Leihbibliothek deutſcher, eugliſcher und franzöſiſcher Literatur 4 von 8— Ednard Ottmann in Gießen, Soloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 5 eih- und Ieſebedingungrnn. 11. Oftensein der Bihliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. . 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 21 Stun⸗ den angenommen. 4— 22 63.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe (hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 2 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 15„, für dhrhenelich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3 2—„ 7„ 3„— 5 4„„ 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Köſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersätz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt . der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. . 6 — Leben und Abenteuer des Herrn Martin Chuzzlewit, ſeiner Vermandten, Freunde und Feinde. Herausgegeben von Bo z. Frei nach dem Engliſchen von Ludwig Hauff. Vierzehnter bis ſiebenzehnter Theil. —S—; 8 Stutitgart. Verlag der Franckh ſchen Buchhandlung. 1844. 3 Erſtes Kapitel. Die Pinch machen eine neue Bekanntſchaft und haben neue Ge⸗ legenheit zum Erſtaunen und Verwundern. Ein gewiſſer geſpenſtiſcher Anflug, welchen die un⸗ bewohnten Gemächer im Temple und alle mit Toms dortigem Geſchäfte in Verbindung ſtehenden Verhältniſſe hatten, faßten einen eigenthümlichen Reiz in ſich. Jeden Morgen, ſo oft Tom ſeine Thüre zu Islington ſchloß, wandte er ſein Geſicht, ebenſo ſicher als dem Rauche Londons, einer Athmosphäre voll unerklärlichen Zaubers zu, die ſich im Laufe des Tags mehr und mehr ver⸗ dichtete, bis die Stunde nahte, die ihn wieder nach Haus rief und ihn beſtimmte, ſie wie eine regungsloſe Wolke hinter ſich zu laſſen. 5 Es ſchien Tom jeden Morgen, er nahe ſich einem geſpenſtiſchen Nebel in der leichteſten Stufenfolge, bis er von demſelben ganz umſchloſſen ſey. Indem er aus dem Getümmel und Lärmen der Straßen in die ruhigen Höfe des Temple überging, fand er die erſte Vorberei⸗ tung. Jedes Echo ſeiner Fußtritte tönte in ſeinen Ohren wie ein Schall von den alten Manern und dem Pfuaſter, dem nur die Sprache fehlte, um die Geſchichte dieſer düſteren, unheimlichen Gemächer zu erzählen, um ihm zu ſagen, welch' verlorene Urkunden, in den vergeſſenen Ecken der verſchloſſenen Keller in Staub zerfielen, durch deren Gitter beim Vorübergehen ſo modrige Seufzer zu ihm herauf hauchten; ihm zuzuflüſtern von Gefäßen mit 6 ſeltenen, alten Weinen, die in den Gewölben der alten Hallengrundſteine eingemauert waren; oder ihn, im dumpfen Tone, traurige Sagen vorzumurmeln, von jenen Rittern mit gekreuzten Beinen, deren Marmor⸗ ſtatuen in der Kirche ſtanden. Der erſte Tritt auf die Treppe, die zu ſeinen ſtaubigen Gemächern führte, ſtei⸗ gerte alle dieſe Geheimniſſe, bis er, Schritt für Schritt weitergehend, in der einſamen Arbeit des Tags von ihrem üppigen Wuchſe ganz umſtrickt war. Jeder Tag brachte eine wiederkehrende, nie fehlende Quelle der Spekulation. Dieſer Prinzipal, kam er wohl heute und was wünſchte er wohl? Tom konnte noch nicht bei Herrn Fips ſtehen bleiben und glaubte zuletzt, dieſer habe wahr geſprochen, als er ſagte, er handle für einen andern. Wer war aber dieſer Andere? Dieſe Frage ſchoß in dem Garten der Phantaſie Toms zu einer neuen Blume der Verwunderung auf, die nie welkte, nie nie⸗ dergetreten wurde. Da fiel ihm plötzlich ein, Herr Pecksniff habe viel⸗ leicht ſeine Falſchheit bereut, und ſeinen Einfluß auf irgend eine Perſon benützt, um ihm dieſe Beſchäftigung zu geben. Er fand dieſe Idee, nach dem, was zwiſchen ihm und jenem rechtſchaffenen Manne ſich ereignet hatte, ſo unerträglich, daß er ſie noch an demſelben Tage John Weſtlock anvertraute und dieſem ſagte, er wolle ſich lie⸗ ber als Laſtträger gebrauchen laſſen, als ſich ſo tief in ſeiner eigenen Achtung herabzuſetzen, daß er ſich von Herrn Pecksniff auch nur die mindeſte Verbindlichkeit auferlegen laſſe. Aber John verſicherte ihn, daß er Herrn Pecksniffs Charakter mit der gehörigen Gerechtig⸗ keit noch lange nicht beurtheile, wenn er glaube, daß dieſer Gentleman einer ſo edelmüthigen Handlung fähig ſey, und daß er, Tom, über dieſen Punkt ſich ſo lange vollkommen beruhigen könne, bis ‚er einmal die Sonne grün, den Mond ſchwarz, zugleich aber mit bloßem Auge zwölf Kometen erſten Nangs um den erwähnten Pla⸗ neten wandeln ſehen werde. Wenn es einmal ſo weit —.—— 8 7 komme, meinte er, aber früher nicht, dürfte es nicht als abſoluter Wahnſinn erſcheinen, Herrn Pecksniff ob eines ſo ungeheuren Edelmuths in Verdacht zu haben; Kurz, er brachte Tom dieſe Idee völlig aus dem Kopfe und dieſer ſah ſich nun gezwungen, eine andere Löſung zu verſuchen. Inzwiſchen kam Tom täglich ſeinen Pflichten mit Eifer nach und machte bedeutende Fortſchritte mit den Büchern. Er hatte bereits eine Art Ordnung in die⸗ ſelben gebracht und mit ſchöner Schrift dieſelben in einem Kataloge verzeichnet. hrend ſeiner Geſchäfts⸗ ſtunden befaßte er ſich mit Leſen, was oft ein nöthiger Theil ſeiner Aufgabe war; auch hatte er die Kühnheit, den einen oder den andern jener koboldartigen Bände mit nach Hauſe zu nehmen, beeilte ſich aber, ihn jedes⸗ mal am nächſten Morgen wieder mitzubringen, weil ja ſein unbekannter Dienſtherr ſich einſinden und darnach fragen könnte. So führte er ein glückliches, ruhiges Leben, ganz nach dem Wunſche ſeines Herzens. Dennoch waren die Bücher nicht ſo intereſſant für Tom, daß ſie ihn in jene geheimnißvollen Stuben ſo ſehr vertieft hätten, daß er nie augenblicklich ſogar den leiſeſten Ton vernommen hätte. Jeder Fußtritt auf den Pflaſterſteinen außen machte ihn lauſchen, und wenn dieſe Tritte ſogar in das Haus herein kamen und— trapp, trapp, trapp— die Treppe heraufſchallten, ſo dachte er ſtets mit klopfendem Herzen, er werde ihn end⸗ lich von Angeſicht zu Angeſicht ſehen. Aber kein Fuß⸗ tritt überſchritt jemals den Boden unmittelbar unter ihm, als ſein eigener. Dieſe geheimnißvolle Einſamkeit er⸗ zeugte in Toms Geiſt Phantaſien, deren Ungereimtheit ſein Geiſt leicht entdeckte, aber dennoch nicht ferne hal⸗ ten konnte. Es ging ihm dabei, wie der alten franzöſi⸗ ſchen Polizei, welche wohl raſch in ihren Entdeckungen, aber ſchwacch in ihren Präventiv⸗Maßregeln war. Un⸗ beſtimmte, alberne und unerklärliche Vorſtellungen, als oh Jemand in dem innern Gemache ſich befinde, leiſe uͤber ſeinem Haupte hingehe, durch das Schlüſſelloch blicke, oder überall, wo er nicht war, etwas Verſtohle⸗ nes thue, beſielen ihn hundert Mal des Tags, ſo daß er oft den Fenſterſchieber aufzog und ſogar mit den Sper⸗ lingen ſich unterhielt, die am Dache oder in den Dach⸗ rinnen Neſter gebaut hatten und den ganzen Tag vor den Fenſtern zwitſcherten. Die äußere Thüre ließ er ſtets offen ſtehen, damit er die eintretenden Fußtritte ſogleich vernehmen und wiſſen könne, ob ſie nach den Zimmern des untern Stockes gingen. Hinſichtlich der Fremden in der Straße faßte er gleichfalls manche ſonderbare Idee, und wenn er den einen oder den andern Mann ſah, welcher etwas Unge⸗ wöhnliches in ſeinem Anzuge oder Aeußeren hatte, dann pflegte er zu ſich ſelbſt zu ſagen:„es ſollte mich nicht wundern, wenn es dieſer wäre.“ Aber er war es nie. Und obgleich Tom mehr als einmal wirklich umkehrte und einem dieſer beargwohnten Individuen folgte, indem er feſt glaubte, die Perſon gehe nach dem Orte, von dem er komme, ſo gelangte er zu keiner andern Befrie⸗ digung, als zu der, daß er ſich getäuſcht habe. Herr Fips von Auſtin Frlars diente eher dazu, das Dunkel ſeiner Lage zu vergrößern, ſtatt es zu erhellen; denn als ſich Tom zum erſten Male bei ihm einſtellte, um ſein Wochenſalair in Empfang zu nehmen, ſagte er: „Beiläufig bitte ich Sie, Herr Pinch, der Sache gegen Niemand zu erwähnen.“ Tom glaubte, es ſolle ihm jetzt ein Geheimniß an⸗ vertraut werden, und er erklärte daher, daß Herr Fips wollkommen verſichert ſeyn dürfe, daß dieſes um keinen Preis geſchehen werde. Da aber Herr Fips bloß ſagte: „Sehr gut,“ und nichts weiter beifügte, ſo wiederholte Tom: „Um keinen Preis.“ 4 „Sehr gut!“ wiederholte Herr Fips. „Sie wollen ſagen...“ deutete Tom an. „Mein Gott, nein,“ rief Fips,„ganz und gar —— ————— — u—& G— 9 nicht.“ Da er jeboch die Verwirrung Toms bemerkte, fügte er bei:„Ich meine, daß Sie gegen Niemand von dem Orte Ihrer Beſchäftigung ſprechen ſollen. Es iſt beſſer, wenn Sie es unterlaſſen.“ „Ich habe noch nicht das Vergnügen gehabt, mei⸗ nen Herrn Prinzipal zu ſehen, Sir,“ bemerkte Tom, indem er ſein Wochenſalair in die Taſche ſteckte. „Haben Sie nicht?“ ſagte Fips.„Nein, ich glaube nicht, daß es der Fall war.“ 3 „Ich möchte ihm gerne danken und von ihm hören, ob meine bisherigen Bemühungen zu ſeiner Zufriedenheit gereichen,“ ſtotterte Tom. „Ganz recht!“ ſagte Herr Fips gähnend.„Es macht Ihnen große Chre! Sehr ſchön!“ Tom entſchloß ſich, ihn auf andere Weiſe anzu⸗ greifen. „Ich werde nun bald mit den Büchern zu Ende ſeyn,“ ſagte er.„Hoffentlich wird meine Beſchäftigung nicht zu Ende gehen, oder werde ich verabſchiedet werden 25 „O, mein Gott, nein,“ antwortete Fips.„Viel zu thun, viel zu thun! Nehmen Sie ſich in Acht, es ſiſt etwas finſter.“ So weit erſtreckte ſich die ganze Aufklärung, welche Tom von dieſer Seite her erhalten konnte. Sie war dunkel genug, und wenn Herr Fips ſich doppelfinnig ausdrückte, ſo hat er vollkommen recht, dieſes zu thun. Nun aber trat ein Umſtand ein, welcher Toms Ge⸗ danken von dieſem Geheimniſſe ablenken und großentheils in einen Kanal leiten half, der an ſich ſchon ein eigent⸗ licher Nil war. Dieſes trug ſich alſo zu. Tom pflegte immer früh aufzuſtehen, und da er jetzt keine Orgel hatte, die ihn jeden Morgen auf eine ſüße Weiſe beſchäftigen konnte, ſo machte er in der Regel einen langen Spaziergang, ehe er nach dem Temple ging. Als Fremder beſuchte er gewöhnlich jene Theile der Stadt, in welchen es be⸗ Boz, Chuzzlewit. V. 2 . 10 ſonders lebhaft herging, und er fand ſich daher haͤufig auf den Marktplätzen, Brücken, Kais und Dampfboot⸗ Werften ein, denn die Leute, welche ſich dort in ihren vielfachen Geſchäfts⸗ und Vergnügens⸗Entwürfen dräng⸗ ten, boten einen ſo bunten und lebendigen Anblick dar, und es machte Tom Freude, zu denken, welch' großer Abſtand zwiſchen dieſem Treiben und dem eintönigen Stadtleben ſey. Auf den meiſten ſeiner Morgenſpaziergänge beglei⸗ tete ihn Ruth. Da ihr Hauswirth ſtets ſehr früh aus⸗ und ſeinen Geſchäften, welche niemand zu kennen ſchien, nachging und immer abweſend war, ſo ſtimmten die Ge⸗ wohnheiten der Leute des Hauſes, in welchem ſie wohn⸗ ten, mit ihrem eigenen überein. In der Regel war ihr Frühſtück um ſieben Uhr ſchon beendet, und ſie gingen dann hinauns in die Sommerluft. Nachdem ſie aber ein paar Stunden mit einander umher gegangen waren, trennten ſie ſich an einer bequemen Stelle, Tom ging nach dem Temple, ſeine Schweſter nach Hauſe. Manchen und manchen vergnügten Spaziergang machten ſie nach dem Covent⸗Garden⸗Markte, ſogen den Wohlgeruch der Fruchte und der Blumen ein, und be⸗ wunderten die herrlichen Ananas und Melonen. Da waren ganze Alleen durch Reihen alter Weiber gebildet, die auf ihren umgekehrten Körben ſaßen und Erbſen ausſchoteten. Wie verlockend ſahen nicht die Bündel fetter Spargel aus, mit welchen die leckeren Laden be⸗ ſetzt waren und die Thüren der Gemüshändler, die noch nach der ungekochten Kalbfleiſchzuwage dufteten. Dann die vielen angenehmen Gänge nach den Ge⸗ flügelmärkten, wo Enten und Hühner, paarweiſe und zum Kochen bereit, mit unnatürlichen Hälſen ausgeſtreckt lagen, wo die Eier aus den Mooskörben lachten, und weiße Landwürſte durch die noch lebenden Katzen, Hunde, Pferde und Eſel über alle Beſchimpfung erhoben wurden. Welch' Maſſe von Käſen, lebendigen Vögeln, in Ställen und Käfigen, unnatürlich groß erſcheinend, we⸗ * 11 gen der Kleinheit ihrer Behalter; zahlloſe Kaninchen lebendig und todt. Wie lieblich war der Fiſchmarkt mit ſeiner kühlen, erfriſchenden, wie Silber glänzenden Waare, welche eine Art Mondſchein⸗Wirkung übte, ausgenommen die rothen Hummern. Dann die Spaziergänge unter den Wegen voll duftenden Heus, mit ihren Fuhrleuten und Hunden, die ermüdet im ſüßen Schlafe dalagen und des Paſteten⸗ bäckers und des Wirthshauſes vergaßen. Aber nie war es unſerm Pärchen ſo wohl, als wenn ſie an einem ſchö⸗ nen Sommermorgen zu den Dampfbooten hinab gingen. Da lagen ſie, Seite an Seite, dem Anſcheine nach für immer feſt an einander gedrückt, aber doch argliſtig nach einem Hinauskommen ſpähend, und dazu in der Ueberzeugung, daß es ihnen bald gelingen werde, die chaaren von Paſſagieren, und die haſtig am Bord gebrachte Menge des Gepäcks fortzuſchaffen. Kleine Dampfboote ſchoßen unaufhörlich auf und ab. Reihen von Schiffen, hunderte von Maſten, Labyrinthe von Tauwerk, rieſigen Segeln, plätſchernden Rudern, dahin⸗ 4 gleitenden Barken, verſunkene Pfähle mit Wohnungen für die abſcheulichen Ratten in ihren ſchlammigen Ni⸗ ſchen, Kirchthürme, Magazine, Hausdächer, Bogen, Brücken, Männer, Weiber und Kinder, Fäſſer, Krah⸗ nen, Kiſten, Pferde, Kutſchen, Müſſiggänger und flei⸗ ßiger Arbeiter— das Alles war an jedem Sommer⸗ morgen ſo bunt durcheinander gemiſcht, daß Tom nicht vermochte, es aus einander zu wirren. In der Mitte all' dieſes Getümmels toste es un⸗ aufhörlich aus dem Rauchfange eines jeden Paketboots, was die höchſte Belebung der Scene verurſachte. Sie ſchienen alle zu athmen und, und gleich den Paſſagieren, mit einander zu plaudern. Sie ſchnaubten in ihrer eigenen heiſern Weiſe ohne Unterlaß und ärgerlich:„So beeilt Euch doch, daß es einmal vorwärts geht. ⸗ O, Du mein Gott, wir kommen ja nicht vom Platze! beeilt 2 † ausgefahren waren und wohlbehalten in der Stroͤmung ſich befanden, konnte ſie die geringſte Veranlaſſung wieder aufbringen; denn das gukmüthigſte Paketboot begann, wenn es durch etwas aufgehalten wurde, augenblicklich aufs Neue zu dampfen, und zu keuchen:„da werde ich nun wieder aufgehalten! Was gibt es denn ſchon wie⸗ der? Ich habe Eile! Man thut mir Alles zum Trotze! Mein Gott, wer wird denn dahin wollen?“ In einem ſolchen an Verzweiflung gränzenden Zu⸗ ſtande ſah man es denn langſam durch die Nebel in das drüben ſcheinende rothfärbende Sonnenlicht gleiten. Toms Schiff jedoch, oder eigentlich jenes Paket⸗ boot, für welches ſich Tom und ſeine Schweſter bei ei⸗ ner beſondern Gelegenheit vorzüglich intereſſirten, war noch nicht fort, ſondern in der höchſten Verwirrung. Die Paſſagiere drängten ſich über alle Maſſen und zu beiden Seiten lag ein anderes Dampfboot. Die Gange waren vollgeſtopft; verrückte Weiber, welche offenbar nach Gravesend wollten, hatten ein taubes Ohr gegen alle Vorſtellungen, daß gerade dieſes Schiff nach Ant⸗ werpen zu ſegeln im Begriff ſey, und beſtanden darauf, ihre Körbe mit Erfriſchungen hinter Scheidewänden, Waſ⸗ ſerfäſſern und Sitzen zu verbergen. Die größte Ver⸗ wirrung herrſchte. Es war ſo unterhaltend, daß Tom, welcher Ruth an ſeinem Arm hatte, von der Werſte herabſah, und ſo we⸗ nig als es für Fleiſch und Blut moglich iſt, auf eine ältliche Dame hinter ihm achtete, die einen großen Regenſchirm mit ſich gebracht hatte, ohne zu wiſſen, was ſie mit demſelben be⸗ ginnen ſolle. Dieſes ſchreckliche Werkzeug zhatte einen ge⸗ krümmten Handgriff und die Nähe deſſelben wurde erſt in Folge eines ſchmerzlichen Drucks auf ſeine Luftröhre Tom be⸗ kannt, weil ſich der Haken um ſeine Kehle befeſtigt hatte. Nachdem er ihn bald in vollkommen guter Laune los⸗ gemacht hatte, fühlte er die Zwinge auf ſeinem Rücken; unmittelbar darauf ſuchte der Haken ſeine Fußknoͤcheln Euch, oder ich fahre auf der Stelle ab!“ Und wenn ſie 3 heim und dann bewegte ſich der Schirm über ſeinen Hut, hinſchlagend wie ein ſeine Schwingen erhebender großer Vogel, bis am Ende Tom im Rücken einen Stoß em⸗ pfand, der ihn ſo ſehr ſchmerzte, daß er zurückblickte, um eine milde Vorſtellung zu verſuchen.. Als er ſich umkehrte, fand er, daß die Eigenthü⸗ merin des Schirmes auf den Zehenſpitzen ſtand, und mit einem, wilden Zorn beurkundenden Geſichte ſich alle Mühe gab, auf die Dampfboote nieder zu ſchauen. Da Tom in der Vorderreihe ſtand und ſie wiewohl unab⸗ ſichtlich, daran hinderte, ſo war er ihr natürlicher Feind. „Was für eine wahrhaft bösartige Perſon, müſſen Sie ſeyn!“ ſagte Tom. ie Dame rief laut:„Wo iſt die Polizei?“ Sie meinte damit die Conſtabler, und fuhr, indem ſie den Griff des Schirms gegen Tom ſtieß, fort:„Wenn di Kerls nicht ſtets aus dem Weg wären, wann man ſie braucht, ſo würde ich Sie denſelben zum Gewahrſam übergeben. Wenn ſie die Bärte weniger ein ſchmieren und mehr auf ihre Pflichten Acht haben würden, für welche ſie ſo ſchwer bezahlt ſind, ſo würde niemand nothwendig haben, ſich hier bis zum Tollwerden einzwängen zu laſſen.“ Ohne Zweifel war ſie abſcheulich umhergeſtoßen worden; denn ihre Kopfbedeckung hatte ganz die Geſtalt eines dreieckigen Huts angenommen. Da ſie überdies eine kleine, ſette Perſon war, ſo trug ſie die unzwei⸗ deutigſten Spuren großer Erſchöpfung und ſtarker Hitze. Statt den Zwiſt fortzuſetzen, fragte Tom ſie höflich, an welchen Bord ſie zu gehen wünſche? „Ich denke wohl,“ entgegnete die Dame,„es kann niemand als Sie ein Dampf⸗Paketſchiff anſehen wollen, ohne an Bord zu gehen: Sie Tolpel.“ „Nun wohlan, nach welchem wollen Sie denn ſe⸗ hen;“ ſagte Tom.„Wir wollen Platz für Sie machen, wenn wir können. Sie müſſen nicht ſo mürriſch ſeyn.“ „Keine geſegnete Creatur,“ entgegnete die Dame vollſten Zeiten nicht, und deren waren viele, den Vor⸗ wurf gemacht, daß ich etwas anders, als mild und gleichmüthigen Geiſtes ſey. Machen Sie ſich nichts daraus, mir zu widerſprechen, wenn Sie zu fühlen mei⸗ nen, daß es Ihnen gut thut, Ma'am, ſagte ich oft, denn Sie wiſſen wohl, auf Sairah kann man ſich ver⸗ laſſen, daß ſie's nicht wieder zurückgibt. Aber ich will nicht in Abrede ſtellen, daß ich an dieſem Tag ſchwer geärgert und betrübt wurde, und noch dazu, Gott be⸗ hüte, mit gutem Grunde.“ Inzwiſchen hatte ſich Mrs. Gamp(denn die Spre⸗ chende war niemand anders, als dieſe erfahrene Prak⸗ tikerin) mit Toms Beiſtand in eine kleine Ecke zwiſchen Ruth und dem Geländer gearbeitet, wo es ihr, nach manchem ſchweren Athemzuge und nach Ausführung mancher gefährlichen Evolutionen, mit dem Schirme endlich gelang, es ſich hübſch gemächlich zu machen. „Und welches von dieſen dampfenden Ungeheuern iſt wohl das Ankworks⸗Boot? Ich möchte es gerne wiſ⸗ ſen, Gott behüte!“ rief Mrs. Gamp. „Welches Boot meinen Sie?, fragte Ruth. Das Ankorks Paketſchiff;“ erwiderte Mrs. Gamp. „Ich will Sie nicht täuſchen, meine Süße! Warum ſollte ich auch?“ „Das in der Mitte dort iſt das Antwerper Paket⸗ boot,“ ſagte Ruth. „Und ich wollte, es wäre in Jonas'ens Bauch!“ ſchrie Mrs. Gamp, welche augenſcheinlich in dieſem merkwürdigen Stoßſeufzer den Propheten mit dem Wall⸗ ſiſche verwechſelte. Ruth erwiderte nichts. Als aber Mrs. Gamp ihr Kinn auf das kalte Eiſengeländer lehnte, fortfuhr, angelegentlich auf das Antwerper Boot hinzuſehen und von Zeit zu Zeit in kurzes Stöhnen aus⸗ brach, da fragte Miß Pinch endlich, ob vielleicht ihr Gatte oder eines ihrer Kinder dieſen Morgen eine Reiſe antrete. 3 etwas erweicht,„hat mir je, auch in den prüfungs⸗ 15 „Das beweist,“ ſagte Mrs. Gamp, ihre Augen aufſchlagend,„daß Sie in dieſem Thale des Lebens erſt einen kleinen Weg gewandelt ſind, meine theure, junge Creatur. Eine gute Freundin von mir machte häufig die Bemerkung— ihr Name iſt Harris, meine Liebe, Mrs. Harris, über dem Square drüben und über der Ecke des Tabacklandes— o Sairey, Sairey, wir wiſſen wenig, was vor uns liegt! Mrs. Harris, Ma'am, ſagte ich, nicht viel, es iſt wahr, aber mehr, als Sie glau⸗ ben. Unſere Kalkilationen, Ma'am,“ ſagt' ich, in Hin⸗ ſicht der Zahl meiner Familie müſſen ſich meiſtens auf Eins beſchränken und öfter als Sie vermuthen können. „Sairey, ſagte Mrs. Harris in ergreifender Weiſe, ſa⸗ gen Sie mir, was meine individuelle Zahl iſt.„Nein, Mrs. Harris, ſagte ich zu ihr, entſchuldigen Sie mich, wenn es Ihnen beliebt, die meinige, ſage ich, iſt drei Hin⸗ tertreppen herabgeſtürzt und hatte feuchte Thürſchwellen über ihre Lungen bekommen, und eine iſt unbewußt und lächelnd in eine Bettſtatt eingethan worden. Darum Malam, ſage ich, muß man nicht vorgreifen, ſondern ſie nehmen, wie ſie gerade kommen, und wie ſie gehen. Die meinige, fuhr Mrs. Gamp fort,„die meinige iſt ganz dahin, mein liebes junges Hühnchen. Und was die Männer betrifft, da iſt ein Stelzbein gleichfalls zu ſeiner Rechenſchaft hier gegangen, weil es beſtändig in die Weinkeller hinein⸗ aber nie wieder herausging, wenn es nicht mit Gewalt geholt wurde, es war ganz ſo ſchwach wie Fleiſch, wenn nicht ſchwächer.“ Nachdem Mrs. Gamp dieſe Rede vollbracht hatte, lehnte ſie ihr Kinn wieder auf das kalte Eiſengeländer, ſah ſehnſüchtig nach dem Antwerper Boote, ſchüttelte den Kopf und ſtoͤhnte. 5 4„Ich möchte kein Mann ſeyn,“ ſagte Mrs. Gamp, „ja, ich möchte kein Mann ſeyn und einen ſolchen Ge⸗ danken auf meiner Seele haben, aber Niemand als ein Mann iſt zu ſo etwas fähig.“ Tom und ſeine Schweſter ſahen einander an, und 16 nach einem kurzen Zögern fragte Ruth, was ſie ſo ſehr beunruhige? 7. „Meine Liebe,“ entgegnete Mrs. Gamp mit ge⸗ dämpfter Stimme,„Sie ſind ledig, nicht wahr?“ Ruth lachte, erröthete und ſagte:„Ja.“ „Um ſo ſchlimmer für alle Parthien!“ fuhr Mrs. Gamp fort.„Aber andere find verheirathet und im ehelichen Stande, und da iſt eine liebe junge Kreatur, die dieſen Morgen zu demſelbigen Paketſch kommt, ob⸗ wohl es für ſie durchaus nicht paſſend iſt, ſich dem Meere anzuvertrauen.“ Sie machte eine Pauſe, um das ganze Deck des fraglichen Paketboots, nebſt den dazu hinunterführenden Stufen und den Laufplanken zu überblicken. Nachdem ſie ſich überzeugt glaubte, daß der Gegenſtand ihres Bedauerns noch nicht angelangt ſey, erhob ſie ihre Augen allmählig bis zu der Höhe des Echappements und ſprach entrüſtet zu dem Schiffe: „Der Henker hole Dich“— ſtie ſchüttelte dabei ihren Schirm nach dem Boote,—„Du biſt ein ab⸗ ſcheuliches, ſprudelndes Ungeheuer, und eine ſo zarte, junge Kreatur ſollte als Paſſagier mit Dir gehen? Du machſt keinen Schaden in dieſer Weiſe? Du, mit Deinem Hämmern, Brüllen, Toſen und Ziſchen, Du unvernünf⸗ tiges Thier! Dieſe Confuſionsdämpfer,“ fuhr Mrs. Gamp fort, indem ſie abermals ihren Schirm ſchüttelte,„haben mehr gethan, um uns aus unſerem regelmäßigen Ge⸗ ſchäft zu werfen und Dinge herbeizuführen, an die Nie⸗ mand gedacht hat,— beſonders aber auch jene kreiſchen⸗ den Eiſenbahnen— als alle anderen Schrecken, die wir je ausgeſtanden haben. Ich habe von einem jungen Manne gehört, einem Kondukteur auf einer erſt ſeit drei Jahren beſtehenden Eiſenbahn— nun, Mrs. Harris kennt ihn, weil er durch die Verheirathung ihrer Schwe⸗ ſter mit einem Brettſchneidermeiſter mit ihr verwandt iſt — der iſt nun in dieſem Augenblicke Taufpathe zu ſechs⸗ undzwanzig geſegneten kleinen Freunden, Alle ganz un⸗ — 17 erwartet eingetreten, und Alle nach der Maſchine ge⸗ nannt, die dazu Anlaß gegeben hatte. Pfui,“ rief Mrs. Gamp, ihre Apoſtrophe wiederholend,„man kann leicht erkennen, daß Du die Erfindung eines Mannes biſt, weil Du ſo rückſichtslos gegen unſere Natur handelſt, wie nur immer einer, Du Unthier.“. Man hätte aus dem erſten Theile der Lamentationen der Mrs. Gamp auf die Vermuthung gerathen ſollen, daß ſie bei Poſtkutſchen oder Vorſpanngeſchäften bethei⸗ ligt ſey. Sie fand übrigens keine Gelegenheit, die Wirkungen zu beurtheilen, welche ihre Schlußbemerkung auf ihre junge Geſellſchafterin gemacht habe, denn ſie unterbrach ſie jetzt und rief: 3 „Da geht ſie wahrhaftig jetzt! Die arme, ſüße, junge Kreatur! Da geht ſie jetzt, wie ein Lamm zur Schlachtbank! Wenn jenes Schiff mit einer kranken Perſon zur See geht,“ ſprach Mrs. Gamp prophetiſch, „ſo iſt es ein Mord, und ich will für die Anklage Zeuge ſeyn.“ 1 Sie nahm ſich den Gegenſtand ſo ſehr zu Gemüth, daß Toms Schweſter, die ſo freundlich als Tom ſelbſt gegen ſie war, nicht unterlaſſen konnte, etwas zu er⸗ wiedern. „Bitte, wer iſt die Dame,“ fragte ſie,„an der Sie ſo viel Antheil nehmen?“. „Da!“ ſtöhnte die Mrs. Gamp,„da geht ſte, in dieſer Minute kommt ſie über die kleine hölzerne Brücke. Sie gleitet auf einem Stückchen Orangenſchaale aus.“ Mr. Gamp umkrallte ihren Schirm feſter.„Was wird das für mich werden!“ „Meinen Sie die Dame an der Seite jenes Man⸗ nes, der vom Kopfe bis zu den Füßen in einen großen Mantel gehüllt iſt, und ſein Geſicht faſt verborgen hält.“ „Er hat wohl Urſache dazu,“ antwortete Mrs. Gamp.„Er ſoll ſich vor ſich ſelbſt ſchamen. Haben Hie hi geſehen, wie er ſie am Handgelenke gezerrt at 9*2 18 „Er ſcheint ſehr große Eile zu haben.“ „Jetzt nimmt er ſie in die enge Kajüte hinab,“ ſagte Mrs. Gamv ungeduldig,„was führt er im Schilde? Ich meine, der Teufel ſteckt in ihm. Warum kann er ſie nicht in der freien Luft laſſen?“ Was nun immer ſein Grund ſeyn mochte, er führte ſte raſch hinunter und verſchwand gleichfalls, ohne ſei⸗ nen Mantel loſer zu machen, oder auf dem Verdecke, welches gedrängt voll war, auch nur einen Augenblick länger zu verweilen, als unumgänglich nöthig war, um ſich durch das Gedränge eine Bahn zu machen. Tom hatte von dieſem kleinen Zwiegeſpräche nichts gehört, denn ſeine Aufmerkſamkeit war unerwarteter Weiſe gefeſſelt worden. Als nämlich Mrs. Gamp ihre Apoſtrophe an die Dampfmaſchinen geſchloſſen, veran⸗ laßte ihn eine Hand auf ſeinem Aermel ſich umzublicken, und er entdeckte rechts neben ſich, Ruth ſtark links von ihm, zu ſeiner großen Ueberraſchung ſeinen Hauswirth. Er verwunderte ſich nicht ſowohl darüber, daß der Mann da war, ſondern darüber, wie er ſo ruhig und ſo ſchnell dicht an ſeine Seite gekommen war, denn un⸗ mittelbar zuvor hatte eine andere Perſon an ſeiner Seite geſtanden, und in der Zwiſchenzeit war ihm nicht die mindeſte Veränderung oder ein Gedränge in der ihm umgebenden Menge aufgefallen. Obwohl er und Ruth häufig bemerkt hatten, wie geräuſchlos ihr Hauswirth in ſeiner Wohnung aus⸗ und eingehe, ſo war doch Tom jetzt äußerſt erſtaunt, ihn neben ſeinen Ellenbogen zu ſehen.— „Ich bitte um Vergebung, Herr Pinch,“ ſagte er ihm ins Ohr.„Ich bin nicht ganz feſt und ein Bischen außer Athem; auch ſind meine Augen nicht ſehr ſcharf. Ich bin nicht mehr ſo jung, als ich war, Sir. Können Sie nicht einen Gentleman in einem großen Mantel dort unten ſehen? Er hat eine Dame am Arme, eine Dame mit ſchwarzem Shawl und Schleier?“ Wenn der Sprecher es nicht ſelbſt ſah, ſo war es —————» 19 doch jedenfalls ſeltſam, daß er die Perſonen ſo genau im Gedränge bezeichnen konnte; auch blickte er ſo haſtig von der Stelle ab und auf Tom, als brenne er vor Begierde, Toms Blicken die gewünſchte Richtung zu geben. „Ein Gentleman in einem großen Mantel und eine Dame in einem ſchwarzen Shawl?“ ſagte Tom.„Ich will einmal ſehen.“ „Ja, ja,“ erwiederte der Andere ungeduldig,„ein Gentleman von Kopf bis zu den Füßen eingehüllt, ſelt⸗ ſam eingehüllt für einen Morgen wie dieſer, gleich einem Kranken, vielleicht in dieſem Augenblicke mit der Hand vor dem Geſichte. Nein, nein, nein, nicht dort!“ fügte er bei, indem er Toms Blicken folgte.„In dieſer Rich⸗ tung da unten.“ Er deutete wieder auf die Stelle, aber diesmal in ſeiner Haſt mit ausgeſtrecktem Finger. Die Perſonen wurden in dieſem Augenblicke durch das Gedränge ein wenig aufgehalten.„Da ſind ſo viele Leute, ſo viele Gegenſtände, und Alles iſt ſo ſehr in Bewegung,“ ent⸗ gegnete Tom,„daß es ſchwer wird, zu... nein... in der That, ich ſehe keinen Gentleman in einem großen Mantel und keine Dame in einem ſchwarzen Shawl. Aber dort drüben iſt eine Dame in einem rothen Shawl.“ „Nicht, nicht, nicht!“ rief ſein Hauswirth, indem er wiederholt auf die Stelle hinwies,„in dieſer Rich⸗ tung, in dieſer Richtung! Sehen Sie auf die Kajüten⸗ treppe! Links! Sie müſſen in der Nähe der Kajüten⸗ treppe ſeyn! Sehen Sie die Kajütentreppe? Die Glocke läutet ſchon! Sehen Sie die Treppe?“ „Halt,“ ſagte Tom,„Sie haben recht; ja, dort gehen ſie; iſt dies der Gentleman, welchen Sie meinen? Er ſteigt in dieſem Augenblicke hinab. Er ſchleppt die Falten ſeines großen Mantels hinter ſich nach.“ „Derſelbe,“ entgegnete der Andere, indem er nicht auf die von Tom angedeutete Stelle, ſondern auf Toms Geſicht ſah.„Wollen Sie mir einen Gefallen, einen ſehr großen Gefallen erweiſen? Moͤchten Sie ihm wohl , dieſen Brief zu eigenen Händen übergeben? Nur uber⸗ geben. Er wartet darauf. Ich bin von meinen Prinzi⸗ palen damit beauftragt, aber ich fand ihn erſt ſpät, und da ich nicht mehr ſo jung bin, wie früher, ſo wäre ich wohl nicht im Stande, in gehöriger Zeit am Bord und wieder zurückzukommen. Sie verzeihen mir wohl meine Kühnheit und thun mir dieſen Gefallen?“ Als er Tom den Brief in die Hand drückte und nach dem Orte ſeiner Beſtimmung hindeutete, zitterten ſeine Hände, und ſein Geſicht beurkundete das höchſte Intereſſe und die größte Aufregung, gleich dem Verſucher in irgend einem alten Schnitzwerk. Es lag nicht in Toms Weſen, in Erfüllung eines gefälligen oder theilnehmenden Dienſtes zu zögern. Er nahm den Brief, flüſterte Ruth zu, ſie ſolle warten, bis er wieder komme, was bald geſchehen werde, und huſchte in größter Eile die Treppe hinab. Aber da gingen ſo viele Leute hinunter und ſo viele andere kamen herauf, das Gepäcke drängte ſich hin und her, und es war ein ſolches Getöſe von Glocken, von Schnauben der Dampf⸗ ſchiffe und von ſchreienden Menſchenſtimmen, daß es ihm Mühe koſtete, ſich einen Weg zu bahnen und das Boot im Auge zu behalten. Endlich langte er zu gehöriger Zeit bei dem rechten Boote an. Er ſtieg ſogleich die Kajütentreppe hinab und entdeckte den Gegenſtand ſeines Spähens in dem hinterſten Theile des Salons, wo der⸗ ſelbe, den Rücken herwendend, einen Anſchlag an der Wand las. Als Tom näher kam, um ſeinen Brief abzu⸗ geben, fuhr der Fremde bei dem Schalle der Fußtritte zuſammen und kehrte ſich ſchnell um. Wie erſtaunte Tom, als er in ihm den Mann er⸗ kannte, mit dem er Streit auf dem freien Felde gehabt hatte; Jonas, den Gatten der armen Merry. Tom glaubte ihn ſagen zu hören: was zum Teufel er denn wolle; aber was Jonas ſagte, war ſo leicht nicht zu verſtehen, denn er ſprach ſehr undeutlich. „Ich will nichts für mich,“ ſagte Tom,„ich wurde 14 —,————— 21 nur in dieſem Augenblicke erſt aufgefordert, Ihnen dieſen Brief zu übergeben. Sie wurden mir gezeigt, aber ich kannte Sie in Ihrem ſonderbaren Anzuge nicht. Da nehmen Sie!“ 4 Jonas that es, erbrach das Schreiben, und las deſſen Inhalt, welcher augenſcheinlich ſehr kurz, vielleicht nicht mehr als eine einzige Zeile war, ihn aber dennoch wie ein Stein aus einer Schleuder traf. Er taumelte zurück. Dieſe Erregung war eine ſo ganz andere, als Tom je eine zuvor geſehen hatte, und er blieb deßhalb un⸗ willkührlich ſtehen. Obwohl dieſer Zuſtand von Unent⸗ ſchloſſenheit nur ganz kurze Zeit währte, ſo hatte doch inzwiſchen die Glocke zu läuten aufgehört. Eine heiſere timme rief von der Treppe herab, ob noch jemand da ſey, der an's Land zurückwolle. „Ja“, rief Jonas,„ich... ich komme. Laßt mir Zeit! Wo iſt jene Frau! Kommt zurück; kommt zurück da.“ Während er ſo ſprach, öffnete er eine andere Thüre und ſchleppte ſeine Begleiterin, mehr als er ſie führte, heraus. Sie war blaß, erſchrocken, und nicht wenig er⸗ ſtaunt, ihren alten Bekannten wieder zu ſehen. Sie hatte jedoch keine Zeit zu ſprechen, denn oben war ein dhebt Gewühl, und Jonas zog ſie raſch nach dem Deck inauf. „Wohin gehen wir? Was gibt es denn?“ „Wir gehen zurück,“ ſagte Jonas wild.„Ich habe meinen Plan geändert. Ich kann nicht gehen. Frage mich nicht, oder es könnte Dein oder eines andern Tod ſeyn. Halt da, halt! Wir wollen an's Land! Hort ihr? ir gehören an's Land!“ In dem Wahnſinn ſeiner Haſt wandte er ſich noch um, warf Tom einen finſtern, zür⸗ nenden Blick zu, und drohte ihm mit geballter Fauſt. Eines ſolchen Ausdruckes, wie der war, welcher dieſe nßhende begleitete, ſind nicht viele menſchliche Geſichter ähig. Er ſchleppte ſie hinauf, und Tom folgte ihnen., Er zerrte ſie über das Verdeck, über die Seiten, über die gebrechlichen Planken weg und die Stufen hinauf, ungeſtüm nach ſich, ohne ihr auch nur einen einzigen Blick zuzuwenden, indem er fortwährend nur unter den Geſichtern auf dem Kai umherſpähte. Plötzlich drehte er ſich gegen Tom zurück, und rief ihm mit einem furcht⸗ baren Fluche zu: „Wo iſt er?“ Ehe noch Tom in ſeinem Erſtaunen eine Frage be⸗ antworten konnte, welche er ſo wenig verſtand, trat ein Gentleman heran, der Jonas Chuzzlewit bei ſeinem Na⸗ men begrüßte. Er war ein Gentleman von fremdartigem Ausſehen, mit einem ſchwarzen Schnurr⸗ und Backen⸗ barte, der mit ſo höflicher Ruhe ſprach, daß es einen ſeltſamen Kontraſt gegen Herrn Chuzzlewits zerſtörtes und verzweifeltes Weſen bildete. „Chuzzlewit, mein guter Freund,“ ſagte der Gent⸗ leman, indem er vor Mrs. Chuzzlewit ſeinen Hut lüpfte.„Ich bitte zwanzigtauſendmal um Vergebung. Nur höchſt ungerne halte ich Sie von einem ſolchen häuslichen Ausfluge zurück, der gewiß ſehr bezaubernd und erquickend ſeyn mag, obgleich ich ſelbſt nicht das Glück habe, ein Ehemann zu ſeyn, was leider das große Unglück meines Daſeyns iſt. Aber der Bienenſchwarm, mein theurer Freund, der Bienenſchwarm— Wollen Sie mich vorſtellen?“ „Dies iſt Herr Montague,“ ſagte Jonas, welchem die Worte in der Kehle ſtecken zu bleiben ſchienen. „Der unglücklichſte und reuevollſte unter allen Men⸗ ſchen, Mrs. Chuzzlewit!“ fuhr dieſer Gentleman fort,„weil er das Mittel werden mußte, dieſen Ausflug zu verhindern; aber mein Freund, wie ich ſage, der Bienenſchwarm, der Bienenſchwarm. Ihr Reiſeprojekt beſtand natürlich bloß in einem kleinen Abſtecher nach dem Feſtlande, mein theurer Freund?“ 5 Jonas beobachtete ein hartnäckiges Schweigen.„Möge ich des Todes ſeyn,“ rief Montague,„aber ich bin erſchüttert, ☛ 9 2—* n 13 Bei meiner Seele ich bin erſchüttert. Doch unſer ver⸗ wünſchter Bienenſchwarm in der City muß jeder andern Rückſicht vorgehen, wenn die Zeit des Honigſammelns da iſt. Mit etwas anderem kann ich mich nicht entſchuldigen. Zu meiner Rechten da iſt ein ganz ſonderbares, altes Frauenzimmer, welches Knir macht,“ ſetzte Montague hin⸗ zu, ſeine Rede unterbrechend und nach Mrs. Gamp bli⸗ ckend.„Sie gehört nicht zu meiner Bekanntſchaft; kennt ſie vielleicht jemand?“ „Ach! wohl kennen Sie mich, Gott ſegne ihre koſtbare Herzen!“ rief Mrs. Gamp.„Ich habe Ihre Luſtige nicht vergeſſen, Sir, und möge Sie es noch lange ſeyn. Ich wünſche, daß jedermann(ſie ſprach dies in Form eines Toaſtes) ſo luſtig und ſo ſchön wäre, wie ein kleiner Vogel mir von einem gewiſſen Herrn zugeflüſtert hat, welchen ich nicht nennen will, aus Furcht Anſtoß zu ver⸗ urſachen, wo keiner zu nehmen iſt. Aber meine koſtbare ame(ſie hielt hier in ihrer Heiterkeit inne, denn ſie hatte bis jetzt gethan, als ſey ſie ungemein erbaut) Sie ſind um die Hälfte zu blaß.“ „Ach, Sie ſind auch hier, Sie auch?“ murmelte Jonas. „Alle Hagel, das iſt genug für Sie.“ „ Ich hoffe, Sir,“ entgegnete Mrs. Gamp, indem ſie einen entrüſteten Knir machte,„daß weder ich, noch Mrs. Harris je ein Bein gebrochen haben, wenn wir auf einen öffentlichen Kai hinuntergingen. Welches waren denn die Worte, die ſie zu mir ſagte?(Ich ſollte eigent⸗ ich zuletzt davon ſprechen.) Ja, dieſe waren es: Sairey;“ ſagte ſte,„iſt das ein öffentlicher Kai? Mrs. Harris,“ gab ich zur Antwot,„können Sie daran zweifeln? Sie kennen mich unn ſchon, Ma'am, acht und dreißig Jahre, und ſprechen Sie, haben Sie je gehört, daß ich an einem Ort gehe oder zu gehen wünſche, wo ich nicht willkommen bin? Nein, Sairey,“ ſagte Mro. Harris,„ganz das Gegen⸗ theil; und ſie kann es wiſſen. Ich bin zwar nur eine arme Frau, aber man hat ſchon nach mir gefragt, Sir, obwohl Sie es vielleicht nicht glauben wollen. Zu allen 24 Stunden der Nacht bin ich ſchon herausgeklopft worden und viele Hausherrn haben mir ſchon aufgekündet, weil ſie's irrthümlich für Feuerlärm hielten. Es iſt wahr, ich gehe aus, um für mein Brod zu ſorgen, aber ich behaupte, mit Ihrer gütigen Erlaubniß, meine Unabhängigkeit, und werde ſie behaupten bis in meinen Tod. Ich habe meine Gefühle als eine Frau, Sir, aund ich bin auch Mutter geweſen, aber wenn mir jemand ein Töpfchen anrührt, welches mir gehört, oder wenn mir jemand die geringſte Bemerkung macht, über das was ich eſſe und trinke, ſo müßte ſie, wäre es auch die beliebteſte, die vor⸗ witzigſte Hexe von einem jungen Dienſtmädchen, welche je in ein Haus gekommen iſt, den Platz räumen, oder ich würde es thun. Mein Verdienſt iſt nicht groß, Sir, aber ich laſſe mich nicht darum betrügen. Gott behüte das Kind und rette die Mutter, das iſt mein Sprüchwort, Sir; aber ich bin auch noch ſo frei, beizufügen: Wagt es nicht die Wärterin zu betrügen, denn das läßt ſie ſich nicht gefallen.“ Mrs. Gamp ſchloß ihre Rede, indem ſte mit beiden Händen ihren Shawl dicht über ſich zog und ſich, wie ge⸗ wöhnlich, zur Bekräftigung aller dieſer Einzelheiten auf Mrs. Harris berief. Sie ließ jedoch das eigenthümliche Zittern des Kopfes bemerken, welches bei Damen von ſehr reiz⸗ barer Natur, als Vorbote eines baldigen abermaligen Ausbruchs gilt. Jonas legte ſich daher zeitig in's Mittel. „Da Sie hier ſind,“" ſagte er,„ſo werden Sie beſſer thun, nach ihr zu ſehen und ſie nach Hauſe zu bringen. Ich bin von andern Geſchäften in Anſpruch genommen.“ Er ſprach ſonſt nichts und blickte nur Montague an, als wolle er ihm zu verſtehen geben, er ſey bereit, ihn zu begleiten. „Es thnt mir leid, wenn ich Sie mit fortnehmen muß,“ verſetzte Montague. Jonas warf einen ſo finſtern Blick auf ihn, daß der⸗ ſelbe noch lange in Toms Gedächtniß blieb, daß er ſich ihn nachher oft zurückrief. —.—'———» —— 8 SGE½ 8½Uo¼ͤ— o* — —6— d gegen ſtreite, über und durch di 25 „Es iſt gewiß wahr, bei meinem Leben,“ ſagte Mon⸗ tague.„Warum haben Sie es nothwendig gemacht?“ Indem Jonas den finſtern Blick wiederholte, antwor⸗ tete er nach einer kurzen Pauſe: „Nicht durch mich, ſondern durch Sie wurde die Nothwendigkeit herbeigeführt.“ 3 Er ſagte ſonſt nichts. Das wenige, was er geſpro⸗ chen hatte, klang, Sals befinde er ſich in der Gewalt des andern, obſchon in ſeinem Buſen ein finſterer Teufel da⸗ welchen er nicht ganz Herr werden könne. Sogar ſein Gang hatte, als beide mit einander weiter gingen, Aehnlichkeit mit dem Gange eines Ge⸗ feſſelten; aber derſelbe gefangene Teufel ſuchte durch die geballten Fäuſte, durch die in Furchen gezogene Stirn, e feſtgeſchloſſenen Lippen loszubrechen. Sie ſtiegen in ein ſchönes Cabriolet, welches ihrer harrte, und fuhren weiter. Dieſe außerordentliche Scene war ſo ſchnell vorüber⸗ gegangen und hatte die ſich umherdrängende Menge, wie es ſchien, ſo wenig berührt, daß Tom das Ganze, ob⸗ gleich er eine Hauptrolle dabei geſpielt hatte, nur wie ein Traum vorkam. Niemand hatte, nachdem er das Dampfboot verlaſſen, auf ihn geachtet. Er ſtand hinter Jonas und ſo nahe bei ihm, daß er Alles was vorging noothwendig hören mußte. Die Schweſter an ſeinem Arme, war er in der Hoffnung ſtehen geblieben, eine Gelegen⸗ heit zu finden, ſeinen ſeltſamen Antheil an dieſem noch ſeltſameren Vorfalle aufzuklären. Aber Jonas hatte ſeine Augen nicht vom Boden gehoben, Niemand anders wür⸗ digte ihn eines Blicks, und ehe Tom ſich zu jenem Schritte entſchloſſen hatte, war Alles fort. Er blickte nach ſeinem Hauswirthe umher, er hatte es ſchon mehr als einmal gethan, er ſah aber den Mann nicht. Sein Forſchen noch immer fortſetzend, bemerkte er eine Hand, die ihm aus einer Miethkutſche zuwinkte, unnd darauf zueilend, fand er, daß Merry darin ſaß. 3 Boz, Chuzzlewit. V. 26 Sie redete ihn haſtig an, beugte ſich aber zum Fenſter hinaus, um von ihrer Begleiterin, Mrs. Gamp, nicht gehört zu werden. „Was iſt das?“ fragte ſie.„Gütiger Himmel, was iſt das? Warum ſagte er mir geſtern Abends, daß ich mich zu einer langen Reiſe vorbereiten ſolle? Warum haben Sie uns wie Verbrecher zurückgebracht? Lieber Herr Pinch,“ ſagte ſie, verzweifelnd die Hände ringend, „ſeyen Sie barmherzig gegen uns, worin immer dieſes ſchreckliche Geheimniß beruhen mag, haben Sie Erbar⸗ men, und Gott wird Sie ſegnen.“ „Wenn etwas der Art in meiner Macht liegen würde,“ rief Tom,„ſo würden Sie mich nicht umſonſt darum bitten, glauben Sie mir! Aber ich weiß von der Sache noch viel weniger, als Sie.“ Sie zog ſich wieder in die Kutſche zurück und er ſah ihre Hand noch einmal für einen Augenblick ihm zuwinken; ob es aber ein Zeichen des Vorwurfs, oder der Ungläubigkeit, ob es der Ausdruck des Schmerzes, ein wehmüthiges Lebewohl, oder etwas anderes war das konnte er nicht verſtehen, da es ſo ſchnell vorüber⸗ ging. Auch ſie war jetzt fort und es blieb ihm nichtt übrig, als mit Ruth ſeinen Weg fortzuſetzen und zu ſtaunen. Hatte Herr Nadgett den Mann, der nie kam, für dieſen Morgen auf die Londonbrücke beſtellt? Das war gewiß, daß er in dieſem Augenblicke nach dem Dampf⸗ bootkai über die Brüſtung hinunterſah. Zum Vergnügen konnte dies wohl nicht geſchehen; denn er machte ſich nie ein Vergnügen. Nein. Er mußte da nothwendiger Weiſe ein Geſchäft haben. H etw Fenſter nicht l, was daß ich Varum Lieber ngend, dieſes Erbar⸗ hürde,“ darum Sache und er ck ihm „oder nerzes, war, rü ber⸗ nichtt nd zu , für 3 war ampf⸗ nügen ich nie ndiger 27 Zweites Kapitel. Herr Jonas und ſein Freund gelangen zu einem angenehmen Ein⸗ geſtändniß und brechen zu einem Unternehmen auf. O— Die Anglo⸗Bengaliſche uneigennützige Lebensver⸗ ſicherungsgeſellſchaft lag ganz in der Nähe, und da Herr Montague und Jonas auf das Bureau derſelben zufuh⸗ ren, ſo hatten ſie einen ſehr kurzen Weg zurückzulegen. Würde aber auch die Fahrt mehrere Stunden lang ge⸗ dauert haben, ſo hätte ſie doch von keiner Seite eine Bemerkung hervorgerufen, denn es war klar, daß Jonas das Schweigen nicht unterbrechen mochte, und daß es auch nicht in der Stimmung ſeines theuren Freundes lag, ihn in ein Geſpräch zu verwickeln. Es war jetzt kein Grund mehr zur Verbergung vor⸗ handen und darum hatte Janas ſeinen Mantel bei Seite geworfen und, während er im Wagen ſaß, denſelben über ſeine Kniee gelegt; obwohl er ſo weit, als es der ſehr beengte Raum nur geſtattete, von ſeinem Begleiter weggerückt war. In ſeinem Weſen lag ein auffa llender Unterſchied, wenn man es mit der Art und Weiſe ver⸗ glich, in welcher er ſich erſt vor wenig Minuten am Bord des Packetſchiffs gegen Tom gezeigt hatte, oder mit jener häßlichen Veränderung, die ihn in Herrn Mon⸗ tague's Ankleidezimmer überfallen hatte. Er hatte das Ausſehen wie ein Mann, der über etwas betreten und im Schach gehalten wird, wie ein Mann, den man hetzt, fortſtößt, zu Schanden macht; aber es lag jetzt das mehr und mehr ſich ſteigernde Dämmerlicht eines Entſchluſſes in ſeinem Geſichte, wel⸗ ches ſein Aeußeres ſehr veränderte. Er war düſter, miß⸗ trauiſch, blaß vor Zorn und vor Aerger, er war de⸗ müthig, feig, gemein und hündiſch. Aber es mochte . 3*⁴ 28 der Widerſtreit auch noch ſo groß ſeyn, der Zug eines einzigen kräftigen Vorſatzes ſtand doch da, ein Vorſatz, der mit jeder Erregung ſeines Geiſtes kämpfend, die ganze Reihe, wie ſie ſich erhoben hatte, niederwarf. Da ſein Aeußeres in ſeinen ſchönſten Zeiten nie ſehr einnehmend geweſen war, ſo konnte man natürlich auch jetzt nichts Beſſeres erwarten. Seine Unterlippen hatten tiefe Spuren der Vorderzähne, und dieſe Zeugen einer Aufregung, die erſt kürzlich ſtatt gehabt hatte, verſchöͤ⸗ nerten ihn eben ſo wenig, als die tiefen Furchen auf ſeiner Stirn. Er war aber jetzt gefaßt, in der That ganz unnatürlich gefaßt, wie man es bei Feigen hie und da bemerkt, wenn ſie in verzweiflungsvolle Noth gerathen. Als der Wagen Halt machte, wartete er nicht auf eine Einladung, ſondern ſprang hinaus und eilte die Treppe hinauf. Der Präſident folgte ihm, ſchloß die Thüre des Sitzungszimmers, ſobald ſte eingetreten waren, und warf ſich auf ein Sopha. Jonas blieb vor dem Fenſter ſtehen und ſchaute in die Straße hinunter, indem er ſich auf das Fenſtergeſims lehnte und den Kopf auf die aufgeſtemmten Arme ſtützte. „Das iſt nicht ſchön, Chuzzlewit,“ ſagte Mantague endlich,„meiner Seele, nicht ſchön!“ „Was wollen Sie denn eigentlich von mir,“ ſagte Jonas plötzlich, rings umher blickend,„was erwarten Sie?“ „Vertrauen, einiges Vertrauen, mein guter Freund,“ antwortete Montague im Tone des Gekränkten. „Alle Wetter! weil Sie mir ſo großes Vertrauen ſchenken!“ erwiederte Jonas.„Nicht wahr?“ „Thue ich es nicht?“ ſagte ſein Kompagnon, den Kopf aufwerfend und nach Herrn Chuzzlewit hinſehend, welcher ſich ſchon wieder umgewendet hatte.„Thue ich es nicht? Habe ich Ihnen nicht die ſchönern Pläne an⸗ vertraut, die ich zu unſerm Beſten entworfen, ich ſage zu unſerm Beſten, nicht blos zu dem meinigen ent⸗ eines orſatz, „ die e ſehr auch zatten einer ſchoͤ⸗ i auf That n hie Noth nicht eilte chloß reten vor nter, Kopf ague ſagte arten nd,“ auen 29 worfen habe! Und was iſt mein Dank? Der Verſuch einer Flucht!“ „Wie können Sie das wiſſen? Wer ſagt es Ihnen, daß ich zu fliehen gedenke?“ „Wie! Wer mir's ſagte? Ha! Ha! Ein ausländi⸗ ſches Boot, mein Freund, zu ſo fruͤher Zeit, und in einer Geſtalt, die ſich durch Verhüllung unkenntlich ge⸗ macht hat. Wer wird es mir auch geſagt haben! Wenn Sie nicht im Sinne hatten, mich zu hintergehen, wa⸗ rum waren Sie dort? Und wenn Sie mich nicht täuſchen wollten, warum ſind Sie wieder zurückgegangen?“ „Ich bin zuruͤck, weil ich Aufſehen vermeiden wollte.“ „Sie waren ſehr weiſe,“ entgegnete ſein Freund. Jonas ſchwieg und ſah noch immer, den Kopf auf die Arme geſtützt, in die Straße hinab. „Nun, Chuzzlewit,“ ſagte Montague,„ungeachtet des Vorgefallenen, will ich offen gegen Sie ſeyn. Wer⸗ bes Sie auf mich hören? Ich kann nur Ihren Rücken ehen,“ 4„Ich höre Sie, fahren Sie fort.“ „Ich ſage, daß ich ungeachtet des Vorgefallenen offen gegen Sie ſeyn werde.“ „Das habe ich ſchon gehört, und ich habe Ihnen auch gezeigt, daß ich es gehört habe. Fahren Sie fort.“ „Sie ſind ein wenig aufgeregt, doch ich kann da⸗ gegen um ſo mehr Nachſicht haben, als ich glücklicher⸗ weiſe in der beſten Stimmung bin. Wir wollen jetzt. ſehen, wie die Sachen ſtehen. Vor ein paar Tagen theilte ich Ihnen mit, mein theurer Freund, daß ich die Entdeckung gemacht zu haben glaube....“ „Wollen Sie Ihr Maul halten!“ ſagte Jonas, in⸗ dem er wild zurückſchauderte und nach der Thüre ſchielte. „Gut, gut,“ ſagte Montague.„Sie haben ganz Recht; Vorſicht iſt nothwendig; wenn meine Entdeckung bekannt würde, ſo könnte ſie für mich von keinem be⸗ ſondern Nutzen ſeyn, wie es in dieſer vortrefflichen Welt 30 gar vielen Leuten mit ihren Entdeckungen geht. Chuzz⸗ lewit, Sie ſehen, wie offen und freimüthig ich bin, wenn ich Ihnen die Schwäͤche meiner eigenen Lage zeige. Aber nun zur Sache; ich machte, oder ich glaube we⸗ nigſtens eine gewiſſe Entdeckung gemacht zu haben, die ich Ihnen bei der erſten Gelegenheit in's Ohr flüſtere, indem ich rein von dem Geiſte des Vertrauens geleitet werde, der, wie ich hoffte, zwiſchen uns herrſchte und von Ihnen erwiedert wird. Vielleicht iſt etwas an der Sache, vielleicht auch nicht. Ich habe meine eigenen Anſichten über dieſen Gegenſtand, und Sie haben die Ihrigen. Wir wollen die Frage nicht weiter erörtern. Aber Sie, mein guter Freund, ſind ſchwach geweſen. Ich wünſche nichts Ihnen vor die Augen zu legen, als daß Sie ſchwach geweſen ſind. Ich könnte wünſchen, dieſes kleine Ereigniß zu meinem Vortheile zu benützen, und in der That, ich wünſchte es, ich will es nicht in Abrede ſtellen. Aber mein Intereſſe liegt nicht darin, daß ich es beweiſe, oder gegen Sie gebrauche.“ „Wie, das ſollte kein Gebrauch gegen mich ſeyn?“ fragte Jonas, der ſeine Haltung noch nicht geändert hatte. „O““ verſetzte Montague lachend.„Wir wollen hierauf nicht weiter eingehen.“ „Iſt dies der Gebrauch, den Sie meinen, mich zum Bettler zu machen? Zum Henker,“ murmelte Jonas bitter.„Das iſt der Gebrauch, welcher in Ihrem In⸗ tereſſe liegt. Sie ſprechen da die Wahrheit.“ „Ich wünſche allerdings von Ihnen, daß Sie ein Bischen mehr mit uns wagen, obgleich im Grunde nichts gewagt iſt, und ſich ruhig verhalten,“ ſagte Mon⸗ tague.„Sie haben mir das verſprochen und Sie müſſen es halten. Ich ſage Ihnen offen, Chuzzlewit, Sie müſſen. Ueberlegen Sie die Sache. Wollen Sie nicht? Nun, ſo iſt mir mein Geheimniß werthlos und kann ebenſo gut öffentliches Eigenthum werden, als es das meinige iſt. Ja, das erſtere iſt ſogar noch beſſer lhuzz⸗ bin, zeige. we⸗ die ſtere, leitet und der enen die ern. ſen. als hen, zen, in rin, 2 31 für mich, da ich einigen Kredit dabei erringe, wenn ich es an das Licht bringe. Ich brauche Sie ferner als eine Art Köder in einem Falle, auf welchen ich Sie bereits aufmerkſam gemacht habe. Ich we daß Sie ſich nichts daraus machen, daß Sie ſich nichts um den Mann kümmern, daß Sie überhaupt zu ſch ſind, ſich überhaupt um Jemand zu kümmern, was hoffentlich auch bei mir der Fall iſt, und ſo jeden Verluſt von ſeiner Seite mit frommer Standhaftigkeit ertragen können, ha, ha, ha! Sie haben verſucht, ſich bei der erſten bedeu⸗ tenden Folge aus dem Staube zu machen, aber ich ver⸗ ſichere Sie, Sie können nicht entkommen, Sie haben das heute ſchon geſehen. Sie wiſſen, daß ich kein mo⸗ raliſcher Menſch bin, und es ſicht mich nicht im Ge⸗ ringſten an, welch' kleine Unbeſonnenheit Sie immer begangen haben mögen, aber ich wünſche, Nutzen daraus zu ziehen, wenn ich kann, und einem Manne von Ihrer Einſicht kann ich dieſes offene Bekenntniß wohl ablegen. Was die Sache auch betreffen mag, ich nehme es nicht genau damit; Jedermann ſucht aus der Unklugheit ſeines Nebenmenſchen Nutzen zu ziehen, und die Leute vom beſten Rufe thun dieſes am meiſten. Warum machen Sie mir dieſe Mühe? Es muß zu einem freundſchaft⸗ lichen Uebereinkommen oder zu einem unfreundſchaftlichen Bruche kommen! Es muß. Tritt das Erſte ein, ſo können Sie nur ſehr wenig Schaden leiden. Erfolgt das Letzte— nun! Sie wiſſen am Beſten, was Ihnen dann wahr⸗ ſcheinlich begegnen wird.“ Jonas trat von dem Fenſter zurück und dicht an den Sprecher hin. Er blickte ihm nicht ins Geſicht, denn das war gegen ſeine Gewohnheit. Er heſtete aber ſeine Augen auf ihn, etwa auf ſeine Bruſt, und konnte nur mit Mühe ſeine langſame, deutliche Antwoct hervorbringen; er glich ungefähr einem Menſchen, der anfängt, ſich ſeiner Betrunkenheit bewußt zu werden. „Das Läugnen nützt jetzt nichts,“ ſagte er.„Ich . 32 wollte allerdings dieſen Morgen entfliehen, um aus der Ferne beſſere Bedingungen von Ihnen erlangen zu können.“ „Das iſt gewiß! Das iſt gewiß!“ entgegnete Mon⸗ tague,„nichts iſt natürlicher. Ich habe das vorausge⸗ ſehen und meine Maßregeln dagegen getroffen. Aber ich fuͤrchte, Sie zu unterbrechen.“ „Wie zum Teufel,“ fuhr Jonas mit noch größerer Anſtrengung fort,„ſind Sie zu Ihrem Boten gekom⸗ men? Wo haben Sie ihn aufgefunden? Ich bin ihm von lange her noch etwas ſchuldig. Wenn Sie ſich im Allgemeinen ſo wenig um die Menſchen bekümmern, als Sie ſo eben geſagt haben, ſo wird es Ihnen wohl gleichgültig ſeyn, was aus einem ſolch ſtutzſchwänzigen Kater wird, und Sie werden mir daher überlaſſen, ganz nach meinem Belieben mit ihm dieſe Rechnung abzu⸗ ſchließen.“ Hätte er die Augen zu dem Geſichte ſeines Ge⸗ fährten erhoben, ſo würde er bemerkt haben, daß Mon⸗ tagne offenbar den Sinn ſeiner Worte nicht begriff. a er aber in derſelben Stellung vor dem Andern ſtehen blieb, ſeinen verſtohlenen Blick ſtets in der glei⸗ chen Richtung hielt, und nun ſchwieg, um ſeine trocke⸗ nen Lippen anzufeuchten, ſo ging dieſer Umſtand für ihn verloren. Ein geübter Beobachter würde wohl die Entdeckung gemacht haben, daß dieſer ſtiere Blick ein Theil der Veränderung ſey, welche in Jonas Benehmen vor ſich gegangen. Er hielt ihn ſtets auf eine einzige Stelle gerichtet, mit welcher offenbar ſeine Gedanken nichts zu thun hatten; wie etwa ein Gaukler, der auf einem Seile über eine gefährliche Stelle geht, und da⸗ mit er nicht ausgleite, als Richtſchnur irgend einen Gegenſtand in's Auge faßt, von dem er nie abweicht. Montague war raſch in ſeiner Antwort, obgleich er ſte nur aufs Gerathewohl gab. Ueber dieſen Punkt waltete zwiſchen ihm und ſeinem Freunde keine Mei⸗ nungsverſchiedenheit ob. Nicht die geringſte. s der n zu Mon⸗ isge⸗ Aber zerer kom⸗ ihm im ern, vohl igen Janz bzu⸗ Ge⸗ on⸗ riff. ern lei⸗ cke⸗ für die ein en „Ihre große Entdeckung,“ fuhr Jonas mit einem wilden Hohne fort, welcher für den Augenblick die Ober⸗ hand gewann,„kann wahr, aber auch falſch ſeyn. Wie dem ſey, ſo viel kann ich doch immer behaupten, daß ich nicht ſchlechter bin als andere Leute.“ „Nicht im geringſten,“ ſagte Tigg,„nicht im ge⸗ ringſten; wir ſind einander alle gleich, oder doch ſo ziemlich.“ Jonas ſagte:„Ob ſie von Ihnen ausgegangen iſt, möchte ich übrigens wiſſen. Sie werden ſich nicht wun⸗ dern, daß ich dieſe Frage erhebe.“ „Von mir ausgegangen!“ wiederholte Herr Mon⸗ tague. „Ja,“ entgegnete der andere mürriſch,„weiß ſonſt noch Jemand davon? Nun! Nun! Beſinnen Sie ſich nicht lange.“ „Nein,“ ſagte Montague ohne das geringſte Zögern, „welchen Werth würde ein Geheimniß für mich haben, wenn ich es nicht ausſchließend für mich hätte.“ Jetzt ſah ihn Jonas zum erſtenmale an. Nach einer Pauſe ſtreckte er ſeine Hand aus und ſprach lachend: „Nun, machen Sie mir die Sache leicht und ich bin der Ihrige. Ich weiß überhaupt nicht, ob ich im Grunde hier nicht beſſer aufgehohen bin, als wenn ich dieſen Morgen fortgegangen wäre. Doch ich bin da, und will jetzt auch dableiben. Ich ſchwöre es Ihnen.“ Er räuſperte ſich, denn er wurde heiſer, und fuhr dann im klaren Tone fort:„Soll ich zu Pecksniff gehen; wann? Sagen Sie, wann?“ „Auf der Stelle,“ rief Montague,„er kann nicht zu früh verleitet werden.“ 4 3 „Alle Wetter,“ rief Jonas mit einem wilden Lachen, nes liegt etwas Spaßhaftes darin, dieſen alten Heuch⸗ ler zu fangen. Ich haſſe ihn; ſoll ich dieſen Abend noch hingehen?“ 34 „Recht ſo,“ ſagte Montague in Ertaſe,„ſo ſteht es doch auch geſchäftsmäßig aus! Jetzt verſtehen wir uns! Heute Abend, unter allen Umſtänden, mein guter Freund!“ „Begleiten Sie mich,“ rief Jonas,„wir müſſen mit vielem Wind außziehen und Dokumente mitbringen, denn im Verkehr iſt er ein gewichster Burſche, und wenn er überhaupt folgen ſoll, ſo muß er auf eine ſchlaue Weiſe hineingezogen werden. Ich kenne ihn. Da ich Ihre Wohnung und Ihre Diners nicht mit hinnehmen kann, ſo muß ich Sie mitnehmen. Wollen Sie dieſen Abend kommen?“ Sein Freund ſchien zu zögern. Dieſen Vorſchlag hatte er nicht erwartet, und er ſchien auch nicht beſon⸗ ders nach ſeinem Geſchmacke. 3 „Wir können unſern Plan auf dem Wege beſpre⸗ chen,“ ſagte Jonas.„Wir dürfen nicht unmittelbar zu ihm gehen, ſondern müſſen einen andern Ort zum Vor⸗ wand nehmen, von deſſen Richtung wir abweichen, um ihm einen Beſuch abzuſtatten. Vielleicht habe ich nicht nothwendig, Sie vorzuſtellen, aber jedenfalls muß ich Sie auf dem Platze haben. Ich kann Ihnen ſagen, daß ich meinen Mann kenne.“ 4 „Aber wie, wenn dieſer Mann auch mich kennen ſollte?“ ſagte Montague, die Achſel zuckend. „Wenn er Sie kennen ſollte?“ rief Jonas.„Sind Sie nicht des Tages fünfzigmal der gleichen Gefahr ausgeſetzt? Würde Ihr eigener Vater Sie kennen? Habe ich Sie gekannt? Alle Wetter, Sie waren eine ganz andere Figur, als ich Sie das erſtemal ſah. Ha, ha, ha! Ich ſehe die Löcher und die Flicken an Ihrem Nocke noch vor mir, damals kein falſches Haar, ja keine ſchwarze Farbe, kurz, Sie waren in jener Zeit ein ganz anderer Menſch, Sie haben damals ſogar anders ge⸗ ſprochen. Seitdem haben Sie den Gentleman in ſo vollem Ernſte geſpielt, daß Sie ſich ganz in die Rolle —————————————y— ÿySA8½A 3 3 gefunden haben. Was liegt auch daran, wenn er Sie kennt. Ein ſolcher Wechſel iſt ein Beweis Ihrer Er⸗ folge. Sie wiſſen das, denn ſonſt würden Sie ſich mir nicht zu erkennen gegeben haben. Wollen Sie mit⸗ kommen?“— „Mein guter Freund,“ entgegnete Montague noch immer zögernd,„ich kann Ihnen wohl allein trauen!“ „Mir trauen! Alle Wetter, mir können Sie jetzt weit genug trauen. Ich will es nicht mehr verſuchen, zu entwiſchen; nein, nie mehr.“ Er hielt inne und ſetzte dann in einem nüchternen Tone bei:„aber ich kann nicht ohne Sie gehen, wollen Sie mitkommen?“ „Ich will, wenn es Ihre Meinung durchaus iſt,“ antwortete Montague. Beide drückten ſich die Hände. Die lärmende Weiſe, welche Jonas während des letzten Theils dieſer Unterredung angenommen und die ſich faſt mit jedem Worte höher geſteigert hatte, legte ſich nicht, als er ſeinem Freunde jetzt in das Geſicht ſah, ſie blieb vielmehr mit allem Nachhalte da, ſie hätte zu jeder Zeit höchſt ungewöhnlich und unverträg⸗ lich mit ſeinem Charakter erſcheinen müſſen; aber un⸗ ter den Umſtänden, welche ſo niederdrückend waren, er⸗ ſchien es beſonders unnatürlich, daß ſie ſo lange anhielt. Sie glich nicht der Wirkung des Weins oder eines an⸗ dern geiſtigen Getränkes, denn Jonas ſprach vollkommen zuſammenhängend und beſtand auch die Probe gegen den gewöhnlichen Einfluß ſolcher Aufregungsmittel; denn obgleich er an dieſem Tage ohne alle Scheu oder Vor⸗ ſicht mehrmals tiefe Züge gethan hatte, ſo blieb er doch ganz der gleiche Mann, und ſeine Lebhaftigkeit ſank oder hob ſich nicht in einem nur einigermaßen be⸗ merklichen Grade. Als ſie nach dieſer Erörterung überein gekommen waren, während der Nacht zu reiſen, damit die Ge⸗ ſchäfte des Tages in keiner Weiſe unterbrochen würden, beriethen ſie ſich über die Mittel. Herr Montague r 36 war der Meinung, vier Pferde ſeyen räthlich, wenig⸗ ſtens für die erſte Station, um den Leuten um ſo mehr Sand in die Augen zu verfen, und deswegen wurde auf neun Uhr Abends ein vierſpänniger Reiſewagen beſtellt. Jonas ging nicht nach Hauſe, denn er meinte, wenn er wegen einer Geſchäftsſache die Stadt in ſo großer Eile verlaſſe, ſo finde ſich für ſeine unerwartete Rückkehr von dem Boote ein guter Vorwand. Er ſchrieb daher um ſeinen Mantelſack, und ſchickte einen Boten mit dem Billete ab, welcher das Gepäck gehörig brachte, zugleich aber auch ein paar Zeilen von einer andern Laſt, ſeiner Frau, die den Wunſch ausdrückte, ihn vor ſeiner Abreiſe noch einen Augenblick zu ſprechen. Als Antwort darauf folgte ein:„Sie thäte beſſer...!“ eine ſo drohende Affirmation, daß ſie, der engliſchen Gram⸗ matik zum Trotze, hinteichend war, eine Verneinung auszudrücken. Sie blieb daher ferne. Herr Montague hatte im Laufe des Tages viel zu thun, und daher un⸗ terhielt ſich Jonas hauptſächlich mit dem Doktor, mit welchem er in dem, dem Medicinalbeamten ausſchlie⸗ ßend zugewieſenen Zimmer frühſtückte. Als Jonas dahinging, begegnete er in dem äuße⸗ ren Büreau dem Herrn Nadgett und neckte dieſen ge⸗ heimnißvollen Gentleman damit, daß er ihn immer ängſtlich zu vermeiden ſcheine, und fragte ihn zugleich, ob er ſich denn vor ihm fürchte? Herr Nadgett ant⸗ wortete ſchüchtern:„Nein, aber er glaube, es müſſe ſeine Art ſo ſeyn, weil man ihm daſſelbe früher oft vorgeworfen habe.“ Herr Montague hörte dieſes mit an. Sobald Jonas fort war, winkte er Nadgett mit ſeiner Feder herbei, und fluͤſterte ihm in's Ohr: „Wer gab ihm heute Morgen meinen Brief?“ „Mein Miethsmann, Sir,“ flüſterte Nadgett hin⸗ ter ſeiner Handfläche ihm zu. „Wie kam das?“. „Ich fand ihn auf dem Kai, Sir. Da ich ſo ſehr n⸗ 37 Eile hatte, und da Sie noch nicht angelangt waren, ſo war es nöthig, etwas zu thun. Gllücklicherweiſe fiel es mir ein, wenn ich den Brief ſelbſt abliefern würde, ſo könnte ich von keinem weiteren Nutzen ſeyn, und ich würde mir dadurch augenblicklich das Spiel ſelbſt verdorben haben.“ „Herr Nadgett, Sie ſind ein Juwel!“ ſagte Mon⸗ tagne, ihm auf die Schulter klopfend.„Wie nennt ſich Ihr Miethsmann?“ „Pinch, Sir. Herr Thomas Pinch.“ 5 Montague dachte einen Augenblick nach und fragte ann: „Wiſſen Sie, aus welcher Gegend?“ „Von Wiltſhire, Sir, ſo ſagte er mir.“ Sie trennten ſich ohne ein weiteres Wort. Würde man übrigens mit angeſehen haben, wie bei der näch⸗ ſten Zuſammenkunft Herr Nadgett ſich gegen Herrn Montague verbeugte, und wie Herr Montague ihn grüßte, ſo würde jeder geglaubt haben, darauf ſchwö⸗ ren zu können, daß dieſe beiden Perſonen in ihrem ehen noch nie vertraulich mit einander geſprochen haben. Inzwiſchen ließen es ſich Herr Jonas und der Doktor eine Treppe weiter oben, bei einer Flaſche alten Madeiras und einigen Sandwiches ſehr wohl ſeyn; denn da der Sohn des Aesculap bereits auf ſechs Uhr zu einem Diner unten eingeladen war, ſo wollte er zum Gabelfrühſtücke nur eine kleine Erfri⸗ ſchung zu ſich nehmen.„Dies iſt aus zweierlei Rück⸗ ſichten ſehr rathſam,“ ſagte er,„einmal, weil es an und für ſich geſund iſt, und weil man ſich zweitens dadurch beſſer für das Diner vorbereitet.“ „Und Sie ſind vor Allem verpflichtet, beſondere Sorgfalt auf die Verdauung zu richten, Herr Chuzzle⸗ wit, mein theurer Sir,“ ſagte der Doktor, indem er nach dem Genuſſe eines Glaſes Wein mit den Lippen ſchnalzte,„denn, verlaſſen Sie ſich darauf, ſie ver⸗ 38 lohnt ſich wohl der Mühe. Sie muß in einem bewun⸗ derungswürdigen Zuſtande ſeyn, Sir, ſte muß einem vollkommenen Uhrwerke gleichen, ſonſt könnte unſer Geiſt nicht ſo merkwürdig ſeyn. Der Herr unſeres Buſens ſitzt leicht auf ſeinem Throne, Herr Chuzzle⸗ wit, ſagt ein Dichter in einem Luſtſpiele. Ich wünſchte beiläufig, er ſagte es in einem Luſtſpiele, welches un⸗ ſerem Berufe nur einige Gerechtigkeit widerfahren ließe. Es kommt ein Apotheker in dieſem Stücke vor, Sir, ein ganz erbärmliches, elendes Ding, Sir, ge⸗ mein, und nicht im Mindeſten nach der Natur.“ Herr Jobling zupfte an ſeiner feinen Buſenſtreife, als wolle er hinzufügen; das nenne ich bei einem Manne von Fach Natur, Sir, und ſah Jonas an, ob er ihm nicht antworte. Jonas war nicht in der Stimmung, dieſen Gegen⸗ ſtand weiter zu verfolgen, er ergriff daher ein Lanzet⸗ ten⸗Etuis, welches neben dem Doktor lag und öffnete es. „Ah!“ ſagte der Doktor, indem er ſich in ſeinem Stuhle zurücklehnte,„ich nehme es ſtets aus meiner Taſche, ehe ich eſſe, meine Taſchen ſind ſehr knapp; ha, ha, ha!“ Jonas hatte eines der kleinen blanken Inſtrumente herausgenommen und prüfte es mit einem Blicke, wel⸗ cher ſo ſcharf war, wie die glänzende Schneide. „Guter Stahl, Doktor, guter Stahl! ha?“ „Ja,“ verſetzte des Doktor mit ſtockender Beſchei⸗ denheit über ſein Eigenthum.„Man kann damit präch⸗ tig eine Vene öffnen.“ „Es hat auch ohne Zweifel ſeiner Zeit ſchon viele geöffnet?“ ſagte Jonas, indem er das Inſtrument mit wachſendem Intereſſe betrachtete. „Nicht wenige, mein theurer Sir, nicht wenige. Es hat gedient in einer... in einer rechten hübſchen Praxris darf ich ſagen,“ erwiederte der Doktor mit ei⸗ nem Hüſteln, als ob die Thatſache ſo trocken und buch⸗ ſtäblich ſey, daß er ſich deſſen nicht erwehr en könne — Q ðN§—— 39 „In einer recht hübſchen Praxis,“ wiederholte der Dok⸗ tor, indem er abermals ein Glas Wein an ſeine Lip⸗ pen brachte.. „Könnte man mit einem ſolchen Dinge auch die Kehle eines Mannes abſchneiden?“ fragte Jonas. „O gewiß, gewiß; wenn man die rechte Stelle trifft,“ entgegnete der Doktor.„Davon hängt freilich Alles ab.“ „Wo Sie jetzt Ihre Hand haben, nicht wahr?“ rief Jonas, indem er ſich, um beſſer zu ſehen, vorneigte. „Ja,“ ſagte der Doktor,„das iſt die Ingularis.“ In ſeiner Lebhaftigkeit machte Jonas dicht vor des Doktors Ingularis einen ſolchen Schnitt durch die Luft, daß dieſer ganz roth wurde. Dann brach Herr Chuzzle⸗ wit in demſelben Anfluge von Heiterkeit in ein lautes, mißtöniges Geläͤchter aus. „Nicht, nicht!“ ſagte der Doktor kopfſchüttelnd; „ſcharfe Werkzeuge, ſcharfe Werkzeuge, mit dieſen darf man nicht ſpielen! Da fällt mir ſo eben ein ſehr merk⸗ würdiges Beiſpiel von der Anwendung ſchneidender Werkzeuge ein. Es war der Fall bei einem Morde. Ich fürchte, daß es um einen Mord ſich handelte, welchen ein Mitglied unſeres Berufs verübte, denn er war ſo kunſtgerecht ausgeführt.“ „Wirklich?“ ſagte Jonas.„Wie war das?“ „Ach, Sir,“ erwiederte Jobling,„das Ganze läßt ſich in eine Nußſchaale zuſammenfaſſen. In einer dunk⸗ len Straße fand man eines Morgens einen gewiſſen Gentleman, der aufrechts an der Ecke eines Thorwegs ſtand,— oder ich wollte ſagen: in der aufrechten Stel⸗ lung an der Ecke eines Thorwegs lehnte und folglich von dem Thorweg gehalten wurde. Auf ſeiner Weſte fand ſich nur ein einziger Tropfen Blut. Er war todt, kalt und ermordet, Sir!“ „Nur ein einziger Tropfen Blut!“ wiederholte Jonas. „Sir,“ fuhr der Doktor fort,„dieſer Mann hatte 40 einen Stich in das Herz erhalten. Er war mit einer ſolchen Gewandtheit in das Herz getroffen worden, Sir, daß er innerlich ſich verblutete und augenblicklich ſtarb. Sir, man glaubte, daß ein ärztlicher Freund von ihm, auf welchem auch der Verdacht haften blieb, ihn unter irgend einem Vorwande zu einem Geſpräche eingela⸗ den, wahrſcheinlich vertraulich am Kopfe genommen, mit der andern Hand gemächlich ſeinen Grund unter⸗ ſucht, die Stelle ſich genau gemerkt, nach den erfor⸗ derlichen Vorbereitungen das Werkzeug, was es immer ſeyn mochte, gezogen und....“ „Und den Poſſen ausgeführt habe,“ ergänzte Jonas. „Richtig!“ verſetzte der Doktor.„Es war eigent⸗ lich eine Operation zu nennen, welche vortrefflich ab⸗ lief. Der ärztliche Freund kehrte nie wieder zurück, und er hat, wie ich Ihnen ſagte, die Ehre davon, ob⸗ ſchon ich nicht mit Beſtimmtheit ſagen kann, ob er es gethan hat oder nicht. Da ich übrigens mit zwei oder drei meiner Kollegen zu dieſem Falle gerufen zu wer⸗ den die Ehre hatte, und die Wunde ſorgfältig unter⸗ ſuchte, ſo zögere ich keinen Augenblick zu ſagen, daß die Sache einem Mann von der Medizin Ehre gemacht haben würde, und daß ſie bei einem Manne außer dieſem Fache nur als ein außerordentliches Kunſtwerk, oder als das Ergebniß einer noch außerordentlicheren, glücklichen und günſtigen Conjunktur der Umſtände ſich erklären ließe.“ Sein Zuhörer intereſſirte ſich ſo ſehr für dieſen Fall, daß der Doktor fortfuhr, ihn mit Hülfe ſeines Zeigefingers, ſeines Daumens und ſeiner Weſte zu er⸗ läutern; und auf Herrn Chuzzlewits Bitte gab er ſich die weitere Mühe, ſich in eine Ecke des Zimmers zu ſtellen und abwechſelnd ſowohl den Ermordeten, als den Mörder vorzuſtellen, was er mit großem Effekte durchfuhrte. Die Flaſche war leer und die Geſchichte zu Ende. Jonas befand ſich aber noch immer in demſelben lär⸗ 41 menden und ungewöhnlichen Zuſtande, in welchem er ſich zu dem Frühſtuͦcke uiedergeſetzt hatte. Wenn, nach Joblings Theorie, der Grund in ſeiner guten Ver⸗ dauung lag, ſo mußte es ein wahrer Strauß ſeyn. Bei und nach dem Diner hielt dieſelbe Stimmung noch immer an, und es wurde überflüſſig Wein getrun⸗ ken und verſchiedene koſtbare Speiſen wurden geſpeist, auch um neun Uhr hatte ſie noch nicht nachgelaſſen. Da ſich in dem Wagen eine Laterne befand, ſo ſchwur er, ein Kartenſpiel und eine Flaſche Wein mitnehmen zu wollen, welche Gegenſtände er auch unter ſeinen Mantel ſteckte, als er nach der Thüre hinabging. „Aus dem Wege, Tom Thumb(Hans Däumling). Geh' zu Bette!“ Dieß war die Begrüßung, welche er Herrn Bailey zu Theil werden ließ, der geſtiefelt und eingemummt an dem Wagenſchlage ſtand, um ihm hineinzuhelfen. „Ju Bette, Sir?“ verſetzte Bailey,„ich gehe ja auch mit.“ Jonas ſprang haſtig aus dem Wagen, packte Herrn Bailey an dem Kragen und ſchleppte ihn nach der Halle zurück, in welchem Montague ſo eben ſeine Cigarre an⸗ zündete. 1 „Sie wollen doch nicht dieſen Affen von einem Buben mitnehmen?“ 3 „Ja, ich will!“ ſagte Montague. „Er riüttelte den Knaben und warf ihn dann zur eite. In dieſer Handlung lag mehr von ſeinem ei⸗ gentlichen Ich, als in irgend etwas von dem, was er heute gethan hatte. Hierauf brach er in ein lautes Ge⸗ lächter aus, führte mit der Hand einen Stoß nach dem Doktor, um die Handlung des ärztlichen Freundes nach⸗ zuahmen, ging wieder zu dem Wagen zurück, und nahm feinen Sitz ein. Sein Compagnon folgte ihm unmit⸗ elbar. Boz, Chuzzlewit. V. 4 Doftor aus, Herr Bailey kletterte auf den Bedientenſttz. „Es wird eine ſtürmiſche Nacht geben!“ rief der ſie wegſuhren. Drittes Kapitel. Verfolg der Unternehmung des Herrn Jonas und ſeines Freundes Des Doktors Prophezethung hinſichtlich des Wetters ging ſchnell in Erfüllung. Der Himmel war zwar keiner⸗ ſeiner Patienten, und es hatte ihn auch keine dritte Per⸗ ſon aufgefordert, über den Fall ein Gutachten abzuge⸗ ben; aber dennoch gab die alsbaldige Erfüllung ſeiner Vorherſage den Beweis für ſeinen Takt als Mann von Fach; denn wenn das drohende Ausſehen des Abende nicht gegen jeden Mißgriff ſichernd, augenſcheinlich ge⸗ weſen wäre, ſo würde Herr Jobling ſeinem Rufe nie eine Blöße dadurch gegeben haben, daß er überhaupt eine Anſicht über den Gegenſtand aufſtellte. Er folgte dieſem Grundſatze in der Medizin mit zu glücklichem Er⸗ folge, um nicht demſelben ſogar bei den gewöhnlichſten Anläſſen zu folgen.. Es war eine jener ſchwülen, ſtillen Nächte, in wel⸗ chem die Leute ſich an's Fenſter ſetzen, auf den Donne lauſchen, und deſſen Losbrechen mit jedem Augenblich entgegen ſehen. Es war eine Nacht, in welcher man ſich gerne unheimliche Geſchichten von Orkanen und Erd⸗ beben, von einzelnen Wanderern in weiten Ebenen, von einſamen Schiffen auf der See, welche vom Blitze ge⸗ troffen wurden, erzählt. An dem ſchwarzen Horizonke blitzte hie und da ein Wetterleuchten auf, und der Win ſauste hohl und noch immer beladen mit dem erſchöpften Echo des Donners, als hätte er da geblaſen, wo dieſer rollte. Der Sturm war indeſſen noch nicht heraufge⸗ undes. tters einer⸗ Per⸗ zuge⸗ einer von Bende Er⸗ hſten wel⸗ onnel iblich man Erd⸗ von ge⸗ onte Lind ften ieſer ifge⸗ 45 kommen, obgleich er ſich ſchon raſch ſammelte, und die herrſchende Stille war um ſo feierlicher, da in der Luft Alles. auf einen fernen geräuſchvollen Kampf hindeutete. Es war ſehr finſter; aber von dem düſtern Himmel ſtiegen Wolkenmaſſen mit fahlem Lichte auf, gleich un⸗ geheuern Kupfermaſſen, die in einem Hochofen erhitzt worden und nun allmählig erkalteten. Dieſe waren lang⸗ ſam näher gerückt, bis ſie jetzt faſt regungslos ſtehen blieben, und als der Wagen an den Straßenecken vor⸗ über raſſelte, traf er überall auf Menſchengruppen, auf viele Perſonen ohne Hüte, deren Häuſer in der Nähe waren, um in dieſe Himmelsrichtung zu blicken; einige große Regentropfen fielen nun nieder und der Donner rollte in der Ferne. Jonas ſaß in einer Ecke des Wagens, er hielt die Weinflaſche auf dem Knie, deren Hals aber feſt umklammert, wie wenn er ihn zu Pulver zermahlen wolle. Indem er inſtinktmäßig in die unheimliche Nacht hinausſchaute, hatte er das Kartenſpiel auf den Rückſitz gelegt, während ſein Begleiter einen ebenſo inſtinktmäßigen Antrieb, wel⸗ cher jedoch beiden ſo verſtändlich war, daß keiner eine Bemerkung machte, folgte, und die Lampe auslöſchte. Die anderen Gläſer des Wagens waren niedergelaſſen und Beide ſahen ſchweigend in die düſtere Landſchaft hinaus. 1 Sie hatten London hinter ſich, oder wenigſtens ſo weit hinter ſich, als dieſes Wanderern möglich iſt, welche ich auf der erſten Station des weſtlichen Weges be⸗ fänden. Sie begegneten hin und wieder einem Fußgän⸗ ger, der dem nächſten Orte zueilte, um ein Obdach zu ſinden, oder irgend einem ſchwerfälligen Karren, welcher Wirthshauſes ſtanden kleine Gruppen ſolcher Fuhrwerke, während die dazu gehörigen Führer aus den Thüren und 4* 44 offenen Fenſtern dem Gewitter zuſahen, oder ſich in der Wirthsſtube erluſtigten. Ueberall waren die Menſchen mehr geneigt, Geſellſchaft ſtatt der Einſamkeit aufzuſu⸗ chen, und die Reiſenden begegneten daher faſt an jedem Hauſe, an welchem ſie vorüberkamen, aufmerkſamen Ge⸗ ſichtern, welche ihnen nachblickten und in die Nacht hin⸗ ausſchauten. Es ſcheint vielleicht ſonderbar, daß Jonas dadurch geſtört oder beunruhigt werden konnte, aber dennoch war es ſo. Nachdem er viel vor ſich hingemurmelt, ſeine Stelle oft gewechſelt hatte, zog er die Wagenblende an ſeiner Seite auf, und wendete derſelben ärgerlich ſeine Schulter zu. Er blickte nie auf ſeinen Begleiter und unterbrach auch das ſo plötzlich eingetretene Schweigen nicht mit einem Worte. Der Donner rollte, der Blitz flammte, der Regen ſtrömte gleich einer Sündfluth nie⸗ der. Einen Augenblick von einer blendenden Helle um⸗ geben, im nächſten Augenblick wieder von der finſterſten Nacht umringt, ſetzten ſie noch immer ihre Reiſe in größter Eile fort. Selbſt als ſie die nächſte Station er⸗ reichten, mochten ſie nicht bleiben, ſondern beſtellten ſogleich neue Pferde. Dieß war jedoch nicht Folge eines fuünf Minuten langen Pauſirens des Ungeſtüms, welches jetzt ein Aufhören des Gewitters hoffen ließ; denn ſie ſetzten ihre Reiſe fort, als würden ſie durch die Wuth deſſelben getrieben. Sie ſchienen in gleicher Weiſe zu fühlen, daß ſie vorwärts mußten, obwohl ſie noch keine zwölf Worte mit einander gewechſelt hatten, obwohl ſte recht wohl hätten bleiben können⸗ Lauter und lauter rollte der tiefe Donner, als wie derhalle er durch Myriaden von Hallen eines weiten himmliſchen Tempels; leuchtender und gräßlicher wurden die Blitze, ſchwerer und ſchwerer ſtrömte der Regen nie⸗ der. Die Pferde(ſie fuhren jetzt nur noch mit einem Paare) ſchlugen aus und ſcheufen vor den Strömen zuckenden Feuers, die ſich auf dem Boden vor ihnen 5 -SESeeSnSDod Sͤͤ—,—e— n der ſchen zuſu⸗ edem Ge⸗ hin⸗ durch noch ſeine e an ſeine und igen Blitz nie⸗ um⸗ rſten e in 45 hinwanden. Aber die beiden Männer ſaßen da und drängten vorwärts, wie durch einen unſichtbaren Zauber fortgetrieben. Das Auge, welches an der Schnelligkeit des zucken⸗ den Lichtes Theil nahm, ſah bei jedem Strahle eine Menge von Gegenſtänden, die es am hellen Tage in fünfzigmal ſo viel Zeit nicht geſehen haben würde. Glocken in Kirchthürmen, dem Seile, welches ſie in Bewegung ſetzte; Vogelneſter in den Balkengeſimſen und Niſchen, beſtürzte Geſichter in dem vorüberfahrenden, ſchwankenden Frachtwagen, deren erſchrecktes Geſpann ein Gebrülle ausſtieß, welches der Donner übertönte; Eggen und Pflüge auf den Feldern; Meilen auf Meilen, durch Hecken getheilte Ländereien mit dem fernen Baumſaume; die Vogelſcheuche in dem nahen Bohnenacker— dieſes Alles legte ein zitternder, flackernder Moment deutlich und helle vor das Auge. Das rothe Zucken ſpielte dann in Gelb, das Gelb in Blau über, und es war ein ſo durchdringender Glanz, daß man ſich in einem Lichtmeere glaubte, und augenblicklich darauf wieder die tiefſte und ſchwärzeſte Finſterniß. Der blendende, zackige Blitz mochte eine ſeltſame, optiſche Täuſchung hervorgerufen oder unterſtützt haben, welche plötzlich vor den beſtürzten Augen Montagues auftauchte, und ebenſo ſchnell wieder verſchwand. Er glaubte Jonas Hand, in der er die Flaſche wie einen Hammer hielt, aufgehoben zu ſehen, als habe Jonas den Kopf ſeines Begleiters ſich zum Ziele gewählt. In demſelben Augenblicke bemerkte er, oder es kam ihm wenigſtens ſo vor, in dem Geſichte deſſelben einen Ausdruck, in welchem ſich die unnatür⸗ liche Aufregung, die Jonas den ganzen Tag über gezeigt hatte, mit grimmigem Haſſe und wilder Furcht paarte, ein Anblick, ſo greulich, daß ſogar ein Wolf als ein wünſchenswertherer Reiſegefährte erſchienen wäre. Mon⸗ tague ſtieß unwillkührlich einen Schrei aus, und rief dem Kutſcher zu, welcher ſeine Roſſe alsbald anhielt. 4 46 Er mußte ſich getäuſcht haben, denn obwohl er kein Auge von ſeinem Begleiter abgewendet hatte, konnte er doch keine Bewegung an ihm wahrnehmen, er ſaß viel⸗ mehr in ſeiner Ecke zurückgelehnt wie zuvor da. „Was gibt es?“ fragte Jonns.„Iſt dieß Ihre ge⸗ wöhnliche Art, wenn Sie aus dem Schlafe auffahren.“ „Ich könnte darauf ſchwören, daß ich kein Auge geſchloſſen habe,“ entgegnete Montague. „Nun,“ ſagte Jonas ruhig,„wenn Sie es beſchwo⸗ ren haben, ſo wird es, meine ich, beſſer ſeyn, wenn wir weiter fahren, falls Sie nur deßwegen haben Halt machen laſſen.“ Er zog den Kork mit Hülfe ſeiner Zaͤhne aus der Flaſche, ſetzte dieſe an und that einen langen, langen Zug. „Ich wollte, wir hätten dieſe Reiſe nicht angetre⸗ ten,“ ſagte Montague, der ſich inſtinktmäßig in ſeine Ecke drückte, und mit einer Stimme ſprach, welche ſeine Aufregung bezeugte.„Das iſt keine Nacht zum Reiſen.“ „Alle Wetter, da haben Sie recht,“ rief Jonas. „Ohne Ihre Veranlaſſung wären wir auch jetzt nicht im Freien. Hätten Sie mich nicht den ganzen Tag hin⸗ gehalten, ſo könnten wir jetzt ſchon behaglich in einem Bette zu Salisbury ſchlafen. Warum wurde Halt ge⸗ macht?“ Montague ſteckte für einen Augenblick den Kopf zum Fenſter hinaus und bemerkte, als er ihn wieder zurückzog(als ob hierin der Grund ſeiner Beklommen⸗ heit gelegen hätte), daß der Knabe bis auf die Haut durchnäßt ſey. „Daran geſchieht ihm recht,“ entgegnete Jonas. „Es freut mich! Warum, zum Henker, mußten wir da Halt machen? Wollten Sie ihn zum Trocknen auf⸗ hängen?“. „Halb und halb habe ich im Sinne, ihn hereinzu⸗ nehmen,“ bemerkte Montague nach einigem Zögern. „O danke!“ entgegnete Jonas„Einen naſſen Bu⸗ kein er jel⸗ ge⸗ n 41 uge vo⸗ enn alt der ug. re⸗ ine ine u. 1 ——— 47 ben brauchen wir hier nicht, am allerwenigſten einen ſolchen Unhold. Laſſen Sie ihn, wo er iſt. Ich denke, daß er ſich vor ein Bischen Donner und Blitz nicht fürchten wird. Vorwärts Kutſcher! Oder wäre es vielleicht nicht beſſer, auch ihn hereinzunehmen, und die Pferde auch dazu?“ murmelte er mit einem Lachen. „Fahrt nicht zu ſchnell!“ rief Montague dem Po⸗ ſtillon zu,„und nehmt Euch in Acht! Ihr wart dem⸗ Graben ganz nahe, als ich Euch zurief.“ Dies war nicht wahr, und Jonas ſagte es gerade heraus, als der Wagen weiter rollte. Montague achtete übrigens wenig oder gar nicht auf das, was er ſagte, ſondern wiederholte, daß das keine Nacht zum Reiſen ſey, und er zeigte ſich ſowohl in dieſem Augenblicke als nachher ungemein ängſtlich. Von dieſem Momente an gewann Jonas ſeine frü⸗ here Heiterkeit wieder, wenn anders dieſer Ausdruck auf eine Gemüthsſtimmung paßt, in welcher er die Stadt verlaſſen hatte. Oft führte er die Flaſche an den Mund, er brüllte Verſe aus Liedern mit abſcheulichem, taktloſem Mißtone und zwang ſeinen ſchweigenden Freund, mit ihm luſtig zu ſeyn. „Sie ſind der beſte Geſellſchafter der Welt, mein guter Freund,“ ſagte Montague mit einiger Anſtren⸗ gung,„und im Allgemeinen find Sie unwiderſtehlich, aber dieſe Nacht— hören Sie es?“ „Zum Henker, ich hoͤre es und ſehe es noch dazu!“ ſchrie Jonas, vor dem Blitze, welcher in dieſem Mo⸗ mente ringsumher flammte, die Augen bedeckend.„Was iſt das? es ändert weder Sie, noch mich, noch unſere Angelegenheiten. Chor, Chor““ Blitz es rings um uns in Sturm, Bis es treibt den rothen Wurm. Aus dem Gras, laß' Galgen ragen. Todten kann der Blitz nicht an, Nimmer rettet ſich der Mann, Dem das Stündlein hat geſchlagen, 48 „Das muß ein köſtliches altes Lied ſeyn,“ fügte er mit einem Fluche hinzu, als er in ſeiner Selbſtbewunde⸗ rung Halt machte.„Seit ich Knabe war, habe ich es nicht mehr gehört, und ich weiß nicht, wie es mir jetzt in den Kopf gekommen iſt; vielleicht hat es mir der Blitz hineingejagt.„Todten kann der Blitz nicht an! Nein, nein! Nimmer rettet ſich der Mann! Nein, nein! Nein! ha, ha, ha!“ Seine Heiterkeit hatte einen ſo wilden und außer⸗ gewöhnlichen Charakter, und war in einer unbeſchreib⸗ lichen Weiſe ſo ganz für dieſe Nacht paſſend, daß ſie, indem ſie deren Schrecken dieſer roh verhöhnte, Herr Montague, der ſeiner Lebtage eine feige Memme geweſen war, in Angſt verſetzte, ſo daß er in eigentlicher Furcht vor ihm zuruͤckwich. Während Jonas ſein Werkzeug ſeyn ſollte, ſchienen ſie jetzt die Plätze gewechſelt zu haben. Doch dafür, meinte Montague, ſey auch ein Grund vor⸗ handen, denn das Gefühl der Erniedrigung könne wohl ſolch einem Manne den Wunſch einflößen, lärmend eine Unabhängigkeit zu behaupten, um in der Zügelloſigkeit ſeine wahre Lage zu vergeſſen. Da er rückſichtlich ſolcher Betrachtungsgegenſtände einen ſchnellen Blick hatte, ſo bedurfte er nicht lange, um dieſes Argument in Rech⸗ nung zu bringen, und es vollwichtig zu betrachten. Aber dennoch verließ ihn ein gewiſſes unheimliches Gefühl nicht, und er war niedergeſchlagen und unruhig. Er war überzeugt, daß er nicht geſchlafen hatte; aber ſeine Augen konnten ihn doch getäuſcht haben, denn wenn er Jonas jetzt in einem Momente des Leuchtens der Blitze anſah, ſo konnte er ſich ſeine Geſtalt in jeder Haltung, die ihm ſein Geiſteszuſtand eingab, vorſtellen. Andererſeits wußte er zu gut, daß Jonas keinen Grund hatte, ihn zu lieben, und ſelbſt in dem Falle, daß er die Pantomime, welche er geſehen zu haben glaubte, nicht als das Erzeugniß ſeiner Phantaſie, ſondern als wirk⸗ liche Geberde betrachtete, ſo mußte er zugeſtehen, daß ſie 49 mit Herrn Chuzzlewits ſonſtiger diaboliſcher Stimmung im Einklange war, und den ohnmächtigen Ausdruck der Wahrheit in ſich trug.„Wenn er mich durch einen Wunſch tödten könnte,“ dachte der Betrüger,„ſo ſollte ich nicht lange mehr leben.“ Er faßte den Beſchluß, Jonas, ſo bald er ihn aus⸗ genützt haben würde, einen eiſernen Zaum anzulegen. In der Zwiſchenzeit konnte er nichts Beſſeres thun, als ihn bei ſeiner eigenen Weiſe zu laſſen und ſeine ſelt⸗ ſame, außerordentliche Heiterkeit nicht zu ſtören. Es war kein großes Opfer, Geduld mit ihm zu haben. „Denn wenn alles Moͤgliche eingebracht iſt,“ dachte Montague,„ſo werde ich jenſeits des Waſſers kampiren, und die Lacher auf meiner Seite haben, und obendrein den Gewinn.“ Dies waren ſeine Betrachtungen von Stunde zu Stunde, denn ſein Geiſt gehörte unter die Klaſſe jener, welche ſich unabläſſig mit einer nüchternen Wiederholung derſelben Gedanken quälen. Während dem beluſtigte Jo⸗ nas, der das Nachdenken ganz bei Seite gelegt zu haben ſchien, ſich in ſeiner fruͤhern Weiſe. Sie kamen mit einander überein, daß ſie nach Salisbury gehen und am Morgen einen Beſuch bei Herrn Pecksniff abſtatten woll⸗ ten. Die Ausſicht, dieſen würdigen Gentleman zu hinter⸗ gehen, erhob das Gemüth ſeines liebenswürdigen Schwie⸗ gerſohns ſo, daß er lärmender wurde, als er es je zuvor war.— Mit dem Schwinden der Nacht ſtarb auch der Don⸗ ner, wenn er gleich noch düſter und kläglich aus der Ferne rollte. Die Blitze waren zwar noch hell und häufig, doch jetzt beziehungsweiſe unſchädlich. Der Re⸗ gen machte mit demſelben Ungeſtüm fort, welches er früher gezeigt hatte. Es war ein Unglück für ſie, daß ſie gegen Anbruch des Morgens auf ihrer letzten Station ein Paar ſtätiſche Pferde bekamen. Dieſe Thiere waren in ihren Ställen „50 durch das Ungewitter ſehr eingeſchüchtert worden, und wurden mehr und mehr unlenkfam, da in dem traurigen Zwiſchenraume zwiſchen Nacht und Morgen das Leuchten der Blitze noch nicht durch den Tag gemindert war, und die verſchiedenen Gegenſtände ſich ihnen in unbeſtimmten und übertriebenen Geſtalten zeigten, welche ſie bei Nacht nicht gewahrt haben würden. 4 Plötzlich ſcheuten ſie an einem Gegenſtande neben der Straße, rasten wild einen ſteilen Hügel hinab, war⸗ fen ihren Lenker aus dem Sattel, riſſen den Wagen an den Rand eines Grabens, ſtürzten Kopf über hinunter, und der Wagen fiel krachend um. Die Reiſenden hatten den Schlag geöffnet und waren entweder herausgeſprungen oder herausgefallen. Jonas war der erſte, der wieder auf den Beinen ſtand. Er fühlte ſich unwohl, ſchwach, ſehr ſchwindelig, und taumelte gegen ein fünffach ver⸗ riegeltes Thor, an welchem er ſich feſt hielt. Als er dämmernd umherblickte, kam er nach und nach mehr zum Bewußtſeyn, und bemerkte, daß Montague beſinnungslos auf der Straße nur einige Schritte von den Pferden lag. In einem Augenblicke eilte er, als wenn ſein eigener ſchwacher Körper plötzlich durch einen Dämon beſeelt worden wäre, zu den Pferden, riß mit aller Kraft an ihren Zügeln, und drängte die wüthend ausſchlagenden Thiere dem Kopfe Montagues näher und näher, ſo daß für denſelben die ſchönſte Ausſicht vorhanden war, in der nächſten halben Minute werde ſein Gehirn auf der Landſtraße umhergeſpritzt ſeyn. Als er dieſes that, kämpfte er mit den Pferden in vollſter Beſonnenheit, und machte fie durch ſeine Rufe immer wilder „Wupp!“ ſchrie Jonas,„Wupp! Noch einmal! Noch einmal! Noch ein Bischen mehr, noch ein Bischen mehr! Auf, ihr Teufel! Hillo!“ Als er hörte, daß der Kutſcher, welcher ſich auf⸗ gerafft hatte und nun herbeieilte, ihm zurief, inne zu halten, vermehrte ſich ſeine Heſtigkeit. G dwee—ͤN—,— und gen ten und ten icht ben ar⸗ an ter, ten 51 „Hillo! hillo!“ ſchrie Jonas. „Um Gotteswillen!“ rief der Kutſcher,„der Gentle⸗ man— im Wege— wird zu Grunde gehen.“ Das nämliche Geſchrei und daſſelbe Kämpfen war die einzige Antwort. Aber der Mann ſtürzte mit Ge⸗ fahr ſeines eigenen Lebens herbei, indem er ihn durch Koth und Waſſer aus dem Bereich der Pferdehufe zog. Dann rannte er auf Jonas zu, und mit Hülfe ſeines Meſſers machte er die Pferde von dem zerbrochenen Wa⸗ gen los und brachte ſie, verletzt und blutend, auf die Beine. Der Poſtillon und Jonas hatten nun Zeit, ſich gegenſeitig zu betrachten, was bisher nicht geſchehen war. „Geiſtesgegenwart! Geiſtesgegenwart!“ rief Jonas, indem er wild ſeine Hände in die Höhe hob.„Was würdet Ihr ohne m ich angefangen haben?“ „Der andere Gentleman,“ entgegnete der Mann, den Kopf ſchüttelnd,„wäre ohne mich ſchlimm daran geweſen. Sie hätten ihn zuerſt bei Seite ſchaffen ſollen. Ich gab ihn ſchon für verloren.“ ebWeiſtesgegenwart! ihr Krächzer, Geiſtesgegenwart!“ rief Jonas mit einem heiſeren Lachen.„Meint Ihr, er ſey getroffen worden?“. Beide wandten ſich nun, um nach ihm zu ſahen. Jonas murmelte etwas vor ſich hin, als er bemerkte, duß Montagne unter der Hecke ſaß und verwirrt um ſich ickte. „Was gibt es?“ fragte Montague„Hat Jemand chaden genommen?“ „Alle Wetter!“ ſagte Jonas;„es ſcheint nicht. Es gibt keine zerbrochenen Knochen hier.“ S ie richteten ihn auf, und er verſuchte zu gehen. Er war ſehr erſchüttert und zitterte ſehr heftig, obſchon er, einige Beulen und Schrammen gusgenommen, keinen Schaden erlitten hatte. „Riſſe und Onetſchungen; nicht?“ ſagte Jonas, „Dergleichen haben wir Alle. Blos Riſſe und Quet⸗ ſchungen, nicht wahr?“ 5² „Obgleich es ſich jetzt nur um Beulen und Riſſe handelt,“ bemerkte der Poſtillon,„ſo hätte ich doch vor wenigen Sekunden für des Gentlemans Kopf keine ſechs Pence gegeben. Wenn Ihnen je wieder ein ſolcher Un⸗ fall begegnet, Sir, was ich nicht hoffen will, ſo zerren Sie nicht mehr an den Zügeln eines wüthenden Pfer⸗ des, wenn der Kopf eines Menſchen in der Nähe iſt. So etwas geſchieht nicht zweimal, ohne daß es den Tod eines Menſchen zur Folge hat, und ſo gewiß als Sie geboren ſind, wäre es jetzt zu einem ſolchen Ende ge⸗ kommen, wenn ich nicht gerade noch zur rechten Zeit ins Mittel getreten wäre.“ Jonas rieth ihm fluchend, das Maul zu halten und nach einem Orte zu gehen, der wahrſcheinlich mit den Wünſchen des Mannes nicht übereinſtimmte. Aber Mon⸗ tagne, der aufmerkſam zugehört und jedes Wort ver⸗ nommen hatte, gab der Sache eine andere Wendung, indem er rief: „Wo iſt der Knabe?“ „Alle Hagel!“ ſagte Jonas,„den Affen habe ich ganz vergeſſen. Was iſt aus ihm geworden?“ Ein kurzes Spähen klärte die Frage auf. Der un⸗ glückliche Herr Bailey war über die Hecke oder über das fünffach verriegelte Thor hinweggeſchleudert worden, und lag in dem anſtoßenden Felde, allem Anſcheine nach todt. „Als ich ſagte, ich wünſche die Reiſe nie angetreten zu haben,“ rief ſein Gebieter,„hatte ich eine Ahnung, daß ſie einen üblen Ausgang nehmen werde. Betrachten Sie dieſen Knaben!“— „Iſt das Alles?“ brummte Jonas.„Wenn Sie dieß für ein Zeichen davon halten....“* „Was ſoll ich denn ſonſt als ein Zeichen betrach⸗ ten,“ fragte Montague haſtig.„Was meinen Sie damit?“ „Ich meine,“ entgegnete Jonas, indem er ſich über den Körper hinbeugte,„daß ich nie gehört 0—,—— Riſſe ) vor ſechs Un⸗ erren 2 33 habe, Sie ſeyen ſein Vater oder Sie hätten einen be⸗ ſondern Grund, ſich um ihn viel zu kümmern. Hallo! Richte Dich auf.“ Aber mit dem Aufrichten oder Aufgerichtetwerden war es aus, denn außer einem matten, krampfhaften Schlage des Herzens, war kein anderes Lebenszeichen zu finden. Nach einer kurzen Berathung beſtieg der Poſtillon, das am wenigſten beſchädigte Pferd und nahm den Jungen, ſo gut es ging, in ſeine Arme, während Montague und Jonas einen Koffer trugen, das andere Pferd neben ſich herführten, und ſo Salis⸗ bury zuwanderten. „Poſtillon, Ihr könntet in ein paar Minuten frü⸗ her dort ſeyn, und uns Beiſtand entgegenſchicken,“ ſagte Jonas.„Trab aus!“ „„Nein, nein!“ rief Montague haſtig,„wir wollen bei einander bleiben.“ „Was Sie für ein Haſe ſind!“ rief Jonas.„Fürch⸗ ten Sie etwa beraubt zu werden?“ „Ich fürchte mich vor nichts,“ entgegnete der Andere, deſſen Blick und Benehmen in geradem Wider⸗ ſpruche mit feinen Worten ſtanden.„Aber wir wollen beiſammen bleiben.“ „Sie waren ja noch vor einer Minute gewaltig ängſtlich, wegen des Knaben,“ ſagte Jonas.„Ich glaube, Sie meinen, daß er in der kürzeſten Zeit ſter⸗ ben werde.“ „Ja, ja, das weiß ich! Aber wir wollen beiſam⸗ men bleiben.“ „Es war klar, daß er ſich von ſeinem Entſchluſſe nicht abbringen laſſen wollte. Jonas verzog daher, ſtatt einer Antwort, bloß ſein Geſicht, und ſie gingen in Geſellſchaft weiter. Sie hatten noch drei oder vier gute Meilen zu gehen. Der Weg war nicht im beſten Zuſtande, und ihr Gang wurde ihnen auch durch die Laſt, welche ſie zu tragen hatten, und ihre eigenen Beulen nicht erleichtert. 54 Endlich, nach einem langen und beſchwerlichen Marſche langten ſie an dem Wirthshauſe an und klopf⸗ ten die Leute heraus, denn es war noch ſehr früh am Morgen. Dann ſchickten ſie Boten ab, um nach dem Wagen und deſſen Inhalt zu ſehen, und weckten einen Wundarzt, damit dieſer den am ſchlimmſten Beſchädig⸗ ten Hülfe leiſte. Der Mann that was ihm möglich war mit Einſicht und Eifer, gab aber ſein Gutachten dahin, daß der Knabe an einer ſchweren Hirnerſchütte⸗ rung leide, und daß Herrn Baileys irdiſche Laufbahn beendigt ſey. Herr Montague's lebhafte Theilnahme bei dieſer Ankündigung würde, wenn ſie nur einigermaßen als uneigennützig betrachtet werden könnte, bei einem Cha⸗ rakter verſöhnend in's Mittel treten, bei welchem ein ſolcher Zug ſonſt nicht zu finden war. Es war übri⸗ gens nicht ſchwer zu erkennen, daß er aus irgend ei⸗ nem beſtimmten, nicht ausgeſprochenen Grunde, den er ſelbſt nur am Beſten zu würdigen wußte, einen be⸗ ſondern Werth auf die Geſellſchaft und Nähe des jun⸗ gen Menſchen legte. Montague ließ ſich von dem Wundarzt verbinden, zog ſich dann bei hellem Tage nach dem ihm bereiteten Schlafzimmer zurück, und dachte fortwährend über denſelben Gegenſtand nach. „Lieber hätte ich tauſend Pfund verloren, als die⸗ ſen Knaben,“ ſagte er.„Ich bin aber feſt entſchloſſen, allein nach Hauſe zurückzukehren. Chuzzlewit ſoll vor⸗ angehen, und ich werde ihm in einiger Zeit folgen. Nein, ſo mag ich es nicht mehr haben!“ fügte er bei, indem er ſich die naſſe Stirn abwiſchte,„noch vier und zwanzig Stunnden in dieſer Art, und meine Haare ſind grau.“ Er unterſuchte ſein Zimmer mit ungewöhnlicher Vorſicht, ſah unter das Bett, öffnete die Wandſchränke und unterſuchte ſogar die Vorhänge, obgleich es, wie eerwähnt, bereits heller Tag war. Dann verſchloß er 35 die Thure, durch welche er eingetreten war, voppelt. und legte ſich zu Bette. Das Zimmer hatte noch eine andere Thüre, deren Schloß an der äußern Seite war, und er wußte nicht, mit welchem Raume ſie eine Ver⸗ bindung herſtelle. Furcht oder böſes Gewiſſen zeigten ihm dieſe Thure ſtets im Traume. Es kam ihm vor, als ſtehe ein ſchreckliches Geheimmiß mit derſelben in Verbindung, ein Geheimniß, welches er kannte und doch nicht kannte, denn obgleich er dafür ſchwer verantwortlich und dabei betheiligt war, quälte ihn doch ſogar in ſeinem Traum⸗ geſichte eine ſinnverwirvende Ungewißheit über deren Bedeutung Unzuſammenhängend mit dieſem Traume, trat noch ein anderer auf und dieſer zeigte ihm die Thüre als den Verſteck des Feindes, eines Schattens, eines Phantoms, und machte es zur Aufgabe ſeines Lebens, das ſchreckliche Geſchöpf eingeſchloſſen zu hal⸗ ten, um zu verhindern über ihn loszubrechen. In die⸗ ſer Abſicht arbeitete Nadgett, er und ein fremder Mann, mit einem blutigen Flecke auf dem Kopfe(welcher ihm ſagte, er ſey ſein Spielgenoſſe geweſen, und ihm auch den Namen eines bis jetzt vergeſſenen Schulkameraden nannte) ſich mit eiſernen Platten und Nägeln ab, um die Thüre feſt zu machen. Aber ſo eifrig ſie ſich ab⸗ mühten, ſo war doch Alles vergebens, denn die Nägel zerbrachen oder verwandelten ſich in ihren Fingern in weiche Holzſtifte, oder was noch ſchlimmer war, in Würmer. Das Holz der Thüre zerſplitterte und zer⸗ bröckelte ſich, ſo daß kein Nagel hielt, und die eiſernen Platten rollten ſich wie heißes Papier auf. Die ganze Zeit hindurch, gewann das Geſchöpf auf der anderen Seite immer mehr Vortheil über ſie, obgleich ſie nicht wußten, ob es die Geſtalt eines Menſchen, oder eines wilden Thieres an ſich trage, in den größten Schrecken verſetzte tes ihn aber, als der Mann mit dem blutigen Flecken auf dem Kopfe ihn fragte, ub er den Namen des Geſchöpfs wiſſe und ſagte, er wolle ihm denſelben zuflüſtern. Hierauf ſiel der Träumer auf ſeine Kniee und hielt ſich, während das Blut mit unbeſchreiblicher Furcht und eiskalt durch ſeine Adern rann, die Ohren zu. Als er aber die Lippen des Sprechenden betrachtete, bemerkte er, daß ſie ſich bildeten um das Wort:„Ich“ auszuſprechen, und er erwachte unter dem lauten Aus⸗ ruf:„das Geheimniß ſey enthüllt, und ſie Alle ſeyen verloren.“ Als er die Augen öffnete, ſtand Jonas an ſeinem Bette, und dieſelbe Thüre weit offen. Als ſich ihre Blicke begegneten, wich Jonas um ei⸗ nige Schritte zurück, und Montague ſprang auf. „Ei, der Tauſend,“ ſagte Jonas,„Sie ſind ja dieſen Morgen gewaltig lebendig!“ „Lebendig?“ ſtammelte der Andere und zerrte unge⸗ ſtümm an der Glockenſchnur.„Was wollen Sie hier?“ „Es iſt natürlich Ihr Zimmer“ ſagte Jonas,„aber ich bin faſt geneigt, Sie zu fragen, was Sie mit Ihrem Läuten wollen? Mein Zimmer iſt auf der andern Seite dieſer Thüre. Niemand hat mir geſagt, daß ich ſie nicht öffnen ſolle. Ich glaubte, ſie führe in den Hausgang und kam heraus, um das Frühſtück zu beſtellen. Es iſt — es iſt keine Klingel in meinem Zimmer.“ In demſelben Augenblicke ließ Montague den Haus⸗ knecht mit heißem Waſſer und den Stiefeln eintreten, und dieſer, welcher Jonas Worte hörte, ſagte, es ſey eine Klingel vorhanden. Er ging ſoeben in das anſto⸗ ßende Zimmer, um zu zeigen, daß ſie über dem Haupte des Bettes hänge. „Ich konnte ſie eben nicht finden,“ ſagte Jonas. „Nun, es iſt im Grunde gleichviel. Soll ich das Früh⸗ ſtück beſtellen?“ Montague bejahte. So bald Jonas ſich zurückge⸗ zogen hatte und pfeifend in ſeinem Zimmer auf und ah ging, öffnete Montague die Verbindungsthüre, um den 57 Schlüſſel abzuziehen, und ihn an die innere Seite der Thüre zu ſtecken. Aber er war ſchon abgezogen. Nun ſchleppte er einen Tiſch an die Thüre und ſetzte ſich nieder, um ſich zu ſammeln, als wenn ſeine Träume immer noch Einfluß auf ſeinen Geiſt hätten. „Eine ſchlimme Reiſe!“ wiederholte er mehrmals. „Eine ſchlimme Reiſe! Aber ich will allein zurückreiſen. So etwas will ich nicht wieder!“ Sein Vorgefühl oder ſein Aberglaube, daß es eine ſchlimme Reiſe ſey, ſchreckte ihn jedoch nicht ab, das ſchlimme auszuführen, wegen deſſen die Reiſe unternom⸗ men worden war. In dieſer Abſicht kleidete er ſich ſorg⸗ fältiger als gewöhnlich an, um einen günſtigen Eindruck auf Herrn Pecksniff zu machen, und ſein Ausſehen, die Schönheit des Morgens und die naſſen Zweige, welche von ſeinem Fenſter in munterem Sonnenſcheine blitzten, erhoben ihn bald ſo weit, daß er wieder einige Flüche ausſtoßen und den Schluß einer Arie ſingen konnte. Dennoch murmelte er in Zwiſchenräumen vor ſich hin: „Ich will allein nach Hauſe reiſen!“ Viertes Kapitel. Hat Einfluß auf das Glück verſchiedener Perſonen. Herr Pecksniff glänzt in der Fülle ſeiner Gewalt, und gebraucht ſie mit ebenſo viel Männlichkeit als Großmuth. In der erwähnten Gewitternacht, ſaß Mrs. Lupin, die Wirthin zum blauen Drachen, allein in ihrer kleinen Schenkſtube. Ihre einſame Lage oder das ſchlechte Wetter, oder beides vereint, ſtimmte ſie gedankenvoll, wenn nicht wehmüthig. Sie ſaß da, das Kinn auf die Hand ge⸗ ſtützt und durch ein niedriges Hinterfenſter hinausbli⸗ Boz, Chuzzlewit. V. 5 58 ckend, welches ſogar am hellſten Tage durch üppige Weinranken verfinſtert wurde, ſchüttelte ſie oft ihr Haupt und ſagte:„gütiger Himmel, ach du gütiger, gütiger Himmel!“ Es war eine melancholiſche Zeit, ſogar in der ge⸗ mächlichen Drachenſchenkſtube. Die reichen Kornfelder und Waiden, die grünen, wellenförmigen Wieſen mit ihren funkelnden Bächen, mit ihren vielen Hecken und den ſchönen Baumgruppen, alles war ſchwarz und dü⸗ ſter, von den kleinen Scheiben des Hinterfenſters bis an den fernen Horizont, an welchem der Donner längs der Berge hinzurollen ſchien. Der Regen ſchlug die zarten Zweige der Reben und des Gaisblattes nieder, ſtampfte ſie in ſeiner Wuth zuſammen und wenn der Blitz flammte, konnte man ſehen, wie ſich die thränenreichen Blätter ſchaudernd gegen das Fenſter ſchmiegten, als flehten ſie um Schutz gegen die unheimliche Nacht. Als ein Zeichen ihrer Achtung vor dem Blitze hatte Frau Lupin ihr Licht in den Kamin geſtellt. Ihr Strick⸗ körbchen ſtand unbeachtet neben ihr, das auf dem na⸗ hen runden Tiſche aufgetragene Abendeſſen blieb unbe⸗ rührt, und aus Furcht vor ihrer Attraction waren die Meſſer entfernt worden. Sie ſaß ſo lange Zeit, das Kinn auf die Hand geſtützt, und ſagte in Zwiſchenräu⸗ men vor ſich hin:„mein Himmel, ach, du mein güti⸗ ger, gütiger Himmel!“ So eben war ſie im Begriffe, dieſen Stoßſeufzer noch einmal ertöonen zu laſſen, als ihre wegen des Re⸗ gens geſchloſſene Hausthüre knarrte und ein Reiſender eintrat. Er ſchloß die Thüre hinter ſich, ging gerade auf die Halbthüre der Schenkſtube zu, und ſagte in einem ziemlich grämlichen Tone: „Eine Pinte vom beſten alten Biere.“ Er hatte wohl Urſache grämlich zu ſeyn, denn er hätte unmöglich näſſer ausſehen können, wenn er den ganzen Tag unter einem Waſſerfalle zugebracht haben 59 würde. Bis an die Augen war er in einen groben, blauen Matroſen⸗Mantel gehüllt, und er trug auf dem Kopfe einen Wachstaffenthut, von deſſen breitem Rande das Waſſer ihm auf Bruſt, Rücken und Schulter nieder⸗ träufelte. Er hatte den Hut tief hereingedrückt, und gegen das Wetter ſich zu ſchützen ſeinen Kragen aufge⸗ ſchlagen, ſo daß man nur das Kinn ſehen konnte, und auch über dieſes ſchlang ſich der feuchte Aermel des zottigen Mantels. Frau Lupin hielt ihn, als ſie ihn anſah, wegen einer gewiſſen Lebhaftigkeit dieſes Kinnes für einen gutmüthigen Menſchen. „Eine ſchlimme Nacht!“ bemerkte die Wirthin wohl⸗ gemuth. Der Reiſende ſchüttelte ſich wie ein Neufoundland⸗ hund, und meinte: „So ziemlich.“ „In der Küche iſt Feuer,“ ſagte Mrs. Lupin,„und auch ſehr gute Geſellſchaft iſt dort; würden Sie nicht beſſer thun, wenn Sie dahin gingen, um ſich zu trocknen?“ „Nein, ich danke,“ ſagte der Mann, indem er nach der erwähnten Küche hinblickte. Der Weg dahin ſchien ihm bekannt. „Sie könnten ſich aber Ihren Tod geben, weil Sie ſo ſehr durchnäßt ſind,“ bemerkte die Wirthin. „Mit meinem Tode geht es nicht ſo leicht,“ ent⸗ gegnete der Reiſende,„ſonſt. wäre es vielleicht ſchon früher der Fall geweſen. Ihre Geſundheit, Ma'am!“ MNrrs. Lupin dankte ihm; als er aber das Glas an die Lippen ſetzen wollte, wurde er andern Sintes und ſtellte es wieder nieder. Er beugte ſich zurück, blickte ſteif um ſich, wie es wohl ſeyn muß, wenn ein Mann in einen Mantel gehüllt iſt, und den Hut tief auf die Augen hereingedrückt hat, und ſagte dann: „Was iſt das für ein Haus? Nicht wahr der Drache?“ Mrs. Lupin antwortete ſelbſtgefällig: 5* „Ja, der Drache.“ „Wohlan, ſo haben Sie eine Art Verwandten von mir in Ihrem Hauſe, Ma'am,“ ſprach der Reiſende, „einen jungen Mann mit dem Namen Tapley. Was! Mark, mein Junge,“ ſprach er gegen die Scheidewand hin,„ſo bin ich denn endlich doch zu Dir gekommen, alter Knabe!“ Frau Lupin war hiedurch in einem zarten Punkt berührt. Sie wandte ſich ab, um die im Kamine befindliche Kerze zu ſchneuzen und ſagte, indem ſie dem Fremden den Rücken zukehrte: „Im Drachen ſollte niemand willkommener ſeyn, Herr, als der, der mir Kunde von Mark bringt. Aber es iſt ſo mancher und mancher banger Monat verfloſſen, ſeit er den Ort und England verlaſſen hat, und der Him⸗ mel über uns allein weiß, ob der arme Junge noch am Leben oder todt iſt.“ Sie ſchüttelte den Kopf, ihre Stimme zitterte, und ihre Hand mußte daſſelbe thun, denn ſie hatte lange Zeit nothwendig, bis das Licht geputzt war. „Wohin iſt er gegangen, Ma'am?“ fragte der Reiſende in ſanfterem Tone. „Er ging,“ erwiderte Frau Lupin mit wachſender Betrübniß,„nach Amerika. Er war immer ein wohl⸗ wollender und gefühlvoller Menſch, und vielleicht er⸗ wartete er in dieſem Augenblicke in einem Gefängniſſe ſein Todesurtheil, weil er Mitleid mit irgend einem unglücklichen Schwarzen hatte, und dem armen Ge⸗ ſchöpfe entſpringen half. Wie mochte er auch je nach Amerika gehen! Warum nicht lieber nach einem andern Lande, das doch nicht ganz barbariſch iſt, und wo die Wilden einander wenigſtens ehrlich auffreſſen und jedem dieſelbe Wahl freiſtellen.“ 3 Jetzt wurde Frau Lupin von ihrem Schmerze gauz überwältigt, ſchluchzte und war im Begriffe ſich auf ei⸗ nem Stuhl niederzuſetzen, um ihrem bedrängten Herzen 61 Luft zu machen, als ſie der Reiſende in ſeine Arme ſchloß und ſie einen fröhlichen Schrei des Wiedererken⸗ nens ausſtieß. 2 „Ja, ich will!“ rief Mark,„noch einen— noch einen— noch zwanzig! In dieſem Mantel und in die⸗ ſem Hute haben Sie mich nicht gekannt? Ich dachte, Sie hätten mich unter allen Umſtänden kennen ſollen! Zehn mehr!“ „Wenn ich Sie hätte ſehen können, ſo würde ich Sie auch erkannt haben; aber ſehen konnte ich Sie nicht, und Sie ſprachen auch ſo grämlich. Ich hätte nicht ge⸗ dacht, daß Sie bei Ihrem erſten Wiederkommen mich ſo anreden könnten, Mark!“ 3 „Noch fünfzehn,“ ſagte Herr Tapley.„Wie ſchön und wie jung Sie ausſehen! Sechs mehr! Das letzte Halbdutzend war nicht ehrlich gezählt, und muß wieder⸗ holt werden. Gott behüte Sie! Welch' eine Wonne es iſt, Sie wiederzuſehen! Noch einen! In meinem Leben war ich noch nie ſo vergnügt! Nur noch einige wenige, weil doch kein Kredit zu erholen iſt.“ Wenn Herr Tapley in dieſen einfachen Additions⸗ Berechnungen jetzt inne hielt, ſo geſchah es nicht, weil er der Uebung müde, ſondern weil er athemlos war. Die Pauſe erinnerte ihn an andere Pflichten. „ Herr Martin Chuzzlewit iſt außen,“ ſagte er,„ich ließ ihn in der Wagenremiſe, weil ich nachſehen wollte, ob jemand da iſt. Wir wünſchen, uns heute Nacht ganz ſtill zu verhalten, bis wir von Ihnen erfahren haben, wie es ſteht, und wie wir wohl am beſten an⸗ fangen.“ „Nicht eine Seele iſt im Hauſe, als die Küchenge⸗ ſellſchaft,“ entgegnete die Wirthin.„Wenn ſie wuͤß⸗ ten, daß Sie zurückgekommen ſind, ſo würden ſie Freu⸗ denfeuer in den Straßen anzünden.“ „Aber heute dürfen ſie es nicht 4 erfahren, meine koſtbare Seele,“ ſagte Mark.„Wenn die Leute alle fort ſind, ſo ſchließen Sie das Haus, und laſſen das Küchenfeuer brennen. Iſt Alles bereit, ſo ſtellen Sie ein Licht an das Fenſter, und wir kommen dann herein. Noch einen! Ich wünſchte ſo gerne von alten Freunden zu hören. Sie werden mir doch Alles erzählen, von Herrn Pinch, von dem Metzgerhunde in der Straße da⸗ unten, von dem kleinen Dachs über dem Weg drüben, von des Radmachers Hund; kurz von Allen mit einan⸗ der. Als ich heute die Kirche wieder zum erſtenmale zu Geſichte bekam, meinte ich der Thurm bleibe mir im Halſe ſtecken. Noch einen. Wollen Sie nicht? Aber keinen gar zu kleinen zum Schluſſe!“ „ Sie haben wahrhaftig ſchon genug erhalten!“ ſagte Lupin.„Gehen Sie mir, mit Ihren ausländiſchen Manieren.“ „Gott behüte Sie, das iſt nicht ausländiſch!“ rief Mark.„Das iſt einheimiſch, wie die Auſtern! Noch einen, weil es einheimiſch iſt! Als einen Beweis der Achtung des Landes, in welchem wir leben! Das zählt aber nur zwiſchen Ihnen und mir, merken Sie wohl!“ ſetzte Herr Tapley hinzu.„Sie ſehen, daß ich jetzt nicht Sie geküßt habe. Ich war unter den Patrioten, ich habe mein Land geküßt.“ Es würde unvernünftig geweſen ſeyn, ſich über die Aeußerungen eines ſolchen Patriotismus zu beſchwe⸗ ren, zumal er die Erklärung beifügte, daß er nur lau⸗ warm oder gleichgültig ſey. Nachdem er ſeiner Na⸗ iionalität gehörigen Ausdruck gegeben hatte, eilte er zu Martin zurück, während ſich Frau Lupin in einem Zu⸗ ſtande großer Aufregung zur Aufnahme Beider vor⸗ bereitete. Die Geſellſchaft kam bald darauf, indem ſie ſich die Verſicherung gab, die Drachenuhr gehe eine Viertel⸗ oder eine halbe Stunde vor, und der Donner müſſe ihr etwas zugefügt haben. Trotz ihrer Ungeduld, trotz ihrer Muͤdigkeit und trotz ihrer naſſen Kleider, waren do 83 Martin und Mark überglücklich, die alten Geſichter wie⸗ der zu ſehen, und blickten ihnen mit entzückter Theil⸗ nahme nach, als ſie aus dem Hauſe heraus, und dicht an ihnen vorübergingen. „Das iſt der alte Schneider, Mark,“ flüſterte Martin. „Ja, hier geht er, Sir! Ein kleiner Schneider, wie es wohl nicht wieder einen gibt, Sir. Seine Figur ſcheint ſich ſo ſehr verändert zu haben, daß man jetzt mit einem größeren Schubkarren zwiſchen ſeinen Beinen durchfahren könnte, als man es mit Bequemlichkeit zu der Zeit vermochte, in der wir ihn kannten. Da kommt auch Sam heraus, Sir.“ „Wahrhaftig!“ rief Martin,„Sam, der Stall⸗ knecht. Ich bin begierig, ob Pecksniffs Pferd noch am Leben iſt.“ „Kein Zweifel, Sir,“ entgegnete Mark,„denn es iſt eine Art Thier, welches lange Zeit den ihm eigen⸗ thümlichen, knochernen Weg geht und zuletzt in die Zeitungen unter dem Titel kommen wird: Auffallende Lebenszähigkeit eines Vierfüßlers. Als ob in ſeinem ganzen Leben je eine Lebhaftigkeit der Beachtung werth geweſen wäre! Da iſt der Kirchner, Sir, wie immer ſehr betrunken.“ „Ich ſehe ihn,“ entgegnete Martin lachend.„Bei meinem Leben, wie naß Sie ſind, Mark!“ „Bin ich's? Was glauben Sie denn von ſich ſelbſt, Sir?“„O bei mir iſt es nicht halb ſo ſchlimm,“ ſagte ſein Reiſegefährte mit der Miene des Mitleids.„Ich ſagte Ihnen ja, daß Sie nicht immer auf der Wind⸗ ſeite halten ſollten, Mark, ſondern daß Sie hie und da mit mir abwechſeln möchten. Der Regen hat Sie vom Anfang an immer getroffen.“ „Wenn ich wagen darf, es zu ſagen, Sir,“ ver⸗ ſetzte Mark nach einem kurzen Schweigen,„ſo wiſſen ie gar nicht, wie angenehm es mir iſt, zu hören, daß 64 Sie ſich ſo ganz rückſichtsvoll benehmen. Sie haben ſich immer ſo gezeigt, ſo lang ich in Eden florirte, obgleich ich nicht gedenke, davon Gebrauch zu machen.“ „Ach, Mark,“ ſeufzte Martin.„Je weniger wir davon ſagen, deſto beſſer iſt es. Sehen Sie jenes Licht vrt k „Das iſt das Licht!“ rief Mark.„Gott behüte ſie, wie hurtig ſie war. Nun darauf los, Sir! Guten Wein, gute Betten, und vortreffliche Verpflegung für Menſchen und Thiere.“ Das Küchenfeuer brannte hell, der Tiſch war ge⸗ deckt, der Keſſel ſprudelte, Pantoffeln und Stiefelknecht lagen bereit, Schnitten von Hammelskeulen lagen auf dem Bratroſte und ein halbes Dutzend Eier ſchmatzten in der Pfanne. Eine dickhalſige Kirſchengeiſt⸗Flaſche ſtand neben einem ſchäumenden Bierkruge auf dem Tiſche, und köſtlicher Mundvorrath hing von den Deckbalken herunter, als habe man nur den Mund zu öffnen, um irgend etwas Reifes und Gutes mit Freuden in den⸗ ſelben herunterfallen zu laſſen. 5 Frau Lupin hatte aus Rückſicht für ihre Gäſte ſo⸗ gar die Köchin, dieſe Prieſterin des Tempels, zu Bette geſchickt und bereitete das Mahl mit eigenen hohen Händen.. 3 Es war unmöglich, man konnte nicht anders, ſo⸗ gar im Geiſt hätte man ſie umarmen müſſen. In die⸗ ſer Hinſicht waren der atlantiſche Ocean und das rothe Meer ganz daſſelbe. Martin umarmte ſie augenblicklich; Herr Tapley fogte, als ſey ihm dieſe nagelnene Idee denor nie eingefallen, ſeinem Beiſpiele mit vieler Gra⸗ vität. „Ich habe es mir gedacht,“ ſagte Frau Lupin, in⸗ dem ſie erröthete und unter herzlichem Lachen ihre Haube wieder in Ordnung richtete,„ſo oft ich auch ſagte, Herr Pecksniffs junge Gentlemen ſeyen das Leben und die Seele des Drachen, indem es ohne ſie nur ſehr — 8— — 65⁵ langweilig ſeyn würde;— aber wahrhaftig ich hatte es nie gedacht, daß einer hievon ſich ſolche Freiheit neh⸗ men würde, wie Sie, Herr Martin— noch viel we⸗ niger aber, daß ich nicht einmal darüber zürnen dürfte, ſondern mich von ganzem Herzen darüber freuen müſſe, die erſte zu ſeyn, die ihn nach ſeiner Rückkehr von Amerika bewillkommt, und dazu auch Mark Tapley, ſeinen...“ 3 „Seinen Freund, Frau Lupin,“ fiel ihr Martin haſtig in das Wort. „Seinen Freund,“ entgegnete die Wirthin, über dieſe Auszeichnung augenſcheinlich erfreut, aber gleich⸗ wohl Herrn Tapley mit der Gabel ermahnend, ſich in reſpektsvoller Entfernung zu halten.„Nein, das häͤtte ich mir nie träumen laſſen, am allerwenigſten aber, daß mir je die Gelegenheit werden ſollte, Veränderun⸗ gen zu melden, wie ich ſie erzählen will, wenn Ihr Nacht⸗ eſſen vorüber ſeyn wird.“ „Gütiger Himmel!“ rief Martin, indem er die Farbe wechſelte,„welche Veränderungen?“ „. Sie,“ ſagte die Wirthin,„iſt ganz wohl, und jetzt bei Herrn Pecksniff; wegen ihr brauchen Sie ſich nicht zu beunruhigen, denn ſie iſt Alles, was Sie wünſchen können. Wozu nützte es auch, die Sache zu bemänteln und ein Geheimniß daraus zu machen?“ fügte Mrs. Lupin bei,„Sie ſehen, ich weiß Alles.“ „Mein gutes Geſchöpf,“ entgegnete Martin,„Sie ſind gerade die Perſon, die darum wiſſen darf, und es freut mich, daß Sie wirklich darum wiſſen. Aber welche Veränderungen meinen Sie? Hat ſich irgend ein Todesfall ereignet?“ „Nein, nein!“ ſagte die Wirthin,„ſo ſchlimm iſt es nicht. Aber ich erkläre Ihnen, daß ich kein weite⸗ res Wort mehr ſprechen will, ſo lange Sie nicht Ihr Abendeſſen zu ſich genommen haben. Nein, ich gebe eine Antwort mehr, wenn Sie auch fünfzig Fragen an mich ſtellen ſollten.“ 6⁶ Das war ſo beſtimmt geſprochen, daß nichts au⸗ deres übrig blieb, als das Nachteſſen ſo bald wie möglich zu ſich zu nehmen. Sie brauchten ſich hiebei keinen großen Zwang anzuthun, weil ſie viele Meilen gewandert waren, und ſeit Mittag gefaſtet hatten. Es währte übrigens länger, als ſie erwarteten, denn ſie glaubten wohl ſechsmal am Ende zu ſeyn, aber jedes⸗ mal bewies Frau Lupin triumphirend die Nichtigkeit ihrer Meinung. Endlich aber, im Laufe der Zeit und der Natur, war das Nachteſſen doch vorüber. Sie ſtreckten ihre in Pantoffeln befindliche Füße gegen den Küchenheerd aus(was wunderbar behaglich war, weil es kalt geworden) und ſchickten ſich an, auf die Neuig⸗ keiten der Wirthin zu hören. Und ſie ſahen daher mit unwillkürlicher Bewunderung in das glühende Grübchen⸗ Geſicht derſelben, während der Schein des Feuers ſich in ihren Augen und ihren Rabenhaaren ſpiegelte. Mit vielfachen Ausrufen der Ueberraſchung wurde die 8. Geſchichte der Trennung des Herrn Pecksniffs von ſei⸗ nen Töchtern, und der, welche zwiſchen dieſem vor⸗ trefflichen Gentleman und Herrn Pinch ſtatt gefunden hatte, aufgenommen. Aber das war noch nichts gegen den Ausbruch der Entrüſtung Martins, als ſie er⸗ zählte, wie es landkundig ſey, daß Herr Pecksniff volle Gewalt über die Perſon und den Geiſt des alten Herru 4 Chuzzlewits gewonnen, und daß er Mary eeine beſon⸗ ders hohe Ehre zugedacht habe. Auf dieſe Nachricht hin ſchleuderte Martin ſeine Pantoffeln von ſich und begann ſeine naſſen Stiefeln anzuziehen, wodurch er die Abſicht an den Tag legte, auf der Stelle irgendwo hinzugehen und Jemand etwas hinzuzufügen, was als das erſte Sicherheitsventil eines heißen Temperaments angeſehen werden kann. „Er?“ rief Martin,„welch ein glattzüngiger Schurke er iſt! Das ſoll er ſich unterſtehen! Geben Sie mir den andern Stiefel, Mark!“ 3 — ———, atl⸗ wie bei ilen Es ſie 2 des⸗ keit und Sie den veil iig⸗ mit Hen-- ſich a elte. die ſei⸗ vor⸗ den gen er⸗ olle rru ſon⸗ icht und er dwo als nts ger ben 67 „Wohin haben Sie denn im Sinne zu gehen, Sir,“ fragte Herr Tapley, indem er die Sohle am Feuer trocknete, und dabei ſo kalt ausſah, als ob er das Stück einer Roſtſchnitte in der Hand habe. „Wohin?“ entgegnete Martin.„Sie werden doch nicht glauben, daß ich hier bleiben werde.“ Der unerſchütterliche Mark geſtand, daß er dieſes glaube. „Sie glauben es?“ entgegnete Martin zornig, „dann bin ich Ihnen ſehr verbunden für Ihre gute Mei⸗ nung! Wofür halten Sie mich?“ „Ich halte Sie für das, was Sie ſind, Sir,“ ſagte Mark,„und folglich bin ich vollkommen überzeugt, daß das, was Sie thun werden, verſtändig und recht ſeyn wird. Der Stiefel, Sir.“ „Martin warf ihm einen ungeduldigen Blick zu, ohne jedoch den Stiefel aufzunehmen und ging raſch, an dem einen Fuße geſtiefelt und an dem andern be⸗ ſtrumpft, einige Male in der Küche auf und ab. In Rückſicht auf ſeinen Entſchluß zu Eden hatte er jedoch, wenn Mark dabei in Frage kam, ſchon viele Siege über ſich ſelbſt davon getragen, und er entſchloß ſich nun abermals zu einer Selbſtüberwindung. Er kehrte daher zu dem Stiefelknechte zurück, legte die Hand auf Marks Schulter, ſtemmte ſich an, zog den Stiefel aus, holte ſeine Pantoffeln herbei, zog dieſe an, und ſetzte ſich von Neuem an's Feuer. Aber ſeine Hände mußte er bis auf den Grund ſeiner Rocktaſchen hinabſtecken, und in Zwiſchenräumen murmelte er vor ſich hin: „Pecksniff noch obendrein! Dieſer Hallunke! Ja wohl! Was wird nun zunächſt kommen?“ und ſo fort. Er konnte ſich nicht verſagen, mit drohendem Geſichte eine Fauſt gegen den Kamin zu halten, doch währte dieſes nicht lange, und er ließ Frau Lupin, wenn auch nicht mit Faſſung, doch ohne Unterbrechung ausreden. „Was Herrn Pecksniff betrifft“ fuhr die Wirthin 68 fort, indem ſie die Schößen ihres Kleides mit beiden Händen ausbreitete und oft mit dem Kopfe nickte,„ſo weiß ich nicht, was ich ſagen ſoll. Sein Sinn muß durch irgend Jemand vergiftet worden ſeyn, oder man muß in einer außerordentlichen Weiſe auf ihn einge⸗ wirkt haben. Ich kann nicht glauben, daß ein ſo edel⸗ ſprechender Gentleman hingehen kann, um auf eigene Fauſt Unrecht zu thun.“ Wie viele Leute gibt es nicht in der Welt, welche ihren Pecksniffen bis auf den letzten Augenblick die Stange halten, und zwar aus keinem beſſeren Grunde, dagegen tugendhafte Leute aufgeben, wenn ein Pecks⸗ niff ſeinen giftigen Hauch darüber verbreitet hat. „Und unſer Herr Pinch,“ fuhr die Wirthin fort; „wenn es je eine liebe gute, geſellige, würdige Seele gab, ſo kann ſie keinen andern Namen haben, als Pinch. Aber wir wiſſen nicht, ob nicht der alte Herr Chuzzlewit ſelbſt die Urſache der Mißhelligkeit war, welche zwiſchen ihm und Herrn Pecksniff aus⸗ brach. Niemand als ſie ſelbſt kann das ſagen; denn Herr Pinch hat trotz ſeiner ruhigen Weiſe einen ſtolzen Geiſt, und als er uns in großem Leide verließ, ver⸗ ſchmähte er es, gegen mich ſeine Rechtfertigung aus⸗ zuſprechen.“ „Armer, alter Tom!“ ſagte Martin in einem Tone, der wie ein Vorwurf klang, den er ſich ſelbſt machte. „Es iſt ein Troſt zu wiſſen,“ fuhr die Wirthin fort,„daß er ſeine Schweſter bei ſich hat, und daß es ihm gut geht. Geſtern erſt ſandte er mir durch die Poſt ein kleines— ſie erröthete dabei— eine ganz unbedeutende Kleinigkeit zuxück, die ich ſo frei war, ihm zu borgen, als er wegging. Er dankte und mel⸗ dete mir, daß er eine gute Anſtellung habe, und es nicht brauche. Es war die nämliche Banknote, und er hatte ſie gar nicht benützt; aber noch nie habe ich mich über das Eingehen einer Banknote ſo wenig erfreut, als bei dieſer da!“ 4 69 „Edel und freundlich geſprochen!“ ſagte Martin; „nicht wahr, Mark?“ „Sie kann nichts ſprechen oder thun, was nicht dieſe Eigenſchaft hätte,“ entgegnete Herr Tapley,„denn dieſe gehören ebenſogut zum Drachen, als die Wirth⸗ ſchaftsgerechtigkeit. Und da wir nun über die Sache ganz kühl und friſch geworden ſind, ſo ſagen Sie, was Sie zu thun geſonnen ſind, Sir? Wenn Sie niicht zu ſtolz ſind, und ſich entſchließen können, das auszu⸗ führen, was wir unterwegs verabredet haben, ſo iſt das ein Weg, von dem ſich etwas hoffen läßt. Sind Sie im Unfrieden von Ihrem Großvater geſchieden (Sie werden meine Freiheit entſchuldigen, wenn ich ſage, daß das Recht nicht auf Ihrer Seite zu ſeyn ſcheint), ſo gehen Sie zu ihm, Sir, legen Sie ein reumuͤthiges Bekenntniß ab, und berufen Sie ſich auf ſeine Liebe. Sie dürfen ſich dieſes nicht allzu ſchwer nehmen. Er iſt um Vieles älter als Sie, und han⸗ delt er übereilt, ſo war es bei Ihnen auch der Fall. Geben Sie nach, Sir, geben Sie nach!“ Die Beredtſamkeit des Herrn Tapley blieb nicht ohne Wirkung auf Martin, obgleich dieſer noch immer zögerte und ſeine Gründe hiefür folgender Maßen aus⸗ ſprach: 3 „Das Alles iſt ſehr wahr und vollkommen richtig, Mark, und wenn bloß die Frage wäre, daß ich mich vor ihm demüthigem ſolle, ſo würde ich keinen Augen⸗ lick zögern, aber Sie ſehen, daß er nun ganz unter der Gewalt dieſes Heuchlers ſteht, und ſo würde ich mich in Wahrheit nicht ihm, ſondern Herrn Pecksniff zu Füßen werfen. Wenn ich daher mit Verachtung zurück⸗ gewieſen werde,“ fuhr Martin, ſchon bei dieſem Ge⸗ danken erröthend, fort,„ſo geſchieht das nicht durch ihn, ſondern, ha, mein Blut empört ſich, wenn ich daran denke, ſondern durch Pecksniff, durch Pecksniff, Mark!“ 4 70 „Gut, aber wir wiſſen ſchon im Voraus,“ ent⸗ gegnete der politiſche Herr Tapley,„daß Pecksniff ein Vagabund, ein Schurke und ein Wicht iſt.“ „Ein ganz elender Wicht!“ ſagte Martin. „Der elendeſte Wicht! Wir wiſſen dies voraus, Sir, und folglich iſt es keine Schande, von Pecksniff geſchlagen zu werden. Zum Henker mit Pecksniff!“ rief Herr Tapley in der Begeiſterung ſeiner Rede. „Wer iſt er? Es liegt nicht in der Natur eines Pecks⸗ niff, uns zu Schanden zu machen, wenn er nicht etwa mit uns einig ſeyn, oder uns einen Dienſt erweiſen will. Und ſelbſt dann, wenn er ſich zu einer ſolchen Frechheit verſteigen ſollte, ſollten wir nicht unſere Geſinnungen in der engliſchen Sprache laut werden laſſen? Pecksniff!“ wiederholte Herr Tapley in unaus⸗ ſprechlicher Verachtung.„Was iſt Pecksniff, wer iſt Pecksniff, wo iſt Pecksniff, daß man ſo ſehr Rückſicht auf ihn nehmen ſollte? Wir ſtellen die Rechnung nicht blos für uns ſelbſt,“ er legte eine ungewöhnliche Em⸗ phaſe auf das letzte Wort, und ſah dabei Martin feſt in’s Geſicht,„ſondern wir haben auch für eine junge Dame zn handeln, welche gleichfalls ihren Antheil da⸗ bei hat, und wie wenig Hoffnung wir auch haben mö⸗ gen, ſo kann uns doch wahrſcheinlich hier kein Pecks⸗ niff in den Weg treten. Ich habe noch nie von einer Varlamentsakte gehört, die durch Pecksniff veranlaßt worden wäre. Pecksniff, ich würde den Mann. nicht einmal ſehen, nicht einmal hören, und nicht einmal thun, als wenn ich ſähe, daß er Willens ſey, dabei Compagnie zu machen, ich kratzte meine Schuhe vor ſeiner Thüre ab und rief:„Herr Pecksniff, wenn es Ihnen beliebt,“ aber weiter würde ich mich nicht herab⸗ laſſen.“ Das Erſtaunen Frau Lupins und auch das eigene Erſtaunen des Herrn Tapley über dieſen außerordent⸗ lichen Redefluß war ungeheuer. Aber Martin blickte eine Weile gedankenvoll auf das Feuer und entgegnete: 71 „Sie haben recht, Mark, Recht oder Unrecht, es ſoll geſchehen, ich will es thun.“ „Nur noch ein Work, Sir,“ ſagte Mark.„Den⸗ ken Sie nur ſo weit an ihn, daß Sie ihm nicht ſich ſelbſt in die Hand geben. Thun Sie keinen geheimen Schritt, den er berichten könnte, ehe Sie ſich vorſtellen. Morgen früh dürfen Sie nicht einmal Miß Mary ſehen, dieſes überlaſſen Sie unſerer lieben Freundin hier.“ Herr Tapley lächelte der Wirthin zu.„Berei⸗ ten Sie Frau Lupin auf das vor, was möglicher Weiſe eintreten könnte, und laſſen Sie durch dieſelbe nach Ihrem Belieben eine kleine Botſchaft beſorgen. Sie weiß das auszuführen.“ Mrs. Lupin lachte und nickte mit dem Kopfe.„Dann gehen Sie ſo frei und keck hinein, wie es nur immer ein Gentleman thun kann. Sie ſagen: Ich habe nicht unter der Hand geſpielt; ich bin nicht um das Haus hergeſchlichen, ſondern komme jetzt, um mir Verzeihung zu bitten. Gott ſegne Sie.“ 4 Martin lächelte, fühlte aber, daß der Rath gut ſey, und beſchloß, darnach zu handeln. Nachdem ſie von Frau Lupin erfahren hatten, daß Pecksniff bereits von der großen Ceremonie zurückgekommen ſey, bei welcher er ſo viel Ruhm erndtete, beſprachen ſie wei⸗ ter, wie die Sache einzuleiten ſey, und gingen dann zu Bette, dem kommenden Morgen mit geſpannter Erwartung entgegenſehend. In Folge des verabredeten Planes begab ſich Herr Tapley am andern Tage nach dem Frühſtücke in Pecksniffs Wohnung, um einen Brief Martins zu be⸗ ſorgen, in welchem er ſeinen Großvater bat, ihn auf ein Paar Minuten beſuchen zu dürfen. Er verſchob auf ſeinem Wege die Glückwünſche ſeiner zahlreichen Freunde auf eine beſſere Gelegenheit, und langte bald an dem Orte ſeiner Beſtimmung an. Er klopfte an Herrn Pecksniffs Thüre mit einem 72 Geſichte, welches ſo unbeweglich war, daß ſelbſt der vollkommenſte Phyſiognom zu entziffern es nicht vermocht hätte, an was er denke, oder ob er überhaupt an etwas denke. Einer Perſon von der Beobachtungsgabe des Herrn Tapley konnte es nicht lange entgehen, daß Herr Pecks⸗ niff an einer Scheibe des Beſuchszimmers das Ende ſei⸗ ner Naſe ſehr breit mache, um aus einer Ecke die Ent⸗ deckung zu machen, wer an der Thüre gepocht habe. Mark fäumte nicht, dieſes friedliche Manoͤver zu ver⸗ eiteln, indem er auf die oberſte Stufe trat, und in jener Richtung nur die Fläche ſeines Hutes blicken ließ. Es war übrigens möglich, daß ihn Herr Pecksniff ſchon geſehen hatte, denn bald hörte er ſeine Schuhe knarren, als er ſich näherte, um mit eigener Hand die Thüre zu öffnen. Herr Pecksniff war ſo freudig geſtimmt, als nur je, und ſang ein Liedchen in dem Hausplatze. „Wie befinden Sie ſich, Sir?“ ſagte Mark. „O!“ rief Pecksniff,„Tapley, wie ich glaube. Der verlorne Sohn zurückgekehrt! Wir haben kein Bier nöthig, mein Freund!“ „Danke, Sir,“ entgegnete Mark.„Ich könnte Ihnen auch nicht dienen, Sir, wenn Sie dergleichen bedürften. Einen Brief, Sir. Wartet auf Antwort!“ „An mich?“ rief Herr Pecksniff,„und eine Ant⸗ wort, he?“ „Nicht für Sie, wie ich glaube, Sir,“ antwortete Mark, indem er auf die Adreſſe deutete.„Der Name lautet, wie ich glaube, Chuzzlewit, Sir.“ „O!“ entgegnete Herr Pecksniff.„Ich danke Ihnen, ja. Von wem iſt er, mein guter junger Mann? „Er kommt von dem Gentleman, welcher ſeinen Namen in den Brief geſchrieben hat, Sir,“ entgegnete Herr Tapley mit außerordentlicher Höflichkeit.„Ich bin ſelbſt Zeuge, weil ich dabei war, wie er ihn unter⸗ zeichnete.“— —=———-—, 3DJD — 7³ „Und er ſagte, daß er auf Antwort warte?“ fragte Herr Pecksniff in ſeiner leutſeligſten Weiſe. Mark bejahte.„Er ſoll eine Antwort haben. Zu⸗ verläſſig,“ ſagte Herr Pecksniff, indem er den Brief in kleine Stücke zerriß und ſomit that, als erweiſe er dem Correſpondenten die ſchmeichelhafteſte Aufmerkſam⸗ keit.„Haben Sie die Güte, ihm dieſes mit meiner Empfehlung zu übergeben. Guten Morgen!“ Mit dieſen Worten händigte er Mark die Stücke des zerriſſenen Briefes ein, zog ſich zurück und ſchloß die Thüre. Mark hielt es für zweckmäßig, ſeine per⸗ ſönliche Aufwallung zu unterdrücken und zu Martin in den Drachen zurückzukehren. Sie waren für eine ſolche Aufnahme nicht unvorbereitet und ließen ungefähr eine Stunde hingehen, ehe ſie einen weiteren Verſuch mach⸗ ten. Hierauf begaben ſie ſich gemeinſchaftlich nach Herrn Pecksniffs Haus. Diesmal klopfte Martin und Herr Tapley bereitete ſich vor, mit Fuß und Schulter die Thüre offen zu halten, wenn Jemand kommen würde, und ſich ſo einen erzwungenen Eingang zu ſichern. Dieſe Vorſichtsmaßregel war jedoch überflüſſig, denn faſt augenblicklich erſchien das Dienſtmädchen. Der ge⸗ troffenen Verabredung gemäß eilte Martin an ihr vor⸗ bei, während ſein treuer Bundesgenoſſe ihm auf der Ferſe folgte, öffnete die Thüre jener Wohnſtube, welche wahrſcheinlich von dem Gaſte bewohnt wurde, trat ohne Verzug ein, und erſchien ſo ohne irgend eine Anmeldung vor ſeinem Großvater. Herr Pecksniff war auch im Zimmer, desgleichen Mary. In dem Augenblicke ihres gegenſeitigen Er⸗ kennens ſah Martin, daß der alte Mann ſein graues Haupt ſenkte und ſein Geſicht mit den Händen bedeckte. Es zerſchnitt ihm das Herz. Sogar in ſeinen ſelbſtſüchtigſten und liebloſeſten Tagen würde ihn dieſer Reſt der Liebe des alten Mannes, dieſe Strebemauer eines verfallenen Schloſſes, welches er in vergangenen Boz, Chuzzlewit. V. 6 /4l 4 △α— Tagen mit ſo viel Stolz und Hoffnung aufgebaut hatte, einen Stich durch ſein Inneres verſetzt haben. Da ſich aber jetzt ſeine Gefühle in beſſere verwandelt hatten, da er den früheren Freund, den Hüter ſeiner Kindheit jetzt ſo niedergedrückt und gebeugt ſah, ſo erſchien ihm jetzt Alles in einem ganz anderen Lichte. Empfindlich⸗ keit, Eigenſinn, Selbſtvertrauen und Stolz waren in einem Nu durch die Thränen vernichtet, welche über die welken Wangen niederrollten. Er konnte es nicht ſehen, er konnte den Gedanken nicht ertragen, daß ſie wegen ihm floſſen. Er konnte den Gedanken nicht er⸗ tragen, daß ſie ihm eine unwiderrufliche Vergangen⸗ heit zum Vorwurſe machten. Er eilte vorwärts, um die Hand des Greiſes zu ergreifen, da trat Herr Pecksniff dazwiſchen. „Nein, junger Mann,“ ſagte Herr Pecksniff, in⸗ dem er ſich mit der einen Hand vor die Bruſt ſchlug, den andern Arm aber ausſtreckte, als ſolle er ein ſchützender Schild des Alten ſeyn.„Nein, Sir, Nichts der Art! Stoßen Sie hierher, Sir, hieher! Schießen Sie ihre Pfeile auf mich ab, weun Sie die Güte haben wollen, nicht auf ihn!“ „Großvater!“ rief Marein.„Hören Sie mich! Ich flehe Sie darum an! Laſſen Sie mich ſprechen!“ „Möchten Sie dies, Sir; möchten Sie!“ ſagte Herr Pecksniff, indem er nachrückte, um die beiden Verwandten getrennt zu halten.„Iſt es nicht genug, Sir, daß Sie in mein Haus kommen, wie ein Dieb in der Nacht, oder beſſer geſagt, denn man kann es mit der Wahrheit nie zu genau nehmen, wie ein Dieb bei Tage, Ihre liederlichen Gefährten mit ſich bringen, die ihren Rücken gegen die Stubenthüren pflanzen, um irgend einer Perſon meines Hauſes das Aus⸗ und Ein⸗ gehen zu hindern?“ Mark hatte wirklich dieſe Stellung eingenommen und blieb unverrückt in derſelben.„Wie? Iſt das wirklich Ihre Abſicht, daß Sie auch noch gegen 75 die ehrwürdige Tugend losſchlagen wollen? So wiſſen Sie denn, daß ſie nicht vertheidigenslos iſt. Ich werde ihr Schild ſeyn, junger Mann. Greifen Sie mich an! Nur herbei, Sir, feuern Sie ab!“ 3 „Pecksniff,“ ſagte der alte Mann mit matter Stimme, „beruhigen Sie ſich. Seyen Sie kalt.“ „Ich kann mich nicht beruhigen,“ rief Herr Pecks⸗ niff,„und ich will nicht ruhig ſeyn. Mein Wohlthäter und mein Freund! Soll Ihnen nicht einmal mein Haus eine Zuflucht für Ihr beeistes Kiſſen bieten?“ „Gehen Sie auf die Seite,“ ſagte der alte Mann, indem er ſeine Hand ausſtreckte,„und laſſen Sie mich das ſehen, was ich ſonſt ſo innig liebte.“ „Es iſt recht, daß Sie es ſehen, mein Freund,“ ſagte Herr Pecksniff,„es iſt gut, daß Sie es ſehen, mein edler Sir. Es iſt wünſchenswerth, daß Sie es nach ſeinen wahren Verhältniſſen betrachten. Sehen Sie es an! Da iſt es, Sir, da iſt es!“ Martin hätte kaum ein Sterblicher ſeyn können, wenn ſich nicht in ſeinem Geſichte etwas von dem Zorne und der Verachtung ausgedrückt hätte, welche ihm Herr Pecksniff einflößte. Uebrigens aber that er, als wenn dieſer Gentleman für ihn gar nicht zugegen ſey. An⸗ fangs hatte er ihm wohl einen Blick des Ekels und der höchſten Verachtung unwillkürlich zugeworfen, dann aber berückſichtigte er ihn ſo wenig, als wenn er gar nicht da wäre. Nachdem Herr Pecksniff in Folge des eben aus⸗ geſprochenen Wunſches auf die Seite getreten war, ſchob der alte Martin, welcher Mary Grahams Hand ergriffen hatte und ihr freundlich zuflüſterte, ſte ſolle ſich nicht ängſtigen, dieſe hinter ſeinen Stuhl und ſah ſeinen Enkel feſt an. „Und das,“ ſagte er,„das iſt er! Ah, das iſt er. Sprich, was Du mir zu ſagen haſt, aber komm nicht näher.“ . 6* 76 „Sein Sinn für Gerechtigkeit iſt ſo zart,“ ſprach Herr Pecksniff,„daß er ihn ſogar hören will, obwohl er im Voraus weiß, daß nichts dabei herauskömmt. Edler Sinn.“ Herr Pecksniff richtete dieſe Worte nicht unmittel⸗ bar an irgend eine Perſon, ſondern nahm vielmehr die Stelle des Chors in einer griechiſchen Tragödie ein, indem er ſeine Anſicht gleich einem Commentare des Ge⸗ ſchehen ausſprach. „Großvater!“ ſagte Martin mit hohem Ernſte, „von einer mühſamen Reiſe, aus einem bitteren, herben Leben, von dem Krankenbette, aus Entbehrung und Noth, von bitter getäuſchten Erwartungen, und von faſt vollſtändiger Hoffnungsloſigkeit und Verzweiflung kehre ich zu Ihnen zurück.“ „Landſtreicher der Art,“ bemerkte Herr Pecksniff als Chor,„kommen in der Regel wieder zurück, wenn ſie finden, daß ihr ſchlechtes Leben nicht zu dem ge⸗ hofften Erfolge führte.“ „Nur dieſem treuen Manne,“ fuhr Martin gegen Mark gewendet fort,„den ich zuerſt hier kennen lernte, und der mir freiwillig als Diener folgte, ſich durchaus als eifriger aufopfernder Freund erwies, nur ihm habe ich es zu verdanken, daß ich nicht in der Fremde ge⸗ ſtorben bin. Fern von der Heimath, fern von jeder Unterſtützung und von jedem Troſte, ſagar von der Wahrſcheinlichkeit fern, daß mein elendes Geſchick irgend Jemand bekannt werde, der Antheil daran nehme,— o, daß ich ſagen dürfte, Ihnen bekannt würde!“ Der alte Mann ſah Herrn Pecksniff an und Herr Pecksniff ſah auf ihn. „Haben Sie geſprochen, mein würdiger Sir?“ fragte Herr Pecksniff. Der alte Mann verneinte.. „Ich weiß, was Sie dachten,“ erwiederte Herr Pecksniff abermals lächelnd.„Laſſen Sie ihn fortfahren, ———,— 77 mein Freund, die Entwickelung des(Eigennutzes im menſchlichen Geiſte iſt immer ein intereſſantes Studium. Laſſen Sie ihn fortfahren, Sir.“ „So fahre fort,“ bemerkte der alte Mann, wie es ſchien in mechaniſchem Gehorſame gegen Herrn Pecksniff. „Ich bin ſo unglücklich und ſo arm geweſen,“ ſagte Martin,„daß ich in einem fremden Lande der mitlei⸗ digen Hülfe eines Fremden die Mittel verdanken mußte, hieher zurückzukehren. Wohl weiß ich, daß dieſes Alles in Ihrem Geiſte gegen mich ſpricht. Ich gab Ihnen Veranlaſſung zu glauben, daß mich nur der Mangel, nicht aber die Liebe oder die Reue zurückführe. Als ich von Ihnen ſchied, Großvater, da verdiente ich dieſen Verdacht; jetzt aber verdiene ich ihn nicht mehr. Nein, gewiß nicht.“ Der Chor ſteckte ſeine Hand in die Weſte, lächelte und ſagte:„Laſſen Sie ihn fortfahren, mein würdiger Sir. Was Sie denken, weiß ich, will es aber nicht zu früh ausſprechen.“ Der alte Mann richtete ſeine Augen auf Herrn Pecksniffs Geſicht, augenſcheinlich um weitere Beleh⸗ rung aus deſſen Blicken und Worten zu erholen, und ſagte dann wiederholt: „So fahre fort.“ „Ich habe nur wenig mehr zu ſagen,“ erwiderte artin,„denn wie ich jetzt gewahr werde, darf ich nur wenig oder gar nicht hoffen, Großvater, welch' ein Strahl von Hoffnung mich auch bei dem Eintritt in dieſes Gemach erfüllt haben mag. Glauben Sie mir, daß es wahr iſt. Glauben Sie es wenigſtens.“ „Schöne Wahrheit,“ rief der Chor aus, indem er nach oben blickte,„wie doch Dein Name von laſter⸗ haften Perſonen entweiht wird. Du, mein heiliges Prinzip, lebſt nicht in einem Brunnen, ſondern auf den Lippen des falſchen Menſchengeſchlechts. Es iſt 78 ſchwer, mit den Menſchen auszukommen, theurer Sir;“ ſprach er zu dem alten Chuzzlewit.„Aber wir wollen es tragen, in Demuth tragen! Es iſt unſere Pflicht, ſo zu handeln. Wir wollen unter die Wenigen gehören, die ihrer Pflicht nachkommen. Wenn,“ fuhr der Chor fort, indem er zu einer ſtolzen Erhebung ſich anſchickte, „wenn, wie der Dichter uns unterrichtet, England er⸗ wartet, daß Jedermann ſeine Schuldigkeit thue, ſo iſt England das ſanguiniſchſte Land auf dem ganzen Erd⸗ balle, und wird ſich immerwährend getäuſcht finden.“ „Was dieſen Gegenſtand betrifft,“ ſagte Martin ruhig, indem er den alten Mann in's Auge faßte, aber noch einmal nach Mary hinblickte, die ihr Antlitz jetzt hinter dem Lehnſtuhle in ihre Hände verborgen hatte. „Was dieſen Gegenſtand betrifft, welcher zuerſt eine Uneinigkeit zwiſchen uns herbeiführte, iſt mein Geiſt und mein Herz einer Aenderung nicht fähig. Was ich auch in dieſer unglücklichen Zeit erfahren habe, nichts war im Stande, meine Neigung zu ſchwächen, ſie wurde vielmehr dadurch beſtärkt. Ich kann nicht ſagen, daß ſie mir leid thue, daß ich über ſie im Zweifel bin, oder daß ich mich ihrer ſchäme. Ich weiß auch, daß Sie dieſes nicht wünſchen können. Aber Betrachtung, Einſamkeit und Elend haben mich ſoviel gelehrt, daß ich auf Ihre Liebe hätte bauen, auf Sie ſtandhaft mich hätte ſtützen ſollen. Ich konnte Sie mit ceichtigkeit wieder gewinnen, wenn ich nachgiebiger und rückſichts⸗ voller geweſen wäre, wenn ich mehr Sie, als mich berückſichtigt hätte. Ich kam mit dem Entſchluſſe hie⸗ her, Ihnen dieſes zu ſagen, und Ihre Verzeihung zu erflehen; ich gab weniger der Hoffnung für die Zukunft, als der Reue für die Vergangenheit Raum. Ich will Sie um nichts bitten, als daß Sie mir Ihre Hülfe, bei dem Beginne meines Lebensberufes leihen. Helfen Sie mir zu einem ehrlichen Gewerbe, an meinem Eifer foll es nicht fehlen. Meine Frage ſetzt mich freilich in 8 —,————D— — N8 O-NA—-—- 2ee-*. 79. das unvortheilhafte Licht, als wolle ich nur ſelbſtſüch⸗ tigen Zwecken dienen; aber verſuchen Sie, ob es der Fall iſt oder nicht. Stellen Sie mich auf die Probe, ob ich noch der frühere, eigenſinnige, halsſtarrige und hochmüthige Menſch bin, oder ob ich durch die rauhe Schule des Lebens weiſe geworden? Laſſen Sie die Stimme der Natur und der Vergangenheit das Wort für mich ſprechen, Großvater, und verſtoßen Sie mich nicht ganz wegen eines einzigen Fehlers, wenn ſchon derſelbe das Gepräge des Undanks trägt.“ Der alte Mann ſenkte, nachdem Martin geſchloſſen hatte, ſein graues Haupt und verbarg ſein Geſicht hin⸗ ter den ausgebreiteten Fingern. „Mein theurer Sir,“ rief Herr Pecksniff, indem er ſich über ihn hinbeugte,„ſolchen Gefühlen müſſen Sie nicht Raum geben. Es iſt zwar ſehr natürlich und ſehr liebenswürdig, aber Sie müſſen ſich nicht durch das ſchamloſe Benehmen eines Menſchen, von welchem Sie ſich längſt losgeriſſen haben, ſo weit hinreißen laſſen. Denken Sie,“ fügte Herr Pecksniff bei,„denken Sie an mich, mein Freund.“ „Ich will es,“ entgegnete der alte Martin, indem er zu Pecksniffs Geſicht aufblickte.„Sie rufen mich wieder zu mir ſelbſt zurück. Ich will es.“ „Nun,“ ſagte Herr Pecksniff, indem er ſich an ſei⸗ ner Seite in einen Stuhl niederſetzte, den er zu dieſem Ende herbeiholte, und wobei er dem alten Mann ſcherz⸗ haft auf den Arm klopfte,„wie ſteht es mit dem Geiſte meines edlen Landsmannes, wenn ich es wagen darf, ihn mit dieſem liebevollen Ausdrucke zu bezeichnen. Soll ich mit meinem Coadjutor zanken oder einem Ver⸗ ſtande, gleich dem ſeinigen, Gründe vorlegen. Ich glaube nicht.“ „Nein, nein, hierzu iſt kein Grund vorhandeu,“ ſagte der alte Mann.„Ein augenblickliches Gefühl, ſonſt nichts.“ 8⁰ „Ich weiß,“ bemerkte Herr Pecksniff,„daß die Entrüſtung heiße Zähren in ein ehrliches Auge brin⸗ gen kann“— er wiſchte dabei ſeine eigenen Augen ab —„aber wir haben höhere Pflichten zu erfüllen als dieſe. Ermannen Sie ſich, Herr Chuzzlewit! Soll ich Ihren Gedanken Worte geben, mein Freund?“ „Ja,“ ſagte der alte Martin, indem er ſich in ſei⸗ nem Stuhle zurücklehnte und Herrn Pecksniff halb in Geiſtesgegenwart, halb in Verwunderung anblickte, als ſey er durch denſelben ganz bezaubert.„Sprechen Sie für mich, ich werde Ihnen dafür danken, Sie ſind mir treu. Ich danke Ihnen.“ „Machen Sie mich nicht unmännlich, Sir,“ ent⸗ gegnete Herr Pecksniff, indem er mit Nachdruck ſeine Hand ſchüttelte,„oder ich werde der Aufgabe nicht ge⸗ wachſen ſeyn. Es iſt nicht angenehm für meine Ge⸗ fühle, mein guter Sir, die Perſon anzureden, die jetzt vor uns ſteht, denn als ich ſie aus dieſem Hauſe ver⸗ wieſen, nachdem ich von Ihren Lippen die unnatürliche Aufführung vernommen hatte, ſo habe ich auf ewige Zeiten auf jeden Verkehr mit dieſem Menſchen verzich⸗ tet. Aber jetzt iſt es Ihr Wunſch und das iſt genügend. Junger Mann! Die Thüre iſt unmittelbar hinter dem Genoſſen Ihrer Niederträchtigkeit. Erröthen Sie, wenn Sie können, oder fort mit Ihnen ohne Erröthen, wenn Sie es nicht können.“ Martin blickte ſo beharrlich auf ſeinen Großvater, als ob die ganze Zeit über eine Todtenſtille geherrſcht hätte. Der alte Mann ſah nicht weniger feſt in Herrn Pecksniffs Auge. „Als ich Ihnen bei der letzten Gelegenheit den Befehl ertheilte, mit Ihrer Schande dieſes Haus zu verlaſſen,“ ſprach Herr Pecksniff weiter,„als ich, durch Ihr ſchändliches Benehmen gegen dieſen ſo außerordent⸗ lich edelgeſinnten Mann aufs höchſte entrüſtet, ausrief: Gehen Sie fort! Da geſchah dies nur unter Thränen 4 ——— — 81 über Ihre Verderbtheit. Glauben Sie ja nicht, daß die Thräne, welche nun in meinen Augen ſteht, für Sie fließt. Ich vergieße Sie wegen ihm, Sir. Ich vergieße ſie ſeinetwillen.“ Hier ſiel die fragliche Zähre zufällig auf den kah⸗ len Theit von Hertn Chuzzlewits Kopf, und Herr Pecksniff beeilte ſich, die Stelle mit einem Taſchentuch abzuwiſchen und um Verzeihung zu bitten. „Sie iſt für den vergoſſen, Sir, den Sie zum Opfer Ihrer Kunſtgriffe zu machen gedachten,“ fuhr Herr Pecksniff fort,„den Sie zu plündern, zu täuſchen und irre zu führen wünſchen. Sie iſt der Zoll meiner Theilnahme und meiner Bewunderung, nicht aber mei⸗ nes Mitleids mit ihm, denn zum Glück weiß er, was Sie ſind. Sie ſollen ihm fortan in keiner Weiſe mehr Unrecht zufügen, Sir,“ rief Herr Pecksniff in höchſter Extaſe,„ſo lange ich noch am Leben bin; Sie mögen über meinen beſinnungsloſen Leichnam hinwegſchreiten, Sir. Das iſt wohl möglich. Ich kann mir denken, daß ein Geiſt wie der Ihrige eine große Befriedigung in einer ſolchen Maßregel finden wird. Aber ſo lange ich fortfahre zu eriſtiren, müſſen Sie Ihren Stoß nach ihm durch mich führen. Ja,“ ſprach Herr Pecksniff, indem er ſeinen Kopf mit ſchmerzhafter Entrüſtung gegen Martin ſchüttelte,„in einem ſolchen Falle, mein jun⸗ ger Sir, werden Sie einen abſcheulichen Kunden an mir finden!“ Noch immer blickte Martin unverwandt und mild ſeinen Großvater an. „Wollen Sie mir keine Antwort geben?“ ſogte er endlich.„Nicht ein Wort?“ „Du hörſt, was geſagt worden iſt,“ erwiederte der alte Mann, ohne ſein Auge von Pecksniffs Geſicht ab⸗ zuwenden. Dieſer nickte ihm beifällig zu. „Ich habe weder Ihre Stimme, noch Ihren Geiſt gehört,“ entgegnete Martin. 8² „So ſagen Sie es ihm noch einmal,“ ſagte der alte Mann, fortwährend in Pecksniffs Geſicht ſchauend. „Ich höre nur das, was Sie zu mir ſagen, Groß⸗ vater,“ entgegnete Martin, der vom Anfange an feſt in ſeinem Vorſatze um ſo mehr beharrte, als er fühlte, wie Pecksniff unter ſeiner Verachtung ſich wandte und krümmte. Vielleicht war es für Herrn Pecksniff gut, daß ſein verehrungswürdiger Freund einen ſo ausſchließen⸗ den Gegenſtand der Betrachtung in ſeinem(Pecksniffs) Geſicht fand. Denn wenn der alte Mann ſeine Augen abgewendet und die Haltung ſeines Enkels mit der ſei⸗ nes eifrigen Vertheidigers verglichen hätte, ſo wuͤrde der letztere, der unintereſſirte Gentleman, kaum vor⸗ theilhafter erſchienen ſeyn, als an jenem merkwürdigen Nachmittage, an welchem er die letzte Quittung des Tom Pinch, als alle Anforderungen beſeitigend, in Empfang nahm. Man hätte wahrhaft glauben mögen, daß eine gewiſſe Eigenſchaft in Herrn Pecksniff liege, vielleicht ein Ausfluß von der Klarheit und Reinheit ſeines Innern, welche auch auf ſeinen Feinden ſich ab⸗ ſpiegelte und ſie zierte. Sie waren ſo ritterlich und mannhaft an ſeiner Seite zu ſehen. „Nicht ein Wort?“ ſagte Martin zum zweitenmale. „Ich erinnere mich, daß ich ein Wort zu ſagen habe, Pecksniff,“ bemerkte der alte Mann.„Aber ein Wort nur. Du haſt geſagt, Du ſeyeſt von einem mild⸗ thätigen Fremden mit den Mitteln, nach England zu⸗ rückzukehren, unterſtützt worden. Wer iſt er, und welche Geldunterſtützung hat er Dir gegeben?“ Aber obgleich er dieſe Frage an Martin richtete, ſo blickte er doch nicht nach ihm hin, vielmehr fortwährend auf Pecksniff. Es ſchien, als habe er ſich daran ge⸗ wöhnt, nicht nur im figürlichen, ſondern auch im buch⸗ ſtäblichen Sinne bloß zu Herrn Pecksniff außzublicken. Martin zog ſeinen Bleiſtift heraus, riß ein Blatt 93 aus ſeinem Taſchenbuche und ſchrieb haſtig die einzel⸗ nen Beſtandtheile ſeiner Schuld an Herrn Bevan auf. Der alte Mann ſtreckte ſeine Hand dem Papier ent⸗ gegen, aber ſeine Augen ließen nicht von Herrn Pecks⸗ niffs Geſicht ab. „Es wäre ein elender Stolz und eine falſche De⸗ muth,“ ſagte Martin mit gedämpfter Stimme,„wenn ich behaupten wollte, daß ich nicht wünſche, dieſe Schuld werde bezahlt, oder daß ich Hoffnung habe, ſie alsbald tilgen zu können; aber nie fühle ich meine Armuth ſo tief, wie in dem gegenwärtigen Augenblicke.“ „Leſen Sie mir es vor, Pecksniff,“ ſagte der alte ann. Herr Pecksniff entſprach dem Geſuche und nahm das Blatt mit einer Miene entgegen, als wenn es das Geſtändniß eines Mordes enthielte. „Ich denke, Pecksniff,“ ſprach der alte Martin, „ich ſollte wünſchen, daß dieſes getilgt werde. Ich wünſche nicht, daß der Darleiher zu Schaden komme, da er keine Gelegenheit zu irgend einer Nachforſchung hatte, und in der Meinung war, eine edelmüthige Hand⸗ lung zu begehen.“ „Eine ehrenwerthe Geſinnung, mein theurer Sir,“ verſetzte Pecksniff,„die ganz Ihnen eigen iſt. Aber es iſt ein gefährlicher Vorangang; erlauben Sie mir, Ihnen anzudeuten...“ „Es ſoll kein Vorangang ſeyn,“ erwiederte der alte Mann.„Es iſt die einzige Anerkennung in Be⸗ ziehung auf ihn. Doch wir wollen wieder daruüber ſpre⸗ chen. Sie ſollen mir Ihren Rath ertheilen. Iſt ſonſt nichts da?“ „Sonſt nichts,“ ſagte Herr Pecksniff eilends,„als daß Sie ſich von dieſer Beläſtigung, von dieſer unver⸗ antwortlichen und ſchnöden Kränkung Ihrer Gefühle ſo ſchnell als möglich wieder erholen und wieder etwas lächeln.“ 84 „Sie haben nichts mehr zu ſagen?“ fragte der alte Mann mit ungewöhnlichem Ernſte, indem er ſeine Hand auf Herrn Pecksniffs Aermel legte. Herr Pecksniff wollte das nicht ſagen, was ihm auf der Lippe ſaß. Er erkannte wohl, daß Vorwürfe nutzlos ſeyn würden. „Sie haben gar nichts mehr vorzubringen? Sind Sie davon überzeugt? Wenn Sie etwas haben, es mag ſeyn was es will, ſo ſprechen Sie frei heraus. Was Sie auch von mir verlangen mögen, es ſoll ihm kein Widerſpruch entgegengeſetzt werden,“ ſagte der alte Mann. Die Thränen ſammelten ſich bei dieſem Beweiſe von dem unbegränzten Vertrauen von Seiten ſeines Freundes, ſo übermäßig in Pecksniffs Auge, daß er ge⸗ zwungen war, konvulſiviſch ſeine Naſenwurzel zu er⸗ greifen, um ſich wieder zu ſammeln. Nachdem er die Kraft erlangt hatte, wieder zu ſprechen, ſagte er in großer Aufregung: er hoffe, er werde ſo lange leben, um dieſes zu verdienen, und fügte dann bei, daß er durchaus keine Bemerkung zu machen habe. Der alte Mann ſah ihn noch einige Augenblicke mit dem nichtsſagenden und regungsloſen Ausdrucke an, welchen man nicht ungewöhnlich in Geſichtern fin⸗ det, deren geiſtige Fähigkeiten wegen hohen Alters ſchwinden. Danach erhob er ſich mit Feſtigkeit und ſchritt der Thüre zu, und Mark entfernte ſich von die⸗ fer, um ihm Platz zu machen. Der dienſtfertige Herr Pecksniff bot ihm ſeinen Arm, und der alte Mann machte von demſelben Ge⸗ brauch. Indem er ſich nach der Thür wendete, ſagte der letztere zu Martin, indem er ihn mit der Hand weg winkte: S „Du haſt nun gehört. Gehe fort. Es iſt Alles vorüber. Gehe.“ Herr Pecksniff ſprach im Weggehen murmelnd — ⁸„„—, 8 A 828S R 8ð X R ᷣ *— 85 einige ermuthigende, übereinſtimmende Ausdrücke, und Martin erwachte endlich aus der Betäubung, in welchen ihn der Schluß dieſer Seene verſetzt hatte. Sobald dieſe beiden das Zimmer verlaſſen hatten, umſchlang er die unſchuldige Urſache des Ganzen und preßte ſie an ſein Herz. „Theures Mädchen!“ ſagte Martin.„Dich wenig⸗ ſtens hat er nicht verändern können. Welch ein macht⸗ loſer, unſchädlicher Schurke dieſer Burſche iſt!“ „Du haſt Dich ſo edel zurückgehalten. Du haſt ſo viel ertragen.“ „Mich ſelbſt zurückgehalten!“ rief Martin freudig.: „Ich mußte es ja, Du warſt dabei und warſt unverän⸗ derlich. Welch weiterer Stütze bedurfte ich da? Mein Anblick war ſo bitter für den Hund, daß ich den Tri⸗ umph hatte, zu ſehen, wie er ihn ertragen mußte. Aber ſage mir, meine Liebe,— denn ein paar Worte, die wir jetzt wechſeln können, ſind koſtbar— was iſt an dem Gerüchte, welches zu mir gedrungen iſt? Iſt es wahr, daß Dich die Werbungen dieſes Elenden verfolgen?“ „Es war, mein theurer Martin, und ich bin den⸗ ſelben noch in einem gewiſſen Grade ausgeſetzt, aber die Hauptquelle meines Unglücks war die Angſt um Dich; warum haſt Du uns in einer ſo ſchrecklichen Ungewiß⸗ heit gelaſſen?“ „Krankheit, Entfernung, die Furcht, unſere wahre Lage entdecken zu müſſen, die Unmöglichkeit, ſie anders als durch völliges Schweigen zu verbergen, zugleich die Ueberzeugung, daß die Wahrheit und Gewißheit Dir unendlich ſchmerzlicher fallen müßte, als Ungewißheit und Zweifel Dir ſeyn konnten. Dies,“ entgegnete Martin, mit einer während dieſer kurzen Rede ſtets gleichen Haſt, „Dies waren die Gründe, warum ich nur einmal ſchrieb. Aber Pecksniff? Du darfſt keinen Anſtand nehmen, mir die ganze Geſchichte zu erzählen, denn Du ſahſt mich ja ihm, Angeſicht gegen Angeſicht, gegenüber ſtehen, Du 86 ſahſt, wie ich ihn ſprechen hörte und nicht an der Kehle erfaßte. Was iſt die Geſchichte dieſer Verfolgungen? Kennt ſie mein Großvater?“ „Ja.“ „Und er unterſtützt ihn darin.“ „Nein,“ antwortete ſie haſtig. „Dank Dir, Himmel!“ rief Martin,„daß ſein Sinn wenigſtens in dieſem Punkte unbewölkt blieb.“ „Ich glaube nicht,“ ſagte Mary,„daß er anfangs darum wußte. Erſt als ihn dieſer Menſch genügend vorbereitet hatte, enthüllte er allmählig ſeine Abſichten vor ihm. So denke ich, aber ich weiß es mit Beſtimmt⸗ heit nicht, und kann es auch nicht aus den an mich ge⸗ richteten Worten ſchließen. Er ſprach da allein mit mir.“ „Mein Großvater?“ ſagte Martin. „Ja— er ſprach allein mit mir, und theilte mir mit... „Was dieſer Hund geſagt hat?“ rief Martin. „Wiederhole es nicht!“ „Er ſagte, ich wiſſe wohl, welche Eigenſchaft er beſitze, daß er ziemlich reich ſey, in gutem Rufe ſtehe, ſeine Gunſt und ſein Vertrauen habe. Da er aber meine große Betrübniß bemerkte, ſo erklärte er, er wolle meine Neigungen nicht zwingen, ſondern mir bloß die Thatſache mittheilen. Wenn es mir Schmerz mache, ſo wolle er nicht dabei verweilen, und auch nicht wieder darauf zu⸗ rückkommen. Er hat auch treulich Wort gehalten.“ „Und der Menſch ſelbſt?“ ſagte Martin. „Er hat nur wenig Gelegenheit gehabt, ſeine Ver⸗ folgungen fortzuſetzen. Ich ging nie allein aus, und blieb auch keinen Augenblick mit ihm allein. Lieber Martin! Ich muß Dir ſagen,“ fuhr ſie fort,„daß das Wohlwollen Deines Großvaters gegen mich unverändert fortwährte. Noch immer bin ich ſeine Geſellſchafterin, und mit der alten Liebe, die er für mich hegt, ſcheint ſich ein unbeſchreibliches Mitleid gepaart zu haben, ſo —— r . —— — 87 daß ich keinen zärtlicheren Vater haben könnte, wenn ich auch ſein einziges Kind wäre. Es iſt mir ein Geheim⸗ niß, das ich zu durchdringen nicht vermochte, welch' frü⸗ here Empfindungen in ihm ſortleben, nachdem ſein Herz gegen Dich ſo ſehr erkaltete. Begnügen wir uns daher mit der Thatſache. Ich ſchätze mich glücklich, daß ich ihm treu geblieben bin, und ihn vielleicht noch am Rande des Grabes aus ſeiner Selbſttäuſchung und ſeinen Ge⸗ danken über Dich losreißen kann.“ Martin blickte mit Bewunderung auf ihr glühendes Antlitz und preßte ſeine Lippen auf die ihrigen. „Ich habe einſt gehört und geleſen,“ ſagte ſte,„daß diejenigen, deren Geiſteskräfte ſich lange Zeit in einem Zuſtande der Schwäche befanden, und deren Leben ſo zu ſagen in einem Traume dahin ging, ſich vor dem Tode zuweilen noch aufraffen und nach bekannten, ihnen früher theueren Geſichtern fragen, obwohl ſie inzwiſchen die⸗ ſelben vergeſſen hatten, ihnen entfremdet waren, oder ſie ſogar haßten. Denke nun, wenn er mit ſeinen alten Eindrücken von dieſem Manne, plötzlich zu ſeinem frü⸗ heren Selbſterwachen und in ihm ſeinen einzigen Freund finden würde!“ „Ich möchte Dich nicht drängen, meine Theuerſte, ihn zu verlaſſen,“ entgegnete Marlin,„obgleich ich vor⸗ ausſehen kann, daß uns noch viele Jahre der Trennung bevorſtehen. Aber ich fürchte, der Einfluß dieſes Kerls auf ihn iſt in fortwährendem Wachſen begriffen.“ Sie konnte nicht anders, als dieſes einzuräumen. Unaufhörlich, unmerklich und ſicher gehend hatte er ſich ſeine Gewalt, welche jetzt unüberwindlich daſtand, ge⸗ gründet. Sie ſelbſt beſaß keine Macht, obſchon der Greis ſie mit mehr Liebe als je behandelte. Martin glaubte, dieſe Inconſequenz ſey ein Theil ſeiner Schwäche und ſeiner Hinfälligkeit. „Dehnt ſich die Gewalt dieſes Menſchen ſo weit aus, daß er gefürchtet wird,“ ſagte Martin.„Scheut 88 ſich mein Großvater im Angeſicht ſeines Bannes eine eigene Anſicht auszuſprechen? Es ſchien mir ganz ſo.“ „Auch ich habe oft ſo gedacht. Oft habe ich, wenn wir wie ſonſt allein beiſammen ſaßen, und ich ihm ein Lieblingsbuch vorlas, oder heiter mit ihm plauderte, be⸗ merkt, daß Herrn Pecksniffs Einreden eine Aenderung ſeines ganzen Benehmens hervorbrachte. Er brach plötz⸗ lich ab und wurde ſo, wie Du ihn heute geſehen haſt. Als wir zuerſt hieher kamen, hatte er oft ſeine unge⸗ ſtümen Ausbrüche, und es war ſogar Herrn Pecksniffs vollendeter Geſchmeidigkeit nicht leicht, ihn zu beſchwich⸗ tigen. Aber das iſt nun ſeit langer Zeit vorbei. Er unterwirft ſich ihm in Allem und hat keine andere Mei⸗ nung, als die, welche ihm von dieſem verrätheriſchen Menſchen aufgezwungen wird.“ Das war ihr Bericht, der flüſternd erſtattet und ungeachtet ſeiner Kürze mehrmals durch den falſchen Lärm von Herrn Pecksniffs Zurückkunft unterbrochen wurde; Martin nahm ſeines Großvaters Abneigung und was er ſonſt hörte, mit ächt gentlemänniſcher Gleichgültigkeit hin. Er hörte auch von Tom Pinch, von Jonas, und ein wenig von ſich ſelbſt, denn obgleich Liebende in dem Rufe ſtehen, daß ſie bei allen Gelegenheiten viel unge⸗ ſagt laſſen, bloß nur in der Abſicht, daß man bald wiederkomme und es nachholen könne, ſo beſitzen ſie doch eine merkwürdige und wunderbare Kraft, mit wenigen Worten viel zu ſagen, und ſie können in einer ganz kurzen Zeit in einer ſehr beredten Sprache mehr aus⸗ drücken, als alle ſechshundertachtundfünfzig Mitglieder im Hauſe der Gemeinen des Parlaments der vereinigten Königreiche Großbritannien und Irland. Freilich lieben dieſe nur ihr Vaterland, und dies macht einen Unterſchied, denn bei einer ſolchen Leiden⸗ ſchaft, welche niemals erwiedert wird, iſt es gewöhnlich, ſo viel als möglich Worte zu machen, um nichts damit zu ſagen. 89 Ein Wink von Herrn Tapley, ein haſtiger Aus⸗ tauſch eines Lebewohls und noch ein etwas, was man dem Sprüchworte gemäß nicht nacherzählen ſoll; eine weiße Hand, Herrn Tapley dargereicht und von dem⸗ ſelben mit der Andacht eines irrenden Ritters geküßt; ein weiteres Lebewohl und noch etwas; zum Abſchiede das Verſprechen Martins, von London aus zu ſchreiben und dort, Gott weiß welche, große Dinge zu verrichten — und Mark war mit ſeinem Begleiter außerhalb der Pecksniffſchen Hallen. „Ein kurzes Wiederſehen nach einer ſolchen An⸗ weſenheit,“ ſagte Martin niedergeſchlagen.„Doch es iſt gut, daß wir aus dem Hauſe ſind. Schon dieſer Aufent⸗ halt kann uns vielleicht in eine falſche Stellung gebracht haben, Mark.“ „Das kann, ich mir nicht denken, Sir,“ entgegnete dieſer;„wenigſtens von unſerer Seite nicht; aber ein Anderer hätte in eine falſche Stellung gerathen können, wenn er das Unglück gehabt hätte, während unſerer An⸗ weſenheit zu kommen. Ich hatte die Thüre ſtets bereit, Sir. Wenn Pecksniff ſeinen Kopf nur gezeigt, oder ſich nur ſo weit genähert hätte, um an derſelben zu lauſchen, ſo würde ich ihn wie eine Wallnuß zuſammengeknackt haben. Er iſt ſo eine Art Burſche,“ fügte Herr Tap⸗ ley hinzu,„die man leicht weich drücken kann. Ich kenne ihn.“ Eine Perſon, welche unzweifelhaft nach Herrn Pecks⸗ niffs Hauſe ging, kam in dieſem Augenblicke an ihnen vorüber. Als ſie den Namen des Architekten nennen hörte, ſchlug ſie die Augen auf und ſah den vorüber⸗ gehenden Maͤnnern nach. Auch Herr Tapley und Mar⸗ tin ſahen zurück, denn der Vorübergehende hatte ſie ſcharf ins Auge gefaßt. „Wer mag der ſeyn? Ich möchte es wiſſen,“ ſagte Martin,„das Geſicht ſcheint mir bekannt. Aber ich kenne den Mann nicht.“ Boz, Chuzzlewit. V. 7 90 „Er ſcheint den liebenswürdigen Wunſch zu haben, daß uns ſein Geſicht bekannt werde, denn er ſtierte uns ſcharf genug an. Er würde beſſer thun, ſeine Schönheit. zu ſparen, denn es blieb ihm nicht viel davon.“ Als ſie an den Drachen kamen, ſtand ein Reiſewagen vor der Thüre. „Und ein Salisbury⸗Wagen obendrein,“ ſagte Herr Tapley.„Das kann ich Ihnen verſichern. Er iſt darin gekommen. Woher mag wohl jetzt der Wind gehen? Es ſollte mich nicht wundern, wenn es ein neuer Zög⸗ ling wäre, vielleicht iſt es auch ein Auftrag für eine andere lateiniſche Schule, nach dem Muſter der letzteren.“ Ehe ſie in die Thüre eintraten, kam ihnen Mrs. Lupin entgegen, winkte ihnen nach dem Wagen und zeigte ihnen einen Mantelſack, auf welchem der Name Chuzz⸗ lewit ſtand. „Der Mann der Miß Pecksniff iſt es,“ ſagte die gute Frau zu Martin.„Ich weiß nicht, auf welchem Fuͤße Sie mit ihm ſtehen, und war deßhalb ſehr in Sorge, bis Sie wieder zurück ſeyn würden.“ „Er und ich haben noch nie ein Wort mit einander gewechſelt,“ ſagte Martin,„und da ich nicht wünſche, beſſer oder ſchlechter mit ihm bekannt zu werden, ſo will ich mich ihm nicht in den Weg ſtellen. Vermuthlich war es der, dem wir auf der Straße begegneten. Ich bin froh, daß er nicht kam, als wir dort waren. Auf mein Wort, Miß Pecksniffs Mann reist vornehm.“ .„Einen ſehr ſchön ausſehenden Gentleman hat er auch bei ſich, und er wohnt jetzt im beſten Zimmer,“ flüſterte Frau Lupin, indem ſie, mit ihnen in das Haus hineingehend, nach dem Fenſter hinaufblickte.„Er hat Alles, was man nur immer auftreiben kann, zum Diner beſtellt und trägt den glänzendſten Schnurr⸗ und Backen⸗ bart, den man je ſehen fann.“ „In der That?“ rief Martin.„Nun, dann wollen wir ihn auch zu vermeiden ſuchen und hoffen, daß unſere 91* Selbſtverläugnung dem Opfer entſpreche. Es dauert ohnehin nur wenige Stunden,“ fügte Martin hinzu, in⸗ dem er ſich erſchöpft in einen Stuhl warf, der hinter dem Schirme der Schenkſtube ſtand.„Unſer Beſuch hat keinen glücklichen Erfolg gehabt, meine theure Frau Lu⸗ pin, und ich muß nach London gehen.“ „Ei, Du mein Gott!“ rief die Wirthin. „Ja. Ein ſchlimmer Wind, macht aber noch keinen Winter, ſo wenig als eine einzige Schwalbe den Som⸗ mer macht. Ich will es noch einmal verſuchen. Tom Pinch hat mit Erfolg gehandelt. Sein Rath ſoll mich leiten, und mir zu einem gleichen verhelfen. Ich habe Tom einmal unter meine Protektion— Gott behüte die Protektion— genommen,“ fuhr Martin mit einem me⸗ lancholiſchen Lächeln fort,„und ihm verſprochen, ich wolle ſein Glück machen. Vielleicht wird mich Tom unter ſeine Protektion jetzt nehmen, und mich lehren, wie ich mir mein Brod verdienen kann.“ Fünftes Kapitel. Weitere Fortſetzung des Unternehmens des Herrn Jonas und ſeines Freundes. Unter die mannichfach bewunderungswürdigen Ei⸗ genſchaften des Herrn Pecksniff gehörte auch die, daß er, jemehr man ihm auf die Spur kam, einen um ſo größeren Heuchler ſptelte. Mochte er in einem Reviere geſchlagen ſeyn, ſo friſchte er ſich dadurch wieder auf, daß er den Krieg in ein anderes Revier ſpielte. Wur⸗ den ſein Treiben und ſeine Schleichwege von A. ent⸗ deckt, ſo war dies eine um ſo größere Aufforderung für ihn, dieſelben ohne Zeitverluſt gegen B. in An⸗ wendung zu bringen, ſollte es auch nur darum ge⸗ 7* 92 ſchehen, um ſich in Bewegung zu erhalten. Noch nie hatte er ein ſo heiliges und erbauendes Schauſpiel ſei⸗ ner ganzen Umgebung geboten, als nach der Entdek⸗ kung Tom Pinchs, und nie zuvor war er ſo zart in ſei⸗ ner Menſchlichkeit, ſo würdevoll und ſo erhaben in ſei⸗ ner Tugend geweſen, als in der Zeit, in welcher des jungen Martins Verachtung friſch und ſiedend auf ihn brannte. Da Herr Pecksniff einen ſo großen Vorrath von überflüſſiger Sentimentalität und Moralität an der Hand hatte, daß er ihn um jeden Preis an den Mann bringen mußte, ſo glaubte er keine beſſere Gelegenheit zu einem Verkaufe en gros gefunden zu haben, als in der Anzeige der Ankunft ſeines Schwiegerſohns, weß⸗ halb er dieſelbe unmittelbar in Vollzug ſetzen wollte. Er ſtieg daher eilig in das Wohnzimmer hinab, ſchloß den jungen Mann in ſeine Arme und rief mit Blicken und Geberden, welche die Aufregung ſeines Geiſtes beurkundeten: „Jonas!— mein Kind— iſt ſie wohl? Es hat ſich doch nichts ereignet?“ „Was beginnen Sie denn da jetzt wieder?“ ent⸗ gegnete ſein Schwiegerſohn;„ſogar mit mir? Bleiben Sie mir vom Halſe, wollen Sie.“ „Sagen Sie mir nur, ob ſie wohl iſt,“ verſetzte Herr Pecksniff.„Sagen Sie mir, mein Sohn, daß ſte wohl ſey.“ „Sie iſt wohl genug,“ entgegnete Jonas, indem er ſich aus der Umarmung losmachte; ves fehlt ihr nichts.“ „Ihr fehlt alſo nichts!“ rief Herr Pecksniff, indem er auf den nächſten Stuhl ſich niederließ und in ſeinem Haare wühlte.„Pfui, über meine Schwäche! Ich kann nicht helfen, Jonas. Ich danke Ihnen. Es iſt mir jetzt beſſer. Und wie geht es meinem andern Kinde, meinem älteſten, meiner Cherrywerrychigo?“ α — Hs——— —& NRN ſagte Herr Pecksniff, der einen neckiſchen kleinen Na⸗ men in der Erleichterung ſeines Herzens für ſie erfand. „Sie iſt ſo ziemlich noch dieſelbe,“ entgegnete Herr Jonas.„Sie taugt vortrefflich zur Eſſigflaſche. Ohne Zweifel wiſſen Sie, ich ſetze es voraus, daß ſie einen Geliebten hat?“ „Ich habe es aus dem Hauptquartier gehört, von meinem Kinde ſelbſt,“ ſagte Herr Pecksniff,„ich will nicht in Abrede ſtellen, daß mich die Betrachtung ſehr ergreift, auch meine andere Tochter zu verlieren. Jonas — ich fürchte, wir Väter ſind ſelbſtſüchtig— wir ſind es— aber es war ſtets das eifrigſte Streben meines Lebens, ſte für den häuslichen Herd geeignet zu machen, und das iſt eine Sphäre, welcher Cherry zum Schmucke gereichen wird.“ „Sie hat nicht nothwendig der einen oder der an⸗ dern Sphäre zum Schmucke zu gereichen,“ bemerkte ſein Schwiegerſohn mit entzückender Freimüthigkeit, „denn ſie hat überhaupt nichts Zierliches.“ „Meine Mädchen ſind nun verſorgt,“ ſagte Herr Pecksniff,„ſie ſind glücklich verſorgt, und ich hab nicht vergebens gearbeitet.“ Herr Pecksniff würde das Nämliche geſagt haben, wenn eine ſeiner Töchter das große Loos in der Lot⸗ terie mit dreißig tauſend Pfund gewonnen, oder wenn die andere eine werthvolle Börſe, die Niemand zu⸗ rück verlangte, auf der Straße gefunden hätte. In beiden Fällen würde er einen patriarchaliſchen Segen auf das glückliche Haupt niedergerufen und ſich viel darauf zu gut gethan haben, als ob er ihr ein ſo glück⸗ liches Loos von der Wiege an bereitet hätte. „Ich denke wohl, wir ſprechen jetzt von etwas an⸗ derem,“ entgegnete Jonas trocken,...„es iſt nur der Abwechslung wegen. Finden Sie ſich ganz ange⸗ nehm?“ „Ganz,“ ſagte Herr Pecksniff.„Ah, Sie Schalk — Sie boshafter Schalk! Sie lachen über einen armen, alten zärtlichen Papa. Wohl! Er verdient es, und er 94 5 macht ſich auch nichts daraus, denn ſeine Gefuühle tragen den Lohn in ſich. Sie ſind gekommen, bei mir zu bleiben, Jonas?“ „Nein, es iſt ein Freund mit mir,“ ſagte Jonas. „So bringen Sie Ihren Freund mit!“ rief Herr Pecksniff in einem Anfluge von Gaſtfreundlichkeit, „bringen Sie eine Schaar von Ihren Freuden mit.“ „Der iſt kein Mann, der ſich mitbringen läßt,“ entgegnete Jonas verächtlich,„ſeht doch, ihn in Ihr Haus zu bringen! Doch danke ich ich Ihnen, aber er iſt ein wenig zu nah an dem Gipfel des Baumes, Pecksniff.“ Der vortreffliche Mann ſpitzte ſeine Ohren; ſein Eigennutz war geweckt, eine Stellung in der Nähe des 9 9 Baumgipfels deutete auf Größe, Tugend, Rechtſchaf⸗ fenheit, Verſtand und Genie; oder beſſer geſagt, in Pecksniffs Sinn, auf etwas, was unendlich höher ſtand, als das Alles. Zu einem Manne, der im Stande war, auf Pecksniff niederzublicken, konnte die⸗ ſer Gentleman mit nicht zuviel Ehrfurcht oder Demuth emporblicken. So geht es immer mit großen Geiſtern. „Ich will Ihnen ſagen, was Sie thun können, wenn es Ihnen beliebt,“ ſprach Jonas,„kommen Sie mit, und ſpeiſen Sie mit uns im Drachen. Wir wa⸗ ren geſtern Abends gezwungen, wegen eines Geſchäfts nach Salisbury zu reiſen, und ich beſtimmte ihn, mich dieſen Morgen in ſeinem Wagen herüber zu führen; wenn es auch nicht gerade ſein eigener Wagen iſt, denn ſein eigener iſt in der letzten Nacht zerbrochen und wir haben einen andern gemiethet, ſo kommt das auf eins heraus. Aber wohl gemerkt, Sie müſſen wiſſen, was Sie thun; er iſt nicht an jede Art von Leuten gewöhnt, ſondern hat nur Umgang mit den Beſten.“. „Irgend ein junger Edelmann, der von Ihnen gegen gute Intereſſen Geld entlehnt hat, ha?“ ver⸗ ſetzte Pecksniff, indem er ſcherzhaft ſeinen Zeigefinger 9⁵ erhob.„Ich werde erfreut ſeyn, die luſtige Haut ken⸗ nen zu lernen.“ „Geld entlehnt!“ wiederholte Jonas.„Geld ent⸗ lehnt! wenn Sie nur den zwanzigſten Theil ſo reich wären, als er iſt, dann könnten Sie Ihren Laden ſchließen. Wir dürften uns glücklich ſchätzen, wenn wir zuſammen im Stande wären, ſein Meublement, ſein Silbergeſchirr und ſeine Gemälde zu kaufen. Ja, ja, Herr Montague iſt der Mann, Geld zu entlehnen. Seitdem ich ſo glücklich und, ich darf es wohl ſagen, ſo ſchlau war, mich bei einem Aſſekuranzbüreau zu be⸗ theiligen, an welchem er der Präſident iſt, ſeitdem habe ich mir ſchon gemacht.... nun es iſt gleichgül⸗ tig, wieviel ich mir gemacht habe,“ fügte Jonas bei, der plötzlich ſeine gewohnte Vorſicht wieder zu erlangen ſchien.„Sie kennen mich zu gut, als daß Sie nicht wiſſen ſollten, daß ich über dergleichen Dinge nicht plaudern mag. Aber, alle Hagel, ich habe mir nur etwas Ge⸗ ringfügiges gemacht.“ „Wirklich, mein theurer Jonas,“ rief Herr Pecks⸗ niff mit vieler Wärme,„einem ſolchen Gentleman muß man einige Aufmerkſamkeit zeigen. Wünſcht er wohl die Kirche zu ſehen? Oder, wenn er Sinn für die ſchönen Künſte hat, was ich nach der Schilde⸗ rung, die Sie von ſeinen Umſtänden gegeben, nicht bezweifle, ſo kann ich ihm einige Porkfolios ſchicken. Die Kathedrale von Salisbury, mein theurer Jonas,“ ſagte Herr Pecksniff, denn die Erwähnung der Port⸗ ſolios und ſein Streben, ſich in einem vortheilhaften Lichte zu zeigen, leitete ihn auf die gewöhnliche Phraſeologie,„iſt ein Gebäude voll der ehrwüdigſten Erinnerungen und erweckt die erhabenſten Gefühle. Hier iſt es, wo wir die Werke verwichener Jahrhun⸗ derte betrachten; hier iſt es, wo wir auf die Töne der Orgel lauſchen, waͤhrend wir durch das wiederhallende Schiff ſchreiten. Wir haben die Anſichten dieſes be⸗ — 96 rühmten Gebäudes von Norden, von Süden, von Oſten, von Weſten, von Südoſt, von Nordweſt...“ Während dieſer Abſchweifung und überhaupt wäh⸗ rend des ganzen Geſprächs ſchaukelte ſich Jonas, die Hände in die Taſche geſteckt und den Kopf pfiffig gegen die Seite geworfen, auf ſeinem Stuhle hin und her. Jetzt aber betrachtete er Herrn Pecksniff mit einem ſo verſchmitzten und einem ſo bedeutungsvollen Blinzeln, daß Herr Pecksniff inne hielt und ihn fragte, was er habe ſagen wollen. „Alle Hagel,“ antwortete dieſer,„Pecksniff, wenn ich wüßte, daß Sie im Sinne haben, Ihr Geld gut anzulegen, ſo könnte ich Ihnen eine Gelegenheit ver⸗ ſchaffen, daſſelbe in kürzeſter Zeit zu verdoppeln. Es wäre auch gar nicht übel, eine ſolche Ausſicht in der Familie hübſch zu behalten. Aber Sie ſind ein ſo gar eigener Burſche!“—. „Jonas,“ rief Herr Pecksniff ſehr gerührt,„ich bin kein diplomatiſcher Charakter; mein Herz trage ich in der Hand; bei Weitem der größte Theil der unbedeu⸗ tenden Erſparniſſe, welche ich im Laufe einer mir, wie ich hoffe, nicht unehrenhaften oder nutzloſen Laufbahn geſammelt habe, iſt bereits vergeben, vertheilt und vermacht; korrigiren Sie mich, mein theurer Jonas, wenn ich einen techniſchen Schnitzer mache; kurz Alles iſt mit Ausdrücken des Vertrauens, die ich nicht wieder⸗ holen will, und gegen Sicherheiten, deren Erwähnung unnöthig iſt, an eine Perſon vergeben, die ich nicht zu nennen brauche, die ich nicht nennen kann und nicht nennen will.“ Hiebei gab er ſeinem Schwiegerſohn die Hand ſo eifrig, als wollte er beifügen: „Gott behüte Dich, gehe ja recht vorſichtig damit zu Werke, wenn Du es einmal haſt.“ Herr Jonas aber ſchüttelte nur den Kopf, lachte und erwiederte mit einer Miene, welche zu ſagen ſchien, daß er etwas Beſſeres als jener im Sinne habe:„nein, er — 97 wolle die Sache lieber für ſich behalten. Zugleich aber äußerte er, er wolle einen Spaziergang machen und Herr Pecksniff beſtand darauf, ihn zu begleiten, indem er bemerkte, er könne ſich dann unterwegs durch eine Karte für die Einladung des Herrn Montague bedenken. Das geſchah dann auch. Während des Spaziergangs beobachtete Herr Jo⸗ nas dieſelbe Zurückhaltung, mit der er ſein voriges Geſpräch abgeſchloſſen hatte. Er machte überdieß kei⸗ nen Verſuch, Herrn Pecksniff zu verſöhnen, er benahm ſich im Gegentheil noch roher und ungezogener, als gewöhnlich, und dies gab die Veranlaſſung, daß ſich dieſer Gentleman, der die wahren Abſichten ſeines Schwiegerſohns nicht entfernt ahnte, einem vortheil⸗ haften Angriff ſich bloßſtellte. In der Natur eines Schurken liegt es nämlich, die Werkzeuge, mit wel⸗ chen er arbeitet, als unerläßlich für die Schurkerei zu betrachten, und da Herr Pecksniff bei ſeinen Schlüſſen von ſeiner eigenen Perſönlichkeit ausging, ſo gelangte er zu der Anſicht: r „Wenn dieſer junge Mann von mir etwas für ſeine eigenen Zwecke brauchte, ſo würde er höflich und ehrerbietig ſeyn.“ „Je mehr Jonas ſeine Fragen und Andeutungen zurückwies, um ſo begieriger wurde Herr Pecksniff da⸗ rauf, in das goldene Geheimniß eingeweiht zu werden, in welches er ihn nur einen unbeſtimmten Blick hatte werfen laſſen. Wie ſollte kalte, weltliche Geheimniß⸗ krämerei zwiſchen Verwandten ſtatt finden können? Was iſt Liebe ohne Vertrauen? Wenn der für ſeine Tochter erkürte Gatte, der Mann, dem er mit ſo viel Stolz und ſo vieler Hoffnung, mit ſo ſpringender und ſo ſchwimmender Freude ſie überliefert hatte, wenn dieſer Mann nicht ein grüner Fleck in des Lebens öder, Wüſte war, wo ſollte ſich dann dieſe Oaſe finden laſſen? Herr Pecksniff ließ ſich wenig träumen, auf wel⸗ 98 chen wahrhaft grünen Fleck er in dieſem Augenblick feinen einen Fuß geſetzt hatte! Wie wenig ſah er voraus, wenn er ſagte:„Alles iſt nur Staub!“ daß in ſehr kurzer Zeit dieſes Wort an ihm ſich ſelbſt erwah⸗ ren ſollte. Jonas wollte Herrn Pecksniff in jenem zarten Punkte, in der Taſche, wo er ſelbſt ſo ſchrecklich litt, empfindlich zu Leibe gehen und fand ein boshaftes In⸗ texeſſe in den von ihm boshaft verfolgten Schlangen⸗ windungen, indem er nur Zoll für Zoll die blendenden Ausſichten des engliſch⸗bengaliſchen Etabliſſe⸗ ments blicken ließ, ſtatt ſie in ihrer Pracht vor dem neugierigen Zuhörer zu entfalten. In derſelben knik⸗ kerigen Weiſe ließ er Herrn Pecksniff, wenn er Luſt hatte(und die hatte er natürlich), den Schluß ziehen, er, Jonas, ſey ſich bewußt, daß er keine großen natür⸗ lichen Gaben in der Rede und in der Außenſeite habe, und daß er ſich die Ehre ſichern möchte, Herrn Mon⸗ tague einen Mann vorzuſtellen, der in dieſer Beziehung wohl ausgeſtattet, und das, was ihm mangle, zu er⸗ ſetzen im Stande ſey. Wäre dies nicht, murmelte er unzufrieden vor ſich hin, ſo würde er ſeinen geliebten Schwiegervater weit von ſich weg wünſchen, ſtatt ihn in das Geheimniß zu ziehen. 3 In ſo kunſtgerechter Weiſe, mit Zündkraut ver⸗ ſehen, zeigte ſich Herr Pecksniff beim Diner ſo ein⸗ ſchmeichelnd, ſo wohlwollend, ſo heiter, artig und herzlich, als er es vielleicht zuvor nie war. Die Frei⸗ müthigkeit des Landgentlemans, des Künſtlers feine Bildung, die gutmüthige Leichtigkeit des Weltmannes, Philanthropie und Nachſicht, Frömmigkeit und Duldung, Alles in ſchmiegſamer Verbindung, drückte ſich in Herrn Pecksniff aus, als ihm der große Spekulant und Kapi⸗ taliſt die Hand ſchüttelte. „Willkommen, geehrter Sir,“ ſagte Herr Pecks⸗ niff,„in unſerem beſcheidenen Dorfe! Wir ſind ein ein⸗ faches Volk, nur an unſern Boden gewöhnt, Herr N 8 99 Montague; wir wiſſen aber doch die Ehre Ihres Be⸗ ſuchs zu würdigen, wie Ihnen mein heurer Schwie⸗ gerſohn bezeugen kann. Es iſt wirklich ſonderbar,“ fuhr Herr Pecksniff fort, indem er Montague's Hand faſt ehrerbietig drückte,„aber doch ſcheint es mir, als ſollte ich Sie kennen. Dieſe hohe Stirn, mein theurer Jonas,“ ſagte er bei Seite,„und die üppigen Maſſen des reichen Haares— ich muß Sie, mein theurer Sir, ſchon im Gedränge der vornehmen Welt geſehen haben.“ Die einſtimmige Antwort war, daß nichts wahr⸗ ſcheinlicher ſey. 6 „Ich möchte wünſchen,“ begann Herr Pecksniff, „daß ich die Ehre haben könnte, Sie einem ältlichen Inſaſſen unſeres Hauſes vorzuſtellen, dem Onkel unſe⸗ res Freundes. Herr Chuzzlewit, Sir, würde ſehr ſtolz darauf ſeyn, Ihnen die Hand reichen zu können.“ „Iſt dieſer Gentleman jetzt hier?“ ſagte Montague erröthend. „ Er iſt es,“ entgegnete Herr Pecksniff. „Sie haben mir nichts davon geſagt, Chuzzlewit.“ „Ich habe nicht gedacht, daß Sie ſich darum kümmern würden,“ erwiderte Jonas,„auch kann ich Sie verſichern, daß es nicht der Mühe werth iſt, ihn kennen zu lernen.“ „Jonas! mein theurer Jonas!“ ſiel Herr Pecks⸗ niff ein.„In der That!...“ „O, es iſt natürlich, daß Sie ihm das Wor reden“ ſagte Jonas,„Sie haben ihn eingenagelt, Si wollen durch ihn zu Vermögen kommen.“ „Ohol kommt der Wind daher?“ erwiderte Mon⸗ tague,„ha, ha, ha!“ Und ſie lachten alle, beſonders Herr Pecksniff. „Nein, nein!“ ſagte dieſer Gentleman, indem er ſeinen Schwiegerſohn ſcherzhaft auf die Schulter klopfte, „Herr Montague, Sie müſſen nicht Alles glauben, was mein junger Verwandter da ſagt. In Geſchäftsſachen möoͤgen Sie ihm glauben, aber auf ſeine phantaſtiſchen Einfalle dürfen Sie kein Gewicht legen.“ „Bei meinem Leben, Herr Pecksniff,“ rief Mon⸗ tague,„ich lege ſeiner letzten Bemerkung das groͤßte Gewicht bei, und ich hoffe, daß ſie wahr ſey. In der Iewihtichen Weiſe läßt ſich nicht ſchnell genug Geld auf Geld gewinnen, Herr Pecksniff, es iſt nothwendig, daß man ſein Glück auf die Schwäche der Menſchen baut.“ „O pfui! O pfui! O pfui der Schande!“ rief Herr Pecksniff. Und ſie lachten Alle aufs Neue, beſonders aber Herr Pecksniff. „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß wir es ſo machen,“ ſagte Montague. „O pfui, pfui!“ rief Herr Pecksniff.„Sie ſind wahrlich ſehr ſcherzhaft! Ich bin überzeugt, daß dieß der Fall nicht iſt; ich bin feſt davon überzeugt! Wie könnten auch Sie... Sie wiſſen?“ Und von Neuem lachten ſie Alle zuſammen, Herr Pecksniff aber lachte am lauteſten. Das war in der That ſehr angenehm. Das war vertraulich, offen, ohne Ziererei, obgleich Herr Pecksniff immer noch auf eine zarte Weiſe in der Stellung eines Mentors der Parthie blieb. Die größten Thaten der Kochkunſt, welche der Drache je geliefert hatte, wurden jetzt aufgetragen; die beſten und älteſten Weine des Drachenkellers traten bei dieſer Gelegenheit an das Licht; tauſend Blaſen, welche den Reichthum und die Stellung des reichen Geſchäftsmannes Montague an⸗ deuteten, tauchten ohne Unterlaß an der Oberfläͤche der Unterhaltung auf, und ſie fühlten ſich ſo ungezwungen und heiter, als es nur immer drei ehrliche Leute ſeyn können. Herr Pecksniff dachte und ſagte: „Es iſt Schade, daß Herr Montague von der 101 Menſchheit und ihrer Schwäche eine ſo geringe Mei⸗ nung hat.“ Dieſen Gegenſtand nahm er ſich ſehr zu Herzen, er kam ohne Unterlaß in einer oder der andern Weiſe auf denſelben immer wieder zurück, er mußte, wie er ſagte, ſeinen geehrten Wirth bekehren. So oft Herr Montague ſeinen Satz wiederholte, daß man das Glück auf die Schwäche der Menſchheit bauen müſſe, ſo oft er dabei freimüthig hinzuſetzte:„Wir machen es ſo!“ — eben ſo oft wiederholte Herr Pecksniff:„O pfui der Schande, ich bin überzeugt, daß dieß der Fall nicht iſt. Sie wiſſen— nein, das können Sie nicht,“ und jedes⸗ mal legte er einen größeren Nachdruck auf die letzteren Worte. 1 Die häufige Wiederholung dieſer ſcherzhaften Frage von Seiten des Herrn Pecksniffs führte endlich ſcherz⸗ hafte Antworten von Seiten des Herrn Montague her⸗ bei; nachdem aber dieſe Scharmützel eine Zeitlang ge⸗ dauert hatten, wurde Herr Pecksniff ernſt, faſt bis zu Thränen ernſt. Er bemerkte, wenn Herr Montague es erlaube, ſo wolle er auf die Geſundheit ſeines jungen Verwandten, des Herrn Jonas trinken; er wünſchte ſich zu der ausgezeichneten und werthvollen Freundſchaft, die ihn mit ihm vereinigte, Glück, konnte aber nicht umhin einzuräumen, daß er ihn beneide, weil er ſeinem Mitmenſchen ſo nützlich werden könne. Denn wenn er die Zwecke des Inſtituts, mit welchem ſich ſein Schwie⸗ gerſohn in neuerer Zeit auf eine ſo vortheilhafte Weiſe in Verbindung geſetzt hatte, begriff, obwohl er ſie nur unvollkommen kannte, ſo waren ſie darauf berechnet, Gutes zu thun, und er, Pecksniff, würde glauben, jede Nacht mit der zuverläſſigen Gewißheit augenblicklich einzuſchlafen, ſein Haupt auf das Kiſſen niederlegen zu können, wenn er im. Stande wäre, ihrem Plane auf irgend eine Weiſe Vorſchub zu leiſten. Der Uebergang von dieſer zufälligen Bemerkung (denn ſie war ganz zufällig und nur ein Erguß des 1⁰² offenen Herzens des Herrn Pecksniff) bis zu der Be⸗ ſprechung der Gegenſtände in der Form einer Geſchäfts⸗ ſache war leicht. Bücher, Papiere, Angaben, Tabellen, Berechnungen aller Art lagen bald vor ihnen ausge⸗ breitet, und da ſie alle nur zu einem beſtimmten Zwecke geſchmiedet waren, ſo iſt es leicht begreiflich, daß ſie ſammt und ſonders auf ein Ziel hinausliefen. So oft aber Herr Montague über den Gewinn des Geſchäftes ſich verbreitete und die Verſicherung gab, daß es einen vortrefflichen Fortgang nehmen müſſe, ſo lange es ein⸗ fältige Leute gäbe, ſo oft ſagte Herr Pecksniff mild: o pfui, und er wäre von ganzem Herzen geneigt geweſen, dem Sprecher Vorſtellungen zu machen, hätte er nicht gewußt, daß Alles nur Scherz ſey. Aber Herr Pecks⸗ niff wußte auch, daß es ihm mit ſeinen eigenen Ein⸗ wendungen nicht Ernſt war. Nie zuvor hatte ſich eine günſtigere Gelegenheit gezeigt, und wohl würde ſich auch lange keine ähnliche zeigen, um eine beträchtliche Summe anzulegen, wobei ſich im gleichen Grade die Vortheile nach dem Betrage der Einlage ſteigerten. Als endlich Herr Jonas ſich in das Geſpräch mengte, zeigte ſich dieſer Gentleman gräm⸗ lich, fand da und dort Bedenken oder Fehler, und rieth Herrn Pecksniff brummend, die Sache vorher beſſer zu überlegen. Die Summe, welche zur Theilnahme an dem guten Geſchäfte berechtigen konnte, war beinahe von der Größe, von welcher die ſämmtlichen Erſpar⸗ niſſe Herrn Pecksniffs waren, dabei war aber Herr Chuzzlewit nicht mitgerechnet, obwohl er ihn wie baa⸗ res Geld in der Bank betrachtete, und dieſes machte ihn um ſo mehr geneigt, ſeine Privatſprotte als Köder für einen Wallfiſch, wie ihn Herr Montague geſchildert hatte, auszuwerfen. Die Zurückbezahlung kam faſt augenblicklich, und der Gewinn war ungeheuer. Das Ende der Unterhaltung war, daß Herr Pecksniff ein⸗ willigte, der letzte Mittheilhaber und Miteigenthümer der anglo⸗bengaliſchen Kompagnie zu werden, 103 und daß die Uebereinkunft getroffen wurde, daß er über⸗ morgen mit Herrn Montague zu Salisbury ſpeiſen und das Geſchäft zum Abſchluß bringen wolle. Es bedurfte geraumer Zeit, um den Gegenſtand zu dieſem Ziele zu führen, und es war faſt Mitternacht, als ſie ſich trennten. Als Herr Pecksniff die Treppe hinabging, fand er Frau Lupin, wie ſie an der Thür ſtand und hinausſchaute. „Ach! meine gute Freundin,“ ſagte er,„noch nicht Zu Bette? Beobachten Sie die Sterne, Frau Lupin?“ „Es iſt eine ſchöne ſternhelle Nacht, Sir.“ „Eine ſchöne ſternhelle Nacht,“ ſagte Herr Pecks⸗ niff aufblickend,„betrachten Sie nur dieſe Planeten, wie ſie ſcheinen, betrachten Sie die— die zwei Perſo⸗ nen, welche dieſen Morgen hier waren, haben, wie ich hoffe, Ihr Haus verlaſſen, Frau Lupin?“ „Ja, Sir, ſie ſind fort.“ „Es freut mich, dieſes zu hören,“ ſagte Herr Pecksniff.„Betrachten Sie die Wunder des Firma⸗ ments, Frau Lupin! Wie herrlich iſt dieſe Scene! So oft ich zu dieſen glänzenden Welten hinaufblicke, ſcheint es mir, als wenn einer der andern zuwinke, um ſich gegenſeitig auf die Eitelkeit des menſchlichen Treibens aufmerkſam zu machen. O, meine Mitmenſchen!“ rief D. Herr Pecksniff, ſeinen Kopf mitleidig ſchüttelnd,„ihr ſeyd arg im Irrthum! Ihr, den Würmern Verfallene, ihr ſeyd ſchrecklich getäuſcht! Die Sterne ſind, ich ver⸗ muthe es, in ihren verſchiedenen Sphären vollkommen zufrieden. Warum ſeyd dhr es nicht? O, laßt ab, meine verblendeten Freunde, von eurem Ringen und Treiben und blickt mit mir zum Himmel auf.“ Frau Lupin ſchüttelte den Kopf und ſeufzte. Es war wahrhaft rührend. „Blickt mit mir zu ihm hinauf!“ wiederholte Herr Pecksniff, ſeine Hand ausſtreckend;„mit mir, einem de⸗ müthigen Individuum, welches gleichfalls ein Inſekt iſt, wie ihr ſelbſt. Kann Silber, Gold oder können 104 5 koſtbare Steine funkeln, wie dieſe Konſtellationen? Ich glaube, nein. Darum dürſtet nicht nach Silber, nicht nach Gold oder koſtbaren Steinen, ſondern blickt mit mir auf zu ihm.“ Bei dieſen Worten pätſchelte der gute Mann die Hand der Frau Lupin zwiſchen ſeinen eigenen Händen, als wolle er beifügen:„Denke daran, meine gute Frau!“ und ging, den Hut unter dem Arme, in einer Art von Entzückung weiter.. Jonas blieb in der Stellung ſitzen, in welcher ihn Herr Pecksniff verlaſſen hatte; er blickte finſter ſeinen Freund an, der, von einer Maſſe von Papieren um⸗ geben, etwas auf einen langen Papierſtreifen ſchrieb. „Sie wollen alſo bis übermorgen in Salisbury warten?“ fragte Jonas. „Sie hörten unſere Uebereinkunft,“ erwiederte Mon⸗ tague, ohne aufzublicken.„Jedenfalls wäre ich auch hier geblieben, um nach dem Knaben zu ſehen.“ Es ſchien, als hätten beide abermals ihre Rollen gewechſelt; Montague war ſehr heiter, und Jonas düſter und lauernd. „Vermuthlich werden Sie meiner nicht bedürfen?“ ſagte Jonas. „Ich bedarf nichts, als Ihres Namens hier,“ ver⸗ ſetzte dieſer, indem er lächelnd nach dem Andern hin⸗ überblickte;„ſobald ich dieſen Stempelbogen ausgefüllt haben werde. Ich möchte Ihre Handſchrift für dieſes Ertrakapital haben. Das iſt's allein, was ich bedarf. Wenn Sie wünſchen nach Hauſe zu gehen, ſo kann ich jetzt mit Herrn Pecksniff allein fertig werden, denn zwi⸗ ſchen uns herrſcht ein vollkommenes Einverſtändniß.“ Jonas ſah dieſen, während derſelbe ſtumm fort⸗ ſchrieb, düſter an. Nachdem Montague fertig geworden und das Blatt auf dem Löſchpapier ſeines Reiſepultes getrocknet hatte, blickte er auf und warf Jonas die Fe⸗ der hin. „Wie, nicht einen Tag Gnade, nicht einen Tag —. ——— 1⁰⁵ Vertrauen?“ ſagte Jonas bitter;„nicht einmal nach der Mühe, welche ich mir bei dem Werke dieſer Nacht gegeben habe?“ „Das Werk dieſer Nacht war ein Theil unſers Vertrages,“ entgegnete Montague,„und ſo iſt es auch mit dieſem hier.“ „Sie treiben einen harten Handel mit mir,“ ver⸗ ſetzte Jonas, indem er ſich dem Tiſche näherte;„Sie wiſſen es am Beſten. Geben Sie her!“ Montague gab ihm das Papier. Nachdem Jonas eine Zeitlang gezögert hatte, als könne er ſich nicht entſchließen, ſeinen Namen auf das Blatt zu ſetzen, tauchte er haſtig ſeine Feder in das nächſte Tintenfaß und begann zu ſchreiben. Kaum hatte er jedoch ange⸗ ſetzt, als er, wie von einem paniſchen Schrecken erfaßt, zurückfuhr. „Was, Teufel, iſt das!“ rief er,„es iſt blutig!“ Der nächſte Moment zeigte ihm, daß er ſeine Fe⸗ der in rothe Tinte getaucht hatte; dennoch legte er die⸗ ſem Verſehen einen ſeltſamen Grad von Bedeutung bei. Er fragte, wie ſie hergekommen ſey, wer ſie gebracht habe, warum ſie gebracht worden ſey, und dabei blickte er anfangs Montague an, als glaube er, daß dieſer ihn habe foppen wollen. Und auch als er eine andere Feder und die ſchwarze Tinte benutzte, machte er zuerſt einige Striche auf ein anderes Papier, wie wenn er halb und halb glaube, dieſe würde abermals roth werden. „Dießmal ſchwarz genug,“ ſagte er, indem er das Blatt Montague einhandigte.„Gott befohlen!“ „Gehen Sie jetzt? Gehen Sie jetzt? Wie gedenken Sie von hier wegzukommen?“ „Morgen früh, ehe Sie noch aus dem Bette ſeyn werden, werde ich nach der Landſtraße hinübergehen und die Landkutſche beſteigen. Gott befohlen!“ „Sie haben ſo große Eile?“ Boz, Chuzzlewit. V. 8 106 „Ich habe etwas zu thun,“ ſagte Jonas,„Gott befohlen.“ Sein Freund ſah ihm mit einer Miene der Ueber⸗ raſchung nach, welche nach und nach einem Ausdrucke von Beruhigung und Zufriedenheit wich. „Das iſt um ſo beſſer, das bringt Alles, was ich brauchte, ohne alle Schwierigkeit. Ich werde allein nach Hauſe reiſen.“ Sechstes Kapitel. In welchem ſich Tom Pinch und ſeine Schweſter ein kleines Ver⸗ gnügen machen; aber ganz in häuslicher Weiſe und ohne alle 6 Ceremonie. Da ſich Tom Pinch und ſeine Schweſter zur Be⸗ ſorgung der Geſchäfte des Morgens unmittelbar nach dem Verſchwinden der übrigen Perſonen trennen muß⸗ ten, welche in der Scene am Kai thätig geweſen waren, ſo hatten ſie füͤr jetzt keine Zeit, die Sache weiter zu beſprechen. Dennoch dachte Tom in ſeinem einſamen Arbeitszimmer, und Nuth in der dreieckigen Wohnſtube den ganzen Tag hindurch an nichts anderes, und als die Stunde ihres nachmittägigen Zuſammentreffens nahte, waren ſie, wie natürlich, noch immer von dem⸗ ſelben Gegenſtande erfüllt. Zwiſchen ihnen beſtand ein kleiner Vertrag, daß nämlich Tom ſlets auf demſelben Wege, und zwar an der Fontaine vorbei, von dem Temple herkommen ſolle. Wenn er dann durch den Fontainenhof kam, ſo hatte er nur nach den Treppen zu ſehen, die in den Garten⸗ Ruth ſeyn, wenn ſie ihm entgegen gekommen war. Sie zögerte natürlich nicht(man ſagt wegen der Schreiber), hof führen, und um ſich zu blicken, denn dort mußte ſondern eilte auf ihn zu, mit dem lieblichſten kleinen — ,———.—- Zott ber⸗ ucke ein ich, . 1⁰7 Lächeln auf dem Geſichte, welches je der Fontaine ge⸗ genüber geſpielt hatte, und deren blitzende Tropfen in ein Nichts verwandelte. Schon fünfzigmal für einmal hatte Tom in einer falſchen Richtung nach ihr ſich um⸗ geſehen, und an ihrem Kommen bereits gezweifelt, als ſie endlich auf ihn zugetrippelt kam, mit ſämmtlichen Schlüſſeln in ihrer kleinen Ridicule klimpernd, um ſo ſeine wankende Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen. Ob in dieſer langſamen Vegetation des Fontainen⸗ hofes, für die von Rauch geſchwärzten Geſträuche Leben genug geblieben war, um ſich des Anblicks des heiter⸗ ſten und reinſten Frauenzimmerchens der Welt zu er⸗ freuen, iſt eine Frage für Gärtner und für diejenigen, welche in das Lieben der Pflanzen eingeweiht ſind. Daß es aber etwas Gutes für den gepflaſterten Hof war, wenn eine ſo zarte, kleine Geſtalt darüber hin⸗ ſchwebte, daß ſie wie ein Lächeln an den finſtern, alten Häuſern und über die abgenutzten Fließenſteine dahin flog und ſie düſterer, langweiliger und ernſter als je zurückließ, darüber kann kein Zweifel ſeyn. Die Tem⸗ ple⸗Fontaine hätte zwanzig Fuß hoch ſpringen mögen, um die hoffnungsvolle Jungfräaulichkeit zu begrüßen, die in Ruths Perſon funkelnd durch die duͤrren, ſtaubi⸗ gen Kanäle des Rechts ſich hinſtahl. Die zwitſchernden Sperlinge, in den Spalten und Ritzen des Temple ge⸗ boren, ſchwiegen gern, um auf eingebildete Feldlerchen zu lauſchen, wenn ein ſo friſches Geſchöpfchen vorüber⸗ glitt; die braunen Aeſte, die ſonſt nur gewöhnt waren, ſich in ihrem verſtümmelten Wuchſe niederzubeugen, häͤtten ſich in einer Art von Anmuth neigen mögen, um ihren Segen auf ihr liebliches Haupt auszugießen, und ohne Zweifel rührten ſich auch die alten Liebes⸗ briefe in den eiſernen Truhen der benachbarten Schreib⸗ ſtuben, wo ſie als gehaltloſe Zugabe ganzer Stöße an⸗ derer Familienpapiere, unter die ſie ſich verirrt hatten, eingeſchloſſen waren, und erinnerten ſich augenblicklich 8* 1⁰8 an ihre alte Zärtlichkeit zurück, wenn ſie die Nähe eines ſo lieblichen Mädchens fühlten. Mit einem Worte, Ruth zu Liebe war Alles möglich, was nie geſchehen iſt und nie geſchehen wird. An dem Nachmittage, von welchem dieſe Geſchichte handelt, geſchah übrigens etwas, aber nicht Ruth zur Liebe, o nein, ganz zufällig und ohne alle Beziehung auf ſie. Entweder hatte ſie ſich ein wenig zu bad oder Tom ein wenig zu ſpät auf den Weg gemacht(in der Regel hielt ſie ihre Zeit bis auf eine halbe Minute ein), doch nein, Tom war da. Gut! War aber nicht noch Jemand da, weil ſie ſo tief erröthete, als ſie um ſich her blickte und mit einer ſolchen Eile die Stufen heruntertrippelte?— Die Sache iſt, daß in demſelben Augenblicke Herr Weſtlock vorüber kam. Der Temple iſt ein öffentlicher Weg und wird es bleiben, ſo lange man ſeine Thore nicht ſchließt. Herr Weſtlock hatte daher ein eben ſo gutes Recht hier zu ſeyn, als irgend jemand anders. Aber warum lief ſie denn davon? Sie war doch nicht ſchlecht gekleidet, und das braune Haar, das unter ihrem Hütchen hervorgeſchlüpft war und einen einzigen loſen Schalk von einer falſchen Blume um ſich ſchlang, und ſich ihrer Freiheit vor aller Welt rühmte, das konnte doch nicht die Urſache geweſen ſeyn, denn es ſah be⸗ zaubernd aus. O thörichtes, pochendes, ſchüchternes, kleines Herz, warum liefſt du davon! Der dünne Strahl der Fontaine ſpielte fröhlich, und fröhlich funkelten die Grübchen auf ihrem wonnigen Antlitze. John Weſtlock eilte ihr nach. Das Waſſer brach ſich und fiel unter ſanftem Flüſtern, und die Grübchen zuckten ſchelmiſch, als er ihr auf ihren Trit⸗ ten nachſchlich. 3 O thörichtes, pochendes, furchtſam kleines Herz, warum ſtellteſt Du Dich, als merkteſt Du ſeine Nähe 2 — 1⁰9 nicht, warum wünſchteſt Du Dich weit weg zu ſeyn, während Du doch da ſo glücklich pochteſt. „Ich war ſicher, daß Sie es ſeyn müſſen,“ ſagte John, als er ſie in dem Heiligthume des Gartens ein⸗ geholt hatte,„ich konnte mich nicht täuſchen.“ Sie war ſo ſehr überraſcht. „Sie warten auf Ihren Bruder?“ fuhr John fort. „Laſſen Sie mich Ihnen Geſellſchaft leiſten.“ Die Berührung des furchtſamen Händchens war ſo leicht, daß er niederblickte, um ſich ſelbſt zu über⸗ zeugen, ob ſie ſeinen Arm angenommen habe. Dieſer Blick wurde aber für einen Moment von den leuchten⸗ den Augen des Mädchens gefeſſelt, er vergaß ſeine erſte Abſicht und ging nicht weiter. Sie gingen drei oder vier Mal auf und ab und unterhielten ſich über Tom und ſeine geheimnißvolle Beſchäftigung. Das war nun wahrhaftig ein ſehr na⸗ türlicher und unſchuldiger Gegenſtand. Doch warum ſenkte Ruth, ſo oft ſie aufblickte, ſogleich ihre Augen wieder und heftete ſie auf das Pflaſter des Hofs? Es waren doch keine ſolchen Augen, daß ſie das Licht zu ſcheuen hatten, es waren doch keine ſolchen Augen, welche aufgeſpart werden mußten, um einen höheren Werth zu erlangen. Sie waren viel zu edel und viel zu koſtbar, um ſolcher Künſte zu bedürfen; ſie mußten alſo auf ein anderes Auge getroffen ſeyn. Sie fanden aber auch Tom raſch genug, und dieſes Augenpaar entdeckte ihn in der Entfernung in dem Augenblicke ſeines Erſcheinens. Er blickte wie gewöhn⸗ lich in allen Richtungen umher, nur nicht in der rech⸗ ten; und er war ſo beharrlich, dieſe zu vermeiden, als ob er es abſichtlich thue. Es war klar, daß er ſich entfernt haben würde, wenn man ihn ſich ſelbſt über⸗ laſſen hätte; John Weſtlock eilte daher auf ihn zu, um ihn zu halten. 3 Dies machte die vereinzelte Annäherung für die kleine Ruth zu einem Gegenſtande von der höchſten 110 Verlegenheit. Da war Tom, voll der höchſten Ueber⸗ raſchung(denn bei geringfügigen Gelegenheiten fehlte es ihm an aller Geiſtesgegenwart). Da war John, der die Sache möglichſt leicht nahm, aber ſie zu glei⸗ cher Zeit mit einer ſehr unnöthigen Weitläufigkeit zu erklären ſuchte; und da war ſie, auf beide zukommend, während dieſe ſie anſahen. Sie empfand das glühende Roth auf ihren Wangen, verſuchte aber, ihre Augen⸗ brauen gleichgültig in die Höhe zu ziehen und ihre Roſenlippen aufzuwerfen, als ob ſie das gelaſſenſte und unbetheiligtſte Dämchen von der Welt ſey. Luſtig plätſcherte und plätſcherte die Fontaine, bis die in einander übergehenden Grübchen in ein allge⸗ meines Lächeln verſchmolzen, das die ganze Oberfläche des Beckens bedeckte.. „Welch' außerordentliches Zuſammentreffen!“ ſagte Tom,„ich hätte mir nicht träumen laſſen, Euch Beide hier zuſammen zu ſehen.“— „Ganz zufällig,“ hörte man John murmeln. „Beſtimmt,“ rief Tom,„das iſt es, was ich meine. Wenn es nicht zufällig wäre, würde nichts Merkwür⸗ diges darin liegen.“ „Gewiß,“ entgegnete John. „Daß Ihr Euch an einem Orte, der ſo ganz aus dem Wege liegt, treffen müßt,“ fuhr Tom ganz ent⸗ zückt fort.„An einem ſo ungeeigneten Platze.“ John beſtritt dieſes. Er meinte im Gegentheile, der Platz ſey in der That ſehr geeignet. Er ging, wie er ſagte, beſtändig hier auf und ab und war durchaus nicht verwundert, wenn ſich ein Gleiches wieder ereig⸗ nen ſollte. Das allein wunderte ihn, daß dieſes nicht ſchon früher geſchehen ſey. Inzwiſchen hatte ſich Ruth an die andere Seite ihres Bruders gemacht und ſeinen Arm genommen. Jetzt drückte ſie ihn, als wolle ſie ſagen:„willſt Du denn den ganzen Tag hier bleiben, Du theurer, alter, ſchwatzhafter Tom.“ 111 er⸗ Tom beantwortete den Druck, wie wenn er eine lte ganze Rede geweſen wäre. on,„John,“ ſagte er,„wenn Du meiner Schweſter ei⸗ Deinen Arm geben willſt, ſo können wir ſie in die zu Mitte nehmen und weiter gehen; ich habe Dir einen nd, ſeltſamen Umſtand zu erzählen, unſer Zuſammentreffen de hätte ſich nicht beſſer fügen können.“ n⸗ Die Fontaine hüpfte und tanzte luſtig, und luſtig re blitzten die lächelnden Grübchen und dehnten ſich mehr nd und mehr aus, bis ſie an dem Nande des Beckens in ein lautes Lachen ausbrachen und verſchwanden.* is„Tom,“ ſagte ſein Freund, als ſie in die lärmende je⸗ Straße einbogen;„ich habe Dir einen Vorſchlag zu he machen. Der iſt, daß Du und Deine Schweſter mir 3 das große Vergnügen machen, mit mir zu kommen und te bei mir zu ſpeiſen, falls ſie der Wohnung eines alten de Junggeſellen eine ſolche Ehre erzeigen will.“ „Was, heute?“ rief Tom. „Ja, heute. Du weißt, ich wohne in der Nähe. e. Ich bitte Sie, Fräulein Zwicker, beſtehen Sie darauf. r⸗ Es wird freilich ſehr unintereſſant ſeyn, denn ich habe Ihnen nichts vorzuſetzen.“ „O, das mußt Du nicht glauben, Ruth,“ ſagte 8 Tom.„In ſeinem Hausweſen iſt er für einen unver⸗ — heiratheten Mann der ſchrecklichſte Menſch, von dem ich je gehört habe; er könnte Lord⸗Major ſeyn. Wohlan; , was ſagſt Du? Wollen wir gehen?“ e„Wie es Dir beliebt, Tom,“ verſetzte ſein gehor⸗ 8 ſames Schweſterchen. .„Aber ich denke,“ ſagte Tom, indem er ſie mit t lächelnder Bewunderung betrachtete,„daß etwas da ſey, was Du tragen ſollteſt und nicht haſt. Ich weiß e wahrhaftig nicht, John, aber ich glaube, daß ſie nicht 5 im Stande ſeyn wird, ihren Hut abzunehmen.“ Hierüber wurde unter ihnen viel gelacht, und John Weſtlock machte verſchiedene Komplimente— keine Komplimente, wie er ſagte,— ſondern lauter gute, 11² einfache, ehrliche Wahrheiten, die(und er hatte Recht) Niemand in Abrede ſtellen konnte. Ruth lachte und ſo weiter, machte aber keine Einwendung, und ſo blieb es bei der Uebereinkunft.. „Wenn ich es nur ein wenig früher gewußt hätte,“ ſagte John,„ſo würde ich einen andern Pudding be⸗ ſtellt haben, nicht um des Wetteifers willen, ſondern nur um den Ruf des früheren zu erhöhen. In keinem Falle hätte ich ihn mit Nierenfett machen laſſen.“ „Warum nicht?“ fragte Tom. „Weil das Kochbuch Nierenfett anempfiehlt,“ ent⸗ gegnete John Weſtlock,„und weil der unſrige mit Mehl und Eiern gemacht iſt.“ „Ei du meine Güte!“ rief Tom,„war der unſrige wirklich aus Mehl und Eiern gefertigt? Ha, ha, ha! Ein Beefſteak⸗Pudding mit Mehl und Eiern! Das weiß ja Jedermann beſſer! Das weiß ſogar ich beſſer! Ha, ha, ha!“ Es iſt überflüſſig, zu ſagen, daß Tom bei der An⸗ fertigung des Puddings gegenwärtig war und für alle Prozeduren ſeiner Schweſter einen eifrigen Gläubiger abgegeben hatte. Aber es war ſo entzückend für ihn, die Freude zu haben, ſeine kleine emſige Schweſter zu necken, und er fühlte ſich durch den Gedanken, auf ihre Schliche gekommen zu ſeyn, dergeſtalt gekitzelt, daß er im Temple⸗Bar ſtehen blieb, um ſich auszulachen. Aus den Flüchen und Stößen mürriſcher Vorübergehender machte er ſich ſo wenig, daß er nicht mehr Tom, ſon⸗ dern ein Holzpfoſten war. Dann fuhr er mit fortwäh⸗ rend gutem Humore fort zu rufen:„Mehl und Eier! Ein Beefſteak⸗Pudding mit Mehl und Eiern!“ und er rief ſo lange fort, bis John Weſtlock und ſeine Schweſter von’ ihm weg liefen und ihn allein ließen, damit er ſeiner Lachluſt vollen Lauf laſſen könne. Nachdem er ſein Müthchen gekühlt hatte, eilte er ihnen nach, und ſein Geſicht ſtrahlte ſo voll Zärtlichkeit(denn es war von Toms Seite nur ein gnädiger Spaß geweſen), daß nommen und auf den Tiſch geſetzt wurde. 1 1 113 es die Lüfte hätte reinigen können, wenn Temple⸗Bar jetzt noch, wie in den vergangenen goldenen Tagen, mit einer Reihe modernder Menſchenköpfe verſchönert geweſen wäre. Die Inn'’s, in welchen Junggeſellen leben, haben gar gemächliche Zimmer, und es iſt zum Erſtaunen, wie gut ſich dieſe Menſchen fortbringen, ſo ſehr ſie auch über ihre Einſamkeit klagen. John ſprach ſich mit vielem Pathos über ſein trauriges Leben und über die kärglichen Nothbehelfe aus, welchen er Preis gegeben ſey; aber dennoch ſchien er ſich recht gemächlich zu be⸗ finden. Seine Zimmer waren die vollendete Reinlich⸗ keit und Bequemlichkeit, und es war gewiß nicht ihre Schuld, wenn ihm darin nicht wohl wurde. So wie er Tom und ſeine Schweſter in ſein beſtes Gemach eingeführt hatte, wo eine ſchöne kleine Vaſe mit friſchen Blumen auf dem Tiſche ſtand, ganz für Ruth bereit, juſt als ob ſie, wie er ſagte, erwartet worden waͤre, ergriff er ſeinen Hut und eilte in ge⸗ ſchäftiger Weiſe wieder hinaus. Die Gäſte ſahen ihn durch die halb offene Thüre alsbald in Begleitung einer Matrone zurückkehren, deren rothes Geſicht glänzte und von deren zerdrücktem Hut lange, lange Bänder über den Rücken hinunter flatterten. Im Vereine mit dieſer begann er augenblicklich das Tiſchtuch für das Diner aufzulegen, dann polirte er eigenhändig die Weingläſer und rieb den Deckel einer Pfefferbüchſe an ſeinem Rock⸗ ärmel blank; hierauf zog er Korke aus und füllte die Flaſche mit einer ganz beſonderen Fertigkeit. Und als ob er im Verlaufe ſeines Reibens und Polirens eine Zauberlampe oder einen magiſchen Ring bearbeitet hätte, welchen wenigſtens 20,000 übernatürliche Sclaven zu Gebot ſtanden, erſchien mit einemmale ein Weſen in einer weißen Weſte, eine Serviette unter dem Arm, nebſt einem andern mit einer länglichen Truhe auf dem Kopfe, aus welcher ein dampfend heißes Bankeit ge⸗ Salm, Lamm, Erbſen, unſchuldige junge Kar⸗ toffeln, kalter Salat, zerſchnittene Gurken, ein mürbes Entchen und eine Torte— alles war da. Das Alles kam zur rechten Zeit. Woher es kam, das wußte Nie⸗ mand, aber die längliche Truhe ging unaufhörlich ab und zu und verkündigte dem Manne in der weißen Weſte durch ein beſcheidenes Pochen an der Außenſeite der Thüre ihre Ankunft; denn nachdem ſie ſich das erſte Mal gezeigt hatte, erſchien ſie im Zimmer nicht wieder. Dieſer Mann war nie überraſcht und ſchien ſich über die außerordentlichen Dinge, die in der Truhe gefunden wurden, nicht im Mindeſten zu wundern; denn er nahm ſte mit dem gelaſſenſten Geſichte der Welt heraus und ſetzte ſie auf den Tiſch. Er war ein freundlicher Mann, artig in ſeinen Manieren und für den Gaumen der Dinergeſellſchaft ſehr beſorgt. Er war auch ein ge⸗ lehrter Mann, denn er kannte John Weſtlocks Lieblings⸗ ſaucen und ihren Wohlgeſchmack, und er ſchilderte ſie mit vieler Empfindſamkeit, als er die kleinen Krügchen herumbot. Er war ein ernſter Mann und ein geräuſch⸗ loſer. Sobald das Diner beendigt und der Wein nebſt den Früchten auf dem Tiſche aufgeſtellt war, verſchwand er mit der Truhe und Allem, gleich einem Geſchöpfe, das nie exiſtirt hatte.. „Habe ich nicht geſagt, daß er ein ſchrecklicher Menſch in ſeinem Hausweſen ſey!“ rief Tom.„Gott behüte meine Seele! Das iſt wundervoll.“ „Ah, Fräulein Pinch,“ ſagte John,„das iſt die Glanzſeite des Lebens, welches wir an einem ſolchen Platze führen. Wie unheimlich wäre es, wenn es ſich heute nicht einmal aufhellte.“ „Glaub' ihm ja kein Wort,“ rief Tom;„der lebt hier wie ein Monarch, und möchte gewiß ſein Treiben um keinen Preis aufgeben. Er ſtellt ſich jetzt nur ſo eisbärig.“ Nein, John that wahrhaftig nicht blos ſo, denn es war ihm ſehr daran gelegen, verſtanden zu werden, — ᷣ ⁸—— 8—* K ⅔₰ XK 8 RK 115 wenn er ſagte, ſein Leben ſey in der Regel ſo lang⸗ weilig, einſam und ungemächlich, wie nur das eines unverheiratheten Mannes in der That ſeyn könne. Es war, wie er ſagte, ein elendes, ein erbärmliches Leben. Er wollte ſeine Zimmer, ſobald als möglich, abgeben, und hatte im Sinne, demnächſt einen Zettel in das Fenſter zu ſtecken. „Nun,“ ſagte Tom Pinch,„ich wüßte wahrhaftig nicht, wie Du komfortabler leben könnteſt, das allein kann ich darauf ſagen. Was ſagſt Du dazu, Ruth?“ Nuth ſpielte mit den Kirſchen auf ihrem Teller und ſagte, daß ſie glaube, Herr Weſtlock müſſe ganz glücklich ſeyn, und daß ſie auch nicht daran zweifle. Ach, thörichtes, pochendes, ſchüchternes, kleines Herz; wie ſchüchtern ſie das ſagte! „Aber Du haſt vergeſſen, Tom, was Du ſagen wollteſt. Was hat ſich denn dieſen Morgen zugetragen?“ ſetzte Herr Weſtlock in dem gleichen Athemzuge hinzu. „ So bin ich,“ verſetzte Tom,„wir haben die Sache über andere Gegenſtände ſo verplaudert, daß ich er⸗ klären muß, daß ich keine Zeit dazu hatte, daran zu denken. Ich will es Dir jetzt gleich erzählen, John, damit ich es nicht wieder vergeſſe.“ Toms Freund war ob ſeines Berichts über den Vorgang auf dem Kai ſehr erſtaunt, und nahm über⸗ haupt ein ſo großes Intereſſe an ſeiner Erzählung, daß Tom es nicht ganz begreifen konnte. John glaubte, er kenne die alte Dame, deren Bekanntſchaft ſie gemacht hatten, und er hielt ſich in Folge der gegebenen Schil⸗ derung zu dem Ausſpruche berechtigt, daß ſie wahr⸗ ſcheinlich Gamp heiße. Aber was mochte wohl der Inhalt des Auftrags geweſen ſeyn, welcher Tom ſo unerwartet wurde? Warum wurde gerade ihm derſelbe ertheilt? Wie kam es, daß die Perſonen ſo zuſammen⸗ trafen, und welch' ein Geheimniß lag der ganzen Sache zu Grund? Dies Alles machte ihn ſehr verwirrt. Tom hatte ſich allerdings dem Gedanken hingegeben, daß ſein Freund ſich für die Sache einigermaßen intereſſtren werde; aber nimmermeht hätte er geglaubt, daß ſie ihn ſo lebhaft anſprechen würde. John Weſtlock verweilte noch immer bei dieſem Gegenſtande, ſelbſt nachdem Ruth das Zimmer verlaſſen hatte, und augenſcheinlich war er ſehr begierig, den Gegenſtand weiter zu er⸗ forſchen, als ſich dieſes von einem bloßen Unterhal⸗ tungsſujet erwarten ließ. „Ich werde mit meinem Hauswirthe darüber Rück⸗ ſprache pflegen,“ ſagte Tom,„obwohl er ein ganz auf⸗ fallend geheimnißvoller Menſch iſt und mir wahrſchein⸗ lich nicht mehr mittheilen wird, ſelbſt wenn er weiß, was in dem Briefe ſtand.“ „Und ich will darauf ſchwören, daß das Letzte der Fall iſt,“ unterbrach ihn John. „Glaubſt Du?“ „Ich bin davon überzeugt.“ „Gut,“ ſagte Tom,„ich will mit ihm darüber ſprechen, wenn ich ihn ſehe; freilich geht er in ſeiner ſeltſamen Weiſe aus und ein, aber dennoch will ich es verſuchen, ihn morgen früh zu ſtellen, und ich werde ihm dann verweiſen, daß er mich veranlaßt hat, eine ſolch' unangenehme Commiſſion zu beſorgen. Und Wic habe gedacht, John, Wetin ich morgen früh zur Frau.. wie heißt ſie doch, Du weißt es, wo ich früher war. zur Frau Todgers gehe, ſo könnte ich dort vielleicht die arme Grazia Pecksniff finden, und ihr ſagen, wie es ſich getroffen hat, daß ich meine Hand bei der Sache im Spiels habe.“ „Du haſt vollkommen Recht, Tom,“ entgegnete ſein Freund, nachdem er kurze Zeit nachgedacht hatte. „Du kannſt nichts Beſſeres thun; dies iſt mir klar, daß hinter der Geſchichte nichts Gutes ſtecken kann, und es iſt ſo höchſt wünſchenswerth für Dich, jeden Anſchein einer freiwilligen Betheiligung von Dir abzu⸗ lenken, daß ich Dir den Rath geben möchte, ihren Mann aufzuſuchen und ſo viel Du kannſt, durch eine 117 einfache Angabe der Thatſachen Dich in ſeinen Augen zu reinigen. Ich habe eine ſchlimme Ahnung, daß hier etwas Finſteres im Werke iſt, und ich will Dir das warum? zu einer andern Zeit mittheilen, wenn ich ſelbſt erſt noch einige Nachforſchungen angeſtellt haben werde.“ Dieſes Alles klang für Tom Pinch ſehr geheimniß⸗ voll; da er aber wußte, daß er auf ſeinen Freund bauen fändi, ſo entſchloß er ſich, dem Rathe deſſelben zu olgen. 4 3 geüiha, es wäre etwus ſehr Gutes geweſen, eine Nebelkappe zu beſitzen und darin die kleine Ruth zu beobachten, als ſie in John Weſtlocks Zimmer ſich ſelbſt überlaſſen war, während John und ihr Bruder beim Weinglaſe alſo ſich beſprachen. Wie zart verſuchte ſie es, ein kleines Geſpräch mit der rothgeſichtigen Ma⸗ trone in dem zerknickten Hute, welche zu ihrer Bedie⸗ nung dageblieben war, anzuknüpfen. Dieſe hatte ſich nach einer verzweifelten Muſterung ihres Anzugs in ein ausgewaſchenes gelbes Kleid mit Zweigen von der⸗ ſelben Farbe gekleidet, ſo daß ſie wie ein gewürfeltes Butterklümpchen ausſah. Das war ſehr unterhaltend. Mit grimmiger, greifenartiger Unbeugſamkeit wies die Dame mit dem feurigen Geſichte alle Annäherungen zurück, weil ſie dieſelben, als von einer feindlichen und gefährlichen Macht ausgehend, betrachtete, die hier keine andere Abſicht haben konnte, als ſie eines Kunden zu berauben, oder ihren Herrn darauf aufmerkſam zu machen, was aus dem von ihr verzehrten Thee und Zucker oder andern dergleichen Kleinigkeiten geworden ſey. Wie ſchön wäre es geweſen, Zeuge von der ver⸗ ſchämten, gewinnenden Neugierde geweſen zu ſeyn, mit welcher die kleine Ruth, als das feurige Geſicht weggegangen war, auf die Bücher und andere Sieben⸗ ſachen blickte, beſonders aber die hübſchen Figuren von Papiermaché, welche auf dem Kaminmantel ſtan⸗ den, betrachtete und ſich dabei wunderte, wer ſie wohl gemacht haben möge. Das Alles wäre ſehenswerth 118 geweſen, und dann die zögernde Hand, mit der ſie die Blumen zuſammenband, ſie vor ihre Bruſt ſteckte; wie ſie dann, faſt erröthend über ſich ſelbſt, in den Spiegel blickte, mit ſeitwärts geneigtem Kopfe auf die Blumen hinabſah, jetzt halb entſchloſſen, den Strauß wieder wegzunehmen, jetzt halb entſchloſſen, ihn da zu laſſen, wo er war. Das wäre ein entzückender Anblick ge⸗ weſen. John ſchien auch Alles ganz entzückend vorzukom⸗ men, denn als er mit Tom zum Thee hereinkam, nahm er wie ein Bezauberter an ihrer Seite Platz, und als das Theeſervice endlich entfernt war, und Tom ſich an's Piano niedergeſetzt hatte, verlor er ſich in ſeinen alten Orgelmelodien, während Herr Weſtlock noch immer an dem geöffneten Fenſter neben ihr ſaß, und in das Zwie⸗ licht hinausblickte. In Fournival's Inn gibt es wenig zu ſehen, es iſt ein ſchattiger ruhiger Ort, der nur das Echo der Vor⸗ übergehenden, welche Geſchäfte hier haben, wiederholt, und an Sommerabenden ſehr eintönig und düſter iſt. Was gab ihm einen ſolchen Reiz, daß ſie an den Fen⸗ ſtern blieben, und ſo wenig auf den Flug der Zeit ach⸗ teten, als der Träumer Tom, der ſich ganz in die Me⸗ lodien vertiefte, die ſeine Seele ſo oft beruhigt hatten. Welche Gewalt lag in dem ſcheidenden Lichte, in der wachſenden Dunkelheit, in den da und dort aufblin⸗ kenden Sternen, in der Abendluft, in dem Getöſe der City und in dem Zuſammenklingen der alten Thurmuh⸗ ren. Die köſtlichſten Gegenden der Erde ſchienen vor ihren Augen ansgebreitet und unmöglich hätte der Zauber derſelben nachdrücklicher wirken lönnen, ſo ſehr waren ſie hingeriſſen.. Die Schatten wurden tiefer und tiefer, und das Zimmer wurde zuletzt ganz finſter. Tom's Finger wan⸗ derten noch immer über die Taſten des Piano's und noch ſaß am Fenſter das Pärchen. Endlich fühlte Tom ihre Hand auf ſeiner Schulter, 119 ihren Athem auf ſeiner Stirne und erwachte aus ſeinen Träumen. 3 „Meine Theure,“ rief er, von ſeinem Sitze auf⸗ ſpringend,„ich fürchte, ich bin ſehr rückſichtslos und unhöflich geweſen.“ Tom dachte wenig, wie viele Rückſicht und Hoͤflich⸗ keit er gezeigt habe. „Sing uns etwas, meine Theure,“ ſagte Tom, „laß uns Deine Stimme hören, komm!“ John Weſtlock unterſtützte dieſe Bitte ſo dringend, daß nur ein Herz von Stein hätte widerſtehen können. Aber ſie hatte kein Herz von Stein. O, mein Gott, nein; etwas ganz anderes. Sie ſetzte ſich nieder und begann mit angenehmer Stimme Tom's Lieblingsballaden zu ſingen. Alte Ro⸗ manzen, hie und da mit einer Pauſe für etliche einfache Saiten, vielleicht von einem Harfner benützt, um ſich den Verfolg einer halbvergeſſenen Sage in das Gedächtniß zu rufen; Worte alter Dichter, ſo in ein Versmaß zu⸗ ſammengeſetzt, daß der Gang der Muſik mit dem Athem des Dichters verglichen werden konnte, der ſeinen Ge⸗ danken Ausdruck lieh; und dann jetzt eine ſo heitere, leichtfertige Melodie, daß die Sangerin aller Wehmuth unfahig zu ſeyn ſchien, bis ſie, o ſchlimme kleine Sän⸗ gerin, in ihrer Unbeſtändigkeit in melancholiſche Töne zurück verſiel, und abermals die Herzen der Zuhörer brach; dieß waren die einfachen Mittel, mit denen ſte. ihren Freunden gefällig zu werden ſuchte. Und daß dieſes den Eindruck nicht verfehlte, und daß die Sängerin ihnen geſiel, ließ ſich aus dem noch immer dunklen Gemache und aus der langen Hinausſchiebung der Beleuchtung ſchließen. Endlich kamen die Lichter, und es war Zeit, den Heimweg anzutreten. Es war noch Papier erforder⸗ lich, um damit ſorgfältig die Blume und ihre Stengel zu umwinden, und dieß veranlaßte noch einigen Aufen⸗ thalt; endlich war es auch zu Stande gekommen und Ruth war bereit. 12⁰ „Gute Nacht,“ ſagte Tom,„eine merkwürdige und köſtliche Geſellſchaft, John! Gute Nacht!“ John meinte, er wolle mit ihnen gehen. „Nein, nein,“ entgegnete Tom,„laß das, Poſſen! Wir können recht gut allein nach Hauſe gehen, ich mag nicht daran denken, Dich noch einmal zu bemühen.“ Aber John ſagte, daß er's gern thue. „Iſt es gewiß, daß Du es gern thuſt?“ ſprach Tom,„ich fürchte, Du ſprichſt nur aus Höflichkeit ſo.“ John verſicherte, daß es gewiß ſo ſey, bot Ruth ſeinen Arm und führte ſie hinaus. Das feurige Geſicht, welches wieder zur Bedienung bereit ſtand, bedankte ſich für den Abſchiedsgruß mit einem ſo kalten Knixe, daß er kaum ſichtbar war; von Tom nahm es gar keine Notiz. 3 Weſtlock beſtand darauf, ſie den ganzen Weg zu bpegleiten, und wollte durchaus nicht auf Toms Einwen⸗ dungen hören. Glückliche Zeit, glücklicher Spaziergang, glücklicher Abſchied, glückliche Träume! Aber es gibt ei⸗ nige ſüße Tagträume, ſo ſüß, daß ſie alle Viſionen der Nacht zu Schanden machen.— Die Templefontaine murmelte geſchäftig im Mond⸗ lichte, während Ruth ſchlief, ihre Blumen an der Seite; und John Weſtlock entwarf,— von wem wohl?— ein Portrait aus dem Gedächtniſſe. Siebentes Kapitel. In welchem Miß Pecksniff liebelt, Herr Jonas im Zorne kocht, Mrs. Gamp Thee bereitet und Herr Chuffey Geſchichten macht. Sobald am nächſten Tage Tom's Geſchäftsſtunden zu Ende waren, eilte er, ohne ſich im geringſten auf⸗ zuhalten, nach Hauſe, und nach dem Eſſen und nach einer kurzen Ruhe brach er, von Ruth begleitet, auf⸗ 121 um den vorgehabten Beſuch bei Todgers zu machen. Ruth wollte nicht bloß deßwegen mitgehen, weil es Tom ein Vergnügen machte, ſie ſo oft als möglich zur Geſell⸗ ſchafterin zu haben, ſondern auch deßwegen, weil er wünſchte, ſie ſolle die arme Merry tröſten und erheitern. Sie war hiezu von ganzem Herzen bereit, denn ſie hatte die Geſchichte dieſer jungen Frau von Tom vernommen. „Sie war ſo erfreut, mich wieder zu ſehen,“ ſagte Tom,„daß ich überzeugt bin, es werde ihr einen Genuß gewähren, auch Dich kennen zu lernen, Deine Sympa⸗ thie iſt beſtimmt zarter und annehmbarer als die meinige.“ „Davon bin ich durchaus nicht ſo überzeugt, Tom,“ erwiederte ſie,„und Du fügſt Dir in der That ſelbſt Unrecht zu; indeſſen hoffe ich, daß ſie Gefallen an mir finden werde, Tom.“ „O, das wird ſie gewiß thun!“ rief Tom zuver⸗ ſichtlich. „Welche Zahl von Freunden würde ich haben, wenn die ganze Welt in Deiner Weiſe dächte! Meinſt Du nicht, Tom?“ fügte ſeine kleine Schweſter hinzu, indem ſie ihn in die Wange kniff. Tom lachte und meinte, in dieſem beſonderen Falle zweifele er nicht daran, in Merry eine Schülerin zu finden;„denn, Ihr Frauenzimmer,“ fügte Tom hinzu, „Ihr Frauenzimmer, meine Liebe, ſeyd ſo freundlich und in Eurem Wohlwollen ſo zart fühlend; Ihr wißt ſo liebevoll beſorgt zu ſeyn, ohne daß es den Anſchein hat, und Euer Gemüth iſt ſo zart, wie Eure Berührung, ſo leicht und flüchtig, daß das erſtere ebenſo gut mit Wun⸗ den des Geiſtes als letztere mit Wunden des Körpers umzugehen vermag, ſo ſeyd Ihr....“ „O, Du meine Güte! Tom,“ unterbrach ihn ſeine Sütdeſter,„da ſollteſt Du Dich ja auf der Stelle ver⸗ ieben.“ Tom wies dieſe Bemerkung zwar gutmüthig, aber Boz, Chuzzlewit. V. 9 Iig 1²2² doch etwas ernſt zurück, und bald plauderten ſie wieder über einen andern Gegenſtand. Als ſie durch eine Straße der City gingen, die nicht ſehr entfernt von dem Wohnſitze der Frau Todgers war, hielt Ruth ihren Bruder Tom vor dem Fenſter einer großen Möbelhandlung an, um ſeine Aufmerkſam⸗ keit etwas Großartigem und Scharffinnigem zuzuwenden, das daſelbſt zur Bewunderung und Verlockung des Pub⸗ likums auf die vortheilhafteſte Weiſe aufgehangen war. Tom hatte über den Preis des fraglichen Artikels eine ſehr irrige und überſpannte Vermuthung aufgeſtellt und lachte gerade mit ſeiner Schweſter über den gemachten Fehler herz⸗ lich, als er plötzlich ihren Arm mit dem ſeinigen drückte, und ſie auf zwei in der Nähe ſtehende Perſonen auf⸗ merkſam machte, welche die hinter dem Fenſter ſtehende Commoden und Tiſche mit dem lebhafteſten Intereſſe be⸗ trachteten. „Bſt“, machte Tom,„Miß Pecksniff und der junge Gentleman, welcher ſie heirathen will.“ „Ei, ſieht er nicht aus, als ob man ihn in den Sarg legen wollte, Tom?“ ſagte ſeine kleine Schweſter. „Ich glaube, er iſt von Natur aus ein trübſeliger, junger Gentleman,“ ſagte Tom,„aber jedenfalls iſt er ſehr höflich, und beleidigt Niemand.“ „Ich denke, Sie wollen Ihr Haus möbliren,“ flü⸗ ſterte Ruth. 8 „Ja, ich denke auch ſo,“ entgegnete Tom,„wir werden beſſer thun, wenn wir ſie anſprechen.“ Sie konnten übrigens jedenfalls nicht gut vermeiden, ſie wenigſtens anzuſehen, weil in einiger Entfernung ein Hinderniß ſie für einige Minuten im Wege aufhielt. Miß Pecksniff gab ſich ganz die Miene, als habe ſie den un⸗ glücklichen Moddle gefangen genommen, und ihn nun, gleich einem Lamme, zur Schlachtbank, zur Betrachtung des Möbellagers geführt. Er leiſtete nicht den geringſten Widerſtand, ſondern war voll Ergebung und Ruhe. Die tiefſte Melancholie ſprach aus ſeinem geſenkten Kopfe 123 und aus ſeiner niedergedrückten Haltung, und obgleich eine vier Pfoſten⸗Bettſtatt von vollkommener Größe in⸗ nerhalb des Fenſters ſtand, ſo zitterte doch eine ſo große Thräne in ſeinem Auge, als wolle daſſelbe ausfließen. „Auguſtus, mein Lieber,“ ſagte Miß Pecksniff,„fra⸗ gen Sie doch nach dem Preiſe der acht Roſenholzſeſſel und des Spieltiſches.“ „Vielleicht ſind ſie ſchon beſtellt,“ erwiederte Au⸗ guſtus,„vielleicht gehören ſte ſchon jemand anderem.“ „Wenn das der Fall iſt, ſo können noch mehr der⸗ gleichen gemacht werden,“ entgegnete Miß Pecksniff. „Nein, nein, das kann nicht ſeyn,“ verſetzte Moddle, „es iſt unmöglich.“ In dieſem Augenblicke ſchien er durch die Ausſicht auf ſein nahes Glück ganz hingeriſſen und betäubt zu ſeyn, er faßte ſich jedoch bald wieder und trat in den Laden. Er kehrte bald zurück und ſagte im Tone der Verzweiflung: „Vier und zwanzig Pfund, zehn Schillinge.“ Als Miß Pecksniff ſich umwandte, um dieſe Ant⸗ wort zu empfangen, bemerkte ſie, daß Tom Pinch und ſeine Schweſter ſie beobachteten. Miß Pecksniff blickte umher, als ſpähe ſie nach ei⸗ nem bequemen Mittel, um in die Erde ſinken zu können, und rief: 3 1„O wahrhaftig!— Auf mein Wort.— Ich— Nie hat man ſo etwas,— ſchon der Gedanke, daß man ſogar— Herr Auguſtus Moddle; Miß Pinch.“ Miß Pecksniff war in dieſer triumphirenden Vor⸗ ſtellung ſehr gnädig gegen Miß Pinch, außerordentlich gnädig. Sie war aber noch mehr als gnädig, ſie war freundlich und herzlich. Ob die Erinnerung an den alten Dienſt, welchen ihr Tom durch die Niederſchlagung des Herrn Jonas geleiſtet, dieſen Wechſel ihrer Anſichten erzeugt; oder ob ihre Trennung von ihrem Vater ſie mit dem ganzen Menſchengeſchlechte, wenigſtens mit dem . 9* 124 Theile deſſelben, welcher dem Ehrenmanne nicht geneigt war, verſehen hatte; oder ob das Entzücken, eine neue weibliche Bekannte gefunden zu haben, welcher ſie ihre intereſſanten Ausſichten mittheilen konnte, jede andere Rückſicht überwog.— Kurz, Miß Pecksniff war herzlich und freundlich und zweimal küßte Miß Pecksniff ſogar Miß Pinch auf die Wange. „Auguſtus— Herr Pinch, Sie kennen ihn, mein theures Mädchen,“ ſprach Miß Pecksniff bei Seite,„noch nie in meinem Leben fühlte ich mich ſo beſchämt.“ Ruth bat ſie, doch ja nicht daran zu denken. „Vor Ihrem Bruder ſcheue ich mich weniger, als vor irgend jemand anders,“ zimperte Miß Pecksniff. „Aber dennoch, das Unzarte, einem Gentleman unter ſolchen Umſtänden zu begegnen! Auguſtus, mein Kind, haben Sie....“ Hier flüſterte Miß Pecksniff ihm etwas in das Ohr. Der leidende Moddle wiederholte: „Vier und zwanzig Pfund, zehn Schillinge.“ „O, Sie einfältiger Mann, ich meine nicht dieß,“ ſagte Miß Pecksniff,„ich ſprach von den...“ Hier flüſterte ſie ihm abermals zu. „Wenn es derſelbe bunte Kattun iſt, wie der an dem Fenſter, zwei und dreißig Pfund, zwölf Schillinge, ſechs Pence,“ entgegnete Moddle ſeufzend.„Sehr theuer.“ Miß Pecksniff hielt ihn von weiteren Erklärungen zurück, indem ſie ihre Hand auf ſeine Lippen legte und eine leichte Verlegenheit zeigte. Hierauf fragte ſte Tom Pinch, wohin er gehe. „Ich will ſehen, ob ich Ihre Schweſter nicht finden kann,“ antwortete Tom,„ich wünſche, ein paar Worte mit ihr zu ſprechen, wir gehen zur Frau Todgers, wo ich ſchon früher das Vergnügen hatte, ſie zu ſehen.“ „Wenn das iſt, kann ich Ihnen einen Gang er⸗ ſparen,“ ſagte Cherry,„denn wir kommen ſo eben von dort und ich weiß, daß ſie nicht zu Hauſe iſt. Doch, wenn Sie es wünſchen, ſo will ich Sie nach meiner ¹ 1 ¹ 12⁵ Schweſter Haus bringen. Auguſtus,— Herr Moddle wollt' ich ſagen— und ich ſind beide auf dem Wege dahin begriffen, um unſern Thee dort einzunehmen. An ihn brauchen Sie ſich nicht zu kehren,“ fügte ſie kopf⸗ nickend hinzu; als ſie einiges Zögern von Tom's Seite bemerkte.„Er iſt nicht zu Hauſe.“ „Sind Sie deſſen gewiß?“ fragte Tom. „O, deſſen bin ich freilich gewiß. Ich verlange keine weitere Rache,“ ſagte Miß Pecksniff ausdrucksvoll; „aber ich muß in der That die beiden Gentlemens bitten, voranzugehen, während ich mit Miß Pinch folgen werde. Mein Lieber, in meinem Leben bin ich noch nie ſo überraſcht worden.“ Um dieſe verſchämte Maßregel zu fördern, gab Moddle Tom ſeinen Arm, und Miß Pecksniff nahm den der Ruth. „Natürlich, meine Liebe,“ ſprach Miß Pecksniff, „würde es nachdem, was Sie geſehen haben, nutzlos ſeyn, verhehlen zu wollen, daß ich im Begriffe ſtehe, mich mit dem Gentleman zu verbinden, der mit Ihrem Bruder geht. Es würde vergeblich ſeyn, wenn ich es verheimlichen wollte. Was denken Sie von ihm? Ich bitte, ſagen Sie mir Ihre aufrichtige Meinung.“ . Nuth verſicherte, daß ſte ihn, ſo weit ſie urtheilen könne, für einen ſehr annehmbaren Freier halte. „Ich bin doch neugierig,“ fuhr Miß Pecksniff mit ſchwatzhafter Freimüthigkeit fort,„ob Sie nicht in die⸗ ſer kurzen Zeit ſchon bemerkt haben, oder zu bemerken auiten. doß er 3 etwas zur Melancholis hinneigt?“ „Die Zeit iſt wahrhaftig ſo kurz,“ entſchuldigte ſich Karh hrhaftig ſ 3 ſchuldig „Nein, nein; laſſen Sie ſich dadurch in Ihrer Ant⸗ wort nicht irren,“ erwiederte Miß Pecksniff;„ich bin neugierig zu hören, was Sie ſagen werden.“ Ruth räumte ein, daß er bei dem erſten Anblicke den Eindruck auf ſie gemacht habe, als ob ſeine Stim⸗ mung etwas ſchwermuͤthig ſey. 126 „Nein, wahrhaftig?“ ſagte Miß Pecksniff,„das iſt doch ſehr merkwürdig! alle Welt ſagt daſſelbe. Frau Todgers ſagt das nämliche, und Auguſtus theilt mir mit, daß ihn die jungen Gentlemens im Hauſe damit ſtets necken. In der That, wenn ich ihn nicht beſtimmt un⸗ ter mein Kommando genommen hätte, ſo würde er, ich glaube es, ſchon mehr als einmal die Zuflucht zu ge⸗ ladenen Feuerwaffen genommen haben. Und was glau⸗ ben Sie wohl, daß die Urſache dieſes tiefſinnigen Aus⸗ ſehens ſey?“ Ruth dachte an verſchiedene Dinge, an ſeine Ver⸗ dauung, an ſeinen Schneider, an ſeine Mutter und dergleichen. Sie ſprach ſich jedoch hierüber nicht aus, und enthielt ſich überhaupt eine Meinung zu äußern. „Meine Liebe,“ ſagte Miß Pecksniff,„ich ſollte eigentlich nicht wünſchen, daß es bekannt wird; aber da ich Ihren Bruder ſchon ſeit ſo vielen Jahren kenne, ſo will ich vor Ihnen kein Hehl daraus machen. Ich habe Auguſtus dreimal zurückgewieſen, er iſt die liebenswür⸗ digſte und gefühlvollſte Natur, ſtets bereit Thränen zu vergießen, wenn man ihn anſieht, was außerordentlich bezaubernd iſt; und er hat ſich von den Wirkungen jener Grauſamkeit noch nicht wiedererholt. Denn es war wirklich grauſam,“ fügte Miß Pecksniff mit einer auf⸗ richtigen Selbſtüberwindung bei, die ſogar das Diadem ihres Vaters geziert haben würde.„Ja, das iſt nicht in Zweifel zu ziehen; ich blicke jetzt auf mein Benehmen mit Erröthen zurück. Ich liebte ihn ſtets. Ich fühlte immer, daß er mir nicht war, was ſo viele junge Leute, die mir Anträge gemacht hatten, nur in etwas verſchie⸗ dener Weiſe. Welches Recht hatte ich alſo, ihn dreimal zurückzuweiſen?“ „Ohne Zweifel war es eine ſchwere Prüfung ſeiner Treue,“ entgegnete Ruth. 5 „Meine Liebe,“ erwiederte Miß Pecksniff,„es war Unrecht; aber ſo iſt die Laune und die Gedankenloſigkeit unſeres Geſchlechts. Laſſen Sie mich Ihnen eine War⸗ 7 1²27 nung ſeyn! Prüfen Sie die Gefühle eines Mannes, der Ihnen Anträge macht, ja nicht auf dieſelbe Weiſe, auf welche ich die Gefühle meines Auguſtus geprüft habe; wenn Sie gegen eine Perſon empfinden, was ich ſchon in der Zeit, als ich ihn zur Verzweiflung trieb, für ihn empfand, ſo verbergen Sie es nicht, wenn dieſe Perſon zu ihren Füßen ſich wirft, wie Auguſtus Moddle zu den meinigen ſich geworfen hat. Denken Sie,“ fügte Miß Pecksniff bei,„wie mir zu Muth ſeyn müßte, wenn ich ihn zum Selbſtmorde getrieben hätte, und dieſes in den Zeitungen erſchienen wäre.“ Ruth bemerkte, daß ſie ohne Zweifel ſchwere Ge⸗ wiſſensbiſſe ſich gemacht haben würde. „Gewiſſensbiſſe!“ rief Miß Pecksniff in ihrer ge⸗ ſchmeidigen und komfortablen Reue. Dann fuhr ſie fort: „Es iſt ſogar unmöglich, Ihnen zu ſagen, wie mich mein Gewiſſen in dieſem Momente quält, obgleich ich meine Haͤrte dadurch wieder gut gemacht habe, daß ich ihn nahm.“ „Jetzt meine Theure, jetzt da ich nüchtern und ge⸗ dankenvoll geworden bin, da ich ſchon am Rande des Eheſtandes ſtehe, wenn ich jetzt auf mein ſchwindliches Weſen zurückblicke, wenn ich bedenke, was ich in Ihrem Alter war, dann ſchaudere ich! Ja, ich ſchaudere; was iſt die Folge meines früheren Benehmens? So lange als mich Anguſtus nicht zum Altare geführt hat, iſt er meiner nicht ſicher. Ich habe die Liebe ſeines Herzens in einer Weiſe zerknickt und verdorben, daß er jetzt noch meiner Liebe nicht ſicher zu ſeyn glaubt. Ich ſehe, daß der Zweifel in ſeinem Geiſte brütet und in ſeinen Ein⸗ geweiden wühlt. Sie können ſich denken, wie die Qual meines Gewiſſens ſeyn muß, wenn ich den Mann, den ich liebe, in einem ſolchen Zuſtande ſehen muß.“ Ruth bemühte ſich, das unbegränzte und ſchmeichel⸗ hafte Vertrauen der Miß Pecksniff einigermaßen anzu⸗ erkennen, und äußerte die Vermuthung, daß die Ver⸗ mählung wohl bald vor ſich gehen werde.. 128 „Wahrhaft bald, ſehr bald,“ erwiederte Miß Pecks⸗ niff,„ſo bald als unſer Haus eingerichtet iſt; wir möbliren uns jetzt ſo ſchnell, als es geſchehen kann.“ In derſelben vertraulichen Weiſe ſagte Miß Pecks⸗ niff ein allgemeines Inventar der bereits gekauften Artikel und der noch zu kaufenden her, ſprach von der Kleidung, die ſie bei der Trauungsceremonie anziehen werde, und gab Miß Pinch in Kürze(wie ſie ſagte) Kenntniß über alle Punkte von Intereſſe, welche auf den Vorgang Be⸗ zug hatten. Während dieſes in der Nachhut ſich ereignete, ſpa⸗ zierten Tom und Herr Moddle Arm in Arm im tiefſten Schweigen weiter, bis endlich Tom daſſelbe brach, nach⸗ dem er lange Zeit darüber nachgedacht hatte, welchen gleichgültigen Punkt er zum Gegenſtand der Unterhaltung machen könne, ohne dadurch Herr Moddles Bruſt zu beunruhigen. „Es wundert mich,“ ſagte Tom,„daß in dieſen überfüllten Straßen die Fußgänger nicht öfter überfahren werden.“ Herr Moddle verſetzte mit einem düſteren Blicke: „die Kutſcher wollen es nicht.“ „Was meinen Sie damit?“ fragte Tom. „Daß es Menſchen gibt,“ unterbrach ihn Moddle mit einem dumpfen Lachen,„welche nicht überfahren werden können. Dieſe haben ein gefeites Leben, Kohlen⸗ wagen weichen vor ihnen zurück, und ſogar Kabriolete weigern ſich, über ſie hinzufahren. Ja,“ fuhr Auguſtus, als er Toms Erſtaunen bemerkte, fort,„es gibt ſolche Menſchen, einer davon iſt ein Freund von mir.“ „Auf mein Ehrenwort,“ dachte Tom,„dieſer junge Gentleman iſt in einem Gemüthszuſtande, der in der That ernſtliche Beſorgniſſe erregt.“ Er gab jeden Gedanken an eine weitere Unterhal⸗ tung auf, wagte es nicht mehr zu ſprechen, ſondern faßte ſorgfältig Herrn Auguſtus am Arme, damit dieſer nicht in den Weg hinausfliegen und vor den Augen ſeiner 129 Verlobten einen andern erfolgreichen Verſuch machen möchte, eine kleine Juggernaut⸗Scene. Tom war ſo ſehr in Angſt vor einer der Art übereilten Handlung, daß er ſich erſt wieder ruhig fühlte, als ſie wohlbehalten vor Frau Jonas Chuzzlewits Wohnung anlangten. „Ich bitte Sie voranzugehen, Herr Pinch,“ ſagte Miß Pecksniff, als Tom unentſchloſſen an der Thüre Halt gemacht hatte. „Ich zweifle, daß ich willkommen ſeyn werde,“ ver⸗ ſetzte Tom,„oder vielmehr, ich habe keinen Zweifel dar⸗ über. Ich denke, es iſt beſſer, wenn ich Nachricht hin⸗ aufgehen laſſe.“ „Aber was iſt das für Unſinn,“ entgegnete Miß Pecksniff, bei Seite zu Tom ſprechend,„er iſt nicht zu Hauſe, ich weiß es gewiß, ich weiß, daß er nicht da iſt, zud Mer) hat nicht den entfernteſten Gedanken, daß ſie je....“ 3„Nein,“ unterbrach ſie Tom,„und ich möchte um keinen Preis, daß ſie es wüßte. Ich verſichere Sie, daß ich auf jenes Handgemenge nicht ſo ſehr ſtolz bin.“ „Ach, dann ſind Sie viel zu beſcheiden,“ erwiederte Miß Pecksniff lächelnd;„aber ich bitte Sie, gehen Sie zu.“ „Wenn Sie nicht wünſchen, daß ſie's erfahren ſoll, und wenn Sie doch verlangen, mit ihr zu ſprechen, ſo gehen Sie zu, ich bitte Sie. Gehen Sie voran, Miß Pinch, und bleiben Sie nicht hier ſtehen.“ . Tom zögerte noch immer; denn er fühlte ſich in einer ſehr unbehaglichen Lage; aber Cherry drängte ſich an ihm jetzt vorbei, ſeine Schweſter die Treppe hinauf⸗ führend, und da die Hausthüre zu gleicher Zeit hinter ihnen geſchloſſen wurde, ſo folgte er ihnen, obgleich er mit ſich nicht im Klaren war, ob er gut oder ſchlimm handle. 4 „Merry, mein Herz,“ ſagte die ſchöne Miß Pecks⸗ niff, indem ſie die Thüre des gewöhnlichen Wohnzimmers öffnete;„hier iſt Herr Pinch mit ſeiner Schweſter, um 13⁰ Dich zu beſuchen. Ich dachte mir's, wir würden Sie hier finden, Frau Todgers. Wie befinden Sie ſich, Frau Gamp? und wie befinden Sie ſich, Herr Chuffey? doch ich ſehe, daß ich keine dieſer Fragen ſtellen ſollte.“ Nachdem Miß Charity jeder der Angeredeten mit einem ſauren Lächeln beehrt hatte, ſtellte ſie Herrn Moddle vor.— „Ich glaube, Du haſt ihn ſchon früher geſehen,“ fügte ſie ſcherzhaft'bei.„Auguſtus, mein ſüßes Kind, bringen Sie mir einen Stuhl.“ Das ſüße Kind that, was ihm befohlen worden, und war dann im Begriffe, ſich in eine Ecke zurückzu⸗ ziehen, um im Geheimen zu trauern, als Miß Charity ihn mit ihrem hörbaren Flüſtern ihr Lämmchen nannte und ihm die Erlaubniß gab, herbeizukommen und an ihre Seite ſich zu ſetzen. 1 Es iſt zum Beſten des menſchlichen Frohſinns, im Allgemeinen zu hoffen, daß ein ſo klägliches Lämmchen, als Herr Moddle war, während er der Aufforderung Folge leiſtete, nirgend zu finden ſeyn wird. So troſtlos war ſeine Stimmung, daß er auch nicht den geringſten Schauer eines Entzückens empfand, als Miß Pecksniff ihre Lilienhand in die ſeinige legte, und dieſen Beweis ihrer Gunſt vor dem gemeinen Blicke dadurch verbarg, daß ſie ihn mit einer Ecke ihre Shawls bedeckte. Er ſah unendlich jammervoller aus, als je zuvor, ſaß un⸗ gemächlich aufrecht in ſeinem Stuhle und muſterte die Geſellſchaft mit wäſſerigen Augen, welche ohne Hülfe der Zunge zu ſagen ſchienen:„O gütiger Himmel, ſchaut hieher! will denn kein freundlicher Chriſt mir helfen?“ Aber das Entzücken der Mrs. Gamp war ſo groß, daß ein Dutzend junge Liebhaber damit genügend hätten ausgeſtattet werden können, beſonders als ſie Tom Pinch und ſeine Schweſter bemerkte. Frau Gamp war eine Dame von jenem glückli⸗ chen Temperamente, welche ſchon der allgemeine Wunſch, eine große und einträgliche Bekanntſchaft anzuknüpfen, 1 13¹ in Ertaſe verſetzen kann. Jeden Tag legte ſie ihrem Bogen ſo viele Saiten zu, daß eine vollſtändige Harfe daraus wurde, und auf dieſem Inſtrumente begann ſie jetzt ein ertemporiſirtes Konzert. „Ach du meine Güte!“ ſprach ſie,„Frau Chuzzle⸗ wit, ſchon der Gedanke, daß ich in dieſem geſegneten Hauſe Miß Pecksniff, die ſüße junge Dame, ſehen ſoll, in dieſem Hauſe, welches ſeinesgleichen, wie ich wohl weiß, nicht viele hat, was ſchlimm genug iſt, denn wenn's nicht ſo wäre, würde dieſes thränenvolle Thal in einen blühenden Garten umgewandelt ſeyn, Herr Chuffey, und der Gedanke, daß ich unter dieſem ge⸗ ſegneten Dache Herrn Pinch leibhaftig ſehen ſoll(ich nehme mir die Freiheit, obgleich faſt unbekannt), und ich verſichere Sie, Sir, mit dem lächelndſten und ſüßeſten Geſichte, das ich je geſehen habe, ausgenom⸗ men das Ihrige, Frau Chuzzlewit, meine gute, theure Dame, und auch das Ihrer guten Dame, Herr Moddle, wenn ich ſo frei ſeyn darf, das offen auszuſprechen, was ſo offen daliegt, daß man durch keinen Mühlſtein zu ſehen braucht, Frau Todgers, um zu finden, was auf der hinteren Wand geſchrieben ſteht. Nichts für ungut, meine Damen und Herrn, wo, wie ich hoffe nichts übel zu nehmen iſt; der Gedanke, daß ich die⸗ ſes lächelndſte und ſüßeſte Geſicht wieder ſehen ſoll, welches mit mir und mit einem andern meiner Freunde da unten an der London⸗Brücke, an dieſem verwirrten Platze den Paketſchen zuſah— das iſt in der That er⸗ ſtaunenswerth!“ 3 Nachdem es ihr auf dieſe glückliche Weiſe gelun⸗ gen war, jedes Mitglied ihres Auditorums mit einem beſonderen und verſoͤnlichen Antheile an ihre Rede zu bedenken, machte Mrs. Gamp mehrere Knixe gegen Nuth, ſchüttelte mehrmals ihr Haupt lächelnd und nahm den Faden ihrer Rede wieder auf. „Nun, wahrhaftig ſind wir jetzt nicht reich an Schönheiten, an dieſem frohen Nachmittage? Ich kenne 13³² eine Dame, deren Name, ich will Sie nicht täuſchen, Frau Chuzzlewit, Harris iſt, der Bruder ihres Man⸗ nes war fünf Fuß drei Zoll hoch und trug als Zeichen einen wüthenden Ochſen in Wellingtons Stiefeln auf dem linken Arme, weil ſeine köſtliche Mutter von einem derartigen Thiere in dem Laden eines Schuhmachers beängſtigt wurde, als ſie in einer Situation war, in welcher der Mann geſegnet iſt, wenn er ſeinen Köcher voll davon hat, wie ich oft zu Gamp ſagte, wenn es Worte zwiſchen uns ſetzte wegen der Unkoſten— und oft habe ich zu Mrs. Harris geſagt; o, Mrs. Harris, Ma'am, Ihr Geſicht iſt ganz, wie das eines Engels! was auch ohne die Pfinnen ganz richtig geweſen wäre. Nein, Sarrey Gamp,“ ſagte ſie,„die beſte von allen hart arbeitenden und fleißigen Kreaturen, die nur je unter ihrem Preiſe bezahlt wurden, das ſeyd ihr, ihr auf eine auffallende Weiſe. Harris hat es vor der Hochzeit um zehn Schillinge, ſechs Pence erhalten, ſagte ſte, und trug es treu, zunächſt in ſeinem Herzen, bis die Barbe abging und dann wollte man ihm das Geld nicht zurückgeben, und er konnte zu keinem Einver⸗ ſtändniſſe kommen. Aber, was er auch immer gedacht haben mag, er ſagte nie, es ſey das eines Engels. Wenn Mrs. Harris Mann jetzt da wäre,“ ſetzte Mrs. Gamp hinzu, indem ſie umher blickte und kichernd einen allgemeinen Knix machte,„wenn er jetzt da wäre, ſo könnte er ſich unverholen ausſprechen und ſeine liebe Frau würde die letzte ſeyn, ihn zu blamiren! Denn wenn je eine Frau lebte, welche nicht wußte, was es war, den Wunſch zu unterhalten, daß alle mit einem guten Ausſehen Geſegneten an Gift ſterben möchten, und welcher der beſte Mann von der Welt auch nie einen Grund dazu gab, ſo hatte Mrs. Harris dieſe himmliſche Dispoſition!“ Mit dieſen Worten begab ſich die würdige Dame, welche augenſcheinlich gekommen war, um ſich den Thee, als eine kleine zarte Aufmerkſamkeit gefallen zu 13³ laſſen, nicht aber um in irgend einer Eigenſchaft offi⸗ zielle Dienſte zu leiſten, zu Herrn Chuffey, welcher wie vor Alters, in der nämlichen Ecke ſaß und rüttelte ihn an der Schulter:. „Raffen Sie ſich zuſammen und blicken Sie um⸗ her! Kommen Sie! Kommen Sie!“ ſagte Mrs. Gamp. „Hier iſt Geſellſchaft, Herr Chuffey.“ „Das thut mir leid,“ rief der alte Mann, indem er demüthig im Zimmer umher blickte.„Ich weiß es, ich bin im Wege, ich bitte um Vergebung 1 Ich bin aber nicht im Stande, irgendwo anders hinzugehen. Wo iſt ſie?“ Merry ging augenblicklich auf ihn zu.. „Ah,“ ſagte der alte Mann, ſie auf die Wange tätſchelnd,„da iſt ſie, da iſt ſie! Sie geht nie hart um mit dem armen, alten Chuffey. Armer, alter Chuffey!“ Als ſie ihren Sitz auf einem niedrigen Stuhle an der Seite des alten Mannes und im Bereiche ſeiner Hand nahm, ſah ſie mit einem Male auf Tom. Es war ein demüthiger Blick, den ſie ihm zuwarf, und ein mattes Lächeln zitterte auf ihrem Geſichte. Es war ein ſprechender Blick, und Tom verſtand, daß derſelbe ſagen wollte:„Du ſiehſt, wie ſehr das Elend mich verändert hat. Ich kann jetzt die Lage eines ab⸗ hängigen Menſchen fühlen, und ich ſetze einen Werth auf ſeine Zuneigung.“ „Ja, ja!“ rief Chuffey beſchwichtigend.„Ja, ja, ja! Kehren Sie ſich nicht an ihn. Es iſt hart, es zu ertragen, aber Niemand kümmere ſich um ihn. Eines Tages wird er ſterben. Es gibt dreihundert fünf und ſechszig Tage im Jahre— dreihundert ſechs und ſechs⸗ zig im Schaltjahre— und an einem derſelben kann er ſterben.“ „sSie ſind eine langweilige alte Seele, und das iſt eine geheiligte Wahrheit,“ ſagte Mrs. Gamp, in⸗ dem ſie ihm, als er vor ſich hin zu murmeln fortfuhr, 134 aus einer kleinen Entfernung ſehr ungnädig betrachtete. „Es iſt Schade, daß Sie nicht wiſſen, was Sie ſagen, denn Sie würden dann Ihre eigene Geduld erſchöpfen und ſich, ſo gut Sie es verſtehen, in eine glückliche Erleichterung hineinärgern.“ „Sein Sohn,“ murmelte der alte Mann, indem er ſeine Hand erhob.„Sein Sohn!“ „Nun wahrhaftig,“ ſagte Mrs. Gamp,„Sie wer⸗ den doch einmal damit zu Ende kommen, Herr Chuffey, und ich hoffe, zu Ihrer Zufriedenheit, Sir. Aber ich möchte ein neues Nadelkiſſen nicht darauf legen, ob⸗ gleich Sie ſo gut unterrichtet ſind. Zum Henker mit der alten Kreatur, was kann ſie auch von Söhnen⸗ oder Töchtern wiſſen. Ich denke wohl, Sie werden uns nächſtens mit einigen Bemerkungen über Zwil⸗ linge erfreuen. Wollen Sie die Güte haben, Sir?“ Der bittere und entwürdigende Sarkasmus, wel⸗ chen Madame Gamp in dieſe hohen Worte legte, gin⸗ gen an dem nichtsahnenden Chuffey ſpurlos vorüber, und es war augenſcheinlich, daß er ſie ebenſowenig hörte, als er ſich bewußt war, in Mrs. Gamp Aerger⸗ niß erregt zu haben. Aber dieſes hochgeſinnte Weib, welches keinen Eingriff in ihre Geſchäftsſphäre duldete und der Meinung war, Herr Chuffey habe eine Prophe⸗ zeihung über Söhne laut werden laſſen, die eigentlich nur von ihr, als der einzigen geſetzlichen Autorität hätte ausgehen, oder wenigſtens unter keinen Umſtänden ohne ihre Sanktion und Zuſtimmung hätte proklamirt werden ſollen, ließ ſich nicht ſo leicht beſchwichtigen. Sie fuhr fort, auf Herrn Chuffey feindſelige Blicke zu werfen, und ihn mit vielen andern ironiſchen Bemer⸗ kungen zu verhöhnen, die ſie ſtets in jenem gedämpf⸗ ten Tone vortrug, welcher gewöhnlich unterdrückte Entrüſtung beurkundet. Erſt bei der Erſcheinung des Theebretts faßte ſie ſich wieder und ſchickte ſich an, in Gemäßheit des Anſuchens der Frau Jonas Chuzzlewit, an der Seite derſelben, für die ſo unerwartet verſam⸗ 135 melte Geſellſchaft Thee zu bereiten. Sie lächelte wiederholt, und trat ihren Dienſt mit ganz beſonderer Leutſeligkeit an. 2 „Und es iſt ganz eine Familie, um Thee dafür zu machen,“ ſagte Mrs. Gamp,„und welch ein Glück, es zu thun. Meine gute junge Perſon— zu dem Dienſtmädchen gewendet— vielleicht möchte Jemand ein friſchgelegtes Ei, oder zwei, verſuchen, die nicht ſo hart geſotten ſind; auch ein Paar Platten gebutterter Roſt⸗ ſchnitten, von welcher zuerſt die Kruſte abzuſchneiden iſt, wegen der zarten Zaͤhne und nicht zuviel darauf. Am Seitentiſche hatte Mrs. Gamp das Privile⸗ gium neben den Roſtſchnitten zu ſitzen, und zwei Taſ⸗ ſen Thee zu trinken, während andere Leute eine zu ſich nahmen; dabei konnte ſie ſich ſelbſt während einer Kriſis bedienen, d. h. ehe friſches Waſſer in den Thee⸗ topf gegoſſen und nach dem es eine Weile geſtanden hatte. Weil nun auch dieſe Poſition eine Ausſicht über die ganze Geſellſchaft und ſoweit auch die Gelegenheit darbot, zu derſelben, wie von einem Roſtrum aus, zu ſprechen, ſo entledigte ſich die ehrenwerthe Dame der ihr zugewieſenen Funktionen mit der vortrefflichſten Laune und außerordentlicher Beredtſamkeit. Bisweilen hielt ſie in ihrem Schlürfen inne, hielt die Untertaſſe auf der Tläche ihrer Hand, ſtemmte den Ellenbogen auf den Tiſch, um ſo den Kreis mit einem Lächeln, Blinzeln oder Rollen des Kopfs oder ſonſt einem Zei⸗ chen der Aufmerkſamkeit zu beehren, und in ſolchen Perioden leuchtete ihr Geſicht von Verſtand und Leb⸗ haftigkeit in einem Grade, daß man ſich des Gedan⸗ kens an den wohlthätigen Einfluß deſtillirter Waſſer nicht erwehren konnte. Die Geſellſchaft würde aber auch ohne Mrs. Gamp eine ſonderbar ſchweigende Parthie geweſen ſeyn. Miß Pecksniff ſprach bloß mit ihrem Auguſtus und auch da nur flüſternd. Auguſtus ſprach mit Niemand, doch. ſeufzte er für Alle, und gelegentlich verſetzte er ſich 136 einen ſo ſchallenden Schlag vor die Stirn, daß die etwas nervenſchwache Frau Todgers mit einem Schre⸗ ckensrufe von ihrem Stuhle auffuhr. Mrs. Todgers war mit Stricken beſchäftigt und ſprachlos. Die arme Merry hielt die Hand der heiteren kleinen Ruth zwi⸗ ſchen der ihrigen und horchte mit ſichtbarem Vergnuͤgen auf Alles, was ſie ſagte, obwohl ſie ſelbſt nur ſelten ſprach, nur bisweilen lächelte, hie und da Miß Pinch auf die Wange küßte, und von Zeit zu Zeit ſich ab⸗ wandte, um die in ihren Augen zitternden Thränen zu verbergen. Tom fühlte den mit ihr vorgegangenen Wechſel auf's Tiefſte, und war über die Weiſe, wie ſeine Schweſter die arme Frau behandete, ſo erfreut, daß er den Muth nicht hatte, an einen Aufbruch zu denken, obwohl er längſt ſchon über das, was ihn hie⸗ hergeführt, Bericht erſtattet hatte. Der alte Buchhalter blieb, während der Reſt der kleinen Geſellſchaft in dieſer Weiſe beſchäftigt war, in ſeinem gewöhnlichen ſtummen Zuſtande, und erging ſich in einem Traume, der, mit welchem Gegenſtande er ſich auch beſchäftigen mochte, kaum die Oberfläche ſeiner trägen Gedanken aufzuregen ſchien. Ohne Zwei⸗ fel brachte er den Gang dieſer ſchleppenden Phantaſie mit dem ſchweigenden Schmauſe in Verbindung, der um ihn vorging, und ein Rückblick an ähnliche Ver⸗ ſchwendungsſcenen der Vergang enheit, deren Zeuge er geweſen, erzeugte eine ſeltſame Frage in ſeinem Geiſte. Er blickte plötzlich rings umher und ſagte: „Wer liegt todt da oben?“ „Niemand,“ ſagte Merry ſich zu ihm wendend, „was gibt es? Wir ſind alle hier.“ „Alle hier!“ rief, der alte Mann.„Alle hier! Wo iſt er denn,— mein alter Prinzipal, Herr Chuzzle⸗ wit, der den einzigen Sohn hat? Wo iſt er?“ „Bſt, bſt,“ ſagte Merry, ihn freundlich anredend, „das iſt ja längſt vorbei. Erinnern Sie ſich nicht?“ „Erinnern?“ rief der alte Mann in einem ſchmerz⸗ BSSNKARNR b⸗ 137 lichen Tone.„Als ob ich es vergeſſen könnte. Als ob ich es je vergeſſen könnte.“ Er hielt die Hand einen Augenblick vor ſein Ge⸗ ſicht und wiederholte dann, in der früheren Weiſe um⸗ herblickend: „Wer liegt todt da oben?“ „Niemand,“ verſetzte Merry. Anfangs blickte er ſie zornig an, als ob ein Frem⸗ der ihn zu hintergehen verſuchte, nachdem er ſie aber eine Zeitlang betrachtet und ſich überzeugt hatte, daß in der That ſie es ſey, ſo ſchüttelte er in bekümmertem Mit⸗ leide ſeinen Kopf. „Sie glauben's nicht. Aber man ſagt es Ihnen auch nicht. Nein, nein, armes Ding! Man ſagt es Ihnen nicht. Wer ſind dieſe da, und warum machen Sie ſich hier luſtig, wenn kein Todter da iſt? Schänd⸗ liches Spiel! Sehen Sie nach, wo er iſt.“ Sie gab durch ein Zeichen zu verſtehen, man möge mit ihm nicht reden, wozu auch in der That Niemand Luſt hatte, und blieb ſelbſt auch ſtumm. Nun ſchwieg er gleichfalls kurze Zeit, dann aber wie⸗ derholte er dieſelbe Frage mit einer Haſt, die etwas eigenthümlich Entſetzliches an ſich hatte. „Es iſt Jemand todt,“ ſagte er,„oder im Ster⸗ ben, und ich möchte wiſſen, wer es iſt. Sehen Sie nach! Sehen Sie nach! Wo iſt Jonas.“ „Ueber Land,“ entgegnete Merry. „Deer alte Mann blickte ſie an, als bezweifle er ihre Worte, oder als habe er ſie nicht verſtanden; hie⸗ rauf erhob er ſich von ſeinem Platze, ging durch das Zimmer, ſtieg die Treppe hinauf, und flüſterte dabei vor ſich hin:„Schändliches Spiel.“ Man hörte ihn oben nach der Ecke des Zimmers gehen, in welcher das Bett ſtand, in dem der alte Anthony geſtorben war; gleich darauf bekundeten ſeine Fußtritte, daß er wieder herunter komme, ſeine Einbildungskraft war Boz, Chuzzlewit. V. 10 138 nicht ſo ſtark oder ſo verwirrt, daß er ſich in dem verlaſſenen Schlafgemache etwas vorſtellen konnte, was nicht dort war, denn er kehrte ruhiger zurück und ſchien ſich überzeugt zu haben. „Man ſagt es Ihnen nicht,“ ſprach er zu Merry in ſeiner zitternden Stimme, als er auf's Neue Platz genommen hatte, und ſie auf den Kopf tätſchelte. „Man ſagte es auch mir nicht, aber ich will wachen! Fürchten Sie ſich nicht; man ſoll Ihnen nichts zu Leide thun. Als Sie auf waren und wachten, habe ich auch gewacht. Ja, ich habe es,“ kreiſchte er, indem er ſeine ſchwache, welke Hand ballte,„ſchon manche Nacht habe ich gewacht.“ Der Athem ging ihm oft aus, während er ihr in eiferſüchtiger Heiſtlichkeit die Worte in's Ohr raunte, daß von den Gäſten nur wenig oder nichts verſtanden werden konnte. Dieſe aber hatten ſchon genug von dem alten Mann geſehen und gehört, um unruhig zu werden, und ſie verließen ihre Sitze und ſammelten ſich um ihn, wobei Mrs. Gamp, deren berufspflich⸗ tige Kälte nicht ſo leicht zerſtört werden konnte, die Gelegenheit erhaſchte, alle Hülfsquellen ihres gewal⸗ tigen Geiſtes und Appetits auf die Butterſchnitten, auf den Thee und auf die Eier zu concentriren. Sie entwickelte dieſen Speiſen gegenüber eine ſolche Ener⸗ gie, daß ihr Geſicht in höchſtem Stadium der Inflam⸗ mation erglühte, als ſie es endlich(weil nichts mehr u eſſen oder zu trinken da war) fur angemeſſen hielt, ſich ins Mittel zu legen. „Ei, Poltergeiſt Sir!“ rief Mrs. Gamp,„ſind das auch Manieren? Sie brauchen einen Krug kalten Waſſers über den Kopf, um ihn wieder herumzubekommen; das iſt mein Glaube, und ſich verſtchere Sie, den hätten Sie auch ſchon bekommen, Herr Chuffey, wenn Sie unter Betſey Prig's Oobhut wären. Spaniſche Fliegen ſind das einzige, was den Unſtun aus Ihnen heraus⸗ bringen kann, und wenn Ihnen jemand eine Wohlthat ,— —,— 82— —,= C=S=— 139 1 un erzeugen will, muß er Ihnen ein Blaſenpflaſter auf den 18 Kopf und Senftaig auf den Rücken legen. Schaut, wer en iſt todt! Ich denke, es wäre kein großer Schade, wenn man das von einer gewiſſen Perſon ſagen könnte.“ y„Er iſt jetzt ganz ruhig, Mrs. Gamp,“ entgegnete itz Marry.„Regen Sie ihn nicht auf.“ e.„O, über das alte Opfer, Frau Chuzzlewit,“ ver⸗ 33 ſetzte die eifrige Dame.„Ich habe keine Geduld mit zu ihm. Sie laſſen ihm, um mehr als die Hälfte zu viel, ſeinen Willen. Eine widerwärtige, ärgerliche Kreatur!“ Ohne Zweifel in der Abſicht, an dem alten Opfer he augenblicklich einen Heilungsprozeß vorzunehmen, ergriff ihn Mrs. Gamp am Rocke und rüttelte ihn ein oder in zwei dutzendmale tuͤchtig in ſeinem Stuhle vor⸗ und rück⸗ e, wärts, denn die Anhängerinnen des Prig'ſchen Syſtems, en deren es unter den Damen von Fach ſehr viele gibt, on ſcheinen ein ſolches Verfahren als ungemein beruhigend zu und wohlthätig auf das Nervenſyſtem wirkend zu betrach⸗ en ten. Im gegebenen Falle entwickelte ſich die Wirkung h⸗ dahin, daß der Patient zu ſchwindlich und zu betäubt ie wurde, als daß er noch weiter hätte ſprechen können. al⸗ Mrs. Gamp betrachtete dies als den Triumph ihrer n, Kunſt. 1„So,“ ſagte ſie, indem ſte dem alten Mann die er⸗ Halsbinde los machte, weil er in Folge der erwähnten ⸗ wiſſenſchaftlichen Behandlung ziemlich ſchwarz im Ge⸗ hr ſichte geworden war,„ſo, nun werden Sie, wie ich hoffe, lt, ruhig in Ihrem Geiſte werden. Sollten Sie allenfalls ſchwach werden, ſo kann ich Sie, ich verſpreche es Ih⸗ as nen, Sir, bald wieder beleben. Man beißt einer ohn⸗ ers mächtigen Perſon in den Daumen,“ fuhr Mrs. Gamp as in dem frohen Bewußtſeyn fort, mit einemmale Unter⸗ ten haltung und Belehrung unter ihren Zuhoͤrern zu ver⸗ ie breiten,„oder man dreht ihnen die Finger rückwärts, ſie en kommen dann wunderbarer Weiſe wieder zu ſich. Gott s⸗ behute Sie.“ zat 1 10* Da Herr Chuffey der Obhut dieſer vortrefflichen Frau bei einer früheren Gelegenheit förmlich anvertraut worden war, ſo wagte weder Frau Jonas Chuzzlewit noch ſonſt jemand gegen dieſe Behandlungsweiſe direk⸗ ten Widerſpruch zu erheben, obgleich alle Anweſenden, vorzüglich aber Tom Pinch und ſeine Schweſter, mit einer ſolchen Krankenpflege nicht einverſtanden zu ſeyn ſchienen. Aber ſo iſt nun einmal die vorſchnelle Drei⸗ ſtigkeit der Uneingeweihten, daß ſie oft irgend einen monſtröſen, abſtracten Grundſatz als Menſchlichkeit, Zartgefühl oder eine ähnliche, nutzloſe Thorheit, auf⸗ ſtellt, um jedem Gebrauche, allen Vorangegangenen, hartnäckig Trotz zu bieten; ja, ſie unterfängt ſich ſogar, mit Perſonen zu ſtreiten, welche den Gebrauch feſtge⸗ ſtellt, das Vorangegangene geleiſtet haben, und daher am erſten im Stande ſind, den Gegenſtand unpartheiiſch zu beurtheilen. 3 „Ach, Herr Pinch“ ſagte Miß Pecksniff,„das iſt Alles die Folge dieſer unglücklichen Heirath. Wäre meine Schweſter nicht ſo voreilig geweſen, hätte ſie ſich nicht mit einem Elenden verbunden, dann würde es keinen Herrn Chuffey in dem Hauſe geben.“ „Bſt,“ machte Tom,„ſie könnte es hören.“ „Es würde mir ſehr leid thun, Herr Pinch,“ ent⸗ gegnete Cherry, indem ſie ihre Stimme noch mehr ſtei⸗ gerte,„das würde mir ſehr leid thun, denn in meiner Natur liegt es nicht, die Unruhe einer Perſon zu er⸗ erhöhen, am allerwenigſten die meiner einzigen Schwe⸗ ſter. Ich weiß, was ſchweſterliche Pflichten ſind, Herr Pinch, und ich hoffe, ſie überall geübt zu haben. Au⸗ guſtus, mein theures Kind, ſuchen Sie mein Taſchen⸗ tuch, und geben Sie es mir.“ Auguſtus gehorchte und nahm Frau Todgers bei Seite, um ſeinen Schmerz in ihren befreundeten Buſen ausſchütten zu können. „Ich bin überzeugt, Herr Pinch,“ ſagte Shariih indem ſie ihrem Verlobten nachſah, und einen Blick au 141 ihre Schweſter warf,„daß ich ſehr dankbar ſeyn darf für den Segen, der mir zu Theil geworden, und der mir noch vorbehalten iſt; wenn ich Auguſtus(hier wurde ſie beſcheiden und verlegen)„ſo voll Sanftmuth, Milde und Ehrerbietung, mit jenem abſcheulichen Manne, der meine Schweſter heirathete, vergleiche; und wenn ich bedenke, Herr Pinch, daß in den Schickungen dieſer Welt, gerade der umgekehrte Fall hätte eintreten können, dann habe ich in der That allen Grund, dankbar, de⸗ müthig und zufrieden zu ſeyn.“ Zufrieden mochte ſie vielleicht ſeyn; aber demüthig war ſie gewiß nicht, ihr Geſicht und ihr Benehmen beurkundeten ſo wenig Demuth, daß ſogar Tom nicht umhin konnte, die ſchlimmen, in ihrer Bruſt ſich regen⸗ den Motive zu begreifen, und zu verachten. Er wandte ſich ab und ſagte zu Ruth, es ſey Zeit zum Aufbrechen. „Ich will Ihrem Gatten ſchreiben,“ ſagte Tom zu Merry und ihm ſchriftlich auseinanderſetzen, was ich mündlich gethan haben würde, hätte ich ihn getroffen, daß die Schuld nicht an mir lag, wenn durch meine Vermittlung ihm etwas Unangenehmes begegnet. Ein Poſtbote iſt nicht unſchuldiger an der Nachricht, die er überbringt, als ich an jenem ihm damals eingehändig⸗ ten Briefe.“ „Ich danke Ihnen,“ ſagie Merry,„vielleicht führt 3 dach noch zu etwas Gutem, der Himmel beſchütze ſe 1⸗ 3 1 Sie nahm zärtlichen Abſchied von Ruth, welche mit ihrem Bruder gerade das Zimmer verlaſſen wollte, als ſich in dem Schlüſſelloch der Thüre das Drehen eines Schlüſſels und unmittelbar darauf ein raſcher Fußtritt in dem Vorplatze vernehmen ließ. Tom blieb ſtehen und ſah Merry an. „Es iſt Jonas,“ ſagte ſie ſchüchtern. „Es iſt vielleicht beſſer, wenn ich ihm nicht auf der Treppe begegne,“ verſetzte Tom, indem er ſeiner Schweſter Arm in den ſeinigen nahm und einige Schritte zurücktrat.„Ich will einen Augenblick hier auf ihn warten.“ 3 Kaum hatte er dieſes geſagt, als die Thüre auf⸗ ging und Jonas eintrat, ſein Weib trat ihm entgegen; allein er ſchob ſie mit der Hand zurück und ſagte in mürriſchem Tone: „Ich wußte nicht, daß Du Geſellſchaft haſt.“ Zu gleicher Zeit blickte er, ſey es nun zufällig, oder abſichtlich geweſen, auf Miß Pecksniff; und da Miß Pecksniff zu entzückt war, einen Streit mit ihm anfan⸗ gen zu können, ſo ergriff ſie auf der Stelle das Wort. „O Theurer,“ ſagte ſte, von ihrem Stuhle ſich erhebend,„wir wollen Ihr häusliches Glück durchaus nicht ſtören! Es wäre ja Schade. In Ihrer Abweſen⸗ heit, Sir, haben wir hier Thee getrunken, aber wenn Sie die Güte haben wollen, uns eine Rechnung über die Koſten zu ſenden, ſo werden wir uns glücklich ſchä⸗ tzen, dieſe zu bezahlen: Auguſtus, mein Lieber, wir wollen gehen, wenn es Ihnen gefällig iſt. Frau Tod⸗ gers, wenn Sie nicht hier zu bleiben wünſchen, ſo wer⸗ den wir uns glücklich ſchätzen, ſie mitzunehmen. Es wäre wahrhaftig Schade, das Glück zu verderben, wel⸗ ches dieſer Gentleman ſtets mit ſich bringt, beſonders in ſeinem eigenen Hauſe.“ „Charity, Charity!“ rief ihre Schweſter in einem tief gefühlten Tone, als flehe ſie ihre Schweſter an, die Cardinaltugend zu beurkunden, deren Namen ſie trug. „Merry meine Liebe, ich bin Dir ſehr verbunden für Deinen Rath,“ erwiederte Miß Pecksniff mit hoch⸗ müthiger Geringſchätzung, obgleich man ihr keinen Rath hat ertheilen wollen;„aber ich bin nicht ſeine Sklavin.“ „Nein, und hätte ſie auch nicht ſeyn mögen, wenn es nach Ihrem Sinne gegangen wäre,“ unterbrach ſie Jonas;„wir kennen das.“ „Was ſagen Sie, Sir,“ rief Miß Pecksniff ſchneidend. „Hoͤren Sie nicht?“ entgegnete Jonas, indem er ſich — NRBSARNNRN—ARne8-ns ᷣ 2 e 143³ auf einen Stuhl niederwarf.„In der Mühle ſagt man es zweimalz wenn es Ihnen beliebt, zu bleiben, ſo können Sie es thun; beliebt es Ihnen zu gehen, ſo können Sie gehen; aber wenn Sie bleiben, ſo belieben Sie höflich zu ſeyn.“ „Beſtie!“ rief Miß Pecksniff an ihm vorbeiſchießend. „Auguſtus, er verdient unſere Beachtung nicht.“ Au⸗ guſtus hatte eine ſchwache krampfhafte Demonſtration gemacht, ihn mit der Fauſt zu ſchütteln.„Kommen Sie mit mir fort, mein Kind,“ ſchrie Miß Pecksniff,„ich befehle es Ihnen.“ Dieſer Schrei war ihr entriſſen worden, weil Au⸗ guſtus die Abſicht gezeigt hatte, umzuwenden, und Herrn Chuzzlewit am Kragen zu faſſen. Aber Miß Pecksniff gab dem feigen Jüngling einen Stoß, und Frau Todgers gab ihm gleichfalls einen, ſo daß ſie alle drei zuſammen zum Zimmer hinausſtolperten, während noch immer die Muſik der ſchrillenden Repreſſalien der Miß Pecksniff ertönte. Bis jetzt hatte Jonas Tom und ſeine Schweſter noch nicht geſehen, denn ſie ſtanden faſt hinter der Thuͤre, als dieſe aufging, und Herr Chuzzlewit hatte ihnen, als er ſich niederſetzte den Rücken zugekehrt, wäh⸗ rend ſeines Wortwechſels mit Miß Pecksniff aber ſeine Augen abſichtlich nach der Straßenſeite gerichtet, um durch dieſe ſcheinbare Gleichgültigkeit den Grimm der verletzten jungen Dame noch höher zu ſteigern. Nun ſtotterte ſeine Gattin hervor, daß Tom auf ihn gewartet habe, und Tom trat vor. In dem Augenblicke, in welchem er ſich vorſtellte, ſprang Jonas von ſeinem Stuhle auf, und erfaßte die⸗ ſen mit einem ſchweren Fluche, als wolle er ſeinen Gaſt niederſchlagen. Ohne Zweiſel wäre dies auch geſchehen, wenn nicht Leidenſchaft und Ueberraſchung ihn unent⸗ ſchloſſen gemacht, Tom aber in ſeiner Ruhe Gelegenheit gegeben hätten, ſich Gehör zu verſchaffen. „Sie haben keine Urſache heftig zu ſeyn, Sir; obgleich ich von Ihren Angelegenheiten mit Ihnen zu 144 ſprechen wünſche, ſo iſt mir doch von denſelben nichts bekannt, und ich verlange ſehnlich, Ihnen dies zu be⸗ merken.“ Um ſprechen zu können war Jonas zu wüthend. Er hielt die Thüre offen, ſtampfte mit dem Fuß auf den Boden und bedeutete Tom durch ein Zeichen, daß er ſich entfernen ſolle. „Sie wiſſen freilich nicht,“ fuhr Tom fort,„daß ich in der Abſicht hier bin, Sie zu verſöhnen, oder Ihnen einen Gefallen zu erweiſen. Es iſt mir daher ganz gleichgültig, ob Sie mich annehmen oder abweiſen. Wenn Sie aber nicht etwa ein Wahnſinniger ſind, ſo hören Sie, was ich Ihnen zu ſagen habe. Ich gab Ihnen ohnlängſt einen Brief, als Sie im Begriffe ſtan⸗ den, in's Ausland zu reiſen.“ „Sie Dieb, das thaten Sie,“ verſetzte Jonas. „Ich will Ihnen den Botenlohn bezahlen, und zugleich eine alte Rechnung ausgleichen. Ich will es!“ „Still, ſtill,“ ſagte Tom,„es iſt nicht noöthig, Ihre böſen Worte, oder eiteln Drohungen zu verſchwen⸗ den. Ich wünſche, mich mit Ihnen zu verſtändigen, und zwar bloß deshalb, weil ich weder von Ihnen, noch von Ihren Angelegenheiten etwas will, nicht weil ich im Mindeſten fürchte, Sie könnten mir ein Leid zufü⸗ gen, denn dies wäre in der That eine Schwäche. So erfahren Sie alſo, daß ich bei dem Inhalte jenes Brie⸗ fes nicht betheiligt bin, denſelben nicht kenne, ja nicht einmal wußte, daß er an Sie abgeliefert werden ſoll, und daß ich ihn erhalten habe von....“ „Bei Gott!“ rief Jonas, indem er mit dem Stuhle ausholte,„Ich will Ihnen das Hirn aus dem Kopſe ſchlagen, wenn Sie noch ein Wort ſprechen.“ Tom beſtand dem ungeachtet auf ſeiner Abſicht und öffnete die Lippen, um nochmals zu ſprechen, während Jonas ihm wie ein Wilder gegenüber ſtand. In der Hitze ſeiner Wildheit wurde er dem armen Tom, wel⸗ cher wehrlos daſtand und ſeine erſchrockene Schweſter * 14⁵ verlegen am Arme hatte, ohne Zweifel eine ſchlimme Beſchädigung zugefügt haben, wenn nicht Merry ſich dazwiſchen geworfen, und ihn um des Himmelswillen gebeten hätte, das Haus zu verlaſſen. Die Todesangſt dieſes armen Geſchöpfes, der Schrecken ſeiner Schweſter, die Unmöglichkeit ſich Gehör zu verſchaffen, und der vergebliche Kampf gegen Mrs. Gamp, die wie ein Fe⸗ derbett auf ihn ſich geworfen hatte, und ihn durch die Laſt ihres Gewichts allein nach der Treppe zurückdrängte, errangen die Oberhand. Tom ſchüttelte den Staub die⸗ ſes Hauſes von ſeinen Füßen, ohne Nadgets Namen ausgeſprochen zu haben. Wenn dieſer Name über ſeine Lippen gekommen wäre, wenn Jonas in der Unverſchämtheit ſeiner wilden Natur ihn nie zu jenem frühern Akte der Männlichkeit gereizt hätte, wegen deſſen er ihn, nicht wegen ſeines letzten Vergehens, mit ſolcher Bosheit haßte, wenn Jo⸗ nas erfahren hätte, wie er bei jener Gelegenheit durch Tom erfahren haben würde, welch ein Spion, an den er nicht dachte, ihn umlauerte, ſo würde ihm wohl eine verbrecheriſche That erſpart worden ſeyn, die damals ihrer Vollendung entgegen ging. Aber das Unheil war ſein eigenes Werk, die Grube von ihm ſelbſt gegraben, und die Finſterniß, die ihn umgab, war nur der Schat⸗ ten ſeines eigenen Lebens. Seine Gattin hatte die Thüre geſchloſſen und ſich vor ihm auf die Kniee niedergeworfen. Jetzt hielt ſie ihre Hände zu ihm empor, und flehte ihn an, ſie nicht zu mißhandeln, weil ſie ſich aus Furcht vor Blutver⸗ gießen dazwiſchen geworfen habe. „So, ſo!“ ſagte Jonas, indem er Athem holte uih anf r liderbiicte,„das ſind alſo Deine Freunde, un ich fort bin? Mit ſo bi inen Ke Mit ſolchen Leuten ſpielſt Du unter „Nein, gewiß nicht, ich weiß von dieſen Geheim⸗ niſſen nichts und habe keinen Schlüſſel zu ihrer Erklä⸗ 146 rung; ſeit ich die Heimath verlaſſen, habe ich ihn, heute ausgenommen, nur ein oder zweimal geſehen.“ „O,“ ſagte Jonas höhnend, indem er dieſe Ver⸗ beſſerung auffaßte,„nur ein oder zweimal! He? Was willſt Du damit ſagen? Zweimal und einmal vielleicht dreimal und wieviel mal öfter? Du lügneriſche Dirne!“ Da er eine Fornige Bewegung machte, wich ſie haſtig zurück. Eine bedeutungsvolle Geberde, voll von grauſamer Wahrheit. „Wie oft weiter?“ wiederholte er. „Nicht öfter. Vorgeſtern morgen und heute, und ſonſt noch einmal.“ Er war im Begriffe, eine heftige Erwiederung zu geben, da ſchlug die Uhr. Er ſchrak zuſammen, hielt inne und lauſchte. Augenſcheinlich ſiel ihm ein Ver⸗ ſprechen oder ſonſt etwas anderes ein, vielleicht ein Ge⸗ heimniß, das tief in ſeiner Bruſt begraben war und ihn an das raſche Entſchwinden der Stunden mahnte. „Warum liegſt Du hier? Steh auf!“ Nachdem er ſie, um ſie aufzurichten, am Arme in die Höhe geriſſen hatte, ſprach er weiter. „Höre auf mich, junge Weibsperſon, und winſele nicht, wenn Du keine Urſache haſt, oder ich gebe Dir eine dazu. Wenn ich ihn wieder in meinem Hauſe finde oder wenn ich ermittele, daß Du in einem an⸗ dern Hauſe mit ihm zuſammentriffſt, ſo ſollſt Du es bereuen! Biſt Du nicht taub und ſtumm über Alles, was mich angeht; haſt Du meine Erlaubniß zu hören und zu ſprechen nicht, dann ſollſt Du es bereuen. Du ſollſt es bereuen, wenn Du nicht in Allem, was ich Dir befehle, unbedingt gehorchſt. Höre jetzt! Wie viel Uhr iſt es?“ „Vor einer Minute hat es acht Uhr geſchlagen.“ Er faßte ſie ſcharf ins Auge und ſprach mit un⸗ gezwungener Beſtimmtheit, als wenn ihm die Worte aus der Seele gingen: „Ich bin Tag und Nacht gereist und müde, ich QOd N ⏑æα˙ 147 habe einiges Geld verloren, und das hat mich übel ge⸗ ſtimmt. Bringe mein Nachteſſen in das kleine Stüb⸗ chen unten und halte das Bett bereit, ich werde heute Nacht, vielleicht auch morgen Nacht hier ſchlafen, und wenn ich morgen den ganzen Tag ſchlafen kann, ſo iſt es um ſo beſſer, denn ich will mir Mühe geben, es zu thun. Halte das Haus ruhig und rufe mich nicht. Laſſe Niemand vor mich, laß mich ungeſtört liegen.“ Sie entgegnete, daß dieſes geſchehen ſolle, und ob das Alles ſey? 3. „Was? Mußt Du ſpioniren und fragen?“ verſetzte er zornig.„Was verlangſt Du noch weiter zu wiſſen.“ „Ich will nichts wiſſen, als was Du mir ſagſt, Jonas. Längſt hat mich alle Hoffnung verlaſſen, daß Vertrauen zwiſchen uns beſtehen könne.“ „Alle Wetter, das will ich hoffen,“ murmelte er. „Aber wenn Du mir ſagen willſt, was Du wün⸗ ſcheſt, ſo will ich gern gehorchen, und Alles aufbieten, um Dir gefällig zu ſeyn. Ich mache mir kein Ver⸗ dienſt daraus, denn ich habe weder an meinem Vater, noch an meiner Schweſter Freunde, und ich bin ganz verlaſſen. Ich bin wahrhaft demüthig und unterwürfig. Du ſagteſt, meinen Sinn wolleſt Du brechen, und Du haſt Wort gehalten. Brich mir nicht auch noch das Herz!“ Während ſie dieſes ſagte, wagte ſie es, ihre Hand auf ſeine Schulter zu legen. Er duldete es in ſeiner innerlichen Aufregung, und die gemeine, ſchmutzige und erbärmliche Seele des Mannes blickte für einen Moment durch ſeine boshaften Augen hervor. „Aber nur für einen Moment; denn ſo wie ein ge⸗ wiſſes Etwas in ſeinem Innern haſtig zurückgekehrt war, befahl er ihr mit einem mürriſchen Tone, ſeine Befehle ohne Zögern zu vollziehen, ſo ihren Gehorſam zu zeigen. Als ſie jetzt weggegangen war, ſchritt er mehrmals im Zimmer auf und ab, die recht Hand ſtets geballt, wie wenn er etwas darin hielie, während ſie 148 doch leer war. Seines einſamen Spazierganges müde, warf er ſich in einen Stuhl und ſchlug gedankenvoll den Aermel ſeines rechten Arms zurück, als wolle er diffen Kraft erproben; auch da hielt er noch die Fauſt geballt.* 3 Er ſenkte die Augen auf den Boden und brütete in ſeinem Stuhle fort, bis Mrs. Gamp hereintrat, um ihm zu ſagen, daß das kleine Zimmer in Bereitſchaft ſey. Da Frau Gamp, weil ſie ſich in den Streit ge⸗ miſcht hatte, nicht gewiß war, welcher Empfang ihr zu Theil werde, und um ihren Gönner zu intereſſiren und günſtig zu ſtimmen, ſtellte ſie ſich, als ob ſie um Herrn Chuffey ſehr beſorgt ſey. „Was macht er jetzt, Sir?“ ſagte ſie. „Wer?“ rief Jonas, indem er ſeinen Kopf auf⸗ richtete und ſie mit großen Augen anſah. „Wirklich?“ erwiederte die Matrone mit einem Lächeln und einer Verbeugung;„doch was denke ich auch! Sie waren ja nicht hier, Sir, als er ſich ſo ſelt⸗ ſam benahm. Noch nie in meinem Leben habe ich eine arme liebe Kreatur ſich ſo wunderlich benehmen ſehen, ausgenommen einen Patienten von demſelben Alter bei⸗ läufig, den ich einmal pflegte. Er hatte ſeinen Beruf im Zollhauſe, und dieſer Mann war Herrn Harris eig⸗ ner Vater, ein ſo angenehmer Sänger, Herr Chuzzle⸗ wit, wie Sie nur je einen gehört haben, mit einer Stimme gleich einer Maultrommel in den Baßnoten, daß ihn zu jener Zeit ſechs Männer halten mußten, weil er ſo furchtbar ſchäumte.“ „Wie, Chuffey?“ verſetzte Jonas, indem er gleich⸗ gültig nach dem alten Buchhalter hinblickte, ſobald er merkte, daß von ihm die Rede ſey.„Ha.“ „Der Kopf dieſes Geſchöpfes iſt ſo heiß,“ ſagte Mrs. Gamp,„daß man ein Plätteiſen daran glühend machen könnte. Es iſt auch kein Wunder, wenn man bedenkt, welche Dinge er geſagt hat.“ +— GAK A—— +½ 149 „Geſagt hat!“ ſchrie Jonas.„Was hat er denn geſagt?“ Frau Gamp legte die Hand auf das Herz, als wollte ſie deſſen Pochen hindern, ſchlug die Augen auf und verſetzte mit ſchwacher Stimme: „Die ſchrecklichſten Dinge, Herr Chuzzlewit, die ich je gehört habe; Sachen, wie ſie Herr Harris Vater nicht geſagt hat, als er ſeinen Anfall hatte. Der eine thut es, der andere thut es nicht, ausgenommen wenn er ſagt, ſobald er wieder zurecht kommt:„Wo iſt Sa⸗ rey Gamp?“ Aber wahrhaftig, Sir, wenn Herr Chuf⸗ ſh F fragen anfängt:„Wer liegt da oben todt?“ und... „Wer liegt da oben todt?“ wiederholte Jonas, in⸗ dem er entſetzt aufſtand.. Mrs. Gamp nickte, that als ob ſie huſte und fuhr fort:„Wer liegt da oben kodt? ſo lautete ſeine Bibel⸗ ſprache, und: wo iſt Herr Chuzzlewit, der den einzigen Sohn hat? Dann geht er hinauf, ſieht in den Betten nach, wandert in den Zimmern umher, kommt wieder herunter und flüſtert leiſe von einem„ſchlechten Spiele“ und ähnlichen Dingen vor ſich hin. Ich kann es nicht in Abrede ſtellen, Herr Chuzzlewit, daß es mich ſo ſehr angegriffen hat, daß ich mich nur mit einem kleinen Schlucke Branntwein aufrecht erhalten konnte, den ich doch nur ſelten anrühre, obwohl ich ſtets weiß, wo er zu finden iſt, wenn ich Luſt danach bekomme. Man kann nicht wiſſen, was ſich zunächſt ereignet, denn die Welt iſt ja ſo gar unſicher.“ „„Der alte Narr iſt toll! rief Jonas ganz verſtört. „Das iſt auch meine Meinung, Sir,“ erwiederte Mrs. Gamp,„und ich will Sie nicht täuſchen. Wenn Sie mir erlauben, eine Bemerkung zu machen, ſo glaube ich, daß Herr Chuffey eine beſondere Wart und nicht die Freiheit haben ſollte, Ihre ſüße Dame zu erſchrecken und zu quälen.“ 1³⁵⁰ „Ei, wer kümmert ſich darum, was er ſagt!“ er⸗ wiederte Jonas.. „Aber es iſt doch ärgerlich, Sir,“ verſetzte Frau Gamp.„Es kehrt ſich wohl Niemand an ihn, aber dennoch iſt er eine große Unbequemlichkeit.“ „Alle Wetter, Sie haben recht,“ ſagte Jonas und blickte angſtlich nach dem Gegenſtande der Unterhal⸗ tung,„ich habe halb und halb im Sinne, ihn einzu⸗ ſperren.“ 4 Mrs. Gamp rieb ihre Hände, lächelte, ſchüttelte den Kopf und ſchnüffelte bedeutungsvoll, als wittere ſie ein Geſchäſt. „Könnten Sie— könnten Sie, vielleicht jetzt, für folch einen blödſinnigen Menſchen in einem der oberen, unbeſetzten Zimmer Sorge tragen?“ bemerkte Jonas. „Ich und eine meiner Freundinnen könnten es ab⸗ wechſelnd thun, Herr Chuzzlewit,“ entgegnete die Kran⸗ kenwärterin.„Unſere Anforderungen ſind nicht hoch, aber in dem Betracht, daß wir uns nicht fremd ſind, könnte ich ſie wohl noch mehr herabſetzen. Ich und Betſey Brigg, Sir, würden Herrn. Chuffey ſehr an⸗ ſtändig verpflegen,“ fügte Mrs. Gamp hinzu, nach. der beſagten Perſon wie nach einem Stück Waare hinüber⸗ ſchielend, wegen welchem ſie in Unterhandlung begriffen, „und Alles würden wir zur Zufriedenheit beſorgen. Betſey Brigg hat ſchon viele Mondſüchtige gepflegt und ſie kennt ihre Weiſen ganz genau. Wenn ſie wi⸗ derſpenſtig ſind, iſt es das Sicherſte und Beruhigendſte, ſte recht nahe an ein Feuer zu bringen.“ Während Mrs. Gamp alſo ſprach, ging Jonas wie⸗ der in dem Zimmer auf und nieder und warf hier und da einen verſtohlenen Blick auf den alten Buchhalter. Endlich machte er halt und ſagte: „Ich muß wohl nach ihm ſehen, ich denke, daß er mir ſonſt Unſug anrichtet; was ſagen Sie dazu?“ „Nichts iſt wahrſcheinlicher,“ erwiederte Mrs. Gamp, 2 ——————,— — 15¹ nich verſichere Sie, Sir, daß ich ſchon ſolche Erfahrun⸗ gen gemacht habe.“ „Wohl denn! Sorgen Sie für jetzt für ihn, und — laſſen Sie mich ſehen, nach drei Tagen ſoll die an⸗ dere Frau zu mir kommen; wir wollen dann ſehen, ob wir im Handel übereinkommen, ich wollte ſagen um neun oder zehn Uhr Abends. In der Zwiſchenzeit beob⸗ ten Sie ihn genau und ſprechen nichts von der Sache. Er iſt ſo toll wie ein Maihaſe.“ „Toller!“ rief Mrs. Gamp,„viel toller!“ „Nun, haben Sie Sorge für ihn, damit er keinen Schaden anrichtet, und vergeſſen Sie nicht, was ich Ihnen gefagt habe.“ Waͤhrend Mrs. Gamp Alles, was ihr geſagt wor⸗ den, wiederholte, und ſich dabei wegen ihres Gedächt⸗ niſſes und ihrer Zuverläſſigkeit auf viele Lobeserhebun⸗ gen bezog, welche ſie aus einem höchſt merkwürdigen Gutachten der berühmten Mrs. Harris herauslas, ging Jonas in das kleine für ihn bereitete Gemach hinab, zog Nock und Stiefel aus, legte beides vor die Thüre und ſchloß dieſe dann ab. Hierbei brachte er den Schlüſſel ſo ſorgfältig an, daß er die Neugierde jeder Perſon vereiteln mußte, welche allenfalls den Verſuch machte, durch das Schlüſ⸗ ſelloch hineinzuſehen. Nachdem er dieſe Vorſichtsmaß⸗ regeln getroffen hatte, ſetzte er ſich zu ſeinem Nacht⸗ eſſen nieder. „Herr Chuffey,“ ſprach er vor ſich hin,„es wird ziemlich leicht ſeyn, mit Ihnen quitt zu werden. Es frommt nicht, eine Sache nur halb zu thun, und ſo lange ich hier bin, will ich für Sie Sorge tragen, bin ich fort, ſo mögen Sie ſagen was Sie wollen. Aber es iſt doch verdammt ſeltſam,“ ſetzte er bei, indem er den noch unberührten Teller zurückſchob und verſtimmt auf und ab ging,„daß dieſe Faſeleien eben jetzt eine ſolche Wendung nehuten mußten. Nachdem er das Zimmer mehrmals von einer Ecke 1⁵² zur andern durchſchritten hatte, ſetzte er ſich auf einen andern Stuhl. „Ich ſage eben jetzt; aber vielleicht treibt er die Geſchichte ſchon lange, ohne daß ſie es wußte. Alter Hund! Dir ſoll das Maul geſtopft werden.“ Aufs neue durchwandelte er in derſelben unruhigen und aufgeregten Weiſe das Zimmer, dann ſetzte er ſich auf die Bettſtatt, ſtützte das Kinn auf die Hand und blickte nach dem Tiſche. Nachdem er es lange Zeit ſo getrieben hatte, erinnerte er ſich ſeines Abendeſſens. Er nahm den erſten Stuhl wieder und begann mit gro⸗ ßer Gier zu eſſen, nicht einem Hungrigen gleich, ſon⸗ dern wie ein Menſch, dem es befohlen iſt, dieſes zu thun. Er trank auch ordentlich, hielt aber bisweilen mitten im Zuge inne, nnd wechſelte ſeinen Sitz oder ging wieder auf und ab, um dann wieder mit gieriger Haſt über den Tiſch herzufallen. Es begann dunkel zu werden. Die Abenddämme⸗ rung ging in die Nacht über, und ein zweiter ſchwar⸗ zer Schatten ſchien aus ſeinem Innern aufzutauchen, auf ſein Geſicht ſich zu lagern und es langſam umzu⸗ wandeln. Langſam, langſam, ſchwarz und ſchwärzer, mehr und mehr hohl, mehr und mehr un ſich greifend, bis es in und außer ihm finſtere Nacht war. 8 Das Zimmer, in welches er ſich eingeſchloſſen hatte, lag in dem Hintertheil des Hauſes, im Erd⸗ geſchoſſe. Es war dürch ein truͤbes Hochlichtfenſter er⸗ hellt und hatte eine Thüre in der Wand, welche in einen engen bedeckten Gang führte. Dieſer war nach ſechs oder ſieben Uhr Abends nur noch wenig beſucht und wurde zu keiner Tageszeit als ein öffentlicher Weg benutzt, obwohl er in eine benachbarte Straße führte. Der Boden, auf welchem dieſes Zimmer ſtand, war vor langer Zeit(Jonas konnte ſich deſſen nicht mehr erinnern) ein Hof geweſen, und zum Zwecke der Einrichtung eines Büreaus in der gegenwärtigen Art — überbaut worden; welche Geſchäfte ſonſt darinnen be⸗ ——— — e — d — —58SS-R8ESS—-' 15³3 trieben worden waren, wußte Niemand; Anthony Chuzz⸗ lewit und ſein Sohn hatten wenig Rückſicht darauf ver⸗ wendet, indem es nur bisweilen als eine Art Schlaf⸗ zimmer diente, und einſt von dem alten Buchhalter, das war aber ſchon vor vielen Jahren, als eigenes Ge⸗ mach benutzt worden war. Es glich mehr einem Keller als einem Zimmer; ees war gefleckt, mit Schimmel be⸗ wachſen, und hatte durchlaufende Waſſerröhren, welche oft bei Nacht, wenn alles umher ruhig war, kreiſchten und gurgelten, als ob ſie am Erſticken wären. 4 Die in den Hof führende Thüre war ſeit langer, langer Zeit nicht geöffnet worden; der Schlüſſel aber hing immer an einem beſtimmten Ort, ſo auch jetzt noch. Herr Jonas war geſaßt, ihn verroſtet zu finden, denn er hatte eine kleine Oelflaſche mit einer Feder in der Taſche, und mit dieſer beſtrich er ſorgfältig Schlüſ⸗ ſel und Schloß. Während er dieſes that, hatte er kei⸗ nen Rock an und war in bloßen Strümpfen; nun ſtieg er angekleidet und leiſe in das Bett und warf ſich von einer Seite zur andern, damit es verwühlt ausſah. In güeinem unruhigen Zuſtande war dieſes ſchnell ge⸗ ehen.. Als es geſchehen war, ſtand er wieder auf, holte aus ſeinem Mantelſacke, welchen er bei ſeiner Ankunft nach dieſem Gemache hatte bringen laſſen, ein paar plumpe Schuhe, die er anzog; ebenſo ein paar Leder⸗ hoſen, wie ſie die Landleute gewöhnlich tragen, und in dieſe kleidete er ſich, indem er ſte mit einem Riemen um den Leib befeſtigte. Zuletzt warf er noch einen groben, dunkeln Zwillichkittel um und ſetzte einen Filzhut auf; ſeinen eigenen hatte er in dem oberen Zimmer abſichtlich zurückgelaſſen. Nachdem dieſes Alles geſchehen war, rückte er, den Schlüſſel in der Hand, ſeinen Stuhl an die Thüre, und wartete. Er hatte kein Licht, die Zeit ſchlich traurig, lang⸗ ſam und unheimlich vorüber. In einer benachbarten Boz, Chuzzlewit. V. 11 1⁵4 Kirche übten die Läutknaben ihre Kunſt, und das Klingen der Glocken brachte den einſamen Mann faſt zum Wahn⸗ ſinne. „In die Hölle mit dieſem lärmenden Geläute!“ Es ſchien zu wiſſen, daß er an der Thüre lauſche und es ſchien dieſes in einem wilden Gewirre von Stimmen der ganzen Stadt zu verkündigen. Wollten ſie dann nimmer verſtummen? Endlich ſchwiegen ſie; aber jetzt war das Schweigen ſo neu, und ſo beängſtigend, daß es nur das Vorſpiel Heines neuen ſchrecklichen Lärms zu ſeyn ſchien. Fußtritte im Hoſe! Zwei Menſchen. Er ſchlich auf den Zehen von der Thüre weg, als ob ſie ihn durch das hölzerne Getäfel ſehen könnten. Sie gingen vorüber, ſo viel er vernehmen konnte, ſprachen ſie von einem Gerippe, welches geſtern bei dem Graben eines neuen Kellers ausgegraben worden war, und, wie man vermuthete, von einem Ermordeten herrührte;„Du ſiehſt alſo, daß der Mord nicht immer an den Tag kommt,“ ſagte der eine zu dem andern, als ſte um die Ecke gingen. 3 „Bſt!“ Er ſteckte den Schlüſſel in das Schloß und drehte ihn um, die Thüre leiſtete etwas Widerſtand, end⸗ lich ging ſie auf, um mit dem fiebrigen Gefühle in ſei⸗ nem Munde den Geſchmack von Roſt und Staub, von Erde und moderndem Holze in Verbindung zu ſetzen. Er lugte hinaus; er ging hinaus; lauſchte Jemand hinter ihm? 3 Alles war ſtill und ruhig, als er von dannen floh. 1 ———,,——. d— 8 Achtes Kapitel. Schluß des Unternehmens des Herrn Jonas und ſeines Freundes. Sind nicht Menſchen, welche durch die dunklen Straßen gingen, unwillkührlich zuſammengeſchreckt, wenn er mit ſeinen verſtohlenen eiligen Schritten ſie einholte? Hatte kein Kind in ſeinem Schlafe eine unbewußte Em⸗ pfindung, daß ein verbrecheriſcher Schatten auf ſein Bett falle und ſeine unſchuldige Ruhe ſtöre, als er ſo dahin glitt? Heulte kein Hund, ſuchte keiner ſeine raſſelnde Kette abzuſprengen, um ihn zu zerreißen? Nagte ſich keine wühlende Ratte, indem ſie erwieherte, daß es Ar⸗ beit gäbe, einen Gang hinter ihm her, um gierig an dem Mahle zu ſchwelgen, welches er jetzt zu bereiten ging. Wenn er über die Achſeln zurückſchaute, ſo that er es nur, um zu ſehen, ob ſeine raſchen Fußtritte noch immer trocken auf das ſtaubige Pflaſter fielen, oder ob ſie etwa bereits von dem rothen Schlamme feucht ſeyen, der Kains nackte Füße befleckte. Er zog ſich nach dem großen Weſtwege hin, und er erreichte denſelben, bald fahrend, bald zu Fuß gehend, ſchnell, und verfolgte ihn weiter. Eine beträchtliche Strecke fuhr er auf dem Dache einer Landkutſche, welche ihm nachgekommen war; und als dieſe endlich einen an⸗ dern Weg einſchlug, beſtach er den Führer einer zurück⸗ kehrenden Poſtchaiſe, ihn eine Strecke weit mitzunehmen. Dann ging er wieder quer Feld ein, ſchnitt eine oder zwei Meilen ab, ehe er wieder in die Straße einbog. Zuletzt traf er, wie es ſein Plan war, auf eine ſchwer⸗ fällige, langſame Nachtkutſche, welche an allen mög⸗ lichen Orten anhielt, und jetzt gerade vor einem Wirths⸗ hauſe raſtete, während der Condukteur und der Kutſcher innen aßen und tranken. Er handelte um einen Außenſitz auf dieſer Kutſche, und nahm ihn ein. Er verließ ihn 11* 1⁵⁶ erſt, nachdem er die ganze Nacht hindurch gefahren, und nur noch einige Meilen von dem Orte ſeiner Beſtimmung entfernt war. E Die ganze Nacht! Gewöhnlich ſtellt man ſich vor, daß die Natur bei Nacht zu ſchlafen ſcheint. Das iſt eine ganz irrige Meinung, und wer ſollte es beſſer wiſ⸗ ſen, als er? Die Fiſche ſchlummerten vielleicht in ihren kalten glänzenden Strömen und Bächen, und die Vögel ruhten auf den Zweigen der Bäume, und das Vieh war ruhig 3 in ſeinen Ställen oder auf den Waideplätzen, und die menſchlichen Geſchöpſe ſchliefen. Aber was war das, wenn die feierliche Nacht wachte, wenn ſie nie nickte, wenn ſogar ihre Dunkelheit ebenſo leuchtete wie ihr Licht. Die ſtattlichen Baͤume, der Mond, die leuchten⸗ den Sterne, die überſchatteten Baumwege, die weiten glänzenden Auen, das Alles hielt Wache. Da war kein Kornſtengel, kein Grashalm ſogar, der nicht wachte, und je ruhiger ſte waren, deſto mehr und deſto geſpannter ſchienen ſie zu lauſchen. Und doch ſchlief er. Unter dieſen Schildwachen Gottes dahinfahrend, ſchlief er, und änderte den Zweck ſeiner Reiſe nicht. Wenn er es in ſeinen angſtvollen Träumen vergaß, ſo überſchlich es ihn wieder mit Ge⸗ walt und weckte ihn auf; aber nie weckte es ihn zu Ge⸗ wiſſensbiſſen, oder zum Aufgeben ſeines Vorhabens auf. Ihm träumte einmal, er liege ruhig in ſeinem Bette, er denke über eine mondhelle Nacht und das Ge⸗ räuſch der Räder nach, und plötzlich habe der alte Buch⸗ halter, ihm winkend, den Kopf zur Thüre hereingeſtreckt. Auf dieſes Zeichen ſtand er augenblicklich auf, begleitete ihn in derſelben Kleidung, die er zur Zeit trug, in eine fremde Stadt, in welcher die Namen der Straßen an die Häuſermauern in Buchſtaben geſchrieben ſtanden, die für ihn ganz fremd waren. Wenn ihn dieſes auch über⸗ raſchte, ſo beunruhigte es ihn doch nicht, denn er er⸗ innerte ſich in ſeinem Traume ſchon einmal hier geweſen 157 zu ſeyn. Obgleich die Straßen ſo abſchüſſig waren, daß man durch hohe Leitern, welche zu kurz waren, und durch Stricke, welche tieftoͤnende Glocken in Bewegung ſetzten, wenn man ſich daran anklammerte, von einer auf die andere kommen mußte, ſo bewirkte doch die Gefahr nach dem erſten Schrecken keine beſondere Aufregung mehr. Seine Aengſtlichkeit beſchränkte ſich blos auf ſeine Klei⸗ dung, welche durchaus nicht für das Feſt paßte, das er mitzufeiern gekommen war, und das jetzt ſtattfinden ſoltte. Schon begannen große Menſchenmaſſen die Straßen zu füllen, und in einer endloſen Perſpektive rauſchten Myriaden von Menſchen alle nach einer Richtung hinun⸗ ter, indem ſie Blumen ſtreuten, und andern auf weißen Pferden Platz machten. Plötzlich brach eine ſchreckliche Geſtalt aus dem Gedränge hervor und rief aus, daß dieß der letzte Tag für die ganze Welt ſey! So wie ſich dieſer Ruf verbrei⸗ tete, trat ein wildes Getuͤmmel nach dem Richterſtuhle hinein, und das Drängen wurde ſo groß, daß er und ſein Begleiter(welch' letzterer ſtets wechſelte, und nie für zwei Minuten der nämliche Mann war; obgleich er nie einen andern kommen oder gehen ſah); ſeitwärts in ein Thor traten und furchtſam die Menge betrachteten, unter der er viele Geſichter kannte, und viele nicht. Mit einemmale tauchte ein kämpfender Kopf unter den Uebrigen auf, bleich, todtblaß, doch ihm nicht fremd, und verkündigte ihm, daß ſeinetwegen dieſer ſchreckliche Tag abgehalten werde. Sie rangen mit einander. Als er ſich bemühte, die Hand, in welcher eer ſeine Keule hielt, loszumachen und den Streich zu führen, an den er ſo oft gedacht hatte, fuhr er auf zum Bewußtſeyn des wahren Vorſatzes und zur Betrachtung der aufge⸗ henden Sonne. 3 Die Sonne war ihm willkommen; ſie rief Leben, Bewegung und eine rege Welt hervor, um die Aufmerk⸗ ſamkeit des Tages zu vertheilen. Es war das Auge der Nacht, der wachſamen, wachenden, ſchweigenden und 158 lauſchenden Nacht, was er am Meiſten fürchtete, denn er hatte ſo viele Zeit, ſeine verbrecheriſchen Gedanken zu beobachten. Bei Nacht iſt kein Schimmer, und in ihrem Schatten zeigte ſich ſogar der Ruhm auf einem mit Blut getränkten Schlachtfelde nicht vortheilhaft. Wie mag dann wohl des Ruhms Blutsverwandter, ſein Ba⸗ ſtardbruder, der Mord, erſcheinen? Ja, er ſtand in Unterhandlung mit ſich und hatte in ſeinem Innern kein Geheimniß hierüber. Mord! Er war gekommen, ihn auszuführen. „Laßt mich hier abſteigen,“ ſagte er. 3 „Ei, in ſo kurzer Entfernung von der Stadt?“ be⸗ merkte der Kutſcher. „Ich meine doch, daß ich abſteigen kann, wo ich will.“ „Ganz nach Ihrem Belieben können Sie aufſitzen und abſteigen. Das bricht unſer Herz nicht, wenn wir Sie verlieren, und es häͤtte uns auch das Herz nicht ge⸗ brochen, wenn wir Sie nicht gefunden hätten. Machen Sie etwas ſchneller, das iſt Alles.“ Der Condukteur war gleichfalls abgeſtiegen und wartete auf dem Wege, um ſein Geld in Empfang zu nehmen. In ſeinem eiferſüchtigen Mißtrauen glaubte Jonas, der Mann betrachte ihn mit einer mehr als ge⸗ wöhnlichen Neugierde. „Was ſtiert Ihr mich ſo an?“ fragte Jonas. „Kein ſchöner Mann,“ entgegnete der Condukteur. „Wenn Ihr Euch prophezeihen laſſen wollt, ſo kann ich Euch von Eurer Zukunft ein wenig ſagen. Ihr werdet nicht ertrinken. Das iſt ein Troſt für Euch!“ Ehe Jonas antworten oder ſich abwenden konnte, verſetzte ihm der Kutſcher, um dem Geſpräche ein Ende zu machen, mit der Peitſche einen Hieb, nannte ihn ei⸗ nen ſauertöpfiſchen Hund, und befahl ihm, aus dem Wege zu gehen. In demſelben Augenblicke ſprang der Condukteur wieder auf ſeinen Sitz hinauf und der Wagen rollte unter dem Gelächter ſeiner Paſſagiere weiter, wäh⸗ — rend Jongs auf dem Wege ſtehen blieb und mit der Fauſt 15⁵9 nachdrohte. Bei näherer Erwägung war er nicht un⸗ zufrieden, daß er für einen gemeinen, widerwärtigen Bauern gehalten worden, denn er fand darin einen Be⸗ weis ſeiner guten Verkleidung. Er wanderte von hier aus zwei oder drei Meilen, ging dann in ein Gebüſch am Wege, riß aus einer Ver⸗ zäunung einen dicken, feſten, knotigen Prügel heraus, ſetzte ſich unter einem Heuſchober nieder, verweilte einige Zeit, und beſchäftigte ſich damit, daß er von ſeiner Waffe die Rinde abſchälte und den gekerbten Kopf derſelben mit ſeinem Meſſer zurecht ſchnitt.— Der Tag entſchwand. Mittag, Nachmittag, Abend, Sonnenuntergang. In dieſer heiteren, friedlichen Zeit kamen zwei Männer auf einem nicht ſehr belebten Wege in einem Gig von der Stadt hergefahren. Es war der Tag, an welchem, wie verabredet, Herr Pecksniff mit Montague ein Diner einnahm. Der wackere Mann hatte ſein Wort gehalten, und war jetzt auf dem Nachhauſewege, ſein Wirth fuhr eine Strecke weit mit ihm und hatte vor, auf einem angenehmen Pfade,, den Herr Pecksniff ihm zu zeigen verſprochen, durch die Felder zurückzukehren. Jonas kannte ihre Plane. Während ſie beim Mittag⸗ eſſen ſaßen, hatte er im Wirthshaushofe lang umher gelauert und gehört, wie ſie ihre Befehle gaben. Sie waren laut und heiter in ihrer Unterhaltung, und man konnte ſie ſchon auf eine ziemliche Strecke weit hören; denn ihre Stimmen übertönten das Getöſe der Wagen⸗ räder und den Hufſchlag der Pferde weit. Sie kamen an einen Schlagbaum, an dem ſie anhielten, denn der hier befindliche Fußpfad bezeichnete die Stelle ihres Scheidens. „Es iſt zu früh. Es iſt viel zu früh!“ ſagte Herr Pecksniff,„aber hier iſt der Ort, mein theurer Sir. Gehen Sie nur auf dem Pfade gerade fort, durch das kleine Gehölz, zu welchem Sie kommen. Der Weg iſt — dort etwas ſchmäler, allein Sie können ihn nicht fehlen. Wann werde ich Sie wiederſehen? hoffentlich bald!“ „Ich hoffe ſo,“ entgegnete Montague. 3 „Gute Nacht!“ „Gute Nacht! und angenehme Fahrt!“ So lange Herr Pecksniff zu ſehen war und hin und wieder ſich umwandte, um zu grüßen, ſtand Montague lächelnd im Wege und winkte ihm mit der Hand nach. Als jedoch ſein neuer Aſſocié verſchwunden, und dieſe Verſtellung nicht länger nöthig war, ſetzte er ſich auf den Schlagbaum und ſein Ausſehen veränderte ſich plötz⸗ lich ſo, daß man hätte glauben können, er ſey in dieſer Zeit um zehn Jahre älter geworden. Obwohl er vom Weine glühte, war er doch nicht heiter. Er zeigte auch keinen Triumph, obgleich er ſeinen Zweck erreicht hatte. Vielleicht hatte ihn die Anſtrengung, die es ihn koſtete, vor Herrn Pecksniff ſeine ſchwierige Rolle auf⸗ recht zu erhalten, erſchöpft, oder vielleicht wirkte der Abend auf ſein Gewiſſen ein, oder die Schleierſchatten, — die ihn mehr und mehr umzogen, verdrängten ſeine an⸗ dere Gedanken alle, um dem düſtern, unbeſtimmten Vor⸗ gefühle eines nahenden Unglücks Raum zu geben. Es gibt bekanntlich Flüſſigkeiten, welche ein Vor⸗ gefühl des nahenden Windes, Regens oder Froſts haben und ſich daher in ihre Glasherzen zurückzuziehen ſuchen; aber hat vielleicht nicht jene feine Flüſſigkeit, Blut ge⸗ nannt, dieſelbe Eigenſchaft in ſich, daß ſie es bemerken kann, wenn Hände erhoben ſind, um ſie zu verſpritzen, — und rinnt ſie vielleicht darum in einer ſolchen Stunde ſo kalt und ſo träge durch die Adern? So kalt, trotz der Wäͤrme der Luft; ſo träge, trotz des glänzenden Himmels, daß er ſchaudernd von ſeinem Sitze aufſprang und haſtig wegeilte. Doch hielt er un⸗ entſchloſſen wieder inne; ſollte er auf dem einſamen Fuß⸗ pfade weiter gehen, oder auf die Landſtraße zurückkehren? Er wählte den Fußpfad. 3 Der Schimmer der untergehenden Sonne beſtrahlte — len. 161 ſein Geſicht, der Geſang der Vögel tönte in ſein Ohr, um ihn her blühten liebliche wilde Blumen, nicht ferne waren die Strohdächer armer Bauernwohnungen, und ein alter grauer Kirchthurm, auf deſſen Spitze ein Kreuz war, ſtieg zwiſchen ihm und der kommenden Nacht empor. Die Lehre, die in ſolchen Dingen liegt, hatte er nicht nur nie verſtanden, er hatte ſie verhöhnt; aber ehe er den Hohlweg hinunterging, blickte er noch einmal auf die Ausſicht, die der Abend darbot; er blickte ſorgenvoll hin, dann ging er hinab, hinab, hinab in das Thal. Er gelangte an das Gehölze, ein dichter, ſchattiger Wald, durch welchen der Pfad ſich hinzog und dann in einen ſchmalen Schaftrieb uͤberging. Ehe er in das Gehölz eintrat, blieb er ſtehen, denn die Stille des Orts hätte ihn beinahe furchtſam gemacht. Der Sonne letzte Strahlen fielen ſchräg herab und bildeten den Stämmen und Zweigen entlang einen gol⸗ denen Lichtſtreif, der zuſehends dahin ſchwand und all⸗ mählig der heraufſchleichenden Dämmerung wich. Es war ſo ganz ruhig, daß das weiche Moos um die Stämme einiger alten Bäume verſtohlen und ſchweigend hervor⸗ gewachſen zu ſeyn ſchien, während ſich andere, von den Winterſtürmen zwar gebeugte, aber von ihren Nachbarn gehalten, nicht umgeſtürzte Bäume kahl in den entlaubten Armen lagen, als wollten ſie durch das Krachen ihres Falles dieſe allgemeine Ruhe nicht ſtoͤren. Ueberall öffneten ſich Ausſichten des Schweigens bis ins Herz und in die innerſten Winkel des Waldes, anfangs wie das Schiff einer Kirche, wie ein Kloſter, oder wie eine Ruine den Himmel ſich öffnend, dann in tief grünes raſſelndes Geheimniß übergehend, durch welches verküm⸗ merte Stämme, wehende Zweige, Epheuranken, zitternde Blätter, und rindenloſe, der ganzen Länge nach aus⸗ geſtreckte Bäume in ſchöner Verwirrung ſich blicken ließen. Als das Licht der Sonne dahin ſtarb und der Abend auf den Wald herniederſank, trat er in denſelben ein. Hier und dort eine Brombeerſtaude, die uͤber den Weg —, 162 herüber hing, zurückbiegend, verſchwand er allmählig. Bisweilen ſah man ihn noch in einer Oeffnung des, Waldes hinſchreiten, oder man vernahm da und dort das ſcharfe Krachen eines von ſeinen Füßen zertretenen Aſtes, dann aber ſah und hörte man nichts mehr von ihm. Kein ſterbliches Auge oder Ohr, das eines einzigen Mannes ausgenommen, erhielt je wieder Kunde von ihm. Dieſer Mann ſprang bald hernach auf der andern Seite des Waldes, wo der Pfad wieder ins Freie heraustrat, Blätter und Zweige zertheilend aus dem Gebüſche heraus. Was hatte denn der Mann in dem Walde zurück⸗ gelaſſen, daß er ſo herausſprang, als ſey die Hölle hin⸗ ter ihm? Die Leiche eines Ermordeten. Unter dem Eichen⸗ und Buchenlaub des letzten Jahrs liegt ſie an einer dicht bewachſenen einſamen Stelle; ſie liegt gerade ſo noch, wie ſie niedergeſtreckt wurde, verſunken in die Blätter, die ihr Kiſſen bilden, zerfließend in dem ſumpfigen Grunde, als wolle ſte ſich dem menſchlichen Auge verbergen, einen Weg ſich bahnen durch das faulende Laub, als wichen ſelbſt dieſe gefühlloſen Gegenſtände mit Abſcheu vor ihr zurück, denn es lief ein dunkler ſchwarzer Strom dahin, der die ganze Sommernacht, von der Erde bis zum Himmel, färbte und mit ſeinem Geruche erfüllte. Der, welcher dieſe That vollbracht hatte, trat ſo ungeſtüm aus dem Walde hervor, daß er eine Menge von Zweigen, welche er auf dem Wege abgeriſſen, in die Luft warf, ſich ſelbſt aber heftig in das Gras nieder⸗ ſtürzte. Aber bald raffte er ſich wieder auf, und indem er den gebeugten Leib unter einer Hecke verbarg, lief er der Straße zu; als er dieſe erreicht hatte, bot er alle ſeine Kräfte auf und eilte London entgegen. Und er fühlte kein Entſetzen, das Entſetzliche voll⸗ bracht zu haben. Er erſchrack zwar, wenn er daran dachte, oder wenn er auch nicht daran dachte; aber es that ihm nicht leid. Im Walde hatte ſich Furcht und Entſetzen ſeiner hemächtigt, aber ſo wie er das Ver⸗ 163 brechen vollbracht, den Wald im Rücken hatte, da lenkte ſich ſeltſamer Weiſe ſein Bangen nach dem dunklen Ge⸗ mache hin, welches er zu Hauſe verſchloſſen gelaſſen hatte. Dieſes Zimmer kam ihm viel, viel entſetzlicher vor, als der Wald. Und dahin ſollte er nun zurückkehren, in dieſes Gemach, in welches ſein gräßliches Geheimniß eingeſchloſſen war, wo alle Schrecken deſſelben ſeiner harrten. Wenn er daran dachte, ſo war das Entſetzen des Waldes nichts. 3 Er ging fünfzehn Meilen weiter, um in einem Bier⸗ hauſe auf eine Kutſche zu warten, die, wie er wußte, auf dem Wege nach London bald vorüber kommen mußte. Es war nicht die nämliche, mit der er hergereist war; ſie kam von einem anderen Platze. Er ſetzte ſich auf eine Bank vor der Thüre, neben einem Manne, der ſeine Pfeife ſchmauchte. Er ließ Bier kommen, trank davon, bot ſeinem Nachbar den Krug; dieſer that nun gleichfalls einen Zug und dankte ihm. Er konnte die Betrachtung nicht unterdrücken, daß der Mann ſeinen Trunk wohl nicht getheilt haben würde, wenn er Alles gewußt hätte. „Eine ſchöne Nacht, Meiſter,“ ſagte der Mann. „Und ein prachtvoller Sonnenuntergang.“ „Ich habe ihn nicht geſehen,“ war die Antwort. nicht miehene Aitgenmeir der Mann. „Wie zum Teufel konnte ich ihn b i ſoliefz 3 fel konnte ich ihn ſehen, wenn ich „Ah, ſo— geſchlafen.“ Der Mann ſchien über die unerwartete Reizbarkeit überraſcht, ſagte nichts mehr, und rauchte ſeine Pfeife fort. Sie hatten noch nicht lange da geſeſſen, als innen geklopft wurde. „Was iſt das?“ rief Jonas. 3 3 „Ich kann's wahrhaftig nicht ſagen,“ verſetzte der Mann. 4 Jonas fragte nicht weiter, denn die letzte Frage war ihm unwillkührlich entwiſcht; aber an das ver⸗ ſchloſſene Gemach dachte er in demſelben Augenblicke, an die Möglichkeit, daß man in Folge einer beſonderen Ver⸗ anlaſſung an die Thüre deſſelben geklopft haben könnte, an die Unruhe, weil keine Antwort erfolgte, an das Er⸗ brechen des Gemachs. Und wenn man das Gemach leer fand, die in den Hof führende Thüre verriegelte, ſo es ihm unmöglich machte in das Haus zu kommen, ohne daß er ſich der Kleider, die er jetzt trug, entledigt hatte. Welches Aufſehen mußte dieſes erregen, wie leicht konnte es zur Entdeckung, und wie leicht konnte die Entdeckung zum Blutgerüſte führen. In dieſem Augenblicke kam das Klopfen, wie in Folge eines beſtimmten Planes und einer Reihe von Umſtänden. Es klopfte noch immer, gleich einem wallenden Echo der von ihm heraufbeſchworenen, gefürchteten Wirklich⸗ keit. Er konnte nicht ſitzen bleiben und zuhören, er be⸗ zahlte ſein Bier und ging weiter. Den ganzen Tag hindurch war er an Orten, die ihm unbekannt waren, umhergeſchlichen, und jetzt, da es Nacht war, befand er ſich in einem ungewöhnlichen Anzuge, unſtäten Geiſtes, auf einer einſamen Straße. Er machte mehrmals Halt und blickte umher, er hoffte, es möchte nur ein Traum ſeyn. Noch immer aber bereute er ſeine That nicht. Nein. Er hatte den Mann zu ſehr gehaßt; er hatte zu lange und zu verzweifelt gerungen, um ſich zu befreien. Hätte er die That noch einmal vollbringen müſſen, er würde nicht geſäumt haben. Seine boshaften und rach⸗ gierigen Leidenſchaften waren nicht ſo leicht zu beſchwich⸗ tigen. Er fühlte ſo wenig Reue oder Geywiſſensbiſſe, als er zu der Zeit fühlte, in welcher er über der Unthat brütete. Schrecken und Furcht verfolgten ihn in einem ſolchen Grade, wie er es nie gedacht, nie für möglich gehalten hätte. Er entſetzte ſich vor ſeinem hölliſchen Zimmer in ſeinem Hauſe. Dieſes war in einer düſteren, mörde⸗ riſchen, unſinnigen Weiſe die Veranlaſſung, daß er nicht — c 165⁵ nur für ſich, ſondern daß er ſich auch vor ſich ſelbſt fürchtete. So zu ſagen, war er ein Theil jenes Gemachs, ein Etwas, welches man dort ſuchte und doch nicht fand. Er trug deſſen geheimnißvolle Schrecken auf ſich ſelbſt über, und ſtellte ſeinem Geiſte die garſtige Kammer, als falſch und ruhig, als falſch und ruhig durch die dunklen Stunden zweier langen Nächte vor. Wenn er dabei an das verwühlte Bett dachte, an das Bett, in welchem er nicht lag, obgleich man ihn dort vermuthete, ſo wurde zeer gewiſſermaßen ſein eigenes Geſpenſt, und ſo mit einem⸗ male der Spuckgeiſt und der gehetzte Menſch. 1 Als die Kutſche nicht lange darauf herbeikam, nahm er darauf einen Außenplatz und fuhr raſch der Heimath zu. Die Mitreiſenden waren größtentheils Landleute, daher flößte ihm ſeine Furcht den Gedanken ein, ſie könnten bereits von dem Morde wiſſen, ſie koͤnnten ihm ſagen, daß die Leiche gefunden worden ſey; und dennoch wußte er ſehr wohl, daß es eine Unmöglichkeit ſey, be⸗ trachtete man Zeit und Ort der begangenen That. War nun auch ihre Unwiſſenheit uichts, als eine natürliche Folge der Umſtände, ſo fühlte er ſich doch ermuthigt. Er fuͤhlte ſich ſo weit ermuthigt, daß er zu glauben an⸗ fing, die Leiche werde nie gefunden werden, und dieſe Wahrſcheinlichkeit arbeitete er in ſeinem Geiſte weiter aus. Auf dieſem Punkte ſtehend, maß er die Zeit nach dem reißenden Fluge ſeiner ſchuldbewußten Gedanken, nach dem, was vor dem Blutvergießen ſtatt gehabt hatte, nach dem Schatten unzuſammenhängender, verwirrter Bilder, deren Beute er beſtändig war, ſo daß er bei dem Beginne des Tages die That wie ein alter Mörder be⸗ trachtete, und ſich für ſicher hielt, weil die That noch nicht entdeckt worden war. Aber jetzt, wenn die Sonne in das Gehölz niederſchien, wenn ihr leuchtendes Antlitz auf das Geſicht eines Todten fiel, den ſte am Abende zuvor, als er das Thal hinabging, noch lebend geſehen 166 hatte, und wenn ſie ihm jetzt nur einen einzigen Ge⸗ danken an den Himmel abzuringen verſuchte! Aber da waren wieder die Straßen von London. Stille! Es war erſt fünf Uhr, und er hatte noch Zeit ge⸗ nug, unbemerkt und ehe ſich viele Leute in den Straßen ſammelten, ſeine Wohnung zu erreichen, falls nichts ſich ereignet hatte, was zu ſeiner Entdeckung leitete. Er glitt von dem Wagen herunter, ohne den Kutſcher mit dem Anhalten der Pferde zu bemühen, er eilte über die Straße, er kam endlich auf einer Menge von Neben⸗ wegen, die ihm den Weg verkürzten, in die Nähe ſeiner Wohnung. Jetzt machte er vorſichtig Halt, muſterte alle vor ihm liegenden Straßen, dann ſchlich er hurtig durch die eine und blieb wieder ſtehen, um die nächſte zu durch⸗ forſchen und ſo weiter. Der Durchgang war leer, als dieſes Möoͤrdergeſicht hineinſchaute. Er ſchlich auf den Zehen nach der Thüre, als ſcheue er ſich, ſeine eigene, eingebildete Ruhe zu ſtören. Er lauſchte. Nicht ein Laut! Als er mit zittern⸗ der Hand den Schlüſſel umdrehte und die Thüre leiſe mit dem Knie zurückdrückte, bemächtigte ſich eine unge⸗ heure Angſt ſeines Geiſtes. Wie, wenn der ermoderte Mann vor ihm dort hingekommen wäre?’ Er warf einen ſcheuen Blick rings umher. Aber nichts war da.. Er ging hinein, ſchloß die Thüre, zog den Schlüſſel in dem Staube und der Feuchtigkeit des Kamins herum, um ihn wieder zu beſudeln, und hing ihn auf, wie er ſonſt gehangen war. Dann legte er ſeine Kleider ab, ſchnürte ſie in einen Bündel, um ſie in der nächſten Nacht in den Strom zu verſenken, und verſchloß ſie in einen Schrank. Nachdem dieſe Vorſichtsmaßregeln getroffen waren, legte er ſich zu Bette. Der raſende Durſt, das in ſeinem Innern bren⸗ — 2,——',—— —,— ————.— — dA 292 22. d 167 nende Felter, das geſteigerte Entſetzen des Gemachs, als er ſich unter die Decke legte und die Augen mit den Betttüchern verhüllte, die Angſt, mit der er auf jeden Ton lauſchte und das Unwahrſcheinlichſte für ein Vorſpiel zu jenem Klopfen hielt, welches eine furcht⸗ bare Botſchaft bringen ſollte, das Auffahren, womit er ſein Lager verließ, und in den Spiegel ſah, weil er der Meinung war, die That ſey mit großen Buch⸗ ſtaben auf ſeine Stirn geſchrieben, das Klopfen ſeines Herzens, wenn er ſich wieder niederlegte, die Decken wieder über ſich zog, dieſes Klopfen des Herzens, wel⸗ ches ihm in vernehmbaren Schlägen das Wort:„Mör⸗ der, Mörder, Mörder!“ zurief— welche Feder wäre wohl im Stande, ſolch' entſetzliche Wahrheiten zu ſchildern! 4 Der Morgen nahte, Fußtritte ließen ſich im Hauſe vernehmen. Er hörte die Blenden aufziehen, die Läden öffnen, hie und da einen leiſen Tritt vor ſeiner Thüre. Mehr als einmal verſuchte er zu rufen. Aber ſein Mund war ſo trocken, als ſey er mit glühendem Sande angefüllt. Endlich ſetzte er ſich in ſeinem Bette auf und ſchrie: „Wer da? Wer da?“ Seine Gattin war es. Er fragte ſie, wie viel Uhr es ſey. Neun Uhr. „Hat— Hat geſtern Niemand an meine Thüre geklopft?“ ſtotterte er.„Es hat mich etwas geſtört; aber wenn Du nicht die Thüre eingeſchlagen hätteſt, ſo würdeſt Du keinen Laut zur Antwort bekommen haben.“ 4 „Niemand,“ entgegnete ſie. Das war gut; faſt athemlos hatte er auf ihre Antwort gewartet; wenn ihm etwas zum Troſte ge⸗ reichen konnte, ſo war es das. „Herr Nadget wollte Dich beſuchen,“ ſagte ſie, „aber ich bemerkte ihm, daß Du müde ſeyeſt und mir aufgetragen habeſt, Dich nicht zu ſtören. Er erwiederte, es ſey von keinem Belange, und ging wieder fort. Als ich dieſen Morgen, es war noch ſehr frühe, meine Fenſter öffnete, um friſche Luft hereinzulaſſen, ſah ich ihn durch die Straße gehen, aber er iſt nicht wieder gekommen.“ 3 Dieſen Morgen, durch die Straße, ſehr frühe! Jonas zitterte bei dem Gedanken an die Möglichkeit, daß er ihn hätte ſehen können, ihn, der doch nichts anderes zu thun hatte, als die Menſchen zu vermeiden, unbemerkt umher zu ſchleichen, und ſeine eigenen Ge⸗ heimniſſe zu bewahren, ihn, der nichts ſah. Er forderte ſie auf, ihm ſein Frühſtück zu geben, und ſchickte ſich an, die Treppe hinauf zu gehen, indem er ſeine früheren Kleider anlegte, welche bisher vor der Thüre gehangen hatten. In der geheimen Furcht, nach der That zum erſten Male wieder in ſein Haus⸗ weſen einzutreten, zögerte er an der Thüre unter un⸗ bedeutenden Vorwänden, damit man ihn bemerken möge, ohne ihm gerade in das Geſicht zu ſehen. Während des Ankleidens ließ er ſie offen ſtehen, und damit man ſich an ſeine Stimme gewöhne, rief er den Befehl hinaus, die Fenſter zu öffnen und das Pflaſter mit Waſſer zu beſprengen. Aber nachdem er ſich Zeit ge⸗ nommen hatte, Alle anzureden, von Allen geſehen zu werden, hatte er doch den Muth nicht, lange unter ihnen zu weilen, und er trat unter ſeine eigene Thüre, um auf ihre ferne Unterhaltung zu lauſchen. So konnte er's aber doch nicht immer treiben, und er ſchloß ſich ihnen nun an. Sein letzter Blick in den Spiegel hatte ihm ein Geſicht gezeigt, welches ſeine ganze Geſchichte erzählte; der Grund lag wohl darin, daß er ſo ängſtlich hineingeblickt hatte; er wagte es nicht, ſeine Hausgenoſſen anzublicken, um ſich zu über⸗ zeugen, ob ſie ihn beobachten, aber ſie kamen ihm ſehr ſchweigend vor. Und wie behutſam er ſich auch beneh⸗ men mochte, er konnte ſich des Horchens nicht enthalten, er mußte es ſehen laſſen, daß er lauſche. Ob er auf 169 ihr Geſpräch hörte, an andere Dinge zu denken ver⸗ ſuchte, ob er ſelbſt ſprach, oder ſchwieg, oder ent⸗ ſchloſſen das langweilige Picken einer alten Wanduhr hinter ſeinem Rücken zählte— ſtets verſank er, wie wenn ein Zauber auf ihm laſte, in ein gieriges Hor⸗ chen; denn er wußte, daß es kommen mußte, und ſeine gegenwärtige Strafe, ſeine Marter und Verzweiflung beſtand darin, auf das Kommen lauſchen zu müſſen. Still! Neuntes Kapitel.. Gibt Nachricht von Martin, von Mark und von einer dritten Perſon, welche dem Leſer nicht ganz unbekannt iſt; zeigt kindliche Liebe von einer häßlichen Seite und wirft ein zweifelhaftes Licht auf einen ſehr dunkeln Ort. An einem offenen Fenſter bei ihrem Frühſtücke ſaßen Tom Pinch und Ruth, und eine Reihe der fri⸗ ſcheſten Blüthen war auf dem Geſimſe von Ruth's eigener Hand aufgeſtellt. Ruth hatte auch einen Ge⸗ raniumzweig in Tom's Knopfloch geſteckt, um ihn recht ſchön und ſommerlich zu putzen(natürlich mußte ſie ihn mit einer Stecknadel befeſtigen, wenn ſie nicht darauf rechnen wollte, daß der alte, liebe Tom ihn ſicherlich verliere). Die Leute riefen ihre Blumen aus, Straßen auf und ab, ein räuberiſches Bienchen, welches zwiſchen die zwei Schieber des Fenſters gerathen war, zerſtieß ſich den Kopf an dem Glaſe, um in die ſchöne Mor⸗ genluft hinauszukommen, und mochte ſich ſelbſt für be⸗ zaubert halten, weil ihm ein ſo unſichtbares Hinderniß in dem Wege ſtand. Der Morgen war ſo herrlich, wie nur einer, und die duftenden Winde küßten Ruths Wangen, oder umfächelten Tom, als wollten ſie ſagen: Boz, Chuzzlewit. V. 12 17⁰ „Wie geht es euch, meine Lieben. Wir ſind ausdrück⸗ lich den weiten Weg gekommen, um euch zu grüßen.“ Mit einem Worte, es war eine jener frohen Zeiten, die wir Jedermann auf Erden wünſchen oder wünſchen ſollten, um den Hauch des Sommers, die Schönheit der Jahreszeit in ſein Herz aufzunehmen. Es war auch heute ein angenehmeres Frühſtück als gewöhnlich, obwohl auch dieſes immer angenehm war. Die kleine Ruth hatte jetzt zwei Zöglinge zu unter⸗ richten und mußte jedem derſelben dreimal in der Woche immer zwei Stunden weihen; nebſt dem hatte ſie auch noch einige Viſitenkartenträger und Lichtſchirme zu ma⸗ len. Sie war(gab es etwas Entzückenderes?) ohne Tom's Vorwiſſen nach einem gewiſſen Laden gegangen, wo dergleichen Artikel verkauft werden; nachdem ſie oft durch die Fenſter geſehen, hatte ſie endlich allen ihren Muth zuſammengenommen, um der Beſitzerin ihre Ar⸗ beit zum Kaufe anzubieten. Und die Frau hatte ſie nicht nur gekauft, ſondern ſogar noch mehr beſtellt; und an demſelben Morgen hatte Ruth gegen Tom das Geſtändniß abgelegt, und ihm ihr Geld in einem klei⸗ nen, zu dieſem Zwecke ausdrücklich gefertigten Beutel⸗ chen ausgehändigt. Sie waren darüber ganz entzückt und hatten vielleicht auch, wer kann es wiſſen, ein paar glückliche Thränen darüber vergoſſen. Aber jetzt war Alles vorüber, und ſeit die Sonne zum letzten Male ſchlafen gegangen, hatte ſie kein ſo ſeliges Geſicht be⸗ leuchtet, als das Tom's und ſeiner Schweſter.. „Mein theures Mädchen,“ ſagte Tom, indem er ſo plötzlich auf den Gegenſtand überging, daß er ſich in dem Abſchneiden eines Stückchens Brod unterbra und das Meſſer in dem Laibe ſtecken ließ;„mein liebes Maͤdchen, was doch unſer Hauswirth für ein ſeltſamer Menſch iſt! Ich glaube nicht, daß er nur ein einziges Mal wieder nach Hauſe gekommen iſt, ſeitdem er mich in die unangenehme Klemme gebracht hat. Ich fange an, zu glauben, daß er gar nicht mehr zurückkehrt. Welch' geheimnißvolles Leben doch dieſer Mann führt!“ „Er iſt ein höchſt ſonderbarer Menſch, Tom, meinſt Du nicht auch?“ „In der That,“ erwiederte Tom.„Gebe Gott, daß er nur ſeltſam iſt. Ich hoffe, daß hinter ſeinem Treiben nicht ein Unrecht ſteckt. Aber hie und da kommt es mir doch ſo vor. Ich muß Aufklärung von ihm haben,“ fuhr Tom mit einem Kopfſchütteln fort, als wenn dieſes eine furchtbare Drohung ſey.„Ich muß Aufkläͤrung haben, ſo wie ich ihn erwiſche.“ Ein kurzer Doppelſchlag an der Thüre verſcheuchte Tom's herausfordernde Miene, an deren Stelle trat der Ausdruck der Ueberraſchung. „Potztauſend!“ ſagte Tom,„das iſt ja ein ſehr früher Beſuch! Ich glaube, es muß John ſeyn.“ „Ich— ich— ich glaube nicht, daß es ſein Pochen war, Tom,“ bemerkte ſeine kleine Schweſter. „Nicht?“ ſagte Tom,„es wird doch nicht mein Dienſtherr ſeyn, der plötzlich in London angelangt iſt und von Herrn Fips hieher gewieſen wurde, um mir den Bureauſchlüſſel abzufordern; wahrhaftig, es iſt Je⸗ mand, der nach mir fragt. Herein, wenn es Ihnen gefällig iſt!“ Als aber die Perſon hereinkam, empfing ſie Tom Pinch nicht mit einem:„Wünſchen Sie mich zu ſpre⸗ chen, Sir?“ oder:„Mein Name iſt Pinch, Sir, wollen Sie mir ſagen, was Sie wünſchen?“ oder mit andern ähnlichen Redensarten; er rief vielmehr laut:„Ei, du lieber Himmel!“ und ergriff den Eintretenden mit den lebhafteſten Aeußerungen der Freude und des Staunens an beiden Händen. Der Beſuchende war nicht weniger ergriffen, als Tom ſelbſt, und ſie drückten ſich oftmals die Hände, ohne daß der eine oder der andere ein weiteres Wort 12 172 4 geſprochen hätte. Tom war der erſte, der ſeine Sprache wieder fand. „Und noch dazu Mark Tapley,“ rief Tom, indem er auf die Thüre zueilte und noch Jemanden die Hand drückte.„Mein lieber Mark, ſo kommen Sie doch herein, wie geht es Ihnen, Mark. Er ſieht nicht um einen Tag älter aus, als zu der Zeit, in welcher er im Drachen war. Wie geht es Ihnen, Mark?“ „Ungemein luſtig, Sir, ich danke Ihnen,“ verſetzte Herr Tapley unter vielen lächelnden Verbeugungen. „Ich hoffe, Sie wohl zu ſehen, Sir?“ „Du mein Himmel,“ rief Tom, indem er ihn liebevoll auf den Rücken klopfte.„Welche Freude, ſeine alte Stimme wieder zu hören! Mein theurer Mar⸗ tin, laſſen Sie ſich nieder. Meine Schweſter, Martin. Herr Chuzzlewit, meine Liebe. Herr Mark Tapley aus dem Drachen, meine Theure. Gütiger Himmel, welch' eine Ueberraſchung dies iſt! So nehmen Sie doch Platz! Gott behüte mich!“ Tom befand ſich im Zuſtaude einer ſolchen Auf⸗ regung, daß er ſich nicht einen Augenblick ruhig ver⸗ halten konnte. Er lief unaufhörlich zwiſchen Mark und Martin hin und her, drückte ihnen abwechſelnd die Hände und ſtellte ſie wiederholt ſeiner Schweſter vor. „Des Tags unſerer Trennung entſinne ich mich⸗ noch ſo gut, als ob er erſt geſtern geweſen wäre, Mar⸗ tin,“ ſagte Tom.„Ha, welch' ein Tag es war, in welcher Aufregung Sie ſich befanden! Erinnern Sie ſich, Mark, wie ich Ihnen an jenem Morgen begegnete, als ich mit dem Gig nach Salisbury fuhr, um ihn zu holen? Sie wollten ſich damals um einen Platz um⸗ ſehen. Und gedenken Sie noch des Diners, Martin, welches wir mit John Weſtlock zu Salisbury hatten? Gott im Himmel, Ruth, meine Liebe, Herr Chuzzle⸗ wit, Mark Tapley, meine Liebe, vom Orachen. Wenn es Ihnen gefällig iſt, es werden im Augenblick mehr ——— Taſſen da ſeyn. Gott, was bin ich erfreut, Euch Beide wieder zu ſehen.“ Und dann eilte Tom, wie John Weſtlock bei ſeiner Ankunft gethan hatte, nach dem Laibe, um für ſie etwas Brod zu Butter abzuſchneiden; aber ehe er noch eine Schnitte beſtrichen hatte, erinnerte er ſich an et⸗ was und kam zurück, um es ihnen zu ſagen. Dann drückte er ihnen wiederholt die Hände, ſtellte ſeine Schweſter auf's Neue vor, und wiederholte Alles, was er ſchon oft gethan hatte. Was er aber auch thun oder ſagen mochte, es war nicht halb genügend, um ſeine Freude über ihre glückliche Zurückt unft auszudrücken. Herr Tapley war der Erſte, der ſeine Beſonnen⸗ heit wieder erlangte. Nach kurzer Zeit hatte er ſich in das Amt eines Kellners oder Aufwärters der Ge⸗ ſellſchaft eingeſetzt, eine Thatſache, welche ſich zuerſt durch ſeine Abweſenheit in der Küche und ſeine ſchleu⸗ nige Rückkehr mit einem Keſſel ſtedenden Waſſers kund gab. Aus dieſem füllte er den Theetopf mit einer Hin⸗ gebung auf, die man nur bei ihm finden konnte. „Setzen Sie ſich und nehmen Sie Ihr Frühſtück, Mark;“ ſagte Tom.„Heißen Sie ihn doch Platz neh⸗ men und mit frühſtücken, Martin.“ „O, ich habe ihn ſchon lange her als unverbeſſer⸗ lich aufgegeben,“ entgegnete Martin.„Man muß ihn ſeinen Weg gehen laſſen, Tom. Sie werden ihn ent⸗ ſchuldigen, Mrs. Pinch, wenn Sie ſeinen Werth kennen lernen.“— „O, ſie kennt ihn ſchon,“ verſetzte Tom,„ich habe ihr Alles von Mark Tapley erzählt, nicht wahr, Nuth?“ „Ja, Tom.“ „Alles gewiß nicht,“ erwiederte Martin mit dum⸗ pfer Stimme.„Das Beſte von Mark Tapley kennt nur ein einziger Mann, Tom, der noch überdies ohne Mark Tapley kaum am Leben ware, um dieſes zu rühmen.“ 174 „Mark,“ rief Tom Pinch energiſch,„wenn Sie nicht augenblicklich niederſitzen, ſo fange ich an, über Sie zu fluchen.“ „Ei, Sir,“ verſetzte Herr Tapley,„ehe Sie mir das thun ſollen, will ich mich lieber fügen. Es iſt ein beträchtlicher Eingriff in die Heiterkeit des Man⸗ nes, wenn er ſo ſehr willkommen iſt; aber ein Verbum iſt ein Wort, welches ein Seyn, ein Thun oder ein Leiden bezeichnet, das iſt wenigſtens Alles, was ich aus der Grammatik gemerkt habe, und wenn je ein lebendiges Verbum erxiſtirte, ſo bin ich es, denn im Seyn bin ich immer, im Thun auch bisweilen und im Leiden ohne Unterſchied.“ „Noch nicht vergnügt jetzt?“ fragte Tom lächelnd. „Ei, ich bin's ſo ziemlich geweſen, Sir, über dem Waſſer dort üben,“ entgegnete Herr Tapley;„auch nicht ganz ohne Kredit. Aber die ganze Menſchenrace hat ſich gegen mich verſchworen, und ich kann nicht vorwärts kommen. Ich will in meinem Teſtamente die Anordnung treffen, daß man mir auf inein Grab ſchreibe:„Er war ein Mann, der ſich gerne ſtark ge⸗ zeigt hätte, wenn ihm die Möglichkeit hiezu gegeben worden wäre. Dieſe aber war ihm verſagt.“ Herr Tapley ergriff die Gelegenheit, um grinſend umher zu blicken, und dann das Frühſtück mit einem Appetite anzugreifen, der keine völlige Vernichtung ſeiner Hoffnungen oder einen unüberwindlichen Klein⸗ muth ausdrückte. „Für Ihre treue Beſorgung des Auftrags, den ich Ihnen hinterlaſſen habe,“ fuhr er fort,„ſo wie für alle Ihre Güte und Uneigennützigkeit, kann ich Ihnen nie genug meinen Dank ſagen, Tom. Wenn ich⸗mei⸗ nem Danke auch noch den von Marry beifüge...“ Ach, Tom! Das Blut entfloh von ſeinen Wangen und kam ſo ungeſtüm rauſchend wieder zurück, daß es wirklich ein Spaß war, es mit anzuſehen. Aber den⸗ 175⁵ noch war es eine Erleichterung für ſein verwundetes erz.. 8 3, Wenn ich meinem Danke auch noch den von Mary beifüge,“ ſagte Martin,„ſo habe ich die einzige arme Anerkennung, die in meinen Kräften ſteht, aus⸗ geſprochen. Wüßten Sie aber, wie tief unſere Gefühle ſind, ſo würden Sie einen reichen Vorrath finden, ich bin davon überzeugt.“ Und wenn ſie gewußt hätten, wie tief Tom fühlte (aber freilich erfuhr es ein menſchliches Weſen nie), ſo würden ſie auch bei ihm in der That einen großen Vorrath gefunden haben. Tom wechſelte das Thema der Unterhaltung. Es that ihm leid, darin nicht fortfahren zu können, wäh⸗ rend Martin Vergnügen daran fand; aber für dieſen Moment war er unfähig dazu. Nicht ein Tropfen von Neid oder Bitterkeit war in ſeiner Seele, und dennoch konnte er nicht Herr über ſich werden, ihren Namen mit Feſtigkeit auszuſprechen. Er fragte nach Martins Plänen. „Ich will nicht länger Ihr Glück machen, Tom,“ ſagte Martin,„ſondern zu leben verſuchen. Ich that dies ſchon einmal in London, Tom, und fallirte. Wenn Sie mir mit Ihrem freundlichen Rathe beiſtehen wol⸗ len, ſo wird es mir wohl unter Ihrer Leitung beſſer gelingen. Ich will Alles thun, Tom, Alles, um mir durch meine Anſtrengungen einen hinlänglichen Unter⸗ halt zu verſchaffen. Höher ſtreben meine Hoffnungen jetzt nicht“ Hochherziger, edler Tom! Wie leid that es ihm, den Stolz ſeines ehemaligen Gefährten niedergebeugt zu ſehen, ihn in dieſer veränderten Weiſe ſprechen zu hören! Plötzlich verſcheuchte er aus ſeiner Bruſt die Unfähigkeit, gegen ſeine gewaltige Aufregung zu käm⸗ pfen, und er ſprach ſich brav aus, indem er ſagte: „Ihre Hoffnungen ſtreben nicht höher? Freilich thun ſie das. Wie mögen Sie auch nur ſo ſprechen! 176 Sie erheben ſich zu der Zeit, wenn Sie mit ihr glück⸗ lich ſeyn werden, Martin. Sie ſtreben nach der Zeit, die es Ihnen möglich macht, ihre Hand anzuſprechen. Sie ſtreben nach der Zeit, in welcher Sie nicht glau⸗ ben werden, daß Sie jemals muthlos oder arm waren, Martin. Sie fordern meinen freundſchaftlichen Rath. So weit es mir möglich iſt, ſoll er Ihnen werden. Aber Sie ſollen beſſere Anweiſung und beſſern Rath haben, als ich zu geben vermag, obgleich kaum einer freundlicher ſeyn kann. Sie müſſen John Weſtlock um Rath fragen. Wir wollen ſogleich zu ihm gehen. Es iſt noch ſo früh, daß ich Zeit hiezu habe, ehe ich an mein Geſchäft gehen muß. Seine Wohnung liegt auf meinem Wege, ich kann Sie dort laſſen, damit Sie ihre Angelegenheiten mit ihm berathen. So kommen Sie mit! Kommen Sie mit, Sie wiſſen, ich bin gegen⸗ wärtig ein Geſchäftsmann,“ fügte Tom mit dem an⸗ genehmſten Lächeln bei,„und habe keine Zeit zu ver⸗ lieren. Ihre Hoffnungen ſollten nicht höher fliegen? Das dürfen Sie nicht ſagen! Ich kenne Sie ganz ge⸗ nau. Sie werden ſich bald aus unſerem Geſichtskreiſe erheben, Martin, und uns Alle viele Meilen weit hin⸗ ter Ihnen zurücklaſſen,“ „Ich könnte mich aber doch ein wenig geändert haben, ſeit Sie mich ſo genau kennen lernten, Tom,“ entgegnete Martin. 3 „Welch ein Unſinn,“ rief Tom,„warum ſollten Sie ſich verändert haben? Sie ſprechen ja, als ob Sie ein alter Mann geworden. In meinem Leben habe ich ſolch einen Menſchen nicht gehört! Kommen Sie nur zu John Weſtlock. Sie kommen auch mit, Mark Tapley. Ohne Zweifel iſt Mark daran Schuld und es geſchieht Ihnen ganz recht, weil Sie einen felchen Brummbären zu Ihrem Reiſegefährten gemacht haben.“ „Wenn man bei Ihnen heiter iſt, Herr Pinch, kann man ſich keine Ehre holen,“ ſagte Mark, indem 177 er mit dem ganzen Geſichte grinste,„ein Armendoktor ſogar könnte in Ihrer Geſellſchaft luſtig ſeyn, nach einem Beſuche bei Ihnen könnte höchſtens ein luſtiger Ausflug nach den vereinigten Staaten zu ein Bischen Kredit verhelfen.“ 4 Tom lachte, nahm von ſeiner Schweſter Abſchied und eilte mit Mark und Martin auf dem nächſten Wege zu John Weſtlocks Wohnung, denn ſeine Ge⸗ ſchäftsſtunde war ſehr nahe und er that ſich etwas darauf zu gut, ſeine Zeit ſtets pünktlich einzuhalten. John Weſtlock war zu Hauſe, aber ſeltſamer Weiſe über den Beſuch verlegen, und als Tom in das Zimmer gehen wollte, in welchem er frühſtückte, ſagte er, es ſey ein Fremder bei ihm. Es ſchien ein geheimniß⸗ voller Fremder, denn John ſchloß, indem er dieſes ſagte, die Thüre, und führte ſeine Freunde in das nächſte Zimmer. „Er war hoch erfreut, Mark Tapley wieder zu ſehen, und auch Martin bewillkommte er mit unge⸗ zwungener Höſtichkeit. Martin fühlte indeſſen, daß er John Weſtlock kein beſonderes Intereſſe einflößte und bemerkte, daß er Tom Pinch einigemal bedenklich, wenn nicht gar mitleidsvoll anblickte. Er glaubte die Urſache zu errathen und erröthete bei dem Gedanken. „Ich ſehe, Sie ſind beſchäftigt,“ ſagte Martin, nachdem Tom den Zweck ihres Erſcheinens angekün⸗ digt hatte.„Wenn Sie mir erlauben, zu einer Ihnen beliebigen Stunde wiederzukommen, ſo werde ich mit Freuden erſcheinen.“ 3— .„Ich bin wohl beſchäftigt,“ verſetzte John mit einiger Verlegenheit,„indeſſen betrifft, die Wahrheit geſagt, der Gegenſtand, welcher mich beſchäftigt, mehr Sie, als mich.“ „In der That?“ rief Martin. 3 „Es iſt von einem Mitgliede Ihrer Familie die Rede, und der Gegenſtand iſt ſehr ernſter Natur. Wenn Sie die Gute haben wollen, hier zu bleiben, ſo wird 178 es mir zur Beruhigung dienen, Ihnen dieſen Gegen⸗ ſtand privatim mitzutheilen, damit Sie ſelbſt deſſen Wichtigkeit beurtheilen können.“ „Inzwiſchen muß ich mich ohne weitere Ceremonie entfernen,“ ſagte Tom. „Iſt denn Ihr Geſchäft ſo ſehr dringend?“ ſagte Martin,„daß Sie nicht noch eine halbe Stunde bei uns bleiben können? Es wäre mir lieb, wenn Sie es ſo einrichten könnten. Was iſt Ihr Geſchäft, Tom?“ Jetzt kam an Tom die Reihe verlegen zu werden, nach einigem Stocken entgegnete er jedoch unverholen: „Ach, ich habe nicht die Freiheit, zu ſagen, was es iſt, Martin. Doch hoffe ich, es bald zu können, da mich meines Wiſſens kein anderer Grund hindert, als der Wille meines Prinzipals. Ich fühle mit jedem Tage das Beengte meiner Lage mehr,“ fügte Tom unruhig bei, denn er wünſchte ſogar, den Schein zu vermeiden, daß er einen Zweifel in ſeinen Freund ſetze.„Aber ich kann in der That nicht anders, nicht wahr, John.“ John Weſtlock ſtimmte bei, und Martin ſprach ſeine vollkommene Befriedigung aus, indem er bat, kein Wort mehr darüber zu verlieren. Dennoch mußte er ſich ſehr darüber wundern, daß Tom hinſichtlich ſei⸗ nes Geſchäfts ſo geheimnißvoll, ſo verlegen und ſich ſelbſt ſo ungleich war, und er kam, nachdem ſich Tom entfernt hatte, in ſeinen Gedanken wiederholt darauf zurück.. Herr Pinch verabſchiedete ſich unmittelbar darauf und nahm Herrn Tapley mit ſich, welcher Tom lachend um die Erlaubniß bat, ihn, wenn es ihn nicht geniere, bis nach Theet⸗Street begleiten zu dürfen. „Und was wollen Sie anfangen, Mark,“ ſagte Tom, als ſie miteinander fortgingen. „Was ich anfangen will, Sir,“ verſetzte Herr Tapley. . 179 „Ja, ich meine, welche Laufbahn Sie einſchlagen wollen.“ 3— „So, Sir?“ ſagte Herr Tapley.„Die Sache iſt, daß ich ſo ziemlich auf den Eheſtand Bedacht genom⸗ men habe.“ „Das ſagen Sie nicht, Mark,“ rief Tom. „O ja, Sir. Ich habe es hin und her erwogen.“ „Und wer iſt die Dame, Mark?“ „Wer die Dame iſt?“ entgegnete Tapley. „Nun ja, das Frauenzimmer,“ erwiederte Tom lachend,„was ich geſagt habe, wiſſen Sie ſo gut, als ich.“ 3 Herr Tapley unterdrückte jeine eigene Lachluſt und erwiederte mit komiſch verzogener Miene: „Das können Sie wohl nicht errathen, Herr Pinch?“ „Wie wäre das möglich“ ſagte Tom,„ich kenne keine von Ihren Flammen, Mark, etwa Mrs. Lupin ausgenommen.“ „Gut, Sir,“ erwiederte Herr Tapley;„und ge⸗ ſetzt, ſte ſey es.“ Tom machte mitten in der Straße Halt, um ihn anzuſehen, und Herr Tapley bot ihm für einen Moment den Anblick einer ganz ausdrucksloſe Phyſtognomie dar, eine vollkommne Steinwand; als er aber mit erſtaun⸗ licher Schnelligkeit ein Fenſter nach dem andern in derſelben eröffnete und ſie ſämmtlich zu einer allge⸗ meinen Illumination beleuchtete, entgegnete er: „Wollen wir beiſpielsweiſe vorausſetzen, ſie wäre es, Sir.“ „Ei, ich meinte, eine ſolche Verbindung könne Ihnen unter keinen Umſtaͤnden zu ſagen,“ rief Tom. „Nun wohlan, ich dachte in früherer Zeit ſelbſt ſo,“ ſagte Mark,„jetzt weiß ich es aber doch nicht ganz gewiß, ſie iſt ein liebes, ſüßes Geſchöpf, Sir.“ „Ein liebes, ſüßes Geſchöpf? Ohne Zweifel, ſie 18⁰ 8 iſt es,“ verſetzte Tom,„aber war ſie nicht immer ein liebes, ſüßes Geſchöpf?“ „Sie war es,“ ſtimmte Tapley bei. „Aber warum in aller Welt haben Sie dieſe gute Frau: nicht gleich zuerſt geheirathet, Mark, ehe Sie in der Ferne herumzogen. Warum haben Sie dieſelbe dieſe Janze Zeit allein gelaſſen und der Kurmacherei von Fremden Preis gegeben?“ „Warum, Sir,“ entgegnete Herr Tapley im Tone des innigſten Vertrauens.„Ich will Ihnen ſagen, wie das zuging. Sie kennen mich, Herr Pinch, Niemand kennt mich beſſer. Sie ſind mit meiner Konſtitution bekannt, und Sie wiſſen, was meine Schwäche iſt; meine Konſtitution iſt, luſtig zu ſeyn, und meine Schwich beſteht in dem Wunſche, Ehre dadurch zu erlangen. Sehr gut, Sir. In dieſem Gemüthszuſtand e ſetze ich mif in den Kopf, daß ſie mit einem Auge— und wir wollen ſagen mit einem günſtigen Auge auf mich ſieht,“ fügte Herr Tapley mit beſcheidenem Zögern bei. „Ohne Zweifel,“ verſetz te Tom,„wir wußten das vollkommen, und haben ja ſchon vor langer Zeit, noch ehe Sie den Drachen verließen, hierüber geſprochen.“ Herr Tapley nickte zuſtimmend. „Gut, Sir, aber damals trug ich mich mit den hoffnungsvollen Viſtonen, und ich gelangte zu dem Schluſſe, daß ich in einer Lebensweiſe, wo man Alles urhenhen z zur Hand hat, keinen Kredit erringen könne. Ich betrachtete in Kürze die glänzende Seite dieſes Le⸗ bens, und da zeigte mir denn eine meiner hoffnungs⸗ loſen Viſionen, daß auch noch viel Elend für mich vor⸗ handen ſey, aus bhelchonn ich noch leidlich ſtark heraus⸗ kommen würde, unter Umſtänden vergnügt werden könne, bei welchem das Luſtigſeyn Kredit bringen müſſe. So zog ich nun voll der größten Erwartungen in die Welt hinaus, um es zu verſuchen. Ich ging zuerſt an Bord eines Schiffes und bemerkte bald(wohl verſtanden, weil mir das Luſtigſeyn ſo leicht gemacht wurde), daß da 181 kein Kredit für mich zu erwarten ſey. Ich hätte mir's können zur Warnung dienen laſſen und es aufgeben ſol⸗ len, aber ich that es nicht. Ich ging nun nach den Vereinigten Staaten und fing da wirklich an zu fühlen, ich will es nicht läugnen, daß man Ehre davon habe, wenn man bei guter Laune bleibe. Was folgt? Gerade wie ich anfange, ſtark herauszukommen und an den Rand hintrete, betrügt mich mein Herr.“ „Betrügt Sie?“ rief Tom. „Betrügt mich,“ erwiederte Tapley mit einem ſtrah⸗ lenden Geſichte.„Dreht allen den Rücken, was mir aus ſeinem Dienſte Kredit hätte bringen können, und läßt mich hoch und trocken ohne ein Bein, auf welchem ich ſtehen konnte. In dieſem Zuſtande kehre ich zurück. Und das iſt gut. Alle meine hoffnungsvollen Viſtonen waren vernichtet, und da ich fand, daß mir nirgends Kredit blühe, überließ ich mich der Verzweiflung und ſagte: So will ich denn jetzt etwas thun, wovon man den allerwenigſten Kredit bezieht, ich will ein liebes, ſüßes Geſchöpf heirathen, die mich gern hat und die ich gleichfalls liebe, das iſt ein wahrer Fund für mich; ich will ein glückliches Leben führen und nicht mehr gegen den Fluch kämpfen, der auf meinen Ausſichten aſtet.“ „Ihre Philoſophie, Mark,“ ſagte Tom, herzlich über dieſe Rede lachend,„iſt wohl die ſeltſamſte, von der ich je gehört habe; aber ſie iſt doch nicht die ſchlech⸗ teſte. Frau Lupin hat Ja geſagt, nicht wahr?“ „Ei, nein, Sir,“ entgegnete Herr Tapley,„ſo weit ſind wir noch nicht. Ich ſchreibe es hauptſächlich dem Umſtande zu, daß ich ſie noch nicht gefragt habe; aber wir ſind ſehr angenehm bei einander, comfortable kann ich ſagen, in der Nacht geweſen, in welcher ich zurück⸗ kehrte. Es iſt Alles recht, Sir. „Gut,“ ſagte Tom, indem er vor dem Temple⸗ Thore ſtehen blieb.„Ich wuͤnſche Ihnen von ganzem 18² Herzen Gluck, Mark. Ich werde Sie heute wohl noch ſehen, für jetzt, Gott befohlen!“ „Gott befohlen, Sir! Gott befohlen, Herr Pinch,“ ſagte Mark im Selbſtgeſpräche, als er dem Weggehen⸗ den nachſah;„obſchon Sie ein gewaltiger Dämpfer eines reſpektabeln Ehrgeizes ſind; Sie glauben es ſelbſt wohl nicht, aber Sie waren doch der Erſte, der meinen Hoffnungen einen Stoß verſetzt hat. Pecksniff würde mich für mein ganzes Leben lang aufgerichtet haben, aber ihr treffliches Temperament, Herr Pinch, ſtürzt mich nieder.“ Während dieſe Vertraulichkeiten zwiſchen Tom Pinch und Mark ſich ereigneten, waren Martin und John Weſtlock ganz anders beſchäftigt. Beide befanden ſich kaum allein, als Martin mit einer Anſtrengung, die er nicht mehr zurückhalten konnte, ſagte: „Herr Weſtlock, wir haben uns früher nur einmal geſehen, aber Tom Hann Sie ſchon lange Zeit und dieß hat Sie, wie ich vermuthe, veranlaßt, gegen mich freundlich zu ſeyn. Ich kann mit Ihnen uͤber nichts freimüthig ſprechen, wenn ich nicht zuvor mein Herz von einer Laſt befreit habe, die ſchwer auf demſelben haftet. Mit Schmerz muß ich bemerken, wie Sie mir ſo weit mißtrauten, daß Sie glaubten, ich würde Toms Rückſichtsloſigkeit auf ſich ſelbſt, ſein Wohlwollen und ſeine trefflichen Eigenſchaften zu mißbrauchen ſuchen.“ „Ich hatte nie die Abſicht, einen ſolchen Eindruck auf Sie hervorzubrigen, und bedaure ſehr, wenn es ge⸗ ſchehen iſt,“ verſetzte John. „Aber Sie haben doch noch dieſe Anſicht?“ fragte Martin. „Sie fragen mich ſo beſtimmt und direkt,“ erwie⸗ — derte der Andere,„daß ich nicht in Abrede ſtellen kann, mich daran gewöhnt zu haben, Sie als einen Mann anzuſehen, der, gerade nicht aus Uebermuth, wohl aber aus bloßer Gedankenloſigkeit ſein Weſen nicht ganz ge⸗ würdigt und ihn nicht ſo behandelt hat, wie er ver⸗ 183³ dient behandelt zu werden. Es iſt viel leichter, Tom Pinch gering zu ſchätzen, als ſeinen Werth zu erken⸗ nen.“ Dieß war nicht bloß mit Wärme, ſondern auch mit Energie geſprochen, denn es gab, einen einzigen Ge⸗ genſtand ausgenommen, nichts in der Welt, was des Sprechers Gefühle mehr hätte erregen können. „Mit dem Reiferwerden meiner Jahre wurde ich auch in der Erkenntniß Toms reifer,“ fuhr John fort, „und ich habe ihn als ein Weſen lieben gelernt, welches unendlich beſſer iſt als ich. Ich glaube nicht, daß Sie ihn verſtanden, als wir uns in früherer Zeit ſahen. Ich glaube auch, daß Ihnen nicht viel daran lag, ihn ver⸗ ſtehen zu lernen. Die Beweiſe, die Sie mir hierfür gaben, waren, gleich den Gelegenheiten zu Beobach⸗ tungen, ſehr gering, man könnte ſogar harmlos ſagen. Dennoch machten Sie keinen angenehmen Eindruck auf mich und drängten ſich mir mit Gewalt auf; denn Sie dürfen nicht glauben, daß ich abſichtlich darauf merkte. Sie können ſagen,“ fügte John mit einem Lächeln bei, als er wieder in ſeine gewohnte Redeweiſe überging, „daß Ihnen auch Vieles an mir mißfalle; aber darauf kann ich Ihnen nur antworten, daß das Thema von mir in keiner Weiſe zur Sprache gebracht wurde.“ „Ich ſelbſt habe Anlaß dazu gegeben,“ antwortete Martin,„und ich bin weit davon entfernt, mich über Sie zu beſchweren; im Gegentheil erfüllen mich Ihre Freundſchaft und deren vielfach gegebene Beweiſe gegen Tom mit großer Hochachtung. Warum ſollte ich ver⸗ ſuchen, vor Ihnen zu verhehlen, uer erröthete bei die⸗ ſen Worten hoch— daß ich Tom weder verſtand, noch daß es mir daran gelegen war, ihn kennen zu lernen, als er in meiner Geſellſchaft lebte. Dieß thut mir übrigens jetzt ſehr leid.“ Das war ſo aufrichtig, ſo beſcheiden und ſo männ⸗ lich geſprochen, daß John ihm ſeine Hand bot, als ob es nicht ſchon früher geſchehen wäre, und nachdem ihn 7 184 Martin die ſeinige mit derſelben Freimüthigkeit gereicht hatte, war mit einemmale aller Zwang zwiſchen den beiden jungen Männern verſchwunden. ¹„ Nun bitte ich,“ ſagte John,„daß Sie, wenn ich Ihre Geduld mit dem, was ich Ihnen mitzutheilen habe, ſehr ermüden ſollte, nicht vergeſſen, daß meine Geſchichte auch ein Ende hat, und daß dieſes Ende ihre Hauptſache iſt.“ Mit dieſer Einleitung begann er einen Bericht über alle Umſtände, welche mit der Krankheit und der langſamen Wiedergeneſung des Patienten im Ochſen, deſſen er ſich angenommen hatte, in Verbindung ſtan⸗ den. Hierauf ging er zu dem Vorfall über, welchen Tom auf dem Kai gehabt hatte. Martin war hierüber nicht wenig erſtaunk, denn er konnte ſich nicht denken, in welcher Beziehung die beiden Geſchichten zu ein⸗ ander ſtehen ſollten, zumal John damit abbrach und ihn alſo in völliger Ungewißheit ließ. „Wenn Sie mich für einen Augenblick entſchuldi⸗ gen wollen,“ ſagte John aufſtehend,„ſo werde ich Sie balb bitten, in das nächſte Zimmer zu kommen.“ Martin blieb erſtaunt allein, bis Herr Weſtlock wieder zurückkam, um ſein Verſprechen zu erfüllen. Er folgte ihm in das nächſte Zimmer und fand dort eine dritte Perſon, welche ohne Zweifel der Fremde war, von welchem John geſprochen, als Tom Pinch ihn vor⸗ geſtellt hatte. Der Fremde war ein junger Mann, mit tiefſchwarzen Augen und Haaren. Er war hager und bleich, augenſcheinlich die Folge einer kürzlich erſtande⸗ nen ſchweren Krankheit. Als Martin eintrat, ſtand er auf, nahm aber auf Johns Geheiß wieder Platz; ſeine Augen waren ſchüchtern niedergeſchlagen, und er erhob ſie nur einmal, und da halb ſchuchtern, halb flehend zu den Beiden, worauf er ſie wieder niederſchlug und ſchweigend ſitzen blieb. „Dieſer junge Mann heißt Lewſome,“ ſagte John Weſtlock,⸗„er iſt derſelbe, welcher, wie ich Ihnen ſagte, 185 in dem nahen Wirthshauſe von einer Krankheit ergrif⸗ fen wurde, in der er ſo viel durchzumachen hatte. Es war eine ſchwere Leidenszeit für ihn, aber es geht ihm jetzt wieder gut, wie Sie ſehen.“ Die beſprochene Perſon rührte ſich nicht, und da John Weſtlock eine Pauſe machte, ſo ſagte Martin, der nicht wußte, was er eigentlich ſprechen ſolle, es freue ihn, dieſes zu hören. „Die kurze Angabe, die Sie, wie ich wünſche, von ſeinen eigenen Lippen hören ſollen, Herr Chuzzlewit,“ fuhr John fort, indem er aufmerkſam auf ihn und nicht auf Martin blickte,„machte er mir geſtern zum erſten⸗ male und wiederholte ſie dieſen Morgen ohne eine Ver⸗ änderung im Weſentlichen. Ich habe Ihnen bereits geſagt, daß er mir, ehe er aus dem Inn entfernt wurde, mitgetheilt hat, es liege ihm ein Geheimniß ſchwer auf dem Herzen, und er wünſche es mir zu enthüllen. Zwi⸗ ſchen Krankheit und Tod ſchwankend, ſchwankend zwi⸗ ſchen dem Wunſche, ſeine Laſt abzuwälzen, und zwiſchen der Furcht, ſich durch Entdeckungen ſelbſt zu verſtricken, hat er bis geſtern gezögert, mir Eröffnungen zu machen. Ich habe nie in ihn gedrungen, da ich nicht die ge⸗ ringſte Vorſtellung von der Wichtigkeit ſeines Geheim⸗ niſſes hatte, und mich überhaupt nicht berechtigt glaubte, ihn ernſtlich an die Erfüllung ſeines Verſprechens zu mahnen. Erſt als er mir vor einigen Tagen in einem Briefe vom Lande freiwillig geſtand, daß das, was ihn drücke, ſich auf eine Perſon Namens Jonas Chuzzlewit beziehe, kam ich auf den Gedanken, daß die hier zu er⸗ holende Aufklärung vielleicht einiges Licht auf jenes Geheimniß werfen könne, welches Tom hin und wieder ſo neugierig machte. Ich drang daher in ihn, und ver⸗ nahm von ſeinen eigenen Lippen die Mittheilung, welche er auch Ihnen jetzt machen wird. Ich bin übrigens verpflichtet, ihm zu bezeugen, daß er in der Furcht vor dem Tode ſein Geheimniß dem Papiere anvertraut, die⸗ Boz, Chuzzlewit. V. 18 186 ſes in einen Umſchlag verſiegelt, letzteren an mich über⸗ ſchrieben hat, obgleich er ſich nicht entſchließen konnte, dieſes Dokument als eigenhändiges Zeugniß mir zu übergeben. Er hat, wie ich glaube, in dieſem Augen⸗ blick das Papier in ſeiner Bruſttaſche.“ Der junge Mann griff zur Bekräftigung der Sache haſtig darnach. „Es würde vielleicht gut ſeyn, wenn Sie es in unſerer Obhut ließen,“ ſagte John,„doch nach Ihrem Belieben.“ Nach dieſen Worten hielt er ſeine Hand aus, um Martins Aufmerkſamkeit zu erregen. Der Blick des Letzteren haftete bereits auf dem Manne vor ihm, wel⸗ cher nach einem kurzen Schweigen mit dumpfer, ſchwa⸗ cher, hohler Stimme ſprach: „In welchem Grade war Herr Anthony Chuzzle⸗ wit, welcher...“ „Welcher vor einiger Zeit ſtarb mit mir verwandt?“ ergänzte Martin.„Er war meines Großvaters Bruder.“ „Ich fürchte, er iſt keines natürlichen Todes ge⸗ ſtorben, er iſt ermordet worden.“ „Mein Gott!“ rief Martin,„durch wen?“ Der junge Mann, Lewſome, blickte ihm ins An⸗ geſicht, ſchlug dann die Augen nieder und entgegnete: „Ich fürchte, durch mich.“ „Durch Sie?“ vief Martin. „Gerade nicht durch meine unmittelbare Handlung, aber, ich fürchte es, durch meine Vermittlung.“ „Sprechen Sie,“ ſagte Martin,„und ſprechen Sie die Wahrheit.“— „Ich fürchte, dies iſt die Wahrheit.“ Martin war auf dem Punkte, ihn wieder zu unter⸗ brechen, aber John Weſtlock ſagte ihm leiſe: „Laſſen Sie ihn in ſeiner eigenen Weiſe die Ge⸗ ſchichte erzählen.“ Lewſome fuhr hierauf folgendermaßen fort: „Ich habe die Wundarzneikunſt erlernt und ſtand 187 in den letzten paar Jahren bei einem Oberchirurgen der City als Gehülfe; während dieſer Zeit machte ich die Bekanntſchaft des Jonas Chuzzlewit, dieſer iſt die Hauptperſon in dieſer Sache.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ fragte Martin ſtreng.„Wiſſen Sie, daß dieſer der Sohn des alten Mannes iſt, von welchem Sie geſprochen haben?“ „Ich weiß es,“ war die Antwort. Nun blieb er einige Augenblicke ſtill. Endlich fuhr er fort: „Ich habe Grund genug, dieſes zu wiſſen, weil ich ihn oft den Wunſch ausſprechen hörte, daß ſein alter Vater, welchen er nur als eine drückende Laſt be⸗ trachtete, todt ſeyn möchte. Er ſagte dieſes gewöhnlich an einem Orte, an welchem jeden Abend drei oder vier von uns zuſammenkamen. Sie können ſich denken, daß es kein guter Ort war, wenn Sie hören, daß er das Haupt der Geſellſchaft war. Ich wünſchte, lieber vor⸗ her geſtorben zu ſeyn, ehe ich ihn geſehen habe.“ Er hielt wieder inne, dann begann er auf's neue: „Wir kamen zuſammen, um zu trinken und zu ſpielen, zwar nicht um große Summen, doch um Sum⸗ men, welche für uns zu groß waren. Er gewann in der Regel. Mochte dies übrigens der Fall ſeyn oder nicht, ſo borgte er den Verlierenden gegen Zinſen, und ſo bekam er uns Alle, obgleich wir ihn insgeheim haßten, in ſeine Hände. Um ihn günſtig zu ſtimmen, machten wir über ſeinen Vater Witze und brachten manchen Toaſt, auf eine raſchere Reife des alten Man⸗ nes und auf eine ſchnelle Erbſchaft des jungen aus.“ Er hielt abermals inne. „Eines Abends kam er in beſonders ſchlimmer Laune, weil er, wie er ſagte, an dieſem Tage von dem Alten ſchwer gekränkt worden war. Wir beide, er und ich, waren allein, und er erzählte mir, daß der alte Mann in einem Zuſtande zweiter Kindheit ſich befinde, 13. 188 daß er geiſtesſchwach, irr, ſich ſelbſt und andern Leuten zur Laſt ſey, und daß es ein Werk der Barmherzigkeit ſeyn würde, ihn aus dem Wege zu ſchaffen. Er ſchwur, daß er oft daran gedacht habe, ihn etwas in ſeinen Huſtenſaft zu miſchen, und ihm ſo zu einem leichten Tode zu verhelfen. Er ſagte:„Leute, welche von einem tollen Hunde gebiſſen wurden, würden bisweilen erſtickt, warum ſolle man es nicht auch mit andern Leuten, bei denen das Sterben nicht recht vorwärts gehen wolle, eben ſo machen, ihnen von ihren Leiden helfen?“ Als er dieſes ſagte, ſah er mir feſt in's Geſicht, und ich erwiederte ſeinen Blick; aber an jenem Abende kam es nicht weiter.“ Er hielt wieder inne und blieb ſo lange ſtumm, bis John Weſtlock zu ihm ſagte:„Fahren Sie fort!“ Martin hatte das Auge von ſeinem Geſichte nicht ab⸗ gewendet, er war aber ſo erſtaunt, ſo entſetzt, daß er nicht ſprechen konnte. „Ungefähr eine Woche nach dieſem Vorfalle, viel⸗ leicht war es nicht ſo lang, vielleicht länger, trug ich die Sache ſtets mit mir herum, ich kann aber nicht genau die Zeit angeben, wann er mich wieder anſprach. Wir waren da wieder allein, da wir uns ein wenig vor der gewöhnlichen Verſammlungsſtunde eingefunden hatten. Eine Beſtellung hatte zwiſchen uns nicht ſtatt gehabt, aber ich war in der Erwartung hingegangen, ihn zu treffen, denn ich wußte wohl, daß er nicht feh⸗ len werde. Als ich eintrat, war er ſchon da und las in einer Zeitung, welche er nicht weglegte, als er mir, ohne aufzublicken, zunickte. Ich ſetzte mich ganz in ſeine Nähe, ihm gegenüber, und nun ſagte er plötzlich, ich ſolle ihm zweierlei Arzeneien verſchaffen, eine au⸗ genblicklich wirkende und eine andere, die in ihrem Aeußeren unverdächtig ſey und langſam wirke. Von der erſteren verlangte er nur wenig, von der letzteren mehr. Während er dies zu mir ſagte, ſah er noch immer in die Zeitung. Er ſprach von Arzeneien und bediente 189 ſich nie eines anderen Wortes, und auch ich ſprach nie anders.“ „Das Alles ſtimmt mit dem zuſammen, was ich früher gehört habe,“ bemerkte John Weſtlock. „Ich fragte ihn, zu welchem Zwecke er ſie brauche? Er antwortete: Zu nichts Unrechtem, er wolle Katzen damit kuriren, was mich das kümmere. Ich gehe nach einer entfernten Kolonie(ich hatte die Anſtellung er⸗ halten, verlor ſie aber wieder, wie Herr Weſtlock weiß, durch meine Krankheit; und mit ihr die einzige Hoff⸗ nung, mich vom Verderben zu erretten), was es mich daher anfechte, er kenne die Arzeneien, von hundert anderen Plätzen, ohne meine Beihülfe, nur nicht ſo leicht wie von mir, erhalten. Dies hatte allerdings ſeine Richtigkeit. Er fuhr fort, daß er ſie vielleicht nicht brauche, daß es ihm nicht beifalle, ſie jetzt zu benützen, daß er aber dennoch wünſche, ſie zu beſitzen. Während er dieſes ſprach, las er ſtets in der Zeitung. Wir redeten vom Preiſe. Er wollte mir eine kleine Schuld nachlaſſen— ich war nämlich ganz in ſeiner Gewalt— und mir noch fünf Pfund bezahlen. Die Unterhandlung wurde abgebrochen, weil andere Perſonen kamen. Am nächſten Abende aber, ganz unter denſelben Umſtaͤnden, gab ich ihm die Arzeneien, nachdem er mir zuvor verſichert hatte, ich ſey ein Narr, wenn ich glauben würde, er werde ſte je zu etwas Schlimmem gebrauchen. Er gab mir das Geld. Wir haben uns ſeitdem nicht mehr zuſammengefunden. Ich habe aber erfahren, daß der alte Mann bald darauf ſtarb und zwar in einer Weiſe, daß jene Urſache ſeinen Tod her⸗ beigeführt haben muß. Seit dieſer Zeit bin ich der elendeſte Menſch; nichts, nichts vermag den troſtloſen Zuſtand meines Innern zu ſchildern! Er iſt wohl ver⸗ dient, aber nichts kann ihn ſchildern.“ Er ſenkte das Haupt und ſchwieg. Elend und ab⸗ gezehrt, wie er war, glich er nicht einem Geſchöpfe, auf welches man nutzloſe Vorwürfe häufen durfte. 196 „Behalten Sie ihn bei der Hand,“ ſagte Martin, ſich von ihm abwendend,„aber daß er ſich, um des Himmelswillen, ja nicht aus dem Geſichte verliert!“ „Er wird hier bleiben,“ flüſterte John.„Kommen Sie mit mir.“ Sie gingen hinaus, drehten den Schlüſſel um und kamen wieder in das Zimmer, in welchem ſie zuvor geweſen waren. Martin war ſo erſtaunt, ſo erſchüttert und ver⸗ wirrt über das Gehörte, daß er einige Zeit bedurfte, bis er ſeinen Geiſt ordnen und die gegenſeitigen Be⸗ ziehungen der einzelnen Umſtände genügend begreifen konnte. Als endlich die ganze Geſchichte klar vor ihm lag, ſetzte ihm John Weſtlock die Wahrſcheinlichkeit auseinander, daß die Schuld des Jonas auch anderen Leuten bekannt ſey, daß dieſe ihr Mitwiſſen zu ihrem eigenen Vortheile ausbeuten, dieſer den Einfluß ver⸗ danken, von deſſen Anwendung Tom Pinch zufällig Zeuge geweſen, den er, ohne es ſelbſt zu wiſſen, unter⸗ ſtützt hatte. Dies war ſo klar, daß ſie ohne Schwierig⸗ keit darüber einig wurden; aber ſtatt aus dieſer Quelle den mindeſten Beiſtand zu gewinnen, fanden ſie ſich dadurch nur um ſo mehr verwirrt. Sie wußten nichts von den eigentlichen Parthieen, welche dieſe Macht beſaßen. Die einzige Perſon, die ſich namhaft machen ließ, war Toms Hauswirth. Wenn auch derſelbe nach Toms Berichten nicht leicht auszu⸗ finden war, ſo hatten ſie doch, wenn ſie ihn auffinden würden, kein Recht, Fragen an ihn zu ſtellen. Geſetzt aber auch, daß ſie ihn fragten, und daß er antwortete, was eine ſehr weitgreifende Vorausſetzung war, ſo hatte er ja, in Bezug auf das Abenteuer auf der Werfte, nur zu ſagen, daß man ihn von da oder da ausgeſchickt habe, um Jonas wegen eines dringenden Geſchäftes zu rufen, und damit hatte die Sache ein Ende. Außerdem war jeder Schritt in dieſer Angelegen⸗ heit mit großer Schwierigkeit und Verantwortlichkeit 1 191 verknüpft. Lewſomes Geſchichte konnte falſch ſeyn, oder ſich auf Thatſachen beziehen, die ganz anders waren, oder ſich in einem kranken Gehirn vergrößert und er⸗ weitert hatten. Wollte man aber auch zugeben, daß ſie ganz richtig ſeyen, ſo war doch immer die Möglich⸗ keit gegeben, daß der alte Mann eines natürlichen Todes geſtorben. Herr Pecksniff war zu dieſer Zeit in der Nähe des Sterbenden, wie ſich Tom augenblicklich erinnerte, als er Nachmittags zurückkam und an ihren Berathungen Theil nahm. Martins Großvater war die rechte Perſon, um hin⸗ ſichtlich der nöthigen Schritte zu entſcheiden, aber es war unmöglich, dieſe zu erlangen, weil zuverläſſig Pecksniffs Anſichten auch die ſeinigen waren, und die Natur der Anſichten des Herrn Pecksniff ſeinem Schwie⸗ gerſohne gegenüber ließ ſich leicht berechnen. Abgeſehen von dieſen Rückſichten, konnte Martin den Gedanken nicht ertragen, als werfe er eine ſo un⸗ natürliche Beſchuldigung auf ſeinen Verwandten, um dieſe als eine Stufe zur Gunſt des Großvaters zu be⸗ nützen. In dieſem Lichte mußte ſein Benehmen erſchei⸗ nen, wenn er in Pecksniffs Hauſe vor dem alten Gent⸗ leman wieder erſchien, um ihm das mitzutheilen, was er vernommen hatte; jedenfalls durfte er darauf rech⸗ nen, daß Pecksniff nicht zögern werde, ſein Benehmen aus dieſem verächtlichen Geſichtspunkte zu betrachten. Nächſtdem konnte die Kenntniß ſolcher Umſtände, ohne Veranlaſſung weiterer, zur Erforſchung der Sache dien⸗ licher Maßregeln, als eine Theilnahme an der Schuld ſelbſt betrachtet werden.. Mit einem Worte, ſie fanden keinen Ausweg aus dieſem Gewirre von Schwierigkeiten; denn überall ſahen ſte den Pfad durch undurchdringliches Dickicht verſperrt. Herr Tapley wurde zwar auch in das Vertrauen gezogen, und die fruchtbare Einbildungskraft dieſes Gentlemans erzeugte manchen kühnen Entwurf, den er, man muß ihm Gerechtigkeit wiederfahren laſſen, auf 19² eigene Verantwortlichkeit auf der Stelle in Vollzug zu ſetzen bereit war. Dennoch wurde durch Mark Tapley's Eifer und deſſen Dienſtanerbietungen die Sache in keiner Weiſe klarer. In dieſer Lage der Dinge wurde Toms Bericht über das ſeltſame Benehmen des alten Buch⸗ halters bei Gelegenheit jener Theeparthie von großer Wichtigkeit, und endlich gelangten ſie zu der Anſicht, daß ſie der Wahrheit um vieles näher rücken würden, wenn ſie ſich über das eine genaue Kenntniß verſchaff⸗ ten, was in dem Geiſte und in dem Gedächtniſſe des alten Mannes vorging. Nachdem ſie ſich zuerſt über⸗ zeugt hatten, daß zwiſchen Lewſome und Herrn Chuffey nie ein Verkehr obgewaltet hatte(denn dieſer Umſtand wäre allein ſchon hinreichend geweſen, den Verdacht des letzteren zu erklären), ſo kamen ſie einſtimmig zu dem Beſchluſſe, daß der alte Buchhalter der Mann ſey, der ihnen fehle. Aber wie die einſtimmigen Beſchlüſſe bei einer öffentlichen Verſammlung, welche oft erklaͤren, daß irgend ein Umſtand nicht länger zu ertragen ſey, dieſer aber dennoch ein oder zwei Jahrhunderte ohne irgend eine Veränderung bleibt, ſo kamen ſie nur zu dem Schlüſſe, daß ſie alle einſtimmig ſeyen. Es war übri⸗ gens etwas ganz anderes, den Herrn Chuffey noth⸗ wendig zu haben, und den Herrn Chuffey zu bekommen. Zu dem letzteren Zwecke wünſchten ſie zu gelangen, ohne ihn oder Jonas zu beunruhigen, und da ſie nicht wußten, wie ſie bei einem ſo unbekannten und verſtimm⸗ ten Inſtrumente die erforderlichen Noten anſchlagen ſollten, ſo ſtanden ſie ſo ferne vom Ziele als je. Nun wurde die Frage erörtert, wer von der Um⸗ gebung des alten Buchhalters den meiſten Einfluß auf ihn habe? Tom erklärte, daß dies unſtreitig ſeine junge Gebieterin ſey. Aber Tom und alle andern ſchreckten vor dem Gedanken zurück, ſie in dieſe Sache zu ver⸗ ſtricken und zu dem unſchuldigen Werkzeuge zu machen, welches die Vergeltung über das Haupt ihres grau⸗ 193 ſamen Gatten bringen ſollte. War denn ſonſt Niemand da? Doch! Tom ſagte, Mrs. Gamp, ſeine Wärterin, übe einen Einfluß von ganz beſonderer Art auf ihn aus, indem ſie ihn, wie er gehört, für eine Zeit lang unter ihre Obhut bekommen habe. Dieſe Bemerkung wurde augenblicklich aufgegriffen. Sie fanden hier einen neuen Ausweg in eine Gegend, die ſie bisher nicht beachtet hatten. John Weſtlock kannte Mrs. Gamp, hatte ihr Beſchäftigung gegeben, und wmußte ihren Aufenthalt, denn die gute Dame hatte ihm beim Abſchiede aus Dankbarkeit einen Pack ihrer Kar⸗ ten zur allgemeinen Vertheilung zugeſtellt. Daher wurde beſchloſſen, der Mrs. Gamp zwar mit Vorſicht, aber ohne Zögerung ſich zu nahen, und nach und nach die Tiefen ihres Wiſſens, welches die verſtändige Matrone in Betreff des Herrn Chuffey zuverläßig beſaß, ſorg⸗ fältig zu ergründen. Martin und John Weſtlock beſchloſſen, noch an demſelben Abende dieſes Geſchäft zu beſorgen, und ſuch⸗ ten zuerſt Mrs. Gamp in ihrer Wohnung ſogar auf die Gefahr hin auf, ſie in der Ruhe ihres Privatlebens, oder in einer auswäaͤrtigen Vollführung ihrer Berufs⸗ pflichten zu finden. Tom kehrte nach Hauſe, weil er keine Gelegenheit verlieren wollte, möglicher Weiſe mit Nadget zuſammen zu treffen, da dieſer gerade an dem⸗ ſelben Abende wieder heimkehren konnte, und Tapley blieb, ſeinem eigenen Wunſche gemäß, vor der Hand in Fournivals⸗Inn, um nach Lewſome zu ſehen, der, was ſeine Fluchtgedanken betraf, recht gut ſich ſelbſt den Qualen ſeines Geiſtes freiwillig niedergeſchrieben habe, laut abzuleſen. So bald er dieſes gethan hatte, unterzeichneten Alle, nahmen ihm das Blatt mit ſeiner 194 Zuſtimmung, ab und ſchloſſen es an einem ſichern Orte ein.. Martin ſchrieb gleichfalls, auf John’s Rath, ei⸗ nen Brief an die Vorſteher der berühmten lateiniſchen Schule, in welchem er den Plan dazu dreiſt für ſich in Anſpruch nahm und Pecksniff rückſichtslos wegen des geſpielten Betrugs bloßſtellte. Auch in dieſem Verfah⸗ ren war John ſehr betheiligt, indem er mit ſeiner ge⸗ wöhnlichen Unehrerbietigkeit bemerkte, daß Herr Pecks⸗ niff ſein ganzes Leben über ein glücklicher Schurke ge⸗ weſen ſey, und daß ſich für ihn(John) eine ſehr nach⸗ haltige Quelle der Wonne eröffnen würde, wenn er ihm in allen Theilen Gerechtigkeit widerfahren laſſen könne. Ein bewegter Tag! Aber Martin hatte noch keine Wohnung, und als die Sachen ſo weit gediehen waren, lehnte er John Weſtlocks Einladung zum Mittageſſen ab, weil er ſich noch ein Quartier ſuchen müſſe. Mit vieler Mühe gelang es ihm, für ſich und Mark zwei Dach⸗ ſtuben in der Nähe des Strandes, nicht weit von Tem⸗ plebar zu miethen. Ihr auf dem Poſtbureau gelaſſenes Gepäcke brachte Mark nach dieſem neuen Zufluchtsorte, und mit einer Freude, wie er ſie in ſeiner früheren Selbſtſucht nie empfunden hatte, betrachtete er, wieviel Mühe er Mark erſpart habe und wie hoch erfreut und erſtaunt derſelbe ſeyn werde, wenn er ankomme. Hierauf ging er in dem Temple auf und ab und ſpeiste als Abendeſſen eine Fleiſchpaſtete. Zehntes Kapitel, In welchem Mrs. Harris, bei dem Theetopfe mit helfend, Veran⸗ laſſung zur Spaltung unter Freundinnen gibt. Das Zimmer der Mrs. Gamp in Kinsgate⸗ſtreet, SHigh⸗Holborn, trug, figürlich geſprochen, ſein Galla⸗ 1 „ * 1 8 ( 1 14 8 1 — * 3 XNASUAN RK — 195⁵ kleid. Es war gekehrt und für den Empfang eines Be⸗ ſuchs hergeputzt. Dieſer Beſuch war Betſey Prigg. Mrs. Prigg von Bartlemy, oder Barklemy und Bard⸗ lemay wie jener Spital ſonſt genannt wird; denn alle dieſe familiären Beziehungen waren unter der Schweſter⸗ ſchaft gebräuchlich geworden, deren Zierde Betſey Prigg war. Das Gemach der Mrs. Gamp war nicht ſehr ge⸗ räumig, aber für ein zufriedenes Herz iſt der ſchlechteſte Winkel ein Pallaſt, und die vordere Seite des erſten Stockwerkes der Wohnung des Herrn Sweedlepipe konnte der Einbildungskraft der Mrs. Gamp wohl in einem recht ſtattlichen Lichte erſcheinen. Wenn nicht unruhige Ver⸗ ſtandes⸗Menſchen gerade ſo phantaſtiſch wären, ſo konnte man beſagtem Vorderzimmer doch nachrühmen, daß es wenigſtens ſo viele Bequemlichkeit darbot, als nur im⸗ mer eine nicht bis zum Wahnſinn ſanguiniſche Perſon von einem Zimmer gleichen Umfangs erwarten kann. Wenn man nur die Bettſtatt immer im Gedächtniß hatte, ſo war man ſicher. Das war das große Ge⸗ heimniß. In der Erinnerung an die Bettſtatt konnte man ſich ſogar bücken, um unter dem kleinen runden Tiſche nach etwas Hinuntergefallenem zu ſuchen, ohne ſich an der Commode ſehr zu beſchädigen, und ohne ſich durch einen Sturz ins Feuer zu einem Patienten von Bartholomew zu qualifiziren. Gaͤſte wurden in ihren vorſichtigen Anſtrengungen, dieſes Möbel ſtets im Ge⸗ dächtniſſe zu behalten, durch den ſehr großen Umfang deſſelben unterſtützt. Es war keine Aufſchlagbettſtatt, auch keine franzöſiſche, noch eine Pfoſtenbettſtatt; ſie war vielmehr das, was man poetiſcher Weiſe ein Zelt nennen konnte, und der bauchige Strohſack hieng ſo weit herunter, daß Mrs. Gamps Koffer keinen Platz finden konnte, vielmehr zur Hälfte auf eine Weiſe her⸗ vorſah, welche die Beine eines Fremden gleichfalls in Gefahr brachte. Dann war auch das Geſtell, welches zur Stütze des Himmels und der Vorhänge dienen ſollte . 196 wenn dergleichen dageweſen wären, mit verſchiedenen aus Holz gedrehten Aepfeln verziert, die bei dem leiſe⸗ ſten Anſtoße oder vielleicht auch bei gar keinem herunter⸗ purzelten und den friedlichen Gaſt in entſetzlichen Schre⸗ cken verſetzten. 3 Das Bett ſelbſt, war mit einem aus verſchiedenen Fle⸗ cken zuſammengeſetzten Couverte von großem Alterthume verziert. An dem obern Ende, zunächſt der Thüre, befand ſich ein ärmlicher, blaugewürfelter Vorhang, welcher die Zephyre von Kingsgate Street hinderte, den Kopf der Mrs. Gamp allzu rauh heimzuſuchen. Einige verſchoſſene Gewänder und andere Gegenſtände, welche zu der Garderobe der Dame gehörten, hingen von dem Pfoſten herunter und hatten in Folge des langen Ge⸗ brauchs dergeſtalt die Figur ihrer Herrin angenommen, daß ſchon mehr als ein unſchuldiger Gatte, der im Zwielichte raſch hereintrat, für einen Augenblick entſetzt ſtehen blieb und der Meinung var, Mrs. Gamp habe ſich erhängt. Ein Gentleman, der ſich in Folge des gewöhnlichen Anliegens einfand, war ſogar der Meinung, dieſe kern⸗ loſen Hülſen glichen Schutzengeln, welche ſie in ihrem Schlafe bewachten. Dieſe Aeußerung hatte er ſich übri⸗ gens nur, wie Mrs. Gamp ſagte, bei ſeinem erſten Beſuche erlaubt, ohne ſie ſpäter zu wiederholen, obgleich er ſich nachher häufig wieder zum Beſuche einſtellte. Die Stühle in Mrs. Gamps Gemache waren außeror⸗ dentlich groß und mit ſehr breiten Lehnen verſehen. Ein mehr als genügender Grund, daß deren nur zwei vor⸗ handen waren. Ein paar Ellenbogenſeſſel von altem Mahagoni waren es, und ſie erhielten beſonders dadurch einen bedeutenden Werth, daß ihre Sitze, welche ur⸗ ſprünglich Roßhaare geweſen, jetzt von einer glänzenden bläulichen Subſtanz uͤberzogen waren, auf welcher der Beſuchende, ſo wie er ſich ſetzte, auch auf der Stelle mit entſetztem Geſichte herunterglitt. Was Mrs. Gamp 4* Stühlen mangelte, hatte ſie durch Schachteln er⸗ „ 197 ſetzt, denn ſie beſaß eine ſehr große Menge derſelben, und ſie waren zur Aufnahme verſchiedener werthvoller Gegenſtände beſtimmt, dieſe waren jedoch nicht ſo gut geſchützt, als die gute Frau in ihren ſanguiniſchen Hoff⸗ nungen glauben mochte; denn obgleich jede Schachtel ſorgfältig mit einem Deckel verſehen war, ſo hatte doch keine einen Boden, ſo daß das darin befindliche Eigen⸗ thum nur durch eine Art von Lichtauslöſcher geſchützt war. Die Commode, urſprünglich beſtimmt, auf einer andern Truhe zu ſtehen, hatte in ihrer Einſamkeit ein zwergartiges, koboldartiges Ausſehen, aber hinſichtlich der Sicherheit vor den Schachteln den großen Vorzug, daß alle ihre Handgriffe abgeriſſen waren und daß alſo nur äußerſt ſchwer zu ihrem Inhalte zu gelangen war. Ja, Dieſes war nur mittelſt eines eigenen Kunſtgriffes möglich, indem man nämlich das Möbel vorwärts neigte, bis die Schubladen von ſelbſt herausſchoſſen, oder wenn man ſie einzeln, gleich Auſtern, mit dem Meſſer öffnete. Mrs. Gamp hatte alle ihre Haushaltungsgegen⸗ ſtände in einem kleinen Wandſchranke neben dem Kamine aufbewahrt. Sie begann, wie es natürlich iſt, unten mit den Kohlen, in allmähliger Steigerung aber hatte ſie das oberſte Brett mit dem Branntwein garnirt, dieſen letztern aber bewahrte ſie aus Rückſichten des Zart⸗ gefühls in einem Theetopfe auf. Der Kaminmantel war mit einem kleinen Kalender geziert, in welchem hie und da von Mrs. Gamps eigener Hand die Monatstage, welche ihr vorausſichtlich bei einer Dame Beſchäftigung ertheilen würden, mit einem Memorandum bezeichnet waren. Auch war das Zimmer mit drei Porträts ge⸗ ſchmückt, das eine, in Farben, ſtellte Mrs. Gamp dar, wie ſte in früheren Jahren ausgeſehen hatte; das zweite, eine bronzirte Federzeichnung, gab das Abbild einer Dame, vermuthlich Mrs. Harris, wie ſie im Ballan⸗ zuge ſich ausnahm; das dritte aber, eine Kreidezeich⸗ nung, ſtellte den verſtorbenen Herrn Gamp in ganzer Figur dar; damit die Aehnlichkeit noch augenfälliger 198 und ſchlagender durch die Darſtellung des Holzbeines werde. Ein Blasbalg, ein paar Ueberſchuhe, eine Roſt⸗ gabel, ein Keſſel, ein Breitiegelchen, ein Löffel zum Eingeben der Arzenei bei Widerſpenſtigen und endlich Mrs. Gamps Regenſchirm, der als ein werthvoller und rarer Gegenſtand mit beſonderer Oſtentation aufgeſtellt war, vollendeten die Verzierung des Kaminſtückes und der anſtoßenden Wand. Während Mrs. Gamp den Theetiſch in Ordnung brachte, erhob ſie wohlgefällig das Auge zu dieſen Ge⸗ genſtänden und ſchloß ihre Vorbereitungen zur Aufnahme des Gaſtes damit, daß ſie zwei Pfund ſcharf eingeſal⸗ zenen New⸗Caſtlerſalm's aufſetzte. „So!“ rief Mrs. Gamp,„aber zum Henker, wo bleibt ihr ſo lange, Bethſey? Wahrhaftig das geht mir noch ab daß ich ſo lange warten ſoll: ſo oft ich an ei⸗ nen Platz gehe, halte ich mich feſt an den einzigen Grundſatz: ich bin leicht zufrieden geſtellt, und was ich brauche iſt wenig, aber dieſes Wenige muß aufs beſte bereitet ſeyn, und auf die Minute, wenn die Uhr ſchlägt, muß ich's haben; denn ſonſt ſcheiden wir nicht ſo gut, als ich wünſchen möchte, ſondern wir ſcheiden mit Bos⸗ heit in unſerem Herzen.“ Ihre eigenen Vorbereitungen waren aufs beſte, denn ſie beſtanden aus einem guten, neugebackenen Laibe, einem Teller mit friſcher Butter, einer Schaale mit feinem weißem Zucker und dergleichen mehr, ſelbſt der Schnupftaback, mit welchem ſie ſich jetzt erfriſchte, war von ſo auserleſener Qualität, daß ſie eine zweite Priſe nehmen mußte. „Jetzt klingelt die kleine Glocke wieder,“ ſprach Mrs. Gamp und eilte nach dem Treppengeländer, über welches ſie hinabſah.“ „Bedſay Prig, meine... ei, was iſt das, ich aube, daß mich dieſer Sweedlepipe zum Beſten gehabt gl hatte. „S—, A X=S,. 199 „Ja, ich bin es,“ ſagte der Barbier mit ſchwacher Stimme,„ich bin juſt hereingekommen.“ „Sie kommen, glaube ich, immer herein,“ brummte Mrs. Gamp vor ſich hin,„ausgenommen wenn Sie ausgehen. Mit dieſem Mann iſt nicht auszukommen.“ „Mrs. Gamp,“ rief der Barbier,„he da, Mrs. Gamp!“ „Nun?“ entgegnete Mrs. Gamp ungeduldig, indem ſie die Treppe hinabſtieg.„Was gibt's? Steht die Themſe in Flammen und kocht ſie ihre eigenen Fiſche, Herr Sweedlepipe? Was iſt denn dem Manne, und was hat er mit ſich ſelbſt angefangen, er iſt ja ſo weiß wie Kreide!“ Dieſe letzte Bemerkung fügte ſie ihrer Frage bei, als ſie auf dem untern Boden angelangt war und den Barbier mit bleichem, troſtloſem Geſichte in ſeinem Ra⸗ ſterſtube ſitzen ſah. 3 „Sie erinnern ſich....2“ ſagte Poll,„Sie erin⸗ nern ſich doch des jungen... 2“ „Doch nicht des jungen Willkins?“ rief Mrs. Gamp. „Wen Sie immer im Sinne haben mögen, ſprechen Sie mir nicht von dem jungen Willkins. Wenn die Frau des jungen Willkins vor der Zeit....“ „Ich ſpreche von Niemands Weib,“ rief der kleine Barbier aus.„Bailey, dex junge Bailey!“ „Ei, Sie wollen mir doch nicht ſagen, daß dieſes junge Bürſchchen etwas gethan habe,“ entgegnete Mrs. Gamp ſtreng.„Dummheit und Unſinn, Herr Sweedle⸗ pipe.“ „Er hat nichts gethan!“ rief Herr Poll wie ver⸗ zweifelt aus.„Warum unterbrechen Sie mich denn im⸗ mer, wenn Sie ſehen, daß ich dermaßen angegriffen bin, daß ich kaum zu ſprechen vermag. Er wird nie wieder etwas thun, denn man hat ihm dafür gethan. Er iſt todt. Als ich den Jungen zum erſtenmal ſah,“ fuhr Poll fort,„nahm ich ihm zu viel für einen Blutfinken ab. Ich verlangte drei Halbpence für ein Thier, welches nur 200 einen Penny werth war, weil ich fürchtete, er wolle mich* niederſchlagen. Er that es nicht. Und nun iſt er todt, und wenn ſie alle Dampfmaſchinen und alle elektriſchen Flüſſigkeiten, welche es nur immer gibt, in dieſem Laden aufhäufen, und ſie alle aufs Aeußerſte arbeiten laſſen, ſo wäre doch das Alles nicht im Stande, meine Skrupel wegen dieſer Ueberforderung zu beſchwichtigen, obſchon es nur ein halber Penny iſt.“ Herr Sweedlepipe wandte ſich zur Seite nach dem Handtuche und wiſchte ſich damit die Augen aus. „Und welch geſcheidter Knabe er war,“ begann er wieder,„wie überraſchend geſcheidt für ſeine Jugend! Wie er ſprach, was er wußte! In dieſem Stuhle hier ließ er ſich raſſiren, nur zum Scherze; denn er war voll Scherz und Laune. Ach, der Gedanke, daß er nie im Ernſt raſirt werden ſollte!— Waͤren mir doch lieber alle meine Vögel krepirt,“ rief der kleine Barbier, indem er ſeine Käfige der Reihe nach betrachtete und dann wieder zum Handtuche ſeine Zuflucht nahm.„Es hätte mich weit weniger geſchmerzt, als dieſe Nachricht.“ „Wie ſind Sie denn dazu gekommen, dieſe Kunde zu vernehmen,“ ſagte Mrs. Gamp,„wer hat es Ihnen erzählt?“ 4 „Ich ging nach der City,“ verſetzte der kleine Bar⸗ bier,„um auf der Stockbörſe einen Gentleman aufzu⸗ ſuchen, der ein Liebhaber vom Schießen iſt, und einige langſame Tauben haben wollte, um ſich an dieſen zu üben. Als ich mein Geſchäft abgemacht hatte, ging ich, um ein Tröpſchen Bier zu trinken, und da hörte ich denn, wie Alles davon ſprach. Es ſteht ſchon in den Zeitungen.“ „Sie find in einem Zuſtande ſeltſamer Verwirrung, Herr Sweedlepipe,“ ſagte Mrs. Gamp kopfſchüttelnd, „und meins Meinung iſt, daß ein halbes Dutzend junger friſcher, lebhafter Blutegel an Ihren Schläfen nicht zu viel ſeyn würde, um Ihren Kopf zu ſäubern. Wovon reden denn die Leute und was ſteht in den Zeitungen?“ 2⁰1 „Alles!“ ſchrie der Barbier.„Was ſoll denn ſonſt darin ſtehen? Er und ſein Herr wurden auf einer Reiſe umgeworfen, man brachte ihn dann nach Salisbury und er lag in den letzten Zügen, als der Bericht abging. Er hat nicht mehr geſprochen. Nicht ein einziges Wort mehr. Ich halte dies für das Schlimmſte, aber es iſt noch nicht Alles. Sein Herr kann nicht gefunden wer⸗ den. Der andere Direktor ihres Bureau in der City, Crimble, David Crimble, iſt mit dem Gelde auf und davon, und ſeine Steckbriefe ſind an allen Wänden an⸗ geklebt, ſie verheißen dem eine Belohnung, der ihn auf⸗ bringt. Herr Montague, der Herr des armen jungen Bailey,— ach was er für ein Knabe war!— iſt gleich⸗ falls ausgeſchrieben. Einige ſagen, er habe die Flucht ergriffen, um ſich im Auslande mit ſeinem Freunde wie⸗ der zu vereinigen; andere ſind der Meinung, er ſey noch im Lande. Daher wird überall nach ihm geſucht; ihr Bureau war nichts als Betrug, ein vollſtändiger Betrug. Aber was iſt eine Lebensverſicherungsanſtalt gegen ein Leben. Und was iſt ein Leben wie das des jungen Bailey war!“ „Er war im Jammerthale geboren,“ entgegnete Mrs. Gamp mit philoſophiſcher Gleichgültigkeit,„er lebte in einem Jammerthale, und mußte die Folgen einer ſolchen Sitiwation tragen. Aber haben Sie bei dieſer Geſchichte nichts von Herrn Chuzzlewit gehört?“ „Nein,“ ſagte Poll,„nichts, was der Rede werth wäre, ſein Name war nicht als Theilnehmer des Colle⸗ giums gedruckt, obwohl einige ſagen, er ſey auf dem Punkte geweſen, einzutreten. Auch glauben einige, er ſey der Betrogene, und wieder Andere meinen, er habe mit unter der Decke geſteckt. Wie dem aber auch feyn mag, es wird nichts gegen ihn bewieſen werden. Die⸗ ſen Morgen ging er aus freiem Antriebe zu dem Lord⸗ Mayor, oder zu einigen von den großen City⸗Perücken, bei denen er Klage führte, daß er betrogen worden ſey, Boz, Chuzzlewit. V. 14 20² daß die zwei Perſonen, welche ihn betrogen haben, fort ſeyen, und daß er endlich ausgemittelt habe, Montagues eigener Name ſey nicht Montague, ſondern ein anderer. Auch heißt es, er ſehe wegen ſeiner großen Verluſte wie der Tod aus; aber Gott verzeihe mir,“ rief der Bar⸗ bier, indem er wieder auf den Gegenſtand ſeines indi⸗ viduellen Schmerzes zurückkam,„was geht mich ſein Ausſehen an, meinetwegen hätte er fünfzigmal ſterben können, es wäre kein ſo großer Verluſt geweſen, wie der Tod des jungen Balley.“ In dieſem Augenblicke ließ ſich plötzlich die Klingel vernehmen, und die tiefe Stimme der Mrs. Prig unter⸗ brach die Unterhaltung. „O, Sie ſprechen von der Geſchichte,“ bemerkte dieſe Dame,„gut, aber ich hoffe, daß Sie mit derſelben zu Ende ſind, denn ich habe kein Intereſſe daran.“ „Aber meine koſtbare Betſay,“ ſagte Mrs. Gamp, „wie ſpät Sie kommen!“ Die würdige Mrs. Prig verſetzte mit einiger Bit⸗ terkeit, daß es nicht ihre Schuld ſey, wenn eigenſinnige Leute mit Gewalt gerade dann ſterben wollten, wenn man es am wenigſten erwarte; auch ſey es ärgerlich genug, ſich bei einer Einladung auf Thee verſpäten zu müſſen, und wenn man endlich komme, nicht einmal von dem Zwecke des Beſuchs zu hören. Mrs. Gamp leitete aus dieſer bitteren Erwiederung der Mrs. Prig eine Er⸗ klärung ihres Zuſtandes ab, führte ſie ſogleich die Treppe hinauf und meinte, der Anblick des eingeſalzten Salms würde eine beſänftigende Wirkung hervorbringen. Aber Betſay Prig hatte augenſcheinlich den einge⸗ ſalzten Salm erwartet, denn nachdem ſie ſich auf dem Tiſche umgeſehen hatte, waren ihre erſten Worte: „Ich wußte wohl, daß Sie keine Gurken haben würden.“ 3 Mrs. Gamp wechſelte die Farbe und ſetzte ſich auf die Bettſtatt. —,——————.—“ — e,——— —2 203 „Gott behüte Sie, Betſey Prig, Ihre Worte ſind wahr; ich habe ganz darauf vergeſſen.“ Mrs. Prig blickte nun Ihre Freundin ſcharf an, fuhr mit der Hand in ihre Taſche, und zog mit der Miene mürriſchen Triumphes ein Ding heraus, welches entweder das älteſte Salathaupt, oder der jüngſte Kohl⸗ kopf, und ſo außerordentlicher Natur war, daß ſie es wie einen Regenſchirm entfalten mußte, ehe ſie es her⸗ ausbringen konnte. Darauf brachte ſie noch eine Hand voll Senf und Kreſſe, ein Bischen von dem Kraute, welches man Löwenzahn nennt, drei Büſchel Radieschen, eine Zwiebel von der Größe einer ordentlichen Rübe, drei gehörige Runkelrübenſchnitte und eine kleine Sellery⸗ wurzel hervor. Dieſer ganze Vorrath war noch vor kurzer Zeit als zwei Pence Salat ausgeſtellt geweſen, und Mrs. Prig hatte ihn unter der Bedingung gekauft, daß der Verkäufer alles in ihre Taſche hineinbringen könne. Zur großen Verwunderung der ſämmtlichen Mieth⸗ kutſcher in High⸗Holborn hatte dieſer die Aufgabe glück⸗ lich gelöst. Mrs. Prig legte in der Wohnung ihrer Freundin ſo wenig Bedeutung auf dieſe überraſchende Vorſorge, daß ſie nicht einmal lächelte, ſondern ihre Taſche zu dem gewohnten Umfange zuſammenlegte, und bloß empfahl, daß dieſe Naturprodukte zerſchnitten und zum unverzüglichen Gebrauche reichlich mit Weineſſig begoſſen werden ſollen. „Aber daß Sie mir nichts von Ihrem Schnupf⸗ tabak hineinſallen laſſen,“ ſagte Mrs. Prig.„Im Malz⸗ tranke, im Apfelthee, in der Kalbsknochenbrühe und im Gerſtenſchleim hat es nichts zu ſagen, da iſt es ein Reizmittel für den Patienten. Aber ich finde keinen Ge⸗ ſchmack daran.“ „Aber Betſey Prig,“ rief Mrs. Gamp,„wie kön⸗ nen Sie nur ſo reden.“ „CEi, müſſen nicht alle Ihre Patienten, woran ſie 14 204 immer leiden mögen, ſich wegen Ihres Schnupftabaks faſt den Kopf abnießen,“ entgegnete Mrs. Prig. „Und was liegt daran?“ verſetzte Mrs. Gamp. „Nichts liegt daran,“ bemerkte Mrs. Prig.„Aber Sie ſtellen es nicht in Abrede, Sairah.“ „Wer ſollte es auch in Abrede ſtellen wollen?“ fragte, Mrs. Gamp. Mrs. Prig erwiederte nicht ein Wort. „Wer ſtellt es in Abrede, Betſey,“ fragte Mrs. Gamp abermals, dann aber drehte ſie die Frage um, um ihr einen mehr feierlichen Charakter zu geben, und ſagte:„Betſey, wer ſtellt es in Abrede?“ Es gewann den Anſchein, daß es zu einer beſtimm⸗ ten Meinungsverſchiedenheit zwiſchen den beiden Damen komme; jedoch war Mrs. Prigs Ungeduld auf das Mahl für den Augenblick größer, als ihre Widerſpruchsluſt, und ſie entgegnete für jetzt:„Niemand, wenn Sie'ss nicht thun, Sairah;“ und ſetzte ſich für den Thee zu⸗ rechk; denn Streit kann man zu jeder Zeit haben, nicht aber eine beſchränkte Portion Salm. Ihre Toilette war einfach, ſie hatte nur ihren Hut und ihr Halstuch auf das Bett zu werfen, dann zog ſie ſich rechts und links an den Haaren, als ob ſie an ein paar Klingeln ziehe, womit Alles abgethan war. Der Thee ſtand ſchon bereit, der Salat brauchte nicht lange und ſo konnten ſie ſich alſo bald ihres Mahles erfreuen. Bei den Freuden der Tafel beſſerte ſich die Ge⸗ müthsſtimmung der beiden Perſonen, welche zuvor nicht die beſte war. Als das Mahl beendet worden und Mrs. Gamp den Tiſch abgeräumt hatte, holte ſie den Topf„ von dem oberſten Brette des Wandſchranks, vergaß da⸗ bei ein paar Weingläſer nicht, und nun war die Geſell⸗ ſchaft vollſtändig liebenswürdig. „Betſey,“ ſagte Mrs. Gamp, indem ſie ihr eigenes Glas füllte und dann den Theetopf ihrer Freundin hin⸗ über reichte,„ich will nun einen Toaſt ausbringen, meine oftmalige Gehülfin Betſey Prig.“ 5 20⁵ „Ich ſtimme mit aller Liebe und Zärtlichkeit ein!“ entgegnete Mrs. Prig.„Jedoch mit dem Unterſchiede, daß ich den Namen Sairah Gamp ſetze.“. Von dieſem Augenblicke an begann auf den Naſen der beiden Damen Entzündungsſymptome ſich zu zei⸗ gen, und auch die Gemüther ſchienen daran Theil zu nehmen, obgleich nun Alles noch in der gehörigen Ordnung von Statten ging.. „Nun Sairah,“ ſagte Mrs. Prig,„ich unterſtütze Sie mit Vergnügen im Geſchäfte, aber zu welchem Falle brauchen Sie mich jetzt?“ Das Geſicht der Mrs. Gamp verrieth in etwas die Abſicht, eine ausweichende Antwort zu geben, und deshalb fügte Betſey hinzu: „Vielleicht Mrs. Harris?“ „Nein, Betſey Prig, die iſt es nicht,“ antwortete Mrs. Gamp. „Gut,“ entgegnete Mrs. Prig mit einem kurzen Lachen,„darüber bin ich jedenfalls ſehr froh.“ „Warum ſollten Sie darüber froh ſeyn, Betſéy?““ antwortete Mrs. Gamp mit Wärme.„Sie kennen ſie ja nur vom Hörenſagen, und wie ſollten Sie alſo darüber froh ſeyn. Wenn Sie etwas gegen den Cha⸗ rakter der Mrs. Harris zu ſagen haben, ſo rücken Sie damit heraus, Betſey; ich weiß übrigens recht gut, daß derſelbe weder in ihrem Rücken, noch in ihrem Geſichte, noch ſonſt wo angegriffen werden kann. Ich habe dieſe ſüßeſte und beſte der Frauen ſeit ihrem Erſten gekannt,“ fuhr Mrs. Gamp fort, indem ſie ihren Kopf ſchuttelte und Thranen vergoß;„und da⸗ mals war Herr Harris ſo ſchrecklich ſchuchtern, daß er in einen leeren Hundeſtall kroch, ſich die Ohren zuhielt, und nie die Hände wegnahm, oder herauskam, bis ihm der Säugling gezeigt wurde. Er verfiel aber darüber in Krämpfe, ſo daß ihn der Doktor am Kra⸗ gen packte und rücklings auf die Steine legte. Sie aber wurde damit beruhigt, daß man ihr ſagte, die 206 Orgel heule ſo. Und ich habe ſie gekannt, Betſey Prig, als er ihr gefühlvolles Herz durch die Worte verwundete, ſein Neuntes ſey um eins, wo nicht um zwei zuviel, während ihm doch dieſe reine Unſchuld in das Geſicht lachte. Alles ging herrlich von Stat⸗ ten, Schlag auf Schlag. Aber ich kann mir nicht denken, wie Sie, Betſey, Gelegenheit gehabt haben ſollen, zu der Ueberzeugung zu gelangen, daß Sie ſich zu freuen haben, wenn Mrs. Harris Sie nicht brauche. Verlaſſen Sie ſich darauf, ſie verlangt nicht nach Ih⸗ nen, denn ſo wie ſie unwohl iſt, ſprach ſie beſtändig, und wird auch beſtändig ſprechen:„ſchickt nach Sairey.“ Während dieſer rührenden Rede ſtellte ſich Mrs. Prig ſehr gewandt, als ſey ſie das Opfer einer Geiſtes⸗ abweſenheit, welche ihren Urſprung in der angeſtrengten Aufmerkſamkeit auf einen einzigen Gegenſtand hat; ſie bediente ſich aus dem Theetopfe, ohne daß es den Schein hatte, als ſey ſie ſich ihrer Bewegungen bewußt. Mrs. Gamp bemerkte dies und ſie eilte daher zum Schluſſe: „Es ſcheint alſo, daß ſie es nicht iſt,“ ſagte Mrs. Prig kalt,„wer iſt es denn?“ „Sie haben mich von einer Perſon ſprechen hören, Betſey,“ entgegnete Mrs. Gamp, nachdem ſie einen bedeutungsvollen Blick auf den Theetopf geworfen hatte, „von einer Perſon, die ich zu jener Zeit, als Sie und ich des fieberkranken Menſchen im Ochſen warte⸗ ten, behandelte. „ Der alte Chuffey,“ bemerkte Mrs. Prig. Sairey Gamp warf ihr einen Gluthblick zu, denn ſie erkannte in dieſem Verſehen der Freundin nur einen andern boshaften Dolchſtoß, der auf jene Schwäche oder Gewohnheit zielte, welche Betſey ſchon einmal unedelmüthig berührt und dadurch zuerſt die Harmonie des Abends geſtört hatte. Dies wurde ihr noch klarer, als ſie, eben ſo höflich als feſt, ihre Gefährtin durch ein deutliches Ausſprechen des Wortes Chuffey korrigirt 207 hatte, denn Mrs. Prig nahm dieſe Zurechtweiſung mit einem teufliſchen Lachen auf. Die Beſten unter uns haben ihre Mängel, und es muß Mrs. Prig eingeräumt werden, daß die Vortreff⸗ lichkeit ihres Charakters nur einen Makel hatte, und dieſer war, daß ſie ihre ſcharfen und herben Eigen⸗ ſchaften an ihren Patienteu nicht ganz, wie doch jede vollkommne, liebenswürdige Frau gethan haben würde, erſchöpfte, ſondern noch einen beträchtlichen Antheil davon zurückbehielt, um ihre Freunde damit zu bedie⸗ nen. Der ſtark geſalzte Salm und der Weineſſigſalat mögen vielleicht, vermöge der ihnen inwohnenden Säure, dieſes Gebrechen geſteigert und vermehrt ha⸗ ben, und gewiß trug auch die Anwendung des Thee⸗ topfes nicht wenig dazu bei, denn die Freundinnen der Mrs. Prig hatten die Bemerkung gemacht, daß ſie nie lieber widerſprach, als wenn ſie unter den Ein⸗ flüſſen des Alkohols bedeutend ſtand. Jedenfalls konnte nicht in Abrede geſtellt werden, daß ihr Geſicht j etzt ſpöttiſch und trotzig geworden, und ſie ſaß auch in der That, jetzt mit uͤbereinander geſchlagenen Armen, das eine Auge zugedrückt, in einer beſonders geiſtvollen, mithin etwas anſtößigen Haltung da. Mrs. Gamp be⸗ merkte es, hielt für nothwendig, Mrs. Prig auf ihren Stand, auf ihre Stellung in der Geſellſchaft und auf ihre Verpflichtungen gegen ſie ſelbſt aufmerkſam zu machen; ſie nahm daher eine noch bedeutungsvollere Goͤnnermiene an, und ließ ſich in ihrer Antwort an Mrs. Prig mehr auf Einzelnheiten ein.„ „Betſey,“ ſagte ſie,„Herr Chuffey iſt ſchwachen Geiſtes. Entſchuldigen Sie mich übrigens, wenn ich Ihnen bemerke, daß er vielleicht nicht ſo ſchwach iſt, wie die Leute denken, und daß die Leute nicht meinen dürfen, daß er ſo ſchwach ſey, als ſie ſich vorſtellen, und was ich weiß, weiß ich, und was Sie nicht wiſ⸗ ſen, Betſey, das wiſſen Sie nicht. Und ſie haben auch nicht darnach zu fragen. Aber Herrn Chuffeys Freunde 208 haben mir vorgeſchlagen, mich ſeiner anzunehmen, und ſie haben zu mir geſagt:„Mrs. Gamp, wollen Siels wirklich übernehmen?“ Sie fügten bei, daß ſie nicht daran denken möchten, ihn Jemand anderm anzuver⸗ trauen, als mir, denn, ſagten ſie, Sairey, Sie ſind wie Gold, das im Ofen geläutert wurde. Wollen Sie's auf Ihre eigenen Bedingungen unternehmen, ganz allein, bei Tag und bei Nacht? Nein, ſage ich, das will ich nicht. Rechuen Sie nicht darauf. Es gibt nur ein Geſchöpf in der Welt, ſage ich, welches ich unter ſolchen Bedingungen übernehmen würde, und deſſen Name iſt Harris. Aber, ſage ich, ich bin mit einer Freundin bekannt, deren Name Betſey Prig iſt, und dieſe kann ich empfehlen und ſie wird mir beiſtehen. Betſey, ſage ich, iſt unter mir immer zuverläſſig und wird ſich leiten laſſen, wie ich's nur wünſchen kann.“ Ohne von ihrer bisherigen anſtößigen Haltung ab⸗ zulaſſen, ſtellte ſich Mrs. Prig auf's Neue, als wenn ſie in eine Geiſtesabweſenheit verſinke und ſtreckte ihre Hand nach dem Theetopfe aus. Das war mehr, als Mrs. Gamp ertragen konnte, ſie ergriff die Hand ihrer Geſellſchafterin und ſagte gefühlvoll: „Nein, Betſey, was Sie immer thun mögen, trinken Sie doch wenigſtens ehrlich.“ Mrs. Prig, welche auf dieſe Weiſe ihren unbe⸗ wußten Wunſch vereitelt ſah, warf ſich in ihrem Stuhl zurück, ſchloß das eine Auge noch bedeutſamer, ver⸗ ſchlang ihre Arme feſter und muſterte, indem ſie ihren Kopf langſam hin⸗ und herbewegte, ihre Freundin mit verächtlichem Lächeln. Mrs. Gamp nahm den Faden ihrer Erzählung wieder auf und begann: „Mrs. Harris, Betſey....“ „Was, Mrs. Harris!“ ſagte Betſey Prig. Mrs. Gamp blickte ſie mit erſtaunter, ungläubi⸗ ger und erzürnter Miene an, aber Mrs. Prig ſchloß ihr eines Auge noch feſter, verſchlang ihre Arme noch 209 mehr und ließ die ſchrecklichen und denkwürdigen Worte vernehmen: „Ich glaube nicht, daß es eine ſolche Perſon gibt.“ Nachdem ſie dieſe Ausdrücke gebraucht hatte, lehnte ſte ſich vorwärts und ſchnippte mit ihren Fingern ein⸗, zwei⸗ und dreimal und war dem Geſichte von Mrs. Gamp immer näher. Dann erhob ſie ſich, um nach ihrem Hute zu greifen, denn ſie erkannte, daß ſich zwiſchen ihnen nun eine Kluft eröffnet habe, über welche nie eine Brücke gebaut werden könne. Dieſer Schlag war ſo gewaltſam und ſo plötzlich erſchütternd, daß Mrs. Gamp mit aufgeriſſenen Augen und aufgeſperrtem Munde gerade hinausſtierte, als wolle ſie nach Luft ſchnappen, bis Betſey Prig den Hut aufgeſetzt und den Shawl umgeworfen hatte, den ſie dann um ihren Hals ſchlang; nun aber erhob ſich Mrs. Gamp, ſie erhob ſich phyſiſch und moraliſch und brach los: „Wie!“ rief ſie,„Sie boshafte Kreatur! Habe ich Mrs. Harris 35 Jahre lang gekannt, daß ich mir zuletzt noch ſollte ſagen laſſen, eine ſolche Perſon eriſtire nicht! Habe ich ihr in allen ihren Nöthen, großen und kleinen, beiſtehen müſſen, damit es zu einem ſolchen Ende komme, während doch ihr eigenes ſußes Porträt die ganze Zeit hindurch vor Ihrem Ge⸗ ſichte hängt, um ihre prahleriſchen Worte zzu beſchä⸗ men. Aber mögen Sie auch immerhin glauben, daß es keine ſolche Kreatur gebe, denn ſie würde ſich nie ſo weit erniedrigen, Sie nur anzuſehen, und oft hat ſie mir geſagt, wenn ich Ihren Namen erwähn e, was leider nicht ſelten geſchah:„Wie Sairey Gamp, Sie mögen ſich zu ihr herabwürdigen?“„Fort mit Euch!“ „Ich gehe ja ſchon, Ma'am, oder auch nicht,“ entgegnete Mrs. Prig, indem ſie bei dieſen Worten Halt machte. 210 „„Sie thun ſehr wohl daran, Ma'am,“ ſagte Mrs. amp. „Wiſſen Sie wohl, mit wem Sie ſprechen,“ fragte der Beſuch. „Augenſcheinlich mit Betſey Prig,“ entgegnete Mrs. Gamp, indem ſie die Gegnerin verächtlich vom Kopf bis zu den Füßen maß.„Augenſcheinlich iſt's ſo. Niemand kennt Sie beſſer als ich; machen Sie nur, daß Sie fortkommen.“ „Und Sie wollten mich unter ſich nehmen!“ rief Mrs. Prig, indem ſie Frau Gamp vom Kopfe bis zur Zehe in's Auge faßte.„Das wollen Sie? O, wie gütig! Der Henker hole Ihre Unverſchämtheit!“ fügte Mrs. Prig mit einem ſchnellen Uebergange von Hohn zur Wildheit bei;„was meinen Sie denn?“ „Machen Sie, daß Sie fortkommen,“ ſagte Mrs. Gamp,„ich ſchäme mich für Sie.“ „Weil Sie nun gerade daran ſind, ſo würden Sie beſſer thun, wenn Sie ſich ein wenig für ſich ſelbſt ſchämten,“ ſagte Mrs. Prig;„Sie und Ihr Chuffey! In denn das arme Geſchöpf nicht ſchon toll genug! A ha 12* „Es würde bald toll genug ſeyn, wenn Sie etwas mit ihm zu ſchaffen hätten,“ verſetzte Mrs. Gamp. „Und dazu hat man mich haben wollen?“ rief Mrs. Prig triumphirend.„Ja. Aber Ihr werdet Euch dennoch ſelbſt getäuſcht haben. Ich will ihm nicht zu nahe kommen, und wir werden ſehen, wie Ihr ihn ohne mich zu rechte bringt. Nein, ich will nichts mit ihm zu ſchaffen haben!“ „Sie haben nie ein wahreres Wort geſprochen, lis diefs⸗n ſagte Mrs. Gamp.„Jetzt aber gehen Sie weiter!“ Ungeachtet des ſehnlichen Wunſches, den ſie aus⸗ geſprochen hatte, Zeuge des wirklichen Rückzuges der Mrs. Prig aus dem Zimmer zu ſeyn, ſollte ihr das doch nicht werden, denn letztere ſtieß in ihrer zornigen — ꝛ— — ꝛ— 211 Eile ſo an die Bettſtatt an, daß drei oder vier der erwähnten Aepfel auf Mrs. Gamps Kopf nachdrucks⸗ voll herunterfielen, und als ſich Mrs. Gamp von die⸗ ſem hölzernen Tropfbade erholt hatte, war Mrs. Prig verſchwunden. Mrs. Gamp hatte jedoch die Beruhi⸗ gung, daß ſie mit anhörte, wie Betſeys tiefe Stimme auf der Treppe, im Hausflur und ſogar in der Kings⸗ gate⸗Street außen über den erlittenen Unfall ſich be⸗ ſchwerte und laut erklärte, daß ſie mit Chuffey nichts zu thun haben wolle. Ebenſo bemerkte ſie jetzt an der Stelle, an welcher Mrs. Prig geſtanden hatte, Herrn Sweedlepipe und zwei Gentlemans. „Gott behüte mich,“ rief der kleine Barbier aus. „Was hat ſich denn ereignet? Ihr zwei Frauenzimmer habt ja einen ſchrecklichen Lärm gemacht, Mrs. Gamp. Dieſe beiden Gentlemans ſtanden faſt die ganze Zeit über vor der Thüre außen auf der Treppe und wollten ſich hörbar machen, während ihr Euch gegenſeitig mit Hammer und Zange auf den Leib gingt. Der kleine Blutfink im Laden unten, der ſich das Waſſer ſelbſt heraufzieht, wird darüber zu Grund gehen, denn in ſeinem Schrecken ſtrengte er ſich ſo an, daß er mehr Waſſer heraufzog, als er in 12 Monaten trinken kann. Er muß gedacht haben, es ſey Feuer ausgekommen.“ Mrs. Gamp war inzwiſchen in ihren Stuhl ge⸗ ſunken und von dieſem aus gab ſie mit überſtrömenden Augen und die Hände zuſammenſchlagend, folgende La⸗ mentation zum Beſten. „O, Herr Sweedlepipe, und auch Herr Weſtlock, wenn mich meine Augen nicht trügen, und noch ein Freund dazu, den ich nicht zu kennen das Vergnügen habe; aber was ich dieſen geſegneten Abend mit Betſey Prig ausgeſtanden habe, weiß lein ſterbliches Geſchöpf. Gleich anfangs, als ſie zu mir hereinkam, dünkte es mich, ich rieche Branntwein an ihr, ich konnte es aber enicht glauben, weil ich ſelbſt nicht daran gewöhnt bin,“ 212 Mit Mrs. Gamp war es jedoch ſchon ziemlich weit gekommen, und der Theetopf durchduftete das Zimmer ſtark. „Wenn ſie übrigens,“ fuhr ſie fort,„in ihrer Be⸗ trunkenheit nur mich beſchimpft hätte, ſo hätte ich's mit dankbarem Herzen ertragen können, aber welches Herz eines Lammes wäre im Stande, die Worte zu vergeben, die ſie über Mrs. Harris ſprach. Nein, Betſey,“ ſprach Mrs. Gamp in einem ungeſtümen Ausbruche ihrer Ge⸗ fühle,„kein Wurm kann etwas ſolches vergeſſen.“ Der kleine Barbier kratzte ſich am Kopfe, ſchüttelte ihn, blickte nach dem Theetopfe und ſuchte ſo bald als möglich und nach und nach aus dem Zimmer zu kommen. John Weſtlock aber nahm einen Stuhl, ſetzte ſich an Mrs. Gamp Seite, Martin nahm auf den Füßen des Bettes Platz, und bildete ſo den zweiten Schildhalter. „Ich kann mir denken, daß Sie ſich über unſer Erſcheinen wundern,“ bemerkte John.„Daher werde ich Ihnen auch augenblicklich Auskunft ertheilen, ſo wie Sie ſich ein wenig gefaßt haben werden. Auf einige Minuten kommt es jetzt nicht an. Wie beſinden Sie ſich nun 2 ich hoffe etwas beſſer.“ Mrs. Gamp vergoß noch einige Thränen, ſchüttelte ihr Haupt und ſprach mit matter Stimme den Namen Mrs. Harris aus. „Wollen Sie nicht ein wenig...“ John war in Verlegenheit, wie er es nennen ſollte. „Thee?“ ergänzte Martin. „Es iſt kein Thee,“ ſagte Mrs. „Vermuthlich etwas Arznei?“ rief John.„Nehmen Sie ein wenig.“ Mrs. Gamp ließ ſich zu einem Glaſe voll überreden, fügte aber leidenſchaftlich bei,„nur unter der Bedingung, daß Betſay nie wieder auch nur die geringſte Arbeit von mir bekömmt.“ „Gewiß nicht!“ ſagte John;„Sie ſoll bei mir keinen Beiſtand leiſten.“ 8 „Schon der Gedanke,“ rief Mrs. Gamp,„daß ſie mir helfen mußte, Ihren Freund zu verpflegen und daß ſie ſo nahe daran war, Dinge zu hören, welche... ach!“ John ſah nach Martin hinüber. „Ja,“ ſagte dieſer,„das war ein knappes Entkom⸗ men, Mrs. Gamp.“ „In der That knapp,“ erwiederte ſie.„Es konnte nur dadurch vermieden werden, daß ich bei Nacht ihn pflegte, ſie aber bei Tag.“ „Was würde ſie geſagt und gethan haben, wenn ſie ſeine Phantaſten gehört, gewußt hätte, was ich weiß. Dieſe treuloſe Elende, und doch, du mein guter Gott!“ rief Mrs. Gamp, indem ſie bei Abweſenheit der Mrs. Prig den Boden mit ihren Füßen bearbeitete,„und doch mußte ich von den Lippen dieſes Weibes hören, was ſie über Mrs. Harris ſprach.“ „Achten Sie nicht darauf,“ ſagte John,„es genügt ja ſchon, daß Sie von der Wahrheit überzeugt ſind.“ „Ja, darin haben Sie volikommen recht,“ rief Mrs. Gamp.„Vollkommen recht! Weiß ich nicht, daß die liebe Frau mich in dieſer Minute erwartete, Herr Weſt⸗ lock, und daß ſie eben jetzt durch's Fenſter auf die Straße herabſieht, den kleinen Tommy Harris in ihren Armen, der mich ſeine liebe Gamp nennt? Habe ich ihn nicht gefunden, Herr Weſtlock, wie er an ſeinem kleinen roth⸗ wollenen Schuh, den er ſpielend in den Mund geſteckt hatte, faſt erſtickt wäre, weil man ihn auf dem Boden allein gelaſſen hatte. O, Betſey Prig, welch' gottloſe Gemüthsart haſt Du dieſen Abend gezeigt; aber Du ſollſt Dich nie wieder an Sairey's Thüre blicken laſſen, Du kriechende Schlange!“ „Und Sie waren doch ſtets ſo gütig gegen Sie!“ ſagte John tröſtend. „Das iſt gerade das Herzzerreißende. Das iſt es, was mich am meiſten angegriffen hat, Herr Weſtlock,“ verſetzte Mrs. Gamp, indem ſie unwillkührlich ihr Glas hinhielt und Martin daſſelbe auffüllte. „Sie hat Ihnen bei Herrn Lewſome helfen dürfen?“ 214 fragte John.„Sie haben die Perſon gewählt, Ihnen bei Herrn Chuffey Beiſtand zu leiſten.“ „Einmal habe ich gewählt und nimmermehr!“ rief Mrs. Gamp.„Nie will ich wieder mit Betſay Prig etwas zu ſchaffen haben, Sir.“ „Nein, nein,“ entgegnete John,„das ſoll nie ge⸗ ſchehen!“ „Ich weiß nicht, wie ich dazu gekommen bin, Sir,“ erwiederte Mrs. Gamp mit der Feierlichkeit, welche einer gewiſſen Art von Trunkenheit eigenthümlich iſt.„Nun, da dieſe Kreatur die Marks(ſie wollte wahrſcheinlich Maske ſagen) von ihrem Geſichte genommen hat, weiß ich nicht, wie nur je möglich war, es zu thun. Es gibt in den Familien Gründe, welche Dinge geheim gehalten wiſſen wollen, Herr Weſtlock, und da kann man nur ſolche Perſonen brauchen, von welchen man weiß, daß man Vertrauen in ſie ſetzen kann. Wer möchte aber Vertrauen in Betſey Prig ſetzen, wenn man weiß, daß ſie in dieſem Stuhle hier über Mrs. Harris geſprochen hat?“ „Vollkommen wahr,“ entgegnete John,„vollkom⸗ men wahr, ich hoffe übrigens, daß Sie Zeit haben werden, eine andere Gehülfin zu finden.“ Zwiſchen ihrer Entrüſtung und dem Theetopfe war ihr Begriffsvermögen ſchwankend geworden. Sie blickte auf John mit Thränen gefüllten Augen und flüſterte den unvergeßlichen Namen, ja den unvergeßlichen Namen, welchen Mrs. Prig geſchmäht hatte, als wenn dieſer ein Talisman gegen alle irdiſchen Sorgen ſey. Dann aber ſchien ſie in ihrem Geiſte irre zu werden. „Ich hoffe,“ wiederholte John,„daß Sie Zeit haben, eine andere Gehülfin zu finden. „Was ſie ſo kurz iſt!“ rief Mrs. Gamp, indem ſie ihre matten Augen aufſchlug, und Herrn Weſtlocks Hand⸗ gelenke mit mütterlicher Zärtlichkeit erfaßte.„Morgen Abend bin ich zu ſeinen Freunden beſtellt, Sir, Herr Chuzzlewit hat mich auf neun oder zehn Uhr zu ſich be⸗ ſchieden.“ —zꝑꝛz 2154 „Auf neun oder zehn Uhr?“ ſagte John mit einem bedeutungsvollen Blicke auf Martin.„Und dann geht Herr Chuffey in ſichern Gewahrſam? Nicht wahr?“ „Er bedarf wohl eines ſichern Gewahrſams, kann ich Sie verſichern,“ antwortete Gamp mit geheimniß⸗ voller Miene.„Auch andere Leute dürfen froh ſeyn, wenn ſie nichts mit Betſay Prig zu ſchaffen haben, ich bnnt das Weibsbild wenig, ſie würde es hinausgelaſſen aben.“ „Sie würde ihn hinausgelaſſen haben, meinen Sie?“ ſagte John. „Meine ich?“ entgegnete Mrs. Gamp.„O!“ Der ſehr ironiſche Charakter dieſer Antwort wurde durch ein langſames Nicken und ein noch langſameres Niederziehen der Mundwinkel der Mrs. Gamp bekräftigt. Nachdem ſie einem kurzen Brüten ſich hingegeben hatte, fügte ſie mit außerordentlicher Stattlichkeit hinzu: „Aber ich halte die Herrn auf, und die Zeit iſt oſtbar.“ Indem ſie mit jener irrthümlichen Vorſtellung von Theetopf, die ihr die Meinung einflößte, man verlange von ihr, augenblicklich irgend wo hinzugehen, ein ſchlaues Vermeiden jeder weitern Hindeutung auf die jüngſten Geſprächsgegenſtände vermiſchte, erhob ſich Mrs. Gamp, brachte den Theetopf an ſeinen gewöhnlichen Platz, ſchloß den Schrank mit vieler Gravitat ab, und fing an, ſich für einen Berufsbeſuch anzukleiden. Dieſe Vorbereitung war bald gemacht, denn ſie er⸗ forderte nur den ſchnupftabakfarbigen Hut, den ſchnupf⸗ tabakfarbigen Shwal, die Ueberſchuhe und den unerläß⸗ lichen Regenſchirm; ohne Letzteren konnte ſie weder an eine Kindbette, noch an eine Todtenkammer denken. Nachdem ſich Mrs. Gamp mit allen dieſen Anhängſeln verſehen hatte, kehrte ſie zu ihrem Stuhle zurück, ließ ſich nieder und erklärte, ſie ſey bereit. „Es iſt ein Glück, wenn man weiß, wie man den armen, füßen Geſchoͤpfen eine Wohlthat erzeigen kann,“ 216 bemerkte ſie,„ich verſichere Sie, nicht Alle können dieſes, namentlich die Schlange Betſey Prig quält die Leute ſchrecklich.“ Mit dieſer Bemerkung ſchloß ſie ihre Augen in tiefem Mitleid mit Betſey's Patienten, und ſie vergaß ſie wieder zu öffnen, bis ihr einer der Ueberſchuhe vom Fuße fiel. Ihr Schlaf wurde in Zwiſchenräumen, gleich dem fabel⸗ haften Schlummer des Moͤnchs Bacon, auch noch durch das Fallen des zweiten Ueberſchuhes und des Regen⸗ ſchirms unterbrochen. Als ſie aber aller dieſer Belaͤſti⸗ gungen entledigt war, ſchlief ſie in köſtlicher Ruhe. Die beiden jungen Männer ſahen einander lächelnd an, und Martin, welcher ſeine Lachluſt zu unterdrücken bemüht war, flüſterte John Weſtlock in's Ohr: „Was beginnen wir jetzt?“ „Wir bleiben hier,“ entgegnete dieſer. Sie hörten, wie Mrs. Gamp in ihrem Schlafe murmelte: Mrs. Harris! „Seyen Sie verſichert,“ flüſterte John, indem er behutſam nach der Schlafenden blickte:„Es gelingt uns, dieſen alten Buchhalter zu befragen. Sollten Sie auch zu Mrs. Harris ſelbſt. Wir wiſſen jetzt genug, um dieſe für unſern Zweck benützen zu können. Dank ſey es dem Streite, welcher das alte Sprichwort beſtätigt, wenn die Diebe zanken, gelangen die ehrlichen Leute zu dem, was ſie brauchen. Jonas Chuzzlewit mag ſuchen ſich ſelbſt zu helfen; dieſe laſſen wir ſchlafen, ſo lang ſie will. Wir werden in guter Zeit unſern Zweck erreichen.“ Eilftes Kapitel. Iſt ſehr überraſchend für Tom Pinch und zeigt, wie gewiſſe Ver⸗ traulichkeiten zwiſchen ihm und ſeiner Schweſter ſtattfanden. Es war am folgenden Abende, als Tom und ſeine Schweſter beim Thee ſaßen und in ihrer gewöhnlichen, —&—— e 2 217 ruhigen Weiſe über gar viele Dinge plauderten, nur nicht über Lewſome's Geſchichte oder die andern mit ihr im Zuſammenhange ſtehenden Dinge; denn der, trotz ſeiner Jugend ſehr umſichtige John Weſtlock hatte Tom den ausdrücklichſten Rath ertheilt, über dieſen Gegenſtand gegen Ruth zu ſchweigen, weil ſie dadurch beunruhigt werden könnte.„Und Tom,“ fügte er bei,„ich möchte nicht um alle Schätze oder Ehren der Welt haben, daß ein Schatten ihr glückliches Geſtcht, oder ein unruhiger Gedanfe ihr edles Herz belaſte!“ In der That war John ſehr freundlich, anßerordent⸗ lich freundlich; er meinte, daß er kein größeres In⸗ tereſſe an ihr hätte nehmen können, wenn er ihr Vater geweſen wäre. Obwohl aber Tom und ſeine Schweſter außeror⸗ dentlich geſprächig waren, ſo hatten ſie doch weniger Lebhaftigkeit und Frohſinn als gewöhnlich. Tom hatte nicht die Idee, daß dieſes von Ruth herrühre, denn er nahm es für ausgemacht an, daß er ſelbſt etwas lang⸗ weilig ſey. Das war nun Wahrheit, denn die leichteſte Wolke an dem Himmel ihres ruhigen Geiſtes warf ihren Schatten auf Tom. Und dieſen Abend lagerte wirklich eine Wolke auf der kleinen Ruth, ja, das war nicht zu bezweifeln. Wenn Tom in einer andern Richtung blickte, ſo ſtahlen ſich ihre hellen Augen nach ſeinem Geſichte, um ſogar noch glänzender als gewöhnlich zu leuchten, dann aber trübe zu werden. Während Tom ſchweigend in das Sommerwetter hinausblickte, machte ſie zuweilen eine heftige Bewegung, als wolle ſie ſich ihm um den Hals werfen, plötzlich aber zügelte ſie die innere Aufwallung, und wenn er zurückblickte, zeigte ſte ein lachendes Ge⸗ ſicht und plauderte fröhlich mit ihm. Hatte ſie Tom etwas zu geben, oder zeigte ſich ein Vorwand, um in ſeine Nähe zu kommen, ſo flatterte ſie um ihn her, legte ihre kleinen ſchönen Hände verſchämt auf ſeine Boz, Chuzzlewit. V. 15 218 Schulter und wollte ſie gar nicht mehr zurückziehen. Durch ſolche und ahnliche Dinge zeigte ſie, daß ſie et⸗ was auf dem Herzen habe, was ſie ihm gern geſagt hätte, daß ſie aber den Muh nicht habe, es ihm zu ſagen. So ſaßen ſie da, ſie mit ihrer Arbeit vor ſich, ohne . etwas zu arbeiten, Tom mit dem Buche vor ſich, ohne zu leſen, als Martin an der Thür klopfte. Tom dachte ſich, wer es ſey, ſtand auf um zu öffnen, worauf er in Geſellſchaft Martins wieder in das Zimmer trat. Tom machte eine verlegene Miene, denn ſeinen herzlichen Gruß hatte Martin kaum mit einem Worte erwiedert. Ruth fand gleichfalls etwas Sonderbares in dem Benehmen des Beſuches und richtete ihre Augen for⸗ ſchend auf das Geſicht des Bruders, als ſuche ſie dort eine Aufklärung. Tom ſchüttelte den Kopf und ließ dieſelbe ſtumme Aufforderung an Martin ergehen. Mariin ſetzte ſich nicht nieder, ſondern trat ans Fenſter, und blieb dort, indem er hinausblickte, ſchwei⸗ gend ſtehen; nach einigen Momenten drehte er ſich um und wollte ſprechen, er wandte aber heftig den Kopf wieder ab, ohne ſeiner Abſicht entſprochen zu haben. „Was hat ſich denn ereignet, Martin?“ fragte Tom ängſtlich.„Welche Neuigkeiten bringen Sie, mein lieber Freund?“ „O, Tom,“ verſetzte Martin, im Ton ernſten Vor⸗ wurfs,„es verletzt mich faſt noch mehr, als Ihr un⸗ edelmüthiges Benehmen, daß Sie ſich ſtellen, als in⸗ tereſſiren Sie ſich überhaupt für etwas, was mich be⸗ trifft.“ „Mein unedelmüthiges Benehmen! Martin! Mein ...“ er konnte nicht weiter ſprechen. „Wie konnten Sie zugeben, Tom, daß ich Ihnen ſo aufrichtig und ſo glühend für Ihre Freundſchaft danke, ohne daß Sie mir, wie es einem Manne geziemte, ſag⸗ ten, daß Sie mich verlaſſen haben? War das recht, Tom? War es ehrlich? War es dem würdig, was —— ——— ——-——-— ————— ——,——— —— XNRRN n 219 Sie früher waren, oder was ich wenigſtens von Ihnen überzeugt war, was mich beſtimmte, mein Herz gegen Sie da auszuſchütten, als Sie ſchon gegen mich waren. O Tom!“ Sein Ton war ſo ſehr verletzend, aber auch ſo voll Kummer über den Verluſt eines Freundes, dem er vertraut hatte. Er ſprach eben ſo ſehr die frühere Liebe zu Tom, als den Schmerz aus, daß er die Entdeckung über ſeinen Unwerth gemacht habe. Tom legte einen Augenblick die Hand vor ſein Geſicht und fuühlte ſich außer Stand, ſich zu rechtfertigen, wie wenn er in der That ein Ungeheuer an Trug und Falſchheit ſey. „So wahr ich ſterben muß, ſo verſichere ich Sie,“ ſagte Martin,„daß es mich unendlich ſchmerzt, in Ihnen nicht mehr den Menſchen, für den ich Sie gehalten habe, zu erkennen, daß es mich ſo ſchmerzt, daß ich mein eigenes Ungemach ganz darüber vergaß. Nur in einer ſolchen Zeit und nur nach einer ſolchen Entdeckung erkennen wir das volle Maß unſerer alten Liebe, und ich ſchwöre Ihnen, ja ich ſchwöre Ihnen, daß ich Sie trotz meiner Rückſichtsloſigkeit wie einen Bruder geliebt habe, wenn ich auch wenig davon blicken ließ.“ Inzwiſchen hatte ſich Tom geſammelt, und er ent⸗ gegnete in treuherzigem Tone der Wahrheit, ja, es war, Gott ſey Dank, im treuherzigen Tone der Wahrheit Folgendes:„Was Sie auf dem Herzen haben, Martin, was Ihnen zugeſtoßen iſt, welch außerordentliche Mittel Sie ſo plötzlich umgewandelt haben, weiß ich nicht. Aber die Mittel ſind falſch, und was Sie auch hinter⸗ gangen haben mag, dem Eindrucke und Ihrer Verſtört⸗ heit liegt keine Wahrheit zu Grunde. Eine Selbſttäu⸗ ſchung iſt es vom Anfang bis zum Ende, und ich ſage Ihnen voraus, daß Sie das Unrecht tief bereuen wer⸗ den, welches Sie mir anthun. Ich kann Ihnen ehrlich. ſagen, daß ich Ihnen treu war, treu wie mir ſelbſt. 15 22⁰ Ihr Benehmen wird Ihnen daher leid thun, wahrhaf⸗ tig, es wird Ihnen ſehr leid thun, Martin.“ „Meine Seele iſt betrübt,“ erwiderte Martin, den Kopf ſchüttelnd.„Bis jetzt habe ich nie gewußt, was es heißt, tiefe Trauer im Herzen tragen.“ „Gut,“ ſagte Tom,„wenn ich auch ſtets geweſen wäre, was Sie mir jetzt zur Laſt legen, wenn ich nie einen Anſpruch auf Ihre Achtung gehabt, Ihre Gering⸗ ſchätzung ſtets verdient hätte, ſo müſſen Sie mir doch ſagen, was Sie Verrätheriſches an mir gefunden, und auf welche Grundlage Sie Ihr jetziges Benehmen ge⸗ baut haben. Martin, ich bitte daher nicht, dieſe Be⸗ friedigung mir als Gunſt zu Theil werden zu laſſen, ich fordere ſie vielmehr als ein Recht.“ „Meine eigenen Augen ſind Zeugen,“ erwiederte Martin.„Soll ich dieſen nicht glauben?“ „Nein,“ antwortete Tom ruhig,„wenn ſie mich anklagen, nicht.“ „Ihre eigenen Worte, Ihr eigenes Benehmen,“ fuhr Martin fort;„verdienen dieſe keinen Glauben?“ „Nein,“ erwiderte Tom ruhig,„wenn ſie mich an⸗ klagen, nicht. Aber Sie haben mir nie etwas zur Laſt legen können. Wer ſie in dieſem Sinne deutet, hat mir, wer es auch ſey, grauſames Unrecht gethan.“ Seine Ruhe wollte zu Ende gehen und er fügte bei: „Und ſo haben Sie mir gethan.“ — —————— „Ich kam her,“ ſagte Martin,„und ich beruſe mich auf Ihre gute Schweſter; ſie ſoll mich anhören...“ „Auf ſie können Sie ſich nicht berufen,“ unterbrach ihn Tom,„ſte wird Ihnen nie Glauben ſchenken.“ Während er dieſes ſagte, nahm er ihren Arm in den ſeinigen und ſie ſprach: „Ich will es, Tom.“ 3 „Nein, nein,“ rief Tom,„durchaus nicht, bſt, bſt, bſt! Was Du für ein kleines, thörichtes Ding biſt.“ „Ich hatte nie im Sinne,“ ſagte Martin haſtig, „an Sie gegen Ihren Bruder zu appelliren; denken — 221 Sie nicht, daß ich ſo unmännlich und unzart bin. Ich appellirte bloß an Sie, damit Sie meine Erklärung hören, daß Sie wiſſen, wie ich nicht hierher gekommen bin, um Vorwürfe zu machen, denn für dieſe hatte mein Herz keinen Raum, es hat nur Raum für meinen Schmerz. Sie können unmöglich die Bitterkeit dieſes Schmerzes ermeſſen, wenn Sie nicht wiſſen, wie oft ich an Tom dachte, wie lange ich unter faſt hoffnungsloſen Verhältniſſen der beſſeren Würdigung ſeiner Freund⸗ ſchaft entgegen ſah, und wie feſt ich auf ihn mich ver⸗ laſſen, auf ihn gebaut habe.“ „Bſt! Bſt! Bſt!“ machte Tom, ſeiner Schweſter zuvorkommend, als ſie ſprechen wollte.„Er iſt im Irrthum, er iſt hintergangen, kehre Dich nicht daran, er wird am Ende gewiß die Wahrheit einſehen.“ „Der Himmel ſegne den Tag,“ rief Martin,„wel⸗ cher mich eines andern belehrt, wenn er je kommen wird.“ „Amen,“ ſagte Tom,„er wird kommen.“ Martin dachte noch eine Zeit lang nach und fuhr dann mit noch milderer Stimme fort: „Sie haben für ſich ſelbſt gewählt, Tom, und wer⸗ den in unſerer Trennung eine Erleichterung finden. Wir ſcheiden nicht im Grolle, wenigſtens ich nicht.“ „Bei mir iſt eben ſo wenig davon die Rede,“ ver⸗ ſetzte Tom. „Sie haben es ſelbſt herbeigeführt, und Sie waren bemüht, es herbeizuführen. Ich wiederhole: Sie haben für ſich gewählt, wie ſich von den meiſten Leuten in Ihrer Lage erwarten ließ, obwohl ich dieſes von Ihnen nicht erwartete. Deßwegen ſollte ich vielleicht die Schuld mehr meiner Unvorſichtigkeit, als Ihnen beimeſſen. Auf der einen Seite winkt Reichthum und Gunſt, auf der andern die werthloſe Freundſchaft eines verlaſſenen, im Leben ſich abkämpfenden Menſchen. Es ſtand Ihnen frei zu wählen, und Sie haben die Wahl in der leich⸗ teſten Weiſe getroffen. Aber die, die den Muth nicht beſitzen, ſolchen Verſuchungen zu niderſehen⸗ ſollten wenigſtens den Muth haben, zu geſtehen, daß ſie dieſen ſi hingegeben haben. Darum tadle ich Sie, Tom, daß Sie mich mit dem Anſcheine von Wärme empfin⸗ gen, daß Sie mich zu freier, offener Rede ermuthigten, Ihnen zu vertrauen, mich verlockten, und daß Sie mir betheuerten, Sie ſeyen im Stande für mich zu handeln, während Sie mich an Andere verkauft hatten. Ich glaube nicht,“ fuhr Martin mit großer Aufregung fort, „ja es kommt mir aus dem Herzen, und ich kann jetzt mit Ihnen von Angeſicht zu Angeſicht ſprechen. Ich glaube nicht, ich kann nicht glauben, daß es in Ihrer Natur gelegen habe, mir ernſtlich Schaden zufügen zu wollen, ſelbſt wenn ich nicht zufällig entdeckt hätte, in weifen Dienſt Sie ſtehen. Aber ich hätte Sie beläſtigt, ich h hätte Sie zu einer Achſelträgerei verleitet, ich hätte der hohen Gunſt Gefahr gebracht, für welche Sie einen ſo hohen Preis einſetzten, für welche Sie Ihr früheres Selbſt verhandelten. Es iſt das Beſte für uns Beide, daß ich das auffand, was Sie vor mir ſo ſehr geheim zu halten wünſchten.“ „Seyen Sie gerecht!“ ſagte Tom, welcher ſeit dem Beginn dieſer Rede ſeinen milden Blick von Martins Angeſicht nicht abgewendet hatte.„Seyen Sie in Ihrer Ungerechtigkeit gerecht gegen mich, Martin; Sie haben vergeſſen, daß Sie mir noch nicht geſagt haben, worin Ihre Anſchuldigung beſteht. „Warum ſollte ich auch?“ erwiderte Martin, mit der Hand abwehrend und ber Thür zuſchreitend.„Sie würden es nich beſſer erfahren wenn ich mich dabei aufhielte; und wenn die Sache dadurch auch nicht ſch limmer würde, ſo könnte es doch mir ſo vorkommen. Nein, Tom, was vergangen iſt, ſoll auch zwiſchen uns vergangen bleiben. In dieſem mugendlide und an die⸗ ſem Orte, an welchem Sie ſo herzlich und ſo gütig mich behandelt haben, kann ich 3 herzlich, wenn auch nicht ſo fröhlich, wie je ſeit unſerm erſten Zuſammen⸗ 223 treffen von Ihnen Abſchied nehmen. Ich wünſche Ihnen Alles Gute, Tom! Ich...“ „So wollen Sie mich verlaſſen? So können Sie mich verlaſſen? Vermögen Sie das 2“ ſagte Tom. „Ich... Sie... Sie haben für ſich ſelbſt gewählt! Tom! Ich.. ich hoffe, daß es eine übereilte Wahl war,“ ſtotterte Martin.„Ich denke, es war ſo. Ich bin überzeugt, daß es ſo war! Gott befohlen!“ Und er war fort. Tom führte ſeine kleine Schweſter zu ihrem Stuhle und ſetzte ſich auf den ſeinigen. Er nahm ſein Buch und las oder that wenigſtens ſo. Als er ein Blatt umwendete, ſprach er laut vor ſich hin: „Es wird eine Zeit kommen, wo es ihm ſehr leid thun wird.“ 1 Dabei rollte eine Thräne über ſeine Wange und fiel auf das Blatt nieder. Ruth ſchmiegte ſich auf ihren Knieen an ſeine Seite und umſchlang mit ihren Armen ſeinen Hals. „Nein, Tom! Nicht doch! Sey nicht troſtlos, lie⸗ ber Tom.“ „Ich bin durchaus nicht troſtlos,“ erwiderte Tom, „es wird Alles noch gut werden.“ „Solch ein grauſamer, ſchlimmer Dank!“ rief Ruth. „Nicht doch,“ verſetzte Tom,„er glaubt es, ich kann mir nicht vorſtellen, warum; aber es wird ſchon wieder gut werden.“ Nuth ſchmiegte ſich jetzt noch feſter an ihn und weinte, als wolle ihr das Herz brechen. „Laß das! Laß das!“ ſagte Tom.„Warum ver⸗ birgſt Du Dein Geſicht, meine Liebe.“ Jetzt brach ſie in einen Strom von Thränen aus. „„O, Tom, lieber Tom, ich kenne das Innerſte Deines Herzens, ich habe es ausgefunden; vor mir konnteſt Du die Wahrheit nicht verbergen; warum haſt Du es mir nicht geſagt? Ich hätte Dich gewiß dann glücklich machen können; Tom, Du liebſt Sie ſo innig!“ 224 Tom machte eine Bewegung mit der Hand, als wolle er ſeine Schweſter haſtig zurückſtoßen; aber ſie fiel auf die ihrige nieder, und ſeine ganze kleine Ge⸗ ſchichte lag in dieſer Bewegung. Es lag in dieſem ſtummen Drucke eine ergreifende Beredtſamkeit. „Obwohl Du ſo treu und ſo gut geweſen, mein Lieber,“ fuhr Ruth fort,„haſt Du den ſchweren Kampf der Selbſtverläugnung gekämpft und biſt ſo edel, ſo wohlwollend und ſo gleichmüthig geweſen, daß ich nie einen haſtigen Blick an Dir gewahrte, nie ein gereiztes Wort von Dir hörte. Und dennoch wurdeſt Du ſo grauſam verkannt! O Tom, lieber Tom, geliebt wie ein anderer Bruder nie geliebt ſeyn kann, wird auch dieſes wieder gut werden? Wird es, Tom? Willſt Du ſtets dieſen Schmerz in Deiner Bruſt tragen, Du, der Du verdienſt, ſo glücklich zu ſeyn; oder iſt noch eine Hoffnung vorhanden?“ Und ſie verbarg ihr Geſicht noch immer vor Tom, ſie hielt noch immer ſeinen Hals umſchlungen, ſie weinte um ihn und ließ ihr ganzes weibliches Herz und ihre Seele in dem Schmerze und in der Erleich⸗ terung dieſer Enthüllung ausſtrömen. Es ſtand nicht lange an, ſo ſaß das Geſchwiſter⸗ paar Seite an Seite, und ſie blickte mit ernſter Ruhe in Toms Geſicht. Dann aber ſprach Tom in heiterem, aber zugleich ernſterem Tone: „Es freut mich unendlich, meine Theure, daß ſich dieſes zwiſchen uns ereignet hat, nicht weil es mich Deiner zärtlichen Liebe verſichert, denn deren war ich längſt ſchon gewiß, ſondern weil es mein Herz von einer ſchweren Laſt befreit hat.“ Toms Augen glänzten, als er von ihrer Liebe ſprach und er küßte ſie auf die Wange. „Mein theures Mädchen,“ fuhr Tom fort,„mit welchem Gefühle ich ſie auch betrachten mag(ſie ſchie⸗ nen, wie in Folge wechſelſeitigen Einverſtändniſſes, den Namen zu vermeiden), ſo habe ich doch längſt, ja ——— —— K Æ 8& — ☛——— ᷣœ ⁴◻⏑ òꝑ— 225 ich kann ſagen vom Anfange an, Alles nur wie einen Traum betrachtet, als eine Sache, welche unter andern Umſtänden, die jedoch nie eintreten werden, möglich ſeyn konnte; aber jetzt ſage mir, was wünſcheſt Du, daß gut werde?“ 1 Sie warf Tom einen ſo bedeutungsvollen Blick zu, daß dieſer ihn wohl für eine Antwort nehmen durfte, und er fuhr fort: „Durch ihre eigene, freie Wahl, meine Liebe, iſt ſie mit Martin verlobt und war es ſchon, ehe er oder ſte etwas von meinem Daſeyn wußten. Du würdeſt ſie mir zugedacht haben?“ „Ja,“ entgegnete ſie auf der Stelle. „Ja,“ wiederholte Tom.„Das hätte die Sache vielleicht nicht gut, ſondern ſchlimm gemacht. Denn,“ fügte er mit einem wehmüthigen Lächeln hinzu,„meinſt Du, daß ſie mich überhaupt hätte lieben können, ſelbſt wenn ſie ihn nie geſehen hätte?“ „Warum nicht, mein theurer Tom?“ Tom ſchüttelte den Kopf und lächelte wieder. „Ruth, Du hältſt mich,“ ſagte Tom,„und es iſt auch ganz natürlich, für den Helden eines Romans, und Du machſt es zu einer Art poetiſcher Gerechtigkeit, daß es mir durch das eine oder das andere unmögliche Mittel zuletzt gelinge, die Perſon zu heirathen, welche ich liebe. Aber es giebt noch eine viel höhere Gerechtigkeit, als die poetiſche, meine Liebe, welche die Ereigniſſe nach einem ganz andern Grundſatze ordnet. Menſchen, welche von ſolchen Bücherhelden leſen und ſelbſt die Rolle der⸗ ſelben ſpielen wollen, halten es für ein gar ſchönes Ding, unzufrieden, duſter und menſchenfeindlich, vielleicht auch ein wenig gottesläſterlich zu werden, weil ſich nicht Alles ihren individuellen Wünſchen fügen kann. Wollteſt Du wohl, daß ich ein ſolcher Menſch würde.“ „Nein, Tom,“ ſagte ſie etwas ſchüchtern,„aber deunnoch weiß ich, daß Dich ein Kummer in Deiner eigenen beſſeren Weiſe drückt.“ 226 Tom wollte dieſe Behauptung beſtreiten. Aber dies wäre reine Thorheit geweſen, und er gab dieſes Vor⸗ haben auf. „Meine Liebe,“ ſagte Tom,„ich will Dir für Deine liebevolle Theilnahme durch die Wahrheit, und zwar durch die volle Wahrheit danken. Ja, es laſtet ein Kummer auf meinem Innern, und ich habe ihn hin und wieder empfunden, obgleich ich fortwährend dagegen gekämpft habe. Denke Dir aber, es ſterbe Dir ein theures Weſen, Du träumſt, daß Du mit dem hinge⸗ ſchiedenen Geiſte im Himmel biſt und es wird Dir dann gewiß ſchmerzlich ſeyn, zu dem Erdenleben wieder zu er⸗ wachen, obgleich dieſes nicht ſchwerer jetzt zu ertragen iſt, als es zur Zeit Deines Einſchlafens zu ertragen war. Es ſtimmt wehmüthig, an einen Traum zu denken, aber man wußte gleich anfangs, daß es nur ein Traum war und grollt deßhalb nicht mit der Wirklichkeit. Dieſe bleibt ſtets dieſelbe, welche ſte war. Iſt meine Schweſter, meine ſüße Gefährtin, die mir dieſen Ort ſo theuer macht, mir weniger geneigt, als ſie es geweſen wäre, wenn dieſe Viſion mich nicht beunruhigt hätte? Mein alter Freund John, der mich doch leicht mit Kälte und Nachläſſigkeit belohnen könnte; iſt er weniger herzlicher gegen mich? Iſt die Welt, die mich umgiebt, nicht ebenſo gut, wie ſie es ſtets war? Sollten meine Worte barſch, meine Blicke grämlich, mein Herz kalt werden, weil mir ein gutes und ſchönes Weſen in den Weg kam, welches mich, abgeſehen von der ſelbſtfüchtigen Klage, daß ich es nicht mein nennen darf, wie alle anderen ſchönen und guten Weſen mich glücklicher und beſſer machen kann! Nein, meine theure Schweſter, nein,“ fuhr Tom nachdrucksvoll fort.„Wenn ich alle Mittel betrachte, welche mir zu meinem Glücke zu Gebot ſtehen, ſo wage ich es kaͤum, dieſes lauernde Ding einen Kummer zu nennen, doch welchen Namen es auch immer tragen mag, ich danke dem Himmel, daß es mich für Liebe und Zuneigung empfänglich macht, und daß es auf mancherlei Weiſe beſänftigend auf mein Inneres wirkt. Ich bin nicht weniger glücklich, Ruth, ja, ich bin nicht weniger glücklich!“ Sie vermochte nicht, ihm hierauf etwas zu erwie⸗ dern, aber ſie liebte ihn, ihn, der es ſo ſehr verdiente, und eben weil er es ſo ſehr verdiente, liebte ſie ihn. „Sie wird Martin die Augen öffnen,“ ſagte Tom mit frohem Stolze,„und was unrecht iſt, wird recht werden. Ich weiß, ſie wird nimmermehr glauben, daß ich ihn verrathen habe. Sie wird ihn belehren, und es wird ihm leid thun. Unſer Geheimniß, Ruth, bleibt unter uns, es ſoll mit uns leben und mit uns ſterben. Ich glaube nicht,“ fügte Tom lächelnd bei,„daß ich Dir jemals etwas davon geſagt haben würde, aber es freut mich, daß Du es ſelbſt aufgefunden haſt.“ Einen ſo angenehmen Spaziergang, als der an jenem Abende war, hatten ſie noch nie gemacht. Tom ſagte ihr Alles ſo freimüthig, ſo einfach und war ſo begierig, ihre Zärtlichkeit mit ſeinem vollſten Vertrauen zu erwiedern, daß ſie lange über ihre gewöhnliche Stunde ausblieben und erſt ſpät nach Hauſe kamen. Als ſie ſich trennten, um ſchlafen zu gehen, lag ein ſo ruhiger ſchö⸗ ner Ausdruck in Toms Geſicht, daß Ruth auf den Zehen⸗ ſpitzen nach ſeinem Zimmer ſchlich und, auf der Schwelle ſtehenbleibend, herum blickte, bis er ſie gewahrte. Dann umarmte ſie ihn noch einmal und entfernte ſich. Und in ihren Gebeten, in ihrem Schlafe— gute Zeiten, Tom, für eine ſo warme Erinnerung— ſtand ſein Name oben an. Als Tom allein war, ſtellte er Betrachtungen über die Entdeckung ſeiner Schweſter an, und wunderte ſich ſehr, wie ſie auf dieſelbe gekommen ſeyn möge.„Vielleicht, weil ich ſo gar vorſichtig war,“ dachte Tom.„Wohl ſehe ich nun klar ein, daß es thöricht und unnöthig war, denn es iſt mir jetzt ſo wohl, da ſie darum weiß. Wozu hatte ich auch nöthig, es vor ihr ſo behutſam geheim zu halten? Natürlich wußte ich, daß ſie ſehr verſtändig 228 iſt und eine raſche Faſſungsgabe hat, und dies war auch der Grund meiner Behutſamkeit. Doch war ich hierauf am wenigſten gefaßt. Ich bin überzeugt, daß ſie ihre Entdeckung plötzlich gemacht hat. Meine Theure,“ fügte er bei,„das iſt doch ein ganz auffallendes Beiſpiel von Scharfblick.“ Tom konnte die Sache nicht aus ſeinem Kopfe bringen. Sie verfolgte ihn noch immer, als er ſein Haupt auf das Kiſſen gelegt hatte.„Wie ſie zitterte, als ſie zu mir ſagte, ſie wiſſe es!“ dachte er, indem er alle die kleinen Ereigniſſe und Umſtände ſich nochmals in's Gedächtniß rief,„und wie ihr Antlitz glühte! Aber das war natürlich; ah ganz natürlich! Das bedarf keiner weitern Erklärung.“ Tom wußte wenig, wie natürlich es ſey, und ließ ſich auch nicht entfernt träumen, daß erſt in der jüngſten Zeit in Ruths eigenem Herzen ſich etwas feſtgeſetzt hatte, was ihr ſein Geheimniß durchblicken half. Ah, Tom, er verſtand das Geflüſter der Templefontaine nicht, ob⸗ gleich er jeden Tag an ihr vorüberwandelte. Wer war wohl beim nächſten Morgen ſo lebhaft und wohlgemuth, wie die emſige Ruth? Ihr frühes Pochen an Toms Thüre, ihr leichter Fußtritt außen, würden Muſik für ihn geweſen ſeyn, wenn ſie auch nicht geſprochen hätte. Aber ſie ſprach, ſie ſagte, es ſey der ſchönſte Morgen, den es nur je gegeben habe; und ſo war es auch. Wenn es aber auch anders geweſen wäre, ſo würde ſie ihn für Tom dazu gemacht haben. Sie war bereits mit ſeinem Frühſtück fertig, als er die Treppe herunter kam, und ſie hatte ihren Hut zu einem Morgenſpaziergange ſo ſchnell bereit, und war ſo voll Neuigkeiten, daß ſich Tom nicht genug wundern konnte. Sie mußte die ganze Nacht über aufgeweſen ſeyn, um ſich für die Unterhaltung des Bruders vorzu⸗ bereiten. Da war Herr Nadgett noch immer nicht nach Hauſe gekommen, da war Brod unten, der Laib zu einem Penny, und da war der Thee noch einmal ſo ſtark * n Sßu.——-28* KR 229 als der letzte; der Mann der Milchfrau war geneſen aus dem Spitale gekommen. Das lockenköpſige Kind über der Straße drüben war geſtern den ganzen Tag verloren geweſen; ſie wollte in verzweifelter Eile alle Arten von Früchten einmachen und zufällig war gerade eine Pfanne im Hauſe, welche vollkommen zu dieſem Zwecke paßte. Aus dem Buche, welches Tom zuletzt mit nach Hauſe gebracht hatte, wußte ſie Alles, obwohl es eigentlich eine Qual war, es zu leſen, und ſie hatte ihm ſo viel zu ſagen, daß ſie ihr Frühſtück ſchon vorher eingenommen hatte. Dann ſetzte ſie ihr Hütchen auf, verſchloß Thee und Zuckere ſteckte die Schlüſſel in den Strickbeutel, die Blume mußte, wie gewöhnlich, Toms Rock zieren, und ſie war in jeder Beziehung bereit, ihn zu begleiten, ehe noch Tom wußte, daß ſie überhaupt Einleitungen getroffen habe. Mit einem Worte, es gab nie ein ſolches Frauenzimmerchen, ſo behauptete Tom mit einer Zuverſicht, welche das ganze Publikum trotzig herausforderte. Sie machte auch Tom geſchwätzig. Es war un⸗ möglich, ihr zu widerſtehen. Sie ſtellte ſo viele ver⸗ führeriſche Fragen an ihn, über Bücher, über Kirchen, über Orgeln, uͤber den Temple und über alle Arten von Dingen. Sie erleichterte ihm in der That den Weg und zugleich auch das Herz in einem ſolchen Grade, daß der Temple ihm ganz öde und einſam vorkam, als er an dem Thore ſich von ihr trennte. „Vermuthlich kommt der Freund des Herrn Fips heute wieder nicht,“ dachte Tom, als er die Treppe hinaufſtieg. Jedenfalls war er noch nicht da, denn die Thüre war wie gewoͤhnlich geſchloſſen, und Tom öffnete ſie mit ſeinem Schlüſſel. Er hatte jetzt die Bücher in die vollſte Ordnung gebracht, die zerriſſenen Blätter geflickt, die zerbrochenen Rücken gepappt, die verwiſchten Titel aufs Neue geſchrieben. Es war jetzt ein ganz veränderter Ort, ſo ordentlich und nett war Alles, und Tom be⸗ 23⁰ trachtete mit nicht geringem Stolze dieſe Veränderung, die ſein Werk war, obgleich Niemand ſich da befand, der ſeine Arbeit hätte loben oder tadeln können. Er war gerade damit beſchäftigt, das Concept ſei⸗ nes Catalogs ins Reine zu ſchreiben und nahm dieſes Geſchäft, weil es nicht eilte, mit der ganzen ſcharfſin⸗ nigen Zierlichkeit vor, die er auf irgend einem Plan oder einer Karte in Herrn Pecksniffs Arbeitszimmey verwandelt hätte. Es war ein wahres Wunder von ei⸗ nem Cataloge, denn Tom hatte bisweilen gemeint, er verdiene in der That das Geld viel zu leicht, und da⸗ rum hatte er beſchloſſen, daß dieſes Document ein wenig von ſeiner überflüſſigen Zeit bekommen ſolle. So arbeitete Tom mit Feder, Lineal, Zirkel, ela⸗ ſtiſchen Gummi, Bleiſtift und mit rother und ſchwarzer Tinte den ganzen Morgen. Er dachte ziemlich viel an Martin und die geſtrige Unterredung. Und es würde ſein Gemüth ſehr erleichtert haben, wenn er das Ergeb⸗ niß ſeinem Freund John hätte mittheilen, und wenn er deſſen Gutachten hätte vernehmen können. Doch da er Herrn Weſtlocks aufbrauſendes Temperament kannte, ſo rief er ſich ins Gedächtniß, wie wichtig ſeine Hülfe Martin in einem wichtigen Moment werden könnte, und wenn er dieſen bei dem drückenden Stande ſeiner Ange⸗ legenheiten ſeines Freundes berauben würde, ſo konnte für ihn ein großer Nachtheil daraus entſtehen. „So will ich es denn für mich behalten,“ ſprach Tom mit einem Seufzer„ich will es für mich ſelbſt be⸗ halten.“. Und um ſich die Sache aus dem Gedächtniſſe zu ſchlagen, begann er emſiger als je Feder und Lineal, Gummi und Bleiſtift, rothe und ſchwarze Tinte zu handhaben. Er mochte beiläufig eine weitere Stunde gearbeitet haben, als er unten am Eingange einen Fußtritt hörte. „Ach,“ ſagte Tom, indem er nach der Thüre blickte, „es war eine Zeit, und es iſt noch nicht lange her, wo —— N R§ SDSN 231 mich das mit neugieriger Erwartung erfüllt haben würde. Aber jetzt habe ich es aufgegeben.“ Die Fußtritte kamen naͤher, die Treppe herauf. „Sechs und dreißig, ſieben und dreißig, acht und dreißig,“ ſagte Tom zählend, nun macht es Halt. Nie⸗ mand iſt über die acht und dreißigſte Treppe herauf⸗ gekommen.“ Die Perſon machte allerdings Halt; aber blos um Athem zu ſchöpfen, denn die Fußtritte ließen ſich wieder vernehmen. „Vierzig, Ein und vierzig, zwei und vierzig u. ſ. w.“ Die Thüre ſtand auf. Als der Fußtritt näher kam, blickte Tom ungedulvig und haſtig durch ſie hinaus. Als endlich eine Geſtalt ſich über das Geländer erhob, auf der Schwelle ſtehen blieb und zu ihm hereinſah, ſtand Tom von ſeinem Sitze auf, und glaubte feſt einen Geiſt zu ſehen. Der alte Martin Chuzzlewit! Derſelbe, welchen er ſchwach und hinfällig bei Pecksniff verlaſſen hatte. Derſelbe? Nein, nicht derſelbe, denn dieſer Mann war zwar alt, aber er war kräftig und lehnte ſich rüſtig auf ſeinen Stock, während er mit der andern Hand Tom ein Zeichen gab, kein Geräuſch zu machen. Ein einzi⸗ ger Blick auf dieſes entſchloſſene Geſicht und dieſes leb⸗ hafte Auge, auf dieſe rüſtige Hand auf dem Stocke, die triumphirende Entſchiedenheit in der Geſtalt und— es ging Tom plötzlich ein ſo lebhaftes Licht auf, daß es ihn blendete. „Sie haben mich lange Zeit erwartet,“ begann Martin. „Man hat mir geſagt, mein Dienſtherr würde bald kommen,“ ſprach Tom„aber...“ „ Ich weiß es. Sie wußten nicht, wer dieſer Dienſt⸗ herr ſey. Das war mein Wille. Ich freue mich, daß ihm ſo Folge geleiſtet wurde. Ich hoffte, viel früher mit Ihnen zuſammen zu treffen. Ich dachte, die Zeit ſey gekommen. Ich dachte, ich könnte nichts mehr und 232 nichts ſchlimmeres von ihm erfahren, als ich an jenem Tage wußte, an welchem ich Sie zum Letztenmale ſah. Aber ich irrte mich.“ Er war jetzt auf Tom zugekommen und ergriff deſ⸗ ſen Hand. 8 „Ich habe in ſeinem Hauſe gewohnt, Pinch, wo er mich Tage, Wochen und Monate lang umwedelte. Sie wiſſen es. Ich habe es geduldet, daß er mich wie ſein Werkzeug behandelte. Sie wiſſen es, denn Sie haben mich dort geſehen. Ich habe zehntauſendmal mehr ertragen, als ich hätte ausdauern können, wenn ich wirklich der miſerable, ſchwache Greis geweſen wäre, für den er mich hielt. Sie wiſſen es. Ich habe ihn geſehen, wie er Mary ſeine Liebe antrug. Sie wiſſen es, niemand beſſer, als Sie, mein treues Herz. Tag für Tag hatte ich ſeine niedrige Seele offen vor mir, und habe mich nicht ein einzigesmal verrathen. Nimmermehr hätte ich mich aber einer ſolchen Marter unterziehen können, hätte es ſich nicht um die Zukunft, um dieſen Augenblick ge⸗ handelt.“ Er hielt inne, ungeachtet der Leidenſchaft⸗ lichkeit ſeiner Sprache, wenn anders ſolche Feſtigkeit und Entſchloſſenheit Leidenſchaft genannt werden kann, um Tom abermals die Hand zu drücken. Dann ſprach er in großer Aufregung: „Schließen Sie die Thüre! Er wird bald hinter mir her ſeyn, und er könnte zu früh kommen. Die Zeit rückt heran,“ ſprach jetzt der alte Mann haſtig und ſeine Augen und ſein ganzes Geſicht leuchteten,„die Zeit rückt jetzt heran, die Alles gut machen wird. Nicht um Millionen Goldſtücke möchte ich jetzt, daß er ſtürbe oder ſich aufhänge! Schließen Sie die Thüre!“ Tom that ſo, er wußte übrigens kaum, ob er wache, oder ob er träume. 2 22 233 Zwölftes Kapitel. Verbreitet ein neues und helleres Licht über einen ſehr dunklen Ort und enthält die Folgen des Unternehmens des Herrn Jonas und ſeines Freundes. Der Abend war gekommen, an welchem der alte Buchhalter ſeinen Wärterinnen überliefert werden ſollte. In Mitte ſeiner verbrecheriſchen Zerſtreutheit hatte Jo⸗ nas das nicht vergeſſen. Es war eine Folge ſeines ſchuldbelaſteten Gemü⸗ thes, daß er ſich daran erinnern mußte, denn auf der Verfolgung dieſes Planes beruhte eine der Vorſichts⸗ maßregeln, welche er für ſeine eigene Sicherheit getrof⸗ fen hatte. Ein Wink, ein Wort des alten Mannes konnte, wenn es in ſolch' einem Momente ein aufmerkſames Ohr erreichte, das Zündrohr des Verdachts in Brand ſetzen und ihn verderben. Seine Wachſamkeit auf jedem Weg, welcher zur Entdeckung ſeines Verbrechens führen konnte, wurde durch das Bewußtſeyn der Gefahr geſchärft, von welcher er umgeben war. Obgleich ein Mord auf ſei⸗ ner Seele laſtete, obgleich deſſen zahlloſe Schrecken und Qualen ihn Tag und Nacht ſolterten, ſo würde er den⸗ noch eine ähnliche Miſſethat wiederholt haben, wenn er gewußt hätte, daß er durch dieſelbe geſichert werde. Das war ſeine Strafe. Das war der Fluch der Miſſethat, daß ſie ihn mit unerträglicher Furcht erfüllte; aber den⸗ noch würde ſie ihn veranlaßt haben, das Verbrechen auf's Neue zu begehen. Wenn er übrigens den alten Mann in Ueberein⸗ ſtimmung mit ſeinem Plane eingeſchloſſen und bewacht hielt, ſo konnte er ſeinen Zweck gleichfalls erreichen. Denn er hatte den Entſchluß gefaßt, unmittelbar nach dem erſten Auflaufe und wenn ſich die Verwunderung ein wenig gelegt haben würde, die Flucht zu ergreifen. Boz, Chuzzlewit. V. 16 234 Hätte er nicht gefürchtet, augenblicklich Verdacht zu er⸗ wecken, ſo wuͤrde er es unverweilt gethan haben. Ueber⸗ dies kannte er die Art, in welcher die beiden Weiber ihren Bedf erfüllen würden, zu gut, als daß er nicht hätte ſicher ſeyn ſollen. Auch hatte er nicht ohne Grund geſprochen, als er ſagte,„der alte Mann müſſe geknebelt werden.“ Er hatte ſich entſchloſſen, ihn zum Schweigen zu bringen, und er hatte dieſes Ziel unaufhörlich im Auge, ohne auf die Mittel zu blicken. Er war ſein ganzes Leben hindurch roh und grauſam gegen den alten Mann ge⸗ weſen, und Wildheit gegen ihn war ihm zur andern Natur geworden, ſo daß ſie nicht mehr auffallend war. „Er muß geknebelt werden, wenn er ſpricht. Er muß gebunden werden, wenn er ſchreibt,“ ſagte Jonas nach ihm hinſehend, denn ſie ſaßen allein beiſammen. „Seine Tollheit rechtfertigt es, ich will mit ihm fertig werden!“ „Bſt.“ Er lauſchte, er lauſchte auf jeden Laut. Er hatte noch keinen Augenblick davon abgelaſſen, und doch war noch nichts gekommen. Das Auffliegen des Aſſekuranz⸗ bureaus, die Flucht Crimple's und Bullamy's mit dem Raube, worunter, wie er fürchtete, ſeine Wechſel ſich befanden, denn er hatte weder dieſe, noch Herrn Pecks⸗ niffs Geld in dem Taſchenbuche des Ermordeten gefun⸗ den, weil derſelbe, ohne Zweifel, beides zuverläſſigen Freunden zur ſichern Aufbewahrung bei dem Banquier übermacht hatte, ſeine ungeheuren Verluſte und die Gefahr, als Theilnehmer der aufgelösten Firma verant⸗ wortlich gemacht zu werden— alle dieſe Dinge dräng⸗ ten ſich unabläſſig in ſeinem Kopfe, obwohl er nicht im Stande war, eine reife Betrachtung derſelben anzuſtellen. Er wußte, was ihm drohte, wie ſchauerlich, hoffnungs⸗ los ſeine Ausſichten waren; aber er dachte nur an die eine gefürchtete Frage, und dieſe behandelte er mit aller Energie. Wenn man die Leiche im Walde ſinden würde, XN RA 8A8N8Nͤ NXNS 8 gF g er e. 235 Er verſuchte unaufhörlich die ſchrecklichen Bilder zu verſcheuchen, die ihm ſeine lebhafte Phantaſie vor⸗ ſpielte, denn vom Vergeſſen konnte keine Rede ſeyn. Aber auch ſie zu verſcheuchen war unmöglich. Immer und immer ging er leiſe, leiſe in dem Gehölze hin und her, er kam näher und näher, er blickte zwiſchen den Zweigen hindurch, er ſcheuchte ſogar die Fliegen auf, welche wie eine Maſſe getrockneter Roſinen, die Leiche dicht bedeckten. Sein Geiſt lauſchte geſpannt auf die Kunde, die er mit jedem Rufe, mit jedem Geſchrei zu empfangem glaubte. Er horchte wenn Jemand herein⸗ kam oder hinausging, er bewachte von dem Fenſter aus die Leute, welche die Straßen auf und ab gingen, und er mißtraute ſogar ſeinen eigenen Blicken und Worten. Und je mehr ſeine Gedanken ſich mit der Entdeckung be⸗ faßten, deſto mächtiger war der Bann, welcher ihn an das Ding feſſelte, welches einſam im Walde lag. Es war ihm ſtets, als müſſe er es jedem Weſen zeigen, welches er ſah. Schau her! Kennſt Du dieſes? Iſt es gefunden? Haſt Du Berdacht auf mich? Wenn er verurtheilt worden wäre, die Leiche in ſeinen Armen zu tragen, und ſie zur Anerkennung jedem vor die Füße zu legen, ſo hätten ſeine Gedanken nicht beſtändiger bei ihr ſeyn, er hätte keine eintönigere und unheimlichere Beſchäftigung für den gegenwärtigen Zuſtand ſeines Geiſtes finden können. Demungeachtet fühlte er noch keine Reue. Er fühlte keine Zerknirſchung, keine Ge⸗ wiſſensbiſſe über das, was er gethan hatte, denn ſeine Unruhe entſtand bloß aus der Sorge für die eigene Si⸗ cherheit. Das noch dämmernde Bewußtſeyn, durch das mörderiſche Unternehmen, ſein eigenes Glück für immer vernichtet zu haben, ſteigerte ſeinen Haß und ſeine Rache und machte ihm das, was er gewonnen hatte um ſo werther. Der Mann war todt; nichts konnte dies un⸗ geſchehen machen, ſchon dieſer Gedanke erfüllte ihn mit Triumph. 16* 236 Er hatte ſchon ſeit der That ein eiferſüchtig wach⸗ ſames Auge auf Chuffey gehabt, denn er ließ denſelben ſelten anders, als wenn es unbedingt nothwendig war, von ſich, und auch dann nur auf möglichſt kurze Zeit. Jetzt befanden ſie ſich allein zuſammen. Die Dämme⸗ rung war eingetreten, und die verabredete Zeit nahte mehr und mehr. Jonas ging in dem Zimmer auf und ab. Der alte Mann aber ſaß in ſeiner gewohnten Ecke. Der leiſeſte Umſtand wurde für den Mörder ein Grund zur Unruhe, und jetzt fühlte er ſich beſonders un⸗ behaglich über die Abweſenheit ſeiner Gattin, welche am Nachmittage bald das Haus verlaſſen hatte und noch nicht zurückgekehrt war. Zärtlichkeit war natürlich die Urſache nicht, wohl aber die Furcht, ſie möge aufgefangen und verlockt worden ſeyn, Dinge gegen ihn auszuſagen, welche ihn belaſten könnten, wenn die Nachricht eintraf. War es denn nicht möglich, daß ſie während ſeiner Ab⸗ weſenheit an ſeiner Thüre geklopft und ſo ſeinen Kunſt⸗ griff entdeckt hatte. Zum Henker mit ihr! Es ſah dem blaſſen Geſichte ganz gleich, im Hauſe auf und ab zu wandeln. Wo war ſie jetzt? „Sie ging zu Frau Todgers, ihrer guten Freun⸗ din,“ antwortete der alte Mann, als ihm dieſe Frage mit einem zornigen Fluche vorgelegt war. Sol da haben wir's! Stets ſtahl ſie ſich fort in die Geſellſchaft dieſes Weibes, welches ſeine Freundin nicht war. Wer könnte ſagen, welche Teufeleien dort ausgebrütet werden, Sie ſollte augenblicklich nach Hauſe geholt werden. Der alte Mann murmelte leiſe einige Worte und erhob ſich, als wolle er ſelbſt gehen; aber Jonas ſtieß ihn mit einer ungeduldigen Verwünſchung in ſeinen Stuhl zurück und ſchickte das Dienſtmädchen ab, ſie zu holen. Nachdem er letzterer dieſen Auftrag ertheilt hatte und ſte fortgegangen war, ſetzte er ſein Auf⸗ und Abgehen im Zimmer fort und machte keinen Augenblick Halt, bis ———— —— ☚ N 237 ſte zurückgekommen, was übrigens ſehr bald geſchah, weil der Weg nicht weit war und das Mädchen ſich nach Kraͤften beeilt hatte. „Nun, wo war ſie? Kam ſie endlich?“ „Nein. Sie war ſchon ſeit drei Stunden nicht mehr da.“ „Nicht mehr da! Allein fortgegangen?“ Der Bote hatte nicht gefragt, meinte aber, das werde wohl ſo ſeyn. „Geh' zum Teufel für Deine Dummheit! Bring' Lichter!“ Kaum war ſie aus dem Gemache getreten, als der alte Buchhalter, welcher Jonas ſeit der Frage nach ſeiner Frau unabläſſig beobachtet hatte, plötzlich auf ihn zukam. „Geben Sie ſie heraus!“ ſchrie der alte Mann, „ohne Widerrede geben Sie ſie mir heraus, ſagen Sie, was Sie mit ihr angefangen haben, ſchnell! In dieſer Hinſicht habe ich kein Verſprechen gegeben. Sagen Sie mir, was Sie mit ihr augefangen haben?“ Während er ſo ſprach, faßte er Jonas am Kragen, und zwar mit einer Kraft, die man ihm nicht hätte zu⸗ trauen ſollen. „Sie dürfen nicht von mir weg!“ rief der alte Mann,„ich bin noch ſtark genug, um die Nachbarn zu rufen, und ich werde ſie rufen, wenn Sie mir nicht auf der Stelle ſie herausgeben. Geben Sie ſie heraus!“ Jonas war ſö entſetzt und von ſeinem Gewiſſen ſo eingeſchuchtert, daß er es nicht wagte, die Hände des alten Mannes mit ſeinen eigenen loszumachen. Ohne einen Finger zu rühren, ſtand er und ſah den andern an, ſo gut es die Dunkelheit erlaubte; endlich brachte er mit Mühe die Frage heraus, was er denn meine. „Ich will wiſſen, was Sie mit ihr angefangen ha⸗ ben,“ entgegnete Chuffey.„Haben Sie ihr nur ein Haar Ihres Hauptes gekrümmt, ſo ſollen Sie jetzt Rede dafür ſtehen! Armes Ding! Armes Ding! Wo iſt ſie?“ „Ei, alter Tollhäusler!“ rief Jonas mit zitternder 238 Stimme und mit bebenden Lippen,„welch' ein Bedlam iſt über Euch gekommen.“ „Was ich in dieſem Hauſe geſehen habe wäre wohl hinreichend, mich wahnſinnig zu machen,“ rief Chuffey, „wo iſt mein alter, theurer Meiſter? Wo iſt ſein ein⸗ ziger Sohn, den ich als Kind auf meinen Knieen ge⸗ ſchaukelt habe? Wo iſt ſie, ſie, die letzte, die ich Tag für Tag ſich abhärmen ſah, und die ich in todtenſtiller Nacht weinen hörte? Sie war die Letzte, die Letzte aller meiner Freunde. Hilf, Himmel! Sie war die Letzte, die Allerletzte.“ Als Jonas bemerkte, daß dem alten Mann die Thränen über das Geſicht hinabrannen, raffte er ſeine Wuth ſo weit zuſammen, um deſſen Hand loszumachen, und ihn zurückzuſtoßen. „Habt Ihr nicht gehört, wie ich nach ihr fragte? Habt Ihr nicht gehört, wie ich nach ihr ſchickte? Wie kann ich herausgeben, was ich nicht habe! Alle Wetter, ich wollte ſte Euch von Herzen gern gönnen, ihr würdet ein köſtliches Paar machen!“ „Wenn Sie Schaden gelitten hat,“ rief Chuffey. „Merken Sie ſich's; ich bin ein alter und thörichter Mann, aber ich habe doch zuweilen mein Gedächtniß; und wenn Sie beſchädigt worden iſt.... 14 „Der Teufel hole Euch!“ fiel Jonas mit unter⸗ drückter Stimme ein.„Welchen Schaden könnte ſie ge⸗ nommen haben? Ich weiß ebenſo wenig als Ihr, wo ſie iſt; ich wollte, ich wüßte es. Wartet, bis ſie nach Hauſe kömmt, und dann überzeugt Euch ſelbſt. Sie kann nicht lange mehr ausbleiben. Seyd Ihr damit zu⸗ frieden?“ „Wohl gemerkt,“ rief der alte Mann,„nicht ein Haar auf ihrem Haupte, nicht ein Haar auf ihrem Haupte darf verletzt ſeyn! Ich könnte es nicht ertragen. Ich... Ich... Ich habe ſchon ſo lange getragen, Jonas. Ich bin ſtumm; aber ich... ich... ich kann ſprechen, ich kann ſprechen,“ ſtotterte er, indem er nach ſeinem Stuhle „ —. —0—Sͤ, 239 zurückkroch und ſeinem Gegner einen drohenden, aber zugleich matten Blick zuwarf. Sie können ſprechen? Können Siees wirklich? dachte Jonas, ſo, ſo, dann wollen wir Ihnen das Maul ſtopfen; es iſt ſehr gut, daß ich es noch zu rechter Zeit erfahren habe. Zuvorkommen iſt beſſer als kouriren. Er hatte einen armſeligen Verſuch gemacht, den Eiſenfreſſer zu ſpielen, zugleich aber auch das Verlangen gezeigt, ſich zu verſöhnen; dennoch fürchtete er ſich vor dem alten Chuffey ſo ſehr, daß große Schweißtropfen ihm auf die Stirn getreten waren und noch immer auf derſelben ſtanden. Der ungewöhnliche Ton ſeiner Stimme und ſein aufgeregtes Weſen hatten die Furcht, welche ihn niederdrückte, hinlänglich gezeigt; aber jetzt, wäh⸗ rend er im Zimmer auf und ab ging, und von Zeit zu Zeit bei dem Scheine der Kerzen nach ihr hinſchielte, jetzt ſprach ſich dieſelbe noch mehr in ſeinem Geſichte aus. Er blieb an einem Fenſter ſtehen, um nachzudenken. In einem gegenüberſtehenden Laden war Licht, und der Krämer las gemeinſchaftlich mit einem Kunden einen gedruckten Zettel, der auf dem Ladentiſche lag. Dieſer Anblick rief ihn plötzlich zu der vergeſſenen Beſchäftigung zurück. Schau her! Kennſt Du dieß? Iſt es gefunden worden? Haſt Du mich im Verdachte? Es pochte an der Thüre.— Wer da.“ „Einen guten Abend,“ entgegnete die Stimme von Mrs. Gamp,„obgleich warm, was ſich natürlich er⸗ warten läßt, Herr Chuzzlewit, Gott behüte Sie, wenn man die Gurken für zwei Penny bekommt. Wie geht's dieſen Abend. Herr Chuffey, Sir?“ Mrs. Gamp hielt ſich während dieſer Worte beſon⸗ ders nahe an der Thüre und mwachte mehr Knire als ge⸗ wöhnlich. Sie ſchien nicht ganz ſo unbefangen zu ſeyn, wie dieß ſonſt bei ihr der Fall war. „Schafft ihn auf ſein Zimmer!“ ſagte Jonas auf ſie zugehend und ihr in's Ohr flüſternd:„Er war dieſen 240 Abend raſend, vollkommen raſend, ſprecht nicht in ſeiner Gegenwart, ſondern kommt wieder herunter.“ „Das arme, ſüße Geſchöpf!“ rief Mrs. Gamp mit ungewöhnlicher Zärtlichkeit,„es zittert am ganzen Leibe.“ „ Das kann nicht anders ſeyn, nach dem ſchlimmen Anfall, den er erlitten hat,“ ſagte Jonas.„Schafft ihn die Treppe hinauf.“ Sie wollte ihn aufrichten. „Da iſt ja mein geſegnetes altes Hühnchen,“ rief Mrs. Gamp in einem Tone, der mit einemmale beruhi⸗ gend nnd ermuthigend war.„Da iſt mein allerliebſter Herr Chuffey. Nun kommen Sie auf Ihr Zimmer hin⸗ auf, und legen Sie ſich ein wenig auf Ihr Bett, es wackelt ja an Ihrem ganzen Leibe, als wenn Ihre koſt⸗ baren Gelenke an Drähten zuſammenhingen. Das gute Geſchöpf, kommen Sie mit Sairey.“ „Iſt ſie nach Hauſe gekommen?“ fragte der alte Mann. „Sie kann jeden Augenblick eintreffen,“ entgegnete Mrs. Gamp.„Kommen Sie mit Sairey, Herr Chuffey! Kommen Sie mit Ihrer Sairey.“ Die gute Frau hatte an eine weibliche Perſon in der Welt nicht gedacht, als ſie die unverzügliche An⸗ kunft derjenigen verhieß, nach welcher Herr Chuffey fragte, denn ſie antwortete bloß ſo, um den alten Mann zu beruhigen. Sie erreichte auch ihren Zweck, denn er ließ es geſchehen, daß ſie ihn fortführte, und ſie begaben ſich miteinander aus dem Zimmer. Jonas ſah wieder zum Fenſter hinab. Drüben im Laden laſen ſie noch immer das gedruckte Blatt, und ein Dritter war hinzugekommen. Was mochte wohl der Gegenſtand ſeyn, der ſie ſo ſehr intereſſirte. Ein Streit, oder eine Erörterung mußte zwiſchen ihnen ſtatthaben, denn alle drei blickten zugleich von ihrem Leſen auf und einer derſelben, der über die Schultern des Andern weg⸗ geſehen hatte, trat zurück, um irgend eine Handlung durch Geberden zu erläutern. — — ⁴ N N N ¶ N8 241 Entſetzen! Es war derſelbe Schlag, den er im Walde geführt hatte.— 3 Es riß ihn vom Fenſter hinweg, als wäre der Schlag auf ihn ſelbſt geführt worden. Während er in ſeinen Stuhl zurückwankte, dachte er an die Verände⸗ rung, die mit Mrs. Gamp ſtattgehabt hatte, und an ihre neue erwachte Zärtlichkeit gegen ihren Pflegling. Hatte es vielleicht ſeinen Grund darin, daß die Sache entdeckt war, daß ſie davon wußte, daß ſie ihn bearg⸗ wohnt?“ „Herr Chuffey hat ſich niedergelegt,“ ſagte Mrs. Gamp zurückkehrend,„feinenfalls kann ihm dieß ſchaden, t6 kan ihm nur gut thun; Herr Chuzzlewit, uur ge⸗ roſt!“ „Nehmen Sie Platz,“ ſagte Jonas heiſer,„und laſſen Sie uns dieſes Geſchäft beendigen. Wo iſt die andere Weibsperſon?“ „Die andere iſt eben jetzt bei ihm,“ antwortete ſie. „Gut,“ ſagte Jonas,„ſein Anfall iſt von der Art, daß man ihn nicht ſich ſelbſt überlaſſen darf. Denken Sie nur, er hat mich dieſen Abend hier am Rocke an⸗ gepackt, wie ein toller Hund. So alt und ſo ſchwach er gewöhnlich iſt, ſo hat es mich doch Mühe gekoſtet, ihn loszumachen. Sie... ſtill... doch nein, es iſt nichts, Sie haben mir den Namen der andern Frau ge⸗ nannt, aber ich habe ihn vergeſſen.“ „Ich habe von Beſſey Brig geſprochen,“ erwiederte Mrs. Gamp. „Kann man ihr trauen?“ „Nein, ſie iſt nicht zuverläſſig,“ ſagte Mrs. Gamp, „und ich habe ſie auch nicht mitgebracht, Herr Chuzz⸗ lewit, ſondern eine andere, welche alle Satisfaktion geben wird.“— „Wie nennt ſie ſich?“ fragte Jonas. Mrs. Gamp ſah ihn, ohne eine Antwort von ſich zu geben, in einer ziemlich ſeltſamen Weiſe an, obwohl ſie die Frage augenſcheinlich ſogleich verſtanden hatte. 242 „Wie nennt ſie ſich?“ wiederholte Jonas. „Ihr Name,“ antwortete Mrs. Gamp,„iſt: Harris.“ Es war auffallend, welche Anſtrengung das Aus⸗ ſprechen dieſes Namens Mrs. Gamp koſtete, dieſes Na⸗ mens, mit dem ſie ſonſt ſo ſchnell bei der Hand war. Sie mußte zwei oder dreimal anſetzen, ehe ſie ihn her⸗ vorbrachte, und als es ihr endlich gelang, drückte ſie die Hand an die Seite und ſchlug die Augen auf, als wolle ſie ohnmächtig werden. Da aber Jonas wußte, daß ſie an einer innerlichen komplicirten Krankheit litt, welche hie und da einige Tropfen Branntweins unentbehrlich machten, und daß dieſe beſonders dann ſtark auftrat, wenn das Mittel nicht bei der Haud war, ſo glaubte er, fie ſey gegenwärtig das Opfer einer dieſer Anfälle. „Gut“ ſagte er haſtig, denn er fühlte, wie unfähig er ſey, ſeine umherſchweifende Aufmerkſamkeit auf den Gegenſtand zu fixiren.„Sie haben alſo mit ihr die nöthige Einleitung getroffen, für ihn zu ſorgen?“ Mrs. Gamp antwortete mit: Ja! und bediente ſich zugleich ihrer gewöhnlichen Redensart,„abwechſelnd, die eine kommt, die andere geht.“ Aber ſie ſprach dieß in einem ſo bebenden Tone, daß ſie ſich veranlaßt ſah, bei⸗ zufügen:„Wie ſehr doch meine Nerven dieſen Abend auf⸗ geregt ſind!“ Jonas lauſchte plötzlich, dann ſagte er haſtig: „Wir werden keine Händel wegen der Bedingungen bekommen, wir belaſſen es bei den früheren. Bewacht ihn genau und haltet ihn ruhig. Er muß gezwungen werden. Er hat ſich dieſen Abend in den Kopf geſetzt, mein Weib ſey todt und fuhr auf mich los, als ob ich ſie umgebracht hätte. Es iſt... Es iſt, wie ich glaube, bei wahnſinnigen Leuten gewöhnlich, daß ſie ſich von ſolchen Leuten, die ſie am meiſten lieben, das aller⸗ ſchlimmſte in den Kopf ſetzen. Sind Sie nicht auch der Meinung?“ Mrs. Gamp bejahte durch ein kurzes Stöhnen. „Halten Sie ihn daher gut eingeſchloſſen,“ fuhr er 8 N er fort,„denn er könnte in einem ſeiner Anfälle mir ein Leid zufügen. Sie dürfen ihm zu keiner Zeit trauen, denn wenn er am Vernünftigſten zu ſeyn ſcheint, führt er die tollſten Reden, doch, das wiſſen Sie ja Alles. Laſſen Sie mich jetzt die andere ſehen. „Die andere Perſon, Sir?“ fragte Mrs. Gamp. „Ja, gehen Sie zu ihm und ſchicken Sie mir die andere herab, ſchnell! Ich habe zu thun.“ 3 Mrs. Gamp machte rücklings zwei oder vrei Schritte gegen die Thüre und blieb vor derſelben ſtehen. „Es iſt alſo Ihr Wunſch, Herr Chuzzlewit,“ ſagte ſte mit einer Art bebenden Trotzes,„daß die andere Perſon zu Ihnen kommt? Iſt es ſo?“ 3 Aber die auffallende Veränderung, die mit Jonas vorgegangen war, zeigte ihr, daß die andere Perſon be⸗ reits geſehen worden. Ehe ſie nach der Thüre ſich um⸗ ſchauen konnte, wurde ſie ſchon von der Hand des alten Martin bei Seite gedrückt, und mit dieſem traten John Weſtlock und Chuffey, ein. „Niemand darf das Haus verlaſſen!“ ſagte Martin. „Dieſer Mann iſt meines Bruders Sohn, freilich ein höchſt ungerathener, ein höchſt gottvergeſſener Bube. So wie er ſich von der Stelle rührt, auf welcher er ſteht, wenn er zu irgend Jemand hier ein lautes Wort ſpricht, dann reißt die Fenſter auf und ruft um Hülfe.“ „Welches Recht haben Sie, ſolche Befehle. in dieſem Hauſe zu geben?“ fragte Jonas mit klangloſer Stimme. „Das Recht, welches mir Deine Miſſethaten geben. Kommt herein!“ Ein nicht zu unterdrückender Schreckensruf entfuhr den Lippen des Jonas, als Lewſome zur Thüre herein⸗ trat. Es war nicht ein Stöhnen, nicht ein Wort, nicht ein Ton, wie ihn je die Anweſenden ſonſt vernommen, und dennoch bezeichnete er ſchnell und ſchrecklich das, was in dieſer ſchuldbelaſteten Bruſt vorging. Die Na⸗ tur mußte ihn erfunden haben. 3 Hatte er deßwegen gemordet? Hatte er deßwegen 244 ſich ſelbſt mit Gefahren, Todesangſt und unzählbaren geiſtigen Qualen umgeben? Sein Geheimniß lag in dem Walde begraben, niedergeſtampft in den blutbefleckten Boden, und hier, wo er es, am Wenigſten erwartete, viele Meilen weit von der Stelle, trat es mit ſeinem ganzen Entſetzen ihm gegenüber. Es war Vielen be⸗ kannt, und tönte ihm von den Lippen eines alten Man⸗ nes entgegen, der wie durch ein Wunder ſeine Kraft wieder erlangt hatte, um Zeugniß gegen ihn zu geben. Er ſtemmte ſeine Hand auf eine Stuhllehne und ſah ſie an. Es war vergebens, daß er die Miene der Verachtung, oder ſeiner gewöhnlichen Unverſchämtheit anzunehmen ſich bemühte. Er nahm ſogar zu dem Stuhle ſeine Zuflucht, allein es war ohne Erfolg. „Ich kenne dieſen Burſchen,“ ſagte er, nach jedem Worte Athem holend und mit zitternden Fingern auf Lewſome deutend.„Er iſt der größte Lügner der Welt. Was hat er wohl jetzt wieder erſonnen! Ha, ha! Und Ihr ſeyd mir auch ſaubere Geſellen! Mein Onkel hier iſt kindiſch. Er iſt ſogar ein größeres Kind, als ſein Bruder, mein Vater, in ſeinen alten Tagen war, oder als dieſer Chuffey hier iſt. Was zum Teufel wollt Ihr beginnen?“ fügte er mit einem wilden Blicke auf John Weſtlock und Mark Tapley, welcher mit Lewſome ein⸗ getreten war, bei,„daß Ihr mit zwei Blödſinnigen und einem Buben hieherkommt, um mein Haus im Sturme einzunehmen. Hallo! herbei! Die Thüre aufgemacht, hinaus mit dieſen Fremden!“. „Ich will Euch etwas ſagen,“ rief der nun näher tretende Tapley,„wenn es nicht um Euren Namen ſich handelte, ſo würde ich Euch auf meine eigene Rechnung, auf meine eigene Gefahr durch die Straßen ſchleppen! Ja, das würde ich! Verſucht es daher nicht, gegen mich den Prahlhans zu ſpielen! Das dürft Ihr nicht, denn es ſteht Euch nicht an. Fahren Sie jetzt ſort,“ fügte er, an den alten Martin ſich richtend, bei.„Bringen Sie dieſen mörderiſchen Vagabunden auf ſeine Kniee! — K u——ꝛ——— 72—- 245 Wenn er Lärm macht, ſo ſoll er deſſen bald ſatt ſeyn Denn ich will durch das Fenſter ein Geſchrei erheben, daß halb London herbeiſpringen ſoll. Fahren Sie fort, Sir! Er ſoll mich nur einmal in Verſuchung führen, und er ſoll ſehen, ob ich der Mann bin, der Wort hält oder nicht.“ Mark ſchlug nun ſeine Arme übereinander, ſetzte ſich auf das Fenſtergeſimſe und machte eine Miene, welche andeutete, daß er ebenſo bereit ſey, ſelbſt hinauszuſprin⸗ gen, als Jonas hinauszuwerfen, ſo wie er nur das min⸗ deſte Zeichen erhalte, daß das Eine oder das Andere der Geſellſchaft angenehm ſey. Der alte Martin wandte ſich an Lewſome und ſagte, ſeine Hand gegen Jonas ausſtreckend: 4 „Dies iſt der Mann? Iſt er es?“ „Sie dürfen ihn nur anſehen, um ſich davon zu überzeugen! Die Wahrheit meiner Angabe ſpricht ihm aus dem Geſichte. Er ſelbſt iſt meine Zunge!“ „O, Bruder!“ rief der alte Martin, indem er die Hände faltete und ſie vor ſeine Augen hielt.„O Bru⸗ der! Bruder! Mußten wir uns unſer halbes Leben wie Fremde gegenüber ſtehen, damit Du einen Elenden er⸗ zögeſt, wie dieſen, damit ich mir das Leben zu einer Einöde machte, indem ich jede Blume, die um mich blühte, zertrat. Iſt es die natürliche Frucht Deiner und meiner Grundſätze, daß dieſes Geſchöpf Deiner Zucht, Deines Unterrichts, Deines Ringens, Deines Zuſammenſcharrens ſo ausfallen mußte, daß es mir zuſtel, das Mittel zu ſeiner Beſtrafung zu werden, da nichts die verſchwendete Vergangenheit wieder gut machen kann?“ Während er ſo ſprach, ſetzte er ſich auf einen Stuhl nieder; dann wandte er ſein Geſicht ab, und ſchwieg für einige Momente. Er errang ſeine Energie wieder, und fuhr fort: 3 „Aber die fluchwürdige Ernte unſeres verfehlten Le⸗ bens ſoll niedergetreten werden. Noch iſt es nicht zu ſpät dazu. Ihr ſeyd jetzt dieſem Manne gegenüber ge⸗ 246 ſtellt, dieſem Ungeheuer, welchem nicht Schonung, nur Gerechtigkeit zu Theil werden ſoll. Hört, was er ſagt. Du magſt nun antworten, Du magſt ſtumm bleiben, widerſprechen, trotzen, Du magſt thun, was Du willſt; was ich mir vorgeſetzt habe, wird dadurch nicht ge⸗ ändert!“; „Und Sie,“ ſagte er zu Chuffey,„mein guter, alter Mann, ſprechen Sie ſich aus, um der Liebe zu Ihrem alten Freunde willen.“ „Ihm zu Liebe bin ich ſtumm geweſen,“ rief der alte Mann.„Er drängte mich dazu. Ich mußte es ihm auf dem Sterbebette verſprechen. Nie wäre etwas über meine Lippen gekommen, wenn Ihr ſelbſt nicht ſo viel entdeckt hättet. Ich habe ſeitdem immer daran gedacht; ich konnte nicht anders, und ich habe bisweilen davon geträumt; aber bei Tage, nicht im Schlafe.“ „Gibt es denn ſolche Art von Träumen?“ fragte Chuffey, indem er ängſtlich in das Geſicht des alten Martins blickte. Als Martin eine ermuthigende Antwork gab, lauſchte er aufmerkſam der Stimme deſſelben und lächelte. „Ja, ja,“ rief er,„oft hatte er ebenſo mit mir ge⸗ ſprochen, wir waren mit einander in der Schule; er und ich. Sie wiſſen, ich konnte gegen ſeinen Sohn nicht auftreten, gegen ſeinen einzigen Sohn, Herr Chuzzlewit.“ „Wollte Gott, daß Sie ſein Sohn geweſen wären,“ verſetzte Martin. „Sie ſprechen ſo ganz wie mein lieber alter Herr,“ rief Chuffey in kindlichem Entzücken,„daß ich ihn faſt zu hören glaube. Ich verſtehe Sie ebenſo gut, wie ich ihn verſtand; ha, es macht mich wieder jung. Nie ſprach er unfreundlich mit mir, und immer verſtand ich ihn. Ich konnte ihn auch immer ſehen, obgleich mein Geſicht trübe geworden. Nun, nun! Er iſt todt! er iſt todt. Er war ſehr gütig gegen mich, mein alter theurer Herr.“ Er ſchüttelte wehmüthig ſeinen Kopf über der Hand terdrücken, die kein Blut erſticken, die keine Erde ver⸗ 247 des Bruders. In dieſem Augenblicke verließ Mark, wel⸗ cher zum Fenſter hinausgeſehen hatte, das Gemach. „Sie erkennen es, ich konnte nicht gegen ſeinen einzigen Sohn auftreten,“ ſprach Chuffey, ich konnte nicht gegen ihn auftreten, obgleich er mich bisweilen faſt ſo weit trieb, wie namentlich dieſen Abend.“ „Ach!“ rief der alte Mann, indem er ſich plöͤtzlich an die Urſache erinnerte,„wo iſt ſie, iſt ſie nicht nach Hauſe gekommen?“. „Meinen Sie ſeine Gattin?“ fragte Herr Chuzzlewit. „Ja.“ „Ich habe ſie bei Seite geſchafft. Sie iſt unter meiner Obhut, und die Nachricht von dem, was hier vorgeht, ſoll ihr erſpart werden. Sie hat ohne dies Elend genug erfahren.“ Jonas hörte dies mit vernichtetem Herzen; er wußte, daß man ihm auf der Ferſe war, und er fühlte, daß ſich Alles zu ſeinem Verderben vereinigte. Der Boden wich Zoll für Zoll unter ſeinen Füßen, enger und enger zog ſich der Kreis der Vernichtung gegen ihn ſelbſt zuſam⸗ men, gegen ihn ſelbſt, gegen ſein ſchändliches Centrum zuſammen, bis er ihn erdrückte. Und nun vernahm er die Stimme ſeines Miſſchul⸗ digen, er hörte alle Umſtände aufs Ausführlichſte in ſeiner Gegenwart entwickeln. Der Mitſchuldige ſprach offen, ohne Rückhalt, ohne Leidenſchaft, ohne Unwahr⸗ heit, ohne Beſchönigung, er ſprach die Wahrheit, er ſprach die reine Wahrheit, die Wahrheit, die nichts un⸗ decken konnte; die Wahrheit, deren ſchreckliche Begeiſte⸗ rung ſchwache Greiſe in kräftige Männer verwandelte, auf deren rächenden Schwingen ein Weſen herbeigetragen wurde, welches der Verbrecher in dem fernſten Winkel der Welt glaubte. „CEr verſuchte zu läugnen; aber die Zunge verſagte ihm den Dienſt: Der verzweifelte Gedanke bemächtigte ſich ſeiner, einen Weg zur Flucht gewaltſam zu erzwin⸗ 248 gen und durch die Straßen zu rennen; aber ſeine Glle⸗ der vermochten nicht, ſeinem Willen zu gehorchen, ebenſo wenig, als es ſein ſtarres, ſteiſes, ſtieraugiges Geſicht vermochte. Die ganze Zeit hindurch fuhr die Stimme fort, ihn anzuklagen. Es war, als ob jeder Tropfen Blutes im Walde eine Zunge gefunden habe, um ihn zu verhöhnen. Als ſie aufhörte, ergriff eine andere Stimme das Wort, aber in einer ganz ſeltſamen Weiſe; denn der alte Buchhalter, welcher aufmerkſam des ganzen Vorgangs gelauſcht und von Zeit zu Zeit ſeine Hände gerungen hatte, als wiſſe er die Wahrheit und koͤnne ſie bekräftigen, brach jetzt in die Worte aus: „Nein, nein, nein! Ihr habt Unrecht! Ihr habt Unrecht! Alle zuſammen habt Ihr Unrecht! Habt Ge⸗ duld! Die Wahrheit kenne nur ich!“ „Wie wäͤre dies nach dem möglich, was Sie gehört haben?“ ſagte der Bruder ſeines alten Meiſters.„Und haben Sie mir nicht ſo eben, auf Ihrem Zimmer oben, als ich Ihnen die Beſchuldigungen gegen ihn mittheilte, erklärt, Sie wiſſen, daß er der Morder ſeines Vaters ſey?“ „Ja« ja, er iſt es auch!“ rief Chuffey, ganz außer ſich,„er iſt es auch, aber nicht wie Ihr meint, nicht ſo wie Ihr meint! Halt! Laßt mir einen Augenblick Zeit, ich habe Alles hier... Alles hier. Es war ſchändlich, grauſam, abſcheulich, aber nicht wie Ihr glaubt. Halt, halt!“ Er legte ſeine Hände an ſeinen Kopf, als ob ihn dieſer ſchmerze, und nachdem er eine Zeitlang unſtät und ausdruckslos umher geblickt hatte, heftete er ſeine Augen auf Jonas, und nun begannen dieſe zu glühen, wie wenn plötzlich Erinnerung und Verſtand zurückgekehrt wäre. „Ja,“ rief der alte Chuffey,„ja! So ging es zu. Jetzt liegt Alles vor mir. Er... Er ſtand vor ſeinem Bette, ehe er ſtarb, um zu ſagen, daß er ihm vergebe, und er kam mit mir in dieſes Zimmer herunter, und als er ihn ſah, ſeinen Sohn, ſeinen einzigen Sohn, den er liebte, da verſagte ihm ſeine Sprache. Er hatte keine α☛0l———— u Zunge fuͤr das, was er wußte, und Niemand, mich aus⸗ war ſein Herz! Es war ja ſein einziger Sohn!— Und 249 genommen, verſtand ihn. Aber ich verſtand ihn, ja ich verſtand ihn!“ Der alte Martin und alle Anweſenden betrachteten ihn mit Verwunderung. Mrs. Gamp, welche bisher ſprachlos geweſen, und ſich zu zwei Drittheilen hinter die Thüre verſteckt hatte, um jeden Augenblick entwiſchen zu können, mit dem letzten Drittheil aber das Zimmer be⸗ hauptete, um ſich im Falle der Noth auf die ſtärkſte Seite zu ſchlagen, kam nun ein wenig näher und be⸗ merkte ſeufzend, daß Herr Chuffey das ſüßeſte alte Ge⸗ ſchöpfe ſey, welches es auf der Welt gäbe.. „Er kaufte den Stoff,“ fuhr Chuffey fort, indem er ſeine Arme gegen Jonas ausſtreckte, und während ſein Auge von einem ſo ungewöhnlichen Feuer leuch⸗ tete, daß es ſein ganzes Geſicht erleuchtete;„er kaufte den Stoff ohne Zweiſel in der Weiſe, wie Ihr gehört habt, und brachte ihn nach Hauſe. Er miſchte den Stoff— ſeht ihn an!— mit etwas Latwerge in einem Topf, welcher gerade ſo ausſah, wie der, in welchem ſein Vater ſeinen Höllenſaft hatte, und ſtellte ihn in eine Schublade, in dieſe Schublade, in dem Pulte; er weiß, welche Schublade ich meine. Dort hielt er's ein⸗ geſchloſſen; aber entweder fehlte es ihm an Muth, oder ſein Herz wurde gerührt.— Mein Gott, ich hoffe es er ſtellte den Topf nicht an den gewöhnlichen Platz, ſonſt würde mein alter Meiſter zwanzigmal im Tage davon genommen haben.“ Die Geſtalt des alten Mannes zitterte in der hef⸗ tigen Aufregung, welche ſich ſeiner bemächtigt hatte. Aber das Leuchten ſeiner Augen währte fort, er ſtreckte die Arme aus, und da die grauen Haare ſich auf dem Kopfe ſträubten, ſchien er an Größe zu wachſen, und er ſah aus, wie ein Begeiſterter. Jonas fürchtete ſich, ihn anzublicken, er kauerte ſich auf dem Stuhle nieder, Boz, Chuzzlewit. V. 17 an welchem er ſich hielt; es hatte den Anſchein, als ob dieſe entſetzliche Wahrheit auch den Stummen zur Sprache zwingen könne. „Ich weiß jetzt jedes Wort!“ rief Chuffey,„jedes Wort! Er ſtellte den Topf in dieſe Schublade, wie ich geſagt habe, er giug ſo oft hin, er that ſo geheimniß⸗ voll damit, daß ſein Vater aufmerkſam darauf wurde, und eines Tages, als er weggegangen war, die Schub⸗ lade öffnete. Wir waren beiſammen, Herr Chuzzlewit und ich, und wir fanden die Miſchung. Er nahm ſie in Beſitz und machte ſich aufangs nichts daraus, aber in der Nacht kam er an mein Bett, weinte und ſagte mir, daß ſein eigner, einziger Sohn damit umgehe, ihn zu vergiften.„O, Chuff,“ ſagte er,„o, lieber, alter Chuff, eine Stimme drang heute Nacht in mein Zim⸗ mer und rief mir zu, daß ich ſelbſt Schuld an dieſem Verbrechen trage. Es begann, als ich ihn lehrte, all⸗ zubegierig nach meiner Verlaſſenſchaft zu ſeyn, denn dadurch wurde die Hauptſache ſeines Lebens das Erwar⸗ ten derſelben. Dieß waren ſeine Worte, ja, das waren ſeine eigenen Worte! Wenn er hie und da ein harter Mann war, ſo war er es nur ſeines einzigen Sohnes wegen. Er liebte dieſen einzigen Sohn und war ſehr gütig gegen mich.“ Mit wachſender Aufmerkſamkeit lauſchte Jonas; ein Strahl der Hoffnung dämmerte in ihm auf. „Er ſoll ſich nicht aus Sehnſucht nach meinem Tode abhaͤrmen, Chuff, ſagte er mir zunächſt,“ fuhr der alte Buchhalter fort, indem er ſich die Augen wiſchte.„Das ſagte er mir zunächſt, und dabei weinte er wie ein kleines Kind. Er ſoll ſich nicht aus Sehn⸗ ſuch nach meinem Tode abhärmen, Chuff. Er ſoll Alles jetzt ſchon haben; dann mag er heirathen, wenn er Luſt hat, Chuff, wenn ich auch ſchon keinen Gefallen daran habe, und Du und ich wir wollen miteinander weggehen und von einem kleinen Vorbehalte lehen. Ich liebte ihn immer, vielleicht wird er mich dann lieben. — — ———— X σ— 25⁵¹ Es iſt was Entſetzliches, zu wiſſen, daß mein eigenes Kind nach meinem Tode dürſtet. Aber ich hätte es wiſ⸗ ſen können. Ich habe geſäet und muß nun ernten. Er ſoll glauben, daß ich das Ding da genommen habe, wenn er dann Alles hat, was er will, und wenn ich ſehe, daß es ihm leid thut, ſo will ich ihm ſagen, daß ich ihn entdeckt habe und daß ich ihm vergeben will. Das ſoll dann einen beſſeren Menſchen aus dieſem ein⸗ zigen Sohne machen, er wird vielleicht auch ſelbſt ein beſſerer Sohn werden, Chuff.“ Der alte Chuffey machte eine Pauſe, um ſeine Augen zu trocknen. Der alte Martin verbarg ſein Ge⸗ ſicht noch immer in ſeinen Händen. Jonas lauſchte noch gieriger, ſeine Bruſt hob ſich wie ſchwellende Ge⸗ wäſſer, aber mit Hoffnung, mit wachſender Hoffnung. „Mein lieber, alter Meiſter,“ fuhr jetzt Chuffey fort,„ſtellte ſich am andern Tage, als habe er aus Ver⸗ ſehen aus dem Bunde einen Schlüſſel genommen, wel⸗ cher zufällig paßte, und habe damit die Schublade geöff⸗ net(wir hatten einen machen laſſen und dieſen an den Bund befeſtigt). Es habe ihn gewundert, friſchen Vor⸗ rath von Huſtenarznei an einem ſolchen Orte zu finden, er habe aber geglaubt, ſie ſey in der Eile hineingeſtellt worden, als die Schublade auf war. Wir verbrannten es, aber ſein Sohn glaubte, daß er es einnehme, er wußte nicht anders. Um ihn auf die Probe zu ſtellen, faßte Herr Chuzzlewit einmal den Muth, zu ſagen, die Arzenei habe einen ganz ſonderbaren Geſchmack; ſein Sohn ſtand ſogleich auf und ging weg. Jonas wurde von einem kurzen, trockenen Huſten befallen, dann vertauſchte er ſeine Stellung gegen eine gemächliche und ſchlug die Arme übereinander, ohne die Anweſenden anzuſehen, obgleich dieſe ihn feſt im Auge behielten. „„Herr Chuzzlewit ſchrieb an ihren Vater, ich meine den Vater des armen Dings, welches ſein Weib iſt,“ 17* 1 2⁵²— ſagte Chuffey watter,„bewog ihn, herzukommen, weil er die Heirath zu beſchleunigen gedachte. Aber ſein Geiſt litt, gleich dem meinigen, unter dem Kummer und der Noth, und dann brach ſein Herz. Von der Zeit an, als er Nachts zu mir gekommen war, ſchwand er ſchnell dahin und vermochte nicht, wieder ſein Haupt zu erheben. Es waren nur einige Tage, aber ſie hat⸗ ten ihn mehr verändert, als doppelt ſo viele Jahre. Bevor er ſtarb, ſagte er zu mir: Schone ihn, Chuff! Dieß waren die einzigen Worte, welche er ſprechen konnte.„Schone ihn, Chuff! Ich verſprach ihm, es ))) zu thun, und habe Alles aufgeboten, um Wort zu hal⸗ ten. Er iſt ſein einziger Sohn.“ Bei dieſem Rückblick auf die letzte Scene in dem Leben ſeines alten Freundes verſagte dem alten Chuf⸗ fey die Stimme, welche immer ſchwächer und ſchwä⸗ cher geworden war. Er machte eine Bewegung mit ſeiner Hand, welche ſagen wollte, Anthony habe ſie ergriffen und ſey unter ſeinem Händedrucke geſtorben. Dann zog er ſich in die Ecke zurück, wo er gewöhn⸗ lich ſeinen Kummer verbarg, und blieb fortan ſtumm. Jetzt konnte Jonas wieder ſeine Umgebung an⸗ blicken, und er that es noch obendrein recht prahlend. „Nun!“ ſagte er nach einer Pauſe,„ſeyd Ihr zufrieden? Oder habt Ihr noch weitere Ränke im Hin⸗ terhalt? Dieſer Knabe da, Lewſome, kann ſie ja zu Dutzenden erfinden. Iſt das Alles? Habt Ihr ſonſt nichts mehr?“ Der alte Martin faßte ihn ſcharf in's Auge. „Ob Ihr da ſcheint, was Ihr bei Pecksniff zu ſeyn ſcheint oder nicht, das weiß ich nicht und kümmere mich wenig darum,“ ſagte Jonas, indem er mit einem Lächeln auf ihn nieder blickte.„Jedenfalls ſeyd Ihr ein Prahlhans und ich brauche Euch nicht hier. Als Euer Bruder noch am Leben war, fandet Ihr Euch ſo oft hier ein, und Ihr hattet einander ſtets ſo gern (Euer lieber theurer Bruder und Ihr, Ihr beide wür⸗ 25³ det einander früher Maulſchellen gegeben haben), daß es mich nicht im Mindeſten wundert, wie Ihr ſo ſehr an dem Orte hängt. Der Ort ſelbſt aber will nichts von Euch, und Ihr könnt ihn nicht zu bald, wohl aber vielleicht zu ſpät verlaſſen. Und was mein Weib belangt, alter Mann, ſo ſchickt ſie mir augenblicklich her oder es ſoll ihr übel ergehen. Ha! ha! Ihr fahrt ja ſo großartig einher! Aber man hängt die Leute noch nicht, wenn ſie für ihren eigenen Gebrauch Gift im Werthe eines Penny einthun, und wenn ein paar alte Gimpel dahinter kom⸗ men, um damit eine Komödie zu ſpielen, ha! ha! Seht Ihr die Thür?“ Sein niedriger Triumph, der mit Feigheit, Beſchä⸗ mung und Schuldbewußtſeyn kämpfte, war ſo verab⸗ ſcheuungswuͤrdig, daß ſich Alle von ihm abwandten, wie von einem abſcheulichen unfläthigen Thiere. Und noch dazu das letzte ſchwarze Verbrechen, das in ſeinem In⸗ nern wühlte und ihm den Untergang mit den grellſten Farben vormalte! Wäre dieſes nicht geweſen, ſo würde ihn vielleicht die Geſchichte des alten Buchhalters gar nicht oder nur leicht ergriffen haben, immerhin würde dann doch die Entfernung einer ſo großen Laſt ſogar eine heilſame Aen⸗ derung in ihm erzeugt haben. Aber mit einer ſolchen That auf dem Gewiſſen, mit einer That, die er nutzloſer Weiſe an ſein Leben geheftet hatte, mußte ſich die Verzweiſlung ſogar in ſeinen Triumph miſchen, die wilde, unbezähm⸗ bare, wüthende Verzweiflung darüber, daß er ſich nutzlos in Gefahr geſtürzt hatte. Eine Verzweiflung, die ihn gänzlich verhärtete, die ihn zur Tobſucht trieb, die ihm ſogar im Augenblicke des Triumphes die Zähne zuſam⸗ menknirſchen machte. „Mein guter Freund,“ ſagte Martin, ſeine Hand auf Chuffey's Arm legend,„das iſt der Platz nicht, an dem Sie bleiben können; kommen Sie mit mir.“ „Ganz ſeine alte Weiſe!“ rief Chuffey, ihm in's Angeſicht blickend.„Ich glanbe faſt, Herr Chuzzlewit ſey wieder lebendig geworden. Ja, nehmen Sie mich mit! Doch halt, halt!“ „Warum!“ fragte Martin.. „Ich kann das arme Ding da nicht verlaſſen,“ ſagte Chuffey,„ſte war wahrhaft gütig gegen mich, und ich kann ſie nicht verlaſſen, Herr Chuzzlewit. Ich danke Ihnen verbindlichſt, ich will hier bleiben. Es liegt we⸗ nig daran, denn es währt ohnehin nicht lange mehr.“ Als dieſes graue, arme Haupt ſo dem alten Martin unter demüthigen Schütteln dankte, wurde Mrs. Gamp, welche ſich nun ganz im Zimmer befand, zu Thränen gerührt. „Es iſt Gottes Hand!“ ſagte ſie,„daß eine ſo liebe, gute, ehrwürdige Kreatur nicht in Beſſey⸗Brigs Krallen gerieth, und er wäre dieſen ohne Zweifel nicht entgan⸗ gen, wenn ich nicht geweſen wäre.“ „Ihr habt gehört, was ich eben ſagte, alter Mann,“ ſprach Jonas, zu ſeinem Oheim gerichtet,„ich dulde nicht, daß man länger mit meinen Leuten unter der Decke ſpiele, geſchähe es auch von wem immer. Seht Ihr die Thür?“ „Seht Ihr die Thür?“ antwortete die Stimme Marks, welche aus dieſer Richtung kam,„ſchaut nur nach ihr!“ 4 Jonas ſchaute in Folge dieſer Aufforderung hin, und ſein Blick blieb wie feſt gebannt. Unſelige, ver⸗ hängnißvolle Schwelle, verflucht von den Fußtritten ſei⸗ nes Vaters in ſeiner letzten Stunde, verflucht durch die Fußtritte ſeines abgehärmten jungen Weibes, verflucht durch den Schatten, den täglich die Geſtalt des armen Buchhalters auf ſie warf, verflucht durch die darüber ſchreitenden Mörderfüße!— welche Männer ſtanden da unter der Thür? Nadgett vorne an. Horch, es kommt herauf, wie ein brüllender See! Zeitungsträger brachen in die Straße und riefen es auf und ab, Fenſter wurden aufgeriſſen, damit es die Be⸗ —, -—— 25⁵ wohner hörten, Leute blieben auf der Straße und dem Trottoir ſtehen, um zu hören; die Glocken ſingen zu läu⸗ ten an, die nämlichen Glocken, ſich übereinander tum⸗ melnd in einem Tanze lärmender Freude über die Ent⸗ deckung(denn dieſen Klang hatten ſie in ſeinen verwirrten Gedanken), daß ſogar ihr luftiger Spielplatz wankte. „Dieß iſt der Mann!“ ſagte Nadgett,„der dort am Fenſter.“ Drei andere kamen herein, legten Hand an ihn, be⸗ mächtigten ſich ſeiner, und dieß geſchah Alles ſo ſchnell, daß ſeine Handgelenke bereits gefeſſelt waren, ehe er noch ſeine Blicke von dem Geſicht des Angebers abgewendet hatte. „Es iſt ein Mord verübt worden,“ ſagte Nadgett, in der erſtaunten Menge umherblickend.„Niemand ſoll ſich darein mengen.“. Die wiederhallende Straße wiederholte das Wort: Mord! Grauſamer, entſetzlicher Mord, Mord, Mord! Es wälzt ſich von Haus zu Haus, es ſchallte wieder von Stein zu Stein, bis die Stimmen in einem Geſumme verhallten, welches noch immer daſſelbe Wort auszuſpre⸗ chen ſchien. Alle blieben ſtumm ſtehen, horchten, ſahen ſich gegenſeitig an, während der Lärm weiter zog. Mar⸗ tin war der erſte, welcher ſprechen konnte; er fragte: „Was iſt denn das für eine ſchreckliche Geſchichte?“ „Fragen Sie ihn,“ ſagte Nadgett,„Sie ſind ſein Freund, Sir. Er kann es Ihnen ſagen, wenn er will. Denn er weiß mehr davon als ich, obgleich ich genug davon weiß.“ „Und wieviel wiſſen Sie?“ „Ich habe ihn nicht vergeblich ſo lange bewacht,“ verſetzte Nadgett,„noch nie habe ich einem Manne ſo emſig aufgelauert, wie dieſem.“ Wieder ein anderes Phantom dieſer ſchrecklichen Wahrheit! Abermals eines von den ſchrecklichen Ge⸗ ſpenſtern, die aus dem Nichts gegen ihn erſtanden. Daß gerade dieſer Mann, allein unter allen andern 2⁵6 Menſchen der Welt gleichfalls ſeine Identität verän⸗ dern, ſeinen ſcheuen, blödſinnigen, unachtſamen, Charak⸗ ter abwerfen und als ein lauernder Feind gegen ihn auftreten mußte! Wenn der Tod ſelbſt aus ſeinem Grabe erſtanden wäre, hätte es Jonas nicht ſo ſehr entſetzen und verwirren können. Das Stück war aus, das Wettrennen war zu Ende, der Strick für ſeinen Hals war geſponnen. Wenn er durch ein Wunder dieſer Gefahr entzogen worden wäre, ſo hätte er ſein Geſicht nur nach einer beliebigen andern Richtung wenden dürfen, um, Ange⸗ ſicht gegen Angeſicht, einen neuen Rächer gegen ihn auftauchen zu ſehen, ſey es nun ein Kind, das in einer Stunde alt geworden, ein Greis, der ſich in derſelben Zeit verjüngte, ein Blinder, der die Sehkraft, ein Tauber, der das Gehör wieder erlangt hatte. Da war kein Ausweg. Er brach zuſammen, ſank an der Wand nieder und gab von dieſem Augenblicke an jede Hoffnung auf. „Ich bin nicht ſein Freund, aber leider haftet die Schande auf mir, ſein Verwandter zu ſeyn,“ ſagte Herr Chuzzlewit.„Sie können ſich daher wohl gegen mich ausſprechen. Wo haben Sie ihn bewacht und was haben Sie geſehen?“ „An vielen Orten,“ entgegnete Nadgett,„habe ich ihm aufgelauert, bei Tag und bei Nacht. Zuletzt be⸗ wachte ich ihn, ohne mir auch nur einen Augenblick Ruhe zu gönnen, ſein blaſſes Geſicht und die roth unterlaufenen Augen beſtätigten dieſes— ich dachte we⸗ nig, wozu meine Wachſamkeit führen würde, ebenſo wenig als er, da er Nachts in jenen Anzug gekleidet ausging, welchen er ſpäter zuſammengebunden über die Londonbrücke hinabwarf.“ Jonas krümmte ſich am Boden, wie ein Menſch, welcher eine ſchwere körperliche Qual erduldet. Ein unterdrücktes Aechzen ſtöhnte aus ſeinem Munde, wie wenn er durch eine grauſame Waffe verwundet worden, 2⁵⁷ und dann zerrte er an den eiſernen Handſchellen, wie wenn er ſich ſelbſt zerreißen möchte, wenn ſeine Hände frei wären. „Halt, Vetter!“ ſagte der Anführer der Polizei⸗ mannſchaft,„Stellt Euch nicht ſo ungeſtüm!“ „Wen nennt Ihr Vetter?“ fragte der alte Martin finſter. 8 „Unter andern auch Euch,“ antwortete der Mann. Martin warf einen prüfenden Blick auf ihn. Er ſaß nachläſſig auf einem Stuhle, die Arme auf der Lehne aufgeſtemmt und knackte fortwährend Nüſſe, deren Schalen er zum Fenſter hinauswarf. „Ja,“ ſagte er mit einem eigenthümlichen Kopf⸗ nicken:„Sie mögen immerhin Ihren Neffen verläug⸗ nen, bis Sie ſterben. Aber Chevy Slyme bleibt Chevy Slyme, ſo lange er lebt. Vielleicht möchten Sie ſogar ein wenig Schande darin finden, weil Ihr eigenes Blut in dieſer Weiſe betheiligt iſt. Nun, ich laſſe mit mir abhandeln.“ „O, Selbſtſucht überall,“ rief Martin,„überall nur das Selbſt.“ „Sie thäten wohl, einem oder dem andern die Mühe zu ſparen, indem Sie ebenſo gut für ſie als für ſich ſelbſt wären;“ verſetzte ſein Neffe.„Betrach⸗ ten Sie mich!“ Können Sie es, ohne ſich zu ſchämen, mit anſehen, daß ein Mitglied Ihrer Familie, welches im kleinen Finger mehr Talent hat, als alle Uebrigen mit einander in den Köpfen, wie ein Unteroffizier von der Polizei gekleidet iſt. Ich habe Ihnen zum Ver⸗ druſſe dieſes Gewerb ergriffen. Ich dachte aber nicht, daß ich einen ſolchen Fang in der Familie machen würde.“ 1 „Wenn Deine und Deiner erklärten Freunde Aus⸗ ſchweifungen Dich wirklich ſo weit herabgeſetzt haben,“ erwiederte der alte Mann,„ſo bleibe bei Deinem Ge⸗ ſchäfte, hoffentlich lebſt Du ehrlich, und das iſt auch etwas.“ 258 „Sprechen Sie nicht ſo verächtlich über meine erwählten Freunde,“ entgegnete Slyme,„denn ſie ſind bisweilen auch die Ihrigen geweſen. Sagen Sie nicht, Sie hätten meinen Freund Tigg nicht beſchäftigt, denn ich weiß es beſſer, da ich eben deswegen mit ihm Händel bekommen habe.“ „Ich habe den Menſchen gemiethet und ihn dafür bezahlt,“ erwiederte Herr Chuzzlewit. „Es iſt gut, daß er bezahlt iſt,“ verſetzte ſein Neffe,„denn jetzt würde es zu ſpät ſeyn, weil er ſeine Quittung eingegeben hat, oder weil ſie ihm viel⸗ mehr abgezwungen wurde.“ Der alte Mann ſah ihn an, als ſey er neugierig, den Sinn ſeiner Worte zu erfahren; er verſchmähte jedoch, die Unterhaltung fortzuſetzen. „Ich habe ſtets erwartet, daß er und ich im Lauf des Geſchäftslebens wieder zuſammenkommen würden,“ fuhr Slyme fort, indem er nochmal eine Handvoll Nüſſe aus der Taſche zog.„Ich war der Meinung, man brauche ihn wegen irgend einer kleinen Gaunerei. Nie wäre es mir eingefallen, daß ich den Verhaftsbe⸗ fehl gegen ſeine Mörder zu vollziehen haben würde.“ „Seinen Mörder!“ rief Herr Chuzzlewit, indem er die Anweſenden der Reihe nach anblickte. „Seinen, oder Herrn Montagues Mörder,“ ſagte Nadgett.„Beide ſind dieſelbe Perſon, wie ich hörte. Ich klage dieſen Menſchen da des Mor⸗ des des Herrn Montague an, welcher geſtern Abend in einem Walde erſchlagen gefunden worden iſt. Sie werden wiſſen wollen, worauf ich die Beſchuldigung gründe, da Sie mich bereits gefragt haben, wieviel mir bekannt ſey. Ich will es Ihnen ſagen, da es ohnehin nicht lange mehr unbekannt ſeyn wird.“ Die Leidenſchaft des Mannes drückte ſich ſogar jetzt in dem Tone des Bedauerns aus, womit er die nahe Veröffentlichung deſſen beklagte, was ihm ſelbſt bekannt war. — .⸗ 259- „Ich habe Ihnen bereits geſagt, daß ich ihn be⸗ wachte,“ fuhr er fort.„Ich war von Herrn Mon⸗ tague, der mich für einige Zeit beſchäftigte, hiemit be⸗ auftragt. Wir hatten Argwohn auf ihn, und Sie ſind mit deſſen näheren Umſtänden bekannt, da Sie die Sache verhandelten, ſeit wir vor der Thüre draußen warteten. Wenn Ihnen noch, da Alles vorüber iſt, daran liegt, zu erfahren, auf welche Weiſe wir auf den Verdacht geriethen, ſo will ich es Ihnen unverho⸗ len mittheilen. Aus einer flüchtigen, ſeinem Munde entfallenen Bemerkung, entnehmen wir, daß er Streit mit einem andern Büreau gehabt habe, bei welchem das Leben ſeines Vaters verſichert war. Die Sache nahm eine ſo bedenkliche Wendung, daß er mit der Aſſekuranz⸗Kompagnie einen Vergleich einging und zu⸗ frieden war, mit der halben Prämie davon zu kom⸗ men. Ich ſpürte Zoll für Zoll noch weitere Umſtände aus, die gegen ihn ſprachen, und es waren deren nicht Wenige. Es erforderte ein wenig Geduld, doch dies iſt mein Beruf. Ich fand die Wärterin, da iſt ſie, und kann es beſtätigen. Ich fand den Doktor, den Leichenbeſtatter und deſſen Gehülfen; ich vernahm fer⸗ ner, wie dieſer alte Gentleman hier, Herr Chuffey, ſich bei der Beerdigung benommen hatte, und was die⸗ ſer Mann, er berührte dabei Lewſome's Arm, in ſei⸗ nem Fieber ausplauderte. Sein eigenes Benehmen bei ſeines Vaters Tod ſo wie ſpäter lieferte mir die weiteren Umſtände; ich ſchrieb Alles nieder, ſtellte es ſorgfältig zuſammen und brachte genug heraus, daß ihn Herr Montague des Verbrechens anklagen konnte, welches er ſelbſt noch bis zu dieſem Abende begangen zu haben glaubte. Ich war zugegen, als es geſchah. Sie ſehen ihn jetzt, er ſieht nur ein wenig ſchlechter aus, als damals.“ „O, elender, erbärmlicher Thor! O unerträgliche, qualvolle Folter! Da mußte er lebend und thätig das Gehirn und die rechte Hand des Geheimniſſes finden, 260 während er bemüht geweſen, es zu unterdrücken! Hätte er den Gemordeten durch die Zauberei in einen Felſen einmauern können, die Geſchichte würde doch gelebt und ſich verbreitet haben. Er verſuchte mit den ge⸗ feſſelten Armen ſich die Ohren zuzuſtopfen, um das Uebrige nicht zu hören. Während er ſich auf dem Boden wälzte, zogen ſich alle Anweſenden von ihm zurück, wie wenn ſein Athem verpeſtet ſey. Einer nach dem Andern verließ dieſen Theil des Zimmers, ſo daß er allein dalag; ſelbſt ſeine Wächter ſcheuten ſich vor ihm und hielten ſich entfernt von ihm, Slyme ausgenommen, welcher noch immer mit ſeinen Nüſſen beſchäftigt war. „Von jenem da drüben liegenden Dachfenſter aus,“ fuhr Nadgett fort, indem er über die enge Straße hinüberzeigte„habe ich dieſes Haus und ihn Tag und Nacht bewacht. Von jenem Dachfenſter aus, ſah ich ihn von der Reiſe, welche er mit Herrn Montague angetreten hatte, allein zurückkehren. Das war für mich das Zeichen, daß Herr Montague ſein Ziel er⸗ reicht habe, und ich häͤtte mir meine Wache erleichtern können, obſchon ich nicht ganz davon abzulaſſen hatte, ſo lange ich nicht von ihm entlaſſen worden war. Am nämlichen Abende, nach dem Eintritte der Dunkelheit, ſah ich aus einer Seitenthüre im Hofe einen Mann in Bauernkleidern herauskommen, der nicht in das Haus hineingegangen war. Ich kannte ſeinen Gang und ent⸗ nahm daraus, daß er es ſelbſt war, und daß er ſich verkleidet hatte; ich folgte ihm auf der Stelle und verlor ihn auf der weſtlichen Straße, da er ſeinen Weg immer weiter und weiter fortſetzte.“ Jonas blickte einen Augenblick zu ihm auf und ſtieß einen Fluch aus. 3 „Ich konnte nicht begreifen, was dies zu bedeuten habe,“ fuhr Nadgett fort,„aber nachdem ich einmal ſo viel geſehen hatte, nahm ich mir vor, noch mehr zu ſehen, die Sache ganz zu durchblicken. Und es ge⸗ 261 lang mir. Ich erkundigte mich bei ſeiner Frau nach ihm und erhielt von ihr die Nachricht, er ſchlafe in dem Zimmer, aus welchem ich ihn hatte herausgehen ſehen, und er habe ſtrengen Befehl ertheilt, ihn nicht zu wecken. Nun, er mußte wieder zurückkommen, und ich lauerte ihm auf. Die ganze Nacht hielt ich Wache in der Straße, auf Thürſchwellen und an ähnlichen Orten. Am folgenden Tage kam ich von meinem Fenſter nicht weg, und als die Nacht abermals ein⸗ brach, verfügte ich mich wieder auf die Straße. Ich konnte mir denken, daß er zurückkehren werde, wie er ausgegangen war, und zwar ſo bald, als ſich dieſer Theil der Straße geleert haben würde. So geſchah es. In des Morgens Frühe kam derſelbe Mann, in Bauernkleidung, ſchleichend, ſchleichend, ſchleichend⸗ nach Hauſe.“ „Seht Euch vor,“ unterbrach ihn Slyme, welcher mit ſeinen Nüſſen fertig geworden war,„das iſt ganz irregulär, Herr Nadgett.“ Ohne auf ihn zu achten, ſprach Nadgett weiter: „Ich blieb den ganzen Tag über an meinem Fenſter, ohne ihn zu ſehen. Ich glaube, daß ich nie meine Augen ſchloß. Abends ſah ich ihn mit einem Bündel herauskommen und folgte ihm wieder. Er ging die Treppe bei der Londonbrücke hinab, und verſenkte den Bündel in den Fluß. Ich begann nun ernſtliche Beſorgniſſe zu hegen, machte der Polizei eine Mit⸗ theilung und dieſe ließ jenen Bündel...“ „Auffiſchen,“ fiel Slyme ein.„Seyd doch etwas ſchneller, Herr Nadgett!“. „Er enthielt den Anzug, den ich ihn hatte tragen ſehen,“ ſetzte Nadgett ſeine Erzählung fort.„Dieſer Anzug war mit Ton und Blut beſudelt. Die offtzielle Anzeige des Mordes lief geſtern Abends ein; man hatte den, der dieſe Kleider trug, in der Nähe des Platzes geſehen, und ſah ihn auch in der Gegend herumſchlei⸗ chen. Auch ſtieg er zu einer Zeit von einer Kutſche, welche genau mit der Zeit übereinſtimmt, als ich ihn nach Hauſe kommen ſah. Der Verhaftsbefehl iſt gegen ihn ausgefertigt und dieſe Dienſtmänner hier ſind ſchon einige Stunden bei mir. Wir ſuchten unſere Zeit aus, und da wir Sie hereingehen ſahen, zugleich auch dieſe Perſon am Fenſter bemerkte... „So winktet Ihr ihm,“ ſagte Mark, den Faden der Erzählung aufgreifend, ſo wie er hörte, daß auf ihn ſelbſt angeſpielt werde,„die Thüre zu öffnen, was ich denn auch mit großem Vergnügen gethan habe.“ „Dies genüge vor der Hand,“ ſagte Nadgett, indem er ſein großes Taſchenbuch einſteckte, welches er aus purer Gewohnheit bei dem Beginne ſeiner Erzählung herausgenommen und fortwährend in ſeinen Händen ge⸗ halten hatte;„aber es iſt noch viel übrig. Sie haben Thatſachen verlangt, die ich Ihnen auch gab, und nun brauchen wir dieſe Gentlemen nicht länger hinzuhalten. Sind ſie fertig, Herr Slyme?“ „Schon lange,“ verſetzte dieſer Würdige, ſich erhe⸗ bend.„Wenn Sie nach dem Polizeibureau gehen, ſo werden wir gleichzeitig mit ihnen da ſeyn. Tom, ſchaff' eine Chaiſe herbei.“ Der alſo angeredete Sbirre entfernte ſich zu dieſem Zwecke. Der alte Martin zögerte einige Augenblicke, als wolle er noch einige Worte mit Jonas ſprechen, als er jedoch umherblickte und ihn noch immer auf dem Boden ſah, auf welchem er ſich in wilden Krümmungen umherwälzte, nahm er Chuffey's Arm und folgte lang⸗ ſam Herrn Nadgett. John Weſtlock und Mark Tapley ſchloſſen ſich den Abgehenden an. Mrs. Gamp aber war zuerſt hinausgeeilt, um ihre Gefuhle in einer Art von wandernder Ohnmacht um ſo beſſer zur Schau tra⸗ gen zu können. Denn Ohnmachten aller Art ſtanden ihr gegen mäͤßige Berückſichtigung zu Gebote, wie Herrn Mould die Leichenbeſtattungen. „Ha,“ murmelte Slyme, ihnen nachblickend,„bei meiner Seele! Er iſt ſo unempfänglich gegen die Schmach, 263 einen Neffen, wie ich bin, in einer ſolchen Lage zu haben, wie wenn ich in hohen Ehren ſtünde und der Familie Anſehen brächte. Iſt das der Lohn, daß ich meinen Geiſt, ſo weit demüthigte— ſolch einen Geiſt, wie den meinigen— um für das tägliche Brod zu ar⸗ beiten.“ Er erhob ſich von ſeinem Stuhle und ſtieß ihn un⸗ willig zurück. „Und überdies noch um ein ſolches Brod, während Hunderte von Menſchen, die mir nicht einmal das Licht reichen dürfen, in Equipage einherfahren und von ihren Reichthümern leben. Meiner Seele, das iſt eine ſaubere Welt!“ Seine Augen ſielen auf Jonas, der angelegent⸗ lich zu ihm aufblickte und ſeine Lippen bewegte, als wenn er etwas flüſtere. „Was?“ fragte Slyme. Jonas ſchielte nach den andern Sbirren hin, welche rücklings daſtanden, und machte eine unbeſtimmte Be⸗ wegung mit ſeinen gefeſſelten Händen gegen die Thüre. „Hm,“ ſagte Slyme gedankenvoll,„ich kann nicht hoffen, ihn mit etwas herabzuwürdigen, obgleich Ihr mir ſo weit vorangekommen ſeyd. Ich vergaß das.“ Jonas wiederholte denſelben Blick und die nämliche Geberde. „Jonas!“ rief Slyme. „Halls!“ entgegnete dieſer. „Geht an die Thüre hinab und ſeht nach der Chaiſe. Sobald ſie kommt, ruft Ihr uns. Es iſt beſſer, wenn Ihr unten ſeyd. Wohlan denn,“ fügte er bei, indem er ſich nach Entfernung dieſes Mannes raſch an Jonas wandte,„was giebt es?“ Jonas verſuchte, aufzuſtehen. „Haltet ein wenig,“ ſagte Slyme,„das geht nicht ſo leicht, wenn die Hände ſo feſt zuſammengefeſſelt ſind. Nun denn, auf! Was wollt Ihr?“ 3 „Steckt Eure Hand in meine Taſche! Hier in die Bruſttaſche, auf die linke Seite,“ ſagte Jonas. 8 264 Slyme that ſo und zog eine Börſe hervor. „Es ſind hundert Pfund darin,“ ſagte Jonas, deſſen Worte faſt unverſtändlich waren, deſſen Geſicht, wegen ſeiner Bläſſe und ſeiner Todesangſt kaum menſchlich ge⸗ nannt werden konnte. Slyme betrachtete ihn, gab ihm das Geld zurück und ſchüttelte den Kopf. „Ich kann nicht, ich darf nicht! Und wenn ich auch wollte, ſo wäre es unmöglich. Dieſe Burſche unten...“ „Entwiſchen iſt unmöglich,“ verſetzte Jonas,„ich weiß es. Hundert Pfund für nur fünf Minuten in dem nächſten Zimmer.“ „Was wollt Ihr dort?“ fragte Slyme. Das Geſicht des Gefangenen hatte ſich Slyme’s Ohr genähert, um ihm etwas zuzufluſtern, dieſer aber ſuhr unwillkürlich zurück. Er hielt jedoch inne und hörte ihn an. Es waren nur wenige Worte. Allein ſte machten ſein Geſicht erröthen. „Ich habe es bei mir,“ ſagte Jonas, die Hände an ſeine Kehle legend, als ob das, wovon er geſprochen, in ſeinem Halstuche verborgen ſey„Wie kann man glauben, daß Ihr davon gewußt habt? Wie konntet Ihr es überhaupt wiſſen? Hundert Pfund für nur fünf Mi⸗ nuten im nächſten Zimmer? Die Zeit enteilt. Sprecht!“ „Es würde beſſer— beſſer für die Familie ſeyn,“ bemerkte Slyme mit bebenden Lippen.„Ich wünſchte, daß Ihr mir nicht halb ſo viel geſagt hättet. Weniger hätte zu Eurem Vorhaben genügt. Ihr hättet es für Euch behalten können.“ 3 3 „Hundert Pfund für fünf Minuten nur im nächſten Zimmer! Sprecht!“ rief Jonas verzweifelnd. 5 Er nahm die Börſe, Jonas zog ſich mit heftigem, unſtätem Schritte nach der Thüre in der Glasſcheide⸗ wand hin. „Halt!“ ſchrie Slyme, indem er ihn am Rock er⸗ faßte,„ich weiß nichts davon. Doch muß es zuletzt ein ſolches Ende nehmen. Seyd Ihr ſchuldig?“ 26⁵ „Ja,“ ſagte Jonas. „Sind die Beweiſe ſo, wie Sie Euch eben vorge⸗ halten wurden?“ „Ja,“ entgegnete Jonas. „Wollt Ihr... Wollt Ihr Euch verpflichten... ein Gebet oder etwas der Art zu ſprechen?“ ſtotterte Slyme. Jonas riß ſich ohne Antwort von ihm los und machte die Thüre hinter ſich zu. Slyme horchte an dem Schlüſſelloche. Hierauf ſchlich er auf den Zehen zurück, ſo weit er konnte, und ſah entſetzt nach dem Platze hin. Die Ankunft des Wagens und das Niederſchlagen des Tritts ſchreckte ihn auf. „Er packt noch etwas von ſeinen Sachen zuſam⸗ men,“ rief er zum Fenſter hinab den beiden Männern zu, welche in der vollen Beleuchtung einer Straßenla⸗ terne daſtanden.„Damit der Form genügt wird, faſſe einer von Euch die Hinterſeite des Hauſes in's Auge.“ Einer von den Dienern der Polizei begab ſich in den Hof, während der andere ſich auf den Kutſchentritt ſetzte und mit dem unter dem Fenſter ſtehenden Slyme ſprach. Letzterer war vielleicht deſſen Vorgeſetzter, ver⸗ möge des alten Hanges geworden, ſtets um die Ecke zu kommen, deſſen der Ermordete ſo rühmlich erwähnt hatte, eine ſehr nützliche Gewohnheit in ſeinem gegenwärtigen Berufe. „Wo iſt er?“ fragte der Mann. Slyme ſchaute für einen Moment in das Zimmer zurück und gab ſeinem Kopfe einen Ruck, als wolle er ſagen:„dicht an meiner Hand, ich ſehe ihn.“ „Er iſt gebucht?“ fragte der Sbirre. „Vollſtändig,“ erwiederte der Slyme. Sie ſahen ſich an, dann ſchauten ſie die Straße hinauf und die Straße hinab. Der Mann auf dem Kutſchentritte nahm ſeinen Hut ab, ſetzte ihn wieder auf Boz, Chuzzlewit. V. 18 266 und pfiff ein wenig.„Ich meine, er nimmt ſich Zeit,“ ſagte der Sbirre. „Ich erlaube ihm fünf Minuten,“ antwortete Slyme, „indeſſen iſt die Zeit abgelaufen. Ich will ihn hinunter bringen.“ Er entfernte ſich von dem Fenſter und ſchlich auf den Zehen nach der Scheidewand. Er lauſchte. Kein Laut war zu vernehmen. Er holte die Lichter herbei, um den jenſeitigen Raum durch das Glas hindurch zu erleuchten. Er konnte ſich nur ſchwer entſchließen, die Thüre zu öffnen. Endlich riß er ſie mit Geräuſch weit auf und wich dann zurück. Jetzt lauſchte er noch einmal, dann trat er ein. Er erſchrak ſehr, als ſeine Augen denen ſeines Ge⸗ fangenen begegneten, welcher in einer Ecke ſtand und ihn ſtier anſtarrte. Sein Halstuch war heruntergenom⸗ men, ſein Geſicht fahl wie Aſche. „Ihr kommt zu früh,“ ſagte Jonas mit einem ab⸗ ſcheulichen Wimmern.„Ich habe noch nicht Zeit gehabt. Ich bin noch nicht im Stande geweſen, es zu thun... ich... fünf Minuten noch... zwei Minuten nur noch!... nur eine noch!“ Slyme gab ihm keine Antwort, ſondern warf ihm die Börſe zu, zwängte ſie in ſeine Taſche hinein und rief ſeinen Gehülfen.„ Jonas winzelte, weinte, fluchte, bat, zappelte und fügte ſich; Alles in einem Athemzuge. Er fühlte ſich ſo elend, daß er nicht ſtehen konnte; man ſchaffte ihn in die Kutſche hinab, wo man ihm einen Sitz anwies; „aber er fiel ſogleich ſtöhnend von demſelben herab auf das Bodenſtroh und blieb da liegen. 8 Die beiden Diener der Polizei ſaßen bei ihm, wäh⸗ rend ſich Slyme zu dem Kutſcher auf den Bock geſetzt hatte. Man ließ den Gefangenen liegen. Auf dem Wege kamen ſie an einem Obſtladen vorüber, welcher geſchloſſen war, obwohl die Hausthüre aufſtand. Einer 3 der beiden Sbirren meinte, die Pfirſchen hätten einen ſtarken Geruch. Der andere pflichtete ihm in dem Augenblicke bei. Unmittelbar darauf aber beugte er ſich beunruhigt zu dem Geſangenen nieder und betrachtete ihn. „Haltet die Kutſche an! Er hat ſich vergiftet! Der Geruch kommt aus dieſem Fläſchchen in ſeiner Hand.“ Seine Hand war dicht darüber und zwar ſo feſt geſchloſſen, wie kein Lebender in der vollen Blüthe ſeiner Kraft eine errungene Beute zu umkrallen vermag. Sie zogen ihn heraus in die dunkle Straße; aber weder Jury, noch Richter, oder Henker hätten mehr thun können, konnten aber jetzt nichts mehr thun. Todt, todt, todt! Dreizehntes Kapitel. In welchem die Tiſche völlig umgekehrt werden. Des alten Martins Pläne, welche er ſo lange ge⸗ hegt, ſo lange in ſeiner Bruſt verborgen hatte, obwohl ſte während ſeines Aufenthalts bei Herrn Pecksniff oft⸗ mals in Gefahr waren, in Entrüſtung aufzulodern, waren in ihrer Ausführung wegen der ſo eben berichteten Ereigniſſe um einige Stunden verzögert worden. Die Kunde, welche ihm Tom Pinch und John Weſtlock über den vermuthlichen Anlaß des Todes ſeines Bruders ge⸗ bracht hatten, die nachſolgenden Erzählungen Chuffey's und Nadgetts, der die grauſenhafte Kette von Umſtänden abſchließende Tod des elenden Jonas, welcher ihm ſo⸗ gleich mitgetheilt wurde, hatten betäubend und nieder⸗ drückend auf ihn gewirkt und für einen Augenblick ſeinen Hoffnungen einen großen Stoß gegeben. 64 Die Ereigniſſe, die ſich ſo furchtbar zwiſchen ihn 18 und ſein Ziel drängten, brachten ihn jedoch bald wieder zu raſchem und rückſichtsloſem Handeln. In jedem einzelnen Umſtande, war er auch noch ſo herzzerreißend, noch ſo elend oder heimtückiſch, ſah er ſtets nur die üppige Blüthe derſelben wuchernden Saat. Selbſtſucht, gierige, lüſterne, zugreifende Selbſt⸗ ſucht mit ihrer langen Reihe von Verdacht, Täuſchungen, Betrügereien und ſonſtigen Folgen, dies waren die Wur⸗ zeln des unheilvollen Baumes. Herr Pecksniff hatte ſeinen Charakter vor den Augen des alten Mannes ſo entfaltet, daß er— der gute, nachſichtsvolle, duldſame Pecksniff— die verwirklichte tückiſche Selbſtſucht ge⸗ worden war, und in je haſſenswertheren Formen dieſe Laſter ſich vor Herrn Chuzzlewit entfalteten, deſto tröſt⸗ licher wurde für ihn der Gedanke, dem Heuchler und ſeinen Opfern ihr Recht angedeihen zu laſſen. Zu dem Ende bot er nicht nur die ganze natürliche Entſchloſſenheit ſeines Charakters, ſondern auch eine er⸗ Johns Vermittlung nicht lange auf ſich war⸗ en haben geſehen, wie ſie ſich gemeinſchaft⸗ ſeinen Enkel ſehen zu wollen, und erſt am fol⸗ genden Morgen erhielt Tapley die Weiſung, denſelben auf Vormittags zehn Uhr nach dem Temple zu beſtellen. Tom ſollte bei allen dieſen Dingen nicht im Mindeſten beläſtigt werden, damit nicht ein. ungerechter Verdacht ity begaben. Aber bisher hatte er ſich ge⸗ —a— 269 auf ihn falle; obwohl er von allen Ereigniſſen Kunde und bis ſpät in die Nacht in der Nähe der handelnden Perſonen ſich befunden hatte. Nachdem der Tod des Jonas verbreitet worden war, begab ſich Tom nach Hauſe, um alle dieſe Wunder der kleinen Ruth zu erzählen und ihr zu ſagen, daß ſie, in Folge beſonderen Wunſches des Herrn Chuzzlewit, ihn am andern Morgen nach dem Temple begleiten müſſe! Es war eine charakteriſtiſche Eigenheit des alten Mar⸗ tin, und es bezeichnete, daß er auf einen beſtimmten Zweck hinarbeite, wenn er ſeiner Umgebung nichts von ſeinen Abſichten merken, vielmehr höchſtens nur einen Wink über das Spiel fallen ließ, welches er in Herrn Pecksniffs Hauſe geſpielt hatte. Stets leuchteten ſeine Augen, ſo oft er dieſe Namen ausſprach. Auch gegen John Weſtlock, in welchen er augenſcheinlich, gleich allen Uebrigen, das größte Ver⸗ trauen ſetzte, ließ er ſich in eine nähere Erklärung nicht ein, ſondern bat ihn blos, am andern Morgen wieder zu kommen. Ohne irgend einen Aufſchluß erhalten zu haben, verließen ſte ihn, als die Nacht ſchon weit vor⸗ gerückt war. Ereigniſſe eines ſolchen Tages wären wohl geeignet geweſen, den Körper und den Geiſt eines viel jüngeren Mannes zu erſchüttern; dennoch blieb Martin, in tiefe ſchmerzliche Betrachtung verſunken, ſitzen, bis der Morgen anbrach, und auch jetzt ging er nicht zur Ruhe, ſondern ſchlummerte bis ſieben Uhr in einem Seſſel, bis ſich um dieſe Zeit Herr Tapley, ſeinem Verlangen gemäß, ein⸗ fell, ſo friſch, nett und wohlgemuth wie der Morgen elbſt. „Sie ſind pünktlich,“ ſagte Herr Chuzzlewit, wel⸗ cher auf das leichte Pochen, das ihn augenblicklich ge⸗ weckt hatte, die Thüre öffnete. „Meine Wünſche, Sir,“ entgegnete Herr Tapley, deſſen Geiſt ſich, wie wohl aus ſeinen Worten hervor⸗ ging, mit Gedanken an den Eheſtand trug,„meine Wünſche beſchränken ſich auf Liebe, Ehre und Gehor⸗ ſam. Die Glocke hat ſo eben geſchlagen, Sir.“ „Kommen Sie herein!“ „Ich danke Ihnen, Sir,“ entgegnete Herr Tapley, „was kann ich zunächſt für Sie thun, Sir?⸗ „Sie haben meinen Auftrag an Martin beſorgt?“ ſagte der alte Mann, indem er die Augen auf ihn heftete. 3 „Ich that es, Sir,“ antwortete Mark,„und Sie hätten in Ihrem Leben nie einen überraſchteren Gentle⸗ man geſehen, als ihn.“ „Was haben Sie ihm weiter geſagt?“ fragte Herr Chuzzlewit. „Nun, Sir,“ verſetzte Tapley lächelnd,„ich hätte ihm wohl gerne ein Bischen mehr geſagt, aber da ich es nicht vermochte, Sir, ſo ließ ich es bleiben.“ „Sie theilten ihm Alles mit, was Sie wußten?“ „Es war aber außerordentlich wenig, Sir,“ erwie⸗ derte Herr Tapley,„über Sie z. B. konnte ich ihm faſt gar nichts ſagen, Sir. Ich bemerkte ihm blos, daß ſich Herr Pecksniff vielleicht getäuſcht finden dürfte; und daß daſſelbe hinſichtlich Ihrer und ſeiner der Fall ſey.“ „Wie meinen Sie das?“ fragte Herr Chuzzlewit. „Ihn betreffend, Sir?“ „Sowohl ihn, als mich.“ „Nun, Sir,“ ſagte Tapley,„Ihre gegenſeitigen alten Anſichten hatte ich dabei im Auge. Was ihn und ſeine Meinungen betrifft, Sir, ſo weiß ich, daß er ein ganz anderer Mann iſt, ich weiß es und wußte es ſchon lange zuvor, ehe er unlängſt mit Ihnen ſprach, weßhalb ich keinen Hehl daraus zu machen brauche. Kein Menſch kennt ihn auch nur halb ſo gut als ich, es iſt unmög⸗ lich. Stets war ein Antheil Gutes an ihm, aber er hat jetzt eine Kruſte bekommen. Ich weiß nicht wie, kann auch nicht ſagen, wer den Teig dazu gerollt hat, aber... ⸗ —„, —.,— „— 271 „Fahren Sie fort,“ ſagte Martin,„warum machen Sie Halt.“ „Aber es... nun, ich bitte Sie um Vergebung, ich meine, es kann wohl Niemand anders geweſen ſeyn, als Sie, Sir. Natürlich kann ich mir denken, daß es nicht abſichtlich geſchah. Ich glaube aber nicht, daß Sie beide gegenſeitig ein ehrliches Spiel ſpielten.— Nun iſt es vom Halſe,“ fügte Herr Tapley wie in einem Anfalle von Verzweiflung bei.„Ich kann es nicht länger auf meinem Herzen tragen, wenn ich nicht daran berſten ſoll. Geſtern ſchon hatte ich es vollſtändig ſatt. Nun iſt es heraus. Ich kann nicht helfen! Es thut mir leid. Nur darum bitte ich Sie, Sir, daß Sie es ihn nicht entgelten laſſen.“ Es war klar, daß Mark erwartete, daß man ihn augenblicklich zur Thüre hinausweiſen werde, und er war auch ſchon ganz vorbereitet, zu gehen. „Sie glauben alſo,“ ſagte Martin,„daß ſeine alten Fehler in gewiſſer Beziehung meine Schöpfung ſeyen?“ „Wohl, Sir,“ entgegnete Herr Tapley.„Es thut mir wirklich ſehr leid, aber ich kann meine Worte nicht ungeſagt machen. Es iſt kaum ehrlich von Ihnen, Sir, einen Unwiſſenden auf dieſe Wege gerathen zu laſſen, wenigſtens denke ich ſo. Ich zolle Ihnen alle Ehrfurcht, Sir, die man Ihnen nur zollen kann, aber es iſt ſo meine Anſicht.“ Das Leuchten eines leichten Lächelns ſchien durch die einförmige Feſtigkeit des Geſichts Martins zu brechen, als er ihn, ohne ein Wort zu ſagen, aufmerkſam be⸗ trachtete. „Und Sie ſagten ſelbſt, daß Sie ein Unwiſſender ſeyen?“ bemerkte er nach einer langen Pauſe. „In der That, ſo ziemlich,“ verſetzte Herr Tapley. „Und ich ſey ein gelehrter und gut unterrichteter Mann, denken Sie wohl?“ „Gleichfalls ſo ziemlich,“ war Herrn Tapley’s Ant⸗ ort.— Der alte Mann ſtützte das Kinn auf ſeine Hand, ging zwei oder drei Mal im Zimmer auf und nieder und fuhr dann fort: „Sie haben ihn dieſen Morgen verlaſſen?“ „Ich komme gerade von ihm her, Sir.“ „Weßhalb glaubt er wohl, von mir gerufen worden zu ſeyn?“ „Er weiß nicht, was er denken ſoll, Sir; ebenſo⸗ wenig, als ich ſelbſt. Ich erzählte ihm, was geſtern vorgegangen, Sir, und daß Sie zu mir geſagt haben, ob ich Morgen um ſieben Uhr hier ſeyn könne, dann daß Sie ihm durch mich ſagen ließen, ob er ſich mor⸗ gen um zehn Uhr einfinden könne, und daß ich auf Bei⸗ des mit Ja geantwortet habe; das iſt Alles, Sir.“ Seine Freimüthigkeit war ſo ungekünſtelt, daß man daraus deutlich entnehmen konnte, er ſpreche die Wahrheit. „Er denkt vielleicht,“ ſagte Martin,„daß Sie ihn verlaſſen und mir dienen wollen?“— „Ich habe ihm in einer ſolchen Art gedient, Sir,“ entgegnete Mark, ohne auch nur ein Atom ſeiner Faſſung zu verlieren,„und wir waren in ſolcher Art Leidensgefährten, daß meine Anſicht iſt, er glaube nicht ein Wort davon; nicht mehr, als Sie, Sir.“ 4„Wollen Sie mir bei meinem Anzuge helfen und mir aus dem Gaſthauſe ein Frühſtück beſtellen?“ fragte Martin. „Mit Vergnügen, Sir,“ entgegnete Mark. „Beiläufig geſagt,“ fuhr Martin fort,„wäre es mir ſehr lieb, wenn Sie bei mir blieben, um die Be⸗ 3 ſuche einzulaſſen. Ich meine, wenn ſie klopfen.“ „Ganz zu Ihren Dienſten!“ ſagte Herr Tapley. „Sie werden es nicht nothwendig finden, über deren Erſcheinen eine Ueberraſchung auszudrücken,“ ſagte Martin andeutend. „Beim Himmel, Sir, durchaus nicht!“ verſetzte Herr Tapley. Obgleich er ſich hiezu aufrichtig verpflichtete, war ſ — — 273 er doch in demſelben Augenblicke nicht wenig erſtaunt. Martin ſchien dieſes zu bemerken und Sinn für die tolle Stellung zu haben, in welcher ſich Herr Tapley unter ſolch verwirrenden Umſtänden befand; denn trotz der Ruhe ſeiner Stimme und der Gravität ſeines Geſichts, wurde letzteres doch hin und wieder von demſelben unbe⸗ ſtimmten Lächeln durchzuckt. Mark rührte ſich, um die ihm übertragenen Obliegenheiten zu erfüllen, und bald ſchwand in ſeiner emſigen Thätigkeit jedes äußere Merk⸗ mal ſeiner Ueberraſchung. Nachdem Herr Tapley den Anzug des Herrn Chuzz⸗ lewit in gute Ordnung gebracht hatte und dieſer ange⸗ kleidet bei ſeinem Frühſtücke ſaß, begann die Verwunde⸗ rung des Herrn Tapley mit großer Macht zurückzukehren, und als er, die Serviette unter dem Arme, neben dem alten Manne ſtand, fand er es ſchwierig, der Verſuchung zu widetſtehen, Seitenblicke nach ſich hinzuwerfen; denn das Geſchäft eines Kellners im Temple ſtand ihm ſo leicht und natürlich, als die freiwillige Beſorgung der Küche am Bord der Schraube. Eigentlich hätte ich ſagen ſollen, es ſey ihm unmöglich geworden, denn er folgte ſeinem innern Antriebe ſo oft, daß ihn Martin wohl fünfzigmal auf der That betrat. Welch ſeltſame Dinge trieb doch Herr Tapley mit ſeinem Geſichte, wenn eine ſolche Entdeckung gemacht wurde! Er rieb ſich plötz⸗ lich die Augen, die Naſe oder das Kinn, blickte beſon⸗ ders weiſe oder wie in ernſte Gedanken vertieft darein, beſchäftigte ſich angelegentlich mit Betrachtung der Sitten und Gebräuche der Fliegen an der Decke, oder ſtudirte die Bewegungen der Sperlinge vor dem Fenſter. Dann verſuchte er wieder, ſeine Verlegenheit durch die unge⸗ meine Höflichkeit zu verbergen, mit welcher er dem alten Herrn das Brod präſentirte, kurz, durch dieſe und andere Bewegungen beurkundete er, daß er ſeinem Geſichte nicht weniger Gewalt anthue, als dieſes bei Herrn Martin Chuzzlewit ſeiner Seits der Fall war. Dieſer ſaß vollkommen ruhig da, nahm ſein Früh⸗ 8 274 ſtück mit aller Bequemlichkeit ein oder that wenigſtens ſo, da ſich von ihm kaum ſagen ließ, daß er eſſe oder trinke, während er dagegen oft in lange Pauſen tiefen Nachdenkens verſank. Als er mit dem Fruühſtück fertig war, ſetzte ſich Mark zu dem ſeinigen an demſelben Tiſche nieder, und Herr Chuzzlewit ging immer noch ſchweigend im Zimmer auf und ab. Mark räumte ab und ſetzte für ſich einen Stuhl vor die Thüre, auf welchem er, als es zehn Uhr ſchlug, Platz nahm, wobei er die Hände auf ſeinen Stock ſtützte, den Knopf deſſelben umklammernd und ſein Kinn darauf ruhen ließ. Alle ſeine Ungeduld und Zerſtreutheit war jetzt verſchwunden, er hatte ſeine ſcharfen Augen unabläſſig auf die Thüre gerichtet und konnte ſich des Gedankens nicht erwehren, welch' feſtes, gewaltiges Viereck ſie ſey, oder er mußte in der Vor⸗ ſtellung jubeln, Herr Pecksniff ſcheine, nachdem er ein hübſches langes Kegelſpiel mit Herrn Chuzzlewit geſpielt, endlich auf den glücklichen Weg gerathen, für ein paar Rubber einzukommen. Marks Ungewißheit hinſichtlich deſſen, was von ge⸗ wiſſen Perſonen geſagt oder gethan werden ſollte, würde an ſich ſchon genügt haben, ihn aufzuregen. Aber da ihm außerdem bekannt war, daß der junge Martin in wenigen Minuten mit Beſtimmtheit kommen mußte, ſo fand er es keineswegs leicht, ruhig und ſchweigend zu bleiben, obſchon er, mit Ausnahme eines gelegentlichen, hohlen und unnatürlichen Huſtens, durch welchen er ſich Erleichterung zu verſchaffen ſuchte, während der längſten zehn Minuten ſeines Lebens, mit großem Anſtande ſich benahm. Ein Pochen an der Thüre. Herr Weſtlock. Herr Tapley ließ ihn ein, erhob dabei ſeine Augenbrauen ſo hoch als möglich und deutete dadurch an, daß ihm ſeine Stellung als ſehr ungenügend erſcheine. Herr Chuzzle⸗ wit empfing Weſtlock ſehr höflich. Mark wartete an der Thüre auf Tom Pinch und ſeine Schweſter, welche die Treppe heraufkamen. Der alte — 0 — 275 Mann ging ihnen entgegen, küßte Ruth auf die Wange und nahm ihre Hand. Da dieſes verheißungsvoll aus⸗ ſah, lächelte Herr Tapley wohlwollend. Herr Chuzzlewit hatte ſeinen Stuhl wieder einge⸗ nommen, bevor der junge Martin, der ihm auf der Ferſe folgte, eintrat. Der alte Mann blickte kaum nach ihm hin, und deutete auf einen entfernten Sitz. Dies war ſehr wenig ermuthigend und Herr Tapley wurde etwas kleinmüthig. Ein neues Klopfen an der Thüre ließ ſich verneh⸗ men. Mark ſiutzte nicht, ſchrie nicht und purzelte auch nicht, als er Miß Graham und Frau Lupin erblickte. Er holte nur einen tiefen Athem und kam vollkommen ergeben zurück, indem er ſie und die übrigen mit einem Ausdruck anſah, welcher zu ſagen ſchien, daß ihn nichts mehr überraſchen könne, und daß er ſich Gluͤck wünſche, von einem ſolchen Gefühle immer frei geblieben zu ſeyn. Der alte Mann empfing Mary nicht weniger zärt⸗ lich, als er die Schweſter des Tom Pinch empfangen hatte. Ein Blick freundlichen Wiedererkennens wurde zwiſchen ihm und der Mrs. Lupin gewechſelt und dieſer Blick ſchien anzudeuten, daß zwiſchen ihnen ein vollſtän⸗ diges Einverſtändniß herrſche. Herr Tapley ſtaunte da⸗ rüber nicht, denn er hatte ſich, wie er bemerkte, von dieſem Geſchäfte zurückgezogen und all ſeinen Vorrath ver kauft. Es war keiner der unmerkwürdigſten Züge in dieſer Verſammlung, daß jeder Anweſende viel zu ſehr über⸗ raſcht, und über die Anweſenheit der Uebrigen zu ver⸗ legen war, um ſprechen zu können. Endlich unterbrach Herr Chuzzlewit das Schweigen. „Laſſen Sie die Thüre offen, Mark,“ ſagte er, „und kommen Sie hieher.“ Mark gehorchte. Der letzte Fußtritt ſchallte nun von der Treppe her, alle kannten ihn, es war der des Herrn Pecksniff, und 276 Herr Pecksniff kam in großer Eile, denn er kam ſo eilig, daß er zwei oder dreimal ſtolperte. „Wo iſt mein verehrungswürdiger Freund?“ rief er, als er an dem Ende des Treppengeländers anlangte und dann mit offenen Armen hereingeſtürzt kam. Der alte Martin allein blickte nach ihm hin, aber Herr Pecks⸗ niff prallte zurück, als wenn ſich eine electriſche Battrie gegen ihn entladen hätte. „Mein verehrungswürdiger Freund iſt wohl?“ rief Herr Pecksniff. „Ganz wohl.“ Dies ſchien den ängſtlichen Frager zu beruhigen, er ſchlug die Hände zuſammen und blickte mit frommer Wonne zum Himmel auf, um in dieſer Weiſe ſeinen ſtummen Dank auszuſprechen. Dann betrachtete er die verſammelte Gruppe und ſchnitt ein vorwurfsvolles Ge⸗ ſicht. Für einen ſolchen Mann ſtrenge, ſehr ſtrenge. „O Gewürm,“ rief Herr Pecksniff,„o Blutegel! Iſt es nicht genug, daß Ihr das Daſeyn eines Indi⸗ viduums verbittert habt, welches in den Lebensbeſchrei⸗ bungen liebenswürdiger Männer ſeines Gleichen nicht findet. Müßt ihr ſelbſt jetzt noch, nachdem er ſeine Wahl getroffen und ſein Vertrauen einem demüthigen, aber wenigſtens aufrichtigen und uneigennützigen Ver⸗ wandten zugewendet hat, müßt Ihr, ſchwärmendes Schlangengezücht(ich bedaure, ſo ſtarke Ausſprüche ge⸗ brauchen zu müſſen, mein theurer Sir, aber es gibt Zeiten, in welchen ſich ein edler Unwille nicht unter⸗ drücken läßt) müßt Ihr, Ihr ſchwärmendes Schlangen⸗ gezücht(denn ich muß es wiederholen), ſelbſt jetzt noch von ſeinem unbeſchützten Stande Vortheil ziehen und Euch von allen Seiten, wie Wöolfe und Geier und an⸗ deres Thier aus der gefiederten Zunft um ihn— ich will nicht ſagen wie um das Aas, denn Herr Chuzzle⸗ wit iſt gerade das Gegentheil,— wie um den Raub verſammeln. Ja, wie um den Raub, um zu plündern und Beute zu machen, die gefräßigen Magen voll zu 277 pfropfen und ihre anſtößigen Schnäbel mit jeder Art von fleiſchfreſſender Beluſtigung zu beflecken. Als er inne hielt, um Athem zu ſchöpfen, wehrte er in feierlicher Weiſe die Anweſenden mit der Hand von ſich ab. „Horde, unnatürlicher Plünderer und Räuber!“ fuhr er fort.„Laßt ab von ihm, laßt ab von ihm, ſage ich, fort mit Euch, verbergt Euch! Ihr thut beſſer. Wandert über das Angeſicht der Erde, Ihr junge Her⸗ ren, wie Vagabunden, die Ihr auch in der That ſeyd, und maßt Euch nicht an, auf einer Stelle zu bleiben, welche durch die grauen Haare des patriarchaliſchen Gentlemans geheiligt iſt, für deſſen wankende Glieder, ich als unwurdige, aber wie ich hoffe anſpruchloſe Stütze zu gelten die Ehre habe. Und Sie, mein theu⸗ rer Sir,“ fügte Herr Pecksniff im Tone eines milden Vorwurfs gegen den alten Mann bei,„wie konnten Sie mich je, wenn auch nur auf kurze Zeit verlaſſen. Ich zweifle nicht, daß Sie ſich um irgend eines wohlwollenden Actes willen, den Sie zu meinem Beſten im Sinne hatten, entfernten. Gott ſegne Sie dafür, aber Sie müſſen ſo etwas nicht thun, Sie müſſen nicht ſo verwegen ſeyn. Ich ſollte in der That mit Ihnen zürnen, mein Freund, wenn ich könnte.“ Er ſchritt mit ausgebreiteten Armen vorwärts, um die Hand des alten Mannes entgegen zu nehmen, und bemerkte nicht, wie die Hand den Stock umballte, welchen ſie hielt; als er lächelnd herbei und nahe zu dem alten Martin kam, erhob ſich dieſer mit einer Miene, welche. Zug für Zug ein heftiges Losbrechen der Entrüſtung bekundete, und ſchlug Herrn Pecksniff mit ſeinem Stocke zu Boden. Der Schlag war ſo gut gezielt und ſo kräftig, daß Pecksniff zuſammenbrach, als hätte ihn der Angriff ei⸗ nes Leibgardiſten aus dem Sattel geworfen. War er nun von dem Streiche betäubt oder nur durch das Er⸗ ſtaunen über die Neuheit dieſes warmen Empfanges ver⸗ wirrt, er that nicht als ob er wieder aufſtehen wolle, ſondern blieb liegen und ſchaute mit verlegenem demü⸗ thigem Geſichte und ſo poſſierlich um ſich, daß weder Mark Tapley, noch John Weſtlock ein Lächeln unter⸗ drücken konnten, obgleich ſie thätig einwirkten, um eine Wiederholung des Schlages zu verhindern, die mit der höchſten Wahrſcheinlichkeit zu befürchten war, wenn man aus den blitzenden Augen und aus der drohenden Hal⸗ tung des alten Mannes etwas folgern durfte. „Schafft ihn fort! Bringt ihn aus meinem Be⸗ reiche!“ ſagte Martin, voder ich kann mir nicht helfen. Der Zwang, welchen ich meinen Händen anthun mußte, war faſt hinreichend ſie zu lähmen; ich bin nicht Herr über mich ſelbſt, ſo lange er noch in ihrem Bereiche iſt. Schafft ihn weg!“ Als Herr Tapley bemerkte, daß er noch immer nicht aufſtehen wolle, machte er wenig Umſtände, zog ihn auf dem Boden weiter, richtete ihn auf und lehnte ihn mit dem Rücken an die Wand. „Höre mich Schurke!“ rief Herr Chuzzlewit.„Ich habe Dich hiehergerufen, damit Du der Zeuge Deiner eigenen Werke ſeyſt. Ich habe Dich hiehergerufen, damit Du Deine Werke hier ſeheſt, weil ich weiß, daß es Galle und Wermuth für Dich iſt! Ich habe Dich hie⸗ hergerufen, weil mir bekannt iſt, daß der Anblick eines jeden der hier Anweſenden Deinem gemeinen und falſchen Herzen einen Dolchſtich verſetzen muß. Weißt Du nun, wer ich wirklich bin?“ Herr Pecksniff hatte allen Grund, ihn mit großen Augen anzublicken, denn das Triumphirende in dem Ge⸗ ſichte, in der Sprache und in der Haltung des alten Mannes, war wohl ein Anblick zum Staunen. „Schaut dahin!“ ſagte der alte Mann, auf ihn deutend,„ſchaut dahin, und nun komm zu mir, mein theurer Martin, ſieh her, her her!“ Und bei der Wieder⸗ holung der letzten Worte preßte er ſeinen Enkel inniger an ſeine Bruſt. „Der Zorn, den ich fühlte, als ich Dich nicht ſo — 0——————y— — ——— 279 empfangen konnte, Martin,“ fuhr er fort,„lag in dem Schlage, den ich ſo eben geführt habe. Warum mußten wir uns auch je trennen? Wie konnten wir uns ent⸗ zweien? Wie konnteſt Du von mir zu ihm fliehen?“ Martin wollte ſprechen, er ließ ihn jedoch nicht zu Wort kommen, ſondern fuhr fort. „Die Schuld lag eben ſo gut an mir, als an Dir. Mark ſagte mir das heute, und ich habe es längſt ge⸗ fühlt, doch nicht ſo lange, als ich es hätte fühlen ſollen. Mary, meine Liebe, komm her!“ Da ſie zitterte und ſehr blaß war, ſo ſetzte er ſie in ſeinen Stuhl, erfaßte ihre Hand und trat ihr zur Seite. Auch Martin ſtand daneben. „Der Fluch unſeres Hauſes,“ ſagte der alte Mann, indem er freundlich auf ſie niederblickte,„iſt die Eigen⸗ liebe und war von jeher nichts als die Eigenliebe. Wie oft ſagte ich es nicht, obwohl ich nie wußte, daß ich ſelbſt ſie auch gegen andere übe.“ Er legte die andere Hand in Martins Arm, und indem er ſo zwiſchen ihnen ſtand, fuhr er fort: „Ihr Alle wißt, wie ich dieſe Waiſe aufgezogen habe, damit ſie mich verpflege. Niemand von Euch kann wiſſen, wie es gekommen, daß ich ſie allmählig als Tochter lieben lernte, wie ſie mich durch ihre Aufopfe⸗ rung, durch ihre Zärtlichkeit, durch ihre Geduld und ihr edles Herz gewann, Eigenſchaften, für deren Aus⸗ bildung ich, der Himmel iſt mein Zeuge, nur wenig Mühe mir gab. Sie blühten, ohne Aufſicht, und reif⸗ ten ohne Wärme. Indeſſen thut mir dies nicht leid, weil ſonſt jener Menſch den Kopf erheben könnte.“ Herr Pecksniff ſteckte ſeine Hand in die Weſte und ſchüttelte leicht den Theil ſeines Selbſts, deſſen ſo eben Erwähnung geſchehen, als wolle er dadurch zeigen, daß derſelbe noch immer oben ſey. „Es gibt eine Art von Selbſtſucht,“ ſagte Martin, „die ich in meiner eigenen Bruſt kennen lernen mußte. Sie beſteht darin, daß ſie ſich ohne Unterlaß vor der 280 Selbſtſucht Anderer hütet. Sie hält Andere durch Arg⸗ wohn und Mißtrauen fern, fragt verwundert, warum ſie ſich nicht zutrauend nahen, und nennt dieſes an ihnen Selbſtſucht. So bezweifelte ich einmal meine ganze Umgebung— im Anfange nicht ohne Grund— und ſo ſetzte ich auch in Dich, Martin, Zweifel.“ „Gleichfalls nicht ohne Grund,“ antwortete Mar⸗ tin.„Leider!“ „Hörſt Du, Heuchler, hörſt Du glattzüngiger, ſer⸗ viler, kriechender Schurke?“ ſrief Martin.„Hörſt Du, Du Schuft? Wie, als ich ihn ſuchte, hatteſt Du bereits Deine Netze ausgeſpannt, ſiſchteſt Du bereits nach ihm! Als ich in dem Hauſe einer guten Frau krank lag und Du in Deinem demüthigen Sinne für ihn ſprachſt, hat⸗ teſt Du ihn damals nicht ſchon gefangen? Auf das Wiedererwachen meiner Liebe zu ihm zählend, beſtimm⸗ teſt Du ihm eine von Deinen zwei Töchtern— iſt's nicht ſo? Oder wenn dieſes nicht gelang, ſo fandeſt Du in Deiner Weiſe zu handeln eine vortreffliche Spekulation, welche mich jedenfalls durch den Glanz Deiner Mild⸗ thätigkeit blenden und Dir Anſprüche an mich verleihen ſollte. Ich durchblickte Dich damals ſchon und ich ſagte es Dir. Habe ich es Dir damals nicht genug geſagt, daß ich Dich kenne?“ 7 „Sie ſind nicht im Stande, mich zu erzürnen, Sir,“ verſetzte Herr Pecksniff demüthig.„Ich kann gar Vie⸗ les von Ihnen ertragen. Ich werde Ihnen nie wider⸗ ſprechen.“ „Geben Sie Acht,“ fuhr Martin fort, indem er umherblickte;„ich begab mich unter ſo ſchnöden und ſo herabwürdigenden Bedingungen in die Hände dieſes Mannes, daß ſie ſo herabwürdigend für ihn ſind, wie man nur immer Worte hiefür finden kann. Ich behan⸗ delte ihn vor ſeinen eigenen Kindern Sylbe für Sylbe, ſo anſtößig und ſo verächtlich, als ich konnte⸗ ſowohl durch Worte, als durch Blicke, und durch mein Beneh⸗ men. Hätte ich nur einmal die Gluth des Zorns in ſein N d u—— 8 ANN — u NS in 281 Geſicht gejagt, ſo würde ich in meinem Vorſatze wan⸗ kend geworden ſeyn; ich würde davon abgegangen ſeyn, wenn es mir möglich geworden wäre, ihn nur für eine Minute zum Gefühle der Menſchheit zu ſteigern, welche er aufgegeben hatte. Hätte er mir nur eine einzige Vorſtellung wegen des Enkels gemacht, welchen er für enterbt hielt, hätte er damals ein auch noch ſo ſchwa⸗ ches Wort für ihn geſprochen, als ich ihm betheuerte, er ſolle für immer aus meinem Hauſe verſtoßen, dem Elende preisgegeben ſeyn, ſo glaube ich, daß ich nachher ſpäter für immer gut mit ihm ausgekommen wäre. Aber kein Wort, keine Sylbe! Den ſchlimmſten Leidenſchaften der menſchlichen Natur zu Hülfe zu kommen, war die Auf⸗ gabe ſeines Weſens, und er hat ſein Werk getreulich ausgeführt.“ „Ich zürne nicht,“ bemerkte Herr Pecksniff;„ich bin verletzt, Herr Chuzzlewit, verletzt in meinen Ge⸗ fühlen, aber, mein guter Sir, ich zürne nicht.“ Herr Chuzzlewit fuhr fort: „Nachdem ich einmal entſchloſſen war, ihn auf die Probe zu ſetzen, faßte ich den feſten Vorſatz, es auch bis zum Ende fortzuführen. Aber während ich bemüht war, die Tiefe ſeiner Doppelzüngigkeit zu ergründen, gelobte ich mir feierlich in meinem Innern, jedem verſteckten Funken von Güte, Chrenhaftigkeit und Nachſicht, kurz jeder That, Tugend, die in ſeinem Innern ſchlummern mochte, die gebührende Anerkennung zu Theil werden zu laſſen. Vom Anfange an, bis zu dem letzten Augen⸗ blicke hatte ſich übrigens nichts ſolches gezeigt, nicht ein einzigesmal. Er kann nicht ſagen, daß ich ihm hiezu keine Gelegenheit gegeben habe. Er kann auch nicht ſagen, daß ich ihn je verſuchte, und er kann ebenſo wenig ſagen, daß ich ihn nicht in allen Dingen habe frei ſchalten laſſen, denn ich habe mich als ein leidendes Werkzeug in ſeine Hände gegeben, das er in gleicher Weiſe zum Guten, wie zum Böſen verwenden konnte. Boz, Chuzzlewit. V. 19 8 28² Wenn er anders ſagt, ſo lügt er, doch auch dieſes ge⸗ hört zu ſeiner Natur.“ 2 „Herr Chuzzlewit,“ unterbrach Herr Pecksniff in Thränen zerfließend,„ich zürne nicht. Ich kann Ihnen nicht zürnen. Aber haben Sie, mein theurer Sir, nie das Verlangen ausgedrückt, daß jener unnatürliche junge Mann, der mir für einen Augenblick durch ſeine bos⸗ haften Künſte Ihre gute Meinung entzog, daß Ihr Enkel, Herr Chuzzlewit, aus meinem Hauſe entlaſſen werden ſolle? Erinnern Sie ſich doch, mein chriſtlicher Freund.“ „Das habe ich geſagt?“ entgegnete der alte Mann mit finſterer Miene,„ich konnte nicht ſagen, wie weit Deine Gleisnerei, Deine Heuchelei ihn getäuſcht haben würde, Bube, und ich kannte keinen beſſern Weg, um ihm die Augen zu öffnen, als den, Dich in Deinem wahren kriechenden, gemeinen Charakter vor ihm erſcheinen zu laſſen. Ja, ich ſprach dieſen Wunſch aus. Und Du griffſt mit beiden Händen nach ihm, Du griffſt nach ihm, und erfüllteſt ihn, indem Du keinen Augenblick zögerteſt, die Hand von Dir zu ſtoßen, die Du berochen und be⸗ leckt hatteſt, wie es nur ein Hund thun kann; und Du bekräftigteſt und rechtfertigteſt meinen Plan.“ Herr Pecksniff machte eine Verbeugung, eine demü⸗ thige, wenn man nicht ſagen will, eine kriechende und gemeine Verbeugung. Wenn man ihn, wegen Ausübung der edelſten Tugenden ein Kompliment gemacht haben würde, ſo hätte er ſich kaum anders verbeugen können. „Der unglückliche Mann, der ermordet wurde,“ fuhr Herr Chuzzlewit fort,„und der damals unter dem Namen...“. „Tigg.“ ergänzte Mark. „Ja, unter dem Namen Tigg ging; ja, dieſer Tigg kam mit dem Bettelbriefe eines ſeiner Freunde, eines meiner unwürdigen Verwandten, zu mir, und da ich in ihm einen Mann erkannte, der für meine Plane paßte, ſo trug ich ihm auf, mir Kunde von Dir, Martin, zu bringen. Von ihm erfuhr ich, daß Du Deinen Aufent⸗ .02 283 halt bei dieſem Burſchen genommen hatteſt. Er war es, der Dich eines Abends hier in London traf. Du erin⸗ nerſt Dich, wo?“ „Bei dem Pfandleiher,“ entgegnete Martin. „Ja, er beobachtete Dich auf dem Wege nach Deiner Wohnung und ſetzte mich in den Stand, Dir eine Bank⸗ note zu ſenden. „Ich würde,“ ſagte Martin ſehr bewegt,„am letzten gedacht haben, daß ſie von Ihnen komme, denn ich glaubte, Sie bekümmerten ſich gar nicht mehr um mein Geſchick. Wenn ich...“ „Ja, wenn Du dieß geglaubt hätteſt,“ erwiederte der alte Mann im Tone des Kummers,„ſo würdeſt Du weniger den Schein für die Wahrheit genommen haben. Martin, ich hoffte, Dich reuig und gedemüthigt zu mir zurückzuführen, und ich baute auf die Noth. So ſehr ich Dich auch liebte, ſo konnte ich es damals doch nicht über mich gewinnen, es einzugeſtehen, wenn Du Dich nicht zuerſt unterwarfſt. Dieß war der Grund, warum ich Dich verlor. Wenn ich indirekt bei dem Geſchicke jenes unglücklichen Mannes betheiligt war, indem ich ihm Mittel, wenn auch noch ſo unbedeutende, an die Hand gab, ſo möge mir der Himmel vergeben. Ich hätte vielleicht wiſſen können, daß er von dem Gelde Mißbrauch machen werde, daß er einer Unterſtützung unwürdig war, und daß in ſeinen Händen eine ſolche Saat nur eine unheilvolle Ernte bringen könne. Aber ich traute ihm damals nicht die Fähigkeit zu, ein ernſt⸗ licher Betrüger zu werden, denn ich hielt ihn bloß für einen gedankenloſen, ausſchweifenden Verſchwender, der mehr gegen ſich, als gegen andere ſündigt, und ſeinen laſterhaften Liebhabereien, nur zu ſeinem eigenen Ver⸗ derben nachhängt.“. „Verzeihen Sie, Sir,“ ſagte Herr Tapley, der in⸗ zwiſchen ganz zierlich Frau Lupins Arm in den ſeinigen gelegt hatte.„Verzeihen Sie, wenn ich ſo dreiſt bin, 8 19 8 4— 284 mich auszuſprechen. Ich bin der Meinung, daß Sie da vollkommen Recht haben, und daß es ganz im na⸗ türlichen Wege ſo gekommen iſt. Es gibt, Sir, eine unendliche Menge von Menſchen, die ruhig bergab gehen und nicht viel Schaden anrichten, ſo lange ſie ſich nur auf ihre eigenen Schuhe und Strümpfe verlaſſen müſſen. Aber wenn man einen derſelben in eine Chaiſe mit Pferden ſetzt, ſo wird man Wunder ſehen, Sir, welche Fertigkeit im Fähren er zeigt, wie er ſeine Chaiſe mit Paſſagieren füllt, und wie er mitten durch die Straßen, über Hals und Kopf, dem Teufel zurennt. Gott ſegne Ihr Herz, Sir; es gehen jede Stunde des Tags ſo viele Tigg's durch das Temple Thor, daß es nur eines Zu⸗ falls hedarf, um jeden derſelben zu einem aufgeblaſenen Montague zu machen.“ „Ihre Unwiſſenheit, wie Sie es nennen, Mark,“ fagte Herr Chuzzlewit,„iſt weiſer, als das Wiſſen man⸗ chen Mannes, das meinige nicht ausgenommen. Sie haben Recht, und das nicht zum erſtenmal für heute. Doch hören Sie mich, meine Theuren, und höre auch Du mich an, der Du nun, wenn ich recht berichtet wor⸗ den, ebenſo gut in der Taſche, als an gutem Namen bankerott biſt. Wenn ich dann fertig bin, ſo eile von dieſem Platze weg, und vergifte nie wieder meinen Ge⸗ ſichtskreis.“ Herr Pecksniff legte ſeine Hand auf die Bruſt und verbeugte ſich wiederholt. „Die Buße, der ich mich in ſeinem Hauſe unter⸗ worfen,“ ſprach Herr Chuzzlewit,„hat vor Allen die unaufhörliche Betrachtung mit ſich geführt, daß ich mein Unglück ſelbſt uüber mich gebracht haben würde, wenn es dem Himmel gefallen hätte, mein Alter wirklich mit jenem Zuſtande von Schwaͤche heimzufuchen, den ich nur zum Scheine angenommen habe. O, Du, deſſen Reich⸗ thum, gleich dem meinigen, eine unaufhörliche Quelle des Unglücks war, indem er Dich ſoweit führte, Deinem nächſten und theuerſten Verwandten zu mißtrauen, und . en — BNAX—-——*& NK 285 ihr ſo ein lebendiges Grab von Mißtrauen und Zurück⸗ haltung zu graben; Du, nimm Dich in Acht, daß Du nicht das Werkzeug eines ſolchen Mannes, und in einer andern Welt, zu dem Bewußtſeyn erwachen wirſt, Un⸗ recht gethan zu haben, ein Unrecht, das ſchreiend genug iſt, um ſogar den Himmel zu verbittern, wenn es anders dahin zu gelangen im Stande iſt.“ Und dann erzählte er, wie er im Anfange zuweilen gedacht habe, daß ſich zwiſchen Martin und Mary ein Liebesverhältniß entſpinnen könne, wie er ſich mit der Vorſtellung geſchmeichelt, dieſe Neigung zu beobachten, durch ſcheinbare Bedenklichkeiten auf die Probe zu ſtellen, dann aber zu geſtehen, daß die Verbindung der theuerſte Wunſch ſeines Herzens ge⸗ weſen ſey, weil er hoffte, durch ſeine Theilnahme und durch die Sorge für ihr Glück ſich unvergängliche An⸗ ſprüche auf ihre Liebe zu ſichern, die ihm den Abend ſeiner Tage erheitern könnten. Er erzählte, wie er ſeinen Plan kaum gefaßt gehabt, wie die Wonne, für das Glück anderer zu ſorgen, noch jung und unbeſtimmt in ihm lag, und daß dann Martin gekommen ſey und ihm ge⸗ ſagt habe, daß er bereits für ſich gewählt, weil er längſt gewußt habe, daß der Großvater ſich ſchon einen kleinen Entwurf gebildet, ohne daß er jedoch gewußt, wohin dieſer gehe. Dieſes habe ihm nun gar nicht gefallen, ſein Plan habe allen Reiz verloren, und ſobald er die Entdeckung gemacht, daß ſie die Liebe ſeines Neffen er⸗ wiedere, habe ihn die Betrachtung gequält, daß beide, trotz ihrer Jugend, ungeachtet ſeiner Wohlthaten bereits ganz wie die übrige Welt ſey, heimlichen, ſelbſtſüchtigen Zwecken nachhingen. Er ſchilderte, wie er in der Bitter⸗ keit dieſes Eindrucks und im Rückblicke auf ſeine früheren Erfahrungen Martin herbe Vorwürfe gemacht und dabei ganz vergeſſen habe, wie von ihm das Vertrauen ſeines Neffen, hinſichtlich dieſes Punktes nie ermuthigt, das Bezweckte mit dem ſchon Geſchehenen verwechſelt worden ſey; wie es dadurch zwiſchen ihnen zu hohen Worten ge⸗ kommen ſey, und wie ſie im Grolle geſchieden. Wie er 286 ihn aber immer noch geliebt, wie er auf Gegenliebe ge⸗ hofft, auch in jener Nacht noch gehofft habe, in welcher er im Drachen erkrankte; wie er da heimlich einen zärt⸗ lichen Brief an ihn geſchrieben, ihn zu ſeinem Erben ernannt und ſeine Verbindung mit Mary geſegnet habe. Die Zuſammenkunft mit Pecksniff habe ihn dann wieder mißtrauiſch gemacht, ſo daß er das Papier verbrannt und ſich in ſeinem Bette mit Argwohn, Zweifeln und Reue abgequält habe. 3 Dann fuhr er fort zu erzählen, wie er ſich ent⸗ ſchloſſen, dieſen Pecksniff, und Marys Treue und Be⸗ ſtändigkeit ſowohl gegen ihn, als, gegen Martin auf die Probe zu ſtellen, und wie er durch ihre Sanftmuth und Geduld, namentlich aber durch die Herzensgüte und die Einfachheit und männliche Treue Toms milder und milder geſtimmt worden ſey. Und als er von Tom ſprach, rief er mit Thränen in den Augen Gottes Segen auf ihn herab. Dieſer Tom, ſagte er, ſey wie ein Sommer⸗ morgen über ſein Herz gekommen, obwohl er ihn an⸗ fangs argwöhniſch und mißfällig betrachtet, und habe ihm den Glauben an etwas Beſſeres wieder gegeben. Und Martin nahm Herrn Pinch bei der Hand; ein Glei⸗ ches thaten auch Mary und John, ſein alter treuer Freund Mark, Frau Lupin, und ſeine Schweſter, die kleine Ruth. Und Seelenfrieden, tiefer ruhiger Seelen⸗ frieden waltete in Tom's Herzen. Der alte Mann berichtete dann, wie edel Herr Pecks⸗ niff bei Gelegenheit der Entlaſſung Tom's ſich der Pflicht entledigt, welche er der Geſellſchaft ſchuldig war; wie er oft gehört, daß Pecksniff Herrn Weſtlock geſchmäht, und wie er, Martin, da er John als Tom's Freund ge⸗ kannt, durch Vermittlung ſeines vertrauten Agenten und Anwalts jenen kleinen Kunſtgriff ausgeführt habe, wel⸗ cher Herrn Pinch in den Stand ſetzte, ſeinen unbekannten Freund in London zu empfangen. Er forderte nun Herrn Pecksniff, indem er ihn Schurke nannte, auf, ſich zu erinnern, daß ihm hier abermals keine Falle gelegt wor⸗ . — 287 den, um Böſes zu thun, indem dieſe Handlung rein aus ſeinem freien Willen hervorgegangen ſey und er(Herr Chuzzlewit) ihn ſogar dagegen gewarnt habe. Und noch einm al rief er Herrn Pecksniff(unter dem Namen Gal⸗ genſtrick) auf ſich zu erinnern, wie er Martin, als dieſer endlich ganz verändert nach Hauſe gekommen ſey, und um die Vergebung gebeten habe, die ihm nicht entgehen konnte, auf eigene Verantwortlichkeit zurückgewieſen, ohne Bedenken zwiſchen ihn und dem mindeſten Anflug na⸗ türlicher Zärtlichkeit tretend.„Dafür“, ſagte der alte Mann,„würde ich Dir den Strick nicht vom Halſe ab⸗ nehmen und wenn es auch nur durch eine Bewegung mit dem Finger geſchehen könnte.“ „Martin,“ fuhr er fort,„Dein Nebenbuhler war keiner von den gefährlichen, aber Mrs. Lupin da hat wochenlang die Duenna geſpielt, nicht ſo wohl um Deine Liebe, als vielmehr ihren Liebhaber zu bewachen; denn dieſer Währwolf— ſeine Fruchtbarkeit in Erfindung neuer Namen für Herrn Pecksniff war zu bewundern— würde die täglichen Spaziergänge ihr ohne Unterlaß verküm⸗ mert, und ſogar die friſche Luft verpeſtet haben, welche ſie athmete. Was iſt dies? Ihre Hand zittert ſo ſelt⸗ ſam. Sieh', ob Du ſie halten kannſt.“ Halten? Wenn er ſie auch nur halb ſo feſt hielt, als ihren Leib.— Ei, das iſt gefährlich. Aber es war ſchön von ihm, daß er in der Höhe ſeines Glücks, als ihre Lippen feſt an den ſeinigen hingen und ihre ſtolze, junge Schönheit in ſeiner engen Umarmung lag, immer noch eine Hand frei hatte, um ſie nach Tom Pinch auszu⸗ ſtrecken. „O Tom, theurer Tom! ich ſah Sie zufällig hieher⸗ kommen, verzeihen Sie mir?“ „Verzeihen?“ rief Tom,„in meinem Leben werde ich Ihnen nicht verzeihen, Martin, wenn Sie noch eine Sylbe davon ſprechen. Ich wünſche Ihnen Glück, Glück, mein lieber Freund, fünſzigtauſendmal Glück.“ 3 Glück! Es war kein Segen auf der Erde, den 288 Ihnen Tom nicht gewünſcht, den er Ihnen nicht beſcheert hätte, wenn es in ſeiner Macht gelegen. „Ich bitte um Verzeihung, Sir,“ ſagte Herr Tap⸗ ley vortretend,„aber⸗Sie haben erſt einer Dame Na⸗ mens Lupin erwähnt.“ „Wohl,“ erwiederte der alte Martin. „Ja, Sir, es iſt ein hübſcher Name, Sir!“ „Ein ſehr guter Name,“ verſetzte Martin. „Es ſcheint mir faſt Schade, einen ſolchen Namen in Tapley umzuwandeln. Meinen Sie nicht auch, Sir?“ ſagte Mark. „Das hängt von der Dame ab. Was iſt Ihre Meinung?“ „Ei, Sir,“ erwiederte Herr Tapley, indem er ſich *mit einer Verbeugung zu der hübſchen Wirthin zurück⸗ zog,„ihre Anſicht iſt, daß der Name ſich nicht wohl gegen einen beſſern umtauſchen laſſe, wohl aber das Judividuum, und daher wird, wenn nicht Jemanden eine gerechte Urſache oder ein Hinderniß bekannt iſt und der⸗ gleichen, der blaue Drache in den luſtigen Tapley ver⸗ wandelt werden. Ein Schild nach meiner eigenen Er⸗ findung, Sir! Wahrhaft ganz neu, ſehr geſellig und ausdrucksvoll.“ 3 Dieſe Unterhaltung war für Herrn Pecksniff ſo angenehm, daß er die Augen auf den Boden heftete, ſeine Hände abwechſelud in einander verklammerte, als ob eine ganze Legion von Strafurtheilen über ihn aus⸗ geſprochen worden wäre. Seine Geſtalt ſchien nicht nur verfallen, auch ſein Anzug. Seine Kleider ſchienen ſchä⸗ biger, ſeine Leinwand gelber, ſein Haar ſchlichter und muffiger geworden zu ſeyn, und ſogar ſeine Stiefel hat⸗ ten ein ſchmutziges, ſchuftiges Ausſehen, wie wenn ihr Glanz mit dem ſeinigen entſchwunden wäre. Mehr als er es ſah, fühlte er, daß der alte Mann jetzt nach der Thüre wies; er ſchlug ſeine Augen auf, nahm ſeinen Hut und ſprach: N AN 289 „Herr Chuzzlewit, Sie haben meine Gaſtfreund⸗ ſchaft genoſſen.“ 3 „Und auch bezahlt,“ bemerkte der alte Mann. „Ich danke Ihnen, das ſchmeckt nach Ihrer alten, vertraulichen Freimüthigkeit,“ ſagte Herr Pecksniff, indem er ſein Sacktuch hervorzog.„Sie haben ſie bezahlt. Dieſe Bemerkung wollte ich gerade machen. Sie haben mich hintergangen, Sir. Ich danke Ihnen ebenfalls. Ich freue mich darüber. Sie in dem Beſitze Ihrer Ge⸗ ſundheit und vollen Geiſteskraft zu ſehen, iſt jedenfalls an ſich ſelbſt eine hinreichende Belohnung. Getäuſcht zu werden, ſetzt eine vertrauende Natur voraus. Die mei⸗ nige iſt vertrauend. Ich danke Gott dafür. Ich will lieber eine vertrauende Natur, als eine argwöhniſche ha⸗ ben, das mögen Sie wiſſen, Sir.“ Hier verbeugte ſich Herr Pecksniff mit einem trau⸗ rigen Lächeln und wiſchte ſich die Augen. „Es iſt kaum eine Perſon hier gegenwärtig, Herr Chuzzlewit,“ fuhr Pecksniff fort,„von welcher ich nicht hintergangen worden wäre. Dieſen Perſonen habe ich auf der Stelle vergeben. Das war meine Pflicht, und dieſe Pflicht habe ich erfüllt. Ob es würdig von Ihnen war, ſich meiner Gaſtfreundſchaft zu bedienen, und in meinem Hauſe eine ſolche Rolle zu ſpielen, dies iſt eine Frage, Sir, die ich Ihrem eigenen Gewiſſen anheim gebe. Und Ihr Gewiſſen kann Sie nicht freiſprechen, nein, Sir, nein!“ Obwohl Herr Pecksniff dieſe letzten Worte mit lau⸗ ter, feierlicher Stimme ſprach, hatte er ſich doch nicht ſo ſehr in ſeinen Eifer vertieft, daß er es nicht für räthlich gehalten hätte, ſich etwas näher an die Thüre zu machen. „Heute bin ich geſchlagen worden,“ ſagte Herr Pecksniff,„mit einem Spazierſtocke, der, wie ich allen Grund zu glauben habe, mit Knoten verſehen iſt, und ich wurde auf den zarten und vorzüglichen Theil des menſchlichen Körpers geſchlagen, welchen man das Ge⸗ 290 hirn nennt. Mehrere Schläge, Sir, wurden ohne Spa⸗ zierſtock nach jenem noch zarteren Theile meines Körpers geführt, welchen man das Herz nennt. Sir, Sie haben geſagt, daß ich bankerott in der Taſche ſey. Ja, Sir, ich bin es. Durch eine unglückliche Spekulation, ver⸗ bunden mit Verrath, finde ich mich der Armuth preis⸗ „gegeben, und zwar zu einer Zeit, in der das Kind mei⸗ nes Herzens Wittwe, meine Familie mit Schmach und Schande überhäuft wurde.“ Hier wiſchte ſich Herr Pecksniff abermals die Augen und klopfte ſich zwei⸗ oder dreimal an die Bruſt, als wenn es die Antwort auf zwei oder drei Pochen in der⸗ ſelben wäre, welche der klingende Hammer ſeines Ge⸗ wiſſens veranlaßte, ihm zurufend:„Ermuthige Dich, mein Knabe.“ „Ich kenne den menſchlichen Sinn, und dennoch vertraute ich ihm. Das iſt meine Schwäche. Weiß ich nicht, Sir,“— hier wurde er außerordentlich kläglich, und man bemerkte, daß er ſeinen Blick zu Tom Pinch wandte—„daß mein Unglück dieſe Behandlung über mich bringt? Weiß ich nicht, Sir, daß ich ohne dieſes nie gehört haben würde, was ich heute hören mußte? Weiß ich nicht, daß in der Stille und Einſamkeit der Nacht eine leiſe Stimme in Ihr Ohr flüſtern wird: „Herr Chuzzlewit, das war nicht recht, das war nicht recht.V’ Bedenken Sie dieſes, Sir, wenn Sie wollen die Güte haben; bedenken Sie ſes, wenn Sie ferne von den Aufregungen der Leidenſchaft und abgeſchieden von den Einzelnheiten des Vorurtheils ſind; Sie werden dieſe kräftige Bemerkung erlauben. Und wenn Sie je das ſtumme Grab bedenken, Sir, ſo denken Sie auch an mich; Sie werden mich übrigens entſchuldigen, wenn ich nach dem Benehmen, zu welchem Sie ſich heute fort⸗ reißen ließen, einigen Zweifel hege, ob Sie deſſen über⸗ haupt fähig ſind. Wenn Sie ſich aber dem ſtummen Grabe nähern, Sir, ſo denken Sie an mich; wenn Sie eine Aufſchrift für Ihr ſtummes Grab wünſchen ſollten, 6 * —.,— . 291 ſo laſſen Sie ſich daraͤuf ſetzen, daß ich— ja, mein gefühlvoller Sir, daß ich— das demüthige Individuum, welches ſich jetzt die Ehre gibt, Ihnen Vorwürfe zu machen,— Ihnen verziehen habe, daß ich dieſes gethan, als die Kränkung noch friſch, mein Herz faſt zerriſſen war. Es mag für Sie bitter ſeyn, dieſes jetzt zu hören, aber Sie werden es erleben, daß Sie noch einen Troſt darin finden. Mögen Sie einen Troſt darin finden, Sir, wenn Sie ihn brauchen. Guten Morgen!“ Mit dieſer erhabenen Anrede entfernte ſich Herr Pecksniff; aber die Wirkung ſeines Abſchiedes wurde durch den Umſtand ſehr beeinträchtigt, daß er unmittelbar darauf von einem ungeheuer aufgeregten Männchen bei⸗ nahe niedergerannt wurde, welches in Plüſchhoſen und⸗ mit einem ſehr hohen Hute die Treppe heraufſtürmte und geradezu in Herrn Chuzzlewits Zimmer ſtürzte. „Iſt Jemand da, der ihn kennt?“ rief der kleine Mann.„Iſt Jemand da, der ihn kennt? O meine Sterne! Iſt Jemand da, der ihn kennt?“ Die Anwe⸗ ſenden ſahen ſich fragend an, aber Niemand wußte mehr, als daß ein aufgeregtes Männchen mit einem ſehr hohen Hute hin und her ſchoß, während er ſein einzelnes paar hellblaue Strümpfe wie wenigſtens ein halbes Dutzend erſchienen ließ, und mit durchdringender Stimme ohne Unterlaß ſchrie:„Iſt Jemand da, der ihn kennt?“ „Wenn Ihr Gehirn nicht ganz umgekehrt iſt, Herr Sweedlepipe,“ rief ihm eine andere Stimme zu,„ſo halten Sie mit Ihrem Unfuge inne. Ich bitte Sie, Sir!“ In demſelben Augenblicke erſchien Mrs. Gamp auf der Schwelle. Die vielen Treppen hatten ſie ganz außer Athem gebracht; aber obwohl ſte ſchrecklich keuchte, unterließ ſie es doch nicht, ohne Unterlaß Knixe zu machen. „Verzeihen Sie die Schwäche dieſes Mannes,“ ſagte Mrs. Gamp, indem ſie Herrn Sweedlepipe mit großer Indignation betrachtete.„Ich hätte mir's wohl denken können, da ich ihn kenne, und ich wollte lieber, daß er in der Themſe ertrunken wäre, ehe ich ihn hieherbrachte, denn erſt vor einer geſegneten Stunde hat er den Vater einer ſo liebenswürdigen Familie, wie nur je in einer drei paar Zwillinge geboren wurden, faſt die Naſe ab⸗ rafirt, Herr Chuzzlewit, und es wäre auch ganz geſchehen, wenn der gute Mann nicht in den Spiegel geblickt hätte und dem Raſirmeſſer ausgewichen wäre. Ich verſichere Sie, Herr Sweedlepipe, daß ich nie ſo ſehr wußte, welch großes Unglück es iſt, mit Ihnen bekannt zu ſeyn, als eben jetzt, und ich muß es Ihnen ſagen, Sir, damit Sie wiſſen, woran Sie ſind.“ „Ich bitte um Vergebung, meine Damen und Her⸗ ren,“ rief der kleine Barbier, ſeinen Hut abnehmend, „und auch Sie, Mrs. Gamp. Aber— aber,“ fügte er halb lachend und halb weinend bei,„iſt denn Niemand hier, der ihn kannte?“ Während der Barbier alſo ſprach, wankte ein Menſch in Stulpenſtiefeln, mit verbundenem Kopfe, herein und begann, augenſcheinlich in der Meinung, daß er gerade ausgehe, in dem Zimmer herumzutaumeln. „Schauen Sie ihn an!“ rief der kleine, aufgeregte Barbier.„Hier iſt er! Seine Binde wird er bald ab⸗ legen, und dann iſt Alles wieder in der Ordnung. Er iſt ebenſo wenig todt, als ich es bin. Er iſt ganz ge⸗ ſund und kräftig, nicht wahr, Bailey?“ „O— ozienlich, Poll,“ verſetzte dieſer Gentleman. „Schauen Sie her!“ rief der kleine Barbier wieder⸗ holt, in demſelben Athemzuge lachend und weinend. „Wenn ich ihn unterſtütze, ſo iſt Alles gut bei ihm. Er iſt nun ganz recht. Es fehlt ihm nichts weiter, als daß er ein Bischen erſchüttert und etwas ſchwindelig iſt. Nicht wahr, Bailey?“ „So— o ziemlich ſchwindelig, Poll, ſo ziemlich ſchwindelig,“ ſagte Herr Bailey.„Wie, meine liebe Sairey, wie, Sie ſind auch da?“ „Was das ein Junge iſt,“ rief der zartherzige Poll, ſo zu ſagen über ihn hinſchluchzend.„Einen ſolchen Jungen habe ich nie geſehen, Er iſt nichts als Scherz, — —+— —— 8 293 ganz voll davon! Er ſoll in mein Geſchäft treten. Ich habe es beſchloſſen, er ſoll es. Wir wollen Sweedlepipe und Bailey auf den Schild ſetzen. Er ſoll das Vogel⸗ fach haben(was er dazu vortrefflich paßt), und ich be⸗ halte das Raſirfach. So bald er wohl genug iſt, will ich ihm alle Vögel übergeben, den kleinen Blutfinken im Laden und Alles. Ach was er für ein Knabe iſt. Ich bitte um Verzeihung, meine Damen und Herren, aber ich dachte, es möchte Jemand hier ſeyn, der ihn kennt.“ Mrs. Gamp hatte nicht ohne Eiferſucht und Aer⸗ ger bemerkt, daß Herr Swedlepipe und ſein junger Freund einen vortheilhaften Eindruck zu machen ſchie⸗ nen, und daß ſie folglich etwas in den Hintergrund geſtellt war. Sie kämpfte ſich daher etwas durch, um ihre Angelegenheiten zur Sprache zu bringen. „Was, Herr Chuzzlewit,“ ſagte ſie,„Mrs. Harris wohl bekannt iſt, die ein einziges ſüßes Kind(obgleich ſie es nicht wiſſen laſſen will) aus ihrer eigenen Familie von der Mutter Seite in einem Weingeiſtglaſe aufbe⸗ wahrte, und dieſes ſüße Kind ſah ſie auf der Green⸗ wicher Meſſe, wo es in Geſellſchaft mit der rothäugi⸗ gen Dame, dem preußiſchen Zwerge und dem leben⸗ digen Skelette wanderte. Man denke ſich ihre Gefühle, als die Drehorgel ſpielte und man ihr das Kind ihrer eigenen theueren Schweſter zeigte, was ſie nach dem Bilde an der Außenſeite nicht erwartete, denn es war ganz anders abgemalt, als im lebenden Zuſtande, viel größer, und ſchön auf der Harfe ſpielend, was, wie ſie wohl wußte, das Kind nie konnte; nein, gewiß nie, ſo lange es in dieſem Jammerthale wallte. Und Mrs. Harris, Herr Chuzzlewit, hat mich viele Jahre gekannt und kann Ihnen Auskunft ertheilen, daß jene verwitt⸗ wete Dame nichts Beſſeres thun kann, als mich zu ihrer Bedienung anzunehmen, was ſie auch hoffentlich thun wird— mit Erlaubniß der ſüßen Geſichter, welche ich vor mir ſehe!“ „O!“ ſagte Herr Chuzzlewit.„Iſt das Ihr An⸗ — liegen? Wurde dieſe gute Perſon nicht für die Mühe bezahlt, die wir ihr machten?“ „Ich habe ſie bezahlt, Sir,“ entgegnete Mark Tapley,„und zwar ſehr freigebig.“ „Das Wort des jungen Mannes iſt wahr,“ ſagte Mrs. Gamp,„und ich danke herzlich.“ „Dann wollen wir jetzt unſere Bekanntſchaft ſchlie⸗ ßen, Mrs. Gamp,“ entgegnete Martin.„Und Herr Sweedlepipe— nicht wahr? dies iſt Ihr Name?“ „Das iſt mein Name, Sir,“ antwortete Poll mit überſtrömender Dankbarkeit einige klingende Geldſtücke annehmend, welche ihm der alte Mann in die Hand hatte gleiten laſſen. „Herr Sweedlepipe, ſorgen Sie nach Kräften für Ihre Miethsfrau, und ertheilen Sie ihr hie und da ein Paar Wörtchen guten Raths. Deuten Sie ihr z. B. an,“ fügte der alte Martin bei, indem er ernſt nach der erſtaunten Mrs. Gamp hinſah,„deuten Sie ihr an, daß es weit zweckmäßiger ſeyn würde, wenn ſie ein Bischen weniger zum Branntwein griffe und ein Bischen mehr Menſchlichkeit zeigte. Etwas weniger NRückſicht auf ſich, und ein wenig mehr Pflicht für ihre Patienten, vielleicht auch eine kleine Zugabd von Chrlichkeit, wird nicht ganz am unrechten Orte ſeyn. Sollte aber Mrs. Gamp in Unannehmlichkeiten gerathen, Herr Sweedlepipe, ſo wird es gut ſeyn, wenn dieſes in eine Zeit fällt, in welcher ich mich eben nicht in der Nähe von Old⸗Bailey befinde, um mich über ihren Charakter zu einem Zeugniſſe zu erbieten. Haben Sie die Güte, ihr dies bei Gelegenheit nachdruͤcklich bei⸗ zubringen.“ Mrs. Gamp ſchlug die Hände zuſammen, verdrehte ihre Augen, daß man nur noch das Weiße ſah, warf ihren Hut zurück, um ihrer erhitzten Stirn den Zu⸗ tritt der freien Luft zu verſchaffen, und murmelte dabei vor ſich hin: 4 „Weniger Branntwein! Sairey Gamp! Die Flaſche * 295 auf den Kaminmantel, daß ich meine Lippen daratt ſetzen kann, wenn ich dazu disponirt bin!“ Unter dieſem Erguſſe verfiel ſie in eine ihrer be⸗ liebigen Ohnmachten und wurde dann in dieſem kläg⸗ lichen Zuſtande von Herrn Sweedlepipe abgeführt. Der arme Mann hatte genug zu thun, um zwiſchen ſeinen zwei Patienten, der flauen Mrs. Gamp und dem tau⸗ melnden Bailey fortzukommen. Der alte Mann blickte ihm lächelnd nach, bis endlich ſeine Augen auf Tom Pinchs Schweſter ruhen blieben. Dabei lächelte er noch mehr. „Wir alle wollen hier ein gemeinſchaftliches Mahl halten,“ ſagte er,„und da Du mit Mary viel zu ſprechen haben wirſt, Martin, ſo ſollt Ihr bis zu Mittag mit Herrn und Frau Tapley meine Haushal⸗ tung beſtellen. Inzwiſchen will ich von rer Woh⸗ nung Einſicht nehmen, Tom.“ 1 Tom war ganz entzückt, und eben uth. Sie wollte auch mit ihnen gehen. „Ich danke Ihnen, meine Liebe,“ ſagte Herr Chuzzlewit,„obſchon ich fürchte, daß ich Tom wegen einer Geſchäftsſache noch an einen andern Ort hinfüh⸗ ren muß. Wie wäre es, wenn Sie vorausgingen, meine Liebe?“ 3 Die hübſche kleine Ruth war mit Freuden dazu ereit. „Aber nicht allein, nicht allein,“ ſagte Martin, „ich denke, Herr Weſtlock wird Sie begleiten.“ Dieſer wollte es. Hatte Herr Weſtlock auch je etwas anderes im Sinne gehabt? Wie einfältig doch dieſe alten Leute ſind. „Sie ſind doch nicht ſonſt verſagt?“ fügte der alte Mann bei. 3 Verſagt! Als ob er ſich wo andershin hätte ver⸗ ſagen können? Sie entfernten ſich Arm in Arm und einige Mi⸗ nuten ſpäter folgte ihnen Tom und Herr Chuzzlewit in derſelben Weiſe. Der Letztere lächelte noch immer, und in der That für einen Gentleman von ſeinen Ge⸗ wohnheiten in etwas ſchlauer Weiſe. Vierzehntes Kapitel⸗ Was John Weſtlock zu Tom Pinchs Schweſter ſagt, und was Tom Pinchs Schweſter zu John Weſtlock ſpricht. Was Tom Pinch gegen Beide äußert und wie ſie alle den Abend des Tages verlebten. Die Templefontaine funkelte glänzend in der Sonne, lachend ſpielte ihre flüſſige Muſik und luſtig tanzten die müßigen Waſſertropfen; ſie blickten neckiſch unter den Bäumen hindurch und ſenkten ſich augenblicklich wieder, um ſich zu verbergen, als die kleine Ruth und ihr Begleiter vorüber kamen. Es iſt ein Geheimniß, warum ſie ſich überhaupt der Fontaine naherten, obwohl ſie dort nichts zu thun es war weit von ihrem Wege ab. Sie hatten nit der Fontaine ebenſo wenig zu thun, als mit— ls mit— der Liebe oder ſonſt einem Etwas der Art. Es war ganz in der Ordnung, daß Tom Pinch und ſeine Schweſter ſich nach der Fontaine beſtellten, aber jetzt war es doch eine ganz andere Sache. Wenn ſie ein Paar Minuten warten mußten, ſo wäre es natürlich ſehr ärgerlich geweſen, dies an einem andern, als an einem ziemlich ruhigen Orte zu thun, und die⸗ ſer Ort war, alle Umſtände betrachtet, ein ſo ruhiger, als ſie nur einen finden konnten. Aber wenn Herr John Weſtlock ſie nach Hauſe führen ſollte, und Arm in Arm eine ganz andere Richtung einſchlug, ſo war es gewiß ein ganz außerordentlicher Umſtand, da ſie zu derſelben Fontaine kamen.. Wie dem aber auch ſeyn mag, ſie waren da. Und 1 huet in. Ihr Weg führte da nicht vorbei; im Gegen⸗ thei 297 ein anderer ſonderbarer Umſtand war hinzugetreten, ſie ſchienen durch ein ſtillſchweigendes Einverſtändniß hie⸗ her gekommen zu ſeyn. Das Wunderbarſte aber war, daß ſie etwas verwirrt waren, als ſie ſich dort befan⸗ den, und in der Natur einer Fontaine liegt doch, wie wir Alle wiſſen, Nichts, was verwirrt macht. Welch ein guter alter Platz-es war! John ſagte es und fügte die Erklärung bei, daß er eigentliche Liebe für ihn hege. „Ein angenehmer Platz, in der That,“ ſagte die kleine Ruth,„ſo ſchattig!“”“ O böſe, kleine Ruth!“ Als John ein Loblied zu ſingen begann, machten ſie Halt. Der Tag war prachtvoll, und weil ſie ein⸗ mal Halt gemacht hatten, ſo war es ganz natürlich, daß ſte auch einen Blick nach Garden⸗Court hinüber⸗ warfen, und weil der Garden⸗Court in den Garten endigt! der Garten nach dem Fluſſe führt, ſo war die Scene da an einem Sommertage ſo gar hell und friſch. Aber warum ſiehſt Du nicht keck darnach hin, kleine Ruth? Warum haſt Du das Band Deines kleinen köſtlichen Füßchens auf einem unempfindlichen alten Abweisſteine geknüpft, und warum biſt Du ſo beſorgt, es in Ordnung zu bringen? 1 Wenn das feurige Geſicht der Matrone mit dent zerknickten Hute hätte mit anſehen können, wie ſie mit einander gingen, ſo hätte Madame Feuergeſicht wohl nicht mehr viel für ihre Stelle als Waſcherin des Herrn Weſtlock in Fournivals⸗Inn gegeben. Sie gingen weiter, aber nicht durch Londons Straßen, nein durch irgend eine bezauberte Stadt, de⸗ ren Pflaſter aus Luft beſtand, in welcher alle Töne ſanfte Muſik waren, wo Alles ſich glücklich fühlte, in welcher weder Raum noch Zeit galt. Da waren zwei joviale Kärner, welche große Bierfäſſer in einen Keller hinabließen, und als John dem leichteſten, netteſten Boz, Chuzzlewit. V. 20 298 5 Weſen, welches man je geſehen hatte, über das Seil hinweg half, eder dieſes Weſen vielmehr darüber weg⸗ hüpfte, ſo meinten dieſe beiden Kärner, daß ſie ein gutes Trinkgeld verdient hätten, weil ſie ihm zu dieſer Gelegenheit verholfen. Göttliche Kärner! Immer grüne Waiden im Sommer, gut beſtreute Ställe im Winter und keinen Mangel an Haber lund Klee dem edlen Pferde, welches mit einem Gig hinter ſich auf dem Pflaſter einhertanzte, und ſie ſo erſchreckte, daß ſie mit beiden Händen(mit beiden Händen, ſie umfaßten ſich dabei ſo innig) ſeinen Arm umklammerte und ihn bat, nach dem Paſtetenladen ſeine Zuflucht zu nehmen. Und dann mußte er zur Thüre hinausſehen, und ſie blickte ihn mit ſolchen Augen an, um ihn zu fragen, ob er auch gewiß wiſſe, daß ſie jetzt ihren Weg fortſetzen könnten. O wenn doch ein ganzes Ge⸗ ſpann mit Roſſen, oder ein Löwe, ein Bär, ein toller Stier, oder ſonſt etwas der Art gekommen wäre und ſie veranlaßt hätte, daß ſie mit ihren Händchen noch einmal ſeinen Arm umſchlang. Sie plauderten auf dem Wege. Sie plauderten von Tom, von all den Ereigniſſen, von der Zuneigung, welche Herr Chuzzlewit für Tom hege, von den glän⸗ zenden Ausſichten, welche dieſem durch ſolch einen Freund geboten würden, und von mehr dergleichen. Je mehr ſie plauderten, deſto mehr ſcheute ſich die unruhige kleine Ruth vor irgend einer Pauſe, und ſie wollte lieber alles Geſprochene noch einmal ſagen, als eine Pauſe haben, uund wenn ſie hiefür nicht Muth oder Geiſtesgegenwart genug hatte(was, um die Wahr⸗ heit zu ſagen, häufig ſtatt fand), ſo ſah ſie doch zehn⸗ tauſendmal bezaubernder und unwiderſtehlicher aus, als zuvor. 1 „Ich vermuthe, daß Martin nun bald heirathen wird,“ ſagte John. Sie glaubte es auch, aber nie hat ein behexendes kleines Mädchen etwas mit ſo ſchwa⸗ cher Stimme zugegeben, als Ruth dieſes Glauben aus⸗ 7 8— — u————(Vͤ— — Au=——— NN— 8& 8S8 G& 8● 299 ſprach. Sie fühlte jetzt, daß eine von den beunruhi⸗ genden Pauſen im Anzuge ſey, und ſie bemerkte daher, daß Martin eine ſchöne Frau bekomme.„War Herr Weſtlock nicht auch der Meinung?“ „Ja— ja,“ ſagte John,„o ja!“ Sie fürchte, er ſey etwas ſchwer zu befriedigen, weil er ſo kalt ſpreche. „Sagten Sie lieber, ich ſey ſchon befriedigt,“ entgeanete John.„Ich habe ſie kaum geſehen, ich kümmerte mich auch nicht um ſie. Dieſen Morgen hatte ich keine Augen für ſie.“ O gütiger Gott. Es war gut, daß ſie ihren Beſtimmungsort erreicht hatten, denn ſie hätte nicht weiter gehen können; wie wäre es möglich geweſen, mit einem ſolchen Zittern zu gehen? Tom war noch nicht nach Hauſe gekommen. Sie gingen miteinander in die dreieckige Wohnſtube und waren allein. Feuergeſicht, Feuergeſicht, wie wird es Dir jetzt ergehen! Sie ſetzte ſich auf das kleine Sopha und knüpfte ihr Hutband los. Er nahm an ihrer Seite Platz, ſehr nahe, ſehr, ſehr nahe. O ſchnelles, berſtendes, pochen⸗ des, kleines Herz, du wußteſt, daß es ſo weit kommen mußte, und du hoffteſt darauf; warum ſchlägſt Du ſo wild, Herz! „Theure Ruth! Süße Ruth! Wenn ich Sie weniger liebte, hätte ich Ihnen längſt ſchon ſagen können, daß ich Sie liebe. Ich habe Sie vom erſten Augenblicke an geliebt. Nie war ein Weſen in der Welt inniger geliebt, als Sie, theure Ruth.“ ⸗ Sie hielt ihre kleinen Hände vor ihr Geſicht. Die Thränen der Freude, des Stolzes, der Hoffnung und der unſchuldigen Liebe wollten ſich nicht zurückdrängen laſſen, und traten friſch aus ihrem vollen, jungen Herzen her⸗ vor, um ihm zu antworten. „Meine Theure, meine Liebe, weun dieſes Geſtaͤnd⸗ 20* 300 niß nicht ſchmerzlich oder betrübend für Sie iſt, wie ich zu hoffen wage, ſo machen Sie mich glücklicher, als ich auszuſprechen vermag, als Sie zu denken vermögen. Theuerſte Ruth, meine gute, edle, geliebte Ruth! Ich hoffe, daß ich den Werth Ihres Herzens und den Werth Ihrer Engelnatur zu ſchätzen weiß. Stellen Sie mich immer auf die Probe ünd Sie werden mich glücklicher machen. Ruth....“ „Nicht glücklicher,“ ſagte ſie ſchluchzend,„als Sie mich machen; Niemand kann glücklicher ſeyn, als ich es durch Ihre Liebe bin.“ 1 Feuergeſicht, ſieh dich vor! Den gewöhnlichen Lohn oder die gewoͤhnliche Aufkündigung! Es iſt Alles vor⸗ über, Feuergeſicht, wir wollen Dich nicht weiter be⸗ mühen.. Die kleinen Hände konnten ſich jetzt wieder zuſam⸗ men fügen, ohne daß es eines ſich bäumenden Pferdes bedurfte. Jetzt war keine Gelegenheit für Löwen, Bären oder tolle Stiere. Es ging ohne ihren Beiſtand Alles viel beſſer. Keine ſtämmigen Rärner und keine Bierfäſ⸗ ſer brauchten jetzt als Entſchuldigung zu dienen; wozu auch überhaupt eine Entſchuldigung? Die ſchöne, weiche, leichte Hand fiel ſcheu, aber ganz leicht auf des Gelieb⸗ ten Schulter, der zarte Leib, das geſenkte Köpfchen, die hochgerötheten Wangen, der liebliche kleine Mund— Al⸗ les war ſo natürlich, als es nur immer ſeyn konnte. Wenn ſämmtliche Pferde Arabiens mit einemmale losge⸗ laſſen worden wären, ſo hätten ſie doch hierin nichts ver⸗ beſſern können. Sie fingen bald an wieder von Tom zu ſprechen. „Ich hoffe, er wird ſich freuen, wenn er es hört,“, ſagte John mit funkelnden Augen. 1 Ruth ſchmiegte die kleinen Hände etwas dichter an, als er dies ſagte, und blickte recht angelegentlich zu ſei⸗ nem Geſichte auf. 3 „Ich muß ihn doch nie verlaſſen, mein Theurer? Gewiß, Sie wiſſen, daß ich Tom nicht verlaſſen kann.“ ———,— „Glauben Sie, daß ich es von Ihnen fordern würde?“ entgegnete er mit einem— doch das gehört nicht hierher. „Ich wußte es ja, Sie würden nicht,“ antwortete ſte, und die hellen Zähren ſtanden ihr in den Augen. „Und ich will es beſchwören; meine theuerſte Ruth, wenn Sie es haben wollen. Tom verlaſſen, das würde ein ſonderbarer Anfang ſeyn. Tom verlaſſen, meine Theure! Wenn Tom und wir nicht unzertrennlich ſind, und Tom, den Gott behüten wolle, in unſerm Hauſe nicht alle Ehre und Liebe genießt, wie mein kleines Weib⸗ chen, ſo ſoll nie von unſerm Hauſe die Rede ſeyn. Und dieß iſt ein feſter Eid, Ruth.“ Soll ich berichten, wie ſte ihm dankte? Ja, ich will es thun. In aller Einfachheit, Unſchuld und Reinheit des Herzens, aber doch mit einem ſcheuen, anmuthigen, halbentſchloſſenen Zögern legte ſie ein kleines roſiges Sie⸗ gel auf das Geluübde, und die Farbe deſſelben ſpiegelte ſich auf ihrem Geſichte ab und zuckte bis zu den Flech⸗ ten ihrer dunkeln Haare hinauf.— „Tom wird ſo glücklich, ſo ſtolz und ſo froh ſeyn,“ ſagte ſie, ihre kleinen Hände zuſammendrückend;„aber wie erſtaunt wird er ſeyn! Gewiß hat er nie auch nur einen Augenblick lang daran gedacht!“ Natuͤrlich fragte ſie John augenblicklich— der Le⸗ ſer weiß, daß ſie in jenem thörichten Zuſtande waren, welchem man viel zu Gute halten muß— wann ſie angefangen habe, etwas derart zu denken, und dieſes gab dem Geſpräche eine etwas andere Wendung, was zwar ſehr bezaubernd für ſie war, aber bei weitem nicht ſo intereſſant für uns iſt. Und am Ende kamen ſie wieder auf Tom zurück. „Ach, der liebe Tom,“ ſagte Ruth,„ich glaube, ich darf jetzt wohl keine Geheimniſſe mehr vor Ihnen haben, oder— ſollte ich, mein lieber John?“ Es wäre offenbar überflüſſig, erzählen zu wollen, wie der alberne John antwortete, denn eine ſolche Ant⸗ wort läßt ſich nicht zu Papier bringen, obwohl ſie an ſich höchſt befriedigend war. Ihr Sinn mochte ungefähr der ſeyn:„Nein, nein, nein, ſüße Ruth.“ Dann theilte ſie ihm Toms großes Geheimniß mit, ſagte ihm jedoch nicht gerade, wie ſie es entdeckt habe, doch konnte er es verſtehen, wenn er wollte. John war über den Bericht voll Theilnahme und Mitleid, aber, meinte er, ſie wollten darum um ſo mehr verſuchen, ihn glücklich zu machen und ſeinen Lieblingsbeſchäftigungen Vorſchub zu leiſten. In all dem vollen Vertrauen einer ſolch glücklichen Zeit eröffnete er ihr dann, wie er eine vortreffliche Gelegenheit gefunden habe, ſich in ſeinem alten Geſchäfte auf dem Lande niederzulaſſen, und in der Ausſicht auf das Glück, welches ihm nun wirklich zu Theil geworden— hier trat wiederholt eine kleine Abſchweifung ein— habe er gedacht, er koͤnne auf die⸗ ſem Wege Tom eine Beſchäftigung bieten, und es ein⸗ leiten, daß ſie trefflich mit einander leben könnten, ohne daß ſich Tom in irgend einer Weiſe abhängig fühlen dürfe. O, da waren ſie ſo glücklich, als der Tag lang war, und Ruth hörte dieß Alles mit Freude. Sie ſorg⸗ ten nun für Tom ſchon in der Ausdehnung, daß ſie ihm eine ausgewählte Bibliothek kauften und eine Orgel für ihn bauen ließen, auf welcher er mit aller Wonne ſpie⸗ len könne. Da hörten ſie ihn an der Thür klopfen. Die arme kleine Ruth war, ſo ſehr ſie ſich ſehnte, ihm Alles, was ſich ereignete, mitzutheilen, doch bei ſeiner Ankunft ſehr aufgeregt; ſie war es um ſo mehr, weil ſie wußte, daß Herr Chuzzlewit mit ihm war. Sie ſagte daher zitternd: „Was ſoll ich thun, mein theurer John? Ich kann es nicht ertragen, daß er es von jemand anderm, als von mir hört, und doch vermag ich nicht, ihm die Nach⸗ richt mitzutheilen, wenn wir nicht allein ſind.“ „Handeln Sie, meine Liebe,“ ſagte John,„nach dem Impulſe des Augenblicks, das iſt das natürlichſte, und ich bin gewiß, daß es recht werden wird.“ Kaum hatte er ausgeſprochen, kaum hatte Ruth ——Vy— 8— K8 Sg HNNN n 3⁰3 Zeit gehabt, auf dem Sopha ein wenig weiter weg zu rücken, als Tom und Herr Chuzzlewit hereinkamen. Herr Chuzzlewit kam zuerſt und Tom folgte ihm nach einigen Sekunden. Nun hatte ſich Ruth eiligſt entſchloſſen, ſie wolle Tom nach einer kurzen Zeit in dem oberen Stübchen Alles ſagen. Aber als ſie ſein liebes altes Geſicht her⸗ einkommen ſah, wurde ihr Herz ſo ergriffen, daß ſie in ſeine Arme flog, ihren Kopf an ſeine Bruſt legte und ſchluchzend ſagte:— „Wünſche mir Glück! Tom! mein theuerſter Bru⸗ der!“* Tom blickte überraſcht auf und ſah John Weſtlock dicht neben ſich ſtehen, wie er ihm ſeine Hand dar⸗ reichte. „John,“ rief Tom,„John!“ „Lieber Tom,“ ſagte ſein Freund,„gib mir Deine Hand. Wir ſind Schwäger, Tom.“— Tom drückte ihn mit aller Kraft, umſchlang ſeine Schweſter mit Innigkeit und legte ſie in John Weſtlocks Arme. S „Sage mir nichts weiter, John. Der Himmel iſt ſehr gütig gegen uns. Ich...“ Tom konnte keine Worte mehr finden und verließ das Zimmer. Nuth folgte ihm. Und als ſie wieder zurückkamen, Arm in Arm, ſah ſte weit ſchöner, und Tom, wenn es moöglich war, weit edler und treuer als je aus. Und obgleich Tom in der allzu neuen, großen Freude noch nicht vermochte, über die Sache zu ſprechen, ſo legte er doch ſeine Hände in die ſeines Freundes mit einem Nachdrucke, der mehr ſprach, als die beſte Rede ſagen konnte. „Es freut mich, daß Sie den heutigen Tag dazu gewählt haben,“ ſagte Herr Chuzzlewit zu John mit dem nämlichen ſchlauen Lächeln, wie zu der Zeit, als ſie ihn verlaſſen hatten. Ich habe mir's ſchon gedacht. Ich hoffe, Tom und ich ſind lange genug ausgeblieben. Es iſt ſo lange Zeit, ſeit ich ſolche Dinge praktiſch kannte, daß ich Sie verſichern kann, daß mir ganz bange ge⸗ worden.“ 3 3 „Ihre Kenntniſſe ſind aber dennoch ſehr genau, Sir,“ entgegnete John lachend,„wenn Sie mittelſt derſelben vorausſehen konnten, was ſich heute ereignen würde.“ „Ich wüßte nicht, Herr Weſtlock,“ ſagte der alte Mann,„daß dazu ein beſonderer prophetiſcher Geiſt ge⸗ hörte, nachdem ich Sie und Ruth einmal beiſammen ge⸗ ſehen hatte. Doch kommen Sie jetzt hierher, mein ſchönes Kind, und ſehen Sie, was Tom und ich dieſen Morgen zuſammen gekauft haben, während Sie mit dieſem jun⸗ gen Handelsmann da Ihre Geſchäfte abmachten.“ Die Weiſe, wie ſich der alte Mann an ihre Seite ſetzte, ſie im Tone ſeiner Stimme faſt wie ein Kind be⸗ handelte, war poſſierlich genug; aber ſie war ſo voll In⸗ nigkeit, daß ſie die kleine Ruth bezauberte und dieſe ſich ganz artig dabei ausnahm. „Sehen Sie her,“ ſagte er, indem er ein Futteral aus ſeiner Taſche zog,„welch ein ſchönes Halsband!“ „Ha, wie das gläͤnzt! Dazu ein paar Ohrringe, Armſpangen und ein Gürtel. Dieß gehört Ihnen, und für Mary habe ich daſſelbe gekauft. Tom konnte nicht begreifen, warum ich zwei kaufe; welch ein kurzſichtiger Tom! Ohrenringe, Armſpangen und einen Gürtel! O, ſchön. Laſſen Sie jetzt ſehen, wie Sie ſich darin aus⸗ nehmen. Herr Weſtlock ſoll es Ihnen anlegen.“ Es war allerliebſt anzuſehen, wie ſie ihren runden, weißen Arm darreichte und John(o ſchlauer, ſchlauer John) ſich ſtellte, als wolle die Spange gar nicht zu⸗ ſammen gehen. Es war allerliebſt, wie ſie dann den koſtbaren kleinen Gürtel umlegte, und doch wieder Bei⸗ ſtand brauchte, weil ihre Finger gar zu ungeſchickt wa⸗ ren. Es war allerliebſt zu ſehen, wie ſie ſo verwirrt und verlegen ausſah, während ein erröthendes Lächeln auf ihrem Geſichte ſpielte, gleich dem ſtrahlenden Lichte auf den funkelnden Juwelen; es war das Allerlieblichſte, —.———,„—.,——— +₰———— —+₰& 305 was man in den gewoͤhnlichen Erfahrungen eines gan⸗ zen Jahres zu ſehen bekommen konnte. .„Der Schmuck und die Trägerin deſſelben paſſen ſo gut zuſammen,“ ſagte der alte Mann,„daß ich wahr⸗ haftig nicht weiß, welches von Beiden dem andern zur Zierde gereicht. Herr Weſtlock könnte mir das ohne Zweifel ſagen, aber ich will ihn nicht fragen, da er be⸗ ſtochen iſt. Tragen Sie den Schmuck in Geſundheit, meine Theure, und ſeyen ſie ſo glücklich, daß Sie nie anders an ihn denken, als daß er ein Zeichen der Er⸗ innerung aus der Hand eines liebenden Freundes iſt.“ Er klopfte ſte dabei auf die Wange und ſprach zu Tom:„Ich muß hier die Rolle eines Vaters überneh⸗ men, Tom; es gibt nicht viele Väter, welche zwei ſolche Töchter an dem nämlichen Tage verheirathen; aber wir wollen die Unwahrſcheinlichkeit überſehen, daß der Grille eines alten Mannes nachgegeben werde. Ich nehme dieſe große Nachſicht in Anſpruch,“ fügte er bei,„denn der Himmel iſt mein Zeuge, daß ich in meinem Leben nur zu wenig Grillen befriedigt habe, welche das Glück Anderer bezweckten.“ Dieſe verſchiedenen Verhandlungen hatten viele Zeit weggenommen, und ſie waren jetzt in einer ſo angeneh⸗ men Unterhaltung begriffen, daß die Zeit des Mittag⸗ eſſens herannahte, ehe ſie daran dachten. Ein Mieth⸗ wagen brachte ſie bald nach dem Temple, wo ſie Alles zu ihrem Empfang bereit fanden. Herr Tapley hatte hinſichtlich des Mittageſſens unbeſchränkte Vollmacht er⸗ halten und ſeine Aufgabe ſo ehrenvoll gelöst, daß ein prachtvolles Banket unter ſeiner und ſeiner Zukünftigen Leitung vorbereitet war. Herr Chuzzlewit verlangte, daß Beide auch an dem Mahle Theil nehmen ſollten, und Martin unterſtützte dieſen Wunſch dringend. Mark aber ließ ſich durchaus nicht bereden, an dem Tiſche Platz zu nehmen, denn er bemerkte, daß er in der Ehre, ihnen aufzuwarten, ſich jetzt ſchon als Wirth zum luſtigen Tap⸗ ley fühle und ſich feſt in den Glauben verſetzen könne, 306 das Feſt werde unter dem Dache des luſtigen Tapley abgehalten. Um ſich in dieſer Vorſtellung noch mehr zu beſtär⸗ ken, nahm es Herr Tapley auf ſich, verſchiedene allge⸗ meine Anweiſungen über die Aufſtellung der Gerichte und dergleichen an die Kellner des Gaſthauſes zu erlaſſen, und da dieſe in direfter Oppoſition mit allen gewöhn⸗ lichen Vorgängen ſtanden, und ſtets in der launigſten Weiſe ausgedrückt waren, ſo veranlaßten ſie unter der erwähnten Dienerſchaft vielfache Heiterkeit, und in dieſe ſtimmte Herr Tapley auf's herzlichſte ein. Auch unter⸗ hielt er ſie mit kurzen Anekdoten aus ſeinen Reiſen, wie ſie gerade für die Gelegenheit paßten, und hin und wieder mit einem komiſchen Auftritte, der zwiſchen ihm und Mrs. Lupin ſtatt hatte, ſo daß ein beſtändiges Gelächter an dem Seitentiſche herrſchte. Der gepuderte Oberkellner, welcher Knieehoſen trug, und ſonſt ein ganz ernſter Menſch war, wurde von der Lachluſt ſo befallen, daß er ein ganz ſcharlachrothes Geſicht bekam, und daß man deutlich die Schnur ſeiner Weſte berſten hörte. Der junge Martin ſaß oben an der Tafel, Tom Pinch unten, und wenn ſich überhaupt ein recht frohes, gemüthliches Geſicht an dieſem Tiſche fand; ſo war es das Tom’s. Herr Pinch gab überhaupt für Alle den Ton an. Alle tranken ihm zu, alle blickten auf ihn, alle dachten an ihn, und alle liebten ihn. Er durfte nur einen Augenblick Meſſer und Gabel weglegen, ſo war ſchon jemand da, um ihm die Hand zu drücken. Martin und Mary hatten vor dem Mahle an ſeiner Seite ſich niedergelaſſen, und ſo herzlich von zukünftigen Zeiten geſprochen; ſie legten dabei einen ſo feierlichen Nachdruck auf die Gewißheit, er werde ihr Glück durch ſeine Geſellſchaft und ſeine Liebe vollſtändig machen, daß Tom bis zu Thränen gerührt wurde. Er konnte es nicht hören, es war ihm zu viel. Sein Herz war, wie er ſich ausdrückte, des Glückes voll. Und ſo war es auch. Tom ſprach die vollſte Wahrheit. So groß auch 2512 ————O—& S —,———— ,4— Dein Herz war, lieber Tom Pinch, ſo hatte es an dieſem Tage doch für nichts Raum, als für Glück und für Theilnahme. Auch Fips, der alte Fips von Auſtin⸗Friars, ſaß an der Tafel und benahm ſich wie die jovialſte alte Haut, die nur je ihrem geſelligen Temperamente Zwang an⸗ that, indem ſie ſich in ein dunkles Geſchäftszimmer ein⸗ ſchloß.„Wo iſt er?“ rief Fips, als er hereintrat; und dann ſtürzte er auf Tom los und ſagte ihm, daß er ſich für all' den früheren Zwang ſchadlos halten wolle. Zuerſt drückte er ihm die eine Hand, dann die andere, dann ſtupfte er ihn in die Weſte, und dann fragte er ihn, „wie geht es Ihnen?“ und ſo ging es in mannichfach abwechſelnder Weiſe fort, und er unternahm viele Dinge, um ſeinem Freunde ſeine frenndſchaftlichen Geſinnungen und ſeine Freude zu zeigen. Fips ſank dann auch nieder und hielt Reden und dem Weine ſetzte er ſo freundlich zu, daß er recht eigentlich ein Triumph war und in aller Achtung ſtand. Aber ach, das Glück, Abends nach Hauſe zu gehen, wie ſie in jener ſeligen Nacht von Fournivals⸗Inn ge⸗ than hatten! Die kleine, eigenſinnige Ruth wollte nichts von Fahren wiſſen. Das Glück, von jenem Abende ſprechen zu können, und die Seligkeit des Innern gegen⸗ ſeitig auszutauſchen! Das Glück, alle ihre kleinen Plane Tom mitzutheilen und mit anzuſehen, wie ſein glänzendes Geſicht bei ihren Worten noch glänzender wurde! Als ſie zu Hauſe anlangten, ließ Tom ſeinen Freund und ſeine Schweſter in der Wohnſtube und begab ſich unter dem Vorwande, ein Buch zu ſuchen, in ſein Zim⸗ mer. Und Tom, als er die Treppe hinaufging, blinzelte er ſich ſelbſt zu, und dachte Wunder, welche Schlauheit er ausgeführt habe. „Natürlich ſind ſie gerne allein,“ ſprach Tom für ſich,„und ich kam auf eine ſo natürliche Weiſe weg, daß ich nicht zweifle, ſie erwarten mich jeden Augenblick zurück. Das iſt kapital!“ 308 Aber er hatte nicht lange da geſeſſen und geleſen, als er ein Pochen an ſeiner Thüre hörte. „Darf ich hineingehen?“ fragte John. „O gewiß!“ entgegnete Tom. „Verlaß uns nicht, Tom. Du darfſt nicht allein hier ſitzen, wir wollen Dich heiter haben, nicht melan⸗ choliſch.“ 5 „Mein lieber Freund,“ ſagte Tom mit einem frohen Lächeln. „Bruder, Tom, Bruder! „Mein lieber Bruder!“ ſagte Tom,„mit der Me⸗ lancholie iſt es nicht gefährlich, wie könnte ich auch me⸗ lancholiſch ſeyn, wenn ich weiß, daß Du und Ruth, ihr Beide mit einander ſo glücklich ſeyd. Ich hoffe, heute noch Worte zu finden, John,“ fügte er nach einem au⸗ genblicklichen Schweigen bei;„aber nie werde ich Dir ſagen können, welch' unausſprechliche Wonne dieſer Tag mir bereitet hat. Es würde ungerecht ſeyn, wenn ich mit Dir darüber ſprechen wollte, daß Du ein Mädchen ohne Mitgift gewählt haſt, denn ich fühle, daß Du ihren Werth erkennſt; ich bin gewiß, daß Du ihn er⸗ kennſt. Es wird ihn in Deinen Augen nicht verringern, daß ſie ohne Geld iſt. „Du haſt Recht,“ entgegnete er,„wer könnte ſie ſehen, ohne ſie zu lieben! Wer ſollte ſie kennen, Tom, ohne ſie zu verehren! Wer müßte in dem Beſitze eines ſolchen Herzens nicht gleichgültig gegen alle Schätze der Welt werden? Wer könnte das Entzücken fühlen, welches ich heute empfinde, und die Liebe, mit welcher ich ſie liebe, Tom! Und ich ſollte ihren Werth nicht erkennen! Du ſagſt, Tom, Deine Freude ſey unaus⸗ ſprechlich; nein, nein, Tom, die meinige iſt's, die meinige iſt's.“ 4 „Nein, nein John,“ erwiederte Tom,„die meinige iſt’'s, die meinige,“ Ihr freundſchaftlicher Zwiſt wurde durch die kleine Ruth beendigt, welche jetzt zur Thüre hereinſah und, — 3⁰9 o! der Blick, der herrliche, halb ſtolze, halb ſchüchterne Blick, den ſie Tom zuwarf, als ihr Geliebter ſie an ſeine Seite zog. Er ſchien zu ſagen:„Ja, Tom, er wird es thun, aber Du weißt, daß er dann ein Recht hat, weil ich ihn liebe, Tom.“ Was Tom betrifft, ſo war er wahrhaft entzückt. Wie ſie ſo da waren, hätte er Stunden lang ſitzen und ſie betrachten können. „Unſerem Uebereinkommen gemäß, meine Liebe, habe ich Tom geſagt, daß er nicht davon laufen dürfe, daß wir das durchaus nicht zugeben können. Der Ver⸗ luſt einer einzigen Perſon und noch dazu einer Perſon wie Tom, wäre in unſerem kleinen Haushalte zu Dreien nicht zu ertragen, und dieſes habe ich ihm geſagt. Ob er rückſichtsvoll, oder nur ſelbſtſüchtig iſt, das weiß ich nicht, aber es bedarf hier keiner Rückſicht, denn für uns iſt er nicht der mindeſte Zwang. Iſt es nicht ſo, meine theuerſte Ruth?“ Wirklich ſchien er auch kein beſonderer Zwang für ſie zu ſeyn; das war aus dem zu ſchließen, was folgte. War es wohl thöricht von Tom, daß er ſich freute, wenn man zu ſolch einer Zeit ſeiner gedachte? Waren ihre Liebesbezeugungen, die zärtlichen Kindereien, war ihre ſpäte Trennung thöricht? War es eine Thorheit, daß er von der Straße aus nach dem Fenſter hinauf⸗ blickte und daß der matte Schimmer ihres Lichts ihm theurer war, als alle Diamanten? War es thöricht, daß ſie ſeinen Namen ausſprach, als ſie, auf den Knieen liegend, ihr reines Herz vor jenem Weſen ausſchüttete, von welchem ſolche Liebe und ſolche Herzen ſtammen? Waren dies Thorheiten, dann blühe und gedeihe Feuer⸗ geſicht. Iſt es aber nicht der Fall, dann fort mit Dir, Feuergeſicht, du magſt immerhin deinen zerknickten Hut einem andern ledigen Gentleman zurecht ſetzen; denn jedenfalls iſt einer für Dich auf immer verloren. Fünfzehntes Kapitel. Macht dem Autor viel Sorge, denn es iſt das letzte in dieſem Buche. Bei Todgers war Alles in der größten Arbeit, denn es wurden Vorbereitungen für ein ſpätes Früh⸗ ſtück getroffen, welches in dieſen Hallen gehalten werden ſollte. Der geſegnete Morgen war erſchienen, an wel⸗ chem Miß Pecksniff mit Auguſtus durch das Band der heiligen Ehe verbunden werden ſollte. Miß Pecksniff war in einer Gemüthsſtimmung, 4 A. welche ſowohl ihrer, als der Veranlaſſung würdig war. Sie war voll Milde und Verſöhnlichkeit. Mehrere Töpfe voll glühender Kohlen hatte ſie geſammelt, und ſie war bereit, ſie auf die Häupter ihrer Feinde aus⸗ zuſchütten. Nicht die mindeſte Spur von Bosheit oder Haß fand ſich in ihrem Herzen vor. „Streit,“ ſagte Miß Pecksniff,„ſey ein gar zu ſchlimmes Ding in Familien,“ und ob ſie gleich ihrem lieben Papa nimmermehr vergeben konnte, ſo war ſie doch bereit, alle ihre übrigen Verwandten bei ſich zu empfangen. Sie meinte, ſie ſeyen zu lang getrennt geweſen. Das war lange genug, um ein Gericht über die Familie zu bringen. Sie glaubte, der Tod des Jonas ſey ein Gerücht, welches ſie wegen ihrer inner⸗ lichen Zwiſtigkeiten habe treffen müſſen. Und Mrs. Pecksniff wurde in dieſem Glauben durch die Leichtig⸗ keit beſtärkt, mit welcher die Heimſuchung über ſie ſelbſt gekommen war. Demüthigen Geiſtes, nicht im Triumphe, natürlich nicht im Triumphe, ſondern mit Demüthigung des Gei⸗ ſtes, mit aufopferndem Sinne, ſchrieb daher dieſe lie⸗ benswürdige Perſon an ihre ſtarkgeiſtige Verwandte, und ſetzte ſte in Kenntniß, daß an dem und dem Tage ihre Trauung ſtatt finden werde, daß ihr und ihrer Tochter unnaturliches Benehmen ſie zwar verletzt habe, daß ſie.. 3 311 aber hoffe, ihr Gewiſſen habe ihnen darüber keine Vor⸗ würfe gemacht. Sie ſehne ſich darnach, ihren Feinden zu vergeben und mit der ganzen Welt Frieden zu ſchlie⸗ ßen, ehe ſie den feierlichen Bund mit dem edelſten der Männer ſchließe, weßhalb ſie jetzt die Hand zur Ver⸗ ſöhnung biete. Sie ſchrieb, daß wenn erwähnte ſtark geiſtige Frau dieſes Pfand in demſelben Sinne hinnehme, in welchem es geboten werde, ſie, Miß Pecksniff, ihre Verwandte einlade, der Trauungsceremonie beizuwoh⸗ nen, und zugleich bitte, die drei rothnaſigen Jungfrauen, ihre Töchter(die Bemerkung hinſichtlich der rothen Na⸗ ſen, ließ Miß Pecksniff weg) möchten mit ihr als Braut⸗ jungfern zur Kirche gehen. 4 Die Dame vom ſtarken Geiſte antwortete hierauf, daß ſie ſowohl als ihre Töchter in Betracht ihrer Ge⸗ wiſſen ſich einer feſten Geſundheit erfreuten, und daß es, wie ſie wiſſe, Miß Pecksniff freuen werde, dieſes zu vernehmen. Sie habe Miß Pecksniffs Einladung mit der größten Freude empfangen, weil ſie die armſeligen und elenden Eiferſüchteleien, mit welchen ſie und die Ihrigen angegriffen worden, nie der mindeſten Beach⸗ tung gewürdigt, vielmehr in dem Rückblicke auf dieſelben eine harmloſe Quelle unſchuldiger Freuden gefunden habe. Sie wolle mit Freude Miß Pecksniffs Brautgange bei⸗ wohnen und auch ihre drei lieben Töchter ſeyen glück⸗ lich, an einer ſo merkwürdigen und ſo wahrhaft unerwarteten— die letzten Worte hatte das ſtark⸗ geiſtige Weib unterſtrichen— und ſo wahrhaft un⸗ erwarteten Gelegenheit Theil zu nehmen. Nachdem Miß Pecksniff dieſe gnädige Erwiderung empfangen hatte, dehnte ſie ihre Verzeihung und ihre Einladung auch auf Herrn und Frau Spottletock, auf Herrn George Chuzzlewit, den hageſtolzen Vetter, auf das unverheirathete Frauenzimmer, welches gewöhnlich an Zahnſchmerzen litt, und auf den haarigen jungen Gentleman mit dem Umrißgeſichte aus— Alle Perſonen welche von der frühern Verſammlung in Herrn Pecks⸗ ⸗ 312 niffs Beſuchszimmer noch am Leben ſich befanden. Miß Pecksniff bemerkte, daß in der Erfüllung unſerer Pflich⸗ ten eine Süßigkeit liege, welche das Bittere in unſeren Kelchen neutraliſtre. Die Hochzeitgäſte hatten ſich noch nicht verſammelt, denn es war in der That noch ſo früh, daß Miß Pecks⸗ niff ſelbſt ſich gerade mit aller Gemächlichkeit ankleidete, als ein Wagen in der Nähe des Monuments anfuhr. Mark ſtieg vom Bocke und half Herrn Chuzzlewit aus dem Wagen. Der Wagen blieb wartend ſtehen, und eben ſo Herr Tapley; Herr Chuzzlewit aber verfügte ſich zu Todgers. Er wurde durch die verkümmerte Nach⸗ folgerin Herrn Baileys in das Speiſezimmer geführt, woſelbſt ſich, da ſein Beſuch erwartet wurde, Frau Todgers ſogleich einfand. „Wie ich ſehe, ſind Sie ſchon für die Hochzeit an⸗ gekleidet,“ ſagte er. Frau Todgers, welche vor lauter Vorbereitungen ganz taumelnd war, antwortete bejahend. „Ich kann Sie verſichern, Sir,“ fügte ſie bei,„daß dieſe Trauung mit meinen Wünſchen gar nicht überein⸗ ſtimmt. Aber Miß Pecksniff hat einmal ihren Kopf darauf geſetzt, und es iſt in der That Zeit, daß ſie hei⸗ rathet. Dies kann niemand beſtreiten, Sir.“ „Nein,“ erwiderte Herr Chuzzlewit,„gewiß nicht. Ihre Schweſter nimmt wohl keinen Antheil an dieſem Vorgange.“ „Mein Gott, nein, Sir. Das arme Ding,“ ſagte Frau Todgers, indem ſie den Kopf ſchüttelte und die Stimme dämpfte,„ſeit ſie das Aergſte weiß, iſt ſie nicht aus meinem Zimmer herausgekommen— das nächſte Zimmer, Sir.“ „Iſt ſie darauf vorbereitet, mich zu ſehen?“ fragte er. „Ganz vorbereitet.“. „So laſſen Sie uns keine Zeit verlieren.“ Frau Todgers führte ihn in das kleine Hinterſtüb⸗ chen, welches die Ausſicht nach der Ciſterne hatte, und * 4 — 313 dort ſaß die arme Merry in Trauerkleidung, ſo ganz anders, als zu der Zeit, in der ſie das erſtemal hier gewohnt hatte. Das Zimmer war düſter und trübſelig, und ſo war auch ihre Stimmung; aber ſie hatte einen einzigen Freund an ihrer Seite, der bis auf den letzten Augenblick treu bei ihr aushielt und dieſer war— der alte Chuffey.— Als Herr Chuzzlewit ſich an ihrer Seite niedergelaſſen hatte, ergriff ſie ſeine Hand, und führte ſte an ihre Lippen. Sie war ſehr ergriffen, er war ſehr aufgeregt, denn ſeit ihrem Abſchiede in dem Kirchhofe hatte er ſie nicht wieder geſehen. „Ich habe Sie zu übereilt, und,, wie ich fürchte, grauſam beurtheilt,“ ſagte er mit gedämpfter Stimme. „Sagen Sie mir, ob Sie mir vergeben?“ Sie küßte von Neuem ſeine Hand und behielt ſie in der ihrigen, indem ſte ihm zugleich mit zitternder Stimme für all' die Güte dankte, welche er ihr erwieſen. „Tom Pinch,“ fuhr Martin fort,„hat mir Alles getreu berichtet, was Sie ihm aufgetragen haben, ob⸗ wohl er es damals für ſehr unwahrſcheinlich hielt, daß er je Gelegenheit haben werde, Ihrem Wunſche zu entſprechen. Glauben Sie mir, ich will lange mitleidige Rückſicht darauf nehmen, wenn ich je wieder mit einem übel⸗ berathenen, unauſmerkſamen Weſen in Berührung komme, welches die Kraft verbirgt, die es für Schwäche hält.“ 8„Sie hatten auch für mich, ſogar für mich Rück⸗ ſicht,“ entgegnete ſte.„Ich glaube es vollkommen, ich wiederholte mir Ihre Worte, als mein Unglück wahr⸗ haft drückend und ſchwer zu ertragen war. Ich ſpreche dieſelben nun gegen andere, obwohl ich keinen Gebrauch für mich davon machen kann. Sie ſprechen zu mir, nachdem Sie mich viele Tage geſehen und beobachtet hatten. Das war eine große Rückſicht von Ihnen. Sie hätten vielleicht freundlicher mit mir ſprechen, ſo mein Vertrauen durch größere Milde ſchneller gewinnen kön⸗ nen, aber das Ende würde ſtets daſſelbe geweſen ſeyn.“ Boz, Chuzzlewit. V. 21 Er ſchüttelte zweifelnd und nicht ohne ſich einen innerlichen Vorwurf zu machen, das Haupt. „Wie konnte ich hoffen,“ fuhr ſie fort,„daß Ihre Einmiſchung etwas über mich vermocht hätte, da ich nur zu gut weiß, wie ſtarrſinnig ich war. Theurer Herr Chuzzlewit, damals dachte ich an gar nichts, ich dachte überhaupt nicht, ich hörte nicht, entbehrte aller Ueber⸗ legung, hatte kein Herz und war auch gleichgültig, ob ich eines finden werde. Ich habe in meiner Noth, in meiner Verwirrung gefehlt. Erſt die Noth hat mich zur Befinnung gebracht; und ich würde die ausgeſtan⸗ denen Leiden nicht ungeſchehen machen, ſelbſt wenn ich es vermöchte, weil ich weiß, daß ſie leicht ſind, in Ver⸗ gleichung mit den Heimſuchungen, welchen hundert gute Menſchen jeden Tag ausgeſetzt ſind. Das Unglück war mein Freund, ohne welchen ich mich nicht verändert hätte, denn nichts anderes hätte mich umwandeln kön⸗ nen. Mißtrauen Sie mir nicht dieſer Thränen wegen, ich kann mich ihrer nicht erwehren. Ich bin dankbar dafür in meiner Seele, gewiß ich bin es.“ „Ja ſie iſt es,“ ſagte Frau Todgers,„ich glaube es, Sir.“ „Und ich auch,“ entgegnete Herr Chuzzlewit.„Hö⸗ ren Sie jetzt auf mich, meine Liebe. Ihres verſtorbe⸗ nen Gatten Vermögen wird einem Prozeſſe unterliegen, denn es iſt, wie ich höre, nicht gegen die Anſprüche derer geſichert, welche bei dem verübten Betruge gelitten haben. Auch liegt das Zugeſtändniß einer bedeutenden Schuld an das aufgelöste Büreau vor, welches Docu⸗ ment die Flüchtlinge, da es ihnen nichts mehr nützen konnte, nach England ſchickten, nicht ſowohl zum Vor⸗ theil der Gläubiger, ſondern um den zu kränken, wel⸗ chen ſie noch am Leben glaubten. Es iſt möglich, daß dieſe Forderung allein ſchon die ganze Habe verſchlingt. Das Eigenthum Ihres Vaters iſt ganz, oder beinahe ganz bei der nämlichen unglücklichen Spekulation bethei⸗ ligt. Was etwa noch übrig bleibt, wird gleichfalls in — — — 315 dem Prozeſſe verloren gehen. Von dieſer Seite haben Sie alſo nichts zu hoffen.“ „Ich waͤre nicht im Stande, zu ihm zurückzukeh⸗ ren,“ ſagte ſie mit inſtinktartiger Beziehung auf den Umſtand, daß er ſie zum Heirathen gezwungen hatte. „Ich könnte nicht zu ihm zurückkehren.“ „Ich weiß das,“ erwiderte Herr Chuzzlewit,„und weil ich das weiß, bin ich hier. Kommen Sie mit mir! Ich kann Ihnen die Verſicherung geben, daß Sie von Allen, welche in meiner Umgebung ſind, edelmüthig willkommen geheißen werden. Bis übrigens Ihre Ge⸗ ſundheit wieder hexgeſtellt ſeyn wird, bis Sie ſich hin⸗ reichend gefaßt haben werden, dieſen Willkomm zu er⸗ tragen, können Sie ſich nach Ihrem Belieben in der Nähe von London einen Aufenthaltsort wählen, welcher jedoch nicht gar zu fern ſeyn darf, damit dieſe wohl⸗ wollende Dame Sie ſo oft beſuchen kann, als ſie es wünſcht. Sie haben viel gelitten, ſind aber noch jung, und haben eine ſchoͤnere beſſere Zukunft vor ſich liegen. Kommen Sie mit mir! Ihre Schweſter iſt lieblos gegen Sie, ich weiß es, ſie übereilt und veröffentlicht dieſe Heirath in einer Weiſe, welche, um nicht mehr zu ſa⸗ gen, doch wenigſtens den Anſtand verletzt, unſchweſter⸗ lich und abſcheulich iſt. Verlaſſen Sie dieſes Haus, ehe die Gäſte kommen! Sie hat die Abſicht Sie zu kränken. Laſſen Sie ihr dieſe Freude nicht, und kommen Sie mit mir.“. Frau Todgers unterſtützte dieſes Zureden, obſchon ſie ſich ungern von ihr trennte; ſogar der alte Chuffey, welcher natürlich in den Plan mit eingeweiht war, ſprach für Herrn Chuzzlewits Anſchlag. Sie kleidete ſich haſtig an und war zur Abreiſe bereit, als Miß Pecksniff in das Gemach ſtürzte. Miß Pecksniff ſtürzte ſo haſtig herein, daß ſie in eine nicht geringe Verlegenheit verſetzt wurde, denn ob⸗ gleich ihr Kopfputz bereits geordnet war, obwohl ſie 3 21.* einen Hut mit Orangeblüthen trug, ſo war ſie doch mit den untern Theilen noch nicht zu Stande gekommen, und ſie hatte noch immer einen Barchentſchlafrock an. Sie war in aller Haſt herbeigeeilt, um ihre Schweſter in der Betrübniß ihres Herzens durch den Anblick des er⸗ wähnten Hutes zu tröſten, und ſie wußte nicht das mindeſte von der Anweſenheit eines Beſuchs, bis Herr Chuzzlewit ihr von Angeſtcht zu Angeſicht gegenüber ſtand, was freilich eine unangenehme Ueberraſchung war. „So, junges Fräulein,“ ſagte der alte Mann, in⸗ dem er ſie mißfällig anblickte.„Sie wollen alſo heute Hochzeit machen?“— „Ja, Sir,“ entgegnete Miß Pecksniff beſcheiden, ich— aber ach— mein Anzug iſt in der That— Frau Todgers.“ „Ich bemerke, Ihr Zartgefühl iſt etwas beun⸗ ruhigt,“ ſagte der alte Martin;„ich bin darüber nicht erſtaunt, Sie haben die Zeit zu Ihrer Vermählung ſehr unglücklich gewählt.“ „Ich bitte um Vergebung, Herr Chuzzlewit,“ entgegnete Cherry vor Aerger erröthend,„aber wenn Sie etwas über dieſen Gegenſtand zu ſagen haben, ſo muß ich Sie bitten, daß Sie hierüber mit Auguſtus ſprechen. Ich hoffe, daß Sie es nicht für männlich halten, von mir Aufklärung zu fordern, da Auguſtus jede Zeit bereit iſt, Ihnen Rede zu ſtehen. Ich habe nichts mit den Täuſchungen zu ſchaffen, welche gegen meinen Vater in Bewegung geſetzt wurden,“ fügte Mrs. Pecksniff ſpitzig hinzu.„Und da ich in einer ſolchen Zeit mit Jedermann in gutem Einverſtändniſſe zu ſtehen wünſche, ſo wird es mich freuen, wenn Sie uns beim Frühſtücke mit Ihrer Gegenwart beehren. Natürlich kann ich unter ſo bewandten Umſtänden nicht in Sie dringen, denn ich ſehe, daß Sie von einer andern Seite gegen mich aufgehetzt ſind. Ich hoffe, daß ich meine natürliche Zuneigung zu dieſer anderen Seite und mein natürliches Mitleid für dieſe andere —— —,— —, 317 Seite bewährt habe. Aber ich kann mich nicht immer dazu hergeben, unterwürfig zu ſeyn, Herr Chuzzlewit. Das wäre denn doch ein Bischen zu viel. Ich hoffe, mehr Achtung für mich ſelbſt ſowohl, als für den Mennin zu haben, der mich als ſeine Braut zum Altar ührt.“ „Ihre Schweſter, welche, wie es mir ſcheint, kei⸗ ner beſonderen Berückſichtigung von Ihnen ſich zu er⸗ freuen hat, obſchon ſie ſich in keiner Weiſe über Sie beklagte, iſt im Begriffe, mit mir zu gehen,“ ſagte Herr Chuzzlewit. „Ich bin in der That ſehr erfreut, zu finden, daß ihr endlich doch noch einiges Glück bluht,“ entgegnete Mrs. Pecksniff, ihren Kopf aufwerfend,„ich⸗ wünſche ihr von Herzen Glück dazu. Es nimmt mich nicht Wunder, daß ihr dieſes Ereigniß ſchmerzlich fällt, aber ich kann nicht helfen; Herr Chuzzlewit, die Schuld liegt nicht an mir.“ „Ei, Miß Pecksniff,“ ſagte der alte Mann ruhig, Sie ſollten doch von Ihrer Schweſter einen andern bſchied nehmen. Es wäre mir lieb, wenn ich unter ſolchen Umſtänden einen beſſern Abſchied von Ihnen ſehen würde. Sie würden mich dadurch zu Ihrem Freunde machen. Man kann nicht wiſſen, ob Sie nicht mit der Zeit einen Freund brauchen.“ „Um Vergebung, Herr Chuzzlewit,“ erwiderte Miß Pecksniff würdevoll;„jedes Verhältniß des Lebens, und jeder Freund im Leben findet jetzt einen Jubegriff in Auguſtus. So lange Auguſtus mein iſt, bedarf ich keines Freundes. Wenn Sie von Freunden ſprechen, Sir, ſo muß ich Sie ein⸗ für allemal bitten, mit Auguſtus hierüber Rückſprache zu nehmen. Dies iſt meine Anſicht von der religiöſen Feierlichkeit, die in kurzer Zeit zwiſchen mir und Auguſtus ſtatt haben wird, wenn mich Auguſtus zum Altare führt. Ich trage Niemand einen Groll nach, that dies zu keiner Zeit, am allerwenigſten aber werde ich es gegen meine 318 Schweſter in dieſem Augenblicke des Triumphes thun. Im Gegentheile, ich gratulire ihr. Wenn Sie nicht hörten, wie ich dieſes ſagte, ſo liegt die Schuld nicht an mir, und da ich Auguſtus ſchuldig bin, bei einer Gelegenheit pünktlich zu ſeyn, in welcher ihn, wie ſich ganz natürlich vorausſetzen läßt, die Ungeduld aufregt. — In der That, Frau Todgers— ſo muß ich um die Erlaubniß bitten, Sir, mich entfernen zu dürfen.“ Nach dieſen Worten verſchwand der Brauthut mit ſo viel Anſtand, als ſich mit dem Barchent⸗Unterkleide vertrug. Der alte Martin gab ſeinen Arm der jüngeren Schweſter, ohne ein Wort zu ſagen, und führte ſie fort. Frau Todgers begleitete ſte in ihrem Sonntags⸗ putze, welcher im Winde flatterte, an den Wagen, um⸗ ſchlang zum Abſchiede Merry's Nacken, und eilte dann, auf dem ganzen Wege weinend, nach ihrem ſchmutzi⸗ gen Hauſe zurück. Sie war zwar hager und unanſehnlich, aber eine wackere Seele war in ihr. Vielleicht war der barm⸗ herzige Samariter auch hager und unanſehnlich, und vielleicht ging es ihm hart im Leben. Wer weiß es? Herr Chuzzlewit ſah ihr ſo eifrig nach, daß ſeine Augen erſt dann, nachdem ſie die Thüre zugemacht hatte, auf Tapley's Geſicht fielen. „Ei, Mark!“ ſagte er, ſo bald er ihn bemerkte, „was gibt's?“. „Das wunderbarſte Ereigniß, Sir,“ antwortete Mark, indem er ganz außer Athem war und faſt in unartikulirten Tönen ſprach.„Ein Zuſammentreffen ohne Gleichen! Hol mich der... wenn da nicht unſere zwei alten Nachbarn ſind, Sir!“ „Welche Nachbarn?“ rief der alte Martin, indem er zum Wagenfenſter hinausſah.„Wo?“ „Ich ging nicht fünf Ellen von dieſem Platze auf und ab,“ ſagte Herr Tapley,„und ſie kamen auf mich zu, wie ihre eigenen Geſpenſter, wofür ich ſie auch 1 4* 319 hielt. Es iſt das wunderbarſte Ereigniß, das ſich je zugetragen hat. Bringe Jemand eine Feder und ſchlage er mich damit zu Boden.“ „Was meinen Sie?“ rief der alte Martin, durch den Anblick von Marks Aufregung faſt ebenſo aufge⸗ regt, wie dieſer wunderliche Kautz ſelbſt.„Wo ſind Nachbarn?“ „Hier, Sir,“ erwiderte Herr Tapley,„hier in der City von London! Dort auf jenem Steine, dort ſind ſie! Ob ich ſie wohl kenne! Gott behüte ihre willkom⸗ menen Geſichter; kenne ich ſie denn nicht?“ Mit dieſem Ausrufe deutete Herr Tapley nicht nur auf einen anſtändigen Mann und eine Frau, die in ſeiner Nähe ſtanden, ſondern er begann gleich darauf, ſie zu umarmen. „Nachbarn, wo?“ rief der alte Martin faſt außer ſich, weil er vergebens verſuchte, zum Wagenſchlage heraus zu kommen. „Nachbarn in Amerika! Nachbarn in Eden!“ rief Mark.„Nachbarn im Sumpfe, Nachbarn im Gebüſche, Nachbarn im Fieber! Hat ſie uns nicht gewartet? Hat er uns nicht geholfen? Haben ſie ſich nicht wieder zu⸗ rückgekämpft, ohne daß ſie eines von den Kindern mit⸗ gebracht haben, das ſie tröſten könnte. Da ſpreche man mir noch einmal von Nachbarn!“ Und wiederholt ſchoß er fort, ganz außer ſich, umarmte ſie abermals, hüpfte um ſie herum, ſchmiegte ſich an ſie, drängte ſich zwiſchen ihnen durch, als wenn er irgend einen verliebten ausländiſchen Tanz aufführe. Herr Chuzzlewit hatte kaum erfahren, wer dieſe Leute ſeyen, als er, wohl oder übel über den Kutſchen⸗ ſchlag ſetzte und unter ſie hineinſtürmte. Auch fing er an, wie wenn Herrn Tapley's Mondſucht anſteckend wäre, ihnen die Hände zu drücken, und die lebhafteſte Freude zu zeigen. „Steigt hinten hinauf,“ ſagte er,„ſteigt auf den 320 Hinterſitz, kommt mit mir! Sie, Mark, können auf dem Bocke Platz nehmen! Nach Hauſe, nach Hauſe!“ „Nach Hauſe!“ rief Herr Tapley, indem er die Hand des alten Mannes in einem Ausbruche von Be⸗ geiſterung erfaßte.„Ganz meine Meinung, Sir! die Heimath für immer! Entſchuldigen Sie die Freiheit, Sir, ich konnte aber nicht helfen. Glücklicher Fort⸗ gang dem luſtigen Tapley! In dem Hauſe iſt nichts, was Sie nicht auf Verlangen bekommen ſollen, eine Rechnung ausgenommen. Alſo nach Hauſe! Hurrah!“ So wie der alte Mann wieder eingeſtiegen war, eilte der Wagen ſchnell dahin, Marks Feuer kühlte ſich auf dem Wege durchaus nicht ab, denn er machte dem⸗ ſelben ſo rückſichtslos Luft, als wäre er auf der Ebene von Salisbury. Die Hochzeitsgäſte begannen nun, ſich im Hauſe der Frau Todgers zu verſammeln. Herr Jinkins, der einzig geladene Koſtgänger, war der erſte der erſchien. Er trug eine weiße Schleife in dem Knopfloche, einen funkelneuen, ertra⸗ſuper⸗doppelgewalkten, ſächſiſch blauen, feinen Frack(denn ſo war er in der Rechnung betitelt), mit allerlei gewundenen Verſchönerungen an den Taſchen, welche der Kleiderkünſtler zu Ehren des Tages erfunden hatte. Der unglückliche Auguſtus fühlte nicht einmal mehr einen kräftigen Groll gegen Jinkins, weil er hiezu nicht Geiſtesſtaͤrke genug hatte.„Er mag kommen,“ antwortete er Miß Pecksniff, welche deßwegen in ihn drang.„Er mag kommen, er war mir ſtets der Fels über dem Haupte. Es iſt ganz in der Ordnung, daß er da iſt. Ha, ha! O ja! Jinkins komme!“ Jinkins hatte ſich, wie erwähnt, mit dem größten Vergnügen eingeſtellt, und da war er⸗ Einige Minuten lang hatte er keine andere Geſellſchaft als das Früh⸗ ſtück, welches in dem Empfangzimmer mit außergewöhn⸗ lichem Geſchmacke und mit beſonderer Feierlichkeit auf⸗ geſtellt war. Doch bald ſand ſich auch Frau Todgers ein, und dann folgten ſich raſch auf einander der hage⸗ ſtolze Vetter, der junge, haarige Gentleman und Herr Spottletoe nebſt Gemahlin. Herr Spottletoe beehrte Jinkins mit einer ermuthi⸗ genden Verbeugung. „Ich bin erfreut, Sie kennen zu lernen, und wün⸗ ſche Ihnen alles Glück, Sir,“ begann er, indem er Jin⸗ kins für den glücklichen Bräutigam hielt. Herr Jinkins klärte ihn auf. Er machte blos die Honneurs für ſeinen Freund Moddle, welcher nicht mehr im Hauſe wohnte und noch nicht angekommen war. „Noch nicht angekommen, Sir?“ rief Herr Spott⸗ letoe in großer Hitze. „Noch nicht,“ entgegnete Herr Jinkins. „Meiner Seele, der fängt gut an,“ rief Spottletoe, „auf Ehre und Leben, dieſer Menſch fängt gut an! Aber ich moͤchte doch gern wiſſen, wie es zugeht, daß Jeder, der mit dieſer Familie in Berührung kommt, ſich irgend etwas Ungeziemendes gegen ſie erlaubt. Mord und Tod! noch nicht hier! noch nicht hier, um uns zu empfangen.“ 2 Der Neffe mit dem Umrißgeſicht meinte, daß er vielleicht ein paar neue Stiefel beſtellt habe, und daß dieſe ihm noch nicht gebracht worden ſeyen. „Reden Sie mir nicht von Stiefeln, Sir,“ erwiderte Spottletoe aufs Höchſte entrüſtet.„Er iſt in einem ſol⸗ chen Falle verpflichtet, in den Pantoffeln oder auch baar⸗ fuß hierher zu kommen. Entſchuldigen Sie Ihren Freund nicht durch ſo armliche und nichtige Umſtände, wie Stie⸗ feln ſind!“ 3 „Er iſt nicht mein Freund,“ ſagte der Neffe,„ich habe ihn noch nie geſehen.“. „Sehr gut, Sir,“ verſetzte der eifrige Spottletoe, „dann ſprechen Sie mir gar nicht mehr davon.“ Jetzt wurde die Thür aufgeriſſen, und Miß Pecks⸗ niff trat wankend, von ihren drei Brautjungfern unter⸗ ſtützt, herein. Die Dame mit dem ſtarken Geiſte bildete 322 die Nachhut; ſie hatte bisher außen gewartet, um den Eindruck zu verderben. 5 „Wie geht es Ihnen, Ma'am?“ ſprach Spottletoe im Tone der Herausforderung zu der ſtark geiſtigen Dame.„Ich glaube, Sie ſehen Frau Spottletoe, Ma'am?“ Die Dame des ſtarken Geiſtes bedauerte mit einer Miene, welche von dem großen Antheil zeigte, den ſie an Frau Spottletoe’s Geſundheit nahm, daß ſie ſo ſel⸗ ten zu ſehen ſey. Die Natur habe bei dieſer Dame auf der ſchlimmern Seite gefehlt.„ „Frau Spottletoe iſt wenigſtens leichter zu ſehen, als der Herr Bräutigam, Ma'am,“ entgegnete der Gatte dieſer Dame,„das heißt, wenn er nicht etwa ſeine Auf⸗ merkſamkeit bloß einem beſonderen Theile oder Zweige dieſer Familie weiht, was ganz im Einklange mit ihrem gewöhnlichen Verhalten ſtehen würde.“ „Wenn Sie Anſpielungen auf mich machen, Sir,“... entgegnete die ſtarkgeiſtige Dame. „Bitte!“ fiel ihr Miß Pecksniff ins Wort.„Laſſen Sie Auguſtus in dieſem hehren Augenblicke meines und ſeines Lebens nicht Veranlaſſung zur Störung jener Har⸗ monie werden, welche Auguſtus und ich ſtets aufrecht zu erhalten wünſchen. Auguſtus iſt bis jetzt keinem meiner Verwandten vorgeſtellt worden. Er wollte es nicht haben.“. „Nun denn, ſo erlaube ich mir die Bemerkung,“ rief Herr Spottletoe,„daß der Mann, welcher nach der Ehre trachtet, ſich dieſer Familie anzuſchließen und nicht haben will, daß er den Mitgliedern derſelben vorgeſtellt werde, ein unverſchämter Laffe iſt! Das iſt meine An⸗ ſicht von ihm!“ Die ſtarkgeiſtige Dame bekannte mit großer Ge⸗ ſchmeidigkeit, daß ſie faſt daſſelbe fürchte, und ihre drei Töchter erklärten laut: es ſey ſchändlich! „Sie kennen Auguſtus nicht,“ ſagte Miß Pecksniff, in Thränen zerfließend;„wahrhaftig, Sie kennen ihn 8 „ö —— — 323 nicht, Auguſtus iſt die wirkliche Milde und Demuth. Warten Sie nur, bis Sie ihn ſehen, und ich bin über⸗ zeugt, daß er die Liebe Aller gewinnen wird.“ „Die Frage iſt jetzt die,“ rief Spottletoe, die Arme übereinander ſchlagend, wie lange wir noch warten ſol⸗ len? Ich bin des Harrens nicht gewohnt, das iſt eine Thatſache, und ich verlange zu wiſſen, wie lange man uns noch zumuthet zu warten?“ „Frau Todgers!“ ſagte Charity,„Herr Jinkins! ich fürchte, daß ſich hier irgend ein Mißverſtändniß ereignet hat. Ich glaube, daß Auguſtus geraden Wegs nach dem Altar gegangen iſt.“ Der Fall war möglich und die Kirche war in der Nähe, daher eilte Herr Jinkins fort, um nachzuſehen. Herr George Chuzzlewit, der hageſtolze Vetter, begleitete ihn, denn ihm war nichts ärgerlicher, als in der Nähe des Frühſtücks ſitzen zu müſſen, ohne davon genießen zu können. Aber ſie kamen beide ohne eine andere Kunde zurück als die, daß der Küſter ſagen laſſe, wenn ſie an dieſem Vormittage noch getraut werden wollten, ſo wür⸗ den ſie wohl daran thun, ſich zu beeilen, indem der Pfar⸗ rer nicht Luſt habe, den ganzen Tag in der Kirche zu bleiben. Nun wurde die Braut unruhig, ernſtlich unruhig! Gott im Himmel! Was konnte vorgefallen ſeyn? Auguſtus, theurer Auqguſtus? 3 Herr Jinkins machte das Anerbieten, ein Kabriolet zu nehmen und in dem neumöblirten Hauſe nachzuſehen. Die Dame vom ſtarken Geiſte ſpendete Miß Pecksniff Troſt, und meinte, es ſey eine kleine Probe von dem, was ſie zu erwarten habe, ſo etwas ſey gut und ver⸗ treibe die Romantik. Die rothnaſigen Töchter brachten gleichfalls die zärtlichſten Troſtworte in Anwendung, ſie ſagten: Vielleicht kommt er noch! Der Neffe mit dem Umrißgeſicht meinte, er ſey vielleicht von der Brücke her⸗ untergeſtürzt. Herr Spottletoes Zorn konnte durch alle Bitten und Vorſtellungen ſeiner Gattin nicht beſchwich⸗ tigt werden; Alles ſprach zugleich, und Miß Peckeniff ſuchte, die Hände ringend, überall Troſt, ohne ihn zu finden. Da kehrte plötzlich Herr Jinkins, der dem Poſt⸗ boten an der Thür begegnet war, mit einem Briefe zu⸗ rück und händigte ihn ihr ein. Miß Pecksniff öffnete ihn, blickte hinein, ſtieß einen durchdringenden Schrei aus, warf das Blatt auf den Boden und ſank in Ohnmacht. Den Brief hoben ſie auf; ſte drängten ſich im Kreiſe, Worten und Zügen folgende Mittheilung: 5 Graveſend. Mittwoch Abends. Ewig gekränkte Miß Pecksniff!— „Ehe dieſes zu Ihnen gelangt, iſt der Unterzeich⸗ nete— wenn nicht eine Leiche— doch auf dem Wege nach Van Diemens⸗Land. 5 „Senden Sie ihm nicht nach. Lebendig werde ich mich nie ergreifen laſſen. Die Laſt— 300 Tonnen per Regiſter— vergeben Sie mir, wenn ich in mei⸗ ner Zerſtreuung auf das Schiff zu ſprechen komme— auf meinem Herzen— iſt wahrhaft ſchrecklich geweſen — oft wenn Sie meine Stirn mit Küſſen zu beſchwich⸗ tigen ſuchten, hat der Gedanke an Selbſtmord mein Gehirn durchbebt; oft, es mag unglaublich ſcheinen, habe ich dieſe Idee wieder aufgegeben. „Ich liebe eine andere. Sie iſt eines andern. Alles ſcheint jemand andern anzugehören. Nichts in der Welt iſt mein, nicht einmal mein Platz, denn ich habe ihn durch mein übereiltes Weglaufen verſcherzt. Wenn Sie mich je liebten, ſo hören Sie meine letzte Bitte, die letzte Bitte eines elenden und gekränkten Verbannten. Schicken Sie den Einſchluß— es iſt der Schlüſſel zu meinem Pulte— nach dem Büreau ſahen ſich gegenſeitig über die Schultern und laſen in * Clipper Schooner, Cupid. — —— 25 — durch einen Boten. Ueberſchreiben Sie ihn an Bopps und Chollberry— ich meine, an Chobbs und Bollberry— aber mein Geiſt iſt total aus dem Ge⸗ leiſe. Ich ließ ein Federmeſſer— mit einem Hirſch⸗ hornhefte— in Ihrem Nähetuis. Es wird den Bo⸗ ten bezahlen. Moͤge es ihn glücklicher machen, als es mich je gemacht hat. „O, Miß Pecksniff, warum haben Sie mich nicht gehen laſſen? War es nicht grauſam, ſehr grauſam? O, gütiger Gott, waren Sie nicht Zeuge meiner Ge⸗ fühle— haben Sie nicht geſehen, wie ſie meinen Augen entfloſſen? Machten Sie mir nicht ſelbſt Vor⸗ würfe, als ich an jenem ſchrecklichen Abende, an wel⸗ chem wir uns das letztemal ſahen, mehr als gewöhn⸗ lich weinte? Es war in demſelben Hauſe— wo ich einmal friedlich— wenn auch vernichtet— in der Geſellſchaft von Frau Todgers lebte. „Aber es ſtand geſchrieben— im Talmud geſchrie⸗ ben— daß Sie ſich ſelbſt in das unerforſchliche und düſtere Schickſal, welches zu erfüllen meine Sendung iſt, verſtricken ſollen— welches ſich ſogar jetzt— um meine— Schläfe windet Ich will alſo Ihnen keine Vorwürfe machen, denn ich habe Ihnen Unrecht ge⸗ than. Mögen die Möbel Einiges gut machen! „Leben Sie wohl! Werden Sie die ſtolze Braut eines Herzogshutes, und vergeſſen Sie mich! Lange möge es anſtehen, bis Sie den langen Schmerz kennen lernen, mit welchem ich mich unterſchreibe— mitten unter dem ſtürmiſchen Heulen— der Matroſen, 3 unveränderlich wie Ihr Auguſtus.“ Während ſie dieſen Brief begierig laſen, dachten ſie ſo wenig an Miß Pecksniff, als ob dieſe die allerletzte Perſon ſey, welche er angehe. Aber Miß Pecksniff war wirklich ohnmächtig geworden. Die Bitterkeit dieſer 326 Kränkung, das Schreckliche, Zeugen, und noch überdieß ſolche Zeugen zu haben; das Schreckliche des Bewußt⸗ ſeyns, daß die ſtarkgeiſtige Dame und ihre rothnaſigen Töoͤchter in dieſer Stunde ihres Falles triumphirten, das war zu viel, um es ertragen zu können. Miß Pecksniff war in allem Ernſte in Ohnmacht gefallen. Welche Töne ſind es, die ſo großartig in das Ohr ſchallen? Welch ein dunkelndes Zimmer iſt dieſes? Und jene milde Geſtalt, an einer Orgel ſitzend, wer iſt ſie? Ah, Tom, theurer Tom, alter Freund! Dein Haupt iſt frühzeitig grau geworden, eine ſchöne Zeit liegt zwiſchen Dir und unſrer alten Bekanntſchaft, Tom. Aber in dieſen Tönen, mit welchen Du dem Zwielichte Geſellſchaft zu leiſten pflegſt, ſpricht ſich die Muſik Deines Herzens aus, erzählt ſich die Geſchichte Deines Lebens. Dein Leben iſt ruhig, ſtill und glücklich, Tom. In den ſanften Weiſen, welche ſich wieder und wieder nach Deinem Ohre hinſtehlen, findet vielleicht das Andenken an Deine alte Liebe eine Stimme. Es iſt eine angenehme, eine ſanfte, eine flüſternde Erinnerung, gleich der, mit welcher wir hin und wieder der Dahingeſchiedenen gedenken, die, Gott ſey Dank, Dich nicht ſchmerzt und Dich nicht grämt!. Berühre die Taſten leicht, Tom, ſo leicht als Du willſt, aber nie wird Deine Hand auf dieſem Inſtrumente auch nur halb ſo leicht auffallen, wie auf dem Haupte Deines alten, tief, ſehr tief geſunkenen Tyrannen. Aber nie wird es Dir auch auf Deine Berührung eine ſo hohle Antwort geben, als die iſt, welche von ihm kommt. Denn ein betrunkener, bettelnder Winkelſchreiber, Pecksniff genannt, umſpuckt Dich, Tom, mit einer kei⸗ fenden Tochter; und wenn er Deine Kaſſe in Anſpruch nimmt, erinnert er Dich, daß er Dein Glück beſſer ge⸗ 8 327 baut habe, als ſein eigenes. Und wenn er denn das, was Du ihm gegeben, im Bierhauſe vergeudet, erzählt er ſeiner ſchmutzigen Geſellſchaft die Geſchichte Deines Un⸗ danks und ſeiner Freigebigkeit gegen Dich in früherer Zeit. Dabei zeigt er einen durchlöcherten Ellenbogen, legt ſeine Schuhe ohne Sohlen auf eine Bank und bittet ſeine Zu⸗ hörer, ſich ſelbſt zu überzeugen, während Du gemächlich gekleidet ſeyeſt und wohneſt. Das Alles weißt Du, und das Alles trägſt Du mit Nachſicht. Mit einem Lächeln auf Deinem Antlitze gehſt Du allmählig in eine andere Melodie über, in eine ſchnellere und freudigere. Kleine Füße pflegen bei dieſer Melodie um Dich zu tanzen und helle junge Augen blicken glän⸗ zend zu den Deinigen auf. Und da iſt ein einziges klei⸗ nes Geſchöpf, Tom— ihr Kind, nicht das Ruth's— welchen Deine Augen bei dem ſpielenden Tanze folgen. Wer iſt bisweilen verwundert, Dich ſo gedankenvoll zu ſehen, und wer klettert auf Dein Knie, um ſeine kleine Wange an die Deinige zu ſchmiegen? Wer liebt Dich, Tom, mehr als Alle, wenn dieſes möglich iſt? Wer wollte, als ſie einmal krank war, von niemand anderm, als von Dir gepflegt ſeyn, nie eine Ungeduld, wenn Du, Tom, an ihrer Seite warſt? Du gehſt nun in eine ernſtere Weiſe über, in eine Weiſe, welche alten Freunden und der vergangenen Zeit geweiht iſt. In der zögernden Berührung der Taſten, und in dem reichen Schwellen der edlen Harmonie erſtehen ſie alle vor Dir. Der Geiſt jenes todten alten Mannes, der eine Wonne darin fand, Deinen Wünſchen zuvorzu⸗ kommen, der nie aufhörte Dich zu ehren, befindet ſich unter den Uebrigen und wiederholt mit gefaßtem und heiterem Geſichte die Worte, die er, Dich ſegnend, au ſeinem Todenbette zu Dir ſprach! Und aus einem Garten, „Tom, den Kinderhände mit Blumen beſtreuen, kommt Deine kleine Schweſter Ruth, um mit ſo leichtem Fuße, um mit ſo leichtem Herzen, wie in alten Tagen, an Deine Seite ſich zu ſetzen. Von der Gegenwart und von der 8 Vergangenheit, in welche ſie ſo innig mit allen Deinen Gedanken verwebt iſt, erheben ſich Deine Accorde vor⸗ wärts, in die Zukunft. Und wie es in Dir und außer Dir preiſend wiederhallt, blickt Dein freundliches Geſicht auf ſie mit einer Liebe und Treue, welche keinen Tod kennen. Die edle Muſik rollt in einer Wolke von Melo⸗ dien um ſie her, ſchließt aus den plumperen Anblicke einer irdiſchen Trennung und trägt ſie, Tom, zum Himmel empor! En d e. 8 3 1 ——