„—--—-—-- Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und SLeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em Ifängnahme und Rückgabe der Bucher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen muͤſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 4 Bücher: 6Bi Bücher: ——— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 N 50% ar. 2 M.—— Pf. 1—— Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der„Bucher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Wertes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ Llden von mir Lellehin. auch dafür zu ſtehen haben. 4———— Anter der FTremdherrſchaft. Eine Geſchichte von 1812 und 1813. Von ¹ Edmund Baefer. Zweiter Band. — Stuttgart. Verlag von Adolph Krabbe. 1863. Druck von Emil Ebner in Stuttgart Elftes Kapitel. Auch ein Tabaiscollegium Zwölftes Kapitel. Was ſich alf einem Balle treiben läßt. Dreizehntes Kapitel. Vierzehntes Kapitel. Fünfzehntes Kapitel. Sechzehntes Kapitel. Siebzehntes Kapitel. Achtzehntes Kapitel. Neunzehntes Kapitel. Zwanzigſtes Kapitel. Nach den Souper Gräfin hebe’s Morgenſtunden Vater un Tochter In Dröheiligen Ein kurzer Uebergang Aus den alten Jahrhundert Vork' Convention von Tauroggen. Gräſi Bebe daheim Seite — — — — — S= — — — — — — — DB ———· 4 Alftes Kapitel. Auch ein Tabakscollegium. Jäger: Der Herr lauft viel und wohl, Die guten Hunde allzu wohl. Ant.: Ich hör' es dorther klingen, Sie wollen den edlen Hirſch um ſein Leben bringen. Alter Waidſchrei. Der Winter des Jahrs 1812, von dem die Schriften aus der damaligen Zeit und die Alten, welche ihn noch erlebten, nicht genug des Schlimmen zu ſagen wiſſen, hatte auch in dieſen Küſtenſtrichen Ernſt zu machen be⸗ gonnen. Der Froſt war ſchnell und ſcharf über das Land gekommen und hatte dem unergründlichen Schmutz und der finſteren Unbehaglichkeit des Herbſtes ein jähes Ende bereitet; bis in die Wälder hinein war er gedrungen, und die weiten Brüche, welche ſogar für den Kundigen ſtets gefährlich blieben und dem Unkundigen niemals zugäng— 1 lich wurden, ließen ſich auf ungewöhnlich große Strecken hin paſſiren, und es eröffnete ſich den Feinden und ihren Naoochforſchungen ein bisher unbekannt gebliebenes Terrain. So wurden denn hie und da noch einige Zufluchtsſtätten Hoefer, Fremdherrſchaft. II. 1 ——, — . — 2 Elftes Kapitel. der Unglücklichen entdeckt, welche vor der Einquartierung mit den Ihren Haus und Hof verlaſſen hatten und nun zitternd zurückkehrten in den verwüſteten Beſitz. Es war ſolcher Zwang freilich zu ihrem eigenen Beſten, und anderwärts ſah man ſie wohl freiwillig heim⸗ kommen, da das Lager im Walde von Tag zu Tag un⸗ erträglicher geworden. Denn zu dem Froſt kam der Schnee nicht im gleichen Verhältniß, das Land blieb ziem⸗ lich frei und offen, und nur hie und da in den Sen— kungen, in den hohlwegartigen Straßen zeigten ſich die vom Winde zuſammen gewirbelten Maſſen hoch und feſt genug, um den Verkehr auf Schlitten ſtreckenweiſe mög⸗ lich zu machen. Die Kälte wurde dadurch nirgends, we⸗ der vom Boden, noch von den Wohnungen der Menſchen abgehalten, ſondern nur deſto empfindlicher. Es ging in die⸗ ſem Winter vieles zu Grunde, was alle früheren gut überſtanden, und Landleute, Gärtner und Förſter ſchauten mit Angſt und Sorge der milderen Jahreszeit entgegen, wo ſich der volle Schaden erſt offenbaren mußte. Die Tage waren und blieben faſt alle von einer duftigen Klarheit, Nachts blitzten und zitterten die Sterne heller als je, und häufige Nordlichter drohten noch immer ſtei⸗ gende Kälte.. 4 Heute war's ein Ausnahmstag. Einem ſtillen, ver⸗ hältnißmäßig milden Morgen war ſchon eine Stunde nach ſeinem Anbruch ein deſto wilderer und unheimlicherer Tag gefolgt. Die Wolken trieben droben ſchwer und dicht gedrängt vorüber, der Schnee entſtürzte ihnen, mußte man ſagen, in immer größeren Maſſen und wurde von einem Auch ein Tabakscollegium. 3 eiſigen Winde dahin getrieben, hier zuſammen geballt, dort wieder aufgepeitſcht und unabſehbar hinauf gewirbelt, ſo daß alles in bleiche Schleier gehüllt erſchien. Wer ſeinen Weg gegen das Wetter an zu ſuchen hatte, konnte nur langſam vorwärts kommen, denn die Wirbel blende⸗ ten ihn und der Wind nahm ihm faſt den Athem, und wer trotzdem vorwärts wollte, mußte ſeinen Pfad fühlen und ahnen, von ſehen war keine Rede. Das ſpürte ſogar Steffen Schütze, der um dieſe Zeit — es mochte gegen zehn Uhr Morgens ſein— ſeine Ge— ſchäfte in den großen Schafſtällen des Hofes zu Dreihei⸗ ligen vollendet hatte und nun mühſam ſeinem nahe gele⸗ genen kleinen Hauſe zuſtrebte. Geſenkten Hauptes drang er langſam vorwärts, von Zeit zu Zeit anhaltend und ſich umwendend, um einmal tief auszuathmen, ſich den Schneeſtaub aus den Augen zu wiſchen und den Hut feſter zu drücken. Und da er endlich ſeine Wohnung er⸗ reicht hatte, ſchöpfte er tief Luft und machte mit einem „na Gottlob!“ unter der Thür Halt, um bevor er ein⸗ trat, noch einmal kopfſchüttelnd die Dorfſtraße hinab zu ſehen. Es war da freilich wenig zu erblicken, denn der Schnee kam vom Himmel herab und prallte von den Häu⸗ ſern zurück und wirbelte von den Dächern herunter zu immer dichteren und dichteren Schleiern, und brauste und tobte vorüber, daß Einem nach dem landesüblichen Aus⸗ druck Hören und Sehen darüber vergehen konnte, und man ſich mit Fug und Recht auf ſein warmes Daheim freuen durfte. Es war daher auch ein ganz natürlicher Blick, den 4 Elftes Kapitel. der Greis nach oben warf, wo aus der Oeffnung unter dem Strohdach, welche in dieſen Gegenden damals noch auf dem Lande überall den Schornſtein erſetzte, der dicke Rauch wirbelte und verkündete, daß drinnen eine behag⸗ lichere Temperatur herrſchen würde. Er nickte befriedigt mit dem Kopf, öffnete dann die wie üblich quer getheilte Thür, trat ein und ſchloß ſie ſo ſchnell wie möglich, um nicht mit ſich zugleich dem Schnee den Eingang zu ge⸗ währen. Er ſtampfte mit den Füßen nieder und ſchüttelte ſich, ſchwenkte auch den Hut ab und wandte ſich erſt dann um und gegen den im Hintergrunde befindlichen Herd. Dort praſſelte ein luſtiges Feuer, deſſen Rauch oben an der Decke entlang der Oeffnung über der Thür zuzog, und ein junges Mädchen, bei dem die Geſundheit aus den glänzend rothen Backen und den feſten, runden Formen ſprach, hantirte zwiſchen Töpfen und Keſſeln umher und rief, ohne davon abzulaſſen, dem Alten nur ein freund⸗ liches:„na Großvater, Gottlob!“ entgegen. Der Greis durchmaß den engen Raum mit ein paar Schritten und ſtreckte die Hände gegen die Flammen aus. „Ja ja,“ ſagte er dann gleichfalls freundlich blickend, „du wirſt hier ſchlimm empfangen. ss iſt nicht plaiſirlich draußen, und gut wer nichts außer dem Hauſe zu thun hat.“ „Ja, ſo hab' ich's in Krewitz nie erlebt,“ meinte ſie. „Du ſollteſt eben immer drüben bleiben, Großvater.“ Der Greis verzog das alte Geſicht zum Lächeln. „Ganz recht,“ verſetzte er,„jede Kreatur hält ihr eigen Neſt für das beſte, du deines, ich das meine. Aber ich Auch ein Tabakscollegium. 5 ſeh's, daß du ſchon Feuer im Stubenofen gemacht und es hier ſo eilig haſt, als ob's Gäſte gäbe. Könnteſt Recht haben, Regine!“ fügte er hinzu. „Ich habe Recht,“ entgegnete ſie gedämpfter redend und ſich näher zu ihm neigend.„Es ſitzt Einer drinnen — ſchon ſeit einer Stunde 2“* „Was du ſagſt! Und wer iſt's?“ fragte er unge⸗ wöhnlich lebhaft. „Das weiß ich nicht, Großvater. Ein alter bärbeißi⸗ ger Menſch ſcheint's; vorhin kam er in einem Schanzläu⸗ fer und in der Pudelmütze, ſah grade aus wie'n Eisbär, und im Nacken hat er'n Zopf, wie mein Arm ſo dick. Dann ging's Kommandiren los, die Stube wollt' er gleich warm haben und heißes Waſſer. Nun ſitzt er hin⸗ ter dem Ofen, dampft wie'n Schornſtein und trinkt dazu, er hat eine Flaſche Rum mitgebracht.“ „Sieh, ſieh,“ meinte der Alte, und zog gemächlich ſei⸗ nen Rock aus und hängte ihn zum Trocknen in der Nähe des Küchenfeuers auf.„Hab' mir dergleichen freilich ge⸗ dacht, aber auf den Kindskopf— na, s iſt auch gut,“ fügte er hinzu und wandte ſich gegen die Thür.„Du weißt ja Beſcheid, Regine, und gibſt Achtung. Und im Uebrigen ſchick nach dem Hofe und laß dir Eſſen für mich holen, wenn deines nicht reicht. Der Burſch' mag den ganzen Tag bleiben.“ Damit trat er in das ziemlich große, aber niedrige Zimmer, aus dem ihm eine Wärme entgegendrang, wie ſolche Leute ſie in ihrem Hauſe lieben, und zugleich mit dieſem Eintreten tauchte hinter dem Ofen eine maſſive, 6 Elftes Kapitel. ſtandfeſté Geſtalt hervor, mit viereckiger Stirn und weiter Glatze, mit dem erwähnten kurzen und dicken Zopf, im blauen Wollhemd', das vorn der Wärme wegen geöff⸗ net, einen Stierhals und eine Bruſt zeigte, deren Farbe dem Braunroth des Geſichts kaum um eine Nuance nach⸗ gab. Seine Züge hatten ſich zu einem jovialen Grinſen verzogen und die großen blauen Augen guckten unter den überhängenden Haaren der faſt weißen Brauen fidel ge⸗ nug dem Greiſe entgegen. Dieſer ſtand und ſah den Gaſt eine Sekunde lang kopfſchüttelnd an, bevor er mit einer Art von Grämlich⸗ keit meinte:„Du biſt doch der allmächtigſte Kindskopf, Karſten, den unſeres Herrgotts Sonne beſchienen. Wie die Kleine draußen dich abkonterfei'te, mocht' ich's kaum glauben, daß du es wirklich ſein könnteſt, ſolche Thor⸗ heit iſt's.“ „s hat ſich was mit Thorheit,“ erwiderte der rauhe Burſch, den unſere Leſer gleichfalls augenblicklich erkannt haben, im jovialen Ton und nahm die große knochige Hand des Schäfers zum feſten Druck in ſeine noch größere und noch breitere, rauhe Tatze.„Was willſt du, Steffen! Lieg' du einmal, wie ich ſeither, in dem Gott verdammten Neſt, oder in den alten Gewölben und habe nichts zu ſchaffen und höre von Gott und Welt, von Himmel und Erde nichts, und liege dir alle Rppen wund— ſoll mich der Donner neunmal kreuzweis in den Erdboden hinein⸗ ſchlagen, wenn ich's noch länger ausgehalten hätte. Ich mußte'mal hinaus!“ Er wandte ſich kurz ab dem Tiſche zu, den er hinter ⸗ —— Auch ein Tabakscollegium. 7 dem Ofen aufgeſtellt hatte, nahm die Pfeife auf, die dort neben einem Tabakspaket lag, und trank aus dem gleich⸗ falls dabei ſtehenden Glaſe mit heißem Grog einen tiefen Schluck. „Kann's mir lebhaft vorſtellen und ſeh's ohne Brille,“ ſagte der Schäfer mit leiſem Lächeln in dem alten ſtarren Geſicht, drehte ſich, holte vom Fenſterbrett ſeine eigene Pfeife, füllte ſie aus Karſtens Paket und ließ ſich dann auf einem der niedrigen, dreibeinigen Schemel nieder, welche hier die Stühle erſetzten.„Du biſt von jeher halb Toll⸗ und halb Kindskopf geweſen,“ redete er dabei lang⸗ ſam weiter und ſchlug nun, da er ſaß, Feuer für die Pfeife,„eine widerhaarige Kreatur—“ „Ein Seemann mit Haut und Haar, von Kopf zu Füßen, Vater, der Motion braucht!“— „Weiß wohl,'s iſt dein ſteter Trumpf! Warum haſt du dich denn aber ſelber in Priſon geſetzt und dir Ketten an die Gliedmaßen gelegt? Wir Anderen halten ruhiger aus, wie du ſiehſt, und man frißt uns auch nicht.“ „Soll mich der Donner neunmal kreuzweis—“ „Na laß es nur gut ſein und bleibe auf dem Erd⸗ boden,“ fiel der Schäfer mit einer Art von Phlegma ein und trank nun aus dem Glaſe, das Karſten inzwiſchen für ihn gefüllt.„Das ſind geſchehene Dinge,“ redete er darauf weiter, fuhr mit dem Rücken der Hand über den Mund und rauchte zwiſchen ſeinen Worten bedächtig fort; „du kannſt übrigens von Glück ſagen, denn ich ſelbſt bin erſt vorgeſtern Abend von Krewitz zurückgekommen. Hätteſt 8 Elftes Kapitel. alſo leicht das leere Neſt finden können, und dann—!“ Abbrechend ſchüttelte er langſam den eisgrauen Kopf. Karſten Herbart lachte rauh hinaus.„Na, Steffen,“ antwortete er,„das glaubſt du ſelbſt nicht, daß ich da hereintappe, wie ein blinder Gaul. Ich wußte gut ge⸗ nug, daß du wieder hier ſeieſt. Wenn ich's wollte, ginge keine Katze von einem Haus zum anderen, ohne daß ich davon hörte,— meine Jungen haben gute Augen und ſtecken allerwärts. Und ſo erfuhren wir denn geſtern Nacht auch, daß du mit deinem Tochterkind durch die Heide gekommen und daß überdies— auch vorgeſtern— wieder zwei Bataillone, Franzoſen und Italiener, von S aufgebrochen und auf L. zu marſchirten. Du ſiehſt, es wird leer im Lande.“ Der Greis hatte bei den Worten des Anderen zuerſt den Kopf, dann auch die faſt ſtets halbgeſenkten, faltigen Augenlider erhoben und ſchaute ihn mit dem ſtarren, gleichſam abweſenden Blick an, den wir in dieſen Augen ſchon ein paarmal beobachteten.„Da weißt du mehr als ich,“ ſprach er endlich, indem die Lider wieder nieder⸗ ſanken;„ich erfuhr drüben weniger von euch, als gut iſt, eigentlich nur, daß man das Volk aus den Dörfern zu⸗ rück und nach G. und S. zöge; ich bin drüben eben doch nicht ſo bekannt wie hier, und es iſt ein anderer Schlag Menſchen. Dabei dachte ich mir denn freilich ſo was, allein jetzt erſt ſagſt du's für gewiß. Das iſt was!“ fügte er, wieder kurz aufblickend hinzu.„Was haben ſie nun noch, Karſten?“ „Wenig, Vater,“ verſetzte der Seemann jetzt gleich⸗ Auch ein Tabakscollegium. 9 falls bedächtiger und indem aus ſeinem ganzen Weſen etwas— man möchte ſagen: Dienſtliches— ſprach.„So viel wir wiſſen, ſind in S. noch ein franzöſiſches Regi⸗ ment, das ſiebenundneunzigſte, und die Huſaren mit den Zöpfen. Dazu ſammeln ſich dort ein paar Bataillone Weſtfälinger— Rekruten, Vater Steffen; die anderen ſind alle fort. In G. ſteht nur ein franzöſiſches Bataillon und ein weſtfäliſches; ſie werden teufelmäßig ſtrapazirt, denn ſie müſſen Tag für Tag im Lande umher marſchiren. Dann die Artillerie, die iſt vermehrt und es kommen noch immer neue Mannſchaften aus dem Preußiſchen herüber — ss ſollen auch Seeleute dabei ſein, Garde⸗Mariners, glaub' ich, heißt man ſie; es ſind rechte Franzoſen, und ein paar Holländer mögen auch dabei ſein. Hier herum, auf dem Lande, iſt mit Ausnahme von drüben in Nieder⸗ Rhoda, kein Mann mehr als das Douanen⸗Geſindel und ein paar Gensd'armen. Du ſiehſt alſo, Steffen, Gebläſe!“ ſchloß er und blies über die ausgebreitete flache Hand verächtlich hin.„Soll es los gehen, ſo kehren wir die ganze Bagage in einer Nacht fort— was meinſt du?“ Der Schäfer antwortete nicht, ſondern ſaß vorüber⸗ gebeugt und die Arme auf die Kniee gelegt ſchweigend da und rauchte ſo langſam und leiſe vor ſich hin, daß nur in verhältnißmäßig langen Pauſen der Rauch kaum ſicht⸗ bar zwiſchen ſeinen Lippen hervorzog. „Ich konnte mir's denken, daß du drüben nicht alles erfuhrſt,“ ſprach Karſten Herbart nach einer Weile noch gedämpfter weiter— es war faſt, als wage er nur un⸗ gern den Greis zu ſtören— und lehnte ſich dabei auf 10 Elftes Kapitel. den Tiſch, näher dem Schäfer zu.„Und darum kam ich hauptſächlich durch Ruſch und Buſch und das Heidenwetter zu dir—'s geht nicht länger ſo fort, Steffen. Die Jungen ſind nicht mehr zu halten— kann's ihnen auch kaum verdenken, denn es iſt ein Hundeleben!— Was ſagſt du?“ Steffen blickte flüchtig zu dem zuletzt lebhafter Reden⸗ den hinüber, bevor er, die Augen wieder ſenkend, kurz und kalt verſetzte:„Geduld, ſag' ich, Geduld!“ „Geduld?“ grollte der Seemann mit jählings gerun⸗ zelter Stirn;„das iſt alſo die alte, Gott verdammte Pa⸗ role, die— kurz, ich ſtehe für nichts, wenn es ſo fort geht,“ brach er ab.„Sie warten nicht länger, ſag' ich dir.“ „Sie müſſen,“ ſprach der Alte noch kälter und ohne aufzublicken; ſeine Züge waren regungslos, nur um die ſchmalen, faſt farbloſen Lippen zeigte ſich etwas, als würden die tiefen, dort ſich hinziehenden Falten noch feſter und ſtarrer, wodurch das ganze graue Geſicht den Ausdruck einer ſo eiſernen Härte gewann, daß es ſelbſt den rauhen Seemann faſt erſchreckte. Er fragte wenigſtens mit hörbarer Schüchternheit und erſt nach einer Pauſe:„aber Vater, wenn ſie nun nicht müſſen wollen, ſondern doch losbrechen? Es iſt zu lockend, Steffen! Die ganze Bagage iſt mit einem Fußtritt zum Lande hinaus!“— Steffen erhob langſam den Kopf und auch die Augen zu ſeinem Gaſt und ſah ihn eine Weile ſtarr an, bevor er im früheren Tone antwortete:„ſo rennt ihr euch bei dem Fußtritt zugleich die Köpfe ein, und das mag denn auch recht ſein. Lieber Gott,“ fuhr er fort und es war, Auch ein Tabakscollegium. 11 als ſeien ſeine Gedanken ſo zu ſagen wieder gegenwär⸗ tiger geworden,„wann werden deine Menſchen alt und ver⸗ nünftig genug werden, um nicht immer wie die Kinder blind drauf los zu laufen, ſo lange ihnen was Buntes vor den Augen gaukelt!— Guck dich um, du alter Menſch— glaubſt du, daß die Bürger in ihren Städten und die Herren in ihren Schlöſſern dumm genug ſein würden, euch nachzujubeln und nachzutanzen und, wie ihr, ſich toll und blind von dem Franzmann in die eiſernen Arme ſchließen zu laſſen? Ich hab's dem Renaud dazu⸗ mal im Herbſt angeſehen, er hat was in ſeinem Auge, das iſt wie Eiſen und Stahl, wie lauter Ketten und Schrauben; wo er die anlegt, knirſcht und zerrt ihr da— rin wie ein Kettenhund, aber los kommt ihr nicht. Ihr habt's noch eben gefühlt, wie er euch unter ſeiner Fauſt hält. Und weil er euch nun einmal aufathmen läßt, meint ihr, daß jetzt ihr die Herren und bloß einen Nuck zu thun braucht, um ſeiner ledig zu ſein?— Du biſt eben ein Kindskopf, Karſten Herbart!“ „Ja, mit euren Kniffen und Politiken hab' ich aller⸗ dings nichts zu ſchaffen, Gott verdamm' euch!“ ſagte der Seemann grollend und ſein Blick ruhte finſter auf ſeinem Gegenüber.„Ich weiß nur, daß was meine Jungen ſind, ſich den Teufel und ſeine Großmutter um das Krämer⸗ pack in den Städten ſcheeren— und die Herren auf den Schlöſſern, wie du meinſt—“ „Du biſt ein alter Kindskopf, Karſten! Was haben ſie dir gethan, mit Ausnahme von dem Einen? Und ſo oder ſo— los wirſt du weder die Einen, noch die Anderen!“ Elftes Kapitel. „Der Teufel hole ſie, ſie taugen alle nichts! Guck ſie an, wie ſie da ſitzen und harren und ſeufzen und heu⸗ cheln, alle wie ſie gebacken ſind! Was fragen wir nach ihnen, was brauchen wir ſie? Bis die ihre Fingerhand⸗ ſchuh ausziehen und ihre koſtbare feine Haut riskiren, das könnt' lange währen!“ Der Schäfer antwortete nicht ſogleich, ſondern ſchaute den Grollenden während einiger Zeit gleichſam zerſtreut an, bis er endlich ſein Glas heranzog, trank und, es niederſetzend, mit voller Ruhe und einer gewiſſen Ueber⸗ legenheit bemerkte:„Das iſt nichts als Geſchwätz und umſonſt, denn wir werden weder die Einen los noch die Anderen, und können nichts ohne ſie,— noch weniger als ſie ohne dich und deine Jungen. Wären ſie ſo tollköpfig wie ihr, ſo liefen ſie zugleich mit euch ſich die Köpfe ein — glaub's ſchon. Allein ſie ſind es Gottlob nicht. Sie bauen nicht einmal auf das, was unſer Land vermag, ſondern wollen mehr, wollen weitere Hülfe haben; und das iſt ganz recht, denn wir heizen doch nicht mehr als ein Strohfeuer an, man ſchüttet's mit einem Eimer Waſſer aus. Erſt wenn es rund umher brennt, dann zündet's auch hier an, dann gibt's die rechte Lohe. Sonſt bleibt's wie dazumal, als du dein Haus in die Luft jagteſt— nach dem erſten Spektakel krähte kein Hahn darnach. „Grade du könnteſt beſſer wiſſen als viele, wie es ſteht,“ redete er nach einer Pauſe weiter, während Kar⸗ ſten, ſichtbar keineswegs überzeugt, ſich ſchweigend und mürriſch ein neues Glas miſchte.„Sage ſelbſt, ob der „Engelländer“ euch— dir und was zu dir hört, mein' Auch ein Tabakscollegium. 13 ich— auch nur eine Flinte auf Borg geben würde oder ein Pfund Pulver? Und ſage ſelbſt, ob ihr ohne dieſe Flinten, ohne das Pulver was präſtiren könntet? Eure Meſſer und Beile und Bootshaken ſind gut genug, aber den Franzmann jagt ihr damit nicht aus dem Lande.— Wie ſteht's, Karſten? Wie ſieht's mit Armatur und Muni⸗ tion aus?“ Dieſe letzten Fragen hatten auf den ſtörrigen Ge⸗ ſellen ſichtbar einen jähen und tiefen Eindruck gemacht. Er ſtarrte den Greis wenigſtens eine Weile wie verblüfft an und meinte dann grollend:„beim Teufel, haſt Recht, Steffen, haſt Recht! Das Krämerpack drüben ſchenkt uns keinen Sixpence. Baar Geld! heißt es ſtets zuerſt bei ihnen. Und wie es ſteht, fragſt du? Na die alten Keller ſtecken hübſch voll, wie eine Bratgans; allein daß für alle was da, daran fehlt noch viel. Weiß aber auch nicht, wann es genug ſein wird, denn dies verdammte Wetter macht alle Conjuncturen zu Schanden. Wir können nicht hinaus, ſie nicht heran. Es ſchwabbelt da draußen wie— der eine Bark herum, aber—“ „Na, ſiehſt du wohl?“ fiel Steffen ein, und in ſeinem Geſicht zeigte ſich wieder einmal etwas, wie ein leiſes Lächeln, da er die angeſchlagene Weiſe bei dem wilden Trotzkopf ihm gegenüber wirkſam werden ſah, ohne daß derſelbe ſeines Kunſtgriffes recht gewahr zu werden ſchien. „Nun ſagt' ich vorhin: wir zünden an, wenn es ringsum brennt. Und jetzt ſprich du, Karſten— brennt's ſchon? Wie ſieht es im M.ſchen aus, im Preußiſchen? Brennt's? — Unter der Aſche glimmt's, nichts weiter, und die es — —— 14 Elftes Kapitel. anblaſen ſollen, können— wo ſind die? Kannſt du, kann ich, irgend einer, Herr, Vürger oder Bauer, ihnen anbefehlen: die Zeit iſt da, ſteckt an—?— Darum war vorhin mein Wort: Geduld, und bleibt es, bis die rechte Zeit gekommen,“ fuhr er mit der gleichen, grade an und von ihm noch überraſchenderen Lebhaftigkeit und Kraft fort, zu der er ſich im Lauf der Rede erhoben.„Wir müſſen auf die Parole von drüben warten, wir müſſen, Karſten,'s hilft alles nichts; und wenn du dich auf den Kopf ſtellteſt, du mußt! Aber ſorge nicht, ſie kommt, und der ſie bringt, das iſt— weißt du noch, wie im Herbſt dazumal das Geſchrei ausging, der große Schwanz— ſtern ſei wieder da, und wie ich dir von dem ſprach, der kurz zuvor zum Eberhard gegangen? Der iſt's. Auf den wartet der Eberhard ſo gut, wie das ganze Land, ohne ihn geht es nicht, Karſten. Und er kommt, ich habe ihn geſehen,“ ſetzte er hinzu und ſeine Stimme gewann plötz⸗ lich wieder den gewohnten, eintönigen Klang.„Und— da kommt vielleicht ſchon die Botſchaft.“ Er hatte das Geſicht bei dieſen Worten dem Fenſter zugedreht, durch deſſen beſchneite und halbgefrorne kleine Scheiben nur gleichſam der Schatten eines draußen vorüber Gehenden momentan ſichtbar ward. Der Seemann hatte dies gleichfalls wahr genommen und ſich raſch von ſeinem Sitze erhoben, aber er ſagte nichts und horchte nur auf⸗ merkſam gegen die Thür nach dem Flur hin. Denn es trat jemand ins Haus, den man den Schnee abſtampfen hörte und der nun laut und kurz fragte:„Der Alte drinnen?“ Auch ein Tabakscollegium. 15 Da ging die Stubenthür auch ſchon auf und bevor man den durch den aufgeſchlagenen Rockkragen und die tief in die Stirne gedrückte Pelzkappe verhüllten Eintre⸗ tenden noch recht erkennen konnte, ſagte der Schäfer wie⸗ der lebhafter:„na, Detlef, ich wußt's doch, daß du kom⸗ men würdeſt!“— „Das iſt nun juſt kein Hexenwerk, Vater,“ meinte der Jäger, dem wir früher in des Grafen Eberhard Be⸗ gleitung begegneten, abgebrochen, denn er huſtete und ſpuckte noch und wiſchte ſich den Schnee vollends aus Ge⸗ ſicht und Bart.„Konntet drauf ſchwören— hoho, was haben wir denn da?“ unterbrach er ſich verwundert, da er erſt jetzt des Gaſtes anſichtig wurde, der eben einen Schritt vom Ofen her ihm entgegen that. „Contrebande, Detlef!“ meinte der Schäfer mit einem Verſuch zu ſcherzen, wie wir's gleichfalls noch nicht an ihm beobachten durften. Allein er war auch hier zwiſchen ſeinen vier Wänden ein ganz anderer, man hätte ſagen mögen: gewöhnlicherer— Menſch als draußen auf der Heide.„Faß ihn nur herzhaft an,'s iſt kein Spuk, ſondern ein mächtig Stück lebendiges Menſchenfleiſch— ſpürſt du's?“ brach er ab, da er bemerkte, wie bei dem Hände⸗ druck, den die Beiden austauſchten, des Jägers Fauſt faſt vollſtändig in der des Seemanns verſchwand, während zu⸗ gleich ein flüchtiges Zucken in Detlefs Geſicht bewies, daß ſelbſt ſeinen Knochen der Druck des Anderen empfindlich wurde. „Ja Gottlob,“ ſagte der Jäger, ſeine Hand zurück⸗ ziehend, und auch auf ſeinem Geſicht zeigte ſich eine ſelten 16 Elftes Kapitel. dort anzutreffende Munterkeit,„'s iſt noch der alte Karſten, und ſchlecht iſt's dir ſeither nicht ergangen, merk' ich, biſt nicht von Kräften gekommen! Alſo wieder hier, und warum?“ Karſten Herbart antwortete nicht, ſondern deutete nur mit einem gewiſſen behaglichen Grinſen auf ſein gefülltes Grogglas und auf das Tabakspaket, dann auf einen blau⸗ angeſtrichenen Schrank, das einzige beſſere Möbel in der kleinen Stube, deſſen geöffnete Thüren noch einige andere Gläſer und ſogar ein paar Taſſen ſehen ließen, und ließ ſich darauf endlich nieder, um ſeine eigene Pfeife zu füllen und mit Schwamm in Brand zu ſetzen. „So ſo!“ bemerkte der Jäger, der nun dazu kam ſeinen Rock zu öffnen und die Mütze abzulegen.„Ihr macht's euch hier bequem und heizt von innen und außen! Na, ich habe nichts dawider und bringe neue Zufuhr vom Eberhard— da er hörte, daß ich herwollte, gab er's mir mit,“ ſetzte er hinzu und ſtellte eine aus der tiefen Rock⸗ taſche gelangte Flaſche auf den Tiſch, der ein zweites Tabakspaket folgte. Und dann holte er die Pfeife her⸗ vor und ein Glas aus dem Schrank, und nach einigen Augenblicken ſaß auch er rauchend und trinkend bei den Anderen und horchte auf das Lamento und zahlreiche Flüche des Seemanns, der von neuem ſein bisheriges „Hundeleben“ zur Sprache brachte. Der Schäfer verhielt ſich, ſeitdem er Detlef will⸗ kommen geheißen, ſtiller als bisher, ſaß vorübergebeugt und die Ellbogen auf die Kniee gelegt, ſchweigend da und ſchaute mit ſeinem gewöhnlichen gleichgültigen Blick an⸗ ſcheinend theilnahmslos vor ſich hin oder auch einmal zu — —— Auch ein Tabakscollegium. 17 dem Fenſter hinüber, welches durch das Schneetreiben mit immer dichteren Schleiern verhängt wurde. Endlich ſtand er, ſtets ſo zu ſagen in der gleichen ſtillen Weiſe auf, ging hinaus, kehrte aber bald zurück und nahm ſeinen Platz wieder ein, während zugleich den beiden Anderen auch ſchon der Zweck ſeines Ganges klar wurde. Denn vor dem Fenſter erſchien jetzt die Geſtalt ſeiner Enkelin, welche die Scheiben mit einem Beſen abkehrte und dadurch einen beſſeren Ausblick auf die Dorfſtraße eröffnete. Es nützte freilich nicht viel, denn draußen war noch alles voll von weißen Wirbeln und es ließ ſich kein lebendes Weſen ſehen. Der Alte beobachtete dies eine Weile ebenſo ruhig und ſchweigſam wie bisher, dann wandte er aber die Au⸗ gen langſam ſeinen Gäſten zu und ſagte:„wenn ihr beide denn nun klar mit einander ſeid, ſo komme ich. Ihr ſeid alſo geſtern erſt nach Hauſe gekommen. Wie ſteht's, Detlef? Seid ihr auch drüben im S.ſchen Winkel ge⸗ weſen? Hat dir der Herr nichts für mich aufgetragen?“ Das Geſpräch der Anderen hatte bei des Alten Be⸗ wegung ſchon ſein Ende erreicht, und nun verſetzte der Jäger, an deſſen Stimme und Weſen man's merkte, daß er für den Greis etwas in ſich trage, das, möge man's nun Reſpect heißen oder Ehrfurcht, bei ſolchen Geſellen und überhaupt in ſolchem Stande etwas nichts weniger als Gewöhnliches war,— ohne Zögern:„ja, Vater, wir ſind auch im S.ſchen Winkel geweſen, wie wir denn nach und nach das ganze Land abgeſtreift, ſo weit ſich's vor den fränkiſchen Spürhunden thun ließ. Die Büren, die Hoefer, Fremdherrſchaft. II. 2 2 18 Elftes Kapitel. Roſen, die Röder, die Waldow, und wie ſie alle heißen, haben wir bald bei ihnen daheim aufgeſucht, bald ander⸗ wärts getroffen und, wie mir der Herr ſagt, iſt alles ein Herz und eine Seele. Allein Ihr könnt wohl denken, daß es mit dieſen Reiſen doch nicht zu'was Rechtem kommt. Man muß ſich zu einander ſtehlen und kann nichts ordentlich bereden. Die Spürnaſen ſind überall, und die Herrſchaften merken's nun, was für eine Ruthe ſie ſich mit dem fremden Dienergeſindel aufgebunden, das ſie für beſſer und adretter hielten, als unſere Landeskin⸗ der. Nun gibt's in jedem Hauſe einen Horcher und Spion. Aber das Schlimmſte iſt, daß wir keinen Mann im Lande haben, der die Sache ganz und gar in die Hand nehmen und ſich an die Spitze ſtellen könnte. „Der Eberhard, unſer Herr— nun lieber Gott!“ fügte der Jäger hinzu und ſchüttelte den grauen Kopf, und ſeine Augen blickten ein wenig mißmuthig, oder war's ſogar betrübt?—„Ihr wißt's Beide ſo gut wie er ſelbſt und wir alle, daß es mit dem nichts iſt,— die Kräfte fehlen. Ich hab's wieder auf dieſen Fahrten recht ge⸗ ſehen, der Herr iſt nicht mehr für Strapazen.— Unſer Eugen iſt zu jung, und die Anderen— na, der Wille iſt da, allein hier—“ und er ſchlug ſich auf die breite, vier⸗ eckige Stirn—„da fehlt's an dem, was die Anderen alle unter einen Hut brächte und unter ihm auch feſthielte. s iſt eben keiner da, der das Zeug dazu hat, der erſte zu ſein und alle, Groß und Klein recht anzuſpannen, dem man mit ganzem Herzen nachlaufen könnte. Und der von der Art wäre—“ Er hielt inne und ſchüttelte den Kopf. Auch ein Tabakscollegium. 19 „Nun, und der?“ fragte der Schäfer nach einer kur⸗ zen Pauſe ernſt. Er ſo gut wie der Schiffer hatte den Mittheilungen Detlefs auf das alleraufmerkſamſte gelauſcht. Aber während Karſten durch mehr als eine Geberde und Bewegung Verdruß oder Zuſtimmung kund gegeben, hatte der Greis nicht durch das leiſeſte Zeichen verrathen, was in ſeinem Innern vorgehen mochte. „Der? Ja, das iſt eben der Teufel, wir hören und wiſſen nichts von ihm,“ verſetzte Detlef die Stirne fal⸗ tend;„nichts, ſage ich euch! Es iſt, als ob er verſtoben und verflogen wäre, und ich meine faſt—“ „Du meinſt dummes Zeug,“ fiel Steffen Schütze kalt ein.„Für den bürge ich mit meinem Kopf. Wenn es Zeit iſt, kommt er. Früher— was ſollt' er hier?“ „So ſagte der Eberhard auch zum Eugen und zu Anderen,“ ſprach der Jäger in einem gewiſſen— zwei⸗ felnden Tone.„Aber Vater, daß er ſo gar nichts hat von ſich hören laſſen, daß bald ein Vierteljahr herum iſt, und was für'n Vierteljahr!— Verſprechen iſt wohlfeil, mein' ich immer—“ „Ich bürge!“ unterbrach der Greis ihn auf's neue, mit der gleichen Kälte.„Er kommt, ich ſag's, aber nicht früher, als es an der Zeit. Was ſollt' er hier, wo noch alles auseinander iſt?“— Und nach einer kleinen Pauſe wandte er die Augen mit ungewöhnlich ſcharfem Blick dem Jäger zu und fragte:„alſo da in Nieder⸗Rhoda wollen ſie übermorgen tanzen?“ „Ja, am Sonntag,“ erwiderte Detlef mit hörbarem Mißmuth.„Es iſt noch zwei Tage verſchoben worden, 20 Elftes Kapitel. wie ich geſtern vom Hausmeiſter erfahren.— Sie könnten auch'was Beſſeres thun, als wie die Narren umher⸗ ſpringen.“ „Mein' ich auch,“ ſchob hier der Seemann wieder ein⸗ mal grollend ein, Der Schäfer ſah die Sprecher eine Weile ſtarr an, zuckte dann die Achſeln und ſagte, den Blick ſenkend, ruhig:„ich hab's eben immer geglaubt und geſagt: die Schiefe iſt die Klügſte von allen und hat im kleinen Fin⸗ ger ſo viel Verſtand, wie alle Anderen nicht zuſammen bringen!— Die ſolltet ihr zum General machen und voranſtellen. Dabei, weiß ich, würde alles gut fahren.“ Karſten Herbart lachte mit Luſtigkeit heraus.„Nun ſeh' einmal Einer an,“ ſpottete er,„der Steffen fängt an in Zungen zu reden und Generale zu machen— Gene— rale in Unterröcken, für uns, Detlef! Hat der Teufel je ſo verdonnerte Einfälle gehört!“ Steffen wandte dem luſtigen Sprecher für eine Se⸗ kunde ſeine ernſten und kalten Augen zu, bevor er kurz entgegnete:„ſpotte dich ſelbſt aus, daß du ſo verbast*), Karſten, und trink nicht ſo viel Grog— er verblendet dir die Augen.“— Und ſich wieder zum Jäger kehrend, fragte er ruhig weiter: ‚ihr ſeid alſo zuletzt und geſtern noch drüben geweſen?“ Der Gefragte nickte kurz:„ſo ſind wir, Vater.“ „Nur ein paar Stunden?“ *) Im Plattdeutſchen bedeutet„verbast“ etwa ſ betäubt, eingenommen, auch verdummt. o viel wie: Auch ein Tabakscollegium. 21 „Nicht doch, wir ſind vorgeſtern ſchon hinüber, und weil's gar zu viel gegeben haben mag, über Nacht ge⸗ blieben.“ „Ueber Nacht? Sieh'nmal an! Und was gab's— Privatgeſchichten? Na, das geht mich nichts an,“ ſetzte der Greis hinzu, da er den Jäger zu ſeiner letzten Frage nicken ſah.„Wie ſieht's denn ſonſt drüben aus? Ich hörte, ſie wollten in Nieder⸗Rhoda wirklich einen feſten Douanenpoſten anlegen, hm?“ „Das auch,“ entgegnete Detlef, trank und ſtrich mit dem Mundſtück der Pfeife den langen grauen Bart, der die Lippen bedeckte, auseinander.„Aber davon iſt am Ende keine Rede,“ fuhr er fort.„Wir können nichts dafür und nichts dawider thun und egal kann es uns auch ſein; wenn es einmal zum Klappen kommt, iſt das wie Spreu. Aber die Privatgeſchichten, Vater, die gehen Euch diesmal doch was an, und die ſind's, über die ich mit Euch reden muß— der Karſten hier kann auch was dazu thun.“ „Ich?“ fragte der Seemann mit einer Art von gräm⸗ lichem Erſtaunen, welches dem ein wenig verdroſſenen Schweigen entſprach, in dem er ſeit ſeiner Zurechtweiſung durch den Schäfer verharrt hatte.„Wüßte nicht, was ich mit der Bagage zu thun haben könnte!“ „Na, brumme nicht, Alter,“ ſagte Detlef mit einer gewiſſen Freundlichkeit zu dem rauhen Burſchen hinüber⸗ blickend, der eben die Naſe wieder tief in ſein Glas ſteckte.„Sollſt gleich erfahren, wie es ſteht und was wir von dir wollen, und ich weiß, du biſt ein guter Kerl, der —-— 22 Elftes Kapitel. uns nicht im Stich laſſen wird gegen den ſchleichenden Affen, den Monſieur Pierre—“ „Gegen den? O Gott verdamme mich, wenn ich ihn nicht am liebſten an ſeinen eigenen Perückenhaaren auf⸗ hinge!“ brach Karſten aus und ſeine Augen zeigten jäh⸗ lings etwas von dem Grimm, der vordem gegen die Ein⸗ quartierung zum wirklichen Ausbruch gekommen war. „Schieß' los, Junge! Das ſollte mir ein Gaudium ſein, das ich dir mein Lebenlang danken würde!“— „Na, hört zu,“ ſprach der Jäger nach einer kleinen Pauſe weiter.„Wir waren alſo über Nacht drüben, und vorgeſtern Abend, als es ſtill im Hauſe wurde, ſtahl ſich noch der Hausmeiſter, der alte Clas— ihr kennt ihn ja, es iſt noch ein rechter Einheimiſcher— zu mir, um ein biſſel mit mir zu plaudern. Ihr wißt ja, wie es dort zugeht, das horcht und ſpionirt und lauert allüberall; wenn man was Geheimes hat, muß man ſich recht ordent⸗ lich in Acht nehmen, und der Clas hatte einen ganzen Sack voll. Wir treffen's nicht oft ſo gut und haben uns lange nicht geſprochen, denn er kommt allgemach gar nicht mehr aus dem Hauſe. „Nun, wir redeten eine Zeitlang hin und her, über ſonſt und jetzt, dies und das, ihr könnt's euch ungefähr denken, was alles, und davon iſt denn nichts weiter zu ſagen. Ich ſpürt's aber, wie geſagt, daß er noch was im Hinterhalt hatte, das ihm Mäuſe machte, und zuletzt kam es denn auch heraus. Ihr wißt, daß nach dem Tode der alten Gräfin die Hedwig Brehm mit ihrem Knaben wie⸗ der zu Platz kam und bei dem Thorſchreiber in G. lebt, wo Auch ein Tabakscollegium. 23 unſer Herr und die Hebe und der Vetter Chriſtian ſie im Auge behalten und für das Kind und ſie ſorgen wollen. Das Mädchen will aber nichts davon wiſſen und noch weniger den Jungen von ſich laſſen— kann's ihr nicht verdenken, denn ſie hat ſo lange jedermann gegen ſich ge⸗ ſehen, daß ſie jetzt nur ſchwer wieder an jemandes Ehr⸗ lichkeit und Herzensfreundlichkeit für ſich glauben mag. Doch hat ſie ſich neulich— wie, wußte Clas nicht— überreden laſſen, mit dem Jungen nach Nieder⸗Rhoda zu kommen und dort einige Tage zu bleiben. Sie hat für die Reichsgräfin ſchneidern müſſen, glaube ich, und iſt nicht aus der Hebe Zimmern gekommen. Den Knaben dagegen hat die Comteß ſo viel wie möglich bei ſich behalten und auch mit in die Wohnzimmer genommen, wenn der Alte nicht da war. Es iſt freilich ein ſchmucker kleiner Kerl, den jedermann ſein nennen möchte, und wie die Comteß an ſeinem Vater, ihrem Bruder Hector, gehangen,— das wiſſen wir alle. „Nun gut,“ fuhr Detlef fort, während zumal der Schäfer mit ſichtbar großer Aufmerkſamkeit ſeinen Mit⸗ theilungen folgte,„eines Tags hat die Hebe das Kind auch bei ſich im Wohnzimmer, und da hat es Streit mit der Reichsgräfin gegeben, welche ſich ja wohl über die „Bettlerbrut“ aufgehalten, mit der ſie verkehren müſſe. Sie iſt trotzig abgegangen und dann iſt der Alte gekom⸗ men— früher als ſonſt,— weil ſich die Reichsgräfin, ſie heißen ſie jetzt:„die Nußprinzeß“, vielleicht bei ihm beklagt— hat den Burſchen attrapirt und der Hebe aller⸗ lei Spitzen geſagt, bis ſie ſich aufgerappelt und ihm in 24 Elftes Kapitel. ihrer hölliſchen Weiſe reinen Wein eingeſchenkt, wer der Junge ſei und was ſie mit ihm im Sinne habe—“ „Na ja, ſie ſoll ja ein Land⸗General ſein!“ ſchob hier plötzlich Karſten Herbart ein, und über das breite Geſicht zuckte es jählings mit ſcharfem Hohn. „s iſt faktiſch, ſie hätte was Klügeres thun können,“ ſagte der alte Schäfer mit ſeiner vollen Bedächtigkeit, „allein was willſt du? Sie iſt auch einer Mutter Kind, wie wir alle, und irrt. Und wenn der Hartmuth Einen anfaßt, ſo iſt's wie mit glühenden Eiſenfingern, es greift ins Fleiſch, man fühlt's und wehrt ſich. Das haben noch ganz andere Leute erfahren als die Schiefe, die doch immer nur ein Frauenzimmer und kitzlig iſt. Aber fahr' fort, Detlef, ich ſeh's kommen.“ „Na Vater,'s iſt möglich, aber mich hat's verblüfft,“ meinte der Jäger kopfſchüttelnd und ſtrich wieder den Bart auseinander.—„Wie es dabei zwiſchen den Herrſchaften zugegangen, hat natürlich niemand erfahren, denn ſie ſind allein geweſen. Allein der Alte muß es bis dahin noch gar nicht recht gewußt haben, daß das Kind am Leben und mit der Mutter wieder hier— oder hat er's nur vergeſſen, weil ſein Gedächtniß allmälig ſchwach wird?— Kurz und gut, an dem Abend kam die Einquartierung, und als er am folgenden Morgen den erſten Schreck ver⸗ wunden, hat er ſich den Pierre vorgenommen und hölliſch abgekanzelt, weil er dieſe Sache aus den Augen gelaſſen oder dergleichen. Clas hat zum mindeſten bei ſeinem Ein⸗ tritt noch die letzten Donner gehört, und der alte Schlei⸗ cher hat hinterdrein ſogar gegen ihn über die Sache und 2 Auch ein Tabakscollegium. 2⁵ über den Hetrn, über die Comteß und alle Welt lamen⸗ tirt und geflucht, hat auch was fallen laſſenr von Auf⸗ trägen, die er erhalten, und ob der Cla „Gegen ihn ſelbſt? Na, d'rum!“ fiel auna ea mit Hohn ein.„Ich weiß freilich, daß der a krumm⸗ beinige Gaſt bei euch Beiden liebes Kind iſt, allein ich habe mit ihm niemals was im Sinne gehabt. Er fährt nicht unter ehrlicher Flagge, ſondern holt diejenige auf, die ihm gerade paßt—“ „Und deßhalb hätt' er mir von dieſen Kniffen und Verräthereien geſagt, von dem er's für gewiß wußte, daß er's nicht bei ſich behalten, daß er nicht für ſie, ſondern mit Leib und Seele dagegen ſein würde?“ fiel Detlef mit verdrießlichem Blick und Ton ein.„Geh', Karſten! Weiß der Teufel, was dir in deiner Retraite in die Krone ge⸗ ſchoſſen, daß du keiner Seele mehr trauſt und alles ſchwarz ſiehſt! Contrair, der Clas iſt ehrlich, aber dumm iſt er nicht und ſagt's dem Pierre nicht, wie er die Sache an⸗ ſchaut. Er hätte mir längſt davon geſagt, wäre nur eine ſichere Gelegenheit dazu geweſen. Allein ihr wißt ſelbſt, daß Monate hingehen können, ohne daß wir recht hin⸗ überkommen, und wo es doch einmal geſchah, wollte ſich das Reden nicht ſchicken. So währt' es bis jetzt, und ver⸗ loren war dadurch nichts, da ſie drüben wenig Zeit fan⸗ den an ſolche Allotria zu denken, die Einquartierung ſaß ihnen allerwärts auf den Hacken, und dazu mochten ſie ſich auch ſagen, daß die Comteß ein ſcharfes Auge auf ſie habe. Allein nun da der Ball im Gange und die Hebe nur dafür Gedanken haben ſoll, hat der Pierre vor einigen 26 Elftes Kapitel. Tagen wieder davon angefangen— der Alte mag ihn wohl in ſeiner Weiſe erinnert haben— und ſich beim Clas nach ſeinen Schweſterkindern erkundigt, die im M.ſchen hauſen, auch aneint, ſie könnten ein paar Koſtgänger er⸗ banſen ſa denen ſich hübſch verdienen ließe, und was weiß ich noch ſonſt. Der Clas aber hat achſelzuckend ge⸗ meint, damit ſei es nichts, die Leute ſeien zu gottſelig und dumm, ließen ſich auf ſo'was nicht ein, und man müſſe auf Andere ſinnen.“ Karſten Herbart ſchien ſich ſeit der neuen Zurechtwei⸗ ſung, welche ihm eingeleuchtet haben mochte, eines Beſſeren beſonnen zu haben. Er ſagte wenigſtens ohne Hohn und nur mit einem gewiſſen Grollen in der Stimme:„verſteh' das alles nicht! Wenn man einmal auf ſo was aus iſt und ſo hölliſches Werk macht, was braucht's da noch Um⸗ ſtände? Hätt' man das Weibsbild und das Kind damals ganz auf die Seite gebracht, oder thät' es jetzt— da wär' das Ding zu Ende, und es krähte kein Hahn dar⸗ nach, rechne ich.“ Ueber das ſtarre und kalte Geſicht des Schäfers lief ein flüchtiges, kaum näher zu bezeichnendes Lächeln, ſo finſter war's, ſo unheimlich zuckte es aus den Zügen her⸗ vor, ſprach es aus den nur ſekundenlang erhobenen Augen. „Das ſage du nicht, Karſten,“ meinte er dann eintönig. „Der Pierre ſieht ſo ſchon genug Blut um ſich her und die hölliſchen Flammen lecken an ihm herauf. Er hütet ſich noch mehr anzuzünden. Wär' das nicht—“ Und da er abbrach, zuckte das Lächeln von neuem, noch herber, noch finſterer, noch geiſterhafter durch die verwitterten Züge. Auch ein Tabakscollegium. 27 * Die beiden Zuhörer wagten nichts zu ſagen, noch das folgende Schweigen zu ſtören, und erſt nach einer ganzen Weile bemerkte der Greis wieder in ſeiner gewöhn⸗ lichen Weiſe:„aber du biſt noch nicht fertig, Detlef?“ „Doch Vater,“ entgegnete dieſer,„denn das Uebrige verſteht ſich von ſelbſt. Nur das Eine iſt noch zu ſagen, daß der Schuft nach dieſer letzten Unterredung wirklich in der Stadt geweſen. Was er dort getrieben und gerüſtet, hatte der Clas leider nicht erfahren; er meint aber, bisher ſei noch nichts geſchehen—“ „Da hat er Recht, denn ſonſt wüßt' ich davon,“ ſprach Steffen ruhig dazwiſchen. „Man kennt den alten Schuft in der Stadt und mißtraut ihm,“ fuhr Detlef nach einem gewiſſermaßen ge⸗ dankenvollen Blick auf den Greis, fort.„Er wird ſo leicht keine Helfershelfer finden. Allein, wir meinen doch, daß man ein Aug' auf dieſe Affairen haben müſſe; der alte Thorſchreiber iſt ein dummer und hochmüthiger Ge⸗ ſell, der nicht mit ſich reden läßt und obendrein den un⸗ menſchlichen Grimm auf die Tochter noch immer von neuem durchkau't. Da kommſt du uns ganz gelegen, Karſten,“ ſchloß er.„Du haſt ja Leute genug in der Stadt, die vor der Hand doch nichts zu thun haben und nur auf deinen Wink warten. Wenn man ſo ein paar Burſche avertirte? Der Eberhard iſt kein Knauſer, wie du weißt. Ihr, Vater,“ und er wandte ſich gegen den Alten,„ſeid doch in der Stadt weniger bekannt und—“ „Meinſt du?“ fragte Steffen und zum drittenmal glitt jenes geſpenſtige Lächeln durch ſeine Züge, nur daß 28 Elftes Kapitel. es diesmal drohender war als vorhin.„Glaubſt du,“ fuhr er fort und ſtand auf und trat gegen das Fenſter zu,„glaubſt du, ich ließe die da drüben aus den Augen? Die Rache iſt mein! ſpricht der Herr, und ich will weiter nichts von ihnen. Aber vor neuer Sünde ſollen ſie ſich wahren, oder ich faſſe ſie. Das iſt, als hätten ſie ein Schellenkleid an, wie der Hanswurſt; rühren ſie ſich, ſo klingelt's, und ich bin da.“— Er war wie geſagt zum Fenſter getreten und ſchaute hinaus. Die beiden Anderen warfen ſich nur einen Blick des Einverſtändniſſes zu, hielten ſich jedoch ſchweigend zu ihren dampfenden Pfeifen, und es war ſo ſtill im Zim⸗ mer, daß man deutlich vernahm, wie Regine draußen in der Küche mit Töpfen und Geſchirr hantirte. Ja, dies wurde um ſo vernehmbarer, da auch der Schneeſturm pauſirte und ſeine Schauer nicht mehr gegen das Haus und die Fenſter jagte. Es war draußen alles weiß, aber die Straße zeigte ſich völlig überſehbar, und man konnte von Steffens klei⸗ nem Fenſter aus ſogar den weitläufigen Wirthſchaftshof und im Hintergrunde das Herrenhaus mühelos überblicken. Der Himmel hatte ſich gelichtet und nur ein feiner Dunſt von Schneeſtaub verhüllte noch die Höhe und verhinderte die Sonne herabzuſtrahlen. Regine wiederholte eben ihr früheres Geſchäft und kehrte draußen den Schnee aufs neue von den Scheiben, deren Eisblumen von der im Zimmer herrſchenden Hitze längſt geſchmolzen waren. „Wer iſt denn da beim Herrn geweſen?“ fragte der Schäfer plötzlich und ſchaute noch ſchärfer auf den Hof Auch ein Tabakscollegium. 29 hinüber.„Sie führen Pferde vor und es ſind Douanen und Gensd'armen dabei.“ „Das weiß ich nicht,“ verſetzte Detlef lebhaft und war auf und mit ein paar Schritten neben dem Greiſe. „Vorhin war noch keiner dort, und daß es von dem Ge⸗ ſindel ſein und man uns nichts gemeldet haben ſollte—“ „Sieh ſelber,“ unterbrach Steffen ihn ruhig und machte ihm vor dem kleinen Fenſter Platz.„Da tritt der Herr in die Thür, und der neben ihm muß der Kommandant in Nieder⸗Rhoda ſein.“ „So ſoll ihnen doch ein heiliges Millionen⸗Donner⸗ wetter auf die Köpfe fahren!“— brach der Jäger aus. „Na menagir' dich,“ meinte jedoch der Schäfer kalt⸗ blütig.„Uns kann's, glaub' ich, egal ſein, ob das Ge⸗ ſindel da herumſpionirt, zumal es diesmal nur von wegen des Wetters eingekrochen ſein wird. Und von dem Kar⸗ ſten wiſſen ſie auf dem Hofe nichts, oder—“ und er ſah gegen den eben ſein Glas leerenden Seemann zurück— „iſt's anders, Karſten?“ „Mich hat keine Katze geſehen,“ erwiderte er das Glas niederſetzend und erhob ſich zugleich und reckte und dehnte die Glieder.„Gott verdamm's, ich bin ſteif wie ein verſchlagener Gaul!“— „Halt' dich zur Kammerthür, Karſten,“ ſprach Steffen nach einem neuen Ausblick.„Sie kommen heran, und es kann niemand wiſſen, was ihre Köpfe für Einfälle haben. Setze dein Glas fort und dann zur Kammer. Kennſt den Weg auf den Boden. Da dürften ſie dich ſchwerlich finden. 4 Elftes Kapitel. „Laß ſie kommen,“ entgegnete der Seemann ſeelen⸗ ruhig und reckte die Arme aufs neue über den Kopf hin⸗ auf.„Contrair, habe ein unmenſchlich Verlangen nach ſolch' einer klſeinen Motion! Vor den armen Teufeln ver⸗ kriech' ich mich nicht.“ „Du biſt ein Narr, Junge! Mache, daß du fort kommſt,“ ſagte der Schäfer ein wenig ungeduldig.„Von dir iſt hier keine Rede, könnteſt dir meinetwegen noch mehr Knochen zerſchlagen laſſen oder ſie ihnen zerſchlagen, als ihr in euch habt. Unſere aber wollen wir noch heil behalten. Alſo— Ordre parirt, ſie ſind gleich da, und her gucken thun ſie auch.“ Und ohne noch einen Blick zurückzuwerfen, überließ er den ſtreitluſtigen Geſellen ſich ſelbſt und ſchaute, hinter Detlef ſtehend, den ſich nahenden Reitern entgegen. Es waren, wie er es vorhin geſagt, ein paar Doua⸗ nen, Gensd'armen und Ordonanzen von den franzöſiſchen reitenden Jägern, wie ſie ſich zufällig oder abſichtlich zu⸗ ſammengefunden oder durch den Schneeſturm, der ein Ver⸗ weilen im Freien oder gar einen Marſch während ſeiner Dauer faſt unmöglich gemacht hatte, im Herrenhauſe zu Dreiheiligen vereint worden. Der Vicomte Vial, den der Schäfer richtig erkannt, ritt mit dem Brigadier der Doua⸗ nen an der Spitze, in lebhafter, ja wie es faſt ſchien, hef⸗ tiger Unterhaltung begriffen. Beide geſtikulirten wenig⸗ ſtens in der ungeſtümen Weiſe der Südländer gegen ein— ander, und das ſchöne, friſch geröthete Geſicht des Vi— comte ſo gut wie das ernſte und feſte Antlitz des viel älteren Brigadiers zeigte gereizte, finſtere Züge. Die Auch ein Tabakscollegium. 31 Augen von Beiden ſtreiften ſichtbar mehr als einmal zu Steffens kleinem Hauſe herüber. Nun waren ſie ganz nahe und hielten ſogar ihre Pferde an; der Klang ihrer Worte drang bis zu den bei⸗ den Männern am Fenſter, wenn die franzöſiſchen Laute ihnen natürlich auch unverſtändlich blieben. Aber der Brigadier machte jetzt eine ſo entſchiedene und bezeichnende Bewegung, daß man kaum darüber im Zweifel ſein konnte, er lehne eben irgend etwas auf das beſtimmteſte von ſich ab; und im nächſten Augenblick drückte der Vicomte, durch deſſen Züge etwas wie ein jähes, glühendes Zürnen zuckte, ſeinem Pferde die Sporen ein, daß es ſich bäumte und dann nach vorn ſchoß. Die Uebrigen folgten dem Führer und waren bald zu weit entfernt, um ſie aus Steffens Fenſter noch erblicken zu können. „Der hatt' es auf Euch abgeſehen, Vater,“ ſagte Detlef mit unterdrückter Heftigkeit und wandte ſich finſter ſchauend und die Fauſt ballend zu dem Alten, von dem er während der vergangenen Minuten weder etwas ge⸗ ſehen noch gehört, ſo ſtill hatte der Greis ſich an ſeiner Seite gehalten. Auch nun, da ihn des Jägers Auge traf, ſtand er noch vollkommen regungslos, die Geſtalt wie erſtarrt, das graue Geſicht wie verſteint, und mit kaltem, lebloſem, ab⸗ weſendem Blick auf den Platz ſtarrend, wo vor Kurzem noch Vial und der Brigardier gehalten. Er erwiderte nichts auf Detlefs Rede, ſchien ſie vielmehr gar nicht vernommen zu haben. Der Jäger beobachtete ihn einen Augenblick ſchweigend ℛ 32 Elftes Kapitel. und wie betroffen; dann wandte er ſich aber ab und gegen den Hintergrund des Gemachs, wo der Seemann es ſich ſchon wieder bequem machte, und ſagte:„das iſt überhaupt Einer, der mir trotz ſeiner artigen Manieren und Worte und ſeines ſchmucken Aeußeren Sorge macht. Er hat Auge und Naſe überall, fürcht' ich, und wenn er einmal ſeinen Kopf auf etwas geſetzt hat, greift er zu und durch und weiß von keiner Schonung. Wir dürfen ihn nicht aus den Augen laſſen. Der Herr redete geſtern unterwegs auch davon.“ „Na ſchön,“ meinte Karſten Herbart nach einem tie⸗ fen Zuge aus dem friſch gefüllten Glaſe,„ſo nimmt man ſich ihn eben einmal vor. Er ſteht bei mir ohnehin ſchon auf der ſchwarzen Liſte.“ „Laßt ihn gehen, ſage ich,“ ſprach in dieſem Augen⸗ blick die ruhige, eintönige Stimme des Schäfers. Der alte Mann hatte ſich umgewendet und ſchaute auf ſeine beiden Gäſte mit einem ungewöhnlich bewegten, faſt ſchwer⸗ müthigen Blick:„Der wird dem Lande nicht mehr ſchaden, und mir wird er auch nichts thun. ‚Heute roth, morgen todt, heißt’'s von dem,“ ſetzte er hinzu. Die beiden Männer ſchauten den Greis ſtumm und beſtürzt an, bevor Karſten mit einem eigenthümlich ſcheuen Ton und halb fragend bemerkte:„nun, das iſt leicht ge⸗ ſagt, Steffen. Darnach ſieht der grade am wenigſten aus.“ „Er iſt ein todter Mann,“ verſetzte der Schäfer mit ruhiger Beſtimmtheit.„Ich ſah ſeinen Kopf im blutigen Nebel, und das hat mich noch nie getäuſcht; und dann ſah ich ihn jählings hingeſtreckt in der Lade auf den Auch ein Tabakscollegium. 33 Schultern ſeiner Jäger.— Es iſt ein todter Mann, ſage ich.“— In die tiefe Stille, welche dieſen Worten folgte, tönte plötzlich hell und freundlich der in die Thüre blickenden Regine Stimme.„Wenn ihr noch warmes Eſſen wollt,“ ſagt ſie munter,„ſo kommt bald, es wird ſonſt kalt. Es hat auch auf dem Hofe ſchon längſt geklappert, und zum Reden habt ihr auch draußen Zeit und Raum genug.“ Hoefer, Fremdherrſchaft. II. 3 Zwölftes Kapitel. Was ſich auf einem Balle treiben läßt. Des Jubels Töne ſchallten durch die Nacht, Und Belgiens Hauptſtadt lud zum Feſt zuſammen Was hold und ritterlich.— Der Frauen Pracht, Der Krieger Ernſt ſtrahlt' in der Lampen Flammen, Und tauſend Herzen ſchlugen froh; es ſchwammen Rings Klänge der Muſik, ſo ſüß und traut; Dem Orte ſchien die Liebe zu entſtammen, Denn alles jauchzt', als gäb's ein Feſt der Braut,— Doch ſtill! Horch! Ferne hallt's wie dumpfer Grabeslaut. Byron, Harolds Pilgerfahrt. Die Feſträume des Schloſſes zu Nieder⸗Rhoda waren lange nicht in ihrer vollen Anzahl und zu ihrer vollen Pracht geöffnet geweſen, denn ſo prunkliebend der alte Graf Hartmuth auch war, wir erfuhren bereits, daß neuerdings ein etwas beſſerer Haushalter geworden, als er's vor Zeiten geweſen. Und ſo ſelbſtſtändig er ſich von je her gehalten und ſo hochmüthig er in ſeinem Willen und in ſeinem Handeln das Geſetz nicht nur für ſeine Familie, ſondern ſogar für alle ihm benachbarten und be⸗ kannten Standesgenoſſen erkannt wiſſen wollte,— ſelbſt er hatte es in den vergangenen ſchweren Jahren nicht ge⸗ wagt, von dem einfacheren und verhältnißmäßig ſtillen Was ſich auf einem Balle treiben läßt. 35 Leben abzuweichen, welches in dieſen Gegenden ſeit ihrer Beſetzung durch die Franzoſen bei den Einen durch ihre patriotiſchen Gefühle, bei den Anderen durch die Noth der Zeit, bei noch Anderen endlich durch das Beiſpiel der Nachbarn zur Regel geworden war und die frühere glän⸗ zende Geſelligkeit, bis auf die letzten Wochen, auf ſeltene Gelegenheiten und kleine Kreiſe beſchränkt hatte. Alle Welt ſchränkte ſich auf das ernſtlichſte ein, gleichviel ob es nur des eigenen Vortheils wegen geſchah, oder nur, um nicht den im Grunde allgemein verhaßten Fremdlingen etwas bieten zu müſſen, was dieſelben für ein Nachgeben oder gar Entgegenkommen hätten halten können. Und wenn zumal in den größeren Städten die Win⸗ ter⸗Vergnügungen noch hin und wider den alten gewöhn⸗ lichen Verlauf nahmen, von den fremden Garniſonen in Gang erhalten, zuweilen geradezu erzwungen wurden,— auf dem Lande, unter dem dort zahlreich angeſeſſenen Adel war davon faſt nirgends die Rede. Die meiſten Familien hatten ihre alten Stadtwohnungen längſt auf⸗ gegeben und verließen ihre Beſitzungen ſelbſt im Winter und auf wenige Carnevals⸗Wochen nicht mehr. Sie fan⸗ den ſich, wie erwähnt, höchſtens nur noch hie und da in kleinen nachbarlichen Kreiſen zuſammen. Ja, noch mehr — gegen größere Feſte jeder Art ſchien überall eine ſolche Abneigung zu herrſchen, daß, wer ſie dennoch veranſtalten wollte, gar keine größere Geſellſchaft zuſammengebracht hätte. Sogar Graf Hartmuth war davon überzeugt und nahm daher die erſte Eröffnung ſeiner Tochter über ein Ballfeſt in Nieder⸗Rhoda halb mit dumpfer Verwunderung, —————— 36 Zwölftes Kapitel. halb mit all dem Spott auf, deſſen er noch fähig war. Einen Abſchlag gab er ihr indeſſen nicht, denn ſeit jenem Nachmittage, wo Gräfin Hebe ihn von der Exiſtenz jenes Enkels unterrichtet und ſein Stolz und Selbſtgefühl durch das Eindringen der plötzlichen Einquartierung einen herben Schlag erhalten hatte, war des alten Herrn ganzes Weſen anſcheinend verändert, ſei es gefügiger, ſei es ſtumpfer ge⸗ worden, und ſeine Tochter zumal vernahm keine Aeuße⸗ rung mehr von ihm, in der ſich überhaupt etwas wie ein Wille offenbart hätte. Es iſt freilich für uns, die wir Hebe bereits genauer kennen lernten, wenig glaublich, daß das, was ſich hinter dieſer Gefügigkeit und Willensloſig⸗ keit verbarg— die Intriguen und Machinationen, von welchen Detlef Reuter neulich zu ſeinen beiden Genoſſen redete— der Comteß grade unbekannt geblieben ſein ſollte. Allein, wie dem auch ſein mochte, gegenwärtig achtete ſie anſcheinend wenigſtens gar nicht auf dergleichen„Häus⸗ lichkeiten“ und ſchien durch das Intereſſe für ihr Ballfeſt von allen anderen Gedanken abgelenkt zu werden. Sie wollte das Feſt einmal und betrieb nun mit Vials Hülfe alles, was daſſelbe glänzend und heiter ma⸗ chen konnte, im weiteſten Umfange, nach dem größten Maßſtabe. Sie fragte nach keinem Hinderniß, ſie küm⸗ merte ſich um keine Einwendung. Wer an der Erfüllung ihrer Wünſche, an dem Erfolg ihrer Mühen und Betrei⸗ bungen zweifeln wollte, den verwies ſie lachend darauf, daß man neuerdings grade in dieſer Gegend ja bereits wieder geſelliger geworden,— wir erinnern uns hier der Mittheilungen Vials an General Renaud.— Man ſei Was ſich auf einem Balle treiben läßt. 37 des klöſterlichen Lebens, des Schmollens mit den Franzoſen ſatt. Man ſehne ſich, ſein altes Leben wieder aufzuneh⸗ men,— ſie kenne ihre Landsleute.— Sie ließ ſich nicht dadurch ſtören, daß niemand durch ihre Antwort recht überzeugt zu werden ſchien. Und die Einladungen er⸗ gingen, und die Antworten lauteten faſt ausnahmslos zuſtimmend. So war es denn wirklich gelungen, aber für jeden, der mit ernſtem, unverblendetem Aug' in die Zeit ſchaute, mußte es dennoch ein Erfolg bleiben, den vermuthlich niemand anders als Gräfin Hebe erzielt hätte, und wie ſie zu dieſem Erfolge gelangte, wußte wahrſcheinlich auch nur ſie allein. Daß beſondere Mittel in Anwendung ge⸗ kommen, konnte höchſtens jemand verborgen bleiben, der die Zuſtände und Verhältniſſe gar nicht oder ſehr ober⸗ flächlich kannte. Niemand von den Eingeladenen hätte die Einladung nur des Vergnügens wegen angenommen, das viele gar nicht einmal für ein ſolches gelten laſſen moch⸗ ten und andere geradezu verdammten. Der Zauber frei⸗ lich, der von Gräfin Hebe aus über Nähe und Ferne ging, hatte ſeine tauſendfach verſchiedene Weiſe und tauſend offene und verſteckte Wege.—— Der Tag war da, und die Feſträume des Schloſſes glänzten, als hätten ſie in der langen Ruhezeit Muße ge⸗ habt, zu ihrer vollen Pracht und Schönheit zu gelangen, ſo großartig und ſo überraſchend war der Anblick, der ſich den Gäſten darbot, und mehr als Einer gönnte der nicht minder glänzenden, nach und nach ſich werſammelnden Geſellſchaft, den Freunden und Bekannten erſt den zweiten — 38 Zwölftes Kapitel. Blick; der erſte galt dieſer Reihe von Gemächern, von denen jedes dem anderen an Pracht und Glanz oder an Anmuth und Behaglichkeit den Vorrang ſtreitig machte. Hier zeigte ſich der Geſchmack des jungen Franzoſen, der in den vorhergehenden Tagen unermüdlich im Herbei⸗ ſchaffen und Ausführen deſſen geweſen war, was Gräfin Hebe erſonnen und verlangt hatte. Und die Räume waren wohl eines Blickes werth— der große Saal in ſeinem Lichtmeer, mit dem blitzenden Kryſtall ſeiner Kronleuchter, ſeinen hohen Spiegeln, den prachtvollen Gruppen üppiger Treibhaus⸗Pflanzen, die in den Ecken ſich erhoben und die Fenſterniſchen zu däm⸗ mernden Lauben geſtalteten; die Reihe der Spiel⸗ und Speiſezimmer auf dieſer Seite, nicht minder hell, nicht minder reich, einladend zur frohen Geſelligkeit, zum üp⸗ pigen Genuß; und auf der anderen Seite dann Gemach an Gemach, eins immer einladender und verlockender, als das andere, immer dämmeriger werdend, immer ſtiller, immer träumeriſcher und duftender von Blüthen, bis zu dem letzten, dem runden, dunkelroth drapirten Raum, wo nur noch eine Lampe von oben her ein mildes Licht aus⸗ goß über die Statuen, die Vater und Großvater des jetzigen Beſitzers ihrer Zeit aus Italien mitgebracht; wo nur noch der Duft der ſchönſten Blumen weilte und von der fernen Muſik her einzelne Töne gleichſam träumend herüberklangen. Selbſt Graf Hartmuth hatte, als er ſich vor dem Beginn des Feſtes durch Vial in den Räumen umher⸗ führen ließ, bei dieſem Gemach zum erſtenmale wieder b Was ſich auf einem Balle treiben läßt. 39 eine Art von verbindlichem Lächeln in ſeinem Geſichte ge⸗ zeigt, die Hand majeſtätiſch auf des Offiziers Schulter gelegt und geſagt:„Charmant, mein Herr Vicomte!“— Aber Vetter Chriſtian, der zugegen war, hatte bedächtig ſeine neueſte Perücke geſchüttelt und gemeint:„Ah, mein Couſin, ſagen Sie lieber: Pernicios!— Man bekommt hier Herzklopfen!— Die Jungen freilich wollen das ge⸗ rade. Nicht wahr, mein Herr von Vial?“— Graf Hartmuth hatte den alten Verwandten, auch wieder ſeit manchen Wochen zum erſtenmale, mit der ſou⸗ verainſten Verachtung ſeiner früheren ſtolzen Tage ange⸗ blickt und gegen den Offizier höchſt bezeichnend die Achſeln gezuckt. Und nun die Geſellſchaft in all dieſen Räumen, ſtrahlend von Jugend und Schönheit, geziert mit Anmuth und Grazie, in der duftigſten Friſche oder der reichſten Pracht ihrer Toiletten, voll Luſt und Heiterkeit, ſummend und ſchwärmend, neckend und lachend, tanzend und plau⸗ dernd, denn die junge Welt hatte nach und nach dem Ernſt und der Geſetztheit Valet gegeben, und auch die Alten fanden ſich leichter, als mancher erwartet haben mochte, in einen munteren Ton hinein.— Und dann die, wenn auch veralteten, doch reichen Uniformen der früheren Hofchargen,— es gab hier Jagdjunker und Kammer⸗ herren im Ueberfluß, ſogar ein paar Hof⸗Marſchälle und Land⸗Jägermeiſter— und endlich die Offiziere von dieſer oder jener Waffengattung und von allen Graden in ihren zum Theil prachtvollen, zum Theil wenigſtens höchſt kleid⸗ ſamen Coſtumen— wo man hinſah, Gold und Orden, 40 Zwölftes Kapitel. ſtrahlender Schmuck und ſtrahlendere Augen, flatternde Schärpen und wehende Federn, wogende Buſen und heiß klopfende Herzen! Das war der Anblick, den Graf Eberhard hatte, als er ſchon zu ſpäter Stunde mit einem jüngeren Begleiter durch die Spielzimmer ſchritt und in einer Pauſe des Tanzes, an der Thür des großen Saales Halt machte. Bekannte hatte er hier und da genug geſehen und im Vorbeigehen flüchtig begrüßt, von den Seinen entdeckte er aber jetzt nur Gräfin Hebe, welche in ſtrahlender Schön⸗ heit und funkelnder Heiterkeit einen Seſſel eingenommen hatte, der auf einer kleinen Erhöhung im Hintergrunde des Saales ſtand und ihr ſomit Gelegenheit gab, die Ge⸗ ſellſchaft und ihr Treiben vollſtändig vor Augen zu haben. Ein Kreis von Damen und Herren umgab ſie, als ſei es ein wirklicher Hof, den die thronende Königin hielt; nur ſchien man dort fröhlicher zu ſein, als es an einem Hofe erlaubt zu ſein pflegt. Graf Eberhard's mildes Auge bemerkte dieſes alles mit ſichtbarem Mißbehagen.„Thörin!“ murmelte er vor ſich hin, und indem er ſich dann zu ſeinem Begleiter wen⸗ dete, ſprach er:„Das iſt alſo für's Erſte noch nichts, mein Freund. Sie ſehen, wie ſie Hof hält,— denn das iſt meine Schweſter. Warten wir einſtweilen hier in der Fenſterniſche.“ Der Andere— es war ein Mann in ſauberer, aber einfacher Geſellſchafts⸗Toilette, auf der als einziger Schmuck ſich das achtſpitzige Kreuz des preußiſchen„Ordens“ an ſeinem um den Hals geſchlungenen ſchwarz⸗ſilbernen Bande Was ſich auf einem Balle treiben läßt. 41 zeigte; eine große, feſte und doch ſchlanke, ächte Soldaten⸗ Geſtalt, ein kleiner Kopf mit dunklem Haar und ernſten Zügen, das linke Auge durch eine ſchwarze Binde ver⸗ deckt— der Andere, ſagen wir, nickte kurz, und ſie traten in eine der zu Lauben umgeſtalteten Niſchen, wo ſie, halb im Schatten, dennoch faſt den ganzen Saal überſehen konnten. „So wirds recht ſein,“ meinte Graf Eberhard;„da ſind wir in Ruhe und können die Komödie drüben ihr Ende nehmen laſſen. Horch, man ſtimmt ſchon zum neuen Tanz!“— Der Fremdling ſchaute ernſten Blickes auf das glän⸗ zende Durcheinander im weiten Raume des Saales.„Mein Freund,“ ſagte er endlich,„dieſe Maskerade gefällt mir verzweifelt wenig und meine Rolle dabei am allerwenigſten. Mag der Zweck gut ſein, das Mittel iſt, zumal in dieſer Zeit, ein meinem Sinne nach faſt zu frivoles. Und daß ich zuerſt mit der Gräfin Schweſter verkehren ſoll— ich!“— „Nicht ſo raſch und nicht ſo ſtreng, Herr Weiber⸗ feind!“ verſetzte Graf Eberhard gedämpft und legte die Hand auf des Freundes Arm.„Kommen Sie meiner Schweſter näher, lernen Sie ſie kennen. Sie wird gegen Sie nicht zurückhalten, und da müſſen Sie bald ſehen, daß in dieſer ſchönen und gebrechlichen Form nicht nur ein männlich kräftiger, ſondern auch ein enthuſiaſtiſcher Geiſt und vor allen Dingen ein unſerer Sache bis in den Tod getreues Herz ſchlägt. Hebe hat alle Fäden in ihren Händen, ſie allein hat zwiſchen uns allen vermittelt und war die Einzige, die das ohne Verdacht zu erregen ver⸗ 42 Zwölftes Kapitel. mochte. Glauben Sie mir, ihr drüben habt es nicht ſchwe⸗ rer als wir. Ich habe das recht bei meinen jüngſten Land⸗ fahrten geſpürt. Wir mußten endlich einmal zuſammen⸗ kommen und konnten es doch nicht. Da bot ſie uns zu dieſem Zweck dieſes Feſt an, das ſie durch die Herren Franzoſen ſelbſt arrangiren ließ. Und nun kommen Sie, Aufklärung zu verlangen, Aufklärung zu geben, Anerbie⸗ tungen zu machen, unſere Mittel und Kräfte kennen zu lernen, die wir in Ihre Hand geben ſollen und wollen,— ſagen Sie, hätten wir es beſſer treffen können?— Wir bedürfen keiner langwierigen und gefährlichen V lung, wir ſind alle bei einander. Alſo nicht zu ſtreng, mein Freund!— Und nun,“ brach er ab, da eben die Muſik eine Quadrille begann und die Paare ſich bereits zu ordnen anfingen,—„nun zur Audienz. Schweſter Hebe wird zugänglich. In dieſem Augenblick, da ſie eben aus der Niſche in den Saal hinaustraten, eilte aus der nächſten Colonne eine Dame herbei und zeigte ihnen Sophie Magdalenens ſchlanke Geſtalt und anmuthig fröhliches Geſicht. „So irrt' ich mich alſo doch nicht!“ rief ſie, und bot dem Onkel herzlich die Hand.„Ich glaubte ſchon vor— hin—“ Sie ſtockte, denn ihr Auge traf erſt jetzt auf den Fremdling neben dem Verwandten. Es zuckte wie ein jäher Schreck durch ihr erglühendes Geſicht, und ihr Auge wandte ſich gleichſam mit ſcheuer Frage bald zum Grafen Eberhard, bald auf deſſen Begleiter. Ihre Lippen öffneten ſich— Der Onkel kam ihr zuvor.„Ah, mein Liebling, ich vergaß!“ ſagte er lächelnd.„Herr von Seelhorſt, ein gu⸗ ermitte⸗ — Was ſich auf einem Balle treiben läßt. 43 ter Bekannter und halber Verwandter, mein Kind, der heut als lieber Beſuch anlangte.— Meine Nichte, Eugen's Schweſter, Freund.— Wo iſt Eugen? Er wird große Freude haben.“ Sie wandte den Kopf und ließ die ernſt gewordenen Augen über den Saal fliegen.„Ich weiß nicht. Ich ſah ihn heute Abend wenig,“ verſetzte ſie.„Er war ver⸗ ſtimmt.“— Und wieder zum Onkel aufſehend, flüſterte ſie:„Wie bin ich erſchrocken!“ „Erſchrocken gar? Was ſpukt denn in Rhodenfelde, daß nun auch ihr Beide ſchwache Nerven bekommt?“ meinte der Onkel ſcherzend.„Aber dein Tänzer wird un⸗ geduldig, Kind, der Tanz beginnt.— Adieu, ſpäter mehr. Du findeſt uns bei deiner Tante vermuthlich, dahin wollen wir. Kommen Sie, Seelhorſt.“— Und während das Mädchen davon eilte, verließen Beide dieſen Theil des Saales, wanden ſich zwiſchen den verſchiedenen Colonnen durch, die, gerade die erſte Tour beginnend, ſie weiter nicht beachteten, und gelangten endlich zu Hebe's Sitz, der, wie ſchon erwähnt, ein wenig erhöht war und der ſchönen Frau Gelegenheit bot, den Saal zu überſehen, ohne daß ſie ſich aus dem Seſſel hätte erheben müſſen. Für den Augenblick ſaß ſie nun in der That allein, denn ein älterer Herr wandte ſich eben von ihr fort, und die zunächſt Stehenden und Sitzenden hatten für jetzt alle Aufmerkſamkeit den Tanzenden zugewandt. „Ah, Bruder Eremit!“ rief ſie, als ſie der Nahenden gewahr wurde, und ihr Auge flog mit einem glanzvollen Lächeln dem Bruder entgegen.„Du kommſt alſo doch 44 Zwölftes Kapitel. noch? Ich dachte ſonſt bei deinem langen Ausbleiben ſchon, du hätteſt dir wieder einmal von der Hypochondrie rathen laſſen und anderer Leute Freude verachtet. Und nun gar zu Zweien! Ich bitte ab Bruder!“— Und das braune Auge heftete ſich mit einem anſcheinend nur freundlichen und doch, wie der Fremdling zu ſpüren glaubte, durchdringenden Blick auf dieſen. Eberhard nahm und drückte ihre Hand und nickte ihr dabei herzlich zu-„Meine kluge Schweſter weiß, daß ich hin und wider auch beſſere Gründe habe,“ ſagte er lächelnd. „An meinem Kommen haſt du im Ernſt wohl nicht gezweifelt, daß ich aber ſo ſpät kam— nun, ich bekam Beſuch und hatte Mühe, den Freund zum Mitfahren zu bewegen.— Das iſt Herr von Seelhorſt, Hebe.“ Und indem ſeine Finger ſich gleichſam zufällig zu jenem Kreuz zuſammenlegten, welches in unſerer Erzäh⸗ lung ſchon einmal von großer und raſcher Wirkung war, ſetzte er unbefangen hinzu:„Du hegteſt früher den Wunſch, den Freund kennen zu lernen. Damals machte es ſeine ſchnelle Abreiſe unmöglich, nuw iſt er hier.“ Ein Blick, wie ein Blitz, traf den Fremdling, den Bruder, die ganze nächſte Umgebung, und dann rief ſie, Seelhorſt die Hand hinbietend:„Charmant, charmant! Das heiße ich doch noch einmal Glück und unverhofft!— Seien Sie mir beſtens willkommen, und damit Sie ſehen, daß ich den Zufall, der Sie mir heute zuführte, zu ſchätzen weiß, ſo ziehen Sie ſich den Stuhl heran und ſetzen ſich zu mir, Herr von Seelhorſt. Mein Bruder hat jetzt keinen Sinn für uns— es locken ihn andere Reize,— alte Frer in a Der ihre bar zw W. nal Was ſich auf einem Balle treiben läßt. 45 Freundſchaft, alte— bah, laſſen wir ihn und plaudern in aller Ruhe lieber von den alten märkiſchen Freunden. Denn daher kommen Sie doch?“ Sie rückte, obgleich ihr das nicht leicht werden mochte, ihren Stuhl ein wenig zur Seite, ſo daß ein zweiter ſicht— bar wurde, der noch auf der Erhöhung hinter ihr und zwiſchen den beiden großen Orangenbäumen ſtand, welche den Platz des heiteren Weſens mit ihrem Laube überwölb⸗ ten. Ihr Fächer und ihr Auge deuteten darauf hin, und während Eberhard, mit einem Scherzwort die Neckerei der Schweſter beantwortend, ſich wirklich ab und zu ein paar naheſitzenden Damen wandte, zog Seelhorſt den Stuhl heran und ließ ſich langſam nieder. Was auch mit ihm vorgegangen und wie es auch gekommen ſein mochte— wer Seelhorſt früher und jetzt geſehen, hätte die Veränderung bemerken müſſen, die ſeit⸗ dem ſtatt gefunden. Die Abneigung, welche er vorhin gegen dieſe Begegnung verrathen, und die mißmuthige oder gar finſtere Weiſe, mit der er Graf Eberhard's Wunſch gefolgt war und ihn bis zur Schweſter begleitet hatte; der kalte Ausdruck ſeines Geſichts und Blickes, den er noch beim erſten Herantreten, bei ihren erſten Worten bewahrt,— alles hatte ſich jetzt verloren, und ſichtbar ganz anderen, vielleicht ſogar entgegengeſetzten Regungen Platz gemacht. Es mochte immerhin ihre Erſcheinung ſein, die das bewirkt hatte; Hebe war heute mehr als je von zwar etwas phantaſtiſcher, aber überwältigender Schön⸗ heit, und das Gewagte, das eine ungewöhnliche Tracht faſt ſtets haben muß, verſchwand bei ihr, die, wie wir es 46 Zwölftes Kapitel. ſchon einmal hervorhoben, durch und durch als Kind jener Zeit erſchien, in der dieſe Mode die herrſchende geweſen. Und zu allem Anderen ſprach aus dieſem Auge, trotz des heiteren Lächelns, ein Verſtand, und aus dem ganzen Ge⸗ ſicht ein Geiſt, die ihn vollends vergeſſen ließen, was ihn an ihrer Erſcheinung, bei ihrem erſten Anblick, als gar zu leicht, oder wie der ſtrenge Mann es heißen mochte: als zu frivol abgeſtoßen hatte. Sie ruhte ein wenig rückwärts und ſeitwärts, den Arm auf die Seitenlehne des Sitzes gelegt, ihm ſo nahe wie möglich, und ihre Worte trafen ihn wie ein Hauch, als ſie jetzt, während ihr Auge mit dem heiterſten Lächeln den Saal überflog, flüſterte:„Endlich! Und doch weß⸗ halb gerade jetzt?“ Er beugte ſich bequem vorüber, ihr ganz nahe.— „Die Zeit drängt,“ gab er eben ſo zurück.„Wichtige Nachrichten!— Daß ich dieſelben freilich auf einem Balle zuerſt—“ „Bah, ſeien Sie nicht pedantiſch! Wir hatten ke ine Wahl!— Sie konnten gar nicht rechtzeitiger kommen. Daß Sie heut aber ſich hieher wagten, iſt faſt tollkühn.“ „Weßhalb? Das iſt es nicht, was mich zögern ließ, bei dieſer Fahrt zu ſein; denn wer kann mich hier er⸗ kennen, Gräfin?“ „Ich habe Sie nie geſehen und doch ſogleich erkannt — ohne meines Bruders Wort.“ „Ja, Sie!— Es hat aber hoffentlich nicht jedermann Ihre Augen und Ihre Combinationsgabe.“ „Bauen Sie lieber nicht zu feſt auf meine Vorzüge,“ Was ſich auf einem Balle treiben läßt. 47 ſagte ſie und ſchüttelte lächelnd den Kopf.—„Renaud und ſeine Beamten ſind nicht zu verachten, mein Herr. Doch davon ein anderes Mal. Da Eberhard Sie brachte, wird er Grund haben, Sie für ſicher zu halten. Er iſt vorſichtig, mein Bruder. Alſo— Sie bleiben jetzt hier?“— „Ja, wie verabredet. Man beauftragte mich, und es iſt nicht zu ſäumen.“ „Und Ihre Nachrichten? Sind ſie wirklich ſo wichtig?“ Er warf einen forſchenden Blick umher. Der Tanz war im vollen Gange, die Nichttanzenden hatten ihm aus— nahmslos ihre Aufmerkſamkeit zugewandt, Graf Eberhard plauderte noch immer und ungewöhnlich heiter mit den Damen in ihrer Nähe. Von Beobachtung zeigte ſich nir⸗ gends eine Spur, von Horchern konnte gar nicht geredet werden.— Gräfin Hebe liebte dergleichen ſchon im alltäg⸗ lichen Leben nicht und wußte ihre Plätze ſtets demgemäß zu wählen.— Da beugte ſich der Fremdling noch ein wenig näher, ſo daß ſeine Lippen faſt die weiche, ſchlanke Locke berühr— ten, welche hinter Hebe's kleinem Ohr geſchmeidig auf die weiße Schulter niederglitt, und die Stimme zu einem Tone dämpfend, der ſelbſt in ſolcher Nähe kaum noch ver⸗ nommen ward, flüſterte er:„Der Kaiſer hat am 6. Decem⸗ ber die Armee verlaſſen, um nach Paris zu eilen. Sie iſt vernichtet.—— In der Geſtalt des ſchönen Weibes ging etwas vor, obſchon es ſelbſt dem ſo nahe ſitzenden Fremdlinge kaum bemerkbar wurde, ſo hatte Hebe ſich in der Gewalt. Nur die Spitzen, welchen den tiefen Ausſchnitt des Kleides über 48 Zwölftes Kapitel. dem Buſen umgaben, zitterten wie von einem gepreßten Athemzuge, und die dem Fremden nur halb zugewandte Wange ſchien ihm auf eine Sekunde um eine Nuance bläſſer zu werden. Das war alles, es müßte denn ſein, daß er auch noch ihr Schweigen für ein weiteres Anzeichen ihrer Bewegung hätte gelten laſſen wollen. Allein auch das währte nur einen Moment, dann wandte ſie ihm das Köpfchen plötzlich ein wenig weiter zu, die Augen trafen ihn mit einem blitzenden, unbeſchreibbaren Blicke, und ſie wieder ab und dem Saale zuwendend, ſprach ſie lauter und in ſpottendem Tone:„Ah, alſo darum waren wir ſo zerſtreut und ſo wenig geſellſchaftlich und ziehen den Spiel⸗ tiſch jeder anderen Unterhaltung vor!“ Er ſah ſie einen Augenblick fragend an; dann aber verſetzte er kopfſchüttelnd:„Wenn ich Sie recht verſtehe, Gräfin, ſo möchte ich nicht zuſtimmen. Er weiß vermuth⸗ lich noch gar nichts davon, d. h. von dieſem neueſten Ereigniß. Wir erhielten die Nachricht vorgeſtern Abend, und ich glaube, wir ſind beſſer bedient. Allein, auch was man ſonſt von der Armee erfährt, iſt ſchlimm genug. Es iſt ein Bulletin da, das den Ruin zugeſteht. Wir ſahen es noch nicht— aber das wird in ihm wirken.“ Es verging eine neue Pauſe, bis ſie fragte:„Und in Berlin? In Potsdam?“ Er zuckte die Achſeln, und ſein ernſtes Geſicht nahm für den Augenblick einen mißmuthigen, faſt ein wenig verachtenden Ausdruck an.„Nichts als das Alte!“ flüſterte er zurück.„Der Herr war niemals ſchwankender, verdrieß⸗ licher, reizZbarer, mit einem Worte unberechenbarer. Nie⸗ Was ſich auf einem Balle treiben läßt. 49 mals bisher ward es ſo klar, was er, was wir an der Königin verloren haben!— Von der Seite haben wir keine andere Hoffnung, als daß man feindlicherſeits dumm und frech genug iſt, den Herrn etwas für ſeine perſönliche Sicherheit fürchten zu laſſen. Wir haben Anzeichen, daß dergleichen nicht unmöglich wäre.“ Sie antwortete auch dieſes Mal nicht ſogleich, ſon⸗ dern den Kopf ein wenig geſenkt haltend ſchien ſie, ſo viel er bemerken konnte, mit einem ſchier träumeriſchen Blicke über die bunte Menge hinzuſchauen, die den Raum vor ihr plaudernd und lachend, tanzend und kokettirend erfüllte. Plötzlich aber wandte ſie ihm das Geſicht zu, und indem ſie ihre großen, braunen Augen mit ſanftem, faſt weichem Blicke auf ſeinen finſteren Zügen ruhen ließ, ſagte ſie:„Möchten Sie mir Ihren Arm leihen, Herr von Seelhorſt? Der Tanz wird gleich zu Ende ſein, und es iſt Zeit zum Souper. Nachher würde mein Aufbruch noch auffälliger werden.“— Seelhorſt war raſch aufgeſtanden und Hebe behülf⸗ lich, ſich zu erheben und von der Stufe herabzutreten, um welche ihr Sitz erhöht war. Sie lächelte ihn dankbar an, als er ſie ſo feſt ſtützte, und da Eberhard eben ſchnell herbeitrat, um den Gaſt abzulöſen, machte ſie mit der Rechten eine abwehrende Bewegung und meinte heiter: „Bleibe du nur da, Bruder. Du bedarfſt einmal des rechten Geſellſchaftstreibens, und ich bin, wie du ſiehſt, wohl verſehen.— Du triffſt uns nachher im gelben Saale. Ich werde dir zwei Plätze aufheben.— Hier herum!“ fuhr ſie gegen ihren Führer fort und deutete auf eine Hoefer, Fremdherrſchaft. II. 4 —— 50 Zwölftes Kapitel. Thür, welche hinter den Zuſchauenden aus dem Saale ins Haus hineinführte und es möglich machte, die anderen Räume zu erreichen, ohne ſich durch die Tanzenden durch⸗ zudrängen.—— „Arme Schweſter!“ ſagte Graf Eberhard, deſſen me⸗ lancholiſche Augen mit einem langen, zärtlichen Blicke der langſam Davonſchreitenden gefolgt waren.„So jung noch, ſo ſchön, ſo voll des heißeſten Lebens und der fröh⸗ lichſten Lebensluſt, und ſo gefeſſelt an die Erde und ihre Schwäche!— Ich ſehe das nun ſeit zwanzig Jahren nie ohne Schmerz.“ Die Dame, mit der er bisher geplaudert, wandte die Augen gleichfalls von der Thür fort und erhob ſie mit theilnehmend freundlichem Blicke zu dem Bewegten.„Ja, es iſt ein Schmerz!“ ſprach ſie,„und um ſo mehr bewun⸗ dere ich, wie Hebe es von jeher ertragen. Denken Sie zurück, Graf Eberhard! Selbſt als junges Mädchen ſchien ſie's niemals ſchwer zu nehmen.“— „Wie kam Ihre Schweſter eigentlich zu dieſem Leid?“ fragte eine Andere, die zunächſt ſaß.„Wurde ſie ſo ge⸗ boren?“ Er ſchüttelte den grauen Kopf.„Nicht doch,“ ver⸗ ſetzte er mit trübem Lächeln.„Unſer Bruder Hector ſtieß ſie einmal im Jähzorn als dreijähriges Kind vom Tiſche herunter, auf dem ſie ſaß. Laſſen Sie uns davon ſchweigen.“ „Und doch, Graf Eberhard,“ ſprach die Erſte wieder, „man ſollte dieſen Fall anders betrachten. Er iſt nicht allein traurig, ſondern auch pſychologiſch intereſſant. Denn von dem Augenblick an, Liebe,“ fuhr ſie fort und wandte ——— ſich ein jeder ſein der Was ſich auf einem Balle treiben läßt. 51 ſich zur Nachbarin,„wurden die beiden Geſchwiſter wie ein richtiges Liebespärchen, unzertrennlich und Eins in jedem Denken, Fühlen und Thun— er ihr Führer, ſie ſeine Beratherin, ein ſeltſamer und zugleich herzerquicken⸗ der Anblick für jeden, der das einmal beobachten durfte. Und als der Bruder damals davonging und hernach bei Regensburg fiel— das iſt, glaub' ich, ein Schmerz ge⸗ weſen, den unſere arme Freundin noch heute nicht über⸗ wunden hat und nie überwinden wird. Es ſind in dieſer Familie überhaupt nicht allein Seltſamkeiten, ſondern auch unaufgeklärte Zuſtände mancher Art,“ fügte ſie leiſe hinzu, da Graf Eberhard ſich abgewendet hatte und mit ein paar herantretenden Herren ſprach.„So war die Comteſſe Mathilde zum Beiſpiel, die Mutter der Schönen dort, die eben ihren Couſin Eugen verabſchiedet— ſehen Sie nur, Baronin—“ „Der Tanz iſt aus, man geht zu Tiſche,“ wurde ſie von Eberhard unterbrochen, der, den Anderen zunickend, ſich wieder an ſie wandte.„Sie nehmen doch meinen Arm, Marianne? Wie lange ſind wir mit einander nicht zu Tiſche gegangen!“— Und als die Dame ſich erhoben hatte und, den Arm in den ſeinen ſchiebend, langſam durch das bunte Gewühl ſich mit ihm fortbewegte, ſetzte er munter hinzu:„Seien Sie heiter, alte Freundin, und helfen Sie Hebe, unſere fremden Gäſte beſchäftigen. Laſſen Sie auch mich nicht aus den Augen und geben Sie's nicht zu, daß ich ſtill werde. Sie wiſſen wohl, ich bin dieſen großen Geſellſchaften fremd geworden und zuweilen zer⸗ ſtreut. Heute Abend ſoll das aber nicht ſein. Wir müſſen 52 Zwölftes Kapitel. heiter bleiben. Die Herren Franzoſen ſollen ſich nicht über Langweile zu beklagen haben und dürfen gar nicht zu Athem kommen.“ „Dafür werden denn wohl Andere ſorgen müſſen,“ verſetzte ſie lachend,„und ſie ſcheinen dazu auch Luſt zu haben. Sehen Sie einmal Ihre Nichte an, die Stephanie, wie animirt ſie jetzt iſt— man ſieht ſie nicht oft ſo. Und ſehen Sie den da neben ihr— ein Vicomte von Vial, Eberhard?“ „So heißt man ihn, Baronin. Sie wiſſen aber, ich komme wenig hieher. Ich ſah ſie noch nicht zuſammen.“ „Ah, da können Sie heute Abend Erſatz finden, Eber⸗ hard! Ich ſah das Paar ſchon mehrmals— ein ſchönes Paar, wahrhaftig!— Stephanie iſt in der That eine rei⸗ zende Erſcheinung, wenn ſie einmal zeigt, daß ſie Leben in ſich hat, wie eben. Vorhin, wie ſie ihren Tänzer ver⸗ abſchiedete— es war Eugen, mein' ich— ſchaute ſie verzweifelt kalt und ablehnend darein, genau, wie vordem ihre Mutter. Eugen ſah unglücklich aus.“ „Er iſt eben ein Thor, Baronin!— Doch da iſt er ſelbſt,“ fuhr Graf Eberhard fort, der in dieſem Augen⸗ blicke den Neffen erblickte, wie er, mit finſterer Miene aus den anſtoßenden Räumen zurückkehrend, in der Menge jemand zu ſuchen ſchien.—„Ich weiß einen ſtärkenden Trunk für ihn!“— Und indem er dem jungen Manne, welcher eben vorbei wollte, die Hand auf den Arm legte und den ihn Erkennenden und mit erheiterter Miene Be⸗ grüßenden ein paar Schritte mit ſich fortzog, ſprach er: „Friſch auf, Junge! Ich habe Beſuch erhalten— den ——.,—— in Was ſich auf einem Balle treiben läßt. 53 Herrn von Seelhorſt, der im Herbſte bei uns durchreiſſte. Er bringt uns die beſten Nachrichten von den Verwandten in der Mark— es iſt alles in Ordnung.“ Eugen ſtarrte ihn einen Augenblick faſt beſtürzt an, dann ging aber ein helles Leuchten durch ſein Geſicht, und er murmelte:„Nun Gottlob! Endlich!“ „Wußt' ich's doch, daß du nicht mindere Freude haben würdeſt, als Sophie Magdalene.— Alſo bis nach Tiſch!— Jetzt, mein Knabe— en avant! Vergiß nicht, du gehörſt hier zu den Wirthen. Sorge, daß unſere Gäſte ſich amuſiren und nur heitere Geſichter umr ſich ſehen.“ „Was habt ihr alle?“ fragte die Baronin Marianne im Weitergehen.„Wer iſt dieſer Seelhorſt?“ „Wie Sie hören, ein Freund, der uns Nachrichten von den Roſenhöfern bringt.— Sie wiſſen ja wohl von den verzwickten Zuſtänden?“ verſetzte Graf Eberhard un⸗ befangen. „Graf, Graf, Sie flunkern mir da was vor!“ meinte ſie kopfſchüttelnd.„Ich merkte recht gut, daß dieſes Feſt nicht gerade zum Vergnügen und aus Uebermuth arran⸗ girt wurde. Auch ließ mein Mann etwas fallen— „Nun, Marianne, ſo ſeien Sie deſto heiterer,“ unter⸗ brach er ſie.„Zeigen Sie dieſen werthen Gäſten, daß man auch bei uns zu leben und den Männern die Sorgen fortzulachen verſteht.— Da ſind wir aber. Sehen Sie, Hebe iſt in ihrem— Eſſe!“ Die Dame drückte den Arm ihres Begleiters und be⸗ gegnete ſeinem unbefangenen, freundlichen Auge mit einem bewegten Blicke.„Gott mit euch!“ murmelte ſie, und ſie 54 Zwölftes Kapitel. traten vollends an den Tiſch, in deſſen Mitte allerdings Hebe in ihrer vollſten Schönheit und glänzendſten Heiter⸗ keit thronte und ſchon Gelegenheit gefunden zu haben ſchien, durch ihre ſprudelnde Laune auch die ganze erleſene Geſellſchaft anzuregen, welche ſich um dieſe Tafel zuſam— mengefunden hatte. General Renaud ſogar, über deſſen Zerſtreutheit ſie vorhin geſpottet, war jetzt, wie es ſchien, in der beſten Stimmung von der Welt an ihrer Seite, und alle Uebrigen, die ſich umher zeigten, glänzende Da⸗ men, ſtattliche Herren, Fremde und Einheimiſche, trugen die gleichen vergnügten Mienen zur Schau. „Ah, Baron, hab' ich's Ihnen nicht geſagt?“ rief ſie eben einem ältlichen Herrn zu, der ihr ſchräg gegenüber ſaß,—„das treue Pärchen hat ſich wieder zuſammenge⸗ funden, ich wette freilich, erſt nach unendlichen, ſchüchter⸗ nen, kaum gewagten Bitten und kaum gewagten Ableh⸗ nungen!— Sie müſſen nämlich wiſſen, General,“ wandte ſie ſich lachend an Renaud,„mein Bruder hier iſt wie einer der Helden der Tafelrunde, ein ächter Ritter, und widmet dieſer Dame ſeit ihren früheſten Jugendtagen die ſchwärmeriſchſte Verehrung. Hieher, Herr Paladin— mir vis à vis ſind eure Plätze, neben unſerem Freunde,“ ſetzte ſie gegen den freundlich ihr zunickenden Bruder gekehrt hinzu.„Ich will euch unter den Augen haben. Ich ſtärke mich an eurem Anblicke— es iſt, als ob ich einen Roman läſe!“— Man nahm Platz und ſcherzte weiter, eine Neckerei jagte die andere, ein Einfall rief einen anderen, noch beſ⸗ ſeren hervor, das Lachen hörte nicht auf und die Heiter⸗ Was ſich auf einem Balle treiben läßt. 5⁵ keit riß alle mit fort. Comteſſe Hebe war allerdings, um den familiären Ausdruck des Bruders zu wiederholen, in ihrem Eſſe. Nie hatte ſie ſilberheller gelacht, nie anmu⸗ thiger geplaudert; ihre Augen hatten niemals verführeri⸗ ſcher geblickt und ihre ganze Laune, ihre ganze Erſcheinung und Haltung war zu keiner Zeit eine reichere, wechſelvollere, berückendere geweſen. Es entzog ſich, wie es ſchien, nie⸗ mand dem Einfluß dieſes allgewaltigen Zaubers, und ſogar der Fremdling, den wir Seelhorſt nennen hörten und der, wie bemerkt, neben Eberhard ſaß, ließ an ihr mehr als einmal ſein dunkles, ernſtes Auge haften. Graf Eberhard hatte einen ſolchen Blick beobachtet und beugte ſich zu ihm.„Wie gefällt Ihnen meine Schwe⸗ ſter?“ fragte er lächelnd und leiſe. Rings achtete niemand auf ſie. Der Andere zuckte die Achſeln.„Was kann ich ſagen, mein lieber Graf!“ verſetzte er eben ſo leiſe, aber ganz ernſt.„Ich glaube kaum, daß man viele ihres Gleichen finden dürfte, doch ich bin darin ein wenig erfahrener Richter. Daß ſie freilich das Intereſſe zu feſſeln verſteht, wie ſelten jemand, habe ich vorhin an mir ſelbſt erlebt und ſehe ich jetzt an dem General dort. Ich bedaure jeden—“ „Ah bah!“ gab Eberhard zurück.„Sie feſſelte meine Schweſter, wie ſie iſt. Den da beſticht eine hohle Maske! Vergleichen Sie das nicht!“ Und in dem gleichen Augenblicke ſagte der Beſpro⸗ chene, indem er ſich näher zu ſeiner Nachbarin heranbeugte, in erregtem Tone:„Gräfin, unſer Kaiſer iſt groß und hat 56 Zwölftes Kapitel. Paris zur Hauptſtadt der Welt und der Kunſt gemacht. Aber wäre ich er, ſo machte ich's auch zur Hauptſtadt des Geiſtes und der Schönheit! Bei Gott, wenn ich Sie ſehe und höre, fühl' ich's erſt, wie arm wir noch ſind. Ah, wenn wir auch alle Schoͤnheit der Welt bei uns verſam⸗ melt und Sie auf dem Throne dieſes ſtrahlenden Reiches ſähen!“ Es traf ihn ein blitzender Blick.„Ah, General,“ ſprach ſie lachend,„was bliebe dann denen, die wie Sie in den Provinzen weilen müſſen, und was bliebe denn dieſen Provinzen ſelbſt?— Ihr Kaiſer verſteht ſeinen und euren Vortheil beſſer. Er ſieht es lieber, daß ihr auf euren Poſten in der Fremde nicht allein den Dienſt, ſon⸗ dern auch etwas für Herz und Auge findet, was euch Luſt macht, auch für euch ſelbſt auf Eroberungen auszugehen, die freilich nur eurem Gebieter wieder zu Gute kommen. Solche Siege erwerben euch ein Terrain ſicherer als eure Waffen.“ Er ſchüttelte lachend den Kopf.„Solche Siege, ſagen Sie? Ich möchte es Niederlagen heißen, Gräfin!— Sie wenigſtens haben ſicher noch niemand geſehen, der nicht die Waffen vor Ihnen ſtreckte!“ „Und wenn auch, General! Iſt der Effect nicht der gleiche? Wir beſiegen euch vielleicht, aber doch nur, um fortan zu euch zu gehören. Denn was bliebe uns ſonſt? Sie werden uns hoffentlich nicht den ſchlechten Geſchmack zutrauen, daß wir unſere Bauern und Schmuggler euch vorzögen.— Sehen Sie ſich um, General! Ich glaube, Sie können mit den Erfolgen der Ihrigen zufrieden ſein. Was ſich auf einem Balle treiben läßt. 57 Wer herrſcht zum Beiſpiel heute Abend auf dieſem Balle? Sehen Sie unſere Damen an und Ihre Offiziere!“— Und ſie machte mit dem auf⸗ und zuſchlagenden Fächer eine graziöſe Bewegung gegen ein paar andere Tiſche in dem geräumigen Saale, wo es freilich nicht minder leb⸗ haft und heiter zwiſchen den Jüngeren herzugehen ſchien, als hier an ihrer Tafel. „Ah, Sie meinen Vial!“ verſetzte der General, der ihrem Zeichen gefolgt war und ſeines Adjutanten vor Aufregung und Luſt ſtrahlendes Geſicht bemerkte;„aber gerade der widerlegt Sie. Ich ſpüre aus ſeinen Rappor⸗ ten und heute aus ſeinem ganzen Weſen nichts von einem Siege, wohl aber etwas von einer— Uebergabe auf Gnade und Ungnade.“ „O, lieber General, ein wie ſchlechter Menſchenkenner Sie ſind! Jene junge Dame dort neben ihm— ſchauen Sie einmal hinüber— ſieht ſie ſiegreich aus oder beſiegt? Und unſer ſchöner Vicomte?— Doch laſſen wir den jungen Leuten ihr Amuſement!“ brach ſie jählings ab. „Sie erwähnten des Kaiſers. Füllen Sie mir das Glas — Champagner, General, Champagner! Ich trinke nie etwas Anderes! Stoßen Sie an, General, und Sie alle umher!“ fuhr ſie fort und ſtreckte ihr Glas über die Ta⸗ fel, und ihre Augen flogen mit ſeltſamem Leuchten über die ganze Runde ihrer Gäſte und kehrten dann zu ihrem Nachbar mit dem ſtrahlendſten ihrer Blicke zurück.„Will denn Keiner des großen Kaiſers gedenken, in deſſen Namen auch wir hier verſammelt ſind?“ rief ſie.„Will niemand die Armee rühmen, die uns mit ihrer Liebenswürdigkeit 58 Zwölftes Kapitel. mehr noch als mit ihren Waffen beſiegte?— Woran denkt ihr denn?— Ja, die Hebe, wenn die nicht wär'!“ unterbrach ſie ſich auf Deutſch und ſah mit lachendem Blicke in die Runde. Und wieder Franzöſiſch redend fuhr ſie fort:„Auf den Trümmern des Czaarenreiches pflanzt Napoleon das Banner des ewigen Friedens auf und gibt uns, mächtiger und ruhmvoller als je, Heiterkeit, Liebe und Glück zurück! Der franzöſiſche Adler ſchwebt in immer reinerer Höhe.— Es lebe der Kaiſer!“— Durch General Renaud's Geſicht flog etwas wie eine Verſtimmung und ſeine Augen blickten momentan finſter. Allein das ging raſch vorüber, und ohne daß eine Pauſe bemerkbar geworden, erhob er ſich mit den Uebrigen, um zuerſt der ſchönen Sprecherin zu danken und dann ſelber die Huldigungen entgegen zu nehmen, die man ringsum ſeinem Herrn darzubringen ſchien. Denn der Toaſt war auch an den anderen Tiſchen vernommen worden. Das „Es lebe der Kaiſer!“ fand in allen Sälen ein lautes, brauſendes Echo. Den Tuſch der Muſik begleitete der Donner der Geſchütze, die man drunten im Hofe aufge⸗ ſtellt hatte. Die Gläſer klangen, die Stühle wurden ge⸗ rückt, ein Freudenrauſch ohne Mißklang ſchien die Geſell⸗ ſchaft erfaßt zu haben. Man drängte ſich von den nächſten Tiſchen herbei, um Gräfin Hebe und dem General eine zweite, perſönliche Huldigung darzubringen. Auch Vial war von ſeinem Platze herbeigeeilt und drückte die Hand, welche die Gräfin ihm geboten, mit Un⸗ geſtüm an die Lippen. „Hundert Jahre wie heute unter Ihrer Herrſchaft, Was ſich auf einem Balle treiben läßt. 59 meine Königin!“ rief der junge Mann glühend vor Auf⸗ regung.„Es lebe die Königin unſerer Herzen!“ fuhr er fort und ſtreckte dem General ſein Glas entgegen, der wohlgelaunt mit dem ſeinen anklang.„Was hab' ich Ihnen geſagt, mein General? Wo hätten wir es jemals gefunden, wie hier?“ „Und was ſagte ich Ihnen, General?“ fiel Hebe ſcherzend ein.„Sieht unſer Vicomte hier wie ein Beſieg— ter aus? Aber mein Herr Phantaſt,“ fuhr ſie fort und erhob den Finger, als wollte ſie auf die verlockenden Töne des Walzers aufmerkſam machen, welche vom Saale herüberklangen,„da ich nun doch einmal Ihre Königin ſein ſoll, ſo befehle ich: jetzt in den Saal! Wehe Ihnen, mein Herr, wenn ich noch einmal ſehe, daß Sie ſich Ihrem rechten Dienſt entziehen!“— Und in einen ganz anderen, faſt weichen Ton fallend, ſetzte ſie hinzu:„Nicht wahr, Vicomte— Sie führen fort, was Sie ſo charmant be⸗ gonnen, und ſorgen für das Vergnügen der jungen Welt? Ich kann Sie dabei ja leider nicht unterſtützen!“ Er verbeugte ſich, die Hand auf dem Herzen.„Zu Ihren Befehlen, ſchöne Majeſtät!“ rief er und eilte davon.— Man brach jetzt auch hier auf. Die junge Welt war längſt in den Saal geflattert, und nur Eugen ſtand noch zwiſchen den Aelteren und redete mit dem Fremdling, während die Uebrigen, mit von den anderen Tiſchen Herzu⸗ tretenden vermiſcht, in zerſtreuten Gruppen lebhaft plau⸗ derten. Dem General hatte Hebe lachend geſagt: Die Männer 60 Zwölftes Kapitel. ſcheine er überall, ſelbſt am grünen Tiſche zu beſiegen; ſo wolle ſie's verſuchen, ob das Glück ihm auch den Frauen gegenüber hold bleibe. Er hatte das lächelnd angenommen. Aber ſeit dem Toaſte war er ſtill geworden, und zeigte ernſte Mienen, denn Renaud war nicht geblendet genug, um zu verkennen, daß die Zuſtimmung zu dem Toaſt der Gräfin auf Seiten der Einheimiſchen keineswegs ſo frei und enthuſiaſtiſch geweſen, wie ein oberflächlicher oder ein⸗ genommener Beobachter aus den lärmenden Beifallsbe⸗ zeigungen hätte ſchließen mögen. Ja, Hebe's Worte ſel— ber ſtimmten ihn nachdenklich und ſorgenvoll. Sie wider⸗ ſprachen dem, was es in Wirklichkeit gab, ſo grell, daß der General hätte weniger mißtrauiſch ſein müſſen als er war, um zumal bei dem ihm bekannten Charakter Hebe's hinter ihnen nicht etwas Anderes zu argwöhnen, als ſie auszudrücken ſchienen— eine genaue Kenntniß der neueſten Ereigniſſe und ihren ſchonungsloſeſten Spott. Dann aber — woher kam dieſe Kenntniß, da die Franzoſen alles, was bei der Armee vorging, theils ſelbſt nicht wußten, theils auf das ſorgfältigſte verbargen? Er war aufgeſtanden und trat nachdenklich und ſor⸗ genvoll von ſeiner Nachbarin fort, um den Tiſch herum, zu der Gruppe, in der Eugen und der Fremdling, wel⸗ cher vom Grafen Eberhard dem franzöſiſchen Kommandeur vorhin flüchtig vorgeſtellt worden, noch im ernſten Geſpräch ſtanden. Renaud's braunes Auge ruhte forſchend auf den Beiden— war es zufällig, war es wirklich mit Argwohn? — und vollends herantretend, fragte er plötzlich:„ſo ernſt, meine Herren, bei ſolchem Feſt?“ Was ſich auf einem Balle treiben läßt. 61 Eugen verbeugte ſich förmlich.„Herr von Seelhorſt bringt uns auch ernſte Nachrichten,“ verſetzte er.„In einer großen Familie gibt es deren nicht ſelten.“ Renaud neigte zuſtimmend das Haupt, wandte ſich dann jedoch an Seelhorſt und bemerkte:„Sie tragen einen edlen Orden, mein Herr, den ich nie anders als auf der Bruſt der Tapferen ſah. Aber Sie ſind nicht mehr Soldat?“ „Nein, Herr General,“ lautete die kalte Antwort, des ſtolz blickenden Mannes. „Und warum nicht, mein Herr? Der Orden beweist mir, daß Sie mit Leib und Seele Soldat geweſen,“ meinte der General, ſeine Augen begegneten feſt denen des Anderen. „Die Reduction der Armee und meine Grundſätze, mein Herr General,“ verſetzte Seelhorſt ohne Zögern und — man mwöchte ſagen: mit gleichgültiger Offenheit.„Ich konnte es bei der Allianz Preußens mit Ihrem Kaiſer nicht darauf ankommen laſſen, daß ich bei Gelegenheit vielleicht in den Reihen derjenigen werde fechten müſſen, in denen ich mich nicht gewöhnen kann die Freunde mei⸗ nes Vaterlandes zu ſehen.“ Die Stille, welche dieſen kühnen Worten in einem verhältnißmäßig weiten Umkreiſe folgte,— denn alles, was in der Nähe war, hatte der Unterhaltung ſeine Auf⸗ merkſamkeit zugewendet— war eine tiefe und drückende, und Graf Eberhard, der zu ſeiner Schweſter getreten war, öffnete eben die Lippen, um einige ausgleichende Worte zu verſuchen, als Renaud ihm zuvorkam. Zwölftes Kapitel. „Sie haben ganz Recht, in mir zuerſt nicht den franzöſiſchen General, ſondern nur den Mann von Ehre zu ſehen, der die Gefühle eines anderen Ehrenmanns ver⸗ ſteht und zu würdigen weiß,“ ſprach er laut, mit ſoldati⸗ ſcher Offenheit, ja mit einer Art von Herzlichkeit.„Ich begreife vollkommen, daß die Stellung eines preußiſchen Offiziers für jemand, der neben ſeinem Dienſt auch die Ereigniſſe der letzten Jahre und ſein Vaterland im Auge hat, eine peinliche, vielleicht eine unerträgliche ſein muß. Ich verſtehe das! Ich liebe mein Vaterland auch und würde denen, die es einmal unglücklich gemacht, niemals verzeihen, niemals auf ihrer Seite ſtehen können! Seien Sie verſichert, mein Herr, Armand Renaud achtet Sie um Ihrer Offenheit und Ihres ſtolzen Muthes willen hoch. Aber ich bitte Sie,“ fügte er leiſe lächelnd hinzu,„ſorgen Sie dafür, daß nicht der General des Kaiſers an ſeine Stelle treten muß. Er hat die Feinde desſelben mit an⸗ deren Augen anzuſehen als der Erſtere, gleichviel, ob ſie ſich im offenen oder verſchloſſenen Viſier zeigen.“ Er bot Seelhorſt die Hand, die bereitwillig genommen und ſichtbar achtungsvoll gedrückt wurde, und dann, da er auch den alten Grafen Hartmuth in der Nähe erblickte, wandte er ſich nach einem höflichen Gruß gegen Eugen und den Fremden, dem Hausherrn zu und ſagte lebhaft: „ah, mein Herr Graf, ich ſah Sie bisher kaum und habe Ihnen noch gar nicht mein Compliment über das ſuperbe Feſt machen können!“ Er trat zu ihm und ging mit ihm plaudernd aus dem Saal. Man ſah ſie in einem der Nebenzimmer auf⸗ und Was ſich auf einem Balle treiben läßt. 63 abgehen, aber des alten Herrn Geſicht ließ darauf ſchließen, daß zwiſchen ihnen nicht gerade eine heitere Unterhaltung geführt werde. Graf Hartmuth blickte finſter und ſorgen⸗ voll darein.— Als Beide den Saal verlaſſen hatten, erhob auch Gräfin Hebe ſich endlich und ſchritt am Arm des ſie ſtützen⸗ den Bruders langſam fort. Sie hatte Renaud's Geſpräch mit Seelhorſt aufmerkſam, aber anſcheinend ohne Sorge beobachtet. „Jetzt vorwärts!“ ſagte ſie leiſe und raſch, als ſie zwiſchen den Gruppen der Uebrigen heraus waren;„euer Zimmer iſt parat und ſicher. Vergeßt aber nicht, euch Pfeifen anzuzünden. Man muß euch im Nothfalle für ein Rauch⸗Collegium halten können. Aber ich fürchte nichts. Der General hat, trotz ſeiner eben gehörten Worte, An⸗ deres im Kopfe als unſere muthmaßlichen Verſchwörungen; was in ihm ſonſt noch übrig bleibt, nehme ich auf mich. Vial denkt nur an Stephanie—“ „Du nimmſt das wunderbar leicht, Hebe,“ fiel Eber⸗ hard ihr kopfſchüttelnd ins Wort.„Ja, du animirſt ihn noch, merke ich, und er ſcheint mir doch ſchon ohnedies lebhaft genug. Wenn—“ „Was wenn, Herr Pedant?“ unterbrach ſie ihn mun⸗ ter.„Ein bischen Verbrennen ſchadet unſerer Prinzeſſin gar nicht, und wenn auch— ich kann nicht helfen! Sie müſſen heute Abend Beide einander abziehen, Bruder. Denn unter uns, ich traue der Stephanie gar nicht recht, ſie horcht und ſpionirt ſchon gerade wie ihre Mutter. Und da einmal kein Anderer Gnade vor ihr findet oder ſie zu 64 Zwölftes Kapitel. unterhalten verſteht, als unſer Herr Kommandant, ſo muß man ihnen ſchon ihr Vergnügen gönnen.“ „Du hätteſt ja auch ihn noch auf dich nehmen kön⸗ nen,“ meinte der Bruder mit gutmüthigem Spotte.„Er ſcheint nichts Beſſeres und Schöneres zu wiſſen als dich.“ „Sei kein Thor,“ verſetzte ſie ein wenig ungeduldig. Sie war überhaupt ernſter geworden.„Es macht mir zuweilen Spaß, ſo eine hübſche, kleine Motte um mein Licht flattern und durchſichtig werden zu laſſen, zumal wenn man ſich, wie unſer theurer Kommandant, einbildet, daß ich nicht ihn, ſondern daß er mich dabei zum Beſten hat. Herr Vial täuſcht mich mit ſeinen ſchmachtenden Gri⸗ maſſen nicht, wohl aber ſich ſelbſt. Denn ohne es zu wollen und zu ahnen, iſt der arme Narr der Meine, ſo⸗ bald ich nur Ernſt machen wollte. „Aber heute Abend will ich gewiß nicht,“ fuhr ſie immer ernſter fort.„Dieſe Nachricht hat mich erſchüttert, Bruder! Das iſt ein Mann, Eberhard, ein Mann! Wie er vor Renaud ſtand!— Sprechen muß ich ihn noch. Ihr bleibt doch über Nacht?“ „So dachte ich,“ entgegnete er.„Denn allerdings, zu Ausflügen werden dir die nächſten Tage ſchwerlich Zeit laſſen.“ „Biſt du ſeiner Sicherheit wegen ruhig?“ „Ja. Dies Intermezzo mit Renaud iſt nicht ange⸗ nehm, wird aber ohne Folgen bleiben. Der Franzoſe iſt ein edler Burſch'!— Die beiden Douaniers, die ihn in der Nähe ſahen, ſind längſt fort, und die Perſonal⸗Be⸗ ſchreibung jenes Steckbriefes wäre hier ein noch ſchlechterer Was ſich auf einem Balle treiben läßt. 65 Führer als gewöhnlich. Ueberdies— ſo lange ich ſelber frei bin, bürge ich für ihn.“ Sie nickte leiſe vor ſich hin.„Nun zum Spieltiſche,“ ſprach ſie.„Ich möchte doch auch gern wiſſen, was Re— naud mit dem Vater hat, denn ſolche Geheimniſſe um mich her liebe ich nicht.“ Und da ſie in dieſem Augen— blicke den General wie nach ihr ausſehend in einer anderen Thür erſcheinen ſah, rief ſie ihm heiter entgegen:„Ach, es geht langſam mit mir, mein lieber General! Bin ich aber einmal da, ſo heißt es auch— va banque! 1 Hoefer, Fremdherrſchaft. II. 5 —.— Dreizehntes Kapitel. Nach dem Houper. Rückt dichter in der heil'gen Runde, Und klingt den letzten Jubelklang! Von Herz zu Herz, von Mund zu Munde Erbrauſe freudig der Geſang! Das Wort, das unſren Bund geſchürzet, Das Heil, das uns kein Teufel raubt Und kein Tyrannentrug uns kürzet,— Das ſei gehalten und geglaubt! E. M. Arndt. In den Spielzimmern rollte das Gold und tönten die Rufe der Bankhaltenden, unterhielten ſich umherſitzende oder ſtehende Gruppen von Zuſchauern, plauderten oder lachten die Spieler ſelbſt, denn es ging hier munter zu; die Damen, welche ſich jetzt zumeiſt am Spiele betheiligten, gewannen und verloren mit der beſten Laune von der Welt. Und im Saale brauſ'te die Muſik und wirbelte der Tanz, ſchwirrte und ſummte es von hundert heiteren Stimmen, ſtrahlten oder ſchmachteten die Augen, war alles voll Schwärmen und Luſt. Denn ſelbſt diejenigen von den Einheimiſchen, welche bis zum Souper den Fremden gegenüber eine kalte oder befangene Haltung bewahrt hatten, ſchienen ſich nach demſelben freier zu fühlen und Nach dem Souper. 67 ſich unbefangener gehen zu laſſen, und wer zufällig und unkundig der wirklichen Zuſtände, in dieſen glänzenden Wirbel getreten wäre, hätte kaum auf die ſcharfe Abnei⸗ gung oder gar auf den unauslöſchlichen, bitteren Haß gerathen, der dennoch ſicher manche dieſer Herzen und Köpfe im Geheimen erfüllte. Den Fremdlingen ſelbſt wurde dergleichen am wenig⸗ ſten bemerkbar, und wo das hier oder da doch einmal der Fall geweſen ſein mochte, gaben ſie am heutigen Abend und in ihrer jetzigen Stimmung nicht im entfernteſten da— rauf Acht. Ein begütigender, heiterer Blick folgte dem ernſten oder finſtern gar zu ſchnell, und ein Scherz ver⸗ drängte die Erinnerung an ein vielleicht bitter oder ſchroff klingendes Wort. Und derjenige, welcher, ſo viel er ſonſt auch abgezogen ſein mochte, dennoch und immerhin am meiſten zu gelegentlichen Beobachtungen befähigt war, ja, auch den feſten Willen zu ſolchen gehabt hatte— Vial, ſchien von allem, was um ihn her vorging, immer weiter abgelenkt, weil er immer mehr mit ſeinen eigenen Ange⸗ legenheiten zu thun bekam. Er meinte ſich plötzlich einem Ziele nahe zu ſehen, das er ſeit Wochen vergebens erſtrebt. Der ſchöne Offizier hatte vom erſten Abend ihrer Bekanntſchaft an ſich dem jungen Mädchen zu nähern ge⸗ ſucht, das ſo kalt und ſtolz auf ſeine ganze Umgebung herunterſah, und es hatte ihn, ganz abgeſehen von dem Aeußern, das ihn beſtochen, auf das lebhafteſte gereizt, nach der Gräfin Hebe Ausdruck der Pygmalion dieſer Statue zu werden, ſo daß er mit ſeiner vollſten Liebens⸗ würdigkeit und mit all ſeinen glänzenden und bisher ſtets 68 Dreizehntes Kapitel. ſiegreichen Gaben den Kampf begann. Es war dabei nur I der bereits erwähnte, eigenthümliche Zwiſchenfall hervor⸗ r getreten, daß er ſich gelegentlich— und zwar, wie wir jn wiſſen, ſchon am erſten Abende ſeines jetzigen Aufenthal⸗ 1 tes im Schloſſe— in der Nähe derjenigen wie verzaubert fühlte, der er ſich und ſeine Huldigungen aus ganz an⸗ deren Gründen zu widmen gewillt war, und daß er unter Gräfin Hebe's Augen von einem Taumel erfaßt wurde, der oft mächtig genug war, ihn Stephanien ſo gut wie alles Uebrige für den Augenblick vergeſſen zu laſſen. Eine Leidenſchaft jedoch, die Gräfin Hebe's Zuſtande gemäß immerhin nur eine gewiſſermaßen ideale und körperloſe. ſein konnte, war des heißblütigen Franzoſen Sache nicht, und überdies war die Erſcheinung Stephaniens und, wenn ſie einmal wollte, auch ihr ganzes Weſen doch nicht un⸗ bedeutend genug, um nicht den Schwankenden ſtets aufs neue zu feſſeln, wenn er aus jenem Banne heraus und zu ihr zurücktrat. Die Bemerkung, wie ſehr er gelegentlich dem Ein⸗ fluſſe Hebe's unterlag, hatte ihn anfänglich, wenn er ſich hinterher deſſen bewußt ward, mehr als einmal förmlich erſchreckt, ſo daß er ſich wirklich vornahm, fortan etwas vorſichtiger weiter zu gehen und ſich der Zauberin fern zu halten, welche all ſeine Klugheit und Schlauheit, all ſeine Fähigkeiten in einer Weiſe einzuſpinnen vermochte, wie er es bisher noch nie empfunden. Nach und nach bemerkte er jedoch weiter, daß dieſe gelegentlichen— ſagen wir: Bezauberungen ihm bei der Förderung ſeiner eigent⸗ lichen Pläne auf die Eroberung Stephaniens, von einem Nach dem Souper. 69 ungeahnten Vortheile waren. Die junge Dame beobach⸗ tete ihn und die Tante, wie es ihm ſcheinen wollte, mit immer eiferſüchtigeren Augen, und in jenem raſchen Zwie⸗ deſvräch, das wir neulich belauſchen durften, hatte ſie ſich, wie Vial wiumphirend erkannt zu haben glaubte, zum erſten Male trotz aller Sceu und Zurückhaltung dennoch wirklich fortreißen laſſen. Und wie wenig es geweſen— denn es brin bei die⸗ ſen paar Worten, die, wie ein Blitz vorüberfahrend, nach ſeiner Ueberzeugung Stephaniens Inneres vor ihm erleuch⸗ teten, und in den Tagen ſeither war ſie zurückhaltender, ja, kälter geweſen als je— ſelbſt dieſes Wenige war für Vial und ſeine Pläne von gar nicht zu überſchätzendem Werthe und er fand darin den erſten Lohn für ſeine Be⸗ mühungen und Bewerbungen. Er hatte längſt begriffen, daß, was er am erſten Abend ſeines jetzigen Aufenthaltes in der Fenſterniſche von ihr zu hören geglaubt und für einen ihn ſelbſt überraſchenden Erfolg gehalten, vermuth⸗ lich ganz etwas Anderes und nur ſehr zufällig für ihn da geweſen ſein mochte. Schon ihr damaliges raſches und ſtolzes Abbrechen und Zurückweichen hatte ihn an ſeinem Triumphe wieder zweifeln laſſen, und die ſeitdem ver⸗ floſſene Zeit, ſo wie alles, was er von ihr ſah und hörte, wie er ſie fand—— alles belehrte ihn, daß dieſe Burg ein wenig unzugänglicher war, als er es auf ſeinem bis⸗ herigen ſiegreichen Lebenswege kennen gelernt. Und dennoch erſchien ihm dieſe Burg, um bei dem auf⸗ genommenen Bilde zu bleiben, allmälig immer begehrens⸗ werther und würdig, daß man alle Kräfte an ihre Erobe⸗ ——— ———— 70 Dreizehntes Kapitel. rung ſetze. Wir wiſſen, daß er durch Gräfin Hebe in ge⸗ wiſſe Familien⸗Intriguen eingeweiht war, und er, der bis⸗ her Stephanien wirklich mehr um ihrer ſelbſt willen den Hof gemacht, fing an zu berechnen, daß die Erkorene mit einem glänzenden Vermögen ſich noch beſſer r Vicom⸗ teſſe Vial eignen würde, als ob⸗⸗ vaſſelbe. Sie beſaß, wie er erfahren, von Iren Eltern nichts und hatte von den Großelern nur einen für ſie und ihre Stellung keines⸗ w⸗gs glänzenden Theil des großmütterlichen Vermögens und vom Grafen Hartmuth endlich einen eben ſolchen Theil ſeines Privatbeſitzes zu erwarten. Nun ſchien es jedoch nach Hebe's Aeußerungen nicht unmöglich, daß der Großvater bei ſeiner Verſtimmung gegen ſeinen Sohn und die Rhodenfelder Enkel, ſo wie gereizt durch Hebe's In⸗ triguen in Betreff jenes illegitimen Enkels, alles daran ſetzen dürfte, der Enkelin Stephanie ſo viel zuzuwenden, wie ihm irgend möglich wurde, vielleicht ſogar den Beſitz der Grafſchaft. Und das ſchien Vial ein Preis, der ſchon ein wenig ernſtere Anſtrengung und Ausdauer verdiente. Nur war es übel, daß, wie ſchon angedeutet, dieſe Ausdauer bisher eine vollkommen vergebliche geweſen. Denn ſo lange er nun auch ſchon mit der Dame neben einander lebte und durchaus unbehindert verkehrte, näher gekommen war er ihr dennoch um keinen Schritt, wenig⸗ ſtens nicht auf dem Terrain, wo es ihm darum zu thun war. Im Gegentheil war ihre Haltung, ihr Blick und Ton, ihr ganzes Weſen, ſobald Beide in ihren Unterhal⸗ tungen von dem Haß Stephaniens gegen ihre Tante und von der für Vial, Hebe gegenüber nöthigen Vorſicht ab⸗ Nach dem Souper. 71 ſchweiften, ausnahmslos von jener Kälte und Zurückhal— tung, von jener Fremdheit und jenem Stolze, die auch wir an ihr kennen gelernt und die Vial ſogar faſt immer zurückhielten von einer zärtlicheren Sprache oder gar von einer wirklichen Erklärung ſeiner Liebe. Und wo er etwas Aehnliches gewagt— neulich vor der Tafel— hatte ihn zwar kein Wort und kein Blick, zu welchen beiden ſie keine Zeit fand, abgewieſen, aber auch damals ſo gut wie hinterdrein nicht das Geringſte ermuthigt. So freute er ſich jener ihrer raſchen Worte, und zwei⸗ felte doch wieder an dem, was er darin gefunden. Er wußte überhaupt nicht mehr, was er von ihr zu halten haben möchte. Was war das zum Beiſpiel, daß ſie ihren Vetter Eugen bei ſeiner gelegentlichen Anweſenheit wenig oder gar nicht zu beachten ſchien und in ſeiner Abweſen⸗ heit jedes auch noch ſo zufällige und leiſe Wort, das Vial gegen ihn und ſeine Stellung äußerte, auf das kälteſte zurückwies? Vial verzagte daran, auf dem gewöhnlichen Wege über ſie und ihre Gefühle zur Klarheit zu gelangen, ge⸗ ſchweige denn, ſie wirklich ſich zu gewinnen. Auf gab er die Belagerung darum jedoch nicht. Nur meinte er, daß hier nichts beſſer als eine Ueberrumpelung am Platze ſein dürfte, das raſche Ergreifen einer hoffentlich doch einmal erſcheinenden ſchwachen Stunde, in der die ſchöne Starre ſich dann ſo weit fortreißen ließ, daß ſie nicht wieder zu— rückkonnte.— Und ſolch eine Stunde ſchien heute ge⸗ kommen. Heute ſchien die Statue wirklich erwacht zu ſein, ſchien 72 Dreizehntes Kapitel. das Herz zu ſchlagen, ſchien in dem dunkelblauen Auge ſich ein ſüßes, ſcheues und doch heißes Leben zu regen. Wie das gekommen war, ob es ihm wirklich günſtig — das wußte Vial nicht, aber er nahm das Letztere we⸗ nigſtens gläubig an und rückte vorſichtig und verdeckt im⸗ mer näher, dem letzten, jähen Sturme entgegen. Und ſie duldete das nicht gleichgültig, ſondern ſogar freundlich. Sie ließ ihn ſeine Huldigungen darbringen, ſie hörte ſeine Betheuerungen und immer kühneren Liebesworte an, ſie erwiderte ſie hier und da ſogar durch einen träumeriſchen Blick, durch ein mildes oder auch leiſe ſcherzendes Wort. Sie war überhaupt ſo ganz anders als ſonſt, nicht kalt, nicht ſtolz, nicht ſtreng, ſondern ſichtbar bewegt, zerſtreut und träumeriſch, erregt und wieder faſt ſchmachtend. Und ſie war ſo hinreißend ſchön in dieſer ihm ganz neuen Weiſe, daß ſein Blut in immer heißere Wallung kam, daß ſeine Augen immer heißer blitzten. Heut' oder nie! flüſterte, bebte es in ihm, als er ſie jetzt wieder beim Tanze in ſeinen Armen hielt, ihr Buſen wogte, ihr Herz faſt gegen das ſeine ſchlug, der Hauch ihres Mundes ſeine Wangen ſtreifte und erglühen ließ, alles an ihr ſo weich hingegeben ſeiner Führung folgte.— Heut' oder nie! flüſterte es wieder in ihm, als ſie jetzt ausruhend im Hintergrunde des Saales, zurückgezogen von den anderen Paaren, neben einander ſtanden. „Mir iſt ſo heiß, mir iſt ſo erregt!“ ſagte ſie leiſe, gleichſam als Antwort auf ſeine letzten Reden.„Und Sie, Vicomte, Sie laſſen mich auch nicht zur Ruhe kom⸗ men. Sie ſind von einem Ungeſtüm, der mich erſchreckt!“ ei ———— Nach dem Souper. 73 „Sind Sie nicht grauſam, Gräfin? Heute zum erſten Male weiſen Sie meine Worte nicht zurück, zum erſten Male darf ich reden von dem, was mein Herz fühlt, zum erſten Male mich ſonnen in dem Lächeln Ihrer Märchen⸗ augen—“ „Vicomte, Vicomte, wohin gerathen Sie!— Wie darf ich das hören!— Sie erſchrecken mich, ſage ich. Was iſt es denn, was Sie ſo jäh verändert? Erinnern Sie ſich an das, was—“ „Was mich verändert, Gräfin? Und an ſich ſelbſt denken Sie nicht, an ſich, die Sie doch ſo lange ſchon all mein Denken und Fühlen beherrſchen?“ „Bin ich denn plötzlich ſo anders?“ fragte ſie, mit einem träumenden, lächelnden Blicke zu ihm aufſchauend. Statt der Antwort legte er den Arm um ihre Taille und zog die königliche Geſtalt mit ſich fort in den Wirbel des Tanzes.— „Stephanie, mein Leben und mein Glück!“ flüſterte er, und ſeine Lippen berührten faſt ihre Haare, ſo nahe war ihm der ſchöne, blonde Kopf.„Heut', heut, ſind Sie aufgegangen vor mir wie die Sonne, und mein Kopf iſt trunken, und mein Herz möchte ſpringen vor all dem Jubel!— O dieſe Menge!— Könnte ich Ihnen zu Füßen ſtürzen— Ihre Hände küſſen— Sie nie anders mehr nennen als meine Stephanie—!“— „Heut’?— Louis!“— murmelte ſie. Sein Arm umſchlang ihre Geſtalt feſter und feſter, ſeine Worte ſchmiegten ſich immer leiſer, immer heißer an ihr Ohr. Ihr Buſen wogte, ihre Wangen glühten. Sie 74 Dreizehntes Kapitel. lehnte ſich feſter auf ſeinen Arm. Betäubt vollendete ſie die Runde und ließ ſich auf den früheren Platz zurück⸗ führen. Der Tanz war aus. Mit einem leiſen, zärtlichen Worte, einem tiefen, heißen Blicke ſchied er von ihr. Einen Augenblick ſtand ſie noch und ſah ihm ge⸗ dankenlos nach, wie ſeine ſchöne, ſchlanke und elegante Geſtalt durch die Menge glitt. Dann wandte ſie ſich und ſuchte den nächſten freien Sitz auf, um dort zu träumen. Es war ihr ſeltſam zu Muth, heiß und eng, bang und ſcheu und wie ſchwindelnd. Und ſo ſah ſie vor ſich hin oder auf die bunte Menge, von der ſie niemand kannte, keinem vertraute. Und zum erſten Male in ihrem Leben vielleicht empfand ſie das wie ein Entbehren. Sie hätte gerade jetzt ſo gern jemand gehabt, dem ſie den heißen Kopf vertrauensvoll ans Herz hätte legen dürfen!—— Das Orcheſter ſtimmte bereits zum nächſten Tanze; nicht fern von ſich erblickte ſie eine Gruppe plaudernder Herren, und unter ihnen ihren Tänzer. Sie konnte den Einen, vielleicht alle demnächſt neben ſich erwarten mit ihrem leeren Geplauder, mit ihren hohlen Reden. Das hätte ſie jetzt nicht zu ertragen vermocht, und langſam ſich erhebend, trat ſie mit ihrem gewöhnlichen ſtolzen Schritte hinter eine andere Gruppe, ſchritt weiter und weiter, raſcher und raſcher durch die Plaudernden und Lachenden, von denen niemand viel auf ſie achtete, verließ den Saal, eilte durch die lange Zimmerreihe und hielt erſt in dem kleinen ſchönen Raume an, der ihren Schluß bildete. Sie hatte auf ihrem ganzen Wege wenig Ruhende —— Nach dem Souper. 75 gefunden, der Tanz im Saal, das Spiel in den Zimmern drüben feſſelte noch die Geſellſchaft. Hier, in dem Kabi— net, weilte augenblicklich niemand, wie anmuthig und lockend es auch für jemand ſein mußte, der Kühle und Ruhe, ein friedliches oder inniges Geſpräch ſuchte. Die Statuen rings, die ſchweigend aus den Pflanzengruppen hervorlauſchten; der Duft der Blüthen, die Beleuchtung, welche durch die ſattrothe Farbe der Tapeten und Dra⸗ perieen noch gedämpfter und geheimnißvoller, magiſcher wurde; die Klänge der Muſik endlich, die ſich aus dem Saale herüber verloren,— alles, konnte man ſagen, ver⸗ mehrte noch die Stille und Einſamkeit dieſes entzückenden Raumes. Stephaniens Aufregung kam hier freilich nicht zur Ruhe. Es hauchte ſie aus dieſem Duft und Dämmer, aus dieſer Stille und Abgeſchiedenheit etwas an mit heißer Ueppigkeit, mit ſüßem Rauſch. Ihre Wangen glühten, ihre Pulſe klopften. Sie ſtand und ſchaute träumend zu⸗ rück durch die geöffneten Thüren, durch die lange Reihe der helleren und helleren Gemächer, bis zu dem ſtrahlen⸗ den Saal,— matt und betäubt, als könne ſie nicht weiter. Ein Mann erſchien plötzlich zwiſchen den ſchweren Vorhängen, welche mit ihren Falten den Eingang vereng⸗ ten— ein leiſer Ton des Schreckens entrang ſich Stepha⸗ niens Lippen, denn ſie erkannte Vials ſchlanke Geſtalt. Und im nächſten Augenblick war er neben ihr und hatte ihre Hand gefaßt. „Sie entziehen ſich uns? Sie fliehen?“ flüſterte er 76 Dreizehntes Kapitel. weich, faſt traurig, während zugleich ſein Auge ſich ſo heiß in das ihre ſenkte, daß ſie erbebend den Blick nie⸗ derſchlug. „Ich muß ein wenig ruhen,“ ſtammelte ſie.— „Und ich ſoll fern von Ihnen trauern?“ flüſterte er wieder und beugte vor ihr das Knie. Er zog ihre Hände an ſeine Lippen, er ſchaute zu ihr auf, in ihr Auge, das ihm nicht mehr entgehen konnte.„Stephanie, meine Göt⸗ tin! Sie, die ich anbete——“ „Vicomte— Louis!“ ſtammelte ſie tödtlich erſchrocken. „Hier! Ich flehe Sie an!— Wenn uns jemand ſähe!— Ich kehre bald zurück!“ Und plötzlich ſich losreißend, eilte ſie durch eine Thür hinter den üppigen Pflanzengruppen hinaus. Dort führte eine Treppe zu ihren eigenen Zim⸗ mern hinauf, und dahin floh ſie. Da ſtand ſie endlich wirklich allein und athmete tief auf. Sie zog die Handſchuhe ab und warf ſie von ſich. Sie ſtrich vor dem Spiegel mit den Händen leicht über die Stirn und fühlte erſt jetzt, wie heiß ſie war, und dann ließ ſie ſich in die Sophaecke gleiten. Die tiefe Stille und Einſamkeit, die kühle und reine Luft, das gedämpfte Licht der beiden Kerzen auf den Lam⸗ petten neben dem Spiegel, das alles that dem erregten, bebenden Kinde wohl, es ließ ihr Blut wieder ruhiger fließen und ihr Herz weniger heftig ſchlagen. Sie legte das Köpfchen an die Polſter und die Hände vor die Augen. Der Abend zog an ihr vorüber mit allem, was er ge⸗ bracht.— Was war denn das geweſen? Was hatte ſie ſo bewegt und erregt, was hatte Vial zu ihr reden laſſen, Nach dem Souper. 77 wie er es nie bisher gewagt? Was hatte ſie ſelbſt ver⸗ mocht, ihn anzuhören?— Und was hatte er denn gere⸗ det? Was hatte ſie ihm geantwortet?— Hat ſie ihn wirk⸗ lich„Louis“ genannt, ſie, Stephanie?— Und nun?— Was nun?— Wie wollte, wie konnte ſie ihm hinfort be⸗ gegnen?— Liebte ſie ihn?— Nein! Er war ihr in dem langen, ungezwungenen Verkehr angenehm und bekannter geworden, als irgend ein Anderer. Er war ein ſchöner Mann, ein heiterer Geſellſchafter, geiſtvoll und glänzend, mit einer ausgezeichneten Carriere vor ſich. Er ſchien ſie wirklich zu lieben und mit der Tante, die ſie, ſie wußte ſelbſt nicht weßhalb, haßte, wirklich nur zu ſpielen. Heute Abend noch hatte er ihr etwas mitgetheilt— Doch ſie verweilte nicht hierbei. Die letzte Scene drängte ſich vor ihre Augen, in ihren Kopf,— ſein Ton, ſein Blick, ſeine Anmuth und ſein Ungeſtüm, ſeine Worte, die ſo ſchmeichleriſch, ſo berückend ſich an ſie ſchmiegten— die ganze Situation im dämmerigen Raum dort unten, die ſie noch jetzt erſchreckte— Und zwiſchen all dieſen Gedanken, Träumereien, Bil⸗ dern, erhob ſich plötzlich, ohne daß ſie ſie gerufen, ohne daß ſie wußte, woher, weßhalb ſie kam, eine andere Ge⸗ ſtalt in Anmuth und Stolz, ein Geſicht voll ruhigen, ehr— lichen, Vertrauen erweckenden Ernſtes, und es war ihr, als vernehme ſie die Stimme, die, wie ſelten ſie auch an⸗ ſcheinend auf dieſelbe gehört, ihr doch ſtets zu Herzen gedrungen— Ein leichtes Geräuſch ließ ſie jäh zuſammenfahren und aufſehen. Sie ſaß wie gelähmt, ſie ſah Vial wiederum 78 Dreizehntes Kapitel. zu ihren Füßen ſtürzen, ſie hörte ihn aufs neue zu ihr flüſtern, ſie fühlte ſeinen Arm um ihre Taille, und da erſt zuckte ſie auf, ſchlank und hoch. Ihr Auge war nicht mehr allein voll tödtlichem Schreck wie vorhin, nein, jetzt flammte auch ein glühender Zorn daraus hervor und begegnete drohend dem Blick des Kühnen.— „Mein Herr!“ rief ſie außer ſich, voll Leidenſchaft.— In dem gegenüber liegenden Flügel des Schloſſes, in der Nähe jenes Wohnzimmers, welches, nach dem Parke hinaus liegend, ſchon einige Male von uns betreten wurde, breiteten ſich die Zimmer aus, welche ſeit dem Tode der Mutter von Comteſſe Hebe allein bewohnt wurden. Es war hier heute Abend nicht weniger ſtill als wir es droben bei dem jungen Mädchen fanden, und von dem Geräuſch des Feſtes drang nicht ein Laut in dieſe zierlich eingerich⸗ teten Räume. Kein Diener betrat den Corridor, der an den Zimmern entlang führte, keiner der jüngeren oder dem Hauſe fremderen Gäſte verirrte ſich hieher, und nichts ver⸗ rieth, daß dennoch in dem letzten Gemache ſich nach und nach eine kleine Herren⸗Geſellſchaft zuſammengefunden hatte, die das ſchöne Zimmer mit Rauchwolken füllte. Denn man rauchte hier, und, wie man's in ſolchem Raume liebt, war die Erleuchtung nicht überreichlich, ſondern beſchränkte ſich auf wenige Kerzen. Dafür gab es deſto mehr Wein⸗ flaſchen, denen eifrig zugeſprochen wurde, und die auf einem Spieltiſche liegenden gebrauchten Kartenſpiele und zerſtreuten Marken ſchienen anzudeuten, daß derſelbe erſt Nach dem Souper. 79 ſeit Kurzem verlaſſen worden. Kurz, es war alles genau ſo, wie ältere Herren es lieben, wenn ſie ſich einmal zu dem Opfer an Zeit und Behaglichkeit verſtanden haben, welches ein Ball, den ſie mit den Ihrigen beſuchen, von ihnen verlangt, und es war von Gräfin Hebe beſonders rückſichtsvoll, daß ſie ihnen dieſes Gemach eingeräumt und eingerichtet hatte, in dem von keinerlei Störung der größ⸗ ten Behaglichkeit die Rede ſein konnte. Aber die Mienen der Herren durfte man nicht an⸗ ſehen, wenn man die Idee eines gemüthlichen Rauch⸗Col⸗ legiums feſthalten wollte; es war nicht ein Geſicht in die⸗ ſem Raume, das nicht voll des tiefſten Ernſtes, voll des ſorgenvollſten Nachdenkens. Und man durfte auch nicht auf das hören, was geredet wurde— es war fern von der Heiterkeit der Gelegenheits⸗Anekdoten und von der Gemüthlichkeit der herkömmlichen Familienberichte. Es wa⸗ ren Unterhaltungen der ernſteſten Art, und jetzt ſchwieg alles rings und lauſchte dem einen Sprecher, der vor Kurzem erſt mit dem Grafen Eberhard hereingetreten und von dem Letzteren der Geſellſchaft vorgeſtellt worden war. „Meine Herren,“ hatte der Graf geſprochen, und ſeine Augen hatten mit ungewöhnlichem Feuer den Kreis über⸗ flogen,„wir haben uns heute Abend endlich zu dem entſchließen und vereinigen wollen, was wir auf unſrer Seite und hier in unſerem Vaterländchen zu thun ver⸗ pflichtet und im Stande ſind, wenn das ganze Deutſchland ſich demnächſt gegen die Zwingherrſchaft erhebt, die uns ſo lange zu Boden hält und uns eine Schmach der Knecht⸗ 80 Dreizehntes Kapitel. ſchaft zu dulden gibt, wie ſelbſt in unſerer, häufig ſo trau⸗ rigen Geſchichte noch nie davon zu berichten war. Eines Sinnes ſind wir ſtets geweſen, und ſeit dem Beginne des ruſſiſchen Krieges haben wir das verlorene Vertrauen ſich wieder regen gefühlt, daß das Ende dieſer Zuſtände nicht mehr fern ſein könne; wir haben nachzudenken begonnen, wie wir unſer Handeln mit dem in Einklang bringen könnten, was in Preußen geſchehen muß und wird. Von einem vereinzelten Aufſtande und Vorgehen, wie hier und da einige Hitzköpfe in Stadt und Land dazu drängten, konnte und kann kaum die Rede ſein. Unſer Ruin wäre unvermeidlich und doch für das Große und Ganze voll⸗ kommen nutzlos. „Sie wiſſen alle von mir,“ redete er weiter,„daß im Herbſt der Ihnen dem Namen nach rühmlichſt bekannte frühere Rittmeiſter von Hoven bei mir einſprach, von Ruß⸗ land kommend und mit Nachrichten von unſerem Freunde Leo Rettfeld. Sie wiſſen ferner, daß ich mit ihm über unſere Zuſtände, ſo eingehend ich's vermochte, ſprach und ihn, als er ſcheiden mußte, bat, uns von Berlin aus nicht nur aus dem Laufenden zu erhalten, ſondern auch an den paſſenden Stellen zu ſondiren, wie weit wir beim endlichen Ausbruch auf eine Unterſtützung und Förderung unſeres Vorgehens zu rechnen haben würden. Zugleich brauchten wir Männer, welche den Aufſtand und die aufzuſtellenden Truppen zu organiſiren verſtehen, welche mit Einem Wort dafür ſorgen, daß unſere Kräfte nicht nutzlos zerſplittern und verpuffen, ſondern den größtmöglichen Erfolg erzielen, daß wir zur rechten Zeit und am rechten Platze, mit aller Kr Nach dem Souper. 81 Kraft in das Ganze eingreifen. Mit dem Willen, den wir alle haben, iſt es da nicht abgethan. „Darüber ſind wir alle einig, aber wir alle wiſſen, daß die Zeit immer näher rückt, wo von uns nicht mehr Reden und Ueberlegen, ſondern Handeln verlangt wird. Wir konnten uns aber bisher nur mühſam und einzeln verſtändigen— die Hand der Franzoſen liegt ſchwer auf uns und ihre Augen ſind allerwärts. Meiner Schweſter nur mit ihrem glänzenden Uebermuth konnte es endlich gelingen, unter den Augen der Feinde, ja, mit ihrer Hülfe uns eine Gelegenheit zu ſchaffen, wo wir alle uns zu⸗ ſammenfinden und ausſprechen konnten. Und daß der Himmel uns wohl will,— heute Nachmittag iſt dieſer Freund bei mir eingetroffen,“ ſetzte der Graf hinzu und ergriff ſeines Begleiters Hand.„Ich habe ihn als einen Herrn von Seelhorſt eingeführt, unter welchem Namen er bei uns weilen wird, und ſtelle ihn Ihnen jetzt als den Rittmeiſter von Hoven vor, der, von General Scharnhorſt beglaubigt, zu uns kommt, um uns alles zu gewähren, was einſtweilen möglich iſt— vor allen Dingen, ſich ſelbſt zu uns zu bringen und ſelbſt uns mit ſeinem Mugh, ſei⸗ ner Entſchloſſenheit, ſeinen Talenten zu unterſtützen. Einen beſſeren Mann hätten wir uns nicht wünſchen können!“ Die Herren waren von dieſer Erklärung, welche für unſere Leſer keine überraſchende mehr ſein kann, auf das lebhafteſte berührt. Von allen Seiten traten ſie heran, dem Gaſte die Hand zu ſchütteln, ihm ihre vollſte Befrie⸗ digung über die Annahme dieſer Sendung auszudrücken, Hoefer, Fremdherrſchaft. II. 6 82 Dreizehntes Kapitel. und Vetter Chriſtian, der, obgleich mancher unſerer Leſer das nicht vermuthet haben mag, gleichfalls zugegen war, meinte im jovialſten Tone:„O Gott meines Lebens, was würden die lieben Herren Franzoſen ſich wundern, wenn ſie vernehmen ſollten, daß der Komet noch einmal ſichtbar geworden, und daß das Va banque ihnen nicht nur dort am grünen Tiſche, ſondern auch im Hinterzimmer zu Nieder⸗Rhoda geboten wird!“ Selbſt Hoven lächelte jetzt und ſchüttelte die Hand des alten wunderlichen Geſellen, aber Graf Eberhard ſagte:„Nun genug der Vorreden.— Sicher ſind wir. Meine Schweſter beſchäftigt mit einigen anderen Damen die Aelteren; die junge Welt hat mit ſich ſelber genug zu thun. Mein Neffe Eugen gibt Achtung nach allen Seiten hin, und behorcht können wir in dieſem Raume nicht wer⸗ den. Alſo vorwärts, Freund Hoven, damit alle Ihre Nach⸗ richten erfahren und wir zu den weiteren Verhandlungen übergehen können.“ Hoven hatte ſich bisher ſchweigend neben dem Grafen gehalten; mit Ausnahme jenes Lächelns über des„Vet⸗ ters“ Worte war aus ſeinen Zügen der vollſte und kälteſte, Ernſt keinen Augenblick entwichen, und ſein Auge muſterte mit ruhiger Aufmerkſamkeit diejenigen, mit denen er fortan handeln ſollte.— Nun verbeugte er ſich und ſagte:„Daß ich heute kam, hat ſeinen Grund in einer Nachricht von unberechenbarer Wichtigkeit, die wir vorgeſtern Abend er⸗ hielten und die das Ende der Schmach bis auf wenige Schritte heranzurücken ſcheint— der Corſe hat am 6. De⸗ cember die Trümmer ſeiner Armee verlaſſen, den Ober⸗ Nach dem Souper. 83³ Befehl an Murat übertragen und eilt nach Frankreich, um eine neue Armee zu ſchaffen.“— Ein Laut des Erſtaunens ging durch die lauſchende Geſellſchaft, Keiner aber hatte ein Wort, und nach einer Pauſe fuhr Hoven im früheren, ziemlich kalten Tone fort: „Wir wußten längſt, daß die Verluſte der Armee auf dem Rückzuge von Moskau enorm ſeien; das letzte Bulletin ſoll noch größere zugeſtehen, als man geahnt. Wir ſahen es freilich noch nicht, man hält es noch geheim. Allein was thut das, da wir ſchon über ſeine Zugeſtändniſſe hinaus ſind!— Denn auch das iſt noch nicht genug. Die Adjutanten, welche von den Generalen Bülow und York in Berlin anlangten, bringen noch ganz andere Nachrich⸗ ten, und auch auf Privatwegen erfuhren wir, daß von einer Armee gar keine Rede mehr, ja, nicht einmal von einem Corps, einem wirklichen Regiment oder Bataillon. Mit Ausnahme des preußiſchen Corps und der Truppen, die mit ihm vereint unter dem Marſchall Macdonald ſtehen, iſt ſo gut wie nichts mehr zuſammen, das Elend und die Auflöſung iſt über alle Grenzen, allen Glauben groß.— „Daß die ruſſiſche Armee nach dieſem Feldzuge gleich⸗ falls nicht gut, ja, vielleicht nicht viel beſſer daran iſt, als der Feind, ſieht jeder Militär auf den erſten Blick ein. In meinem, in Vieler Sinne iſt das jedoch wenig zu beklagen. Es gibt Viele, denen die ruſſiſche Hülfe nicht gerade will⸗ kommen iſt, und überdies eröffnen ſich nach dieſem unbe⸗ rechenbaren Ausgange des Feldzugs plötzlich ganz andere Geſichtspunkte, zeiget ſich die Möglichkeit anderer Combi⸗ 84 Dreizehntes Kapitel. nationen.— Die 15,000 Mann unter York, die Truppen, die wir in Preußen, Pommern und Schleſien haben, ge⸗ nügen, ſo gering ihre Zahl im Ganzen auch iſt, vollkom— men, die letzten Feindestrümmer völlig zu vernichten oder die Ruſſen in ihre Grenzen zu bannen. Das ſehen und fühlen nicht wir allein, das fühlt und ſieht das ganze Land. Es beginnt ſich allerwärts zu rühren, es drängt von allen Seiten. Die Indifferenz und Entmuthigung, welche ſeit den Verhandlungen des vorigen Jahres, ſeit der troſtloſen Nachgiebigkeit, ſeit dem ſchmachvollen Bünd⸗ niß mit dem Feinde beſonders, alle Stände gleich erfaßte und lähmte,— ſie beginnt zu weichen,— alles iſt er⸗ füllt von Einem Haß, von Einem Muth, von Einer Hoff⸗ nung. „Was daraus wird, meine Herren,“ fuhr er lebhaf⸗ ter und nach und nach wärmer fort, aber ſein Blick wurde dabei nicht heiterer, ſondern nur finſterer,„das weiß nie⸗ mand als— genug davon!— Dieſes iſt das Gute, was ich Ihnen mittheilen konnte, das Sichere. Was daraus wird, ob wir den Haß noch einmal verſchließen und die Hoffnung noch einmal zu Grabe tragen, ob noch einmal, wie vor einem Jahre, unſere Beſten und Bravſten ver⸗ zweifelnd in die Fremde gehen müſſen, oder ob man end⸗ lich die Zügel frei läßt und uns Raum gibt, ob man mit einem Wort die Situation benutzt, die uns aufgedrängt wurde und eine ſolche iſt, wie ſie vielleicht in Jahrhunder⸗ ten ſich nicht wieder bietet,— das, meine Herren, hängt von dem Syſtem ab, dem Preußen folgt.— Ob man freilich überhaupt ein Syſtem hat,“ redete er weiter, und Nach dem Souper. 8⁵ das Lächeln in ſeinen Zügen ward immer bitterer,„das — wiſſen wir, wie geſagt, nicht. Es ſcheint faſt, als wolle man nur temporiſiren oder den Entſcheidungen die Spitze abbrechen, ohne vermuthlich ſelbſt ſich klar zu ma⸗ chen, wohin man auf ſolchem Wege geführt werden dürfte. „Daß man mit Frankreich ſo zart und demüthig ver⸗ fährt, wie möglich, das iſt ſicher, eben ſo, daß man mit Rußland immerhin noch nicht ganz gebrochen hat, ſondern im Geheimen die alten Fäden weiter ſpinnt, daß man endlich mit Oeſterreich unterhandelt. Was man will, wie weit man iſt, das— weiß wieder niemand, obſchon es klar ſein dürfte, daß uns von all dieſen drei Seiten nichts Gutes, wenigſtens nichts Ehrliches zurück geboten wird.— Alles in allem: das Schwanken und die Unentſchloſſenheit war nie trauriger und nie gefährlicher, als jetzt. Und was geſchehen ſoll und muß, von oben kommt man nicht dazu, ohne von unten her dazu gezwungen zu werden. Wir haben noch die eine, aber ziemlich begründete Hoff⸗ nung, daß die Ereigniſſe plötzlich den Zögerern über den Kopf gehen, und daß das ſich erhebende Volk, von dem man oben nichts weiß oder nichts will, allem weiteren Schwanken ein Ende macht. Anzeichen davon gibt es ſchon allerwärts. In Oſt⸗Preußen beſonders iſt alles in Auf⸗ regung. Wir wiſſen, daß die Truppen des York'ſchen Corps ausnahmslos nur auf den erſten Wink warten, ſich gegen den bisherigen Bundesgenoſſen zu wenden; daß faſt alle Offiziere ein weiteres Zuſammengehen für unmöglich erklären, ja, daß zwiſchen ihnen ſchon ernſtlich von einer Löſung dieſes ſchmachvollen Verhältniſſes die Rede war. 86 Dreizehntes Kapitel. Ich glaube ſo gut, wie noch manche Andere— die Ent⸗ ſcheidung liegt in York's Händen. Kann man den eiſernen Mann davon überzeugen, daß ein Schritt rechts oder links den Staat retten oder vernichten muß,— ſo hat man ihn und damit die Rettung. „Das iſt das Bild unſerer Zuſtände. Iſt es verwa⸗ ſchen und trüb,— es iſt nicht meine Schuld. Illuſionen ſind für uns am wenigſten angebracht. Wir haben das Gute vor uns, ſo daß wir nur zuzugreifen brauchen. „Daß wir zugreifen dürfen, das wollen wir hoffen, darauf uns rüſten,“ ſprach Hoven weiter, und Blick und Ton des Mannes wurden wieder heiterer.„Die Wichtig⸗ keit dieſer Landſtriche für die Erhebung brauche ich Ihnen nicht aus einander zu ſetzen. Haben wir ſie, ſo ſchließen wir im Verein mit den preußiſchen Provinzen den Feind von dem ganzen rückwärts liegenden Küſtenſtriche ab, wir haben die Zufuhr überall frei und bieten einem engliſchen, ſchwediſchen oder ruſſiſchen Invaſions⸗Corps die beſte Ge⸗ legenheit und den freieſten Raum, ſich hier zu ſammeln und von hier aus dem Feinde in den Rücken und, nach Hamburg zu, in die Flanke zu fallen.— Alſo vorwärts, meine Herren! Vorſichtig, aber kraftvoll! „Den Feind aus dem Lande zu werfen— das iſt nicht die Hauptſache, im Gegentheil, es iſt das Wenigſte. So viel ich im Herbſt von Ihrem Lande und Ihren Kü⸗ ſten kennen gelernt habe, wäre es eine Kleinigkeit bei der Stimmung des Volkes und den vorhandenen Mitteln, das ganze franzöſiſche Weſen mit Einem Schlage los zu wer⸗ den.— Die Hauptſache aber iſt, daß der Feind auch fort Nach dem Souper. 87 bleibt, und dazu brauchen wir keinen raſchen Aufſtand, ſondern eine nachhaltige Erhebung, ein feſtes Zuſammen⸗ halten. So wie Preußen ſich gegen die Franzoſen ent⸗ ſchieden hat, wird uns nicht nur der Aufſtand in den nächſten Provinzen die Hand bieten, ſondern ich habe Ihnen auch die Verſicherung zu geben, daß Sie augen⸗ blicklich nicht nur den Bedarf an Material—“ „Deſſen bedürfen wir nicht,“ unterbrach den Sprecher der Baron, mit deſſen Gemahlin Graf Eberhard vorhin zu ſeiner Schweſter Tafel getreten war.„Wir haben Ueberfluß, unſere braven Schmuggler ſorgen dafür. Es iſt kein Mann im Lande, den wir nicht bewaffnen könn⸗ ten. Aber daß ſie dieſe Waffen richtig gebrauchen, daß ſie Anhalt und Beiſpiel haben, Führung und Ordnung— Graf Eberhard deutete vorhin ſchon darauf hin— das, Herr von Hoven, das fehlt uns!“ Hoven verbeugte ſich ernſt.„Auch darüber kann ich Sie beruhigen,“ verſetzte er wieder kälter.„Man bietet Ihnen ein oder zwei Bataillone und überdies wenigſtens einige Offiziere— viel kann Preußen nicht abgeben. Wir müſſen uns eben behelfen.“— „Das wollen wir auch!“ rief der Baron und erhob, während zugleich auch alle Uebrigen raſch ihre Plätze ver⸗ ließen, die ſtattliche Figur von ſeinem Sitz, trat zu Hoven und bot ihm die Hand hin.„Schlagen Sie ein, mein Freund! Schlagt ein, ihr alle!— Ein Mann, ein Wort, ein Herz, ein Schlag!— Zeigt uns nur die Möglichkeit eines Erfolges, die Ahnung eines Anhaltes, und ihr ſollt in uns und den Unſeren eure Leute finden!— Für das 88 Dreizehntes Kapitel. Vaterland und gegen den Feind wird uns nichts zu ſihwer ſein!— Schlagt ein!— Für's Vaterland!“— Sie ſchlugen alle ein, Einer nach dem Anderen, und ſtanden Hand in Hand da, und mehr als ein Auge war feucht, und mehr als einer der ſtarken Männer bebte in der Bewegung des ernſten Moments. „So gebe Gott denn auch fürder ſeinen Segen dazu, wie er es bisher gethan,“ ſagte Graf Eberhard nach einer Pauſe,„denn ſelbſt das Wenige, was geſchehen oder viel⸗ mehr nur vorbereitet wurde, konnte allein unter einem höheren Schutz möglich werden. Aber ich baue auch auf dieſen Segen; unſer Rüſten und Kämpfen gilt den edelſten Gütern der Menſchheit, es gilt der Wiedererlangung un⸗ ſerer Volks⸗ und Menſchenrechte, die wir in ſchmachvoller Indifferenz und Schwäche von dem ſchlauen, nur durch unſere Zwietracht, Eiferſucht und durch unſeren verblen— deten Hochmuth übermächtig gewordenen Feind uns ſtehlen und vernichten ließen. Einem ſolchen Streben muß unſer Herrgott hold ſein, und ich ſehe ſeine Gnade ſchon darin, daß wir uns überhaupt zu ſolchem Streben, zu ſolcher Einigkeit, vor allem zu der Selbſtloſigkeit erheben konnten und hoffentlich immer weiter erheben werden, die in ſo ſcharfem Gegenſatz gegen das ſteht, was wir bis vor kur⸗ zer Zeit leider noch in Deutſchland im Gange ſahen. Schon jetzt denkt jeder— gleichviel aus welchen Motiven das urſprünglich auch noch geſchieht— nicht mehr an ſeine Provinz, ſein Vaterländchen, ſondern an das Große, Ganze, durch deſſen Vereinigung und Zuſammenhalten allein der Sieg ermöglicht, ja geſichert werden kann. Und Nach dem Souper. 89 daß auch wir uns darüber klar werden, das iſt, ſcheint mir, ſchon die erſte, dankenswertheſte und ſegensvollſte Folge unſerer heutigen Zuſammenkunft. „Das Uebrige wird ſich leichter finden,“ redete er weiter.„Wir kennen uns jetzt, wir fühlen uns als Eins, wir wiſſen, was wir zu erſtreben, wem wir zu vertrauen haben. Sie werden in Dreiheiligen weilen, lieber Hoven, — ich hoffe, ohne Gefahr oder Störung. Ich weiß,“ fügte er, mit leichtem Lächeln ſich im Kreiſe umſchauend, hinzu,„des Generals Unterhaltung hat Einen oder den Anderen der Wenigen, welche ich damals ſchon in das Geheimniß hatte blicken laſſen können, mit Sorge erfüllt. Aber mit Unrecht, Freunde! Grade weil Renaud ge⸗ ſprochen, fürchte ich nichts, ſetze ich bei ihm keinen Arg⸗ wohn voraus. Es iſt kein Mann, der mit ſeinen Anſich⸗ ten und Plänen Verſteckens gegen uns ſpielt.— Da fürchte ich den Vicomte Vial mehr, er ſcheint mir gefähr⸗ licher als meine Schweſter glaubt. Ich traue ihm nicht und wir müſſen daran denken ihn los zu werden.— „Aber genug davon,“ fuhr er nochmals fort.„Wie die Sachen bei uns ſtehen, läßt ſich in drei Worten ſagen. Die Aufſicht im Lande iſt weniger ſtreng geworden, die meiſten Truppen haben uns verlaſſen; der Erſatz iſt un⸗ bedeutend oder beſteht aus Rekruten oder Weſtfalen, bei denen wir mit Recht Sympathieen für unſere Sache vor⸗ ausſetzen dürfen. Wir haben ein Schützencorps, das auf den erſten Ruf zuſammen ſein kann; wir haben zweitens eine eben ſo ſchnell zu vereinigende Schaar von den vielen müßigen Seeleuten— Burſche, die nach Karſten Herbarts 90 Dreizehntes Kapitel. Ausdruck den Teufel aus der Welt jagen würden. Wir haben drittens überall, wo es ſich ohne Beobachtung thun ließ, unſere Leute ſo viel wie möglich geübt, ſo daß ihre volle Ausbildung raſch gehen wird, zumal wir alte Sol⸗ daten genug unter ihnen haben. Und endlich beſitzen wir Vorräthe an Waffen und Munition an ſicheren Plätzen, welche ſich täglich vermehren und von denen wir in einigen Monaten unſeren Nachbarn noch abgeben können. „Das iſt, in Kurzem, alles. Das Genauere wird Ihnen bei mir in Dreiheiligen vorgelegt und übergeben werden, lieber Hoven,“ ſchloß Graf Eberhard.„Wir ſtellen das Land, die Vorräthe, uns ſelbſt mit Vertrauen unter Ihre Leitung und Anordnung. Jetzt, ihr Herren, laßt uns bereden, was am nothwendigſten iſt— das iſt die Aufrechterhaltung und Vermehrung unſerer Verbin⸗ dungswege. Wir müſſen fortan nicht nur in Bezug auf das Ganze und Große, ſondern auch in Betreff der Ein⸗ zelheiten einig und auf alle Vorkommniſſe möglichſt ge⸗ rüſtet ſein. Eine Gelegenheit uns alle zuſammen zu ſehen und uns zu verſtändigen, wie ſie das heutige Feſt bietet, dürfte nicht wiederkehren. Und ſelbſt heut ſollen wir vorſichtig ſein und unſere Entfernung aus den Feſt⸗ räumen nicht auffällig werden laſſen.“ Es geſchah nach ſeinen Worten. Die Männer ſaßen zuſammen und beredeten ernſt das Nothwendige. Es er⸗ ſchien Hoven ſeltſam und erregte ſein ernſtes Nachdenken, wie häufig er dabei dieſe ſtolzen Herren des armen alten Schäfers gedenken, wie unbedingt er ſie demſelben ver⸗ trauen hörte. Er mußte erkennen, daß Steffen Schütze Nach dem Souper. 91 noch mehr als Gräfin Hebe alle Fäden zu dem in der Hand hatte, was ſich vorbereitete. Die Verbindung zwiſchen den Anweſenden nicht nur, ſondern überhaupt zwiſchen Stadt und Land, ja bis zu den Vaterlandsfreunden jen⸗ ſeits der Grenzen, anzubahnen und zu erhalten, den Feind bis in ſeine geringſten und geheimſten Bewegungen zu überwachen, das meinte man niemand mit mehr Hoffnung auf Erfolg anvertrauen zu können als dem Schäfer. Endlich, nach einer langen Zeit, erhob ſich Eberhard, winkte dem Baron und verließ nach den Worten:„Nun zurück. Muth und Vorſicht ihr Herren!“— mit demſelben das Gemach. Die Anderen folgten nach und nach. Als der Graf mit ſeinem Begleiter in die Spiel⸗ zimmer trat, fanden beide die Tiſche zwar beſetzt und alles in beſter Stimmung, allein die Damen hatten ſich bereits zurückgezogen und von General Renaud war nichts zu erblicken. Deſto raſcher gingen die beiden Männer weiter, in den Saal, wo eben der Tanz pauſirte und ſich alle anſcheinend ſo munter wie je durch einander trieben. Com⸗ teſſe Hebe ſahen ſie auf ihrem erhöhten Sitz in verhältniß⸗ mäßiger Einſamkeit; denn allein die Baronin Marianne war neben ihr und Beide plauderten mit Sophie Magda⸗ lene, welche indeſſen nur ein halbes Ohr für die Unter⸗ haltung zu haben ſchien. Ihr Auge flog wenigſtens von Zeit zu Zeit wie ſuchend über den Saal, und als ſie jetzt die nahenden Männer bemerkte, trat ſie ihnen raſch ent⸗ gegen, hing ſich an des Onkels Arm und flüſterte ihm haſtig zu:„Iſt Eugen bei euch geweſen?“ Dreizehntes Kapitel. Er ſah ſie freundlich an.„Weßhalb fragſt du, Kind?“ verſetzte er.„Du biſt aufgeregt. Iſt etwas vor⸗ gefallen?“ „Ich weiß nichts,“ gab ſie zur Antwort.„Ich hatte mit ihm zu reden. Es iſt ſeltſam, daß ich ihn, ſeit wir von Tiſch aufſtanden, nirgends mehr ſah.“ „Ihr ſeit wie ein Liebespaar,“ ſagte er ſcherzend. Da er jedoch bemerkte, daß der Schweſter Blicke ihn mit ſichtbarer Ungeduld ſtreiften, ſo ſetzte er nur noch hinzu: „Ich habe ihn gleichfalls nicht geſehen. Aber was thut das, Kind? Eugen hat heute Abend auch ſein Amt!“— und trat dann vollends zu den beiden Damen heran, mit denen ſein Begleiter ſchon im Geſpräch begriffen war. „Eure Spielluſt hat ſich ſchnell verloren,“ meinte er lächelnd. Gräfin Hebe zuckte die Achſeln.„In unſerer Zeit wird Einem jedes Vergnügen geſtört,“ ſprach ſie in einem Tone, der den Bruder ſofort aufmerkſam machte.„Der arme General hat keine freie Stunde mehr; ſogar hieher verfolgten ihn ſeine Depeſchen, und zwar obendrein noch unangenehme, wie es ſcheint. Er ſah wenigſtens verzwei⸗ felt finſter, ja, faſt verſtört aus, als er zu uns zurück⸗ kehrte, und es wäre eine Grauſamkeit geweſen, ihn durch ſeine Zerſtreutheit noch mehr verlieren zu laſſen, er war ſchon ohnedies nicht glücklich.— Sollte es unſere Nach⸗ richt geweſen ſein?“ fügte ſie raſch und ernſt hinzu.„Er ſcheint an den Aufbruch zu denken; wenigſtens iſt er ſehr ungeduldig und verdrießlich, daß man unſeren werthen Vicomte nicht finden kann, nach dem er ſogleich verlangte.“ Nach dem Souper. „Wer? Vial?“ fragte Graf Eberhard überraſcht. „Ja wohl, unſer Herr Kommandant iſt verſchwun⸗ den und wird, wie uns eben ein Offizier ſagte, noch im⸗ mer vergeblich geſucht. Gott weiß, wo er ſteckt oder— ſchläft!“ redete ſie ſpöttiſch weiter.„Er ſchien mir freilich vorhin des Schlafes bedürftig zu ſein. Aber er iſt ein Egoiſt und grauſam, dieſer liebe Vicomte! Den General macht er ungeduldig, mich neugierig und— Andere halb noch langweiliger, als je, halb verſchmachtend vor Sehn⸗ ſucht.“. Ein boshafter Blick lenkte, zugleich mit dieſen Wor⸗ ten, das Auge Eberhard's ſeitwärts, wo in einiger Ent⸗ fernung Stephanie in einem Seſſel ruhte und nachläſſig und abgeſpannt kaum einen Blick oder ein Wort für die Herren zu haben ſchien, welche ſie umgaben. Jetzt ſtand ſie gar auf und trat, mit einem kurzen ſtolzen Nicken ſich von ihrem Kreiſe verabſchiedend, zu einer nahe ſitzen⸗ den älteren Dame, mit der ſie fortan im Geſpräch blieb. Gräfin Hebe's Geſellſchaft fand aber keine Zeit mehr, auf die ſtolze Schöne zu achten, da in dieſem Augenblick General Renaud mit ein paar anderen höheren Offizieren raſch durch den Saal daher und auf ſie zu kam. „Ich will mich bei Ihnen verabſchieden,“ ſagte er, indem er Gräfin Hebe's Hand ergriff und galant an die Lippen zog.„Wir müſſen augenblicklich nach S. zurück und wären ſchon fort, hätte ich nicht auf Herrn von Vial gewartet, der noch immer nicht zu finden iſt. Der Ba⸗ taillons⸗Chef Bernard, mein Adjutant, bleibt einſtweilen, um ihn abzulöſen und mir nachzuſenden. Geben Sie dem 94 Dreizehntes Kapitel.— Nach dem Souper. jungen Herrn in meinem Namen einen derben Verweis, ſchöne Gräfin, daß er ſo ſehr der Galanterie vergaß und ſich ſo lange der Geſellſchaft— wer weiß, weßhalb!— entziehen konnte.“ „Aber Sie ſelbſt, General—“ ſagte ſie kopfſchüt— telnd.„Was in des Himmels Namen treibt denn Sie von dannen?— Es kann nicht Ihr Ernſt ſein!“ „Doch, doch,“ entgegnete er achſelzuckend.„Wir ſind alle Sklaven des Dienſtes.— Nehmen Sie unſeren Dank für das Feſt, ich habe nie ein glänzenderes und zugleich anmuthigeres erlebt, und nie eins mit mehr Bedauern verlaſſen. Aber es muß ſein!— Leben Sie wohl, Gräfin! Leben Sie wohl, meine Herrſchaften!“— Vierzehntes Kapitel. Gräfin Hebe’s Morgenſtunden. — Mais il faut dire quelque chose de sa belle ame, qui est si bien logée en si beau corps;— aussi peut-on dire d'elle que c'est la Princesse, voire la Dame qui soit au monde la plus eloquente et la mieux disante, qui a le plus bel air de parler et le plus agreable qu'on sçauroit voir. Brantome, d. I. reyne Marguerite. Der Sturm, den wir neulich über das Land dahin brauſen ſahen, hatte endlich, wie man glauben konnte, dem Schnee Bahn gebrochen. Seitdem war bis zum Ende des alten Jahrs kaum ein Tag vergansen, wo die weißen Flocken nicht zahlreich herabwirbelten und alles mit ihrer Hülle bedeckten. Während dieſer Zeit war es verhältniß⸗ mäßig milde geweſen, aber das neue Jahr, das Jahr 1813, hatte mit einer an dieſen Küſten unerhörten Kälte begonnen. Der Buſen, auf dem im Herbſte jene geheim— nißvolle Jagd zwiſchen den Douaniers und dem ſogenann⸗ ten Nordlandsboot ſtatt gefunden hatte, welche von Karſten Herbart und ſeinem Gefährten beobachtet wurde, war jetzt mit einer feſten Eisdecke überſpannt, die ſich bis 96 Vierzehntes Kapitel. über die kleine, zum Park von Nieder⸗Rhoda gehörende Inſel Hövd hinausdehnte und erſt ſo zu ſagen vor der offenen See endete. Man ſah's vom Lande aus, wie ſcharf dort die Grenze zwiſchen dem ſilberblinkenden Eiſe und den friſchen und kecken blauen Wellen gezogen war. Es war ein prachtvoller Wintertag aus den duftigen Nebeln der Frühe hervorgegangen; der Himmel ſpannte ſich glänzend blau, die Sonne breitete ihr vollſtes Licht über die weiten Fluren rings, über die Raſenplätze, Baum⸗ und Gebüſchgruppen des Parkes aus, und von der blen⸗ denden Schneedecke, die das alles verhüllte, hoben ſich die blauen Schatten der Stämme, des dichtverſchlungenen Geä⸗ ſtes auf das ſauberſte ab. Dazwiſchen ragten die edlen Tannen ſchlank und ſtill hervor mit ihren weichen, weiß⸗ bekleideten Aeſten und den zierlich davon abſtechenden, dunkelgrünen Nadeln, an denen der Schnee nicht gehaftet, und die Taxuswand, welche dort hinten die offenen Plätze abſchloß, zeigte ſich duftig angepudert und funkelte im ent⸗ lang gleitenden Sonnenlichte. Rechts aber ſchaute man auf die Eisdecke der See hinaus, welche hier vom Parke nur durch einen niedrigen, wallartigen Damm getrennt wurde, und noch weiter zurück erhob ſich über die dort dicht vereinten Parkbäume eine Rauchſäule leiſe und ge⸗ rade bis hoch in die klare, ruhige Höhe. Da hinten auf der äußerſten Landſpitze war die Förſterwohnung. Es war ein Tag, wie er die Köpfe heiter macht und die Herzen leicht, wie er Hoffnung und Frohſinn erhält in den Menſchenkindern und mit Glanz und Klarheit ſelbſt in die dunkelſten Zimmer ſtrahlt, als wolle er ihre Inſaſſen Gräfin Hebe's Morgenſtunden. 97 hinauslocken aus der ſchweren Schwüle in die friſche, ela⸗ ſtiſche Luft der freien Weite. Ueber den Trübſten und Schwächſten kommt es an ſolchen Tagen wie eine leiſe Erinnerung an die fröhliche Jugendzeit mit ihrer Luſt, ihrem Ungeſtüm, ihrem ganzen kecken und ſorgloſen Treiben. Auch Gräfin Hebe's ſchönes Geſicht war Ein Lächeln, als ſie jetzt von dem Platze am Fenſter ihres freundlichen Gemaches auf dieſes wunderbar friſche und erfriſchende Bild hinausblickte, ſie ſelbſt in dem Morgenanzuge ſo rein und kühl, ſo duftig und friſch, wie der Tag draußen— ein entzückendes Bild, wie ſie da graziös und doch bequem in ihrem Seſſel ruhte, in der grünen Niſche, deren Wände ſich mit dichten Epheuranken überſponnen zeigten, welche, ſich auch vor die Scheiben des Fenſters ſchmiegend, die Sonnenſtrahlen nur in einzelnen, gebrochenen, lang hin⸗ glänzenden Lichtern hereinſchlüpfen ließen— den anmu— thigen, kleinen Kopf auf die Linke geſtützt und die Rechte auf das dunkle Haupt Sophie Magdalenens gelegt, die zu ihren Füßen auf einem Tabouret ſaß und das Geſicht an den Schooß der Tante gelehnt hatte. Ins Freie konnte das junge Mädchen von ihrem Platze aus nicht ſehen, nur die Wipfel der alten Tannen und der Rauch vom Förſterhauſe mochten ihr ſichtbar wer⸗ den. Allein auch das Gemach ſelbſt in der freundlichen Beleuchtung, mit ſeinem weichen, bunten Teppich, mit dem Glanze des üppigen Grüns und dem milden Dufte, der von einigen der Blumen ausſtrömte, mit ſeiner ganzen geſchmackvollen und bequemen Einrichtung, machte einen Hoefer, Fremdherrſchaft. II. 7 98 Vierzehntes Kapitel. nicht nur behaglichen, ſondern auch erfriſchenden Eindruck. Man mußte ſich hier wohl fühlen. Ihre Augen glitten über den Raum und kehrten dann mit einem halb zufriedenen, halb zärtlichen Lächeln zur Tante zurück.„Es iſt hier himmliſch bei dir, Tante!“ ſagte ſie.„Aber du ſelbſt machſt es erſt zum vollen Him⸗ mel, denn du biſt der Engel darin.“ Gräfin Hebe wandte das Geſicht vom Fenſter ab und begegnete den innigen und zugleich bewundernden Blicken des Mädchens. Ihre Hand glitt liebkoſend über das dunkle, weiche Haar, und ſie verſetzte mit leiſem Lächeln:„Möch⸗ teſt du mich noch eitel machen in meinen alten Tagen, Schelm?— An die Engelſchaft muß ich am Ende wohl glauben, es haben mich zu Viele ſo genannt, wenn auch nicht gerade deines Gleichen,“ ſetzte ſie munter hinzu. „Nur ſchade, daß ſie mich innerlich anders taxirten und mich dort, wenn ſie's am beſten meinten für den„böſen Engel“ erklärten!— Das haſt du vordem, als du hier noch in der Gefangenſchaft, ſicher auch nicht anders ge⸗ macht, wenn ſich in deinem wilden Kopfe nicht gar noch viel ſchlimmere Phantaſieen und Namen geregt haben.“ Sophie Magdalene hatte die Hand der Tante er⸗ griffen und in der ihren behalten. Sie zog ſie nun an die Lippen und meinte:„Nein, Tante, da thuſt du mir Unrecht. Du biſt niemals hart und unfreundlich gegen mich geweſen, obſchon ich wohl oft genug ein ernſtes Wort verdient haben mag. Ich war ſicher unerträglich, weder fügſam, noch— theilnahmslos und kalt, wie Stephanie.“ „Danke du Gott!“ ſagte Hebe raſch und ernſter als Gräfin Hebe's Morgenſtunden. 99 bisher.„Setze dich nicht ſelbſt herab, Kind, und entſchul⸗ dige dich nicht, wo es deſſen nicht bedarf. Gegen ſeine Natur kann niemand— ich bin das lebendige Exempel davon— und wenn du die damalige Sophie Magdalene unerträglich heißeſt, ſo weiß ich am beſten, wie man uns Andere hier im Hauſe hätte nennen müſſen,“ fuhr ſie fort, und durch die klaren Züge glitt etwas wie ein dunkler Schatten.„Es waren böſe Tage, mein Kind, Tage, wie das Geſchick ſie dir ſelber ewig fern halten möge. Du weißt Gottlob nichts davon, aber ich, aber ich!“— Und ſie wandte das Geſicht wieder dem Fenſter zu und ſchaute mit einem gedankenvollen, ungewöhnlich ernſten Blicke zur See hinüber. „Du hatteſt es gut,“ fing ſie nach einer Pauſe, die das Mädchen nicht zu ſtören gewagt, wieder an.„Du warſt jung und wurdeſt durch all die Miſsre nicht weiter berührt, an der wir zu laboriren hatten. Und als es dir zu arg wurde, gingſt du auf und davon. Ich verdenke dir das wahrhaftig nicht, im Gegentheil, ich wäre dir gern nachgelaufen, hätt' ich's nur vermocht, hätt' ich Hector allein laſſen können. Und wenn du dich auch ſelten wie⸗ der an mich heranwagteſt,“ fügte ſie hinzu, und ihr Auge lächelte wieder auf das Mädchen—„ich habe dich nicht zurückgeſtoßen, Sophie Magdalene, ich bin nie gegen dich geweſen, hätte dich gern viel bei mir gehabt. Eugen hätte das oft genug merken können. Aber du warſt ja nicht zu faſſen, du wilder Vogel, und daß ich dich geſtern mit Gewalt feſtgehalten—“ 100 Vierzehntes Kapitel. „Tante, ich hatte ja verſprochen, zu kommen und zu bleiben, ſo lange es dir mit mir nicht zu viel würde!“ „Ja, Verſprechen und Halten ſind zweierlei, Schätz⸗ chen, und Kommen und Bleiben auch! Aber wir wollen uns nicht zanken,“ redete ſie heiter fort, und ihre kleine Hand glitt wieder über Sophie Magdalenens Haar;„wir wollen uns lieber freuen, daß es ſo iſt und daß wir ein⸗ mal freien Raum und freie Zeit für uns haben!— Mit Stephanien iſt weniger als je anzufangen, und, ſo viel ich weiß, geht's dir mit dem Herrn Bruder nicht viel beſſer. Da müſſen wir uns Rücken an Rücken lehnen und Front machen, und ich denke, wir Beide laſſen uns keine Stunde trüben. Wenn mein lieber Herr Papa nur noch ein wenig fortbleiben wollte! So viel Reſpect ich auch vor ihm habe, es hilft nicht— ſelbſt ich lebe fern von ihm munterer und luſtiger, als neben ihm.“— Erſt nach einer Pauſe bemerkte Sophie Magdalene: „Es hat uns doch überraſcht, als wir von des Großvaters Reiſe hörten. So lange ich ihn kenne, war er ja im Winter niemals anders fort, als wenn er mit allen auf einige Zeit in die Stadt ging. Was hat ihn denn nun bei der Kälte, in ſeinem Alter und ſo ganz allein hinein⸗ geführt?“ Gräfin Hebe zuckte flüchtig die Achſeln.„Gott weiß,“ erwiderte ſie faſt gleichgültig.„Um dergleichen fragen wir in Nieder⸗Rhoda einander nicht. Doch mein' ich von Eberhard gehört zu haben, daß eine neue große Ausſchrei⸗ bung im Gange ſei und die Landſchaft ſich der Verthei⸗ lung wegen verſammeln werde. Das mag ihn hingezogen Gräfin Hebe's Morgenſtunden. 101 haben; er achtet jetzt auf Geld und Gut, der liebe Papa, und will wieder einbringen, was er vordem hinausgewor⸗ fen. Vielleicht mag es auch um dieſe Geſchichte mit Vial ſein, von der die Herren Feinde ſo viel Aufhebens machen.“ Sophie Magdalene ſchüttelte den Kopf.„In der That, Tante,“ ſagte ſie lebhaft,„das iſt auch eine der ſeltſam⸗ ſten und geheimnißvollſten Geſchichten, die ich je vernom⸗ men habe— hier vom Balle, aus der Geſellſchaft, deren heiterſtes Mitglied er war, aus der Luſt und Fröhlichkeit des Saales, aus dem Schloſſe, das von Menſchen wim⸗ melt, verſchwindet der Herr, ohne daß ein Einziger eine Ahnung hat, wann oder wohin er gegangen ſein könnte, was ihn fortgetrieben, was ihn fern gehalten,— ſpurlos, mit Einem Worte!— Ich habe bisher noch immer ge⸗ glaubt, es ſei vielleicht eine Finte des Generals Renaud geweſen, um eine raſch nöthig gewordene Sendung zu maskiren, aber—“ „Sieh doch! Gibt das Köpfchen hier ſich auch mit ſolchen Gedanken ab?“ unterbrach Hebe ſie ſcherzend.„Ich glaubte, allein ſo ſchlau geweſen zu ſein, auf dieſen Ein— fall zu kommen. Allein, wie du ſagſt, es iſt nichts da⸗ mit, und ich habe ihn auch gleich wieder fallen laſſen. Eine Menſchenſeele hier im Schloſſe oder in den Ställen müßte denn doch von ſeiner Abreiſe etwas gemerkt haben. Stephanie wenigſtens wüßte es ſicher. Sie iſt die Letzte geweſen, die ihn geſehen, kurz bevor ſie, nach dem Tanze mit ihm, hinaufgegangen iſt. Und wie ſchön die Kleine auch zu grimaſſiren verſteht, vor mir hielte ihre Verſtel⸗ lung nicht Stand. Sie weiß nichts von ihm.“ 102 Vierzehntes Kapitel. „ Und ſie leidet, Tante,“ ſprach Sophie Magdalene ernſt.„Sie leidet wirklich, Tante, ich ſah es geſtern gleich beim erſten Begegnen. Und wenn ich auch nicht begreife, wie man für Einen von unſeren Feinden ein Intereſſe, geſchweige denn eine Neigung fühlen kann, ſo bringt mich dieſe Erkenntniß ihr doch näher. Ich ſehe doch, daß ſie ein Herz hat und weich iſt, wie—“ „Ah bah, ah bah!“ fiel ihr Hebe ſpöttiſch in's Wort. „Grimaſſe, mein Kind, Grimaſſe und nichts mehr! Und wäre es wirklich etwas weiter, ſo zeigte ſich in meinem Sinne da⸗ ran erſt recht die Oberflächlichkeit der Tünche, mit der die Armuth dieſer Natur verhüllt werden ſollte. Alles, was die Thörin aus ihren bisherigen geprieſenen Kreiſen angenom⸗ men hat, gibt ihr nicht einmal den armſeligen Halt, nicht einmal das Minimum von Kraft, etwas Schweres und Herbes wenigſtens äußerlich mit Würde zu ertragen, das Innere nicht vor allen Augen bloß zu legen.“ „Du biſt hart gegen ſie, Tante,“ ſagte die junge Gräfin leiſe. „Hart? Nein, nein, nur gerecht,“ lautete die ruhige Antwort.„Ich durchſchaute ſie von Anfang an zu gut, um mich zu ihr gezogen zu fühlen, das iſt wahr, aber un⸗ gerecht bin ich nicht. Sie iſt und kann eben nicht anders. Gebe der Himmel, daß es anders wäre, daß ich mich den⸗ noch täuſchte, daß ſie ein Menſch und keine hohle Glieder⸗ puppe! Daß ſie wirklich trauerte, ſich grämte um dieſen theuren Vicomte! Ich wollte ihr, weiß Gott, dieſe Nei⸗ gung zu dem— kleinen Grimaſſeur verzeihen und zu Gute halten. Ich ſähe doch, daß ſie ein Herz, wenigſtens — Gräfin Hebe's Morgenſtunden. 103 nach ihrer reichsgräflichen Art, hätte, und das erkenne ich allerwärts an bei einer Frau, einem Mädchen. Es iſt die Mitgift, die jede haben ſoll, die keine entbehren kann, nur bei Stephanie hab' ich nicht daran geglaubt und glaube nicht daran.“— Und plötzlich abbrechend und den Kopf ſo nahe zu der Nichte herabbeugend, ihr ſo voll und tief in die jetzt ernſt blickenden braunen Augen ſehend, als wolle ſie durch dieſelben bis in das Herz hinabſchauen, ſetzte ſie hinzu:„Weißt du, weßhalb ich dich ſo ganz und gar lieb habe, mein muthiges Kind?“ Der Blick des Mädchens begegnete dem ihrigen fra⸗ gend, eine leiſe Röthe begann von den Wangen in die Schläfen zu ſteigen. Aber Sophie Magdalene ſagte nichts. „Ahnſt du es wirklich nicht?“ fragte Comteſſe Hebe nochmals, und ihre braunen Augen lächelten mit einem hinreißenden Ausdrucke von Güte und Innigkeit.—„Weil du dein Loos mit Treue trägſt, mit friſchem, frohem Muthe, ohne Sentimentalität, ohne Renommage, geſund, jung und mit einem ganzen Herzen—“ „Tante!“ „Ja, mein Herz! Wie lange haſt du jetzt nichts von Leo gehört?“ „Tante!“— Sie zuckte zuſammen, ihr Geſicht, die ſtolze, freie Stirn, der ſchlanke Hals, ſo weit er über der Krauſe des Morgenkleides ſichtbar war, alles glühte in dunkler Röthe.„Tante— du— Leo— woher glaubſt du— 2“ ſtammelte ſie. Gräfin Hebe lächelte jetzt ſchelmiſch.„Glaubſt du kleiner, thörichter Kopf wirklich, daß du da hinter meinem 104 Vierzehntes Kapitel. Rücken all die Jahre lang ſolche Geſchichten machen könn⸗ teſt?“ fragte ſie, und ihre Hand ſtreichelte leiſe die glühende Wange.„Oder meinſt du, daß Eberhard irgend ein Ge⸗ heimniß vor mir hat, noch dazu, wenn es eines iſt, an dem ich, wie er wohl weiß, von Herzen Theil nehme?“ Die junge Gräfin ſtand nach einer Weile auf und lehnte ſich über die Tante, den Kopf tief herabneigend zu dem der Anderen und endlich Stirn auf Stirn legend. „Tante!“ flüſterte ſie dabei bewegt. „Nun, was denn, du wildes Kind?“ Jetzt richtete Sophie Magdalene ihre ſchlanke, feſte Geſtalt wieder auf und ſchüttelte die kurzen Locken zurück, welche ihr ins Geſicht geglitten waren. Ihre Augen gingen wie träumend durch das Fenſter hinaus über den leuch⸗ tenden Park hin, in die blitzende und blendende Ferne; allein es währte nur einen Moment, dann kamen ſie ſchon wieder zurück und ſenkten ſich zu Hebe nieder, die lächelnd auf das Ende dieſer Pauſe wartete, und indem ſie die Hand derſelben ergriff und zum heißen Kuſſe an die Lip⸗ pen zog, ſprach ſie weicher, als wir es je von ihr ver— nahmen:„Ich ſag' es wohl, Tante, du biſt ein Engel, und dies iſt das reichſte Neujahrs⸗Geſchenk, das ich je⸗ mals erhalten. Es geht mir gar zu gut! Der liebe Gott will Leo und mir ſichtbar wohl!“ Gräfin Hebe lächelte noch immer, aber ihre Züge waren ſtets milder und ihre Blicke ſanfter geworden, und nun verſetzte ſie herzlich:„Ich verſtehe dich aber noch im⸗ mer nicht, Kind. Wie kann dich das ſo ſehr ergreifen?“ „Weil ich bei dir keinen geringeren Widerſtand gegen Gräfin Hebe's Morgenſtunden. 10⁵ dieſe Neigung fürchtete als beim Großvater,“ erwiderte Sophie Magdalene offen. Sie hielt jetzt die beiden Hände Hebe's in den ihrigen und begegnete den freundlichen Blicken derſelben zugleich mit Freiheit und Zärtlichkeit. „Ach Gott, Tante, das habe ich gar nicht zu hoffen ge— wagt!— Ich ſpreche nicht oft über dieſe Dinge, es wider⸗ ſteht mir, ich habe auch wenig Gelegenheit dazu. Aber einmal im Herbſt, als Herr von Hoven zuerſt hier war und mir ſeit langer Zeit wieder den erſten Brief, die erſten Grüße von Leo brachte, da redete ich mein ganzes Herz aus und da fühlte ich's und ſprach es auch aus, daß ich dich faſt mehr fürchtete als alle Anderen.“ Es glitt etwas wie ein leichter Schatten durch Hebe's glänzende Augen, und ſie meinte mit leiſem Kopfſchütteln: „Da magſt du ein böſes Bild von mir entworfen haben! Darum—“ Was ſie hinzuſetzen wollte, wurde hier durch ein Mäd⸗ chen unterbrochen, das raſch durch eine Seitenthür herein⸗ kam und zu Hebe eilend, haſtig ſagte:„Gnädige Gräfin entſchuldigen, aber ich ſoll melden, daß der Herr Graf Sie um zwölf Uhr hier beſuchen wolle.“ Hebe ſah ſie einen Augenblick verwundert an, bevor ſie ſpottend entgegnete:„Nun, das muß in der That eine wichtigere Nachricht ſein, als ſie mir erſcheint. Meine kecke Fanny ſogar iſt beſtürzt. Welchen Grafen meinſt du, Kind? Vetter Chriſtian ſagt, wir haben ihrer hier wie Heu. Am Ende Vetter Chriſtian ſelbſt?“ „Nicht doch, gnädige Gräfin,“ verſetzte die Kammer⸗ 106 Vierzehntes Kapitel. jungfer, denn eine ſolche war's, im früheren erregten Tone. „Der Herr Vater—“ 3 „Mein Vater?— Du biſt nicht geſcheit!“ rief Hebe, ihre Augen ſchauten ein wenig verdrießlich, aber ſie war dabei doch aus ihrer Ruhe aufgefahren, ſo weit ihr's ohne Hülfe möglich war.—„Er iſt ja gar nicht da!“ „Doch, gnädige Gräfin, der Herr Graf ſind da, ſind geſtern Abend ſpät angekommen, als ſchon alles ſchlief. Monſieur Leroux hat den Hausmeiſter geweckt, weiter niemand. Die Diener ſind zum Schweigen befohlen, dann gleich zu Bett. So hat's Keiner gewußt. Ich glaubte den Tod zu haben, als mir drunten eben Monſieur Pierre entgegentrat mit der Botſchaft. Ich konnte kaum die Treppe geſetzt herauf kommen.“ Gräfin Hebe hatte ſich wieder in den Stuhl zurückge⸗ lehnt und die raſchen Worte der Jungfer ohne Unterbre⸗ chung zu Ende kommen laſſen. Auch nun ließ ſie noch eine ziemliche Weile vergehen, in der nur ihre Augen mit gedankenvollem Blick ſich von dem Mädchen auf die ſicht⸗ bar gleichfalls nicht angenehm überraſchte Sophie Magda⸗ lene und wieder zurück wandten, und dann erſt ſprach ſie gedämpft:„Das iſt in der That etwas ſehr Seltſames. Mein Vater bei Nacht nach Hauſe, und zwar mit Abſicht in einer Art von Heimlichkeit?— Weißt du ſonſt noch etwas?— Iſt er allein?“ „Monſieur Pierre ſagte gleich nach der Meldung für Sie zu der Jungfer Joſephine, daß der Herr Graf die Comteſſe Stephanie zu ſprechen wünſchten.“ „Stephanie? Bei ſich?— Sagte Pierre das ganz offen?“ Gräfin Hebe's Morgenſtunden. 107 „Nein, gnädige Gräfin. Er zog ſie auf die Seite und flüſterte, aber Karl hörte es— gnädige Gräfin wiſſen vielleicht, der Neffe von dem alten Karſten Herbart— und ſagt' es mir wieder.“ Ein heller, kluger Blick flog aus Hebe's Augen zu Sophie Magdalene hinüber.„Das bedeutet etwas,“ ſprach ſie indeſſen nur wie zu ſich ſelbſt.„Ich fange an zu be⸗ greifen! Ah, mein Herr Papa!— Waren wir darum vielleicht mit dem General wieder ſo cordial?“— Und raſch wieder zu dem Mädchen gewendet, fügte ſie lebhaft hinzu:„Gibt es noch mehr, Fanny? Du ſiehſt wie ein ganzer Sack voll Neuigkeiten aus.“ „Ja, gnädige Gräfin, der alte Mann, der— den Sie herbeſtellen ließen, wartet in meinem Zimmer—“ Gräfin Hebe zuckte wieder auf.„Wer? Der alte Brehm?“ rief ſie.„Iſt's denn heut Montag?— Das hab' ich bei Gott ganz vergeſſen!— Aber es trifft ſich ausgezeichnet. Fanny, er muß gleich kommen. Es hat ihn doch keiner von den Schleichern geſehen? Hat er den Kleinen mitgebracht?“ „Nein, er iſt allein. Geſehen hat ihn niemand,“ ver⸗ ſetzte das Mädchen mit einer Befangenheit, die deutlich verrieth, daß ſie noch mehr auf dem Herzen habe. Und als ſie einen Augenblick geſchwiegen, ſprach ſie auch raſch und leiſe:„Aber das Allerſchlimmſte, glaub' ich, iſt, was mir der Karl noch zugeflüſtert. Der Herr Graf habe in S. einen neuen Diener angenommen, den Karl kennt. Es ſoll der ſein, der von Ihnen, gnädige Comteſſe“— und ſie wandte ſich gegen Sophie Magdalene—„beim 108 Vierzehntes Kapitel. Horchen ertappt und von dem Herrn Bruder entlaſſen wurde—“* „Auguſt?“ rief Sophie Magdalene, ſich aufrichtend. In ihrem Auge blitzte es von Schreck und Zorn jäh durch einander. Gräfin Hebe wandte ihre Augen mit fragendem Blick von Einer zur Anderen.„Was iſt denn das?“ ſagte ſie. „Davon weiß ich nichts.“ „Tante, es war ein Diener bei uns,“ redete die Nichte haſtig und hoch aufgerichtet,—„gewandt, ſanft und glatt, ein Schleicher. Wir hatten ihn ſchon horchend gefunden. Dann erfuhren wir, daß er mit den Douaniers verkehre. Und als Onkel Eberhard im September mit Hoven zu uns herüberkam, attrapirte ich den Menſchen an der Thür des Frühſtückszimmers horchend und ſpähend. Eugen jagte ihn ſofort aus dem Dienſt.— Tante,“ fügte ſie aufgeregt hinzu,„das darf nicht ſein! Man muß den Großvater benachrichtigen.“ Comteſſe Hebe ſchüttelte den Kopf.„Umſonſt!“ ver⸗ ſetzte ſie mit ſarkaſtiſchem Lächeln.„Daß ihn Eugen und du fortgejagt, empfiehlt ihn hier vielleicht gerade. Du weißt doch, Kind!“ „Aber Tante,“ rief Sophie Magdalene wieder,„wir alle, Onkel Eberhard, Eugen, ich,— unſere Pläne, du ſelbſt, ſind gefährdet! Onkel Eberhard warnte damals Eugen, aber der hörte nicht darauf,— du kennſt ihn ja, wie vornehm er zuweilen denkt. Und doch, und doch!— Hoven iſt nach meiner Ueberzeugung auf's äußerſte in Gräfin Hebe's Morgenſtunden. 109 Gefahr! Wird dieſe unbedeutende Maske den Schleicher täuſchen?“ „Und Karl hat den Menſchen auch in S. mit einem Douanier zuſammen geſehen, der früher hier an der Küſte ſtationirt war,“ ſagte die Kammerjungfer leiſe. Gräfin Hebe erwiderte eine ganze Zeit lang keine Silbe; den gedankenvollen Blick des Auges auf das er⸗ regte Geſicht der Nichte gerichtet, ruhte ſie regungslos in ihrem Seſſel. Endlich wurden ihre Züge wieder heller, ein Lächeln ſtieg auf und wurde von Sekunde zu Sekunde ſpöttiſcher oder vielmehr boshafter, und mit einem Male den Kopf zu der Jungfer herumwerfend, ſprach ſie mit dem uns ſchon bekannten ſilberhellen Tone:„Wohlan, Fanny! Nun blüht dein Weizen, denn du liebſt ja die Intriguen, und es gibt eine, glaub' ich. Es müßte denn ſein, daß wir mit offenen Schlägen noch weiter kämen, als mit heimlichen. Bin ſelber neugierig! „Alſo aufgepaßt und den Kopf zuſammengenommen!“ fuhr ſie fort; ſie ſaß aufgerichtet, und ihre Augen ſtrahl⸗ ten von Luſt, Neckerei und Bosheit, ſie verrieth nicht im entfernteſten, wie groß oder klein ihr ſelbſt dieſes alles erſcheine.„Höre wohl zu. Zuerſt beſtellſt du mir einen Schlitten nach Dreiheiligen, wir fahren präciſe 1 Uhr, und du haſt für drei bis vier Tage zu packen. Meine Nichte hier begleitet mich natürlich. Diener und Kutſcher inſtruirſt du. Ich habe dieſe Fahrt ſchon geſtern beſchloſſen. — Dann vermeldeſt du meinem Vater meinen Reſpect, und ich erbäte ſeinen Beſuch etwas früher, etwa um halb Zwölf, da ich mich leider zu 2 Uhr in Dreiheiligen ange⸗ 110 Vierzehntes Kapitel. meldet.— Drittens beſtellſt du zuerſt den Ludwig Brehm zu mir, läſſeſt uns durch nichts ſtören und ſorgſt ſpäter für ſeine heimliche Abreiſe; nach ihm wünſche ich Herrn Karl zu ſehen. Endlich empfiehl auch du dieſem vortreff⸗ lichen jungen Manne die allerumfaſſendſte Aufmerkſam⸗ keit— ich glaube, Fanny, deine Worte werden bei ihm von mehr Gewicht ſein, als die meinen, nicht wahr?“— Und ſich von der erröthenden Jungfer abwendend, ſah ſie nach der Uhr und ſetzte hinzu:„Halb Zehn? Alſo Zeit genug!— Du, Sophie Magdalene, bleibſt hier nebenan und hältſt mir meine Heimlichkeiten zu gut.— Ans Werk, Fanny! Bringe den Alten her, und dann— zeige nicht, daß dir die Fahrt und das Packen unerwartet gekommen. Mache meiner Schule Chre, Kind!“ Der davon Eilenden blickte ſie noch heiter nach, gleich darauf verdunkelte ſich jedoch ihr Blick und ſie ſagte zu der Nichte gewendet:„Nur Eines wüßt' ich, was fatal wäre. Das iſt, wenn grade der Herr Papa wirklich etwas von unſeren politiſchen Plänen und von dem Zweck un⸗ ſeres Balles gewittert hätte. Dann—“ ſie ſah ernſt und die Lippen feſt zuſammengepreßt einen Augenblick aus dem Fenſter, bevor ſie wieder zurückblickend fort redete:„Etwas würde meine Gegenmine, die Fahrt nach Dreiheiligen, nützen. Im Ganzen aber müßten wir zu den großen Mitteln greifen und— die hätt' ich mir gern noch auf⸗ geſpart.“ Sie wurde bereits durch ein leiſes Klopfen von der Thür her, durch welche Fanny gegangen, unterbrochen. „Nun alſo, Kindchen, in dein Zimmer,“ ſagte ſie ſchnell Gräfin Hebe's Morgenſtunden. 111 und leiſe redend zu Sophie Magdalene, welche mit ſorgen⸗ vollem Blick und ſchweigend alles Mitgetheilte angehört hatte.—„Und was und wen du auch ſiehſt— nur un⸗ befangen und heiter! Vergiß das nicht! Es gilt vielleicht nicht nur die Sicherheit der Unſeren, ſondern auch unſere eigene. Ich kenne meinen werthen Papa. Umſonſt kam er weder bei Nacht an, noch beehrt er mich heute mit dieſem Beſuch.“ Sophie Magdalene nickte gedankenvoll vor ſich hin, küßte dann zärtlich der Tante Stirn und verließ das Ge⸗ mach. Da erſt ſetzte Hebe ſich wieder bequem in ihrem Stuhle zurecht und ſagte laut:„Herein!“— Die Thür ging auf. Der Jungfer voran trat ein großer, alter Mann in militäriſch ſtraffer Haltung und mit feſt auf die Dame gerichtetem Blick ein paar Schritte in das Zimmer, verbeugte ſich ſteif und ſtand wieder auf⸗ gerichtet, kerzengerade und regungslos.— „Die gnädige Comteſſe hat mich zu ſehen gewünſcht,“ ſprach er kurz und in einem Tone, der gleichfalls auf einen alten Soldaten ſchließen ließ. Gräfin Hebe nickte ihm freundlich zu, während jedoch auch ſie ihn keine Sekunde lang aus den Augen ließ. Dann hieß ſie die mit eingetretene Fanny dem Alten einen Stuhl herbeiziehen und das Gemach verlaſſen, und erſt als ſie mit dem Manne, der ſchweigend Platz nahm, wie⸗ der allein war, ſagte ſie mit ernſter Freundlichkeit:„Sie ſind der Thorſchreiber Ludwig Brehm aus G., früher Soldat, wenn ich nicht irre?“ „Ja, das war ich, Feldwebel bei der dritten Kom⸗ 112 Vierzehntes Kapitel. pagnie von Sr. Majeſtät von Preußen erſtem Bataillon Garde,“ lautete die dienſtlich kurze Antwort. „Und weßhalb verließen Sie die Stellung? Sie war doch ſchön.“ „Weil ich ein Narr und meine Frau eine Närrin war. Sie behauptete, Heimweh zu haben, und als wir Anno 78 in den Kartoffelkrieg gingen, wollte ſie ſich um⸗ bringen. Nach der Rückkehr mußt' ich meinen Abſchied nehmen und kam hieher in das Neſt, das Gott verdam⸗ men möge.“ Hebe beobachtete den alten, finſter blickenden Mann eine Weile ſchweigend; dann fragte ſie:„Sie wiſſen, weß⸗ halb ich Sie zu ſehen wünſchte?“ „Kann's mir denken,“ entgegnete er ernſt.„'s wird wegen des Buben, des Robert ſein.“ „Weßhalb nennen Sie Hector nicht, wie er heißt?“ fragte ſie raſch. „Weil ich ſo vornehme Namen bei Unſereinem nicht liebe, Euer Gnaden, am wenigſten bei ſo einem Bankert. Es ſähe aus, als brüſteten wir uns noch mit der Schande.“ „Warum ſprechen Sie ſo hart und nennen das Kind bei einem ſo häßlichen Namen?“ fragte ſie wieder nicht ohne Schärfe, und auch die feinen dunklen Brauen über den Augen zogen ſich ein wenig zuſammen.„Sie müſſen doch wiſſen, daß mein Bruder Ihre Tochter und ſein Kind nicht nur nebenher geliebt hat— wenigſtens iſt das nur eine kurze Zeit geſchehen, wenn es überhaupt der Fall!— daß er vielmehr alles verſuchte, ſie auch vor der Welt ſein gillon e war bärrin s wir h um⸗ bſchied erdam⸗ Mann weß⸗ 3 wird eißt?“ nicht ankert. hande.“ as Kind er nicht en über müſſen in Kind as nur Fall!— llt ſein Gräfin Hebe's Morgenſtunden. 113 zu heißen und anzuerkennen; daß er zuerſt darin verhin⸗ dert wurde durch den Widerſtand Ihrer Hedwig ſelbſt—“ „So hört' ich,“ fiel ihr der Alte düſter ins Wort. „Ich ſelber weiß das nicht, denn Euer Gnaden haben wohl vernommen, daß ich meine Tochter, als die Schande zu Platz kam, aus meinem Hauſe jagte. Ich mochte und mag nichts mehr mit ihr zu thun haben, wenn ich jetzt auch nach dem Buben ſehe, daß er kein Gauch wird, denn die Hedwig iſt in der Fremde nicht anders geworden, und über Buben muß eine Mannshand regieren. Doch das iſt es nicht, was ich ſagen wollte,“ fuhr er fort.„Alſo ich hörte von ihrer Weigerung, gegen den Willen der Eltern des Herrn Frau zu werden, und fand das, wie ich ihr's anerzogen. Denn ich hab' ihr geſagt: Dienen kann man überall, ſeinem Geſchäft nachgehen auch,— da hat man überall ſeinen Platz, den Keiner Einem miß⸗ gönnt. In anderer Weiſe aber bleibt ein Menſch, der auch auf Reputation hält, Leuten höheren Standes und Herrſchaften am beſten fern. Man wird nur über die Achſel angeſehen, und das gefällt nicht jedermann von uns— halten zu Gnaden.“— Gräfin Hebe betrachtete den alten, trotzigen Soldaten eine Weile lang ſchweigend und mit ernſtem Intereſſe, bevor ſie von neuem ſagte:„Ich achte Ihren Stolz und halte Ihre Anſicht für richtig, aber nur nach der einen Seite. Man muß zu unterſcheiden wiſſen, und hier hat Ihrer Tochter Widerſtand unſäglich viel Trauer und Kummer über ſie ſelbſt und meinen Bruder gebracht und den letzteren endlich in den Tod gejagt. Denn gerade Hoefer, Fremdherrſchaft. II. 8 114 Vierzehntes Kapitel. durch das damalige raſtloſe Hin⸗ und Hertreiben, durch meines Bruders verfahrene Laune wurden die Eltern auf⸗ merkſam und— ich brauche wohl nicht erſt von dem zu ſprechen, was dann geſchah.“ Der alte Brehm ſah ſie finſter und ſchweigend an. Erſt nach einer langen Pauſe murmelte er mit einem bit⸗ teren Lächeln:„Ja, für die großen Herren war Unſereins derzeit noch geringer, als das Vieh in ihren Ställen.“ Gräfin Hebe ſchüttelte leiſe den Kopf.„Ich kann und will meine Eltern nicht entſchuldigen— meine Mut⸗ ter am wenigſten, da ſie ſich gegen ihr Gefühl zu etwas verſtanden hat, was das Elend und den Tod ihres Sohnes herbeiführte. Mein Vater hat damit vermuthlich wenig zu thun gehabt. Er ließ ſie wohl ganz allein handeln. Aber ſie hat es hart genug gebüßt, denn ſie ſchickte damit ihren einzigen Sohn endlich in den Tod. Als er die Hedwig todt glauben mußte und ſein Kind verſchwunden blieb, da war es mit ihm aus.“ Der Thorſchreiber antwortete nicht ſogleich, ſondern ließ nur die von den langen weißen Brauen überſchatte⸗ ten blauen Augen mit düſterem, bohrendem Blick auf der Sprecherin ruhen, als erwarte er noch weitere Worte von ihr. Da ſie jedoch ſchwieg, verſetzte er endlich:„Was da⸗ ran wahr iſt oder nicht, das weiß ich nicht, bis auf Eins, das iſt, was Gnaden von dem Grafen Hartmuth ſagen. Das iſt, halten zu Gnaden, nicht wahr. Graf Hartmuth hatte, ob gleich Anfangs, weiß ich freilich nicht— bei allem die Hand im Spiele. Den Todtenſchein hat er ſelber durch den ſchleichenden wälſchen Kammerdiener beſorgen ihren hedwig eb, da ondern ſchatte⸗ nuf der rte von a5 da⸗ Eins, ſagen. rtmuth — bei ſelber eſorgen Gräfin Hebe's Morgenſtunden. 115 laſſen von dem Prediger, der vor vielen Jahren in Lohns⸗ hof Hofmeiſter oder ſo was geweſen und durch die alten Affairen ganz in ſeiner Hand war. Detlef Reuter weiß davon, der hat's mit dem Küſter dort herausgebracht.— Und wenn nach des jungen Herrn und der Frau Mutter Tode Graf Hartmuth das Koſtgeld nicht für überflüſſig gehalten— vielleicht hat's der Monſieur Leroux auch nur unterſchlagen— ſo wüßten wir noch heute vermuthlich von den Beiden ſo wenig wie früher.— Nur Eines ver⸗ ſteh' ich nicht,“ ſetzte der Mann immer finſterer hinzu,— „daß ſie mit dem Weibe und Kinde, da ſie beide in Hän⸗ den hatten, ſo viel Umſtände gemacht und einen falſchen Todtenſchein ausſtellen laſſen mußten. Sie wußten ſonſt doch mit dergleichen beſſer umzugehen, halten zu Gnaden. Und als ich den Herrn Vater dazumal an jene Dinge im Zorn erinnert hatte und gleich darauf die Hedwig mit dem Buben fort war, gab ich ſelber keinen Dreier für ihr Leben.“ Gräfin Hebe war während dieſer Mittheilung immer aufmerkſamer und aufmerkſamer geworden. Sie war zu⸗ letzt ſogar ſichtbar erbleicht, ihre Augen ruhten mit einer Art von Angſt auf dem Erzähler, und da er ſchwieg, neigte ſie ſich vornüber, als wollte ſie ihm näher ſein, und ſprach gepreßt:„Was deutet Ihr da an, Mann? Was heißt das alles? Ich verſtehe kein Wort von dieſen Dingen.“ Er maß ſie mit finſterem Blick, indem er erwiderte: „Nun, ich meine die alten Geſchichten mit den beiden an⸗ deren Grafen, dem Vater und dem Bruder des Herrn Hartmuth.“ 116 Vierzehntes Kapitel. „Und was iſt das?“ fragte ſie gedämpft und doch drängend.„Wir wiſſen nichts davon. Und Ihr— Sie haben das meinem Vater vorgehalten? Von wem wußten Sie es denn?“ Das Auge des alten Mannes wurde bei dem Anblick ihrer ſichtbar ernſten Beſtürzung nach und nach etwas mil⸗ der.„Laſſen Euer Gnaden das vergeſſen bleiben,“ ent⸗ gegnete er auch in ſanfterem Tone.„Es iſt für kein Kind gut, ſo etwas vom Vater zu hören.— Ich erfuhr's da⸗ zumal von Detlef, der mit ſeinem Herrn auf Urlaub hier war. Aber der hat's auch wohl nur von einem Anderen, Aelteren, von dem Steffen Schütze, mein ich, oder von ſeinem eigenen Vater—“ „Detlef?“ wiederholte ſie gedankenvoll,„und der Schäfer? Da weiß es auch mein Bruder—“ „Das glaub' ich nicht, Gnaden. Es iſt, wie ich ſage, nichts für Kinder ihres Vaters.“ Sie legte die Arme über die Bruſt zuſammen und ließ ihre Augen mit einem ernſt ſinnenden, faſt abweſen⸗ den Blick auf dem Thorſchreiber ruhen. Es war eine lange Stille im Zimmer. Der Mann ſaß ihr gegenüber, in regungsloſer, ſtraff aufgerichteter Haltung, die er bis⸗ her noch keinen Augenblick verloren hatte, und ſeine Blicke begegnete denen der Gräfin, ohne daß man von ihnen oder den ſtarren Zügen des Geſichts irgendwie auf das hätte ſchließen können, was in ſeinem Innern eben vor⸗ gehen mochte, ob er mit Widerwillen oder einer Art Zu⸗ neigung, mit Vertrauen oder Mißtrauen auf das ſchöne Weſen vor ihm blickte, oder ob er von nichts wußte, als —— doch Sie zußten nblick 3 mil⸗ ent⸗ n Kind rs da⸗ ab hier deren, er von nd der ſage, n und weſen⸗ r eine enüber/ er bis⸗ e Blice ihnen uf das en vor⸗ ert Zu⸗ ſchöne ton als Gräfin Hebe's Morgenſtunden. 117 von Gleichgültigkeit und jener finſteren Reſignation, zu der zuweilen gerade die trotzigſten Herzen herabgeſtimmt werden können. Es war eine verhältnißmäßig lange Zeit vergangen, als Gräfin Hebe's Blick ſo zu ſagen wieder in die Gegen— wart zurückkehrte. Sie fuhr mit dem Taſchentuch, von dem bei dieſer Bewegung ein milder und doch durchdringender Duft ſich rings umher ausbreitete, leicht über die Stirn, als wiſche ſie die Falten fort, welche fortan auch ver— ſchwunden blieben; und hell zu dem Alten auf⸗ und hin⸗ überblickend, ſprach ſie:„Schieben Sie Ihren Stuhl näher, mein Freund, was ich zu ſagen habe, braucht nicht laut geſagt zu werden.“ Er ſtand auf und folgte ihrem Wunſche, und als er ihr nun ganz nahe ſaß, faſt ſo, wie vorhin Sophie Mag⸗ dalene, da lehnte ſie ſich noch obendrein nach ſeiner Seite hinüber und redete fortan gedämpft weiter. „Hören Sie genau zu,“ ſagte ſie mit einem gewiſſen nachdrücklichen Ernſt, der ſichtbar auch von Eindruck auf den trotzigen und verbitterten Mann war.„Wir wollen alle dieſe alten Hiſtorien ruhen laſſen und nur vom Nöthi⸗ gen und Nächſten reden. Geben Sie einmal Ihre Hart⸗ näckigkeit und Ihr Mißtrauen auf; es gilt die Zukunft Hector's, Ihres Enkels, meines Neffen, dafür erkenne ich ihn an. Ihre Tochter war einſichtiger und hat ihr Miß⸗ trauen gegen mich wenigſtens gleich aufgegeben. Sie begriff, daß ich hier im Schloſſe für mich lebe, und daß man zu mir kommen kann, ohne mit den anderen Be⸗ wohnern in Berührung zu kommen.— Zuerſt alſo, mein 118 Vierzehntes Kapitel. Bruder Eberhard und ich ſind keineswegs gleichgültig gegen das, was unſer Bruder Hector ſelber gethan hat, was man ihn hat thun laſſen und was wir ihm ange⸗ than. Als er abreiſ'te, hat er uns ſein Kind, wenn man's wiederfände, ans Herz gelegt, und wir ſind Beide ent⸗ ſchloſſen, nicht nur aus Liebe zu dem Bruder, ſondern auch, weil das ſo recht iſt, dieſem Verſprechen nachzu⸗ kommen. „Ihre Tochter Hedwig hat in all der Noth und Sorge jener Jahre, trotz der Drohungen und Gefahren, immer das Eheverſprechen meines Bruders zu verbergen und zu retten gewußt. Der Knabe iſt, angefochten oder nicht, auf den vollen Namen meines Bruders getauft. Wir beſitzen in drei gleichlautenden Exemplaren die Er⸗ klärung Hector's, daß er das Kind als das ſeine und die Mutter desſelben vor Gott und ſeinem Gewiſſen als ſeine Gattin anerkenne. Ein viertes Exemplar dieſer Erklä⸗ rung, datirt von jenem Tage, wo er Hedwig's Verſchwin⸗ den entdeckte, iſt meinen Eltern vorgeleſen und dann in die Hand des Superintendenten Griſchow in G. nieder⸗ gelegt worden. Derſelbe beſitzt noch andere Erklärungen meines Bruders, die von dieſem zwar nur mündlich ge⸗ geben, von dem Prediger aber aufgeſchrieben wurden, und die derſelbe jederzeit durch ſeinen Amtseid erhärten willl. „Sie ſehen alſo, daß Hector's Name und Stellung als Graf von Rhoda mit Erfolg kaum anzufechten und daß ſeine Anerkennung durch die Behörde, wenn man ſich richtig dafür verwendet, gar nicht zu bezweifeln ſein dürfte. Da wir dies alles aber ſo anſehen und das Verhältniß ichgültig han hat, n ange⸗ man'’s ide ent⸗ ſondern nachzu⸗ oth und ſefahren, erbergen en oder getauft. die Er⸗ und die ls ſeine Erklä⸗ erſchwin⸗ dann in nieder⸗ lärungen dlich ge⸗ den, und wil. Stellung ten und man ſich ndürfte. ehältniß Gräfin Hebe's Morgenſtunden. 119 Ihrer Tochter und unſeres Bruders wie eine Gewiſſens⸗ ehe betrachten, ſo müſſen wir dem Kinde natürlich auch den Vermögenstheil zuwenden, der auf dasſelbe als Kind des Hauſes Rhoda fallen kann.“ Da ſie hier eine Pauſe machte und den Alten, wie eine Antwort erwartend, anſchaute, verſetzte er mit einem ſteifen Kopfſchütteln:„Das, Gnaden, iſt ſo viel, daß ich nicht einmal das Ding ſelber capire, geſchweige denn, was die Herrſchaften für Gründe haben zu ſolcher Gnade und Großmuth.“ „Das überlaſſen Sie uns, mein Freund,“ erwiderte Hebe, und über ihre Stirn zog etwas wie ein leiſer Mißmuth.—„Ich glaube, ſo offen zu ſein, daß Sie keinen Rückhalt zu fürchten brauchen. Einen Grund hab' ich be⸗ reits angedeutet— wir betrachten dieſes alles als eine Art Sühne des himmelſchreienden Unrechts, das Hector, Hedwig und ihr Kind zu erleiden gehabt, als eine Sühne des Unrechts, das unſere Eltern begangen. Damit genug hiervon. Sie können die Ordnung dieſer Angelegenheiten uns überlaſſen. Uebrigens iſt, was wir dem Kinde zu⸗ wenden können, für dieſes vielleicht bedeutend, für einen Grafen Rhoda aber nicht gerade glänzend. Denn das Vermögen, welches meine Mutter hinterließ, war nicht übergroß und iſt überdies noch mehrfach geſchmälert wor⸗ den. Was wir für den Knaben von ſeinem Großvater er⸗ halten, müſſen wir abwarten. Wir wiſſen nicht einmal, ob Graf Hartmuth überhaupt Privatvermögen beſitzt. „Ich habe mir wohl zuweilen gedacht,“ fuhr ſie nach einer Pauſe mit nachdenklichem Tone und Blicke fort, 120 Vierzehntes Kapitel. „daß es nicht unmöglich ſein möchte, dem Kleinen dereinſt auch die Grafſchaft zuzuwenden. Mein Bruder hat keine Familie; mein Neffe Eugen auf Rhodenfelde beerbt ihn und hat dann genug für ſich und ſeine Nachkommen. Wir beiden Schweſtern kommen nicht in Betracht.— Allein— damit iſt es nichts.“ Der Thorſchreiber wandte den Kopf ein paarmal hin und her, daß der lange Zopf ſich leicht über den Rücken des grautuchenen Rockes bewegte.„'s wäre zu viel!“ ſagte er endlich.„Aber curios wär's. Es würde auf die Weiſe richtig, was des Grafen Hartmuth Vater ihm auf dem Sterbebette vorausgeſagt.“ Hebe's Blick verdunkelte ſich.„Was war das?“ fragte ſie lebhaft. Der Thorſchreiber ſah ſie einen Augenblick ſtarr an. Dann ſprach er:„Das wiſſen Gnaden auch nicht?— Nun, der alte Herr ſoll da dem Sohne geſagt haben, daß ſeine Praktiken ihm doch nicht helfen würden. Er bringe die Güter nicht zuſammen, und der ſie ſpäter beſitzen würde, ſei nicht von ſeinem Blute. Das ſei zu ſündig.“ Ueber Hebe's Geſicht flog ein faſt finſteres Lächeln, aber ſie erwiderte einſtweilen nichts und verharrte, die Augen dem Fenſter zuwendend, in einem ziemlich langen Schweigen, das der Thorſchreiber nicht zu ſtören wagte. Endlich drehte ſie den Kopf ihm wieder zu und ſprach im früheren ernſten und ruhigen Tone:„So ſtehen alſo die Sachen, mein Freund, und dies Ihnen mitzutheilen war der Hauptgrund, weßhalb ich Sie zu ſprechen wünſchte, denn es kann in der bisherigen Weiſe— ich meine den Wider⸗ ereinſt keine bt ihn Vir ein— darmal er den ͤre zu de auf r ihm das?“ rr an. ſt?— ,, daß bringe würde, ücheln, je, die langen wagte. ch im ſo die n war denn Wider⸗ 121 Gräfin Hebe's Morgenſtunden. ſtand gegen alles, was wir dem Kinde gönnen wollen— nicht länger fortgehen. Wir haben ſchon eine koſtbare Zeit verloren. Sie ſehen ein, daß Hector eine andere Erziehung haben muß, als er ſie bisher erhalten. Sie wiſſen vielleicht auch, daß wir, mein Bruder und ich, ſchon längſt dahin geſtrebt, daß aber unſere Abſichten auch bei Ihrer Tochter auf hartnäckigen Widerſtand geſtoßen. Sie behauptet, daß ſie ſelbſt ſich in andere Verhältniſſe nicht finden, andererſeits ſich von dem Kinde nicht trennen könne. Endlich beruft ſie ſich auf Sie, der Sie nicht ein⸗ mal einen gelegentlichen Verkehr mit uns dulden wollen.“ Der Mann hatte fürs Erſte wieder nur einen düſter ſinnenden Blick zur Antwort, bis er nach einer Pauſe entgegnete:„'s iſt richtig, ſo hab' ich geſprochen. Da ich das Weibsbild ſeit Martini wirklich wieder ins Haus ge⸗ nommen, um ſie vor neuen Angriffen zu ſichern, muß ſie ſich meinem Willen und Einſehen fügen, und das iſt ſeit⸗ her geweſen, daß uns von hier, halten zu Gnaden, nichts Ehrliches und Gutes gekommen.“ Gräfin Hebe ſah ihn ſcharf an.„Und nun— än— dern ſich Ihre Anſichten?“ fragte ſie. Er zuckte die Achſeln.„Daß Euer Gnaden und der Herr Bruder es gut meinen, glaub' ich gern,“ entgegnete er.„Aber—“* „Sie meinen, es ſei noch zu fragen, ob und wie wir's durchführen können,“ fiel ſie ihm ins Wort.„Das iſt unſere Sache, mein Freund, und ich bitte Sie, vertrauen Sie uns. Sie werden dabei nicht ſchlecht fahren. Daß wir bei dem, was wir mit Hector im Sinne haben, einen 122 6 Vierzehntes Kapitel. Einfluß auf ihn und ſeine Erziehung beanſpruchen, ver⸗ ſteht ſich von ſelbſt, wiederhole ich; ebenſo, daß wir Ihre und der Mutter Wünſche dabei ſo viel wie möglich be⸗ rückſichtigen wollen. Von langem Zögern kann aber keine Rede ſein,“ fuhr ſie noch ernſter fort.„Mein Vater iſt zwar alt, aber noch von feſter Geſundheit. Ueberdies gehen wir einer Zeit entgegen, wo man an Privat⸗Ange⸗ legenheiten nicht viel wird denken können. Es könnte leicht zu lange währen. Alſo, Herr Brehm?“— Er erhob ſich von ſeinem Stuhle und ſtand kerzen⸗ grade.„Wer bürgt uns für die Sicherheit des Knaben?“ fragte er in ſtarrer Haltung.„Was einmal geſchah, kann wieder geſchehen, und was dazumal unterblieb, kann jetzt ausgeführt werden.“ „Sie und wir, mein Freund,“ verſetzte ſie feſt.„Sie ſollen Hector eben ſo wenig aus den Augen laſſen, wie wir es wollen. Wie Sie das geordnet zu ſehen wünſchen — was möglich iſt ſoll geſchehen. Der Knabe muß aber eine Stellung und Erziehung erhalten, wie es ſich für einen Grafen von Rhoda ſchickt. Das ſteht feſt.“ Der Thorſchreiber ſchaute ſie eine Weile forſchend an. Dann antwortete er:„Ich will es mit der Hedwig über⸗ legen, Euer Gnaden.“ Sie neigte den Kopf.„Gut!“ ſagte ſie.„Nur Eines vergeſſen Sie nicht. Wie Sie ſelbſt wiſſen, kommen bei dieſer Angelegenheit Verhältniſſe in Betracht, welche fremde Einblicke vielleicht noch weniger vertragen, als ich ſelbſt bisher ahne. Mit Einem Worte— fremde Augen 4 en, ver⸗ vwir Ihre glich be⸗ der keine ater iſt leberdies at Ange⸗ könnte kerzen⸗ naben?“ h, kann ann jetzt uß aber hend an. vig über⸗ kommen „welche als ih e Augen Gräfin Hebe's Morgenſtunden. 123 und Einmiſchung dulden wir nicht. Die Sache muß unter uns abgemacht werden.“ Er ſtand wo möglich noch grader und regungsloſer als ſonſt, indem er verſetzte:„Ich hab' mich auch mein Leben lang immer nur auf mich und meinen Herrgott verlaſſen. Hier muß ich aber mit meiner Tochter reden. Sie hat ein Recht darauf. Weiter mein' ich nichts, und lange währen ſoll's auch nicht.“ Sie richtete ſich ein wenig auf und bot ihm die Hand hin.„Geben Sie mir Ihre Hand, Herr Brehm, Sie ſind ein braver alter Mann,“ ſprach ſie.„Geben wir uns die Hände darauf, daß wir zuſammen halten, einander ver⸗ trauen und das Beſte Hector's treulich fördern wollen. Da muß es gut gehen.“ Brehm hatte die Hand reſpectvoll genommen und, da ſie nicht zurückgezogen wurde, auch feſt gehalten. In ſeinem Geſichte zeigte ſich eine Bewegung, ja, es ſchien faſt, als wolle er wirklich freundlich auf die Gräfin hinab⸗ ſehen, und auch ſeine Stimme klang beinahe herzlich, als er jetzt erwiderte:„Na, Euer Gnaden, unſer Herrgott wird alles zum Beſten fügen.— Haben mir Euer Gnaden ſonſt noch etwas zu befehlen?“ Sie nickte ihm freundlich lächelnd zu.„Alſo Gott befohlen, mein Freund, und laſſen Sie uns nicht zu lange warten,“ ſprach ſie; ſie hatte nun die Hand zurückge— zogen.„Bringen Sie Ihre Entſcheidung mir oder meinem Bruder. Für die nächſten Tage werde ich vermuthlich gleichfalls drüben ſein.“ 124 Vierzehntes Kapitel.— Gräfin Hebe's Morgenſtunden. Der Thorſchreiber nickte mit dem Haupte.„Wenn Sie's erlauben, geh' ich lieber nach Dreiheiligen,“ antwor⸗ tete er.„Dieſe Heimlichkeit hier iſt nicht meine Sache. Gott befohlen, Euer Gnaden!“— Und militäriſch Kehrt machend, ging er mit ordonnanzmäßigem Schritte der Thür zu und hinaus. n. „Wenn antwor⸗ e Sache. h Kehrt itte der Fünfzehntes Kapitel. Nater und Tochter. Was wird es doch, des Wunders noch, So gar ein ſeltzams Leben, Als jetzund iſt, all Welt voll Liſt, Mit Untrew gantz und gar umgeben. Gut Wort arge Tück, viel Grüs böſe Blick, Iſt jetzt der Gebrauch auff Erden, Es günt keiner mehr, dem Andern Ehr, O Gott, was wil noch daraus werden. Ambraſer Liederbuch. Es verging eine lange Zeit, in welcher nichts die Ruhe und Einſamkeit des Zimmers ſtörte, denn nachdem Hebe den Blick von der Thür ab und auf die Uhr ge⸗ wendet, welche noch nicht voll auf Elf zeigte, ließ ſie die Wimpern über die Augen ſinken, lehnte ſich tief in den Stuhl zurück und regte ſich fortan nicht mehr. Ja, wenn ſich nicht von Zeit zu Zeit die Spitze ihres Fußes bewegt hätte oder etwas wie ein Lächeln durch ihre Züge geglit⸗ ten wäre, ſo hätte man faſt glauben mögen, ihre Ruhe ſei in wirklichen Schlummer übergegangen.— Und es ſtörte ſie nichts. Alles umher war todtenſtill; nur die Uhr pickte leiſe, und zuweilen ſummte eine Fliege an den Fenſtern, die in dem freundlichen Raume bisher ihr Leben 126 Fünfzehntes Kapitel. gefriſtet hatte. Von draußen aber klang weder aus dem Schloſſe, noch aus dem Parke ein Laut in das Gemach. So war eine ſtarke halbe Stunde vergangen. Die Sonne hatte ſich aus der Fenſterniſche zurückgezogen; die Epheuranken, die anderen Pflanzen, das ganze Zimmer, alles hatte wieder eine, wenn man ſo ſagen kann, ſtillere, winterlich ruhige und behagliche Färbung angenommen, und beim Ausblick ins Freie freute man ſich weniger des ſonnigen Tages als des warmen Zimmers, denn alles, was man draußen erblickte, machte den Eindruck einer eindringenden Kälte.— Da hoben ſich zum erſten Male wieder, und ohne daß ſich ſonſt etwas an ihr bewegt hätte, Hebe's lange, dunkle Wimpern, und ein glänzender, kluger und lauſchender Blick haftete an der Flügelthür, welche im Hintergrunde aus dem Raume führte. Es waren von draußen ein paar Töne vernehmbar geworden, als ob man in der Ferne eine Thür geöffnet und nach einer Pauſe wieder geſchloſſen habe. Gräfin Hebe hatte ſich nicht getäuſcht. Nach einigen Augenblicken trat durch die Nebenthür hinter ihr die Jung⸗ fer ſchnell herein, machte einen Knix und meldete:„Gnä⸗ dige Gräfin, der Herr Graf ſind da und wünſchen zu entriren.“— Und gedämpft ſetzte ſie raſch hinzu:„Sie ſind im grünen Zimmer und wollten mir gleich nach. Ich habe aber vorgeſchützt, daß—“ „Ganz recht,“ fiel ihr Hebe ruhig ins Wort.„Es würde ſich für meinen Vater wenig ſchicken, durch Neben⸗ thüren zu gehen. Schließe die Flügelthür auf und führe ihn durch den Salon, ich liebe es, die Kommenden zu aus dem Gemach. en. Die gen; die Zimmer, ſtillere, nommen, niger des nn alles, uck einer en Male gt hätte, e, kluger „welche rren von als ob ich einer Heinigen ie Jung⸗ .„Gnä⸗ ſcn im u,„Sie ch. Ich t.„Es Neben⸗ d führe nden zu * Vater und Tochter. 127 ſehen. Schiebe den Lehnſtuhl heran, Fanny, und laſſe hier den Vorhang herab.“— Und während das Mädchen ihre Weiſungen erfüllte, fuhr auch ſie leiſer fort:„Iſt der Brehm ſicher untergebracht?— Vergiß nicht, wir fahren unter allen Umſtänden präciſe ein Uhr; vorher muß ich aber noch Monſieur Charles ſehen!— Gut, Nun laß ihn herein.“— Fanny eilte hinaus. Die Gräfin rückte ſich ſo bequem wie möglich in ihrem Stuhle zurecht, ſtützte das Köpfchen auf die Rechte und wandte die Augen der Thür zu. Und dieſe Augen ſo gut wie ihre Züge, ſo weit man ſie bei der, durch den roſaſeidenen Vorhang gedämpften Beleuch⸗ tung beobachten konnte, ja, wie ihre ganze Haltung, alles hatte jene Art von ſchmachtendem Ausdruck gewonnen, welche wir früher hin und wider bei einer Unterhaltung mit dem Vicomte Vial an ihr zu bemerken Gelegenheit fanden. Jetzt endlich öffnete ſich die Thür dort hinten und, auf der einen Seite von dem Kammerdiener unterſtützt, auf der anderen ſich des Krückſtocks bedienend, ſchob ſich langſam Graf Hartmuth ins Gemach, das er ſeiner ganzen Länge nach durchmeſſen mußte, bevor er zu der beobach⸗ tenden Tochter und ſeinem Sitze gelangen konnte. Und ſie ließ ihn keinen Augenblick aus den Augen. Sie ſah ihn mit Einem Blick ganz und gar, und es entging ihr nicht das Geringſte; nicht die einfache und bequeme und doch außerordentlich feine, ja, faſt ein wenig kokette Haus⸗ tracht, in der er erſchien; nicht die jetzt elfenbeinerne Krücke ſeines Stockes; nicht der kleine dreieckige, ſchlicht ſchwarze ʒõñ̃—— 128 Fünfzehntes Kapitel. Hut, der auf der blonden Perücke ſchwebte und den Mon⸗ ſieur Pierre, da ſie an der Thür Halt machten, ſeinem Herrn nun abnahm und in die Rechte gab; nicht der Aus⸗ druck des Geſichtes, nicht der Klang ſeiner Stimme, als er ihr jetzt mit ein wenig gezierter Lebhaftigkeit entgegen⸗ rief:„Ah, mon enfant! Wie freue ich mich, dich wieder zu ſehen, Hebe!“ Sie richtete ſich ein wenig auf und erhob ſogar, wie voll drängender Zärtlichkeit, die Arme ihm entgegen; in ihren Zügen zeigte ſich gleichfalls eine zärtliche Bewegung, und ſie verſetzte in ſchmachtendem Tone:„Ach, cher Papa, in ſolchen Augenblicken könnte meine Gebrechlichkeit mir heiße Thränen auspreſſen! Wie gern flöge ich Ihnen ent⸗ gegen!“ Er kam jetzt ſo raſch es ihm möglich ſein mochte heran, und als er neben ihr ſtand, ließ er den Diener los, beugte ſich und küßte flüchtig ihre Stirn, während ſie ſeine runzelvolle Hand ergriff und drückte und, da er ſich wieder aufrichtete, an die Lippen zog. „Wie geht's dir? Man ſieht dich kaum!“ ſagte er, während ſeine Augen ihre Züge zu ſtudiren ſchienen.„Du ſiehſt angegriffen aus, aber dieſer Schatten—“ „Ah, Papa, das Licht blendete meine Augen! Aber Pierre—“ und ſie lächelte den alten, verſchrumpften Fran⸗ zoſen freundlich an—„zieht vielleicht den Vorhang zu⸗ rück— ¹ „Nicht doch, nicht doch, ma chère,⸗ unterbrach ſie der Graf.„Deine Behaglichkeit vor allem!— Ah, du haſt mir ſchon einen Stuhl hinſtellen laſſen!— Hilf mir, Pierre! den Mon⸗ , ſeinem der Aus⸗ me, als entgegen⸗ vieder zu ogar, wie gegen; in hewegung, ner Papa, keit mir nen ent⸗ n mochte n Diener während d, da er ſagte er, gen.„Du en! Aber en Fran⸗ zang zu⸗ h ſie der du haſt „Pierre! Vater und Tochter. 129 Ich bin noch ein wenig ſteif von der raſchen Fahrt.— So, ſo!“ Und nach dieſen ungewöhnlich raſch geſprochenen Worten Platz nehmend, ſetzte er hinzu:„Es iſt gut, Pierre. Halte dich im Vorzimmer, mein Freund, und achte auf die Klingel. Hübſch verträglich und höflich gegen Mamſell Fanny, Alter! Hörſt du?“— Wir wiſſen ſchon, daß dieſe beiden Menſchen ſich auf das allergenaueſte kannten, und brauchen daher auch kaum noch zu ſagen, daß Gräfin Hebe dieſe von ſeiner gewöhn⸗ lichen Weiſe ſo ſehr verſchiedene muntere und ein wenig frivole Lebhaftigkeit des Vaters nicht unbeachtet ließ. Im Gegentheil entging ihr auch jetzt nicht ein Laut, nicht eine Biegung der Stimme, und ihrem mit ſchmachtender Zärt⸗ lichkeit auf ſeinem Geſichte haftenden Auge nicht das lei⸗ ſeſte Zucken in den breiten Zügen. Sie hatte, wie ange⸗ deutet, dabei den Vortheil, daß der Vater im vollſten Lichte ſaß, während ſie ſelbſt durch den Schatten des Vorhanges einer genauen Beobachtung entzogen wurde. Pierre hatte jetzt das Gemach verlaſſen, und ſie waren allein. Der Graf langte die Spanioldoſe aus der Weſten⸗ taſche und nahm mit zierlich eintupfendem Finger eine Priſe. Dann ſagte er mit Theilnahme in Blick und Stimme:„Aber du ſiehſt mir wirklich angegriffen aus, mon enfant!- Sie lächelte ſanft.„Ach, Papa, die Ueberraſchung, als ich von Ihrer Ankunft erfuhr, und die freudige Er— wartung Ihres Beſuchs!“ erwiderte ſie, und indem ihr Auge mit einer Art von Wehmuth auf ihm ruhte und aus ihrer Stimme etwas wie ein milder Vorwurf zu ihm Hoefer, Fremdherrſchaft. II. 9 130 Fünfzehntes Kapitel. hinüberklang, redete ſie weiter:„Sie ſind gar nicht freund⸗ lich gegen mich, Papa! Geſtern Abend ſchon angekommen, ſo heimlich, daß ich's erſt heute Morgen durch Ihre Botſchaft erfuhr, und heut' erſt ſo ſpät! O Papa, wenn ich doch nur gehen könnte, muß ich wiederholen! Wie wäre ich Ihnen entgegen geflogen! Wir ſind ja lange, lange nicht ſo getrennt geweſen! Faſt vierzehn Tage!“ „Ich wollte niemand ſtören,“ verſetzte er in gutmü⸗ thigem Tone.„Und da ich hörte, daß du ein paar Tage gar nicht recht wohl geweſen—“ „Ach, Papa, was will das heißen!“ fiel ſie ein. „Sie kennen ja mein Unwohlſein. Migraine verliert ſich am leichteſten durch ſolche Freude. Denn ſehen Sie, Papa,“ ſetzte ſie mit ſanfteſter Weichheit hinzu, beugte ſich vor und bot ihm die Hand hin, die er denn auch mit den Fingerſpitzen ergriff—„ich hatte eine ſolche Sehnſucht nach Ihnen! Gerade weil Sie in der letzten Zeit doch manchen Verdruß hatten, den ich Ihnen ſo gern erſpart gewußt, und, Papa, weil wir ſo gar harmoniſch lebten, weil es mir gelungen ſchien, Sie mit mir zufrieden zu ſehen— Sie wiſſen's ja, Papa—“ Graf Hartmuth rückte ein wenig hin und her, da er durch dieſe ihm noch nicht bekannten, ſchlangenartig ſich fortwindenden Sätze der ſonſt überaus klar und präciſe ſprechenden Tochter ſich nichts weniger als behaglich be⸗ rührt fühlte.„Ja wohl, mon enfant!» unterbrach er ſie daher plötzlich.„Wir ſind lange nicht ſo getrennt geweſen. Und auch ich habe es drüben in der Stadt geſpürt— es iſt doch nirgends beſſer qu'au sein de sa t freund⸗ kommen, Botſchaft ich doch wäre ich nge nicht n gutmü⸗ aar Tage ſie ein. liert ſich ugte ſich mit den ſehnſucht eit doch erſpart lebten, eden zu c, da er rtig ſich präciſe lich be⸗ rach er getrennt Stadt de 8à Vater und Tochter. 131 famille, zumal für einen Mann, der wie ich doch ſchon das Alter fühlt.“ „O Papa, reden Sie nicht vom Alter!“ ſprach ſie herzlich.„Sie ſind ja ganz wohl auf und müſſen ſich nur ſchonen. Aber ſolche Courierfahrt, Papa, und dieſe Nachtreiſe— das hat mich doch erſchreckt! Wie konnten Sie nur ſo unvorſichtig ſein?“ „Ja, was willſt du!“ verſetzte er und zog langſam die Schultern in die Höhe, während er zugleich eine neue zierliche Priſe nahm.„Die Geſchäfte waren zu Ende, der Bekannten finde ich immer weniger, die Vergnügungen ſind nichts mehr für mich. Amuſant iſt es jetzt in der Stadt auch nicht, und da ich überdies allerlei hören mußte, was uns und die Unſeren betraf, und außerdem mich nach Hauſe und euch ſehnte, ſo trieb mich alles fort, und ich bin allerdings raſcher gefahren als ſonſt. Wir wären ſchon mit der Dämmerung hier geweſen,“ ſetzte er hinzu, und ſein Ton wurde immer langſamer und ſo zu ſagen majeſtätiſcher,„hätten wir nicht im Bertelshöfer Holze ſo viel mit dem Schnee zu kämpfen gehabt.„Es iſt, deutſch heraus, dort totalement detestable! Wir ſind ſogar um⸗ geworfen.“ Mon dieu, Papa!“ rief Hebe erſchrocken aus. „Ja, umgeworfen, ma fille! Ich mußte beinahe eine Viertelſtunde lang aus der Kutſche in den Schnee, und wir brauchten faſt drei Stunden, um durch dieſes verwünſchte Holz zu kommen. Doch das iſt nun vorbei, und nun ſoll mich in dem Winter auch nichts wieder aus dem Hauſe bringen.“ 132 Fünfzehntes Kapitel. „O Papa, wären Sie doch daheim geblieben!“ meinte Hebe wieder einmal vorwurfsvoll.„Was Sie mir da er⸗ zählen, iſt ja ganz furchtbar! Aber Sie wiſſen doch, daß es im Winter faſt immer ſo ging. Sie hätten gar nicht in die Stadt reiſen ſollen. Sie ſind alt genug und haben ſo viele Jahre für das Beſte des Landes geſorgt, daß Sie nun wohl Jüngere arbeiten laſſen dürfen.“ Graf Hartmuth rückte in ſeinem Stuhle von neuem unbehaglich hin und her, denn er verſtand die Weiſe der Tochter immer weniger, da ſie früher niemals ſo viel Zeit bis zu ihrem erſten offenen Worte hatte verſtreichen laſſen. Wollte ſie dasſelbe etwa ihm überlaſſen? Er beſah ſeine Nägel und drehte den großen Siegelring ein paarmal rund um den Finger. „Ach, mon enfant,» ſagte er endlich und wandte ihr wieder die Augen zu,„was jetzt vorgeht, nimmt uns alle in Anſpruch, und zumeiſt uns Alten. Denn die Jüngeren ſind von einem ſeltſamen Ungeſchick, von einer Taktloſig⸗ keit, möcht' ich ſagen, die Unſereinen erſchrecken muß. Wenn wir nicht zurückzuhalten und die Vernunft in Herrſchaft zu erhalten ſuchten, wäre nicht nur unſer eige⸗ ner Ruin, ſondern auch der des ganzen Departements unabwendbar. Ich kam zur rechten Zeit nach S. Ja, wäre ich nicht der Graf Hartmuth, den man kennt, deſſen Wort doch noch immer von einigem Gewicht iſt und deſſen Bitten Berückſichtigung finden; wäre General Renaud nicht ein Cavalier und ein billiger, einſichtiger Herr, der zu unterſcheiden weiß— ſo dürfte es bereits zu ſpät ge⸗ weſen ſein. Ich habe meiner ganzen alten Energie und " meinte ir da er⸗ och, daß gar nicht n haben daß Sie n neuem Geiſe der viel Zeit n laſſen. ah ſeine paarmal ndte ihr uns alle hüngeren jaktloſig⸗ en muß. unft in ſer eige⸗ rtements 6 3 t deſſen d deſſen Renaud er, der ſpüt ge⸗ gie und Vater und Tochter. 133 Entſchloſſenheit bedurft, verſichere ich dich, und wir wer⸗ den es nur meiner bekannten tadelloſen Loyauté gegen Se. Majeſtät den Kaiſer und meiner Klugheit zu danken haben, wenn das drohende Unheil ſich noch einmal von unſerem Hauſe abwendet.“— Sie hatte ihn ausreden laſſen, indem ſie ihm die Worte mit einem auf das ſeltſamſte aus Schmachten, theilnehmender Sorge und Spannung gemiſchten Blick von den Lippen leſen zu wollen ſchien, und nun ſagte ſie mit vibrirender Stimme:„Sie ſpannen mich aber auf die Folter, Papa! Was um Gottes Willen kann man denn gegen Sie haben?“ „Gegen mich?“ wiederholte er, jetzt in hohem Tone und während zugleich auch die Augen und das ganze Ge⸗ ſicht ſo zu ſagen einen Anlauf zu einem etwas imponi⸗ renderen Ausdruck nahmen, was ihnen jedoch bei der ſicht⸗ baren Abgeſpanntheit des alten Herrn nicht recht gelang. „Gegen mich, ma fille? Daß ich nicht wüßte, obgleich weniger vernünftigen und polirten Leuten, als dem Gene⸗ ral und dem Präfecten gegenüber, ſelbſt mir dieſe myſte⸗ riöſe Affaire mit dem Vicomte von Vial—“ „Vial?“ unterbrach ihn Hebe plötzlich mit fröhlichem Lachen.„Bildet man uns noch immer ein, daß dieſer theure Vicomte vermuthlich ermordet oder entführt, enfin gegen ſeinen Willen abhanden gekommen ſei, während doch ſicher niemand beſſer, als gerade der General von der Weiſe und dem Zweck dieſes Verſchwindens unterrichtet iſt? Glauben Sie mir nur, Papa,“ ſetzte ſie hinzu, als ſie die großen Augen des Vaters noch größer werden und 134 Fünfzehntes Kapitel. ſein ganzes breites Geſicht den Ausdruck einer ungeheu⸗ chelten Ueberraſchung annehmen ſah.„Glauben Sie mir nur, Papa, ſo iſt es! Es wäre ja zu albern, anzunehmen, daß der junge Herr von ſelber von hier fortgelaufen— ich gebe zwar zu, daß meiner Nichte Augen gefährlich, aber ſie ſchrecken doch nicht ab, ſondern reizen mehr zum Bleiben!— oder daß er gar, der Himmel weiß wie, zu Schaden gekommen!— Man ſieht aber daran recht,“ ſchloß ſie ernſter und ſchüttelte das Köpfchen, wie gering uns dieſe Herren Franzoſen taxiren.“ Der alte Herr ſah die Sprecherin noch eine Weile ganz verdutzt an, bevor er gleichfalls mit Kopfſchütteln er⸗ widerte:„In der That, Hebe, darauf bin ich noch nicht gekommen, und deine Anſicht ſchiene mir Einiges für ſich zu haben, wäre von dieſer Sache mehr und in anderer Weiſe die Rede geweſen. Es kam nur gelegentlich zur Sprache—“ „Nun eben darum, Papa!“ fiel ſie munter ein.„Das ſpricht ja für mich! Denken Sie doch, ob ſie, wenn er wirklich verſchwunden wäre, wie ſie uns glauben machen wollen, ob ſie, ſage ich, nicht ein ganz anderes Geſchrei erheben—“ „Mein Kind, man betreibt die Nachforſchungen im Geheimen,“ unterbrach er ſie mit einer gewiſſen Ueber⸗ legenheit.„Man geht mit Vorſicht. Die Stimmung im Lande iſt gereizt, und es gibt hier und da wahnſinnige Menſchen, die nur auf irgend eine Gelegenheit zu paſſen ſcheinen, um irgend einen Streich gegen die Regierung zu wagen. Die Wahnſinnigen,“ fügte er heftiger hinzu,„ſehen ungeheu⸗ Sie mir nnehmen, zufen— ffährlich, lehr zum wie, zu recht,“ je gering e Weile teln er⸗ ch nicht für ſich anderer lich zur 1„Das venn er machen Geſchrei igen im Ueber⸗ ung im nſinnige paſſen ung zu ſſehen Vater und Tochter. 135 nicht ein, daß ſie ſo oder ſo das Verderben über ſich her⸗ aufbeſchwören. Der jetzigen Vorſicht wird ſeiner Zeit ein raſches Durchgreifen folgen, und wehe dann den Thoren und Verräthern! Wäre nicht meine Loyauté ſo über jeden Zweifel erhaben, während man mir zugleich noch eine Revanche ſchuldig für die im Herbſt erduldete Brutalität, ſo würde ſelbſt ich nichts davon erfahren haben. Und wäre ich gleich gewiſſenlos wie— wie Andere— in Bezug auf die Renommée und den Beſitz unſeres Hau⸗ ſes, ſo möchte ich faſt wünſchen, nichts gehört zu haben. Sie hätten in ihr Verderben ſtürzen mögen.“ „Aber in des Himmels Namen, was bedeutet das alles?“ fragte Hebe, und wären die Augen des alten Grafen beſſer oder der Schatten auf dem Geſicht der Toch⸗ ter nicht ſo tief geweſen, ſo hätte es ihm kaum entgehen kön⸗ nen, daß ſie einer wirklichen und ſichtbaren Anſtrengung bedurfte, um auch jetzt noch wie bisher mit Geduld und ſo zu ſagen nur Schritt vor Schritt vorzugehen. „Das heißt, mon enfant, ſagte er mit hohem Tone und in einer Art von faſt auch äußerlich wahrnehmbarer Aufgeblaſenheit—„daß man gegen meinen Schwachkopf von Sohn und gegen den albernen Menſchen, den Eugen, ſo ſchlecht wie möglich geſtimmt iſt; daß man möglicher Weiſe bald gegen ſie und ihr Treiben einſchreiten wird; daß man ihnen rathen muß, ſich wenigſtens perſönlich in Sicherheit zu bringen—“ „Mein Gott, Papa!“— Es war ein leuchtender Blitz, der aus ihrem Auge fuhr, allein ſchon im nächſten Moment ſah ſie den Vater nur noch wie heftig erſchrocken 13 Fünfzehntes Kapitel. an, und da ſie ſich zugleich gegen ihn vorbeugte, konnte ihm dieſer Ausdruck nicht verborgen bleiben. Seine Züge drückten eine wirkliche Befriedigung aus. Hat's getroffen? dachte er, und laut ſprach er:„Ja, wie mich ſolche Erfahrungen auch betrübten und entrüſteten, zu⸗ gleich muß ich doch höchlich contentirt durch die Rückſicht und Courtoiſie ſein, mit der man gegen mich verfährt. Dieſer Rückſicht und Courtoiſie werden ſie es zu ver⸗ danken haben, wenn ſie ſich wenigſtens ſalviren können und ihr Beſitz nicht wie der von Verräthern dem Fiscus anheimfällt, ſondern wie mir der General und Präfect verheißen haben, durch die Gnade Seiner Majeſtät gleich⸗ falls meiner Dispoſition überlaſſen bleibt.“ „Gleichfalls, Papa?“ wiederholte ſie wie mit nai— ver Verwunderung, während das Wort und der Ton den Grafen ſichtbar auf das allerunangenehmſte überraſchte und ihn für den Augenblick die wulſtigen Lippen feſt zu⸗ ſammenpreſſen ließ.—„Iſt denn auch von Ihrem Beſitz die Rede geweſen, Papa?“ fügte ſie hinzu. Graf Hartmuth nahm eine ſehr umſtändliche Con⸗ tenance⸗Priſe. Von Zurückweichen war bekanntlich Hebe gegenüber keine Rede. Es galt alſo nur, ſich ſo gut wie möglich aus der Sache zu ziehen, und er ſagte daher mit erträglicher Unbefangenheit, durch welche er aber doch einige Entrüſtung durchklingen ließ:„Als ich von dieſen Dingen erfuhr, ma fille, war es wohl natürlich, daß ich mich perſönlich und hier unſer Haus ſicher zu ſtellen ſuchte und mich auch vor den Behörden von jeder ferneren Ver⸗ , konnte ung aus. „Ja, wie eten, zu⸗ Rückſicht verfährt. zu ver⸗ können Fiscus Präfect t gleich⸗ mit nai⸗ Ton den erraſchte feſt zu⸗ n Beſitz he Con⸗ c Hebe gut wie her mit er doch dieſen daß ich ſuchte n Ver⸗ Vater und Tochter. 137 bindung mit den Beiden losſagte, wie das im Grunde und unter uns ja ſchon lange der Fall geweſen.“ „Aber was in des Himmels Namen wirft man ihnen denn vor?“ fragte Hebe nach einer Weile, und jetzt klang ihre Stimme traurig.„Der arme Eberhard! Der arme Eugen!— Ich kann und kann es nicht glauben, daß hier etwas Anderes als Verleumdung vorliegt—“ War dem Grafen dieſes etwas gar zu viel oder wurde ihm die bisherige Weiſe des Geſprächs langweilig oder empfindlich,— denn er ſah von Anfang an, daß die Tochter mit ihm ſpielte,— genug, er zog plötzlich die Brauen in die Höhe und ſagte hochmüthig;„Verſtelle dich nicht zu arg, ma fille. Du weißt beſſer als ich, daß ſie innerlich nichts weniger als treue Anhänger des Kaiſers, ſondern voll wahnſinniger oder abgeſchmackter Träume ſind. Glück genug, daß unſere übrigen Standesgenoſſen zu loyal und vernünftig denken, daß die Städte und der größte Theil der Landbewohner zu indifferent oder zu feig ſind, um ſich fortreißen zu laſſen. Sie wären, glaub' ich, im Stande, eine Verſchwörung anzuzetteln, die zwei Grafen Rhoda zum Schaffot oder auf den Sandhaufen führen würde.“ Ueber Hebe's Geſicht glitt ein blitzgleiches, faſt trium⸗ phirendes Lächeln, das aber wiederum wie vorhin alsbald einem anderen, nur noch milden Platz machte.„Gott bewahre, Papa, was für grauſige Phantaſieen Sie haben!“ ſprach ſie mit leichtem Kopfſchütteln. „Und doch lächelſt du dazu?“ unterbrach er ſie gereizt. „Ach Papa, nur darüber, daß Sie auch mich hinein 138 Fünfzehntes Kapitel. verflechten! Ich Unſchuldslamm wüßte von dieſen Dingen mehr als Sie!“ „Ja! Leugne das! Ich erfuhr nur gelegentlich davon.“ „Gelegentlich der Beſitz⸗Angelegenheit, Papa?“ fragte ſie naiv.—„Aber nichts davon!— Ich wüßte mehr als Sie, wiederhole ich?“ „Etwa nicht?— Leugne es, daß du, ſo wie du von meinem heutigen Beſuch erfuhrſt, ſogleich die Fahrt zu Eberhard beſtellteſt— doch wohl nur, um ihm das Er⸗ horchte mitzutheilen?“ ⸗Cher Papa, Sie irren ſich! Dieſe Fahrt war ſchon geſtern Nachmittag beſchloſſen und drüben angemeldet. Natürlich geben mir Ihre Mittheilungen noch einen weiteren Grund. Ich wäre untröſtlich geweſen, ſchon heute wieder von Ihnen gehen zu müſſen. Jetzt iſt das was Anderes. Denn Sie wollen ja ſelber die Armen gewarnt haben, und ich ſehe ein, es muß ſein.“ Er ſtarrte ſie an.„Einen weiteren Grund?“ fragte er.„Und dein erſter, mon enfant?- Sie lächelte ihn mit ihrem zärtlichſten Lächeln an, ſo daß es den alten Herrn förmlich überrieſelte; er wußte auch jetzt wieder nur gar zu wohl, daß ihre Schläge be⸗ gannen, und fühlte ſie ſchon im Voraus.—„Ach Papa, auch in Beſitz⸗Angelegenheiten,“ verſetzte ſie ſanft.„Es wäre entzückend, wenn wir uns hier begegneten und meine Wünſche mit Ihren Maßnahmen übereinſtimmten! Denn nicht wahr, Papa— Sie blieben doch gewiß nur ſo lange in der Stadt, um dies gründlich zu ordnen und die Aner⸗ kennung einzuleiten?“ —— en Dingen ch davon.“ 17 fragte mehr als ie du von Fahrt zu n das Er⸗ war ſchon gemeldet. weiteren tte wieder Anderes. t haben, 2 fragte in an, ſo er wußte jlige be ch Papa, ft.„Es nd meine 1Denn ſo lange ie Aner⸗ Vater und Tochter. 139 Graf Hartmuth's Geſicht, das heute Morgen, viel⸗ leicht in Folge der geſtern und vorgeſtern beſtandenen Strapazen, wirklich etwas weniger gefärbt geweſen, als es ſonſt zu ſein pflegte, war bei ihren Worten wieder ſo roth geworden wie je, und ſeine Augen ſchauten noch ein wenig wäſſeriger und ſtierer zu ihr hinüber, als es ge⸗ wöhnlich der Fall. Der Hieb hatte, wie man das zu nennen pflegt, getroffen und ſaß ausgezeichnet.— Der alte Mann ſtützte ſich auf die Lehne des Stuhls und den Krückſtock, um ſein Erbeben nicht ſichtbar werden zu laſſen. Und ohne ſelber recht zu wiſſen, ob ihn die Offenheit der Tochter mehr zum Zorn reizen oder mehr erſchrecken müſſe— denn war es möglich, daß ſie ſein Handeln und ſeine Pläne nur errathen hatte? War es nicht viel wahr⸗ ſcheinlicher, daß es Spione in ſeiner Umgebung gab, die ihr alles berichteten? Und wer waren dieſe Spione?— Alſo, ohne recht zu wiſſen, was ſich im gegenwärtigen Augenblicke für ihn als Vater und Graf von Rhoda ſchickte, ſagte er nur mit majeſtätiſchem Kopfſchütteln nach einer Pauſe:„Alles, was ich von deinem Geſchwätz ver⸗ ſtehe, iſt, daß du mit deinem Bruder Eberhard über Beſitz⸗ Angelegenheiten ſprechen wollteſt. Und dies, mon enfant, verſtehe ich nun ganz und gar nicht. Willſt du dich da⸗ rüber erklären, ma fillebL Sie ſchaute ihn mit einer Art von traucherzigkr Theil⸗ nahme an, während ſie antwortete:„Armer Papa! Ich habe wohl Recht, um Sie zu ſorgen. Solche Reiſen grei⸗ fen Sie an, Sie ſehen übel aus, Papa, recht übel! Bitte, bitte, nehmen Sie ſich in Acht!— Alſo, was ich mit 140 Fünfzehntes Kapitel. Eberhard wollte, fragen Sie?“ fuhr ſie in etwas veränder⸗ tem Tone und gewiſſermaßen nachdenklich fort.„Nun, Sie wiſſen ja, Papa, daß Eberhard manchmal wunderlich iſt und gar zu ſehr an Rückſichten und Umſchweifen hängt. Ich wollte alſo mit ihm alles in Ordnung bringen, damit Ihre freundlichen Abſichten bei ihm keinen Widerſtand fänden. Ihm kann dieſes alles ja gleichgültig ſein. Er hat, auch wenn er Sie überlebt, ſchwerlich noch Verlangen, die ganze Grafſchaft anzutreten, ſondern genug an ſeinem jetzigen Beſitz. Und da er das Kind ja eben ſo ſehr liebt, wie wir alle, und von ſeinem Rechte überzeugt iſt, ſo—“ „In des Teufels Namen, was ſchwatzeſt du?“ brach Graf Hartmuth bebend vor Aufregung und Ungeduld durch.„Was ſind das für Pläne? Was wollt ihr? Was ſoll ich gewollt haben?“ „Aber Papa, cher Papa, was regt Sie denn ſo auf?“ ſprach Hebe gleichſam ernſtlich erſchrocken und beugte ſich vorwärts, als wolle ſie ihn beſſer ſehen.„O, dieſe Reiſe, Papa!— Was um des Himmels Willen—“ „Was du ſchwatzeſt, was du andeuteſt, will ich wiſſen!“ unterbrach der alte Herr ſie grob.„Ich dulde dieſes Spiel nicht länger, ſag' ich dir und euch allen!“ „Aber Papa, ich kenne Sie gar nicht wieder!“ be— merkte ſie wie erſtaunt und ſchüttelte leiſe den Kopf. „Dieſe Worte, dieſer Ton, dieſe Geberden—“ „Was du andeuteſt, ſollſt du ſagen!“— Auch er hatte ſich vorgebeugt und ſtierte ſie an. In ſeinem Ge⸗ ſicht zeigte ſich wieder etwas von dem Grimme, mit dem veränder⸗ .„Nun, eunderlich ſen hängt. en, damit iderſtand ſein. Er zerlangen, an ſeinem ſehr liebt, ſt, ſo—“ 2“ brach angeduld hr? Was denn ſo d beugte 9, dieſe 7 wiſſen! ſes Spiel er!“ be⸗ n Kopf. Auch er iem Ge⸗ mit dem Vater und Tochter. 141 wir ihn vor langer Zeit einmal des alten Schäfers ge⸗ denken ſahen. „Aber, mein Gott, Papa, es iſt ja alles ſo klar wie möglich!“ verſetzte Hebe nun in einem zwiſchen Erſtaunen und Demuth ſchwankenden Tone und doch mit dem Aus⸗ druck der vollſten und ruhigſten Ueberzeugung.„Wir wiſſen alle, daß Sie die Rhodenfelder Nebenlinie ſtets nur ungern geſehen haben, daß Sie weder den armen Eugen, noch ſeine heitere Schweſter lieben, und daß Sie noch weniger gern den ganzen Beſitz der Rhoda dereinſt in ſeine Hände kommen laſſen würden.— Und doch hätte es dahin kommen müſſen,“ fuhr ſie nach einer Pauſe fort, in der nur ein grollender Ton des Alten zu ihr herüber⸗ geklungen.„Eberhard iſt kinderlos, heirathet auch gewiß nicht wieder, und unſer Hector iſt todt. Da haben wir aber nun des Todten Kind, den kleinen, ſchönen, klugen Hector, deſſen—“ „Den Baſtard!“ unterbrach ſie Graf Hartmuth mit rauher Stimme. „Welch' ein häßlich Wort, Papa!“ ſagte ſie mit einer Art von Widerwillen.„Weßhalb brauchen Sie's nur immer und quälen ſich und uns damit, da Sie es doch ſo gut mit dem Kinde im Sinne haben und an ihm das alte Unrecht gut machen wollen! Es iſt ja auch gar nichts mit dieſer unehelichen Geburt. Bei all den Zeugniſſen von unſeres Hector's Auffaſſung dieſer Sache, bei Ihrer und unſerer Zuſtimmung, bei Ihren Connexionen, bei Ihrer Stellung zu den franzöſiſchen Behörden müſſen Sie ja die Anerkennung und Legitimirung des Kleinen ohne 142 Fünfzehntes Kapitel. den geringſten Widerſtand erhalten. Und für Ihr eigen Gefühl, Papa,“ fügte ſie in einem ganz eigenthümlichen Tone— man möchte faſt ſagen, er glich jenem, mit dem man aufgeregte Kinder zu beruhigen ſucht— hinzu,„und für die Anſicht von der Sache, auf welche Sie ſich nun einmal capriciren,— ſo bedenken Sie nur, wie häufig dergleichen in großen Familien vorzukommen pflegt. Man drückt ein Auge zu und denkt zuerſt an die Erhaltung und Fortführung—“ Der Graf ſtarrte ſie, da ſie, vielleicht vor ſeinem Blick innehielt, an, als ob es ſchon im nächſten Augenblick zu einem Ausbruch der Wuth und des Grimmes kommen müſſe, die ihn ſichtbar auf das drohendſte erfüllten. Man ſah es zucken und zittern in ſeinem Geſicht, und die dicken Lippen öffneten und ſchloſſen ſich wie unter der Einwir⸗ kung eines Krampfes. Allein ob der alte Herr noch im⸗ mer unter der Herrſchaft der langen geſellſchaftlichen Ge⸗ wöhnung ſtand, oder ob er uns nicht bekannte Gründe hatte, die freilich nichts weniger als reſpectvoll und kind⸗ lich auftretende Tochter auch jetzt noch zu ſchonen,— er faßte ſich noch einmal wieder und verſetzte nach einer ganzen Weile nur mit allem ihm möglichen Hohn:„Ihr ſcheint alſo zu glauben, daß ich dem Baſtard meines Sohnes mit der Erbſchaft der Burg- und Waldgrafen zu Rhoda ein kleines Präſent machen würde?“ Es hatte einer Beobachterin, wie Gräfin Hebe war, am wenigſten entgehen können, was in dem Vater vorge⸗ gangen, und daß die Saiten bis zum Zerreißen geſpannt waren. Aber es war augenſcheinlich ohne beſonderen Ein⸗ Ihr eigen ſthümlichen , mit dem nzu,„und e ſich nun vie häufig legt. Man Erhaltung einem Blick genblick zu kommen ten. Man die dicken r Einwir⸗ noch im⸗ lihen Ge⸗ te Gründe und kind⸗ en,— er ner ganzen hr ſcheint 5 Sohnes u Rhoda gebe war, er vorge⸗ geſpannt eren Ein⸗ Vater und Tochter. 143 druck auf ſie geblieben, denn in vollkommen unveränderter Haltung, mit wieder ruhig ernſtem Blick und Ton er⸗ widerte ſie augenblicklich:„Ja, Papa, das denken wir freilich, denn das iſt ja ſeit jenem Nachmittag zwiſchen uns abgemacht, mein' ich. Wir wiſſen ja auch außerdem, Papa, daß Sie ſich ſeither weiter nach dem Kleinen er⸗ kundigten. Pierre redete von Ihrer freundlichen Theil⸗ nahme!— Und ich kann Ihnen ſagen, daß Eugen keine Einwendungen machen wird, ſelbſt wenn Sie ihm noch dergleichen zugeſtehen wollten. Er iſt zu gerecht, um die Rechte des Knaben zu leugnen, um nicht in dem Acte ſeiner Anerkennung eine Sühne des alten, ſchweren Un⸗ rechts zu ſehen, das unſer Hector vordem zu erleiden hatte. Und gibt man ihm einmal Namen, Rang und ſein eige⸗ nes Vermögen— weßhalb auch nicht das Uebrige?— So ſehen wir alle es an, Papa,“ ſetzte ſie hinzu, und ſo habe auch ich Ihr Schweigen auslegen zu müſſen ge⸗ glaubt.“ Graf Hartmuth ſchien ſich jetzt völlig gefaßt zu haben. Der Grimm war aus ſeinen Zügen verſchwunden und hatte einer Härte und einer Entſchloſſenheit Platz gemacht, die dem ſo zu ſagen zuſammengepreßten Geſicht und den ſtarrenden großen Augen zwar nichts wirklich Imponiren⸗ des zu geben vermochten, aber doch immerhin andeuteten, daß der Mann da ſich zu einer Kraft und Energie auf⸗ gerafft habe, die vielleicht ſelbſt Hebe nicht mehr von ihm erwartet hatte. Von Lächeln oder auch nur Gleichgültig— keit war jetzt wenigſtens nichts mehr in ihrem Geſicht zu bemerken. Sie ſah vielmehr geſpannt aus, oder als ſchaue 1 44 Fünfzehntes Kapitel. ſie gar dem Kommenden nicht ohne einige Beſorgniß ent⸗ gegen. Und da kam es auch ſchon. „Alſo ſo ſteht's?“ ſprach der Graf in verhältnißmäßig ruhigem Tone und mit feſter Stimme.„Nun gut, Offen⸗ heit gegen Offenheit, und da ich einmal noch Herr bin, ſo erſuche ich dich und durch dich die Meinen um Gehorſam gegen meine Befehle und Anordnungen. Ich bin alſo wirklich der Erbſchafts⸗Angelegenheit wegen zur Stadt ge⸗ fahren, da ich aus jenem Nachmittagsgeſpräch und aus dem intimen Verkehr mit Eberhard ſchloß, daß ihr gegen mich intriguirtet und Pläne verfolgtet, die ich allerdings nur für wahnſinnig halten konnte, denen ich aber, wie ihr nun einmal ſeid, ernſtlich entgegentreten mußte, wenn ſie nicht dennoch gewiſſermaßen gefährlich werden ſollten. Auf Reden mochte ich mich nicht einlaſſen— ich verzichte auf den Kampf gegen Weiberzungen— und alſo handelte ich und ſorgte nur dafür, daß ihr nicht früher dovon er⸗ fuhrt, als bis die Sache in Ordnung war.“ Ein harter, krampfartiger Huſten unterbrach ihn, und erſt als er auch nach dem Anfall noch eine Weile ge— ſchwiegen und ſich die thränenden Augen getrocknet, ver⸗ mochte er wieder fortzufahren. Gräfin Hebe regte ſich nicht. Sie ſaß zuſammenge⸗ ſchmiegt im Schatten ihres Vorhanges und ihre Augen ruhten noch immer feſt und mit einem geradezu lauſchen⸗ den Ausdruck auf ſeinen Mienen. „Das Uebrige iſt ſchnell geſagt,“ redete er nun, zuerſt mit noch etwas bewegter Stimme und einigemal anſtoßend, weiter.„Mein Entſchluß wurde eigentlich ſchon an jenem rgniß ent⸗ ltnißmäßig aut, Offen⸗ err bin, ſo Gehorſam bin alſo Stadt ge⸗ und aus ihr gegen dings nur e ihr nun ſie nicht en. Auf zichte auf handelte dovon er⸗ ihn, und Weile ge⸗ fnet, ver⸗ ammenge⸗ re Augen lauſchen⸗ n, zuerſt nſtoßend, an jenem Vater und Tochter. 145 Nachmittage gefaßt und hat ſich dann deſto raſcher be⸗ feſtigt, je häufiger ich ſah, wie feindſelig und entwürdi⸗ gend dein Benehmen gegen meine Enkelin war, gegen die Tochter meines geliebteſten und würdigſten Kindes, gegen den Sprößling des väterlichen und mütterlichen Geſchlech⸗ tes, der ſich von euch allen allein zweier ſolcher Namen würdig zeigt.— Mit Einem Worte: Stephanie iſt meine Erbin. Die alten Lehnsverhältniſſe kommen nicht mehr in Betracht. Und nach dem, was ich in S. von Beiden er⸗ fuhr, die außer mir noch im Beſitze Rhoda'ſcher Güter ſind, habe ich ſchon dafür geſorgt, daß ſelbſt dieſe Be⸗ ſitzungen auf mich, das heißt auf Stephanie dereinſt, über⸗ tragen werden. Sie ehrt unſeren Namen, unſer Ge⸗ ſchlecht. Das theile Eberhard mit. Ich habe mit ihm nichts mehr gemein.“ Die ungewöhnliche Lebhaftigkeit, mit der er geſprochen hatte, bewirkte einen neuen, noch ſtärkeren Huſtenanfall, der es ihm unmöglich machte, den finſteren und verach⸗ tungsvollen Blick zu bemerken, der mit einem Male aus Hebe's tief gedunkeltem braunem Auge hervorſchoß. Ihr gan⸗ zes Geſicht zog ſich dabei möomentan wie im Krampfe zuſam⸗ men unter der Wucht der Gedanken, die ihren Kopf er⸗ füllen mochten. Sie beugte ſich jäh vorwärts und ihre Lippen öffneten ſich zu einem vielleicht ſchrecklichen Wort. Im nächſten Augenblick jedoch zuckte ein boshaftes Lächeln durch ihre ſchon wieder harmoniſch klaren Züge, und zu⸗ gleich warf ſie ſich faſt gewaltſam in ihren Stuhl zurück. So blieb ſie noch einen Moment in voller Ruhe, bis Hoefer, Fremdherrſchaft. II. 10 146 Fünfzehntes Kapitel. der alte Herr den Anfall völlig überwunden und die Augen gewiſcht hatte. Dann beugte ſie ſich aufs neue, aber langſamer vor, ſo daß ihr Geſicht im vollen Tageslicht ihm durchaus ſichtbar war, und richtete ihre Augen auf die ſeinen mit ſo durchdringendem Blick, daß er wie ge⸗ bannt unter der Gewalt desſelben ohne Laut und Regung blieb. Er führte nicht einmal die Priſe zur Naſe, die er doch bereits aus der Doſe getupft hatte. Sie blieb, wie geſagt, mehrere Sekunden lang ſchwei⸗ gend ſitzen. Dann ſagte ſie plötzlich in durchaus nicht ſcharfem Tone:„Iſt das wirklich wahr, Papa, und Ihr wirklicher Wille?“ „Zweifelſt du etwa an der Wahrheit meiner Worte?“ fragte er faſt barſch.„Die Komödie iſt zu Ende. Ich bin der Herr und werde euch das fühlbar machen.“ „Ja wohl, ja wohl, Papa! Erhitzen Sie ſich nur nicht unnöthig!“ verſetzte ſie unverändert.„Ich fragte ja auch bloß, weil—“ „Nun, weil— 2“ wiederholte er wieder barſch, da ſie ſtockte.„Ich wünſche, dieſen Grund zu hören.“ „O Papa, es iſt vielleicht gar kein rechter Grund,“ ſprach ſie mit anſcheinender Befangenheit.„Vielleicht iſt es gar nicht wahr. Ich dachte nur, daß Sie auf ſolche Weiſe allerdings die Prophezeiung Ihres Vaters, des Grafen Eberhard Günther, an der freilich, bei dieſen Ihren Maß⸗ nahmen, alſo doch etwas zu ſein ſcheint, am ſchnellſten und ſicherſten zu einer— Unwahrheit machen würden.“ Es war durch ihn hingezuckt, als habe ihn ein Blitz die Augen eue, aber Tageslicht lugen auf er wie ge⸗ d Regung aſe, die er ng ſchwei⸗ zaus nicht und Ihr Worte?“ nde. Ich en.“ eſich nur fragte Ja ſch, da ſie Grund,“ lleicht iſt ꝛuf ſolche s Grafen ren Maß⸗ ſchnellſten ürden.“ ein Blitz Vater und Tochter. 147 getroffen; ſein Geſicht verzerrte ſich, ſeine Farbe wechſelte raſch, ſein Mund haſchte nach Athem. Aber was immer ihm auch in dieſem Augenblick wieder neue Kraft zu verleihen im Stande ſein mochte— er faßte ſich ſchnell, und faſt unmittelbar nach ihren letzten Worten fragte er mit aller⸗ dings noch etwas ſtierem Blick:„Was iſt das für ein Geſchwätz? Was für eine Prophezeiung ſoll dein Groß⸗ vater ausgeſprochen haben?“ Sie ſah ihn aufs neue mit jenem ſchier unheimlich mächtigen, durchdringenden Blicke an, der ihn wie verzau⸗ bert ſtill halten ließ, und ſagte mit ihrer hellſten und zu⸗ gleich ſanfteſten Stimme:„Papa, ich weiß ja nicht, ob es wahr iſt. Ich hörte nur, daß Ihr Vater auf dem Sterbe⸗ bette prophezeit habe, Sie würden es, trotz aller Mühe, nicht erreichen, daß Ihr Blut nach Ihnen über die Be⸗ ſitzungen der Rhoda herrſche.“— Er ruhte zuſammengeſunken in ſeinem Stuhl, ſeine Augen begegneten den ihren mit einem faſt bewußtloſen gläſernen Blick, ſeine Finger umſpannten krampfhaft den Stock, und ſeine Bruſt athmete ſchwer. Gräfin Hebe ſchien aber auf dieſe ernſten Anzeichen eines tief getroffenen Gewiſſens nur geringes Gewicht zu legen. Sie ſagte in einem gewiſſermaßen begütigenden Tone:„Wie kann Sie das doch ſo ergreifen, Papa?— Offen geſtanden, halte ich es ſelbſt kaum für wahr; denn wie wäre Ihr Vater dazu gekommen?— Sie wiſſen aber, wie es geht. Man glaubt an etwas nur halb und legt ihm doch einen Werth bei. So dachte ich, wenn das 148 Fünfzehntes Kapitel. wahr wäre, würden Sie durch Hector's Anerkennung viel⸗ leicht die Worte des Herrn Vaters zu Fall kommen laſſen. Und da wir dachten, daß Sie wirklich mit unſeren Wün⸗ ſchen in Betreff dieſes Enkels übereinſtimmten, ſo paßte, wie Sie geſtehen werden, alles aufs herrlichſte zu einan⸗ der. An Stephanie, das Mädchen, dachten freilich wir, an Hector, wie es ſcheint, Sie nicht. Da Sie aber das Mädchen mit Uebergehung der männlichen Glieder zu Ihrer Erbin wünſchten,“ fuhr ſie achſelzuckend fort,„ſo müſſen wir—“ ſie brach ab und, ſtatt des Erwarteten, ſetzte ſie nach einer kleinen Pauſe nur hinzu:—„dann wohl annehmen, daß jene Prophezeiung doch keine leere Erfindung war.“— Aber freilich— dann werde ich nun wirklich ein wenig neugierig, wie es damit zuſammenhängt.“ Graf Hartmuth hatte ſich von ſeinem, wir müſſen wohl ſagen: Entſetzen wieder erholt und mit Ausnahme der noch immer etwas bleicheren Farbe ſeines Geſichts, zeigte ſich an ſeinem Aeußern nichts Auffälliges mehr. Die Ueberlegenheit und das Selbſtbewußtſein jedoch, welche ſich vorhin in jeder Miene und in jedem Wort ausge⸗ ſprochen hatten, ſchienen jetzt unwiederbringlich dahin und hatten einem Ausdruck und gewiſſen eigenthümlichen Be⸗ wegungen Platz gemacht, die Hebe ſelbſt am wenigſten mißdeutete. Sie wußte indeſſen nicht, was in dem alten Herrn vorherrſchte, ob die durch ihre Andeutung wach ge⸗ wordene Erinnerung oder die Beſtürzung über die ihm durchaus neue und nicht recht verſtändliche Weiſe der Tochter, von der er nach ſeinen Mittheilungen eher alles nung viel⸗ ten laſſen. ten Wün⸗ ſo paßte, zu einan⸗ wenigſten dem alten wach ge⸗ die ihm geiſe der her alles Vater und Tochter. 149 vermuthet haben mochte, als die geſchilderte verhältniß⸗ mäßige Reſignation und Nachgiebigkeit. Es war ihm entſchieden unheimlich neben ihr, und nachdem er, ihre letzten Worte ignorirend, nur ein gepreß⸗ tes:„Ja, allerdings, ſo iſt es, dabei bleibt es!“— hervorge⸗ bracht, ſtand er alsbald auf und ſprach in gemäßigtem Tone:„Aber es wird Zeit für dich und mich, ma fille. Wir wiſſen jetzt Beide genügend von einander, und ich will dich von deiner Fahrt nicht zurückhalten. Theile Eberhard das Nöthige mit. Mag er dann ſelbſt nach ſei⸗ nem Willen und Ermeſſen handeln.— Darf ich dich bitten, zu klingeln?“ Sie folgte ſeinem Wunſche, und als darauf nicht nur Pierre, ſondern auch ihre Jungfer herbei eilte, ließ ſie ſich von der letzteren aufhelfen, zum Vater führen und ſagte, nachdem ſie ihm die eiskalte Hand geküßt: ⸗Adieu, cher Papa! Ich werde alles beſorgen.“ Er neigte den Kopf gegen ſie, berührte ihre Stirn leicht mit ſeinen Lippen und verſetzte:„Gott befohlen, mon. enfant! Bleibe geſund und komme bald wieder!“ Und dann ſtützte er ſich ſchwer auf den Diener und ließ ſich langſam der Thür zu und hinaus geleiten. Gräfin Hebe kehrte zu ihrem Stuhle zurück und ſank tief in ſeine weichen Polſter. Ihre Augen hafteten mit beinahe finſterem Sinnen an der Thür, durch welche Graf Hartmuth verſchwunden war. d „Gnädige Gräfin wollen verzeihen— der Karl war⸗ tet draußen,“ bemerkte Fanny endlich leiſe, welche bisher 150 Fünfzehntes Kapitel.— Vater und Tochter. im Zimmer geblieben und hier und da aufgeräumt hatte, während ſie von Zeit zu Zeit mit bald neugierigen, bald beſorgten Blicken zu der ſtummen Gebieterin hinüber ge⸗ ſehen. 1 Hebe erhob raſch den Kopf.„Du haſt Recht,“ ſprach ſie lebhaft.„Es iſt keine Zeit zum Träumen und Grübeln. Laß ihn hereinkommen und beſtelle das Anſpannen.“—— ggen, bald nnüber ge⸗ ſprach Grübeln. Sechzehntes Kapitel. In Dreiheiligen. gch liebte nicht die Welt, die Welt nicht mich, Ich folgte nicht, wo falſche Winde blieſen, Nicht beugt' mein Knie vor ihrem Götzen ſich, Erzwungen Lächeln habe ich nie gewieſen. Ich habe nie als Echo wen geprieſen, Daß man mich nicht zum Haufen zählen darf, Ihm nah, trat ich doch nimmer unter dieſen, Gedanken hegt’ ich, die ihm fremd— Byron, Harolds Pilgerfahrt. In dem Gemache, welches nach der Giebelſeite des langen, ſchlichten Hauſes gelegen war und durch deſſen Fenſter man im Sommer, wie wir wiſſen, auf Blumen⸗ und Gebüſchpartieen hinausſah, während in nicht weiter Entfernung der hohe, ſogenannte Drohiner Wald mit ſeinen gewaltigen Stämmen ſich hoch über alle Garten⸗ bäume erhob und das kleine Bild abſchloß, ſaß um dieſe Zeit, bald nach dem einfachen Mittageſſen, Hoven an einem Schreibtiſche und nahm von einem Haufen Papiere und Briefe ein Stück nach dem anderen auf, durchflog es, machte ſich zuweilen ein paar Notizen auf einem Blatte und ging zu einem anderen Schriftſtück über. Er — 152 Sechzehntes Kapitel. ſah bei dem Geſchäfte nicht heiter aus, und was er las, mochte ſeine Laune auch nicht gerade verbeſſern. Er ſchob endlich ſogar alles wieder zuſammen, ſtand auf und ging, die Hände auf dem Rücken in einander gelegt, ſchweigend im Zimmer auf und ab. Es war, wie wir wiſſen, jene Zeit, die wir, wo nicht zu den ſchwerſten, ſo doch zu den qualvollſten zählen müſſen, welche Deutſchland jemals zu ertragen gehabt hat, jene Zeit, in der nicht die Liebespaare allein, ſondern alle treuen und ehrlichen Herzen es auf das gründlichſte zu erfahren hatten, was ein„Hangen und Bangen in ſchwebender Pein“ zuweilen bedeuten, und wie viel und V wie furchtbar Schweres mit dieſen wenigen Worten zu bezeichnen ſein kann,— das waren December und Januar V des Winters von 1812 auf 1813. Vom Beginne des December⸗Monats an waren die erſten Schaaren der aus Rußland geretteten Armeereſte in den preußiſchen Grenzländern erſchienen und hatte ſich die Kunde von dem unerhörten Elende erſt leiſer, dann lauter wie ein Lauffeuer in Deutſchland hinein verbreitet, überall die alten, ſeit dem preußiſchen Bündniſſe mit Na— poleon tief begrabenen, knirſchend auf die Seite geſcho⸗ benen Hoffnungen wieder erweckt und der Gleichgültigkeit der Verzweifelnden ein Ende gemacht. Aber man trat zum Theil nur ſcheu aus dieſer Gleichgültigkeit heraus, man hielt dieſe Hoffnungen mit finſterem, zweifelndem Kopf⸗ ſchütteln noch immer zurück; denn man war gar zu lange ſchon hingehalten worden, man hatte ſich ſchon mehr als einmal auf das bitterſte getäuſcht gefunden, war mehr als as er las, Er ſchob und ging, ſchweigend erbreitet, 4 Na⸗ mit Na⸗ te geſcho⸗ gültigkeit trat zum 1s, man :m Kopf⸗ zu lange nehr als mehr als In Dreiheiligen. 15 einmal zurückgeworfen worden in ſchmachvolle, dumpfe Unthätigkeit. Und man hatte auch jetzt und von neuem wohl ein Recht zu dieſer Scheu, zu ſolchen Zweifeln, denn von dem Eindruck, den die Ereigniſſe auf das Volk mach⸗ ten, ließ ſich an den maßgebenden Stellen noch immer nichts bemerken. Die Nachrichten mehrten ſich und wuchſen von Tag zu Tag; das Elend wurde immer ſichtbarer, der gänzliche Ruin der größten Armee, von der man faſt im ganzen Laufe der Weltgeſchichte erfahren, trat immer graſſer her⸗ vor. Man ſah, daß, allerdings mit Ausnahme der nicht ſtarken Beſatzungen in den preußiſchen Feſtungen und weniger, hier und da vertheilter unbedeutender Corps, vom Feinde eigentlich ſo gut wie nichts mehr zuſammen und widerſtandsfähig war, um ſo weniger, da die immerhin noch in ziemlich großer Anzahl vorhandenen Menſchen nicht allein der Waffen und der Kleidung, aller nöthigen Bedürfniſſe entbehrten, ſondern auch durch Hunger, Kälte und das ganze unermeßliche Elend dieſes Rückzuges bis in die Grundfeſten ihrer Natur erſchüttert, leiblich, geiſtig und moraliſch gebrochen waren und endlich in ihren Rei⸗ hen ſchon die Anfänge der furchtbaren Peſt mitſchleppten, des Typhus, der in den nächſten Jahren den Armeen mehr Leute koſtete, als alle Schlachten, und in Land und Stadt ſeine finſtere Ernte hielt. Das, um es zu wiederholen, wußte man alles, erfuhr es beſſer und ergreifender von Tag zu Tag. Ueberall in ganz Norddeutſchland wurde man wach, überall ſah und begriff man bis auf den Blindeſten und Stumpfſten 154 Sechzehntes Kapitel. herab, daß die Zeit der Abrechnung für die ſechs vergan⸗ genen Jahre endlich angebrochen, daß nicht die Möglich⸗ keit, nein, die Sicherheit des Erfolges und der Rettung aus der unerhörten Knechtſchaft geboten ſei, daß man aber auch die Stunde ergreifen und den Moment nützen müſſe, der vielleicht nie wieder ſo günſtig zurückkehren mochte. Und man erfuhr endlich von York's energiſch. durchgreifender That, man wußte, daß in Oſtpreußen Hoch und Gering, unter den Augen der Feinde noch und unbekümmert um ſie, auf das eifrigſte vorwärts ſtrebten, organiſirten, vorbereiteten, rüſteten,— und man ſah, um auch das zu wiederholen, von oben her nichts von För⸗ derung, nichts von Eingehen auf dieſe Wünſche, Hoffnungen, Beſtrebungen, nicht einmal ein ſchweigendes Gehenlaſſen deſſen, was man eben nicht hindern konnte, ſondern man fand Mißwollen, Mißtrauen und ſogar entſchiedenen Widerſtand. York's That wurde desavouirt, er ſelber von ſeinem Poſten ab⸗ und zur Verantwortung berufen, und wenn dies alles bei Worten und der eiſerne General in ſeiner Stellung blieb, ſo hatte man das denen zu ver⸗ danken, deren Freundſchaft alle ächten Patrioten, ſei es mit voller Ueberzeugung, ſei es nur inſtinctmäßig, miß⸗ trauten— den Ruſſen, welche den die Befehle des Königs überbringenden Adjutanten Natzmer bekanntlich nicht nach Königsberg paſſiren ließen. Und dazu endlich ſah man die Feinde ſich nach ihrer Niederlage ſchon wieder faſſen und ſammeln. In den polniſchen Feſtungen hielt man die Rückzügler feſt, orga⸗ niſirte, kleidete, bewaffnete ſie und ſchuf ſich Beſatzungen cs vergan⸗ e Möglich⸗ er Rettung daß man nent nützen urückkehren 3 energiſch. Oſtpreußen enoch und ts ſtrebten, n ſah, um on För⸗ ffnungen, ehenlaſſen dern man hiedenen er ſelber berufen, ne General en zu der n, ſei es hig, nif s Künigs nicht nach nch ihrer In den ſt, orga⸗ atzungen In Dreiheiligen. 155 von mehr als genügender Stärke. In den Marken, in den jetzt weſtfäliſchen Provinzen, in den Elbgegenden bil⸗ deten ſich raſch wieder verhältnißmäßig ſtarke Corps, die ſich täglich nicht nur verſtärkten, ſondern auch innerlich kräftigten, die nicht mehr im erſten Anlaufe mit den einſt⸗ weilen vorhandenen, noch geringen Mitteln über den Hau⸗ fen zu werfen ſchienen.— Und was Vielen nicht als das wenigſt Schlimme und Bedenkliche erſcheinen wollte, — die Ruſſen breiteten ſich in Preußen aus, ſetzten ſich feſt und geberdeten ſich auf eine Weiſe, die zu ernſtem Nachdenken Veranlaſſung gab und nicht allein den Ein⸗ wohnern, ſondern auch den mit ihnen verkehrenden preu⸗ ßiſchen Civil⸗ und Militärbehörden bald unerträglich wurde. Wir müſſen es ſchon jetzt und hier auf das Beſtimm⸗ teſte ausſprechen, daß die Auffaſſung des beginnenden Krieges eine ſehr verſchiedene war. Das offizielle und offiziöſe Schönthun mit Rußland, das Rechnen auf ſeine Hülfe und das übermäßige Erheben derſelben, nachdem ſie wohl oder übel geleiſtet war, fand in dem großen Ganzen der Armee und des Volks weder jetzt noch ſpäter einen rechten Wiederhall. Im Gegentheil begriffen alle, welche überhaupt über dergleichen nachdachten und ſich klar zu machen vermochten, was man erſtrebte und was kommen mußte, ſehr wohl, daß der beginnende kein Kabinets⸗, ſondern vor allem ein reiner und richtiger Volkskrieg und daß bei ihm von jenen Intereſſen, welche ſonſt die Kriege zu veranlaſſen und die Allianzen zu bedingen pflegten, höchſtens erſt in zweiter Linie die Rede. In dieſem Sinn empfand man es in allen zurechnungsfähigen Kreiſen 156 Sechzehntes Kapitel. tiefer als Manche bis auf den heutigen Tag glauben wollen, daß grade bei dieſem Kriege und ſeinem heiligen Zweck— der Befreiung des Vaterlandes von dem ſchmach⸗ vollſten Joch— in der ruſſiſchen Hülfe etwas lag, was für das deutſche Gefühl, gelinde geſagt, nichts weni⸗ ger als ſchmeichelhaft oder gar erhebend war. In den Koſaken und Baſchkiren, in all jenen wilden, kaum disciplinirten, nicht innerlich erhobenen, ſondern nur für ihren heimiſchen Krieg fanatiſirten Schaaren, in den Generalen, die zum Theil ungern und widerwillig den Feldzug nach Deutſchland hinüber weiter geführt ſahen, ſollte man hier ſeine Retter und Helfer ſehen! Es bedarf keiner Auseinanderſetzung, was dieſer Gedanke Nieder⸗ drückendes, ja Demüthigendes enthielt.— Man mochte die wilden Reiter, welche von dieſen Helfern zuerſt er⸗ ſchienen, wie fremde Wunder anſtarren, hie und da ihnen als ſolchen entgegenjauchzen; man hatte durch das Gerücht von dem Entſetzen erfahren, welches ihr Erſcheinen den franzöſiſchen Flüchtlingen einflößte, man beobachtete jetzt ſogar hin und wider einen ähnlichen Eindruck, wo ſie plötzlich heranrauſchten, und der Spott und Hohn, mit denen man Niederlage und Flucht der Franzoſen damals verfolgte, riefen ganz folgerichtig eine Art von Enthuſias⸗ mus für diejenigen hervor, welche dieſe Flucht am beſten ausnützten und die Verwirrung vermehrten. Allein tiefer drang dies alles dennoch nicht und von wahrhaften Sym⸗ pathieen konnte ſchon um deſſentwillen keine Rede ſein, da man in den, zuerſt den Ruſſen geöffneten Strichen, in Preußen, Pommern und den Marken, nur zu gut an In Dreiheiligen. 157 das furchtbare Hauſen ſolcher Horden während des ſieben⸗ n heiligen jährigen Krieges ſich erinnerte. So etwas vergeſſen die ſchmach⸗ Völker niemals. was lag, Nach dieſer gebotenen Abſchweifung kehren wir zu dem Vorigen, zu dem, was man vom Feind und den Vorgängen in Preußen erfuhr, und was dort die Ereig— niſſe zu gebieten ſchienen, zurück, und da konnte man ſich's nicht verhehlen: der wirkliche und richtige Moment war bereits verpaßt. War es vielleicht überhaupt ſchon zu ſpät, und mußte man, wie vor dem Jahre, noch einmal die freudigſten Hoffnungen, die glühendſten Wünſche, das darf friſcheſte, verheißungsreichſte Regen und Knospen zu Grabe Nieder⸗ tragen— diesmal auf Menſchenalter hinaus?— n mochte Für die Gegenden und Striche, in denen wir mit zuerſt er⸗ unſeren Leſern weilen, haben wir aber mit dieſer Darſtel⸗ da ihnen lung der Verhältniſſe den beſtehenden Zuſtänden um meh⸗ s Gerücht rere Wochen vorgegriffen. Man befand ſich hier, in den nen den erſten Januartagen, wie wir wiſſen, noch ſo zu ſagen in h jett ihren Anfängen und war im Grunde nur wenig über 2 no ſe die Nachrichten hinausgekommen, welche Hoven mitgebracht Fün nit hatte. Aus den Zeitungen und Bekanntmachungen der 9 damals Feinde erfuhr man nur, was ſie mitzutheilen erlaubten; bithuſis⸗ es gab derzeit noch kein ganz unabhängiges Blatt. Mit beſten brieflichen Mittheilungen ſtand es wenig beſſer, und nur, K tiffer wo die Beförderung derſelben durch Privathände ſtatt 2u⸗ fand und eine zwar ſichere, natürlich aber auch häufig e ſein, eine viel langſamere war, erhielt man Kunde von dem 48 dchen, wirklichen Stande der Dinge. Man war aber immer noch meiſtens nur auf Allgemeines beſchränkt; man wußte ——.„f 158 Sechzehntes Kapitel. beſtimmt, daß die Armee vernichtet, daß die Ausſichten die günſtigſten, daß nicht allein die Hoffnungen groß, ſondern auch der Wille überall der beſte, ja, daß man überall ſich ſo viel wie möglich auf das Kommende zu rüſten begann. Endlich hatte ſich gerade in dieſen Tagen in den patriotiſchen Kreiſen ein dunkles Gerücht von dem Abfalle York's zu verbreiten angefangen, von dem niemand wußte, woher es kam, noch wie es entſtanden war, das, wie es öfters in ſolchen Fällen geſchieht, dem Factum ſelbſt um mehrere Tage vorausging. Denn von der wirklich bereits abgeſchloſſenen Convention von Tauroggen konnte zu dieſer Zeit noch keine Nachricht nach Berlin, geſchweige denn an dieſe Küſten gelangt ſein. Das wenige Gute, das man vernahm, wurde oben⸗ drein durch dasjenige vollkommen paralyſirt, was man viel genauer und ſicherer, beſonders durch Hoven's Ver⸗ mittlung, über das unſelige Syſtem oder vielmehr über die anſcheinend gänzliche Syſtemloſigkeit, über das Schwan⸗ ken und Schaukeln in den maßgebenden Kreiſen Preußens erfahren mußte. Man wußte im wörtlichſten Sinne des Wortes nicht mehr, was man hoffen durfte, fürchten mußte, erwarten konnte. Aber man verzagte dennoch nicht; man hielt mit der Zähigkeit, die dort zu Lande nicht allein dem Volke, ſondern auch den höheren Claſſen der Einheimiſchen innewohnt, feſt an jedem auch noch ſo geringen, noch ſo ſchwachen Halt, wußte das Kleinſte zu nützen, alle Kräfte herbeizuziehen und anzuſpannen und vor allen Dingen den erſten und oberſten Grundſatz 159 In Dreiheiligen. Ausſichten unverbrüchlich aufrecht zu erhalten, daß man ſtets, wenn agen groß, auch mit noch ſo kleinen, noch ſo verborgenen Schritten, daß man vorwärts ging, nie und unter keinen Umſtänden einen 1 nmende zu Schritt zurück that oder auch nur einen Augenblick ſtill tand. keen in den Man hatte an Hoven einen Mittelpunct dieſer Be⸗ dem Abfalle ſtrebungen gewonnen, der ihnen bisher gefehlt hatte, in nand wußte, dem ſie ſowohl ihre Einigung fanden, als auch nach und nach in geordneten Gang, zu einem vorſichtigen und leiſen 3 wie es bih und doch energiſchen Fortſchreiten gelangten. Was ge⸗ lich bereits ſchehen konnte, geſchah, und wer Hoven's Wirken und ante zu Thätigkeit zu beobachten Gelegenheit fand, erkannte in wichweige ihm täglich mehr den Mann, der noth that. Er war nicht nur der Soldat, der in allen Theilen des Dienſtes oben⸗ gründlich daheim und, nach manchen Seiten hin Anhänger h nen und Schüler des genialen Heinrich Bülow, der alten erß Ver⸗ engherzigen Gamaſchen⸗Auffaſſung und Betreibung derſel⸗ ben weit voraus war, ſondern er beſaß auch im vollſten Maße das Talent des Organiſirens und Disponirens, ehr über das Schwan⸗ 4*— und vor allen Dingen die Erfahrung und Bildung, den n Penhe Takt und die Gewandtheit, das billige Nachgeben und Sinne des das energiſche Feſthalten und Durchgreifen, was alles in he, fürchen ſeiner jetzigen Stellung zwiſchen den vielen verſchieden⸗ gte aas artigen, häufig ſchroff ſich gegenüberſtehenden Intereſſen La t zu dſen für einen zu erzielenden erfreulichen Erfolg unumgänglich eren Claſſe nothwendig ſchien. uch noch ſo Trotz alle dem blieb ſeine und aller Verbundenen Kleinſte 4 Thätigkeit immer noch eine ſehr beſchränkte und trotz allen annen un ſ Verabredungen, trotz aller Uebereinſtimmung, eigentlich Grundſe 160 Sechzehntes Kapitel. nur vorbereitende; denn wenn auch die Truppen jetzt aus den Landgegenden faſt ganz zurückgezogen und ſelbſt in den Städten auf die allernothwendigſte Anzahl beſchränkt waren, ſo ſpürte man doch in anderer Weiſe nichts von einem Nachlaſſen des Druckes, noch von einem milderen Auftreten der gegenwärtigen Gebieter. Die Douanenpoſten waren möglichſt verſtärkt worden und aufmerkſamer als je. Die häufigen Truppenzüge, hin und wider auch eigens zu dieſem Zwecke gebildete kleine Colonnen, boten Gelegenheit, Land und Leute unter ſtrenger Aufſicht zu halten und jede freiere Regung, man hätte ſagen mögen: jedes freie, unvorſichtige Wort zurückzudrängen, ja, unmög⸗ lich oder wenigſtens gefährlicher als je zu machen. Man ſtrafte niemals ſchneller und unerbittlicher. Dabei hatte man bei dem Mangel an verwendbaren Truppen eine Menge von Spionen und Aufpaſſern über das Land zu verbreiten geſucht, um es, wo nicht unter den Bayonnetten, doch unter ſolchen Augen und Ohren zu haben, und es war, gleichviel ob wahr oder nicht, das Gerücht entſtanden oder abſichtlich verbreitet, daß unter dieſer Bande auch Einheimiſche zu finden wären. Man hatte dadurch unter den Bewohnern ſelbſt ein gegenſei⸗ tiges Mißtrauen entſtehen laſſen, das der Fremdherrſchaft unter dieſen Umſtänden am allerwillkommenſten und för⸗ derlichſten ſein mußte. Und zu alle dem waren die dem Lande neuerdings auferlegten Lieferungen und Leiſtungen aller Art ſo groß, daß ſie, nicht nach dem Glauben der Franzoſen allein, alle Kräfte und alle Gedanken in An⸗ ſpruch nahmen. Zur Ordnung dieſer letzteren Angelegen⸗ en jetzt aus und ſelbſt in hl beſchränkt enichts von m milderen suanenpoſten eerkſamer als wider auch en, boten Aufſicht zu agen mögen: ja, unmög⸗ en. Man erwe nicht unter er nicht, das daß unter nären. Nan ein gegenſe⸗ endherrſcheft ten und för⸗ ren die dem Leiſtungen Flauben der en in An⸗ Angelegen⸗ In Dreiheiligen. 161 heiten und zur Vertheilung dieſer Laſten hatte ſich in den letzten Decemberwochen die alte ſogenannte„Landſchaft“ in S. zuſammengefunden, zu der, wie wir wiſſen, auch Graf Hartmuth hineingereiſ't war. Die Betheiligung war im Ganzen jedoch eine nichts weniger als allgemeine geweſen. Die Abgeordneten aus den Städten waren alle erſchienen, von den Landgemein⸗ den kam aber faſt niemand, und vom Adel betheiligten ſich nur wenige ältere Deputirte, denn die meiſten ſahen in dieſer Verſammlung nichts weiter als eine Komödie der frivolſten Art, in der ſie nicht Luſt hatten, als Mario⸗ netten an den, von der Hand der Fremden bewegten Drähten zu agiren. Manche erſchienen, nur um ſich ge⸗ zeigt zu haben, für ein paar Tage, ſahen ſich den Lauf der Dinge, Vorlagen und Protocolle einmal an und gingen, wenn ſie ihre Privatgeſchäfte beſorgt, wieder davon. Davon, daß ſie, wie vordem bei ähnlichen Ge⸗ legenheiten, ihre Familien mitgebracht oder gar mehrere Wochen, ja, Monate mit denſelben in der Stadt gewohnt hätten, war diesmal gar keine Rede. Alle hatten auf vorwitzige Fragen nach ſolcher geringen Theilnahme und ſolcher Zurückgezogenheit die gleiche Antwort, daß man das Weihnachtsfeſt doch unter allen Umſtänden daheim und mit den Seinen zubringen müſſe und daß die Zeit⸗ umſtände niemand größeren Aufwand erlaubten; zu den Geſchäften werde ſpäter wohl die Zeit kommen,— Ant⸗ worten, die den Fremden als Zeichen des eigenen Wil⸗ lens und Selbſtgefühls nichts weniger als angenehm waren, während ſie ihnen auf der anderen Seite, da ſie Hoefer, Fremdherrſchaft. II. 11. 162 Sechzehntes Kapitel. ihnen und den Ihren völlig freie Hand ließen, doch nur willkommen ſein konnten. Die Umgänglichkeit und Ge⸗ fügigkeit, die man auf dem Feſt in Nieder⸗Rhoda beobach⸗ tet haben wollte, ſchien dort ihren Anfang und ihr Ende gefunden zu haben. Graf Eberhard war gleich Anfangs ebenfalls ein paar Tage zur Stadt und zu dieſem ſogenannten Landtage geweſen, ohne jedoch dort dem Vater begegnet zu ſein, ja, ohne nur von deſſen etwa gleichzeitiger Reiſe dahin früher etwas zu erfahren, als bis er nach Dreiheiligen zu⸗ 1 rückgekehrt, daſelbſt eine Mittheilung Hebe's über dieſe Reiſe empfing, die ihn nicht weniger überraſchte, als es bei der Schreiberin ſelber der Fall geweſen ſein mochte. Er war darauf nach Nieder⸗Rhoda hinübergefahren und hatte mit der Schweſter und dem alten Vetter eine lange Unter⸗ redung gehabt, war dann ein paar Tage ſtill daheim ge⸗ p blieben und endlich zu Fahrten durchs Land aufgebrochen, trotzdem daß dieſelben einem mißtrauiſchen und von den Gewohnheiten des Herrn unterrichteten Beobachter auf⸗ fällig werden konnten. Der Graf war niemals bisher ſo beweglich geweſen. Hoven hatte den Gaſtfreund ſelten begleitet und war überhaupt wenig aus dem Hauſe gekommen, wenn er nicht zuweilen durch die Waldungen ſtreifte oder einmal bei den jungen Geſchwiſtern drüben in Rhodenfelde vor⸗ b ſprach, wo er je länger, deſto lieber zu weilen ſchien. Bis jetzt konnte er wenig anders als ſo zu ſagen auf dem Papier handeln, und mußte, was auszuführen war, den Einheimiſchen überlaſſen. So wenig er nach einer doch nur it und Ge⸗ da beobach⸗ d ihr Ende s ein paar Landtage net zu ſein, Reiſe dahin heiligen zu⸗ dieſe Reiſe 3 bei der Er war ilen ſchien. ſagen auf hren war, nach einet In Dreiheiligen. 163 perſönlichen Gefahr fragte, und ſo ruhig auch Graf Eberhard in Betreff der Sicherheit ſeines Gaſtes zu ſein ſchien,— ſorglos war weder der Letztere noch Hoven ſelbſt, und Beide begriffen, daß es ſich im ſchlimmen Falle hier nicht um das Unglück eines Einzelnen oder einiger mit ihm verbundener Familien, ſondern, wie die Sachen einmal ſtanden, um den Ruin des ganzen kleinen Landes handeln würde. Bei dem oben erwähnten, neuerdings immer weiter ausgebildeten Spionir⸗Syſtem war gar nicht abzuſehen, wie leicht und durch welche anſcheinend gänz⸗ lich gleichgültige und unbedeutende Umſtände die Ent⸗ deckung von Hoven's wahrem Namen und Stellung, von allen Plänen der Patrioten herbeigeführt werden konnte, und man hatte dafür zu ſorgen, daß die Anweſenheit des Fremden ſo wenig wie möglich bemerkt wurde. Schon jetzt hatte man an Briefen, welche den Poſtweg gegangen waren, nur gar zu ſichtbare Spuren gefunden, daß ihr Inhalt von fremden Augen durchforſcht worden, etwas, das damals in manchen Gegenden freilich längſt nicht mehr Ausnahme, ſondern Regel geworden war.—— Hoven ging im Zimmer unruhig auf und ab. Die Einſamkeit, die Ruhe und verhältnißmäßige Unthätigkeit, zu der er in Dreiheiligen gezwungen war, fiel dem kräf⸗ tigen und energiſchen Manne, der ſeit Jahren von dem, was Andere als Frei⸗ und Mußeſtunden preiſen, wenig genug erfahren hatte, je länger deſto ſchwerer. Er hatte bisher, wenn auch in Bezug auf das Ganze und Allge⸗ meine und in Uebereinſtimmung mit dem Kern der Patrio⸗ ten, faſt ſtets nur ſelbſtſtändig und in völliger Freiheit 164 Sechzehntes Kapitel. geſtrebt, gehandelt und an der Befreiung des Vaterlandes gearbeitet, war, um es ſo auszudrücken, ſtets im Mittel⸗ punkt alles Geſchehenden geweſen, ſtets der Erſte, der etwas erfahren, und der Erſte, der die neuen Fäden zu den alten in die Hand genommen, und ſah ſich nun überall, von innen wie von außen, von Schranken um⸗ geben, von Grenzen und Rückſichten eingeengt, fand ſich ſo oft vor dem„Unmöglich!“— einem Wort und Be⸗ griff, die der Einzelne zuweilen kaum kennen lernt oder verachten darf, die aber, ſo wie unſer Thun und Treiben Beziehungen zum Größeren und Allgemeineren gewinnt, nur gar zu leicht und häufig zur Feſſel werden für alle Wünſche und Hoffnungen, für jeden Plan und jede That. Das unſelige Schwanken und Zögern, welches er überall dort ſah, von wo die Entſcheidung kommen ſollte; der finſtere Mißmuth, die tiefe Verſtimmung und Erbit⸗ terung, die zu ihm aus all den Kreiſen herüberklang, welche er vor kaum drei Wochen trotz aller Befürchtungen dennoch in neu erſtarkendem Glauben, in freudig ſich regender Hoffnung verlaſſen; alles, was ihn hier in ſei⸗ nem jetzigen Wirkungskreiſe— er lächelte trübe, wenn er dieſes auch nur dachte— umgab und hemmte,— es war nichts dabei, was ihm eine Stunde erheiterte, was ihm die übernommene Stellung erleichterte. Er lernte jetzt gründlich dasſelbe, was dazumal alle die Beſten und Tüchtigſten zu erlernen hatten, was die Feuerprobe war für alle dieſe ehernen Männer, für den eiſernen York und den milden Scharnhorſt, für den wilden Blücher und den klugen Gneiſenau, für den feſten Schön, den diploma⸗ ⁵ Vaterlandes 1s im Mittel⸗ r Erſte, der n Fäden zu ſah ſich nun Schranken um⸗ gt, fand ſich Vort und Be⸗ nen lernt oder und Treiben ren gewinnt, für alle d jede That. „welches er ommen ſollte, g und Erbit⸗ rüberklang, Zefürchtungen freudig ſich i hier in ſe⸗ trübe, wenn mmte,—( teerte, was Er lernte Beſten und eerprobe war ſſernen Dork Blücher und den diploma⸗ In Dreiheiligen. 165 tiſchen Kruſemark und den treuen, unermüdlichen Kneſebeck, und wie ſie alle heißen, die Aelteren und die Jüngeren, die damals arbeiteten an der Befreiung des Vaterlandes, — das war die Qual und die Kunſt des Wartens, ſich Geduldens und Aushaltens.—— Er ging auf und ab. Die Thür in ein Nebenzimmer hatte er aufgeſtoßen, um mehr Raum für ſeine Schritte zu haben, um auch einen Blick dort hinaus werfen zu können, wo er an der Rückſeite des Hauſes, an der ural⸗ ten Linde mit ihrem gewaltigen Stamm vorüber tief hin— ein ſehen konnte in die weiteren und freieren Räume, zu welchen der Garten überging. Es war draußen eben ſo ſtill wie in den Zimmern, aber es war trotz der Schnee— decke freundlicher dort und einladender. Der Sonnen⸗ ſchein lag noch mild über Plätzen und Gebüſchen, ein feiner Duft umwebte alles und ließ die weitere Ferne, den ſchweigenden, auch hier die Ausſicht ſchließenden hohen Wald in einer wunderbaren, verlockenden, bläulich und goldig ſchimmernden Beleuchtung erſcheinen. Das alles ſah er eine Weile ſchweigend, faſt träu— mend an, bis er ſich plötzlich aufrichtete, mit der Hand über die Stirn ſtrich und vor ſich hinmurmelte:„Ich will mir ein Pferd ſatteln laſſen und nach Rhodenfelde reiten. Kann ihr ſelber ſeinen Brief bringen.“ Die Worte waren freilich nur leiſe, aber bei der rings herrſchenden Stille ſchienen ſie doch auch weiterhin vernehmbar geworden zu ſein, denn ſie fanden wenigſtens eine Antwort. „Das iſt nicht nöthig, Herr von Hoven,“ ſagte hin⸗ ter ihm die klingende, melodiſche Stimme Hebe's;„ſie 166 Sechzehntes Kapitel. iſt ſchon ſelbſt hier und kann ihren Brief in Empfang nehmen.“ 1 Er hatte ſich bei dem erſten Laut ſichtbar ſehr über⸗ raſcht umgewandt, denn er hatte in ſeinem Träumen und Schauen kein Geräuſch vernommen, und er ſah nun in einer anderen Thür, durch welche man in einen kleinen, ſelbſt jetzt im Winter freundlichen Gartenſaal blickte, Gräfin Hebe ſtehen, die kleine Geſtalt an die ſchlanke und hohe Sophie Magdalenens gelehnt. Ein ſchalkhaftes Lächeln erhellte ihre Züge, das jedoch beim Anblick ſeiner ſichtbaren Ueberraſchung ſchnell einem gedämpfteren, nur noch freundlichen Platz machte, und ſie ſprach nun:„Entſchuldigen Sie unſeren Ueberfall mein 11 12 Herr. Da ich erfuhr, daß mein Bruder davon und Sie daheim, wollte ich Sie hieher, ins Eckzimmer, bitten laſſen, nahe Ihrer Kanzlei und in einen Raum, der mir von 1 lange her bekannt und lieb. Sie waren aber ſchon da und hörten nicht unſer Kommen.“ Es entging ſelbſt Hoven nicht, daß aus ihrer Stimme und ihren Worten eine Befangenheit klang, die wenig der gewöhnlichen Weiſe des wunderbaren Geſchöpfes entſprach, und da er dieſelbe als Folge der ſie überraſchenden Be⸗ gegnung und ihrer erſten raſchen, ſcherzenden Rede ver⸗ ſtand, ſo verſetzte er mit heiterem Tone und Blick:„In 1 der That, gnädige Gräfin, der Soldat und Verſchwörer war nicht wenig erſchrocken und beſchämt, daß er ſo über⸗ raſcht werden konnte! Und doch war nie ein Ueberfall gelegener. Ich wollte allerdings nach Rhodenfelde, weil ich einen Brief für Sie habe, Comteſſe,“ ſetzte er gegen die 8 9 In Dreiheiligen. 167 n Empfang erröthende Sophie Magdalene gewendet, lächelnd hinzu. „Darf's die Tante noch immer nicht wiſſen?“ ſehr über⸗„Sie weiß es eben, Herr Poſtillon d'Amour!“ lachte äumen und Hebe zurück, indem ſie zugleich am Arm der Nichte vor— ſah nun in ſchritt;„und ſie iſt nachſichtig genug, die Kleine hier nur nen kleinen, wegen ihres Schweigens und Mißtrauens auszuzanken.— aal blickte, Aber wie iſt's?“ fuhr ſie fort, und ihr Auge traf wie mit ſchlanke und heiterer Frage das dunkle und ernſtere Hoven's.„Ver⸗ weiſen Sie uns oder nehmen Sie uns hier auf?“ Er war, wie angedeutet, ſchon wieder ernſt und voll⸗ kommen ruhig geworden. Auf ihre Frage machte er eine leichte Verbeugung, und den Stuhl vorſchiebend, welcher weich und tief und wie bereit zur Aufnahme einer ſolchen Leidenden am nächſten Fenſter ſtand, gab er zur Ant⸗ das jedoch hnell einem tte, und ſie erfall mein on und Sie itten laſſen wort:„Das, Gräfin, fragen Sie nicht im Ernſt.— Sie r nir ve halten es hoffentlich für kein Compliment, wenn ich ſage: „ ſzon da Ihre Geſellſchaft beglückt mich.— Vorerſt aber den Brief!“ fügte er gegen Sophie Magdalene gewendet freundlicher hinzu und ging raſch in das Nebenzimmer. Die beiden Damen wechſelten während ſeiner Ab⸗ weſenheit kein Wort. Hebe nahm mit Hülfe der Nichte Platz und ſah gedankenvoll bald im Gemach umher, bald in den Garten hinaus, wo der Sonnenſchein bleicher und 3 die Ferne immer duftiger wurde, und man erkannte wohl, Blif:„In daß auch ihr einmal die Heiterkeit und der Scherz abhan⸗ rer Stimme ie wenig der es entſprach, ſchenden Be⸗ n Rede ver⸗ Verſchwören den gekommen zu ſein ſchienen, die ſonſt ihre glänzendſten er ſo ber Krongüter bildeten. in nebetful Inzwiſchen kehrte Hoven zurück und bot dem jungen fälde, wel Mädchen ein dünnes Schreiben hin.„Viel iſt es nicht,“ 3 gegen di el 168 Sechzehntes Kapitel. ſprach er freundlich dazu,„aber es wird nur Gutes ſein. Er ſchreibt wenigſtens an mich voll Erhebung und Enthu⸗ ſiasmus.— Darf ich Ihnen nun mein Zimmer zum Leſen anbieten? Sie werden nicht ſäumen wollen, denn er iſt ſchon vier Wochen alt und innerhalb der ruſſiſchen Grenzen geſchrieben. Ein Adjutant York's hat ihn von den ruſſiſchen Vorpoſten mit nach Berlin genommen.“ Sie nickte, befangen und erröthet, nur ganz kurz, wandte ſich und ging. Hoven ſah ihr eine Sekunde lang freundlich nach.—„Doch ein erfreutes Herz!“ ſagte er dann, ſich wieder zu Hebe kehrend, und trat zu ihrem Sitze näher heran. Ihr Auge wandte ſich von der Thür, durch die Sophie Magdalene gegangen, zu ihm hinauf und verweilte auf ſeinem Geſicht mit ungewöhnlich ruhigem und ernſtem Blick, als prüfe oder ſtudire ſie es bis in die einzelnen Züge, und als ſei ſie mit dem Ergebniß wohl zufrieden, ſprach ſie nach einer Pauſe mit ſich erheiternder Miene und in einem Tone, durch den es wie ein leiſe, leiſe aufdäm⸗ mernder Scherz klang:„Ich ſehe Sie heut eigentlich zum erſten Mal, mein Herr, und das muß mein Anſtarren entſchuldigen. Ich muß mir jetzt Ihr wahres Geſicht, nach dem durch die Binde entſtellten, klar machen, und das iſt nicht leicht, glaub' ich.“ Er neigte das Haupt.„So glaube auch ich,“ ent⸗ gegnete er in gleichgültiger Weiſe, als führe er nur aus Höflichkeit ein Geſpräch fort, dem er ſich nicht entziehen durfte.—„Das erſte Sehen gibt uns den Menſchen, wie er hinfür in unſerer Vorſtellung bleiben ſoll. Jede zutes ſein. d Enthu⸗ ner zum len, denn rruſſiſchen at ihn von mmen.“ ganz kurz, kunde lang Sophl nd ernſtem lnen Züge, een ſprach und in iſe aufdäm⸗ eentlich zum „ Anſtarren In Dreiheiligen. 169 ſpätere Veränderung, und ſei ſie noch ſo gering, verwirrt uns. Wir müſſen unſer Kennenlernen ſo zu ſagen noch einmal beginnen. Ich glaube ſelbſt, daß die Binde mich entſtellt.“ „Sehr, ſo daß ich Sie kaum wieder erkannt hätte. Der Ausdruck oder Eindruck, wie Sie wollen, iſt ein anderer,“ meinte ſie lächelnd. Es war, als wolle er gleichfalls lächeln.„Ein beſſe⸗ rer oder ſchlimmerer?“ fragte er aber wieder nur in der höflich gleichgültigen Weiſe. „Das kommt darauf an, wer dieſen Eindruck em⸗ pfängt und wie er mit demſelben zufrieden iſt. Sagen wir alſo lieber: ein ſichererer. Denn man erkennt einen Menſchen allerdings nur aus ſeinen beiden Augen.“ Jetzt lachte er aber wirklich; eine ſolche Unterhaltung mochte dem ernſten Manne ſeit langer Zeit nicht geboten ſein.„Und was iſt das Reſultat dieſer— Unterſu⸗ chungen, Gräfin?“ fragte er faſt ſcherzend, und ſein Auge heftete ſich auf ihre Züge, als wolle er ſich nicht die lei⸗ ſeſte Regung in denſelben entgehen laſſen. Allein ſie wich dem Blicke keineswegs aus, begegnete ihm vielmehr mit immer ſichtbarer hervortretender Heiter⸗ keit und erwiderte nun ſchalkhaft:„Ein für Unſereinen ſehr wenig ſchmeichelhaftes, Herr von Hoven. Sie ſind ein wenig Menſchen⸗Verächter und ganz und gar Weiberfeind. Sie haben ſich neulich mit großer Ueberwindung zu den Mittheilungen an mich verſtanden und fühlen ſich heute nichts weniger als behaglich dabei, daß ich Sie aus Ihrem Ernſt und Ihrer Stille in meine Geſellſchaft hinüber 170 Sechzehntes⸗Kapitel. zwinge, Sie zum Plaudern auffordere, wo Sie doch lieber nur ſchweigen oder reden möchten.— Da haben Sie mich, wie ich bin,“ ſetzte ſie munter hinzu.„Wenn mein Gegen⸗ über irgend danach iſt und die Intereſſen ſich nicht ge⸗ radezu kreuzen, geht mir die Offenheit über alles, und ich bin ſelbſt offen bis zur Indiscretion.“ Sein Auge war während ihrer Worte ernſt gewor⸗ den und ſeine Züge hatten den gewöhnlichen, ſtillen, faſt ſtrengen Ausdruck wiedergewonnen, nur daß nichts Fin⸗ ſteres darin war; man hätte, was man an dem feſten Manne ſah, vielmehr für eine Art von Melancholie halten können, und da er nun ſprach, war auch in dem Klange der Stimme etwas eigenthümlich Weiches. „Sie irren in mir doch, Gräfin,“ redete er nach einer kleinen Pauſe.„Ich bin weder Menſchen⸗Verächter noch Weiberfeind, obgleich uns von den Menſchen im Allgemeinen und den Frauen im Beſonderen genug zu Augen und Ohren kommt, was einen Mann von Charakter, zumal in unſerer Zeit und bei ſo entſchiedenen Anſichten wie die meinen, weder für die Einen noch die Anderen ſchwärmen läßt.— Es iſt wahr, ich bin kein gewandter und leichter Geſellſchafter. Ich habe keine Gelegenheit gehabt, mich auszubilden oder in Damenkreiſen mich zu bewegen. Mit dreizehn Jahren Soldat, weiß ich nicht einmal etwas von einem rechten Familienleben. Und überdies habe ich meine Mutter gar nicht, meinen Vater kaum gekannt, meine einzige Schweſter ſchon in früher Jugend verloren. Ich glaube, das genügt, einen Menſchen ernſt zu machen, der ſchon ohnehin Anlage dazu hat. doch lieber Sie mich, nein Gegen⸗ h nicht ge⸗ les, und ich enſt gewor⸗ ſtillen, faſt dem feſten holie halten m Klange nach einer rächter noch lllgemeinen n ſchwärmen und leicher In Dreiheiligen. 171 „Ich ſage es offen,“ fuhr er fort, und begegnete ihren theilnehmenden Blicken wieder freundlicher,„das Treiben vieler meiner Kameraden blieb mir unverſtänd⸗ lich. Ich trat niemals einer Frau näher, verkehrte niemals mit einer häufiger. Ich fühlte nie das Bedürfniß dazu, und ſeitdem vollends das Unglück über uns hereinbrach, hätte ich weder Zeit dazu gefunden, noch würde ich in ſolchem Verkehr irgend eine Förderung zu finden ver⸗ mocht haben— eher ein Hinderniß, denn wir brauchen alle Kräfte, alle Gefühle für das Vaterland, und was wir erſtreben, bedarf der Männer, die Frauen kommen dabei gar nicht in Betracht.— Sie ſehen, auch ich bin offen bis zur— bei mir muß es wohl lauten: Unhöflich⸗ keit,“ ſetzte er lächelnd hinzu.„Das— war aber mein Glaubensbekenntniß noch bis vor kurzer Zeit.“— „War““ fiel ſie ein. „Ja, war, Gräfin. Und als Leo Rettfeld mir von ſeiner Liebe ſagte und mich mit Grüßen und Briefen be⸗ auftragte, beſtürzte mich das, gerade wie er iſt, ernſtlich. Halb hielt ich ihn unſerer Sache für verloren, halb wurde ich doch nicht wenig neugierig auf diejenige, die ihn ge⸗ rade ſo zu feſſeln vermocht. Ich ſage offen, das lockte mich am meiſten her. Und ich war feſt entſchloſſen, dieſem Bunde auf jede mir mögliche Weiſe entgegenzutreten, ſo⸗ bald ich in der Dame jemand fand, die— ſage ich: die denen glich, welche ich kennen gelernt oder vielmehr nur bei Gelegenheit beobachtet hatte. So kam ich hieher.“— „Und Sie lernten durch Sophie Magdelene anders 172 Sechzehntes Kapitel. denken?“ fragte ſie nach einer langen Pauſe mit einem Intereſſe, das ſie gar nicht zu verbergen bemüht war. „So iſt's, Gräfin,“ verſetzte er mit einem gar beſon⸗ deren, man hätte ſagen mögen: nachdenklichen Ausdruck. „Ueber das Wie iſt nicht zu reden, Sie kennen Ihre Nichte beſſer als ich. Was ſie mir bei einem Spazierritt ſagte und zeigte, hat mich bis ins Innerſte verändert, damit iſt alles ausgeſprochen. Ein ſolches Weſen und die Liebe eines ſolchen und zu einem ſolchen hindert den Mann allerdings nicht, ſondern fördert ihn, ſehe ich jetzt mit ernſter Freude ein. Und das Leben, das ich in Rho⸗ denfelde kennen gelernt, hat mich unendlich freundlich an— gemuthet; es war mir, als fände ich plötzlich ein paar 4 jungere Geſchwiſter, einen Familienkreis auch für mich, der ich nie, wie geſagt, einen ſolchen bisher gehabt.— Sie ſehen wohl,“ brach er lächelnd ab,„der ſtarre, finſtere 1 Menſch iſt zugänglicher, weicher, als Sie vielleicht ge⸗ glaubt.“— Gräfin Hebe hatte, wie angedeutet, dieſen Auseinan⸗ derſetzungen mit unverhohlenem, ernſtem Intereſſe gelauſcht, und die letzten Worte des Gaſtfreundes ſchienen ſie ſogar faſt ergriffen zu haben, wie es freilich bei ſolchen Tönen von ſolchen Lippen wohl erklärlich ſein konnte.— „Gottlob, Gottlob!“ ſagte ſie nun voll wahrer Innig⸗ 1 keit,„ſo haben Sie doch etwas Gutes bei uns gefunden, mehr und Beſſeres, als ich hoffen zu dürfen glaubte. Ich ſah Ihren Aufenthalt in dem ſtillen Dreiheiligen, bei meinem ſtillen Bruder mit Sorge, Herr von Hoven, Eber⸗ hard iſt milde und liebenswürdig, er iſt Menſch, Mann, finſtere icht ge⸗ useinan⸗ gelauſcht, n ſie ſogar chen Tönen brer Innig⸗ gefunden, aubte. Ic ligen, bei en, Eber⸗ h., Mann, In Dreiheiligen. 173 Cavalier, wie man ſie nur wünſchen kann, er liebt das Vaterland mit der ganzen Innigkeit und der ganzen Kraft ſeiner Natur und iſt zu jedem Opfer für dasſelbe bereit. Aber freilich, erheiternd und unterhaltend iſt er nicht, und um den goldenen Kern ſeines Weſens kennen zu lernen und erfaſſen zu können, muß man ihm unendlich viel näher kommen, als er ſich gewöhnlich irgend jemand kom⸗ men läßt. Denn Sie haben das vielleicht ſchon ſelbſt be⸗ merkt— ſo offen und zugänglich er ſcheint, ſo unzugäng⸗ lich bleibt er doch im Grunde. Und da hab' ich denn für Sie geſorgt,“ fuhr ſie fort.„Was konnte und mußte hier, in dieſer Stille, aus Ihnen werden, der Sie an Be⸗ wegung, an Handeln gewöhnt und daneben ſchon von Natur aus ſtreng, kalt und ſtolz verſchloſſen ſchienen? Nun Gottlob, wiederhole ich, daß Sie das Gegengewicht bei den Geſchwiſtern gefunden haben und dort vielleicht ſelbſt wieder zum Gegengewicht dienen können. Eugen ſcheint mir deſſen zu bedürfen— er iſt, wo ich ihn ſeit⸗ her geſehen, ſeltſam verändert.“ „Das iſt er ſogar für mich,“ beſtätigte Hoven.„Ich hätte ihn kaum wieder erkannt, ſo anders iſt er als da⸗ mals im Herbſt.“ „Und doch ſind Sie der Einzige, mit dem er bereit⸗ willig zu verkehren ſcheint, zu dem er Vertrauen hat,“ miſchte ſich plötzlich Sophie Magdalene in das Geſpräch, welche vor einigen Augenblicken wieder in die Thür ge⸗ treten war und die letzten Worte der Tante und Hoven’s Entgegnung vernommen hatte. Sie kam jetzt vollends heran und fügte, ſich an den Seſſel Hebe's lehnend, hinzu: 174 Sechzehntes Kapitel. „Ich habe Sie ſchon neulich einmal nach ihm fragen wollen, Herr von Hoven. Es quält und betrübt mich un⸗ endlich, wenn ich ihn anſehe; er iſt—“ „Sind das auch Gedanken für eine kleine Braut, die eben vom Briefe ihres Geliebten kommt?“ unterbrach Hebe ſie neckend und ſah ihr lächelnd in die ernſten Augen. „Ja, Tante, gerade!“ verſetzte ſie, die Rechte der Anderen zwiſchen ihre beiden Hände nehmend, und ſie war reizend in dieſer Miſchung von Verſchämtheit und Heiter⸗ keit, von Eifer und Innigkeit, die ihrem ganzen Weſen aufgeprägt war.„Grade, weil ich meine erſte Sorge wie⸗ der los geworden, darf ich der anderen deſto eher nach⸗ geben. Unſer Glück, wenn es ein wahres, ächtes iſt, iſo⸗ lirt uns nicht, ſondern macht uns theilnehmender, aufmerk⸗ ſamer gegen unſere Umgebung. Und wie Eugen neuer⸗ dings iſt, ſo finſter, ſo bleich, ſo ſtumm, ſo einſam— ich wiederhole: es betrübt mich mehr, als ich es ſagen kann. Ihr Anderen ſeht ihn alle nicht ſo wie ich. Und es iſt ſo gar nichts aus ihm herauszubringen, er wird gleich ſo ſehr verſtimmt, ſo gereizt und heftig, wenn man noch ſo ſchonend fragt. Und zu allem Anderen— ich ahne nicht den Grund dieſer Veränderung, dieſer Verſtimmung!“— „Auch ich, obgleich ich ihn ſeither wenig geſehen und alſo auch nicht beobachtet habe, möchte kaum daran denken, daß ihn wirklich eine unglückliche Neigung zu Stephanie beherrſcht haben könnte,“ meinte Comteſſe Hebe nach einer Pauſe. „Sage das nicht, Tante! Eugen's verändertes Weſen ſchreibt ſich doch gerade vom Herbſt, von der Zeit ihrer ihhm fragen öt mich un⸗ Braut, die erbrach Hebe Rechte der und ſie war und Heiter⸗ nzen Weſen Sorge wie⸗ iſt, iſo⸗ r, aufmerk⸗ n neuer⸗ ſam— ich neſehen und ann denken, Ztephanie nach einet tes Weſen geit ihrer In Dreiheiligen. 175 Ankunft her, und hat beſonders, ſeit der Vicomte Vial bei euch hauſ'te, reißend zugenommen. Aber freilich kann auch ich nur muthmaßen; denn die Verſchloſſenheit, die er hierüber ſo gut wie über alles Perſönliche gegen mich beo⸗ bachtet, iſt in meinen Augen das, wo ich ihn faſt am meiſten verändert finde.“ Comteſſe Hebe ſchüttelte den Kopf und blickte eine Weile nachdenklich in den Garten hinaus, wo die Sonne jetzt fort war und mit der beginnenden Dämmerung der Duft ſich raſch weiter zu erheben und auszubreiten an⸗ fing. Es ſah dort draußen kalt aus, wie man zu ſagen pflegt.— „Ich glaube nun einmal nicht recht daran,“ ſprach ſie endlich.„Ich liebe die Stephanie nicht, es iſt wahr; aber ich will jetzt einfach bei dem Satze ſtehen bleiben: ſie iſt zu unbedeutend und Eugen zu bedeutend, als daß er ſich ernſtlich hätte zu ihr gezogen fühlen, daß ſie ihn hätte feſſeln können, zumal ſie, ſo viel ich von ihrem Ver⸗ kehr geſehen, vor und nach Vial niemals ein Geheimniß aus ihrer Gleichgültigkeit gegen Eugen's Bemühungen ge⸗ macht. Er hat doch am Ende Selbſtgefühl genug und ſehr wenig Anlage zum Ritter Toggenburg, mein' ich, zum ausſichtsloſen Schmachten und Seufzen. Und end⸗ lich— warum hätte er denn jetzt gerade ſeine Bewer⸗ bungen eingeſtellt, nachdem Herr Vial ihm das Feld ge⸗ räumt? Ein troſtbedürftiges Herz, hab' ich mir immer ſagen laſſen, iſt das allerſchwächſte.— „Die Geſchichte mit dem theuren Vicomte wird aber wirklich je länger, deſto myſteriöſer,“ redete ſie abbrechend — — — 176 Sechzehntes Kapitel. weiter.„Nach dem, was mein Vater andeutete, will man in S. noch immer nicht begreifen können, wo er geblieben, und betreibt im Geheimen noch allerlei Nachforſchungen auf das eifrigſte. Für eine Komödie wäre die vergangene Zeit nachgerade faſt zu lang.— Aber wir langweilen Sie mit all dieſen Thorheiten und Myſterien,“ wandte ſie ſich plötzlich lächelnd an Hoven, der bisher mit ſchwei⸗ gender Aufmerkſamkeit dem Geſpräche gefolgt war.„Da haben Sie aber auch und zwar eine nicht angenehme Seite des Familienlebens. Man kommt von ſolchen Din⸗ gen, die den Einzelnen nicht berühren, dort nicht los.“ „ Hoven machte eine lebhafte, ablehnende Bewegung. „Nicht doch, Gräfin, nicht doch!“ verſetzte er, ſich aufrich⸗ tend; denn er hatte ſich bisher leicht auf die Lehne eines Stuhles geſtützt.—„Gerade dieſer Herr Vial, oder wie Sie ihn heißen, und ſein Verſchwinden intereſſirt mich auf das ernſtlichſte; denn es zwingt mich beinahe, an etwas zu glauben, was ich bisher für Aberglauben erklärte. Sie wiſſen doch, was der alte Schäfer von ihm vorherge⸗ ſagt hat?“ „Steffen Schütze von dem Vicomte? Was denn?“ fragte Hebe lebhaft. „Der Herr muß einige Tage vor dem Balle hier durchs Dorf geritten ſein. Da hat ihn der Schäfer ge⸗ ſehen und gegen Detlef in ſeiner Weiſe es ausgeſprochen: das ſei ein todter Mann, und zwar werde ſein Ende blu⸗ tig kommen.— Ich geſtehe, es wurde mir, ſeit Detlef uns dies am Morgen nach dem Balle bei Ihnen drüben erzählte, wunderlich zu Muthe,“ fügte er ernſt hinzu.„Es te, will man er geblieben, hforſchungen vergangene langweilen wandte rmit ſchwei⸗ vn.„da angenehme ſolchen Din⸗ wegung. aufrich⸗ Lehne eines an etwas n rklärte. vorherge⸗ Pas denn?“ Balle hier S häfer ge⸗ zeſprochen: — Ende blu⸗ ſeit Detlef men drüben ne 6 binzu. In Dreiheiligen. 177 iſt wenigſtens ſchon die zweite Probe, die ich von der ſelt⸗ ſamen Begabung dieſes Menſchen erhalte. Moskau's Brand und die Vernichtung der franzöſiſchen Armee hat er mir damals im Herbſt ſelbſt voraus verkündet, wie er nachmals, nach des Grafen Eugen Ausſage, dasſelbe auch gegen den General Renaud ausgeſprochen haben ſoll.“ „Aber daß wir bisher gar nichts hiervon erfahren!“ bemerkte Hebe gedankenvoll.„Solche Ausſprüche—“ „Hier iſt das ſehr natürlich, Gräfin,“ fiel er ein. „Graf.Eberhard hat Detlef auf das ſtrengſte verboten, von der Sache zu reden. Dieſe Prophezeiung könnte für den alten Geſellen mehr als nur gefährlich werden, denn die Feinde dürften darin etwas Anderes finden, als wir. Wäre es übrigens nicht leicht möglich,“ brach er ab,„daß der Alte Kunde von irgend einem, dem Franzoſen drohen⸗ den Angriff erhalten?— Sie ſehen, ich wahre mich gegen das anſcheinend Uebernatürliche, wie ich kann.“ Es war ein langes, nachdenkliches Schweigen unter den drei Perſonen, bis Sophie Magdalene endlich ge⸗ dämpft fragte:„Sie glauben alſo wirklich an den Tod des Unglücklichen?“ „Ja, wenigſtens an ein durchaus unfreiwilliges Ver⸗ ſchwinden,“ lautete die erſte Antwort.„Wäre er vom General verſandt worden, ſo müßte ſeine Abreiſe bemerkt worden ſein, und wär's auch nur von einem Einzigen. Ueberdies was wäre das für eine Sendung, die noch heute nach vierzehn Tage und mehr, geheim bleiben müßte?— Endlich ſoll des Herrn Auftreten und Verfahren, trotz aller Höflichkeit und Courtoiſie nach oben, doch von einer Hoefer, Fremdherrſchaft. II. 12 178 Sechzehntes Kapitel. Art geweſen ſein, um eine politiſche ſogut wie eine Pri⸗ vatrache, zumal hier an der Küſte, nicht unmöglich er⸗ ſcheinen zu laſſen.“ „Und davon ſollte unſer alter Steffen erfahren haben?“ fragte Sophie Magdalene zweifelnd. „Warum nicht, Gräfin? Wäre es ſo undenkbar, daß hier ein, nach den beſtehenden Verhältniſſen nicht einmal verwerfliches Spiel ſtatt gefunden? Daß mehr als Einer den Franzoſen für gefährlich gehalten, weiß ich aus direc⸗ ten Aeußerungen, die ich am Ballabend vernahm. Wäre es nun undenkbar, wiederhole ich, daß Steffen hiervon gewußt und Detlef von dem, was geſchehen ſollte, eine Andeutung gegeben, die in deſſen und Anderer Augen ſeinen alten Ruf zu befeſtigen geeignet war?— Sie müſſen beſſer wiſſen, als ich, daß der Alte in der That eine Art Beichtiger iſt, dem nichts verborgen bleibt. Im Sommer in der Heide hat er es gut, da kommt und geht man unbeachtet. Hier und im Winter iſt es damit freilich etwas Anderes. Ich habe in mehr als einer müßigen Stunde ſeine Thür beobachtet und ſehe faſt keinen Menſchen als höchſtens Detlef zu ihm gehen. Dennoch weiß er von allem, das ſteht feſt. Graf Eberhard wandte ſich ſchon mehrmals an ihn um Auskunft über Dieſes und Jenes, und erhielt ſtets die ſicherſten Nachrichten. „Ich will den alten Mann überhaupt nicht herabſetzen, ſondern ſchätze ihn wahrhaft, wo nicht als Propheten, doch als Patrioten. Wir wären ohne ihn übel daran. Er hat das Vertrauen des Volks, er hat Verbindungen nach allen Seiten des Landes hin und erhält den Verkehr ren haben?“ denkbar, daß nicht einmal rals Einer ffen hiervon eine derer Augen 1?- Sie in der That leibt. Im tund geht t freilich en Stunde Nenſchen als weiß er von te ſich ſchon und genes, herabſetzen, opheten, doc daran. br dungen nacj Verkeht den In Dreiheiligen. 179 zwiſchen uns allen im Gange, weiß immer Hülfe, Wege und Boten. Er iſt geradezu unſchätzbar für uns.“ Es herrſchte im Gemache wieder eine Zeit lang ein tiefes Schweigen, das diesmal zuerſt von Comteſſe Hebe gebrochen wurde.— „Sie mögen von Ihrem Standpunkt mit Ihren Zwei⸗ feln Recht haben, Herr von Hoven,“ ſprach ſie in einem gewiſſen nachdenklichen Tone.„Sie müßten ihn länger und genauer kennen, um nicht mehr zu zweifeln, um zu begreifen, daß in ihm und ſeinem Treiben, ſo viel es ihn ſelbſt und ſeine Gabe betrifft, nicht eine Spur von Berechnung iſt. Für uns aber, die wir ihn kennen, iſt und bleibt es etwas ganz Beſonderes, etwas zugleich Er⸗ ſchreckendes und Tröſtendes, um dieſen alten Menſchen. Er weiß nicht allein von Gegenwart und Zukunft, ſon⸗ dern auch von der Vergangenheit mehr als irgend ein Anderer, und ich bekenn's, daß ein Hauptgrund meines heutigen Kommens und Bleibens in einer und der anderen Frage beſteht, die ich ihm vorzulegen habe. Ich muß heute Abend noch mit ihm ſprechen.“ „Da werden Sie ihn rufen laſſen müſſen,“ bemerkte Hoven lächelnd.„Ich beobachte ihn, wie Sie merken kön⸗ nen, und zu Hauſe iſt er jetzt ſchwerlich noch, vielmehr, wie faſt immer, wenn es das Wetter erlaubt, ſchon draußen am Rieſenſtein. Was er daſelbſt treibt, weiß ich nicht. vielleicht gibt er dort ſeine Audienzen.“ „Ich weiß, ich weiß!“ ſagte Comteſſe Hebe wieder in einem gedankenvollen Tone.„Er ſieht nach den Sternen, 180 Sechzehntes Kapitel. Herr von Hoven, denn er iſt in ſeiner Art ein eifriger Aſtronom und auch ein wenig Aſtrolog, wie ich glaube. Es thut mir leid, daß ich ihn ſtören muß; aber—“ In dieſem Augenblick wurde die Thür, durch welche vorhin die Damen eingetreten waren, raſch aufgedrückt, und die hohe und hagere Geſtalt des Grafen Eberhard erſchien in der Oeffnung. Er ſtand und ſah zu der Gruppe am Fenſter hinüber, als wünſche er erſt die einzelnen Glie⸗ der derſelben in der bereits das Gemach durchziehenden Dämmerung beſſer zu erkennen, und dann, ſich mit ein paar großen Schritten nähernd, ſagte er:„Alſo doch wahr? Du biſt's wirklich, Hebe?“— Und nach einigen flüchtigen Worten der Begrüßung an die beiden Anderen ſetzte er hinzu:„Ich wollte Detlef's Meldung von eurem Hierſein gar nicht glauben. Es ſchien mir zu gut, um wahr zu ſein. Ich habe ſeltſame Nachrichten für dich, Schweſter, die kaum einen Aufſchub ertragen zu können ſcheinen.“ „Sieh, ſieh!“ verſetzte ſie in einem ganz eigenthüm⸗ lich bewegten und doch auch wieder nur kalten Tone. „Wie ſich das bei uns Beiden trifft! Mir geht's ja ge⸗ rade ſo.— Vielleicht begegnen wir uns auch in den Nach⸗ richten ſelber, mon cher!⸗ 3 „Das bezweifle ich,“ gab er zur Antwort, ohne da⸗ bei den Blick von ihr abzuwenden.„Die meinen beziehen ſich, wie ich ſchon jetzt ſagen kann, auf ziemlich ſeltſame Geſchäfte, die der Vater in S. betrieben zu haben ſcheint.“ Es war doch bereits zu dämmerig, als daß er noch den Ausdruck ihres Geſichtes hätte erkennen können; aber in eifriger ch glaube. ufgedrückt, Eberhard In Dreiheiligen. 181 ihre Stimme war voll Hohn, der ihn in dieſem Augenblicke vielleicht noch mehr überraſchte und noch aufmerkſamer machte, als die beiden anderen Hörer, und ſie ſagte:„Sieh, ſieh, Eberhard! Und die meinen beziehen ſich auf ziemlich ſeltſame Geſchäfte, die, um mich unzweideutig auszudrücken, der Burg⸗ und Waldgraf Hartmuth zu Rhoda ⸗Lipen kürz⸗ lich in S. betrieben hat.“ Siebzehntes Kapifel. Ein kurzer Uebergang. Heraus! Es brütet in dem Dunkeln Des Trübſinns volles Schlangenneſt— Heraus! Wo Gottes Sterne funkeln, Da wird der Muth dir hell und feſt. Wie? Willſt du auf den Hort nicht bauen, Der dir ein Fels in Nöthen war? Auf den Propheten nicht vertrauen, Der ſelbſt die Träume machte wahr? E. M. Arndt. Jenſeits des Dorfes Dreiheiligen, da, wo es den Ruinen von Drohin zu geht, welche auf dem höchſten Punkte einer Art Hügellandes gelegen ſind, war vor dieſem anſteigenden Terrain eine kleine Fläche dürren und öden Landes, eine Art Vorpoſten, den die drüben ſich ausbreitende Heide über den weit ausgedehnten Wald in die reichen und geſegneten Fluren hinausgeſchoben zu haben ſchien, ſo ſehr ſtach dieſer Fleck von dem ihn rings einſchließenden Boden ab, ſo hartnäckig widerſtand das dürre, ſandige Terrain jedem Verſuche, es nutzbar zu machen und zu cultiviren. Selbſt die Kiefern, die Graf wo es den , war vor jnten Wald eſchoben zu nihn rings rſtand das nutzbar zu die Graf Ein kurzer Uebergang. 183 Eberhard hatte anſäen laſſen, wollten nicht recht gedeihen; ſie blieben im Wuchſe zurück und verkrüppelten oder ſtan⸗ den auch ganz ab, und nur der Wachholder, der hier von Alters her auf ein paar Stellen angeſiedelt war, ſchien mit ſeinem Platze zufrieden zu ſein und hatte ſich nach und nach zu größeren Maſſen ausgebreitet. Groß war dieſes Terrain, wie ſchon geſagt, nicht; die größte Entfernung von den letzten Gärten des Dorfes bis an den Fuß der erſten Hügel mochte höchſtens tauſend Schritte betragen. Rückwärts, gegen Südoſt zu, ſchloß der Hochwald dieſes Landſtück gewiſſermaßen hermetiſch ab, nach vorn, gegen Norden ſo gut wie gegen Weſten, dagegen ſah man ungehindert über ein offenes Land hin und hatte einen faſt unbegrenzten Horizont vor ſich. Das Stück Heide war auch hier ganz nahe und ſcharf vom frucht⸗ barſten Boden begrenzt. Dicht an dieſer Grenze, ein wenig rechts gegen den Fuß der Drohiner Hügel, erhoben ſich aus der Heide hier und da einige jener großen Steine, welche über die ganze norddeutſche Ebene zerſtreut ſind, und halb ſchon auf die Wieſe hinauf, die ſich hier anſchloß, ruhte der größte von ihnen, ein wahrer Koloß, den das Volk daher auch mit allem Recht den„Rieſenſtein“ hieß. Andere leiteten den Namen von der Sage ab, daß unter dieſem Grabſteine der letzte der vor langen Jahren im Lande hauſenden Rieſen beſtattet ſei. Es lief eben alles darauf hinaus, daß der Stein von ungewöhnlicher Größe war, in einer Länge von dreißig bis vierzig, in der Höhe von zehn bis zwölf Schuhen ſich über den Boden erhebend, 184 Siebzehntes Kapitel. während ſeine unter demſelben befindliche Maſſe die obere vermuthlich noch weit übertraf. Hart neben ihm lagen ein paar kleinere Brocken, über welche man auf die Höhe des großen hinaufklettern konnte, und hier oben war der Block mit Flechten und Moos ſo dicht bedeckt, daß man zur guten Jahreszeit dort beqguem ruhen und von dem verhältnißmäßig hohen Punkte ſich einer weiten Ausſicht erfreuen mochte. Jetzt freilich lag der Schnee allüberall auf Fluren und Triften, auf den Schonungen wie auf den einzelnen Büſchen, aber die Fläche des Rieſenſteines zeigte ſich davon rein gekehrt, und überdies waren Kiefernzweige zu einer Art Sitz angehäuft; denn wie wir aus der Unterhaltung am Schluſſe unſeres vorigen Kapitels wiſſen, wurde dieſer Fleck von dem alten Schäfer als Obſervatorium benutzt. Steffen Schütze war durch ſeine Lebensweiſe an die freie Luft gewöhnt und ein eifriger Beobachter, Kenner und, man möchte ſagen: Liebhaber des geſtirnten Himmels und ſeiner Erſcheinungen. Es iſt ſehr begreiflich, daß ſich in ſolchen alten Bur⸗ ſchen, die dazumal, und beſonders in dieſen Gegenden, ein ganz anderes Leben führen mußten, als ihre heutigen Nachfolger, nach und nach nicht nur eine Menge auf ihr einſames Leben begründete Eigenheiten, ſondern auch ein Schatz von Naturbeobachtungen, Kenntniſſen und Erfah⸗ rungen aller Art anſammelte, und daß ſie dem Volke und auch oft genug den ſogenannten Gebildeten durch ſolche Kenntniſſe imponirten, ja faſt wie eine Art Hexen⸗ meiſter erſchienen. Und was man auch ſagen mag, es ſe die obere ihm lagen uf die Höhe en war der daß man d von dem then Ausſicht alten Bur⸗ Gegenden, te heutigen nae auf ihr n auch ein und Erfah⸗ dem Volke ten durch Art Hexen⸗ 5 mag, es Ein kurzer Uebergang. 185 iſt mit mehr als einem dieſer Menſchen manches Geheim⸗ niß, manche Erfahrung und mancherlei Wiſſen verloren gegangen, die ſelbſt unſere heutige Naturwiſſenſchaft ver⸗ geblich zu ergründen und wieder zu erlangen ſucht.— Kam nun noch jene beſondere Begabung hinzu, die wir an dem alten Steffen fanden und die, wie wir wiſſen, in dieſen Küſtenſtrichen noch heutigen Tages nicht ſo gar ſelten iſt, ſo nahm ein ſolcher Menſch zwiſchen ſeinen Landsleuten eine Stellung ein, die, wenn nicht etwa ſeine Perſönlichkeit oder ſein ſonſtiges bürgerliches Leben den Eindruck beeinträchtigte, gar nicht einflußreich genug gedacht werden kann. Er war in ſeinem Kreiſe und für denſelben alles in allem, Rather, Beichtvater und Helfer, Arzt, Prophet und Gebieter, deſſen Worte unbedingten Glauben, deſſen Weiſungen unweigerlichen Gehorſam fan⸗ den,— alles, wie wir es auch von unſerem Steffen Schütze wiſſen.— Es war ein kalter, aber ungewöhnlich ſtiller Abend, ſo daß man ſich, trotz der Kälte, im Freien gar nicht unbehaglich fühlte. Die Sterne glänzten und flimmerten blitzend am dunklen Himmel, die Mondſichel leuchtete ſchon von Weſten mit ruhigem, hellem Lichte und verhieß den Wetterkundigen durch ihre gerade Stellung die be— ſtändigſte Witterung. Der Duft, der ſich mit der Däm⸗ merung erhoben und ausgebreitet, hatte ſich wieder verloren, und die weißen Fluren lagen ſtill und weit überſehbar vor dem Alten da, der jetzt übrigens nicht oben auf ſeinem hergerichteten Sitze verweilte, ſondern am Fuße des Steines lehnte, wo die kleineren Brocken ſich wie 186 Siebzehntes Kapitel. Stufen zur Höhe an einander reihten. Der Mondſchein drang hieher nicht, nur die Sterne und der Schnee ver⸗ breiteten ein ungewiſſes, dämmeriges Licht, und wer von der Anweſenheit des Alten an dieſer Stelle nichts gewußt hätte, würde ſeine Geſtalt in dem langen, ſchmutzigweißen Rock vielleicht gar nicht wahrgenommen haben, ſo ver⸗ ſchwamm ſie mit ihrer Umgebung.— Deſto ſichtbarer war aber eine andere Geſtalt, die dunkel gekleidet vor ihm ſtand. Sie hielten die Hände zuſammengefügt, wie zum Ab⸗ ſchiede, und Steffen ſagte eben leiſe, denn bei der Stille und Klarheit der Luft wäre jeder lautere Ton nur zu weit vernehmbar geworden:„Alſo Gott befohlen, junger Herr, und ſchlagt Euch die Grillen aus dem Kopf. Es iſt, wie ich ſage— Ihr braucht ihn zu anderen Dingen. Was es gibt, weiß ich nicht, aber wohl, daß es was gibt und bald, daran denkt. Das Geſchehene iſt doch nicht zu ändern, und die— Dirne,— na, junger Herr, was wollt Ihr anders? Das iſt nur die alte Art. So lange es Rhodenfelder gibt,— von dem Grafen Hartmuth und was zu ihm gehört, iſt ihnen kein Heil erwachſen, weiß ich.“ „Und doch, Vater!“ verſetzte der Dunkle, in dem unſere Leſer jedoch ſchon den Grafen Eugen erkannt haben, in gepreßtem Tone.„Ich weiß nicht, wie das wer⸗ den ſoll. Darf ich ſchweigen, muß ich reden?— Von mir perſönlich will ich kein Wort ſagen. Aber wie kommt's, daß ſie nicht ſpricht? Oder iſt es anders, als ich fürchte? Iſt ſie unſchuldig? Reden mit ihr nach die⸗ ſem Begegniß kann ich noch—“ Mondſchein Schnee ver⸗ d wer von hts gewußt sutzigweißen ſo ver⸗ b ſichtbarer elleidet vor vie zum Ab⸗ der Stille n, junger Kopf. Es n Dingen. was gibt ch nicht zu Herr, was So lange uth und weiß ich. e, in dem en erkannt e das wer⸗ 2— Von Aber wie nders, als nach die⸗ Eiü kurzer Uebergang. 187 Ein gewaltiger Drud von Steffen's dürren, eiſernen Fingern unterbrach ihn und zwang ihn zugleich bis hart an den Alten heran.„Hinter den Stein, Herr!“ flüſterte dieſer zugleich.„Es kommt jemand. Ich erkenne ihn noch nicht.“— Eugen war bereits in der Höhlung zwiſchen zweien der großen Steine verſchwunden, der Schäfer lehnte allein an der kalten Wand, vor der er, wie wir ſchon oben an— gedeutet, kaum ſichtbar ſein mochte. Denn der Ankömm⸗ ling blieb in ziemlicher Nähe ſtehen und ſchaute augen⸗ ſcheinlich ſuchend und prüfend umher, ohne den Greis zu entdecken.— Nach einer Weile ſah man ihn die Hand zum Munde erheben, und gleich darauf klang von ſeinem Platze her der gedämpfte Schrei eines Kauzes. „Alles recht, es iſt Detlef,“ ſprach Steffen vernehm⸗ bar.„Hier bin ich; was bringſt du, Geſell?“ Der Jäger war mit ein paar mächtigen Schritten heran und gleichfalls im Schatten.„Seid Ihr allein, Steffen?“ fragte er, hörbar nur mühſam die rauhe Stimme dämpfend.„Mir war's doch— „Kümmere dich nicht darum,“ unterbrach der Greis ihn ruhig.„Was gibt's?“ „Wir haben heute Nachmittag Beſuch erhalten von der Gräfin Schweſter und der Sophie Magdalene, weiß nicht, was es gibt. Sie ſind zuerſt bei dem drinnen ge⸗ weſen. Dann kam der Herr, die Kleine hat's mit ihm gar eifrig gehabt, und nun ſoll ich Euch holen. Sie wollen mit Euch reden.“ „Die Schiefe und der Eberhard?“ fragte jetzt derd 188 Siebzehntes Kapitel. Schäfer ſeinerſeits, und Detlef ſah die alten, für gewöhn⸗ lich ſo ſtumpfen Augen ſich zugewendet mit einem Glanze, der durch die Dämmerung drang, und in der Stimme war etwas ſo eigenes, als fühle ſich der alte Mann durch dieſe Botſchaft zum ernſtlichſten Nachdenken angeregt.— „Das iſt kurios,“ ſetzte er nach einer Pauſe hinzu. „Es geht mancherlei Kurioſes vor, glaub' ich,“ be⸗ merkte der Jäger grämlich.„Als der Herr mit der Hebe zehn Minuten allein geweſen, kam er heraus, ſah ganz finſter aus, wie ich ihn in Jahren nicht geſehen, und hieß mich kurz, einen Expreſſen zum Eugen ſchicken, daß der gleich herüber käme.“ „Zu mir?“ ſprach in dieſem Augenblicke der junge Graf, der ſich bei den Worten des Jägers aufgerichtet hatte und nun aus ſeinem Verſteck vollends hervortrat. „Und du weißt wirklich nicht, was ich ſoll?“ Der Jäger war zwar vor der plötzlich auftauchenden Geſtalt einen Schritt zurückgewichen, hatte ſich jedoch ſchon bei den erſten Lauten wieder gefaßt und verſetzte jetzt raſch:„Na,'s iſt um ſo beſſer, junger Herr, daß Ihr ſchon da ſeid. Sie preſſiren nach Euch, wie nach Euch, Vater. Nun kommt heim. s iſt obendrein ſpöttiſch kalt.“ Der Greis war aus dem Schatten hervorgetreten und ſtand, die lange hagere Geſtalt ein wenig zuſammenge⸗ ſunken, ſchweigend da, die Augen mit dem uns ſchon be⸗ kannten, ſtarren, abweſenden Blick auf das erhellte Feld hinausrichtend. Plötzlich jedoch zogen ſich die Brauen leicht zuſammen, durch die harten Züge ging ein flüchtiges — für g ewöhn⸗ inem Glanze, nit der Hebe s, ſah ganz n, und hieß n, daß der der junge rufgerichtet hervortrat. ftauchenden doch ſchen flüchtiges Ein kurzer Uebergang. 189 Zucken, ſo daß ſie faſt den Ausdruck einer trüben Sorge gewannen, und dann murmelte er kopfſchüttelnd vor ſich hin:„Hab's kommen ſehen, Gott weiß, hab's kommen ſehen! Es mußte ſo ſein!— Und doch, da ich nun da— vor ſtehe— na, wie der Herr will.“ Die beiden Zuhörer hatten dieſen, für ſie unverſtänd⸗ lichen Worten ſchweigend gelauſcht, und erſt nach einer Pauſe fragte Eugen, indem er zugleich dem Wunſche des Jägers folgte, gleichwie der Schäfer aus dem Schat⸗ ten heraustrat und ſich gegen die in der Ferne ſichtbar werdenden Häuſer des Dorfes zu bewegte:„Alſo meine Schweſter iſt auch dort?“ „Ja, junger Herr, ſie iſt mit der Tante gekommen und ſitzt jetzt bei unſerem Gaſte,“ lautete die Autwort. „Die beiden Alten werden ſchon ungeduldig ſein, Steffen. Ich habe auch ein paar Leute in den Garten und auf den Lehrsdorfer Weg ſchicken müſſen. s muß ſo was von Schwatzerei über unſeren Gaſt gegeben haben.“ Seine Bemerkung fand keine Antwort. Der Schäfer hing augenſcheinlich noch ſeinen Gedanken nach. Raſch ſchritten ſie dem Dorfe zu, und erſt als ſie faſt ſchon die erſten Häuſer erreicht hatten, ſprach Steffen leiſe zu Eugen:„Hier trennen wir uns, junger Herr,'s iſt beſſer, daß man Euch und mich nicht zuſammen ſieht. Und denkt an das, was ich Euch geſagt. Ihr hörtet eben, was hier der Detlef ſagte. Das ſtimmt. Nehmt Euch vor dem Burſchen in Acht. Meine Nachricht iſt ſicher.“ — Damit wandte er ſich ab und ging mit ſeinen großen Schritten, ſo daß der Jäger ihm kaum zu folgen ver⸗ 190 Siebzehntes Kapitel. mochte, um das Dorf herum, über den Hof und in das Herrenhaus. Vor der Thür ſtampfte er den Schnee von den Füßen, und als Detlef ihn mit einer Handbewegung gegen die Zimmer des Grafen Eberhard gewieſen, klopfte er an und trat gleich darauf ein.—— Wir ſelber treten erſt eine gute Viertelſtunde ſpäter in das uns ſchon bekannte, ſtille Arbeits⸗Cabinet des Gra⸗ fen und finden dieſen ſelber in der Sophaecke, während Gräfin Hebe auch hier in einem Lehnſtuhle ruhte, der ihrem Körper von allen Seiten einen beſſeren Halt ge⸗ währte. Der alte Schäfer ſtand ihnen noch gegenüber, obgleich er einen Sitz neben ſich hatte. Er ſchien in un⸗ gewöhnlicher Aufregung zu ſein, ja, es war faſt, als ſei ſein gefurchtes Geſicht ein wenig geröthet, und ſeine Augen ruhten mit einem halb ſcheuen, halb faſt bittenden Aus⸗ drucke bald auf ſeinem Herrn, bald auf der Schweſter desſelben. „Die gnädige Herrſchaft wolle mir das erlaſſen,“ ſprach er eben in einem gepreßten Tone, der unendlich verſchieden war ſo gut von der Gleichmüthigkeit wie von der Kälte, die wir ihn ſonſt ſtets bewahren fanden.„Ich habe dem hohen gräflichen Hauſe ſtets gedient und es ſtets in Ehren gehalten,— bis auf Einen,“ unterbrach er ſich plötzlich finſter,„mit dem ich nun freilich nichts zu thun und nichts gemein haben will; und was mir aufgetragen iſt, das hab' ich wo möglich gethan. Wenn die gnädige Herrſchaft es ſo befiehlt, ſo muß ich gehorchen, denn es iſt ihr Recht und meine Schuldigkeit. Aber— erlaſſe die gnädige Herrſchaft mir's!“ A „& und in das Schnee von ndbewegung teſen, klopfte tunde ſpäter net des Gra⸗ fe, während ruhte, der en Halt ge⸗ gegenüber, ſeine Augen enden Aus— r Schweſter z erlaſſen,“ teit wie von mden.„Ich und es ſtetz rach er ſich ts zu thun ꝛzufgetragen die gnädige n, denn es — ellaſſe Ein kurzer Uebergang. 191 „Sei vernünftig, Steffen,“ lautete des Grafen Ant⸗ wort,„und mache einen Unterſchied. Wir verlangen nicht danach aus ſchlechter Neugier, wir verlangen nicht danach zum Hohne meines alten Vaters, obgleich du es am beſten wiſſen kannſt, daß er mir eigentlich nie ein Vater geweſen.“— Und während der Schäfer bekräf⸗ tigend den Kopf neigte, ſprach Eberhard im gleichen Tone weiter:„Die da,“ und er deutete auf die finſter darein ſchauende Hebe—„ſteht noch freier als ich; es iſt nicht davon zu reden—“ „'s iſt auch nicht nöthig, denn ich weiß leider Gottes auch davon,“ ſiel Steffen mit dumpfer Stimme ein. Er hatte ſich, als wiſſe er, daß er trotz ſeines Widerſtrebens doch bleiben müſſe, auf ſeinen Sitz niedergelaſſen, einen einfachen, niedrigen und lehnenloſen Schemel, wie er in den Küchen zu finden iſt und in den Hütten der armen Leute, und den Graf Eberhard, der die Weiſe des Alten kannte, eigens für ihn hatte hereinbringen laſſen. Er war nur eines harten Sitzes gewohnt, und er ſaß ein wenig vornüber geneigt, die Ellbogen auf die Kniee gelegt und die Hände in einander geſchlungen. Stock und Hut lagen neben ihm auf dem Boden. Die Augen der Geſchwiſter begegneten ſich mit einem raſchen, man hätte ſagen mögen: ſcheuen Blicke, und dann redete der Graf;„Nun gut, alter Freund, ſo ſteht's. Da der Vater aber unſeren Wünſchen ſich entzieht, da er überdies uns in unſerem Eigenthum beeinträchtigen zu wollen ſcheint, die Rhodenfelder ſo gut wie mich; da er das alles nur aus ſeiner— du kennſt das ja— Begierde 192 Siebzehntes Kapitel. nach Beſitz und für jemand zu betreiben ſcheint, den wir für nicht ein Haar breit berechtigter dazu halten können, als irgend einen Anderen von uns, ſo müſſen wir wohl nach Waffen ſuchen, vor allen Dingen aber nach ſeinem Rechte fragen, wenn er auch über meine Be⸗ ſitzungen disponiren will. Dieſe Finte, daß ich aus Angſt vor gedrohten Gefahren davon laufen ſollte, um den Fein⸗ den ein Recht zum Einſchreiten gegen mich und meinen Beſitz zu geben, iſt vergeblich. Ich gehe nicht. Aber wie ich ihn kenne, wird er, da er ſich einmal auf dergleichen geſetzt, andere Mittel und Wege ſuchen, und dem muß ich begegnen können.— Meines Wiſſens iſt der Fall vor⸗ geſehen, daß ich ohne Erben bliebe. Aber beſtimmte Nach⸗ richten, Documente haben wir darüber nicht, und ich habe bisher auch nie danach gefragt, da es feſt ſteht, daß mein Beſitz mein freies Eigenthum, und da ich von meinem Vater keinen Einſpruch erwarten konnte. Jetzt aber kommt es auf wirkliche Documente an. Sind ſie nie vorhanden geweſen oder nur— nicht mehr vorhanden?“ Der alte Mann hatte während dieſer Rede längſt wieder alles aus ſeinem Aeußeren verloren, was auf irgend eine Bewegung hindeutete. Sein Geſicht war wie⸗ der einmal ſo regungslos und erſtarrt, als ſei es aus Holz geſchnitten, und ſein Blick kam unter den kaum er⸗ hobenen, faltigen Lidern ſtarr und kalt hervor und ging ebenſo zu ſeinem Herrn hinüber. „Von den Papieren weiß ich nichts,“ verſetzte er, als der Graf ſchon eine Weile geſchwiegen.„Der alte Advocat, der Bohrmann, iſt ja ſchon manches Jahr todt, heint, den zu halten ſo müſſen ngen aber meine Be⸗ us Angſt den Fein⸗ nd meinen Aber wie dergleichen dem muß Fall vor⸗ Nach⸗ h habe daß mein meinem rkommt orhanden de längſt was auf war wie⸗ ei es aus kaum er⸗ und ging Ein kurzer Uebergang. 193 der müßt's wiſſen. Aber daß die Sache ſich alſo ver⸗ hält, iſt mir von dem alten Herrn Grafen her bekannt. Und daran—“ es zuckte wie ein Blitz durch die kalten, blaſſen Augen—„daran ſoll der Hartmuth nichts än⸗ dern, ich leid's nicht, ſo lang' ſich meine Zunge noch rüh⸗ ren kann. Die gnüädige Herrſchaft hat Recht, ich muß alſo erzählen.— An die aber, das muß ich noch ſagen, ſo der Hartmuth jetzt im Sinne haben mag, an das Kind der Reichsgräfin,“ ſetzte der Alte ſtarr wie bisher hinzu, „da darf er nun gar nicht denken; denn es iſt nirgends in der Welt Mode, daß Eine, die vielleicht von Gottes und Rechts wegen im Strohkranze an der Kirchthür ſtehen ſollte, vor den ehrlichen Kindern zum Erben käme.“ Graf Eberhard richtete ſich auf, und ſelbſt Hebe machte eine ungewöhnlich raſche Bewegung. „Was redeſt du da?“ fragte die Letztere mit einem durchdringenden Blick ihrer braunen Augen auf den Schäfer. „Die Wahrheit, gnädige Herrſchaft,“ gab der alte Mann kalt zur Antwort.„Zum wenigſten halten wir's noch dafür.“ „Von wem weißt du das aber?“ fragte ſie, und die⸗ ſes Mal hörbar ungeduldig. Und ohne den ernſten Blick des Bruders zu beachten, fügte ſie hinzu:„Ich habe allen Reſpect vor dir und deinem Wiſſen, Steffen, aber, nichts für ungut, wenn du dergleichen aus dem Schloſſe erfahren konnteſt, mußte ich auch davon hören.“ Der Schäfer nahm keine Notiz von dem ſpöttiſchen Tone, in welchem dieſe Bemerkung laut geworden.„Ich weiß es von dem,“ ſagte er kalt, wie vorhin,„der den Hoefer, Fremdherrſchaft. II. 13 194 Siebzehntes Kapitel. franzöſiſchen Major, oder was er ſonſt war, in der Nacht der großen Feſtivität dem hochmüthigen jungen Weibsbilde in ihre Stube nachſchleichen ſah, darauf dort Wache ſtand und endlich eintrat, weil er meinte, man habe um Hülfe gerufen. Das ſcheint aber nicht der Fall geweſen zu ſein. Doch das und alles Andere muß ſich die gnädige Herrſchaft von ihm ſelber erzählen laſſen.“ Die beiden Zuhörer horchten auf dieſe Mittheilung wie im Traum, ſo wurden ſie durch dieſelbe beſtürzt, und erſt nach einer ganzen Weile ſprach Hebe, während Graf Eberhard mit gekreuzten Armen finſter vor ſich hinſtarrte, mit leiſer Stimme:„Du weißt alſo auch, was aus dem Franzoſen geworden, Vater Steffen?“ Der Schäfer ſah langſam auf und den Grafen ruhig an, bevor er erwiderte:„Das wird der Herr Eberhard beſſer wiſſen als ich.“ Der Genannte ſchaute überraſcht auf.„Ich?“ fragte er. „Du irrſt, Steffen. Mir iſt nichts mehr über den Vi⸗ comte zu Ohren gekommen.“ Steffen ſah ihn noch ein paar Sekunden lang ſtarr an; dann ſenkten ſich die Lider wieder langſam über die Augen, und er verſetzte:„Ich glaube der Franzoſe iſt geſtorben.“ „Ermordet?“ riefen die Geſchwiſter zugleich. „Nein. Man wollte ihm einen ehrlichen Kamf gönnen vor Sonne und Menſchen. Allein der Wälſche war wie toll und beſeſſen; er holte Degen aus ſeinem Zimmer, und ſie gingen hinaus in den Park, die Sache ſogleich abzumachen. Da haben ſie ſich geſchlagen bis aufs Blut und der Franzoſe iſt unterlegen.“ m. der Nacht Weibsbilde che ſtand e um Hülfe geweſen zu die gnädige Mittheilung eſtürzt, und hrend Graf hinſtarrte, 3 aus dem afen ruhig t Eberhard * fragte er. t den Vi⸗ Ein kurzer Uebergang. 195 Es war eine lange Stille im Zimmer. Endlich be⸗ merkte Gräfin Hebe leiſe:„Du redeſt doch von Eugen?“ „Ja, ich rede von dem jungen Herrn,“ lautete die Antwort.— „Alſo ein Duell! Waren keine Zeugen dabei?“ fragte Eberhard wieder nach einer Pauſe, gleichfalls gedämpft. „Wie der Herr Graf es nimmt,“ entgegnete der alte Schäfer kalt.„Sie brachten in jener Nacht die Ladung Munition durch den Park, und— ein paar ihrer Poſten trafen mit den Beiden zuſammen. Der Franzoſe hat dann abbrechen und ſie anzeigen wollen, glaub' ich, oder wie es ſonſt geweſen iſt; der Eugen litt das aber nicht. Ge⸗ nug, ſie ſchlugen ſich weiter, bis er fiel. Darauf haben ihn die Leute auf die Seite gebracht.“— „Und du weißt es nicht, ob er todt?“ fragte Eber⸗ hard auch jetzt wieder erſt nach einem längeren Schweigen. „Nein, ich weiß es nicht, und der junge Herr auch nicht. Wir haben niemand von denen im Buſch ſeitdem geſehen und nichts davon gehört,— denn wozu?“— Aber glauben thun wir's,“ verſetzte Steffen kalt.— „Nun gut,“ ſprach der Graf nach einer Pauſe wieder mit ſeinem gewöhnlichen ruhigen Ernſt.„Ich erwarte Eugen heute Abend noch—“ „Er iſt ſchon drinnen,“ fiel Steffen ein.„Er war bei mir, als Detlef mich rief, und iſt mitgekommen.“ Die Geſchwiſter ſahen zuerſt einander, dann den Alten mit gedankenſchweren Blicken an, und endlich ſagte Eber⸗ hard:„Deſto beſſer! Nun laß uns aber zu deinem Be richt kommen, Steffen, denn wir müſſen hierin klar ſehen. 196 Siebzehntes Kapitel.— Ein kurzer Uebergang. Und was du auch zu ſagen haſt— ſchone niemand und beſchuldige niemand ohne Beweis. Wir brauchen die ganze Wahrheit.“ Der Greis ſchaute unter den ſchweren Augenlidern hervor auf den Grafen mit einem ruhig ernſten Blicke, in welchem faſt etwas wie ein Vorwurf zu liegen ſchien. „Ich bin von je her ein treuer und ehrlicher Diener des hohen Hauſes geweſen,“ ſprach er;„was mir aufge⸗ tragen ward, hab' ich auch, wenn's menſchenmöglich, ſtets gethan. An der Wahrheit aber hab' ich nie gerüttelt, gegen den Herrn, unſern Gott, rege ich weder Hand noch Zunge. Die Herrſchaft hat es gewollt, die Herrſchaft wird es hören. Ich kann nichts davon, ich kann nichts dazu thun.“ Und ohne in ſeiner Stellung etwas zu ändern, ohne ſeine Stimme zu erheben, begann er die Erzählung. ſemand und en die ganze agenlidern e Blicke, in mſchien. licher Diener mir aufge⸗ nöglich, ſtets ie gerüttelt, Hand noch eſchaft wird ts dazu dern, ohne Achtzehntes Kapitel. Aus dem alten Jahrhundert. Und haben wir das all durchlebt, Durchwunden und durchrungen, So dicht verworren und verwebt, Mit Knoten viel durchſchlungen Und Dorngeflechten ſcharf und ſpitz? Sind wir durch Kunſt und Mutterwitz Durch oder drüber geſprungen? E. M. Arndt. „Die gnädige Herrſchaft muß nicht ungeduldig wer⸗ den, wenn ich von mir ſelber anhebe,“ fing Steffen an. „Das gehört dazu. Ich muß zeigen, wie ich zu all dieſen Dingen gekommen bin, die über das, was ſonſt ein leibei⸗ gener Mann hörte und ſah, weit hinausgehen. Es iſt auch ſo lange her, daß nur Wenige noch leben, die über⸗ haupt davon wiſſen könnten, und auch die wiſſen nichts Rechtes. Es war Dieſem und Jenem darum zu thun, daß all dieſe alten Geſchichten vorüber wären und ver⸗ geſſen, wie die Jahre, da ſie paſſirten, und ich ſelber that den Mund darüber auch nicht auf. So mag mich Man⸗ cher, und die gnädige Herrſchaft hier auch, wohl gut ge⸗ nug kennen, aber was Rechtes weiß niemand von mir. 198 Achtzehntes Kapitel. „Ich bin als ein Nieder⸗Rhodaer Kind geboren, ob⸗ ſchon die Schütze eigentlich und von Alters in Dreiheiligen zu Hauſe geweſen. Der damals regierende Graf hat vor nunmehr hundert und mehr Jahren einmal mit dem alten General Steinheim gewürfelt und ihm dabei meines Groß⸗ vaters Vater und ein paar andere Häusler abgewonnen und nach Nieder⸗Rhoda verpflanzt, wo derzeit nach dem Kriege manche Häuſungen leer geſtanden. Und weil mein Großvater und auch mein Vater anſtellige Männer ge⸗ weſen, ſo haben ſie nicht zu Feld und Hofe dienen müſſen, wie ihres Gleichen, ſondern ſind meiſtens in den Ställen und im Garten gebraucht worden, und mein Vater, den der alte Herr Eberhard Günther gut hat leiden können, iſt endlich richtiger Gärtner geweſen, hat mit ſeinem Gra⸗ fen reiſen und ſehen und ihm endlich helfen müſſen bei all den neuen Anlagen im Parke. Der Herr hat nichts ohne ihn gethan; wo er draußen geweſen, hat mein Vater immer mit ihm ſein müſſen; oft und oft hat der Herr bei uns in dem Gärtnerhauſe geſeſſen und die Pläne und Riſſe ſtudirt, und mich hat er ganz ins Schloß und zu den beiden jungen Grafen genommen, dem Hartmuth und dem Günther; ich war wenig über ein Jahr jünger als ſie— es waren Zwillinge, nur daß der Hartmuth eine halbe Stunde älter als der Günther— und mußt' nun ſtets mit ihnen ſein, hatte gar den Unterricht mit ihnen und die Uebungen im Reiten und Fechten, und was ſonſt ſich für ſolche Herren ſchickt; und Koſt und Kleidung, das hatt' ich alles im Schloſſe. „Mein Vater hat's nicht gern geſehen; ich ſtehe jetzt, eboren, ob⸗ Dreiheiligen raf hat vor t dem alten leines Groß⸗ abgewonnen t nach dem weil mein Männer ge⸗ nen müſſen, den Ställen gater, den en können, einem Gra⸗ müſſen bei hat nichts mein Vater er Herr bei pläne und oß und zu tmuth und jünger als muth eine nußt nun mit ihnen was ſonſt dung, das ſtehe jett⸗ Aus dem alten Jahrhundert. 199 wohin ich nicht gehöre, und müſſe nachher zu weit herun⸗ ter, hat er gemeint. Und ich ſelber war auch nicht ſehr dafür. Ein feſter Reiter bin ich geworden, und mit dem Fleuret, mit Piſtole und Büchſe lernte ich leicht umgehen, allein die Wiſſenſchaften haben mir wenig in den Kopf gewollt; ich ging lieber, wo ich fort konnte, in die Ställe und aufs Feld, in den Wald, und bei dem alten Schäfer, wenn er mich duldete, blieb ich Tage und Nächte lang draußen. Doch hielt ich mit den beiden jungen Herren noch immer treulich zuſammen, mit dem einen, wie mit dem anderen, denn auch der Hartmuth war dazumal noch brav, wenn auch zu Zeiten etwas rechthaberiſch und herriſch und bei Gelegenheit ein wenig auf den Beſitz aus. Er theilte nicht gern mit uns, ſeinem Bruder und mir, aber wir haben Beide nicht viel daraus gemacht, ſondern nur wohl einmal darüber gelacht. „Anno 1748 ſtarb die Gräfin; das war eine Frau nach dem Herzen Gottes, und ihr Tod iſt für Alt und Jung, für Mann und Kinder und Unterthanen ein erſchreck⸗ liches Unglück geweſen. Wäre ſie am Leben geblieben, ſo möchte all das ſpätere Unheil nicht geſchehen ſein. Sie war eine ſanfte und gütige Frau, aber wo es Recht und Ehre galt, war ſie von Eiſen und Stahl, niemand hielt Stand vor ihrem ſtrafenden Blick, und die Knaben, die mit ihren zwölf Jahren gerade im obſtinateſten Alter, waren in ihren Händen wie Wachs, und was die Liebe nicht that, that der Reſpect.— Nun war ſie todt, und die jungen Herren gingen ein oder zwei Jahre ſpäter auf die hohe Schule mit ihrem Hofmeiſter, der erſt nach der 200 Achtzehntes Kapitel. Gräfin Tode eingetreten, weil unſer alter die damals er⸗ ledigte Pfarre in Ober⸗Rhoda erhalten. Der neue war ein feiner und ſauberer Herr, ein Magiſter Zeuning, ein Sachs, der dem Herrn Grafen durch einen berühmten Profeſſor in Leipzig, glaub' ich, ſehr empfohlen worden. „Weiter weiß ich nichts von ihm, denn mit dem ge⸗ meinſamen Unterricht hatte es derzeit ſchon ſo gut wie ganz aufgehört, und als davon die Rede war, daß ich mit den jungen Herren als eine Art Diener reiſen und ganz bei ihnen bleiben ſollte, gab man das bald wieder auf, da man ſah, daß ich dazu ganz und gar nicht gemacht und andere Dinge im Kopfe hatte. Der Graf hatte ſchon ein paar Jahre zuvor Dreiheiligen und alle Steinheim'ſchen Güter gekauft und ſeitdem, wie er denn ein praktiſcher Herr, der das Seine zu Rath zu halten und zu nutzen wußte, darauf geſonnen, wie er das viele wüſte Land einträglich machen könne. Da kam er denn auf die Schaf⸗ zucht und wollte ſie verbeſſern und ins Große treiben, und als ich davon erfuhr, ließ ich nicht nach, bis ich ganz zu unſerm alten Schäfer als Junge kam und alles, was zu ſolchem Geſchäft gehört, aus dem Fundament lernen durfte. „Der Herr Graf und die Junker, die Dienerſchaft und mein Vater haben alle die Köpfe geſchüttelt über ſolche Neigung und Verlangen, die Schäfer ſtanden dazu⸗ mal hier in gar keinem guten Anſehn. Allein ich konnte nicht anders; es war, als ob mich was an den Haaren gerade zu ſolchem Geſchäft und ſolcher Lebensart zöge. Und da man nun einmal meine Luſt und meinen Eifer Aus dem alten Jahrhundert. 201 damalzs er⸗ ſah, war's dem Grafen auch recht; er ließ meiner Nei⸗ neue war gung Raum, ja, die erſte kleine Herde von der beſſeren euning, ein Landrace, wie ſie dazumal ſchon in Sachſen zu finden, berühmten habe ich mit her holen dürfen und ganz unter meine n worden. Aufſicht gekriegt. Als es damit nicht ging, mußt' ich in nit dem ge⸗ die Lüneburger Heide und uns von den ächten Heidſchnucken ſo gut wie holen, und dann ging es ſo weiter, bis mich der Herr daß ich mit nach Dreiheiligen hinüber und über all die Herden ſetzte. und ganz Das war, als der ſiebenjährige Krieg anfing, und ich war vieder auf, juſtement neunzehn Jahre. öt gemacht„Nun weiß die gnädige Herrſchaft das alles, wie und zatte ſchon weßhalb ich ein Schäfer ward und blieb, wie ich mit den heim'ſchen jungen Herren zuſammen gekommen und ihnen auch her⸗ praktiſcher nach noch näher ſtand, als es ſonſt für einen Menſchen u nuten meines Standes gewöhnlich, und endlich, weßhalb Graf üſte Land Eberhard Günther die alten Steinheim'ſchen Güter immer die Schaf für ſich behalten und von einem Abtreten derſelben an ze treiben, den Hartmuth nichts wiſſen wollte. Er hatte hier zu viel g ich ganz in Gang gebracht und zu viel Geld hineingeſteckt, das er 1e, uas nicht alles wieder zu Grunde gehen ſehen wollte. Er nt lernen wußte nämlich gar gut, daß der Hartmuth ſo wenig wie der Günther den rechten Sinn und Geiſt für ſolche Dinge enenſhaft hätten, wie ſie in jenen Jahren auf den Feldern, im 2. über Walde, in der Heide verſucht wurden. Er ſelbſt war — duje immer hinterher und wohnte Jahr und Tag ganz und — gar in dieſem alten Hauſe. Das that er freilich auch, tanat um näher bei dem Bau und der Einrichtung von Rhoden⸗ hurmn felde zu ſein, die damals ſchon begonnen hatten. 3 be„Die beiden jungen Grafen waren, als der Krieg en Eif 202 Achtzehntes Kapitel. anfing, von dem wir hier aber wenig ſpürten, einer nach dem anderen von ihren Reiſen zurückgekommen, und wie das ſchon ſeltſam genug bei den Brüdern und Zwillingen, ſo hatte ſich auch daheim alsbald gezeigt, daß ſie zuſammen nicht mehr gut thaten. Was eigentlich zwiſchen ſie getre⸗ ten, hab' ich nicht erfahren; der Hartmuth ſah mich in ſeinem Stolz nicht mehr für voll an, und der Günther wollte nicht darüber reden, aus Schonung gegen ſeinen Bruder, ſagte er. Doch wird es wohl von einem Frauen⸗ zimmer hergekommen ſein, vielleicht von der Dame, die der Günther, gleich nachdem Rhodenfelde bewohnbar ge⸗ worden, ſich aus dem Reiche zur Frau heimholte. Und es muß was Arges geweſen ſein, das ſie ſo verfeindete, denn es brachte auch den alten Grafen von dem Hart⸗ muth fort, ſo daß er einmal— die beiden Söhne waren ſchon verheirathet— in der Heide bei den Teufelsbergen, wo ich damals bereits mein Hauptquartier und er mich getroffen hatte, ſeufzend zu mir ſagte:„Ich weiß nicht, was ich drum gäbe, wenn der Günther nur um eine Stunde älter wäre. Es ſtände für jetzt und immer beſſer um Land und Leute.“— „Er behielt den Hartmuth auch nicht bei ſich in Nieder⸗Rhoda, ſondern ließ ihn zuerſt in Ober⸗Rhoda hauſen und gab ihm dann, als er die Steinheimin hei⸗ rathete, Lohnshof. Das brachte auch wieder böſes Blut, denn der Hartmuth hatte es gar nicht anders für möglich gehalten, als daß der Vater ihm jetzt die Güter abtreten würde, die bis vor Kurzem den Vorfahren ſeiner Frau gehört hatten, und er ſah's wie einen Raub an ſeinem iner nach und wie dillingen, uſammen ſie getre⸗ mich in Günther en ſeinen Frauen⸗ ame, die nbar ge⸗ de. Und feindete, m Hart⸗ e waren lsbergen, er mich eiß nicht, m eine ner beſſer ſich in erKhoda min hei⸗ 5 Blut, möglich abtreten er Frau ſeinem Aus dem alten Jahrhundert. 203 Eigenthum an, daß der alte Herr den Grund und Boden, den er dem zweiten Sohne mit Rhodenfelde und den an⸗ deren dahin gehörigen Gütern abtrat, von dem Stein⸗ heim'ſchen Beſitz abgenommen. So oder ſo, ganz Un⸗ recht mocht' er nicht haben, wenn er ſich beeinträchtigt fand; denn wie ich mir habe ſagen laſſen, waren bisher die Kinder mit Ausnahme des älteſten ſtets und alle gar ſparſam abgefunden worden. Und endlich kam zu allem Anderen dann noch das perſönliche Weſen zwiſchen den beiden Brüdern, was es auch zuerſt geweſen ſein mag. Der Hartmuth haßte ſeinen Bruder, obſchon er's nicht ge— rade merken ließ, und der Günther traute des Anderen Freundlichkeit nicht. „So ſchleppte ſich das hin, Jahr aus und ein; ſie lebten nicht ſchlechter mit einander, ſondern eher einmal anſcheinend etwas beſſer und einträchtiger, beſonders wenn der Hartmuth hin und wider von einer ſeiner vielen Rei⸗ ſen zurückkam— er war dazumal wenig daheim— und doch wohl zuweilen das alte Verlangen nach den Seinen, zumal nach dem einzigen Bruder fühlen mochte. Ich muß noch einmal ſagen, daß ich nicht weiß, was zwiſchen den Beiden vorgegangen, daß es aber was Arges geweſen ſein muß, da es ſonſt ſelbſt den Hartmuth nicht ſo ganz hätte umkehren können. Ein etwas ſeltſamer Heiliger iſt er immerdar geweſen, von Herzen aber wirklich ein braver Menſch und gar nicht ſo ſchlimm, wie er ſich zuweilen zu geberden liebte, und für den Bruder wäre er derzeit durchs Feuer gegangen. Und das war nun alles hin. Wie er nun auch noch hier und da that, und wie es 204 Achtzehntes Kapitel. ihm zuweilen auch noch von Herzen ging, es wurde nicht wieder wie vordem, die Regung hielt nicht vor, oder— man ließ ihn nicht dabei beharren.— „Denn ich muß es der gnädigen Herrſchaft nur rund heraus ſagen,“ unterbrach ſich der alte Mann und erhob den ſchweren Blick zu ſeinen beiden aufmerkſamen Zu⸗ hörern,—„alles, was nachher geſchehen und was es auch gegeben,— ich glaube, daß der Hartmuth auf das Erſte dazu nicht durch ſich ſelbſt gekommen iſt, ſondern durch Andere. Und das iſt der ſchleichende wälſche Schuft, der Pierre, den er gleich bei ſeiner erſten Rückkehr mitbrachte; und das iſt der Magiſter Zeuning, der ſo um die Mitte der Sechziger mit einem Male wieder da war und in Lohnshof blieb, es hieß als Hofmeiſter für den jungen Grafen. Allein Ihr waret dazumal erſt zwei oder drei Jahre alt, Herr Graf,“ ſetzte Steffen gegen Eberhard gewendet hinzu. Der Angeredete nickte finſter vor ſich hin.„Du haſt Recht, Steffen,“ ſagte er.„Der Zeuning war da, ſo lange ich zu denken weiß. Nachher muß er aber mit meinem ſiebten, achten Jahre fortgekommen ſein, denn ich erinnere mich ſeiner überhaupt wenig und als Lehrers gar nicht.“ „Ganz recht,“ meinte der Greis.„Als der Hartmuth von Lohnshof nach Nieder⸗Rhoda zog und aufs neue hei⸗ rathete, kam er fort und blieb auch fort, bis— doch das kommt auch noch,“ brach er ab.„Jetzt will ich fortfahren. „Ich hörte von all dieſen Dingen dazumal nur wenig und nebenher,“ ſprach er weiter,„denn zu mir in die wurde nicht or, oder— ft nur rund nund erhob mitbrachte; die Mitte ar und in den jungen oder drei Eberhard Du haſt ar da, ſo aber mit „ denn ich ls Lehrers Hartmuth neue hei⸗ doch das ortfahren. ur wenig r in die Aus dem alten Jahrhundert. 205⁵ Heide hinaus kamen nicht viele von meinen Freunden und Bekannten, und wenn ich zur Winterszeit daheim war, hatt' ich mit anderen Dingen den Kopf voll genug und ſah von der Herrſchaft noch weniger jemand, als im Som⸗ mer. Der alte Herr wohnte wieder in Nieder⸗Rhoda, die beiden jungen Grafen hatten hier nichts zu ſuchen, und nur wenn der Herr Graf Günther einmal nach den Wald⸗ hunden auszog, die damals noch von Zeit zu Zeit im Winter über die Grenze in die Heide ſtreiften, ſah ich ihn wohl vorbeiziehen oder wechſelte auch, wenn es ſich ſo traf, ein paar Worte mit ihm. Mehr ſah ich von den Beiden noch in der guten Jahreszeit, wo ſie häufig in der Heide jagten und hetzten, und der Günther ſuchte mich dann faſt immer auf, um ein wenig mit mir zu plaudern. Hartmuth machte es zuweilen eben ſo, aber ſeltener, und meiſtens kam es zu nichts mehr als:„Wie geht's? Wie ſteht's? Guten Weg und gute Zeit!“— denn er hielt gar ſehr auf ſeinen Stand und Rang; ich war ihm längſt nicht mehr etwas Anderes, als die Anderen, und über⸗ dies war er, wo ich ihn ſah, ſtets ſtolz oder finſter und tief in Gedanken. Ueber einander redeten die Beiden je⸗ doch zu mir niemals. „So hatte ſich das alles Jahr auf Jahr in der alten Weiſe und in einer Art von Ruhe und Stille fortge— zogen, und wir waren im Jahre 69, im Herbſt. Es war eine trübe Zeit für mich, mein Weib war kurz vorher an unſerem jüngſten Mädchen geſtorben und das Kind war ihr gefolgt. Ich war über die Maßen betrübt, denn ich hatte nun nichts mehr, als meine Aelteſte, ein ſchwächlich 206 Achtzehntes Kapitel. Kind, zu deſſen Leben ich auch keinen Muth mehr faſſen mochte, es lag noch obendrein damals ſterbenskrank und ich erwartete von Tag zu Tag auch ſeinen Tod zu hören. Mir war's, als hab' ich nun umſonſt gearbeitet und ge⸗ dient, und all das Glück umſonſt gehabt. Denn es war mir ſonſt gut gegangen. Der alte Herr war ſehr mit mir zufrieden, die Herden gediehen und warfen auch mir einen ſchönen Gewinnſt ab, ſo daß ich mir, mit Erlaub⸗ niß des Herrn, drüben in Krewitz den freien Hof gekauft hatte. Und noch mehr, als ich mit dem Grafen Eberhard Günther darüber geredet, hatte er geſagt:„Gut, Steffen, das mag ſein, und ich freue mich deines Wohlergehens. Damit es aber auch recht wird und du ſiehſt, wie gut ich's mit dir meine, will ich für dich und die Deinen einen Freibrief beſorgen.“ „Aber gnädiger Herr,“ hatt' ich geantwortet,„wollt Ihr mich denn nicht mehr im Dienſt behalten? Ich dachte auf der Heide zu leben und zu ſterben.“—„Das ſoll alles bleiben wie bisher,“ ſprach er darauf, und er ſah ernſt aus und voll Sorgen;„ich würde dich ungern ver⸗ lieren, denn du verſtehſt deine Sache und biſt mir lieb von Alters her, da du noch bei meinen Knaben, und jetzt. Und darum will ich ſorgen, daß es dir auch nach mir noch gut geht, wo ich nicht mehr zum Rechten ſehen kann. Wenn du deinen Freibrief haſt, kannſt du bleiben oder gehen, und niemand darf dich ſchädigen. Aber halt den Mund und rede nicht davon.“ „So hatte er geredet, und als ich den Brief kriegte, lag mein Weib ſchon in den letzten Zügen, und der alte mehr faſſen skrank und d zu hören. tet und ge⸗ n es war t ſehr mit en auch mir mit Erlaub⸗ Hof gekauft n Eberhard t, Steffen, rgehens. wie gut „wollt Ich dachte Das ſoll nd er ſah ngern ver⸗ nir lieh und jetzt nach mir chen kann. ben oder halt den d der alte Aus dem alten Jahrhundert. 207 Herr hatte eben den erſten der ſchweren Anfälle gehabt, die ihn kaum ein Jahr ſpäter in die Grube brachten. Allein er hatte in aller Leibesſchwachheit an mich gedacht und die Ueberſendung des Briefes befohlen. Nun war ich freilich ein freier Mann, und mein Kind war auch frei, ich konnte, wenn ich wollte, als Bauer und Herr auf meinem Eigenen wohnen. Aber was half mir das alles? Mein Kind war todtkrank, ſagt' ich ſchon, und für mich ſelber war mir's egal, ich dachte nicht daran, aus meinem Dienſt zu gehen. „So ſtand's um mich her, als ich eines Tages, es war zum Anfang September und ein rauher Tag, auf meinem alten Platze bei den Teufelsbergen ſaß, ich weiß nicht mehr, bei was für einer Arbeit. Denn wie geſagt, hatte ich damals ſchon dort mein Hauptquartier und blieb am liebſten für mich mit der Herde, die ich mir extra vor⸗ behalten. Zu den Knechten kam ich nur alle zwei Tage einmal herum. „Da ſaß ich, und das Herz war mir ſchwer und der Kopf voll trüber Gedanken. Ich dachte an die Todten und an die, ſo ihnen bald folgen möchten. Sehen konnt' ich das derzeit noch nicht.— Der alte Wilm, der Reit⸗ knecht des Herrn Grafen, der mir den Brief gebracht, hatte gemeint, es gehe wohl zu Ende, und wie ich mir nun ſo überdachte, was es für ein großer und reicher und doch auch ſo grundbraver Herr geweſen, der eben ſo viel Schlimmes und Schweres zu ertragen hatte, wie irgend Einer von uns armen Leuten, ja, mehr; was er noch alles im Kopfe gehabt, das auszuführen zum Beſten von Land 208 Achtzehntes Kapitel. und Leuten, und was für Pläne er mit ſich herumgetra⸗ gen, damit nach ſeinem Tode zwiſchen den Seinigen alles in einigem Frieden bleibe— er hatte zu mir gerade das letzte Mal, da wir uns ſahen und da er mir den Brief verſprach, mancherlei Geheimes geredet, denn er hatte Ver⸗ trauen zu mir— wie ich mir das alles ſo überſchlug, ſag' ich, da war's mir mit einem Male, als hört' ich meinen Namen rufen in recht barſchem Tone, vom Ein⸗ gang zu dem Brink her. Denn ich ſaß beim Born. „Es war ſo laut, daß ich Antwort gab:„Hier bin ich!“— und als darauf alles ſtill blieb, auch aufſtand und hinausging, um mich nach dem Rufer umzuſehen. Allein, wie ich auch ſpähte und lauſchte, es war keine Menſchen⸗ ſeele weit und breit, und ſo kehrt' ich denn zurück mit nicht leichterem Herzen und zündete mir ein Feuer an, um mein Abendbrod zu rüſten, denn es dämmerte ſchon. Und ich meinte nun, das müßten die Gedanken von Einem geweſen ſein, der gerade viel mit mir zu thun habe. Mein Vater hatte die Gabe, ſo etwas zu Zeiten zu hören, und ſie war, wie ich wußte, bei ihm auch erſt in den Jahren wie meine damaligen, d. h. in den dreißigern, kund ge⸗ worden. Das war mir denn auch nicht zuwider, die⸗ weil's doch eine Gabe von unſerem Herrgott. Aber mir ging nur die Frage im Kopf herum, wer der Rufer ge⸗ weſen. Die Stimme hatte faſt geklungen, wie die des Grafen Hartmuth, aber was der mit mir zu thun haben möchte, das verſtand ich nicht.“ Nach einer Pauſe fuhr der alte Schäfer fort: „Es war wohl eine halbe Stunde vergangen, meine herumgetra⸗ einigen alles gerade das ir den Brief er hatte Ver⸗ überſchlug, als hört ich vom Ein⸗ n Born. r. 1 Hier bin zufſtand und ee Menſchen⸗ zurück mit n Feuer an, en von Einem abe. Mein hören, und den Jahren kund ge⸗ uwider, die⸗ Aber mir r Rufer ge⸗ wie die des mthun haben fort: maen, meine Aus dem alten Jahrhundert. 209 Milch fing an zu kochen, und der Abend kam immer tie⸗ fer herab, da ſchlugen meine beiden Hunde draußen an und machten einen wüthenden Spectakel, und dazwiſchen klang ein drohender Ruf oder Fluch von einer Männer⸗ ſtimme, ſo daß ich den Topf vom Feuer zog und hinaus eilte, zumal jetzt auch mein eigener Name barſch genug gerufen wurde, und es klang genau ſo, wie vorhin. Und als ich draußen war, ſah ich zwei Reiter— es war rich⸗ tig Graf Hartmuth mit ſeinem wälſchen Kammerdiener neben ſich; er befahl mir, die Hunde zur Ruh' zu bringen, ſtieg dann ab, das Pferd dem Diener gebend, kam zu mir und ſagte zornig:„Ich will mir denn doch in Zu⸗ kunft einen anderen Empfang ausgebeten haben. Ihr ſollt euren Herrn ſchon noch erkennen lernen!“— „Nun, ich wußte damals ſo gut wie jetzt, daß ſo von den Hunden angefahren zu werden, den ruhigſten Mann verdrießlich machen kann; ich ſchwieg daher, und da er hinzuſetzte:„Ich habe mit dir zu reden!“— ging ich ihm voran in den Brink und zum Feuer. Da ſtellt. er ſich hin und wärmte ſeine Hände, denn es war kalt, ſagt' ich, und die Handſchuh' hielt er abgezogen in der Hand und guckte finſter in die Glut, ohne ein Wort. Und ich ſah ihn mir von der Seite an und dachte: Na, was wird das werden?— Ich hatte ihn lange nicht ge⸗ ſehen, da er damals gerade viel fort war, und man redete ſchon von ſeiner zweiten Heirath mit einer Prinzeſſin, wie's ja auch bald nachher kam. „Mit einem Male hebt er den Kopf und die Augen, daß ſie mich düſter anblitzen, und ſpricht:„Ich bin vor⸗ Hoefer, Fremdherrſchaft. II. 14 210 Achtzehntes Kapitel. geſtern erſt heim gekommen und hab' von des Vaters Zufall gehört. Er iſt ſehr krank, glaub' ich, denn er kannte mich nicht.“—„Ich hörte auch ſo, Herr Graf,“ ſag' ich dagegen. Bei Namen, wie vordem, hieß ich ihn längſt nicht mehr.—„Leicht möglich, er ſtirbt, Steffen,“ fährt er fort.—„Der Herrgott wird's gnädig fügen, Herr Graf,“ verſetz' ich. Mir wurde wunderlich bei die⸗ ſem Geſpräch, von dem ich noch immer nicht faßte, wo's damit hinaus wollte. „Und wenn er ſtirbt ohne Bewußtſein,“ fängt er wieder an,„wie ſoll das werden? Er hat ſo viel verän⸗ dert und noch ſo viel vor, das er alles allein und auf ſeinen Kopf hin beſorgt, ohne die Seinen zu fragen, ohne ſich mit ihnen zu verſtändigen, und von Manchem weiß ich gar nicht einmal. Ich bin ſeither viel fort geweſen, und du weißt, Steffen, der Alte hat in den letzten Jahren immer weniger mit mir geredet über das, was er im Sinne hat. Ich weiß von nichts und erfahre auch nichts. Und das wäre doch mehr als nöthig, denn leider Gott's,— ſo ſehr ich meinen Vater auch ehre und liebe, muß das geſagt ſein— denn leider Gott's iſt der alte Herr bei manchem, was er gethan und was er vor hatte, nicht mehr recht freien Geiſtes und Willens geweſen. Und ſo ſehr ich ihn auch ehre, mit allem kann ich mich nicht ein⸗ verſtanden erklären, beſonders da ich, wie ſchon geſagt, gar nicht einmal weiß, was und wie alles iſt, ob's nur mündlich beſtimmt iſt, wie er's vor mir ausſprach, wenn er hier oder da ſagte: das ſoll ſo oder ſo ſein!— oder ob's ſchriftlich und gerichtlich gemacht iſt, und wie die des Vaters denn er err Graf,“ teß ich ihn Steffen,“ ig fügen, ch bei die⸗ ßte, wols fängt er iel verän⸗ und auf gen, ohne hem weiß geweſen, en Jahren im Sinne zbts. Und Zott'8,— Herr bei te, nicht Und ſo nich ein n geſagt, ob's nur h, wenn — oder wie die Aus dem alten Jahrhundert. 211 Documente lauten und wo ſie liegen. Siehſt du, das iſt bös für mich,“ fährt er fort, und er ſprach ſo human, wie ich's noch nie gehört;„der alte Herr hat nicht gut an mir gehandelt, der ich doch ſein älteſter Sohn und rechter Erbe, und hat mich verkürzt. Das mag jedoch ſein, denn er iſt Vater; aber zu allem ſag! ich nicht Ja, um meiner Ehre und meiner Kinder willen thut ich's nicht, und weiter laſſe ich mich auch nicht über’'s Ohr hauen,— ſie ſollen mir nicht noch mehr ſtehlen. Und da komm' ich zu dir. Du weißt davon mehr als die Anderen, Steffen. Der Alte hat mit dir über die Stein⸗ heim'ſchen Güter geredet—“ „Mit mir?“ frage ich ganz beſtürzt, denn im Ganzen war es freilich richtig, und hatte der Herr Graf zu mir über dieſe Dinge geſprochen, als er einmal im Frühling bei mir in der Heide geweſen. Allein was Genaues war es dennoch natürlich keineswegs, und endlich— wie konnte der Hartmuth davon wiſſen, da wir dazumal ganz allein bei dem ſogenannten Kiekenbuſch geweſen waren?— „Ja, mit dir, Steffen,“ ſagt er feſt und guckt mich ſcharf an;„leugne es nicht, denn ich weiß es, und ich denke, es wird für mich und dich am beſten ſein, wenn wir uns daran erinnern, daß du mit mir aufgezogen biſt. Daͤß du deinen alten Spielkameraden und baldigen Herrn noch lieb haſt, glaub' ich, und wenn du deine Schuldig⸗ keit thuſt und mir treulich dienſt, ſoll es dein Schade nicht ſein. Ich kann ſchon jetzt viel für dich thun und ſpäter noch mehr. Du biſt da nicht auf der rechten Stelle mit deinem gewitzten Kopf, ſondern zu ganz etwas An⸗ 212 Achtzehntes Kapitel. derem berufen, als da in der Heide zu ſitzen und bei den Schafen.“— „Da er darauf ſchweigt und mich anſchaut, als ob er eine Antwort erwartet, mein' ich endlich:„Ich bin des hohen Hauſes getreuer Knecht allerwegen, Herr Graf, und thu' Euch und den Euren zu Lieb', was ich geringer Mann vermag. Aber aus der Heide verlange ich nicht fort, denn hier iſt mein Platz und Geſchäft, und ich be⸗ gehr' mir nichts Beſſeres.“— Ich darf's der gnädigen Herrſchaft aber wohl ſagen, es ward mir je länger, deſto unheimlicher bei dieſem Reden, denn was wollt' er mit mir? „Fängt er wieder an.„Hör' an,“ ſagt er,„und hör gut zu. Du weißt, wie es bei denen von Rhoda ſteht. Der Aelteſte kriegt Grund und Boden und Vermögen, die Anderen werden nach dem Familiengeſetz mit einer Summe abgefunden, deren Höhe ſich nach dem Stande des Vermögens richtet. Nun hat mein Vater die Stein⸗ heim'ſchen Güter gekauft, die alſo freilich nicht zu der alten Grafſchaft gehören, die aber eben ſo gut mit meinem wie mit Günther's dereinſtigem Vermögen erſtanden ſind und daher ſo gut an ihn wie an mich fallen müſſen. Ich ſage alſo auch nichts weiter darüber, daß der Vater ihm Rhodenfelde erbaut und ihm den ganzen dortigen Beſitz eingeräumt, obgleich dabei auch alt Rhoda ſches Eigen⸗ thum, und obgleich man es bisher immer ſo gehalten, daß neue Erwerbungen zu der Grafſchaft geſchlagen wur⸗ den. Dadurch ſind wir reich geworden und angeſehen. Nun aber heißt es auch, daß er mir hier Dreiheiligen und bei als ob bin des r Graf, geringer ich nicht dich be⸗ gnädigen ger, deſto ver mit ,„zund da ſteht. ermögen, nit einer Stande je Stein⸗ t zu der tmeinem den ſind ſſen⸗ Ich ater ihm en Beſit 3 Eigen⸗ gehalten, gen wur⸗ ngeſehen. eiheiligen Aus dem alten Jahrhundert. 213 und Unterwiek entziehen will, wie er ſie mir bisher vorent⸗ halten, obſchon ich diejenige geheirathet und von derjenigen meine Kinder habe, die, wenn die Steinheim vernünftig gewirthſchaftet, den ganzen Beſitz mir zugebracht haben würde. Das kann ich nicht zugeben, Steffen, und das geb' ich nicht zu. Iſt's noch nicht abgemacht, ſo mußt auch du mir helfen, daß nichts draus wird, ſelbſt wenn der Vater wieder aufkommt; er gibt viel auf deinen Rath. Iſt's aber ſchon beſtimmt, ſo ſtoß' ich's um, ſo oder ſo, und ſollt' ich die Papiere ſtehlen und vernichten laſſen, und müßt' ich Mann gegen Mann ſtehen, gegen Vater und Bruder. Und darum komm' ich nun zu dir, du ſollſt mir helfen. Vergiß es nicht, Steffen, dein Herr bleib' ich ſo oder ſo, du biſt ein Nieder⸗Rhodaer Kind und mein Eigener.“— Und wie er das ſagte, ſah er mich an mit ein paar gar böſen Augen; ich hatte ſie weder an ihm noch an ſonſt jemand bisher ſo geſehen, und es konnte Einem bei dem Blick gruſeln. „Dazu kam's bei mir freilich nicht, denn ſchreckhaft bin ich niemals geweſen. Aber ich ſegnete doch in dem Augenblick den Freibrief des alten Herrn, der mich nun ſicherte für alle Zeit, und leugnen will ich's auch nicht, daß die Art und Weiſe, wie er vor mir ſeine Trümpfe ausſpielte und mich mit Schreck und Drohung zum Un⸗ recht verführen wollte,— daß mir die ganz und gar nicht gefiel, ſag' ich. „Und ſo ſprach ich:„Herr Graf, von dem, was Ihr mich fragt, weiß ich nichts, als daß der gnädige Herr Vater Dreiheiligen und das Andere, was dahin gehört, 214 Achtzehntes Kapitel. wohl allerdings nicht zu der alten Grafſchaft ſchlagen 1 wird. Das hat er mich merken laſſen, als er das letzte Mal dageweſen, aber mehr hat er nicht geſagt, und wie ich Euch helfen könnte, ſelbſt wenn ich's dürfte gegen Den⸗ jenigen, der Euer Herr und der meine— das capir' ich nicht. Was kann ich von hier aus thun?“ „Du ſteckſt mit allen denen zuſammen,“ verſetzte er. „Sie wiſſen's gut, wie viel mein Vater auf dich gibt und wie genau du ihn kennſt. Wenn du ihnen mein Recht vorſtellſt und ſagſt, wie's wahr iſt, daß es mit des Alten Kopf ſchon längſt nicht mehr im rechten Stande, und den Muth haſt, das zu behaupten und zu beſchwören, wenn Zeit und Gelegenheit dazu da, ſo wird alles recht ſein. Mit dem Bohrmann iſt freilich nichts zu machen, aber der Rentmeiſter thut, was du willſt, und ſchafft dir Ein⸗ ſicht in die Papiere. Siehſt du, Steffen,“ ſetzte er hinzu und ſah dabei wieder ſanftmüthiger aus,„ich ſelber kann da wenig thun; ich kann jetzt nicht in dieſen Dingen han⸗ deln, das mußt du begreifen, kann nicht einmal gut nach 4 Nieder⸗Rhoda hinüber. Aber bei dir iſt's damit etwas Anderes. Dich mögen ſie alle und du darfſt ſchon nach⸗ fragen, wie es meinem Vater geht, und dabei kannſt du alles erfahren. Du biſt mein Jugendfreund, ich hab' dich immer gern gehabt, und wenn du mir hier hilfſt, ſoll es dein Schade nicht ſein,— ich will dich groß machen über Viele. Anderen Falls aber— nun, du weißt!“ „Was er eigentlich von mir wollte und was ich ſollte, verſtand ich zwar noch immer nicht, aber Zweierlei wurde mir klar: zuerſt, daß er ſchon allerlei Verſuche gemacht ſchlagen das letzte und wie ꝛgen Den⸗ capit' ich rſetzte er. gibt und ein Recht des Alten und den i, wenn icht ſein. en, aber dir Ein⸗ er hinzu ber kann gen han⸗ gut nach it etwas on na⸗ annſt du hab' dih Val s hen über ih ſollt, ei wurde jenact Aus dem alten Jahrhundert. 215 und allerlei Widerſtand erfahren haben mußte, und zum zweiten, daß es mit dem alten Herrn nicht mehr ſo ſchlecht ſtehe, ſondern daß derſelbe wieder auf ſein mochte.— Ich fand es aber gar arg, was er mir zumuthete. Er ſelber hatte mir nie was Gutes gethan, freilich auch noch nichts Böſes; er wußte, daß ich es von je her mehr mit ſeinem Bruder gehalten, als mit ihm, und daß ich dann von ſeinem Vater Wohlthaten über Wohlthaten genoſſen und des größten Vertrauens gewürdigt war. Das ſollt' ich nun alles hintenanſetzen für ſeine Verheißungen, die man ſchon dazumal als meiſt leere kannte, und für ſeine Drohungen, die mich nicht mehr trafen. Und zu allem Anderen wußt' ich auch, daß ſein Vater und Bruder ihm gar nicht übel wollten, daß der Erſtere es im Gegentheil ſo gut wie möglich mit ihm meinte und ſogar mehrmals dem Sohne nicht nur für ſeinen Bruder, ſondern auch überhaupt väterlich zugeredet. „Denn kurz und gut, gnädige Herrſchaft, der Hart⸗ muth hatte in dieſen Jahren auf ſeinem Lohnshof ſo ge⸗ wirthſchaftet mit Prunk und Luxus aller Art, daß dem alten Herrn wohl um ſeine Grafſchaft bange werden konnte. Ich wußt' es von dem Rentmeiſter, daß der Herr ſchon ein paarmal die Schulden des Sohnes hatte decken müſſen, und ich wußt' es eben daher, daß er ſeit dem letzten Male und vollends ſeit die Heirath mit der Prin⸗ zeſſin zur Sprache gekommen, immer ſorgenvoller an die Zukunft und immer ernſtlicher an einen rechten Halt und Schirm für ſeine übrigen Nachkommen dachte. Ja, er hatte ſelber mit mir darüber geredet, denn er hatte Ver⸗ 216 Achtzehntes Kapitel. trauen zu mir, wiederhol' ich, und kannte mich als rech⸗ ten, treuen Freund ſeiner Söhne und all der Ihren. „Siehſt du,“ hatte er dazumal geſagt,„verkaufen kann er zwar die alten Güter nicht, die müſſen beim Hauſe bleiben. Aber er kann ſie ſo überſchulden, wie es bei denen und denen der Fall, daß er nicht das nackte Leben von ihnen hat. Und das wäre mir für ihn egal— laß ihn's treiben mit ſeiner Prinzeſſin, wie er mag und kann; was geht's mich an? Aber die beiden armen Kinder, der Eberhard und die Sophie, die muß ich ſichern, und ſiehſt du, Stef⸗ fen, ſo will ich den Beiden ihr altes mütterliches Gut zu⸗ ſchreiben laſſen. Sie ſollen Dreiheiligen und Unterwiek haben und was dazu gehört, ſie für ſich allein, der Eber⸗ hard kann die Schweſter ausbezahlen, oder mit ihr theilen, oder wie ich's noch beſtimme. Aber der Hartmuth ſoll nichts darein zu reden haben, nichts; dann mag er's trei⸗ ben wie er will mit ſeiner Prinzeß, ich kann meine Augen in Frieden ſchließen.“ „Die gnädige Herrſchaft hat den alten Herrn ſo nicht mehr gekannt,“ unterbrach der Schäfer ſeinen Bericht, „denn ſelbſt Ihr, Herr Graf, waret bei ſeinem Tode ja noch ein Kind, das ſo etwas nicht erfährt. Aber er hätt's verdient, denn es war, wenn auch wie wir alle ein ſün⸗ diger Menſch, doch ein rechter Mann, ein guter Gebieter, ein ſtolzer Graf und ein großer Herr bis in die Nagel⸗ ſpitzen. Der war nicht hochmüthig und nicht verächtlich gegen die unter ihm, ſondern freundlich, umgänglich und civil gegen Hoch und Gering. Er wußt' es genau, was er war und was ihm zukam, er hielt ſtreng und ſtolz auf V Aus dem alten Jahrhundert. 217 als rech⸗ Ehre und Anſehen ſeines Hauſes, aber er wollte auch er Ihren. nicht über ſeinen Stand hinaus, und das mit der Prin⸗ n tam ee zeß war in ſeinen Augen keine Ehre, ſondern ein Un⸗ ſe bleiben. glück.„Die Rhoda ſind die Rhoda,“ pflegt' er zu ſagen, denen und„ſie ſtehen wie ſie ſtehen. Sie heben niemand zu ſich von ihnen herauf, der nicht zu ihnen gehört, aber ſie ſollten auch 's treiben keinen aufnehmen, der hinterdrein auf ſie herabſchauen vas gehts möchte. Unſer Blut braucht keine fürſtliche Miſchung, es Eberhard iſt für uns ſchon gut genug, und wir wollen nicht weiter, du, Stef⸗ als uns gegeben iſt.“— s Gut zu⸗„Nun gut, ſo war's, und an das dacht' ich alles, Unterwiek da Graf Hartmuth ſo auf mich einredete und drohte, und der Eber⸗ als er noch einmal angefangen, ſchier mit den gleichen zr theilen, Worten und Weiſen, da hielt ich's nachgerade für recht, muth ſoll ihm reinen Wein einzuſchenken über alles, und ich ſprach: ers trei⸗„Herr Graf, ich verſteh' noch immer nicht recht, was Ihr von mir begehrt. Aber Eins kann ich Euch ſagen: Ihr ine Augen thut Eurem gnädigen Herrn Vater unrecht, er hat's nicht u ſo nicht böſe mit Euch im Sinn, ſo viel mir geringem Mann da⸗ Beriht, von bekannt. Ihr wißt auch, daß ich alles, was ich bin b Tade jn und habe, Seiner Gnaden verdanke, und ich wär' ein 1 er hütts ſchlechter Mann, wollt' ich ihm das mit Untreue lohnen. 1 en ſün⸗ Was Seine Gnaden mir wohl hier und da geſagt hat, 8 hebiet das iſt nur für mich, und was er zu Anderen geredet, 4 „ Jagel- für die. Ich bin nicht neugierig darauf und kann auch 7 üütlih für Euch nicht zum Schalk an meinem Herrn werden. 5 1 Zeit hab' ich auch nicht, ich darf von den Herden nicht an, mas ſott e 3. 2. 2 gal auj„Da guckt' er mich wo möglich noch böſer an, als 3 4 PL 1 ———— 8 —— 4 218 Achtzehntes Kapitel. vorhin, ſchier giftig, und er antwortete:„Du willſt alſo nicht?“—„Unrecht thun kann ich nicht,“ ſagt' ich.„Es wär' auch ganz umſonſt, Herr Graf. Denn wenn ich auch wollte, die Anderen thäten's nicht. Der Herr Graf hat meines Wiſſens nur getreue Diener.“— Und wie ich denn doch immer noch an den Hartmuth dachte, mit dem ich aufgewachſen, ſetzt' ich hinzu:„Habt Vertrauen zu Eurem Herrn Vater, Herr Hartmuth, er will Euch nicht übel. Laßt ihm auch ſeine Diener treu bleiben, denn wie ſollen ſie dereinſt Euch Treue bewahren, ſo Ihr ſie zuvor zur Untreue verleitet?“ „Da nickt' er mir höhnend zu und ſprach:„Schon gut, Herr Prediger, ich kenne dich jetzt! Aber vergiß es nicht, du biſt ein Rhodaer Kind, und du ſollſt auch mich kennen lernen.“—„Ihr irrt, Herr Graf,“ gab ich zur Antwort, denn ich war dazumal noch jung und hatte den Kopf ohnehin ſchon voll genug, und er wurde mir nun noch heißer.„Ich bin kein Höriger mehr, ſondern ein freier Mann durch Brief und Siegel von dem gnädigen Herrn Grafen, Eurem Vater. Ich kann gehen, wann und wie ich will, aber ich bleibe ſein getreuer Knecht, ſo lange er meine Dienſte haben will.“—„Du haſt einen Freibrief?“ fragt' er.„Konnt's mir denken!— Wo iſt der Wiſch?“— Und da, wie ich ſeine Augen ſah, ſchoß es mir mit Sorge und zugleich mit Zorn durch den Kopf, und ich ſagte:„Nicht hier, ſondern in guter Hand, Herr Graf, wo er ſicher.“— Er guckte mich noch einmal an und hob die Reitpeitſche. Allein er beſann ſich wieder, denn wie er und ich dazumal waren, wär's ein Wahnſinn Aus dem alten Jahrhundert. 219 wilſt alſe geweſen, mich in unſerer derzeitigen Einſamkeit zu reizen. ich ECs Scllagen hätt' ich mich ſelbſt als Höriger nicht laſſen. wenn ich Der wälſche Schuft draußen war nur eine weitere halbe Herr Graf Handvoll für mich, und überdies ſaß mein alter Packan nd wie ich neben mir und machte allmälig noch böſere Augen, als , mit dem der Herr. Und ſo, wie geſagt, beſann er ſich, wandte ſich trauen zu ab und ging ohne ein weiteres Wort von mir. Erſt beim Euch nicht Eingang drehte er ſich um und drohte mir mit der erho⸗ „denn wie benen Peitſche,— und gleich darauf hört' ich ihn über r ſie zuvor Pierre rufen und alsbald mit demſelben forttraben.— „Ich brauch's der gnädigen Herrſchaft wohl nicht erſt „Schon zu ſagen,“ fuhr der Greis nach einer Pauſe fort,„daß vergiß e mir trotz alle dem dieſer Zorn des Herrn nicht egal war, auch mic ſondern recht ſchwer fiel. Was ich in meiner Heftigkeit gab ich zut von meiner Freiheit geſagt, war freilich wahr. Graf Hart⸗ muth war ſo wenig mein Herr, wie ein Anderer, aber hatte den e mir nun wie's hier dazumal noch zuging, konnte er mir das Leben yndern ein ſauer genug machen, zumal wenn der alte Herr nicht wie⸗ aniädigen der aufkam, und ſelbſt wenn es nach deſſen Willen ging em. wann und Dreiheiligen nicht an den Hartmuth gelangte, mußte gnect, ſo ich vermuthlich der Heide Valet geben. Aus dem Dienſt haſt einen wollt' ich aber am allerungernſten. Ich will aber nicht o ſt von mir reden, noch von dieſen Dingen, ſondern von dem cc, ſcuß hohen Hauſe ſelber, wie's weiter ging, und nur noch hin⸗ 6 1 Koff zuſetzen, daß der alte Herr ſchon nach ein paar Tagen 1 2 Hert wieder bei mir vorſprach— es ging alles raſch mit ihm, n. 5 ſelbſt ſeine Krankheit— friſch und geſund wie je, und — daß ich ihm da pflichtmäßig ſagte von dem, was zwiſchen 4 dem jungen Herrn und mir vorgefallen. Wahnſinn 3 —;— 220 Achtzehntes Kapitel. „Er nahm es leichter, als ich gefürchtet.„Dummes Zeug,“ ſagt' er.„Laß den Narren nur intriguiren, drohen und aufbegehren,'s nützt ihm nichts. Gerade meiner Leibesſchwachheit wegen habe ich die Sache raſcher betrieben, und jetzt wird Bohrmann es ſchon in Ordnung haben. Das Steinheim'ſche kommt an die Kinder und zum Wächter darüber ſetz' ich den Wilhelm Rettfeld, der wird ſchon das Seinige thun und ihm bei Gelegenheit die Zähne weiſen. Sprich aber über die Sache nicht, Steffen. Dir, als einem treuen Manne, hab' ich ſie geſagt und außer dir denen, die davon wiſſen müſſen. Im Uebrigen aber mag es verſchwiegen bleiben. Unſer Familienzank braucht nicht in die Welt zu kommen, und wenn der Hartmuth die Sache ſo darſtellen will, als ginge ſie von ſeinem Willen und Entſchluß aus und als wünſche er ſelber ſeine Kinder erſter Ehe ſicher zu ſtellen, ſo habe ich nichts dagegen. Empfindlich muß ihm dies alles ſein, ob⸗ gleich er es ſelber dahin gebracht, und ich will es ihm nicht empfindlicher machen. Du kümmere dich nicht um ihn; wenn du aber je von ihm etwas befürchten ſollteſt nach meinem Tode, ſo halte dich nur an Rettfeld. Der wird dich ſchützen. Du ſollſt, ſo lange du willſt und bleibſt wie du biſt, bei den Herden ſein, denn unſer Werk ſoll nicht verloren gehen.“ „So redete er; ich ließ mich dadurch aber doch nicht hindern, mein Kind und mein bischen Hab und Gut, an dem mir gelegen, noch in dem Herbſt unter der Hand nach Krewitz hinüberzuſchaffen. Für mich ſelber war mir am Ende nicht bange. „Dummes ntriguiren, Gerade chhe raſcher Ordnung und zum der wird eenheit die t, Steffen. geſagt und Uebrigen nilienzank wenn der ge ſie von vünſche et ſ habe ich z ſein, ob⸗ ihm nicht um ihn; llteſt nach Der wird nd bleibſt Pert ſoll doch nich Gut, an zand nach r mir am Aus dem alten Jahrhundert. 221 „Mittlerweile war's Winter geworden,“ fuhr Steffen fort,„und damit kam etwas Neues auf— der Hartmuth ritt alle Woche ein paar mal nach Nieder⸗Rhoda zum Vater, oder nach Rhodenfelde zum Bruder und ſchien mit Beiden wieder auf freundlichem Fuße leben zu wollen, wie ſeit ſeiner Rückkehr vor vierzehn Jahren nicht mehr. Sie kamen auch wieder zu ihm, denn von ihnen ging der Unfriede nicht aus; von der Prinzeß war es wieder ſtill, die Verſchwendung hatte nachgelaſſen, der alte Herr und der Günther, wo ich den einen oder anderen ſah, waren ſehr zufrieden und froh, und der Alte meinte einmal, er lerne ſeinen Aelteſten wieder lieben und ſich an ihm er⸗ freuen; ſo gut habe er ſich's nicht mehr erhofft. „Wir hatten in dem Jahre hier zu Lande einen ſo zeitigen und milden Frühling, wie ich's kaum wieder weiß. Hernach wurd' es freilich auch bei uns ſchlecht genug, aber im Februar war ſchon wie Sommerwetter und ſangen die Lerchen, trieb und grünt' es, und das hielt an den ganzen März hindurch mit milden Lüften und warmem Regen, daß die älteſten Leute ſich eines ähnlichen Jahres nicht erinnerten und wir alle auf reichen Segen hofften, zur Vergütung für das ſchlechte neunundſechzigſte. An Oculi, das war der 18. März, ging ich in die Heide, um nach allem, beſonders nach den Weideplätzen zu ſehen, denn der Sonnenſchein hatte uns alle verblendet, daß wir gar kein ſchlechtes Wetter mehr fürchteten, und der alte Herr hatte Tages zuvor von unſeren knappen Vorräthen ge⸗ ſprochen und auch gemeint, wir dürften wohl hinaus. Ich ſah mir alles genau an und trieb mich auf und ab, ſo 222 Achtzehntes Kapitel. daß ich erſt Abends wieder heim kam und tüchtig müde war. Und drückte mich nun die Frühlingsluft oder brü⸗ tete ſonſt was in mir, auch mein Kopf und mein Herz waren müd' und ſchwer, als ſtände miv eine rechte Krank⸗ heit bevor oder ein Unglück. Ich hielt's auch in meiner Hütte nicht aus, ſondern meinte, es ſolle in der Luft beſſer werden, ging alſo davon und zum Rieſenſtein, denn da ſaß ich ſchon damals zu Zeiten. „So ſitze ich denn auch heute und gucke ins mondhelle Land, es war eine liebliche Nacht und mochte gegen zehn Uhr ſein, und alles umher lag in Stille und Frieden— und ſinnire ſo vor mich hin; da wird's mir auf einmal erſt vor den Augen wie ein Nebel, ſo daß ich ſie mir reibe, weil ich nicht weiß, wo das herkommen könnte, und dann iſt es mir, als ob ich in einen Waldweg hineinſchaue, den ich gleich erkenne, denn es war die Straße, die von G. nach L. führte. Sie ging über Ober⸗Rhoda und Lohns⸗ hof nach Rhodenfelde und weiter; zwiſchen dieſen beiden letzteren Dörfern war damals noch viel Bruch und Wald, und das Steinkreuz, wo vordem der alte Rathsherr er⸗ ſchlagen, ſtand mitten im tiefen Buſch. Da war's und daran erkannt' ich's. „Und dann ſehe ich weiter einen Kutſchwagen mit vier Pferden— es iſt der Rhodenfelder.— Ich ſeh's genau, die vier Schimmel und den Thomas auf dem Sat⸗ telpferde, die beiden Diener auf dem Trittbrette hinten auf, die Gräfin darin— ſie war dazumal in der Hoff⸗ nung und konnte nicht mehr reiten, wie ſie's ſonſt zu thun pflegte— und neben ihr den Leopold, unſeres Eugen's chtig müde oder brü⸗ nein Herz hte Krank⸗ in meiner Luft beſſer denn da mondhelle gegen zehn frieden— uf einmal h ſie mir unte, und neinſchaue, e, die von und Lohns⸗ ſen beiden Aus dem alten Jahrhundert. 223 Vater, Graf Günther aber reitet am Schlage.— Sehe die gnädige Herrſchaft, das war alles vor mir, und es war das erſte Mal, daß unſer Herrgott mir ſolch ein Schauen gab.— Und wieder mit einem Male ſeh' ich es aufblitzen im Buſch, hör' einen Knall, des Grafen Pferd bäumt ſich und ſchießt wie toll nach vorn. Und es fallen noch mehr Schüſſe, der Thomas purzelt vom Gaul, der Wagen ſchwankt und ſtürzt um, es ſpringen ein paar Kerle aus dem Buſche und zerren ſich mit den beiden Dienern herum, bis plötzlich von vorn ein paar neue Schüſſe knallen, vor denen ſie in die Gebüſche zurückeilen. Ich meine da vorn auch noch den Günther zu ſehen, allein nicht mehr recht, denn es wird alles umher wieder wie ein Nebel, und gleich darauf habe ich nur noch das offene Feld vor mir, wie man's eben vom Rieſenſtein aus er⸗ blickt. „Ich war wie dumm und ſtumm. Was war denn das geweſen? Hatte ich geträumt? Und doch wußt' ich nichts von Schlaf, und doch hatt' ich alles erſchaut ſo deutlich, wie mit leiblichen Augen, alle, Mann für Mann. Nur die aus dem Buſche kamen, kannte ich nicht, bis auf Einen, deſſen Geſicht mir wieder bekannt vorkam, ohne daß ich's jedoch unterzubringen vermocht hätte.— Es war aber an mir vorübergeglitten wie in einem Nu, und wie ich's eben erzählt habe, das hat zehnmal länger gewährt, als das Geſicht, wie deutlich daſſelbe auch geweſen. „Die gnädige Herrſchaft mag ſich vorſtellen, daß mir allmälig, je mehr ich über das Geſchaute nachſann, immer kurioſer und auch wieder ungläubiger zu Muth wurde. 224 Achtzehntes Kapitel Was war denn das alles für dummes Zeug? Wie käm es hier, in unſerem Lande, wo man nicht einmal häufig von einem Diebſtahl zu hören bekam, zu einem ſolchen Anfalle?'s war ja gar nicht möglich! Ich mußte doch wohl geträumt haben!— Und ſo ging ich denn endlich nach Hauſe, noch immer über das eine Geſicht grübelnd, das mir zwiſchen den unbekannten bekannt erſchienen, und als ich ins Dorf kam, erzählte ich das Ganze lachenden Mundes Detlef's Vater, dem Jäger. Der freilich lachte nicht, ſondern guckte mich gar beſonders an und ſchüttelte dann ernſthaft den Kopf mit den Worten:„Na, Steffen Schütze, dazu gratulir' ich dir nicht. Es iſt kein Segen dabei.“— „Was ſoll ich viel ſagen. Eine gute Stunde ſpäter kam ein Reitender von Lohnshof mit der Meldung, daß die Rhodenfelder im Buſch beim Kreuz angefallen und nur mit Hülfe Rettfeld's das Geſindel los geworden ſeien, der, zufällig ſo ſpät von L. heimkehrend, mit einem andern Herrn und ein paar Dienern des Weges gekommen ſei. Gekriegt hatte man niemand, aber verwundet mußte den Spuren nach jemand ſein, und ſo ſollte denn nach den Strolchen geſtreift werden.— Das geſchah, jedoch ohne Erfolg; man fand kein fremdes Geſicht im Lande, an Einheimiſche war hierbei nicht zu denken, und die Sache hätte eben vergeſſen werden müſſen, wären die Rhoden⸗ felder ſelber nur beſſer davon gekommen. Aber dort lag die Gräfin ein paar Tage auf den Tod in ihren zu frühen Wochen und das Kind war gleich todt geweſen; dort lag auch der Thomas mit einer Kugel in der Schulter und Wie käm mal häufig em ſolchen nußte doch enn endlich grübelnd, hienen, und e lachenden eilich lachte a ſchüttelte ra, Steffen Segen ern unde ſpäter ldung, daß efallen und arden ſeien, nem andern ommen ſei mußte den n nach den jedoch ohne Lande, an die Sache Rhoden⸗ er dort lag zu frühen 1 dort lag ter und e hul Aus dem alten Jahrhundert. 225 behielt fortan einen ſteifen Arm; und Graf Günther ſelber war nur eben etwas vielleicht noch Schlimmerem entgangen. Denn das Pferd war, tödtlich verwundet, mit ihm durch⸗ gegangen und hatte ihn ſtürzend mit niedergeriſſen und hart gequetſcht, ſo daß er nur durch Rettfeld's Hülfe frei geworden und aufgekommen. Kurz, es war Elend genug, und das Land war voll davon, und der Hartmuth ging in den Tagen gar nicht fort vom Bruder und riß ſich ſchier die Haare aus dem Kopfe, daß ſo etwas in ſeiner Terminei geſchehe. „Von meinem Antheil, von dem Geſicht am Rieſen⸗ ſtein, mein' ich, redete man aber nicht, denn ich hatte den Jäger um Stillſchweigen gebeten und ſagte auch ſelber nicht davon, außer zu dem alten Herrn, der mich ein paar Tage darauf traf und mit mir ſprach. Und er meinte ganz nachdenklich und düſter, daß man, wenn jetzt nicht alles Ein Herz und Eine Seele, bei dieſer Geſchichte auf ſchlimme Gedanken kommen könnte, ſo ſeltſam müſſe dieſer Anfall erſcheinen, deßgleichen nie bei uns erhört geweſen.— Und da hielt ich nicht zurück, ſondern ſprach von meinem Geſicht, wie geſagt, und führte nun auch an, daß mir jetzt jener Eine, der mir gleich bekannt erſchienen, gleich⸗ falls deutlich geworden— er habe ausgeſehen wie der Magiſter Zeuning. Und daß ich mich ſeiner nicht gleich erinnert hatte, war kein Wunder, da ich nach Lohnshof niemals hinüber und den Magiſter anderwärts nur ſehr ſelten zu Geſicht bekam. „Der alte Herr guckte mich gar ernſthaft und prüfend an und ſeine großen, blitzblauen Augen gingen mir gleich⸗ Hoefer, Fremdherrſchaft. II. 15 226 Achtzehntes Kapitel. ſam bis ins Herz.„Bete, Steffen, bete,“ ſagte er end⸗ lich,„daß der Herrgott dieſe Gabe wieder von dir nehme! Du ſollteſt doch lieber aus der Heide fort, mein Sohn. Das einſam Sitzen und Sinniren iſt nichts für dich. Aber wie dem auch ſei, das mit dem Magiſter iſt nichts. Der iſt ſchon ſeit ſechs Wochen und länger zu ſeinen Verwandten bei Weißenfels und kommt erſt in dieſen Tagen wieder retour, wie der Hartmuth geſtern ſagte, der über ſein Ausbleiben und Eberhard's lange Va⸗ canz fuchswild iſt.“— So ließen wir denn die Sache gehen und beredeten Anderes, deſſen für den Herrn und mich immer vorlag. „Er war damals gerade drauf und dran, in der Heide ſelber, drüben nahe bei den Kiefern, wo man's den „rothen Brink“ heißt, eine Art Meierei anzulegen, wo wir die ganze Schäferei vereinigen wollten, um nicht im⸗ mer die weiten Aus⸗ und Heimzüge zu haben. Er wollte überhaupt edlere Racen anſchaffen, welche dann nicht wie unſere alten bei jeder Witterung vorwärts konnten; er wollte in der Heide neue Culturverſuche machen, in dem großen Moor einen Torfſtich anlegen, in den Brüchen Entwäſſerungen vornehmen, und was dergleichen mehr. Nun, aus alle dem wurde nachher nichts, damals aber war es in vollem Gange; ich hatte am Sonntage auch nach den Fortſchritten der Arbeiter geſchaut, die ſchon ſeit einigen Wochen angeſtellt waren, und kam zu demſelben Zwecke, obgleich es eigentlich nicht mein Geſchäft, jetzt täglich hinaus. Denn der alte Herr trieb, als hätt' er's gewußt, daß er nicht mehr lange zu treiben haben würde. gte er end⸗ dir nehme! nein Sohn. für dich. iſt nichts. zu ſeinen in dieſen ſtern ſagte, lange Va⸗ die Sache Herrn und „in der man's den llegen, wo m nicht im⸗ Er wollte n nicht wie onnten; er n, in dem en Brüchen eccen mehr. amals aber mtage auch eſchon ſeit demſelben bäft, jett z hütt ers ben würde. Aus dem alten Jahrhundert. 227 „Am Montag nach Lätare, das war der 26. März, war ich auch wieder draußen und wollte mich eben heim⸗ wenden, als Graf Günther herangeritten kam, um ſich gleichfalls nach den Arbeiten umzuſehen, da ihn all dieſer Kram lebhaft intereſſirte und er, bei gutem Erfolg auf unſerer Seite, auch drüben in dem Rhodenfelder Gebiete mit allerlei Verſuchen der Heide zu Leibe gehen wollte. Die Menſchheit hatte es ſich dazumal einmal in den Kopf geſetzt, daß jeder Grund und Boden nutzbar gemacht wer⸗ den könne und müſſe, wenn man's nur recht anfange. „Nun, er ſagt mir freundlich guten Tag, wie er mir denn ſtets mehr Freund als Herr war und an den alten Jugenderinnerungen treulich feſthielt. Ich hatte ihn ſeit dem Unfalle noch nicht geſehen, und wir redeten nun davon; er erzählte mir das Ganze, von Frau und Kind, daß es mit der Erſteren jetzt ſchon beſſer gehe und nicht mehr gefährlich ſei; dann auch, wie wacker der Hart⸗ muth jetzt, wie hülfreich und theilnehmend, ein rechter Tröſter in der letzten ſchweren Woche; darauf, daß der Zeuning geſtern angelangt und gleich nach Rhodenfelde gekommen. Und ſo reden wir fort und fort im Weiter⸗ gehen, denn er ging neben mir und führte ſein Pferd am Zügel, und erſt als wir am„todten See“ ſind, wo mein Weg nach Dreiheiligen links abgeht, da hält er an und ſagt:„Ja, ja, Steffen, das iſt alles arg und traurig ge⸗ nug, aber was hilft's! Es läßt ſich nicht mehr ändern und muß getragen ſein, und ich ſchlage mir all die ſchwe⸗ ren Gedanken, ſo viel ich kann, aus dem Kopfe. Nun aber Adieu! Dein Weg geht da links und meiner zurück. 228 Achtzehntes Kapitel. Muß doch nach meiner armen Hedwig ſehen. Biſt du übermorgen hier draußen? Ich habe mich mit Hartmuth verabredet, daß wir wieder einmal zuſammen jagen. Wo liegen wohl die meiſten Schnepfen?“ „Hier im todten See,“ verſetze ich;„ich kann nicht durchgehen, ohne daß meine Hunde ſie aufſtoßen. Ein wenig ſcheu mögen ſie ſein, aber es gibt grauſam viele. Allein, lieber Herr,“ ſetzt' ich hinzu, denn er ſah ange⸗ griffen aus und hinkte auch noch ein wenig,„iſt's nicht zu früh für Euch und ſolltet Ihr Euch nicht noch ſchonen?“ —„Ach was!“ ſpricht er, indem er aufſitzt,„das iſt nichts! Man muß nicht nachgeben. Friſche Luft und Be⸗ wegung ſind die beſten Medicamente für Leib und Seele. Gott behüte dich, Steffen!“— Und mir freundlich zu⸗ nickend, reitet er fort, zuerſt, des unebenen Bodens wegen, noch im Schritt, und ich ſtehe und ſehe ihm nach. Und wie ich ihm ſo nachſehe,“ fügte der alte Erzähler in dumpfem, ſchwerem Tone und mit ſtarrem Blicke vor ſich hinſchauend hinzu—„da ſah ich zum erſten Male Einen bei lebendigem Leibe als todten Mann.— Es ging damals raſch mit mir.“—— Es war ein langes Schweigen im Zimmer, und die Geſchwiſter ſahen mit einem aus Theilnahme und un— widerſtehlich herandringendem, leiſem Grauen gemiſchten Gefühle auf den alten, unheimlichen Geſellen. Wie er da vor ihnen ſaß und redete, mußte jeder Gedanke an eine Selbſttäuſchung des Alten oder an einen Verſuch desſelben, ſeinen Zuhörern etwas aufbinden zu wollen, fern bleiben. Der Alte war ſo zu ſagen ein Bild nicht Biſt du Hartmuth agen. Wo kann nicht pßen. Ein ſam viele. ſah ange⸗ eiſt's nicht hſchonen?“ „das iſt und Be⸗ nd Seele. ndlich zu⸗ ens wegen, nach. Und tzähler in ke vor ſich lale Einen Es ging und die und un⸗ gemiſchten Wie er danke an Verſuch wollen gild nicht Aus dem alten Jahrhundert. 229 nur der tiefſten Ueberzeugung, ſondern auch der ſchlich⸗ teſten, unwiderleglichſten Wahrheit. Allein die Geſchwiſter hatten, wie wir ſchon erfuhren, auch keinen Zweifel in ſich. Sie waren groß geworden in der Nähe des Schäfers und hatten zu viele Proben erlebt von ſeiner traurigen Begabung und kannten ihn ſelbſt als einen zu ehrbaren und ſchlichten Mann, und wußten überdies nur zu gut, daß er, wie wir ſchon früher erwähnt, hier zu Lande nicht der Einzige ſeiner Art, als daß ſie auch nur etwas Be⸗ ſonderes und Auffälliges in ſeinen Worten gefunden hätten. Graf Eberhard ſagte daher nach einer Weile auch nichts als:„Wie ſahſt du das, Steffen?“ Und da erhob der Alte die Augen langſam zu ſeinem Herrn mit einem trüben, faſt melancholiſchen Blicke und verſetzte:„Wie der Günther ſo von mir fortritt, war's mir, als ſei ſein ganzer Kopf voll Blut; ich ſah es von der Friſur herabtriefen auf ſeinen Hals und ſeine Schul⸗ tern.— Nach einem neuen, ziemlich langen, ſtummen Hinaus⸗ ſtarren erzählte er weiter: „Auch von dieſem Geſicht ſagte ich zum Jäger, und 1 er guckte mich wieder gar beſonders an, ſprach wieder: „Dazu gratulir' ich dir nicht, Steffen Schütze. Es iſt noch weniger Segen dabei, als bei dem Anderen!“— und meinte dann:„So wollen wir denn am Mittwoch auch hinaus und zum Rechten ſehen, denn das deutet auf einen Schuß, ich kenn's ſchon.“—„Ich habe daran ge⸗ dacht, ob man den Günther nicht warnen ſollte,“ gab ich zurück.— Er ſchüttelte den Kopf.„Du weißt beſſer als 230 Achtzehntes Kapitel. ich, daß das umſonſt,“ ſagte er.„Der Günther hat ſeinen eigenen Kopf, wie die Anderen. Und wie wollteſt du ihn warnen? Was du geſehen, darüber lacht er.— Wir wollen Beide hinaus und für ihn aufpaſſen.“— Das war frei⸗ lich beſſer. In dem aber, was er vom„Schuß“ geſagt, hatte er Unrecht, obſchon es diesmal zutreffen ſollte. Aber ein gewaltſames Ende bedeutet es.— „Und der Mittwoch kam und wir gingen hinaus, und da es noch zeitig war, ſah ich zuerſt nach den Ar⸗ beitern und kam dann zum„todten See“ zurück; ſchon von ferne hörte ich ſie luſtig drauf los knallen. Auf der Ecke traf ich wieder mit dem Jäger zuſammen, und er ſagte mir, was ich ſchon wußte, daß ſie im Revier ſeien, die beiden jungen Grafen, der Zeuning, der wälſche Schuft und ein paar Jägerburſchen. Er habe die Herren geſehen und begrüßt, ſie ſeien munter und fidel geweſen, und nun ſeien ſie einzeln mit den Hunden hinein, um das ganze Revier abzuſuchen. Und:„Heute geht's doch wohl gut,“ ſagte er,„denn wie ſollt' es ei Unglück geben? Wir wollen aber auch nur hinein und die Augen aufthun, ſo gut wir können. Weiter bleibt uns nichts übrig, denn wie das Revier iſt, würden wir doch nicht alles zu überſehen vermögen.“— Das war wieder rich⸗ tig, da das Revier damals noch viel verwachſener und brüchiger war als heut zu Tage, und wer da einem An⸗ deren nachgehen und auf ihn achten wollte, welcher ſeiner⸗ ſeits vielleicht für ſich zu bleiben wünſchte, der hätte ſich todt ſuchen und die Augen aus dem Kopfe ſehen können, hat ſeinen lteſt du ihn Wir wollen 2 war frei⸗ uß“ geſagt ollte. Aber n hinaus, ich den Ar⸗ in Unglück die Augen uns nichts doch nicht viedet rich⸗ jſener und einem An⸗ her ſeiner⸗ hätte ſich in können, Aus dem alten Jahrhundert. 231 ohne zu ſeinem Zwecke zu kommen. Und ſo ging er hier und ich da in den Buſch hinein und langſam fürder. „Als ich mich etwa tauſend Schritte durchgeſchlagen hatte, immer den Schüſſen nach, die von Zeit zu Zeit fielen, und dem Laut der Hunde, ſah ich nicht weit vor mir auf einer kleinen Blöße den Monſieur Pierre ſtehen und vorgebeugten Halſes vor ſich weg in die Büſche ſpähen, wo der Hund herumſtöbern mochte. Gehört hatte er von mir wohl nichts, denn ich war ſo ruhig meines Wegs gegangen, und da ich ihn erblickte, ſtehen geblieben; und nun ſchaute ich mir den lauernden Schuft an und dachte: er ſieht doch gerade aus wie eine Katze, die ſich zum Sprunge fertig macht.— Und da gab ein Hund Laut, er hob die Flinte an die Backe und dann knallte ſein Schuß, recht in die Büſche hinein, und er ſprang vor⸗ wärts, als ſehe er ſeine Beute. 3 „Gleich hinterdrein fiel ein zweiter Schuß in der gleichen Richtung, nur etwa fünfzig Schritte weiter, und ich ſah von dem Schützen nichts, aber an dem Knall erkanntsh Graf Günther’s Gewehr. Und kaum war der Knall vorüber, ſo hörte ich von dort her ein lautes Hülfegeſchrei von des Magiſters Stimme und ſtürzte vor⸗ (ärts ohne Beſinnen, über den freien Platz, wo der Wälſche geſtanden, noch zwanzig Schritte weiter durch die Büſche, mehr war's nicht— und da knieete der Zeuning auf dem Boden und, von ſeinen Armen geſtützt, an ſeiner Bruſt ruhte ſo blutig, wie ich ihn geſehen, der Kopf Günther's. „Um Jeſu willen, Steffen, der Herr Graf iſt da über L ae———— 232 Achtzehntes Kapitel. die Wurzel geſtolpert, und ſein Gewehr hat ſich in ſeinen Kopf entladen!“ ſchreit mir der Magiſter zu.„Hülfe, raſch Hülfe, daß er uns nicht unter den Händen ſtirbt! Da hinaus müßt Ihr den Hartmuth und die Anderen treffen!— Nur ſchnell, um Jeſu willen!“ „Ich war ſchon hingeſtürzt und hatte— Gott weiß, was mich dazu trieb— das Gewehr aufgerafft und an⸗ geſehen, deſſen rechter Lauf richtig abgeſchoſſen und noch heiß war, und dann ſah ich meinen armen jungen Herrn an— die ganze linke Seite des Kopfes und Halſes war von dem Schrotſchuß zerriſſen, ins Auge, ins Ohr, überall hin waren die Körner gedrungen, und in all meinem Jammer war es mir doch gar nicht recht glaublich, daß ſein Schuß auf ſolche kurze Entfernung ſo weit aus einan⸗ der gegangen, und doch verſtand ich's auch wieder nicht, wie wieder ſo viel Schroten bei einander geblieben, wenn — wenn der Schuß aus einiger Ferne gekommen. Es waren doch immerhin zwanzig Schritte, ſagt' ich ſchon.— Aber das war für jetzt alles egal. An Rett glaubt' ich nicht mehr, ich hielt ihn im Gegentheil ſ ür todt oder doch im letzten Verſcheiden; aber Hülfe mußten wir ſchaffen. Und als in dieſem Augenblicke— es war keine halbe Minute nach des Magiſters Worten— der Wälſche auf den Platz ſtürzt und aufheult und wie zur Antwort ſchreit:„Ich weiß, wo mein Graf iſt!“ und wieder davon⸗ ſtürzt, da fahr' ich auf und ihm nach— der ſollte der erſte Bote nicht ſein, ohne daß ich dabei. „Und ich traf auch eher auf den Hartmuth, er war ſchon drüben, am öſtlichen Rande des todten See's, und, hin ſeinen „Hülfe, den ſtirbt! e Anderen Gott weiß, t und an⸗ und noch gen Herrn Halſes war hr, überall 1meinem lich, daß aus einan⸗ eder nicht, ben, wenn imen. Es ſte— glaubt⸗ ür todt ußten wit war keine aBüſch Antwort der davon⸗ ſollte der „er war e'5, und, ‿ Aus dem alten Jahrhundert. 33 ich will's nur gleich ſagen, er konnte in der Zwiſchen⸗ zeit, ſeit das Unglück geſchehen, nicht von jenem Platze bis zu ſeinem jetzigen gelangt ſein, es war unmöglich, und darin wenigſtens war er unſchuldig. „Von ſeinem Erſchrecken, ſeinem Geberden bei meiner Nachricht will ich nichts ſagen. Daß ihm mein Hierſein nicht recht und eben ſo wenig das des alten Reuter, un⸗ ſeres Jägers, den wir bei unſerer Rückkehr ſchon beim Magiſter und dem Todten trafen— das ſah ich wohl, wie viel Mühe er ſich auch gleich nach dem erſten An⸗ blicke gab, es nicht merken zu laſſen.— Davon iſt nichts zu reden.— „Herr Gott, Herr Gott,“ ſagte er immer,„wie bringen wir's dem Vater bei und meiner armen Schwãä⸗ gerin?— Günther, Bruder Günther, es iſt ja nicht mög⸗ lich! Du kannſt ja nicht todt ſein!“— Aber da half nichts, er war jetzt todt und regte kein Glied mehr, und mir drehte ſich, wie ich die Anderen ſo jammern hörte, das Herz im Leibe um, denn ich glaubte nicht an den Zufall, und daß der Wälſche auf eigene Fauſt gehandelt, das glaubte ich auch nicht; und dem Reuter ging es ge⸗ rade ſo. Und während die Anderen um den Todten her ſtanden und Gottes Klage klagten, gingen wir Zwei hin und ſchlugen ein paar Stangen und rüſteten eine Bahre. „Dabei ſagte der Reuter zu mir:„Du, Steffen, ˙s iſt nicht wahr, daß er ſich mit ſeinem Gewehr geſchoſſen. Die Schroten ſind nicht von unten, ſie ſind grade, in Manneshöhe abgeſchoſſen und eingedrungen. Da muß 234 Achtzehntes Kapitel. man einem alten Jäger nichts weis machen wollen.“— „Aber die Entfernung! ſprach ich zurück. Der Wälſche ſtand auf der Blöße, auf zwanzig Schritte und mehr—“. —„Haſt duss geſehen?“ fragte er.—„Ja, ich hab's ge⸗ ſehen,“ ſagte ich,„das heißt, den Wälſchen ſah ich zielen, ſein Ziel aber nicht. Und wie kann da der Schuß ſo nahe zuſammen bleiben?“—„Sieh!“ ſprach er und holte unter ſeinem Rocke ein Kartenblatt hervor, eine Herzen⸗ vier, die war wie eine Patrone zuſammengerollt und halb verbrannt.—„Das fand ich im Buſch hängen,“ ſagte er.„Siehſt du, ſo macht's ſich ſchon. Wir kennen das.— Aber reinen Mund, Steffen, und keinen Muckſer vor den— Canaillen da, bis wir den alten Herrn ſehen, dem wollen wir's ſagen.“ „Da ſchrie uns der Hartmuth an, ob wir nicht fer⸗ tig würden vor Schwatzen, und ſchaute uns grimmig und zugleich lauernd an. Und als unſere Bahre fertig war, da legten wir den armen Leib darauf und zogen heim⸗ wärts nach Dreiheiligen.„Denn nach Rhodenfelde geht's nicht, meine Schwägerin hätte den Tod von ſolcher Rück⸗ kehr!“ ſagte der Hartmuth zum Magiſter und wiſchte ſich immer die Augen.—„Ja, Herr Graf, das iſt ein furcht⸗ barer Schlag!“ verſetzte der Sachs.„Ich gäbe mein hal⸗ bes Leben darum, könnt' ich den Günther uns erhalten ſehen! Und o, wie iſt's doch ſo ſeltſam, daß die Gräfin ihn gerade heute gebeten, daheim zu bleiben, und ihn dann den Leopold nicht mitnehmen ließ, wie er es ja eigentlich wollte!— Der arme kleine Burſche— ſo früh ſchon ohne Vater!“— Da ſahen Reuter und ich uns an. — 2——— 8 ſhn wollen.“— mehr—¹. ch hab's ge⸗ r Schuß ſo r und holte eine Herzen⸗ Ut und halb n,“ ſagte nen das.— Luckſer vor i nicht fer⸗ rimmig und fertig war, en heim⸗ felde gehts jicher Rück⸗ wiſchte ſich ein furcht⸗ mein hal⸗ s erhalten die Gräfin und ihn er es ja ſo früh uns an. Aus dem alten Jahrhundert. 235 Hatte man es vielleicht auf Beide abgeſehen und der Ma— giſter ſich eben verſchnappt?— Der Hartmuth warf ihm einen Blick zu und dann meinte er nur:„Ja, und die Meinen ohne Mutter!— Alles, wie Gott will, Zeuning! Aber er will oft Schwereres von uns, als wir begreifen von ſeiner Gnade!“— So kamen wir hieher. „Das iſt die Geſchichte von des Grafen Günther Tod.“ Der Schäfer ſaß ganz in ſich verſunken. Die beiden Zuhörer waren auch ſtumm. Sie hörten jeder den An— deren tief Athem holen.—— „Erzähle weiter, Vater Steffen,“ ſprach Graf Eber⸗ hard nach einer langen Pauſe. Da ſah der Greis aus ſeiner Erſtarrung wieder auf und zu den Geſchwiſtern hinüber und verſetzte in einem gewiſſen gehaltenen Tone:„Ich habe der gnädigen Herr⸗ ſchaft nicht viel mehr zu ſagen; denn als ich ſchon zuvor bekannt, von den eigentlichen und ſchriftlichen Verhand⸗ lungen weiß ich nichts. „Als der alte Herr ſeinen todten Sohn zuerſt geſehen hat, iſt es jählings über ihn gekommen, daß wir meinten, auch er ſtürbe uns unter den Händen, denn wir hatten uns von dem Todten nicht trennen laſſen, der Reuter und ich, und waren dabei, als der Hartmuth den Vater hereinführte. Aber er ermannte ſich bald wieder und hielt dann Stand, als ſei er von Stein und Eiſen, und ſagte zu uns, ſo wir dabei geweſen und davon wüßten, ſollten wir reden und uns nicht fürchten, anders als vor Gott, daß wir die Wahrheit ſprächen.„Denn,“ ſetzte er hinzu 236 Achtzehntes Kapitel. und blitzte den Harmuth an mit ſeinen großen Augen, „die Sache iſt anders geweſen, als man mir geſagt, mein Sohn hat ſich nicht ſelber geſchoſſen. Es iſt hier nichts verſengt und verbrannt, nicht an ſeinen Kleidern, nicht an ſeinem armen Haupt. Ich bin ein alter Jägersmann und weiß ſo gut wie Einer, wie ein naher Schuß wirkt.“ —„Aber wie wär's denn anders möglich?“ warf der Hartmuth ein.„Da müßte es ja Zeuning's Gewehr ge⸗ weſen ſein, denn ſonſt war niemand in der Nähe, und das war Günther wieder faſt eben ſo nahe, wie ſein eige⸗ nes, ſo daß die Wirkung die gleiche!“—„Das werden wir alles hören,“ meinte der Alte.„Allons, Kinder, er⸗ zählt! Ich ſeh's euch an, ihr wißt es anders.“ „Und da hob der Reuter an und erzählte, wie zuerſt ich, dann er dazu gekommen, was wir geſehen und was wir gefunden, erzählte auch von meinem Geſicht bei der letzten Begegnung mit dem Todten und wies endlich auf die Wunden hin, die von dem Schuß des eigenen Gewehrs nicht herrühren könnten, und ließ zuletzt auch noch ein⸗ fließen, wie gut es ſei, daß der Herr den Junker Leopold nicht mitgebracht, obſchon er's eigentlich gewollt.— Das ſagte der Reuter alles heraus, und er ſah dabei den Hart⸗ muth immer ernſthaft an, der ſchweigend ſtand und ſich nicht regte,— aber anklagen that er niemand, dieweil wir das doch auch nicht konnten; es mußte ſich aber jeder⸗ mann bei dieſer Erzählung ſein Theil denken. „Erſt als er fertig war und alles umher ſchon wieder eine gute Weile ſtill, da fuhr der Hartmuth auf wie grim⸗ mig und toll und ſchrie:„Ah, der Schuft ſoll es büßen!“ den Augen, eſagt, mein hier nichts —n, nicht an ägersmann zuß wirkt.“ warf der Gewehr ge⸗ Nähe, und ie ſein eige⸗ as werden Kinder, er⸗ wie zuerſt a und was icht bei der endlich auf en Gewehrs noch ein⸗ ker Leopold l.— Das e den Hart d und ſich dd, dieweil aber jeder⸗ bon wieder wie grim⸗ 6 büßen! Aus dem alten Jahrhundert. 237 —„Was willſt du? Was fällt dir ein?“ rief der Alte. — Und der Hartmuth ſchrie von neuem:„Ah, der Schuft, der Pierre, der muß es alſo geweſen ſein, und kein An⸗ derer! Er hat neulich ſich unverſchämt gegen meinen Bru⸗ der betragen, ſo daß der ihm mit dem Stock gedroht, da — aber er ſoll es büßen!“ „Da packte ihn der Vater bei der Hand und hielt ihn feſt und ſchaute ihn grimmig an, daß er ſtill wurde, und dann redete er gar nicht laut:„Hör' wohl zu, was ich ſage: Der Wälſche iſt es nicht geweſen,— hörſt du? Ich ſag's und will's, daß er es nicht gethan. Danach richte dich. Sollte ich durch einen ſolchen Schuft die Grafen Rhoda vor Gericht bringen und entehren laſſen? — Der Günther iſt todt, den weckt keine Klage wieder auf.— Komm' her, Knabe!— Kannſt du die Hand hier auf den zerſchoſſenen Kopf legen und vor dieſen Männern und mir ſchwören, daß du unſchuldig biſt an deines Bru⸗ ders Tod, wie die da und ich?“—„So kann ich,“ ſprach der Hartmuth, und that's. „Gut,“ ſagte der alte Herr dann,„weiter will ich nichts von dir. Und ihr,“ wandte er ſich gegen uns,„ihr habt's geſehen und könnt's bezeugen, und wenn ein dummes Geſchwätz ins Land käme, das einen Grafen Rhoda zum Brudermörder machte,“ fuhr er fort, und es war furcht⸗ bar, wie er das ſagte und dabei blickte,—„ſo wißt ihr was ihr zu thun habt. Nun aber wißt noch Eines. Von meinem Hausgeſetz kann ich nicht los und will ich nicht los. Graf Hartmuth iſt mein älteſter Sohn und folgt mir nach, wie ſich's gehört, die alte Grafſchaft iſt ſein, 238 Achtzehntes Kapitel. weiter nichts. Was von dem Steinheim'ſchen Beſitz noch übrig, Dreiheiligen mit dem Wald und der Heide, und Unterwiek, das geht an ſeine Kinder unter der Vormund⸗ ſchaft des Kettenhofers, des Barons von Rettfeld. iſt ſchon feſt gemacht. Und hört wohl zu, wie ich's ver⸗ clauſulire. Wenn der Graf Hartmuth wieder heirathet, kommen die beiden Kinder von Hauſe, der Eberhard auf eine Akademie, die Sophie in ein Stift, die Stellen ſind ſchon ausgemacht, da bleiben ſie, bis ſie großjährig und ihren Beſitz antreten.“ Das „Der Hartmuth hatte das alles angehört wie betäubt, nun aber fuhr er auf und knirſchte mit geballten Fäuſten: „Eh' ich das leide—!“—„Das halte, wie du willſt,“ fiel der Alte kaltblütig ein.„Auch dafür iſt geſorgt. Willſt du darauf nicht eingehen, ſo erben die Kinder nicht und die Güter fallen ſogleich an Rhodenfelde.“—„Und Sie ſagen, Vater, daß Sie die Ehre der Rhoda erhalten wollen?“ grollte der Sohn.„Wird dies dazu dienen?“—„Wenn du willſt, wie ich will, ja!“ verſetzte der alte Herr kalt. „Denn, wenn du dich fügſt, ſo bleibt dieſes alles wie ich geſagt und unter uns, die Welt und die Behörden wer⸗ den nur durch deinen Trotz davon etwas erfahren— dafür iſt geſorgt. Fügſt du dich, ſo geht vor der Welt das alles von dir und deinem freien Willen aus, man wird dich am Ende noch preiſen als einen gar liebevollen und verſtändigen Vater, und du biſt der hochgeehrte Herr Burg⸗ und Waldgraf zu Rhoda⸗Lipen, Herr der Grafſchaft und was noch ſonſt. Du haſt dann ja, was du willſt, und ſo der Eberhard am Leben bleibt, wird er vielleicht Beſitz noch Heide, und r Vormund⸗ ttfeld. Das vie ich's ver⸗ der heirathet, Eberhard auf Stellen ſind jährig und — aub vie betäubt, fäuſten: willſt,“ fiel orgt. Wilſt er nicht und Und Sie ten wollen?“ —„Wenn te Herr kalt. alles wie ich hörden wer⸗ erfahren— or der Welt —aus, man 1 iebevollen gehrte Herr er Grafſchaft t s du wilſt lleich er vie Aus dem alten Jahrhundert 239 dereinſt noch mehr haben und alles, was jetzt mein iſt und was dir nicht beſchieden iſt. Aber ich glaub's nicht,“ fügte er finſter hinzu.„Mir iſt's, als würden meine Augen hell und ſchauten in die Zukunft und ſähen's, daß unſer Gut nicht bei deinem Blut bleiben, ſondern zu deines armen Bruders Erben übergehen wird. Und klagen da⸗ rüber kann ich nicht. Denn ſolch ein Blut, wie das deine—“ In dieſem Augenblick wurde die Thür, die in das Schlafzimmer des Grafen Eberhard führte, leiſe geöffnet und Eugen trat, von ſeiner Schweſter und Hoven gefolgt, raſch herein. „Entſchuldigt die Störung,“ ſprach er gedämpft und ſchnell,„aber es ſcheint draußen etwas vorzugehen, was gefährlich werden könnte. Der Gärtner läßt eben Detlef ſagen, daß man ringsum mehrere Douaniers habe ſtreifen ſehen, nicht wie ſonſt, Patrouillen, ſondern einzeln oder zu Zweien, und daß ein paar im Kruge vorgeſprochen, bei denen nach der Angabe des Wirths jener Burſche ge— weſen ſein ſoll, der damals mit Hoven und dir—“ Und wieder ging eine Thür, die zu den anderen Zimmern, auf und Detlef trat herein und mit den Wor⸗ ten zu Gräfin Hebe:„Da kommt eben der Zettel von Nieder⸗Rhoda, Euer Gnaden.“ „Von Nieder⸗Rhoda an mich?“ fragte ſie überraſcht und ſah den Zettel an, das feine Papier, die zierlichen Schriftzüge:„Gräfin Hebe“,— nichts mehr, nichts weni⸗ ger.„Von wem, Detlef? Wer bringt ihn?“ „Des Janſen kleiner Fritz, Euer Gnaden.'s iſt eine 240 Achtzehntes Kapitel. kecke und ſchlaue Krabbe, der Burſch. Der Karl, des alten Karſten Schweſterſohn, hat ihm's hinaus gebracht und dazu einen von den Schweden*), daß er raſcher fort käme. Würd' er aufgegriffen unterwegs, ſollte er den Zettel verſchlucen und ſagen, daß er Gräfin Hebe heimholen müßte, der Herr Vater wäre nicht wohl. Weiter wußt' er nichts.“ Comteſſe Hebe riß das Billet auf und las: „Laſſen Sie auf den Grafen E. achten. Es iſt hier jemand im Schloß, der ihm nicht wohl will und es herausgebracht hat, daß man ihn zuletzt mit dem Vicomte geſehen. Ein Diener hat dieſen Menſchen auch mit einem Douanier im Geſpräch belauſcht. Es war davon die Rede und auch von einem Gaſt in—.“—— „Weiter!“ rief Eberhard, da ſeine Schweſter innehielt und verwundert auf und umher ſah. „Es ſteht nichts weiter da,“ ſagte ſie mit einem neuen Blick in den Brief.—„Ich verſtehe es,— der— Auguſt, glaub' ich, heißt er—“ „Den ich im Herbſte wegen Horchens fortgejagt, der iſt im Dienſt des Großvaters,“ fiel Eugen finſter ein. „Sophie Magdalene hat mir ſchon davon geſagt. Aber laß mich das Billet ſehen, Tante! Wär' es möglich, daß Stephanie— und daß ich ihr doch Unrecht—“ „Genug!“ trat Graf Eberhard raſch und feſt da⸗ *) So werden die kleinen ſchwediſchen Pferde genannt, die vordem an den Oſtſeeküſten viel gehalten wurden. l, des alten bracht und fort käme. den Zettel heimholen geiter wußt en. Es iſt ohl will und ttt mit dem Menſchen belauſcht. einem Gaſt ter innehielt einem neuen r— Auguſt, tggejagt, der finſter ein. ſſagt. ber möglich, daß ſt da⸗ nd fe 1. die vordem Aus dem alten Jahrhundert. 241 zwiſchen.„Das alles kannſt du anderwärts überlegen. Jetzt iſt kein Augenblick zu ſäumen. Du mußt augen⸗ blicklich fort, und ich denke, Sie gehen mit, Hoven.— Iſt der Mond herunter, Detlef?“ „Ja, Herr, es iſt dunkel, und auch wieder Nebel,“ entgegnete der Jäger.— „Das iſt widerwärtig!“— Und ſich jäh zu dem alten Schäfer wendend, der anſcheinend faſt theilnahmlos am Ofen lehnte und all dieſen Vorgängen wenig oder gar keine Aufmerkſamkeit ſchenkte, ſetzte er raſch hinzu:„Willſt du ſie führen, Steffen?— Ich kann nicht fort, denn— ich glaube, wir werden Beſuch erhalten.“ Der Greis erhob die Augen laugſam zu dem Fragen⸗ den und ſchaute ihn eine Weile an, als müſſe er ſich erſt beſinnen; ſeine Gedanken mochten wohl noch in der ver⸗ gangenen Zeit weilen. Dann aber wurde der Blick raſch lebhaft und er verſetzte:„Ja wohl, Euer Gnaden.“ „Aber der Nebel, Steffen!“ meinte der Graf be⸗ denklich. „Um ſo beſſer, Herr,“ lautete die ruhige, jetzt von einem Lächeln begleitete Antwort.„Wenn die„Wieſe“ noch frei iſt, hafte ich für die Sicherheit der Herrſchaften. Sonſt müſſen wir eben ein ander Loch ſuchen. Es gibt noch.“— „Dann kein Wort mehr, ſondern fort,“ ſprach der Graf, und ſeine Stimme ſo gut wie der Blick, der ernſt alle Anweſenden traf, drängte jeden Einſpruch zurück, zu dem mehr oder minder alle mit Ausnahme Hebe's Luſt zu haben ſchienen.—„Es muß ſein, Hoven! Es muß Hoefer, Fremdherrſchaft. II. 16 242 Achtzehntes Kapitel. ſein, Eugen! Wir dürfen nicht mehr ſorglos ſein, nichts mehr riskiren! Es kommt hierbei mehr in Betracht, als unſer Leben allein.— Alſo fort. Morgen hört ihr von mir, ich werde dann hoffentlich Näheres wiſſen und wir können berathen, ob ihr noch verborgen bleibt oder ganz aus dem Lande müßt. Im ſchlimmſten Falle haltet euch an Steffen oder Detlef, einer von uns wird doch frei bleiben. Bricht aber alles zuſammen, ſo muß Karſten Herbart einmal nicht nur ſeine Fäuſte, ſondern auch ſeinen Kopf rühren. Aber es wird ſo ſchlimm nicht werden— ſie gehen nicht aus der Welt, Kindchen!“ fügte er in munterem Tone hinzu, als er ſah, wie Sophie Magdalene, die Augen voll Thränen, beide Arme um den Bruder ſchlang.„Sie gehen nur für einen oder ein paar Tage in Sicherheit. Und ſomit fort— Gott ſchirme euch und das Land!“— Es gab einen raſchen Abſchied, und unter den drei Zurückbleibenden herrſchte ein faſt durch kein Wort unter⸗ brochenes Schweigen, bis nach einer ſtarken Viertelſtunde Detlef mit der Meldung zurückkam, daß man unhbeläſtigt durch die„Wieſe“ gekommen ſei. „Dann iſt alles gut und die Herren mögen erſcheinen, ſuchen und fragen, wann und wie ihnen beliebt,“ ſagte Graf Eberhard faſt im heiteren Ton.„Nun munter, Kinder! Sie ſtoßen in die Luft, wie man das auf gut militäriſch heißt. Für alles Weitere bürge ich. Aber ehe ich's vergeſſe,“ brach er ab,„ſage doch dem Steffen, Detlef, daß man ein wenig nach dem Burſchen ſieht, den Eugen weggejagt und der jetzt in Nieder⸗Rhoda. Der Alte ver⸗ , nichts icht, als ihr von und wir der ganz ltet euch doch frei Karſten ich ſeinen erden— e el in Aus dem alten Jahrhundert. 243 ſteht dergleichen zu arrangiren.— Sonſt wüßt ich nichts mehr, und nun laßt uns ein bischen von Familienſachen reden. Sophie Magdalene muß nachgerade ſich auch da⸗ für intereſſiren lernen.“— „Der Brief, der Brief, Eberhard!“ ſagte Hebe leb⸗ haft; ſie war bisher ungewöhnlich ſtill und faſt theilnahm⸗ los geblieben, und die klare Stirn und die hellen Augen waren voll Nachdenken.„Iſt er von Stephanien— ich ſah ihre Handſchrift nie— wie erklärſt du dieſes?“— „Wir wollen auch über Stephanie reden, Hebe,“ ſagte er ernſt. Reunzehntes Kapitel. Hork'’s Convention von Tauroggen. Krieg iſt entſchieden Kräftig und frei! Fort aus dem Frieden, Alles wird neut Weichlich, ach, engte Ruhe uns ein, Freude nur ſchenkte Liebe und Wein! Nun geht es weiter Fort in die Welt! Vorwärts, ihr Reiter, Der Feind iſt im Feld! Fr. d. l. Motte Fouqué „York hat am 30. December mit dem General Die⸗ bitſch in der Mühle zu Poſcherun eine Convention abge⸗ ſchloſſen, vermöge der ſich die Preußen vom Corps des Marſchalls Herzogs von Tarent trennen und einſtweilen neutral bleiben.“— „Die Ruſſen ſind über die Grenze gegangen. Die Reſte des Macdonald'ſchen Corps haben Königsberg raſch durchzogen. Am 5. Januar ſchon ſind ihnen die Ruſſen gefolgt. Graf Wittgenſtein iſt in Königsberg.“ „General Bülow hat ſeit den letzten Decembertagen Befehle erlaſſen zur Aushebung und Zuſammenziehung neral Die⸗ fion abge⸗ Lorps des einſtweilen gen. die berg raſch jee Ruſſen nbertagen enziehung York's Convention von Tuuroggen. 245 aller Dienſtfähigen. Man rüſtet in Preußen, noch unter den Augen des Feindes, mit aller Macht. Die Begeiſte⸗ rung wächſ't von Tag zu Tag.“ „Der König iſt außer ſich.“„Da möchte Einen ja der Schlag rühren!“ hat er bei der erſten Nachricht von der Convention geſagt. Er hat dem Grafen St. Marſan durch den Staats⸗Kanzler die bündigſten Verſicherungen geben laſſen. Die Convention wird verworfen, York ab⸗ geſetzt und vor ein Kriegsgericht geſtellt, Kleiſt mit dem Kommando des Corps beauftragt. Major von Natzmer iſt mit dahin lautenden Depeſchen zum Hauptquartier York's abgereiſ't.“— Das waren die Nachrichten, die an den Grafen Eber⸗ hard nach Dreiheiligen gelangten, die ein paar Tage da⸗ rauf ſchon Stadt und Land durchzuckten, denn die unter franzöſiſcher Herrſchaft und Leitung ſtehenden Zeitungen und Localblätter beeilten ſich, ſie zu verbreiten, wenn auch vom Standpunkt und in der Faſſung der Feinde, dennoch ohne jemand dadurch über den wahren Sachverhalt und über die unberechenbare Wirkung dieſer Schläge in Zwei⸗ fel zu laſſen.— An das Mißliche und Ueble, was denn doch auch für die glühendſten Vaterlandsfreunde aus dieſen Nachrichten herausklang, dachten für's Erſte nur ſehr wenige; an eine etwa dennoch mögliche, wieder üble Wendung wollte faſt niemand glauben; an die Berliner Auffaſſung der großen That und an den dortigen Wider⸗ ſtand kehrte ſich kaum eine Menſchenſeele. Nach der furchtbaren, langen, lähmenden und tödtenden Schwüle war nun endlich der erſte wirkliche Blitz über den ganzen 246 Neunzehntes Kapitel. Horizont dahin geſchoſſen, und der erſte Donner hallte ihm dröhnend nach und fand ſeinen Wiederhall in allen Herzen, in allen Köpfen. Es waren keine bloßen Wolken mehr, wie vor einem, wie vor zwei Jahren! Das Wetter war da— konnte es wieder vorüber ziehen, ohne zum endlichen rechten und vollen Ausbruch zu kommen? Und wenn man die Geſchichte dieſer Tage oder viel⸗ mehr dieſer Stunden— denn es verklang nicht eine Stunde leer und inhaltlos in dieſer Zeit— wenn man die Geſchichte dieſer Tage und Stunden richtig und nicht nur in, ſondern auch zwiſchen den Zeilen lieſ't und das Treiben und Regen verfolgt, das damals durch das ganze Volk ging, und wenn man endlich von den Mitlebenden es hörte, wie ſie ſtrebten, dachten und fühlten, was und wie ſie es wollten,— da fängt man allmälig an, die Dinge immer ernſter und zugleich immer richtiger anzu⸗ ſehen und kann es unumwunden ausſprechen: wie die Sachen jetzt ſtanden, war trotz alles Zögerns dennoch an kein Halten mehr zu denken, und es iſt ſehr die Frage, ob dem nochmaligen Zurückweichen des Berliner Cabinets dieſes Mal wieder auch ein Nach- und ſich zur Ruhegeben des Volkes gefolgt wäre. Im Gegentheil ſind, wenn man ehrlich ſein will, die Anzeichen in Fülle da und nicht ab⸗ zuleugnen, daß man auch ohne das Cabinet, ſo oder ſo, vorwärts gegangen ſein würde. Wir wollen Gott danken, daß es nicht zu einem ſolchen Exrtreme kam— die Folgen wären unberechenbar und die Verwirrung vielleicht unent⸗ wirrbar geworden— und daß der König und ſeine Um⸗ ner hallte in allen n Wolken as Wetter öhne zum en? oder viel⸗ ncht eine venn man und nicht und das das ganze lebenden was und an, die ger anzu⸗ wie die ennoch an ie Frage, Cabinets tuhegeben venn man nicht ab⸗ oder ſo, danken, Folgen t unent⸗ eine Um⸗ York's Convention von Tauroggen. 247 gebung ſich endlich zur An— und Aufnahme der Erhebung, zum Nachgeben drängen ließen. Die Franzoſen ſelbſt unterſchätzten dieſes Mal die That des eiſernen Generals in keiner Weiſe und fühlten ihre volle Folgenſchwere um ſo tiefer, da ſie ſelbſt beſſer als irgend jemand einſahen, daß nirgends Möglichkeit und Mittel vorhanden waren, den Schlag noch nachträg⸗ lich in die Luft gehen zu laſſen, den Eindruck zu ver⸗ ringern, den augenblicklichen, erſten Folgen kräftig zu be⸗ gegnen. Sie hatten dazu auch mehr Veranlaſſung und mehr Recht zu ihrer Erbitterung und Beſtürzung, als dreiviertel Jahre ſpäter bei dem ſo viel beſchrieenen Abfall des kleinen ſächſiſchen Corps in der Schlacht bei Leipzig. Bei der immerhin noch bedeutenden Truppenzahl, die Napoleon ungebrochen zur Verwendung hatte, war der Ausfall der paar tauſend Mann hier von keiner Bedeu⸗ tung; er war ſchnell zu erſetzen und wieder gut zu machen, und wurde wieder erſetzt. Der Gewinnſt der Verbünde⸗ ten war, abgeſehen von dem moraliſchen freudigen Ein⸗ druck, ein gänzlich unbedeutender. Ganz anders, ja, gerade entgegengeſetzt ſtellte ſich die Sache bei der Trennung der York'ſchen Truppen von den Franzoſen. Das Corps war zwar nur noch 14,000 Mann ſtark, aber dieſe 14,000 Mann waren nicht nur in beſter Ordnung und beſtanden bis auf den letzten Trainknecht aus Leuten, die allen Strapazen und jeder Witterung Stand hielten, ſondern ſie bildeten auch, mit Ausnahme einiger Feſtungsbeſatzungen und weniger kleiner Scharen, wie ſchon früher geſagt, den einzigen vollſtändig ſchlagfer⸗ 248 Neunzehntes Kapitel. tigen, größeren Truppentheil, größer als irgend einer, den zu jener Zeit die Ruſſen ſo gut wie die Franzoſen an und innerhalb Deutſchlands Grenzen bei einander hat⸗ ten. Wie ſchwach die Ruſſen waren, hatte man beobachten können, als die kleinen Reſte des Macdonald'ſchen Corps ungehindert von den ſogenannten feindlichen Maſſen in aller Ruhe die Grenze überſchreiten, Königsberg erreichen und wieder verlaſſen durften. Mit Einem Wort, York's preußiſches Corps war in dieſem Augenblick und bei der. gegenwärtigen Lage der Dinge, wie wir auch das ſchon früher ausgeſprochen, vollkommen genügend, die Reſte der franzöſiſchen Armeen gänzlich zu vernichten, die Ruſſen bis auf den letzten Koſaken in ihren Grenzen zu halten oder, wenn es ſich gegen dieſelben wandte, ſie weit und für lange in das Innere ihres Reiches zurückzutreiben und Preußen aus dem von beiden Seiten überſehenen und mißachteten kleinen Staate zur entſcheidenden Macht zu machen. Was geſchehen wäre, wenn man in Berlin dieſe Rolle verſtanden und übernommen hätte? Ob die Franzoſen eine ſolche von dem zertretenen und verachteten bisherigen Ver⸗ bündeten fürchteten oder vielleicht auch— hofften?— Wer möchte dieſe Fragen zu entſcheiden wagen! Und doch waren ſie es, die in dieſen Tagen ſchon in jedem auf— ſtiegen, der über die Gegenwart hinaus zu ſehen und die Ereigniſſe des Tages und den Gang der Politik von einem höheren Standpunkt, einem weiteren Geſichtspunkt anzu⸗ ſchauen ſich befähigt fand.— Wir mußten ſchon oben davon reden, wie anders es einer, anzoſen eer hat⸗ bachten Corps ſſen in rreichen York's bei der. s ſchon eſte der Ruſſen halten it und atreiben ſehenen Macht ſe Rolle ſen eine gen Ver⸗ en?— nd doch m auf⸗ und die einem anzu⸗ s. York's Convention von Tauroggen. 249 wurde, als man anfänglich gehofft und zu hoffen berech⸗ tigt geweſen; wie der erſten glühenden Aufregung bald eine herbe Abkühlung folgte, in die leidenſchaftlichſten Hoff⸗ nungen und Wünſche ſich bald die bitterſten Zweifel dräng⸗ ten; wie die nächſten und wichtigſten Folgen des Schlags, der die Franzoſen traf, durch Preußens Unentſchloſſenheit und Zögern dennoch wieder gelähmt oder vollkommen vernichtet wurden. Was dadurch in dieſen traurigen Wochen verloren ging und verloren wurde, hat ſich nach— her durch Deutſchlands edelſtes Blut, durch das ehrlichſte, raſtloſeſte und nachhaltigſte Streben nur nothdürftig gut machen, niemals auch nur annähernd wieder erlangen laſſen.— Davon iſt aber hier nicht weiter zu reden. Genug, mit der Debattirung dieſer Fragen, mit den aufflammenden Hoffnungen und den herbeiſchleichenden finſteren Zweifeln, ſchloß Gräfin Hebe's Aufenthalt bei dem Bruder, den ſie über eine Woche ausgedehnt hatte, und mit eben denſelben wurde ſie, wenn auch in anderer Richtung und nicht ganz ſo offen und unumwunden, em— pfangen, als ſie mit Sophie Magdalene wieder in Nieder⸗ Rhoda anlangte und daſelbſt mit dem gleichfalls vor Kur⸗ zem angelangten General Renaud zuſammentraf. Ueber⸗ raſcht wurde ſie durch dieſe Begegnung nicht, im Gegen⸗ theil hatte ſie, nachdem ſie die bevorſtehende Ankunft des Franzoſen erfahren, gerade deßwegen ihren Aufenthalt beim Bruder beendigen zu müſſen geglaubt. Die politiſchen wie die Familien⸗Verhältniſſe ſchienen ihre Gegenwart im väterlichen Schloſſe nothwendig zu machen, ja, es war, als wollten die letzteren nach den Mittheilungen Eberhard's, 250 Neunzehntes Kapitel die er, von der Reiſe zurückkehrend, gleich am erſten Abend der Schweſter für die ihrigen zurückgegeben, und nach allem, was ſeitdem theils ſich vorbereiten zu wollen drohte, theils wirklich ſchon geſchehen war, für den Augenblick ber den Geſchwiſtern und ihren Nächſten die erſte Stelle, das Haupt⸗Intereſſe, die Hauptthätigkeit in Anſpruch nehmen. Hier mußte man, wenn es überhaupt noch möglich, vor allem Anderen handeln. Indem Gräfin Hebe den Bruder durch das zu über⸗ raſchen fürchtete, was ſie vom Vater in jenem Morgen⸗ geſpräch vernommen und noch weiter aus ſeinen Reden erlauſcht hatte, wurde ſie ſelbſt durch ſeine Mittheilungen in einer Weiſe beſtürzt, wie es der geiſtvollen und ſcharf⸗ ſinnigen, intriganten und entſchloſſenen Dame nicht oft zu begegnen pflegte. Von einem alten Freunde, der eine hohe Stelle in der franzöſiſchen Verwaltung bekleidete und, den Spitzen der herrſchenden Behörden nahe ſtehend, ſchon mehr als einmal die für die Patrioten wichtigſten Nachrichten unter der Hand ihnen hatte zukommen laſſen, war der Graf von der Anyeſenheit ſeines Vaters in S. und von ſeinem dortigen Treiben benachrichtigt wor⸗ den. In den Sitzungen der Landſchaft hatte der alte Herr ſich kaum ein paarmal ſehen laſſen und an den Geſchäften ſich ſo gut wie gar nicht betheiligt, obgleich ſchon dieſe geringe Theilnahme für ſeine Mitſtände eine gänzlich ungewohnte und auffällige geweſen. Dagegen war er deſto mehr und eigentlich allein in den Regierungs⸗ kreiſen, beim General und Präfecten zu finden, wo man ihn gern zu ſehen und aufs höchſte zu ehren ſchien. Man nehmen. lich, vor zu über⸗ Morgen⸗ n Reden eilungen ſcharf⸗ nicht oft der eine bekleidete eſtehend, iichigſten en laſſen, zaters in tigt wor⸗ der alte an den 3 obgleich inde eine Dagegen gierungs⸗ wo man J York's Convention von Tauroggen. 251 3 hatte ſo zu ſagen Staat gemacht mit dem alten, hoch⸗ müthigen Edelmanne, einem der wenigen, die dem Kaiſer mit Leib und Seele ergeben waren und kein Geheimniß da aus machten. Man ſah ihn ſtets im intimſten Verkehr, in ange⸗ legentlichſter Unterhaltung mit den Gewaltigen, ohne daß man dem eigentlichen Zweck und Stoff derſelben recht auf die Spur zu kommen vermochte, ſo geheim wurde alles gehalten, bis es dem Berichterſtatter Eberhard's auffällig ward, daß ſich plötzlich ſeltſam ſcharfe Urtheile über die beiden jüngeren Grafen Rhoda, beſonders aber über Eugen hören ließen, während ſonſt gerade in der letzten Zeit von Beiden weniger die Rede geweſen, als je, und man ſogar den früher niemals ganz erloſchenen Verdacht auf⸗ gegeben zu haben ſchien, daß man in Beiden nicht nur paſſive Gegner, ſondern am Ende auch die Häupter eines gefürchteten, großen patriotiſchen Bundes zu ſehen habe. Die lange Einquartierung auf den Beſitzungen Beider, die dadurch ermöglichte genauere Beobachtung hatte die Anſicht immer mehr Raum gewinnen laſſen, daß Graf Eberhard wirklich nichts als ein gutmüthiger und melan⸗ choliſcher Träumer, und Graf Eugen nur ein ſchwacher und ziemlich charakterloſer Lebemann, der damals oben— drein noch durch eine unglückliche Liebe und durch die dazu gehörende Eiferſucht von allen politiſchen Beſtrebungen fern gehalten werde. Aus den beiden letzteren Gründen hatte man bei Vial's, unerklärlichem Verſchwinden freilich an ihn zuerſt gedacht, jedoch auch dieſen Verdacht bald wieder fahren 252 Neunzehntes Kapitel. laſſen, da im Uebrigen nichts für denſelben zu ſprechen ſchien. Ja, gerade dieſes Verſchwinden des jungen Offi⸗ ziers hatte anfänglich eine überaus mißtrauiſche Stimmung gegen den Grafen Hartmuth hervorgerufen. Man hatte ſich erinnert, daß der alte, hochmüthige Edelmann ſeine achttägige Mißhandlung durch die Rheinbunds⸗Truppen niemals überwunden und ſeine Erbitterung darüber nicht verheimlicht; man hatte ſich auch daran erinnert, daß man in Nieder⸗Rhoda verhältnißmäßig die entſchiedenſte Wider⸗ ſetzlichkeit gefunden, und eine That wie die des alten Kar⸗ ſten Herbart erlebt, daß endlich gerade auf dieſer Küſten⸗ ſtrecke die Douanen den ſchwerſten Dienſt hatten, ohne früher, ſo lange die See noch offen, oder jetzt, wo alles voll Eis, den Seeſchmuggel verhindern zu können, der, wie man ſogar wußte, zum Theil ſeinen Weg durch die zu Nieder⸗Rhoda gehörenden Waldungen, ja, ſelbſt durch deſſen Park nahm. Daran hatte man ſich ſehr ernſt und ſehr bitter er⸗ innert, aber nur, um es ſeit der Anweſenheit des Grafen Hartmuth, wie es ſchien, plötzlich und gänzlich wieder zu vergeſſen und mit ſeinem Verdacht von ihm auf die Ge⸗ genſeite hinüber zu ſpringen. Wie man den alten Herrn nun auf einmal protegirte und ehrte und ſeine Verwandten angriff und verdächtigte, das war ſo auffällig geweſen, daß die Freunde der Letzteren in ernſtliche Verlegenheit kamen und ſich ſorgenvoll zu fragen begannen, ob und was von jenen Plänen verrathen ſein möchte, die man ſeit dem Feſte zu Nieder⸗Rhoda immer eifriger verfolgte und weiter bildete; und daß Eberhards Berichterſtatter ſprechen ſen Offi⸗ immung an hatte an ſeine Truppen ber nicht daß man e Wider⸗ lten Kar⸗ Küſten⸗ 7, ohne vo alles en, der, zurch die öſt durh bitter er⸗ Grafen ieder zu die Ge⸗ en Herrn wandten geweſen, egenheit ob und jie man etfolgte erſtatter York's Convention von Tauroggen. 253 endlich eine Gelegenheit ergriff, den Präfecten ſelber mit der Frage anzugehen, was man denn eigentlich gegen die beiden Menſchen habe, die er von Jugend auf kenne und die er, wenn jetzt auch durch Stellung und Anſicht von ihnen getrennt, für die unſchuldigſten und unſchädlichſten Träumer und Schwärmer halten müſſe.— Und da hatte der Präfect mit finſterſter Miene geant⸗ wortet:„Mein Herr Staatsrath, dieſe Menſchen ſind um ſo gefährlicher, da ſie alle Welt, auch ihre nächſten Be⸗ kannten und Freunde täuſchen und über ihre Pläne im Dunkeln erhalten zu können ſcheinen, ſo daß wir ſelbſt jetzt nur im Allgemeinen von ihrem Treiben wiſſen und noch nicht eine einzige Einzelheit, noch nicht einen einzigen beſtimmten Fall kennen und verfolgen können.“ „Das iſt aber kein Wiſſen, Herr Präfect, ſondern eben nur Verdacht und, wie ich bisher geglaubt und auch noch jetzt mit Ihrer Erlaubniß annehmen muß, ein nicht gerechtfertigter. Sie ſind Beide Träumer und Schwärmer, wiederhole ich!“ hatte der Frager eingewandt.— „Sie würden Recht haben,“ war die Antwort ge⸗ weſen,„wäre unſer Gewährsmann ein anderer, könnte man für ſeine Offenbarungen ein anderes Motiv als die reinſte Loyalität entdecken.“— „ und wer iſt dieſer Gewährsmann, Herr Präfect?“— „Der eigene Vater und Großvater, Herr Staats⸗ rath.— „Graf Hartmuth? Unmöglich!“ rief der Andere aufs⸗ äußerſte beſtürzt.— „Ja, es ſteckt in dieſem alten Herrn eine ſpartaniſche 254 Neunzehntes Kapitel. Tugend!“ ſagte der Präfect.„Und wenn Sie erſt ge⸗ be hört hätten, wie bekümmert er über dieſe Treuloſigkeit gn der Seinigen, und wie er alles daran zu ſetzen und alles zu opfern bereit war, wenn nur die Ehre ſeines Hauſes, ka die niemals verletzte Unterthanentreue desſelben möglichſt ſe ohne Makel bliebe, wenn wir nicht zum offenen Einſchrei⸗ ge ten, zur gerichtlichen Verfolgung, zur Vermögens⸗Ein⸗ li ziehung und dergleichen zu kommen brauchten.— Kurz, es de iſt etwas Spartaniſches und zugleich durch und durch 1 Chevalereskes in dieſem alten Herrn, wiederhole ich, ver⸗ w eint mit einer wahrhaft glänzenden Loyalität, und wir ge ſind daher auch gewillt, ihm in all ſeinen Wünſchen ent⸗ ei gegen zu kommen. Sein Einfluß auf ſeine Standesge⸗ 5 noſſen iſt groß, ſeine offen ausgeſprochene Anhänglichkeit: an die Regierung des Kaiſers gerade in dieſem Adels⸗ w lande unſchätzbar.“ So war das Geſpräch noch eine Weile fortgegangen, r und der Staatsrath hatte dabei denn auch erfahren, daß man die früher erwähnte todte Ruhe der Bevölkerung 3 jener Landgegenden dem Einfluſſe der beiden Grafen hauptſächlich zuſchrieb. Denn gerade auf dieſe Klaſſen ſollte ſich vermöge der Größe und der beſonderen Zu⸗ ſtände und Verhältniſſe ihrer Grenzbeſitzungen, zumal aber auch durch ihre Verbindung mit dem alten prophetiſchen 1 Schäfer, ihr Haupteinfluß erſtrecken. Von einer Verbin⸗ dung und Einigung mit ihren Standesgenoſſen wußte man nicht nur nichts, man glaubte im Grunde nicht ein⸗ mal daran. Graf Eugen war zu jung und ſtand zu iſo⸗ lirt, Graf Eberhard ſollte nach dem Urtheile des Vaters erſt ge⸗ loſigkeit nd alles Hauſes, nöglichſt dinſchrei⸗ eens⸗Ein⸗ Kurz, es ad durch ich, ver⸗ und wir hen ent⸗ gegangen, ren, daß völkerung Grafen Klaſſen York's Convention von Tauroggen. bei allen durch ſeine lange Zurückgezogenheit und ſein ganzes Weſen in eine Art von Mißcredit gekommen ſein. Als das Uebelſte hatte der Präfect es endlich aner⸗ kannt, daß man bei dem vorſichtigen Verhalten und „ſchlauen“ Verfahren der beiden Herren einſtweilen noch gar keinen irgendwie plauſibeln Grund zu einem wirk⸗— lichen Angriffe habe auffinden können, während man bei der ganzen politiſchen Conſtellation, bei der geringen Trup⸗ penzahl und bei dem auf eine Verhaftung ſicher zu er⸗ wartenden, wenn auch nur kleinen Aufſtande, ein Vor⸗ gehen ohne Grund, wie es ſonſt oft genug vorkam, und ein raſches Durchgreifen doch ſcheuen zu müſſen glaubte. „Aber wir finden Gründe, wir finden ſie!“ hatte der Präfect geſchloſſen.„Es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn mein jetziger Plan keinen Erfolg hätte!“ Was das für ein Plan war, wußte der Staatsrath nicht; allein es war ihm hinterbracht worden, daß man ſeit kurzer Zeit einen gar unſcheinbaren Menſchen häufig im Hotel des Präfecten verkehren geſehen hatte, den man nun im Dienſte des Grafen Hartmuth wiederfand. Auf dieſe anſcheinend freilich außerordentlich gleichgültige Beob⸗ achtung wies der Freund mit der Frage hin, ob dennoch viel⸗ leicht darin etwas Bedeutſames für Eberhard enthalten ſein möchte. Er ermahnte den Grafen zur äußerſten Vorſicht und zur Aufmerkſamkt auf alles, ſelbſt das Geringſte, und verhieß auch ſeinerſeits jede mögliche Aufklärung. Dies war es geweſen, was Graf Eberhard der ſchönen Schweſter auf ihre erſte Andeutung von den Plänen des Vaters hin mitgetheilt hatte, und ſie ſah dadurch plötzlich 256 Neunzehntes Kapitel. den Argwohn beſtätigt, der am Morgen während des Ge⸗ ſpräches mit dem Vater über ſie gekommen war und ſie bald zu einer Aeußerung ihrer Indignation fortgeriſſen hätte, die ſie, wie wir wiſſen, nur mit Mühe zurückhielt. So haſt du ſelbſt Sohn und Enkel ans Meſſer geliefert? hatte ſie fragen wollen; nur um dem alten Haß, nur um der alten Begierde nach Beſitz genug zu thun?— So war ihr der alte Graf erſchienen, ſo erſchien ſein Treiben, zumal nach Hebe's Bericht, auch Eberhard und erfüllte den milden Mann mit einem aus Bitterkeit und Weh⸗ muth gemiſchten, niederdrückenden Gefühle. Es gab Myſterien genug im Hauſe des Grafen Rhoda und in den Beziehungen der einzelnen Familienglieder zu ihm und zu einander. Eberhard war, faſt ſo lange er denken konnte, dem Vater niemals nahe geweſen, in der Ferne erzogen und bei ſeiner Rückkehr von der Hochſchule und mehrjährigen Reiſen ſogleich in den Beſitz der alten Steinheim'ſchen Güter geſetzt worden. Er hatte dieſen Dingen eigentlich niemals genauer nachgeforſcht, um nicht Dieſes und Jenes erfahren zu müſſen, was den Vater in ſeinen Augen noch mehr herunterſetzen könnte. Er hatte überdies angenommen, daß ſeine frühe Selbſtſtändigkeit hier und die Kälte und Entfremdung des Vaters ihm gegenüber dort, nur Folgen der zweiten Heirath des Gra⸗ fen Hartmuth ſein dürften, und ſich bei dieſer naheliegen⸗ den Annahme beruhigt. Er hatte nicht einmal nach den Beſitzverhältniſſen gefragt, da dieſelben eigentlich gar nicht in Frage kommen konnten. Er war der älteſte und jetzt einzige Sohn. des Ge⸗ und ſie rtgeriſſen rrückhielt. geliefert? nur um 2— So Treiben, d erfüllte und Weh⸗ en Rhoda lieder zu lange er I, in der Hochſchule der alten tte dieſen um nicht den Vater Er hatte ſtändigkeit aters ihm des Gra⸗ aheliegen⸗ nach den gar nicht und jett York's Convention von Tauroggen 257 Jetzt änderte ſich das alles freilich. Wie der alte Herr in S. aufgetreten zu ſein, was er zu erſtreben ſchien, berechtigte und nöthigte die Seinigen, nicht nur nach ſei— nem Rechte, ſondern auch und vor allem nach ſeinen Mo⸗ tiven zu einem ſo unnatürlichen Thun zu fragen. Und daher war Eberhard, wenn auch aus anderen Gründen als Hebe, augenblicklich zur Befragung des alten Schä⸗ fers geſchritten, desjenigen, von dem man alles Frühere wo nicht am vollſtändigſten, doch am ſchnellſten erfahren konnte. Was ſie dann erfahren hatten, erklärte freilich alles, mehr als ſie irgendwie geahnt, und wenn ſie das damit zuſammenhielten, was ſie ſelber erfahren und beobachtet, ſo erhielten ſie ein Geſammt⸗Lebensbild des Vaters, das zu finſter und abſchreckend war, um die Augen länger als irgend nöthig auf ihm verweilen zu laſſen. Beide redeten auch nicht mehr von ihm und dieſen Dingen, es gab ge⸗ rade jetzt Wichtigeres für ſie. Nur gleich, als Detlef die Nachricht gebracht, daß Eugen und Hoven in Sicherheit, hatte Hebe zum Bruder geſagt:„Ihn ſelbſt fürcht' ich jetzt weniger, als je. Verlaß dich darauf, meine Andeu⸗ tung heute Morgen, die ich ja nur aufs Gerathewohl machte, hat getroffen, und er möchte ſicherlich auch das Geſchehene wieder rückgängig machen, wenn er's nur könnte. Vorgehen thut er gewiß nicht, ich kenne ihn. Aber— wer ſteht uns dafür, daß das Spiel nicht jetzt ſchon aus ſeinen Händen und in andere übergegangen iſt? — Dieſer Jemand, von dem das Billet ſchreibt— er Hoefer, Fremdherrſchaft. II. 17 258 Neunzehntes Kapitel. beunruhigt mich, Eberhard!— Ich ſollte wieder heim, um ihn unter Augen zu haben.“ Der Bruder ſchüttelte den Kopf.„Du haſt gehört, daß ich den Burſchen ſchon ein paar anderen Augen em⸗ pfohlen habe,“ ſagte er.„Allen Reſpect vor den deinen, aber Steffen Schütze's ſind in dieſem Falle doch noch beſſer, glaub' ich, Hebe. Ich kenne den Alten. Von morgen an thut der Burſche nicht einen Schritt unbeach⸗ tet. Du kennſt des alten Mannes Einfluß nicht ſo wie ich.“ „So lange er frei bleibt,“ warf ſie gedankenvoll ein. „Haſt du nicht gehört—“ „Das habe ich freilich, aber er bleibt frei, ſie wagen ſich nicht an ihn, jetzt wenigſtens nicht. Sie wiſſen es ſehr gut, daß ſie eher ein Dutzend Grafen und Barone aufheben könnten, als den einen armen Schäfer.“— „Ich ſollte doch nach Nieder⸗Rhoda zurück,“ meinte ſie nach einer langen Pauſe im nachdenklichſten Tone.„Es gibt dort noch mehr zu thun, mehr zu beobachten, mehr zu erfahren, und Vetter Chriſtian hat den beſten Willen und viel Verſtand, aber er läßt ſich gar zu ſehr durch ſeine Narrheiten beherrſchen und ablenken. Und ich ge⸗ ſteh's,“ ſetzte ſie mit einem Seitenblicke auf Sophie Mag⸗ dalene hinzu, die niedergeſchlagen und das bleiche Geſicht auf die Hand geſtützt am Tiſche ſaß und kaum auf ihre Umgebung zu achten ſchien—„das, was wir von ihr erfuhren, dieſer Zettel und was er andeutet, reizt mich und macht mich neugierig, Eberhard. Wie und ſeit wann hat dieſe Umwandlung ſtatt gefunden? Hab' ich mich doch in ihr getäuſcht?“ eim, um gehört, gen em⸗ deinen, och noch n. Von unbeach⸗ wie ich.“ woll ein. ewagen iſſen es Barone neinte ſie ne.„E n, mehr n Willen ehr durch ich ge⸗ hie Mag⸗ e Ggeſicht auf ihre von ihr eizt mich eit wann ih mich 259 York's Convention von Tauroggen. „Laß es gehen, laß es gehen!“ unterbrach er ſie kopfſchüttelnd.„Wir haben hier genug zu reden, zu thun, Schweſter, was deine Anweſenheit nothwendig macht. Und im Uebrigen halte ich es ſogar für beſſer, du läſſeſt drüben den Dingen und den Menſchen Zeit, reif zu werden und zum Durchbruch zu kommen. Laß uns warten. Es geht ohne dich raſcher als in deiner Anweſenheit. Sie nehmen ſich weniger in Acht, möcht' ich ſagen. Haben ſie aber einmal angefangen und ihr Spiel ſichtbar werden laſſen — dann, Hebe!“ Es traf ihn aus ihrem Auge ein blitzender, halb inniger, halb triumphirender, lächelnder Blick, der jedoch alsbald wieder dem Ernſt und dem Nachdenken wich, die ſie ſeither beherrſcht hatten.„Du haſt Recht,“ ſagte ſie nach einer Weile.„Warten wir alſo, und dann vorwärts mit den großen Mitteln. Die Zeit des Schonens iſt vorbei.“—— Die auf dieſen Abend folgende Nacht war ruhig ver⸗ gangen. Am nächſten Morgen hatten ſich jedoch ein paar Gensd'armen und der Brigadier der Douanen in Drei⸗ heiligen eingefunden und nicht nur nach dem Herrn von „Seelhorſt,“ ſondern auch nach Eugen geforſcht, welchen Letzteren man nach ihrer Angabe ſchon am vorigen Abend vergeblich in ſeinem eigenen Hauſe geſucht hatte. Die Beamten waren ſehr höflich. Sie gaben dem Grafen ſogar den Grund dieſer Nachfragen an. Die Be⸗ hörden hätten erfahren, daß Eugen zuletzt und zwar in einer Art Streit mit dem verſchwundenen Vial geſehen worden, und da man außerdem Gründe zu der Annahme 260 Neunzehntes Kapitel. habe, daß die beiden Herren perſönlich einander nichts weniger als wohlwollend geſinnt geweſen, ſo müſſe man von Eugen Aufklärung verlangen. Eben ſo wollte man auch von„Seelhorſt“ erfahren haben, daß er aus ſeiner Heimat wegen unvorſichtig geäußerter politiſcher Anſichten gewiſſermaßen entwichen und vermuthlich, wenn auch unter anderem Namen, ein thätiges Mitglied des„Tugendbun⸗ des“ ſei. Man zweifle nicht daran, ſetzte der Brigadier höflich hinzu, daß dies alles dem Grafen Eberhard unbe⸗ kannt geblieben. Der Herr von Dreiheiligen beſtätigte dieſe Anſicht und ſprach zugleich in der ruhigſten Weiſe von der Welt ſeinen Zweifel an der Wahrheit des Mitgetheilten aus. „Mein Neffe, Graf Eugen, iſt kein Raufbold,“ ſagte er.„Er hat keine Freude an Duellen, während doch nur von einem ſolchen die Rede ſein könnte, und während er ein ſolches und gar einen unglücklichen Ausgang desſelben doch ſchwerlich verheimlichen würde. Ueberdies wüßte ich wenigſtens nicht, was ihn zu ſolcher Animoſität gegen den Vicomte gereizt haben dürfte.— Seelhorſt iſt ein Ver⸗ wandter meiner ſeligen Frau, der in Familien⸗Angelegen⸗ heiten herkam und hier bei mir verweilte. Seine Papiere waren in völliger Ordnung, ſein Aufenthalt hat nicht den geringſten Anſtand gefunden. Wir haben ſeit Jahren wenig mit einander verkehrt, und ich weiß daher in meiner Abgeſchiedenheit nicht, was er ſeither getrieben. Daß er als Preuße und früherer Offizier nicht gerade Sympa⸗ thieen für die Herren Franzoſen haben wird, werden Sie ſelber nicht anders erwarten, meine Herren,“ hatte er, ver⸗ r nichts ſſe man lte man 3 ſeiner nſichten ihrend er desſelben vüßte ich egen den ein Ver⸗ ngelegen⸗ Papiere nicht den Jahren n meiner Daß er Sympa⸗ den Sie ver, ver⸗ York's Convention von Tauroggen. 261 bindlich ſich verbeugend, hinzugeſetzt.„Daß er ſich aber an einem Bunde betheiligt, an den ich, beiläufig geſagt, gar nicht einmal glaube, das bezweifle ich. Er iſt zu ſelbſt⸗ ſtändig dazu. Ich wenigſtens weiß von ihm darüber nichts. Es iſt ihm ſo gut wie all meinen Bekannten längſt ſchon unverborgen, daß ich mit der Politik nicht gern zu thun habe.— Jetzt weiß ich von Beiden gar nichts. Ich bin in der letzten Zeit viel auswärts geweſen, in S. bei der „Landſchaft,“ ſpäter in dahin zielenden Geſchäften im Lande umher, und geſtern Abend ſpät heimgekehrt. Sie fragen mich daher vergeblich nach Beiden. Seelhorſt hat ſchon öfters Ausflüge zu den Halden's drüben im M.ſchem gemacht, die gleichfalls mit uns verwandt. Er hat nichts für mich hinterlaſſen, und es iſt daher anzunehmen, daß er in einigen Tagen wieder hier ſein wird. Wenigſtens wollte er noch länger bleiben.“ Der Graf war bei dieſer Expoſition ſelber am neu⸗ gierigſten, ob die Franzoſen ſich damit begnügen würden, denn er konnte ſich nicht verhehlen, daß dazu wenig Aus⸗ ſich vorhanden ſei, falls ſie nämlich wirklich Beſtimmtes erfahren hätten und gegen die beiden jungen Männer ernſtlich auftreten wollten. Der Brigadier bekannte ſich indeſſen fürs Erſte zufriedengeſtellt, wünſchte jedoch mit der möglichſten Höflichkeit„Seelhorſt's Zimmer und Effecten anſehen“ zu dürfen und nahm auf dieſe Weiſe und unter dieſem Vorwande die allergenaueſte Hausſuchung vor, ohne daß dieſelbe zu beſonderen Entdeckungen geführt hätte. Man entfernte ſich endlich mit höflichen Entſchuldigungen 262 Neunzehntes Kapitel. und mit einer Frage nach dem Schäfer— ob derſelbe vielleicht auch verreiſ't ſei? „Meine Herren,“ erwiderte Graf Eberhard mit leich⸗ tem Achſelzucken und einem ruhigen Lächeln, als ob er den Hohn dieſer letzten Frage gar nicht verſtanden,„wie ſoll ich das wiſſen? Ich habe, zumal meine Schweſter zum Beſuch bei mir, wirklich noch keine Zeit gefunden, nach Menſchen und Dingen zu fragen, die meinen Ver⸗ walter mehr angehen als mich. Der Schäfer hat in dieſer Jahreszeit wenig zu thun. Er iſt dazu ein wohlhabender, wunderlicher, alter Mann, der bei mir mehr aus Lieb⸗ haberei als aus irgend einem anderen Grunde in einer Art von Dienſt geblieben iſt und ſich in ſeinem Gehen und Kommen nicht gern beſchränken und controliren läßt. — Ich weiß, daß er den Herren Franzoſen verdächtig ſein ſoll— ob mit Recht oder Unrecht, habe nicht ich zu ent⸗ ſcheiden, obgleich mir perſönlich nichts von ihm bekannt iſt, was ungeſetzlich und ſtrafwürdig wäre. Ich weiß auch, daß ſchon früher einmal in Frage gekommen, ob man ihn nicht lieber— von hier entferne. Mir perſönlich thun Sie, wenn dergleichen im Gange ſein ſollte, damit kein Leid, meine Herren, denn ich habe wenig von dem Greiſe,“ fuhr der Graf fort, und obſchon weder ſein Auge den ſtillen, klaren Blick, noch ſeine Stimme den ruhigen Klang verlor, ſah Gräfin Hebe, die bei dieſem Geſpräch zugegen, den Brigadier doch plötzlich ſichtbar nachdenklich und faſt betroffen werden.—„Aber ich will Sie doch darauf auf⸗ merkſam machen,“ ſprach er weiter,„daß der Schäfer einen größeren Anhang in dieſen Gegenden hat, als irgend ein bekannt eiß auch, man ihn lich thun mit kein Greiſe/ luge den en Klang zugegen, und faſt auf auf⸗ fer einen gend ein 6 York's Convention von Tauroggen. 263 anderer Menſch. Man liebt ihn wie einen Vater, meine Herren, und wenn ihm etwas paſſirte— Sie wiſſen ſel⸗ ber am beſten, wie ſchwierig und trotzig das Volk hier bei uns iſt, und daß Sie es ſeit dem Herbſt nur mit Ge⸗ walt zu Ruhe und Gehorſam bringen konnten, während Sie jetzt nicht einmal Truppen genug für die Städte haben. Ich zum wenigſten würde in Ihrer Stelle jetzt hier alles vermeiden, was nur im entfernteſten zu reizen vermöchte.“ Die Wirkung dieſer kühnen, in der damaligen Zeit vielleicht unerhörten Worte war eine ſeltſame und über⸗ raſchende geweſen. Der Brigadier tauſchte mit ſeinem Begleiter, der bei ihm im Zimmer war, einen Blick des Einverſtändniſſes aus und verſetzte dann ernſt:„Was meine Vorgeſetzten gegen Ihre Aeußerung einzuwenden haben möchten, mein Herr Graf, das weiß ich nicht, aber ſie trifft leider genau mit dem zuſammen, was ich ſelber glaube — weil ich es ſehe— was ich ſchon vor Wochen einmal Herrn von Vial einwandte und jetzt von neuem dem Chef der Polizei bemerken zu müſſen meinte. Ich halte die Verhaftung Ihres Schäfers für das gefährlichſte Wage⸗ ſtück, wie die Sachen gegenwärtig ſtehen. Ich bin aber auch Gottlob nicht damit beauftragt, ſondern nur mit der Conſtatirung ſeiner Anweſenheit und einer genauen Ueberwachung. Ich bitte daher, mein Herr Graf, rathen auch Sie dem Alten zur Vorſicht und zum Schweigen. Es iſt, glaub' ich, in Ihrem eigenen Intereſſe.— Ich habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen.“— „Es muß noch ſchlimmer mit ihnen ſtehen, als wi 264 Neunzehntes Kapitel. bisher wußten,“ ſagte Eberhard zu ſeiner Schweſter, nach⸗ dem die Franzoſen ſich entfernt hatten.„Es ſoll mich wundern, ob uns die nächſten Tage nicht ganz beſondere Neuigkeiten bringen. Es iſt verwünſcht, daß dies gerade jetzt gekommen und Hoven in ſeiner Thätigkeit beſchränkt wurde!“ „Biſt du ihrer Sicherheit gewiß?“ fragte ſie ſorgen⸗ voll.„Ich ahne ja nicht einmal, wo und wie du ſie verbirgſt.“ Eberhard machte eine ablehnende Bewegung.„Deſto beſſer!“ verſetzte er lächelnd.„Es gibt Kenntniſſe, die für Frauen nur gefährlich werden können und drückend ſein müſſen. Wenn wir keinen Verräther unter uns ſel⸗ ber haben, hafte ich für ſie. Und ich fürchte keinen Ver⸗ räther, wir kennen Beide unſer Volk. Sie ſchlügen am liebſten gleich jeden todt, in dem ſie keinen Franzoſenfeind ahnen.“— Zwei Tage nach dieſem Beſuch der Gensd'armen langte die Nachricht von York's Convention und dem Uebrigen an, was wir zu Anfang dieſes Kapitels mitge⸗ theilt, und erklärte das Benehmen und die Worte des Brigadiers.— Man blieb fortan ungeſtört, wenn man auch ſehr wohl merkte, daß nicht Steffen allein einer heimlichen Ueberwachung unterworfen ſei. Doch hatten nicht nur die Bewohner von Dreiheiligen, ſondern auch diejenigen des eigentlichen Grenz⸗ und Küſtenſtriches den großen Vortheil, daß das im übrigen Lande laiſßende Spionir⸗ ſyſtem hier nicht wohl durchzuführen war, weil die Fran⸗ r, nach⸗ all mich eſondere gerade ſchränkt ſorgen⸗ du ſie „Deſto ſſe, die rückend darmen ad dem mitge⸗ zrte des ih ſehr imlichen ht nur jenigen großen pionir⸗ Fran⸗ York's Convention von Tauroggen. 26⁵ zoſen unter den Eingebornen im wörtlichſten Sinne des Wortes, wie ſchon öfters bemerkt, nicht einen einzigen Anhänger ihrer Herrſchaft fanden und daher nur Fremde verwenden konnten, welche man überall und ſogleich als ſolche erkannte und einfach vermied oder— wir wollen einmal ſagen: ablaufen ließ. Die Ueberwachung lag alſo faſt nur in den Händen der wirklichen Beamten, der Douanen und der wenig zahlreichen Gensd'armen, und konnte folgerichtig nicht gar zu geheim betrieben werden.— In Rhodenfelde war jedoch im Schloſſe ſelber ein Poſten etablirt worden, und was Graf Hartmuth bei der empfohlenen Flucht im Auge gehabt haben mochte, ſchien hier leider in Scene geſetzt werden zu ſollen. Man machte kein Geheimniß daraus, daß Eugen bei ſeiner Rückkehr verhaftet werden ſollte. Man nahm einſtweilen die Güter und ihre Einkünfte in Beſchlag, zu welchem Zwecke ein Commiſſar in Rhodenfelde erſchien, und gab ſich den An⸗ ſchein, dem Verſchwundenen eifrig nachzuforſchen, von dem man nichts weiter wußte, als daß er an jenem Donners⸗ tage Nachmittags das Haus zu Fuß und mit der Flinte, aber ohne Hund verlaſſen hatte und ſeitdem nicht zurück⸗ gekehrt war. Graf Eberhard war nur bei der erſten Nachricht von der Beſetzung Rhodenfelde's einen Augenblick in Sorge geweſen, ob man nicht zwiſchen des Neffen Papieren ge⸗ fährliche Entdeckungen machen könnte, jedoch alsbald durch Sophie Magdalene darüber beruhigt worden. Das Mäd⸗ chen, welches untkit dieſen Umſtänden natürlich bei Oheim und Tante blieb, hatte ihre anfängliche Niedergeſchlagen⸗ Neunzehntes Kapitel. heit längſt überwunden und war jetzt wie immer wieder muthig, friſch und heiter. Sie meinte nun den Oheim verſichern zu dürfen, daß Eugen an Papieren nur das Allernothwendigſte und auch dies mit der äußerſten Vor⸗ ſicht und an einem Orte aufbewahre, wo von Finden nicht die Rede ſei. Man war damals eben überall vor⸗ ſichtig und hatte auch allen Grund dazu. Und ſo lebte man in verhältnißmäßiger Zufriedenheit und Heiterkeit der kommenden Zeit entgegen, abgeſchloſſen und einſam— der Verkehr mit der Nachbarſchaft war anſcheinend noch ſel⸗ tener als ſonſt— aufmerkſam und thätig, ſo viel das irgend möglich war. Von Nieder⸗Rhoda erfuhr man wenig und allein durch den Vetter Chriſtian; die überraſchende Correſpon⸗ denz von neulich Abends wurde nicht fortgeſetzt. Der alte Vetter aber wußte wenig zu berichten— nach ihm ge⸗ ſchah nichts Neues und alle Bewohner des Schloſſes waren wie ſonſt, Stephanie noch langweiliger und gelangweilter als jemals. Von dem fremden Diener war zu bemerken, daß er einerſeits mit Herrn Pierre Leroux und deſſen wenigen Anhängern in großer, wenn auch ſo viel wie möglich ge— heim gehaltener Intimität und mit der Kammerjungfer der„Nußprinzeſſin“ ſogar in einem gewiſſen vertrauten Verkehre ſtand, andererſeits aber bei dem größten Theile der Dienerſchaft nichts weniger als Terrain gewann. Von ſeinem Zuſammentreffen mit den Dougniers hatte man neuerdings nichts mehr bemerkt; es ſihien eine Scene zwiſchen ihm und Herrn Pierre ſtattgefunden zu haben, er wieder en Oheim nur das ſten Vor⸗ Finden erall vor⸗ ſo lebte terkeit der am— der noch ſel⸗ viel das nd allein gorreſpon⸗ Der alte h ihm ge⸗ ſes waren angweilter n, daß er wenigen nöglich ge⸗ merjungfer vertrauten ten Theile ann. Von zatte man ne Scene haben/ zu York's Convention von Tauroggen. 267 in der Letzterer den neuen Diener wegen ſeiner gar zu großen Ungenirtheit ein wenig ausgezankt haben mochte. Zweimal war der Burſche auch faſt einen ganzen Tag verſchwunden geweſen, wie es hieß, zum Beſuche nach G., wo er Verwandte haben wollte. Dieſe ſich ſo ſchnell, im Laufe von acht Tagen folgenden Zärtlichkeits⸗Aeußerungen waren freilich etwas auffällig, aber man hatte noch keine weitere Aufklärung erhalten. Der Thorſchreiber Brehm hatte ihn nicht bemerkt.— So waren ſeit Hebe's Ankunft in Dreiheiligen über acht Tage vergangen, als Vetter Chriſtian eines ſchönen Morgens wieder bei den Geſchwiſtern mit der Nachricht erſchien, daß General Renaud ſich für den folgenden Tag auf dem Schloſſe angemeldet habe, und daß Graf Hart⸗ muth ſich in einer gewiſſen triumphirenden Zufrieden⸗ heit äußerſt lebhaft die Hände reibe, nachdem er gerade in den letzten Tagen ſonſt mehr als ein Zeichen gegeben habe, daß ihm Hebe's Abweſenheit anfange unheimlich zu werden, und daß ihm überhaupt bei all den Zeitungs⸗ Nachrichten und bei dem eigenthümlichen, dadurch angereg⸗ ten und bis in ſeine nächſte Umgebung dringenden Sum⸗ men und Schwirren des Volkslebens und Volkshoffens ganz und gar nicht wohl ſei. Es gab nicht nur ein paar, von Einem dem Anderen zugeraunte neue Aeußerungen Steffen's, die allerhand Unangenehmes den Franzoſen und ihren Freunden in nächſte Ausſicht zu ſtellen ſchienen, ſondern man wollte auch den Zug von Drohin nach Lehrsdorf wiederholt geſehen haben, und Einige behaupte⸗ ten ſogar, derſelbe habe nicht einmal bei den Kloſter⸗ 268 Neunzehntes Kapitel. Ruinen geendet, ſondern ſich in der Richtung gegen Ober⸗ Rhoda, das alte Stammgut, fortgeſetzt. Und was das Allerſchlimmſte, der Schmuggel ſchien mit erneuten Kräften wieder aufzuleben. Zweimal in den letzten acht Tagen waren ſchon von Douaniers die Schmuggler bemerkt und verfolgt worden— durch den Park von Nieder⸗Rhoda, und einmal hatte dort ſogar wieder ein Kampf ſtatt ge⸗ funden, ſo blutig, wie man es ſeit dem Herbſte nicht mehr erlebt. Graf Hartmuth hatte in Folge deſſen Schutz und Hülfe von S. verlangt. Man wußte nicht, ob General Renaud's Kommen gleichfalls dadurch veranlaßt ſein möchte. Comteſſe Hebe hatte eine lange Conferenz bei ver⸗ ſchloſſenen Thüren mit dem alten Vetter und ihrem Bru⸗ der; nachdem Erſterer wieder geſchieden war, bekam Fanny den Auftrag, zu packen, und am nächſten Morgen fuhr der Schlitten mit den Damen zu einer für ſie ungewöhn⸗ lich zeitigen Stunde Nieder⸗Rhoda zu. Sie kamen aber dennoch zu ſpät— General Renaud war unvermuthet ſchon am Abend zuvor angelangt und jetzt bereits ſeit einer Stunde beim Grafen Hartmuth— etwas, das Hebe faſt noch mehr überraſchte, als ſeine Anweſenheit ſelbſt. Denn der alte Herr war ſchon ſeit vielen Jahren niemals mehr vor der Mittagsſtunde für irgend jemand ſichtbar geworden. Aber Gräfin Hebe ſollte noch mehr, wenn auch viel⸗ leicht angenehmer, überraſcht werden bei ihrer Ankunft im Schloſſe des Vaters. Zwiſchen den herauseilenden Dienern zeigte ſich der neue, von S. mitgebrachte, als einer der gen Ober⸗ was das en Kräften ht Tagen nerkt und eer⸗Rhoda, ſtatt ge⸗ nicht mehr Schutz und 5 General laßt ſein bei ver⸗ rem Bru⸗ am Fanny xgen fuhr ungewöhn⸗ men aber wermuthet ereits ſeit das hebe heit ſelbſt. n niemals d ſichthar auch viel⸗ nkunft im Dienern einer der York's Convention von Tauroggen. 269 eifrigſten, bis er beim Anblicke Sophie Magdalenens, ſeiner früheren Herrin, ſichtbar erſchrak und ſich zurückzog. Und das Mädchen ſagte mit einem feſten Blicke auf den Bur⸗ ſchen vernehmbar genug zu der Tante:„Ein neues Ge⸗ ſicht, Tante, oder für mich vielmehr ein altes. Ob Ihr Hausmeiſter es weiß, daß der Menſch dort wegen beharr⸗ lichen Horchens und Spionirens von Eugen fortgejagt wurde?“ Hebe maß den Burſchen mit einem ihrer ſpöttiſchſten und zugleich durchdringendſten Blicke, bevor ſie, ins Haus tretend, erwiderte:„Was kümmert uns das, Kind? Laß ihn immerhin ein wenig horchen. Es hat ſein Angeneh⸗ mes, glaub' ich, weil es ſo viele Liebhaber findet.“ Sie ſchritt vor an Waldkirch's Arm, den ſie zu ihrer Freude wieder erkannt hatte. Und als ſie die Treppe erſtiegen hatten, wurde ſie von Stephanie begrüßt— das Mädchen hatte freilich ihre kalte und ſtolze Haltung; die Verbeugung gegen die Tante, das leiſe Neigen des Kopfes gegen Sophie Magdalene, die Bewegung, als ſie die Hand Hebe's ergriff und an die Lippen zog— das alles wider⸗ ſprach nirgends ihrem uns bekannten, ihr durchaus eigen⸗ thümlichen Weſen, und dennoch lag ſchon darin, daß ſie überhaupt zu ſolcher Begrüßung ſich herbeigelaſſen, etwas ſo gar Ungewöhnliches; Hebe meinte in den Zügen des blaſſen Geſichtes trotz all ihrer kalten und ſtillen Schön⸗ heit etwas wie eine kaum noch zurückzudrängende Bewe⸗ gung, etwas ſo Gepreßtes, Banges und Scheues zu ent⸗ decken, daß ſie der wenig geliebten Nichte in dieſem Augen⸗ blick unmöglich mit dem gewohnten ſpöttiſchen oder gar 270 Neunzehntes Kapitel. ablehnenden Blicke begegnen konnte, ſondern das Mädchen und ſeine Begrüßung halb neugierig, halb wirklich freund⸗ lich aufnahm und noch überraſchter ſich von demſelben zu ihren Zimmern begleiten ließ. Seit dem Tage ihrer An⸗ kunft, vor vier Monaten faſt, war Stephanie dahin kaum jemals wieder gekommen. Was wird das? dachte Hebe, mit Waldkirch plaudernd, während ſie dabei doch keinen Gedanken und faſt keinen Blick von der Nichte wegwandte, welche jetzt in anſcheinend freundlicher Unterhaltung mit Sophie Magdalene— auch etwas Neues— vor ihr im Corridor dahinſchritt. Wird ſie gar mit uns eintreten? Und ſie trat mit ein, ſie war ſogar, wenn auch etwas langſam und gemeſſen, der Tante beim Ablegen der Reiſehüllen behülflich. Sie führte die nach dem langen Wege über die Treppe und durch die weiten Räume des Schloſſes der Ruhe Bedürftige ſelbſt zu ihrem Stuhl am Fenſter, als wenn ſich das von ſelbſt verſtände und ſtets eben ſo geweſen.— Und als Hebe endlich ſaß, als Sophie Magdalene ſchon in ihre nebenan gelegenen Zimmer gegangen, und die Kammerjungfer den Dienern, welche das Gepäck brach⸗ ten, in die Garderobe entgegen geeilt war, da beugte ſie das ernſte, bleiche und ſtille Haupt ein wenig zu der Tante herab und ſagte leiſe:„Ich habe viel mit Ihnen zu reden, Tante, und ſchon lange Ihre Rückkehr ge⸗ wünſcht. Nicht wahr, Sie geſtatten mir's?“ Hebe ſah ſie einen Augenblick durchdringend an. Dann wurde ihr Auge miilder und freundlicher als die Mädchen h freund⸗ ſelben zu Stuhl am und ſtets Magdalene 271 York's Convention von Tauroggen. Nichte es bisher jemals ſich zugewendet fand, und ſie ant⸗ wortete:„Gewiß, ma niece! Wann es dir beliebt.“ Ton und Wort waren noch kalt, aber der Blick er⸗ ſetzte das, und Stephanie erhob den Kopf mit einem leiſen, aber gleichſam dankbaren Lächeln und ſprach:„Nach Tiſch, Tante.— Erlauben Sie, daß ich jetzt zu meiner Couſine gehe. Sie werden Ruhe brauchen.“— Und ſie ging ins Nebenzimmer. Aber es lag nicht in der Natur des ſchönen Geſchöpfes, das da jetzt noch wie zerbrochen im Stuhle ruhte und der Entſchwundenen regungslos nachblickte, von einem Rathe, wie der zuletzt vernommene, Gebrauch zu machen. Zur körperlichen Ruhe und Bewegungsloſigkeit gezwungen, war ihr Kopf deſto beweglicher und raſtloſer. Hebe ver⸗ ſtand zu keiner Zeit ein langes Sitzen, Raſten und Grü⸗ beln in der Einſamkeit, denn, ſo paradox das klingen mag, an ſich ſelbſt dachte ſie ſelten oder nie, und bei ihrem Thun und Treiben hatte ſie ihr Leben lang viel weniger vorbedacht als gehandelt. Wenigſtens waren bei ihr dieſe beiden Thätigkeiten nur ſelten einander wie bei anderen Menſchen gefolgt, ſondern faſt immer ſo zu ſagen gleich⸗ zeitige geweſen. Sie war niemals ſiegreicher und glück⸗ licher in der Aus- und Durchführung ihrer Kämpfe und Intriguen, als wenn ſie unvorbereitet hineintrat und ſich fortan durch den Kampf und die Intrigue ſelber beſtimmen und weiter tragen ließ. Ihre Auffaſſung war ſo ſcharf und ſchnell, ihre Geiſtesgegenwart ſo unbeſieglich, ihr Ver⸗ ſtand ſo durchdringend, ihr ganzer Geiſt ſo überlegen jedem anderen, mit dem er ſich bisher zu meſſen gehabt, daß ſie . 272 Neunzehntes Kapitel. in der That eine Art von Recht hatte, ihrem leichten Sinne nachzugeben. Wie ſie einmal gebildet und begabt war, blieb für ſie ein ſolches Weſen und Treiben kein Wageſtück mehr. Keine zehn Minuten nach Stephaniens Weggange ſaß Hebe bereits in ihrem Ankleidezimmer unter Fanny's Hän⸗ den und ließ ſich umkleiden, und eine Stunde ſpäter ruhte ſie in der graziöſeſten und friſcheſten Toilette, die ſie je— mals gezeigt, die Augen glänzend, das Geſicht ſtrahlend von Munterkeit und kecker, herausfordernder Luſt auf ihrem gewöhnlichen Platz in dem ſchönen Wohnzimmer, nahe am Fenſter und vor dem Blumentiſch, an den ſich vormals Vial oft genug gelehnt, wenn ſie ihn zu einer jener ſeltſamen Unterhaltungen herangelockt hatte. Jetzt ſtand ſtatt ſeiner der Hauptmann Waldkirch da und be⸗ richtete ihr von dem Zuge ſeines Bataillons nach Ruß⸗ land. Die Truppen hatten die Grenze nur überſchritten, um nach wenig Tagen ſchon gleichfalls von dem allge⸗ meinen Elend betroffen und in den Strudel der Flüchten⸗ den geriſſen zu werden, und wiederum nach nur wenig Tagen im Zuſtande der vollſtändigſten Auflöſung zurück⸗ zukehren. Sie waren bisher im Zimmer allein geweſen, nun aber ſprang die Thür auf und ließ den General eintreten, deſſen ernſtes Geſicht beim Anblick der ſchönen Gräfin raſch den Ausdruck einer angenehmen Ueberraſchung an⸗ nahm, die er auch alsbald in ſeinen begrüßenden Worten ausſprach. „Es iſt wohl nur der ſchönſte und glücklichſte Zufall, n leichten nd begabt eiben kein gange ſaß ny's Hän⸗ äter ruhte die ſie je⸗ ſtrahlend Luſt auf hnzimmer, n den ſich zu einer tte. Jetzt a und be⸗ nach Nuß⸗ zerſchritten, dem allge⸗ rFlüchten⸗ nur wenig ing zurück deſen, nun eintreten, en Gräfi ſcung an⸗ n Worten hſte zufal, York's Convention von Tauroggen. 273 daß wir Sie heute begrüßen dürfen!“ ſagte er, nachdem er ihre Hand geküßt.„Denn daß Sie um unſeretwillen heimgekehrt, ſchöne Gräfin, wage ich nicht anzunehmen. Es würde uns zu ſtolz machen!“ „So werden Sie immerhin ein wenig ſtolz,“ verſetzte ſie heiter;„ich bin dennoch nur um Ihretwillen gekommen. Ich hatte eine wahre Sehnſucht nach Ihnen, mein lieber General. Wir haben uns ſeit einer Ewigkeit nicht mehr geſehen, denn auf jenem Ballfeſte waren Sie ja unnah⸗ bar, und die langweiligen Depeſchen zerſtörten meine letzte Hoffnung, daß wir am nächſten Morgen ruhiger würden plaudern können—“ „Und die meine, Gräfin! Auch ich wünſchte viel mit Ihnen zu reden!“— „Und jetzt, mein lieber General?— Ach, wir Frauen bleiben unſeren Regungen und Gefühlen doch ſtets treuer, als ihr den euren. Ich bin heute voll Verlangen, wie damals!“ Es entging ihr nicht, daß ſein Auge hinter ſeinem durchaus munteren und galanten Lächeln zugleich einen ernſtlich ſpürenden und prüfenden Blick für ſie hatte, als er im heiterſten Tone erwiderte:„Ich bin ſo entzückt, Gräfin, daß ich keinen Augenblick länger auf Ihre Mit⸗ theilungen warten kann. Darf ich Sie bitten?— Wir ſind ja unter uns, denn da kommt die Unterhaltung für meinen Herrn Adjutanten,“ fuhr er fort, da er eben die beiden jungen Gräfinnen eintreten ſah. Und nach einem langen und theilnehmenden Blick auf die beiden ſo ver⸗ ſchiedenen und doch ſo anmuthigen Geſtalten, ſetzte er Hoefer, Fremdherrſchaft. II. 18 274 Neunzehntes Kapitel. raſch zu Hebe zurückſchauend in einem unſicheren Tone, aber lebhaft hinzu:„Ah, ich bin überraſcht— die junge brünette Dame dort iſt, glaub' ich, auch eine Nichte von Ihnen, die ich bisher nur damals beim Feſte hier ſah?“ „Ganz recht!“ entgegnete Hebe mit einem, dem Gene⸗ ral ſichtbar auffallenden, faſt bekümmert erſcheinenden Aus⸗ druck.„Sophie Magdalene iſt ſonſt leider ein ſeltener Gaſt bei uns, General— Sie wußten vordem von dieſen Dingen— und ich könnte Ihnen für ihren jetzigen viel⸗ leicht längeren Beſuch ſogar dankbar ſein, wäre die Veran⸗ laſſung nur eine erfreulichere.“ Er ſah ſie überraſcht und verwundert an.„Ich ver⸗ ſtehe Sie nicht, Gräfin,“ ſagt er.„Mir wollten Sie dank⸗ bar ſein, daß—“ „Ja wohl, General. Sie haben ſie ja durch Ihre Einquartierung und Ihren Commiſſar aus ihrem Hauſe vertrieben, in welchem ſie doch unter dieſen Umſtänden und ohne ihren Bruder—“ „Ah, es iſt die Schweſter des Grafen Eugen— ich erinnere mich!“ „Ja wohl, des armen Eugen, der, wie der arme Vi⸗ comte damals, jetzt unter Ihren Händen verſchwunden iſt!“ Ein durchdringend ſcharfer und ſpöttiſcher Blick tauchte wie ein Blitz in ihrem Auge auf und verſchwand eben ſo ſchnell, um wieder dem bisherigen milden und ſorgenvollen Ausdruck Platz zu machen. Er ſah ſie noch überraſchter, faſt als wäre er wirklich beſtürzt oder betäubt, an und ſagte erſt nach einer Pauſe, — 2= York's Convention von Tauroggen. 275 t Tole, indem er ſich näher zu ihr beugte:„Gräfin, wenn ich e lünge Sie recht verſtehe, ſprechen Sie einen Verdacht aus—“ he von„Nicht doch, ſondern eine Ueberzeugung General,“ ſche unterbrach ſie ihn, und es war, als hielte ihr Auge das n Gene⸗ ſeine feſt, ſo ruhten die Blicke in einander. en Aus⸗„Sie glauben, daß ich den Vicomte und jetzt Ihren eltener Herrn Neffen hätte verſchwinden laſſen?“ fragte er voll dieſen Verwunderung;„wenigſtens, daß ich Näheres von Bei⸗ G gen viel⸗ den wüßte?“ Veran⸗„Etwa nicht, mein lieber General? Sollte der theure Vicomte bei einer raſchen Rundreiſe nicht irgendwo zu ich ver⸗ treffen, und mein Neffe, wenn man ein wenig in dieſe dank⸗ und jene Gefängniſſe ſehen dürfte, nicht in einem derſelben zu finden ſein?— Sie müſſen ja irgendwo ſein. Man ch Ihre verſchwindet doch nicht mehr, wie vordem, in die Regionen n Hauſe der Geiſter und Feen? Ja, ja, mein lieber General, Sie iſtänden V ſpielen ein wenig Verſteckens mit uns, geſtehen Sie's nur!“ redete ſie weiter, als ſie ihn zur Antwort nur 1— ic ſchweigend den Kopf ſchütteln ſah.„Und bei den An⸗ deren möchten Sie's immer thun— Sie wiſſen, ich miſche rme W⸗ mich nicht in Ihre Affairen, Maßnahmen und Entſchlüſſe, en iſt!“ die durch Ihre Stellung, Ihren Dienſt beſtimmt werden. 4 tauchte Aber gegen mich find' ich's in dieſem Falle ſo gut un— lben ſo recht, wie in anderen Fällen. Denn Sie ſind kein ehr⸗ noollen licher Bundesgenoſſe, General, Sie haben mich im Stich gelaſſen! Sehen Sie,“ ſchloß ſie lächelnd,„da bin ich bei wirklich den Mittheilungen, denen Sie vorhin ſo entzückt entgegen⸗ auſe, zuſehen behaupteten.“— — —yõ—-y— — — —— —— 276 Neunzehntes Kapitel. Das wollten Sie mir ſagen?“ fragte er nach einer Pauſe des Fixirens in zweifelndem Tone. „Ja wohl— mit Ihnen zanken!“ erwiderte ſie offen. „Sie haben mich im Stiche gelaſſen, ſchon damals vor Weihnachten, ſchon im Herbſt!— Sie wiſſen, was wir über meinen Vater und die Familie ſprachen—“ „Ach, Gräfin, alſo das!“ fiel er mit wiedergewon⸗ nener, heiterer Galanterie ein.„Was wollen Sie! Man gewinnt zuweilen eine andere Anſicht von Dingen, Ver⸗ hältniſſen und—“ „Perſonen, mein lieber General? Vielleicht auch ſo⸗ gar von mir?“ Er zuckte lächelnd die Achſeln.„Auch von Ihnen, Gräfin. Ich mache Ihnen keinen Vorwurf, meine ſchöne Feindin, und bin, wie Sie ſehen, trotzdem noch immer der treueſte Verehrer Ihrer Anmuth. Unſere Zeit iſt eine gewaltige und gewaltſame— ſie, nicht mehr wir ſelbſt, beſtimmt über uns.“ Sie ſchüttelte mit einem verwunderten Lächeln den ſchönen Kopf, während ſie verſetzte:„Das ſcheint leider nur zu richtig zu ſein, und obendrein ſcheint ſie unſer Urtheil ſehr— ſehr zu beherrſchen!— Mein lieber Gene⸗ ral, wo denken Sie hin! Ich Ihre Feindin? Bah, worin denn? Sie wiſſen doch, daß ich mich Gott ſei Dank um nichts weniger als um Politik bekümmere, und ſonſt— bah doch, ſage ich!— Sie ſind ſehr verändert, General, aber auch ich mache Ihnen keinen Vorwurf daraus. Un⸗ ſere Zeit iſt allerdings eine furchtbare. Alle dieſe neuen Ereigniſſe— ich kann es mir vorſtellen, wie Sie gerade ich einer je offen. als vor as wir ergewon⸗ he! Man mmer der iſt eine ir ſelbſt, York's Convention von Tauroggen. 277 in Ihrer Stellung, mit Ihrer Anſchauung der ganzen Lage darunter leiden, wie ernſt— erinnern Sie ſich noch an jenen Abend vor dem Kamine im Salon, als Sie meinem verehrten Papa und mir von Ihren Befürchtungen für dieſen Frühling ſprachen?“ brach ſie ab.„Es iſt doch wunderbar, wie Sie es vorausſagen konnten! Es iſt jetzt wirklich—“ Seine zwar verbindliche und dennoch entſchieden zu⸗ rückweiſende Handbewegung ließ ſie innehalten.„Ich ſah wohl zu ſchwarz,“ ſprach er mit einem faſt ſtolzen Lächeln; „wenigſtens vergaß ich bei meiner Rechnung eines Haupt⸗ factors— der Unentſchloſſenheit und Langſamkeit der guten Deutſchen. Der Abfall des Generals York iſt jetzt nur noch ein für ihn allein verderblicher dummer Streich. In vier Wochen fliegen unſere Adler zur Rache herbei an den Verräthern, den Lauen und den Schwankenden, und Deutſchland darf wieder träumen.— Aber genug dieſer Reden! Ich mag Ihre ſchönen Augen nicht ſo ernſt ſehen, Gräfin!— Und da kommt Ihr Herr Vater.“— Zwanzigſtes Kapitel. Gräfin Hebe daheim. Frage: Sag' mir an, mein lieber Waidmann Was macht den Wald weiß, Was macht den Wolf greis, Was macht den See breit, Woher kommt alle Klugheit? Antw.: Das will ich dir wohl ſagen ſchon: Das Alter macht den Wolf greis, Der Schnee macht den Wald weiß, Und das Waſſer den See breit,— Vom ſchönen Jungfräulein kommt alle Klugheit. Alter Waidſpruch. „Ich geſtehe es ein, Tante— dieſes Zuſammenſein mit ihm, im Verein mit ſeinem Weſen und Benehmen, blieben nicht ohne Eindruck auf mich; alles, mit Einem Worte, trug dazu bei, ihn mir näher zu rücken. Denken Sie daran, daß ich gegen Sie ſchon durch meine Mutter eingenommen war, daß ich nicht ein einziges Mal Veran⸗ laſſung hatte, bei Ihnen für mich etwas wie Wohlwollen anzunehmen. Ich war gegen Sie, gereizt, zornig, voll Haß, ſo albern Ihnen das erſcheinen mag. Ich war ver⸗ wöhnt, Tante; ich war nie etwas Anderes geweſen, als die Erſte, wo ich auch erſchien— und hier ſollte ich nicht me Mutter Veran⸗ hlwollen ig, voll var ber⸗ en, als 1 nicht Gräfin Hebe daheim. 279 einmal die Zweite ſein. Denn Sie ſchienen mir niemand einen Platz neben oder hinter ſich übrig laſſen zu wollen. Sehen Sie— darin lag's.— Dann ſah ich Sie alles, was gegen die Franzoſen, protegiren, gegen diejenigen, die nach meinen bisherigen Anſchauungen im vollſten Glanze des Glückes, des Ruhmes und des— Rechtes da ſtanden. Ich ſah Sie nicht nur den Großvater und jeden Anderen beherrſchen und verſpotten, ſondern auch gegen Vial intri— guiren— das indignirte mich. Sie entzogen den Letzteren mir, Sie ſpielten mit ihm und lachten ihn heimlich aus— das indignirte und erbitterte mich noch mehr.— Ich hatte mich, wie ich ſchon ſagte, an ihn gewöhnt. Ich nahm ſeine Huldigungen, die übrigens faſt immer in ſtrengen Schranken blieben, nicht nur an, ſondern ich vermißte ſie, wo Sie ihn mir entzogen, und bedurfte ihrer.“ So ſprach Stephanie in der ſtillen Nachmittagsſtunde zur Tante, der ſie in dem uns bekannten anmuthigen Zimmer gegenüber ſaß, neben der lauſchig überrankten Fenſterniſche, auf demſelben Tabouret und in eben der Nähe, wie wir hier ſchon einmal Sophie Magdalene trafen. Sie ſaß nicht in ihrer ſtarren und geraden Haltung, die ſie ſonſt nur ſelten aufzugeben pflegte, und auch nicht in der nachläſſigen und doch im Grunde übermüthigen Gleich⸗ gültigkeit der vornehmen, verwöhnten und durch ihre Um⸗ gebung nicht gerade angeſprochenen Dame, ſondern ſie war vornüber geneigt, den Arm auf das Knie geſtützt und das Köpfchen auf die Hand gelegt, und der roſige Hauch, der jetzt ihr Geſicht, ihren Hals und Nacken be⸗ deckte, war leicht als eine Folge der Aufregung und der 280 Zwanzigſtes Kapitel. Bekenntniſſe dieſer Stunde zu erkennen. Denn das junge Mädchen ſah leidend aus, die ſtolze Kälte und Sicherheit des ganzen Geſichtsausdrucks hatte einem Zuge von Nie⸗ dergeſchlagenheit und Kummer Platz gemacht; auch ihre Augen lagen krankhaft tief, und es war faſt, als ſei ſelbſt das glänzende Blau dieſer Sterne bleicher und matter ge⸗ worden. Gräfin Hebe hatte das alles ſchon am Morgen beim erſten Blicke und im Laufe des Tages wahrgenommen und ſich, zumal wenn ſie an die Bemerkungen Steffen's dachte, auf das peinlichſte dadurch berührt gefühlt. Und doch konnte ſie, wenn ſie ſich an jenes Billet erinnerte, wenn ſie Weſen und Auftreten der Nichte beobachtete und die Veränderung überlegte, die mit dem Mädchen vorge⸗ gangen war, nicht daran glauben, daß ſie eine Sünderin und Büßerin vor ſich habe, die, in ihrem Innerſten zer⸗ brochen, nur noch danach verlangte, ihren Fehltritt durch ernſtliche und ſchmerzliche Buße, ihren verderblichen Stolz durch eine eben ſo extreme Demuth gut zu machen. Hier hatte ſie etwas Anderes vor ſich, es war eine Zerdrückte und in ſich Gegangene, aber keine Zerbrochene, und ge⸗ rade wie Stephanie ſich Sophie Magdalenen zugewandt und auf das herzlichſte mit ihr verkehrt hatte, beruhigte die Tante vollends. Eugen hatte ſich getäuſcht, und der Schäfer in der ſtarren Strenge, mit der ſolche Leute ge⸗ rade faſt immer auf ähnliche Fehltritte hinabſehen, weit über die Wahrheit hinausgegriffen.— Welche Schuld ſie ſich ſelber beizumeſſen gehabt haben würde, wenn die Nichte unglücklich geworden wäre, das emg von den dem pei wej das junge Sicherheit von Nie⸗ auch ihre ſei ſelbſt natter ge⸗ n vorge⸗ Sünderin erſten zer⸗ ritt durch ſen. Hier gerdrücke und ge⸗ ugewandt beruhigte und der Leute ge⸗ en, weit bt haben e, das Gräfin Hebe daheim. 281 empfand ſie tiefer, als manche unſerer Leſer es vielleicht von dieſem glänzenden und funkelnden, leicht hinflattern⸗ den Weſen annehmen möchten; und ſie fühlte ſich, nach⸗ dem ſie die Wahrheit erkannt zu haben glaubte, von einem peinlichen Drucke befreit, der ihr um ſo empfindlicher ge⸗ weſen, je weniger ſie mit Eberhard von dieſen Dingen geredet hatte. Und ſie ſagte ſich nun mit einer gewiſſen Genugthuung, daß ſie, wenn vielleicht auch in anderer Weiſe, als ſie gemeint, dennoch Recht gehabt hatte, da⸗ mals auf dem Balle gegen Eberhard ihre Ueberzeugung auszuſprechen: Stephanie werde durch ihr Weſen und ihren Charakter dem Vicomte gegenüber geſichert ſein. Und nun ſaß das Mädchen, wie geſagt, neben ihr und hatte ſeine Mittheilungen begonnen, und damit von vorn herein den letzten Reſt der Unruhe und des Zwei⸗ fels in Hebe zerſtört. Sie fühlte und verſtand die ernſte Anklage, die aus Stephaniens Worten gegen ſie ſelbſt hervortrat, auf das ernſtlichſte und tiefſte, aber ſie wies jetzt das alles von ſich zurück, denn ſie war viel zu ge⸗ ſpannt, zu vernehmen, wie ſich die Gefahr und Rettung der Aermſten entwickelt, wie ſich die gänzliche Umwand⸗ lung dieſes Charakters vollendet habe, die ihr aus jedem Zuge, aus dem ganzen Sinn und Weſen der Nichte ent⸗ gegentrat. Und ſie legte nun die Hand auf den blonden, ge⸗ beugten Kopf und ſagte mild:„Wir wollen jetzt nicht mit einander rechnen, Stephanie, dazu wird die Zeit auch noch einmal kommen. Wir ſind Beide nicht ohne Schuld, aber die meiſte tragen die Zuſtände und Verhältniſſe deines —— 282 Zwanzigſtes Kapitel. und meines Hauſes, über welche eben keine von uns Herrin iſt. Jetzt kümmere dich um nichts, ſondern ſprich dich aus, wie du es für nöthig hältſt. Eins will ich dir von mir ſagen— halte mich für was, und taxire mich, wie du willſt— ein mir entgegen getragenes Leid hab' ich noch nie zurückgewieſen, eine fremde Noth, wenn ſie wirklich und wahrhaftig, noch immer verſtanden und noch immer Hülfe zu bringen verſucht, wo man nach derſelben verlangte.— Nun ſprich weiter, vor mir brauchſt du dich nicht zu geniren oder einer momentanen Schwäche zu ſchämen. Ich weiß es von mir ſelbſt, daß man nicht immer ſtark bleibt.“ Das jetzt wieder bleiche Geſicht erhob ſich zu ihr, die ſtillen, blauen Augen ſahen ſie eine Weile gedankenvoll und ernſt an, und erſt nach einem langen Schweigen fing das Mädchen wieder an. „Ich mußte ſagen, was ich geſagt habe,“ ſprach ſie. „Es iſt keine Anklage darin und keine feige Entſchuldi⸗ gung, aber eine Erklärung, die ich mir ſelber und meinem Selbſtgefühl, meinem Stolze ſchuldig war und bin.— Ich habe aber über dieſe Zuſtände nichts mehr hinzuzufügen. Sie werden ſich etwa denken können, wie das alles weiter gegangen iſt, Sie können das vielleicht beſſer als ich ſelbſt, die ich in jenen Wochen faſt immer in Aufregung oder faſt in Betäubung, voll Verdruß, Gereiztheit, Erbitterung war und, wenn ich mich einmal frei fühlte, zuweilen ſelbſt mich am allerwenigſten begriff. Ich kann nur Zweierlei ſagen— wie ich auch ſein, fühlen und denken mochte, eine eigentliche Annäherung habe ich ihm nie geſtattet, von uns dern ſprich vill ich dir Leid hab' wenn ſie nund noch h derſelben hſt du dich zu ſchämen. mmer ſtark zu ihr, die dankenvoll veigen fing ſprach ſie. Entſchuldi⸗ nd meinem bin. Jch zuzufügen. 2L es weiter z ich ſelbſt, ggung oder gröitterung veilen ſelbſt 2n mochte/ geſtattet Gräfin Hebe daheim. 283 vielmehr ſtets ihm gegenüber meine Haltung bewahrt, die ich auch gar keinen Grund hatte aufzugeben. Seinet⸗ wegen dachte ich am Ende doch verhältnißmäßig ſelten an ihn. Ein einziges Mal, wo ich unwohl war und ge⸗ reizt durch mancherlei, ließ ich mich zu einer Aeußerung fortreißen, die ich hinterdrein ſelber auf das ſchwerſte be⸗ reut habe, weil ſie ihn augenſcheinlich etwas von mir zu glauben veranlaßte, was in dieſer Weiſe nicht da war. „Denn ich will es nur gleich ſagen, Tante,“ fügte ſie hinzu, während wieder der rothe Schimmer über Ge— ſicht und Hals flog—„geliebt, ſo daß ich nur mit ihm glücklich zu werden gedachte, daß ich ſeinen Verluſt, ſeine Untreue nie überwunden hätte,— ſo geliebt habe ich Herrn von Vial niemals. Ich war gewöhnt an Aufmerk⸗ ſamkeit, ſein Weſen, ſeine Erſcheinung zogen mich an, ſeine gelegentliche Vernachläſſigung reizte mich, meine Iſolirung gab mir Gelegenheit und Muße zum Träumen und Grü⸗ beln. Er war mir nicht zuwider, ich glaubte ſogar mit ihm gut leben zu können. Das iſt, glaub' ich, alles. „Nach jener Aeußerung, deren ich gedacht, zeigte er, wie angedeutet, eine Art triumphirender Siegesgewißheit, die mich nicht nur erſchreckte, ſondern auch faſt indignirte. Mein Weſen in den nächſten Tagen ſollte ihm das klar gemacht haben, obgleich es das, wie ich zu bemerken meinte, nicht that. Wenigſtens lenkte er nicht in ſolcher Weiſe ein. Und dennoch, Tante, ließ ich mich aufs neue fort⸗ reißen!— Was in jenen Tagen, wo die Vorbereitungen zum Balle ihn beſchäftigten und mir faſt immer fern hiel— ten, in mir vorgegangen, ob ich krank geweſen, ohne es — — —— — 284 Zwanzigſtes Kapitel. zu wiſſen, ob gerade ſeine häufige Abweſenheit, unſere ganz ungewöhnliche Trennung, ſeine Raſtloſigkeit und Eingenommenheit und dann wieder ein paar raſche Worte, die er geſchickt mir zuzuflüſtern, mit denen er mich zu treffen wußte— ob dies alles oder irgend etwas Anderes mich erregt, gereizt, alles in mir ungeduldig gemacht und auf das heftigſte angeſpannt, das weiß und verſtehe ich nicht. Ich weiß nicht einmal, ob er es geſpürt und da⸗ rauf weiter gebaut. Genug, an dem Ballabend ſelbſt war ich in einer Stimmung und Aufregung, die mich ſelber verdroß und deren ich doch nicht Herr werden konnte, die mir unbegreiflich und peinlich war und mich dennoch nicht nur ſeine ſtets dreiſtere Annäherung dulden, ſeine ſtets offeneren Worte anhören, ſondern mich auch antwor⸗ ten, mit Einem Worte, mich ihm hingeben ließ, wie ich es ſelbſt von mir einem Manne gegenüber nie für möglich gehalten haben würde. „Es ſei genug damit, Tante,“ fuhr ſie fort, und ihr Geſicht nahm einen finſtern Ausdruck an und auch ihre Stimme klang fortan ſtrenger und herber.„Nach dem letzten Tanze mit ihm, wo er noch kühner geſprochen, ſo, wie kein Mann von Ehre zu einem anſtändigen Mädchen, das er noch obendrein zu lieben behauptet, ſprechen darf und kann— ich habe das erſt ſpäter begriffen— fühlte ich mich vor Aufregung und Erſchöpfung faſt einer Ohn⸗ macht nahe. Ich konnte es in dem Lärm und Wirbel umher nicht aushalten, ich konnte ihn jetzt nicht wieder hören. Ich empfand das tief, da er mir noch einmal nachkam, mich im Cabinet aufzuhalten ſuchte. Ich blieb heit, unſere vſigkeit und aſche Worte, er mich zu das Anderes gemacht und verſtehe ich ürt und da⸗ abend ſelbſt g, die mich rden konnte, ich dennoch n, ſeine uch antwor⸗ eß, wie ich für möglich ort, und ihr d auch ihre Nach dem ſprochen, ſo, en Mädchen, prechen darf en— fühlte einer Ohn⸗ und Wirbel richt wieder noch einmal 3h bli⸗ Gräfin Hebe daheim. 285 aber ſtark. Ich floh auf mein Zimmer, um zu ruhen, mich zu faſſen, mich ſelbſt wieder zu gewinnen. Ich fühlte tief: du darfſt das nicht hören, du darfſt dich nicht ſo fortreißen laſſen!— Und ich fühlte zu meinem Entſetzen, daß ich doch nicht anders könne, daß wir uns anders als bisher gegenüber ſtänden und kaum noch zurück könnten. Er hatte zu viel geſagt, ich zu viel gehört, ohne ihn zu⸗ rück zu weiſen. Ich wiederhole, ich weiß nicht, was in mir geweſen. Ich war nicht ich ſelbſt, und wäre er in jenen erſten Augenblicken zu mir eingedrungen, Tante— es wäre mir vielleicht nichts Anderes geblieben, als zu ſterben.— „Er kam aber erſt, als ich ſchon wieder einigermaßen zur Ruhe, zur Beſinnung gekommen war. Dennoch er— ſchreckte und betäubte mich ſein plötzliches Erſcheinen ſo ſehr, daß ich Anfangs keines Lautes und keiner Bewe⸗ gung mächtig war, daß ich ihn willenlos zu meinen Füßen ſah, ihn meine Hände feſthalten und küſſen fühlte, ſeine glühenden Worte vernahm, daß mein Sehen wie ver⸗ ſchleiert, mein Hören wie betäubt war, daß ich faſt be⸗ wußtlos ward. Erſt als ich ſeinen Arm mich plötzlich umfaſſen und ſein Geſicht ſo nahe vor dem meinen, ſeine Augen ſo heiß ſah und ein Wort hörte, Tante— ein ſüßes und zugleich furchtbares Wort,— da kam ich wie⸗ der zu mir ſelbſt und riß mich auf. Da erfaßte mich eine ſolche Indignation gegen ihn und gegen mich, daß ich mich los rang und auffuhr, daß ich aufſchrie in mei— nem Entſetzen, in meiner Verzweiflung, laut auf!— — 286 Zwanzigſtes Kapitel. „Und faſt zugleich mit dem Schrei ſprang die Thür auf und Eugen war vor uns.—— „Wie mir das war, Tante,— daß gerade er es war, er, den ich für einen Mann von der reinſten und höchſten Ehre halte, den ich achte, wie niemand vor ihm, den ich, wenn ich es auch niemals verrieth, um das Ge⸗ fühl, das er mir widmete, auf das tiefſte bedauert habe, während ich mich ſelbſt nach jedem Begegnen aufs neue unglücklich und faſt elend fühlte, weil ich es nicht anneh⸗ men, nicht erwidern zu können glaubte; daß gerade er es war, er, der mich durch ſeine Neigung ſo hoch geſtellt hatte, durch dieſe Neigung, die ich nie anders als die höchſte Ehre empfunden, welche mir je erwieſen werden konnte,— das, Tante, das vermag ich nie auszuſprechen. Es war faſt das Fürchterlichſte von allem, was mir an dieſem Abend begegnete. Ich konnte nur die Hände vor die Augen preſſen und nichts ſagen, als:„Hinweg!“—— „Ich war meiner nicht mächtig. Ich weiß nicht, ob Vial, ob Eugen zu einander, zu mir anfänglich etwas geſagt, ob Eugen meine Bewegung, mein Wort anders und falſch ausgelegt, ob er in mir allein die entſetzte Schuldige geſehen. Ich weiß nichts davon. Ich hörte ihn nur unmittelbar auf dieſen Ruf das Zimmer wieder verlaſſen. „Als ich die Hände dann ſinken ließ, erblickte ich zu meinem Entſetzen Vial noch vor mir. Da fand ich mich im Zorne wieder.„Elender, Ehrloſer, Feiger! Hat Sie auch der Anblick des Mannes von Ehre nicht zur Beſin⸗ nung gebracht und muß ich noch einmal, jetzt aber wirklich igg die Thür rade er es binſten und nd vor ihm, um das Ge⸗ dauert habe, aufs neue nicht anneh⸗ gerade er hoch geſtellt rs als die ſen werden zuſprechen. Has mir an Hände vor weg“ F nicht, oh glich etwas gor anders die entſehte Jch hörte mmer wieder licte ich zu nd ich nich „ Hat Sie zur Beſin ber wirllic Gräfin Hebe daheim. 287 und ihn zur Hülfe und zum Schutze rufen?“ So ſagte ich etwa zu ihm, und darauf ſah ich ihn wie außer ſich hinaus ſtürzen.— „Ich brauchte einige Zeit, mich zu faſſen, bis ich in den Saal zurückkehren konnte. Hinunter mußte ich. Ich wollte dem Elenden den Triumph nicht gönnen, daß er meine Kraft auch nur auf eine Stunde gebrochen, daß er doch vielleicht noch frech genug glauben könne, nur unſere Ueberraſchung durch den Couſin ſei ſchuld an ſeiner Niederlage. Und ich wollte und mußte dieſen Letzteren ſehen und ſprechen. Er durfte mich nicht für ſchuldig, für eine Elende und Unwürdige halten; ich konnte den Ge⸗ danken nicht ertragen.— „Ich habe ihn aber wohl ertragen lernen müſſen,“ fuhr ſie ſtets gleich finſter, aber gepreßter fort,„denn ich ſah ihn an jenem Abende nur noch einmal ganz in der Ferne und fand keine Möglichkeit, ihm zu nahen, konnte mich nicht einmal mehr an ſeine Schweſter wenden, denn wie Sie ſich vielleicht noch erinnern, Tante, blieben Beide nicht, wie beſtimmt, bis zum nächſten Tage, ſondern reiſſten noch in derſelben Nacht nach Rhodenfelde zurück und ließen ſich, Eugen gar nicht, Sophie Magdalene erſt damals hier wieder ſehen, als ſie gleich darauf mit Ihnen nach Drei⸗ heiligen ging. In dieſen Tagen konnte ich nicht reden. Ich hatte kein Vertrauen zu Ihnen oder der Couſine.— „Von Vial habe ich, ſeit er damals aus meinem Zimmer ſtürzte, eben ſo wenig etwas wieder geſehen, wie Sie alle. Er blieb auch für mich verſchwunden. Ich konnte mir indeſſen vorſtellen, daß Ihre Annahme, er ſei 288 Zwanzigſtes Kapitel. von ſeinem Chef verſchickt, nicht die richtige ſein würde. Meine Jungfer, die Joſephine, hat beide Herren zuſam⸗ men aus dem Corridor droben weg und nach des Vi— comte Zimmern eilen ſehen, den Franzoſen mit heftigen Geberden und Worten, von denen ſie jedoch nur einzelne verſtanden, die ihr auf ein Duell hinzudeuten ſchienen; der Graf, meinte ſie, folgte nur widerwillig. Ueberhaupt V verſtehe ich das nicht, denn wenn ein Duell erfolgte und V der Vicomte unterlag,— wie kommt es, daß Eugen auf das erſtere einging und das letztere verſchwieg? Die Sache muß für ihn dadurch ja einen ſchlimmen Anſchein ge⸗ winnen. Trotzdem verbot ich Joſephinen auf das ſtrengſte jede Aeußerung über das Geſehene. Ich war dabei aber Anfangs, noch unter der Herrſchaft der Aufregung, un⸗ vorſichtig geweſen und hatte das Mädchen merken laſſen, daß Beide aus meinem Zimmer gekommen. Sie hat dann neuerdings davon Gebrauch zu machen gewußt, indem ſie mir zu verſtehen gab, wenn ich das Intereſſe nicht habe, dem Schickſale des Vicomte nachzuforſchen und ſeinen Tod zu rächen, ſo— ſo habe ſie es, Tante!“— Stephanie hielt inne, ihr Geſicht war wie mit Schar⸗ lach übergoſſen; und erſt als Hebe mit einem leiſen ſpöt⸗ tiſchen Lächeln, das aber von der vor ſich hinſchauenden Nichte nicht bemerkt wurde, die Hand von neuem über ihr Haar gleiten ließ und im ſanften Tone ſprach:„Kümmere dich nicht um die Dirne, mein Kind! Rede weiter!“— da erhob ſie die Augen mit einem aus Zürnen und Stolz gemiſchten finſtern Blick und ſagte:„Das kann ich nicht, Tante. Was ich da erfuhr, oder vielmehr, was die Freche Gräfin Hebe daheim. 289 ſein wüdde. mich ahnen ließ, was ſie mir auch in Bezug auf mich zu rren zuſam⸗ verſtehen zu geben wagte, iſt von der Art, daß— genug, ach des V⸗⸗ Tante. Hätte ich den Franzoſen wirklich geliebt, danach nit heftigen hätte ich auch den letzten Gedanken an ihn aus meinem Kopfe verbannt. „Ich wußte hiervon noch nichts, als Sie abreiſ'ten, obſchon ich ſchon damals entſchloſſen war, mit Ihnen bei Gelegenheit dennoch zu reden und durch Sie eine Ver⸗ ſtändigung mit Eugen zu ſuchen, denn ich konnte all dieſe Qual nicht länger allein tragen— von ihm vielleicht ver⸗ kannt zu werden und daneben vermuthlich den Tod eines Menſchen veranlaßt zu haben, dem ich, wie ſehr ich ihn nur einzelne en ſchienen; Ueberhaupt erfolgte und Eugen auf Die Sache Anſchein ge⸗ as ſtrengſte Hotze aber verabſcheute und verachtete, weder um meinet⸗, noch um abel abe ur⸗ Eugen's und Ihrer aller willen ein ſolches Ende wünſchen kegung, un⸗ konnte. Denn ich weiß es wohl,“ unterbrach ſie ſich und erhob das Auge wieder zu Hebe und ließ den ernſten Blick feſt auf deren Zügen ruhen, in denen ſich allerdings — rien laſſen, ie hat dann t, undem t etwas zeigte, was man als eine flüchtige Ueberraſchung 4vii hol⸗ auslegen konnte—„ich weiß es wohl, Tante, daß in ſſänen T0n Ihren Kreiſen etwas vorgeht— gegen die Herrſchaft der Franzoſen, was keinerlei Aufmerkſamkeit auf ein Mitglied e mit Sdae dieſer Kreiſe vertragen kann.“— leiſen ſpör Comteſſe Hebe ließ ein paar Sekunden verſtreichen, inihauenden ohne das Schweigen zu brechen. Ihr Geſicht zeigte längſt uem über ihr wieder die warme und ernſte Theilnahme, wie während .„Kümmere I dieſer ganzen Unterhaltung, und ihr Auge begegnete weiter’“ dem der Nichte mit einem Blicke, den man nur theil⸗ n und Stolz nahmsvoll heißen mußte und in dem nichts verrieth, daß 1 z die greche Hoefer, Fremdherrſchaft. II. 19 ih niht, die Dame durch dieſe Nachricht dennoch vielleicht frappirt — 290 Zwanzigſtes Kapitel. worden.„Woher ſchließt du das, Kleine?“ fragte ſie endlich ſogar freundlich und mit einem leichten Lächeln. „Der Vicomte hat ein paarmal auf ſo etwas hinge— deutet, Tante.“ „Herr von Vial? Gegen dich? Das iſt ſeltſam! Hat er denn Dergleichen öfters mit dir geredet?“ „Nicht eigentlich; nur angedeutet, ſage ich; er ließ es fallen, und ſo war es auch auf dem Balle—“ „Auf dem Balle?“ fiel Hebe jetzt mit unverhehltem Erſtaunen ein.„Wie kam denn das?“ „Beiläufig, Tante. Er war bei unſerem erſten Tanze zerſtreut und ſuchte mit den Augen im Saale umher. Und da ich ihn nach dem Grunde fragte, meinte er, er wundere ſich nur, daß Graf Eberhard noch fehle.—„Intereſſirt der Sie plötzlich ſo ſehr?“ fragte ich von neuem.—„Ja, gewiſſermaßen,“ ſagte er.„Ich habe die Vermuthung, daß manche unſerer Gäſte ſich auf dieſem Feſte noch um etwas Anderes bekümmern wollen, als um den Tanz und das Vergnügen.“—„Und das wäre? Und Graf Eber⸗ hard, bekümmert ſich der überhaupt um etwas?“ fragte ich ſo hin, denn das alles intereſſirte mich kaum.—„Laſſen wir das gehen,“ meinte er.„Es iſt nichts für uns. Ihr Onkel iſt übrigens ein feiner und kluger Kopf, das glau⸗ ben Sie nur. Und wenn er nicht käme, würde ich nicht mehr argwöhnen, ſondern glauben; man iſt zuweilen zu ſchlau.“— Comteſſe Hebe ſchüttelte verwundert den Kopf.„Das iſt ſehr ſeltſam!“ ſagte ſie.„Was er nur gemeint haben mag? Vermuthlich iſt es ſchließlich nichts geweſen, als einer ———— Gräfin Hebe daheim. 291 fragte ſie dir ſe ſeiner gewöhnli Trã zu Zei gewöhnlichen Träume, denn es war zu Zeiten ein kü Träumer, dieſer theure Herr von Vial, und ein großer e hinge Phantaſt!“— ei g Auch Stephanie bewegte jetzt das Köpfchen ein paar⸗ 1 mal leiſe hin und her.„Auch in dieſem Falle, Tante?“ 8 fragte ſie zweifelnd.„Ich würde auf dies alles nichts er ließ es gegeben und auch ſchwerlich wieder daran gedacht haben, denn es intereſſirte mich, wie geſagt, nicht und ging auch zehehltem zu ſchnell und leicht vorüber, hätte ich nicht nachher aus einer Aeußerung Joſephinens ſchließen müſſen, daß der Vicomte von ihr eine Nachricht erwartet habe, die er dann—“* „Die ſie ihm etwa bringen wollte, als ſie den beiden Herren droben begegnete?“ ſiel Hebe mit nicht zu unter⸗ .— Ja, drückendem Spotte ein.„Suchte ſie ihn etwa dort?“— muthung, Stephanie ſah die Tante mit einem dunkeln Blicke noch um an.„Ich meine, ſie habe ihn drunten im Saale ſuchen Tanz und laſſen und ſei dann zu ſeinen Zimmern gegangen,“ raf Eber⸗ ſprach ſie. fragte„Und die Nachricht, mein Kind?— Was konnte ſie b — Laſſen zu melden haben? Fanny hat mir etwas von einer pi⸗ uns. Ihr kanten Scene erzählt, die Donna Joſephine drunten mit das glau⸗ irgend einem der Staatsjäger aufgeführt haben ſoll, und ich nict durch welche ſie ſo vollſtändig in Anſpruch genommen veilen zu wurde, daß ſie darüber ſogar das Souper vergaß.“ „Tante, ſie ſagte mir davon, daß man gegen ſie in— Das triguirt und ſie auf jede mögliche Weiſe von gelegentlichen laben und unbequemen Beobachtungen abzuhalten verſucht habe. Dennoch wiſſe ſie wohl, daß die Herren⸗Verſammlung in 292 Zwanzigſtes Kapitel. Ihrem hinteren Zimmer ſtatt gefunden, wenn ſie auch keine Namen—“ „Der Raucher und Trinker nennen könne?“ fiel Hebe ſpottend ein.„Gott weiß, daß ſie mir mein armes Zim⸗ mer auf Monate hinaus verdorben haben durch all den Dampf!— Alſo das ſind die Verſchwörer geweſen?“— „Weiter weiß ich nichts, Tante,“ verſetzte Stephanie ernſt.„Ich fühlte mich nicht veranlaßt zu weiteren Fragen.“ „Ah!“ ſagte Comteſſe Hebe in einem aus Spott und Luſtigkeit gemiſchten Tone,„ich verſtehe jetzt das alles. Es iſt den lieben Menſchen bekannt geworden, daß ich eines von meinen Gemächern zum Rauchzimmer hergab. Herr von Vial hat dieſe Nachgiebigkeit und die Leiden⸗ ſchaft unſerer Herren für ihre Pfeifen nicht verſtanden, an eine Verſchwörung gedacht, Donna Joſephine als Spion angeſtellt, um mit ihrer Hülfe einen großen Fang zu machen. Das arme Geſchöpf aber findet ein anderes Amuſement, ſieht und hört nichts, ſchämt ſich und hält, nachdem Vial verſchwunden und ſie nicht mehr erwarten kann, bei Anderen mit ihren Einfällen zu reuſſiren, wohl⸗ weislich den Mund über dies alles— o lieber Gott!“— Die junge Gräfin ſah die Tante eine Weile ſchwei⸗ gend und prüfend an.„Tante, Sie nehmen das alles ſehr leicht,“ bemerkte ſie endlich,„und doch—“ „Aber Kind, wie ſoll ich das denn anders nehmen?“ unterbrach die luſtige Dame lachend die Worte ihrer Nichte.„Ich ſehe aus dem allem nur, daß wir an dem Herrn Vicomte noch mehr verloren haben, als ich bisher Stephanie weiteren Spott und das alles. daß ich rgab. e Leiden⸗ erſtanden, phine als ßen Fang n anderes und hält, erwarten ten, wohl⸗ O att!“— ott! le ſchwei⸗ das alles Gräfin Hebe daheim. 293 glaubte. Er hätte ſich wahrhaftig zum Nachfolger Vetter Chriſtian's qualificirt und würde eben ſo treffliche Ge⸗ ſchichten erzählt haben! „Aber genug des Scherzes!“ fuhr ſie mit einem Male wieder ernſter fort und bot Stephanien die Hand hin. „Verzeihe mir dieſe Unterbrechung. Ich bin einmal ein leichtſinniges Geſchöpf, das einer ſich ankündigenden Lächer⸗ lichkeit nicht zu widerſtehen vermag, ſondern ihr nachlaufen muß. Verzage nicht an mir, mein Kind!“ redete ſie im⸗ mer herzlicher weiter.„Ich bin nie undankbar geweſen, beſonders nicht für ein mir entgegenkommendes Vertrauen, oder wo ich in mir ſelbſt einen Irrthum zu berichtigen, ein von mir ausgegangenes Unrecht gut zu machen fand. Du ſollſt mich kennen lernen und dein Vertrauen nicht zu bereuen haben.— Nun laſſe alle dieſe Thorheiten ruhen und erzähle weiter, du warſt noch nicht fertig.“ Hebe's Ton und ihr Blick, der Druck der kleinen Hand und das milde, gütige Lächeln— es war alles ſo überzeugend und ſo unwiderſtehlich, daß Stephanie die ſichtbare Mißſtimmung, welche das vorhergehende raſche Geſpräch in ihr hervorgerufen hatte, ſchnell überwand. Sie vergalt den Blick und das Lächeln der Tante mit einem gleich innigen, ſie drückte die Hand an ihre Lippen, und endlich verſetzte ſie:„Ich habe nur noch wenig zu ſagen. Ob Sie Joſephinens Schweigen richtig erklärten, ob ſie ſich durch meinen Befehl einſchüchtern ließ— ich weiß es nicht. Sie hat aber zuletzt geredet, wenigſtens, daß ſie die beiden Herren zuſammen geſehen. Sie hat mir das ſelbſt zugleich mit dem, was ich vorhin anführte, — 294 Zwanzigſtes Kapitel. mitgetheilt. Es iſt ein Diener mit dem Großvater von S. gekommen, der Eugen kennen und haſſen muß—“ „Ich weiß davon. Fahre nur fort, Kind,“ mahnte Comteſſe Hebe die Stockende ruhig. „Alſo, der hatte ſie gefragt und dem ſagte ſie davon und theilte es mir triumphirend mit. Der Menſch ſoll den Grafen Eugen zu allem fähig und für einen Ver— ſchwörer erklärt haben, der im Herbſte ſchon, eben ſo wie Graf Eberhard, mit fremden Sendlingen verkehrte. Er wittere dergleichen auch hinter dieſem Herrn von Seelhorſt, den er nur einmal zu ſehen wünſche. Kurz, ich weiß nicht, was noch weiter!— Und Joſephine theilte mir eben ſo triumphirend mit, daß er nun ſchon fort ſei, um mit den Douanen zu ſprechen. Als ich ihr dann erſchreckt und zürnend von meinem Befehl, zu ſchweigen, redete— da kam denn das Andere heraus.— „Ich war ſehr erſchrocken,“ ſprach ſie nach einer Pauſe gepreßt weiter.„Was konnte ich thun, wohin ſollte ich mich wenden?— Sie waren fort, der Vetter ließ ſich nicht ſehen. Ich wußte freilich, daß der Groß⸗ vater dem Grafen Eugen nicht gerade freundlich geſinnt, aber es iſt doch ſein Enkel, und überdies ſchien er mich ſtets zu lieben. Ich flog alſo zu ihm und ſagte ihm alles. Aber wie er es auffaßte— was er mir in Bezug auf den Vicomte und mich ſagte—“ „Das hat dich eben uns vollends in die Arme ge⸗ führt, ich kann mir das ungefähr denken,“ ſprach Gräfin Hebe mit einem bitteren Lächeln, als ſie die tief erröthende Stephanie nach dem letzten Worte wieder ſtocken ſah. vater von 1— mahnte ſie davon ich einer „wohin r Vetter er Groß⸗ geſinnt, er mich m alles. zug auf Gräfin Hebe daheim. 295 Cher Papa hat ſeine beſonderen Anſichten über die Frauen und weiß dieſelben bei ſehr paſſenden Gelegenheiten aus⸗ zukramen.— Kümmere dich weiter nicht darum, mein Kind. Sage mir lieber, hat cher Papa auch etwa auf beſon⸗ dere Arrangements wegen der Güter hingedeutet?— Du ſiehſt, ich bin offen.“— Stephanie antwortete nicht ſogleich. Gleichſam vor ſich hinbrütend ſaß ſie einige Augenblicke finſter und ſchwei⸗ gend, und dann erſt nahm ſie die Hand der Tante, welche an der Seitenlehne des Stuhles herabhing, zwiſchen die ihren und drückte ſie vor ihre Augen.— „Ja, Tante, ja, das kam damals auch zur Sprache — darauf hingedeutet hatte er ſchon Morgens,“ verſetzte ſie, ohne dieſe Stellung aufzugeben, und ihre Stimme war wenig mehr als flüſternd, ſo gepreßt mochte die Bruſt des Mädchens ſein.„Er ſagte mir, Dieſes und Jenes habe er für mich im Sinne, beſonders, da er gegen Eberhard und Eugen keine Schonung weiter zu üben habe. Darum ſei ihm der Franzoſe lieb. Der werde feſthalten. Er habe— es— ſchlau— angefangen. So müſſe man uns fangen.— Nun habe er mich und die Grafſchaft.“— Hebe hatte ſich vorgebeugt, um der Nichte ihre Hand zu laſſen. Sie fühlte es, wie die Arme bei dieſer letzten Mittheilung bebte, und legte nun auch ihre andere Hand auf den blonden Kopf hinüber. „Genau, wie ich dachte,“ murmelte ſie, und dann ſagte ſie laut und bitter:„Beruhige dich, mein Herz! Ein alter, halb kindiſcher Mann redet viel, was er vordem nicht geſagt haben würde. Laß das gut ſein.“ — 296 Zwanzigſtes Kapitel. Stephanie ließ die Hände ſinken und ſah die Tante trübe an.„Und es iſt doch Ihr Vater, mein Großvater!“ ſprach ſie leiſe. „Laß das gut ſein, ſage ich,“ fiel Hebe ein, und zwiſchen den feinen Brauen zeigte ſich ein flüchtiges Zucken. „Erzähle weiter. Unſere Einſamkeit wird gleich zu Ende ſein.“ „Ich bin fertig,“ antwortete die junge Gräfin lang⸗ ſam.„Das alles zwang mich zu einer Mittheilung an Sie, ich fühlte mich gar zu hülflos. Der Vetter ließ ſich noch immer nicht ſehen. Dagegen begegnete ich, als ich gegen Abend in den Salon ging, dem Diener, den ich am Morgen von Ihnen herauskommen ſah, und vertraute ihm den Zettel an.“ Hebe's Lippen preßten ſich einen Augenblick zuſammen, bevor ſie ſagte:„Das war dennoch riskirt, Kind!“ „Ich hatte keine Wahl, Tante. Benachrichtigen mußte ich Sie. Und ich weiß wohl, daß mein Großvater hier außer dem alten Pierre kaum einen Anhänger hat.— Aber noch Eins,“ fuhr ſie fort, und ihre Brauen zogen ſich zuſammen und die blauen Augen blickten wunderbar dunkel;„der Großvater ſprach von dem Vicomte durchaus wie von einem Lebenden, während ich es bisher mir an⸗ ders denken mußte, und auch in den folgenden Tagen kam er, grauſam neckend, auf dieſen Punkt zurück. Lebt der Vicomte, Tante?“ Hebe ſah die Fragerin ein paar Sekunden lang ge⸗ dankenvoll und faſt finſter an. Sie erinnerte ſich jenes Abends in Dreiheiligen und der geheimnißvollen Worte die Tante foßvater!“ ein, und es Zucken. zu Ende ſſammen, Gräfin Hebe daheim. 297 des Schäfers, und endlich entgegnete ſie mit leiſem Kopf⸗ ſchütteln:„Wir erhielten darüber nur Andeutungen, die das in Zweifel ließen, und ich habe danach nicht mehr gefragt, zumal ich auch Eugen nicht wieder ſah.— Es iſt möglich, daß er ſchwer verwundet und dann irgendwo untergebracht wurde— aber ich weiß es nicht.“— Nach einem längeren Schweigen ſtand Stephanie auf, blieb jedoch neben der Tante ſtehen und ſagte gedämpft: „Nun wohl, Tante, ſo oder ſo— begegnen will und kann ich ihm nicht wieder. Und wenn dieſe Bemerkungen des Großvaters nicht aufhören, der im Stande zu ſein ſcheint, ſie auch vor Anderen als mir allein laut werden zu laſſen — wenn ich dieſes Geſchöpf noch um mich weiß, das— genug, Tante, iſt es nicht beſſer, ich kehre zu meiner Mutter zurück?“— Comteſſe Hebe ſank noch tiefer in ihren Stuhl zurück als bisher und blieb eine ganze Weile ohne Laut und Bewegung, den Blick aus dem Fenſter in das nach und nach dichter werdende Schneetreiben gewandt, während ihr Füßchen den Saum des Kleides leiſe auf- und abwiegte. Endlich erhob ſie die Augen wieder zu Stephanien mit einem überaus ernſten und ſinnenden Blicke und proch:„Kind, ich meine das nicht, doch kann ich nichts entſcheiden, bevor ich wieder warm geworden in Nieder⸗ Rhoda.— Um die— Dirne kümmere dich nicht. Es iſt gleichgültig, ob wir einen Feind mehr in der Welt haben, und du entläſſeſt ſie einfach. Ueber Vial kann ich dir nichts verſprechen, aber ich meine doch, man würde noch mit ihm fertig werden können. Im Uebrigen jedoch— 298 Zwanzigſtes Kapitel. ich muß erſt wieder Land und Leute kennen lernen, ich muß wiſſen, was eigentlich in dem braven General ſpukt und weßhalb er uns mit ſeinem Beſuch beehrt. Ich muß wiſſen, was dein Großvater vorhat, daß er ſo überaus herzlich gegen mich iſt. Ich denke immer, er will mich oder vielmehr uns mit irgend etwas überraſchen. Und da du jetzt doch auf keinen Fall fort könnteſt, ſo reden wir über dein Gehen und Bleiben ſpäter, Stephanie. Nur um Eines bitte ich dich,“ fügte ſie lebhafter und mit einem hellen Blicke hinzu,„wir ſind heute ſchon unvor⸗ ſichtig genug geweſen und wollen uns damit begnügen. Sie brauchen nicht zu wiſſen, daß du anders zu uns ſtehſt als bisher. Sei vorſichtig gegen mich, ſei vorſichtig gegen deine Couſine; dein Großvater iſt mißtrauiſch. Und wenn man ſchon unſer jetziges Beiſammenſein bemerkt hat— du hatteſt mir einfach Mittheilungen aus einem Briefe deiner Mutter zu machen über neue Moden, über einen Heiraths⸗Antrag von einem eurer Magnaten für dich—“ es war jetzt wieder die ganze Hebe, mit dem blitzenden, ein wenig boshaften Blicke, dem ſpöttiſchen Lächeln— „ich glaube ſogar, das iſt ein ſehr nutzbarer und nütz⸗ licher Einfall, Stephanie!“ „Es iſt wenigſtens kein bloßer Einfall,“ bemerkte das Mädchen mit finſterem Blick.„Meine Mutter ſchrieb mir in der That ſo etwas.“ „Ah, charmant! Und wie nennt ſich dieſer Wohlthäter wider Willen?“ fragte Hebe lebhaft. „Es iſt der Kammerherr Graf von Stawarden,“ ver⸗ ſetzte Stephanie, die gleichfalls zu ihrer gewöhnlichen Weiſe lernen, ic neral ſpukt Ich muß ſo überaus will mich a. Und da reden wir anie. Nur und mit pon unvor⸗ begnügen. uns ſtehſt g gegen rkt hat— nem Briefe über einen r dich—“ blitzenden, Lächeln— und nüt⸗ nerkte das chrieb mir Gohlthäter den,“ ver⸗ hen Weiſe — Gräfin Hebe daheim. 299 zurückkehrte und in Ton und Haltung wieder mehr und mehr von der ſtolzen und gleichgültigen Kälte zeigte, die wir an ihr kennen gelernt.„Ein albener Menſch, der mich ſchon früher oft genug langweilte mit Fadheiten und Prätentionen, mit ſeiner Anbetung und ſeiner— Bruta⸗ lität, vor allem aber mit ſeiner Vergötterung alles Fran⸗ zöſiſchen—“ „Vor allem aber?“ fragte Hebe mit vollſter Beto— nung, und ihr Auge ruhte noch feſter und prüfender auf dem Geſichte des Mädchens, das bei den letzten Worten einen Zug von einem gewiſſen Widerwillen zeigte. Nun wandte ſie das Auge der Tante zu und be— gegnete ruhig ernſt dem Blicke derſelben. „Ich verſtehe Sie, Tante,“ ſagte ſie,„aber Sie thun mir Unrecht, obgleich ich einſehe, daß ich ſelbſt die meiſte Schuld trage an dieſem Mißverſtandenwerden. Ich bin keine Anbeterin des Franzöſiſchen, und ſelbſt wenn— wenn ich den Vicomte wahrhaft geliebt hätte und ihm ge⸗ folgt wäre, ſo würde ich damit ſicher nicht bewieſen haben, daß ich dieſe Franzoſenfreunde unter den Deutſchen be⸗ ſonders ſchätze und bevorzuge. Im Gegentheil, Tante,“ ſetzte ſie lebhafter und mit einem Anfluge leichter Röthe auf den Wangen hinzu,„ich halte es, wie ich die Zu⸗ ſtände inzwiſchen mir klar gemacht— früher habe ich an dergleichen wenig gedacht— für eine Unmöglichkeit, daß ein deutſcher Mann von Ehre und Herz gegenwärtig et⸗ was Anderes ſein kann als ein Feind dieſer Fremden, und daß nur ein ſchlechter und charakterloſer Menſch gleich— 300 Zwanzigſtes Kapitel. gültig gegen die Feſſeln bleiben darf, die ſie ſeinem Vater⸗ lande aufgelegt haben.“ Gräfin Hebe ſah die Sprecherin eine Weile mit einem durchdringenden Blicke an, bevor ſie, nicht laut, fragte: „Und die Frauen, Stephanie?“ Die Nichte ſchüttelte leiſe den Kopf.„Was können wir Frauen thun— wirklich thun, Tante?“ Und da ging durch Hebe's ſchönes Geſicht ein wun— derbares, ſtolzes und frohes Lächeln, und ſie ſagte:„Wir können unſere Männer ehren und ſie ſtärken durch unſere Achtung, unſere Theilnahme, durch unſere Verachtung der Schlechten und Feigen in dem bevorſtehenden Kampfe. Wir können ihnen unſere Befreiung von all der Schmach lohnen mit unſerer Liebe. Das, Stephanie, iſt auch etwas, denke ich, und das bleibt jeder Frau!“ Und dem ſie wie träumend anſchauenden Mädchen die Hand hinbie⸗ tend, redete ſie weiter:„Gib mir deine Hand! Ich glaube, wir werden uns immer beſſer treffen, liebes Kind. Das war eine inhaltsreiche Stunde! Ich bitte dich nur noch um Eines— käme man auf dieſen Heiraths⸗Vor⸗ ſchlag zu ſprechen, ſo drücke deine Abneigung nicht gar zu entſchieden aus. Heucheln müſſen wir zu Zeiten alle! Und nun klingle nach Fanny. Wir müſſen hinüber— die Herren erwarten uns am Ende ſchon, und—„ſie lä⸗ chelte ſpöttiſch—„ich möchte ihnen doch ſo gern den An⸗ blick meiner ſchönen Augen gönnen!“—— Man fand es in der That, wie Hebe erwartet hatte, und trennte ſich fortan für den Reſt des Tages nur noch auf kurze Zeit, um nach erneuertem Zuſammentreffen deſto nem Vater⸗ mit einem t, fragte: as können ein wun⸗ gte:„Wir irch unſere Verachtung Kampfe. Schmach ſt auch Und dem nd hinbie⸗ and! Fch ebes Kind. dich nur raths⸗Vor⸗ nicht gar eiten alle! nüber— Gräfin Hebe daheim. 301 ruhiger und anſcheinend heiterer vollends bei einander zu bleiben. Das Wetter lud dazu ein. Aus den einzelnen Flocken, welche Morgens von den grauen Wolken herun⸗ ter gekommen, waren nach und nach immer mehrere ge⸗ worden, und alles ließ ſich zu einem wiederholten Schnee⸗ treiben an, wie man es in dieſem Winter hier zu Lande häufiger als ſonſt erlebte. Der Wind verſtärkte ſich dabei noch immer und es herrſchte jene jetzt zwar leiſe, aber gleichfalls allmälig wachſende Kälte, die man in dieſen Küſtenſtrichen bei ſolchen Gelegenheiten am meiſten fürch⸗ tet. Denn man weiß es ziemlich ſicher voraus, daß ſie ſich, wenn die Wolken ihren Inhalt über die Gelände ausgebreitet haben und weiter ziehend den Himmel wieder blau werden laſſen, dann über der Schneedecke raſch und zuweilen bis zum Unerträglichen ſteigert. Man unterhielt ſich, wie geſagt, ſo ruhig und ange⸗ nehm, wie man eben konnte, und vermied, wie es ſchien, abſichtlich alle Geſprächs⸗Gegenſtände, die den zwiſchen dieſen Menſchen herrſchenden Zwieſpalt hätten ſichtbar machen und zu vielleicht unbehaglichen Erörterungen führen können. Gräfin Hebe ließ indeſſen nichts und niemand aus den Augen, beobachtete und ſtudirte, ſo zu ſagen, jeden Einzelnen und wußte dennoch, wie ſichtbar man ſich auch allerſeits in Acht nahm, mit Dieſem und Jenem in irgend eine Unterhaltung zu kommen, die es ihr möglich machte, der Veränderung nachzugehen, welche ſie an mehr als einem Mitgliede des Kreiſes bemerken mußte. Denn auch an dem alten Grafen fand ſie dergleichen in einem Maße, wie es ſie an dem bejahrten und im —— 302 Zwanzigſtes Kapitel. Ganzen doch gleichmäßigen Manne überraſchte. Es war nicht allein die„Herzlichkeit,“ deren ſie gegen Stephanie gedachte, die ſie gewiſſermaßen beunruhigte, es war da— neben auch an ihm eine eigenthümliche ſpöttiſche Ruhe und Sicherheit zu beobachten, und dann wieder eine ge— wiſſe, kurz abbrechende und abſprechende, faſt barſche Ent⸗ ſchiedenheit, die ihr an dem Vater noch viel mehr auffiel, der ſonſt zwar gleichfalls leicht und gern den ſouverainen Herrn heraus zu kehren liebte, im Ganzen aber und beſonders der Tochter gegenüber doch immerhin vorſichtig, und jeden Augenblick zu einem anſcheinenden Einlenken bereit, vor⸗ zugehen pflegte. Vetter Chriſtian hatte neulich ſchon in Dreiheiligen darauf hingedeutet, ohne daß Hebe damals viel darauf gegeben. Sie hielt es noch für Nachwirkungen jener Laune, in welcher ihr von dem alten Herrn, in der Stunde vor ihrer Abreiſe, die Eröffnungen über die Reſultate ſeiner Reiſe gemacht wurden. Sie fand es nun aber doch bei Weitem anders. Sie erfuhr, daß er ſogar, was er ihres Wiſſens bisher niemals gethan, über Gang und Stand ſeines Hausweſens Erkundigungen eingezogen und Befehle gegeben habe, wie Dies oder Jenes anders zu ordnen und wie man beſonders die Dienerſchaft unter ſtrengerer Controle zu halten habe, daß ſich fortan nie— mand anders als mit Erlaubniß des Hausmeiſters aus dem Schloſſe entferne oder augenblickliche Entlaſſung ge⸗ wärtigen müſſe. Es war dabei ausdrücklich von der Kam⸗ merjungfer ſeiner Tochter und von dem Neffen des rauhen verſchwundenen Schiffers die Rede geweſen, und der alte Es war Stephanie 3 war da⸗ ſche Ruhe er eine ge⸗ arſche Ent⸗ hr auffiel, zuverainen beſonders und jeden reit, vor⸗ feiheiligen l darauf gen jener eer Stunde Reſultate aber doch , was er zang und ogen und unders zu aft unter artan nie⸗ ſters aus ſſung ge⸗ der Kam⸗ z rauhen der alte — Gräfin Hebe daheim. 303³ Herr hatte ſich ſehr zornig darüber geäußert, daß Letzterer überhaupt noch in ſeinem Dienſte. Gräfin Hebe war dieſes Mal faſt ungeduldig über die ſtete Anweſenheit der Fremden, welche eine Begegnung zwiſchen ihr und dem Vater an dieſem Tage immer mehr verzögerten, ſo daß ſie ſchon auf dieſelbe ganz verzichten zu müſſen glaubte. Es ſollte jedoch nicht ganz ſo arg werden. Als ſie vor dem Abendeſſen, wie gewöhnlich, den Platz am Ka⸗ mine behauptete und der General Renaud eben zu der auch jetzt wieder um den Sophatiſch gruppirten jüngeren Geſellſchaft getreten war, nahm der alte Herr, der heute gleichfalls ihr gegenüber ſaß, eine höchſt umſtändliche Priſe, richtete ſeine großen glotzenden Augen mit einer Art von Theilnahme auf die Tochter, ſeufzte ſogar und bemerkte dann gedämpft:„wir haben uns noch gar nicht geſprochen, ma fille, wie ſehr mein Herz darnach ver⸗ langte! Was beſchließt Eberhard?“ „Beſchließt? Wie ſo, Papa?“ Hebe ſchaute aus ihrer ſcheinbaren Ruhe lebhaft auf. Durch das breite alte Geſicht zuckte plötzlich Verdruß und Ungeduld, im ſcharfen Gegenſatz gegen den bisherigen geſuchten Ausdruck desſelben, und auch die Stimſte des Grafen klang in gleicher Weiſe verändert, als er faſt raſch entgegnete:„verſtelle dich nicht, mon enfant, du weißt, was ich meine! Wie nahm er die Mittheilungen über das, was ihm drohen möchte, auf? Iſt er vernünf⸗ tig, wie mein Enkel Eugen, oder muß ich es erleben, daß ein Graf zu Rhoda prozeſſirt wird?“ — 304 Zwanzigſtes Kapitel. Gräfin Hebe zuckte leicht die Achſeln.„Sie wiſſen, mein Bruder hat hie und da ſeinen eigenen Kopf,“ ſagte ſie mit einer gewiſſen mißbilligenden Betonung.„Er wollte auf dieſe Nachrichten gar nichts geben, kaum von ihnen hören; er lachte ſogar dazu.“ Graf Hartmuth warf der Tochter einen majeſtätiſchen Blick zu.„Er lachte?“ wiederholte er dann.„Ich glaube, mein Kind, du irrſt dich hier in der Perſon. Daß du ſelber gelacht, würde mich nach deiner ſingulären Com⸗ plexion nicht grade befremden—“ Hebe's Kopfſchütteln ließ ihn inne halten, und dann meinte ſie, diesmal in faſt demüthigem Tone:„ach Papa, Gott weiß, daß Sie mich nicht verziehen! Immer Tadel und Mißtrauen!“ Und von neuem den Kopf ſchüttelnd, fügte ſie hinzu:„wirklich, Papa, Eberhard lachte.“ Nach einer Pauſe erſt fragte der alte Herr:„und kannſt du mir vielleicht dieſes zum mindeſten ungewöhn⸗ liche Lachen erklären?“ Die Comteſſe ſchien erſt jetzt ihre gute Laune wieder zu finden.„Ei freilich,“ verſetzte ſie und ließ einen leuch⸗ tenden Blick zu der Gruppe am Sophatiſch hinüber und dann zum Vater zurückgleiten.„Er meinte, die Finte ſei ſo kindiſch, daß Sie nur durch Ihre Vaterſorge verhindert ſein könnten, dies augenblicklich zu durchſchauen. Grade durch ſeine Flucht mache er ſich ja überhaupt erſt ver⸗ dächtig und gebe dem habgierigen Commiſſariat Gelegen⸗ heit ſich ſeines Eigenthums zu bemächtigen, das den Frem— den in der jetzigen bedürfnißreichen Zeit eine höchſt er⸗ wünſchte Hülfe gewähren müßte. Sie würden es ſchon die wiſſen, pf,“ ſagte ng.„Er kaum von jeſtätiſchen un 24 nn.„Ich . Lſon. Haß Taß lären Com⸗ und dann err:„und ungewöhn⸗ une wieder inen leuch⸗ r und nuber Finte ſei verhindert n. Grade erſt ver⸗ Gelegen⸗ den Frem⸗ höchſt er ſchon e5 Gräfin Hebe daheim. 305 auszunützen wiſſen, wie man es bereits drüben in Rhoden⸗ felde ſehen könne. Er wurde dabei ganz lebhaft, Papa. Denken Sie, er ſagte, Eugen ſei ein rechter— Sie können wohl denken, was, Papa— daß er geflohen. Er ſelber ſei kein ſolcher—“ Aus des alten Herrn Geſicht waren während dieſer Auseinanderſetzung alle ſo zu ſagen ſelbſtbewußteren Züge verſchwunden. Es war faſt als fühle er ſich wirklich ein wenig gedemüthigt, und es währte auch eine geraume Zeit, bis er ſich aufraffend, eine neue Priſe nahm, die Augen wieder auf die Tochter richtete und plötzlich im ſpöt⸗ tiſchen Tone ſagte:„Du biſt heute recht cordial geweſen mit meiner Enkelin, höre ich, und haſt auch die Sophie Magdalene zu gleichem Zwecke mitgebracht. Immer sage et circonspecte, ma fille! Ich mache dir mein Compli⸗ ment! Du willſt dir die ſpätere Herrin nicht ganz ent⸗ ſchlüpfen laſſen.“ „Immer mißtrauiſch, Papa, immer mißtrauiſch!“ verſetzte ſie kopfſchüttelnd und mit einer Art von Seufzer. „Sie ſollten's doch am beſten wiſſen, daß ich für Geld und Gut und dergleichen wenig Intereſſe habe und noch weniger davon verſtehe. Auch kam unſere kleine Prin⸗ zeß zu mir und nicht ich zu ihr.“ „Zu dir?“ fragte er ſichtbar betroffen.„Ich meine nicht, daß ſie dich, ſchicklich wie immer, empfangen, ſondern daß ſie heute Nachmittag Stunden lang von dir in Be⸗ ſchlag genommen wurde.“ „Das meine ich auch, Papa, und es war umgekehrt. Hoefer, Fremdherrſchaft. II. 20 306 Zwanzigſtes Kapitel. Stephanie nahm mich in Beſchlag mit einem Briefe mei⸗ ner reichsgräflichen Schweſter.“ „Sie hat dir von dem Heiraths⸗Antrage geſagt?“ fragte er lebhaft. „Mich ſogar zu Rathe gezogen, Papa!“ „Eine Albernheit!“ warf er hin.„Und du, mon enfant?- „Ich? Nun, da ich ſie nicht gerade abgeneigt fand, habe ich ihr natürlich zugerathen.“ „Nicht abgeneigt?— Und— ich verſtehe das nicht!“ ſagte er in ſichtbarer Verwirrung. Sie ſchaute ihn mit freundlichem Lächeln an.„Papa, es iſt doch ſo einfach,“ verſetzte ſie.„Stephanie iſt zwan⸗ zig Jahre alt und nicht reich. Selbſt wenn es ſo käme, wie Sie neulich andeuteten, müßte ſie doch an eine Hei⸗ rath denken. Und wo findet ſich jetzt jemand, wo alle Welt eher an alles Andere, als an dergleichen denkt? Ich weiß wohl, wen Sie im Sinne haben. Aber Papa, wir wiſſen ja gar nichts von ihm. Renaud ſchwört mir, er wiſſe auch nichts. Und überdies, im Vertrauen, Papa— glauben Sie, daß unſer Adel einen Fremden unter ſich dulden würde, zumal nach ſolchen Vorgängen? Sie wiſſen doch, daß Eberhard und Eugen, mögen ſie auch politiſch vereinzelt ſtehen, im Uebrigen ſehr geachtet, ja, geliebt ſind?“ Und da ſie die Blicke des alten Herrn immer ver⸗ wunderter werden ſah, ſetzte ſie gänzlich abbrechend hinzu: „Apropos, Papa, wie denken Sie jetzt über das, was wir neulich Morgens beſprachen, wo ich jener alten Prophe⸗ lefe mei⸗ geſagt?“ mon gt fand, Gräfin Hebe daheim 307 zeiung erwähnte, die Ihr Vater neben der Leiche Ihres Bruders ausgeſprochen haben ſoll?— Er lag beinahe wieder ganz zuſammengeſunken in ſeinem Stuhle. Seine Lippen zuckten— murmelten ſie wirklich das leiſe Wort, das Hebe zu hören glaubte: „Verflucht!“—? Weiter wurde nichts vernehmbar, und im nächſten Augenblicke raffte er ſich von neuem gewaltſam auf, denn General Renaud kehrte von den Anderen zurück und ſetzte die früher abgebrochene Unterhaltung mit Hebe und dem alten Herrn fort. Graf Hartmuth betheiligte ſich einſilbig. Seine Tochter ſtreifte er ein paarmal mit einem aus Scheu und Grimm gemiſchten Blicke, ohne daß ſie davon in ihrer Heiterkeit etwas zu merken ſchien. Die Gäſte blieben auch den folgenden Tag, anſchei⸗ nend des noch fortdauernden Schneetreibens wegen, das jede Reiſe unbehaglich machte. Die Geſellſchaft verbrachte die Morgenſtunden wie gewöhnlich, getrennt auf den ein⸗ zelnen Zimmern, doch erfuhr Hebe, daß General Renaud auf dem ſeinen nicht nur den Brigadier der Douanen, ſondern auch zur frühen Stunde ſchon den von S. mit gebrachten neuen Diener des Hauſes empfangen hatte und vor elf Uhr bereits wieder, wie am vergangenen Tage, zum Grafen Hartmuth gegangen war. Erſt kurz vor dem Mittageſſen traf ſie wie gewöhn⸗ lich im Wohnzimmer mit ihm zuſammen und ſah ihn bald neben ihrem Stuhle. „Das iſt ein wunderliches Land, das Ihre,“ ſagte er;„ich erfahre täglich Seltſameres. Ihr prophetiſcher Schäfer iſt verſtummt, höre ich, dafür fangen jetzt die 308 Zwanzigſtes Kapitel. Geiſter an, Zeichen zu geben. Was iſt das für eine Ge⸗ ſchichte von dem Zuge, der von— von—“ „Doch nicht von Drohin?“ fiel Hebe raſch auf⸗ blickend ein. „Ja wohl, von Drohin— der Teufel behalte dieſe Namen!— nach einer benachbarten Kloſter⸗Ruine zieht und das Volk von ſich reden macht, wie der Brigadier mir heute Morgen erzählte?“ „Hat er ihn ſelber geſehen? Wie zeigt er ſich?“ fragte ſie mit hörbarem Intereſſe. „Nein, er hörte nur davon, doch ſoll es wie ein Trauergeleite ausſehen.“ „Das iſt ſehr ſchlimm, mein lieber General!“ meinte ſie und ſchüttelte lächelnd den Kopf.„Nach unſerem Glauben bedeutet das Unglück für unſere Familie und das Land. Machen Sie es gnädig mit uns, General!“ „Schlimmer Kopf!“ ſagte er gleichfalls lächelnd und ihr mit dem Finger drohend.„Meinen Sie nicht immer noch, ich habe drüben in S. ſo etwas wie eine Oubliette, in der Dieſer und Jener ſpurlos verſchwinde? Aber kom⸗ men Sie!“ brach er ab, denn Pierre öffnete den Speiſe⸗ ſaal;„Ihren Arm, Gräfin, und erzählen Sie mir bei Tiſche mehr von dieſem Geſpenſterzuge. Es intereſſiren mich ſolche alte Sagen und Wunderlichkeiten, wie Sie wiſſen.—— Als man ſich nach Tiſche in ſeine Gemächer zurück⸗ zog, begleitete der Vetter Chriſtian die Gräfin Hebe.„Wiſſen Sie, Couſine,“ ſprach der alte joviale Herr im ernſteſten Tone unterwegs, wo ſie unbeachtet waren,—„wiſſen —:— — ——⏑— ine Ge⸗ h auf⸗ te dieſe le zieht rigadier fragte vie ein meinte nſerem ie und eral!“ nd und immer bliette, r kom⸗ Speiſe⸗ nir bei feſſiren je Sie urück⸗ Wiſſen ſteſten wiſſen — — —— — Gräfin Hebe daheim. 309 Sie vielleicht, Couſine, ob die Drohiner Geſpenſter nicht gern Augenzeugen haben bei ihrem Spaziergange?“ „Warum fragen Sie, Couſin?“ verſetzte ſie raſch auf— ſehend und ſtehen bleibend. „Ach, gehen wir doch fort!“ ſagte er, ſie weiter ziehend. „Der Waldkirch flüſterte mir vorhin nur zu, daß der General Luſt zu haben ſcheine, den wunderbaren Zug ein⸗ mal die Revue paſſiren zu laſſen. Was meinen Sie?“— Erſt nach einem langen Schweigen und da ſie ſchon vor ihrer Thür ſtanden, erwiderte ſie im nachdenklichſten Tone:„Ich weiß das in der That nicht, Vetter. Aber ich meine faſt, eine Nachricht an Eberhard würde auf keinen Fall ſchaden. Alſo Waldkirch ſagte Ihnen davon? Trauen Sie ihm?“ „Ja, Couſine. Er ſagte mir auch, daß alle Weſtfalen mit Mißtrauen beobachtet würden und daß er überzeugt ſei, Renaud habe ihn nur darum wieder zum Adjutanten gewollt, um ihn unter Augen zu haben. Es muß mit ſeinem Vater etwas gegeben haben. Er war aber ſehr ſcheu und im Fluge bei dieſen Mittheilungen und behielt noch Anderes zurück, weil er glaubte, daß wir ſchon beob⸗ achtet würden.“ „Seien Sie vorſichtig, Vetter!“ meinte Hebe kopf⸗ ſchüttelnd.„Ich fange an, niemand mehr zu trauen, als nur mir ſelbſt.—— Eine Stunde ſpäter arbeitete ſich ein kleiner Reiter auf einem eben ſo kleinen, aber kecken und eifrigen Pferde durch den tiefen Schnee vom Hofe hinunter. Er ſollte nach Lehrsdorf reiten, um die Hülfe einer alten, dort 310 Zwanzigſtes Kapitel.— Gräfin Hebe daheim. hauſenden armen Frau in Anſpruch zu nehmen, welche vermittels der„Sympathie“ Leidenden auch aus der Ferne Linderung zu verſchaffen wußte. Fräulein Amelie— die Leſer erinnern ſich dieſer ſtummen Erſcheinung— war ſchon ſeit geſtern nicht mehr ſichtbar geweſen, weil ſie an unerträglichen Zahnſchmerzen litt. So erfuhr es Pierre, als er ſich nach dem Zwecke des kleinen Boten erkundigte, und fand die Sendung durchaus motivirt, da er ſelber vor Zeiten von ſolchen Kuren poofitirt hatte. ——Q—ę—OCOO—— - — * —— Coſour& Grey Control Chart vellow Hed Magenta Cyan Green