnachten, wo ja der mächtige Stifter der Chriſten⸗ und Erlöſer der Menſchheit ſelbſt ein Kind geweſen war.— Da begann man alſo zunächſt mit einer Art Blindekuhſpiel, was ſich auch ganz von ſelbſt b verſtand; ich kann keineswegs glauben, daß Topper in der That blind war, ſondern moͤchte eben ſo gut glauben, daß er Augen in den Stiefeln gehabt habe und meine Mei⸗ nung geht dahin, daß es eine abgemachte Sache zwiſchen ihm und Scryoge's Neffen war, um welches auch der Geiſt der gegenwärtigen Weihnachten wohl wußte. Die Art und Weiſe, wie Topper die dicke Schwägerin des jungen Scrooge im Spitzenkragen verfolgte, war ein Frevel an der Leicht⸗ wußte er, wo die dicke Schweſter war; er wollte ſonſt gläubigkeit menſchlicher Natur; wohin die dicke Schweſter auch ging, ſolgte ihr Topper, gleichviel ob er auch die Schüreiſen umwarf, über Stühle ſtolperte, gegen das Piano anſtieß oder ſich ſelbſt in den Vorhängen verwirrte; ſtets 1 8⁵ Niemand erhaſchen, und wäre Jemand auch über ihn her⸗ gefallen oder vor ihm ſtehen geblieben, wie Etliche thaten, ſo haͤtte er am Ende doch ſich anſcheinend ſo viel Mühe gegeben, dieſen zu ergreifen und zu errathen, daß man es für einen Frevel gegen ſeinen Verſtand gehalten und ſich ge⸗ wiß ſeinen Händen entzogen hätte, worauf denn Topper ſich alsbald wieder in der Richtung der dicken Schweſter davon machte. Oft rief ſie,„das ſei nicht hübſch,“ wie es auch in der That der Fall war, allein wenn er ſie am Ende erhaſcht haite, wenn er trotz ihres Naſchelns mit dem Seidenkleide und ihrer eilenden Flucht ſie in eine Ecke gedrängt hatte, von wo ſie nicht entweichen konnte, dann ward ſein Betragen erſt ein höchſt verdammenswer⸗ thes; er gab nämlich vor, ſie nicht zu kennen und ſeine Behauptung, daß es nöthig ſei, ihren Kopfputz zu berühren und fernerhin ſich ſelbſt ihrer Identität zu verſichern, in⸗ dem er einen gewiſſen Ring an ihrem Finger drückte und eine gewiſſe Kette um ihren Hals betaſtete, war wirklich recht garſtig und recht böſe!— Wahrſcheinlich zankte ſie ihn auch recht derb aus, als ſie hernach, wie eine andere Blindekuh im Zimmer herumtappte, ſich mit ihm in eine Fenſterniſche hinter die Vorhänge zurückgezogen hatte. Scrvoge's Nichte nahm an dem Blindekuh⸗Spiel nicht Theil, ſondern machte es ſich in einer traulichen Ecke in einem Lehnſtuhle bequem, wo der Geiſt und Scrooge hart hinter ihr ſtanden. Am Pfänderſpiel aber nahm ſie An⸗ theil und wußte hier ihre Liebenswürdigkeit und eine kleine Citelkeit, die ihr aber recht gut zu Geſichte ſtand, auf die anmuthigſte Weiſe geltend zu machen. Auch bei einem andern Spiele, das man„Wie, Wenn und Wo“ nannte, zeichnete ſie ſich beſonders aus und ſchlug ihre Schweſtern, obwohl dieſe ebenfalls Haar auf den Zähnen hatten, wie Topper wohl aus Erfahrung ſprechen konnte, zum größten Vergnügen von Scrooge's Neffen aus dem Felde. Es moch⸗ ten wohl ihrer zwanzig Leutchen Jung und Alt hier verſam⸗ melt geweſen ſein, die jetzt alle zuſammen ſpielten, wie der alte Scrooge ſelbſt; denn er ward von dem, was um ihn — 4 86 her vorging, ſo ſehr in Anſpruch genommen, daß er ganz vergaß, daß ſeine Stimme hier nicht vernehmbar war und gar häufig mit dem, was er errathen und merkwürdiger⸗ weiſe auch recht errathen hatte, laut heraus platzte; denn die ſcharfſte, ſpitzigſte, engliſche Nähnadel von der berühm⸗ ten Whitechapel⸗Sorte konnte ſich nicht mit Scrooge's Scharfſinn und Spitzfindigkeit meſſen, zumal wenn er ſich's in den Kopf geſetzt hatte, ſo zu ſein. Der Geiſt ſchien großes Vergnügen daran zu finden, als er ihn in dieſer Stimmung ſah, und blickte ihn ſo wohlwollend an, daß der alte Serooge ihn wie ein Kind bat, dech hier verweilen zu können, bis die Gäſte ſich trennten, wozu der Geiſt ſich indeß nicht bequemen zu kön⸗ nen vorgab. „Ich bitte Dich,“ bat Scrooge,„bleibe nur noch ein halbes Stündchen da, ſie beginnen ja eben ein neues Spiel.“ Dies el hieß:„Ja und Nein,“ und Serooge's Neffe ſollte ſich dabel etwas denien, das die Uebrigen er⸗ rathen ſollten, während er nur ihre Fragen je nach Um⸗ ſtänden mit Ja und Nein beantworten durfte. Das raſche Kreuz⸗ und Querfeuer von Fragen, welchem der Neffe ausgeſetzt war, brachte endlich ſo viel an den Tag, daß er ſich ein Thier und zwar ein lebendiges denke, das eher ein unangenehmes wildes Thier oder ein ſolches war, welches zuweilen brumme und knurre, zuweilen aber auch rede und in London wohne, das in den Straßen herum gehe und doch nicht zur Schau geführt werde, das Niemanden an⸗ gehöre und doch auch in keiner Menagerie lebe, noch je auf einem Markte geſchlachtet werde; kurzum, das weder ein Pferd, noch ein Eſel, noch ein Bulle, noch ein Tiger, noch ein Hund oder ein Schwein, noch eine Katze oder gar ein Bär ſei. Auf jede neue Frage, die man an ihn rich⸗ tete, brach der Neffe auf's Neue in ſchallendes Gelächter aus, und fühlte ſich von ſeinem Lachreize ſo gelitzelt, daß er vom Sopha aufſtehen und mit den Fuüßen ſtampfen 8— 89AdͤNuA.— 87 mußte. Endlich gerieth ſeine dicke Schwägerin in einen ähnlichen Zuſtand und rief nun gar: „Ich habe es errathen, Alfred! ich weiß jetzt, was es iſt!“ 3 „Und was iſt's denn?“ rief Alfred. „Dein Onkel Scropyge iſt's,“ erwiderte ſie lachend. Diesmal hatte ſie Recht gehabt, und Alle brachen in ein einſtimmiges Erſtaunen aus, obwohl Einige einwand⸗ ten, daß er ja auf die Frage:„ob es ein Bäͤr ſei?“ mit „Ja“ geantwortet habe, während eine verneinende Ant⸗ wort hinreichend geweſen wäre, ihre Gedanken hievon auf Herrn Scrooge abzuleiten, falls ſie je auf dieſen Weg gekommen wären. 3 „Der Oheim hat uns recht viel Vergnügen gemacht, nicht wahr?“ hub Alfred an,—„und es wäre daher von uns ſchwarzer Undank, wenn wir darum nicht auch ſeine Geſundheit trinken würden; wir haben da eben ein Glas Glühwein bei der Hand, und ich rufe daher aus vollem Herzen:„Oheim Scrooge ſoll leben!“ „Ja wohl, er ſoll leben!“ riefen die Andern. „Gott ſchenke dem alten Mann vergnügte Weihnach⸗ ten und ein glückliches Neujahr, was er auch davon den⸗ ken mag!“ rief Servoge's Reffe;—„Er wollte es zwar nicht von mir annehmen, aber nun muß er es ſich doch nichts deſtoweniger gefallen laſſen. Oheim Scrooge ſoll leben!“ Oheim Scrooge war unvermerkt ſo luſtig und ſeelen⸗ vergnügt geworden, daß er der unbewußten Geſellſchaft zu ſchuldigem Danke Beſcheid gethan, und ihr in einer unhör⸗ baren Rede ſeinen Dank ausgedrückt haben würde, hätte ihm der Geiſt Zeit dazu gelaſſen. Allein in derſelben Zeit, wo das letzte Wort ſeines Neffen verklang, ſchwand auch der ganze Auftritt in Rauch und Nebel dahin, und er und der Geiſt befanden ſich auf's Neue auf der Reiſe. Sie ſahen viel, und gingen weit, und beſuchten manchen ſtil⸗ len, vergnügten Heerd, und trafen nur auf fröhliche, ver⸗ gnügte Menſchen. Der Geiſt führte ihn an Krankenbetten, und die Kranken waren vergnügt und guter Dinge; in 88 fremde Länder, und die Entfernten thaten, als wären ſie ganz zu Hauſe;— er führte ihn zu Leuten, die mit des Geſchickes herbſter Ungunſt zu kämpfen hatten, und ſie waren geduldig und gefaßt, in der Hoffnung auf beſſere Zeiten;— in die Hütten der Armuth, wo heute Reich⸗ thum und Zufriedenheit herrſchte;— in Armenhäuſern, Spi⸗ tal und Kerker, an jede Zufluchtsſtätte des Mangels und Unglücks, kurz überall, wo der eitle Menſch in ſeiner kleinlichen, ſchwachen Willkuͤhr nicht ſelbſt die Thüre ver⸗ riegelt, und den Geiſt ſelbſt hinausgeſchloſſen hatte, ließ dieſer ſeinen Segen zurück, und brachte Serooge ſeine Lehre bei. Es war eine lange Nacht, falls es je nur Eine Nacht geweſen, was jedoch Scrooge bezweiſelte, weil ihm bedün⸗ ken wollte, als ob die ganze Weihnachtsfeſtzeit ſich auf den kleinen Zeitraum zuſammengezogen, den er in der Gefellſchaft des Geiſtes verbracht hatte; noch ſonderbarer aber war es, daß, wäaͤhrend Scrooge in ſeiner äußern Ge⸗ ſtalt ganz unverändert blieb, der Geiſt ſichtbar immer älter wurde. Scrooge hatte dieſen Wechſel wohl bemerkt, aber kein Wörtchen davon verlauten laſſen, bis ſie aus einem Kinderkreiſe am Dreikönigsabende ſchieden, wo er, als er auf einem offenen Platze wiederum einen Blick auf den Geiſt warf, zu bemerken glaubte, daß deſſen Haar jetzt grau geworden war. „Iſt das Leben der Geiſter ſo kurz?“ fragte Scrooge. „Mein Leben auf dieſer Erde iſt ſehr kurz,“ verſetzte der Geiſt;—„es endigt mit der heutigen Nacht.“ „Mit der heutigen Nacht?“ fragte Scrvoge. „Ja wohl,“ verſetzte der Geiſt,—„heute um Mit⸗ ternacht; horch nur, ſchon rückt die Zeit heran!“ Und die Glocke des benachbarten Kirchthurmes ſchlug gerade in dieſem Augenblick drei Viertel auf Zwölf. „Vergib mir, wenn ich eine unberufene Frage thue,“ ſprach Scrooge, indem er aufmerkſam auf das Kleid des Geiſtes blickte;—„ich ſehe eiwas Sonderbares, was — 1 — 89 nicht Dir ſelbſt angehört, unter dem Saume Deines Klei⸗ des hervorragen; es iſt ein Fuß oder eine Klaue?“ „Es könnte eine Klaue ſein, denn das Fleiſch davon iſt hier, blicke hieher!“ gab der Geiſt kummervoll zur Antwort, und brachte aus den Falten ſeines Kleides zwei kleine Kinder hervor, die elend, zerlumpt, zerriſſen, kälte⸗ zitternd, häßlich und verkümmert anzuſchauen waren; ſie knieten zu ſeinen Füßen nieder, und hingen ſich an ſein Gewand an.. „Blick' hieher, Menſch, blick' zu ihnen hernieder!“ rief der Geiſt. Es war ein Mädchen und ein Knabe, gelb, hager, zer⸗ lumpt, verwahrlost und mit mürriſchen Geſichtern, die aber dennoch in Demuth ſich fußfällig vor dem Geiſte krümmten. Wo Jugendanmuth ihre Züge hätte ausfüllen und ſie mit den friſcheſten Farben hätte zieren ſollen, hatte eine dürre knö⸗ cherne und verſchrumpfte Hand wie die des Alters ſie ge⸗ zwickt und verdorben und zerknittert, und ihnen den Stem⸗ pel ſittlicher Gehäſſigkeit aufgeprägt. Wo Engel ihren Thron hätten aufgeſchlagen haben ſollen, da lauerten jetzt Teufel und ſchielten drohend heraus; kein Wechſel, keine Entwürdigung und Verworfenheit irgend eines Grades im Menſchen durch alle Myſterien der wunderbaren Schöpfung hatte halb ſo drohende und entſetzliche Ungehener aufzu⸗ weiſen. Erbleichend bebte Scrooge zurück; als man ſie ihm auf dieſe Weiſe gezeigt hatte, wollte er ſagen, es ſeien hübſche Kinder, allein die Worte hätten ihn beinahe er⸗ würgt, als ob ſie ſelbſt gefürchtet, ſich zu einer Lüge von ſo erſtaunlicher Größe zu geſtalten. „Sind das Deine Kinder, Geiſt?“ fragte Scrooge, allein er vermochte nicht mehr zu ſagen. „Es ſind die Kinder der Menſchen,“ gab der Geiſt zur Antwort, indem er auf ſie herniederblickte;„ſie klam⸗ mern ſich nun an mich an, um Klage zu führen gegen ihre Väter. Der Knabe hier heißt Unwiſſenheit; das Mädchen aber iſt der Mangel; hüte Dich vor ihnen 4 90 Beiden und allen ihres Geſchlechts, beſonders aber hüte Dich vor dieſem Knaben, denn auf ſeiner Stirne leſe ich Verderben geſchrieben, bis die Schrift zerſtört wird. Läugne b 3 es!“ rief der Geiſt, indem er ſeine Hand nach der Stadt hin ausſtreckte,„ſtrafe diejenigen Lügen, welche es Dir ſagen, räume es ein, damit Du Dir ein Vergnügen und 5 das Uebel noch ärger macheſt! dann aber ſchmiege Dich geduldig unter den Erfolg.“ „Haben denn die Armen keine Zuflucht, keine Nah⸗ rungsquelle?“ fragte Servoge. „Gibt's denn keine Geſängniſſe mehr?“ fuhr der Geiſt V fort, indem er ſich mit des Alten eigenen Worten zum letztenmal an ihn wandte,—„beſtehen keine Zuchthäuſer mehr?“—— 3* In dieſem Augenblick ſchlug die Glocke Zwölf. Serooge ſah ſich nach dem Geiſte um, und ſah ihn nicht mehr. Als der letzte Schlag der Glocke in der Luft erzitterte, ge⸗ dachte er der Prophezeihung des alten Jakob Marley, ſchlug ſein Augen empor, und erſchaute ein feierliches ſtatt⸗ liches Geſpenſt, das in weite Tücher gehüllt, das Geſicht mit einem breitkrämpigen Hute ganz verdeckt, wie ein Nebel am Boden ihm entgegenſchwebte. Vierte Strophe. b Der letzte der Geiſter. — Das Geſpenſt trat langſam, ernſt und ſchweigend heran. Als es vor ihm ſtund, ließ ſich Servoge auf ein Knie nieder, denn in der Luft, durch welche dieſer Geiſt dahinſchwebte, ſchienen Düſterheit und myſteriöſes Dunkel ſich zu verbreiten. Die Erſcheinung war in ein tief ſchwarzes Gewand gehüllt, das ihren Kopf, ihr Antlitz und ihre Geſtalt ver⸗ 91 hüllte, und nichts daran ſehen ließ, als eine einzige aus⸗ geſtreckte Hand. Und zudem wäre es noch ſchwer geweſen, dieſe Geſtalt von der Nacht zu unterſcheiden, und ſie von der Düſterheit zu trennen, von der ſie umgeben war; Servoge fühlte nur, daß das Geſpenſt hochgewachſen und ſtattlich war, als es auf ihn zutrat, und daß ſein geheim⸗ nißvolles Nahen ihn mit unheimlich feierlichem Bangen erfüllte; mehr vermochte er nicht zu fühlen, denn der Geiſt ließ weder ein Wort, noch eine Bewegung wahrnehmen. „Ich ſtehe wohl vor dem Geiſte der zukünftigen Weih⸗ nachte?“ ſprach Scrooge. Der Geiſt gab keine Antwort, ſondern deutete mit der Hand zu Boden. wort, die er zu geben gewillt ſchien. Obwohl Scrooge ſich inzwiſchen an den Umgang mit Geiſtern gewohnt hatte, fürchtete er ſich doch vor der ſchwei⸗ genden Geſtalt ſo ſehr, daß ſeine Beine unter ihm erbeh⸗ ten und ihm klar ward, daß er kaum zu ſiehen vermöge, falls das Geſpenſt verlangen ſollte, daß er ihm folge. Der Geiſt hielt einen Augenblick inne, als bemerle er ſeine Lage, und wolle ihm Zeit geben, ſich wieder zu erholen. Scrooge aber ward es inpeſſen nur immer ſchlimmer zu Muthe; es erfüllte ihn mik bangem, unbeſtimmten Ent⸗ ſetzen, als er gewahrte, daß hinter dem düſteren Gewande geiſterhafte Augen ihn mit ſtarrem Blicke maßen, während er, ſo ſehr er auch ſein eigenes Auge auf's Aeußerſte an⸗ ſtrengte, doch nur eine geſpenſtiſche Hand und einen ein⸗ zigen großen ſchwarzen Schatten erblicken konnte. „Geiſt der Zukunft!“ rief er aus;—„ich fürchte Dich mehr, als irgend eines der Geſpenſter, die ich ſeither 92 geſehen. Da ich inzwiſchen weiß, daß Du keinen andern Zweck haſt, als mir wohl zu thun und da ich hoffe, noch ſo lange zu leben, daß ich ein anderer Mann werden kann, als ich ſeither geweſen, ſo bin ich darauf vorbereitet, Dir Geſellſchaft zu leiſten und thue es mit dankbarem Herzen. Willſt Du nicht mit mir reden?“ Der Geiſt gab ihm keine Antwort, ſondern deutete nur mit der Hand vor ſich hinaus. 3 „Geh' voran,“ ſprach Servoge,—„führe Du mich, die Nacht neigt ſich ſchnell zu Ende und ich weiß, daß es eine koſtbare Zeit für mich iſt. Führe Du mich, Geiſt!“ Das Geſpenſt ſchwebte weiter, wie es hergekommen war und Scrooge folgte ihm in dem Schatten ſeines Ge⸗ wandes, der, wie er glaubte, ihn emperhob und mit ſich von dannen trug. Sie ſchienen kaum in die City zu treten, denn die City ſchien eher vor ihnen ſich zu entfalten und aus eige⸗ nem innern Antrieb ſie zu umringen. Da ſtanden ſie nun im Herzen der Londoner Altſtadt, mitten auf der Börſe unter den reichſten Kaufleuten der Welt, die hier auf und niedereilten und mit dem Geld in ihrer Taſche klimperten und in Gruppen mit einander verkehrten oder auf die Uhr blickten und gedankenvoll mit den großen ſchweren Siegeln an den Uhrketten ſpielten u. dgl., wie Serooge ſo oft ge⸗ ſehen hatte. Der Geiſt hielt neben einem kleinen Häuflein ſolcher Geſchäftsmänner und deutete mit der Hand auf ſie, ſo daß Scrooge, als er dieß bemerkte, hinzutrat, um auf ihre Rede zu hören. 8 „Nein,“ ſprach ein großer, dicker Mann mit einem monſtröſen Kinn;—„ich weiß keineswegs etwas Näheres über ihn, ſondern nur, daß er geſtorben iſt.“— „Und wann ſtarb er denn?“ fragte ein Anderer. „Heute Nacht, glaube ich,“ war die Antwort. „Wie ſtand es denn mit ihm?“ fragte ein Dritter und nahm dabei eine tüchtige Priſe aus ſeiner ſehr großen ——,— 93 Schnupftabacksdoſe;—„ich dachte, der alte Narr wolle gar nie ſterben.“— „Gott weiß, was ihm fehlte,“ erwiederte der Erſte gähnend..—„ „Was hat er denn mit all ſeinem Gelde angefangen? fragte ein rundlicher Herr mit weingeröthetem Geſicht und einem herabhängenden Auswuchs an der Naſe, der wie die Bartläppchen eines Truthahns ſich ſchaukelte.„ „Ich habe nichts Näheres davon vernommen,“ gab der Mann mit dem mächtigen Kinn zur Antwort, indem er von Neuem gähnte;—„Er hat es vielleicht ſeinem Aſſocié vermacht; daß er's nicht auf mich vererbt hat, weiß ich gewiß.“ 4 1 Dieſer Spaß ward mit allgemeinem beifälligen Ge⸗ lächter aufgenommen. „Er wird ein recht wohlfeiles Leichenbegängniß be⸗ kommen,“ fuhr derſelbe Sprecher fort;—„ſo wahr ich lebe, ich weiß Niemanden, der mit dem Leichenzug geht. Wollen wir nicht eine Luſtparthie daraus macheu und als Freiwillige hingehen?“ „Ich habe nichts dagegen, mich einzufinden, wenn es ein Gabelfrühſtück abſetzt,“ meinte der Mann mit dem Na⸗ ſenmonſtrum;—„wenn ich eine Parthie machen ſoll, muß ich auch Küche und Keller vorausſehen.“ Dieſem Spaß folgte wiederum lautes Gelächter. „Seht, Freunde, da bin ich noch der Uneigennützigſte von Euch Allen,“ ſagte der erſte Sprecher,„denn ich trage nie ſchwarze Handſchuh und pflege nie ein Gabelfeühſtück einzunehmen, aber dennoch erbiete ich mich hinzugehen, wenn noch Jemand mit will. Wenn ich mich genau beſinne, muß ich immer denken, ich ſei einer ſeiner beſten Freunde ge⸗ weſen, denn ſo oft wir uns trafen, pflegten wir ſtille zu ſtehen und ein Bischen mit einander zu plaudern. Guten Tag, guten Tag!“ Hörer und Sprecher zerſtreuten ſich hierauf und miſch⸗ ten ſich unter andere Gruppen. Secrooge kannte dieſe 94 von dieſem eine Erklärung. Maänner wohl und blickte den Geiſt an, als erwarte er Das Phantom aber ſchwebte auf die Straße hinaus und deutete mit dem Finger auf zwei Perſonen, die ſich eben begegneten. Servoge horchte raſch zu Ihnen hin, denn er glaubte hier die nöthige Erklärung zu finden. Er kannte die beiden Männer ebenfalls recht wohl; — ſie waren beide Geſchäftsmänner, ſehr reich und von großem Einfluſſe; er hatte ſich ſtets Muͤhe gegeben, ſich ihre Achtung zu erhalten und mit ihnen in gutem Einver⸗ nehmen zu bleiben, allein lediglich nur vom Standpunkte des Geſchäftslebens aus, niemals auf intimere Weiſe. „Wie geht's Ihnen?“ fragte der Eine. „Wie befinden Sie ſich?“ gab der Andere zur Antwort. „O leidlich,“ verſetzte der Erſte;—„der alte Filz hat heute Nacht das Zeitliche geſegnet; wiſſen's Sie ſchon?“ „Ich hab's gehört,“ entgegnete der Andere;„kaltes Wetter heute, nicht wahr?“ „Wie ſich's für die Weihnachtszeit paßt,“ bemerkte der Erſtere,„Sie ſind doch nicht einer der Leidtragenden?“ „Behute, behüte,“ gab der Zweite zur Antwort;— „nichts weniger als das; guten Morgen!“ Sonſt ſprachen ſie kein Wort mehr. Das war ihr Gruß bei der Begegnung, ihre ſchied geweſen. Serooge hätte Unterhaltung und ihr Ab⸗ ſich faſt im Anfang ver⸗ wundert, daß der Geiſt auf anſcheinend ſo triviale Unter⸗ haltungen einen großen Werth legen wollte; eine Ahnung aber ſagte ihm, daß dahinter doch irgend ein verſteckte Ab⸗ ſicht liegen müſſe und er erwog was ſie wohl zu bedeuten haben nun bei ſich ſelbſt genauer, möchten. Er konnte kaum annehmen, daß ſie irgend eine Beziehung auf den Tod Ja⸗ kob's, ſeines früheren Geſchäftsgenoſſen, haben könnten, denn dieſer gehörte ja der Vergangenheit an, während des Geiſtes Reich die Zukunft war. irgend eines Menſchen erinnern ziehung zu ihm ſtand und au Auch konnte er ſich nicht der in unmittelbarer Be⸗ 7 f den er dieſe Worte hätte — 95 anwenden können. Das aber lag außer allem Zweiſel, daß ſie, wen ſie nun auch immer angehen mochten, irgend eine verborgen liegende tiefe Moral für ſeine eigene Ver⸗ beſſerung enthielten und er beſchloß, jedes Wort, das er horte, und Alles, was er ſah, wohl aufzubewahren in ſei⸗ nem Gedächtniſſe, und insbeſondere ſeinen eigenen Schatten zu beobachten, falls dieſer ihm erſchiene. Er erwartete nämlich noch immer, daß die Erſcheinung ſeines zukünfti⸗ gen Selbſt's ihm den Schlüſſel geben, welchen er bis jetzt noch vermißte, und ihm die Löſung dieſer Räͤthſel erleich⸗ tern würde. 3—. Ueberall ſah er ſich daher nach ſeinem eigenen Bilde um, allein ein anderer Mann ſtand in ſeinem gewohnten Eckchen in der Börſe, und obwohl die Uhr auf die gewöhn⸗ liche Tageszeit hindeutete, zu welcher er ſich hier einzufinden pflegte, ſah er doch kein Ebenbild ſeiner Selbſt unter der ganzen Menſchenmenge, die ſich durch das Portal herein⸗ drängte. Indeſſen kümmerte ihn dies nicht viel, denn er hatte im Geiſte ſchon ſich einen neuen Lebensplan entwor⸗ fen, der von ſeinem bisherigen Leben weſentlich verſchieden war, und er glaubte ſich deshalb auch in die neue Le⸗ bensſphäre verſetzt zu ſehen. Düſter und ruhig ſtand das Geſpenſt neben ihm und ſtreckte ſeine Hand aus; als er ſich aus dieſer gedanken⸗ vollen Ruhe erhob, ſchloß er aus der Handbewegung und Lage des Geiſies ihm gegenuber, daß deſſen unſichtbare Augen feſt auf ihm hafteten, und dies erweckte in ihm einen Schauder und einen eiskalten Schreck, der ſein ganzes Ge⸗ bein durchrieſelte. Sie verließen den geſchäftigen Schauplatz und traten in einen dunkeln, abgelegenen Theil der Hauptſtadt, wohin Servoge nie zuvor gekommen war, wiewohl er ſeine Lage und ſeinen übeln Ruf kannte. Die Gäßchen waren dü⸗ ſter und enge, Häuſer und Läden ſchmutzig und gebrechlich, die Leute auf den Gaſſen faſt nackt, betrunken, abſchreckend häͤßlich und zerlumpt. Durchgänge und Gewölbe entleer⸗ ten ſich, wie eben ſo viele Sumpfpfuhle ihres un eimlichen 96 Inhalis an Geſtank und Schmutz und lebenden Weſen, und das ganze Stadtviertel ſchmeckte nach Verbrechen, Elend und Verworfenheit. Mitten in dieſer Höhle voll niederträchtigem Geſindel, in dieſem Schlupfwinkel der Bosheit, ſtand ein niederer, finſterer Laden eines Trödlers, von einem Wetterdache vorn ⸗ überragt, wo Eiſenwerk, alte Fetzen, Beiner und allerhand ſchmutziges Geräthe zu Kauf und Verkauf ausgeſtellt war. Im Innern des niedern Gewölbs waren Häufen von ro⸗ ſtigen Schlüſſeln, Nägeln, Ketten„Thürangeln, Charnie⸗ ren, Feilen, Drähten, Wagſchalen, Gewichten und aller⸗ hand altes Eiſen aufgeſchichtet. Geheimniſſe, die nur we⸗ nige zu ergründen Verlangen getragen haben würden, waren unter hohen Haufen alter Fetzen von allerhand Stoffen aufgeſtapelt, und von Maſſen von verdorbenem Fett und Hügeln von Knochen umgeben. Unter all dieſen Waaren, mit denen er handelte, ſaß neben einem alten Ofen aus Backſteinen ein alter grauköpfiger Hallunke von faſt ſie⸗ benzig Jahren, der ſich vor der Kälte draußen durch einen zerfetzten Vorhang von verſchiedenen Lappen, der über ei⸗ nen Strick gehängt war, zu ſchützen ſuchte, und in aller Ruhe und Behaglichkeit ſein Pfeifchen rauchte. Scrooge und der Geiſt traten zu dieſem Mann, als gerade ein Weib mit einem ſchweren Bündel zu ihm in's Gewölbe trat; kaum war ſie jedoch hereingetreten, als ein anderes Weib mit einer andern Laſt ihr auf dem Fuße folgte; hinter dieſer kam ein Kerl in ſchäbigem, ſchwarzem Anzuge, der eben ſo ſehr erſtaunt war, ſie hier zu treffen, als die Beiden anfangs über ihr unvermuthetes Zuſammen⸗ treffen an dieſem Orte geweſen waren. Nachdem ſie eine Weile ſich in ihrem wortloſen Erſtaunen gefallen hatten, an welches auch der alte Gauner mit der Tabackspfeife Antheil nahm, brachen alle Drei in lautes Gelächter aus. „Laßt die Scheuerfrau hier ihr Geſchäft zuerſt allein abmachen!“ hub das Weib an, das zuerſt hergekommen war,—„dann können die Wäſcherin und der Leichenbitter auch je für ſich das ihrige beſtellen!— Seht her, alter 97 John, dießmal habt Ihr Glück! da treffen wir alle Drei zuſammen, ohne es ſelbſt zu ahnen!“ „Ihr könntet auch keinen beſſern Ort gewählt haben, Leutchen!“ ſprach der alte John und nahm die ſchmierige Pfeife auf eine Weile aus dem Munde;—„fkommt, tre⸗ tet hieher in's Wohnzimmer, Frau, denn Ihr ſeid ja eine alte Bekannte, und die beiden Andern ſind mir auch nicht fremd. Wartet nur, bis ich die Ladenthüre verrie⸗ gelt habe! Hört nur, wie das knarrt; je nun,'s iſt auch kein einziges Stück Eiſen in meinem ganzen Ge⸗ wölbe ſo roſtig, wie dieſe Thürangeln, denk' ich, und's mögen wahrlich auch keine älteren Knochen hier ſein als die meinigen!— Seht nur, wie wir Alle ſo gut zu un⸗ ſerem Beruf paſſen,— wir gleichen einander Alle auf ein Haar! Kommt herein in's Wohnzimmer!“ Darunter verſtand er nämlich den Raum hinter dem zerlumpten Vorhang; der alte Schuft ſchürte mit einem roſtigen Eiſenſtabe das Feuer zuſammen, zündete eine dam⸗ pfende, qualmende Lampe mit dem Pfeifenſtummel an, denn es war ſtockfinſter, und ſteckte jene alsdann wieder zwiſchen die Zähne.— Während er dieß that, hatte das zuerſt gekommene Weib ihren Bündel auf den Boden geworfen und ſich er⸗ wartungsvoll auf einen Stuhl geſetzt; hier ſtützte ſie beide Ellenbogen auf die Kniee und blickte mit kühnem, aus⸗ forderndem Blicke dem andern Weibe in's Geſicht. „Was wundert Ihr Euch ſo, Miſtreß Dilber? Was glotzt Ihr mich ſo an?“ fragte das Weib,—„Jedermann hat ein Recht, für ſich ſelber zu ſorgen! Er hat's auch im⸗ mer ſo gehalten!“ „Ja, wahrlich, das hat er!“ gab die Wäſcherin zur Antwort;„kein Menſch verſtand das beſſer als erl“ „Drum alſo!“ verſetzte die Tagelöhnerin,—„drum guckt nicht ſo verdutzt darein, als wärt Ihr nicht recht bei Troſte, Weibchen! Wer iſt denn wohl der Klügere von uns Beiden? Wir armen Leute ſollen einander doch nicht ſelbſt auffreſſen?“ Boz, Chuzzlewit I. 7 98 „Nein, ſicher nicht!“ gaben Miſtreß Dilber und der Mann zuſammen zur Antwort,—„wir wollen uns we⸗ nigſtens nicht freſſen!“ „Drum eben!“ fuhr die Scheuerfrau fort,—„das iſt ſchon genug! Wem thut's denn weh, wenn er um ſo ein paar Fetzen da ärmer wird? doch wahrlich keinem Todten, denk' ich!“ „Dieſem natürlich nicht!“ gab Miſtreß Dilber la⸗ chend zur Antwort. „Wenn ihm dran lag, ſie nach dem Tode noch zu behalten,“ ſprach das Weib weiter,—„warum ging er alsdann bei Lebzeiten nicht vernünftiger zu Werke? Hätte er dieß gethan, ſo hätte er Jemanden gehabt, der ihn verpflegt und ihm abgewartet hätte, als er auf dem Tod⸗ bette lag, anſtatt ganz allein und verlaſſen ſeinen letzten Athemzug auszuhauchen!“ „Das iſt ein theuer werthes Wort und das klügſte, was ich je gehört!“ wandte Miſtreß Dilber ein—„dem alten Filz iſt ganz recht geſchehen!“ „Ich wünſchte nur, ich hätte mehr erwiſcht,“ hub die Scheuerfrau von Neuem an,—„und ich hätte mir wahrhaftig auch mehr geholt, wenn ich an etwas Anderes noch hätte Hand anlegen können!— Macht das Bündel da auf, alter John, und ſagt mir, wie viel es werth iſt! Sprecht nur friſch vön der Leber weg und genirt Euch nicht, denn ich kümmere mich auch nicht drum, ob ich die Erſte bin, oder ob ſie es ſehen.— Wir wiſſen Alle recht wohl, daß wir einander in die Hände arbeiten mußten, ehe wir hieher kamen, nicht wahr? das iſt keine Schande! — Macht das Bündel auf, John!“ Die Artigkeit ihrer Freunde erlaubte aber dieß nicht, und der Mann in dem ſchäbigen ſchwarzen Frack erſtieg zuerſt die Breſche und wies ſeine Beute vor, die freilich nicht bedeutend war,— ein Paar filberne Petſchafte, ein ditto Bleiſtifthalter, ein Paar Hemdärmelknöpfe von Sil⸗ ber und eine kleine goldene Tuchnadel waren Alles, was er aufzuweiſen hatte. All dieſe Gegenſtände wurden einzeln 99 und nacheinander von dem alten Joe gemuſtert und belieb⸗ äugelt, und er ſchrieb die Summen, welche er dafür ge⸗ ben wollte, mit Kreide auf die feuchte Wand, und addirte ihren Betrag zuſammen, als nichts mehr hinterdreinkam. „Das iſt Eure Zeche, guter Freund,“ ſagte er,— „mehr könnte ich nicht geben und wenn Ihr meines Va⸗ ters Sohn wäret; ich will mich in Oel ſieden laſſen, wenn ich Ench auch nur ſechs Pfennige mehr gebe!— Wer kommt jetzt?“ Miſtreß Dilber trat vor; ſie brachte Bettlaken und Handtücher, verſchiedene Kleidungsſtücke, zwei altväteriſche ſilberne Theelöffel, eine Zuckerzange von gleichem Metall und noch ein paar andere Zugaben;— auch ihr ward die Zeche auf die Wand gekreidet. „Den Damen gebe ich immer zu viel, das iſt meine Schwäche und darum ruinire ich mich noch ſelber!“ ſagte⸗ der alte Joe;—„ſeht, Weibchen, hier iſt Eure Zeche. Wenn Ihr mir aber nur einen Pfennig mehr abzwacken wollt, und Euren Entſchluß davon abhängig macht, ſo muß ich bereuen, ſchon ſeither ſo freigebig geweſen zu ſein, und Euch eine halbe Krone abbrechen! „Nun kommt endlich einmal an mein Bündel, Ive!“ drängte die Scheuerfrau, die zuerſt gekommen war. Joe ließ ſich zu größerer Bequemlichkeit auf beide Kniee nieder und brachte, nachdem er eine große Menge verwirrter Knoten gelöst hatte, eine große ſchwere Rolle dunklen Stoffs hervor. „Was iſt denn das für Zeug?“ fragte Jve;—„etwa Bettvorhänge?“ „i natürlich!— Bettvorhänge!“ verſetzte das Weib, indem es ſich lachend und mit gekreuzten Armen zu ihm herabbeugte. „Ihr werdet dieſe Vorhänge doch nicht mit Ringen und Allem, wie ſie da ſind, fortgenommen haben, wäh⸗ rend er noch dahinter lag?“ fragte Joe ernſt. „Freilich that ich das!“ verſetzte das Weib,—„und warum denn nicht?“ 7* 7* 100 „Dann ſeid Ihr wahrlich mit einer Glückshaube auf die Welt gekommen!“ meinte Joe,—„Ihr müßt ganz gewiß noch einmal reich werden!“ „Bah, alter Joe!“ gab das Weib hohnlachend und kaltblütig zur Antwort,„ich werde doch die Hände nicht in die Taſche ſtecken und zwar um eines ſolchen Kerls, wie er, wenn ich etwas dadurch verdienen kann, daß ich ſie tüchtig ausrecke!— Tropft mir nur kein Oel auf dieſe Betttücher!“ „Sind das die Tücher von ſeinem Bette?“ fragte Ive. „Weſſen ſonſt? was glaubt Ihr denn?“ verſetzte das ſcheußliche Weib,—„es wird ihn doch nicht mehr frie⸗ ren, wenn er nun auch keine mehr hat, denk' ich!“ „Er iſt doch hoffentlich an keiner anſteckenden Krank⸗ heit geſtorben?“ fragte Ive zögernd und blickte dem Weibe forſchend in's Geſicht. „Habt keinerlei Angſt!“ gab das Weib zur Antwort, —„ich hab' den alten Kerl nie ſo gerne gehabt, daß ich noch jetzt um ſolcher Sachen willen mit ihm tändeln oder juchſen ſollte, ihn noch ger bei mir zu behatten, wenn dem ſo wäre.— Ja, blickt nur durch dieſes Hemd da, bis Euch die Augen wehe thun, alter Joe, Ihr werdet doch kein Loch darin finden, noch eine fadenſcheinige Stelle;'s iſt das Beſle, das er beſaß, und dabei noch äußerſt fein, und ſie hätten es vermuthlich verdorben, wenn ich mich nicht in's Mittel geſchlagen hätte.“ „Was nennt Ihr denn verderben, gute Frau?“ fragte der alte Ive. 8 „Ei nun, ſie hätten's ihm angelegt und ihn darin 42 8 begraben, meine ich!“ verſetzte das häßlicl Weib mit gar⸗ ſtigem Gelächter;—„irgend Jemand wäre thöricht genug geweſen, es dem erſtarrten Kerl anzuziehen, allein ich hab's ihm wieder abgenommen; wenn hiefür ein Calicv⸗ Hemd nicht gut genug iſt, will ich nichts Nutz ſein,— es ſieht ja dem Leichnam eben ſo gut, und er ſieht darin nicht häßlicher aus, als in einem andern!“ Scrooge hörte voll Entſetzen der Unterhaltung zu, welche die drei ver als ſie ſo um hrein trüben Schein der An trachtete er ſie mit ſole hrten aßen, und dan der el des Alte n beleuchtet wurd be⸗ r Ver rcang und Eiel, daß di ieſe 1 vären ſie au uch obſeöne fenen eſe n mit einander ſüh 9 Daͤmonen geweſen, d 74 3„H Haha aha! d einen zerlumplen Be und aus dem lhen daſſelbe eib, van 4 Jla anell mit 6 d ſchuppte ebte, da⸗ 8, aten!— Anns 0 mit wir uns Hahaha!“ 5 bebte hich Schiaſat meinige werden, Gnädiger Gott! was iſt Entſe t bebte die Seene h geändert und nun ſt einem leeren, nackten unter einem zerl lag, der, obwohl ſ Sprache untündig⸗ te.— dunkel beinahe, als buhen obwohl Scrov öge, ein em darin umf h und. von Gemach es war der von draußen durch's aſ auf das Bett, auf w wacht und der Leic Li chif hein, mte fiel gerade t und beraubt, unbe⸗ nd frevelhaſt ve erhöhnt, vyge deſſen ſtarke Hand auf den Kopf des Leie nams die Decke war ſo nachläſſig daruͤber geworfen, daſ eringſte Bew egung derſelben, die Berührung mit einem Finger von Serooge's Seite das Antlitz enthüllt haben würde. Scrooge dachte wohl daran, fuͤhlte auch, wie leicht dieſe ſein würde, und trug Verlangen, es zu thun, allein er vermochte eben ſo wenig, den Schleier hinweg zu ziehen, als das Geſpenſt zu entlaſſen, das ihm zur Seite ſtund. O, kalter, kalter ſtrenger fürchterlicher Tod! Hier baue deinen Altar auf und ziere ihn mit allen Schrecken, die dir zu Befehl ſtehen, denn dieß hier iſt dein Reich! — Doch von dem geliebten, geſchätzten und geehrten Haupte vermagſt du nicht ein Haar dieſen fürchterlichen Zwecken zu opfern oder auch nur einen Zug gehäſſig zu machen. Die Hand freilich magſt du ſchwerfällig machen, daß ſie zuſammenfällt, wenn wir ſie los laſſen; das Herz und die Pulſe magſt du ſtocken machen;— aber dieſe Hand war einſt offen, freigebig und bieder, das Herz tapfer, warm und zärtlich und der Puls der eines Man⸗ nes, und das iſt eben das Beſte daran; führe deinen Streich, Schatten, und du wirſt ſehen, wie ſeine guten Thaten aus der Wunde quellen und unſterbliches Leben über die Welt hinſäen! Keine Stimme flüſterte dieſe Worte in Scrooge's Ohr und doch hörte er ſie, wenn er auf das Bett blickte. Ei, dachte er, wenn dieſer Mann nun auferweckt werden könnte, was wären wohl ſeine erſten Gedanken? Etwa Geiz, mühſame Arbeit, quälende Sorge? Sie haben ihm wahrlich ein ſauberes Ende bereitet.— Da lag er nun im dunkeln, leeren Hauſe und nicht Ein Mann oder Weib oder Kind hielt bei ihm aus, um zu ſagen: Er war einſt in dieſer oder jener Weiſe gütig und wohlwollend gegen mich, und um der Erinnerung willen an eines ſeiner güti⸗ gen Worte will ich dankbar gegen ihn ſein und pflichtlich bei ihm aushalten!— Eine Katze miaute an der Thüre, und unter dem Herdſtein ließ ſich das Geräuſch nagender Ratten vernehmen; was ſie im Zimmer des Todten woll⸗ ten und warum ſie ſo geſchäftig und ruhelos waren, wagte Serooge nicht zu denken. 103 „Komm', Geiſt,“ ſprach er zu dieſem,—„laß uns hinweggehen! dieß iſt ein ſchauerlicher Ort, und ſeine Lehre, wenn wir ihn verlaſſen, ſoll nicht an mir verloren ſein! — Komm,, laß uns gehen!“ Der Geiſt aber blieb ſtehen und deutete noch immer mit unverregtem Finger auf das Haupt des Leichnams. „Ich begreife, was Du willſt,“ verſetzte Scrooge, „und ich würde es thun, wenn es in meiner Macht ſtünde, allein ich fühle mich nicht ſtark genug dazu; mir bangt davor.“ Wiederum ſchien der Geiſt auf ihn zu blicken, als wolle er eine Frage in ſeinen Zügen leſen. 3 „Wenn irgend eine Perſon in dieſer Stadt iſt, die ſich gerührt fühlt vom Tode dieſes Mannes,“ ſprach Scrooge faſt todesmatt,„ſo beſchwöre ich Dich, Geiſt, daß Du mir dieſe Perſon zeigſt!“ Das Geſpenſt breitete ſein dunkles Gewand einen Augenblick wie eine Schwinge vor ihm aus und enthüllte dann, als es daſſelbe wieder hinwegzog, ein Gemach im Tageslichte, wo eine Mutter mit ihren Kindern ſich auf⸗ hielt. Jene ſchien mit ängſtlicher Spannung auf Jeman⸗ den zu warten, denn ſie ſchritt im Zimmer anf und nie⸗ der, erbebte bei jedem Geräuſch, blickte nach dem Fenſter, ſchielte nach der Uhr, verſuchte alsdann vergebens ihre Näherei wieder aufzunehmen und konnte kaum die Stim⸗ men der Kinder anhören, die hier um ſie her ſpielten. Endlich ließ ſich das lang erwartete Pochen verneh⸗ men und ſie eilte zur Thüre und ihrem Gatten entgegen, einem Manne, deſſen Antlitz ganz bekümmert und darnie⸗ dergedrückt erſchien, obwohl er noch jung war. Ein ſelt⸗ ſamer Ausdruck lag jetzt in ſeinen Zügen, eine Art ern⸗ ſten Vergnügens, deſſen er ſich ſchämte und das er mühſam niederzukämpſen ſtrebte.. Er ſetzte ſich zum Mahle nieder, das man für ihn am Feuer bereit gehalten hatte, und als ihn ſein Weib mit ſchwacher Stimme und ſchüchtern nach der Nachricht fragte, die er mitbringe, was freilich erſt nach einer lan⸗ 104 gen Pauſe geſchah, ſchien er verlegen, wie er darauf erwidern ſollte. „Wie ſteht es?“ fragte ſie ihn, um ihm die Antwort zu erleichtern;—„gut oder ſchlecht?“ „Schlecht!“ erwiderte er. „So ſind wir alſo ganz ruinirt?“ fragte ſie in ver⸗ zweiflungsvollem Tone. „Noch nicht, liebe Caroline,“ gab er zur Antwort, „es iſt vielmehr noch einige Hoffnung vorhanden.“ „Ja,“ ſprach ſie tief erſchreckt,„weun er wieder auf⸗ kommt, dann können wir hoffen! dann iſt aber auch keine Huſun zu kühn, wenn ſolch' ein Wunder ſich zutragen ollte. „Es iſt zu ſpät für ihn, um wieder aufzukommen: er iſt todt!“ gab ihr Gatte zur Antwort. Sie war ein mildes, geduldiges Weſen, wenn ihr Geſicht nicht trügte, allein ſie war in innerſter Seele erfreut, als ſie dies hörte, und geſtand es auch mit gefalteten Händen; freilich bat ſie ſchon im nächſten Augen⸗ blick den Himmel um Vergebung, und machte ſich ſelbſt darüber Vorwürfe, allein jener erſte Gedanke war doch die eigentliche Regung ihres Herzens geweſen. „Es ſtellt ſich nun heraus,“ fuhr ihr Gatte fort,— „daß das, was das halbbetrunkene Weib, von dem ich Dir geſtern erzählte, mir geſagt, als ich ihn ſprechen und nur noch einen Aufſchub von einer Woche mir erbitten wollte, und was ich damals für eine leere Ausrede gehal⸗ ten hatte, dennoch lautere Wahrheit war. Er war damals nicht nur krank, ſondern lag vielleicht bereits in den letz⸗ ten Zügen.“ „Wem wird nun aber unſere Schuld abgetreten wer⸗ den?“ fragte die Frau. „Ich weiß es nicht,“ gab ihr der Gatte zur Antwoͤrt, „allein bis dahin werden wir jedenfalls das Geld zuſam⸗ menbringen, und wenn das auch nicht der Fall wäre, müßte es doch wahrhaftig ein arges Mißgeſchick ſein, wenn wir in ſeinem Nachfolger einen eben ſo hartherzigen Mann 4 N N 8,1₰ N 105 fänden. Glaub' mir, Caroline, wir können heute Nacht leichtern Herzens ſchlafen.“ 3 Ja, er hatte es kaum ausgeſprochen, ſo ſchien er auch ſchon getröſteter, und ſein Herz mochte leichter ſchla⸗ gen; die kleinen Geſichtchen der Kinder errötheten und wur⸗ den vergnügter, als ſie ſich herzudrängten, um das zu hören, wovon ſie doch ſo wenig verſtanden, und Freude herrſchte im ganzen Hauſe über den Tod dieſes Mannes! Die einzige Rührung, welche dieſer Todesfall hervorgeru⸗ fen hatte, und welchen der Geiſt dem alten Scrooge zeigen konnte, war in der That die des Vergnügens. „Laß mich nun auch eine Regung der Zärtlichkeit ſehen, die mit irgend einem Todesfalle zuſammenhängt,“ ſprach Scroyge zum Geiſt,„ſonſt wird jenes dunkle Gemach, das wir vorhin geſehen haben, mir immer vor Augen ſchweben.“ Der Geiſt führte ihn durch mehrere Straßen, die ihm genaube kannt waren, und unter Weges blickte ſich Scrooge überall um, um ſein Ebenbild zu entdecken, allein nir⸗ gends war es zu ſehen. Sie traten in das Haus des armen Bob Cratchit, in dieſelbe Wohnung, welche Scrooge mit dem andern Geiſt zuvor beſucht hatte, und ſanden Mutter und Kinder um's Feuer ſitzen. Alles ringsumher war ruhig und wie ausgeſtorben; die lärmenden kleinen Cratchit's faßen ſtill wie Bildſäulen in einer Ecke, und blickten zu Peter auf, der ein Buch in der Hand hatte; die Mutter und die Töchter waren mit Nähen beſchäftigt, aber alle waren ſtill und faſt düſter. „Und er nahm ein Kind, und ſetzte es in ihre Mitte!“ ſprach eine Stimme. Woher mochte wohl Scrooge dieſe Worte gehört haben? nie zuvor waren ſie ihm auch nur in Schlafe ein⸗ gefallen. Der Knabe mußte ſie alſo geleſen haben, als er mit dem Geiſte an der Seite die Schwelle überſchritten. Warum las er nicht weiter? Die Mutter legte ihr Geſchäft auf den Tiſch nieder, und bedeckte ihr Geſicht mit beiden Händen. 106 „Die Farbe thut mir in den Augen weh“ ſprach ſie. Die Farbe? nein, wahrlich nicht: Es war vielmehr das Andenken des armen kleinen Gottlieb, das ihre Augen mit Thränen füllte. „Jetzt ſind ſie wieder beſſer,“ ſprach Bob Cratchit's Weib nach einer Weile;—„das Kerzenlicht thut mir in den Augen weh, und um keine Welt möchte ich dem Vater verweinte Augen zeigen, wenn er nach Hauſe kommt, Es muß nun faſt an der Zeit ſein, daß er heimkehrt!“ „'s iſt eher darüber!“ meinte Peter und klappte das Buch zu;„mir däucht, liebe Mutter, als ob er ſeit ein paar Abenden etwas langſamer zu gehen pflege!“ Dann ſchwiegen Beide, und erſt nach einer Weile hub ſie mit weicher, tiefgerührter aber feſter Stimme an, die nur ein einziges Mal erbebte: „Ich weiß noch wohl— ich weiß noch recht wohl, wie er mit dem armen kranken Gottlieb auf der Schulter rüſtig dahinſchritt!“ „Ich auch,“ gab Peter zur Antwort;—„das war oft der Fall!“ Das beſtätigten auch die Andern alle mit einander, und ein trüber Schatten flog über ſeine Züge. „Er war nicht ſchwer zu tragen,“ fuhr die Mutter fort, und verwandte keinen Blick von ihrer Arbeit;— „ſein Väterchen liebte den armen Knaben ſo ſehr, daß es keine Mühe für ihn war— er that es recht gern, der gute Vater!— Ei, da iſt er ja ſchon vor der Thüre!“ Sie eilte hinaus und ihm entgegen und der arme Bob in ſeinem kleinen Mantelkragchen— Tröſter genannt— und Troſt konnte er wahrhaftig wohl brauchen, der arme Mann— trat gerade in's Zimmer herein. Der Theekeſſel ſprudelte ſchon für ihn über dem Feuerund Alle eilten ihm entgegen und ſuchten ihn auf die beſtmöglichſte Weiſe zu unterſtützen; die beiden kleinſten Kinder aber ſchwangen ſich auf ſeine Kniee, lehnten ihre Wangen von beiden Seiten an ſein Geſicht, als wollten ſie ſagen, erinnere Dich nicht mehr daran, guter Vater, ſei nicht ſo bekümmert. ———-ℳ—-——9—— — 107 Und Bob ſpielte mit ihnen und war recht liebreich gegen ſie und unterhielt ſich freundlich mit der ganzen Fa⸗ milie; dann blickte er auf die Arbeiten der Frauen, die auf dem Tiſche lagen, und lobte den Fleiß und den Eifer der Miſtreß Cratchit und der Mädchen; er meinte, ſie wuͤr⸗ den noch lange vor dem Sonntag mit ihrer Arbeit fertig. „Vor dem Sonntage?“ fragte ſeine Gattin,—„Du biſt wohl heute dort geweſen, Cratchit?“ „Allerdings, meine Liebe!“ gab Bob zur Antwort;— „ich wünſchte, Du wäreſt mitgegangen, denn es hätte Dir ganz gewiß einige Erleichterung verſchafft, wenn Du ge⸗ ſehen hätteſt, was für ein lieblich grünes Plätzchen es iſt; aber Du ſollſt es noch öfters ſehen, denn ich habe mir im Stillen das Gelübde gethan, das Grab des armen Kleinen noch öfter zu beſuchen und namentlich auch nächſten Sonn⸗ tag hinaus zu wandern; mein armes, armes, liebes, klei⸗ nes Söhnchen!“ Das Herz brach ihm unwillkührlich; hätte er's zu verhindern vermocht, ſo wäre er ſammt dem Kinde viel⸗ leicht jetzt weiter weg geweſen von den Uebrigen, als der arme kleine Gottlieb war. Er verließ das Gemach und ſtieg die Treppe hinan in die Oberſtube, die hell erleuchtet und mit Weihnachtszweigen behangen war; neben dem Bettchen des Kindes ſtand ein Stuhl, und Alles deutete darauf hin, daß kaum zuvor Jemand hier geweſen war; der arme Bob ſetzte ſich in den Stuhl und als er ein we⸗ nig ſeinen Gedanken ſich hingegeben und ſich wieder erholt hatte, küßte er das Antlitz des Kleinen, tröſtete ſich auf dieſe Weiſe mit dem Geſchehenen und kam glücklich und zufrieden wieder zu den Uebrigen in die Wohnſtube herun⸗ ter. Sie ſetzten ſich wieder an's Feuer und plauderten, während die Mädchen und die Mutter fortarbeiteten, Bob aber zu erzählen anhub: Wie ausnehmend artig doch Serooge's Neffe ſei, den er kaum einmal geſehen habe und der, als er ihm heute in der Straße begegnete und bemerkte, daß Bob Cratchit„ein wenig zu Boden blickte,“ ihn gefragt habe, 108 was ihm doch ſo Widerwärtiges begegnet ſei.„Darauf habe ich ihm denn,“ ſchloß Bob,„Alles erzählt, wie es gekom⸗ men war, denn er iſt ber leutſeligſte und freundlichſte Herr, den man ſich nur denken kann. Ja wenn man ihn hört, tritt Einem unwillkührlich das Herz auf die Zunge.— ‚Da bedauere ich Sie herzlichſt, Herr Cratchit, gab er mir zur Antwort, und eben ſo auch Ihre liebe Frau;“ wie er das ſo gut wußte, kann ich, beiläufig geſagt, gar nicht be⸗ greifen.“ „Und was wußte er denn, Väterchen?“ fragte Frau Cratchit. 3 „Je nun,“ meinte Bob,„daß Du eine gute Frau ſeiſt. „Das weiß ja Jedermann,“ meinte Peter. „Gut geſprochen, mein Junge!“ rief Bob;—„ich hoffe wenigſtens, daß dieß der Fall iſt und Ihre gute Frau bedauere ich ebenfalls herzlich. ‚Wenn ich Ihnen irgendwie von Nutzen ſein kann, fügte Herrn Scrooge's Neffe hinzu, indem er mir ſeine Karte in die Hand drückte, ‚ſo erfahren Sie hieraus, wo ich wohne, und ich hoffe, daß ſie ſich an mich wenden werden!’— Seht, meine Lieben,“ ſetzte Bob hinzu,„mich freute es weit weniger, daß er uns dienſtbar zu ſein ſich erbot, als gerade, daß er ſich ſo wohlwollend nach unſerer Lage erkundigte; es ſchien in der That, als hätte er unſern armen Gottlieb gekannt und fühle mit uns unſern Verluſt.“ „Ich bin überzeugt, er hat ein recht gutes Herz,“ ſagte Frau Cratchit. „Dieſe Ueberzeugung würde bei Dir noch zur Gewiß⸗ heit,“ gab ihr Bob zur Antwort,„wenn Du ihn erſt ken⸗ nen würdeſt nnd mit ihm geſprochen hätteſt. Es ſollte mich in der That gar nicht wundern, wenn er unſerm Peter eine beſſere Stelle zu verſchaffen wüßte.“ „Hörſt Du es, Peter!“ rief die Mutter dieſem zu. „Und dann,“ rief eines der Mädchen,„wird ſich Pe⸗ ter nach ein Paar Jahren mit irgend Jemanden aſſyeiren und ſich ein eigenes Geſchäft einrichten.“ ———— e. 2 109 „Ei, geht mir doch!“ verſetzte Peter grinſend. „Das iſt wahrſcheinlicher als nicht,“ meinte Bob,— „obwohl es bis dahin gute Weile haben wird, lieb' Söhn⸗ chen. Wie und wann wir aber auch immer uns von ein⸗ ander trennen werden, ſo bin ich doch überzeugt, daß Nie⸗ mand von uns Allen den armen Gottlieb oder die ernſte Schickung vergeſſen wird, die auf dieſe Weiſe eine Lücke in unſern Kreis gebrochen hat.“ „Nein, Väterchen! das werden wir niemals!“ riefen Alle zuſammen.— „Und ich weiß wohl,“ fuhr Bob fort,—„ich weiß wohl, meine Lieben, daß, wenn wir uns erinnern, wie ge⸗ duldig und milde er war, obwohl er nur ein armes, klei⸗ nes Kind geweſen, wir nicht leicht untereinander Zwiſt und Streit beginnen und dadurch den armen, kleinen Gottlieb vergeſſen werden!“ „Nein, Väterchen, das ſoll niemals geſchehen,“ ver⸗ ſicherten wiederum die Andern. „Ich bin doch recht glücklich,“ ſprach der kleine Bob, —„ich bin wahrlich recht glücklich!”“ Frau Cratchit und ihre Tochter küßten den Vater, und die beiden Kleinen folgten ihrem Beiſpiel, Peter aber drückte ihm mit Wärme die Hand. Geiſt des armen klei⸗ nen Gottlieb, Dein kindiſches Weſen kam von Gott! „Höre, Geſpenſt,“ ſprach Scrooge,„ein unbegreifliches Etwas zeigt mir an, daß unſer Scheideſtündchen nicht ferne iſt. Ich verſpüre das deutlich, obwohl ich nicht weiß, wie dies geſchieht; ſage mir nur noch, wer jeuer Mann war, den ich todt auf ſeinem Bette liegen ſah.“ Der Geiſt der zukünftigen Weihnacht führte ihn wie⸗ derum wie zuvor— wiewohl zu ganz verſchiedener Zeit, wie es Scrooge bedünken wollte, denn es ſchien in der That in dieſen letzteren Geſichten keinerlei Ordnung zu herr⸗ ſchen, mit Ausnahme deſſen, daß ſie alle in der Zukunft düſterem Schooße lagen— an die Sammelplätze der Ge⸗ ſchäftsmänner und Kaufleute, allein er zeigte ihm nicht mehr ſein Ebenbild. Der Geiſt hielt in der That nirgends 110 mehr inne, ſondern ſchritt immer gerade aus, als wolle er das erſehnte Ziel erreichen, bis ihn Scrooge ſelbſt bat, noch einen Augenblick zu verweilen. „In dieſem Hofe hier, durch den wir eben hinſchrei⸗ ten,“ hub Scrooge an,„liegt mein Geſchäfslokal, das ſchon feit einer Reihe von Jahren hier geweſen iſt; ich ſehe nun das Haus, laß mich jetzt auch wiſſen, was in Zukunft aus mir werden wird.“ hune Geiſt hielt ſtille, und ſeine Hand deutete irgend wo hin. „Dort liegt ja mein Haus!“ rief Scooge,„warum deuteſt Du davon hinweg?“ Der unerbittliche Finger rührte ſich nicht. Scrooge eilte an das Fenſter des Comptoirs, und blickte hinein.— Noch war es das Geſchäftslokal eines Kaufmanns, aber nicht das ſeinige; anderes Geräthe ſtand drinnen, und die Geſtalt, die in dem Stuhle ſaß, war auch nicht ſein Ebenbild. Der Geiſt deutete noch immer in der früheren Richtung hinaus. Scrvoge holte ihn wie⸗ der ein, und ſchritt, freilich verwundert wohin ſie gingen, an der Seite des Geſpenſtes hin, bis ſie einen eiſernen Zaun erreichten; hier ſtand Scrooge eine Weile ſtill, und blickte ſich um, ehe er hineintrat. Es war ein Kirchhof— hier lag er alſo, der tief gebeugte Mann, deſſen Namen er erſt noch erfahren ſollte. Hier lag er in kühler Erde eingeſargt. Es war ein wür⸗ diger Platz— ein Ort, der ſeiner werth war; rings von Haͤuſern umſchloſſen, von Gras und Unkraut überwachſen, deren Wuchern den Tod der Vegetation und nicht ihr Leben verkündete; ein enger Raum, von zu vielen Gräbern faſt verſtopft— überſättigt vom allzureich geſtillten Hunger, ein recht angemeſſener Platz!— Der Geiſt ſtand unter den Gräbern, und deutete auf eines derſelben hernieder, auf welches Scrooge zitternd hinzuſchritt. Das Geſpenſt war noch immer wie zuvor, allein ein ſeltſames Grauen überkam Scrooge, als er zu 111 bemerken glaubte, daß es auf's Neue eine feierliche dro⸗ hende Haltung annehme. „Gib mir Antwort auf eine Frage, bevor ich näher zu dem Steine trete, auf welchen Du herniederdeuteſt!“ ſagte Scrooge zum Geiſt;—„ſind die Dinge, die Du mir hier zeigſt, die Schatten derer, die da kommen werden, oder ſind ſie nur die Schatten von denen, welche eintreffen können?“ Der Geiſt blieb ſtumm, und deutete beharrlich zu dem Grabe hernieder, an dem er ſtund. „Der Menſchen Lebensbahnen deuten auf ein gewiſſes Ziel hin, wohin ſie führen müſſen, wenn man auf der Bahn beharrt,“ fuhr Scrooge fort;—„wenn man aber von der Lebensbahn abweicht, muß auch das Ziel ein an⸗ deres werden. Sprich, Geiſt, iſt das auch bei Dem der Fall, was Du mir zeigen willſt?“ Der Geiſt war ſo unbeweglich wie zuvor. Serooge nahte ſich zitternd und zögernd dem Grabe, und las, als er dem weiſenden Finger folgte, auf dem Stein des öden, verlaſſenen Grabes ſeinen eigenen Namen: „Ebenezar Scrooge.“ „Bin ich der Mann, der auf jenem Todtenbette lag?“ rief er auf den Knien dem Geiſte zu. Der Finger deutete von dem Grab auf ihn und von ihm wieder auf das Grab zurück. „O ſchone meiner, Geiſt!“ rief er,„ſage: nein!“ Der Finger beharrte noch immer in ſeiner früheren Richtung. „Höre, Geiſt!“ rief Scrooge verzweiflungsvoll aus, und klammerte ſich feſt an das Gewand der dunkeln Er⸗ ſcheinung an.—„Höre mich! ich bin nicht mehr der Mann, der ich zuvor war— ich will auch hinfort nicht mehr der Mann ſein, dem man dieſe Lehre geben mußte. Warum zeigſt Du mir alſo dieſes, wenn jede Hoffnung auf Beſſerung meines Zuſtandes verloren iſt?“ Zum Erſtenmal ſchien jetzt die Hand zu zittern, ja 112 Scrooge wollte ſich ſogar überreden, daß ſie verneinend geſchüttelt habe. „Guter Geiſt!“ fuhr er fort, indem er vor ihm auf den Boden niederſtürzte und ſich vor ihm im Schnee wand; —„Dein eigenes Weſen ſchreitet für mich ein und bittet um Schonung für mich. Gieb mir nur Gewißheit, daß es noch in meiner Macht ſteht, die Schatten, die Du mir gezeigt haſt, durch einen andern Lebenswandel zu ver⸗ ſöhnen.“ Des Geſpenſtes gütige Hand zitterte jetzt heftiger. „Ich will in meinem Herzen die heilige Weihnacht ehren und mir Mühe geben, ſie das ganze Jahr hindurch zu halten,“ ſprach Servoge weiter;—„ich will in der Ver⸗ gangenheit, Gegenwart und Zukunſt leben, und die Geiſter dieſer heiligen Dreizahl ſollen mich in meinem Streben unterſtützen und mein ganzes Weſen erfüllen, daß es nie der Lehren vergeſſe, die ſie ihm eröffnet haben. O ſage mir, ob es noch möglich iſt, dieſe Schrift auf dem Grab⸗ ſteine hier auszulöſchen?“ In ſeiner Agonie erfaßte er die Hand des Geſpenſtes, das ſich zu befreien ſuchte, allein Scrooge hielt ſie zu feſt und ließ ſie nicht mehr los. Da raffte der Geiſt ſeine ganze Kraft zuſammen und ſtieß ihn zurück. Und wie er nun ſeine Hände zu einem einzigen letzten Gebet emporhielt, damit ſein Loos ſich wende, bemerkte Scrooge, wie die Geſtalt der Erſcheinung ſich veranderte, wie das verhüllende Gewand von ihm ſiel, ſein rieſiger Körper zuſammenſchrumpfte, in Nebel verſchwand und ſich endlich in einen Bettpfoſten verkehrte! R G—— A8=—— Fünfte Strophe. Das Ende von dem Kiede. Ja und der Bettpfoſten gehörte zu ſeinem eigenen Bette— das Bett, in dem er lag, das Zimmer, worin er ſich befand, gehörten ihm eigen, und der glücklichſte Zufall war, daß er auch die Zeit, welche er noch vor ſich hatte, ſein nennen und zur Buße und Beſſerung verwenden konnte. „Ich will in der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft leben,“ wiederholte Servoge, als er aus dem Bette kletterte;—„die Geiſter dieſer heiligen Dreizahl ſol⸗ len mich in meinem Streben unterſtützen und mein ganzes Weſen erfüllen. O, Jakob Marley! Du und der Himmel und die heilige Weihnachtszeit ſeien dafür geprieſen, das rufe ich hier auf meinen Knieen; guter alter Jakob, ſieh', hier auf meinen Knieen!“ Er war von ſeinen guten Vorſätzen ſo ſehr erfüllt und von einem ſo heiligen Drange durchglüht, daß ſeine gebrochene Stimme kaum ſeinem innern Drange Antwort gab. In ſeinem Ringen mit dem Geiſte hatte er heſtig geweint und ſein Geſicht war noch jetzt von Thränen feucht. 3 „Sie ſind noch nicht weggeriſſen worden!“ rief Scrooge und wickelte einen der Bettvorhänge um ſeine Arme,—„ſie ſind noch nicht mit Ringen und Allem hinweggeriſſen, ſon⸗ dern ſind noch hier— ich bin noch hier; die Schatten der Dinge, wenn ſie gekommen wäͤren, ſollen nun Lügen geſtraft werden— ja wahrhaftig, das werden ſie, ich weiß es.“ Seine Hände packten inzwiſchen ſeine Kleidungsſtücke, kehrten ſie um, drehten das Hinterſte davon zu vorderſt, herzten, drückten, zerrieben, ja zerriſſen ſie gar und machten unwillkührlich die ſeltſamſten thörichtſten Ertravaganzen damit. Boz, Chuzzlewit I. 8 114 „SIch weiß gar nicht, was ich thun ſoll!“ rief Scrooge, der in Einem Athem lachte und weinte, und vermittelſt ſei⸗ ner Strümpfe einen wahrhaften Laokoon aus ſich machte. „Ich fühle mich ſo leicht wie eine Feder, ſo glücklich wie ein Engel und ſo luſtig wie ein Schulknabe. Ich bin ſo leichtſinnig wie ein Betrunkener! Vergnügte Weihnachten für Jedermann, ein glückliches Neujahr der ganzen Welt! Halloh! Hupp! Halloh!“ 4 Er hatte ſich heraus in ſein Wohnzimmer geſchlichen und ſtand nun ganz angezogen hier. „Da iſt ja noch das Pfännchen, worin die Grütze war!“ rief Scrooge, indem er von vorne an erſtaunte und luſtig um den Heerd tanzte;—„da iſt die Thür, durch welche Jakob Marley's Geiſt hereintrat! Hier iſt die Exke, wo der Geiſt der gegenwärtigen Weihnacht ſaß, dort iſt das Fenſter, von wo aus ich die wandernden Geiſter er⸗ blickte!— Alles iſt Wirklichkeit, Alles Wahrheit, Alles hat ſich zugetragen. Ha! Ha!“ Es war in der That für einen Mann, der ſo viele Jahre lang aus der Uebung gekommen war, ein prächtiges und glorreiches Gelächter, in welches Scrooge jetzt aus⸗ brach;— es war der Vater von manch' anderem fröhlichen Lachen, das noch in langer Reihe auf dieſes hier folgte. „Ich weiß nicht, was für einen Monatstag wir heute ha⸗ ben!“ rief Servoge,„ich weiß nicht, wie lange ich unter den Geiſtern geweſen bin; ich weiß eigentlich gar nichts mehr, ſondern bin gerade wie ein Säugling. Was liegt aber auch daran? ich kümmere mich nichts darum, und möchte lieber ein Säugling ſein, Halloh! Hopp! Halloh 14 In ſeiner Begeiſterung und Ausgelaſſenheit unterbrach ihn auf einmal das Geläute der Glocken, das nun auf einmal in den luſtigſten Klängen, die er je gehört, von allen Thürmen herniedertönte. Bim— bam— ding— dong— kling— klang— bim— bam— ding— dong!— O es klang wunderſchön, herrlich, glorwürdig! Er eilte zum Fenſter, öffnete es und ſtreckte den Kopf hinaus; da war kein Nebel, keine dicke trübe Luft, hell, heiter, glän⸗ 3— .Junge! 115 zend und luſtig kalt war es draußen; goldnes Sonnenlicht ſchien vom wunderſchönen Himmel hernieder, ſüße Friſche wehte durch„welche von den heitern Glockentönen erzitterte! war wun ön, glorwürdig! „Was denn heut Scrooge einem kleinen Jungen zu, der drunten einen tagskleidern ſich erging und vielleicht hergeſandt worden wa„ um nach ihm zu ſehen. „Was n über alle über dieſe Frage. denn heute für einen Tag, mein Secrooge. der Knabe;—„ei,'s iſt ja 2 9 ſttag,“ murmelte Servoge vergnügt vor abe ihn alſo nicht lt, und die Geiſter in einer einzi kacht abgemacht; ſie können natürlich auch thun, was ſie wollen, denn ſie haben ja die Macht dazu. Heda! Du hübſcher Junge!“ „Heda!“ rief der Knabe;—„was wollt Ihr denn von mir?“ „Weißſt Du wohl den Laden des ügelhändlers an der Ecke der übernächſten Straße? fragte oge. „Ci, das will ich meinen!“ entgegnete der verſtaͤndige Knabe. 3 „Ein klu er Junge?“ fragte S prächtiger — eißſt Du wohl, ob man den großen mächtigen Truthahn ſchon verkauft hat, der hera shing? Ich meine nicht den kleinen, ſondern den großen, dicken, fetten.“ „Aha! Ihr meint wohl den, der ſo groß iſt wie ich?“ fragte der Knabe. „Was für ein kö licher Junge!“ rief Servoge,— 's iſt ein Vergnügen, ſich mit ihm zu unterhalten.— Ja, mein Söhnchen, den eben meine ich.“ „O, der hängt noch außen!“ rief der Knabe. „So?“ ſprach Serooge,„gehe hin und kaufe ihn!“ * 116 „Ihr wollt mich zum Beſten haben!“ rief der Knabe. „Nicht doch, nicht doch!“ ſagte Serooge,„s iſt mein Ernſt; gehe hin und kaufe ihn und ſag', man ſoll ihn hieher bringen, daß ich die Adreſſe angeben kann, unter welcher er fortgeſchickt werden muß; kommſt Du alsdann mit dem Mann wieder zurück, ſo ſollſt Du einen Schilling haben; kommſt Du aber, bevor fünf Minuten vergehen, ſo will ich Dir eine halbe Krone geben.“ Der Knabe jagte davon wie die Kugel aus dem Rohr und es hätte wahrlich eine recht ſtete Hand den Drücker berühren müſſen, um in der Hälfte dieſer Zeit einen Schuß loszudrücken. „Ich will ihn Bob Cratchit in's Haus ſchicken,“ flü⸗ ſterte Serooge und rieb ſich mit vergnügtem Lachen die Hände.„Er ſoll gar nicht wiſſen, wer ihm denſelben zu⸗ ſendet. Der Vogel iſt zwei Mal ſo groß, als der arme kleine Gottlieb und es ſoll mir in meinem ganzen Leben nichts ſo viel Spaß gemacht haben, als Bob's Ueberraſchung, wenn er den ſaftigen Braten erhält.“ Die Handſchrift, in welcher er Bob's Adreſſe nieder⸗ ſchrieb, war freilich weder ſchön noch ſtet, allein er ſchrieb es eben, ſo gut es ging, und eilte dann die Treppe hinab, um die Hausthüre zu öffnen, weil der Ausläufer des Geflügelhändlers jeden Augenblick kommen konnte; als er nun hier ſtund und auf deſſen Ankunft wartete, fiel ihm der Thurklopfer in's Auge. „Du ſollſt mir lieb ſein, ſo lang ich lebe!“ rief Scrooge, indem er das kalte Meſſing mit der Hand ſtrei⸗ chelte;—„ich ſah ihn zuvor kaum einmal an. Was für ein ehrlicher Ausdruck liegt doch in ſeinem Geſicht!'S iſt gar ein wunderſchöner Thürklopfer!— Da iſt der Trut⸗ hahn! Halloh, hoppl wie ſteht's? Vergnügte Weihnachten!“ Das war ein Truthahn! Der Vogel konnte wohl nie auf ſeinen Füßen geſtanden haben, ſonſt wären ſie unter ihm zuſammengebrochen, wie zwei Siegellackſtangen! „Nein's iſt unmöglich, daß Ihr das nach Camden⸗Town hinunter tragen könnt,“ ſagte Serooge zu dem Ausläufer des Geflügelhändlers,„Ihr müßt ein Kabriolet nehmen!“ — 1 So SN NSNenn 8öeAS RN — ——y— ⸗— F——* 117 Das fröhliche Gelächter, womit er dieß ſagte und den Truthahn bezahlte, und das vergnügte Kichern, womit er auch den Miethwagen bezahlte und den Knaben nach Ver⸗ dienſt belohnte, konnten nur von dem lauten, glücklichen Lachen übertroffen werden, womit er ſich athemlos wieder in ſeinen Stuhl ſetzte und kicherte, bis er weinen mußte. Das Barbiren war für ihn heute keine leichte Aufgabe, weil ſeine Hand fortwährend heftig zitterte, und das Ra⸗ ſiren erfordert doch immer einige Aufmerkſamkeit, wenn man auch während deſſelben nicht gerade einen Contretanz vor dem Spiegel einſtudirt; hätte er ſich heute aber auch die Naſenſpitze abgeſchnitten, ſo wäre ihm nichts daran gelegen geweſen, und er hätte höchſtens ein Stückchen Heft⸗ pflaſter darüber gelegt. Unterdeſſen kleidete er ſich in ſein beſtes Gewand und trat endlich gar auf die Straße hinaus; die Leute ſtröm⸗ ten inzwiſchen aus allen Häuſern, wie er es mit dem Geiſt der gegenwärtigen Weihnacht geſehen hatte und Servoge wanderte, die Hände auf dem Rücken, heiter und zufrieden vor ſich hin und blickte Jedermann lächelnd in's Geſicht. Er blickte mit einem Worte ſo unwiderſtehlich vergnügt darein, daß ein Paar gutmüthige Burſchen in den herzlichen Wunſch ausbrachen; Guten Morgen, Sir, wir wünſchen Euch vergnügte Weihnachten! und Scrooge hat hinterdrein oft geſtanden, daß von allen willkommenen Lauten, die er je gehört, dieſe in ſeinen Ohren doch bei weitem die an⸗ genehmſten geweſen ſeyen. Er war noch nicht weit ge⸗ gangen, als er denſelben ſtattlichen Herrn auf ſich zukom⸗ men ſah, der am vorigen Abend in ſeinem Comptoir er⸗ ſchienen war und nach den Herren Scrooge und Marley gefragt hatte. Es ward ihm ganz enge um's Herz, als er bedachte, mit welchen Blicken ihn wohl der alte Herr meſſen würde, wenn er ihm begegnete; allein er wußte nun auch, was für ein Weg gerade vor ihm lag und er ſchlug ihn ein. „ Beſter Herr!“ ſprach Serooge und blieb auf einmal vor dem Andern ſtehen, um den alten Herrn bei beiden 118 Händen zu nehmen;—„wie geht es Ihnen? Ich hoffe, Sie haben Sehern Glück gehabt; es war recht ſchön und wohlwollend, daß Sie ſich dieſem frommen Werke unterzo⸗ gen, ich wünſche Ihnen vergnügte W zeihnachte n! „Sie ſind Herr Scrooge, nicht wahr?“ fragte der Andere verwundelt. „ „Allerdings,“ erwiderte Servoge,„ſo heiße ich und fürchte faſt, daß Sie keinen beſondern Gefal len an meinem Namen finden, allein erlauben Sie mir, Sie um Ver⸗ zeihung zu bitten, und haben wohl die Süte“— hier flüſterte Servoge ihm etwas in's Ohr. „Du lieber Gott!“ aie der fremde Herr, als ob ihm der Athem ausgehe,—„iſt das wirklich Ihr Ernſt, beſter Herr S enigs 7e „Ei freilich,“ verſetzte dieſer, keine Heller weniger! und ic verſichere Sie, da ß es nicht die letzte Summe ſein ſoll, die Sie von mir erhalten. Wollen Sie mir den Gefall en thun? „Ich weiß gar nicht, beſter Herr,“ verſetzte der An⸗ dere, indem er ihm die Hände drückte,—„was ich über eine ſolche Freigebigkeit... „Sagen Sie gar nichts, wenn's Ihnen beliebt, 4 ver⸗ ſetzte Serooge,„aber ſchenken Sie mir die Ehre Ihres Beſuchs!— Wollen Sie?“ „Eif freili hl“ rief der alte Herr, und es war offenbar, daß es ihm damit Ernſt war. „Ich danke Ihnen,“ ſprach Servoge,— nich bin Ih⸗ nen ſehr verbunden und danke Ihnen nochmal s tauſend⸗ nen Gott behüte Sie!“ und damit eilte Servoge nach der Kirche, und wanderte dann durch die Straßen und beobach⸗ tete die Leute, die hin und her eilten, klopfte vertraulich den Kindern auf den Kopf, fragte die Bettler, blickte n die Küchen der Häuſer hernieder und zu den Fenſtern em⸗ vor und fand, daß ihm heute Alles Vergnügen machen 9 konnte. Nie hätte er ſich träumen laſſen, daß irgend ein Spaziergang oder ſonſt etwas ihn in ſo glückliche Stim⸗ mung verſetzen könne. 119 Am Nachmittage machte er ſich auf den Weg nach dem Hauſe ſeines Neffen, aber er ging wohl ein dutzendmal vor der Thüre vorüber, ehe er den Muth hatte, hinzugehen und zu pochen. Endlich aber faßte er ſich ein Herz und pochte doch. „Iſt Ihr Herr zu Hauſe, liebes Kind?“ ſragte Scrovge das Hausmädchen, das in der That recht hübſch war. „O ja, Sir,“ gab ſie zur Antwort. „Und wo iſt er denn, Liebchen?“ fragte Servoge weiter. „Er iſt eben im Speiſezimmer, Sir, und die Frau bei ihm,“ erwiderte das Mädchen,„ſoll ich Sie vielleicht bei ihm melden?“ „Nicht doch!“ ſprach der Alte,„ich danke Ihnen; er kennt mich ja.“ Mit dieſen Worten legte Serooge bereits die Hand auf den Thürdrücker des Speiſezimmers und ſprach zu der Magd, ſich umwendend:—„Ich will nur hier hereintreten.“ Er öffnete leiſe die Thüre, ſtreckte den Kopf zur Thürſpalte herein und ſah ſich im Zimmer um. Niemand achtete auf ihn und Alle blickten auf den Tiſch, der heute auf's ſchönſte geziert war, denn die jungen Haus⸗ frauen halten ſtets viel auf ſolche Dinge und ſehen es gerne, wenn Alles hubſch in Ordnung iſt. „Alfred!“ flüſterte Serooge. Du lieber Gott! wie ſchrak ſeine Nichte zuſammen, denn Scrooge hatte für einen Augenblick vergeſſen, daß ſie im Eckchen auf den Schemel ſaß, ſonſt hätte er es wahr⸗ lich um keinen Preis gethan. „Alle Teufel!“ rief Alfred, erſchrocken ſich umwen⸗ dend,—„wer iſt denn das?“ „Ich bin's, Dein Onkel Scrooge,“ gab er zur Antwort. „Ich habe mich ſelbſt bei Dir zu Tiſche gebeten— willſt Du mich herein laſſen, Alfred?“ 4 Ob er ihn wohl hereinließ?! Wahrlich,'s iſt ein Wunder, daß er ihm beim Handedrücken nicht die Hand zerquetſchte und den Arm ausriß. Der Alte fühlie ſich 120 in funf Minuten wie zu Hauſe; denn Niemand konnte herzlicher und vergnügter ſein, als Neffe und Nichte mit einander. In den gleichen Ton ſtimmte auch Topper ein, als er kam, und die dicke Schwägerin von Scrooge's Neffen rbenfalls, und ſo auch alle Andern, als ſie ſich nach und nach einſtellten. Der Alte genoß heute Abend einer wunder⸗ ſchönen Geſellſchaft, prächtiger Spiele, entzückender Ein⸗ tracht und eines wunderſamen Wohlbehagens! Am andern Morgen ſtellte er ſich ſehr frühe auf ſei⸗ nem Comptoir ein; das pflegte er ſtets zu thun, denn es ſchien ihm beſonders viel daran gelegen zu ſein, daß er zuerſt dort war und Bob Cratchite über ſein ſpätes Kom⸗ men ausſchmälen konnte. Heute machte er es eben ſo. Es ſchlug neun Uhr und Bob war noch nicht da, endlich gar ein Viertel auf Zehn und noch kam kein Bob. Schon war es achtzehn und eine halbe Minute über die anberaumte Zeit des Commis und noch hatte er ſich nicht eingeſtellt; Scrooge hatte die Zwiſchenthüre weit aufge⸗ riſſen, damit er den Commis in die ſeuchte Nebenſtube treten ſehen könnte. Endlich keuchte Bob heran; den Hut und den Mantel⸗ kragen hatte er ſchon abgenommen, ehe er die Thüre öff⸗ nete, und mit Gedankenſchnelle ſaß er auf ſeinem Stuhl vor dem Pulte, und ließ die Feder kritzeln, als wolle er die entſchwundene neunte Stunde wieder einholen. „Heda!“ brummte Scrooge in ſeiner gewöhnlichen Stimme, ſo gut er ſie in ſeiner jetzigen Laune nachzu⸗ ahmen vermochte,—„was fällt Euch ein, Mr. Cratchit, daß Ihr heute ſo ſpät kommt?“ „Es thut mir ſehr leid, Sir,“ verſetzte Bob,„ich habe mich verſpätet.“ „So?“ brummte Scrooge,—„das habt Ihr auch in der That, und ich bitte mir's aus, daß dieß in der Zukunft nicht mehr vorkommt, verſtanden?“ „Es geſchieht ja nur einmal im Jahre, Sir,“ bat Bob eumuthig, indem er unter die Zwiſchenthüre trat, t 1 121 „es ſoll gewiß nicht wieder vorkommen.— Ich habe mich geſtern etwas zu ſehr luſtig gemacht, Sir.“ „So?“ erwiderte Scrooge,—„laßt Euch nun etwas ſagen, guter Freund; Ihr müßt nun wiſſen, daß es ſ 5 nicht länger fortgehen kann und darum“— fuhr er mit lauter Stimme fort, indem er von ſeinem Stuhl em⸗ porſprang und Bob einen wohlgemeinten Rippenſtoß von ſoecher Kraft gab, daß dieſer wieder in den„Teich“ zu⸗ rücktaumelte,—„und darum bin ich geſonnen, Euern Gehalt zu erhöhen.“. Bob zitterte und retirirte ſich in die Nähe des Lineal's; ja, es fuhr ihm gar der Gedanke durch den Kopf, Scrooge damit zu Boden zu ſchlagen, ihn zu halten und den Leu⸗ ten im Hofe draußen um Hülfe und ein Zwangshemd zu⸗ zurufen. 7 „Vergnügte Weihnachten, Bob!“ rief Scrooge und klopfte ſeinem Commis mit ſolchem Ernſte auf die Schul⸗ ter, daß dieſer unmöglich über die Abſicht ſeines Brod⸗ herrn in Zweifel ſein konnte;—„ich wünſche Euch ver⸗ gnügtere Weihnachten, guter Mann, als ich Euch Jahre lang bereitet habe; ich will Euern Gehalt erhöhen und mir Mühe geben, Eurer zahlreichen bedürftigen Familie beizuſpringen und wir wollen Eure Angelegenheiten noch heute Nachmittag über einem Weihnachtsnapf voll dam⸗ pfenden Biſchofs beſprechen, Bob! Nun macht Euch gleich Feuer an und kauft einen andern Kohlenkorb, eh' Ihr nur ein Tüpfelchen auf ein i macht, Bob Cratchit.“ Serooge that noch mehr, als er verſprochen hatte, und ward dem armen kleinen Gottlieb, der nicht ſtarb, ein wahrer zweiter Vater. Er wurde ein eben ſo guter Freund und gütiger Herr und menſchenfreundlicher Mann, als man nur in der guten alten City oder in irgend einer andern guten alten Stadt, Städtchen oder Flecken in der guten alten Welt finden mochte. Manche Leute lachten freilich, als ſie dieſe Veränderung an ihn gewahr wurden, allein er ließ ſie lachen und kehrte ſich nicht daran, denn er war klug genug, um zu wiſſen, daß auf dieſer weiten * Welt nie etwas Gutes geſchehen könne, worüber nicht ge⸗ wiſſe Leute ihr Gelächter und Geſpött zu haben wußten. Und da er wohl wußte, daß ſolche Menſchen irgend wie verblendet ſeien, ſo kümmerte er ſich nichts darum, ob dieſe Leute über ihn Mund und Augen zu einer höhniſchen, heimtückiſchen Fratze verzerrten oder die Krankheit der Spottſucht in einer weniger anziehenden Geſtalt an den Tag legten. Sein eigenes Herz lachte überlaut, und das genügte ihm vollkommen. Er hatte keinen Verkehr mehr mit Geiſtern und gei⸗ ſtigen Getränken, ſondern lebte auch nachher nach den Grundſätzen des Mäßigkeitsvereins; nur behauptete Jeder⸗ mann ſtets von ihm, daß er am beſten wiſſe, wie man Weihnachten halten müſſe und daß ſich darin kein Menſch der Chriſtenheit mit ihm meſſen könne— O, ließe ſich das doch auch in Wahrheit von uns und zwar von uns Allen ſagen! Und ſo ſpreche ich denn mit dem armen kleinen gebrechlichen Gottlieb:„Gott ſegne einen Jeglichen unter uns!“ — — Leben und Abenteuer des Herrn Martin Chuzzlewit, ſeiner Verwandten, Freunde und Eeinde. Herausgegeben von Boz. Frei nach dem Engliſchen von Erwin von Moosthal. Erſter bis dritter Theil. Stuttgart. Verlag der Frauckh'ſchen Buchhandlung. 1844. 0 Leben und Abenteuer des Herrn 8G.. Martin Chuzzlewit, ſeiner Verwandten, Freunde und Feinde, worinnen all ſein Treiben und Weſen, ſo wie auch, was er that und nicht that, zu leſen, und worinnen überdem noch dargethan wird, wer das Familien⸗Silberzeug bekam, wer die ſilbernen Löffel geerbt, und wer die hölzernen Rührlöffel nahm; ſo daß das Ganze einen vollſtändigen Schlüſſel zu Chuzzlewit's Hausweſen bildet. 8 1* 2 Herausgegeben von B oz. — Erſtes Capitel. Einleitung, worin der Stammbaum der Familie Chuzzlewit näher erörtert wird. Weil doch weder eine Dame noch ein Mann von Stande, der einigen Anſpruch auf weltmänniſche Bildung macht, ein gewiſſes Intereſſe für die Familie Chuzzlewit an den Tag zu legen vermöchte, bevor ſie nicht von dem ausnehmenden Alter ihres Stammes vollkommen überzeugt wären, dürfen wir zu unſerem innigſten Vergnügen ihnen die Verſicherung geben, daß jene Familie unzweifelhaft in gerader Linie von Adam und Eva abſtammt, und ſchon in grauem Alterthume in den Reihen der landbeſitzenden Bevölkerung eine große. Rolle ſpielte. Falls daher je heimtückiſche oder boshafte Leute die Behauptung aufſtellen ſollten, daß ein Glied dieſer Familie in irgend einem Zeitraume ihrer Geſchichte eine dünkelhafte Art von Fa⸗ milienhochmuth an den Tag gelegt habe, ſo wird eine ſolche Schwäche nicht nur ſehr verzeihlich, ſondern ſogar löblich erſcheinen, wenn man bedenkt, in wie weit dieſes Haus, kraft ſeines alten Urſprungs, der übrigen Menſch⸗ heit überlegen ſein mußte. Wie es intereſſant iſt, daß ſogar die älteſte Familie, von welcher wir ſichere Nachrichten haben, einen Mörder und Gaudieb unter ihren Angehörigen zählte, ſo finden wir auch immer in der Geſchichte aller alten Familien unzählige Wiederholungen dieſer charakteriſtiſchen Erſchei⸗ nung. Man kann es fürwahr auch als allgemein gülti⸗ gen Grundſatz aufſtellen, daß, je ausgedehnter die Zahl 128 der Ahnen, deſto größer auch die Summe der Frevelthaten und Gaunereien in einer Familie iſt, denn in alten Zei⸗ ten waren ja dieſe beiden Zeitvertreibe, welche mit geſun⸗ der Körperbewegung die lockendſten Maßregeln verbanden, um einem herabgekommenen Vermögen wieder emporzu⸗ helfen, für die höhern Stände unſers Landes nicht nur ein veredelnder Beruf, ſondern auch eine heilſame Er⸗ holung.. Demzufolge gereicht es zu unausſprechlichem Troſt und Vergnügen, ausfindig zu machen, daß in verſchiede⸗ nen Zeiträumen der Geſchichte unſeres Landes die Chuzzle⸗ wit's bei mancherlei mörderiſchen Verſchwörungen und blu⸗ tigen Fehden betheiligt waren. Auch berichten die Chro⸗ niken ferner von ihnen, daß ſie von Kopf bis zu Fuß in ſtählerne Rüſtungen verwahrt, in manchem Strauße ihre Streiter in den Lederkollern mit unbengſamem Muthe zum Tode führten, und hernach wieder friſch und munter zu ihren Verwandten und Freunden heimkehrten. Es iſt außer Zweifel geſetzt, daß mindeſtens Ein Chnzzlewit mit Wilhelm dem Eroberer aus Frankreich herüberkam. Inzwiſchen ſcheint es nicht, daß dieſer glor⸗ wuͤrdige Vorfahr in irgend einer ſpätern Zeit über den Monarchen kam, wie man im gemeinen Leben ſagt, d. h. daß er ihm durch Wohlſtand näher kam, zumal es nicht den Anſchein hat, als habe die Familie ſich irgend je durch großen Beſitz an Grund und Boden beſonders ausgezeichnet. Dennoch iſt es allgemein bekannt, daß jener Normann ſich durch dankbare Freigebigkeit und Groß⸗ muth in Verleihung dieſer Art von Reichthum an ſeine Gunſtlinge und Heeresfolge beſonders auszeichnete; wie ſothane Tugenden überhaupt häufig bei ſolchen großen Mähnnern ſich zeigen, die gerne aus andrer Leute Häuten Riemen ſchneiden oder aus geſtohlenem Leder Schuhe ver⸗ fertigen und den Armen ſchenken, wie der heilige Criſpin. 1 Vielleicht iſt hier der geeignete Ort, eine 2 ſchhwei⸗ fung von unſerer Geſchichte zu wagen, um ihr ſelbſt Gluck zu wünſchen über die ungeheure Maſſe von Tapfer⸗ —— ,— e———— B—— E1 u—— Rfh— v à u 8u— A dͤ— —— 129 keit, Weisheit, Tugend, Beredtſamkeit, vornehmem Stamme und ächtem Adel, welche durch den Einfall der Norman⸗ nen nach England gekommen zu ſein ſcheinen,— eine Maſſe, zu deren Vergrößerung und Begrundung die Ge⸗ nealogie jedes unſerer adelichen Häuſer noch weitere Quel⸗ len liefert, und welche unzweifelhaft eben ſo groß als ge⸗ rechtfertigt und dem gemeinen Beſten frommend erfunden werden, da ſie langen Neihen ritterlicher Sprößlinge das Leben gab, die ſich ſelbſt dann ihres Stammes rühmen würden, falls auch William der Eroberer der unterliegende Theil geweſen wäre,— eine Aenderung der Verhältniſſe, welche, wie ich überzeugt bin, hierin durchaus keinen Un⸗ terſchied gemacht haben würde. Es iſt wohl keine Frage, daß auch an der Pulver⸗ verſchwörung ein Chuzzlewit Antheil nahm, wenn nicht am Ende der Erzhochverräther, Guy Fawkes, ſelbſt ein Sprößling dieſes merkwürdigen Geſchlechts war, was leicht möglich geweſen wäre, da man vermuthet, daß ein an⸗ derer Chuzzlewit aus einer früheren Generation einſtens nach Spanien ausgewandert ſein und dort ein ſpaniſches Fräulein geehelicht haben ſoll„ das ihn mit einem ollven⸗ farbigen Sohn und Erben beſchenkte. Dieſe wahrſcheinliche Vermuthung wird noch durch eine Thatſache erhärtet, wenn nicht durchaus beſtätigt, welche nothwendigerweiſe für Jeden intereſſant ſein muß, der ſich geneigt fühlen möchte, ge⸗ wiſſe in Familien erbliche Privatneigungen durch die Le⸗ bensgeſchichten der ihnen unbewußten Erben zu verfolgen. Es iſt nämlich eine auffallende Erſcheinung, daß beſonders in ſpäterer Zeit manche Glieder der Familie Chuzzlewit, denen es in andern Lebeuszweigen nicht nach Wunſche er⸗ gangen, ohne irgend einen ſtichhaltigen Grund und ohne die mindeſte gegründete Ausſicht auf künftigen, hiedurch zu erwerbenden Reichthum, ſich als Kohlenhändler nieder⸗ gelaſſen, und Monate lang über einem geringen Kohlen⸗ vorrath duͤſter wachend hingebrütet haben, ohne ſich je Mühe zu geben, damit Geſchäfte zu machen und einen Käufer dafür zu finden. Die merkwürdige Uebereinſtimmung Boz, Chuzzlewit I. 9 130 ihrer Handlungsweiſe mit derjenigen, welche laut der Ge⸗ ſchichte ihr großer Ahnherr einſt in den Gewölben des Parlamentshauſes von Weſtminſter beabſichtigte, iſt allzu offenbar und intereſſant, als daß ſie einer näheren Erläu⸗ terung bedürfte. So iſt es durch mündliche Ueberlieferungen in der Familie ebenfalls klar erwieſen; daß in irgend einer frü⸗ hern Periode ihrer Geſchichte, die nicht näher und be⸗ ſtimmter angegeben iſt, im Schooße der Familie eine Ma⸗ trone lebte, welche ſo verderbenſchwangere Grundſätze hegte und mit der Verfertigung und dem Verbrauch brenn⸗ barer und entzündlicher Geräthſchaften ſo genau vertraut war, daß man ſie nur die„Feuerzeug⸗Macherin“ nannte, unter welchem Spott⸗ und Spitznamen ſie noch bis auf den heutigen Tag in der Familien⸗Chronik exiſtirt. Es läßt ſich nun gewiß kein vernünftiger Zweifel einwenden, daß ſie nicht jene ſpaniſche Dame, die Mutter von Chuzzle⸗ wit Fawkes war. Wir wiſſen indeß noch einen andern Beleg, welcher in unmittelbarem Bezug zu dem engen Zuſammenhang dieſer Familie mit jenem denkwürdigen Ereigniß in der engliſchen Geſchichte ſteht, und der Jeden, welcher(falls es irgend ſolche kleingläubige Geiſter gäbe) aus den vor⸗ erwähnten Beweisgründen ſich noch nicht eines Beſſern hätte belehren laſſen wollen, ſchlagend überzeugen müßte: Es befand ſich nämlich vor wenigen Jahren in dem 4 Beſitz eines höchſt ehrenwerthen, in jeder Beziehung glaub⸗ würdigen und untadelhaſten Gliedes der Chuzzlewit'ſchen Familie— ſogar ſein bitterſter Feind wagte nämlich nicht, ihm mehr nachzuſagen, als daß er ein reicher Mann ſei— eine Blendlaterne von unbeſtreitbarem Al⸗ terthum, welche dadurch noch weit merkwürdiger wurde, daß ſie an Geſtalt und Ausſehen ganz denjenigen gleich⸗ kam, die noch heutzutage im Gebrauche ſiud. Der ge⸗ nannte, inzwiſchen verſtorbene Ehrenmann war zu jeder Zeit erbötig, es mit einem Eide und den feierlichſten Be⸗⸗ theurungen zu erhärten, daß er es häufig aus dem Munde ————-—,',-—— —9,—4 N— G d 131 ſeiner Großmutter, ſo oft ſie dieſes altehrwürdige Erbſtuck betrachtet habe, gehört, wie ſie äußerte:„Du lieber Gott! dieß Ding hier hat mein vierter Sohn am fünften November getragen, als er ein Guy Fawkes war.“ 5 Dieſe denkwürdigen Worte hatten nun natürlich einen tie⸗ fen Eindruck auf ſeinen Geiſt gemacht, weßhalb er ſie denn auch oft und gerne zu wiederholen pflegte. Die rich⸗ tige Auslegung, deren ſie fähig ſind und der Schluß, zu welchem ſie führen, ſind vollwichtig und überwältigend. Obwohl nun die alte Dame von Natur aus mit ſehr ſtarkem Geiſte begabt, wer ſie doch nichts deſtoweniger altersſchwach und ſiech, und erwieſenermaßen jener Ver⸗ wirrung von Ideen oder, um milder zu ſein, wenigſtens der Reden unterworſen, welchen Alter und Geſchwätzigkeit ſo oft ausgeſetzt ſind. Die höchſt unbedeutende Dunkelheit oder Verwirrung, welche in dieſen Reden liegt, iſt ja offenbar und leicht zu verbeſſern.—„Du lieber Gott!“ ſagte ſie, und man wird bemerken, daß in dieſen drei An⸗ fangsworten auch die unbedeutendſte Abänderung über⸗ flüſſig wäre,—„du lieber Gott! dieſe Laterne ward von meinem Urgroßvater“— nicht von meinem vierten Sohn, was ja ganz widerſinnig wäre—„am fünften November getragen, und er war Guy Fawkes!“ So bekommen wir zlich eine Erläuterung, die ebenſo bündig, klar und natürlich, als mit dem Charakter der Sprecherin vollkom⸗ men übereinſtimmend iſt. In der That muß man auch dieſe Anekdote nur in ſolchem Sinne und in keinem an⸗ dern nehmen, daß es kaum ſich der Mühe verlohnte, ſie in ihrer urſprünglichen Geſtalt zu erwahnen, lieferte ſie nicht einen ſprechenden Beweis davon, was ſich nicht allein in hiſtoriſcher Proſa, ſondern fauch in rein poeti⸗ ſchen Phantaſiegebilden nur vermittelſt einer kleinen ſcharf⸗ ſinnigen Mühwaltung von Seiten eines Commentators er⸗ zwecken läßt.— Man hat ausgeſprengt, es habe in neuern Zeiten kein Chuzzlewit auf vertrautem Fuße mit Großen geſtan⸗ den. Aber auch hierin müſſen wiederum die heimtückiſchen 9* 132 Läſtermäuler, die ſolche elende Erdichtungen ihres ruchlo⸗ ſen Hirnes zu Tage fördern, von dem Anſchein Lügen geſtraft und zum Schweigen verwieſen werden. Es befin⸗ den ſich nämlich noch in den Händen von verſchiedenen Zweigen der Familie Papiere, in welchen deutlich und in den beſtimmteſten Worten dargethan wird: ein gewiſſer Diggory Chuzzlewit habe längere Zeit gewöhnlich mit Herzog Humphrey geſpeist.¹ Er war auch in der That ein beſtändiger Gaſt an der Tafel dieſes edlen Herrn, und Seiner Gnaden Gaſtlichkeit und Umgang ward ihm ſo ſehr aufgenöthigt, daß wir ihn derſelben überdrüſſig und ganz abgeneigt finden, dieſer Ehre ferner theilhaftig zu werden. Er ſchrieb nämlich an ſeine Freunde: er habe, falls ſie dem Ueberbringer gegenwärtigen Briefes nicht Dieß oder Jenes mitgäben, keine andere Wahl mehr, als auf's Neue wieder mit Herzog Humphrey zu ſpeiſen, und drückt ſich dabei auf eine ſehr beſtimmte und außerordent⸗ liche Weiſe aus, nämlich wie Einer, der der vornehmen Welt und des adelichen Umgangs ſolcher Herren gänzlich ſatt iſt.. 3 Es hat verlauten wollen,— und ich brauche nicht erſt zu ſagen, daß dieſes Gerücht von denſelben gemeinen Kreiſen ausging,— ein gewiſſer Mannesſproß der Chuzz⸗ lewit'ſchen Familie, deſſen Geburt allerdings in einiges Dunkel gehüllt ſein mochte, ſei von ſehr gemeiner, nie⸗ driger Herkunft. Wer will aber den Beweis liefern. Als der Sohn jenes Individuums, welchem wahrſcheinlich das Geheimniß von der Herkunft ſeines Vaters von dieſem noch zu ſeinen Lebzeiten eröffnet worden war, auf dem Todtenbette lag, ward in klarer, feierlicher und förmlicher Weiſe an ihn die Frage gerichtet:„Tobias Chuzzlewit, wer war Euer Großvater?“— Worauf der Sterbende mit ſeinem letzten Seufzer in nicht minder klaren, förm⸗ 1 D. h. er habe am Hungertuche genagt; to dine with Duke Humphrey, ſagt Chambers in ſeiner Sprüchwörterſammlung, iſt gleich⸗ bedeutend mit: to go without dinner, ohne Mittagbrod davonkommen. 3 133 lichem und feierlichem Tone antwortete, und zwar, wie ſchon damals niedergeſchrieben und von ſechs Zeugen mit vollem Namen und Adreſſe unterzeichnet wurde, folgender⸗ maßen:„der Herr Weißwer!“— Man könnte nun darauf entgegnen,— wie es ja auch bereits geſchehen iſt, die menſchliche Bosheit keine Gränzen hat,— daß es keinen Herrn dieſes Namens gebe, und daß auch unter allen ſeither erloſchenen Titeln keiner entdeckt zu werden vermöchte, der dieſem auch nur dem Klange nach ähnlich wäre. Allein was iſt die unabwendbare Folge hievon? Will man nämlich eine Theorie abweiſen, welche von etlichen wohlmeinenden, aber ſchlecht unterrichteten Perſo⸗ nen aufgeworfen wurde, als ob nämlich dieſes Herrn To⸗ bias Chuzzlewit's Großvater, nach ſeinem Namen zu ur⸗ theilen, muthmaßlich und wahrſcheinlich ein Mandarin geweſen ſein müſſe,—(was jedoch durchaus unſtatthaft iſt, da kein triftiger Grund zur Annahme vorliegt, als ob ſeine Großmutter je außer Landes geweſen, oder irgend ein Mandarin um die Zeit der Geburt ſeines Vaters in ſeiner Heimath wohnhaft geweſen ſei,— diejenigen in den Thee⸗ Buden ausgenommen, welche jedoch keineswegs als in Be⸗ ziehung zur Frage ſtehend angenommen werden können)— will man alſo, ſagen wir, dieſe Vermuthung abweiſen, liegt es da nicht auf platter Hand, daß Herr Toby Chuzzlewit den Namen entweder von ſeinem Vater falſch verſtanden, oder ihn vergeſſen, oder ihn endlich nur falſch ausgeſprochen habe? Oder ließe ſich nicht etwa annehmen, die Chuzzlewit's ſeien auch in dieſer neuern Zeit, von welcher hier die Rede iſt, durch einen linken Schräge⸗ balken— eine Art heraldiſcher Che auf die linke Hand, — mit irgend einem unbekannten edeln und erlauchten Hauſe in Verbindung gekommen. Aus bündigen Urkunden, die in der Familie noch 1 The Lord No Zoo; ein Wortſpiel für: the Lord knows who, Gott weiß Wer? das wir hiedurch am beſten zu bezeichnen ver⸗ meinten. D. Ueberſ. jetzt aufbewahrt werden, iſt die Thatſache klar erwieſen, daß in der verhältnißmäßig noch zur Nyuzeit gehörigen Lebensperiode des vorbemeldeten Herrn Diggory Chuzzle⸗ wit, eines der Familienglieder zu großer Ehre, Reichthum 9 und Einfluß gelangte. Aus dem ganzen Verlauf ſolcher Fragmente ſeiner Corrſpondenz, welche dem verderblichen Zahn der Motten entgangen find,(welch' Letztere man in Folge ihres emſigen Eifers, den ſie an dem Inhalt manch⸗ facher Aktenſtücke und Papiere an den Tag legen, die all⸗ gemeinen Regiſter der Inſektenwelt neunen könnte) geht hervor, daß er ſich beſtändig auf einen Oheim bezieht, von welchem er hohe Erwartungen zu hegen ſchien, da er deſſen Gunſt häufig durch namhaſte Geſchenke an Silberzeug, Juwelen, Büchern, Uhren und andern werthvollen Arti⸗ keln ſich zu gewinnen trachtete. So ſchreibt er eines Mals an ſeinem Bruder hinſichtlich eines ſilbernen Sup⸗ penlöffels, der des Bruders Eigenthum war, welchen aber Diggory entlehnt oder auf andere Weiſe an ſich gebracht zu haben ſcheint:„Zürne mir nicht, ich habe ihn dem Oheim hingetragen.“¹— Bei einer andern Gelegenheit äußert er ſich auf ähnliche Weiſe über ein Kinderſaug⸗ fläſchchen, das ihm zum Ausbeſſern anvertraut worden war. An einem dritten Orte ſagt er:„Ich habe nun dieſem unwiderſtehlichen Oheim Alles überantwortet, was ich je mein nennen konnte!“— daß er dieſen genannten Ehrenmann gar oft und häufig in ſeiner eigenen Woh⸗ nung aufzuſuchen, wo nicht gar ſtets bei ihm zu wohnen pflegte, geht aus nachfolgender Stelle eines Briefes her⸗ vor:„Außer dieſem einzigen Anzuge, welchen ich jetzt am Leibe trage, befindet ſich im gegenwärtigen Augenblick mein ganzer Kleiderſtaat bei meinem Oheim!“— Der Schutz und Einfluß dieſes Ehrenmanns muß ausnehmend gewichtig und ausgebreitet geweſen ſein, denn ſein Nefft ——ö— 1 D. h. er iſt auf dem Leihhauſe; der Franzoſe nennt dieß Ma Tante, der Engländer My Unele, bezeichnet aber auch Pri⸗ datunternehmungen dieſer Art mit dieſem Wortſpiel. 135 ſchreibt einmal:„ſein Intereſſe iſt zu hoch,“¹—„es iſt zu viel“—„zu ſurchtbar,“ und dergleichen mehr. Indeß iſt es doch befremdlich, daß es den Anſchein hat, als ob er ihm nie irgend einen einträglichen Poſten am Hofe oder. ſonſt irgendwo verſchafft oder ihm irgend eine andere Auszeichnung gewonnen hätte, als die nothwendig damit verbunden war, daß er dieſem großen Manne zuweilen in's Auge ſchauen durfte, und daß er auch wohl von ihm zu gewiſſen Unterhaltungen eingeladen wurde, die ihm durch ihre glänzende koſtbare Natur ſo ſehr imponirten, daß er ſie emphatiſch„goldene Bälle“ nannte. 2 Es möchte überflüſſig ſein, noch mehr Beiſpiele von der hohen und ſtolzen Stellung und dem überwiegenden Einfluſſe anzuführen, deſſen ſich die Chuzzlewit's zu ver⸗ ſchiedenen Zeiten erfreut haben. Wäre es auch nur im Entfernteſten möglich und auf vernunftgemäße Wahr⸗ ſcheinlichkeit begründet, daß weitere Beweiſe hiefür ver⸗ langt werden möchten, ſo könnten wir ſie übereinander häufen, bis ſie Alpen von Zeugniſſen bildeten, die auch den kühnſten Skepticismus zerquetſchen und flach drücken müßten. Da ein hübſches Häuflein davon ſchon zuſam⸗ mengetragen und auf der Familiengruft der Chuzzlewit's aufgeworfen iſt, begnügt ſich gegenwärtiges Kapitel damit, dieſes Thema nunmehr in ſeinem jetzigen Zuſtande zu ver⸗ laſſen, und fügt nur noch, wie eine letzte Schaufel voll, hinzu, daß manche Chuzzlewit's männlichen und weiblichen Geſchlechts kraft der von ihren eigenen Müttern niederge⸗ ſchriebenen, unantaſtbaren Zeugniſſe ausgemeiſelte Naſen, unverkennbare Kinne, höchſt vollendete Körperformen, die einem Bildhauer hätten zum Muſter dienen können, ausnehmend ſchön gerundete Gliedmaßen und glatte Stir⸗ nen von ſo durchſichtigem Gewebe hatten, daß man auf 1 His interest too high; interest heißt Intereſſe, aber auch „Zinſen, Anſehen, Einfluß; dieſes Wortſpiel iſt im Deutſchen kaum überſetzbar. 2 Drei goldene Bälle ſind nämlich die Schilder der Pfandverleiher, der Privatleihhäuſer. 1 4 6 65 Ueberſ. 4 136 ihnen die blauen Adern nach eben ſo vielen Richtungen hin ſich verzweigen ſah, wie die Straßen auf einer ätheri⸗ ſchen Landkarte. Dieſe Thatſache an ſich ſelbſt, obwohl ſie ganz einzeln daſteht, würde doch gegenwärtige Ange⸗ legenheit gänzlich erſchöpft und zu Ende gebracht haben, denn es iſt aus Urkunden alter Bücher, die über ſolche Gegenſtände handeln, wohl bekannt, daß dieſe Phäno⸗ mene, insbeſondere das der gemeiſelten Naſen, eine ſtete Eigenthümlichkeit und charakteriſtiſche Erſcheinung bei Per⸗ ſonen vom beſten Stande ſind. Da gegenwärtige Geſchichte zu ihrer eigenen vollkom⸗ menen Befriedigung und demzufolge auch zur Zufrieden⸗ heit aller ihrer Leſer klar bewieſen hat, daß es den Chuzz⸗ lewit's durchaus nicht an einem Stammbaume fehlte, und daß ſie zu dieſer oder jener Zeit auch einen Einfluß be⸗ haupteten, der ſie nothwendigerweiſe zu einer höchſt ver⸗ edelnden und annehmbaren Bekanntſchaft für alle recht⸗ lich geſinnte Perſonen machen muß, ſoll ſie nun mit Ernſt in ihrer Aufgabe fortfahren; da es ferner erwieſen iſt, daß dieſe Familie kraft ihrer alten Herkunft zur Be⸗ gründung und Vermehrung des Menſcheugeſchlechtes nicht wenig beigetragen haben muß, ſo wird es über kurz oder lang nothwendig ſein, darzuthun, daß namentlich diejeni⸗ gen ihrer Mitglieder, welche in dieſen Bläͤttern auftreten, noch mancherlei Urbilder und Gegenſtücke in der großen Welt um uns her haben. Einſtweilen möge die Bemer⸗ kung genügen: daß man erſtens kühnlich und ohne ſich auf irgend eine direkte Theilnahme an der Lehre Monbod⸗ do's, welche die Wahrſcheinlichkeit nachweiſen will, als ob das Menſchengeſchlecht ſich von Affen herleite, behaupten darf, daß ſie ſich doch in allerhand ſeltſamen und außer⸗ ordentlichen Streichen gefallen. Zweitens: daß ſie, ohne ſich auf Blumenbach's Theo⸗ rie zu ſtützen, der in Adam's Söhnen eine ungeheuere Menge von Eigenſchaften entdeckt haben will, die mehr den Schweinen, als irgend einer andern Claſſe lebender Weſen in der Schöpfung angehören, ſich theilweiſe durch die ungewöhnliche Sorgfalt und Pflege, welche ſie auf ſich ſelbſt verwenden, bemerkbar machen. Zweites Capitel. Worin dem Leſer gewiſſe Perſonen vorgeſtellt werden, mit welchen er, falls es ihm beliebt, näher bekannt werden kann. Es war ſchon ziemlich ſpät im Herbſt des Jahres, als die untergehende Sonne den Nebel bekämpfte, welcher ſie den ganzen Tag hindurch verdunkelt hatte und gläͤn⸗ zend auf ein kleines Dorf in Wiltſhire niederſchien, das etwa eine kleine Tagereiſe von der ſchönen alten Stadt Salisbury entfernt ſein mochte. Wie ein plötzlicher Blitz der Erinnerung oder des Witzes, der das Gemüth eines alten Mannes aufheitert, goß ſie ihre Glorie über die Landſchaft, in welchem die entflohene Jugend und Friſche wieder aufzuleben ſchien. Das feuchte Gras glänzte im Licht, die zerſtreuten Büſchel von grünem Blattwerk in den Hecken, wo nur noch et⸗ liche ſpärliche, grüne Zweige, die ſich wacker gehalten hatten und bis auf's Letzte der Tyranney der ſcharſen Winde und des Nauchfroſtes widerſtanden— faßten ſich neuen Muth und lebten herrlicher wieder auf; der Strom, der den ganzen Tag über ein trübes, düſteres Geſicht ge⸗ macht, brach jetzt in ein heiteres Lächeln aus; die Vögel begannen in den nackten Büſchen zu zirpen und zu zwit⸗ ſchern, als ob die hoffnungsvollen Weſen halb glaubten, der Winter ſei vergangen und der Frühling ſtehe vor der Thüre; die Wetterfahne auf der kecken Spitze der alten Kirche glänzte voll Sympathie mit der allgemeinen Mun⸗ terkeit von ihrem luftigen Standpunkte hernieder, und von den Epheu⸗beſchatteten Fenſtern ſchoſſen ſolch helle Strah⸗ * 198 len von Licht nach dem glänzendem Himmel zurück, daß es ſcheinen wollte, als ob die ruhigen Gebäude das Win⸗ terquartier von zwanzig Sommern und all ihre Röthe und Wärme in ihren vier Pfählen aufgeſtapelt wären. Selbſt jene Merkmale der Jahreszeit, die ſo aus⸗ drücklich an den kommenden Winter gemahnen, verſchö⸗ nerten die Landſchaft und färbten ihr lebendigeres Antlitz nicht mit drückender Miene von Traurigkeit. Das gefal⸗ lene Laubwerk, das den Boden überdeckte, hauchte einen anmuthigen Duft aus, machte die rauhen Töne entfernten Hufſchlags und Räderraſſelns unhörbar und rief dadurch eine Ruhe hervor, die in ſanftem Einklang mit der leich⸗ ten Arbeit des Säemanns ſtund, der da und dort in der Entfernung durch die Felder ging, in geräuſchloſem Vor⸗ überziehen mit dem Pfluge die reiche braune Erde aufwarf und allerhand liebliche Muſter in die Stoppelfelder wob. In den unbewegten Zweigen etlicher Bäume hingen Herbſt⸗ beeren, wie reiche Klunker von Korallenſchnüren, deren die Mährchen Erwähnung thun, wenn ſie uns jene fabelhaf⸗ ten Gärten ſchildern, deren Früchte aus Juwelen beſtehen; wieder andere Baume hatten all ihren Schmuck abgeſtreift und ſtanden nun im Mittelpunkt eines kleinen Kreiſes leicht aufgeſchichteter glänzend rother Blätter, deren allmählige Verweſung ſie zu hüten ſchienen; wieder andere zeigten zwar noch ihr Laubwerk, allein es war ausgedörrt und zuſammengeſchrumpft, als ob es verbrannt wäre. Um die Stämme von einigen waren in röthlichen Haufen die Aepfel aufgeſchüttet, die ſie heuer getragen, während an⸗ dere(als ob ihre Blätter zum kühnen Immergrün gehörten) in ihrer Lebenskraft etwas Nachdrückliches und Düſteres zeigten, als ſeien ſie von der Natur mit der Mahnung be⸗ auftragt, daß ſie nicht den empfindſamſten und fröhlichſten ihrer Günſtlinge das längſte Lebensziel gewährte. Schief durch ihr dunkeles Gezweig bahnen ſich die Sonnenſtrah⸗ len noch Wege von tieferem Gold um das röthliche Licht, das ſich wie eine Glorie um ihre dunkeln Aeſte legt, dient“ 139 ihnen nur als Folie, um ihren Glanz mehr hervorzuhe⸗ ben und die Schönheit des ſinkenden Tages zu vermehren. Nun noch einen Augenblick und die ganze Glorie iſt dahin. Die Sonne ſank hinter die langen dunkeln Linien von Hügeln und Wolken hinab, die ſich im Weſten zu einer luſtigen Stadt aufhäuſten, und Wall auf Wall und Zinnen auf Zinnen zeigten; entſchwunden war das Licht, der hellleuchtende Thurm wurde kalt und düſter, der Strom vergaß zu lächeln, das Lied der Vögel ſchwieg und allum legte ſich winterliche Düſterheit über die Natur; zudem er⸗ hob ſich ein Abendwind, und die dünneren Zweige knarr⸗ ten und rauſchten zu ſeiner heulenden Muſik, als ſie wie in einem Todtentanze ſich regten und hin und her beweg⸗ ten. Die hinwelkenden Blätter blieben nicht länger in Nuhe, ſondern eilten hin und her, als wollten ſie gegen des Windes neckiſche Verfolgung ein Obdach ſuchen; der Landmann ſpannte die Pferde aus und zog geſenkten Haup⸗ tes und müheerſchöpft neben ihnen der Heimath zu, und aus den Fenſtern der Hütten begannen die Lichter zu flimmern und in's dunkle Gefild hinauszuwinken. Nun trat die Dorfſchmiede in all' ihrer glänzenden Pracht hervor. Die luſtigen Blaſebälken ſchnaubten ihr Ha, Ha in's helle Feuer, das ſeinerſeits wieder züngelnd rauſchte und die ſprühenden Funken heiter zum fröhlichen Niederſchmettern des Hammers auf den Ambos tanzen ließ. Das glühende Eiſen ſprühte mit ihm um die Wette und warf reichlich ſeine rothglühenden Edelſteine um ſich. Der ſtarke Schmidt und ſeine Geſellen führten ſolche Streiche auf ihr Metall, daß ſelbſt die melancholiſche Nacht davon laut und heiter wurde und eine Gluth auf ihrem dunkeln Antlitz ſich malte, als ſie über die Schultern von einem Dutzend müßiger Gaffer durch Thür und Fenſter in die lautdröhnende geſchäftige Werkſtatt hineinblickte. Was dieſe faule Geſellſchaft anbelangt, ſo ſtand ſie wie auf den Platz hingebannt da, warf hin und wieder einen Blick auf die Finſterniß in ihrem Rücken, ſtützte dann die trägen Ellen⸗ bogen noch bequemer auf das Geſims, lehnte ſich noch 140 6 etwas weiter herein und ſchien offenbar abgeneigt, den Platz zu räumen, als wäre ſie, wie eine Schaar von Heim⸗ chen, von Natur aus auserſehen, ſich um den flammen⸗ den Heerd zu ſammeln. Hu, was für ein fürchterlicher Wind! wie hat er erſt geſeufzt und fängt nun an, um die luſtig ſprühende Eſſe zu ſpucken, an's Pförtchen zu pochen und im Schornſtein zu ſauſen, als wolle er den emſigen Blasbalg bereden, es ihm an Wucht gleich zu thun! Und was für ein ohn⸗ mächtiger Prahlhans war er nicht dennoch bei all, ſeinen Lärmen! denn wenn er auch nur ein Wenig Obmacht über ſeinen rauhen Gefährten ausübte, ſo gab er es nur dadurch kund, daß er ihn ſein munteres Lied noch lauter ſingen, dadurch das Feuer heller aufflammen und die Funken noch luſtiger durch die Eſſe tanzen ließ, bis ſie endlich ſo toll rund umher ziſchten, daß es der griesgramige Wind nicht einmal mit anſehen mochte, ſondern mit lautem Geheul ſich davon machte, und bei ſeiner Ausfahrt dem alten Wirths⸗ ſchilde einen ſolchen Stoß gab, daß der blaue Drache ſich höher als irgend je nachher bäumte und in der That noch vor Weihnachten ſeinen gebrechlichen Rahmen vollends ſprengte. Es war freilich eine kleinliche Tyrannei von einem achtbaren Winde, daß er ſeine Rache an ſo armen Weſen wie die gefallenen Blaͤtter, ausließ; er ſtieß indeß, nachdem er ſein Muͤthchen an dem gekränkten Drachen gekühlt, zu⸗ fällig auf einen großen Haufen derſelben und ſprengte und jagte ſie ſo auseinander, daß ſie tin buntem Wirrwar bald hier bald dorthin flogen, ſich überſtürzten, auf ihren dün⸗ nen Kanten emporwirbelten, phantaſtiſche Fahrten in die Luft hinauf unternahmen und in ihrer gränzenloſen Trau⸗ rigkeit und Angſt alle Arten der poſſirlichſten Sprünge 4 unternahmen. Damit aber war ſeine boshaſte Wuth noch nicht zufrieden: nicht genug, ſie allenthalben über die Heer⸗ ſtraße hinzujagen, ſandte er noch kleine Schaaren von ihnen abſeits, trieb ſie in des Wagners Sägegrube und unter die Bohlen und das Zimmerholz im Hofe, ſtreute die Säge⸗ u o¼NK A8&Kᷣ X 8⏑8X— ſpäne hoch in die Luft, verfolgte ſie auch unter dieſem wieder und wenn er je wieder auf ſie traf,— hei! wie trieb er ſie da weiter und folgte ihnen auf dem Fuße! Die aufgejagten Blätter flogen aber darum nur um ſo ſchneller dahin und bildeten eine ſchwindelnde Jagd, denn ſie verloren ſich an menſchenleere Orte, wo ſie keinen Ausgang fanden und ihr Verfolger ſie nach Belieben allenthalben umhertreiben konnte; ſo krochen ſie unter die Dachrinnen der Häuſer und klebten ſich feſt wie Fleder⸗ mäuſe an die Seiten der Heuſchober an; ſie drängten ſich durch offene Stubenfenſter ein und ſchaarten ſich dicht in den Hecken, kurzum, ſie ſuchten überall ein Obdach. Der poſſierlichſte Streich aber, den ſie ſich erlaubten, war der, daß ſie ſich das plötzliche Oeffnen von Herrn Pecksniff's Hausthüre zu Nutz machten, um haſtig in den Flur hinein zu dringen, wohin ihnen der Wind hart auf dem Fuße folgte. Da dieſer nun gerade die Hinterthüre offen fand, blies er unartigerweiſe die brennende Kerze aus, welche Miß Pecksniff in der Hand getragen, und ſchleuderte die Hausthüre mit ſolcher Heftigkeit Herrn Pecksniff, der eben in's Haus treten wollte, entgegen, daß dieſer, ehe man die Hand umwandte, am Fuß der Haustreppe auf dem Rücken lag. Inzwiſchen war aber der lärmende Spitzbube ſolcher Kinderſtreiche und Narrheiten müde geworden, eilte luſtig von dannen, über Moor und Haide, Hügel und Flachland hinbrüllend, bis er die See erreichte, wo er mit andern Winden in ähnlicher Laune zuſammentraf und eine luſtige Nacht mit ihnen verjubelte. Unterdeſſen lag Herr Pecksniff, der von einer ſcharfen Kante einer der letzten Treppenſtufen einen ſolchen Streich auf den Kopf empfangen hatte, daß er ihm zur Unterhaltung des Patienten in ſeiner Phantaſie eine großartige Illumination von Tauſenden hellglänzender Lichtchen anzündete, mit ruhi⸗ gem Hinſtieren vor ſeiner eigenen Hausthüre. Auch ſchien es nicht anders, als ob ſeine Phantaſie bei ihrem Anblicke etwas lebhafter erregt worden wäre, als dies ſonſt bei Hausthieren der Fall iſt, denn er fuhr fort, eine faſt un⸗ 142 vernünftig lange Zeit hier liegen zu bleiben, ohne ſich auch nur darüber zu wundern, ob er ſich ſelbſt verletzt habe oder nicht; ja ſelbſt als Miß Pecksniff mit ſo kreiſchender Stimme, daß dieſe dem erbosteſten Winde hätte Ehre machen kön⸗ nen, durch's Schlüſſelloch hindurch die Frage machte:„Wer iſt draußen?“ gab er nicht einmal Antwort;— und als gar Miß Pecksniff die Thüre wieder öffnete und das Licht in der hohlen Hand verwahrend herauslugte und kühnlich rundum ‚und über ihn weg und um ihn her und überall hinblickte, nur nicht auf ihn blickte, gab er ebenfalls kein Sterbenswörtchen von ſich, und noch weniger durch den ge⸗ ringſten Wink zu erkennen, daß er gerne aus dieſer Lage befreit zu werden wünſchte. „Oho! ich ſehe Euch!“ rief Miß Pecksniff dem ver⸗ meintlichen rohen Ruheſtörer zu,„wartet nur, Herr! man wird's Euch ſchon eintränken.“ Diesmal ſagte Herr Pecksniff wieder nichts, weil ihm ſein Pochen vermuthlich ſchon eingetränkt worden war. „Ihr ſeid jetzt um die Ecke!“ rief Miß Pecksniff. Sie äußerte dies zwar blos aufs Gerathewohl hin, allein es paßte doch auf vorliegenden Fall; denn Herr Pecksniff, der eben im Begriff war, oben erwähnte Licht⸗ chen ziemlich ſchnell auszulöſchen und die Meſſingköpfe an ſeiner Hausthüre von vier⸗ bis fünfhundert Stück, wie ſie kaum zuvor auf ihre eigene Rechnung in ganz neuer Weiſe vor ſeinen Augen geſchimmert hatten, auf eiwa Zwölf zu⸗ rückzuführen, hätte wohl von ſich ſagen konnen: ex komme eben um die Ecke und biege in die Straße ein. Miß Pecksniff wollte eben unter einer lantſchallenden 1 Drohung mit Gefängniß und Friedensrichter, Schandpfahl und Galgen die Thüre wieder verſchließen, als Herr Pecks⸗ niff, der noch immer am Fuß der Vortreppe tag, ſich auf einem Ellenbogen emporrichtete und nieste. „Dieſe Stimme?“ rief Miß Pecksniff,„mein Vater!’¹ Ueber dieſem Ausrufe eilte noch eine andere Miß. Pecksniff aus dem Wohnzimmer heraus⸗ und die beiden Fräulein zerrten endlich unter mancherlei unzuſammenhän⸗ 4 143 gendem Geſchwätz Herrn Pecksniff wieder auf die Beine empor... „Papa!“ riefen ſie wie aus einem Munde,„Papa! reden Sie doch, blicken Sie nicht ſo wild um ſich!“ Da es aber einem Ehrenmanne, zumal in ſolchen Fällen, keineswegs möglich iſt, ſeinen Blick ſo wie ſein Ausſehen ganz in ſeiner Gewalt zu haben, fuhr Herr Pecksniff fort, Mund und Augen noch immer weit aufzu⸗ reißen, und ſeinen Unterkiefer etwa in der Art eines hölzer⸗ nen Nußknackers tief herabhängen zu laſſen; weil er über⸗ dem den Hut verloren hatte, ſein Geſicht bleich geworden, ſeine Haare ſich geſträubt und ſeinen Ueberrock mit Schmutz überzogen hatte, gewährte er einen ſo erbärmlichen Anblick, daß keine von den beiden Miß Pecksniffs einen unwill⸗ kürlichen Schrei des Schrecks zu unterdrücken vermochte. „Recht ſo!“ ſagte Herr Pecksniff,„jetzt iſt's mir wie⸗ der beſſer!“ „Er hat ſich wieder erholt!“ rief die jüngſte Miß Pecksniff. „Er ſpricht wieder!“ rief die Aeltere. Unter dieſem frohen Ausruf küßten ſie den Papa auf beide Backen und ſchleppten ihn in's Haus. Alsbald eilie die jüngere Miß Pecksniff wieder hinaus, um des Vaters Hut, Regenſchirm, Handſchuhe und andere Bagatellen, ſo wie ein Packet in braunem Löſchpapier aufzuleſen, welche der Vater draußen hatte fallen laſſen. Als dieſes voll⸗ bracht und die Thüre wieder geſchloſſen war, unternahmen es die beiden jungen Damen, im Hinterſtübchen die Wun⸗ den ihres Vaters zu verbinden. Dieſe waren keineswegs von Bedeutung, ſondern be⸗ ſchränkten ſich nur auf ein Paar Hautritzen an jenen Thei⸗ len von des Vaters Leichnam, welche die ältere Miß Pecks⸗ niff die knöchernen nannte, nämlich an Knieen und Ell⸗ bogen, ſo wie auf die Entwickelung eines ganz neuen, den Phrenologen ſeither ganz unbekannten Organs, an des Vaters Hinterhaupte. Nachdem man dieſe Schäden äußerlich mit Baͤuſchchen von Löſchpapier, welches man in Salzwaſſer getränkt, verbunden und Herrn Pecksniff mit etwas heißem Grog von innen heraus erquickt hatte, ſetzte ſich die ältere Miß Pecksniff zu Tiſche, um den Thee ein⸗ zugießen, der ſchon vollauf fertig war. Unterdeſſen holte die jüngere Miß Pecksniff ein dampfendes Gerücht Schin⸗ ken mit Eiern aus der Küche herbei, ſetzte dieſes ihrem Vater vor, und bequemte ſich dann, auf einem niedern Feld⸗ ſtuhle zu ſeinen Füßen Platz zu nehmen, wodurch ſie die Augen in gleiche Höhe mit dem Theebrette brachte. Dieſe demüthige Stellung darf jedoch durchaus nicht zu der Vermuthung führen, die jüngere Miß Pecksniff ſei noch ſo jung geweſen, um, wie man glauben möchte, we⸗ gen ihrer kurzen Beine auf einen niedern Feldſtuhl ſitzen zu müſſen. 4 Die Miß wählte nämlich dieſen Platz vielmehr nur aus unbefangener Einfalt und Unſchuld, welche beiden Eigen⸗ ſchaften bei ihr in der That groß waren. Miß Pecksniff ſaß auf dem Feldſtuhl, weil ſie noch voll mädchenhafter Spielſucht, Wildheit und lärmender Ausgelaſſenheit war; ſie war das ſchalkhafteſte und doch zugleich unbefangenſte Weſen, das man ſich nur zu denken vermag, und eben da⸗ rin beſtand ihr hauptſächlichſter Reiz und ihre entzückendſte Anmuth; ſie war zu friſch und arglos, zu voll von kin⸗ diſcher Lebhaftigkeit, als daß ſie hätte einen Kamm im Haar tragen, ihr Haar aufbinden, kräuſeln oder in Flech⸗ ten binden mögen. Sie trug es daher nach Knabenart kurz geſchnitten und die reichen Locken legten ſich freiwillig in ſo viele natürliche Ringeln, daß oben auf dem Scheitel eine Locke über der andern lag. Ihr Wuchs war ziemlich voll und etwas weibiſch, manchmal aber— ja nur manch⸗ mal— trug ſie ein Schürzchen, und es läßt ſich beinahe gar nicht beſchreiben, wie allerliebſt ſie darin ausſah;— ja, ſo allerliebſt, daß ſie in der That ein herziges Ding war, wie ein junger Mann von Stande in einem zierlich gereimten Gedicht in der Provinzialzeitung die jüngere Miß Pecksniff genannt hatte. Herr Pecksni ff war ein moraliſcher Mann voll Ernſt, 145 ein Mann, deſſen Herz und Mund von edlen Empfindun⸗ gen und Reden überfloſſen. Er hatte ſeine Tochter Mercy taufen laſſen— Mercy! welch' ein anmuthiger Name für ein ſo engelreines Weſen, wie die jüngere Miß Pecksniff war! Ihre Schweſter hieß Charitas, das paßte ganz treff⸗ lich zuſammen.— Mercy und Charity, zwei herrliche Namen!— Und Charity mit ihrem ſchönen ſtarken Ge⸗ fühl, ihrem milden, doch nicht unangenehmen Ernſte machte ſich dieſes Namens werth und hob dadurch die munteren Eigenſchaften ihrer Schweſter nur noch glänzender hervor. Welch hübſchen Anblick gewährte nicht der Gegenſatz, den Beide boten! Wie traulich war es nicht zu ſehen, wie ſie ſich gegenſeitig liebten, wie ſie in Liebe mit einander ſym⸗ pathiſirten, faſt gauz ineinander aufgingen, ſich aneinander lehnten, einander gegenſeitig ermuthigten, veredelten, bald zankten und ſich dann wieder verſöhnten, da die Eigen⸗ ſchaften jeder gleichſam das Gegengift für die der andern waren!— Wie allerliebſt war es zu ſehen, wie jedes der Mädchen gerade aus Bewunderung für ſeine Schweſter ſeine Geſchäfte auf eine ganz andere Weiſe und nach andern Grundſätzen betrieb und gar keine Art von Verwandtſchaft mit ſeinem Pendant an den Tag legte, als wolle es be⸗ ſagen: wenn die Eigenſchaft der Waaren in jenem Etabliſſe⸗ ment dir nicht behagt, biſt du ehrerbietigſt eingeladen, mich mit deiner Kundſchaft zu beehren!— Das Anmuthigſte aber in dieſem ganzen reizenden Catalog von guten Eigen⸗ ſchaften war, daß die beiden hübſchen Mädchen ihrer Tu⸗ genden gänzlich unbewußt erſchienen! Sie hatten eben ſo wenig auch nur eine Ahnung, auch nur einen Begriff da⸗ von, als Herr Pecksniff. Die Natur hatte gleichſam Beide einander als Widerſpiel gegenüber geſetzt: die beiden Miß Pecksniff ſelbſt hatten gar nichts dazu gethan. Wir haben bereits oben angeführt, Herr Pecksniff ſer ein moraliſcher Mann geweſen, und das war er auch in der That; es hat vielleicht niemals einen frömmern Mann gegeben, als Herr Pecksniff, zumal in ſeiner Unterhaltung und im Briefwechſel. Von einem ſeiner angelegentlichſten Boz, Chuzzlewitt. I. 10. 146 Bewunderer ward einmal behauptet: er trage in ſeinem Innern einen wahrhaft unerſchöpflichen Reichthum von from⸗ men Empfindungen und guten Grundſätzen. In dieſer Be⸗ ziehung glich er ganz dem Mädchen im Feenmährchen, mit der einzigen Ausnahme, daß, wenn es auch nicht wirkliche Diamanten waren, die von ſeinen Lippen fielen, es doch die prächtigſten falſchen waren und ein wunderbares Waſſer an den Tag legten. Er war in jeder Beziehung ein erem⸗ plariſcher Mann und voller von guten Lehren als ein Spruchbuch. Manche Leute verglichen ihn mit einem Weg⸗ weiſer, der ſtets die Straße nach einem Orte hin anzeigt, ſie aber doch nie ſelbſt wandelt; dieß waren jedoch ſeine Feinde— der Schatten, welchen ſein eigener Glanz warf— ſonſt nichts. Selbſt ſeine Kehle war moraliſch; man konnte nämlich einen guten Theil davon erblicken. Man ſah ſie über die niedrige Umzäunung einer weißen Halsbinde hin⸗ weg, deren Knopf niemals ein Menſch erblickt hatte, weil er ſie im Nacken zuzubinden pflegte und da lag ſie nun im Thal zwiſchen zwei Vorſprüngen von Vatermördern, heiter und glatt raſirt vor, Aller Augen; ſie ſchien da ſich gleichſam für Herrn Pecksniff zu verbürgen und zu ſagen: Hier iſt keine Täuſchung, meine Herren und Damen: Alles iſt Friede, eine heilige Ruhe durchdringt mich! So erging es auch mit ſeinem Haare, das ſich eben in's Eiſengraue färbte, glatt aus der Stirne gebürſtet war und entweder ſteif in die Hohe ſtand oder ſich in entſprechendem Zuſam⸗ menhang mit ſeinen ſchweren Augenliedern ſachte hernieder⸗ ſenkte. Ein Gleiches geſchah mit ſeiner Perſon, die ſchlank und nichts weniger als wohlbeleibt war und mit ſeinem Benehmen, worin ſich eine gewiſſe geſchmeidige Glätte kund gab. Mit Einem Wort: ſelbſt ſeine ganz ſchwarze Kleidung, ſein Wittwerſtand und eine auf ſeiner Weſte ſich ſchaukelnde Doppellorgnette, Alles ſtrebte demſelben Ziele ien laut auszurufen: Lugt hin auf den frommen zu und ſch Pecksniff! Der Meſſingſchild über der Thüre, der doch nicht lügen konnte, da er in der That der des Herrn Pecksniff — war, trug folgende Inſchriſt:„Pecksniff, Architekt,“ 4 147 welchem Titel Herr Pecksniff auf ſeinen Adreßkarten noch beifügte:„und Landvermeſſer.“ Letztern Titel konnte man ihm nur in ſeinem Sinne beilegen, da er nämlich eine unabſehbare Strecke Landes mit ſeinem Blicke ermeſſen konnte, die ſich vor den Fen⸗ ſtern ſeines Hauſes hindehnte. Von ſeinen architektoniſchen Schöpſungen wußte man nichts Gewiſſes, als das etwa, daß er nie zu einem Gebäude den Plan entworfen oder ein ſolches ausgeführt hatte; doch hegte man allgemein die Anſicht, daß ſeine Kenntniſſe von dieſer Kunſt durch ihren Umfang in der Theorie wahrhaſt ehrfurchtgebietend waren. Die Berufsthätigkeit des Herrn Pecksniff beſchränkte ſich in der That faſt einzig, wenn nicht ganz, auf die Auf⸗ nahme von Zöglingen; denn das Einſammeln der Mieth⸗ zinſe, das er ſelbſt beſorgte und wodurch er zuweilen ſich von ſeinen ernſteren Mühen zerſtreute und erholte, kann man doch wohl kaum als im ſtreugen Sinne mit ſeinem baukünſtleriſchen Berufe zuſammenhängend betrachten. Sein Genius that ſich hauptſächlich dadurch kund, daß er Eltern und Vormünder beſchwatzte und ihnen Jahresgehalte ab⸗ zwackte. Weun nämlich für irgend einen jungen Herrn ein Za etrag an Koſtgeld vorausbezahlt und derſelbe in Herrn Pecksniff's Haus aufgenommen worden war, borgte ihm Herr Pecksniff ſeinen Apparat mit mathematiſchen Inſtrumenten(zumal wenn ſie in Silber gefaßt oder ſonſt von Werth waren) unter irgend einem Vorwande ab, lud ihn ein, ſich von dieſem Augenblick an als ein Mitglied ſeiner Familie zu betrachten, wünſchte ihm je nach Um⸗ ſtänden zu ſeinen Eltern oder Vormündern höchlich Glück, und entledigte ſich ſeiner, indem er ihn nach einem geräu⸗ migen Zimmer des obern Stockwerks verwies, wo der neue Zögling in Geſellſchaft verſchiedener Zeichenbretter, Paral⸗ lel⸗Lineale, ſehr ſteifbeiniger Zirkel und zweier oder dreier andern jungen Herrn, je nach der mit ihm ausbedungenen Lehrzeit vier bis fünf Jahre lang ſich angelegen ſein laſſen konnte, von jedem möglichen Geſichtspunkt aus Aufriſſe von der Kathedrale von Salisbury zu nehmen und eine 10* 148 ungeheure Unzahl von Schlöſſern, Parlamentshäuſern und andern öffentlichen Gebäuden in die Luft zu bauen. Viel⸗ leicht nirgends auf der ganzen bewohnten Erde wurden ſo viele prächtige Gebäude dieſer Gattung ausgeführt, als unter Herrn Pecksniff's Auſpicien, und wäre auch nur ein Zwanzigtheil der Kirchen, die in jenem Zimmer nach Vorne heraus erbaut worden,— wobei natürlich die eine oder andere der beiden Miß Pecksniffs mit dem Architekten vor dem Altare hätte ſtehen müſſen, um ſich antrauen zu laſ⸗ ſen,— durch die Commiſſäre des Parlaments in's Leben gerufen worden, ſo wuͤrde man mindeſtens für die nächſten fünf Jahrhunderte keinen Mangel mehr an Kirchen leiden. „ SSelbſt die weltlichen Güter, deren wir ſo eben ge⸗ noſſen haben!“ hub Herr Pecksniff an, als er nach Been⸗ digung des Mahles ſich am Tiſche umfah;—„Selbſt Rahm, Zucker, Thee, Butterbrod, Schinken...“ 4 „Und Eier!“ ſetzte Charity mit leiſer Stimme hinzu. „Und Eier,“ ſprach Herr Pecksniff weiter:„ſelbſt ſie haben ihre Moral; ſeht nur, wie ſie kommen und gehen! Jede Luſt iſt vergänglich, wir können nicht einmal lange eſſen. Wenn wir uns in harmloſen Flüſſigkeiten überneh⸗ men, bekommen wir die Waſſerſucht; halten wir uns an aufregende Getränke, ſo werden wir betrunken. Welch' ein beruhigender Gedanke iſt das doch!“ 3 „Sagen Sie doch nicht: wir werden betrunken, Papa!“ bat die ältere Miß Pecksniff. 1 „Wenn ich ſage: wir, mein liebes Kind„ gab ihr Vater zur Antwort,„ſo meine ich die Menſchheit im All⸗ gemeinen, und betrachte das Menſchengeſchlecht als eine Elaſſe und nicht als einzelne Individuen. Die Sittenlehre hat nichts mit Perſonen zu thun, meine Gute! Selbſt Dinge wie dieſe,“ ſetzte Herr Pecksniſf hinzu, indem er den Zeigefinger ſeiner linken Hand auf das Bäuſchchen von Löſchpapier auf ſeinem Kopfe legte,„ſo unbedeutend und zufällig ſie auch ſein mögen, müſſen uns doch daran gemahnen, daß wir nur,“— er wollte ſagen: Würmer ſind; weil er ſich indeß noch zu rechter Zeit erinnerte, daß 149 ſich Würmer nicht eben durch einen Haarſchopf auszeich⸗ nen, ergänzte er ſich lieber mit den Worten:„Fleiſch und Blut ſind.“ 1 „Was ebenfalls,“ rief Herr Pecksniff nach einer Pauſe, während welcher er ſich ohne ſonderlichen Erfolg auf eine neue moraliſche Sentenz beſonnen zu haben ſchien,—„was ebenfalls zu unſerer großen Beruhigung dient. Mercy, mein liebes Kind, ſchüre das Feuer auf und ſchiebe die Aſche zurück.“. Das junge Mädchen gehorchte, kehrte hierauf wieder zu ihrem Schemel zurück, ſtützte den einen Arm auf das Knie ihres Vaters und legte dann die blühende Wange in die Hand. Miß Charity aber rückte den Stuhl näher an's Feuer, als wolle ſie ſich auf eine Unterredung ein⸗ laſſen, und blickte ihrem Vater in's Antlitz. „Ja!“ hub Herr Pecksniff nach einer kurzen Pauſe wieder an, während welcher er ſchweigend vor ſich hin gelächelt und dem Feuer zugenickt hatte,—„ich habe wiederum meinen Zweck glücklich erreicht. In wenigen Tagen werden wir einen neuen Hausgenoſſen erhalten.“ „Einen jungen Mann, Papa?“ fragte Charity. „Ei freilich, mein Kind, einen jungen Mann!“ erwi⸗ derte Herr Pecksniff;„er will ſich die treffliche Gelegenheit zu Nutz machen, welche ſich ihm hier darbietet, um die Vorzüge des beſten praktiſchen Unterrichts in der Architek⸗ tur mit der Behaglichkeit einer Heimath und dem beſtän⸗ digen Umgang mit Menſchen zu vereinigen, die, wie demü⸗ thig auch ihr Wirkungskreis und wie beſchränkt auch ihre Fähigkeiten ſein mögen, doch nie die wichtige moraliſche Verantwortlichkeit aus den Augen laſſen werden, welche ihnen das Verhältniß zu ihrem Zöglinge auferlegt.“ „O Papa!“ rief Mercy und drohte ſchelmiſch mit dem Finger,„Sie ſprechen ja wie Ihre Zeitungsanzeige.“ „Munterer, neckiſcher Sproſſer!“ rief Herr Pecksniff. Wenn der Ehrenmann, von dem wir hier reden, ſeine Tochter eine Nachtigall nannte, müſſen wir hier gelegent⸗ lich erwähnen, daß dieß unſere Leſer keineswegs zu dem Glauben verführen darf, als ob Miß Pecksniff eiwa eine ſchöne Singſtimme beſeſſen habe; ihr Vater hatte nun ein⸗ mal die Gewohnheit, ſich eines Wortes ohne Wahl zu be⸗ dienen, wenn es ihm eben in Mund kam und ihm einen guten Klang zu haben oder einen Satz paſſend zu ſchlie⸗ ßen ſchien; um ſeine Bedeutung kümmerte er ſich dabei nicht viel. Dieß that er alsdann ſo keck und auf ſo impo⸗ ſante Weiſe, daß hie und da auch die klügſten Leute ſich von ſeiner Beredtſamkeit in's Bockshorn jagen ließen und, um ihn zu verſtehen, nach Athem ſchnappten. Beiläufig geſagt, behaupteten Herrn Pecksniff's Feinde außerdem, ein keckes Vertrauen auf Töne und Formen ſei noch eine beſondere hervorragende Eigenthümlichkeit ſeines Charakters. 4 „Iſt er hübſch, Papa?“ fragte die jüngere Tochter. „Wie thöricht Du biſt, Merry 1“ rief Charitas.— Sie zog es nämlich vor, Merry anſtatt Mercy zu ſagen.—, „Wie viel beträgt ſein Koſtgeld, Papa? Sag uns lieber dieſes.“ „Du lieber Gott, Cherry, rief Miß Merry und fal⸗ iete unter dem fröhlichſten Kichern die Hände.„Was für eine eigennützige, geizige Dirne biſt Du doch, Du nichts⸗ nutziges, nachdenkliches, altkluges Weſen!“ 1 . Es war in der That reizend und der Schäfferzeit würdig, zu ſehen, wie die beiden Miß Pecksniffs jetzt mit einander haderten und ſich alsdann auf eine Weiſe angrif⸗ fen, worin ihre verſchiedenen Temperamente ſich auf's deut⸗ lichſte kund gaben.. „Sein Aeußeres iſt paſſabel,“ erwiderte Herr Pecks⸗ niff langſam und deutlich;—„paſſabel genug! indeß rechne ich nicht mit Beſtimmtheit auf ein unmittelbares Koſtgeld von ihm.“ 3 Trotz der Verſchiedenheit ihrer Charaktere machten doch bei dieſer Nachricht, ſowohl Charity als Mercy gleich große Augen und blickten einen Augenblick ſo gedankenlos drein, als ob ihr Dichten und Trachten doch am Ende den gleichen Zweck gehabt hätte. „Was liegt auch varan?“ ſagte Herr Pecksniff, indem NRͤ—— 151 er noch immer dem Feuer zulächelte;—„hoffentlich iſt noch nicht alle Uneigennützigkeit aus der Welt verſchwun⸗ den! Wir ſtehen uns nicht Alle in zwei entgegengeſetzten Reihen gegenüber: der Offenſive und Defenſive. Es gibt noch Leute, die zwiſchen beiden die richtige Mitte halten, welche die Bedrängten unterſtützen ſo gut ſie können, und ſich zu keiner Parthei entſchieden bekennen, nicht wahr?“ Es that ſich in dieſen Bruchſtücken menſchenfreundli⸗ cher Schönthuerei ein gewiſſes Etwas kund, das die Schwe⸗ ſtern beruhigte. Sie winkten einander mit den Augen zu und das zuſtrömende Blut röthete wieder ihre Wangen. „Wir wollen nicht immer rechnen, zählen und Pläne* für die Zukunft ſchmieden,“ ſagte Herr Pecksniff und ſein Geſicht ward immer lächelnder und verklärter, als er ſo in's Feuer blickte, wie ein Mann, der eben einen Spaß bei ſich ausgedacht hat und zum Beſten geben will;— nich bin nun ſolcher Ränke müde. Wenn nur unſere Abſichten gut und offenherzig ſind, ſo dürfen wir ſie kühnlich einge⸗ ſtehen, wenn ſie uns auch gleich Verluſt anſtatt Gewinn bringen ſollten. Nicht wahr, Charity?“ Zum letztenmale ſeit er ſich in dieſe Reflexionen vertieft hatte, blickte Herr Pecksniff jetzt ſeine Töchter an; als er ſah, daß 12 lächelten, belugte er ſie einen Au⸗ genblick ſo ſchalthaft, wiewohl noch immer mit einer Art frommer Schelmerei, daß die jüngere der Töchter ſich be⸗ wogen fand, ſich auf des Vaters Kniee zu ſetzen, ihren hübſchen Arm um ſeinen Nacken zu legen und ihm wohl zwanzig heiße Küſſe aufzuhauchen. Während dieſes gan⸗ zen Erguſſes ihrer liebevollen Zärtlichkeit lachte ſie laut auf und ſelbſt die ſprödere Cherry ſtimmte mit in ihre heitere Laune ein. 3 4„Gemach, gemach!“ ſagte Herr Pecksniff und ſchob ſeine jüngere Tochter zurück, indem er mit den Fingern durch's Haar fuhr und ſeine ruhige Miene wieder an⸗ nahm.„Was macht Ihr da wieder für Thorheiten! Nehmt Euch in Acht, nicht ohne Grund zu lachen, damit Ihr nicht mit Grund weinen müſſet. Was gibt es Neues im 152 Hauſe ſeit geſtern? John Weſtlock iſt hoffentlich fortge⸗ zogen?“ „Er iſt's noch nicht,“ erwiderte Charitas. „Und warum nicht?“ rief der Bater;„ſeine Zeit lief geſtern ab, und ich weiß, daß ſein Koffer bereits ge⸗ packt iſt, denn ich ſah ihn heute früh in der Hausflur ſtehen.“ 4 auch Herrn Pinch zu einem Mahle eingeladen hatte!“ verſetzte das junge Mädchenz—„ſie verbrachten den Abend zuſammen und Herr Pinch kam ſehr ſpät nach Hauſe.“ „Und wie ich ihm heute früh auf der Treppe begegnete,“ fügte Merry mit ihrer gewohnten Lebhaftigkeit hinzu,„ſah er ſo abſcheulich aus, daß ich beim Himmel an ihm er⸗ ſchrack! Sein Geſicht trug alle Farben und ſeine Augen waren ſo trübe, als ob ſie geſotten worden wären; wie ich ihn anſah, merkte ich gleich, daß er fürchterlich Kopf⸗ weh haben müſſe und ſeine Kleider rochen überlaut“— ſetzte das junge Mädchen mit einem Schauder hinzu, —„nach Punſch und Rauchtaback.“ „Ich dächte doch,“ ſagte Herr Pecksniff mit ſeiner gewohnten Bedachtſamkeit, wiewohl er ſich das Anſehen eines Mannes gab, welcher unter Beleidigung litt, ohne ſich darüber zu beklagen,—„ dächte doch, Herr Pinch hätte etwas Beſſeres zu thun gewußt, als ſich ein Individuum zum Gefährten zu wählen, das, wie ihm wohl bekannt war, gegen das Ende ſeiner langen Lehrzeit. ſich alle mögliche Mühe gegeben hat, mein Gefühl zu verletzen. Ich bin nicht ganz überzeugt, ob dieß zart und gefällig von Herrn Pinch warz ja ich will noch weiter gehen und fragen: ob dieſe Handlungsweiſe des Herrn Pinch auch nur der gewöhnlichen Dankbarkeit entſpricht.“ „Was kann man auch Anderes von Herrn Pinch er⸗ warten?“ rief Charitas und legte einen ſo ſtarken und zornigen Nachdruck auf dieſen Namen, als hätte es ihr unausſprechliches Vergnügen gemacht, ihn thatſächlich als „Er ſchlief vergangene Nacht im Drachen, wohin er ⁸—— 153 eine Art Räthſel an der Wade des genannten Herrn aus⸗ zulaſſen. ¹. 3 „Ei, ei!“ wandte der Vater ein und winkte mit mildem Tadel mit dem Finger,—„man kann zwar füg⸗ lich ſagen: was können wir von Herrn Pinch erwarten, allein Herr Pinch iſt doch ein Nebenmenſch, meine Liebe! Herr Pinch iſt ein kleines Theilchen von der ungeheuern Geſammtſumme der Menſchheit, meine Beſte, und wir haben ein Recht, ja ſogar eine Pflicht, von Herrn Pinch zu erwarten, daß er eine von jenen beſſern Eigenſchaften an den Tag legte, deren Beſitz unſerem eigenen Bewußt⸗ ſein eine gewiſſe Selbſtachtung einflößt. Nein!“ fuhr Pecksniff fort,„nein! Gott verhüte, daß ich ſagen würde, es laſſe ſich von Herrn Pinch nicht mehr erwarten oder daß ich behaupten ſollte, man könne von keinem Menſchen in der Welt, wie tief geſunken er auch ſein möge— und Herr Pinch iſt dieß doch nicht,— noch etwas mehr er⸗ warten. Herr Pinch aber hat meine Erwartungen ge⸗ täuſcht, er hat mich gekränkt; ich denke deßhalb zwar etwas ſchlimmer von ihm, als ſeither, allein ich lege dieß nicht der ganzen Menſchheit zur Laſt. Nein, gewiß nicht!“ „Horch!“ ſagte Charitas und hob den Finger empor, als man ein leiſes Pochen an der Hausthür vernahm,— „da kommt die Creatur eben! Denkt nur an meine Worte! er iſt mit John Weſtlock zurückgekommen, um deſſen Koffer abzuholen, und wird ihm dieſen auf die Poſt ſchaffen helfen; gebt nur Acht, ob dieß nicht ſeine Ab⸗ ſicht iſt!“ Wie ſie noch ſo ſprach, ſchien man den Koffer aus dem Hauſe zu ſchaffen, allein nach kurzem Murmeln von Frag und Antwort ward er wieder niedergeſetzt, und an der Thür des Wohnzimmers ließ ſich ein beſcheidenes Pochen vernehmen. 1 Dieß beruht auf einem Wortſpiel, da to pinch im Engliſchen kneifen, klemmen, zwicken bedeutet; ſie würde alſo recht ver⸗ gnügt ſein, dürfte ſie Herrn Jinch in die Waden klemmen. 154 „Herein!“ rief Herr Pecksniff nicht gerade in ſtrengem, jedoch ſehr kräftigem Tone—„Herein!“ Ein plump und unheimlich ausſehender, anſcheinend ſehr kurzſichtiger Mann mit einer frühen Glatze machte ſich dieſe Erlaubniß zu Nutze und trat in's Gemach; als er jedoch ſah, daß Herr Pecksniff ihm den Rücken zukehrte und in das Feuer ſchaute, blieb er zaudernd unter der Thüre ſtehen. Er war freilich nichts weniger als hübſch, trug eine Kleidung von ſchnupftabackfarbenem Tuch von veraltetem Schnitte, die durch langes Abtragen eingeſchrumpſt und in alle Arten von ſeltſamen Formen gewunden und gedreht war; trotz ſeines Anzuges aber und ſeiner unge⸗ ſchlachten Geſtalt, welcher ein großer Höcker auf den Schul⸗ tern und die thörichte Gewohnheit, den Kopf vornüber zu hängen, keineswegs zu größerer Empfehlung diente, hätte ſich doch Niemand geneigt fühlen können, ihn ohne Herrn Pecksniff ausdrückliche Verſicherung irgendwie für einen bösartigen Menſchen zu halten. Er war etwa 30 Jahre alt, allein man hätte ihm eben ſo gut jede andere Alters⸗ ſtufe zwiſchen ſechszehn und ſechszig zuſchreiben können, weil er eines jener ſeltſamen Weſen war, die niemals lang⸗ ſam ein altes Ausſehen annehmen, ſondern vielmehr am älteſten erſcheinen, wenn ſie noch ſehr jung ſind, und als⸗ dann gleichſam über Nacht altern. Mit der Hand noch immer auf den Thürdrücker ge⸗ lehnt, blickte er wiederholt von Herrn Pecksniff auf Mercy, von Mercy auf Charity, von Charity wieder auf Herru Pecksniff zuruͤck; da aber die jungen Mädchen dem Feuer eben ſo viel Aufmerkſamkeit ſchenkten, als ihr Vater, und keines von den Dreien ihm einige Aufmerkſamkeit zu gön⸗ nen ſchien, ſah er ſich am Ende genöthigt, mit ſchüchterner Stimme in die Worte auszubrechen: „Ach! ich bitte ſehr um Verzeihung, Herr Pecksniff; entſchuldigen Sie doch ja, daß ich ſo zudringlich bin, aber....“ 3 „Keine Zudringlichkeit, Herr Pinch!“ entgegnete der Hausherr mit fanfter Stimme, doch ohne ſich umzublicken⸗ 155 —„Ich bitte, nehmen Sie Platz, Herr Pinch; belieben Sie doch auch gefälligſt die Thüre zuzumachen, Herr Pinch!“ „Recht gerne, Herr!“ entgegnete Pinch, that indeß nicht nach ſeinen Worten, ſondern ſperrte die Thüre eher noch weiter auf, als zuvor, und winkte ängſtlich Jemanden, der draußen war, zu;—„da Herr Weſtlock gehört hat, daß Sie nach Hauſe gekommen ſind....“ „Herr Pinch! Herr Pinch!“ rief Pecksniff und drehte raſch ſeinen Stuhl um, um dem Hausgenoſſen mit der Miene der tiefſten Betrübniß in's Geſicht zu blicken;— „das hätte ich nicht von Ihnen erwartet, ich habe es wahr⸗ lich nicht um Sie verdient.“ „Allerdings„“ ſtotterte Pinch,„aber auf mein Wort, 7. „Je weniger Worte Sie hierüber verlieren, deſto beſſer,“ unterbrach ihn Herr Pecksniff;—„ich klage ja Niemanden an, deßhalb brauchen Sie ſich auch nicht zu vertheidigen.“ „Allerdings!“ meinte Pinch in allem Ernſte;— „aber haben Sie nur die Güte, Sir, mich ausreden zu laſſen. Herr Weſtlock, Sir, reist noch heute ab und wünſcht zu guter Letzt nur von Freunden zu ſcheiden. Herr Weſt⸗ lock und Sie, Sir, hatten kürzlich einen Zwiſt mit einan⸗ der— je nun, ſolche kleine Zänfereien haben ſich ja manch⸗ mal zugetragen.“ 5 „Kleine Zänkereien!“ rief Charity. „Kleine Zänkereien?“ wiederholte Mercy als Echo. „Liebe Kinder!“ ermahnte Herr Pecksniff und erhob wiederum feierlich die Hand;—„meine guten Kinder!“ — Nach einer neuen feierlichen Pauſe verneigte er ſich leicht gegen Herrn Pinch, als wollte er ſagen: fahren Sie fort! Allein Herr Pinch war dermaßen aus dem Concept gerathen und blickte ſo verlegen auf die beiden Miß Peck⸗ ſniffs, daß die Unterredung wahrſcheinlich ſchon hier ihr Ziel gefunden haben würde, hätte nicht ein Jüngling von angenehmem Aeußern, der kaum erſt in's Alter männlicher Kraft getreten war, ſich vom Hausflur her der Schwelle. genähert und den Faden der Unterredung aufgenommen. Sir 156 „Kommen Sie, Herr Pecksniff!“ ſagte er lächelnd; —„ich bitte Sie, laſſen Sie uns nicht im Zorne ausein⸗ ander gehen. Es thut mir leid, daß wir uns je gezankt haben, und ſollte ich Sie je beleidigt oder gekränkt haben, ſo bedauere ich dieß doppelt. Laſſen Sie es mich wenig⸗ ſtens bei meinem Abſch ede nicht entgelten.“ „ ‚Ich zürne mit keinem Menſchen auf der ganzen Welt!“ gab Herr Pecksniff zur Antwort. „Hab' ich's Ihnen nicht gleich geſagt?“ flüſterte Herr Pinch ſeinem Gefährten zu;z—„ich wußie wohl, daß er Ihnen nicht zürne, denn er verſichert es ja beinahe ſtündlich.“ „Dann werden Sie mich doch auch Ihnen die Hand drücken laſſen?“ rief Weſtlock, und trat ein Paar Schritte näher, indem er Pinch einen bedeutſamen Blick zuwarf. „Wie meinen Sie!“ rief Herr Pecksniff in ſeinem einſchmeichelndſten Tone. „Ich darf Ihnen alſo wohl die Hand drücken?“ wie⸗ derholte Weſtlock. „Nein, John!“ entgegnete Herr Pecksniff mit wahr⸗ haft überirdiſcher Ruhe.—„Ich brauche keine Hand von Ihnen, John! ich habe Ihnen vergeben; ja ich hatte Ih⸗ nen bereits vergeben, bevor Sie noch aufhörten, mich durch Ihre Vorwuürfe und Ihren Hohn zu kränken. Ich habe Sie im Geiſt umarmt, John, und das iſt doch weit beſ⸗ ſer, als ein Händedruck.“ „Pinch!“ rief der Jüngling ſeinem Gefährten zu und wandte ſich mit offenkundigem Widerwillen von ſeinem frü⸗ hern Meiſter abz—„wer von uns Beiden hatte Recht?“ Der arme Pinch blickte unmuthig auf Herrn Pecksniff herunter, der ihn wieder wie von Anfange an mit zürnen⸗ dem Blicke maß; dann ſchlug er den Blick wieder zur Decke empor und gab gar keine Antwort. „Was Ihre Verzeihung anbelangt, Herr Pecksniff!“ hub der junge Mann an,„ſo will ich ſie auf ſolche Weiſe gar nicht haben. Sie ſollen mir gar nicht vergeben.“ „ und warum nicht, John?“ erwiderte Herr Pecksniff lächelnd.„Sie müſſen ſich's wohl oder übel gefallen ———,——— 157 laſſen, daß ich Ihnen vergebe! Verzeihung iſt eine erha⸗ bene Eigenſchaft, eine erhöhte Tugend, und ſteht weit über Ihrer Macht und Einfluß, John! Ich werde Ihnen vergeben; Sie können mich nicht zwingen, daß ich mich ſtets alles Uebels erinnere, das Sie mir zugefügt haben, John!“ „Uebel?“ rief der Andere mit all der Hitze und dem Zorn ſeines Alters.—„Da ſehe mir Einer den ſaubern Vogel an! Uebel?... Ich hätte ihm Uebles zugefügt? Er will ſich alſo nicht mehr an die 500 Pfunde erinnern, die er mir unter verſchiedenen falſchen Ausreden abgelockt hat oder des Jahrgehalts von 70 Pfund für Koſt und Wohnung, welche für 17 noch zu theuer geweſen wären. Da ſehe mir Einer dieſen ſcheinheiligen Burſchen!“ „Geld, mein lieber John! iſt die Wurzel von allem Uebel!“ verſetzte Herr Pecksniff;—„es thut mir leid, die Erfahrung machen zu müſſen, daß es auch an Ihnen ſchon ſeine übeln Früchte traägt. Doch ich will mir ſein Vor⸗ handenſein aus dem Sinne ſchlagen, ich will auch ſogar nicht mehr an die Aufführung jener irregeführten Perſon erinnern— und hier,“ ſprach er, obwohl er ſich wie ein Mann geberdete, der mit aller Welt im Frieden ſteht, mit einem Nachdruck, der deutlich genug ſagen wollte:(ich werde von nun an ein Auge auf dieſen Schuft haben!)—„jener irregeführten Perſon, welche Sie heute Abend hieher ge⸗ bracht hat, um— ich freue mich ſagen zu dürfen, daß er es vergebens gethan hat— die Herzensruhe und den Frie⸗ den eines Mannes zu ſtören zu ſuchen, der ſein theuerſtes Herzblut hingegeben haben würde, um ihm zu dienen!“ Herr Pecksniff's Stimme erbebte am Schluß ſeiner Rede und ſeine Töchter ließen lautes Schluchzen hören. Ueberdem zitterten Töne in der Luft, als ob zwei Geiſterſtimmen ge⸗ rufen haͤtten;— die eine: Unthier!— die andere: Cannibale! Verzeihung,“ fuhr Herr Pecksniff fort,„gänz⸗ liche und reine Verzeihung iſt nicht unverträglich mit einem verwundeten Herzen, ja ſie wird vielleicht zu einer deſto größeren Tugend, ſo lange das Herz noch verwundet iſt. Trotz dem, daß meine Bruſt nun wund und durch den Undank dieſer Perſon bis ins innerſte Herz tief gekränkt iſt, gereicht es mir doch zu Stolz und Vergnügen, ſagen zu können, daß ich ihm vergebe mit lauterer Stimme, als er Einwendung machen wollte, 8 Nein!“ rief Herr Pecksniff bemerkte, daß Pinch eine ch bitte dieſes Individuum, mich nicht zu unterbrechen; es wird mich in der That ver⸗ binden, wenn es von nun an k ein Wort mehr äußert. Ich bin meiner nicht ſo gewiß, daß ich der Verſuchung wider⸗ genug zu finden, um mit ihm Begebenheiten ſich niemals zu ſlehen könnte; in einer kurzen Weile getraue ich mir Kraſt zu verkehren, als ob dieſe getragen hätten. Doch nur jetzt nicht! ſprach Herr Pecksniff, indem er ſich wieder nach dem Feuer umdrehte und mit der Hand nach der Thüre hinwinkte,„nur jetzt nicht.“ „Bah!“ rief John Weſtl ock mit all' der Verachtung und dem Ekel, welches dieß einſilbige Wort auszudrücken vermag;—„guten Abend, meine Fräulein! komm, Pinch, der ganze Bettel iſt nicht der ſeiner noch erinnert! Ich hatte Recht, und Du warſt im Mühe werth, daß man ſich Unrecht; es iſt zwar eine, Bagatelle, aber ein ander Mal wirſt Du nun klüger ſein.“ Bei dieſen Worten klopfte Gefährten auf die Schulter, er ſeinem niedergeſchlagenen kehrte um und trat in den Hausflur hinaus, wohin ihm der arme Pinch folgte, nach⸗ dem er noch ein Paar Sekunde zimmer verweilt hatte. Der ſo tief hatte ihn die Anrede i lang unſchlüſſig im Wohn⸗ gute Menſch drückte auf ſei⸗ nem Antlitz das tiefſte geiſtige Elend und Düſterkeit aus, des Herrn Pecksniff erſchüt⸗ tert; alsdann packten ſie Beide den Koffer an und machten ſich auf den Weg, um auf den Poſtwagen zu warten. Dieſes flüchtige Fuhrwerk kam nämlich jeden Abend an der Ecke eines unfern gelegenen Feldweges vorbei, wo⸗ hin ſie jetzt Beide ihre eiligen Minuten lang waren ſie ſchweigend neben einander hinge⸗ gangen, als auf einmal der Gelächter ausbrach, das in Schritte lenkten. Ein Paar junge Weſtlock in ein lautes kurzen Zwiſchenräumen ſtets — A—&——A 159 von Neuem wiederkehrte; ſein Gefährte aber gab ihm keine Antwort und blieb fortwährend ſtumm. „Loß' Dir Eins ſagen, Pinch!“ hub Weſtlock nach einer andern längeren Pauſe plötzlich an;—„Du haſt nicht halb genug vom Teufel im Leibe. Halb genug? Nicht doch, ich glaube eher, Du haſt gar keinen!“ „Ja!“ verſetzte Pinch ſeufzend;—„ich begreife es freilich nicht, allein es will mich bedünken, als ob Sie mir dadurch ein Compliment machten! Wenn ich den Teuſel nicht im Leib habe, ſo iſt es, denke ich, für mich nur um ſo beſſer.“ 4 „Den Teufel auch!“ erwiderte ſein Gefährte unwillig; —„um ſo ſchlimmer, willſt Du ſagen.“. „Und dennoch,“ fuhr Pinch, ſeinem eigenen Gedanken⸗ laufe hingegeben und ohne auf dieſe letzte Bemerkung von Seiten ſeines Freundes zu entgegnen, fort:„ich muß doch einen guten Theil von Dem im Leibe haben, was Du den Teufel nennſt, denn wie hätte ich ſonſt Pecksniff ſo ſehr erbittern können? Ich hätte ihm keinen ſolchen Kummer bereiten mögen, und hätte es mir auch eine Goldmine ein⸗ getragen— ich bitte Dich, lache mich nicht aus!— und Gott weiß, wie gut ich jetzt Geld brauchen könnte, John. Ach, wie bekümmert war er doch!“ „Der wäre bekümmert geweſen?“ fragte der Andere. »Ci freilich! haſt Du denn nicht bemerkt, daß ihm das Waſſer faſt über die Wangen lief?“ rief Pinch;— „meiner Seele, John! es iſt nichts Geringes, einen Mann ſo bis zu Thränen geruhrt zu ſehen, und ſich ſelbſt ſagen zu müſſen, daß man die Urſache davon ſey! Hörteſt Du nicht, wie er ſagte: er hätte ſein Blut für mich vergießen fönnen?“ „Iſt es überhaupt nöthig, daß man Blut für Dich vergieße?“ erwiderte ſein Freund, nicht wenig aufgeregt; —„hat er ſonſt Etwas hergeben wollen, das Dir nöthig geweſen wäre? Hat er mit einer Anſtellung, einigem Un⸗ terricht, mit einem Taſchengeld für Dich herausrücken wol⸗ len? Hat er je für Dich eine Schöpſenkeule von anſtän⸗ 160 digem Umfang zu Deinen Kartoffeln und dem Genrüſe verabreicht?“ „Ich fürchte, daß ich ein ziemlicher Vielfraß bin!“ ſprach Pinch mit einem abermaligen Seufzer;—„ich kann's mir ſelber nicht verhehlen, daß ich ſehr viel eſſe. Du mußſt es ja auch ſchon gemerkt haben, John?“ „Du waͤrſt ein Vielfraß?“ verſetzte ſein Gefährte, nicht minder entrüſtet als zuvor;—„wie weißſt Du denn, daß Du es biſt?“ „In dieſer Frage ſchien irgend eine geheime Neben⸗ abſicht zu liegen, denn Herr Pinch verſetzte mit ziemlich kleinlautem Tone: er hege in dieſer Beziehung ſtarken Arg⸗ wohn gegen ſich ſelber, und meine ſaſt ſelbſt, daß dem ſo ſei. „Ob ich übrigens ein Freſſer bin oder nicht,“ ſetzte er hinzu,—„hat jedenfalls damit nichts zu ſchaffen, daß er mich für undankbar hält. Es gibt kaum eine Sünde in der Welt, John, die in meinen Augen ſo ſchreiend frevel⸗ haft iſt, wie der Undank; und wenn er mich deſſelben an-⸗ klagt und glaubt, daß ich mich ſeiner ſchuldig gemacht habe, ſo macht er mich elend und unglücklich!“ „Glaubſt Du denn: er wiſſe das nicht ſelbſt und rechne nicht darauf?“ entgegnete der Andere voll Verachtung.— „Doch komm', Pinch! ehe ich Dir irgend etwas mehr ſage, müſſen wir auch die Gründe durchgehen, aus welchen Du ihm überhaupt zu Danke verpflichtet ſein ſollteſt, nicht wahr? — Doch zuvor laß uns die Hände wechſeln, denn der Koffer iſt ſchwer! Recht ſo! nun voran!“ „Zum Erſten,“ hub Pinch an,„nahm er mich als Zögling auf und erhielt weniger Koſtgeld, als er anfangs verlangt hatte.“ „Meinetwegen denn,“ verſetzte ſein Freund, den die⸗ ſes Beiſpiel von Großmuth nicht zu rühren permochte,„was kömmt nun unter dem Zweiten?“ „Zum Zweiten?“ ſchrie Pinch und geberdete ſich wie verzweifelt;„je nun zum Zweiten kommt Alles auf einmal. Meine arme alte Großmutter ſtarb ſelig, in der Beruhigung, daß ſie mich bei einem ſo vortrefflichen Manne untergebracht ͤ,.—— 161 habe. Ich bin in ſeinem Hauſe herangewachſen, genieße ſein Vertrauen, bin ſein Gehülfe und ſtehe in ſeinem Sold; nimmt erſt ſein Geſchäft einen beſſern Anlauf, ſo werden ſich meine Ausſichten ebenfalls verbeſſern. Anſtatt eines Prologs und der Vorrede zu meinem Erſten mußt Du einen Punkt in's Auge faſſen, den Niemand beſſer kennt als ich, John: nämlich, daß ich für weit geringere und unſcheinbarere Dinge von Natur aus beſtimmt bin und we⸗ der eine geſchickte Hand für ſeine Art von Geſchäft, noch ein Talent dafür oder für irgend etwas Anderes habe, als für Bagatellen, die Niemanden etwas nützen können.“ Er behauptete dieß mit ſo vielem Ernſt und in ſo überzeugtem Tone, daß ſein Gefährte inſtinktmäßig ſein Betragen änderte, als er ſich zu ihm auf den Koffer nie⸗ derſetzte, denn ſie hatten inzwiſchen den Wegzeiger an dem Ende des Feldwegs erreicht. Weſtlock lud ſeinen Freund ein, neben ihm Platz zu nehmen, legte ſeine Hand auf deſſen Schulter und hub an: „Ich glaube, daß Du einer der beſten Kumpane auf der ganzen Welt biſt, Tom Pinch!“ Ei behüte,“ entgegnete Tom;„glaub' mir nur, wenn Du mit Pecksniff ſo gut bekannt wäreſt, wie ich, wuͤrdeſt Du das von ihm behaupten und hätteſt wahrhaftig Recht.“ „Wenn Dir's lieb iſt,“ entgegnete Weſtlock,„ſo will ich meinethalben Alles von ihm ſagen, was Du willſt; ich will ſogar nichts mehr zu ſeinem Schaden reden.“ „Dann thuſt Du es ja nur um meinetwillen und nicht ihm zu Liebe,“ ſagte Pinch mit ernſtem Kopfſchütteln. „Was liegt auch daran, wem ich es zu Liebe thue, wenn es Dir nur gefällt!“ meinte Weſtlock;—„ol ich weiß, es iſt ein verdammter Burſche; er hat wohl nie den ſauren Schweiß Deiner armen Großmutter heimtückiſcher⸗ weiſe an ſich gezogen und in ſeinen Sack geſteckt?— und ſie war wohl eine haushälteriſche Perſon, nicht wahr, Tom?“ „Ja wahrhaftig!“ verſetzte Tom, mit dem Kopfe nickend und rieb mit der Hand eines ſeiner plumpen Kniee. „Sie war Haushälterin bei einem Mann von Stande.“ Boz, Chuzzlewit. I.. 11 16² „Er hat ſie wohl nie um ihren ſauren Schweiß ge⸗ prellt, indem er ſie mit Vorſpiegelungen von Deinem künf⸗ tigen Glück und Wohlleben blendete, deren Eitelkeit wohl Niemand beſſer zu beurtheilen wußte, als er?“ fuhr Weſtlock fort;—„er hat nie ihren Stolz auf Dich und Deine Erziehung auszubeuten gewußt, und auf ihren Wunſch ge⸗ rechnet, daß Du wenigſtens in der Zukunft ein Mann von Stande werdeſt? Nicht wahr, das hat er nicht gethan, Tom?“ „Nein, wahrlich nicht!“ verſetzte Tom und blickte ſei⸗ nem Freund in's Geſicht, als ſetze er einigen Zweifel in die Aufrichtigkeit der Verſicherungen ſeines Freundes hin⸗ ſichtlich des Herrn Pecksniff. „Ja, ich beſtätige Dir's,“ entgegnete der jüngere Mann,„er that es wahrhaftig nie, er nahm nie weniger als er verlangt hatte, weil dieſes Wenige ihr ganzes Hab und Gut und immer noch mehr war, als er erwartet hatte; nicht wahr, Tom?— Er behält Dich nur als ſeinen Ge⸗ hülfen bei ſich, weil Du ihm von einigem Nutzen biſt, weil Dein unerſchütterlicher Glaube an ſeine Anſprüche gegen Dich ihm bei ſeinen mancherlei gemeinen Zwiſtigkeiten von unſchätzbarem Werthe iſt, weil Deine Rechtſchaffenheit einen ehrbaren Schein auf ihn zurückſtrahlt, weil Deine Spa⸗ ziergänge in der Umgebung in all' Deinen Muſeſtun⸗ den, wo Du alte Bücher in fremden Sprachen lieſeſt, ſich weit umher im Lande verbreitet und ſogar nach Salisbury dringt, wodurch er, Pecksniff, als Dein Lehrer, als ein Mann von vieler Bildung und beſonderer Bedeutung er⸗ ſcheint. Du wirſt alſo wohl keinen Credit auf ihn werfen, nicht wahr, Tom?“ „Nein, wahrlich nicht!“ erwiderte der Andere und blickte ſeinem Freund mit noch mehr Verwirrung als zuvor in's Geſicht;—„Pecksniff ſollte mir ſeinen Credit zu verdanken haben und auf welche Weiſe denn?“ „Beſtätige ich es nicht ſelbſt,“ fragte Weſtlock,„daß es wahrhaft lächerlich wäre, an ſo etwas nur zu denken?“ „Wahrlich, es wäre Tollheit!“ ſagte Pinch. 163 „Tollheit?— ja wahrhaftig, das iſt der rechte Aus⸗ druck dafür!“ rief der junge Weſtlock.„Wer anders als ein Toller wollte vermuthen, er kümmere ſich etwas darum, wenn man an Sonntagen ſage, der beſcheidne junge Frei⸗ willige, der die Kirchenorgel ſpiele und ſich an Sommer⸗ abenden nach Sonnenuntergang darauf übe, ſei Herrn Pecksniff's Lehrling; nicht wahr, Tom 2— Wer anders als ein Toller wollte vermuthen, es mache einem ſolchen Manne, wie er, Vergnügen, ſeinen Namen in Jedermanns Munde zu wiſſen, wenn von den tauſend nutzloſen Bagatellen die Rede iſt, welche Du verrichteſt und er Dich gelehrt hat? — Wer anders als ein Toller würde vermuthen, Du kün⸗ digeſt ihn hier in der Umgebung wohlfeiler und bei weitem beſſer an, als ein Gypſer es an allen Wänden zu thun vermöchte? Eben ſo gut könnte Einer vermuthen, er leere bei allen Gelegenheiten ſein ganzes Herz und ſeine Seele vor Dir aus, er bezahle dir einen wirklich höchſt frei⸗ gebigen und wahrlich faſt übertriebenen Gehalt aus; oder um wo mäglich noch ungeſtümer und frevelhafter zu ſeyn, wenn das möglich iſt,“ fuhr Weſtlock fort und ſchlug bei jedem Worte ſeinen Freund leicht auf die Schulter,„eben ſo gut könnte Einer glauben, daß Pecksniff auf Dein We⸗ ſen rechne und daß es in Deiner Art liege, ſo ſchüchtern zu ſein und Mißtrauen gegen Dich ſelbſt zu hegen, dage⸗ gen aber zu allen andern Leuten unbedingtes Vertrauen zu hegen und vor allen Dingen zu ihm, der es am wenigſten verdient;— nicht wahr, Tom, das wäre reine Tollheit?“ Herr Pinch hatte all' Dieß mit verwirrten Blicken, die zum Theil durch den Gegenſtand der Rede ſeines Ge⸗ fährten und andern Theils durch deſſen leidenſchaftlichen Ungeſtüm veranlaßt worden zu ſein ſchienen, angehört. Nun dieſer eine Pauſe gemacht hatte, holte Pinch aus tiefer Bruſt Athem; wie er ihm ſo forſchend in's Geſicht blickte, als ſeie er nicht im Stande, ſich die Meinung ſeines Freun⸗ des deutlich zu vergegenwärtigen, und daher hiedurch aus den ihm noch dunklen Worten ſo gut wie möglich einen Schluß auf den eigentlichen Sinn derſelben zu ziehen ſuchte, 11* 164 und ſich eben auf eine Antwort beſann, ſchlug der luſtige Ton des Poſtillonshorns munter an ſein Ohr, und ſetzte der Unterhaltung plötzlich ein Ziel,— anſcheinend zur größten Zufriedenheit des jüngern Mannes, der raſch em⸗ porſprang und ſeinem Freunde die Hand hinbot. „Gib mir beide Hände, Tom!“ ſagte Weſtlock;„ver⸗ giß nicht, daß ich Dir von London aus ſchreiben werde!“ „JIa, Kacden Pinch;„iſt mir auch recht; ich bitte Dich, thu's!— Nun, Gott beſohlen! Leb' wohl, mein Freund! Ich kann kaum glauben, daß Du in der That gehſt,— ſcheint es mir doch beinahe, als ſeieſt Du erſt geſtern gekommen!— Leb' wohl l, guter alter Freund!“ — John Weſtlock erwiderte ſeinen Abſchiedsgruß mit nicht minver herzlichem Benehmen, und kletterte ſodann zu ſei⸗ nem Sitze auf das Dach des Wagens enpor;— die Poſt⸗ kutſche ſetzte ſich in Bewegung und rollte im Galopp den dunkeln Weg hinunter, während ihre Lampen hell glänzten und die ltigen Klänge des Horns alle Echo's weit und breit erweckten. „Zieh' Deines Weges dahinl“ rief Pinch der Kutſche nach;„ich kann mi ich kaum überreden, Du ſeieſt nicht le⸗ bendig und irgend ein grof ßes Ungeheuer, das in gewiſſen Zwiſchenräumen dieſen Ort beſucht, um meine Freunde in die Welt hinaus wegzuführen. Heute Nacht ſcheinſt Du munterer und fröhlicher zu ſeyn, als ſonſt gewöhnlich, und Du magſt wohl über Deine Beute jubeln, denn es iſt ein ſchöner Junge voll Talent und Genie und hat, ſo viel mich bedünken will, nur einen einzigen Fehler, den er zwar nicht gelten läßt— allein er iſt doch auſ's Grauſamſte ungerecht gegen den guten Pecksniff. Drittes Capitel. Worin gewiſſe andere Perſonen eingeführt werden, und zwar unter denſelben Bedingungen, wie in dem letzten Capitel. Es iſt bereits mehr als einmal eines gewiſſen Drachen Erwahnung geſchehen, der ſich arm gerweiſe und vor Unmuth knarrend uüber der Thüre des Dorfwirthshauſes ſchaufelte. Es war ein verblichener und in der That auch ein alter Drache, und mancher Winterſturm mit Schnee und Regen, Schloßen und Hagel hatte ſeine Farbe von einem luſtigen Hellblau in ein mattes, glanzloſes Grau umgewandelt. Da hing er nun, in einem Zuſtande unaus⸗ ſprechlicher Gebrechlichkeit auf ſeinen Hinterfüßen ſich em⸗ porrichtend, und ward mit jedem Monat, der in's Land ging, um ſo und forn c, daß man, wenn man ihn von der einen eite des des her betrachtete, verſucht war zu glauben, er müſſe allmählig dadurch hin⸗ durchſchmelzen und erſt auf der andern Seite wieder her⸗ auskommen. Dabei war er aber noch ein höflicher und wohlbedächtlicher Drache oder war es wenigſtens in fruhe⸗ rer Zeit geweſen, als er noch deutlicher und in herrlicherer Geſtalt herunterſtrahlte; denn noch jetzt inmitten ſeiner huülf⸗ loſen Schwäche hielt er eine ſeiner Vorderpfoten an ſeine Naſe, als hätte er ſagen wollen:„Habe nicht Bang vor mir, ich meine es wahrlich nur im Spaße!„während er die andere mit einer höflichen, gaſtlich einladenden Geberde hinaushielt. In der That muß man auch dem Drachen⸗ geſchlecht der Renzeit zugeben, daß es in Civiliſation und Verfeinerung namhafte Fortſchritte gemacht hat; es ver⸗ langt nämlich nicht mehr jeden Morgen mit derſelben Re⸗ gelmäßigkeit, wie irgend ein zahmer lediger Mann. von Stande ſeiner heißen Semmel entgegen ſieht, ein ſchönes Fränlein zum Frühſtück, ſondern begnügt ſich mit der Ge⸗ ſellſchaft träger Junggeſellen und arbeitsſcheuer verheirathe⸗ ter Männer; es zeichnet ſich nunmehr eher dadurch aus, 166 daß es insbeſondere in den Nächten vom Samſtag auf den Sonntag die Männer von dem zärteren Geſchlechte abhält und ſeinen Beſuchen bei dieſem Eintrag thut, als daß es ohne die gehörige Rückſicht auf ihre Neigungen roherweiſe darauf beſtehe, in Geſellſchaft von Damen zu ſein, wie es in vergangener Zeit bekanntermaßen zu thun pflegte. Die⸗ ſer Tribut, welchen wir dem hier erwähnten gezähmten Thiere bringen, iſt übrigens keine ſo weite Abſchweifung in dem Bereich der Naturgeſchichte, als es auf den erſten Anblick ſcheinen möchte; die nachfolgenden Seiten nämlich handeln ja von einem Drachen, der in Herrn Pecksniff's Nachbarſchaft ſeine Höhle hatte und da wir das artige Thierchen nun einmal auf's Tapet gebracht haben, hindert uns nichts mehr daran, unſere Abhandlung über daſſelbe unmittelbar zu beginnen. Beſagter Drache nämlich hatte ſich ſchon viele Jahre draußen vor den beiden Fenſtern des beſten Schlafgemachs in dieſem Gaſthaufe, dem er ſeinen Namen lieh, hin und her geſchaukelt und luſtig in ſeinen Angeln geknarrt; allein ſo lange er ſich geſchaukelt, ge⸗ kracht und im Winde gedrillt hatte, war doch nie inner⸗ halb ſeiner alter gebräunten vier Pfähle ein ſolcher Lärm geweſen, als an dem Abende nach demjenigen, in welchem ſich die im vorigen Capitel geſchilderten Begebenheiten er⸗ eignet hatten. Ei, wie polterten da ſo viele Füße Treppen auf, Treppen ab! was war das für ein Lichterſchein und Geflüſter von Stimmen, was für ein Rauchen und Sprü⸗ hen des in einem feuchten Kamin neu angezündeten Hol⸗ zes! was für ein Lüften von Wäͤſche und Bettzeug! was für ein heißathmiger Geluch friſch gefüllter Wärmeflaſchen! kurzum, was für ein häuslicher Lärm und Durcheinander wie niemals Drache, Greif, Einhorn oder irgend ein an⸗ deres Thier dieſer Art einem ähnlichen auwohnte, ſeit ſie ſich zum erſtenmale mit Wirthſchaftsangelegenheiten zu be⸗ ſchäftigen begonnen. Ein alter Herr und eine junge Dame, die ohne Ge⸗ ſinde in einem gebrechlichen alten Wagen mit Poſtpferden reisten, und über deren Reiſeziel eben ſo weuig etwas zu inen inen ge⸗ ner⸗ ärm hem er⸗ ppen und prü⸗ Hol⸗ was hen! nder an⸗ t ſie be⸗ Ge⸗ uden s zu 167 ermitteln war, wie über ihre Herkunft, hatten ſich von der Landſtraße abgewendet und waren ganz unverhofft im blauen Drachen angelangt. Der alte Herr nämlich war durch plötzliches Uebelbefinden, das ihn im Wagen be⸗ troffen hatte, zu dieſem Schritt veranlaßt worden; er litt an den furchtbarſten Krämpfen und Convulſionen, ver⸗ ſchwur und ſchalt aber mitten in ſeiner Qual, daß man durchaus nicht nach einem Arzte ſchicken und keine andern Arzneimittel anwenden dürfe, als diejenigen, welche ihm die junge Dame aus einem kleinen Arzneikäſtchen reichte, — er wollte, mit einem Worte, nur die Wirthin aus ihren fünf Sinnen heraus erſchrecken und jede Erleichte⸗ rung ablehnen, die man ihm anrieth. Unter all den fünfhunderterlei Vorſchlägen und dem manchfachen guten Rath zu ſeinem Beſten, von welchen die gute Frau in weniger als einer halben Stunde über⸗ ſtrömte, machte er ſich nur einen Einzigen zu Nutze,— den nämlich, zu Bette zu gehen; und die Zubereitung ſeines Bettes, ſo wie die Einrichtung ſeines Zimmers waren es eben, die all den Lärm und das Gedränge veranlaßt hat⸗ een, welche in dem Zimmer hinter dem Drachen ſich be⸗ gaben. 8 Es war gar keine Frage, daß der Reiſende ſehr krank und mit fürchterlichen Schmerzen behaftet war, wo⸗ n das vielleicht nicht wenig beitrug, daß er ein ſtarker, räſtiger, alter Mann mit einem eiſernen Willen und einer wahrhaft ehernen Stimme war; allein weder die Befürchtungen für ſein Leben, welche er von Zeit zu Zeit offen an den Tag legte, noch der furchtbare Schmerz worunter er litt, vermochten ſeinen Entſchluß auch nur im mindeſten zu erſchüttern. Er wollte durchaus nicht, daß man nach Jemand ſende, und je ſchlimmer es mit ihm wurde, deſto ſtarrer und unbeugſamer beharrte er auch auf der einmal adoptirten Anſicht. Er drohte laut, er werde, falls man irgend Jemand, Mann, Weib oder Kind zu ſeiner Pflege herbeirufe, auf der Stelle das Haus ver⸗ 168 laſſen, und ſollte er hinausgehen und auf der Thürſchwelle ſterben müſſen. 3 Es eriſtirte nun zwar im Dorfe kein praktiſcher Arzt, wohl aber ein Apotheker, der dabei noch einen Spezerei⸗ und Kramhandel betrieb, und nach ihm hatte die Wirthin auf ihre eigene Verantwortlichkeit hin beim erſten Aufbruch und Aufgang des Unſterns geſandt. Eine unausbleibliche Folge der dringenden Eile, mit welcher die obſchwebende Gefahr ihn heiſchte, war natürlich, daß er nicht zu Hauſe, ſondern ein Paar Meilen weggereist war und vor ſpäter Nacht nicht zurückerwartet wurde. Die Wiltthin hatte ſich indeſſen wieder von ſelbſt leidlich erholt und ſandte deß⸗ halb denſelben Boten in aller Haſt nach Herrn Pecksniff aus, der, als ein gelehrter Mann, einen Theil der Ver⸗ antwortung und als ein frommer Mann die Verabreichung religiöſen Troſtes an ein unruhiges Gemüth auf ſich neh⸗ men konnte; daß ſein Gaſt in letzterer Hinſicht kräftigen Zuſpruch nöthig hatte, gab ſich genugſam in ſeinen un⸗ ruhigen Worten und Reden kund, in welche er häufig ausbrach und die eher auf eine rein weltliche, als auf eine 5 geiſtige Frucht hindenteten. Der Bote kehrte von ſeinem letzt erwähnten geheimen Gange mit keinem beſſeren Er⸗ folge zurück als der erſte. Herr Pecksniff war nämlich ebenfalls nicht zu Hauſe. Er brachte indeß den Patienten auch ohne ſeine Anweſenheit zu Bette und dieſer erholte ſich im Verlauf von zwei Stunden allmählig ſoweit, daß ſeine Anfälle weit ſeltener wurden als anfangs, und all⸗ mählig ganz aufhörten, wiewohl er hernach ſich ſo er⸗ ſchöpft fühlte, daß ſein Zuſtand kaum weniger beruhigend war, als ſein vorheriges Leiden ſelbſt. Es war in einer ſeiner ruhigen Pauſen, daß er ſich plötzlich mit großer Vorſicht umſchaute und, unmuthig aus ſeinen Kiſſen ſich emporrichtend, ſich Mühe gab, mit einem ſonderbaren Weſen von Heimlichkeit und Mißtrauen ſich der Schreib⸗ materialien zu bedienen, die er neben ſich auf einen Tiſch hatte bringen laſſen, während die junge Dame und die 169 Herrin des blauen Drachen neben einander vor dem Feuer⸗ platz des Krankenzimmers ſaßen. Die Wirthin zum blauen Drachen war in ihrem Aeußern das vollendetſte Ideal einer Wirthin: breitſchul⸗ trig, von anmuthiger Rundung, behaglich und von ange⸗ nehmen Zügen, mit einem Geſicht wie Milch und Blut, das durch ſein joviales Ausſehen laut genug Zeugniß that, welche Ehre die Wirthin ihrer eigenen Küche und Keller wiederfahren ließ, und welchen wohlthätigen nahrhaften Einfluß deren Inhalt auf ſie äußerte. Sie war zwar eine Wittwe, allein lange Jahre waren ſchon über ihre Trauer⸗ zeit hingezogen und das dürre Reiß ihres leeren Her⸗ zens entfaltete ſich wieder zu neuen Blüthen; ſiets war ſie blühend geweſen und war es auch jetzt wieder; Noſen prangten auf den weiten Falten ihres Kleides, Roſen wog⸗ ten auf ihrem Buſen, ſchaukelten ſich an ihrer Haube, blühten auf ihren Wangen, und andere Roſen, die ins⸗ beſondere des Pflückens werth waren, glühten auch auf ihren Lippen. Sie hatte noch immer ein glänzendes dunkles Auge und pechſchwarzes Haar, war hübſch von Geſicht, mit Grübchen in den Wangen, von runder Form und drall wie eine Stachelbeere. Sie war freilich nicht mehr, was man gemeinhin mit den Worten jung bezeichnet, dem⸗ ungeachtet hätte jeder Beſchauer auf Treu und Glauben hin vor jedem Bürgermeiſter oder Magiſtrat ein eidlich Zeug⸗ niß abgelegt, daß es gar manche junge Dame(Gott ſegne ſie Alle ſammt und ſonders!) in der Chriſtenheit gäle, die ihm nicht halb ſo gefallen und die er nicht halb ſo ſehr bewundern würde, wie die freundliche Wirthin zum blauen Drachen. Wie nun das hübſche Mütterchen neben dem Feuer ſaß, warf ſie zuweilen mit dem ganzen Stolze und Bewußtſein ihrer Eigenthümerſchaft einen Blick der Zufriedenheit im Zimmer umher. Dieß war ein weites Ge⸗ mach, wie man es häufig noch auf dem Lande trifft, mit niederer Decke und eingeſunkenem Eſtrich, der von der Thüre an bergab gieng und auf der innern Seite über zwei ſo total unerwarteie Treppen herabführte, daß, trotz 6 170 der ängſtlichſten Vorſicht, Fremde gewöhnlich kopfüber in's Zimmer hereinſtürzten wie in ein Schwimmbad. Es war keines jener frivolen, nach altväteriſcher Weiſe hell er⸗ leuchteten Schlafgemächer, wo Niemand mit einigem Ge⸗ fühl für Anſtand und ſchickliche Rückſicht auf Ideenaſſo⸗ ciation ein Auge ſchließen kann; es war vielmehr ein gutes, trübſeliges, langweiliges, bleiſchweres und ſchläf⸗ riges Plätzchen, wo jede Art von Geräthe daran erinnerte, daß man nur hieherkomme, um zu ſchlafen und es auch zu erwarten ſtehe, daß man von dieſer Erlaubniß und die⸗ ſem Zweck hinreichenden Gebrauch mache. Da war kein lebhafter, aufmunternder Widerſchein des Feuers wie in jenen modernen Gemächern, wo man auch in den dunkel⸗ ſten Nächten noch immer lebendig an die franzöſiſche Po⸗ litur gemahnt wird; das alte ſpaniſche Mahagoniholz der Meubel blinzelte nur hie und da aus ihm hervor, wie etwa ein druſelnder Hund und eine ſpinnende Katze zu thun pflegen, aber ja nicht mehr. Sogar Größe und Geſtalt und die hoffnungsloſe Unbeweglichkeit der alten Betſſtelle und des Kleiderſchranks, ja in minderem Grade ſogar der Tiſche und Stühle lud laut zum Schlafe ein; ſie waren offenbar alle apoplektiſch und zum Schnarchen geneigt. Da gab es keine ſtieren Bildniſſe, die Einem gleichſam die Trägheit zum Vorwurfe machten, keine rundäugigen Vögel auf den Vorhängen, die die Augen ekelhaft weit aufriſſen und mit ihren Schnäbeln unerträglich zu kreiſchen ſchienen. Die dicken, neutralen Gardinen vor den Fenſtern, die dunkeln Läden draußen und die ſchwere Bürde der Bett⸗ decken ſchienen Alle darauf berechnet, Einen im Schlafe zu erhalten und als Richtleiter für den Tag und das Auf⸗ ſtehen zu wirken, ſogar der alte ausgeſtopfte Fuchs auf dem Giebel des Kleiderſchrankes war jedes Funkens von Wachſamkeit entblößt, denn ſein Glasauge war ausgefallen, und er ſchlief gleichſam ſtehend. Die umherſchweifende Aufmerkſamkeit der Wirthin zum blauen Drachen mochte wohl zwei⸗ bis dreimal ſpä⸗ hend, doch ſtets nur fuͤr kurze Weile, über all dieſe 171 Gegenſtände hingegangen ſein, denn bald darauf wandte ſie ſich wieder davon ab und ließ ſelbſt das ferne Bett mit ſeinem ſeltſamen Inhalte aus den Augen, um das junge Mädchen unmittelbar vor ihr zu betrachten, das mit ſtarr in das Feuer gerichtetem Blicke in ſtilles Nachdenken verſunken daſaß. Das liebliche Weſen war noch ſehr jung, anſchei⸗ nend nicht über ſiebenzehn Jahre alt, und in ihrem Betragen ſehr ſchüchtern und blöde, wiewohl ſie doch in dieſem Beneh⸗ men weit mehr Selbſtbeherrſchung und Gewalt über ihre Ge⸗ müthsbewegungen an den Tag legte, als man ſonſt ſelbſt bei einer noch vorgerückteren Periode des weiblichen Lebens zu finden pflegt. Dieß hatte ſie gerade vorhin in der Ab⸗ wartung des kranken Herrn genugſam an den Tag gelegt. — Sie war von kleinem Wuchſe und dabei ſo ſchlank ge⸗ wachſen, wie es ſich für ihre Jahre ſchickte, aber alle Reize der Jugend und Jungfräulichkeit umſchwebten ſie mit züchtigem Nimbus und ſchienen ſich um ihre edle Stirne zu lagern. Ihr Geſicht war, vermuthlich in Folge der kürzlichen Aufregung, noch ſehr blaß; ihr dunkelbrau⸗ nes Haar, das vermuthlich aus demſelben Grunde in Un⸗ ordnung gerathen war, hatte nachläſſig ſeine Flechten ge⸗ löst und hieng nun über ihren Nacken hernieder, obwohl gewiß kein männlicher Beobachter den Muth gehabt haben würde, es für dieſes Beiſpiel von Eigenſinn zu ſchelten. Ihr Anzug war der einer Frau von Stande, dabei jedoch äußerſt einfach, und es gab ſich in ihrer Erſchei⸗ nung ſelbſt, wenn ſie wie jetzt ſo ruhig daſaß, ein un⸗ erklärliches Etwas kund, das mit ihrem äußerſt einfachen, anſpruchsloſen Aufzuge verwandt zu ſein ſchien; anfangs hatte ſie ſich ängſtlich dem Bette zugedreht uͤnd ihren Blick mit ſteter Sorge darauf haften laſſen; wie ſie jedoch ſah, daß der Patient ruhig blieb und emſig weiter ſchrieb, hatte ſie ihrem Stuhl und ihrem Blick die gegenwärtige Richtung gegeben, indem ſie zum Theil inſtinktmäßig zu ahnen ſchien, daß der ältere Herr unbeachtet zu bleiben wünſche, und weil ſie vielleicht anderſeits, ohne von ihm 172 beobachtet zu werden, den natürlichen Gefühlen Luft ma⸗ chen wollte, welche ſie ſeither unterdrückt hatte. All dieß und noch weit mehr entging der aufmerkſa⸗ men Beobachtung der roſigen Wirthin zum blauen Drachen ſo wenig, als dieß bei der ſteten Neugier eines Weibes nur immer müglich war; endlich hub ſie mit ſo leiſer Stimme, daß ſie unmöglich von dem Herrn im Bette ge⸗ hört werden konnte, ihren weiblichen Gaſt zu fragen an: „Haben Sie den Herrn früher ſchon je in ſolchen Umſtänden geſehen, Miß? Iſt er derartigen Anfällen häufig unterworfen?“ „Ich hab' ihn ſchon manchmal krank geſehen, doch nie ſo plötzlich noch ſo bedeutend wie heute Abend!“ gab das Mädchen zur Antwort.. „Welch ein glücklicher Zufall,“ fuhr die Wirthin zum blauen Drachen fort,„daß Sie all' die Recepte und Arzneien in Ihrer Feldapotheke bei ſich hatten, Miß!“ „Sie find ja für einen ſolchen Unfall berechnet und begleiten uns ſtets auf allen Reiſen,“ erwiderte das junge Mädchen. „Oho,“ dachte die Wirthin,„ſo pflegen wir alſo öfter und zwar ſtets zuſammen zu reiſen.“— Sie war ſich bewußt, daß dieß Eiſtaunen ſich auch in ihren Ge⸗ ſichtszügen ausdrücken mußte, als der Blick der jungen Dame ſich gleich darauf auf ſie heftete, und da ſie eine ſehr rechtſchaffene Wirthin war, gerieth ſie faſt darüber in Verlegenheit. „Der gute Herr— Ihr Großvater vermuthlich,“— hub ſie nach einer kurzen Pauſe wieder an,„weigeit ſich ſo hartnäckig gegen ärzilichen Beiſtand, und das muß Sie manchmal doch ſehr in Schrecken ſetzen, Miß?“ 4 „O ja,“ verſetzte das Mädchen,—„es hat mich heute Abend nicht wenig beſtürzt gemacht; indeß iſt jener Herr dort nicht mein Großvater.“ 2 „Ihr Vater, hätte ich vielleicht ſagen ſollen?“ ent⸗ gegnete die Wirthin mit dem Bewußtſein, einen thörichten Mißgriff gemacht zu haben. 173 „Er iſt auch nicht mein Vater,“ flüſterte die junge Fremde,„auch nicht einmal,“ fuhr ſie mit leichtem Lä⸗ cheln fort, da ſie errieth, was die Wirthin habe ſagen wollen,—„auch nicht mein Onkel!— wir ſtehen in keiner verwandtſchaftlichen Beziehung.“ „Ach, du lieber Gott!“ rief die Wirthin noch ver⸗ legener als zuvor,„wie konnte ich doch auch ſo fehltap⸗ pen, da ich doch, wie jeder Menſch bei geſunden Sinnen, hätte wiſſen ſollen, daß ein Kranker ſtets älter ausſieht, als er eigentlich iſt! Wie thöricht von mir, daß ich Sie gar mit„Miß“ anredete, Madame!“— Als ſie dieß geäußert hatte, blickte ſie unwillkürlich auf den Goldfinger der linken Hand des jungen Mädchens und überzeugte ſich, daß ſie ſich wiederum getäuſcht habe, denn ſie bemerkte keinen Ring daran. „Als ich Ihnen vorhin ſagte, wir ſtehen in gar kei⸗ ner Verwandtſchaft mit einander,“ verſetzte die junge Fremde in mildem Tone, doch nicht ohne einige Verlegen⸗ heit,„wollte ich damit ſagen, daß wir auch nicht einmal durch Heirath mit einander verwandt ſind!— Haben Sie mich gerufen, Martin?“ ſetzte ſie mit lauter Stimme hinzu. „Sie gerufen?“ rief der alte Mann haſtig empor⸗ ſehend, und verbarg eiſends das Papier, auf das er ge⸗ ſchrieben hatte, unter der Bettdecke,—„keineswegs!“ Sie hatte ſich auf ein Paar Schritte dem Bette ge⸗ nähert, blieb aber plötzlich ſtehen und trat nicht weiter vor. „Keineswegs!“ wiederholte der Alte mit barſchem Nachdruck,—„warum fragen Sie denn mich? Falls ich Ihnen je gerufen hätte, wozu wäre alsdann noch eine ſolche Frage nöthig?“ „Der Schild draußen wird geknarrt haben, Sir, denke ich!“ wagte die Wirthin einzuwenden,— eine Muthmaßung, welche, wie ſie alsbald hinterdrein fühlte, für die Stimme des alten Herrn keineswegs eine Schmei⸗ chelei ſein mußte. „Was kümmert's mich, Madame, was es auch ge⸗ weſen ſein mag?“ verſetzte der alte Herr trocken;„ich wenigſtens bin's nicht geweſen.— Was Teufels ſtehen Sie denn hier, Many, als wenn ich die Peſt hätte! Doch ja,“ ſtöhnte er, indem er hülflos wieder anf ſeine Kiſſen zurückſank;—„Alle, Alle fürchten ſich ja vor mir, und ſogar auch ſie! Es muß ein Fluch auf mir haften! Was ſteht mir wohl noch bevor?“ „Gewiß nicht, lieber Herr!“ rief die gutmüthige Wirthin aufſtehend und trat auf ihn zu,—„geben Sie ſich nicht ſolchen ſchwermüthigen Grillen hin, und faſſen Sie mehr Muth— gewiß es ſind nur krankhaſte Hirn⸗ geſpinnſte.“ „Was ſind nur krankhafte Hirngeſpinnſte?“ entgegnete er barſch,„was verſtehen Sie von Hirngeſpinnſten? Wer hat Ihnen von Hirngeſpinnſten geſagt?..... Immer noch die alte Geſchichte von Hirngeſpinnſten.“ „Ei, eil da ſehe mir Eins, wie Sie mit mir um⸗ gehen!“ ſagte die Wirthin mit ungetrübter Gutmüthigkeit. „Du lieber Gott, es lag ja keine Kränkung in dem Worte, wenn es gleich ſchon eine alte Redensart iſt; die Leute haben ja manchmal bei geſundem Leibe ihre Hirngeſpinnſte und dazu manchmal noch ſehr ſeltſame.“ Wie arglos auch dieſe Rede ſein mochte, wirkte ſie doch auf den Mißmuth und das Mißtrauen des Reiſenden wie Oel auf's Feuer. Er richtete ſich haſtig im Bette auf, heftete ſeine beiden dunkeln Augen, deren Glanz durch die Bläſſe ſeiner hohlen Wangen noch erhöht wurde, lauernd auf ſie und ſpähte angelegentlich in ihren Zügen, während das eng anliegende ſchwarze Sammtkäppchen, das der Alte trug, ſeine ſpärlichen langen grauen Locken, die ſein Geſicht umwallten, noch heller erſcheinen ließ. „Oho, Ihr beginnt zu früh!“ ſprach der Alte mit ſo leiſer Stimme vor ſich hin, daß es eher ſchien, er denke nur laut, als daß er Jemanden, anzureden beab⸗ ſichtige.—„Ihr wollt freilich keine Zeit verlieren! Ihr thut Eure Pflicht, und wollt Enern Lohn dafür hinneh⸗ men!— nun denn, wer mag Ener Client ſein?“ Die Wirthin blickte auf's Höchſte betroffen die junge 175⁵ Fremde an, welche der Alte Mary genannt hatte; da ſie jedoch in dem zu Boden geſchlagenen Blick des Mädchens keine Erwiderung zu finden vermochte, kehrte ihr Auge ſchnell wieder zurück. Anfangs war ſie unwillkürlich zurückgebebt, weil ſie ihn für einen Geiſteskranken hielt, allein die gelaſſene Ruhe ſeines Weſens und die entſchie⸗ dene Beſtimmtheit, welche in ſeinen markirten Zügen lag und ſich beſonders in ſeinem aufgeworfenen Munde aus⸗ ſprach, gab ihr feinen Raum zu dieſer Vermuthung. „Kommen Sie her!“ rief er,„ſagen Sie mir, wer Sie ſind! Da ich einmal hier bin, iſt's freilich nicht ſo ſchwer für mich, es zu errathen, wie Sie wohl denken können.“ „Martin!“ unterbrach ihn das junge Mädchen, in⸗ dem ſie auf ihn herzutrat und ſeinen Arm ergriff,„beden⸗ ken Sie doch, wie kurz wir erſt in dieſem Hauſe ſind, wo man nicht einmal Ihren Namen kennt!“ „Er könnte unbekannt ſein, falls Sie nicht... Er war offenbar verſucht, den Verdacht auszuſpre⸗ chen, als ob Mary, der Wirthin zu lieb, ſein Vertrauen mißbraucht und die ihr obliegende Pflicht der Verſchwie⸗ genheit gebrochen habe, allein er verſtummte alsbald wie⸗ der, weil er entweder ihrer zärtlichen Pflege gedachte, oder ſich auf irgend eine Weiſe durch ihr Antlitz gerührt oder be⸗ ruhigt fühlte— genug er drehte ſich im Bette um und ſchwieg fortan beharrlich. „Aha!“ ſagte Miſtreß Lupin, denn auf dieſen Na⸗ men lautete die Vollmacht des blauen Drachen, vermöge deren er Menſchen und Vieh ein Unterkommen gewähren durfte;—„warten Sie, Sir, nun wird's Ihnen wieder beſſer zu Muthe werden; Sie hatten einen Angenblick außer flcht„gelaſſen, daß Sie hier nur unter guten Freunden i „Oho!“ rief der Alte, und brummte ungeduldig, als er mit dem Einen Arme raſtlos auf die Bettdecke hinein⸗ ſchlug;—„wer heißt Euch, mit mir von Freunden zu ſprechen? Wollt Ihr oder irgend Wer mich erſt lehren, 176 in wem ich meine Freunde und in Wem meine Feinde erkennen ſoll?“ „Hm, man ſollte doch meinen,“ verſetzte Miſtreß Lupin artig und ſchlau,„dieſe junge Dame hier ſei eine Freundin von Ihnen?“ „Sie hat wenigſtens keinerlei Verſuchung zum Gegen⸗ theile!“ rief der alte Mann, wie Einer, dem Hoffnung und Zutrauen gänzlich ausgegangen ſind;—„ich ver⸗ muthe wenigſtens, daß ſie mir Freund iſt! Doch wer weiß?— Laßt mich jetzt allein, damit ich verſuche, ob ich nicht ſchlafen kann; laßt mir das Licht hier oben ſtehen!“ Als ſie dem Bette den Rücken wandten und ſich zu⸗ rückzogen, nahm er die Handſchrift, welche ihn ſo lange beſchäftigt hatte, wieder unter der Bettdecke hervor, hielt ſie an das Licht der Kerze und brannte ſie zu Aſche zu⸗ ſammen; als dieß geſchehen war, löſchte er das Licht aus, wandte mit einem tiefen Seufzer ſein Geſicht ab, zog die Decke über den Kopf und legte ſich ſtill auf die Seite Die Zerſtörung dieſes Papiers, welche nicht allein in gar keinem Verhältniſſe ſtund zu der Mühe, die er darauf verwendet, ſondern den blauen Drachen mit be⸗ trächtlicher Feuersgefahr bedrohte, verſetzte Miſtreß Lupin in nicht geringe Beſtürzung. Die junge Dame jedoch legte hieruber weder Ueberraſchung, noch Neugier und Unruhe an den Tag, ſondern bedankte ſich bei der freund⸗ lichen Wirthin für die geleiſtete Pflege und Geſellſchaft, und flüſterte ihr zu: ſie wolle noch etwas länger bei den Alten im Zimmer bleiben, müſſe jedoch ſie bitten, ihre Wache nicht zu theilen, da ſie an Einſamkeit gewöhnt und geſonnen ſei, ſich die Zeit durch Leſen zu verkürzen. Miſtreß Lupin beſaß eine gehörige Doſis und Diyvi⸗ dende von jenem großen und allgemeinen Kapital von Neugierde, das ihr Geſchlecht geerbt hat, und zu andern Zeiten möchte es ſehr ſchwer geweſen ſein, ihr dieſen Wink auf eine Weiſe beizubringen, daß ſie demſelben Folge zu 6 leiſten ſich veranlaßt geſehen hätte. Dießmal aber war 1 4 177 fie über dieſe Geheimniſſe ſo verwundert und überraſcht, daß ſie ſich gerne und ſchnell entſernte und geradeswegs nach ihrem kleinen Wohnſtübchen im untern Stocke begab, wo ſie ſich in ihrem behaglichen Lehnſtuhle Reflerionen über das Erſchaute uüͤberließ. In dieſem entſcheidenden Augenblicke ließ ſich draußen auf dem Flur ein Tritt ver⸗ nehmen, und gleich darauf blickte Herr Pecksniff über die Halbthüre des Schenkſtübchens in dieſes niedliche Winkelchen herein und flüſterte mit gewöhnter Leutſeligkeit: „Guten Abend, beſte Frau Lupin!“ „Ei du lieber Himmel, Sir!“ rief ſie und eilte ihm bewillkommnend entgegen,—„ich bin wahrlich recht froh, daß Sie gekommen ſind!“ „Und ich bin ſehr erfreut, daß ich hieher kam, wenn ich Ihnen irgendwie einen Dienſt leiſten kann!“ verſetzte Herr Pecksniff;—„fürwahr, es macht mir Spaß zu kommen. Aber was iſt denn vorgefallen, gute Frau Lupin?“ „Denken Sie ſich nur,“ entgegnete die Wirthin wei⸗ nerlich,—„ein Herr, der unterwegs krank geworden iſt, hat droben vorhin ein paar fürchterliche Anfälle gehabt.“ „Ein Herr iſt unterwegs erkrankt und hat droben An⸗ fälle gehabt?“ wiederholte Herr Pecksniff;—„So, ſo!“ In dieſer Aeußerung des Herrn Pecksniff lag nun zwar durchaus nichts entſchieden Originelles, noch konnte man von ihr behaupten, daß ſie irgend eine für die Menſchheit wichtige und dieſer ſeither unbekannte Lehre enthalten oder eine verborgene Quelle des Troſtes eröffnet habe; allein Herrn Pecksuiffs Betragen war ſo ſanft und er nickte ſo beruhigend mit dem Kopfe, und legte in Allem ein ſo offenes Gefühl ſeiner eigenen Vorzüge an den Tag, daß Jedermann, gleich der Miſtreß Lupin, ſchon durch die Anweſenheit dieſes Mannes und den Ton ſeiner Stimme ſich hätte beruhigen müſſen; und hätte er auch nur beiläufig bemerkt:„Ein Zeitwort muß dem regieren⸗ den Nominativ in Zahl und Perſon folgen!“ oder be⸗ hauptet:„Acht mal acht iſt vierundſechszig, meine liebe Boz, Chuzzlewit, I. 12 4 178 Seele!“ ſo muͤßte man ihm für ſeine Menſchlichkeit und Weisheit ſich zu innigem Danke gedrungen gefühlt haben. „Und wie?“ fragte Herr Pecksniff, und hielt, nach⸗ dem er ſeine Handſchuhe abgenommen, ſeine Hände ſo wohlwollend an's Feuer, um ſie zu wärmen, daß man hätte glauben mögen, ſie gehören Jedermann eher als ihm ſelber,—„und wie ſteht es denn jetzt?“— „Der Herr fühlt ſich nun etwas beſſer, und verhält ſich ganz ruhig!“ gab Frau Lupin zur Antwort. „So, ſo? er iſt alſo beſſer und ganz ruhig?“ wie⸗ derholte Herr Pecksniff,—„ſchön, ſchön!“ Hier tröſtete Herr Pecksniff die Wirthin wiederum mit ihren eigenen Worten, indem er ihnen nur einen an⸗ dern Ton aus eigenem Antriebe zuſetzte; wenn Frau Lupin ſie ausſprach, wollte das nicht viel heißen; allein in Pecks⸗ niffs Munde lag der Inhalt eines ganzen Buchs darin. „Ich bemerke es,“ ſchien er damit ſagen zu wollen,— „und durch mich und meine Anſchauung wird es auch das ſittliche Gefühl im Allgemeinen inne, daß er ſich beſſer befindet und ganz ruhig iſt.“ „Er mag wohl wichtige Dinge in ſeinem Kopfe ver⸗ arbeiten!“ meinte die Wirthin kopfſchüttelnd,—„denken Sie ſich nur, Sir, er ſchwatzt Zeug heraus, wie man es noch nie gehört. Sein Gemüthszuſtand iſt nichts weniger als behaglich, und bedarf einigen geeigneten Zuſpruch von Perſonen, die durch ihre Tugend hiezu beſonders be⸗ fähigt ſind.“ „In dieſem Falle iſt er ganz der Mann für mich,“ ſprach Herr Pecksniff äußerſt deutlich, ohne jedoch ein Wort von ſeinen Lippen vernehmen zu laſſen, denn er ſchuͤttelte nur den Kopf, als wolle er in Demuth ſich ſelbſt herunterſetzen. „Ich fürchte, Sir,“ fuhr die Wirthin fort und blickte ſich rundum, als wolle ſie ſich erſt überzeugen, daß Nie⸗ mand Unberufenes nahe genug ſei, um es zu hören, und ſchlug alsdann den Blick nieder,— yich fürchte ſehr, Sir, daß es ihm ſchwer auf dem Gewiſſen druͤckt, daß er 179 mit der jungen Dame, welche er bei ſich hat, in keinem Verwandtſchaftsgrade ſteht, noch durch Heirath mit ihr verbunden iſt. 74 „Frau Lupin!“ ſprach Herr Pecksniff mit einem Ernſt, der trotz ſeiner gewöhnlichen Milde faſt an Strenge gränzte und hielt ſeinen Finger warnend empor;—„eine Perſon?— eine junge Perſon, ſagen Sie?“ „Ja, mit einer jungen Perſon!“ verſetzte ſie errö⸗ thend und mit einer Verbeugung;—„ich bitte Sie um Vergebung, Sir, aber mir iſt heute Abend mein armer Kopf ſo verwirrt worden, daß ich meine Worte nicht recht zu ſetzen weiß!— ja mit einer jungen Perſon, die nun droben bei ihm iſt!“— „Die bei ihm droben iſt?“ wiederholte Herr Pecks⸗ niff, ſich umdrehend und wärmte jetzt ſeinen Rücken(wie er zuvor ſeine Hände gewärmt hatte), als wäte es der Rücken einer Wittwe geweſen oder der einer Waiſe oder der eines Feindes, oder irgend ein anderer Rücken, wel⸗ chen ein minder Tugendhafter gleichgültig der Einwirkung der Kälte ausgeſetzt haben würde,—„Ei, du lieber Him⸗ mel! was will das heißen?“ „Dabei glaube ich Ihnen noch ſagen zu müſſen und ich thue es wahrlich auch von Herzen gerne,“ meinte die Wirthin in vollem Ernſte,„daß das Ausſehen und Be⸗ tragen dieſer Perſon über jeden Verdacht erhaben ſein könnte!“ „Ihr Argwohn iſt ſehr natürlich und begründet, meine liebe Frau Lupin!“ verſetzte Herr Pecksniff ernſt. Was dieſe Bemerkung anbelangt, ſo müſſen wir hier den Feinden dieſes würdigen Mannes zum Trotz anfüh⸗ ren, daß ſie ſchamlos genng behaupteten, Herr Pecksniff pflege ſtets dasjenige, was nach anderer Leute Begriffen böſe und ſchlecht ſei, natürlich zu nennen; durch wel⸗ chen Begriff er unbewußt ſeinen ganzen Charakter und ſein innerſtes Weſen an den Tag lege. „Ihr Argwohn, meine gute Frau Lupin,“ wieder⸗ holte er nochmals,„iſt ſehr natürlich und vermuthlich 12 ½ .... 180 auch ſehr begründet; ich will dieſen Reiſenden meine Auf⸗ wartung machen!“ Bei dieſen Worten entledigte er ſich ſeines Ueber⸗ rocks, fuhr mit den Fingern durch das Haar, ſteckte die Hand artig in den Buſen ſeiner Weſte und bat Frau Lupin mit all der ihm eigenen Lentſeligkeit, ihn zu dem Zimmer der Fremden empor zu führen. „Soll ich pochen?“ fragte Frau Lupin, als ſie vor der Zimmerthüre ſtanden. „Nicht doch!“ verſetzte Herr Pecksniff,„gehen Sie nur gefälligſt voran 14 Auf den Zehenſpitzen traten ſie ein, welche Vorſichts⸗ maßregel indeß nur die Wirthin beobachtete, da Herr Pecksniff nur leiſe aufzutreten pflegte. Der alte Herr im Bette ſchlief noch und ſeine junge Begleiterin ſaß leſend vor dem Kamin.. „Ich furchte,“ ſprach Herr Pecksniff mit melanchv⸗ liſchem Kopfſchütteln, als er unter der Thüre ſtehen blieb, „ich fürchte, dieß ſieht ſehr verdächtig aus. Wie geſagt, Frau Lupin, Sie müſſen wiſſen, daß mir das ſehr ver⸗ dächtig vorkommt.“ Nachdem er der Wirthin dieſe Worte zugeflüſtert, eilte er ihr in's Zimmer voran, während die junge Dame, welche Fußtritte hinter ſich hörte, inzwiſchen raſch auf⸗ ſtand. Herr Pecksniff blickte in das Buch, das ſie in der Hand hielt und flüſterte wiederum, wo möglich mit noch größerer Mißbilligung, der Wirthin zu: „Ja, Madame, es iſt ein gutes Buch; meine Be⸗ fürchtung von vorhin war voreilig, ich möchte nun darauf ſchwören, daß es vom tiefſten Intereſſe iſt.“ „Wer iſt denn dieſer Herr?“ fragte die junge Dame, „der Gegenſtand ſeiner vorhin erwäͤhnten Zweifel?.. „Ich bitte, Madame, geben Sie ſich keine Muhe,“ entgegnete Herr Pecksniff, indem er der Antwort der Wir⸗ thin zuvorkam.„Dieſe junge“— gegen ſeinen Willen zögerte er, das Wort, Perſon, hinzuzuſetzen, das ihm be⸗ reits auf die Lippen gekommen war und ſubſtitnirte an — Seeͤdͤ— ͤ— ed——ꝛ——, —————-— ————— —— 181 ſeiner Statt ein anderes—„dieſe junge Fremde wird mich gütigſt entſchuldigen, meine gute Madame Lupin, wenn ich ihr ſchlechtweg entgegne, daß ich hier im Dorfe anſäßig und obwohl unverdient, im Beſitze von einigem Einfluſſe bin: ſowie, wenn ich ſie verſichere, daß ich mich nur auf Ihr Verlangen hier eingeſtellt habe; ich bin jetzt hier wie überall, hoffe ich, wohin mich meine Theilnahme für Kranke und Leidende ruft.“ 3 Mit dieſen eindringlichen Worten ſchritt Herr Pecks⸗ niff dem Bette zu, woſelbſt er ein Paarmal mit äußerſt feierlicher Wichtigthuerei auf die Bettdecke klopfte, als könnte er dadurch ſich eine klare Einſicht in die Krankheit des Patienten verſchaffen, und ſodann ſich in einem großen Lehnſtuhle niederließ, um in behaglich ſinnender Haltung das Erwachen des Fremden abzuwarten. Alle Einwen⸗ dungen, welche die junge Dame der Wirthin machen wollte, blieben ohne Eifolg, denn ſie wagte ſie eben ſo wenig Herrn Pecksniff mitzutheilen, als dieſer es für nö⸗ thig hielt, noch irgend Jemand ein Wort zu gönnen. Eine volle halbe Stunde verging, ehe der alte Mann ſich regte, endlich aber drehte er ſich im Bette um und gab, wenn er auch noch nicht vollſtändig wach war, doch durch verſchiedene Anzeichen zu erkennen, daß ſein Schlaf nur noch von kurzer Dauer ſein würde. Nach und nach zog er die Bettdecke vom Kopfe weg und drehte ſich noch mehr der Seite zu, wo Herr Pecksniff ſaß; allmaͤhlig öffnete er auch die Augen und lag nun, wie es bei Per⸗ ſonen, die eben erſt aus dem Schlaf erwachen, zuweilen zu geſchehen pflegt, ein Paar Minuten ſchweigend da und blickte gleichgültig und ohne ein klares Bewußtſein von ſeiner Gegenwart den zum Beſuche gekommenen Fremden an. In dieſen Vorgängen lag freilich nichts Merkwürdi⸗ ges als gerade etwa der Einfluß, welchen ſie auf Herrn Pecksniff ausübten und der durch die merkwürdigſten Na⸗ turerſcheinungen kaum hätte übertroffen werden können. Seine Hände krallten ſich allmählig feſt an die Armleh⸗ nen des Stuhls an, ſeine Augen ſtierten weit geöffnet drein, der Mund öffnete ſich gähnend und das Haar auf ſeiner Stirne richtete ſich noch ſteifer und höher empor, als dieß gewöhnlich zu geſchehen pflegte, bis zuletzt, als der alte Herr ſich plötzlich im Bette erhob und faſt ebenſo Zweifel des Beſuchers ſich lösten und ſeiner gepreßten, keuchenden Bruſt ſich die Worte entrangen: 7 8 betroffen Pecksniff anſtierte, als dieſer ihn, ſämmtliche. „Sie ſind Martin Chuzzlewit?!“ Seine Ueberraſchung und Betroffenheit bei dieſen Wor⸗ ten war ſo unbefangen und natürlich, daß der alte Mann, obwohl er ſich ſehr geneigt fühlte, ſie für erheuchelt zu halten, ſich von ihrer Wirklichkeit und Wahrheit doch überzeugen ließ. „Ja, ich bin Martin Chuzzlewit,“ erwiderte der alte„ Herr bitter:—„Martin Chuzzlewit wünſcht aber, Sie wären vorher gehängt worden, ehe Sie hieher kamen, um ihn im Schlafe zu ſtören. Wahrlich, es träumte mir von dieſem Burſchen,“ fuhr er fort, indem er wieder in die Kiſſen zurückſank und ſein Geſicht abwandte,—„be⸗ vor ich noch wußte, daß er in meiner Nähe war.“ „Beſter Vetter!.....“ hub Herr Pecksniff an. „Nichtig, das ſind wieder ſeine erſten Worte!“ rief der alte Heir, ſchüttelte ſein graues Haupt auf den Kiſſen hin und her und ſtreckte die Hände empor.„Mit ſeinen erſten Worten rief er mir ſeine Verwandtſchaft in's Ge⸗ dächtniß! Ich wußte es ja,— das thun ſie Alle; ob nahe oder fern, ob durch Blut oder Waſſer verwandt, gilt ihnen Allen gleich. Pfuil was für eine lange Reihe von Lug und Trug und Heuchelei und Wohldienerei und falſchem Gezeugniß bringt mir nicht der Laut eines jeden freundlichen Wortes von Verwandten in's Gedächtniß.“ „Uebereilen Sie ſich doch nicht, Herr Chuzzlewit!“ erwiderte Pecksniff in einem Tone, worin zugleich der höchſte Grad des Mitgefühls und der Leidenſchaftsloſigkeit lag, denn er hatte inzwiſchen Zeit gehabt, ſich von ſeinem Erſtaunen zu erholen und ſich wieder vollſtändige Selbſt⸗ beherrſchung über fein tugendhaftes Ich anzueignen;z 183 „ich bin überzeugt, Sie würden Ihr vorſchnelles Urtheil innig bereuen!“ „Das ſeid Ihr überzeugt?“ fragte Martin voll Ver⸗ achtung. „Allerdings!“ gab Herr Pecksniff zur Antwort.„Ja, ja, Herr Chuzzlewit, das bin ich; glauben Sie ja nicht, daß es mir einfalle, Ihnen zu ſchmeicheln oder um den Bart zu gehen,— nichts liegt weniger in meiner Ab⸗ ſicht. Nein, mein Herr, quälen Sie ſich ja nicht mit der Beſorgniß, daß ich das anſtößige Wort wiederholen würde, das Ihnen ſo eben ſo viel Aerger bereitet hat!— Was ſollte ich auch von Ihnen erwarten? Was von Ih⸗ nen begehren? Wie es mich bedünken will, beſitzen Sie ja ohnedieß Nichts, Herr Chuzzlewit, was Ihnen ein Glück bereiten könnte, um welches Andere Sie beneiden ſollten!“ „Das iſt, leider Gottes! wahr,“ murmelte der alte Herr vor ſich hin. „Abgeſehen von dieſer meiner Anſicht,“ ſprach Herr Pecksniff weiter, der ganz genau beobachtete, was für einen Eindruck dieſe ſeine Rede auf den Alten machte,— „muß es Ihnen, wie ich überzeugt bin, inzwiſchen ganz klar geworden ſein, daß ich, falls ich den Wunſch gehegt hätte, mich in Ihre Gunſt zu ſetzen, es ſicherlich vor Allem vermieden haben würde, Sie als Verwandten zu begrüßen, da ich Ihre Stimmung kenne und im Voraus überzeugt ſein durfte, hiedurch den ſchlechteſten Empfeh⸗ lungsbrief bei Ihnen zu haben.“ Martin gab hierauf keine Antwort in Worten, allein er geſtand doch, wenn auch nur durch eine Bewegung ſei⸗ ner Beine unter der Bettdecke, deutlich genug zu, daß in Pecksniff's Worten ſo viel Vernunft liege und auſſer allem Zweifel geſetzt ſei, daß er dieſe ſeine Anſicht mit Worten nicht deutlicher hätte ausdrücken können. „Nein,“ fuhr Herr Pecksniff ſort, indem er noch im⸗ mer die Hand in der Weſte behielt, als wäre er jeden Augenblick bereit, nöthigenfalls ſein Herz, Herrn Martin 184 Chnzzlewit zur Einſicht vorzulegen,—„nein, Herr Chuzz⸗ lewit, ich kam nur hieher, um einem landfremden Men⸗ ſchen meine Dienſte anzubieten. Bei Ihnen wage ich dieß jedoch nicht zu thun, weil ich wohl weiß, daß ich dadurch nur Ihr Mißtrauen erwecken wurde. So lange Sie aber auf dieſem Bette liegen, betrachte ich Sie ebenfalls als einen landfremden Menſchen, und nehme an Ihnen im ſelben Maße Antheil, wie ich an jedem Fremden in Ihrer Lage ſicherlich thun würde. Außerdem bleibe ich Ihnen hinfort eben ſo fremd, als Sie mir, Herr Chuzzlewit.“ Als er dieſen Sermon vollendet, lehnte ſich Herr Pecksniff ſo ſtrahlend von uneigennütziger Ehrlichkeit in den Großvaterſtuhl zurück, daß Frau Lupin ſich beinahe wundern wollte, daß keine Glorie von farbigem Glas, wie ſie die Heiligen in den Kirchen tragen, um ſein Haupt her leuchte. Eine lange Pauſe entſtand nun, in welcher der alte Herr mit wachſender Unruhe einigemale ſeine Lage wech⸗ ſelte, Frau Lupin und die junge Dame aber mit lautloſer Aufmerkſamkeit nach der Bettdecke blickten. Herr Pecks⸗ niff ſpielte, in tiefes Sinnen verloren, mit ſeiner Lorgnette und drückte die Augen zu, um deſto beſſer ſeinen Gedan⸗ ken nachhängen zu können. 1 „Wie meinen Sie?“ fragte er endlich und blickte plötzlich wieder auf und nach dem Bette hin;„entſchuldi⸗ gen Sie, Sir! ich dachte, Sie hätten mit mir geſprochen. — Frau Lupin,“ fuhr er fort, indem er langſam auf⸗ ſtund,—„ich merke nun wohl, daß meine Anweſenheit hier in jeder Beziehung überflüſſig iſt. Der Herr hier befindet ſich nun beſſer, und Sie ſind ja unter den obwal⸗ tenden Umſtänden die beſte Wärterin, die er ſich verſchaffen kann.— Was ſagen Sie dazu?“ 4 Dieſe letztere Frage that er nur, weil der alte Herr im Bette ſich ſo eben wieder umgedreht und, ſeit er ſich zum erſtenmal abgewandt, ſein Geſicht Herrn Pecksniff zugekehrt hatte.. „Wenn Sie mir noch Eiwas zu ſagen Haben, ehe 4 8 8 185 ich weggehe, Sir, ſo ſtehe ich Ihnen zu Dienſten!“ fuhr Herr Pecksniff nach einer andern Pauſe fort;—„nur muß ich dabei um meiner ſelbſt willen mir ausbedingen, daß Sie mich ganz wie einen Fremden, ja wie einen landfremden Menſchen behandeln!“. Wenn nun Herr Pecksniff aus irgend einer aus⸗ drucksvollen Geberde ſeines Verwandten Martin Chuzzle⸗ wit abnahm, daß dieſer mit ihm zu ſprechen wünſche, konnte er dieß nur gemäß eines in Melodramen gewöhn⸗ lich vorkommenden Hülfsmittels bemerkt haben, kraft deſſen der ältliche Pächter mit dem komiſchen Sohne ſtets weiß, was das naive ſtumme Mädchen meint, wenn ſie ſich in ſeinen Garten flüchtet und ihre perſönlichen Erlebniſſe in unverſtändlicher Pantomime erzählt. Ohne ſich indeß zu einer nähern Forſchung über dieſen Punkt zu bequemen, bedeutete Martin Chuzzlewit ſeiner jungen Gefährtin durch ein Zeichen, daß ſie ſich entferne, was ſie denn auch als⸗ bald ſammt der Wirthin that, ſo daß ſie Herrn Pecks⸗ niff und den alten Herrn allein und ungeſtört beiſammen ließen. Dieſe Beiden nun, ſtierten einander eine Weile ſchweigend an, oder vielmehr der alte Herr firirte Herrn Pecksniff ſcharf, während dieſer ſeine Augen wiederholt für die Außenwelt verſchloß und ſeine ganze Aufmerffamkeit gleichſam nach innen kehrte. Wie reichlich ihm ſeine Mühe vergolten ward und welche lieblich reizende Aus⸗ ſicht er genoß, ging aus dem Ausdruck ſeines Geſichts klar genug hervor. „Sie wünſchen alſo,“ fragte der alte Herr,„daß ich zu Ihnen wie zu einem landfremden Menſchen ſpreche?“ Statt aller Antwort zuckte Herr Pecksniff von Neuem ſeine Achſeln und ließ die Augen ſichtbar in ihren Höhlen umherlaufen, bevor er ſie öffnete, indem er dadurch zu erkennen geben wollte, daß er ſich noch immer gedrungen ſehe, einen Wunſch in dieſer Beziehung zu hegen. „Ihrem Geſuche ſoll willfahrt werden!“ fuhr Martin fort,„ich bin ein reicher Mann, Sir! vielleicht nicht ſo reich, als einige vermuthen, aber immer noch wohlhabend; d 186 ich bin kein karger Filz, Sir, obwohl man mir, wie ich höre, dieſen Vorwurf macht und auch allgemein glaubt. Das Aufhäufen von Schätzen macht mir eben ſo wenig Vergnügen als der Beſitz von Geld; der Teufel, welchen wir mit dieſen Namen bezeichnen, vermag mir nichts als Unglück und Unfrieden zu geben.“ Wir würden Herrn Pecksniffs leutſelige Sanftmuth ſchlecht beſchrecben, wenn wir dem gemeinen Sprachge⸗ brauch gemäß ſagen würden, er habe in dieſem Augen⸗ blick ausgeſehen, als zerfließe ihm Butter im Munde; er ſah vielmehr eher aus, als ob man eine Quantität Butter aus ihm hätte machen können, falls man den Nahm men⸗ ſchenfreundlichen Wohlwollens ausgerührt hätte, der jetzt ſeinem Herzen zu entquellen ſchien. „Eben, weil ich nicht gerne Geld aufhäͤufe,“ fuhr der Alte fort;—„habe ich auch keinen Grund, es zu ver⸗ ſchwenden. Manche Menſchen finden ihr Vergnügen darin, es einzuſperren, und Andere wieder, es mit vollen Händen zu vergeuden; mir aber macht gar nichts Spaß, was ſich hierauf bezieht. Kummer und Bitterkeit ſind die einzigen Güter, die es mir je verſchaffen konnte. Darum haſſe ich das Geld und betrachte es als ein Geſpenſt, das vor mir her durch die Welt wandert und mir jedes geſellige Ver⸗ gnügen verbittert und vergällt.“ In Herrn Pecksniff's Geiſte mochte ein Gedanke auf⸗ geſtiegen ſein, der ſich alsbald auf ſeinem Antlitz kund gab, ſonſt würde Martin Chuzzlewit wohl nicht ſo raſch und ernſt erwidert haben: 3 „Sie möchten mir vielleicht um meiner Gemüthsruhe willen den Rath geben, mich der Hauptquelle meines Un⸗ glücks zu entledigen und ſie auf Jemand zu übertragen, der ihrer beſſer Herr zu werden vermag. Sie ſelbſt wür⸗ den vielleicht einwilligen, mich von einer Bürde zu be⸗ freien, die ſo drückend auf mir laſtet. Allein, mein gü⸗ tiger Fremdling!“ fuhr der Alte ſort, deſſen Geſicht ſich bei dieſen Worten immer mehr umdüſterte,—„mein lieber chriſtlich geſinnter Fremdling! das iſt eben ein 4 187 Hauptgegenſtand meines Kummers. Die Erfahrung hat mich gelehrt, daß das Geld in gewiſſen Händen nur Gu⸗ tes wirkte; bei Andern aber habe ich erfahren, daß es über die Leute trinmphirte und mit Recht von ſich rühmte, wie es der Hauptſchlüſſel zu all den ehernen Thoren ſei, welche die Pfade zu weltlicher Ehre, Reichthum und Luſt verſchließen. Sagen Sie mir nun: welchem Mann oder Weib, welchem würdigen, ehrbaren und unbeſtechlichen Weſen ſoll ich jetzt oder erſt nach meinem Tode einen ſolchen Talisman anvertrauen? Iſt Ihnen eine ſolche Per⸗ ſon bekannt? Ihre eigenen Tugenden ſind freilich un⸗ ſchätzbar, allein wuͤßten Sie mir nicht ein anderes leben⸗ des Weſen zu nennen, das die Feuerprobe eines ſteten Umgangs mit mir aushalten wurde?“ „Steten Umgangs mit Ihnen, Sir?“ wiederholte Pecksniff fragend. „Die Feuerprobe ſteten Umgangs mit mir, ja!— Sie haben ja wohl ſchon von dem Unglück des Mannes im Mährchen gehört, dem der frevle Wunſch erfüllt wurde, daß Alles, was er berühre, zu Gold werde? Der Fluch meines Lebens und die Erfüllung meines eigenen thörichten Wunſches iſt es, daß ich immer durch das goldene Banner, womit ich mich umgebe, gezwungen bin, das Metall aller andern Menſchen zu prüfen und es hohl und falſch zu finden.“ „Das iſt ein Vorurtheil von Ihnen,“ erwiderte Herr Pecksniff kopfſchüttelnd. „Ci, ei!“ rief der Alte,„Vorurtheil nennen Sie das?— Sehen Sie, gerade an dieſer Aeußerung erkenne ich den Klang Ihres äachten, unweltlichen Metalls!— Ich verſichere Sie, Menſch!“ fuhr er mit ſteigender Bit⸗ terkeit fort,„daß ich, ein reicher Mann, mich unter Leu⸗ ten aller Claſſen und Arten, unter Verwandten, Freunden und Fremden umhergetrieben habe,— unter Leuten, in welchen ich Vertrauen ſetzte, als ich noch arm war und in welchen ich mich auch nicht täuſchte, da ſie mich nie tänſchten, noch ſich um meinetwillen ſelbſt Unrecht thaten. ——— 188 Seit ich aber reich geworden bin und allein daſtehe, habe ich nicht ein einziges Weſen aufgefunden, worin ich nicht die tiefliegende Verworfenheit zu entdecken genöthigt gewe⸗ ſen wäre, die ſich in ihm birgt und nur dann zum Vor⸗ ſcheine kommt, wenn es mit einem Manne von meinem Schlage in Berührung gebracht wird. Verrath, Trug, gemeine Angeberei— Haß unter all den wirklichen oder vermeintlichen Bewerbern um meine Gunſt, Gemeinheit, Falſchheit, Niederträchtigkeit und Kriecherei oder auch— und hiebei faßte er ſeinen Vetter ſcharf in's Auge— oder auch vorgebliche, ehrenhafte Unabhängigkeit, die noch ſchlimmer iſt als alle andern übrigen,— dieß ſind die Schön⸗ heiten, welche mein Reichthum mir vor Augen gezaubert hat! Haß des Bruders gegen den Bruder, Zwiſt der Kinder mit den Eltern, Verrath der Freunde am Freunde — das waren die Erfahrungen aus meinem Umgange, die mich auf meinem Lebenswege begleitet haben! Es gibt An⸗ ſichten von reichen Männern— gleichviel ob ſie wahr oder falſch ſind— die unter dem Kleid der Armuth nur Tugend aufgefunden und ſie belohnt haben; ſie erſcheinen mir, um ihrer Mühe willen, nur Thoren und Narren, denn ſie häͤtten ihre Forſchungen nur unter ihres Glei⸗ chen anſtellen ſollen; ſie hätten zeigen ſollen, daß ſie ſelbſt Objekte ſind, die nur dazu beſtimmt ſcheinen, beraubt und geplündert, in Cabalen verwickelt und von jedem Schurken gehätſchelt zu werden, der aus Freude über das Gelingen ſeines Trugs dem bethörten Verblichenen noch auf den Sarg geſpuckt haben würde; in dieſem Falle hätte ihre Forſchung zum gleichen Reſultat geführt wie die meine, und auch ihr Loos wäre nicht anders geworden als das meinige!? Herr Pecksniff war einen Augenblick in Verlegenheit, was für eine Bemerkung in der momentanen Pauſe, welche auf dieſe Reflerionen ſeines Vetters erfolgte, wohl am geeignetſten ſein würde, und machte daher einen mühſamen Verſuch, etwas ſehr Orakelhaftes von ſich zu geben, in⸗ dem er die Ueberzeugung ausſprach, der alte Mann könnte 189 ihn unterbrechen, bevor er noch ein Wort geäußert hätte. Auch hatte er ſich hierin wahrlich nicht verrechnet, denn Martin Chuzzlewit hatte nur Athem holen wollen, um alsdann fortzufahren, wie folgt: „Hören Sie mich zu Ende! Ziehen Sie daraus den Schluß, was für einen Nutzen Ihnen die Wiederholung Ihres Beſuchs bringen könne, und verlaſſen Sie mich als⸗ dann! Ich habe das Weſen all derer, die ſich je an mich anſchloſſen, durch Nährung ihrer eigennützigen Com⸗ plotte und Hoffnungen in ihrem Buſen ſo verderbt und umgewandelt— ich habe durch Umgang mit Gliedern meiner eigenen Familie ſo viel häusliche Zwietracht und Uneinigkeit entzündet— ich warf unter zuvor friedliche Dächer eine ſo verheerende Fackel, die alle die böſen Gaſe und Dünſte in ihrer moraliſchen Atmoſphäre ent⸗ ſlammte, welche ohne mein Hinzuthun bis an's Ende un⸗ ſchädlich geblieben wären, daß ich jetzt kecklich eingeſtehen darf, daß ich mich Allen, die mich kannten, durch die Flucht entzog, in verſteckten Plätzen ein Aſyl ſuchte und in letzter Zeit nur das Leben eines geijetzten Wildes führte. Das junge Mädchen, welches Sie vorhin bei mir ſahen — wie! Ihr Auge blitzt ja, wenn ich nur von ihr rede! Sie haſſen Sie wohl ſchon, nicht wahr?“ „Gewiß nicht, auf mein Wort!“ verſetzte Herr Pecks⸗ niff und legte betheuernd und geſenkten Blicks die Hand auf die Bruſt.. „Vergeben Sie mir, ich vergaß mich!“ rief der Alte und faßte Pecksniff ſo ſcharf ins Auge, daß dieſer es zu ſühlen ſchien, wenn er gleich ſeine Augen nicht aufſchlug, um ſich davon zu überzeugen;—„vergeben Sie mir, ich vergaß, daß Sie mir ganz fremd ſind. Ich dachte in dieſem Augenblick nur an einen gewiſſen Pecksniff, der ein Verwandter von mir iſt. Nun ja, um wieder auf meine vorige Rede zurückzukommen— das junge Mädchen, das Sie vorhin bei mir ſahen, iſt eine junge Waiſe, welche ich für einen einzigen beſtimmten Zweck erzogen und ge⸗ nährt oder, wenn Ihnen der Ausdruck beſſer gefällt, adoptirt habe; ſchon ſeit einem Jahre oder drüber iſt ſie beſtändig um mich und meine einzige Begleiterin; ich habe, wie ſie wohl weiß, einen feierlichen Eid geleiſtet, ihr, im Falle meines Todes nicht ſechs Pfennige zu vermachen;— ſo lange ich jedoch lebe, bezieht ſie von mir einen jährlichen Gehalt, deſſen Betrag weder übermäßig noch kärglich iſt. Wir ſind gegenſeitig übereingekommen, daß Keines von uns je einen Ausdruck zärtlicher Liebkoſung gegen das Andere gebrauchen, ſondern Jedes von uns das Andere nur bei ſeinem Taufnamen anreden darf. Auf dieſe Weiſe iſt ſie, ſo lange ich lebe, durch die gewaltigen Bande des Nutzens an mich gekettet und wird mich, da ſie durch meinen Tod nur Verluſt erleiden und keine ihrer Hoffnungen und Er⸗ wartungen getäuſcht ſehen kann, vielleicht ſogar betrauern; allein dieß kümmert mich wenig. Sie iſt auf dieſe Weiſe die einzige Art von Freundin, die ich habe oder haben will. Nehmen Sie ſich daher aus dieſen Nachrichten ab, wie nutzbar Sie dieſe Stunde in meiner Geſellſchaft ver⸗ bracht haben, und verlaſſen Sie mich jetzt, um nie wieder zurückzukehren.“ Mit dieſen Worten ſank der Alte langſam in ſeine Kiſſen zurück; Herr Pecksniff aber erhob ſich eben ſo lang⸗ ſam, räusperte ſich anſtatt einer Vorrede und hub nun folgendermaßen zu ſprechen an: „Herr Chuzzlewit... „Was iſt's? gehen Sie!“ fiel ihm der Andere in's Wort,„ſo viel im Allgemeinen; ich bin Ihrer herzlich ſatt 8 „Das thut mir ſehr leid,“ verſetzte Pecksniff,„ich habe mich jedoch noch einer Pflicht gegen Sie zu entle⸗ digen, von welcher Sie mich, das dürfen Sie überzeugt ſein, nicht zurückſchrecken ſollen! Nein, Sir, Sie können es in der That nicht!“ Es iſt leider eine Thatſache, daß der Alte, als Herr. Pecksniff ſo hoch aufgerichtet und in aller Würde der Tu⸗ gend neben dem Bette ſtand und ihn anredete, einen ſchee⸗ ken Blick auf den metallenen Leuchter warf, als fühlte er ſich nicht weniger geneigt, ihn ſeinem Vetter an den Kopf — 191 zu werfen; er bezwang ſich jedoch müheſam und bedeutete ihm mit einem Fingerzeig nach der Thüͤre den Weg, den er einzuſchlagen ihm rathe. „Ich danke,“ verſetzte Herr Pecksniff,„ich weiß das ſelbſt und werde mich entfernen, ſobald es mir beliebt. Allein bevor ich dieß thue, muß ich Sie um Gehör bitten, Herr Chuzzlewit; ja ich verlange noch mehr, indem ich Ihnen feierlichſt wiederhole: Sie werden und müſſen mich anhören. Alles das, was Sie mir heute Abend mitge⸗ theilt haben, Sir, hat mich durchaus nicht betroffen ge⸗ macht, denn ich finde es ſehr natürlich und habe es dem größten Theil nach ſchon zum Voraus gewußt. Ich will freilich nicht behaupten,“ fuhr Herr Pecksniff fort, indem er ſein Taſchentuch hervorholte und wie unwillkürlich mit beiden Augen zumal blinzelte,„ich will freilich nicht be⸗ haupten, daß Sie ſich in mir getäuſcht haben, denn ich möchte Ihnen in Ihrer gegenwärtigen Gemüthsverfaſſung um die ganze Welt nichts Aehnliches zur Laſt legen. Nur möchte ich in der That beinahe wünſchen, ein anderes Naturell zu beſitzen, um ſelbſt dieſes geringe Bekenntniß meiner Schwäche, das ich Ihnen nicht verbergen kann, obwohl es demüthigend iſt, zu unterdrücken; doch denke ich, Sie werden es voll Nachſicht entſchuldigen. Wir könnten ja,“ ſetzte Herr Pecksniff mit äußerſt geſchmei⸗ digem Weſen hinzu—„falls es Ihnen beliebte, behaup⸗ ten, es verdanke ſeiner Entſtehung einem Schnupfen oder einer Priſe Schnupftabak oder Riechſalz oder Zwiebeln oder irgend einer anderen als der wahren Urſache!“ Hiemit hielt er einen Augenblick inne und verbarg ſein Geſicht unter das Taſchentuch, dann aber faßte er mit der einen Hand den Bettvorhang und hub mit einem verlegenen Lächeln auf's Neue an: „Sehen Sie, Herr Chuzzlewit, wenn ich mich auch einen Augenblick vergeſſen konnte, ſo bin ich es doch mei⸗ nem Selbſtgefühl ſchuldig— und in der That, Herr, ich beſitze ein Selbſtgefühl, das mein höchſtes Gut und das Theuerſte iſt, was ich meinen beiden Köchtern hinter⸗ 19² laſſen kann— bin ich es doch mir ſelbſt ſchuldig, Ihnen in Ermanglung Anderer zu geſtehen, daß Ihr Verfahren höchſt unrecht, unnatürlich, tadelhaft und abſcheulich iſt. Ich verſichere Sie, Sir,“ fuhr Pecksniff ſort, indem er ſich unter den Bettvorhängen auf den Zehenſpitzen erhob, als wolle er ſich buchſtäblich über alle irdiſche Rückſichten erheben und ſich in dieſer Stellung recht feſthalten, um nicht Gefahr zu laufen, wie eine Rakete gen Himmel zu ſteigen,—„ich verſichere Sie, ohne Furcht vor ihrer Mißgunſt, daß es Ihnen durchaus nicht zukommt, Ihren Enkel, den jungen Martin, der die unbeſtreitbarſten und natürlichſten Anſprüche an Sie hat, ſo ganz außer Augen zu ſetzen! Ja, mein Herr!“ ſprach er mit erhöhtem Nach⸗ druck und mißbilligendem Kopfſſchütteln,„ich verſichere Sie, daß Sie Unrecht haben, wenn Sie ſich auch in Ihrem Rechte glauben; es iſt Ihre Pflicht und Schuldig⸗ keit, für dieſen jungen Mann zu ſorgen, und ich bin über⸗ zeugt, Sie werden es auch thun; ſa ich glaube ſogar,“ ſetzte er mit einem Blick auf die Schreibmaterialien hinzu, „daß Sie es insgeheim ſchon gethan haben! Gott ſegne Sie dafür, Sir, daß Sie es gethan haben— Gott ſegne Sie, wenn Sie mich auch dafur haſſen— und ſo⸗ mit gute Nacht!“ Bei dieſen Worten winkte Herr Pecksniff höchſt feier⸗ lich mit der Rechten, ſteckte ſie alsdann wieder in die Weſte und entfernte ſich. Er ſchien zwar ſehr aufgeregt, allein ſein Schritt war dennoch feſt; menſchliche Schwä⸗ chen konnten ihn zwar anfechten, allein ſein gutes Ge⸗ wiſſen erhob ihn doch darüber. Martin blieb einige Zeit ſtille liegen und auf ſeinen Zügen malte ſich ſchweigende Verwunderung, in welche ſich gleichwohl einiger Groll miſchte; endlich aber mur⸗ melte er ſchweigend vor ſich hin: „Was bedeutet das Alles? Sollte ſich der falſche Bube dieſen Kerl, der mich eben verließ, zum Werkzeuge gewählt haben? Und warum denn nicht? Auch er hat ſich gegen mich verſchworen wie die Andern, denn Alle —9,=ͤl& —. —— 82—SA 3₰ — 2 nur⸗ ſſche euge at Alle 193 ſind Vögel von gleichem Gefieder. Schon wieder ein neues Komplott, eine neue Sippſchaft! O, ſchnöde arge Selbſtſucht! Wohin ich mich auch wende, Nichts als Selbſt⸗ ſucht.— Er ſpielte mit der Aſche des verbrannten Pa⸗ piers auf dem Unterſatz des Leuchters, als er zu ſprechen aufgehört hatte, und ſchien anfangs in völliger Zerſtreu⸗ ung befangen, allein bald ward das kaum zuvor zernich⸗ tete Papier ſelbſt wieder der Gegenſtand ſeiner Gedanken. „So habe ich wiederum ein Codicill gemacht und zerſtört!“ ſprach er;—„noch iſt Nichts entſchieden, Nichts gethan und doch hätte ich heute Nacht ſterben können? Nun wird mir's plötzlich klar, welch ein ſchnöder Ge⸗ brauch von all dieſem Gelde gemacht werden wird,“ rief er aus und krümmte ſich faſt krampfhaft in ſeinem Bette; „erſt hat es mir mein ganzes Leben durch Sorgen und Elend verbittert und nun ſoll es gar noch nach meinem Tode Zwietracht und ſchlimme Zwecke fördern? Aber ſo iſts einmal; wie viel Prozeſſe keimen nicht jeden Tag empor aus den Gräbern reicher Männer und ſäen Trug, Haß und Lüge unter Blutsverwandten aus, wo Nichts als Liebe und Eintracht herrſchen ſollte! Gott ſteh' uns bei, wir haben viel zu verantworten! o, ſchnöde arge Selbſtſucht! Jedermann denkt nur zunächſt nur an ſich ſelbſt, und nicht Ein Weſen kümmert ſich um mich.“ 8 ſchnöde, weit verbreitete Selbſtſucht! Haſt Du nicht auch Deinen Schatten über dieſe Reflexionen und Martin Chuzzlewit's eigene Geſchichte gebreitet, wie uns ſein Beiſpiel an die Hand gibt?! Boz, Chuzzlewit. I. 13 19⁴ Viertes Kapitel. Woraus klar hervorgehen wird, daß, wenn Einigkeit Kraft wäre, und Liebe in einer Familie ein erquicklicher Anblick, die Chuzzlewits 4 die ſtärkſte und liebenswürdigſte Familie in der Welt ſein würden. gſ Als der ehrenwerthe Herr Pecksniff ſich mit den im letzten Kapitel erzählten feierlichen Reden von ſeinem Vetter verabſchiedet hatte, begab er ſich in ſeine eigene Wohnung und blieb drei volle Tage dort. Der gute Mann wagte nicht einmal Spaziergänge über das Weich⸗ bild ſeines eigenen Gartens hinaus zu unternehmen, um ſtets zur Stelle zu ſeyn, falls er einmal eiligſt an das Bette ſeines reumüthigen, unter Gewiſſensbiſſen leidenden Verwandten gerufen würde, weil er ſich in ſeiner allum⸗ faſſenden Gutmüthigkeit zum Grundſatz gemacht hatte, ihm unumwunden und unbedingt zu vergeben und ihn unter allen Umſtänden auf eigene Fauſt zu lieben. Die Hartnäckigkeit und Erbitterung des finſtern Alten waren jedoch von der Art, daß keine reumüthige Vorladung er⸗ ſchien und der vierte Tag nach jenem Zuſammentreffen Herrn Pecksniff offenbar vom Ziele ſeiner chriſtlichen Wünſche weiter entfernt fand, als der erſte. Während dieſes ganzen Zwiſchenraumes ſpukte er Tag und Nacht zu jeder Zeit in der Nachbarſchaft des blauen Drachen umher und legte, indem er Böſes mit Gutem vergalt, für die Lage des hartnäckigen Kranken die in⸗ nigſte Sorgfalt an den Tag, ſo daß Frau Lupin über ſeiner uneigennützigen Beſorgniß— weil er mehr als einmal ihr in's Gedächtniß rief, daß er dies für jeden Fremden K oder Nothleidenden in gleichen Umſtänden gleicherweiſe thun würde— faſt verſchmolz und manche Zähre der Bewunderung und des Entzückens über ihn vergoß. Mitt⸗ lerweile ſchloß ſich der alte Martin Chuzzlewit in ſein eigenes Zimmer ein und verkehrte mit Niemanden, als ſeiner jungen Begleiterin und zuweilen mit der Wirthin „ lichen Tönen auspreßte; 195 des blauen Drachen, der er ebenſalls Zutritt bei ſich geſtattet hatte.— Nur beobachtete Martin ſtets die Vor⸗ ſicht ſich, ſchlafend zu ſtellen, ſo oft die Wirthin ſein Zimmer betrat. Wenn er hingegen mit der jungen Dame allein war, bequemte er ſich im Nothfalle dazu, ein Wöͤrtchen zu äußern und irgend eine gleichgültige Frage zu beantworten, woraus denn Herr Pecksniff, welcher zuweilen an der Thüre lauſchte, den Schluß zog, daß der Alte ſehr geſprächig ſeyn müßte, wenn er ſich mit ſeiner Begleiterin allein fand. Da begab es ſich, daß Herr Pecksniff, als er am Abend des vierten Tages wie gewöhnlich in das Schenk⸗ ſtübchen des Drachen kam und Frau Lupin hier nicht anweſend fand, geraden Weges die Treppe hinanſtieg und ſich entſchloß, kraft ſeines lieben alten Eifers für den verlaſſenen Mann ſein Ohr wieder zum Schlüſſelloch zu halten und ſein Gemüth dadurch zu beruhigen, daß er ſich ſelbſt vom Wohlbefinden des hartnäckigen Kranken über⸗ zeuge. Diesmal trug es ſich jedoch zu, daß Herr Pecksniff, als er ſachte den dunkeln Gang heraufkam, auf welchen gewoͤhnlich ein ſpiralförmiger Lichtſtrahl ſich durch beſag⸗ tes Schlüſſelloch herausſtahl, höchlich verwundert war, bemeldeten Lichtſtrahl nicht zu entdecken; und es begab ſich ferner, daß Herr Pecksniff, als er tappend den Weg zur Zimmerthüre ſich gebahnt hatte und hurtig ſich her⸗ niederbeugte, um ſich durch eigene Anſchauung zu über⸗ zeugen, ob der Neid des alten Mannes und ſein ſtets waches Mißtrauen ihm den Rath gegeben, das Schlüſ⸗ ſelloch von innen zu verſtopfen— ſeinen Kopf in ſolch hef⸗ tige Berührung mit einem anderen Haupte brachte, daß er unwillkürlich, hörbar genug, in den einſilbigen Ausruf: „O ausbrach, den ihm der Schreck in ſcharfen deut⸗ . es traf ſich ferner zu guter Letzt, daß Herr Pecksniff ſich mnſsſahf dadif be einen Weſen beim Hals gepackt fühlte, das einen Geruch wie von mehreren naſſen Regenſchirmen, einer Tonne Bier, 13* — 196 einem Fäßchen warmen Grogs und einer kleinen Stube voll übernächtigen Tabacksrauchs untereinander um ſich verbreitete— daß er ferner geraden Weges ſich in das Schenkſtübchen hinunterbefördert fühlte, das er kaum zu⸗ vor verlaſſen und woſelbſt er jetzt inne ward, daß er ſich in der Gewalt und vor dem Forum eines landfrem⸗ den Herrn von noch befremdenderem Aufzuge befand, der mit der andern ledigen Hand emſig ſeine Stirne rieb und ſcheelen Blickes auf Pecksniff ſchaute. Der Aufzug des fremden Herrn war von der Art, die man gewöhnlich„nobel verlumpt“ nennt, wiewohl ſich hinſichtlich ſeiner Tracht dies kaum bis auf die Er⸗ tremitäten anwenden ließ, zumal ſeine Finger weit aus den Handſchuhen hervorlugten und ſeine Fußſohlen ſich in unzweckmäßiger Entfernung von dem Oberleder der Stiefel hielten. Die Beinkleider des Fremden waren von bläulichgrauer Farbe, die früher ſehr ſchreiend geweſen, nun aber durch Alter, Abnutzung und Schmutz ziemlich gedämpft war; auch war beſagtes Kleidungsſtück durch einen hartnäckigen Zwiſt zwiſchen den ſtraff angeſpann⸗ ten Hoſenträgern und Hoſenſtegen ſo ſehr ausgedehnt und angeſpannt, daß es jeden Augenblick Gefahr lief, über den Knien zu platzen. Sein Rock, von blauer Farbe und militäriſchem Schnitt, war mit Knöpfen und Litzen bis an's Kinn hinauf geſchloſſen und ſeine Halsbinde glich in Farbe und Zeichnung einem der Mäntel, worein die Her⸗ ren Haarkräusler ihre Kunden während der Vollziehung ihrer Berufsgeſchäfte zu hüllen pflegen. Sein Hut hatte eine Altersſtufe erreicht, welche die Entſcheidung ſehr er⸗ ſchwerte, ob er urſprünglich weiß oder von ſchwarzer Farbe geweſen ſey. Er trug jedoch einen Schnurrbart— fürwahr einen recht langen zottigen, keinen in dem be⸗ ſcheidenen und demüthigen, ſondern in ganz grauſamem und bramarbaſſirenden Style, eine wahrhaft ſataniſche Prachtausgabe— und dazu noch einen dichten Wald unge⸗ kämmten Haares. Der gute Mann war ſehr ſchmutzig und doch wieder ſehr galant, ſehr kühn und dabei doch ⁸⏑*8—N NK*A—— 197 zaghaft, ein wahrer Bramarbas und dabei doch äußerſt geſchmeidig— kurzum er war ganz das Ebenbild eines Mannes, der möglicherweiſe es hätte weiter bringen kön⸗ nen, und ohne Widerrede dabei auch das eines Andern, der etwas Schlimmes zu ſeyn verdiente. „Ihr habt an jener Thüre gehorcht, Tagdieb!?“ donnerte der fremde Herr Pecksniff an. Herr Pecksniff aber entledigte ſich ſeiner, wie etwa St. Georg glorrei⸗ chen Angedenkens den Drachen in ſeinem letzten Todes⸗ kampfe abgeſchüttelt haben würde, und erwiderte: „Wo iſt denn wohl die gute Frau Lupin? möchte ich fragen. Ob die gute Frau wohl weiß, daß eine Perſon hier iſt, welche...“—„Halt!“ rief der fremde Herr—„wart' ein Weilchen! Sie weiß darum, aber was geht das Euch an?“—„Was es mich angeht, Herr? welche Frage!“ rief Herr Pecksniff.—„Wiſſen Sie, Sir, daß ich ein Freund und Verwandter jenes Herrn bin? daß ich mir ſchmeichle, ſein Beſchützer, ſein Wärter, ſein...“—„Doch nicht der Gatte ſeiner Nichte zu ſeyn? darauf will ich ſchwören!“ fiel ihm der Fremde in's Wort—„denn der war vor Ihnen dort!“ „Was verſtehen Sie darunter?“ fragte Herr Pecks⸗ niff betroffen und entrüſtet;„was wollen Sie damit ſa⸗ gen, Sir?“—„Wart' ein Weilchen,“ verſetzte der An⸗ dere,„Sie ſind vielleicht ein Vetter von ihm— der Vetter, der hier am Ort und Stelle wohnt?“ „Allerdings!“ verſetzte Herr Pecksniff voll Würde, „allerdings bin ich der Vetter, wo hier anſäßig iſt!“ „Sie heißen Pecksniff?“ fragte der fremde Herr. „u dienen,“ gab dieſer mit leutſeligem Selbſtge⸗ fühl zur Antwort.—„Ich freue mich, Ihre Bekannt⸗ ſchaft zu machen, und bitte Sie um Vergebung!“ hub der Fremde von Neuem an, indem er an ſeinen Hut griff und ſodann hinter der Halsbinde nach einem Hemdkragen ſuchte, den er jedoch nicht zu Tage zu bringen vermochte —„Sie ſehen in mir einen Mann, Sir, dem der alte Herr droben im Stübchen ebenfalls nicht gleichgültig ſeyn 1 98 kann. Wark' ein Weilchen.“— Bei dieſen Worten legte er den Finger an die Spitze ſeiner langen Naſe, um dadurch Herrn Pecksniff verſtehen zu geben, daß er ihn alsbald in ein Geheimniß einweihen wolle, nahm alsdann den Hut ab und ſuchte hinter dem Futter deſſelben unter einer Maſſe zerknitterter Urkunden und kleiner Stückchen eines Stoffs, den man für die Deckblätter zerknitterter Cigarren haͤtte halten können, nach einem alten Briefkouvert umher, das mit Schmutz überzogen und überlaut von Tabacksduft geſchwängert war.—„Leſen Sie dies,“ rief er Herrn Pecksniff zu, indem er ihm das Papier hinreichte. „'s iſt eine Adreſſe an einen gewiſſen Chevy Slyme Esquire!“ ſprach Herr Pecksniff, als er einen Blick dar⸗ auf geworfen.—„Chevy Slyme Esquire iſt Ihnen wahrſcheinlich bekannt, Sir?“ fragte der Fremde. Herr Pecksniff zuckte die Achſeln, als wolle er ſagen: „Ich weiß, daß eine ſolche Perſon exiſtirt, aber es thut mir leid darum!“ „Schön, ſchön!“ antwortete der Fremde,„Sie wiſ⸗ ſen nun um den Zweck des Geſchäfts, das mich hieher führt.“ Bei dieſen Worten ſuchte er zum zweitenmal nach ſeinem Hemdkragen hinter der Halsbinde, und brachte das Band deſſelben zu Tage.—„Es thut mir leid, Euch ſagen zu müſſen, guter Freund!“ ſagte Herr Pecksniff kopfſchuͤttelnd und mit ruhigem Lächeln,„es thut mir leid, Euch ſagen zu müſſen, daß Ihr nicht die Perſon ſeyd, für welche Ihr gerne gelten möchtet! Ich kenne Herrn Slyme und bei mir könnt Ihr Euern Betrug nicht an⸗ wenden: Ehrlichkeit iſt beſſer als ein Kunſtgriff, und es wäre wahrlich vernünftiger, wenn Ihr ſolche Poſſen un⸗ terlaſſen würdet.“—„Halt!“ rief der Fremde und ſtreckte ſeinen rechten Arm von ſich, der ſo dicht in den abgeſchab⸗ ten Aermel des Rockes eingehüllt war, daß er durch ſein Ausſehen an eine Tuchwurſt erinnerte.„Wart' ein Weil⸗ chen!“— Er machte eine Pauſe, während welcher er ſich hart vor's Kamin ſtellte und dem Feuer den Rücken zudrehte, dann raffte er die Schöße des Rockes mit dem 199 linken Arm zuſammen, ſtrich mit Daumen und Zeigefinger der Rechten ſeinen Schnurrbart aus dem Munde und ließ ſich alſo vernehmen:—„Ich durchſchaue Ihren Irr⸗ thum, Sir, und fühle mich keineswegs beleidigt; und warum? Weil er im Gegentheil ſehr ſchmeichelhaft für mich iſt! Sie denken vielleicht, ich wolle mir etwa an⸗ maßen, Herr Chevy Slyme zu ſeyn? Ja, Sir, wenn noch ein Mann auf Erden lebt, für welchen gehalten zu werden einem Mann von Stande nur Ruhm und Ehre bringen kann, ſo iſt dieſer Menſch mein Freund Slyme, der— wie ich Sie verſichern darf— ohne Ausnahme der hochſinnigſte, mit dem abſoluteſten Freiſinn und Geiſte begabte Mann iſt, den man weitum finden kann; er iſt der originellſte, klaſſiſchſte, geiſtreichſte und talentvollſte Nann— ein Menſch, eines Shakeſpear, wo nicht eines Milton voll⸗ kommen würdig, und dabei doch— mit Herzbluten ſey esge ſagt— leider ſchmachvoll verkannt von der hündiſchen Menge. Allein wie geſagt, beſter Sir, ich erkühne mich nicht des eitlen Beſtrebens, für Slyme zu gelten. Jedem andern Mann auf dem weiten Erdenrunde achte ich mich füglich gleich,— Slyme aber ſteht— ich bekenne es offen— unendlich weit über mir— darum ſind Sie im Irrthum!“ „Ich ſchloß es daraus,“ erwiderte Herr Pecksniff⸗ auf das Briefcouvert deutend,„daß Sie mir dieſen Brief hier entgegenhielten!“ „Ei⸗ ja doch, ich begreife!“ verſetzte der fremde „Mann von Stande;—„allein ſehen Sie, Herr Pecks⸗ niff, der ganze Vorfall beſchränkt ſich am Ende nur auf ein Beiſpiel von den beſondern Eigenſchaften und Eigenthümlichkeiten des Genie's. Jeder Menſch von ächtem Genie hat ſeine Eigenthümlichkeiten, ſeine Son⸗ derlings⸗Cigenſchaften, und die meines Freundes Slyme, Sir, beſtehen darin, daß er ſtets hinter der Ecke wartet. Stets hält eer ſich um die Ecke, und dieß thut er ſogar auch in dieſem Augenblick. Und nun,“ ſprach der fremde Herr weiter, indem er bedeutſam mit dem Zeigefinger an der Naſenſpitze rüttelte, ſeine Beine weiter ausein⸗ 2⁰0 ander ſpreizte und Herrn Pecksniff aufmerkſam ins An⸗ geſicht blickte,—„und nun, Sir, kennen Sie dieſen merkwürdigen, ſeltſamen und intereſſanten Zug in Herrn Slyme's Charakter, welchen Herrn Slyme's Biograph,— falls je, wie ich nicht bezweifle, ſein Leben einer geſchicht⸗ lichen Schilderung würdig erachtet werden ſollte,— ganz beſonders hervorheben muß, wenn er gegen die Menſch⸗ heit gewiſſenhaft ſeyn will. Glauben Sie mir, die Menſchheit würde ſonſt viel verlieren.“ Herr Pecksniff konnte nicht umhin, ein Wenig zu hüſteln.—„Slyme's künftiger Biograph, wer er auch immer ſeyn möge,“ fuhr der fremde Herr mit einem neuen Anlauf wieder fort,„muß ſich an mich wenden, Sir; ſollte ich indeſſen bis dahin leider dem Dieſſeits entrückt, und nach jenem Dingskirchen da befoͤrdert wor⸗ den ſeyn, aus welchem noch nie Einer wieder zurückge⸗ kehrt iſt, ſo muß er ſich von meinen Teſtamentsvoll⸗ ſtreckern die Erlaubniß auswirken, meine Papiere deßhalb zu unterſuchen. Ich habe mir nämlich Mühe gegeben, in meiner eigenen ungelehrten Weiſe über die Erlebniſſe dieſes Mannes— meines Adoptiv⸗Bruders, Sir— ge⸗ wiſſe Aufzeichnungen und Bemerkungen zu ſammeln, worüber Sie erſtaunen würden. Sehen Sie, Sir, erſt, am fünfzehnten des vergangenen Monats, wie er eine Anweiſung nicht decken konnte, welche die Gegenpartei nicht verlängern wollte, erging er ſich in einer Sprache, Sir, die wahrlich Napoleon Bonaparte in einer ſeiner Anreden an die franzöſiſche Armee Cyre gemacht haben würde.“—„Würden Sie mir vielleicht gefälligſt ſagen,“ meinte Herr Pecksniff, dem hiebei ſicherlich nicht wohl zu Muthe ward,—„was etwa Herrn Chevy Slyme's Geſchäft hier iſt, falls Sie eine ſolche Frage nicht für unſtatthaft von einem Manne erachten, der, wie ich, ſich gedrungen ſieht, aus Rückſicht für ſeinen Charakter jedes nähere Intereſſe an ſeinen Unternehmungen von ſich zu weiſen?“—„Erlauben Sie mir,“ verſetzte der Fremde, „Ihnen zu nächſt zu bemerken, daß ich mich gegen dieſe HNON E NK N ——„ 8ð ⁸ —— 29 201 Ihre Bezüchtigung meines Freundes verwahre, und im Namen des Herrn Slyme entſchieden und mit Entrüſtung dagegen proteſtire. In zweiter Inſtanz muß ich Sie ſodann um die Erlaubniß angehen, mich Ihnen ſelber vorſtellen zu dürfen;— mein Name iſt Tigg, Sir! der Name Montague Tigg iſt Ihnen vermuthlich bereits bekannt, da ſich die denkwürdigſten Ereigniſſe des ſpani⸗ ſchen Krieges an ihn knüpfen!“ Herr Pecksniff ſchüttelte mit ungläubigem oder zwei⸗ felhaftem Lächeln den Kopf. „Thut nichts zur Sache!“ fuhr der Fremde fort.— „Jener Berühmte war mein Vater und ich ſchmeichle mir, ſeinen Namen zu führen. Ich rühme mich daher auch deſſelben,— bin ſtolz darauf wie Lucifer! Nun bitte ich, mich auf einen Augenblick zu entſchuldigen, da ich wünſchte, mein Freund Slyme wohnte dem Reſt der Konferenz an!“ Mit dieſem kundgegebenen Vorhaben lief er davon, zur Hausthüre des blauen Drachen hinaus, und kehrte faſt im ſelben Augenblicke mit einem Manne zurück, der etwas kleiner war als er, und aus einem alten blauen Mantel aus Kamelott, mit einem verſchoſſenen ſcharlach⸗ rothen Futter, herausblickte. Seine ſcharf markirten Geſichtszüge hatte das lange Verweilen in der kalten Luft zuſammengekniffen und erſtarrt, ſein borſtiger rother Backenbart und ſein ſchmieriges Haar waren noch mehr als gewöhnlich zerzaust und er erſchien aus dieſen Grün⸗ den auch nichts weniger als Shakſpeariſch oder Miltoniſch, ſondern eher wie ein ungeſunder, halbverdächtiger Land⸗ ſtreicher.—„Wohlan denn,“ hub Herr Tigg an und klopfte mit der einen Hand auf die Schulter ſeines zu⸗ thunlichen Freundes, während er mit der andern Herrn Pecksniffs Aufmerkſamkeit auf ſich lenkte;—„Sie ſind ja Beide mit einander verwandt, meine Herren; Ver⸗ wandte aber leben nie einſtimmig und werden ſich auch niemals vertragen, was ein ſehr weiſes Naturgeſetz und ein unvermeidlicher Umſtand iſt, weil es ſonſt nichts als 20² Familienpartheien auf der Welt gebe, und immer Einer den Andern zu Tode langweilen würde. Ständen Sie in freundſchaftlichen Beziehungen zu einander, ſo würde ich in Ihnen ein überaus unnatürliches Paar ſehen; ſo lange Sie aber einander ſo gegenüberſtehen wie jetzt, betrachte ich ſie als ein Paar verteufelt verſchmitzter Burſche, von denen ſich auch das Aeußerſte erwarten läßt.“— Bei dieſen Worten ſtieß Herr Chevy Slyme, deſſen hervorragenden Eigenſchaften insgeſammt ſich dem ſchleichenden Viertel des moraliſchen Compaſſes zuzu⸗ neigen ſchienen, ſeinen Freund verſtohlen mit dem Ell⸗ bogen an und flüſterte ihm ein Paar Worte zu. „Chiv!“ rief Herr Tigg laut und in dem hochfah⸗ renden Tone eines Menſchen, der ſich nicht gewinnen laſſen will,—„ich werde alsbald darauf zu ſprechen kom⸗ men. Ich handle entweder auf eigene Fauſt oder gar nicht, und bis zum Betrag eines ſo geringen Anlehens, wie z. B. das einer Krone an einen Mann von Deinen Talenten, rechne ich mit aller Zuverſicht auf Herrn Pecks⸗ niff.“— Der Ausdruck von Herrn Pecksniff's Geſicht bei dieſer Muthmaßung gab jedoch deutlich genug zu erkennen, daß er die Ueberzeugung des Herrn Tigg keines⸗ wegs theile, und dieſer legte wieder mit beſonderer Be⸗ ziehung auf, jenen Herrn ſeinen Zeigfinger an die Naſe, als wolle er ihm hiedurch zu bedenken geben, daß das Nachſuchen kleiner Anlehen ein weiterer Beweis von den Eigenthümlichkeiten des Genies ſey, die ſich bei ſeinem Freund Slyme entwickelten, ſowie daß er, Tigg, auf daſſelbe nur anſpiele, weil er überzeugt ſey, daß der⸗ artige Steckenpferde ein hohes metaphyſiſches Intereſſe darböten, und daß er in Beziehung auf ſeine eigene Mitwirkung bei der Erwerbung ſolcher kleiner Vorſchüſſe lediglich nur der Laune ſeines Freundes beiſtimme, ohne auch nur im entfernteſten ſeinen eigenen Vortheil oder Nothwendigkeit zu berückſichtigen. „O Chiv, Chiv!“ ſetzte Herr Tigg hinzu und maß nach dieſem lebhaften Geberdenſpiele ſeinen Adoptio⸗ 203 Bruder mit höchſt bedenklicher Miene;—„Du biſt, ſo wahr ich lebe, ein ſeltſames Beiſpiel von den kleinen Steckenpferdchen, die wie Mücken am Lichte eines großen Genius hängen. Hätte es auch niemals Fernröhren in der Welt gegeben, ſo wäre ich doch in Folge der auf⸗ merkſamen Beobachtung„die ich Dir gewidmet, Chiv! zu der Ueberzeugung gekommen, daß die Sonne Flecken haben muß. Wahrlich, ich will nicht mehr leben, wenn wir uns hier nicht in den ſeltſamſten Zuſtand von Eriſtenz eingeſchränkt finden, ohne zu wiſſen warum und wofür, Herr Pecksniff! Je nun gleichviel, ob wir auch ſchimpfen ſoviel wir wollen, die Welt geht doch ihren alten ge⸗ meſſenen Weg. Mag auch Herkules, wie Hamlet ſagt, ſeine Keule in allen möglichen Richtungen um ſich ſchwin⸗ gen, ſo kann er doch nicht verhindern, daß die Katzen einen höchſt unerträglichen Lärm auf den Dächern der Häuſer machen, oder die Hunde biſſig werden, wenn man ſie in den Hundstagen ohne Maulkörbe auf den Straßen herumlaufen läßt. Das Leben iſt ein Räthſel und zwar ein hölliſch unlösbares, Herr Pecksniff! Meine Meinung iſt, daß es hierauf eben ſo wenig eine Antwort giebt, als auf das alt bekannte Wortſpiel: ‚Warum erſcheint ein Mann im Gefängniß gerade ſo wie ein Menſch außerhalb deſſelben? Meiner Seele!'s iſt beim Wetter das ſonderbarſte Ding— aber's iſt wahrlich nicht der Mühe werth, ſo viel Worte darum zu machen, ha, ha!“ Mit dieſer tröſtlichen Ableitung aus den melancho⸗ liſchen Vorderſätzen raffte ſich Herr Tigg von Neuem zu einem Anlaufe empor und fuhr in ſeinem früheren Zuge fort:— ‚Laſſen Sie mich nun auf den eigentlichen Zweck unſerer Rede zurückkommen,“ ſagte er;—„ich bin in unſerer Art ein höchſt ſanftmüthiges Geſchöpf und kann es unmöglich ertragen und mit anſehen, daß Ihr Beide Euch gegenſeitig mit dem Meſſer an die Kehle geht, wenn doch nichts Rechtes dabei zu holen iſt. Herr Pecksniff! Sie ſind ein Vetter des reichen Erbonkels droben— und wir,— wenn ich ſage wir, verſtehe ich 204 natürlich nur Chiv darunter— wir ſind der Neffe von ihm. Sie ſind vielleicht im Weſentlichen mehr mit ihm verwandt als wir— meinetwegen, ich habe Nichts da⸗ gegen; allein Sie können eben ſo wenig zu ihm kommen als wir. Ich gebe Ihnen mein theures Ehrenwort, Sir, daß ich nun ſchon ſeit heute dn neun Uhr mit kurzen Momenten der Raſt ununterbrochen durch jenes Schlüſſel⸗ loch geguckt habe, um die Antwort auf eine der beſchei⸗ denſten und ehrenhafteſten Bitten um eine kleine augen⸗ blickliche Unterſtützung— nur funfzehn Pfund auf meine Bürgſchaft— abzuwarten; die ganze Zeit aber, Sir, hatte ſich der Alte beſtändig eingeriegelt und ſein ganzes Vertrauen in den Buſen einer Fremden niedergelegt. In Anbetracht dieſer Lage der Dinge erkläre ich nun auf's Entſchiedenſte, daß es nicht ſo fortgehen darf, daß es rein umſonſt iſt, nicht der Fall ſein darf und wir dieſen Zuſtand der Dinge durchaus nicht mehr länger mit anſehen dürfen.“— „Jeder Menſch,“ entgegnete Herr Pecksniff,„hat ein Recht, ein unbeſtreitbares Recht(das ich wenigſtens meines Theils um keiner irdiſchen Rückſichten willen Jemanden abſprechen möchte), ſein Thun und Laſſen nach ſeinem eigenen Willen und Gutdünken einzurichten, natürlich unter der Vorausſetzung, daß es nicht un⸗ moraliſch oder irreligiös iſt. Ich fühle in meinem eige⸗ nen Buſen, daß Herr Chuzzlewit,— mir z. B., ich ſage mir— durchaus nicht mit jenem Aufwand von chriſt⸗ licher Liebe begegnet, der zwiſchen uns Beiden Statt finden ſollte; dieſer Umſtand könnte mich allerdings ſehr grämen und beleidigen, allein ich möchte daraus doch nicht den voreiligen Schluß ziehen, daß Herr Chuzzlewit bei all ſeiner Kälte doch nicht auch wieder Entſchuldi⸗ gungsgründe für ſich habe. Nein, Gott verhüte, daß ich das ſagte! Wie könnte man übrigens, Herr Tigg!“ ſprach Pecksniff noch mit mehr Ernſt und Nachdruck als ſeither —„wie könnte man übrigens auch Herr Chuzzlewit hin⸗ dern, jenes eigenthümliche und höchſt ſeltſame Vertrauen —————— — ——,——O ₰ Sh—,—,—.—————— 2—, — 20⁵ zu hegen, deſſen Sie gedenken? Jenes Vertrauen, deſſen Vorhandenſeyn ich zwar zugeben muß, das ich aber um ſeinetwillen nur beklagen kann! Erwägen Sie nur beſter Herr,“ ſetzte Pecksniff hinzu und heftete dabei einen ſehr bedeutſamen Blick auf Herrn Tigg—„erwägen Sie nur, wie ſo zwecklos Sie Ihre Worte vergeuden.“ „Was das anbetrifft,“ verſetzte Tigg,„ſo iſt das wahr⸗ lich noch eine ſchwer zu löſende Frage.“ „Das will ich gar nicht beſtreiten!“ gab Herr Pecks⸗ niff zur Antwort und trat um einen Schritt zurück, als ſchiene er ſich auf einmal der tiefen moraliſchen Kluft, die zwiſchen ihm und dem Weſen lag, mit dem er eben re⸗ dete, fühlbarer bewußt zu werden;—„ich bezweifle gar nicht, daß es eine ſehr ſchwer zu löſende Frage iſt, und ich bin nichts weniger als überzeugt, ob überhaupt Jemand ſich das Recht anmaßen darf, dieſe Frage näher zu er⸗ örtern; guten Abend, meine Herren!“ „Ich vermuthe, daß Sie noch nicht wiſſen, daß die Spottletoes hier ſind?“ rief ihm Herr Tigg nach. „Was ſagen Sie da, Sir? Was für Spottletoes?“ fragte Herr Pecksniff und blieb auf dem Weg nach der Thure plötzlich ſtehen.—„Herr und Frau Spottletoe,“ erwiderte Chevy Slyme Esquire, der jetzt zum erſten⸗ mal ein lautes Wörtchen wagte und einen ſehr verdrieß⸗ lichen Ton annahm, indem er dabei ſeine Beine ſchlen⸗ kerte;—„Spottletoe hat ja meines Vaters Bruders Kind geheirathet, nicht wahr? und Frau Spottletoe iſt Chuzz⸗ lewits leibhafte Nichte, nicht wahr? Einſt war ſie ſogar ſein Liebling, und Sie fragen daher mit Grunde, was für Spottletoes es ſeyen.“—„Nein, das iſt abſcheulich, auf mein heiliges Wort!“ rief Herr Pecksniff und ſchlug die Augen gen Himmel;—„die Habgier dieſer Leute iſt abſolut empörend!“—„Die Spottletoes ſind es nicht ein⸗ mal allein, Tigg,“ ſagte Slyme, indem er dieſen Herrn anblickte und Herrn Pecksniff meinte;—„auch Anton Chuzzlewit und ſein Sohn haben Wind davon bekommen und ſind heute Nachmittag eingetroffen. Es ſind noch keine fünf Minuten her, daß ich ihrer anſichtig wurde, als ich draußen um der Ecke wartete.“ „O, Mammon, Mammon!“ rief Herr Pecksniffs und ſchlug ſich mit der Fauſt vor die Stirn. „So ſind nun,“ fuhr Slyme fort, ohne auf dieſe Unterbrechung Acht zu geben,„auch ſein Bruder und ein anderer Neffe inzwiſchen ſchon eingetroffen.“ „Das iſt die Hauptſache, Sir!“ ſagte Herr Tigg;— „das war das Ziel und der Zweck, auf welchen ich allmählig einlenkte, als mein Freund Slyme hier es vollends in ſechs Worten ausſprach. Sie ſehen nun ſelbſt ein, Herr Pecksniff, daß jetzt, wo Ihre Vettern und Chiv's Oheim eingetroffen ſind, etliche Schritte gethan werden muſ⸗ ſen, um einem plötzlichen Verſchwinden des Oheims vor⸗ zubeugen, ſowie um wo möglich dem Einfluß entgegen⸗ zuwirken, der von jener ränkevollen Günſtlingin nun über ihn ausgeübt wird! Wer nur immer ein Intereſſe an der Sache hat, muß das fühlen, Sir; die ganze Familie wird ſich allmählig hier einfinden, und die Zeit iſt gekommen, wo perſönlicher Zwiſt und individuelle Eiferſucht und Inter⸗ eeſeen für eine Zeitlang vergeſſen werden und die ſämmt⸗ lichen Betheiligten ſich gegen den gemeinſchaftlichen Feind zuſammenſchaaren müſſen. Iſt der gemeinſchaftliche Feind ſodann aus dem Feld geſchlagen, ſo mag jeder wieder für ſich allein handeln; ein Jedes von den Herren und Damen, welche an dieſem Spiele einen Antheil haben, werden dann auf eigene Rechnung und Gefahr und Jeder nach ſeinem beſten Wiſſen und Gewiſſen nach dem Pförtchen des Erblaſſers ſchleichen und Niemand wird ſich dabei ſchlimmer befinden, als zuvor. Ueberlegen Sie Pihs genau, Sir, und ſetzen Sie ſich jetzt nicht verge⸗ bens einer Gefahr aus; Sie finden uns zu jeder Zeit im Gaſthof zum Halbmond und den ſieben Sternen in dem Dörfchen und werden uns zu jedem vernünftigen Vorſchlag geneigt finden. Heda, Chiv, mein guter Junge, geh' hinaus und ſieh Dich nach dem Wetter fuͤr heute Nacht um.“— Herr Slyme verſchwand ungeſäumt und αεᷣ̈ 8* — . 8 RN N &G& 8 SGAA&u— △ —— N 2Q — * 207 ging muthmaßlicherweiſe wieder um die Ecke; Herr Tigg aber ſpreitzte ſeine Beine ſo weit auseinander, als man von dem leidenſchaftlichſten Manne vernünftigerweiſe er⸗ warten konnte und winkte Herrn Pecksniff mit verbindli⸗ chem Lächeln zu.—„Wir dürfen nicht zu ſtreng ſeyn gegen die kleinen Excentricitäten unſers Freundes Slyme,“ hub er an,„Sie ſahen doch, wie er mir zuflüſterte?“ Herr Pecksniff hatte es allerdings geſehen. „Sie haben vermuthlich auch meine Antwort ge⸗ hört?“ ſprach Herr Tigg weiter. Herr Pecksniff hatte ſie allerdings gehört. „Fünf Schilling, nicht mehr?“ ſprach Herr Tigg gedankenvoll,„was für ein außerordentlicher Menſch! und wie gar mäßig!“— Herr Pecksniff gab gar keine Antwort.—„Fuünf Schillinge,“ fuhr Herr Tigg bedenklich fort:—„fünf Schillinge, welche pünklich nächſte Woche heimbezahlt werden ſollen; das iſt noch das Beſte daran. Sie haben es doch wohl gehört?“ Herr Pecksniff hatte kein Wörtchen gehört. „Nicht? das wundert mich,“ rief Tigg,„das iſt ja eben die Hauptſache, Sir! ich habe nie erfahren, daß dieſer Ehrenmann je in ſeinem Leben einem Verſprechen ungetreu geweſen wäre. Sie haben vermuthlich⸗ doch Scheidemünze bei ſich, nicht wahr?“ „O ja,“ meinte Herr Pecksniff,„Ich danke Ihnen, ich habe ſo ziemlich.“—„Deſto beſſer,“ erwiederte Herr Tigg,„wenn es nicht der Fall geweſen wäre, hätte ich füur Sie welche geholt!“ Bei dieſen Worten begann er zu pfeifen, allein keine zwölf Sekunden gingen in's Land, ſo hielt er plötzlich mit Pfeifen inne, blickte Herrn Pecksniff ernſthaft in's Geſicht und fragte:„Sie möchten vielleicht Slyme feine fünf Schillinge leihen?—„ „Nein, wahrlich! ich habe gar keine Luſt dazu,“ gab Herr Pecksniff zur Antwort.—„Wohlan denn, Sie haben vielleicht recht!“ rief Tigg mit feierlichem Kopfnicken, als ob ihm gerade jetzt erſt ein Grund zu einer abſchlä⸗ gigen Antwort eingefallen wäre;—„es iſt nicht ſehr un⸗ möglich, daß Sie Recht haben! Würden Sie vielleicht eben ſo ſehr Bedenken tragen, mir jetzt und fünf Schillinge zu leihen?“—„Wahrlich, ja, es wäre mir unmöglich,“ verſetzte Herr Pecksniff.—„Doch vielleicht eine halbe Krone?“ fragte Herr Tigg.—„Auch nicht ſoviel,“ ver⸗ ſetzte Herr Pecksniff entſchieden.—„Wohlan denn,“ ſprach Herr Tigg,„ſo laſſen Sie uns denn zum Spaß auf die Bagatelle von achtzehn Pencen kommen! Ha, ha!“ „Auch dies muß ich auf gleiche Weiſe ablehnen,“ gab Herr Pecksniff zur Antwort.— Wie Herr Tigg dieſe Verſicherung erhielt, drückte er ihm herzlich beide Hände— und betheuerte mit vielem Ernſte, in Herrn Pecksniff einen der beharrlichſten und ſeltenſten Männer kennen gelernt zu haben, mit denen er je zuſammengetroffen, und bat ſich die Ehre aus, mit ihm näher bekannt werden zu dürfen. Er machte noch ferner die Bemerkung, daß ſein Freund Slyme ſo mancherlei kleine Eigenthümlichkeiten beſitze, die er als ein Mann von Chre billigerweiſe nicht gut heißen könne, verſicherte aber geneigt zu ſeyn, ihm alle dieſe kleinen Schattenſeiten und noch mehr zu vergeben, wenn er das große Vergnügen erwäge, das er heute in dieſer freundſchaftlichen Unterredung mit Herrn Pecksniff genoſſen, die ihm eine weit höhere und dauerndere Freude verſchafft habe, als ein glücklicher Erfolg des Verſuchs einer kleinen Anlehe von Seiten ſeines Freundes ihm möglicherweiſe zu verſchaffen im Stande geweſen wäre. Mit dieſen Bemerkungen nahm er von Herrn Pecksniff auf ceremoniöſe Weiſe Abſchied und entfernte ſich ſo wenig niedergeſchlagen über ſeine kürzlich vereitelte Hoffnung, als irgend ein Mann von Stande es immer zu ſeyn wünſchen konnte.— Die Betrachtungen, zu welcher Hrn. Pecksniff ſich heute Abend im Schenkſtübchen des Drachen und die Nacht darauf in ſeinem eigenen Hauſe gedrungen fühlte, waren ſehr ernſter und inhaltsſchwerer Natur, um ſo mehr als die Nachrichten, welche er in Betreff der Ankunft an⸗ derer Mitglieder dieſer Familie von den Herren Tigg und Slyme erhalten hatte, ſich bei genauerer Unterſuchung 2—8— ———— ½N 4 209 vollkommen beſtätigt fanden. Die Spottletoes hatten ſich nämlich ſchnurſtracks in den Drachen begeben, wo ſie in dieſem Augenblick anſäßig und auf der Lauer waren und wo ihr Erſcheinen ſo mächtiges Aufſehen erregt hatte, daß Frau Lupin ihren Zweck errieth, bevor ſie noch eine halbe Stunde unter ihrem Dache geweſen waren, und die Nachricht davon mit aller möglichen Heimlichkeit un⸗ verweilt in Pecksniff's Haus brachte. Nur ihre große Vorſicht und Behutſamkeit bei dieſem Bemühen war Schuld daran, daß ſie Herrn Pecksniff verfehlte, indem ſie gerade in dem Augenblick zum Hinterpförtchen des Drachen hinausſchlüpfte, wo Herr Pecksniff im Selbſtver⸗ trauen auf ſein gutes Gewiſſen zu deſſen Vorderthüre hereintrat. Außerdem waren noch Anton Chuzzlewit und ſein Söhnchen Jonas aus beſonderer Sparſamkeit im Gaſthof zum Halbmond und den ſieben Sternen abgeſtie⸗ gen, das eigentlich nur ein obſcures Bierhaus im Dörf⸗ chen war, und ſchon die nächſte Poſt brachte noch ſoviel andere liebevolle Mitglieder dieſer Familie— die zu aus⸗ nehmender Ergötzung des Kutſchers auf dem ganzen Wege laut und leiſe, innen und außen ſich miteinander gezankt hatten— auf den Kriegsſchauplatz, daß in weniger als vierundzwanzig Stunden ſämmtliche Räumlichkeiten des engen Wirthshauſes zum Erdrücken überfüllt waren, wie auch alle Privatwohnungen im Orte, die ſich im Ganzen auf vier Betten und ein Sopha beliefen, um hundert Procent im Marktpreis ſtiegen. Mit Einem Wort, die Lage der Dinge geſtaltete ſich ſo, daß am Ende faſt die ganze Fa⸗ milie ſich Angeſichts des blauen Drachens feſtſetzte, ihn förmlich blokirte und den alten Martin Chuzzlewit dabei gleichſam in Belagerungszuſtand verſetzte. Er leiſtete in⸗ deß tapferen Wiederſtand, verweigerte die Annahme aller Briefſchaften, Botſchaften und Pakete, verwies es hart⸗ näckig mit irgend Jemanden zu unterhandeln, und gab auch nicht die mindeſte Hoffnung oder Ausſicht auf Capi⸗ tulation. Mittlerweile ſtießen die verſchiedenen Streit⸗ Boz, Chuzzlewit. I.— 14 4 210. kräfte der Familie beſtändig auf diverſen Punkten der Nachbarſchaft auf einander und da ſeit Menſchengedenken unerhört war, daß ein Zweig der Familie Chuzzlewit ſich je mit einem andern vertragen hätte, ergab ſich bald ein ſolches Scharmützel, Wortgeplänkel und Kopfabſchnei⸗ den, freilich nur in figürlichem Sinne dieſes Worts, ein ſolcher Zank und Hader, Schimpf und Svpott, ein ſolches Naſerümpfen und Stirnerunzeln, eine ſo förmliche Grab⸗ legung jeder beſſeren Empfindung, und ſo gewaltſame Wiederbelebung alter Feindſeligkeiten, wie in dem fried⸗ lichen Weichbild dieſes traulichen Dörfchens ſeit der fern⸗ ſten hiſtoriſchen Zeit ſeiner civiliſirten Exiſtenz nichts Aehnliches erhört worden war.. Die ausnehmende Verzweiflung und Hoffnungsloſig⸗ keit brachte am Ende etliche der Krieg fuhrenden Par⸗ theien dahin, nur noch auf dem gemäßigten Fuße gegen⸗ ſeitiger Anſchuldigungen mit einander zu verkehren, und faſt Alle kamen ſtillſchweigend darin überein, ſich in An⸗ baacht ſeines tadelloſen Rufes und ſeiner einflußreichen „S alung mit leidlicher Ehrerbietung an Herrn Pecksniff zu wenden, um in ihm den Mittelpunft und Schlußſtein eines. Monumentes der Eintracht, eines feſten Baues hochfahrender Pläne zu gewinnen: auf dieſe Weiſe machten ſie allmälig gemeinſame Sache gegen Martin Chuzzlewit's Hartnäckigkeit, daß ſie ſich verſtändigten,— wenn ſich dieß je auf die Ehnzzlewit’s überhaupt anu⸗ wenden läßt— man ſolle an einem beſtimmten Tage um die Mittagsſtunde in Herrn Peckniff’s Hauſe eine allgemeine Verſammlung halten, zu welcher Berathung denn alle Mit⸗ glieder, die auf Hörweite ſich dem Kriegsplatze genähert hatten, demgemäß entboten und feierlich zur Theilnahme eingeladen wurden.— Wenn Herr Pecksniff je ſich ein apoſtoliſches Ausſehen beilegte, ſo geſchah es an dieſem denkwurdigen Tage. Wenn je ſein ungetrubtes Lächeln die Worte verkündete: ‚ich bin ein Bote des Friedens, ſo geſchah es bei dieſer Gelegenheit. Wenn je ein Mann in ſich alle die milden Eigenſchaften des Lammes mit einem ——. S N RK N— K ⅓⅔½ N NNR 3 211 namhaften Anflug von der Taube und ohne irgend einen Zug vom Krokodill oder auch nur die allergeringſte An⸗ ſpielung auf die allermindeſte in ſich vereinigte, ſo war er es Aehnlichkeit mit der Schlange beiden Miß Pecksniffs! Schien nicht die heitere Miene auf Charity's beſchaulichem Antlitz zu ſagen: ich weiß zwar, daß meine ganze Familie mich über alle Maßen und auf's Unheilbarſte verwundet hat, allein ich vergebe ihr ins⸗ geſammt, weil ich mich von meiner Pflicht gedrungen fühle, dies zu thun!’— U Einfalt!— war ſie nicht ſo kindlich, daß, hätte ſie al nd nun erſt Merey's heitere bezaubernd, ſo harmlos und lein und bei etwas früherer Jahreszeit einen Spaziergang in die Wälder gemacht, die Rothkehlchen ſie hätten wider Willen mit Laub über⸗ ſchütten müſſen, weil ſie ſie für eines der lieben Kinder im Wald gehalten haben würden, das in der jugendli⸗ ſchen Unbefangenheit ſeines Herzens einmal wieder hin⸗ ausgegangen wäre, um ſich Brombeeren zu ſuchen! Welche Sprache iſt im Star nde, die Pecksniffs in jener bedeutſamen Stunde zu ſchildern? Sicherlich keine ein⸗ zige, denn Worte haben garſtige Gefährten unter ſich, und die Pecksniffs waren die leibhaftige Güte. Wie nun aber gar die ganze Geſellſchaft zuſammenkam, da hätte erſt eines darunter ſeyn ſollen! Da hätte mir eins ſehen ſollen, wie Herr Pecksniff zwi ſchen ſeinen beiden Töchtern 9 am obern Ende der Tafel ſaß und ſich erhob, um in ſei⸗ nem beſten Gemach die Gäſte zu empfangen und ihnen mit überquellenden Augen und einem von huldreichem Schweiß triefenden Antlitz Stühle anwies, daß man von ihm hätte behaupten mögen, er habe ſich in einer Art feuchter Demuth befunden! Und nun erſt die Geſellſchaft! all' dieſe eiferſüchtigen, verſtockten, mißtrauiſchen Perſo⸗ nen, dis ſich ſämmtlich in ſich ſelbſt verſchloſſen und ver⸗ palliſadirt hatten, zu Niemand von den Pecksniffs beruhige en Vertrauen hegten, Nichts glauben wollten und noch weniger geneigt waren, ſich ſelbſt i oder in Schlaf lullen zu 14* .— Und dann erſt die 212 laſſen, als ob dieſe lauter Igel und Stachelſchweine ge⸗ weſen wären! Da war zunächſt Herr Spottletoe, deſſen durchaus kahler Kopf und dicker Backenbart darauf hin⸗ zudeuten ſchienen, daß er durch die plötzliche Anwendung irgend eines kräftigen Heilmittels ſeinen Haarwuchs in dem⸗ ſelben Augenblick, wo er ihm vom Kopfe ſiel, angehalten und unwiderruflich auf ſeinem Geſicht befeſtigt habe. Da war ferner Frau Spottletoe, die— viel zu ſchmächtig für ihre Jahre und von poetiſcher Konſtitution— ihren intimeren Freunden unter der Hand anzuvertrauen pflegte, „daß der beſagte Backenbart der Leitſtern ihres Lebens ſey,“ und die nun in Folge ihrer unwandelbaren Zunei⸗, gung zu dem Oheim Chuzzlewit und aus Kummer über den möglichen Argwohn, daß man ihr ſeinetwegen Erb⸗ ſchaftspläne zutraue, nichts als weinen und auch hie und da ein Bischen ſtöhnen konnte.— Da hatte ſich ferner eingefunden: Herr Anton Chuzzlewit und ſein liebes Söhn⸗ chen Jonas. Die Miene des alten Mannes war durch die Arg⸗ liſt und die Ränke ſeines ganzen Lebens ſo ſcharfmarkirt wor⸗ den, daß ſie ihm einen Paß durch das überfüllte Gemach zu ſchneiden ſchien, als er ſich hinter den letzten Stühlen in ein Eckchen drängte, während der Sohn ſich Lehre und Bei⸗ ſpiel des Vaters ſo zu Herzen genommen haben ſchien, daß er beinahe wie der Aeltere von Beiden ausſah, als ſie nun mit ihren rothen Augen blinzelnd nebeneinander ſtunden und leiſe flüſternd zuſammen verkehrten. Es hatte ſich ferner noch eingefunden, die Wittwe eines ver⸗ ſtorbenen Bruders des Herrn Martin Chuzzlewit, die durch ihre faſt unnatürliche Häßlichkeit, ihr unheimliches Geſicht, knöcherne Geſtalt und männliche Stimme gemäß dieſer Eigenſchaften für das gelten konnte, was man ge⸗ meinhin eine„Frau von ſtarkem Geiſte“ nennt und die, wäre es ihr möglich geweſen, ihre Anſprüche auf dieſen Titel an den Tag gelegt und ſich in figürlichen Sinne als vollkommenen Simſon erwieſen haben würde, indem ſie ihren Schwager in einem Privatirrenhauſe unterge⸗ bracht hätte, bis ſich ſeine vollſtändige Geſundheit durch — 213 unwandelbare Liebe zu ihr an[den Tag gelegt haben würde. Neben ihr ſaßen ihre jungfräulichen Töchter, . drei an der Zahl, von höͤchſt feinem Benehmen, die ſich durch ſtarkes Schnüren ſo ſehr gefoltert hatten, daß ihr Gemüth noch auf einen geringeren Umfang redueirt wor⸗ den war, als ihre Taillen, und das ſtarke Schnüren ſich ſogar an ihren Naſen zu erkennen gab. Außer ihnen hatte ſich noch ein junger Herr eingefunden, der ein Groß⸗ neffe des Herrn Martin Chuzzlewit, von dunkler Geſichts⸗ farbe und haarigem Kopfe, und augenſcheinlich zu keinem andern Zweck auf die Welt gekommen war, als um den Spiegeln die Mühe zu erſparen, mehr als etwa die ent⸗ fernteſte Idee und die urſprünglichſten Umriſſe eines Ge⸗ ſichts zurückzuſtrahlen, das nie ausgeführt worden war. Außer ihm befand ſich ferner hier eine ledige Baſe des Herrn Chuzzlewit, von der ſich nichts Anderes rühmen läͤßt, als daß ſie ſehr taub war, ein eigenes Hausweſen führte und beſtändig über Zahnweh klagte. Es hatte ſich ferner eingefunden ein gewiſſer Georg Chuzzlewit, der auch ein Vetter, aber ein lebensluſtiger Junggeſell war und Anſprüche auf Jugend geltend machte, obwohl er einſt jünger geweſen, jetzt aber ſehr zur Körperfülle ge⸗ neigt und augenſcheinlich überfüttert war— ſo zwar, daß ſeine Augen aus ihren Höhlen hervortraten, als könnten ſie des Verwunderns kein Ende finden— und der leider eine ſolch üble Dispoſition zu Finnen hatte, daß die glänzenden Punkte auf ſeiner Halsbinde, die reichen Verzierungen auf ſeiner Weſte und ſelbſt das prunkende Geſchmeide nur einem unreifen Ausſchlage, der ſich nicht ganz hatte entwickeln können, ähnlich ſah. Zu guter Letzt waren ferner noch anweſend, Herr Chevy Slyme und ſein Freund Tigg, und es verdient erwähnt zu werden, daß, obwohl ſämmtliche Anweſende ſich haupt⸗ ſächlich deshalb anfeindeten, weil ſie zur Familie gehör⸗ ten, doch Alle ſammt und ſonders einſtimmig Herrn Tigg haßten, weil ſie ihn als Eindringling betrachteten. So war der liebliche kleine Familienzirkel beſchaffen, 214 der ſich nun in Herrn Pecksniff's ſchönſtem Gemach ver⸗ ſammelt und gehörig vorbereitet hatte, Herrn Pecksniff oder irgend einem Andern, der es wagen würde über einen beliebigen Gegenſtand das Wort zu führen, ſoli⸗ dariſch zu imponiren. Herr Pecksniff erhob ſich, ſchaute ſich mit gefalteten Händen rings im Kreiſe um, und begann nun wie folgt: „Ich ſchmeichle mir, und auch meine Töchter ſind hoch erfreut und voll Dankes, daß Sie mir die Ehre er⸗ zeigt haben, ſich hier zu verſammeln; wir geben Ihnen aus vollſtem Herzen hiemit unſere dankbarſte Anerkennung kund, denn zes iſt eine ehrenvolle Auszeichnung, die Sie dadurch gegen uns an den Tag gelegt haben, und Sie dürfen glauben“— es läßt ſich nicht ſchildern, wie unendlich ſüß Herr Pecksniff lächelte, als er dieſe Worte ausſprach —„Sie dürfen glauben, daß wir es nicht ſo leicht ver⸗ geſſen werden.“—„Es thut mir leid, Ihnen in's Wort fallen zu müſſen, Herr Pecksniff;“ bemerkte Hr. Spottletoe und ſtrich ſeinen majeſtätiſchen Backenbart,—„allein Sie maßen ſich offenbar zu viel an, Sir; wie können Sie ſich irgend einbilden, daß es Jemanden in den Sinn gekom⸗ men ſey, eine Auszeichnung gegen Sie an den Tag zu legen, Sir?“ Ein allgemeines Murmeln des Beifalls folgte auf dieſe Frage, und ſchien ihr Beifall zu zollen. „Wenn Sie geſonnen ſeyn ſollten, in dem Tone fortzufahren, wie Sie begonnen haben, Sir,“ ſprach Herr Spottletoe weiter und wurde dabei ſo hitzig, daß er mit der Fanſt auf den Tiſch ſchlug,—„ſo wird es wahrlich am Gerathenſten ſeyn, wenn Sie je eher deſto beſſer aufhören, und dieſe Verſammelten auseinander gehen. Ich kenne Ihren voreiligen Wunſch, Sir, für das Haupt dieſer Familie gelten zu wollen, allein ich kann Ihnen ſagen, Sir..... 4. Was kann er ſagen? Was denn? Sollte denn er das Haupt der Familie ſeyn? Wie? Im ſelben Augen⸗ blicke machte ſich nun Alles von jener Dame von ſtar⸗ 215 kem Geiſt“ abwärts, Jedermann über Herrn Spottletoe her, der nach einem vergeblichen Verſuche, ſeine Stimme ertönen zu laſſen, ſich endlich genothigt ſah, wieder nie⸗ derzuſitzen ſeine Arme zu kreuzen, zornmuthig den Kopf. zu ſchutteln und durch ſtumme Pantomimen Frau Spott⸗ letoe zu beſeuten, daß der Spitzbube Pecksniff einſtweilen nur fortfahren ſolle von ihm aber bald wieder unter⸗ rochen und zu nichte gemacht werden würde. „Ich bedaure keineswegs,“ ſagte Herr Pecksniff und hub ſeine Anrede wieder von vornen an,—„ich bedaure in der That keineswegs, daß dieſer kleine Zwiſchenfall mir begegnet; es iſt eine große Beruhigung um das Gefühl, daß wir hier ohne Hehl mit einander verkehren und es iſt zu wiſſen nütze, daß wir keinen Rückhalt vor einander zu nehmen brauchen, ſondern je offen in unſern Charakteren erſcheinen.“ Nun erhob ſich die älteſte Tochter der Frau mit dem „ſtarken Geiſte“ von ihrem Sitz und ſchickte ſich, mehr aus Zorn als aus Schüchternheit an Leib und Seele zitternd, an die Hoffnung auszuſprechen, daß gewiſſe Leute dießmal in ihren eigenen Charakteren erſcheinen würden und wäre es auch nur darum, weil ein ſolches Berragen zu ſeiner Empfehlung den Reiz der Neuheit hätte; und daß obbemeldete Leute, falls ſie ſich beikom⸗ men ließen, von ihren Verwandten zu reden, ſorgfältig Acht haben möchten, die anweſende Geſellſchaft genau zu muſtern, weil es ſonſt möglicherweiſe gewiſſen Ver⸗ wandten zu Ohren kommen und auf eine Weiſe über⸗ bracht werden würde, an der ſie ſicher wenig Gefallen haben würden, und was rothe Naſen anbeträfe— meinte ſie— ſo ſey es ihr eine Neuigkeit, zu erfahren daß eine rothe Naſe eine Schande ſey, ſintemalen die Leute ihre eigenen Naſen weder machen noch färben könnten, ſon⸗ dern dieſen Theil des Geſichts von einer fremden Hand beſorgt bekämen, die ſie nicht erſt um Erlaubniß und um Rath frage, wiewohl ſie gerade in dieſer Beziehung gerechte Zweifel hege, ob gewiſſe Naſen röther ſeyen 216 als andere, oder in der That nur halb ſo roth als ge⸗ wiſſe.“— Da ihre Entgegnung mit hellem Kichern von Seiten der beiden Schweſtern der Sprecherin aufgenom⸗ men wurde, ſo erbat ſich Miß Charity Pecksniff in aller Artigkeit die Auskunft, ob eine dieſer wirklich ge⸗ meinen Anſpielungen ihr gelten ſolle; wie ſie aber auf dieſe Frage keine weitere Auslegung erhielt, als mittelſt des Sprichworts:„Wem die Kappe ſitzt, der mag ſie tragen,“ ſo erging ſie ſich alsbald in einer beißenden und bezüglichen Erwiderung, worin ſie durch ihre Schweſter Mercy gewaltig unterſtützt und angereizt wurde, die zu gleicher Zeit äußerſt herzlich und in der That mit der größten Naivität herzlicher als je lachte. Weil es indeß eine reine Unmöglichkeit iſt, daß ſich unter Frauen eine Meinungsverſchiedenheit bildet, an welcher nicht, was Weib heißt und ſich in Hörweite befindet, thätigen An⸗ theil nähme, ſo mengten ſich die Damen mit dem ſtarken Geiſte und ihre beiden andern Töchter und Frau Spott⸗ letoe und die taube Baſe— die trotz dem, daß ſie den Grund des Streites nicht zu ermitteln vermochte, ſich doch nicht abhalten ließ, an demſelben Theil zu nehmen— insgeſammt in den Streit, daß ſich ein Lärm erhub, als ob eine Heerde von hundert Gänſen zuſammen ſchnatterte. Da die beiden Miß Pecksniff den drei Miß Chuzzle⸗ wits ſo ziemlich die Spitze bieten konnten und die fünf jungen Damen ſämmtlich— um uns in der bilderreichen Sprache unſerer Tage auszudrücken— über eine ziem⸗ liche Quantität Dampf verfügen konnten, ſo würde der Hader wahrſcheinlich noch lange gewährt haben, hätte nicht die erhabene Tapferkeit und Kühnheit der Dame mit dem„ſtarfen Geiſte,“ kraft ihres hergebrachten Rufes eines beißenden Sarkasmus, die arme Frau Spottletoe ſo ſehr mit bezüglichen Worten überſchüttet und in die Enge gebracht, daß dieſe arme Dame zu Thränen ihre Zuflucht nehmen mußte, ehe der Wortkampf noch zwei „Minuten alt war; dieſe vergoß ſie denn auch ſo reichlich und ſo zur Rührung und zum Aerger ihres Herrn Ge⸗ — 217 mahl, daß Spottletoe, nachdem er Herrn Pecksniff ſeine geballte Fauſt hart vor die Augen gehalten, als wäre ſie irgend eine Naturmerkwürdigkeit, aus deren genauerer Betrachtung ſich möglicherweiſe große Erbauung und Aus⸗ bildung des Geiſtes ableiten ließe, und nachdem er gedroht, — wiewohl ohne daß Jemand den beſondern Grund davon hätte entdecken können— Herrn Georg Chuzzlewit für und wegen einer Kleinigkeit von ſechs Pencen mit Fuß⸗ tritten zu beehren— ſeine Gemahlin unter den Arm und ſchied voll Entrüſtung aus dem Kreiſe der Familie. Dieſe Diverſion theilte die Aufmerkſamkeit der ſtreitenden Partheien und ſetzte dem Kampf ein Ziel, der nun nur noch in wenigen Strahlen und Aufwallungen etlichemale wieder ausbrach und dann in Schweigen erſtarb. Nun erhob ſich Herr Pecksniff abermals von ſeinem Stuhle und die beiden Miß Pecksniff's legten dabei ihre Ge⸗ ſichter in Falten, mittelſt deren ſie nicht nur den An⸗ weſenden, ſondern dem ganzen Erdenrunde bedeuten zu wollen ſchienen, daß es für ſie gar keine ſolche Weſen mehr gebe wie die drei Miß Chuzzlewits, während die drei Miß Chuzzlewits in gleicher Weiſe kund zu thun ſich mühten, daß für ſie mit Wiſſen gar keine Miß Pecks⸗ niff's lebten. „Es iſt ein ſehr bedauerlicher Umſtand,“ hub Herr Pecksniff mit verzeihender Erwähnung von Herrn Spott⸗ letoes drohender Fauſt an,—„daß unſer Freund ſo voreilig von uns geſchieden iſt, wiewohl uns dieß andererſeits wiederum nur zum Troſt und zur Zufriedenheit gereichen kann, weil wir dadurch verſichert werden, daß er keinerlei Mißtrauen in uns wegen Deſſen hegt, was wir in ſeiner Abweſenheit vfrhandeln oder unternehmen würden. Nun, iſt das nicht ein tröſtlicher Gedanke für uns?“ „Pecksniff!“ rief auf einmal Anton Chuzzlewit, der die ganze Verſammlung von Anfang an mit beſonderem Argwohn betrachtet hatte;—„Seyen Sie kein Heuch⸗ ler Pecksniff!“ „Was meinen Sie, guter Sir?“ fragte Pecksniff. I 218 „Sie ſollen kein Heuchler ſeyn!“ gab dieſer zur Antwort.. „Charity, mein liebes Kind!“ ſprach Herrn Pecksniff zu ſeiner Tochter gewandt;„wenn ich heute Abend beim Schlafengehen meinen Leuchter nehme, mußſt Du mich erinnern, daß ich andächtiger als gewöhnlich inſonderheit für den Herrn Anton Chuzzlewit bete, weil er mir Unrecht gethan hat.“— Dies flüſterte er mit äußerſt ſanfter Stimme und bei Seite ſeiner Tochter zu, als ſolle es ja keines Andern Ohr erreichen; dann aber fuhr er mit höchſt erleichtertem Gewiſſen und daraus entſpringender Herzensfreudigkeit und Lebhaftigkeit weiter fort: „Da nun alle unſere Gedanken ſich auf unſere höchſt werthen, aber nnartigen Verwandten beziehen und er gleichſam außer unſerem Bereiche iſt, ſo ſind wir heute hier zuſammengekommen, als wollten wir uns recht eigentlich zu einem Leichenbegängniß verſammeln, ausgenommen— was in der That auch eine geſegnete Ausnahme iſt— daß ſich kein Leichnam in dem Hauſe befindet.“ Ddie Dame mit dem ſtarken Geiſte wollte keines⸗ wegs überzeugt ſeyn, daß dies eine geſegnete Ausnahme ſey, ſondern behauptete eher das Gegentheil. „Wohlan denn, gute Madame,“ ſagte Herrn Pecks⸗ niff,„ſey dem wie ihm wolle, wir ſind nun einmal hier und da wir hier ſind, haben wir nun auch in Erwägung zu ziehen, ob es möglich iſt auf irgend eine erlaubte Weiſe...“ „Warum nicht gar!“ rief die Dame mit dem ſtarken Geiſte,—„Sie wiſſen ja ſo gut, wie ich, daß in einem ſolchen Falle alle Mittel erlaubt ſind!“ „Allerdings, meine beſte Madame, allerdings!“ ver⸗ ſetzte Pecksniff,—„ob es möglich iſt, auf irgend eine Weiſe— wir wollen lieber ſagen, auf irgend eine Weiſe — unſerem ſchätzbaren Verwandten die Augen über ſeinen dermaligen Wahn zu öffnen, ob es nicht möglich iſt, ihn auf irgend eine Weiſe über den wahren Charakter und die Abſichten dieſes jungen Weibsbildes zu belehren, deſ⸗, ſen befremdliche, ja ſogar höchſt ſeltſame Lage gegenüber 219 von ihm“— bei dieſen Worten ſank Herrn Pecksniffs Stimme zu einem bedeutſamen Flüſtern herab—„in allem Ernſte einen Schatten von Schimpf und Schande auf unſere Familie wirft, und die, wie uns wohlbekannt“— hier ſprach er wieder etwas lauter—„aus was für andern Gründen würde ſie faſt mit ihm zuſammenleben? — die niedriaſten Anſchläge auf ſein Leben und Eigen⸗ thum hegt.“ In Beziehung auf den letztern Punkt ſchie⸗ nen ſämmtlich Anweſende Einer Meinung zu ſeyn, wie wenig ſie auch ſonſt miteinander übereinſtimmen mochten. Lieber Gott! Sie ſollte Anſchläge auf das Vermögen des Herrn Martin Chuzzlewit hegen! Die„Dame mit dem ſtarken Geiſt“ ſtimmte für Gift, ihre drei Töchter für Ein⸗ ſperrung im Zuchthaus, bei Waſſer und Brod; die Baſe mit dem Zahnweh trug auf Botanybay an, und die beiden Miß Pecksniffs entſchieden ſich für Auspeitſchung. Nie⸗ mand als Herr Tigg, der trotz ſeiner ausnehmenden Zer⸗ lumptheit, kraft ſeiner bärtigen Oberlippe und ſeiner Schnüre gewiſſermaßen noch immer für einen Günſtling der Da⸗ men gelten konnte, äußerte einigen Zweifel hinſichtlich der Berechtigung zu ſolchen Maßregeln, und er allein liebäugelte dabei mit den drei Miß Chuzzlewits, nicht ohne eine gewiſſe Beimiſchung von Jronie in ſeiner Bewunderung, als wolle er damit ſagen: Ihr ſeyd in der That dem armen Mädchen noch lange nicht ſo über⸗ legen, meine ſüßen Weſen, als Ihr bei meiner Treue zu ſeyn wähnt! „Je nun,“ hub Herrn Pecksniff wieder an und krenzte dabei ſeine beiden Zeigfingern auf eine Weiſe, die zugleich verſöhnend und überzeugend ſeyn ſollte,—„ich will auf der einen Seite nicht gerade die Behauptung wagen, daß dieſes Weibsbild alle die Strafen verdiene, die ihr im Spaß und mit Gewalt zugemuthet worden ſind,“— dies war eine jener Phraſen, welche Herrn Pecksniff mehr als Redeblume, als um des darin enthaltenen Begriffs wegen gebrauchte,—„doch möchte ich auf der andern Seite eben ſo wenig meine geſunden Menſchenverſtand 220 durch die Behauptung komprommittiren, daß ſie gar keine Strafe verdiene, ſondern ich möchte eigentlich nur be⸗ merken, daß ich es für das Gerathenſte erachte, wenn wir uns über einige praktiſche Maßregeln beriethen, mit⸗ telſt deren wir unſer hochgeachteten— oder ſoll ich viel⸗ leicht ſagen unſer hochverehrten?“...... „Nein,“ unterbrach ihn die Dame mit dem ſtarken Geiſte und lauter Entrüſtung.—„So will ich es denn bleiben laſſen,“ ſprach Herrn Pecksniff;„Sie haben wahrlich Recht, gute Madame, und ich bin Ihnen zum achtungsvollſten und verbindlichſten Danuke verpflichtet für ihren taktvollen Einwurf— unſeren hochgeachteten Verwandten veranlaßten, der Stimme der Natur geneigtes Gehör zu ſchenken, und nicht der..— „Nur weiter, Papa!“ rief Mercy. „Je nun, liebes Kind,“ erwiderte Herrn Pecksniff und lächelte ſeiner ganzen verſammelten Sippſchaft in's Ge⸗ ſicht,—„der Knoten ſteckt offenherzig geſagt darin, daß ich kein paſſendes Wort zu finden vermag,— der Name jener fabelhaften— ich möchte nicht gerade ſagen heid⸗ niſchen— Geſchöpfe, die im Waſſer zu leben und zu ſingen pflegten, iſt mir ganz entfallen.“ Herr Georg Chuzzle⸗ wit wollte dem Gedächtniß des Verwandten zu Huͤlfe kommen, indem er ihn auf„Schwäne“ aufmerkſam machte. „Nein,“ ſagte Herrn Pecksniff,„Schwäne ſind's nicht, wiewohl den Schwänen ſehr ahnlich⸗, ich danke Ihnen inzwiſchen.“— Der Neffe, dem man nur die Umriſſe eines Geſichts zuſchreiben konnte, ließ ſich nun auch und zwar zum erſten und letzten Male bei dieſer Gelegenheit vernehmen, indem er„Auſtern“ in Vorſchlag brachte. „O nein,“ erwiderte Herrn Pecksniff mit der ihm eigenen Höflichkeit,„auch keine Auſtern, obwohl ſie den Auſtern keineswegs unähnlich ſind,— ein vortrefflicher Einfall, beſter Sir, für den ich Ihnen ſehr verbunden bin. Halt doch! Sirenen! Du lieber Gott! freilich Sirenen! ich wollte, glaube ich, vorhin eben ſagen, man ſolle auf Mittel denken, unſern verehrten Verwandten zu be⸗ 5 —ͤͤͤͤſͤſͤſͤſͤſſͤͤ 221 wegen, daß er auf die Stimme der Natur und nicht auf die ſirenenartige Täuſchungen der Bosheit höre. Nun dür⸗ fen wir aber auch die Thatſache nicht außer Augen laſſen, daß unſer hochverehrter Verwandter einen Enkel hat, ge⸗ gen den er bis auf die neueſte Zeit eine große Zunei⸗ gung hegte und den ich ebenfalls hier zu ſehen gewünſcht hätte, da ich in der That die innigſte Hochachtung für ihn hege. Ein ſchöner jnnger Mann! ein ſehr ſchöner Jüngling! ich möchte Ihnen den Vorſchlag machen, ob wir das Mißtrauen des Herrn Chuzzlewit nicht von uns ab⸗ lenken und unſere eigene Uneigennützigkeit dadurch bethä⸗ tigen wollen, daß...“ „Wenn Herr Georg Chuzzlewit mir Etwas zu ſa⸗ gen hat,“ unterbrach die Dame mit dem„ſtarken Geiſte“ den Redner plöͤtzlich in ſtrengem Tone,—„ſo muß ich ihn bitten, ſich auszuſprechen wie ein Mann, und nicht mich und meine Töchter anzugaffen, als ob er uns auf⸗ freſſen wolle.“—„Was das Angaffen belangt, Frau Ned,“ verſetzte Herrn Georg zornig,—„ſo habe ich mir ſagen laſſen, daß die Katze ja auch den Kaiſer angaffen darf, und es ſteht mir deshalb auch hoffentlich ein Recht zu, daß ich— der ich durch Geburt ein Mitglied dieſer Familie bin,— nach einer Perſon gaffe, die ſich nur durch Heirath in unſere Sippſchaft hereingeſchmuggelt hat. Was jedoch das Freſſen anbelangt, Madame, ſo erlaube ich mir, Ihnen zu erwidern, daß, was für Bitterkeit Ihre, Ränke und Ihre vereiltelten Hoffnungen Ihnen auch immer eingeben mögen, ich doch nichts weniger als ein Kannibale bin.“—„Das ſteht noch ſehr in Frage,“ erwiderte die Dame mit dem ſtarken Geiſt.— „Auf jeden Fall, wenn ich auch ein Kannibale wäre,“ erwiderte Herrn Georg Chuzzlewit, der durch dieſe Ent⸗ gegnung furchtbar erbittert worden war,—„ſo würde es mir nie in den Sinn kommen, nach einer Frau lüſtern zu werden, welche, da ſie drei Mäͤnner überlebt und ſich von dieſen Verluſten nicht ſehr hat anfechten laſſen, aller Wahrſcheinlichkeit zu Folge äußerſt zäh ſeyn muß.“ 222 „ 1 Die Dame mit dem„ſtarken Geiſte“ ſprang haſti⸗ 9 g auf, als hätte ſie eine Schlange geſtochen. „Ich moͤchte ferner noch hinzuſetzen,“ fuhr Herrn Georg fort und nickte je bei der zweiten Sylbe heftig mit dem Kopfe,— ohne Namen zu nennen und daher ohne beleidigende Abſicht gegen irgend wen, als Solche, denen ihr Gewiſſen ſagt, daß die Anſpielung ihnen gilt,— „daß es meiner Anſicht nach weit geziemender und ſchick⸗ licher ſeyn würde, wenn ſolche Leute,— die ſich vor der Verheirathung ſchon dadurch in die Familie eingezwängt und eingefreſſen haben, daß ſie gewiſſen Angehörigen derſelben das Kätzchen ſtrichen und ſie hernach durch Zank und Unfrieden dermaßen ſolterten, daß ſie heilig froh waren, wenn der Senſenmann ſie abholte,— ſich ernſtlich hüten wollten, dieſe Raubvogels⸗Abſichten ſolchen Fami⸗ liengliedern gegenüber, die noch am Leben ſind, in all⸗ weg aufzugeben. Zudem bin ich noch der Anſicht, daß es eben ſo gerathen, wo nicht noch beſſer ſeyn ſollte, wenn ſolche Perſonen zu Hauſe blieben und ſich mit Dem zufrieden gäben, was ſie glücklicherweiſe bereits erſchnappt haben, anſtatt hier herumzuliegen und ihre Finger in eine Familienpaſtete zu ſtecken, welcher ſie, wie ich füglich ſagen lann, bereits mehr als genug Hautgout verleihen, wenn ſie auch fünfzig Meilen weit von hier wegblieben. „Ich hätte mich darauf gefaßt machen können!“ rief die Frau mit dem ſtarken Geiſte, und warf ein verächt⸗ liches Lächeln ringsum, während ſie im Gefolge ihrer drei Töchtern der Thüre zuſchritt;„was konnte ich auch an⸗ ders von einer Atmoſphäre wie dieſe hier erwarten?“ „Ich bitte Sie,“ rief Miß Charity,„heften Sie nicht Halbſoldoffiziersblick auf mich, denn er iſt mir un⸗ erträglich!“ 3 3 Dies war eine beißende Anſpielung auf eine Pen⸗ ſion, welche die Dame mit dem ſtarken Geiſte während ihrer zweiten Wittwenſchaft und vor ihrer letzten Heirath zu beziehen hatte, und es lag unendlich viel darin. „Ich entſchlug mich des Andenkens eines dankbaren —— 223 Vaterlandes, als ich in dieſe Familie trat,“ rief Frau Ned—„und ich fühle nun, obgleich es mir damals nicht zum Bewußtſeyn kam, daß mir ganz Recht geſchah und daß ich eben dadurch, daß ich mich ſelbſt ſo tief ernied⸗ rigte, alle meine Anſprüche an das Vereinigte Königreich von Großbritanien und Irland verlor. Nun, lieben Kin⸗ der, wenn Ihr ganz fertig ſeyd und Euch durch Beher⸗ zigung des anſtändigen Betragens dieſer beiden jungen Damen hier gehörig erbaut hat, wird es wohl das Beſte ſeyn, wenn wir jetzt gehen. Herr Pecksniff, wir ſind Ihnen in allem Ernſt zu großem Dank verbunden; wir kamen zu unſerem Vergnügen hieher, und die Unterhal⸗ tung, welche ſie uns verſchafft haben, hat unſerer Er⸗ wartung weit übertroffen,— ich danke Ihnen! Gott be⸗ fohlen!“— Durch dieſen Scheidegruß lähmte die Frau von ſtar⸗ kem Geiſte die Energie der ganzen Familie Pecksniff, und ſchritt, von ihren Töchtern begleitet, hochmüthig und voll Würde zum Gemach und zum Hauſe hinaus, wo die jungen Damen, wie von einem Triebe beſeelt, die Naſen in die Luft reckten und in ein verächtliches Lächeln aus⸗ brachen. Wie ſie draußen unter den Fenſtern des, Zim⸗ mers vorübergingen, legten ſie auf ihren Geſichtern eine wahrhaft ſelige Begeiſterung an den Tag, und verſchwan⸗ den ſodann mit dieſem letzten Hieb der größten Entmu⸗ thigung fuͤr die im Zimmer drinnen, um die Ecke. Ehe noch Herr Pecksniff oder irgend einer der zu⸗ rückgebliebenen Beſucher eine weitere Bemerkung machen konnte, eilte eine andere Geſtalt in ungewöhnlicher Haſt vor dem Fenſter vorüber und zwar von der entgegenge⸗ ſetzten Seite her, und unmittelbar darauf ſprang Herrn Spottletoe in’s Zimmer. Im Vergleich zu ſeinem jetzigen erhitzten Zuſtande war er bei ſeinem Weggehen ein wah⸗ rer Schneemann oder Eisblock geweſen,— Schweiß ſtand ihm auf der Stirne und träufelte in öligen Tropfen ſo ſehr auf ſeinen Backenbart hernieder, daß dieſer wie von friſcher Salbe erglänzte; ſein Geſicht glühte wahrhaft, 4 224 ſeine Glieder zitterten und er ſchnappte keuchend nach Athem. „Beſter Sir, was iſt denn Ihnen?“ rief Herrn Pecksniff. „O ja, ja freilich! natürlich?“ rief der Andere; „ganz gewiß! hört ihn nur, hört!“ „Was gibt's denn?“ riefen mehrere Stimmen. „O, gar nichts!“ rief Spottletoe, noch immer nach Luft ſchnappend;—„gar Nichts, Nichts von Belang; fragt ihn nur, er ſoll Euch Alles ſagen!“ „Ich begreife nicht, was unſer Freund will!“ ſprach Herrn Pecksniff und blickte ſich voll Verwunderung an; „ich verſichere Sie, daß ich ihn durchaus nicht begreife.“ „Sie begreifen mich nicht, Sir?“ rief Spottletoe; „mich begreifen Sie nicht? Wollen Sie am Ende gar behaupten, daß Sie nicht um das wiſſen, was ſich in⸗ zwiſchen zugetragen hat? Wollen Si nicht eingeſtehen, daß Sie uns hieher gelockt haben, um einſtweilen ein Komplott und Anſchläge aller Art gegen uns anzuzetteln? Wollen Sie ſich gar noch vermeſſen zu ſagen, daß Sie nicht darum wußten, daß Herrn Chuzzlewit gehen wollte und daß Sie nicht darum wiſſen, daß er gegangen iſt, Sir?!“— „Er iſt fort?“ riefen Alle einſtimmig. „Ja, fort iſt er,“ verſetzte Herr Spottletoe,„er iſt fort; während wir hier beiſammen ſaßen, iſt er fort und Niemand weiß, wohin er gegangen iſt; auf Ehre, Nie⸗ mand weiß es; Niemand wußte, daß er gehen wollte, denn ſelbſt die Wirthin verſchwört ſich hoch und theuer, daß ſie bis zum letzten Moment geglaubt habe, der alte Herr wolle nur eine Spazierfahrt machen. Sie will kei⸗ nen andern Argwohn gehegt haben? Ei, natürlich, iſt ſie nicht die Helfershelferin dieſes Burſchen da? Natürlich. Der ergrimmte Spottletoe begleitete dieſe Ausrufe mit einer Art ſpöttiſchen Geheuls, brach dann kurz ab, blickte die Geſellſchaft einen Augenblick ſchweigend an und machte ſich alsdann mit derſelben ſeltſamen Eile davon, wie er N S— 8 œ ᷓ +&⏑— 5 Boz, Chuzzlewit. I. 225 gekommen war, um nie wieder geſehen zu werden. Ver⸗ gebens verſuchte Herrn Pecksniff ſeine Gäſte zu überzeu⸗ gen, daß dieſe neue und glückliche Entweichung des Fa⸗ milienhauptes oder Erbonkels ihm nicht minder zur Be⸗ ſtürzung und Ueberraſchung gereicht, als irgend einem „Andern. Von allen Schmachreden und ſchimpflichen An⸗ klagen, die ſich je über einem einzigen unglücklichen Haupte aufhäuften, übertraf ſicher keine an Nachdruck und Herzlichkeit diejenigen, mit welchen der arme Pecks⸗ niff beim Abſchiede von jedem einzelnen ſeiner zurückge⸗ bliebenen Verwandten begrüßt wurde. Die moraliſche Haltung, welche Herr Tigg ihm gegenüber angenommen, hatte in der That etwas Fürch⸗ terliches an ſich, und die taube Baſe, welche unter den obwaltenden Verhältniſſen doppelt leiden mußte, weil ſie den ganzen Vorfall mit angeſehen und doch nur die Kataſtrophe davon gehört hatte, rieb ſogar ihre Schuhe auf dem Kratzeiſen ab und vertheilte nachher die Fuß⸗ ſtapfen davon über die ganze Treppe zum Beweis, daß ſie den Staub von ihren Füßen geſchüttelt, ehe ſie dieſes heuchleriſche, heimtückiſche Haus verlaſſen. Herr Pecks⸗ niff hatte mit Einem Worte nur den Troſt der Ueber⸗ zeugung, daß alle dieſe liebevollen Verwandten ihn zuvor ſchon aus allen Kräften gehaßt hatten, und daß er ſeiner⸗ ſeits ihnen kaum mehr Liebe entgegengetragen, als er von ſeinem in dieſer Beziehung ſehr umfangreichen Ca⸗ pitale bequem abgeben konnte. Das Ermeſſen ſeiner eigenen Angelegenheiten von dieſem Geſichtspunkte aus gereichte ihm zu großem Troſte, und dieſe Thatſache ver⸗ dient um ſo eher angeführt zu werden, als ſie einen Be⸗ weis liefert, wie leicht ſich ein guter Menſch unter ſolchen Umfänden getäuſchter Erwartungen und verlorener Hoff⸗ nungen zu tröſten vermag. 226 Fünftes Kapitel. Darinnen wir eine ſehr umſtändliche Nachricht über die Aufnahme Herrn Pecksniff's neuen Pflegbefohlenen in den Schoos von Herrn Pecksniff’s Familie ertheilen, ſowie alle die bei diefer Gelegenheit ſtattgefundenen Feſtlichkeiten und das große Vergnügen des Herrn Pinch berichten. Der beſte aller Architekten und Landesvermeſſer hielt ſich einen Gaul, in welchem die in dieſen Blättern ſchon mehr erwähnten Feinde ſeines Rufes eine überraſchende Aehnlichkeit mit ſeinem Gebieter zu entdecken behaupteten. Dieſe Uebereinſtimmung galt jedoch nicht gerade der äußeren Geſtalt, denn das Roß war ein ungeſchlachtes, hageres Thier und ſtand in jedem Fall in magererem Fut⸗ ter, als Herr Pecksniff, ſondern eher in ſeinem moraliſchen Charakter, weil es, wie ſie ſagten, gleich ſeinem Herrn ſehr viel verſpreche, aber deſto weniger halte. Das Pferd ſchien gewiſſermaßen ſtets forteilen zu wollen, kam aber doch nie vom Flecke; ging es in ſeinem gewöhnlichen Reiſe⸗ ſchritte, ſo pflegte es zuweilen ſeine Beine ſo hoch zu erheben, und eine ſolch' kräftige Beweglichkeit zu ent⸗ falten, daß man kaum anders glauben konnte, als es wolle etwa vierzehn Meilen in einer Stunde zurücklegen. Dabei war es ſtets ſo vollkommen mit ſeiner eigenen Behendigkeit zufrkeden und blieb ſo gleichgültig gegen jede Gelegenheit, ſich ſelbſt mit den ſchnellſten Trabern zu vergleichen, daß die hervorgebrachte Illuſtion nur um deſto Knnviderſehliches war Es war eine Art von Thier, das die Bruſt eines jeden Fremden zu den lebhafteſten Hoffnungen ſchwellte, jeden Andern aber, der genauer mit ihm bekannt war, nahezu zur Verzweiflung brachte. In wie fern dieſe ſittlichen und körperlichen Eigenſchaften eine Aehnlichkeit mit denen ſeines Gebieters darboten, darüber können nur die Verläumder dieſes ehrenwerthen Mannes Auskunft und Erläuterung geben. Jedenfalls iſt es eine betrübende Wahrheit und ein bedauerlicher Beweis für die Bosheit und Scheelſucht der Welt, daß man dieſe Vergleichung überhaupt nur wagte. In die⸗ ſem Pferde und dem bedeckten Fuhrwerke von beliebigem Namen, vor welches es gewöhnlich geſpannt wurde— es glich eher einem Gig mit einem Höcker, als irgend etwas Anderem— vereinigten ſich an einem ſchoͤnen kalten Morgen ſämmtliche Gedanken und Wünſche des Herrn Tom Pinch, denn er ſtand im Begriff, mit dieſer prächtigen Equipage ganz allein nach Salisbury zu fah⸗ ren, daſelbſt den neuen Zögling abzuholen und ihn von dort im Triumph mit nach Haus zu briugen. Segen über Dein ſchlichtes Gemüth, Tom Pinch! mit welchem Selbſtgefühle knöpfteſt Du den unſchein⸗ baren Rock zu, der ſchon ſeit vielen Jahren mit einem ärgerlichen Spottnamen Dein„Ueberrock“ genannt wurde, und mit welch' inniger Ueberzeugung glaubteſt Du, als Du heiteren Muthes und mit wohlwollendem Tone den Hausknecht Samuel beſchworſt,„den Gaul noch nicht los zu laſſen,“ daß der Vierfüßler gehen wollte und gehen würde, wenn er nur könnte! Wer könnte ein Lächeln unter⸗ drücken— ein gutmüthiges Lächeln für Dich, Tom Pinch, und keines aus Hohn auf Deine Koſten, denn Du biſt, weiß der Himmel, ſchon bemitleidenswerth genug— wenn er bedenkt, daß ſolch' ein Feſttag, wie derjenige, dem Du entgegenſiehſt, Dich ſo munter und lebhaft ſtimmen könnte, daß Du jenen großen weißen Krug faſt unange⸗ taſtet wieder auf den Küchenfenſterſims niederſetzteſt, den Du geſtern Nacht eigenhändig zurückſtellteſt, damit das Frühſtück Dich nicht länger aufhalte und jene Brodkruſte auf den Sitz neben Dich legſt, um ſie unterwegs zu eſſen, wenn Du von Deinem hehren Entzücken einigermaßen zurückgekommen ſeyn würdeſt! Wer, wenn er Dich Glück⸗ lichen wegfahren und mit dankbarem Wohlwollen dem noch in der Nachtmütze unter dem Fenſter ſtehenden Pecksniff zuwinken ſähe, möchte nicht in den Ruf aus⸗ 1⁵ * 228 brechen:„Der Himmel ſey mit Dir, Tom, und füge es, daß Du für immer irgend einer ruhigen Heimath ent⸗ gegengeheſt, wo Du in Frieden und ungetrübt von Kum⸗ mer leben könnteſt!“ Welche Zeit wäre wohl geeigneter zum Reiten, Fah⸗ ren und Spazierengehen oder irgend einer Bewegung in friſcher Luft, als ein heiterer kalter Morgen, wo die Hoffnung munter mit dem regen Blute durch die Adern quillt, und den ganzen Leib von Kopf bis zu Fuß mit friſcher Thatkraft durchſchauert! So beſchaffen war der fröhliche Beginn eines ſchönen Tages zu Winters An⸗ fang— einer jener Tage, der, wenn man ſo ſagen darf, die drückende Sommerszeit zum Erröthen bringt, und ſelbſt den Frühling beſchämt, weil er zuweilen halb ſo kalt iſt. Die Gloͤckchen der Leithämmel klangen ſo hell durch die kräftige Luft, als empfänden ſie wie lebende Weſen ihren heilſamen belebenden Einfluß; die Bäume ſchüttelten ſtatt der Blätter und Blüthen froſtigen Rauh⸗ reif zu Boden, der im Fallen funkelte und für Diamanten⸗ ſtaub gelten konnte, womit ihn wenigſtens Tom verglich; aus den Schornſteinen der ländlichen Hütten ſtrebte der Rauch hoch empor, als hätte die Erde ihre Schwerkraft verloren, und wolle ihre Schönheit nicht mehr durch trü⸗ ben Dunſt verhüllen und bedrücken laſſen. Die Eisrinde über dem ſonſt murmelnden Bache war ſo durchſichtig und ſo dünn gewoben, daß das lebendige Waſſer aus eigenem freien Willen— wie es Tom's fröhlichem Ge-⸗ muthe bedünken wollte— Halt gemacht zu haben ſchien, um ſich nach Herzensluſt den lieblichen Morgen anzu⸗ ſchauen; damit aber die Sonne nicht zu raſch dieſen Zauberkreis durchbreche, ſchwebte zwiſchen ihr und der Erde ein Nebel, dem zu vergleichen, der in Sommer⸗ nächten den Mond umlagert— gerade ſo erſchien es wenigſtens Tom— und der von ihr zu verlangen ſchien, daß ſie ihn ſachte auflöſe. 8 Tom Pinch fuhr alſo ab, zwar nicht ſchnell, aber doch mit einem Bewußtſeyn und Empfindung raſcherer NRN — ◻ —— N— K xNAE N' B8B — — Bewegung, das er gerne für jenes nahm, und unterwegs ſchienen alle Arten von Gegenſtänden und Wahrnehmun⸗ gen nur dazu beizutragen, ihm ſein Glück zu erhalten. Als er auf dieſe Weiſe zum Beiſpiel dem Schlagbaum ſich näherte, und von dort aus geſehen werden konnte es war ein gutes Stück Weges dahin— ward er inne, daß des Wächters Weib, die in dieſem Augenblick einem Wagen das Straßengeld abgenommen, wie toll in's kleine Häuschen zurückſprang, um zu verkünden, daß Herr Pinch nun herankomme, und ſie hatte daran auch Recht, denn als er auf Hörweite zu dem Schlagbaume kam, eilten des Wegegeld⸗Einnehmers Kinder plötzlich heraus und riefen in dünnem Chor zu Tom's innigem Vergnügen:„Herr Pinch!“— Der Einnehmer ſelbſt, ſonſt ein mürriſcher Kerl, mit dem Niemand gerne zu thun haben mochte, kam heraus, um das Weggeld einzuſtreichen und ihm einen barſchen Guten Morgen zu wünſchen. Und als nun Tom bei alle dem noch einen Blick auf das Früh⸗ ſtück jener Familie auf dem kleinen runden Tiſche vor dem Herde geworfen, däuchte ihm die Kruſte, welche er ſelbſt mitgebracht hatte, einen ſo überſchwenglichen Wohl⸗ geſchmack gewonnen zu haben, als hätte er ſie ſich von einem gefeiten Brodlaibe abgeſchnitten. Das war aber noch lange nicht Alles, denn es waren nicht allein die verheiratheten Leute und die Kinder, welche Tom Pinch im Vorübergehen freundlichen Willkomm ent⸗ boten,— o nein! Auch glänzende Augen und ſchneeige Buſen traten eiligſt an manchen Dachladen, als er vor⸗ überrollte, und erwiderten freundlich ſeinen Gruß, und zwar nicht ſpärlich, ſondern wohlgemeſſen, ſiebenfältig;— Alle waren ſo vergnügt, Alle lachten ſo herzlich, und einige der Schalkhafteſten unter ihnen warfen Tom gar Kußhändchen zu, als er ſich nach ihnen umblickte! Wer konnte auch dem armen Tom Pinch böſe ſeyn? In ihm war ja auch kein böſes Aederchen. Und nun geſtaltete ſich der Morgen ſo ſchoͤn, und Alles wurde ſo wach und munter, ſo heiter und wohl⸗ 230 gemuth, daß ſelbſt die Sonne, wie Tom Pinch gar nicht zu bezweifeln wagte, zu ſagen ſchien:„Ich kann nicht länger hier oben ſtehen, muß ſelbſt ein Bischen darein⸗ ſchauen!“ und in glänzender Majeſtät herniederſtrahlte. Der Nebel aber, zu ſcheu und fein für ſolch' luſtige Ge⸗ ſellſchaft, flog ganz beſchämt vor ihr, und während er ſo dahinſtrich, zeigten Hügel und Thäler und fernes Weide⸗ land, auf denen artige Schäfchen und laut kreiſchende Krähen ſich die Zeit vertrieben, ſich in ſo fröhlichem Glanze, als würden ſie eigens zu dieſer Gelegenheit ſpanneu abgerollt. Vor Vergnügen über dieſe Entdeckung blieb auch das Flüßchen nicht länger ſtehen, ſondern eilte munter davon, um auch die frohe Kunde nach der Muhle hinunter zu bringen, die drei Meilen abwärts lag. So zog Herr Pinch voll freundlicher Gedanken und lieblicher Eindrücke ſeines Weges dahin, als er auf ein⸗ mal auf der Straße vor ſich einen Wanderer gewahrte, der mit leichtem, raſchem Schritte nach derſelben Richtung hinzog, wie er, und mit lauter, doch nicht unmelodiſcher Stümme ein heiteres Liedchen vor ſich hinträllerte. Es war ein junger Burſche von etwa fünf⸗ bis ſechsundzwanzig Jahren und ſo leicht und nach Engelart gekleidet, daß die langen Enden ſeines loſe umgeknüpften Halstuchs bald nach hinten, bald nach vornen hinausflatterten; das Bündel friſchglänzender Winterbeeren im Knopfloche ſei⸗ nes Sammtrockes war für Herrn Pinch ebenſo ſichtbar von hinten, als hätte der Wanderer ſeinen Rock verkehrt am Leibe getragen. Er fuhr fort, ſo kräftig zu ſingen, daß er das Knarren der Räder nicht eher vernahm, als bis der Wagen hart hinter ihm war, und drehte nun ein luſtiges Geſicht und ein paar muntere blaue Augen Herrn Pinch zu, indem er plötzlich ſtehen blieb. 3 „Heda! Mark!“ rief Herr Pinch, indem er den Wa⸗ gen anhielt,—„wer hätte ſich träumen laſſen, Euch hier zu ſehen! ei, das iſt eine fröhliche Ueberraſchung!“ Mark griff an ſeinen Hut und verſetzte mit plötzlich 1——— Rn mn ſich verlierender Lebhaftigkeit, daß er im Begriff ſeye, nach Salisbury zu gehen. 4 „Ei, wie Ihr Euch doch aufgeputzt habt!“ ſagte Herr Pinch und blickte den Wanderer mit innigem Vergnügen an,„ich hätte wahrlich nicht gedacht, daß Ihr nur halb ſo eitel wäret, Mark.“ „Dank' Ihnen, Herr Pinch!“ verſetzte der Wanderer, „'s iſt wahrlich kaum der Rede werth. Sie wiſſen ja, meine Schuld iſt's nicht. Was aber den Putz betrifft, Sir, ſo iſt's damit auch nicht weit her.“ Bei dieſen Worten blickte er gar verdüſtert drein. „Was habt Ihr denn vor?“ fragte Pinch. „Je nun,“ meinte Mark,„Jedermann kann munter und wohlgemuth ſeyn, wenn er ein hübſches Gewand auf dem Leibe trägt, und dazu gehört wahrlich ſo wenig, daß ich mir Nichts darauf zu gute thun darf; wär' ich aber recht zerlumpt und dabei doch vergnügt, dann würde ich nachgerade glauben, ich habe ein gewiſſes Verdienſt da⸗ bei, Herr Pinch.“ „So habt Ihr alſo eben nur geſungen, um Euch wegen der guten Kleidung zu tröſten, Mark?“ fragte Pinch. „Wenn man Sie ſprechen hört,“ erwiderte Mark mit herzlichem Lachen,„ſo iſt's nicht Anders, als höre man ein Buch; diesmal hatten Sie Recht.“ „Ci, ei!“ rief Pinch,„Ihr ſeyd der ſeltſamſte junge Mann, Mark, den ich all mein Lebenlang geſehen habe; ich habe mir zwar immer etwas Derartiges gedacht, nun aber bin ich ganz innig davon überzeugt. Ich bin auch im Begriff, nach Salisbury zu gehen, Mark; wollt Ihr nicht einſteigen? es wird mich freuen, Euch zum Gefähr⸗ ten zu haben.“ 3— Der junge Mann dankte freundlich und nahm da Anerbieten an; er beſtieg alsbald den Wagen, ſetzte ſich auf die andere Seite des Sitzes und zwar ſo, daß er mit dem halben Leibe darüber hinausragte, um dadurch zu erkennen zu geben, daß er hier nur geduldet ſey und ſeinen Platz der Zuvorkommenheit des Herrn Pinch ver⸗ 23² danke. Wie ſie nun ſo mit einander hinfuhren, geſtaltete ſich ihre Unterredung folgendermaßen: „Als ich Euch vorhin ſo aufgeputzt erblickte,“ hub Tom Pinch an,—„war ich faſt verſucht, zu glauben, Ihr wollet auf's Freien ausgehen, Mark?“ „Nun ja, Sir,“ verſetzte Mark,„ich habe auch ſchon daran gedacht, es mag recht viel Ehre dabei ſeyn, wenn man mit einem zankſüchtigen Weib glücklich zuſammen leben kann, zumal wenn die Kinder die Maſern und ſo weiter haben; ich würde mich aber faſt vor einem ſolchen Ver⸗ ſuch fürchten, denn ich kenne mich noch nicht genau genug.“ „ Ihr ſeyd alſo wohl noch in Niemanden recht ver⸗ liebt?“ fragte Pinch. „Nicht daß ich wüßte!“ entgegnete Mark. „Ich dächte doch, Mark,“ hub Herr Pinch wieder von Neuem an,„daß Ihr gemäß Euerer Anſichten von. den Dingen nichts Anderes thun könntet, als Jemand zu heirathen, den Ihr nicht liebtet und der gewiſſermaßen häßlich wäre.“ „Da haben Sie wohl recht, Sir,“ meinte Mark,— „indeß hieße das den Grundſatz doch etwas zu weit ausdehnen, nicht wahr?“ „Wohl moͤglich,“ ſagte Herr Pinch, und Beide brachen darüber in ein lautes, fröhliches Gelächter aus. „Gott ſegne Sie, Sir,“ ſagte Mark,„obwohl Sie mich kaum zur Hälfte kennen; ich glaube kaum, daß es je einen Mann gab, der ſich unter Umſtänden, welche Andern unglücklich ſcheinen würden, ſo wohl befinden und ſo tapfer halten könnte, als ich zu thun geſonnen wäre, wenn ich nur wüßte, wie ich in ſolche Umſtände ge⸗ langen könnte. Das iſt mir aber rein unmöglich. Mich will's bedünken, als ob keine Seele erfahren werde, was in mir ſteckt, wenn mir nicht einmal etwas ganz Außer⸗ ordentliches begegnet, und damit hat's wohl noch gute Wege. Wiſſen Sie ſchon, Sir, daß ich im Sinne habe, aus dem Drachen fortzugehen?“ 8 „Warum nicht gar!“ ſagte Herr Pinch und blickte 233 ſeinen Gefährten mit großen Augen an,—„was fällt Euch ein, Mark? Mirr ſteht ja faſt der Verſtand ſtille.“ „Ja, Herr,“ gab der Burſche zur Antwort, und blickte ſtarr vor ſich in's Blaue hinein, wie Leute zu thun pflegen, wenn ſie über Etwas tief nachdenken;— „wozu ſollte es auch führen, wenn ich länger im Drachen bliebe? jener Platz paßt durchaus nicht für mich. Als ich London verließ— ich bin nämlich aus der Graſfſchaft Kent gebürtig— und ehe ich jene Stelle im Drachen an⸗ nahm, da hatte ich die Hoffmung gehegt, in das lang⸗ weiligſte und abgelegenſte Neſt Englands zu kommen, damit ich auf dieſe Weiſe Gelegenheit habe, mich unter ſolchen Umſtänden durch fröhlichen Muth auszuzeichnen. Du lieber Gott, im Drachen aber iſt's nichts weniger als langweilig, da iſt den ganzen Tag Kegelſpiel, Crickett, Wurſſcheibenſpiel⸗ Schelmenliedchen, Rundgeſänge, und jeden T Winterabend luſtige Geſellſchaft um das Kamin her— da iſt's wahrlich kein Verdienſt, wenn man im Drachen vergnügt iſt! das kann ja Jedermann ſeyn.“ „Wenn's aber wahr iſt, was die Leute ſagen, Mark, und mir däucht's nicht unwahrſcheinlich, da ich mich aus eigener Anſchauung davon überzeugt habe,“ meinte Herr Pinch,„ſo ſollt Ihr ja die Veranlaſſung und Urſache faſt all dieſer Luſtigkeit ſeyn, und faſt einzig zur Auf⸗ rechthaltung derſelben noch beitragen.“ „s mag etwas Wahres daran ſeyn, Sir,“ verſetzte Mark,„allein das iſt wahrlich kein Troſt für mich.“ „Wohlan denn,“ hub Herr Pinch nach kurzer Pauſe wieder an, und ſeine ſonſt ſo leutſelige Stimme wurde noch leutſeliger als je,—„ich kann kaum glauben, daß Ihr mir da die Wahrheit ſagt; was ſoll denn aus Frau Lupin werden, wenn Ihr Ernſt macht, Mark?“ Mark blickte noch ſtierer in die Ferne hinaus, als er Tom darauf erwiderte: Er meine nicht, die Wirthin werde ſich ſoviel um ſeiner grämen; es gäbe ja noch hübſche junge Burſchen, die an dem Platze froh wären, in Menge, und er ſelbſt kenne ihrer ein Dutzend. 234 „Das iſt freilich wahrſcheinlich genug,“ verſetzte Herr Pinch;—„allein ich bin doch noch nicht ganz überzeugt, daß Frau Lupin an ihnen froh ſeyn möchte; ich dachte mir nämlich ſtets, Ihr, Mark, und Frau Lupin würdet am Ende noch Hochzeit machen, und das war, ſoviel ich weiß, Jedermanns Anſicht.“ „Nicht doch,“ verſetzte Mark etwas verwirrt,— nich ſprach nie mit ihr auf eine Weiſe, aus der ſte den Schluß ziehen könnte, daß ich ihr den Hof gemacht, und auch ſie ließ nie Etwas davon vermerken; doch will ich nicht verſchwören, daß dies über kurz oder lang doch einmal hätte der Fall ſeyn konnen, und weiß nicht, was ſie mir darauf zur Antwort geben würde! Nein, Sir, das würde durchaus nicht für mich paſſen.“ „Bah, Mark!“ rief Herr Pinch;—„Ihr könnt wähnen, nicht zum Wirth des Drachen zu taugen?“ „Wahrlich, Sir, das thu' ich,“ verſetzte der Andere, wandte ſeinen Blick vom Horizont ab und blickte ſeinem Reiſegefährten in's Auge;—„Sehen Sie, das wäre ein Verderben für einen Mann wie ich; da würde ich mir's mein Leben lang behaglich machen, und Niemand erführe, was eigentlich an mir iſt. Was hätte der Wirth vom Drachen fuͤr ein Verdienſt davon, wenn er luſtig wäre? Er müßte es ja wider Willen ſeyn, wenn er auch einen Verſuch zum Gegentheil machte.“ „Weiß Frau Lupin ſchon, daß Ihr von ihr weg⸗ gehen wollt?“ fragte Pinch.. 3 „Ich habe ihr's noch nicht anvertraut, Sir, allein es muß doch einmal geſchehen,“ entgegnete Mark;— nich will mich heute früh drüben in der Stadt nach einem andern paſſenderen Brode umſehen.“ „Und womit wollt Ihr's jetzt verſuchen?“ fragte Herr Pinch. „Je nun,“ verſetzte Mark;—„ich dachte ſo bei⸗ läufig, mich auf's Todtengräber⸗Gewerbe zu verlegen.“ „Du lieber Gott, Mark! was fällt Euch ein!“ rief Herr Pinch entſetzt aus. ————— 235⁵ „CEi,'s iſt ein gutes, feuchtes, wurmiges Stück Handwerk, Sir!“ ſprach Mark mit zuſtimmendem Kopf⸗ ſchütteln,—„es waͤre doch wenigſtens auch etwas Ver⸗ dienſt dabei zu holen, wenn man bei dieſem Berufe ſich frohen Muth erhielte, falls nicht die Todtengräber an und für ſich ſchon luſtige Häute ſind; allein das wäre ja die verkehrte Welt. Sie könnten mir vielleicht am beſten Auskunft darüber geben, Sir?“ „Mit Nichten,“ verſetzte Herr Pinch,—„das kann ich nicht, ich habe darüber nie näher nachgedacht.“ „Je nun,“ meinte Mark gedankenvoll,„wenn's mir nicht nach Wunſch dabei ergeht, ſo gibt's ja noch an⸗ dere Gewerbe. Ein Leichenbeſtatter z. B. iſt ein un⸗ heimliches Handwerk; dabei könnte ſich Einer die Luſtig⸗ keit zum Verdienſt machen. Der Diener eines Executors in einer armen Gegend wäre vielleicht auch kein ſchlim⸗ mer Beruf für mich; ein Kerkermeiſter ſieht auch Elend genug, der Diener eines Arztes ſteht mit beiden Füßen im Morden; der Gehülfe eines Vogts hat auch nicht gerade den Himmel auf Erden, und ein Steuereinnehmer muß auch zuweilen ſeine Gefühle mit Füßen treten. Ich meine, es gibt noch eine Maſſe von Gewerken, die ſich für mich eigneten; nicht wahr?“ 4 Dieſe Mittheilung hatte einen ſo mächtigen Ein⸗ druck auf Herrn Pinch gemacht, daß er nur noch gele⸗ gentlich ein Paar Worte über gleichgültige Gegenſtände äußern konnte, und verſtohlen auf das friſche angenehme Geſicht ſeines alten Freundes blickte, der ſich dieſer Beobachtung gar nicht bewußt zu ſeyn ſchien, bis ſie an einen Theil der Straße, hart auf der Grenzſcheide des Weichbildes der Stadt, gelangten, wo ihn Mark erſuchte, anzuhalten und ihn abſteigen zu laſſen. 3 „Du lieber Gott, Mark, warum tragt Ihr denn keine Weſte?“ fragte Herr Pinch, der im Verlauf ſeiner Beobachtung jetzt erſt die Entdeckung machte, daß der Bruſtlatz vom Hemd ſeines Gefährten ſo unverdeckt da⸗ 236 lag, als wäre es hoher Sommer, und daß jedes Lüftchen das Hemd aufblähte. „Wozu ſoll mir eine Weſte dienen?“ fragte Mark. „Wozu,“ entgegnete Pinch,—„je nun, um Euch die Bruſt warm zu halten.“ „Du lieber Gott, Sir,“ rief Mark,„Sie kennen mich noch nicht! Meine Bruſt braucht keine Wärme, und wenn dem auch ſo wäre, was wäre denn die Folge da⸗ von, wenn ich keine Weſte trüge? Eine Lungenentzün⸗ dung? Wohlan denn, es wäre vielleicht ein Verdienſt, wenn einer bei der Lungenentzündung noch luſtig wäre!“ Da Herr Pinch ſtatt aller Antwort nur einen tiefen Seufzer hören ließ, die Augen weit aufriß und unauf⸗ hörlich mit dem Kopf nickte, bedankte ſich Mark freund⸗ lich für die Gewähr der Fahrt und ſprang, ohne ſeinen Begleiter zum Halten zu veranlaſſen, leicht vom Wagen herunter und verſchwand bald mit ſeinem wallenden Hals⸗ tuche und offenen Rock in einem Quergäßchen, drehte ſich aber noch von Zeit zu Zeit um, um Herrn Pinch freund⸗ lich zuzunicken und betrug ſich dabei wie der ſorgloſeſte, aufgeräumteſte, luſtigſte Burſche weit und breit, während ſein ſeitheriger Begleiter aber mit gedankenvoller Miene ſeinen Weg nach Salisbury fortſetzte.— Herr Pinch hegte die vernünftige Anſicht, daß Salis⸗ bury ein höchſt gefährlicher Ort, eine ausnehmende wilde und liederliche Stadt ſey; kaum hatte er demnach ſein Roß untergebracht und dem Hausknecht zu verſtehen ge⸗ geben, daß er binnen weniger Stunden wieder zurück⸗ kommen werde, um ſelbſt zu ſehen, wie das Pferd ſein Futter erhalte, ſo machte er ſich wieder auf den Weg, einen Streifzug durch die Straßen anzuſtellen und hegte dabei die dunile und keineswegs unangenehme Anſicht, auf dieſem Wege auf allerlei Arten von Myſterien und Teufeleien zu ſtoßen. Für einen Menſchen von ſeinen ruhigen Sitten fand dieſe kleine Täuſchung keinen ge⸗ ringen Vorſchub in dem Umſtand, daß es gerade Markt⸗ tag war und die Thorwege in der Nachbarſchaft des 237 Marktes, ſo wie die zu denſelben führenden Straßen mit Karren, Pferden, Eſeln, Körben, Wagen, Gemüſe, Fleiſch, Kaldaunen, Bäckerläden, Geflügel und Höckerwaaren der verſchiedenſten Art und Form vollgepfropft waren. Junge Bauernburſche, Landleute und Pächter in Filzkitteln, brau⸗ nen Ueberröcken, grauen Mänteln, rothwollenen Mantel⸗ krägen, Lederkamaſchen, ſeltſam geformten Hüten, Hetz⸗ peitſchen und Knotenſtöcken ſtanden in Gruppen umher, oder plauderten lärmend miteinander auf den Treppen vor den Wirthshäuſern, ſetzten mit Ausgeben und Ein⸗ nehmen mächtige Geldſummen um in ſchmierigen Bank⸗ noten, die ſie in ſo geräumigen Brieftaſchen aufbewahr⸗ ten, daß ſie faſt einen Schlaganfall bekamen, bis ſie ſie aus der Taſche hatten, und faſt Krämpfe erlitten, bis ſie ſie wieder in die Taſchen brachten; da waren ferner Pächtersweiber mit Hauben von Biberfell und rothen Mänteln, reitend auf zottigen Pferden, die aller irdiſchen Leidenſchaften baar waren, und willig und ohne wiſſen zu wollen warum, ſich nach allen Arten von Plätzen hin⸗ lenken ließen, und die ſogar im Nothfalle in einem Por⸗ cellainladen mit einem vollſtändigen Dinerſervice an je⸗ dem Hufe vollkommen ſtille geſtanden wären. Außerdem trieb ſich hier noch eine große Menge Hunde herum, die ſich lebhaft für den Gang des Markts und den Handel ihrer Herren intereſſirten und die große Verwirrung und den Lärm menſchlicher und thieriſcher Zungen noch ver⸗ mehren halfen. Herr Pinch betrachtete Alles, was hier zum Ver⸗ kauf ausgeſtellt war, mit innigem Vergnügen und be⸗ thätigte insbeſondere große Ueberraſchung über die wan⸗ dernden Meſſerſchmiede, deren Waaren er für die erprob⸗ teſten hielt, ſo daß er ſich am Ende bewogen fand, ſich ein Taſchenmeſſer mit ſieben Klingen zu kaufen, von de⸗ nen, wie er nachher leider fand, auch nicht eine einzige ihren Schnitt behielt; als er alles Sehenswürdige auf dem Marktplatze genugſam betrachtet und den Paͤchtern zugeſehen, wie ſie auf offenem Markte ihr Mahl ver⸗ 1 238 zehrten, kehrte er zurück, um nach ſeinem Pferde zu ſehen. Als er nun Augenzeuge geweſen war, wie der Gaul nach Herzensluſt ſich abgefüttert, machte er ſich von Neuem wieder auf den Weg, um eine Wanderung durch die Stadt anzutreten und ſich mit der Betrachtung der Ladenfenſter zu erfreuen. Zunächſt ſtierte er nun längere Zeit die Börſe an, und ergrübelte mit Verwunde⸗ rung, in welcher Richtung wohl die unterirdiſchen Ge⸗ wölbe ſeyn möchten, wo das Geld aufbewahrt wurde; wie er ſich hievon abwandte, blickte er neugierig ein paar jungen Männern nach, die er an ihrer Tracht als ein paar immatrikulirte Anwälte der Stadt erkannte, und vor denen er nicht wenig Reſpekt empfand, da er in ihnen ein paar luſtige Häute erkannte, die etwas mehr konnten, als Brod eſſen, und ſich nicht wenig dar⸗ auf einbildeten. Nun ging's erſt an die Läden, zunächſt an die der Juweliere, vor denen alle Schätze der Erde ausgeſtellt waren und in welchen hinter jeder Glasſcheibe ſo große ſilberne Uhren hingen, daß dieſe unfehlbar ausgezeichnet gut gehen mußten, weil ſie die Schuld vom Gegentheile nicht etwa auf den Umſtand ſchieben konnten, daß es ih⸗ ren Werken am gehöͤrigen Raum gebreche. Sie waren, meiner Treu, auch groß und vielleicht, wie man zu ſagen pflegt, auch häßlich genug, um die korrekteſten aller me⸗ chaniſchen Zeitweiſer zu ſeyn; in Herrn Pinch's Augen er⸗ ſchienen ſie aber kleiner als Genferuhren, und als er eine⸗ ungeheure, dickgeſchwollene Uhr erblickte, die ſich als Repetiruhr kund that und die außerordentliche Eigenſchaft an den Tag legte, jede Viertelſtunde in der Taſche ihres glücklichen Beſitzers laut zu verkündigen, ſo wünſchte er beinahe, reich genug zu ſeyn, um dieſe kaufen zu können. Was waren aber ſogar Gold und Silber, köſtliche Steine und Spieluhren neben den Buchläden, denen der liebliche Geruch von friſchbedrucktem Papier entquoll, welch letzterer augenblicklich in unſerm Wanderer alte Er⸗ innerungen an etliche neue Schulgrammatiken wach rief, —— ⁸½ 8—& ◻‿ 5 N N u G w¼. —— die er vor langen Jahren auf der Schule beſeſſen, und deren Schmutzblatt er mit der fehlerfreien ſchöngeſchnör⸗ kelten Inſchrift:„Maſter Thomas Pinch, Grove Houſe Academy,“ verziert hatte. Und dann erſt dieſer Juchten⸗ lederduft und der herrliche Anblick dieſer langen Reihen von Bänden, die drinnen hübſch aufgeſtellt waren— was für ein Glück mußten ſie erſt gewähren! Und dort im Schaufenſter ſtanden ſa die allerneueſten Werke aus London, mit den weitgeöffneten Titeln, ja ſogar manch⸗ mal auch mit der erſten Seite des Buchs, damit leicht⸗ ſinnige Leute dadurch verſucht würden, das Buch zu le⸗ ſen, und in der Unmöglichkeit, mehr davon zu erhaſchen, plötzlich und blindlings in den Laden hinein eilten, um ſich das Buch zu kaufen. Da waren noch überdies die verführeriſchen Titelkupfer und Vignetten aufgeſchlagen, und deuteten wie Wegweiſer auf der Grenze des Weich⸗ bilds großer Städte nach dem reichen Inhalte, den ihr Inneres barg; da waren Maſſen von Büchern mit man⸗ chem ernſten Bildniß und ewig gefeierten Namen, deren Inhalt er wohl kannte und um die er alle Schätze der Welt hingegeben haben würde, falls er ſte auf irgend eine Weiſe auf das ſchmale Geſtell neben ſeinem Bette in Herrn Peckniffs Hauſe hätte zaubern können; es war in der That ein herzbrechender Laden. 3 Dann kam ein anderer, der freilich nicht ſo ver⸗ führeriſch war, wie der erſte, allein noch immer Reize genng beſaß; hier wurden nämlich Kinderſchriften ver⸗ kauft und obenan ſtand ganz allein in ſeiner ganzen Größe der arme Robinſon Cruſoe mit Hund und Beil, die Vogelflinten m Arm und die Mütze aus Ziegenfell auf dem Kopfe, blickte ruhig auf Philipp Quarll und die ganze Schaar ſeiner Nachahmer hernieder und ſchien Herrn Pinch zum Zeugen aufzufordern, daß er allein unter der ganzen Schaar dem Boden des kindlichen Ge⸗ dächtniſſes jene einſamen Fußſtapfen aufgedrückt habe, von der der Tritt ganzer Menſchengeſchlechter nicht das ge⸗ ringſte Sandkörnchen zu verwiſchen vermöge. Da waren 240 ferner auch die perſiſchen Mährchen mit den fliegenden Schreibpulten und den emſigen Leuten, die Jahre lang in Höhlen verſchloſſen über Zauberbüchern brüteten; da war Abudah der Kaufmann mit dem eutſetzlichen alten Weibchen, das in ſeinem Schlafgemach plötzlich aus der Schachtel heraushumpelt, und dort ſtand der mächtige Talisman— die unvergleichlichen„Mährchen der Tauſend und Einen Nacht“— ſammt Kaſim Baba, der geviert⸗ theilt, voll Blut und Schauer, wie der Geiſt einer ent⸗ ſetzlichen Summe in der Höhle der Räuber hängt!— O Wunder ohne Gleichen, die ihr plötzlich in Herrn Pinch's Seele auftauchend jene Wunderlampe in ſeinem Buſen ſo riebet und reinigtet, daß, wenn er ſein Ge⸗ ſicht wieder der lärmenden, geſchäftigen Straße zukehrte, ein Geiſterheer ſeinem Willen lauſchte und er mit ernen⸗ tem Vergnügen die glücklichen Tage vor der Zeit in Herrn Pecksniffs Hauſe noch einmal durchlebte. Diesmal hatte er weit weniger Intereſſe für die Gewölbe der Apotheker, mit ihren großen glühenden Fla⸗ ſchen— deren Stöpſel ſogar noch einen geringen Ge⸗ halt von Glanz auszuſtrahlen ſchienen— und an ihren ſüßduftenden Zwitterwaaren von Arznei und Parfümerie in der Geſtalt leckerer Latwergen und Jungfernhonigs. Den Schneiderläden ſchenkte er, wie er ſtets zu thun pflegte, am allerwenigſte; Aufmerkſamkeit, obwohl hier die neueſten Weſtenmuſter der Metropole zur Schau aus⸗ gehängt waren, die ſeltſamerweiſe hier einen merkwür⸗ digen Eindruck machten, allein ſonſt nur ganz gewöhnlich erſchienen. Im weitern Verlauf ſeiner Wanderung blieb er indeß doch ſtehen, um am Theater den Proſpekt der heutigen Vorſtellung zu leſen, und maß den Thorweg deſ⸗ ſelben mit einer Art von Ehrfurcht, die ſich ſelbſt nicht minderte, als ein ſchmieriger Herr mit langem dunklem Haar herauskam und einem Jungen den Auftrag gab, ſein Schwert herbei zu holen;— Herr Pinch hatte die⸗ ſes vielmehr nicht ſobald gehört, als er auch wie per⸗ zaubert an der Stelle wurzelte, und er wäre vielleicht ———— 241 bis zum ſpäten Abend hier ſtehen geblieben, hätte nicht die alte Glocke der Kathedrale in herrlichen langgehalte⸗ nen Tönen zum Veſpergottesdienſt geladen und ſeinen Ge⸗ danken eine ſolche Richtung gegeben, daß er ſich von hier losriß. Der Gehülfe des Organiſten war zufällig ein Freund von Herrn Pinch, und glücklicherweiſe eine ebenſo ruhe⸗ liebende, harmloſe Seele, der ſchon in ſeinen Schuljahren, wie Tom, eine Art altmodiſchen, altklugen Kindes ge⸗ weſen war, obwohl ihn ſeine lärmenden Genoſſen darum doch nicht minder liebten. Toms guter Stern, deſſen er ſich ſtets rühmte, fügte es, daß dieſer Gehülfe gerade heute Nachmittag den Dienſt hatte, und Niemand bei ſich auf der Orgel ſah als Tom, der, während jener ſpielte, die Regiſter zog und ſich endlich, nach dem Schluſſe des Got⸗ tesdienſtes, ſelbſt zur Orgel ſetzte. Es war ſchon nahe an der Dämmerung, und der gelbe Lichtſtrom, der ſich durch die alten Chorfenſter in das Schiff hereinſtahl, miſchte ſich mit einem trüben Roth; wie nun die maje⸗ ſtätiſchen Töne durch die Kirche hinwogten, wähnte Tom, aus der Tiefe eines jeden der alten Gräber ein eben ſo er⸗ greifendes Echo zu vernehmen, als aus dem tiefen Heilig⸗ thume ſeines eigenen Herzens;— erhabene Gedanken und Hoffnungen entſprangen in ſeinem Geiſte, als die reiche, klangvolle Muſik durch die Luft hinzitterte und mitten unter jenen hehreren Erhebungen der Seele auch all' die Bilder des heutigen Tages— dem Zwecke nach ernſter und feier⸗ licher, allein darum doch nicht minder auf die alte Weiſe — bis zu den fernſten Erinnerungen aus der Kinderzeit an ihm vorüberzogen. Das Gefühl, welches dieſe Tone in demſelben Augenblicke in ihm wach riefen, wo er ihnen das Leben gab, ſchienen ſein ganzes Weſen und Treiben in ſich zu ſchließen, und als die materielle Umgebung von Stein und Holz und Glas im trüben Zwielicht allmählig verſchwamm, wurden dieſe Viſtonen um ſo glänzender und klarer, ſo daß Tom vielleicht den neuen Zögling und den Boz, Chuzzlewit. I. 16 ⸗ 242 harrenden Brodherrn ganz vergeſſen haben und hier bis Mitternacht feſtgeſeſſen ſeyn wurde, um ſein dankbares Herz auszuſchutten und ſeinen Gefühlen in Tönen Luft zu machen, wäre nicht bald darauf ein ſehr irdiſcher und ſehr alter Kirchendiener ihm erſchienen und hätte ihn von dannen getrieben, um die Kirche zu ſchließen. Er verabſchiedete ſich deßhalb dankbar von ſeinem Freunde, ſuchte ſich beſtmöglich und tappend den Weg aus der Kirche nach der hell erleuchteten Gaſſe und eilte nach dem Wirths⸗ hauſe, um das längſt vergeſſene Mittagsmahl einzunehmen. Die Pächter waren inzwiſchen alle auf dem Heimwege begriffen und darum Niemand mehr in der ſandbeſtreuten Wirthsſtube der Schenke, wo er ſein Pferd eingeſtellt hatte, zu finden. Er rückte ſich deßhalb einen kleinen Tiſch hart vor's Feuer und ſchickte ſich an, über ein gut gebratenes Stück Ochſenfleiſch und dampfend heiße Kartoffeln herzu⸗ fallen, und ihnen mit vollem Bewußtſeyn ihrer Vortreff⸗ lichkeit und dem Gefühle höchſter Befriedigung Gerechtig⸗ keit widerfahren zu laſſen. Neben ihm ſtand noch ein Krug mit ertra gutem Bier aus Wiltſhire, und der To⸗ taleffekt dieſes Mahles war ſo überſchwenglich, daß er mehrfach genöthigt wurde, Meſſer und Gabel niederzu⸗ legen und mit vergnügtem Händereiben über die ſeltenen Leckerbiſſen nachzudenken. Als endlich Kaſe und Sellerie auf den Tiſch kamen, hatte Herr Pinch ein Buch aus der Taſche genommen und konnte nun ſpielend ſein Mahl voll⸗ ends einnehmen, indem er bald einen Biſſen aß, bald einen Schluck vom Bierkruge ſchlürfte, dann wieder ein wenig las und endlich gar auch ganz inne hielt, um ein⸗ mal in Erwägung zu ziehen, wie der neue Pflegbefohlene des Herrn Pecksniff wohl beſchaffen ſeyn möge. Er hatte eben das letztere Thema verlaſſen und war auf's Neue in ſein Buch vertieft, als die Thure der Schenke ſich öffnete und ein neuer Ankömmling die Stube betrat, und eine ſolche Maſſe von kalter Luft mit ſich hereinbrachte, daß er anfangs damit entſchieden das Feuer auszulöſchen ſchien. „Ein tüchtiger Froſt heute Abend, Sir,“ ſprach der — neue Ankömmling und verbeugte ſich mit höflichem Danke vor Herrn Pinch, als dieſer ſich am kleinen Tiſche zu⸗ ſammenrückte, um dem neuen Ankömmling Platz zu ver⸗ ſchaffen. „Ich bitte, Herr, laſſen Sie ſich nicht ſtören.“ Obwohl er dies mit ausnehmender Rückſicht auf Herrn Pinchs behagliche Lage äußerte, zog er ſich doch einen der großen, ledergepolſterten Stühle gerade mitten vor's Ka⸗ min, ſetzte ſich hart vor's Feuer und ſtemmte beide Füße gegen das Geſims des Herdes. „Meine beiden Beine ſind wie abgeſchlagen,“ ſagte der Fremde,—„'s iſt wahrlich verteufelt kalt draußen.“ „Sie haben alſo heute wohl ziemlich lange im Freien verweilt?“ fragte Herr Pinch. „O ja,“ verſetzte der Fremde,„den ganzen Tag und noch dazu auf dem Verdeck einer Poſtkutſche.“ „Ei,“ dachte Herr Pinch,„darum macht er auch die Stube ſo kalt! Der arme Junge! wie durch und durch er⸗ froren muß er ſeyn.“ Der Fremde wurde ebenfalls gedankenvoll und ſaß eine Weile vor dem Feuer, ohne ſich zu rühren. Endlich ſtand er auf und legte ſeine große Halsbinde und den Ueber⸗ rock ab, der— weit entfernt von dem des Herrn Pinch, ein recht dichtes, warmes Kleidungsſtück zu ſeyn ſchien; allein auch ohne ſeinen Ueberrock war er um kein Haar geſpraͤchiger oder mittheilender, als zuvor, denn er ſetzte ſich wieder auf derſelben Stelle und in derſelben Stellung nieder, lehnte ſich in den Stuhl zurück und begann an ſeinen Nägeln zu kauen. Er war ein ſchöner Jüngling von hoͤchſtens einundzwanzig Jahren, mit einem ſchönen, dun⸗ keln Auge und einer gewiſſen Entſchloſſenheit in Blick und Haltung, welche es Tom alsbald fühlbar machte, welch ein großer Contraſt zwiſchen ihnen Beiden beſtehe, und ihm deßhalb noch ein demüthigenderes Gefühl der Befan⸗ genheit einflößte, als ſonſt bei ihm der Fall zu ſeyn pflegte. 16* 244 Im Zimmer befand ſich eine Wanduhr, nach der ſich der Fremde häufig umkehrte. Tom blickte ebenfalls oft darauf hin, und zwar halb aus Sympathie mit ſeinem wortkargen Gefährten, zum Theil auch, weil der neue Pflegbefohlene um halb ſieben Uhr hier eintreffen und nach ihm fragen ſollte, und weil die Zeiger der Uhr dieſer Zeit bereits nicht mehr ferne war;— ſo oft ſich Tom Pinch von dem Fremden über der Mühe ertappt ſah, nach der Uhr zu blicken, bemächtigte ſich eine Art Verwirrung des ſchüchternen Tom, als ob er über irgend etwas Un⸗ rechtem belauſcht worden wäre, und gerade die Wahr⸗ nehmung dieſer ſeiner Unruhe veranlaßte ſeinen jüngeren Gefährten zu der lächelnden Frage: „Wir Beide ſcheinen ſehr auf die Zeit verwieſen zu ſeyn;— der Grund davon meiner Seits iſt, daß ich hier mit einem Herrn zuſammentreffen ſoll.“ „Das iſt auch bei mir der Fall,“ verſetzte Herr Pinch. „Um halb ſieben,“ ſagte der Fremde. „Das iſt auch meine Zeit,“ ſprach Tom in demſel⸗ ben Athem, worauf der Andere ihn mit gewiſſer Ueber⸗ raſchung betrachtete.. „Der junge Herr, den ich erwarte,“ äußerte Tom ſchüchtern,—„ſoll um jene Zeit nach einem gewiſſen Herrn Pinch fragen.“— „Alle Wetter!“ rief der Andere emporſpringend,— „ich habe Sie alſo die ganze Zeit über vom Feuer ab⸗ gehalten, denn ich hatte nicht die entfernteſte Ahnung davon, daß Sie beſagter Herr Pinch ſeyn könnten;— ich bin nämlich jener Herr Martin, nach dem Sie fragen ſollten. Ich bitte Sie, vergeben Sie mir; wie geht es Ihnen? Ich bitte, rücken Sie etwas näher herzu!“ „Ich danke,“ ſagte Tom,—„ich danke Ihnen, mich friert nicht im Geringſten, allein Sie leiden von der Kälte und wir haben noch ein gutes Stück Wegs vor uns. Je nun, wenn Sie es wünſchen, ſo will ich's thun. Ich— ich bin hoch erfreut,“ ſetzte Tom mit je⸗ ——— +— η½⏑̈ N N — — — ½ 245 ner verlegenen Freimüthigkeit hinzu, die ihm ſo eigen⸗ thümlich war und durch die er ein ſo offenes Bekenntniß ſeiner eigenen Unvollkommenheit und eine Art Appellation an das Wohlwollen der Perſonen, die er anredete, an den Tag legte, als ob er es in gewöhnlichen Worten abgefaßt und zu Papier gebracht hätte—„ich bin in der That hoch erfreut, nun zu finden, daß Sie der Er⸗ wartete ſind; kaum vor einer Weile hegte ich noch den ſtillen Wunſch, mein künftiger Mitzögling möchte Ihnen gleichen.“ „Es macht mir Vergnügen, das zu hören,“ ent⸗ gegnete Martin und ſchüttelte freundlich die Hand; —„ich kann Sie verſichern, da mir ebenfalls keinen glücklicheren Fall denken konnte, als den, daß jener Herr Pinch Ihnen gleiche.“ „Warum nicht gar,“ rief Tom mit innigem Vergnü⸗ gen;—„iſt das Ihr Ernſt?“ „Auf mein Wort, ich rede im Ernſte!“ erwiderte der neue Bekannte;—„ich fühle ſchon zum Voraus, daß wir Beide uns prächtig vertragen werden, und das iſt für mich ein ſehr beruhigendes Gefühl, denn um Ihnen die Wahrheit zu geſtehen, ich bin in der That einer von jenen Burſchen, die ſich nicht mit Jedermann vertragen können, und das iſt ein Punkt, der mir die größte Be⸗ denken und Zweifel einflößte. Nun aber bin ich vollkom⸗ men beruhigt.— Würden Sie wohl die Güte haben, an der Klingelſchnur zu ziehen.“ Herr Pinch erhob ſich und willfahrte dem Geſuch mit geſchäftiger Zuvorkommenheit— die Klingelſchnur hing gerade über Martins Kopf, der ſich am Feuer wärmte— und lauſchte geſpannt und mit freundlichem Lächeln darauf, was für einen Wunſch Martin wohl äußern möge. „Wenn Sie den Punſch lieben,“ hub dieſer an,„ſo werden Sie mir erlauben, für Jeden von uns Beiden ein Glas zu beſteſten, ſo heiß er nur immer gemacht werden kann, damit wir unſere Freundſchaft auf entſprechende 246 Weiſe einläuten. Im Vertrauen geſagt, Herr Pinch, fühlte ich in meinem ganzen Leben kein dringenderes Bedürfniß nach einer warmen Herzſtärkung, als gerade jetzt, allein ich mochte mich nicht der Gefahr ausſetzen, beim Genuß eines ſolchen Getränkes überraſcht zu wer⸗ den, bevor ich nicht wußte, was Sie für ein Mann wä⸗ ren, denn Sie wiſſen ja wohl, wie ſehr man dieſem erſten Eindruck vertraut und wie lange man daran haͤlt?“ Herr Pinch gab ſeine Zuſtimmung dazu und der Punſch ward beſtellt. Zu gehöriger Zeit war er in ent⸗ ſprechender Wärme und Stärke aufgetragen und nachdem die beiden jungen Leutz ſich gegenſeitig in dem dampfen⸗ den Gebräu zugetrunfec, kamen ſie auf ganz vertraulichen Fuß mit einander.“ „Sie müſſen nämlich wiſſen, daß ich ſo zu ſagen mit Herrn Pecksniff verwandt bin,“ hub der junge Mann an. „Warum nicht gar!“ rief Herr Pinch. „Ei freilich,“ fuhr Martin fort,„mein Großvater iſt ein Vetter von ihm, und ſo gehören wir gewiſſermaßen zu einer Sippſchaft,— wenn Sie dies auszufinden ver⸗ mögen, ich kann es nicht.“. „So iſt Martin alſo wohl nur Ihr Taufname?“ fragte Herr Pinch gedankenvoll;—„ſo, ſo?“— „Natürlich,“ verſetzte ſein Freund,„ich wünſchte aber faſt, es wäre mein Geſchlechtsname, denn der mei⸗ nige iſt nichts weniger als ſchön und erfordert unendlich lange Zeit zum Unterzeichnen; mein Geſchlechtsname iſt Chuzzlewit!“ „Ei, du liebe Zeit!“ rief Tom Pinch, unwillkürlich vor Schreck zuſammenbebend. „Sie werden ſich doch nicht etwa darüber verwun⸗ dern, daß ich zwei Namen führe?“ ſragte Martin, der eben ſein Glas an Lippen ſetzen wollte,„das iſt ja bei den meiſten Leuten der Fall!“ „Ei behüte! keineswegs, gewiß nicht im Entfernte⸗ ſten!“ verſetzte Herr Pinch. Es fiel; ihm nämlich auf ——.— r 1 247 einmal auf die Seele, daß ihm Herr Pecksniff privatim verboten hatte, ja kein Wörtchen über den alten Herren deſſelben Namens, der im Drachen gewohnt hatte, auszu⸗ ſchwatzen, ſondern vielmehr jede Erwähnung dieſer Perſon ihm ſelbſt zu überlaſſen, und Tom wußte jetzt keinen beſſern Rath, ſein Verwirrung zu verbergen, als daß er ſein Glas zum Munde erhob; Beide blickten ſich eine Weile durch ihre Gläſer hindurch in's Geſicht und ſetzten dieſe ſofort leer wieder nieder.— „Ich gab im Stalle den Befehl, daß man unſer Fuhr⸗ werk binnen einer Viertelſtunde herrichte,— es wird jetzt fertig ſeyn,“ ſprach Herr Pinch und blickte von Neuem auf die Uhr;—„wollen wir jegt gehen?“ „Wie es Ihnen beliebt,“ verſetzte Martin. „Wünſchten Sie vielleicht zu kutſchiren?“ fragte Herr Pinch und auf ſeinem freudeſtrahlenden Geſicht malte ſich deutlich genug das Bewußtſeyn des großen Opfers, das er aus Artigkeit dem Fremden bringe;„wenn Sie Luſt hätten, würde ich es Ihnen gerne überlaſſen?“ „Je nun, Herr Pinch!“ verſetzte Martin lachend, „das hängt einzig nur von der Beſchaffenheit Ihres Pferdes ab, denn wenn der Gaul ſchlecht iſt, will ich lieber meine Hände dadurch warm halten, daß ich ſie be⸗ haglich in den Taſchen meines Ueberrocks laſſe.“ Er ſchien dies für einem ſolch trefflichen Spaß zu halten, daß auch Herr Pinch überzeugt war, er müſſe ein ſeiner Art ſelten ſeyn, weshalb er ihn auch eifrig be⸗ lachte und die Ueberzeugung hegte, daß er es auch voll⸗ kommen werth ſey. Er bezahlte hierauf ſeine Zeche, wie Herr Chuzzlewit ſeinen Punſch und nachdem ſie ſich nach Maßgabe ihrer beiderſeitigen Mittel möglichſt gut einge⸗ hüllt hatten, verließen ſie die Schenke durch die große Einfahrt, vor welcher Herrn Pecksniff’s Equipage den Weg verſperrte.. „Diesmal will ich nicht kutſchiren, ich danke, Herr Pinch!“ rief Martin lächelnd, indem er ſich auf den Sitz 248 hinaufſchwang;„beiläufig geſagt, ich habe da noch einen Koffer bei mir, läßt ſich auch für ihn Nath ſchaffen?“ „O, ganz gewiß!“ rief Tom und gab dem Hausknecht den Befehl, ihn immerhin in den Wagen herein zu heben. Der Koffer war ſicherlich nicht von jener entſpre⸗ chenden Größe, daß man ihn irgendwo in einer Ecke hätte verſchieben können, allein Dick, der Hausknecht, wußte ihn doch unterzubringen und Herr Pinch leiſtete dabei eifrigen Beiſtand; er befand ſich ganz auf Herrn Pinch's Seite und Martin Chuzzlewit trug Bedenken, ob Tom's Bequemlichkeit nicht allzuſehr dadurch beein⸗ trächtigt werde; worauf denn Tom auf das Beſtimmteſte erwiderte, daß dies nicht der Fall ſey, obwohl er da⸗ durch in eine ſolch ſeltſame Lage gezwängt wurde, daß er nicht mehr als ſeine Kniee ſehen konnte. Es iſt in⸗ zwiſchen ein ſchlechter Wind, der Niemanden etwas Gutes zubläst und die Weisheit dieſes Sprichwortes bewährte ſich auch in dieſem Falle, denn der kalte Abendwind wehte gerade von Herr Pinchs Seite her und die Mauer, welche ſowohl der Koſſer, als Pinchs breitſchultrige Körperform gleichſam aufthürmte, ſchützten den jungen Pflegbefohlenen vollkommen und machten ſeine Lage dadurch äußerſtbehaglich. Es war ein ſchöner Abend mit hellem glänzendem Mondlicht, das die ganze Landſchaft im Verein mit dem Rauhreif wie mit einem ſilbernen Gewande überwob und jedem Gegenſtande eine ausnehmend ſchöne Geſtalt ver⸗ lieh. Die hehre Stille und Heiterkeit, durch welche unſere Wanderer dahinfuhren, veranlaßte auch ſie anfangs zu be⸗ harrlichem Schweigen, allein in kurzer Zeit bewirkte der Punſch in ihnen und die geſunde Luft von außen in Beiden einen Drang zur Mittheilung und ſie plauderten unaufhörlich. Sie hatten etwa die Hälfte des Heimweges zurückgelegt, als ſie wiederum an ein Wirthshaus kamen, wo Tom anhielt, um das Pferd zu tränken, und Martin, der ſehr freigebig mit ſeinem Gelde war, ein anderes Glas Punſch beſtellte, das ſie unter ſich tranken und in Folge deſſen ſie keineswegs weniger geſchwätzig wurden, als zuvor. 249 Der Gegenſtand, um welchen ſich ihre Unterhaltung zu⸗ nächſt drehte, war natürlich Herr Pecksniff und deſſen Fa⸗ milie, von welcher, ſowie von den großen Verbindlichkeiten, die man ihm uuferlegt hatte, Herr Tom Pinch nicht genug zu reden wußte. Dem armen Jungen ſtanden dabei Thrä⸗ nen in den Augen und er entwarf eine ſolche Schilderung, daß ſich Jedermann verſucht fühlte, Herrn Pecksniff eine wahre Ehrerbietung zu zollen. Herr Pecksniff hatte davon ſicher gar keine Ahnung oder Muthmaßung gehabt, ſonſt würde er bei ſeiner ſonſtigen Demuth ſicherlich nicht Tom Pinch ausgeſandt haben, um den neuen Pflegbefohlenen in ſein Aſyl einzuführen. Auf dieſe Weiſe legten ſie ihre Reiſe zurück und fuh⸗ ren immer fort und fort und fort— wie es in den Mährchen für Kinder gewöhnlich heißt,— bis endlich die Lichter des Dörſchens vor ihnen auftauchten und die Kirch⸗ thurmſpitze einen langen Schatten über das Gras des Kirchhofs warf, als ob ſie eine Sonnenuhr, leider nur eine allzutreue ware, die, was auch immer für ein Licht vom. Himmel ſch iene, das eilende Vorüberziehen der Tage, Wo⸗ chen und Jahre bezeichne, indem ſie ſtets wieder einen neuen Schatten auf dieſen feierlichen Boden warf. „Eine niedliche Kirche!“ hub Martin an, als er be⸗ merkte, daß ſein Gefährte den langſamen Schritt ſeines Thieres deſto mehr zügelte, je näher ſie dem Dorfe kamen. „Nicht wahr?“ fragte Tom mit nicht geringem Stolze; —„geben Sie Acht, in dieſer Kirche finden Sie noch die lieblichſte Orgel, die ſie je gehört, und ich ſpiele ſie beim Gottesdienſte.“ „Warum nicht gar!“ rief Martin;—„man ſollte meinen, es verlohne ſich kaum der Mühe; was bekommen Sie denn dafür?“ „Nichts,“ verſetzte Tom. „Nun, das muß wahr ſeyn: Sie ſind ein hochſt ſelt⸗ ſamer Kautz,“ erwiderte ihm ſein Freund darauf. Ein kurzes Stillſchweigen folgte auf dieſe Bemerkung. „Wenn ich ſage: Nichts,“ nahm Herr Pinch mit innigemn 25⁰ Vergnügen wieder von Neuem auf,„ſo habe ich Unrecht, oder weiß nur meine Anſicht nicht recht auszudrücken, weil es mir nicht nur ein unausſprechliches Vergnügen, ſondern auch die Mittel gewährt, etliche der glücklichſten Stunden meines Lebens zu verbringen. Erſt neulich führte es noch zu etwas Anderem— allein ich meine, daß das Sie wohl nicht ſehr intereſſiren wird!“... „Oh ja, doch! ich bin ſehr begierig, es zu hören,“ verſetzte Martin,—„wozu führte es denn?“ „Es gab mir Gelegenheit,“ flüſterte Tom leiſer,„ei⸗ nes der anmuthigſten und ſchönſten Geſichter zu ſehen, die Sie ſich möglicherweiſe nur denken können.“ „Je nun,“ verſetzte ſein Freund gedankenvoll,—„ich vermag mir ein ſehr ſchönes in's Gedächtniß zu rufen, oder könnte es wenigſtens, falls mich dieſes nicht ganz ver⸗ laſſen hat.“ „Sie kam,“ erzählte Tom und legte dabei vertraulich ſeine Hand auf den Arm des Andern,„ſie kam zum Erſtenmal eines Morgens in aller Frühe, als es kaum Tag war; und als ich über meine Schulter hinweg mich nach ihr umblickte, wie ſie gerade innerhalb des Portals ſtund, überlief mich ein ordentlicher Schauer, da ich ſie faſt für einen Geiſt gehalten hätte. Ein kurzes Nachden⸗ ken gab mir indeß die nöthige Beſinnung wieder, und ich faßte mich glücklicherweiſe und zu meinem eigenen Troſt bald wieder ſo ſehr, daß ich nicht einmal mein Spiel un⸗ terbrach.“ „Weshalb ſagen Sie denn glücklicherweiſe?“ fragte Martin.. „Je nun, weil ſie ſtille lauſchend daſtund, und auf das Orgelſpiel hörte,“ verſetzte Tom Pinch;„ich hatte meine Brille aufgeſetzt und ſah ſie durch die Ritzen der Vor⸗ hänge ſo deutlich, wie ich Sie hier vor mir ſehe, und be⸗ merkte ganz genau, wie unausſprechlich ſchön ſie war. Nach einer Weile ſchlich ſie ſich davon, und ich ſpielte un⸗ ausgeſetzt weiter, bis ſie mich kaum mehr hören konnte.“ ———,—. 251 „Weshalb thaten Sie denn das?“ fragte Martin Chuzzlewit. „Ahnen Sie das nicht?“ erwiderte Tom Pinch;„ich wollte ſie damit in den Wahn verſetzen, als ob ich ſie gar nicht geſehen hätte, damit ſie deſto eher wieder käme.“ „Und dies that ſie wohl auch?“ fragte Martin. „Ci natürlich,“ verſetzte Pinch mit ſtiller Seligkeit; —„ſchon am nächſten Morgen, und am Abend darauf kam ſie wieder, aber ſtets nur zu einer Zeit, wo wenige Leute in der Kirche waren und ſtets ohne alle Begleitung; ich ſtand früher auf und blieb deſto länger bei meinem Spiel in der Kirche ſitzen, damit ſie, wenn ſie wieder käme, die Kirchenthüre offen fände und das Orgelſpiel höre und ihre Erwartungen nicht getäuſcht ſähe; ein Paar Tage lang fand ſie ſich hier ein und blieb jedesmal eine Zeitlang ſtehen, um zu lauſchen; jetzt aber iſt ſie fort, und von allen unwahrſcheinlichen Dingen auf dieſem weiten Er⸗ denrunde iſt es vielleicht das unwahrſcheinlichſte, daß ich ihr wieder in ihr liebes Antlitz blicken darf!“ „Sie haben alſo wohl nichts Näheres über ſie er⸗ erfahren?“ fragte Martin Chuzzlewit. „Nicht das Mindeſte,“ verſetzte Tom Pinch. „Verfolgten Sie denn nie das Mädchen, wenn es die Kirche verließ?“ fragte der Andere weiter. „Keineswegs!“ verſetzte Tom Pinch,—„wie hätte ich ſie auch dadurch in Verlegenheit ſetzen ſollen? War es überhaupt nur zu muthmaßen, daß ihr meine Geſell⸗ ſchaft angenehm geweſen wäre? Sie kam, um die Orgel zu hören und nicht um mich zu ſehen, wie hätte ich ſie alſo von einem Platze vertreiben wollen, für welchen ſie ſo viele Vorliebe zu empfinden ſchien? Nein, der Himmel ſegne ſie!“ rief Tom;—„hätte ich ihr auch nur das mindeſte Vergnügen jeden Tag gewährt, ſo wollte ich gerne die Orgel zu jeder Zeit fort und fort ſpielen, bis ich ein alter Mann wäre, und würde mich für ſehr befriedigt er⸗ achten, wenn ſie zuweilen ſich eines armen Burſchen, wie ich, bei Gelegenheit jener Muſik in der Kirche erinnerte; ja 25² es wäre mir mehr als ſüßer Lohn, wenn ſie mich jemals mit irgend Etwas in Verbindung brächte, das ihr ebenſo gut gefiele.“ Herrn Pecksniff's neuer Pflegeſohn war offenbar höch⸗ lich erſtaunt über Herr Pinch's Schwäche, und würde es ihm vermuthlich auch geſtanden und ihm einen guten Rath dazu gegeben haben, wäre man nicht gerade in dieſem Augenblick vor Herrn Pecksniff's Thüre angelangt, und zwar vor der vorderen, da dieſe Gelegenheit eine äußerſt feierliche und erfreuliche war. Derſelbe Burſche wartete jetzt auf das Pferd, den Herr Pinch am Morgen beſchworen hatte, dem eiligen Wunſche des Thieres, da⸗ vonzujagen, nicht nachzugeben; Tom überantwortete das Thier der Pflege jenes Burſchen, erſuchte Herrn Chuzz⸗ lewit noch flüſternd, doch Niemand eine Sylbe von dem anzuvertrauen, was er ihm in ſeines Herzens überquel⸗ lendem Entzücken kaum zuvor anvertraut hatte, und führte dann den Ankömmling in's Haus, um ihn Herr Pecksniff augenblicklich vorzuſtellen. Herr Pecksniff hatte ſie offenbar noch nicht ſo frühe erwartet, denn er ſaß mitten unter offenen Büchern, hatte einen Bleiſtift im Munde und ein paar Zirkel in der Hand, und blickte bald von Buch zu Buch, bald auf ein Blatt mit mathemathiſchen Figuren von ſo ſeltſamen, ungewöhnlichen Formen, daß ſie wie Zeichnungen zu einem Feuerwerk ausſahen. Auch Miß Charity ſchien ſie noch nicht erwartet zu haben, denn ſie ſaß hier vor einem gewaltigen Arbeitskorbe aus Weidengeflecht und be⸗ ſchäftigte ſich, wie es ſchien, angelegentlich mit der Ver⸗ fertigung impraktikabler Nachtmützen für die Armen; noch weniger ſchien Miß Mercy auf ihre Ankunft vorbereitet zu ſeyn, die hier auf ihrem Stuhle ſaß und— du lieber Gott, wer hätte das geglaubt!— einer großen Puppe, die ſie für ein Nachbarskind bekleidete, ſo eben das Unter⸗ röckchen anzog; was ſie aber noch mehr verlegen machte, war die Thatſache, daß es eine ganz ausgewachſene Puppe war, und daß Miß Mercy das kleine Häubchen der Puppe 253 mit dem Bande an einer ihrer ſchönen Locken befeſtigt hatte und es nun daran ſchaukelte, damit es ja nicht verloren gehe oder ſich Jemand darauf ſetze. Es wäre ſchwer, wo nicht unmoͤglich, ſich eine Ueberraſchung zu vergegen⸗ wärtigen, wie diejenige, worein ſämmtliche Pecksniff's bei dieſer Gelegenheit verſetzt wurden. „Lieber Gott!“ rief Herr Pecksniff;—„Ihr ſeyd ſchon da?“— und dabei blickte er auf und modelte ſein ſinnendes Geſicht allmählig zu einer Miene freudiger Ueber⸗ raſchung um!—„Martin, Martin! mein guter Junge! ich bin hoch erfreut, Sie hier in meinem eigenen Hanſe begrüßen zu können!“— Mit dieſem freundlichen Gruße umſchlang ihn Herr Pecksniff mit den Armen und klopfte ihm dabei mehr⸗ mals vertraulich auf den Rücken, als wolle er dadurch zu verſtehen geben, daß ſeine Gefühle während der Um⸗ armung zu überwältigend wären, um in Worte gefaßt werden zu können. Endlich erholte er ſich aber doch und ſprach, auf die beiden Mädchen deutend: „Hier ſind meine beiden Töchter, Martin! Meine beiden einzigen Kinder, die Sie, wenn Sie ſie je, geſehen haben, in Folge jener kläglichen Familienzwiſte nicht mehr zu Geſicht bekamen, ſeit ihr Alle noch in euern Kin⸗ derjahren waret! Ei, ei, Ihr lieben Kinder! warum wollt Ihr verlegen werden, daß man Euch bei Euern Alltags⸗ geſchäften antrifft? Wir hatten uns zwar darauf gerüſtet, Ihnen, Martin, in unſerem kleinen Staatszimmer den Empfang eines Beſuches zu bereiten,“ ſetzte Herr Pecks⸗ niff lächelnd hinzu—„allein dies gefällt mir beſſer,— es iſt mir ſo weit lieber.“ O ſeliger Stern der Unſchuld, wo du auch immer ſeyn magſt, wie mußſt du geglänzt haben, droben in dei⸗ ner fernen Heimath im Aether, als die beiden Miß Pecksniffs je ihre Lilienhand zum Vorſchein brachten und ſte mit erglühenden Wangen Martin hinreichten! Wie mußt du gefunkelt haben, als ob du gleichſam in heiliger * 2⁵4 Sympathie erbebteſt, als Mercy ſich des Häubchens in ihren Locken erinnerte, ihr hübſches Geſichtchen in den Händen barg und den Kopf zur Seite kehrte, während die ſtillere Schweſter es ihr aus den Haaren nahm und ſie mit ſanftem ſchweſterlichen Tadel ſachte auf ihre runde Schul⸗ ter klopfte! „Wie hat ſich denn unſer Freund hier gehalten, Martin?“ fragte Herr Pecksniff, indem er ſich nach Be⸗ trachtung jenes kleinen Vorfalls umwandte und Herrn Pinch mit freundlichem Wohlwollen am Aermel nahm. „Ei,“ ſagte Martin vergnügt,„wir haben uns wahr⸗ lich ſehr gut vertragen und ſtehen bereits auf dem ver⸗ trauteſten Fuße zu einander.“ „Guter alter Tom Pinch!“ rief Herr Pecksniff, indem er einen Blick zärtlicher Wehmuth auf dieſen heftete;„mir däucht es noch wie geſtern, daß Tom noch ein Knabe war, der eben von der Schule kam; und doch ſind wahrlich ſchon Jahrzehnte darüber hingegangen, ſeit ich und Tom Pinch zuſammen auf Einer Lebensbahn hinwandeln.“ Herr Pinch vermochte nichts zu ſagen, denn er war viel zu ſehr gerührt; allein er druͤckte ſeinem Brodherrn dankbar die Hand und verſuchte ſich bei ihm zu bedanken. „Und Thomas Pinch und ich!“ fuhr Herr Pecksniff in leiſerem Tone fort,—„wollen jene Lebensbahn noch weiter verfolgen in gegenſeitiger Freundſchaft und Treue! Und kömmt es je dahin, daß einer von uns in irgend eine jener Queerſtraßen des Geſchäftslebens einbiegen ſollte, welche die Straße des Lebens durchſchneiden, ſo wird der Andere ſicherlich ihn in Hoffnung nach dem Spitale gelei⸗ ten und voll treuinnigem Wohlwollen an ſeinem Bette ſitzen.“ „Wohlan denn,“ fügte er in vergnügterem Tone hinzu, — als er ſchließlich Herrn Pinch's Ellbogen noch ein⸗ mal tüchtig rüttelte,—„ſoviel im Allgemeinen!— Mar⸗ tin, mein lieber junger Freund, damit Sie ſich deſto heimiſcher fühlen in unſeren vier Pfählen, laſſen Sie mich Ihnen jetzt zeigen, wo und auf welche Weiſe wir leben und wohnen! kommen Sie!“ Mit dieſen Worten ergriff er eine brennende 2——ri,—Sy—y- 2⁵⁵ Kerze und ſchickte ſich an, in Begleitung ſeines jungen Verwandten das Gemach zu verlaſſen; an der Thür aber blieb er ſtehen und wandte ſich noch einmal um: „Wollt Ihr uns nicht Geſellſchaft leiſten, Tom Pinch?“ fragte er dieſen. „Ei freilich!“ Wenn es ſogar in den Tod gegangen wäre, hätte Tom ihn nicht verlaſſen, und würde ſich gluͤck⸗ lich erachtet haben, ſein Leben für einen ſolchen Mann hinzugeben! „Dies,“ ſprach Herr Pecksniff und öffnete die Thüre eines gegenüber liegenden Wohnzimmers;—„dies hier iſt das kleine Staatszimmer, deſſen ich gegen Sie gedachte. Meine Töchter thun ſich viel zu gut darauf, Martin!— dies hier,“ fuhr er, eine andere Thüre öffnend, fort;— „dies iſt das kleine Stübchen, worin ich meine Werke— Dinge von wenig Bedeutung, wie ich ſelbſt eingeſtehen muß — verfaßt und entworfen worden ſind. Hier iſt mein Portrait von Spiller, meine Büſte von Spoker, welch' letztere für ſehr ähnlich gilt; in der That ſcheint mir, als liege auch in der Gegend des linken Naſenwinkels ein ge⸗ wiſſer Charakter in der Phyſionomie.“ Martin meinte, die Büſte ſeye ſehr ähnlich, gebe aber nur eine ſchwache Idee von dem Geiſte ihres Ebenbildes, was Herr Pecksniff zu der Bemerkung veranlaßte, daß derſelbe Vorwurf ihr auch ſchon früher gemacht worden ſey, und daß es ihn freudig überraſche, ihn auch von ſeinem jungen Verwandten ſo unvermuthet wiederholt zu ſehen; er drückte ihm ſein Vergnügen darüber aus, daß er dieſe Prädispoſttion für die Kunſt an ihm bemerke.„Verſchiedene Bücher, die ſich auf unſer Fach beziehen, wie Sie be⸗ merken!“ fuhr Herr Pecksniff nach der Wand deutend fort;—„ich habe ſelbſt auch ſchon Einiges geſchrieben, aber noch nicht in den Druck gegeben!— geben Sie Acht, daß Sie auf dieſer Treppe nicht fallen!— Hier iſt mein Zimmer!“ ſprach Pecksniff weiter, indem er eine andere Thüre öffnete,„hier pflege ich zu leſen, wenn die Familie vermuthet, ich habe mich ſchon zur Ruhe begeben; manchmal 256 thue ich zwar meiner Geſundheit mehr damit Eintrag, als vielleicht unter meinen Umſtänden zu rechtfertigen iſt, allein die Kunſt iſt ja ſo lang und das Leben ſo kurz! Sie ſehen, wie leicht ich mir's hier gemacht habe, ſogar hier noch jeden unreifen Gedanken, der mir aufſtößt, raſch zu Papier zu bringen!“ Dieſe letzteren Worte bezogen ſich darauf, daß er auf ein kleines, rundes Tiſchchen deutete, auf welchem eine Lampe, verſchiedene Bogen Papier, ein Stück Gummi⸗elaſticum und ein Käſtchen mit mathemati⸗ ſchen Inſtrumenten umher lag— Allees ſchon zierlich be⸗ reit gelegt, um gebraucht werden zu können, falls nächt⸗ licher Weile in Herrn Pecksniff'’s Kopfe irgend eine bau⸗ künſtleriſche Idee ſich gebären ſollte, in welch letzterem Falle er natürlich ſogleich aus dem Bette geſprungen ſeyn, ſie dem Papier anvertraut und dadurch für immer firir haben würde. 5 Herr Pecksniff öffnete noch eine audere Thüre in dem⸗ ſelben Stockwerk, ſchlug ſie aber eiligſt wieder zu, als ob es Blaubart's Kammer im bekannten Mährchen wäre; ehe er jedoch das Gemach vollſtändig wieder verſchloſſen hatte, ſchien er ſich eines anderen beſonnen zu haben, drehte ſich lächelnd um und ſagte:„Warum ſollte ich es denn nicht thun?“ Martin konnte ihm freilich den Grund davon nicht angeben, weil er ihm ſelbſt noch unbegreiflich war, und ſo ſah ſich Herr Pecksniff gedrungen, dieſe Frage ſich ſelbſt zu beantworten, indem er die Thüre öffnete und Martin hineinführte. „Sehen Sie!“ ſagte er,„das iſt das Stübchen mei⸗ ner Mädchen; für uns Männer iſt es nichts Anderes, als eine Stube im Erdgeſchoß, für die Mädchen aber iſt es ein Schlößchen im Kleinen. Sehr niedlich! ſehr luftig! Hier Blumen, wie Sie ſehen, Hyazinthen! Dort aber⸗ mals Bücher und hier gar Singvögel!“— Dieſe Sing⸗ vögel beſchränkten ſich, beiläufig geſagt, nur auf einen armen, hinkenden Sperling ohne Schweif, den man aus⸗ drücklich von der Küche hereingebracht hat.—„Sehen Sie, † —— NAUAnAnkIA———*⁵ð—— △½ N 25⁵7 lauter Kleinigkeiten, wie ſie Mädchen Freude machen, ſonſt Nichts. Wer herzloſen Glanz liebt, wird hier vergeblich ſuchen.“ Mit dieſen Worten führte Herr Pecksniff den jungen Pflegling in das obere Stockwerk hinauf. „Hier,“ fuhr Herr Pecksniff fort, indem er die Thüre des denkwürdigen Vorderſtübchens mit den beiden Fenſtern auf die Straße weit öffnete,„hier iſt ein Gemach, wo ſchon manches Talent ſich entwickelt hat; es iſt ein Zimmer, wo mich einſt die Idee zu einem Kirchthurme überkam, womit ich die Welt dereinſt noch erfreuen werde. Hier arbeiten wir, beſter Martin, und in dieſem Stübchen ſind ſchon verſchiedene Architekten gebildet worden. Nicht wahr, Herr Pinch?“ Tom bejahte unbedingt und glaubte ſogar in der That, was noch mehr war, ſelbſt daran.. „Sie ſehen hier,“ fuhr Herr Pecksniff fort, indem er die Kerze eiligſt an verſchiedenen Papierrollen vorüber⸗ führte,—„Sie ſehen hier verſchiedene Merkmale unſerer Berufsthätigkeit. Hier iſt die Kathedrale von Salisbury von Norden,— hier von Süden— hier von Oſten— hier von Weſten aus aufgenommen!— Hier ſind zwei Anſichten von Südoſten und Nordweſten!— Hier iſt eine Brücke— ein Armenaſyl, ein Gefängniß— eine Kirche — ein Pulvermagazin— ein Weinkeller— ein Säulen⸗ gang— eine Sommerlaube— ein Eiskeller!— Hier ſind Pläne, Aufriſſe, Durchſchnitte, kurzum Dinge aller Art, die in unſeren Beruf einſchlagen;— und hier,“ fuhr er fort, da ſie inzwiſchen ein anderes großes Zimmer auf demſelben Stockwerk erreicht hatten, worin vier ſchmale Betten ſtunden,„hier iſt Ihr eigenes Zimmer, das unſer Herr Pinch hier, ein ruhiger Stubengenoſſe, mit Ihnen theilt; eine Ausſicht nach Süden, herrliche Fernſicht;— hier iſt Herrn Pinch's kleine Bibliothek, wie Sie bemerken, Alles rundum äußerſt anmuthig und paſſend. Sollten Sie irgend je noch nach einer anderen Bequemlichkeit Ver⸗ Boz, Chuzzlewit. I. 17 langen tragen, ſo bitte ich Sie, mir dieſes nur alsbald wiſſen zu laſſen. Jeder Fremde— um wie viel mehr alſo Sie, mein lieber Martin?!— darf ſich hierin keinerlei Zwang auflegen.“ Das war die lautere Wahrheit, und man muß es zu Herrn Pecksniff's Ehre ſagen, daß er jedem ſeiner Zög⸗ linge die liberalſte Erlaubniß gab, ihm jeden ſeiner Wün⸗ ſche, wie ungemeſſen er auch in ſeiner Art ſeyn mochte, anzuvertrauen; nur hatten einige junge Herren ſich ge⸗ nöthigt geſehen, dieſelben Wünſche volle fünf Jahre lang täglich zu wiederholen, ohne daß ſie ihnen indeß gewährt worden wären. 3 „Die Hausdienerſchaft ſchläft oben unter dem Dache, und ſomit wären wir zu Ende,“ ſagte Herr Pecksniff. Mit dieſen Worten führte er ſeinen jungen Freund wieder nach dem Wohnzimmer zurück und nahm huldreich die Lobſprüche entgegen, welche Martin der Einrichtung des Hauſes im Allgemeinen zollte. Im Wohnzimmer hatte indeß eine große Veränderung ſtattgefunden, denn man hatte hier bereits Vorbereitungen zu einem Feſtmahl in großem Maßſtabe beendigt, und die beiden Miß Pecksniff's ſahen der Rückkehr der Herren mit gaſtlich einladenden Blicken entgegen. Auf dem Tiſche prangten zwei Flaſchen Johannisbeerwein, weißer und rother, eine Schüſſel voll Sandwiches, ſämmtlich ſehr lang und dünn geſchnitten, ein Korb voll Aepfel, ein an⸗ derer mit Kapitanszwieback(Hefenkuchen)— der ja ſtets ein feuchtes und ſchmackhaftes Gericht iſt,— ferner eine Schüſ⸗ ſel mit Orangen, die in kleine Schnitze zerſchnitten, ſauber geſchält und tüchtig mit Zucker beſtreut waren, und end⸗ lich ein höchſt geologiſcher, ſelbſtgebackener Kuchen. Tom Pinch ſtand beinahe der Verſtand ſtille, als er dieſe rieſtgen Zubereitungen ſah; denn, obwohl die neuen Pflegbefohlenen bei ihrer Ankunft gewöhnlich in Saus und Braus empfangen wurden, wie man ſagen möchte, beſonders was den Wein anbelangte, der ſo mannig⸗ fache Abſtufungen in Güte und Gehalt hatte, daß ein — 1 4 — 259 junger Herr manchmal volle vierzehn Tage brauchte, bis er auf die Hefe kam, oder der Wein für ihn ganz ver⸗ ſiegte,— ſo war es dießmal doch ein Bankett, ein Feſtmahl, eine Art Lordmayors⸗Tafel im Privatleben, ein Ereigniß, das man noch lange in der Erinnerung tragen und an dem man ſich noch oft in Gedanken weiden konnte. An dieſem Feſtmahle nun, das neben ſeinen inneren Eigenſchaften auch noch das weitere Verdienſt hatte, daß es gewiſſermaßen Aehnlichkeit mit der Abendluft hatte, indem es auch leicht und kalt war, erſuchte Herr Pecks⸗ niff die Anweſenden, ſich weidlich gütlich zu thun. „Martin nimmt zwiſchen Euch Beiden Platz, meine Lieben!“ hub er an,„und Herr Pinch ſetzt ſich zu mir; wir wollen auf das Wohl unſeres neuen Hausgenoſſen trinken; mögen wir ſtets zuſammen heiter und glücklich ſeyn! Martin! lieber junger Freund, laſſen Sie uns Ihr Wohl trinken, und Sie, Herr Pinch, ſollen von mir geſchmählt werden, wenn Sie der Flaſche nicht tüchtig zuſprechen.“ Aus Achtung für die Gefühle der übrigen Geſell⸗ ſchaft gab ſich Herr Pecksniff Mühe, ſeinem eigenen Trink⸗ ſpruche nachzukommen und eine Miene anzunehmen, als ob der Wein nicht ſauer wäre und ihn nicht blinzeln mache. „Dieß iſt,“ hub er alsdann wieder an, und meinte dabei die Geſellſchaft und nicht den Wein,—„dieß iſt ein Durcheinander, das Einen für manchen Kummer und getäuſchte Hoffnung entſchädigen kann; darum laßt uns luſtig ſeyn.“— Hier nahm er ſich einen der Zwie⸗ backe.—„Es muß ein armes Herz ſeyn, das ſich nie⸗ mals freuen kann, und unſre Herzen ſind nicht arm, nicht wahr?“— Mitt ſolchen Aufforderungen zur Luſtigkeit kürzte er die Zeit und machte die Honneurs bei der Tafel, wäh⸗ rend Herr Pinch verſuchen zu wollen ſchien, ob, was er ſehe und höre, auch wirklich eine feſttägliche erfreuliche 3 17 8 Wahrheit und nicht ein zauberhaft neckender Traum ſey, und von Allem zugriff, insbeſondere aber unter den ſchlanken Sandwiches eine mächtige Zerſtörung anrichtete.⸗ Auch das Trinken behagte ihm und er war nichts we⸗ niger als ſchüchtern darin, ſondern erinnerte ſich im Gegentheil lieber an Herrn Pecksniff's Aufmunterung und ſetzte der Flaſche ſo weidlich zu, daß jedes Mal, ſo oft er ſein Glas von Neuem füllte. Miß Charity trotz ihrer freundſchaftlichen Vorſätze ein ſtieres halb⸗ verſteinertes Gaffen nicht unterdrücken konnte, als ob ihre Augen auf einem Geiſte geweilt hätten. In ſolchen Augenblicken ſchien ſogar Herr Pecksniff gedankenvoll, wenn nicht gar betrübt zu werden, denn da er das Ge⸗ bräu kannte, welches er Wein nannte, ſo däucht es uns ſehr wahrſcheinlich, daß er über den Zuſtand nachdachte, worin Herr Tom Pinch morgen früh erwachen würde, und daß er ſich inzwiſchen auf die beſten Haus⸗ und Heil⸗ mittelchen wider die Kolik beſann. Martin wußte ſich mit den jungen Damen raſch auf guten Fuß zu ſtellen, und tauſchte zu wechſelſeitiger Unterhaltung und Ergötzlichkeit ſeine Jugenderinnerungen mit ihnen aus. Miß Mercy lachte unmäßig über Alles, was er ſagte, und wurde zuweilen, wenn ihr Auge auf das ſeelenvergnügte Antlitz des Herrn Tom Pinch fiel, von ſolchen Anfällen von Lachluſt befallen, daß ſie bei⸗ nahe Krämpfe bekam. Ihre Schweſter tadelte ſie jedoch in ihrem Uebermaße von Empfindſamkeit für ſolche Aus⸗ brüche der Munterkeit, und machte ihr in zürnendem Flüſtern bemerklich, daß Herrn Pinch's Betragen nichts weniger als ein Grund zum Lachen ſey, und daß ſie ſich fürwahr über dieſe„Creatur“ ärgere, wiewohl ſie her⸗ nach ſelber— wiewohl mit weit mehr Mäßigung— in daſſelbe Gelächter einſtimmte und meinte, es ſey doch faſt allzu lächerlich und unerträglich, um dabei ernſt bleiben zu können. Endlich ward es hohe Zeit, ſich des erſten Satzes der Entdeckung jenes alten Philoſophen zu erinnern, 261 welche die Erlangung von Geſundheit, Reichthum und Weisheit zum Zwecke hat, und deren peremtoriſche Gewiß⸗ heit ſeit Menſchengedenken durch die unermeßlichen Schätze bewährt wurde, welche Schornſteinfeger und andere Per⸗ ſonen, welche früh aufſtehen und ſich bei Zeiten ſchlafen legen, ſich ſtets geſammelt haben. Die jungen Damen erhoben ſich demgemäß, nahmen von Papa Pecksniff mit vieler Zärtlichkeit und Ehrerbietung, von Herrn Chuzz⸗ lewit aber mit vielem Wohlwollen und von Herrn Pinch endlich mit großer Herablaſſung Abſchied und zogen ſich in ihr Schloͤßchen zurück. Herr Pecksniff aber beſtand darauf, ſeinen jungen Freund noch in ſein Schlafſtüb⸗ chen im obern Stockwerke hinauf zu begleiten, um ſich ſelbſt von der entſprechenden Behaglichkeit und Bequem⸗ lichkeit ſeiner Wohnung zu überzeugen,— nahm ihn deßhalb am Arm und führte ihn abermals die Treppe hinan, wobei Herr Tom Pinch mit dem Lichte voranſchritt. „Herr Pinch!“ hub Herr Pecksniff an, als er ſich droben mit übereinander gelegten Armen auf eines der ledigen Betten geſetzt hatte;„Herr Pinch! ich ſehe ſo eben, daß ſich keine Lichtſcheere auf dieſem Leuchter be⸗ findet; würden Sie wohl die Gefälligkeit haben, hin⸗ unter zu gehen und mir eine ſolche zu holen?“ Herr Pinch war allzu erfreut über dieſe Gelegen⸗ heit, ſich ſeinem Brodherrn gefällig zu erweiſen, um nicht alsbald hinunter zu eilen. „Sie müſſen bei Herrn Thomas Pinch den Mangel an feinerer Sitte entſchuldigen,“ ſprach Herr Pecksniff mit einer Art Gönnerſchaft und Mitleid, als der Ge⸗ nannte das Zimmer verlaſſen hatte;—„er meint es von Herzen gut!“ „Ja, fürwahr! er iſt ein recht gutmüthiger Menſch!“ ſagte Herr Martin. 3 „O ja,“ meinte Herr Pecksniff;—„ich glaubs ſelbſt, Thomas Pinch meint es gut; er iſt ein dankbarer, gut⸗ müthiger Menſch, und ich habe es nie bereuen dürfen, Thomas Pinch in mein Haus genommen zu haben!“ 262 „Wahrlich, Herr Pecksniff!“ verſetzte der junge Chuzzlewit;—„Sie ſollten meines Erachtens keinen Grund dazu haben.“ „Nein, gewiß nicht!“ fuhr Herr Pecksniff fort;— „ich hoffe wenigſtens nicht. Der arme Burſche iſt ſtets geneigt, das Beſte zu thun, was in ſeinen Kräften ſteht, allein ihm mangelt es an natürlichen Gaben. Sie wer⸗ deu ihn zu mancherlei gebrauchen können, wenn Sie nur wollen, Martin, und der einzige Fehler, den Thomas hat, iſt der, daß er zuweilen allzuleicht und gerne ſeine Stellung vergißt— doch läßt ſich das leicht abweiſen. Die gute Haut! Sie werden finden, daß er ſich leicht gän⸗ geln läßt. Gute Nacht!“ „Gute Nacht, Sir!“ verſetzte Martin. Inzwiſchen war Herr Pinch wieder mit der Licht⸗ ſcheere zurückgekommen. 1 1 „Gute Nacht, lieber Pinch!“ rief Herr Pecksniff nun auch ihm zu;„ſchlaft Beide wohl und geſund, und der liebe Gott ſegne Euch, gute Nacht!“ Mit dieſem andächtigen Segenswunſche auf die Häupter ſeiner Zöglinge hernieder zog er ſich in ſein ei⸗ genes Zimmer zurück, während die beiden jungen Leute, von ihrer Tagreiſe ermüdet, bald in tiefen Schlaf ver⸗ fielen. Falls Martin je träumte, wird ſich vielleicht der Schlüſſel zu dem Gegenſtande ſeiner Traumgeſichte aus dem ferneren Verlauf dieſer Geſchichte ermitteln laſſen. Thomas Pinch träumte nur von Feſttagen, Kirchenorgeln und engelgleichen Pecksniffs. Herr Pecksniff allein träumte noch lange nicht und begab ſich überhaupt nicht einmal zu Bette, zumal er noch volle zwei Stunden in tiefem Nachdenken vor dem Kamin ſeines Schlafgemachs ſitzend in die Kohlen ſtierte. Endlich ſchlummerte auch er ein und ward von mancherlei Träumen umgaukelt.— So um⸗ ſchließt in den ruhigen Nachtſtunden ein einziges Haus wohl ebenſo viel unzuſammenhängende Phantaſien, als der Kopf eines Wahnſinnigen. In al m nd 6 n⸗ 263 Sechstes Kapitel. Worinnen unter andern wichtigen Begebenheiten und Pecksniſſ'ſchen und architektoniſchen Angelegenheiten auch ein ausführlicher Bericht über den Fortſchritt enthalten iſt, welchen Herr Pinch im Vertrauen und der Freundſchaft des neuen Mündels machte. Es war Morgen, und die prangende Aurora, von der ſchon ſo viel geſchrieben, geſagt und geſungen wor⸗ den iſt, kniff und zwickte mit ihren Roſenfingern die Naſe der Miß Pecksniff. Die Göttin pflegte in jugendlichem Muthwillen dies in ihrem Verkehre mit der ſchönen Cherry ſtets zu thun, was in einer proſaiſcheren Sprache eigentlich nichts Anderes heißen will, als daß die Spitze beſagten Vorſprungs in dem lieblichen Antlitz des Mäd⸗ chens um die Frühſtückszeit gewöhnlich ſehr roth war. Es trug auch in der That gewöhnlich zu dieſer Tages⸗ zeit die Naſe des jungen Mädchens ein etwas zerkratztes froſtiges Ausſehen, gleich als ob ſie geraspelt worden wäre, während zu gleicher Zeit ein ähnliches Phänomen ſich in ihrer Stimmung kund gab, da dieſe alsdann meiſtens von ſehr zankſüchtiger und ſauertöpfiſcher Beſchaf⸗ fenheit zu ſeyn pflegte, als ob(um mich figürlich aus⸗ zudrücken) eine Extra⸗Citrone in den Nektar ihrer Laune ausgedrückt worden wäre und dem Wohlſchmack derſelben einigen Eintrag gethan hätte. Dieſer beitzende Beiſchmack von Seiten des hübſchen jungen Weſens führte alsdann gewöhnlich zu etlichen unbedeutenden Folgen wie z. B. einem reichlichen Waſſerzuſatze an Herrn Pinch's Thee, oder zu ſeinem ungewöhnlichen Zukurzkommen in Betreff des Butters, oder zu andern ähnlichen Reſultaten. Am Morgen nach dem Bewillkommnungsfeſtmahl hingegen hatte ſie nichts dagegen, daß er ſich vollkommen frei und un⸗ beengt unter allen trinkbaren und eßbaren Stoffen er⸗ ging, worüber Herr Pinch ſo ſehr in Verwunderung und Verlegenheit gerieth, daß er ſich— wie jener unglückliche 264 Gefangene, der erſt in ſpätem Alter ſeine Freiheit wieder erhielt,— dieſe Ungebundenheit nur wenig zu Nutzen machen konnte und in eine ſeltſame Art von Befangenheit ver⸗ ſtel, weil er auf einmal einer liebevollen Hand entbehrte, die ihm ſein Brod vorſchnitt, ihn im Artikel des Zuckers mit einem einzelnen Stückchen befriedigte oder ihm jene andern kleinen Aufmerkſamkeiten erwies, an die er ſchon ſeit ſo langer Zeit gewöhnt war. Das Selbſtgefühl und die Kühnheit des neuen Pfleglings erwieſen ſich beinahe in ehrfurchtgebietender Kraft, indem er mit der unge⸗ bundenſten Kaltblütigkeit Herrn Pecksniff noch einmal um den Laib„bemühte“ und ſich ſogar unaufgeſordert mit einer Scheibe von des Hausherrn erb⸗ und eigenthüm⸗ lichem Schinken bediente, ohne dabei etwas Anderes zu denken, als daß er vollſtändig in ſeinem Rechte ſey und füglich erwarte, daß auch Herr Pinch ſeinem Beiſpiele folgen werde, da er ſich ſogar einmal die Bemerkung einfallen ließ,„daß der junge Mann ja faſt gar Nichts eſſe,“— eine Rede von ſo furchtbarem Gehalte, daß Tom unwillkührlich die Augen niederſchlug und ſich ge⸗ berdete, als ob er ſelbſt irgend einen entſetzlichen Frevel begangen und auf die undankbarſte Weiſe Herrn Pecks⸗ niff's Vertrauen beeinträchtigt habe. In der That war auch für den armen Pinch das ſchmerzliche Bewußtfeyn, daß eine ſolche rückſichtsloſe und voreilige Aufforderung an ihn ergangen ſey, ſchon an und für ſich Früh⸗ ſtücks genug und wäre hinreichend geweſen, ohne irgend einen andern Gegenſtand der Reflexion Herrn Pinch's Bemühungen ein Ziel zu ſetzen und ihm fuͤr eine ganze Mahlzeit den Appetit zu verderben, ſelbſt wenn er auch ungewöhnlich hungrig geweſen wäre. Die jungen Damen indeß und nicht minder auch Herr Pecksniff ließen ſich durch dieſe verſchiedenen bedeutungsvollen Verſuchungen in ihrer guten Laune keineswegs irre machen, obwohl es faſt ſchien, als hätten ſie ſich dazu gegenſeitig das Wort darauf gegeben. Als die Mahlzeit nahezu beendigt war, erging ſich Herr Pecksniff endlich lächelnd in einer nähern 265. Erläuterung der Urſache ihres gemeinſamen Vergnü⸗ ens. 4„Lieber Martin,“ hub er an,„es begegnet mir und meinen Töchtern nur ſehr ſelten, daß wir unſern friedli⸗ chen Herd verlaſſen, um uns in den ſchwindelnden Wir⸗ bel von Vergnügungen zu begeben, den uns die Außen⸗ welt bietet; heute aber gedenken wir es, aus beſondern Gründen zu thun.“ „Iſt's möglich, Sir?“ rief der neue Zögling. „Allerdings!“ erwiderte Herr Pecksniff und ſchlug mit einem Briefe, den er in der rechten Hand hielt, auf die äußere Fläche ſeiner Linken;„es iſt hier eine Aufforderung an mich ergangen, nach London zu reiſen, natürlich nur in Berufsſachen, ſchlechthin nur in Berufs⸗ ſachen; ich habe ſchon vor langer Zeit meinen Töchtern das Verſprechen gethan, ſie dorthin mitzunehmen, ſobald ſich eine günſtige Gelegenheit dazu darböte. Dies iſt jetzt der Fall und wir wollen heute Abend mit dem Pack⸗ wagen abreiſen— wie die Taube im alten Teſtament, mein lieber Martin,— und es wird wohl eine Woche dar⸗ über in's Land gehen, bevor wir unſern Oelzweig wieder in der Hausflur niederlegen. Wenn ich von einem Oel⸗ zweige ſpreche,“ ſetzte Herr Pecksniff erläuternd hinzu, „ſo meine ich natürlich darunter nur unſere beſcheidene Bagage.“ „Ich hoffe, die jungen Damen werden recht viel Vergnügen von ihrem Ausfluge haben,“ ſagte Martin. „Ja wohl!“ rief Miß Mercy, in die Hände klat⸗ ſchend;„ich bin überzeugt, daß dies der Fall ſeyn wird; du lieber Gott! Cherry, mein Liebchen! ſchon der Ge⸗ danke an London macht mich beinahe ſchwindeln.“ „Kleine Schwärmerin!“ rief Herr Pecksniff und blickte ihr dabei faſt träumeriſch in das Geſicht;„und gleichwohl liegt eine ſchwermüthige Anmuth in dieſen kin⸗ diſchen Hoffnungen. Es iſt ein angenehmer Gedanke, zu wiſſen, daß ſie nie verwirklicht werden können. Ich erinnere mich, ſelbſt in meiner Kinderzeit der Anſicht ge⸗ 266 weſen zu ſeyn, daß eingemachte Zwiebeln auf Bäumen wüchſen und jeder Elephant mit einem unbezwingbaren Kaſtell auf dem Rücken zur Welt käme. Die Erfahrung hat mich freilich belehrt, daß die Erwartungen, welche ich hegte, ſich keineswegs verwirklichten, und doch habe ich in Stunden der Trübſal und Verſuchung Troſt in dieſen Traumgebilden gefunden. Ja ſelbſt in Augenblicken, wo ich die furchtbare Entdeckung machen mußte, daß ich keinen Mündel, ſondern einen wahren Vogel Strauß an meinem Buſen genährt— ſelbſt in jenen Stunden tödt⸗ lichen Schmerzes haben ſte mein Gemüth zu beruhigen gewußt.“ Bei dieſer unangenehmen Anſpielung auf John Weſt⸗ lock würgte Herr Pinch eilig ſeinen Thee hinunter, denn er hatte, wie Herr Pecksniff wohl wußte, erſt heute früh einen Brief von ihm erhalten. „Nicht wahr, lieber Martin?“ fuhr Herr Pecksniff fort und nahm dabei wieder ſeine vorige Heiterkeit an, „Sie werden mir darauf bedacht ſeyn, daß das Haus in unſerer Abweſenheit nicht davon läuft? Wir unterſtellen Alles Ihrer Pflege und Hut; wir haben keine Geheim⸗ niſſe vor Ihnen, ſondern Alles iſt ehrlich und offen. 's iſt bei uns nicht wie bei jenem jungen Mann in den morgenländiſchen Mährchen— das„der einäugige Al⸗ manach“ überſchrieben iſt, Herr Pinch 2...“ „Der einäugige Klaender, glaube ich, Sir!“ wagte Tom ſtotternd einzuwenden. „Das kommt meines Bedünkens auf eins heraus,“ entgegnete Herr Pecksniff mit mitleidigem Lächeln;—„we⸗ nigſtens war es zu meiner Zeit ſo: nnähnlich jenem jun⸗ gen Manne, mein lieber Martin, iſt es Ihnen nicht verboten, jeden Winkel unſers Hauſes zu durchſtöbern, ſondern wir erſuchen Sie im Gegentheile, es ſich in allen Theilen deſſelben ſo bequem wie möglich zu machen; thun Sie, als ob Sie zu Haufe wären, lieber Martin, machen Sie ſich gute Tage und ſchlachten Sie ſogar das gemäſtete Kalb, wenn Sie wollen!“ 267 Das war nur ſo eine Redensart, obwohl wir gar keinen Zweifel hegen, daß dem jungen Mann die Er⸗ laubniß zuſtand, irgend ein Kalb, gleichviel ob fett oder mager, zu ſchlachten und ſich anzueignen, wenn er ein ſolches im Weichbilde des Pecksniff'ſchen Anweſens finden ſollte; weil jedoch zufälligerweiſe zu jener Zeit kein ſol⸗ ches Thier auf Herrn Pecksniff’s Eigenthum weidete, ſind wir eher geneigt, beſagtes Vollmachtgeben eher für ein höfliches Kompliment, als für eine wirkliche ſubſtanzielle Gaſtfreiheit zu betrachten. Es bildete alſo gewiſſermaßen die Endverzierung der Unterredung, denn ſobald Herr Pecksniff es von ſich gegeben hatte, erhob er ſich und ſchritt dem jungen Manne voran nach jenem Treibhauſe des baukünſtleriſchen Genie's, nämlich nach jenem Stüb⸗ chen im obern Stockwerk mit den beiden Fenſtern nach der Straßenſeite. „Wir wollen nun in Erwägung ziehen,“ hub er an, eindem er unter den Papieren herumſtöberte,—„wie Sie Ihre Zeit während meiner Abweſenheit am beſten ver⸗ wenden können, lieber Martin; ſetzen wir einmal den Fall, Sie ſollten mir Ihre Idee zu einem Monument für den Lordmayor von London oder zu einem Grabmal für einen Sheriff, oder etwa auch Ihre Anſichten über einen Kuh⸗ ſtall, den man in einem vornehmen Parke aufrichten ſollte, angeben! Laſſen Sie ſich zunächſt ſagen,“ ſprach Herr Pecksniff mit gefalteten Händen, und ſah dabei ſeinen jun⸗ gen Verwandten mit einer Miene voll nachdenkender Theil⸗ nahme an,„daß ich ſehr geſpannt wäre, Ihre Anſichten über die Einrichtung und den Bau einer ſolchen Meierei zu vernehmen.“ Herr Martin ſchien aber keineswegs ein beſonderes Vergnügen über dieſe Muthmaßung an den Tag zu legen. „Ein Pumpbrunnen iſt eine ſehr ſittſame Arbeit,“ fuhr Herr Pecksniff fort;„ich habe ſogar ſchon gefunden, daß ein Laternenpfahl darauf berechnet war, den Geiſt zu verſchönern und ihm eine klaſſiſche Richtung zu gewähren. Ein ornamentaler Schlagbaum übt eine wunderbare Ein⸗ 268 wirkung auf die Einbildungskraft aus. Wie wär's, wenn Sie mit einem ſolchen ornamentalen Schlagbaume begin⸗ nen würden?“ „Ich füge mich in Alles, was Sie mir vorſchlagen,“ verſetzte Martin gedankenvoll. „Halt!“ rief Herr Pecksniff,—„da Sie Ehrgeiz und eine gewiſſe Fertigkeit im Zeichnen beſitzen, ſollen Sie ſich jetzt zunächſt an dieſem Plan zu einer lateiniſchen Schule verſuchen— natürlich richten Sie dabei Ihren Niß nach den beiliegenden gedruckten Bedingungen ein. Wahrlich, auf mein Wort!“ rief Herr Pecksniff munter—„ich bin recht geſpannt, zu ſehen, wie Sie mit dieſer Schule zurecht kom⸗ men. Wer weiß, ob nicht ein junger Mann von Ihrem Kunſtſinn auf Dinge ſtößt, die zwar an und für ſich nicht auszuführen und nicht den herkömmlichen Regeln gemäß wären, denen ich aber nachher doch die entſprechende Form zu geben vermöchte; ich verſichere Sie, lieber Martin, daß es nur die letzte Ausführung iſt, in welcher ſich das Er⸗ gebniß langer Erfahdung und umfaſſender Studien an den Tag legt. Ja, wahrlich!“ fuhr Herr Pecksniff lachend fort, und klopfte dabei in ſeiner luſtigen Laune dem jungen Manne auf den Rücken,„es ſoll mir in der That viel Vergnügen gewähren, zu ſehen, was Sie aus jener latei⸗ niſchen Schule machen.“ Martin ging gerne auf dieſe Aufgabe ein, und Herr Becksniff ließ es ſich nun angelegen ſeyn, ihm das zur Ausführung nöthige Material anzuvertrauen, und erging ſich in der Zwiſchenzeit mit dem Gedanken an die magiſche Wirkung, welche die geringfügige letzte Ausführung von der Hand eines Meiſters hervorbringen würde, welche letz⸗ tere in der That wie gewiſſe Leute— die freilich nur die alten Feinde des Herrn Pecksniff waren,— behaupteten, über alle Maßen überraſchend und faſt wunderbar waren, ſintemal man ſich Beiſpiele erzählte, daß die von dem Herrn vorgenommene Zugabe eines Fenſters auf der Hinterfronte, einer Küchenthüre, etlicher Treppenſtufen oder ſelbſt nur einer Brunnenröhre aus der Zeichnung eines Zöglings ——On— —2-9——--— A——— G . 1 269 Herrn Pecksniff's eigenes Werk gemacht hätten, durch welches ſich letztgenannter Herr namhafte Belohnungen zugezogen habe. Darin aber liegt ja gerade die Zauberkraft des Genius, daß er Alles, was ihm in die Hände geräth, in Geld verwandelt! 8 „Fühlt Ihr Geiſt ein Bedürfniß nach Ruhe und Er⸗ holung vermittelſt einer Aenderung Ihrer Beſchäftigung,“ fügte Herr Pecksniff noch hinzu,„ſo kann Thomas Pinch Sie mit der Kunſt vertraut machen, den hintern Garten zu vermeſſen oder das Nivellement der Landſtraße zwiſchen unſerem Hauſe und dem Wegzeiger aufzunehmen, oder Ih⸗ nen irgend eine andere praktiſche und unterhaltende Be⸗ ſchäftigung zu verſchaffen. Hinten im Hofe liegt ein Karren voll unbenützter Backſteine und ein paar Dutzend alter Blumentöpfe, und es ſollte mir Vergnügen machen, wenn Sie, lieber Martin, dieſelben zu irgend einer Geſtalt auf⸗ thürmen würden, die mich bei meiner Heimkehr etwa an die St. Peterskirche in Rom oder die Sophienkirche in Conſtantinopel erinnern würde— es würde Ihnen nicht nur von weſentlichem Nutzen, ſondern mir auch zu innigem Vergnügen gereichen. Nun aber,“ ſchloß Herr Pecksniff endlich ſeinen Sermon,„laſſen Sie uns einſtweilen von Berufsgegenſtänden ſchweigen und uns lieber, während ich drunten in meinem Zimmer meinen Mantelſack packe, Pri⸗ vatintereſſen mit einander verhandeln.“ Martin folgte dieſer Einladung; man ließ Tom allein zurück, und die Beiden verbrachten mehr als eine Stunde in angelegentlicher und, wie es ſchien, keineswegs unintereſ⸗ ſanter Unterhaltung. Als der junge Mann wieder zurück⸗ kam, war er ſehr ſchweigſam und niedergeſchlagen, und verharrte den ganzen Tag über in derſelben Stimmung, ſo daß Tom, nachdem er ein Paarmal vergebens verſucht hatte, eine Unterhaltung über gleichgültige Gegenſtände mit ihm anzufangen, aus einem gewiſſen Zartgefühle es unter⸗ ließ, ihn in ſeinem Nachdenken zu ſtören und kein Wort weiter verlor. Wäre auch ſein neuer Freund noch ſo geſprächig ge⸗ 270 weſen, ſo hätte er doch nicht viel Muſe gefunden, viel Worte zu verlieren, denn erſt rief ihn Herr Pecksniff hin⸗ unter, damit er ſich einſtweilen auf den Deckel ſeines Reiſe⸗ koffers ſtelle und daſelbſt eine antike Statue vergegen⸗ wärtige, bis es Pecksniff möglich wurde, dieſen abzu⸗ ſchließen;— ſpäter aber rief ihn Miß Charity hin⸗ unter, damit er ihren Reiſekoffer mit Stricken zuſammen⸗ ſchnüre, und endlich ließ ihn gar Miß Mercy rufen, daß er ihr eine Schachtel flicke, und ſpäter lag es nun dem armen Tom Pinch ob, die Adreſſen für all dieſes Gepäcke ſo groß wie möglich zu ſchreiben. Hierauf erbot ſich Tom freiwillig, das Ganze die Treppe hinab zu ſchaffen, und alsdann die Aufſicht darüber zu führen, bis Koffer, Kiſten, Hutſchachteln und Alles ſammt und ſonders auf ein paar Schubkarren nach dem alten Wegweiſer am Ende des Feldweges geſchafft waren, woſelbſt er es unverdroſſen hü⸗ tete, bis die Kutſche endlich anlangte; mit einem Wort, ſein Tagewerk wäre ſogar für einen Laſtträger ziemlich mühſam geweſen, allein ſein herzlicher guter Wille und ſeine Dienſtfertigkeit ließen ihn keine Strapaze ſcheuen, und als er endlich beim Wegzeiger auf dem Gepäcke ſaß und auf die Pecksniff's wartete, die am Arme des neuen Mün⸗ dels den Feldweg herunter kommen ſollten, erleichterte ihm die Hoffnung, ſeinem Wohlthäter eine Freude damit ge⸗ macht zu haben, das Herz nicht wenig. „Mir war ſaſt bange,“ ſprach Tom endlich, indem er einen Brief aus der Taſche nahm und den Schweiß von der Stirne wiſchte, denn das viele Geſchäft hatte ihm trotz des des kalten Tages doch ſehr warm gemacht,—„mir war faſt bange, daß ich keine Zeit finden würde, dieſen Brief an ſie zu ſchreiben, was doch wahrlich Schade geweſen wäre; wenn man nicht reich iſt, wie Unſereins, ſo iſt das Porto aus ſolch einer Entfernung keine Kleinigkeit. Wie wird ſich das arme gute Mädchen freuen, wieder einmal meine Handſchrift zu erblicken und zu vernehmen, daß Pecksniff gegen mich ſo wohlwollend iſt, wie immer! Gern hätte ich John Weſt⸗ lock gebeten, ſie zu beſuchen und ihr mündliche Kunde über 271 mich zu bringen, allein ich fürchtete, er möchte bei ihr über Pecksniff ſchmähen und ihr dadurch bange machen; zudem iſt die Herrſchaft, bei welcher ſie dient, gar ſeltſames eige⸗ nes Volk, und ſie hätte leicht Verdruß davon haben können, wenn ein junger Mann, wie John, ſie beſucht hätte; die arme gute Ruth!“ 5 Tom Pinch ſchien eine Weile nicht wenig geneigt, ſich einer ſchwermüthigen Stimmung hinzugeben, allein er fand bald wieder Troſt und erging ſich in nachfolgenden ſtillen Betrachtungen: „ Ich bin meines Erachtens nur ein ſchlichter Mann und keineswegs der Anſicht, die John ſtets aufſtellte— John war ein herzensguter frohſinniger Burſche und ich wünſchte nur, daß er ſich mit Herrn Pecksniff beſſer geſtellt hätte,— daß es eine niedrige Sinnesart ſey, wenn ich den Unter⸗. ſchied zwiſchen uns Beiden für ſo beträchtlich erachte, denn ich muß im Gegentheil denken, daß mir nur mein guter Stern Gelegenheit gegeben hat, hier unterzukommen. Ich bin überzeugt, daß ich mit einer Glückshaube auf die Welt gekommen bin, denn wie hätte ich ſonſt Herrn Pecksniff in den Weg geführt werden können! Und daran iſt auch nur wiederum mein guter Stern ſchuld, daß ich in dem neuen Hausgenoſſen einen ſo leutſeligen, edelmüthigen, of⸗ fenherzigen Jüngling getroffen habe, wie ich ihn nur im⸗ mer wünſchen konnte! Blitz, auf wie guten Fuß ſtellten wir uns alsbald, obwohl er des Herrn Pecksniff Verwand⸗ ter und ein geſchickter, kühner und herziger Burſche iſt, der ſich ſeinen Weg durch die Welt bahnen wird, als ob ſie ein Käſe wäre;— da kommt er gerade, während ich ihn im Mundefführte,“ ſprach Tom lauter;„ſchreitet er nicht den Feldweg herunter, als wäre er König auf dieſer Hufe.“ Wirklich kam auch der neue Zögling in dieſem Augenblick den Feldweg herab und ſchien ſich durch die Ehre, Miß Mercy Pecksniff am Arme führen zu dürfen, ebenſo wenig aus der Faſſung bringen zu laſſen, als durch die liebevol⸗ len Abſchiedsworte der jungen Dame, und die Nähe des Herrn Pecksniff und der Miß Charity, die hinterdrein gingen. 272 Da im ſelben Augenblick auch der Poſtwagen ſich zeigte, erkühnte ſich Herr Tom Pinch unverweilt zu dem Verſuche, dem letztgenannten Herrn den Brief an ſeine Schweſter mitzugeben.— „Aha!“ ſagte Herr Pecksniff, als er auf die Adreſſe geblickt,—„Sie ſchrieben an Ihre Schweſter, Thomas; verlaſſen Sie ſich darauf, Herr Pinch, daß Ihr Brief ge⸗ treulich abgegeben wird, hegen Sie gar keinen Zweifel dar⸗ über! Sie ſoll ihn bald bekommen, Herr Pinch!“ Er leiſtete dieſes Verſprechen mit ſo viel Herablaſſung und einer ſolchen Anmaßung von Gönnerſchaft, daß Tom auf einmal meinte, er habe ſich ungemein viel herausge⸗ nommen— was ihm vorher gar nicht eingefallen war— und ſich deßhalb auch in allem Ernſte bedankte. Die Miß Pecksniffs waren nach ihrer alten Gewohnheit über alle Maßen entzückt, als ſie der Schweſter des Herrn Pinch Erwäh⸗ nung thun hörten;— welche Ueberraſchung! wem wäre es eingefallen, daß Herr Pinch noch eine Schweſter habe! Du lieber Gott! Tom war nicht wenig vergnügt, die jungen Damen ſo munter zu ſehen, weil er darinnen einen neuen Beweis ihrer Gewogenheit und freundlichen Gunſt erblickte, wes⸗ halb er denn auch lächelnd die Hände rieb und ihnen glückliche Reiſe und vergnügte Rückkehr wünſchte, und mit einem Wort voll Leben war; ſogar als die Kutſche mit den Olivenzweigen auf dem Verdeck und der taubenartigen Familie im Innern des Wagens bereits davon gefahren war, winkte er noch mit der Hand und verbeugte ſich un⸗ aufhörlich; das ungewöhnlich artige Betragen der jungen Damen hatte ihn ſo ſehr entzückt, daß er einen Augen⸗ blick der Anweſenheit des Herrn Martin Chuzzlewit ganz vergaß, der gedankenvoll am Wegweiſer lehnte und den Blick kaum vom Boden erhoben e, ſeit er ſich ſeiner ſüßen Bürde entledigt. Das tiefe Schweigen, das auf den Lärm der Abfahrt des Poſtwagens folgte, und der friſche Wind des kalten Winternachmittags erweckte Beide zu gleicher Zeit aus ihren 273 Traumereien; ſie drehten ſich wie durch gegenſeitige Ueber⸗ einſtimmung um und traten Arm in Arm den Heim⸗ weg an. „Wie ſchwermüthig ſind Sie doch,“ ſagte Tom,„was fehlt Ihnen denn?“ „Nichts, das auch nur der Erwähnung werth wäre,“ erwiderte Martin,—„mir fehlt kaum etwas mehr als geſtern, und hoffentlich jedenfalls mehr, als morgen der Fall ſeyn wird; meine Laune iſt mir verdorben worden, Pinch.“ oflnn denn!“ rief Tom freudig,—„da kann ich Ihnen zu Ihrer Beruhigung die Verſicherung geben, daß ich gerade heute vortrefflich aufgelegt bin und mich kaum je mehr geneigt fühlte, einen guten Freund zu unterhalten. Es war doch wahrlich ſehr wohlwollend von ihrem⸗ Vor⸗ fahr, Herr John, daß er an mich ſchrieb, nicht wahr?“ „O ja,“ verſetzte Martin gleichgültig,—„ich hätte gemeint, er habe ſelbſt genug zu thun, um ſich luſtig zu machen, und hätte kaum erwartet, daß er noch an Sie dächte, Pinch.“ „Das war auch beinahe meine Anſicht,“ verſetzte Tom,—„doch nein, er hält ſein Wort und ſchreibt mir in dem Briefe: Mein beſter Pinch! ich denke oft an Dich, — und ſonſt noch mancherlei Wohlwollendes und Erfreu⸗ liches dieſer Art.“ 3 „Er muß ein ausnehmend wohlwollender Burſche ſeyn,“ meinte Martin halb ärgerlich,„denn Sie fühlen doch wohl ſelbſt, daß es ihm damit nicht Ernſt ſeyn kann.“ „Ei, ich meine doch, daß das der Fall ſeyn könnte?“ verſetzte Tom und blickte dabei ſeinem Gefährten neugierig in's Geſicht.„Sie meinen alſo, er wolle mir damit nur ſchmeicheln?“ „Wahrſcheinlich!“ verſetzte Martin ernſtlicher;—„mir däucht es nicht unmöglich, daß ein junger Mann, der kaum erſt dieſem verdammten Hundeloche entſprungen iſt und nun in London ſich auf einmal ſelbſtſtändig und als Boz, Chuzzlewit. 1. 18 274 eigener Herr ſieht, viel Muße oder Luſt habe, ſich an Per⸗ ſonen oder Gegenſtände mit Vorliebe zu erinnern, die er hier zurückgelaſſen hat? Denken Sie ſich nur einmal ſelbſt, Pinch, ob das mit rechten Dingen zuginge.“ Nach kurzem Bedenfen verſetzte Herr Pinch in weit demüthigerem Tone, daß es freilich kaum vernunftgemäß wäre, etwas Derartiges zu vermuthen, und daß er ſich hierin freilich recht gerne von Martin belehren laſſe. „Sie trauen mir es alſo zu, daß ich es beſſer wiſſe?“ fragte Martin. „Ei natürlich, ich fühle das,“ verſetzte Pinch milde, „ſonſt hätte ich es Ihnen gar nicht geſagt.“ Als er ſeine Frage auf dieſe Weiſe beantwortet hatte, verfiel er wieder auf's Neue in abſolutes Stillſchweigen, und verharrte darin, bis ſie nach Hauſe gekommen waren, woſelbſt ſte erſt mit Einbruch der Dunkelheit ankamen. Miß Charity Pecksniff hatte in Anbetracht der Un⸗ möglichkeit, die Ueberreſte des geſtrigen Feſtmahls in der Kutſche mitzunehmen oder ſie auf künſtliche Weiſe bis zur Rückkehr der Familie aufzubewahren, dieſelben auf ein paar Tellern den Pfleglingen zur freien Verfügung geſtellt. In Folge dieſer freigebigen Schenkung hatten die beiden jungen Männer das ſeltene Glüch, auf dem Tiſche des Wohnzimmers zwei chaotiſche Haufen vom Abhub der ge⸗ ſtrigen Tafel anzutreffen, die aus etlichen Schnitten der Orangen mit dicken Häuten und aus ein paar vertrock⸗ neten Butterſchnitten, diverſen Bruchſtücken des geologi⸗ ſchen Kuchens und ein paar unverſehrten Hefenbrödchen beſtund; damit es den beiden Leutchen nicht an ausgezeich⸗ netem Getränke fehle, um dieſe Leckerbiſſen darin einzu⸗ tauchen, waren die Reſte der beiden Flaſchen Johannis⸗ beerwein zuſammengegoſſen und mit einer Haarwickel ver⸗ ſtöpſelt worden, ſo daß ſie nun alle Erforderniſſe beiſam⸗ men hatten, ſich eine luſtige Nacht zu machen. 5 Martin Chuzzlewit warf einen höchſt verächtlichen Blick auf jene großartigen Vorbereitungen; ſchürte zur 3 7 275 großen Beeinträchtigung von Herrn Pecksniff’s Kohlenvor⸗ rath das Feuer zur hellen Lohe auf, und zog den bequem⸗ ſten Stuhl, den er finden konnte, vor das Kamin, um ſich trübſelig hier niederzuſetzen; um ſich nun beſſer in das ſchmale Eckchen drücken zu können, welches ſein Freund ihm übrig ließ, ſetzte Herr Pinch ſich auf Merey Pecks⸗ niff's Stuhl, ſtellte das Glas auf den gepolſterten Sche⸗ mel vor dem Herde, den Teller aber auf ſein Knie und begann nun in allem Ernſte ſich gütlich zu thun. Hätte man Diogenes wieder in's Leben zurückrufen und ſammt ſeiner Tonne und ſo weiter in Herrn Pecksniffs Stube verſetzen können, um ihm Tom Pinch auf Mercy Pecksniffs Stuhle zu zeigen, mit Teller und Glas in der Hand, er hätte ihn wahrhaftig auch in der verdrießlichſten Stimmung nicht näher betrachten können, ohne in ein gutmüthiges, mitleidiges Lächeln auszubrechen. Das voll⸗ ſtändige, unbeeinträchtigte Glück Tom's, die unendliche Be⸗ friedigung, womit er die ausgedörrten Butterbrode ver⸗ ſchlang, die ſich in ſeinem Munde faſt zu Sägeſpänen zerbröckelten, das unausſprechliche Wohlbehagen, womit er den ſchalen Wein tropfenweiſe hinunterſchlürfte und mit den Lippen ſchmatzte, als ob die Flüſſigkeit ſo ſelten und koſtbar wäre, daß es Sünde ſeyn würde, auch nur ein Atom von ſeinem koſtbaren Wohlgeſchmack zu verlieren.— Die ſtille Seligkeit, mit welcher er zuweilen inne hielt und das Glas erhob, um gleichſam ſtillſchweigend Trinkſprüche auszubringen,— der düſtere Schatten, der ſich auf ſeinem glücklichen Antlitze zeigte, wenn bei erfreulichem und ſeli⸗ gem Nundblick über die zierliche Behaglichkeit des reinlichen Stübchens ſein Auge auf der düſteren Stirne ſeines Ge⸗ fährten haften blieb, würde kein Cyniker der Welt, und hätte er den Menſchenhaß eines Drachen beſeſſen, ver⸗ mocht haben, einen ſolchen Tom Pinch gegenüber geltend zu machen. 5 3 Gewiſſe Leute würden ihn auf den Rücken geklopft, würden ihm in ſeinem eigenen Johannisbeerwein, obwohl 18* 276 dieſer ſaurer war, als der ſchärfſte Weineſſig, einen Becher voll zugetrunken— ja ſie würden denſelben vielleicht gar für wohlſchmeckend erklärt haben; Andere hätten vielleicht voll Entzücken ſeine Hand erfaßt und ihm für die gute Lehre gedankt, die ſie ſeinem einfachen, natürlichen Weſen entnommen. Manche würden mit ihm und Andere wieder über ihn gelacht haben, und zu dieſen Letzteren gehörte auch Martin Chuzzlewit, dem es am Ende unmöglich war, ſich länger ſelbſt zu bezwingen, und der daher in ein lautes, anhaltendes Lachen ausbrach. „Das iſt Recht!“ rief Tom und nickte ihm freundlich Beifall zu,—„lachen Sie nur brav, das freut mich ausnehmend!“ Auf dieſe Ermuthigung hub der junge Martin auf's Neue wiederum zu lachen an und verſetzte, als er erſt wieder gehörigen Ernſt und Athem dazu geſammelt hatte: „Wahrlich, Pinch! Sie ſind ein Menſch, wie ich ſie noch ſelten getroffen.“ „Warum nicht gar!“ rief Tom,„'s iſt wohl wahr⸗ ſcheinlich, daß Sie etwas Seltſames an mir entdecken, weil ich noch ein ganz harmloſes Geſchöpf bin und ſo zu ſagen faſt nichts von der Welt weiß, während Sie ver⸗ muthlich einen guten Theil davon geſehen haben.“ „O ja,“ verſetzte Martin und rückte ſeinen Stuhl noch mehr zum Feuer, um ſeine Füße auf dem Kamin⸗ gitter auszuſpreitzen;—„für mein Alter habe ich ſchon ziemlich viel davon geſehen, aber zum Henker, ich muß mit Jedermann friſch von der Leber weg reden, und ſo will ich es auch mit Ihnen halten, Pinch.“ „Das ſoll mich freuen,“ verſetzte dieſer,„ich erwarte nichts Anderes von Ihrer Freundſchaft.“ „Ich ſtehe Ihnen doch nicht im Wege, nicht wahr?“ fragte Martin und blickte dabei Herrn Pinch in's Geſicht, der inzwiſchen über ſein Bein hinweg in das Feuer blickte. „Keineswegs!“ betheuerte Tom. „So erfahren Sie denn, um Ihnen der langen Rede kurzen Sinn zu geben,“ hub Martin an und legte ſich 277 gewiſſermaßen Zwang auf, als ob die Erzählung, die er eben beginnen wollte, ihm nicht ſonderlich angenehm wäre; —„ſo erfahren Sie denn, daß ich von Jugend auf mit großen Erwartungen erzogen und ſtets im Glauben be⸗ lehrt wurde, daß mir eines Tages noch ein namhaftes Ver⸗ mögen zufallen ſolle, was auch gewiß geſchehen wäre hätten ſich nicht gewiſſe unbedeutende Begebenheiten ereig⸗ net, die ich Ihnen nachher erzählen werde und die leider meine Enterbung zur Folge hatten.“ „Wie?“ fragte Herr Pinch mit weitgeöffneten Augen, —„Ihr Vater hätte Sie enterbt?“ „Nicht doch,“ gab Martin zur Antwort,—„mein Großvater that es; meine Aeltern ſind ſchon ſeit vielen Jahren todt, und ich kann mich ihrer kaum mehr er⸗ innern.“ 3 „Lieber Gott! ſo geht mir's ebenfalls!“ rief Tom und berührte ſchüchtern mit ſeiner Hand den Arm des innaen Mannes, um ſie hernach gleich wieder zurückzu⸗ ziehen. „Was nun das anbelangt, Pinch,“ fuhr Martin fort, indem er das Feuer wieder aufſtörte und haſtig und ohne Umſtände weiter ſprach;—„ſo wiſſen Sie, daß es zwar recht und gut iſt, wenn wir unſere Verwandken lie⸗ ben, ſo lange wir ſie noch haben, und ihr Andenken ehren, wenn ſie todt ſind, falls man je etwas Näheres über ſie erfahren hat. Wenn ich Ihnen aber nun ſage, daß ich über die Meinigen faſt nie etwas Näheres in Er⸗ fahrung zu bringen vermochte, ſo werden Sie mir ſelber zugeben müſſen, daß man von mir kein beſonderes Zart⸗ gefühl gegen ſie erwarten kann, und das iſt denn auch bei mir in der That der Fall.“ Herr Pinch blickte gerade gedankenvoll auf den Roſt des Kamins; als aber ſein Gefährte hier plötzlich inne hielt, ſchrak er zuſammen, äußerte ein„Ei, ganz natür⸗ lich!“ und ſchickte ſich wieder an, geduldig weiter zu hören. „Mit Einem Wort,“ fuhr Martin fort,„ich bin all mein Lebtage lang in dem Hauſe jenes genannten Groß⸗ 278 vaters aufgezogen und gepflegt worden. Nun hat er zwar unzweifelhaft ſehr viele gute Eigenſchaften, wie ich Ihnen keineswegs verhehlen will; er beſitzt jedoch auch zwei Feh⸗ ker, in denen ich die Elemente all ſeiner übrigen üblen Eigenſchaften erkenne: der eine iſt, daß er den entſchieden⸗ ſten und hartnäckigſten Charakter beſitzt, den ich je bei einem menſchlichen Weſen gefunden habe;— der andere Fehler hingegen iſt eine Selbſtſucht, die ſich bei ihm zu⸗ weilen in's Ungeheuere und Unausſtehliche ſteigert.“ „Warum nicht gar!“ rief Tom. „In dieſen beiden Punkten kann es kein anderer Menſch mit ihm aufnehmen,“ ſprach Martin weiter;—„ich habe freilich mehr als einmal von vertrauten Leuten erwähnen hören, daß dies ſeit undenklichen Zeiten Familienuntugenden ſeyen, und ich zweifle nicht daran, daß auch etwas Wah⸗ res daran iſt, nur kann ich es nicht aus eigener Erfahrung behaupten. Das Einzige was ich thun kann, iſt, dem lieben Gott recht von Herzen zu danken, daß ſich dieſe Fehler nicht auch auf mich vererbt haben, und mich zu bemühen, daß dies nie geſchehe.“ „Freilich,“ beſtätigte Herr Pinch,—„das heiße ich ſehr vernünftig gehandelt.“ 3 „Wohlan denn, Sir,“ fuhr Martin fort und ſchürte abermals das Feuer auf, um ſeinen Stuhl noch näher zu rücken;—„die Selbſtſucht meines Großvaters macht ihn ungerecht und zu einem wahren Quälgeiſte, und ſeine Hartnäckigkeit hat die noch ſchlimmere Folge, daß er auf dieſer Freude an Mißhandlung ſtets beharrt. Daher kam es auch, daß er an mich hinſichtlich der Ehrerbietung, des Gehorſams und der Selbſtverläugnung ſtets die ungemeſ⸗ ſenſten Anſprüche machte, ſo oft er ſeine Wünſche durch⸗ ſetzen wollte und ſo weiter. Ich habe ſehr viel von ihm ertragen müſſen, weil ich ihm zum Danke verpflichtet war, wenn man dies je gegen ſeinen eigenen Großvaterſeyn kann, und weil ich eine aufrichtige Liebe für ihn hegte; wir hat⸗ ten inzwiſchen doch manchmal Zank und Hader genug, weil ich mich häufig nicht in ſein Verlangen zu ſchicken 279 vermochte— ich gebe Ihnen indeß zu bedenken, daß dies keineswegs um meinetwillen geſchah, ſondern uur... Hier brach er plötzlich zögernd ab und wußte kaum, ob und wie er fortfahren ſollte. Herr Pinch war am allerwenigſten dazu geeignet, Jemanden aus einer Verlegenheit dieſer Art zu helfen und wußte daher nichts zu ſagen. 4 „Wohlan denn,“ fuhr Martin ruhig fort,„da Sie mich ohnehin verſtehen, brauche ich mich nicht lange auf den entſprechenden Ausdruck zu beſinnen. Ich komme jetzt auf den weſentlichſten Theil meiner Geſchichte zu ſprechen, dem ich es allein zu danken habe, daß ich hier bin;— ich bin verliebt, Pinch.“ Herr Pinch blickte ihm mit vermehrter Theilnahme in's Geſicht. 1 „Wie geſagt, ich bin verliebt, Pinch; ich liebe eines der ſchönſten Mädchen unter der Sonne, allein das arme Kind hängt ganz ausſchließlich von der Laune meines Großvaters ab; und wenn er je erführe, daß ſie meine Liebe erwidere, ſo würde ſie nicht nur ihr Unterkommen, ſondern auch Alles verlieren, was ſie auf der weiten Welt beſitzt. Sie werden mir zugeben, daß in dieſer Liebe we⸗ nigſtens von Selbſtſucht nicht die Rede ſeyn kann. „Selbſtſucht!“ rief Tom;—„Ihr Betragen iſt edel; ein ſolches Geſchöpf ſo zu lieben, wie ich es Ihnen zu⸗ traue, und ihr doch, um ihrer abhängigen Lage willen, nicht einmal anzuvertrauen....“ „Was ſchwatzen Sie da, Pinch?“ fragte Martin ärger⸗ lich,—„machen Sie ſich doch nicht ſelbſt lächerlich, gu⸗ ter Junge; was verſtehen Sie denn unter dem Anver⸗ trauen?“. „Vergeben Sie mir,“ verſetzte Tom;— nich dachte, Sie wollten das damit ſagen, ſonſt hätte ich es nicht geäußert.“— G „Wenn ich ihr nicht geſagt hätte, daß ich ſie liebe, wozu hätte es denn alsdann geholfen, daß ich überhaupt in ſie verliebt war?— würde ich damit etwas Anderes 4 280 erzweckt haben, als mich dadurch ſelbſt in einem ſteten Zuſtande von Kummer und Aufregung zu erhalten?“ 1 „Sie haben Recht,“ gab Tom zur Antwort;—„ich kann nun errathen, was ſie ſagte, als Sie ſich ihr an⸗ vertrauten!“ ſetzte er mit einem bezeichnenden Blicke auf Martin's ſchönes Geſichtchen hinzu. „Wohl nicht ſo ganz, Pinch!“ verſetzte er mit leichtem Spotte;—„das gute Kind hat einige wahrhaft jungfräu⸗ liche Begriffe von Pflicht, Dankbarkeit und ſo weiter, die nicht ſo leicht zu ergründen ſind; in der Hauptſache haben Sdiee freilich Recht, denn es ergab ſich, daß ſie mir ihr Herz geſchenkt.“ „Das dachte ich mir gleich,“ erwiderte Tom;—„'s iſt ja auch ganz natürlich!“ Und mit großem Behagen ſchlürfte er nun einen langen Zug aus ſeinem Weinglaſe. „Obwohl ich,“ fuhr Martin fort,„anfangs mit der größten Vorſicht zu Werke ging, geſtalteten ſich die um⸗ ſtände doch nicht ſo günſtig, daß mein Großvater in ſeiner Eiferſucht und ſeinem Mißtrauen meiner Liebe nicht bald auf die Spur gekommen wäre; er verhehlte es zwar ihr, ſtellte mich aber insgeheim geradezu zur Rede, und gab mir auf den Kopf ſchuld, daß ich, daran können Sie am beſten ſeine Selbſtſucht bemeſſen, ihm die Treue eines jungen Weſens abſpenſtig zu machen ſuche, die er ſich erzogen und gebildet, um ſie zu ſeiner einzigen uneigennützigen und treuen Gefährtin zu machen, falls er hinſichtlich mei⸗ ner Verheirathung nach ſeinem Wunſche mit mir verfügt haben würde. Das brachte mich nun alsbald in Harniſch und ich geſtand ihm ohne Hehl, daß ich wohl oder übel mit ſeiner Erlaubniß ſelbſt über meine Verheirathung ent⸗ ſcheiden werde, und nicht zugeben könnte, daß er oder ir⸗ gend ein anderer Auctionator mich an den nächſten beſten Meiſtbietenden veräußere.“) Herr Pinch riß ſeine Augen noch weiter auf und blickte noch ſtarrer als bisher in's Feuer. „„Sie werden es begreiflich finden,“ ſagte Martin,— „daß er darüber ergrimmte, und nun nichts weniger als 281 höflich mit mir verfuhr; eine Rede gab die andere, wie dies gewöhnlich geſchieht, und auf jedes beißende Wort hatte ich noch eine ſpitzigere Entgegnung; das Ende von dem Liede war, daß ich entweder auf ſie verzichten ſollte, oder daß er ſeine Hand von mir abziehen wollte. Sie müſſen aber wohl berückſichtigen, Pinch, daß ich nicht allein ganz verzweifelt verliebt in ſie bin,(denn obwohl ſie arm iſt, würde doch ihre Schönheit und ihr Verſtand jedem Manne, von was immer für Anſprüchen, der ihr Gatte werden möchte, zur größten Ehre gereichen) ſondern daß ich auch, als weſentlicher Beſtandtheil meines Charakters, eine höchſt entſchiedene...“ „Hartnäckigkeit beſitze,“ ergänzte Tom in wohlmei⸗ nendſter Abſicht. Seine Muthmaßung wurde jedoch nicht ſo gut aufgenommen, als er erwartet hatte, denn Martin verſetzte mit einiger Entrüſtung alsbald darauf: „Was ſind Sie doch für ein Mann, Pinch?“ „Vergeben Sie mir,“ erwiderte Tom;—„ich dachte, Sie wären in Verlegenheit um ein Wort. „Bah!“ ſagte Martin, um dieſes Wort war ich nicht verlegen,„ich ſagte Ihnen ja, Hartnäckigkeit ſey kein Be⸗ ſtandtheil meines Charakters; hätten Sie mich gewähren laſſen, ſo hätte ich geſagt, daß ein weſentlicher Zug in meinem Charakter eine ganz entſchiedene Feſtigkeit iſt. „Aha!“ ſagte Tom kopfnickend und ſchlug ſich dabei auf den Mund,—„nun ja, Sie haben Recht, ich fühle es nun ſelbſt.“ „Dieſe Feſtigkeit,“ erzählte Martin weiter,„war natürlich auch die Schuld, daß ich ihm nicht nur nicht nachgab, ſondern mich auch nicht um das tauſendſte Theil eines Zolls von meinem Ziele verrücken ließ!“ „Natürlich,“ meinte Tom. „Im Gegentheile,“ fuhr Martin fort;—„je inniger er in mich drang, deſto mehr fand ich mich bewogen, ihm zu widerſtehen.“ „Ei freilich,“ ſagte Tom,„das iſt ganz in der Ordnung.“ 282 „Wohlan denn, das iſt das Ende von dem Liede und darum bin ich jetzt hier,“ ſchloß Martin, lehnte ſich dabei ſelbſt in dem Stuhl zurück und winkte gleichgültig mit beiden Händen, als ob die Sache jetzt in Ordnung und nichts mehr darüber zu ſagen ſey. Herr Pinch blickte ein paar Minuten lang ziemlich verwirrt in's Feuer, wie er etwa gethan haben würde, wenn man ihm ein unge⸗ wöhnlich ſchwieriges Räthſel aufgegeben und er es für unmöglich erachtet hätte, daſſelbe zu löſen. Endlich brach er die in Frage aus: „Sie waren vermuthlich Herrn Pecksniff ſchon früher bekannt, oder kannten ihn wenigſtens?“ „Nur dem Namen nach,“ erwiderte der junge Chuzz⸗ lewitz—„ich hatte ihn nie zuvor geſehen, weil mein Groß⸗ vater nicht allein ſich ſelbſt von all ſeinen Verwandten entfernt hielt,-ſondern auch mich ſtets aus aller Berüh⸗ rung mit ihnen brachte. Als wir uns trennten, hielten wir uns gerade in einer Stadt der anſtoßenden Grafſchaft auf, von wo ich nach Salisbury kam, hier Pecksniffs Anzeige ſah und ſie beantwortete, da ich von jeher einen gewiſſen natürlichen Geſchmack an Allem, worauf ſie ſich bezog, zu haben glaubte, und ſein Anerbieten für mich tauglich erachtete. Sobald ich uberdies noch entdeckt hatte, daß es dieſer Herr Pecksniff war, lag mir dop⸗ pelt viel daran, wo möglich in ſein Haus zu kommen, weil er ein.... „Ein äußerſt vortrefflicher Mann iſt,“ fiel ihm Tom in's Wort und rieb ſich vergnügt die Hände;—„ja, das muß wahr ſeyn, da haben Sie ganz Recht.“ „Das war nicht gerade der Grund, wenn ich anders der Wahrheit gemäß berichten ſoll,“ verſetzte Martin;— „ſondern ich fuͤhlte mich vielmehr hiezu beſtimmt, weil mein Großvater einen alten feſteingewurzelten Unwillen gegen ihn hegt nnd ich, nach der gewaltthätigen Behand⸗ lnng des Alten, den natürlichen Wunſch haben mußte, ſeinen Vorurtheilen und Meinungen ſo entſchieden wie möglich entgegen zu arbeiten. So bin ich denn nun hier, — νHFV⏑ 0ᷣ——— — 283 wie ich bereits geſagt; mein Verlöbniß mit der jungen Dame, das ich Ihnen vorhin erzählt, wird ſich wahr⸗ ſcheinlich ziemlich in die Länge ziehen, weil, weder ihre Ausſichten noch die meinigen ſehr glänzend ſind, und ich natürlich nicht an's Heirathen denken kann, bis ich mir es in jeder Beziehung ſelbſt möglich gemacht habe. Es würde zu Nichts führen, wie Sie wohl ſelbſt einſehen werden, wenn ich mich ſelbſt in Armuth und Entbehrung verſetzen und mit der Liebe in einem engen Stübchen drei Treppen hoch u. dergl. begnügen würde.“ „Abgeſehen davon, daß ſie darunter leiden müßte!“ fügte Tom Pinch leiſe und ſchüchtern dazu. „Sie haben Recht,“ erwiderte Martin und ſtand auf, um ſeinen Rücken zu wärmen, indem er ſich an den Kaminmantel lehnte;„abgeſehen davon, daß ſie dabei ſehr zu kurz käme; es wird ihr indeß nicht ſauer geſche⸗ hen, ſich in dieſem Falle in das Unabwendbare zu geben, weil ſte mich einmal recht herzinnig liebt, und weil ich zum Andern ihr zu Liebe viel geopfert habe und natür⸗ lich noch größere Opfer bringen würde.“ Tom beſann ſich ſehr lange, bevor er ein„ſehr natür⸗ lich“ ſtammelte— ſo lange, daß man in der Zwiſchen⸗ zeit ein Schläſchen hätte wohl machen können, allein ſo viel iſt gewiß, daß er es endlich doch ſagte. „In dieſer Liebesgeſchichte,“ fuhr Martin fort,„kommt noch ein ſeltener Zwiſchenfall in's Spiel, der ſie wahr⸗ ſcheinlich noch zu Erde bringen wird;— Sie erinnern ſich vielleicht noch, was Sie mir geſtern auf dem Wege hie⸗ her erzählten, wegen des hübſchen Mädchens nämlich, das einigemale ihre Kirche beſuchte?“. „Ei freilich,“ erwiderte Tom, erhob ſich von ſeinem Stuhle und ſetzte ſich in den andern Seſſel, den Martin kaum zuvor verlaſſen hatte, um dieſem in's Antlitz zu ſehen;„natürlich erinnere ich mich deſſen noch genau.“ „Das war ſie,“ ſagte Martin. „Ich verſtand, was Sie ſagen wollten, Martin!“ ſprach Tom mit einem feſten Blicke auf Martin und in 284 ſehr leiſem Tone;„ich hoffe jedoch, daß Sie nicht im Ernſte reden?“ „Doch, doch! das war ſie!“ gab der junge Chuzz⸗ lewit zur Antwort,—„nach dem, was ich von Herrn Pecksniff gehört habe, kann ich gar nicht mehr bezwei⸗ feln, daß ſie mit meinem Großvater hier war und nun wieder abgereist iſt!— Trinken Sie doch nicht ſo viel von dieſem ſauren Weine, Pinch! Es moöͤchte Ihnen wahrlich am Ende nicht gut bekommen!“ „Ja, ich fürchte faſt auch, daß er nicht geſund iſt!“— ſagte Tom und ſetzte das leere Glas bei Seite, das er eine Zeit lang in der Hand gehalten hatte;„es iſt alſo eine und dieſelbe Perſon geweſen, ſagen Sie?“ Martin bejahte durch ein Kopfnicken und fügte mit peinigender Ungeduld und Unbehagen hinzu: er hätte ſie vielleicht noch ſehen können, wenn er nur ein paar Tage früher gekommen wäre, während jetzt Hundert gegen Eins zu wetten ſtehe, daß ſie vielleicht ſchon hundert Meilen weit entfernt ſey; unmuthig ſchritt er ein paar Mal im Zimmer auf und nieder, warf ſich hierauf in einen Stuhl und ſchmollte wie ein Mutterſöhnchen. Tom Piuch beſaß ein höchſt zärtliches reizbares Ge⸗ müth und konnte es durchaus nicht über's Herz bringen, auch die gleichgültigſte Perſon traurig zu ſehen, geſchweige denn einen Freund, der eine gewiſſe Theilnahme in ihm rege gemacht hatte und der ihn— wir laſſen es dahin geſtellt, ob er dies nur vermuthete oder ob es wirklich der Fall war— mit Woblwollen und ſchonender Nach⸗ ſicht behandelte. Wie ſeltſam auch immer ſeine Gedan⸗ ken kurz zuvor geweſen ſeyn mochten— ſeiner Miene nach zu ſchließen, waren ſie ungewöhnlich ernſt geweſen,— ſo entſchlug er ſich derſelben doch unverweilt, und mühte ſich, ſeinem jungen Freunde den beſten Kroſ und Rath zu geben. „Vertrauen Sie auf die Zeit— ſie wird auch Ihnen Troſt und Linderung verſchäffen!“ hub Tom an;—„mit der Zeit wird ſich— ich bin's überzeugt— Alles nach — +—— ——— R— A 285 Ihrem Wunſche geſtalten, und alle Prüfungen und Un⸗ glück werden nur dazu dienen, Sie beide für günſtigere Zeiten deſto inniger zu vereinigen und für einander an⸗ hänglicher zu machen. Ich habe ſtets in Büchern geleſen, daß das der Gang der Welt iſt, und ich hege eine unbe⸗ wußte innere Ahnung, die mir andeutet, wie das Alles von Natur und Rechts wegen ſo kommen müſſe. Was ſeither Niemanden nach Wunſche ging,“ fuhr Tom fort und lächelte dabei auf eine Weiſe, das trotz ſeines alltägli⸗ chen Geſichts dieſem doch einen weit lieblicheren Ausdruck verlieh, als mancher holdglänzende Blick einer ſtolzen Schönheit;—„was ſeither Niemanden nach Wunſche ging, das wird wohl auch nicht füglich um unſer allein willen eine Veränderung erleiden; wir müſſen es daher nehmen, wie es kommt, und es durch Geduld und guten Muth ſo viel möglich zu unſern Gunſten zu ändern ſuchen. Mit meiner Kraft und gutem Viſſen iſt's freilich nicht weit her, wie Sie wohl ſelbſt wiſſen, allein am guten Willen fehlt's bei mir nicht, und wenn ich Ihnen in irgend Etwas von Nutzen ſeyn kann, ſo ſoll es mir Freude machen, wenn Sie über mich verfügen wollen.“ „Ich danke Ihnen,“ ſagte Martin und drückte ihm warm die Hand;—„auf Ehre, Sie ſind ein trefflicher Junge und haben ein wahrhaft gutes Herz; Sie werden ſich freilich denken können,“ fügte er nach einer kurzen Pauſe hinzu und rückte ſeinen Stuhl wieder näher zum Feuer,—„daß ich mit größtem Vergnügen über Ihre Dienſte verfügen würde, wenn ich einen Erfolg von den⸗ ſelben abſähe, aber du lieber Gott!“ fuhr er fort, indem er ungeduldig mit der Hand durch's Haar fuhr und in einer Weiſe auf Tom blickte, als ob er es faſt dieſem übel nähme, daß er nur Tom Pinch und nicht ein an⸗ derer Mann ſey;—„du lieber Gott! ſo wie Sie jetzt ſind, können Sie mir wahrlich ſo wenig helfen, als ein Bratſpieß oder eine Schmorpfanne.“ „Den guten Willen ausgenommen,“ ſetzte Tom ſchüch⸗ tern hinzu. 288 „Nun ja, das will ich zugeben, denn ich meinte es natürlich auch nicht anders,“ verſetzte Martin;—„wenn's mit dem guten Willen gethan waͤre, ſo hätte ich Hülfe im Ueberſtuß; inzwiſchen will ich Ihnen doch ſagen, wo⸗ mit Sie mir jetzt dienen können, zumal im jetzigen Au⸗ genblick, wenn Sie nur irgend wollen.“ „Und was ſteht Ihnen zu Dienſten?“ fragte Tom. „Leſen Sie mir vor,“ bat Martin. „O, mit größtem Vergnügen,“ rief Tom und griff begeiſtert nach dem Lichte;—„vergeben Sie mir, wenn ich Sie einen Augenblick im Dunkeln laſſe— ich will mir nur geſchwind ein Buch holen. Was hören Sie denn am liebſten, etwa Shakeſpeare?“ „Meinetwegen,“ verſetzte Martin gähnend und reckte beide Arme aus;—„holen Sie meinetwegen Shake⸗ ſpeare. Der wirre Lärm des heutigen Tages und die ganze ungewohnte Umgebung haben mich müde gemacht, und in einem ſolchen Falle gibt es meines Erachtens auf der ganzen Welt keine größere Wolluſt, als ſich durch Vorleſen im Schlaf lullen, zu laſſen. Sie nehmen mir's doch nicht übel, wenn ich etwa einſchlafen könnte?“ „Keineswegs,“ verſetzte Tom. 3 3 „So beginnen Sie nur, ſobald Sie wollen,“ ſprach Martin weiter.„Sie brauchen auch nicht aufzuhören, wenn Sie mich einnicken ſehen, falls Sie nicht etwa ſelbſt ermü⸗ det ſeyn ſollten, denn ich meines Theils finde es äußerſt behaglich, allmälig über dem Laut einer Stimme wieder zu erwachen: haben Sie je ſelbſt den Verſuch damit gemacht?“ „Noch niemals,“ verſetzte Tom. „Wohlan denn,“ meinte Martin,„ſo ſollen Sie es dieſer Tage einmal verſuchen, wenn wir Beide in der ge⸗ hörigen Stimmung ſind! Kehren Sie ſich nicht daran, daß Sie mich für einige Zeit im Dunkeln laſſen, ſondern tum⸗ meln Sie ſich nur, ſo ſehr Sie können.“ Herr Pinch entfernte ſich eiligſt und kehrte in ein paar Minuten mit einem jener köſtlichen Bände von dem klei⸗ nen Büchergeſtell neben ſeinem Bette zurück. Martin hatte 1 ———————— + Das war alſo ſie?—“„ 287 ſich inzwiſchen ein zeitweiliges Sopha aus drei Stühlen gebildet, bei welchem Miß Mercy Pecksniff's Schemel die Stelle des Kiſſens vertrat, ſich darauf der ganzen Länge nach niedergelegt, und es ſich auf dieſe Weiſe ſo behaglich gemacht, als es die Umſtände nur immer erlaubten. „Nur nicht zu laut, wenn ich bitten darf,“ ſagte er zu Pinch. „Behüte,“ entgegnete Tom. „Sie,frieren doch nicht etwa?“ fragte er ihn. „Keineswegs,“ gab Tom zur Antwort. „Gut denn, ſo bin ich jetzt gerüſtet,“ ſagte Martin und lehnte ſich in den Stuhl zurück. Herr Pinch blätterte in ſeinem Buche ſo behutſam, als ob die Seiten deſſelben lebendige heißgeliebte Weſen wären, die er hart zu berühren ſich fürchte, wählte ſich endlich das entſprechende Thema und fing zu leſen an; noch hatte er aber nicht volle fünfzig Zeilen geleſen, als ſein Freund bereits ſchnarchte. „Der arme Junge,“ ſprach Tom leiſe und ſtreckte den Kopf aus, unmr über die Stuhllehne hinweg nach ihm zu blicken;—„noch ſo jung zu ſeyn und ſchon ſo viel Un⸗ luſt und Widerwärtigkeiten zu bekämpfen haben, das iſt doch hart; wie vertraulich und edelmüthig iſt es doch von ihm, daß er ſein ganzes Vertrauen in mich geſetzt hat!— Da ſiel ihm plötzlich wieder ihre Verabredung auf's Gewiſſen, und er ſuchte wieder die Stelle im Gedichte auf, wo er ſtehen geblieben war, und las unverdroſſen weiter, worüber er ſogar das Licht zu putzen vergaß, bis der Docht faſt zur Geſtalt eines Pilzes herabgebrannt war. Die poe⸗ tiſche Erhabenheit der Dichtung nahm ſein Intereſſe ſo ſehr in Anſpruch, daß er auch das Feuer nachzuſchüren unterließ, und ſich dieſer Säumniß erſt erinnerte, als Mar⸗ tin Chuzzlewit nach Verlauf einer Stunde oder darüber plötzlich emporſprang und ſchaudernd ausrief: „Nun ja, ich dachte mir's doch gleich, daß das Feuer ausgegangen ſey! Nun nimmt mich's nicht Wunder, daß 288 mir träumte, ich ſey erfroren! Sorgen Sie doch für Kohlen, Herr Pinch; du lieber Gott! was ſind Sie für ein Burſche!“ Siebentes Kapitel. Worin Herr Chevy Slyme die Unabhängigkeit ſeines Geiſtes ver⸗ ſichert und der blaue Drache gewiſſermaßen ein Bein verliert. Martin machte ſich am andern Morgen mit ſo viel Eifer und Geſchick an den Entwurf ſeiner lateiniſchen Schule, daß Herr Pinch von Neuem Grund und Gelegen⸗ heit fand, den natürlichen Gaben des jungen Herrn volle Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, und ihm zuzugeſtehen, daß er ihm unbedingt überlegen ſey. Der neue Mündel nahm Tom's Komplimente höͤchſt huldreich entgegen, und prophezeihte ihm, da er unterdeſſen in ſeiner ſonderlichen Weiſe eine eigene Vorliebe für ihn gefaßt hatte, ſie wür⸗ den ſtets die allerbeſten Freunde ſeyn, und Keiner von ihnen, insbeſondere aber Tom, ſollte, wie er innig überzeugt ſey, je Grund haben, den Tag zu bereuen, der ſie zuſammen⸗ geführt habe. Herr Pinch war hierüber ſo ausnehmend entzückt und fühlte ſich von Martin's wohlwollender Ver⸗ ſicherung ſeiner Freundſchaft und Gewogenheit ſo ſehr geſchmeichelt, daß er kaum Worte finden konnte, ihm das Vergnügen auszudrucken, welches ſie ihm gewährte. Und in der That verdient auch von ihrer Freundſchaft, ſo wie ſie ſich jetzt geſtaltet hatte, bemerkt zu werden, daß ſie weit mehr Stoff und Wahrſcheinlichkeit zu⸗ unbeeinträchtigter Dauer in ſich trug, als manche beſchworne Bruderſchaft, bei deren Eingehung man von den erhabenſten Verheißun⸗ gen und beſten Vorſätzen überſtrömt. So lange nämlich die eine Partei ein Vergnügen daran fand, die Gönner⸗ miene anzunehmen, und die andere entzückt war, unter dem Einfluß dieſer Gönnerſchaft zu ſtehen— und ſo war ja im Grund das Verhältniß ihrer gegenſeitigen Charakters 289 weſentlich beſchaffen,— war es unter allen möglichen Fällen gewiß der am allerwenigſten wahrſcheinliche, daß die Zwil⸗ lingsteufel Neid und Stolz je den feſten Bau ihrer Freund⸗ ſchaft gegenſeitig untergruben. Man könnte daher in manchen Freundſchaftsfällen oder in dem, was gewöhnlich dafür gilt, den alten Wahlſpruch umkehren und ſagen: es ge⸗ ſellen ſich eher ungleiche Theile auf die Dauer gut zuſammen, als gleiche. Der Nachmittag des Tages, der auf die Abreiſe der Familie folgte, ſah ſie Beide eifrig beſchäftigt, und zwar. Martin mit ſeiner lateiniſchen Schule, Tom aber mit der Berechnung gewiſſer Einnahmen von Hauszinſen, von deren Summe er ſtets Herrn Pecksniff’s Commiſſionsgebühren abziehen mußte, in welchem langweiligen Geſchäfte ihn eine gewiſſe üble Gewohnheit ſeines neuen Freundes, nämlich die, beim Zeichnen laut zu pfeifen, häufig ſtörte— als ſie auf einmal in nicht geringen Schreck verſetzt wurden durch das unvermuthete Zum⸗Vorſcheinkommen eines menſchlichen Kopfes, welcher ſich in dieſes Heiligthum des Genius ein⸗ drängte, und, obwohl ein ziemlich zerzauster und etwas verdächtig ausſehender Kopf, ihnen von der Thüre aus höchſt wohlwollend und auf eine Weiſe zulächelte, die, außer einem leiſen Anflug von Spott, ebenſo viel Freundlichkeit und Hoffnung auf wohlwollenden Empfang, als Beifall an den Tag legte. „Ich gehöre zwar ſelbſt nicht dem Gewerbeſtande an, meine beiden Herren,“ ſprach der Eindringling,„allein ich weiß genugſam, wie ſehr ſolche Eigenſchaften an Andern zu ſchätzen ſind. Meiner Treu! ich will ſchwarz und blind werden, wenn ich außer dem Genie nicht in meinen An⸗ ſichten den Gewerbfleiß für eine der lieblichſten Eigenſchaften des menſchlichen Geiſtes erkläre. So wahr ich lebe, ich bin meinem Freunde Pecksniff zu großem Danke verbunden, daß er mir den Anblick eines ſo köſtlichen Gemäldes, wie das, welches Sie jetzt darbieten, verſchafft hat; Sie erin⸗ nern mich an den berühmten Whittington, der ſpäter drei⸗ Boz, Chuzzlewit. I. 19 290 mal nach einander Lordmayor von London wurde. Wahrlich, ich verpfände Ihnen mein unbeflecktes Ehrenwort, daß Sie mich auf's Ueberraſchendſte an jenen hiſtoriſchen Charakter gemahnen. Sie ſind ein paar Whittingtons, meine Her⸗ ren! mit der einzigen Ausnahme, daß Sie keine Katze bei ſich haben, was für mich über die Maßen erfreulich und angenehm iſt, da ich kein beſonderer Verehrer des Katzen⸗ geſchlechts bin. Mein Name, meine Herren, iſt Tigg; wie geht's Ihnen?“ Martin erwartete von Herrn Pinch eine Aufklärung über dieſes ſeltſame Benehmen, und Tom, dem dieſer Herr Tigg zum Erſtenmal zu Geſicht kam, blickte ſelbſt höch⸗ dich betroffen auf dieſen Herrn.„Chevy Slyme!“ ſprach Herr Tigg fragend und küßte ſeine linke Hand, als Be⸗ weis ſeiner Freundſchaft;„Sie werden mich begreifen, meine Herren, wenn ich Ihnen ſage, daß ich der accreditirte Ge⸗ ſchäftsträger des Herrn Chevy Slyme bin— daß ich hier Ne hon den Geſandten des Chiv'ſchen Hofes vorſtelle? a! Ha!“ 3 3 „Alle Wetter! was will Der denn von mir?“ rief Martin, der bei der Erwähnung eines ihm wohlbekannten Namens zuſammenſchrak. „Falls Sie ſich Pinch nennen!“.. hub Herr Tigg an. „Dieß iſt keineswegs der Fall,“ verſetzte Martin barſch;—„dieſer Herr hier iſt Herr Pinch.“ „Wenn dieß Herr Pinch iſt,“ fuhr Tigg fort und küßte ſeine Hand wiederum, während er allmäͤhlig hinter ſeinem Kopfe her in's Zimmer ſchritt,—„wenn dieß Herr Pinch iſt, ſo möge er mir die Verſicherung erlau⸗ ben, daß ich die größte Hochachtung für ſeinen Charafter hege, von dem mir mein Freund Pecksniff nur das un⸗ bedingteſte Lob geſungen hat, und daß ich ferner ſein Talent fuͤr die Orgel unbedingt hochſchätze und aufrichtig bewundere, wenn ich gleich niiht ſelbſt dieſes Inſtrument ſpiele. Wenn Sie wirklich Herr Pinch ſind, ſo wage ich es, Ihnen die Hoffnung kund zu thun, daß Sie ſich dermalen im erwünſchteſten Wohlbehagen befinden, und — — —. N 22-é'5&ð— o S R SRRKgF 291 8 ihre Geſundheit in Folge der Oſtwinde keine nachtheilige Veränderung erlitten hat?“ „Ich danke Ihnen,“ verſetzte Tom,„ich befinde mich Gottlob wohl!“ 4 „Das iſt ein Troſt,“ meinte Herr Tigg, trat hierauf hart auf Herrn Pinch zu, hielt die Handfläche ſchützend vor den Mund, näherte dieſen Herrn Pinch's Ohr und flüſterte:„Wohlan, mein Herr! ich komme wegen des Briefes.“ „Wegen des Briefes?“ fragte Tom laut;—„was für einen Brief meinen Sie denn?“ „Je nun,“ flüſterte Tigg eben ſo behutſam wie zu⸗ vor;—„wegen des Briefs, den mein Freund Pecksniff an Herrn Chevy Slyme geſchrieben und Ihnen zurück⸗ gelaſſen hat.“ „ Ich habe keinen Brief von Herrn Pecksniff erhal⸗ ten,“ verſetzte Tom. „Stille!“ flüſterte der Andere;—„es kommt am Ende auf eins heraus, obwohl ich wahrlich meinem Freund Pecksniff hierin mehr Zartgefühl zugetraut hätte — ſo haben Sie wohl Geld?“ „Was für Geld?“ fragte Tom laut und ward or⸗ dentlich verlegen. 4 „Je nun,“ meinte Herr Tigg,„Sie verſtehen mich ja!“ Dabei klopfte er Tom ein paarmal auf die Bruſt und nickte ihm freundlich zu, als wolle er damit ſagen: es ſey unnöthig, dieſer Angelegenheit vor einer dritten Perſon Erwähnung zu thun und er würde es für eine beſondere Gefälligkeit betrachten, wenn ihm Tom ſo ver⸗ ſtohlen wie möglich den Betrag in die Hand drückte.“ Herrn Pinch brachte übrigens das fuͤr ihn ganz un⸗ erklärliche Benehmen des Fremden ſo ſehr in Erſtaunen und Verlegenheit, daß er ihm ein für allemal unum⸗ wunden erklärte, es müſſe hier ein Irrthum vorwalten, indem er mit keinerlei Auftrag an Herrn Tigg oder ſei⸗ nen Freund bedacht worden ſey. 4 19 292 Herr Tigg ſetzte jedoch dieſer Erklärung die ernſte Bitte entgegen, daß Herx Tom Pinch ſie noch einmal vollſtändig wiederhole, und als dieß von Tom's Seite noch nachdruͤcklicher und unzweideutiger geſchehen war, überlegte er ſie gleichſam Satz für Satz und nickte am Schluſſe eines Jeden bedeutſam mit dem Kopf. Als Pinch nun zum Zweitenmal zu Ende geſprochen hatte, ſetzte ſich Herr Tigg in einen Stuhl und hielt folgende Anrede an die beiden jungen Männer: „So ſehe ich mich denn nun genöthigt, Ihnen voll⸗ ſtändigen Aufſchluß über mein Verlangen zu geben, meine beiden Herren,“ ſagte er;—„es befindet ſich nämlich in dieſem Augenblicke an hieſigem Ort eine vollſtändige Conſtellation von Talent und Genie in Einer Perſon, die durch das, was ich unwillkürlich als eine höchſt frevelhafte Nachläſſigkeit von Seiten meines Freun⸗ des Pecksniff bezeichnen muß, in eine ſo ſchauderhafte Situation verſetzt ſieht, wie ſie eigentlich nur die geſell⸗ ſchaftlichen Zuſtände des neunzehnten Jahrhunderts mög⸗ lich machen. Es befindet ſich nämlich in dieſem Augen⸗ blick hier im Dorfe in dem ſogenannten blauen Drachen— einem Bierhauſe mit Reſpekt zu vermelden, einem ge⸗ meinen ſchäbigen, niederträchtigen, vierſchrötigen, tabacks⸗ ſtinkenden Bierhauſe— eine Perſon, von der man in der Sprache der Poeten wohl ſagen kann: daß ſie ihres⸗ gleichen nicht wieder hat; beſagte Perſon nun liegt leider ihrer Zeche wegen hier gleichſam in Ketten und Banden, ha, ha!— ihrer Zeche wegen— ich wiederhole es, nur um ihrer Zeche willen. Wir haben nun,“ fuhr Herr Tigg fort,„von For's Märtyrerbuche, denke ich vom Courtof Requeſt's*) und der Sternkammer*) *) Ein Gericht in Schuld⸗Angelegenheiten, wo die Klagen ohne gerichtlichen Prozeß nach moraliſcher Ueberzeugung und Ge⸗ wiſſen von den Richtern entſchieden werden. **) Star-Chamber, die Sternkammer, ein geheimes Criminal⸗ gericht, das jedoch ſchon im Jahr 1641 abgeſchafft worden iſt. 3 8 1 Anm, des Ueberſ. ————O— ———-⸗L——,—,————— fB —— 293 reden hören, allein ich behaupte, ohne irgend Jemands Widerſpruch, ſey er nun noch am Leben oder ſchon todt, zu fürchten, daß meines Freundes Chevy Slyme Haft um einer erbärmlichen Schuld willen das Tollſte und Aberwitzigſte, was man je gehört, an Tollheit und Aberwitz noch übertrifft.“ Martin und Herr Pinch blickten erſt einander an und ſodann auf Herrn Tigg, der die Arme über der Bruſt gekreuzt hatte und halb verzagt, halb mit bitterem Vor⸗ wurf die beiden Männer betrachtete. „Sie müſſen mich nicht mißverſtehen, meine beiden Herren!“ fuhr er fort und ſtreckte ſeine Hand über Beide aus;—„ich hätte mich darein ergeben, wenn der Grund ſeiner Haft irgend etwas Anderes geweſen wäre, als eine lumpige Zeche, und meine Achtung vor dem ganzen Menſchengeſchlecht wäre dadurch ſicher nicht beeinträchtigt worden; wenn aber ein Mann, wie mein Freund Chevy Slyme, wegen eines Bagatells gepackt wird— wegen einer Sache, die an und für ſich ſchon höchſt gemein iſt, in gemeiner Weiſe auf einer Schiefertafel angeſchrieben, oder möglicherweiſe ſogar auf die Rückſeite einer Thüre gekreidet— dann, meine Herren, dann fühle ich erſt, daß irgendwo eine Schraube von ſolcher Bedeutung los geworden iſt, daß das ganze Gebäude menſchlicher Ge⸗ ſellſchaft erſchüttert und die erſten Begriffe und Grund⸗ ſätze der Dinge längeren Vertrauens total unfähig ſind. Mit Einem Worte, meine beiden Herren!“ ſetzte Herr Tigg hinzu, indem er leidenſchaftlich beide Hände um den Kopf ſchwenkte,„wenn ein Mann wie Slyme, wegen eines Bagatells, wie eine Zeche, gefangen geſetzt wird, ſo verwerfe ich den Aberglauben von Jahrhunderten, und glaube gar nichts mehr. Ich will verwünſcht ſeyn, wenn ich ſogar nur noch glaube, daß ich Nichts mehr glaube!“ „Es thut mir ſehr leid um Sie, glauben Sie mir's,“ ſprach Tom nach kurzer Pauſe,„allein Herr Pecksniff hat Ihrer Angelegenheiten mit keinem Wörtchen erwähnt, 294 und ohne ſeinen Auftrag könnte ich Nichts thun. Wäre es nicht gerathener, Sir, wenn Sie ſelber— ich kenne zwar Ihre Heimath nicht— wieder dahin gingen, woher Sie gekommen ſind und Ihrem Freunde das Geld zu⸗ ſchickten?“ 3 „Wie kann ich dieſes thun, ſo lange ich gleichſam ſelber hier noch in Haft bin?“ verſetzte Herr Tigg;— „und ſo lange ich noch uberdies— leider nur in Folge der höchſt unerklärlichen und ich darf wohl ſagen, frevel⸗ haften Nachläſſigkeit von Seiten meines Freundes Pecks⸗ niff— nicht einmal mehr das nöthige Geld habe, mir einen Platz in der Poſtkutſche zu miethen?“ Tom war ſchon im Begriff, den Herrn zu erinnern, daß es ja, was dieſer ohne Zweifel in ſeiner Aufregung vergeſſen hatte, noch eine Poſtverbindung im Lande gebe, und daß möglicherweiſe ein Brief oder Wechſel, den er an irgend einen Freund oder Agenten ſchriebe, unterwegs nicht verloren gehen würde, ſo wie, daß es auf jeden Fall auch bei den ungünſtigſten Ausſichten doch der Mühe werth ſeyn würde, dieſen Schritt zu thun;— allein ſeine Gut⸗ müthigkeit vermochte ihn, augenblicks aus beſonderen Gründen ſich dieſer Andeutung zu enthalten, und nach einer kleinen Pauſe fragte er Herrn Tigg von Neuem: „Sagten Sie nicht eben, daß Sie ebenfalls feſtgehalten würden?“ 1 „Allerdings,“ verſetzte Herr Tigg, vom Stuhle auf⸗ ſtehend;—„kommen Sie einmal hieher! Sie nehmen mir's doch nicht übel, wenn ich auf einen Augenblick das Fenſter öffne?“. „O, keineswegs,“ gab Tom zur Antwort. „Wohlan denn,“ fuhr Herr Tigg fort, indem er das Schiebfenſter in die Höhe zog;—„Sie ſehen wohl da unten einen Burſchen in rothem Halstuch und ohne Weſte?“ „Ei, natürlich, das iſt ja Mark Tapley.“ „Mark Tapley heißt er?“ fragte der fremde Herr; —„wohlan denn, dieſer Mark Tapley war nicht allein 295⁵ ſo ausnehmend artig, mich bis hieher zu begleiten, ſon⸗ dern wartet ſogar jetzt auf mich, um mich wohlbehalten wieder nach Hauſe zu bringen. Ich verſichere Sie, Sir,“ fügte Herr Tigg hinzu, indem er ſich den Schnurrbart ſtrich,„daß ich für dieſen Akt von Aufmerkſamkeit nichts lieber wünſchte, als daß Mark Tapley in den ſeligen Tagen ſeiner Kindheit am erſten Brei erſtickt wäre, den ihm ſeine Mutter gereicht, anſtatt bis auf den heutigen Tag geſund und wohlbehalten zu bleiben!“ Herr Pinch entſetzte ſich indeß nicht ſo ſehr über dieſe fürchterliche Verwünſchung, daß er nicht noch Athem übrig behalten hätte, Mark Tapley herauf zu beſcheiden, welcher Aufforderung dieſer ſo eiligſt Folge leiſtete, daß Tom und Herr Tigg nicht ſobald ihre Köpfe aus dem Fenſter zurückzogen und dieſes geſchloſſen hatten, als auch ſchon der Gerufene vor ihnen erſchien. „Kommt hieher, Mark,“ rief ihm Herr Pinch zu; —„du lieber Gott! was iſt denn zwiſchen Frau Lupin und dieſem Herrn vorgegangen?“ „Was für einem Herrn?“ rief Mark;—„außer Ihnen und dem neuen Herrn dort....“ hiebei begrüßte eer Herrn Martin mit einer ziemlich linkiſchen Verbeu⸗ gung,—„ſehe ich keinen Herrn hier, und ich bin über⸗ zeugt, daß Frau Lupin gegen keinen von Ihnen Beiden etwas Schlimmes im Sinne hat, Herr Pinch.“ „Ihr mißverſteht mich, Mark,“ ſagte Tom;— „Ihr ſeht ja hier, Herrn—“ „Tigg)“ ergänzte der fremde Herr;—„wart' ein Weilchen, ich werde dem Kerl bald den Schädel ein⸗ ſchlagen;— kommt Zeit, kommt Rath!“ „Der da?!“ rief Mark und nahm eine Miene gleichgültigen Trotzes an,„ja, Den ſehe ich wohl, und wenn er ſich raſiren und das Haar ſchneiden ließe, koͤnnte ich ihn noch ein Bischen beſſer ſehen.“ Herr-Tigg ſchüttelte mit wildem Blicke den Kopf und ſchlug ſich auf die Bruſt. „Bah! laßt das ſeyn, es hilft ja doch zu Nichts!“ 1 296 rief Mark;—„wenn Sie auch noch ſo oft an dieſem Stadtviertel anpochen, werden Sie doch keine Antwort bekommen; ich weiß das beſſer— Sie haben doch nichts da drinnen, als Watte und obendrein noch eine ziemlich ſchmierige.“. „Pfui, Mark!“ rief Herr Pinch tadelnd und glaubte ſich in's Mittel legen zu müſſen, um Feindſeligkeiten zu vermeiden;—„antwortet mir lieber auf meine Frage— Ihr ſeyd doch hoffentlich nicht übler Laune?“ „Uebler Laune, Sir!“ rief Mark mit höhniſchem Lachen;—„Nichts weniger als das, Sir. Es bringt ein wenig Ehre— freilich nicht viel— wenn einer la⸗ chen kann, ſo lange ſolche Burſchen, wie der da, gleich brüllenden Löwen umhergehen;— wenn irgend je vom Löwengeſchlechte die Rede ſeyn kann, ſo hat er wenigſtens Gebrüll und Mähne von ihm. Sie wollen wiſſen, Sir, was er mit Frau Lupin habe? Bah!'s iſt eine Kleinig⸗ keit, er will Frau Lupin die Zeche nicht bezahlen, oder er kann ſie vielleicht nicht— und ich denke, Frau Lupin ließe Beide leicht und gerne ziehen, ohne ihnen gerade das Verzehrte doppelt anzukreiden, denn die beiden Bur⸗ ſchen bringen dem Drachen doch wahrlich keine Ehre; as iſt ſo meine Meinung.— Ich moͤchte für mein Le⸗ ben keinen ſolchen Eiſenfreſſer im Hauſe haben, Sir, und wollte er mir auch Jahrmarktpreiſe für Koſt und Woh⸗ nung zahlen. Der Kerl ſieht aus, als wolle er mit ſeinen Augen das Bier im Faſſe ſauer machen? Wahrlich, er würd' es thun, wenn das Bier Verſtand genug hätte.“ „Ei, ei, Mark,“ meinte Herr Pinch tadelnd,— „Ihr gebt mir ja noch immer keine Auskunft auf meine Frage.“ „Je nun,“ verſetzte Mark,„ich weiß nicht, was ich ſonſt noch viel beantworten ſoll; der Kerl da und und ſein Freund waren im Mond und in den ſieben Sternen, bis ſie eine tüchtige Zeche hingeſchwelgt hatten, dann kamen ſie zu uns, logirten bei uns und machten es um kein Haar anders. Daß Einer mit der Zeche hängen b g d 9 L n v d l g 2 I d 8 t G G 4 — 297 bleibt, iſt uns nichts Neues mehr, Herr Pinch, und da⸗ gegen hätten wir auch nicht ſo viel einzuwenden, wenn das unverſchämte Betragen dieſes Burſchen nicht wäre. Nichts iſt für ihn gut genug; er bildet ſich ein, alle Weiber ſeyen ſterblich in ihn verliebt und müſſen es für mehr als eine Ehre erachten, wenn er ſie mit ſeinen un⸗ verſchämten Augen anlugt, und da meint er noch außer⸗ dem, die Männer ſeyen nur dazu da, um ſich von ihm hudeln zu laſſen. Bei alle dem, und als ob das noch nicht genug wäre, ſpricht er heute früh in ſeiner gewöhnlichen herriſchen Weiſe zu mir:„Heda, Burſche! wir reiſen heute Abend ab!“ Sol ſage ich, Sie wünſchen wohl, daß man Ihnen die Zeche mache?—„Nein, Bur⸗ ſche!“ gibt er mir zur Antwort,„brauchſt Dir keine Mühe darum zu geben; ich will Herrn Pecksniff den Auf⸗ trag geben, die Sache in's Reine zu bringen.“— Dar⸗ auf erwidert denn der Drache folgendermaßen: Danke ſchön, Sir,'s iſt wirklich recht gütig von Ihnen, daß Sie uns ſo ſehr beehren wollen, allein da wir nicht be⸗ ſonders viel Gutes von Ihnen wiſſen, und Sie nicht mit Gepäcke reiſen und Herr Pecksniff nicht zu Hauſe iſt, was Sie, Sir, vielleicht zufällig noch nicht einmal bemerkt haben, ſo wäre es uns lieber, wenn Sie uns auf andere Weiſe zufrieden ſtellen würden! das iſt der ganze Hergang der Sache, und nun frage ich,“ fügte Herr Tapley ſchließ⸗ lich hinzu, indem er mit ſeinem Hute auf Herrn Tigg deutete,„nun frage ich jeden Herrn und jede Dame, die nur einigermaßen geſunden Menſchenverſtand beſitzen, ob dieſer Burſche nicht ein höchſt verdächtiges Ausſehen hat?“ „Darf ich vielleicht fragen, wie viel ſeine Schuld beträgt?“ ſagte Martin, indem er ſich in's Mittel ſchlug, als eben Herr Tigg ein niederſchmetterndes Anathema auf die ſchlichte Rede Herrn Tapley's entgegnen wollte. „Der Summe nach nicht viel, Sir,“ gab Mark zur Antwort;—„es beträgt im Ganzen nicht mehr als drei Pfund, allein es handelt ſich nicht darum, ſondern vielmehr....“— 298 „Schon gut,“ fiel ihm Martin in's Wort;—„Sie haben uns das ja ſchon vorher geſagt.— Herr Pinch, darf ich Sie auf einen Augenblick um Gehör bitten?“ „Was wünſchen Sie?“ fragte Tom und folgte ihm in eine Ecke des Zimmers. „Je nun, mit wenig Worten und wahrlich nicht ohne gewiſſes Schaamgefühl muß ich Ihnen ſagen, daß dieſer Herr Slyme, von welchem hier die Rede iſt, zu meiner Verwandtſchaft gehört und in nichts weniger als gutem Rufe ſteht;“ verſetzte Martin;„ich wünſchte mir den Kerl gerade jetzt vom Halſe zu ſchaffen, und würde drei oder vier Pfund am Ende für nicht zu viel erachten, wenn ich ſeiner ein⸗ für allemal los werden könnte. Ich denke, Sie haben auch nicht genug baar Geld, um dieſe Zeche zu bezahlen?“ Tom ſchüttelte den Kopf auf eine Weiſe, daß man an der unbedingten Aufrichtigkeit ſeiner Ausſage nicht im Mindeſten mehr zweifeln konnte. 4„Das iſt ein großer Uebelſtand,“ fuhr Martin fort; —„denn mir fehlt's leider gleichfalls an Geld, und ich würde von Ihnen geborgt haben, falls Sie mit den nöthi⸗ gen Mitleln verſehen geweſen wären. Wie wäre es aber, wenn wir uns bei der Wirthin für die Bezahlung der Zeche verbürgen würden— glauben Sie, daß wir auf dieſe Weiſe die Sache beilegen könnten?“ „Ei freilich!“ rief Tom;—„Du lieber Gott! die gute Frau kennt mich ja.“ „Dann laſſen Sie uns alsbald zu ihr gehen, um ihr dieſe Mittheilung zu machen, denn je früher wir der bei⸗ den Burſche los werden, deſto beſſer iſt's; da Sie ſeither ſchon die Unterhaltung mit jenem Herrn geführt haben, würden Sie vielleicht die Güte haben, ihm auch dieſen un⸗ ſeren Entſchluß mitzutheilen, nicht wahr?“ Herr Pinch verſtand ſich gerne dazu und machte Herrn Tigg die entſprechende Mittheilung, der ihm hiefür mit warmem Danke die Hand drückte und verſicherte, daß ſein Glaube in Verhältniſſe und Perſonen nun wieder voll⸗ —— 12———— 22 ——„—— —g 8——B 8S ð —— — 299 kommen hergeſtellt ſey. Es ſey ihm, meinte er, bei ſei⸗ nem Danke für dieſen Freundſchaftsdienſt weniger um die zeitweilige Hülfe zu thun, als vielmehr um die Rechtferti⸗ gung des erhabenen Grundſatzes, daß natürlicher Edel⸗ muth ſtets für Seinesgleichen ſympathiſire und wahre See⸗ lengröße über das ganze Weltall hin ein inniges Mitgefühl hege für wahre Seelengröße. Er verſicherte, darin einen Beweis zu finden, daß die beiden jungen Männer Hoch⸗ achtung für das Genie fühlten, auch wenn es mit uned⸗ lerer Legirung verſehen ſey, wie dieſes ſich zuweilen in dem Metall ſeines Freundes Slyme offenbare, und be⸗ dankte ſich auch im Namen dieſes ſeines Freundes ſo warm und herzlich, als ob die ganze Sache nur ihn anginge. Da der allgemeine Aufbruch der Anweſenden nach der Treppe zu ihn in Vollendung ſeiner Rede unterbrach, er⸗ faßte er ſchon unter der Hausthüre Herrn Pinch's Aer⸗ mel, als eine Bürgſchaft gegen fernere Unterbrechung, und unterhielt dieſen Herrn mit einem höchſt belehrenden Dis⸗ kurſe, bis ſie den Drachen erreicht hatten, wohin ſie von Tapley und dem nenen Zögling begleitet wurden. Die roſige Wirthin bedurfte kaum der Verpfändung von Herrn Pinch's Wort als Einleitung zur Freigebung ihrer beiden Gäſte, deren ſie um jeden Preis los werden zu wollen ſchien, da ihre kurze Haft in der That mehr durch Herrn Tapley veranlaßt worden war, der einen an⸗ gebornen Widerwillen gegen ſolche Herren mit klaffenden Ellenbogen empfand, zumal, wenn ſie mit falſchen Prä⸗ tenſionen um ſich warfen, und er insbeſondere eine ge⸗ waltige Abneigung gegen Herrn Tigg und ſeinen Freund gefaßt hatte, unter welchen er ganz ausgezeichnete Exem⸗ plare jener Gattung zu erkennen glaubte. Das Geſchäft ward auf dieſe Weiſe bald abgemacht und Herr Pinch und Martin wollten ſich eben wieder entfernen, als Herr Tigg ſie auf's Dringendſte um die Erlaubniß bat, ihnen ſeinen Freund Slyme vorſtellen zu dürfen. Dieſer Ehre konnten ſie ſo wenig widerſtehen, daß ſie allmählig halb ſeiner Ueberredung, halb auch der eigenen Neugier nachgaben und 300 es ſich gefallen ließen, jenem ausgezeichneten Ehrenmanne vorgeſtellt zu werden. Chevy Slyme Esquire brütete über den Ueberreſten einer geſtern beſtellten Branntweinflaſche, und war eben in die erſtaunlich ernſte Beſchäftigung ver⸗ tieft, mit dem naſſen Untertheile ſeines Trinkglaſes eine Kette von Ringen auf das Tiſcheck zu zeichnen. So ver⸗ wahrlost und zerlumpt Herr Slyme jetzt auch ausſah, war er doch ehedem in ſeiner Art ein ungeheurer Schwa⸗ dronneur geweſen, und ließ es ſich auch jetzt noch angele⸗ gen ſeyn, ſich kühnlich für einen Mann von ausnehmender Bildung und den vielverſprechendſten Hoffnungen auszu⸗ geben. Die unentbehrlichſten Hülfsmittel für den Hilei ten, der in dieſem weichaſtezneige debutiren will, ſind leicht herbeizuſchaffen, da Naſerümpfen und ein ſpoͤltiſches Aufwerfen der Lippen, das ſie nöthigenfalls zu einem leid⸗ lichen Hohnlächeln geſtaltet, für den Nothfall ſchon zu⸗ reichende Hülfsmittel ſind. Genannter Nebenſchößling des Chuzzlewit'ſchen Stammbaumes hatte ſich nun, da er mit überflüſſiger Trägheit begabt, zu jedem ordentlichen Beruf ganz untauglich und mit ſeinem ganzen Vermögen längſt fertig geworden war, förmlich und berufsmäßig zum Pro⸗ feſſor des Geſchmacks aufgeworfen, allein zu ſpat gefunden, daß es etwas mehr, als ſeiner früheren Eigenſchaften be⸗ durfte, um ſich in dieſem Berufe zu halten, und war da⸗ her raſch wieder bis zu ſeiner gegenwärtigen Stufe herab⸗ geſunken, wohin ihm von ſeinem früheren Ich nichts mehr gefolgt war, als ſeine Bramarbaſie und ſeine Gallſucht, und höchſtens auch ſein Freund Tigg, von dem er ſich nicht trennen und ohne den er nicht leben zu können ſchien. Nun war er ſo verwahrlost und jämmerlich anzuſchauen, zugleich ſo mit dem trunkenen Elend behaftet, ſo frech bettelhaft und doch wieder bettelſtolz, daß ſelbſt ſein Freund und Paraſit, der nun aufrecht neben ihm ſtand, durch den Kontraſt mit ihm zu einem Manne anſchwoll. „Chiv!“ ſprach Herr Tigg und klopfte ihm dabei auf den Rücken,—„mein Freund Pecksniff war nicht zu Hauſe, und ſo habe ich denn unſer Bagatellgeſchäft ni ——— ·—,— — 3⁰1 Herrn Pinch und Conſorten abgemacht. Herr Pinch und Conſorten,— Herr Chevy Slyme Chiv!— „Meine Umſtände ſind wahrlich ganz geeignet, um mich Fremden vorſtellen zu laſſen!“ ſagte Chevy Slyme und heftete ſeine Augen auf Tom Pinch,„wahrhaftig, ich glaube, ich bin der elendeſte Mann auf Gottes Erd⸗ boden.“ Tom bat ihn, ſich doch ja nicht zu geniren, und ſchickte ſich, da er ihn in einem ſolchen Zuſtande fand, nach einer peinlichen Pauſe an, ſich mit Martin zu ent⸗ fernen; allein Herr Tigg beſchwor ſie durch Huſten und Winken ſo dringend, im Schatten der Thüre zu verweilen, daß ſie hier ſtehen blieben. „Ich möcht's verſchwören!“ rief Herr Slyme und führte mit der Fauſt einen ſchwachen Streich auf den Tiſch, um hernach ſeinen ſchwachen Kopf auf die Hand zu ſtützen, während etliche trunkene Tropfen aus ſeinen Augen trief⸗ ten,—„ich möcht's verſchwören, daß ich das verwor⸗ fenſte Geſchöpf auf Gottes Erdboden bin! die ganze Menſchheit hat ſich gegen mich verſchworen. Ich bin der größte Gelehrte unſerer Zeit, voll Wiſſenſchaft, voll tiefer, gründlicher Kenntniſſe, voll Genie— voll unendlicher Vildung, voll neuer Anſichten über jeden Gegenſtand, und dennoch blicke Einer jetzt meine Lage an! Da bin ich nun in dieſem Augenblicke zwei Fremden um einer Wirths⸗ hauszeche willen zum Danke verpflichtet!“ Herr Tigg füllte ſeinem Freunde das Glas von Neuem auf, drückte es ihm in die Hand und winkte den Beſuchern bedeutſam zu, daß ſie ihn nun alsbald in noch günſtigerer Lage zu ſehen bekommen würden. „S iſt verflucht und verwünſcht,“ fuhr Herr Slyme nach einer Weile fort, als er mürriſch einen tiefen Zug aus ſeinem Glaſe genommen;—„eine ſaubere Geſchichte, daß ich um einer elenden Wirthshauszeche willen zwei landfremden Menſchen zum Danke verpflichtet ſeyn muß, während Schaaren von Betrügern ringsum mich her Be⸗ rühmtheit erlangen, Menſchen, die eben ſo wenig auf 3⁰² gleichem Fuße mit mir ſtehen, als....— Tigg! Du mußt mir bezeugen, daß ich der elendeſte, geplagteſte Hund bin, den das ganze Erdenrund trägt.“. Mit einem Gewinſel, das dem Geheul des genann⸗ ten Thieres auf ſeiner niedrigſten Stufe der Demüthigung glich, führte er wieder ſein Glas zum Munde, und mochte wohl einige Ermuthigung darinnen gefunden haben, da er höhniſch lachte, als er es wieder nieder⸗ ſetzte. Herr Tigg deutete nun wieder von Neuem unter ſehr lebhaftem Gebärdenſpiele den Beſuchern an, jetzt recht aufzupaſſen, da vermuthlich die Zeit da ſey, wo ſie Chiv’ in ſeiner ganzen Größe betrachten könnten. „Ha, ha, hal“ lachte Herr Slyme bitter,—„zwei Fremden wegen einer elenden Zeche in einer Kneipe zum Dank verbunden ſeyn zu müſſen! Und doch habe ich noch, wie mich bedünken will, einen Oheim, einen reichen Oheim, der die Oheime von fünfzig Fremden auskaufen könnte!— Sprich, Tigg, iſt's nicht ſo? Ich ſtamme aus guter Familie, glaube ich; ſprich, Tigg! iſt's nicht ſo? Mir däucht, ich bin kein Mann von gewöhnlichen Fähigkeiten oder einer Alltagsbildung, ſprich, Freund! muß mir das nicht auch der Neid laſſen?“ „Wahrhaftig, lieber Chiv!“ ſagte Herr Tigg voll Bewunderung,—„Du biſt die amerikaniſche Aloe des Menſchengeſchlechts, die nur alle hundert Jahre blüht!“ „Ha, ha, ha!“ hohnlachte Herr Slyme wiederum; —„zwei landfremden Menſchen um einer Zeche willen in einer Kneipe zum Danke verpflichtet ſeyn zu müſſen! — Ich ſollte gegen zwei Lehrlinge eines Architekten Ver⸗ pflichtungen haben— ich?!— gegen Menſchen, die die Erde mit eiſernen Ketten ausmeſſen, und Häuſer bauen, wie die Ziegelbieter! Laß mich die Namen dieſer beiden Menſchen wiſſen;— wie können Sie es wagen, mich verpflichten zu wollen!“ Herr Tigg ſchien ganz in Verwunderung verloren über dieſen edlen Zug im Charakter ſeines Freundes, wie er denn auch alsbald Herrn Pinch in einem nied⸗ t — 8—- 3⁰³ lichen Ballet mit Pantomimen, das er eigens für dieſen Zweck erfunden zu haben ſchien, zu erkennen gab. „Ich will ihnen kund thun, wie ich es der ganzen Menſchheit hiemit in den Bart werfe,“ rief Herr Chevy Slyme,„daß ich keiner von den gemeinen, demüthigen, zahmen Charakteren bin, wie ſie gewöhnlich im Leben vorfommen; mein Geiſt iſt unabhängig, und ich beſitze ein Herz, das mir im Buſen ſchwillt; ich habe eine Seele, die ſich weit über gemeine Anſichten erhebt.“ „O Chiv! Chiv!“ murmelte Herr Tigg,—„es iſt wahr, Dein Weſen iſt edel und unabhängig.“ „Du magſt nun hingehen und Deine Pflicht thun, Freund,“ rief Herr Slyme unwillig,—„Du mußſt mir nun Geld zur Beſtreitung der Reiſekoſten borgen, und wo Du auch immer Deinen Pump anlegſt, laß die Leute wiſſen, daß ich einen ſtolzen, hochmüthigen, unabhängigen Geiſt beſitze, und verdammt empfindliche Saiten in meinem Weſen habe, die für jede Gönnerſchaft unverträglich ſind. Verſtehſt Du mich? Sage den Leuten, daß ich ſie Alle haſſe, und daß nur dieß der Weg iſt, auf welchem ich meine Selbſtachtung bewahren zu können meine; ſag' ihnen, daß niemals ein Mann mehr Achtung und Rückſichten für ſich hatte, als ich ſelber.“ 8 Er hätte füglich noch hinzuſetzen können, daß er hauptſächlich zwei Arten von Leute haſſe, diejenigen nämlich, welche ihm Gefälligkeiten erwieſen, und insbe⸗ ſondere alle Diejenigen, welche ſich in beſſerer Lage be⸗ fanden, als er, da er in beiden Fällen ihre Stellung als eine Beleidigung für einen Mann von ſeinen auf⸗ fallenden Verdienſten betrachtete. Er that es jedoch nicht, denn kaum hatte Herr Slyme oben erwähnte Schlußrede gehalten— er, der einen viel zu erhabenen Geiſt beſaß, um zu arbeiten, zu betteln, zu borgen oder zu ſtehlen, allein doch gemein genug war, ſich von jeder Katzenpfote, die ſich dazu erbötig zeigte, für ſich arbeiten, borgen oder betteln oder ſtehlen zu laſſen, er, der zu unverſchämt war, um die Hand zu lecken, die ihn in * 304 Zeiten der Noth fütterte, allein doch bösartig und knur⸗ rend genug, um ſie in der Dunkelheit zu beißen und zu 1 zerreißen,— ſo Herr Slyme ließ nach Vollendung dieſer Schlußrede ſeinen Kopf auf die Tafel vorwärts ſinken, um in ein trunkenes Schnarchen zu verfallen! „Sagen Sie mir!“ rief Herr Tigg, indem er ſich dabei an die jungen Männer an der Thüre wandte, und dieſe ſorgfältig hinter ſich abſchloß;—„ſagen Sie mir, gab es je einen ſo unabhängigen Geiſt, wie derjenige, den dieſes außerordentliche Weſen ſein eigen nennen darf? Glich je einer der größten Römer unſerem Freunde Chiv? Gab es je einen Mann, der eine ſo rein klaſſiſche Denkweiſe und je ein ſo togaähnliches, harmlos ſchlichtes Weſen an den Tag legte? Konnte je ein Mann ſich ſolch' hinreißender Beredtſamkeit rühmen? Sagen Sie ſelbſt, meine Herrn, hätte er ſich nicht in der guten, alten Zeit ebenfalls auf den Dreifuß ſetzen und bis in's Unendliche hinein prophezeihen können,— wenn er vorher auf öffent⸗ liche Koſten hinreichend mit Branntwein verſehen worden wäre?“ 3 Herr Pinch war eben im Begriff, dieſen letztern Satz in ſeiner gewohnten Milde und Gutmüthigkeit zu beſtätigen, als er inne wurde, daß ſein Begleiter bereits die Treppe hinuntergegangen war, und ihm nun auf einmal beifiel, dem Beiſpiel deſſelben zu folgen. „Sie werden uns doch wohl hoffentlich nicht ſchon verlaſſen, Herr Pinch?“ fragte Herr Tigg. „O ja, mein Herr!“ gab Tom zur Antwort;— „Ich danke Ihnen, bleiben Sie doch gefälligſt oben.“ „Laſſen Sie ſich ſagen, daß ich noch ein Wortchen mit Ihnen unter vier Augen reden möͤchte, Herr Pinch,“ rief Tigg, und folgte ihm dabei auf der Ferſe;—„eine kleine Weile in ihrer Geſellſchaft, auf der Kegelbahn zugebracht, würde meinem gepreßten Gemüthe große Er⸗, leichterung gewähren,— dürfte ich Sie vielleicht um dieſe Gewogenheit bitten?“ „Ei freilich, wenn Ihnen damit ein Gefallen ge⸗ ——=— 30⁵ ſchieht,“ verſetzte Tom, und begleitete hierauf Herrn Tigg zu dem fraglichen Verſteck. Als ſie daſelbſt ankamen, zog dieſer Herr einen Gegenſtand aus ſeinem alten Hute, der füglich den foſſilen Ueberreſten eines antediluvianiſchen Taſchentuches verglichen werden konnte, und wiſchte ſich damit die Augen ab. „Ich muß Ihnen heute in keinem ganz beſonders günſtigen Lichte erſchienen ſeyn, Sir,“ hub Herr Tigg an. „Ich bitte Sie, brechen wir davon ab,“ ſagte Pinch. „Sie können's nicht läugnen!“ rief Tigg—„ich muß deßhalb auf dieſer Meinung beharren; beſter Herr Pinch! ach, daß Sie mich an der Küſte von Afrika an der Spitze meines Regiments zu ſehen vermocht hätten, wie ich es in Geſtalt eines hohlen Vierecks auſſtellte, deſſen Mitte die Weiber und Kinder und die Regiments⸗ kaſſe einnahm, Sie würden nicht mehr denſelben Mann in mir erkennen! Wahrlich, dazumal hätten Sie mich achten müſſen, Sir.“ Tom hatte gewiſſermaßen auch ſeine Begriffe hin⸗ ſichtlich des Ruhmes, und ließ ſich daher von dieſer Schilderung des Herrn Tigg nicht ſo ſehr beſtechen, als dieſer vielleicht gewünſcht haben würde.. „Es liegt Nichts daran,“ fuhr der gedachte Herr wieder fort;—„der Schulknabe, der an ſeine Ver⸗ wandten nach Hauſe ſchrieb, und ihnen die verdünnte Milch beim Frühſtück ſchilderte, ſagte: es iſt in der That eine Sünde! ich wiederhole dieſen Ausdruck in Beziehung auf mich unter meinen gegenwärtigen Verhältniſſen, und bitte Sie um Verzeihung. Sie haben meinen Freund Slyme geſehen, nicht wahr?“ „Allerdings,“ gab Herr Pinch zur Antwort.— „Mein Freund Slyme hat wohl einigen Eindruck auf Sie gemacht?“ fragte er weiter. 3 Boz, Chuzzlewit. I.— 20 306 „Nicht gerade den günſtigſten, das kann ich Sie ver⸗ ſichern,“ verſetzte Tom nach kurzem Zögern. „Das thut mir Leid, kommt mir übrigens nicht ſo unerwartet!“ rief Herr Tigg, indem er ihn an beiden Rock⸗ ärmeln feſthielt.—„Ich bedaure in der That, daß Sie zu dieſem Schluß veranlaßt worden ſind, der gewiſſerma⸗ ßen auch der meinige iſt; ſehen Sie, Herr Pinch, wiewohl ich ein roher ſchlichter Menſch bin, weiß ich doch Gemüth zu ſchätzen; ich ſchätze das Gemüth, indem ich meinem Freunde folge. Ihnen, mein lieber Herr Pinch, traue ich vor allen Menſchen ein Recht zu, in Betreff des Ge⸗ müths ein Urtheil zu fällen, zumal wenn ihm die Kunſt nicht geläufig iſt, ſich ſelbſt in der Welt Anerkennung und Genüge zu verſchaffen. Und nun, Sir, erlaube ich mir— nicht um meinetwillen, der keinerlei Anſprüche an Sie hat, ſondern im Intereſſe meines verwahrlosten, gefühlvollen, empfindlichen und unabhängigen Freundes, dem dieß Recht eher zuzuſchreiben ſeyn möchte— in ſeinem Intereſſe er⸗ laube ich mir, Sie um eine Anleihe im Betrag von an⸗ derthalb Kronen zu bitten. Ich nenne dieſe anderhalb Kro⸗ nen ganz deutlich und ohne Erröthen, da ich beinahe ein Recht dazu zu haben glaube; und wenn ich noch hinzufüge, daß dieſe Anleihe noch im Verlauf dieſer Woche wieder poſtfrei heimbezahlt werden ſoll, fühle ich, daß Sie mir wegen dieſes geringen Betrages durchaus nicht zürnen oder noch weniger einen Tadel gegen mich ausſprechen werden.“ Herr Pinch zog eine altväteriſche Börſe von rothem Leder mit einem Stahlſchloſſe aus ſeiner Taſche, die ver⸗ muthlich einſt ſeiner ſeligen Großmutter gehört hatte, und Alles in Allem nur einen halben Sovereign enthielt— Tom's ganzen irdiſchen Reichthum bis zum nächſten Quar⸗ taltage. „Halt!“ rief Herr Tigg, der dieſe Vorgänge mit auf⸗ merkſamem Auge überwacht hatte,—„ich wollte Ihnen eben ſagen, daß es um der Poſt willen bequemer waͤre, —+—— K&ᷣ K= 1 8K RK ðA — 888 wenn Sie mir die Anleihe in Gold ausbezahlten; ich danke Ihnen. Die Adreſſe braucht wohl nicht ſo beſtimmt zu ſeyn, etwa an Herrn Pinch bei Herrn Pecksniff— ſollte das genügen?“ „Vollkommen,“ verſetzte Tom;—„indeß wäre es mir doch lieber, wenn Sie noch ein Esquire zu Herrn Pecks⸗ niff's Namen hinzufügten; adreſſiren Sie alſo, wenn ich bitten darf, das Geld an mich bei Seth Pecksniff Esquire.“ „Bei Seth Pecksniff Esquire,“ wiederholte Herr Tigg und bemerkte ſich mit einem kleinen Endchen Bleiſtift dieſe Adreſſe genau;—„wir beſtimmten alſo den Termin der Heimzahlung auf das Ende dieſer Woche.“ „Zu dienen,“ verſetzte Tom,—„doch liegt mir auch nichts daran, wenn Sie noch bis Montag warten.“ „Durchaus nicht, entſchuldigen Sie!“ verſetzte Tigg, „wir wollen nicht bis Montag warten, denn da wir ein⸗ mal für dieſe Woche übereingekommen ſind, ſoll der Sams⸗ tag der äußerſte Termin ſeyn;— wir kamen ja für dieſe Woche überein, nicht wahr?“ „Wenn Ihnen ſo viel daran liegt, ſo muß ich aller⸗ dings beſtätigen.“ Herr Tigg trug auch dieſe Bemerkung in ſeine Schreib⸗ tafel ein, überlas den Eingang noch einmal für ſich mit ernſter Bedächtigkeit und ſetzte, damit der ganze Ver⸗ trag deſto genauer und gleichſam rechtsgültiger ſey, noch ſeinen eigenen Namenszug hinzu. Als das geſchehen war, verſicherte er Herrn Pinch, daß nun Alles in Ordnung ſey, drückte ihm noch einmal mit großer Inbrunſt die Hand und entfernte ſich ſodann. Tom hegte gewiſſen Argwohn, daß Martin einen Spaß aus dieſem heimlichen Geſpräche machen werde und war daher entſchloſſen, ſich vorerſt der Geſellſchaft dieſes jungen Mannes zu begeben. 3 In dieſer Abſicht ſchritt er ein paar Mal auf der Kegelbahn auf und nieder und trat nicht eher wieder in's 8 20 3⁰8 Haus, als bis Herr Tigg und ſein Freund daſſelbe verlaſ⸗ ſen hatten, und der neue Zögling und Mark ihren Abzug von einem der Fenſter aus beobachteten. „Ich wollte eben ſagen, Sir,“ bemerkte Mark, und deutete dabei auf die abziehenden Gäſte,„daß dieß ein ganz geeigneter Dienſt für mich wäre, wenn man etwa davon leben könnte; ſolche Burſche zu bedienen, wie dieſe hier, wäre am Ende doch noch beſſer, als das Todtengräberhand⸗ werk, Sir.“— „Hier zu bleiben, wäre am Ende doch noch gerathe⸗ ner, als Beides zuſammen; nehmet Euch meinen Rath zu Herzen und fahret fort, im ruhigen Waſſer zu ſchwim⸗ men,“ verſetzte Tom. 4 „Zu Ihrem Rathe iſt es ſchon zu ſpät,“ verſetzte Mark,—„ich habe es Frau Lupin bereits mitgetheilt, daß ich aus ihrem Dienſte trete und morgen früh ſchon begebe ich mich auf die Wanderſchaft.“ „Wie! Sie wollen wirklich fort!“ rief Tom,„und wohin denn?“ 3 „Ich gehe zunächſt nach London, Sir,“ war die Ant⸗ wort.“ 8 „Was wollt Ihr denn dort thun?“ fragte Herr Pinch. „Das weiß der liebe Gott, Sir,“ gab Mark faſt weh⸗ müthig zur Antwort;—„ſeit dem Tage, da ich Ihnen mein Herz aufgeſchloſſen, habe ich noch nichts Paſſendes für mich ausfindig gemacht. Alle die verſchiedenen Hand⸗ werke, an die ich dachte, waren mir im Grunde noch viel zu heiter, und es wäre wahrlich nicht viel Ehre dabei zu holen, mich auf eines von ihnen einzulaſſen. Ich vermuthe faſt, daß ich mich nach einem Privatdienſt umſehen muß; vielleicht fände ich bei einer frommen Familie einen Dienſt, der für mich ſtrenge genug wäre, Herr Pinch.“. „Es wäre leicht möglich, Mark,“ meinte Herr Pinch, „daß Ihr am Ende gar zu ſtrenge wäret für eine fromme Familie.“ b NRT——'—— N 3⁰9— „Das will ich nicht beſtreiten, Sir,“ verſetzte dieſer, „es wäre mir vielleicht angemeſſener, wenn ich in eine gottloſe Familie käme, allein die größte Schwierigkeit be⸗ ſteht darin, wie man ſich eine ſolche auffinden ſoll, da ein junger Menſch doch füglich nicht in öffentlichen Blättern anzeigen kann, daß er einen Platz ſuche, und dem Aufent⸗ halt in einer gottloſen Familie den Vorzug vor einem gu⸗ ten Gehalt gebe.“ „Allerdings,“ verſetzte Herr Pinch,—„das würde kaum angehen.“ „Eine Familie von zankſüchtigen, neidiſchen Leuten,“ fuhr Mark gedankenvoll fort,—„eine boshafte oder ſo⸗ gar eine total niederträchtige Familie würde mir vielleicht den günſtigſten Wirkungskreis darbieten. Soviel iſt gewiß, daß mir der alte Herr, welcher bei uns wohnte und nun wieder abgereist iſt, noch am beſten zuſagen würde, denn von ihm weiß ich gewiß, daß er ein höchſt wunderlicher Kautz war. Je nun, wie es auch gehen mag, ich muß eben geduldig zuwarken, was ſich für mich herausſtellt, und in all Weg auf das Schlimmſte hoffen.“ „Es iſt alſo Euer feſter Vorſatz, fortzugehen?“ fragte Herr Pinch noch einmal. „Ei natürlich,“ verſetzte Mark,„mein Koffer iſt be⸗ reits zur Fuhre vorausgegangen und ich will mich mor⸗ gen früh zu Fuß auf den Weg machen, um ein Plätzchen auf dem Perſonenwagen zu nehmen, falls er mich ein⸗ holt. So wünſche ich Ihnen denn ein recht herzliches Le⸗ bewohl, Herr Pinch, und Ihnen ebenfalls, Sir, und Bei⸗ den alles Liebe und Gute!“ 4 Beide erwiderten lachend ſeinen Abſchied und wan⸗ derten Arm in Arm nach Hauſe, wobei Herr Pinch unter Weges noch weitere Einzelnheiten über Mark Tapley's ſeltſame Unruhe mittheilte, wie ſie unſern Leſern bereits bekannt ſind. Mark hatte indeſſen inſtinktmäßig begriffen, daß ſeine Herrin einigermaßen niedergeſchlagen ſey, und daß 310 er füglich nicht für die Folgen einer verlängerten Unter⸗ redung unter vier Augen im Schenkſtübchen ſtehen könne, weßhalb er ihr den ganzen Nachmittag und Abend hart⸗ näckig aus dem Wege ging. In dieſer Art von Kriegs⸗ liſt unterſtützte ihn noch ziemlich nach Wunſche der große Zudrang der Gäſte im Schenkzimmer, denn die Nach⸗ richt von ſeinem Vorhaben hatte ſich allmählig unter den Nachbarn verbreitet, und es war deßhalb den ganzen Abend hindurch ein vollkommenes Gedränge in der Schenkſtube, wobei viele Geſundheiten ausgebracht wurden und das Geklapper der Gläſer und Krüge gar nicht aufhören wollte. Endlich leerte ſich das Haus und wurde für die Nacht verſchloſſen, und da Mark nun keine andere Wahl mehr hatte, machte er zum böſen Spiel die beſte Miene und ſchritt in höchſt demüthiger Stimmung durch die Thüre des Schenkſtübchens. „Wenn ich ihr in's Geſicht blicke,“ dachte Mark bei ſich ſelbſt,„iſt's um mich geſchehen, denn ich fühle, daß ich einen wichtigen Schritt vorhabe.“— „Laßt Ihr Euch endlich doch einmal ſehen!“ rief ihm Frau Lupin entgegen. Mark vermochte nicht zu antworten, denn es traf nun ein, was er längſt befürchtet hatte. „Ihr ſeyd alſo feſt entſchloſſen, fortzugehen?“ fragte Frau Lupin.. „Ja, das bin ich,“ verſetzte Mark, wagte aber die Augen nicht vom Boden zu erheben. 3 „Ich hätte geglaubt,“ fuhr die Wirthin mit einem höchſt verführeriſchen Zaudern fort,—„daß Ihr— Euch im Drachen— gefielet?“ „SDas iſt auch der Fall,“ verſetzte Mark. „Wohlan denn,“ ſprach die Wirthin weiter und ihre Frage war in der That nicht ungereimt,„warum wollt Ihr ihn denn verlaſſen?“ 3 Da er indeß hierauf kein Sterbenswörtchen zu ant⸗ worten wußte und auch bei einer Wiederholung der Frage /·/ HNA—SS N NSDEK NKN σ 311 ſtumm blieb, drückte ihm Frau Lupin ſein Geld in die Hand und fragte ihn— allein nicht unfreundlich, ſondern im Gegentyeil mit vielem Wohlwollen— ob er nicht noch etwas, gleichſam als Steigbügeltrunk, zu ſich neh⸗ men wolle. Es iſt eine alte, zum Sprichwort gewordene Erfah⸗ rung, daß es gewiſſe Dinge gibt, die für Weſen aus Fleiſch und Blut rein unerträglich ſind. Eine ſolche Frage alſo, die unter ſolchen Umſtänden und von einer ſolchen Perſon gethan wurde, ſchien auch in dieſe Reihe zu gehören, ſoweit wenigſtens Mark's Fleiſch und Blut dabei in's Spiel kamen. Faſt wider Willen ſchlug er die Augen auf und ſchlug ſie nicht mehr zu Boden, als er dies einmal gewagt hatte, denn er fühlte wohl, daß von allen drallen, wohlbeleibten, hübſchen, freundlich drein blickenden und mit Wangengrübchen verſehenen Wirthin⸗ nen, die je die Erde verſchönerten, die wahre Nelke und Ananas nun körperlich vor ihm ſtand. „Laſſen Sie ſich Eins ſagen,“ hub Mark an, indem er auf einmal alle Zurückhaltung ablegte und die hüb⸗ ſche Wirthin um die volle Hüfte faßte, worüber ſie indeß gar nicht unwillig zu werden ſchien, da ſie wohl wußte, mit was für einem ſeelenguten jungen Manne ſie es zu thun hatte;—„laſſen Sie ſich Eins ſagen, Frau Lupin, wenn mir unter Allem, was mir am beſten gefällt, die Wahl freiſtünde, ſo würde ich unbedingt Sie nehmen. Wenn ich nur noch daran denken dürfte, was am Beſten für mich paßte, ſo würde ich nur Sie nehmen; wenn ich wählen dürfte, wornach unter zwanzig jungen Bur⸗ ſchen neunzehn ſich alle Finger lecken würden und was ſie um jeden Preis nehmen würden, ſo würde ich nur Sie nehmen. Ja, das würd' ich in der That!“ rief Herr Tapley, indem er ausdrucksvoll genug mit dem Kopfe nickte und— in einem augenblicklichen Zuſtande abſoluter Vergeſſenheit— unverholen auf die üppigen 312 Lippen der Wirthin blickte,—„und kein Menſch in der Welt würde ſich wundern, wenn ich das thäte.“ Frau Lupin meinte, er mache ſie dadurch ganz be⸗ troffen und ſie müſſe beinahe darüber erſtaunen, wie er nur dazu komme, etwas Derartiges zu äußern, was ſie nie von ihm erwartet hätte. „Je nan,“ meinte Mark, und ſchlug dabei ſeine Wimpern mit einem Blicke des allerheiterſten Erſtaunens empor,„bis auf dieſen Augenblick hätte ich mir das ſelber nicht zugetraut;— ich hatte immer erwartet, wir würden ohne nähere Erklärung auseinander gehen, und es war wahrlich noch bis auf dieſen Augenblick meine Abſicht, allein ſie haben Etwas an ſich, was Einem das Herz im Leibe hüpfen macht, Frau Lupin. Laſſen Sie uns noch ein paar Wörtchen miteinander reden, wobei Sie indeß zum Voraus annehmen müſſen,“ fügte er in ernſtem Tone hinzu, um jedem möglichen Irrthum vorzubeugen—„daß ich Ihnen damit keines⸗ wegs ſagen will, daß Sie mich lieben ſollen.“ Bei dieſen Worten überzog auf einen Augenblick ein Schat⸗ ten, doch dießmal durchaus kein düſterer, die glatte Stirne der Wirthin, allein ein Lachen, das ihr recht von Her⸗ zen kam, verſcheuchte es augenblicklich. „Recht ſo!“— rief ſie;„allein ich denke, wenn Ihr mir keine Liebeserklärung machen wollt, thätet Ihr faſt beſſer daran, Euern Arm wegzulaſſen.“ „Du lieber Gott! und weßhalb denn?“ rief Mark Tapley,—„dabei kann doch kein Arg ſeyn.“ „Natürlich iſt kein Arg dabei, ſonſt würd' ich's ja⸗ Euch auch nicht erlauben,“ gab die Wirthin zur Antwort. „Wohlan denn,“ verſetzte Mark,„ſo dürfen Sie ſich auch nicht dagegen ſperren!“ Hierin hatte Mark ſo ſehr Recht, daß die Wirthin es lachend geſchehen ließ und ihn nur bat, ſich mit dem, was er ihr zu ſagen habe, zu beeilen; doch konnte ſie 1 .„——,—— S— —˖ H—— N+ N— N——+—- 313 nicht umhin, ihm zu geſtehen, daß er ein ſehr unartiger Burſche ſey.. 4 „Wahrhaftig!“ rief Mark,— vich glaube nun faſt ſelbſt, daß ich es bin, obwohl ich's früher nie zugegeben hätte. Je nun, heute Abend habe ich gleichſam Narrenfreiheit und darf Ihnen noch Alles ſagen.“ „So ſagt mir denn gefälligſt, was Ihr mir ſagen wolltet, und tummelt Euch damit, denn ich bin ſchläfrig und möchte zu Bette gehen,“ ſprach Frau Lupin mit neckiſchem Lächeln. „Wohlan denn, mein liebes, gutes Herzchen,“ hub Mark an,„ein lieberes Weibchen, als Sie ſind, hat wahr⸗ lich nie gelebt— und ich möchte den Mann ſehen, der das Gegentheil davon behaupten wollte;— ſagen Sie mir nun, was wäre wohl die mögliche Folge davon, daß wir Beide....“ „Bah! Ihr ſchwatzt Unſinn,“ rief Frau Lupin,„laßt mich damit ungeſchoren.“ „Keineswegs,“ verſetzte Mark,—„denn es iſt kein Unſinn und ich wünſchte, daß Sie mir etwas aufmerkſam zuhörten!— Was wäre wohl die mögliche Folge davon, wenn wir Beide ein Paar würden? Wenn ich mich jetzt ſchon in dieſem leibhaftigen Drachen hier nicht wohl und behaglich fühlen kann, wie wäre erſt anzunehmen, daß dies ſpäter geſchähe? Nicht wahr, daß wäre unmöglich? Wohlan denn, Sie würden trotz Ihrer guten Laune alsdann un⸗ willkührlich mit ſich ſelber unzufrieden, Sie würden bei ſich grübeln, ſich ſelbſt das Leben verbittern, würden ſtets denken, Sie ſeyen zu alt für meinen Geſchmack, und am Ende gar glauben, Sie ſeyen an mich gekettet, wie ich an den Drachen, und ich wolle mich daher gerne des unange⸗ nehmen Zwangs entledigen. Ich kann zwar nicht behaup⸗ ten, daß dies eintreffen würde,“ fuhr Mark fort,—„allein ich kann Ihnen auch nicht die Verſicherung geben, daß dies niemals der Fall ſeyn würde; in meinem Sinn liegt ein gewiſſer Hang zum unſteten landſtreicheriſchen Leben, ich 314 liebe den Wechſel und die Veränderung, und denke ſtets, daß es bei meiner feſten Geſundheit und meinem guten Muthe mir nur dann Ehre bringen kann, wenn ich mich unter Umſtänden befinden würde, die einem Andern das Leben ſauer machten. Sie ſehen, meine gute Frau Lupin, daß ich vielleicht im Irrthum bin, allein einen Gemüths⸗ zuſtand wie den meinigen kann nichts Anderes heilen, als ein Verſuch, meinem eigenen Hang zu folgen; darum halte ich es für das Beſte, meinen Stab weiter zu ſetzen, zumal Ihr offenes Benehmen mich veranlaßt hat, Ihnen Alles offen zu ſagen, und wir als ebenſo gute Freunde aus ein⸗ ander gehen können, als wir je ſeit meinem Eintritt in dieſen wackern Drachen geweſen ſind, der,“ fügte Herr Tapley ſchließlich hinzu,„all mein Lebenlang im freundlichſten An⸗ denken bei mir ſtehen wird, und dem ich ſtets das Beſte wünſche!“ 3 Die Wirthin ſaß eine Weile mäuschenſtill, ergriff aber bald darauf Mark's beide Hände und ſchüttelte ſie recht herzlich. „Ihr ſeyd ein guter Menſch, Mark,“ ſprach ſie, und blickte ihm mit einem Lächeln in's Geſicht, des für ſie faſt ernſt zu nennen war;—„Seht, Mark, ich glaube, daß Ihr Euch mir heute Abend als ein beſſerer Freund be⸗ währt habt, als ich je in meinem Leben wieder finden werde.“ 3 „O, was das anbelangt!“ rief Mark,—„ſo muß ich Ihnen wahrlich ſagen, daß das Unſinn iſt, doch, mei⸗ ner Seele,“ fügte er hinzu, und blickte ihr mit einer Art innigen Entzückens in's Geſicht,—„wenn Sie ſtets dieſe Laune behalten wollten, was für einem Haufen der an⸗ nehmbarſten Freier könnten Sie nicht den Kopf verdrehen?“ Ueber dieſes Kompliment brach ſie wiederum in lautes Lachen aus und drückte ihm nochmals mit freundlicher Wärme beide Hände, und empfahl ihm, ſich ihrer zu erin⸗ nern, falls er je eines Freundes in der Noth bedürfe, worauf ſie denn luſtig zum Schenkſtübchen hinauseilte, und 8ABWA X— 31⁵ über die alte Treppe nach dem obern Stockwerk des Drachen emporſtieg. 1 3 „Wahrlich,“ ſagte Mark horchend,„da trällert ſie zum Abſchied ein Liedchen unter Umſtänden, wo ich hätte denken ſollen, ſie müſſe recht niedergeſchlagen und verdrießlich ſeyn. Je nun, was liegt daran! Man hat am Ende doch Ehre davon, wenn man unter ſolchen Umſtänden noch vergnügt iſt 14 Mit dieſem Troſtſprüchlein, das er in höchſt kläglichem Tone laut werden ließ, begab er ſich mit nichts weniger als vergnügtem Muthe zu Bette. Am andern Morgen ſtand er in aller Frühe auf, und war ſchon kurz nach Sonnenuntergang unterwegs, allein es hatte ihn Nichts gefruchtet, da das ganze Dörſchen auf den Beinen war, um Mark Tapley fortziehen zu ſehen. Die Knaben, die Hunde, die Kinder, die alten Leute, die fleißigen Handwerker und die Müßigganger, Alle hatten ſich hier verſammelt und riefen Jeder in ſeiner Weiſe:„Gluck auf den Weg, Mark!“ und Jedem ging es nahe, daß er Tapley ſcheiden ſah. Er ahnte auch gewiſſermaßen, daß ſeine alte Herrin ihm aus dem Fenſterchen ihrer Schlafſtube nachblicke, allein er konnte es nicht über ſich gewinnen, ſich noch einmal nach ihr umzuſehen.. „Lebt wohl, alle ſammt und ſonders!“ rief Mark und ſchwang den Hut auf ſeinem Wanderſtabe, als er behenden Schrittes die kleine Gaſſe hinunterging.„Sind doch herzige Burſche! dieſe Wagner,— Hurrah! da kommt auch noch der Hund des Fleiſchers aus dem Garten heran⸗ geſprungen. Leg dich, alter Burſche! Und Herr Pinch geht dort nach ſeiner Orgel— Gott behüte Sie, Sir! Und der Dachshund vom Nachbar drüben wedelt mir auch noch nach; fort, du kleiner Schalk! Da gibt's noch Kinder ge⸗ nug, um das Menſchengeſchlecht bis auf die fernſte Nach⸗ welt fortzupflanzen. Behüte euch Gott, ihr Mädchen und ihr Jungen! Dabei iſt doch ein Bischen Ehre zu erholen; diesmal bin ich recht eigentlich an meinem Platze. Die 316 Umſtände ſind von der Art, daß ſie einem gewöhnlichen Gemüthe zur Verſuchung dienen würden, allein ich bin heute ungewöhnlich luſtig,— freilich nicht ſo aufgeräumt, wie ich es wohl wünſchen möchte, allein doch nicht mehr weit davon!— Behüte euch Gott! Lebt wohl!“ Achtes Kapitel. Worin Herr Pecksniff und ſeine reizende Töchter nach der Stadt London begleitet und die verſchiedenen Erlebniſſe erzählt werden, welche ihnen auf dem Weg dahin zuſtießen. Als Herr Pecksniff und die beiden jungen Damen am Ende des Feldweges die ſchwerfällige Kutſche beſtiegen, fan⸗ den ſie dieſelbe Gottlob leer, was ihnen zu um ſo größerem Troſte gereichte, als die Verdeckplätze ſämmtlich beſetzt wa⸗ ren und die Paſſagiere ſehr froſtig dreinblickten. Wie nun Herr Pecksniff ſammt ſeinen Töchtern die Füße tief in das Stroh der Kutſche eingewühlt, ſich ſelber bis um's Kinn eingehüllt und beide Fenſter verſchloſſen hatte, machte Herr Pecksniff die ſehr richtige Bemerkung, es ſey bei rauhem Wetter ein höchſt behagliches Gefühl, ſich wärmer gebettet zu finden, als viele andere Leute. Er finde dies ganz natürlich, meinte er, und ſähe darin eine höchſt löb⸗ liche Einrichtung, die ſich glücklicherweiſe nicht nur auf Kutſchen beſchränke, ſondern über viele geſellige Verzwei⸗ dt n, 317 gungen hin ſich erſtrecke;„denn,“ ſagte er,„wäre Jeder⸗— mann ſo warm und wohlgenährt, ſo würden wir die große Befriedigung verlieren, die Charakterſtärke bewundern zu können, womit gewiſſe Menſchenklaſſen Hunger und Kälte ertragen; ja, wären wir nicht beſſer daran, als andere Leute, was würde aus unſerem Dankgefühle werden, das doch,“ fuhr er mit Thränen in den Augen fort und drohte” einem Bettler, der hinten aufſitzen wollte, mit der Fauſt, —„das doch eines der heiligſten Gefühle im allgemeinen Weſen des Menſchen iſt.“ Seine Kinder horchten mit entſprechender Ehrfurcht auf dieſe erhabene Sittenlehre von den Lippen ihres Vaters und gaben ihre Beiſtimmung lächelnd zu erkennen. Um die geheiligte Flamme der Dankbarkeit, welche er auf dem Altar ſeiner Bruſt angezündet, deſto beſſer zu nähren und deſto höher anzufachen, meinte Herr Pecks⸗ niff, er müſſe ſchon auf der erſten Station ihrer Reiſe ſeine ältere Tochter um die Branntweinflaſche bemühen. Charity reichte ſie ihm unverweilt und aus dem engen Halſe des ſteinernen Gefäßes ſog Herr Pecksniff hin⸗ reichende Erfriſchung und Nahrung für das Flämmchen ſeines Geiſtes. „Was ſind wir am Ende auch Anderes als Kutſchen!“ rief Herr Pecksniff,„einige von uns ſind ſehr langſame Kutſchen....“ „Du lieber Gott, Papa! was fällt Ihnen ein,“ rief Charity. „Ich ſagte,“ wiederholte ihr Vater mit vermehrtem Nachdruck,„einige von uns ſind ſehr langſame Kutſchen; 3 unſere Leidenſchaften ſind die Pferde und wahrlich recht widerſpenſtige wilde Thiere!“— „Wahrhaftig, Papa!“ riefen beide Toͤchter in Einem Athem,—„Ihr Vergleich iſt ſehr unartig.“ „Und wahrlich recht widerſpenſtige wilde Thiere,“ wiederholte der Vater mit ſo vieler Entſchiedenheit, daß 318 ſich füglich von ihm ſagen lies: er habe in dieſem Au⸗ genblick ſelbſt einige Widerſpenſtigkeit und Wildheit in moraliſcher Beziehung an den Tag gelegt.„Die Tugend iſt eine Art Schleife, die Mutterarme ſind die Station, von der wir auslaufen, und die Schaufel des Todten⸗ gräbers iſt das Ziel, dem wir zueilen.“ Als er dieſe Sentenz geäußert, fühlte ſich Herr Pecksniff ſo erſchöpft, daß er von Neuem einiger Er⸗ friſchung bedurfte. Als dies geſchehen war, druͤckte er den Stöpſel feſt in die Flaſche und nahm dabei die Miene eines Mannes an, der zugleich dem Gegenſtand ſeiner Rede und ſeinem Gedankenſluſſe mit Nachdruck ein Ziel geſteckt hat, und ſchickte ſich nun an, drei Stationen weit zu ſchlafen. Es iſt eine alte Erfahrung bei den Men⸗ ſchen, wenn ſie in Kutſchen einſchlafen, daß ſie höchſt unmuthig wieder erwachen, ſich gegenſeitig mit den Beinen im Wege ſtehen und gewöhnlich noch eine weitere Un⸗ annehmlichkeit mit ihren Hühneraugen zu beſtehen haben. Da Herr Pecksniff von dieſem gemeinſamen Looſe der Menſchheit keinerlei Ausnahme machte, fand er ſich beim Ende ſeines Schläfchens ſo entſchieden von dieſem Uebel⸗ ſtande befallen, daß er eine unabweisbare Neigung fühlte, ſie auf ſeinen beiden Tüchtern abzuladen. Er hatte dies auch bereits in der Geſtalt verſchiedener auf's Gerathe⸗ wohl geführter Fußtritte und anderer unvermutheter Be⸗ wegungen ſeines Schuhwerks zu unternehmen begonnen, als die Kutſche plötzlich ſtille ſtand und nach kurzem Verzuge der Schlag geöffnet wurde. „Wohlverſtanden!“ ſprach eine grelle dünne Stimme in der Dunkelheit,—„ich und mein Sohn ſetzen uns in den Fond des Wagens, weil auf dem Verdeck kein Platz mehr iſt; allein Sie müſſen ſich dazu verſtehen, uns für den Betrag von Verdeckplätzen mitzunehmen. Es bleibt alſo dabei, daß wir nicht mehr bezahlen dürfen.“ ———— +NNAS „Allerdings, Sir,“ gab der Schirrmeiſter zur Ant⸗ wort. „Sitzt ſchon Jemand drinnen?“ fragte dieſelbe grelle Stimme von Neuem. „Drei Paſſagiere,“ verſetzte der Schirrmeiſter. „So nehme ich denn dieſe drei Paſſagiere zu Zeugen bei unſerem Handel, wenn Sie anders die Guͤte haben wollen,“ ſprach die dünne Stimme von Neuem;—„komm, mein Junge, ich glaube wir können jetzt füglich einſteigen.“ Gemäß dieſer Meinung nahmen nun die beiden Leutchen ihre Plätze in dem Fuhrwerk ein, das durch eine Parlamentsakte die feierliche Erlaubniß erhalten hatte, je ſechs Perſonen zu faſſen, die nur immer durch den Schlag einzuſteigen vermöchten. „Das war ein glücklicher Zufall,“ flüſterte der alte Mann, als der Wagen bereits weiter fuhr,„und ein recht pfiffiger Streich von Dir, daß Du mich darauf auf⸗ merkſam machteſt, Junge. Alle Wetter, wir hätten's nicht draußen ausgehalten, mein Rheumatismus hätte mich umgebracht.“ Ob es nun bei dem pflichttreuen Sohne der Fall war, daß er ſich gewiſſermaßen ſelbſt verrechnet hatte, indem er zur Verlängerung der Lebenstage ſeines Vaters beitrug, oder ob die Kälte einigen Einfluß auf ſeine Stimmung ausgeübt, laſſen wir dahin geſtellt;— genug, er ſtieß ſtatt aller Antwort ſeinen Vater ſo kräftig in die Rippen, daß der alte Herr von einem Huſten be⸗ fallen wurde, der volle fünf Minuten ununterbrochen andauerte, und Herrn Pecksniff zu einer ſolchen Höhe von Entrüſtung anfeuerte, daß er endlich ganz unver⸗ muthet und plötzlich in den Ruf ausbrach: „Hier iſt kein Platz mehr! Wir haben wahrhaftig keinen Platz in dieſer Kutſche für einen Herrn, der einen Schnupfen im Kopfe hat.“ „SOhr, Oho!“ ſagte der alte Mann,„der Schnnpfen ſitzt bei mir auf der Bruſt, Pecksniff.“* 320. Die Stimme und Manier, mit welcher der Fremd dieſe Worte geſprochen, die Geiſtesgegenwart deſſelben, die Anweſenheit ſeines Sohnes und ſeine Bekanntſchaft mit Herrn Pecksniff lieferten einen Schlüſſel zu ſeiner Wiedererkennung, bei welcher unmöglich ein Irrthum vorwalten konnte. „Je nun,“ rief Herr Pecksniff, indem er plötzlich wieder ſeine gewöhnliche Milde annahm,„ich war der Meinung, einen wildfremden Menſchen anzureden, und nun finde ich, daß ich es mit einem Verwandten zu thun habe.— Herr Anton Chuzzlewit und ſein Sohn Herr Jonas— dieß ſind nämlich unſere Reiſegefährten, meine lieben Kinder— werden mich wegen dieſer anſcheinend barſchen Bemerkung entſchuldigen; es iſt keineswegs meine Abſicht, die Gefühle irgend einer Perſon, mit der ich durch Familienbande verwandt bin, zu verletzen; ich mag zwar ein Heuchler ſeyn,“ ſetzte Herr Pecksniff bezüglich hinzu,„allein ich bin kein Unmenſch.“ „Bah, bah!“ verſetzte der alte Mann,„was ſoll dies Wort bedeuten, Pecksniff? Heuchler?— Wie, ſind wir nicht Alle Heuchler, oder waren es wenigſtens neu⸗ lich? Ich bin überzeugt, daß ich glaubte, es habe Nie⸗ mand Etwas dagegen, wenn wir uns Alle ſo betitelten, ſonſt hätte ich Sie wahrlich nicht ſo angeredet. Wären wir nicht ſämmtlich Heuchler geweſen, ſo wären wir nicht bei Ihnen zuſammengetroffen; der einzige Unter⸗ ſchied zwiſchen Ihnen und den Uebrigen war— ſoll ich Ihnen den Unterſchied zwiſchen Ihnen und den Uebrigen nun mittheilen, Pecksniff?“ 1 „O ja, wenn ich bitten darf, reden Sie im⸗ merhin.“ 4 „Sehen Sie,“ ſagte der alte Mann,—„die einzige widerwärtige Eigenſchaft, welche Sie beſitzen, iſt, daß Sie bei Ihren Gaukeleien ſich nie mit einem Verbündeten oder Theilnehmer einlaſſen; Sie könnten Jedermann und ſogar — 321 auch Diejenigen betrügen, welche das gleiche Handwerk treiben, wie Sie. Sie haben eine Weiſe an ſich, als ob Sie— ha, ha, ha!— als ob Sie ſich ſelber Glauben ſchenkten. Ich würde,“ fuhr der alte Mann fort,„wenn ich mich auf Wetten einließe, was jedoch nie und nimmermehr meine Sache iſt, eine bedeutende Wette eingehen, daß Sie in Folge eines ſtillſchweigenden Einvernehmens ſogar vor ihren eigenen Töchtern hier ſich kaum eine Blöße geben und den guten Schein bewahren. Ich dagegen pflege, ſo oft ſich mir Gelegenheit zu einem Geſchäftchen bietet, mein Söhnchen Jonas hier damit bekannt zu machen, und es mit demſelben offen zu beſprechen. Sie ſind doch nicht, etwa beleidigt, Pecksniff?“ „Ich beleidigt, beſter Sir!“ rief dieſer Herr in einem Tone, als ſeyen ihm die ſchmeichelhafteſten Komplimente zu Theil geworden, die ſich nur immer in einer Sprache auffinden laſſen. 4 „Reiſen Sie nach London, Herr Pecksniff?“ fragte der Sohn. „Ja, Herr Jonas, wir reiſen nach London,“ ver⸗ ſetzte Herr Pecksniff;—„wir werden hoffentlich das Ver⸗ guügen haben, die ganze Reiſe in Ihrer Geſellſchaft zu machen?“ „Oho, Herr Vetter!“ meinte der Kleine,—„darum muſſen Sie den Vater fragen, denn ich möchte mich nicht gerne compromittiren.“ Herr Pecksniff war natürlich, wie ſich von ſelbſt verſteht, höchſt erfreut über dieſe Antwort. Als er endlich zu la⸗ chen aufhörte, gab ihm Herr Jonas zu verſtehen, daß er und ſein Vater allerdings wieder nach der Hauptſtadt nach Hauſe reisten, daß ſie aber ſchon ſeit dem denkwuͤrdigen Tage der großen Familienverſammlung ſich in dieſer Ge⸗ gend umhergetrieben hätten, um dem Verkauf etlicher vor⸗ Boz, Chuzzlewit. I. 21 züglicher Grundſtücke anzuwohnen, die ſie ſchon auf der Herreiſe mit beſonderer Sehnſucht betrachtet hätten. Herr Jonas behauptete nämlich, es ſeye, wo es nur irgend thunlich wäre, ihre Gewohnheit, zwei Vögel mit einem Stein zu tödten und ihre Sprotten nie anders auszuwer⸗ fen, denn als Köder für Wallfiſche. Als er Herrn Pecks⸗ niff dieſe merkwürdig ſcharfſinnigen Beweiſe ſeines Ver⸗ ſtandes mitgetheilt hatte, that er ihm den Vorſchlag: „Falls es ihm genehm ſey, mit ſeinem Vater den Platz zu vertauſchen, um ein Bischen mit den Mädchen zu plaudern;“ welch höflichen Vorſchlag er denn auch als⸗ bald vollzog, indem er den Sitz neben ſeinem Vater ver⸗ ließ und ſich in der entgegengeſetzten Ecke neben der ſchö⸗ nen Miß Merey ſetzte. Der junge Herr Jonas war von der Wiege an hart⸗ näckig zu den großen und erhabenen Grundſätzen des welt⸗ männiſchen Verkehrs erzogen worden. Das erſte Wort, das er buchſtabiren lernte, war Gewinn, das zweite Geld. Dieſe Erziehung hatte indeß zu zwei Reſultaten geführt, die, ſo gewöhnlich ſie auch waren, von ſeinem ſorgſamen Vater doch von Anfang an nicht klar geahnt worden wa⸗ ren; der eine dieſer mißgünſtigen Erfolge war, daß die oft wiederholte Lehre ſeines Vaters, Jedermann zu übervor⸗ theilen, in ihm unvermerkt auch den Hang erzeugt hatte, ſeinen ehrwürdigen Lehrer ſelbſt uͤber den Löffel zu bar⸗ bieren, wo es nur immer anging; der andere beſtand da⸗ rin, daß ihm die frühe Gewohnheit, Alles vom Geſichts⸗ punkte des Beſitzes aus zu betrachten, allmählig die An⸗ ſicht eingeflößt hatte, ſelbſt ſeinen Vater mit Unwillen als eine Art perſönlichen Eigenthums zu betrachten, das durchaus kein Recht habe, ſich vom Fleck zu entfernen, ſondern lieber möglichſt bald in jener eigenthümlichen Art von eiſerner Geldtruhe, die man gemeinhin Sarg nennt, aufbewahrt, und in der großen Bank des Grabes ange⸗ legt werden müſſe. —— dnmnnmn— +—— V 323 „Heda, Bäschen!“ hub Herr Jonas an,—„Sie wiſſen ja, daß wir, wenn auch etwas weitläuſig, mit einander verwandt ſind.— Sie wollen alſo nach London gehen?“ Miß Mercy bejahte, kniff dabei den Arm ihrer Schwe⸗ ſter und kicherte ausnehmend. „Der Stutzer gibt's Legionen in London, Bäschen,“ fuhr Herr Jonas fort und brachte allmählig ſeinen Ell⸗ bogen etwas näher an ſeine Nachbarin. „Wirklich, Sir?“ verſetzte die junge Dame,—„je nun, ich glaube, wir haben nichts von ihnen zu fürchten!“ Sie hatte ihm zwar dieſe Antwort mit vielem Ernſte gegeben, allein ihre luſtige Laune überwältigte ſie ſo ſehr, daß ſie ſich faſt genöthigt ſah, ihre Luſtigkeit in dem Hals⸗ tuche der Schweſter zu verbeißen. „Mercy!“ rief das andere weit ſprödere Dämchen tadelnd,—„ich muß mich ja wahrlich an Dir ſchämen! wie kommſt Du nur zu dieſem Benehmen, Du ausgelaſ⸗ ſenes Ding?“ 5. Miß Mercy konnte natürlich nicht umhin, hierüber nur noch mehr zu lachen.. „,*„„„ „Ci ſeht doch!“ ſagte der Kleine zu Charity,—„ich glaubte neulich ſchon, ihr die Ausgelaſſenheit am Geſicht anzuſehen.— Wie mögen Sie auch nur ſo feierlich da⸗ ſitzen! Wahrlich, Bäschen, Sie ſpielen in der That die Spröde!“! 4— „Oh die altmodiſche Hexe!“ flüſterte Merey,—„auf mein Wort, liebe Charity, Du mußt neben ihm ſitzen! Ich würde unmaßgeblich des Todes ſeyn, wenn er noch länger mit mir ſpräche,— ganz gewiß, es wäre mein Tod 4 Dieſem Unglücksfalle vorzubeugen, ſprang das aus⸗ gelaſſene Weſen mit dieſen Worten von ihrem Sitze auf 21 324 und drängte ihre Schweſter auf den Platz hin, von dem ſie ſich eben erhoben hatte. „Bah! es liegt nichts daran, wenn Sie mich auch ein wenig drücken,“ fuhr Herr Jonas fort;—„von Mädchen laſſe ich mich gerne drücken, rücken Sie nur noch etwas näher hinzu, Bäschen!“ „Mit Nichten, Sir, ich danke Ihnen!“ verſetzte Charity.—„Da lacht nun die Andere ſchon wieder,“ ſprach Herr Jonas;—„gewiß lacht ſie über meinen Vater, und das befremdet mich auch keineswegs; ich möchte wiſſen, was ſie erſt thäte, wenn er die alte, flanellene Nachtmütze aufſetzt!— Iſt das mein Vater, der ſo ſchnarcht, Herr Pecksniff?“ „Ja, Herr Jonas,“ war die Antwort. „Treten Sie ihm doch auf den Fuß, wenn's beliebt,“ entgegnete der junge Herr;—„gerade in dem Fuß Ih⸗ nen zunächſt hat er die Gicht.“ 7 Da Herr Pecksniff zögerte, dieſen freundſchaftlichen Auftrag zu erfüllen, entledigte Herr Jonas ſich ſelbſt ſeiner, indem er zu gleicher Zeit rief: „Heda, Vater! wacht auf, ſonſt bekommt Ihr Alp⸗ drücken und fangt zu ſchreien an! Haben Sie auch ſchon an Alpdrücken gelitten, Bäschen?“ fragte er dabei mit der ihm eigenen Galanterie mit leiſerer Stimme ſeine Nachbarin.. „Zuweilen,“ verſetzte Charity;—„jedoch noch nicht oft.“ „Und die Andere?“ fragte Jonas nach einer Pauſe; —„leidet ſie vielleicht zuweilen am Alpdrücken?“ „Ich weiß nicht,“ entgegnete Charity;—„Sie würden am beſten daran thun, wenn Sie ſie ſelbſt be⸗ fragten.“ 2 325 „Bah! ſie lacht ſoviel, mit Ihr iſt Nichts zu ha⸗ ben,“ meinte Herr Jonas;—„hören Sie nur, wie ſie ſchon wieder von Neuem anfängt! Sie ſind die Ge⸗ ſcheidere nicht wahr, Bäschen?“ „Stille, ſtille!“ flüſterte Charity. „Bah, ich habe ja recht,“ verſetzte Jonas;— „Sie wiſſen wohl ſelbſt, daß ich Recht habe.“ „Merey iſt noch ein Bischen leichtfertig, wtrd aber mit der Zeit ſchon ernſter werden,“ gab Miß Charity zur Antwort. „Bis dahin hat's noch gute Weile, wenn es je der Fall iſt,“ erwiderte ihr Vetter;—„machen Sie ſich's doch etwas bequemer.“ 3 „Ich fürchte, Ihnen dabei beſchwerlich zu fallen,“ ſagte Charity;—„rückte aber doch etwas näher, und nachdem man noch verſchiedene Bemerkungen über die ausnehmende Schwerfälligkeit der Kutſche und das unbequeme öftere Anhalten derſelben ausgetauſcht hatte, entſtand eine ſtumme Pauſe, die bis zur Zeit des Abend⸗ eſſens von keinem Gliede der Geſellſchaft unterbrochen wurde. 3 Wiewohl Herr Jonas Charity in's Wirthshaus führte und ſeinen Platz am Tiſche neben ihr nahm, war es doch unverkennbar, daß er ebenfalls auch ein Auge auf die„Andere“ hatte, weil er oft nach Merey hin⸗ überblickte und zwiſchen dem Aeußeren der Beiden Ver⸗ gleichungen anzuſtellen ſchien, die für die größere Wohl⸗ beleibtheit der jüngern Schweſter nicht ungünſtig waren. Er verſtattete ſich übrigens nicht viel Mühe für dieſe Art von Beobachtung, da ihn das Nachteſſen insbeſon⸗ ders in Enſpruch nahm, welches, wie er ſeiner hübſchen Nachbarin in's Ohr flüſterte, eine Art von Vertrag ſey, der um ſo nutzbringender werde, je mehr ſie eſſe. Sein Vater und Herr Pecksniff handelten vermuthlich nach demſelben weiſen Grundſatze, vernichteten Alles, was ihnen in die Hände kam, und verliehen dadurch ih⸗ ren Geſichtern einen ganz beſondern fettartigen Aus⸗ druck, der auf Zufriedenheit, wo nicht Ueberſättigung hindeutete, und Beiden ein höchſt behagliches Ausſehen verlieh. 1 Als ſie mit Eſſen inne halten mußten, beſtellten Herr Pecksniff und Jonas je eine Portion Grog für ſechs Pence, wobei der letztgenannte Herr erklärte, daß dies eine weit entſprechendere und pfiffigere Maßregel ſey, als wenn man gleich für einen ganzen Schilling Grog beſtelle, da auf dieſe Weiſe der Wirth mehr Branntwein zugeben müſſe, als wenn er Alles in einem Glas reiche. Wie nun Herr Pecksniff ſeine Portion von der belebenden Flüſſigkeit ausgeſchlürft hatte, ſchützte er den Wunſch vor, zu ſehen, ob der Wagen noch nicht fertig ſey, begab ſich aber insgeheim nach dem Schenk⸗ tiſche, und ließ ſeinen eigenen Branntweinkrug füllen, um ſich ſpäter im Dunkel des Wagens unbeachtet nach Herzensluſt erquicken zu können. Als dieſe Vorberei⸗ tungen beendigt und die Kutſche zur Abfahrt fertig war, nahmen ſie ihre alten Plätze wieder ein und ließen ſich in der Kutſche weiter rütteln. Ehe ſich jedoch Herr Pecksniff zu einem Schläfchen vorbereitete, erging er ſich noch in einer Art von Gebet nach Tiſche, das fol⸗ gendermaßen lautete: „Der Verdauungsprozeß iſt, wie mich ein Paar mit Anatomie vertrauter Freunde verſichert haben, eines der wunderbarſten Werke der Natur. Ich weiß nicht, wie dies bei Andern der Fall ſein mag, allein mir gereicht es zu großer Zufriedenheit, zu wiſſen, daß ich— wenn ich meinen beſcheidenen Leichnam erquicke— die ſchönſte Maſchinerie in Bewegung ſetze, mit der wir irgend be⸗ kannt ſind. Mir iſt in ſolchen Zeiten wahrlich zu Muthe, als ob ich damit der allgemeinen Wohlfahrt der Menſch⸗ 327 heit einen Dienſt leiſtete; wenn ich— um mich eines ſolchen Ausdrucks zu bedienen“— fuhr Herr Pecksniff mit ausnehmender Zartheit fort,„das Uhrwerk meines Weſens aufgezogen und die Gewißheit habe, daß ich unn gehe, ſo fühle ich vermöge der Lehre, die das Werk in meinem Innern mir gibt, daß ich ein Wohlthäter mei⸗ nes Geſchlechts bin.“ Da ſich nun hierauf füglich Nichts entgegnen ließ, wagte auch Niemand Etwas einzureden und Herr Pecks⸗ niff ſchlummerte, wie ſich denken läßt, in höchlicher Zu⸗ friedenheit über ſeine moraliſche Nutzanwendung allmäh⸗ lig wieder ein! Der Reſt der Nacht verlief auf die gewöhnliche Weiſe. Herr Pecksniff und der alte Anton Chuzzlewit taumelten beſtändig gegen einander und wachten dann höchlich erſchrocken wieder auf, oder ſie drückten ihre Köpfe in die entgegengeſetzten Ecken der Kutſche und tättowirten dabei— der Himmel weiß auf welche Weiſe — im Schlafe die Oberflächen ihrer Geſichter auf die ſeltſamſte Weiſe. Reiſende ſtiegen bald ab, bald auf, friſche Pferde wurden vorgelegt, liefen, wurden entlaſ⸗ ſen und wieder mit andern vertauſcht, und es wollte die Schlummernden bedenken, als ob kaum ein Zwiſchen⸗ raum zwiſchen jedem Geſpann läge, während dieſe Zeit den Wachgebliebenen ſtets wie eine ganze Nacht vorkam. Endlich begann der Wagen über entſetzlich holperige Steine hinzurumpeln, und Herr Pecksniff, der zum Fen⸗ ſter hinausgeblickt hatte, verſicherte ſie nun, daß es be⸗ reits Morgen und ſie an Ort und Stelle ſeyen. Kurz darauf hielt der Wagen in dem Poſthofe der City, und die Straße, in welcher dieſer lag, war bereits ſo belebt, daß Herr Pecksniffs Behauptung, daß es Mor⸗ gen ſey, ſich als vollkommen wahr erwies, obwohl es nach Maßgabe der Zeichen am Himmel noch ebenſo gut Mitternacht hätte ſeyn können. Es herrſchte nämlich ein 328 ſo dichter Nebel rings um, als befänden ſie ſich in einer Stadt in den Wolken, zu der ſie die ganze Nacht hi durch an einem magiſchen Bohnenſtängel emporgektet men wären, und auf dem Pflaſter lag eine dicke Kruß wie Oelkuchen, die einer von den Verdeckspaſſagleren. (ohne Zweifel ein Wahnſinniger) gegen einen Anderft. (natürlich ſeinen Hüter) gar für Schnee ausgab. Herr Pecksniff nahm einen haſtigen Abſchied von Anton Chuzzlewit und ſeinem Sohn, hinterließ ſein eigenes Ge⸗ päcke und das ſeiner Töchter in dem Poſthofe, um es ſpä⸗ ter abholen zu laſſen, nahm dann unter jeden Arm eine der jungen Damen und ſtürzte wie in einer Art Tob⸗ ſucht über die Straße hinweg, dann durch andere Straßen hindurch, die ſeltſamſten Höfe hinauf, die ungewohnteſten Gäßchen hinunter und unter den düſterſten Bogengängen hinweg, ſprang bald über einen Rinnſtein und lief dann wieder in Todesängſten vor einem Wagen davon — behauptete, bald den Weg verloren zu haben und rühmte ſich dann wieder, auf dem rechten Weg zu ſeyn — erging ſich bald in einer Anwandlung der höchſten Zuverſicht und hatte alsdann wieder den letzten Funken von Muth verloren— triefte bald von Schweiß, und trieb alsdann doch wieder zu vermehrter Eile, bis ſie endlich in einer Art gepflaſterten Hofs in der Nähe des Monuments ſtille hielten.— So verſicherte ſie wenigſtens Pecksniff, denn ſie vermochten von dem Monument oder irgend etwas Anderem, als den zunächſt liegenden Ge⸗ bäuden, um kein Haar mehr zu ſehen, als wenn ſie zu⸗ Salisbury Blindekuh geſpielt hätten. Herr Pecksniff ſah ſich eine Weile rundum und pochte dann an der Thüre eines ſehr ſchmutzigen Gebäudes, das ſich durch beſagte Eigenſchaften ſogar noch unter der reich⸗ lichen Auswahl von ſolchen Häuſern ringsum gar be⸗ ſonders auszeichnete, und an deſſen Vorderfronte ein klei⸗ nes eirundes Brettchen, einem Theebrette ähnlich, ange⸗ bracht war, das folgende Inſchrift trug: 329 Herberge für den geehrten Handelsſtand, M. Todgers. Beſagter Herr Todgers ſchien indeß noch nicht auf den Beinen zu ſeyn, denn Herr Pecksniff mußte zweimal pochen und dreimal klingeln, ohne daß Jemand Anderes ſich rührte, als ein Hund auf der andern Seite der Gaſſe. Endlich wurden mit kreiſchendem Krachen eine Kette und ein paar Riegel zurückgeſchoben, als ob das Wetter beſagte Sicherheitswerkzeuge heißer gemacht habe, und ein kleiner Junge mit einem dicken rothen Kopf und einer Naſe, die nicht des Erwähnens werth iſt, ſo wie mit einem ſehr ſchmutzigen Wellingtonſtiefel am lin⸗ ken Arm producirte ſich, rieb vor lauter Erſtaunen die kaum erwähnte Naſe mit dem Rücken ſeiner Schuhbürſte und äußerte— gar Nichts. „Sind die Leute noch zu Bette, guter Freund?“ fragte Herr Pecksniff. „Noch zu Bette,“ wiederholte der Burſche,„mein Sechs! ich wollte, ſie wären noch zu Bette— die Leute machen einen ordentlichen Lärmen im Bette, denn Alle ſchreien auf einmal um ihre Stiefel. Ich dachte, Sie wären der Zeitungsausträger und habe mich wahrlich ge⸗ wundert, warum Sie ſich nicht wie gewöhnlich des Git⸗ ters an der Hausthüre bedienten. Was ſteht Ihnen zu Dienſten?“ 1 Hinſichtlich ſeiner Jahre, deren ſicherlich noch wenige über ſeinen Schädel hingezogen waren, hätte man von dem Burſchen behaupten können, daß er ſeine Frage mit wahrhaft finſterer und gewiſſermaßen mißtrauiſcher Miene geſtellt habe. Herr Pecksniff ſchien ſich indeß an dieſes ſein Betragen gar nicht zu kehren, ſteckte ihm eine Karte in die Hand und bat ihn, dieſe einſtweilen hinaufzutragen und ihm ein Zimmer anzuweiſen, das ſchon geheizt ſey. 33⁰ „ Sollte im Speiſeſaal ſchon Feuer angemacht ſeyn, ſo weiß ich es ſelbſt zu finden!“ ſchloß Herr Pecksniff und führte ſodann ſeine Töchter, ohne auf eine weitere Ein⸗ ladung zu warten, nach einem Zimmer im Erdgeſchoß, wo der Tiſch bereits mit einem Tafeltuche, das freilich im Verhältniß zum Tiſche, den es bedecken ſollte, ſehr knapp und ſpärlich war, für's Frühſtück gedeckt war. Dieſer Frühſtückstiſch entfaltete nun zunächſt eine mächtige Schüſſel mit geſottenem hochrothem Ochſenfleiſch, ein Exemplar von jener eigenthümlichen Form von Brod⸗ laiben, welche, ſparſamen Perſonen als locker gebackene, krumige Kommisbrode bekannt ſind, einen hinreichenden Vorrath von Taſſen und Saucenäpfen und was ſonſt noch zu einem wohlgeordneten Frühſtückstiſche gehört. 4 Innerhalb des Kamingitters war etwa ein halb Dutzend paar Schuhe und Stiefel von verſchiedener Größe, friſch gereinigt und mit den Sohlen nach oben aufge⸗ ſtellt, und an dem Haken, den ſonſt wohl der Theekeſſel einnahm, hing ein paar kurzer ſchwarzer Kamaſchen, auf deren einer mit Kreide die Worte:„Jinkins' Eigenthum“ angeſchrieben waren, während die andere die Skizze eines menſchlichen Profils erblicken ließ, das wahrſcheinlich das Porträt des Herrn Iinkins ſelbſt darſtellen ſollte. Todgers's Speiſehaus für den geehrten Handels⸗ ſtand gehörte zu jener Gattung von Häuſern, die zu jeder Zeit dunkel ſind, allein dieſen Morgen ſchien ſich dieſe Ei⸗ genſchaft bei ihm beſonders geltend zu machen. Auf dem Flur war ein ſo ſeltſamer Geruch zu verſpüren, als ob dee concentrirte Quinteſſenz aller Speiſen, die ſeit Er⸗ bauung des Hauſes je in der Küche zubereitet worden waren, zu dieſer Stunde oben auf der Küchentreppe weile und ſich wie der ſchwarze Mönch im Don Juan durch⸗ aus nicht mehr vertreiben laſſe. Es ließ ſich beſonders ein gewiſſer Kohlgeruch verſpüren, als ob alles Gemüſe, das hier je gekocht worden wäre, zur Gattung des Im⸗ mergrünes gehöre und in unſterblicher Kraft ſtets von —.——— 331 Neuem erblühe. Der Speiſeſaal war getäfert und flößte Fremden ein magnetiſches, inſtinktmäßiges Bewußtſeyn des Vorhandenſeyns von Ratten und Mäuſen ein. Die Treppe war ſehr breit und düſter, und ihre Gelän⸗ der ſo dick und ſchwerfällig, daß ſie eher einer Brücke anzugehören ſchienen, oder für die Bruſtwehr einer ſol⸗ chen paſſender geweſen. In einer düſtern Ecke des erſten Treppenabſatzes ſtand ein griesgrämiger alter Rieſe von Wanduhr, mit einer uralten ſeltſamen Krone von drei Meſſingkugeln auf dem Kopfe. Die wenigſten Leute pfleg⸗ ten ſich dieſer Uhr zu bedienen oder darauf zu blicken, und der alte Zeitmeſſer ſchien ſein monotones Picken aus keinem andern Grunde fortzuſetzen, als um unbedachtſame Leute etwa zu verwarnen, daß ſie nicht wider ihn an⸗ rennen ſollten. Seit Menſchengedenken war kein Tapezier oder Zimmermaler in Herrn Todgers's Haus gekommen, weshalb es auch höchſt düſter, ſchwarzgeräuchert und ſtaubig anzuſehen war. Im Giebel der Treppe war ein altes, verquollenes, invalides und ſchlechtgepflegtes Hohl⸗ licht angebracht, das auf jede Art und Weiſe geklebt und zuſammengeflickt war, und mißtrauiſch und übellau⸗ nig auf Alles herniederblickte, was unter ihm vorging, und Herrn Todgers's Haus überwölbte, als wäre es ein menſchliches Gurkenmiſtbeet, wo nur Leute von gar ſelt⸗ ſamer Art gezogen würden. Herr Pecksniff und ſeine ſchönen Töchter hatten noch keine zehn Minuten vor dem wärmenden Feuer verbracht, als ein Geräuſch von Fußtritten von der Treppe her ſich vernehmen ließ, und die Gottheit, welche in dieſem Heilig⸗ thum den Vorſitz führte, hereingeeilt kam. Frau M. Todgers war eine Dame— man hatte be⸗ haupten können: von knöcherner Geſtalt und ſehr harten Zügen,— welche an der Front ihres Hauptes— vulgo ihrer Stirne— eine Neihe Locken trug, die wie Bier⸗ fäßchen anzuſchauen waren, und über denen ſich ein netz⸗ 332 förmiges, unnennbares Etwas(— man konnte es nicht füglich als eine Haube bezeichnen—) ſich befand, was einem ſchwarzen Spinnengewebe nicht unähnlich ſah. Sie trug einen kleinen Korb am Arme, worin ein tüchtiger Schlüſſelbund unterweges laut genug klirrte, und in der andern Hand eine brennende Talgkerze, welche ſie auf den Tiſch niederſetzte, nachdem ſie Herrn Pecksniff einen Augen⸗ blick damit beleuchtet hatte, um ihn nun mehr mit um ſo größerer Herzlichkeit empfangen zu können. „Herr Pecksniff?!“ rief Frau Todgers;—„ei, ſeyn Sie mir willkommen in London! Wer hätte ſich auch einen derartigen Beſuch träumen laſſen, nachdem— du lieber Gott!— inzwiſchen ſo viele viele Jahre darüber ningegangen ſind! Wie befinden Sie ſich, Herr Pecks⸗ niff?“ „So gut wie immer!“ gab Herr Pecksniff zur Ant⸗ wort;—„auch freue ich mich noch wie ſtets, Sie wieder zu ſehen, Frau Todgers!— Wahrhaftig, beſte Madame! Sie haben ſich inzwiſchen wahrlich eher verjüngt!“ „Das könnte man auch auf Sie anwenden, Herr Pecksniff!“ verſetzte Frau Todgers;—„Sie haben ſich auch nicht im Mindeſten verändert!“ „Was ſagen Sie dazu?“ rief Herr Pecksniff, auf ſeine beiden Töchter deutend;—„ſollte das mich nicht älter machen?“ „Es ſind doch wohl nicht Ihre Töchter?“ rief die Wirthin, und ſchlug die Hände über dem Kopf zuſam⸗ men;—„bah, Herr Pecksniff! Sie haben mich zum Be⸗ ſten:— Das iſt Ihre zweite Frau und die Brautjungfer, nicht wahr?!“.“ Herr Pecksniff lächelte wohlgefällig, erwiederte aber kopfſchüttelnd:„Behüte, Frau Todgers! Das ſind meine Töchter! nur meine Töchter!“ 4 1 „Ei ei!“ ſeufzte die gute Dame,—„nun muß ich 333 Ihnen freilich glauben; ja wahrlich, nachdem ich mir Beide nun genauer betrachtet habe, glaube ich, ich würde Sie allenthalben auf den erſten Blick erkannt haben! Ach, meine lieben Miß Peckniffs, daß Sie doch wüßten, wie glücklich mich Ihr Papa gemacht hat!“ Sie ſchloß Beide in ihre Arme, und zog, da ſie im ſelbem Augenblicke, ſey es nun von ihren Gefühlen oder dem rauhen, dichten Morgennebel überwältigt worden war, ein kleines Taſchentuch aus dem Körbchen, um ſich damit die Augen zu wiſchen. „Sehen Sie, meine gute Madame,“ hub Herr Pecks⸗ niff an,—„ich kenne zwar die Geſchäftsordnung Ihres Hausweſens, und weiß, daß Sie nur männliche Gäͤſte be⸗ herbergen; als ich von Hauſe wegfuhr, dachte ich bei mir, Sie würden vielleicht auch meinen Töchtern Obdach geben, und um ihretwillen eine Ausnahme von der Regel machen?!“ „Vielleicht?“ rief Frau Todgers mit beſonderem Nach⸗ druck,—„vielleicht?“ 4 „Je nun, ich darf ſogar ſagen: ich war deſſen im Voraus überzeugt,“ verſetzte Herr Pecksniff;—„ich weiß, daß Sie ſelbſt geräumig logirt ſind, und den Mäd⸗ chen vielleicht gerne ein trauliches Plätzchen gönnen, daß ſie wenigſtens nicht am Wirthstiſche erſcheinen müſſen!“ „Ach, die herzlieben Mädchen!“ rief⸗Frau Todgers; —„ich muß mir noch einmal die Freiheit nehmen!“ Frau Todgers wollte damit ſagen, daß ſie ſie noch einmal umarmen müſſe, was ſie denn auch alsbald that, und zwar mit einer ordentlichen Innigkeit. Der eigent⸗ liche Grund davon war aber, daß das ganze Haus mit Ausnahme eines einzigen Bettes beſetzt war, und da die⸗ ſes nunmehr von Herrn Pecksniff in Anſpruch genommen werden ſollte, brauchte ſie erſt etliche Bedenkzeit,— und zwar ſo viel— denn es war ein kitzlicher Punkt, die 2 3 334 jungen Mädchen unterzubringen,— daß ſie ſelbſt noch als die zweite Umarmung bereits vorüber war, ein paar Minuten lang die beiden Schweſtern anlugte, wobei denn im Einen Auge ſich guter Wille, im andern aber Berechnung ſich kund gab.— „Ich glaube, ich bin nun ſchon mit mir im Reinen, wie ich es einzurichten habe!“ ließ ſich Frau Todgers am Ende wieder von Neuem vernehmen;—„ein Schlaf⸗ ſopha ſteht ja im dritten Stübchen von meiner Wohn⸗ ſtube aus!— Ach, die guten herzigen Mädchen!“ Sie umarmte ſie mit dieſen Worten wieder von Neuem und wagte die Bemerkung: ſie könne eigentlich nicht ganz darüber in’s Klare kommen, welche von bei⸗ den dem guten Mütterchen am Aehnlichſten ſähe— was auch höchſt glaubwürdig war, zumal da ſie letztere Dame niemals zu Geſichte bekommen hatte— glaube aber, daß dies mit der Jüngeren der Fall ſeyn müſſe. Es ſchien ihr hierauf plötzlich einzufallen, daß die Herren wohl jeden Augenblick zum Fruͤhſtück herunter kommen mußten, und ſie lud daher die jungen Damen, die doch vielleicht von der Reiſe ermüdet waren, ein, ſich in ihr Privatzimmer hinaufzubemühen. Dies befand ſich im ſelben Stockwerke und war nichts mehr und nichts weniger als ein Hinterſtübchen;— Frau Todgers wußte noch insbeſondre den großen Vorzug — für London wenigſtens— von ihm zu rühmen, daß man Einem dort nicht in die Fenſter ſchauen könne, wie die beiden Miß Pecksniffs deutlich ſehen könnten, ſobald der Nebel ſich einigermaßen aufgeklärt habe. Dieſes war denn auch keineswegs eine eitle Prahlerei, denn man ge⸗ noß von hier aus in der That in einer Perſpektive von zwei Fuß der Ausſicht auf eine braune Mauer mit einer ſchwarzen Ciſterne auf ihrem Gipfel. Das Schlafgemach, welches die liebevolle Fürſorge der Frau Todgers den jungen Damen hart nebenan angewieſen hatte, ſtand mit 8 4 — 335 dieſem Hinterſtübchen durch eine ausnehmend zweckmäßige Thüre in Verbindung, die ſich nur öffnete, wenn eine recht ſtarke Perſon aus Leibeskräften ſich dagegen an⸗ ſtemmte. Es bot vom gleichen Standpunkte aus die Ausſicht auf eine andere Ecke der Mauer und eine andere Seite der Ciſterne.—„Sie haben nicht die feuchte Seite!“ meinte Frau Todgers profitvoll;—„jene habe ich Herrn Jinkins angewieſen!“— Im erſtgenannten dieſer beiden Heiligthümer wurde haſtig ein Feuer aufgemacht durch den jugendlichen Lauf⸗ burſchen, der in der Abweſenheit der Frau Todgers ſich durch Pfeifen bei der Arbeit amüſirte(— deſſen gar nicht zu gedenken, daß er mittelſt Kohlen allerhand Figuren auf ſeine Cordhoſen ſkizzirte—), hernach aber von Frau Todgers auf der That ertappt und mit einer Ohr⸗ feige aus dem Zimmer entlaſſen wurde. Als die regſame Wirthin nun vollends mit eigener Hand den jungen Damen das Frühſtück zubereitet hatte, zog ſie ſich zurück, um im Speiſezimmer das Regiment zu führen, da hier ein Spaß auf Herrn Jinkins's Koſten einigen Lärm oder Hader erregt zu haben ſchien. „Ich kann Euch kaum ſchon fragen, wie Ihr Euch in London gefallt, meine lieben Kinder?“ ſprach Herr Pecksniff, der von der Thürſchwelle zum Zimmer herein⸗ blickte;—„Was meint Ihr zu unſerer neuen Um⸗ gebung?“ 4. „Je nun!“ meinte Mercy,—„wir haben noch nicht viel davon geſehen, Papa!“ 1* „Ich ſollte meinen, noch gar Nichts!“ ſetzte Miß Charity hinzu, und in Beider Mienen war eben keine ſonderliche Freude zu bemerken. „Ihr habt in der That Recht, meine Kinder!“ gab Herr Pecksniff zur Antwort;—„unſer Vergnügen wie — 336 unſre Geſchäfte liegen noch vor uns! Je nun, kommt Zeit, kommt Rath! Alles zu ſeiner Zeit!“ Ob Herrn Pecksniff’s Geſchäft in London wirklich ſo ganz innig mit ſeinem Berufe zuſammenhing, als er gegen ſeinen neuen Mundel vorgeſchützt hatte, werden wir— um hier den Lieblings⸗Ausſpruch und Gemein⸗ A platz dieſes würdigen Herrn zu gebrauchen,—„Alles zu ſeiner Zeit“ ſehen. . Ende des erſten Bandes.. ————