3 —— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard. Okkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Büc cher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückg be eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem erthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bi Bücher: 6 B Büc her: —— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 50 f Pf. 2 Mi Pf „ 3„ 2—„ 3. n 4„— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz r 85 Ganzen verpflichtet. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Der Zug von Drohin. die Drohiner Hügel hin, lagerten zum Theil haushoch zuſammengewehte Maſſen, die ein Weiterkommen entweder aufs äußerſte erſchwerten oder auch ganz verhinderten. Wer aber das Land kannte und die tieferen Wieſenſtrecken zu vermeiden wußte, kam über die Aecker allerwärts leicht vorwärts. Der Schnee war feſt zuſammengeweht und hart gefroren und die Gräben waren alle voll, daß es zu Fuß, Pferd und Schlitten ungehindert über ihnen fort ging. Allein man benutzte dieſe ſich darbietende Erleichte⸗ rung wenig, da es zwiſchen den ziemlich weit aus einan⸗ der liegenden Dörfern zu dieſer Zeit nur ſelten Veran— laſſung zum Verkehre gab. Auf der Poſtſtraße, die weiter ins Land hinein größere Ortſchaften und Städte mit einander verband, waren, ſobald der Schneefall geendet, die Arbeiten zu ihrer Eröffnung begonnen worden. Die Franzoſen verſtanden dergleichen beſſer und betrieben es raſcher als die früheren einheimiſchen Behörden. Und auch der Weg, welcher von Dreiheiligen nach Lehrsdorf und weiter nach Nieder⸗Rhoda führte, war zum Theil wenigſtens ſchon aufgeräumt. Graf Eberhard hielt auf die Zugänglichkeit ſeines Hauſes und des Dorfes, obgleich gerade er ſonſt weniger Verkehr mit der Außenwelt hatte, als irgend einer ſeiner benachbarten Standesgenoſſen. Aus zarter Rückſicht für die unermüdlichen Geſpenſter, welche ungefähr dieſe zuletzt erwähnte Richtung verfolgen ſollten, war dieſe Straße jedoch nicht geräumt. Der Ge⸗ ſpenſterzug kehrte ſich an kein Wetter und kein Hinderniß, wurde auch durch den Schnee nicht incommodirt und zog — 4 Einundzwanzigſtes Kapitel. beharrlich den ihm durch die Sage angewieſenen Weg— aus den Drohiner Hügeln hervor, am Elsbruche vorbei einen ziemlich erhöhten und ſchmalen Wieſenrand entlang, über ein paar Fruchtfelder, gerade aus bis an den ſoge⸗ nannten Lehrsdorfer Buſch, hinter dem die Ruinen des Nonnen⸗Kloſters lagen. Weiter als bis an dieſen Buſch hatte ihn bisher niemand beobachtet. Von einem Ver⸗ folgen der unheimlichen Erſcheinung war begreiflicher Weiſe niemals die Rede geweſen; jeder, der ihn ſehen mußte, hatte Gott gedankt, wenn er ſich unverſehrt wieder allein ſah. Auch war dieſes unheimliche Weſen, wie wir wiſſen, nur ſelten bemerkt worden, und daß dieſes im vergangenen Herbſte und neuerdings wieder mehrmals ge⸗ ſchehen, machte freilich, bei der Bedeutung, die man der Erſcheinung unterſchob, auf das Volk dieſer Gegenden einen tiefen Eindruck, einen bei Weitem tieferen, als Ge⸗ neral Renaud annahm, als ſeine Douaniers und Gens d'armen berichten konnten. In ſeinem Aberglauben iſt das Volk noch viel ſcheuer und eiferſüchtiger verſchloſſen, als in irgend einem anderen geiſtigen Beſitz. Man hatte, ſo viel man ſelbſt von denen erfahren konnte, die ſich auf ein Geſpräch über ſolche Dinge ein⸗ ließen, der unheimlichen Erſcheinung niemals nachgeforſcht, ſondern ſie ſo zu ſagen ſtets auf Treu und Glauben angenommen. Daß ſie erxiſtirte, ſchien nicht bezweifelt werden zu können, da ſie mehr als einmal von glaub⸗ würdigen, nüchternen und verſtändigen Leuten beobachtet worden war. Unter Anderen hatte auch der noch jetzt in Dreiheiligen angeſtellte Wirthſchafter den Zug im Sep⸗ Der Zug von Drohin. 5 tember des unglücklichen Jahres 1806 ſelbſt an ſich vor⸗ über gleiten ſehen und war, weil ihm zumal dieſe eigen⸗ thümliche, lautloſe Bewegungsweiſe aufgefallen, neugierig genug geweſen, am folgenden Morgen die Strecke nach den hinterlaſſenen Spuren zu unterſuchen. Und er hatte in dem durch Regen aufgeweichten Boden zu ſeinem Er⸗ ſchrecken nicht eine gefunden. Nicht ein Huf der zwanzig und mehr Pferde, die er geſehen, nicht ein Fuß der zahl⸗ reichen großen und ſtarken Männer, welche mitgeſchritten, zeigte ſich irgendwo ausgeprägt. Und ſelbſt auf dem Felde, wo damals noch der bei der üblen Witterung zu⸗ rück gebliebene Hafer ungemäht ſtand, fand dieſer ſich un⸗ verletzt, obgleich die ganze Schar mitten hindurch gezogen. Seitdem war auch der Wirthſchafter ein Gläubiger ge⸗ worden, zumal, da bald nachher das Unglück von Jena ſich in ſeinen Folgen auch auf dieſe Gegenden und auf mehr als ein Glied der gräflichen Familie erſtreckte.— Es war alſo eine glänzend klare, ſterndurchfunkelte, bitterkalte Nacht, und die Männer, welche ſich dort, nicht weit von dem Elsbruche, im offenen Felde befanden, hatten allen Grund, nicht nur ihre Capot⸗Röcke oder Män⸗ tel feſt um ſich und die Kopfbedeckungen tief in die Stirn zu ziehen, ſondern ſich auch ſo nahe wie möglich an ein⸗ ander und außerdem in dem Schutze des ziemlich dichten und hohen Gebüſches zu halten, das hier zwiſchen ein paar Steinen ausgeſchlagen war. Es ſtanden auch ein paar alte, verkrüppelte Weiden in der Nähe und deute⸗ ten an, daß unter dem Schnee ein Landweg hinführen mochte. Und ſo wenig das alles auch war, es gewährte 6 Einundzwanzigſtes Kapitel. den Männern doch die Empfindung, als ſeien ſie dadurch etwas mehr gegen die Kälte geſchützt, während es zugleich weit und breit die einzige Stelle war, wo ihre Geſtalten von einem etwaigen Beobachter auf der offenen und blen⸗ dend weißen, faſt tageshellen Schneefläche wenigſtens nicht augenblicklich entdeckt werden konnten.— In der Entfernung von etwa fünfzig bis ſechszig Schritten vor ihrem Platze ließ ſich trotz des Schnee's eine lang hinziehende, ſchmale Erhöhung des Bodens wahr nehmen, der ſich von dort aus nach beiden Seiten hin ein wenig zu ſenken ſchien— der Rand einer Wieſe etwa oder eines Ackers, den man als Grenze erhalten wollte und daher nicht mit dem übrigen Gelände in Cultur ge zogen hatte. Der Rücken ſelber und das Feld diesſeits und jen ſeits war, wie ſchon geſagt, ſo hell erleuchtet, daß man, zumal nicht eine Spur von Dunſt oder Duft zu bemerken, bis auf eine weite Entfernung jeden irgendwie abſtechen den oder gar ſich bewegenden Gegenſtand bemerken und erkennen mußte. Der Mond, der ſeit ein paar Tagen ſchon wieder abnahm, ſtand indeſſen bereits ſehr tief gegen den Horizont zu und mußte in einer Viertelſtunde vollends verſchwunden ſein. Jetzt— ſeinem und dem Stande der Geſtirne nach mochte es gegen zehn Uhr ſein— warf er aber ſein Licht noch über die Ebene und beleuchtete gerade die Männer im Schatten des Buſches vollſtändig, ſo daß man zwei von ihnen als Douaniers erkannte, während der dritte im dunklen Mantel— man hieß ſo ein damals Chenille— erſchien und eine Mütze vo Ding n Fuchs⸗ Der Zug von Drohin. 7 pelz tief über die Ohren gezogen hatte. Einer der Erſte⸗ ren ſaß auf einem Steine und hielt den Carabiner, den Lauf gegen ſich gewandt, zwiſchen den Knieen. Sein Kamerad und der Dritte ſtanden nahe bei ihm und hatten den Rücken gegen die Stauden des Buſches gedrückt. Für den Augenblick ſchwiegen alle Drei und ſchauten aufmerkſam theils nach vorn, theils links fort, wo ſich in der Entfernung von etwa zehn Minuten ausgedehntere Buſchmaſſen und über ihnen die faſt kahlen, ſchneeüber⸗ deckten Hügel von Drohin zeigten. Sie erblickten aber nach keiner Richtung hin auch nur eine Spur von Be⸗ wegung; alles lag in tiefer, unbeweglicher Ruhe, und ſo weit ſie umher horchten, ließ ſich nicht ein einziger Laut vernehmen. Es müßte denn von Zeit zu Zeit einmal der heiſere Schrei eines Raben, der Gott weiß wodurch in ſeiner Ruhe geſtört worden, vom Buſch herüber geklungen ſein. Jetzt war der Mond untergegangen und die Sterne leuchteten allein auf das ſtille Feld. Das Gezweig des Buſchwerkes that ſeine Schuldigkeit und die Geſtalten der Drei verſchwanden vor nicht ſehr guten Augen faſt gänz⸗ lich in der durch dasſelbe verbreiteten Dämmerung. „Ich bleibe dabei,“ ſagte jetzt der eine Douanier leiſe, und er ſprach Deutſch,„ich bleibe dabei, wenn die Sache ſich wirklich verhält, wie ihr es behauptet, und wenn man euch nichts aufband, ſo iſt ſie vollkommen un⸗ begreiflich. Das mit den Geſpenſtern iſt dummes Zeug, und Menſchen— was zum Kukuk könnten Menſchen bei ſolchen Dummheiten für einen Zweck verfolgen?— ———.j—— 8 Einundzwanzigſtes Kapitel. Schmuggler werden ſich hüten, gerade hier durchzugehen, da ſie leider Gotts überall be quemere und zugleich ver⸗ ſtecktere, nähere Wege haben— und endlich, wo kämen dieſe Menſchen her?— Ihr,“ und er wandte ſich an den Mann in der Chenille,„müßt das alte Eulenneſt dort oben doch auch kennen und wiſſen, daß da von keinem Verſteck für mehrere Menſchen oder gar Pferde die Rede.“ Der Angeredete ſchüttelte den Kopf.„Ich glaube es auch nicht, aber ſchwören darauf kann ich nicht. Ich bin nur ein einziges Mal im vorigen Frühling in dieſe Ge— gend und hinaufgekommen— zu einem Spaziergange⸗ iſt's ein wenig zu weit, und auf andere Weiſe kam Unſer einer gar nicht hieher; ja, ich bin, glaub' ich, nur zwei oder drei Mal überhaupt in Dreiheiligen geweſen. Der Graf und die Comteſſe nahmen faſt niemals Diener mit, höchſtens einen Reitknecht.“ „Aber einmal ſeid Ihr doch hinaufgekommen?“ fragte der Douanier. „Ja, einmal. Ich war nach Unterwiek geſchickt, um 3 Fiſche zu einem Diner zu beſtellen, und als ich zurückkam, guckte mir der alte Thurm von droben herab in die Au⸗ gen, genau, als ob er mich zu ſich einladen wollte. Ich orientire mich gern in einer Gegend, wo ich mich aufhal⸗ ten muß, und ich hatte kurz vorher auch ein paarmal von Drohin ſprechen hören. Als ich in den Dienſt kam, er— zählte man mir eben von dem, was es hier zu erzählen gibt. So ritt ich denn ſo weit heran, wie ich konnte, band dann den Gaul an und durchkroch das alte Ge⸗ mäuer. Dabei habe ich denn freilich auch keinen Platz 2 — 1—— —p — Der Zug von Drohin. 9 oder Gewölbe bemerkt, als das eine auf dem Oſtabhange, das ja aber ganz zugänglich iſt und nicht weiter in den Berg hineinführt.“ „Ihr meint den alten Stall oder die Remiſe, oder was es geweſen, unten am Hügel gegen den Wald zu— 2— „Ja, mit dem halbverfallenen Thore, das ich nicht einmal öffnen konnte, ſo verroſtet ſchienen die Angeln. Ich riß ein Brett vollends los und ſchlüpfte hinein und kriegte einen tüchtigen Schreck, als mir ein paar aufge⸗ ſcheuchte Eulen um den Kopf flogen. Dazumal wenigſtens war lange kein Menſch mehr da hinein gekommen. Ich fand ſogar das Neſt der Kreaturen oben in einem Mauer⸗ loche.“ Der Douanier nickte.„So iſt's,“ meinte er.„Mit dem alten Loche iſt's nichts; ich traf die Vögel gleichfalls und zwar noch im Sommer dort. Seitdem war ich frei⸗ lich nicht mehr hier, aber es wird ſich inzwiſchen nichts verändert haben, und ſonſt habe auch ich nie einen Raum, einen Eingang zu irgend einem Keller oder dergleichen entdecken können. Alſo, wie ich ſage— für Menſchen iſt dort kein Platz und kein irgendwie ſicherer Verſteck, und die Geſpenſter— dummes Zeug!— Wir haben uns eben etwas aufbinden laſſen. Gott weiß, was irgend ein Hans Haſenfuß geſehen und für einen Trauerzug gehalten ha— ben mag!“ Jetzt ſchüttelte auch der andere ſitzende und bisher ſchweigende Douanier den Kopf.„Das denke ich nicht,“ ſprach er gleichfalls auf Deutſch, aber in einem fremd⸗ ————— 10 Einundzwanzigſtes Kapitel. klingenden Dialekt und indem er hin und wider ein frei⸗ lich gleichfalls nicht rein betontes franzöſiſches Wort ein⸗ fließen ließ:„damit man Einem etwas aufbindet, muß man ihm doch auch etwas ſagen. Geſagt iſt uns aber nichts, ſondern wir haben es nur erhorcht. Und als wir dann weiter fragten und forſchten, gab man uns auf ſo widerwillige und einſilbige Weiſe Auskunft, daß man leicht bemerkte, die Gefragten ſeien überraſcht und ließen ſich nur gezwungen zu einer Antwort herbei.“ „Und weßhalb kann das alles nicht berechnet geweſen ſein?“ bemerkte der erſte Douanier wieder mit anklingen⸗ dem Spott. „Nichts, Kamerad! Ihr kennt dieſes Land⸗ und Küſten volk doch noch nicht. Grob und hart ſind ſie, ſchweigen können ſie auch und haſſen thun ſie uns wie den Teufel, aber dergleichen Kniffe und Intriguen wachſen in dieſen Köpfen nicht.“ „Und dennoch hat geſtern Abend eure Patrouille ſelber den Zug geſehen,“ fiel jetzt der Mann in der Che⸗ nille ein. „Woher wißt Ihr das? Unſere Patrouille?“ rief der erſte Douanier faſt laut, während zugleich auch der auf dem Steine Sitzende wie überraſcht den Kopf erhob. „Verlaßt euch darauf, es iſt ſo. Ich habe heute Morgen den Rapport des Brigadiers gehört—“ „Erhorcht?“ warf der ſtehende Douanier dazwiſchen. „Gleichviel!— Es iſt, wie ich ſage. Die Sache wird alſo noch heimlicher betrieben, als ich bisher dachte, d ſelbſt ihr nichts davon wißt.“ a Der Zug von Drohin. 11 Es entſtand eine lange Pauſe, in der keiner von den Dreien das Schweigen brach. Ringsum war alles noch eben ſo ſtill wie früher, und ſo weit man ſehen konnte, regte ſich nichts. Endlich ſagte der Sitzende:„Alſo geſtern Abend? Da verſtehe ich in der That unſere heutige Aufſtellung nicht. Denn ſo viel ich von dieſer Geſchichte begriffen habe, wiederholt ſich der Zug niemals bald, noch weniger in zwei einander folgenden Nächten.“ „Und ich begreife dieſe eure Aufſtellung nicht,“ ſprach der in der Chenille leiſe.„Wenn der Zug wirklich kommt und aus ſolcher Zahl von Menſchen beſteht— was ſollen dann dieſe eure vereinzelten Poſten nützen? Beabſichtigt der Herr General einen Angriff, ſo wäre es doch beſſer, eine größere Zahl auf irgend einem Punkte des Weges bei einander zu haben, ſollte ich denken. So ſind wir ja alle zum Nichtsthun und Zuſehen verdammt und oben⸗ drein in unſerer Vereinzelung—“ „Was meint Ihr zu dieſem Taktiker, Kamerad?“ fragte der Stehende dazwiſchen, und der Ton dieſer Frage war voll von unverhehltem Hohn.„Armer Teufel, küm⸗ mert Euch doch nicht um General Renaud's Maßnahmen und Anordnungen! Sie werden ſchon ohne Euch und uns fertig. Und da Ihr einmal mit auf dem Poſten ſeid, ſteht Ihr auch unter dem Militärgeſetz: Maul halten, Ordre pariren und nicht fragen noch denken.“ „Und doch muß ich noch einmal fragen,“ verſetzte der in der Chenille,„und zwar— weßhalb mußte ich denn eigentlich mit hinaus?“?— Einundzwanzigſtes Kapitel. „Monſieur Auguſt— Ihr ſeid ein Kauz!“ ſagte der Sitzende kopfſchüttelnd.„Habt Ihr mich nicht ſelber ge— beten, ich ſolle Euch einmal auf ſolch eine Expedition mit⸗ nehmen, wo Ihr den Zug beobachten könntet?“ „Das freilich, aber ich dachte an eine eurer gewöhn⸗ lichen Patrouillen, ſo daß niemand weiter davon erfahren hätte.“ „Nun, und heute? Wer erfuhr denn hiervon, Schatz? Ihr habt uns ſelbſt vorhin von der äußerſten Vorſicht überzeugt, mit der dies alles betrieben worden, und nun—“ „Und doch!“ meinte der Diener, den die Leſer jetzt in dem Verhüllten erkannt haben, in einem hörbar unbe⸗ haglichen Tone.„Es iſt nicht alles—⸗ „Halt! Was iſt das?“ unterbrach ihn der Stehende, indem er zugleich die Hand an den Arm des Dieners legte und denſelben zuſammenpreßte, als wolle er jedes weitere Wort abſchneiden, und mit der anderen nach Nieder⸗Rhoda fortwies. Der Diener mußte wohl herum, er krümmte ſich un— ter dem Eiſengriff des Douaniers ſichtbar; der Andere fuhr auf die Worte von ſelber auf und ſchaute rückwärts mit Schrecken un Spannung. Denn dort, über Nieder⸗ Rhoda hinaus, von dem man freilich auf dieſer Stelle ſelbſt am hellſten Tage nichts erblicken konnte, zeigte der Himmel eine gar eigene, leiſe aufſteigende, drunten aber wirklich glühende Röthe, aus der plötzlich lange Strahlen gegen den Zenith emporzuſchießen begannen. Darauf jedoch achteten die Zuſchauer noch nicht. Auf das ſchrockene:„Feuer in Nieder⸗Rhoda!“ des Dieners er⸗ er⸗ —————Q—:——————— Der Zug von Drohin. 13 widerte der zweite Douanier nach einem langen Hinblick: „Ja, ich glaub' es auch. Die Richtung iſt's, und die Glut iſt groß. Wir müſſen gleich Flammen ſehen!“ Allein die Flammen ſchlugen nicht empor; bei länge⸗ rem Hinſehen war es, als ob ſich die Röthe drunten vom Horizont in einem flachen, mißfarbigen Bogen abhöbe, über dem ſie, immer intenſiver werdend, in einer mehr roſigen als feurigen Glut ſtets weiter über den Himmel ſich aus⸗ breitete. Die hervorzuckenden Strahlen wurden heller und blitzender, droben im Zenith vereinten ſie ſich jedoch zu einem prachtvollen, kronenartigen Gebilde, das ſie nun zu ſtützen ſchienen, und man konnte freilich nicht mehr in Zweifel über das ſein, was man vor ſich habe, beſonders die Beamten nicht mehr, welche durch ihren Dienſt ge⸗ zwungen waren, die meiſten Nächte im Freien zuzubringen. „Ein Nordlicht,“ ſagte nach kurzem Schweigen der deutſche Douanier.„Ich habe wirklich an einen Brand ge⸗ dacht, denn in dieſer Glut habe ich das noch nie geſehen. Es iſt prachtvoll!“— Und prachtvoll war es in der That, ſo daß ſelbſt dieſe nichts weniger als leicht erregbaren Menſchen ſchwei⸗ gend und bewundernd gegen Norden ſchauten und die Blicke nicht abwenden mochten von der zauberhaften Er⸗ ſcheinung. Der ganze Himmel war hier weit hinauf in eine Flut von roſigem Lichte getaucht, aus dem dann jene blitzenden Strahlen funkelnd und glänzend weiter ſchoſſen, bald röthlich, bald grünlich, bis ſie ſich in der Corona wieder vereinigten. Und die Sterne glänzten durch dieſen roſigen Schimmer mit wunderbarem, fremdartigem Glanze, — 14 Einundzwanzigſtes Kapitel. und die weiten Schneefelder ruhten in einer Beleuchtung, wie man ſie ſich nicht eigenartiger, magiſcher denken konnte. Die Drei ſtanden und ſchauten. Das Schauſpiel blieb unverändert das gleiche, ſchöne und immer neue. Und 7 11. 5. 5. alles umher war todtenſtill, ſelbſt von jenen Lauten, die man ſonſt in Wald und Feld zu jeder, auch der ruhigſten Stunde, bei Tag und Nacht ſtets vernehmen kann, und die andeuten, wie überall ein niemals vollſtändig ruhiges Leben und Bewegen, Treiben und Schaffen herrſcht, ließ’ ſich gegenwärtig nicht einer vernehmen.— „Beim Teufel und ſeinen Katzen— da ſind ſie!“ flüſterte plötzlich der deutſche Douanier, indem er jetzt die Hand ſeines Kameraden packte und zuſammenpreßte. Und als dieſer herumfuhr und auch der Diener das Geſicht nach rückwärts geworfen, hatten ſie allerdings einen Anblick, der ſie noch etwas mehr intereſſirte und noch ſchweigender ſchauen und lauſchen ließ, als bisher die Erſcheinung am Himmel. — ⁴ᷣ-y—C—C—OCOC—O— Denn da vor ihnen, wie geſagt, in der Entfernung von etwa fünfzig bis ſechszig Schritten, auf dem etwas erhöhten, feſten Rande zog der Zug von Drohin in laut⸗ — loſer Stille vorüber. Die Spitze desſelben war ſchon vor⸗ bei und ziemlich fern, doch erkannte man an derſelben noch einige Männer zu Fuß; darauf kam eine größere Schar mit allerlei wunderbar geſtalteten, den Zuſchauern unbekannten Hörnern und anderen Muſik⸗Inſtrumenten. Dann zwei Reiter auf gewaltigen, ſchweren Roſſen, die 1 . Ar e Schwerter geſenkt, die Köpfe ſtolz erhoben, in regungsloſer Haltung; hinter ihnen folgte ein Sarg auf einer Bahre, Der Zug von Drohin. 17 an die Schulter, dazu murmelnd:„Beim Teufel in der Hölle, wenn das Geſpenſter ſind, bin ich auch eines!“ Sein Kamerad mit dem fremden Dialekt, den wir kurz als einen Elſäſſer bezeichnen können, kam jedoch dem Schuſſe zuvor. Er packte Hand und Gewehr des Schützen und drückte ſie in die Höhe, während er dabei zugleich flüſterte:„Keine Thorheit, Salinger! Denkt an die Ordre und daß wir—“ Es war nicht möglich, daß die leiſen Worte weiter⸗ hin vernehmbar geworden; auch der Fluch des Kamera⸗ den war durchaus gedämpft geweſen, keinerlei Geräuſch von den Dreien ausgegangen, nichts von ihnen ſichtbarer geworden als bisher, denn Lauf und Beſchläge des Cara⸗ biners waren, wie es damals für den gefährlichen Dienſt der Douanen beſtimmt worden, dunkel und ohne eine Spur von Metallglanz; nur das Knacken des Hahns konnte vielleicht auf einige Schritte hin vernommen worden ſein, obgleich auch er wohlgeölt auf der Nuß ſpielte. Und den⸗ noch brach der zuletzt Redende ſeine Worte jählings vor der Bewegung ab, die in dieſem Augenblicke der eben vor⸗ über ſchreitende maſſive Führer der ſchließenden Männer machte. Er erhob nämlich plötzlich die Fauſt mit jener nicht näher zu beſtimmenden Waffe und ſchüttelte ſie gegen den Buſch und die drei in demſelben Verborgenen auf eine nicht mißzuverſtehende Weiſe, während er zugleich auch das Geſicht, aber nur auf einen Moment und wie zu einem einzigen Blicke, dahin wandte— die einzige Bewegung, die, wie ſchon bemerkt, von irgend einem Mit⸗ gliede des Zuges bemerklich wurde. Im nächſten Augen⸗ Hoefer, Fremdherrſchaft. III. 2 18 Einundzwanzigſtes Kapitel. blicke war aber auch ſein Arm ſchon wieder geſenkt, ſein Geſicht wie die aller Uebrigen vorwärts gerichtet, und auch dieſe Letzten waren vorüber— ſchneller als bisher, wie es den Zuſchauern ſcheinen wollte, ſei es, weil durch jene Bewegung dennoch ein kleiner Aufenthalt entſtanden, ſei es, weil die Spitze des Zuges etwa wirklich ein raſcheres Tempo angeſchlagen. „Sei es, was es ſei, und mögen ſie treiben, was ſie wollen— es ſind Menſchen, Menſchen, und wir ſind Narren, Eſel, Ochſen, Thoren, daß wir ſie dahin gehen laſſen, ohne einen Verſuch des Widerſtandes, ohne ihnen wenigſtens einen kleinen Denkzettel mit auf den Weg zu geben!“ knirſchte jetzt der Deutſche und umklammerte und ſchüttelte wüthend ſeine Waffe. „Ihr vergeßt die Ordre, Salinger, ſagt' ich ſchon!“ warf der Elſäſſer ein, der ein wenig vorgetreten war und vorſichtig dem jetzt ſchon ziemlich fernen Zuge nachſchaute. „Die dort hinter dem Elsbruch und wir hätten uns durch⸗ aus ruhig zu verhalten und keinerlei Verſuch zum Angriff zu machen, bis wir von dem Lehrsdorfer Buſche das Sig— nal vernehmen würden, dann uns ſo ſchnell wie möglich den Uebrigen anzuſchließen und nöthigenfalls einen Rück⸗ zug zu verhindern. So iſt's, Kamerad!— Wir müſſen jetzt aber gleich das Signal hören. Ohren auf!“ „Menſchen, Menſchen, und wir Ochſen und Eſel!“ murmelte der noch immer grimmige Deutſche von neuem. „Ich will von einer Schmugglerkugel erſchoſſen werden, wenn ich den frechen Burſchen dort während ſeines Dro⸗ hens nicht ſelbſt auf dieſe Entfernung erkannt habe! Es Der Zug von Drohin. 19 muß der alte, tolle Hund, der Karſten Herbart geweſen ſein! Ich habe die Canaille zu oft und oft im vergangenen Sommer zu Waſſer und zu Lande, bei Tage und bei Nacht beobachtet, um mich zu täuſchen!“ „Karſten Herbart— wo denkt Ihr hin, Salinger!“ ſagte der Elſäſſer nach einer Pauſe kopfſchüttelnd.„Der wird nach jenem Tollhäuslerſtück mit ſeinem Hauſe ſicher nicht im Lande geblieben ſein. Wo wollte er ſich ver⸗ bergen?“ „Wo? Der Teufel weiß das! Aber es muß einen ſolchen Platz geben! Es ſind, wie Ihr ſelber ſagt, in den letzten Monaten an zwanzig Burſchen und Männer, auf die Ihr ſo oder ſo ein Auge hattet, Euch unter den Hän⸗ den verſchwunden. Ueber die Grenze ſind ſie ſchwerlich gegangen. Wir müßten doch wenigſtens etwas davon erfahren, denn ich weiß es von S. her, daß wir drüben im M.'ſchen Augen genug haben—“ „Von denen wir leider nichts ſpüren,“ warf der An⸗ dere ein.„Aber gleichviel, Kamerad! Sei das alles, wie Ihr glaubt. In dem Burſchen eben müßt Ihr Euch doch geirrt haben. So weit laſſen ſich—“ „Ich ſage ja, daß ich die Canaille oft genug geſehen habe, bei Tag und Nacht, nahebei und von ferne!“ grollte Salinger.„Ich will von einem Hunde von Schmuggler erſchoſſen werden, wenn ich mich irrte, ſag' ich!“ Der Elſäſſer antwortete nicht, der Diener hatte ſeit dem Beginne des Zuges kein Wort mehr laut werden laſſen. Sie ſtanden und ſahen, jetzt vor dem Buſche ſtehend, dem Zuge nach, von dem gegenwärtig jedoch nichts ——V—ʒ—:ʒ——— 20 Einundzwanzigſtes Kapitel. mehr zu erblicken war. Denn das Nordlicht war inzwi⸗ ſchen mehr und mehr erbleicht und faſt gänzlich verſchwun⸗ den, und das Sternen⸗ und Schneelicht war nicht hell genug, um einen Blick in eine weitere Ferne möglich zu machen. Und wie ſie in der Richtung gegen Lehrsdorf hin lauſchten, ſie vernahmen von dort nichts, was auf die Anweſenheit von Menſchen in jener Gegend, geſchweige denn auf ein entſtandenes Handgemenge hingedeutet hätte. „Ich verſtehe das nicht,“ murmelte der Elſäſſer nach einem langen Schweigen.„Wir ſollten das Signal längſt gehört haben, der Zug muß bereits das Kloſter erreicht haben. Iſt etwas paſſirt oder der General nicht ge⸗ kommen?“ „Oder haben ſie auch wie wir Eſel nach dem Nord⸗ lichte geſehen und darüber die Zeit verpaßt?“ grollte Sa⸗ linger,„und nachher, wie wir, alle Hoſen voll Angſt ge⸗ habt? Uebrigens,“ fügte er in einem ruhigeren, ja, nach⸗ denklichen Tone hinzu,„es fällt mir jetzt erſt ein— ihre Zeit haben die Kerle nicht eingehalten. Es kann noch nicht Mitternacht ſein.“ Der Diener ſah nach der Uhr.„Es iſt halb zwölf,“ ſagte er. „Alſo eine volle Stunde früher!“ bemerkte der Dou⸗ anier, und den Carabiner aufhebend, ging er vor gegen den Weg hin, den der Zug verfolgt hatte. „Wohin, Kamerad, wohin?“ rief ihm der Elſäſſer lebhaft und lauter nach, als man bisher geſprochen. Salinger wandte ſich um.„Ich muß den Weg ſehen ———————— Der Zug von Drohin. 21 und wiſſen, was es mit den Spuren iſt,“ erwiderte er eben ſo.„Vorſicht nützt nichts mehr.“ Damit ſchritt er vollends hinüber und man ſah ihn eine Strecke lang niedergebeugt den Boden unterſuchen. Als er nach einer Weile zu ſeinen Gefährten zurückkehrte, meinte er aber nur einſilbig, niedergetreten ſei der Schnee freilich und auch Spuren ſchienen vorhanden zu ſein; doch ſei es zu einer genauen Unterſuchung nicht hell genug. Der nächſte Morgen werde Aufklärung bringen. Der Elſäſſer ging nicht weiter darauf ein; er brachte dafür zur Sprache, was ihnen gegenwärtig zu thun ob⸗ liege, da man aller Wahrſcheinlichkeit nach beim Lehrs⸗ dorfer Buſch den Zug längſt vorüber gelaſſen habe. Die beiden Beamten entſchloſſen ſich endlich, dahin aufzu⸗ brechen. Der Diener hatte begreiflicher Weiſe nichts ein— zuwenden; er war, wie geſagt, auffällig ſtill geworden und geblieben und ſchien gar niedergedrückt zu ſein. Die Erſcheinung mochte einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht haben, und da ſie nun ihren Platz verließen, ging er den anderen Beiden ſchnell voran, und man konnte bemerken, daß er auf das ſorgfältigſte vermied, in den Weg des Geſpenſterzuges zu treten, vielmehr daneben durch den unverletzten, tieferen Schnee ging. Die Drei folgten nämlich dem Wege des Zuges, der allerdings der kür⸗ zeſte war. Nach einer Weile— der Diener war an die zwan⸗ zig Schritte den Anderen voraus— fragte Salinger leiſe: „Weßhalb habt Ihr den Burſchen eigentlich mitgebracht, Dominik? Er hat ſich in S. zwar ernſtlich an uns ge⸗ — 22 Einundzwanzigſtes Kapitel. macht und ſchien mit Haut und Haar der Unſere. Aber daß er nach allen Seiten hin zu ſpioniren ſcheint— ſeid Ihr ſeiner völlig ſicher?“ „Deſſen? Hiebei vollſtändig!“ verſetzte der Andere eben ſo leiſe.„Wo er denen von Rhodenfelde und Drei⸗ heiligen Eins anzuhängen Ausſicht hat, iſt er drauf und dran und ſcheut nichts. Daß ich ihn übrigens mitge⸗ nommen— Befehl von oben, Kamerad. Es iſt möglich, daß man ihm dort in anderer Richtung auch nicht traut und ihn aus dem Wege und doch in guten Händen haben will. Mir kann er ſonſt auch geſtohlen werden.“— Als ſie den Weg längs des Landrückens zurückgelegt hatten und auf das folgende höher gelegene Terrain ge⸗ langten, waren alle Spuren des Zuges zu Ende. Der Wind mußte hier arg gefegt haben, denn es lag wenig oder gar kein Schnee, die ſchwarzen Erdſchollen des auf⸗ gebrochenen Ackers traten überall hart gefroren zu Tage. Sie wanderten langſamer weiter, denn der Weg war nichts weniger als bequem. Deſſen ungeachtet hatten ſie aber ſchon nach einer Viertelſtunde die Liſière des Lehrs⸗ dorfer Buſches erreicht, wurden gleich darauf angerufen und alsbald von dem eilig herbei kommenden Brigadier mit zornigen Worten und Vorwürfen überſchüttet, daß ſie jetzt gerade, wo man jeden Augenblick den Zug erwarten müſſe, den beſtimmten Poſten verlaſſen. Die Drei ſahen bald ſich, bald den zürnenden Vor⸗ geſetzten, bald ihre Umgebung, zu der jetzt auch General Renaud mit einigen Anderen getreten war, mit nicht ge⸗ ringer Beſtürzung an und waren, auch wenn ihnen der — Der Zug von Drohin. 23 Schwall der Vorwürfe dazu Zeit gelaſſen, anfänglich keiner Antwort mächtig. „Laſſen Sie die Dummköpfe jetzt gehen, Herr Bri⸗ gadier,“ ſprach Renaud endlich barſch.„Wir müſſen alſo auch ſo fertig werden. Nur keinen Lärm! Morgen wird ſich die Strafe finden. Der Poſten bei den Ruinen iſt doch zuverläſſiger?“ „Aber um Gottes willen, mein General, Herr Bri⸗ gadier!“ rief hier endlich der Elſäſſer gleichfalls in ſeinem ſchlechten Franzöſiſch;„der Zug iſt ja ſchon vor einer Stunde an uns vorbei paſſirt, und eben weil wir nicht ſelbſtſtändig handeln durften noch konnten und gar kein Zeichen von hier vernahmen, wo die Erſcheinung längſt gleichfalls vorüber ſein mußte, brachen wir endlich auf.“ Und damit erzählte er ſeinen immer verwunderter darein ſchauenden Zuhörern alles, was wir vorhin den Leſern geſchildert haben. Die Ankömmlinge erfuhren nun dafür, daß man hier nichts von dem Zuge bemerkt, ja, nicht ein— mal geahnt hatte, daß derſelbe bereits unterwegs. Die an der Liſière aufgeſtellten Poſten hatten weit und breit nichts geſehen, obgleich ſie faſt jene ganze, durchaus offene Ackerbreite von ihren Plätzen aus überſehen konnten. Die Sache wurde immer verwickelter und ſeltſamer, als man alsbald auch von dem Poſten an den Kloſter⸗ Ruinen und eine Stunde ſpäter von den Douaniers, die beim Drohiner Schloſſe im Verſteck gelegen, erfahren mußte, daß weder die Einen noch die Anderen irgend et⸗ was geſehen hätten. Aus dem Drohiner Schloſſe war der Zug nicht gekommen und zum Lehrsdorfer Kloſter nicht —— 1 4 ͤ 24 Einundzwanzigſtes Kapitel.— Der Zug von Drohin. gelangt, das ſtand feſt. Was nach dem Wege über den feſten Rand aus demſelben geworden, wohin er verſchwun⸗ den, war nicht zu erkunden. Die nach allen Richtungen abgeſandten Douaniers fanden keine Spur mehr von ihm. Und als am nächſten Morgen Salinger den Pfad über jenen Rücken unterſuchte, fand ſich ein neues Räthſel. Niedergetreten war die Breite allerdings, daneben aber wie gefegt, faſt als hätte man große Tannenzweige da⸗ rüber hingeſchleift, ſo daß ſich keinerlei Eindruck mehr be⸗ merken ließ. Dagegen fanden ſich die Fußſtapfen der bei⸗ den Douaniers und des Dieners gleich nebenan, im dich⸗ teren und tieferen Schnee auf das vortrefflichſte erhalten. Und ein weiteres Räthſel war es, wie und von wem der Pfad geebnet ſein könnte, da die Patrouillen, welche die ganze Nacht hindurch dieſe Gegend durchſtreiften, keine Menſchenſeele bemerkt haben wollten. Zweiundzwanzigfles Kapitel. Harren und Sorgen. Es war ſo truübe, dumpf und ſchwer, Die ſchlimme Sage ſchlich umher, Sie krächzte, wie zur Dämmerzeit Ein ſchwarzer Unglücksvogel ſchreit. Die ſchlimme Sage ſchlich im Land Mit ſchnöder Schattenbilder Tand, Sie zeigte Zwietracht und Verrath, Vernichtung aller edlen Saat. Uhland. Der General war in dieſer Nacht ſehr verſtimmt nach Nieder⸗Rhoda zurückgekommen, und was er am fol⸗ genden Morgen über die Angelegenheit weiter erfuhr, diente wie begreiflich nicht dazu, ihn heiterer und zufrie⸗ dener zu ſtimmen. Im Gegentheile ward er im Laufe dieſes und des folgenden Tages ſichtbar immer mißmu⸗ thiger und gereizter, wie ſeine Umgebung, ſo weit ſie von dem Zwecke und dem Mißlingen des nächtlichen Aus— fluges erfuhr, es als Folge dieſes letzteren kaum recht ver⸗ ſtehen konnte. „Ich begreife den General nicht,“ bemerkte einer der Adjutanten Renaud's, ein junger Escadrons⸗Chef, einmal 26 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. gegen Gräfin Hebe.„Er muß mehr als Unſereiner an das Mißlingen dieſes oder jenes Coups gewöhnt ſein, und im Uebrigen— was iſt dieſes denn Großes? Geiſter? A la bonne heure! Wir können unmöglich verlangen, daß ſie ſich ganz reglementsmäßig betragen. Und ſonſt, wie ich und meine Kameraden es glauben— Schmuggler, welche ſich die Sage und den Aberglauben zu Nutze machen? Nun, lieber Gott, ſo laſſe man ſie dieſes Mal laufen, wie man es oftmals muß! Wir wiſſen leider Got— tes ſchon lange und gut genug, daß unſere Douanen den Schmuggel hier zu Lande nicht unterdrücken können. Wozu alſo der Aerger?“ Comteſſe Hebe zuckte die Achſeln und ſchwieg, wie ſie denn überhaupt in dieſen Tagen nicht ganz ſo lebhaft und unbekümmert fort zu leben ſchien, wie wir es von dieſer wunderbaren Natur ſonſt meiſtens zu berichten hatten; kaum daß ein gelegentliches Geſpräch, welches ein ſie intereſſirendes Thema berührte oder bei dem ſie dieſen oder jenen beſonderen Zweck im Auge hatte und auf ihre Weiſe verfolgte, ſie hin und wider auf ſeine Dauer in ihrem alten Glanze erſcheinen ließ. Oft ging ſie aber gar nicht auf ein ſolches ein und wußte nun ihrerſeits das Aus⸗ weichen und nicht Antworten, das wir zuletzt General Renaud einige Male in Anwendung bringen ſahen, mit der heiterſten Miene von der Welt für ſich zu benutzen. Sie ſchien in Wirklichkeit faſt auf dem Punkte zu ſein, den ſie neulich dem alten Vetter angegeben hatte, nämlich niemand mehr recht zu trauen, als ſich ſelbſt. Sie ſprach wenigſtens in dieſen Tagen mit niemand mehr, weder über Harren und Sorgen. 27 die Familien⸗, noch über die öffentlichen Zuſtände. Und von ihrem Bruder erfuhr ſie ſeither nichts und wußte nichts von ihm. Die Nachrichten, die ihr Vetter Chriſtian aus Wald⸗ kirch's Munde gebracht, hatten ſie, ſo unbedeutend ſie an und für ſich erſchienen, zum ernſtlichſten Nachdenken ge— bracht; die Andeutungen, die der General ein paarmal wie zufällig gemacht und doch ſo überaus betont hatte,— daß in vier Wochen die Franzoſen feſter ſtehen würden als je, und daß er bei ſeinem früheren Calcul der Unent⸗ ſchloſſenheit und Langſamkeit der Deutſchen vergeſſen habe, peinigten ſie in ihrer augenblicklichen Iſolirtheit. War dem jungen Hauptmanne zu trauen— ſie kannte wohl jene Unterhaltung mit Eugen beim Zurückreiten aus der Heide— war Renaud wirklich voll Argwohn gegen ihn und brachte dennoch gerade ihn nach Nieder⸗Rhoda mit, wo er denen, welche der General neuerdings immer ent— ſchiedener für Feinde zu halten ſchien, näher war, als überall anderwärts, und von einem Verkehre mit ihnen gar nicht zurückgehalten werden konnte? Waren die Worte Renaud's ſelber nur Drohungen und Schreckmittel, Masken der Schwäche, oder enthielten ſie Wahrheit und bereitete ſich im Lager der Fremden und im Berliner Ca⸗ binet etwas vor, von dem man im Lande noch nichts ahnte? Was war endlich an und hinter dieſem Drohiner Zuge? Eberhard war, wie wir wiſſen, über manche Punkte ſelbſt gegen die ihm Naheſtehenden der verſchloſſenſte Menſch der Welt. Steckte etwas Beſonderes dahinter, 7 28 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. was etwa auch General Renaud ahnte oder gar wußte, was ihn jetzt das Mißlingen ſeiner beabſichtigten Ueber⸗ raſchung ſo verdrießlich empfinden und ertragen ließ? Oder verſtimmte ihn dieſes Mißlingen als eine Art Schlappe, die er dabei erlitten, nur deßhalb, weil er dadurch dem ihm unbehaglichen Aberglauben des Volkes kein Ende ge⸗ macht, ſondern demſelben vielmehr neuen Grund und Halt gegeben hatte? Hebe ſtand allein, wiederholen wir, wie ſie es ſich ſelbſt ſtets von neuem und mit einer bitteren Empfindung wiederholte. Sie erfuhr von ihrem Bruder nichts, ſie er— fuhr von Eugen nichts, während ſie doch hören mußte, daß die Fremden in Rhodenfelde weiter und weiter gingen und ſogar Luſt zu haben ſchienen zu großen Holzverkäufen zu ſchreiten, als habe man die Beſitzungen ihres Neffen wirklich bereits eingezogen, obgleich wieder noch keine da⸗ hin lautende Bekanntmachung der Behörden erfolgt war. Sie erfuhr endlich von Hoven nichts, in welchem ſie die Seele nicht nur, ſondern auch den einzigen wirklichen, Vertrauen erweckenden Halt der heimlichen, gut gemein⸗ ten, aber zerſplitterten Beſtrebungen der Ihrigen ſah. Wir brauchen wohl nicht erſt ausdrücklich zu ſagen, daß Gräfin Hebe über Zuſtände, Verhältniſſe und Per⸗ ſönlichkeiten in ihrem Vaterlande am allerwenigſten im Zweifel war. Der gute Wille war überall da; Talent und Fähigkeit zum Organiſiren des vorhandenen rohen Stoffes, zu ſeiner richtigen und rechtzeitigen Verwendung, zum Durchgreifen und Vorwärtstreiben, vereint mit der nothwendigen, von allen Seiten anerkannten Autorität,— das fa Denn ihr B Kraft gie d nicht lun ühe des man Stur unwi borge reiſt wied Beſ Cs Harren und Sorgen. 29 das fand ſie aber nirgends, als bei dem einen Manne. Denn einer wie großen inneren und geiſtigen Erhebung ihr Bruder Eberhard auch fähig war,— ſeine körperliche Kraft reichte nicht aus, und wenn ſie ihm auch die Ener⸗ gie der augenblicklichen That zutraute, ſie glaubte bei ihm nicht an das, was einem Manne in ſolcher Lage, Stel⸗ lung und Zeit das Allernothwendigſte iſt,— an das zähe, unverzagte, nachhaltige Feſthalten und Weitertreiben des Begonnenen. Und eines ſolchen Mannes bedurfte man, ſollte die vielleicht bald und überraſchend klingende Stunde der Entſcheidung nicht zugleich auch unbenutzt und unwiederbringlich verklingen. Und ſie wußte von Hoven nichts— nicht ob er ver⸗ borgen irgendwo im Lande weilte, nicht ob er ganz abge⸗ reiſ't war, nicht ob es ihm möglich ſein würde, rechtzeitig wieder zu erſcheinen. Sie ſchalt jetzt faſt die Haſt und Beſtimmtheit Eberhard's, als er auch Hoven entfernte. Es war bisher wenigſtens nicht die leiſeſte Andeutung mehr laut geworden, daß man„Herrn von Seelhorſt“ wirklich beargwöhnte, daß die Erkundigungen der beiden Gensd'armen mehr geweſen ſeien, als eine der beliebten Polizei⸗Scherereien, hervorgerufen durch irgend eine Be⸗ merkung des Dieners, auf die man etwa nur deßwegen Werth gelegt hatte, um ſich nicht ſelbſt nachläſſig ſchelten zu müſſen. Hatte man aber über den Fremdling Erkun⸗ digungen aus der angegebenen Heimat desſelben einge⸗ zogen, ſo konnte man nur Befriedigendes erfahren haben, denn der Name wurde nicht angenommen ohne Verſtän⸗ 30 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. digung mit der betreffenden, dem Grafen Eberhard be⸗ kannten und verwandten Familie. Hebe glaubte faſt ein Recht zu haben, die Vorſicht des Bruders zu ſchelten. Sie ſah nirgends wirkliche Ge⸗ fahr, denn was konnten ſelbſt im unglücklichſten Falle der ſpionirende Diener und der Douanier, welche damals den reiſenden Jäger geſehen, weiter bemerken, als eine Art von Aehnlichkeit? Daß die verbergende, am meiſten ent⸗ ſtellende Binde über dem unverletzten Auge zum ſchwerſten Anklagepunkt werden könnte, daran dachte Hebe nicht; ſelbſt ſie war eben zuerſt die Frau, die in ihrer Gefühls⸗ Auffaſſung und Anſchauung und trotz ihres glänzenden und durchdringenden Verſtandes manche Häkchen und Winkel überſah, die einem ernſtlich überlegenden Manne, zumal einem Beamten, zu allererſt vor Augen getreten wären. Hoven war nicht da— es war wie ein Refrain in ihrem Denken. Und die Stunde der Entſcheidung konnte nahe, ſehr nahe ſein. Denn es ging etwas vor im Lager der Feinde und, wie ſie argwöhnte, faſt unter ihren Au⸗ gen, was ſie deſſen ungeachtet nicht ſah, was ſie nicht verſtand, was ſie nicht zu verhindern vermochte. Dieſe Ungewißheit, dieſe unbeantworteten Fragen, dieſe Unthä⸗ tigkeit vor allen Dingen peinigten ſie mehr, als ſich ſagen und beſchreiben läßt. Sie hatte ſich niemals unbehaglicher und geradezu ſorgenvoller gefühlt. Nicht die unbedeutendſte der Fragen und die gleich⸗ gültigſte der Sorgen war, daß Renaud bisher noch immer keine Miene machte, das Schloß zu verlaſſen. Im Gegen⸗ theile ſeltſam halt z zwiſche war i den? mit erſch ſelbſ teren alle eifrig nunge nunge Regie wie einen neue⸗ größt Ja, herü leicht für d wenn würd Wic auch Sich * Harren und Sorgen. 31 theile ſchien er, ohne daß die Gründe für einen ſolchen ſeltſamen Entſchluß klar wurden, an einen längeren Aufent⸗ halt zu denken. Der Courier⸗ und Ordonnanzen⸗Wechſel zwiſchen ihm und den anderen höheren Behörden in S. war im vollſten Gange und wurde, wie dergleichen bei den Franzoſen ſtets, mit der muſterhafteſten Ordnung, mit der größten Genauigkeit und Schnelle betrieben. Dazu erſchienen ein paar Verwaltungs⸗Beamte in Nieder⸗Rhoda ſelbſt. Die Adjutantur war vollſtändig da und die un⸗ teren Säle und Räumlichkeiten des Schloſſes waren faſt alle in Bureaux und Kanzleien verwandelt, wo auf das eifrigſte gearbeitet wurde, von wo Befehle und Verord⸗ nungen ausgingen, wo allerlei Maßregeln und Anord⸗ nungen vorbereitet wurden, die ſich bald darauf in den Regierungs⸗Blättern bekannt gemacht fanden und eine wie alle darauf hinarbeiteten, das Land immer mehr zu einem wirklich franzöſiſchen zu machen, es mit immer neuen Banden an das Kaiſerreich zu feſſeln, und mit der größten Energie jedem Widerſtande zu begegnen drohten. Ja, der Präfect ſelber kam auf ein paar Tage von S. herüber, und es entſtand das Gerücht, daß demnächſt viel— leicht die Militär⸗ und Civil⸗Autoritäten von S. nach der für dieſe Bezirke freilich bei Weitem günſtiger gelegenen, wenn auch viel kleineren Nachbarſtadt G. überſiedeln würden. Alles deutete darauf hin, daß die Franzoſen die Wichtigkeit dieſer Küſten, wo man weit und breit die einzigen, auch für größere Schiffe ziemlich zugänglichen und einige Sicherheit gewährenden Häfen fand, ernſtlich zu begreifen Zweiundzwanzigſtes Kapitel. und zu würdigen anfingen, und alles daran wenden woll⸗ ten, in ihrem Beſitze zu bleiben. Man beherrſchte von hier aus, ſobald man mit Dänemarks Hülfe die Verbin⸗ dung zwiſchen Nord⸗ und Oſtſee mehr in die Hand bekam, die ganze letztere Seefläche mit ihrem geſammten Handel und Verkehr, mit allen ſie begrenzenden Küſten, und ver⸗ mochte endlich dem Schmuggel nachhaltiger zu begegnen. Niemals hat Napoleon weiter geſehen und weiter ge⸗ rechnet als gerade in dieſer Zeit ſeiner ſchwerſten Ver⸗ luſte. Man erinnere ſich der ſtolzen Worte im Senat und im geſetzgebenden Körper. Und er hatte wohl ein Recht zu ſeinen Erwartungen. Er hatte niemals Einigkeit, Ent⸗ ſchloſſenheit und Schnelle bei ſeinen Gegnern gefunden und brauchte, wie die Sachen bisher ſtanden, das alles auch jetzt noch kaum zu fürchten. Und wenn wir auch ſchon ein paarmal darauf hingewieſen haben, es läßt ſich nicht oft genug wiederholen: es iſt York's unſterbliches und nie zu überſchätzendes Verdienſt, daß er durch ſeine That und durch vorſichtige Aufſparung ſeines Corps der Erhebung in Norddeutſchland Anſtoß, Kern und Halt gab und die Ruſſen zwang, in Preußen eine gleichberechtigte und Achtung gebietende Macht zu ſehen, die man nicht überrennen oder auf die Seite ſchieben konnte, ſondern mit der man ſich eben verbinden, die man gelten laſſen und reſpectiren mußte.— Wie ſehr ſie trotz aller hochtönenden und heiligen Redensarten zum Gegentheil, d. h. zum auf die Seite ſchieben und— vernachläſſigen, um es milde auszudrücken, geneigt waren, hatte ſich nicht nur eben noch bei den ſeltſam ſejeig halten Verlo n Harren und Sorgen. 33 ſeltſamen Begegniſſen und Verhandlungen in Oſtpreußen gezeigt, wo die„Befreier“ ernſtlich an ein höfliches Maß⸗ halten erinnert werden mußten, ſondern wurde im ſpäteren Verlauf des Feldzugs bekanntlich leider häufiger deutlich, als für ein gedeihliches Zuſammenwirken der Führer und der Truppen gut war. Daß Napoleon dergleichen erfuhr und in Rechnung brachte— das Jahr anno Sieben mit ſeinen Erläuterungen deſſen, was von einer ruſſiſchen Hülfe zu halten, war noch nahe genug!— verſteht ſich von ſelbſt und ebenſo begreiflich iſt's, daß er Preußens Kräfte und Mittel ſich gegenüber nicht grade hoch an⸗ ſchlug. Niemand wußte beſſer als er ſelbſt, wie dieſe Mittel und Kräfte methodiſch zu Grunde gerichtet waren.— Das Volk in Waffen, das York's That erſtehen ließ und das doch etwas Anderes war als die ſpaniſchen Guerillas, das kannte Napoleon nicht und konnte es nicht kennen.—— Wie die Sachen aber auch ſtanden, was von Renaud und den Seinen vorbereitet und beabſichtigt oder gar aus⸗ geführt werden mochte, das Auffälligſte für Hebe und das nicht am wenigſten Peinliche für ſie war, daß bei alle dem nicht das geringſte zu Tage trat, was ſich auf die Ihrigen bezogen und darauf hingedeutet hätte, daß die Franzoſen noch Gewicht auf früher geargwohnte patriotiſche Beſtrebungen oder gar ſchon vorhandene derartige Ver⸗ bindungen legten oder denſelben gar nachforſchten. Ja es ſchien für den Augenblick ſtiller und ſorgloſer, gleich⸗ müthiger in ihren Reihen zu ſein als je, womit freilich nicht geſagt ſein ſoll, daß ſie auch ſchonender oder gar nachläſſiger geworden. Man ließ manches freilich an⸗ Hoefer, Fremdherrſchaft. III. 3 34 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. ſcheinend gehen, wie es ging, ſpähte ſo zu ſagen weniger ins Land hinaus als ſonſt, machte wenig Aufhebens von gelegentlichen Contraventionen und Widerſetzlichkeiten, aber man griff mit— man möchte ſagen: Seelenruhe durch, wo man Veranlaſſung und Gelegenheit dazu fand, und trat überhaupt in einer Weiſe auf, die keinen Zweifel da⸗ rüber ließ, daß man das Land als volles Eigenthum be⸗ trachtete. Dem Schmuggel zumal ging man immer ernſtlicher zu Leibe, wie ſich grade in dieſen letzten Tagen zeigte. Ein Zug von Schmugglern war freilich nach einem er⸗ bitterten Kampfe mit den zu ſpät erſcheinenden Beamten durchgebrochen und jeder Verfolgung entgangen. Ein an⸗ derer aber ward, gleichfalls nach einem Kampfe, zurückge⸗ trieben und zerſtreut und hatte ein böſes Ende genommen. Die Waaren waren verloren gegangen, die Beamten hat⸗ ten nicht allein ein paar Todte, ſondern auch einen Ge⸗ fangenen in ihrer Gewalt behalten, und der letztere, ein Burſche aus dem M.'ſchen, war ſchon am folgenden Mor⸗ gen verurtheilt und bei der nächſten Douanen⸗Station erſchoſſen worden. Die Poſten der Douanen wurden durch aus S. herübergerufene Mannſchaften verſtärkt, ſelbſt in Nieder⸗Rhoda wurde ſchon eine neue Station einge⸗ richtet. Ja, es gab Anzeichen, daß man ſo bald wie irgend möglich zu Küſtenbefeſtigungen ſchreiten werde. Von jenem großartigen Verkehr, der bald mit Liſt, bald mit Gewalt das Land ſeit Jahren mit Vorräthen und Material verſehen, war keine Rede mehr. Und endlich erfuhr Hebe durch eine jener flüchtigen, von Vetter Ehriſtian vermi in G. durch vielle Sche ſtim de bis gen fang wie Mät Harren und Sorgen. 35 vermittelten Mittheilungen des jungen Weſtfalen, daß ſich in G. Artillerie ſammele und daß man von Hamburg aus durch das M.'ſche demnächſt Verſtärkungen erwarte, die vielleicht ſchon auf dem Marſche ſeien. Von dem, was es in Hebe's Umgebung und im Schooße ihrer Familie gab, wäre augenblicklich nur Unbe⸗ ſtimmtes zu ſagen. Es gab da nichts Neues; ſie achtete gegenwärtig aber auch weniger darauf, da ſie durch das bisher Mitgetheilte hinreichend und ernſtlich in Anſpruch genommen wurde. Sophie Magdalene hielt ſich in einer ruhig unbe⸗ fangenen, zuweilen ſogar heiteren, ſtets freundlichen Weiſe, wie wir es von dem geiſtes⸗ und herzensſtarken jungen Mädchen vorausſetzen durften. Sie blieb in anſcheinend nur artigem, in Wirklichkeit aber ſtets innigerem Verkehr mit Stephanien und gewann die innerlich ſo ſehr Verän⸗ derte täglich lieber. Hebe hatte den Umgang mit der früher wenig ge⸗ und beachteten Nichte, wie wir wiſſen, ſelbſt auf ein Minimum beſchränkt, und er ging kaum über gelegentliche kurze Begegnungen und Mittheilungen hinaus— ſie hatten ſich auch nichts Neues zu ſagen und ſcheuten Beide eine neue Anregung des traurigen Ge⸗ ſprächs in jener Nachmittagsſtunde. Hebe wußte ſich und die Nichte beobachtet und hatte trotz allem, was gegen⸗ wärtig ihren Kopf erfüllte und ihr Herz bewegte, auch hiefür Beſinnung und Ueberlegung genug, um ſich keine Blöße zu geben. Der Vater endlich hatte ſeit ihrer letzten kurzen Unterhaltung mehr wieder die alte Weiſe einer ge⸗ wiſſen majeſtätiſchen Höflichkeit und eines anſcheinend guten 2 36 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. oder doch erträglichen Einvernehmens angeſchlagen, und von den auffälligen Neuerungen, die ſie bei ihrer Rück⸗ kehr von Dreiheiligen erfahren, war nichts mehr laut und ſichtbar geworden. Zufrieden war der alte Herr keines⸗ wegs— gingen ſeine Pläne überhaupt nicht oder nur nicht ſchnell genug vorwärts? Hebe wußte das nicht, ſie ſah und hörte nichts mehr von dieſen Plänen. Am Abend des Tages, an welchem ſie die letzte der oben erwähnten Mittheilungen Waldkirch's empfangen hatte, ſaß ſie in Erwartung der Theeſtunde einſam in ihrem Zimmer und überließ ſich einem bei ihr wenig ge⸗ wöhnlichen Nachdenken. Sie war nun ſchon über acht Tage wieder daheim, und eben ſo lange währte die An⸗ weſenheit Renaud's. Alles, was wir geſchildert, war in vollem Gange. Die Kanzleien waren in Thätigkeit, Ar⸗ beiten und Verordnungen drängten ſich, Couriere und Ordonnanzen gingen und kamen. Heute Morgen war der unglückliche Schmuggler erſchoſſen und der Präfect wieder abgereiſ't.— Von den Feinden erfuhr ſie mehr als ihr lieb; von denen, die ihr zumeiſt am Herzen lagen, gar nichts. Von Eberhard war ihr, um das zu wiederholen, keinerlei Nach⸗ richt zugekommen. Sie hatte nichts von ihm erhalten als eine Art Empfangs⸗Beſcheinigung über eine ihm zuge⸗ ſandte Botſchaft. Es war eine Viſitenkarte mit ſeinem darauf geſchriebenen Namen. Dies alles war ihr je länger deſto unerträglicher. Sie kam ſich faſt wie jemand vor, der auf einer einſamen Inſel von aller Welt abge⸗ ſchloſſen iſt, und die verehrten Leſer mögen uns glauben, ——— . Harren und Sorgen. 37 daß das ein Zuſtand iſt, der es zuweilen getroſt mit den Schrecken einer wirklichen Robinſoniade aufnehmen kann. Sie war allein im Zimmer und hatte das Buch, in welchem ſie bisher geleſen, ſinken laſſen. Tief zurückge⸗ lehnt und die Hände läſſig im Schooße ruhend, ſaß ſie ſchweigend und regungslos; zwiſchen ihren Fingern hatte ſie die kleine ſilberne Glocke, durch welche ſie ſonſt die Jungfer herbeizurufen pflegte, allein ſie hatte nicht ge⸗ klingelt, die Finger umſpannten das Metall, ſo daß, wenn ſie das Inſtrument einmal bewegten, nur ein klappernder Ton laut wurde. Aber ſelbſt dieſe Bewegung fand nur mechaniſch ſtatt. Hebe wußte eben von der Glocke ver⸗ muthlich ſo wenig wie von ihrer anderen Umgebung. Sie ſah in die Flämmchen der Lichter des Armleuchters, die feinen Brauen zeigten ſich ein wenig herabgezogen, und zwiſchen ihnen erſchienen auf der reinen weißen Stirn ein paar kleine, aber gar ernſte Falten. Die Einſamkeit mußte ihr aber augenblicklich doch wohl nicht unwillkommen ſein, denn als jetzt die Thür geöffnet wurde und Fanny hereinſchlüpfte, wurden jene Fältchen faſt noch ſichtbarer, und in dem Blick des Auges, welches ſich langſam der Nahenden zudrehte, zeigte ſich eine Art von leiſem Verdruß.—„Was gibt's?“ fragte ſie kurz. „Gnädige Gräfin— der Herr Bruder ſind da,“ ver⸗ ſetzte das Mädchen raſch und gedämpft. „Mein Bruder Eberhard? Jetzt? Heimlich?“— Hätte ſie's vermocht, ſie wäre wirklich vom Stuhle aufgeſprungen, ſo zuckte ſie empor.—„Aber weßhalb kommt er noch nicht? 38 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. „Er ſpricht in meiner Stube noch mit dem Karl und dem Hausmeiſter, die ich ihm holen mußte. Inzwiſchen ſollte ich ihn bei Ihnen melden.“ „Und es hat ihn niemand geſehen?“ fragte Hebe ſehr nachdenklich. „Das weiß ich nicht, gnädige Gräfin. Er war mit einem Male— da iſt der Herr Graf,“ brach ſie ab, da in dieſem Augenblicke Eberhard in der Thür erſchien.— „Guten Abend, Hebe,“ ſagte er in ſeiner gewohnten ruhig milden Weiſe und trat heran und bot ihr die Hand, während er ſich zugleich zu ihr niederbeugte und ihre Stirn küßte, die ſich bei ſeinem Anblick erheitert hatte.—„Laß uns durch niemand ſtören, Fanny, ſelbſt durch die jungen Damen nicht,“ redete er weiter.„Meine Anweſenheit iſt gar kein Geheimniß, ich bin mit Detlef offen auf den Hof geritten und will ſpäter auch eine Viertelſtunde beim Vater vorſprechen. Sage, wenn nach uns gefragt wird, die Wahrheit, daß ich mit meiner Schweſter zu plaudern hätte.“— Und da die Jungfer das Gemach verlaſſen, ließ er ſich neben Hebe in die Sophaecke gleiten, nahm wieder ihre Hand und fügte mit einem faſt innigen Blicke hinzu:„Ich mußte dich doch einmal wieder ſehen, Schweſter⸗ herz!“ Sie ſah ihn mit einem Blicke an, der halb innig war und halb wehmuthsvoll, ihre Augen waren dabei ſchöner als je. Und auch in ihrer Stimme war etwas wie ein Beben, als ſie jetzt erwiderte:„Ja, Alter, du haſt mich ganz vergeſſen, und ich ſitze hier wie die verwünſchte Prin⸗ zeſſin in ihrem Thurm. Ich höre nichts und ſehe nichts Harren und Sorgen. 39 von der Welt, und das Gewürm kriecht immer näher an mich heran.“ „Sieh, ſieh!“ meinte er ſcherzend,„die Einſamkeit macht dich gar zum Poeten— auch ein Vortheil in un⸗ ſerer Zeit, die uns ſonſt wenig Erfreuliches und nichts als ſtrenge, trockene Proſa bietet.— Aber nun Scherz bei Seite— was ſollte ich hier in eurem Hauptquartier? Mitzutheilen hatte ich nichts, zu erfahren—“ „Du ſchätzeſt uns ſehr gering,“ unterbrach ſie ihn lächelnd.„Ich habe aber einen ganzen Sack voll Neuig⸗ keiten. Was meinſt du zum Beiſpiel von Stephanien und den Drohiner Affairen? Und jetzt—“ „Ruhig, ruhig!“ ſprach er und legte ſeine Hand gleichſam beſchwichtigend auf ihren Arm.„Das kommt alles noch an die Reihe. Laß mich zuerſt reden. Ich wäre alſo auch jetzt ſchwerlich gekommen, hätte ich heute nicht zwei Nachrichten erhalten— einmal von Hoven—“ „Sage mir nur das Eine,“ fiel ſie lebhaft ein und doch auch wie gepreßt, und ihre Stirn zeigte wieder jene Fältchen—„iſt Hoven hier oder fort? Gibt einmal die Heimlichkeiten auf, die mich peinigen!“ Er ſah ſie mit leiſem Kopfſchütteln an.„Wie kommſt du zu ſolchem Glauben?“ fragte er.„Selbſt du könnteſt ihn gut genug kennen, um zu wiſſen, daß er ſich nicht unthätig in einer Art Clauſur halten läßt. Er iſt gleich davon, und ich erwarte ihn jetzt, vielleicht ſchnell, zurück, denn— alſo das die Nachricht— die Franzoſen ſind am 18. vertragswidrig in Potsdam eingerückt, man hat, wie es ſcheint, die Perſon des Königs für gefährdet gehalten, 40 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. und der Herr hat ſich endlich entſchloſſen, am Freitag mit den Garden aufzubrechen und nach Breslau zu gehen. Hoven hält das, wie Viele und wie auch ich, für das be⸗ deutendſte, was ſeit York's Convention geſchehen— für den wirklichen Anfang einer beſſeren Zeit. Man hat da⸗ mit begonnen, die Brücken abzubrechen. Wir können jeden Tag Entſcheidendes vernehmen.“ Hebe ließ eine ziemliche Zeit vergehen, bevor ſie ant⸗ wortete:„Gott gebe es! Dieſer Zuſtand iſt auch kaum noch zu ertragen, und wenn man hier bei uns noch länger aus- und zurückhalten muß, ſo hat man uns demnächſt an Händen und Füßen gebunden.— Hier kommen meine Nachrichten, die du ſo gering achteſt, Alter, und die ich dir leider nicht zukommen zu laſſen wußte. Weißt du, daß die Douanenpoſten bedeutend verſtärkt ſind, daß man Kommandantur und Verwaltung vielleicht in den nächſten Tagen ſchon nach G. verlegt, daß ſich dort Artillerie ſammelt, und endlich, daß man Truppen durch das M.ſche erwartet?— Was wird mit uns?— Das Land und die Franzoſen wiſſen vermuthlich gleich gut, daß, wenn ein Ausbruch erfolgen ſoll, derſelbe hier beginnen muß. — Was wird mit uns? wiederhole ich.“ Graf Eberhard ſaß zurückgelehnt und ſchweigend mit leicht gefalteter Stirn.„Ich weiß das wohl,“ ſagte er endlich;„aber ich frage zurück: Was können wir augen⸗ blicklich thun?— Die paar Behörden mit ihrem Anhange und ihren Truppenreſten aus dem Lande zu jagen— das wäre leicht; wer ſchützt uns aber gegen ihre Wiederkehr und ihre Rache, die ſo gewiß kommen würde, wie der ——— Harren und Sorgen. 41 nächſte Tag? Ich weiß auch von dem allem, was du an⸗ geführt, wenigſtens ungefähr. Du kennſt ja meine Cor⸗ reſpondenten. Nur die letzte Nachricht, das von den Truppen, iſt mir neu, allein dergleichen ließ ſich erwar⸗ ten. Die Ueberſiedlung nach G. iſt beſchloſſene Sache, die Anſammlung von Geſchützen zur Küſtenbefeſtigung richtig— man denkt, wie es ſcheint, an eine Landung der Ruſſen, vielleicht auch der Schweden. Es bereitete ſich dort, wie wir wiſſen, längſt etwas vor. Ich ritt, als ich Hoven's Brief erhalten, nach G., um Genaueres über alle dieſe Punkte zu erfahren und— wo möglich zur Ver— nunft zu rathen. Du kannſt dir denken, daß die heu⸗ tige Execution, wie die Burſchen nun einmal ſind und wie die Stimmung überall auf das äußerſte angeſpannt iſt, die Ruhe nicht gerade erhalten kann.“— Er hielt inne. Nach einer Pauſe meinte ſie mit feſtem Blick:„Du haſt noch etwas, Alter— vielleicht das Schlimmſte? „Heraus damit! Sind ſie ſchon losgebrochen?“ Er nickte ſachte vor ſich hin.„Sie nicht— aber Einer iſt losgebrochen,“ verſetzte er ganz leiſe.„Auf dem Rückwege von G. lief mich im Bertelshöfer Holz Einer an mit der Nachricht, daß— ſeit heute Mittag— Vial verſchwunden— frei iſt.“ Sie zuckte hoch auf.„Vial?“ flüſterte ſie mit ent⸗ ſetztem Blicke;„hat er alſo wirklich noch gelebt—? Wo haben ſie ihn denn verborgen—“ Er machte eine raſche Handbewegung, die ſie inne⸗ alten ließ.„Das kümmert dich nicht,“ ſprach er.„Danke hoch Gott für dieſe Unwiſſenheit. Ich weiß ſelbſt nichts 42 Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Genaues. Daß er lebt— nun, Hebe, was wollten ſie am Ende thun? Da er nicht todt war, konnten ſie ihn doch nicht wohl todt machen?“ „Ich weiß nicht— ich verſtehe das alles nicht!“ ſagte ſie nach einer Weile mit finſterem Blicke und ſelt⸗ ſam vibrirender Stimme.„Mir iſt nur, als gäbe es hier⸗ bei etwas wie eine kaum zu verantwortende Fahrläſſigkeit. Alſo er iſt frei? Und wohin?“ „Das iſt eben die Frage. Heute Mittag hat man ihn noch in ſeiner Stube, auf ſeinem Lager, anſcheinend kraftlos und todesſchwach, gefunden. Um vier Uhr iſt er fort geweſen, wie es ſchien, ſchon länger—“. „Alſo auch der Platz verrathen?“ fiel ſie heftig ein. „Vielleicht— vielleicht auch nicht. Er kann nur auf einem Wege entkommen ſein, der ihm obendrein keine Anhaltspunkte und Erkennungszeichen bietet, und den er ſchwerlich wieder findet; wenigſtens läßt ſich das leicht verhindern. Wohin aber? Man iſt ihm nach, ohne eine Spur entdeckt zu haben. Natürlich aber habe ich gleich an Nieder⸗Rhoda gedacht; er wird unbedingt ſich hieher wenden, zumal, wenn er erſt von Renaud's Anweſenheit erfährt. Ich kam hauptſächlich deßwegen her,“ fuhr er fort, als er von der Schweſter keine Antwort erhielt und ihre Augen voll eines faſt träumeriſchen Nachdenkens von ſich ab und den Kerzen⸗Flammen zugewandt ſah.„Ich mußte wiſſen, ob etwa ſchon eine Nachricht von ihm hie⸗ her gelangt— es iſt ſogar wahrſcheinlich, daß er bald einer Patrouille der Douanen oder Gensd'armen begeg⸗ nete oder begegnen wird. Und da gafl Rhode und der Harren und Sorgen. 43 Hausmeiſter eine ſolche Kunde ableugneten— biſt du ſicher, Hebe,“ brach er ab,„daß du wirklich von allem erfährſt, was hier vorgehe?“ Hebe wandte ihrem Bruder jetzt langſam den Blich zu und ſchaute ihn an, allein ihr Auge war noch voll von tiefem Nachdenken, und erſt nach einer Weile ſagte ſie, ſich über die Stirn ſtreichend:„Weißt du, Alter, dies halte ich für das ſchlimmſte, was uns irgend begegnen konnte. Lieber eine wirkliche directe Entdeckung unſerer Pläne, als dieſe uns nun bevorſtehenden Folgerungen aus Andeutungen, Erhorchtem und Erlauſchtem. Lieber alles Andere!— Du fragteſt, glaub' ich, ob ich von allem er⸗ führe,“ redete ſie nach einer neuen Pauſe in verändertem Tone weiter.„Nein, das iſt jetzt bei dieſer Fremden⸗ Wirthſchaft nicht möglich. Aber wer das Schloß betritt— das erfahre ich, und wenn Vial käme, würde ich es auch ſonſt ſchon bald genug hören. Renaud würde nicht ſchwei⸗ gen, verlaß' dich darauf, im Gegentheile!— Aber“— ſie ſchüttelte leiſe den ſchönen Kopf—„er kommt gewiß nicht hieher!“ „Das ſagſt du ſo beſtimmt?“ fragte er verwundert und voller Zweifel.„Und doch—“ „Du denkſt an Stephanie?“ unterbrach ſie ihn ernſt. „Eben ihretwegen kommt er nicht hieher. Ich kenne ihn. Er iſt ein leichtſinniger und zum Theil— hörſt du wohl, zum Theil!— gewiſſenloſer Patron, hier jedoch möchte die Scham noch über die Gewiſſenloſigkeit gehen. Er weiß, daß er keine Ausſichten mehr hat, ſich vielmehr auf das äußerſte blamirte—“ Zweiundzwanzigſtes Kapitel. „Und doch ſagte Eugen—“ „Haſt du Eugen inzwiſchen geſprochen? Auch hierüber?“ „Ja, flüchtig. Ich mochte und er wollte nicht tiefer darauf eingehen, und ich konnte ihm das nicht verdenken. Es iſt ein Fall, Hebe,“ fügte er mit gerunzelter Stirn hinzu,„über den man am beſten ſchweigt. Es iſt in Nieder⸗Rhoda Manches vorgekommen, was das Gefühl verletzen muß. Schlimmeres und Traurigeres weiß ich jedoch nichts. Man möchte zu Steffen's Ausdrücken greifen.“ Sie ſah ihn mit einem ſcharfen, faſt ſtrengen Blicke eine ganze Weile lang ſchweigend an, bevor ſie in einem keineswegs freundlichen Tone erwiderte:„Ihr Männer ſeid ohne Ausnahme ein erbarmensloſes Geſchlecht. Habt ihr einmal in eurer blinden Haſt den Stab über jemand gebrochen, ſo haltet ihr es für abſolut unmöglich, daß ihr ſelber euch auf das ſchmählichſte getäuſcht und einen Unſchuldigen verurtheilt habt. An Stolz und Ehrge⸗ fühl, an Tugend und Reinheit eines Weibes glaubt ihr ſtets weniger, als an den Schein eines Unrechtes. Eugen hat ſich getäuſcht— Stephanie iſt ſchuldlos, und Vial kommt gerade ihretwegen nicht zu uns. Das iſt alles. Und da die Sache allerdings außergewöhnlich und für eure— ſtrengen oder ſchweren Köpfe nicht ſo gar leicht faßlich iſt, ſo höre zu. Ich glaube ohnehin, daß du mit deinen Nachrichten fertig biſt,“ ſchloß ſie wieder in leich⸗ terem Tone;„ſo kannſt du denn nun die meinen hören, die ich dir gern ſchon vor acht Tagen gegeben haben würde, zumal wenn ich gewußt hätte, daß du Eugen ſehen würdeſt. Ich glaube, es iſt für ihn gerade etwas dabei, was i Schm 1 ſamer Mittt von über und Eug beri ſeine neuen Angr fahrd ſo un fahr kaun ler⸗ zufl wohl Geſe Land ſluch ſagen deſſe Hebe Yan des Harren und Sorgen. 45 was ihm, wie er einmal gedacht zu haben ſcheint, den Schmerz eines halben Lebens verſüßen dürfte.“ Und ſie hob an und erzählte dem immer aufmerk⸗ ſamer Zuhörenden von allem, was ihn in Stephaniens Mittheilungen intereſſiren konnte; ſie berichtete dann auch von allem Uebrigen, was ihr im Schloſſe zugekommen, über Perſonen und Ereigniſſe, kurz alles, was es gegeben, und tauſchte dafür von ihm Anderes ein, ließ ſich von Eugen, von der Wirthſchaft in Rhodenfelde, von Steffen berichten, bis ſich das Geſpräch zuletzt wieder Vial und ſeiner Flucht und dem zuwandte, wie man gegen dieſen neuen, ſicher gefährlichen Feind ſich vertheidigen, ſeinen Angriffen begegnen und zuvorkommen, beſonders eine ge⸗ fahrdrohende Entdeckung der patriotiſchen Beſtrebungen ſo unſchädlich wie möglich machen könne. Die letzte Ge⸗ fahr wollte Graf Eberhard nicht erkennen. Vial könne kaum etwas Anderes anzugeben haben, als daß es Schmugg⸗ ler⸗Geſellſchaften gäbe und daß dieſelben ihre verborgenen Zufluchtsſtätten hätten, etwas, das den Franzoſen ohnehin wohl bekannt, meinte er. Und ſelbſt wenn er unter den Geſellen einen oder den anderen von den ſogenannten Landflüchtigen erkannt hätte— er wüßte doch den Zu⸗ — fluchtsort nicht. Gegen Eugen könnte er aber gar nichts ſagen. Im Gegentheile müßte er wiſſen, daß er gegen deſſen Willen von den Anderen fortgeſchafft worden.— Hebe ſchüttelte den Kopf.— Die Geſchwiſter ſprachen lange und ernſt weiter, bis Fanny ihnen bereits zum zweiten Male von dem Wunſche des Grafen Hartmuth geſagt hatte, daß ſie drüben im 46 Zweiundzwanzigſtes Kapitel.— Harren und Sorgen. Salon zum Thee erſcheinen möchten. Sie folgten endlich nur widerwillig. Der alte Herr trat ihnen mit einer ceremoniöſen Freundlichkeit entgegen und begrüßte ſeinen Sohn als einen ſeltenen Gaſt, und Eberhard hätte ſelbſt ohne die Mittheilung Hebe's von dem Eindrucke ihres letzten„pi⸗ kanten“ Geſpräches mit dem Vater, im Geheimen kaum noch erſtaunter geweſen ſein können über dieſe Aufnahme und die ganze Weiſe Hartmuth's, als er es jetzt war, ſo ungewohnt erſchien ihm alles, was er ſah und hörte. Von dem, was erſt kürzlich der Vater über den Sohn ſo bitter geäußert, war nichts zu ſpüren, nichts deutete auf den unausgleichbaren Zwieſpalt hin, und an das, was nach des alten Herrn Andeutungen Eberhard von Seiten der Franzoſen gedroht haben ſollte, ſchien er ſelber ſich am wenigſten zu erinnern. Eberhard verweilte jedoch nur eine kurze Zeit; der immerhin noch über zwei Stunden währende Ritt nach Dreiheiligen motivirte ſeinen baldigen der Aufbruch hinreichend. nich her ruh⸗ . Lan von Fol and ſtie 4 gel Ne —— 2 4 ——— Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Mene Mene Tekel Upharſin. Eben zur ſelbigen Stunde gingen hervor Finger, als einer Menſchenhand, die ſchrieben gegen den Leuch⸗ ter über auf die getünchte Wand in dem Königlichen Saal. Und der König ward gewahr der Hand, die da ſchrieb. Da entfärbte ſich der König, und ſeine Gedanken erſchreckten ihn, daß ihm die Lenden ſchütterten und die Beine zitterten. Der Prophet Daniel, Kap. 5, V. 5 u. 6. Die Uebrigen blieben wie üblich bei einander und der Abend verging wie immer. An den Güſten ließ ſich nichts Beſonderes bemerken; Renaud hatte von Vial bis⸗ her noch nichts erfahren. Er war in freundlicher, aber ruhiger Laune und ſprach ſogar über den Zuſtand des Landes eingehender als ſonſt, nicht verbergend, daß er von der Lection, welche die Schmuggler erhalten, heilſame Folgen erwarte. Man ging zur gewohnten Zeit ausein⸗ ander. Die Kälte war in den letzten Tagen nicht mehr ge⸗ ſtiegen, hatte vielmehr ſchon ſeit geſtern immer mehr nach⸗ gelaſſen und ſeit heute Nachmittag einer entſchiedenen Neigung zum wirklichen Thauwetter Platz gemacht. Graf 48 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Eberhard hatte ſeinen ſchnellen Aufbruch auch damit be— gründet, daß der Weg durch den erweichten Schnee immer widerwärtiger und überaus verzögert werde und das ganze Ausſehen der Atmoſphäre baldigen Regen und vielleicht Sturm erwarten laſſe. Jetzt, wo er kaum daheim ſein mochte, war dieſes bereits eingetroffen, der Regen ſchlug an die Fenſter, und als Gräfin Hebe ihre Zimmer betrat, brauſ'te der Wind um die vorſpringenden Schloßflügel in gewaltigen Stößen, rüttelte an den Fenſtern, ſeufzte im Corridor und heulte in dem kleinen, ſeitwärts gelegenen Lichthofe. Es war unheimlich, wie das alles durch ein⸗ ander klang und tobte, und man konnte es den beiden jungen Gräfinnen, welche gleichfalls in dieſem Flügel, über Hebe's Gemächern, jetzt neben einander hauſ'ten, kaum verdenken, daß ſie ſich nach einer Weile noch wieder zur Tante fanden, um mit ihr ein Stündchen zu verplau— dern und mit ihr zuſammen ſich weniger einſam und un⸗ behaglich zu fühlen. Comteſſe Hebe machte ſich aus dergleichen nichts. Sie lachte, obgleich ihr ſonſt wenig danach zu Muthe war, die Nichten aus, aber ſie ließ ſie gern bei ſich verweilen. Man kann ſich denken, daß für dieſes geiſtig raſtloſe und körperlich gefeſſelte Weſen die langen Nächte mit ihrer Ruhe im Bette eine Qual waren. Sie brauchte nicht viel Schlaf und fand auch nicht viel und war es von je her gewohnt geweſen, bis nach Mitternacht in ihren Zimmern aufzubleiben, während die Hausbewohner ſich in Rückſicht auf das hohe Alter des Grafen Hartmuth für gewöhnlich ſchon bald nach zehn Uhr trennten. Und ſo ſaß ſie denn für wen ſein ſelten überh konnt an de Wind ten Hülj gewo Weſe den der reißel geleg kehre ſieger ſein, und jene Ho Mene Mene Tekel Upharſin. 49 auch heute mit den Nichten zuſammen und plauderte mit ihnen; ſie berichtete von Eberhard's Mittheilungen über Eugen, welche die Schweſter beglückten und auch Stephanie in einer gewiſſen träumeriſchen Befangenheit lauſchen lie— ßen. Aber von Vial ſagte ſie, ſo oft ihr auch der Name auf die Lippen kam, kein Wort. Es iſt das kein Stoff für einen jungen Kopf, zumal nicht für den da, und noch weniger in ſolcher Nacht, dachte ſie. Die Mädchen mochten eine Stunde bei ihr geweſen ſein, als der Sturm, wie das gegen Nitternacht nicht ſelten der Fall, nachzulaſſen ſchien, und da Stephanie, die überhaupt leidend war, ihre Müdigkeit nicht verbergen konnte, meinte Sophie Magdalene lachend, jetzt ſei es an der Zeit, einen Schlafverſuch zu machen, bevor der Wind einen neuen Concert⸗Theil beginne. Und ſo ſchlüpf⸗ ten die beiden davon und Hebe ſetzte ſich mit Fanny's Hülfe bequemer an den Tiſch, um, wie ſie ſich auch daran gewöhnt hatte, noch eine Zeitlang einer Lecture zu widmen. Wer nur die äußere Erſcheinung des wunderbaren Weſens mit der unendlichen Anmuth dieſes Geſichtes, mit den vollendet ſchönen Formen des Halſes und der Bruſt, der Arme und Schultern angeſchaut und ſich der hin⸗ reißenden, bezaubernden Weiſe erinnert hätte, wie Hebe gelegentlich mit der Geſellſchaft wie mit Einzelnen zu ver⸗ kehren liebte und mit der ſie jeden hinriß und ſtets zu ſiegen verſtand, der möchte nicht wenig überraſcht geweſen ſein, hätte er über die Stuhl⸗Lehne in ihr Buch geſehen und als Unterhaltung der glänzenden, eleganten Frau jene gewaltigen„Reden an die deutſche Nation“ kennen Hoefer, Fremdherrſchaft. III. 4 50 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. gelernt, die vor einigen Jahren Fichte von Berlin aus hinausgeſchleudert hatte. Uns verwundert das nicht; wir wiſſen längſt, daß Comteſſe Hebe nichts weniger war, als eine„elegante“ und kokette Frau im gewöhnlichen Sinne des Wortes.. Und ſie war heute Nacht angelangt bei der letzten die⸗ ſer Reden, einer der gewaltigſten von allen, und ſie las die ehernen Worte: „Es hängt von euch ab, ob ihr das Ende ſein wollt und die Letzten eines nicht achtungswürdigen und bei der Nachwelt gewiß ſogar über die Gebühr verachteten Ge⸗ ſchlechtes, bei deſſen Geſchichte die Nachkommen— falls es nämlich in der Barbarei, die da beginnen wird, zu einer Geſchichte kommen kann— ſich freuen werden, wenn es mit ihnen zu Ende iſt, und das Schickſal preiſen wer⸗ den, daß es gerecht ſei; oder ob ihr der Anfang ſein wollt und der Entwicklungs⸗Punkt einer neuen, über alle eure Vorſtellungen herrlichen Zeit, und diejenigen, von denen an die Nachkommenſchaft die Jahre ihres Heiles zähle. Bedenket, daß ihr die letzten ſeid, in deren Ge⸗ walt dieſe große Veränderung ſteht. Ihr habt doch noch die Deutſchen als Eins nennen hören—— Der Sturm war wieder aufgewacht und umflog das Schloß mit neuer Gewalt, gleichſam als habe er in der Pauſe nur größere Kräfte ſammeln wollen. Es brauſte und heulte, es tobte und ſauſ'te heran und vorbei mit immer furchtbareren Stößen, mit immer unheimlicheren und unerklärlicheren Lauten— es kommt das in dieſen Küſtenſtrichen zu jeder Jahreszeit gelegentlich einmal, wie wir e unerh und hinau die die ten. mitt rich von Einſe nacht ſtillen mals erreg geher big Mene Mene Tekel Upharſin. 51 wir es ſchon erlebten, mit unerhörter Schnelligkeit und unerhörter Heftigkeit und läßt ſelbſt die Kühnſten erbeben und ſchweigend und todesernſt aus ihren Wohnungen hinauslauſchen in den Aufruhr der furchtbaren Kräfte, die jeden Augenblick alles zu vernichten drohen, was die ſchwachen Menſchen ihnen entgegen zu ſetzen verſuch⸗ ten. Und dennoch war es nicht dies, was Hebe eben mitten im Satze innehalten, das Buch ſenken, ſich auf— richten ließ— das waren andere, ſeltſame Töne, die nicht von draußen, ſondern aus dem Hauſe ſelber in ihre Einſamkeit hineinzudringen ſchienen, nicht aus der Sturm⸗ nacht, ſondern aus dem ſonſt um dieſe Zeit ſtets ſchlaf⸗ ſtillen Schloſſe, Töne, wie Hebe ſie in ihrem Leben noch nie⸗ mals vernommen, Laute, wie ſie nur von vielen, wüthend erregten, tobenden, ſchreienden, kämpfenden Menſchen aus⸗ gehen können.— Hebe beugte ſich vor— ſie lächelte gleichſam ungläu⸗ big und wie über ſich ſelbſt, daß ſie Solches zu hören wähnen könne, hier im Schloſſe, in der Nacht!— Und doch, ſie träumte nicht, ſie irrte ſich nicht! Sie hörte einen ſtets noch zunehmenden, ſich nähernden Lärm, ſie hörte ein ſtets wilderes Geſchrei, ſie ſtreckte haſtig die Hand nach der Glocke aus, um die Jungfer herbeizurufen, und ihre Finger umklammerten das Metall wie im Krampfe und vergaßen, demſelben einen Klang zu entlocken— es fielen eben im Hauſe ein paar Schüſſe raſch auf einander, laut hinknallend durch die langen Corridore, die weiten Fluren und Vorplätze, all die großen Räume. Hebe hatte ſich von ihrem Sitze wirklich erhoben und 4 52 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. ſtand auf den Tiſch gelehnt aufrecht; ihre Hand hielt noch die Glocke, ohne ſie zu bewegen. Aber ſie hatte auch nicht mehr nöthig, zu klingeln, in der nächſten Sekunde ſchon ſtürzte Fanny herein. „Gnädige Gräfin— wir ſind überfallen!“ ſtammelte das leichenblaſſe, zitternde Geſchöpf. „Ueberfallen? Von wem?“ „Ich glaube von Schmugglern; ſo ſagt wenigſtens Karl, der zu uns heraufkam. Sie ſind plötzlich im Hauſe geweſen, ſie haben die paar Chaſſeurs gleich angegriffen und überwältigt; ſie verfolgen nun die anderen durch das Schloß. Es liegen Todte und Verwundete drunten. Die Ställe haben ſie auch. Drüben an der Küſte brennt es. Es muß der Douanenpoſten ſein. Es iſt furchtbar, gnä⸗ dige Gräfin, ſie ſchonen nichts. Sie wollen ihren Kame⸗ raden rächen.“ „Der General— ſein Stab, die Beamten?“ fragte Hebe raſch. Was iſt mit ihnen?“ „Ich weiß nichts von ihnen. Aber— gerade von dorther knallten ja die Schüſſe! Es iſt ſchrecklich!“ rief das Mädchen, in Thränen ausbrechend.— Gräfin Hebe hielt das Stehen nicht länger aus. Sie ſank zurück in den Seſſel, aber ſie blieb aufrecht, mit bei⸗ den Händen auf die Lehne geſtützt. Die Beſtürzung, der Schreck waren fort aus ihren Zügen, ihre Stirn war klar wie je, und die Augen blitzten hell und kühn.„Allons,“ 1 ſagte ſie raſch und keck heraus,„iſt der Karl noch da?“ „Ja, gnädige Gräfin.“ „So gib mir einen Shawl und rufe ihn herein.“ 1 gerung Sie di Menſ regur die kur, mir ih b thür zu er Vort auf d licht Wohr aus. ſeit; woch uch nde ꝛuſe fen das Mene Mene Tekel Upharſin. 53 „Gnädige Gräfin!“ ſchrie das Mädchen entſetzt und mit gerungenen Händen,„was wollen Sie thun? Sie können, Sie dürfen nicht hinaus— die Menſchen morden alles!“ „Bah, Unſinn! Rufe den Karl, er wird, ſo Gott will, nicht auch ſo ein Haſenfuß ſein,“ ſprach Hebe leb⸗ haft und ungeduldig.„Einen Shawl, ſage ich!— Du gehſt hinauf zu den Comteſſen und bleibſt bei ihnen. Allons!“ Und der Blick und die Handbewegung, welche die Worte begleiteten, waren ſo gebieteriſch, daß das Mäd⸗ chen ſelbſt jetzt augenblicklich gehorchte, hinausflog und ein paar Sekunden ſpäter bereits wieder mit dem verlangten Shawl und dem Diener vor der Gebieterin ſtand. Ein durchdringender Blick Hebe's traf und maß den Menſchen, und ſie erkannte, daß derſelbe zwar in Auf⸗ regung, jedoch nicht in Angſt zu ſein ſchien. Er öffnete die Lippen wie zu einer Meldung, aber ſie ſchnitt alles kurz ab, indem ſie raſch ſagte:„Kein Wort jetzt! Helft mir auf!— Den Shawl, Fanny; dann fort mit dir, wie ich befohlen. Schließe meine Zimmer und die Treppen⸗ thür für jedermann, außer dem Karl hier, den ich gleich zu euch ſchicken werde.“— Und als ſie während dieſer Worte aufgerichtet und eingehüllt worden, ſtützte ſie ſich auf des Dieners Arm und fügte hinzu:„Nun vorwärts! Nicht durch den Corridor— hier durch die Stuben, ins Wohnzimmer!“ Sie ſchritt unter Fanny's erneutem Händeringen hin⸗ aus. Das alles war in ſo ſtürzender Eile geſchehen, daß ſeit den früheren Schüſſen, denen inzwiſchen aber ſchon 54 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. ein paar neue gefolgt waren, kaum fünf Minuten ver⸗ gangen ſein mochten. Und Comteſſe Hebe ging an dem Arme des Dieners ſo raſch ſie's vermochte durch die Reihe der Gemächer, welche ihre Zimmer mit den ſogenannten, uns bekannten Wohnzimmern verbanden und ſonſt kaum jemals von ihr betreten wurden. Sie wechſelte kein Wort mit ihrem Begleiter, ſie ſah nur mit einem gleichgültigen Blicke zum Fenſter, durch das ein ferner, aber greller Feuerſchein ſichtbar wurde.— „Vorwärts, vorwärts!“ ſagte ſie ſtets von neuem, ſtets heftiger. Denn jetzt waren ſie ſchon im Hauptbau, und der Lärm, das Toben und Schreien, das Klirren von Hiebwaffen klang wild genug vom nächſten Vorplatze her⸗ ein. Und da ſtieß der Diener die letzte Thür auf und warf die Portieren zurück, und ſie traten in das Gemach. Eine Thür drüben— die auf den Corridor— wurde eben dröhnend ins Schloß geworfen, ein Riegel vorge⸗ ſchoben, und bevor Hebe in dem großen, durch zwei oder drei Kerzen kaum dämmerig erhellten Raume noch einen der Männer erkannte, welche neben und vor jener Thür gruppirt waren, ſchlug die Stimme des Generals an ihr Ohr:„Gehalten hier bis aufs Ende! Kapitän, dort hin⸗ aus— es muß dort einen Ausgang— Blut Gottes, was iſt das? Gräfin, wo kommen Sie. her, Sie— 2“ Er war mit ein paar Schritten vor ihr, als wolle er ſie zurückdrängen. An die Thür ſchmetterten von draußen heftige Schläge. was wollen S darein Unifo⸗ Deger Lnke oder die Che ſein wand nen 2 ſten wit die kom Sie ih darf Schr geſt mit ſer Wo. ſied ver⸗ Mene Mene Tekel Upharſin. 55⁵ Sie blickte den aufgeregten, aber dennoch entſchloſſen dareinſchauenden Mann, der im raſch übergeworfenen Uniformsrock, ſonſt jedoch in Unterkleidern, den blanken Degen in der Rechten, ein noch rauchendes Piſtol in der Linken, vor ihr ſtand, mit einem muthigen Lächeln an. —„Bei Ihnen ſein, General!“ verſetzte ſie.„Freund oder Feind— gleichviel! Es ſoll nie geſagt werden, daß die Gäſte zu Nieder⸗Rhoda von ihren Wirthen in der Stunde der Gefahr feige im Stiche gelaſſen worden ſeien. Cher Papa liegt unter ſeiner Decke und verläßt ſich auf ſein Gebet, wie es ſcheint!— Hier geblieben, Kapitän!“ wandte ſie ſich an den Adjutanten, welcher, dem erhalte— nen Befehle gemäß, an ihnen vorüber wollte.„Im äußer⸗ ſten Nothfalle iſt dort ein Ausgang! Aber ſo weit ſind wir noch nicht. Keine Flucht, General!— Karl, zünde die Lichter an, zuvor aber meinen Stuhl—“ „Gräfin, Gräfin! Sie werden nutzlos mit uns um⸗ kommen!— Fliehen Sie! In Ihren Zimmern werden Sie ſicherer ſein— es gilt nur uns! Ich muß fort— ich muß dieſen ſchmählichen Ueberfall wett machen! Es darf nicht heißen, daß ein General des Kaiſers vor Schmugglern, Räubern und Landſtreichern die Waffen geſtreckt—“ „Noch daß er die Flucht ergriffen!“ unterbrach ſie mit ſeltſam blitzendem Auge— er war faſt ſpöttiſch, die⸗ ſer Blick, und auch ihre Stimme klang ſo— ſeine raſchen Worte. Sie ſaß bereits in ihrem Stuhle.— „Karl, rolle mich vor, mitten ins Zimmer, ſo!“ rief ſie dem gehorchenden Diener zu.—„Und nun, General—“ 56 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. „Gräfin, hören Sie die Schläge an die Thür! Sie muß nachgeben! Retten Sie ſich!“ „Bah, bah, General! Vor dem Geſindel? Ich denke, wir beherrſchen es noch!“ erwiderte ſie auch jetzt im vori⸗ gen Tone.„Ziehen Sie die Leute dort zurück, beſetzen Sie die Thür, durch die ich kam— ſo bleibt Ihnen der Rückzug immer frei. Der Weg iſt nicht zu verfehlen. Karl bleibt doch beſſer bei mir.“ Der General eilte fort. Die Richtigkeit von Hebe's Anordnungen leuchtete ihm ein, und ein paar Sekunden ſpäter waren die Schreiber, die bei jener Gruppe geweſen, ſchon in den dunkeln Gemächern drüben verſchwunden, und was ſich mit Renaud in das Wohnzimmer gerettet hatte, die Adjutanten, ein paar Ordonnanzen und zwei oder drei Leute, die von der kleinen, zuerſt überwältigten Stabswache übrig geblieben, drängten ſich entſchloſſen an jener Thür zuſammen, durch die Comteſſe Hebe vorhin eingetreten. Die Thür war von altem, maſſivem Eichenholz und gab dem Andrängen und den Stößen von draußen nicht nach, aber das Schloß und der ſchwache Riegel widerſtan⸗ den nicht länger, und jetzt brachen ſie— auch die eben geſchilderten Vorgänge waren in der möglichſt kurzen Zeit erfolgt— und ein Haufe von fünfzehn bis zwanzig der⸗ ben, zum Theil großen und mächtigen Geſtalten, Flinten und kurze, blanke Stutzſäbel, Meſſer und Piſtolen in den Fäuſten, die Geſichter geſchwärzt und unkenntlich, mit wilden Flüchen und Rufen herein und zurück vor dem ſich darbietenden Anblicke. drang prallte dennoch 1 vollſte geſam dem ſo ke hren meh meh reng geha ſchon glock im b woh uns Mene Mene Tekel Upharſin. 57 Denn Gräfin Hebe ſaß mitten im Raume und im vollſten Licht der Kerzen, die, Gott weiß woher, ſo ſchnell geſammelt und von wem angezündet, auf dem Tiſche vor dem Sopha in ihrer Nähe ſtanden, und ihr Geſicht war ſo keck und ſicher wie je, ein ſpöttiſches Lächeln lag auf ihren Zügen, ihre Augen blitzten, man wußte nicht, ob mehr ſtolz oder herausfordernd, ob mehr ſpöttiſch oder mehr verächtlich den Hereindringenden entgegen, und wäh⸗ rend hinter ihr in dieſem Augenblicke Renaud den Seini⸗ gen mit erhobener Stimme zurief:„Wohlan, meine Herren! Die Dame darf uns an Muth nicht überbieten! Stand gehalten! Hier ſterben wir!“— ſagte ſie mit jenem uns ſchon mehrmals vernehmbar gewordenen, nicht lauten, aber glockenhellen und ſiegreichen Tone und überraſchend genug im beſten Plattdeutſch von der Welt:„Nun, Kinder, wär's wohl genug mit dem Lärm? Was wollt ihr eigentlich von uns hier in Nieder⸗Rhoda?“ „Einen Landratten⸗General, der zu Kreuz kriecht!“ klang ihr die Antwort in gleichem Dialekte zu, und durch den Haufen der Anderen arbeitete ſich eine nicht große, ſtämmige Geſtalt in einem dunkeln Schanzläufer, deſſen Capuze zurückgeſchlagen war und ein rothbraunes, gefurch⸗ tes und wetterzerſchlagenes Geſicht ſichtbar werden ließ, mit Augen, die, ſcharf wie die eines Seeadlers, über das Gemach und die in ihm Verſammelten hinſchoſſen. Auf der linken Schulter hatte er ein kleines Fäßchen, das er jetzt mit Leichtigkeit herabhob; dabei fiel jedoch ſein Blick jetzt erſt auf Hebe, da ihm die Gruppe hinter ihr und gegen den anderen Ausgang zu die Hauptſache geweſen 58 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. ſein mochte, und es war faſt poſſirlich, zu ſehen, wie der alte rauhe Burſche die Augen aufriß, das Faß ſchwebend vor ſich hielt und in höchſt verblüfftem Tone rief:„Bei Nelſon's Donnern— die Lahme!“ Hebe lachte jetzt wirklich; der Ton des Alten und ſeine ſichtbare Ueberraſchung, der ganze Ausdruck ſeines rauhen Geſichtes, alles ließ keine eigentliche Beſorgniß aufkommen; es war nichts darin von Grimm und Wuth, vielmehr nur eine gewiſſe wilde und ausgelaſſene Luſtig— keit, die wir häufig genug an Seeleuten finden können, wenn ſie einmal ſo recht in Gang gekommen ſind, und die dann freilich außerordentlich wenig mit Feinheit und Rückſichten zu thun hat, oder ſich um dergleichen kümmert. Es kommt indeſſen nur darauf an, ſolche Burſchen richtig anzufaſſen und ihnen gegenüber einen Scherz zu ver⸗ ſtehen. Da wird man vielleicht mit einem halben Dutzend von ihnen eher fertig, als mit Einem aufgeregten, ver⸗ kniffenen Landkopfe. „Ei, ſieh'mal an!“ ſagte Gräfin Hebe in der beſten Laune von der Welt und wieder im Dialekt—„Kar⸗ ſten Herbart, biſt du auch noch hieſig? Und ich habe dich mir ſchon im Himmel gedacht oder an irgend einem andern ſchönen Platze in der anderen Welt!— Wo kommſt du denn eigentlich her, Karſten, und was willſt du hier bei mir? Was bringſt du mir da mit zum Präſent, he?“ Der alte Seemann hatte inzwiſchen das Faß nieder⸗ geſetzt. Nun nahm er die kurze Pfeife aus dem Munde und die Pelzkappe vom grauen Haupte, das alles hielt er in der Rechten, und das Enterbeil, das wir ſchon kennen, — dazu. mit d lichen ſein Läche nur mel wir Ei eine mißt ger ſie e und nich Fra tend vern blic wer ins Ma nen mit auj u i Mene Mene Tekel Upharſin. 59 dazu. Mit der Linken fuhr er über das faſt kahle Haupt, mit dem Fuße kratzte er hinten aus in einer unbeſchreib⸗ lichen und unnachahmlichen Bewegung, und während über ſein Geſicht ein halb verlegenes, halb faſt ſchelmiſches Lächeln zuckte, verſetzte er:„Na, Gnaden Comteß,'s iſt nur'n bischen für den Nothfall, ſo zu einer kleinen Him⸗ melfahrt, hm, hm. Euch aber, Gnaden Comteß, haben wir gar nicht da geſucht, denn Gott verdamm' mich, wenn Einer von uns Euch nur ein Haar krümmen ließe!“ Sie ließ ihr Auge von ihm zu dem Faſſe herab mit einem Blicke gleiten, den ſelbſt der rauhe Burſche nicht mißverſtehen konnte, und indem ſie zugleich mit dem Fin⸗ ger darauf hindeutete und wieder zu ihm aufſchaute, ſprach ſie ernſt:„Alſo Pulver?“ „Ja,“ verſetzte er mit einem eigenthümlichen Grinſen und ſetzte den einen Fuß auf die Tonne. Weiter kam er in ſeiner vielleicht beabſichtigten Rede nicht, denn in dieſem Augenblicke entſtand zwiſchen den Franzoſen an der andern Thür eine Bewegung, und wäh⸗ rend Renaud, der den bisherigen Vorgängen mit finſter verwunderten Blicken, aber ſchweigend gefolgt war, dahin blickend ein überraſchtes:„Aber, meine Damen!“ laut werden ließ, traten raſch die beiden jungen Gräfinnen ins Zimmer— Stephanie kühl, bleich und ſtolz, Sophie Magdalene lebhaft und glühend, Trotz und Muth, Zür⸗ nen und Drohen in den glänzenden, den ganzen Raum mit Einem Blicke überfliegenden braunen Augen. Im nächſten Moment hatten Beide ihre Lichter ſchon auf den Tiſch zu den anderen geſtellt und waren bei der 60 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. lächelnd und kopfſchüttelnd ſie empfangenden Hebe, und Sophie Magdalene ſagte, nachdem ſie, ſich niederbeugend, die Stirn der Verwandten mit den Lippen berührt, leb⸗ haft:„Daraus wird nichts, Tante! Wir laſſen uns nicht einſperren.„Du ſollſt nicht allein in Gefahr ſein!“ „Gefahr?“ verſetzte Hebe lächelnd.— „Wahnſinnige Thoren, was treibt ihr?“ unterbrach ſie eine helle Stimme, bei der die drei Damen gleichmäßig zuſammenzuckten, bei der die Burſchen an der Thür auf⸗ fuhren und Karſten Herbart ſogar den Kopf mit einem Ruck herumwarf, daß der kurze, dicke Zopf aus den Fal⸗ ten der Capuze herausſprang.—„Wehe euch, wenn ich zu ſpät komme!“ fuhr die Stimme fort, und durch die Zurückweichenden drängte ſich mit heftiger Bewegung Graf Eugen, barhaupt und im leichten Rocke, der von Regen triefte, erhitzt, mit glühender Blicke. „Tante, Schweſter!“—„Eugen!“ — Der junge Herr!“— Stirn und brennendem —„Der Graf! ſo tönte es von allen Seiten durch einander. Im nächſten Augenblicke ſtand er bei den Damen, die Hand der Tante küſſend, die Schweſter, die ſich ihm in die Arme warf, ſanft zurückſchiebend, Ste— phanie mit ruhigem, die Franzoſen mit ernſtem Blicke meſſend. Und dann wandte er ſich um, den Burſchen und Karſten Herbart zu, und rief drohenden Blickes: „Und nun, ihr Wahnſinnigen, was ſoll das? Karſten, alter Unheilſtifter—“ „Na, was iſt denn los?“ unterbrach ihn der See⸗ mann mit einer eigenthümlich phlegmatiſchen Barſchheit. Mene Mene Tekel Upharſin. 61 „Ihr thut ja, weiß Gott, junger Herr, als ging' es um ein Himmelreich—“ „Ums Himmelreich— nein, aber um Vernunft und Verſtand, unſinniger Tollkopf!“ fiel Eugen drohend wie vorhin ein, und er trat zornig mit dem Fuße nieder. „Was habt ihr von dem Strohfeuer an der Küſte? Was habt ihr von dem Einbruche in dieſes Schloß, wo ihr einen alten, ſchwachen Mann und ein paar Damen erſchreckt und günſtigſten Falles die Herren dort in ihren Betten überraſcht, ihre Leute niederſchlagt und damit euch ſelbſt und das Land ins Elend ſtürzt? Glaubt ihr Wahnſinni— gen damit etwas zu erreichen, was euch und dem Lande helfen kann? Glaubt ihr, daß euer armſeliger Sieg auch morgen noch einer iſt und nicht vielmehr in die tödtlichſte Niederlage ausläuft? Was habt ihr davon, frag ich, als—“ „Unſern Spaß, junger Herr, wie wir's gewollt,“ un— terbrach Karſten Herbart den Zornigen wieder mit ſeinem halb phlegmatiſchen, halb jetzt auch jovialen Tone und Blicke. Und da er die Augen aller fragend ſich zugewandt und ſelbſt Eugen überraſcht ſchweigen ſah, fuhr er in glei⸗ cher Weiſe fort:„'s iſt leicht geſagt und muß auch geſagt ſein, da das Ding zu Ende gehen will und wir vielleicht doch nicht ſo dumm ſind, wie Ihr uns ſcheltet. Wir ſind nicht aus auf Mord und Todſchlag, obgleich wir auch dazu ſchon ein Recht hätten,“ redete er weiter und ſeine Blicke wandten ſich finſterer als bisher den Franzoſen zu und maßen den General, der ein paar Schritte vor den 62 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Anderen mit gekreuzten Armen feſt und ſtolz dem Auge des Seemannes begegnete.—„Sie haben dem armen Teu⸗ fel, dem Karſten aus Krewitz, ja heute Morgen vor den Kopf geknallt. Allein, das geht uns am Ende nichts an, er iſt keiner von uns, ſondern aus dem M.'ſchen, und warum ließ er ſich greifen?“ „Hören Sie das, Tante?“ fragte Eugen, zu Hebe hinabgebeugt, mit finſterem Blicke. Karſten Herbart mochte das gehört haben, aber er nahm keine Notiz davon.„Das iſt's nicht,“ ſprach er wieder fort.„Das mögen die drüben für ſich allein aus⸗ machen. Aber wie's hier ging, das ließ ſich nicht länger anſehen. All dies Gerede und Befehlen und Aufgetrumpf, all dies ſich Brüſten und Prahlen, nur weil's ſeither ſtill bei uns geweſen! Dieſe wälſchen Sandhaſen thun ja, ver⸗ damm' mich Gott, als ſeien ſie ſchon Herren im Lande und wir ihre Diener und Sklaven— guckt mich nur an, ihr Sandhaſen, ich, der alte Karſten Herbart, lach' euch in die Zähne und ſag's euch deutſch, könnt's euch franzö⸗ ſiren laſſen! Hab' mir extra darum meine Viſage ſauber gehalten, daß ihr auch wißt, wer es euch ſagt! Und weil ſie gar ſo ſicher waren und ſo dick thaten und hier ſo pläſirlich ſaßen und ordonnanzten, als ſei alles in ihrem Sack, ſo meint' ich,'s könne ihnen ein kleiner Denkzettel nicht ſchaden, keiner wie neulich von den Drohiner Ge⸗ ſpenſtern, ſondern einer von Menſchen,— ſo einer wie der, welchen einmal die Hand dem König Belſazer an die Wand ſchrieb, auf daß ſie ein biſſel in ſich gingen D un Mene Mene Tekel Upharſin. 63 und nicht ſo gar zu frech und keck blieben!'s gibt noch Leute außer ihnen!“— Es war nicht Einer unter den Anweſenden, der den Seemann zu unterbrechen verſucht, und nicht Einer, der nicht mit, ſei es auch finſterem, Intereſſe dieſe trotzige Erſcheinung, Blick und Geberde des Alten beobachtet hätte. Und als er ſein Auge wieder ſo adlerartig, ſcharf und herausfordernd über Feinde und Freunde hatte hingleiten laſſen, wandte er es zuletzt Renaud zu und fuhr fort: „Na, ſo war's, und dann kam heute Mittag noch was dazu, und endlich gab's zur Nacht einen kleinen hübſchen Sturm, daß jeder lieber unter Dach und Fach bleibt. Da ſucht' ich mir ſo ein vierzig, fünfzig zuſam— men— hatten die Kunde, daß auch Waaren für uns parat lägen— und es ging los. Eure Douaniers— wo ſind ſie? Fortgeblaſen! Und euch haben wir im Sack, wie wir's gewollt, und ihr und wir, wir werden's nicht vergeſſen, mein' ich; ihr von wegen des Schreckes, wir von wegen des Spaßes—'s war ein guter, Herrſchaften, und eine hübſche Motion auf all die Faulheit war's auch. Und ſo ſeht Ihr denn wohl, junger Herr,“ ſetzte er gegen Eugen gewandt hinzu, und ſein Geſicht war wieder jovial geworden,—„es iſt da nichts zu ſchimpfen. Sein Pläſir braucht der Menſch auch einmal, mein' ich.“ Nach einer Pauſe trat Renaud zu Eugen und den Damen vor.„Und zu eurem Pläſir,“ ſagte er finſter und drohend— wir wiſſen, daß er ziemlich gut deutſch ſprach—„zu eurem Pläſir habt ihr uns im Schlaf über⸗ fallen und ermordet? Ihr habt uns jetzt allerdings in 64 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. eurer Gewalt, d. h. wenn ihr auch uns erſt ermordet habt. Ihr habt mir allerdings auch ein Zeichen gegeben, das wir nicht vergeſſen werden, aber, wie ſchon der Herr Graf hier ſagte— los ſeid ihr uns damit nicht. Wir möchten euch in unſerem Grabe ein wenig gefährlicher werden, als im Leben!“ Und ſich den Seinen zuwendend, rief er zornig:„Heran, Kameraden, und laßt uns den da wenigſtens fangen!“ Er ſprang zugleich, den Degen er⸗ hoben, gegen Karſten vor. Eugen warf ſich ihm entgegen und faßte ſeinen Arm. „Herr General— ich beſchwöre Sie! Opfern Sie ſich und die Ihren nicht nutzlos! Sehen Sie hin, was vermögen Sie gegen die?“ 4 In der That hatten ſich die Burſchen mit erhobenen Waffen raſch um Karſten zuſammengedrängt, die Mienen verfinſterten ſich, die Augen blickten den wenigen Fremd⸗ lingen trotzig und entſchloſſen entgegen, ſo daß dieſe letz⸗ teren dem Rufe des Generals zu folgen zögerten, wenn ſie auch gehorſam weiter vorgekommen waren. Die Offi⸗ ziere ſo gut wie die Mannſchaften ſahen das Thörichte eines Angriffes vollkommen ein, und die Blicke der erſte⸗ ren gingen verlegen zwiſchen den D amen, welche unbeweg⸗ lich noch zwiſchen beiden Parteien waren, und ihrem Chef hin und her. Renaud ſah das und beſann ſich. Sich von Eugen’'s Griff befreiend, ſtand er in finſterem Schweigen, die Arme wieder auf der Bruſt gekreuzt. Seine Zähne preßten ſich knirſchend zuſammen. Karſten Herbart hatte ſich während dieſes Vorganges Mene Mene Tekel Upharſin. 65 nicht gerührt, ſein Blick war nicht düſterer, ſondern viel⸗ leicht nur ein wenig ſpöttiſcher geworden, und jetzt, da er die Ruhe wieder eintreten ſah, guckte er ſich zu den Sei⸗ nen um und ſprach:„Laßt ihn nur krakehlen, Jungen, das beißt uns nicht! Na, aber Excellenz, Monſieur Ge⸗ neral,“ fuhr er dann, gegen dieſen ſich drehend, fort,— „das ſind Flauſen, das von Mord und Todſchlag. Ihr ſeid eben tüchtig erſchrocken, Excellenz, gerade ſo, wie wir's gewollt, ſo daß Ihr Mord und Blut und Leichen geſehen habt, wo's doch nur ein bischen Lärm und ein paar Ritzen gegeben. Wir ſind auch noch ſo klug wie andere Leute, und Blut ſchreit nach Blut, das wiſſen wir und — ſo weit ſind wir heute noch nicht;'s kommt aber auch noch, mein' ich.“ „Karſten— iſt's wahr? Es wäre niemand zu Tode gekommen?“ rief Eugen. „Niemand, kein Mutterſohn!“ verſetzte der Alte grin⸗ ſend.„Haben können hätten wir ſie alle,'s iſt richtig, aber es wäre eben kein Spaß mehr geweſen. Für die draußen bei den Douanen⸗Poſten ſtehe ich nicht ein, hier aber gab's nur Ritzen, und wären ſie vernünftig geweſen und zu Kreuze gekrochen, ſo hätten ſie ſich auch die er⸗ ſparen können. Sie liegen drunten alle ſauber bei ein⸗ ander, haben ihnen nur ein Endchen Garn um Hände und Füße gewickelt, und wenn wir davon ſind, könnt ihr ſie wieder loswickeln. Wir hatten dieſen hier zwar noch eine kleine Promenade zugedacht,“ fügte er grinſend hin⸗ zu,„zur Abkühlung auf den Schreck und Zorn, allein—“ „Daraus wird nichts. Ich widerſetze mich jeder wei⸗ Hoefer, Fremdherrſchaft. III. 5 66 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. teren Gewaltthat, jeder nutzloſen Grauſamkeit!“ rief Eugen entſchieden. „Nun gut, gut, Herr! Erhitzt Euch nur nicht,“ er⸗ widerte Karſten unverändert.„Wir können ja am Ende auch ſchon zufrieden ſein. Spaß ſollt' es ſein und Spaß mag es bleiben. Zum Denkzettel iſts auch nun ſchon ge⸗ nug. Und ſomit—'s wäre alles in Ordnung und wir könnten mit unſeren Waaren weiter ſpazieren,“ ſchloß er, nahm das Faß, das immerhin gegen einen Centner faſſen mochte, wie ein Spielzeug auf und unter den Arm und trat auf Eugen zu.„Aber Euch laſſen wir nicht hier zwiſchen dieſen Wälſchen, und dann—“ er näherte ſeinen Mund Eugen’s Ohr und flüſterte etwas hinein, was we⸗ nigſtens leiſe genug war, um von den Anderen nicht ver⸗ ſtanden zu werden. Eugen, der ſeit Karſten's letzten Aufklärungen nicht mehr ſo finſter darein ſah, ſchüttelte den Kopf.„Um mich kümmert Euch nicht,“ ſprach er.„Ich weiß mich weder in Gefahr, noch unter Anklage; im Uebrigen—“ „Ich bürge für die Sicherheit des Herrn Grafen,“ fiel Renaud, plötzlich den Kopf erhebend, ein,—„wenig⸗ ſtens unter dieſen Umſtänden und für heute.“ Eugen verbeugte ſich kalt.„In Betreff des Anderen wenden wir uns am ſicherſten an den Herrn General ſelbſt. Die Ruhe des Schloſſes darf in keinem Falle noch mehr ge⸗ ſtört werden, Karſten,“ ſagte er und fuhr, ſich gegen Renaud kehrend, gemeſſener fort:„Es hat ſich heute Mittag jemand, den dieſe Leute— gleichviel für jetzt, ob mit Recht oder Unrecht— eingeſchloſſen hielten—“ Mene Mene Tekel Upharſin. 67 Halt!“ miſchte ſich jetzt zum erſten Male ſeit Eugen's Begrüßung wieder Hebe's Stimme in das Geſpräch der Männer, und ſie klang heller und zugleich feſter, als je. „Das iſt kein Geſpräch für— die Anweſenden, Eugen! Der, den du ſuchſt, Karſten Herbart, iſt bis jetzt noch nicht hier und ließ auch noch keine Nachricht hieher gelangen. Das genüge dir und deinen Burſchen dort! Geht in Frie⸗ den, Kinder, und ſeid vernünftig und laßt eure Späße unterwegs! Und nun, ihr Herren,“ fuhr ſie gegen den General und Eugen fort—„ſeid auch ihr vernünftig. Die da gehen und bringen ihre Waaren weiter. Für Kar⸗ ſten Herbart hafte ich, General. Er hat ſeinen Zweck er⸗ reicht und euch eine Mene Tekel an die Wand geſchrieben — nach ſeinem Wunſche. Sie können ihn nicht hindern, lieber General! Laſſen Sie die Ihren hinab gehen und die Gefangenen befreien. Meine Nichten brauchen Ruhe,“ fügte ſie mit einem lächelnden Blicke auf die Genannten hinzu.„Sie aber, meine Herren, kommen beide mit mir in mein Zimmer, wo wir Ruhe zu einem kleinen nothwendi⸗ gen Geſpräche finden. Denn wir haben mit einander zu ſprechen.“— Es ordnete ſich alles nach ihrem Willen, und eine halbe Stunde ſpäter war das Schloß wieder anſcheinend ſtill, wie je, die Drei ſaßen wirklich in Hebe's Zimmer bei einander und ſie erzählte den beiden, bald tief ernſt und erſchüttert lauſchenden Männern ſowohl von dem, was ſie über des Grafen Hartmuth Vergangenheit damals von Steffen erfahren, als auch, was ſie von Stephanie über Vial gehört hatte. Dazwiſchen berichtete Eugen auf ———O/— ñ— 68 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. ihre Aufforderung von dem, was zwiſchen Vial und ihm vorgegangen, aber er that es kurz. Was er aus Hebe's Munde über die Couſine und ihr Weſen und Benehmen vernommen, hatte ihn ſichtbar tief und ernſt ergriffen und zog ihn von allem Uebrigen ab. Er hatte freilich auch dem, was wir ſchon von Steffen hörten, wenig hinzuzu⸗ ſetzen. Dieſes Letztere werden wir ſpäter erfahren. Dann ſprach Hebe weiter.—. „Nun wiſſen Sie alles, General,“ ſchloß ſie endlich. „Sie waren früher für mich und unſere Familienwünſche, gegen das Familienhaupt. Sie ſchienen damals von un⸗ ſerem Rechte und ſeinem Unrechte überzeugt. Das alles änderte ſich zum Theil ſchon während Ihrer Anweſenheit im Herbſte. War es vielleicht, weil Sie Vial unterſtützen zu müſſen glaubten und deßwegen auch die ihm günſtigen Beſtrebungen meines Herrn Papa protegirten? Gleichviel! Sie ſehen jetzt, daß bei dem Einen ſo wenig Ehre zu holen war, wie bei dem Anderen. Was und wie ich von dem Vicomte denke, brauche ich wohl nicht zu ſagen. Es iſt auch möglich,“ ſetzte ſie leiſer hinzu, während ſich auf ihrer Stirn wieder ein paar leichte Falten zeigten und ihr Blick ſich verdunkelte—„es iſt auch möglich, daß Sie mich wegen meiner„Unkindlichkeit“, wie Sie's heißen wer⸗ den, mit unfreundlichen Augen anſehen. Das muß ich mir gefallen laſſen. Denn das Geheimniß zwiſchen dem Herrn Grafen Hartmuth zu Rhoda und mir iſt von der Art, daß es niemand weiter etwas angeht, als uns Zwei. Ja, ſelbſt wir Zwei haben darüber noch nicht mit ein⸗ ander geredet.“— Mene Mene Tekel Upharſin. 69 General Renaud war durch alles Gehörte bis ins Innerſte erſchüttert, und es währte einige Zeit, bis er ſich über das Vorliegende, zwar nicht ohne eine nur natür⸗ liche Zurückhaltung, doch im Ganzen mit ſoldatiſcher Offen⸗ heit auszuſprechen begann. Er ſtimmte Hebe's Auffaſſung faſt ganz bei. „Setzen wir uns aus einander,“ ſagte er zum Schluſſe und ſtand auf, denn es war inzwiſchen faſt vier Uhr Mor⸗ gens geworden.„Ich werde mich fortan nicht mehr in Ihre Familien⸗Angelegenheiten mengen und Sorge tragen, daß dieſes auch von Anderen nicht geſchieht. Ich gehe ſchon heute Mittag nach G., denn das Geſchehene mahnt mich allerdings zur Vorſicht. Meine Empfindungen waren ſchon neulich, nach dem vergeblichen Verſuche gegen Ihren Geſpenſterzug, nicht beneidenswerth und ſind es jetzt noch weniger. So mag denen in Paris geweſen ſein, als ſie ſich von Malet dupirt fanden. So oder ſo aber, ich bin General des Kaiſers, werde meine Pflicht thun und dieſe Provinz ihm erhalten, wie und ſo lange ich's vermag. Daß ich das Geſchehene nicht ruhen laſſen werde, verſteht ſich von ſelbſt, eben ſo, daß man keine Nachſicht haben wird für jeden, der ſich finden läßt. Aber, mein Herr Graf, nehmen auch Sie ſich in Acht. Sind Sie entdeckt, ſo kann ich Sie nicht ſchützen; ich darf Ihnen heute nicht einmal ſagen, was gegen Sie vorliegt. Und nun— Sie werden mit einander zu reden haben. Bei Anbruch des Tages, Herr Graf, werden Sie bereits fern ſein, glaube ich, alſo leben Sie ſchon jetzt wohl— bis auf ein angeneh⸗ — — — ᷣè— 70 Dreiundzwanzigſtes Kapitel.— Mene Mene Tekel Upharſin. meres Wiederſehen. Sie ſehe ich noch vor meinem Auf⸗ bruche, Gräfin!“— Und mit einer Verbeugung war er hinaus.— Es blieben zwei tiefernſte Menſchen in dem ſtillen Zimmer zurück. Vierundzwanzigſtes Kapitel. Frühlingsboten. Der Winter iſt vergangen, Uns kummt der Summer her, Lond euch nit ſehr verlangen, Er bringt uns neue Mär. Der Glanz und auch der Maie Bringen uns Freud' und Mut, uns kummt ein gut Geſchreie, Freut ſich manch Kriegsmann gut. Volkslied. Ueber das Land gingen Tage voll Unruhe hin, ſeit General Renaud mit den Seinen von Nieder⸗Rhoda ge⸗ ſchieden war. Als man am Morgen endlich das in der Nacht an⸗ gerichtete Unheil vollſtändig überſehen konnte und auch von den Douanen ⸗Stationen genauere Nachrichten erhalten hatte, welche nicht mehr im Schreck und Grimm der erſten Ueberraſchung gegeben wurden, zeigte ſich bald, daß in der That faſt nur von einem wilden und nicht von einem blutigen Streich die Rede ſei und daß Karſten Herbart ſeine Zuhörer nicht getäuſcht habe, als er das Ganze wie einen„Denkzettel“ betrachtet wiſſen wollte. Denn das 72 Vierundzwanzigſttes Kapitel. war es, und ſo derb derſelbe geweſen, von„Todten und Sterbenden“ zeigte ſich keine Spur. Bei den Douanen draußen fanden ſich freilich ein paar ſchwer Verwundete, denn die immerhin tapferen Bur⸗ ſchen hatten ihre Stationen nicht ohne ernſtlichen Kampf geräumt und waren auch keineswegs ſo vollſtändig über⸗ rumpelt worden, wie ihre Kameraden in Nieder⸗Rhoda und die Uebrigen im Schloſſe. Bei all dieſen Letzteren waren hie und da nur ein paar„Ritzen“ zu finden, einige trugen auch die Spuren von tüchtigen Stößen oder Schlägen an ſich, die meiſten aber waren ganz leer ausgegangen und fanden ſich, die Douaniers in ihrem vorläufigen Quartier im Dorfe, die Leute von der Stabs⸗Wache, Gensd'armen, Ordonnanzen, Kanzleibedienſtete und Stallleute aber theils in einem Raume des Erdgeſchoſſes, theils in einer Stall⸗ kammer ſo vortrefflich und hülflos gebunden vor, wie ſolch ein Geſchäft nur von im Knoten, Binden und Spliſſen erfahrenen Seeleuten ſo ſchnell und meiſterlich ausgeführt werden kann. Aber die Ueberrumpelung war ſo vollſtän⸗ dig, das Lärmen und Toben und der ganze Wirrwar ſo furchtbar und betäubend geweſen, daß ſelbſt die wieder Befreiten ſich kaum zu faſſen und an den faſt unblu⸗ tigen Verlauf dieſes„Spaßes“ zu glauben vermochten. Von allen Schloßbewohnern waren nur Zwei wirk⸗ lich ſchlimm davon gekommen, und Beide gehörten nicht zu den Franzoſen— der alte Kammerdiener Pierre Le⸗ roux und der neue Diener Auguſt, von welchen beiden man nicht begriff oder erfuhr, wie ſie gerade, die ſich an⸗ ſcheinend am leichteſten verbergen konnten, dennoch unter die wi ſchlage hatte beina hühſt ſchlo Bod wan eine den „Sc ſchrei 81 über tigter atm bei gegt Achſ Lett Frühlingsboten. 73 die wilden Geſellen gerathen. Sie waren beide arg zer⸗ ſchlagen und beſonders ſcharf gebunden; den Kammerdiener hatte man durch die ihm in den Mund geſtopfte Perücke beinahe erſtickt, und Monſieur Auguſt obendrein in einer höchſt unbequemen Stellung an einer Schraube der ver⸗ ſchloſſenen Fenſterladen derartig aufgehängt, daß er den Boden nur mit den Zehenſpitzen erreichen konnte. Dieſes waren jedoch, um es zu wiederholen, die einzigen Zeichen einer roheren Behandlung; den Uebrigen hatte man ſogar den Mund frei gelaſſen, ſo daß ſie nach dem Abzuge der „Schmuggler“ nach Herzensluſt ihre Befreier herbei zu ſchreien vermochten, was ſie denn auch ſo gründlich thaten, daß ſie auch ihrerſeits dadurch das von Vetter Chriſtian über dieſe ganze„Nachtgeſchichte“ gefällte Urtheil rechtfer⸗ tigten:„Viel Geſchrei und wenig Wolle!“ Die beiden armen Diener fanden, wie die Leſer es annehmen werden, bei den Schloßbewohnern keinerlei Sympathieen und be⸗ gegneten auch bei den Franzoſen nur einem gleichgültigen Achſelzucken oder gar etwas verächtlichen Lächeln. Die Letzteren hatten überdies genug Anderes zu thun. Denn wie er es ausgeſprochen, brach General Re⸗ naud noch vor dem Mittageſſen mit den Seinen und allem, was ſich inzwiſchen um ihn angeſammelt hatte, auf und zog davon. Er ging nach G. und blieb fortan dort, wo ſich in den nächſten Tagen ſchon, wie es bereits eingeleitet worden, auch die übrigen Civil⸗ und Militär⸗Behörden zu ihm fanden, während zugleich alles, was von Truppen noch übrig und verwendbar war, dahin verlegt wurde. Von den Schloßbewohnern war er nicht unfreundlich ——— ñ—y— 74 Vierundzwanzigſtes Kapitel. geſchieden. Dem alten Grafen Hartmuth, der durch den nächtlichen Schrecken— Vetter Chriſtian war, nachdem er ſich draußen im Getümmel ſelbſt von deſſen Veranlaſſung überzeugt, zu ihm gekommen und hatte ihn in ſeiner halb launigen, halb ſpöttiſchen Weiſe zugleich getröſtet und unterhalten— ſehr angegriffen war, ſo daß er ſich kaum aufrecht zu erhalten und nur einige ſchwache Reſte ſeiner Würde zu bewahren vermochte, machte Renaud freilich nur eine kurze und ſteife Verbeugung und ſprach zu ihm das Herkömmliche und Nothwendige in den kälteſten Worten aus. Deſto länger war er zuvor aber bei Gräfin Hebe geweſen und hatte eingehender als in der Nacht über ihre Fami⸗ lienzuſtände und Angelegenheiten geredet. Auf Eugen war er zuletzt gleichfalls noch zu reden gekommen. „Gräfin,“ hatte er geſagt, während er ihre Hand, die er ſchon zum Abſchiede geküßt, noch in der ſeinen hielt, und ſein Auge ſo gut wie ſein ganzes, martialiſch ſchönes Geſicht hatte einen Ausdruck von Finſterkeit angenommen, —„Gräfin, zum Schluſſe noch Eines, das ich Ihnen ans Herz lege. Denken Sie an das, was ich Ihrem Herrn Neffen heute Nacht zuletzt ſagte und laſſen Sie auch ihn daran denken. Ausſprechen darf ich mich nicht. Der Graf Eugen iſt anfänglich auf eine ziemlich albern erſcheinende und auf eine zweite— nichtswürdige Denun⸗ ciation hin verfolgt worden; ich kann ſagen, man hat aufs Gerathewohl zugegriffen, und wie ſich die Sache zu⸗ erſt geſtaltete, hätte ich ihr gern ein Ende gemacht; es lag nichts Nennenswerthes vor. Das hat ſich aber geändert, und wie dieſe Angelegenheit jetzt ſteht, wird Ihr Neffe am Frühlingsboten. 75 beſten daran thun, verſchwunden zu bleiben, wenigſtens ſo lange wir hier herrſchen,“ hatte er hinzugeſetzt.„Ließe er ſich finden— ich kann und will ihn nicht ſchützen. Eines darf ich Ihnen wohl andeuten,“ war dann der Schluß ſeiner Rede geweſen,—„die Affaire mit dem Vicomte Vial hatte mit dem, was auf Ihrem Neffen laſtet, niemals viel zu thun, wenn ſie auch den erſten Angriffs⸗Punkt bot. Jetzt iſt davon noch weniger die Rede. Ich glaube den Mittheilungen Ihres Neffen und halte ihn als Cavalier für untadelhaft. Er konnte unter dieſen Umſtänden nicht anders handeln. Doch werde ich noch beſſer urtheilen und feſter eingreifen können, wenn ich den Vicomte ſelber erſt geſehen und gehört habe. Ich — werde ihn nicht protegiren, Gräfin.“ Dann hatte er auch von den beiden jungen Gräfinnen einen freundlichen, ja, von Stephanie einen ſo warmen und herzlichen Abſchied genommen, wie es Keiner von dem zwar ſtets verbindlichen, aber meiſtens doch ruhig ernſten und gegenwärtig gerade durch die Erinnerung an das Ge⸗ ſchehene tief verſtimmten Manne hätte erwarten ſollen. Und dann war er aufgebrochen und davon gezogen, die meiſten Bewohner des Schloſſes in einer zweifelvollen, bang hoffenden und erwartenden, durch das Vorgegangene noch faſt betäubten, auf das Kommende geſpannten, nichts weniger als behaglichen Stimmung zurücklaſſend. Gräfin Hebe vor allen war voll tiefer und ſchwerer Gedanken, zumal über die letzten Andeutungen und Winke, die ſie von Renaud vernommen, die ſie nicht ver⸗ ſtand, noch zu deuten vermochte, und über die ihr ſelbſt 76 Vierundzwanzigſtes Kapitel. Eugen keine Aufſchlüſſe zu geben im Stande zu ſein be⸗ hauptete. Der junge Graf war mit der Morgendämmerung nicht, wie Renaud es gewünſcht hatte, davon gezogen, ſondern im Schloſſe geblieben, das in ſeinen weiten, mei⸗ ſtens ſelten oder nie benutzten Räumen Plätze genug zum Verbergen darbot, während ſeine nähere und fernere Um⸗ gebung von der Art war, daß ein Flüchtling ſich ſelbſt zu dieſer Jahreszeit den Verfolgern leicht entziehen und in ſicherere Verſteck⸗Plätze entweichen konnte. „Ich laſſe dich nicht fort, Eugen,“ hatte Sophie Mag⸗ dalene zu dem Bruder geſagt, den ſie, nach Renaud's Scheiden in der Ueberfalls⸗Nacht alsbald herbei beſchieden, feſt in ihren Armen hielt.„Ich bin es nicht gewohnt, ſo lange aus unſerem ruhigen Leben fortgetrieben, ſo lange von dir getrennt zu ſein. Ich halte das nicht aus, Eugen! Ich habe dich ſo viel zu fragen, ich habe dir ſo viel zu ſagen!“ Und ihre Lippen ſeinem Ohre nähernd, fügte ſie ganz leiſe und lächelnd hinzu:„Von ihr, Eugen! Du haſt ihr ſo ſchweres Unrecht abzubitten! Ich laſſe dich nicht fort!“— „Und ich ſehe nicht ein, weßhalb du gehen wollteſt,“ braunen Augen, als ſie das Paar da vor ſich ſah, den ſchlanken, kräftigen Neffen, der den blonden Kopf leicht geneigt hielt zu dem Geſichte der Schweſter, und dieſe, welche ihre eben ſo ſchlanke und kräftige Geſtalt jetzt ſo weich an ihn geſchmiegt hatte, die Arme um ſeinen Hals e ſprach Hebe, und das erſte Lächeln durchflog wieder ihre gelegt, innig, derhol zu ih gemei dur glar als hat, eine ja ni fürcht beehrt ſie u hier wir zuf üich gen! ich unve zu fre Gene Und Frühlingsboten. 77 gelegt, das muntere und muthige Auge ſo zärtlich und innig, ſo bittend und ſo traurig zu dem ſeinen erhoben. „Ich ſehe nicht ein, weßhalb du fort wollteſt,“ wie— derholte ſie ernſter, da die Gruppe ſich auflöſ'te und Beide zu ihrem Sitze traten.„Renaud's Mahnung war gut gemeint und iſt durchaus beherzigenswerth; allein wenn du nicht ausdrücklich anderwärts zu thun haſt, biſt du, glaube ich, hier eben ſo gut, wo nicht beſſer aufgehoben, als überall ſonſt. Ich weiß nicht, was man gegen dich hat, ob's Ernſt und etwas Reelles iſt oder nur irgend eine— Thorheit, die man gegen dich ausbeutet. Du haſt ja nichts zu ſagen oder willſt nichts ſagen. Dennoch fürchte ich nicht, daß Renaud uns mit Hausſuchungen beehrt. Geſchähe das aber auch, ſo verberge ich dich, bis ſie uns das Haus über dem Kopfe anzünden. Wir haben hier zwar Spione, allein in dieſem Flügel, zumal, ſeit wir die treffliche Joſephine los ſind, doch wenig von ihnen zu fürchten. Halte dich ruhig, und ich bürge für deine Sicherheit. Du wirſt hier beſonders in dieſen erſten Ta⸗ gen beſſer aufgehoben ſein, als irgendwo ſonſt, wiederhole ich. Für das Land und unſere Patrioten biſt du hier unverloren— und im Uebrigen— nun, auch ich habe zu fragen und zu erzählen,“ ſetzte ſie wieder lächelnd hinzu. Von der hier geäußerten Anſicht brachte ſie auch des Generals beim Abſchiede erneuerte Mahnung nicht ab. Und Eugen hatte wenig einzuwenden; er blieb. Ueberhaupt ſchien Hebe auch für die nächſte Zeit Recht behalten zu ſollen. Es ging, wie wir ſchon geſagt, über dem Lande eine unruhige und peinliche Zeit auf. Die 78 Vierundzwanzigſtes Kapitel. Stations⸗Häuſer der Douanen wurden auf das ſchnellſte Seinen wieder hergeſtellt, die Poſten ſelbſt ſo ſehr wie irgend noch w möglich verſtärkt, die neue Station in Nieder⸗Rhoda voll⸗ Ende ſtändig eingerichteet. Von G. aus durchzogen ſchon am obend nächſten Tage die erſten angelangten Truppen in mobilen in kei Colonnen das ganze Küſtengebiet und wurden ſtets ver⸗ genue mehrt, je mehr disponible Mannſchaft vorhanden war. und Es blieb nichts unverſucht, was zu einer Entdeckung der und Theilnehmer an jener nächtlichen Expedition, zur Auffin⸗ etw dung ihrer Schlupfwinkel führen zu können ſchien. Es hien fanden Verhaftungen und Wegführungen ſtatt, und ſogar jetige Graf Eberhard wurde, zum nicht geringen Schrecken der ſeiner Seinen, mit Detlef auf die höflichſte Weiſe von der Welt nicht, nach G. berufen und eben ſo höflich dort ein paar Tage Nachf feſtgehalten, wobei ihm allerlei Fragen vorgelegt und hatte allerlei Verſuche, ihn auszuholen, gemacht waren, die auf gebre das genaueſte einem wirklichen Verhöre glichen. Man welch hatte ſich dabei auch an das immer noch unaufgeklärte bnus Verſchwinden Seelhorſt's erinnert, erhielt aber von dem berh Grafen gerade hierüber eine anſcheinend genügende Erklä⸗ dr rung. Es wurde ein Brief Seelhorſt's vorgelegt, der den Grafen davon unterrichtete, daß eine Familien⸗Angelegen⸗ entla heit, von der er bei den Haldens erfahren, ihn ſchleunig onſt davon gerufen habe. Er bat um Nachſendung ſeiner zu⸗ von rückgebliebenen Effecten.— Man hatte den Grafen eben Scl ſo höflich wieder entlaſſen. Rund Man hatte inzwiſchen auch nach dem alten Schäfer gen! gefahndet, ohne ihn jedoch daheim zu treffen. Der alte ſurn 8 Mann war, wie ſtets zu dieſer Zeit, aufs neue zu den wor Frühlingsboten. 79 Seinen nach Krewitz gewandert. Dort wagte man ihn noch weniger aufzuheben, als hier, da das M. ſche am Ende doch noch unter ſeinem eigenen Fürſten ſtand, der, obendrein durch einige arg hauſende Truppenzüge erbittert, in keineswegs franzoſenfreundlicher Stimmung war, offen genug Truppen zuſammenzog, ſo viel er auftreiben konnte, und die Erlaubniß zu einem neuen Durchzuge geradezu und drohend verweigert hatte. Zu einem Gewaltſtreich, etwa wie man ihn vordem gegen den Herzog von Eng⸗ hien und auch ſonſt unbekümmert ausgeführt, war die jetzige Zeit doch nicht mehr angethan. Und ſelbſt hier in ſeiner Heimat wäre man gegen den Alten jetzt vielleicht nicht einmal mehr zum Aeußerſten geſchritten. Schon dieſe Nachforſchung und die Durchſuchung des öden Hauſes hatte Dreiheiligen und die ganze Gegend auf die Beine gebracht, und es wurden Mienen ſichtbar und Worte laut, welche zumal den anweſenden Brigadier der Douanen davon überzeugten, daß er ſelber mit vollem Rechte eine Berhaftung des alten Schäfers vordem einmal für eines der gefährlichſten Wageſtücke erklärt hatte. Man hatte alſo den Grafen Eherhard und Detlef entlaſſen, den Schäfer gar nicht eingezogen und fand auch ſonſt keinen Erfolg, beſonders keine einzige wirkliche Spur von den Nieder⸗Rhodaer Nachtgäſten oder einem ihrer Schlupfwinkel. Die gegenwärtige Witterung und der Zu⸗ ſtand— man muß wohl ſagen: des ganzen Landes tru⸗ gen hierzu das Ihrige freilich im vollſten Maße bei. Thau— ſturm und Regen hatten zwei volle Tage angehalten, worauf nur der letztere von Zeit zu Zeit noch allein 80 Vierundzwanzigſtes Kapitel. wiederkehrte. Das Eis an den Küſten hatte ſich gelöſ't und war theils in großen Maſſen auf den Strand ge⸗ ſchoben, theils Gott weiß wohin getrieben; nur hier und da zeigten ſich noch kleine Flächen erhalten. Der Schnee auf den Gefilden war faſt gänzlich verſchwunden und hatte die ganze Gegend halb als einen See, halb als einen großen Moraſt hinterlaſſen; wo ſich noch, wie an geſchütz⸗ ten Stellen eines coupirten Terrains oder in einigen Waldſtrecken, ſeine mißfarbigen Reſte fanden, machten ſie die Sache nur ſchlimmer und ſetzten jedem raſchen Weiter⸗ kommen, beſonders aber genauen Nachforſchungen, wie ſie die Franzoſen gerade in dieſen Wäldern im Auge hatten, ſchier unüberwindliche Hinderniſſe entgegen. Es verlautete, daß dieſe Nachforſchungen hauptſächlich auf Mittheilungen und Angaben des Vicomte von Vial geſtützt und danach angeordnet ſeien, welcher ſich am Abend desſelben Tages, an dem Renaud in G. angelangt war, dahin mit den unglaublichſten Anſtrengungen durchgear⸗ beitet hatte. Seine Angaben ſollten freilich wenig Anhalt gewährt haben. In einem Gewölbe, das keine Ausſicht auf markirte Gegenſtände bot, zurückgehalten, hatte er, ſich flüchtend, einen langen, dunkeln Gang durchmeſſen und war im Walde ins Freie gelangt. Er kannte die Gegend weder hier noch weiterhin. Und wenn er ſelber ſie je wieder zu erkennen vermocht hätte, ſo war doch jetzt, nachdem der Schnee verſchwunden, der Anblick des ganzen Landes und zumal dieſes oder jenes Theiles der vielen Wälder ſo gänzlich verändert, daß man eine Wiederauf⸗ findung jenes Punktes faſt von vorn herein aufgeben mußte letzten aufs mal Sein Frühlingsboten. 81 mußte. Seitdem war der kaum geneſene und durch die letzten Strapazen ſchwer mitgenommene Offizier von neuem aufs Krankenlager geſunken und augenblicklich nicht ein⸗ mal einer geiſtigen Theilnahme an den Verſuchen der Seinigen fähig. Das Land aber war voll Unruhe, nicht durch dieſe Nachforſchungen, durch die Truppenzüge, durch einzelne wirkliche oder nur erſt drohende Verhaftungen allein, ſon⸗ dern auch durch all die ſich immer vermehrenden Gerüchte, durch die ſtets ſich mehr verdeutlichenden Zeichen eines nahen Ausbruches. Alle Köpfe waren in Aufregung, alle Herzen ſchlugen bange und ſorgend oder hoffend und ver⸗ trauend dem Kommenden entgegen. So beginnt es ſich im Bienenkorbe ſummend zu regen, wenn der Lenz ſich ahnen läßt.— Und zu alle dem waren die geſuchten oder andere Schmuggler weit entfernt, ſich ruhig zu halten oder eingeſchüchtert zu ſein. Kühner und häufiger als je brachen ſie trotz Truppen, Colonnen und Douanen durch, und faſt in jeder Nacht hörte man hier oder da das Knattern eines lebhaften, hartnäckig unterhaltenen Gewehrfeuers. Jetzt gab es nicht nur Verwundete, ſondern auch Todte. Es war kein wilder Spaß mehr, ſondern blutiger Ernſt, und von Schonung keine Rede. Im ſchärfſten Gegenſatze gegen das, was es im Lande gab, vergingen in Nieder⸗Rhoda die Tage in tiefſter Ruhe und Stille, ſo wie es ſogar den Bewohnern ſelbſt auf⸗ fallen mußte, obgleich ſie zu ſolcher Jahreszeit eigentlich ſtets an eine ähnliche Vereinſamung gewöhnt waren und zuweilen Wochen lang niemand kommen, niemand gehen Hoefer, Fremdherrſchaft. III. 6 82² Bierundzwanzigſtes Kapitel. ſahen. Allein wie die Zuſtände im Lande jetzt waren, geſtaltete es ſich damit doch bei Weitem anders, als in anderen Jahren. Das„Allgemeine“ begriff jetzt auch ein⸗ mal das Grafenſchloß und ſeine Bewohner in ſich, was ſonſt nicht oft der Fall; die öffentlichen Intereſſen fanden ihren vollen Wiederhall in Nieder⸗Rhoda, die allgemeine Calamität wurde hier, wenn auch leichter ertragen, doch eben ſo tief empfunden wie an einem anderen Orte im Lande— und dennoch trat, wie geſagt, ein Gegenſatz hervor, der gar nicht ſchärfer gedacht werden konnte. Für das Schloß in Nieder⸗Rhoda waren dieſe näch⸗ ſten Tage die ruhigſten ſeit langer Zeit, und an dieſem Platze ſah und hörte man von den Franzoſen ſo wenig, als ob keiner von ihnen mehr im Lande ſei. Selbſt die im Dorfe ſtationirten Douanen machten ihre Gegenwart bis hieher niemals bemerklich, und auch die Schmuggler hatten augenblicklich andere Wege eingeſchlagen als die— jenigen durch den Park, ſo daß man nur auf Umwegen und nach mehreren Tagen, häufig aber gar nicht von ihren Zügen und Kämpfen etwas erfuhr. Am allerwenig⸗ ſten hörte man jedoch von dem franzöſiſchen Gouverne⸗ ment in G., und ſelbſt Comteſſe Hebe fand kein einziges Anzeichen heraus, daß man ſie und die Ihrigen im Ge⸗ heimen dennoch beobachten möge. Nieder⸗Rhoda war im Vergleich zu dem ganzen übrigen Lande eine Art Freiſtatt. Eugen ſchien nirgends ſicherer ſein zu können als hier. Denn er weilte noch immer hier, und wenn er ſich auch zuweilen in ein freieres, raſcheres, bewegteres Leben hinausſehnte, er mußte ſich doch ſagen, daß er ein ſolches gegen Deut zug ſdinzi der jede Frühlingsboten. 83 gegenwärtig nirgends im ganzen Lande, ja, nirgends in Deutſchland gefunden haben würde. Und außer Landes zu gehen, was von ſo Vielen in den letzten Jahren als einzige Auskunft erkannt und ergriffen worden, dazu war der paſſende Zeitpunkt verſchwunden. Die Stunde konnte jeden Augenblick ſchlagen, wo das Vaterland aller ſeiner Söhne bedurfte, und Eugen wußte nicht nur von Hoven und ſeinem Oheim, ſondern auch durch ſeine eigenen Ver⸗ bindungen mit alten Freunden und Kameraden, daß in Spanien und England, in Oeſterreich und Rußland Hun⸗ derte nur auf den erſten Klang der Sturmglocke warteten, um wieder herbei zu eilen und ſich den vaterländiſchen Heeren anzuſchließen. Inzwiſchen waren ſie dort kaum weniger als er hier zur Unthätigkeit verdammt. Es ließ ſich augenblicklich ſo gut wie nichts thun, zumal für je— mand, der, wie der junge Graf, niemals der Mann des geduldigen und vorſichtigen Ordnens und Vorbereitens geweſen war und ſich an alle dem, was in ſeines Oheims und Hoven's Händen lag und von ihnen betrieben wurde, höchſtens nur als Hoffender und Mitwiſſender bethei⸗ ligt hatte. Aber dieſe äußere Ruhe, die ihm gegenwärtig geboten, ſie wurde ihm hier in Nieder⸗Rhoda nicht mehr ſo ſchwer, wie in der Zeit, welche ſeit jenem Abend verfloſſen war, an dem er unter des alten Schäfers Führung mit Hoven zuſammen aus Dreiheiligen verſchwand und einen Zu⸗ fluchtsort fand, über den er auch jetzt und ſelbſt in dieſem Kreiſe das tiefſte Schweigen bewahrte. Was er jedoch in den ſo verlebten drei Wochen innerlich durchgemacht und 84 Vierundzwanzigſtes Kapitel. durchgerungen, daraus machte er der Tante wenigſtens kein Geheimniß, und es hätte auch für niemand ein ſolches bleiben können, der ihn in der Nacht ſeiner plötzlichen An⸗ kunft und am nächſten Morgen und wieder nach einigen Tagen geſehen und beobachtet, der ſein Weſen und ſeine Erſcheinung damals und jetzt mit einander verglichen. So hatte ihn das, was er von Stephanien gedacht und geſonnen, was er von ihr annehmen zu müſſen geglaubt, erſchüttert und herabgeſtimmt, ſo ergriff und erhob ihn, was er nun über ſie erfuhr, und noch mehr, wie er ſie ſelbſt ſah und hörte; ſo ließ es ihn von neuem aufathmen und aufleben. Die erſte Begegnung der jungen Leute, die ſich ſeit der Ballnacht oder vielmehr ſeit dem Momente, welcher der ſchwerſte im ganzen Leben des Mädchens, nicht mehr geſehen hatten, war für Beide eine mehr als ergreifende, eine wahrhaft qualvolle geweſen; Stephanie, erfüllt von dem nach und nach bis zum körperlichen Leiden ſich ſtei⸗ gernden Verlangen, gerade dem, den ſie ſo hoch achtete, ſo ernſtlich ſchätzte, nicht länger im falſchen Licht erſcheinen zu müſſen, und doch beherrſcht durch die Scham des Mäd⸗ chens und Weibes, nicht begreifend, wie ſie das gerade und gegen ihn ausſprechen ſollte, was doch geſagt werden mußte. Und er im Gefühl der alten, ernſten und tiefen, verlornen und nie überwundenen Liebe; niedergedrückt von dem furchtbaren Leid, das ſeit damals über ihn ge⸗ kommen, aufgeriſſen durch die Mittheilungen der Tante und noch mehr durch das, was ihm ſpäter die Schweſter über Stephanie zu erzählen hatte, und wiederum nieder⸗ Frühlingsboten. 85⁵ gedrückt, beſchämt und gepeinigt durch die Einſicht, daß er der einſt ſo heiß Geliebten Unrecht gethan, daß er ſie nicht nur in ſeinen eigenen Augen herabgewürdigt gefunden, ſondern auch den Onkel und die Tante zu einer ähnlichen Anſchauung veranlaßt hatte. Sie trugen Beide ſchwer, und es war für Eugen einer der ſchwerſten Gänge ſeines Lebens, als er von Tante und Schweſter fort die wenigen Schritte in das Neben⸗ zimmer machte, wo er Stephanie finden ſollte. Sie ſtan⸗ den ſich dann lange lautlos, ſcheu und finſter gegenüber, bis endlich Stephaniens Stolz ſie ihre Haltung und Faſ⸗ ſung und damit die Kraft wieder gewinnen ließ, das Ge⸗ ſpräch zu eröffnen. Damit war freilich dann auch das Schwerſte überwunden, denn Eugen's Stimmung in dieſem Augenblicke war nicht von der Art, daß er ſich, wie ſonſt, durch die Kälte, hinter der ſie ſich verſchanzte, hätte zu⸗ rückſchrecken laſſen ſollen; er war zu bewegt und erregt, um nicht in dieſem Momente nur an ſein Unrecht zu den⸗ ken, nur von dieſem zu reden, mit ungeſtümer Herzlichkeit jede Erklärung zurückzuweiſen, die ſie ihm geben zu müſſen glaubte. Und vor dieſer Wärme und Innigkeit, vor dieſem ganzen Weſen des jungen Mannes ſchmolz ihre Kälte, ſchmolz ihr Stolz, Scham und Verlegenheit, ſchmolz all die geſell⸗ ſchaftliche Tournure, und auch er ſah zum erſten Male nicht die Dame und Gräfin vor ſich, ſondern ein trauriges und reuiges, des Troſtes und— der Verzeihung bedürf⸗ tiges junges Mädchen. So fanden ſie ſich ſchneller und inniger, als ſie jemals von ſich geglaubt haben mochten, als ſelbſt Hebe es erwartet hatte. Worte freilich liehen 86 Vierundzwanzigſtes Kapitel. Beide dem noch nicht, was in dem Einen aufs neue herrſchte, in der Anderen ſich zu regen begann. Von dieſem Augenblicke an war ihr Verkehr ein durchaus warmer und freier. In ihm zeigte ſich etwas wie das Herannahen eines neuen Frühlings, und ſie gab ſich ihm gegenüber mit einer ſcheuen Innigkeit und ſüßen Befangenheit, wie noch Keiner ſie an ihr bemerkt, noch niemand ſich einer ähnlichen Begegnung von ihr zu rüh⸗ men gehabt. Aber am herzlichſten ſtellte ſich doch der Verkehr zwiſchen den beiden jungen Mädchen her. Hier ließ Stephanie ſich vollends gehen, hier verlor ſie die letzte Steifheit und Kälte und wurde, wenn auch nur auf kurze Zeit, ſo ganz zum heiteren und fröhlichen, ſcherzenden und neckiſchen jungen Mädchen, daß Sophie Magdalene, einſt⸗ weilen noch die einzige Zeugin, der Tante und Eugen nicht oft und nicht freudig genug von ihr erzählen konnte; denn gegen dieſe Beiden blieb Stephanie noch immer in einer Art von ruhiger und mild ernſter Haltung.— Sie wurde auch körperlich wieder friſcher und blühender, leb⸗ hafter und beweglicher, mit einem Worte, die Veränderung, welche Hebe gleich bei der erſten Begegnung und noch mehr bei dem folgenden inhaltreichen Geſpräche an der Nichte wahrgenommen, vollendete ſich mehr von Tag zu Tag. Befördert wurde dies freilich durch das faſt ſtete Zu⸗ ſammenbleiben des kleinen Kreiſes. Die herkömmliche Ta⸗ gesordnung war aufgehoben, da Graf Hartmuth noch im— mer an den Folgen des nächtlichen Schreckens litt und ſeine Gemächer noch nicht wieder verlaſſen hatte. Nur Frühlingsboten. 87 den alten Vetter und von Zeit zu Zeit Stephanie ſah er an ſeinem Bette, das er meiſtens hütete. Man blieb daher und auch Eugen's wegen, der ſich vor unberufenen Augen nicht zeigen durfte, faſt ſtets in Hebe's Zimmern, wo man ſich immer behaglicher einwohnte. Hier hatte man keine fremden, beobachtenden Augen zu fürchten, denn Hebe hatte ſich längſt das Vorrecht zu erringen gewußt, nur von ihren eigenen Leuten bedient zu werden und den Zutritt in dieſe Etage des Flügels von ihrer Erlaubniß abhängig ſein zu laſſen. Jetzt, wo Joſephine, die Kam⸗ merjungfer der Nichte, ſchon ſeit einiger Zeit entlaſſen worden, beherrſchte ſie den Flügel ganz von unten bis oben. Es kam hinzu, daß auch der alte Pierre noch an den Folgen jener Nacht laborirte und ſeinen Schützling Auguſt ſich ſelbſt überlaſſen mußte, der ſich überdies nie— mals in dieſe Gegend getraute, wo er Sophie Magda⸗ lenens, ſeiner früheren Herrin, ſtrengem oder verachtungs⸗ vollem Blicke hätte begegnen können. So lebte man jetzt unbeobachteter und unbefangener als je, und man lebte ein Familienleben, wie es auf Nieder⸗Rhoda niemals bisher heimiſch geweſen. Die ern⸗ ſten und höheren Intereſſen, das Vaterland und ſeine Hoffnungen und Ausſichten kamen dabei nicht zu kurz. Es war niemand in dieſem kleinen Kreiſe, der ſich nicht gerade hierhin mit ſeinen tiefſten und ernſteſten Gedanken, mit ſeinem innerſten und frömmſten Fühlen gewandt hätte; denn auch Stephanie war, wie wir erfuhren, keines⸗ wegs ſo intereſſelos, wie ſie erſchienen, und ihre jetzige Umgebung ſowohl wie auch ihre gegenwärtige Stimmung 88 Vierundzwanzigſtes Kapitel. waren durchaus dazu angethan, ſelbſt ihr Herz immer ſtärker, voller und heißer für das ſchlagen zu laſſen, was alle bewegte— für Deutſchlands Befreiung von ſeinem unerhörten, ſchmachvollen Joche.—— Es waren ahnungsvolle Tage; alles drängte langſam, aber unaufhaltſam dem Ausbruche der allgemeinen Erhe⸗ bung zu. Das leuchtete ſelbſt aus den dürftigen Nach⸗ richten der von den Franzoſen beherrſchten Zeitungen her⸗ vor; das erfuhren die einſamen und abgeſchloſſenen Men⸗ ſchen noch beſſer, ſtärkender und erhebender durch den Bruder und Oheim, der, von G. entlaſſen, auf ſeinem Heimwege im Schloſſe ein paar Stunden verweilte und genug des Neuen mitzutheilen hatte. In Oſtpreußen hatte Auerswald den Landtag einbe⸗ rufen oder vielmehr„eine Verſammlung der Deputirten der Stände,“ um wenigſtens äußerlich die Prärogative der Krone noch zu ſchonen. Jedermann wußte aber, daß der Schritt der gleiche ſei und daß die Verſammlung ſich nicht mit der„Anhörung und Berathung der Eröffnungen“ begnügen werde, welche der Bevollmächtigte des Kaiſers von Rußland ihr zu machen habe.— In Oſtpreußen rüſtete man mit Anſpannung aller Kräfte, in Oſtpreußen widerſtand man ernſt und kraftvoll den Prätentionen und der Gewaltthätigkeit Stein's und einzelner ruſſiſcher Füh⸗ rer, wahrte muthig und feſt Preußens Rechte und Preu⸗ ßens Selbſtſtändigkeit. In Oſtpreußen endlich war York noch an der Spitze in eiſerner Entſchloſſenheit und ließ ſich nicht beugen noch ſchrecken durch die qualvolle Unge⸗ wißheit ſeiner perſönlichen Stellung. Und der König in Bresla mit Ko ſchloſſen komme zungs verſue mehr daß könn ohen Auftr hard; genoſſ dieſen angen erwa verrir ſchen in de verlaf Abri lichen ſchwer Mitt etfahr man wagi Frühlingsboten. 89 Breslau, wohin ſchon jetzt alles zuſammenſtrömte, was mit Kopf und Fauſt für das Vaterland einzuſtehen ent⸗ ſchloſſen war. Und endlich, endlich waren die Befehle ge⸗ kommen, zu rüſten, Recruten auszuheben und die Ergän⸗ zungsmannſchaften der Linie einzuziehen. Die Franzoſen verſuchten nirgends, dies zu hindern. Wagten ſie es nicht mehr oder glaubten ſie noch immer wahnſinniger Weiſe, daß dieſe Rüſtungen endlich dennoch für ſie ſtatt finden könnten? Hier erfuhren die Nieder⸗Rhodaer auch, was wir oben von der Stimmung im Nachbarlande und von dem Auftreten ſeines Fürſten angedeutet haben. Und Eber⸗ hard wußte es durch jenen heimlichen Freund und Bundes⸗ genoſſen bei der Regierung, wie peinlich Renaud gerade dieſen Widerſtand empfunden hatte. Er hatte den bereits angekündigten Zuzug von neuen Truppen mit Sehnſucht erwartet, da die ihm verbliebenen Streitkräfte immer mehr verringert waren und zum größten Theile aus weſtfäli⸗ ſchen Bataillonen beſtanden, auf deren Treue man ſich in den franzöſiſchen Kreiſen von Tag zu Tag weniger verlaſſen zu dürfen glaubte. Es waren, wenn man die Kunde von des Königs Abreiſe nach Breslau abrechnete, die erſten wirklich erfreu— lichen Nachrichten, die man ſeit ſechs furchtbar langen und ſchweren Wochen des Harrens und Tragens, ſeit Hoven's Mittheilungen am Ballabend und ſeit York's Convention erfahren hatte. An der letzteren ſich zu erfreuen, hatte man aber vor all dem Schwankenden und Armſeligen, was ihr zunächſt folgte, nicht Raum noch Zeit gefunden.— Vierundzwanzigſtes Kapitel. Es gibt Tage, da geht es wie ein Frühlingsahnen durch die Natur und die Menſchen, und heute war ein ſolcher geweſen. Es war ein Tag voll jener ſtillen und ſanf⸗ ten grauen Färbung, voll der milden Luft und jenes Frie⸗ dens, die uns viel inniger an den kommenden Lenz ge⸗ mahnen, als das glänzende Blau und der helle Sonnen⸗ ſchein. Zum erſten Male ſeit vielen, vielen Wochen gingen wirklich wieder milde Lüfte, es hatte auch ein paar Tage nicht mehr geregnet, und im Park trockneten die Wege, daß man allenfalls wieder einen Spaziergang verſuchen konnte. Ja, Sophie Magdalene hatte am Mittage von einem ſolchen Ausfluge das erſte Schneeglöckchen mit nach Hauſe gebracht.— Sie dachten jetzt ſchon: Bleibt es nun ſo? Geht es nun ſo fort und iſt der Winter zu Ende?— Das iſt eben der ewig leichtgläubige, ewig hoffende Menſch! Am Abend des Tages ſaß der kleine Kreis wieder in Gräfin Hebe's Zimmer zuſammen, heiterer, froher und hoffender als jemals in all dieſen Tagen. Der Vetter ging ab und zu, von dem Grafen Hartmuth herüber und wieder zu ihm zurück, und erging ſich in den wunderbar⸗ ſten Geſchichten. Im Uebrigen hatte man ſich jedoch ab⸗ geſperrt und ſah niemand als die vertrauten Diener, und augenblicklich waren auch dieſe nicht mehr im Gemache beſchäftigt. Eugen las vor aus den verpönten Schriften, die Onkel Eberhard von G. mitgebracht hatte— Arndt's „Geiſt der Zeit,“ ſeinen„Katechismus für den Kriegs⸗ und Wehrmann,“ Flugblätter mit einzelnen Gedichten, darunter auch jenes, das damals neu und blank war, wie polirter Stahl:„Der Gott, der Eiſen wachſen ließ und der 1 nen, ſelt D regte ſi gen her fortneh M Tagen und d zen un fen, d wirkten lernt die Bo ſchüttel ſeiner! E nüherte Hebe. und d allein Frühlingsboten. 91 und der junge Mann trug es ſeinen bewegten Zuhörerin⸗ nen, ſelbſt erſchüttert, bis zum letzten Verſe vor: „Laßt wehen, was nur wehen kann, Standarten weh'n und Fahnen! Wir wollen heut uns Mann für Mann Zum Heldentode mahnen: Auf, fliege ſtolzes Siegspanier Voran den kühnen Reihen! Wir ſiegen oder ſterben hier Den ſüßen Tod der Freien.“— Die Stimme verklang, ſie waren alle ſtill, und ringsum regte ſich nichts. Draußen rieſelte ein leiſer, warmer Re⸗ gen herab, als wolle er die letzte Kälte, den letzten Froſt fortnehmen aus Höhe und Tiefe. Man muß die Alten haben erzählen hören von dieſen Tagen und ihren Schrecken, von dem furchtbaren Drucke und der eben ſo furchtbaren Spannung, welche alle Her⸗ zen und jedes Gemüth gefangen hielten, um es zu begrei— fen, daß dieſe Lieder und Schriften anders trafen und wirkten, als wir es jetzt jemals von ähnlichen kennen ge⸗ lernt haben oder überhaupt verſtehen. Sie waren zugleich die Boten des Frühlings und die Sturmglocke, und ſie ſchüttelten jeden auf aus ſeinen ſchweren Träumen und ſeiner dumpfen Trauer.— Eine Thür ging leiſe auf, Fanny kam herein und näherte ſich auf dem dichten Teppich unhörbar der Gräfin Hebe. Sie beugte ſich zu der Herrin und ſagte gedämpft und doch in einem ſeltſam vibrirenden Tone, der nicht allein die Gebieterin, ſondern auch die Uebrigen raſch auf⸗ 92 Vierundzwanzigſtes Kapitel. merkſam machte:„Es iſt Beſuch da von Dreiheiligen, gnädige Gräfin.“ „Beſuch von Dreiheiligen?“ wiederholte Hebe und richtete ſich überraſcht ein wenig auf.„Graf Eberhard— 2“ „Nein, der Herr Graf ſind nicht mitgekommen—“ „Dein Ton iſt ſeltſam, Fanny,“ meinte Hebe ſcher⸗ zend,„und deine Augen ſind voll wie eine Blumenleſe, von Gutem und Schlimmem! Was gibt's? Wer iſt da? Iſt Gefahr vorhanden?“ „Das glaub' ich nicht, gnädige Gräfin,“ verſetzte ſie ſtets im gleichen Tone und mit dem gleichen, inhalts⸗ vollen, ſchlauen Blicke.„Detlef brachte ſie— es ſind zwei Herren—“ „Zwei Herren und mein Bruder nicht? Wer denn?“ „Ich weiß es nicht—“ es zuckte doch ein jähes, ſchelmiſches Lächeln durch das jetzt einmal wieder kecke Geſicht der hübſchen Zofe, und ihre Blicke überflogen wunderlich genug die Anweſenden— ‚ich meine aber faſt, es ſei der Herr, der ſchon ein⸗ oder ein paarmal in Drei⸗ heiligen—“ „Ho— Seelhorſt?“ rief Hebe und richtete ſich noch weiter auf, und wie überraſcht oder vielmehr beſtürzt ſie war, davon zeugte nicht allein die unvorſichtige Silbe, ſon⸗ dern noch mehr das Roth, das fliegend ihre feinen Züge bedeckte.„Seelhorſt? Und der Andere? Aber was treibſt du, Fanny? Weßhalb führſt du ſie nicht herein? Geh hinaus, Eugen—“ „Gnädige Gräfin, ich ſollte ſie melden, damit die Herrſchaften nicht erſchrecken möchten,“ ſiel Fanny ein; iiezt ſl gekomme di halb be kopfſch Geſicht hin jo dieſe ſtehe C 1 traten ter ins gedämg ſenden Doch das e durch nur e Dür irem blizen Bruſt barer h⸗ 0 d Stehe Nädc ober Augen noch ſie ſon⸗ üge eibſt Geh die ein; Frühlingsboten. 93 „jetzt fliege ich!“ Und ſie war hinaus, unhörbar, wie ſie gekommen. Die Zurückbleibenden ſahen ſich halb verwundert, halb beſtürzt an.„Das verſtehe ich nicht,“ ſagte Hebe kopfſchüttelnd und mit auffällig bewegtem Tone. Ihr Geſicht zeigte ſich nach der momentanen Röthe von vor⸗ hin jetzt in ungewöhnlicher Bläſſe.„Dieſer Zweite— dieſe Vorſicht— und mein Bruder nicht dabei— ich ver⸗ ſtehe das nicht!“ In dieſem Augenblicke ging die Thür wieder auf, es traten ein paar Männer herein, die aber noch nicht wei⸗ ter ins Gemach vorſchritten, und da die Beleuchtung eine gedämpfte war, ſah man ſie vom Platze, den die Anwe⸗ ſenden einnahmen, nur in ziemlich undeutlichen Umriſſen. Doch erkannte Hebe ſogleich Hoven's große, feſte Geſtalt, das ernſte Geſicht mit den dunklen Augen, deren keines durch eine Binde bedeckt war,— und jetzt— ſie waren nur eben eingetreten und Fanny hatte hinter ihnen die Thür kaum zugedrückt, jetzt zuckte Sophie Magdalene von ihrem Sitze empor, ſchlank und hoch, dunkel glühend, blitzenden und doch bangen Auges, die Hände vor die Bruſt gepreßt, und aus ihrer Bruſt rang ſich ein wunder⸗ barer, gepreßter, jubelvoller Ton— „Leo?“ In der nächſten Sekunde war der neben Hoven Stehende vorgeſtürzt, an den Anderen vorbei, an des Mädchens Seite, ein ſchlanker Mann, von dem man jetzt aber noch nichts weiter ſah vor ſeinen ſtrahlenden blauen Augen, mit denen er das Mädchen gleichſam ganz und 94 Vierundzwanzigſtes Kapitel. gar umfaßte. Und nun lagen ſeine Arme ſchon feſt um ſie, als ſollten ſie ſich nie wieder löſen, er preßte die bebende Geſtalt an ſich, er hob den dunklen Kopf zu ſich empor und ſenkte ſeine Stirn nah auf die ihre— Aug' zum Auge, und er murmelte bebend:„Sophie— Sophie Magdalene, mein Lieb und mein Leben!“— Die Uebrigen zeigten gleichfalls auf dieſe oder jene Weiſe ihre äußerſte Ueberraſchung, Eugen war ſogar auf⸗ geſprungen und dem Jugendfreunde ganz nahe getreten; geſprochen aber hatte nach den erſten Rufen des Erſtau⸗ nens:„Leo!— Rettfeld!“— noch niemand. Was ſie vor ſich ſahen, was ſie hörten, wandte alles Schauen und Empfinden dem jungen, lang getrennten Paare zu und hielt jedes Wort zurück. Und als Hebe jetzt langſam das Haupt wandte und zu Hoven hinüberſchaute, der noch immer von ferne ſtand, war es ihr, als müſſe ſein dunk⸗ les, ernſtes und feſtes Auge beim Anblick der Liebenden feucht geworden ſein, ſo ſeltſam blitzte es darin. Auch ſeine Züge waren faſt innig, ſo wie Hebe wenigſtens ſie noch niemals geſehen, und er ſtand ſo verſunken, als ſähe er nichts außer dem Freunde dort, der ihm ſo theuer, und außer dem Mädchen, das, wie wir uns noch von früher her erinnern, durch ihre Treue, ihren Muth, ihre Hochſinnigkeit das Herz und die Theilnahme des feſten, ſtrengen und ſtolzen, anſcheinend keinem milderen Gefühle zugänglichen Mannes im vollſten Maße gewonnen hatte. Nun aber war der Traum auch ſchon vorüber. Leo reichte, ohne die Geliebte aus ſeinem Arme zu laſſen, mit einem g Hoven 7 und ſal daß au kam. heute wollte halten rer A h hier Da bin er hatt er leiſe uuch d H Men diſſen G unterb ſeine Paar des J und b zum funken Wang Jriffen 0 d Frühlingsboten. 95 einem glänzenden Lächeln Eugen die Linke hinüber, und Hoven trat zu Hebe. „Entſchuldigen Sie den Ueberfall, Gräfin,“ ſprach er und ſah dazu ungewöhnlich heiter aus,„und beſonders, daß auch ich gerade zu ſolchem Wiederſehen mit herüber kam. Aber es ging nicht anders. Ihr Herr Bruder konnte heute Abend nicht mehr fort von Dreiheiligen und der da wollte nicht länger warten— fünf Jahre hat er ausge⸗ halten ohne Klage, und in den paar Stunden ſeit unſe⸗ rer Ankunft, ſeit er erfahren, wo Ihre Nichte weile, wie es hier ſtehe, hat er gejammert wie eine— Romanheldin. Da bin ich denn mit— allein konnten wir ihn nicht laſſen, er hatte weder Ohren noch Augen. Und überdies,“ fügte er leiſer hinzu, während ein wirkliches, mildes Lächeln die auch jetzt noch ſtrengen Züge durchflog und er ſich mehr zu Hebe hinab beugte,—„ich liebe einmal die beiden Menſchenkinder dort und konnte es mir nicht verſagen, bei dieſem erſten Wiederſehen zu ſein.“ Er hatte das alles ruhig ſagen können, niemand unterbrach, niemand ſtörte ihn, niemand außer Hebe mochte ſeine Worte auch nur vernommen haben. Das junge Paar ſtand wieder verſunken in einander. Eugen, der des Freundes Hand nicht losgelaſſen, hielt ſich ſchweigend und bewegt daneben; Stephanie war aufgeſtanden und zum Fenſter getreten, und Hebe endlich ruhte zurückge⸗ ſunken in ihrem Seſſel, die Augen geſenkt und mit bleichen Wangen, als ſei ſie aufs neue bis ins Herz hinein er⸗ griffen. Jetzt ſah ſie jedoch auf, und das Lächeln, das den — ——— 96 Vierundzwanzigſtes Kapitel. Mann neben ihr traf, war eins der ſüßeſten und ſchönſten, die jemals ihre Züge durchleuchtet. Sie bot ihm die Hand hin und ſagte:„Sie thun ſich und uns Unrecht, Herr von Hoven. Sie könnten wohl wiſſen, daß wir alle, außer meinem Bruder Geheimnißkrämer, mit wahrer Angſt an Sie ſeit jenem Abende gedacht haben, wo Sie verſchwan⸗ den, und Sie könnten auch wiſſen, daß Sie für mich wenigſtens ein eben ſo willkommener Gaſt ſindz als der da— Herr Leo von Rettfeld,“ ſetzte ſie neckend hinzu, und ſchelmiſch blickte das Auge zu der Gruppe hinüber. „Was hat Unſereiner von dem? Der iſt Sophie Magda⸗ lenens— Sie ſind unſer Frühlingsbote, glaube ich! Ich ſah noch nie dieſen Zug an Ihnen, Hoven, Sie ſehen ſieg⸗ und verheißungsreich aus!“ „Und das ſind wir auch,“ ſprach jetzt Leo, mit So⸗ phie Magdalenen herantretend, die ſich aber nun ſeinem Arme leiſe entzog und zurückweichend, die Hände aufs Herz gepreßt, als wolle ſie ſein Schlagen mäßigen von ferne ſtand und den Geliebten wie betäubt und doch mite träumeriſcher Seligkeit anſchaute, wie er ſich vollends den Anderen näherte, wie er Hoven leuchtenden Blickes die Hand drückte, ſich zur Tante hinab beugte, ihre Hand er⸗ griff— war er wirklich, wirklich da? War er es wirklich wieder— er— Leo?— Brauchte ſie fortan nicht mehr nur voll Kraft und muthiger Geduld zu ſein? Durfte ſie ſich nun auch glücklich, nur glücklich fühlen, glücklich ſein? Die Ferne und die Noth hatte ihr Herz muthig und fröhlich ertragen; die Nähe und das Glück ward ihm zu ſchwer in das Es fol Auger der T mal Man führ gütig Nlän Kreis gem T günſt Brief muß aller dem Segen den M von ſ der N d ſie doe heftete ſeine doeſ Frühlingsboten. 97 ſten, ſchwer in dieſem Kreiſe. Sie zog ſich leiſe, aber flüchtig, dand in das Nebenzimmer zurück, deſſen Thür geöffnet ſtand. Herr Es folgten ihr nur zwei theilnehmende, feucht blickende ußer Augen, die Stephaniens. Die drei Männer ſtanden neben tan der Tante. wan⸗„Herr Leo von Rettfeld,“ ſagte dieſe eben wieder ein⸗ mich mal mit ihrem ſtrahlenden Lächeln, und ließ dem jungen der Manneé die Hand, die er ergriffen und an die Lippen ge⸗ nzu, führt hatte.„Sie verſprechen viel— ſoll das eine Ver⸗ iber. gütigung ſein für Ihren Einbruch, für Ihre böſen, böſen ada⸗ Pläne gegen unſeren kleinen, friedlichen und innigen ch! Kreis?“ ihen„Necken Sie mich nicht!“ unterbrach er ſie mit inni— gem Tone und Blick.„Sie hat mir ja geſchrieben, wie So⸗ günſtig Sie uns ſind, Gräfin Hebe! Und als ich den inem Brief erhielt, ertrug ich die Ferne nicht länger— ich aufs mußte in die Heimat, die jetzt der Arme und der Herzen von aller ihrer Söhne bedarf! Ich mußte aber vor dem neuen, m dem heiligen Kampfe in ihre Augen ſehen, mir ihren den Segen holen—“ zdie„Deren, welche Sie ſchon jetzt aus den Armen, aus der den Augen ließen?“ fiel Hebe ſcherzend ein, als ihr Blick, tlich von ſeinem erregten Geſichte abgleitend, vergeblich nach rn der Nichte forſchte. ſe Er fuhr herum und ſchaute beſtürzt umher— war cdlih ſie doch noch eben an ſeiner Seite geweſen! Und ſein Auge heftete ſich fragend an jene geöffnet ſtehende Thür, und ſeine Geſtalt ſchwankte, als wollte er im nächſten Augen⸗ und Hoefer, Freudherrſchaft. III. 7 m zu 98 Vierundzwanzigſtes Kapitel. blicke raſch von dieſen hier fort zu ihr, die ihm mehr galt als alle, während er doch— „Seien Sie nicht thöricht, Rettfeld,“ ſagte Hebe in dieſen Moment des Schwankens hinein, und nahm und drückte die Hand des jungen Soldaten auf's herzlichſte und ſah mit dem freundlichſten Blicke zu dem etwas ha⸗ geren, aber friſchen und geſunden Geſichte empor.„Der Rückſichten bedarf es hier unter uns nicht, und wir können recht gut noch ein paar Stunden länger auf Sie warten. Gehen Sie hin, Leo! Sprecht euch aus, Kinder, und denkt nicht an uns. Morgen kommt unſer Tag.“ Er ließ ſich das nicht zwei Mal ſagen. Er zog ihre Hand raſch an die Lippen, nickte den Freunden luſtig zu und eilte fort. „Und nun, Hoven, zu Ihnen,“ ſprach Hebe wieder herzlich, und deutete auf den Stuhl neben dem ihren. „Kommt heran, Kinder, und laßt uns hören. Sie wer⸗ den uns viel erzählen müſſen.“ Und das that er auch. Er war inzwiſchen in Berlin und ein paar Tage in Breslau geweſen, wo er mit Leo zuſammentraf, der, wie mancher der zu den Ruſſen über⸗ getretenen preußiſchen Offiziere, an dem ziemlich zweideu⸗ tigen Gebahren dieſer ſogenannten Helfer immer weniger Geſchmack gefunden und während der gegenwärtigen, durch die Kälte und die gegenſeitige Erſchöpfung erzwungenen Waffenruhe das erſte Aufglänzen einer beginnenden beſſe⸗ ren Zeit als Aufforderung betrachtet hatte, dort ſich frei zu machen und ſeine Dienſte dem alten Kriegsherrn anzu⸗ bieten. Er fand Hoven bereit, in ſein kleines, fernes Vater! ſchloſſ Bresl ſich d ſuches nach wen ten hine dede Schla raſch die J mit, und Hülf ten( zum ſorder nachd erlebt große Mütt Allei Frühlingsboten. 99 Vaterland zurückzukehren, und war um ſo ſchneller ent⸗ ſchloſſen ſich ihm anzuſchließen, da er, wie die Sachen in Breslau ſtanden, wie die Geſchäfte und Dienſtſuchenden ſich drängten, dort keine ſchnelle Entſcheidung ſeines Ge⸗ ſuches erwarten konnte und mit ſtets größerer Sehnſucht nach ſeiner Heimat verlangte. An ihre perſönliche Sicherheit dachten die Männer wenig. Zu zögern war nicht länger. Die Koſaken ſtreif⸗ ten bereits tief in Preußen, in Pommern und die Marken hinein, ſie mußten bald in der Nähe Berlins erſcheinen. Jeder Tag konnte die Entſcheidung, den erſten wirklichen Schlag bringen. Man mußte gerüſtet ſein, ihn überall raſch aufzunehmen, überall ihn kräftig zu wiederholen. Und der Schlag war ſchon gefallen. Hoven brachte die Nachricht von dem erſten jener denkwürdigen Aufrufe mit, von dem, der am 3. Februar veröffentlicht wurde und zur Vervollſtändigung der Rüſtungen nun auch die Hülfe und die Kräfte der bisher vom Kriegsdienſte befrei⸗ ten Gebildeten und Wohlhabenden in Anſpruch nahm, zum Eintritt in die Scharen der„freiwilligen Jäger“ auf⸗ forderte.— Hoven und Rettfeld hatten den erſten Tag, nachdem dieſer Erlaß in Berlin bekannt geworden, dort erlebt und den über alle Erwartung und Beſchreibung großen Erfolg geſehen. „Es muß noch viel geſchehen,“ ſchloß Hoven ſeine Mittheilungen,„bevor wir wirklich endlich durchbrechen. Allein es kann und muß raſch geſchehen, und zurück kann man nicht mehr. Es iſt noch nichts über den Feind ge⸗ ſagt, dem dieſe Rüſtungen gelten, aber es gibt in Deutſch⸗ 100 Vierundzwanzigſtes Kapitel.— Frühlingsboten. land und Frankreich nicht Einen denkenden Kopf, nicht Ein ſehendes Auge, die über unſern Gegner in Zweifel ſein könnten. Die alten und eigentlichen Soldaten müſſen am Ende dahin gehen, wohin man ſie führt, obgleich auch ſie andere ſind als früher und nicht mehr nur Subordi⸗ nation, ſondern auch ein Herz und eine Ueberzeugung haben. Aber dieſe, die man jetzt aufruft— die gehen nur gegen Einen Feind. Das weiß man droben ſo gut wie ſie ſelbſt. Es bedarf keiner beſonderen Erklärung mehr. Der Krieg iſt da.“— „Ich habe es wohl geſagt,“ ſprach Gräfin Hebe tief aufathmend aus einem langen und ernſten Schweigen, „ihr ſeid unſere Frühlingsboten. Möge der Lenz, den Sie uns verheißen, mein Freund, ein eben ſo ſchöner, geſegneter und zukunftsreicher ſein, wie derjenige, welcher für die Beiden da drinnen in ihrer Liebe ſchon begonnen hat!“ — Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Gelähmte Flügel. Das Leben wallt von Ort zu Ort, Hat nimmer Ruh' noch Raſt, Und treibt in wildem Fluge fort, Geſchnellt durch eigne Laſt. Es brauſet wie ein ſchäumend Meer, Das keine Ufer kennt, Und wirft uns Tropfen hin und her Im wilden Element. E. M. Arndt. Die Veränderung, welche wir in der letzten Zeit zwar nach und nach, aber unaufhaltbar und unabweis⸗ lich mit Hebe vorgehen ſahen, die aus dem ewig munteren und kecken, ſicheren und ſiegesgewiſſen Weſen ohne viel Grübeln und Sorgen zu einer ernſten und nachdenklichen, hoffenden und zagenden Frau geworden, aus allen Lüften ſo zu ſagen auf einen ſehr beſchränkten Erdenfleck herab⸗ geſunken war, zeigte ſich nie ſo deutlich und nie ſo voll⸗ endet, wie gerade in dieſen nächſten Tagen. Es war freilich eine Zeit, wie ſie ſelten oder nie wieder ſo gewaltig erſcheinen, ſo gewaltſam den Menſchen ergreifen, über ihn gebieten, ihn fort treiben wird aus 10² Fünfundzwanzigſtes Kapitel. F 3 9 ſeiner eigenen kleinen in die allgemeine große und weite Bahn. Von Ausweichen und Zurückhalten, von Wider⸗ ſtreben und Widerſtand war keine Rede; man konnte ſich, zumal in dieſen Gegenden, nicht wie man es früher und ſpäter in gleichfalls ernſten Tagen wohl erlebt hat, ge⸗ wiſſermaßen neutral oder ganz indifferent verhalten; man konnte ſich dieſer Intereſſen nicht mit den wohlfeilen Re⸗ densarten: Darüber rede ich nicht! Wir wollen das ruhen laſſen! und dergleichen— erwehren, ſondern mußte Theil nehmen, mußte bewegt und erfüllt werden, daß man nichts Anderes mehr dachte, fühlte, wollte, wußte, als was in allen das Gebietende war. Und es war eine Zeit, die mit ihrer Friſche und Kraft, mit ihrer Hoheit und Heiligkeit einem Fegefeuer gleich die Menſchen ergriff und durchlohte, das Schwache und Armſelige, den Parti⸗ cularismus und Egoismus, das Kleinliche und Frivole verzehrte, die ſich weder leicht nehmen, noch mit ſich ſpie⸗ len, die ſich nicht von Dieſem auf dieſe, von Jenem auf jene Weiſe auffaſſen und ausnutzen ließ. So übertrieben, ſo ungeheuer das jetzt Manchem er⸗ ſcheinen mag, es wird doch ſo ziemlich das Richtige und Wirkliche ſein: in den alten preußiſchen Landen, an den Küſten der Oſt⸗ und Nordſee werden damals ſchwerlich mehr als Einzelne zu finden geweſen ſein, welche ſich nicht der einzig noch übrigen Alternative völlkommen bewußt geworden wären, daß ſie der Freiheit von dem bisherigen Joche oder dem Untergange entgegen gingen, daß in we⸗ nig Monaten die Franzoſen⸗Herrſchaft gebrochen oder daß — eben alles zu Ende ſein müßte. Das wußten gerade in die Gerine wiellei lung weite Mut oder Anf Hebe aller Jahre etklär warer dieſer ſtren gege könn allen Achte Patr zu er mit; fühlte nieme mit ner „Rei und den llich iicht zoußt gen Gelähmte Flügel. 103 in dieſen erſten Monaten jenes Jahres alle, Hoch und Gering, Gebildete und Ungebildete, und wenn Manche vielleicht auch mit bleicher Angſt, mit dumpfer Verzweif⸗ lung dem Kommenden entgegen ſahen und weiter und weiter gedrängt wurden, vorwärts gingen ſie gleich den Muthigen, denn ſie mußten vorwärts, in die Freiheit oder den Untergang. Es gab kein Drittes. Es iſt leicht zu glauben, daß dieſe Zeit mit ihren Anforderungen ſolchen Naturen, wie wir ſie in der Gräfin Hebe vor uns haben, am unerwartetſten kam und am allerſchwerſten fiel. Die letzten Jahrzehnte des vorigen Jahrhunderts und die erſten Jahre des jetzigen, bis zur erklärten Auflöſung des„heiligen römiſchen Reiches“, waren zu nichts weniger angethan, als bei den während dieſer Zeit Erwachſenden und Gebildeten einen ernſten, ſtrengen Sinn, eine ruhige und richtige Anſchauung der gegenwärtigen und zu erwartenden Zuſtände— man könnte faſt ſagen, überhaupt eine Anſchauung— vor allem aber etwas wie Liebe zum großen Vaterlande und Achtung vor demſelben, wie einen ächten und reinen Patriotismus, ein Nationalgefühl entſtehen zu laſſen und zu erhalten. Niemals beſchäftigten Köpfe und Herzen ſich mit mehr Nichtigkeiten und Dummheiten, niemals dachte, fühlte, lebte man gleichgültiger, frivoler und egoiſtiſcher; niemals ſah man, wenn man das überhaupt einmal that, mit ſolcher Gleichgültigkeit und ſogar Verachtung aus ſei⸗ ner Vereinzelung auf das Ganze, auf das ſogenannte „Reich“, auf„Deutſchland“. Wir führten eben aber nicht umſonſt die Auflöſung 104 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. des deutſchen Reiches als einen Endpunkt dieſer geiſtigen Verſunkenheit an. Man geht in unſeren Geſchichtsbüchern über dieſen Act gemeiniglich viel zu leicht, höchſtens mit einigen hochtrabenden oder ſentimentalen Redensarten fort, während doch für jeden, der die Ereigniſſe jener Tage und die durch ſie hervorgerufenen, ſie begleitenden Erſcheinun⸗ gen ernſter verfolgt, gar kein beſonders ſcharfer Blick dazu gehört, um unabweislich zu erkennen, daß gerade von dieſem Acte, der äußerlich faſt ſpurlos vorüber ging und anſcheinend gar keine bedeutenden und ernſtlichen Folgen hatte, und von dem ihm unmittelbar folgenden Ruin Preußens an der Umſchwung im Anſchauen und Fühlen begann, der nicht nur zu der Erhebung von 1813, ſon⸗ dern auch zu— allem führte, was ſich ſeitdem in Deutſch⸗ land geregt und geſtaltet hat. Gräfin Hebe war eine Natur, wie es damals viele gab. Erzogen und gebildet auf der Scheide der beiden Jahrhunderte, in einem Kreiſe, welcher der höchſten Ge⸗ ſellſchaft angehörte, leichtherzig und leichtlebig, heiter und ein wenig frivol, ſelbſt zu leben begehrend und Andere leben laſſend, war ihr Kopf und Herz nur auf die Gegen⸗ wart gerichtet, die ihr, wie die Verhältniſſe einmal waren, wenig Schweres und Unbehagliches bieten konnte. Von der Zukunft war da eben ſo wenig die Rede, wie von einem Blicke über die nächſte Umgebung, über den Kreis des täglichen Familien⸗ und Geſellſchaftslebens hinaus. Und wenn ſie durch ihre körperlichen Zuſtände gezwungen war, ſich ruhiger zu halten und manchem Genuß, mancher Zerſtreuung zu entſagen, welche Zeit und Gedanken ihrer Stande für in und ſo konnte gungen gar J tereſſ über Wa⸗ und könne meine gen Deut gig, auch Unſſ wie, durch Quell einme Freum lichen Ding lich Gehe Gefa zugen on von 'eis us. gen het frer Gelähmte Flügel. 105 Standes⸗ und Altersgenoſſen abſorbirten, ſo fand ſie da⸗ für in ihrer Familie und deren Zuſtänden ſo viel Erſatz und ſo viel Beſchäftigung, wie ſie nur irgend wünſchen konnte. Weiter hinaus, über die Zeit und ihre Schwin⸗ gungen, über Glück oder Unglück ihres Heimatlandes oder gar Deutſchlands, zu denken, ſich für dergleichen zu in⸗ tereſſiren, hatte ſie weder Veranlaſſung, noch Zeit, noch überhaupt den Trieb dazu. Was war Deutſchland? Was war ihr die Heimat? Was ging das alles ſie an, und vor allen Dingen— was hüätte ſie dafür thun können? Das währte ſo lange, bis auch in ihr jener allge— meine Umſchwung begann, bis ſie anfing, ſich dieſe Fra⸗ gen wirklich vorzulegen und die Antwort fand, daß Deutſchland etwas war, daß ihre Heimat ſie etwas an— ging, daß ſie mit Anderen für dieſelbe fühlen, ja, vielleicht auch für dieſelbe handeln konnte. Wie und wann dieſer Umſchwung bei ihr ſtatt gefunden, und was ſie ſo gut wie alle Ihresgleichen bei einer ſo gänzlichen Veränderung durchzumachen hatte, davon berichten die uns vorliegenden Quellen nichts, und eben ſo wenig von den— ſagen wie einmal: Privat⸗Motiven, welche fortan in der„Vaterlands⸗ Freundin“ wirkten und ſie weiter zogen, von der eigent⸗ lichen und inneren Anſchauung, welche ſie von all dieſen Dingen gewonnen hatte. Wer weiß, ob ſie nicht urſprüng⸗ lich aus ziemlich frivolen Gründen, aus reiner Luſt an Geheimniß und Intrigue, an einem kecken Spielen mit der Gefahr ſich der Sache der Patrioten ſo ganz und ſo thätig zugewandt und den Franzoſen feind geworden war! 106 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Wie dem allem auch ſei, der Ernſt und die Gewalt der Zeit war zu groß, um ſelbſt ein ſo leichtherziges und vielleicht auch leichtſinniges Weſen, wie Gräfin Hebe, nicht alsbald zu erfaſſen und immer weiter in ihre Kreiſe zu ziehen, alle anderen Intereſſen nach und nach, wenn nicht gänzlich verſchwinden, doch immer mehr zurücktreten zu laſſen, und gerade die letzten ſchweren Wochen hatten Hebe von allem Anderen ſo ſehr abgezogen, daß ſie deſſen, was Vial vordem noch ihr Haupt⸗Intereſſe und ihre Haupt-Beſchäftigung nannte und was wir ſelbſt ſie mit ſolchem Ernſte, mit ſolcher Heftigkeit, mit ſolchen Mitteln in Angriff nehmen ſahen— die Familien⸗Angelegenheiten, faſt völlig vergaß, wenigſtens nach den uns bekannten Schritten bisher nicht einen einzigen weiteren verſucht hatte. Zu dieſem Stillſtehen mochte freilich beitragen, daß ſeitdem von Seiten des alten Vaters weder ein Wort laut, noch irgend eine fortgeſetzte Thätigkeit bekannt und ſichtbar geworden war, durch welche Hebe zum Widerſtande und raſchen Vorwärtsgehen vermocht worden wäre. Hatte der alte Herr, erſchreckt und geſchlagen, wie er durch die letzte Unterhaltung mit ſeiner Tochter war, alle ferneren Verſuche aufgegeben, oder fand er— was nicht unmög⸗ lich— jetzt bei den franzöſiſchen Behörden wieder einmal eher Widerſtand als Förderung, oder arbeitete er endlich im Geheimen fort? Hebe wußte das nicht und fragte nicht danach. Sie wußte nicht einmal, wie die Sachen drinnen in G., bei dem alten Brehm und ſeiner Tochter ſtanden, von denen ſie ſeit der damaligen Anweſenheit des Alten nur neb mal ihr wiellich um au verfolg andere mente die m frühe die gh wunde Sie ho als fü tegte zum! Qual die J derfol dns ſ ſann Kopfe Verſt wos i rung; ſchere 1 bekann tüt un Gelähmte Flügel. 107 nur nebenher etwas erfahren hatte. Sie hatte ein paar⸗ mal ihre Gedanken über dieſes alles hinſtreifen laſſen und vielleicht ſogar einmal eine Art von Anlauf genommen, um auch dieſes wieder aufzunehmen und ernſtlicher zu verfolgen. Allein die Gedanken hatten ſich bald wieder anderen Dingen zugewandt und der Anlauf war ein mo⸗ mentaner Einfall geblieben. Gerade hierin zeigte ſich die gänzliche Veränderung, die mit ihr vorgegangen. Dies alles widerſprach Hebe'’s früherem Weſen, ihrer ganzen Natur ſo durchaus, daß es die Ihren, ſo viele es bemerkten und verſtanden, mit Ver⸗ wunderung und faſt mit einer Art von Schrecken erfüllte. Sie hatte gar kein Intereſſe, gar keinen Gedanken mehr, als für das, was ſich gegen den Unterdrücker und Feind regte und immer ſichtbarer zu Tage trat, immer mehr zum Ausbruch drängte; ſie harrte wie alle Anderen mit Qual und fieberhafter Erwartung, ſie beſprach und erwog die Mittel hier und dort, des Angriffes, der Abwehr; ſie verfolgte und betrieb mit vollſter Ungeduld das Wenige, was ſie ſelber zu beſorgen vermochte. Sie erwog und er⸗ ſann raſtlos und mit der ganzen Kraft ihres erfinderiſchen Kopfes, ihres glänzenden Geiſtes und durchdringenden Verſtandes alles Mögliche, was den Patrioten förderlich, was ihnen neue Hülfsmittel verſchaffen, was die Ausfüh⸗ rung ihrer Pläne erleichtern und das Land ſchneller und ſicherer der Freiheit entgegen führen könnte. Aber ſie hatte dieſes alles betrieben mit ihrer uns bekannten ſpielenden Leichtigkeit, mit der vollſten Elaſtici⸗ tät und Heiterkeit, mit vollſter Unverzagtheit und fröhlich⸗ 108 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. ſtem Vertrauen auf ein gutes Ende, niemals ſtockend, nie⸗ mals ſorgend, niemals erſchreckt, nie verlegen um hülf⸗ reiche Auswege, und vor allen Dingen mit keinem einzi⸗ gen Gedanken an das Schwere, was die nächſte Zeit brin⸗ gen mußte. Und nun war auch dieſes alles faſt ganz vorüber, und der Ton des Ernſtes und der Sorge, den wir aus ihren letzten, zu Hoven geſprochenen Worten her⸗ ausklingen hörten, blieb hinfür der Grundton ihres We⸗ ſens. Es war ein eigener Anblick, dieſen raſtloſen Kopf anſcheinend plötzlich ruhen, dieſen glänzenden und funkeln⸗ den Geiſt ſich ſtill verhüllen, dieſe heitere und muntere Natur ſorgenvoll und träumend zu ſehen. Das war über ſie gekommen, Keiner wußte, ſeit wann und wie. Das beherrſchte ſie und machte ſie ſtill und trübe, ſanft und milde, es zeigte ſich in dem Verkehr mit den Ihrigen und prägte ſich in ihrem Aeußeren aus. Das machte ihr ſo leichtes und frohes Herz bang und ſchwer. Und war dies alles noch an jenem erſten Abend, wo Hoven mit Leo in ihrem Zimmer erſchienen, und noch mehr im Laufe des folgenden Tages, wo die Gäſte bei ihr verweilten, ſichtbar geworden, ſo trat es in ſeinem ganzen Umfange und ſeiner vollen Schärfe doch erſt wäh⸗ rend der nächſten Zeit hervor, als der kleine Kreis wieder ſtill und einſam bei einander lebte, als Leo an Eugen's Stelle zurückgeblieben und ſtatt ſeiner Eugen mit Hoven geſchieden war. Das erkannte Stephanie wohl, die Einzige, welche gegenwärtig Zeit und Fähigkeit für ſolche Beobachtungen beſaß, denn Sophie Magdalene wurde durch die Anweſen⸗ heit de auf ihr Stepha jeder jzunge außer den, theil Hebe mocht ohacht ſtand S und ſi Sinne in ihr Leo, gülti wiede ſpürte für a Wit noch beſond und d Hoven Jing, wöhn! auffäl Gelähmte Flügel. 109 heit des ſo lange Entbehrten von aller Aufmerkſamkeit auf ihre Umgebung einſtweilen noch vollſtändig abgezogen. Stephanie erkannte die Veränderung in jedem Worte und jeder Wendung, in jedem Zuge und Blicke Hebe's; das junge Mädchen, das uns ſo gut wie all den Ihrigen, außer dem Großvater, erſt ſeit Kurzem zugänglich gewor⸗ den, hatte früher denn doch nicht ganz ſo gleichgültig und theilnahmlos im Kreiſe der Schloßbewohner gelebt, wie Hebe und die meiſten Anderen es von ihr geglaubt haben mochten. Sie hatte im Gegentheil von je her ſcharf be⸗ obachtet, und vielleicht nur um ſo ſchärfer, je iſolirter ſie ſtand und je weniger ſie ſelbſt beobachtet wurde. Sie hatte Hebe früher geſehen und ſie ſah ſie jetzt, und ſie ſah ſie, um das zu wiederholen, in gewiſſem Sinne bis zur Unkenntlichkeit verändert. Sie merkte das in ihrem Verkehr mit den beiden jungen Gräfinnen und Leo; ſie merkte es noch mehr in der nachgiebigen, gleich⸗ gültigen, zerſtreuten Weiſe, wie Hebe dem jetzt endlich wieder zum Vorſchein kommenden Vater begegnete; ſie ſpürte es an der geringen Theilnahme, welche die Tante für alles hatte, was im Hauſe, in den zwei getrennten Wirthſchaften des Vaters und der Tochter vorging, und noch mehr an dem fieberhaften Intereſſe, welches ſie hier beſonders für die polizeilichen Maßregeln der Franzoſen und dort für den Verſteck und die Sicherheit Eugen's und Hoven's an den Tag legte, ein Intereſſe, welches ſo weit ging, daß ſie Eberhard, der ſie bei einem Beſuche wie ge— wöhnlich über dieſe Punkte zur Ruhe verwies, auf eine auffällig bittere Weiſe antwortete.— Sie erkannte es vor 110 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. allem aber an der ſtillen und milden, innigen und wieder faſt ſchwermüthigen Art, wie Hebe nicht nur mit ihr ſelbſt, Stephanien, verkehrte, mit ihr gelegentlich über das, was früher geſchehen, und was jetzt, zumal ſeit Vial's Befreiung, ihr noch bevorſtehe und zu thun obliegen möchte, eingehend und herzlich redete, ſondern auch wie ſie auf Leo's und Sophie Magdalenens Glück und Liebe ſah und darüber ſich äußerte. Es zeigte ſich nie auch nur eine Spur von jenem leichten und luſtigen Spotte, von jener Scherzhaf⸗ tigkeit und Neckerei, zu denen ſolche Zuſtände und Ver⸗ hältniſſe ſo leicht und häufig Veranlaſſung geben müſſen und an denen Hebe es zu einer anderen Zeit und in freierer Stimmung ſicher nicht hätte fehlen laſſen. Aber am allerauffälligſten war Stephanie das gewor⸗ den, was ſie zweimal an der Tante zu ſehen geglaubt hatte, und zwar beide Male dann, wenn Hoven Abends zu einem ſeiner überraſchenden, flüchtigen Beſuche in die⸗ ſem Schloßflügel erſchienen war. Hebe war beide Male durch die Meldung Fanny's mehr erregt worden, als ſie es ſichtbar werden laſſen wollte. Sie zeigte eine Heiter⸗ keit während dieſer Beſuche des ernſten Mannes, ſie zeigte Theilnahme und Intereſſe, ſie zeigte das ganze muntere Leben ihres Inneren und den vollen Glanz ihres Geiſtes — alles, was man, wie geſagt, in der Zwiſchenzeit gerade vermißte; ſie neckte und ſcherzte, ſie lachte und plauderte, ſie hatte Muth und Vertrauen und wußte ſie auch ihrer Umgebung einzuflößen, wie früher in ihren beſten Tagen. Und dennoch leuchtete, wie es Stephanien erſchien, durch all den Glanz und Zauber etwas Gepreßtes und Scheues und d leiſe hi niemal dieſer und d in der ſten reine mun vorll in ei Schwe und f Cuge jung ihr) holur muth und ſagte nehm ſein an. „Und als Gelähmte Flügel. 111 und daneben auch wieder eine ungewöhnliche Weichheit leiſe hindurch, und was die junge Gräfin bisher eigentlich niemals bemerkt hatte— Hebe's Farbe wechſelte im Laufe dieſer Stunden häufig und ſchnell, während ihre Wangen und das ganze ſchöne Geſicht ſonſt faſt immer und ſelbſt in den Momenten der größten Lebhaftigkeit, der ernſtlich⸗ ſten Erregung die ruhige, milde Röthe, die gleichmäßige, reine Färbung der Geſundheit und der behaglichſten Stim⸗ mung zu zeigen pflegten. Und beide Male war Hebe, nachdem dieſe Stunden vorüber, in eine beinahe an Abſpannung grenzende Stille, in eine faſt zur Muthloſigkeit werdende Weichheit und Schwermuth verſunken, theilnahmlos für ihre Umgebung und fern ab von aller Gegenwart. Das zweite Mal aber, als Hoven, dieſes Mal mit Eugen, da geweſen und wieder geſchieden, und die beiden jungen Mädchen mit Leo noch in Hebe's Zimmer ſtanden, ihr nachſchauend, die ſich nach einer kurzen Weile der Er⸗ holung und Sammlung in den Salon zum Grafen Hart⸗ muth hinüberführen ließ, weil er ſchon ungeduldig, ihre und ſeiner Enkelinnen Gegenwart verlangt hatte,— da ſagte Leo, Sophie Magdalene im Arme haltend, mit theil⸗ nehmendem Ton, und der jungen Gräfin war's, als lege ſein Arm ſich dabei feſter um ſie:„Arme Tante!“ Sophie Magdalene ſchaute überraſcht auf und ihn an.„Du ſagſt das ſo ſehr beſonders, Leo,“ meinte ſie. „Und doch— weßhalb bedauerſt du die Tante Hebe mehr als gewöhnlich?“ Er ſtreifte ihr Haar mit ſeinen Lippen.„Laß es gut 112 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. ſein, mein Herzenslieb,“ verſetzte er milde und faſt ſchwer⸗ müthig.„Ich ſah nur ihre Schönheit, ihre Heiterkeit, ihren Geiſt und neben dem allem ihre Gebrechlichkeit, und außerdem— ſie kommt mir vor wie eine Pflanze, die iſt aus dem Lichte fortgerückt in tiefen Schatten und bedarf doch ſo ſehr der Sonne. Von Zeit zu Zeit trifft ſie wohl noch ein Strahl, dann richten ſich die Blättchen auf, grün und friſch ſteht ſie da und erfreut Auge und Herz. Aber wie lange währt's, da iſt der Strahl wieder fortgeglitten, da ſinkt ſie wieder zuſammen, traurig und ſtill, und der Schatten deckt— ihre Seele.“ Stephanie hatte ſich wieder auf ihren Seſſel nieder⸗ gelaſſen und den Kopf tief auf die Stickerei geſenkt, welche ſie dieſen Abend beſchäftigte.— Sophie Magdalene aber ſtand und ſah Leo mit Ver⸗ wunderung, ja, mit Beſtürzung an, ſo war ſie durch ſeine Worte, durch den ganzen Ausdruck ſeines Aeußern über⸗ raſcht worden. Nach und nach flog jedoch ein leiſes Lä⸗ cheln über ihr roſiges Geſicht, und ſie bemerkte, den Fin⸗ ger gegen ihn erhebend, in neckendem Tone:„Ich ver⸗ ſtehe nur, Leo, daß du für Tante Hebe zum Dichter wirſt, etwas, was mir, glaub' ich, in den fünf langen Jahren unſerer Trennung niemals zu Theil geworden. Nimm dich in Acht, Schwärmer! Ich kann auch eiferſüch⸗ tig werden!“ 4 Er lächelte wohl gleichfalls, aber heiter wurde er darum doch nicht, und er ſchien dieſes Mal ausnahms⸗ weiſe wohl damit zufrieden, daß eine Antwort ihm für jetzt noch durch Fanny's Wiedereintritt erſpart wurde, 1 welche ſcheiden unwirſc ſelbſt; Fanny, ſchrece ſchaft Fran bitten vor ſic dich no 1 Schreck hinzu. obglei die H Detle den, unſere Auguf 1 Janny „Halte Gelähmte Flügel. 113 welche die beiden Comteſſen zum Großvater hinüber be— ſcheiden ſollte. Der alte Herr ſei ſehr ungeduldig und unwirſch, wie es ſcheine. Monſieur Pierre habe durchaus ſelbſt zu Stephaniens Zimmer hinaufgewollt, und ſie, Fanny, habe ihn endlich nur durch die Erklärung zurück⸗ ſchrecken können, daß ſie ſich, wenn er den Flügel ihrer Herr⸗ ſchaft durchaus nicht reſpectiren wolle, entweder von den Franzoſen oder von den Schmugglern eine Sauvegarde aus bitten müſſe. Da habe er ſie giftig angeſtiert und etwas vor ſich hin gemurmelt wie etwa:„Wir bändigen auch dich noch, Schlange!“ „Ich glaube, ſie ſind jetzt wieder erwacht von all dem Schrecken und Verdruß,“ ſetzte das Mädchen kopfſchüttelnd hinzu.„Mir iſt wenigſtens, als gehe irgend etwas vor, obgleich ich nicht ahne, was ſie haben. Nur meine ich, die Herren ſollten lieber fürs Erſte nicht wieder kommen. Detlef kann den Aufpaſſern auch nicht die Augen verbin— den, und wenn ſie einmal hier beim Schloſſe, drunten an unſerer Thür erblickt würden— es iſt nur gut, daß der Auguſt ſchon ſeit geſtern nicht daheim iſt,“ brach ſie ab. „Haben Sie einen Verdacht— wiſſen Sie etwas, Fanny?“ fragte Leo Rettfeld raſch und mit ernſtem Blicke. „Halten Sie nichts für zu gering, zu unbedeutend! Auch mir gefallen dieſe Beſuche keineswegs und ich begreife die Freunde nicht. Seelhorſt beſonders iſt ſonſt gar nicht von der Art.“ Fanny ſchüttelte den hübſchen Kopf; die Keckheit und Munterkeit des Mädchens war auch jetzt wieder durch einen Zug von Sorge gedämpft.„Nein, ich weiß nichts, Hoefer, Fremdherrſchaft. III. 8 114 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Herr Baron,“ verſetzte ſie.„Mir iſt nur ſo. Seit jener ſchrecklichen Nacht ſchon ſteckt es mir in den Gliedern— ich denke immer, es muß von neuem losgehen, und nie hab ich's ſchwerer gefühlt als heute. Es mag auch viel⸗ leicht nur ſein,“ fügte ſie hinzu,„weil die drüben uns bisher in Frieden ließen und nun wieder, wie vordem, anfangen.— Und meine Gräfin iſt ſo gar nicht wie ſonſt! — Sie kommt mir immer vor wie mein kleiner Vogel; ſeit der arme Schelm im Bauer bleiben muß, ſitzt er ſtill und läßt die Flügel hängen.“— „Ich weiß nicht, was ihr alle habt und ſeht,“ ſagte Sophie Magdalene und ſchüttelte gleichfalls den Kopf. „Ich finde die Tante nur ernſter und ſtiller, wie es unſere Lage, unſere Einſamkeit mit ſich bringt. Sie iſt von je her an größere, heitere Geſelligkeit gewöhnt geweſen und hat ſtets irgend etwas zu betreiben gehabt, während ſie jetzt, wie wir alle, warten, harren, ſich gedulden muß. Das drückt ſie noch mehr, als uns. Sie iſt bisher immer gewiſſermaßen Herrin ihrer Umgebung und der Situation geweſen, der Mittelpunkt, von dem aus alles geleitet wurde, und nun wird ſie, wie wir Anderen auch, ge⸗ leitet. Ich habe ſie auch ſonſt ſchon ernſt, ſchon träumend geſehen.“— 5 Sophie Magdalene war in dieſen Tagen eben keine gute Beobachterin. Ihre ſchönen, glänzenden Augen hat⸗ ten etwas Anderes zu ſehen als ihre Umgebung, ſie ſahen in ein paar andere, welche ſie mit ihren tiefen und heißen Blicken bannten und nicht abſchweifen ließen nach rechts oder links.— Ab geben v ſprechen wiſſen, war un allein geblickt ten be wieder voll K S ſammen und un hards tieſen, ſie den derſah ihr bi s ka tiefen herz er heit un ir ſo und ſi durch d o men den, fühlte d Gelähmte Flügel. 115 Aber ſollen wir auch dem Leſer noch eine Erklärung geben von Leo's Worten? Müſſen wir es noch erſt aus⸗ ſprechen, daß Comteſſe Hebe, die, ſo viel wir von ihr wiſſen, bisher unberührt durch Welt und Leben gegangen war und ſich gerade dadurch, daß ihr Herz nie für Einen allein geſchlagen und ihre Augen nie zu Einem allein auf⸗ geblickt, die Herrſchaft über ihren Kreis ſtets unangefoch⸗ ten bewahrt hatte— müſſen wir es noch ausſprechen, wiederholen wir, daß ſie ſich nicht mehr frei, nicht mehr voll Kraft, voll Muth und Selbſtvertrauen fand?— Schon jener Ballabend, wo ſie zuerſt mit Hoven zu⸗ ſammentraf, und der folgende Tag, an dem ſie ruhiger und ungeſtörter, länger und herzlicher, wenn auch in Eber⸗ hard's Gegenwart, mit ihm verkehrte, hatten bei ihr einen tiefen Eindruck hinterlaſſen, der ſich, gerade vielleicht weil ſie den ernſten, ſtrengen und kalten Mann ſo ſelten wie⸗ derſah und ihn dann ſo ganz anders fand als alle, die ihr bisher genaht, nach und nach immer mehr verſtärkte. Es kam jener Nachmittag in Dreiheiligen, der ihr einen tiefen Einblick in dieſes ſtarke und doch ſo weiche Mannes⸗ herz eröffnete, es kam die folgende Zeit mit der Ungewiß⸗ heit und Sorge um das Schickſal, um die Sicherheit des ihr ſo hoch Stehenden; und dann kam er ſelbſt wieder, und ſie ſah ihn durch die Theilnahme für den Freund, durch die ſichtbare Freude über deſſen Glück ſo geſänftigt, ſo menſchlich aus ſeiner Strenge, aus ſeinem Ernſte und dem, was ihn ſonſt allein beherrſchte, hervortreten, und fühlte ihn ſich ſtets näher. Doch wer mag den Grund und Gang einer Liebe 4—x——--:;OOööä:nᷓè́́— 1 116 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. verfolgen!— Bald kann man es nicht, bald wieder darf man es nicht einmal. Denn es gibt Herzen, in denen ruht die Liebe wie ein tiefes, heiliges und zugleich trau— riges Geheimniß, das durch jedes, auch das leiſeſte Wort verletzt und entweiht wird. Der Menſch ſelber, der es in ſich trägt, mag nicht daran rühren, und ein fremdes Auge, fremde Lippen ſollen ſich mitleidig davor verſchließen, daß es in ſeinem Schmerze und ſeiner Trauer allein und ein⸗ ſam ruhe und nicht geſtört werde.— Und ſo war Hebe's Herz und Hebe's Liebe. Da war kein Sonnenſchein und kein Glanz, kein Glück und kein Frieden und kein tiefes, ruhiges Genügen, wie ſie es bei Sophie Magdalenen und Leo ſah. Da war auch nicht das Ungeſtüm der Leidenſchaft und die finſtere Trauer der Entſagung, wie ſie Beides von Eugen vordem mehr als einmal hatte kaum zurückhalten und nothdürftig verbergen ſehen. Hier war es ein tief ernſtes, ſchwer⸗ müthiges Empfinden, ein Glück und Segen freilich, aber ein Glück und Segen, neben denen unmittelbar auch das Bewußtſein ſtand, daß im irdiſchen Sinne dieſe Liebe ſtets eine ausſichtsloſe, ſtets eine einſame bleiben müſſe. Die Ueberzeugung, daß ſie den Geliebten niemals den Ihrigen, ſich niemals die Seine nennen werde, die hätte Hebe ver⸗ ſchmerzt. Es war in ihr etwas, und ſie ahnte das Gleiche auch in dem ſtolzen, feſten, ernſten Manne, was ſie beide über ſolchen Schmerz hinwegheben mußte. Aber ob ſie bei ihm auch nur der rein geiſtigen Einigung begegnen würde, dem Bewußtſein, daß ihnen niemand in der Welt mehr ſein könne und mehr ſei, als ſie einander— auch das we was ſe Augenl ι ſeindli Feinde Gegne Fort neuen ſen d War ſah u iggkeit Renau Folge ſiedlo Stre agen hre raſche harrte ſie zu aller! dieſen vordre die na leuch und b Gelähmte Flügel. 117 das wußte ſie nicht, hoffte es kaum. Und das war's, was ſelbſt Hebe zu lähmen vermochte, was ſie für den Augenblick alles umher faſt vergeſſen ließ. Sie traf es damit in ſo fern glücklich, als auch auf ſeindlicher Seite— wir verſtehen darunter nicht nur die Feinde und Unterdrücker ihrer Heimat, ſondern auch ihre Gegner in der Familie ſelbſt— gegenwärtig kein einziger Fortſchritt, nicht einmal die Vorbereitungen zu einem neuen Angriffe ſichtbar wurden. Zumal bei den Franzo⸗ ſen drüben in G. und wo ſie ſonſt im Lande hauſ'ten, war alles wunderbar ſtill. Hier in Nieder⸗Rhoda zumal ſah und hörte man nichts von ihnen, und die große Thä⸗ tigkeit und Beweglichkeit, welche Hoch und Gering während Renaud's Aufenthalt im Schloſſe und in der nächſten Folgezeit entwickelt hatten, ſchien mit der vollendeten Ueber⸗ ſiedlung nach der Nachbarſtadt, mit der Erfolgloſigkeit der Streifzüge und einiger Unterſuchungen, man hätte faſt ſagen mögen: erlahmt zu ſein.— Harrten die Feinde, um ihre Gegner erſt ſicher werden zu laſſen und ſie dann im raſchen Angriffe deſto entſcheidender niederzudrücken? Oder harrten ſie, um erſt ſelbſt ſicher über das zu werden, was ſie zu fürchten, was ſie zu hoffen haben würden? Was ſich trotz ihres entſchiedenen Auftretens, trotz aller Ueberwachung und gelegentlichen Strenge gerade in dieſen letzten Wochen um ſie her ſtets unaufhaltbarer her⸗ vordrängte, konnte ſie freilich kaum länger in Zweifel über die nächſte Zukunft laſſen. Selbſt ihnen mußte es ein⸗ leuchten, daß man im ganzen Lande einig, entſchloſſen und bewußt dem Kommenden entgegenging, daß niemand 118 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. mehr durch Stand, Stellung und Verhältniſſe in gleich⸗ nügte gültiger oder gar den Feinden günſtiger Stimmung er⸗ durh halten wurde, daß von Intereſſen, Leiden, größeren oder all die geringeren Laſten des Einzelnen nirgends mehr die Rede. Haupt Adel, Bürger und Bauer, Stadt und Land, das Volk Batai harrte mit vollſter Entſchloſſenheit des Rufs: es iſt an unter der Zeit!— um ſich wie ein Mann zu erheben. Und Jar dieſer Ruf konnte heut, morgen, zu jeder Stunde erklin⸗ nerc gen, mußte die Einen durchaus bereit finden ihm zu ge⸗ ten, horchen und die Anderen unausbleiblich überrumpeln. Ven Das wußten die Feinde und ſahen es ſogar— man habe, rüſtete allerwärts ziemlich unverhohlen— ohne eigentlich der, etwas Ernſtliches dagegen thun zu können. Nirgends in Deutſchland waren ſie in einer peinlicheren und mißliche— auf ſ ren Lage als hier, wo ſie das Land nicht als Feinde be⸗ ſo w ſetzt hielten, die ſchlimmſten Falls dem Drange der Um⸗ ſtrer ſtände nachgeben und zurückweichen konnten, ſondern es und als Theil des Reichs beſaßen, deſſen Bewahrung und noch Vertheidigung dadurch für ſie zu einer moraliſchen Noth⸗ wan wendigkeit geworden, ganz abgeſehen von dem Werth, den ſchf dieſe Küſten auch in politiſcher Beziehung für ſie hatten. ſchlo Und dennoch entſprachen die Mittel, welche ihnen für die Bef Erhaltung des Landes geblieben, dieſem Zweck täglich we⸗ kein „ niger. Die alten zuverläßigen Truppen waren jetzt faſt 1 alle fortgezogen, der Erſatz war in jeder Weiſe ungenügend; hard die Rüſtungen des Kaiſers nahmen, was freilich bei Franke ſie a reichs furchtbaren Verluſten begreiflich, nicht den Fortgang, ſelh 8 den man wie immer auch diesmal erwartet. Was von ihrer franzöſiſchen Truppen in Deutſchland vorhanden war, ge⸗ Gelähmte Flügel. 119 nügte nicht einmal an Ort und Stelle und konnte ſich durch Entſendungen nicht noch mehr ſchwächen. Und zu all dieſem kam nun noch das Uebelſte, daß nämlich die Hauptmaſſe der Truppen Renauds, die weſtfäliſchen Bataillone, von Tag zu Tag ſchwieriger wurde. Es hatte unter ihnen die tiefſte Erbitterung hervorgerufen und ſo⸗ gar laut werden laſſen, als der heftige und taktloſe Ge⸗ neral Marbois ihre Beſchwerde über den ihnen zugemuthe⸗ ten, kaum noch zu ertragenden ſtrengen Dienſt mit der Bemerkung beantwortet hatte: was man von ihnen noch habe, wolle man auch ausnutzen bis auf den letzten Faden der Kleider und die letzte Kraft in den Knochen.— Es iſt begreiflich, daß Renaud ſich durch dies alles auf ſeinem Wege nicht irre machen ließ, daß er vielmehr, ſo weit es ſeine Mittel irgend erlaubten, alles unter der ſtrengſten Aufſicht hielt und alles was möglich that, Land und Leute ſeinem Kaiſer zu erhalten. Ob er trotzdem noch an irgend einen Erfolg glaubte und ſich verbarg, wann es trotz aller Strenge und Energie mit ſeiner Herr⸗ ſchaft zu Ende gehen müſſe?— Der General war ver⸗ ſchloſſener als je, und niemand erfuhr mehr von ſeinen Befürchtungen oder Hoffnungen. Unſicher aber war er keinenfalls. Gräfin Hebe wußte von dieſem allem durch Eber⸗ hard's, durch Hoven's und Eugen's Mittheilungen, aber ſie achtete nur ſo lange darauf, wie ſie die Mittheilenden ſelbſt vor ſich hatte; hernach verſchwand es wieder aus ihren Augen, ihren Gedanken. Was kann ich thun? be⸗ 120 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. ruhigte ſie ſich ſelber wohl in ſolchen Momenten. Was können wir thun?— „Sie werden beobachtet, mehr als vielleicht nöthig iſt — man muß dem Gegner auch Platz und Zeit laſſen, ſeine Pläne zu erweitern, zu entfalten; dann verrathen ſie ſich ſelber unſern Augen deſto leichter,“ ſprach ſie wohl einmal zu Leo, wenn Cberhard eingeſprochen und den Kopf über die— Theilnahmloſigkeit geſchüttelt hatte, in der er die ſonſt ſo raſtloſe Schweſter gefunden.— „Die Unſeren, wie wir von ihnen ſelber hörten, ſind ſo ſicher wie möglich. Die Nachforſchungen haben hier bei uns aufgehört, von Hoven und Ihnen weiß man nicht einmal, daß ihr hier ſeid.— Es iſt ja klar, ſie warten auf Verſtärkung, bis dahin fürchten ſie uns und unſeren Ausbruch. Was ſollen wir denn anders thun, als gleich⸗ falls warten? Es iſt traurig genug, daß wir hier in unſerem Winkel eben auf ein Zeichen von auswärts har⸗ ren müſſen!“ Darin konnte Leo ihr freilich kein Unrecht geben. Er emfand ſelber zu ſchmerzlich dieſes Harren und Warten, dieſe Unthätigkeit, um ſich anders als in dem Bewußtſein darin zu fügen, daß ſie nicht vermieden werden konnte, ertragen werden mußte. Aber die Weiſe, wie Hebe dies alles ertrug, die Läſſigkeit und Sicherheit, das Träumen und Raſten, das er an ihr fand, die ihm aus den Be⸗ richten der Freunde, aus ſeinen eigenen frühen Erinne⸗ rungen als eine ſo ganz Andere bekannt geworden, das war es, was er, wenn er auch Grund und Veranlaſſung zu kennen glaubte, nicht begriff, was ihn je länger deſto mehr es de eigen konn letzte ſein T ſte Blie gem gera ich ſchn die Gelähmte Flügel. 121 mehr mit Trauer und faſt mit Beſtürzung erfüllte. War es denn möglich, daß dieſe Natur gerade ſo und an ihrem eigenen Fühlen zu Grunde gehen ſollte, zu Grunde gehen konnte?— War ihr zu helfen? Er hatte gegen den Grafen Eberhard, als er bei der letzten Anweſenheit desſelben mit ihm längere Zeit über ſeine eigenen Angelegenheiten und Vermögens⸗Verhältniſſe zu conferiren gehabt, eine leiſe Andeutung über die Schwe⸗ ſter und ihre Zuſtände zu machen gewagt. Der Bruder hatte Anfangs dazu finſter und traurig vor ſich hin ge⸗ ſehen, endlich aber doch mit ſeinem gewöhnlichen milden Blicke und in einem gewiſſen faſt vertrauensvollen Tone gemeint:„Laſſen wir ſie gehen, Leo. Willſt du, kann ich gerade hieran rühren? Und ich kenne Hebe. Sie iſt end⸗ lich doch wie eine Stahlfeder. Sie gibt einem genügend ſchweren Drucke nach— eine Zeitlang. Gibt's aber nur die geringſte Bewegung, die leiſeſte Erleichterung, ſo ſchnellt ſie wieder auf, geſund und kräftig, wie je.“ „Aber wenn der Druck ſelbſt für ſie zu ſchwer iſt und zu lange währt? Wie dann?“ hatte Leo zweifelnd gefragt. Und Graf Eberhard ſchüttelte den Kopf und erwiderte ernſt lächelnd:„Unbeſorgt, Freund! Unſere Zeit iſt keine bewegungsloſe, ſondern eine ſehr bewegte, mein' ich, und vor allen Dingen, ſie überläßt keinen Menſchen lange ſich ſelbſt und ſeinen Träumen. Sie ruft den Einen heute, den Anderen morgen wach. Heraus müſſen wir endlich alle— auch Schweſter Hebe.“— Es war aber am Sonntag Morgen und am 28. Fe⸗ 122 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. bruar. Sie wußten's in Nieder⸗Rhoda, daß acht Tage zuvor die erſten Koſaken durch Berlin geſprengt waren und der Marſchall Augereau die Stadt mit ſeinen Trup⸗ pen geräumt hatte, daß York mit ſeinem Corps gegen die Oder zu aufgebrochen war, daß man von Hamburg aus jeden Tag die Nachricht pon dem begonnen Aufſtande er⸗ warten konnte.— Es war ein ſtiller, grauer, milder Tag, und es regnete leiſe. Fanny trat eilig zu Hebe ins Gemach und traf die Herrin noch allein, denn es war früh. Das Mädchen brachte haſtig einen kleinen Brief hervor, den ihrer An⸗ gabe nach des Janſen kleiner Fritz— wir erinnern uns des kecken und gewandten Knaben noch von mehr als einer heimlichen Botſchaft— von dem vorbei reitenden Grafen Eberhard für deſſen Schweſter erhalten hatte. Der Herr ſei in großer Eile geweſen und habe ihm den Brief aufs Gewiſſen gebunden. Hebe erbrach das Schreiben und fand einige Zeilen von des Bruders Hand und einen zweiten Zettel mit ihr unbekannten Schriftzügen. Beide waren inhaltreich, ob⸗ gleich der letztere nur der abgeſchnittene Schluß eines län⸗ geren Briefes zu ſein ſchien. Sie las zuerſt dieſen. „.... Wenn es wahr iſt, daß ſie Kunde von einem Erſcheinen des Kometen erhalten haben, wird mir manche finſtere Miene klar. Er iſt ihnen ſehr widerwärtig. Könnten ſie's, ſie holten ihn vom Himmel herunter. Sollte der Burſche, der auch hier wieder zu allen möglichen hohen Herren ſchleicht, ein Sternengucker ſein?“— laute Gelähmte Flügel. 123 Das war der fremde Zettel. Der von Eberhard aber lautete, ſich auf dieſen beziehend: „Letzteres weiß ich auch ſonſt, es iſt richtig. Er muß unvorſichtig geweſen ſein. Vielleicht iſt's blin— der Lärm. Ich gehe nach G., heute Abend jeden⸗ falls bei Dir.“ Hebe las das und war einen Augenblick betäubt; aber auch nur einen Augenblick, dann langte ſie nach der Glocke und klingelte. Fanny trat jedoch ſo unmittelbar darauf ins Zim— mer, daß ſie augenſcheinlich auch ohne den Klang der Glocke herein gekommen wäre, und ſie flog zur Herrin und beugte ſich zu ihr, bleich und zitternd, und ſprach leiſe einige Worte, welche Hebe zuſammenzucken und ſich aufrichten ließen. „Gottlob!“ ſagte die Gräfin aber deſſen ungeachtet, und ihre Bruſt hob ſich, wie von einem erleichternden Athemzuge, und in ihren Augen zeigte ſich wieder der helle, raſche, kecke Blick, den ihre Umgebung ſeit Wochen nicht mehr darin bemerkt.„Gottlob, jetzt können und müſſen ſie handeln! Dagegen können wir hier nichts thun, es ſteht in Gottes Hand und es muß ſich nun zeigen, ob mein Bruder ein Recht hat, uns allen ein Geheimniß aus dieſem Verſtecke zu machen und ſelbſt ſo ſeltſam ſicher z ſein. Wegen Leo's weißt du Beſcheid, Kind. Geh zu ihm und laß ihn aufräumen, damit ihn ſeine Effecten nicht verrathen; dann ſoll Karl ihn fortbringen, und er darf ruhig ſein. Gib mir ein Licht und eine Platte, ich« will die Zettel hier verbrennen.“ — 1 124 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Fanny tippte ſich mit dem Finger vor die Stirn. „Ich habe da noch ein Billetchen,“ meinte ſie, und langte es zugleich hervor und bot es der Gebieterin hin.„Ich hab' es über den Schreck vergeſſen. Fiſcher Lehmann hat's von G. mitgebracht— es wird von dem alten Brehm ſein.“ Hebe hörte nicht auf das Plaudern der durch ihre Faſſung wieder Beruhigten. Sie hatte das grobe Papier bereits geöffnet und las nun mit ſich immer mehr verfin⸗ ſterndem Blick, mit ſich ſtets feſter zuſammenziehenden Brauen, was in der That der genannte alte Mann mel dete, daß ſeit dem vorigen Abende Hector verſchwunden ſei. Eine Spur habe er noch nicht. Es habe ſich in den letzten Tagen ein Menſch in der Nähe ihrer Wohnung blicken laſſen, welcher, der Beſchreibung nach, dem Diener Auguſt gleichen oder dieſer ſelbſt geweſen ſein möge und ſich, wie er, Brehm, erſt jetzt erfahren, einmal auch mit müßigen Fragen ins Zimmer ſeiner Tochter gedrängt habe. Hector— der Alte ſchrieb freilich Robert— ſei am Abende zum Bäcker geſchickt und nicht zurückgekehrt. Die Anzeige bei den Behörden ſei ohne Erfolg geblieben. Hebe ließ die Hand mit dem Papiere in den Schooß ſinken und ſchaute eine Weile finſter vor ſich hin. Dann aber wieder aufblickend, lächelte ſie faſt trotzig und ſprach halb vor ſich hin:„Das ſind ihre trefflichen Maßregeln! So beobachtet Vater Steffen! Ausgezeichnet!— Wohlan,“ wandte ſie ſich an Fanny, die mit erneuerter Beſtürzung Weſen und Worte der Herrin beobachtete, während ſie aber auch das befohlene Licht angezündet und mit einem kleinen Tablet vor Hebe auf den Tiſch geſtellt hatte. „Woh verbre ein D blicki durch entbe Stef mir das Ki Schl Hebe Min Ma⸗ Gelähmte Flügel. 125 „Wohlan, mein Kind, Eines nach dem Anderen! Hier, verbrenne dieſe Papiere, vollſtändig! So! Und nun— ein Diener in der großen Livree hält ſich parat, um augen⸗ blicklich mit einem Briefe nach G. zu reiten. Laſſe Leo durch unſeren Karl benachrichtigen, ich kann dich hier nicht entbehren. Der Fritz ſoll nach Dreiheiligen— ich glaube, Steffen iſt ſchon wieder da. Er ſoll den Alten nur von mir fragen, was denn der Auguſt in G. treibe und wo das Kind geblieben ſei. Hörſt du,„Auguſt“ und das „Kind,“ nichts mehr. Laſſe das Licht brennen; meine Schreib⸗Mappe! Raſch!“ Es war der alte Ton, die alte Weiſe, der alte Blick. Hebe regte wieder die Flügel und Fanny flog. Und zwei Minuten darauf ſaß die Gräfin, vornübergebeugt, die Mappe auf den Knieen, und ſchrieb mit feſter Hand: „Mein theurer General! Sie haben mir ver⸗ heißen, daß Sie Sich in unſeren Familien⸗Ange⸗ legenheiten nicht mehr gegen uns zeigen wollten. Nun bitte ich Sie, ſeien Sie ein wenig für uns. Erinnern Sie Sich des Kindes, von dem ich Ihnen erzählt, und der Verfolgungen, die dasſelbe mit ſeiner Mutter zu erdulden gehabt. Seit geſtern Abend iſt dieſes Kind verſchwunden, die Behörden ſind davon benachrichtigt, bisher aber ſuchte man vergeblich. Man hat einen Diener von Nieder⸗ Rhoda in Verdacht. Bitte ich umſonſt um ein an— treibendes Wort von Ihnen? Gott nehme Sie in ſeinen heiligen Schutz. Die Ihre, Hebe.“ 126 Fünfundzwanzigſtes Kapitel.— Gelähmte Flügel. „So!“ ſagte ſie dann, als ſie geſiegelt und über⸗ ſchrieben und das Schreiben der bereits zurückgekehrten Fanny hingereicht hatte.„Dieſes zuerſt. Dann melde mich bei meinem Vater—“ „Gnädige Gräfin!“ rief Fanny beſtürzt. „Keine Einrede, Kind, es muß ſein!“ ſprach Hebe mit vollſter Ruhe und lehnte ſich in ihrem Stuhle bequem zurück, das Schreiben hatte ſie angegriffen.„Du ſchickſt den Diener ab, du meldeſt mich und ſagſt Pierre, ich wolle den Herrn Grafen ſprechen. Dann kommſt du zurück und wir machen Toilette.“— über⸗ kehrten melde h Hebe bequem 1— ſchickt re, ich nſt du Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Zuſpät. Elle entra donce dans cette salle, avec pareille majesté et grace, comme si elle fust entrée en un salle de bal, ou l'on l'avoit veué autresfois si excellement paroistre, sans jamais changer de contenance. Brantome, d. 1. Reyne Marie d'Escosse. Dem Herrn Grafen werde der Beſuch der Comteſſe ſehr angenehm ſein, hatte Fanny zurückgemeldet. Aber der gnädige Herr habe eine ziemlich unruhige Nacht ge— habt und könne vor zehn Uhr nicht aufſtehen, Sie trans⸗ ſpirirten eben. Sie hätten auch durch Pierre fragen laſſen, ob es nicht beſſer, daß Sie ſelber um elf Uhr zur Com— teſſe ſpazierten.„Ich habe aber geſagt, es preſſire der gnädigen Gräfin,“ ſetzte Fanny hinzu,„und Sie würden doch lieber hinüber kommen.“ Hebe nickte munter.„Ganz recht, Fannette,“ ver⸗ ſetzte ſie, und die Zofe wurde immer verwunderter und freilich auch immer zufriedener über den jähen und voll⸗ ſtändigen Wechſel, der im Weſen der Herrin nicht nur, ſondern auch in ihrem Aeußern in dieſen wenigen Minu⸗ 128 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. ten ſtatt gefunden hatte— Hebe war wie zu ihren aller⸗ glänzendſten Stunden, munter, ja, faſt heiter, mit raſchem, hellem Blicke, mit klarer Stirn, ohne eine Spur von Er⸗ regung, kühl und friſch, ſicher und ſiegesgewiß, und vor allem weder nachdenkend noch träumeriſch, ſondern— wir müſſen wohl ſagen, als ob es zu einem halb gleichgül⸗ tigen, halb luſtigen Spiele ginge. Sie verhielt ſich auch heute Morgen, zum erſten Male wieder ſeit Wochen, nichts weniger als indifferent gegen Fanny's Anordnung ihrer Toilette, änderte vielmehr und beſtimmte, daß die Zofe dadurch in eine gelinde Verzweif⸗ lung gerieth. Allein Fanny war am Ende zu vernünftig und geſchmackvoll, um nicht ihrer Herrin Beſtimmungen für beſſer und meiſterlich gelten zu laſſen, und als die Toilette beendet war und Hebe ſich mit ihrem Stuhle vor den großen Spiegel des Ankleide⸗Zimmers rollen ließ, dann, nachdem ſie ſich ſitzend betrachtet, ſich mit Fanny's Hülfe erhob und ſich aufs neue muſterte, war ſie ſelbſt mit ihrer Erſcheinung zufrieden, und die Jungfer geſtand ſich, daß ſelbſt ſie die Gebieterin noch niemals friſcher und anmuthiger, vollendeter ſchön und geſchmackvoll geſehen habe. Und in der That, es war etwas Wunderbares um Hebe's Erſcheinung, etwas ſo durchaus Einfaches und doch auch wieder berückend Anmuthiges und Reizendes. Das makellos weiße Gewand umgab ſie bis an den Hals hin⸗ auf wie eine feine Wolke, ſo duftig und ſo weich, die Arme und Hände ſchlüpften ſo roſig und zierlich daraus hervor, der bezaubernde kleine Kopf wiegte ſich darüber Zu ſpät. 129 wie eine Blume, im einzigen Schmucke ſeines einfach geordneten, glänzenden, dunklen Haares. Sie trug über⸗ haupt nichts Auszeichnendes:; nur an der Bruſt zeigte ſich eine blaß lila Schleife, und ein eben ſo gefärbtes breites Band hielt das weite Gewand um die Taille zuſammen. Kurz, es war, um das zu wiederholen, alles ſo einfach und ſchlicht, wie möglich, es ſtach nichts hervor, als die ungewöhnliche Schönheit ihres zufrieden lächelnden Ge⸗ ſichtes. Und doch, wie ſie nun wieder in ihrem Zimmer ſaß und des Dieners harrte, den Fanny herbeirufen ſollte— es war an dem grauen, ſtillen Tage, als ſei das einſame, dämmerig helle Gemach durch Hebe's Erſcheinung erleuch⸗ tet wie durch einen Sonnenſtrahl.— Als ſie ins Wohnzimmer trat, kam ihr Vetter Chri⸗ ſtian entgegen geſchlendert und prallte vor ihrer zu dieſer Tagesſtunde hier allerdings ſehr ungewöhnlichen Erſchei⸗ nung höchlich überraſcht zurück, ſo daß er beinahe die Pfeife hätte aus dem Munde fallen laſſen und, dieſes zu verhüten, mit beiden Händen aus den Hoſentaſchen fuhr. „Blitz noch einmal!“ ſagte er und machte eine ſeiner ceremonielſten Verbeugungen,„hätte ich doch nicht erwar⸗ tet, ſchöne Couſine, daß heute noch die Sonne ſichtbar würde, und ſo früh! Wohin, wenn man fragen darf, fallen ihre Strahlen?“ Sie nickte ihm lächelnd zu.„Immer galant und munter, Couſin!“ meinte ſie.„Aber es thut auch noth. Es gilt, den Kopf aufzuheben—“ „Ha, das muß ich ohnehin!“ unterbrach er ſie, den langen Hals noch höher reckend.„Meines Vetters und Hoefer, Fremdherrſchaft. III. 9 130 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Perückenmachers Kopf und Perücken werden richtig alle Monate größer, wie ich's im Herbſt einmal fürchtete.— Alſo den Kopf aufheben, Couſine? Und warum?“ Sie ſchaute ihn ernſter an, als bisher, und ſagte auch leiſer:„In G. ſpukt's. Man ſcheint etwas vom— Ko⸗ meten geſpürt zu haben. Eberhard iſt hinüber. Außer⸗ dem— Hector iſt fort, und ich gehe zum Papa.“ Vetter Chriſtian nahm die Pfeife jetzt wirklich aus dem Munde und ſah ſie mit einem unbeſchreiblichen, theils beſtürzten, theils ungläubigen, theils pfiffigen Blicke eine Weile an, bevor er eine neue Verbeugung machte und erwiderte:„Ah, Donnerwetter, das iſt viel auf einmal! On revient toujours u. ſ. w. ſcheint es alſo! Sieh, ſieh! Hätte ich doch nicht geglaubt, daß man noch immer Ge⸗ ſchmack an den alten Späßen finden würde!'s iſt die Möglichkeit! Und da wollen Sie alſo zuerſt dieſe kleine häusliche Angelegenheit— 2 „Was bleibt mir Anderes?“ unterbrach Hebe ihn achſelzuckend.„Die Männer müſſen und können für ſich ſelber ſorgen; das Kind nehme ich auf mich. Dieſe Sache muß ein für allemal geordnet werden. Dieſes Hin⸗ und Hergezerre und all dieſe Spielerei hat ſchon zu lange ge⸗ dauert und iſt mir zum Ekel. Ich mag nicht länger heu⸗ cheln und nicht hierdurch ſtets in dem geſtört werden, was es ſonſt für uns gibt. Die Familie muß einſtweilen zu⸗ rückſtehen.“ Die kleinen grauen Augen des alten Vetters ſahen ſie einige Sekunden lang mit einem ganz ungewöhnlichen Ernſte an, und aus ſeinem gefurchten Geſichte war die Zu ſpät. 131 Jovialität bis auf die letzte Spur verſchwunden.„Ich kann mir Ihre Abſicht etwa denken, Couſine,“ redete er endlich.„Aber haben Sie auch bedacht—“ „Ich habe es bedacht,“ fiel ſie ruhig ein.„Es muß eben einmal ſein, Vetter Chriſtian. Und ſomit— man hat auch nicht fern von hier eine Colonne marſchiren ſehen, die uns einen Beſuch zugedacht haben könnte. Es iſt alles in Ordnung, Vetter. Aber ein wenig Aufmerkſam⸗ keit wird dennoch gut ſein. Ich, ſo lange ich drinnen bin, darf nicht geſtört werden. Adieu, Vetter.“— „Adieu, Couſine. Das von den Truppen wußte ich ſchon und gehe deßhalb hier ſpazieren. Alſo— vernünf⸗ tig, Hebe, und mit ein wenig Schonung!“— Sie wandte ſich ohne eine Antwort ab, durchſchritt vollends das Gemach und betrat die Zimmer des Vaters, welche ſich von hier aus die ganze Rückſeite des Haupt⸗ baues entlang fortſetzten. Nach dem Diener im Vorzim⸗ mer begegnete ſie hier niemand, es war todtenſtill in den großen und hohen, durch ſchwere Vorhänge verdunkelten Räumen, und erſt in einem Zimmer, welches unmittelbar vor dem Privat⸗Gemache des Grafen lag, fand ſie den alten franzöſiſchen Kammerdiener, der ſie mit tiefer Ver⸗ beugung empfing und ihr meldete, daß ſein Herr aufge⸗ ſtanden und ſie erwarte. Hebe ließ das unbeachtet. Sie ging am Arme des Dieners der nächſten Thür zu. „Geſtatten gnädige Gräfin nicht, daß ich Ihr meine Hülfe anbiete?“ bemerkte Pierre im devoteſten Tone und mit einer Bewegung, als wolle er Karl zurückhalten. 132 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. „Der Diener hier, den der Herr Graf aus ſeinem Dienſte zu entlaſſen befohlen—“ „Beunruhigt Euch nicht, maitre Pierre,“ unterbrach ihn Hebe kalt.„So lange die Tochter dem Vater will⸗ kommen iſt, ſind es auch ihre Diener.“ Und ſich zu ihrem Begleiter wendend, ſetzte ſie hinzu:„Vorwärts, mein Freund. Nachher bleibſt du in dieſem Zimmer und war⸗ teſt auf mich, was auch paſſiren möge. Maitre Pierre muß heute ſeine Leidenſchaft, ein wenig zu horchen, im Zaume halten lernen.“ Und ohne von dem halb ver⸗ blüfften, halb finſteren Blicke des alten Franzoſen Notiz zu nehmen, ſchritt ſie wieder vor und betrat endlich zwi⸗ ſchen den zurückgeſchlagenen Portièren hindurch das Ge⸗ mach des Vaters. Es war ein ſehr großes und hohes Zimmer, möblirt mit ſchweren, vom Alter gebräunten Möbeln, und etwas veralteter, aber ſo zu ſagen maſſiver Pracht. Die Decke zeigte reiche Stuccatur⸗Verzierungen, die Wände waren mit einer dunkelblauen Seiden⸗Tapete überſpannt, welche durch goldene Leiſten gitterartig abgetheilt wurde. Aber das Gold war erblindet, die Bezüge der Möbel, die ſchweren Vorhänge der Fenſter und Thüren, alles zeigte eine dunkle Farbe, und das obendrein noch durch Doppel⸗ fenſter gedämpfte Licht des grauen Tages vermochte in dieſem Raume nirgends zur rechten Herrſchaft zu gelangen. ¹ Es war etwas Erkältendes und Unbehagliches in dem Ge⸗ mach, und ſelbſt die ſatten Farben und die ſchwebende 1 Hitze, welche der Ofen verbreitete, genügten nicht, das Kalte und Starre des ganzen Eindruckes zu mildern. ‿ n T Zu ſpät. 133 Graf Hartmuth hatte in einem Lehnſeſſel nahe am Fenſter geſeſſen und, wie der zurückgeſchobene kleine Tiſch zeigte, ſein Frühſtück eben beendet. Er war beim Oeffnen der Thür aufgeſtanden, der Tochter einen oder zwei kleine Schritte entgegen getreten und muſterte ihre Erſcheinung erhobenen Hauptes und mit Augen, in denen ſich wirklich etwas wie eine nicht gerade angenehme Erwartung zeigte. Er war übrigens für den Augenblick noch ihr gegenüber in demſelben Vortheile, den bei einer früheren Unterre⸗ dung, deren die Leſer ſich noch erinnern werden, ſie vor ihm voraus gehabt— ſie wurde durch alles Licht beleuch— tet, das die Fenſter nur einließen, während ſeine ganze ihr zugewandte Vorderſeite ſo dunkel blieb, daß ſie kaum das Geſicht, geſchweige denn die einzelnen Züge desſelben unterſcheiden konnte Bon jour, ma fille!- ſagte er, da ſie näher kam, mit einer langſamen Handbewegung auf einen Seſſel hin⸗ deutend, der dem ſeinigen gegenüber ſtand.„Dein Platz iſt bereit. Pierre!“— Und mit einer neuen Handbewe⸗ gung wies er den Kammerdiener zum Forträumen der Frühſtücks⸗Reſte. Erſt dann wandte er ſich majeſtätiſch wieder der Tochter zu, welche ſich mit Karl's Hülfe, aber ſo niedergelaſſen hatte, daß ihr Geſicht mehr als zur Hälfte dem Zimmer zugekehrt und gleichfalls im Schatten war, und während ihr Diener das Gemach verließ und Pierre unhörbar aufräumte und den Tiſch auf, ſeine ge⸗ wöhnliche Stelle ſchob, fuhr er fort:„Du haſt mich über⸗ raſcht durch dieſen Beſuch, mon enfant! Entſchuldige den Aufſchub, ich bin an ein ſo frühes Aufſtehen nicht recht ge⸗ 134 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. wöhnt. Allein was thut man nicht um einen ſolchen Be⸗ ſuch! Du biſt lange nicht ſo gütig geweſen!“ Er ſprach das alles langſam und faſt ein wenig ſchleppend, noch im Stehen. Nun aber ſetzte er ſich, ſchlug den blauſammtenen Schlafrock über die Kniee und rückte die Hausmütze von demſelben Stoffe, die ſein perückenlo⸗ ſes, kahles Haupt bedeckte, ein wenig aus der runzelvollen Stirn. Hebe hatte ihn nur bei den erſten Worten flüchtig einmal mit den Augen geſtreift, dieſelben jedoch ſogleich wieder im Zimmer umhergehen laſſen, als ſei ſie hier gänzlich unbekannt, während ſie ſich doch durch die Ein⸗ richtung am Ende intereſſirt fühlte. Sie ließ den alten Herrn ruhig ausreden, ſich ſetzen, Schlafrock und Mütze zurecht rücken; ſie hatte keine Silbe laut werden laſſen, als ein erwiderndes ⸗bon jour, Papa!“ beim Eintritte, und nun erſt, als ſie Beide nicht nur durchaus allein, ſondern auch Graf Hartmuth's letztes Wort ſchon eine ganze Weile verklungen war, wandte ſie den Blick wieder auf ihr Gegenüber— einen nichts weniger als munteren oder auch nur freundlichen Blick— und nickte dem Vater zu, als ſtimme ſie mit ihm überein. „Ja, ja, Papa, es iſt noch früh,“ ſagte ſie ruhig, „und auch ich bin ein paar Stunden früher aus meiner Ruhe gekommen, als gewöhnlich. Aber da iſt nichts zu machen, und ich bitte Sie dafür nicht um Entſchuldigung, denn es iſt nicht mein Wunſch geweſen, geſchweige denn meine Schuld.“ Graf Hartmuth nahm eine Priſe.„Und weſſen denn, Zu ſpät. 13⁵ mein Kind?“ fragte er in einem gewiſſen gutmüthigen Tone, während die großen runden Augen langſam aus ihren Lidern hervortauchten und ſie anſtarrten.„Es iſt doch arg, wenn man ſich ſelbſt in unſere Lebensgewohn⸗ heiten miſcht.“ Hebe nickte.„Freilich iſt's ſchlimm!“ verſetzte ſie. „Aber was hilft's? Wer denkt heut zu Tage noch an den Anderen? Jeder für ſich ſelbſt, cher Papa, und Gott— bah— wer denkt noch an den bei den irdiſchen Affairen!“ Der alte Herr fühlte ſich von Sekunde zu Sekunde unbehaglicher werden, denn Weſen und Weiſe der Toch⸗ ter waren ihm wiederum neu. Alle die Andeutungen und Vorzeichen, die ihn ſonſt häufig auf nichts weniger als Angenehmes vorbereiteten, fehlten heute; das helle Lächeln, die raſchen Blicke, die heuchleriſche Sanftmuth und De⸗ muth, der ſilberhelle Klang ihrer Stimme— alles hatte ſich noch gar nicht gezeigt. Sie war jetzt im Gegentheile ſo ernſt, wie er ſie kaum kannte, und vor allem Anderen — er dachte an die fünf Minuten, die er zuletzt allein mit ihr am Kamine verplaudert. Das war beinahe ſechs Wochen her, und ſeitdem hatte er noch keine zwanzig Worte wieder ohne Zeugen mit ihr geredet. Sie ohne Antwort zu laſſen, war indeſſen nicht ſeine Art, und ſo ſagte er:„Du haſt immer Geſchmack an gar beſonderen Studien gefunden, ma fille. Was treibſt du jetzt? Unſere Einſamkeit iſt freilich groß und ladet zu dem Schwierigſten ein. Deine Bemerkung ſchien mir einem Kapitel der Philoſophie entnommen?“ Ihre Augen waren wieder durch das Gemach ge⸗ 136 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. wandert und von ſeinen Worten ſchien ſie nichts gehört zu haben, denn ſie erwiderte nach einer kleinen Pauſe im nachdenklichen Tone:„Sie haben Recht, Papa, ich bin lange nicht hier geweſen. Wiſſen Sie aber auch, ſeit wann?“— Und da er ſchwieg, fügte ſie nach einiger Zeit hinzu:„Mein Gedächtniß iſt leider beſſer, als das Ihre, merke ich. Es war an dem Morgen, wo ich Ihnen Hec⸗ tor's Abſchieds⸗Brief brachte. Er war in der Nacht ab⸗ gereiſ't, um nicht wiederzukehren.“ Graf Hartmuth zuckte zuſammen, der Schlag war gefallen. Er lehnte ſich ein wenig zurück, und ſeine Au⸗ gen ſtarrten die Tochter an, ſo feſt ſie's vermochten. Er ſah nur gar zu wenig von ihrem Geſicht, denn der Him⸗ mel bezog ſich mit immer dichteren Regenwolken, und die Dämmerung im Gemache nahm eher zu als ab. „Ja, ja, Papa, damals war's,“ ſagte ſie jetzt in einem ſchwermüthigen, faſt bebenden Tone.„Es werden jetzt bald vier Jahre ſein.— Vorher weiß ich nur noch von Einem Beſuche, und der war an dem Tage, wo Hector und ich confirmirt wurden— Anno 95 oder 96, denke ich. Alſo nur ein Mal im Jahrhundert, Papa! Iſt's nicht ſeltſam?“ Es mußte ihn in dieſen Worten und ihrem Klange etwas beruhigen und ihm vielleicht ſogar wieder mehr Selbſtvertrauen geben. Er nahm wenigſtens eine neue Priſe und verſetzte in einem Tone, der vielleicht ſtrafend klingen ſollte:„Witziges find' ich daran nicht, mon enfant, vielmehr nur eine Andeutung trauriger Familien⸗Verhält⸗ niſſe und— was mir gleichfalls nicht unbekannt— daß Zu ſpät. 137 Graf Hector und Comteſſe Hebe wie Zwillinge ſtets zu⸗ ſammen ſaßen und Unſinn ausheckten.— Aber mit dem allem erfahre ich nicht, was mir die Ehre dieſes zweiten Beſuchs im Jahrhundert verſchafft,“ fügte er hinzu und gähnte dabei hinter der flüchtig erhobenen Hand. „Das iſt eben das Allerſeltſamſte, Papa,“ ſprach ſie in einem ganz eigenen und von dem bisherigen ſehr ver⸗ ſchiedenen Tone. Die Erinnerungen ſchienen von ihr ge⸗ wichen zu ſein und die Gegenwart in ihre Rechte treten zu wollen. Es ließ ſich wenigſtens etwas von dem ſil⸗ bernen Klange ihrer Stimme vernehmen, und da ſie ſich vorgebeugt hatte, konnte er bemerken, daß ihre Züge freund⸗ lich und ihre Augen glänzend waren.—„Es iſt wie ein Verhängniß, cher Papa! Es iſt wieder Hector, der mich herführt.“ Der finſtere Blick, den Graf Hartmuth ihr zuwarf, ging noch während ſeiner Worte in einen hohnvollen und verächtlichen über.„Hector?“ wiederholte er.„Vielleicht eine Geiſtererſcheinung, wie ſie hier jetzt mehrfach vorzu— kommen ſcheinen? Schade nur, mein Kind, daß ich weder ein Douanier, noch General Renaud bin!“ Die Tochter ſchüttelte den Kopf.„Ei, Papa, wer redet denn davon?“ fragte ſie gleichſam verwundert.„Ich weiß es ja ſehr gut, daß Sie der Graf Hartmuth zu Rhoda ſind, und Sie wiſſen, daß meinem bisherigen Glauben nach die Todten— und zwar allein die Tod— ten— feſt genug in ihren Gräbern liegen und den Le⸗ benden nicht mehr unbequem werden ſollten.— Nicht doch, cher Papa!— Ich rede oder will vielmehr reden 138 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. von Ihrem Enkel und Hector's Sohn, dem kleinen Hec⸗ ℳ tor— Der Graf richtete ſich ungewöhnlich raſch auf und beugte ſich nach vorwärts; über das alte Geſicht zuckte wieder einmal jener Grimm, der uns ſchon ein paarmal in demſelben überraſchte, und er ſagte mit heiſerer Stimme: „Iſt das noch nicht zu Ende? Wagt man mir noch im— mer damit zu kommen? Ich dächte, damals deutlich ge⸗ ſprochen zu haben, und, bei Gottes Allmacht, der Hart⸗ muth läßt ſich nicht narren, noch höhnen!“ Je le concède, verſetzte ſie kaltblütig; ſie hatte ſich gleichfalls vorgebeugt, den Ellenbogen auf die Lehne des Stuhles geſtützt und begegnete, ohne daß ihre Wimpern gezuckt hätten, ſeinem drohenden Blicke, und die franzöſi⸗ ſchen Worte klangen ſeltſam ſcharf und fremd zwiſchen das Deutſch, ſo daß es ſelbſt ihm, trotz ſeiner Aufregung, auffiel.—„Und wie ich höre,“ fuhr ſie in ſelbem Tone fort,„iſt man mit den kleinen Spielereien, über die wir neulich ſprachen, nicht mehr zufrieden, ſondern verſucht, dieſer Sache, um Ihre Worte zu gebrauchen, ein wirk⸗ liches und ſicheres Ende zu machen. Ich ſehe aber noch nicht klar hierin, und deßwegen komme ich zu Ihnen, cher Papa.— Was iſt denn geſtern Abend mit Ihrem Enkel Hector vorgefallen und wohin hat man ihn gebracht? Soll der Magiſter Zeuning wieder einen Todtenſchein ausſtellen— dieſes Mal vielleicht ausnahmsweiſe einen richtigen?“ Graf Hartmuth ſtarrte ſie ein paar Sekunden lang mit wo möglich noch größeren Augen an, als er ſie ſchon el⸗ Zu ſpät. 139 gewöhnlich zeigte; es erſchien darin in dieſer Pauſe ſogar etwas Triumphirendes, und etwas Aehnliches klang aus ſeiner Stimme, als er endlich ſagte:„So? Er iſt alſo fort? Wirklich fort? Na, Glück auf den Weg!— Die Komödie hat dann ein Ende!“— Und mit vollſtem Hohne fügte er hinzu:„Ich bin dir recht dankbar für dieſe Nach⸗ richt.“ Sie ſah ihn gleichfalls ein paar Augenblicke ſchwei— gend an, denn ſie war einigermaßen überraſcht über ſeine ſichtbare Unkenntniß. Alſo hatte Auguſt noch keine Zeit oder Gelegenheit zu einer Botſchaft gefunden?— Dann ſprach ſie aber im früheren, vollkommen kalt⸗ blütigen und ſicheren Tone:„Ja, fort, aber auf wie lange? General Renaud iſt ihm auf meine Bitte jetzt ſchon auf den Ferſen, dem Monſieur Auguſt, denke ich. Und wenn man kein weniger zartes Gewiſſen hat, als früher— ſo möchte die Komödie noch zum gedeihlichen Schluſſe gelangen.— Ich bin heute Morgen neugierig,“ fuhr ſie fort und lehnte ſich noch ein wenig weiter vornüber, während er ſie mit einem Ausdrucke anſtierte, als traue er ſeinen Ohren nicht oder müſſe ſie für wahn⸗ ſinnig halten.—„Ich möchte noch eine kleine Frage ſtellen.— Was liegt eigentlich neuerdings gegen Ihren Enkel Eugen vor, daß man ihn nicht nur von ſeinen Gü⸗ tern jagte, ſondern daß mir auch Renaud ſagte, ſelbſt er könne ihn nicht mehr ſchützen; daß man auf ihn hetzt, wie auf ein Wild?— Was haben Sie eigentlich gegen ihn vorgebracht, und was iſt nachher noch dazu gekommen? Sie wiſſen davon, und ich glaube, es iſt Zeit, daß Sie 140 Sechsundzwanzigſtes Kapitel.. daran denken, wie er Ihr Enkel und ein Graf Rhoda iſt belt, und daher nicht zu Grunde gehen kann, ohne daß ſein zubet Unglück Ihnen und Ihrem Hauſe einen neuen Makel, de dieſes Mal einen allen Augen ſichtbaren, anheften würde.“ Nun Einen Augenblick noch ſaß Graf Hartmuth, als hät⸗ und ten ihn dieſe allerdings kaum glaublichen Worte an Geiſt und f und Körper gelähmt. Dann aber ſprang er auf— ſo raſch war die Bewegung des alten, ſchwerfälligen Man— aästal nes— und nahe vor Hebe hintretend, die Finger beider Sie, Hände krampfhaft zuſammen gezogen, die Augen voll alsd furchtbaren Grimmes, das ganze Geſicht verzerrt und dun⸗ ber G tel geröthet, knirſchte er:„Weib, weſſen erfrechſt du dich Sie n gegen mich, deinen Herrn und Vater? Aber ſo wahr ich Doch Graf Hartmuth—“ wir „Geduld, mein Herr! Ruhe, Ruhe!“ unterbrach ſie einma ihn; ſie hatte ſich zurückgelehnt und die Arme über die Gut, Bruſt gekreuzt, ihre Augen ſchauten ihn an mit einem nicht mächtigen, durchdringenden, bannenden Blicke, ihre Stimme und d war glockenhell und ſchnitt ſeine Worte haarſcharf ab— iiht, es war dagegen nicht aufzukommen.„Sie wußten vor⸗ hin, daß Sie kein Douanier und kein Renaud ſeien, und wieder ich weiß eben, daß ich Gottlob Hebe und nicht Ihr Bru⸗ te P der Günther, daß wir hier nicht beim Steinkreuze im vitd, Lohnshofer Bruch und nicht zwiſchen den Büſchen im„tod⸗ ſchen, ten See“ ſind, daß Monſieur Pierre Lerourx ohne Flinte gar n und Magiſter Zeuning gar nicht hier— ſehen Sie, die wonn Todten kommen am Ende doch wieder!“ der g S Graf Hartmuth war, nachdem er bei der Erwähnung und ſeines Bruders wie vom Schlage getroffen zuſammenge⸗ Gegen Zu ſpät. 141 bebt, bei jedem folgenden Worte mehr zurückgewichen und zuletzt langſam in ſeinen Stuhl geſunken, die Hände gegen die Sprecherin ausgeſtreckt, als ſehe er in ihr ein Geſpenſt. Nun ſanken aber auch dieſe ſchlaff auf ſeine Kniee herab, und die kleine Spanioldoſe entglitt den zitternden Fingern und fiel auf den Boden. „Ich will Ihnen etwas ſagen, mein Herr,“ fuhr Hebe eiskalt fort;„wenn man auftreten und handeln will, wie Sie, muß man ein reineres oder feſteres Gewiſſen haben, als das Ihre— ich weiß nicht recht, ſagt man dazu lie⸗ ber Gottlob oder leider?— zu ſein ſcheint. Sonſt ſchrecken Sie vielleicht Kinder, aber nicht jemand, wie mich.— Doch genug von dieſen Präliminarien,“ redete ſie weiter; „wir wollen zur Sache kommen. Sie ſagten vor Wochen einmal und vorhin wieder, daß die Komödie enden müſſe. Gut, mein Herr, ich nehme das an, aber ich bitte Sie, nicht zu vergeſſen, daß dies auf Ihren Wunſch geſchieht, und daß es daher nicht meine Schuld, wenn dieſes Ende nicht Ihrer Erwartung entſpricht. „Und da wir hier ſo ſtill unter uns ſind,“ fuhr ſie wieder fort, ohne ihre Lage zu verändern,„da ſogar Mai⸗ tre Pierre durch meinen Diener am Horchen verhindert wird, ſo wollen wir vor allem einmal der Komödie zwi⸗ ſchen Ihnen und mir ein Ende machen. Sie ſcheinen ſich gar nicht mehr der Bedingungen zu erinnern, die Ihnen von meiner Mutter in Betreff ihrer beiden jüngſten Kin⸗ der geſtellt wurden und die ich um ſo entſchiedener erfüllt und befolgt zu ſehen verlange, da meine Mutter Ihre Gegenbedingungen bis an ihren Tod nur zu treu er⸗ 142 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. füllte— bis zum Ruin und Elend ihres einzigen Soh⸗ nes. Was aus mir geworden, wenn ich nicht ein wenig ſelbſtſtändiger und feſter als Hector und körperlich ſo ab⸗ ſolut— unverwendbar geweſen, das, mein Herr, wollen wir nicht weiter unterſuchen. Was uns wirklich borliegt, iſt, meine ich, hinreichend genug, um uns darüber zu unterhalten. „Alſo— ich dächte, es wäre bei jenen Bedingungen auch eine in Bezug auf Hector's oder ſeiner Nachkommen⸗ ſchaft Erbe geweſen— wie vereinen Sie damit Ihren Widerſtand gegen ſeinen Sohn, deſſen Mutter Hector nur darum nicht geheirathet, weil ſie ihm geſtohlen wurde, den er, hätte er lebend ihn wiedergefunden, unter allen Um⸗ ſtänden anerkannt haben würde, deſſen Rechte er in unſere Hände legte?— Hätten Sie ſich, nachdem wir das Kind und ſeine Mutter wirklich wiedergefunden, zur Ausbezah⸗ lung des Theiles von dem mütterlichen und Ihrem eigenen Vermögen verſtanden, der nach Ihrem Tode außer den Gütern an Ihren Sohn gefallen wäre, ſo dürften die An⸗ deren damit zufrieden geweſen ſein und ich möchte nachge⸗ geben haben. Sie erinnern ſich wohl, daß dergleichen einmal zur Sprache kam, und was Sie dazu ſagten. Seitdem bin ich damit nicht mehr zufrieden, und werde immer weniger nachgiebig, ſeit wieder dieſe alten Pläne aufgetaucht ſind, gegen welche ſchon vor Jahren meine Mutter Ihnen ihre Bedingungen ins Gedächtniß zurück⸗ rufen mußte, und ſeit man nun auch wieder auf gut Rhodaiſch gegen den armen Knaben vorzugehen wagt.— Nehmen Sie ſich in Acht, mein Herr!“ ſchloß ſie und riche drohe nicht unve mit len beug gar früh gänz Yate ſein er je einig dieſe mit ande dos Hatt dumg ungen Vuß u E legt ſcwi et fr ſcwo Zu ſpät. 143 richtete ſich jetzt auf, und ihr Auge und ihre Stirn waren drohend.„Iſt ein Verbrechen geſchehen, iſt der Knabe nicht bis morgen wieder bei ſeiner Mutter, lebend und unverletzt— dann verhandeln nicht mehr wir Zwei allein mit einander!“— Graf Hartmuth war eine jener Naturen, die zuwei⸗ len überrumpelt und dann für den Augenblick ſehr ge⸗ beugt und erſchreckt werden können, aber nur ſchwer oder gar nicht wirklich zu brechen ſind. Er war durch Hebe's frühere Andeutungen betäubt worden und eine Zeitlang gänzlich vernichtet; es mußte in dieſen Erinnerungen an Vater und Bruder etwas ſein, was ſelbſt für ihn und ſein Gewiſſen kaum zu ertragen war. Dies alles hatte er jedoch während ihrer folgenden langen Rede wieder einigermaßen überwunden, und zu gleicher Zeit war in dieſer Rede etwas, deſſen Kenntniß ihn an Hebe einerſeits mit einem wahrhaften Entſetzen erfüllte, während er es andererſeits kaum für möglich hielt, daß ſie wirklich et⸗ was Beſtimmtes wiſſe. Hier durfte er nicht ſchwach ſein. Hatte ſie ihn nur aufs Gerathewohl und vielleicht auf ein dumpfes, Gott weiß wie, zu ihr gedrungenes Gerücht hin angegriffen, ſo war noch ein Widerſtand möglich.— Wußte ſie, gerade ſie etwas Beſtimmtes— da war alles zu Ende. Dies hatte er während ihrer letzten Worte ſchon über⸗ legt und dabei ihre Drohung überhört, und nun, da ſie ſchwieg, begegnete ſein Auge faſt trotzig dem ihren, und er fragte mit ziemlich feſter, hohnvoller Stimme:„Was ſchwatzeſt du da fortwährend von Bedingungen zwiſchen 144 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. deiner Mutter und deinem Vater, und was könnten es für welche ſein, die den Baſtard des Sohnes in das Haus und den Rang der Grafen zu Rhoda zu ſchmuggeln im Stande wären?“ Sie ſah ihn ohne Zucken und Wanken an, und ſo leiſe ihre Stimme war, ſo vernehmbar war ſie doch, als ſie unmittelbar entgegnete:„Dieſelben etwa, mein Herr, welche die Baſtarde Hector und Hebe für legitime Kinder dieſes Hauſes gelten ließen.“ Graf Hartmuth nahm ſich noch einmal zuſammen, aber es wurde ihm ſchwer; ſein Geſicht zeigte ſich ſehr verändert, entfärbt und zuſammen geſunken, und ſeine Augen hatten nur noch einen ſtarren und zugleich ſtumpfen Blick.„Wer weiß,“ murmelte er mühſam und abge⸗ brochen,„was für nichtswürdige Menſchen dir ſolche Ver⸗ ruchtheit von deinen Eltern— aber da du ſelbſt ſo un⸗ würdig und verderbt, daß du ſolches—“ „Entſchuldigen Sie, mein Herr!“ unterbrach ſie ihn hart und kalt.„Ich denke, die Komödie iſt aus? Wozu alſo noch moraliſche Winkelzüge und Abſprünge?— Dieſe Menſchen ſind nur eine junge Frau und ein Kind, Beide Kinder dieſes Hauſes, und— doch ich will Ihnen lieber die ganze kleine Geſchichte erzählen,“ brach ſie ab, und da er jetzt nicht wieder antwortete, lehnte ſie ſich auf's neue leicht nach vorn, den Ellenbogen aufgeſtützt, und begann mit jener wunderbaren, leiſen und doch durchdringenden Stimme zu reden. „Es war im Jahre 1792, mein Herr,“ ſprach ſie, und auch ihre Augen hatten wieder den bannenden Blick, Zu ſpät. 145 den wir ſchon öfters an ihnen beobachteten,—„da war große Freude in Nieder⸗Rhoda, denn bei Dame Mathilde war nach fünfjähriger, unglücklicher Ehe das erſte ſoge⸗ nannte Pfand einer glücklichen erſchienen— Ihre Enkelin Stephanie. Und da die Kleine ein wenig früher kam, als man ſie erwartete, war auch die Taufe früher gekom⸗ men, und man hatte die werthen Eltern nicht dabei haben können. Dafür richtete Graf Hartmuth hier eine Art Nachtaufe ohne Kind her— ein„Zauberfeſt,“ wie wir's hießen. Wir erlebten dergleichen nicht oft; es hatte bei uns mehr Särge als Wiegen gegeben, und von allen Kindern Ihrer zweiten Frau war außer Mathilde und Hector nur noch die„lahme“ Hebe übrig, welche, wenn ſie nicht ſo heiter und leicht geweſen, damals auch beſſer im Grabe gelegen hätte, denn geliebt wurde ſie hier im Hauſe nur von Hector.— „Alſo am Tage nach jenem Tauffeſte ohne Täufling hatten ſich die Gäſte wieder entfernt, auch die von der Familie, mein Herr, und nur eine noch junge Frau war zurückgeblieben— ich weiß nicht mehr, weßhalb; aus Liebe und Behagen aber wird es nicht geweſen ſein, denn das hatten und fanden die Kinder dieſes Hauſes bei ihren Eltern leider niemals. Sie war alſo da und nach dem Mittagsmahle mit mir zuſammen in den Garten gegangen oder vielmehr gefahren— gehen konnte ich eben ſo we— nig, wie jetzt. Beim Berceau, welches man das der Diana hieß, war ich aus dem Wägelchen geſtiegen und mit ihr ein paar Schritte weiter hinter das Berceau auf den kleinen Raſenplatz gegangen, denn wir liebten es Hoefer, Fremdherrſchaft. III. 10 146 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Beide, uns auf den Raſen zu ſtrecken. Weil aber die Sonne warm ſchien, zogen wir uns doch an die Büſche zurück und ruhten alſo von aller Tagesmühe aus, plau⸗ dernd und koſend, denn ſie hatte mich lieb, und ich betete ſie an. „Wir waren nur nicht lange allein, denn alsbald erſchienen im Berceau, hinter uns, der Herr Graf und die Frau Gräfin, und geplaudert haben ſie auch, obſchon nicht gerade gekoſ't, vielmehr ein ſeltſames Geſpräch ge⸗ führt, da im Berceau, mein Herr, in der ſogenannten Halle, wo Tiſche und Stühle ſtanden, ein Geſpräch von der Art, daß meine Begleiterin mich fortziehen wollte, welches aber bereits für mich ſo intereſſant und pikant geworden war, daß ich doch lieber blieb und dadurch auch die Andere zum Hören zwang. „Wir haben nicht alles gehört, was geſprochen wurde; ich mag nicht alles erzählen, was wir gehört, mein Herr,“ fuhr Hebe fort, und ihr Blick wurde immer feſter und ihr Ton immer kälter, immer unabweislicher. Es gab kein Ausweichen, kein Ueberhören, und Graf Hartmuth. machte auch nicht eine einzige Bewegung, ſo war er ge⸗ bannt und gefeſſelt.—„Wir vernahmen aber, daß Hec⸗ tor und Hebe, die beiden Jüngſten, nicht die Kinder des Grafen Hartmuth ſeien, daß derſelbe ſich jedoch dazu an⸗ heiſchig gemacht, ſie ſtets als ſolche gelten zu laſſen, daß er ſich anheiſchig gemacht, Hector und deſſen Nachkommen unter allen Umſtänden und vor dem älteren Sohne Eber⸗ hard die Folge im Beſitz der Grafſchaft zu ſichern, daß endlich niemals davon die Rede ſein könne, dieſe Be⸗ Zu ſpät. 147 ſitzungen auf Mathildens Kind oder Kinder zu übertragen, wie er, der Herr Graf, unter der Hand darauf hingear⸗ beitet zu haben ſchien. „Von dem, was den Herrn Grafen zu dieſem ſchmach⸗ vollen und ehrloſen Uebereinkommen vermocht, erfuhren wir zwar nichts Genaues, aber doch hinreichend genug, um wenigſtens über die Hauptmotive nicht im Unklaren zu ſein. Zudem erfuhren wir, daß darauf bezügliche Pa⸗ piere in den Händen des Geſchäftsführers meiner Mutter niedergelegt ſeien— Sie wiſſen wohl, mein Herr, er lebt noch, und Sie wiſſen vielleicht auch, daß der Diebſtahl, der vor einigen Jahren in ſeinem Hauſe ſtatt fand, uns glücklicher Weiſe nur eine nicht einmal bedeutende Geld— ſumme koſtete.— Und endlich, mein Herr“— ſie beugte ſich noch weiter vor und ſprach leiſer, wenn auch vollkommen vernehmbar—„endlich liegt auch ſeit der Mutter Tode noch ein zweites kleines Paket bereit, überſchrieben:„Zu eröffnen, im Falle Graf Hartmuth zu Rhoda dem Kinde meines Sohnes Hector, das gegenwärtig mit ſeiner Mut⸗ ter in L. bei O. lebt, ſeinen Antheil an meiner Hinter⸗ laſſenſchaft vorzuenthalten oder die Grafſchaft Rhoda an meine Enkelin Stephanie u. ſ. w. übertragen zu la verſuchen würde.“—— „Sie ſehen, mein Herr,“ fügte die unerbittliche Spre⸗ cherin nach einer kleinen Pauſe hinzu,„meine Mutter hat Sie einerſeits ziemlich richtig beurtheilt und anderer⸗ ſeits die Härte, zu der ſie ſich gegen ihren Sohn hatte be⸗ ſtimmen laſſen, ſo viel wie möglich gut zu machen geſucht. Das Paket iſt datirt vom 20. Mai 1809, wenige Tage ſſen * 1 148 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. nachdem wir die beſtimmte Nachricht von Hector's Tode erhalten. Sie ſehen, die Mutter war beſcheiden; ſie bean⸗ ſpruchte nur das, was ihr Eigenthum iſt. Aber wie ge⸗ ſagt— ich bin damit nicht zufrieden, ſie wußte damals auch nichts von der Erklärung, die Hector in unſeren Händen zurückgelaſſen.“— Es war, als habe ſich während dieſer letzten Mitthei⸗ lungen das Leben im Grafen Hartmuth wieder geregt. Sein Blick war weniger ſtumpf, in ſeinen Zügen zuckte es; jetzt richtete er ſich ſogar ein wenig auf, und als Hebe ſchwieg, ſagte er mit einem zwar hohlen Tone, in welchem aber zugleich etwas von der alten Sicherheit und dem trotzigen Selbſtbewußtſein wiederklang:„Ich weiß freilich von dieſem verrückten Papiere, aber ich weiß auch von ſeiner Vernichtung durch die Verſicherung meiner Gemah⸗ lin. Es iſt eben doch noch nicht ganz mit uns zu Ende, mon enfant!- Hebe hatte ſich wieder zurückgelehnt und die Arme über die Bruſt gekreuzt.„Sie irren ſich,“ verſetzte ſie ruhig.„Meine Mutter hat Sie richtig beurtheilt und danach gehandelt und geſprochen. Die Papiere exiſtiren, mein Herr, und zwar auf einer Stelle, die Ihnen nicht zugänglich iſt.— Alſo, mein Herr, wie ſtehen wir?“— Graf Hartmuth antwortete nicht. Die letzte Mitthei⸗ lung ſchien ihn tiefer niedergedrückt zu haben, als alles Frühere. Er war wieder zurückgeſunken; ſein Auge blickte ſtarr und ausdruckslos. „Ich kenne den Inhalt dieſer Papiere nicht,“ fuhr Comteſſe Hebe nach einer Pauſe ruhig fort;„es hängt G 6 2 Zu ſpät. 149 von Ihnen ab, haben Sie erfahren, ob ich ihn überhaupt kennen lernen werde, lüſtern danach bin ich nicht. Ich habe bisher noch immer gezögert mit einem entſchiedenen Auftreten, weil ich hoffte, Sie würden ſich von ſelber eines Beſſeren beſinnen— Sie wußten ja, wie ich, wie wir dachten, und konnten ſich am Ende ſelbſt ſagen, daß wir Ihnen nicht entgegen traten, ohne hinreichende Hülffs⸗ Truppen zu haben. Jetzt mußte ich vorwärts— es hängt von Ihnen ab, wie weit. Verſtändigen wir uns, ſo bleibe ich trotz allem, was zur Sprache gekommen, nach wie vor Ihre vielleicht etwas wunderliche, im Ganzen je— doch gehorſame Tochter. Wie ich dieſe Stellung aufge⸗ faßt und daß ich gern in derſelben verharren will, be⸗ wies und beweiſe ich durch die Liebe, die ich zu Eberhard, zu Eugen und ſeiner Schweſter habe, durch dieſe Liebe, die ein gut Theil verwandtſchaftlicher iſt, als die Ihre, obgleich Sie Vater und Großvater ſind und ich nicht einen Tropfen verwandten Blutes in mir habe. Verſtändigen wir uns, ſo bleibt alles unter uns,“ fuhr ſie milder fort und richtete ſich wieder auf;„vor der Welt geht alles von Ihnen aus, das Haus der Rhoda ſteht wie bisher, Sie ſelbſt erſcheinen in einem beſſeren Lichte, als je. Ver⸗ ſtändigen wir uns nicht— aber ich fürchte das nicht; Sie haben es immer verſtanden, die Sachen nicht auf eine Spitze zu treiben, die gegen Sie umſchlagen müßte.“— Es war zu Ende mit dem Grafen Hartmuth. Von ſeiner letzten Niederlage hatte er ſich nicht wieder erholt. Seine Züge zeigten ſich zuſammengefallen, wie ſein Kör⸗ per, die Unterlippe war heruntergeſunken; die runzeligen 150 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Finger hielten auf den Knieen ein paar Falten des Schlafrockes krampfhaft zuſammengefaßt. „Was verlangſt du?“ brachte er nach einer Weile endlich dumpf hervor. „Ich bin nicht unbillig, Papa,“ verſetzte ſie mit mil⸗ dem Blicke und faſt herzlichem Tone.„Sie ſind jetzt nicht klar und ruhig genug, um mit mir alle Punkte be⸗ rathen und entſcheiden zu können. Wir bedürfen dazu auch erfahrener Zeugen. Wir werden das Genauere ein andermal beſprechen und feſtſetzen. Jetzt— wo iſt der Knabe, und wann und wie erhalten wir ihn wieder?“— Graf Hartmuth ſchüttelte den Kopf.„Ich weiß es nicht,“ murmelte er mühſam:„Du haſt mir die erſte Nachricht gebracht. Ich hatte Auguſt den Auftrag ge⸗ geben, ihn wo möglich auf die Seite—“ „Ihn zu tödten?“ unterbrach ſie ihn jäh. „Nein, das nicht. Er müſſe fort, lautete mein Befehl.“ „So, ſo! Wir werden alſo mit Maitre Pierre zu reden haben, ſagte ſie nicht ohne Hohn.„Uebrigens halte ich dieſe beiden Schufte, wenigſtens den Auguſt, für zu feig zu einer ſchnellen That. Sollte Auguſt wieder⸗ kommen?“ „Nein, er hat Reiſegeld,“ murmelte der alte Herr. „So, und wohin?“ 3 „Ich weiß nicht, meine aber nach Holſtein, weil man dort Gelegenheit nach England findet.“ Graf Hartmuth ſprach langſam und mit Mühe und ſchien ſich vor jeder Antwort beſinnen zu müſſen. ile Zu ſpät. 151 „Gut,“ ſprach Hebe nach einer Pauſe,„wir werden alſo ſuchen und Sie werden uns helfen, Papa. Nun zweitens,— was hat man gegen Eugen?“ Auch der alte Herr machte eine Pauſe, bevor er er⸗ widerte:„Man hat ſeine Papiere entdeckt—“ „Seine Papiere? Was ſind das für Papiere? Er behauptet doch nichts zu haben, was ihn beſonders com⸗ promittiren könne,— und alles liege obendrein in einem ſichern Verſteck—?2“ unterbrach Hebe ihn ungeſtüm. „Es wurde verrathen,“ verſetzte er, die Brauen über den geſenkten Augen zuſammenziehend.„Man fand den vollſtändigen Plan eines Aufſtandes und die Beweiſe für eine genaue Verbindung mit den ſogenannten Patrioten in den preußiſchen Provinzen, mit—“ „Auch mit einem Herrn von Hoven?“ fiel ſie wieder, jetzt aber langſam und accentuirt ein. Es zog durch ſein Geſicht etwas von dem alten Hohne, als er entgegnete:„Dafür hat man beſſere Be⸗ weiſe, als Papiere. Man hat die beiden Herren zu⸗ ſammen geſehen, und zwar hier an meinem Hauſe; frei⸗ lich ſah ſie Auguſt nicht kommen, ſondern nur abreiten, und ſie ritten zu ſchnell, als daß er ſie hätte verfolgen können.“ Nach einer Weile lachte Hebe bitter auf.„Ja, Männer, Männer!“ ſagte ſie voll verzweiflungsvollem Hohne.„Der Eine faſelt von Ueberwachung! Der An⸗ dere denkt gar nicht an ſeine Papiere,— weil ſie ja ſicher ſind, und reitet blind und taub an den Spionen vorüber und ſtürzt ſeine und unſere Beſten—“ Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Die Thür des Gemaches wurde aufgeriſſen und Graf Eberhard ſtürzte in einer Aufregung herein, die noch nie⸗ mand an dem ernſten, ſtillen, ruhigen Manne geſehen oder auch nur für möglich gehalten hätte. Sein Geſicht glühte, ſeine Haare waren in Unordnung, der Pelzrock, den er trug, und die Reitſtiefel zeigten ſich mit Koth beſpritzt. „Es hilft nicht— ich muß dich ſprechen, Hebe!“ rief er.„Entſchuldigen Sie, Vater, ich muß Sie ſtören—“ „Du ſtörſt uns nicht,“ unterbrach ihn Hebe, durch die es bei ſeinem Eintritte wie ein Blitz gezuckt war, die jetzt aber in einer Art von ſtolzer Ruhe wunderbar ge⸗ ſaßt erſchien.„Papa und ich ſind einig. Heraus, Bru⸗ der! Du kamſt zu ſpät nach der Stadt?“— Ihr Auge, ihr Ton, ihr ganzes Weſen hatten mäch⸗ tig auf ihn gewirkt, ſo daß er ſich gleichfalls zu faſſen begann und die Arme über die Bruſt kreuzend, feſt und ruhig ſtand. Sein Auge aber war finſter und ſeine Stimme gepreßt, als er erwiderte:„Ja, ich kam zu ſpät.“ „Das heißt, daß Hoven und Eugen entdeckt ſind?“ fragte ſie mit feſtem Blicke. „Daß ſie gefangen ſind,“ verſetzte er, wie vorhin. „Heute Morgen hat man Ober⸗Rhoda umſtellt, ſcheint's, ſo daß keine Katze hinaus oder hinein konnte.“ „Und Steffen hat das nicht gewußt?“ fragte ſie wie⸗ der bitter. „Bis ich fortritt, nicht. Es iſt zu heimlich und ſchnell betrieben. Dann wird er Noth gehabt haben, ſich ſelber zu erhalten. Auch ich muß jeden Augenblick meine Ver⸗ Zu ſpät. 153³ raf haftung erwarten. Der Staatsrath iſt ſchon im Gefäng⸗ ie⸗ niſſe— der„Gottlob!“ unterbrach ſie ihn mit einem tiefen Athem⸗ ͤte zuge.„So geht's euch alſo an den Hals— nun ertrinkt er oder ſchwimmt!“ Und ſich langſam aufrichtend, fuhr ſie fort!„Deinen Arm, Bruder, wir wollen zu mir hinüber. 1 Papa bedarf der Ruhe, um ſo mehr,“ ſetzte ſie gegen den 1 alten Herrn gewandt hinzu, der dem raſchen Verlaufe des uch Geſpräches anſcheinend kaum recht gefolgt war und nun de erſt die Augen zu Hebe erhob,—„um ſo mehr, da es ge am beſten ſein wird, wenn Sie ſich unverzüglich Eugen's 2 wegen an Renaud wenden. Die Herren Franzoſen ſind ſchnell.“ . Graf Hartmuth ſah ſie ein paar Sekunden lang ſen ſtumpf an, als müſſe er ſich ihre Worte erſt klar machen. ünd Dann murmelte er:„Was kann ich thun? Es nutzt eine nichts!“ it⸗„Oh, nur nicht zu beſcheiden, Papa!“ ſprach ſie raſch 2 und mit ſcharfem Blicke.„Es iſt Ihr Enkel, man hat gegen Sie Verbindlichkeiten. Sie können und müſſen das jn. Aergſte wenigſtens abwenden.“ Und wieder zu Eberhard t5 aufblickend, fragte ſie abbrechend:„Haſt du Brehm ge— ſprochen und gehört, daß der genau überwachte Monſieur nie Auguſt—“ „Ich weiß!“ fiel er finſter ein.„Der Knabe iſt aber ſchon wieder da; ein unbekannter Menſch hatte ihn eben, „ als ich ankam, zurückgebracht. Er habe ihn am Bord 1 eines Schiffes gefunden, ſagte er aus.“ „Ah, charmant, ich bitte Vater Steffen meine Zwei⸗ 154 Sechsundzwanzigſtes Kapitel.— Zu ſpät. fel ab!“ ſagte Hebe lächelnd.„Das Unglück wäre ja auch gar nicht zu beſchreiben, wenn unſer Hector, den ſelbſt Papa jetzt freundlich anſieht und dem er ſein Erb⸗ theil ſchon bewilligt hat und noch weiteres Gute zudenkt, verſchwunden bleiben ſollte! Und nun für Eugen, Papa, nicht wahr?“ ſchloß ſie, ſich dem alten Herrn nähernd und die ſchlaffe Rechte an die Lippen ziehend.„Auf ein heiteres Wiederſehen, Papa!— Komm, Bruder!“ Eberhard führte ſie ſchweigend aus dem Zimmer, nachdem auch er des Vaters Hand geküßt. Der alte Herr hatte dieſe Zeichen der Verehrung an⸗ ſcheinend kaum beachtet. Er lag regungslos in ſeinem Stuhle, und nun ſchloß er auch die Augen. ner, Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Karſten Herbart. Denn Treue ſteht zuerſt, zuletzt, Im Himmel und auf Erden: Wer ganz die Seele drein geſetzt, Dem ſoll die Krone werden! Drum muthig drein und nimmer bleich, Denn Gott iſt allenthalben!— Die Freiheit und das Himmelreich Gewinnen keine Halben!— E. M. Arndt. Die Geſchwiſter hatten die Gemächer des Vaters ver⸗ laſſen, ſie trafen den Vetter nicht mehr im Wohnzimmer, und Hebe ſchickte ihren Diener ab, ihn zu ſuchen. Das war aber auch das einzige Wort, das ſie ſo gut wie Eberhard auf ihrem ganzen, durch den langſamen Schritt verlängerten Gange laut werden ließ, und erſt als ſie ſchon der Thür zu Hebe's Zimmern nahe waren, fragte Eberhard:„Was haſt du eigentlich mit ihm gehabt?“ Sie waren ſtehen geblieben, da die Comteſſe von Zeit zu Zeit einen kleinen Halt machen mußte, und nun ver⸗ ſetzte ſie:„Du haſt es ja gehört, Bruder. Es mußte einmal zur Entſcheidung kommen. Damit weißt du auch ungefähr, wie ich es erreichte.“ 1 ¹ — 156 Siebenundzwanzigſtes Kapit el. „Du haſt ihm alles geſagt?“ „So ziemlich, immerhin aber noch Dieſes und Jenes in Reſerve behalten, d. h. Einzelheiten. Das allgemeine weiß er jetzt, und wenn er ſich auch krümmte wie ein Wurm, er mußte nachgeben, da ich jetzt nicht mehr nachgab. Die näheren Beſtimmungen habe ich noch ver⸗ ſchoben, er war gar zu betäubt.“ „Es iſt immer der Vater!“ murmelte er kopfſchüt⸗ telnd. „Deßwegen habe ich dies auf mich genommen,“ ſagte ſie, während ſich ihre Brauen leicht zuſammenzogen.— „Aber was ſchwatzen wir davon!— Biſt du ſicher, daß ſie gefangen ſind, daß ſie nach G. abgeliefert werden? Woher weißt du das?“ „Ich hörte von der Expedition in G. und kehrte dann gleich zurück, um wo möglich noch Rettung zu verſuchen. Unterwegs begegnete mir aber ſchon Einer, der aus dem alten Schloſſe trotz der Bewachung entſprungen war. Es war eben zu ſpät.“ „Und dennoch—!“ meinte ſie nachdenklich.„Steffen muß es inzwiſchen erfahren haben— er hat ja immer jemand bei der Hand— es geht, ſo viel ich weiß, durchs Bertelshöfer Holz—“ „Zu ſpät!“ ſagte er ſinſter.„Du ſchlägſt die Ent⸗ fernungen nicht an, noch die wiederum faſt grundloſen Wege.“——. „Und du weißt etwas von deiner Verhaftung?“ fragte ſie nach einer neuen Pauſe im früheren Tone. „Nein,“ entgegnete er,„aber ich würde es unnatürlich Karſten Herbart. 157 finden, wenn ſie nicht beabſichtigt wäre. Wollen ſie ein⸗ enes mal durchgreifen, ſo können ſie mich nicht auslaſſen. In ꝛeine wie weit ich im Uebrigen compromittirt werde, weiß ich ein nicht, aber ſchon dieſes Verſteck in Ober⸗Rhoda genügt nehr hinreichend.“ ver⸗„Alſo ſchwimmt!“ ſprach ſie lebhaft. Und nach ein paar Sekunden ſetzte ſie hinzu:„Aber was ſtehen wir hüt⸗ hier draußen! Laß uns hinein, es gibt genug zu thun. Der Vetter muß zum Papa, damit der Alte meinen agte Wunſch wegen ſeiner Verwendung nicht vergißt. Von Dreiheiligen müſſen wir ſogleich Nachricht durch Janſen's daß Fritz haben. Es geht vielleicht beſſer als wir denken. den? Iſt's etwa nur ein Handſtreich?— Sind ſie ſtark genug, um los zu ſchlagen— auch gegen euch?“ dann Sie hatte dieſe letzten Worte ſchon im Vorzimmer hen geſprochen, wo Fanny ihnen raſch entgegenkam und den dem Arm der Herrin nahm, während Eberhard den Pelzrock 6s auszog, aus deſſen Taſchen er ein Paar Terzerole langte und zu ſich ſteckte. ffen„Du biſt ganz aus dem Häuſel!“ meinte Hebe bei mmer dieſem Anblicke mit leiſem Lächeln.„Was fürchteſt du? urcs— Biſt du auf deinem Wege hieher nicht ganz beſtimmt verfolgt und erkannt worden, ſo weißt du wohl, daß du im Ent unglücklichſten Falle immer auf ein paar Stunden ſicher biſt. gſen„Damit, wenn ſie nach mir ſuchen, auch Leo verloren iſt!“ warf er ungewöhnlich bitter hin. 1„Ah bah!“ ſagte ſie.„Du biſt noch betäubt, Eber⸗ ag⸗ hard, ſonſt könnteſt du nicht ſo mit einem Schlage alles 3 Vertrauen verloren haben!“ irlich ———„—— ———————OCQOꝭ(Zqdd—— 158 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. „Du haſt eben nicht, wie wir, ſeit ſechs Jahren ſtets nur einen Gedanken, eine Hoffnung, eine Arbeit ge⸗ habt,“ erwiderte er wie vorhin.„Es wiſſen ſelbſt von uns wenige, was in Ober-⸗Rhoda verloren geht, allein ich weiß es,— und wenn es iſt, wie ich fürchte, ſo iſt für uns hier alles zu Ende. Auf uns einzelne Menſchen kommt es nicht an. Aber das!“— Sie warf ihm einen brennenden Blick zu und öffnete die Lippen— im nächſten Momente wandte ſie ſich jedoch an Fanny und fragte raſch:„Der Fritz ſchon zurück?“ „Noch nicht,“ entgegnete die Zofe;„aber es iſt ein Anderer drinnen, der—“ „Ein Anderer?“ fragte Hebe wieder raſch und zog das Mädchen ungeduldig dem voranſchreitenden Bruder nach. Und im nächſten Augenblicke ſah ſie in dem Ge⸗ mache, welches gewöhnlich zum Aufenthalte für Fanny diente, die breite und ſchwere Geſtalt Karſten Herbart's ſich von einem Stuhle erheben, auf den er ſich müde nie⸗ dergelaſſen hatte, und zugleich hörte ſie auch Eberhard zürnend ſprechen:„Karſten?— Aber iſt denn die ganze Menſchheit heute Morgen toll geworden, daß nun auch du am helllichten Tage durchs Land läufſt und uns das Unheil vollends über den Kopf bringſt?“ „Geduld, Geduld!“ erwiderte der Schiffer in einem faſt jovialen Tone, und durch das rothbraune Geſicht und die kühnen Augen zuckte etwas von einer ſchier luſtigen Laune. Von dem halb finſteren, halb verdrießlichen, reiz⸗ baren und heftigen Weſen, das wir früher an ihm be⸗ merkt, ließ ſich heut noch weniger ſpüren, als an jenem Karſten Herbart. 159 ſets denkwürdigen Ueberfalls⸗Abend.„'s geht los, Hert! Das ge⸗ Kellerhocken und im Buſch ſitzen hat ein Ende, wir müſſen non heraus. Und da ich von Eurem Ritt nach G. wußte und leen dann, daß Ihr hier wäret, mußt' ich ſchon her, um Ver⸗ iſ haltungs⸗Befehle zu holen. Die wälſchen Gaffer ſcheue hen ich nicht—'s iſt übrigens auch keiner um den Weg. Und wenn auch— mein Boot liegt bei der Förſterei, nete dahin komm' ich immer, und dann Adjes!“ doc„Wie ſieht es drüben aus?“ fragte Eberhard finſter. 2„So ſeid ihr vollſtändig überrumpelt, und es iſt alles hin?“ di„Wer ſagt das, Herr?“ verſetzte Karſten lebhaft.„Es iſt nichts hin, als die beiden unglückſeligen Menſchen— e kinder, und wenn wir uns ein wenig rappeln, leſen wir lder auch die noch wieder auf.“— be⸗„Kommt vor allen Dingen mit hinein,“ ſprach Hebe, und bot im Vorbeigehen dem alten Burſchen die Hand Kn und ſchüttelte die braune, harte Fauſt mit einem freund⸗ an lichen Lächeln.„Ich muß zur Ruhe— ihr könnt leicht 6 ſtehen und ſchwatzen wie geſunde Leute.“— Und ſie ging had voran in ihr Zimmer; die Männer folgten, und Karſten an erzählte das Genauere von dem, was die Geſchwiſter bis— auch 3— 1 her nur ſo zu ſagen in den Umriſſen erfahren hatten. 1 Das alte Schloß zu Ober⸗Rhoda war eines der we⸗ nigen Bauwerke, welche in dieſen Landſtrichen wirklich inen aus früheren Jahrhunderten herſtammen. Es war das und Stammhaus der Familie, aber bereits ſeit dem Ende des ſigen ſiebzehnten Jahrhunderts von derſelben, die nach Nieder⸗ b0 Rhoda überſiedelte, geräumt und eigentlich niemals wieder n be⸗ bewohnt worden, da ſelbſt der Verwalter des Gutes in enem ———QOQOO.Oꝭ,ñ⸗O'ñUů¾-——— 160 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. einem neueren Nebengebäude hauſ'te. Es war für den uralten, winkligen und düſteren Bau nie etwas Rechtes geſchehen, und wäre er eben nicht gar ſo maſſiv geweſen, ſo würde er längſt in Ruinen zuſammengeſtürzt ſein. Von dieſem Looſe waren jetzt nur einzelne Theile betrof⸗ fen, andere zeigten ſich ziemlich gut erhalten und hätten zur Noth ſchon noch ein Unterkommen gewährt, wäre ein ſolches, was freilich nicht geſchah, jemals für irgend je⸗ mand in Frage gekommen. Aber auch nur zur Noth und nicht einmal für jedermann; denn die noch bewohn⸗ baren Theile waren einerſeits ſchwer zugänglich, da man zu ihnen faſt nur durch andere, bereits in Ruinen lie⸗ gende gelangen konnte, und andererſeits gingen, was un⸗ ter dieſen Umſtänden ſehr erklärlich war, von dem ganzen Bau und beſonders von ſeinen noch ſtehenden Partieen die allerunheimlichſten Sagen und Gerüchte im Lande um⸗ her, ſo daß ſich ſchon um deßwillen ſchwerlich jemand zu einem Aufenthalte in dem alten Eulenneſte verſtanden hätte. Nach allem dieſem wird es erklärlich ſein, daß das Schloß den Patrioten als der beſte Ablagerungsplatz für alles, was zum Aufſtande dienen ſollte, und als ein nicht unpaſſender Zufluchtsort für diejenigen erſchien, welche im Lande zu bleiben wünſchten, ohne ihre Anweſenheit be⸗ kannt werden zu laſſen. Eugen hatte Wochen lang daſelbſt verweilt, und nun war auch Hoven dort einquartiert wor⸗ den. Der Bau bot, wie alle ſeines Gleichen, mehr als einen Verſteckplatz, der, ſelbſt wenn eine neue Unterſu⸗ chung durch die Franzoſen ſtatt fand, ausreichenden Schutz ——Q—Q—Q·CQCQ·——. Karſten Herbart. 161 gewährte. Die Lage war obendrein ſo günſtig wie mög⸗ lich, hart an dem großen, ſogenannten„rothen“ See, auf allen übrigen Seiten von dem gänzlich verwilderten alten Garten und dem ſtets näher herandringenden Walde um⸗ geben. Die Flucht war überall leicht, die Verfolgung ſchwierig, zum Theil unmöglich. Und zu allem Anderen kam, daß der Verwalter, der einzige Nachbar, ein glühen⸗ der Feind der Fremden, und daß unter den Dorfbewoh⸗ nern, welche mehr als einmal durch Einquartierungen ſchwer gelitten, noch weniger ein Verräther zu finden war, als ſonſt irgendwo.— Daß Vial neulich aus einem Gewölbe der großen Keller entwichen war, hatte zwar allen ein mehr oder minder großes Unbehagen eingeflößt; indeſſen beruhigten wieder das raſch eintretende, den Anblick jeder Gegend verändernde Thauwetter, der Zuſtand und die folgende Krankheit des Flüchtlings, die vergeblichen Nachforſchungen der Franzoſen, endlich die augenblickliche Unbewohntheit des alten Gebäudes— wir wiſſen, daß Eugen manche Tage in Nieder⸗Rhoda blieb. Ja, gerade das Gelingen von Vial's Flucht hatte alle Eingeweihten noch ſicherer gemacht. Das Verſchwin⸗ den des Offiziers war bald entdeckt worden, und der Weg, den er genommen, konnte nur Einer ſein, ſo daß man in Kurzem ſeine Verfolgung begann, welche aber trotz der Ortskenntniß und dem Eifer der Verfolger be⸗ kanntlich vergeblich blieb. Man hatte ſeitdem den ver⸗ ſteckten Schleichweg, auf dem er entronnen, gänzlich unzu⸗ gänglich gemacht und mit der größten Vorſicht auf alles Hoefer, Fremdherrſchaft. III. 11 ——————.4 2——— 162 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Acht gegeben, was für das Schloß und ſeinen Inhalt gefährlich werden zu können ſchien. Fehler kommen frei⸗ lich überall vor, und ein ſolcher war es, daß Hoven und Eugen bei ihrer letzten Rückkehr von Nieder⸗Rhoda beob⸗ achtet worden, ohne daß ſie ſelbſt oder Eberhard und die Seinigen etwas davon erfuhren. Man wußte jedoch auf das beſtimmteſte, daß dieſe Beobachtung nur in der Nähe von Nieder⸗Rhoda ſtatt gefunden und ſich auf keinen Fall bis zur Erforſchung ihrer Zufluchtsſtätte ausgedehnt haben könne. Es blieb räthſelhaft, wer und wie derſelbe gerade auf Ober⸗Rhoda und zwar mit ſolcher Sicherheit gerathen, wie alle Vorbereitungen zu dem Ueberfalle ſo ganz ge⸗ heim betrieben worden, daß dieſer wie ein Blitz aus freiem Himmel hereinbrechen und— zum Theil wenigſtens— den erwünſchten Erfolg haben mußte. Man hatte in G. ſo gut wie allerwärts gute und treue Augen und wußte nirgends von Verrath, und dennoch war das Unternehmen ſo vorſichtig eingeleitet und in Gang gebracht worden, daß nach keiner Seite hin etwas davon verlautete, als bis es zu ſpät war. Karſten Herbart hatte mit Anderen am vergangenen Abend ein paar Bootsladungen Munition und Waffen von einer engliſchen Brigg an Land und in Sicherheit geſchafft und war mit einigen Geſellen in den Schloß⸗ kellern geblieben, um, weil die Vorräthe ſich häuften, an ihrer knapperen Zuſammenſchichtung zu arbeiten. Da meldete Morgens bald nach ſieben Uhr ein hereinſtürzen⸗ der Lauerpoſten, daß die Franzoſen wie aus der Erde gewachſen rund um das Schloß her und vermuthlich ſchon Karſten Herbart. 163 eingedrungen ſeien— etwas, das ſich bei der raſch ange⸗ ſtellten vorſichtigen Unterſuchung alsbald beſtätigte. Hoven und Eugen, mit denen, welche ſie bedienten, waren nicht mehr zu warnen, noch zu retten, und der Feinde ſchie⸗ nen zu viele, als daß die wenigen Treuen vom Keller aus hätten einen Angriff verſuchen können. Man begnügte ſich mit den Vorbereitungen zu einer nachhaltigen Ver⸗ theidigung der Gewölbe und Vorräthe, und dann eilte Karſten mit zwei oder drei entſchloſſenen Leuten hinaus, um zu ſehen, was ſich dort etwa noch unternehmen laſſe. „Ich ſprengte ſie nach Dreiheiligen, dem Heidenring und Unterwiek, den Letzten ins Dorf ſelber, von wo er nach G. ſollte, und ich lief ins Bertelshöfer Holz,“ be⸗ richtete der alte Schiffer aufgeregt weiter, aber man ſah's ihm dabei an, daß er nichts weniger als grimmig, viel⸗ mehr noch immer in ſeiner wildluſtigen Laune war.„' war gut, daß das Wetter ſo dick und daß im Buſch zu— mal ein Nebel liegt, daß man kaum noch ein paar Schritte vorwärts ſehen kann. So mögen wir durchgekommen ſein, denn verdamm' meine Augen, wenn nicht alles voll dieſer wälſchen Brut ſteckt und ich nicht mehr als einen der Schufte beinahe angerannt bin. Aber es ſind blinde Eſel— ſie ließen mich durch, wie ich wollte, und hart hinter dem Kreuzwege hatte ich die ganze Proſtmahlzeit vor mir.“ „Du ſahſt ſie?— Du ſahſt den Zug?“ riefen die Geſchwiſter faſt zugleich. „So ſah ich,“ verſetzte er lebhaft.„Die Herren beide auf ihrem Strohwagen— unſer junger Herr ſah ver⸗ zweifelt grimmig aus, der Andere deſto kälter— und 53 164 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. ein paar Leute mit ihren Flinten neben ihnen; die Es⸗ corte, die ganze Bagage—“ „Und die Escorte— Franzoſen?“ forſchte Eberhard, dem man es anſah, daß er, nachdem die Sorge in Betreff der Gewölbe und der Vorräthe von ihm genommen, wieder zu ſeiner gewöhnlichen ernſten Ruhe zurückgekehrt war und hinter der hohen Stirn alles erwog, was demnächſt geſchehen mußte und konnte. „Yes, Franzoſen,“ ſagte Karſten Herbart ernſter. „Die Reiter erkannt' ich gleich— es waren von den Jägern zu Pferde, die ſchon immer in G. lagen— das Fußvolk war in ſeinen Capot⸗Röcken und ich dachte zuerſt an die Weſtfälinger, bis ich ihr Gewälſch hörte. Es waren an die hundert und mehr Mann und ſie gingen mit aller Vorſicht, als wären ſie nicht eine Sekunde vor einem Angriffe ſicher. Und bei Nelſon's Donnern, hätte ich dreißig, vierzig von meinen Jungen gehabt, ich hätte ſie auch alle mit'nander zum Teufel gejagt. Wären wir nur ein Dutzend geweſen, ſo hätte ich ihnen die beiden Herren abgejagt— ich hatte auf meine eigene Fauſt ge⸗ nug Luſt zu ſo was und ſchon meine Puffer in An⸗ ſchlag—“ „Du biſt wahnſinnig, Geſell!“ fiel Eberhard kopf⸗ ſchüttelnd ein. „s hat ſich was mit wahnſinnig!“ erwiderte Karſten lebhaft.„Ich hab's ja nicht gethan, obgleich die Ver⸗ ſuchung für einen Menſchen, wie ich, groß war— hab' da ein rundes Vierteljahr und länger im Hafen gelegen, wie ein ausgedienter Vierundſiebziger, hab' mich grün und Karſten Herbart. 165 gelb geärgert über die Brut und ihr Wirthſchaften, alle Fäuſte jucken mir und alle Knochen drücken mich— und nun ſeh' ich einmal einen ſo ſtaatsmäßigen Skandal vor meinen ſehenden Augen— ˙s war kein Spaß, Herrſchaf⸗ ten! Aber ich dachte an meinen kahlen vernünftigen Kopf und— da ließ ich's. Ich habe ihnen nur ſo ein kleines Wahrzeichen gegeben, daß Freunde um den Weg.“ „Karſten— Menſch, du biſt unverbeſſerlich!“ rief Eberhard faſt zürnend, während Hebe mit unverhohlenem Wohlgefallen auf den alten tollkühnen Burſchen ſah.„Du nimmſt das alles ſo kinderleicht—“ „Na, wozu denn ſchwer?“ fiel Karſten ein, und ſein Auge leuchtete ſcharf und keck.„Ich denke, daß es nun einmal losgehen wird, und geht's einmal los,— dann— 's iſt auch nur Kinderſpiel!— Die beiden Herren jam⸗ merten mich, ich konnt's nicht über's Herz bringen und mußte ſie an mich erinnern, und da ſchrie ich ihnen Eins zu, wie unſere Möven thun, wenn Unwetter kommt. Sie haben's auch alle richtig gehört, und Herr Eugen könnte mich ſogar geſehen haben, er guckte wenigſtens nicht in die Luft, wie die anderen Narren, ſondern recht auf mich. Und nun bin ich hier, fertig und parat zu allem hand⸗ lichen Thun,“ ſchloß er und ſchlug mit der Fauſt auf's Knie,—„was ſoll's geben?“ Gräfin Hebe lachte ihm heiter zu, das war ein Mann des Volkes nach ihrem Herzen; und auch Eberhard ver⸗ mochte dem alten wilden und doch goldtreuen Geſellen nicht gram zu ſein, zumal er durch ſein tolles Thun der guten Sache und den beiden Verhafteten nur genützt und— ſo 166 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. oder ſo— die ganze Macht der Franzoſen verhöhnt und das Einzige gethan hatte, was einſtweilen zu thun war. Der Graf war aufgeſtanden und ging im Zimmer gedankenvoll auf und ab, ohne es anſcheinend zu bemer⸗ ken, daß Hebe ihn mit Spannung und der alte Schiffer mit ſteigender Ungeduld beobachteten. Endlich ſprach die Erſtere raſch und entſchieden:„ſo ſeid ihr alſo eure Haupt⸗ ſorge los, und ich frage mit Karſten: was nun? Du denkſt ſo Gott will nicht daran, die Hände in den Schooß zu legen und—“ „Geduld!“ unterbrach ſie der Graf, ohne ſeinen Schritt anzuhalten.„Ich bin eben gleichfalls bei der Frage: was nun?— Geſchehen muß und wird etwas, denn, ob auch in Ober⸗Rhoda unſer Material unverſehrt geblieben, was ich am meiſten fürchtete, zum Säumen iſt dennoch keine Zeit. Die Franzoſen gehen ſchnell in dergleichen und—“ er ſchüttelte den grauen Kopf—„es wäre nicht unmöglich, daß heute Abend ſchon das Aeußerſte geſchieht, wenn wir nicht vorbeugen. Ich ſehe nur nicht, wie wir gerade hier vorbeugen wollen. Auf des Vaters Einmi⸗ ſchung gebe ich gar nichts—“ „Und ich dennoch!“ unterbrach ihn Hebe.„Er muß, und wäre es auch nur, um einen Schritt aus ſeinen alten Intriguen heraus zu thun, der ſich nicht zurückmachen läßt. Und ſie haben Verpflichtungen gegen ihn, die Eugen we⸗ nigſtens nützlich werden müſſen. Gegen den können ſie überdies nicht ſo raſch vorgehen, es wäre ein offenbarer Mord; und eine Unterſuchung muß ſich einige Zeit hin⸗ ziehen— das, was wir wünſchen. Mit Hoven freilich—“ noch ichen nicht hieht, wir nmi⸗ Karſten Herbart. 167 ſie brach ab, und es war ein faſt träumeriſcher Blick, der dem Auge des Bruders begegnete, während ſie hin⸗ zuſetzte:„Wenn ſie ihn wirklich erkennen, ſo finde auch ich wenig Ausſicht für ihn. Und Monſieur Auguſt iſt in der Stadt.— Vater Steffen iſt ja aber ein all⸗ mächtiger Mann nach eurem Glauben— hier wäre Ge— legenheit, ein Stück von dieſer Allmächtigkeit in Anwen⸗ dung zu bringen.“ Graf Eberhard überhörte abſichtlich die Bitterkeit, die in dieſen letzten Worten lag, und verſetzte einfach:„Du irrſt, Hebe, hier iſt Steffen machtlos. In der Stadt hat er den Einfluß nicht, wie hier bei uns, und von außen iſt da nichts zu thun. Wir können nicht daran denken, mit unſeren Mitteln gegen die ſtarke Beſatzung hinter Wall und Mauern vorzugehen, und ſelbſt wenn wir Er⸗ folg hätten, was nützt uns das für dieſen Fall? Es iſt das alte Lied— iſt es an der Zeit? Wird der Aufſtand, wenn wir ihn beginnen, jetzt bei den Nachbarn Wieder⸗ klang und Halt finden? Und ſelbſt dann— hier auf dem Lande, vereinzelt, können wir nicht losſchlagen; ſchlagen ſie in den Städten nicht los—“ „Sie ſchlagen los!“ fiel da Karſten Herbart ein, der dem raſchen Geſpräche ſo gut er's vermochte gefolgt war. Er ſtand auf und ſchon in dieſer Bewegung, in der ruhig feſten Stellung, die er fortan behielt, lag eine Art von Vertrauen erweckender Kraft und Energie, von Muth und Sicherheit. „Der Herr Graf hat Recht,“ fuhr er fort,„der Steffen iſt da drinnen nichts nutz, ihr könnt ihn hier 168 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. draußen auch nicht entbehren, mir ſchwant ſo etwas, als wenn es trüben in der Heide zum letzten Strauß kommen würde, und da braucht ihr den Steffen, es führt euch nie— mand, wie er. Und der Herr Graf hat Recht— ſie müſſen auch drinnen anfangen, wenn es uns was nützen ſoll. Und dafür bin ich gut. Dazu liegt mein Boot drunten. In einer Stunde bin ich in G., und wenn ſie bis dahin die beiden Herren noch leben ließen, ſo will ich ihnen einen ſolchen Spectakel anrichten, daß ſie ihr Pulver und Blei noch knapp genug finden ſollen!“ Es lag in dieſen Worten und, um es zu wieder⸗ holen, auch im ganzen Weſen und Gebahren Karſten's ſo viel Zutrauen erweckende Feſtigkeit und Tüchtigkeit, und die Geſchwiſter wußten nicht von dieſem oder jenem wilden und tollen Streich allein, ſondern auch von mehr als einer Gelegenheit, wo Muth, Entſchloſſenheit und Geiſtesgegenwart erforderlich waren, ſchon ſo lange und ſo gut, wie viel man von dem alten rauhen eiſernen Geſellen verlangen und erwarten könne, daß ſie in ſeinen Worten und Verheißungen nichts mehr zu bezweifeln fan⸗ den. Sie wußten überdies, daß in dieſen Gegenden und unter dieſen Klaſſen von je her eine Art von Geheimbund beſtand, der niemals ausdrücklich zu einem beſonderen Zwecke oder bei einer beſonderen Gelegenheit abgeſchloſſen wurde und der dennoch ſtets exiſtirte, von dem niemand etwas Beſtimmtes wußte und auf den ſich dennoch jeder⸗ mann gelegentlich verließ. Dieſe Leute hielten zuſammen, ohne ſich zu verabreden; ſie waren einig, ohne viel Worte zu machen. Und ein alter Burſche, wie Karſten Herbart, Karſten Herbart. 169 als der nicht nur als„befahrener Schiffer“ bekannt und von men Gewicht, ſondern auch ſeiner geiſtigen wie körperlichen nie⸗ Kräfte wegen ſo zu ſagen berühmt war, konnte überall ſie und zu jeder Zeit darauf rechnen, bei jedem Unternehmen hen fröhliche Theilnehmer in Ueberfluß zu finden. Er hatte vot etwas von dieſem Einfluß ſchon bei dem nächtlichen Ueber⸗ ſie fall des Schloſſes und bei der feſten Beherrſchung ſeiner ic Begleiter gezeigt, und es war gar kein Zweifel daran, lver daß er bei irgend einem ähnlichen Streiche, ſo weit man ihn auf- und abwärts kannte, alle Leute ſeines Schlages der⸗ zur Hand haben konnte. u's Es iſt ein eigen Ding um dieſe Küſten⸗Bevölkerung, feit, ſo in den Städten, wie in den Dörfern. Es ſind Schif⸗ em fer und Fiſcher, oder ſie hängen ſo oder ſo genau mit ehr dieſen beiden Klaſſen zuſammen und erhalten durch die⸗ und ſelben das durchaus eigenartige Gepräge, welches ſie von ünd allen Binnenlands⸗Bewohnern auf das ſchärfſte unter⸗ ten ſcheidet. Mögen dieſe Burſchen auch noch ſo kalt und ren ſchweigſam, mögen ſie noch ſo geſetzt und grauköpfig ſein, an⸗— es lebt und lauert etwas in ihnen, das nur eines un Winkes, eines leiſen Anſtoßes bedarf, um hervorzubrechen ud— das iſt ein tiefes Gefühl für Recht und Unrecht und ren ein verbiſſenes, zähes, eiſernes Feſthalten an dem einen, ſen ein unüberwindlicher, finſterer Trotz gegen das andere; nnd und es iſt eine eben ſo unüberwindliche Luſt zu und an der tollen Streichen, an ſolchen, die ſo zu ſagen wie ein Blitz 3 aus freiem Himmel hereinbrechen und auch wie ein Blitz nte jeden Widerſtand zu Boden werfen,— je toller, deſto in beſſer, je kecker, deſto lieber,— je unvernünftiger und 6 4 4 14 170 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. ausſichtsloſer nach der Anſicht ruhiger Bürgerköpfe, deſto williger aufgenommen, und deſto entſchloſſener, muthiger und tollkühner durchgeführt. Und wo ſie dergleichen hören oder ſehen, kann man darauf— um einmal in ihrer Sprache zu reden— fluchen, daß kein Mann dieſer Art an der Küſte iſt, der, mag er auch äußerlich den Kopf ehrbar dazu ſchütteln, innerlich nicht— je nachdem!— entzückt darüber iſt oder unglücklich, daß er nicht ſelber daran Theil genommen. Von der Stimmung, welche zur Zeit unſerer Erzäh⸗ lung dieſe Leute erfüllte und beherrſchte, brauchen wir nicht aufs neue zu reden. Die Unterdrücker hatten nir⸗ gends ſo entſchiedene Feinde und ſo glühende Haſſer, als unter dieſen Klaſſen. Und als Karſten Herbart die Ein⸗ quartierung aus ſeinem Hauſe ſchlug und dann die Hütte in die Luft ſprengte, fand man in dem letzteren Thun keine unſinnige That und keine durchaus zweckloſe Renom⸗ mage, ſondern man ſah darin etwas, zu dem ſich unter Umſtänden noch mehr als Einer tollkühn entſchloſſen ha— ben möchte; man ſah darin ein Feuerzeichen für Feind und Freund, und vor allem— wäre Karſten perſönlich auch keinem Menſchen bekannt geweſen, in dieſen Kreiſen hätte fortan ſein bloßer Name und ſein erſtes Wort ge⸗ nügt, ihn mit einer Schar von entſchloſſenen, gehorſamen und willigen Anhängern zu umgeben. In allem, was ſo oder ſo mit der See in Berührung kommt, ſteckt etwas von dem Schiffs⸗, und zwar etwas von dem Kriegsſchiffs⸗ dienſt— ein unwillkürliches Anerkennen der einmal vor⸗ handenen Autorität, Ordre pariren und Subordination. önlich Kreiſen ort ge⸗ tſamen was ſo etwa⸗ chiſ al vor natiol! Karſten Herbart. 121 Wer ſie führt und ſich nicht als ganz unbefähigt dazu erweiſ't, der hat ſie, und ſie folgen ihm blind und unbe⸗ dingt bis in den Tod. Das alles wußten die Geſchwiſter, das wußte Kar⸗ ſten; er hatte Recht, zu verſprechen, ſie hatten Recht, zu vertrauen, und Graf Eberhard fing an, die weiteren Vor⸗ bereitungen zum wirklichen Ausbruche mit dem Alten zu bereden, als endlich Vetter Chriſtian ſich einſtellte. Der alte Herr ſchien ſeine Wunderlichkeiten draußen gelaſſen zu haben; ſein kleines gefurchtes Geſicht zeigte einen Ernſt, wie man ihn in dieſen jovialen Zügen gar nicht für mög— lich gehalten haben würde. Ohne daß man erfuhr oder begriff, woher eigentlich, wußte er ſchon von allem, war bereits beim Grafen Hartmuth geweſen, um ihn zu der Fahrt nach G. anzutreiben— der Wagen halte angeſpannt vor dem Portal, und er brachte nun ſeine eigenen neueſten Nachrichten. Die Truppen, welche man Morgens, nicht weit von Nieder⸗Rhoda, erblickte, hatten ſich ſeitwärts ins Land gezogen, als ſeien ſie nach L., einer kleinen, hinter der Heide gelegenen Stadt, dirigirt, die einen nicht unwich⸗ tigen„Paß“ ſowohl gegen die alten preußiſchen Provin⸗ zen, wie auch gegen das M.ſche bildete. Dahin hatten ſich auch andere Colonnen gewandt, die noch früher hinter Ober⸗Rhoda herum marſchirend erblickt worden, und zur Erklärung dieſer plötzlichen Beſetzung jenes Platzes diente jetzt die beſtimmte Nachricht, daß am Mittwoch, den 24. Februar, in Hamburg der erſte Aufſtand wirklich begon⸗ nen, daß von Magdeburg her eine kleine Truppenzahl 98 172 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. ins M.'iſche hineingezogen ſei und ihren Marſch trotz aller Proteſtationen gegen die diesſeitige Grenze aufs höchſte beſchleunige. „Das darf nicht ſein!“ rief Eberhard und ſprang auf.„Hier gilt es mehr als ein paar Menſchenleben! Vorwärts, Karſten, in die Stadt und fange an; wäre es möglich— heut Abend noch ſollten die Sturmglocken durch's ganze Land ertönen. Ich muß augenblicklich nach Dreiheiligen— Steffen—“ Und als hätten ſie auf dieſen Moment gepaßt, ſo kamen zugleich von der anderen Seite die beiden jungen Gräfinnen mit Leo herein und Sophie Magdalene flog auf Hebe zu und rief glühend vor Aufregung:„Iſt es wahr, Tante, was Stephanie's Jungfer uns eben entdeckt — iſt Eugen aufgehoben und nach G. geführt? Und ihr habt das geduldet? Und ihr ſitzt hier und debattirt? Und wir erfahren droben nichts davon—“ Aber ſie erhielt noch keine Antwort, denn in eben dieſem Augenblicke wandte ſich die Aufmerkſamkeit Hebe's ſo gut wie aller der Thür des Vorzimmers zu, durch welche Fanny gerade den kleinen, von Hebe nach Drei⸗ heiligen expedirten Boten hereinſchob, der triefend und be⸗ ſpritzt, aber keck und unbefangen ſich der ſchönen Gebiete⸗ rin näherte, ohne von den Uebrigen anſcheinend Notiz zu nehmen. „Geduld, Eins nach dem Anderen!“ ſagte Hebe, in⸗ dem ſie Sophie Magdalenens Hand ergriff und dem er⸗ regten Mädchen zulächelte.„Eugen und Hoven ſind feſt, aber unvergeſſen. Hier kommt vielleicht, was in der ganzen Sache Drehhe aller Karſten Herbart. 173 Sache den Ausſchlag gibt. Rede, Fritz, wie ſieht's in Dreiheiligen aus? Was meldet Steffen?“ Und der Knabe berichtete. Den Auguſt habe man nicht aus den Augen verloren, ließ der alte Schäfer mel⸗ den; man wiſſe, daß er es auf den Knaben abgeſehen, mit Geld zu einer längeren Reiſe verſehen ſei und ſchon die Fahrt auf einem nach Holſtein beſtimmten Küſtenfah⸗ rer bedungen habe. Sei das Unternehmen gegen das Kind zur Ausführung gebracht, ſo müſſe letzteres ſchon wieder bei der Mutter, und der Diener in ſicherem Ge⸗ wahrſam ſein. Und von den anderen Vorgängen meldete der Alte, daß er ſo gut wie alle Welt den Ueberfall von Ober⸗Rhoda zu ſpät erfahren. Erſt gegen ſieben Uhr ſei ihm die erſte Kunde von marſchirenden Truppen zugekom⸗ men, welche jede Botſchaft aus der Stadt ſo gut wie jede in das alte Schloß zu ſchickende Warnung, vor allem aber eine wirkliche und thätige Hülfe verhindert und un⸗ möglich gemacht hätten. Durch Dreiheiligen ſei eine Co⸗ lonne gezogen, ohne ſich indeſſen aufzuhalten. Er ſelber ſei unbeläſtigt geblieben und habe die Kunde von dem Geſchehenen ſchon zu verbreiten begonnen. Graf Eber⸗ hard finde alles vorbereitet, er möge nicht ſäumen, zu kommen. Der Schäfer wußte gleichfalls, daß der Feind den Zug durch das M.'ſche wieder aufgenommen und daß die Heranziehenden der Grenze ſich bis auf zwei Märſche ſchon genähert hätten. „Alle Mann nach oben!“ rief Karſten Herbart und drehte ſich auf dem Abſatze um.„In einer Stunde bin ich in der Stadt— ihr ſollt bald genug von uns hören.“ 174 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Graf Eberhard, der ebenfalls aufgeſtanden war, faßte ihn an der rauhen Jacke und hielt ihn zurück:„Sachte!“ ſagte er.„Ein paar Worte mußt du noch hören. Zu⸗ erſt— bis wann meinſt du drinnen ernſtlich losſchlagen zu können? Wir dürfen uns nicht um eine Stunde ver⸗ fehlen, Karſten!“ Es trat in das kühne Auge des Schiffers etwas wie ein momentanes Nachdenken. Er ſenkte es auch und rech⸗ nete an den Fingern. Dann blickte er wieder auf und den Grafen an und verſetzte:„Richtig, euer Gnaden! Das dürfen wir nicht. Alſo, wenn ſie was gegen die Herren verſuchen, kann ich ihnen ſchon zu heute Abend einen Spectakel verheißen, daß ihnen die Ohren klingen und ſie ſich vor dem Aeußerſten noch ein wenig beſinnen werden. Zu einem wirklichen handfeſten Thun kommen wir aber nicht vor morgen oder übermorgen; dieſes Land⸗ ratten⸗Geſindel und die ganze Krämer⸗Bagage muß erſt ſein Teſtament machen und Abſchied von Weib und Kind nehmen. Ich kenne das. Für Eins ſteh ich ein— wenn die Herren in G. ſitzen und noch am Leben ſind, ſo ge— ſchieht ihnen nichts oder ich hole ſie auch vorweg und ganz und gar heraus—'s wäre vielleicht das Aller⸗ ſicherſte,“ ſetzte er nachdenklich hinzu;„ihr hättet hier draußen Zeit und wir drinnen hätten ſie auch, und über⸗ morgen fiele den Herren Wälſchen der ganze Himmel auf den Kopf.“ „Richte das, wie du kannſt,“ ſprach Graf Eberhard ernſt; ſein Auge war klar und die Stirn milde.„Bis übermorgen iſt das Land unter Waffen, dafür bürge ich. Karſten Herbart. 175 aßte Hätten wir nur Hoven frei! Auf den haſt du vor allen htel Anderen zu achten. Und nun zum Zweiten— wo ſtecken Zu⸗ deine Leute?“ agen„Allerwärts und nirgends,“ erwiderte Karſten mit ver⸗ einem faſt ſchelmiſchen Aufleuchten des Blickes.„Aber ſie wiſſen jetzt ſchon, was los iſt, und Vater Steffen wie wird ſie gleich zur Hand haben können. Und nun adjes, rech Herrſchaften! Wenn ihr's in G. brennen ſeht, ſind wir im und Gange!“ Und den Anweſenden kurz zunickend, wandte er nen! ſich der Thür zu. n die„Mit Gott, Karſten!“ rief ihm Hebe nach. lbend Er warf nur den Kopf zurück und die ſcharfen Augen. ngen„Ja, aber zuerſt mit uns ſelbſt, Gnaden!“ rief er.„Da nie wird ſich der Alte droben auch nicht lumpen laſſen!“ mmen Und damit war er aus der Thür, und Stephanie, die Land⸗ am anderen Fenſter ſtand und träumend hinausſchaute, F elſ ſah ihn ſchon ein paar Sekunden darauf mit dem kleinen gin Fritz dem Strande zutraben.— venn Die Zurückbleibenden waren eine Weile ſtill; Graf p ge Eberhard ging wieder ein paarmal durchs Zimmer. Jund Endlich wandte er ſich, wie zum Entſchluſſe gekom— Aler men, zu ſeiner Schweſter und den Anderen zurück und t hie ſagte:„Nun alſo, mit Gott, wiederhole ich. Ich breche über auf, ihr ſollt auch von mir bald hören. Seid vorſichtig 1 auf und ruhig. Ich denke, ihr werdet hier nichts zu befürch⸗ ten haben, und im Uebrigen vertraue ich euch einſtweilen lard Leo an, bis wir ihn—“ erhe—„ 8 1 Durch das ſtolze, offene Auge des Offiziers flog et⸗ 3 was wie ein Schatten.„Sie denken doch nicht, daß ich de dh 176 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. hier auf der Bärenhaut liegen werde, während ihr draußen in Gefahr und Kampf ſeid?“ unterbrach er Eberhard's Worte in faſt heftigem Tone.„Das kann nicht Ihr Ernſt ſein, Onkel, wenigſtens wird nichts daraus.“ „Hitzkopf!“ meinte Eberhard mit freundlichem Ernſt, ‚ich ſpreche nur aus, was ich für nöthig halte. In die⸗ ſen erſten Tagen kannſt du dich nur gefährden—“ „Mehr als ihr euch alle, Onkel?“ „Ja, mehr als wir alle. Vergißſt du, daß du ge⸗ ächtet biſt? Weißt du, ob wir reuſſiren?“ „Doch, Onkel, doch! Der alte Gott wird ſich nicht lumpen laſſen, wie euer Karſten eben ſagte!“ „So wollen wir hoffen. Aber was kannſt du nützen — gerade in dieſen Tagen? Vom Kampfe, wenn wir ſo weit ſind, will ich dich nicht zurückhalten, aber jetzt— vergiß es nicht, Nieder⸗Rhoda iſt ſehr ſchutzlos und birgt doch gerade jetzt dein eigenes höchſtes Kleinod—“ „Gewiß nicht Onkel!“ rief der junge Mann mit blitzen⸗ den Augen.„Das Vaterland und die Ehre gehen allem Uebrigen vor, und beide rufen mich hinaus. Sophie Magdalene—“ und er legte den Arm um das neben ihm ſtehende Mädchen und küßte ihr dunkles Haar—„So⸗ phie Magdalene ſteht in Gottes Hut, wie wir alle. Sie wird mich ſicher nicht von meiner Pflicht abweichen ſehen wollen!“ „Gewiß nicht, Onkel, gewiß nicht, Leo!“ entgegnete ſie und ſchmiegte ſich feſt an ihn.„Sollteſt du darum fünf Jahre lang in der Fremde den allgemeinen Feind bekämpft haben, um nun in deiner Heimat zu feiern? ußen ard' Ihr Ernſt, rützen wir /0t- birgt vlitzen⸗ — &☛ G gegneie darum Feind feierm Karſten Herbart. 177 Wir ſtehen in Gottes Hut! Geh' mit Gott, mein einziger Freund— meine ganze Liebe, mein ganzer Segen gehen mit dir! Mein heißes Flehen wird dich und dein und un⸗ ſer aller Wohl in Gottes Hand befehlen!— Und wenn alles umſonſt iſt, Leo,“ fuhr ſie fort und ſchlang ihre Arme um ſeinen Hals und küßte ihn heiß und raſch auf Mund und Augen—„du weißt, wie ich, daß es eine heilige Sache iſt, für die du kämpfſt und fällſt! Und du wirſt von droben vielleicht meine Thränen ſehen und mei⸗ nen Gram, aber verzagen und mit Gott hadern werde ich nie. Wir können nicht ohne Opfer ſiegen, und fordert Gott ein ſolches von mir— ich beuge mich unter ſeinen Willen. Wird das Vaterland glücklich und frei, wollen wir Einzelnen gern leiden!— Adieu, Leo! Gott ſei mit dir!“ Sie ſprach das alles feſt und raſch, leuchtenden Blickes, während Stephanie, die herangetreten war, ſich zitternd vor Bewegung auf die Lehne von Hebe's Stuhl ſtützte, während dieſe Letztere ſelber mit einem ſchwer⸗ müthigen Lächeln und feuchten Augen auf das Paar blickte und ſelbſt Eberhard und Vetter Chriſtian ihre Er⸗ ſchütterung nicht verbargen. Ja, in des alten Vetters Auge zuckte es ſo wunderbar, als ſeien auch ihm Thrä⸗ nen nahe. Leo richtete ſich auf. Und ohne das Mädchen aus ſeinem Arme zu laſſen, wandte er das glühende Geſicht gegen Eberhard und ſagte gedämpft:„Sie hören das, Onkel—“ „Ja, ich höre und ſehe!“ fiel dieſer ein und legte die Rechte auf Sophie Magdalenens Haupt.„Gott laſſe dir 5 Hoefer, Fremdherrſchaft. III. 12 ————— 178 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. deinen Muth und dein Vertrauen, Kind!— Mache dich alſo in Gottes Namen fertig, Leo.— Fanny—“ und er wandte, wie die Uebrigen, den Kopf der hereinſtürzen⸗ den Zofe zu—„beſtelle uns— was gibt es, Kind?“ unterbrach er ſich, denn er ſah wohl die fieberhafte Auf⸗ regung des Mädchens. „Herr Graf, es ſind Gensd'armen im Hauſe,“ ſtam⸗ melte das Mädchen.„Sie fragen nach Ihnen— nach dem Herrn Grafen— der Hausmeiſter vermochte mir kaum einen Wink geben zu laſſen, daß die Pferde parat ſtehen— ſie ſind noch nicht nach hinten gekommen.“ „Und Detlef?“ fragte Eberhard raſch. „Bei den Pferden, Herr Graf.— Karſten Herbart wurde gleich von einem Douanenboote verfolgt, hatte aber Vorſprung. Und Fritz, der ihn zum Strande begleitete, hat drüben von dem Douanenpoſten her einen kleinen Trupp gegen die Dünen eilen ſehen, als wollten auch ſie hieher—“ In dieſem Augenblicke trat Leo, der ſchon bei Fan⸗ ny's Eintritt ſich von ſeiner Braut losgemacht und das Gemach verlaſſen hatte, bereits wieder herein, einen Säbel umgeſchnallt und Piſtolen in den Gurt geſchoben, die Mütze in der Hand. „Vorwärts!“ rief ihm der Onkel entgegen.„Detlef muß ſein Heil auf ſeinen zwei Füßen verſuchen! Adieu, Hebe, Adieu ihr alle!— Nach G., Vetter, wenn es noch nicht zu ſpät iſt!“— Und nachdem er ſich zu Hebe ge⸗ beugt und ihr einen raſchen Kuß auf die Stirn gedrückt, eilte er hinaus, von Leo nach einem eben ſo flüchtigen rbart aber feitete, leinen auch Fan⸗ d das Säbel n, die „Detlef Adieu, 65 noch ebe ge⸗ gdrüct ühhigen Karſten Herbart. 179 Abſchiede gefolgt. Auch Vetter Chriſtian verließ gleichzei⸗ tig durch eine andere Thür das Gemach; mit ihm ver⸗ ſchwand Fanny. Die drei Damen blieben bleich und ſchweigend zurück und horchten in den rieſelnden Regen hinaus—— Es war eine ſo lange Zeit vergangen, daß ſie die Entwichenen ſchon in Sicherheit glauben konnten, als drunten, wo die Nebenthür ins Freie führte, zwei ſchnell auf einander folgende Schüſſe fielen und ſie aufſchrecken ließen. Sophie Magdalene ſprang zu dem nächſten Fen⸗ ſter und ſchaute hinaus; allein ſo weit ſie ſehen konnte, erblickte ſie in den Parkwegen nichts mehr von den Flücht⸗ lingen, und als Fanny gleich darauf wieder hereintrat, meinte auch ſie, daß die Herren davon gekommen ſeien und die Schüſſe wohl Detlef gegolten haben möchten, der ſich durch den Park den Ställen zugewandt habe.— Sie erfuhren nichts von draußen, noch aus dem Schloſſe, es blieb auch alles ſtill; aber als Fanny das nächſtemal auf Recognoscirung nach unten wollte, wurde ſie am Fuße der Hintertreppe von einem dort eben auf⸗ geſtellten Poſten barſch zurückgewieſen. Es dürfe niemand das Schloß verlaſſen, hieß es, und jedermann habe ſich in ſeinem Zimmer zu halten. Gleich nachdem ſie wieder oben war, hatte ſie bei ihrer Gebieterin einen jungen Of⸗ fizier einzuführen. „Meine Gräfin,“ meldete er höflich,„mein Chef, der Oberſt⸗Lieutenant Vicomte von Vial, läßt den Damen anzeigen, daß er eine Durchſuchung des Schloſſes, ſo wie deſſen einſtweilige Beſetzung anzuordnen gehabt habe, je— 180 Siebenundzwanzigſtes Kapitel.— Karſten Herbart. doch die Ruhe der Damen und ihre Zimmer reſpectiren laſſen werde, falls die Gräfin verſichern könne, daß außer den Damen und ihrer Dienerſchaft niemand darin ver⸗ weile. Verlaſſen dürfen auch Sie jetzt Ihre Gemächer nicht.“ Comteſſe Hebe neigte mit einem gleichgültigen Lächeln ihr ſchönes Haupt.„Sehr wohl, mein Herr,“ verſetzte ſie.„Wollen Sie Ihrem Chef melden, daß in meinen und meiner Nichten Zimmern niemand Fremdes verweilt, und daß ich daher hoffe, er werde ſein Verſprechen auch in Bezug auf ſeine eigene Perſon halten, mein Herr.— Iſt mein Vater nach G. abgefahren, zum General Renaud?“ „Bis jetzt nicht, meine Gräfin,“ erwiderte der junge Mann.„Der Herr Oberſt⸗Lieutenant hat die Fahrt für unnütz erklärt, da General Renaud in dieſen Tagen zu beſchäftigt ſei, um andere als dienſtliche Meldungen und Vorträge entgegennehmen zu können. Ein ältlicher Herr verhandelt aber noch mit dem Vicomte..— „Meine Kinder,“ ſprach Hebe, als ſie wieder allein waren, zu den beiden zürnend darein ſchauenden Nichten, „ich verſtehe es ſelber nicht, was Renaud bewogen hat, gerade Vial wieder zu uns zu ſchicken. Allein ich halte denn doch uns für geſund, und ihn für— nicht geſund genug, um noch allenfalls mit einander fertig werden zu können. Was hilft's, wir müſſen eben warten und Char⸗ pie zupfen lernen. Das ſoll auch angenehm und unter⸗ haltend ſein.“ ren ßer ver⸗ ht. heln ette inen 27 Achtundzwanzigſtes Kapitel. It In der alten Kommandantur. ud!“ unge Betenen an annee“ 3ife e fi Neehorage enſetwene m zu Dazu die Seligkeit. welestr. und Hert Mit dem Schlage halb Zwei, als die Glocken in G. eben zur Nachmittags⸗Kirche zu läuten begannen, ſchoß in allein den Hafen der Stadt ein Boot hinein und war im näch⸗ hten, ſten Augenblicke bereits zwiſchen den reihenweiſe ankernden hat, Schiffen verſchwunden, welche zu dieſer Zeit hier nicht halte allein wie üblich ihr Winterquartier gefunden hatten, ſon⸗ eſund dern der„Continentalſperre“ wegen mit Ausnahme der en zu Küſtenfahrer ſchon ſeit Jahr und Tag ihre eigene Halt⸗ char⸗ barkeit und die Geduld ihrer Schiffer und Mannſchaften unter⸗ erprobten. Es war ein kleines Ding, das Boot, und war zuletzt nur durch die Riemen des einzigen Mannes vorwärts getrieben worden, der an ſeinem Bord zu ſehen war, denn die Segel hingen ſchwer von dem anhaltenden, nebelartig —— ₰△ 182 Achtundzwanzigſtes Kapitel. feinen, aber durchdringenden Regen, und es ging auch kaum ſo viel„Luft“, wie Knaben für ihre Nußſchalen⸗ Flotten auf dem Teiche gebrauchen. Trotzdem trieb es vor den Armen des Mannes wie ein Pfeil vorwärts, ſo daß die Schildwache auf der Höhe des alten Stadtwalles, der hier baſtionartig vorſprang, und die zwei oder drei Burſchen, welche auf dem Hafendamme umherlungerten, ihre helle Freude daran hatten. Weitere Beobachter gab es anſcheinend nicht, denn das Wetter war, wie geſagt, ſchlecht und höchſtens für Schildwachen gut genug oder für müßige Matroſen, welche von Zeit zu Zeit einmal etwas vom Hafen und ihren Schiffen ſehen müſſen. Im Uebrigen aber hätte ſolche Beobachtung auch nichts genützt, denn nachdem das kleine Fahrzeug zwiſchen den Schiffen verſchwunden war, würde nur das Auge ſeines Herrn oder ein ſehr erfahrener See⸗ mann es vielleicht wieder aufgefunden haben unter der Schaar ſeines Gleichen, welche hier überall zu finden waren. — Das Douanenboot, welches eine Viertelſtunde ſpäter in den Hafen ruderte und etwa ſeinen Vorgänger verfolgt hatte, gab daher auch jede Nachforſchung auf und legte bei dem nächſten Stadtthore an, wo zwei Leute daſſelbe verließen und nach flüchtiger, erfolgloſer Umſchau in die Stadt gingen. Anſcheinend, wiederholen wir, hatte dies alles keine weiteren Beobachter gefunden, als die angeführten, für welche obendrein dergleichen Erſcheinungen etwas zu Ge⸗ wöhnliches waren, als daß ſie nach dem Anblicke noch weiter daran gedacht hätten. In Wirklichkeit aber wurde der H Auger Minut Mann ſchen das n bald; dem Scheit enen geſtatt fridg 2 In der alten Kommandantur. 183 der Hafen und was in ihm vorging von vortrefflichen Augen gemuſtert, und in demſelben Augenblicke, als fünf Minuten nach der Ankunft des erſten Bootes ein ſtarker Mann auf dem Deck von einem der größeren Schiffe er— ſchien und mit ausnehmender Gewandtheit von dieſem auf das nächſte und wieder auf das folgende und ſo weiter bald zu ſpringen bald zu klettern begann, ſagte hinter dem kleinen Fenſter, welches mit ſeinen verräucherten Scheiben dort über der Stadtmauer ſichtbar war und einen freien Ausblick über den Hafen und die Schiffe geſtattete, ein anderer Mann laut und mit hörbarer Be⸗ friedigung:„Gott verdamm' mich, da iſt Karſten Herbart! — Fertig und parat, Jungen!“ „Allſtunds, Schiffer!“ verſetzten die vier bis fünf handfeſten Geſellen, welche im Hintergrunde des Zimmers bei ihrem Grog und ihren Pfeifen ſaßen, wie aus einem Munde. Und wieder eine Sekunde ſpäter waren die Gläſer gelehrt, und die Burſchen trollten ſich aus dem Gemach und aus dem Hauſe, blieben noch ein paar Schritte in der engen Straße bei einander und trennten ſich beim Eintritt in eine breitere nach verſchiedenen Seiten. Das ging alles ſo raſch und zugleich ſo gemüthlich vor ſich, wie möglich, und wer ſie aus der Gaſſe herauskommen, ſich trennen und weiter ſchlendern ſah, meinte vielleicht: „'s iſt ſeltſam, was unſere Seeleute ſolid werden! Gehen zur Kirchenzeit wirklich aus der Schenke— vermuthlich in eine andere.“— Karſten Herbart, denn er war's, hatte inzwiſchen längſt das Land erreicht und ſpazierte, genau als ſei er 184 Achtundzwanzigſtes Kapitel. ein Deckwächter, der ſich für eine Weile von ſeinem Dienſt dispenſirte und in der Stadt ein wenig Unterhaltung nach ſeiner langen Einſamkeit ſuchen wollte, behaglich ins nächſte Thor hinein, an dem verdrießlichen Poſten vorüber und verſchwand in der ſchon erwähnten Gaſſe und dem Hauſe, deſſen Fenſter auf den Hafen hinausſah. Da ſtieg er die Treppe hinauf, trat in das kleine Zimmer, ein kräftiger Handſchlag ſchallte und Karſten ſprach:„Heidi, Chriſtopher!— Signal: fertig zum Gefecht!“ „Gottlob,“ erwiderte der Andere mit einem kurzen Kopfnicken.„Die Jungen ließen ſich auch faſt nicht länger halten. Es war jeden Tag drauf und dran, daß wir die ſchönſte Meuterei an Bord hätten!“— Die Stadt G. iſt, wie manche der an dieſer Küſte gelegenen Städte, nicht allein von ihrer früheren Wohl⸗ habenheit, ſondern auch von der vordem in ihr hauſenden Volkszahl weit heruntergekommen. Der dreißigjährige und der nordiſche Krieg und die folgenden faulen, ſtumpfen und dumpfen Zeiten haben alles in Verfall gerathen laſſen, was hier zur Zeit des Mittelalters gegründet und ge⸗ pflegt wurde. G. traf es in ſo fern beſſer, als manche ihrer Schweſterſtädte, weil die Lage des Ortes und der Hafen zu vortheilhaft waren, um ſie auf die Länge zu überſehen, und ſeit der Mitte des vorigen Jahrhunderts hatte man, obgleich die Nachbarſtadt S. viel größer war und daher auf den Vorzug, den G. fand, ſehr eiferſüchtig wurde, hieher zeitweiſe die Regierung der Provinz und das Ober⸗Kommando über die vorhandenen Truppen ver⸗ legt. Locale zur Placirung dieſer Behörden gab es im Ueber dern leer E in g fern nahm. durch und k die S deiten Kanz weiten aufge verlo ſerli Kor gep Kor dürf und kon rige wel Gä de ienſt tung ˖ins rüber dem ſtieg wein veidi, urzen nger r die Küſte Cohl⸗ enden eund mnpfen aſſen, d ge⸗ anche d der ge zu nderts In der alten Kommandantur. 185 Ueberfluß, denn es ſtanden nicht allein Privathäuſer, ſon⸗ dern auch alte Kloſter⸗ und andere öffentliche Gebäude leer und zu jeder beliebigen Verwendung bereit. Ein ſolches war auch das frühere Dominicaner⸗Kloſter, ein großer Complex von Gebäuden aller Art, der nicht fern vom„neuen Markt“ ein ganzes Straßenquadrat ein— nahm. Vorn durch die Brüderſtraße, rechts und links durch zwei Sackgaſſen begrenzt, ſtieß es mit ſeinen großen und kleinen Höfen, Gärten und Gärtchen rückwärts an die Stadtmauer und bot in ſeinen weitläufigen Räumlich⸗ keiten Platz genug für beide Behörden, für Dienſtwohnungen, Kanzleien, Bureaux, Sitzungsſäle und was dergleichen weiter iſt. Das Kloſter war bereits ſeit der Reformation aufgehoben; ſeither hatte ſich auch der Name desſelben verloren, und da ſchon im dreißigjährigen Kriege die kai⸗ ſerlichen und ſchwediſchen, liguiſtiſchen und däniſchen Stadt⸗ Kommandanten an dieſem paſſenden Platze zu hauſen gepflegt, ſo ward das Gebäude allgemein nur„die alte Kommandantur“ geheißen. Es war darin auch, dem Be⸗ dürfniß ſeiner Bewohner gemäß, unendlich viel verändert und umgebaut worden, und die beiden Seiten— Fronten konnte man es bei dieſen verſchiedenen hohen und nied⸗ rigen, an einander geſchobenen Gebäuden kaum nennen— welche nach der Brüderſtraße und nach den Höfen und Gärten zu gelegen waren, boten verhältnißmäßig freund⸗ liche, ja, ſtattliche Wohnungen für den Präſidenten und Kommandanten dar. Anders ſah es freilich auf den andern Seiten, nach den beiden Gaſſen hin, aus. Hier wechſelte ein Stück 186 Achtundzwanzigſtes Kapitel. Umfaſſungsmauer mit einem Gitter, das einen kleinen Hof abſchloß, oder mit einem bis an die Straße vor⸗ ſpringenden alten Giebelbau, der keine Thür und nur wenige unregelmäßige Fenſter zeigte. Hier fand ſich über⸗ haupt nur ein einziger Eingang, welcher in die frühere Kloſterkirche führte, die inzwiſchen aber längſt zu anderen Zwecken verwendet worden war. Hier gab es nichts als Feuchtigkeit und niemals gelichtete Schatten, denn die Gebäude waren hoch und die Gaſſen ſehr eng, ſo daß man von der einen Seite, ſich aus dem Fenſter lehnend, mit der Hand faſt die gegenüber befindliche Mauer hätte berühren können. Gebildet wurde dieſe andere Seite links, welche daher auch Kloſtergaſſe hieß, durch den ziemlich gleich geſtalteten Bau des alten Minoriten-Kloſters, in welchem ſchon ſeit vielen Jahren das Gymnaſium ſeinen Platz gefunden hatte. In der Gaſſe rechts— ſie hieß die„ſchwarze“ Gaſſe, wohl von der Ordenstracht der früheren Kloſterbewohner— ſtanden ein halbes Dutzend Bürgerhäuſer, alte, ſchöne, meiſtens aber ſehr vernach⸗ läſſigte und faſt verfallene Giebelbauten, voll bis unter das Dach mit armen Handwerker⸗ und Taglöhner⸗Familien. Nur ein Haus zeigte ſich unverſehrt und ſtattlich, das einzige, das in der Familie der alten Beſitzer fortgeerbt war. Es wohnte darin der an der nahen Marien⸗-Kirche angeſtellte Pfarrer und Stadt⸗Superintendent Griſchow. Seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts war die „alte Kommandantur“ verlaſſen geweſen. Die Behörden waren einmal wieder nach S. verlegt worden, weil man dort, wie geſagt, auf den Vorzug und Vortheil der Nach⸗ barſtad durch zu Zei lange maßgeb gewann J überge allem, manda des N taillon Stadt iin T um fü man Weg Noße hier ſlehen beie fürch inen vor⸗ nur über⸗ ihere eren In der alten Kommandantur. 187 barſtadt ausnehmend eiferſüchtig und neidiſch war und es durch anhaltendes Petitioniren und Intriguiren von Zeit zu Zeit dahin zu bringen wußte, daß ihr dieſelben ſo lange entzogen wurden, bis nach einigen Jahren an den maßgebenden Stellen wieder andere Anſchauungen Raum gewannen und G. zu ſeinem alten„Rechte“ gelangte. Jetzt waren ſeit vier Wochen die Franzoſen hieher übergeſiedelt, und Renaud ſo gut wie der Präfect mit allem, was zu ihnen gehörte, wohnten in der alten Kom⸗ mandantur. In Seiten⸗Gebäuden und in einem Theile des Minoriten⸗Kloſters war ſogar ein franzöſiſches Ba⸗ taillon caſernirt, während die übrigen Truppen in der Stadt zerſtreut einquartiert waren. In den Gärten ſtand ein Theil des ſich ſtets vermehrenden Artillerie⸗Parks, und um für denſelben bequemere Zugänge zu gewinnen, hatte man hier die alte Stadtmauer durchbrochen und einen Weg durch den inneren Graben zum Walle angelegt. Die großen Munitions⸗Vorräthe dagegen, welche man Anfangs hier gleichfalls abgelagert, hatte General Renaud auf die flehentlichen Vorſtellungen der ſtädtiſchen Behörden, die bei einem etwaigen Unglücke den Ruin der halben Stadt fürchten mußten, fortſchaffen und in einer der alten Baſtio⸗ nen, von der Stadt ſo entfernt wie möglich, unterbringen laſſen. Wir haben den General ſchon mehrfach als einen im Ganzen überaus billigen Mann kennen gelernt. Man kann ſich denken, daß bei ſolchen Bewohnern der alten Kommandantur die Zugänge derſelben von der Brüderſtraße her kaum jemals von Paſſirenden leer wur⸗ den. Ja, die ganze Straße war dadurch noch viel belebter 188 Achtundzwanzigſtes Kapitel. geworden, als ſie ſonſt ſchon durch die luſtige Bevölkerung des Gymnaſiums, und als Verbindungsweg zwiſchen dem Hafen und dem„neuen Markt“ zu ſein pflegte. Sie wurde den ganzen Tag und einen großen Theil der Nacht über nicht ſtill und der Contraſt mit der menſchenleeren Einſamkeit der beiden Nebengaſſen immer größer. In der Kloſtergaſſe zeigte ſich eigentlich niemals ein Menſch, es müßte denn jetzt hin und wider eine Ordonnanz oder ein Bedienſteter die alte Kommandantur durch den hier befindlichen Kirchen⸗Eingang verlaſſen haben. Und in der „ſchwarzen“ Gaſſe war es faſt eben ſo. Die Bewohner der dortigen Häuſer hatten in ihren Wohnungen zu thun, und ihre zahlreichen Kinder ſuchten ihre Spielplätze in der freieren und ſonnigen Straße. Nur Morgens, Mittags und Abends ſah man etwas von den heimkehrenden oder fortgehenden Inſaſſen. Heute aber ſpazierten plötzlich zwei Schildwachen an dem Seitenflügel der Kommandantur auf und ab und beobachteten zwei kleine Fenſter, welche in der Höhe von etwa zehn Fuß über dem Pflaſter die alte, räucherige Mauer durchbrachen und, wenn man ihre geringe Größe, die ſichtbar werdende Stärke des Gemäuers, die Gitter und die ſtaubigen, verräucherten kleinen Scheiben zuſam⸗ menhielt, dem hinter ihnen befindlichen Raume, zumal an einem ſo trüben Tage, nur ein ſehr ſpärliches Licht ge⸗ währen zu können ſchienen. Stiller und todter war es in der„ſchwarzen“ Gaſſe niemals geweſen, als an dieſem regneriſchen Sonntage, und die beiden Schildwachen ſahen mit Ausnahme des Küſter teren den ge an der für ein gierde Milleid de Po und ſi d der B wurde bald k donna haber fu zurüc Garn für e 8 m ncch lacher iehrt nen leſſe ein heſc ind erung dem Sie Nacht keren In enſch, oder hier n der ohner thun, n der ttags oder en an und von jerige röße, Hittet uſam⸗ al an ſt ge⸗ Gaſſe ttage, des In der alten Kommandantur. 189 Küſters, der zum Pfarrer Griſchow ging, und dieſes Letz⸗ teren ſelbſt, als er von der Morgenkirche nach Hauſe kam, den ganzen Tag über faſt keine Menſchenſeele. Selbſt an den Fenſtern der Häuſer zeigte ſich nur ſelten und für ein paar Augenblicke ein Geſicht, das dann mit Neu⸗ gierde— beſſere Beobachter hätten vielleicht geſagt, mit Mitleiden oder gar mit verbiſſenem Grimme— bald auf die Poſten, bald auf die kleinen Fenſter über ihnen ſah und ſich alsbald zurückzog. Deſto lauter und lebhafter war es dagegen heute in der Brüderſtraße, die den ganzen Tag über nicht leer wurde von ab⸗ und an⸗ und vorbeiziehenden, bald größeren, bald kleineren Soldatenhaufen, von eiligen Offizieren, Or⸗ donnanzen; zwiſchendurch kam auch ein höherer Befehls⸗ haber mit ſeinem Stabe oder einer wirklichen Suite, oder es fuhren ſtattliche Equipagen in den Vorhof und wieder zurück. Mittags verſammelten ſich ſogar alle Offiziere der Garniſon in dem Gebäude, um, man wußte nicht was für eine Anſprache des Kommandeurs anzuhören. Aber es mußte eine ernſte geweſen ſein: ſo viele von den meiſt noch jungen Leuten mit gleichgültigen, jovialen oder gar lachenden Mienen hineingegangen waren,— als ſie zurück— kehrten, ſah man nichts als finſtere oder ſorgenvolle Stir⸗ nen und Augen, und ſie gingen meiſtens ſtill oder in leiſer, ernſter Unterhaltung ihres Weges. Um drei Uhr, als ſich das Wetter für den Augenblick ein wenig aufgeklärt hatte, fuhr eine prachtvolle, aber arg beſchmutzte Kutſche vom neuen Markt her heran und lenkte in den Vorhof ein, vor das große Eingangs⸗Portal. Es — 190 Achtundzwanzigſtes Kapitel. 5 † war ein ſtolzes Gefährt, wie man es damals aber bei dem reichen Adel dieſer Gegenden häufig genug ähnlich finden konnte— zwei Diener hinten auf, ein dritter neben dem Kutſcher auf dem Bocke, ſechs gleichfarbige edle Pferde davor, deren vorderſtes Paar von einem Jockey gelenkt wurde, voraus noch zwei Vorreiter auf Pferden von der gleichen Farbe. Die Pferde waren dieſes Mal Jſabellen, deren ſaubere Farbe freilich durch den Regen ſehr gelitten hatte; den Livreen, roth mit Gold, war es nicht beſſer ergangen. Die gegenüber Wohnenden kannten das alles gut genug— das war der alte Graf Hartmuth zu Rhoda auf Nieder⸗Rhoda, deſſen Enkel jetzt hinter den kleinen Gitterfenſtern der„ſchwarzen“ Gaſſe gefangen ſaß. Man hatte dieſen Letzteren heute Morgen, da er eingebracht wurde, wohl erkannt und fand es, wo man von den Fa— milienzuſtänden nichts wußte, nur natürlich, daß der Groß⸗ vater zu ſeiner Rettung herbeieilte. Stand der alte, ſtolze Herr doch mit den franzöſiſchen Behörden ſo gut, wie Keiner außer ihm. Der Wagen hielt, die Diener ſprangen ab, ein ält⸗ licher hagerer Herr ſtieg aus und ſprach auf das lebhafteſte mit einem ihm entgegen eilenden Offiziere noch auf den zur Hausthür führenden Stufen— man konnte faſt glau⸗ ben, daß der Eine ins Haus hinein begehrte und der Andere mit Achſelzucken dieſen Eintritt als unnütz vor⸗ ſtellte; ein zwiſchen ſolchen Perſönlichkeiten und auf dieſer Stelle nicht gerade gewöhnlicher Streit, der aber auch alsbald ſein Ende erreichte, indem einer der Adjutanten rbei nlich neben ferde lenkt der ellen, litten beſſer alles thoda einen Man rracht n Ja⸗ Groß⸗ ſtolze „wie mält⸗ afteſte f den glau⸗ d der — vor⸗ dieſer auch tanten In der alten Kommandantur. 191 des Generals Renaud in der Thür erſchien und augen— ſcheinlich auf die verbindlichſte Weiſe zum Eintritte einlud. Erſt jetzt öffnete ſich der Schlag der Kutſche wieder und ließ den alten Grafen heraus. Wer ihn gekannt und beobachtet hätte, würde den Ausdruck ſeines Geſichtes noch hochmüthiger als ſonſt und deſſen Farbe ungewöhnlich roth gefunden haben. Er machte gegen den Adjutanten eine kaum bemerkbare grüßende Bewegung, ſtützte ſich dann auf den gleichfalls aus der Kutſche hervorgetauchten alten Pierre und mit der anderen Hand auf die goldene Krücke ſeines Stockes und verſchwand langſam und ſchwerfällig im Hauſe. Droben in einem Nebenzimmer des großen Saales der eigentlichen Kommandanten⸗Wohnung trat ihnen Re⸗ naud entgegen. „Mein theurer Graf!“ rief er und ergriff, wie mit wirklicher Herzlichkeit, die Rechte des alten Mannes, der ſich kaum von dem durch das Treppenſteigen hervorge rufenen Huſten⸗Anfall erholt hatte;„entſchuldigen Sie den unartigen Empfang! Wir ſaßen bei Tiſche und er⸗ fuhren nicht ſogleich, daß Sie der Anfahrende geweſen, und der Lieutenant iſt ein junger Mann ohne richtige Unterſcheidung. Er hätte wiſſen können, daß gerade ich den Grafen Rhoda zu jeder Stunde annehme, mögen meine Geſchäfte auch noch ſo gehäuft ſein und meine Be⸗ fehle noch ſo beſtimmt lauten. Obendrein die Veran⸗ laſſung—“ „Dieſe Geſchäfte müſſen in der That ſehr gehäuft und dieſe Befehle ſehr beſtimmt ſein,“ unterbrach Graf 192 Achtundzwanzigſtes Kapitel. Hartmuth erſt jetzt die Anrede in hörbar empfindlichem Tone.„Schlug man mir doch auf Grund derſelben da⸗ heim faſt dieſe ganze Fahrt und die einſtweilige Aufhebung meines Haus⸗ und Zimmer⸗Arreſtes ab!“ „Mein Herr Graf, was reden Sie?“ rief Renaud betreten aus, indem ſein fragender Blick ſich von dem Grafen Hartmuth zu dem daneben ſtehenden Vetter Chri⸗ ſtian wandte, welcher jetzt beſtätigend die Schultern bis an die Perücke in die Höhe zog.„Vor allen Dingen aber nehmen Sie Platz, meine Herren!“ Und erſt als Beide ſich geſetzt und der General zu Pierre geſagt hatte: „Bitte, mein Freund, gehen Sie da hinein und beſtellen Sie bei irgend jemand, daß man uns den Kaffee bringt!“ wandte er ſich wieder zu den Grafen und redete weiter: „Haus⸗ und Zimmer⸗Arreſt? Ich falle aus den Wolken! Sind denn von unſeren Leuten im Schloſſe?“ Graf Hartmuth hielt eine Antwort vielleicht unter ſeiner Würde, er ſah majeſtätiſch und indignirt ſtarr vor ſich hin. Vetter Chriſtian dagegen verzog zuerſt ſein klei⸗ nes Geſicht auf das allerwunderlichſte, faſt als hätte er ſagen mögen: Ah, hab' ich dich, Vogel? verſetzte dann aber in ſeinem alterthümlichen Franzöſiſch:„Und doch, mein Herr General, hat Ihnen der Herr Vicomte von Vial—“* „Vial in Nieder⸗Rhoda?“ fiel Renaud, die Stirn runzelnd, ein. „— vermuthlich Nachricht über dieſe ſtrengen Anord⸗ nungen gegen die Damen und uns und über ſeine end⸗ liche wenie wie and, fuh In der alten Kommandantur. 193 liche Einwilligung in unſere Abfahrt gegeben. Ich ſah wenigſtens eine Ordonnanz vor uns vom Hofe reiten.“ „Die war nicht für mich, es iſt keine Nachricht von dort gekommen, bei meinem Worte, meine Herren!“ ſagte Renaud, und ſeine Ueberraſchung über das Gehörte war zu ſichtbar und augenſcheinlich eine zu unangenehme, als daß man die Wahrheit ſeiner Worte hätte in Zweifel ziehen können.„Ich begreife das nicht! Wie kommt Vial zu euch und vor allem— zu ſo albernen Maßregeln? Die Damen, ſagen Sie, auf ihre Zimmer beſchränkt? St. Amand—“ und er wandte ſich ungeſtüm an den noch im Zimmer weilenden Adjutanten—„auf der Stelle eine Ordonnanz nach Nieder⸗Rhoda, der Oberſt⸗Lieutenant Vial habe ſich zur Aufklärung ſeiner Thorheiten ſogleich hieher zu begeben, alle Maßregeln gegen die Familie auf— zuheben, und wenn nicht ganz beſondere Gründe vorliegen, die Truppen aus dem Schloſſe fortzunehmen. Sogleich! „Aber wir wollen uns durch dieſe Albernheiten eines, wie es ſcheint, noch kranken Kopfes nicht länger von einem anderen, wenn auch traurigeren Thema abziehen laſſen,“ fuhr er fort.„Denn meine Zeit iſt in der That be⸗ ſchränkt. Meine Herren, dies iſt unendlich traurig, allein ich vermag wahrhaftig in dieſer Sache nichts zu thun. Ich habe vor meiner Abreiſe aus dem Schloſſe die Gräfin, Ihre Tochter, vor einem ſolchen Ereigniß gerade gewarnt, — ja, ich habe dem jungen Herrn es in jener Nacht ſelbſt geſagt, daß ich ihn im Falle ſeiner Ergreifung nicht würde ſchützen können. Und nun läßt ſich der Unglückliche auch noch in Begleitung eines gefährlichen und berüchtigten Hoefer, Fremdherrſchaft. III. 13 194 Achtundzwanzigſtes Kapitel. — Hoven, glaub' ich, heißt er— fangen und erklärt auf das beſtimmteſte, daß er ſein Geſchick von dem des Anderen nicht trennen laſſe, daß ſie zuſammenſtehen und fallen! Dieſer Hoven iſt unrettbar—“ „Bah, ſei es ſo! Was geht das uns an?“ meinte Graf Hartmuth, der bisher anſcheinend ziemlich theilnahm⸗ los, zuſammengeſunken auf dem Sopha geſeſſen und ſtumpfen Blickes vor ſich hin in's Zimmer geſtarrt, nun aber den ſchweren Kopf ein klein wenig erhob und die Augen dem General zuwandte, ſo daß dieſer erſt jetzt bemerken konnte, welche erſchreckende Veränderung mit dem alten Herrn vorgegangen war. Vorhin mochte ihn der Verdruß aufgeregt und aufrecht erhalten haben, jetzt aber zeigten ſich die unteren Partieen des Geſichtes zuſammen⸗ gefallen und der ganze Kopf war in einer dauernden zitternden Bewegung, als vermöge er ihn weder gerade, noch ſtill zu halten. „Bah, was geht das uns an?“ wiederholte er jetzt, und man hörte es, daß ihm auch das Sprechen nicht leicht wurde;„machet doch mit dieſem Anderen, was ihr wollt, füſilirt oder hängt ihn— uns kann's Eins ſein. Aber der andere Narr— es iſt nun einmal mein Enkel, Ge⸗ neral, und man ſtellt mir vor, daß ich der Welt wegen zum mindeſten für den Menſchen etwas thun müſſe.— Was macht's Ihnen denn aus, wenn Sie ihn laufen laſſen und uns alle von dem unbequemen Menſchen be⸗ freien—“ General Renaud hatte den alten Grafen ausreden laſſen und wartete auch nun, da er ohne zu vollenden auf beren llen! einte ahm⸗ und nun ddie jetzt t dem mder men⸗ onden erade, itt leicht In der alten Kommandantur. 195 inne hielt, noch eine Weile mit ſeiner Antwort, während er bald den Grafen, bald den wieder ſchweigend die Ach⸗ ſeln zuckenden oder die Perücke ſchüttelnden Vetter mit dunklen, fragenden Blicken muſterte. Endlich aber ſah er ſich im Zimmer um, als wolle er ſich verſichern, daß ſie allein ſeien, und darauf ſprach er:„Ich habe es Ihrer Tochter verſprochen, mich nicht in Ihre Familien⸗Ange⸗ legenheiten zu miſchen, mein Herr Graf, und ich werde das halten. Es freut mich wahrhaft, daß Sie ſelber ſich jetzt freundlicher für Ihren Enkel intereſſiren, allein wie die Sachen ſtehen, werde ich Ihren und meinen eigenen Wünſchen nicht nachgeben können. Der junge Mann hat ſich nicht damit begnügt, wie Andere unſer Feind im Herzen zu ſein, ſondern er hat dieſe Feindſchaft auf eine Weiſe bekundet, die ich nicht nachſehen oder nachſehen laſſen darf. Dieſe Verbindung mit dem Hoven macht ſeine Sache vollends ſchlecht. Sie beweiſ't, daß die Pläne und Corre⸗ ſpondenzen, die man in Rhodenfelde entdeckt, keine Träu⸗ mereien ſind. Denn dieſer Hoven iſt ein Mann der That. Ich muß ein Exempel ſtatuiren. Ich habe gar nicht ein⸗ mal mehr die Macht, einzuſchreiten. Das Gericht hat bereits geſprochen und—“ er zuckte d die Achſeln—„wie die Sachen ſtanden, hatte ich den Spruch lediglich zu be— ſtätigen.“ „Und dieſer Spruch?“ fragte Vetter Chriſtian nach einer Pauſe mit ungewöhnlichem finſterem Ernſte, während Graf Hartmuth den General wieder mit einem ſtumpfen, faſt abweſenden Blicke anſtarrte. HSie werden morgen früh erſchoſſen,“ lautete die 196 Achtundzwanzigſtes Kapitel. gedämpfte Antwort.„Es hätte eigentlich ſchon heute Nach⸗ 1 ffahr mittag ſein ſollen, das widerſtrebte mir aber. Ich wollte und Ihrem Verwandten wenigſtens Zeit laſſen, Abſchied von as den Seinigen zu nehmen—“ Ent „Das darf nicht ſein!“ unterbrach ihn Vetter Chriſtian ſein mit einer überraſchenden Entſchiedenheit und erhob die Vet lange, hagere Geſtalt mit einem Rucke von ſeinem Stuhle. wie „Den Kopf zuſammen genommen, Couſin, hören Sie? ſich ) Es iſt Ihre Sache, wenigſtens Aufſchub zu erwirken. So tert 5 viel ich weiß, ſteht der Vicekönig von Italien noch in ich oder nahe bei Berlin, das iſt nicht aus der Welt. Es fr darf nicht geſagt werden, daß ein Graf Rhoda in ſolcher Noth von den Seinen verlaſſen worden, ja, daß die Sei⸗ N nen—“ der Vetter ſtand nahe vor dem Grafen Hartmuth, zu und ſeine kleinen Augen ſchienen ſich gleichſam hinein zu A bohren in diejenigen, welche der alte Herr langſam und u 1 noch immer mit dem ſtumpfen gläſernen Blicke zu ihm erhob,—„daß ſein eigener Großvater an dieſer Noth R und dieſem Tode beinahe eine Art von Intereſſe gehabt d 4 und durch ſein Handeln die Wahrheit eines alten Gerüchtes 6 zu beſtätigen geſchienen—“ ſ Graf Hartmuth zuckte zuſammen. Daß nun auch der⸗— 1 V jenige, den er bisher halb als Hofnarren, halb als einen 6 nur von ſeiner Güte geduldeten unbedeutenden alten Plau⸗ 1 derer angeſehen, welcher ſich freilich Manches herausnahm, 1* aber nach des Grafen Anſicht dann eben einfach auf die Seite geſchoben wurde,— daß nun auch dieſer von jenen alten Zeiten und obendrein vor dem Fremden zu reden 7 wagte, das war ein Schlag, den er ſelbſt nach allen Er⸗ hder einen plau⸗ ahm, f die jenen reden Er⸗ In der alten Kommandantur. 197 fahrungen des heutigen Tages, trotz ſeiner körperlichen und geiſtigen Stumpfheit, faſt ſchwerer empfand, als alles, was er von Hebe vernommen. Es packte ihn halb mit Entſetzen, halb mit Grimm, es ſchüttelte ihn auf aus ſeiner Verſunkenheit. Er ſah den bohrenden Blick des Vetters, er meinte in dem braunen Auge Renaud's etwas wie eine finſtere Verachtung zu leſen. Sein Körper lehnte ſich ſchwer auf den untergeſtützten Stock, ſeine Lippen zit⸗ terten, und er murmelte:„Aber in des Teufels Namen, ich bin ja zu allem bereit! Nach Berlin reiſen kann ich freilich nicht—“ „Das ſollen Sie auch nicht, Couſin,“ unterbrach ihn Vetter Chriſtian und fügte, ſich an Renaud wendend, hin⸗ zu:„Was meinen Sie, Herr General? Können Sie einen Aufſchub bewilligen, bis ein Courier den Weg hin und zurück macht? Können Sie unſere Bitte unterſtützen?“ Renaud ſtand auf und ging, die Hände auf den Rücken legend, ein paarmal in finſterem Nachdenken durch das Gemach. „Und wenn ich dieſen Aufſchub auf mich nähme,“ ſprach er endlich, wieder vor dem Vetter ſtehen bleibend, —„ich glaube nicht an einen Ihren Wünſchen günſtigen Erfolg. Ich kann Ihre Bitte eigentlich gar nicht unter⸗ ſtützen. Es iſt wahr, jene Pläne und Correſpondenzen ſtammen aus den Jahren 1809 bis 1811; neuere haben ſich nicht gefunden. Aber dieſe Affaire mit Vial, der den Schmugglern überlaſſen wurde und in ihren Händen bei⸗ nahe den Tod fand—“ „Ich denke, das Leben, mein Herr General!“ unter⸗ 198 Achtundzwanzigſtes Kapitel. brach ihn der Vetter kaltblütig.„Und Eugen muß, gerade weil er über das Verbleiben Ihres Herrn Vicomte ſchwieg, genau gewußt haben, daß ihm nichts Uebles bevorſtand.“ Renaud zuckte die Achſeln.„Nun, laſſen wir das. Jetzt kommt noch dazu, daß dieſer Hoven mit ihm zuſam⸗ men war und daß Beide unumwunden erklärt haben, ſie ſtrebten allerdings mit allen Kräften nach der Befreiung ihres Vaterlandes. So heißen ſie's.“ Vetter Chriſtian ſah eine Weile lang ruhig und ernſt vor ſich hin, bevor er das Auge wieder dem General zu⸗ wandte und erwiderte:„Ich will Ihnen einen Vorſchlag machen, mein Herr General. Sie ſind ein Mann von Herz und Ehre; verhandeln Sie mit meinem cher Cousin, welche Wege noch einzuſchlagen bleiben, die jungen Män⸗ ner, wenigſtens den Eugen, den Letzten eines ſtolzen und alten Namens, möglicher Weiſe zu retten, und mich laſſen Sie inzwiſchen verſuchen, was ein alter Mann und ver⸗ nünftige Vorſtellungen über dieſe trotzigen Köpfe vermögen. Vielleicht ſtellt ſich Manches anders heraus, als Ihr Kriegs⸗ gericht es aufgefaßt. Laſſen Sie mich Eugen ſehen, und wäre es auch nur, um ihm die Abſchiedsgrüße der Seinen zu bringen.“ General Renaud ſtreifte, bevor er antwortete, den Grafen Hartmuth mit einem flüchtigen Blicke und fand den Greis wieder wie vorhin zuſammengeſunken und tief in die Polſter zurückgefallen. „Meine Zeit iſt abgelaufen, meine Herren,“ ſprach er dann.„Was ich thun will und thun kann, iſt, daß ich Ihnen einen Aufſchub bis heute über acht Tage be⸗ rade vieg, nd.“ das, ſam⸗ „ſie lung ernſt zu⸗ chlag von 181I!, und aſſen ver⸗ ögen. iegs⸗ und einen den In der alten Kommandantur. 199 willige. Das Weitere iſt Ihre Sache. Ich kann nur das Protocoll einſenden und auf das Alter der Schriftſtücke aufmerkſam machen. Das iſt alles. Ich werde Befehl geben, daß Sie Ihren Verwandten ſehen dürfen. Und nun, meine Herren— laſſen Sie uns ſcheiden. Die Pflicht ruft mich von Ihnen.“ Graf Hartmuth ſchien aus den Wolken zu fallen, als Vetter Chriſtian ihn zum Aufbruche mahnte. Die Aufregung, in die ihn Vial's Anordnungen und Wider⸗ ſtand verſetzt, und der Schreck und Grimm über des Vet⸗ ters Andeutungen waren augenſcheinlich die beiden letzten momentanen Reizmittel für ihn geweſen. Seit ſeinen letzten die beiden Anderen ver⸗ Worten mochte er von dem, was handelten, nichts mehr vernommen haben. „Sie ſind grauſam gegen den alten Mann,“ ſagte Renaud zu dem Vetter, als Pierre und ein zweiter Diener den Grafen hinausführten. „Wie man ſich bettet, ſo liegt man, mein Herr Ge⸗ neral,“ verſetzte Chriſtian mit einer tiefen Verbeugung. „Ein böſes Wort, Herr Graf! Auf Ihren Verwandten Eugen angewandt— „Es iſt nicht anwendbar, mein Herr General. Ich hoffe, ſelbſt Sie, als der Feind von Eugen's Sache, werden einen Unterſchied zwiſchen Dem da vor uns und Jenem in Ihrem Gefängniſſe gelten laſſen, der jede Vergleichung aufhebt. Alſo, mein Herr General— acht Tage Auf⸗ ſchub für die Beiden?“ General Renaud Ihren Verwandten— ja, : rt j Iiir trat einen Schritt zurück.„Für für den Anderen— nein,“ 7 — — — — — — 200 Achtundzwanzigſtes Kapitel. ſagte er kurz und feſt.„Er wird morgen früh erſchoſſen. Und auch dem Grafen Eugen bitte ich keine Hoffnung auf eine Aenderung des Spruches zu machen. Ich weiß, Ihr Verſuch iſt ein vergeblicher.“—— Eine Viertelſtunde ſpäter hatte Vetter Chriſtian den alten Grafen mit ſeiner Equipage abfahren ſehen, indem er ſelber angab, die Nacht bei dem Prediger Griſchow zu⸗ bringen und erſt morgen nach Nieder⸗Rhoda zurückkehren zu wollen, und wandte ſich nun in Begleitung eines Offiziers dem Gefängniſſe der beiden jungen Leute zu. Schweigend durchwanderten ſie die weitläufigen Räumlich⸗ keiten, die langen, faſt ſchon dunklen Gänge des Haupt⸗ und Seitenbaues, bis ſie endlich auf einem kleinen Vor⸗ platz eine Schildwache fanden, welche vor einer ſchweren, eiſenbeſchlagenen Thür auf- und niederging. Der Offizier hieß den Poſten öffnen. „Ich werde hier draußen verweilen, mein Herr,“ ſagte er zu Vetter Chriſtian in höflichem Tone.„In einer halben Stunde aber—“ „Es wird genügen,“ verſetzte der alte Herr ruhig, dem man außer dem ungewöhnlichen Ernſte ſeiner Züge keinerlei tiefere Bewegung anmerkte, und trat ein.— „Vetter Chriſtian!“ rief Eugen, vom Tiſche auffahrend, an dem er mit Schreiben beſchäftigt geweſen.„Wie um des Himmels willen kommen Sie hieher? Auch als—“ „Habe nicht die Ehre!“ unterbrach der alte, wunder⸗ liche Geſell, der eben die Thür hinter ſich ſchließen hörte, in ſeinem gewöhnlichen jovialen Tone, aber gedämpft Eugen's Worte.„Bin noch keineswegs lüſtern danach, mich f von el In der alten Kommandantur. 201 mich füſiliren zu laſſen oder von dem armſeligen Aufſchub von ein paar Tagen zu zehren. Einen ſolchen bringe ich dir, Eugen, von Sr. Excellenz dem Herrn General Re⸗ naud, und verheiße Ihnen, Herr von Hoven, den gleichen im Namen unſeres Schmuggler⸗Generals Karſten Herbart — eigentlich verheißt der Letztere euch ſogar die Freiheit.— Ihr ſeid da, beiläufig geſagt, in einem ſchauerlichen— eigentlich in einem rechten Hundeloche!“— Und in der That, wenn man ſich dieſen traurigen Raum, wie gegenwärtig Vetter Chriſtian, betrachtete, mochte man ſich kaum einen troſtloſeren denken können. Es war ein langes, ſchmales und niedriges Gewölbe mit Stein⸗ platten als Fußboden, die, vielfältig zerſprungen und zer⸗ bröckelt, dem Fuße kaum einen ſicheren, gleichmäßigen Schritt erlaubten und die Kälte und Feuchtigkeit des Ge⸗ laſſes bis zur Unerträglichkeit ſteigerten. Auch die Wände, ſo dick ſie ſein mochten, machten das nicht beſſer. Kalt und ſtarr erhoben ſie ſich bis dahin, wo die Wölbungs⸗ bogen der Decke ſich aus einem ſchmalen Geſims erhoben und, wie zahlreiche Hervorragungen an ihnen bewieſen, waren ſie von gar nicht oder ſchlecht behauenen Stei⸗ nen erbaut. Vor Zeiten mochten ſie einmal mit Kalk getüncht oder beworfen geweſen ſein; ſeitdem war aber die Farbe auf vielen Stellen abgefallen, auf anderen von Staub, Feuchtigkeit und Rauch geſchwärzt und beſchmutzt, und in den Ecken und von der Decke herab hingen die Spinngewebe wie Trauerfahnen. Die kleinen Fenſter endlich in den dicken Mauern ließen nur ein ſpärliches Licht durch die dichten Gitter und ſchmutzigen Scheiben, 202 Achtundzwanzigſtes Kapitel. und obgleich die Uhr kaum vier war, hatte Eugen das Schreiben doch bereits aufgeben müſſen. Von Möbeln zeigte ſich in dieſem Raume nur das Nothdürftigſte, ein Tiſch, ein paar Stühle und endlich eine hölzerne Pritſche, wie man ſie in Wachtſtuben und Gefängniſſen findet. Darauf lagen aber, wie es ſchien, gute Betten, das Einzige im ganzen Gemache, was das Auge einigermaßen befriedigen konnte. Denn ſonſt zeigte ſich nirgends etwas, was auch nur im allerentfernteſten einer Bequemlichkeit, geſchweige denn einem Schmucke ähnlich ſah. Welchem Zwecke dieſer Raum vor Zeiten gedient haben mochte, war nicht zu beſtimmen; nur ſah man, daß er vordem in zwei Theile geſchieden geweſen. Die Spuren einer dünnen Scheidewand zeigten ſich noch an zwei Pfeilern oder plumpen Säulen, welche hüben und drüben aus der Mauer hervortraten. „Ein wahres Hundeloch!“ wiederholte Vetter Chriſtian kopfſchüttelnd und wieder ernſt.„Ich verſtehe den Ge⸗ neral nicht, vorausgeſetzt, daß er von dieſem eurem Locale etwas weiß.“ „Man hat ſich gegen uns entſchuldigt,“ bemerkte Eugen.„Das Geböäude ſei überfüllt—“ „Laßt das alles jetzt ruhen,“ fiel Hoven ein.„Ich glaube, wo und wie wir weilen, iſt jetzt überaus geleich⸗ gültig. Iſt es wahr, Herr Graf, daß Sie für Eugen einen Aufſchub erwirkt haben?“ „Ja, das habe ich. Aber für Sie, mein lieber Herr—“ „Gleichviel, gleichviel! An mir iſt wenig gelegen, mir trauert niemand nach, als vielleicht hier und da ein Freund, und n und je dder hiet l vird ſ daß ich furchtb meine das r das indlich mund ſchien, 3 das gte ſich einer ch ſah⸗ gedient man, Die ch an n und riſtian n Ge⸗ Locale merkte ,30 geleich Eugen r- n, mir teund, In der alten Kommandantur. 203 und wenn es mir auch ſchmerzlich iſt, auf dieſe Weiſe und jetzt, vor dem Kampfe, zu fallen— ein wenig früher oder ſpäter, was iſt daran gelegen? Zudem iſt, was ich hier leiſten konnte, der Hauptſache nach geſchehen, und wird ſich hoffentlich probehaltig erweiſen. Aber der Gedanke, daß ich Eugen mit mir ins Verderben gezogen, war ein furchtbarer! Denn ich fühle— nein, ich weiß es, daß meine Unvorſichtigkeit es war, die uns ins Verderben ge⸗ ſtürzt.— Ich habe niemals ſonſt wie Andere gefühlt,“ ſetzte er mit einem faſt ſchwermüthigen Lächeln hinzu,„ich bin niemals weich und niemals zugänglich geweſen für mildere Gefühle, für Gedanken an etwas wie ein perſön⸗ liches Glück. Und nun, da ich— genug davon,“ brach er ab, und ſein dunkles Auge blickte finſter;„ich ſterbe mit vollem Recht. Man vergißt das Vaterland und unſere heilige Sache nicht ungeſtraft, und ſei es auch nur auf ein paar Stunden eines ſchönen, aber müßigen Traumes.“ Er wandte ſich ab und ſchritt das Gemach entlang. „Hoven!“ rief Eugen ihm erſchüttert nach.„Es iſt noch nicht alle Ausſicht für uns verloren.“ „Nein, ſie iſt es nicht,“ ſagte Vetter Chriſtian in einem gewiſſen bebenden Tone, ohne die Augen von dem Wandelnden abzuwenden.„Im Gegentheil, wenn man, was von Renaud nicht zu erwarten, euch nicht im Ge— heimen und plötzlich abthut, ſo ſeid ihr ſo gut wie ge⸗ rettet. Kommt heran und laßt uns vernünftig und leiſe reden. Horcher können wir nicht gebrauchen, und meine Zeit iſt kurz.“ „Es iſt umſonſt,“ ſprach Hoven, indem er jedoch zu 204 Achtundzwanzigſtes Kapitel. dem Alten trat.„Eugen meinte unterwegs das Signal eures alten, wilden Karſten zu vernehmen— aber was hilft uns das?— Es iſt ein alter Phantaſt, trotz—“ „Schwatzt nicht, ſondern ſtreckt die Köpfe her, ſage ich!“ redete Vetter Chriſtian dringend.„Die Zeit verrinnt verflucht raſch!“— Und als die Beiden ſeinem Wunſche gefolgt und ganz nahe zu ihm getreten waren, ſprach er raſch und leiſe in unaufhörlichem Fluß auf ſie ein und endete erſt, als er den Schlüſſel im Schloſſe drehen hörte.— „Seid verſichert, ich werde eure Mittheilungen ver⸗ werthen und eure Grüße ausrichten, Kinder,“ ſagte er, da der Offizier in der geöffneten Thür erſchien, zu den zurückgetretenen Freunden.„Deine Briefe, Eugen, wird General Renaud ſehen wollen. Und nun keine Weichheit — hoffe, Eugen! Gott nehme Sie in ſeinen Schutz, Hoven!“ — Er wandte ſich ab.— „Noch Eins,“ ſprach Hoven, ergriff ſeine Hand und ſah ihm wieder mit jenem ernſten und ſchwermüthigen Lächeln in die Augen, während ſeine Wangen ein leiſes Roth überflog.„Sagen Sie Ihrer Couſine meinen Ab⸗ ſchiedsgruß und— jetzt mag es ſein, und ſie wird mich nicht mißverſtehen— daß ich in ihrer Gegenwart zum erſten und letzten Male begriffen habe, wie es für das Herz eines Mannes von Ehre doch noch etwas außer dieſer Ehre und außer dem Vaterlande gibt, wofür es heiß und treu ſchlagen darf.— Gott mit Ihnen allen, Herr Graf!“— „Gott mit Ihnen!“ murmelte Vetter Chriſtian nach und verließ ohne ein weiteres Wort den traurigen Raum.— ignal was 4 ſage rrinnt unſche ach er mund !le.— 1ver⸗ te er, n den wird chheit ven!“ d und thigen In der alten Kommandantur. 205 „Freund, ich möchte deine Hoffnungen nicht zerſtören,“ redete Hoven nach einer langen Pauſe und legte Eugen die Hand auf die Schulter und ſah ihm mit tiefem Ernſt in die nachdenklichen, veilchenblauen Augen;„aber gib auch du ihnen nicht zu viel Raum. Das Begnadigungs⸗ Geſuch führt zu nichts. Karſten Herbart's Pläne ſind Phantaſieen, nichts mehr. Aus dieſem Hauſe holt er uns nicht heraus, ſeine Banden richten nichts aus gegen dieſe Schaaren. Und ſelbſt im Falle des momentanen Sieges— Renaud wird gegen uns nur um ſo ſchneller vorgehen. Er kann und wird uns am wenigſten in ſolchem Augen⸗ blicke ſchonen.“ Die Thür öffnete ſich wieder. Ein Corporal brachte eine Lampe— wenn die Herren noch ſchreiben wollten, ſagte er.— Sie thaten es Beide.—— Gegen acht Uhr Abends, als es ſo dunkel war, daß man, der gewöhnlichen Rede nach, nicht die Hand vor den Augen ſehen konnte, paſſirten zwei Bauersleute auf ihren mageren, kleinen, arg abgetriebenen Pferden das gegen die Rhoda'ſchen Beſitzungen gelegene Thor der Stadt. Der Poſten⸗Kommandant, ein Weſtfale, begnügte ſich mit der Angabe, daß der Eine zum Arzt, der Andere zur Apotheke wolle, und ließ ſie ungehindert ziehen Einmal in der Stadt, bogen ſie in die nächſte Gaſſe ein, und fünf Minuten ſpäter eilten Beide, jetzt aber zu Fuß, durch Gaſſen und Gäßchen der Schenke zu, in welche wir am Morgen Karſten Herbart treten ſahen. An den unteren gefüllten und von Lärm durchtobten Räumen gingen ſie vorüber, die Treppe hinauf in das kleine Hinterzimmer, 206 Achtundzwanzigſtes Kapitel. das ſich ihnen jedoch erſt nach einem leiſe abgegebenen Paßworte öffnete. Karſten Herbart ſelber trat ihnen entgegen und prallte, nachdem er das Geſicht des Einen, Größeren, unter dem alten, dreiſpitzigen Hute einen Augenblick verwundert an⸗ geſtarrt, zurück, indem er murmelte:„Bei Nelſon's Don⸗ nern, Herr Leo—“ Der Erkannte legte den Finger auf die Lippen.„Es ließ mich nicht draußen,“ flüſterte er— ſein Begleiter war zu den anderen Männern getreten, die auf das Paar an der Thür gar nicht zu achten ſchienen—„ich kann viel⸗ leicht etwas nützen.— Wie ſteht's?“ „Wie ich ſagte, Herr,“ lautete die Antwort.„Etwas Ordentliches bringen wir bis morgen noch nicht zu Stande, und doch ſollen ſie morgen früh erſchoſſen werden. Es bleibt alſo bei dem Spectakel, den ich ihnen mache. Mit Gewalt freilich iſt nichts auszurichten. Es liegt ein fran⸗ zöſiſches Bataillon in dem alten Neſte. Wir wollen alſo ſehen, daß wir die durch einen tüchtigen Lärm herauslocken und währenddem unſer Heil an dem Gefängniß verſuchen. Es bleibt nichts Anderes, denke aber, es ſoll gehen.“— „Alſo in der alten Kommandantur?“ fragte der junge Mann nach einer Weile.„Ihr wißt natürlich auch das Zimmer?“ „Nichts Zimmer, Herr. Man hat ſie wie Hunde in das alte Loch geworfen, dem Paſtor gegenüber—“ „In das Gewölbe?“ unterbrach ihn haſtig Leo. „Ja, es iſt'ne Schande! In das Hundeloch!— Von draußen iſt nichts zu machen. Die Fenſter ſind zu eng, die 6 füren ebenen prallte, ar dem rt an⸗ Don „Cs er war nar an viel Ftwas tande, 1. G fran⸗ in alſo glocken ſuchen. 1.1 te der h auch nde in In der alten Kommandantur. 207 die Gitter gehen nicht fort ohne Lärm; die Poſten wären für nichts, aber—“ „Es ſtehen Poſten in der ſchwarzen Gaſſe?“ „Ja, zwei. Die wären leicht fortzubringen; aber, wie ich ſagte, die Gitter ſind zu feſt—“ „Genug, Karſten, genug!“ unterbrach ihn der junge Mann ungeduldig.„Könnt Ihr uns ungeſehen aus der Stadt herausbringen?“ „Na, das verſteht ſich von ſelbſt,“ gab der Schiffer mit einer Art von Verwunderung über ſolche Frage zur Antwort.„Wären ſie nur erſt aus dem Loch—“ „Das iſt meine Sache!“ fiel Leo ernſt ein.„Ihr wißt vielleicht, daß ich vordem bei Griſchow in Penſion war. Wenn ich mich recht erinnere, ſtößt der Garten des Superintendenten rückwärts an die Büſchkengaſſe— iſt dort alles ſicher?“ „Ich glaube nicht, daß Patrouillen dahin kommen. Aber wenn auch— ſchafft ſie nur heraus. Dann kommen wir.“ „Gut, haltet Euch um elf Uhr parat. Ich denke, es ſoll noch regnen— 2“ „‚Die ganze Nacht, Herr.“ „Alſo um elf Uhr, und wir müſſen gleich fort. Ein Wort, ein Mann, Karſten!“— Und nachdem er die Hand des Alten gedrückt, wandte er ſich ab, ſchlüpfte die Treppe hinab und aus dem Hauſe, durch die Gaſſen und Gäßchen bis in die Brüderſtraße und ſchwarze Gaſſe, wo er in das Haus des Predigers trat. Die Poſten ſahen ihn wohl, beachteten ihn aber nicht weiter. ¹ wähl Stra Gaſſe in de A wig 3 wege 1 über Zaun Neunundzwanzigſles Kapitel. thlü t 2.. ud ZBei nachtſchlafender Zeit. ne Bei der Parole thät er befehlen Daß man ſollt die Zwölfe zählen Bei der Uhr um Mitternacht; war Dann ſollt' All’s zu Pferd aufſitzen, Gi Mit dem Feinde zu ſcharmützen, Gieb Was zum Streit nur hätte Kraft. Volkslied. gdie gewe Als Leo ſich entfernt hatte, flüſterte Karſten noch hin eine Weile mit dem ältlichen Burſchen, der ihn am Mit⸗ ewa tag hier willkommen geheißen, und dann ging auch er de 1 hinaus, knöpfte ſeinen Schanzläufer bis unter das Kinn war zu, ſchlug die Kapuze über den Kopf und trat in die wär 1 8. 4. 3 Gaſſe hinaus. Es war wie geſagt, ſo dunkel, daß man Jah nicht die Hand vor den Augen ſehen konnte, und wer T g 9 The ſeinen Weg durch abgelegene Gaſſen und Quartiere der in B Stadt zu machen hatte, mußte denſelben genau kennen ri 1 0. Se ee, g.. und ſo zu ſagen inſtinktmäßig verfolgen können, die Au⸗ de . 1.— 3 1 gen waren ihm heut dazu völlig überflüſſig. Aber, Kar⸗ bis ſten Herbart ſchien ein Kenner erſten Ranges zu ſein; er ging nicht, ſondern trabte durch die Nacht und den Regen, mnoch 1 Mit⸗ zuich er Kinn in die man d wer re der kennen je Au⸗ r Kar⸗ ein, er Regen, Bei nachtſchlafender Zeit..209 wählte auch nicht einmal die breiteren und geraderen Straßen, ſondern ſchlug ſich durch Gott weiß wie viel Gaſſen und Gäßchen, Vorhöfe und⸗Durchgänge und ſtand in der kürzeſten Zeit am Garten des Thorſchreibers Lud⸗ wig Brehm, am„Rhodaer“ Thor, wie man's der Kürze wegen hieß. Da ſchwang er ſich über den nicht hohen, aber mit Liguſter und anderen Ranken dicht überſponnenen Zaun, durchſtampfte vorſichtig die naſſe Steige, und ſchlüpfte, nachdem er eine Weile am Hauſe gehorcht und zu dem erhellten Fenſter hinauf gelauſcht, unhörbar in die Hofthür hinein. Das Rhodaer Thor, welches die Wollwebergaſſe ſchloß, war ein uralter, gewaltiger, thurmartig aufſchießender Giebelbau, deſſen obere Räumlichkeiten zur Vertheidigung gedient hatten und mehr als einmal mit Geſchütz beſetzt geweſen waren. JIetzt freilich hatten ſie ſchon längſt nur hin und wider noch einige Gefangene beherbergt, die etwa im ſtädtiſchen Stockhaus kein en Platz gefunden, oder die man ganz beſonders ſichern wollte; denn an Flucht war von dort oben nicht zu denken. Das hatten gegen⸗ wärtig auch die Franzoſen herausgefunden und eine ganze Zahl von denjenigen hinein gelegt, welche man als der Theilnahme an dem Nieder⸗Rhodaer Ueberfall verdächtig in Haft genommen und ſeitdem, ſei es auch nur als no⸗ toriſch unruhige Köpfe, darin behalten hatte. Denn, um dies zu erwähnen, einen wirklichen Theilnehmer hatte man bisher nicht zu entdecken vermocht. Das Haus des Thorſchreibers gehört zu dem alten Gebäude ſo zu ſagen von unten bis oben; es war in die Hoefer, Fremdherrſchaft. III. 14 210 Neunundzwanzigſtes Kapitel. gewaltigen Mauern desſelben hineingebaut und auch ſonſt von der übrigen Häuſerzeile geſchieden, da zwiſchen dieſer und ihm die ſchmale„Wallgaſſe“ in die Wollwebergaſſe hineintrat. An dieſer Quergaſſe lag rückwärts der er⸗ wähnte Garten des Thorſchreibers, nach außen durch die alte Stadtmauer begrenzt und daher nur im aller beſchei⸗ denſten Maße mit Licht und Luft bedacht.— Im Hauſe ſelbſt war die Wohnung des Beamten oben; unten rechts war die Wage, links das Lokal der Thorwache; hier führte auch die Treppe zu den Thorgefängniſſen in der dicken Mauer aufwärts. Die Franzoſen hatten hier aber nur einen Poſten aufgeſtellt, während ſie die Wache in ein Haus vor dem Thore und jenſeits der alten, längſt nicht mehr aufgezogenen Zugbrücke verlegten, von dem aus ſie zugleich die ſich hier ausbreitende große Vorſtadt einiger⸗ maßen im Auge haben konnten. Der Thorſchreiber war unter dieſen Umſtänden gewiſſermaßen zur Ruhe geſetzt und hatte nur noch als eine Art Wärter und Koſtgeber für die Gefangenen zu dienen. Herr Ludwig Brehm ſtand in der Stadt in einem Anſehen, das weit über ſeine Stellung hinausging. Er war in und außer ſeinem Amt ein Ehrenmann, und ſeine Mitbürger erkannten das um ſo bereitwilliger an, da ſie wohl begriffen, daß er im Grunde zu dieſem Amt aus ſeinem früheren Dienſte herabgeſtiegen war— ſeiner Frau zu Liebe. Ein Feldwebel von„Seiner Majeſtät von Preußen erſten Bataillon Garde“ war eine Perſön⸗ lichkeit, wie ihrer nicht allzuviel in der Welt umherſpa⸗ zierten, und jedenfalls eine Acquiſition, deren die Stadt ſonſt dieſer rgaſſe er er⸗ ch die eſchei⸗ Hauſe rechts führte dicken nur mein nicht us ſie jniger⸗ rwar geſett ſgeber einem „ E ſeine da ſie t aus ſeiner qjeſtät gerſön⸗ herſpa⸗ Stadt Bei nachtſchlafender Zeit. 211 ſich rühmen durfte. Man hielt ihm daher ſeinen Stolz auf ſeine frühere Truppe und, da man ſein häusliches Leid und ſeinen grimmigen Schmerz über das bei Jena hereingebrochene Unglück kannte, auch ſeine ſtarre Abge⸗ ſchloſſenheit und Grämlichkeit zu gut, und zwar um ſo lieber, weil man ebenſo wohl wußte, daß der alte Mann trotzdem ein warmes, treues Herz für die Stadt und das kleine Land hatte, wo er nun ſchon ſo lange lebte, und vor allem von dem glühenſten Haß gegen die„Pomaden⸗ helden von Roßbach,“ die Franzoſen, beſeelt wurde. Man ſah endlich in ihm nicht nur den Patrioten, ſondern auch den alten Soldaten, deſſen Erfahrung bei dem vorbereiteten Aufſtande verwerthet werden mußte. Nur war es übel, daß er mit dieſer Erfahrung gleich anfangs jeder Hoffnung der Patrioten und ihren Plänen auf das entſchiedenſte entgegentrat. Mit Jägern, Matro⸗ ſen und Bauern den Feind ſchlagen zu wollen, war in ſeinen Augen der reine Wahnſinn. Für ihn gab es keine andere Ausſicht, als eine Invaſion— ſei es von der See⸗, ſei es von der Landſeite— geordneter Truppen, welche die Feinde aus dem Lande würfen und unter ihrem Schutz der einheimiſchen Mannſchaft Zeit gewährten, ſich zu formiren um ſpäter an dem allgemeinen Kampfe in Deutſchland Theil nehmen zu können. Trotz alle dem war er jedoch keineswegs gegen einen gelegentlichen Ausbruch. Er haßte die Feinde grimmig genug, um dieſem Haſſe alles Andere nachzuſetzen.„Und ſchlagen wir ihnen nur ein paar hundert Mann todt,“ ſagte er wohl grollend,„ſo iſt das zumal jetzt, wo ſie 10 7 —— —— 212 Neunundzwanzigſtes Kapitel. keinen Nachſchuß mehr haben, immerhin ein Vortheil, um den ein paar hundert von uns ins Gras beißen und die Anderen noch ſchwerere Zeit verleben dürfen als jetzt. Schlagt los, ich bin dabei! Ob ich ſelber dahin fahre, iſt partout egal. Daß ich's nicht thue, bevor ich ein paar von den Wälſchen zum Teufel geſchickt, dafür ſtehe ich, und darauf kommt's an, Meſſieurs. Wenn alle ſo denken, das hilft ſich ſchon.“— Als Karſten Herbart jetzt leiſe die Thür zu dem Zimmer öffnete, in dem der Alte Abends hauste, fand er ihn am großen Tiſch in der Mitte des Gemachs ſitzen und beim Licht der kleinen Lampe in einem Buche leſen. Er hielt dasſelbe weit hinter das ſchwache Licht, denn eine Brille trug er nicht, und der Wiederſchein von den weißen Blättern kam ſeiner Tochter zu gut, welche in der Nähe an einer Nähterei arbeitete. Der Knabe— Robert oder Hector— hatte ſich auf einen Schemel neben der Mut⸗ ter niedergeſetzt und den Kopf an ihr Knie gelegt, und eben war von ihr ein wehmuthsvoller und doch leuchten⸗ der Blick zu dem ihr erſt vor wenig Stunden wiederge⸗ ſchenkten Liebling hinabgefallen, als das Geräuſch der geöffneten Thür ſie raſch die Augen erheben ließ. Es gingen in der letzten Zeit bei dem alten Brehm ſo manche Beſucher ein und aus, daß ſie über die fremde Erſchei⸗ nung nicht grade erſchrack. Aber vom Stuhl erhob ſie ſich doch ſchnell und hatte auf Karſtens gedämpftes: „Gut'n Abend bei'nander!“ keine Erwiderung. Der Thorſchreiber ſah jetzt gleichfalls über ſein Buch fort und muſterte den Eingetretenen finſteren Blicks. „um ddie jetzt e, iſt paar ich, inken, dem nd er ſitzen eſen. eine eißen Nähe oder Mut⸗ und chten⸗ derge⸗ der G ranche iſchei⸗ b ſie öftes: Buch Blids Bei nachtſchlafender Zeit. 213 Dann erhob ſich die lange Geſtalt langſam von ihrem Sitz zur vollen, ungewöhnlichen Größe und ſtand und öffnete, da Karſten eben die Kapuze zurückwarf, die Lip⸗ pen zu der, gegen ſeine erſte Intention hörbar veränder⸗ ten Rede;„na, was— das iſt ja wohl der Tollkopf von Nieder⸗Rhoda? So, iſt Er da und kommt in die Stadt? Da wird es denn wohl losgeh'n ſollen?“ „Darauf kann Er Gift nehmen, Thorſchreiber,“ ſagte der Schiffer und trat näher und ſchüttelte ſich, daß die Regentropfen vom Schanzläufer ſtäubten.„Bring Ihm das Signal: fertig zum Gefecht!'s fliegt über's ganze Land, und der Steffen hat mich an Ihn gewieſen. Er kennt hier das Fahrwaſſer, und nun heißt's Kriegsrath halten, daß wir unſere Schiffe auch richtig und nett ins Gefecht bringen und nicht in der wilden Gähre durcheinan⸗ der ſchwabbeln und uns nur die Klüſen einrennen.“ Das ſcharfe blaue Auge des Thorſchreibers maß den Anderen unter den langen weißen Brauen hervor eine Weile mit einem faſt ein wenig verächtlichen Blick, bevor er entgegnete:„alles, was ich von ſeinem Kauderwälſch verſtehe, iſt, daß der alte Hexenmeiſter da draußen nun plötzlich Alarm ſchlagen will. Mag er das thun, mir kann's recht ſein und ich werde nicht fehlen, wenn's ans Todtſchlagen geht. Aber warum grade jetzt, da ſie den Preußen, wie ich höre im Loch haben, und kein Menſch da iſt, der die Dispoſition für das Ganze zu geben ver⸗ mag—“ Er brach ab und fügte die Achſeln zuckend hinzu:„es mag ein wackerer Herr ſein, aber für uns iſt er am Ende wenig nütz— was kann er hier wirken?— ————— 214 Neunundzwanzigſtes Kapitel. und daß wir alle um ſeinetwillen dem Tode in den Rachen laufen ſollen, das find' ich ſündhaft. Denn ge⸗ ſteh' Er's nur, um ihn und den hochgeborenen Herrn Grafen, der mit ihm im Loch, herauszuholen, darum will der Schütze losſchlagen. Er iſt ja„des hohen Hau⸗ ſes gehorſamer Knecht“— das weiß ich. Und daher find' ich's noch ſündhafter, daß alle für ein paar Menſchen ins Gras beißen ſollen, und es iſt noch umſonſt. Wir haben hier in der Stadt gar keine Ausſicht gegen die Truppen.“ Karſten Herbart hatte der Rede mit ſichtbar grimmi⸗ ger Ungeduld zugehört und war augenſcheinlich mehr als einmal einem Ausbruche nahe gekommen. Doch bezwang er ſich— fühlte er ſelbſt den Ernſt des Moments, der jeden Streit und Zank verbot?— und erſt, da Brehm ſchwieg, ſagte er nun ſeinerſeits achſelzuckend:„hör' Er, Thor⸗ ſchreiber, wir haben einander nicht lieb,'s iſt wahr, aber wir haſſen Beide dieſe Crapauds, Gott verdamme ſie, und müſſen darum ſchon eine Weile mit'nander ſegeln. Was Er da ſchwatzt, iſt alles nicht wahr. Um die beiden Herren galt's nicht, wenn wir's auch nicht dulden können, daß man ſie vor unſeren Augen auf dem Sande ſterben läßt. Die hätt' ich auf mich genommen und hätt' ich die alte Kommandantur mit ſammt ihrer ganzen Bagage in die Luft ſprengen ſollen. Nun iſt's nicht nöthig, ſie kommen vermuthlich ſo wieder heraus, ohne Ihn und mich. Aber was Er von den Truppen ſchwatzt— mit dieſen hier werden wir fertig, wo wir zuſammenhalten, ich bürge da⸗ für mit meinem Kopf!— allein, wenn die ſechs⸗ oder den in ge⸗ Herrn grum Hau⸗ daher eſchen Wir in die immi r als ng er jeden hwieg, Thor⸗ abet ie ſie, ſegeln. beiden önnen, ſerben ih die in die mmen Aber n hier ge dar 3 oder Bei nachtſchlafender Zeit. 215 ſiebentauſend Mann dazukommen, die durch das M.ſche ziehen—* „Hollah, was ſchwatzt Er da?“ ſiel der Thorſchreiber lebhaft ein.„Iſt's gewiß? Was ſind das für Truppen?“ „Diviſion Chenier, mit Erſatz für die Hieſigen. Mei⸗ ſtens National⸗Franzoſen. Sollen wir die kommen laſſen?“ „Nix, nix, bi Gott!“ ſagte der frühere Feldwebel und richtete ſich noch ſtraffer auf. Und nachdem er Toch⸗ ter und Enkel mit einem barſchen:„hinaus und aufgepaßt!“ fortgewieſen, ſprach er nach ihrer Entfernung lebhaft wei⸗ ter:„da habt ihr Recht, das darf nicht ſein! Jetzt capir’ ich's ſchon. Die Diviſion will der Steffen wohl oder übel drüben in der Heide packen und wir ſollen ihm hier in⸗ zwiſchen den Renaud vom Leibe halten! Capir' es! Und alſo muß es ſein. Aber ich weiß, daß Colonnen im Lande umherziehen. Wie wird—“ „Zogen, Thorſchreiber, zogen! Bürg' dafür, daß ſie der Steffen ſchon im Sack hat oder ſie morgen hinein⸗ ſteckt.“ „Der Renaud iſt ein General. Er wird Hülfe ſchicken, Herr Herbart,“ bemerkte Brehm gravitätiſch den Kopf ſchüttelnd, daß der Zopf wie ein Uhrpendel über den Rücken des grauen Rocks hin und her ging.„Ihr meint zu faſſen und werdet ſelbſt von allen Seiten ge⸗ faßt. Natürlich iſt die Verbindung zwiſchen dem Suec⸗ curs und den Hieſigen ſchon im Gange.“ „Den Teufel iſt ſie!“ verſetzte der Schiffer derb. „Und laß' Er den Renaud nur ſchicken— deſto beſſer für uns, denn mit der ganzen Garniſon hätten wir's —————— 1 216 Neunundzwanzigſtes Kapitel. nicht leicht, glaub' ich ſelber.'s kommt kein Mann davon durch oder zurück. Der Cordon muß ſchon gezogen ſein.“ „Und der Marbois in S.? Er ſteht uns grade im Rücken, und iſt ein rechter Packer,“ ſagte Brehm nach⸗ denklich.„Wär' ich ein Franzos und hätte was zu ſagen, der Marbois müßte kommandiren, das iſt ein Packer, ſag' ich.“ „Jetzt packen wir ihn, Thorſchreiber! Sie ſollen ihm in S. ſo viel an den Ohren ſchütteln, daß er nach uns nicht herüberhorchen kann.“— Der alte Brehm ſchwieg eine ganze Weile, im An⸗ ſtarren des Schiffers wie verſunken.„Bonus!“ ſprach er endlich.„Und der Herr von— Herr von Hoven kommt ſicher frei?“ „Sicher; geht's nicht, wie der Leo Rettfeld rechnet, ſo hole ich ihn heraus. Wie, weiß ich nicht— Gott ver⸗ damme die Crapauds und die alte Kommandantur!— aber heraus ſoll er und heraus kommt er. Seemanns⸗ wort darauf.“ „Alſo wann rechnet ihr auf den Losbruch?“ „Die Diviſion wird übermorgen die Grenze paſſiren. Zu der Zeit muß der Renaud hier feſt ſein.“ „Alſo morgen oder morgen Nacht. Und was hat Er, und was nimmt Er auf ſich, Herr Herbart?“ „Ja, morgen oder morgen Nacht. Das Signal ſtecken uns die draußen an. Ich nehme die Baſtion vor dem Wildenberger Thor, das Thor ſelbſt, den Hafen, den „alten Markt“ und was dort herumliegt.— Hier muß da nac davon ſein.“ de im nach⸗ ſagen, gacker, n ihm h uns n An⸗ ach er ommt echnet, tt ver⸗ l nanns⸗ ſſiren. hat zignal n vor n, den muß Bei nachtſchlafender Zeit. 217 Er eintreten. Zum„neuen Markt“ glaub' ich ſelber nicht, daß ich Ihm Succurs bringen kann.“ „Und was hat Er dazu, frage ich?“ meinte Brehm nach einer Weile immer nachdenklicher. „Dazu habe ich das Schiffsvolk, das mögen ihrer vierhundert ſein, mehr nicht, aber ſie ſind ſicher. Dann ſind's drüben die Vorthor'ſchen, die Tagelöhner, die Laſt⸗ fahrer und endlich die Schanzgräber, ſo viel nicht von ihnen ſich, wenn ſie die Parol' erhalten, nach Hauſe und zum Steffen trollen. Das mögen denn alles in allem ihrer tauſend bis zwölfhundert ſein; die Weiber und die Jungen dort in den engen Gaſſen können auch was thun, würfen ſie auch dem wälſchen Geſindel nur die Köpfe ein. So rechne ich denn—“ „Daß Er damit den Feinden eine Bataille liefern will?“ fragte der frühere Feldwebel kopfſchüttelnd dazwi⸗ ſchen.„Glaub' Er mir, ein einzig ordentlich Bataillon, wie das in der Kommandantur und im Minoriten⸗Kloſter, jagt die ganze Bagage auseinander. Merkt der Renaud etwas, und das muß er wohl ſo beſetzt er die beiden Märkte und die Thore, braucht die alten Klöſter als Cita⸗ delle und hält euch den Fuß auf dem Nacken, daß ihr euch nicht rühren könnt.“ „Na, wir würden ihn in die Ferſe ſtechen, daß er ihn flugs wieder zurückzieht,“ meinte Karſten gutgelaunt. „Herr Herbart, ich äſtimire ſeine Courage, das glaub' Er mir,“ ſprach Brehm gewichtig und würdig.„Aber Er hat keine Experience und kann ſie nicht haben, was eine Bajonett⸗Attake für einen Effect auf Haufen macht, ———————Q—— 218 Neunundzwanzigſtes Kapitel. welche nicht durch Disciplin und Exercice darauf vorbe⸗ reitet und geſchult ſind. Ich verſichere Ihm, es iſt ſchon für ſolche Truppe ein verfluchtes Ding und keine Kleinig⸗ keit, da Stand zu halten. Ich weiß das von mehr als einer großen Bataille her, wo wir—“ „Ach was, dummes Zeug!“ unterbrach ihn der Schif⸗ fer barſch.„Auch ich bin bei mehr als einer ſolchen Ba⸗ taille geweſen,— am Nil, bei Kopenhagen und Trafal⸗ gar, und in ein paar Dutzend Einzelgefechten meiner alten Fregatte, der Latona. Und daher weiß ich, was ein ent⸗ ſchloſſener Anſturm vermag. Bajonett⸗Attake— dummes Zeug! Wo wollen ſie uns hier in dieſen Gaſſen, Höfen und Spelunken mit Bajonetten in Maſſe zu Leibe gehen? Wir werden keine Narren ſein und ſtill halten. Und hat der Renaud die beiden Klöſter zur Citadelle, ſo haben wir die ganze Stadt und jedes Haus in ihr. Die Ban⸗ genbüchſen müſſen mit fort—“ „Ich will Ihm was ſagen, Herr Herbart,“ ſagte der Thorſchreiber mit größerer Lebhaftigkeit als bisher,„ich habe Ihm da bisher freilich allerlei Einwendungen und Bedenken ausgeſprochen, wie ſie ſich für einen Mann, der in mancher Bataille, Gefecht und Demelé ſeine Erfah⸗ rungen gemacht und ſeine Kenntniſſe geſammelt, in ſo hochwichtiger Angelegenheit geziemen. Er muß darum aber nicht glauben, daß ich nun zurückziehen und hinter dem Ofen bleiben will. Wo ihr vorwärts wollt gegen den Feind, geh' ich mit, ſo viel ich noch kann, gleichviel, was daraus entſteht. Eine Schlächterei wird's, das ſeh' ich voraus, aber meinetwegen. Wir wollen den Renaud vorbe⸗ ſchon leinig⸗ hr als Schif⸗ en Ba⸗ drafal⸗ alten in ent⸗ mmes Höfen ehen? d hat haben Ban⸗ te der „ und n, der Erfah⸗ in ſo aarum hinter gegen chviel z ſch mnaud Bei nachtſchlafender Zeit. 219 hier feſthalten, um den Anderen drüben in der Heide den Rücken frei zu machen, und ich meine, das können wir uuf ein paar Tage. Von einem Straßenkampf halt' ich nichts; ich kann dabei an keinen Erfolg und Fortune glauben. Können wir aber im erſten Anſturm die Ma— gazine nehmen und zerſtören, die Thore beſetzen, ſo haben wir, was wir wollen. Wie dieſe alten Thore ſind, hält eine entſchloſſene Mannſchaft ſie immerhin ein paar Tage, denn bei den krummen Straßen kann der Renaud gegen ſie mit Geſchütz wenig ausrichten und wird zu ihrer Be⸗ ſtürmung und zur Bewachung der Stadt alles brauchen, was er an Mannſchaft übrig hat. Aber wie kriegen wir ſie, zumal dies hier? Die Wache iſt gut beſetzt und die Mannſchaft„allart“,— wie will man in dieſer Stadt⸗ gegend überhaupt nur die nothwendige Mannſchaft ſam⸗ ℳ meln— „Hier, heim Rhodaer Thor?“ fragte Karſten gleich⸗ ſam verwundert.„Ei Thorſchreiber, die hat Er ja im Hauſe ſelbſt! Worauf warten denn droben die ſchmucken Jungen, als auf ein luſtiges Losſchlagen? Das iſt auch ein Grund, weßhalb ich noch zu ſolcher nachtſchlafenden Zeit herkomme. In einer Stunde ſoll Er Waffen und Munition für dreißig Mann im Hauſe haben. Meine Jungen halten ſich ſchon parat. Herr Brehm ſaß eine Weile regungslos und ſtarrte ſeinen Gaſt gedankenvoll an. Endlich drehte er den Kopf ein paarmal langſam hin und her und verſetzte ruhig: „daraus wird nichts.“ Der Schiffer ſprang auf.„Daraus wird nichts?“ ——————y.—— ——— 220 Neunundzwanzigſtes Kapitel. rief er lauter und heftiger, als es ſich mit der nöthigen Vorſicht vereinen ließ— es ſtand, wie wir wiſſen, drun⸗ ten im alten Wachtlocal ein Poſten. „Nein, daraus wird nichts,“ wiederholte Brehm ernſt. „Nebenher— ſchrei' Er nicht ſo.— Die Gefangenen droben ſind zwar von den Feinden eingeſperrt, aber mit Bewilligung des hochwohlweiſen Magiſtrats. Ich aber bin deſſen Angeſtellter und habe gegen die Inhaftirten meine Pflicht zu thun, bis ich Ordre und Befehl erhalte ſie zu—* „Entlaſſen. So iſt es. Dieſen Befehl werde ich Ihm geben können, mein lieber Brehm,“ ſagte hier plötz⸗ lich eine dritte Stimme von der geöffneten Thür her und zugleich trat ein in einen Mantel gehüllter Mann ins Zimmer und bis in den kleinen Lichtkreis der Lampe.— „Laß' Er nur ſtecken, Karſten— ich bin's, kein Feind,“ redete der Fremde weiter, da die Männer aufge⸗ fahren waren und des alten Schiffers Hand ſich nach ſeinem Meſſer in die Hoſentaſche ſenkte, und ſchlug den Kragen zurück.„Ich ſtand ſchon eine gute Weile dort an der Thür und horchte eurem Diskurs zu. Es war mir lieb, auch Ihn zu treffen, Karſten,“ fuhr er fort;„ich weiß, was und wie viel Er in der Hand hat und ganz der Mann dazu iſt, den erſten Anſtoß zu geben, der un⸗ ſere Bürgerſchaft mit fortreißt. Es iſt hier nicht, wie bei euch Leuten da draußen und wie bei all den wilden hab⸗ und familienloſen Geſellen. Es kann der Ruin der ganzen Stadt ſein, auf viele Jahre hinaus, wenn wir losſchlagen. Aber dennoch—“ Karf geha ſtam ſprac die Hera Drei auch frei über wir Rat men meir ſein mir Kar alle ſon öthigen „drun⸗ mernſt. ngenen ber mit h aber aftirten ethalte nde ich plötz⸗ er und an ins npe.— z, kein aufge⸗ nach ug den le dort s war t ih d gand der un⸗ wie bei n hab⸗ ganzen hlagen. — Bei nachtſchlafender Zeit. „Ja, ja, ich wußt' es, ſie ſchlagen doch los!“ fiel Karſten grinſend ein.„Haben ja heut am Sonntag Zeit gehabt ihre Sünden zu beichten und Nachmittags ihr Te⸗ ſtament zu—“ „Sei Er ſtill, Karſten, Er iſt ein gottloſer Menſch!“ ſprach der Fremde ernſtlich mahnend.„Genug, ſeit wir die Nachrichten von den Vorgängen in Hamburg, vom Heranziehen der Diviſion Chenier und die Kunde von Dreiheiligen erhielten, daß das Land losſchlagen will, ſind auch wir bereit und wollen Gut und Blut an die Be— freiung unſeres Vaterlandes ſetzen. Aber freilich, wohl überlegt will unſer Thun ſein, was wir müſſen und was wir können. Es ſitzen bei mir daheim einige Herren vom Rath und Aelterleute und andere ehrbare Bürger zuſam⸗ men und berathen. Und ſo kam ich ſelber expreß zu Ihm, mein lieber Brehm, um auch Ihn zu holen; wir können ſeine Experience nicht entbehren. Was ich hier hörte, hat mir gar wohl gefallen. Nun kann auch Er mitkommen, Karſten, und vor uns ſeine Pläne entwickeln. Wir müſſen alle zuſammen und ineinander greifen, wie ein Uhrwerk, ſonſt geht's nimmermehr.“ Karſten Herbart ſchüttelte den Kopf und ſah dann nach ſeiner dicken ſilbernen Taſchenuhr, die er mit Mühe unter dem Schanzläufer hervorbrachte.„Das wird nicht angehen, geſtrenger Herr Bürgermeiſter,“ ſagte er im nach⸗ denklichen Tone.„Es iſt gleich Zehn und um elf Uhr hab' ich Dienſt.“ „Was hat Er vor?“ fragte der Bürgermeiſter leb⸗ 222 Neunundzwanzigſtes Kapitel. haft.„Ich hoffe zu Gott, Er wird ſich nicht fortreißen laſſen zu irgend einem unzeitigen Streich—“ „Denk's nicht, Herr Bürgermeiſter, kann aber nicht davon reden. Nur ſo viel— die Stadt geht's nichts an. Und ſomit,“ fügte der alte Geſell ernſter und geſetzter als gewöhnlich hinzu,„dächt' ich, die Herren gingen und beriethen hier mit dem Thorſchreiber ein mannhaft Thun. Mannhaft und herzhaft muß es ſein, wenn es uns nützen ſoll. Schwache Herzen können wir nicht brauchen, und an Hab' und Gut und Weib und Kind dürfen wir nicht denken; dergleichen macht den beſten Mann lahm. Geht ihr herzhaft los, ſo treffen wir zuſammen und ich bin für euren Rath von Ueberfluß. Uebrigens weiß hier der Thorſchreiber auch meinen Schlachtplan und alles Nöthige. Er kann's euch ſagen. Und mir laßt ihr dann nur Zeit und Stunde und die Hauptſachen anzeigen, oder, wo ich gerade nicht um den Weg, auch dem Chriſtopher Brunſt — in Leplow's Koſthaus, Loſung: Jack' und Hut.“ „Sei es ſo,“ ſprach der Bürgermeiſter nach einer Pauſe.„So brauchten wir denn nur noch einen Boten nach Dreiheiligen, daß man auf uns rechnen könne. Wie iſt's damit, Schiffer Karſten Herbart? Vermag Er eine ſolche Nachricht ſicher an Ort und Stelle gelangen zu laſſen, oder muß ich ſelber dafür beſorgt ſein?“ „Na Euer Geſtrengen,“ meinte der alte Geſell grin⸗ ſend,„'s iſt kurios, was die Herrſchaften alles nicht glau⸗ ben noch vertrauen! Ich bin vorhin ſchon einmal darob befragt worden, und kann nur wie damals ſagen: das verſteht ſich von ſich ſelber. Und wenn ihr die halbe Stadt treißen nicht nichts eſetzter n und Thun. nützen „und rnicht Geht in für r der öthige. r Zeit wo ich Brunſt w einer Boten Vie r eine en zu grin⸗ glau⸗ darob 1 das Stadt Bei nachtſchlafender Zeit. 223 aus der Stadt ſchicken wollt, ich will's beſorgen, ohne daß die Crapauds was davon merken. Das wär' ärger als arg! Alſo— in Leplow's Koſthaus, Loſung: Jack' und Hut,— und was für's Land und gegen den Feind iſt, ſindet zu jeder Stunde bei Tag und Nacht wache Herzen und willige Arme. Gott befohlen, ihr Herren!“ Und er warf die Kapuze über den Kopf und wandte ſich der Thür zu.„In einer Stunde kommen Waffen und Munition, Thorſchreiber,“ fügte er noch hinzu.„Könnt ja die Hedwig inſtruiren.“ „Hör' Er noch Eins, Herr Herbart,“ ſagte hier der alte Brehm und trat dem Scheidenden mit ein paar großen Schritten nach.„Ich miſche mich nicht in ſein Thun und beuge mich pflichtſchuldigſt vor beſſerer Einſicht meiner hochpreislichen Herren vom Rath; allein von dem Einen kann ich als alter Soldat nicht abgehen: wie es ſteht, haben wir wenig Ausſicht auf Fortune und zu victori⸗ ſiren. Der Feind iſt zu zahlreich, und ob die Weſtfälinger auch kein rechtes Herz mehr für die Franzoſen haben mögen, ſchlagen thun ſie ſich doch noch für ſie, wie ehrliche Soldaten. Kann Er's daher dahin bringen, daß der Re⸗ naud es morgen im Lande rumoren hört und ſich zu weiteren Detachirungen herbeiläßt, ſo haben wir hier in der Stadt nur ein um ſo leichteres Spiel. Draußen, rechne ich nach ſeinen Angaben, können ſo ein hundert Mann nicht viel ſchaden. Man würde ihrer, wenn man davon avertirt wäre, Herr werden oder ſie ſich nutzlos die Beine ablaufen laſſen—“ „Richtig,“ ſprach der Schiffer, da der Thorſchreiber 224 Neunundzwanzigſtes Kapitel.— Bei nachtſchlafender Zeit. inne hielt.„Das ſeh' ich ein und es wird ſich thun laſſen. Ich denke, ſchon unſer jetziges Vorhaben wird ſie etwas in Gang bringen.— Und ſo— nochmals Gott befohlen. Mein Dienſt ruft.“ Er ſchlüpfte hinaus und gelangte unbemerkt in die Wallgaſſe und weiter in die Stadt. Nach einer Weile folgten ihm die beiden Anderen auf demſelben Wege und gleichfalls, ohne beobachtet zu werden. Es ſchlug zehn Uhr von den Thürmen. Die Häuſer waren alle dunkel, und nur der gemeſſene Schritt einer Patrouille unterbrach von Zeit zu Zeit die Stille der einſamen Straßen. „Sie ſind darauf aus, den Herrn von Hoven und den jungen Rhodenfelder Grafen aus der alten Komman⸗ dantur zu holen,“ ſagte Brehm im Gehen leiſe zu ſeinem Begleiter. Der Bürgermeiſter blieb überraſcht ſtehen.„Wenn das wahr würde— ich könnte freudiger für uns hoffen als jetzt!“ verſetzte er ernſt.„Aber— nun Gott helfe den treuen Burſchen!“ fügte er weiter ſchreitend hinzu. it. laſſen. etwas fohlen. in die Weile ge und g zehn dunkel, erbrach n und nman⸗ ſeinem Wenn hoffen t helfe nzu. Dreißigſtes Kapitel. Das Volk ſteht auf. Zu den Waffen! Zu den Waffen! Als Männer hat uns Gott geſchaffen. Auf, Männer, auf und ſchlaget drein! Laßt Hörner und Trompeten klingen, Laßt Sturm von allen Thürmen ringen, Die Freiheit ſoll die Loſung ſein! E. M. Arndt. Die Nacht wurde immer ſtiller, vom Himmel rieſelte es langſam fort, die Rinnen an den Häuſern ließen das Naß in die Goſſen fließen, und wo ihre Zahl und Länge bei alten, großen Häuſern eine bedeutende war, ging es dabei nicht ohne einiges Plätſchern ab. Sonſt gab es, wie geſagt, keinerlei Geräuſch, und auch die Patrouillen ſtörten die Ruhe weniger als ſeither, da das unbehagliche Wetter die Leute ihre Umzüge auf das unumgänglich nöthige Maß beſchränken ließ. In der Stadt ſchien man nicht anders zu denken. Die Franzoſen wenigſtens er⸗ fuhren nicht, daß hie oder da irgend ein größerer Kreis ſich vereint hätte, und wenn auch die Schenken voll Lärm und Geſellſchaft waren, nach Hauſe mußten ſelbſt dieſe Burſchen in aller Stille gegangen ſein. Zu Straßenunfug F Hoefer, Fremdherrſchaft. III. 15 226 Dreißigſtes Kapitel. wenigſtens war es nirgends gekommen, und ſchon lange vor Mitternacht war kein Menſch mehr in den naſſen Straßen zu ſehen geweſen. In der alten Kommandantur war man länger auf⸗ geblieben, als irgendwo ſonſt. Renaud ſaß mit dem Prä⸗ fecten und ein paar anderen höheren Offizieren bei einem Glaſe Punſch zuſammen, und die Herren redeten über die Zeit und ihre Ereigniſſe, ſo wie über die Zuſtände der ihrer Obhut zunächſt anvertrauten Provinzen, welche ihnen mehr Sorge einflößten, als ſie faſt vor einander laut werden laſſen mochten. Es war auch von der Expedition nach Ober⸗Rhoda die Rede und von dem geringen Erfolge derſelben. Man hatte eigentlich weniger auf die Gefangen⸗ nahme einiger Flüchtlinge, als auf die Aufhebung großer Vorräthe gerechnet, und ſich darin durchaus getäuſcht ge⸗ funden. Es war nichts entdeckt worden; die allein zu⸗ gänglichen Kellerräume fanden ſich halb verſchüttet und im Uebrigen leer; andere waren nicht zu ermitteln geweſen und, wenn überhaupt vorhanden, ſo gut verborgen und verſichert, daß eine oberflächliche Unterſuchung zu keinem Reſultate führen konnte. Zu einer längeren fand der da⸗ hin dirigirte Haupttrupp keine Zeit, oder vielmehr hatte der Kommandirende desſelben keine rechte Luſt. Alles, was ihm bei dieſem Zuge zu Ohren und Augen kam, hatte ihm einen unbehaglichen und faſt unheimlichen Ein⸗ druck gemacht, als habe er alle mögliche Veranlaſſung, die beiden wichtigen Gefangenen ſo bald wie möglich in Sicherheit zu bringen. Es waren daher die Einen nach L. weiter gezogen, dung leder und lange raſſen auf⸗ Prä⸗ einem er die e der ihnen laut ition folge igen⸗ roßer ſt ge⸗ n zu⸗ und weſen und inem T da⸗ hatte Alles, kam, Ein⸗ ſung, ch in ogen, 227 Das Volk ſteht auf. die Anderen als kleine mobile Colonnen zu Märſchen durch die Umgegend aufgebrochen, um ſich am nächſten Tage gleichfalls in die genannte Stadt zu ziehen; im Schloſſe und Dorfe Ober⸗Rhoda war eine verhältnißmäßig ſtarke Mannſchaft zurückgeblieben, um wo möglich den Vorräthen auf die Spur zu kommen oder wenigſtens ihre Verwen⸗ dung unmöglich zu machen, und der Reſt ging mit den beiden Gefangenen nach G. zurück. Das alles wäre an und für ſich ſchon recht und gut geweſen, allein Renaud zum mindeſten und einige von den Offizieren, welche bis⸗ her als Führer der mobilen Colonnen Gelegenheit zu tie— feren Einblicken gefunden, täuſchten ſich über den Zuſtand des Landes und ihre eigene, kaum noch haltbare Stellung in demſelben keineswegs, und dem Erſteren begann es obendrein allmälig unbehaglich zu werden, daß ihm am ganzen heutigen Tage von ſeinen Colonnen nur noch eine einzige Meldung zugegangen war. Selbſt von Vial wußte er nichts, obgleich derſelbe längſt hätte hier ſein können, und er hatte nach acht Uhr einen ſeiner Adjutanten hinüber geſendet, um dem Vicomte ſeine Befehle zu wiederholen und denſelben nach G. zurückzuſenden. Denn Renaud empfand das Ungehörige, das in Vial's Auftreten lag, und das Peinliche, was dasſelbe für die Schloßbewohner haben mußte, als Mann von Ehre gut genug. Aber auch dieſe zweite Botſchaft war bisher ohne Erfolg geblieben. Renauds Sorge und Verſtimmung wuchs, wie ſehr er ſich ſeinen Gäſten gegenüber zuſammennahm, von Mi⸗ nute zu Minute, und da die kleine Geſellſchaft endlich aufbrach, blieb der Präfect noch einen Augenblick allein ——— —— — — — —,— 28 Dreißigſtes Kapitel. zurück:„Was gibt's, General?“ fragte er ernſt.„Denn Sie können mir nicht einbilden wollen, daß nur dieſe— Liebesthorheit unſeres Herrn Vicomte Sie ſo zu verſtim⸗ men vermochte.“ „Es iſt der letzte Tropfen, Präfect,“ erwiderte Re⸗ naud finſter.„Die Zeit und unſere Lage ſind von der Art, daß wir kein Anzeichen, und ſei es noch ſo unbedeu⸗ tend, überſehen dürfen. Ich fürchte, es ſteckt hinter dieſem Schweigen Vial's vielleicht etwas Anderes als ſeine Thor⸗ heit oder Inſubordination.“ „Und was, General?“ fragte der Präfect beſtürzt. „Der Aufſtand, mein Freund. Jede Minute kann uns die Kunde bringen, daß er begonnen. Sie wiſſen, wie es in Preußen ſteht, die Koſaken ſtreifen bis an un⸗ ſere Grenzen; Sie wiſſen, was es in Hamburg gab— wird Cara St. Cyr ſiegen oder zurückweichen?— Sie wiſſen, wie man im M.'ſchen gegen uns ſteht.— Sie ſehen, wir ſind vollſtändig iſolirt. Und nun rechnen Sie, was ich in S. und hier noch an Truppen habe, und ſagen Sie ſelbſt, ob ich damit nur einen Augenblick daran den⸗ ken kann, das Land dem Kaiſer zu erhalten. Es iſt eine Schmach, wie man uns hinopfert!“ fügte er heftig hinzu und trat hart mit dem Fuß nieder. „Sie ſehen zu ſchwarz, General,“ ſagte der Präfect nach einer Pauſe begütigend.„Das Land wird ſich vor einem Aufſtande wohl hüten; Ihre Mittel ſind immerhin noch bedeutend genug, um dieſe Bauern⸗ und Schmuggler⸗ „ No haufen— denn nur von ſolchen kann die Rede ſein— 41 „Wie lange, mein Freund?“ fiel Renaud ein.„Glau⸗ „Denn eſe— erſtim⸗ ie Re⸗ on der bedeu⸗ dieſem Thor⸗ irzt. kann wiſſen, präfect ich vor merhin uggler⸗ in— 1 „Glau⸗ Das Volk ſteht auf. 229 ben Sie, man werde den Aufſtand, wenn er einmal be⸗ gonnen, ohne Unterſtützung laſſen? Bei Gott, man weiß drüben ſehr gut, was man an dieſen Küſtenſtrichen haben würde, und wird mit beiden Händen zugreifen! Und nun ſehen Sie in meine Beſtand⸗ und meine Krankenliſten. Dieſer verfluchte Colonnendienſt, den ich nicht vermeiden und entbehren kann, koſtet mich mehr Leute als ein halb Dutzend Gefechte! Er ruinirt uns! Und wollte ich mich nur auf die Städte beſchränken— kann ich ſie gegen einen Angriff halten? Wir haben die Werke von S. ſelbſt zerſtört und ſie ſind nicht halb ſo leicht wieder her⸗ geſtellt, daß ſie uns einen irgend nennenswerthen Halt gewähren könnten! Wir ſäßen darin, wie die Maus in der Falle— ausſichtslos! Ah, wäre der Kaiſer uns näher,“ ſchloß er heftig auf- und niedergehend,„man würde uns nicht ſo gänzlich im Stich laſſen!“ „Sie ſind ungerecht gegen den Vicekönig,“ meinte der Präfect wieder nach einer Pauſe und im beſänftigen⸗ den Ton;„er läßt Sie nicht im Stich, ſondern ſchickt, was möglich iſt. Chenier muß ja in drei bis vier Tagen—“ „Ja, Chenier, das iſt's eben!“ unterbrach Renaud ihn bitter.„Man hat mir außer unſerem Erſatz eine Diviſion verſprochen,— zehntauſend Mann. Und wiſſen Sie, was er bringt?— Alles in allem fünf- bis ſechs— tauſend, die Hälfte Rekruten, und jeder Marſch koſtet ihn obendrein ein paar hundert Marode und Kranke.“ „Unmöglich, General!“ ſagte der Präfect erſchrocken. „Dieſe Rechnung—“ „Iſt ſicher, denn ſie ſtammt von ihm ſelbſt. Und 230 Dreißigſtes Kapitel. Sie wiſſen, Chenier renommirt und übertreibt noch gern und ſieht alles im roſigſten Licht. Leverrier hat in L. Depeſchen von ihm erhalten und ſie mir durch den kleinen Denon zugeſchickt, der kurz vor Ihrem Erſcheinen bei mir eintraf. Ich hab's niemand geſagt; Sie erfahren es zu⸗ erſt. Dies vollendet unſern Ruin.“— Als der Präfect endlich erſchüttert und ſorgenvoll gegangen, warf auch Renaud ſich auf ſein Lager und ſchlief den tiefen Schlaf eines alten Soldaten bis Mor⸗ gens vier Uhr, wo er von ſeinem Adjutanten St. Amand mit einer kaum glaublichen Nachricht geweckt wurde. Man hatte um dieſe Zeit die Vorbereitungen zu der feſtgeſetzten Execution begonnen, und der Offizier der Kommandantur⸗ Wache war in Begleitung St. Amand's und des ſchließen⸗ den Corporals in das Gefängniß der jungen Männer getreten, um Hoven von dem Nahen der Stunde zu be—⸗ nachrichtigen. Der Schlüſſel war, ſeit man um zehn Uhr noch einmal nach den Gefangenen geſehen und die Lampe entfernt hatte, nicht aus den Händen des wachthabenden Offiziers gekommen. Der Corridor, oder wie man's heißen wollte, welcher zu dem Gefängniß führte, hatte keinen anderen offenen Zugang als den, welcher durch den Vorderbau an dem Wachtlocale und aus dem großen Eingangs⸗Portale bei den beiden dort aufgeſtellten Schild⸗ wachen vorüberführte. Die Fenſter und ihre Gitter zeig⸗ ten ſich vollkommen unverletzt, das Schloß der Thür war im beſten Zuſtande, in dem Gefängniſſe ſelber fand ſich nicht die geringſte Veränderung— und dennoch waren die beiden Gefangenen fort. h gern in L. kleinen dei mir es zu⸗ genvoll ar und Mor⸗ Amand Man ſetzten antur⸗ ließen⸗ ſänner zu be⸗ n Uhr Lampe benden man’ hatte durch großen Schild⸗ zeig⸗ r war nd ſic waren Das Volk ſteht auf. General Renaud ſprang aus dem Bette und folgte alsbald ſeinem Adjutanten zur erneuerten Unterſuchung. Man ließ durch Sappeure den Raum auf das ſorgfäl⸗ tigſte prüfen, allein auch dies führte zu keinem Reſultat. An ein Einverſtändniß oder an eine Beihülfe der Poſten war nicht zu denken, es waren Franzoſen und alte, zu— verläſſige Leute. Auch würden ſie, wie alles Uebrige ſich verhielt, gar keine Hülfe haben leiſten können.— Und alles, was man noch weiter zur Aufklärung der Sache unternahm, hatte den gleichen Erfolg. In der ſchwarzen Gaſſe hatte ſich nicht das geringſte Auffällige gezeigt, die Poſten drinnen und draußen wollten nicht das leiſeſte Geräuſch gehört haben. Es ſtand alsbald feſt, daß durch die Landthore— die Waſſerthore waren während der Nacht verſchloſſen— von Abends neun bis Morgens vier Uhr kein Menſch die Stadt hatte betreten oder verlaſſen wollen, als ein Bauersmann, der eine Arznei aus der Apotheke holte. Er war um acht Uhr gekommen und vor zehn Uhr wieder fortgeritten. Der Begleiter, den er bei dem Einreiten gehabt, wartete noch auf den Arzt, hatte er geſagt. Und als man nun auch nach dieſem forſchte, fand man ihn richtig mit ſeinem Pferde in einer kleinen Schenke noch wartend. Der Arzt wollte erſt am Morgen mit ihm fortreiten. Man that, was man konnte. Die Thore wurden geſperrt, der Hafen in die ſtrengſte Aufſicht genommen, in der Stadt ſelbſt hier und da Hausſuchungen angeſtellt, einzelne Punkte beſetzt, endlich auch aufs neue zu dem alten Mittel der mobilen Colonnen geſchritten, um das 232 Dreißigſtes Kapitel. Land nicht ganz aus der Hand zu laſſen und vor allen Dingen Nachricht von den Douanenpoſten ſo gut, wie von den Truppentheilen zu erhalten, welche noch hier und da zerſtreut ſtanden. Denn es war nicht mehr Renaud allein, den dieſes Ausbleiben aller Nachrichten und zumal die Wirkungsloſigkeit ſeiner nach Nieder⸗Rhoda geſandten Befehle immer ernſtlicher zu beunruhigen begann. Man wurde nicht dadurch beruhigt, daß im Laufe des Vormittags endlich ein Boot von dem Nieder⸗Rhoda zunächſt liegenden Douanenpoſten anlangte. Im Gegentheil gewann alles nur einen immer bedenklicheren und räthſelhafteren An⸗ ſtrich. Vial ſo gut wie die Douanen, meldete, daß in jener Gegend zwar noch kein Ausbruch der Feindſeligkei⸗ ten ſtattgefunden, die Bevölkerung aber ſichtbar in Gäh⸗ rung ſei. Er bat um Succurs oder Verhaltungsbefehle. Eine Botſchaft hatte er nicht erhalten— von den Boten wußte er noch weniger als Renaud. Morgens ſieben Uhr, als Vetter Chriſtian aus der Stadt nach Nieder⸗Rhoda zurückfuhr, hatte der General dem Vicomte einen neuen Befehl zur Heimkehr geſendet. Jetzt ſchickte er ihm durch das Douanenboot die Ordre, ſich mit der in jene Richtung entſendeten Colonne zu ver⸗ einigen, Nieder⸗Rhoda zu halten oder die Umgegend zu durchziehen, wie es die Umſtände erheiſchen würden, über⸗ haupt von jeder Schonung abzuſtehen. Die in der Stadt getroffenen Maßregeln führten zu keinerlei Aufklärung; die Gefangenen blieben verſchwun⸗ den. Der Weg, den ſie genommen, die Hülfe, die ihnen geworden— alles blieb räthſelhaft. Und im Uebrigen allen , wie er und tenaud zumal andten Man nittags genden alles n An⸗ ß in igkei⸗ Gäh⸗ efehle Boten s der eneral endet. dre, u ver⸗ nd zu über⸗ en zu wun⸗ ihnen brigen Das Volk ſteht auf. 233 ergaben die Hausſuchungen auch das Reſultat nicht, wel⸗ ches man bei ihnen ſicher nebenher im Auge gehabt— man fand wenig oder gar keine wirklichen Fremden in der Stadt und keinen einzigen eigentlich verdächtigen Men⸗ ſchen. Dagegen führten dieſe Hausſuchungen zu etwas, was die Franzoſen, wenn ſie es auch im Allgemeinen wußten, doch nicht in dieſem Umfange und am wenigſten in der ſtark beſetzten Stadt zu finden erwartet hatten— das war ein ſtets unumwundener gezeigtes Mißvergnügen, eine ſtets gereiztere Stimmung, ein finſteres und trotziges Dulden und Sichfügen, das aber faſt ſchlimmer war, als ein offener Widerſtands⸗Verſuch, und endlich bei den höheren Ständen eine eiskalte, unnahbare Höflichkeit, die jedoch nicht einen Schritt weiter ging, als zu dem man ſie zwang, oder eine Art von heuchleriſcher Freundlichkeit, welche ſich kaum Mühe gab, den Hohn zu verbergen, der hinter ihr lauerte. Hier und da war man ſogar ſchon weiter gegangen. Hin und wider hatte man einem Frager, einer Ordonnanz entweder einfach keine oder eine möglichſt kurze und barſche Antwort gegeben, oder ihnen geradezu den Rücken zuge⸗ kehrt, oder kalt den Wunſch geäußert, man möge Deutſch ſprechen, Franzöſiſch verſtehe man nicht.— In den engen Gaſſen gegen den Hafen zu war es ſogar auf zwei oder drei Stellen zu Schlägereien gekommen. Franzöſiſche Pa⸗ trouillen, mit der Durchſuchung einiger Schenken beauf⸗ tragt, hatten, nachdem man ſie ihren Auftrag, zwar mit finſterer Miene, aber ohne Widerſtand hatte vollführen laſſen, mit den in den Schenkzimmern umherlungernden, 234 Dreißigſtes Kapitel. arbeitsloſen Burſchen oder mit den Schlafgängern des Hauſes, die zur ähnlichen Claſſe gehörten, auf eine nach⸗ weisbar brutale und provocirende Weiſe Streit angefan⸗ gen, der dann, wie geſagt, zu ein paar ernſtlichen und blutigen Schlägereien führte, die auf keiner Stelle recht zu Gunſten der Soldaten endeten. Was nutzte das halbe Dutzend Gefangener, die auf den Wachen ſaßen? Was half es, daß man jedes Zu⸗ ſammenſitzen in den Schenken verbot, keinerlei Zuſammen⸗ rottung in den Straßen aufkommen ließ, hier und da eine der beargwohnten Spelunken ſogar beſetzte? Man fand, um es zu wiederholen, noch keinen offenen Wider⸗ ſtand, aber man fand jenes trotzige Zurückweichen und Nachgeben, die finſtern Stirnen und drohenden Blicke, hin⸗ ter denen man mühelos die Worte las: Geduld, die Reihe kommt auch an uns!— Aber dies fand man ein wenig ſchwächer, ein wenig ſchärfer ausgeprägt auch allerwärts, bei Hoch und Gering, bei Alt und Jung, bei jedem Stand und Geſchlecht, und man konnte doch nicht die ganze Stadt und jeden Einzelnen einſperren und zur Strafe für— feind⸗ ſelige Gedanken ziehen.— Was half es, daß die Thore verſchloſſen, daß der Hafen geſperrt, daß die Wachen ver⸗ ſtärkt waren und Ronden und Patrouillen häufiger gin⸗ gen und jetzt ſogar auf zwei oder drei Punkten Geſchütze aufgefahren wurden? Man hielt die offene Feindſeligkeit nieder,— an die Möglichkeit einer ſolchen glaubten die Franzoſen überhaupt kaum— aber all dieſe Vorkeh⸗ rungen genügten nicht, hier die Stadt abzuſperren— es fanden ſich Nachrichten und Gerüchte verbreitet, die erſt trau zu gern de ine nach angefan chen und elle recht die auf 2 Du⸗ edes Zu⸗ ſammen⸗ und da ⸗ Man Wieer⸗ hen und cke, hin⸗ die Reihe in wenig ärts, bei and und adt und feind⸗ Thore hen ver⸗ ger gin⸗ eſchüte eligkei ten die Vorkeſ⸗ — es die erſt Das Volk ſteht auf. 235 neuerdings hereingelangt ſein mußten— und dort ein nach und nach die ganze Einwohnerſchaft umfaſſendes Einverſtändniß zu verhindern. Denn es gab ein ſolches, es breitete ſich immer mehr aus. Das ſpürten die Franzoſen, welche die Sachlage überhaupt des Nachdenkens für werth hielten; das hörten ſogar die Weſtfalen, vor denen man ſich kaum in Acht zu nehmen ſchien. Und damit berühren wir das, was Re⸗ naud und die Seinigen mit der ernſteſten, peinlichſten Sorge erfüllte. Der Stadt glaubte der General ſicher zu ſein, er traute ihrer Bevölkerung weder die Energie noch die Kraft zu einem irgend gefährlichen Aufſtande auf eigene Hand zu. Dem Lande aber hätte er ſich ſelbſt jetzt nur dann noch als Herrn zeigen können, wenn er des Reſtes ſeiner Truppen völlig verſichert geweſen wäre. Das war aber nicht der Fall, und dieſer ſchlimmſten ſeiner Sorgen hatte er gegen den Präfecten nicht einmal erwähnen mögen. Was von Franzoſen vorhanden, war meiſtens deta⸗ ſchirt; in ſeiner Nähe und in der Stadt hatte er nur ein einziges ſchwaches Infanterie⸗Regiment, und ein noch ſchwächeres Regiment Jäger zu Pferde, deren Erſatz⸗ Mannſchaften mit den durch das M.'ſche heranziehenden Die Artilleriſten und als Truppen erwartet wurden. Erſatz eingetroffenen Garde⸗Mariniers waren nicht zahl reich und überdies theilweiſe mit der Herbeiſchaffung neuer großer Transporte von Kriegs⸗Material in S. und anderwärts beſchäftigt. Außerdem beſtanden ſeine Streitkräfte nur aus Weſtfalen und einem Bataillon an⸗ —— — — ————— 236 Dreißigſtes Kapitel. derer Rheinbunds⸗Truppen, und die Stimmung der Erſte⸗ ren war, zum mindeſten geſagt, ſo lau wie möglich. Re⸗ naud hatte alles gethan, was in ſeiner Macht ſtand, um dieſelbe zu verbeſſern. Sie waren dem Kommando Mar— bois' entzogen und dieſer zur Uebernahme eines anderen nach S. entſendet worden. Man hatte ihre gerechten Wünſche berückſichtigt und ihren Beſchwerden abgeholfen, ohne dadurch jedoch etwas zu ändern. Sie blieben kalt und erbittert. Er hielt ſie, ſo viel das thunlich, in der Stadt und unter ſeinen Augen, ohne damit etwas zu gewinnen, als daß die Strapazen der wenigen franzöſiſchen Truppen immer größer und bedenklicher wurden. Die Patrouillen und Ronden gingen, die Wachen paßten auf, die Stadt war ſtill oder, um uns richtiger auszudrücken, nur nicht laut. Es ging ſo zu ſagen ein Summen und Brummen durch ihre Häuſer und Gaſſen, es war kein Geſicht mehr ohne den Ausdruck der Span⸗ nung und Erwartung oder der ruhigſten Entſchloſſenheit. Es kam nirgends mehr zu einem recht lauten Worte, ge⸗ ſchweige denn zu Unannehmlichkeiten, wie ſie am Morgen ſtattgefunden. Dafür flüſterte man deſto mehr, dafür breiteten ſich ſeltſame Gerüchte aus, daß es auf der ganzen Küſte entlang, überall auf dem offenen Lande lebendig werde; daß die Ruſſen nahe ſeien, die Koſaken ſchon bis L. ſtreiften, im Preußiſchen ſich immer mehr Truppen⸗ körper bildeten. Und niemand wußte, woher das alles kam, was daran Wahres ſei und ſein könne, und Renaud fühlte ſich unbehaglicher und unheimlicher von Stunde zu Stunde. Denn jetzt fehlte auch die Poſt, die von S. der Erſte ich. Re and, un do Mar anderen gerechten geholfen, hen kalt „in der was zl zöſiſchen Wachen richtiger gen ein Gaſſen, rSpan⸗ ſſenheit rte, ge⸗ Morgen „dafür ganzen lebendig Das Volk ſteht auf. 237 kam, und die Patrouille, welche man in jener Richtung abgeſandt hatte, kehrte nicht zurück. In der Stadt machte man einen gründlichen blauen Montag. Kein Handwerker arbeitete, die Taglöhner ſtan⸗ den auf den wenigen Stellen, wo man ihrer noch bedurfte, meiſt unbeſchäftigt und plaudernd zuſammen. Von den Schanzgräbern, die man aus der Umgegend zum Anlegen einiger Befeſtigungswerke requirirt, fehlte bei der Muſterung am Morgen faſt die Hälfte und fand ſich auch nicht im Laufe des Tages ein. Die Gegenwärtigen zeigten ſich noch verdroſſener, trotziger als gewöhnlich, ja geradezu widerſpänſtig. Es regnete freilich auch und man konnte im Freien kaum eine anhaltende Arbeit vornehmen. Es regnete den ganzen Tag fort, unausgeſetzt, lang⸗ ſam und ſicher, hätte man ſagen mögen. Es ging keine Spur von Wind, es war auch nicht kalt, aber der Regen kam herab, unwiderſtehlich drang er durch das dichteſte Gewand, und wenn hier oder da jemand von den oberſten Bodenräumen ſeines Hauſes über die Stadt hinaus ins Freie ſchaute— es thaten das Manche, denn man er⸗ ßen irgend etwas paſſiren müſſe, mand aus den Thoren da erblickte wartete, daß da drau und die Franzoſen ließen faſt nie und keinen Menſchen auf die Kirchthürme— er die Gegend, wie man ſie ſonſt nur zwiſchen den Ber⸗ gen zu ſehen pflegt. Es war alles ein Nebel, ein Dunſt, und auf dem Hafen und den Fluß entlang, der vor dem Eintritte in die See erſteren bildete, auf den Wäldern, welche von Südweſt her nahe genug an die Stadt ſich herandrängten, lag es in ſchweren, dicken, aufquellenden 238 Dreißigſtes Kapitel. Maſſen, als ſeien die Wolken heruntergekommen, um die Erde gründlich zu tränken. Erſt am Abend, als droben auf dem Thurme der Marienkirche gegen Wiſſen und Willen der Franzoſen dennoch ein Späher ſtand, ſah die⸗ ſer, daß gerade über jenen Wäldern ein ſchmaler Streifen klaren Himmels von der abziehenden Wolkendecke frei ge⸗ worden, der jetzt ſeltſam abſtach von dem tiefen, ſchweren und finſteren Schwarzgrau, das herwärts noch alles ein⸗ hüllte. Der Regen hatte ſchon aufgehört und es war, als wolle Wind kommen. Die Luft ſpielte wenigſtens ziemlich bewegt um den hohen Thurm. Da, es war etwa zehn Uhr in der Nacht und die Stadt ſah aus, als ſei ſie illuminirt eines Feſtes wegen, da auf Befehl der Militär⸗Behörden Lichter hatten an die Fenſter geſetzt werden müſſen, um die nur von wenig ſchlechten Laternen erhellten Straßen beſſer überſehen zu können,— da ſah man vom Wall aus in der Richtung gegen Nieder⸗Rhoda zu einen hellen Feuerſchein und zu— gleich kam an das Wildenberger Thor, welches gegen S. zu liegt, ein junger Chaſſeur⸗Unteroffizier, deſſen Uniform kaum noch erkennbar vor dem Kothe, mit dem ſie bedeckt war, ſterbend vor Müdigkeit, baarhäuptig und zu Fuß daher hinkend, und verlangte augenblicklich zum General Renaud. Sein Pferd liege eine halbe Stunde von der Stadt zuſammengeſtürzt, ſagte er dem die Thorwache kom⸗ mandirenden Offizier. Er ſei am Morgen mit einer De⸗ peſche von L. abgeſchickt worden und es ſei ihm die größte Eile zur Pflicht gemacht, er habe aber nicht früher durch⸗ dringen können. Auf Weiteres ließ er ſich nicht ein. fomm geſchi Man, geſche ſtänd und! ſritt NWwinme Tells um die droben en und ſah die⸗ Streifen frei ge⸗ chweren les ein⸗ s war, nigſtens nd die wegen, an die wenig hen zu ichtung ind zu⸗ gen S. niform bedeckt u Fuß eneral on der kom⸗ r De⸗ größte dhrch n. Das Volk ſteht auf. 239 Vor dem General aber meldete er, daß ihn der in L. kommandirende Oberſt Leverrier Morgens ſieben Uhr fort⸗ geſchickt habe, um Renaud anzuzeigen— man hatte den Mann für einen Unglücksfall vom Haupt⸗Inhalte der De⸗ peſche unterrichtet— daß die Sachen in Hamburg beſſer ſtänden, als man erwartet. Cara St. Cyr hielt ſich noch und war ſogar gegen die Revoltirenden mit Ernſt einge— ſchritten. Dagegen ſtreiften aber die Koſaken jenſeits L. immer näher heran, die Verbindung mit Berlin war be⸗ reits unterbrochen. Das flache Land ſchien im Aufruhr zu ſein. Man glaubte gegen das Preußiſche und M.'ſche zu Sturmläuten gehört zu haben. Die erſten anderthalb Stunden, berichtete der Chaſſeur weiter, ſei ihm nichts hinderlich geworden, als die faſt grundloſen Wege, die von ihm paſſirten Dörfer ſeien ruhig geweſen. Eine Stunde jenſeits Rhodenfelde aber, wo die Straße durch einen ausgedehnten Bruch führe, habe er dieſelbe plötzlich geſperrt gefunden und ſei von einigen mit Flinten bewaffneten Männern aufgefordert worden, ſich zu ergeben. Das Pferd herumwerfend, habe er auch hinter ſich Bewaffnete geſehen, und da er ſich in eine Nebenſtraße geworfen, bevor die letzteren dieſelbe ſperren konnten, ſeien mehrere Schüſſe gefallen, ohne jedoch weder ihn, noch ſein Pferd mehr als zu ſtreifen. Seitdem hatte er ſich durchgeſchlagen, wie er eben konnte, auf Nebenwegen, über die Aecker und Wieſen, durch Bruch und Wald, weit herum, hinter dem rothen See durch, immer der Richtung nach G. zu, welcher er, in der letztvergangenen Zeit häufig bei Patrouillen und — —— ——— — A ——— 240 Dreißigſtes Kapitel. mobilen Colonnen verwandt, glücklicher Weiſe ſicher war. Mehrmals noch wurde er angerufen, verfolgt, wurden ihm Schüſſe nachgeſchickt. Das ganze Land war, wie es ſchien, im Aufſtande. Immer weiter mußte er ausweichen und gelangte nach und nach auf die entgegengeſetzte Seite der Stadt und dort an das Wildenberger Thor. Zuletzt brach ſein Pferd zuſammen und er mußte noch beinahe eine halbe Stunde zu Fuße zurücklegen. „Und haſt du nichts von den Unſeren geſehen?“ fragte Renaud finſter,— ſeine ſchlimmſten Befürchtungen be⸗ ſtätigten ſich.„Du mußt hier und da doch einen Blick in die Ferne haben thun können, Ober⸗Rhoda ſicher ge⸗ ſehen haben. Du weißt, es liegen dort von den Unſeren. Es ſind Colonnen draußen, gerade in jene Gegend hinein. Es müßten ſich im ſchlimmſten Falle doch Verſprengte gezeigt, Einzelne ſich gerettet haben! Und nach S. hin— haſt du nichts von der Patrouille geſehen, die doch faſt dieſelben Wege einzuſchlagen hatte, denen du zuletzt ge⸗ folgt biſt?“ Der Chaſſeur ſchüttelte den Kopf.„Nichts, mein Ge⸗ neral! Ich habe zwiſchen L. und hier nicht einen Mann von den Unſeren geſehen. Nach Ober⸗Rhoda zu war, ſo viel ich davon erblicken konnte, alles ruhig. Doch wurde ich gerade dort, hinter dem See, arg gehetzt.“ „Wurde Sturm geläutet?“ „Nein, mein General.“ „Haſt du größere Maſſen geſehen, Kamerade“ „Nirgends, mein General. Ueberall nur kleine Trupps von fünf, ſechs Leuten; der erſte in jenem Bruche jenſeits her war. rden ihm s ſchien, chen und Seite de zuletz beinahe 7 fragte een be⸗ en Blick cher ge⸗ jnſeren. hinein. ſprengte . Jin= och fäſt lletzt ge⸗ ein Ge⸗ Mann war, ſo wurde M Trupps enſeit Das Volk ſteht auf. 241 Rhodenfelde mochte vielleicht aus einem Dutzend Männer beſtehen.“ „Und bewaffnet?“ „Alle, ſo viel ich merken konnte, mit Flinten, und ſie ſchießen gut. Wäre mein Pferd damals nicht noch friſch geweſen und das leichteſte im Regimente, ſo daß ich mich völlig darauf verlaſſen konnte, ſo hätten wir nicht unverletzt durchkommen können.“ Renaud ging ein paarmal ſchweigend und mit finſter ſinnendem, geſenktem Blicke im Zimmer auf und ab. „Es iſt alſo, wie ich's heute Morgen gegen Sie äußerte, St. Amand,“ ſagte er endlich zu dem Adjutanten, welcher außer ihm der einzige Zuhörer bei dieſer böſen Botſchaft war, und blieb vor dem jungen Manne ſtehen, der eben ſo finſter wie ſein Chef am Tiſche lehnte.„Aber die Patrouille nach S. zu, die beiden Colonnen, die heute Morgen marſchirten! Wo ſind ſie? Was wurde aus ihnen? Es iſt doch gar nicht möglich, daß ſie alle verſchwunden und aufgehoben, daß ſich kein Mann von ihnen gerettet haben ſollte! Heute Morgen noch wußten die Douanen, wußte Vial nichts von wirklichen Feindſeligkeiten, und nach allem Bisherigen müßten gerade ſie die erſten Schläge geſpürt— wie iſt die Stadt?“ „Ruhig, mein General. Die letzten Meldungen wa⸗ ren alle gleichlautend. Man möchte es eher faſt für zu ſtill halten.“— Renaud erwiderte auf dieſe Bemerkung nichts. Nach— dem er jedoch den jungen Chaſſeur freundlich, aber mit der ernſtlichen Weiſung, über alles Erlebte das tiefſte Hoefer, Fremdherrſchaft. III. 16 6 7 f 4 8 5 5 1 8 242 Dreißigſtes Kapitel. Schweigen zu bewahren, entlaſſen hatte, befahl er, ſo ſtill wie möglich zwei der weſtfäliſchen Bataillone zuſammen zu ziehen und ohne viel Aufſehen, das eine gegen S. zu, das andere in der Richtung nach dem uns bekannten Küſtenſtriche aufbrechen zu laſſen. Sie ſollten die nächſt⸗ gelegenen Dörfer beſetzen und feſthalten, ſtarke Patrouillen vorwärts ſchicken, um wo möglich über die Verbreitung und Kraft des Aufſtandes ins Klare zu kommen, ſich, wenn irgend thunlich, mit Marbois in S. in Verbindung ſetzen und fortgeſetzte Meldungen machen. Am Morgen würden ſie weitere Befehle empfangen und Chaſſeurs ſollten ihre Verbindung mit G. vermitteln. Eins von den ſchwa⸗ chen franzöſiſchen Bataillonen endlich hatte ſich als jeden Augenblick bereite Reſerve auf den beiden Marktplätzen der Stadt aufzuſtellen. Der Adjutant verſuchte in Betreff der Weſtfalen eine leiſe Einwendung, wurde jedoch von ſeinem Chef unge⸗ wöhnlich kurz damit zurückgewieſen.„Es muß ſein,“ ſprach Renaud,„und ich bin unbeſorgt, unſer Vertrauen hält ſie beſſer, als unſer Mißtrauen. Dieſer verwünſchte Querkopf Marbois hat ſchon genug Unheil angerichtet mit ſeinen unpolirten Reden! Im Uebrigen ſoll alles ruhen. Wir werden ſchon morgen vielleicht unſere Kräfte gebrau⸗ chen. Vorwärts, St. Amand! Benachrichtigen Sie den Präfecten und die Bataillons⸗Chefs. Vor allem aber Ruhe und ſo wenig Aufſehen wie möglich. Wir können nichts weiter thun. Morgen muß Chenier die Grenze und L. erreichen— dann, wie ſchwach er ſein mag, werden wir feſter zugreifen können.“— ſo ſtill ammen G zu, rannten nächſt⸗ rwouillen reitung , ſich, indung Morgen ſollten ſchwa jeden plätzen en eine unge⸗ ſein, rtrauen ünſchte tet mit ruhen. gebrau⸗ i den NRuhe nichts und L. en wir 0 Das Volk ſteht auf. 24: Es geſchah nach ſeinen Befehlen. Die Truppen wur⸗ den in aller Stille verſammelt und brachen gegen Mitter⸗ nacht auf, ohne ſo viel man merken konnte, recht beachtet zu werden. Sie zogen kompagnieweiſe aus verſchiedenen Thoren, um ſich draußen erſt zu vereinigen. In der Stadt blieb es ganz ſtill. Man hatte es geſchehen laſſen, daß nach und nach die meiſten Lichter verlöſchten und die Bewohner nach dem unruhigen Tage endlich gleichfalls die Ruhe ſuchten. Es zeigte ſich in den Straßen keine Menſchenſeele, als die Patrouillen und Ronden der Feinde, welche ſich indeſſen gleichfalls meiſtens mit einem Hinein— horchen in die Gaſſen begnügten, die ſich tief dunkel und winkelvoll zwiſchen den alten ſchweigenden Häuſern hin⸗ zogen. Von den hinaus marſchirten Truppentheilen war noch keine Meldung angelangt und die Poſten auf den alten Stadtwällen horchten vergeblich in jene Richtung hinaus. Etwas Beſonderes konnte, gegen S. zu wenig⸗ ſtens, nicht vorgefallen ſein. Der Wind war richtig gegen Oſten geſprungen und wehte ſtark von dort herüber. Er brachte keine Töne mit. Gerade als die Uhren auf den Kirchthürmen Drei ſchlugen, ritt ein Chaſſeur mit Meldung von den gegen S. entſandten Weſtfalen durch das Wildenkerger Thor in die Stadt und um ſo raſcher der alten Kommandantur „da er in der erſten Querſtraße eine dunkle Menſcher menge erblickte, die ſich aber lautlos hielt und ihn ſchwei⸗ gend vorüber ließ. Ein paar hundert Schritte weiter, wo am Eingange der Brüderſtraße eine neue Quergaſſe rechts 244 Dreißigſtes Kapitel. gegen die Stadtmauern zu ſich abzweigte, ſah er einen zweiten Haufen, und einzelne Geſtalten bewegten ſich längs den dunklen Häuſern der Brüderſtraße in der Richtung nach dem neuen Markte hin. Es war aber, trotz des jetzt klaren Himmels, ſo dunkel und er ritt ſo raſch, daß er das alles nur undeutlich ſah. Als er auf dem Vorhofe der Kommandantur abſaß und den Zügel des Gaules an die nächſte Fenſterladen⸗ Krampe hing, fragte der eine Poſten vor dem Portal: „Wie ſteht's draußen, Kamerad?“— Der Kommandantur⸗ Wache war trotz aller Vorſicht doch etwas von der Meldung des von L. Angelangten zu Ohren gekommen. „Gut, das Dorf iſt beſetzt, bisher keinen Widerſtand gefunden,“ verſetzte der Chaſſeur leiſe.„Aber bei euch hier in der Stadt—“ „Alles ruhig, Kamerad,“ ſagte der Poſten. „Weiß nicht, es rührt ſich etwas, gebt Acht!“ flüſterte der Chaſſeur, die Stufen hinaufſpringend. Er war noch nicht in die Thür getreten, als die bei⸗ den Poſten zugleich:„Zu den Waffen! Feuer!“ ſchrieen, und herumfahrend, erblickte er ſeitwärts, in der Richtung des von ihm paſſirten Thores zu, eine glühende, gewaltig auflohende Röthe. In die Thür konnte er nicht mehr, die Wachtmann⸗ ſchaften ſprangen Hals über Kopf heraus und verſperrten ihm den Weg; im nächſten Augenblicke war auch St. Amand nebſt ein paar anderen Offizieren ſchon im Hofe, und aus einem oberen Fenſter rief Renaud's Stimme herab:„Das ſind die Munitions⸗Schuppen! Zu den Das Volk ſteht auf. 245 Waffen, St. Amand! Zum neuen Markte! Die beiden reeinen h längs Kompagnieen ans Thor! Das Erſte, was hier zuſammen⸗ lichtung kommt—“ 7 des jett Eine furchtbare Exploſion, der in kurzen Zwiſchen⸗ daß er räumen noch ein paar andere, ſchwächere folgten, ließ für den Augenblick jedes andere Geräuſch verſchwinden. Der rabſaß Boden bebte, hier und da ſtürzten die Kamine und Ziegel erladen von den Dächern mit Gepraſſel auf die Straßen, das Portul Klirren zerſchmetterter Fenſter tönte von allen Seiten, dutu und ein Regen von Funken und glimmenden Holzſtücken, keldung von Splittern und zerplatzenden Granaten ſauſ'te, vom Winde noch mehr getrieben, über die Stadt hin. erſtand Ein gellendes Geſchrei der aus ihren Häuſern ſtürzen⸗ ei euch den Bewohner erfüllte unmittelbar darauf die noch eben todtenſtillen Straßen. Dann ward ein greller Feuer⸗ ruf laut. lüſe Das war das Erſte, was von den Menſchen für Renaud wieder vernehmbar wurde, den die Gewalt der 1 die bei Exploſion ſelbſt hier von dem aus einander geriſſenen hrien, Fenſter weit in das Gemach zurückgeworfen hatte. Im chtung nächſten Augenblicke ſtürzte er vor gegen die rahmenloſe rwalig Oeffnung und donnerte zwiſchen die Betäubten und wie 1 Gelähmzen hinab:„Tambour, zu den Waffen! In die tmomn⸗ Gärten, zum Park!“ Der Tambour ermannte ſich und ſchlug Alarm; von ane dem Seitenflügel der Kommandantur und vom Minoriten⸗ 1 ch. Kloſter antworteten ſchon die anderen Trommeln, und ran die Mannſchaften ſtürzten bereits ins Freie. Aus der Lüu b Stadt klangen die Trompeten der Chaſſeurs hell herüber, 4 246 Dreißigſtes Kapitel. aber aus der Stadt gellte auch ein furchtbares, immer zunehmendes Geſchrei, ein tobender Lärm wälzte ſich näher und näher gegen die Brüderſtraße zu, Flintenſchüſſe rollten in ganzen Lagen dazwiſchen, und jetzt fingen die alten Glocken erſt von einem, dann vom zweiten, dann von allen Thürmen an, ihre dumpfen oder ſcharfen Stimmen über die Stadt hin ſchallen zu laſſen. Sie läuteten zum Sturme gegen die Feinde des Vaterlandes. Es verging eine kurze, aber inhaltsſchwere und uner⸗ ſetzliche Zeit, bis Renaud ſeine Lage überblicken und daran denken konnte, zum Handeln überzugehen. Wie die von allen Seiten anlangenden, häufig durch Flüchtlinge über⸗ brachten Meldungen anzudeuten ſchienen, waren nicht nur die ſtarke, bei der Munition aufgeſtellte Mannſchaft, ſon— dern unmittelbar darauf und gleichzeitig auch faſt alle Thorwachen plötzlich überfallen und beinahe ohne Kampf beſiegt worden. Was mit ihnen geſchehen, ob man ſie erſchlagen, ob man ſie bloß gefangen, wie Viele ſich ge⸗ rettet, davon wußten die wenigen, mit Noth Entronnenen nichts; eben ſo wenig, woher die Angreifer ſo plötzlich ge⸗ kommen, wer ſie, wie viele ihrer ſeien. Die Wachen in den Kirchthürmen hatten zuerſt die Glocken über ſich läuten hören und waren, hinaufdringend, mit Flintenſchüſſen zu⸗ rückgeworfen worden. Einen wirklichen Kampf hatte es in dieſen Momenten der erſten Ueberraſchung nur im Hafen gegeben, wo die zwei von den Franzoſen zu ſeiner Sicherung beſetzten Schiffe erſt nach blutigem Ringen den Angreifern in die Hände gefallen waren. Kurz, die Ueberrumpelung der Franzoſen war auf immer h näher erollten je alten nn von btimmen ten zum d uner⸗ d daran die von e über cht nur t, ſon⸗ aſt olle Kampf nan ſie ſich ge⸗ onnenen lich ge⸗ chen in läuten ſſen zu⸗ atte es zur im ſeiner gen den gar auf Das Volk ſteht auf. 247 das vollſtändigſte und um ſo beſſer gelungen, da, wie ge⸗ ſagt, niemand in ihren Reihen, ſelbſt Renaud nicht, einen ſo plötzlichen, ſo umfaſſenden, ſo nachhaltigen und ver⸗ nichtenden Angriff in der Stadt ſelbſt für möglich ge⸗ halten hatte. Renaud wußte es nicht anders, als daß durch die lange Handelsſperre und Geſchäftsloſigkeit aller⸗ dings eine große Zahl unbeſchäftigter, kräftiger und toll⸗ kühner Burſchen in dem Hafenplatze und ſeiner Umgegend zuſammengeſchichtet ſei, von denen man, zumal wenn an⸗ derwärtige Erhebungen dazu kämen, wohl einen raſchen und vielleicht auch ſchweren Anfall zu fürchten haben möchte, der ſicher nicht ohne Anſtrengung und blutigen Kampf zu beſiegen ſein würde. Er war auch deßwegen nach G. übergeſiedelt, um dieſe Haufen mehr unter ſeiner Hand zu haben und ſich von ihnen durch einen gelungenen Aufſtand nicht die Verbindung mit dem M'ſchen abſchneiden zu laſſen. Er wußte es, daß er in der Stadt ſelbſt und ihrer Bürgerſchaft bei der herrſchenden Stimmung ſicher nur Feinde finden würde, aber Feinde, wie er annahm, die es wie alle ihres Gleichen bei böſen Blicken und Mienen, wenn es hoch kam, bei lauten Worten bewenden laſſen dürften. Sollten dieſe kleinen, ehrbaren Bürger ihre Häuſer, ihr Vermögen, ihre und der Ihren koſtbare Hälſe riskiren in einem Aufſtande gegen die wohldiscipli⸗ nirten Schaaren der Feinde? Wer hätte das, gerade das auch nur für möglich halten ſollen! Und doch war gerade das eingetreten. Ob ſie ſich ſchon bei den erſten Ueberrumpelungen betheiligt, ließ ſich nicht in Erfahrung bringen, nun aber waren ſie dabei, 248 Dreißigſtes Kapitel. und Renaud und die Seinen erfuhren es, was für eine ungeahnte Kraft und Gewalt in der Bevölkerung einer nichts weniger als großen Stadt ſteckt, wenn ſie einmal einmüthig zuſammenhält und ihr Leben und ihr Alles an das zu ſetzen entſchloſſen iſt, was für ſie das Rechte und Heilige iſt. In dem Kampfe, der ſich ſeit dem Beginne des Aufſtandes immer drohender entſponnen hatte und immer nachhaltiger fortgeſetzt wurde, bildete die Bürger⸗ ſchaft gerade den feſten, unerſchütterlichen Kern, und die ſogenannte Schützen⸗Kompagnie, welche in G. ſo gut wie in all dieſen alten Städten ſchon ſeit unvordenklichen Zeiten beſtand, lichtete mit ihren Büchſen die Reihen der auf dem alten und neuen Markte fechtenden Franzoſen auf das ſchrecklichſte. Es ſtand für die Franzoſen ſchon jetzt zum Ver⸗ zweifeln. Von dem Bataillon Rheinbunds⸗Truppen, wel⸗ ches neben einer kleinen Zahl Artilleriſten und den Garde⸗ Mariniers die Wachen bei den Munitions⸗Schuppen und an den Thoren beſetzt gehalten, war ſo gut wie nichts mehr übrig. Der Reſt der Weſtfalen war gar nicht mehr zuſammengekommen, ſie ſchlugen ſich zug- und kompagnie— weiſe, wie ſie ſich zu ſammeln vermocht, ſo ehrenvoll wie möglich in den Straßen der Stadt und ſtrebten den bei⸗ den Marktplätzen zu, wo die Franzoſen mit unerſchütter⸗ lichem Muthe Stand hielten, um die in der Stadt zerſtreut Fechtenden aufzunehmen und die Rückzugslinie zu dem einzigen Thore, das noch im Beſitze der Fremden,— es war eigentlich nur ein Nebenthor, diesſeits des Rhodaer gelegen, und erſt Renaud hatte zur Erleichterung der Lomm Die h Anſtur beſten dern i öffent ſchnell ſich zu der ar in der und) dadur zurüch einen berge das den Das Volk ſteht auf. 249 eine Communication hier den Stadtgraben überbrücken laſſen. ner Die hier und da aufgepflanzten Geſchütze waren im erſten nal Anſturm verloren gegangen und umgeſtürzt worden. an Den Chaſſeurs endlich war es verhältnißmäßig am und beſten ergangen. Der Pferde wegen nicht vereinzelt, ſon— dern in einer Kirche und einigen anderen nahe gelegenen nne und öffentlichen Gebäuden untergebracht, hatten ſie ſich am ger ſchnellſten und vollſtändigſten geſammelt. Ein Theil ſchlug die ſich zur Brüderſtraße und der alten Kommandantur durch; wie der andere, der zum alten Markte durchdringen wollte, hatte hen in dem dortigen Straßengewirr große Verluſte an Leuten der und Pferden, und ſein Kommandeur vermochte ihn nur en dadurch vor Vernichtung zu bewahren, daß er ſich jählings zurückwandte, die in ſeinem Rücken Herandringenden durch er⸗ einen kräftigen Angriff zerſtreute, aus dem nahen Wilden⸗ el⸗ berger Thor ſtürmte und um die Stadt herumjagend, durch de⸗ das eben erwähnte zweite, entgegengeſetzte Thor ſich wieder nd den Kameraden in der Brüderſtraße anſchloß. ts Die Brüderſtraße und die beiden alten Kloſtergebäude Ir hielt Renaud noch feſt, die Eingänge der zwei oder drei ie⸗ Quergaſſen waren durch Geſchütze beſtrichen, der Artillerie— 8 vie Park in den Gärten der Kommandantur, der draußen 7 er befindliche Wallabſchnitt in der Obhut genügender und er treuer Vertheidiger, denn das zweite und letzte Bataillon ut Franzoſen hatte ſich gleichfalls bald nach Beginn des m Kampfes, alles vor ſich niederwerfend, zu ſeinem General 6 durchgeſchlagen und half ihm, wenigſtens dieſen kleinen Theil der Stadt vor den immer gewaltiger herandringen⸗ den Angreifern feſthalten. 250 Dreißigſtes Kapitel. Als hier die Vertheidigung ſo gut wie möglich ge— ordnet war, ritt Renaud mit den Chaſſeurs und allem, was ſonſt entbehrlich ſchien, auf den neuen Markt, um von dort aus die Zurückeroberung der Stadt zu verſuchen. Allein ſchon bei dieſem kurzen Ritte, noch mehr aber bei dem Anblicke des Kampfes auf dem Platze ſelbſt und in den anſtoßenden Straßen, und am meiſten bei den Attaken, welche die Chaſſeurs in dieſen Straßen verſuchen mußten, überzeugte er ſich bald, daß er ſolchen Gedanken und Hoffnungen für jetzt wenigſtens entſagen müſſe. In den Straßen war gar kein Halten mehr; überall fanden ſich raſch errichtete Verrammelungen und Verhaue— Barri⸗ caden hieß man das damals noch nicht— aufgeriſſenes Straßenpflaſter, Hinderniſſe aller Art, aus allen Häuſern flog, was eben zur Hand war, den Feinden auf die Köpfe, die Vertheidiger gingen ihnen mit jeder nur denkbaren Waffe zu Leibe, und immer neue Schaaren wälzten ſich heran, die anderwärts entbehrlich geworden oder von drau⸗ ßen zugedrungen ſein mochten. Es war eine furchtbare Nacht. Als es gegen Mor⸗ gen ging und die erſte Dämmerung einen beſſeren Ueber⸗ blick erlaubte, ſah Renaud immer mehr ein, daß von Ver⸗ theidigung hier in der Mitte der Stadt keine Rede mehr, geſchweige denn von einem erneuerten Angriffe. Die braven Weſtfalen hatten ſich allmälig, ſo viele ihrer noch übrig waren, herangekämpft. Mit Aufbietung aller Kräfte drang man bis zum alten Markte vor und befreite die Reſte der dort kaum noch Stand haltenden Franzoſen. Man zog ſich kämpfend zurück gegen die Brüderſtraße und das ei ſich, die A komm fort, geſcha 4 vom T voll k von d damit da ſch zujag auch zurüc von die verne den man nd in taken, ißten, und den ſich arri⸗ ſenes uſern öpfe, baren ſic drau⸗ Das Volk ſteht auf. 251 das einzige Thor, welches man noch beſaß, und begnügte ſich, dieſe letzten Punkte bis aufs äußerſte feſtzuhalten. die Angreifenden ſahen das Günſtige dieſer Poſition voll⸗ kommen ein. Sie ſetzten einſtweilen den Kampf nicht fort, hielten jedoch alle Zugänge in entſchloſſenen, dicht geſchaarten Haufen beſetzt. Als die Sonne aufging und Renaud düſtern Blickes vom Walle hinter der alten Kommandantur in den pracht— voll klaren Morgen und den Seinigen entgegenſah, die er von dem Geſchehenen längſt hatte benachrichtigen laſſen, damit ſie ſich auf ihn zurückzögen, ſah er von den Rho⸗ da'ſchen Waldungen her Chaſſeurs in Carriere der Stadt zujagen, und bald darauf erblickte er durch das Fernrohr auch ſchon einzelne Trupps der Weſtfalen aus dem Walde zurückweichen.— Der luſtige Wind trug das Knattern von Gewehrfeuer dumpf herüber, und jetzt ließen ſich auch die Töne der Sturmglocken aus den nächſten Dörfern vernehmen, die den unaufhörlich läutenden Glocken auf leichſam zu antworten ſchienen, daß den Stadtthürmen g. man drüben gleichfalls Ernſt zu machen beginne. Renaud wandte ſich finſter ab. Er ließ alle Vorbe⸗ reitungen treffen, den in den Gärten ſtehenden Artillerie⸗ Park, der nicht mehr zu retten ſchien, in Stunde zu vernichten. Wenn er die draußen befindlichen Truppen an ſich und mit ihnen auf S. möglich, daß er und Marbois vereint auf L. vordringen, ſich mit Chenier zuſammen ſo dem Kaiſer wenigſtens den Haupt⸗ der äußerſten zog, ſchien es Umwegen nach gegen Hamburg zu durcharbeiten und theil der Truppen erhalten könnten. Wenn die Inſur⸗ —— — — ———— Dreißigſtes Kapitel.— Das Volk ſteht auf. genten auf dem Lande eben ſo Ernſt machten, wie dieſe Bürger in der Stadt, war von der Behauptung der Pro⸗ vinz für jetzt keine Rede mehr. Renaud knirſchte. Es war gekommen, wie er es ge⸗ fürchtet, als er gegen die in immer größerem Umfange von ihm verlangte Abgabe ſeiner noch ſchlagfähigen Trup⸗ pen proteſtirt hatte; ja, es war gewiſſermaßen noch ſchlim⸗ mer gekommen. Er hatte, wie wir hörten, die Erhebung der Provinz vom Lande ausgehend erwartet und eine ſolche überhaupt nur mit Unterſtützung durch fremde regu⸗ läre Truppen für möglich gehalten, während er ſelber durch Behauptung der Städte wenigſtens dem raſchen Umſichgreifen der Empörung eine Zeitlang begegnen und Zeit zur Rettung ſeiner Truppen und des großen Mate⸗ rials gewinnen zu können hoffte. Jetzt hatte der Auf— ſtand ihm gerade die Stadt genommen, auf welche es ihm hauptſächlich ankam. S. war ihm nur der Vereinigung mit Marbois wegen und als zu behauptender Rückzugs⸗ L 9 5ug 2 3 3 l punkt von Werth. Von der kleinen Grenzſtadt L. wußte er nichts, es mochte dort ſchlimmer ſtehen, als hier bei ihm. Und das Land umher ſchien ihm nicht mehr zugänglich. bung eine regu⸗ elber ſchen und Nate⸗ Auf⸗ ihm gung ugs⸗ ußte ihm. c. inunddreißigſtes Kapitel. ZBie Feſſeln brechen. Der Landſturm! Der Landſturm! Hörſt du vom Kirchthurm ſtürmen Siehſt du die Nachbarn wimmeln? Und drüben ſtürmt es auch im Gau 381— Auf Gott vertrau! Ich muß hinaus l Der Landſturm! Der Landſturm! iſt Morgenthau.— Des Feindes B In der Nacht zum Montag, dem erſten März, als um elf Uhr Leo von Rettfeld mit den beiden Geretteten bei Karſten Herbart, wie er's verſprochen, eingetroffen war und von demſelben raſch und heimlich aus der Stadt gebracht wurde, hatte er beim Abſchiede zu dem alten Schiffer geſagt:„Ich habe wenig Reſpect vor dieſen Franzoſen; je mehr ich von ihnen höre und ſehe, deſto h von dem guten und nicht gerade ſchwe⸗ überzeugter bin ich Aber Graf Eberhard läßt ren Erfolge eines Aufſtandes. euch durch mich daran mahnen, daß ihr nicht zu früh los⸗ brecht. Wir können Euch und die Euren noch den ganzen nächſten Tag nicht anders unterſtützen, als bisher, d. h. indem man des Feindes Verbindungen mit den hier und 54 Einunddreißigſtes Kapitel. da im Lande zerſtreuten kleinen Poſten aufhebt, ſeine Or⸗ donnanzen und vielleicht auch Patrouillen, abfängt.— Ich verſtehe zwar das alles nicht,“ fügte er, ſich gegen ſeine Begleiter wendend, hinzu, welche bisher ſchweigend daneben geſtanden.„Meiner Ueberzeugung nach ſollte und könnte man immerhin beginnen und wenigſtens draußen freien Tiſch machen.“ „Geduld, Freund!“ fiel Hoven ernſt ein und legte die Hand gleichſam beſchwichtigend auf des Ungeduldigen Schulter.„Graf Eberhard hat vollkommen Recht, wie ich am beſten beurtheilen kann. Wir brauchen mindeſtens noch den ganzen Tag, bevor von einem wirklichen Los⸗ ſchlagen die Rede ſein kann, und ich mache Euch verant⸗ wortlich, Freund Karſten, daß Ihr hier auf unſere Bot— ſchaft wartet. Ihr ſollt ſie ſo ſchnell haben, wie möglich, das verſprech' ich Euch bei unſer aller Ehre. Hoffentlich bis morgen Abend. Wie ſteht's im M.'ſchen?“ „Wenn ſie ſich'n wenig haſten, können ſie am Diens⸗ tag bis zur Grenze heran ſein,“ meinte Karſten. „Alſo bis zum Dienstag müſſen wir fertig ſein,“ ſprach Hoven wieder in ſeinem ruhig entſchloſſenen Tone. „Bis dahin aber, Karſten—“ „Schon recht, Herr,“ fiel der Alte hörbar grämlich ein,„aber allzulange wartet nicht. Bis zum Abend halt' ich's, darauf iſt alles verabredet, und da erwarten wir euer Signal. Länger geht's nicht. Könnt ihr's den Renaud erfahren laſſen, daß draußen der Teufel los,— ſo thut's. Er ſchickt dann vielleicht noch mehr Truppen aus der Stadt, und wir haben leichteres Spiel. Und nun Gott munten tet, ih ſt das Pferde . horen. laſſen! zeuger ſtock( dazu, zurück wo ſi paar ihren ed t.— gegen igend ſollte ußen Die Feſſeln brechen. 255 Gott befohlen und friſch drauf los,“ ſchloß er wieder munterer.„Der Steffen hat ſchon ordentlich vorgearbei⸗ tet, ihr werdet alles in Gang finden, Herrſchaften.— Da iſt das Dorf— der Bauer iſt ſicher und wird euch gleich Pferde geben. Vergeßt's nicht:„Jack' und Hut!“— „Gott befohlen, Karſten! Ihr ſollt bald von uns hören. Fangt Ihr aber einmal an, dann— kein Nach⸗ laſſen!“ ſagte Hoven, die Hand des Alten ſchüttelnd. Es war, als ſolle ihn der Druck, den er zurück er— hielt, von dem ‚Feſthalten“ des rauhen Schiffers über⸗ zeugen, denn er fühlte ſeine Finger wie in einen Schraub⸗ ſtock geklemmt.„Wie Bulldoggen, Herr!“ ſprach Karſten dazu, und dann ſchieden ſie, der Schiffer nach der Stadt zurück, die Drei mit einigen Begleitern ins nächſte Dorf, wo ſie, wie angedeutet, von einem Bauer Pferde und ein paar Leute zur weiteren Begleitung erhielten und dann ihren Weg durch die regneriſche Nacht ſo ſchnell wie mög— lich fortſetzten. An viel Reden und Fragen war nicht zu denken. Die Nacht war zu dunkel, die Wege waren zu ſchlecht und verlangten die genaueſte Aufmerkſamkeit nicht nur der Führer, ſondern auch der drei Herren, und Hoven und Eugen waren überdies, wie kraftvoll Beide auch füh— len und denken mochten, noch beherrſcht durch die jähe r Lage, durch den Einen, ſchnellen Schritt Veränderung ihre volle Freiheit. vom Rande des offenen Grabes hinaus in die Wie weit man mit den Vorbereitungen zum Auf⸗ ſtande trotz der wenigen, bisher verfloſſenen Stunden ge⸗ 6 1 4 Einunddreißigſtes Kapitel. kommen war, zeigte ſich auf ihrem Wege daran, daß ſie mehrmals von an verdeckten Stellen aufgeſtellten kleinen Poſten aufgehalten wurden und erſt nachdem man ſie er⸗ kannt ihren Weg fortſetzen durften. So war, nach Leo's Erklärung, ſchon ſeit dem Mittage die ganze Stadt wie mit einem Cordon umgeben, daß kein Menſch ſie unge— ſehen verlaſſen oder betreten konnte, daß Renaud dort von der Umgegend bereits gänzlich abgeſperrt war, daß man ſchon jetzt ein paar Ordonnanzen und Couriere auf⸗ gefangen hatte. Nur der Seeweg war noch frei, an den die Franzoſen aber einſtweilen kaum dachten, weil ſie von der Verlegung der Landwege noch nichts ahnten. Bis morgen jedoch, hatte Steffen verheißen— denn von ihm gingen dieſe raſchen Maßregeln aus— ſollten auch die Douanenpoſten abgeſchnitten ſein. Erſt als ſie in Dreiheiligen angelangt waren und mit dem völlig gefaßten und ruhig heiteren Grafen Eber⸗ hard und dem alten, gleichfalls anweſenden Schäfer zu— ſammenſaßen, raſch ſich ausruhend von all den ſchnell einander folgenden Ereigniſſen des Tages und der Nacht, fand Eugen Zeit, Leo danach zu fragen, wie er in die Stadt gekommen und wie ihm ihre Befreiung möglich geworden. „Das iſt einfach genug,“ verſetzte Rettfeld lachend. „Ich hielt es hier draußen nicht aus, und da wir über⸗ dies annahmen, daß Karſten Herbart immerhin einen mili⸗ täriſchen Beiſtand brauchen werde, der ihn wenigſtens verhinderte, ſich an den Franzoſen, ohne euch zu nutzen, den Kopf einzurennen— der Onkel und ich trauten ſeiner legen leicht cch r Gym war. Gan⸗ die führt troch mit, nach gune Pfe öffn geſa nen Gri mac kon iſts 8 ſß ſe einen je er Leo wie auf⸗ den von Bis ihm die und Fber⸗ zu⸗ hnell Die Feſſeln brechen. 257 Beſonnenheit noch ein bischen weniger, als Vater Steffen hier— ſo ſpedirte Steffen mich hinein. Und hätten die Feinde euch anderwärts untergebracht oder hätte ich nicht zufällig in dem alten Gewölbe Beſcheid gewußt, ſo würde es für euch verzweifelt genug ausgeſehen haben. Kar⸗ ſten's Pläne waren eben auch nur die der Verzweiflung, mag er im Uebrigen ſeine Leute in der Hand haben, wie er will, und jetzt in der Gefahr kaltblütiger und über⸗ legender ſein, als wir je gehofft. „Sobald ich von dem Gewölbe erfuhr, war alles leicht,“ ſprach er munter weiter.„Du weißt, Eugen, daß ich nach dem Tode meiner Eltern drei Jahre lang das Gymnaſium in G. beſuchte und bei Griſchow in Penſion war. Dort fand ich zufällig einmal den unterirdiſchen Gang, der, den Hausbewohnern ſelbſt nicht bekannt, in die alte Kommandantur, unter der Straße durch, hinüber⸗ führt. Ich war ein neugieriger und beherzter Burſche, ich kroch hindurch, ich nahm mir ein anderes Mal gar Licht mit, fand drüben die alten Riegel und Federn, brachte es nach diverſem Salben und Schmieren dahin, ſie in Bewe⸗ gung zu ſetzen, und ſah dann den ſchweren, ſogenannten Pfeiler auf ſeinem Zapfen vor meiner Kinderhand ſich öffnen und ſchließen. Warum ich damals nichts davon geſagt, weiß ich nicht, vielleicht aus Luſt an meinem eige⸗ nen kleinen Geheimniß, vielleicht, um mir hinter Papa Griſchow's Rücken gelegentlich einen Ausflug möglich zu machen. Die Kommandantur ſtand damals leer, ich konnte gehen und kommen, wie's mir beliebte. Nachher iſt's mir natürlich aus dem Kopfe gekommen und fiel mir Hoefer, Fremdherrſchaft. III. 17 42 16 1 258 Einunddreißigſtes Kapitel. erſt wieder bei Karſten's Mittheilung ein.— Schade, daß ihr nicht Papa Griſchow's conſternirtes Geſicht geſehen habt, als ich vorhin zu ihm kam, in ſeinen Keller ver⸗ langte und ihm endlich von dieſem ſchönen Wege ſagte! Stoßt an— die lieben Väter Dominicaner ſollen leben, die uns nach dreihundert Jahren noch ſo hülfreich ge⸗ worden!“— Das heitere Intermezzo war zu Ende, der Ernſt trat wieder in ſeine Rechte. Hoven war bald vollends unter⸗ richtet von allem, was vorgefallen und bereits geſchehen war, und erſtaunte heimlich über die raſtloſe und erfolg⸗ reiche Thätigkeit, die von den Zurückgebliebenen ſeit dem Mittage des vergangenen Tages, hauptſächlich aber von dem alten Schäfer, und zwar ſchon ſeitdem derſelbe die erſten Nachrichten von dem Ueberfalle Ober⸗Rhoda's er⸗ halten, entwickelt worden. Der Einfluß und die Verbin⸗ dungen des Greiſes zeigten ſich in einem Umfange, wie es ſelbſt ſeine langjährigen Bekannten überraſchte. Seine Worte und Weiſungen fanden aufmerkſame Ohren und augenblicklichen Gehorſam, augenblickliche Ausführung. Die geſammte Bevölkerung dieſer Striche ſchien ſich für ihn in Boten verwandelt zu haben. So war die Kunde von dem gegen das alte Schloß ausgeführten Ueberfalle, die Weiſung, daß man in der nächſten Stunde vielleicht ſchon den Aufſtand beginnen müſſe, noch vor Eberhard’s und Leo's Rückkehr nach Dreiheiligen, hier bis über L. hinaus, ins Preußiſche und M.'ſche hinein, und drüben bis hinter G., nach der Nachbarſtadt S. zu nicht nur unterwegs, ſonde gelan Doue ſchon dieſen tief Rhod Selb lich Art konn grif von vorz gegt ullg Ma Kell nod nau Me Ha Fr kei he be „ die ſchon und naus, ſinter vegs, Die Feſſeln brechen. ſondern vermuthlich bereits an den Beſtimmungsorten an⸗ gelangt. Nicht nur Renaud's Garniſon G., ſondern auch die Douanenpoſten und Vial in Nieder⸗Rhoda waren, wie ſchon bemerkt, zu Lande wenigſtens abgeſperrt, und in dieſem Augenblicke, wo die kleine Geſellſchaft das alles tief ernſt beſprach und erwog, ſollte die ganze in Ober⸗ Rhoda zurückgebliebene Mannſchaft aufgehoben werden. Selbſt Hoven geſtand, daß die ihm mitgetheilten, eigent⸗ lich nur von Steffen angeordneten Maßregeln von der Art ſeien, daß man des beſten Erfolges gewärtig ſein konnte. Wenn alles zuſammenſtimmte und in einander griff, durfte nicht Ein Schuß fallen und nicht Ein Mann von dort entrinnen. Es war die erſte Probe, welche der vorzüglich durch Steffen's Hülfe und durch ſeinen Einfluß gegründete und von Hoven weiter ausgebildete Plan zum allgemeinen Aufſtande gegen die Fremden beſtehen ſollte. Man bedurfte des alten Schloſſes und der in ſeinen Kellern lagernden Vorräthe, und man hatte bisher doch noch allen Lärm zu ſcheuen, um ſich nicht die Rache Re— naud's zu früh auf den Hals zu ziehen. Und die Probe fiel glänzend aus. Noch bevor der Morgen anbrach, kam Detlef mit der Nachricht, daß der Handſtreich auf das vollſtändigſte gelungen, daß man der Franzoſen faſt ohne Widerſtand Herr geworden und keinen Mann von ihnen habe entrinnen laſſen. Zu glei⸗ cher Zeit meldete er, daß ſich überall in der Nachbarſchaft bereits die Mannſchaften aus der nächſten Umgegend in größeren Scharen ſammelten, um ihre vollſtändige Be⸗ 260 Einunddreißigſtes Kapitel. waffnung zu erhalten und mit hinreichender Munition verſehen zu werden. Hier trat nun Hoven's eigener Plan in ſeine Rechte und es zeigte ſich, wie berechtigt ſeine Forderungen, wie richtig ſeine Anſchauungen, wie erfolgreich ſein ſtilles, aber unermüdliches Schaffen geweſen. Er hatte das, was er bei ſeiner Ankunft an jenem Ballabende über die bereits vorhandenen Mittel der Patrioten erfuhr, zwar vollkom⸗ men gewürdigt und als einen guten Anfang, als Vor⸗ läufer und Vorpoſten, ſo zu ſagen, des wirklichen, feſten und geſchloſſenen Aufſtandes gelten laſſen, aber er hatte davon kein ernſtliches Heil zu erhoffen vermocht und durfte dabei nicht ſtehen bleiben. Vor allen Dingen galt es, außer den leichten Scharen feſte Körper zu bilden, die den Feind nicht bloß necken und umſchwärmen, oder ihm allenfalls auf beſonders günſtigem Terrain eine Zeit⸗ lang Widerſtand zu leiſten vermochten, ſondern ihm auch im offenen Kampfe Stand zu halten verſprachen, etwas, das bei den von je her beſtandenen Verhältniſſen, wenn man Zeit hatte und die Sache mit Geſchick und gutem Willen angriff, ſelbſt unter den Augen des Feindes zu ermöglichen ſein mußte, zumal, wenn man die Stimmung berückſichtigte, die, wie uns bekannt, hier zu Lande alle Stände auf gleiche Weiſe beherrſchte. Das Volk dieſer Gegenden iſt, wie wenig es zuwei⸗ len und bei Einzelnen den Anſchein haben mag, im Gan⸗ zen ein außerordentlich intelligentes und körperlich ge— wandtes, ſo daß es von je her treffliche Soldaten lieferte. Die frühere einheimiſche Regierung hatte für ihre wenig zͤhl non zen Leib eing neue dure Auf Die Feſſeln brechen. 261 tion zahlreichen Truppen niemals viele Leute in Anſpruch ge⸗ ecte nommen, deſto mehr aber waren, bald frei über die Gren⸗ wie zen wandernd, bald aus der damals noch beſtehenden aber Leibeigenſchaft fliehend, in den Heeren der Nachbarſtaaten er eingetreten und hatten dort eine, wenn auch nicht den reits neuerdings erhobenen Anſprüchen entſprechende Schule kom⸗ durchgemacht. Seit den Jahren 1806 und 1807 und der Vor⸗ Auflöſung der preußiſchen Armee wimmelten die Städte ſen und das flache Land von zurückgekehrten alten Soldaten, atte die ſich ſeitdem in allen möglichen Dienſten und Beſchäf⸗ und tigungen fortzubringen verſuchten und voll des grimmig⸗ galt ſten Haſſes gegen die Franzoſen waren, denen ſie ihre 1 gegenwärtige, oft mißliche Stellung, ihre Armuth und Nahrungsloſigkeit Schuld gaben. Es konnte nicht ſchwer den, oder get fallen, aus ihnen gerade einen Kern für mehrere reguläre auch Truppenkörper zu bilden, an den ſich die Ungeſchulten vas, anſchließen, an dem ſie ſich raſch heranbilden konnten. enn In den Städten, wo die Franzoſen Garniſonen nicht tem nur, ſondern überall auch beobachtende Augen hatten, war zu dergleichen nur ſchwer oder gar nicht durchzuführen, auf 1ng dem Lande dagegen bei den beſtehenden beſonderen Ver⸗ ale hältniſſen vom Feinde, wenn es ihm überhaupt bekannt wurde, dennoch kaum zu verhindern. Das Land war ver ſchon damals verhältnißmäßig nichts weniger als ſchwach bevölkert, aber dieſe Bevölkerung breitete ſich nicht über . dasſelbe wie anderwärts in zahlreichen Ortſchaften und 4 einzelnen Höfen aus, ſondern drängte ſich in den Strand⸗ 4 dörfern, auf den großen Herrengütern und in den wenigen Ai freien Bauerndörfern, welche meiſtens weit von einander 262 Einunddreißigſtes Kapitel. lagen, deſto dichter zuſammen. Das waren faſt aus⸗ nahmslos volkreiche Plätze, wo überall eine bedeutende Zahl von Männern und Burſchen ſchon bei einander, wo überdies ein großer Theil der gegenwärtigen Knechte, Dienſtleute und anderen Bewohner aus den erwähnten früheren Soldaten beſtand. Das ſchloß ſich nun ſo zu ſagen von ſelbſt an einander, gewann Haltung und Ge⸗ wandtheit auf das ſchnellſte, während eine von den Fran⸗ zoſen verſuchte Controle auf manchen Plätzen gar nicht auszuführen war und anderwärts erfolglos blieb. Ja, während des Februars hatten ſich mehrmals die Mann⸗ ſchaften aus benachbarten Gemeinden zuſammengezogen, um ſich in größeren Uebungen zu verſuchen. Der einzige Querſtrich durch Hoven's Rechnung war bisher Preußens endloſes Zögern mit ſeiner offenen Er⸗ klärung gegen den Feind. Er konnte daher, da die Sache jetzt zum Ausbruche kam, nicht auf die Hülfe rechnen, die man ihm von dort in Ausſicht geſtellt; er ſo wenig wie ein Anderer hier zu Lande wußte davon, daß zu dieſer Stunde bereits das ruſſiſch⸗preußiſche Bündniß wirklich abgeſchloſſen war, das allem ferneren Zögern und Zwei⸗ feln in den nächſten Tagen ſchon ein Ziel ſetzen mußte. Dagegen floß aus dem preußiſchen Zögern für den hie⸗ ſigen Aufſtand wieder ein anderer, und zwar der Vor⸗ theil, daß die Patrioten für ihre rohen Scharen wenig⸗ ſtens nicht der Führer entbehrten. Hoven und Eugen hatten unter den zahlloſen unbeſchäftigten Offizieren, welche drüben im Preußiſchen mit halber Verzweiflung auf die endliche Erhebung und ihre erneuerte Verwendung harrten, Be hie aus tende r, wo ꝛechte, nten ſo zu d Ge⸗ Fran⸗ nicht Ja, lann⸗ ogen, war n Er⸗ Sache hnen, wenig dieſer irklich gwei⸗ nußte. hie⸗ Vor⸗ Die Feſſeln brechen. 263 Bekannte und Freunde genug, die ſich ihnen, wenn es hier früher losginge, als daheim bei ihnen ſelber, auf das bereitwilligſte zur Verfügung geſtellt hatten. Nun galt es, ſie zu benachrichtigen und herbeizurufen, und das über⸗ nahm wieder der Schäfer. Der alte Mann war überhaupt von einer Aufge⸗ wecktheit und Rührigkeit, von einer Geiſtesklarheit und Geiſteskraft, wie ſie ihm nach ſeiner gewöhnlichen Erſchei⸗ nung Wenige hätten zutrauen mögen und noch Wenigere wirklich an ihm kennen gelernt hatten. Das Bedächtige, Starre, faſt Stumpfe, das Kalte und Mißtrauiſche, das man ſonſt beinahe immer und überall wahrnahm, ſchien ſeinem Inneren abgefallen von ſeinem Aeußeren wie von und vor allem zeigte ſich zu ſein, wie ein Alltagskleid, von dem Ungewöhnlichen und Geiſterhaften keine Spur. Aber auch ſein Alter verſchwand, man dachte wenigſtens daran nicht, ſo friſch war er und ſo unermüdlich, ſo wil⸗ lig hier zum Folgen, ſo muthig und ſicher dort im An⸗ ordnen und Ausführen. Und nirgends zeigte er Haſt und Uebereilung, nirgends Schwanken und Zögern; und ob er drinnen bei den Herren ſaß und überlegte oder berieth, en zwiſchen ſeinen Boten ſtand, die er nach allen Richtungen hin expedirte und mit niemals fehlendem Gedächtniſſe, mit niemals ſtockender Sicherheit auf jeden Punkt des Auftrags und des Weges aufmerkſam machte und denen er ſtets den Namen deſſen nannte, an den ſie ſich da oder dort zuerſt wenden, in deſſen Hände ſie ihre Botſchaft zur weiteren Beförderung niederzulegen hätten, — er war ſtets der Gleiche, ruhig, klar und entſchieden, oder ob er drauß 264 Einunddreißigſtes Kapitel. feſt und beſcheiden. Und Graf Eberhard ſagte einmal nach einer ſolchen Scene lächelnd zu Hoven:„An dem iſt ein Generalſtabs⸗Chef erſten Ranges verloren gegangen!“ „Das iſt er auch!“ verſetzte der ernſte Mann und maß den Greis, der eben, wieder ruhig auf ſeinem nied⸗ rigen Sitze am Ofen verweilend, leiſe mit Leo redete, mit einem langen, theilnehmenden, faſt bewundernden Blicke. „Sagt an, ihr Herren, was wären, was vermöchten wir ohne ihn! Ich habe ihm längſt meine Zweifel, meine Ge⸗ ringſchätzung abgebeten, die ich früher über ihn äußerte— erinnern Sie ſich noch, Graf Eberhard? Er flößt mir Reſpect ein, und was noch beſſer iſt, warme Theilnahme und Verehrung. Sehen Sie ihn dort mit Leo! Wie weich iſt dieſes alte, ſtarre Herz geworden! Wie milde und menſchlich kann es noch ſchlagen!“— Steffen hatte in der That, als er Mittags Leo mit Eberhard anlangen und den jungen Mann zum erſten Male ſeit vielen Jahren wieder ſah, eine lebhafte, faſt kindliche und rührende Freude und Zärtlichkeit gezeigt. Er ließ ihn faſt nicht aus den Augen, er hielt ſeine Hand und war neben ihm, ſo viel er konnte, er hatte fort und fort die Züge und Geſtalt ſeines Lieblings zu ſtudiren, ſtets von neuem nach ſeinen Erlebniſſen, ſeinen Plänen zu fragen, und ſchmollte beinahe mit ihm und dem Gra— fen Eberhard, daß der Eine beinahe drei Wochen im Lande verweile, ohne ſich vor ihm ſehen zu laſſen, und der Andere ihm die frühere Gelegenheit zu einer Begeg⸗ nung, am Ankunftstage, verheimlicht habe. Und wie Steffen ſich gegen den jungen, ſo lange lücht nahme ethielt Die Feſſeln brechen. 265 flüchtigen Grundherrn zeigte, ſo viel Beweiſe der Theil⸗ nahme und Verehrung, der Freude und Anhänglichkeit erhielt derſelbe auch von vielen der Männer, die in dieſer Nacht durch das Herrenhaus zu Dreiheiligen gingen. Wo er ſich ſehen ließ, boten ſich ihm harte, feſte Hände zum Gruße dar, folgten ihm freundliche Blicke und Worte, und mehr als einmal hätte man rauhe Geſellen ſich Glück wünſchen hören können: Nun erſt ſei alles recht. Wo es für's Land und die Leute was Gutes gegeben, ſeien die Rettfeld immer voran geweſen. Und der hier ſcheine ein rechter Sproß des alten Stammes.— Sie wußten’s ſchon, daß er Eugen und Hoven aus dem Gefängniſſe befreit.. Aber ſolchen Gefühlen und Gedanken konnten alle ſich nur nebenher überlaſſen, Zeit zum Plaudern und Träu⸗ men, zum Feiern und Ruhen fanden weder die Herren in den Zimmern, noch die Diener im Hauſe, noch die Männer und Burſchen, die ab und zuſtrömten. Es war eine wunderbare Nacht, übervoll an Unruhe und raſtloſer Thätigkeit, aber auch an vollſter Einigkeit, an herzlichſtem Zuſammenwirken, an körperlicher Unermüdlichkeit und gei⸗ ſtiger, friſcher, freudiger, muthiger Erhebung. Und als der Morgen des 1. März anbrach, war ge⸗ ſchehen, was geſchehen konnte,— wo der Feind ſtand, war er von allen Seiten, ohne es bisher zu ahnen, jetzt vollkommen umſchloſſen und abgeſperrt, war jede Verbin⸗ dung unmöglich gemacht, mußte jeder kleinere Trupp den Patrioten in die Hände fallen, ja, war man auf den Hauptſtellen bereits im Stande, größeren Maſſen nach⸗ 266 Einunddreißigſtes Kapitel. haltig zu begegnen. Hinter dieſem Cordon zog ſich aller⸗ wärts die ganze männliche Bevölkerung des Landes zu⸗ ſammen, ordnete ſich wie beſtimmt zu einzelnen feſten, bataillonsartigen Schaaren oder lockeren Haufen, welche entweder jenen Cordon verſtärkten oder ſich gleichfalls ge⸗ gen die großen Waldungen und die Heide zu zogen, wo man die Hauptſchläge und die Entſcheidung zu erwar⸗ ten hatte. Man wußte, daß die durch das M.'ſche heranziehende Diviſion durch den Regen und die grundloſen Wege auf⸗ gehalten, ſich am heutigen Tage der Grenze bis auf zwei oder drei Stunden nähern würde, ſo daß ſie dieſelbe früh am anderen Morgen überſchreiten konnte. Sie war eben der ſchlechten Wege wegen von der eigentlichen Straße, die ſie in die Nähe von L. geführt hätte, zuletzt abgewichen und hatte ihre Direction gerade auf die große Heide zu genommen, wo die ſandigen Gelände allerdings das Fort⸗ kommen erleichterten. Zwiſchen dem ſogenannten rothen Brink und den Teufelsbergen wurden die Grenzkiefern von einigen Wegen gekreuzt, die zur Noth für Geſchütz und Bagage praktikabel waren, und ſich, zu einem Pfade vereint, in der Heide gegen den Strand zuwandten, an dem ſie bis Unterwiek entlang liefen, von wo, immer in der Nähe der Dünen, die ziemlich gute Straße an Nieder⸗ Rhoda vorüber auf G. zuführte. Eine zweite von L. abgeſandte, den Aufſtändiſchen in die Hände gefallene Depeſche bewies, daß der General der Heranziehenden, Chenier, mit Renaud dieſen Weg verab⸗ redet habe, den Hoven und der alte Schäfer ſchon vorher für d gerad einen und gefur Weit ſtelle Tag anla Feh Pun dern von Jii bei bei we h alle des zu feſten welche alls ge en, wo erwar⸗ iehende ge auf ff zwei e früh r eben Straße, ewichen eide zu Fort⸗ rothen Nidder⸗ cen in ral der verob⸗ vorher Die Feſſeln brechen. 267 für den natürlichſten erklärt hatten, wenn der Feind nicht geradezu auf L. marſchirte, wodurch er aber nichts als einen großen Umweg, zum Theil noch ſchlechtere Straßen und vor allem jenſeits der Beſitzungen Eugen's ein Terrain gefunden hätte, auf welchem der leiſeſte Widerſtand ſeinem Weiterzuge faſt unüberſteigliche Schranken in den Weg ſtellen mußte. So dirigirte ſich nun alles, was ſich im Laufe des Tages ſammelte, was, halb geordnet und halb bewaffnet anlangend, von Ober⸗Rhoda und Dreiheiligen her das Fehlende und ſeine Führer erhielt, gegen die genannten Punkte oder lagerte in den großen, uns bekannten Wäl⸗ dern. Das war Steffen's Werk; der alte Mann war vom frühen Morgen an mit einem Dutzend Förſtern und Jägerburſchen im Walde und der Heide und raſtlos thätig bei der Aufſtellung und Unterbringung der Anlangenden, bei der Inſtruction der Führer in Betreff des, Vielen wenig oder gar nicht bekannten Terrains. Er hatte die Wälder und die Heide bis auf die geringſten Einzelheiten, bis auf jeden Buſch hätte man ſagen mögen, im Kopfe und wußte ſie jedem, dem daran gelegen ſein mußte, auf das faßlichſte deutlich zu machen. Und als Hoven mit Leo und Eugen gegen Abend die ganze— ſagen wir Aufſtellung?— beritt, fand er nichts mehr zu verbeſſern. Nirgends war Stocken und Zögern, nirgends Zweifel und Sorge; alles ging raſch vorwärts, wie an der Schnur, die Bewaffnung war vollſtändig und den Umſtänden nach vortrefflich; die engliſchen Sendungen, welche ſeit Jahr und Tag von Karſten Herbart und den Seinen an's Land 268 Einunddreißigſtes Kapitel. geſchafft worden, zeigten ſich brauchbarer, als man ihnen im Laufe des beginnenden Krieges anderwärts nachzu⸗ rühmen vermochte. Endlich die Führer, ſelbſt diejenigen, welche im Laufe des Tages erſt anlangten und ihre Schaaren zugewieſen erhielten, zeigten und fanden Ver⸗ trauen. Mit Einem Worte, Einigkeit und Begeiſterung umfaßte Hoch und Gering und ermöglichten das anſchei⸗ nend Unmögliche. Und um auch dies noch zu erwähnen — der Regen hörte, wie wir wiſſen, gegen Abend auf, der Himmel ward klar und ein friſcher Wind wehte über das Land und machte die Straßen und Wege ſchnell wie— der praktikabel. Es geſchah Unglaubliches im Laufe dieſes erſten März Anno Domini 1813, mehr als wir zu ſagen und zu ſchildern vermögen, und daß es geſchehen konnte, ver⸗ dankte man hier ſo zu ſagen den letzten Wochen, welche jeden Mann im Lande auf den bevorſtehenden Ausbruch vorbereitet hatten, und dort, was wir nicht oft genug wiederholen können, dem energiſchen, nicht eine Sekunde verlierenden Eingreifen Steffens. So wurde es ermög⸗ licht, daß in den nächſten ſechsunddreißig Stunden alles, was waffenfähig, nicht nur zu den Waffen griff, ſondern ſich auch nach dem beſtimmten Plane zu vertheilen oder zuſammenzuziehen vermochte. Schon vom Morgen an waren alle Verbindungen unter den feindlichen Truppen⸗ körpern unterbrochen; die Nachrichten, welche Renaud noch erhielt, ließ man abſichtlich durch, um ihn zu weiteren Entſendungen zu veranlaſſen. Alles, was im Lauf des Tages aus G. ins Land hinaus zog, ward ebenſo, wie der 2 ben, wie i gelan . die l oder gena allen Fein Karſ fern dere Krar Wäl ſich älter fähi Die Feſſeln brechen. 269 der Trupp in Ober⸗Rhoda während der Nacht, aufgeho⸗ ben, und alle Vorkehrungen waren ſo gut getroffen, daß, wie wir erfuhren, nicht ein Flüchtling zur Stadt zurück⸗ gelangte. Abends um die neunte Stunde war alles in Ordnung, die letzten Haufen an ihren Beſtimmungsort abgezogen oder demnächſt dazu bereit, alle Verbindungen auf das genaueſte hergeſtellt, jedermann vollſtändig unterrichtet von allem, was ihm zu wiſſen nöthig, die Grenze und der Feind drüben auf ſeinen letzten Raſtplätzen beobachtet, Karſten Herbart in der Stadt unterrichtet. In den Dör⸗ fern und Herrenhäuſern waren zu dieſer Zeit wenig An⸗ dere zurückgeblieben, als Weiber und Kinder, Greiſe und Kranke. Ueberall waren die beſten Beſitzthümer in die Wälder geflüchtet, die Zurückgebliebenen hielten ſich bereit, ſich gleichfalls dahin zurück zu ziehen, und was noch an fälteren Männern und heranwachſenden Knaben waffen⸗ fähig war, harrte des erſten Lärmzeichens, um ſich gleich⸗ falls zuſammen zu ziehen und den Ihren zum äußerſten Schutze zu dienen.— Man ließ die Weſtfalen, welche Renaud auf die Nachricht des Chaſſeurs hatte ausrücken laſſen, jetzt ruhig bis zu den nächſten Dörfern und noch weiter vor gehen, da man ſicher genug war, ſie bei etwa fortgeſetztem Vordringen rechtzeitig aufhalten und zurück⸗ werfen zu können. Um zehn Uhr zündete der Müller in Bruch, einem kleinen Küſtendorfe halbwegs zwiſchen Nieder⸗Rhoda und der Stadt, eigenhändig ſeine hochgelegene Windmühle an; es war das Signal für Karſten Herbart ſo gut wie für 8* ——— 270 Einunddreißigſtes Kapitel. die draußen Harrenden, daß man bereit ſei, den Kampf zu beginnen. Um die gleiche Stunde nahm man drüben die beiden Douanen⸗Stationen weg, welche man ſo lange geſchont hatte, weil man den Verluſt, den ein Angriff während des Tages zur Folge haben mußte, ſcheute. Seit dem Morgen ſchon waren die Mannſchaften immer aufmerkſamer auf das geworden, was in gar nicht großer Entfernung von den beiden Poſten vorging, und da ſie ſich nun als völlig abgeſchnitten erkennen mußten— auch der Seeweg war mittlerweile durch Boote, welche von den Stranddörfern ausgelaufen und von der M.'ſchen Küſte herübergekommen waren, vollſtändig verlegt und die Feindſeligkeiten hatten hier mit der Wegnahme des von der Stadt zurückkehren⸗ den Douanenboots begonnen— hielten ſie ſich in den neu errichteten Blockhäuſern eingeſchloſſen und ſchlugen eine Aufforderung, ſich zu ergeben, auf das entſchiedenſte ab. So ſuchte man ſie erſt durch ſtets ſich wiederholende Neckereien und durch das peinliche Erwarten eines erſten Angriffes mürbe zu machen und ſchritt endlich um zehn Uhr zur Eroberung. Sie war blutig genug. Denn ob⸗ gleich die Angreifer, meiſtens Schiffer und Fiſcher, ſo raſch wie möglich heran und hereinbrachen, hatten ſie den⸗ noch ſchwere Verluſte, und von den ſich verzweiflungsvoll wehrenden Douanen blieben nur wenige am Leben. In Nieder⸗Rhoda hatte man das Dorf ſchon ſeit dem Mittag in Händen. Ein beim Einbruche der Dämmerung auf das Schloß verſuchter Ueberfall war von Vial und den Seinen abgewieſen worden und man unterließ fortan jeden blutig Bewo ſich, ob es etwas nehme eignif und drauf hörte ohne war mehr nähen er u der hatte ganz ſion ginn gab Hau bish rollt Trr Wi erſt Die Feſſeln brechen. 271 jeden erneuerten Verſuch, um bei dem vorausſichtlich ſehr blutigen Kampfe nicht die Damen und die anderen Bewohner des Schloſſes zu gefährden. Man begnügte ſich, das Gebäude einzuſchließen und genau Acht zu geben, ob es den Bewohnern möglich werden würde, drinnen etwas zum Vortheile der Angreifer draußen zu unter⸗ nehmen. Aber der Abend verging ohne ein ſolches Er⸗ eigniß. Vial hatte ſich der Dienerſchaft zu wohl verſichert und hielt nicht minder gute Wache als ſeine Feinde. Die draußen beſindlichen Glieder und Freunde der Familie hörten mit Schmerz und Sorge von dieſen Zuſtänden, ohne etwas dagegen thun zu können. Ihre Gegenwart war an anderen Stellen nothwendig und wurde es immer mehr, je weiter die Nacht vor und die Entſcheidungsſtunde näher rückte. Und endlich mußte Vial doch wiſſen, daß eer und die Seinen mit ihren Köpfen für die Sicherheit der in ihrer Gewalt befindlichen Schloßbewohner zu haften hatten. So war es drei Uhr geworden, als der durch das ganze Land wiederhallende Donner der furchtbaren Explo⸗ ſion allen Haufen zugleich Kunde brachte von dem Be⸗ ginne des wirklichen Entſcheidungskampfes, und zugleich gab Graf Eberhard, der zu den gegen G. aufgeſtellten Haufen geritten war, das Signal zum Angriff auf die bisher ungehindert vorwärts dringenden Weſtfalen. Da rollten die erſten Salven, da floß das erſte Blut. Die Truppen wehrten ſich mannhaft und hielten ſich in dem Wäldchen auf das hartnäckigſte, allein ſie waren ſchon im erſten plötzlichen Anſturz zu jäh zurückgeworfen und durch 272 Einunddreißigſtes Kapitel. die auf allen Seiten erſcheinenden Haufen zu unſicher ge⸗ macht, um nicht mit furchtbar gelichteten Reihen immer weiter und weiter zurückzuweichen. Es kam, bei den Füh⸗ rern wenigſtens, die Erwägung dazu, ob ſie jetzt Renaud in der Stadt nicht nützlicher und erwünſchter ſein möchten, als hier draußen, und bei den Truppen ſelber wirkte der alte Mißmuth über ihre Stellung auf Seiten der Feinde zum mindeſten nicht ſtärkend und anfeuernd. Sie ſchlugen ſich nach Pflicht und Ehre, aber die Sache, der ſie ſich opferten, war ihnen keine gute mehr, geſchweige denn eine heilige. Und als die Sonne aufging, hatten ſie den Wald vollends verloren und zogen ſich, ſo raſch und gut ſie konnten, gegen die Stadt zurück.— In der Heide, nicht fern von den Kiefern und dem Wege, welcher aus ihnen heraustretend ſich nach rechts und links in mehrere Arme theilt, liegt in einer ziemlich ausgedehnten Strecke Moor⸗ und Bruchlandes ein einzel⸗ nes Hünengrab. Ringsum breitet ſich ein theils gar nicht, theils nur für Kundige zugänglicher Boden aus, der hart bis an die rechts ziehende Straße herandringt, zum Theil öde und kahl, wie ein wirkliches Moor, zum Theil mit wildem, meiſt dicht verſchlungenem Buſch bewachſen. Dort hatte ſich eine kleine Schaar der Patrioten ver⸗ borgen aufgeſtellt, faſt unangreifbar von vorn, mit ſicherer Rückzugslinie gegen die Teufelsberge zu, während ſie die Straße vor ſich von ihrem Austritte aus dem Forſte an bis weit in die Heide hinein unter dem Feuer der Jagd⸗ büchſen hatte. Hoven und Steffen waren beſorgt geweſen, hier die beſten Schützen anzulegen, und kamen nach Mit⸗ ternac Haup gleitu weilte Weil die a fernt dem lagen ſten ſich daß wich Klar Bah alten Vin eige unb. Lan⸗ und Nac ode wal und D — —— Die Feſſeln brechen. ternacht, als bei den Zollſtationen alles vorbei und die Hauptſchaaren in völliger Ordnung, endlich ſelbſt in Be⸗ gleitung einiger Berittener zu dieſem Poſten. Sie ver⸗ weilten jedoch auch hier nicht, ſondern gingen nach kurzer Weile in den Wald und bis an die Grenze ſelber vor, die auf dieſer Stelle vielleicht nur eine Viertelſtunde ent⸗ fernt ſein mochte. Um ſie her, zwiſchen den Kiefern und dem noch laubloſen ſpärlichen Unterholz an der Liſière, lagen etwa ein halbes Dutzend der ſchlaueſten und kühn⸗ ſten Schmuggler auf der Spähe, und in dem Lande, das ſich vor ihnen ausdehnte, wachten überall treue Augen, ſo daß der Feind dort vorausſichtlich nicht einen Schritt ma⸗ chen konnte, ohne daß man es hier erfuhr. Die Wolkendecke war längſt nach der See zu ent⸗ wichen, das Himmelsgewölbe lag über ihnen in voller Klarheit, und die Sterne zogen in ſtillem Glanze ihre Bahn. Es war eine nicht kalte Nacht, ja, hier, wo die alten hundertjährigen Kiefern Schutz gegen den friſchen Wind boten, der die Heide hinter ihnen trocknete, recht eigentlich milde, ſo daß man ſich ſelbſt ohne Feuer nicht unbehaglich fühlte. Vor ihnen lag ein weites, offenes Land, ſtill und dunkel, eine Art Fortſetzung des Moor⸗ und Heidegrundes, und ſo weit man bei dem Dunkel der Nacht ſehen konnte, zeigte ſich nirgends ein größerer Wald oder ein ſchwierigeres Terrain. Als ſie herausgekommen waren aus den Kiefern, hatte Steffen die Hand erhoben und vor ſich weg über die Fluren hindeutend geſagt: „Dort hinaus liegt Krewitz, wo ich meinen Hof habe. Es iſt eine Stunde. Und dahinter kommt Baumhagen, Hoefer, Fremdherrſchaft. III. 18 — 274 Einunddreißigſtes Kapitel. wo die erſten Feinde liegen ſollen. Es iſt noch über eine mit, Stunde ſtrengen Marſches von Krewitz.“— Von dem mäßi allem ſah man aber nichts. würd Zwanzig Schritte vor der Liſière des Waldes waren komr am Grabenrande, der die wirkliche Grenze bildete, ein Anfe paar Büſche aufgeſchlagen. Es hatte dort vordem eine legen einzelne Kiefer geſtanden, die aber geſchlagen oder vom Dah Sturme gebrochen worden. Dahin war Steffen vorge⸗ 4 2 gangen und hatte ſich auf den alten Stumpf geſetzt, in des ſeiner gewöhnlichen Stellung, die Ellbogen auf die Kniee zu! geſtützt und den Kopf in die Hände gelegt. Der Hund, aauch der ihn überall begleitet hatte, ſtreckte ſich zu ſeinen Füßen daf hin, und Beide regten ſich nicht. über Hoven ließ den Greis ruhig gewähren. Gefahr war Wei keine zu fürchten und die Ruhe gönnte er dem Alten, der meh in den letzten Tagen mehr geſchaffen und raſtloſer auf Hän den Beinen geweſen, als irgend ein Anderer. Er ging Die mit Leo, der von ſeinem Platze am„rothen Brink“ ſelber den eine Patrouille begleitet hatte und, hier vorbeikommend, die gern einige Zeit bei dem Freunde verweilte, im ernſten ohn 6 4 Geſpräche am Walde auf und ab. Die nächſten Stunden M f 4 waren ſo ſehr ernſt und inhaltsſchwer und Hoven war her nicht leichtgläubig und hoffnungsreich genug, um nicht ſo 1 aufs tiefſte davon überzeugt zu ſein, daß es vieler, gar ds 3 nicht voraus zu berechnender günſtiger Umſtände und de Zufälle bedürfen werde, um den Sieg der aufſtändiſchen wu 8 Schaaren, trotz allem, was ſie voraus hatten, zu einem wirklichen und erſprießlichen zu machen. Er hatte im de ¹ 1 Laufe des Tages genügend erkannt, daß ſeine Schaaren f Die Feſſeln brechen. 275 mit all ihrem Muthe, ihrem guten Willen einen regel⸗ mäßigen Kampf auf die Dauer nicht auszuhalten vermögen würden. Es galt, den Feind gar nicht zu einem ſolchen kommen zu laſſen, ſondern ihn durch einen plötzlichen Anfall zu brechen und durch die Ueberzahl und die über— legene körperliche Kraft der Einheimiſchen zu erdrücken. Dahin hatte ſich auch jetzt das Geſpräch mit Leo gewandt. Sie waren während desſelben mehrmals in die Nähe des Schäfers gekommen, ohne eine Veränderung an ihm zu bemerken; der Greis hatte ſich nicht geregt und ſchien auch durch ihr Nahen nicht geſtört zu werden. Jetzt aber, da ſie wieder heran kamen und ſogar an ihm vorbeitretend über den Graben gingen, um einen freieren Blick in die Weite zu haben, bemerkten ſie, daß er den Oberkörper mehr aufgerichtet und das Geſicht, aus den ſtützenden Händen erhoben, gleichfalls der Ferne zugewandt hatte. Die Geſtalt in der hellen Kleidung— er trug wie immer den weißen, dick gefütterten Rock und um die Schultern die alte Wolldecke— war völlig erkennbar; der Kopf ohne Hut mit dem langen weißen Haar, das durch den Meſſingkamm nach hinten geſtrichen, ſchlicht im Nacken herabfiel, trat deutlich aus dem Dunkel rings hervor, und ſo nahe wie die Freunde ſtanden, unterſchieden ſie auch das bleich⸗braune Geſicht mit ſeinen ſtarren Zügen und die eben ſo ſtarren, unbeweglichen Augen. Der Alte wußte augenſcheinlich nichts von ihnen. Sie zogen ſich leiſe einige Schritte zurück, aber ohne den Greis aus den Augen zu laſſen.—„Was hat er?“ fragte Hoven leiſe den Freund. 276 Einunddreißigſtes Kapitel. „Laß ihn!“ flüſterte Leo ernſt zurück.„Er ſchaut.“ „Er ſchaut? Und was denn? Glaubſt du auch an dieſe Thorheiten?— Siehſt du, bei Gott— ſeine Lippen regen ſich.“ „Störe ihn nicht, Friedrich!“ flüſterte Leo noch ernſter und zog den Anderen ein paar weitere Schritte zurück. „Ich bin vordem, wenn ich auf Urlaub daheim, mehr als eine Nacht bei dem Alten in der Heide geweſen und habe dergleichen damals ſchon geſehen. Ich möchte ſagen: jetzt ſpricht er mit den Geiſtern der Nacht und des Windes. Verlaß dich darauf, es währt nicht lange mehr, daß er uns etwas mitzutheilen hat.“ Ueber Hoven's ernſtes Geſicht flog ein leiſes Lächeln, und er ſchüttelte den Kopf.„Du biſt gerade ſo thöricht, wie die Anderen hier zu—“ „Da kommt er!“ unterbrach Leo ihn mit einem feſten Händedruck.— Der Schäfer erhob ſich in der That eben geräuſchlos von ſeinem Sitze, langſam zu ſeiner vollen Höhe auf⸗ tauchend, und war im nächſten Momente ſchon mit einigen Schritten neben den beiden Herren, ſo daß ſie jetzt aufs deutlichſte den noch immer ſtarren Ausdruck der Züge und den glanzloſen, faſt todten Blick der Augen erkennen konnten. „Sie ſind erwacht aus ihrem letzten Schlaf,“ ſprach er leiſe mit der heiſeren Stimme und in jenem feierlichen Tone, die wir mehrmals ſchon an dem Greiſe beobachteten. „Sie ſind erwacht zu dem Tage ihres Verderbens, an dem der Herr, unſer Gott, ſie in unſere Hand gibt, und ſie ah ſcherz Und Stade den g dröhr wegt Büſc den Die Feſſeln brechen. 277 ſie ahnen's nicht. Ich ſehe ſie wohl, wie ſie lachen und ſcherzen, und der Tod ſchaut ihnen aus den Augen.— Und ich ſehe auch die Unſeren, wie ſie drinnen in der Stadt durch die Straßen ſchleichen, und Karſten hält ſchon 3 den glimmenden Schwamm parat—“ Der Boden unter ihnen bebte leiſe, ein dumpfer Knall 3 dröhnte durch die auf dieſer Seite des Forſtes faſt unbe⸗ wegte Luft, ſo daß Steffen inne hielt und die in den t Büſchen liegenden Schmuggler auf die Füße ſprangen. 4„Was iſt das?“ rief Hoven, ſich unwillkürlich gegen r den Wald zurückwendend. „Der Kampf,“ verſetzte Steffen noch immer kalt und ſtarr.„Karſten wird eben die Munitions⸗Vorräthe des , Generals in die Luft geſchickt haben.“ „Gott gnade der Stadt!“ ſagte Hoven gedämpft und n finſter.„Das iſt ein Uebermuth—“ „Karſten Herbart hat ſeinen eigenen Kopf, Herr,“ 5“ 3 ſagte der Schäfer jetzt mit ſich mehr und mehr gleichſam entfaltendem Geſichte. Er war, um es ſo zu heißen, n augenſcheinlich in die Gegenwart zurückgekehrt.„Er läßt ſich nicht viel ſagen und hat meiſtens auch Recht dazu.— Horch— da ſind die Anderen!“ Und wie er den Arm gegen das Land zu ausſtreckte, hörte man einen leiſen, zitternden Klang durch die Nacht und über die ſchweigende Ebene daher kommen, als müſſe er ſchwer mit dem Winde ringen, der in der freien Weite auch hier ziemlich ſcharf hinziehen mochte. Auch währte es nur ein paar Minuten, als die Klänge ſchwiegen und 278 Einunddreißigſtes Kapitel. nicht mehr wiederkehrten. Dafür zeigte ſich in jener Rich— tung eine raſch zunehmende glühende Röthe am Himmel. „Sie waren noch zu nahe und haben in Baumhagen angezündet,“ ſagte Steffen kalt.„Aber's hilft nicht, wir müſſen alle leiden.— Und es war genug, das Land hat's gehört.“ Und als ob ſich die Richtigkeit ſeiner Vermuthung ſogleich erweiſen ſolle, kamen jetzt vor ihnen aus der Ge⸗ gend von Krewitz neue, ſtärkere Klänge herüber, dann folgten andere von links, dann von rechts, lauter und leiſer, wie der Wind ſie herüberkommen ließ, und es war noch keine Viertelſtunde ſeit den erſten Tönen und dem erſten Aufflammen des Feuerſcheins vergangen, da läutete es durch das M.'ſche hin und gegen L. zu im eigenen Lande von allen Thürmen herab zum Sturm auf die Franzoſen. Nicht lange währte es mehr, da kamen auch bereits die Späher Steffen's, die den Aufbruch und Zug der Feinde beachtet. Nach ihrer Angabe war die bei der Di⸗ viſion befindliche Cavallerie wenig zahlreich und ſehr ſchlecht beritten auf anſcheinend kraftloſen oder noch faſt gänzlich rohen Gäulen, etwas, das Hoven mehr beruhigte, als alles Andere. Denn ſo unwegſam die Heide im Ganzen auch beſonders jetzt für Reiterſcharen, es gab doch mehr als eine Stelle unter denen, wo man vorausſichtlich zu ausgedehnterem Kampfe kommen mußte, welche ſich zu Attaken benutzen ließ, vor denen die Schaaren der Patrio⸗ ten ſchwerlich Stand zu halten vermochten.— Und noch etwas Anderes zeigte ſich ſchon jetzt den Die Feſſeln brechen. 279 Aufſtändiſchen günſtig. Der größte Theil der Heran— ziehenden beſtand aus blutjungen, nur auf das nothdürf⸗ tigſte eingeſchulten Leuten, deren Reihen überdies durch die Strapazen der letzten böſen Märſche nicht wenig ge— lichtet waren. Die Diviſion ſollte nicht viel über fünf⸗ tauſend Mann unter den Waffen zählen, und die letzten Nachrichten meldeten obendrein, daß ſie ſich hinterwärts Krewitz dennoch getheilt habe. Der eine, freilich nur kleine Theil wende ſich mehr L. zu und werde gegen Rhodenfelde zu marſchiren; der andere, der Haupttheil, mit dem Geſchütz und der Bagage ziehe augenſcheinlich, wie man erwartet, der Heide und ihren Sandwegen entgegen. Da eilten die Freunde in den Wald zurück und war— fen ſich auf die bereit ſtehenden Pferde. „Wir haben ſie, Leo, mein Freund,“ ſprach Hoven mit ruhig ernſter Zuverſicht.„Dieſe Trennung beweiſ't, daß ſie keinen wirklichen, nachhaltigen Angriff beſorgen. Vorwärts und benachrichtige Eugen. Ihn trifft ein Haupt⸗ ſtoß. Aber ich ſah das Terrain dort einmal im Herbſt, es iſt gar nicht günſtiger zu wünſchen, und jedenfalls wird er es mit keiner großen Zahl zu thun haben. Im Nothfalle ſoll er Freund Seebach aus dem„todten See“ und was noch hinterwärts bis Dreiheiligen ſteht heran⸗ ziehen. Du halte dich parat; du ſtehſt beiden Theilen in der Flanke. Du wirſt bald ſehen, wo du am nöthig— ſten biſt. Ich bleibe hier im Bruch oder bei den Teufels⸗ bergen. Und nun mit Gott!“— Steffen blieb noch bei den Spähern an der Liſiére, bis er bereits in der ſich leiſe lichtenden Dämmerung die 280 Einunddreißigſtes Kapitel. Spitze des Feindes erblicken konnte. Dann zogen ſie ſich raſch zurück, die Einen in den Forſt hinein, auf Schleich— wegen, welche nur dieſe Burſchen von ihren Schmuggel⸗ zügen her ſo genau und unfehlbar zu finden vermochten, den größeren Haufen zu, die dort verdeckt ſtanden; die Anderen mit Steffen zu den Schützen im Bruch. Es war gegen fünf Uhr, als die erſten Feinde bei der Oeffnung des Weges vor den Bäumen erſchienen und einen Augenblick Halt machten, da zugleich aus nicht wei— ter Ferne von links eben ein paar laute Rufe herüber⸗ klangen. Eine Seitenpatrouille, die im Walde raſch vor⸗ wärts gegangen, war beim Austritt aus demſelben in das dort gerade grund⸗ und pfadloſe, nahe heranſtreichende Moor gerathen und hatte Mühe, die ſchon einſinkenden Kameraden zu retten. Sie kamen nun fluchend über das „verdammte Land“ an der Liſière entlang zu der eben wieder aufbrechenden Spitze heran und verſuchten hier mit nicht beſſerem Erfolge ſich wieder von der Straße zu ent⸗ fernen. Der Himmel im Oſten nahm eine hellere und hellere Färbung an, die Dämmerung wurde durchſichtiger. Der Feind zog ziemlich ſchnell und nicht gerade vorſichtig auf der Straße weiter, den im Bruch Verſteckten ſo nahe, daß dieſe einzelne Worte der plaudernden Leute verſtehen, die Geſtalten deutlich unterſcheiden und die beiden Bauern erkennen konnten, welche, ſtreng bewacht, zwiſchen den Vorderſten als Führer mitziehen mußten. Das alles zog ruhig vorbei, aber als nun die dichteren Maſſen der Avantgarde aus dem Walde zu quellen begannen, da er⸗ Die Feſſeln brechen. 281 klang Hoven's leiſes, ernſtes:„Nun!“— und augenblick⸗ lich knallten die erſten Schüſſe laut in den kommenden Morgen hinein, in die dichten Scharen des Feindes, wäh⸗ rend unmittelbar darauf auch aus der Tiefe des Waldes mehrere gut abgegebene, ſchnell auf einander folgende Salven herüberklangen, denen das wilde Geſchrei und laute Getöſe eines dort begonnenen Kampfes folgte. „Ein warmer Gruß!“ ſagte Steffen leiſe, und durch die verwitterten Züge flog etwas wie ein faſt heiteres Lächeln.„Wenn die Reiterei iſt, wie die Burſchen ſag— ten, muß das eine gräuliche Confuſion werden!“ Hoven nickte; die Confuſion war hier ſchon unter den ſichtbar gewordenen Schaaren der Feinde arg genug. Sie waren nicht nur auf das vollſtändigſte überraſcht, ſondern auch bis ins Herz hinein erſchüttert durch den unerwarte⸗ ten ſchweren, noch immer ſich mehrenden Verluſt, und wichen ſogar in ſichtbarer Unordnung zurück, während diejenigen, welche bereits vorüber waren, ſich zuſammen⸗ ziehend, raſch entſchloſſen einen ungeſtümen, aber vergeb⸗ lichen Angriff auf die im Bruch aufgeſtellten Schützen verſuchten und dabei von den immer ſichereren Schüſſen auf das heilloſeſte gelichtet wurden. Mittlerweile aber beſann ſich auch der Feind im Walde, der Lärm des Kampfes verſtummte dort und zog ſich mehr und mehr ſeitwärts, und nun quollen alsbald immer dichtere Haufen hervor, von denen ein Theil den Bruch zu umgehen und ſeine Vertheidiger unſchädlich zu machen ſuchte, während die Anderen entſchloſſen auf der Straße weiter drangen, in die Heide hinein. Die Fran⸗ 282 Einunddreißigſtes Kapitel. zoſen ſchienen das Bisherige für nichts Anderes als den verzweifelten Streich einiger wilden Banden zu halten, mit denen ſie um ſo ſchneller fertig zu werden gedachten, je raſcher der Angriff im Walde beim Beginn eines ern⸗ ſten Widerſtandes abgebrochen worden, ſo raſch, daß die Nachdringenden von den Angreifern wenig mehr zu Ge⸗ ſicht bekamen, und je ſtiller es nun auch plötzlich im ver⸗ hängnißvollen Bruch geworden war. Von einem Eindringen war hier wenig die Rede; das Terrain ſetzte Unkundigen faſt unüberwindliche Schwie⸗ rigkeiten entgegen. Aber die Feinde ließen auch bald von dieſen Verſuchen ab, denn die Schüſſe wieder⸗ holten ſich nicht und die Schützen waren fort. So zog alles anſcheinend mit neuem Muthe und neuer Sorgloſig— keit weiter. Sie konnten es nicht ahnen, daß man eine ähnliche Stimmung durch die jäh beginnenden, jäh abge⸗ brochenen Angriffe, durch das Zurückziehen der faſt unan⸗ greifbaren Angreifer hervorzurufen beabſichtigt hatte. Sie ſollten einen ernſteren Angriff noch weniger erwarten, noch weniger ihn fürchten, da man den erſten, unter ſo günſtigen Umſtänden begonnenen, ſo ſchnell aufgegeben. Und ſo geſchah's. Zu derſelben Stunde, als von Südweſten her die dumpf herüberſchallenden Schüſſe die Kunde brachten, daß in dem buſch⸗ und waldreichen Ter⸗ rain vor Rhodenfelde ſich der wirkliche Kampf entſponnen, fielen Hoven's Schaaren mit unwiderſtehlicher Gewalt in der Gegend der Teufelsberge über die Vorhut der Feinde her und warfen ſie auf die Hauptmacht ſo gewaltig zu⸗ rück, daß es ſchon jetzt zwiſchen den jungen Truppen Die Feſſeln brechen. 283 Stocken und Schwanken gab, warf ſich Leo mit den Sei⸗ nen eben ſo unwiderſtehlich auf Geſchütz und Bagage, die eben den Wald paſſirt hatten, wurde es wieder lebendig in dieſem letzteren ſelbſt und in den davorliegenden Brü⸗ chen, drangen endlich vom„todten See“ herüber neue, von rückwärts ſich ſtets verſtärkende Haufen auf den über⸗ raſchten, ſchon erſchütterten Feind, der nicht mehr wußte, wohin zuerſt ſich wenden, wo ſich vertheidigen, wo an⸗ greifen. Die Gegner waren überall. Es war ein furchtbares, aber kurzes, ein blutiges, aber doch fröhliches Schlagen. Es griff auf Seiten der Patrioten alles aufs glänzendſte in einander, nirgends gab es ein auch nur momentanes Wanken und Weichen. Alles drängte entſchloſſen, jauchzend, unwiderſtehlich nach vorn und zuſammen auf die ſtets kraftloſer ringenden Truppen. Es gibt Tage, an denen gelingt alles.— Schon um zehn Uhr Morgens war der Sieg der Aufſtändiſchen völlig entſchieden, und die Franzoſen wichen faſt im Zuſtande vollkommener Auflöſung gegen die Grenze zurück. Dort ſtanden ein paar alte Bataillone und ſchlugen alle Angriffe zurück und nahmen die ſchier zerſchmetterten Schaaren der Ihrigen auf, von denen ſonſt vielleicht kein Viertheil das M.'ſche wieder erreicht hätte. Denn der Verluſt des Feindes war über alle Beſchreibung groß. Hier zuerſt erfuhr er die furchtbare Gewalt der Schläge mit den umgekehrten Gewehren, denen ſpäter auch die beſten Truppen des Kaiſers erliegen mußten. Er hinterließ faſt nur Leichen oder Schwerverwundete, von — — — 284 Einunddreißzigſtes Kapitel.— Die Feſſeln brechen. Gefangenen war wenig oder gar nicht die Rede. Man hatte Pardon weder gegeben, noch genommen Im M.'ſchen aber klangen die Sturmglocken von allen Ortſchaften, und es ſammelten ſich allerwärts gleichfalls Schaaren, um den Rückzug des Feindes nicht ſtocken zu laſſen. Auf dem Wege in den Kiefern traf Hoven mit dem alten Schäfer, der aus einer leichten Streifwunde an der Schulter blutete, wieder zuſammen und tauſchte mit ihm Wort und Handſchlag. Und da kamen ihnen die Bot⸗ ſchaften von allen Seiten zu— von Eugen, der die ihm Entgegenkommenden in faſt gleicher Vernichtung theils ins M.'ſche, theils nach L. hinüber zurückgetrieben hatte; von Eberhard und Karſten Herbart, welche Renaud in ſeinem kleinen Stadttheile feſthielten; von Nieder⸗Rhoda endlich, das man gerade bei Tagesanbruch im raſchen An⸗ ſturze dennoch ohne zu großen Verluſt genommen. Die Schaaren der müden Sieger lagerten an der Grenze und den Kiefern entlang. Die Feſſeln waren gebrochen, ſchneller als die Kühnſten gehofft „Nun danket alle Gott!“ intonirte die heiſere Stimme des alten Schäfers, und von allén Seiten fielen ſie ein, bis ein mächtiger, gewaltiger Klang ſich einte und empor⸗ rauſchte zu dem glänzend blauen Himmel, zu der ſtrah⸗ lenden Sonne, die den Männern niemals ſo hell, ſo fröh⸗ lich geleuchtet zu haben ſchien, wie ſie es heute that über dem freien Lande. Zweiunddreißigſtes Kapitel. Im freien Tande. Alles iſt in Grün gekleidet, Alles ſtrahlt im goldnen Licht, Anger, wo die Herde weidet, Hügel, wo man Trauben bricht! Vaterland, in tauſend Jahren Kam dir ſolch ein Frühling kaum. Was die hohen Väter waren, Heißet nimmermehr ein Traum. Schenkendorf Denn es war ein freies Land, auf das die Sonne jenes zweiten März, des Faſtnacht⸗Dinstags im Jahre des Herrn 1813, herabſchien. Die in der Heide zurückge⸗ worfene und faſt vernichtete Diviſion Chenier hütete ſich vor der Erneuerung des Angriffes. Sie hatte, nachdem ſie ſich nothdürftig geſammelt und geordnet, Mühe genug, nur aus dem M.'ſchen wieder herauszukommen, und Mord und Brand begleiteten ihren fluchtähnlichen Rückzug.— Noch im Laufe des Tages brachen die Schaaren des Feindes auf, welche in L. ſtanden. Es ward ihnen un⸗ heimlich in der offenen Stadt, zu der ſie von allen Seiten die Haufen der Aufſtändiſchen heranziehen ſahen, während nun auch aus dem Preußiſchen die Sturmglocken zu ihnen 286 Zweiunddreißigſtes Kapitel. herüberklangen. Sie dirigirten ſich gleichfalls gegen Ham⸗ burg zu.— Und am Abend desſelben Tages ſchon ver⸗ handelte drinnen in G. General Renaud mit dem Grafen Eberhard. Renaud war nicht nur geiſtig, ſondern auch phyſiſch in einer Lage, die ſich ſchon jetzt kaum noch länger er— tragen ließ. Wir reden nicht von ſeiner Stimmung und ſeinen Gefühlen, welche die allerbitterſten waren, da er ſich von dem Vorwurfe nicht frei wußte, in der Stadt wenigſtens durch ſeine geringe Vorſicht oder vielmehr durch ſein allzu großes Vetrauen auf die Friedlichkeit und Zag— haftigkeit ihrer Bewohner ſowohl den Ausbruch des Auf⸗ ſtandes als auch den raſchen und vollſtändigen Erfolg der Aufſtändiſchen überhaupt nur ermöglicht zu haben. Er hatte freilich für ſich, daß dieſer Aufſtand eben ſo beiſpiel⸗ los für ihn war, wie dieſer Erfolg. Die Franzoſen er⸗ fuhren in dieſen Tagen und in Deutſchland Manches, was ſie bisher noch nicht gekannt. Er war dazu ſchwankend gemacht durch widerſprechende Befehle, welche ihn die Provinz bald unter allen Umſtänden feſthalten, bald auf⸗ geben und ſeine Truppen gegen Hamburg führen hießen, ſobald ſich Anzeichen ergeben würden, daß er, durch eine Erhebung Preußens etwa, in dieſen Landestheilen iſolirt werden könnte. Es herrſchte damals bei dem Ober⸗Kom⸗ mando der in Nord⸗Deutſchland noch vorhandenen Fran⸗ zoſen eine außerordentliche Unſicherheit, ja, gerade heraus geſagt, Confuſion. Von dieſen letzteren Befehlen hatte er natürlich nie⸗ mand unterrichtet als diejenigen, welche ihm zunächſt ſtan⸗ Im freien Lande. 287 den und ein Recht hatten, davon zu erfahren, und er hatte ihnen bisher um ſo weniger Folge gegeben, da er einerſeits die Wichtigkeit dieſer Landſtrecken beſſer erkannt hatte, als irgend Einer, und es nicht für unmöglich hielt, ſie durch wieder verſtärkte Truppen fürs Erſte wenigſtens noch zu erhalten. Es ſtand feſt, daß Hamburg vom Kaiſer niemals aufgegeben werden konnte, ſo lange derſelbe über⸗ haupt nicht ganz Nord⸗Deutſchland verloren gab. Der kleine Aufſtand in der alten Hanſeſtadt kümmerte alſo Renaud außerordentlich wenig. Er wußte, daß man den Platz in kurzer Zeit, und zwar ſicherer wieder haben würde, als je. Es galt für ihn nur, die Verbindung mit den dortigen Truppen aufrecht zu erhalten, und das, wie geſagt, hoffte er, wenn er vernünftig verſtärkt wor⸗ den, möglich zu machen. Damit war es nun nichts. Die Verſtärkungen waren zurückgeſchlagen und aufgelöſ't. Die nach L. detachirten Truppentheile konnten nicht daran denken, ſich dort zu halten, noch ſich wieder mit ihm zu vereinigen. Und wenn es ihm auch gelang, ſich mit Marbois in S. zu verbin⸗ den— was blieb ihm übrig, als der Rückzug mit den decimirten, verſtimmten, vor allen Dingen entmuthigten Truppen? Und vor allen Dingen, er wußte von Marbois nicht das Geringſte und konnte dieſe Kunde von und eine Verbindung mit ihm nur durch einen Kampf erzwingen, deſſen Ausgang, wie die Sachen ſtanden, ſich gar nicht berechnen ließ, während er ſicher noch blutiger und auf⸗ löſender werden mußte, als die nächtliche Metzelei in den Straßen. 288 Zweiunddreißigſtes Kapitel. Renaud ſaß in ſeinem Stadt⸗Abſchnitt feſt genug. Alle Zugänge wurden immer mehr und immer ſicherer geſperrt. Das eine oben erwähnte Thor hielt er zwar noch feſt, allein die Aufſtändiſchen hielten ihn auch von dort her dicht umſchloſſen, und was er von dem Ernſte und der Kraft dieſes Volkes in dem Nachtkampfe erfahren, was ihm die weſtfäliſchen Offiziere von ihrem Vor⸗ und Rückzuge während derſelben Nacht berichteten, machte es ihm nur zu klar, daß ſeine ſchwachen Bataillone es auf dem Lande und in den Wäldern noch ſchlechter treffen würden, als in den Straßen der Stadt. Und endlich— es fehlten ihm in ſeiner Straßen-Feſtung nicht nur die Lebensmittel, ſondern auch das Waſſer. So ſtanden die Sachen, als gegen Sonnen⸗Untergang Graf Eberhard mit einigen Anderen aus Land und Stadt die Verhandlungen mit Renaud begann und ihn durch einen mitgeführten gefangenen Offizier der Diviſion Che⸗ nier von deren vollſtändiger Niederlage unterrichten ließ. Zugleich erhielt er auch die Nachricht, daß Marbois' Ver⸗ ſuch, gegen G. vorzudringen, in einem ſchweren Wald⸗ kampfe blutig zurückgewieſen und nicht wiederholt ſei. Die franzöſiſchen Generale hatten eben die oben erwähnten Befehle für eine eventuelle Aufgabe der Provinz und wußten überdies gut genug, wie viel gerade jetzt an der Erhaltung der noch ſchlagfähigen Truppentheile dem Vice⸗ König Eugen ſo gut wie dem Kaiſer ſelbſt gelegen ſein mußte. Denn die Entſcheidung rückte immer näher,— die Schlachtfelder waren allerdings nicht in dieſen Pro⸗ vinzen zu ſuchen,— und die Rüſtungen in Frankreich — Im freien Lande. 289 nahmen einen nichts weniger als günſtigen Fortgang. So erklärte ſich das Stocken und Schonen, das ſonſt keines⸗ wegs im Charakter der braven und kühnen Generale lag. Alles wirkte zuſammen, um die Verhandlungen ſchnel⸗ ler und leichter zum Ziele zu führen, als Renaud ur⸗ ſprünglich beabſichtigt haben mochte und als Eberhard und die Seinigen erwartet hatten. Den Ausſchlag gab die während dieſer Conferenz dem Grafen überbrachte Nach⸗ richt, daß den letzten aus L. abziehenden Truppen der Franzoſen durch das entgegengeſetzte Thor bereits die erſten Koſaken nachgejagt ſeien.— Da gab Renaud nach. Am nächſten Morgen wollte er, ſollte Marbois die beiden Städte räumen und das Land auf dem kürzeſten Wege verlaſſen, unbehindert, mit allem Material und Eigenthum, vorausgeſetzt, daß die Städte geſchont und auf dem Marſche die durchzogenen Gegenden nicht mehr als nöthig beläſtigt würden. Die Gefangenen der letzten Tage durften ſich den Ihrigen unterwegs anſchließen. „Sie haben es alſo erreicht, Monsieur le Comte,“ ſagte Renaud, als alles geordnet und Eberhard mit ſeinen Begleitern zum Aufbruch bereit war, und maß den in ſeinem milden und ruhigen Ernſt verharrenden Herrn mit finſter ſinnendem Blicke.—„Wir nehmen Abſchied, aber auf wie lange? Haben Sie und die Ihrigen nicht an die Möglichkeit unſerer Rückkehr gedacht und daß dann eine Abrechnung ſtattfinden dürfte—“ „Wir ſtehen in Gottes Hand, mein Herr General,“ unterbrach ihn der Graf ruhig, und indem er ihm mit ernſter Freundlichkeit die Hand hinbot, fuhr er fort:„Der Hoefer, Fremdherrſchaft. III. 19 — — 290 Zweiunddreißigſtes Kapitel. Sache Feind, dem Manne Freund! Auf Nimmerwieder⸗ ſehen, General Renaud!“ Der General hielt die Hand feſt.„Was iſt aus Vial geworden?“ fragte er.„Die Ihrigen haben, ſo Gott will, nicht perſönlich über ihn zu klagen gehabt?“ „Ich weiß noch nichts Näheres von Nieder⸗Rhoda,“ erwiderte Eberhard und zog die Hand zurück,„nur im Allgemeinen, daß mein Vater verwundet, die Anderen aber leben und unverletzt ſind. Von dem Vicomte hörte ich, daß er den Tag ſchwerlich überleben werde.“ Renaud zuckte die Achſeln.„So fahre er hin,“ meinte er düſter.„Er war ein braver Soldat, ein leichtſinniger, charakterſchwacher Menſch.— Gott befohlen, Herr Graf. Ich hoffe, Graf Hartmuth wird gerettet.“ „Auf Nimmerwiederſehen, General,“ wiederholte Eber⸗ hard, und ſie ſchieden.— Das alles geſchah im Laufe des einen Tages, des Faſtnachts⸗Dinstages 1813, und man vergaß ihn fortan ſchon um deſſentwillen nicht, ſondern feierte ihn vielmehr mit um ſo größerer Freude und Fidelität, weil das„Klop⸗ fen“ der Feinde gerade an dieſem und nicht an einem anderen Tage ſtatt gefunden hatte. Es war„Faſtelabend“, wie es auf und ab in der Plattdeutſch redenden Bevöl⸗ kerung dieſer Gegenden heißt, und was geſchehen, war eben ein recht wilder, kecker, übermüthiger und prachtvoll gelungener Faſtelabends⸗Streich, genau ſo, wie’'s der Tag und die alte Sitte verlangte. Sie hatten, wie's an dieſem Tage damals noch die Kinder und hier und da auch wohl luſtige Alte mit Verwandten, Freunden und Bekannten Im freien Lande. 291 zu treiben pflegten— die Franzoſen mit Ruthen aus ihren Betten„geſtäupt.“ Daran hatte vorher und im Drange der Ereigniſſe und Geſchäfte ſicher kein Menſch im ganzen Lande gedacht, und es war ein kleiner Schiffsjunge in der Stadt geweſen, der, glühend vor Aufregung, im wilden Straßenkampfe den Weſtfalen ſein erſtes, gellendes:„Faſtelabend, Faſtel⸗ abend!“ höhnend entgegenſchrie. Aber das Volk um ihn her nahm jauchzend das Wort und die gute Vorbedeutung auf, es nahm das Wort an wie einen Schlachtruf, wie Loſung und Feldgeſchrei zugleich, und pflanzte ihn fort, Straß' auf und ab, ins Land hinaus, und Nieder⸗Rhoda wurde bereits mit dem gleichen Rufe genommen, und in der Heide wurden die erſten Kolbenſchläge in die Feindes⸗ haufen hinein mit dem jauchzenden„Faſtelabend!“ begleitet. Wer weiß, ob die Stimmung eine ſo jubelvoll luſtige, ob das Vorgehen aller ein ſo unwiderſtehliches, ob der Erfolg des Aufſtandes mit Einem Worte in der Ueber⸗ zeugung jedes Einzelnen ſo gut, wie in der Wirklichkeit von Anfang an ſo geſichert geweſen und geblieben, ohne den Einfall des übermüthigen Schiffsjungen.— Es gibt eben ſolche Einfälle und Worte, die wie Blitze daher und durch alle Herzen und Köpfe fahren, die betäuben bis zur dumpfen Reſignation, oder erheben bis zum jubelndſten, einigſten, unwiderſtehlichſten Enthuſiasmus. Und ein ſolcher war der Morgengruß:„Faſtelabend!“— Als Renaud in den erſten Stunden des nächſten Ta⸗ ges G. verlaſſen hatte und ſeinen Marſch gegen die Grenze zu fortſetzte, überzeugte er ſich bei jedem Schritte vorwärts 292 Zweiunddreißigſtes Kapitel. mehr davon, daß er mit ſeinen Truppen dieſes Land nicht länger hätte feſthalten, geſchweige denn wieder unter⸗ werfen können. Er ſah, was ihm entgegenſtand und was für Männer das waren, welche die ihn begleitenden oder ihm begegnenden Schaaren bildeten— nicht wie ander⸗ wärts bei ſolchen Aufſtänden nur zu häufig durch einen raſchen Anſturz oder entſchloſſenen Widerſtand zu brechen und im unheilvollen, paniſchen Schrecken nach allen Wind⸗ richtungen hin zu zerſtreuen. Und was er ſelbſt nicht ſah, das hörte er von denen, die, in den vergangenen Tagen gefangen, ihm jetzt, wie beſtimmt, unterwegs wie⸗ der überliefert wurden. Alles bewies ihm, daß die Orga⸗ niſation des Aufſtandes eine meiſterhafte und daß ſeine Leitung und Führung in kräftigen und erfahrenen Händen liege. Das Land war verloren. Beläſtigt und geſtört wurde ſein und der Seinen Marſch nicht. Man beförderte denſelben ſogar, indem man den Führern für ihre Kranken und Verwundeten ſo viel Fuhrwerk bis zur Grenze zu Gebot ſtellte, wie ſich in den durchzogenen Gegenden auftreiben ließ. Am Mittage des vierten März zogen die letzten feind⸗ lichen Truppen über die Grenze. Von da an war das Land nun völlig frei und blieb es. Es war, wenn auch ein kleiner, aber der erſte nachhaltige und folgenreiche Sieg, damals im Wirbel der Ereigniſſe wenig beachtet und über all den kommenden größeren Schlägen ſchnell vergeſſen, darum aber um nichts weniger ſchön und ruhmvoll. Es kam fortan kein Mann von den Franzoſen oder ihren Verbündeten wieder in dieſe Gegenden hinein. Ein⸗ Im freien Lande. 293 mal, im Anfange des Juni, verſuchte der Feind noch von Hamburg durch das M.'ſche vorzudringen, kam jedoch nicht weit und wich alsbald auch wieder vor den ihn von allen Seiten bedrohenden Schaaren der Verbündeten in ſeine Verſchanzungen zurück. Aber der Abſchied Eberhard's und Renaud's war auch noch im anderen Sinne einer auf Nimmerwiederſehen geweſen. Der General fiel in einem der erſten Kämpfe des beginnenden Feldzuges, als er eines ſeiner Bataillone ſelber zum Sturme auf ein ver⸗ lorenes Dorf führte.— Man wird es Hoven und den Anderen, die an der Spitze des Aufſtandes waren, zutrauen, daß ſie ſich durch die ſchnell gelungene Befreiung des Landes nicht einſchläfern oder vom eifrigen Weitertreiben des Begonnenen abhalten ließen. Im Gegentheile ward auf allen Seiten und von den Führern wie von den Leuten auf das unermüdlichſte und willigſte weitergeſtrebt. Die mehr oder minder lockeren Schaaren wurden zu geordneten Bataillonen, die einem auf's neue herandringenden Feinde einen noch beſſeren Widerſtand zu leiſten vermocht hätten und die, als die Gefahr für ihre Heimat immer mehr und endlich ganz verſchwand, unter den Hamburg einſchließenden Truppen ſich auf das rühmlichſte auszuzeichnen wußten. Ihre alten Schöpfer und Führer hatten ſie damals freilich nicht mehr, denn Hoven war mit Leo und Eugen längſt zur preußi⸗ ſchen Armee abgegangen. Nachdem wir ſo die Schickſale des Ländchens bis zu ſeiner vollen Befreiung und ſeine Feinde und das, was ihnen begegnete, bis zu ihrem Verſchwinden in dem großen —— 294 Zweiunddreißigſtes Kapitel. Ganzen der franzöſiſchen Armee wenigſtens erwähnt haben, wenden wir uns in den uns bekannten Küſtenſtrich und zu den Perſonen zurück, die uns im Laufe dieſer Erzählung näher getreten und den Leſern hoffentlich lieb geworden ſind. Vor einer ſo allgemeinen Noth und einem ſo all⸗ gemeinen Glück tritt der Einzelne mit ſeinen Erlebniſſen, Leiden und Freuden ſtets und gänzlich zurück. Das kommt für die Seinen ſo gut wie für ihn ſelbſt erſt wieder zur Geltung und zum Bewußtſein, wenn das Ganze zur Ord⸗ nung und Ruhe, zu irgend einer Stabilität zurückkehrt. Wir haben das Schloß zu Nieder⸗Rhoda und die Damen in den ſchlimmſten Augenblicken verlaſſen, als nicht nur alle diejenigen von den Ihren, von Freunden und Nachbarn, welche ihnen näher ſtanden und wahrhaft am Herzen lagen, entweder in Lebensgefahr und faſt rettungslos waren oder ſich mit Aufwendung aller Geiſtes⸗ und Körperkräfte vorbereiteten auf die ernſteſten Stunden und den ſchwerſten Kampf ihres Lebens, ſondern auch ſie ſelbſt von dieſen allen, von der ganzen Außenwelt abge⸗ ſperrt wurden, iſolirt mit ihren Hoffnungen und Befürch⸗ tungen, mit ihren Sorgen und Wünſchen, die Feinde im Hauſe und Vial als ihren Führer, beſchränkt auf ihre Gemächer, und auch in ihnen nur ſo lange ſicher, als es dem Ordonnanz⸗Offizier gefiel; beſchränkt auch endlich auf die allernothdürftigſte, kaum noch ausreichende Bedienung und alsbald auf das allergeringſte Maß der ihnen ge⸗ wohnten und nothwendig gewordenen Annehmlichkeiten. Es ging im Schloſſe, wie begreiflich, alles drunter und drüber, die Fremden hauſ'ten in ſeinen meiſten Räu⸗ Im freien Lande. 295 men in nichts weniger als ſchonender Weiſe. Die Damen litten in der Verwirrung und bei der übertriebenen Auf⸗ rechterhaltung der Abſperrung ſogar Hunger und Durſt, und dies hatte erſt ſein Ende gefunden, ſeit Comteſſe Hebe in einer kurzen Unterredung mit Vial dieſen in ihrer allerliebenswürdigſten Weiſe gebeten hatte, ſeine Troſt⸗ loſigkeit über Stephaniens„Hartherzigkeit und Vermögens⸗ loſigkeit“ nicht bis zum gänzlichen Vergeſſen aller körper⸗ lichen Bedürfniſſe ſeiner ſelbſt und Anderer überhand nehmen zu laſſen. Der Offizier war bleich geworden wie eine Leiche und hatte ſich ohne einen Laut mit tiefer Verbeugung zu⸗ rückgezogen. Es mochte ihm erſt in dieſem Augenblicke klar geworden ſein, daß er ſich bei der raſchen Beſetzung des Schloſſes zu etwas habe fortreißen laſſen, das er vor ſich ſelbſt nicht mehr zu entſchuldigen wußte. Und gern würde er ſeine peinliche Stellung aufgegeben haben, wäre zu dieſer Stunde für ihn nur noch die Ausſicht da geweſen, das im vollen Aufſtande begriffene Land paſſiren und ſeinen Chef erreichen zu können. Es waren zwei furchtbare Tage, welche die in ihren Zimmern Eingeſchloſſenen zu verleben hatten, qualvoll durch alle Beſchränkungen, welche dieſe Gefangenſchaft mit ſich brachte, qualvoller noch durch die glühende Theinahme an dem, was draußen im Gange war, und durch die gänzliche, tödtliche Ungewißheit über dieſes Draußen. Sie wußten nichts von Hoven und Eugen, ob ſie noch lebten oder ſchon todt, ob Karſten Herbart ſeine kecken Ver⸗ heißungen wahr machen könne oder gleichfalls unterliegen 296 Zweiunddreißigſtes Kapitel. müſſe. Sie wußten nicht, ob Eberhard und Leo noch da⸗ von gelangt oder auf der Flucht gefallen oder gleichfalls gefangen ſeien. Sie wußten nichts von dem Erfolge, den des Grafen Hartmuth und Vetter Chriſtian's Reiſe in die Stadt gehabt, ſie wußten nicht einmal genau, ob die Her⸗ ren überhaupt zur Fahrt gekommen, und noch weniger, ob ſie zurückgekehrt. Und Gräfin Hebe hatte nicht einmal die Antwort Renaud's auf ihren Brief in Betreff des geraubten und wiedergefundenen Kindes erhalten. So her⸗ metiſch war der Verſchluß, hinter dem ſie gehalten wurden. Und doch hing zu allem Uebrigen an dieſen Menſchen da draußen nicht nur das Herz einer Verwandten, einer Freundin, ſondern bei jeder der Drei ein Herz voll treueſter und heiligſter, hier offen bekannter, dort ſchweigend und mit langem, ſcheuem Schmerze verborgener Liebe. Denn als ſie ſich nach jener Schreckensſtunde des Sonntagmor⸗ gens zuerſt wieder allein fanden und zum erſten vollen Ueberblicke der ganzen Lage der Ihren kamen, da hatte Stephanie, die im Nebenzimmer mit Sophie Magdalenen am Fenſter ſtand, eine Sekunde lang das bleiche, ruhige Geſicht und die thränenvollen, aber eben ſo ruhigen Augen des gefaßten Mädchens anſchauend, plötzlich die Hände und den ſchönen blonden Kopf auf die Schulter der Ueberraſchten gelegt und war in ein leiſes, aber troſt⸗ loſes Weinen ausgebrochen. Und als Sophie Magdalene ſie erſchüttert in ihre Arme faßte und mit Bitten, Lieb⸗ koſungen und Tröſtungen ſie zu beruhigen ſtrebte und nach der Urſache eines ſolchen, gerade von Stephanie am wenigſten zu erwartenden Schmerzausbruches forſchte, da Im freien Lande. 297 hörte ſie endlich nichts als das eine, mehr gehauchte, als geſprochene Wort:„Eugen!“ Es war freilich für ſie genug, und Sophie Magdalene hielt die Couſine noch viel zärtlicher an ihrem Herzen. So war der erſte Tag und der Morgen des zweiten in tödtlicher Stille und Einſamkeit verfloſſen. Dann mit dem Mittage dieſes zweiten, des erſten März, begann es wenigſtens draußen lebhaft und laut zu werden. Die Patrioten beſetzten zu dieſer Zeit, wie wir uns erinnern werden, das Dorf und warfen, was ſich dort von den Feinden zu halten verſuchte, mit blutigen Köpfen gegen das Schloß zurück. Sie hörten hier in den rückwärts ge⸗ legenen Zimmern zwar nur wenig von dem Lärm, aber ſie ſahen draußen auf der See demnächſt mehrere Boote entlang ſchießen, in denen ſie jetzt Fiſcher und Schiffer erkannten und dieſelben obendrein bewaffnet erblickten. Von den Douanen war nichts mehr zu ſehen; ſie waren abgeſchloſſen von der See, vielleicht ſchon aufgehoben; die Aufſtändiſchen waren wenigſtens hier die Sieger. Das war für die eingeſchloſſenen Bewohner des Schloſſes der erſte Lichtblick. Dann aber kamen die folgenden Stunden mit ihren Schrecken. Fanny und die anderen Mädchen wurden von den Franzoſen zu ihren Damen hineingeſchickt, und ihnen auf dem Fuße folgte jener junge Offizier mit Vial's Mit⸗ theilung: Man möge ſich ruhig in den Zimmern halten und keinen Verſuch wagen, ſie zu verlaſſen, ſolle ſich auch auf einen oder einige Tage mit Lebensmitteln verſehen. Das Schloß möge demnächſt angegriffen werden und er, 298 Zweiunddreißigſtes Kapitel. Vial, ſei entſchloſſen, es zu halten.— Die Frage Hebe's nach dem Vetter Chriſtian, ihr Wunſch, mit ihm oder auch mit dem Vater zuſammen zu bleiben, wurden erſtere nur mit einem Achſelzucken und letztere mit einem entſchiede⸗ nen, wenn auch höflichen Abſchlage beantwortet. Vial hatte freilich Grund, die Rückkehr des Vetters nicht zu⸗ zugeſtehen. Hatte er doch durch ihn, den Einzigen, der von G. wieder zum Schloſſe zurückkam, endlich die Ueber⸗ zeugung gewonnen, daß er abgeſchnitten und daß das ganze Land zwiſchen Renaud und ihm im Aufſtande ſei. Das war nichts für die Damen. Und dann hörten ſie unter ſich den dort befindlichen Eingang verrammeln; ſie hörten beim Einbruch der Dun⸗ kelheit wirklich den Lärm eines Angriffs, das Geſchrei der Kämpfenden; ſie ſahen die Angreifer zum Theil im Parke ſelbſt, ſahen Schüſſe aufblitzen und hörten die zerſchmetter⸗ ten Fenſter klirren. Ihren Flügel ſchonte man augen⸗ ſcheinlich. Aber ſie zogen ſich doch in die entlegenſten, ſicherſten Gemächer zurück, die ihnen zugänglich blieben. Und der Lärm ließ wieder nach, der Angriff war abgeſchlagen, man hörte aus den weitläufigen Räumen des Schloſſes kein Geräuſch mehr. Es verging ein tödt⸗ lich langer Abend, bis ſie nach zehn Uhr den Feuerſchein von dem angezündeten nächſten Douanenpoſten zu ſich herüberleuchten ſahen. Die Schüſſe, die dort fielen, ver⸗ wehte freilich der hier an der Küſte ſcharf vorbei ſtreichende Wind.— Bald darauf fand ſich plötzlich Karl, der Die⸗ ner, zu ihnen mit der Nachricht, daß man auch nach G. zu Feuer bemerkt habe; es müſſe die Mühle von Bruch ſein habe fert er ſ ſein von nich wer kön Gr mu wal der ſch di che die Im freien Lande. 299 ſein, die, wie er von ſeinem Oheim Karſten gehört zu haben meine, zu einem Zeichen, daß alles zum Ausbruche fertig, beſtimmt ſei. Der Burſche wollte nicht ſagen, wie er ſich der Aufſicht der Franzoſen habe entziehen und zu ſeiner Gebieterin gelangen können. Aus dem Schloſſe, von dem Grafen Hartmuth und dem Vetter wußte er nichts; die Dienerſchaft war eingeſperrt. Allein er meinte, wenn man nur den Freunden draußen ein Zeichen geben könnte, ins Schloß würden ſie ſchon zu bringen ſein. Gräfin Hebe ſchüttelte dazu den Kopf. Was hier ſtand, mußte von ſelber fallen, ſobald der Feind draußen beſiegt war. Sie ſcheute die Gefahr eines Kampfes, die Raſerei der Sieger oder Beſiegten für die Ihrigen. Die Exploſion in G. ließ ihren Donner und die Er⸗ ſchütterung des Bodens im Schloſſe deutlich genug ſpüren. Die Damen nahmen das freilich gern als ein gutes Zei— chen, allein ſie wußten doch nicht, was es war, und Hebe, die zwar in ruhiger und gefaßter, aber nicht gerade vertrauensvoller Stimmung war, dachte unwillkürlich an die alten Gewölbe in Ober⸗Rhoda und die dort aufgehäuf⸗ ten Vorräthe. Es ſchien ihr nicht möglich zu ſein, daß für die Patrioten alles günſtig und ohne böſe Zwiſchen⸗ fälle verlaufe. Der Gedanke an Hoven und ſein vielleicht ſchon blutig entſchiedenes Geſchick lähmte nicht ihre Ent— ſchloſſenheit, aber ihre Hoffnungen und ihr freudiges Ver⸗ trauen. Und wieder verging eine tödtlich lange Stunde. Sie wollte ſich mit einer Frage an den Diener wenden— er war nicht da und auch nicht im Nebenzimmer, wo die drei — ͦ—— 300 Zweiunddreißigſtes Kapitel. Zofen ſtill bei einander ſaßen. Bald darauf ſchlich er wieder herein und beugte den Kopf zu ihr und flüſterte: „Gnädige Gräfin, ich konnt's nicht laſſen! Sie wiſſen's jetzt draußen, daß hier unter uns gegen den Strand zu ein Laden und ein Fenſter offen. Wenn ſie klug ſind und die paar Poſten von dieſer Seite weglocken, haben ſie das Schloß. Wenn die gnädigen Herrſchaften ſich hier oben ſtill halten, hat's keine Gefahr. Es ſind Nieder⸗ Rhodaer dabei, die wiſſen's, wer in dieſem Flügel wohnt. Gegen fünf Uhr knallten plötzlich um das Schloß her wieder Schüſſe, denen von den Franzoſen kräftig und raſch geantwortet wurde. Dann ward es mit einem Male unter den Fenſtern der Damen laut— ſie waren, um in den Park zu ſehen, wieder nach vorn gegangen— ein Kampf hatte ſich dort, wie es ſchien, in nächſter Nähe und Mann gegen Mann entſponnen. Und wieder nach einer kurzen Weile tönte aus dem Hauſe ſelbſt der Lärm, ein aus Wuth und Angſt, Jauchzen und grimmiger Luſt gemiſchtes Geſchrei in die oberen Räume empor. Vor der Thür des Vorzimmers fiel ein Schuß, erhob ſich das wü⸗ thende Brüllen der Heranſtürzenden, klang der dumpfe Todesſchrei des erſchlagenen Wachtpoſtens. Und gleich da⸗ rauf ſprang über die Hintertreppe einer von den befreiten Dienern herein mit dem jubelnden Rufe:„das Schloß iſt frei! Die Wälſchen ſind todt!“ Einige Augenblicke ſpäter ſchoß ſchon Vetter Chriſtian herein, küßte Hebe graziös die Hand, ſchüttelte ohne alles Ceremoniel und mit lebhaft glänzenden, kreuzfidelen Au⸗ gen die Hände der beiden jungen Damen, faßte ſogar die Im freien Lande. 301 entſetzte Fanny unverſchämter Weiſe mit ſeinem langen Arme um die Taille und ſchwenkte ſie herum, daß ihre Löckchen flogen, und ſchrie dabei in Einem fort:„Frei, frei! Ah, Monsieur le Vicomte! Wir ſind quitt! Gefan⸗ gen, gefangen!“ Gräfin Hebe war ſchon auf die erſte Nachricht des hereinſtürzenden Dieners von ihrem Sitze aufgefahren und, ihrer Schwachheit vergeſſend, ſeitdem am Tiſche ſtehen ge⸗ blieben. Jetzt ſah ſie lächelnd den vom Vetter erregten Wirbel einen Augenblick an und dann klang ihre helle, reine Stimme:„Nun ein vernünftiges Wort, Vetter! Was erreichtet ihr von Renaud?“ Vetter Chriſtian ſtand mit einer jähen Schwenkung vor ihr, verbeugte ſich auf das allerſchönſte und verſetzte mit tragiſchem Tone:„Für Vetter Eugen Aufſchub, für Hoven einen Abſchlag. Dieſer liebe General war blutdür⸗ ſtig, ſo angenehm blutdürſtig! Schade, daß man ihm einen Strich durch die Rechnung machte! Freund Leo, beiläufig eine Art Hexenmeiſter, wie es ſcheint, zauberte Hoven und zur Vorſicht gleich auch Eugen aus ihrem Hundeloche—“ „Alſo frei?“ fragte Hebe mit feſtem Blicke dazwiſchen. „Frei, Couſine, haben die Ehre! Werden jetzt drüben in der Heide vermuthlich auch ſchon ihre Arbeit beginnen. Das Land iſt im allercharmanteſten Aufſtande von der Welt. Sie wollten geſtern Morgen kaum mich durchlaſſen, dieſe lieben harthörigen Burſchen!“ Comteſſe Hebe bot ihm die Hand. Sie ſtand noch immer, und ein ſtrahlendes Lächeln überflog ihr ſich leiſe wieder röthendes Geſicht, ihre Augen blickten heiter auf ——— — 302 Zweiunddreißigſtes Kapitel. den alten Vetter, auf die beiden jungen, an einander ſich lehnenden Nichten. „Gottlob, Gottlob!“ ſagte ſie.„Nun laßt uns des Sieges froh werden. Gott iſt ſichtbar mit uns und wird es auch fürder ſein. Komme nun, was kommen mag! Sterben wir jetzt, ſo ſterben wir doch im Morgenrothe der Freiheit.“ Sie ſetzte ſich langſam zurück in ihren Seſſel und drückte einen Augenblick das Tuch vor die Augen. Als ſie es wieder ſinken ließ, waren die glänzenden Sterne feucht, aber ſie lächelten durch die Thränen. Und erſt nach einer kurzen Pauſe, die ſelbſt Vetter Chriſtian nicht zu ſtören wagte, ſagte ſie mit ernſterem Blicke:„Nun, Vetter, wie ſteht's im Schloſſe und drüben beim Vater?“ Vetter Chriſtian's Hals verſchwand einmal wieder zwi⸗ ſchen den Schultern.„Habe nicht die Ehre!“ verſetzte er. „Seit wir uns vorgeſtern in G. trennten, habe ich Seine Hochgeboren nicht wieder erblickt, denn als ich geſtern Mor⸗ gen anlangte, beſtimmte Monsieur le Vicomte auf das lie⸗ benswürdigſte, daß ich mich fortan in meinen Appartements ausruhen möchte. Vorgeſtern waren Seine Hochgeboren in einer ſehr gemiſchten Stimmung,— gereizt, aufbegeh⸗ rend, zu allerlei Seitenſprüngen aufgelegt, endlich auf meine gehorſamſte Ermahnung zuſammenſchnappend wie ein altes Taſchenmeſſer, ja, mit Permiſſion, etwas unzu⸗ rechnungsfähig. Ihr müßt den Alten teufelmäßig ange⸗ faßt haben, Couſine,“ brach er plötzlich ab. Die Locken ſeiner Perücke verriethen ein ſtärkeres Kopfſchütteln, als ſich an dem kleinen unter ihnen ſteckenden Haupte ſelber zeigte. Im freien Lande. 303 Gräfin Hebe ſchütelte gleichfalls das Haupt, ihre Au⸗ gen begegneten denen des Vetters mit einem dunklen Blicke.„Bin ich zu hart geweſen,“ ſagte ſie,„es würde mir bitter leid thun, allein ich konnte nicht anders, Vetter. Es ſtand nicht allein für das Kind, ſondern auch für uns alles auf dem Spiele. Sie wiſſen, cher Papa iſt, wo es ſeinen Plänen gilt, zuweilen noch jung und in der Wahl ſeiner Wege und Mittel nicht ſchwierig. Und Sie wiſſen, es iſt eine Natur, die man, wenn man gegen ſie aufkommen will, nicht mit Handſchuhen anfaſſen darf. So that denn auch ich nicht,“ ſetzte ſie mit einem ſeltſamen Lächeln hinzu. Und da die Anderen ſchwiegen, ſprach ſie nach einer Weile:„Sie ſollten aber nach ihm ſehen, Vetter, und ob wir endlich wieder hier heraus können. Ich glaube, es geht uns allen gleich,— man erſtickt hier.“— Als Chriſtian nach einer halben Stunde wieder kam, contraſtirten ſeine Mienen nicht nur mit denen der Da⸗ men, welche wieder heiter und muthig und in der endlich einmal gewechſelten Kleidung auch friſcher dareinſchauten, aufs auffälligſte, ſondern zeigten auch einen von dem ge⸗ wöhnlichen des alten Herrn ſehr verſchiedenen Ausdruck. Er ſah geradezu niedergeſchlagen aus und berichtete doch zuerſt von dem, was ſich in der Stadt zugetragen hatte. Die Nachricht von dem dortigen Siege hatte eben das Schloß erreicht. „Und dazu ſehen Sie wie ein Leichenbitter aus?“ fragte Hebe, ihn ſcharf ſixirend, „Was hilft's!“ verſetzte er.„Der Menſch hängt doch pro primo von ſeiner Umgebung ab. Es ſieht im Schloſſe ———— — 304 Zweiunddreißigſtes Kapitel. aus, wie auf einer Metzgerbank, und drunten gibt es nichts, als Geſtöhn und Todesröcheln. Die Burſchen haben heidniſch gewirthſchaftet, nicht geſchlagen, wie es ſcheint, ſondern geſchlachtet. Ins Wohnzimmer könnt ihr, da geht's an. Unterwegs aber würd' es im Corridor blu⸗ tige Schuhe geben.“— „Und Vial?“ fragte Hebe nach einer Pauſe düſter. „Es ſieht kaum aus, als ob er überhaupt noch lebt,“ entgegnete Chriſtian den Kopf ſchüttelnd.— „Cher Papa iſt hoffentlich unbeläſtigt geblieben?“ fragte ſie wieder. „Doch nicht ganz, Couſine. Er iſt unter den Hän⸗ den unſeres Chirurgen,“ erwiderte er faſt finſter.„Ich gehe zu ihm.“— Und er wandte ſich ab. „Warten Sie, warten Sie, Vetter!“ ſagte ſie entſchie— den und ſtand noch einmal ohne Hülfe von ihrem Sitze auf.„Ich gehe mit Ihnen,— denn ſo oder ſo, ich kenne meinen Platz. Ihr bleibt hier, Kinder,“ fuhr ſie gegen die beiden Nichten gewandt fort.„Die Noth und das Grauſen iſt nichts für euch; ſonnt ihr euch in der Frei⸗ heitsſonne! Ihr ſollt bald Nachricht haben, ob ihr drüben vonnöthen ſeid.— Fanny!“— Und von Chriſtian unterſtützt und von dem Mädchen gefolgt, verließ ſie das Zimmer. Ihre Bewegungen waren raſcher und kräftiger, als Chri⸗ ſtian oder Fanny ſie je an ihr bemerkt. Es war ein ſeltſamer und trauriger, noch unaufge⸗ klärter Fall. Graf Hartmuth war nach Pierre's Miettheilungen eben ſo wie die Uebrigen auf ſeine Zimmer beſchränkt Im freien Lande. 30⁵ geweſen. Der alte Herr war von ſeiner Fahrt nach G. ſehr angegriffen und ſtumpf zurückgekehrt, hatte die Nacht je⸗ doch gut geſchlafen und ſich am nächſten Morgen ziemlich geſtärkt erhoben. Er blieb finſter und verſchloſſen und brütete meiſtens ſtumm vor ſich hin, doch war im Ganzen ſein Zuſtand erträglich und ſein Kopf klar. Er wollte indeſſen über den vergangenen Tag und ſeine Vorgänge mit dem alten Diener nicht reden; von ſeiner Fahrt nach G. und dem Geſpräche mit Renaud wußte er augenſchein⸗ lich wenig oder nichts. Mit Vial hatte er gegen Mittag eine Unterredung verlangt und gehabt. Pierre erfuhr von ihrem Inhalte nichts; der Vicomte hatte ihn, nach einer Weile heraustretend, aus dem Vorzimmer fortgewieſen. Der Alte war hinterher anſcheinend munterer geweſen. Der Angriff auf das Schloß erfüllte ihn mit Zorn und der Sieg der Beſatzung mit einer gewiſſen grimmigen Genugthuung. Dann ging er zeitig zur Ruhe, und Pierre der wachte, hörte ihn auf das geſundeſte ſchlafen. Der Lärm des Morgen⸗Angriffes erſt erweckte ihn; er blieb jedoch im Bette mit der gegen den Diener geäußerten Ueberzeugung, daß die Franzoſen dem„Geſindel“ leicht genug widerſtehen würden. Da aber war der Kampf auch im Schloſſe begonnen und hatte ſich bald in dieſen Flügel gezogen. Ein fliehender Franzoſe war in die Zimmer des Grafen Hartmuth geſtürzt, bis in das uns bekannte, düſter, prächtige Gemach. Verfolger eilten ihm nach, es fielen ein paar Schüſſe. Der Franzoſe wurde erſchoſſen und eine Kugel traf durch die geöffnet ſtehende Thür zur Schlafſtube den im Bett ſich halb zürnend, halb erſchrocken Hoefer, Fremdherrſchaft. III. 20 306 Zweiunddreißigſtes Kapitel. aufrichtenden Grafen in den Kopf. Pierre hatte den Schützen geſehen, natürlich aber bei der Haſt, in der das alles folgte, nicht erkannt. Nur ſchien es ihm nicht glaub— lich, daß derſelbe nach dem Franzoſen und vorbei geſchoſ⸗ ſen. Die Stelle, wo der Verfolgte gefallen, war nicht in der Richtung der offenen Thür und des Bettes, das ſahen auch Hebe und Chriſtian. War es dennoch nur ein unglücklicher Zufall, war es ein ungeſchickter Schütze, war es Privat⸗Rache geweſen? Graf Hartmuth hatte nirgends Liebe und Freunde gehabt, aber Feinde deſto mehr, und zwar gerade in Nieder⸗Rhoda die erbitterſten. Es gab unter der höheren Dienerſchaft des Schloſſes, wie damals häufig in den Häuſern der reichen Familien, einen Menſchen, der chirurgiſche Kenntniſſe beſaß. Unter ſeinen Händen befand ſich nun der alte Herr; allein der Diener brauchte Hebe und Chriſtian nicht erſt von der Hoffnungsloſigkeit des Verwundeten zu ſagen, ſie ſahen ſelbſt ſogleich und gut genug, daß hier von einer Rettung kaum noch die Rede. Graf Hartmuth war ohne Beſin⸗ nung und gab nur ſchwache Zeichen des ſchwer ſcheidenden Lebens. Man ſchickte nach G., um wo möglich einen Arzt herüber zu bringen, auch um Vial's und der andern Verwundeten willen. Bei dem Vicomte verzweifelte der Chirurg gleichfalls an der Rettung. Der. Offizier lag mit zerſchmettertem Haupte ohne Beſinnung, wie der Schloß⸗ herr über ihm. Gräfin Hebe ging in das Wohnzimmer zurück, wo ſie mit ihren Nichten zuſammentraf. Sie war ernſt und Im freien Lande. 307 bewegt durch den Anblick, den der ihr gewährt hatte, welchen ſie vor der Welt Vater nannte, aber ſie war ge⸗ faßt und fühlte ſich ſeit den Mittheilungen Pierre's über den geiſtigen Zuſtand des Grafen ruhiger. Wir ha⸗ ben es ſchon durch die Wendung, welche ſie dem Schluſſe jenes ſchrecklichen Morgengeſpräches gegeben, zur Genüge erfahren, daß Hebe eine nichts weniger als wirklich grau— ſame und unverſöhnliche Natur war. Sie wollte den Grafen brechen, aber nicht vernichten, und es hatte ihr in den einſamen Stunden der vergangenen Tage und beſon⸗ ders ſeit der Nachricht Chriſtian's von des Alten Zuſtande in G. eine nicht geringe Qual gemacht, annehmen zu müſ⸗ ſen, daß ſie dem Greiſe vielleicht einen nicht mehr über— wundenen Stoß gegeben haben könne. Davon fühlte ſie ſich nun frei. Der Arzt aus der Stadt kam nicht. Der gewöhn⸗ liche war nicht aufzufinden geweſen, ein paar andere hat— ten mit den ſtädtiſchen Verwundeten genug zu thun ge⸗ habt und konnten nicht abkommen. Und übrigens war eine ſolche Hülfe auch nicht mehr nöthig. Bald nach Mit⸗ tag that Graf Hartmuth den letzten Athemzug, und beim Einbruch der Dämmerung ſtarb auch Vial. Keiner von Beiden war wieder zum Bewußtſein gekommen.— In dieſes Haus des Todes und des ernſten Schwei⸗ gens brach um die zuletzt angegebene Stunde die Nachricht von dem vollen, glänzenden Siege in der Heide, von dem gänzlichen Zurückweichen des Feindes hinein. Es war Leo Rettfeld, der ſich die Ueberbringung dieſer Botſchaft nicht 308 Zweiunddreißigſtes Kapitel. hatte nehmen laſſen und, ſobald er abkommen konnte, nach Nieder⸗Rhoda aufgebrochen war. „Frei, frei! Sieg, Sieg!“ rief er den Damen entgegen, zu denen er ſtrahlend von Siegesfreude, glühend von Begeiſterung in Hebe's ſtilles Zimmer ſtürzte. Er riß die aufjauchzende Sophie Magdalene in ſeine Arme und ließ ſie nicht mehr frei. Fliegenden Wortes berichtete er das Geſchehene, Gelungene, meldete die Grüße der un⸗ verletzten Freunde, erzählte von dem frohen„Faſtelabend“, von Steffen's„Nun danket alle Gott!“ und dem erheben⸗ den Eindrucke des Liedes, von allem und jedem. Erſt nach einer ganzen Weile fiel ihm die ernſte Stimmung ſeiner Zuhörer auf; der Sieg fand hier nicht den Wiederhall, den er erwartet. Er ſah verwundert inne haltend, die Tante und Chriſtian, ſeine Braut und Stephanie an. „Ihr ſeid ſeltſam,“ ſagte er.„Oder— bei Gott!— iſt dem alten Herrn etwas paſſirt?— Steffen— ich denke erſt jetzt wieder daran, da ich es in all dem Rauſch ver⸗ geſſen—“ „Was iſt mit Steffen?“ fragte Hebe nach einer klei— nen Pauſe ernſten Auges. „Er ſagte mir beim Abſchiede heimlich, ich möge dem Alten ſeine Verzeihung bringen, wenn er ſie noch hören könne.“ „Und wann war das?“ fragte Hebe wieder mit der gleichen finſtern Aufmerkſamkeit. „Etwa gegen drei oder halb vier Uhr, Tante.“ „Da konnte er es freilich nicht mehr hören,“ ſagte Im freien Lande. 309 ſie kopfſchüttelnd.„Er war bereits todt. Aber vielleicht hat Gott es gehört und ſtreicht eine der ſchlimmſten Sei⸗ ten in des Vaters Schuldbuch.— Ihr wißt doch,“ ſetzte ſie leiſe hinzu,„daß Steffen's alter Vater faſt unter den Streichen ſtarb, die ihm auf Befehl und im Beiſein des neuen Herrn gegeben wurden.“— Es währte eine lange Zeit, bis ſie wieder Anderes reden mochten.— Hoven und Eugen ſprachen, eben ſo wie aufs neue Leo, erſt am folgenden Tage im Schloſſe auf wenige Stunden ein. Sie traten den ernſten Bewohnern gleich ernſt entgegen, aber die Stimmung wurde doch bald eine, wenn auch nicht heitere, doch frohe und erhobene. Die junge Freiheit, das Glück des vollkommenen Sieges durch⸗ leuchtete und überſtrahlte hier im Schloſſe ſo gut wie draußen in den Dörfern und Städten die Trauer um die Opfer, welche der Sieg allerwärts verlangt.— Und in allen gab es überdies noch andere Gedanken, andere Empfindungen, welche auch ihrerſeits die Trauer für den Augenblick zurückdrängten.— „Schone ſie!— Sie iſt dein, Bruder— aber ſchone ſie und ihr Gefühl!“ hatte Sophie Magdalene zu Eugen mit einem heimlichen Blicke auf Stephanie geſagt, welche abſeits von den Anderen bleich und ernſt am Fenſter ſtand. Sie hatte den Anlangenden mit einer gewiſſen ſcheuen Befangenheit begrüßt, die aber weit entfernt war von ihrer früheren Kälte, und ſich dann meiſtens ſtill für ſich gehalten. Eugen wagte ſie auch nach ſeiner Schweſter —— 310 Zweiunddreißigſtes Kapitel. Worten nicht zu ſtören. Vial's Leiche lag noch unbeſtat— tet im Erdgeſchoſſe.— Aber als ſie ſchieden ruhte ihre Hand ſtill in ſei⸗ ner, und ihr Auge begegnete dem ſeinen mit einem tiefen und langen Blicke. Es war darin ein anderer, beſſerer Traum, als jener, den der aufgeregte Franzoſe während jenes Ballabends in ihm gefunden. Dies war kein verwirrender, betäubender Rauſch, ſondern der Traum von einem noch fernen, aber doch ſchon aufdämmernden wahren und friedlichen Glücke. Und am Nachmittage, als die Herren, zu denen jetzt auch Eberhard gehörte, wieder ſchieden, ſtand Hoven vor Hebe und ihre Hand haltend, ſprach er, während ein mil⸗ des Lächeln die ernſten, ſtrengen Züge erhellte:„Ich dachte, Sie nicht wieder zu ſehen, Gräfin, und trug dem alten Vetter dort einen letzten Gruß an Sie auf. Hat er ihn beſtellt?“ „Ja,“ ſagte ſie leiſe. „Und verzeihen Sie mir den Traum? Mißverſtehen Sie mich nicht, Gräfin?“ fragte er nochmals. Sie drückte ſeine Hand, ihre Augen füllten ſich mit leiſe aufquellenden Thränen.„Ich träumte ja eben ſo,“ verſetzte ſie leiſe.„Und, o mein Freund, weßhalb muß es nun für uns nur ein Traum bleiben! Das Leben iſt ſo reich, ſo ſchön vor mir geöffnet, wie ich es noch nie— mals geſehen, und dennoch können wir es niemals das unſere nennen!“ „Es wäre zu ſchön, Gräfin,“ ſprach der ernſte Mann, ihre Hand und leiſe ihr Haar küſſend.— Im freien Lande. So ſchieden ſie. Karſten Herbart brachte am folgenden Tage den jungen Hector und ſeine Mutter aus der unruhigen Stadt.„Der Teufel könnte ſein Spiel haben,“ ſagte er. „Man hat dem Monſieur Auguſt, als man ihn mit dem Buben ertappte, Eins derb auf den Kopf gegeben, aber die Canaille muß ein Leben haben wie eine Katze. In all dem Krawalle iſt er verſchwunden, und wenn der Teufel ihm nicht das Genick gebrochen, möchte er neues Unheil anrichten.“ Graf Hartmuth's Tod, von dem er erſt hier hörte, beruhigte ihn darüber. Wunderbar aber wirkte auf ihn die Nachricht, daß auch Vial ſein Ende gefunden. Eine Zeitlang blieb der rauhe Geſell ſtumm, dann meinte er kopfſchüttelnd:„Das heiß' ich mir kurios. Was hat’s dem Herrn und uns nun geholfen, daß wir ihn dazumal der herauspflegten, da er jetzt doch von Und Vater Steffen hat damals den Tod ſchonten und wie den Unſeren erſchlagen wurde? doch wieder Recht gehabt, als er ihm vorherſagte!— ˙8 iſt ſeltſam, ſeltſam!— Ich dachte die⸗ ſes Mal dem Alten mitſammt ſeinem Tode ein Schnipp ich ließ den jungen Herrn pflegen, wie chen zu ſchlagen; Der Steffen hatte ein Wickellind, und brachte ihn durch. gut, ſo ließ ich ihn im ſeinen Leichenzug geſehen erem Umzuge vom Schlafe in den Sarg legen und bei unſ Rhoda auf das ſäuberlichſte trans Heidenring nach Ober es geſehen, und So war alles, wie Steffen portiren. S doch anders, als er und wir es anfänglich gemeint. Aber es iſt umſonſt. Gegen den Alten iſt nicht aufzukommen, 312 Zweiunddreißigſtes Kapitel.— Im freien Lande. und nun tragen wir den ſchmucken Kerl doch und richtig in ſein Grab.“— Als Vial am Abend wie die anderen Gefallenen auf dem kleinen Dorf⸗Friedhofe begraben wurde, war Karſten Herbart einer der Träger ſeines Sarges und blieb, bis der Hügel gewölbt war. „'s iſt ſeltſam, ſeltſam!“ murmelte der rauhe Ge⸗ ſell beim Weggehen vor ſich hin. Dreiunddreißigſtes Kapitel. Der Schluß. Mit Trommelnklang Und Pfeifengeſang Wird man begraben, Davon wir haben Unſterblichen Ruhm. Mancher Held frumm Hat zugeſetzt Leib und Blute Dem Vaterland zu gute. Volkelied. Wenn unſere Leſer von uns eine Erzählung erwartet haben, wie die meiſten ſind, eine Darſtellung verſchlungener Lebenswege, bei der und bei denen die Liebe Anfang, Mittel und Ende iſt, ſo werden ſie allerdings nichts we niger als befriedigt plötzlich das Schlußkapitel vor ſich ſehen. Eine Liebesgeſchichte haben ſie freilich nicht geleſen, wie denn auch eine ſolche aus dieſem Stoff nicht entſtehen ſollte noch konnte. Die Liebe iſt zwar ein Hauptfactor im Leben des Menſchen, ſie iſt zuweilen ſogar das einzig Sichtbare, das wie etwas Höheres über uns beſtimmt; ſie veranlaßt und begründet anſcheinend alles, was uns betrifft und was aus uns wird, ſie führt es weiter und läßt es ſo oder ſo zum Schluß gedeihen. Allein es 6 4 4 5 4 74 1 3 4 I 1 1 † u 5 314 Dreiunddreißigſtes Kapitel. kommen über die alte Erde zuweilen doch Zeiten, wo ſich uns etwas wirklich Höheres offenbart, gewaltig herr⸗ ſchend, unwiderſtehlich fortreißend, bis in die Tiefen un⸗ ſeres Weſens läuternd; Zeiten, wo der Einzelne mit ſei⸗ nem perſönlichen kleinen Leben und Fühlen, mit ſeinem bischen Freude und Leid wenig oder gar nicht mehr in Betracht kommt,— nicht für die Mitlebenden, ja nicht einmal mehr in ſeinen eigenen Augen und für ſich ſelbſt. Ja wenn der Darſteller ſolcher Zeit, der Geſchichtsſchrei⸗ ber ſo gut wie der Dichter, ſeiner Aufgabe gerecht werden will, darf er des Einzelnen mit ſeinem Einzelleben nur noch in ſo weit gedenken, als derſelbe der großen Zeit, dem großen Ganzen und ihren Anforderungen entſpro⸗ chen hat. Eine ſolche Zeit war diejenige, in welche wir unſere Leſer zurückgeführt haben, und obgleich wir auf nichts weniger verſeſſen ſind als auf das Preiſen und Hochſtel⸗ len der Vergangenheit gegenüber der Gegenwart, in der wir nun einmal leben müſſen, ſo dürfen wir dieſer Zeit doch nachrühmen, daß keine wie ſie bewieſen hat, weſſen ein einiges Volk und ein einiger Wille fähig iſt, wie vor ihnen nicht nur der äußere Feind, ſondern auch alle die im Inneren ſchleichenden und wirkenden kleinen feindlichen Mächte zerſpringen,— gleich Glasſcheiben, mit denen man einen Brand begrenzen möchte. Das bewies uns dieſe Zeit und darum ſollen wir ihr An⸗ denken in uns friſch erhalten und von ihr unſeren Kin⸗ dern erzählen, wie unſere Eltern, die Mitlebenden und Mithandelnden, uns davon berichteten. Es darf und ſoll gei vor Ge das nem in icht bſt rei⸗ den nur Der Schluß. 315 ſoll nicht vergeſſen werden, daß es in Deutſchland eine Zeit gab, wo mit ſeltenen Ausnahmen, niemand mehr von ſich wußte, an ſich dachte, wo alle Köpfe nur Einen Gedanken hatten und alle Herzen nur für Eins ſchlugen— das war die Vernichtung des Feindes und ſeines ſchmach⸗ vollen Jochs. Das iſt es, was nicht allein in den Küſtenſtrichen, wo unſere Erzählung ſpielte, und bei den Menſchen, die uns im Lauf derſelben bekannt wurden, ſondern im gan⸗ zen Deutſchland hervortrat, was— wir reden hier nicht von den Regierungen, die zum Theil nur gezwungen ſich von dem bisherigen Protector abwandten— alle deutſchen Stämme vereinte und ſie der armſeligen Zwie tracht und der ekelhaften Eiferſüchteleien vergeſſen ließ, die ſie ſonſt jeder Zeit aus einander halten mußten. Von den Menſchen, von dem Einzelnen war, wie wir's ſchon oben ſagten, im Grunde überall wenig die Rede. Hier trat das Ganze, das Volk, auf, und wo ſich Einzelne aus demſelben, ſei es durch ihre Stellung, ſei es durch beſondere innere Tüchtigkeit und Energie auch her⸗ vorhoben,— in dem, was alle bewegte und fortriß, fiel für ſie jeder Vorrang fort, ſtand ihnen, ſo zu ſagen, nie⸗ mand nach. Das, hoffen wir, wird auch unſere Darſtel⸗ lung wiederſpiegeln. Nicht eine einzelne der Perſönlich— keiten, welche in ihr uns begegneten, vermochte ſich ſelbſt, vermochten wir zum Träger des Ganzen zu machen, konn⸗ ten wir zu dem erheben, was man in derartigen Darſtel⸗ lungen den Helden zu nennen beliebt. Ein ſolcher iſt nicht da, noch konnte er da ſein, da, um das nochmals 3 6 6 4 141 3 8 31 316 Dreiunddreißigſtes Kapitel. zu wiederholen, gewiſſermaßen die große Zeit ſelbſt und ihr alle und alles bewegender Grundgedanke dieſe Stelle ſchon eingenommen. Dieſe Zeit glich alles aus, ſie beherrſchte und ver⸗ ſchlang jedes andere Intereſſe. Es horchte niemand in ſich hinein und niemand träumte von ſich und ſeinem Herzen. Jeder Blick war hinausgewandt zu dem, was da draußen geſchah, in Sachſen, in den Marken, in Schleſien und Böhmen. Und wenn auch treue Herzen für diejenigen ſchlugen und zärtliche Augen denjenigen folgten, die, in jenen Reihen kämpfend, den Daheimgebliebenen vor allen bekannt und theuer waren— es war in Nieder⸗Rhoda nicht Ein Herz, dem nicht die heilige Sache, für die ge⸗ ſchlagen wurde, höher ſtand als die eigene Liebe, das nicht trauernd und doch freudig dieſer Sache, wenn es verlangt worden, ſein eigenes Theuerſtes zum Opfer gebracht haben würde. Denn ohne Opfer konnte ein Sieg, wie man ihn erſehnte und verlangte, freilich nicht errungen werden. In Nieder⸗Rhoda waren jetzt faſt alle vereint, die uns näher getreten und theils durch ihr Geſchlecht, theils durch andere Zuſtände und Verhältniſſe von einer thätigen Theilnahme an dem draußen dahinrauſchenden Kriege zu⸗ rückgehalten wurden. Ein ſolcher war Graf Eberhard, der die Anſtrengungen im Laufe jener Aufſtandstage zu ſchwer empfunden hatte, um, wie er in der Erregung und Erhebung des Augenblicks wohl zuweilen dennoch nicht für unmöglich gehalten, mit den jüngeren Freunden nach Preußen oder, wie manche ſeiner Nachbarn, zu den einheimiſchen, gegen Hamburg ſtehenden Truppen zu gehen. noc ma nal 2 △ Der Schluß. 317 Er fand daheim überall, in öffentlichen ſo gut wie in Familien⸗Verhältniſſen, Arbeit und Sorge in Ueberfluß, und beſonders bei den letzteren ſo viel, daß er ſich auch von dem, was es im kleinen Lande wieder herzuſtellen, zu ordnen und neu zu ſchaffen gab, bald immer mehr und mehr zurückzog. Er konnte das mit Ruhe jüngeren und kräftigeren Händen, freieren Köpfen überlaſſen. Der Zuſtand der großen Hinterlaſſenſchaft des Gra⸗ fen Hartmuth war ein keineswegs geordneter und befrie⸗ digender. Es fanden ſich von den früheren Zeiten her noch ſo viele Schulden auf die Beſitzung gehäuft, daß man vor allen Dingen und ernſtlich einerſeits an ihre Regulirung, andererſeits an eine Vermehrung der Ein⸗ nahmen denken mußte, ſollte nicht der Erbe demnächſt in ſchwere Verlegenheiten gerathen. Graf Hartmuth mochte immerhin mit eiſerner Härte geherrſcht haben, er hatte es dadurch nur dahin gebracht, daß ſich für ihn weder eine treue, noch eine ehrliche Seele unter ſeinen Beamten und Untergebenen fand, daß er entweder geradezu verkürzt und betrogen wurde, oder daß man günſtigſten Falles die Dinge eben gehen ließ und ſicher nicht auf ſeinen Vortheil bedacht war. Und während ſonſt faſt überall im Lande die Aufhebung der Leibeigenſchaft und die den Unterthanen freigeſtellte Ablöſung ihres kleinen Beſitzes die beſten Folgen gehabt und die Stellung der früheren Her⸗ ren und Knechte zu einander faſt nirgends zu einer miß⸗ lichen oder gar feindſeligen gemacht, war auf Hartmuth's Beſitzungen faſt ausnahmslos das gerade Gegentheil ein⸗ 318 Dreiunddreißigſtes Kapitel. getreten, hatten Widerſetzlichkeiten, Zänkereien, Verdrieß⸗ lichkeiten aller Art gar kein Ende genommen. Zu allem Uebrigem kam, daß der alte Graf vor allem doch immer noch der große Herr des vorigen Jahrhun⸗ derts blieb, der trotz aller Strenge und Härte, trotz aller in den letzten Jahren hervortretenden Peinlichkeit und Knauſerei weder eine auch nur annähernde Ueberſicht über ſeine Verhältniſſe, noch irgend eine genügende Einſicht in den Zuſtand und die Verwaltung ſeines Vermögens und Beſitzes hatte und ſich im Grunde niemals um die De⸗ tails bekümmerte, zumal wo dieſelben das Leben betrafen, das er als Graf zu Rhoda zu leben gewohnt und, ſeinem Sinne nach, gezwungen war. Dies alles war nun zuerſt dem Grafen Eberhard zugefallen, der einer raſtloſen und nichts weniger als an— genehmen Thätigkeit bedurfte, um nur erſt einigermaßen Licht und Ordnung in die Verhältniſſe zu bringen und den gefährlichſten Uebelſtänden und den ſchreiendſten Miß⸗ bräuchen zu begegnen. Er war auch deßwegen nach Nie⸗ der⸗Rhoda übergeſiedelt, wo er ſich mehr im Mittelpunkte der Verwaltung befand und dieſelbe ſo zu ſagen vollſtän— dig unter Augen und bei der Hand behalten konnte. Den⸗ noch trat er nicht als der neue Herr auf, ſondern be⸗ kannte ſich offen genug nur als den Verwalter Eugen's, des nächſten Erben. Er ſelbſt habe an. ſeinen Beſitzungen und ihrer Verwaltung für ſeine Lebenszeit reichlich ge— nug, ſagte er wohl mit ſeiner milden Freundlichkeit, und habe nicht die geringſte Luſt, einerſeits die Beſitzungen, auf denen er alt und grau geworden, gegen andere, neue, —— Der Schluß. 319 zu vernachläſſigen, andererſeits zu ſeinen alten Sorgen und Geſchäften noch ſo viel neue zu übernehmen.— Das erſte Mal, wo Cberhard dies beſtimmt und wie etwas ſich von ſelbſt Verſtehendes ausſprach, geſchah es auf einer einſamen Stelle und zwiſchen den Geſchwiſtern allein. Es war in der Mitte des Mai, als die einheimi⸗ ſchen Truppen ſchon fort, als die jungen Freunde bereits nach Preußen hinüber waren und gerade am heutigen Tage in ihren erſten Briefen die Kunde von der Schlacht bei Lützen geſchickt hatten. Die in Nieder⸗Rhoda Zurückgebliebenen, zu denen ſeit dem vorigen Tage jetzt alſo auch Graf Eberhard ge⸗ hörte, hatten ſich von Karſten Herbart nach der kleinen Inſel Höwd hinüberfahren laſſen, denn es war ein wun⸗ dervoller Frühlingstag, das Land mit ſeinen Wäldern ſtand im friſcheſten Duft und Schmuck, und die See war noch niemals ſchöner und verlockender geweſen als heute unter einem tiefblauen Himmel und einer ſtrahlenden Sonne, überflogen von einem kecken, fröhlichen Winde, der die weite Fläche mit luſtigen, blitzenden Wellen be⸗ deckte. Sie wollten das Erſcheinen der ſchwediſchen Kriegs⸗ und Transportſchiffe erwarten, die in dieſen Gegenden einen Theil der zum großen Kriege beſtimmten Armee Bernadotte's landen ſollten. Die beiden jungen Gräfinnen waren mit Vetter Chriſtian, dem kleinen Hector und Kar— ſten zum Thurm gegangen, der ſich auf der äußerſten Landſpitze erhob und von dem man eine faſt unbegrenzte Ausſicht auf das Meer hinaus hatte. Hebe aber war das Erſteigen desſelben, wie man denken kann, unmöglich —— 8 —————y— 320 Dreiunddreißigſtes Kapitel. geweſen. Sie blieb drunten in den grünen Anlagen in ihres Bruders Geſellſchaft. Und da redete er zu ihr. „Ich habe heute Morgen einen ungefähren Ueberblick über den Zuſtand von des Vaters Hinterlaſſenſchaft ge⸗ wonnen,“ ſagte er.„Es ſteht noch viel ſchlimmer, als ich gefürchtet, und zum Theil faſt verzweifelt. Die Graf⸗ ſchaft bedarf eines tüchtigen, einſichtigen und willigen Herrn, und ich freue mich, daß ſie das alles der Haupt⸗ ſache nach in Eugen finden und ihm dafür zurückgeben wird, was er gebraucht,— das iſt eine rechtſchaffene, an⸗ ſpannende und lohnende Thätigkeit. Wenn er einmal alles vereint, was uns gehört, wird er eine der ſchönſten Beſitzungen in ganz Deutſchland haben. Und dazu eine ſolche Frau!“ fügte er lächelnd bei, und ſein Auge ruhte freundlich auf den Anderen, welche eben in den Thurm traten;„Stephanie macht ſich, macht ſich, Schweſter! Sie gefällt mir alle Tage beſſer; ich könnte den Jungen be— neiden, wenn ich jünger wäre und ihn nicht ſo lieb hätte. Und wie lieb ich ihn habe, beweiſe ich damit, daß ich alle dieſe Scherereien für ihn auf mich nehme.“ Sie hatte ihre Augen, die gleichfalls den Anderen gefolgt waren, jetzt zu ihm gewandt und ſah ihn eine Weile lang mit einem nachdenklichen Blicke an, bevor ſie bedächtig meinte:„Du gedenkſt alſo wirklich, Eugen nach ſeiner Rückkehr gleich in den Beſitz treten zu laſſen und willſt ſelber nichts davon?“ „Den Kukuk will ich!“ verſetzte er munter.„Ich habe reichlich genug an meinen alten Gütern und bin nicht Narr genug, mir in meinen Jahren noch ſolche Laſt in Der Schluß. 321 aufzuladen. Ueberdies wär's auch ein Unrecht gegen den Jungen, jetzt ihm etwas vorzuenthalten, was ihm in ein paar Jahren doch zufallen muß. Sollte ich hier jetzt auf meine Weiſe wirthſchaften, damit er ſpäter wieder nach ſeinem Sinne umſchaffen müßte? Das wäre weder für die Güter, noch uns ſelber gut. Sie brauchen Ruhe, Ordnung und einen einzigen, kräftigen Herrn; ſonſt geht's nicht.“ Ihr Auge ruhte noch immer auf ihm, und während ſich jetzt in demſelben ein verſtohlenes Lächeln regte, ſprach ſie:„An den, der da auch mit in den Thurm geſprungen iſt, ſcheinſt du bei all deinen klugen und bequemen Aus⸗ haben, Herr Bruder?“ rechnungen gar nicht mehr gedacht zu hr Er ſah, und zwar nicht angenehm überraſcht, zu i hin, doch das Lächeln beruhigte ihn augenſcheinlich ſogleich, und er entgegnete nur noch mit Kopfſchütteln:„Du biſt unverbeſſerlich, Hebe! Necken mußt du einmal.“ ß i Nal neckte?“ „Und wer ſagt dir, daß ich auch dieſes NP fragte ſie, noch immer lächelnd. „Dein Verſtand und deine Vernunft, von denen ich zu viele und zu glänzende Beweiſe habe,“ erwiderte er daß du dieſen Einfall niemals im ſondern ihm höchſtens 1 ernſter.„Ich weiß, Ernſte aufgenommen und verfolgt, einmal, dich ſelbſt ſteigernd und hinaufſchraubend, bei ir⸗ gend einer Gelegenheit Worte geliehen haſt. Das mochte dir eben nöthig erſcheinen, obgleich ich es gleichfalls nicht zu billigen vermag. Ernſte kannſt du nicht Kleine, dem wir ſchon ſeinen b Hoefer, Fremdherrſchaft. III. Sei ehrlich gegen dich ſelbſt, im daran gedacht haben, daß der loßen Namen und Rang 21 322 Dreiunddreißigſtes Kapitel. nur mit Mühe erringen werden, in den wirklichen Beſitz der Grafſchaft hätte gelangen können. Du biſt verſtän⸗ dig und erfahren genug, um einzuſehen, daß dazu nicht einmal unſere Zuſtimmung genügt hätte. Das wäre eben ſo unmöglich geblieben, wie das, was der Vater ſich mit Stephanie in den Kopf geſetzt; und der hatte wenigſtens noch die Ausnahmszuſtände unter dem franzöſiſchen Re⸗ gimente für ſich.“ Sie ſchüttelte mit einem ſchwermüthigen Lächeln den Kopf.„Du haſt in allem Recht,“ ſagte ſie;„ich ſehe das ſehr gut ein und weiß, daß dieſes ſelbſt mir, wie ich da⸗ mals war, nicht gelungen ſein möchte. Ich ſehe ein, daß Hector immerhin, wenn er dereinſt ſeines Vaters Erbtheil empfängt, mit dem, was ihm von mir zufällt, ein Vermö⸗ gen haben wird, welches eines Grafen Rhoda nicht gerade unwürdig iſt. Aber was willſt du, Bruder? Dieſer Plan iſt doch mehr als ein bloßer Einfall geweſen, ich habe ihn mir wenigſtens in mehr als einer einſamen Stunde ausgemalt und verfolgt, und als ich ihn in jener traurigen Stunde vor deinem Vater nicht nur andeutete, ſondern wirklich ausſprach, war es mir für den Augen⸗ blick bitterer Ernſt damit. Ich habe eben meinen Bru— der Hector zu ſehr geliebt und das ihm angethane Unrecht tiefer empfunden, als eines, das mir ſelber geſchehen. Genug davon. Wir wollen uns nicht bitter oder traurig ſtimmen.“— Er nahm ihre Hände zwiſchen die ſeinen und ſah ihr mit warmer, inniger Zärtlichkeit in die ſchönen Augen. „Das wollen wir auch nicht,“ ſprach er,„wenigſtens nicht —— Der Schluß. 323 hiedurch. Aber ein anderes Wort von dir hat mich er⸗ ſchreckt und traurig gemacht, mein Schweſterherz. Du ſagteſt: mit dem, was ihm von mir zufällt.“ Hebe, meine Schweſter,— und du ſelbſt und Hoven?“ Sie ſah ihn eine Weile ſchweigend und träumeriſch an, bevor ſie zur Antwort kam.„Sei nicht thöricht, lie⸗ ber Alter,“ redete ſie mit einem klaren, heiteren Blicke. „Jetzt muß ich ſagen, wie du vorhin: Du biſt zu ver⸗ ſtändig, um im Ernſte zu glauben, daß Hoven's und mein Bund je etwas mit meinem oder einem anderen Vermögen zu thun haben oder davon abhängig ſein könnte. Laß das gehen, Alter.“ „Und doch, Schweſter, und doch!“ ſagte er; er hielt noch ihre Hände feſt und ſein Blick wurde noch milder, noch weicher;„weßhalb willſt du auf das verzichten und den Freund auf das verzichten laſſen, worin ihr Beide euer beſtes Glück finden würdet?“ Es flog über ihr Geſicht ein geiſterhaftes Lächeln, das dem bewegten Bruder eine Thräne ins Auge lockte, ohne daß er ſie zurückzudrängen, ohne daß er ſich ihrer zu ſchämen wußte. Er hatte Hebe niemals ſo geſehen. „Es wäre zu ſchön!“ flüſterte ſie nach einer Pauſe halb vor ſich hin und ſetzte erſt nach einem neuen Schwei⸗ gen, gegen Eberhard gewandt, milde und ernſt hinzu: „Sieh, mein lieber Alter, dergleichen iſt uns nicht be⸗ ſtimmt, wenigſtens mir nicht. Ich habe nie daran gedacht und konnte niemals daran denken, daß Hoven's Leben an mein armes Daſein, an mich, wie ich nun einmal bin, gefeſſelt ſein ſollte. Der Schmerz hat mich nur einmal 324 Dreiunddreißigſtes Kapitel. übermannt, jetzt iſt auch er überwunden. Ich liebe ihn zu tief, zu wahr, zu heilig, den Freund. Die Erde und ihre Trauer verſchwinden davor. Wir wollen auch das ruhen laſſen. Es wurde auch nicht mehr von dieſem allen geredet. Hector, deſſen Mutter, da ſie auf dem Schloſſe nicht leben wollte, ſich jetzt zu einer Trennung von ihrem Kinde ver⸗ ſtanden hatte, wurde einſtweilen in Nieder⸗Rhoda unter Hebe's Augen unterrichtet und zu ſeinem Eintritte in eine höhere Bildungsanſtalt vorbereitet. Den Bemühungen der gräflichen Familie gelang es nach einiger Zeit, von der Regierung des Landes die Rechtmäßigkeits⸗Erklärung ſeiner Geburt und ſeine Berechtigung zum Namen und Wappen der Grafen von Rhoda zu erlangen. Er er⸗ wuchs allmälig zu einem liebenswerthen und ſchönen Manne, der beſonders ſeine Tante häufig und innig an den geliebten verlorenen Bruder erinnerte. Selbſt der alte rauhe Thorſchreiber Brehm erkannte an, daß ſein Enkel ſeinem Stande Ehre machte und ſein Glück ver⸗ diente.—— „Wie ſteht's um Steffen?“ fragte Gräfin Hebe, als Eberhard, am Abende des 30. März 1814 von Dreiheili⸗ gen zurückkehrend, wo er nach dem alten ſterbenden Schä⸗ fer geſehen, zu ihr ins Zimmer trat. Er ſchüttelte den Kopf.„Es geht zu Ende,“ erwi⸗ derte er.„Der Körper iſt eigentlich ſchon todt, nur der Geiſt lebt noch. Es iſt ein friedensvolles Sterben.“ „Es wird eine große Trauer im Lande werden,“ — Der Schluß. ſagte ſie.„Und wie wird es Leo, wie Eugen aufnehmen, wenn ſie davon hören!“ „Gerade in Betreff der Freunde hat mir der Alte heute noch eine ſeiner wunderbaren Offenbarungen ge⸗ macht,“ ſprach Eberhard wieder nach einer Pauſe. Seine Stimme war ſeltſam gedrückt und er ſah die Schweſter nicht an.„Er hatte eine Weile ſtill gelegen und vor ſich hingeſehen, als er mir plötzlich wieder ſeine Augen zu⸗ wandte und meinte: der Herrgott mache es doch mit ihm t auch noch einmal die fernen Freunde ſehen laſſen. Es wäre gerade eine rechte Sieges⸗ ſchlacht vor einer großen Stadt und es würde Victoria geblaſen und geſchoſſen.— Sollte es möglich ſein?“ ſetzte Eberhard hinzu.„Wäre man wirklich endlich bis Paris ſchlüge unter ſeinen Mauern den letz⸗ gar gut; ſo habe er ihn jetz vorgedrungen und ten Kampf? Wir wollen Tag und Stunde merken.“— „Und wie ſah er die Unſeren?“ fragte Vetter Chri⸗ ſtian nach einer Weile, da Eberhard ſchwieg.„Hoffent— lich alle kreuzfidel und wie Fiſche im Waſſer?“ „Nicht alle,“ verſetzte der Graf. Sein Auge wandte ſich mit einem milden Blicke auf ſeine Schweſter.— Es wurde rings kein Wort laut. Sie hatten ihn Ueber Hebe's Geſicht flog wieder jenes In, welches Eberhard damals beim Thurme am Strande ſo tief erſchüttert, und als er zu ihr trat und ihre Hand faßte, war es ihm, als flüſterten auch „Es wäre zu ſchön geweſen!“ erhielten ſie auf Nieder⸗Rhoda die letzte Schlacht geſchlagen alle verſtanden. geiſterhafte Läche ihre Lippen wieder jenes: Vierzehn Tage ſpäter die Kunde, daß am 30. März —— 1 ——:;’ñ— 326 Dreiunddreißigſtes Kapitel.— Der Schluß. und daß Hoven bei einer der letzten Attaken an der Spitze ſeiner Schwadronen gefallen ſei. Der Schmerz wurde bei Hebe wenig ſichtbar. Eine Natur wie ſie verarbeitet ſo etwas in der Stille, und ſie war auch zu kraftvoll und geſund, um daran zu Grunde zu gehen. Sie war bald wieder heiter und munter, ſie blieb noch lange eine der glänzendſten und ſtets eine der hervorragendſten Erſcheinungen dieſer Kreiſe, voll Scherz, Laune, Geiſt und wohl auch einmal voll luſtiger Bos⸗ heit. Aber vergeſſen hat ſie den kurzen, glänzenden Traum ihres Glückes und ihrer Liebe nie, und wenn ſie ſich aus dem Kreiſe der Ihren einmal zurückzog, um von dem Lärm und Jubel der häufig in Nieder⸗Rhoda vereinigten und die Großtante vergötternden Kinder Eugen'’s Lund Leo's in der Einſamkeit auszuruhen, haben die ſtillen Räume ihres Zimmers noch oft jenes Wort vernommen: „Es wäre zu ſchön geweſen!“ un —— und in allen Buchhandlungen vorräthig: Im Verlage von Adolph Krabbe in Stuttgart ſind erſchienen Admund Heefer: Bemwegtes Teben. Elegant geheftet. 1 Rthlr. oder 1 fl. 45 kr. Rhein. Aus dem Volk. Elegant geheftet 1 Thlr. 22 ½ Sgr. oder 3 fl. Rhein. Aus alter und neuer Zeit. Elegant geheftet 1 Thlr. 24 Sgr. oder 3 fl. Rhein. Schwanwiek. Skizzenbuch aus Norddeutſchland. Eleg. geh. 1 Thlr. oder 1 fl. 45 kr. Rhein. Erzählungen eines alten Tambours. Elegant geheftet 12 Sgr. oder 42 kr. Rhein. Norien. FSrinnerungen einer alten Frau. 2 Bände geh. 2 Rthlr. oder 3 fl. 30 kr. Rhein. Auf deutſcher Grüe. 2 Bände. 8. Geh. 2 Rthlr. oder 3 fl. 30 kr. Rhein. Aus der weiten Welt. 2 Bände. 8. Geh. 2 Rthlr. oder 3 fl. 30 kr. Rhein 9 f Lorelei. Eine Schloß⸗ und Wald⸗Geſchichte. Geh. 24 Sgr. oder 1 fl. 24 kr. Rhein. Die Alten von Ruhneck. Eine Erzählung aus älterer Zeit. Geh. 24 Sgr. oder 1 fl. 24 kr. Rhein. Ausgewählte Geſellſchaft. Geſchichten und Erinnerungen. 8. Geh. 1 Rthlr. oder 1 fl. 45 kr. Rhein. u 1 4 4 — Neueſte deutſche Iiteraturgeſch ichte. Im Verlag von Adolph Krabbe in Stuttgart iſt erſchienen und in allen Buchhandlungen zu haben: Deutſche Dichtung von der älteſten bis auf die neueſte Zeit. Von Wolfgang Menzel. gr. 8. 3 Bände.(100 Bogen) geh. 5 Rthlr. oder 8 fl. Rhein. Inhalt des Werkes Erſtes Buch: Die alten Heldenlieder. Verlorenes und Gerettetes aus der älteſten Zeit.— Die alten Lieder von Sifrit und von den Nibelungen.— s Heldenbuch. ie kerlingiſchen Heldenlieder. Zwe ite Buch: Die Volksmärchen. D eſenmärchen 3.— Zwerg⸗ und Elbenmärchen.— Dämoniſche Liebe in Märchen.— Wintermnarcen.— Ehrfſ nachtsmärchen.— Märchen von der guten Frau.— Märchen von den duldend auen.— Frühlingsmärchen.— Wunſchmärchen.— Sommermärchen.— hlangenj ungfrauen lim deutſchen Volksmärchen.— Thiermärchen.— Andere Reſte alter Naturpoeſie.— Dr Die kirchliche Dichtung im Mittelalter. Die Dichtr von Chriſto. Die Gedichte vom Graal.— Allegoriſche und myſtiſche T chtungen Marienli Deutſche Heil enktanden Viertes Buch: Die Minneſäng Reimronktin Gereimte bücher.— Erzählungen.— Räthſelmärchen.— D Die älteiten Schwänke von Bauern. Fünftes Buch: Bürgerliche Meiſterſängerei. Meiſterſänger.— Spruchdichtung.— Volkslieder.— Romanzen.— Geſchicht liche Volksſagen.— Schwänke von einfä gauern und Schildbürgern.— Schalksnarren. Schwänke von Weibern. P enſchwänke. Sechstes Buch: Heriwilderung im Reformationszeitalter.. Die kirchliche Satire. Hölle in die deutſche D ichtung.— Geſpenſtiſches— Magie.— Die Zauberſagen. Dr. Fauſt.— Geiſtliche Dichtu ng der Proteſt Katholiſche D Dichtung nach der Reformation. Buch. Die Renaiſſance. Lateiniſche Dichtungen der Humaniſten. Volksthümliche Reaktion innerhalb der lateiniſchen Dichtung. Die erſte ſchleſiſche Schule. Italomanie. Akademien. Schäfereien.— Die zweite ſchleſiſche Schule.— Volkslieder.— Lehrgedichte und weltliche Satiren. Die Entwicklung des deutſchen Schauſpiels. Staats⸗ und Liebesgeſchichten. Achtes Buch: Die Herrſchaft des franzöſiſchen Geſchmacks. Die Rococozeit. Klein Paris an der Pleiße.— Die Rococoromane.— Die franzöſiſche Theaterſchule. Anfänge der Ernpfindſamteit Höchſte Blüthe des franzöſiſchen Geſchmacks. Neuntes Buch: Die Natürlichkeitsperiode fluß der Schweizer und Engländer.— Romane in engliſcher Manier.— Wiedergeburt der deutſchen Schaubühne. Die Gräkomanie. Die philiſterhafte Natürlichkeit.— Die Herrſchaft der Empfindſamkeit.— Die lüderliche Natürlichkeit. Zehn e s Buch: Die Sturm⸗ und Drangperiode. Die freigeiſtigen Poeten.— Die Kraftgenies.— Die Poeſie des Egoismus.— Poetiſcher Univerſalismus. Die ſittliche Erſtarkung. Eilftes Puche Romantik. falſche Romantik.— Die echte Romantik.— Patriotiſche Dichtung.— Phantaſtiſche Ueberreizungen.— Rückfall der Romantik in den Dämonismus.— Schickſalstragödien und romantiſcher Modekram.— Die Nachromantiker. Zwölftes Buch: Die jüngſte Dichtung. Die Epigomen. Die Moderomane.— Revolutionäre Dichtung.— Die tiefſte Corruption der deutſchen Dichtung.— Die unabhängige Lyrik.— Der unahäſgige Humor.— Neue Keime volksthüͤmliche r Dichtung— Wiedererſtarkung der Religioſität. der Heiligen.— ende hi claſſiſch en Literatur. Liebesromane. Volks —V—ͦ— SOloùur& Grey Control Chart 3es Green vellow Hed Magenta Grey 4