2 ) 1 — ——————— 22r Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. . Teih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. b 134 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 35. 4 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf iyre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf gaufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 5⁴ d d — ——ðℳ—-—y— — X Anter der Fremdherrſchaft. Eine Geſchichte von 1812 und 1813. Von Edmund Boefer. Frſter Band. Stuttgart. Verlag von Adolph Krabbe. 1863. Druck von Emil Ebner in Stuttgart. — Inhalt. Erſtes Kapitel. Der Romet Zweites Kapitel. Ein Falon Drittes Kapitel. Nächtliches Treiben Viertes Kapitel. Einblicke. Fünftes Kapitel. Sophie Magdalene Sechstes Kapitel. Ein voller Tag Siebtes Kapitel. In der Beide Achtes Kapitel. Zärtliche Verzen. Neuntes Kapitel. In Hütte und Schloß Zehntes Kapitel. Tand und Teute Anter der Fremaͤherrſchaft. Srſtes Kapitel. Zer Komet. Ich bin hindurch geritten, Es hat mich gefangen kein Franzoſenheer, Ich habe mich durchgeſtritten Und bin geritten bis an das Meer. F. Rückert. Willkommen, Freund, am deutſchen Strandt Willkommen unter deutſchen Eichen! Willkommen! Laß uns Herz und Hand Zum alten Bunde fröhlich reichen. E. M. Arndt. „Ich will Ihm was ſagen— das iſt alles übereins. Verſtehn thu' ich Ihn nicht, und was ich capirt habe: daß ich Ihm Auskunft über die Herrſchaft geben und Ihn zu ihr führen ſoll— das thu' ich auch nicht. Alſo iſt das Schwatzen für nichts und ſündhaft. Der Menſch hat ſeine Zunge nicht zum Mißbrauch.“ So redete der alte Mann in dem zwar herzlich klin⸗ genden, für einen Fremden jedoch kaum verſtändlichen plattdeutſchen Dialekt, dieſes Küſtenſtriches, ſtemmte den Krückſtock dann wieder in den Boden, lehnte ſich darauf, und, das Strickzeug unter dem Arme hervorlangend, ließ er Nadeln und Maſchen des grauwollenen Strumpfes ſo Hoefer, Fremdherrſchaft. I. 1 2 Erſtes Kapitel. ruhig durch die rauhen Finger gleiten, als gäbe es auf Meilen hinaus nichts weiter für ihn zu beachten, wie ſeine Arbeit hier und die weidende Herde dort drüben. Von dem Fremdling da neben ihm ſchien er gar nichts mehr zu ſehen, die waſſerblauen Augen ſtreiften wenigſtens an demſelben mit einem vollkommen gleichgültigen, um nicht zu ſagen: ſtumpfen Blicke vorüber, über die Fläche hin und den weidenden Schafen nach. Erſt nach einer langen Pauſe wandte er dem weißzottigen Hunde, der mit buſchig erhobenem Schwanze und geſträubtem Rückenhaare den Hühnerhund an der Leine des Fremden knurrend um⸗ kreiste, einen kaum lebensvolleren Blick und ein paar unverſtändliche Laute zu, worauf das Thier, blitzſchnell auf-⸗ und nach der Herde ſich umſchauend, jäh davon fuhr, um bei den Schafen die gewünſchte Ordnung wieder her⸗ zuſtellen. Sein Herr bekümmerte ſich nicht darum, ſondern ſtrickte ruhig weiter. Sein Gegenüber, ein reiſender Jäger wie es ſchien, hatte das Gewehr, einen zierlich, ja prächtig gearbeiteten Doppellauf, deſſen Schlöſſer mit einem ſchwarzſeidenen Tuche zum Schutze gegen Feuchtigkeit umwunden waren, auf den Boden gleiten laſſen, ſtützte den Arm auf den Lauf und ſchaute nun ſeit den letzten Worten des Schä⸗ fers ſchon ſtumm bald auf dieſen, bald auf die Gegend umher. Ein paarmal regte ſich in ſeinen Mienen etwas, als wolle er vielleicht eine neue Frage verſuchen; jedesmal aber ſchloſſen ſich die halb geöffneten Lippen wieder, und ſein Blick wanderte von neuem mit einem noch nachdenk⸗ licheren, faſt zweifelvollen Ausdrucke in die Weite hinaus, Der Komet. 3 obgleich dieſelbe, man hätte ſagen mögen, eben ſo ſtill und theilnahmlos vor ihm war, wie der alte Mann da neben ihm mit dem ſtarren, verwitterten Geſichte und den ſtum⸗ pfen, ſchier farbloſen Augen. Es war eine weite Fläche, auf der ſich als einzige Erhebungen hier und da einer jener Grabhügel, die man Hünengräber heißt, und in einiger Entfernung nach vorn eine Reihe kahler Dünen bemerkbar machten, hinter denen die See ihre Wellen heranrollen ließ. Die ziemlich magere Brache, auf welcher die Schafe weideten, ging rechts in ein ödes Moor⸗ und Heideland über, das dennoch durch die gerade üppig blühende Heide, durch Immortellen, Ginſter⸗ und Wachholderbüſche dem Blicke mehr Abwechs⸗ lung bot, als die Haferſtoppeln, welche ſich links ausbrei— teten. In einiger Entfernung zeigte ſich rings umher Wald, rechts, hinter dem Heidelande, erſchienen Kiefern, die, wie überall, auch hier mit dem ſchlechteſten Boden hatten für⸗ lieb nehmen müſſen; links, wo die Sand⸗ und Heidegründe, wie hier zu Lande häufig, in den ſchwerſten Marſchboden übergehen mochten, waren ausgedehnte Laubwaldungen. Man ſah es ſelbſt in dieſer Entfernung, daß das Grün des Laubes ſich ſchon zu entfärben begonnen, und die Blätter der alten, rauhen Weiden, welche eine durchſchlei⸗ chende, ſandige Landſtraße einfaßten, waren zum Theil bereits gelb. Denn es war ein ſpäter Septembertag, und wie blau der Himmel ſich auswölbte und wie ſtrahlend die Sonne über die Fluren⸗ leuchteis ſelbſt zu dieſer frühen Nach⸗ mittagsſtunde war die Luft von einer beſonderen Friſche, die Sommerfäden hatten ſich über Stoppeln und Brache — 4 Erſtes Kapitel. geſpannt und wehten, leiſe ſchwebend, von den grauen Weiden weit hinaus über die Straße und das Gefilde. Ja, es war ein ödes Gelände, das ſich hier vor dem Fremden aufgethan hatte, und die heitere Höhe und ihr voll und warm herabflutendes Licht brachten kein Leben in die Gegend. Im Heidekraut ſummten noch Bienen, Schmetterlinge ſchwebten vorüber oder ſonnten ſich an den Weidenſtämmen, die Schafe weideten weiter und weiter über das Brachfeld hin gegen die weitläufigen Hürden zu, die drüben ſichtbar wurden. Der Hund war in ihrer Nähe geblieben und ließ nichts von ſich hören; der Schäfer lehnte auf ſeinem Krückſtocke und ſtrickte.— Es war alles ſtill und lebenslos, kein Laut, auch nicht einmal ein Vogelruf unterbrach das Schweigen, und ſo weit man ſpähte, man ſah kein Haus und kein Dach, keinen Thurm, nichts, was an die Menſchen und ihre 2 Behauſungen erinnerte, es müßte denn die Schäferhütte dort neben dem Pferch geweſen ſeyn, oder die Wohnungen der Todten, die Grabhügel untergegangener Geſchlechter. Und dennoch lag in dieſer Oede etwas Erhabenes, und dennoch erhob es ſich aus der unendlichen Einſamkeit rings wie ein geheimnißvoller, bannender und verlockender Zau⸗ ber, und die melancholiſche Stille dieſer Gebiete umfing Seele und Sinne mit einem ruhigen, träumeriſchen Frieden. Seit der Schäfer den Hund fortgeſchickt hatte, war eine lange Weile vergangen, ohne daß zwiſchen den beiden Menſchen ein weiteres Wort oder auch nur ein Blick noch ausgetauſcht worden wäre. Der Alte ſtrickte, der Jäge ſchaute gegen den Laubwald hin, hinter dem er ſein Reiſe⸗ — Der Komet. 5 ziel ſuchen mochte. Der Hund, der mit einer Leine am ſchweren Ranzen befeſtigt war, hatte ſich niedergeſtreckt, den Kopf auf die gekreuzten Vorderläufe gelegt und blin⸗ zelte ſchläfrig in der Sonne. Da ſtreifte der Fremdling ſeinen Nachbar plötzlich mit einem prüfenden Blicke, richtete ſich, wie zu einem Entſchluſſe kommend, raſch auf, warf die Flinte leicht über die Schulter, und mit einem Male Plattdeutſch re⸗ dend, was er vorhin kaum zu verſtehen geſchienen, ſagte er mit einer gewiſſen barſchen Zutraulichkeit:„Ihr ſeid doch der alte Steffen Schütze aus Dreiheiligen? Herr von Rettfeld erzählte mir, daß Ihr wie ein Wahrzeichen ſtets auf dieſem Terrain zu finden und mir über alles Aus— kunft geben könntet. Seid Ihr aber der Steffen nicht, ſo weiſ't mir den richtigen nach, und ich will Euch nicht weiter inkommodiren.“ Der Schäfer hatte ſich aufgerichtet und ſogar das Strickzeug in Ruhe geſetzt; durch das verwitterte Geſicht ging wenigſtens eine Art von Bewegung, ſeine Augen ruhten auf dem Anderen faſt mit einem prüfenden Blicke, und endlich da der Fremde ausgeredet, ſprach er mit hör⸗ barem Intereſſe:„Rettfeld, ſagt Er? Herr Leo von Rett⸗ feld iſt in der Fremde, wir wiſſen nicht, wo. Wo hätte Er den getroffen? Er lügt mir da was vor, glaub' ich.“ „Das thu' ich nicht, Alter,“ verſetzte der Jäger leb⸗ haft.„Ich ſah ihn noch vor vier Wochen— gewiß und wahrhaftig!“— Und war es zufällig oder nur eine Be⸗ kräftigung der ſchwurartigen letzten Worte, er legte dabei 6 Erſtes Kapitel. die zwei erſten Finger der Rechten kreuzweiſe über die gleichen der linken Hand. Durch das ſtumpfe Auge des Schäfers flog jetzt ein wirkliches, wenn auch nur flüchtiges Leuchten; im nächſten Momente redete er ſchon wieder mit dem alten, ſtarren Ausdrucke und in phlegmatiſchem Tone:„Das iſt denn was Anderes. Aber daß Er dem Leo begegnet, braucht Er hierorts nicht zu erzählen. Drüben in Dreiheiligen oder auch in Rhodenfelde, da mag es unter vier Augen wohl gehen.— Aber was ſchwatz' ich da?“ brach er ab. „Er kann ja Deutſch reden, merk' ich, da werd' ich Ihn vielleicht verſtehen und Ihm helfen können. Nach Drei⸗ heiligen will Er alſo?“ „Ja, oder nach Rhodenfelde,“ lautete die Antwort. „Wie Herr von Rettfeld mir die Herrſchaften beſchrieb, wird's einerlei ſein. Sie ſollen ja Beide ein gut deutſches Herz haben für einen armen Teufel, der ſich nun einmal mit dieſem fränkiſchen Gezücht nicht vertragen lernt und ſich nach ein paar ruhigen Tagen ſehnt, um ſeiner Pro⸗ feſſion nachzugehen. Herr von Rettfeld meinte, der Detlef Reuter werde ſchon etwas für mich finden.“ Der Schäfer ſchaute den Sprechenden ummer prüfen⸗ der an, bei dem ſelbſt ihm ſtets Mehreres auffallen mußte. Seine Bewegungen, ſeine Ausdrucksweiſe, ſeine ganze Er⸗ ſcheinung— es war nicht ſo, wie man es von einem ſchlichten Jägersmanne erwarten konnte. Er redete freilich im Dialekt, allein er dachte hörbar genug nicht in dem⸗ ſelben, ſondern überſetzte nur in ihn hinein. Hier zu Lande hätte auch der Gebildetſte wenn er einmal Platt⸗ — — Der Komet. 7 deutſch ſprach, ſich durchaus anders ausgedrückt, und der Alte hatte daher wohl ein Recht zu ſeiner nächſten miß⸗ trauiſchen Frage:„Wo iſt Er denn eigentlich her?“ Der Fremde ſchien ihn auch zu verſtehen, denn er antwortete mit Kopfſchütteln:„Laßt das gut ſein, Vater. Ich ſtamme freilich aus Mecklenburg, mußte mich aber längſt ſchon in aller Herren Ländern umhertreiben. Genug davon. Ich merke, Ihr ſeid ein treuer Mann und habt mich verſtanden. Darum, kann ich heute noch nach Drei⸗ heiligen oder Rhodenfelde kommen, treffe ich ſie daheim? Wie ſieht es ſonſt hier bei euch aus? Iſt in Nieder⸗ Rhoda gar nichts zu machen?— Der Schäfer ſtarrte eine geraume Weile lebloſen Auges in die Heide hinein, bevor er, ſich aufraffend, den Fremdling mit einem gleichen, faſt abweſenden Blicke ſtreifte und, mit der Hand gegen die Laubwaldungen deu⸗ tend, in murmelndem Tone ſagte:„Da liegt Dreiheiligen. Geh' Er nur über die Stoppeln.“— Und indem ſich ſein Auge wieder der Ferne zuwandte, fuhr er, leiſer und lei— ſer ſprechend, ſo daß man ſeine Worte kaum noch aufzu⸗ faſſen vermochte, mit eigenthümlich zwiſchen Klage und Drohung ſchwankendem Tone fort:„Ihre Zeit iſt gemeſ⸗ ſen und ihr Ziel ihnen geſetzt. Die Hand des Herrn iſt über ihnen und läßt ſie nicht. Ich ſehe das Blut fließen und all ihren Hochmuth hingeſtreckt in Nacht und Noth, und die Waldhunde zerren an ihrem Gebein.“ Die Stimme ſank immer tiefer und zu einem nicht mehr verſtändlichen Murmeln hinab; die große, hagere Geſtalt ſtand regungslos, leicht vornüber gebeugt, das in 8 Erſtes Kapitel. zahlloſen Runzeln und Falten wie erſtarrte Geſicht dem Dünenſtriche zugewandt und die Augen mit glanzloſem, todtem Blicke in's Leere hinein gerichtet— ein unheim⸗ liches Bild, faſt als ſei eine Geſtalt aus einer der alten, finſteren Sagen dieſer Küſtengegenden ſpukhaft wieder emporgeſtiegen aus ihrer Ruhe und ſchreite erſchreckend durch das volle Licht des glänzenden Tages. Der Fremdling beobachtete dieſe wunderſame Erſchei⸗ nung mit einem Intereſſe, das jedoch nicht ohne ein ge⸗ wiſſes Mißtrauen zu ſein ſchien. Sein Auge ruhte feſt auf dem Alten, er berührte nach einer Weile ſogar die Schulter deſſelben nicht gerade leiſe und ſagte laut:„Nun weiter, Vater! Ich kann hier nicht ewig auf Eure Ein⸗ fälle hören!“— Das Alles brachte auf den unheimlichen Greis jedoch nicht die geringſte ſichtbare Wirkung hervor, ſein Körper zeigte nicht die leiſeſte Bewegung, ſeine Wim⸗ per zuckte nicht einmal. Und da ſchüttelte der Jäger end⸗ lich nur verwundert den Kopf, brachte den Hund durch einen Ruck auf die Beine und ging, ſich abwendend, über das Feld hin der angedeuteten Richtung zu. Nach einer kurzen Strecke machte er Halt und ſah ſich um— der Alte ſtand unbeweglich auf demſelben Flecke; ſein Geſicht konnte der Fremdling von hier aus nicht mehr ſehen.—„Kurios!“ murmelte der Mann vor ſich hin.„Sollte das keine Komödie, ſondern einer der Anfälle ſein, von denen Rettfeld ſprach? Immerhin! Möge es werden nach ſeinen Worten!“— Und er ſchritt weiter. Als er nach einer Viertelſtunde das Ende der Stop⸗ * 1 Der Komet. 9 peln vor ſich und bis zum nahen Walde ſumpfige Wieſen ausgebreitet ſah, blieb er nochmals ſtehen und ſchaute über das durchſchrittene Terrain zurück. Das Gefilde lag eben und kahl wie eine Decke vor ihm hingeſtreckt; die Luft war ohne die leiſeſte Spur eines Dunſtes oder Duftes und ſo durchſichtig, daß die Kiefern dahinten und die noch entfernteren Dünen dem Schauenden jetzt faſt näher ge— rückt erſchienen als vorhin. Die Geſtalt des Schäfers war von dem früheren Platze verſchwunden; nach einigem Umherblicken ſah der Jäger den Greis ſchon weit davon mit langen Schritten über die Brache ſtreichen, der Herde nach, die ſich inzwiſchen links gewandt. Gleich darauf verſchwand er hinter einem der dort in größerer Anzahl ſich erhebenden Hünengräber.— Da wandte ſich der Jäger und ſchritt eiliger dem Walde zu als bisher. Er fand nun auch hinter den Wieſen einen fahrbaren Weg und ſchloß daraus, daß der Schäfer trotz aller ſeiner Wunder⸗ lichkeit ihm die Wahrheit geſagt habe. Je weiter er gelangte, deſto ernſtlicher erfreute er ſich des gefundenen Pfades, denn ohne einen ſolchen in dieſe Waldungen einzudringen, ſchien ihm von Schritt zu Schritt faſt unthunlicher, ſo verwachſen zeigte ſich der an— fängliche Niederwald, wie der auf dieſen folgende Mittel⸗ wald. Hierzu kam, daß von einer geordneten Waldwirth⸗ ſchaft nichts ſich bemerken ließ; alles lag, ſtand und ging ſo zu ſagen, wie es eben wollte und konnte, dem Wilde überlaſſen und den Vögeln, wohlverſtanden, wenn die letzteren da waren. Jetzt freilich ließen ſie ſich nirgends mehr erblicken, an Wild dagegen war kein Mangel, denn — 1 10 Erſtes Kapitel. das geübte Auge des Wanderers ſtieß auf mehr als eine Fährte von ſtarken Hirſchen und Schweinen, und Rehe kreuzten ein paarmal nicht fern von ihm wenig ſcheu die Straße. Kach und nach zeigten ſich freilich einige Spuren der— ordnenden Menſchenhand; der Pfad führte jetzt in einem wirklichen und prachtvollen Hochwalde hin, deſſen gewal⸗ tige Eichen und Buchen den Boden unter ihren weitſchat⸗ tenden Wipfeln verhältnißmäßig frei und wegſam erhiel⸗ ten. Von einem Ende des Forſtes aber ließ ſich trotzdem noch immer nichts entdecken, und da die Sonne ſchon tief ſtehen mußte, wurde der Jägersmann doch nachgerade wieder zweifelhaft, ob ſein Weg der richtige. Er folgte demſelben nunmehr bereits zwei Stunden lang, und jetzt wurde der Forſt obendrein auf's neue dichter, das Unter⸗ holz zeigte ſich häufiger und beſchränkte, bis an die Straße herantretend, jede Ausſicht und Umſchau. Und der Fremd⸗ ling athmete ordentlich erleichtert auf, da er nach einer plötzlichen Biegung des Pfades mit einem Male in ge— ringer Entfernung vor ſich Menſchen erblickte— einen Reiter und einen Fußgänger, den letzteren auf dem feſten Grabenrande dahinſchreitend, während der Erſtere ſein Pferd mitten auf der Straße gehen ließ. Er beſann ſich nicht lange, ſondern ſtieß einen ſchallenden Hollah⸗Ruf aus. Das Paar machte Halt, ſchaute ſich nach ihm um, kam ihm ſogar einige Schritte entgegen, und der Fuß⸗ gänger, gleichfalls ein Jägersmann, muſterte ihn mit ziemlich finſterem Blick und meinte dann nichts weniger Der Komet. 11 als freundlich:„Na, wen haben wir denn da? Was hat Er mit Hund und Flinte im Revier zu thun, Geſell?“ Der Fremdling gab den Blick ruhig zurück.„Ich bin ein Jäger, der eine Stelle ſucht,“ verſetzte er.„Der Schäfer draußen hat mich auf dieſen Weg gewieſen, der mich nach Dreiheiligen führen würde. Ich habe Empfeh⸗ lungen von Herrn von Rettfeld an den Herrn Grafen, und ein Anliegen an denſelben.“ Er hatte die letzten Worte, zumal den Namen, mit leiſerer Stimme geſprochen und ſich, wie unwillkürlich, da⸗ bei auch umgeſehen. Der Reiter, der ein paar Schritte zurückhaltend bis— her ſchweigend zugeſchaut hatte, nahm jetzt die kurze Pfeife aus dem Munde und ſprach in eigenthümlich mildem, gleichfalls gedämpftem Tone:„Leo Rettfeld, ſagt Er? Rede Er heraus, Freund; ich bin, den Er ſucht. Oder will Er's mir lieber erſt daheim ſagen, ſo komme Er nur. Wir gehen nach Hauſe.“ Der Fremde hatte ſich überraſcht dem Sprechenden zugewendet, an dem nichts auf den hohen Stand hinzu⸗ deuten ſchien, zu dem er ſich eben bekannt; er ſah viel⸗ mehr etwa wie ein wohlhabender Pachter oder einer der reichen Bauern dieſer Gegend aus. Die Kleidung war landesüblich, anſtändig zwar, doch keineswegs fein, und einzig die durchgängig dunkle Farbe ihrer Stoffe mochte auf eine höhere Stellung des Mannes hindeuten. Sein Geſicht freilich, das der Fremde bisher nicht beachtet, machte jedem Zweifel ein Ende. Es war ein kleiner Kopf mit bereits ganz ergrautem Haar, ein Geſicht mit ernſten, 12 Erſtes Kapitel. ſtillen Zügen, in denen man die tiefeingedrückten Spuren von körperlichen und geiſtigen Leiden nicht verkennen konnte. Und vor allen Dingen ſchauten unter leicht ge— wölbten Brauen ein paar noch jetzt ſchöne, tief dunkel⸗ blaue Augen hervor, mit gleichfalls ſtillem, melancholi⸗ ſchem und dennoch wohlwollend freundlichem Blick, wie er Kunde gab nicht nur von der Güte des Herzens, ſondern auch von einer reichen Bildung deſſelben. Ein Kundiger liest viel aus ſolchem Augenpaar. Jetzt ſah der Fremdling dies alles auf den erſten Blick und wunderte ſich nur darüber, daß es ihm bisher hatte entgehen können, ſo hell und unabweislich trat der vornehme Mann aus der einfachen Erſcheinung hervor. „Herr Graf,“ verſetzte er nun mit reſpectvollem Gruß und Ton,„meine Mittheilungen ſind allerdings von der Art, daß ich ſie vor dem Einzelnen lieber ausſpreche als vor Mehreren.“ Und ſeltſam, ſo einfach die Worte und die begleiten⸗ den Bewegungen waren, auch hier offenbarte ſich in ihnen doch ein ganz anderer Menſch, als der einfache Jägers⸗ mann, ſo daß der Graf gleichfalls mit ſichtbarer Ueber⸗ raſchung auf den Fremdling blickte und in einem von dem früheren ganz verſchiedenen Tone erwiderte:„Ich bin zu Ihren Dienſten, obgleich Sie ſich vor meinem Be⸗ gleiter kaum zu geniren brauchten. Detlef,“ ſetzte er dem Alten zunickend hinzu,„iſt ſo eine Art von Alterego; ſo viel haben wir gemeinſam durchgemacht.“ Der Fremde antwortete nicht ſogleich. Sein Auge blickte vielmehr mit einer gewiſſen Schärfe an ſeinem Ge⸗ —— Der Komet. 13 genüber vorbei den Weg entlang, und erſt nach einer Weile ſagte er, wieder den Grafen anſchauend, mit auf— fälliger Raſchheit:„Mein Auftraggeber hat mir auch den wackeren Mann genannt. Jetzt aber muß ich ſchweigen, Herr Graf. Wir bekommen Beſuch, glaub' ich.“ Er hatte ſeine Worte kaum beendet, und der Graf und Detlef, darüber verwundert, hatten eben den Kopf rückwärts gewendet, da traten zwei Douaniers um die nächſten Waldbüſche hervor auf die Gruppe zu, und der Aeltere, den Grafen nur mit flüchtigem Gruße beachtend, ſprach mit einem ſcharfen Blick auf den Jägersmann in franzöſiſcher Sprache die barſch betonten Worte:„Euren Paß, mein Herr!“— Es war in jener ſchmachvollſten aller ſchmachvollen Zeiten, die über Deutſchland dahingezogen ſind, als die Decrete des franzöſiſchen Kaiſers unſere Geſetze waren, einen Strich unſeres Vaterlandes nach dem anderen mit dem großen Reiche verbanden und fremden Beamten un⸗ terwarfen. Eben ſo war es auch den Landestheilen er⸗ gangen, in welche wir unſere Leſer führten. Ein Heer von franzöſiſchen, oder noch ſchlimmer, von aus deutſchen Landen gezogenen und herandreſſirten Gensd'armen und Douaniers hielt das deutſche Land und zumal die Küſten⸗ ſtriche beſetzt, und da die Erſteren bei dem zunehmenden ungeheuren Truppenbedarf zum Theil in die ſpaniſche oder in die nach Rußland ziehende Armee eingereiht, oder nach den alten franzöſiſchen Provinzen zurückgerufen waren, ſo blieben den Letzteren, den Douaniers, in ihren Bezirken und bis weit in's Land hinein häufig auch die —— 14 Erſtes Kapitel. Polizeidienſte übertragen. Dies trug mehr als alles Andere dazu bei, daß der Haß gegen die Fremdherrſchaft bis in die unterſten Klaſſen hinein drang und daß bei der endlichen Erhebung gerade in den Küſtenſtrichen der Nord⸗ und Oſtſee, welche dem franzöſiſchen Reiche ein⸗ verleibt waren, ein Enthuſiasmus aufflammte, wie er ſogar drinnen in Preußen nicht grimmiger und nachhalti⸗ ger zu finden war. Selbſt jetzt ſah es für die Fremden ſchon mißlich genug aus. Man heuchelte nicht einmal mehr Freundlich⸗ keit gegen ſie, von ruhig duldendem Gehorſam war bei den Unterdrückten nur ſelten noch etwas zu finden. Trotzig und die Drohung in den Augen, gaben ſie bei Gelegen— heit vielleicht dem Zwange und der Gewalt nach, allein aus ihrem Haß machten ſie nirgends mehr ein Geheimniß. Daneben gab es bereits überall die ſchlimmſten Händel, auf welche häufig freilich nur die Nacht herunterblickte mit ihren ſchweigenden Sternen oder ihren dichtſchattenden Wolkenſchleiern. Der Dienſt der Douanen wurde von Tag zu Tag gefährlicher und endlich kaum noch zu ver ſehen, und es iſt begreiflich, daß die Beamten allmälig den Haß und Grimm mit ähnlichen Gefühlen erwiderten und alle Schonung immer mehr aufgaben. So ging das hin und her, und wenn die Wogen reden könnten, die jene Küſten umrollen, oder wenn die dunklen Waldungen und öden Heiden erzählen wollten, welche die Gelände dort bedecken— es möchten uns Mären zu Ohren kom⸗ men, wie ſie aus keiner Zeit unſerer Geſchichte uns finſte⸗ rer und blutiger berichtet werden.— Der Komet. 15 Der Fremdling ſchaute den Douanier mit keines— wegs freundlichen, geſchweige denn mit demüthigen Blicken an. Finſter maß er ihn von unten bis oben und wie⸗ derholte erſt dann, halb gegen den ſchweigend darein ſchauenden Grafen gewendet:„Passeporte? Heißt das etwa, daß der Mann hier meinen Paß ſehen will? Ich bin nicht franzöſiſch geſchult. Das Vergnügen kann er jedoch haben.“— Und damit fing er an, den Ranzen weiter nach vorn zu ziehen und in ſeinem Inhalt nach dem Papier zu ſuchen. Den Beamten ging es damit nicht raſch genug, denn der Erſte ſtieß immer ungeduldiger ſein wiederholtes „vite, vite!“ heraus, und der zweite Douanier ſagte plötz⸗ lich— es ſchloß ſich in dieſer Scene freilich alles raſch genug an einander— im fließendſten Deutſch, mit dem brutalen Blick und Ton, mit dem dieſe Ehrvergeſſenen damals häufig genug gegen ihre Landsleute renommirten: „Na, wird's, Geſell, oder ſoll ich Ihm helfen? Das Stockhaus in S. wird das beſte Quartier für Ihn ſein, merk' ich.“ Damit riß er ſelber die Jagdtaſche des Fremdlings weiter vor und griff mit voller Hand hinein. Eine ungeſtüme ſtolze Wendung des Jägers machte dieſelbe aber noch ſchneller zurückfahren, als ſie zugegrif— fen; ein drohender, blitzender Blick trieb dem Frechen das Blut in die Wangen und ließ ihn mechaniſch nach dem Carabiner langen, den er über die Schulter gehängt trug. Aber auch der Fremde hatte ſein Gewehr ſchon in der Hand, das Tuch war von den Schlöſſern, und indem er nun mit der Linken die verlangten Papiere hinbot, ſagte 16 Erſtes Kapitel. er mit einer halb ſpottenden, halb— nennen wir's ein⸗ mal: luſtigen Unverzagtheit:„da ſind die Papiere. Kann der Herr Landsmann leſen, ſo leſe er. Wo nicht, müſſen wir vielleicht mit Flintenſchüſſen reden, wozu ich auch wieder bereit bin.“ Das ganze Weſen des Fremden. das neben aller Ruhe und Kaltblütigkeit etwas in ſich hatte, das einem Angreifer zur Vorſicht und zum Nachdenken zu rathen ſchien; der ernſt und ſchweigend beobachtende Graf; der unverhohlene Grimm, der in Detlef's rauhem Geſicht aus⸗ geprägt war,— das alles mochte die Beamten daran er⸗ innern, daß ſie, wenn auch Herren im Lande, doch nur ſelten zugleich Herren der Situation und dem allgemeinen Haß gegenüber in der ernſteſten Stellung waren. Zu⸗ gleich mochte dem Franzoſen das Auftreten ſeines Beglei⸗ ters auch nicht beſonders gefallen haben. Während ſie zur Durchſicht der Papiere zurückgetreten waren, flüſterte er wenigſtens ziemlich lebhaft auf den Anderen ein, wo⸗ durch er freilich nichts erreichte. Denn der erbitterte Menſch blieb in Mienen und Geberden bei einer beharr⸗ lichen Weigerung und gab endlich die Papiere mit den Worten zurück:„Wenn der Wiſch nicht geſtohlen oder gefälſcht iſt, mag er richtig ſein. Jedenfalls dulden wir aber keinen Landſtreicher, wie Er einer iſt, Burſche. Und daher zuerſt den Ranzen auf zum Viſitiren, und dann marſch fort zum Brigadier, der weiter entſcheiden wird. Wir wollen euch euren Hochmuth und Trotz ſchon legen, ihr Lumpengeſindel!“— Er griff dabei wieder nach der Taſche. 17 Der Komet. In dieſem Augenblick, bevor der Jäger ſich der nun⸗ mehr feſter zugreifenden Hand entziehen konnte, brachen plötzlich mehrere größere und kleinere Hunde, von denen man bisher nur zuweilen ein Gekläff vernommen, aus dem Walde heraus und umringten die Fremden mit wüthendem Bellen und Geheul. Der deutſche Douanier ſtieß im gleichen Moment, da Detlef ein zorniges:„Zurück, Geſindel!“ laut werden ließ, mit dem Fuß nach einem gar zu aufgeregten kleinen Dachshund und ſchleuderte das Thier mehrere Schritte weit zurück, ſo daß es in ein jammerndes Schmerzensge⸗ ſchrei ausbrach. Seine Kameraden wurden dadurch alle auf den Thäter gezogen und zu einer Aufregung gebracht, die in der nächſten Sekunde zum ernſten Angriff führen konnte. Detlef ſelber war mit einem einzigen Satze neben dem Beamten und ſchwang die herausgeriſſene ſchwere Hundepeitſche über ſeinem Haupt, mit einem grimmigen Ruf. Das alles war das Werk weniger Sekunden, im nächſten Moment ſchien das bisherige Gezänk in den blu⸗ tigſten Ernſt übergehen zu müſſen. Da trieb der Graf ſein Pferd zwiſchen die Erbitterten, und ſein drohendes „Zurück!“ brachte wenigſtens den eigenen Diener zur Be⸗ ſinnung und ließ ihn einen Schritt zurückweichen. Es blieb auch ſonſt nicht ohne Wirkung. Die ange⸗ ſchlagenen Gewehre des Franzoſen und des Fremdlings ſenkten ſich, die Hunde gaben ſich zur Ruhe; der deutſche Douanier jedoch, dem das Blut flutend in die erbleichten Hoefer, Fremdherrſchaft. I. 2 18 Erſtes Kapitel. Züge zurückſchoß, ſprach knirſchend:„Schon gut, wir wer⸗ den uns revanchiren. Für jetzt kommt nicht nur der Landſtreicher hier, ſondern auch der alte Strolch mit, der ſich an Beamten Sr. Majeſtät zu vergreifen wagt. Ihr ſollt eure Herren ſchon erkennen und reſpectiren lernen. Allons, oder beim Teufel, ich brauche meine Waffe!“— Und er erhob in der That den Carabiner. „Genug, genug, Monſieur, beſinnt Euch!“ ſagte der Graf mit merkwürdig ruhigem Ton und Blick und ließ ſein Pferd noch einen Schritt weiter vorgehen, ſo daß er hart neben dem Wüthenden hielt.—„Der Alte iſt mein langjähriger Diener, der Fremde hier an mich empfohlen, für Beide hafte ich, Graf von Rhoda⸗Lipen auf Dreihei⸗ ligen— Ihr kennt mich ſo gut, wie Euer Kamerad und Eure Vorgeſetzten. Ich hafte für ſie, wiederhole ich—“ „Ich frage den Teufel nach einem Fürwort!“ fiel ihm der noch immer Grimmige in die Rede.„Mit müſſen und mit ſollen ſie. Ich kenne meine Pflicht und will euch deutſches Lumpenpack ſchon Mores lehren.“ „Verſucht's, aber auf Eure Gefahr, Monſieur,“ lau— tete die nochmals ruhig betonte Antwort, während ſich im Auge des Grafen jedoch etwas zeigte, was eine demnächſt bevorſtehende Aenderung möglich erſcheinen ließ.„Ich glaube wenigſtens nicht, daß Beide einem Angriff weichen, der durch nichts gerechtfertigt wird, und dem gegenüber auch meine Einmiſchung nutzlos ſein dürfte; ich habe den Leuten ſchließlich nur zu rathen, nicht zu befehlen. Ich hoffe,“ fuhr er fort, und wandte ſich damit, franzöſiſch redend, an den anderen Douanier,„Sie, mein Herr, den 35 öſſſ Hert, Der Komet. 19 werden Ihren Kameraden die Dinge nicht nutzlos auf die Spitze treiben laſſen. Sie werden bezeugen, daß nicht meine Begleiter die Angreifenden geweſen. Und ſomit,“ ſchloß er,„können wir uns wohl trennen. Nochmals— der Fremde iſt jedenfalls morgen noch in Dreiheiligen zu finden.“ Der Franzoſe verbeugte ſich höflich, langte grüßend an die Kopfbedeckung und wandte ſich dann dem Kame⸗ raden zu, um alsbald leiſe und heftig auf ihn einzu⸗ reden. Der Graf hatte ſein Pferd umgelenkt und ritt ruhi⸗ gen Schrittes den Weg entlang, von Detlef und dem Fremdling ſchweigend gefolgt, bis der Erſtere, nach einer Weile anhaltend, zu den noch immer ſich ſtreitenden Be⸗ amten zurückſchaute und die Fauſt ballend vor ſich hin murmelte:„Ich komme doch noch'mal über euch, Ca⸗ naillen!“— „Das werden wir, ſo Gott will, alle noch einmal,“ bemerkte der Fremde ernſt.„Und wie hier die Sachen zu ſtehen ſcheinen, halte ich die Zeit ſogar für näher, als ich bisher gehofft.“— „Ja, es ſteht ſchlimm im Lande!“ meinte hier der Graf, der ſein Pferd ſo langſam hatte gehen laſſen, daß alle Drei jetzt in einer Reihe waren.—„Wenn auch nicht alle Welt ſo wild und heftig iſt, wie mein alter Detlef,“ ſetzte er hinzu,„der jetzige Zuſtand iſt nicht lange mehr zu ertragen.“ „Ich will dem Herrn ein neues Lied ſingen, wenn's endet!“ warf Detlef hin. Der Scherz klang ſeltſam aus 20 1 Erſtes Kapitel. dem kaum bezwungenen Grimm hervor, von dem die grollende Stimme des Alten noch immer Kunde gab, und während der Graf ungezwungen lachte, konnte ſelbſt der Jäger ein leichtes Lächeln nicht unterdrücken. Gleich darauf waren ſeine Züge jedoch wieder voll⸗ kommen ernſt und ſeine Augen überflogen mit aufmerk⸗ ſamem Blicke die Umgebung. Das Unterholz war wie⸗ der verſchwunden, der Wald erhob ſich rings in ſeiner vollen Majeſtät mit prachtvollen Stämmen, zwiſchen denen es jedoch nach vorn zu jetzt immer lichter und lichter wurde. Nach wenigen, ſchweigend zurückgelegten Schritten hatten ſie in der That das Ende erreicht und traten auf ein augen⸗ ſcheinlich reiches und fruchtbares, wenn jetzt auch abge⸗ erntetes Gelände hinaus, über welches hin man in gerin⸗ ger Entfernung die Gebäude eines weitläufigen Wirth⸗ ſchaftshofes und zahlreiche Dächer eines großen, hinter und neben demſelben angebauten Dorfes erblicken konnte. Ein Kirchthurm erhob ſich aus ihrer Mitte, und ſchon von hier aus ſah man's, daß faſt kein Dach ohne ein Neſt der in dieſen Gegenden zahlreich hauſenden Störche war. Ueber das Geſicht des Jägers flog etwas wie ein trübes Lächeln.„Das erinnert mich an längſt vergan⸗ gene Zeiten,“ ſagte er.„Wo immer ich neuerdings ge⸗ weſen, es war überall, als hätten auch die Vögel keine Ruhe und keinen Frieden. So viel Neſter habe ich lange nicht mehr auf einer Stelle geſehen. Wollte Gott, ſie bezeichneten wirklich, was ſie nach dem alten, treuen Glauben bezeichnen ſollen— daß hier bei Ihnen noch der ungeſtörte Friede daheim, Herr Graf!“ Der Komet. 21 Der Herr ſtreifte den Sprecher, der die angenommene Rolle jetzt wirklich und gänzlich fallen ließ, mit einem gedankenvollen Blick.„Wo finden Sie noch Frieden in unſerem armen Deutſchland?“ fragte er kopfſchüttelnd. „Glauben Sie mir, wir ſind hier nicht beſſer, ſondern ſchlimmer daran, als überall anderwärts. Sie haben eben erſt eine Probe erhalten. Die Natur aber weiß nichts von den Thorheiten der Menſchen.“— Sie ſprachen nichts weiter. Nach einer Weile gelangten ſie an das erſte, in einem hübſchen Blumengärtchen freundlich gelegene Haus, das durch ein ſtattliches Hirſchgeweih über der Thür als Jä⸗ gerwohnung bezeichnet wurde. Detlef verließ ſie hier mit kurzem Gruß. Der Alte ſchien noch immer nicht den im Walde hervorgerufenen Grimm überwinden zu können und ſchmetterte, eintretend, die Thür hart hinter ſich in's Schloß. Der Graf ſchüttelte gegen ſeinen Begleiter lächelnd den Kopf.„Deſſen Blut machen die Jahre nicht kalt,“ bemerkte er.„Wehe den Fremden, wenn beim endlichen Kampfe viele Jüngere ſo auf ſie eingehen, wie es mein Detlef thun wird!“ Der Fremdling erwiderte nichts, und ſie zogen ſtumm weiter, bis ſie endlich auf den weiten Hof gelangten und ſich raſch dem im Hintergrunde befindlichen einfachen und ſchmuckloſen Herrenhauſe näherten, in deſſen Fenſter die untergehende Sonne ihre rothen Lichter ſtreute. Der Graf ſaß ab und überließ ſein Pferd einem herbeieilenden Stallknechte. In's Haus tretend, wies er einen Diener 22 Erſtes Kapitel. kurz an, dem folgenden Jäger Flinte und Ranzen abzu⸗ nehmen und ein Zimmer für denſelben parat zu halten. Dann ging er auf's neue ſchweigend voran durch ein paar Gemächer, und erſt nachdem er im dritten— wie es ſchien, ſeinem Arbeits⸗Cabinte— Mütze und Reitpeitſche auf den Tiſch gelegt, wandte er ſich dem Anderen wieder mit den Worten zu:„Hier ſind wir ungeſtört. Nun wohlan alſo, wer ſind Sie und was bringen Sie? Daß Sie kein Jäger ſind, der eine Stelle ſucht, haben Sie mich freilich— wohl mit Abſicht— entdecken laſſen.“ „Ich hielt die Maske Ihnen gegenüber nicht mehr für nöthig, Herr Graf,“ verſetzte der Fremde mit artiger Offen⸗ heit;„eben ſo wenig vor dem alten Detlef Reuter, von dem mir Rettfeld als von der treueſten Seele mehrfach erzählte. Zum Zeugen bei meinen beſonderen Mitthei⸗ lungen wünſchte ich ihn deſſen ungeachtet nicht. Mit mei⸗ ner Legitimation wird es aber wunderlich ausſehen,“ fuhr er abbrechend fort. Papiere habe ich nicht und muß mich daher auf Nennung meines Namens und—“ „Laſſen Sie's gut ſein,“ fiel ihm der Graf in's Wort.„Rettfeld's Name und Bekanntſchaft iſt in mei⸗ nen Augen für Sie eine beſſere Legitimation als allerlei Papiere, Zeichen und Erkennungsworte, die am Ende auch von Unberufenen nachgemacht werden könnten. Leo Rettfeld verkehrt mit niemand, der nicht eben ſo entſchloſ⸗ ſen und entſchieden wie er ſelbſt.— Nehmen Sie Platz, greifen Sie zu und laſſen Sie uns auf den Freund an⸗ ſtoßen,“ redete er weiter, indem er aus der auf dem Tiſche ſtehenden Karaffe mit rothem Weine zwei Gläſer füllte für fen⸗ von fach hei⸗ nei⸗ fuhr mich in's mei⸗ erlei Inde Leo lloſ⸗ latz, an⸗ iſche küllte Der Komet. 23 und das ſeine dem Fremdling entgegenſtreckte.„Gott gebe uns viele Vaterlandsfreunde, wie Leo Rettfeld einer iſt!“ Der Jäger ſtieß klingend an, leerte ſein Glas mit einem Zuge und ſagte, es niederſetzend:„Ich ſtimme mit Leo nicht überall überein, aber Ihren Toaſt ſpreche ich dennoch mit ganzem Herzen nach. Mein Name wird Ihnen ſchwerlich bekannt geworden ſein— ich heiße Hoven—“* „Friedrich von Hoven, vordem Rittmeiſter bei Ru⸗ dorff⸗Huſaren?“ unterbrach ihn der Graf ungewöhnlich lebhaft. „Ja, der bin ich, Herr Graf. Rettfeld und ich ſtan⸗ den beim gleichen Regimente.“ „Und Sie glauben, daß ich Sie nicht kenne, mein Freund?“ ſprach der Graf faſt heiter und bot dem An⸗ deren herzlich die Hand hin.„Schlagen Sie ein, Herr von Hoven! Ich bin glücklich, die Hand des treueſten Patrioten faſſen zu dürfen, von deſſen Wirken, von deſ⸗ ſen Zügen ſchon längſt bewundernd unter uns die Rede. Seien Sie mir willkommen, tauſendmal willkommen! Wen ich auch in dem kurioſen Jägersmanne geſucht haben mag, eine ſolche Entdeckung habe ich nicht vermu⸗ thet, nicht gehofft, daß„der Komet“ ſeine Bahn auch ein⸗ mal durch unſere ferne Gegend nehmen werde!“ Herr von Hoven lachte.„Alſo den Namen, den man mir anfänglich im Scherze, ſpäter ernſtlich und vor— ſichtshalber zudictirt, kennen Sie hier auch ſchon?“ fragte er.„Hätte ich übrigens geahnt, daß ich hier zu Lande 24 Erſtes Kapitel. ſo bekannt, ſo würde ich mich etwas weniger leichtſinnig auf dieſen Zug begeben haben,“ redete er weiter. Wenn mich die Feinde eben ſo gut kennen—“ „Und zweifeln Sie daran, mein Freund?“ unter⸗ brach ihn der Graf ernſt.„Der Treuen haben wir Gott⸗ lob viele, ſo viele, möchte ich ſagen, wie das Land Be⸗ wohner zählt; der Handelnden ſind weniger, weil der Kreis des Handelns noch ein ſo ſehr beſchränkter, und da kann es nicht ausbleiben, daß die Feinde alsbald auf⸗ merkſam werden. Dennoch habe ich eigentlich keine Sorge um Ihre Sicherheit. Bei uns gibt es keinen Verräther, und zumal den Namen, bei dem gewöhnlich von Ihnen die Rede—„der Komet“, meine ich— kennen nur die 1 Eingeweihten. Mit Einem Worte, ich hafte für Ihren ſicheren Weg durch unſere Gegend.“ Hoven verbeugte ſich verbindlich.„Sie werden mich hoffentlich nicht mißverſtanden haben, Herr Graf,“ ſagte er dann.„Ich bin von jeher anderen Sinnes geweſen als viele meiner alten Kameraden, die außer Landes gin⸗ gen, um dem Feinde mit der blanken Waffe entgegen⸗ treten zu können. Ich glaubte daheim eben ſo viel, wo nicht mehr nützen zu können, als wenn ich auswärts den Feinden ein paar Köpfe ſpaltete, und habe es getrieben, wie ich es treiben konnte. An meine perſönliche Sicher⸗ heit habe ich ſtets nur der Sache wegen gedacht, für die ich handelte. So auch jetzt— ich bringe Nachrichten, die nicht gleichgültig ſind, die mit mir nicht verloren gehen dürfen. Ueberdies freilich wäre mir jetzt auch der Ge⸗ danke ein troſtloſer, daß ich nun gerade dem Feinde in Der Komet. 25 die Hände fallen könnte, wo uns der offene, will's Gott ſiegreiche Kampf ſo nahe bevorſteht, der Kampf, auf den ich ſeit ſechs Jahren wie auf meine Seligkeit hoffe!“ Der Graf hatte den Sprechenden mit Theilnahme beobachtet und ließ nach den letzten Worten eine längere Pauſe vergehen, bevor er fragte:„Und glauben Sie wirk⸗ lich an ſolche Nähe des Kampfes?“ „Ja, Herr Graf, daran glaube ich, darauf baue ich!“ lautete die feſte, raſche Antwort.„Wer die Zuſtände und die Stimmung in Preußen, in dem größten Theile von Nord⸗ und Mittel⸗Deutſchland kennt, kann darüber auch ohne die Nachrichten, die ich in Rußland erhalten und die unſere Hoffnungen beſtätigen, nicht in Zweifel ſein.“ „Sie kommen aus Rußland? Dort trafen Sie mit Rettfeld zuſammen?“ fragte der Graf raſch. „Ja wohl, Herr Graf. Ich bin im Juni nach Pe⸗ tersburg gegangen, um die dortigen Verhältniſſe genauer kennen zu lernen, mit unſeren alten Kameraden immer intimere Verbindungen anzuknüpfen, mit Stein zu ver⸗ handeln, endlich die Kriegsereigniſſe ſchneller und unge⸗ ſchminkt zu erfahren. Mit Rettfeld traf ich dort zufällig und auch für mich überraſchend zuſammen; ich wußte noch nicht, daß er die Halbinſel verlaſſen und jetzt Adjutant des Generals Barclay de Tolly.“ „Auch ich höre dies zuerſt von Ihnen,“ meinte der Andere gedankenvoll.„Freilich dachten wir uns, daß er nicht fern bleiben würde, wenn der Krieg ſich wieder der Heimat näherte. Aber unſere Verbindung iſt begreiflicher Weiſe eine ſehr ſparſame und unſichere. Doch fahren 26 Erſtes Kapitel. Sie fort, Hoven,“ unterbrach er ſich ſelbſt.„Wie ſteht's mit dem Kriege?“ „Gut, Herr Graf. Die Ruſſen haben allerdings am 17. und 18. Auguſt bei Smolensk eine Schlacht und am 19. bei Walutina ein Gefecht verloren, ſind dann jedoch nur vorgeſchriebener Maßen und vollkommen geordnet zurückgewichen, und die Verluſte des nachrückenden Fein⸗ des ſind von der Art, daß man ſchon jetzt mit ziemlicher Beſtimmtheit darauf rechnen kann, in zwei bis drei Mo⸗ naten werde die große Armee eine ſehr ungefährliche ſein, wenn noch überhaupt etwas von ihr exiſtirt, und mehr an ihre eigene Rettung als an einen Angriff zu denken haben. Leo, der am 28. Auguſt von der Armee als Courier nach Petersburg kam, hat mir darüber höchſt in— ſtructive Mittheilungen gemacht. Beiläufig geſagt, hat fortan an Barclay's Stelle der alte Kutuſow den Ober⸗ befehl, und davon hoffte man in unſeren Kreiſen noch manches Weitere. Jetzt mag es ſchon eingetroffen ſein. Man erwartete auf dem Wege nach Moskau eine neue Schlacht. Doch ich mußte bereits am 30. Auguſt abrei⸗ ſen und konnte auf keine neue Kunde warten.“— „Nun, Gott gebe ſeinen Segen dazu!“ ſprach der Graf nach einer Pauſe.„Eröffnet ſich uns nur die Mög⸗ lichkeit eines Erfolges, ſo wird es an u nicht fehlen— die Nachricht nehmen Sie von e mein Freund. Nun aber ſollen Sie nichts weiter erzählen. Mein Neffe Eugen— Leo wird ihn Ihnen genannt haben— würde außer ſich ſein, wenn er erſt durch mich und nicht auch von Ihnen über dieſe Dinge unterrichtet würde. Und er * Der Komet. 2 hätte ein Recht dazu, denn er iſt der Mann der That, während bei mir nur noch von Wünſchen und gutem an Willen die Rede ſein kann. Erlauben Sie, daß ich ihn An rufe, in einer Stunde muß er da ſein.“— edoch Er ging zum Schreibtiſche, warf raſch ein paar Zei⸗ üe len auf ein hervorgezogenes Blatt und bot es dann den⸗ lächeld Hoven zur Anſicht. Es ſtanden nur die Worte cher darauf: Mo⸗. ſen„Lieber Eugen! Der Komet iſt wirklich da. nehr Mein Fernrohr zeigt ihn Dir heut Abend. enken Komme z als Deinem Onkel E. Rhoda.“ t in⸗„Sehen Sie, ſo dient uns Ihr Name und ſo müſſen hat wir hier bei uns ſchreiben,“ ſagte der Graf, das Blatt 3 Dber⸗ wieder an ſich nehmend, ſiegelte, überſchrieb und gab es noch an einen hereingerufenen Bedienten zur ſchnellſten Be⸗ ſein ſorgung. Darauf kehrte er zu dem Gaſte zurück und neue ſprach:„Das müſſen Sie mir aber jetzt ſchon ſagen, wel⸗ abrei⸗ cher glückliche Zufall Sie in unſere Gegend geführt hat. Kommen Sie über Lübeck?“ h der Der Gaſt neigte bejahend das Haupt.„Allerdings,“ Mög⸗ entgegnete er;„am Samſtag den 19. bin ich dort nach len- mancherlei Umwegen angelangt und ſeitdem zu Ihnen feund. unterwegs. Es iſt längſt mein Wunſch geweſen, einmal Neffe dieſe Gegenden kennen zu lernen, und ich war bereits zu würde dem Ausfluge entſchloſſen— die Rückkehr über Lübeck auch 1 war immer die nächſte und thunlichſte— als mir Leo's nd er 1 8 8 Begegnung, ſeine genaue Auskunft über Land und Leute 28 Erſtes Kapitel. und einige beſondere Aufträge an ſeine alten Freunde noch weitere Veranlaſſung zu dieſem Zuge boten, ja, mir denſelben wenigſtens zur Freundespflicht machten. Leicht macht Ihr Land ſolchen Beſuch freilich nicht,“ ſetzte er lächelnd hinzu.„Ihre Wege ſind ſchlecht zu verfol⸗ gen. Vor vielem Fragen hatte mich Rettfeld ganz be⸗ ſonders gewarnt. So lief ich denn ſeit heute Morgen ſchon in der Irre umher, und wenn ich nicht glücklicher Weiſe auf den alten, mir empfohlenen⸗Schäfer geſtoßen und von ihm endlich der Gnade einer Auskunft gewür⸗ digt worden wäre, ſo möchte ich Gott weiß wohin gera⸗ then ſein oder gar dem Stockhauſe in S. zumarſchiren.“ „Ja, ja,“ ſagte der Graf Rhoda gedankenvoll,„es war ſchon ein Glück, daß wir jenen widerlichen Burſchen zuſammen begegneten. Und, mein Freund, unſere Zu⸗ ſtände ſind von der Art, daß wir dieſes Begegniß nicht gleichgültig nehmen, vielmehr doch ernſtlich auf Ihre Sicher⸗ heit bedacht ſein müſſen. Sobald Eugen da iſt, ſoll das unſere erſte Aufgabe ſein. Jetzt kommen Sie zu Tiſche. Sie werden mit der alten Landesgewohnheit, zeitig zu Nacht zu eſſen, heute wohl zufrieden ſein, Herr von Hoven.“ rgen licher oßen wür⸗ Zweites Kapitel. Ein Salon. Sa taille estoit belle et mediocre, il est vrai qu'elle avoit un pied plus court l'un que l'autre le moins du monde; car on s'en apper- cevoit peu, et mal-aisement le connoissoit-on, dont pour tout cela sa beauté n'en estoit point gastée. DBrantome, d. 1. reyne-Anne de Bretagne. Vierundzwanzig Stunden ſpäter bot der kleine Sa⸗ lon, den man in Nieder⸗Rhoda, dem Wohnſitze oder viel⸗ mehr der Reſidenz des Burg⸗ und Waldgrafen von Rhoda⸗ Lipen, vorzugsweiſe Abends während der Theeſtunde zu benützen pflegte, ein glänzendes Bild vornehmer und den⸗ noch häuslicher Geſelligkeit dar. Ein reiches, volles Licht, wie man es vor fünfzig Jahren durch eine Fülle von Kerzen nur immer zu ſchaffen vermochte, durchſtrömte den nicht großen, aber altmuthig und geſchmackvoll verzierten Raum, ſtrahlte leuchtend zurück aus den großen Spiegeln und von den ſchweren Rahmen einiger Bilder, welche ſich hier und da von den rothſeidenen Tapeten der Wände abhoben, ſchimmerte an den Vergoldungen der kaſſettirten 30 Zweites Kapitel. Decke und blitzte an dem ſpiegelblanken, prachtvollen Sil⸗ berzeug, mit dem der Theetiſch bedeckt war. Die hellen Flammen, welche vom Kamine aus eine ſchon willkom⸗ mene Wärme verbreiteten, hatten gegen dieſe Flut der Beleuchtung für das Auge etwas Mildes und Beruhigen⸗ des, ſo traten ſie dagegen zurück; und nur wenn von Zeit zu Zeit eine beſonders hohe und glänzende Flamme von dem dürren Holze emporſchlug, vermochte ſie in der Nähe des Kamins für einen Augenblick das eigene Licht vor dem der Kerzen zur Geltung zu bringen und die Blumengewinde des dichten Bodenteppichs in ihren glühen⸗ den Farben deutlicher ſichtbar werden zu laſſen. Der Raum war, wie geſagt, nicht groß, ſondern nur ein geräumiges Gemach, wie man es in ſolcher Ausdeh⸗ nung gern zum Verſammlungsplatze für einen größeren Familienkreis und ein paar gute Freunde benutzt, und ſo prachtvoll es ausgeſtattet war— aus all. dieſer gediege⸗ nen und wir möchten ſagen, anmuthigen Pracht ſprach ein ſolches Behagen hier, eine ſolche Ruhe da, daß ein fremder Beobachter die zahlreichere Geſellſchaft, welche die glänzende Beleuchtung zu erheiſchen ſchien und die jetzt dennoch fehlte, ſicher auch nicht vermißt haben würde. Denn ſo hell es war, zu hell wurde es darum nicht; die Farbe der Tapeten, der herabgelaſſenen Vorhänge und Portièren dämpfte das Licht wieder, ſo daß jeder An⸗ ſchein von Prunk und Feſtlichkeit verloren ging, und da, wie ſchon angedeutet, das Gemach auch in ſich abgeſchloſ⸗ ſen und nirgends eine Thür in ähnlich beleuchtete und geſchmückte Räume geöffnet war, ſo genügten die wenigen Sil⸗ hellen llom⸗ t der jigen⸗ von amme n der Licht d die lühen⸗ n nur lsdeh⸗ ßeren nd ſo ediege⸗ ſprach aß ein he die e jetzt würde. t; die e und er An⸗ nd da, eſchloſ te und venigen Ein Mon. 31 Menſchen, welche ſich hier um den Sophatiſch und dort um den Kamin gruppirt hatten, vollkommen, den Salon auf das behaglichſte und angenehmſte zu beleben. Ja, es wurde dadurch nur um ſo behaglicher, hätte man an⸗ nehmen müſſen, denn die beiden Partieen konnten ſich in ihrem Plaudern, Lachen und Scherzen jetzt unbekümmert gehen laſſen, ohne daß die eine die andere dadurch ge⸗ ſtört hätte. Und man unterhielt ſich doch lebhaft. In den Seſſeln zur Seite und gerade vor der Flamme des Kamins ruhten ein Herr und eine Dame, während ein großer und ſchlanker Mann in voller Uni⸗ form und mit den Abzeichen der franzöſiſchen Brigade⸗ Generale ſich von ſeinem Lehnſtuhle auf der linken Seite erhoben hatte und ſich mit dem Arme leicht auf das Mar⸗ morgeſims lehnte. Sein ſtolzes und männlich ſchönes Geſicht, die kühn blickenden, nußbraunen Augen waren der Dame zugewandt und kehrten, wenn er ſie einmal zu der zweiten Gruppe beim Sopha hinüber oder durch das Gemach ſtreifen ließ, ſtets ſogleich wieder zu ihr zurück, als könne er ſich nicht ſatt ſehen an dieſer ſeltſamen und dennoch bezaubernden Erſcheinung, die in ihrer jetzigen Haltung und Ruhe weniger einem Menſchen als einem Bilde glich, das uns aus unſerer Eltern oder Großeltern Zeiten erhalten iſt. Die Dame war augenſcheinlich nicht groß und ſaß überdies ſo tief in die weichen Polſter ihres Stuhles zu⸗ rückgeſunken, daß ſie noch kleiner erſchien, als ſie in Wirk— lichkeit ſein mochte, und man von ihrem Aeußern nur ein höchſt unvollkommenes Bild gewann. Aber was man 32 Zweltes Kapitel. erblickte, war ſchon lohnend und wunderbar genug. Sie trug ein prachtvolles Kleid von blau in blau brochirter Seide, deſſen durch Reifen aus einander gehaltener wei⸗ ter und faltenreicher Rock ſich rings um ſie her hoch auf⸗ bauſchte, ſo weit es vor den nicht hohen Lehnen ihres Stuhles irgend möglich war; und dies geſchah um ſo mehr, da ſie die Füße auf ein Bänkchen geſtellt und den einen, deſſen weißſeidener Schuh am unteren Rande ihrer Robe ein wenig ſichtbar wurde, augenſcheinlich über den anderen gelegt hatte. Von der neuen, knappen und kurz⸗ tailligen Mode der damaligen Zeit zeigte ſich an ihr über⸗ haupt keine Spur. Ein Schneppenleibchen ſchloß ſich an den weiten Rock und ließ aus einem Gewölk von dufti⸗ gen Spitzen, welche den tiefen Ausſchnitt umgaben, Bruſt, Schultern und Hals hervortreten, wie ſie nicht voller und veißer, weicher und ſchlanker gedacht werden konnten. Der Kleidung entſprechend, war das braune Haar aufgeſchlagen und ein wenig gepudert; hinter jedem Ohre ſank eine lange Locke weich und zierlich auf die weißen Schultern herab, Schmuck aber zeigte ſich außer den blitzen⸗ den Ohrgehängen gar nicht. Die Dame bedurfte deſſel⸗ ben jedoch auch weder zur Bezeichnung ihres Ranges und ihrer Stellung— ihre ganze Erſcheinung deutete darauf hin, daß ſie zu den Erſten im Lande gehöre und ihr Leben lang nur in einer Umgebung und man möchte ſagen Kleidung, wie ihre heutige, daheim geweſen— noch, wie man das barbariſcher Weiſe in der Geſellſchaft annimmt, zur Hervorhehung ihrer Reize. Hände und Arme, ſo weit man die letzteren vor den darüber hinfallenden reichen r wei⸗ h auf⸗ ihres un ſo iĩ den ihrer er den kurz⸗ über⸗ ich an r und n. Haar Ohre veißen glitzen⸗ deſſel⸗ s und darauf Leben ſagen , wie immt, 0 weit reichen Ein Salon. 33 Spitzen ſehen konnte, waren von der gleichen Tadelloſig⸗ keit wie die Büſte, das Wunderbarſte von allem jedoch blieb das Geſicht. Sie war erſichtlich über die eigentliche Jugend ſchon hinaus und mochte die Dreißig erreicht haben, allein die Jahre hatten ihr, wenn ſie ſie auch ein wenig voller ge⸗ macht, nicht einen der Reize genommen, welche über dieſe wundervoll reinen und feinen Züge in verſchwenderiſcher Fülle gebreitet waren. Ein harmoniſcher gebildetes Ge⸗ ſicht ließ ſich nicht denken, aber es blieb nicht bei dieſer reinen und ſtillen Schönheit, ſondern aus den dunklen, glänzenden Augen, aus den ſcharfen, feinen Brauen, aus der klaren Stirn und dem friſchen, zierlich geſchnittenen kleinen Munde brach auch eine Flut von Leben und Geiſt hervor, durchblitzt von Munterkeit und Keckheit, durchflo⸗ gen zuweilen von einem Zuge von luſtiger Bosheit oder üppiger Koketterie. Kurz, es war das Geſicht einer Frau, die, fern von aller Noth und Sorge des Lebens, keine andere Stellung kannte, als die Erſte jedes Kreiſes zu ſein, dem ſie gelegentlich angehörte, und keine andere Macht gelten ließ, als die ihrer Schönheit und ihrer Laune; ein Geſicht, wie wir ſeines Gleichen jetzt nur ſel⸗ ten noch anderwärts als auf einem der Bilder finden, welche uns irgend eine anmuthige und ausgelaſſene Schön⸗ heit des vergangenen Jahrhunderts erhalten haben. Und wie die Dame nun einmal erſchien, wie ſie blickte und den Hals, die Schultern, die Arme und Hände bewegte, mußte man einräumen, daß ſie mit Recht der prächtigen Tracht der entſchwundenen Zeit treu geblieben war. Die Hoefer, Fremdherrſchaft. I. 3 34 Zweites Kapitel. neue Mode der engen, durchſichtigen, taillenloſen Gewän⸗ der hätte ſie nur entſtellen können. Die Geſellſchaft hatte ſich noch nicht lange zuſammen gefunden, denn am Sopha drüben nahm der eine der Herren erſt jetzt einen Stuhl, und der General, der einen Blick auf jene Gruppe und beſonders auf die dort be⸗ findliche jüngere Dame hinüber geworfen hatte, wandte denſelben jetzt zu ſeinem Nachbar zurück und fragte: „Alſo eine Enkelin von Ihnen, mein theurer Graf? Dieſe Mittheilung überraſchte mich. Ich wußte nicht, daß Sie noch andere Kinder hätten, als den Herrn Grafen drüben in Dreiheiligen und unſere gegenwärtige ſchöne Bosheit.“ — Und er verbeugte ſich lächelnd gegen ſeine reizende Nachbarin. Die Dame lächelte ein wenig ſpöttiſch; der Graf aber, ein hochbejahrter, jedoch noch ſtarker Herr in einer, dem Schnitte nach einigermaßen veralteten, im Uebrigen in⸗ deſſen feinen und reichen, ja, faſt koketten Hoftracht, ver⸗ ſetzte mit einer ein wenig zitternden Stimme:„Ach, ich hatte deren ſieben, mein Herr General; aber am Leben iſt außer denen, die Sie genannt, nur noch die Eine— Mathilde, Wittwe des Reichsgrafen zu Hall und Mutter des lieben Kindes dort hinter uns—* „Eigentlich die Einzige, welche meinem armen Papa geblieben,“ fiel ihm die Dame luſtig in die Rede, ihr Füßchen wiegte den Saum des Kleides, und die Finger der Rechten ſpielten mit einer goldenen, emaillirten Bon⸗ bonnière, deren Deckel ſie leicht auf⸗ und zuknacken ließ. —„Neben Madame Nathilde ſind wir beiden Anderen 92 Gt Ein Salon. — für den Herrn Papa ſo zu ſagen gleichfalls todt oder vielmehr gar nicht da geweſen. Begreifen Sie ſolche Ver⸗ geßlichkeit oder Härte, mein lieber General?“ Der alte Graf lachte und erhob ſeine kleine, ſtarke Geſtalt nicht ohne Mühe aus den Polſtern des Seſſels. „Laſſen Sie ſich von der Thörin nichts weis machen, General,“ ſagte er, während dieſer, deſſen Augen gleich⸗ falls ein Lächeln umflog, gegen die ſcharfe Sprecherin den erhobenen Finger ſchüttelte.„Hebe's Treiben iſt nicht von der Art, daß man ſie leicht vergißt. Sie verſteht es, ſich bemerklich zu machen, der Plagegeiſt!— Aber frei⸗ lich, Mathilde iſt allerdings keine boshafte Weſpe, wie dieſe hier, und kein Kopfhänger und Phantaſt, wie mein Herr Sohn, obgleich das Leben ihr nicht milder mitge⸗ ſpielt, als ihm. Das ſtolze Blut ihrer Ahnen ließ ſie niemals zagen oder unterliegen—“ „Während ich Aermſte die Zagendſte der Sterblichen bin,“ unterbrach ihn die unverbeſſerliche Tochter auf's neue mit einem Zuge von man möchte ſagen ſchmachten⸗ der Reſignation, der ihrem Geſichte köſtlich ſtand.— „Ueberdies ſehe ich nun,“ fügte ſie mit weicher Stimme hinzu,„daß ich richtig geahnt, wenn ich annahm, ich ſei am Ende gar nicht das Kind meiner Ahnen, ſondern nur das Pfand einer höchſt leichtſinnigen Stunde meines ſonſt ſo getreuen Herrn—“ „Hebe, Hebe!“ rief der Graf mahnend, während ſich auf ſeinen ohnedies ſtark gerötheten Wangen ein paar noch röthere Flecken zeigten. „Was denn, mein hochgeborener Herr Papa?“ ſprach 4 36 Zweites Kapitel. ſie jedoch unbeküämmert und im früheren Tone weiter. „Habe ich etwas Dummes geſagt? Das müſſen Sie mir verzeihen, mein lieber General; meine Erziehung iſt nach manchen Seiten hin vernachläſſigt und meine Begabung in Folge meiner einſeitigen Abſtammung eine höchſt un— bedeutende—“ Ein tiefer Athemzug des Vaters, der faſt wie ein Seufzer klang, ließ ſie inne halten. Der alte Herr wiegte den großen Kopf ſehr gravitätiſch hin und her.„Mein Kind,“ ſagte er dann,„was iſt denn heut in der Luft, daß du ſo ganz beſonders geneigt biſt zum Schwärmen? Sie hätten für meine Tochter in Wahrheit gar keine paſſendere Bezeichnung finden können, mein Herr General, als die einer„boshaften Weſpe“. So hartnäckig ſummt und ſticht ſie!“ „Nur, daß man dieſe Stiche gern duldet; ſie ſchmer⸗ zen nicht, ſondern erheitern uns nur,“ bemerkte der ga⸗ lante Franzoſe lächelnd. Der Graf verdrehte ein wenig die großen, runden Augen und zuckte die Achſeln.„Sie ſind eben nicht ihr Vater und nicht darauf angewieſen, dieſe ſüßen Stiche ſtets zu fühlen!“ meinte er mit einem Verſuche zu ſcher⸗ zen, der ihm jedoch nicht leicht werden mochte. Als in dieſem Augenblick eine Thür geöffnet wurde und ein Diener ſich dem alten Herrn mit einem ſilbernen Teller nahte, auf dem mehrere Briefe lagen, nahm er dieſelben wenigſtens mit einer Art von freudiger Haſt entgegen und redete zum General gewendet in einem Tone, der förmlich erleichtert klang:„Sie haben erlaubt, daß wir eiter. mir nach bung nden t ihr Stiche ſcher⸗ ls in ein Teller ſelben gegen der wir Ein Salon. 37 trotz Ihrer Anweſenheit unſern Gewohnheiten folgen ſoll⸗ ten, mein Herr General!“— Und auf die artige Ant⸗ wort:„Bitte, bitte, Herr Graf! Ich erwarte das!“— zog er ſich mit ſeiner Correſpondenz ſchleunig an den Tiſch zurück, der in der Mitte des Gemaches ſtand und zur Bereitung des Thee's benutzt wurde. Dort nahm er einen Stuhl, ſetzte ſich und war bald in die Briefe vertieft. Der General rückte den Seſſel, den der Graf vorhin eingenommen, noch ein wenig näher an den der Dame und ließ ſich nieder.„Sie necken Ihren alten Herrn Papa—,“ warf er hin und ließ ſeinen Blick mit leich⸗ tem Lächeln auf der ſchönen Nachbarin ruhen. Sie hatte ſich bisher nicht gerührt, ſondern nur den abgehenden Vater mit den Augen verfolgt. Nun wandte ſie dieſe dem Offizier zu, und indem ein leiſes, gleichſam ſchelmiſches Leuchten durch ihr Geſicht zuckte, erwiderte ſie anſcheinend ruhig:„Langweile, lieber General, nichts als Langweile und ein wenig Gewohnheit! Ich muß wie mein theurer Herr Papa ſagen: Sie ſind nicht darauf angewieſen, ſtets hier und mit uns zu leben! Was ſoll ich denn um des Himmels Willen ſonſt anfangen, zumal, wenn man mich, wie in dieſem Jahr, auch um meine Sommerreiſe bringt und der Winter mit ſeiner noch größeren Einſamkeit vor der Thüre iſt?“ „Sie waren allerdings während des Sommers gar nicht fort,“ bemerkte er.„Warum das?“ „Meiner Nichte wegen, Herr General! Sie ſollte im Juni kommen und mit uns reiſen. Dann ſoll ſie * 38 Zweites Kapitel. krank geworden ſein und konnte nicht; es gab ein ewiges Aufſchieben, bis ſie vor acht Tagen endlich eintraf, wo es dann natürlich zu ſpät war.“ „Und Ihre Frau Schweſter— iſt ſie krank, daß wir ſie nicht bei uns ſehen?“ fragte er. Comteſſe Hebe lachte.„Meine Schweſter iſt gar nicht da,“ verſetzte ſie.„Die ſitzt drüben und hütet ihre Würde dem Hofe gegenüber, den ſie mit ihrer Nähe beehrt.“— Und da der General auf dieſe Worte hin ſie fragend an⸗ ſah, zuckte ſie leicht die ſchönen Schultern und redete ge⸗ dämpft weiter:„Mein lieber General, es iſt eigentlich unrecht, daß ich davon ſpreche,— die Geſellſchaft findet das wenigſtens. Ich aber kann nichts dafür, daß ich das Lächerliche an den Meinen ſo gut ſehe, wie an Anderen, und mich deſſelben erfreue. Und in dieſen Zuſtänden gibt es des Komiſchen und Lächerlichen ſo viel, daß ich von jeher nur bedauert habe, keine Begabung für der⸗ gleichen zu beſitzen— es ließe ſich ein Luſtſpiel daraus machen. „Meine Schweſter wurde durch meine Eltern und durch ihr ſtolzes Blut, wie mein Herr Papa ſagt, die Gemahlin meines Schwagers, eines der älteſten Grafen des heiligen römiſchen Reichs,“ fuhr ſie fort.„Mathilde war 16 Jahre alt und ihr Gemahl 40, allein das ſtolze Blut half über dergleichen Kleinigkeiten fort, und meine Schweſter fühlte ſich in ihrer Stellung ſehr behaglich, war eine ſouveraine Frau comme il faut und verkehrte mit der regierenden Familie in D. wie mit ihres Gleichen. Das ging auch alles ganz ſchön, bis mein werther Herr iges und die Faf en hilde ſtolze neine war mit chen. Herr 2 2 Ein Salon. 39 Schwager ſich eines Tages nicht nur mediatiſirt, ſondern auch obendrein dem Hauſe von D. unterworſen fand, vor Schreck darüber ſtarb und alle Vermögens⸗Verhältniſſe in der größtmöglichen Zerrüttung hinterließ. Mein lie⸗ ber General,“ unterbrach ſich die unbarmherzige Spreche⸗ rin,„ich kann über dies alles nicht trauern, geſchweige denn weinen. Meinen Schwager habe ich nie für etwas Anderes als einen widerwärtigen Menſchen halten können, und meine Schweſter hat ſich mit ihrem ſtolzen Blute ſeither wie eine Thörin benommen. Sie will weder die Unterſtützung der Ihrigen annehmen, noch von ihren früheren Anſprüchen laſſen oder aus ihrer alten Stellung ſcheiden. Statt zu uns zu kommen und behaglich und ganz nach ihrem Geſchmack zu leben— mein Herr Papa hat auch ſeine guten Seiten, mein lieber General, und bot ihr ein Gut an, wo ſie Hof halten konnte, ſo viel ſie wollte,— hungert und darbt ſie in D., als ebenbürtige Freundin der herzoglichen Familie, und weicht nicht vom Fleck, weil ſie am Ende doch noch begreift, daß eine auch noch ſo kurze Abweſenheit ſie den bisher behaupteten Platz verlieren laſſen müßte. Da kommen unglaubliche Thor⸗ heiten vor, mein lieber General!“ Der Franzoſe lachte, denn nicht nur die Mittheilung ſelbſt, ſondern auch die Vortragsweiſe der Sprecherin, welche jener erſt alles Herbe nahm, wirkten unwiderſteh⸗ lich komiſch auf ihn.„Ihre Nichte iſt alſo zur Behaup⸗ tung jenes Platzes nicht ſo nöthig?“ fragte er endlich mit dem Blick zu der Gruppe am Sophatiſche hinüber. Gräfin Hebe zuckte die Achſeln.„Was weiß ich!“ 40 Zweites Kapitel. verſetzte ſie.„Ich komme nicht leicht nach D. und kenne die dortigen Verhältniſſe wenig. Vielleicht erſcheint Ste⸗ phanie ihrer Mutter zu gut für den kleinen Hof, an dem nur die herzogliche Familie ihr ebenbürtig iſt. Vielleicht wirkt auch das ſtolze Blut von den Eltern in dem Kinde nach. Langweilig iſt meine theure Nichte wenigſtens ſchon genug und nicht minder gelangweilt, wie ich in dieſen acht Tagen ihrer Anweſenheit bemerken konnte,— ganz der Graf, mein Schwager, ſo daß ich vor meiner Schwe⸗ ſter Reſpect bekomme. Ich hatte bis dahin zuweilen meine eigenen Gedanken über ihre Neigung zu dem Gemahl. Allein dieſes Kind ſpricht glänzend auch für ihre geiſtige Treue.“ „Von Langweile ſcheinen meine beiden jungen Schlecker dort neben Ihrer Nichte indeſſen nichts zu em⸗ pfinden,“ bemerkte der Franzoſe mit einem neuen wohl⸗ wollenden Blick auf die andere Partie. Die Dame zog noch einmal die Schultern in die Höhe und nahm eine Confiture aus der Bonbonnidre. „Ach mein Gott,“ ſagte ſie im nachläſſigſten Tone,„ſolche junge Leute ſind ſo gute und reizbare Geſchöpfe! Es bedarf für ſie am wenigſten eines Aufwandes von Geiſt, um ſie in uns gleich die reinen Engel erblicken zu laſſen! Sie müſſen das doch wiſſen, General, denn Sie ſchwärm⸗ ten ſicher auch einmal für ſchöne Augen?“ Die Antwort des Offiziers, die ſo zu ſagen ſchon durch einen blitzenden Blick auf die reizenden Züge und in die glänzenden Augen der Sprecherin angekündigt wurde, ſchnitt der Graf ab, der eben, die Briefe und die 7 Ein Salon. 41 goldene Brille in die Taſche ſchiebend, vom Theetiſch zum Kamin zurückkehrte und ſeine frühere gedrückte Stimmung verloren zu haben ſchien. „Alle meine Correſpondenten ſind voll von Bewun⸗ derung über die unſterblichen Thaten unſeres erhabenen Kaiſers,“ ſprach er.„Dieſer Zug nach Rußland iſt, wie die Menſchheit ſeit Alexander's Marſche nach Indien nie etwas Aehnliches geſehen. Haben Sie nähere Nachrichten, Herr General?“ 5 Das männlich ſchöne, offene Geſicht des Angeredeten zeigte ſtatt des bisherigen heiteren, ja unbekümmerten Ausdrucks momentan einen faſt finſteren Ernſt. „Die Armee beſteht häufig Gefechte, ſiegreich natürlich, aber ohne Bedeutung,“ erwiderte er.„Wir erwarten demnächſt die Nachricht vom Einmarſch in Moskau. Aber,“ redete er dann noch gedämpfter weiter,„hier unter uns Dreien, die wir treue Anhänger Seiner Majeſtät ſind und einander nicht mißverſtehen, darf ich es nicht verheh⸗ len, daß ich über die bisherigen Erfolge unſerer Waffen und über dieſen ganzen Krieg anders denke, als die En⸗ thuſiaſten von Frankreich und Deutſchland. Die Erfolge entſprechen nicht dem Aufwande von Mitteln, und dieſe, mag der Aufwand noch ſo ungeheuer ſein, genügen in den Augen unſerer Beſten und Bravſten dennoch nicht, um unſeren Zweck zu erreichen und Rußland niederzu⸗ werfen. Des Herzogs von Vicenza Träumereien offen⸗ baren ſich täglich mehr als— Träumereien eines auf das unglaublichſte dupirten Menſchen. Und günſtigſten Falls werden wir im nächſten Frühjahr alle Hände voll „ 42 Zweites Kapitel. zu thun haben, unſere halb vernichtete und demoraliſirte Armee wieder ſo weit zu bringen, daß wir den neuen Kampf in Deutſchland nicht von vorn herein verloren geben müſſen.— Sehen Sie, Gräfin,“ ſetzte er abbre⸗ chend hinzu und ſtrich mit der Hand über die Stirn, „wohin ich mich in Ihrer Nähe fortreißen laſſe! Allein ich weiß ja, daß Sie, anders als die meiſten Damen, auch ein Auge auf die Staats-Actionen werfen und Sinn für die großen Ereigniſſe unſerer Zeit haben; und andererſeits erkennen Sie daraus, wie uns zu Muth iſt, die wir Frankreichs Größe und Ruhm lieben.“ Gräfin Hebe hatte den Mittheilungen des Generals mit ungewöhnlicher Aufmerkſamkeit zugehört, ja, ſich wäh⸗ rend derſelben nicht einmal geregt, und machte auch nach ſeinen letzten Worten keine Miene, eine Erwiderung laut werden zu laſſen. Ihr bisher unruhiges, ſchönes Auge haftete auf ihm jetzt mit einem ſchier nachdenklichen Blick, und als ſich darin eine Aenderung zeigte, war es wie eine Art von Verdruß über die Störung ihres Gedanken⸗ ganges, welche durch das wiederholte Räuspern ihres Vaters hervorgerufen wurde. Der Graf, deſſen runde, ſcharf blaue Augen bei den Worten des Franzoſen allmälig noch ein wenig weiter hervorgetreten waren, als gewöhnlich, und der ein paar⸗ mal nur mit ſichtbarer Mühe eine Unterbrechung zurück⸗ gehalten hatte, ſchüttelte jetzt majeſtätiſch den großen Kopf, ſo daß die Locken der blonden Perrücke in eine zitternde Bewegung geriethen, und ſagte, nachdem er ſeine Stimme möglichſt geklärt:„Mein Herr General, Sie ſind ein liſirte neuen rloren abbre⸗ Stirn, Allein amen, und und Muth nerals wäh⸗ nach laut Auge Blick, wie nken⸗ ihres i den weiter paar⸗ urück⸗ Kopf, ternde imme ein Ein Salon. 43 arger Ketzer und ſcheinen mir mit Träumen zu kämpfen, die noch phantaſtiſcher als die des guten Herrn von Cou⸗ laincourt. Was um des Himmels willen reden Sie von einem Kampfe in Deutſchland? Wer wäre im Stande, wer wahnſinnig genug, denſelben zu verſuchen? Es müßte denn etwa ein zweiter Schill eine noch lächerlichere Don⸗ quixotiade unternehmen als die erſte war!“ Das Auge des Officiers wandte ſich langſam und mit einem Blick, in dem etwas wie eine leiſe Verachtung zu leſen war, zu ſeiner Nachbarin.„Glauben auch Sie das, Gräfin?“ fragte er, und da ſie nur mit einem flüch⸗ tigen Achſelzucken antwortete, ſprach er, ſich zu dem am Kamin lehnenden alten Herrn zurückwendend, in ſehr ent⸗ ſchiedenem Tone weiter:„ich und viele meiner Landsleute denken über dieſes alles anders, als Sie, Herr Graf. Der Zug dieſes Schill war eine Thorheit und ausſichts⸗ los; thörichter aber war noch die Weiſe, wie man von unſerer Seite gegen ſeine Anhänger verfuhr. Man ſtem⸗ pelte jeden Einzelnen in den Augen der deutſchen Patrio⸗ ten zu einem Martyrer und machte jede Sympathie für uns im preußiſchen Heer und Volke für immer unmög⸗ lich. Ueber das, was uns in Deutſchland bevorſteht, täuſcht ſich niemand von uns, der die Zuſtände hier zu Lande auch nur eine kurze Weile beobachten durfte. Es muß zum Bruche kommen, Menſchen ſind Menſchen, mein Herr Graf. Und Ihre Landsleute ſind ſicher nicht blind genug, den günſtigen Zeitpunkt, den der jetzige Krieg viel näher rückt, thöricht zu überſehen. Wir gehen vielleicht dem ernſteſten Kampfe entgegen, den wir jemals zu be⸗ 44 Zweites Kapitel. ſtehen gehabt, um ſo ernſter, da unſere alten ſieggewohn⸗ ten Schaaren jetzt in Rußland den Todesſtoß erhalten— es iſt ohnehin ſchon aufgeräumt!“ unterbrach er ſich nicht ohne Bitterkeit—„und unſere Führer immer müder werden; um ſo ernſter, da wir ſelber die Dinge ſo auf die Spitze trieben und es verſchuldeten, wenn wir dem⸗ nächſt nicht ein paar Armeen— das wäre noch immer eine Bagatelle!— ſondern ein Volk in Waffen vor uns haben. „Sie kommen hier auf Ihrem Schlöoöͤß, auf Ihren Reiſen, in Ihrem Hotel in der Stadt zu wenig mit dem Treiben des Volkes in Berührung und hören ſchwerlich etwas davon. Das iſt mit Unſereinem anders. Wir ſehen und hören und erfahren mehr als uns lieb iſt. Ich bin ein offener, gerader Soldat und mag nichts mit der Verwaltung und ihren Beamten zu thun haben, wenn mich der Wille des Kaiſers jetzt auch mit denſelben in Berührung gebracht hat. Es ſind Blutſauger, Habgierige, Canaillen zum Theil, die nicht an die Zukunft, ſondern nur an die Gegenwart, nicht an die wirklichen, ſondern an die nominellen Intereſſen des Staates, noch mehr aber an ihre eigenen denken. Es ſind Canaillen und Dummköpfe, wiederhole ich, die das Schwere des neuen Regiments und der Zeitverhältniſſe dem Volke nicht mög⸗ lichſt erleichtern, vielmehr den Druck bis zum Unerträg⸗ lichen ſteigern. Und es thut mir leid, Herr Graf, daß ich es ſagen muß,— aber gerade Ihre Landsleute unter unſeren Angeſtelltenübringen uns den meiſten Schaden, und wie die Sachen ſtehen, können wir dieſes Gezücht 8 wohn— ten— nicht müder o auf dem immer r uns Ahron Ihren t dem rrige, nern adern mehr und neuen mög⸗ rträg⸗ daß unter aden, ezücht Ein Salon. 45 trotzdem nicht einmal entbehren und zum Teufel jagen. Sie verderben in einer Stunde mehr, als wir Anderen nachher in Wochen und Monaten wieder gut zu machen vermögen. Es iſt leider Gottes ſchon ſo weit, daß wir nicht einen Freund mehr im Lande haben, und was das bei einem etwaigen Kriege heißen will, darf ich Ihnen nicht erſt erklären.“ „Sie ſind ein Geſpenſterſeher, mein Herr General, etwas, das ich in Ihnen am wenigſten geſucht hätte,“ warf der alte Herr kopfſchüttelnd ein.„Keinen Freund im Lande, ſagen Sie?— Sie deuten doch wohl nur auf den böſen Stand hin, den Ihre Douanen hier an der Gränze und der Küſte haben,— da mag Ihre Anſicht zutreffen. Aber was kümmert Sie das Geſindel?— Im Lande, bei den beſſeren, beſitzenden Klaſſen, bei meinen Standesgenoſſen kann von dergleichen gar keine—“ „Sie täuſchen ſich, Herr Graf!“ fiel ihm der General ungeduldig in's Wort.„Es denken Wenige und immer Wenigere wie Sie. Das wiſſen wir ſehr gut, und auch, daß man ihnen genug Veranlaſſung dazu gibt. Noch heute hat mir unterwegs der Brigadier, den ich traf, eine ganz verwünſchte Albernheit erzählt, deren ſich geſtern ein Douanier, und zwar wiederum ein Deutſcher, ſchuldig gemacht. Es betrifft auch Sie— denn Ihr Herr Sohn, der Graf auf Dreiheiligen, war zunächſt dabei betheiligt und hat die Sache heute Morgen zur Anzeige gebracht.“ „Mein Sohn? Das beruhigt mich und muß auch Sie beruhigen, mein lieber General,“ ſagte der Graf in auf⸗ fällig ſpöttiſchem, faſt verächtlichem Tone.„Mein Sohn b 1 1 1 1 —y — 46 Zweites Kapitel. iſt ein Phantaſt und Kopfhänger und nichts weniger als reizbar. Was Ihrem Brigadier aufgefallen iſt, hat er vermuthlich kaum bemerkt, und wenn er eine Anzeige machte, ſo iſt er dazu gedrängt worden. Seine Art iſt's ſonſt nicht.“ Gräfin Hebe, die während des ganzen bisherigen Ge⸗ ſprächs anſcheinend ziemlich theilnahmlos im Seſſel zurück⸗ gelehnt geſeſſen und ihre Blicke faſt nur von der Glut im Kamin zu der Bonbonnière gewandt hatte, mit der ihre Finger wie mechaniſch ſpielten, hatte bei der Erwähnung ihres Bruders plötzlich das Auge erhoben und mit einem durchdringenden, forſchenden Blick auf dem Franzoſen ruhen laſſen. Bei den Worten ihres Vaters ging der Aus⸗ druck dieſes Blickes wieder in den ihr gewöhnlichen, halb freundlichen, halb ſpöttiſchen oder boshaften über, und da der alte Herr ſchwieg, meinte ſie, dem General heiter zu⸗ lächelnd:„Ja, mein Gott! Mein armer Bruder hat eben gar nichts von dem ſtolzen Blut der Mutter unſerer Reichsgräfin!“— „Aber ſo viel Blut, wie ein Mann ſagte der General mit ernſtem Lächeln⸗ er ſie zur Anzeige gebracht und wie der franzöſ ſche Doua⸗ nier ſie beſtätigt, iſt einfach genug,“ fuhr er fort.„Der Graf ritt geſtern mit ſeinem alten Jäger durch die For⸗ ſten und traf dabei auf einen Menſchen, ſeiner Tracht und ſeinen Papieren nach einen Jäger, der eine Stelle ſucht und an den Grafen empfohlen war. Zwei Doua⸗ niers, die eine Patrouille machten, Irm a dazu. Der Franzoſe verlangte, wie vorgeſchrieben, den Paß des 3 * r zu⸗ eben ſerer Ein Salon. 47 Fremden,— beiläufig, auch eine Albernheit, da ſolche Leute unmöglich ſo viel Franzöſiſch verſtehen können, um etwa nöthig werdende Fragen verſtändlich zu beantwor⸗ ten.— Der Deutſche betrieb dieſe Forderung mit ſolcher Brutalität, die ſich auch auf den Begleiter des Grafen und auf dieſen ſelber ausgedehnt zu haben ſcheint, daß die beiden Jäger zur Wuth gebracht wurden und auf's Haar ein Conflict entſtand, der nur zum Nachtheil der Beamten ausſchlagen konnte und allein durch die ener⸗ giſche und doch polirte Einmiſchung Ihres Herrn Sohnes vermieden ward.— Ich bin ihm dankbar dafür, ich werde den taktloſen Douanier zur Strafe ziehen laſſen. Aber was nützt das?“ ſchloß der General aufgeregt und ſtand auf.„Die Folgen ſolcher Dummheiten ſind unabſehbar, denn gerade durch dergleichen werden uns auch die bisher noch Gleichgültigen und Harmloſen verfeindet, und das alles kann kein gutes Ende nehmen!“ „Ah bah!— Aufwallung— nichts mehr!“ meinte der Graf wegwerfend, indem er aus der kleinen Spaniol⸗ doſe eine zierliche Priſe nahm. „Das wollen wir hoffen,“ erwiderte der General kurz und ernſt.„Im anderen Falle wäre das Ding auch außer allem Spaß. Die Beſitzungen Ihres Herrn Sohnes er⸗ ſtrecken ſich über ein Terrain, das wir nur bei der freund⸗ lichen Geſinnung und dem guten Willen ihres Beſitzers unter Aufſicht behalten kennen. Man heißt ihn nicht umſonſt den„Grenzgrafen“ hier zu Lande. Schon mit einem bloßen Nachgeben, mit einem Gehenlaſſen könnte er uns die ernſtlichſten Schwierigkeiten bereiten. Gottlob, 48 Zweites Kapitel. „ daß er ein loyaler Mann, wenigſtens ein ruhiger. Denn ſo redet man bei uns von ihm, und er ſteht in hoher Achtung. Ich werde ihm daher auch in dieſen Tagen einen Beſuch machen und ſelber die geſchehene Dummheit entſchuldigen,“ ſetzte er in leichterem Tone hinzu.— Und indem er ſein Auge mit einem lebhaften Blick zu dem kleinen Kreiſe beim Sopha, wo man gerade raſcher und lauter redete, und dann zu Gräfin Hebe zurückwandte, meinte er:„Aber was erregt denn unſere jungen Leute ſo ſehr? Gehen wir ein wenig zu ihnen hinüber und laſſen uns durch ihre Heiterkeit über all den Ernſt fort⸗ bringen, der ſich ſo unberufen in unſere Unterhaltung ge⸗ drängt. Darf ich Ihnen meinen Arm bieten, Gräfin?“ Comteſſe Hebe nickte und erhob ſich langſam aus dem weichen Sitze, denn es zeigte ſich jetzt, daß dieſe wun⸗ derbare Erſcheinung leider nicht in allen Theilen ſo vollen⸗ det gebildet war, wie die Füßchen und der mit allen Reizen geſchmückte Oberkörper darauf hätten ſchließen laſ⸗ ſen können. Selbſt die weite und faltenreiche Gewan⸗ dung vermochte nicht völlig die Erhebung der einen Hüfte zu verbergen, und als ſie einen Schritt vortrat, hinkte ſie ſo ſchwer, daß der dargebotene und angenommene Arm des Generals keine Höflichkeit, ſondern eine Nothwendig⸗ keit für ſie zu ſein ſchien. Und auf einen unvorbereiteten Zuſchauer hätte es einen wahrhaft betrübenden Eindruck machen müſſen, dieſes wundervolle Geſchöpf in ſolcher Ge⸗ brechlichkeit neben dem ſtattlichen Manne dahinſchleichen zu ſehen. Hier im Zimmer freilich achtete niemand be⸗ ſonders darauf, und die Gräfin ſelber mochte wohl am Denn hoher Tagen mmheit — Und u dem er und wandte, Leute er und ſt fort⸗ ing ge⸗ fin?“ mn aus wun⸗ vollen⸗ allen en laſ⸗ gewan⸗ Hüfte nite ſie e Arm wendig⸗ reiteten indruck her Ge⸗ leichen nd be⸗ öhl am Ein Salon. 49 wenigſten an ſich denken. Ihre Augen muſterten bei den wenigen Schritten zum mindeſten die Gruppe am Tiſche, welche ſich bei ihrem Nahen erhoben hatte, mit einer ge⸗ wiſſen ſpöttiſchen Neugierde, und das Geſicht zu ihrem viel größeren Begleiter erhebend, ſagte ſie im leichteſten Tone von der Welt:„Ich habe dieſe jungen Leute noch nicht bei Ihnen geſehen, General. Sie haben noch nie hübſchere gehabt. Stellen Sie ſie mir doch noch einmal vor; ich habe vorhin ihre Namen überhört.“ Er neigte lächelnd das Haupt und half ihr, in der Sophaecke Platz zu nehmen, wo ſie alsbald in der Ruhe wieder dieſelbe tadelloſe oder berückende Erſcheinung dar⸗ bot, wie bisher im Lehnſtuhle am Kamin, Dann winkte er die beiden Offiziere, denn zwei ſolche waren es, näher und ſprach freundlich:„Die Gräfin hat vorhin Ihre Na⸗ men zu flüchtig gehört, meine Herren. Laſſen Sie ſich vorſtellen! Vicomte Louis de Vial, Bataillons⸗Chef und Orodnnanz⸗Ofſizier Sr. Majeſtät des Kaiſers,“ fuhr er fort, auf den Aelteren der Beiden deutend, der die him⸗ melblaue, mit Silber verzierte Uniform des genannten bevorzugten Corps trug, und nachdem dieſer ſich anmuthig verbeugt, nannte er den zweiten, noch jüngeren Offizier, der, ein wenig zurückſtehend, die weiße, feine Uniform eines weſtphäliſchen Regimentes zeigte—„Kapitän Karl Waldkirch.“— „Nehmen Sie wieder Platz, meine Herren,“ ſagte der alte Graf, der inzwiſchen gleichfalls zum Tiſche ge⸗ treten war.„Erlauben Sie, daß auch wir ein wenig von den Unterhaltungen der Jugend profitiren. Aber wie ich Hoefer, Fremdherrſchaft. I. 4 50 Zweites Kapitel. ſehe,“ unterbrach er ſich, mit mehr Lebhaftigkeit redend— man hat Ihnen nicht einmal ein Glas Wein angeboten, während Sie doch den Thee, wie ich mir denken kann, nur mit uns nicht verſchmähen, die wir an ihn gewöhnt ſind. Amelie!“ Das junge, dunkel und beſcheiden gekleidete Mädchen, welches, mit einer Handarbeit beſchäftigt, ſchweigend und einſam am Theetiſche in der Mitte des Gemaches ſaß, zuckte bei dieſem Rufe zuſammen und ſprang auf. Der General aber kam ihr mit einem:„Bitte, Mademoiſelle!“ zuvor, und ſich an den Grafen wendend, redete er leb⸗ haft weiter:„Wo denken Sie hin, Herr Graf! Wir Soldaten danken dem Himmel, wenn wir einmal das Lager⸗ und Kriegsleben mit allem Zubehör in einem Fa⸗ nilienkreiſe vergeſſen dürfen, der wie der Ihre uns ſo anmuthig mit Wärme, Glanz und Behagen aufnimmt.— Sie waren hier in ſo lebhafter Unterhaltung, in einem Streite, wie mir faſt ſchien— ich hoffe doch, meine Her⸗ ren, Sie werden Ihre ſchöne Gegnerin nicht erzürnt haben?“ Die Dame, welche jetzt dem General gegenüber wie⸗ der ihren früheren Platz eingenommen hatte, verdiente das Beiwort, mit dem ſie eben genannt worden war, denn auch ihr Geſicht war von ſolcher Schönheit, daß man in Zweifel ſein konnte, ob man ihr oder ihrer Tante die Palme zuerkennen müßte, und ihre hohe, ſchlanke Ge⸗ ſtalt, wie ſie beim Herantreten der Uebrigen ſich leicht erhoben und wie ſie jetzt in graziöſer und doch ein wenig nachläſſiger Haltung im Seſſel lehnte, war ſo vollendet, Salon. daß ihre Anmuth ſelbſt aus der unſinnigen franzöſiſchen Hoftracht jener Jahre ſiegreich hervortrat. Aber es war dennoch eine ganz andere Schönheit G als diejenige der Gräfin Hebe; denn was ihr die Jahre vor dieſer vorausgaben— ſie mochte vielleicht nicht mehr als zwanzig zählen— verlor ſie wieder durch die Kälte und Gleichgültigkeit des Ausdrucks und die kühle Unbe⸗ weglichteit ihrer Haltung. Es mochte ſehr viel Stolz in dieſem jungen Weſen ſein und ein ſehr großes und ſehr Aufſehen (f r ruhiges Selbſtbewußtſein, eine große Sicherheit, A zu erregen, zu imponiren durch ihre Erſcheinung, und och eine eben ſo große Gleichgültigkeit gegen den Ein⸗ druck, den dieſe Erſcheinung gemacht hatte; allein von dem vollen und friſchen, kecken und heiterer müthigen Geiſte, von dem heißen und reichen Leben, die aus jedem Blicke und jeder Bewegung der Tante her⸗ vorglänzten, zeigte ſich bei der Nichte kaum eine Spur, und wer ſie vorhin in der Unterhaltung mit den beiden oder über⸗ ₰ Nachbarn näher beobachtet hätte und ſie jetzt ſah, wie ſie kalt und theilnahmlos in ihrem Seſſel ruhte, hätte die Aeußerung Gräfin Hebe's doch vielleicht nicht für un⸗ gerechtfertigt halten mögen:„langweilig, aber noch mehr gelangweilt.“ Dennoch zeigte beim Herantritt der Geſellſchaft ihre Wange ein ſichtbar erhöhtes Roth, wenn ſich daſſelbe auch jetzt, ein paar Minuten ſpäter, ſchon größtentheils wieder zu dem dieſen Zügen gewöhnlichen roſigen Schimmer ge⸗ mäßigt hatte, und in dem blauen Auge, welches ſie auf die Bemerkung des Generals langſam zu dieſem erhob, 52 Zweites Kapitel. erſchien auch nun noch— man hätte ſagen mögen: ein Reſt von Erregung oder Intereſſe. „Sie irren, mein Herr,“ ſagte ſie in kühlem Tone. „Wir ſtritten nicht. Die Herren erzählten nur etwas, was mir nicht ganz wahrſcheinlich, vielmehr wie eine Art Spott über meine Unkenntniß dieſer Zuſtände erſchien.“ „Während wir dem Herrn General wohl nicht erſt zu verſichern brauchen, daß wir einer ſolchen Unartigkeit fern blieben,“ ſetzte der Ordonnanz⸗Offizier die abbrechende Rede des Mädchens lebhaft fort, indem er zugleich einen munteren Blick ſeiner blitzenden, faſt ſchwarzen Augen zu ſeinem Kameraden hinüberſtreifen ließ, welcher leiſe lächelnd den dunkelblonden Kopf ſchüttelte. „Und dennoch können wir Sie von der ernſten An⸗ klage erſt freiſprechen, wenn Sie uns von dem Gegen⸗ ſtande Ihrer Unterhaltung unterrichtet haben,“ meinte der alte Graf, der es ſich in der anderen Sophaecke bequem gemacht.„Meine Enkelin iſt eine kleine Zweiflerin, weiß ich freilich.“ „Der Herr General erzählte vorhin von einem Be⸗ richte, welchen er auf dem Herritte über ein Rencontre der Douaniers erhalten,“ ſprach der junge Weſtphale, der ſein Lächeln kaum unterdrücken zu können ſchien.„Die erlauchte Gräfin wünſchte auf das Wort, welches davon zu uns herüberklang, darüber Auskunft zu erhalten, und mein Kamerad gab dieſelbe mit dem Zuſatze, daß die ganze Sache nicht der Rede werth ſein würde, wenn man nicht in dieſem wilden Lande und bei dieſem rauhen Volke mit einer gewiſſen Vorſicht vorzugehen hätte. Die Gräfin ein ☛ 0· Ein Salon. meinte darauf, daß man hier zu Lande ihrer Anſicht nach doch ungefähr eben ſo lebe, wie überall, und daß ihr auch die Menſchen nicht anders als anderwärts erſchienen wä⸗ ren, und als ich mir dann die Andeutung erlaubte, daß das Land, außerhalb der Städte und der Parks bei den Schlöſſern, Landſtriche genug enthalte, die freilich für Damen kaum zugänglich, aber das eigentliche Terrain für uns Soldaten ſeien; daß außer der Geſellſchaft, die eine Dame kennen lernt, das ganze, große, rauhe Volk da ſei, mit dem wir uns herumzuplagen hätten, da erklärte die Gräfin nur, nicht einzuſehen, weßhalb wir dieſes Volk denn nicht lieber gehen und ſich ſelbſt überließen. Meine Antwort war,“ ſetzte der Offizier auf's neue lächelnd hinzu,„daß ſie leider uns nicht ließen.“ „Ja, und das war's, worin ich mich berechtigt fühlte, eine Art von Spott über meine Unkenntniß ſolcher Zu⸗ ſtände zu ſuchen,“ unterbrach das junge Mädchen mit höher ſich röthenden Wangen und einem gewiſſen ärger⸗ lichen Tone den Sprecher.„Ich fragte dann, was die Leute denn thäten—“ „Und ich verſetzte: Sie thun nicht, was ſie ſollen, Erlaucht!“ warf der Kapitän ein. „Aber wenn ſie müſſen, mein Herr, wiederhole ich?“ „Sie wollen eben nicht müſſen. Sie wehren ſich auf's äußerſte und haſſen und verabſcheuen uns wie den Böſen!“ „Und Sie beſtehen darauf, mir einbilden zu wollen, daß dieſe Leute, dieſes Volk, dieſe Bauern, Schiffer und 54 Zweites Kapitel. Fiſcher und dergleichen, einen Willen haben und Wider⸗ ſtand gegen Ihre Beamten, Ihre uld aten, Ihre Regie⸗ rung, mit Einem Wort—“ rief das junge Mädchen faſt heftig, und mit einer Art von herausforderndem Blicke auf den Weſtphalen ſetzte ſie ein wenig ſpottend hinzu: „Ich möchte doch wiſſen, wie ſie das anfangen, mein Herr!“ er Kapitän ſchüttelte leiſe den Kopf, ſein Geſicht war ernſt geworden.„Fragen Sie den Herrn General, Erlaucht,“ ſagte er,„fragen Sie meine Kameraden, jeden, der mit den Zuſtänden dieſer Landſtriche irgend bekannt iſt. Jedermann wird Ihnen ſagen: das Volk wehrt ſich und trotzt, wie es kann, ees ſchlägt ſogar die Beamten und Soldaten bei Gelegenheit ein wenig todt, es wider⸗ ſteht den neuen Geſetzen oder umgeht ſie auf jede mög⸗ liche Weiſe. Und wenn man den Widerſtand eines Ein⸗ zelnen leicht bricht und beſtraft, welche Mittel bleiben uns dem ganzen Volke gegenüber, zumal einem ſo rauhen und harten, innerlich kräftigen?“ „Aber was in des Himmels Namen wollen ſie denn endlich?“ rief das ſchöne Kind faſt ungeſtüm. Und indem der Offizier die Achſeln zuckte, erwiderte er gedämpft und mit einem Ernſt, der mit dieſen noch jugendlich weichen und augenſcheinlich für gewöhnlich offe⸗ nen und heiteren Zügen in einen ſeltſamen Contraſt trat „Sie wollen uns los ſein, Erlaucht.“— Die Blicke des Mädchens gingen mit dem Ausdruck eines faſt naiven Erſtaunens von dem Geſichte ihres Geg⸗ ners zu denen der anderen Zuhörer, aber mit Ausnahme 44 Ein Salon. 55 des alten Grafen, deſſen Augen auf dem jungen Offizie mit einem leiſen Hochmuth oder gar mit heimlichem Wider⸗ willen ruhten, glaubte ſie bei allen übrigen, ſelbſt bei der Tante, eine Zuſtimmung zu dem Geäußerten annehmen zu müſſen. Der General neigte gegen Comteſſe Hebe ſo⸗ gar das Haupt ſo bezeichnend, als wollte er ſagen:„Was habe ich vorhin ausgeſprochen?“— und die Dame, nach⸗ ſih dem ſie ihm zugenickt, wandte die leuchtenden Augen mit 5 einem ſpottenden Blicke zu dem Kapitän und ſprach mit di, ihrer ſilberhellen Stimme:„Sie müſſen meine Nichte ent⸗ 3 ſchuldigen, mein Herr! Man weiß am Hofe wenig oder u gar nichts davon, daß es hinter den Kammerdienern und . Kammerfrauen noch andere Leute gibt, die nichts vom Hofe 3 erfahren, wie der Hof nichts von ihnen erfährt.“ „O doch, meine Tante!“ ſagte das junge Mädchen gereizt und zugleich hochmüthig.„Wir wiſſen ſehr wohl, daß es außer unſeren Kreiſen noch andere Menſchen genug gibt, die ſogar der Maſſe nach die unendlich viel größere Mehrzahl bilden. Allein ich hörte allerdings noch nie⸗ mals, daß ſie etwas Anderes dürften oder gar erſtreb⸗ ten, als unter ihren Behörden und Herren ruhig hinzu⸗ leben und gehorſam ihre Pflichten zu erfüllen. Soll ich dertt nun nicht erſtaunen, da ich das gerade Gegentheil erfahre, noc da ich unſer Land und unſer Volk noch als beſonders offe⸗. hervorſtechend im Ungehorſam und Trotz nennen höre? lnt Ich appellire an Sie, Herr General! Nicht wahr, Ihr 1f Herren Offiziere ſcherzen oder malen doch mit gar zu druck lebhaften Farben?“ Geg⸗ dSDas bisher ernſte Geſicht des hohen Offiziers ver⸗ 56 Zweites Kapitel zog ſich zu einem freundlichen Lächeln; das Mädchen, wie es ihm, vom Seſſel ſich erhebend, gegenüber ſtand, war in dieſem Augenblicke ſo wunderbar ſchön, daß man bei ſolchem Anblicke unmöglich kalt und ernſt bleiben konnte.„Die Herren ſcherzen leider nicht,“ bemerkte er; „allein ich denke, wir laſſen dieſes traurige Geſpräch und wenden uns anderen Gegenſtänden zu, damit die Damen uns nicht für entartet zu halten beginnen. Für uns Aeltere war ein ſolches Geſpräch ſchon recht, aber hier— wie konnten Sie den Verdacht zu erregen wagen, meine Herren, daß die franzöſiſche Galanterie im Abſterben be⸗ griffen—“ „Nicht doch, nicht doch, Herr General!“ unterbrach ihn die junge Gräfin lebhaft, und zum erſten Male er⸗ hellte ein wirklich freundliches Lächeln ihre kalten Züge. „Ich nehme die Herren in Schutz. Nicht ſie, ſondern ich habe dieſe Unterhaltung gewollt; es war mir ſo Vieles darin gänzlich neu. Und ich kann ſie, mit Erlaubniß meines Großvaters, jetzt um ſo weniger fallen laſſen, da auch Sie beizuſtimmen ſcheinen, daß das Land ein wil⸗ des und das Volk ein rauhes, ein eigenwilliges und trotzi⸗ ges gegen ſeine Herren! Ich mag Ihnen allen unwiſ⸗ ſend erſcheinen, aber es iſt nicht die Schuld meiner Gleichgültigkeit, ſondern der Verhältniſſe, in denen ich bisher gelebt. Es iſt hier alſo, mit Ausnahme des Kli⸗ ma's, wirklich anders als anderwärts?“ 5 Comteſſe Hebe zuckte mit ſpöttiſchem Lächeln die Achſeln; der General aber ließ ſeine Augen mit unge⸗ heuchelter, bewundernder Theilnahme auf dem ſchönen ge⸗ gen Ein Salon. 57 Geſchöpfe haften, das ſo unbekümmert und offen das ausſprach, was wir ſonſt ſelbſt Beſcheidene gern verber⸗ gen ſehen, und deſſen Züge durch die Lebhaftigkeit des Intereſſes immer mehr an Reiz gewannen. „Ob das Land ein rauhes und ſeine Bewohner ein wildes und hartes Geſchlecht ſind!“ beantwortete er jetzt ihre Frage.„Ich begreife freilich, daß Sie in der Ge⸗ ſellſchaft wenig davon erfahren, denn man braucht andere Füße als die Ihren, um dieſe Heiden und Küſten zu durchſtreifen, und andere Gewohnheiten, um mit den Be wohnern zu verkehren. Aber Sie haben Recht, das alles kennen lernen zu wollen. Es iſt nicht nur Intereſſantes, ſondern auch Seltſames im Ueberfluß da, und ich be⸗ daure nur, daß ich kein Einheimiſcher bin, der Ihrer Wißbegierde zu genügen vermöchte. Da werden aber die Ihrigen aushelfen können, denn gerade in dieſen Gegen⸗ den, auf Ihren Beſitzungen, mein Herr Graf, drängt ſich faſt das Wunderlichſte zuſammen. Der Charakter des Landes und ſeines Volkes iſt nirgends ſchärfer aus⸗ geprägt. „Da iſt zum Beiſpiel gar nicht fern von hier ein Platz auf den Heiden, die ſich gegen die See und die M.'ſche Grenze hinziehen,“ fuhr er fort und ließ über den alten Grafen hin, der einigermaßen gelangweilt, wie es ſchien, und mit einem ziemlich mißlungenen Verſuch, eine beſondere Haltung zu bewahren, in ſeiner Ecke lehnte, einen langen und doch flüchtigen Blick gleiten,„ein Platz, der nicht nur durch ſich ſelbſt bemerkenswerth und intereſ⸗ ſant wird— es ſcheint eine Grabſtätte der früheren Be⸗ 58 Zweites Kapitel. wohner dieſes Landes— ſondern auch noch anziehender durch denjenigen erſcheint, der dort ſein Weſen treibt.“ „Aber Sie erzählen ſuperbe, General!“ unterbrach ihn Comteſſe Hebe mit einem freundlichen Lächeln. „Ich thue, was ich kann. Es iſt unſere Pflicht, die Damen zu unterhalten,“ verſetzte er eben ſo und ſich leicht gegen ſie verneigend, Die beiden Adjutanten tauſchten unter ſich einen raſchen Blick aus. Sie verſtanden weder die Bemerkung der Dame, noch die Antwort ihres Chefs. Ihnen ſelber war ſeine Mittheilung ungewöhnlich geſucht und doch auch wieder faſt ſchleppend erſchienen. „Nun wohl,“ fuhr der General auf's neue fort, und ſein Auge flog wiederum zu dem Grafen hinüber,„der⸗ jenige, der dort ſein Weſen treibt, ſoll ein alter, halb wahnſinniger Schäfer ſein, der ſich mit Prophezeiungen abgibt, auf welche das Volk horcht und wie auf das Evangelium ſchwört. Er ſoll den Ausgang der Kämpfe mit den Schmugglern häufig Tage lang, noch ehe man überhaupt etwas von einem bevorſtehenden Kampfe wußte, mit untrüglicher Sicherheit angegeben, kürzlich auch den Untergang unſerer Armee in Rußland prophezeit haben — er ſieht den Kampf, behauptet man, leibhaftig vor ſich, er„ſieht die Todten“— und, ich wiederhole es, das Volk glaubt an ihn, ehrt ihn, fürchtet ihn wie einen Fürſten, deſſen Ausſpruch untrüglich und unumſtößlich. Das thun nicht Weiber und Kinder allein— nein, auch dieſe wetterharten Burſchen hängen ihm an, dieſe Män⸗ ner, die den Teufel in der Hölle nicht fürchten, denen nnen ung lber uch und einen plich. auch Män⸗ denen Ein Salon. 59 meine keckſten Douaniers ſcheu aus dem Wege gehen. Was bleibt uns einem ſolchen Menſchen und ſeinem Ein⸗ fluſſe gegenüber für Macht? Er begeht nichts Ungeſetz⸗ liches, und mit dem Aberglauben kämpfen ſelbſt die Götter vergebens.— Aber Sie müſſen ihn hier doch kennen?“ ſchloß er und wandte ſich jetzt direkt an den Grafen.„Er iſt weit und breit bekannt; alle Berichte bringen uns irgend eine Bemerkung über ihn. Ich geſteh's, meine Luſt, ihn einmal aufzuſuchen, iſt nicht gering. Von hier aus müßte das wohl leicht thunlich ſein?“ Der Graf hatte ſeit der Erwähnung des Schäfers eine Unruhe verrathen, die mit dem geſucht leichten oder impoſanten Weſen des alten Herrn auf das auffälligſte im Widerſpruch war. Bei den letzten Worten des Fran⸗ zoſen hatte ſein breites und rothes Geſicht immer mehr den Ausdruck eines finſtern Haſſes gewonnen, und nun, da jener ſchwieg, begann er, von allen beobachtet, plötzlich mit einer vor Bewegung ſchwankenden Stimme:„Sie werden etwas thun, was wir alle Ihnen zu danken haben, mein Herr General. Ich ſetze voraus, daß Ihr Beſuch mit einer Verhaftung des Elenden ſchließt. Stef⸗ fen Schütze— das iſt der barbariſche Name dieſes Un⸗ geheuers— iſt ein ſchlechter, ein gefährlicher Menſch, längſt reif für Ihre Galeeren, wo nicht für eine noch. ſchwerere Strafe. Er iſt uns hier zu Lande leider lange und gut genug bekannt und von je her eine wahre Plage für uns geweſen.“ „Aber weßhalb zog man ihn denn nicht zur Strafe?“ fragte der General mit einem forſchenden Blick auf den 60 Zweites Kapitel. Alten.„Geben Sie mir Beweiſe für irgend eine ſtraf⸗ würdige Handlung, und Sie ſollen bald genug von ihm befreit ſein. Seine Herrſchaft über das Volk, ſeine alber⸗ nen Prophezeiungen inkommodiren uns.“ „Beweiſe?“ rief der alte Herr faſt ungeſtüm auf⸗ fahrend.„Was bedarf es da noch der Beweiſe? Es iſt landkundig, daß der Elende bei allen geſetzloſen Streichen, die hier vorkommen, ſeine Hand im Spiele hat, daß er mit allem Geſindel der Küſte hier, der Grenze drüben in Verbindung und Verkehr, daß er die Leute zum Unge⸗ horſam, zur Wideſſetzlichkeit fortreißt!“— Er hatte ſo raſch und haſtig geſprochen, daß ihn ein jäher Huſten inne zu halten zwang. Durch die Stille und Aufmerkſamkeit, welche ſeine Worte und ſein den meiſten Anweſenden unverſtändlicher Eifer bei dieſen erregt hatten— nur die den Grafen noch immer beobachtenden Blicke des Generals ſchienen anzudeuten, daß für ihn dieſe Unterhaltung keine zufällige und zweckloſe war— drang plötzlich wieder ſcharf einfal— lend das Lachen der Gräfin Hebe. „Und dennoch frei, und dennoch unbeſtraft!“ rief ſie. „Iſt es nicht unglaublich? Soll ich Ihnen aber den Grund ſagen, General? Mein theurer Herr Papa iſt eine Ark Jugendfreund von dieſem Ungeheuer und be⸗ wahrt ihm, trotz alles ſpäteren Verdruſſes, noch immer einige kleine Reſte der alten Zärtlichkeit—“ „Hebe! Mein Kind!“ unterbrach ſie heftig der Vater. „Was denn, Papa? Schämen Sie ſich dieſer Re⸗ 5 Ein Salon. 61 gung nicht! Die Herren Franzoſen haben ja das Sprich⸗ wort: Man kehrt ſtets zu ſeiner erſten Liebe zurück!“ „Ah— ich haſſe ihn wie den Teufel!“ ſtieß der Graf hervor, und über das Geſicht zuckte ein finſterer, wilder Grimm, und die ſchmalen Lippen des zahnloſen Mundes preßten ſich ſchier krampfhaft zuſammen. Die Zuhörer und Zuſchauer dieſer zum mindeſten überraſchenden Scene blickten theils mit Beſtürzung, theils mit Verwunderung auf den zornigen alten Mann, deſſen halb hochmüthige, halb ſchlaffe Züge bis zur Unkenntlich⸗ teit entſtellt waren. Und der General bemerkte kopf⸗ ſchüttelnd:„Gott behüte, mein Herr Graf, Sie thun dem Burſchen ja eine unendliche Ehre an! Ich werde wirk⸗ lich immer neugieriger.“ Und wieder wurde die helle, freundliche Stimme Hebe's laut. „Mein lieber General,“ ſagte ſie,„die Sache wird auch wirklich ſtets intereſſanter, je weiter wir eindringen. Mein theurer Papa haßt dieſen alten Vater Steffen, wie man ihn wohl heißt, alſo wie den— Teufel, hat ihm jedoch vernünftiger Weiſe jemals eben ſo wenig etwas zu Leide gethan, wie dieſem genannten Herrn Teufel ſelber, trotzdem daß Vater Steffen bis vor wenigen Jahren mit Haut und Haar ſein gehörte, das heißt ſein Leibeigener war— oder war er es etwa nicht, Papa?— Aber ge⸗ ſtehen Sie es nur, Papa,“ fuhr ſie mit unbarmherziger Heiterkeit fort,„Sie wagen ſich nicht an ihn, weil Sie trotz alles Haſſes gläubiger ſind als alle Welt und mehr als irgend Einer an ſeine Prophezeiungen, an ſeine ge⸗ 5 d Zweites Kapitel heimnißvolle Kraft und Macht glauben. Es iſt damit auch kein Spaß, General! Ich ſpreche mich ſelber nicht einmal frei!“ Der Franzoſe ſchüttelte lächelnd den Kopf.„Es iſt entſchieden,“ ſagte er,„ich muß dieſes Geſchöpf kennen lernen! Wo trifft man den Gsſallen⸗ Denn der ange⸗ gebene Punkt ſcheint mir etwas ur nbeſtimmt zu ſein. Meine Karten ſagen mir, daß jene Heideflächen ſich Stunden weit ausdehnen. Er muß doch eine Heimat, einen Wohn⸗ ſitz haben?“ „Sicher, General!“ verſetzte ſie— die Anderen horch⸗ ten aufmerkſam, der Graf lehnte noch immer mit einge⸗ klemmten Lippen im Sopha.„Steffen Schütze iſt nichts weniger als ein Landſtreicher, ſondern ein angeſeſſener Mann und nur aus freien Stücken bei meinem Bruder in Dreiheiligen im Dienſte.“ „Das trifft ſich ja charmant!“ rief der General leb— haft.„Ich habe, wie Sie hörten, einen Beſuch bei Ihrem Herrn Bruder vor und werde ihn jetzt noch weniger un⸗ terlaſſen. Sie ſollten uns begleiten, Gräfin!“ „Nach Dreiheiligen? Gern, General! Aber in Be⸗ zug auf unſerer Propheten nützt Ihnen der Beſuch nichts. Der Alte iſt in dieſer Jahreszeit ſelten daheim, faſt immer vielmehr bei den Herden draußen auf der Heide. Und dahin würden Sie allerdings eines Führers bedürfen, der—“ In dieſem Augenblicke ſchlug eine Uhr vernehmbar Neun, und mit dem letzten Schlage nahm eine Art von Kammerdiener oder Haushofmeiſter in. dunkler Kleidung un⸗ a Be⸗ Beſuch nheim, f der Lrors ihrers jmbar t von eidung 8.;— 82 Ein Salon. 63 und ſauberer Friſur die Portièren der Thür zurück, welche in einen Nebenſaal führte und geöffnet dort die reich beſetzte und erleuchtete Abendtafel bemerken ließ. „Der Herr Graf iſt bedient,“ ſagte er mit reſpectvoller Verbeugung, und der Herr gab, ſich raſch erhebend und mit einem erleichternden Seufzer, der Geſellſchaft das Zeichen zum Aufbruch. Der General bot wiederum * e C 2. Gräfin Hebe ſeinen Arm, während Herr de Vial den der jungen Dame in den ſeinen zog. Der Weſtphale ging mit dem Grafen. Als ſie eingetreten waren, öffnete ſich ſeitwärts eine andere Thür und ließ einen alten, großen und hageren Mann herein, der ſich händereibend und Comteſſe Hebe vertraulich zunickend mit einer tiefen Verbeugung dem Grafen präſentirte und ein:„Bon soir, mon cher Cou- sin!“ herausſchnarrte. Indem ging die Thür aber ſchon wieder auf, und der eintretende Diener meldete:„Der Herr Graf Eugen zu Rhoda.“— Ein junger Mann in kurzem Rocke und ſchweren Reiterſtiefeln, eine bequeme Kappe in der Rechten haltend, folgte ſo unmittelbar auf dieſe Meldung, daß er faſt un⸗ zweifelhaft die von einem verdrießlichen Geſichtsausdrucke begleiteten Worte des alten Grafen vernommen haben mußte:„Eugen? Aber was will denn der noch?“ Jedenfalls nahm er aber keine Notiz davon, denn nach einer flüchtigen Verbeugung gegen die bei der Tafel ſtehende Geſellſchaft trat er auf den alten Herrn zu, nahm und küßte flüchtig die kleine, runzelvolle Hand deſ⸗ ſelben, ſagte freundlich:„Guten Abend, Großvater!“ und 64 Zweites Kapitel. wandte ſich dann, ſich für jetzt mit dem ſteifen Kopfnicken des Alten begnügend, an Comteſſe Hebe, indem er, auch ihre Hand küſſend, heiter ſprach:„Ich komme eigentlich noch um Ihretwillen allein, Tantchen, denn Onkel Eber⸗ hard und ich wiſſen, wie ſehr S Sie unſere Entdeckung in⸗ tereſſiren wird. Denken Sie— es iſt richtig! Der Komet zeigt ſich wirklich. Wir haben ihn geſtern Abend in Drei⸗ heiligen geſehen.“ Es waren, mit Ausnahme d derjenigen des meldenden Dieners, die erſten deutſchen Worte, welche heute Abend in dieſen Räumen erklangen. Eben ſo zum erſtenmale an dieſem Abend zeigte das ſchöne Geſicht der kleinen Gräfin bei der Begrüßung des Neffen und noch mehr bei ſeiner Nachricht keine Spur von Spott, ſondern nur eine ſichtbar freudige Ueb raſchung. Sie hielt ſeine Hand feſt und ſah ihn leuch tenden Blickes an.„Iſt das wirklich wahr, Eugen?“ rief ſie. „Sicher, Tantchen!“ verſetzte er.„Ich ſah ihn zwar heute Abend nicht, weil ich Dreiheiligen zu früh verließ; allein, wie ich ihn geſtern ſah, und nach dem, was der Onkel ſagte, muß er noch mehrere Tage lang ſichtbar bleiben. Onkel Eberhard meinte daher auch, Sie—“* „Du bringſt mir nie etwas, als Gutes!“ ſagte ſie heiter;„dich ſelbſt, lieber Knabe, und nun ſolche Nach⸗ richt, zu ſolcher Stunde!— Mein Begleiter—“ und ſie erhob das lächelnde Geſicht zum General, der geſpannt dem ihm vermuthlich nur theilweiſe verſtändlich werdenden raſchen Geſpräch gefolgt war,—„der D Baron des Reichs, Brigade⸗General Armand Renaud, wünſcht einen Beſuch annt Ein Salon. 65 in Dreiheiligen zu machen, um gegen Eberhard eine Un⸗ gezogenheit der Douaniers zu entſchuldigen, und zugleich den Vater Steffen auf ſeinem ächten Terrain kennen zu lernen, der ſeine Neugierde erregt hat. Er bedarf natür⸗ lich eines Führers, und ich wollte ihm gerade dich vor⸗ ſchlagen— da trittſt du ein!“ Und ſich zum General wendend, ſetzte ſie franzöſiſch hinzu?„Sehen Sie, mein lieber General, wie ſich das trifft! Einen beſſeren Füh⸗ rer finden Sie nicht, als hier meinen Neffen, den Sohn meiner Stiefſchweſter, Graf Eugen Rhoda.“ Die Herren verbeugten ſich artig gegen einander. „Ich denke, das alles können wir beſſer bei Tiſche bereden,“ fiel der alte Graf hörbar ungeduldig ein. „Nehmen Sie Platz, meine Herren, und Eugen, mein Kind, ſuche auch du dir einen Stuhl. Du bleibſt doch?“ Während die Seſſel gerückt wurden, verließ der Diener, welcher vorhin Eugen gemeldet und dann zu dem beim Anrichtetiſch harrenden Kammerdiener getreten war, plötzlich mit lautloſen Schritten das Gemach. Statt ſei⸗ ner erſchien gleich darauf ein anderer, um bei Bedienung der Gäſte zu helfen. Er flüſterte dem Kammerdiener ein paar Worte in's Ohr, zu denen dieſer verdrießlich den Kopf ſchüttelte. Von der Geſellſchaft achtete natürlich niemand darauf. Comteſſe Hebe machte ihren Neffen eben mit den übrigen Gliedern derſelben bekannt. Aber man ſollte noch nicht zur Ruhe kommen, denn eine allgemeine Unterhaltung hatte kaum ſich zu entſpin⸗ nen begonnen, als die Thür wiederum aufgeriſſen wurde und ein Diener laut meldete:„Ein Courier mit Depe⸗ Hoefer, Fremdherrſchaft. I. 5 b V V 66 Zweites Kapitel.— Ein Salon. —₰ — er ſchen!“— Ein junger Offizier von den reitenden Jägern folgte ihm auf dem Fuße. Der General war aufgeſprungen und ihm entgegen⸗ getreten.„Endlich!“ rief er.„Woher kommen Sie, Kamerad?“ „Vom Herrn Herzog von Treviſo,“ lautete die kurze Antwort. Der General riß die überreichte Depeſche auf und ſah ſie haſtig durch.—„Wohlan, meine Damen und Herren,“ ſagte er nach einer Weile, das Papier ſinken laſſend,„die Nachrichten ſind vortrefflich. Am 7. Sep⸗ tember hat der Kaiſer bei Borodino eine große Schlacht gewonnen und iſt am 14. in Moskau eingezogen!“— 782 In Nächtliches Trkiben. Mond iſt aufgegangen, Sternlein prangen * 9 89 und klar; De t ſchwarz und ſchweiget, Und aus den Wieſen ſteiget Der weiße Nebel wunderbar. M. Claudius. Wenn man die hellen und warmen Räume des Schloſſes verließ und in's Freie trat, erfuhr man erſt, wie nothwendig die Glut im Kamine für die großen Ge⸗ mächer ſein mochte, denn es war draußen ungewöhnlich ſkühl, wenn auch eine prachtvolle Nacht. Kein Wölkchen, kein Duft und Dunſt entzog dem Auge des Beſchauers den weit ausgeſpannten lichtüberſchimmerten Himmel mit ſeinen blitzenden Sternbildern und dem in ruhiger, frie⸗ densvoller Klarheit hinziehenden Mond, und eben ſo lag auch die ganze Gegend, wo nicht Bäume oder andere Gegenſtände ſchatteten, durchaus überſehbar da. Der zu dieſer Stunde gewöhnliche Landwind war gänzlich erſtor⸗ ben, es regte ſich kein Blatt an den Bäumen der Gärt⸗ chen, welche ſich hinter oder neben den Häuſern von 68 Drittes Kapitel. Nieder⸗Rhoda ausbreiteten, und wenn ‚nicht von dem nahen Seeſtrande und ſeinen Dünen her das einförmige Rauſchen der Wellen herübergeklungen wäre oder einmal ein Hund angeſchlagen hätte, dem von einer anderen Seite her vielleicht ein zweiter antwortete, ſo würde auch Dorf und Gegend ſo ſtill geweſen ſein, wie die Luft. In den Häuſern ſah man faſt nirgends mehr den Schein einer Lampe. Die Bewohner waren oder ſchienen doch alle ſchon zur Ruhe gegangen nach ihrem Tagewerk. Demjenigen, der jetzt durch das ſtille Dorf ging, mochte es freilich ſo am liebſten ſein, denn er eilte, vom Schloſſe kommend, ſo ſchnell wie möglich durch die weit⸗ läufig gehaltene und noch nicht alte und ſchattige Allee, mäßigte ſeinen Schritt erſt im dichteren Schatten der Dorfſtraße und ſah überdies fortwährend mit haſtigen, ſcharfen Blicken auf die dunklen Fenſter umher und die Straße entlang. Allein es begegnete und ſtörte ihn nichts, und als er an eine Ecke der Straße gelangt war, wo ein Seitenweg dem Strande zu ſich abzweigte, ſchaute er ſich noch einmal nach allen Richtungen hin um und ſprang dann haſtig über den mondhellen Raum hinüber auf die andere Seite und in den Schatten eines einzelſtehenden kleinen Hauſes. Da klopfte er an den geſchloſſenen Fen⸗ ſterladen und wiederholte dies, wie ſich nicht ſogleich jemand zeigte, noch zwei Mal. Dann lauſchte er und erſchrak dennoch, als plötzlich der Laden ein wenig ge⸗ öffnet wurde und eine Frauenſtimme leiſe fragte:„Biſt du es, Karl?“ „Freilich bin ich's, Muhme!“ erwiderte er noch ge— Nächtliches Treiben. 69 dämpfter. Ich habe mich mit Hängen und Würgen vom Dienſt frei gemacht und aus dem Schloſſe fortgeſtohlen. Laßt mich ein, ich muß den Ohm ſprechen.“ „Der iſt nicht zu Hauſe,“ ſagte die Frau,„es litt ihn nicht daheim und er iſt ſchon ſeit dem Nachteſſen nach den Dünen hinaus.“ Der Mann murmelte etwas wie einen Fluch.„Iſt denn etwas im Gange?“ fragte er. „Ich glaube nicht, Junge, weiß wenigſtens von nichts,“ gab ſie zur Antwort.„Du weißt ja, mein alter Karſten kann's nur nicht in der Stube aushalten. Das wird's ſein. Du kannſt ihn immerhin aufſuchen, wenn es einmal ſo preſſirt.“ Der Mann ſcheuerte ſich am Kopf.„Das thut es freilich,“ meinte er nach einer Weile.„Ich hab' von Comteſſe Hebe was aufgeſchnappt— s iſt verdammt ſelt⸗ ſam, ſag' ich Euch, Muhme!— Aber da durch den Mond⸗ ſchein zu laufen und ſo weit— wenn ſie's im Schloß merken, daß ich ſtatt krank in der Kammer, auf und da⸗ von— na proſt!— Aber's hilft nicht!“ fügte er ab— brechend hinzu.„Gute Nacht, Muhme!“— Und die derbe graue Jacke, in die er gekleidet war, feſt zuknöpfend, eilte er mit haſtigen Sprüngen in die Straße zurück und den Dünen zu, die von hier aus ſchon ganz nahe ſicht⸗ bar waren. Sich umzuſchauen verſäumte er noch weni— ger, als vorhin im Dorfe. Die Gegend war aber gänz⸗ lich einſam. Beim erſten Hügel hielt er an und ſchaute ſich von neuem und auf das ſorgfältigſte um, beſonders die Dü⸗ 7. d. 70 Drittes Kapitel. nenreihe entlang ſpähend. Als er aber auch hier nichts Verdächtiges wahrnahm, kniete er auf den Boden nieder und ließ, zwei Finger an die Lippen legend, einen nicht gerade lauten, langhinſchrillenden Ton vernehmen, den man immerhin für den Schrei eines aus dem Schlafe geſtörten Seevogels halten konnte. Nach einigen Sekun⸗ den klang aus den Dünen heraus ein ähnlicher, aber noch gedämpfterer Laut zurück, und der Diener— wir erfuh⸗ ren ſchon, daß es ein ſolcher war,— warf ſich jetzt vol— lends auf den Sand nieder und kroch ſo raſch wie mög⸗ lich vorwärts. Er hatte noch keine große Strecke zurückgelegt, als er plötzlich nahe vor ſich in der Höhlung zwiſchen zwei der kleinen Sandhügel eine menſchliche Geſtalt wahrnahm, die aber nur ein ſcharfes Auge ſelbſt in dieſer kurzen Entfernung von dem ſchattigen Grunde zu unterſcheiden vermochte.— Seine leiſen Bewegungen mußten dennoch wohl eine Art von beſonderem Geräuſch hervorgebracht haben, das man trotz des Wellenrauſchens drunten ver⸗ nehmen konnte. Kaum hatte er wenigſtens Halt gemacht, ſo drang die leiſe Frage an ſein Ohr:„Halt! Wer iſt da?“ „Karl Rhode,“ verſetzte der Diener.„Seid Ihr's, Ohm?“ „Alles recht!— Komm heran!“ klang es zurück, und indem er ſich wieder auf's Kriechen legte, war der Diener in einigen Augenblicken bei dem Anderen, der, in einen grauen Schanzläufer gehüllt, ruhig auf ſeinem Platze blieb und das Geſicht nicht von' der See verwen⸗ den och ht ver⸗ ct, Wer 1C r’8, lick, der in nem ven⸗ — 1 — Nächtliches Treiben. dete, die er von hier aus weit überblicken konnte. Seine kurze Pfeife lag erloſchen bei ihm auf dem Sande. Als er den Ankömmling neben ſich fühlte— denn nach ihm um ſchaute er ſich, wie geſagt, nicht— ſtreckte er den Arm ein wenig aus, packte die Jacke des Dieners S und zog ihn vollends neben ſich platt auf den Sand nie— der.„Still— keinen Laut und keinen Ruck!“ flüſterte er dann.„Alles Andere hat Zeit— dies muß ich erſt abwarten.— Sieh!“— „Das ſieht kurios aus!“ flüſterte Karl Rhode zurück, und kurios und, um ein gut deutſches Wort zu gebrau⸗ chen, halb ſeltſam und halb wunderbar genug war es auch, was ſich den beiden Lauſchern zeigte.— Vor ihnen ſanken die Dünen vollends zum Strande hinab, von dem aber jetzt, da der Wind ſeit mehreren Tagen auf das Land zugeweht, wenig zu bemerken war. Die Wellen rollten vielmehr faſt bis an den Fuß der Hügel heran und legten ein glitzerndes Band von Schaum in die dürren Gräſer hinein, welche dem Sande entſproßt waren. Große, faſt klippenartige Steine, die das Meer nach und nach aus ſeiner Tiefe emporgewälzt, lagen wei⸗ terhin und ließen die heranziehenden Wogen ſich brauſend an ihren glatt aufragenden Wänden brechen und wieder zurückprallen und, zertheilt, geſchmeidig durch die Zwiſchen⸗ räume ſchießen. Darüber hinaus war alles eine Fläche, ſo weit das Auge zu dringen vermochte, und nur links erhoben ſich in nicht großer Entfernung dunkle Maſſen, als ſei dort eine beſonders hohe waldbedeckte Düne, die vorgebirgartig in die See hinaus zu ſpringen ſchien. 72 Drittes Kapitel. Ueber das alles hin breitete ſich aber der Mondſchein in langen, glänzenden Streifen, während ſich nebenan ein eigenthümlicher Dämmer zeigte, der dunkler und dunk⸗ ler werdend die ganze übrige See gleichſam in Nacht hüllte und faſt dem Auge entzog. In dem breiten Strah⸗ lenkegel ſah man jedoch ſo zu ſagen jede Welle aufrau⸗ ſchen und vorübergleiten, denn es war dort alles in Be⸗ wegung, ſo wenig auch hier am Lande vom Winde zu ſpüren ſein mochte, und wenn man dieſe Lichtſtraße ver⸗ folgte, meinte man faſt, wie im Tage bis an den Hori⸗ zont hinausſchauen zu können. Aber je weiter der Blick vordrang, deſto mehr verſchwamm auch hier alles in einem wunderbaren flimmernden Duft, der ſich faſt wie ein halbdurchſichtiger, glänzender Schleier erhob und die Ferne geheimnißvoll vor den Augen der Neugierigen verſchloß. Dort hinten, melden wohl alte Schifferſagen, treiben zu ſolcher Stunde und in ſolcher Nacht dann die Meer⸗ frauen und Meergeiſter ihr Weſen, die ſich vor dem Un⸗ glauben der Menſchen immer weiter und weiter flüchten und ſich immer ſcheuer verborgen halten in ihrem kryſtal⸗ lenen Reich. Der alte graue Meerkönig ſteigt herauf mit ſeiner ewig jungen, reizenden Königin, und ſie freuen ſich des Himmelslichtes und der Himmelsluft und ſehen ihren Unterthanen zu, wie ſie ſpielen und ſcherzen, und lau⸗ ſchen den alten ewigen Geſängen, die vordem die wilden und rauhen, aber treuen und gläubigen Seefahrer be⸗ rauſchten und berückten und ſie verlockten in das tiefe Reich. Die lebten dann da drunten in Glück und Freude am Herzen eines holdſeligen Wellenkindes, das aus ihrer Nächtliches Treiben. 73 Seele ſeine Seele, aus ihrem Leben ſein Leben, aus ihrem Himmel den ſeinen gewann.— Aber das alles iſt nun ſchon lange vorbei. Die Menſchen glauben nicht mehr und hören nicht mehr; der Meerkönig trauert mit den Seinen, und die aus Mondenglanz und Meeresduft gewebten Schleier entziehen ihn und ſein Reich allen Blicken. Es war eine wundervolle Nacht und ein wunder⸗ bares Bild, die ſich hier aufgethan, und ſie würden auch ſelbſt auf die Beiden, die jetzt hineinſchauten, ihres Zau⸗ bers nicht verfehlt haben, wäre nicht gegenwärtig noch etwas Anderes in Sicht geweſen, was die Träume nicht aufkommen ließ. Gerade wie der Diener ſeinen Platz neben dem Alten einnahm und auf das„Sieh!“ deſſel⸗ ben angeſtrengt hinausblickte, glitt durch den hell beſtrahl⸗ ten Raum ein kleines dunkles Fahrzeug, wie ein Gedanke ſo ſchnell und wie ein Gedanke ſo lautlos, hätte man ſagen mögen. Und kaum war es mit den beiden dunklen Segeln, die es führte— denn es ſchien ein ſogenanntes Nordlandsboot— in den dämmernden Raum jenſeits getreten und faſt augenblicklich verſchwunden, ſo folgte ihm ein größeres Boot, das nicht nur durch ein großes, für den leichten Wind aber viel zu ſchweres Segel, ſon⸗ dern auch durch mehrere Riemen(Ruder) haſtig nach vorn getrieben wurde. Man ſah die Riemen, wie mit rieſeln⸗ dem Silber bedeckt, taktvoll ſich heben und wieder ein— ſchlagen; ja das Boot ſchoß ſo nahe vorüber und der Mondſchein machte hier alles ſo hell, daß die beiden Spä⸗ her ſogar die Geſtalten von einigen Ruderern und zwei 74 Drittes Kapitel. im Vordertheil Stehende erkennen konnten,— ſo nahe, daß der von dem Ankömmling„Ohm“ genannte Alte murmelte:„Courage haben die Canaillen! Nur ein ein⸗ ziger Stoß auf ihr Segeltuch, und die ganze Bagage ſitzt auf dem Sande!“ „Wer iſt's?“ flüſterte der Diener, ohne ſeine Augen von der Scene vor ihnen wegzuwenden. „Dummkopf— wer denn ſonſt als dieſe verdammten franzöſiſchen Douaniers?“ lautete die barſche, eben ſo leiſe Antwort.„Sie kreuzen jetzt jeden Abend hier herum, und deßwegen bin ich auf der Lauer, um ihre Stunden und Schläge kennen zu lernen. Man wird's nützen kön⸗ nen. Vorhin trieben ſie das kleine Ding dort auf—“ „Danach frage ich. Wer iſt's? Iſt denn etwas im Gange?“ fragte Karl. „Ja, wer iſt's! Weiß es ſelber nicht, obgleich ich doch drei Meilen weit auf und ab jeden Trog zu kennen meinte, der Waſſer halten kann!— Wer iſt's!—'s iſt ein Nordlandsboot, ein ächtes, wie ich droben in den Scheeren nie ein beſſeres geſehen. Ich kenne hier nur eins, das Graf Eberhard drüben bei Leweſand liegen hat. Wüßte aber nicht, was der zu ſolcher Stunde hier zu— — hſt, bei Gott! Da iſt er ſchon wieder!“ unterbrach er ſich jäh und gab dem Neffen einen Puff, daß derſelbe zuſammenzuckte, und deutete mit der ein wenig erhobenen Hand hinaus, wo in der Entfernung von vielleicht einer Viertelſtunde die beiden Segel des Unbekannten aller⸗ dings wieder ſichtbar wurden. Auch jetzt währte das frei— lich nur einen Moment, dann trat der Fremdling drüben l rach ſelbe enen einer ller⸗ frei⸗ üben Nächtliches Treiben. 75 wieder in den Dämmer und war gleich darauf ver⸗ ſchwunden. „Er ſpielt mit den Canaillen,“ bemerkte der Alte hörbar ſchmunzelnd,„und es iſt'ne Freude! Aber er ſoll ſich immerhin in Acht nehmen. Wäre das Douanen⸗ boot das meine und ich jagte den Anderen—“ Und als hätte man bei den Franzoſen von dieſen Worten etwas vernommen, ſo klang faſt im ſelben Augen⸗ blicke aus dem Dämmer links, wo zugleich auch das große, ſchwerfällige Segel ſichtbar wurde, ein lauter Anruf her⸗ vor. Dann trat das Boot in den Mondſchein und glitt wie eine Möve vorüber. Im nächſten Moment zuckten von ſeinem Schnabel ein paar Leuchtkugeln auf, die weit⸗ hin ein taghelles Licht verbreiteten und den Fremdling bemerken ließen, wie er ganz in der Nähe wieder mit kurzem Schlage wendete. Gleich darauf leuchtete es vom Douanenboote wiederum grell auf, und zwei Schüſſe rollten knallend über die Wellen hin und brachen ſich wie⸗ derhallend an den Dünen. Karl Rhode zuckte erſchrocken empor, aber die Fauſt des Oheims zog ihn faſt augenblicklich wieder zurück auf den Sand.„Lieg' ſtill oder ſei verdammt!“ murrte er dabei.„Haſt du Angſt, du Sandhaſe, oder was treibt dich?— Ich habe nicht Luſt, den Canaillen ſichtbar zu werden— der Poſten iſt zu gut und— hſt, bei Gott! Nun wird's Ernſt!“ unterbrach er ſich.„Hab' ich's mir doch gedacht, daß er noch kommen würde!“— Der alte Seemann verſtand unter dem„er“ wie ge⸗ wöhnlich nur den Wind, den er aus einigen ſchmalen und 76 Drittes Kapitel. nichts weniger als dunkeln Wolkenſtreifen gefolgert hatte, welche ſchon längſt am nordöſtlichen Himmel ſichtbar ge— weſen und inzwiſchen dem Lande bedeutend näher gerückt waren, indem ſie zugleich einen Lufthauch mitzubringen ſchienen, der nun, ſtärker und ſtärker anſchwellend, als eine, wenn auch immer noch leichte Briſe über die See fuhr und eben das große Segel des Douanenbootes an⸗ ſchwellte. Im nächſten Moment ging dort auch der Klü⸗ ver in die Höhe und das Fahrzeug ſchoß jetzt mit ver⸗ dreifachter Geſchwindigkeit ſeinem kleinen Gegner nach, während von Zeit zu Zeit das glänzende Licht eines neuen Schuſſes die Geſtalten an ſeinem Bord auf eine Sekunde ſcharf hervortreten ließ. Die Riemen waren eingezogen worden. Der Fremdling ſchien die Sache aber noch immer leicht zu nehmen. Wieder ging er, dieſesmal ſogar noch näher, am Strande vorüber, ſo daß der Alte ein von einem ſchweren Fluche begleitetes:„Das iſt Tollmanns⸗ werk!“ vor ſich hin murrte. Er trat in die Dämmerung links, und als von dem raſch folgenden großen Boote jetzt wieder ein paar Leuchtkugeln momentan ein blenden⸗ des Licht verbreiteten, ſah man die beiden Segel hart an jener oben erwähnten dunkeln Maſſe, die man nun in der That als eine Waldkuppe erkannte, entlang ſchweben. „Bei dem Winde gewinnt er die Spitze nicht!“ mur⸗ melte der Alte wieder.„Er iſt verloren, ſie packen ihn oder jagen ihn auf den Strand. Armer Kerl!“ Allein aus dieſer Prophezeiung ward nichts. Das Douanenboot war in das Dunkel gefolgt und ließ nach — —1 Nächtliches Treiben. einiger Zeit noch einmal Leuchtkugeln ſteigen. Sie nützten indeſſen nichts, denn ſo weit das Licht reichte, war von dem Fremdling nichts mehr zu entdecken, und Augen wie die des Seemannes, der von der Düne. aus beobachtete, ſind bei ſolcher Gelegenheit untrüglich. Die Franzoſen ſo ſchienen jedoch eben gute an Bord zu haben. Ihr Boot legte wenigſtens faſt unmittelbar darauf um, ſchoß zurück, an den beiden Spähern vorüber und wiederholte dieſes Mannöver, ſich weiter und weiter von der Küſte entfernend, noch ein paarmal, bis es gleichfalls nicht mehr ſichtbar war.— Die beiden Zuſchauer hatten ſich nicht mehr geregt, ſo angeſtrengt waren ſie dem Treiben des Douanenbootes gefolgt. Nun aber erhob der Alte ſich auf dem Ellbo⸗ gen, und ſeine Pfeife aufnehmend und in die Bruſttaſche ſeines Schanzläufers ſteckend, ſagte er lauter als bisher: „Das iſt ein kecker Burſche, an dem man ſeine Freude haben möchte, wenn er uns nur nicht das Fahrwaſſer noch unſicherer machte durch ſeine Narrethei! Jetzt wer⸗ den wir das Geſindel hier allabendlich auf dem Halſe haben. Hatten ohnedies ſchon genug davon— verdammt ſeien ſie!“ Und abbrechend fügte er hinzu:„Und nun, Junge, heraus! Was bringt dich zu ſolcher Stunde hieher?“ Der Diener hatte ſich gleichfalls ein wenig aufge⸗ richtet.„Geht Ihr noch nicht nach Hauſe, Ohm?“ fragte er.„Ich habe mich aus dem Schloſſe fortgeſtohlen und möchte nicht gern, daß das entdeckt würde.“ „So ſchwatz' doch zu, was ſäumſt du noch?“ verſetzte 7 78 Drittes Kapitel. der Andere barſch, der jetzt, wo ihn der Mondſchein traf, das wetterzerſchlagene und gefurchte, rothbraune Geſicht eines Seemannes zeigte, während ſich unter der Tuch⸗ kappe hervor einzelne, wie es ſchien, ſtark ergraute Locken drängten. Ein kurzer, armdicker Zopf ſtand über den Kragen ſeines Gewandes bolzgerade hinaus. „Aber hier, Ohm?“ warf der Diener zögernd ein und ſah ſich gewiſſermaßen mißtrauiſch nach allen Seiten um.„Ich habe da glücklicherweiſe etwas gehört, was keinen Aufſchub leidet und von dem niemand hören darf, daß ich's Euch ſage—“ „Aber Dummkopf, ſo ſchwatze doch zu!“ grollte der Andere ungeduldig.„Wer ſoll dich denn hier hören? Wenn ſich wirklich noch eine Patrouille her verlöre, was ich aber nicht glaube— huße ich doch dich Schleichkatze kommen hören, wie viel eher jene mit ihren Klötzen von Füßen! Alſo heraus!“ „Ich hatte mit dem Kammerdiener die Aufwartung bei Tiſch, denn es iſt heute Nachmittag ſo ein franzöſi⸗ 7 ſcher General angelangt mit einigen Adjutanten und Or⸗ donnanzen. Ich meine gehört zu haben, es ſei nur ein freundſchaftlicher Abſtecher zu uns— ſie kennen unſere Herrſchaften vom vorigen Winter her aus S.— ſie wol⸗ len demnächſt nach G. zurück. Nun gut, als ſie eben zu Tiſche gehen wollten, kam Graf Eugen an, und ich trat, ihn meldend, ein. Comteſſe Hebe hatte ihre große Freude an ſeinem Kommen—“ „Was wollte er ſo ſpät noch, Junge?“ unterbrach der Alte den Boricht, dem er aufmerkſam gefolgt war. 9 1 1 3 3 d I eeet 5 Nächtliches Treiben. 79 „Ich hörte ihn zu Comteſſe Hebe ſagen, daß ſie in Dreiheiligen drüben den großen Kometen wieder ge⸗ ſehen—“ „Den großen Kometen von vor'm Jahr? Unſinn!“ ſagte der alte Schiffer, der aber trotzdem und unwillkür— lich die Augen über das Himmelsgewölbe gleiten ließ. „Und der Eugen ſagte das und kam extra dazu noch in der Nacht herüber?“ „Comteſſe Hebe guckt, glaub' ich, gern nach derglei⸗ chen,“ meinte der Diener.„Sie freute ſich wenigſtens ſehr über die Nachricht.“ „Und Eugeu brachte ſie?“ murmelte der Alte wieder gedankenvoll.—„Donnerwetter, was fällt mir ein!“ fuhr er plötzlich auf, und die Augen funkelten brennend unter den dicken Brauen hervor.„Wär's das?— In Dreiheiligen beim Eberhard? Muß mich doch—“ „Aber was habt Ihr, Ohm Karſten?“ fragte der der Alte ſtockte. „Was geht's dich an?“ war aber die barſche Ent⸗ Diener erſtaunt, da gegnung.„Kümmere dich um deine Affairen und laß mir die meinen!— Und nun weiter, Junge!“ „Na, Comteſſe Hebe hatte alſo ihre Freude und re⸗ dete Deutſch mit ihm und ſagte, er käme gerade zu Schick. Der General— ſie nannte ihn Renaud, glaub' ich—“ „Ja, ein ſolcher hat das Kommando in S.— Weiter!“ „Der General wolle nach Dreiheiligen, um gegen den Grafen eine Unartigkeit der Douaniers zu entſchul⸗ 80 Drittes Kapitel. digen— ich habe genau aufgepaßt, Ohm Karſten— und den Vater Steffen kennen zu lernen—“ „Was ſagſt du? Steffen Schütze?“ unterbrach ihn der Oheim ungeſtüm und ſprang auf.„Der General, der Franzoſe, will ihn kennen lernen?“ „So ſagte ſie, Ohm. Und zwar in der Heide ſelber, bei ſeiner Herde, und der Graf Eugen müſſe dabei der Führer ſein. Dann ſtellte ſie die Herren einander vor, und ſie ſprachen wieder Franzöſiſch. Ich ging raſch hinaus, ſchützte Leibſchmerzen vor, ſchickte einen Kamera⸗ den ſtatt meiner hinein und machte mich fort. Denn ich meinte, Ohm Karſten, das ſei etwas für Euch und Ihr müßtet Vater Steffen warnen. Denn daß der Franzos ihn bloß kennen lernen will—“ Der Alte antwortete nicht ſogleich, ſondern ſchüttelte den Staub aus der langen Jacke und ſagte erſt dann, während er zugleich die Pfeife vorlangte und mit Stahl und Stein Feuer ſchlug:„Komm' Junge! Wir wollen machen, daß du heim kommſt. Es muß nahe an elf Uhr ſein, und ſie brauchen freilich von deinem Gange nichts zu erfahren. Du biſt ein braver Junge, ſage ich. Gib nur Acht und ſpitz' die Ohren!“ „Wenn ſie nur nicht immer dieſes ſackermentſche Franzöſiſch ſprächen!“ grollte Karl kopfſchüttelnd.„Da weiß ein Chriſtenmenſch nie vor oder zurück.— Was wollt Ihr aber thun, Ohm?“ brach er ab.„Scheint's Euch nöthig, mit Vater Steffen zu reden?“ „Ich weiß ſelber nicht recht,“ klang die bedächtige Antwort.„Hören ſollte der Alte freilich davon, obſchon dlen Uhr ichts Gib tſſche dr 5 Was ant 5 htige ſch on Nächtliches Treiben. 81 ich, je länger ich darüber nachdenke, nicht viel Arges da⸗ bei zu ſehen vermag. Wenn die Comteſſe und der Eugen davon wiſſen und dabei ſind, hat's am Ende nicht viel zu ſagen. Und wenn's bloß ſo was von Neugierde iſt — der Steffen iſt juſt der Mann, der zehn franzöſiſchen Generalen die Wahrheit zu ſagen verſteht.— Genug! Da ſind wir, Junge,“ redete er weiter, denn ſie waren inzwiſchen ſeinem Hauſe nahe gekommen.„Mache dich da durch die Gärten— du biſt ſchneller daheim und es ſieht dich niemand!— Gute Nacht!— Aufgepaßt! Und wenn du mich nicht daheim treffen ſollteſt, ſag' es nur meiner Schweſter.“ „Necht!“ verſetzte der Diener, ſchwang ſich über den niedrigen Zaun des nächſten Gartens und eilte einen Steig entlang. Der Oheim ſah ihm noch einen Augenblick gedanken⸗ voll nach, dann wandte er ſich ſeinem Hauſe zu und öff⸗ nete und ſchloß gleich darauf die Thür deſſelben, während er bei dem letzten Geſchäfte vor ſich hin murmelte:„Das Nordlandsboot, der Komet und nun der Beſuch beim Steffen— ſoll mir der Donner alle Stängen zerſchlagen, wenn ich's capire! Aber'raus muß es, und ſollte ich noch heute Nacht hinaus auf die Heide!“ Ob Karſten etwas herausbekommen, wie er gewollt, blieb fraglich, daß er aber einen und zwar in ſeinen Augen nicht leichten Entſchluß gefaßt, zeigte ſich, als der alte, rauhe Geſell ſpäter wieder in der Thür erſchien und nach einem Aufblicke zu dem jetzt mit langen Wolken⸗ ſtreifen durchzogenen Himmel zu der hinter ihm ſtehenden Hoefer, Fremdherrſchaft. I. 6 82 Drittes Kapitel. Schweſter murrte:„Gott verdamme dieſe fremdländiſchen Hunde, muß ich wieder ſagen! Ohne die Canalllen ſetzte ich mich jetzt in's Boot und wäre in einer Stunde in Unterwiek. Die Briſe iſt fſix. Nun muß ich ſtatt deſſen meine alten Beine ſtrapaziren!— Na, Gott verdamme ſie!— Sperr' gut zu, und Gott behüte dich, Alte!“— Und er trat auf die Straße hinaus. „Gott behüte auch dich, Karſten!“ lautete ihre Mah⸗ nung.„Nimm dich in Acht, und wenn dir wer von dem Volk begegnet, nimm's nicht zu hitzig!“ Er ſchwang ſtatt aller Antwort nur den ſchweren Knotenſtock empor, den ſeine Rechte führte, nickte noch einmal zurück und ſchritt die Straße entlang durch das ſchweigende Dorf und gleich darauf in's Freie und in die Nacht hinaus. Vom Schloß herüber ſchlug es gerade ein Uhr nach Mitternacht. Er war indeſſen noch nicht weit gelangt, als er, ſich beſinnend und überlegend, Halt machte und ſich gegen das Dorf zurückwandte.„'s iſt ein Unſinn!“ murmelte er vor ſich hin.„Wenn's gut geht, bin ich um Sonnen⸗ aufgang beim Steffen, und zwar hundsmarode. Und drunten liegt das alte Boot ganz behaglich und wartet auf mich, und die Briſe jagt mich in einer Stunde nach Unterwiek. Seh' doch weiß Gott nicht ein, weßhalb ich mich da abſtrapaziren ſollte!— Thu's auch nicht!“ murrte er nach einer kleinen Pauſe.„Frage den Teufel nach euren verdammten Narrenjacken!“— Und ſich aufraffend eilte er haſtig in's Dorf zurück bis zu ſeinem Hauſe, wo er von der Seitenwand des Nächtliches Treiben. 83 Stalles zwei Riemen und den Bootshaken herablangte, die dort friedlich neben der Feuerleiter auf Gabeln zu liegen pflegten. Dann holte er aus dem Stalle ſelber eine Leine, Beil und Fiſchergeräth, warf bei ſeiner Rück⸗ kehr in den Hof die Riemen und den Bootshaken über die Schulter und trabte fünf Minuten nach ſeiner Ankunft ſchon wieder durch's Dorf dem Strande zu. Dort lagen in einer kleinen Bucht zwei Boote ange⸗ ſchloſſen, von denen er das eine löſ'te und es, hinein⸗ ſpringend, zugleich vom Lande abſchob. Der Bootshaken half nach. Darauf ſah der Alte nach den Tauen, legte ſich die Riemen handgerecht und das Beil daneben! dann hißte er das große Segel auf, ſetzte ſich endlich an's Steuer, während er die Schooten loſe in der Rechten hielt und mit aufmerkſamem Blicke Himmel und Seegang, Wind und Segel beobachtete, und dann kam Leben in das kleine Fahrzeug und es ſchnitt, ſich leicht ſeitwärts legend, in den Meerbuſen hinaus, wo vor zwei Stunden das Douanenboot den Fremdling gejagt hatte. Das ging alles wie ein Blitz, und doch in ruhigſter, ſicherſter Ord⸗ nung, und doch ſo leiſe, daß das Geräuſch des Abſchie⸗ bens vom feuchten Sande und das Knarren des ſich ſtel⸗ lenden Segels ſchier die einzigen Töne geweſen waren, die einem zufällig Lauſchenden zu Ohren gekommen ſein möchten. Man ſpürte es wohl, daß der Alte hier in ſei⸗ nem Element, und wer ſeine Abfahrt und das Weiter⸗ gehen des Bootes beobachtet hätte, würde ſeine Freude am Fahrzeuge wie an ſeinem Führer gehabt haben; ſie gehörten zu einander wie Reiter und Roß. Der Vergleich 3¹ 3 84 Drittes Kapitel. iſt nicht zu weit hergeholt, denn ein rechtes Boot, gehand⸗ habt von einer kundigen Hand, iſt wie ein lebendig We— ſen, folgſam, gehorſam und lenkſam, es zu führen iſt ein Spiel, und ſich von ihm hintragen zu laſſen eine Luſt. Es war, wie der Alte ſich gedacht— die Briſe war fir und ſeiner Fahrt günſtig; das Boot ſchoß wie ein Pfeil am Ufer entlang, leicht ſeitwärts geneigt und mit dem ſcharfen Schnabel die Wellen aus einander werfend, daß ſie hoch emporſtäubten. Von Nord⸗Oſten herauf hatte ſich der Himmel allgemach mit immer näher einander fol⸗ genden Wolkenſtreifen bedeckt, die weiter drunten, dem Horizont zu, von einer großen, feſten Maſſe gefolgt zu ſein ſchienen. Der Wind kam ſtärker und ſtärker über die unruhige See, die Sterne ließen ſich nur noch einzeln ſehen und der Mond hatte ſich ſchon ſo tief gegen das Land zugeſenkt, daß er zwiſchen den Wolken durch nur noch zuweilen ein ſchräges, ungewiſſes Licht über die weite, wallende Fläche verbreitete. Dem alten Schiffer war das freilich ſehr gleichgültig, kannte er doch dieſe Küſten wie ſeine Taſche, und überdies blieb die Nacht, welche auf den Waſſern ruhte, immer noch durchſichtig genug, um ihn ſeinen Weg an dem rechts ſich erhebenden, dem Bo⸗ den nach bald dunkler, bald heller erſcheinenden Lande auch ſehen zu laſſen. Jetzt wurde in ziemlicher Höhe über dem Strande ein Licht ſichtbar, das von einer einſamen Douanenſtation einen zitternden Strahl herüberwarf. Karſten bekümmerte ſich indeſſen nicht weiter darum, als daß er unter den Rock langte, wo er ein paar Piſtolen parat hielt, dann Nächtliches Treiben. 85 einen Blick auf das Beil und das Segel warf, die Schoo⸗ ten noch lockerer zwiſchen die Finger nahm und das Ru— der noch feſter führte. So glitt er unhörbar vorüber und ſchien nicht bemerkt zu werden, denn es blieb drüben am Lande wie auf dem Waſſer alles ſtill und einſam. Ja, es war dem Alten, als könne er am Fuße der Düne, welche die Baracke trug, mit ſeinem ſcharfen Auge den Maſt des Zollbootes entdecken, das dort geruhig vor An⸗ ker lag.— „Schlafmützen, verdammte!“ murrte der Schiffer vor ſich hin.„Hätt' ich jetzt nur einen recht dickbauchigen „Engelländer“ hier— ich wollte euren Schlaf ſchon nützen!“— Dann ſtützte er den rechten Arm auf das Knie und legte den alten, grauen Kopf in die Hand. Seine Augen waren finſter und nachdenklich der See zu⸗ gewendet, dem Lande ſchenkte er keinen Blick mehr. Und ſo fuhr er weiter und weiter und rauchte ſtumm vor ſich hin. Am Lande war freilich auch nichts Beſonderes zu ſehen. So viel man bemerken konnte— das Boot ſchoß häufig ſo nahe dahin, wie es das Vorland irgend erlau⸗ ben mochte— zog ſich dort hinter ziemlich hohen, hier und da unterbrochenen Dünen ein ödes und einſames Gebiet hin, von dem kein Laut, kein Gebell eines Hun⸗ des, kein Krähen eines Hahns zu dem Schiffer herüber⸗ drang. Denn es war ſpäter geworden, als der Alte ſan⸗ guiniſcher Weiſe vorausgerechnet, weil ihn der Wind, zumal ſeit er die erſte Douanenſtation paſſirt hatte, zu immer häufigerem Umlegen und Laviren zwang. Die 8⁶ Drittes Kapitel. gedachte Stunde mußte ſchon jetzt vorüber ſein, wo ihm eine zweite Station der Zollwächter am Strande in Sicht kam, die doch noch eine ziemliche Strecke von ſeinem Reiſe⸗ ziel entfernt war. Aber die Rechnung war nicht leicht, denn von den Sternen war nichts mehr zu ſehen, der Mond untergegangen und die Nacht von oben und unten ſo dunkel, daß nur ein ſo ſeekundiger Mann wie Karſten, ſeinen Weg noch unbekümmert und faſt ohne aufzublicken verfolgen konnte. Doch hatte auch er ſeinen Platz ge⸗ wechſelt und ſchaute jetzt zum Lande hinüber. Zu der Station blickte er nun lange und finſter hin⸗ auf und gab, wie denn das bei ſo alten, einſam lebenden Burſchen gar nicht ſo ſelten iſt, ſeinen Gedanken noch einmal auch Worte.„Schlafmützen!“ murmelte er wie⸗ der—„nun, Gott gebe euch einen eben ſo geſunden Schlaf, wenn die Zeit einmal reif iſt und wir über euch kommen! Dreißig ehrliche Jungen und eine Nacht und ein Schlaf wie heute— und wir haben die ganze Bagage im Sack!“ In dieſem Augenblicke zuckte er zuſammen und fuhr herum, ein Ton wie das Knarren eines Segels hatte ſein ſcharfes Ohr getroffen. Und ſein Auge hatte ſich kaum der See zugewendet, als er nahe hinter ſich die beiden Segel des Fremdlings entdeckte, der am Abend das Zoll⸗ boot geneckt. Das kleine Fahrzeug kam ſo ſchnell heran, daß es ſchon in der nächſten Minute neben Karſten's Boot war, und indem klang eine gedämpfte, tiefe Stimme herüber:„Hollah das Boot! Wer ſeid Ihr?“ Der Alte beſann ſich nicht lange. Ein Feind war hin⸗ den noch wie⸗ den euch und gage fuhr ſein kaum eiden Jall rran,- ten ³ mme war Nächtliches Treiben. 87 das nicht!„Karſten Herbart von Nieder⸗Rhoda,“ ant⸗ wortete er eben ſo leiſe. „Alles recht, Herr!“ hörte er die Stimme wie zu einer anderen Perſon ſagen.— Darauf folgte ein:„Ad⸗ jes, Karſten!“ und das kleine Boot ſchoß nach vorn, ſo daß im nächſten Augenblicke ſchon beinahe dreißig Schritte Waſſer zwiſchen beiden Fahrzeugen lagen. Der alte Schiffer unterdrückte daher auch die Frage, die er auf den Lippen gehabt und die nun doch unnütz geweſen, und ſah dem Fremdling kopfſchüttelnd und zu⸗ gleich mit einer Art von Neid nach. Er begriff jetzt noch beſſer als vorhin, ein wie leichtes Spiel das kleine Ding mit dem verhältnißmäßig ſchwerfälligen Zollboote gehabt, da es ſelbſt ſein treffliches Fahrzeug ohne die geringſte Anſtrengung eingeholt und geſchlagen hatte. Jetzt ſchon war dort vorn keine Spur mehr von dem Fremden zu entdecken, und ſelbſt die Segel waren in dem rings herr⸗ ſchenden tiefen Dunkel verſchwunden. „Hexerei iſt's nicht!“ murmelte Karſten kopfſchüttelnd vor ſich hin.„Es muß eben doch der Peter von Leweſand ſein, ſeine Stimme, mein' ich, war's, und er iſt auch der Einzige hier, der das Ding ſo zu handhaben verſteht. Aber was in des drei Teufels Namen hat er hier zu kreuzen, und wen hat er an Bord?— Hm, geh' ich doch zuerſt zum Detlef?“ Einen Augenblick ſchaute er gleichſam überlegend in die Nacht hinaus, dann gab er dem Ruder einen leichten Ruck, das Boot wandte ſich, und zehn Minuten darauf ſchoß es zwiſchen eine ganze Menge ähnlicher Fahrzeuge, 88 Drittes Kapitel. welche hier am Strande, nahe den ſichtbar werdenden Bäumen und Gebäuden eines großen Dorfes, bei einan⸗ der lagen. Das Krähen eines Hahns begrüßte den Alten, der jetzt ſein Boot ſchnell neben den anderen befeſtigte und Riemen, Beil und Bootshaken aufnahm. Sein Geſchäft ging jedoch nicht ohne ein Geräuſch vor ſich, und auch ſein Kommen war bereits beobachtet worden. Da er eben über ein anderes Fahrzeug hin an Land klettern wollte, erhob ſich neben ihm aus dem dunk— len Bauche des kleinen Boots jählings eine dunkle Ge⸗ ſtalt, eine Hand faßte ſeinen Arm und eine rauhe Stimme fragte ungenirt genug:„Wer zum Teufel iſt denn das?“ Nur einen Augenblick war Karſten überraſcht; im nächſten hatte er die Hand abgeſchüttelt und fügte, ſeinen Namen vorausſchickend, leiſe hinzu:„Mache keinen Lärm, Rolof, mein Junge! Ich kenne dich ſchon. Wie kommtss, daß du ſchon daheim biſt?“ „Ich bin gar nicht hinaus geweſen, Vater Karſten,“ lautete die jetzt gleichfalls gedämpfte Antwort.„Es war eine unruhige Nacht. Die Spürhunde müſſen auf etwas ausgeweſen ſein. Ihre Boote haben zweimal bei uns angelegt, und zu Lande ſind die Canaillen auch lebendig geweſen und haben ſich umhergetummelt wie die Braun⸗ fiſche. Ich bin Euch nicht gut dafür, daß nicht jetzt noch irgendwo in der Nähe ſolch ein Burſche ſteckt. Was aber in des Teufels Namen bringt Euch—“ Die Hand Karſten's legte ſich leicht auf den Mund des Anderen und ließ ihn ſeine haſtigen Mittheilungen gen Nächtliches Treiben. 89 beenden.„Nimm dich des Geräths an und guck einmal nach dem Boot,“ ſagte er.„Heut' Abend bin ich wieder da und fahre zurück. Jetzt muß ich zum Steffen hinüber. Ich glaube, ſie möchten ihm zu Kleide.“ „Dem Steffen? Dieſe wälſchen Canaillen? Da ſoll ja kein Gebein von allen heil bleiben, wenn—“ „Still! Ich gehe zu ihm, um ihn zu warnen. Halt reinen Mund, mein Junge!'s iſt nicht nöthig, daß man von meinem Gehen und Kommen erfährt. Du und deine Mutter, das iſt genug, und wenn du Detlef ſehen ſollteſt, dem magſt du's ſagen. Adjes!“— Und der Alte ſprang vollends an Land und wanderte raſch, abſeits von den Häuſern, am Strande entlang weiter, bis er nach kaum hundert Schritten die erſten Waldbäume erreicht hatte. Fortan blieb er eine geraume Zeit im tiefen Schat⸗ ten deſſelben Waldes, den wir am vorigen Tage den Grafen Eberhard mit ſeinen Begleitern ein paar Stun⸗ den weiter in's Land hinein durchkreuzen ſahen. Auch hier war alles einſam, und wie auf der See die Wellen, brachten hier die im Winde ſich wiegenden Kronen der alten Bäume das einzige vernehmbare Geräuſch hervor. Der Alte ließ in ſeiner Aufmerkſamkeit trotzdem aber keinen Augenblick nach, ſeine Augen und Ohren waren ſo wach wie je, und ſein Fuß glitt mit einer Schnelligkeit und Ausdauer über das den Weg bedeckende dürre Laub, die ein oberflächlicher Beobachter dem alten Burſchen ſchwerlich zugetraut haben würde. Und auch hier ſchien er ſo gut daheim zu ſein, wie draußen auf der See; denn trotz der Dunkelheit verfolgte er ſeinen Pfad ohne das 90 Drittes Kapitel. geringſte Stocken, ſchlug endlich ſogar einen Fußpfad ein, der ſich ſüdlich in den tiefen Wald hinein abzweigte, und ſtand eine ſtarke Stunde nach ſeinem Aufbruch am Saum des Forſtes, vor der weithin ſich ausdehnenden Heide. War es nur die freie Weite oder das Dämmerlicht des nicht mehr ſernen Morgens, oder endlich der graue Nebel, der, man wußte nicht woher, ſich leiſe auszubreiten be⸗ gann,— es war hier verhältnißmäßig hell, und Karſten Herbart ſchritt nach einem flüchtigen Umblick in unver⸗ minderter Eile weiter. Wieder mochte eine ſtarke Viertelſtunde vergangen ſein, da ſchallte ihm das laute Bellen einiger Hunde ent⸗ gegen und gleich darauf umſprangen ihn zwei ſolche weiß⸗ zottige Burſche, deren Zorn ſich jedoch, da ſie den An⸗ kömmling erkannten, alſobald in ein freudiges Winſeln und Kläffen verwandelte, während zugleich von der durch den Nebel ſichtbar werdenden Schäferhütte und dem neben derſelben brennenden kleinen Feuer aus eine heiſere Stimme laut wurde und dem Ankömmling entgegenrief: „Nur heran, Karſten!— Ich habe dich ſchon erwartet, und dein Frühſtück iſt gleich fertig.“ Eine Minute darauf ſtand der Schiffer neben dem Schäfer, der auf einem Stein bei ſeinem Feuer ſaß und an demſelben eben einen Topf mit Milch zum Sieden gebracht hatte.—„Lange in die Hütte hinein,“ ſprach er, „gleich links findeſt du das Brod, Karſten, und noch einen Topf. Gib her, du wirſt froſtig ſein, und da thut ſolch Getränke gut, beſſer als der beſte Genever.“ Er ſprach das ruhig, faſt eintönig hin, nicht freund⸗ Nächtliches Treiben. 91 lich oder angeregt, wie zu einem, den man gern und doch ſelten ſieht, ganz im gewöhnlichen Ton ſeiner heiſeren und ein wenig ſchleppenden Stimme. Jetzt ſchwieg er ſogar ganz, und da Karſten den Auftrag ausgeführt und mit Brod und Topf vollends zum Feuer trat, goß er die Milch zum Theil in das zweite Gefäß, ſchnitt mit dem langſam hervorgelangten und aufgeſchlagenen Meſſer ein paar Stücke Brod ab, und dann erſt ſchlug er die kalten Augen zu dem Ankömmling auf und ſprach wieder, dieſes⸗ mal in herzlicherem Tone:„Nimm Platz und ſei will⸗ kommen in der Heide. Greife zu, Karſten. Nachher kannſt du mir erzählen.“ Der Schiffer ließ ſich das nicht zweimal ſagen, da ihn der für ſeine Beine ungewohnte Marſch nach der durchwachten Nacht doch angegriffen und hungrig gemacht haben mochte, und erſt, als Beide ſchon eine geraume Weile fertig waren und der alte Schäfer gleichmüthig die beiden Hunde fütterte, hatte er nicht nur die Strapazen, ſondern auch und mehr noch die Beſtürzung über den ihm gewordenen Empfang überwunden. Er kannte den greiſen Mann da vor ihm ſchon ſeit vielen, vielen Jahren, und wie er die zuſammengekauerte hagere Geſtalt vom Feuer beleuchtet ſah, die alte Decke, die ſie über dem weißen Schäferrock einhüllte, den alten dreiſpitzigen Hut über dem langen, eisgrauen, ſpärlichen Haar, und darunter das Geſicht mit den verwitterten Zügen, den ſtarren Runzeln, den auch jetzt faſt farbloſen, ſtarr auf die Glut gerichte— ten Augen— es war nichts da, was ihm noch auffiel, was er nicht oft und oft eben ſo erblickt. Und eben ſo 92 Drittes Kapitel. war auch in dem Empfange eigentlich nichts neues für ihn geweſen. Mehr als einmal ſchon hatte er an ſich ſelbſt und Anderen die Gabe des Schäfers erprobt, mit geiſti⸗ gen Augen gewiſſermaßen die Ferne zu durchdringen und von dem Nahen eines Menſchen lange vor der körperlichen Erſcheinung deſſelben unterrichtet zu ſein. Es war das bei weitem nicht einmal das Eigenthümlichſte, was man von dem Alten wußte oder ihm doch nachrühmte, und Karſten Herbart war ein grauköpfiger, eiſenharter, in Wind und Wetter, in tauſenderlei Gefahren erprobter Mann, der nach ſeinem eigenen Ausdruck„vor nichts zu Waſſer und zu Lande“ zurückwich. Dennoch aber hatte er, wenn er ſo, wie angedeutet, mit ſeinem alten Freunde zuſammentraf, jedesmal einige Zeit bedurft, bis er ſich ihm wieder unbefangen gegenüber fühlte. So war es auch jetzt, ja, es war noch nie überra— ſchender über ihn gekommen, und nachdem er ſeine Pfeife neu gefüllt und in Brand geſetzt, meinte er in einem ge⸗ wiſſen bedenklichen Tone:„Nun ſag' mir aber, Alter, wie in des drei Teufels Namen kannſt du von meinem Kommen gewußt und mich erwartet haben, da ich keiner Menſchenſeele davon geredet— meiner alten Schweſter nicht einmal; die glaubt, ich ſei zu Detlef!— und keiner Menſchenſeele begegnet bin, als dem Rolof Bohn in Un⸗ terwiek?“ „Ich weiß, ich weiß,“ verſetzte der Schäfer eintönig und warf den Hunden das letzte Stück Brod hin.„Deine drei Teufel aber laß aus, die haben keinen Theil an mir. Uebrigens hab' dich nicht ſo; du kennſt mich länger und Nächtliches Treiben. 93 beſſer als hundert Andere, und weißt meine Art.— Es muß aber was vorgehen, Karſten, der Herr mag wiſ⸗ ſen, was. Ich habe mein Leben hoch gebracht und man⸗ ches Böſe geſchaut und manches Gute, aber ſo häufig, wie nun, iſt's noch nie über mich gekommen. Und ſo ſah ich denn auch dich geſtern Abend, wie du auf den Dünen ſaßeſt, und es war Einer bei dir, den ich nicht kannte, und redete mit dir. Das ſah ich, und mit dem Anderen war es kurios,— bald ſah ich ihn in der grauen Jacke und dann wieder wie in dem rothen Rock, den ſeine Dienerſchaft trägt—“ „Bei der Allmacht!“ fiel ihm Karſten in's Wort, und ſeine hellblauen, ſcharfen Augen hafteten mit einem Aus— druck der Beſtürzung auf dem kalten Geſicht des Schäfers. „Es war ja mein Schweſterkind, der Karl Rhode, der im Schloſſe dient, und er hatte von Comteſſe Hebe erfahren, daß—“ „Ja, das hört' ich nicht und will's erſt von dir er⸗ fahren,“ ſprach der Greis wieder ruhig dazwiſchen.„Ich merkte nur, daß euer Reden mir galt und daß du zu mir kommen würdeſt. Und das iſt gut,“ ſetzte er wie zu ſich ſelbſt redend hinzu.„Ich hätte dich ſonſt heut oder mor⸗ gen rufen laſſen.“ „Du mich, Alter? Was gibt's?“ fragte der Schiffer lebhaft. „Geduld!“ erwiderte der Andere,„das wirſt du, wenn's nöthig iſt, auch noch hören. Ich glaube aber faſt, du kommſt mir ſelber damit.— Was bringſt du, Karſten?“ 94 Drittes Kapitel. „Auf dem Schloß drüben ſind ſeit geſtern Nachmit⸗ tag ein paar Franzoſen, voraus der Renaud, von dem du wohl gehört haſt, daß er das Volk in S. kommandirt — es ſoll ſonſt ein humaner Herr ſein, und wo er was von Unrecht und Unterſchleif der Beamten merkt, iſt er ſcharf hinterher und kennt keine Schonung. Ich habe davon in G. drüben ein Exempel erlebt. Aber human hin und her, ein Wälſcher iſt er einmal doch und muß ſeiner Zeit mit dran glauben,“ ſetzte der Seemann hinzu, dem Anderen finſter zunickend, der jedoch regungslos am Feuer ſaß, die runzeligen Hände über die ſchon niedri⸗ gen Flammen gebreitet und die Augen ſtarr auf die Glut gerichtet. 3.. Karſten Herbart beobachtete dies ein paar Sekunden lang ſchweigend, ohne daß dem Greiſe jedoch ſein Inne⸗ halten aufzufallen ſchien. Dann beugte er das Haupt ein wenig näher und ſagte gedämpft:„Nun gut, Steffen, der General will alſo nach Dreiheiligen zum Grafen, und dann auch zu dir. Er möchte dich kennen lernen, hat die Hebe geſagt, und der Eugen ſolle ſein Führer ſein.“ Der Schäfer hatte bei den letzten Worten ſeine Augen dem Seemanne zugewandt und ihn mit einer Art Ver⸗ wunderung angeſehen. Als Karſten ſchwieg, blickte er jedoch wieder mit dem alten ſtarren Ausdruck in die Glut zurück und ſagte nichts Anderes als:„Bah, dummes Zeug!“ „Aber mein Schyeſterſohn, der Karl, hat es mit eigenen Ohren gehört, und er iſt kein Faſelhans, ſondern ehrlich und„allart,“ beides, und ein treues Blut.“ Nächtliches Treiben. 95 „Glaub's ſchon,“ verſetzte der Schäfer phlegmatiſch. „Und daß der Herr herüber kommen will—'s iſt mög⸗ lich. Er mag von mir gehört haben und neugierig ſein. Wer weiß, was ihm das Volk, die Douanen, alles vor⸗ geredet. Sie laufen zuweilen da bei mir herum wie Ohr⸗ würmer, und ſitzen hinter jedem Buſch und lauern, krö⸗ chen mir am liebſten, glaub' ich, in die Taſche und das Herz, um was Heimliches zu erfahren.— Na, laß ſie und laß ihn,“ brach er im gleichen Tone weiter redend ab.—„Wollen ſie an mich— ich kann's ihnen nicht verwehren, aber zu holen iſt bei mir auch nichts, ich bin ſchon was alt und ein zäher Biſſen, an dem ſich ſchon mehr als Einer die Zähne verbiſſen hat. Und alles in allem— was können ſie mir am Ende viel thun?“ Karſten ſchüttelte den Kopf.„So habe auch ich ge⸗ dacht,“ meinte er,„und vollends wenn der Eberhard da⸗ von weiß, die Hebe es anſtiftet und der Eugen ſie führt, ſo ſollte nach meinem Verſtande gleichfalls nicht viel dabei zu fürchten ſein. Aber wer kennt dieſe Wälſchen aus, und was ſie im Sinn haben und was ſie riskiren? Daß ſie ein Aug' auf dich haben, ſagſt du ſelber, und daß ihnen deine Weiſe und deine Worte, und wie man Land ein und aus zu dir hält und auf dich ſieht, nicht gerade angenehm iſt, das merkt ein Kind. Du haſt ja öfters Scherereien mit dem Schreiberpack gehabt. Und wenn ich nun daran denke, daß die ſaubere Geſellſchaft bei ihm ſitzt und daß er dahinter ſteckt und daß er und du—“ „Was?“ unterbrach ihn die phlegmatiſche Frage des alten Freundes. 96 Drittes Kapitel. „Nun, daß ihr aus Herzensgrunde einander gram ſeid und daß er— ich ſchwöre darauf, Steffen!— noch heutigen Tages ſeine halbe Grafſchaft darum geben würde, wenn er dich einmal faſſen könnte!“— „Schon recht!“ ſagte der Schäfer, und wie neulich, dem wandernden Jäger gegenüber, trat auch jetzt einer jener kurzen Momente ein, wo das ſtarre Auge und die kalten Züge des Greiſes ein flüchtiges Leben gewannen und dieſes Mal eine Art von grimmiger Verachtung ſichtbar werden ließen.„Schon recht, Karſten. Er gäbe viel⸗ leicht gar die ganze darum, wenn er mich aus dem Wege hätte, allein auch die ganze hilft ihm nicht dazu, Denn er hat nicht Gewalt über mich, wohl aber habe ich ſie über ihn, das weiß er. Und daß er das weiß,“ ſetzte der Greis mit einem kurzen, heiſeren Lachen hinzu,„das iſt kein weiches Kiſſen für ſein Haupt. Ich ſchlafe da ſanf⸗ ter auf meinem Stroh in der Hütte, als Graf Hartmuth in ſeinem Schloß unter ſeinen Seidendecken.“ Karſten ſchaute den Alten, deſſen Auge und Geſichts⸗ züge längſt wieder zur Ruhe gekommen waren, eine ganze Weile ſtumm und nachdenklich an, bevor er gedämpft ſprach:„Du denkſt an deinen Alten?“— „Ich denke an Vieles,“ verſetzte der Greis kalt.„Es iſt mancherlei dabei, was du nicht wiſſen kannſt, denn theils war es vor deiner Zeit, theils ſpäter, als du ſchon davon gelaufen warſt, damals, da des Grafen Eugen Großvater ſtarb. Davon weiß jetzt ſchwerlich noch Einer außer ihm und mir und vielleicht der kleinen Schiefen, denn die iſt wie eine Katze und ſpürt alle Ecken und denn ſcen kugen Einer jefen, und Nächtliches Treiben. 97 Winkel aus. Und daß es mit den Wiſſenden ſo zu Ende geht, iſt im Grunde nicht gut, denn er braucht einen Daumen auf's Auge, und wenn mich der Herrgott ab⸗ ruft, wär' er frei. Wenn du's wüßteſt, Karſten—“ der Greis warf ſeinem Nachbar einen langen Blick zu, bevor er hinzuſetzte:„Du liebſt ihn auch gerade nicht.“. „Wie Ruß und Galle ſteckt er mir im Halſe!“ er— widerte der Schiffer grimmig dareinſchauend und die Fauſt ballend.„Ich wäre lange ſchon nach Unterwiek gezogen, aber gerade ihm zum Poſſen bleibe ich drüben. Wie er von mir denkt— na,'s iſt egal,“ brach er ab.„Es geht uns, wie euch— wir kennen einander. Allein weil ich ihn kenne und weiß, wie er in ſeinem Hochmuth weder Gott noch den Teufel fürchtet, bin ich auf meiner Hut und möchte auch dir rathen, Steffen— ſei nicht zu dreiſt! Geh' lieber für ein paar Tage auf die Seite.“ „Laß das gehen, ſag' ich,“ antwortete der Alte gleich— gültig.„Mit mir hat's keine Noth, meine Zeit iſt noch nicht da, weiß ich, und wir zwei Beide werden ohne dich mit einander fertig. Mir geht was Anderes durch den Kopf,“ redete er eintönig weiter.„Du ſagteſt— Graf Eugen hörte von dieſem Beſuch in Dreiheiligen? Das iſt gut. Dem Eberhard und— noch Einem wird mehr dar⸗ um zu thun ſein, glaub' ich, als mir, daß man recht⸗ zeitig davon erfährt.“ „Noch Einem, Steffen?“ Der Seemann beobachtete den Anderen ſcharf.— „Ja, noch Einem. Der Eberhard hat Beſuch erhal⸗ ten,“ lautete die trockene Antwort. Der Greis ſchoöb die Hoefer, Fremdherrſchaſt. I. 7 98 Drittes Kapitel. letzten Brände zuſammen, daß ſie noch einmal auf⸗ flammten. „Beſuch?“ wiederholte Karſten gedankenvoll.„Was geht eigentlich in Dreiheiligen vor? Geſtern Abend ſoll der Eugen an Comteſſe Hebe die Nachricht gebracht haben, daß der Eberhard und er ſelber den großen Kome⸗ ten wieder geſehen hätten, und das iſt mir kurios vorge⸗ kommen. Ich bin Nachts mehr draußen, als die Beiden, aber meine Augen haben davon nichts geſehen, und da iſt mir eingefallen—“ 18 „Das ſtimmt, bei Gott!“ ſagte der Schäfer plötzlich in einem ungewöhnlich lebhaften Tone, und er ſaß dabei aufrecht und ſein Auge blickte erregt.„Ich habe mir ſo etwas gedacht, als vorgeſtern der Jägersmann bei mir nach Dreiheiligen fragte und von Leo Rettfeld erzählte. Es iſt richtig, Karſten. Er machte mir das Zeichen, als ich nicht heraus wollte. Das iſt er! Karſten ſchaute den Geis eine ganze Weile ſchweigend, aber mit einem Geſicht an, das von Sekunde zu Sekunde den Ausdruck einer immer grimmigeren Freude annahm. „Nun,“ murmelte er endlich, denn er dämpfte ſeine rauhe Stimme, daß ſie kaum noch vernehmbar blieb,„wenn das wirklich iſt, dann wird's Zeit, daß wir uns parat halten, oder lieber gleich losſchlagen. Die beiden Poſten der Canaillen hab' ich heute Nacht im Vorbeifahren recognos⸗ cirt. Wir haben ſie im Handumdrehen. Und— ich habe ſchon unterwegs daran gedacht— wenn der General ein⸗ mal in die Heide kommt— was meinſt du, Steffen, wir eiden, da iſt ötzlich dabei nir ſo ei mir mahm. — rauhe un das halten, on der cognos⸗ ich habe ral ein⸗ en, wir Nächtliches Treiben. 99 könnten der ganzen Herrlichkeit mit Einem Schlage ein Ende machen?“ Der Greis ſchüttelte langſam den Kopf; die Erre⸗ gung von vorhin war längſt wieder fort und ſeine Züge zeigten die alte, ſtarre Ruhe.„Es kommt alles, wie es beſtimmt iſt,“ ſagte er faſt feierlich und erhob ſich von ſeinem Sitz und ließ die Decke fallen, die ihn bisher um⸗ hüllt hatte.„Dies aber iſt noch nicht beſtimmt; ihre Zeit iſt noch nicht gekommen. Aber ſie kommt, Karſten, ſie kommt!— Ich habe ſie geſehen, wie ſie dahingeſtreckt lie— gen in Schnee und Eis, aber jetzt prahlen ſie noch und ſind gewaltig über alles Land. Haben wir ſo lange Ge⸗ duld gehabt, Karſten Herbart, ſo können wir auch noch die paar Monde weiter warten und ſie vollends reif wer⸗ den laſſen zur Ernte.— Dem Detlef ſollten wir's aber ſagen, was ihnen bevorſteht.“— Er wandte ſich kurz ab und ging der Hürde zu. Es war mittlerweile Tag geworden, wenn man das bleiche Licht, das der dichte Nebel aufkommen ließ, dafür gelten laſſen wollte. Die Sonne mußte am Himmel ſtehen, denn es war jetzt wenigſtens 6 Uhr. Zu ſehen war von ihr jedoch nichts, und auch auf der Erde war jede Umſchau auf die knappſten Grenzen beſchränkt, ſo ſchwer und dicht breitete der Nebel ſeine Schleier über die ganze Heide; Karſten erkannte von ſeinem Platze aus nicht einmal mehr die äußerſten Theile des Pferchs, und das nächſte Hünengrab erſchien nur in dämmernden Um⸗ riſſen. Der Schiffer gab ſich aber auch nicht viel mit Schauen ab. Stumm und finſter ſaß er neben der kleinen 100 Drittes Kapitel. Grube mit den allmälig verlöſchenden Kohlen und brütete vor ſich hin. Es war eine ziemliche Zeit vergangen, als der alte Schäfer plötzlich wieder neben ihm ſtand; auf dem ſandi⸗ gen Boden war ſein Schritt nicht hörbar geworden. Unter der Hütte, wo er einen kleinen Vorrath davon gegen ge⸗ legentliche Regenſchauer ſchützte, langte er ein paar Schei— ter trockenen Holzes hervor und warf ſie auf die Kohlen; darauf nahm er ſeinen Platz dem Gaſte gegenüber wie⸗ der ein und ſtopfte aus einem mageren Beutelchen ſich jetzt gleichfalls eine Pfeife. „Man darf's wohl riskiren,“ meinte er dabei mit einer Art von Schmunzeln, das ſeltſam genug zu den herben Zügen des alten Geſichtes ſtand;„es iſt ja ſo was wie Feiertag. Denn wie ſich's anläßt, weicht der Nebel vor halbem Mittag nicht, und bis dahin kann ich nicht austreiben und haben wir freie Zeit. So wollen wir Eins plaudern. Du biſt an den Poſten der Wäl⸗ ſchen vorüber gekommen und nicht moleſtirt worden? Wenn's alſo einmal losginge, glaubſt du— ²“ „Daß ich ſie haben könnte, wie und wann ich's wollte; ſie ſollten es ſelber nicht merken,“ lautete die Antwort Karſten's. „Komm ein bischen weiter herum und ſetz' dich hie— her,“ ſagte der Greis nach einer Pauſe und deutete auf einen Stein, der neben ſeinem eigenen Sitze lag.„Wir haben uns lange nicht recht geſehen und noch mancherlei zu reden, und das Schreien dabei thut nicht gut. Man Nächtliches Treiben. 101 weiß ja in dieſer Zeit niemals, ob der Buſch nur ein Buſch iſt oder auch Augen und Ohren hat.“ Und als Karſten alsbald ſeinem Wunſche gefolgt und neben ihm war, da ſchürte der Schäfer die Flammen, daß ſie an dem kühlen Morgen behaglich wärmten, und dann redeten ſie mit einander und erwogen, treuen Her⸗ zens, die Noth und Rettung ihres Landes. Viertes Kapitel. Einblickee. Die Zeit iſt ſchlimm, die Welt iſt karg, Die Beſten weggerafft; Die Erde wird ein großer Sarg Der Freiheit und der Kraft. Doch Muth!— Wenn auch die Tyrannei Die deutſche Flur zertrat— In vielen Herzen, ſtill und treu, Keimt noch des Guten Saat. Th. Körner. „Lieber Onkel! General Armand Renaud wünſcht Dir ſeinen Beſuch und von Dreiheiligen aus einen Ausflug in die Heide zu machen, um Deinen alten Schäfer kennen zu lernen. Tante Hebe hat mich ihm als Führer vorgeſchlagen und wird ihn zu Dir begleiten. Sie läßt Dich grüßen und war über meine Botſchaft entzückt. „Das Wann kann ich Dir noch nicht ſagen und wird Dir auch gleichgültig ſein, da Ihr in Drei⸗ heiligen ſtets in beſter Ordnung. Gut, daß Rho⸗ denfelde nicht auf ihrem Wege liegt; es ſieht hier bei uns kunterbunt genug aus, und Sophie Mag⸗ dalene iſt ruſchliger als je. Wir werden wohl zu iſcht inen alten mich Dir über und Drei⸗ Rho⸗ hier Mag⸗ hl zu Mittag bei uns frühſtücken willſt. „Rhodenfelde, Dir ſein, wenn Einblicke. 103 Du nicht am Ende bei In Eile.— Adieu! 5 Uhr. „Dein gehorſamer „Eugen.“ Graf Eberhard, der trotz der frühen Tagesſtunde— denn es war ſechs Uhr auch auf dieſer Seite hatte die Gebäude des Schleier verhangen— Morgens und der Nebel dämpfte des Waldes das Tageslicht und Hofes zu Dreiheiligen mit ſeinem bereits in ſeiner vollſtändigen Ta⸗ geskleidung und, wie es ſchien, ſchon draußen geweſen war, reichte das Billet an den alten Detlef, vor Kurzem gebracht, und ſchaute, während der Jäger mit hochgezogenen Brauen die kleinen Schriftzüge ſtudirte, ge⸗ dankenvoll aus dem Fenſter auf den Hof hinaus. Nach einer Weile drehte er ſich wieder dem Alten zu und fragte:„Was meinſt du, Detlef? Avertiren müßte man der es ihm ihn wohl?“ Der Jäger hatte das erſte Blatt umgeſchlagen und las noch. Dann erhob er die Augen mit einem finſtern Ausdrucke zu ſeinem Herrn und meinte:„Na, dieſes wälſche Geſindel iſt doch nicht todt zu machen! Alſo wie⸗ der ein Sieg und— Moskau— das iſt, glaub' ich, die Hauptſtadt von den Ruſſen?“ Graf Eberhard ſchaute überraſcht auf. du darauf?“ rief er. „Na, hier ſtehts ja, Herr. Habt Ihr's überſehen? Und es iſt noch kurios ausgedrückt von Herrn Eugen: 4½ „Wie kommſt 104 Viertes Kapite „Großer Sieg des Kaiſers bei— Borodino am 7., Ein⸗ zug in Moskau am 14. hujus. Es lebe der Kaiſer!“— Kurios das, ſage ich! Was iſt's mit dem jungen Herrn?“ Der Graf nahm ihm das Papier aus der Hand und las nun auch ſelbſt die anfänglich von ihm überſehene Nachſchrift auf der zweiten Seite.—„In der That,“ ſprach er dann,„die Nachrichten ſind wichtig genug und ſie müſſen ganz neu ſein. Es iſt am beſten, du weckſt unſeren Gaſt und ſagſt ihm gleich, daß wir in einer Stunde zu meinem Neffen reiten. Kommſt du mit, Detlef?“ Der Jäger ſchüttelte mit einem halben Lächeln den Kopf.„Wo denkt Ihr hin, Herr!“ verſetzte er.„Ihr wißt doch, daß ich meine eigenen Beine immer für ſiche⸗ rer gehalten, als die von irgend einem Gaul. Und über⸗ dies ſollte ich auch in die Heide hinüber, denn Ihr wißt wohl, daß ſie ſchon längſt auf den Steffen hacken, und meintet ja eben noch ſelber, daß man ihn avertiren müßte.“ „So meinte und meine ich freilich,“ ſagte der Herr nachdenklich,„denn von Nieder⸗Rhoda kommt Steffen nichts Gutes, und Gott mag wiſſen, was man dem Ge⸗ neral in den Kopf geſetzt hat. Und doch kann ich's mir nicht wohl denken, daß ihm auf dieſe Weiſe Gefahr drohe. Renaud iſt nach allem, was ich von ihm weiß⸗ ein Ehren⸗ mann, und es ſähe beſſer für die Fremden und übler für uns aus, wenn die Befehlshaber alle von ſeiner Art wären. Ich weiß nur nicht, wer ſonſt noch in ſeiner Be⸗ gleitung, und ob es nicht geboten iſt, zuerſt für unſeren den Iy ſihe iber⸗ wißt und tiren Herr teffen Ge⸗ mir rohe. hren⸗ für Art Be⸗ ſeren Einblicke. 1 105 Gaſt zu ſorgen, dem dieſer Beſuch deeha⸗ gelten wird. — Weck' ihn, Detlef. Es thut mir ſchier leid, denn ich hörte ihn erſt gegen halb vier Uhr. Aber— es hilft nicht.“ In dieſem Augenblicke wurde die Thür des anſtoßen⸗ den Schlafzimmers geöffnet, und der Erwähnte erſchien auf der Schwelle, gleichfalls im vollſtändigen Anzuge, wie er ihn zuerſt getragen, da wir ihn kennen lernten.— „Ich hörte Sie reden, Herr Graf,“ ſagte er, dem Herrn die Hand zum Morgengruße hinbietend;„und da ich, wie Sie ſchon von geſtern wiſſen, ein Frühaufſteher bin und nicht mehr ſchlafen konnte, ſo dachte ich, Sie aufſuchen zu dürfen.“ „Ich wollte Sie wecken laſſen— Eugen ſchickte mir intereſſante Nachrichten. Da, leſen Sie ſelber, Hoven,“ entgegnete der Hausherr.„Er ritt, da er Sie nicht fand, noch zu meinem Vater hinüber. Hier iſt der Brief— ſehen Sie auch die zweite Seite an.“— Und er reichte dem Gaſte das Billet. Hoven gab es ſchon nach flüchtigem Ueberblicke zurück und ſchaute einen Augenblick gedankenvoll und finſter aus dem Fenſter, bevor er ſich mit der Hand über die Stirn und die kurz gehaltenen Haare fuhr und entgegnete: „Nun, es ſieht noch nicht danach aus, als ob die Pro⸗ phezeiung, die ich neulich von dem Schäfer draußen ver⸗ nahm, ſo bald in Erfüllung gehen ſollte. Und dennoch hoffe ich, es werde die letzte dem Feinde günſtige Nach⸗ richt ſein, die wir erhalten.“ 106 Viertes Kapitel. „Und wenn die Ruſſen ſich einſchüchtern laſſen und Frieden ſchließen?“ warf Graf Eberhard hin. Hoven ſchüttelte den Kopf.„Das thun ſie nicht,“ ſagte er.„Auf die Entſchloſſenheit der eigentlichen Füh⸗ rer, der Beſtimmenden, baue ich freilich nicht; allein ſie können ſelbſt nicht mehr zurück, der Fanatismus iſt zu groß, und im Uebrigen halten Stein und die Seinen feſt, Jetzt beginnt der Rückzug, denn in Moskau kann ſich der Feind nicht halten; ſeine Ausrüſtung für den Winter iſt ſchlecht, wie wir wiſſen, das Land iſt eine Wüſte, und endlich muß die Armee ſchon jetzt durch furchtbare Ver⸗ luſte außerordentlich geſchwächt ſein. Leo wußte davon zu ſagen, was er bei Smolensk und Walutina erlebt, und ich ſelber weiß aus Erfahrung, wie die Ruſſen ſtehen und was mit ihnen zu leiſten, wenn ſie die rechten Füh⸗ rer haben.— Ich glaube, wir können den Feind jetzt immer ſein Te⸗Deum ſingen und die Siege feiern laſſen, ohne uns dadurch niederdrücken zu laſſen. Unſere Zeit kommt ſchneller vielleicht, als jetzt noch die Gläubigſten hoffen.“ „Sei es ſo, ſie ſoll uns parat finden,“ erwiderte der Graf und ſetzte dann nach einer Pauſe hinzu:„Wenn Sie nicht zu müde ſind, brechen wir gleich nach dem Frühſtück auf. Es iſt mir darum zu thun, Eugen zu ſprechen, bevor uns die Geſellſchaft vielleicht über den Hals kommt, und für Sie dürfte ein Ausflug gleichfalls beſſer ſein.— Detlef, laß uns den Kaffee beſorgen und die Pferde parat halten; nachher mache auch du dich auf den Weg.“— Einblicke. 107 „Sie kommen meinen Wünſchen zuvor,“ ſprach der ernſte Gaſt.„Ich möchte doch meine Aufträge erfüllen und alle Rhodenfelder kennen lernen, bevor ich wieder aufbreche. Der Aufbruch wird aber nach dieſen Nach⸗ richten noch ſchneller erfolgen müſſen als ich bisher ge⸗ rechnet. Es dürfte auch für Ihre An⸗ und Ausſichten nothwendig ſein, daß ich ſo ſchnell wie möglich nach Ber— lin komme.“ Graf Eberhard hatte den Redenden während dieſer Worte ſchweigend und nachdenklich angeſchaut und ließ auch nun, da er inne hielt, noch eine ganze Weile ver⸗ ſtreichen, bis er mit einem leiſe aufſteigenden Lächeln ver⸗ ſetzte:„nun gut, mein Freund, Sie müſſen dies am beſten beurtheilen können, und wenn es nöthig iſt, reiſen. Wir ſind ja im Ganzen auch mit einander fertig, denn was noch übrig, ſind Privatangelegenheiten, die zurück ſtehen können. Was Eugen und— die Seinen noch haben dürften, das weiß ich nicht; es wird aber heut Morgen wohl zur Sprache kommen, und ich meine, Sie warten mit Ihrer Entſchließung wenigſtens, bis wir drüben ge⸗ weſen.“— Als ſie eine halbe Stunde ſpäter wirklich vom Hofe ritten und die Pferde langſamen Schrittes den wohl un⸗ terhaltenen Weg entlang gehen ließen, fragte Hoven, nach⸗ dem er vergeblich verſucht hatte, durch den dichten Nebel einen Blick in die Ferne zu gewinnen:„Nicht wahr, Herr Graf, Leo Rettfeld iſt in dieſer Gegend gleichfalls be⸗ gütert?“ „Das iſt, oder, wie ich ſagen muß, war er freilich,“ 108 Viertes Kapitel. 1 erwiderte der Angeredete.„Ohne den Nebel würden Sie dort hinten, von Weſten, die alten Tannen herüberwin⸗ ken ſehen, die im Garten zu Kettenhof ſtehen. Das war ſein Gut.“ „Und Sie ſagen, es ſei nicht mehr das ſeine? Hat er denn verkauft?“ „Nein, wenigſtens nichts dafür erhalten.— Aber ich wundere mich, daß Sie von all dieſen Dingen nichts wiſſen,“ fügte er mit gedankenvollem Lächeln hinzu.„Seid ihr in Petersburg durch Anderes zu ſehr abgezogen ge⸗ weſen, oder war Leo nur zu discret, um davon zu reden? Denn, mein Freund, Rettfeld's Leben und Ver⸗ hältniſſe ſind ſo genau mit den unſeren verflochten, daß man von den einen nicht reden kann, ohne auch der an⸗ deren zu gedenken, und viel Angenehmes iſt nicht dabei. Ein Freund, wie Sie einer ſind, lieber Hoven, darf aber ſchon davon erfahren, muß es wohl ſogar. Denn in unſerer gänzlich unſicheren Zeit iſt es gut, faſt nothwen⸗ dig, daß ſo verwickelte Zuſtände auch noch einem Dritten, Unparteiiſchen, bekannt ſind, um etwaigen Mißverſtänd⸗ niſſen vorzubeugen. Und das ſind die Privatangelegen⸗ heiten, auf die ich hindeutete. Nun mögen ſie jetzt doch noch zur Sprache kommen. Ich muß Ihnen zuerſt aber ein wenig von den Meinigen ſagen. „Dort rechts gegen Weſten und hinter uns an der Küſte liegen die Beſitzungen meiner Familie faſt ununter— brochen, und als mein Großvater in den vierziger Jah⸗ ren des vergangenen Jahrhunderts Dreiheiligen und Un⸗ — terwiek von ihrem letzten Beſitzer, dem Oberſten Steinheim, Einblicke. 109 kaufte, war alles bis zur Grenze unſer. Er gab aber nicht viel darauf. Da ſein zweiter Sohn, Eugen's Groß⸗ vater, ſich mit ſeinem Bruder— das iſt mein Vater, Hoven— nicht gut ſtand, ſo baute er ihm das Schloß in Rhodenfelde und machte ihn ſo zum Gründer einer Nebenlinie, während früher unſere jüngeren Söhne ſich durchgeſchlagen, wie ſie konnten, und mit einem ſehr ge⸗ ringen Erbtheile abgefunden wurden. Dann heirathete mein Vater die Tochter jenes Oberſten Steinheim und lebte mit ihr ſelbſtſtändig genug auf dem Gute Lohnshof, welches ihm mein Großvater ſchon früher überlaſſen hatte, während er die Steinheim'ſchen Güter, auf, die jener ge— hofft haben mochte, unter ſeiner Verwaltung behielt. Als meine Mutter nach einigen Jahren ſtarb und mein Vater ſich ſpäter wieder verlobte, ſetzte deralte Herr kurz vor ſeinem Tode ſogar teſtamentariſch feſt, daß die beiden Güter Steinheim'’s mir abgetreten würden, ſobald ich großjährig geworden, und ſpäter, wenn ich die Erbſchaft meines Vaters antreten würde, oder ſchon vorher unbe⸗ erbt ſtürbe, an die Rhodenfelder Linie fallen ſollten. „Ich brauche Ihnen wohl kaum erſt zu ſagen, Ho⸗ ven,“ redete der Graf weiter,„daß dieſe Beſtimmungen meiner Stellung zum Vater um ſo weniger günſtig waren, da ich ohnedies niemals ſein Liebling geweſen und da er außerordentlich viel auf einen zuſammenhängenden Beſitz gab und gibt. Er hat den Rhodenfeldern ihre Beſitzung nie recht gegönnt und ſie immer wie eine Art Raub an ſeinem Eigenthum betrachtet. Um wenigſtens einigen Er⸗ ſatz dafür zu haben, fing er gleich nach ſeines Vaters — — Tode an, mit den Rettfeld's um den Verkauf ihres Ket⸗ tenhofs zu verhandeln— das Gut liegt zwiſchen den Beſitzungen Eugen's und denen meines Vaters— und wurde ihnen, da ſie nicht darauf eingingen, noch abge⸗ neigter als bisher. Was es zwiſchen ihnen gegeben, ver⸗ muthe ich nur; es gehört aber auch nicht hieher. Genug, wie mein Vater einmalniſt— lebhaft, ja, heftig und reiz⸗ bar, gingen ſeine Feindſchaft und ſeine Anfeindungen ſehr weit und vermehrten ſich mit jedem fehlgeſchlagenen Ver⸗ —₰½ ſuche, das Gut zu erhalten. Denn er ließ nicht nach, es war bei ihm zu einer Art von fixer Idee geworden, daß er Kettenhof ſein nennen müßte. Und als Leo's Eltern noch jung und kurz nach einander ſtarben und Eugen’s 9 1 3 Vater— er war mit meiner einzigen Schweſter verhei⸗ rathet, mein Freund— die Vormundſchaft des jungen Erben übernahm undedie Rechte deſſelben gegen meinen Vater wahrte, wurde dieſer auch dem eigenen Schwieger⸗ ſohne verfeindet. Mir ſelber erging es nicht viel beſſer, da er mir nicht vergeben konnte, daß meine ſelige Frau eine nahe Verwandte der Rettfeld's war, ich mich- auch nicht zu einem Abbruche des freundlichen Verkehrs mit den wackeren Leuten verſtehen wollte und endlich meinem Schwager, der 1806 bei Auerſtädt fiel, in der Vormund⸗ ſchaft und in der Vertretung der Rechte meines Mündels folgte. „So ſchleppte ſich das alle„, ſnte Leo ging, wie Sie wiſſen, ſchon 1808 nach Cialam und von dort nach der Halbinſel und ließ mich als deterete zurück, der unter den derzeitigen Verhältniſſen— wir lebten ſchon damals Einblicke. 111 eigentlich unter franzöſiſcher Herrſchaft und Leo's Feind⸗ 3— ſchaft gegen dieſelbe war allerdings durch ſein Handeln ausgeſprochen genug— einen nichts weniger als leichten Stand hatte. Mein Vater hetzte noch obendrein, muß ich leider ſagen, und ſo kam es endlich ſo weit, daß das Vermögen Rettfeld's eingezogen und das Gut von der nunmehr franzöſiſchen Regierung zum Verkauf ausgeſetzt wurde. Daß mein Vater Himmel und Erde in Bewe⸗ gung ſetzte, um es zu erwerben, können Sie ſich vorſtel— len, und eben ſo, daß auch Eugen und ich das Mögliche thaten, dem Freunde das Seine unter der Hand wenig⸗ ſtens zu erhalten. Gleichviel, wie uns das gelungen iſt — ſobald dieſe unſeligen Zuſtände ihr Ende erreicht haben, tritt Leo ſeinen Beſitz unverkürzt wieder an, und es iſt auch, ſo weit das möglich, dafür geſorgt, daß ihm bei Gelegenheit ſeine früheren Einkünfte zufließen. Von all dieſen Dingen weiß er indeſſen begreiflicher Weiſe nur das Allgemeine, Genaues gar nicht, und Ihre Bekannt⸗ ſchaft iſt mir auch um deſſentwillen unſchätzbar. Ihre Nachrichten von ihm beweiſen mir, daß er keinen Zweifel an uns hegt, und Sie haben jedenfalls mehr Gelegenheit als wir, ihm hierüber eine Mittheilung zukommen zu laſ⸗ ſen. Was Sie mir vorgeſtern von ſeinen Klagen über unbeantwortet gebliebene Briefe und dergleichen gemeldet, hab' ich ſchon mit Aehnlichem beantwortet. Auch wir er⸗ ſuhren ſtets nur ſelten von ihm. Und von den Briefen, die wir mit jeder anſcheinend ſicheren Gelegenheit an ihn abgehen ließen, haben ſehr wenige ihn erreicht, wenigſtens ſehr wenige eine Antwort erhalten.“ 18 — 112 Viertes Kapitel. Hoven ließ eine ziemliche Zeit vergehen, bevor er eine Antwort gab.„Ich weiß dennoch nicht, wie Sie an ſolche Zweifel glauben konnten,“ bemerkte er.„Wie Leo von jeher zu Ihnen geſtanden, wie er Sie von jeher kennt, wie er auch zu dem Grafen Eugen zu ſtehen ſcheint, und endlich, wie er ſelber iſt— ein Hitzkopf freilich, aber ein Mann von Ehre— erſcheint mir eine ſolche Be⸗ ſorgniß von Ihrer Seite faſt wie ein Unrecht an dem Freunde.“ Der Graf ſchüttelte leiſe den Kopf.„Lieber Hoven,“ ſagte er,„in einer Zeit, wie die jetzige iſt, die alle Ver— hältniſſe ausrenkt und alle Leidenſchaften in Bewegung ſetzt, iſt alles möglich, kann man auf niemand mehr ſchwö⸗ ren. Sie meinen, Leo kenne uns. Nun, mein Freund, hier im Lande, wo man alle Zuſtände ſieht, wie ſie ſind, ſollte man uns doch noch beſſer kennen und hat uns den⸗ noch, gerade bei dieſer Affaire, verkannt, nicht nur bei einigen unſerer Standesgenoſſen, ſondern auch in den Volkskreiſen. Und ich brauche Ihnen wohl nicht erſt zu ſagen, daß Letzteres jetzt bei der Stimmung unſeres Vol— kes einerſeits, und andererſeits bei der Abhängigkeit alles deſſen, was wir hoffen und treiben, von dieſen Volks⸗ kreiſen, mir bei weitem als das Mißlichſte erſchien. Ja, ich ſpreche es offen aus— wären mein alter Detlef und vor allen Anderen der Schäfer drüben in der Heide, der einen ganz unberechenbaren Einfluß hat, mir nicht unwan⸗ delbar und blind ergeben, ſo dürfte Eugen's und mein Einfluß hier zu Lande gänz lich vernichtet und jede Mög⸗ lichkeit einer Wirkſamkeit für die gute Sache aufgehoben Einblicke. 113 ſein. Schon Leo's Eltern waren überall verehrt und ge⸗ liebt; bei dem Sohne kommt nun zu dieſer Erbſchaft noch das politiſche Martyrerthum, das ihn unter den jetzigen Umſtänden bei Hoch und Gering mit einer Art von Hei⸗ ligenſchein umgibt und ſeine Gegner mit Haß und Ver⸗ achtung verfolgen läßt.“— „Ich habe gar nicht erwartet, das Volk hier ſo zu⸗ gänglich, ſo erregbar zu finden,“ ſprach Hoven, nachdem er auch dieſes Mal wieder eine ziemlich lange Pauſe hatte vergehen laſſen, während der ſie, ihre Pferde zum leichten Trabe antreibend, raſcher als bisher weiter zogen.„Ich ſchloß nach anderen Küſtengegenden, wo ich die Leute zum Theil kalt und gleichgültig bis zur Stumpfheit fand. Und was ich hier in den vergangenen Tagen ſah und hörte, machte mir kaum einen anderen Eindruck. Der alte Schäfer nun gar, deſſen Sie als einflußreich gedachten, entſprach dieſer meiner Vorſtellung nur zu ſehr, ſo daß er mir faſt wie ein halb Wahnſinniger erſchien.“ „Sie haben doppelt Unrecht in Bezug auf unſer Volk und noch mehr in Betreff des Schäfers,“ entgeg⸗ nete der Graf ernſt und ließ ſein Pferd wieder langſam gehen.„Was andere Küſtenbewohner angeht, gebe ich Ihnen zum Theil Recht; ich habe die Leute während meiner Dienſtzeit in Ihrer Armee kennen gelernt und meine Plage mit ihnen gehabt. Hier, bei uns, trifft Ihre Anſicht nicht zu. Unſer Volk iſt ein rauhes, derbes und kaltes, ja, aber nur bis auf einen gewiſſen Punkt. In⸗ nerlich ſind ſie heiß genug, und kommen ſie einmal in Gang, ſo iſt kein Halten mehr, es müßte ſie denn Hoefer, Fremdherrſchaft. I. 8 114 Viertes Kapitel. einer ſo in der Gewalt haben, wie eben wieder unſer Vater Steffen. Dem gehorchen ſie, wenn auch knirſchend vor Ungeduld; aber ſelbſt trotzdem, daß ſie ſeine Herr⸗ ſchaft unweigerlich anerkennen und gewiſſermaßen ſeinen Weiſungen blind gehorchen, macht ſich das innere Feuer bald ſo, bald ſo einmal Luft, ſie verbergen weder ihre Sympathieen noch Antipathieen, und wehe den wirklichen Feinden nicht nur, ſondern auch allen, die ſie dafür hal⸗ ten, wenn es einmal zum vollen Ausbruch kommt! Die Franzoſen wiſſen das auch ſehr wohl und haben ſich, zu⸗ mal ſeit General Renaud in S. iſt, merklich menagirt. Wo es zu Conflicten kommt, wie Sie neulich einen erlebt, kann man ziemlich ſicher darauf rechnen, daß irgend einer jener Elenden denſelben veranlaßt, deren ſich ihr deutſches Vaterland ſchämen muß.“ „Sie redeten ſchon neulich ähnlich,“ ſagte Hoven ge⸗ dankenvoll.„Aber da die Sachen ſo ſtehen und den Franzoſen bekannt ſind, verſtehe ich nur nicht, wie ſie den Alten drüben in der Heide ſo lange unbeläſtigt laſſen, von dem ſie doch gleichfalls wiſſen müſſen. Sie ſind ſonſt nicht nachläſſig oder ſchonungsvoll bei ſolchen Gelegen⸗ heiten, wie wir häufig genug erfuhren.“ Der Graf ſchüttelte wieder den Kopf.„Sie kennen eben weder die Zuſtände, noch die Menſchen hier zu Lande, lieber Hoven,“ ſprach er.„Steffen Schütze iſt freilich eine Macht, aber er iſt es auf eine Weiſe, daß die Fremden ihm dennoch wenig oder nichts anhaben können, und über⸗ dies iſt der Alte viel zu ſchlau, um ſich eine gefährliche Blöße zu geben. Dennoch beunruhigt mich, wie ich ge⸗ Einblicke. 115 ſtehe, die Abſicht des Generals Renaud, den Alten ken⸗ nen zu lernen. Wie Sie hörten, ließ ich ihn durch Det⸗ lef warnen.— Wenn Sie von dieſen Dingen mehr hö⸗ ren wollen,“ brach er ab,„ſo wird ſich dazu ſelbſt heut noch Gelegenheit finden. Denn wir reden hier zu Lande viel von dem Schäfer. Jetzt aber genug davon— da iſt Rhodenfelde. Es ſoll mich wundern, wie Eugen hier in ſeinem Hauſe Ihr Incognito aufrecht erhalten wird. Er wird uns wohl auf die Jagd bringen.“ „Wenn Ihr Herr Neffe mich nicht erwartet hat—,“ bemerkte Hoven zögernd,—„es ſollte mir leid thun!“ „Er muß Sie erwartet haben,“ unterbrach ihn der Andere ruhig,„denn er weiß, daß ich ohne Sie nicht von Dreiheiligen fortgehen werde, und überdies hofft auch, wie er mich geſtern merken ließ, Sophie Magdalene, meine Nichte, auf Ihr Erſcheinen. Ich beantworte, wie Sie ſehen, hier auch noch Ihre eigenen Andeutungen von heut Morgen. Alſo unbeſorgt,“ brach er lächelnd ab, und ſeine ſtillen Augen warfen ſeinem Begleiter wieder einen jener mild freundlichen Blicke zu, die Hoven bei der erſten Begegnung ſchon bemerkbar geworden.„Eugen iſt ein kluger und kecker Geſell, manchmal mir faſt nur ein wenig zu keck.“ Der junge Mann hielt ſein Pferd ein wenig an, um dem Grafen in einiger Entfernung zu folgen, wie es einem Untergebenen zukam, und muſterte dann das Schloß, welches ſich, ſchon länger durch den etwas dünner gewor⸗ denen Nebel ſichtbar, jetzt mit ſeinen Nebengebäuden nahe vor ihnen erhob, ein großer Baugin jenem wunderlichen 116 Viertes Kapitel. und barocken und doch nichts weniger als häßlichen ſoge⸗ nannten Commodenſtil, den wir an manchen größeren Bauwerken aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts noch heute erhalten finden. Der große, ſaubere Hof, der eine vollkommene Ueberſicht des Schloßbaues erlaubte, war in der Mitte mit einem Blumenſtücke geſchmückt, deſſen Ecken durch prachtvolle alte, zur Form von Kegeln verſchnittene Taxusbäume bezeichnet wurden, und auch in dem Theile des Parks, der neben dem Schloſſe ſichtbar wurde, ſchie⸗ nen noch Anlagen im franzöſiſchen Geſchmacke vorhanden zu ſein. Zugleich mit einem Reitknechte, der bei dem Erſchei⸗ nen der Reiter von einem der Ställe herbeieilte, zeigte ſich in der hohen, reichverzierten Thür auch der Schloß⸗ herr ſelber, kam die Stufen herab ihnen entgegen und ſchüttelte mit heiterem Gruß und Blick erſt dem Onkel, dann dem Fremdling die Hand. „Das war ein guter Einfall meines Onkels, Sie mit⸗ zubringen, Herr Müller,“ ſagte der junge Mann unge⸗ zwungen.„Ohne Compliment, Sie gefallen mir mächtig, und was Sie vorgeſtern von Ihren Jagdabenteuern er⸗ zählten, hat nicht nur mir ſelbſt, ſondern auch meiner Schweſter den Mund danach wäſſern gemacht, einmal mit Ihnen hinauszukommen. Meine Schweſter iſt nämlich, mit Reſpect zu melden, auch ſo eine Art Jägersmann,“ ſetzte er lachend hinzu und fuhr dann fort:„Und da ihr die Flinten bei euch habt, ſo denke ich, wir frühſtücken und gehen dann gleich hinaus. Hinein alſo!“ Er ſprach das alles raſch, laut und lebhaft, denn in in Einblicke. 417 der Thür wartete ein Diener, wie es ſchien, auf das Näherkommen Graf Eberhard's, um demſelben Ueberrock, Flinte und Jagdtaſche abzunehmen, und muſterte anſchei⸗ nend gleichgültig während der mitgetheilten Worte ſeines Herrn den ihm unbekannten Hoven. Und nun, da die Herren in's Haus traten, der Diener wirklich dem Gra— fen mit großer Raſchheit und einer gewiſſen Geſchmeidig⸗ keit behülflich war und Hoven ein wenig zurückſtand, fuhr Eugen freundlich fort:„Legen Sie ab, Herr Müller. Mein Ontkel hat nichts dagegen, wenn Sie mit uns früh⸗ ſtücken. Ein Jagdfrühſtück iſt bei uns ſtets ein gemein⸗ ſames, und wie geſagt, meine Schweſter, die ſich hoffent⸗ lich bald zeigen wird, will Sie auch kennen lernen.— Hier herein!“— Und er ſtieß die Thüre zu einem pracht⸗ voll mit Stuccatur⸗Arbeit verzierten Gemache auf, wo ein kleiner Tiſch mit vier Couverts belegt und auf das lockendſte mit Wein und kalten Speiſen zugerichtet war. „Ungenirt, Freund Müller,“ ermunterte Graf Eber⸗ hard ſeinen Begleiter, und ſie traten ein. Der Diener blieb auf die lakoniſche Weiſung ſeines Herrn:„Wenn geklingelt wird!“ zurück.— „Was iſt denn das?“ fragte der Onkel und warf dem Neffen einen ernſten Blick zu.„Steht es nicht gut mit dem Menſchen, Eugen?“ Dieſer zuckte die Achſeln.„Ich weiß es nicht,“ ver— ſetzte er gleichgültig,„nur habe ich erfahren, daß der Burſche neuerdings mehrmals mit den Douaniers im Geſpräch geſehen wurde— dein alter Detlef hat mich erſt geſtern wieder darauf aufferkſam gemacht— und 118 Viertes Kapitel. überdies habe ich ſein Schleichen, ſeine ſanften Bewegun⸗ gen, ſein gelegentliches Horchen längſt nicht mehr leiden können.“ „Und wie nimmt er dieſe Zurückſetzung auf?“ fragte der Onkel nachdenklich, indem er zum Tiſche trat.„Es ſcheint mir eine Art von Ehrgeiz in ihm zu ſtecken— oder nenne es Ehrbegierde.“ „Nehmen Sie Platz, lieber— Müller, und greift zu, ihr Herren,“ ſprach Eugen, der die That den Worten folgen ließ und die Gläſer der anderen Beiden füllte. „Meine Schweſter iſt in ihrem Gehen und Kommen nicht wohl berechenbar und liebt es nicht, daß man auf ſie wartet.— Wie er es nimmt, fragſt du?“ fuhr er gegen Graf⸗ Eberhard gewendet munter fort.„Nun, wie er Luſt hat, Onkel. Ich bin nicht Ariſtokrat im ſchlimmen Sinne, aber wo meine Neigungen und Gewohnheiten ſich mit denen meiner Diener kreuzen, erlaube ich mir, mich ſelber vorgehen zu laſſen. Beſonders kann er übrigens nicht verletzt ſein, denn ich habe niemals viel Bedienung gebraucht und dieſelbe zumal bei Frühſtück und Abend⸗ eſſen, wo man immer gewiſſermaßen häuslich zuſammen iſt, ſtets auf das allerknappſte Maß beſchränkt. Ich liebe nun einmal die überflüſſigen Geſichter und Bewegungen um mich her nicht. Aber wir wollen abbrechen,“ ſchloß er lachend.„Als wenn wir keinen beſſeren Stoff hätten wie die Kaffee⸗Geſellſchaften in den Städten, wo die Frau Baſen ihre Mägdenoth verhandeln!“ „Du biſt alſo geſtern Abend wirklich noch in Nieder⸗ Einblicke. 119 Rhoda geweſen?“ warf Graf Eberhard hin.„Wie war’s? Was für Leute ſind dieſe Franzoſen?“ „Angenehme, Onkel! General Renaud iſt in der That ein charmanter Mann, und wären ſie alle auch nur ähnlich, ſo würden wir wenig zu haſſen haben. Zwei Adjutanten, ein Bataillons⸗Chef de Vial, Ordonnanz⸗ Offizier des Kaiſers, gegenwärtig in Ungnade, wie die Tante mir erzählte, und daher in die Wüſte verbannt; dann ein junger Hauptmann Waldkirch von den Weſt⸗ falen— hübſche Leute und umgänglich, heitere Geſellen, ſo viel ich bemerken konnte.“ „Waldkirch, Karl Waldkirch? Etwa dreiundzwanzig Jahre alt?“ fragte Hoven plötzlich, ſichtbar intereſſirt. „So ungefähr— ja. Seinen Vornamen weiß ich aber nicht. Weßhalb fragen Sie, Freund?“ verſetzte Eugen. „Hm, weil ich ihn zu kennen glaube. Sein Vater muß der Notar Waldkirch, früher in Hameln, jetzt glaub' ich, in Lüneburg, ſein— ein Ehrenmann, meine Herren! — Und der Sohn jetzt Offizier bei den Fremden?“ „Er würde Sie alſo kennen?“ fragte Eugen raſch, aber gedämpft. Sein Blick ruhte dabei auf einer Ne⸗ benthür. „Das wäre wenigſtens nicht unmöglich,“ meinte Hoven nachdenklich.„Der, den ich im Sinne habe, war zum mindeſten in der Begleitung des Vaters, als ich denſelben vor ſechs Jahren zuerſt kennen lernte, ein ſchö⸗ ner, heiterer Knabe von ſechszehn, ſiebzehn Jahren, der eben nach Göttingen auf die Uniperſität wollte und ein 120 Viertes Kapitel. glühendes Herz für das Vaterland und ſeine Schmach hatte. Daher kann ich es auch wieder kaum glauben, daß er etzt im Dienſte der Fremden ſein ſollte.“ Graf Eberhard wiegte leiſe den grauen Kopf.„Mein Lieber,“ ſagte er,„wer kann in unſerer Zeit noch nach Glauben oder Nichtglauben urtheilen, wo alles Unglaub— liche glaublich und alles Glaubliche unglaublich gewor— den! Andererſeits, ihr Herren,“ ſetzte er mild lächelnd hinzu,„bin ich in meinem Alter dahin gekommen, nicht ſo leicht und am wenigſten nach dem erſten Anſchein zu verdammen, und wenn ihr jungen Leute vor eures Glei⸗ chen einen großen Schritt voraus haben wollt, ſo folgt ihr mir darin ſchon jetzt, wie ihr ſpäter, wenn ihr billig ſeid, doch dahin kommen werdet, und erſpart euch damit eine Maſſe trauriger Täuſchungen und bitterer Gewiſſens⸗ biſſe. Geſetzt, es wäre, wie Sie glauben, mein Freund — wer weiß, wie der junge Mann zu dieſer Carriere gekommen und wie es in ſeinem Inneren ausſieht? Es iſt leicht zu ſagen, niemand ſolle ſeiner Ueberzeugung untreu werden. Wie viele ſind's denn, die heut zu Tage derſelben immer folgen, ihr immer Raum ſchaffen können, ſich niemals beugen und in die Umſtände ſchicken müſſen? Doch laſſen wir das gehen,“ unterbrach er ſich und redete dann mit der gleichen Freundlichkeit und Ruhe weiter, obgleich ihm nicht entgangen ſein konnte, daß Hoven's Geſicht bei ſeinen Worten den Ausdruck einer gewiſſen Unzufriedenheit angenommen hatte und auch Eugen's Blicke eine Art von Unbehaglichkeit verriethen.„Laſſen wir das alles,“ ſpracha„und denken für jetzt nur dar⸗ Einblicke. 121 an, daß es unter dieſen Umſtänden gerathen ſein möchte, eine Begegnung zwiſchen Ihnen und dem Adjutanten un⸗ möglich zu machen.— Wann erwarteſt du den Beſuch, Eugen?“ „Heut' oder morgen, Onkel,“ lautete die Antwort,. „Freund Müller— Sie ſehen, ich brauche den Namen oft,“ unterbrach er ſich lachend,„damit ich mir denſelben geläufig genug mache, um auch anderwärts mich nicht einmal zu vergaloppiren. Ich bin ein leichtſinniger Geſell!— Freund Müller, wollt' ich ſagen, wird uns ein paar Tage in Rhodenfelde ganz willkommen ſein und ich hafte für ſeine Sicherheit.“ Graf Eberhard rückte den Stuhl und ſtand auf. „Das dürfte kaum möglich ſein, da unſer Gaſt an die Abreiſe denkt, aber wir können dies alles beſſer draußen bereden,“ ſagte er, während die beiden jüngeren Männer ſeinem Beiſpiele folgten und einen langen, ernſt⸗ freundlichen Blick austauſchten.„Jetzt— wo bleibt deine Schweſter?“ Eugen zuckte lächelnd die Achſeln.„Gott weiß!“ meinte er.„Hat ſie ihre Jagdgarderobe nicht in Ord⸗ nung, oder will ſie ſich beſonders ſchön machen, oder treibt ſie ſich im Nebel umher! Wir wollen ſie aber rufen laſſen—“ „Nicht doch, nicht doch, Eugen!“ fiel ihm der Onkel in's Wort.„Sie kommt ſchon, und uns drängt ja nichts, denn im Ernſt wird an die Jagd wenig zu denken ſein. — Laßt uns einmal anſtoßen,“ fuhr er fort und füllte die Gläſer, denn die Drei ſtanden noch am Tiſche, und 122 Viertes Kapitel. ſchob die gefüllten den Anderen hin.„Einer Anſicht können wir nicht überall ſein, wir ſind zu verſchieden dazu, ihr Herren, und vor allen Dingen und zuerſt blei— ben wir Menſchen. Aber eines Sinnes ſind wir, das iſt die Hauptſache. Und darum— Einigkeit ohne Mißver⸗ ſtändniſſe!“— Er hielt lächelnd das Glas den Beiden hin, und ſie ſtießen leiſe an und tranken aus. Hoven blickte faſt bewegt auf den ergrauten Mann mit den mil⸗ den, freundlichen und treuen Augen, und auch Eugen ſchaute den Onkel zärtlich an und drückte und ſchüttelte über den Tiſch hin ſeine Hand. Graf Eberhard ging nach ſeiner Pfeife, die er auf ein Nebentiſchchen gelegt.„Weißt du den Grund des Beſuchs bei mir?“ fragte er währenddeſſen,„oder iſt's nur einer der gewöhnlichen Einfälle Hebe's?“ „Nicht doch, Onkel,“ entgegnete Eugen lebhaft.„Re⸗ naud hat von eurem Rencontre mit dem Douanier gehört und will das entſchuldigen. Ich wiederhole— es iſt ein liebenswürdiger und einſichtiger Mann, dieſer General, der die prekären Zuſtände hier zu Lande und in Deutſch⸗ land überhaupt weder verkennt, noch unterſchätzt.“ „Danach hätten wir für Vater Steffen keinerlei Un⸗ annehmlichkeit zu erwarten?“ fragte der Onkel wieder, der jetzt die Pfeife in Brand geſetzt und für die lange, ſchmächtige und ein wenig gebeugte Geſtalt die Ecke eines Tiſches in der Nähe des Fenſters zum bequemen Sitz ge⸗ wählt hatte. „Gewiß nicht!“ lautete die Antwort.„Er ſcheint nur neugierig auf den Alten, von dem er begreiflicher Einblicke. 123 Weiſe häufig zu hören haben wird. Sie ſind ihm ja ſelber begegnet,“ wandte ſich Eugen an Hoven, der zu ihnen getreten war,„aber ſo recht werden Sie ihn nicht kennen gelernt haben. Es iſt ein Original erſten Ranges und ein durchaus wunderbarer Menſch, unſer Vater Steffen!“ „Wir ſprachen unterwegs von ihm und ſeinem Ein— fluß, und auch Rettfeld hat mich ſchon auf ihn aufmerk⸗ ſam gemacht,“ entgegnete Hoven.„Ich ſagte vorhin, daß er mir nie ein Halbwahnſinniger erſchienen ſei oder, noch ſchlimmer, wie ein Komödiant. Er gab mir eine Art Prophezeiung über den Untergang der franzöſiſchen Armee zum Beſten, die eben ſo wie ſein Benehmen dabei ſeltſam genug war, auf mich aber einen mehr abſtoßenden als überzeugenden Eindruck machte. Und obſchon Sie mich eines Beſſeren überführen wollten, lieber Graf,“ fügte er gegen den Onkel gewendet hinzu,—„mich würde er ſich ſchwerlich zum Anhänger gewinnen.“ „Weil Sie hier nicht leben und ihn näher beobachten können, weil Sie dieſe Art vielleicht noch niemals kennen gelernt haben,“ bemerkte Eugen lebhaft.„Hier, bei uns, finden Sie keinen Ungläubigen. Man muß dem Alten glauben.“ „Sie auch? Ihr Onkel, überhaupt Gebildete?“ fragte Hoven kopfſchüttelnd.„Wie rechtfertigen Sie ſolchen Aberglauben?“ „Aberglauben? Was nennen Sie ſo?“ erwiderte Eugen raſch und ernſt, während Graf Eberhard zuſtim⸗ mend den Kopf neigte.„Wir hier an der Küſte wiſſen 124 Viertes Kapitel. das, was der Schäfer uns zeigt, nicht zu erklären, aber wir wagen es noch weniger zu leugnen— es beweiſ't ſeine Wahrheit oder Exiſtenz, wie Sie wollen, gar zu unwiderleglich. Der Schäfer iſt nicht der Einzige, wohl aber der Erſte ſeiner Art. Seines Gleichen gibt es hier manche, ihm gleich kommt darum doch keiner, weder an Beſonderheit und Größe dieſer Gabe, noch an Zutrauen des Volkes, noch an innerer Tüchtigkeit, an Herz, Kopf und Charakter, ja, ſagen Sie nur: an ächt humaner Bil⸗ dung, die ihn ſeine Gaben niemals mißbrauchen läßt.— „Vater Steffen,“ redete der junge Mann mit dem Tone der ernſteſten Ueberzeugung gegen den ſichtbar im⸗ mer erſtaunter horchenden Hoven gewendet weiter,„hat einfach die Gabe des zweiten Geſichts in ungewöhnlich hohem Grade. Er ſieht nicht, wie Andere, nur hin und wider in die Zukunft eines Einzelnen, ſondern häufig genug. Er ſagt, wenn er ſich zu dergleichen Offenbarun⸗ gen herbeiläßt, mit bisher faſt ſtets untrüglicher Sicher⸗ heit den Tod des Einen oder Anderen voraus, mit allen Nebenumſtänden, auf die Stunde. Er hat nebenher aber auch eine ganz eigene prophetiſche Begabung und ſchon Dinge voraus verkündigt, von denen niemand außer ihm, wußte, an die niemand dachte oder glaubte. Und end dlich mein Herr, der Alte hat auch die Fähigkeit, zuweilen nicht allein ſeine Bekannten und Freunde, ſondern auch andere Menſchen, die er ſelber bis dahin niemals Teishenn durch alle Ferne zu beobachten, ſie handelnd vor ſich zu ſchauen eine Art menſchlicher Fata Morgana, mein Freund. Er geſteht übrigens ſelber zu, daß dieſes letztere Geſicht, Einblicke. 125 ber um es ſo zu nennen, nur in ganz beſonderen Fällen und eiſt zu ganz beſonderen Stunden über ihn komme, und zwar zu ſtets ihm etwas mittheile, das für ihn ſelbſt oder diejeni— gen, die ihm am nächſten ſtehen, von Wichtigkeit ſei.— hier Es iſt, wie er mir einmal bekannt hat, denn ich bin ſein an großer Günſtling— dann auch ſehr ſelten etwas Zuſam⸗ uen menhängendes und Dauerndes, vielmehr meiſtens nur ein dopf einziger Moment, ein jäh aufleuchtendes und wieder ver⸗ Bil⸗ löſchendes Licht, in welchem das Geſchaute hell vor ihm — ſteht.“ dem„Und Sie glauben wirklich an dies alles?“ fragte im⸗ Hoven nach einer langen Pauſe, zweifelvoll den Kopf hat ſchüttelnd, während er doch ſich des Eindrucks nicht ganz nlich zu erwehren vermochte, den nicht allein die Mittheilung und ſelbſt, ſondern auch und mehr noch die ganze Haltung, die ganze, von tiefſter Ueberzeugung redende Weiſe des Erzählers auf jeden Zuhörer hervorbringen mußte, der cher⸗ überhaupt einer ernſten Theilnahme für ſolche Gegenſtände allen fähig war. anl aber„Wir müſſen wohl daran glauben, mein Freund!“ ſcon antwortete Eugen womöglich noch ernſter.„Es iſt, wie lnn hundert Fälle beweiſen, hier von keinerlei Täuſchung, dlich weder von abſichtlicher noch von unabſichtlicher die Rede, nich der alte Mann und ſeine Weiſe laſſen ſolchen Verdacht ndere auch gar nicht auffkommen, und vor allen Dingen— er durch iſt nichts weniger als prahleriſch mit ſeiner Gabe und ſeinen Enthüllungen, ſondern geradezu ſcheu und recht eigentlich, was ich ſchamhaft nennen möchte, und durch und durch einfach— eine Scheu vor der Heiligkeit und 126 Viertes Kapitel. Majeſtät des Todes beherrſcht ihn. Weniger zurückhal⸗ tend iſt er mit ſeinen anderen Geſichten, und am wenig— ſten mit dem, was er den Franzoſen prophezeit. Das hat er auch nicht nöthig, denn das Volk behauptet, in dieſer Richtung noch genug andere Anzeichen zu haben, nach denen es ſchließt.— Hat dir ſchon jemand von Dro⸗ hin geſagt, Onkel?“ wandte er ſich an dieſen. Der Herr ſchüttelte den Kopf.„Nichts!“ ſagte er. „Hat man was gehört und wer? Ich bin geſtern wenig hinausgekommen und habe ſelbſt Detlef kaum geſprochen.“ „Nun,“— und Eugen wandte ſich gegen den Gaſt zurück,„wir haben hier eine Sage, die an des Roden⸗ ſteiners Zug vom Schnellert zum Rodenſtein erinnert. Nahe hinter Dreiheiligen ſind einige Hügel, auf deren höchſtem noch ein alter Thurm als Reſt des Schloſſes und Dorfes Drohin ſteht, das im dreißigjährigen Kriege zerſtört wurde. Links davon, gegen Nordweſten, iſt ein Dorf— Lehrsdorf— mit der ſchönen Ruine eines frü⸗ heren Nonnenkloſters, dem ſeiner Zeit faſt die ganze Um⸗ gegend gehört haben ſoll. Die eigentliche Sage erzählt Ihnen mein Onkel ein anderes Mal. Jetzt nur ſo viel: Wenn dem Lande, oder auch unſerem Geſchlecht, etwas Eingreifendes bevorſteht ,„ſieht man von Drohin einen reiſigen Zug dem Klo ſter zureiten, deſſen Hörner, je nachdem es Unglük: oder Glück verkünden ſoll, in Trauer⸗ tönen oder Sieges⸗Fanfaren ſich hören laſſen oder auch ganz ſchweigen. Und da hat meines Onkels Müller, der von Unterwiek in der Donnerſtag⸗Nacht nach Dreiheili⸗ gen heimfuhr, wie er mir geſtern ſagte, den Freudenzug Einblicke. 127 geſehen und den Siegesmarſch gehört— das heißt für's Volk, daß wir über's Jahr um dieſe Zeit ſchon des Sie⸗ ges froh geworden.— Derartiges gibt es hier noch mehr, Herr Müller,“ ſetzte der junge Graf lächelnd hinzu,„und es finden ſich unter uns Leute, die auch daran glauben, obgleich ich mich ſelber nicht zu ihnen zählen kann. Meine Tante Hebe zum Beiſpiel war ganz überraſcht, als ich ihr geſtern Abend davon ſagte—* „Was du wohl alles geſchwatzt haben magſt!“ fiel ihm Graf Eberhard lächelnd in's Wort, dem die neue Wendung des Geſprächs beſſer zu behagen ſchien, und indem er ſich von ſeinem Sitz aufrichtete.„Du und Hebe, wenn ihr Beiden zuſammenkommt, könnt ſchon etwas leiſten an Plaudern und Unterhalten. In Nieder⸗ Rhoda iſt ein derartiges Intermezzo freilich zuweilen auch nöthig und wohlthätig.“ „Geſtern Abend nicht, Onkel!“ lachte Eugen.„Wäre der Großvater nicht gar ſo verſtimmt erſchienen— die Tante ließ mich merken, daß von Steffen die Rede ge⸗ weſen— ſo würde man's in der That haben charmant nennen müſſen. Es war ohnehin ſchon animirt genug, wir haben viel gelacht, die Tante war ſtrahlend, und ſelbſt Couſine Stephanie weniger langweilig, als man ſie mir geſchildert. Wenn wir's nur noch arrangiren könnten, daß Sie meine Tante kennen lernten, lieber Freund!“ wandte er ſich wieder an Hoven.„Etwas Ver⸗ führeriſcheres und Hinreißenderes kann man ſich nicht denken, als Tante Hebe in ihren guten—“ 128 Viertes Kapitel.— Einblicke. Ein lauter Ruf einer weiblichen Stimme, dem einige faſt eben ſo laute, anſcheinend drohende Worte folgten, ließ ihn plötzlich abbrechen und der Thür zueilen, hinter der man die Töne vernommen hatte.„Meine Schweſter hat ihn attrapirt, glaub' ich!“ rief er dabei und riß die Thür auf. Fünftes Kapitel. Hophie Magdalene. Er zog mit meinem Willen dahin, Er het mein Hertz für eigen, Biel guts ich mich zu jm verſich, Trew Dienſt jm zu erzeigen. Kein Falſchheit er an mir erkandt, An meinem gantzen Leibe; Noch iſt der Knab ſo wol gemut, Nem nicht für ihn des Keyſers Gut, Vergis mein nicht im Hertzen. Ambraſer Liederbuch. Es war eine ſeltſame Scene, die ſich den Augen der drei Herren darbot, als Eugen die Thür aufgeriſſen hatte. In einem noch größeren, ſaalartigen Zimmer, deſſen gleichfalls überreiche Stuccaturarbeit eben durch einen von der Seite hereinfallenden Sonnenſtrahl erleuchtet wurde, denn ſie reichte mit ihren Blumengewinden bis auf die halbe Wandhöhe herab,— ſtand ein wenig ſeit⸗ wärts die Geſtalt des Dieners, der vorhin die Fremden empfangen hatte. Der Menſch war ſo zu ſagen ganz zuſammengeſchmiegt, die hellblaue Livrée ſchlotterte um die Glieder und die Arme hingen wie zerbrochen. Sein Hoefer, Fremdherrſchaft. I. 9 130 Fünftes Kapitel. Kopf mit ſauber gepflegtem dunklen Haar war vornüber⸗ geſunken, ſo daß ſelbſt Eugen ſein Geſicht nicht ſogleich ſehen konnte. Ihm gegenüber und gerade vor der Thür, ſo daß ſie in der Oeffnung und auf dem Hintergrunde der Wand, welche von den Blumengewinden von Stuccaturarbeit bis auf die Holztäfelung drunter hinab mit einer eigenthüm⸗ lich ſchönen, farbenreichen Tapete bedeckt war, wie ein Bild im Rahmen erſchien, zeigte ſich die Geſtalt eines jungen Mädchens in einem reichen und phantaſtiſchen Reit⸗- oder Jagd⸗Coſtume. Braune Locken drängten ſich unter einem Barett mit Federn hervor und umgaben ein Geſicht, deſſen leuchtende Röthe und geſpannte Züge von der augenblicklichen Aufregung ſeiner Beſitzerin Kunde gaben; eben ſo dunkle, große Augen wandten ſich eben von dem überraſchten Diener auf Eugen und die geöffnete Thür, durch welche ſie mit blitzendem Blick zu Graf Eber⸗ hard und Hoven hinüberglitten. Ein Arm, deſſen ſchlanke und doch volle Form durch das eng anſchließende Gewand zu erkennen war, zeigte ſich leicht erhoben, und die kleine Hand hielt eine Reitpeitſche. „Ich glaube gar, du willſt dich noch vertheidigen, noch leugnen, armſeliger Menſch!“ ſagte ſie eben, den Blick, wie ſchon bemerkt, von dem Ertappten fort und in's Zimmer wendend, und ſetzte dann, gegen die drei Herren gewendet, hinzu:„Ich beobachtete den Elenden von der Flurthür aus ſchon eine ganze Weile lang, wie er horchte. Ich freue mich des Einfalls, hier durch zu gehen, nun hat die Heuchelei einmal ein Ende.“ von unde eben nete ber⸗ anke vand leine igen, den Sophie Magdalene. 131 Graf Eugen nickte ihr freundlich zu und richtete ſein Auge dann mit einem ſtrengen Blick auf den Diener, welcher eben den ſeinen mit einem ungewiſſen Ausdruck zu ihm zu erheben wagte.„Was du eigentlich erhorchen möchteſt, weiß ich nicht,“ ſagte er ruhig.„Ich habe es dir aber ſchon neulich einmal bemerklich gemacht, daß ich in meinem Dienſte keine Horcher und Herumtreiber brauche. Schicke einen Anderen in's Vorzimmer. Laſſe dir vom Verwalter auszahlen, was dir zukommt, packe deine Sa⸗ chen zuſammen und geh'.“ „Heut ſchon?“ fragte der Diener in einem gewiſſen trotzigen Ton und mit einem Blick, in dem alles Andere eher, als Demuth oder Zerknirſchung zu leſen war. „Heut ſchon?“ verſetzte Eugen wieder ruhig.„Der Verwalter wird deine Effecten an den Ort ſchaffen laſſen, den du angibſt. Komm', Sophie Magdalene!“— Und als er die Thür hinter der Eintretenden zugezogen hatte, ging er ihr raſch nach und ihre Hand faſſend und ſie zu Hoven heranziehend, ſprach er heiter und mit ſchelmiſchem Blick:„Nicht wahr, Schweſter, du wirſt dich freuen, den Herrn Müller kennen zu lernen, von dem ich dir geſtern ſo viel erzählt habe?“ Sie warf die Peitſche und die Stulphandſchuh auf den Tiſch und bot Hoven raſch die kleine, ungewöhnlich feſte Hand und einen hellen, blitzenden Blick, als wolle ſie den Fremdling im erſten Moment ſchon ganz kennen lernen, möchte man ſagen; ſo durchdringend ruhten die braunen Augen auf ihm, ſo maßen ſie ihn, daß ihnen nicht die geringſte Einzelheit ſeines Aeußeren entging. 132 Fünftes Kapitel. „Seien Sie mir von Herzen willkommen bei uns!“ ſagte ſie lebhaft und mit aufſteigendem, freundlichem Lä⸗ cheln, und dann wandte ſie ſich dem Oheim zu, deſſen Blicke bisher mit einer währhaft leuchtenden Zärtlichkeit jeder ihrer Bewegungen gefolgt waren, ſchlang ſchnell beide Arme um ſeinen Hals, küßte ihn und redete mit innigem Ton:„Onkel Eberhard, warum ſeh' ich dich gar nicht mehr? Ich habe mich ſo nach dir geſehnt!“ „Ja, und ich wohne ſo ganz aus der Welt— gar nicht zu erreichen,“ verſetzte er neckend, während er die ſchlanke Geſtalt in ſeinem Arm hielt und ihr zärtlich in die ſchönen Augen ſchaute. „Den Eugen rufſt du, aber mich nicht!“ ſagte ſie ſchmollend.„Und doch geht's mich noch mehr an, als ihn, was du mitzutheilen hatteſt!“— Ihr Blick flog zu Hoven hinüber. „Und nun, da du mich ſo nahe haſt, kannſt du dich nicht zu mir finden. Wir frühſtücken, wir plaudern, Gott weiß wie lange,— das Dämchen macht Toilette und iſt eitel wie ein junger Huſaren⸗Offizier. Man ſieht's wohl, was man von deiner Sehnſucht zu halten hat.— „Toilette?“ rief ſie,„o, wie Unrecht du mir thuſt! Wenn Eugen nichts davon geſagt hat, ſo könnteſt du's ohnehin wiſſen, was mich heut, am Samſtag⸗Morgen, be⸗ ſchäftigt. Meine Armen dürfen ſelbſt um dich nicht zu kurz kommen, Onkel.— Ich war in ſo himmliſch froher, heiterer Stimmung!“ ſetzte ſie hinzu.„Wie ich die Treppe herabkam, fiel ein ſo glänzender Sonnenſtrahl durch die Sophie Magdalene. 133 Fenſter und die Parkbäume wickelten ſich ſo munter aus dem Nebel— es wird ein prachtvoller Tag!— Und unun muß mir das mit dem armſeligen Menſchen alle Luſt verderben!“— Sie trat von dem Oheim fort und nahm das auf den Tiſch Gelegte wieder an ſich. Die Reitpeitſche ſchlug ungeduldig gegen das blaßgrüne Kleid, das in ſchweren, vollen Falten von der geſchmeidigen Taille herabſank. „Du haſt ihn wirklich ertappt?“ fragte Eugen. „Gewiß! Mit dem Aug' am Scllüſſelloch!“ verſetzte ſie.„Hat er was gewittert? Hat man ihm einen Wink gegeben, daß—“ „Was? Bisher kann unſer Freund hier noch keinen Verdacht erregt haben.“ „Wer weiß!“ ſagte Graf Eberhard kopfſchüttelnd. „Jedenfalls wäre ich weniger raſch geweſen, als du, Eugen. Du hätteſt den Burſchen immer noch da und unter den Augen behalten ſollen.“— Und indem er die Mütze vom Tiſche nahm und einen Blick aus dem Fen⸗ ſter warf, wo der Sonnenſchein jetzt den ganzen Hof be⸗ deckte und die Taxus⸗Obelisken ordentlich hell glänzen ließ, ſetzte er hinzu:„Laß die Pferde kommen, Eugen. Was wollen wir da im Zimmer hocken!“ „Ja, hinaus, hinaus!“ fiel Sophie Magdalene ein und ſchüttelte den Kopf, daß die braunen Locken zurück— flatterten.„Ich muß den Druck wieder abſtreifen! Der Tag verſpricht ſo ſchön zu werden!“ „Nicht wahr, Herr Müller— wir ſind hier zu Lande ſeltſame Menſchen?“ ſagte Eugen, der zugleich mit ſeinen 134 Fünftes Kapitel. Worten aber zum Klingelzuge ging und dem eintretenden. Diener die gewünſchte Weiſung gab.—„Wie viele ru⸗ hige Minuten hat man Ihnen ſeit Ihrer Ankunft ge⸗ gönnt?“ fuhr er zurückkehrend fort.„Bei uns iſt man immer unterwegs.“ Hoven hatte, ſeit dem Eintritt und der folgenden Begrüßung des Mädchens, ſeine Augen wenig von ihr gewandt. Sein Blick, der die anmuthige und nicht ge⸗ wöhnliche Erſcheinung bei jedem raſchen Wort, bei jeder eben ſo raſchen, man möchte ſagen energiſchen Bewegung verfolgte, verrieth ein Intereſſe, das weder von den bei⸗ den Männern, noch von der Beobachteten ſelber unbe⸗ merkt bleiben konnte und ſogar ein paarmal ein flüchtiges Roth über die Wangen des Mädchens hatte ſtrahlen laſ⸗ ſen, ohne daß es jedoch anſcheinend der Einen oder den Anderen mißfällig geworden wäre. Jetzt wandte er ſich dem jungen Grafen zu, und indem ſein dunkles Auge ungewöhnlich freundlich blickte, verſetzte er:„Nun, Herr Graf, das iſt mir am wenigſten etwas Neues. Ich bin ja ein ewiger Wanderer, und wo man mich in Ruhe läßt, mache ich mir ſelber Bewegung. Mir iſt's nicht allein um die Leute zu thun,“ fügte er lächelnd hinzu; „das Land intereſſirt mich eben ſo ſehr, und ein heiterer Ritt durch ſolchen Morgen und in ſolcher Geſellſchaft iſt für mich nun gar ein Genuß, der mir zu ſelten zu Theil wird, um ihn nicht auf's höchſte zu ſchätzen.“ „So kommt,“ ſprach Graf Eberhard;„ich ſehe die Pferde vorbeiführen. Wir ſteigen am Gartenſaale auf.“ — und während er den Anderen voran in das Gemach Sophie Magdalene. 135 ſchritt, an deſſen Thür Sophie Magdalene vorhin den Diener horchend gefunden, redete er zu Hoven gewendet, der ihm zunächſt folgte und mit bewunderndem Blick den von uns ſchon angedeuteten Schmuck des ſchönen Raumes überflog, auf die Tapeten deutend, weiter:„Sehen Sie ſich das nur recht an, lieber Freund. Es zeugt von großer Ausdauer, von heiterſter Arbeitsluſt und häuslich⸗ ſtem Sinn, denn die Tapeten ſind Stickereien der beiden Hausfrauen von Rhodenfelde; und als meine Schweſter das letzte Stück dort über dem Kamin fertig hatte, da ſtarb ſie. Kommt aber,“ fuhr er zu den Anderen fort, die ſtehen geblieben und mit den Blicken ſeiner deutenden Hand gefolgt waren.„Wir wollen uns nicht durch Er⸗ innerungen trübe ſtimmen laſſen. Die Gegenwart ver⸗ langt uns ohnehin ganz.“— Und er ſchritt zur Thür, die hier über einige Stufen hinab in den Garten führte. Drunten hielten ſchon die Pferde. Sie ritten noch eine geraume Zeit durch Park⸗An⸗ lagen hin, die, je weiter vom Schloſſe, deſto freier und ungekünſtelter, in natürlicher Anmuth ſich entfalteten, und als ſie das durch eine niedrige, von Epheu und wildem Wein dicht überhangene Mauer bezeichnete Ende erreicht hatten und durch ein Thor in's Freie gelangt waren, hielt Sophie Magdalene, welche bis dahin die Spitze ge⸗ habt, ihr Pferd ſo weit an, daß der zunächſt reitende Hoven an ihre Seite gelangte, und dann ſagte ſie mun⸗ ter:„Laſſen wir Onkel und Bruder dahinten in ihrem Geſpräch und machen wir Beide einen kecken, luſtigen 136 Fünftes Kapitel. Ritt, wie ich ihn liebe, Herr von Hoven. Sie ſind ja Rittmeiſter, ſagt mir Eugen; da wird Ihnen um das Hinſchlendern auch nicht zu thun ſein.— Sie wollen unſer Land kennen lernen— gut, ich will Sie führen! Aus der Jagd wird doch nichts. Fort!“ Und ohne auf eine Antwort von ihm zu warten, ſetzte ſie ihr Thier in Galopp und flog den Weg entlang, der ſich durch eine ſchöne, wellenförmige, mit noch üppi⸗ gen Wieſen und kleinen, ſchon bunt gefärbten Wald⸗ ſtücken geſchmückte Gegend links in's Land hineinzog. Hoven hielt ſich nahe an ihrer Seite.— Die Anderen waren, wie er bei einem Rückblick ſah, ihnen auf die Straße gefolgt, aber ſie ritten viel langſamer und waren noch immer im eifrigen Geſpräch. Der Nebel hatte ſich völlig verzogen. So ging es eine ganze Weile fort, bis ſie in nicht großer Ferne vor ſich ein paar gemaltige Tannen thurm⸗ gleich über ihre Umgebung von anderen Bäumen hervor⸗ ragen ſahen. Da zügelte das Mädchen ihr ſchäumendes Pferd, daß es in leichten Trab überging, und dann, während die Wange nicht nur, ſondern auch die Stirn und der ſchlanke, weiße Hals, ſo viel davon über der Krauſe ſichtbar ward, ſich momentan in ein ſchimmerndes Roth tauchten, wandte ſie ihrem Begleiter einen flüchti⸗ gen, faſt ſcheuen Blick zu, erhob die Hand, deutete mit der Peitſche zu den Tannen hinüber und ſprach gedämpft: „Das iſt Kettenhof!“— Und nach einer kleinen Pauſe ſetzte ſie noch leiſer hinzu:„Eugen ſagte, daß Sie mir Grüße zu bringen hätten, Herr von Hoven?“ d ja das llen ren! ten, ang, ppi⸗ ald⸗ zog. eren die aren ſic ſnicht vor⸗ ndes ann, ztirn der ndes chti⸗ mit ipft: auſe mir Sophie Magdalene. 137 Er ſchaute ſie einen Augenblick lächelnd an, bevor er verſetzte:„Die allertreueſten, gnädige Gräfin.“ „O, wie habe ich mich geſehnt, Sie zu ſehen!“ ſprach ſie.„Ich wollt' es kaum glauben, als Eugen die Nach⸗ richt brachte, daß Sie geſtern noch nicht zu uns kommen würden, ſondern auf und davon wären, und obendrein noch zweifelte, ob Sie überhaupt herüberkommen möchten und nicht ich vielmehr Sie aufſuchen müßte!— Und nun, da Sie plötzlich da waren, bin ich vor Ihnen faſt er⸗ ſchrocken, ſo prüfend erſchienen mir Ihre Blicke!“ „Das waren ſie auch, Gräfin,“ gab er zur Antwort; die Pferde gingen langſamer neben einander hin.„Ich will's Ihnen nur bekennen, daß Leo Rettfeld nicht allein mein alter Freund und Kamerad iſt, ſondern daß ich ihn wahrhaft lieb habe, bis zur Eiferſucht, ſage ich Ihnen. Und als er mir von dem ſagte, was ihm zumeiſt am Herzen lag— ſo ſehr, mein' ich faſt, daß er mich haupt— ſächlich deßwegen zu dieſem Streifzuge animirte— da betrübte es mich beinahe, daß ich nun den Freund ver⸗ lieren ſollte um jemand,— den ich nicht einmal kannte. Ich ſchätze Leo ſehr hoch, Gräfin,“ fuhr er ernſter fort. „Wir ſtimmen in unſeren Anſichten nicht überall zuſam⸗ men, allein ich ehre die ſeinen als die eines der gedie⸗ genſten, charaktervollſten, liebenswertheſten Menſchen, die mir je begegnet ſind. Diejenige, der ich ihn gönnen ſoll, die ich ſeiner werth achten muß, durfte nur eine Dame ſein, welche die meiſten ihres Geſchlechtes überragte. Ich ſage Ihnen das offen und auf alle Gefahr. Ich nahm mir vor, zu prüfen— um ſo ernſter, da mir dieſe viel⸗ 138 Fünftes Kapitel. jährige Trennung, dieſer ſo außerordentlich oft geſtörte briefliche Verkehr, von denen ich erfuhr, es mir nur zu leicht möglich erſcheinen ließen, daß Leo in ſeiner Ritter⸗ lichkeit jemand die Treue bewahrt haben möchte, die da⸗ mit längſt nichts mehr anzufangen wüßte. Rechnen Sie das alles zuſammen und geſtehen Sie, daß meine Com⸗ miſſion, wie ich ſie auffaßte, keine angenehme war. Den⸗ ken Sie dann aber auch, daß Oheim und Bruder vom erſten Augenblick unſerer Bekanntſchaft an einen ſehr an⸗ genehmen Eindruck auf mich machten und in mir das günſtigſte Vorurtheil erwecken mußten. Und nun—“ „Und nun?“ wiederholte ſie mit einem halb ſchelmi⸗ ſchen, halb aber auch wieder ſcheuen Blicke auf den Zau⸗ dernden.„Wie hab' ich das Examen beſtanden, Herr von Hoven?— Aber was frage ich!“ ſetzte ſie mit lei⸗ ſem Kopfſchütteln und ſinkendem Tod hinzu.„Sie haben mich wohl angeſehen, allein ſonſt— „Doch nicht, Gräfin!“ fiel er ihr lebhaft in's Wort. „Ich muß mit gar vielen Menſchen verkehren und bin häufig genug darauf angewieſen, mir aus allerlei Aeußer⸗ lichkeiten und ſehr geringfügigen weiteren Anzeichen ein Urtheil zu bilden, von dem zuweilen nicht nur meine perſönliche Sicherheit, ſondern auch viel Ernſteres abhängig iſt. Nun hatte mir obendrein Leo Manches von Ihnen erzählt, kleine Züge aus Ihren früheren Begegnungen, ein paar Stellen aus den Briefen, die er erhalten, kamen dazu. Endlich ſah ich Sie und hörte Sie. Schon daß ich ſo mit Ihnen zu reden wage, Gräfin,“ brach er ab — ‚zeigt das nicht, wie ich von Ihnen denke?“ Sophie Magdalene. 139 Sie ſchüttelte lächelnd den Kopf.„Ich bin gar nicht ſo leichtſinnig und ſelbſtvertrauend, wie man Ihnen hier vielleicht von mir vorſagen möchte,“ entgegnete ſie.„Da Sie ſich einmal als einen ſo ernſten und ſtrengen Prüfer bekannt haben, werd' ich Ihnen fortan ſtets mit Bangen und Zagen nahen. Nur in Einem fühl' ich mich im Recht und Sie im Unrecht— daß Sie an meiner Treue zweifeln konnten, Herr von Hoven! Sie kennen nicht mich, aber Sie kennen Leo, und zeichneten ihn, wie er iſt. Iſt das ein Menſch, den man ſo leicht aufgibt, dem man die Treue bricht?“— Sie war aus dem anfänglich ſcherzenden Tone zu immer größerem Ernſt übergegangen, und das große, lebhafte, braune Auge ruhte mit feſtem Blicke auf ihrem Begleiter. Er ſchüttelte jetzt gleichfalls leiſe das Haupt.„Wußte ich denn, ob Leo's Bild, das ich gezeichnet, mit denſelben Zügen auch in Ihnen und ſo feſt ſtehe?“ ſagte er auch ſeinerſeits wieder ernſt, faſt finſter.„Wäre es das erſte Mal geweſen, daß ein trefflicher Mann von einem Mäd⸗ chen aufgegeben wurde— vielleicht gerade, weil er zu vortrefflich für ſie war, weil— doch wer will und kann ſolchen Gründen oder Nichtgründen nachforſchen!“ „Und dennoch hatte gerade Leo, dieſer Vortrefflichſte, mich gewählt, glaubte gerade in mir gefunden zu haben, was er verlangt von derjenigen, der er ſeine Treue ver⸗ pfänden, ſeine Ehre anvertrauen, von der er ſein Glück erwarten durfte!— Das, Herr von Hoven—“ „Sie meinen, das hätte mir für Sie ſprechen müſſen, Gräfin? Das that es auch. Allein ich liebe Leo, und 140 Fünftes Kapitel. ich liebe ihn um ſo mehr, da ich ihn, mit Ausnahme der naturgemäßen größeren Reife, genau ſo wiederfand, wie ich ihn vor ſo vielen Jahren, vor ſolchen tief einſchneiden⸗ den Ereigniſſen, vor all der Unruhe, all den Wechſelfäl⸗ len, all den Gefahren eines— wenn er ſo wollte— ſchrankenloſen Lebens kennen gelernt und verlaſſen. Neben allem Uebrigen iſt Leo ein Hitzkopf, ein heißblütiger Menſch, ein Phantaſt, wenn Sie wollen, dem bei Gele⸗ genheit ſchon einmal das Herz mit dem Verſtande davon⸗ läuft— früher iſt das ſicher noch häufiger geſchehen, als jetzt. Wer ſtand mir dafür, muß ich ſtets von neuem fragen, daß er ſich hier nicht getäuſcht, daß er ſich zu ſchnell entſchieden und dann zu feſt gehalten?— Er iſt fünf Jahre fort— eine lange, lange Zeit für das, war man in der Geſellſchaft Treue heißt und als ſolche ehrt! Er hat in dieſer ganzen Zeit— Sie werden das von Ihrem Herrn Bruder ſchon gehört haben— aus des Heimat kaum ſo viel Briefe erhalten, wie Jahre vergan⸗ gen ſind—“ „Und doch ſchrieben wir, ſo oft ſich Gelegenheit bot,“ fiel ſie ein.„Aber auch uns geht es nicht beſſer. Wir wiſſen gleichfalls von mehr verloren gegangenen als er⸗ haltenen Briefen. Aber ſo ſchmerzlich das für ihn und uns iſt,— Eins haben wir, was uns über alle Ferne hinaus an einander bindet, was uns immer in Gemein⸗ ſchaft, im Verkehr erhält und uns niemals an einander irre werden läßt,— halten Sie mich für keine Schwär⸗ merin, Herr von Hoven!“ unterbrach ſie ſich mit glühen⸗ den Wangen, und dem ſie mit Theilnahme betrachtenden gan⸗ bot,“ Wir s er⸗ und Fetne mein⸗ ander hwür⸗ ühen⸗ enden Sophie Magdalene. 141 Manne war es, als ſäh' er plötzlich das ſo heitere, mu⸗ thige Auge feucht werden.„Das bin ich nicht, gar nicht, Herr von Hoven! Ich bin nur ein wildes Mädchen, wie ſie ſagen, und wenig aufgelegt und geſchaffen zu Träu— men und Phantaſieen. Aber das, was Leo und mich an einander hält, verſtehe ich doch als etwas Höheres, Schö⸗ neres— es iſt das, aus dem unſere Liebe hervorgegan⸗ gen, in dem wir uns vor allem Anderen als Eins ken⸗ nen lernten und als Eins fühlen— es iſt unſere glühende Liebe zu unſerem Vaterlande und der eben ſo glühende Haß gegen ſeine Unterdrücker.“ Die Pferde gingen langſamen Schrittes neben ein⸗ ander hin die Straße entlang, welche die Geſellſchaft längſt ſchon wieder von der Ausſicht auf Leo's Gut ab⸗ geführt hatte und nun in einem, dem früher geſchilderten ähnlichen Terrain, durch ein zwar bebautes, aber einſa⸗ mes Land hinführte.— Hoven ſchaute von dem Mädchen, welches nach den letzten Worten das Auge ſinnend zur Ferne gewandt, fort und ſich flüchtig um: der Hühner⸗ hund, der den Grafen Eberhard von Dreiheiligen begleitet hatte, ſtreifte ihnen ganz nahe, ſein Herr und Eugen er⸗ ſchienen jedoch eben erſt in ziemlicher Entfernung auf einer Biegung des Weges, anſcheinend noch immer in tiefſter Unterhaltung, und von den beiden Dienern, welche vorhin mit den Hunden gefolgt waren, ließ ſich noch gar nichts bemerken. Da drängte Hoven ſein Pferd noch etwas näher an das der Gräfin, und indem er die Hand derſelben ergriff und flüchtig an die Lippen zog, ſagte er innig:„Gott 142 Fünftes Kapitel. ſegne Sie, Gräfin! Ich habe längſt nicht mehr gezweifelt, wiſſen Sie. Aber ein beſſeres Zeugniß für die innere Wahrheit und Schönheit dieſes Bundes konnte ich nicht erhalten. Sie haben faſt mit denſelben Worten zu mir geredet, die Leo am letzten Abend zu mir ſprach, da wir vor vier Wochen von einander ſchieden.“ Sie ſchaute ihn mit einem lächelnden, ſeltſam leuch⸗ tenden Blicke einen Augenblick ſchweigend an. Dann bot ſie ihm mit raſcher Herzlichkeit nochmals die Hand zum flüchtigen, aber feſten Drucke und ſprach:„Gott ſegne auch Sie, Hoven! Beſſeres konnten Sie mir gleichfalls nicht ſagen. Das enthält für mich alles, was ich begehrte und erſehnte, mehr, als mir ſeine eigenen Briefe, mehr, als mir die liebevollſten, eingehendſten Schilderungen ge⸗ währen könnten.— So ſind wir einmal, denn Leo iſt ebenſo.“— Sie trieb ihr Pferd an, daß es im leichten Trabe weiter ging. Hoven folgte ihr ſchweigend. „Es war eine furchtbare Zeit,“ fing Sophie Mag⸗ dalene nach einer Weile wieder an und mäßigte den Schritt des Pferdes, und gegen ihre frühere Angabe klang aus ihren Worten ſo gut wie aus ihrer Stimme etwas Träumeriſches an ihres Zuhörers Ohr.„Es war eine furchtbare Zeit, die von 1806 und 1807, mein Freund, ſo ſchlimm, ſo lähmend, ſo hoffnungslos, wie ihr im Felde es ſicher nicht mehr empfunden. Mein Vater war bei Auerſtädt gefallen, von meinem Bruder wußten wir nur, daß er irgendwo in Sachſen an der ſchweren Wunde dar⸗ niederlag, die er erhielt, als er mit ſeiner Fahne durch die Saale ſchwamm; von Onkel Eberhard und Leo hofften ſegne hfalls g ehrte mehr, en ge⸗ do iſt ichten Mag⸗ e den klang etwas reine reund, Felde ar bei rnur, e dar⸗ durch offten Sophie Magdalene. 143 wir, daß ſie bei den Reſten der Armee ſein würden, die ſich nach Preußen zurückzogen; Nachrichten hatten wir ſeit den Schlachttagen keine mehr erhalten und nur von zufällig vorſprechenden Offizieren der bei Halle und Prenz⸗ lau aufgelösten Corps erfahren, daß Beide nicht bei ihnen geweſen. Das Land war in ſchrecklicher Aufregung und dumpfer Angſt, voll von Flüchtigen und Verſprengten, von Geſindel aller Art, die zum Theil ſcharenweiſe auf die Güter und Höfe fielen, zu denen man ſich hin und wider des Schlimmſten verſehen konnte. Dann folgten die Feinde und brachten neue Noth— die Franzoſen ſelber weniger, die Rheinbunds⸗Truppen, deren wir viele vorbei paſſiren ſahen, deſto mehr, Banden,“ ſetzte das junge Mädchen hinzu, und ihr Auge wurde drohend und die Hand ballte ſich—„die es darauf abgeſehen zu haben ſchienen, das Land vollends zu ruiniren und das Volk, Hoch und Gering, durch ihre Unmenſchlichkeit und Bru⸗ talität zur Verzweiflung zu bringen.“ „Ich kenne ſie!“ ſprach Hofen ernſt dazwiſchen. Das Mädchen athmete tief, bevor ſie weiter redete. „Ja, laſſen wir ſie gehen!“ ſagte ſie.—„Ich ſelbſt war zu jener Zeit und ſchon ſeit Jahr und Tag, da all die Meinigen fern, in Nieder⸗Rhoda bei meinem Großvater. Seine Frau— ſie war meine Stief⸗Großmutter— lebte damals noch, eben ſo mein Onkel Hektor, der nachher nach Oeſterreich ging und bei Regensburg fiel. Doch habe ich darüber nichts zu ſagen, denn da Sie keinen dieſer Menſchen kennen, würde es vergeblich ſein, Ihnen jene Zuſtände klar zu machen, die mich theils anwiderten, 144 Fünftes Kapitel. theils mir ewig unklar blieben. Nur ſo viel, daß ich hier einer Geſinnung und Anſichten begegnete, welche den⸗ jenigen gerade entgegen geſetzt waren, die mir mein Va⸗ ter und Onkel Eberhard eingeflößt. Ich verdanke es auch nur der Wildheit und dem Trotze, die man ſonſt an mir tadelt, daß ich nicht unterlag, nicht wurde wie ſie alle, ſondern mein Vaterland lieb behielt und ſeine Feinde haßte. Wie es dort zuging, erſehen Sie daraus, daß ich im wörtlichſten Sinne des Wortes endlich davonlaufen mußte, um zu meinem Bruder gelangen zu können, der im April, noch auf's äußerſte geſchwächt, anlangte und meiner Pflege bedurfte. Fortan blieb ich bei ihm und damit bei jemand, der mit mir übereinſtimmte. Das war aber auch alles, Troſt und Erhebung fand ich nicht, denn Eugen war wie geſagt noch halb todt und im Geiſte viel⸗ leicht noch mehr gebrochen als am Körper. „Nach dem Frieden kamen mein Onkel und Leo zu⸗ rück; der Erſtere litt jedoch an ſchlecht geheilten Wunden, war ſchwermüthiger als je und reiste bald wieder in ein Bad, der Andere blieb wie früher der tägliche Gaſt un— ſeres Hauſes. Wir kannten uns von Kindheit an und hatten in Scherz und Ernſt uns ſtets gern gehabt. Nun war ich ſechszehn Jahre alt und die einzige Geſunde, möcht' ich's heißen, die ihm entgegenkam, die Einzige, von der er ſich nicht nur verſtanden ſah, bei der er vielmehr auch die eigene Geſinnung und Hoffnung, das ganze eigene Herz wieder fand. Und er ſelber war für mich obendrein der erſte Mann, der nicht gebrochen, nicht fin— ſter und verzweifelnd war, vielmehr mit eiſerner Ent⸗ aß ich e den⸗ in Va⸗ s auch in mir ealle, Feinde daß ich laufen n, der e und n und n war t, denn ſe viel⸗ deo zu⸗ zunden, in ein aſt un⸗ in und Nun eſunde, ge, von ielmehr ganze u mih cht fin⸗ er Ent⸗ Sophie Magdalene. 145 ſchloſſenheit an der Ueberzeugung feſthielt, daß gerade aus ſolcher Noth und Schmach allein unſer endliches Glück der Sieg hervorgehen müßte; der vermöge ſeines Na⸗ turels nicht daheim auf die Zeitigung dieſes Glückes und Sieges warten, ſie vielleicht nur im Geheimen befördern konnte, ſondern ſcharfen Blickes die Ereigniſſe verfolgte und, ſobald ſich nur die Möglichkeit eines neuen Land⸗ krieges zeigte, mich und alles verließ, um an demſelben Theil zu nehmen. 4 „So haben wir uns gefunden, Herr von Hoven,“ ſchloß die Gräfin mit einem ernſten, faſt ſtolzen Lächeln, obgleich man ihrer Stimme anhörte, wie tief das ſtarke, junge Herz bewegt ſein mochte.„In der gleichen Stunde da er mir von ſeinem Entſchluſſe, nach England zu gehen, geſagt und mich gefragt hatte, ob ich ihm die Liebe be⸗ wahren wollte, die er bei mir vorhanden wußte, ohne daß wir jemals von ihr geredet— in der gleichen Stunde, da ich meine Liebe ſein nannte und meine Treue ihm weihte für Zeit und Ewigkeit— da reiste er auch ſchon ab, und ich habe ihn ſeitdem nicht wieder geſehen. Ich höre ſelten von ihm und kann ihm nur ſelten Nachricht von mir geben. Er iſt geächtet, und ich darf von ihm zu niemand reden, als vielleicht zu Onkel Eberhard und meinem Bruder einmal. In Nieder⸗Rhoda darf man von unſerem Bunde nichts ahnen, denn ſelbſt meine Tante Hebe würde gegen mich ſein und mich unbarm⸗ herzig verſpotten.— Und dennoch, Herr von Hoven, den⸗ noch— das thut alles nichts und iſt leicht zu ertra⸗ gen bei dem Bewußtſein, daß wir Eins ſind und Eins Hoefer, Fremdherrſchaft. I. 10 146 Fünftes Kapitel. bleiben, komme auch, was da wolle. Wir kennen ein⸗ ander!“— „Schwärmerin!“ ſagte er mit einem langen, freund⸗ lichen und zugleich bewundernden Blick auf das glühende Kind, deſſen Züge eben von einer ſtolzen Schönheit ſtrahl⸗ ten, wie er ſie bisher in denſelben nicht geahnt hatte. „Schwärmerin?“ wiederholte ſie mit einem faſt fröh⸗ lichen Kopfſchütteln.„O nein! Sagen Sie: Glückliche! — das trifft zu, denn nun, da ich von ihm und unſerer vollen Einigkeit durch Sie erfahren, da ich mich ausreden durfte, wie bisher eigentlich noch niemals, da ich weiß, daß er von mir hören wird— Sie geben ihm ſchon ein⸗ mal Nachricht, Herr von Hoven?— nun bin ich wie der Vogel in der Luft und ich könnte hell hinausjauchzen vor Glück und Jubel!“— Und indem ſie die Zügel anzog, daß ihr Pferd ſich plötzlich bäumte, wandte ſie den Kopf zu den Verwandten zurück, die noch immer weit hinten ritten, ſtieß wirklich einen hellen Ruf aus, der in anmu⸗ thiger Cadenz durch die ſtille Luft des ſonnigen Herbſt⸗ tages dahinglitt, und ſprengte, die Zügel ſchießen laſſend, im Galopp davon. Hoven hatte Mühe, ſie alsbald wie⸗ der einzuholen, ſo raſch war das alles gegangen und ſo ſchnell ihr leichtes Pferd nach vorn geſchoſſen. Die Reiter hinter ihnen hatten den Ruf vernommen und ihre Pferde ausgreifen laſſen, ſo daß auch ſie ſich ſchnell dem Paare näherten, und als ſich jetzt vor ihnen ein kleiner Seeſpiegel zeigte, der anmuthig durch park⸗ artig vertheilte Wald⸗ und Gebüſchpartieen glänzte, zog Sophie Magdalene die Zügel ſchon wieder an und ſagte t fröh⸗ kliche! unſerer anzog, Kopf hinten anmu⸗ Herbſt laſſend, ld wie⸗ und ſo vommen ſie ſich rihnen park⸗ 5, zog d ſagte Sophie Magdalene. 147 fröhlich:„Hier müſſen wir uns wohl einholen und uns von den geſtrengen Herren weiter führen laſſen. Da am See geht's nach Liebenſee; dort gerade aus in die Heide hinein, hier links nach Hauſe. Sei es, was es ſei, Herr von Hoven— es war ein himmliſcher Morgen!“ „Ich werde ſein gewiß nicht vergeſſen,“ verſetzte er bewegt, denn der ſo ſichtbare Herzensjubel des anmuthi⸗ gen Weſens zumal jetzt und nach alle dem, was er ver⸗ nommen, ſprach auch dem kräftigen, ernſten Manne zu Herzen.—„Unſereiner,“ ſetzte er hinzu,„zählt ſolche Stunden. Sie kommen uns noch ſeltener als Anderen.“ Sie warf ihm einen langen, freundlichen Blick zu, dann aber wandte ſie das Auge den nahenden Verwand⸗ ten entgegen und rief ſcherzend:„Und die verheißene Jagd?— Wir warten und ſpähen, aber die Herren hetzen ihre Worte und Gedanken, wie es ſcheint, lieber als die Haſen!“ „Und ihr Beide reistet inzwiſchen, glaub' ich, nach Petersburg,“ verſetzte der jetzt das Pferd zügelnde Onkel; und je ſeltener ein ſolcher Scherz von dem ernſt⸗freund⸗ lichen Manne ausgehen mochte, und je heiterer der Ton, in welchem er herausklang, und der Blick, der ihn be⸗ gleitete, war, deſto unwiderſtehlicher wirkte das alles auf die Geſchwiſter nicht nur, ſondern auch auf Hoven, ſo daß ein munteres Lachen in die ſonnige Luft hinaus⸗ ſchallte. Sophie Magdalene war wohl ein wenig roth gewor⸗ den, allein befangen wurde ſie nicht.„Ja,“ ſagte ſie mit einem heiteren Blicke auf ihren Begleiter, und das Lächeln 148 Fünftes Kapitel. weilte noch in ihren Zügen,„ich habe dem Herrn da allerdings eine tüchtige geiſtige und leibliche Motion ge— macht. Aber ich müßte mich ſehr irren, Onkel, wenn dir von Herrn Eugen nicht etwas Aehnliches geworden ſein ſollte. Hat er dir nicht Confeſſionen gemacht über ſeinen geſtrigen Abend beim Großvater? Couſine Stephanie ſcheint einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht zu haben.“ „Schweſter!“ mahnte Eugen lachend und zugleich er— röthend. „Bruder— iſt's nicht wahr?“ fragte ſie luſtig ent⸗ gegen.„Warſt du nicht heut, den ganzen Morgen, bis ich dich verließ, zerſtreut wie— ein Verliebter? Haſt du mir irgend Rede geſtanden, als ich neugierig nach der vornehmen Couſine fragte?— Vertheidige dich, wenn du kannſt!— Aber zuerſt,“ brach ſie ab und gab ihrem un⸗ 5) geduldigen Pferde einen leichten Ruck— wohin reiten wir? Mit der Jagd ſcheint der Herr Bruder es nicht ernſt gemeint zu haben, oder—“ 3 „Das hab' ich freilich, erwiderte er.„Sieh dich um — da ſind die Hunde; denn ich habe, wie immer, zuerſt an meine werthe Schweſter gedacht und wollte uns zur Entree ein paar Haſen hetzen laſſen. Nun aber wird es zu ſpät werden, wenn wir nachher noch in den Wald wollen. Ich habe meinem Jäger geſtern geſagt, er möge ſich auch nach einem Schwein für uns umſehen, und ich denke, wir werden ihn am rechten Platze warten finden. Aber wie das nun auch wird, die Jagd war nicht die Hauptſache, und hier herum müſſen wir ſo oder ſo.“ Und ern da on ge⸗ nn dir n ſein ſeinen phanie ben.“ eich er⸗ ig ent⸗ n, bis gaſt du ch der enn du em un⸗ reiten 3 nicht dich um zuerſt ns zur witd es er möge und ich finden. Sophie Magdalene. 149 er lenkte das Pferd in den Weg, der nach des Mädchens Angabe in die Heide führte.— Sie ritten zuſammen weiter und plauderten und lachten, ſo viel es der ſchnelle Trab erlaubte. Die ſtrah⸗ lende Heiterkeit der Gräfin ließ keinen Ernſt aufkommen, ſelbſt der Onkel und Hoven ließen ſich willig von ihr fortziehen. Es ging weiter und weiter durch das Land. Der See mit ſeinen blitzenden Waſſern war längſt ſchon wie⸗ der hinter ihnen verſchwunden, Wäldchen erhoben ſich nach und nach immer gedrängter aus einem ebenen Ter⸗ rain, das, wie man beim Zurückſchauen bemerken konnte, allmälig nach vorn hin abfiel, und gingen endlich rechts in einen ununterbrochenen Forſt über, deſſen Ende nicht abzuſehen war. Hoven's Blicke muſterten unausgeſetzt und ſcharf die Gegend, und endlich warf er gegen Eugen, der jetzt in ſeiner Nähe ritt, hin:„Ein prachtvolles Terrain für Jä⸗ ger und Schützen! Jede größere Truppe, die hier durch⸗ brechen wollte, müßte verloren ſein.“ „Sie werden ſich, fürcht' ich, vor dem Verſuch auch hüten,“ verſetzte der junge Mann munter.„Ich glaube nicht, daß unſere Gegend der Schauplatz größerer und ernſterer Kämpfe wird, als luſtiger Plänkeleien—“ „Meinen Sie? Und doch würde hier ihr nächſter Weg ſein, einer Vertheidigung Berlins in die Flanke zu kommen!— Die M.'ſche Grenze muß nahe ſein, nicht?“ „Freilich, Herr von Hoven, ganz nahe. Mein Onkel 150 Fünftes Kapitel. iſt weithin ihr Nachbar und heißt darum auch wohl der Grenzgraf.— Warten Sie!“— Und nachdem ſie, die Pferde in Galopp ſetzend, an den Anderen vorüber und fünf Minuten weiter geritten waren, zog der Wald ſich plötzlich im kurzen Bogen links hinauf, während er rechts gänzlich aufhörte, die Ausſicht vor ihnen wurde frei und 1 weit und breit, links ſchier unabſehbar, öffnete ſich die Heide, durch welche Hoven vor einigen Tagen gewan⸗ dert war. „Sehen Sie den dunkeln Streifen dort hinten?“ ſprach Eugen, die Zügel anziehend und mit der erhobenen Hand gerade hinausdeutend.„Das ſind Kiefernſchonun⸗ gen, die unſer Urgroßvater anlegte, als er Dreiheiligen und damit dieſe ganze Gegend erwarb. Unmittelbar hin⸗ ter ihnen iſt M.'ſches Gebiet.“ „Wie weit von hier? Ich orientire mich gern allent⸗ halben,“ ſagte Hoven und ließ das Auge prüfend die 4 Weite durchmeſſen. „Hier mögen es immer zwei gute Stunden ſein. Dort links, wo es den Teufelsbergen zugeht, verengt ſich die Heide etwas.“— Und ſich zu dem anderen Paare umwendend, das ſich langſamer näherte, ſetzte Eugen hin⸗ 1 zu:„Hier müſſen wir uns aber wirklich entſcheiden, ob unſer Ausflug nur ein Spazierritt bleiben ſoll oder ob wir endlich doch noch meinen Jäger aufſuchen wollen.“ 3 Zur Jagd jedoch kam es nicht. Sophie Magdalene meinte, der Morgen ſei zu ſchön, um ihn drinnen im Q☛ dichten Walde zu verbringen, und des Jagens könnten ſie alle noch genug haben. Und Graf. Eberhard, der nach ll der , die r und d ſich rechts und h die ewan⸗ ten?“ benen onun⸗ ligen unten J nach Sophie Magdalene. 151 der Uhr geſehen hatte, bemerkte, daß es bei dem bevor⸗ ſtehenden Beſuche der Fremden Zeit werde, an die Heim⸗ kehr zu denken.—„Wenn ihr euch umkleidet und fahrt, kommt ihr gerade zur rechten Zeit hinüber,“ ſagte er zu den Geſchwiſtern.„Hoven und ich reiten gerade durch den Forſt. Ich will den Jäger ſchon benachrichtigen, daß er nach Hauſe gehen kann.— Alſo auf heiteres Wieder⸗ ſehen in Dreiheiligen!“— Und nach kurzem Abſchiede trennten ſie ſich, die Geſchwiſter den Weg zurückreitend, Graf Eberhard und der Gaſt aber ſich dem Walde zu⸗ wendend, der ſie alsbald in ſeine Schatten aufnahm. Sie ritten ſcharf zu, denn der Weg, den ſie zu ma⸗ chen hatten, war nicht kurz, und tauſchten eine lange Zeit nur hin und wider ein einzelnes Wort. Erſt als ſie auf der entgegengeſetzten Seite das freie Feld wieder er⸗ reicht hatten und Dreiheiligen ſchon vor ſich ſahen, ließ der Graf ſein Pferd noch einmal langſam gehen und wandte ſich an ſeinen Begleiter. „Ich habe vorhin mit Eugen ausführlich geredet,“ ſagte er,„und ihn einerſeits in Betreff der widerwärti⸗ gen Horchergeſchichte von heut' Morgen zur Vorſicht ge⸗ mahnt— wir können derſelben hier gar nicht genug haben, wenn wir wie bisher der guten Sache nützen und ſie fördern wollen— und andererſeits mit ihm berathen, wie wir Ihren Aufenthalt bei uns ungefährlich machen, mein Freund, denn ein paar Tage, hoffe ich, bleiben Sie noch? Eugen iſt ſehr raſch und leider auch ſehr leicht.“ Hoven neigte das Haupt.„Sie ſind ſehr gütig, Herr Graf,“ verſetzte er,„daß Sie ſo viel an mich den⸗ 152 Fünftes Kapitel. ken. Da ich aber meine Aufträge ausgerichtet, durch Sie auch von den hieſigen Zuſtänden genauer unterrichtet bin, als es mir häufig anderwärts gelungen, und endlich mit eigenen Augen geſehen habe, wie es an der Küſte ſteht, ſo muß ich wohl, wie ich heut' Morgen geſagt, an den Aufbruch denken. Man wird drüben ſo ſchon nach mir ausgeſehen haben und nicht begreifen, wo ich bleibe. Und was wir Beide beſprochen, drängt.“ Der Graf ſchüttelte heiter ablehnend den Kopf.„Das gebe ich jetzt nicht mehr zu,“ meinte er.„Sie ſind zu ſtreng gegen ſich und beſchneiden Ihre kargen Ferien gar zu ſehr. Denn ſolche ſind's doch, Hoven?— Ueberdies finde ich, wenn ich meine Anſicht ausſprechen ſoll, eine ſolche Eile nicht nöthig, ja ich kann Ihnen für Ihr län⸗ geres Verweilen außer dem Ausruhen noch ein zweites Motiv nennen: Eugen erzählte nämlich, eine wie große Freude meine Schweſter Hebe gehabt, als ſie von Ihrem Hierſein erfahren. Die müſſen Sie kennen lernen. Eugen deutete ſchon darauf hin und ich beſtätige es: es iſt eine Perſönlichkeit, wie Ihnen vielleicht keine mehr begegnen wird, die Liebenswürdigkeit, die luſtige Bosheit, die Fein⸗ heit und der Intriguengeiſt des vorigen Jahrhunderts concentrirt, in Einer Perſon.— Das wäre eben ein Fe⸗ riengenuß für Sie, und doch kein leerer und ſchaler. Denn meine Schweſter kann und will uns allen förder⸗ licher ſein, als Sie vielleicht glauben. Sie erfährt— ich ſelbſt ahne oft nicht, wie oder woher— viel und erhält uns auf dem Laufenden bei Perſonen und Dingen, die uns ohne ſolch ein Mittelglied zum Theil ganz unbekannt 22 Sophie Magdalene. 153 bleiben und gefährlich werden könnten. Sie hat ein Recht auf Ihre Bekanntſchaft.“ Hoven lächelte.„Ich bin leider ein ſchlechter Geſell⸗ ſchafter für Damen,“ bemerkte er. „Das habe ich bei der Unterhaltung mit meiner Nichte gerade nicht gefunden,“ wandte der Graf ein. „Das war etwas Anderes, Herr Graf. Wir hatten einen anderen Stoff, der uns Beide mächtig intereſſirte. Und Ihre Gräfin Nichte iſt überdies ein ſo friſches, fröh⸗ liches, offenes und doch wieder kräftiges Weſen—“ „So hat Ihnen Sophie Magdalene gefallen?“ „Gefallen? Das iſt nicht genug. Ich habe ſie be⸗ wundern gelernt und ſchätze Leo glücklich, daß er ein ſolches Herz, ein ſolches Gemüth ſein eigen nennen darf. Gott gebe Deutſchland viele ſolcher Frauen, denn ſolche Gattinnen und Mütter brauchen wir für uns ſelbſt und für ein neues, tüchtiges Geſchlecht. Ich bin erſtaunt, wiederhole ich, über den Charakter, der mich aus jedem Worte, aus jedem Blicke anſprach, als ſie mir von ſich und den Ihrigen erzählte.“ „Ja, es iſt eine ſeltſame Natur,“ erwiderte der Graf mit einer gar eigenen, nachdenklichen Freundlichkeit.„Sie iſt heiter und ſtrahlend wie ein Frühlingstag, und wo es darauf ankommt, feſt und kalt wie Eis. Hat ſie Ihnen erzählt, wie ſie von ihrem Großvater fortkam?“ „Sie ſagte nur, daß ſie endlich habe flüchten müſſen, um Anſprüchen zu entgehen—“ „Die unerträglich geweſen ſein müſſen, ich kenne meinen alten Vater,“ fiel Graf Eberhard ein.„Getrotzt 154 Fünftes Kapitel.— Sophie Magdalene. haben ihm leider faſt alle die Seinigen, dieſen Trotz aber durchgeführt und zum ſiegreichen Widerſtand erhoben hat meines Wiſſens niemand als Sophie Magdalene und— doch das gehört nicht hieher. Meine Schweſter Hebe ſchlägt den Alten zuweilen durch Nadelſtiche, möcht' ich ſagen, fügt ſich aber bei Gelegenheit immer wieder. Meine Nichte aber ſiegte im offenen Kampfe. Sie erklärte ge⸗ rade und feſt heraus, daß ihr Platz bei ihrem kranken Bruder, daß ſie bei ihm ſchicklicher aufgehoben ſei als in Nieder⸗Rhoda und den dortigen verſchrobenen Zuſtänden. Und als man ſie einſperrte, ſprang ſie aus dem Fenſter und ging keck am helllichten Tage vom Schloſſe nach Rhodenfelde, ohne daß des alten Herrn Drohungen und Befehle an ſeine Diener ſie aufzuhalten oder einzuſchüch⸗ tern vermocht hätten. Und ſie hat dadurch erreicht, was . keinem Anderen gelang,“ ſchloß der Graf.„Wo ſie dem Großvater begegnet, iſt er die Höflichkeit ſelbſt; ſie hat ihm imponirt und weiß in aller Kindlichkeit dieſen Ein⸗ 1 druck dauernd zu erhalten.— Doch da ſind wir.“ Sie waren vor dem Hauſe in Dreiheiligen wieder angelangt und ſaßen ab. zaber en hat nd— Hebe ht' ich Meine rte ge⸗ ranken als in inden. Fenſter nach n und ſchüch⸗ , was ee dem ie hat 1 Ein⸗ wieder Sechstes Kapitel. Ein voller Tag. Schaffet fort am guten Werke Mit Beſonnenheit und S 3 Laßt euch nicht das Lob bethören, Laßt euch nicht den Tadel ſtören! Uhland. Der Beſuch, um deſſentwillen man die Heimkehr be⸗ ſchleunigt hatte, blieb aus, und da keinerlei Botſchaft von Nieder⸗Rhoda kam, fing Graf Eberhard an, ihn für gänz⸗ lich aufgehoben zu halten, was auch Eugen, der mit ſei⸗ ner Schweſter zur rechten Zeit erſchienen war, dagegen ſagen mochte. Man ging endlich zu Tiſch und ließ ſich, im Verein mit dem Gaſte, ſo heiter gehen, wie man es an dieſem Tiſche von jeher gewohnt geweſen, denn der Hausherr zeigte ſich in dieſem kleinen Kreiſe keineswegs als Hypochonder oder Träumer, wie ſein Vater neulich gegen den General ihn genannt. Und auch des Gaſtes wegen brauchte man ſich keinen Zwang anzuthun. In Dreiheiligen gab es nur wenige Diener; ſie waren vom alten Schlage, in der Familie grau geworden, und be⸗ wahrten die Geheimniſſe derſelben gegen jeden Fremden 156 Sechstes Kapitel. wie ihre eigenen; Hoven ſaß hier mit den Anderen ſo ruhig zu Tiſch, als ob er auch äußerlich durchaus zu ihnen gehörte, und gab ſich der Unterhaltung, die denn doch auch andere Bahnen als die der Politik betrat, ſo willig und munter hin, wie man es von dem ernſten Manne kaum hätte erwarten können. Von ſeinem Auf⸗ 1 bruch war nicht mehr geſprochen worden. 1 Als man den Kaffee getrunken hatte, trat ſeine ge⸗ wöhnliche, ernſte und entſchiedene Weiſe jedoch wieder hervor. Er erklärte, daß er noch am Abend abreiſen wolle, und beharrte bei dieſem Entſchluſſe trotz aller Ein⸗ reden mit ruhiger Artigkeit. Für jetzt zog er ſich zurück, um noch ein paar Briefe zu ſchreiben, die von hier aus gefahrloſer ihren Weg machen konnten, als wenn er ſie während ſeiner unruhigen und unſicheren Wanderung unbekannten Händen hätte überlaſſen müſſen.— Mit ihm zerſtreute ſich auch die übrige Geſellſchaft. Sophie 88 Magdalene machte einen Gang durch den Garten, Eugen wollte ein paar neue Pferde anſehen, die der Onkel ge⸗ kauft, und dieſer endlich blieb bei den Zeitungen ſitzen, die man ihm eben gebracht. Er hatte indeſſen kaum das Blatt wirklich zu leſen begonnen, als ſeine ruhig klaren Augen plötzlich einen s zuerſt ernſten, bald immer finſtereren Ausdruck annahmen und einen Artikel wiederholt durchflogen, der,„Von der Elbe“ überſchrieben, etwa folgendermaßen lautete: „Man bemerkte, daß der Verkehr jener wahnſinnigen 11 1 Menſchen, welche ſich deutſche Patrioten zu nennen lie⸗ ben, mit den Feinden unſeres erhabenen Kaiſers ſchon ſchon Ein voller Tag. 157 ſeit Beginn des gegenwärtigen Krieges wieder ein ſehr lebhafter geworden war und ſeitdem, trotz der ſorgfältig⸗ ſten Ueberwachung der Grenzen und Küſten ſowohl wie der verdächtigen Perſonen, eher zu⸗- als abgenommen hat. Es finden ſich noch immer Verblendete, die dieſen Ver⸗ kehr begünſtigen und unterhalten und die Emiſſäre vor den Behörden zu verbergen wagen. Dieſem verrätheri⸗ ſchen Treiben muß ein ſchnelles Ende gemacht werden, und wir fordern die Behörden zum energiſchen Einſchrei⸗ ten auf, bevor es dieſen Menſchen wieder gelingt, ſich unter den vielen Schwachköpfen auch nur eine Art von weiterem Anhang zu verſchaffen, den ſie dann mit ſich fortziehen in ihr eigenes wohlverdientes Verderben. Wir brauchen unſere Leſer wohl nicht erſt an jene wahnſinni⸗ gen Züge Schill's und Braunſchweig's zu erinnern, die ſo viel Elend über Nord⸗Deutſchland brachten und Stra⸗ fen zur Folge hatten, welche wir, ſo nothwendig und ge⸗ rechtfertigt ſie ſein mochten, dennoch nur beklagen können, da die meiſten Betroffenen, nur von dem Ehrgeiz ihrer Führer fortgeriſſen, kaum einſahen, wofür ſie geſtraft wurden. Hüten ſich unſere Landsleute, daß ſie ſich von den Emiſſären des ruſſiſch⸗aſiatiſchen Barbarismus, von den Sendlingen jener unermüdlichen Conſpirateurs, der Stein und Arndt und Anderer deſſelben Gelichters, zu dem Glauben verleiten laſſen, es werde eine Zeit kom⸗ men, wo ſie der Herrſchaft unſeres erhabenen Kaiſers zu trotzen oder ſie gar abzuſchütteln vermöchten! „Das wird nie geſchehen, denn die Macht des Kai⸗ ers, gegründet auf die Liebe ſeiner Völker, zu denen jetzt 1 0 158 Sechstes Kapitel. auch wir uns zählen dürfen, auf die Cioiliſation gegen⸗ über der ruſſiſchen Barbarei, auf die Gewalt ſeiner un⸗ beſiegbaren Waffen, ſtand niemals größer, erhabener und feſter da, als eben jetzt. Bald werden auch unſere letzten Feinde ſich beugen; die Ruſſen werden unſer ſchönes Europa verlaſſen und in ihre aſiatiſchen Steppen zurück⸗ weichen, die ſie nie hätten verlaſſen dürfen. Das prahle— riſche Albion wird von ſeinen unerträglichen Anſprüchen laſſen und demüthig um Frieden bitten, nach dem ſchon jetzt ſeine verhungernden Arbeiter, ſein ruinirter Handels⸗ ſtand, die Gewerbetreibenden, das ganze Volk ſeufzt. Und dann wird der Friede, den unſer Kaiſer erſehnt, alle Nationen der Erde verbinden und ſeine Segnungen auch über unſer armes, zerriſſenes Deutſchland ausgießen, das ihrer, trotz der vielen kriegloſen Jahre, niemals froh wer⸗ den durfte unter der Herrſchaft von Fürſten, welche nur an ſich und nie an die Völker dachten, die ihrer Hut an⸗ vertraut waren. „Wir redeten oben von den Sendlingen, die zwiſchen dem feindlichen Lager und den heimiſchen Conſpirateurs hin⸗ und hergehen und, zumal an den Küſten, Beiſtand und Anhang finden, den man bei den, jedermann als wahnſinnig und ausſichtslos einleuchtenden Plänen der Einen und bei der furchtbaren Gefahr, welche die Ande⸗ ren, die Hehler, laufen, für geradezu unbegreiflich und unmöglich erklären müßte, wüßte man nicht, daß Albions Guineen auf ſolche armſelige und verbrecheriſche Men⸗ ſchen einen unwiderſtehlichen Einfluß haben, einen Ein⸗ fluß, dem ſelbſt ſogenannte Hochſtehende und Wohlhabende n gegen⸗ iner un⸗ ener und e letzten ſchönes zurück⸗ prahle⸗ ſprüchen m ſchon Handels⸗ ſeufzt. nt, alle en auch zen, das foh wer⸗ lche nur Hut an⸗ zwiſchen irateurs Beiſtand ann als nen der e Ande⸗ ſich und Albions Men⸗ en Ein⸗ habende Ein voller Tag. 159 hie und da unterliegen. Wir ſagen nur, was wir ver⸗ treten und beweiſen können. Der berüchtigte, frühere preußiſche Offizier, Rittmeiſter von H—, iſt z. B. vor einigen Tagen, von Petersburg zurückkehrend, in unſerer Nähe gelandet, durchzieht Nord⸗Deutſchland, man möchte glauben, zum Zweck von Terrainſtudien, ſo genau ſucht er ſich über die durchzogenen Gegenden zu orientiren, und weiß ſich bisher mit Hülfe gleich verrätheriſch Geſinnter allen Verfolgungen zu entziehen. Trotzdem iſt man ihm auf der Spur und wird ihn nicht wieder aus den Hän— den laſſen. Zuletzt ſah man ihn als Probenreiter, an⸗ geblich für ein Braunſchweiger Haus, zu Pferd in der Nähe von N.— Wir erhalten dieſe Nachrichten von einem treuen Unterthan des Kaiſers, der den Frechen ſelber geſehen und erkannt hat.“— Graf Eberhard las den Artikel zum dritten Male durch, bevor er das Blatt auf den Tiſch legte, aufſtand und, in finſteren Gedanken am Fenſter ſtehend, auf den, von der ſchon tief ſtehenden Sonne freundlich überſtrahl⸗ ten ſtillen Hof ſchaute. Der Herr hatte wohl ein Recht zum Rachdenken. War dieſer Artikel des ſonſt überaus ſcheuen und niemals in ähnlicher Weiſe perorirenden Blat⸗ tes ernſt gemeint oder trotz des Inhalts nur als eine Art von Warnung geſchrieben, wie das dazumal häufiger vorkam, als man denken ſollte?— War der zuletzt Be⸗ ſprochene, trotz des zuſtimmenden H—, überhaupt ſein Gaſt? Hoven hatte wenigſtens nichts davon erwähnt, daß er vor der Maske des reiſenden Jägers noch eine 160 Sechstes Kapitel. andere getragen.— Und dennoch, auch alle Neben⸗Um⸗ ſtände paßten, und dieſe Anrufung der Behörden— Der Graf wandte ſich haſtig, als dächte er plötzlich an etwas Vergeſſenes, wieder dem Tiſche zu, wo die Zei⸗ tungen lagen, und griff nach dem Kreisblatte, in welchem die Erlaſſe der Regierung in deutſcher und franzöſiſcher Sprache zu finden waren, und er hatte kaum die zweite Seite aufgeſchlagen, ſo haften ſeine Augen auf dem „Steckbrief.“ „Der frühere preußiſche Rittmeiſter von Hoven, ſpäter betheiligt an dem Zuge des Generals von Braunſchweig und in Folge deſſen in contumaciam zum Tode verurtheilt, iſt zwiſchen dem 15. und 20. h. in Travemünde gelandet und ſeitdem auf dem Wege nach Berlin durch— mehrfach geſehen und auch verfolgt worden, ohne daß man ſeiner bisher habhaft werden konnte. Er reist bald zu Pferde, bald zu Fuß. Zuletzt ſah man ihn an⸗ geblich in der Nähe von N., doch hat er dieſe Stadt vermuthlich nicht paſſirt, ſondern ſie auf dem Wege nach D. umgangen. Er gab ſich für einen Handlungs⸗Reiſenden der Gebrüder Bröder in Braunſchweig aus und führte auch einen dahin lautenden Paß, der offenbar gefälſcht oder dem richtigen Beſitzer entwendet ſein muß. „Geſtalt— feſt; Größe etwa 5 Fuß 7—8 Zoll; Geſichtsfarbe— gebräunt; Haare— braun; Augen — dunkel; Alter— einige dreißig Jahre; beſon⸗ den⸗Um⸗ plötzlich die Zei⸗ welchem zöſiſcher e zweite em Hoven, als von maciam 15, und dem auf geſehen ſeiner bald zu ihn an⸗ er dieſe auf dem ür einen üder in n dahin der dem 8 zoll Augen „beſon⸗ Ein voller Tag. 161 dere Kennzeichen— ſind nicht anzugeben. Er trug, als man ihn zuletzt ſah, einen dunklen Rock vom ſogenannten deutſchen Schnitt, ſammet⸗mancheſterne ſchwarze Beinkleider und Reit⸗Gamaſchen von einer hellen, ſtaub-grauen Farbe, auf dem Kopf eine grün⸗lederne Mütze mit Klappen zum Auf⸗ und Niederſchlagen. Gepäck— ein kleiner Mantelſack. „Daher werden alle Behörden in Stadt und Land aufgefordert, auf dieſen gefährlichen Men⸗ ſchen u. ſ. w.“ Graf Eberhard hatte dieſes alles genau und bedächtig geleſen und währenddem ein paarmal den grauen Kopf geſchüttelt. Nun warf er aber das Blatt auf den Tiſch, klingelte und fragte den herbeieilenden Diener ungewöhn⸗ lich raſch:„Detlef daheim?“ „Ich ſah ihn ſeit heute Morgen nicht,“ lautete die Antwort. „So laß nach ihm ſehen und ihn augenblicklich her⸗ überkommen,“ ſagte der Herr wieder und fügte, den Fin⸗ ger erhebend und mit ernſtem Blick auf den aufmerkſa⸗ men alten Diener in gar beſonderem Tone nur das eine Wort:„Vorſicht!“ hinzu.— Dann wandte er ſich ab und ſeinem Schlafzimmer zu, während der Diener raſch das Gemach verließ Doch hatte er noch nicht die Thür geſchloſſen, als ihn des Herrn Stimme noch einmal zurückrief.—„Herr Müller iſt, glaub' ich, ſchon abgereist?“ fragte der Graf Hoefer, Frerndherrſchaßt I. 11 162 Sechstes Kapitel. in anſcheinend gleichgültigem Ton.—„Ging er nicht vor— hin über den Hof gegen den Wald zu?“ „Zu Befehl, Euer Gnaden,“ lautete die Antwort. „Alſo Detlef, Hans!“— Und während der Diener zum zweitenmale die Thür öffnete und wieder hinter ſich ſchloß, nahm Graf Eberhard die Blätter vom Tiſch und ging raſchen Schrittes in's Schlafzimmer und auf die kaum ſichtbare Tapetenthür zu, durch welche man in das von Hoven bewohnte Zimmerchen gelangen konnte, ohne daß einer der anderen Hausbewohner es zu bemerken vermochte. Aber er hatte die Hand nur eben nach d der Klinke ausgeſtreckt, als ihn ein lautes und athemloſes:„Onkel!“ — von der Stimme ſeiner Nichte innehalten und ſich umdrehen ließ.„Was gibt's, Kind?“ rief er überraſcht, denn ſie ſtand am Fenſter, welches nach dem Hofe hin— ausführte, und ſchaute über die niedrige Brüſtung, erhitzt und mit fliegendem Athem, ſo daß ſie anſcheinend noch nicht die Kraft zu einem weiteren Worte finden konnte. Endlich rang ſich ein mühſames:„Ein Douanier— im Garten— beim Gärtner— fragte nach dem Jäger von neulich!“— frei. „Herr Müller?“ verſetzte Graf Eberhard mit einem wunderſam ruhigen Lächeln.„Der iſt ja ſchon vorhin aufgebrochen. Weßhalb kommen die Narren nicht früher!“ — Und im gleichen, gefaßten Tone weiter redend, ſetzte er hinzu:„Komm herein, mein Kind, du biſt erhitzt. Ich werde ſogleich wieder bei dir ſein. Kümmere dich inzwi⸗ ſchen um nichts.“— Und mit ein paar raſchen Schrit⸗ vor⸗ — ◻ρ. μρ Ein voller Tag. ten war er an der Tapetenthür und hinter ihr ver⸗ ſchwunden. Sophie Magdalene ſah ihm eine Weile gleichſam fragend nach, dann wendete auch ſie ſich vom Fenſter fort, und da ſie einen Diener über den Hof kommen ſah, be⸗ auftragte ſie denſelben mit der Meldung, daß der Onkel ſie im Garten finden werde, und betrat dieſen gleich dar— auf auch durch die Pforte, welche unmittelbar neben dem Hauſe hineinführte. Dort zog ſich ein ſchmaler Steig zwiſchen jetzt faſt abgeblühten Blumenrabatten, kleinen Gebüſchpartieen und der mit Reben bezogenen Giebelſeite des Hauſes hin, und da ging das junge Mädchen, ſichtbar noch immer in großer Aufregung, auf und ab, denn bald ſenkte ſie ſinnend das Haupt, bald erhoben ſich ihre brau⸗ B nen Augen zu einem flüchtigen Blick auf die im Wein⸗ laube faſt verſteckten Fenſter, oder flogen blitzend und ſpähend über die weiterhin offenen Gartenräume, deren Hintergrund in nicht großer Entfernung der Wald bildete. Sie ſah jedoch nichts Ungewöhnliches oder Gefahrdrohen⸗ des; im Gegentheil zeigte ſich im Garten ſo wenig ein Menſch, als hinter den Fenſtern des Hauſes, und der Hühnerhund des Onkels, der mit einer Art von anſtändi⸗ ger Geſetztheit an ihrer Seite wandelte, verrieth durch keinerlei Unruhe das Nahen eines Fremden. Erſt als vielleicht ſchon eine halbe Stunde vergan⸗ gen war und die Gräfin ihren Weg ſchon ein paarmal bis auf die Rückſeite des Hauſes ausgedehnt hatte, wo zwei gewaltige alte Linden einen verhältnißmäßig großen freien Raum beſchatteten, blieb der Hund ſtehen und — —t — 164 Sechstes Kapitel. ſchaute, mit dem kurzen Schwanze wedelnd, gegen den Hof zurück. Sich umdrehend, ſah das Mädchen auch gleich darauf den Onkel in Begleitung ihres Bruders langſam daher kommen. Der alte Herr ging in ſeiner bequemſten Haltung, die lange, hagere Geſtalt ein wenig vornübergebeugt, das Haupt, deſſen graues, ſchlichtes Haar jetzt unbedeckt war, noch weiter gegen die Bruſt geneigt und die Hände auf dem Rücken. Er ſchien in nichts weniger als gedrückter Stimmung zu ſein, vielmehr zeigte ſein Geſicht eine gewiſſe freundliche Ruhe, die weit ab war von der melancholiſchen Stille, welche ſich für g wöhnlich über ſeine Züge auszubreiten pflegte, und das leichte Kopfſchütteln, welches ſeine einzige Antwort auf die lebhaften Worte ſeines Begleiters zu ſein ſchien, wollte der Beobachterin faſt als ſorglos auffallen. So ſah ſi im Entgegengehen, und im nächſten Augenblick waren die Herren ſchon bei ihr. Da erſt erhob der Onkel den Kopf, ſah ſie freund⸗ lich muſternd an und fragte lächelnd:„Nun Kind, haſt p du dich jetzt gefaßt? Ich habe dich bisher gar nicht als ſo ſchreckhaft gekannt.“ „Was iſt? Was haſt du, Schweſter?“ rief Eugen lebhaft, indem ſeine Augen forſchend von Sophie Mag⸗ dalene zum Onkel zurückflogen. „Ah bah,“ ſagte Graf Eberhard, und ſein Ton klang jetzt ſogar ein wenig wegwerfend,„was wird's ſein? Die Douane ſcheint ſich noch immer mit meinem Gaſte, dem Müller, beſchäftigen zu wollen, wenigſtens hat die Kleine gehört, daß jemand nach ihm gefragt. Ich weiß aber — wenig es Haar geneigt nichts r zeigte ſah ſie Eugen Mag⸗ Ein voller Tag. 165 ſelber noch nichts Genaues un △ komme nur her, um mein kleines ſchreckhaftes Vöglein in's Haus zu holen. Hier draußen iſt's mir zu kühl. Kommt!“— Und er kehrte ſich ab und ſchritt, von den mit einander flüſternden Ge⸗ ſchwiſtern gefolgt, behaglich den Steig zurück, aus der Gartenpforte, über den Hof, in das Haus und ſein Zimmer. Da erſt blieb er wieder ſtehen, wandte ſich dem Paare zu, und redete plötzlich, während auch ſein Geſicht den Ausdruck eines tiefen Ernſtes angenommen hatte, in einem nichts weniger als ſorgloſen Tone:„Zu Verſchwö⸗ rern und Intriguenſpinnern paſſen wir alle nur ſchlecht, Kinder, und ihr Beide noch weniger, als ich. Localitäten und Verhältniſſe verändern zwar unſere Maßnahmen, allein das Eine ſteht feſt: Im Freien, wenn es nicht ganz freies Feld iſt, ſind dergleichen Unterhaltungen immer noch mißlicher, als im eigenen Zimmer, deſſen Wände man wenigſtens als ohrenlos kennt. Vor Thüren und Schlüſſellöchern ſind wir bei mir auch ſicher,— und ſo— mit erzähle, Kind! Dann kommt Eugen, dann ich— es muß nach der Reihe gehen,“ ſetzte er mit wieder auf—⸗ leuchtendem Lächeln hinzu.— Und er ließ ſich in die Sophaecke gleiten und ſtützte das Haupt auf das Seiten⸗ polſter. „Es iſt nur wenig,“ ſprach Sophie Magdalene ge⸗ preßt,„und doch hat es mich ernſtlich erſchreckt.— Ich war vorhin gegen die Kronenwieſe zu gegangen und blieb hinter dem letzten Gebüſch des engen Steiges ſtehen, weil ich vor mir, im Buchenweg, Stimmen hörte. Dann ver⸗ 166 Sechstes Kapitel. nahm ich auch das Geſpräch— der Gärtner, der dort das Laub zuſammenkehren ließ, ſprach mit einem Doua⸗ nier—“ „Alſo auch dort?“ rief Eugen.„Ich brachte dem Onkel eben die Nachricht, daß jenſeits des Dorfes ein Knecht von einem ähnlichen Burſchen geſtellt und nach Hoven gefragt worden.— Wir ſind umſtellt, Onkel!“ „Daß ich nicht wüßte!“ lautete die wieder ruhige Antwort.„Geſetzt, es gäbe für uns etwas Beunruhigen⸗ des dabei, ſo bin ich zwar ein ſchlechter Verſchwörer, aber Detlef würde ſagen: es iſt ein armer Fuchs, der nur Ein Loch hat!“ „Aber, Onkel, ich verſtehe dich nicht!“ rief Eugen. „Hoven—“ „Der Jäger Müller iſt gleich nach Tiſch fortgewan⸗ dert, ſage ich,“ fiel ihm der Oheim lächelnd in's Wort. „Ich ſo gut wie einige Diener haben ihn gegen den Wald zu gehen ſehen. Doch genug davon. Du warſt erſt der Zweite, Eugen!— Jetzt Kind— war's alſo ein Deut⸗ ſcher, der mit dem Gärtner ſprach?“ „Ja, etwas fremd klingend redete er, aber für den Alten verſtändlich. Er fragte, ob der Jäger, der neulich in deiner und Detlef's Begleitung geſehen worden, noch im Hauſe und daheim ſei.— Und der Alte antwortete: er komme zwar wenig in's Haus, habe jedoch zufällig er— fahren, daß der Mann heute wieder fort wolle, weil du ihn nicht placiren könneſt. Heute Morgen habe er ihn mit dir fortreiten ſehen, ſeitdem nichts mehr von ihm er⸗ fahren und wiſſe nicht einmal, ob er mit dir zurückgekehrt ruhige uhigen⸗ rer, aber rtgewan⸗ z Wort. en Wald en, noch Ein voller Tag. 167 ſei.— Da ſprang ich fort dem Hauſe zu, um dich zu benachrichtigen, Onkel,“ ſchloß ſie.„Du nahmſt aber meine Nachrichten kalt genug auf.“ „Weil ich Wichtigeres im Kopfe hatte,“ verſetzte er ernſt und ließ den untergeſtützten Arm ſinken.„Ein An⸗ griff, der hier erfolgte, kümmerte mich einſtweilen wenig; ich bin meiner Leute ſicher— der Gärtner beweiſ't euch das. Von uns fort brächte ich Hoven leicht und ohne Gefahr, auch über die Grenze. Aber weiter?— Eugen, nimm die Blätter dort vom Tiſche und lies deiner Schwe⸗ ſter die Artikel vor.„Von der Elbe“ und den„Steck⸗ brief.“— Und als der junge Mann dem Geheiß gefolgt war und die beiden Stücke, nur ein paarmal von Sophie Magdalenens Schreckensrufen unterbrochen, beendigt hatte, fügte Graf Eberhard zu ſeinen vorigen Worten hinzu: „Das erſchreckte auch mich, und darüber mußte ich vor allem klar werden.“ Es war eine Weile lang ſtill im Zimmer. Dann erſt ſagte Eugen, der die Blätter wieder auf den Tiſch geworfen, mit gefalteter Stirn:„Iſt das Verrätherei oder nur ſtrafwürdige Unvorſichtigkeit?“ Graf Eberhard zuckte die Achſeln.„Letzteres gewiß nicht,“ entgegnete er,„und Erſteres kaum. Denn die Sache ſchien mir ſchon von vorn herein ſeltſam zu ſein, wurde aber durch Hoven's Mittheilungen vollkommen un⸗ verſtändlich. Wie ihr gehört, ſtimmt etwa die Hälfte ge— nau, die andere Hälfte der Mittheilung trifft nicht im entfernteſten zu. Er iſt gegenwärtig nirgends anders als Jäger und nie in einem andern Coſtume, nie anders als 3 G 3* 4 1 2 168 Sechstes Kapitel. zu Fuß aufgetreten, hat ſich nirgends aufgehalten, iſt gar nicht in die Nähe von N. gekommen. Und endlich, ſo genau die übrige Schilderung zutrifft— da ſteht:„beſon⸗ dere Kennzeichen ſind nicht anzugeben“— während doch kein Menſch, am wenigſten ein Polizei⸗Beamter oder Spion, die Narbe überſehen kann, die an der linken Schläfe herab läuft.— Nun erklärt mir dieſe Widerſprüche!— Doch, noch mehr!“ fügte er hinzu und ſtand auf, blieb jedoch vor den ihn noch immer ſprachlos Anſtaunenden ſtehen;— „Hoven gab zu, daß er allerdings den Weg über N. im Sinne gehabt, ihn aber aufgegeben habe, theils weil man ihn in Lübeck ſchon vor der Reiſe durch das— ſche ge⸗ warnt, theils weil ihm der Umweg zu uns in dieſem Falle gar zu groß erſchien.— Was ſagt ihr dazu?“ Es verging einige Zeit, bis Eugen kopfſchüttelnd be⸗ merkte:„Ich finde das doch leichter zu erklären, ja, viel⸗ leicht liegt hierin der Schlüſſel zu allem Uebrigen. Man hat alſo von dieſer Abſicht erfahren und auch daran ge⸗ glaubt. Später mag man denn irgend einen Anderen für ihn gehalten haben,“ „So dachte ich zuerſt auch,“ fiel Graf Eberhard ein. „Allein Hoven verſicherte, daß von dieſer Abſicht niemand auch nur eine Ahnung haben könne, da er ſelber kein Wort darüber habe verlauten laſſen, ſelbſt in Petersburg, ſelbſt in Lübeck nicht, und das Ganze bei ihm ſelber eigent⸗ lich nie mehr als ein augenblicklicher Einfall geweſen ſei. Die Warnung in Lübeck ſei nur als eine, man könnte ſagen: ſtatiſtiſche Notiz über die dortigen Verhältniſſe aus⸗ geſprochen worden. Das iſt alſo wieder nichts,“ ſchloß iſt gar lich, ſo „beſon⸗ nd doch Spion, fe herab Doch, eil man ſche ge⸗ m Falle elnd be⸗ a, viel⸗ Man⸗ ran ge⸗ underen ard ein. iemand er kein rsburg, eigent⸗ ſen ſei. könnte ſe aus⸗ ſchloß Ein voller Tag. 169 der Herr und fing an, langſam im Zimmer auf⸗ und abzugehen. Es war eine lange Stille im Gemach, denn die Ge⸗ ſchwiſter wußten nichts zu ſagen, und der Onkel ſchien kaum noch an ihre Gegenwart zu denken; ſie hatten alle mit dem Freunde zu thun, den man ſo ſchnell aufgeſchreckt aus ſeiner verdienten Ruhe. Erſt nach einer geraumen Weile fragte Eugen, der bisher am Fenſter geſtanden und auf den Hof hinaus ge⸗ ſehen, indem er ſich den Anderen wieder zukehrte:„Und nun, Onkel, was können wir für Hoven thun und was gedenkſt du zu thun? Befiehl! Du ſollſt mich bereit finden. Wäre es nicht am beſten—“ Graf Eberhard war ſtehen geblieben und maß ihn mit einem— man hätte ſagen mögen: faſt ſchelmiſchen Blicke, der das bisher ſo ernſte Geſicht auf das anſpre⸗ chendſte erhellte.„Und nun?“ fiel er ein.„Es iſt doch ſeltſam, mein Freund! Heute Morgen ergingſt du dich mit wahrem Wohlgefallen in einem Namen, der für jedermann ein gleichgültiger und ungefährlicher, während du nun, ich weiß nicht mehr, wie oft ſchon, einen anderen heranziehſt, der eben nicht gleichgültig, nicht ungefährlich!— Und zum Zweiten— ich habe euch Beiden geſagt, daß der Jäger vorhin bereits fortgewandert. Mir däucht, das ſollte euch genügen, und ihr könntet mir allenfalls eben ſo viel Glauben ſchenken wie meine Diener. Kümmert euch um eure Angelegenheiten und laßt mir die meinen. Es kann euch nur angenehm ſein, zumal mit ſolchen Affairen nicht mehr zu thun zu haben, als nöthig.“ 170 Sechstes Kapitel. Eugen drehte ſich wieder dem Fenſter zu. Ein Ge⸗ fühl von Unbehagen und Verdruß überſchlich ihn bei des Oheims Weiſe, der nach ſeiner Vorſtellung und Ausle⸗ gung, ſo liebenswürdig er ſonſt war und ſo allgemein er in ſeiner Umgebung durch Milde und Nachſicht herrſchte, dennoch in einzelnen Zügen hin und wider verrieth, daß er der Sohn des Grafen Hartmuth auf Nieder⸗Rhoda, von deſſen tyranniſchem und despotiſchem Weſen, von deſſen Hochmuth, von deſſen Vorurtheilen man in ſeiner Familie genug zu leiden hatte und landein und aus zu ſagen wußte. Eugen hätte ſo gern auch ſeinerſeits Theil genommen an der Rettung des Fremdlings, der ihm näher zu ſtehen ſchien als dem Oheim, durch den Freund nicht nur, von dem er den Geſchwiſtern Grüße gebracht, ſondern auch durch die heiligen Intereſſen, welche ihn nicht weniger zu dieſer Reiſe vermocht, und die ihren hellen Wiederklang fanden in der Bruſt des jungen Grafen,— Intereſſen, die bei dem Onkel vor all der Sorge und Peinlichkeit, vor all der Ueberlegung und den Rückſichten ſeines Alters, ſeiner Stellung, ſeiner Verhältniſſe und— vermöge ſeiner ganzen ruhigen, ja, kalten Auffaſſungsweiſe gar nicht zur rechten Geltung kommen mochten. Es war in dem leb⸗ haften jungen Manne nicht allein jener Neid, der auch über den Beſten und Edelſten kommt, wenn er von einem Anderen ſich die Gelegenheit zum willkommenen Handeln 1 1 8 entzogen ſieht, ſondern auch jene Art von Ungerechtigkeit, mit welcher wir in der Jugend nur gar zu häufig und gar zu ſchnell über Anſichten und Handlungen Aelterer aburtheilen, die nicht mit den unſeren übereinſtimmen, ja, Ein Ge⸗ bei des d Ausle⸗ hemein er herrſchte, ieth, daß er⸗Rhoda, on deſſen r Familie en wußte. mmen an zu ſtehen nur, von ern auch eniger zu tederklang zntereſſen pkeit, vor z Alters, zge ſeiner nicht zur dem leb⸗ der auch oon einem Handeln cchtigket ufig und Aelterer nmen, ja, —1 — Ein voller Tag. wohl gar, den unſeren zuvorkommend, uns zum Folgen und Nachgeben zwingen. Und wie es in ſolchen Fällen häufig zu gehen pflegt — der Verdruß, der den jungen Mann erfüllte, ohne daß er verſucht hätte, ſich die Grundloſigkeit desſelben klar zu machen und demgemäß dieſe Regung zu überwinden, machte ſich nach einer anderen Seite hin Luft, und er murmelte, doch immerhin ſo, daß es auch die beiden Verwandten ver⸗ ſtehen konnten:„Dieſer Zuſtand iſt nicht mehr zu ertragen! Wir können und dürfen uns nicht länger mehr alſo knech⸗ ten laſſen!“ „Und wir werden es dennoch fort tragen müſſen, wie wir es ſeit ſechs Jahren getragen,“ warf der Onkel ruhig hin.„Und wenn ich die Wahrheit ſagen ſoll— ich freue mich ſolcher Noth und ſolches Drucks. Sie müſſen zuerſt unerträglich werden und das Gefühl dieſer Unerträglich⸗ keit bei allen, bei Hoch und Gering, zum Bewußtſein kommen—“ Eugen wandte ſich ungeſtüm um.„Ich denke, das wäre es!“ rief er. „Vielleicht, vielleicht auch nicht; wiſſen wir das ſo ge⸗ nau?“ verſetzte Graf Eberhard mit gleicher Ruhe und ohne ſeine Promenade zu unterbrechen.„Aber wenn auch— was hilft das, mein Junge, ſo lange der Kopf noch, wie ſich's gehört, oben bleibt und ſpricht: Noch nicht!“ „Ja, ihr mit eurem Warten und Harren werdet harren und warten, bis es zu ſpät wurde!“ ſprach Eugen grollend.„Laßt uns irgendwo den Brand anlegen— ich ſtehe dafür, daß es im Nu allerwärts aufflammt.“ Sechstes Kapitel. „Aufflammt— ja wohl! Aber auch weiter brennt, nachhaltig, gewaltig, in vernichtender Glut?— Schwer⸗ lich!— Ein Volk— ich meine aber das geſammte Volk, Hoch und Gering, alles, was ein Bewußtſein ſeines Volks⸗ thums, ſeiner Nationalität, ſeines Einsſeins und ſeiner Eigenartigkeit in ſich hat und ſich daher wenigſtens auch Eins nennt— ein Volk oder vielmehr eine Nation iſt, um deinen Vergleich fortzuſetzen, keine Strohſcheune, die, ſobald das Strohdach flammt, auch ganz und gar zuſam⸗ menbrennt. Es iſt vielmehr wie ein altes, tief gegründe⸗ tes, maſſiv erbautes, eiſenfeſtes Haus, das ſteht und ſteht, ſo viel Stürme auch daran rütteln oder es gar einmal durchbrauſen. Das bringſt du mit einem Haufen Hobel⸗ ſpäne nicht in Brand, die verflammen gefahrlos, oder es gießt ſie einer mit einem Eimer Waſſer aus, und das Geſindel, das jetzt in dem Hauſe den Herrn ſpielt, kehrt ſich nicht daran. Aber es gibt ein anderes Feuer, das hat jenes Geſindel ſelber zuerſt verſchuldet durch Nachläſ⸗ ſigkeit und Gleichgültigkeit, durch wahnſinniges Hantieren aller Art. Das iſt nun da und glimmt und frißt Geheimen, bis die alten Balken angehen und die Riegel in den Wänden. In den Kammern ſchleicht's und in den Win⸗ keln haust's, da niemand hinkommt; unter den Treppen frißt's und wühlt geheimnißvoll weiter. Den Dunſt ſpüren ſie wohl und die Glut ahnen ſie, allein ſie finden ſie nicht oder ſie fin— den ſie überall. Und dann kommt die Stunde, und dann bricht's aus, unten und oben, vorn und hinten, überall! Und das gibt eine Flamme, die kann nur in ſich ſelbſt ver⸗ löſchen, wenn ihre Nahrung zu Ende. Alles Waſſer des brennt, Schwer⸗ nte Volk, s Volks⸗ ad ſeiner ens auch ation iſt, une, die, r zuſam⸗ gegründe⸗ nd ſteht, einmal und das 1 lt, kehrt jer, das Riegel in den Win⸗ en frißts ſie wohl r ſie fin⸗ nd dann überall! lbſt vel⸗ iſſer des Ein voller Tag. 173 Weltmeers hilft da nicht mehr.— Siehſt du, das iſt un⸗ ſer Fall, glaub' ich faſt,“ ſetzte der Graf nach einer kleinen Pauſe hinzu. Eugen ließ eine ganze Weile vergehen, bevor er zu antworten verſuchte.„Wie du es ſchilderſt,“ ſagte er, „wäre ſolch ein Brand für die rechten Beſitzer nicht min⸗ der gefährlich als für das Geſindel, das man hinausräu chern will.— Was bleibt ihnen?“ „Der neue Bau!“ lautete des Oheims kräftig betonte Erwiderung.„Wer den bevorſtehenden Brand in unſerem Hauſe nur für ein Ausräuchern hält, das auch uns allen⸗ falls ein paar Haare verſengen könnte, würde— mit der Hand in die Kohlen ſchlagen.— Aber laſſen wir all dieſe traurigen, widerwärtigen und thörichten Vergleiche,“ fuhr er fort,„und kehren wir dahin zurück, von wo wir aus⸗ gegangen. Ich ſagte: das Gefühl der Unerträglichkeit des Druckes könne und müſſe durch den Druck ſelbſt erſt ein allgemeines werden; und wenn du meinſt, das ſei es ſchon, ſo entgegne ich: möglich, aber es iſt damit nicht genug! Der Kopf ſoll über dem Gefühl ſtehen, der Kopf ſoll überlegen und berechnen, wann wir das Gefühl ſich äußern laſſen dürfen— mit Erfolg, mein Junge! Denn ohne dieſe Ausſicht auf Erfolg oder doch auf die Mög— lichkeit eines ſolchen wird nichts aus unſeren Plänen und Hoffnungen. Dieſe Ausſicht muß uns nicht allein Muth, ſondern auch die Stärke und Ausdauer geben, deren wir bedürfen werden. Danken wir Gott, daß unſere Köpfe noch mächtig genug ſind, um alles nach und nach heran⸗ reifen zu laſſen — Sechstes Kapitel. „Denn wir ſind doch darüber einig, Eugen,“ ſchloß er,—„geſetzt, die ganze Armee, die nach Rußland zog, ginge dort zu Grunde, was aber kein Menſch annehmen wird oder darf; geſetzt, der Kaiſer müßte erſt eine neue organiſiren oder vielmehr aus den Uranfängen heraus er⸗ ſchaffen, um uns und unſeren etwaigen Alliirten begegnen zu können— eine Haſenjagd würde es dennoch nicht, ſon— dern immer noch ein Kampf auf Tod und Leben. Mögen wir Napoleon und die Franzoſen verdammen und ver⸗ fluchen— verachten dürfen wir ſie nicht, oder wir würden die Folgen einer ſolchen Thorheit ſchwer zu empfinden haben. Die Letzteren ſind geborene Soldaten und in der Hand eines tüchtigen Führers zu allem fähig, was Men⸗ ſchen leiſten können. Und dieſen Führer haben ſie in ihm, dem wir keinen auch nur ähnlichen gegenüber zu ſtellen haben.— Das iſt mein Glaube, und ich meine, er wird meine Thätigkeit und meine Thatkraft nicht lähmen, ſon⸗ dern ſie, indem er ſie nur zur rechten Zeit und auf den rechten Punkt zur Anwendung kommen läßt, dann viel⸗ mehr ſtärken und zur äußerſten Anſpannung bringen.“— „Darin gehen wir für immer aus einander, weißt du!“ ſagte Eugen nach einer Pauſe finſter und trat vom Fenſter fort, an welchem er ſeither gelehnt. Graf Eberhard folgte ihm und trat vor ihn hin. „Das weiß ich nicht,“ verſetzte er und ſchaute den ver⸗ ſtimmten Neffen mit einem milden und doch auch wieder ein wenig ſpöttiſchen Lächeln an.„Gib der Wahrheit die Ehre, Schatz! Es iſt im Grunde dein einziger Verdruß, mein Lieber, daß ich dich an der Salvirung unſeres , ſchloß land zog, annehmen eine neue zjeraus er⸗ begegnen nicht, ſon⸗ 1. Mögen und ver⸗ ir würden empfinden nd in der nas Men⸗ ie in ihm, zu ſtellen e, er wird men, ſon⸗ d auf den dann viel⸗ ingen.— der, weißt dtrat vom den ver⸗ e den Ein voller Tag 175 Freundes nicht Theil nehmen, vielmehr dich über dieſelbe auch noch im Unklaren laſſe.“ „Onkel!“ rief Eugen und ſeine Wangen wurden roth. „Gib' der Wahrheit die Ehre, ſage ich!“ ſprach der alte Herr noch heiterer und legte die Hand auf des An⸗ deren Schulter.„Sieh, deine Schweſter ſieht es ein und lacht dich ſo gut wie ſich ſelbſt aus. Denn bei dir ſpukte auch ſo was— deutſche Jungfrau?“ ſetzte er hinzu und ließ einen langen Blick, in dem ſich Gutmüthigkeit und Schlauheit, Zärtlichkeit und Neckerei vereinten, zu dem lachenden Mädchen hinübergleiten.„Und wenn ich euer Empfinden auf der einen Seite natürlich finde— auf der anderen Seite muß ich's doch thöricht ſchelten. Denn ihr ſolltet mir weniger zürnen als danken, daß ich euch Rücken und Hand frei halte. Das ſieht ein Kind ein!— Denn ein Kind begreift,“ ſchloß er und nickte, plötzlich wieder ernſt werdend, mit dem Kopfe,„daß wir, nach ſolchen Anfängen, möcht' ich's heißen, noch nicht bei dem Ende ſind.— Laßt uns alſo Frieden und zuſammen halten und noch einen Gang durch den Garten machen. Es wird ein prachtvoller Himmel über uns ſein.“ Die Geſchwiſter folgten ihm gern, denn das Weſen und die ganze Weiſe des Oheims ließen auch eine ernſtere Verſtimmung in ſeiner Umgebung nicht leicht dauernd werden, und überdies waren Beide zu ehrlich, um nicht bereits ſein Recht und ihr eigenes Unrecht eingeſehen zu haben. Sophie Magdalene hing ſich mit zärtlichem Blicke und einem heiteren Scherze an ſeinen Arm, und Eugen nahm eben ſeine Mütze vom Fenſterbrett, als er einen Sechstes Kapitel. Reitknecht in rother Livree über den Hof herantraben ſah, und rief;„Da kommt Nachricht von Nieder⸗Rhoda!“ Der Onkel warf gleichfalls einen flüchtigen Blick durch das Fenſter.„Die wollen wir draußen annehmen. Kommt nur!“ ſagte er, die Nichte mit ſich fortziehend, und ſchritt durch die Zimmer und den Flur vor die Thür, wo der Reiter ſchon vom Pferde ſprang und, den Hut in der Hand, dem Grafen einen Brief darbot. Graf Eberhard öffnete, las und ſchob das Schreiben in die Seitentaſche des bequemen Rockes.„Stelle dein Pferd eine halbe Stunde ein und laß dir zu eſſen und zu trinken geben,“ ſprach er freundlich zu dem Reitknechte. „Dann reite zurück, grüße meine Schweſter und melde, daß der Beſuch mir angenehm ſein werde. Weiter iſt nichts nöthig.“— Und ſich abwendend und dem Garten zuſchreitend, ſetzte er für die Geſchwiſter hinzu:„Hebe ſchreibt mir, daß ſie morgen kommen wollen— zum Früh— ſtück ſchon. Der General rechne dann auf deine Führung durch die Heide, Eugen, denn er wolle den Vater Steffen kennen lernen. Stephanie werde euch begleiten, ſie— doch lies ſelbſt, ich verſtehe die Pointe dieſer Bosheit nicht,“ dun h er ab und reichte Eugen das Schreiben hin, das die⸗ ſer mit einer gewiſſen Haſt entfaltete und las: Mon cher! „Heute ging's nicht; morgen früh zum Frühſtück ſind wir alle bei Dir, außer dem Papa natürlich. General Armand Renaud will dann unter Eugen’s Führung in die Heide zum Vater Steffen, für den v 5 n ſaß Dda Blick durch n. Kommt 1 p u nd ſchritt n Garten Hebe 1 um Früh⸗ Führung er 8 teffen —- Ein voller Tag. 17 dieſes gute Kind von einem General in einer faſt deutſchen Weiſe ſchwärmt. Seine Adjutanten und die liebe Stephanie begleiten ihn. Das Kind un⸗ ſerer Schweſter iſt von den jungen Herren über das Daſein eines Volkes aufgeklärt worden und brennt nun danach, etwas Derartiges kennen zu lernen. Es iſt überhaupt ein hülfsbedürftiges We⸗ ſen. Laß Dir von Eugen erzählen, der ſie ſchon ein wenig ſtudirt hat.— Ich bleibe natürlich bei Dir und laſſe mir von dem Kometen berichten. Zu ſehen werden wir ihn wohl ſchwerlich bekommen. Dieſer Nebel iſt ihm nicht günſtig und ſcheint an— haltend werden zu wollen.— Gott befohlen, mein lieber Alter!„Hebe.“ „Dieſe letzten Zeilen ſind entſchieden nicht umſonſt geſchrieben— ich kenne Hebe!“ ſagte Graf Eberhard, in⸗ dem er die Nichte weiter zog.„Ich glaube, ſie wird uns am Ende Einblicke in das eröffnen können, was uns allen jetzt noch unklar und räthſelhaft. Aber genug davon. Was bedeutet das mit eurer Couſine? Du ſollſt uns ja Auskunft geben können, Eugen. Wie iſt das Kind? Ich bin ſelber ein wenig neugierig auf ſie. Als ich ſie vor fünf Jahren zuletzt ſah, war ſie freilich noch ſehr in der Entwicklung, allein ihr Aeußeres verſprach etwas nicht Gewöhnliches.“ „Onkel, Onkel!“ meinte Sophie Magdalene mit einem lachenden Seitenblicke auf den Bruder, der ſich bei der neuen Wendung des Geſpräches nicht ganz behaglich zu fühlen ſchien.—„Hüte dich vor ſolchen Andeutungen oder Hoefer, Fremdherrſchaft. I. 12 178 Sechstes Kapitel. gar Zweifeln, du verdirbſt es ſonſt aufs neue mit dem jungen Studenten, wie ihn die Tante mit Recht heißt. Denn er hat eifrig geleſen in den ſchönſten Augen der Welt—“* „Du biſt eine Thörin, Schweſter!“ unterbrach ſie Eugen ungeduldig. „Ah bah, Bruder. Das iſt jeder und jede, die einem jungen Anbeter auf die Spur kommen und ihn das mer⸗ ken laſſen,“ verſetzte ſie in ungeſtörter Neckerei.„Wer dich neulich und nun gar erſt heute Morgen geſehen hätte, wie ich—“ „Wie war er, Kindchen? Erzähl's und fürchte dich nicht! Ich bin dein Schützer,“ fiel Graf Eberhard mit gutmüthigem Scherze ein. „Ihr ſeid unbarmherzige Menſchen und ächte Plage⸗ geiſter!“ kam jedoch Eugen der Schweſter jetzt ſelbſt wie— der lachend zuvor.„Ich ſehe ſchon, daß ich unglücklicher Menſch wieder einmal der Ableiter für eure Träumereien werden ſoll und mich vertheidigen muß, wo von einer Schuld keine Rede.“ „Alſo ohne Vorrede,“ mahnte der Onkel heiter.„Du haſt ihr zu tief in die Augen geſehen? Sind ſie ſo ſchön, wie die meiner Schweſter? Gleicht ſie der? Sage das, und ich weiß alles Uebrige ohne deine Erklärung. Sie war ſchon damals freilich um Vieles größer als meine arme Hebe, abgeſehen davon, daß auch der Schnitt ihres Geſichtes ein ganz anderer werden zu wollen ſchien.“ „Und das iſt auch alles, wie du ſagſt,“ verſetzte Eugen im Weitergehen.„Von der. Geſtalt wollen wir nit dem t( heißt. gen der rach ſie ie einem das mer⸗ Wer „, 2 en hätte, hte dich ard mit 3 Plage⸗ lbſt wie⸗ lücklicher umereien on einer er.„Du ſo ſchön, age das, ng Sie 5 meine it ihres verſetzte „ uj len wit Ein voller Tag. 179 ganz ſchweigen; ſie iſt eben groß und ſchlank, voll einer, wo ſie es will, königlichen Haltung. Und eben ſo hat auch ihr Geſicht, ſo viel ich es bei dieſen kurzen Begeg⸗ nungen gemerkt, nicht einen Zug von denjenigen, welche die Tante ſo hinreißend erſcheinen laſſen. Und dennoch iſt Stephanie ſchön— ſo ſehr ſchön! Ich kann das glau⸗ ben, was mir die Tante in ihrer beliebten Weiſe darüber ſagte, daß ganz D. außer ſich über ſie geweſen—“ „So hat Tante Hebe das geſagt?“ warf Graf Eber⸗ hard lächelnd dazwiſchen. „Nein, gewiß nicht, Onkel. Du kennſt ſie ja. Sie drückte das in ihrer Weiſe aus, wiederhole ich: man habe ſie fortgeſchickt, weil ganz D. in Gefahr geweſen, zu er⸗ blinden, ſo viel Augen hätten ſich an ihr krank geſehen, und es ſeien ſo viele Herzen für ſie und durch ſie gebro⸗ chen, daß man in den nächſten zwanzig Jahren dort kein Mädchen mehr an einen einheimiſchen Mann verheirathen könne. Die ſeien alle hin.“— Und nachdem Eugen in das herzliche Lachen der Anderen kurz mit eingeſtimmt, ſetzte er wieder ernſt werdend hinzu:„Ich kenne Tante Hebe ja ſo lange und genau, ich liebe ſie ſo ſehr und weiß mir all ihren luſtigen Spott und ihre kleinen Bosheiten zurecht zu legen. Aber den Hohn und die Bitterkeit, die ſich da zuweilen eindrängen, die verſtehe ich nicht. So die Worte ihres Briefes über das„hülfsbedürftige Weſen.“ So und noch mehr das, was ſie zu jener Schilderung der D.'ſchen gebrochenen Männerwelt hinzufügte—“ „Und das war?“ fragte der Onkel noch immer heiter, da er den Neffen ſtocken ſah. 180 Sechstes Kapitel. „Laß es gut ſein, Onkel,“ entgegnete aber Eugen mit einem flüchtigen Blicke auf ſeine Schweſter, welche ſeit einigen Augenblicken ſchon in ein Nachdenken verſunken ſchien, das ſie wenig auf die Unterhaltung ihrer beiden Begleiter achten ließ.—„Du weißt wohl, daß die Tante zuweilen etwas ſagt, was ſich nicht wohl wiederholen läßt, ohne witzlos und platt zu werden, was es in ihrem Munde und im Moment ſeiner Entſtehung niemals iſt.— Es lief darauf hinaus, daß die Männer dort leiblich und gei⸗ ſtig noch ſchwächer und miſerabler zu ſein ſchienen, als überall anderwärts.“ Graf Eberhard ſchaute Eugen lächelnd und mit einem leichten Achſelzucken an, ohne eine Antwort laut werden zu laſſen. Dann gingen ſie eine Weile ſchweigend weiter, und erſt als ſie faſt ſchon das Ende des Wäldchens er⸗ reicht hatten, welches ſich an den Blumen⸗ und Obſtgarten anſchloß, und auf eine Art Terraſſe oder Belvedere hin⸗ austraten, von wo aus man eine verhältnißmäßig weite Ausſicht und die dem Untergange nahe Sonne vor ſich hatte, drückte er den Arm Sophie Magdalenens leiſe an ſich, ſo daß ſie flüchtig aufſchaute, und fragte freundlich: „Wovon träumt denn mein luſtiges Kind ſo ernſt?“ Sie ſtrich die Locken zurück, die ihr in die Stirn ge— ſunken waren, und erwiderte ſeinen milden Blick mit einem tief zärtlichen.„Der Tag iſt für mich einer der beweg⸗ teſten geweſen, die ich erlebt,“ ſagte ſie und ihre Wangen glühten und ihre Augen ſchimmerten, wie wir es am Mor⸗ gen Hoven gegenüber einmal bemerken durften;„er brachte mir ſo viel, was mich namenlos erfreute und beglückte, ———— agen mit lche ſeit verſunken r beiden die Tante n Munde t.— Gs nd gei⸗ nen, als nit einem werden d weiter, ſchens er⸗ bſtgarten dere hin⸗ zig weite vor ſich leiſe an eundlich: ſt? Stirn ge⸗ nit einem r beweg⸗ Wangen am Mor⸗ er brachte beglückte Ein voller Tag. 181 Anderes, das mich betrübte oder erſchreckte. Und wie ich vorhin mit euch ſo herzlich lachen mußte über die Herzens⸗ und Augenſchilderungen der Tante, erfaßte es mich plötz⸗ lich ſo gar ſeltſam. Ihr lacht und ſcherzt, dachte ich, ſorg⸗ los und heiter, als ob die ganze Welt in Frieden und Glück, während ihr doch ſelber fern von dieſem Frieden ſeid, während fern und nah tauſend und aber tauſend Herzen ſo ernſt, ſo ſchwer ſchlagen, während ganz in eurer Nähe jemand—“ „Sei nicht thöricht, Kind,“ unterbrach ſie der Oheim ernſt.„Genieße des Guten, das dir wird, der Jugend, des Friedens, die dir gegönnt ſind, und plage dich nicht mit Dingen, um die wir Männer allein zu ſorgen haben.“ Sie ließ ihr dunkles Auge lange und nachdenklich auf ihm ruhen, bevor ſie mit einem neuen, wenn auch nur flüchtigen Erröthen ſagte:„Und iſt er denn auch gewiß in Sicherheit, Onkel? Ich bekenn's, die Morgenſtunde hat mir ihn ſo nahe geſtellt, wie außer Leo und euch mir nie— mand iſt. Und es iſt etwas in mir, was zu mir ſpricht: er darf noch weniger gefährdet werden, als ihr, die Mei⸗ nigen! Und wenn es nun bei uns geſchähe, die er nur aus rein menſchlicher Theilnahme aufgeſucht— ich ertrüg es nicht! Schon der Gedanke macht mich unglücklich!“ brach ſie, heftig den Kopf ſchüttelnd, ab. „Es geht mir kaum anders,“ meinte Eugen gedämpft, als ſpräche er mehr zu ſich ſelbſt als zu den Anderen. Der Onkel ließ über die Beiden einen Blick hinglei⸗ ten, in welchem etwas wie ein leiſer Vorwurf zu leſen war.„Ihr ſeid ſeltſame Menſchen,“ erwiderte er dann, — 4 9 182 Sechstes Kapitel. „doch verzeihe ich dir noch eher als dem da, Sophie Mag— dalene, denn du biſt, wie du ſelbſt ſagſt, durch den Tag vielfach erregt und bewegt. Du biſt nervös, Kind, und daher auch ſo ganz verändert. Kümmert euch doch um eure eigenen Angelegenheiten, wiederhole ich, und laßt mir die meinigen. Kennt ihr den Onkel denn als leicht⸗ ſinnig und ſorglos?— Ich hafte für das, was ich auf mich nehme, unbedingt, obgleich ich noch obendrein glaube, daß ich eben ſo gut wie ihr, umſonſt geſorgt habe. Man ſcheint ſich doch beruhigt zu haben, ſonſt hätten wir wohl ſchon Weiteres gehört. Und nun— das da will auch ſein Recht,“ ſchloß er und deutete gegen Weſten hinaus.— „Ich halte nichts von den Menſchen, die gegen die Natur und ihre Schönheiten abgeſtumpft werden, obſchon ſie das alles jeden Tag vor Augen haben!“ Der Graf hatte Recht, ſeine Begleiter auf das zu verweiſen, was vor ihnen und um ſie her war. Die Sonne war ganz nahe dem Horizonte hinter einem weit ausgeſtreckten, aber dünnen Gewölk, das ſie überall mit ihren langen Strahlen durchbrochen, jetzt vollends wieder hervorgetreten und übergoß die ganze Gegend mit einem wunderbaren, röther und röther leuchtenden Glanze. Pur⸗ purne Hüllen breiteten ſich über die weit geöffneten Flu⸗ ren, ſie ſanken von den alten Bäumen herab, die rück⸗ wärts die Terraſſe begrenzten, und umſchwebten magiſch ſogar die Menſchen, die ſchweigend und ſchier andächtig dem wundervollen Anblick hingegeben ſtanden. Und über den bis dahin blendend klaren und reinen Himmel ſen— dete jenes tief ſtehende Gewölk jetzt ſeine leiſe herauf⸗ Ein voller Tag. 183 und vorüberſchwimmenden Flocken und Streifen, hier goldig glänzend und dort ſilbern ſchimmernd, lila und violet, roſig und leuchtend purpurn, während der Himmel zwiſchen ihnen aus dem reinſten Golde und Purpur dort unten durch das ſanfteſte Grün in ein immer tieferes, und man möchte ſagen friedensvolleres Blau ſich auf⸗ wölbte.— Und auf der Erde war alles in feiernder Stille; kein Hauch ging und kein Blatt regte ſich. Vom Dorfe hinter ihnen ſchallte das Abendläuten melodiſch herüber. Es war ſo friedensvoll rings und ſo ſchön, und die Zuſchauer ſtanden in ſolcher Andacht, daß ſelbſt der alte Diener, der hinter ihnen aus dem Gebüſche trat, davon ergriffen wurde, und eine ganze Weile verging, bevor er ein gedämpftes:„Herr Graf!“ laut werden zu laſſen wagte. Der Anruf war trotzdem zu den Ohren des Herrn gedrungen und dieſer wandte ſich, wenn auch zögernd, zu dem Sprecher um.„Was gibt es, Hans?“ fragte er. „Es ſind zwei Douaniers im Hauſe, die nach dem Jäger Müller fragen. Wir haben ihnen ſchon geſagt, daß er heute Mittag fortgewandert. Sie beſtehen jedoch darauf, daß ſie das vom Herrn Grafen ſelber hören müßten, den ſie auch ſonſt noch zu befragen hätten.“ Sophie Magdalene ſchaute erſchrocken, Eugen finſter fragend auf den Oheim, der jedoch, ohne darauf zu achten, nur ruhig mit einer neuen Frage antwortete:„Sind es Franzoſen, Hans?“ „Der Eine, ja, Herr Graf. Er parlirt nur gebro⸗ 184 Sechstes Kapitel. chen Deutſch. Der Andere iſt aber ein perfecter Deut⸗ ſcher.— „Und höflich, Hans?“ „Ganz ordentlich, Euer Gnaden.“ „So laß uns gehen,“ ſagte Graf Eberhard wie⸗ der mit vollſter Ruhe.„Warum kommen die Narren erſt jetzt! Was kann ich ihnen für Auskunft geben? — Bleibt ihr noch da?“ wandte er ſich an die Ge⸗ ſchwiſter. „Ich meine faſt, es ſei Zeit für uns zur Heimkehr,“ verſetzte Eugen, deſſen Geſicht noch immer die finſtern Züge bewahrte, welche die Botſchaft des Dieners auf demſelben hervorgerufen hatte.„Es müßte denn ſein, daß ich heute überhaupt bei dir bliebe,“ ſetzte er hinzu. „Bah doch, weßhalb?“ entgegnete der alte Herr gleich⸗ ſam verwundert.„Alſo wie ihr wollt, Kinder!— Na⸗ türlich wartet ihr, bis ich dieſes Geſchäft abgemacht.— Komm, Hans!“— Und er ging mit dem Diener leiſe redend in das Gebüſch hinein. Die Geſchwiſter folgten langſam und ſchweigend.— Die Sonne war vollends untergegangen, der rothe Schim⸗ mer war von der Erde verſchwunden und erblich nun auch ſchon am Himmel droben, und das Glockenläuten im Dorfe war verſtummt. Da ermannte ſich Eugen, zog den Arm der ſtill neben ihm Wandelnden in den ſeinen und ſprach im herzlichſten und zugleich muthigſten Tone:„Sei nicht ſo niedergeſchlagen, Schweſter. Der Onkel hat Recht— wir können auf ſeine Vorſicht bauen. Und endlich, wenn alles bräche, ſo bin ich auch noch da. ihn m mit e — Sache ihm: ich m rum gewa Ein voller Tag. 185 — Ich weiß, wie er zu retten ſein würde, und habe die Mittel dazu.“ „Du?“ fragte ſie zweifelnd und blieb ſtehen und ſchaute ihn mit den dunklen Augen forſchend an.„Ihr ſeid alle mit einem Male ſo ſehr ſicher und kurz zuvor noch—“ „Ich ſage wie der Onkel: bekümmere dich um deine Sachen,“ fiel er mit mehr Ruhe ein, als wir bisher an ihm wahr nehmen durften.„Glaub' es mir, Schweſter— ich mußte mich nur erſt in ſolche Dinge hinein finden, da⸗ rum ſahſt du mich ſo— ſchwankend. Jetzt bin ich ihnen gewachſen, hoffe ich.“ — —— Hiebtes Kapitel. Iun der Heide. Es treiben die Sturmeswolken So bleich dort durch die Höh, Die letzten Sonnenſtrahlen Jagen ſie über die See; Das kommt mit finſtrem Drohen Mit lähmender Gewalt, Als ob's ihm ſelber graute, So ſchüttelt ſich der Wald. Edm. Hoefer. Es war aus den Morgennebeln ein ungewöhnlich heißer Tag hervorgeblaut. Die Sonne ſtrahlte mit aller Gewalt und brannte wie im Hochſommer, und von der See herüber kam nicht ein einziges Hauchen einer kühleren Luft in die weite Schwüle. Ueber der Heide lag es hier und da mit einem leich⸗ ten bläulichen Duft, vielleicht von dem Thau der Nacht, den die Sonnenſtrahlen aufſogen, aber die Luft blieb trotzdem ganz außerordentlich durchſichtig und die fernſten Gegenſtände ſchienen ſo genähert, die ganze Breite bis zu den Kiefern drüben ſo verengert, als wenn man das ganze Terrain durch ein ſcharfes Glas überblickte. Dazu kame noch Euge über ſome Um eine alle Gen „W len für eine um cer hin nic me In der Heide. 187 kamen von der See herüber die Möven und ſtrichen ſogar noch weiter landeinwärts, der Waldſpitze zu, von der aus Eugen dem Fremden das Terrain erklärt hatte, und noch über ſie hinaus, und ihr unruhiges, heiſeres Schreien ließ ſich von nah und fern vernehmen.— Alles deutete den Bewohnern dieſer Gegend an, daß die Witterung, die ſich ſommerlich geſtaltet hatte, einem jähen und ſchon nahen Umſchlage entgegen ging. Auch Eugen, der ſeine Geſellſchaft an dem Ausgange eines Waldweges die Pferde hatte anhalten laſſen, um allen einen ruhigen Ueberblick über die vor ihnen liegende Gegend zu gewähren, deutete darauf hin, indem er ſagte: „Wir hätten zu dieſem Ausfluge keinen ſpäteren Tag wäh⸗ len dürfen, als den heutigen. Ja, ich halte es ſchon jetzt für nicht mehr recht ſicher und fürchte faſt, wir möchten einen unangenehmen Rückweg haben.— Es iſt mir nur um Sie,“ ſetzte er— bisher hatte er Franzöſiſch geſpro— chen— Deutſch redend und an die Dame ſich wendend hinzu, welche nahe bei ihm hielt.„Aber Sie wollten ſich nicht rathen laſſen, Couſine! Dieſer Ausflug iſt für Da— men ſelbſt in den beſtändigſten Sommertagen mehr an⸗ greifend als lohnend.“ Sie ließ einen flüchtigen und gleichſam fragenden Blick ihrer glänzend blauen Augen nur für eine Sekunde von der Ausſicht ab⸗ und zu ihm hinüberſtreifen, bevor ſie, ſchon wieder fortſchauend, in zwar ziemlich munterem Tone, aber Franzöſiſch erwiderte:„Ah, mein Herr, wir ſind drüben in D. des Reitens doch nicht ſo ungewohnt, wie Sie zu denken ſcheinen. Und ich wüßte auch nicht, 20. 5. 188 Siebtes Kapitel. woher eine Aenderung des Wetters kommen ſollte. Der Tag kann gar nicht klarer ſein.“ Der junge Mann zuckte lächelnd die Achſeln.„Eben darum,“ ſagte er und ſchien noch etwas hinzufügen zu wollen, als er durch die Einmiſchung Renaud's daran verhindert wurde. „Ihr Couſin hat Recht, ſchöne Gräfin!“ bemerkte der General, der ein paar Schritte weiter nach vorn hielt, ſich nun aber gegen die Gruppe hinter ihm leicht im Sattel umwandte.„Auch ich erkenne dieſe Anzeichen, denn ich habe meine Jugend gleichfalls am Meere, am Meerbuſen von Biscaya, verlebt.— Sie können weder Ihrem Herrn Couſin noch mir eine gewiſſe Sorge verdenken; es iſt uns nicht alle Tage ein ſolcher Schatz anvertraut, wie heute, und Damen ſind immer nur gar zu muthig.— Kommen Sie, Herr Graf, laſſen Sie uns weiter reiten.“ Eugen ließ Stephanie bei ihren bisherigen Begleitern, den beiden jüngeren Offizieren, und ritt zum General vor und in den ſandigen Weg hinaus, der die hier faſt bis an den Wald reichende Heide kaum ſichtbar durchſchnitt, ſo war Gras und Kraut auf den wenig benutzten Pfad hinübergewuchert.„Sie ſehen mich überraſcht, Herr Gene⸗ ral,“ bemerkte Eugen höflich.„Ich wußte bisher nicht, daß Sie unſere Sprache verſtänden.“ „Ich ſpreche ſie ſogar ein wenig,“ verſetzte ſein Be⸗ gleiter lächelnd,„und kann euch daher ganz hübſch über⸗ wachen, ihr Herren Deutſchen. Im Ernſt aber,“ fügte er hinzu,„ohne dieſe Kenntniß würde ich nie Begehren ge⸗ tragen Haben lautete führt, möglie ſind d recht den könne ſie H nur l bieten Sthu uns ſind. Volk alten und dent In der Heide. 189 tragen haben, Ihren Todtenſeher kennen zu lernen.— Haben wir noch weit?“ „Bis zu ſeinem eigentlichen Aufenthaltsorte— nein,“ lautete die Antwort.„Ich habe Sie durch den Wald ge⸗ führt, damit wir in der eigentlichen Heide ſo kurze Zeit wie möglich zu reiten haben. Sehen Sie da vor ſich— das ſind die Teufelsberge, und da weilt der Alte ſonſt.“ „Teufelsberge?“ „Ja, ſo heißt man dieſe Grabhügel, ohne daß ich recht wüßte, weßhalb; wenigſtens ſind mir keine erklären⸗ den Sagen von ihnen bekannt geworden. Wie Sie ſehen können, Herr General, liegen ſolche Hügel— wir heißen ſie Hünengräber— vereinzelt über die ganze Ebene hin; nur hier ſind ihrer neun oder zehn nahe bei einander und bieten dem Alten und ſeinen Herden einen ziemlich guten Schutz gegen die Nord⸗Oſt⸗ und Nord⸗Weſt⸗Winde, die bei uns ſelbſt im Hochſommer zuweilen außer allem Spaß ſind.— Das iſt alles.“ „Und doch wird der Ort und ſein Name für das Volk und alle, die an die geheimnißvolle Begabung des alten Mannes glauben, von bedeutendem Gewicht ſein und ſeinen Einfluß vermehren,“ bemerkte Renaud nach⸗ denklich.— Sie ritten ganz langſam weiter, ohne daß die Worte des Generals ſogleich eine Antwort gefunden hätten, denn Eugen fühlte ſich ſo gut wie alle Uebrigen herabgeſtimmt von der Oede und Stille, von der Einſamkeit und drücken⸗ den Schwüle. Rings lag es todtenſtill, weit und breit. Zum Duft, der trotz ſeiner Feinheit die Augen blendete, —— 190 Siebtes Kapitel. geſellte ſich, je weiter ſie vorwärts kamen, von unten her⸗ auf ein immer unerträglicheres Glitzern und Schimmern, da der„fliegende Sommer“ die Heide mit Kraut und Buſch überſponnen hatte und ſie faft wie in einem wei⸗ ßen Gewande erſcheinen ließ. Und von den Hufen der langſam ſchreitenden Pferde ſtieg der Staub dicht und drückend empor und begleitete e mit ſeinen ſchwe⸗ benden Wolken aufs qualvollſte Und rings lag die Luft immer ſchwüler und ſchwerer, durchſichtiger und wieder auch ſichtbarer, bebend in den glühenden Sonnenſtrahlen, durchdrungen von den brületthen Düften des Heidekrauts, der Immortellen, der zahlr een kleinen Wachholderbüſche. „Das glaube ich kan twortete Eugen jetzt nach einer langen Pauſe auf Renauds Bemerkung, hochaufath⸗ 5 Vater Steffen viel weniger als mend.„Man 4 man ihn liebt und verehrt. Man fürchtet auch meines Wiſſens dieſe Localität keineswegs beſonders, man geht nur überhaupt nicht gern und ohne wirkliche Veranlaſſung in die Heide und hat dafür vollgültige Gründe. Denn wegſam iſt ſie, wie auch Sie ſchon ſehen, nirgends, ſelbſt zu Fuß kommt man zum Theil nur langſam fort. Und wenn man zur Zeit der Dämmerung oder gar bei Nacht hinein muß, wo die Ausſicht und damit die bekannten Marken verſchwinden und man nur zu leicht die ſoge⸗ nannte alte Straße verliert, die nur hin und wider er⸗ kennbar hindurchführt, ſo können ſelbſt die Einheimiſchen bisweilen zu ein paar böſen Stunden, wenn nicht gar in wirkliche Gefahr kommen, da dort drüben ſich tiefe Moore hinziehen, die ſtellenweiſe und oft, wo man ſie kaum er— warte und ſchon Gener Gegen In der Heide. 191 wartet, weit in die Heide hineinſchneiden, ſo daß ſie hier und da ſelbſt am Tage ſchwer zu vermeiden ſind und ſchon mehr als einen Unglücksfall veranlaßt haben.“ „Meine Douanen wiſſen davon zu ſagen!“ warf der General hin, der während der Mittheilung Eugen's die Gegend mit aufmerkſamen Blicken gemuſtert hatte. „Für die Douanen wird hier allerdings nie ein prak⸗ ticables Terrain ſein,“ entgegnete der junge Mann ruhig. „Sie müſſen den eingeborenen Schmugglern gegenüber ſtets zu kurz kommen.“ „Bis man auch die Beamten aus den Eingeborenen wählen kann,“ bemerkte der Andere. Sein dunkles Auge ſtreifte den Grafen mit prüfendem Blicke. „Aus den hier Geborenen nicht,“ Herr General, gab Eugen mit derſelben Ruhe zurück.„Wir haben hier ſtets eine ausgedehnte Zollfreiheit gehabt, und wo dennoch von einem Zolle die Rede, blühte auch von jeher der Schmuggel, den ſelbſt die alten einheimiſchen Behörden niemals zu unterdrücken vermochten. Dieſe Zuſtände ſind in unſer Volk ſo zu ſagen hineingewachſen.“ „Sie beantworten damit aber meinen Einwurf nicht,“ meinte Renaud. „Doch, Herr General!— Aus unſerem Volke zie⸗ hen Sie niemals einen Beamten, oder er betrügt Sie. Fragen Sie jeden Urtheilsfähigen, jeden Ihrer Brigadiers an dieſen Küſten, jeden Douanier, der nicht dem Haß, ſondern der Vernunft Gehör gibt und Augen im Kopfe hat. Es iſt, wie ich ſage.“ „Von der Generation der jetzigen Männer mag das 8 3 — 192 Siebtes Kapitel. vielleicht gelten, obgleich es noch fraglich bleibt, ob doch nicht mancher von ihnen zu gewinnen wäre. Der Menſch iſt zugänglich für mancherlei, mein Herr Graf, und wenn man verſuchte, den Verluſt des bisherigen unerlaubten Gewinnes auf rechtmäßige Weiſe wieder erſetzen zu laſſen—“ „Umſonſt, Herr General!“ fiel Eugen lebhafter ein. „Es iſt nicht allein der Gewinn ſelbſt, der ſie lockt, ſon⸗ dern auch und faſt mehr noch die Art dieſes Gewinnes, ſagen Sie immerhin: die Gefahr deſſelben.“— Und in⸗ dem durch ſein bisher geſpanntes Geſicht ein eigen⸗ thümliches Zucken ging und die Züge ſich plötzlich zu einem munteren Lächeln verzogen, ſetzte er, auch in gänz⸗ lich verändertem Tone hinzu:„Ich glaube faſt, Sie könn⸗ ten gegen unſere Burſchen keinen ſchlimmeren Streich füh⸗ ren, als wenn Sie alle Zölle aufhöben und alle Beamten zurückzögen, ſo daß der Waglalſigkeit jede Gelegenheit und jedes Object genommen wäre, wo ſie ſich ferner noch erproben könnte. Ich wüßte in der That nicht, was ſie anfangen möchten.“ Der General lächelte gleichfalls und gewiſſermaßen erleichtert, was uns, die wir ihn ſchon neulich, und zwar aus dem Herzen heraus reden hörten, nicht auffallen kann. War es nun nur eine gewiſſe vorſichtige Zurückhaltung geweſen, die ihn das angeregte Thema in der mitgetheil⸗ ten Weiſe hatte verfolgen laſſen, oder hatte er dabei irgend einen anderen Zweck im Auge gehabt, er ließ das alles jetzt fallen und ſagte nur in einem eigenthümlichen, zwiſchen Scherz und Ernſt ſchwebenden Tone:„Mein Herr Graf, ihr ſeid hier zu Lande wunderliche Leute! vor trau inn dert dan nur nich Da Ge wie alſ wa rer ganz⸗ In der Heide. 193 Dieſes bärenhafte, wilde Volk, und ihr Anderen mit eurer Starrheit, eurer Unbefangenheit und— ſeltſamen Offen⸗ heit! Nehmt euch aber doch etwas in Acht! Ich bin, der ich bin, aber nicht jeder iſt wie ich, und was Sie eben vor mir ausſprachen, möchte auf mancher Stelle ein Miß⸗— trauen gegen Sie erwecken.“ Der junge Graf ſtreifte den Sprecher, der plötzlich inne hielt, mit einem forſchenden, faſt ein wenig verwun⸗ derten Blicke.—„Das ich dulden müßte,“ entgegnete er dann aber unbefangen, ja, faſt gleichgültig.„Ich ſprach nur die Wahrheit und ließ Thatſachen reden. Iſt das nicht angenehm— was kann ich dafür oder dawider?— Das ändert kein Menſch, ja, keine Macht der Welt, Herr General.— Doch da ſind wir!“ brach er ab.—„Und, wie ich's ſchon ahnte— Steffen iſt nicht da. Nun heißt's alſo ſuchen.“ Sie waren, langſam reitend, denn, wie ſchon bemerkt, war der verfolgte Weg und die Glut umher einer größe— ren Eile nichts weniger als günſtig, jetzt wirklich bis an die Grabhügel gelangt, in deren Schutz der Pferch und die Hütte des Alten ſich befanden. Durch die Zwiſchen⸗ räume der Hügel ſahen ſie in eine Art von unregelmäßi⸗ gem, keſſelartigem Thal hinein, wo ſich indeſſen nichts als ein kleiner Schuppen befand, der einige Futtervorräthe für irgend einen Nothfall enthalten mochte. Neben demſelben befand ſich eine jener nicht gerade ſeltenen kleinen brun— nenartigen Einſenkungen, die von dem kryſtallhellen und eiskalten Waſſer einer aufſprudelnden Quelle niemals weiter als bis zur Hälfte gefüllt, noch weniger jemals Hoefer, Fremdherrſchaft. I. 13 194 Siebtes Kapitel. überſchäumt werden. Man heißt ſie dort zu Lande kurz⸗ weg„Born“.— So tief das Waſſer auch ſteht und ſo klein der Born auch zu ſein pflegt, dennoch zeigt ſich die Wirkung des Naſſes in ſeiner Umgebung gewöhnlich auf ſehr bemerkbare Weiſe an der Ueppigkeit des Graswuchſes oder des etwa aufgeſchlagenen Buſchwerks, und nirgends konnte dies auffälliger ſein, als in dieſem Raume, der im Gegenſatz gegen die dürre und glühende Heide drau⸗ ßen mit dem dichteſten Raſen bedeckt und, trotz des auch hier ausgebreiteten vollen Sonnenlichtes, von einer wohl⸗ thuenden, faſt friſchen Luft erfüllt war. Die Geſellſchaft war abgeſtiegen und hatte, die Pferde den Dienern und ein paar Ordonnanzen überlaſſend, welche ihrem Chef auch hieher gefolgt, den geſchilderten Raum betreten, wo freilich, wie bereis angedeutet, nichts Beſon⸗ deres zu ſehen war. Für ſie, die hier im Grunde ſtan⸗ den, war ſelbſt die Ausſicht durch die Zwiſchenräume der Hügel faſt ganz abgeſchnitten, und Stephanie, die ſich auf Vial's Arm geſtützt hatte, ſagte daher nach einigen Augenblicken ſchon:„Hier iſt's mir zu eng.— Was mei⸗ nen Sie, Herr de Vial,“ fügte ſie hinzu und deutete mit der Reitgerte zu der Spitze des höchſten Hügels empor, „da oben muß man eine hübſche Ausſicht haben?“ „Steigen wir alſo hinauf,“ verſetzte der Franzoſe ga— lant,„es iſt ja nur ein Maulwurfshügel. Ah' welch ein Genuß, dürfte ich Sie einmal ſo auf eine wirkliche Höhe geleiten!“ „Nehmen Sie ſich nur in Acht, daß der Maulwurfs⸗ hügel Sie nicht zu Fall bringt!“ meinte Eugen, der das auf cſſes ends Wort des Fremden vernommen hatte und jetzt mit dem General und dem jungen Waldkirch dem Paare folgte. Und es war in der That nicht ſo leicht, wie Jener gedacht haben mochte. Die Wirkung des Borns erſtreckte ſich nicht mehr bis auf die ziemlich ſteil ſich aufwölbende Höhe; das feine, kurze Gras, welches ſie dicht bedeckte, war ſo glatt, daß der Aufſteigende mit aller Vorſicht feſt auftreten und langſam vordringen mußte, wenn er nicht alle Anſtrengung vergeblich ſehen und die Höhe wieder hinabgleiten wollte. So erreichten ſie nur mühſam den Gipfel, von dem ſich dann allerdings eine weite Ausſicht darbot, denn der Hügel war wirklich der höchſte von allen. Man ſah von ihm aus nicht allein über die anderen hin weit, weit ins Land hinein, ſondern auch vorn hinaus, über eine kurze Heideſtrecke auf die Dünen und weiterhin auf die nirgends mehr begrenzte See. Und ſie erblickten dieſelbe von hier aus in einer nicht vermutheten Bewegung, die Kämme der aufrauſchenden Wogen wurden, man hätte ſagen mö⸗ gen, von Blick zu Blick ſichtbarer, und das Brauſen der⸗ ſelben, das drunten nicht bis zu ihnen herangedrungen, kam hier oben vernehmbar genug durch die Todtenſtille des Landes herüber. Dazu kreiſ'ten die Möven dort hin⸗ ten in ſichtbarer Unruhe; wieder und wieder ſchoſſen bald einzelne, bald mehrere gegen das Land zu und über die Köpfe der Geſellſchaft mit angſthaftem Schreien hin. Und mit einem Male zog ein Anfangs leiſer, ſchnell jedoch immer ſtärker anſchwellender, hohler und klagender Ton, wie der Klang einer Rieſen⸗Aéolsharfe, an den Ohren —j,, 196 Siebtes Kapitel. der aufſchreckenden, bisher ſtumm hinausſchauenden Men⸗ ſchen vorüber. „Was iſt das?“ rief Stephanie, das ſchreckensbleiche Geſicht zu Eugen wendend, der bei dem wunderbaren Laute gleichfalls zuſammengefahren war und mit ſicht⸗ barer Unruhe und fliegenden Blickes den ganzen Horizont muſterte. „Die Antwort auf Ihre frühere Frage, Couſine!“ ſagte er nach einer kurzen Pauſe endlich in auffällig ge— preßtem Ton.—„Der Witterungswechſel iſt ſchon da— dort!“ ſetzte er hinzu und deutete gegen Nordweſten hin, wo am Horizont etwas wie ein aufguellender dunkler Dunſt ſichtbar wurde, der ſich augenſcheinlich raſch aus— breitete. Und als in dieſem Augenblick ein neuer, noch hohlerer und klagenderer Laut daherzog, ließ er ihn vor⸗ über und fuhr haſtig fort:„Der Sturm ſpricht! Wir haben keinen Augenblick zu verlieren. Ja, am beſten wäre es, wir probirten die Rückkehr gar nicht mehr, ſon⸗ dern ſuchten ſo gut wie möglich dort im Schuppen Schutz vor dem Unwetter.“ „So arg wird's nicht ſein,“ bemerkte der junge Or⸗ donnanz⸗Offizier mit einem offenbar ſpöttiſchen Blick zu Eugen hinüber.„Das Unterkommen dort dürfte ein we⸗ nig gar zu ländlich werden. Was meinen Sie, Kamerad?“ ſetzte er gegen Waldkirch gewendet hinzu. Dieſer beobachtete den Himmel und ſchüttelte zu des Andern Frage nach einer Weile den Kopf.„Ich verſtehe dergleichen weniger,“ verſetzte er;„wir verlaſſen uns in⸗ deſſen Herr neral ſchei wir Unſe fen Ich Herr wie Am Cou wi Bli „noch in vor⸗ Vir beſten jr, ſon⸗ Schutz In der Heide. 197 deſſen darin am beſten doch wohl auf die Angabe des Herrn Grafen, der hier geboren iſt und—“ „Zu Pferd oder in den Stall!“ unterbrach ihn Ge⸗ neral Renaud raſch.„Das Ding dort galoppirt ſelber, ſcheint mir, und wir werden nicht zu ſäumen haben, wenn wir noch den Wald und gute Wege erreichen wollen. Unſere Pferde ſind aber gut, und wenn wir ſie ausgrei— fen laſſen, kommen wir ſchon noch mit heiler Haut davon. Ich meine ſelber faſt, daß Sie ein wenig zu ängſtlich ſind, Herr Graf,“ fügte er lächelnd hinzu, während man ſchon wieder hinab zu ſteigen begann und er Stephanien ſeinen Arm lieh. „Aber dort im Stall— kann man denn dort bleiben, Couſin?“ fragte das junge Mädchen mit einem ſcheuen, zwiſchen dem Schuppen und Eugen hin und her fliegenden Blick.„Es ſollte doch noch möglich ſein—“ „Unſere Herrin befiehlt! Vorwärts, meine Herren!“ rief Renaud.— Sie eilten weiter. Das ganze Geſpräch, von dem erſten Ausruf Ste⸗ phaniens und Eugen's folgender Erklärung an, hatte in ſeinem ſchnellen Wechſel nur ein paar Augenblicke ge⸗ dauert. Eben ſo raſch waren ſie im Grunde, eilten über den Raſen gegen die Oeffnung zu, vor der ſie die Pferde gelaſſen, die ſie ungeduldig und ſcheu, von den Leuten kaum noch zu halten fanden. Und dennoch war in dieſen wenigen Minuten ſchon mehr als ein neuer Windſtoß über ſie hingezogen, ſie hörten das Brauſen der See immer drohender, die Möven kreiſchten verzweiflungsvoll und drängten ſich noch häufiger in den Schutz des Landes, — 198 Siebtes Kapitel. und der Himmel endlich, der vor einer Viertelſtunde eine weite, leuchtend klare Wölbung geweſen, zeigte ſich von Sekunde zu Sekunde dunkler und drohender, das Gewölk verhüllte ihn mit ſeinen ſturmesſchnell vorausflatternden dunſtigen Schleiern beinahe ſchon bis zum Zenith, und der Sonnenſchein war fort von der Heide. Grade in dem Augenblick, als ſie zwiſchen den Grab⸗ hügeln hervor und vollends auf die Pferde zueilten, zuckte drüben, über den Dünen, der erſte grell hinfahrende Blitz auf, ſo daß die junge Gräfin zurückbebte und mit der Hand nach den Augen fuhr. Der verhältnißmäßig raſch folgende und laute Donner deutete die Nähe des Gewit⸗ ters an. Indem ſie deſſen ungeachtet aufzuſitzen began⸗ nen, ſahen ſie den Wald drüben ſeine Kronen gegen ein⸗ ander neigen, und in der nächſten Sekunde brach der erſte wirkliche Stoß des beginnenden Sturmes bereits auch auf die Heide herab, und von den Dünen her kam es heran mit berghohen Staubſchleiern und fuhr brauſend, heulend, ſeufzend und pfeifend an ihnen vorüber in die weite Fläche hinaus. Eugen zog den Fuß aus dem Bügel zurück.„So raſch und ernſt habe ſelbſt ich es nicht gefürchtet,“ ſprach der junge Mann finſter.„Es hat ſogar den Alten über⸗ raſcht, merk' ich, denn ſolche Eile iſt ſeine Gewohnheit ſonſt nicht,“ fuhr er fort, und deutete ſeitwärts gegen die Heide zu, wo durch die letzten Staubwolken der mit der Herde raſch ſich nähernde alte Schäfer ſichtbar wurde.— „Es iſt keine Möglichkeit zum Aufbruch mehr vorhanden. Here melt gepr. mahn noch gewe hinte denn bare de eine ich von Gewölk ternden und der Grab⸗ er erſte uch auf 3 heran eulend, Fläche In der Heide. 199 Herein mit den Pferden in den Grund Kommen Sie! Ich will den Schuppen öffnen.“ „Ich gehe niemals in dieſe unſaubere Höhle!“ ſtam⸗ melte Stephanie bebend und doch mit feſt auf einander gepreßten Lippen. „Seien Sie nicht thöricht, meine ſchöne Gräfin!“ mahnte Renaud gleichfalls ernſt.„Es wird da drinnen noch immer beſſer ſein, als auf der Ebene, wo wir fort⸗ geweht oder fort— Hu!“— Und er riß das Mädchen hinter den Vorſprung des nächſten Grabhügels zurück, denn der Stoß, der vorüberſauſ'te, war von ſo furcht⸗ barer Gewalt, daß ſelbſt die Männer Mühe hatten, ſich aufrecht zu erhalten und die Pferde ſich entſetzt aufbäum⸗ ten und, mit Mühe gebändigt, an allen Gliedern zitterten. Die Heide war in den dichten, fahlen Staubwolken wie verſchwunden, der Donnerſchlag, der zugleich hernieder ge⸗ kracht war, rollte der Geſellſchaft ſchon zu Häupten, kam im dumpfen Wiederhall von den Dünen und den hohen Wäldern zurück und betäubte das Mädchen vollends, ſo daß es ſich willenlos fort und der geöffneten Hütte zu— ziehen ließ, von der Eugen jetzt bereits wieder, mit flüch⸗ tiger Handbewegung zurückdeutend, an dem Paare vor⸗ beieilte. „Hinein!“ ſchrie er den Anderen zu, denn die ge⸗ wöhnliche Sprache verklang in der ſich immer ſteigernden Gewalt des Unwetters. Und nun ſäumten ſie nicht mehr, die beiden jungen Offiziere ſprangen dem Schutz des Ge⸗ bäudes zu, die Bedienſteten zogen die Pferde in den ver⸗ hältnißmäßig geſchützten Grund und ſattelten ſie auf des 200 Siebtes Kapitel. Grafen Geheiß ab. Denn nun fielen auch hier ſchon die erſten großen Regentropfen, denen bald ganze Ströme zu folgen drohten. Ueber den Dünen und der See war es wie eine finſtere Dämmerung und die vorüber praſſeln⸗ den und ſauſenden Schauer erfüllten alles mit ihrem Dunſt und ließen ſelbſt vom Himmel und ſeinen Wolken nichts mehr erkennen. Eugen eilte raſtlos ab und zu; nun ſah er nach den Leuten und Pferden, die ſich im Grunde und hinter den Grabhügeln ſo gut wie möglich zu ſchützen ſuchten; dann ſchaute er in den Schuppen hinein, wo die Geſellſchaft trotz Stephaniens anfänglichem Widerwillen und Vial's halb ſpottenden, halb zürnenden Bemerkungen ſich nach und nach zurecht zu finden, ſich geſichert und beruhigt, ja durch die Enge und Unbequemlichkeit, wie es nicht ſelten geſchieht, eher erheitert zu fühlen begann. Und von da eilte er durch den ſchon ſtärkeren Regen hinaus bis zur Oeffnung und blickte ernſten Auges zum Meer und den Dünen hinüber, zum Walde hin, wo er mehr als einen der alten Baumrieſen der furchtbaren Gewalt der Stur⸗ mesſtöße erliegen und krachend zum Boden niederſtürzen ſah, und endlich in die Heide zurück. Dort war der Staub und Sand bereits feucht geworden und hatte ſich niedergelaſſen; der Regen fiel noch immer nicht reichlich, da der Sturm ihn verwehte, und die ebenen Gelände lagen verhältnißmäßig weit überſehbar, in einem ſeltſam durchſichtigen, grauen und, man hätte ſagen mögen: be⸗ ängſtigenden Lichte da. In ſolchem Schauen traf ihn der Schäfer, der jetzt ſeine gewü und Man fen Hert noch Karſ Nach zu n ſagte wen Mor hon die öme zu war es raſſeln⸗ ihrem Wolken ach den ter den , dann ellſchaft Vial's h nach higt, ja t ſelten von da bis zur nd den z einen r Stur⸗ rſtürzen var der atte ſich In der Heide. 201 ſeine Herde untergebracht hatte und in die blau und weiß gewürfelte alte Decke gehüllt, langſam durch den Regen und Sturm auf ihn zukam. „Seid Ihr's alſo doch, junger Herr?“ ſprach der alte Mann, indem er die herzlich dargebotene Hand des Gra⸗ fen ergriff und ſchüttelte und den ſorgenvollen Blick des Herrn mit einem ſo freundlichen erwiderte, wie wir ihn noch nicht von dieſen Augen ausgehen ſahen.—„Der Karſten Herbart von Nieder⸗Rhoda brachte mir die erſte Nachricht, daß ſo ein fremdländiſcher Gewaltiger von Euch zu mir altem Manne geführt werden wollte, und Detlef ſagte noch weiter davon. Aber heute wär' ich's mir am wenigſten vermuthen geweſen. Es war unſauber vom Morgen an, und Ihr hättet das auch hinter dem Buſch ſchon merken können.“ Sie waren in den Schutz des nächſten Hügels zu⸗ rückgetreten, wo der Sturm über ihren Häuptern hinzog und dort ganze volle Schauer peitſchend hinjagte, ſo daß nur wenig Sprühe zu ihnen hinab gelangte, während über der Heide vor ihnen ſich plötzlich alles in dichte und immer dichtere Schleier hüllte, durch welche nur von Zeit zu Zeit die Blitze des bereits vorbei gejagten Gewitters grell entlang ſchoſſen. „Wir merkten's auch,“ verſetzte Eugen, der des Alten Worte mit ſichtbarem Intereſſe vernommen hatte, nun miß⸗ muthig.„Onkel Eberhard und ich riethen beide ab. Allein wir drangen nicht durch, und offen geſtanden, Vater, ſo ſchnell hätte auch ich es nicht vermuthet.“ „Ja, es iſt gekommen wie die Hand des Herrn über — 202 Siebtes Kapitel. die Gottloſen,“ ſagte der Schäfer in einem gewiſſen ſtar⸗ ren Tone und mit verdüſtertem Blicke.„Man ſieht ſie nicht, bis ſie über uns iſt und ſich fühlbar macht. Aber der Herr gibt's der Menſchheit, wie ſie's treibt,“ fügte er hinzu;„ſie wollen es nicht beſſer und werden es haben über ihren Willen. Denn das Gericht beginnt, und ſie werden ſich noch in mancher viel ärgeren Noth verſuchen müſſen.“ Eugen hatte dieſen Worten wieder mit einer Art von faſt ehrfürchtiger Regung gelauſcht; die Weiſe des Greiſes verfehlte, wie wir bereits erfuhren, ſelten eines ſolchen Eindrucks auf ſeine Umgebung. Dann aber, da der Alte nicht weiter fortfuhr, nahm ſich der Graf zuſammen und fragte:„Was haltet Ihr vom Wetter, Vater Steffen?“ Der Schäfer warf einen flüchtigen Blick zur grauen Höhe und in die verſchleierte Heide hinaus.„Es kommt noch ärger,“ ſagte er ruhig. „Noch ärger? Wie meint Ihr das?“ „Ja, das Gewitter iſt vorüber, der Regen trifft uns weniger arg als die dort hinter der Grenze, und ich glaube nicht, daß es überhaupt noch viel gibt. Aber ver⸗ laßt Euch darauf, es endet mit einem ſchweren Sturm aus Nord⸗Oſt, junger Herr. Und bis zum Buſche wird's nicht plaiſirlich zu reiten ſein. Ihr werdet eine Pauſe ergreifen müſſen. Aber was!“ fügte der Greis wieder hinzu, der heute bei Weitem aufgeweckter war, als wir ihn bisher gefunden.„Es ſind ja Kriegsleute, die müſſen ſich daran gewöhnen, und Ihr, weiß ich, fragt auch nicht nach dergleichen, junger Herr. Ihr führt ſie eben gerade nach jenſe über. als! trieb beide ſtäut darb ſchw einen 1 her der — ſen ſtar ſieht ſie Aber fügte er s haben und ſie erſuchen Art von Greiſes ſolchen der Alte nen und efffen?“ grauen kommt eifft uns und ich (ber ver⸗ Sturm wirds 6 Pauſe jwieder als wir müſſen uch niht gerade In der Heide. 203 nach Dreiheiligen zurück, denk' ich, denn im Buſche und jenſeits wird es nicht ſo arg ſein. Es zieht hier her⸗ über.“ Der Regen hatte in der That nachgelaſſen. Es war, als hätte der Sturm ihn ſchon vollends vorübergejagt und triebe ihn ſauſend über die Heide hin, in welche ſich den beiden Männern zwiſchen den niederpraſſelnden und fort⸗ ſtäubenden Schauern hin und wider wunderbare Blicke darboten. Der Himmel droben trieb voll ſich drängender, ſchwerer und drohender Wolken, und als Eugen nun einen Schritt in's Freie machte und gegen das Meer zu ſah, erblickte er nicht nur den ganzen Horizont in ähnli— cher Weiſe verhüllt, ſondern die Stöße kamen auch aus der vom Schäfer angedeuteten Richtung ſchon mit ſo raſender Gewalt und ſo anhaltend herüber, daß er ſchnell ſich in den Schutz des Hügels zurückzog, um ſich nur auf⸗ recht zu erhalten. „Es iſt, wie ich ſagte,“ bemerkte der Schäfer trocken. „Aber es kommt noch ärger.“ „Und Ihr habt Recht, Vater,“ meinte der Graf mit einem finſter nachdenklichen Blick auf die Hütte, in deren Thor ſich jetzt Renaud's ſtattliche Geſtalt zeigte.„Nach den Fremden frage ich wenig, denen ſchadet eine tüchtige Lection nicht, und es iſt ihnen zu gönnen, daß ſie Land und Himmel bei uns eben ſo gut kennen lernen, wie die Menſchen. Ich ſelber kümmere mich noch weniger darum. Aber was macht man mit meiner Couſine?“ Der Schäfer ſah überraſcht auf.„Ihr habt auch Frauensleute bei Euch?“ fragte er lebhaft. — 204 Siebtes Kapitel. „Nur die Eine, Vater Steffen. Ihr habt wohl ge⸗ hört, daß die Tochter der Tante Mathilde ſeit einiger Zeit ſchon in Nieder⸗Rhoda iſt.“ „So! Von der Reichsgräfin!— Na, das muß kurios zugegangen ſein, daß die ihre zarte Haut in Sonne und Heide hinauswagt. Ihre Mutter hat ſo was nicht pro⸗ birt; die hätte gemeint, ſie verunehre ſich.“ Eugen lächelte bitter.„Die Tochter möchte kaum anders ſein,“ ſagte er.„Hätte das Gewitter und der Sturm ſie nicht hineingejagt, würde Euer Stall das Glück ihrer Gegenwart niemals genoſſen haben. Und auch in die Heide hinaus kam ſie nicht Euretwegen, wie der Ge⸗ neral, oder um der Gegend willen, ſondern— ich meine faſt, halb weil wir ihr abredeten, halb weil ihr die Her⸗ ren Franzoſen eine würdigere Geſellſchaft ſchienen als die Anderen, die in Dreiheiligen blieben.“ Die Augen des Greiſes überflogen das finſtere Ge⸗ ſicht des jungen Mannes mit einem, man möchte ſagen vorſichtigen Blicke, ſo ſchnell erhoben ſie ſich, ſo raſch und anſcheinend gleichgültig wandten ſie ſich wieder ab. Und erſt dann erwiderte er in kaltem Tone:„Ja, junger Herr, das iſt eben alles der gleiche Schlag.“ Der Regen war jetzt ganz vorüber, auch die Heide lag ſchon wieder weithin überſehbar im trüben Lichte vor ihnen, der Donner rollte nur noch dumpf aus der Ferne, und von dem jähen Unwetter war nichts übrig geblieben als die vorüberjagenden Wolken droben und der ſauſende Sturm hier unten, der freilich der Vermuthung des Schä⸗ fers gemäß noch immer eher zu⸗ als abzunehmen ſchien, wohl ge⸗ einiger iß kurios nne und iccht pro⸗ ßte kaum und der das Glück auch in der Ge⸗ ch meine die Her⸗ als die ſtere Ge⸗ hte ſagen raſch und ab. Und junger die Heide dichte vor In der Heide. 205 indeſſen in dem zwiſchen den Grabhügeln liegenden Grunde nur in gemäßigtem Grade fühlbar wurde. General Renaud war jetzt vollends in's Freie getre⸗ ten und ſchaute ſich prüfenden Blickes um. Dann. kam er, die ſtattliche Geſtalt in bequemer, faſt ein wenig nach⸗ läſſiger Haltung und die Hände in den Taſchen der Ho⸗ ſen, zu Eugen und dem Schäfer herangeſchlendert, wäh⸗ rend ſein geiſtvolles, dunkles Auge den Letzteren mit ſicht⸗ barem Intereſſe muſterte. „Sie treiben Ihre Sorgfalt für uns in der That zu weit, mein theurer Graf,“ ſprach er vollends herantretend und gegen Eugen gewendet, in freundlich verbindendem Tone.„Was nützt es, dieſes Teufelswetter hier draußen zu beobachten? Es geht darum nicht ſchneller vorüber, und Sie hätten ſich dem Danke Ihrer Couſine und dem unſeren nicht entziehen ſollen! Die junge, muthige Dame ſieht ihr Unrecht ein und ſegnet Ihre Entſchiedenheit, die uns aus dem Wetter gerettet, und hat Angſt, wo Sie bleiben. Aber am Ende haben wir uns getäuſcht,“ redete er weiter und drehte ſich halb gegen den Schäfer, der bisher unbefangen und ruhig daneben geſtanden und den Wolkenzug beobachtet hatte.„Sie haben, wie es ſcheint, eine beſſere Unterhaltung hier draußen gefunden, als wir Ihnen drinnen zu bieten vermocht hätten.“ Und mit leb⸗ haftem Blicke den Alten meſſend, fügte er plötzlich in gutem, nur ein wenig fremdartig betontem Deutſch hin⸗ zu:„Denn Ihr ſeid doch wohl der Prophet dieſer Ge⸗ gend, alter Vater?“ Der Schäfer maß ihn mit einem gleichgültigen Blicke. — 1 206 Siebtes Kapitel. „Redet Er mit mir, Herr General?“ verſetzte er, natür⸗ lich in dem gewöhnlichen plattdeutſchen Dialekt, den er allein ſprach und in welchem auch das ganze Geſpräch mit Eugen gehalten worden war.—„Ich bin kein Pro⸗ phet, ſondern nur ein armer Schäfer des Herrn Grafen Eberhard auf Dreiheiligen.“ „Ah, er ſpricht in eurem Patois!“ ſagte Renaud, ohne den Blick von dem alten, faſt unbeweglich da ſtehen⸗ den Manne zu verwenden.„Da werden Sie doch aus⸗ helfen müſſen, mein theurer Graf!“— Und ſich wieder zu dem Schäfer wendend, ſprach er weiter:„Ihr braucht Euch nicht vor mir zu ängſtigen, Alter. Ein General iſt auch nur ein Menſch, und ich will Euch nicht übel. Im Gegentheil, was man mir von Euch und Euren ſeltenen Gaben erzählt hat, machte mich neugierig auf Euch. Alſo ſeid unbeſorgt und redet dreiſt.“ Das faltenreiche Geſicht des Schäfers war ſo ſtarr und unbeweglich, als ſei es aus Holz geſchnitzt, und die faſt farbloſen Augen ruhten auf dem Sprechenden mit einem feſten und doch kalten Blicke, ſo daß man in Zwei⸗ fel ſein konnte, ob er die Worte des Fremden überhaupt verſtanden. Auch Eugen nahm etwas Aehnliches an und begann freundlich:„Der Herr General will Euch kennen lernen, Vater, wie ich ſchon—“ Da aber öffnete der Greis die ſchmalen, kaum ſicht— baren Lippen und ſagte gleichmüthig:„Weiß es ſchon, junger Herr, und habe den Herrn da ganz wohl verſtan⸗ den. Auch ängſtige ich mich nicht, Herr General. Ich wüßte nicht, weßhalb, denn was kann Er oder ſonſt je— mand Ihm dieſer von ter n dem Euge daran tem wurd und bewe 8 Ja weit 7, natür den er Geſpräch Renaud, da ſtehen⸗ doch aus⸗ ch wieder Im ſ Vl ſeltenen ſo ſtarr und die nden mit in Zwei⸗ — In der Heide. 207 mand mir viel thun? Der Herrgott iſt über mir und Ihm. Vor dem ſind wir alle gleich, und die Großen dieſer Welt ſind wie Unſereins. Aber was Er eigentlich von mir will, das weiß und capir' ich nicht.'s iſt wei⸗ ter nichts Beſonderes an mir altem Menſchen.“ Renaud war dieſen Worten geſpannt gefolgt; trotz— dem bedurfte er aber doch noch einiger Erläuterungen Eugen's, um den Sinn der Antwort zu faſſen, und erſt darauf ſprach er, indem ſein Auge mit ſichtbar geſteiger— tem Intereſſe den greiſen Mann beobachtete:„Aber es wurde mir doch gemeldet, daß Ihr in die Zukunft ſehen könnt, alter Vater, und vorausſchaut, was dem Einzelnen und uns allen begegnen wird?“ Der Greis ſchaute ihn wieder eine Weile lang un⸗ beweglich an, bevor er ſo ruhig wie vorhin antwortete: „Ja, wenn es die rechte Stunde iſt, darf ich zuweilen weiter ſehen, als es den Menſchenkindern ſonſt gegeben.“ „Und jetzt iſt die Zeit nicht die richtige?“ „Nein, Herr.“ „Ihr habt auch von uns, von der Herrſchaft Sr. Majeſtät des Kaiſers, von unſerer Armee drinnen in Ruß⸗ land geſagt, daß ihnen Schweres bevorſtände?“ „Ja, Herr.— Es ſteht ihnen aber nicht bevor, es iſt ſchon über ihnen. Der Herr ſtraft ihre Sünden mit feuriger Ruthe.“ Renaud wandte ſein Auge mit fragendem Blicke zu Eugen und dann wieder zu der unbeweglichen Geſtalt des Schäfers zurück.„Was heißt das?“ fragte er.„Was meint Ihr damit?“ —4 208 Siebtes Kapitel. „Das Feuer fegt ſie aus ihrem Lager und ſie erſtar⸗ ren in Schnee und Eis,“ verſetzte der Alte kalt. „Woher wißt Ihr das?“ rief der General barſch und mit einem dunkeln Blicke. „Ich hab' es geſehen, Herr,“ lautete die kaltblütige Antwort. Der General wandte ſich nach einem langen, finſte— ren Blicke ziemlich heftig von dem Schäfer fort und zu Eugen.„Das iſt, wie ich es freilich halb und halb ge⸗ dacht, ein wahnſinniger, alter Träumer,“ ſagte er auf Franzöſiſch und in hörbar zürnender Erregtheit;„zu an⸗ deren Zeiten und Gebildeten gegenüber ſehr unſchädlich, aber unter den jetzigen Umſtänden und Verhältniſſen und bei der feindſeligen Stimmung des rauhen und rohen Volkes vielleicht gefährlicher als irgend ein Anderer. Ich gebe Ihrem Herrn Großvater Recht— es iſt ein Menſch, den man unſchädlich machen müßte, und ich habe gute Luſt, ihn demnächſt aufheben zu laſſen.“ Eugen's Blick traf den General eben ſo forſchend und gleichſam überraſcht, wie ſchon auf dem Herritt ein— mal. Dann verſetzte er, auch wie damals, in gehaltenem Ton und vollkommen artig:„Das, mein Herr General, hängt freilich von Ihnen ab. Nur erlaube ich mir, Sie darauf aufmerkſam zu machen, daß die Stimmung des Volkes eine ziemlich ſchwierige iſt und durch einen ſolchen Akt, wenn er überhaupt auszuführen, ſicher nicht verbeſ⸗ ſert würde. Sie könnten nirgends auf Unterſtützung, vielleicht dagegen auf ernſten Widerſtand rechnen.“ „Auch von Ihnen und den Ihren, mein Herr Graf?“ ſie erſtar arſch und halb ge⸗ te er auf zu an⸗ inſchädlich, niſſen und und rohen herer. Jch in Menſch, habe gute forſchend Herritt ein haltenem In der Heide. 209 — Das Auge Renaud's nahm einen faſt drohenden Aus⸗ druck an. Eugen richtete ſich nur ein wenig höher auf, blieb jedoch im Uebrigen vollkommen gehalten.—„Von uns?“ gab er zurück.„Gewiß nicht, Herr General; aber eben ſo wenig wäre von einer Unterſtützung die Rede. Wir haben uns hier niemals in die Funktionen der Land⸗ Polizei gemiſcht.“ „Ah bah, Unterſtützung oder Widerſtand!“ ſprach Renaud in hörbar immer gereizterem Tone.„Wir be⸗ dürfen der einen nicht und würden den anderen— er zog die Finger der Rechten feſt zuſammen— zermal⸗ men!“— Und indem er inne hielt und ſich zuſammen⸗ zunehmen ſchien, denn ſein Auge wurde wieder ruhiger, fügte er ſpöttiſch hinzu:„Unſer Streit iſt lächerlich, Herr Graf, wie ſein Gegenſtand. Man macht ein Weſen aus dieſem alten Narren, als ſei er mindeſtens eine Art Fürſt. Was hindert mich, ihn von den Leuten ſchon heute mit⸗ nehmen zu laſſen? Dann hätte die ganze Affaire ein Ende.“ Graf Eugen richtete ſich zu der vollen Größe und Straffheit auf, die ſeine ſchlanke und geſchmeidige Geſtalt annehmen konnte, und ſeine faſt veilchenblauen Augen hefteten ſich auf den General mit feſtem, ſtolzem, durch⸗ dringendem Blick.„Was Sie daran hindert, mein Herr?“ entgegnete er langſam und articulirt.„Ihre Ehre, Herr General. Denn Sie wiſſen recht gut, daß die Sicherheit des Schäfers eine ſtillſchweigende Bedingung bei dieſem Ihrem Beſuche wie bei meiner Begleitung auf demſelben Hoefer, Fremdherrſchaft. I. 14 — “ — 210 Siebtes Kapitel. war. Meine Tante, die Gräfin Hebe, hätte anderenfalls nimmermehr dieſen Ausflug unterſtützt und noch weniger mich als Führer Ihnen vorgeſchlagen.“— Der General erwiderte den Blick des Anderen ein paar Sekunden lang mit gleicher Feſtigkeit— es war, als mäßen die beiden Männer einander und berechneten ſo zu ſagen, was ſie jetzt und ſpäter von einander zu erwarten hätten. Dann wandte er ſich mit leichter Verbeu⸗ gung ab und dem Schäfer zu, der bisher ohne Regung und Theilnahme ſeinen alten Platz behauptet und nur die Augen bald über die beiden Herren, bald über Land und Himmel hatte hinſtreifen laſſen, wo es ſeit einigen Minuten etwas ruhiger geworden war.—„Es iſt gut, Alter,“ ſprach er anſcheinend kalt und wieder deutſch. „Ich rathe Euch aber, nehmt Euch in Acht und hütet Euren Mund. Wir wiſſen unſere Feinde ſtill zu machen. Das merkt Euch.“ „Mein Mund redet nur, was er muß,“ antwortete Steffen nach einer Weile mit ſeiner ganzen gewöhnlichen Kälte.„Und ſo der Herr mich fallen läßt, bin ich in eurer Hand, anders nicht. Aber eure Zeit kommt früher, als die meine.“ Renaud maß ihn mit einem langen, finſteren Blicke. Dann wandte er ſich mit verächtlichem Achſelzucken zu Eugen, ſagte kurz:„Ich denke, wir brechen auf, mein Herr!“ rief im Vorübergehen den Dienern ein noch kür⸗ zeres„Satteln!“ zu und verſchwand in dem Thore des Stalles. Eugen warf einen zerſtreuten Blick ihm nach, dann In der Heide. 211 rückwärts auf die Heide und die Dünen. Das ſeltſame Weſen des Offiziers, deſſen Freundlichkeit und Humanität nicht allein durch den Ruf verbreitet, ſondern auch dem⸗ n ein jungen Manne durch die Tante beſonders gerühmt und war, ihm ſogar bereits perſönlich bekannt geworden war, über⸗ hneten raſchte ihn und erfüllte ihn mit ernſtem Nachdenken. ander zu Schon bei der Begrüßung in Dreiheiligen war ihm eine rVerbeu⸗ Veränderung bemerkbar geworden, die ſelbſt der Tante Regung aufgefallen zu ſein ſchien. Die ernſte Wendung des Ge⸗ d nur ſprächs auf dem Herwege kam ihm wieder in den Sinn, ber Land und was er eben vernommen, erfüllte ihn mit lebhafter einigen Sorge um denjenigen, der noch immer ſo ruhig und gleich— gut, gültig neben ihm ſtand und nur kalten Blickes das Trei⸗ deutſch ben der Diener verfolgte, welche dem Befehle des Gene⸗ d hütet rals gemäß aufſattelten.— machen.„Nehmt Euch in Acht, junger Herr,“ ſagte der Greis, ſich plötzlich zu Eugen wendend;„die Stille trügt. Es twortete bläſ't gleich wieder wilder als je. Da kommt's ſchon!“ nlichen ſetzte er hinzu und deutete zum Walde hinüber,, wo die 5 in Kronen ſich eben unter einem neuen, furchtbaren Stoße fii er beugten, der gleich darauf auch über die Heide und brau⸗ ſend an ihrem Platze vorüberfuhr, ſo daß vor dem jähen „Blicke Lärm die Pferde ſich auf's neue bäumten.— Dann bot aicken z der Alte dem Grafen die Hand, drückte die ergriffene feſt mein zwiſchen die dürren Finger, ſprach ein ruhig freundliches: „Na, Gott befohlen, junger Herr!“ und flüſterte raſch, mit unverändertem Geſichtsausdruck, ſo daß ein Lauſcher weder die Worte vernehmen, noch ihre Wichtigkeit erra⸗ then konnte, hinterdrein:„Grübelt nicht, Eugen. Es geht — 212 Siebtes Kapitel. ganz natürlich zu. Der— Jäger iſt ihm zu] Kopf ge⸗ ſtiegen und er beargwohnt euch.“ Die Hand ließ los. Der Alte nickte noch einmal, drehte ſich um und ging mit ſeinen gewohnten, zwar lang⸗ ſamen, aber weit ausgreifenden Schritten gegen die Hürde zu.— Eugen warf ihm einen langen, ſchier träumeriſchen Blick nach; das Unbegreifliche, was der Schäfer an und in ſich hatte, war ſelbſt ihm niemals überraſchender offen⸗ bar geworden, als bei dieſen letzten Worten deſſelben. Er hatte jedoch keine Zeit zum weiteren Nachdenken, denn die Geſellſchaft trat bereits aus der Hütte und ſaß raſch auf. Der General war an Stephaniens Seite. Als der Graf heran und zu ſeinem Pferde trat, bot ihm der zunächſt haltende Vial vom Sattel die Hand her⸗ unter und ſprach dazu mit ächt franzöſiſcher Liebenswür⸗ digkeit:„Verzeihung für meinen Zweifel, mein Herr Graf! Ihre Sorge hat ſich mehr als gerechtfertigt gezeigt. Das war eine böſe Stunde!“ Und zugleich ſagte auch Stephanie in einem Tone, der viel herzlicher als gewöhnlich, ja, faſt innig war, und ihr Auge blickte freundlich:„Sie ſollen mich zum Dank in der Folge gläubiger und fügſamer finden, Couſin,— Sie wiſſen Einem den Ungehorſam ſchwer zu verleiden!— Nun ſchmollen Sie aber auch nicht länger.“ Eugen drückte freundlich die Hand des Einen und verbeugte ſich flüchtig vor der Anderen, dann ſprang auch er in den Sattel, und indem ſie vorritten und den Grund verließen, redete er, gegen den Wald deutend, in einem gewiſſen trockenen und kurzen Tone:„Der Weg iſt ge⸗ führl würd d 3 913 In der Heide. 213 Kopf ge fährlich, wir haben aber keine Wahl, denn jeder andere würde uns erſt nach vielen Stunden nach Dreiheiligen ch einmal, zurückführen und unterwegs uns dennoch die volle Gewalt war lang des Sturmes fühlen laſſen. Vorwärts— es iſt wieder R Pauſe!— Drinnen im Walde dürfte es beſſer ſein, aber paſſen Sie immerhin auf und achten Sie auf meine r an und Couſine, meine Herren!“— Und er ritt, ſo ſchnell es eine der offen⸗ möglich war, voran und den Weg zurück, den ſie vor deſelben kaum anderthalb Stunden, nur durch die Sonnenglut be⸗ Deſ 5* ken, denn läſtigt, gekommen waren. ten, de⸗ Die Luft hatte nicht nur ihre frühere ſommerliche aß raſch Wärme verloren, ſondern es war ſogar empfindlich kühl geworden, und der Wind, der trotz der Pauſe zwiſchen den ſchweren Stößen noch immer heftig genug wehte, um die Geſellſchaft zum Schweigen zu zwingen, durchſchauerte die von dem Aufenthalt in der ſonnendurchwärmten 4 Ses Scheune verhältnißmäßig erhitzten Menſchen auf das un⸗ I behaglichſte. Und als ſie dem Walde ſchon nahe waren, brach ein Stoß über ſie herein, daß Stephanie im Sattel ſchwankte und nur durch Vial's raſch ihren Arm umfaſſen⸗ den feſten Griff vor dem wirklichen Sturze bewahrt wurde. . Und ſie erkannten die Gewalt des Sturmes nicht nur an Couſ 5 den gebrochenen oder mit ihren Wurzeln ausgehobenen 1 Stämmen, deren ſich hier an dem Rande des Forſtes mehrere zeigten, ſondern es neigte ſich eben vor ihren Eine 6 Augen auch eine ſtolz ragende Krone und ſtürzte mit dumpfem Krachen auf den Boden der Heide— eine ernſte Warnung. Eugen verſtand den raſchen, finſter fragenden Blick, 14— 214 Siebtes Kapitel. den ihm Renaud zuwarf.—„Es nützt nichts, wir müſ⸗ ſen hinein!“ ſprach er, ohne anzuhalten.„Ich hoffe in— deſſen, es wird drinnen, wie geſagt, weniger gefährlich Jo 5 ſein, als hier am Rande.— värts und Acht gege⸗ ben!“— Und er legte die letzte kurze Strecke im Galopp zurück und drang in den Waldweg hinein, der ziemlich breit, auf ſeinem feſten Grunde Gelegenheit zum ſchnelle⸗ ren Weiterkommen bot. Und ſie fanden es, wie er es ausgeſprochen. Hie und da ſahen ſie wohl einen Stamm im Walde an die Nachbarſtämme angelehnt; ganze Haufen welken Laubes zeigten ſich im Pfade zuſammen getrieben und abgebro⸗ chene Zweige lagen zahlreich umher. Allein ein größerer Stamm war hier nirgends geſtürzt, und je weiter ſie ein⸗ drangen, deſto mehr verloren ſich auch die angegeben Spuren des Unwetters; mochte es droben in den dichten Kronen zuweilen auch noch ſo betäubend brauſen und heulen, ſie waren zu dicht gedrängt und ihre Träger zu kräftig, als daß ſie hätten brechen ſollen. Und auf dem von ihnen beſchatteten Wege ward es ſogar verhältniß⸗ mäßig wenig fühlbar, was droben in der Höhe die Luft in die furchtbarſte Bewegung brachte. Dafür kamen von Zeit zu Zeit ein paar Regentropfen herab, aber darauf achtete niemand. Eugen war den Anderen eine ziemliche Strecke vor⸗ aus und hatte ſich, ſeit er ſich von der Gefahrloſigkeit ihres Weges überzeugt hielt, nicht mehr umgeſehen, und ſeinen ernſten und zum Theil bitteren Gedanken nach⸗ hängend, ſie ſich ſelbſt überlaſſen. Die paar Stunden angegeben den dichten rauſen und Träger zu dauf dem verhältniß⸗ e die Luft kamen von In der Heide. 215 auf der Heide waren für den jungen, heiteren Mann überaus inhalts⸗ und lehrreich geweſen und hatten ihm die unheilvollen Zuſtände des Vaterlandes deutlicher als jemals vor Augen und zur Empfindung gebracht. Aber es war damit noch nicht genug. Wären ge⸗ nauere Bekannte des jungen Mannes zugegen geweſen, die Zeit und Luſt gehabt hätten ihn während dieſer Stun⸗ den zu beobachten, ſo würden ſie auch die Veränderung haben bemerken müſſen, welche ſeit dem Morgen mit oder in Eugen vorgegangen war und ſicher nichts mit ſeinen Gefühlen für das Vaterland zu thun hatte. Wie heiter, wie vertrauensvoll, möchte man's heißen, war er ausge⸗ ritten von Dreiheiligen! Wie ernſt, wie niedergedrückt zeigte ſich ſein Aeußeres jetzt, da er den Weg ſchweigend und einſam zurück machte!— Ja ſeine Gedanken waren ernſt und traurig genug. Es war eine Viertelſtunde voll Kampf und Bitterkeit, voll qualvoller Einſicht, voll Entſagung und Schwermuth. Er achtete auf nichts umher und ließ ſein Pferd gehen, wie es wollte. Da wurde er aber durch einen raſchen Hufſchlag geſtört und zum Zurückſchauen vermocht. Von der übrigen Geſellſchaft ſah er niemand, ſie mußten noch hinter der nicht fernen Biegung des Weges ſein; Haupt⸗ mann Waldkirch war jedoch nah hinter ihm und gleich darauf bereits an ſeiner Seite. „Da hinten iſt's mir zu langweilig,“ ſagte der junge hübſche Mann heiter.„Der General und mein Kamerad haben die Gräfin gar zu feſt in Beſchlag genommen— oder iſt's umgekehrt?— und ich armer Teufel war nur — 216 Siebtes Kapitel. das fünfte Rad am Wagen. Da komm' ich, um ein wenig mit Ihnen zu plaudern— erlauben Sie's?“— Und auf Eugen's freundliches:„Bitte, Herr Kapitän!“— redete er weiter:„Das war ein recht verfehltes Bergnü⸗ gen, Herr Graf!— Aber ich ſtimmte Ihren Warnungen ſchon heute Morgen im Stillen zu. Ich kenne dieſe jähen Witterungswechſel und ihre Vorzeichen von meiner hei⸗ matlichen Heide her.“ Eugen ſah ſeinen Begleiter heimlich prüfend an, be⸗ vor er freundlich hinwarf:„Sie ſind aus dem Lüneburgi⸗ ſchen, Herr Kapitän?“ „Ja wohl, mein Vater iſt Notar in Lüneburg ſelbſt, früher in Hameln—“ „Ein Ehrenmann,“ fiel Eugen ein. „Sie kennen meinen Vater, Herr Graf?“— Das freundliche blaue Auge des jungen Offiziers richtete ſich fragend auf ſeinen Begleiter. „Nicht perſönlich,“ verſetzte dieſer unbefangen.„Ich hörte ihn nur— da Sie ein Deutſcher ſind, darf ich das von Ihnen trotz Ihrer Stellung wohl erwähnen!— als deutſchen Ehrenmann und treuen Freund unſeres Vater⸗ landes rühmen.“ Der Kapitän ſchaute den Grafen mit einem prüfen⸗ den, langen Blicke an. Seine Wangen zeigten eine flüch⸗ tige Röthe.—„Alſo doch!“ murmelte er dann, drehte ſich im Sattel, um den Weg zurückzuſchauen, und erſt als er hinter ſich alles noch einſam gefunden, wandte er ſich, drängte ſein Pferd noch näher an das Eugen's und ſagte gedämpft und raſch:„Das kann Ihnen faſt nur pitän!“— 8 Bergnit Parnungen dieſe jähen neiner hei Lüneburgi urg ſelbſt, In der Heide. 217 Hoven mitgetheilt haben, ein genauer Freund meines Vaters, den ich hier anweſend vermuthete, ſeit Sie neu⸗ lich Abends Ihrer Tante die Mittheilung vom Wieder⸗ erſcheinen des Kometen machten.“ Eugen hatte ſich, ſo ernſtlich er durch dieſe Worte überraſcht worden, doch faſt augenblicklich wieder gefaßt. „Eine wunderliche, nicht zutreffende Erklärung,“ entgeg⸗ nete er kalt, ohne jedoch ſein Auge von dem des Anderen zu verwenden.„Ich habe Ihren Herrn Vater in Pyr⸗ mont nennen und rühmen hören. Den von Ihnen ge⸗ nannten Namen kenne ich nicht und—“ „Ihr Mißtrauen iſt gerecht und trifft dennoch nicht zu,“ unterbrach ihn Waldkirch raſch und im früheren Ton, obgleich er nach einer neuen Umſchau ſein Pferd ein wenig weiter abgelenkt hatte.—„Zu langen Erörte⸗ rungen iſt keine Zeit, Zeugniſſe für mich und meine An⸗ ſichten kann ich Ihnen außer meinem Wort als Mann und Offizier nicht bieten. Nur Eins! Glauben Sie an meinen Vater, ſo glauben Sie auch an mich. Wie mein Vater einmal iſt, kann er keinen Verräther des Vaterlan⸗ des zum Sohne haben. Es gibt wenige unter uns, die anders denken.“ „Und dennoch ſind Sie Offizier in den Reihen des Feindes?“ warf Eugen ernſt ein. Ueber das offene Geſicht Waldkirch's flog ein bitte⸗ res Lächeln.„Wir haben uns nie für etwas Anderes als eine neue Art Geißel betrachtet,“ ſprach er.„Im Herbſt 1809 wurde es allen beſſeren Familien, die einen disponiblen Sohn hatten, aufgetragen, denſelben wo 218 Siebtes Kapitel. möglich Soldat werden zu laſſen, mit der Ausſicht auf eine gute Carriéère. Die blieb, wie Sie an mir ſehen, auch nicht aus. Bis zum Frühling war ich in der Garde, darauf wurde ich bei dem Mangel an Offizieren in den zurückgebliebenen Regimentern in die Linie als Haupt⸗ mann verſetzt, zu meiner Freude, denn das Leben in Kaſſel ekelte mich an.— Genug aber. Vertrauen Sie mir und hüten Sie ſich und Ihren Freund, wenn er noch nicht in Sicherheit iſt,“ fuhr er fort.„Was ich aus Ihrer Andeutung mit Beſtimmtheit ſchließen konnte, daß hinter jenem zugewanderten Jäger ein Anderer und zwar Hoven ſtecken werde, ahnt General Renaud gleichfalls. Er hat ſich durch den albernen Zeitungs⸗Artikel, der ent⸗ ſchieden nur geſchrieben wurde, um die Verfolger auf eine falſche Spur zu bringen und dies bei den Dumm⸗ köpfen der dortigen Behörden auch erreichte, keinen Augen⸗ blick täuſchen laſſen und hält Sie und den Herrn Onkel feſt im Auge. Merkten Sie an ihm keine Veränderung?“ Eugen nickte gedankenvoll. „Genug alſo— ſeien Sie vorſichtig!“ ſagte Wald⸗ kirch wieder.„Wir wollen abbrechen. Die Geſellſchaft kommt näher.“— Und indem er hell auflachte, fing er unbefangen ein anderes gleichgültiges Geſpräch an, wäh⸗ rend er zugleich ſein Pferd anhielt und dadurch Eugen zu gleichem Thun veranlaßte. Die Uebrigen waren bald heran; der Weg war brei⸗ ter geworden und erlaubte der Geſellſchaft, zuſammen zu bleiben. Die Spuren des Sturmes zeigten ſich immer ſeltener; der General warf dem Grafen ein freundliches sſicht auf ur ſehen, er Garde, n in den 8 Haupt⸗ Leben in auen Sie wenn er z ich aus 8, daß und zwar leichfalls. der ent⸗ lger auf Dumm⸗ derung?“ te Wald⸗ eſellſchaft fing er n, wäh⸗ h Eugen var bre⸗ nmen zu immer ) undlihes In der Heide. 219 Wort zu, das dieſer artig erwiderte. Die Unterhaltung ward allgemein, man kam heiter nach Dreiheiligen zurück. Als Eugen dem Onkel und der Tante von dem Ge⸗ ſpräch des Generals mit Steffen berichtet hatte, fragte Hebe nach einer Weile mit hörbarer Ueberraſchung:„und du weißt beſtimmt, daß ſie ſich weiter nicht mehr ſahen und ſprachen?“— Und als der junge Mann dies be⸗ jahte, ſah ſie Eberhard kopfſchüttelnd und verwundert, aber ohne ein ferneres Wort an. Sie blieb fortan, auch in der Geſellſchaft, ungewöhnlich ſtill und nachdenklich.— — — —— 6 4 4 1 4 1 — ——· Achtes Kapitel. Zärtliche Herzen. 8 OQu peut-on être mieux Qu'au sein de sa famille! Nun ſeh' ich mich an dir endlich gerochen, Darum dein Leid ich gar wohl gönne dir; Das Rad geht um!— Volkslied. Mit dem Gewitter und dem folgenden ſchweren Sturm, der, bald anwachſend, bald nachlaſſend, vier bis fünf Tage lang das Land durchtobt und ſeine Wälder zuſammengeſchüttelt hatte, war die ſchöne Witterung, welche in dieſem Jahre während des ganzen Auguſt und September auch an dieſen Küſten geherrſcht, zu Ende ge⸗ gangen und ein trüber, rauher und kalter Herbſt einge⸗ treten, mit windigen und regnigen Tagen und froſtigen Nächten; denn mehr als einmal hatte Morgens ſchon eine leichte Schneedecke die Fluren verhüllt, die dann im Lauf des Tages freilich wieder verſchwand, oder das Waſſer, welches in den Geleiſen der Dorfſtraßen oder in den Fur⸗ chen der Felder ſtand, zeigte ſich gar zu Eis erſtarrt. Das war in dieſen außerordentlich milden Küſtenſtrichen, ſchweren vier bis Wälder itterung, guſt und Ende ge⸗ hſt einge⸗ froſtigen hon eine im Lauf Waſſer, den Fur⸗ erſtarrt. nſt richen, Zärtliche Herzen. 221 wo die Reben an einigermaßen geſchützten Spalieren wäh⸗ rend des ganzen Winters häufig unbedeckt bleiben, und die Mandeln im Frühling ſo zeitig und üppig blühen, wie an der Bergſtraße, etwas durchaus Ungewöhnliches, das, indem es die Gebildeten mit ernſtem Nachdenken er⸗ füllte und mit der Erinnerung an die vielfältigen Prophe⸗ zeiungen von der Winternoth der großen ruſſiſchen Armee, in den unteren Ständen die ſchon ſchwierige Stimmung von Tag zu Tag verſchlimmerte, die Aufregung vermehrte, die ſtumme Erbitterung vertiefte und alles und alles einem kaum noch zurückhaltenden Ausbruch entgegenzudrängen ſchien. Es dürfte vielleicht manchem unſerer Leſer ſcheinen, als ob dieſe letzten Anführungen ein wenig gar zu roman⸗ haft wären, denn es iſt ja eine in der guten Geſellſchaft aufgekommene Sitte oder vielmehr Unſitte, nicht vom Wet⸗ ter zu reden, noch von ſeinem Wechſel beeinflußt zu ſchei⸗ nen, etwas, das jedoch nur aus der Sentimentalität und Ueberſpanntheit früherer Generationen entſtanden ſein kann, wo man es für niedrig und„undelicat“ zu halten beliebte, daß wir Menſchen auch von materiellen Einflüſſen berührt oder gar abhängig ſein könnten.— Es iſt das, ſo para⸗ dox es dem Einen, ſo unbedeutend, ja, lächerlich es dem Andern erſcheinen mag, gleichfalls eine, und zwar eine ſehr bezeichnende Signatur jener entſchwundenen, verſchro⸗ benen und— man möchte ſagen: verſchraubenden Zeit und Geſellſchaft, die uns die Natur und die Wahrheit im Ganzen wie im Einzelnen ſtahl und dafür ein Amalgam hinbot, das, gemiſcht aus Sentimentalität und Träumerei, — — 222 Achtes Kapitel. aus Frivolität, Künſtelei, kurz aus Unnatur und Ueber⸗ treibung nach jeder Richtung, dem unbefangenen und ruhigen Kopfe gar nicht abgeſchmackter und widerlicher erſcheinen konnte und dennoch— oh, ewige Gewalt des Unſinns!— bis in die neueſte Zeit und den heutigen Tag, bis auf die klügſten Köpfe und die ſchärfſten Augen, ſeine verblendende Herrſchaft zu erſtrecken vermochte. Das Volk hat ſich von all ſolchen Thorheiten von je her Gottlob wenig berühren laſſen. Ihm war das Mate⸗ rielle, das Wohlbefinden und Wohlbehagen des Leibes niemals etwas Nebenſächliches oder zu Verſchweigendes. Es unterlag ſolchen Einflüſſen und ließ ſich von ihnen beruhigen und befriedigen oder reizen und verſtimmen, wie es auf der Erde und unſerer ganzen Organiſation nach einmal gar nicht anders ſein kann, und wie es in Wirklichkeit bei uns anderen nicht zum Volk, ſondern zur „Geſellſchaft“ gehörigen Leuten genau eben ſo ſtatt fin⸗ det, wenn wir es auch nicht zu zeigen oder auszuſprechen wagen. Es hilft alles nicht— die Hitze und die Kälte, die Näſſe und der Staub, der Wind und der Regen, der blaue Himmel, die trübe, graue Wölbung, die unheimlich und drohend dahintreibenden Sturm⸗ und Regenwolken— ſie erſtrecken ihre Wirkungen nicht allein bis in unſere Wohnungen, ſondern auch bis in unſer Gemüth und un⸗ ſeren Geiſt, und natürlich überall, wo ein Wechſel der Witterung häufiger und der Unterſchied zwiſchen dem was man gut und ſchlecht heißt, ein größerer iſt, bei Weitem mehr, als dort, wo ein beſtändigeres Klima die Menſchen Zärtliche Herzen. 22 nur ſelten aus ihrer Gewohnheit und Behaglichkeit auf⸗ ſchrecken läßt.— Im Schloſſe zu Nieder⸗Rhoda mit ſeinen reichen und behaglichen Räumen wehte gleichfalls die graue, naßkalte Luft, die den Aufenthalt im Freien gründlich verleiden konnte, auf das ſichtbarſte und fühlbarſte, obleich nicht nur das Feuer in dem Kaminofen— einer Erfindung, die, damals noch neu, das Angenehme mit dem Zweck⸗ mäßigen zu verbinden wußte,— ſondern ſo zu ſagen auch die ganze Einrichtung des ſchönen Gemachs, die ſchweren Thür⸗ und Fenſter⸗Vorhänge, der dicke Teppich, die Dop⸗ pelfenſter, ja, die tiefſatte Färbung der Tapeten wärmten, und dazu, was man damals noch nicht häufig fand, auch ein großer, reich beſetzter Blumentiſch die gute Jahreszeit mit dem Duft und Glanz ihrer Blüthen, ihres friſchen und üppigen Grüns ſich zurückzuzaubern und feſtzuhalten beſtrebte. Es wurde dadurch um nichts beſſer und an⸗ genehmer. Der Tag draußen war gar zu grau, der Wind wehte gar zu froſtig durch die naſſen, ſchon halb⸗kahlen Zweige der Bäume, welche dort auf dem nahen, entfärb⸗ ten Raſenplatz ſich erhoben; der Regen, hin und wider mit ein paar großen Schneeflocken vermiſcht, ſchlug von Zeit zu Zeit gar zu ſcharf an das Glas der Fenſter und vermehrte, trüb herabrieſelnd, noch das Troſtloſe jedes Ausblicks. Und wenn die Menſchen, welche in dieſem Augenblick in dem Gemach verweilten, auch zu wohl er⸗ zogen waren, um verdrießlich zu erſcheinen, ſo zeigten ſie doch nichts weniger als jene behagliche Stimmung, welche — 224 Achtes Kapitel. zur Stunde des Nachmittags⸗Kaffee's ſonſt ſo leicht herauf zu beſchwören iſt. Sogar jenes junge Mädchen, das wie bei unſerem erſten Beſuch in dieſen Räumen am Theetiſch, jetzt an dem vor dem Sopha ſtehenden Kaffeetiſch weilte und wieder mit einer Tapiſſerie⸗Arbeit beſchäftigt war, ſah, wie man hier vielleicht annehmen mochte, ungebührlich gelangweilt aus, ja, ſchien ein paarmal nur mit Mühe ein leichtes Gähnen zu unterdrücken. Comteſſe Hebe ſaß, wie gewöhnlich, tief in den be⸗ quemen Stuhl verſunken, der hinter dem einen Blumen⸗ tiſch nahe am Fenſter ſtand. Sie war auch jetzt wieder, wenn begreiflicher Weiſe auch nicht in einem reichen Ge⸗ ſellſchaftskleide, doch immerhin nach Schnitt und Mode der längſt vergangenen franzöſiſchen Königszeit gekleidet, die ihrem Aeußeren ſo gut wie ihrer Neigung nun ein⸗ mal am meiſten entſprach. Doch hatte ſie heut einen wei⸗ chen ſchwarzen Shawl gleichſam fröſtelnd um die Schul⸗ tern gezogen und um das wiederum aufgeſchlagene und leicht gepuderte Haar ein ſchwarzes Spitzentüchlein gelegt, das, unter dem Kinn zugeknüpft und ſich weich an die Wangen ſchmiegend, das reine Oval dieſes Geſichts und jeden Zug desſelben auf das reizendſte hervortreten ließ. Ja, ſie war in ihrer jetzigen ruhigen Haltung vielleicht hinreißender ſchön, als jemals zu einer anderen Zeit und in anderer aufgeregter Stimmung. Es war in ihrem Ge⸗ ſichte etwas von Frieden, Ruhe und freundlicher Milde, was wir noch nicht darin bemerken durften, und die Augen ruhten mit einem ſanften, ſinnenden Ausdruck auf dem— Gegenſtande, der gegenwärtig ihre⸗ Blicke feſſelte. Ja, Zärtliche Herzen. 225 wäre es ein anderes Auge geweſen, als das der Gräfin Hebe, ſo hätte man glauben und ſagen mögen, es träume. Der Gegenſtand, der ſie feſſelte, war aber ein nicht gerade dürftig, indeſſen ganz einfach und in ziemlich derbe Stoffe gegleideter Knabe von etwa zehn Jahren, der ihr gegenüber und an den Blumentiſch gelehnt, auf einem geſtickten Fußſchemel ſaß und mit ſeinen Händchen die farbige Seide aus einander hielt, welche Gräfin Hebe langſam auf kleine Rollen und Sterne abwickelte. Es war ein kräftiges und geſundes, ſchönes Kind, aber an⸗ ſcheinend fern von der gewöhnlichen Heiterkeit und Rührig⸗ keit dieſes Alters. Denn er ſaß vollkommen ruhig bei dem ihm übertragenen Geſchäft, und in den Zügen des Geſichts ſo gut wie auf der hohen weißen Stirn und in den großen braunen Augen, wenn er dieſelben einmal zu der Dame erhob, zeigte ſich ein für ſolche Jahre mindeſtens ſeltſamer Ernſt und ein Verſtand, der an dem Kinde faſt erſchrecken konnte. Allein es war noch etwas Anderes in dieſem Geſicht, das einem aufmerkſamen Zuſchauer auffallen mußte, und das war die nicht abzuleugnende Aehnlichkeit mit den Zügen der kleinen Gräfin, eine Aehnlichkeit, die beſonders jetzt, wo Beide ernſt oder doch ruhig blickten und die Augen meiſtens geſenkt hielten, zwiſchen dieſen beiden im Alter ſo verſchiedenen Geſichtern gar nicht ausgeprägter ſein konnte. Da waren hier wie dort die gleiche hohe und reine Stirn, der unendlich liebliche Zug um den fei⸗ nen Mund und unter den Augen— taubenſanft und taubenweich, hätte man's heißen mögen!— Da waren Hoefer, Fremdherrſchaft. I 15 226 Achtes Kapitel. endlich und vor allem dieſe Augen ſelbſt, gleich groß und ſchön geſchnitten, mit ihren Sternen von dem gleichen reinen, augenblicklich gar milden und weichen Braun, mit denſelben wundervoll langen, dunklen Wimpern, die den Ausdruck des ſanften Ernſtes, der den beiden Geſichtern in dieſer Stunde gemein war, erſt vollkommen machten.— Außer den Geſchilderten befand ſich gegenwärtig nur noch eine Perſönlichkeit im Gemach, eine uns gleichfalls ſchon bekannt gewordene. Es war nämlich der alte Mann, den wir vor einigen Wochen erſt ins Speiſezimmer ein⸗ treten ſahen, wo ſeine Erſcheinung jedoch vor dem ihm raſch folgenden Eugen nicht zur Geltung gelangte. Er war im Auf⸗ und Abgehen begriffen und ſchien ſich von allen Gegenwärtigen entſchieden noch am behag⸗ lichſten zu fühlen. In ſeinem gefurchten Geſicht und in den kleinen, grauen Augen zeigte ſich wenigſtens etwas wie eine gewiſſe joviale Fidelität, und die bequeme Hal⸗ tung des langen Körpers, die tief in die Hoſentaſchen ver⸗ ſenkten Hände, die zwiſchen den Lippen ſchwebende kurze Pfeife widerſprachen dieſem Eindrucke keineswegs, ſondern verſtärkten vielmehr denſelben. Ja, es kam an ſeinem Aeußeren noch etwas hinzu, was die ganze Erſcheinung faſt zu einer komiſchen ſtempelte, und das war die blonde Perücke, welche, an ihren Locken leicht gepudert und hin— ten in den ſauberſten Haarbeutel auslaufend, dem ver⸗ hältnißmäßig kleinen Kopfe auf das allerſeltſamſte ſtand— ſie war entſchieden viel zu groß für denſelben— trotzdem von ihrem Beſitzer aber mit der höchſten Seelenruhe und Behaglichkeit in der Welt umhergetragen wurde. Denn daß ihl daß er beſonde und eit rictiger in eine begrüße I ſchien i denn d der alt blieb g der Ta nomme roß und gleichen -un, mit die der eſichtern hten.— rtig nur leichfalle Mann, mer ein dem ihm und in ss etwas ne Hal ſondern n ſeinem ſcheinung Zärtliche Herzen. 227 daß ihm dieſelbe nicht etwa zur Gewohnheit geworden und daß er ſich nicht im entfernteſten über ſein, zum Mindeſten beſonderes Ausſehen täuſchte, bewieſen die luſtigen Blicke und eine Art von heimlich ſchmunzelndem Lächeln oder richtiger fidelem Grinſen, mit dem er bei Gelegenheit ſein in einem der großen Wandſpiegel erſcheinendes Bild zu begrüßen ſchien. In dem Momente, da wir das Gemach betreten, ſchien indeſſen irgend jemand dasſelbe verlaſſen zu haben, denn die Portière der einen Thür bewegte ſich noch, und der alte hagere Herr hielt ſeine Augen dahin gerichtet, blieb auch ſtehen und ſagte, nachdem er die Rechte aus der Taſche gezogen und die Pfeife aus dem Munde ge— nommen, mit einer keineswegs wie damals ſchnarren⸗ den, ſondern durchaus freundlich, ja, jovial klingenden Stimme:„Das ſcheint eine Art Märchen⸗Prinzeſſin zu ſein, die ihr Gepäck nicht wie Unſereins in Koffern und Mantelſäcken, ſondern in Nüſſen bei ſich führt und erſt nach und nach zu Platz bringt. Lieber Gott, wie erſchie⸗ nen wir zuerſt ſo knapp und ſimpel: ein Köfferchen, ein Röckchen und— ein Gott! Und jetzt— Wetter noch ein— mal!— alle Tage ein neues Prachtſtück!— Wenn das ſo zunimmt oder ſich nicht ganz beſonders zuſammenpacken läßt, ſchaffen die und ihre Bagage einmal ja alle unſere Kutſchen nicht wieder weg.“ Comteſſe Hebe ſchaute lächelnd auf und zu dem Ha— gern hinüber.„Vetter, Sie ſind ein Univerſalgenie!“ bemerkte ſie, wieder zu ihrer Arbeit und dem Kleinen zu— rückblickend;„Kenner der Märchen⸗Litteratur und Kritiker 228 Achtes Kapitel. und Beobachter des Damenputzes! Sagen wir einmal: wenn das bei Ihnen ſo zunimmt— wohin wird das führen?“— Und indem ſie wieder aufſchaute und die ganze Erſcheinung des„Vetters“ muſterte, verzog ſich ihr Geſicht immer mehr und mehr, bis ſie endlich hell auf⸗ lachend hinzuſetzte:„Sie ſehen heut übrigens wirklich ganz verwünſcht aus, Vetter Chriſtian!“ Er zog die Schultern mit überraſchender Beweglich⸗ keit ſo weit in die Höhe, daß der Kopf faſt bis an die Ohren zwiſchen ihnen eintauchte und die Locken der Perücke auf dieſelben ſtießen, und nachdem er ſich mit einer Art von Pirouette um⸗ und vor den Spiegel in ſeinem Rücken geſchwenkt hatte, muſterte er ſich mit nun wieder um ſo länger hervorgerecktem Halſe, nickte dem Bilde zu und verſetzte, ſich eben ſo ſchnell wieder an Comteſſe Hebe wendend, mit angenommenem Ernſte und einer faſt cere— moniöſen Verbeugung:„Ja, Couſine, wenn Geiſt und Verſtand des Herrn Papa's, meines hochgebornen Vetters und Perruquiers, bei ſeinen hohen Jahren in gleicher Weiſe wachſen wie ſein Kopf oder vielmehr ſeine Pe⸗ rücken, die ja leider auch die meinen ſind oder doch wer⸗ den, ſo ſieht es bös für mich und meinen Kopf aus.“ Die drei Zuhörer lachten jeder in ſeiner Weiſe zu dieſen wunderlichen Worten und dem eben ſo wunderlichen Weſen des alten Mannes, der jetzt nach einer neuen, gleich ceremoniöſen Verbeugung die Pfeife wieder zwiſchen die Lippen und die Hände in die Taſchen ſchob und mit langen Schritten die abgebrochene Promenade von neuem aufnahm. Er rauchte übrigens discret, ſo daß man ne entguell willige hohen verführ Thorhe dem I noch ni und R. g ſich ihr hell auf klich gan⸗ teſſe Hed faſt cere Geiſt und n Vetters Zärtliche Herzen. 229 man nur von Zeit zu Zeit ein wenig Rauch ſeinen Lippen entquellen ſah, während eine ſehr ſcharfe oder ſehr bös⸗ willige Naſe dazu gehört haben würde, in dem großen und hohen Zimmer mehr als eine Spur von dem Dufte des verführeriſchen Krautes zu entdecken. „Ich ſehe aber nicht ein, Vetter, weßhalb Sie, bei der Verſchiedenheit eurer Köpfe, ſo hartnäckig an dieſer— Thorheit hängen,“ meinte Hebe nach einer Weile zwiſchen dem Wickeln ihrer Seide.„Es wird Ihr Kopf darum noch nicht zu kurz kommen oder eine Erkältung riskiren.“ Der Alte nahm die Hand aus der Taſche und die Pfeife aus dem Munde.„Sachte, ſachte, ſachte!“ erwi⸗ derte er in einem taktmäßigen und ſich verſtärkenden Tone.„Couſine Hebe, Sie ſind eine Dame von Schön⸗ heit und Geiſt, nur— ſchade— manchmal ein wenig gar zu flüchtig!— Thorheit, ſagen Sie? Aufgeben? Wo denken Sie hin!— Erſtens hat mich der Herr Papa, mein hochgeborner Vetter, zum Erben ſeiner Garderobe feierlich beſtimmt, und da er, Gott ſei Dank, noch keine Luſt hat, mich dieſe Erbſchaft durch den Todesfall antreten zu laſſen, und überdies alle Monat eine dieſer Perücken ablegt, die doch benutzt werden müſſen, ſo verwende ich ſein Erbe ſchon bei ſeinem Leben— ich käme ſonſt zu kurz, und ihm thut eine ſolche Anhänglichkeit wohl— ſehr wohl, Couſine! Lachen Sie nicht, es iſt wahr, er hat ein ſo empfindliches Herz, mein Herr Vetter! Zweitens—“ und der Geſichtsausdruck des Alten wurde durch den Ernſt, den er ſich anzunehmen beſtrebte, wo möglich noch komiſcher—„zweitens iſt Monſieur Pierre, unſer Kammer⸗ 230 Achtes Kapitel. herr ohne Schlüſſel, jetzt entzückt, wenn ich ihm von Zeit zu Zeit eines meiner Erbſtücke ſchenke; ließe ich ſie ihm alle und erbäte mir nur zuweilen eines derſelben, ſo würde die Beſtie noch unverſchämter werden, als ſie jetzt zuweilen ſchon iſt. Und endlich drittens, Couſine,“ fügte der wun⸗ derliche Geſelle hinzu, und in ſeinem Geſichte zeigte ſich zum erſten Male etwas, das man für wirklichen Ernſt halten konnte—„zu Gaſt bleibe ich ſchon mein Leben lang bei euch, das thut euch nichts und mir nichts, es geht in Einem hin. Andere Ausgaben ſoll aber niemand für mich machen, die Zeit iſt nicht danach, und der Herr Papa, mein werther Vetter, weiß das und handelt dem⸗ nach. Ich bin entzückt, wie ſparſam die alte Seele gewor⸗ den!— Ich weiß ſo etwas zu ſchätzen! Ah!“— Und er ſpazierte ſanft rauchend und ſtark mit dem Kopfe nickend auf und ab. Comteſſe Hebe ließ einige Zeit vergehen, ohne daß ſie das Schweigen wieder brach. Sie war heute überhaupt nicht nur ſtiller als wir ſie früher kennen gelernt, ſondern ſie ſah, wie ſchon angedeutet, auch nachdenklicher aus, und während der jetzigen Pauſe ruhten ihre Augen mit einem ſüßen und träumeriſchen Lächeln auf dem Knaben, deſſen ernſtes, kleines Geſicht ſich vor ſolcher, man muß wohl ſagen: ſonnenhaften Berührung jetzt denn endlich auch gleichſam zu entfalten begann. Zärtlich und immer zärt⸗ licher ſchaute er auf diejenige, die ihm ein Gefühl zeigte, das ſie vielleicht noch keinem anderen Menſchenkinde ge⸗ gönnt. Und endlich ſprang er auf und zu ihr, ſich an ſie ſchmiegend, denn ſie hatte ſich aufgerichtet, und legte verſet dämp durch ſten die G Yette Pape jett rend niemand der Herr delt dem le gewor Und er fe nickend ne daß ſie überhaupt t, ſondern aus, und mit einem en, deſſen muß wol dlich auc nmer zült zühl zeigt nkinde r, ſich! und l Zärtliche Herzen- 231 ſchmeichelnd die roſige Wange an die ihre und flüſterte irgend ein zärtliches Wort. Aber es war ſo leiſe, daß die beiden anderen Anweſenden es nicht vernahmen, und auch als Gräfin Hebe, das dunkle Haar von der Stirn ſchiebend und dieſelbe mit ihren Lippen ſtreifend, innig verſetzte:„Mein lieber, ſchöner Knabe!“ klang das ſo ge⸗ dämpft, daß das im Gemache herrſchende Schweigen da⸗ durch eigentlich gar nicht unterbrochen wurde.— Im näch⸗ ſten Augenblicke ſaß das Kind wieder auf ſeinem Platze, die Gräfin wickelte ihre Seide, und indem ſie nun zu dem Vetter hinüberblickte, ſagte ſie:„Sie finden den Herrn Papa alſo auch geizig, Vetter Chriſtian?“ „Ah, ich, was kommt darauf an!“ erwiderte er jetzt zur Veränderung einmal in pathetiſchem Tone, wäh⸗ rend er ſeinen Gang ſo anhaltend und gleichmäßig wie ein Uhrenpendel fortſetzte.„Auch ich, ſagen Sie? Haben Sie vielleicht etwas davon erfahren, ſchönſte Couſine? Das will ich doch nicht fürchten! Ich würde ein Wort mit ihm—“ „Immerhin!“ entgegnete ſie einfallend.„Reden Sie lieber nicht eins, ſondern mehrere mit ihm, es kann nicht ſchaden. Sie wiſſen, meine Macht ihm gegenüber hat ihre Grenzen, und bei manchen Dingen verſuche ich den Streit gar nicht. So jetzt. Sie haben ſeltſamer Weiſe von Stephaniens Toilette geredet— nun, Vetter Chriſtian, im Ernſte glauben Sie wohl nicht, daß das Kind in rei⸗ cher Ausſtattung zu uns kam. Im Gegentheil, ſie war die ärmlichſte von der Welt— wie Sie ſagen: ein Rock und ein Gott! Ich redete mit dem Papa davon, er hatte — — —— 232 Achtes Kapitel. jedoch ſeine taube Stunde, und ſomit griff ich ſelber durch und beſorgte ihr dieſe Fahnen.— Ich liebe das Kind nicht beſonders,“ fuhr ſie vom Ernſt zum Spott über⸗ gehend fort;„beſonders ſeine ſogenannten Hofmanieren und Alluren kommen mir unter dieſen Verhältniſſen durch⸗ aus lächerlich vor. Allein was hilft's! Das„edle Blut“ ihrer Mutter und ihres Vaters iſt am Ende doch ein gar zu durchſichtiges Gewand.— Alſo, Vetter, mit dieſer Aufklärung betraue ich Sie.“ Nach einer Pauſe verſetzte der alte, wunderliche Ge⸗ ſelle in einem faſt hochtrabenden Tone:„Meine Couſine, ich accipire ſie!“ Comteſſe Hebe zog eben das Ende des Fadens von den Händen des Kleinen und erhob ihre Augen langſam zu der prachtvollen Alabaſter Uhr, die nahebei auf einer Conſole ſtand. Dann ſah ſie wieder herab und mit voller, warmer Freundlichkeit auf den Knaben, der aufgeſtanden war und eine der Blumen auf dem Tiſche betrachtete, und darauf ſagte ſie:„Die Vacanz iſt zu Ende, du mußt nun gehen, Hector, mein liebes Kind. Du erinnerſt dich an das, was ich dir geſagt habe, mein Liebling, und biſt nicht verdrießlich, ſondern recht verſtändig, nicht wahr?— Gib mir einen Kuß!“— Und als er ſeine Lippen zärtlich auf die ihren gedrückt hatte, ſtrich ſie noch einmal lieb⸗ koſend über ſein weiches Haar und fügte hinzu:„Nachher ſeh' ich dich natürlich wieder. Ich habe noch mit deiner Mutter zu reden.“ Er nickte ihr ernſthaft zu und wandte ſich ab, als die Uhr hellklingend Vier ſchlug und ſchier in dem gleichen Auger Diene die kl gemeſ zuglei ſo mo ten l länge den! tende der( ſtian ſtehe auße Pfei zu. gen danr und derſe eine neri ſten er durch as Kind tt über⸗ nanieren en durch⸗ e Blut ein gar t dieſer iche Ge⸗ Couſine, ens von langſam uf einer itt voller, ſeſtanden trachtete, du mußt terſt dich und biſt wahr?— Färtli nal lieb⸗ „Nachher t deiner ) als de gleichen Zärtliche Herzen. 233 Augenblick eine Thür geöffnet und die Portière von zwei Dienern zurückgeſchlagen wurde. Zwiſchen ihnen erſchien die kleine, ſtarke Geſtalt des alten Grafen und betrat mit gemeſſenem, majeſtätiſchem Schritte das Zimmer, indem zugleich die großen, hervorſtehenden Augen ein paar eben ſo majeſtätiſche Blicke langſam über die Anweſenden glei⸗ ten ließen. Nur auf dem Knaben ſchienen ſie ein wenig länger und gleichſam verwundert zu weilen. Das junge Mädchen am Kaffeetiſche war aufgeſtan⸗ den und ließ nach einer tiefen Verneigung jetzt den duf⸗ tenden Trank in die vergoldeten und mit dem Wappen der Grafen Rhoda bemalten Taſſen laufen. Vetter Chri⸗ ſtian blieb auf der Stelle, wo er ſich gerade befunden, ſtehen, machte gegen den Eintretenden gleichfalls eine außerordentlich tiefe Verbeugung, trat dann jedoch, die Pfeife im Munde und mit ausgeſtreckter Rechten, auf ihn zu. Gräfin Hebe endlich begnügte ſich mit einem flüchti— gen und ſichtbar gleichgültigen Blicke, wandte das Auge dann zu dem noch immer neben ihr weilenden Kleinen und ſagte freundlich:„Geh' nur, mein Kind!“— worauf derſelbe, der bei dem Erſcheinen des Grafen erſchrocken einen Schritt zurückgetreten war und erröthend ſeine Gön⸗ nerin ſcheu angeſehen hatte, eilig davon und aus der näch⸗ ſten Thür ſprang. Der alte Herr, der heute, obſchon er augenſcheinlich beſtrebt war, einen anderen Eindruck zu machen, nur außerordentlich verdrießlich ausſah und nichts von der Beweglichkeit verrieth, welche ihn neulich in der Geſell⸗ ſchaft der Franzoſen weniger alt erſcheinen ließ, als man —— —— ——— “ 234 Achtes Kapitel. aus ſeinem Aeußeren ſonſt zu ſchließen berechtigt war, warf dem Verſchwindenden einen Blick nach, der ſich, zur Gräfin Hebe zurückkehrend, noch mehr verdüſterte. Zu⸗ gleich öffneten ſich auch die dicken Lippen ein wenig, allein die beabſichtigte Frage folgte nicht, da Vetter Chriſtian mit noch immer ausgeſtreckter Hand ſich plötzlich verneh⸗ men ließ. Mon cher cousin, ſprach er ein wenig ſchnarrend, „geruhen Sie, meinen freundvetterlichen Gruß zu em⸗ pfangen. Wie geht's? Wie ſteht's? Haben uns heute noch nicht geſehen. Der liebe Eberhard hielt mich zu Mittag bei ſich feſt!— Etwas angegriffen und verdrießlich ſehen der Herr Vetter aus, ſcheint mir?“ Der Graf wandte ihm ſeine Augen langſam zu, nickte ein wenig, legte darauf zwei Finger in die dargebotene Hand und entgegnete in ſchleppendem Tone: Bon jour, cousin!— Ja, wir ſahen uns heute noch nicht.— Und verdrießlich, ſagen Sie?— Nein, entrüſtet über die immer zunehmende Frechheit des Menſchenpacks, das, durch eine unverſtändige Humanität unſerer Gewalt entzogen, nicht übel Luſt zu haben ſcheint, ſich ſeinerſeits als Herren über uns zu geberden. Wir fühlen uns rathlos und ſchutzlos, denn die Behörden—“ „Kommen Sie und ſetzen Sie ſich zuerſt, Sie wackeln ja!“ unterbrach ihn Vetter Chriſtian, ergriff ungenirt den Arm des Alten und führte ihn zum Sopha, in deſſen Ecke er den wenig Widerſtrebenden niedergleiten ließ. „So,“ fuhr er dann fort,„nun eine Taſſe Kaffee, Fräu⸗ lein Amélie, daß die armen, erregten Geiſter ſich wieder beruh rath Cuer und Anbl Alter die ſt des! denen niede Hand chem ſpra⸗ Pier Rho hier Bef der igt war Chriſtian verneh hnarrend zu em⸗ eute noch u Mittag lich ſehen zu, nickte rgebotene von jour, — Und ie immer urch eine en, niht rren über ſchutzlos, wackeln ungenirt in deſe ten ließ ee, Nüül wiedel ch wle 9 Zärtliche Herzen. 235 beruhigen, und dann eine vernünftige Erzählung. Was rath⸗ und ſchutzlos! Ich bin doch Gottlob noch da und Euer Hochgeboren treuer Geheimerrath. Was gibt's?“ Dem Grafen, der ſich augenſcheinlich angegriffen fühlte und jetzt in der Ruhe einen noch weniger majeſtätiſchen Anblick gewährte, vielmehr wie ein Bild des kraftloſeſten Alters und einer erſchreckenden Stumpfheit erſchien, fiel die ſonderbare Veränderung in Ton, Wort und Weſen des Anderen nicht auf. Er hatte den Stock mit der gol⸗ denen Krücke, auf den er ſich vorhin gelehnt, neben ſich niedergleiten laſſen, die Taſſe ergriffen und mit zitternder Hand zum Munde geführt. Und erſt als er ſie mit glei— chem Zittern niedergeſetzt, nickte er dem Anderen zu und ſprach etwas weniger ſchleppend:„Was wird's ſein, Couſin? Pierre hat mir mitgetheilt, daß demnächſt ganz Nieder⸗ Rhoda ein einziges, großes Schmugglerneſt, ja, daß ſogar hier, in meinem eigenen Hauſe, den Geſetzen und meinen Befehlen Hohn geſprochen werde. Natürlich iſt jener Kerl, der— Dings da, wie heißt er?— Karſten— Her— Herbart, glaub' ich. Ich habe kein Gedächtniß für dieſe barbariſchen Namen!— Nun, dieſe Peſtbeule, die ſich hier feſtgeſetzt hat und weiter frißt, iſt natürlich wiederum nicht nur der Anſtifter dieſes Treibens, ſondern erhält und verbreitet es auch. Da hab' ich ihm ſagen laſſen, meine Geduld ſei zu Ende,“ fuhr der alte Herr fort, der, ſo langſam er redete, ſich dennoch ſichtbar immer mehr er⸗ zürnte, ſo daß das Geſicht noch röther wurde und die ver⸗ ſchwommenen Augen nach und nach etwas von jenem Grimm zu verrathen begannen, den wir ſchon einmal in 236 Achtes Kapitel. ihnen funkeln ſahen,—„er möge— denn das iſt ja dieſe neue Fagçon, mit ſolchen Canaillen zu verfahren, während dieſem entlaufenen Leibeigenen Stock und Thurm gehörte— er möge ſich davon machen und unſer Gebiet räumen, widrigenfalls ich ihn an die Douanen ausliefern laſſen werde.“ Er ſchöpfte Luft und ſprach ſeiner Taſſe zu. Vetter Chriſtian hatte ſich inzwiſchen behaglich genug in die andere Sophaecke geſetzt und die Mittheilung des Grafen nur zuweilen mit einem kurzen Nicken oder Schüt⸗ teln ſeines blonden Hauptes begleitet. Jetzt trank er gleichfalls, und erſt als er ſeine Taſſe wieder niedergeſetzt und der Pfeife eine ungewöhnlich ſtarke Rauchwolke ent⸗ lockt hatte, ſagte er:„Na ja, das war Ihre Botſchaft, mon cher cousin! Aber die Antwort?“ Der Graf zog die Finger der Rechten um die Spa⸗ niol-Doſe krampfhaft zuſammen und ſeine Blicke wurden immer zürnender, als er entgegnete:„Was er antwor⸗ tete?— Er nichts, denn er war nicht daheim. Seine Schweſter aber, das alte Weibsſtück, hatte gemeint, das habe gute Wege, ſie wolle es Karſten ſagen. Jedoch glaube ſie, daß ich eher aus meinem Schloſſe als ihr Bruder aus ſeinem Hauſe gehen werde, und— und— ſehen Sie, mon cousin,- unterbrach er ſich, er hatte ſich vorgebeugt, die Fauſt auf den Tiſch gelegt und die Worte preßten ſich gleichſam nur zwiſchen den Lippen hervor—„das muß ich mir gefallen laſſen, ich, der Graf von Rhoda, und habe nicht einmal die Hoffnung auf—“ -Attention, cher cousin! unterbrach ihn Vetter Ehriſti NM aufhär welche und in 3 weiß! ſchon begleit Ausd. Nachl daß d lehne er ge 3 iſt ja rfahren, Thurm h genug ung des rSchüt⸗ nt ergeſett er lke ent⸗ olſchaft, ie Spa⸗ wurden antwor⸗ Seine nt, das glaube der aus en Sie, gebeugt, preßten „dds da, und Vetten Zärtliche Herzen. 237 Chriſtian.„Hochdero Geſundheit duldet ſolche Stöße nicht! — Nan ſollte den Burſchen übrigens bei den Beinen aufhängen!“ fügte er hinzu und warf der Gräfin Hebe, welche dies alles mit ungewöhnlicher Ruhe angehört hatte und in ihrer Taſſe rührte, einen ernſten Blick zu. „Wär's vor zwanzig Jahren,“ ziſchte der Graf,„wer weiß!— Wir ſind mit ſolcher Brut ſonſt ſo oder ſo ſchon fertig geworden!“— Der Blick, der dieſe Worte begleitete, war ein wahrhaft unheimlicher. Vetter Chriſtian's Geſicht zeigte einmal wieder einen Ausdruck, der jeden Anderen als ſeinen gegenwärtigen Nachbar zum Lachen gereizt haben würde.„Schade nur, daß der Teufelskerl ſich vor zwanzig Jahren von Euer Hochgeboren klüglicher Weiſe etwas fern hielt!“ verſetzte er. Und indem er, ſich ein wenig zum Grafen hinüber⸗ lehnend, demſelben eine kleine Rauchwolke zublies, fügte er gedämpft hinzu:„Uebrigens, mon cher cousin, meinte ich dieſes Mal nicht Karſten Herbart, ſondern dieſen theuren Monſieur Pierre, dem ſolch eine kleine Execution für ſeine Zuträgereien außerordentlich heilſam ſein dürfte, dem alten Laſter.“ Graf Hartmuth ſtarrte den unverſchämten Sprecher eine ganze Weile lang verſtummt vor Ueberraſchung an, bevor er, als wolle er den längſt verflogenen Rauch ver⸗ ſcheuchen, die Hand bewegte und in hohem Tone und kräf⸗ tiger als bisher erwiderte: Monsieur le comte, dieſe Worte und Manieren— dieſer inſupportable Rauch—“ „Sind nicht nur gut gemeint, ſondern auch meine Natur und mein Recht,“ fiel der Andere mit verbindlicher — ——— 238 Achtes Kapitel. Kopfneigung ein. ⸗Mon cher cousin denkt zu loyal, hoffe ich, um unſern Contract umzuſtoßen, der mir meine Pfeife und die kleine Feindſchaft gegen Herrn Pierre ausdrück⸗ lich einräumt und zugeſteht.“ Der Graf hatte ſich, ſei es durch die Ruhe, den Kaffee oder durch das aufreizende Geſpräch, augenſcheinlich erholt und die frühere Stumpfheit verloren. Er richtete ſich mit einer Art von Kraft auf, verlieh ſich durch den unterge⸗ ſtützten Stock einen weiteren Halt, und nachdem er den Vetter nur mit einem hochmüthigen, von einem leichten Zucken der Schultern begleiteten Blicke geſtreift, wandte er das Auge ſeiner Tochter zu und ſprach:„Es bleibt leider nicht bei dieſen auswärtigen— Angriffen und Be⸗ leidigungen. In meinem eigenen Hauſe und meiner Fa⸗ milie erlaubt man ſich, wie es ſcheint, nichts Geringeres gegen mich ſo gut wie gegen meine geliebten Gäſte. Meine Enkelin— Stephanie—“ „Ah, unſere Nuß⸗Prinzeſſin!“ warf der Vetter da⸗ zwiſchen.„Was fehlt dem ſchönen Kinde? Will ſie noch mehr Kleider?“ Der Graf ſtreifte ihn nur mit einem wegwerfenden Blicke und wandte ſich wieder zu der Tochter, welche es ſich in tiefſter Seelenruhe, wie es ſchien, in ihrem Seſſel noch bequemer als gewöhnlich gemacht hatte und mit über einander gelegten Armen, das Geſicht jetzt von einem gar freundlichen Lächeln erhellt, dem Kommenden entgegenſah. Der Vater kannte dieſe Haltung und dieſes Lächeln nur gar zu gut und ſah in ſolcher Entfernung auch noch ſcharf genug, um das reizende Geſicht bis in ſeine Einzelheiten vor ſich er ſo g. er durch nicht hä Angriff Sieger der Sie alles ſe opf; und die Alein, un nic geforde Vunde C Nla f ich no an de vyal, hoffe eine Pfeife ausdrück den Kaffee erholt te ſich mit unterge⸗ mer den m leichten wandte und Be neiner Fa⸗ werfenden welche es 1 Seſſel nit über Zärtliche Herzen. 239 vor ſich zu haben. Daß ihm etwas bevorſtand, wußte er ſo gewiß wie möglich, und eben ſo gewiß war es, daß er durch die Vertheidigung mindeſtens eben ſo hart, wo nicht härter getroffen werden würde, als Hebe durch ſeinen Angriff. Aus ſolchen Kämpfen war er noch niemals als Sieger hervorgegangen, oder wenigſtens als einer, dem der Sieg weher that, als eine etwaige Niederlage. Das alles ſchien in dieſem Augenblicke durch des alten Herrn Kopf zu ziehen. Seine Wangen wurden ein wenig röther und die großen Augen waren plötzlich unſtät geworden. Allein, da er einmal begonnen, mußte er wohl vorwärts, um nicht im nächſten Momente einem Angriffe der Heraus⸗ geforderten entgegenſehen zu dürfen. Es war ſchon ein Wunder, daß ſie überhaupt nur bisher geſchwiegen. Er wechſelte jedoch die Weiſe ſeines Angriffes.— „Ma fille, ſprach er, das Auge aufs neue ihr zuwendend, „was war denn das für ein— Geſchöpf, das ich bei meinem Eintritte neben dir erblickte und dann verſchwin⸗ den ſah? Haben wir vielleicht Gäſte erhalten, von denen ich noch nichts erfuhr, oder haſt du deine beſondere Freude an dem Kinde?— Vielleicht die Nachkommenſchaft eines alten— Freundes?— Oder—“ In dieſem Augenblicke erhob ſich das junge, Amélie genannte Mädchen nach einem flüchtigen Blicke auf die Taſſen, nahm ihre Arbeit zuſammen und verließ mit einer demüthigen Verbeugung gegen die Anweſenden das Ge⸗ mach. Nach einer kurzen Pauſe ſagte Hebe's ſanfte und klingende Stimme:„Bitte, Papa, fahren Sie fort! Sie 240 Achtes Kapitel. waren noch nicht ganz fertig. Alſo Sie meinen: die Nachkommenſchaft eines alten Freundes— lieber Gott, Papa, Sie trauen meinen alten Freunden viel Zartheit und viel Gedächtniß zu!— Oder— 2* „Oder— eine kleine Liebhaberei in Abweſenheit aller übrigen, größeren Paſſionen?— Das wollte ich ſagen, mein Kind!“— Der alte Herr ſprach hörbar befangen und ſo zu ſagen nur gezwungen. Der Kampf begann. „Küſſ' die Hand, Papa!“ verſetzte die Tochter ſanft und innig, und auch in ihrem Geſichte zeigte ſich eine kindlich reine Sanftmuth.„Wie gern thät ich's auch in Wirklichkeit, Papa, würde mir das Gehen nur nicht gar ſo ſchwer!“ fuhr ſie fort, und das Lächeln ſo gut wie die Stimme wurden in Wahrheit ſchmelzend, ſo daß ſelbſt Vetter Chriſtian in ſeiner Ecke ganz frappirt wurde und zu ihr hinüberſah, als wollte er fragen: nun, was um Gottes willen wird's jetzt, daß die da wirklich Ernſt macht? —„O, Papa, Sie ſind ſo ganz entzückend gut in Ihrer Theilnahme an dem Ergehen meines vereinſamten Herzens und in Ihrer Sorge, demſelben eine neue, kleine Unter⸗ haltung zu ſchaffen!“ „Mein Kind!“ murmelte der alte Graf ganz verſtört. Die Blitze zuckten bereits ſo zu ſagen rund um ihn her, aber er begriff noch nicht, wo ſie einſchlagen würden. „Ja, Papa, Sie und meine theure Nichte Stephanie, die ſich mit und trotz dem ſtolzen Blute ihrer Eltern zu uns hernieder gelaſſen hat, an uns, an mir Theil nimmt — das arme, gelangweilte Kind mit ſeinen Hofgewohn⸗ heiten bei uns einfachen, langweiligen Leuten, die ihr nicht zogen wenig es ſich ſenen einma S bisher an, d legte nvieden ſagen deckun eber Got - Zarthei enheit alle ich ſagen befangen begann. chter ſanft e ſich eine z auch in rricht gar ut wie die daß ſelbſt wurde und was um nſt macht! t in Ihren en Herzend ine Unten nz verſtör m ihn he sürden. Stelani Eltern i heil ninni Hofgewoh je ihr nich Zärtliche Herzen. 241 einmal in einer armſeligen Nachmittagsſtunde Unterhal⸗ tung zu bieten vermögen! Die in ſolcher Stunde unge⸗ zogen genug ſind, das theure, hochgeſtellte Weſen nur wenig zu beachten und von demſelben zu erwarten, daß es ſich an ihren Plaudereien betheilige, die noch dazu jenen Gegenſtand betrafen, der das liebe Kind ueuerdings einmal zu intereſſiren ſchien— das Volk, Papa!“ Sie hielt ein wenig inne und nahm, als ſei ihr ihre bisherige Stellung beſchwerlich geworden, eine noch bequemere an, denn ſie verſank noch ein wenig tiefer im Stuhl und legte die Füße über einander. Und erſt dann fuhr ſie wieder fort:„Das iſt alles wahr, und ich kann gar nicht ſagen, Papa, wie ich mich beſchämt fühle durch die Ent⸗ deckung, daß ſie innerlich dennoch ſo theilnehmend—“ Der alte Graf war den Worten Hebe's ſo aufmerk⸗ ſam wie ihm möglich gefolgt. Die Erwähnung Stepha⸗ niens, mit der die Tochter zum erſten Beginn des Kampfes zurückgekehrt war, hatte ſeine Wangen aufs neue ein wenig röther gemacht. Auch empfand er gut genug, wo er ge⸗ troffen wurde, und das„ſtolze Blut,“ das er ſeither ſchon oft genug verwünſcht hatte, preßte ihm eine Art von inner⸗ lichem Fluch aus. Da er indeſſen bisher ſelber noch im⸗ mer leer ausgegangen war, ſo begann er zu glauben, daß Hebe ſich hier oder dort doch nicht ganz frei fühlen möge, und obendrein verführt durch ihren anhaltend ſanften Ton, unterbrach er ſie jetzt und ſprach wieder einmal in ſeiner majeſtätiſchen Weiſe:„Dein Spott, mein Kind, den ich ſehr wohl begreife, reicht nicht aus. Stephanie ſteht durch ihre Geburt über uns, die Geſellſchaft, in der ſie ſich bis⸗ Hoefer, Fremdherrſchaft. I. 16 242 Achtes Kapitel. her bewegte, über der unſeren. Sie iſt auch außerdem mein Gaſt. Wir haben daher alles zu thun, ihr bei uns ſelbſt und in unſerem Kreiſe das Leben angenehm zu ma⸗ chen, ihr eine angemeſſene Geſellſchaft und Unterhaltung zu bieten, ſie nicht aber durch allerlei plebejiſche Ele⸗ mente—“ „O, Papa, was ſind Sie für ein wunderbarer Mann!“ fiel Hebe ein; ihre Stimme hatte einen faſt wehmüthigen Klang.—„So gerecht und theilnehmend und— ſo un— gerecht in einer Viertelſtunde!— Ach, Papa, wie gern gönnte ich meiner theuren Nichte eine beſſere Geſellſchaft! — Man könnte ja den Herrn de Vial auf einige Zeit zu uns einladen!— Ein Wort von Ihnen an den Gene⸗ ral Renaud, und er bekommt gewiß Urlaub.— Ich weiß und würdige ja die Wünſche meiner Nichte, aber was kann ich Aermſte thun, als für ihre Toilette ſorgen, daß ſie wie ein reichblütiges Grafenkind und nicht wie eine herunter⸗ 1 gekommene Primadonna— Ma fille!- „Erſcheint, oder als ihr eine Species des von ihr zu ſtudirenden Volkes vorführen— ein Kind—“. „Alſo was iſt das für ein Kind, ma fille?⸗ unter⸗ brach der alte Herr ſie jetzt nicht ohne Heftigkeit, denn Hebe's hinhaltende Weiſe reizte ihn mehr und mehr. „Ich miſche mich nicht in deine Liebhabereien, ma fille— thue, treibe, liebe, was und wen du magſt. Aber ſo viel ich weiß, ſind deine Appartements geräumig genug, und ich wünſche ſolche Vagabunden- oder Bettlergeſellſchaft weder in unſeren Wohnräumen zu ſehen, noch den Meinigen V außerdem r bei uns m zu ma terhaltung jiſche Ele r Mann!“ hmüthigen — ſo un⸗ wie gern eſellſchaft! einige Zeit den Gene⸗ Ich weiß was kann aß ſie wie unter⸗ heru enug⸗ Unn paft wedel Meinig Zärtliche Herzen. 243 aufgedrängt, die einmal keinen Geſchmack daran finden.— Kind einer Nätherin— bah!“ Comteſſe Hebe ſchüttelte mit ſchwermüthigem Lächeln ein wenig den ſchönen Kopf.„Ach ja, Papa,“ ſagte ſie, „den Abkömmlingen meiner Mutter— ich darf ſo ſagen, Papa, nicht wahr?— geht es ſchlecht. Die einen ſterben, die anderen ſind lahm— moi, par exemple!— noch an⸗ dere laſſen ſich von fremden Leuten— pardon!— ich wollte ſagen von einem fremden Hofe füttern und ertra⸗ gen— der Letzte endlich muß von ſeiner Mutter ſogar durch Nätherei—“ Graf Hartmuth Rhoda war dunkelroth geworden, die mächtige Stirn ſtrotzte von Blut, und die Augen waren noch weiter hervorgetreten, als gewöhnlich.„Ma fille,“ ſagte er mit vor Erregung zitternder Stimme und lehnte ſich noch weiter vor, indem er ſich mit der Linken jetzt auch auf den Kaffeetiſch ſtützte,—„dieſe Herrechnung un⸗ ſeres Unglücks, in dieſer Folge, deutet mir wohl noch ein ferneres an,— daß es nun auch um deinen Verſtand ſo ſchlecht beſtellt zu ſein anfängt, wie von jeher leider ſchon um—“ Ein jäher, ſtarker Huſten zwang ihn inne zu halten und es war für den Augenblick eine Stille im Zimmer, die erſt wieder unterbrochen wurde, als Vetter Chriſtian, der die Pfeife in die Taſche geſteckt und dafür eine Doſe hervorgezogen hatte, jetzt den Deckel derſelben mit Geräuſch zudrückte, eine höchſt umſtändliche Priſe nahm und wäh⸗ renddeſſen zugleich ein paar Worte vor ſich hinmurmelte, die man ſehr wohl als einen Wunſch„zur geſegneten — — 244 Achtes Kapitel. Mahlzeit“ verſtehen konnte, ſo unangebracht ein ſolcher gegenwärtig auch erſcheinen mochte. Comteſſe Hebe beachtete dieſes aber nicht, eben ſo we⸗ nig wie ſie auf die herben Worte des Vaters Acht gegeben zu haben ſchien. Ihre ſchönen Augen durch das Fenſter zu dem trüben Himmel erhebend, ſprach ſie ſchwermüthig lächelnd:„Wie man ſich doch täuſcht!“— Und indem ſie den Blick ſinken und auf den Vater fallen ließ, der ſich eben mit ſeinem parfümirten Tuch über die Stirn fuhr, redete ſie in gleichem Tone weiter:„Ich weiß es, Papa, daß Sie Eugen und ſeine Schweſter nicht lieben und mehr als einmal beklagten, außer ihnen und Stephanien keine Enkel zu haben. Und ich weiß auch, wie gut und groß Ihr Herz fühlt, wenn es frei von böſen Einflüſſen iſt, wie es ſich ſehnt, den Ihren und aller Welt wohl zu thun. Sie ſind nicht ſo arg, Papa, wie Sie zuweilen ſcheinen wollen.— So hab' ich denn ſchon längſt darauf geſonnen, Ihnen eine doppelte Freude zu machen, Ihnen nicht nur einen weiteren Enkel vorzuſtellen, ſondern Ihnen auch Gelegenheit zu geben, für ihn zu ſorgen. Und nun, da wir ſo weit ſind, da das Kind nicht mehr genug hat an der Sorge und Erziehung ſeiner armen Mutter, ſon⸗ dern männlicher Anleitung bedarf, jetzt—" die Betonung der Worte war noch immer eine faſt ſchwermüthige, wie deutlich ſie auch den ſchönen Lippen der Sprecherin ent⸗ floſſen—„jetzt, wo es ein Knabe wurde, wie kein Gra⸗ fenſchloß ihn ſchöner und anmuthiger birgt und kein Großvater ihn ſich beſſer wünſchen kann, jetzt ſoll ich all meine Hoffnungen vernichtet und den armen Hector breite murm verſtä dem chüt aufß ben ſo we cht c wermüthig indem ſie gegeben Fenſt er (5, nd mehr ur anien keine t ur nflü nd groß ſſen iſt lt wohl zu Zärtliche Herzen. 245 mit Vagabunden⸗ und Bettlervolk zuſammengewürfelt ſehen?“ Vetter Chriſtian nahm eine zweite, noch umſtänd⸗ lichere Priſe.— Der alte Graf ſtarrte die jetzt ſchweigende Tochter, deren Augen trotz aller Sanftheit ſo feſt zu ihm herüberblickten, an wie ein Geſpenſt, wortlos und laut⸗ los. Nur von Zeit zu Zeit zeigte ſich in den ſtarren Zügen, in den aufgeſtemmten Händen etwas wie ein nervöſes Zucken. So währte es eine geraume Zeit; dann hob ſich ſeine breite Bruſt zu einem faſt röchelnden Athemzuge und er murmelte dumpf etwas vor ſich hin, von dem jedoch nichts verſtändlich wurde, als das eine Wort:„Hector—?— „In Hebe's Geſicht dämmerte ein eigenthümliches Lächeln auf.„Ach Papa, ich wußte wohl, daß Ihr Herz ſprechen würde!“ ſagte ſie, ohne auf Chriſtian, der hinter dem Rücken des Alten raſch und bezeichnend den Kopf ſchüttelte, anders zu achten, als daß ſie ihm einen jäh aufblitzenden, Schweigen heiſchenden Blick zuwarf.„Ja wohl, Papa! Hector— Robert— Eugen Rhoda, cher Papa, der Sohn meines theuren, ſchönen, lieben Bruders Hector—* „Was ſchwatzeſt du?“ fragte der alte Herr plötzlich in einem gewiſſen barſchen Tone und doch hochaufathmend dazwiſchen, als fühle er ſo zu ſagen wieder Land.„Hec⸗ tors Sohn? Ich weiß nur von einem— dem Baſtard, und der iſt todt. Sein Todtenſchein—“ „Nicht doch, nicht doch, Papa!“ verſetzte Gräfin Hebe und warf zu dem Vater einen raſchen, prüfenden Blick 246 Achtes Kapitel. hinüber, als ſei ſie nicht recht ſicher, ob er im guten Glau⸗ ben geſprochen, oder nur um überhaupt einen Einwand zu verſuchen.„Der Todtenſchein war ja Gottlob gefälſcht und das Kind iſt da,“ fuhr ſie dann wieder lächelnd fort, „ein prächtiger Knabe, auf den wir alle, und Sie zuerſt ſtolz—“ „Auf den Baſtard?“ brach es dumpf und ſchwer aufs neue vom Grafen Hartmuth her dazwiſchen. Comteſſe Hebe regte ſich nicht, aber dieſes Wort des Vaters wirkte jetzt wie eine Beſchwörung. Die Sanft⸗ muth und Schwermuth war aus ihrem Geſicht wie fort⸗ gewiſcht, und ſtatt derſelben zeigten ihre Züge faſt den ge⸗ rade entgegengeſetzten Ausdruck. Die Augen blitzten, ſtolz und herausfordernd blickten ſie hinüber zu dem augen— ſcheinlich faſt betäubten Alten, und wenn ſich noch ein Lächeln in ihrem Geſichte regte, ſo war es nur ein bitteres. „Baſtard?“ wiederholte ſie nun.„Ah bah! Sie wiſ⸗ ſen wenigſtens beſſer als irgend ein Anderer, weßhalb dieſes Kind ein Baſtard blieb. Sie wiſſen es beſſer als irgend ein Anderer, daß mein Bruder Hector alles daran geſetzt haben würde, dieſes Kind als das ſeine anzuerken⸗ nen und anerkennen zu laſſen, hätte man ihm Mutter und Kind nicht geſtohlen und vor ihm und uns allen ver— borgen, hätte man ihn ſelbſt nicht ſo gequält und gehetzt, daß er lieber den Tod nahm, als ein längeres Leben in ſeiner Familie,— daß er davon ging, weil er das arme Weib, das er elend gemacht, nach jenem infamen Spiel mit dem gefälſchten Todtenſchein und nach der nichtswür⸗ digen ten Aber und wiede Jahr erlebe „Na Kind Pier erwü habe dos woll uten Glau inwand zu b gefälſcht — helnd fort Sie zuerſt und ſchwer en Wort des die Sanft t wie fort⸗ iſt den ge⸗ tten, ſtolz m augen hnoch ein nur ein Sie wiſ „weßhalb beſſer als lles daran anzuerken zm Mutter allen ver nd gehett⸗ Leben in das orme men Syil nichtsmü Zärtliche Herzen. 247 digen Lüge des beſtochenen Predigers wohl für todt hal⸗ ten mußte und jede Spur von ſeinem Kinde verloren ſah. Aber bevor er ging, hat er Eberhard, dem Vetter Chriſtian und mir dieſes Kind ans Herz gelegt, wenn es dennoch wieder zum Vorſchein kommen ſollte. Hätte er noch ein Jahr gewartet, noch ein einziges Jahr, ſo hätte er das erlebt!“ fuhr ſie fort und richtete ſich ein wenig auf. „Nach meiner Mutter Tode kam die Frau mit ihrem Kinde zurück,— ich glaube gern, daß der Schuft, der Pierre, ſich gehütet haben wird, Ihnen von dieſem un⸗ erwünſchten Ereigniß etwas mitzutheilen— und wir haben einſtweilen für die Beiden geſorgt, ſo weit es das brave Weib, die Mutter Ihres Enkels, erlauben wollte. „Das iſt aber nicht genug,“ redete ſie noch einmal weiter.„Ich habe meinen Bruder zu ſehr geliebt und zu tief betrauert, meinen ſchönen, wackeren, unglücklichen Hector—“ das Auge der Sprecherin blitzte von Wehmuth und zugleich von Zorn—„als daß ich nicht ſein Kind einmal zu ſehen und für daſſelbe zu ſorgen wünſchen ſollte. Die Mutter trennt ſich von ihm nicht mehr, und da ſie nicht zu ihrem Rechte kommt, will ſie noch weniger Almoſen. Sie kam auf meinen Wunſch mit dem Kinde hieher und näht allerdings— die bunten Fahnen für die erlauchte Dame Stephanie, die auch nackt genug in dieſes Haus kam und von Gottes und Rechts wegen eben ſo gut die Nichte jenes armen Weibes heißen ſollte, wie die meine.“ Graf Hartmuth ſaß lautlos und ſtierte die Tochter 11 248 Achtes Kapitel. an, ein wenig bleicher als vorhin und von Zeit zu Zeit kurz aufathmend. Sonſt regte er ſich nicht. Sie ſaß aufgerichtet und ſtützte ſich in dieſer Haltung mit dem auf die Seitenlehne ihres Sitzes gelegten Ellen⸗ bogen.—„Das erſchüttert Sie, Papa,“ ſprach ſie end⸗ lich, und in ihren Augen wurde es ein wenig milder. „Es thut mir leid, daß es ſo kommen mußte. Es hätte anders ſein ſollen und können. Wir wollten bei Gelegen⸗ heit einmal in Ruhe mit Ihnen über des Kleinen Erbe, d. h. ſein väterliches oder vielmehr großmütterliches Ver⸗ mögen verhandeln. Ich weiß es nicht, wie man meine Mutter gegen ihren Sohn eingenommen; vor ihrem Tode hat ſie jedoch ihr Unrecht erkannt und dem Kinde zuge— wandt, was in ihrer Macht ſtand. Wir wollen ein an⸗ deres Mal darüber reden. Ich kann nichts dafür, daß ein ſpionirender ſchuftiger Diener und der alberne Hoch⸗ muth eines prätentiöſen Mädchens mich vor der Zeit zum Sprechen zwang. Vielleicht iſt es ſo aber nur um ſo beſſer,“ redete ſie lebhaft weiter.„Ich hatte dieſe Heim⸗ lichthuerei längſt ſatt, und wir ſind es meiner Ueberzeu⸗ gung nach nicht nur dem Andenken meines Bruders, ſon⸗ dern auch und noch mehr dem armen, infam behandel⸗ ten Weibe und ſeinem prächtigen, herzigen, an Leib und Seele blühenden Kinde ſchuldig, daß für dieſe Beiden ge⸗ ſchieht, was der Grafen zu Rhoda würdig iſt. So denke ich—“ Ein helles Trompetengeſchmetter ließ ſie inne halten, machte ſogar den Grafen Hartmuth fragend aufſehen und trieb den Vetter Chriſtian mit ein paar raſchen Schritten genden gat ke nen „Gnä etwas — C ſollen harſch Jleich bring und gone fend dieſer Haltung elegten Ellen vrach ſie end— wenig milder Es hätte bei Gelegen Kleinen Erbe, es Ver man meine m Tode Kinde zuge⸗ llen ein an dafür, daß alberne Ho der Zeit zum rur um ſo dieſe Hein ner Ueberzel Bruders, ſon um behandel n Leib und nv ſe Beiden ge Zo deni nne halte ereL nd uffehen un ritt 1 Zärtliche Herzen. 249 vom Sopha an das nächſte Fenſter, deſſen vom anſchla⸗ genden Regen triefende Scheiben ihm jedoch wenig oder gar keine Ausſicht erlaubten.—„Was Teufel,“ rief er indeſſen nach einer Sekunde,„da ſcheinen ja Reiter im Park zu halten!“ Eine Thür ging auf und zwiſchen der zurückgeſchobe⸗ nen Portiére erſchien die Geſtalt des alten Kammerdieners. „Gnädiger Herr,“ meldete er mit verſtörtem Geſicht und etwas zitternder Stimme,„es ſind plötzlich Truppen da — Chevauxrlegers, denke ich— die hier bei uns bleiben ſollen. So ſagt wenigſtens ein Herr Offizier— ein ſehr barſcher Herr. Er befahl mir, ihn dem Herrn Grafen ſo⸗ gleich zu melden und ſeine Leute augenblicklich unterzu⸗ bringen. Darf ich ihn—“ In dieſem Augenblick wurde er zur Seite gedrängt und es trat ein Offizier in der Uniform der— ſchen Dra⸗ goner ein, den Pallaſch in der Hand wiegend, den trie⸗ fenden Mantel über den Schultern. „Was fällt dem Lümmel ein, mich da draußen ſtehen zu laſſen?“ herrſchte er den Erſchrockenen an.„Wo iſt der Graf? Sie?“— Und auf den ſich laugſam erhebenden alten Herrn zutretend, fuhr er, ohne die beiden anderen Perſonen zu beachten, eben ſo rauh fort:„Ich habe den Auftrag, mit meiner halben Schwadron hier in Nieder⸗ Rhoda zu bleiben um dem rebelliſchen und verrätheriſchen Treiben ein Ende zu machen, dem ſich hier Hoch und Gering hingeben ſollen. Laſſen Sie für uns Offiziere und die Mannſchaft ein wenig raſch und gut ſorgen, der Marſch war nicht behaglich.“ 1 1 250 Achtes Kapitel.— Zärtliche Herzen. Der Graf hatte ſeine Betäubung überwunden, und indem er die Entrüſtung über das Auftreten des Fremden hinter einem hochmüthigen Lächeln zu verbergeu ſuchte, verſetzte er, den Kopf hoch erhebend:„Das muß eine Ver⸗ wechſelung ſein, mein Herr. General Renaud kennt uns und wird ſicher nicht wollen—“ „Möglich!“ unterbrach ihn barſch der Offizier.„Mich ſchickt aber nicht General Renaud, ſondern General Mar⸗ bois, der gegenwärtig in S. kommandirt, ausdrücklich hieher. Alſo keine Umſtände und Einwendungen, wenn ich Ihnen rathen ſoll!“ punden, und des Fremden ergeu ſuchte nuß eine Ver⸗ d kennt uns fizier.„Mich heneral Mar⸗ ausdrücklich ngen, wenn Neuntes Kapitel. In Hütte und Schloß. Was ſoll das ewige Zaudern? Hier hilft nur raſche That, Die kraftvoll ohne Schaudern Das Schlangenhaupt zertrat. Soll euch die Rüſtung ſchützen? Sonſt wehrt' ſie wohl dem Streich, Jetzt ruft ſie nach den Blitzen, Ruft Rache über euch! Th. Körner. „Sie treiben's alſo arg,“ Karl?“ fragte die alte Frau, die hinter ihrem Spinnrade ſaß und ſich bei dem trüben Octobertage tief auf dasſelbe herunterbeugen mußte, um den Haken finden zu können, der den Faden weiter füh⸗ ren ſollte. „Arg, Muhme?“ verſetzte der Diener kopfſchüttelnd, denn ein ſolcher war's, der da bei ihr in dem niedrigen, aber ſauberen Stübchen ſaß, und wir kennen ihn auch bereits von damals her, als er die Frau hier im Hauſe und ihren Bruder Karſten in den Dünen aufſuchte. Er trug auch heute wieder nicht die feine rothe Livrée der Schloß⸗ Dienerſchaft, ſondern die graue Jacke von jenem Abend. Das friſche Geſicht mit dem, bei der Bevölkerung dieſer 252 Neuntes Kapitel. Küſtengegenden in der Jugend häufig erſcheinenden Zuge von Schlauheit und Pfiffigkeit um den Mund, zeigte etwas ungewöhnlich Geſpanntes, ja, Finſteres, und die hellen, klug blickenden Augen hatten heut etwas Unruhiges und Scheues, oder blickten auch ſo dunkel unter den zuſammen⸗ gezogenen Brauen hervor, wie die Muhme es ihnen gar nicht zugetraut hätte. „Arg, Muhme?“ wiederholte er nun und blickte wie— der in der Stube umher und ſcheu gegen das kleine Fenſter hin;„das iſt lange nicht genug geſagt von dieſen— die⸗ ſen Millionenhunden! Ihr glaubt's nicht und ich ſag' es Euch nicht, wie es iſt. Das iſt ein Geſchrei und Gekom⸗ mandire, ein Lärm und Spectakel von früh bis ſpät, als wären ſie nicht nur die Herren, ſondern als gäb's ſo zu ſagen niemand außer ihnen in der Welt. Wir Diener haben es ſchlimm, aber die Herrſchaft eigentlich noch viel ſchlimmer. Monſieur Pierre fliegt umher wie ein ent⸗ ſetztes Kaninchen, man ſieht ihn nur noch rückwärts, möcht' ich ſagen. Und der Alte, wenn ich ihn Mittags und Abends an der Tafel ſehe, ſchaut darein, als müßte ihn alle Tage ein paarmal der Schlag treffen. Die jungen Offiziere lachen ihm ins Geſicht oder weiſen ihn wie einen Jungen zurecht, und wenn er überhaupt noch ſpricht, hört er wenig Anderes zur Antwort als Grobheiten. Sie müſſen uns ein ganz beſonderes Corps extra ausgeſucht haben, wie es ſcheint. Ich habe ſie ſelbſt Anno Sieben nicht ärger geſehen.“— „Hochmuth kommt vor dem Falle,“ ſprach die Frau, die jetzt wieder das Rad ſchnurren ließ.„Wenn ich daran denke hier nur wohh einenden Zuge d, zeigte etwas die hellen iges und zuſammen s ihnen gar d blickte wie⸗ kleine Fenſter dieſen— die⸗ nd ich ſag es und Gekom⸗ bis ſpät, als ls gäb's ſo zu Wir Diener tlich noch viel vie ein ent⸗ och rückwärts, h ihn Mittags als müßte Die jungen ihn wie einen hött Anno El *%% Frall, rach die J c daral n ich In Hütte und Schloß. 253 denke, wie der Herr Kammerdiener vor acht Tagen noch hier in der Stube auftrumpfte, ſo will mir dieſes alles nur wie eine Ruthe Gottes erſcheinen. Ich hab's ihm wohl geſagt, daß er eher aus dem Schloß, als Karſten aus ſeinem Hauſe gehen möchte. Und nun?— Das haben ſie alſo von ihrem Liebäugeln und ihrer Herrlichkeit mit dem fremdländiſchen Geſindel! Das iſt wie die Katzen. Eine Weile ſchnurren und ſpinnen ſie und thun außer⸗ ordentlich zart, und im Handumdrehen kommen die Krallen heraus und man merkt's, daß es wilde Thiere ſind.— Aber du wollteſt ja weiter reden, Karl,“ brach ſie ab. „Und die Anderen?“ „Ja, was, die Reichsgräfin kommt gar nicht mehr zum Vorſchein, gegen die iſt der Eine, glaub' ich, gar zu dreiſt geweſen. Der Vetter trinkt mit ihnen und lügt ihnen was von ſeinen Jagden und Reiſen vor, daß ſie nicht aus dem Lachen kommen. Das macht ſich. Und die Comteß— na, Muhme,“ fügte er hinzu und ſchüttelte mit einer Art von Verwunderung den Kopf,„das iſt ein hölliſches Frauenzimmer. Die hat ſie natürlich alle im Sack oder wickelt ſie um den kleinen Finger. Wenn man da einmal ſtehen und ſolchen Discours anhören kann, das iſt noch das einzige Pläſir von Unſereinem. „Aber mit den Menſchen geht's noch ſo zu ſagen,“ ſprach er weiter.„Den beiden Alten gönnen wir's im Grunde, daß ſie ein bischen gedukt werden, und der Reichsgräfin thu's am Ende auch nichts, wenn ſie einmal erkennen lernt, daß dieſe Fremden nicht lauter Engel ſind. Allein wie es ſonſt ausſieht! In dem Park wirthſchaften 254 Neuntes Kapitel. ſie zu Fuß und zu Pferd, als ſolle er partout ruinirt werden, ohne alle Noth. In der großen Scheune, wo ihre Gäule ſtehen, kleben die Lichtſtumpen an den Wän⸗ den, mitten zwiſchen dem Stroh und Heu, daß man keinen Augenblick vor dem Brande ſicher iſt. Die Fourage wird recht eigentlich muthwillig und mit vollen Händen in den Koth getreten, und der Wirthſchafter ſagte heute: Wenn's noch acht Tage ſo fortdauere, ſei er mit allem zu Ende und wiſſe ſich keinen Rath. Auf den anderen Gütern geht es ja gerade ſo. „Und erſt im Schloß ſelber, Muhme, im Parterre, wo die Herren Offiziere logiren!— In den Zimmern und Sälen ſind die Tapeten ſchon halb von den Wänden, ein paar Spiegel und Kronleuchter ſind caput, Gott weiß, wie; die Möbelbezüge von den Sporen zerpflügt oder mit Schmutz bedeckt. Im Corridor ſchoſſen ſie geſtern, bei dem ſchlechten Wetter, mit ihren Piſtolen, daß die Schei⸗ ben des Fenſters kurz und klein gingen.'s iſt gräulich, Muhme!— Der Alte hat auch ſchon zwei Reitende nach S. geſchickt, allein es ſcheint nichts zu helfen. General Renaud, heißt's, ſei fort, und der jetzige muß, Gott weiß woher, einen Tik auf unſeren Alten haben. Dem preſſen ſie ſeine Franzoſen⸗Liebſchaft, mein' ich, gründlich aus dem Leibe.— Aber Muhme, wenn's ſo ſchon im Schloß ſteht,“ ſchloß er kopfſchüttelnd,„wie wird's erſt auf den anderen Gütern ſein und hier bei euch im Dorf? Was ſagt denn der Ohm dazu, und wie kommt er aus? Iſt's wahr, daß die Douaniers alle Boote weggenommen haben?“ Die alte Frau ſpann eine Weile ſchweigend fort. Ich ſie hit ſchon. bieten ſchlim bisher die v wWas hielt ſo ein Nun mit und erha den, tout ruinint heune, wo den Wän⸗ man keinen urage wird den in den te: Wenn's m zu Ende ren Gütern n Parterre, Zimmern n Wänden, Gott weiß, gt oder mit eſtern, bei die Schei⸗ iſt gräulic, tennde nach General Gott weiß em preſſen lich aus Schloß rſt auf den orf Was D nus? öſts en haben! folt. d ⁴◻☛ In Hütte und Schloß. „Ich hörte ſo etwas,“ erwiderte ſie endlich.„Doch haben ſie hier ja nur wenig Fahrzeuge, und Karſten ſalvirt ſich ſchon. Sie können ihm am Ende ſeine Fiſcherei nicht ver⸗ bieten, wovon wollt' er leben? In Unterwiek wird's ſchlimmer ſtehen.— Und wie es ſonſt geht? Ja, was, bisher haben wir ein paar ordentliche Menſchen gehabt, die vernünftig waren, als ſie merkten, daß ich ihnen gab, was möglich war. Der Alte war auch wenig daheim oder hielt doch ziemlich Frieden; ich glaube, er hat vom Steffen ſo eine Art Parole gekriegt, daß er nachgibt und abwartet. Nun hat er geſtern aber drüben an den Dünen Händel mit dem einen Zollwächter gehabt, dem Deutſchen, der ſeit einigen Wochen fort war, jetzt jedoch wieder da iſt, und heute heißt's, daß wir andere Leute ins Quartier erhalten ſollen, die alten ſind ſchon fort. Ich hab' ihnen den Tiſch dort hergerichtet, daß ſie nichts zu fluchen finden. So wird's denn auch wohl wieder gehen; ich hörte bisher aus dem Dorfe keine beſondere Klage.“ „Es iſt heute Nachmittag ein anderer Zug von Ober⸗ Rhoda herübergekommen— ich glaube, weil ſie's dort gar zu arg getrieben und in blutige Händel geriethen,“ ſagte der Diener.„Ich hört' es von dem Wirthſchafter, daß die Menſchen aus ein paar Häuſern in den Wald gelaufen, weil ſie's nicht länger auszuhalten vermocht.— Wie ſoll's werden, Muhme?“ „Wie der Herr will, Junge,“ entgegnete ruhig die alte Frau, die das Spinnrad ruhen ließ, denn es war inzwiſchen zu dunkel geworden.„Ich hab's ſchon ſchlim⸗ mer im Leben geſehen, wenn auch nicht auf dieſe Weiſe, 256 Neuntes Kapitel. — damals, als Graf Hartmuth hier nach dem Tode des alten Herrn zur Regierung kam und die Menſchenſchin⸗ derei anfing. Es hat aber alles ein Ende, und Gott ſteuert den Bäumen, daß ſie nicht in den Himmel wachſen.“ In dieſem Augenblick wurde die Thür aufgeſtoßen und die maſſive Geſtalt Karſten's erſchien in der Stube mit den Worten:„Guten Abend, Chriſtine. Die Leute ſchon da?“ „Der Ohm!“ rief Karl und ſtand auf. Der Bootsmann ſah ihn, ſo viel man bemerken konnte, überraſcht an.„Du hier, Junge?“ fragte er.„Mach! daß du heim kommſt. Auf dem Hofe brennt's.“ „Brennt's?“ riefen der Diener und die Frau zugleich erſchrocken. „Ich glaub's,“ lautete die kalte Antwort.„Sah wenigſtens ſo was, als ich von den Dünen herunterſtieg.“ „Das iſt in der Scheune— von den verfluchten Lichtſtumpen! Sagt's Cuch ja, Muhme!“ rief der Die⸗ ner, haſtig die Jacke zuknöpfend und nach der Mütze langend. Und ſchon an der Thür ſtehend, wandte er ſich noch einmal und fragte:„Kommt Ihr nicht mit, Ohm?“ „Ich? Nach dem Hofe?“ antwortete der Schiffer rauh lachend.„Du könnteſt eben ſo gut fragen, ob ich nicht mit dir nach dem Mond möchte!— Ihr habt Hände genug.'s ſind noch mehr Gäſte gekommen, glaub' ich. Ich ſah Fußvolk durch's Dorf marſchiren und eine Chaiſe dabei.— Mach dich fort, Dummkopf!“ Als der Diener die Thür hinter ſich geſchloſſen, zog der Mann den Schanzläufer aus, hing ihn an einen Nage Lehn Kache ange weite Stüch noch ſtürn einer em Tode des Menſchenſchn , und Geth mel wachſen. r aufgeſtoßen in der Stub Die Leut Die Leut nerken konnte er.„Mach t'8.“ Frau zugleic twort.„Sah herunterſtieg. en verfluchten rief der Die 5 der Müte vandte er ſic mit, Dhm? Schiffer rauh „ob ic nich habt Händ n, glaub ich nd ine Ghꝛi eſchloſſen, 309 ihn an einen In Hütte und Schloß. 257 Nagel, ſetzte ſich, hemdärmelig, wie er war, in den alten Lehnſtuhl, der ganz in der Nähe des großen dunkelgrünen Kachelofens ſtand, und nachdem ſeine Schweſter die Lampe angezündet und auf den Tiſch geſtellt, langte er aus dem weiten Waſſerſtiefel ſeine Pfeife hervor, ſetzte ſie mit einem Stückchen Zunder in Brand und rauchte ſchweigend. Chriſtine war zum Fenſter getreten, deſſen Läden noch nicht geſchloſſen waren, und ſchaute in die beginnende, ſtürmiſche Nacht hinaus.—„Karſten,“ ſprach ſie nach einer Weile, ohne ſich umzudrehen,„daß du da ſo ſitzen bleibſt, iſt unchriſtlich.“ „Dummes Zeug!“ murmelte der Mann. „Du weißt am beſten, wie es weht!“ ſagte ſie wieder. „Das ganze Dorf kann—“ „Dummes Zeug, Alte!“ fiel er grämlich ein.„Eben weil ich weiß, wie es weht, ſitz' ich da ſo geruhig. Der Wind treibt es vom Hofe und Dorf fort— es muß, denk' ich, die kleine Scheune links am Wege ſein, nicht die große, wie Karl glaubte. Sie haben ja Hände genug und Waſſer die Fülle,“ fuhr er fort,„und ich habe An⸗ deres zu thun.— Haſt du's beſorgt, wie ich geſagt?“ Sie trat näher zu ihm.„Ja, Karſten,“ verſetzte ſie. „Ich hab' zuſammengepackt, was ich konnte.“ „Und alles richtig beigeſtaut?“ „Ich glaube nicht, daß ſie's finden, wenn es ihnen nicht verrathen wird. Und wer weiß von dem Platz, als du und ich?“ „Schon recht, Chriſtine. Und das Faß?“ Hoefer, Fremdherrſchaft. I. 17 òAV ꝰ— M9m- 258 Neuntes Kapitel. „Karſten, es ſteht da in der Kammer, aber es iſt ja der pure, helle Wahnſinn!“ „Dummes Zeug!'s iſt Kriegsregel, daß man immer eine Reſerve bei der Hand hat und ſeine Schiffe nicht alle mit'nmal ins Gefecht bringt.— Du kennſt deine Ob⸗ liegenheiten, Alte, und haſt dich um mich nicht zu küm— mern. Daß ſie mir zu Kleide wollen, weiß ich, ohne Noth geh' ich aber nicht von Haus und Hof, ſchon um den nicht, der droben im Schloß ſitzt. Und laſſen thu' ich ihnen mein Haus auch nicht. Kann's mir nicht mehr dienen, ſollen ſie auch nichts mehr davon haben, als— eine Himmelfahrt.“— „Karſten, du biſt ein unbändiger Thor,“ ſagte ſie nach einer Pauſe kopfſchüttelnd.„Gib deine ſchwarzen Pläne auf und mache dich davon, bevor es zu ſpät iſt. Ich ſeh' es kommen, vor all deinem beſtialiſchen Grimm wirſt du zuletzt dich überrumpeln laſſen.— Was dann?“ „Dann?— Dann gibt's eine gemeinſame Himmel⸗ fahrt, wie unſer alter Kapitän auf der Latona ſagte, als wir die Artemiſe enterten und der erſte Lieutenant ihm meldete, daß die Crapauds was von der Saint Barbe parlirten— wir hörten's übrigens ſelber, denn die Hans⸗ würſte ſchrieen laut genug.— Heidi, geht's ſchon los oder kommen unſere Gäſte?“ unterbrach er ſich, denn die Haus⸗ thür wurde draußen krachend aufgeſtoßen. Er war aufgeſprungen und hatte einen Schritt gegen die Kommenden gemacht; im nächſten Augenblicke kehrte er jedoch bereits wieder zu ſeinem Stuhle zurück und ließ ſich nieder, denn durch die aufgeriſſene Thür drangen drei 3 man imme Schiffe niht iſt deine Oh nicht zu küm eiß ich, ohne of, ſchon um nd laſſen thu ſnir nicht mehr gaben, als— or, ſagte ſie eine ſchwarzen es zu ſpät iſt liſchen Grimm Was dann! ſame Himmel ona ſagte, als gjeutenant ihm Saint Barbe n die Han ſchon los oder denn die Haub n Schritt gegen enblick kehre urück und li 1 drangen di In Hütte und Schloß. 259 Dragoner ungeſtüm und ſtolpernd über die ziemlich her⸗ vorragende Schwelle herein und erfüllten das kleine Ge⸗ mach mit ihren Flüchen und Verwünſchungen des Wetters und der Wege, der Quartiere und der Menſchen, und fuhren umher, ohne einſtweilen von dem alten Geſchwiſter⸗ paare Notiz zu nehmen. Denn auch Chriſtine war ihnen aus dem Wege getreten. „Licht!“ ſchrie endlich der Eine, deſſen glühendes Ge⸗ ſicht und ein wenig ſtarre Augen verriethen, daß er noch vor ſeinen beiden Kameraden des Guten ſchon zu viel gethan;„Licht!“ ſchrie er wieder und ſchlug auf den klei⸗ nen Tiſch, daß das zum Imbiß bereit geſtellte Geſchirr und die kleine Lampe hin und her ſchwankte.„Müſſen doch ſehen, was uns der bougre hergerichtet, und ob man's freſſen kann, oder ob wir'nmal wieder ſelber kochen helfen ſollen!“ „Hundefraß!“ grollte ein Anderer giftig, der ſich zu den Speiſen niedergebeugt und ſich jetzt wieder aufrichtete. „Schwarzbrod und Speck und Schnaps— euer Landes⸗ geſöff— Wein, ſag' ich, Wein! Oder wir zapfen euch ſelber an!“ Und der Dritte ſprang gegen den Alten hin, der regungslos von ſeinem Stuhle aus dies alles finſteren Blickes beobachtete, und ſchrie:„Iſt der Bauer taub oder toll, daß er uns da ſtehen läßt und ſich im Stuhle wälzt, als ſei er Herr? Heraus da, Canaille, auf die Beine! Trag' auf, ſchließ' auf! Wollen einmal Inſpection deiner Schätze halten!“ Das ging alles wie ein Wirbelwind vorüber, im — u —— — 260 Neuntes Kapitel. wilden, wüſten Durcheinander, und jetzt miſchte ſich das Klirren des zerſchmetternden Geſchirrs darein, denn der Weinluſtige ſchlug mit dem Pallaſch dazwiſchen, und der Erſte war zu dem Dritten geſprungen und ſchrie:„Schlag! der Canaille auf ihren dicken Kopf!“— Die Lampe aber brannte noch, da Chriſtine ſie fortgeriſſen und auf den Ofen geſtellt. Waren die Beiden bei Karſten von ihm zurückgeſtoßen oder von ſelbſt gewichen, das wußten ſie vermuthlich ſelber nicht genau, denn allzu klar mochte es auch in ihren Köpfen nicht ſein, und hell war's im Gemache nicht, und es folgte alles reißend ſchnell auf einander. Aber vor dem Stuhle am Ofen ſtanden ſie plötzlich nicht mehr, ſondern mitten im Zimmer, und Karſten Herbart's breite maſſive Geſtalt ſtand vor ihnen wie ein Fels, die Hände in den Taſchen, den Kopf mit dem grauen Haar erhoben, und ſeine Augen ruhten feſt auf ihnen, und in den Mund⸗ winkeln zeigte ſich bald eine eigenthümliche Spannung, bald ein ſcharfes, jähes Zucken. Und jetzt ſprach er mit gedämpfter Stimme, aber Chriſtinen lief es dabei über den Rücken, denn ſie kannte dieſe grollenden Töne und ahnte bereits, was folgen werde. „Ich will euch was ſagen, Jungen,“ redete er,„wir bieten euch, was wir können. Hat's der Geſelle da in ſeinem Rauſche zerſchlagen— ſchlimm für euch, denn vor der Nachtkoſt gibt's nichts weiter. Und nun Ruhe an Bord, oder ich brauche Hausrecht.“ Eine Sekunde lang verwirrte dieſe von einem Wirthe ſeiner Einquartierung gegenüber damals vielleicht unerhoͤrte iſchte ſich de un, denn d chen, und d Schlg rie.„Schlag Lampe abe Talll zurücgeſtoßen nuthlich ſelber auch in ihren che nicht, und er. Aber vo nicht mehr, erbarts breite ls, die Hände ar erhoben Haar in den Mund de Spannung, h er mit ſprach 5 dabei über . ylt rodete er,„l Geſele da 3 onn vol euch, denn num Ruhe Wn inem Wir rhort icht uner nd auf den ad auf den In Hütte und Schloß. 261 Rede die drei Burſchen— denn auch der Dritte hatte mit ſeinem Zerſtörungswerke am Tiſche inne gehalten und aufgehorcht— dermaßen, daß ſie den alten Mann ver⸗ ſtummt und verdummt anglotzten. In der nächſten brach ihr Grimm deſto gewaltiger hervor und mit wüthenden Flüchen und Drohungen ſprangen ſie auf ihn ein. Chriſtine kreiſchte laut auf und ſtürzte aus der Thür nach Hülfe. Aber die drei Burſchen hatten ſich in ihrem heutigen Wirthe verrechnet. Wie ein Fels ſtand der Seemann da. Die Beiden, welche gleichzeitig die Hände nach ihm ausgeſtreckt, flogen zurück bis faſt an das andere Ende der Stube, fortgeſchleudert von einer unwiderſtehlichen Kraft, und dann drehte der Alte ſich, und ſeine im Kreiſe geſchwenkte Fauſt traf den Kopf des Letzten, daß er wie ein getroffener Stier zu Boden ſtürzte. Er taumelte wieder empor, raffte den Pallaſch auf und ſchwang ihn, und auch die Anderen hatten die Waffen bloß und ſprangen herbei, wild aufheulend vor Wuth, und ſie prallten zurück, denn nun erſt war, wie man's wohl zu heißen pflegt, auch in dem alten, wetterfeſten Burſchen der Teufel los geworden, und die fremden Lärmer erſchraken vor dem, was ſie vor ſich ſahen. In der Rechten ſchwang er ein von der Wand ge⸗ riſſenes Enterbeil, wie es alte Seeleute wohl zuweilen von ihren ausländiſchen Kriegszügen mit nach Hauſe brach⸗ ten, eine furchtbare Waffe, deren ſchweres Blatt hinten in einen ſtarken, gefährlich ſcharfen Haken ausläuft. Die Linke hatte einen der ſchweren Brettſtühle ergriffen und hantirte damit in der Luft herum wie Knaben mit einer — — 262 Neuntes Kapitel. Handvoll Binſen. Und ſein Geſicht glühte wie geſchmol⸗ zenes Eiſen und die Adern der kahlen Stirn ſtrotzten von Blut, die Augen funkelten in fürchterlicher Wuth, das Haar ſtand geſträubt, an den Armen, wo die Aermel des blauen wollenen Hemds zurückgefallen, zeigten ſich Sehnen und Muskeln zum Zerreißen geſpannt, und der ganze gewaltige Bau bebte vor Grimm. Es war ein Ankblick, vor dem auch der Beherzteſte erbleichen durfte und wie er die drei betrunkenen Lärmer im Nu nüchtern werden ließ, ein Anblick, wie man ihn ſelbſt dort an der Küſte nicht häufig hat; denn es gehört ein langer und ſcharfer Reiz dazu, um dieſe alten Geſellen in Gang zu bringen. Aber wenn man's einmal ſah und erlebte, vergißt man es auch im Leben nicht wieder. „Was, ihr deutſchen Hundeſeelen,“ brüllte er, und die blutunterlaufenen Augen drängten ſich faſt heraus aus ihren Höhlen,„ihr wagt es, einem freien Seemanne Gewalt anzuthun an ſeinem eigenen Bord? Ihr wollt hier die Herren ſpielen, ihr Sandhaſen? Hinweg mit euren Käſemeſſern und hinaus, daß ich euch nicht eure hohlen Schädel zerſchmettere wie taube Nüſſe!— Hinaus!“ — Und die Stimme dröhnte, daß die kleinen Fenſterſchei⸗ ben leiſe klirrten. Er ſprang zur Thür und ſtieß ſie mit dem Fuße auf, und die nüchtern gewordenen, bleichen Burſchen hielten ſich nicht auf. Wie ſie gingen und ſtanden, ſtürzten ſie an dem furchtbaren Alten vorbei und hinaus, und nur der Letzte erhielt einen Tritt, der ihn noch etwas ſchneller aus der Hausthür beförderte.— wie geſchmole ſtrotzten von Puth, das e Aermel des ſich Sehnen d der ganze ein Anblic, rfte und wie htern werden an der Küſte und ſcharfer zu bringen. vergißt man üllte er, und faſt heraus en Seemanne ⸗ Ihr wolt binweg mit uch nicht eure = Hinaus! n Fenſterſhei em Fuße auf rſchen hülte ſtürzten ſie „ und nur ſchnalle 416 twa⸗ In Hütte und Schloß. 263 Und draußen brauſite der Sturm in zunehmender Gewalt, aus den Häuſern an der Straße klang es zu ihnen heraus wie Flüche und Drohungen, aus einem ſtürz⸗ ten ſogar eben ein paar Männer hervor— und horch! Vom Ende des Dorfweges ſchallte durch die wildbewegte Nacht ein Signal herüber—„Sammeln!“— Sie flohen ohne ſich umzuſchauen dahin, wo ſie neben den Kameraden ſich erholen konnten von ihrem Schreck. Die Männer, welche ſie aus einem der Häuſer treten ſahen, eilten wirklich zum Hauſe Karſten's, von Chriſtinen, die ſie herbeigerufen, gefolgt. Sie hatten die Fliehenden nicht groß beachtet und waren daher erſtaunt, als ſie bei ihrem Eintritt das Haus dunkel und ſtill und Karſten ſelber ſchon wieder in ziemlicher Gemüthsruhe in ſeinem Lehnſtuhle fanden. Nur an der Röthe des Geſichtes und den tieferen Athemzügen zeigte ſich noch etwas von der gewaltigen Erregung des Alten, der nun auf die haſtigen Fragen nach der Einquartierung nur das eine, verächtlich betonte Wort erwiderte:„Davongelaufen!“ „Ich glaube, wir werden ſie alle los,“ ſagte einer der eingetretenen Männer finſter.„Sie blaſen wenigſtens beim Schloſſe, und— es iſt ja Fußvolk gekommen. Sie können uns doch nicht all dieſe Menſchheit auf dem Halſe laſſen wollen.“ „Mir eins!“ antwortete Karſten und erhob ſich und ſchüttelte ſich wie ein Hund, der aus dem Waſſer kommt; es mochte ihm doch wohl etwas warm geworden ſein. „Mir kommen die nicht wieder, und wenn auch— um die ging ich noch lange nicht, denn ich weiß jetzt, weß —— 264 Neuntes Kapitel. Geiſtes Kinder ſie ſind. Mit einem rauhen Handſchuh und einem bischen Anſchreien jagt man die ganze Bagage zum Teufel,“ ſetzte der Bootsmann verachtungsvoll hinzu. — Er hatte freilich keine Ahnung davon, daß er die Ent⸗ flohenen noch ein wenig mehr hatte erblicken und hören laſſen, als ſeine angegebenen Schreckmittel, Dann ging er mit den Männern hinaus, um nach dem Feuer zu ſehen, denn ſie hatten ſich, zumal Leute genug auf dem Schloſſe waren und ſie bei dem herrſchen⸗ den Winde keine Gefahr ſahen, eben ſo wenig wie Karſten veranlaßt gefühlt, zur Hülfe hinüber zu eilen.— Man ſah jetzt auch nichts mehr. Der Himmel war dunkel überall, und der Sturm, obſchon er jetzt beinahe aus der Richtung des Schloſſes-kam, trug ihnen keinen auffälligen Laut mehr zu. Zu der gleichen Stunde ſtand in dem Saale des Schloſſes, welcher rechts vom Eingangsthore den größten Theil des Parterre⸗Geſchoſſes ausfüllte und vordem, da Graf Hartmuth noch jünger, als Verſammlungsplatz der großen Jagdgeſellſchaften, zu ihrem Frühſtück und Abend⸗ eſſen benutzt zu werden pflegte, jetzt aber im Verein mit anſtoßenden Zimmern den einquartierten Offizieren ange⸗ wieſen war, der Vicomte Vial in der ſtolzeſten Haltung ſeiner eleganten und geſchmeidigen Geſtalt vor dem Ritt⸗ meiſter und den drei anderen Schwadrons⸗Offizieren, welche in Nieder-Rhoda bei einander geblieben waren, ſtatt ſich mit ihren in anderen Dörfern vertheilten Mann⸗ ſchaften dort allein zu langweilen.— Das Geſicht des n Handſchuh ganze Bagage igsvoll hinzu ß er die Ent en und hören us, um nach zumal Leute em herrſchen⸗ wie Karſten len.— Man unkel überal, Richtung des Laut mehr zu. n Saale des den größten vordem, da ungsplat der und Abend— Verein mit Kzieren ange⸗ ſten Haltung or dem Ritt⸗ 13⸗Offtzieren, ieben waren, eilten Mann⸗ Geſicht des In Hütte und Schloß. 265 jungen Offiziers glühte und ſeine ſchwarzbraunen Augen blitzten vor Zorn.„Keine Widerrede, keine Erklärungen, keine Entſchuldigungen, meine Herren!“ ſprach er heftig. „Der Corridor draußen, deſſen zerſchmetterte Fenſter das Ziel für Ihre Piſtolen waren, dieſer Saal hier—“ und er deutete mit einer ungeſtümen Handbewegung in dem allerdings arg zugerichteten Raume umher—„alles, was ich höre und ſehe, zeigt mir zur Genüge den Sachverhalt. Sie waren nicht in Feindesland, ſondern bei Unterthanen Sr. Majeſtät, nicht im Bauernhauſe, ſondern im Schloſſe—“ „Und doch lautete meine Inſtruction dahin, in Nie⸗ der⸗Rhoda auf das ernſtlichſte aufzutreten,“ warf der Rittmeiſter ziemlich heftig ein. „Menagiren Sie ſich, mein Herr, Sie reden mit Ihrem Vorgeſetzten!“ brauſ'te der Adjutant auf.„Ihre Inſtruc⸗ tion, die wir geleſen haben, lautete, die Douanen zu un— terſtützen, um einen etwaigen ernſteren Widerſtandsverſuch der ſchwierigen und gereizten Küſtenbevölkerung im Keime zu erſticken, den Schmuggel zu beſchränken, vor allem aber durch zahlreiche Patrouillen das Land und die Grenze unter Aufſicht zu halten und bei Gelegenheit ſo einzu⸗ ſchreiten, wie es die Sachlage erheiſchen würde. Weiter erſtreckte ſich Ihr Auftrag nicht, denn General Marbois, der dieſe Maßregeln auf Befehl unſeres Kommandeurs traf, iſt nicht beſchränkt genug, daran zu denken, daß man ein Terrain, wie das hieſige, und eine ſolche Be⸗ völkerung mit ein paar Reiter⸗Schwadronen beherrſchen und niederhalten könne, wenn dieſes Volk revoltiren will. Davon war keine Rede. Was wollen Sie denn mit Ihren ——— 266 Neuntes Kapitel. Pferden anfangen, mein Herr, wenn die Leute ſich in die Dünen, die Wälder, die Heiden werfen? „Man hat Ihnen ein paar Küſtendörfer als Haupt⸗ ſtapelplätze für den Schmuggel namhaft gemacht, mein Herr,“ fuhr der Adjutant lebhaft fort, und ſein Auge ruhte brennend auf dem finſtern Geſichte des Getadelten. „Man hat Mannſchaften Ihres Regimentes gewählt, weil ſie Landsleute der Menſchen hier ſind und ihre Sprache verſtehen, ihre Sitten und Gewohnheiten wenigſtens beſſer kennen ſollten, als wir Franzoſen. Sie haben dagegen gehauſ't wie ein Schwarm von Barbaren. Sie haben das Volk zur Verzweiflung gebracht und die wenigen wirklichen und treuen Anhänger, die wir hier gefunden, auf das unheilbarſte verletzt. Jeder Douanier, den Sie gefragt hätten, würde Ihnen haben mittheilen können, daß Se. Majeſtät keinen treueren und größeren Bewun⸗ derer hat, als den Grafen von Rhoda in Nieder⸗Rhoda. — Wir haben es nicht glauben wollen, was uns der Herr Graf von Ihrem Auftreten nach S. meldete. Aber ich kann dem General Renaud jetzt leider nach eigenem Augen⸗ ſchein melden, daß der Graf nicht übertrieben, ſondern gemildert. Sie haben wie Barbaren, wie Wahnſinnige gehauſ't, meine Herren,“ ſetzte er drohend hinzu.„Wenn Ihre Leute mich verſtänden, würde ich das vor der Front zu Ihnen geſagt haben.“ „Mein Herr Vicomte de Vial!“ brach der Rittmeiſter aus, der ſeinen Zorn nicht länger zügeln konnte und wie ſeine Offiziere vor Aufregung bleich und roth gewor⸗ den war. r als Haupt emacht, mei nd ſein Aug s Getadelten gewählt, weil aben dagegen Sie haben die wenigen ier gefunden ilen können, zeren Bewun Nieder⸗Khoda⸗ uns der Hert eete. Aber ich genem Augen en, ſondern Vahnſinnige Wenn inzu.„Wen vor der ron der Kittmeiſte „ und wi onnte e roth gewo In Hütte und Schloß. 267 „Was beliebt?“ lautete Vial's ſcharfe Erwiderung. „Ich rede im Namen des Komandeurs zu Ihnen und er⸗ warte unweigerlichen Gehorſam.— Hernach, wenn ich fertig bin, habe ich Ihnen noch ein paar Worte als Vi— comte de Vial zu ſagen und ſtelle mich zu Ihrer Ver⸗ fügung.— Alſo, Ihre Mannſchaften werden bei einander ſein; Sie haben ſogleich aufzubrechen, unterwegs die De⸗ tachirten an ſich zu ziehen und treffen morgen Nachmittag in S. ein.— Meine Depeſchen an General Renaud wer⸗ den in einer Stunde parat ſein. Sie haben eine Ordon⸗ nanz ſo lange hier zurück zu laſſen. Sie ſelbſt will ich nicht aufhalten.“ Und indem er grüßend an ſeine Kopfbedeckung griff, trat er einen Schritt zurück, dann einen neuen vor bis nahe vor die ſtummen Offiziere, und ſagte mit aufblitzen⸗ dem Blicke:„Jetzt iſt der Adjutant fertig, und ich ſelber erlaube mir noch einige Worte. Es iſt mir ein perſön⸗ licher Troſt, meine Herren, daß Sie keine Franzoſen ſind. Ich und jeder unter uns, wir würden uns nach dem, was es hier gegeben, ſolcher Kameraden ſchämen, die der großen Armee und dem Rufe unſerer Bildung und Po⸗ liteſſe nichts als Unehre machten. Sie haben einen alten vornehmen Mann wie einen Stalljungen, und Damen wie Küchenmägde anzuſehen gewagt, wie ich höre— Leute, heißt das, die am Ende hülflos gegen Sie waren und keine Rechenſchaft von Ihnen fordern konnten. Auf eine Abbitte, zu der ich die Herren zu zwingen gewußt haben würde, verzichten ſie. Ich werde die gerechten Klagen der ———— 268 Neuntes Kapitel. Betroffenen aber bei unſeren Vorgeſetzten in jeder Weiſe unterſtützen, damit ſie zu ihrem Rechte kommen.— Das iſt meine Meinung von dieſen Dingen, meine Herren, und ich bin zu jeder Stunde bereit, ſie zu vertreten, ſo⸗ bald der Dienſt mich nicht in Anſpruch nimmt.“— Er trat, ſich verbeugend zurück. An einer der Thüren im Hintergrunde bemerkte er eine Bewegung. Lauſchte man? Es war ihm recht. Die Offiziere verbeugten ſich gleichfalls, und der Ritt⸗ meiſter ſprach:„Der Herr Vicomte kehrt in einiger Zeit hoffentlich in die Garniſon zurück?“ „In einigen Tagen— ſicher!“ verſetzte Vial ſtolz. „Ich habe hier nur die Vertheilung der neuen Mannſchaf⸗ ten zu leiten und dafür zu ſorgen, daß wir nicht wieder durch ähnliche Nachrichten beſtürzt werden wie durch die, welche uns über die— ſchen Dragoner zukamen. Wir ſind, glaub' ich, fertig, meine Herren. Wollen Sie Ihren Ab⸗ marſch beeilen. Die Wege ſind ſchlecht, und der General rechnet auf Ihr Eintreffen, da S. gegenwärtig ganz ohne Beſatzung iſt.“ Als er zur Thür ſchritt, trat ihm durch dieſe ein Unteroffizier entgegen und mit einer haſtigen Meldung zum Rittmeiſter. Die Aufregung des Mannes und ſeine ungewöhnlich laute Sprache machten Vial aufmerkſam und ließen ihn zurückkehren.„Was gibt's?“ fragte er. „Ein Menſch, ein Schiffer, hat ſich thätlich an drei Dragonern vergriffen und ſie mit Waffen aus dem Hauſe getrieben,“ meldete der Rittmeiſter finſter.„Der Unter⸗ 0j n jeder Weie men.— Das neine Herren, vertreten, ſo mt.— er der Thüren ng. Lauſchte und der Ritt⸗ einiger Zeit te Vial ſtolz en Mannſchaf⸗ nicht wieder vie durch die en. Wir ſind, ie Ihren Ab⸗ der General tig ganz ohne ucch dieſe ein en Meldung nes und ſeine d aufmeriſam „fragte er. ätlich ant dee 115 dem Hauſe der Unter⸗ In Hütte und Schloß. 269 offizier fragt an, ob er den Thäter ergreifen dürfe, einen der gefährlichſten Schmuggler, wie es heißt, den man freilich bisher noch nie auf der That ertappen konnte.“ Ueber Vial's ſchönes Geſicht zog etwas wie Ver⸗ achtung.„Ein Mann— drei Dragoner?“ fragte er und ſetzte hinzu:„Nun wohl, was ſind's für Leute? Ruhige?“ Der Unteroffizier zuckte auf dieſe ihm verdeutſchte Frage die Achſeln und meldete, daß ſie bei den Kamera⸗ den für zänkiſch gälten. Doch ſei neuerdings und von Ober⸗Rhoda, von wo der Zug heute Nachmittag einge⸗ rückt, keine Klage erhoben worden. „Von Ober⸗Rhoda?“ verſetzte Vial lebhaft.„Ich habe von dort auf dem Hermarſche genug erfahren und brauche keine weitere Aufklärung. Der Fall wird unter⸗ ſucht werden, der Mann bleibt frei.— Guten Marſch, meine Herren!“— Und er ſchritt aus der Thür.— Die geſchilderte Scene darf unſeren Leſern nicht für allzu auffällig oder vielleicht gar für unwahrſcheinlich gel⸗ ten. Wir wiſſen es von Augenzeugen, von Mithandeln⸗ den und Mitleidenden aus jenen Tagen, daß die deutſchen und Rheinbunds⸗Truppen in den überzogenen Gegenden Nord⸗Deutſchlands ſich— Offiziere häufig eben ſo gut wie die Soldaten— größtentheils auf das allertaktloſeſte, roheſte und brutalſte benahmen, ſo daß man in der Hütte und im Schloſſe Gott dankte, wenn man für ſie endlich einmal wieder Franzoſen oder— eine rühmliche Aus⸗ nahme— Weſtfalen ins Quartier bekam. Andererſeits wiſſen wir es eben ſo gut, daß dieſe deutſchen Truppen — 1 4 4 270 Neuntes Kapitel. bei ihren franzöſiſchen Kameraden nichts weniger als ge⸗ ſchätzt und geehrt waren und von keinem derſelben als ſeines Gleichen angeſehen, vielmehr mißachtet und zurück⸗ geſetzt, mit einem Worte, als ein gutes Kanonenfutter betrachtet und häufig auf das allerſchonungsloſeſte und verächtlichſte behandelt wurden.— Gilt hier etwa jenes alte Wort: Man liebt den Verrath, aber nicht den Ver⸗ räther? Oder lag dem ganzen Verfahren, der häufigen Ver⸗ wendung der Rheinbunds⸗Truppen in Nord⸗Deutſchland vorzüglich, eine andere, ſchlaue Berechnung zum Grunde? Wollte man etwa die beiden Hälften unſeres Vaterlandes ſo gründlich mit einander verfeinden, daß man in der einen immer einen Wächter für die Ruhe der anderen im Lande ſelber habe? Oder wollte man in jenen Theilen Deutſchlands, wo man die Ruhe weniger durch Verträge hergeſtellt hatte, als durch eiſernen Zwang zu erhalten ſuchte, wo man die Küſtenſtriche ganz losriß und zu De⸗ partements des Kaiſerreichs umgeſtaltete, wollte man, ſa⸗ gen wir, dort vielleicht durch den Contraſt wirken und die Franzoſen liebgewinnen laſſen, weil ſie Söhnen des Vater⸗ landes folgten, die man bis aufs Blut haſſen gelernt? Daß ein ſolcher Verdacht nicht ohne Grund, beweiſen die zahlreichen Fälle, wo, wie in unſerer Erzählung, die Fran— zoſen wirklich die Rheinbunds-Truppen direct ablöſ'ten und die Abziehenden mit den härteſten Vorwürfen oder gar Strafen für ihr Auftreten belegten, während man von der Weiſe dieſes Auftretens doch längſt auf das ge⸗ naueſte unterrichtet ſein mußte und durch anderweitige veniger als ge derſelben als tet und zurüch Kanonenfutter ingsloſeſte und jer etwa jenes nicht den Ver häufigen Ver ⸗Deutſchland zum Grunde! es Vaterlandes z man in der der anderen in jenen Theilen durch Vertrüge ng zu erhalten eiß und zu De⸗ wollte man, ſa⸗ wirken und die s Vatet lernt! nen de haſſen ge d, beweiſen die lung, die Fran⸗ direct ablöſ ten Vorwürfen oder während man gſt auf das ge anderweitl u In Hütte und Schloß. 271 Verwendung ſolcher Truppen alle Unannehmlichkeiten häufig hätte vermeiden konnen. Wie dem allem aber auch ſei, ob General Marbois Aehnliches beabſichtigte, als er die Dragoner ſandte, und ob Renaud Derartiges bezweckte, da er ſie in der ange— gebenen Weiſe ablöſen ließ, oder ob es nur ein arger Mißgriff des Erſteren geweſen— in dieſen Gegenden und bei dieſem Volke ſchlug die Berechnung fehl, wurde der Mißgriff nicht wieder gut gemacht— fürs Erſte ſelbſt im Schloſſe zu Nieder⸗Rhoda nicht. Graf Hartmuth war in ſeinem unbegrenzten Hoch⸗ muth, in ſeinem Stolz auf Rang und Namen, in ſeinem Selbſtgefühl als faſt unbeſchränkter Herr ſeiner Beſitzun⸗ gen, in allem, was ſo zu ſagen mit ihm geboren und er⸗ zogen, was mit ihm alt geworden war, ſo tief verletzt durch Auftreten und Benehmen ſeiner ihm aufgedrunge— nen Gäſte, daß es ſelbſt Vial's glänzender Liebenswür⸗ digkeit und Gewandtheit nicht gelingen wollte, den alten Herrn alsbald zu verſöhnen und wieder freundlich zu ſtimmen. Der Graf beſchränkte ſich, die Entſchuldigung des Offiziers und die Verheißung paſſender Genugthuung mit ſtolzer Höflichkeit ſchweigend anzuhören, beklagte in ſeiner Antwort, daß ein ſo flüchtiger Wechſel im Kom— mando ſolche beſchwerliche Folgen habe veranlaſſen können, und zog ſich mit dem Vorgeben zurück, er fühle ſich zu angegriffen, um heute noch an der Geſelligkeit Theil neh⸗ men zu können.— Er hatte dem Franzoſen noch nie einen auch nur halb ſo bedeutenden Eindruck gemacht, wie durch die Haltung des heutigen Abends. — 272 Neuntes Kapitel Der Offizier ſah ſehr wohl ein, was den Behörden an der guten Stimmung gerade dieſer Familie gelegen ſein mußte, die, wie ſehr ſich auch die Verhältniſſe geän⸗ dert haben mochten, immerhin noch von großem Einfluß auf einen Theil des zahlreichen benachbarten Adels und auf die Bevölkerung aller derjenigen ihrer Beſitzungen zu ſein ſchien, welche tiefer im Lande lagen und ſich der alten Herrſchaft noch bei Weitem mehr unterthan fühlten, als die Bewohner der Küſte und Grenze. Es beunruhigte ihn daher mindeſtens eben ſo ſehr wie Graf Hartmuth's Zurückhaltung, was er über Gräfin Hebe's und des alten Vetters gutes Einvernehmen mit der barſchen Einquartie⸗ rung erfahren mußte. An die Wirklichkeit dieſes guten Einvernehmens oder auch nur an die Gleichgültigkeit der Betreffenden gegen das Auftreten der Fremden zu glau⸗ ben, wagte Vial nicht, und zwar um ſo weniger, je mehr Spuren des ſchonungs- und ſchrankenloſen Treibens der Dragoner ihm vor Augen kamen. Vial war Süd⸗Franzoſe, eine raſche und flüchtige, glühende und leicht gereizte, unbeſtändige Natur, die ſelbſt das dem Feinde geſchehene Unrecht als ſolches empfand und, wo der junge Mann nicht durch andere, ſtärkere In⸗ tereſſen abgezogen wurde, auch gut zu machen ſuchte. Als Ordonnanz⸗Offizier des Kaiſers war er aber auch häufig zu Sendungen und Dienſten verwandt, die ihm ein ge⸗ naues und vorſichtiges Beobachten zur Pflicht machten, und ſo wußte er längſt, daß hinter dem„Vetter“ mehr ſtecken möchte, als es demſelben der Geſellſchaft hinzubie⸗ ten beliebte. Er glaubte längſt erkannt zu haben, daß die tirte, nahm bares ten d jenem Zuſta land allem Frau faſt! endlic Dreih Grafe Geſin zweife Man Stepl niemo tniſſe geän em Einfluß Adels und itzungen zu a ſich der an fühlten, beunruhigte Hartmuth des alten Einquartie ſes guten d flüchtige c, die ſelbſt z empfand Aa.4ars In ſtärkere on auch häufch öm ein ge t machten In Hütte und' Schloß. 273 die ſchöne Gräfin nicht bloß des Kokettirens wegen koket⸗ tirte, ſondern bei Gelegenheit auch eine ſeltſame Theil⸗ nahme an der ernſteſten Unterhaltung und ein wunder⸗ bares Intereſſe für Dinge zeigen konnte, die ihr hät⸗ ten durchaus fern liegen ſollen. Er hatte ſie geſehen an jenem Abend, als General Renaud ſo offen über den Zuſtand der Armee und über die Stimmung in Deutſch⸗ land ſprach. Wie gebrechlich ſie ſein mochte, ſie war vor allem doch nicht nur eine elezante, ſondern auch eine feine Frau, die an Leuten, wie die Dragoner, in Wirklichkeit faſt unmöglich Geſchmack finden konnte. Und er wußte endlich, daß die Beiden mit dem Grafen Eberhard auf Dreiheiligen in ſteter Verbindung waren, daß ſie dem Grafen Eugen nahe ſtanden— zwei Männern, über deren Geſinnungen man im Lager der Franzoſen neuerdings zweifelhaft zu werden begann. Endlich, und das erſchien dem jungen, lebhaften Manne faſt als das Unerträglichſte,— endlich, Gräfin Stephanie hatte ſich ihm niemals kälter und gleichgültiger, niemals unzugänglicher gezeigt, als heute, trotzdem, daß er ſie von den rohen Burſchen befreit und obgleich ſie hatte erfahren müſſen, daß er direct für die ihr wider⸗ fahrene Beleidigung Rechenſchaft verlangt. Sein ſcharfer Blick hatte nicht nur den Lauſcher bemerkt, ſondern in demſelben auch eine kecke Kammerjungfer entdeckt, die neu— gierig das Geſpräch mit den Offizieren der Dragoner von jener Hinterthür aus vernommen haben mußte. Aber deſſen ungeachtet hielt ſich die Gräfin ferner und fremder, als jemals ſonſt, und von den Fortſchritten, die er dieſer Hoefer, Fremdherrſchaft. I. 18 —— 274 Neuntes Kapitel. Natur gegenüber gemacht zu haben glaubte, ließ ſich heute keine Spur bemerken.— Er war ihr heut überhaupt noch kaum nahe gekom⸗ men. Anfangs hatten ihn ſeine Depeſchen an Renaud länger aufgehalten, als er gerechnet, und da er endlich den uns bekannten kleinen, rothen Salon betrat, ſah er ſich zu jener angedeuteten, peinlichen Unterhaltung mit dem alten Grafen gezwungen und wurde, nachdem der⸗ ſelbe ſich zurückgezogen, bald vom Vetter, bald von Grä⸗ fin Hebe in Geſpräche verwickelt, die ihn Stephanien kaum begrüßen ließen. Es war dabei in Hebe's Weſen und Weiſe, in dem Klang ihrer Stimme und dem Zlick ihrer Augen etwas, das den jungen Mann bisher noch nicht ähnlich wie heute Abend berührt hatte. Bei ſeiner frühe⸗ ren Anweſenheit hatte ſie ihn nur ein paarmal in eine flüchtige Unterhaltung gezogen, ſeine Aufmerkſamkeit we⸗ nig in Anſpruch genommen. Was ließ ſie denn heute nun ſo anhaltend und verlockend ſich mit ihm beſchäftigen, ihm ihre ſtrahlendſten Blicke, den pikanteſten Reiz ihrer Einfälle und Plaudereien zuwenden? Nur der Einfall ſelbſt und die Luſt am Plaudern? Die Langeweile oder weil der junge Vicomte heute der Einzige war, der ihr eine Unterhaltung bot, wie ſie dieſelbe nun einmal wünſchte? Das alles zog durch ſeinen Kopf, denn wir wiſſen, daß er die Dame nicht gleichgültig anſah, vielmehr ſie einer ernſtlichen Beobachtung unterziehen zu müſſen glaubte. Allein ſein Kopf behielt ihr gegenüber, in ſolcher Nähe, nur leider ſeine Herrſchaft nicht. Der Zauber, der von n Dinge wir o Grüfit einma Anden Das debri 5 ſ ließ ſich dahe gekom⸗ in Renaud er endlich rat, ſah er chäftigen, hoſ Ue In Hütte und Schloß. 275 Hebe ausging, umſpann den heißblütigen Franzoſen in einer Weiſe, daß er über demſelben noch ganz andere Dinge vergeſſen haben würde, als jenen Argwohn, deſſen wir oben gedacht. Ja— vergeſſen oder nicht vergeſſen— Gräfin Hebe war ein Weſen, das Einem, dem ſie ſich einmal zu widmen beliebte, nicht viel Raum zu etwas Anderem übrig ließ, als zu dem Gedanken an ſie ſelbſt. Das merkte er. Er vergaß ſchon heute neben ihr alles Uebrige.—— Als Vial die Dame vom Speiſezimmer in den Sa— lon und auf ihren Wunſch zum Seſſel vor dem Kamin zurückgeführt hatte, bot ſie ihm die Hand zum Kuß. „Herr Vicomte,“ ſagte ſie mit einem bezaubernden Lächeln,„Sie ſind ſeit heute ein Freund des Hauſes, der uns mit unſeren einfachen Gewohnheiten und kleinen Lieb⸗ habereien wohl auslachen darf, aber ſich ihnen fügen muß. Wir haben die letzten Tage ſo gezwungen gelebt, daß wir uns nach der alten Freiheit ſehnen. Vetter Chriſtian und ich denken jetzt nur an unſere theuere Partie Trictrac, und—“ „Sie verbannen mich, Gräfin?“ warf er in einem Tone dazwiſchen, der vielleicht nur ſcherzhaft ſein ſollte, aber faſt klagend klang. Ein lächelnder Blick traf ſein in der That nichts we⸗ niger als heiteres Geſicht.„Ja, zu einer Blüthen⸗Inſel,“ verſetzte ſie,—„oder vielmehr zu der Inſel der Seligen, nicht wahr, Vicomte?“ Sein Auge, das dem ihren folgte, fiel auf Stephanie, 9 die ſich drüben eben vom Sophatiſch abwandte und gegen 97 276 Neuntes Kapitel. das Fenſter zu ging. Es war ſelbſt in dieſer Bewegung des jungen Mädchens etwas ſo Kaltes und Hohes, etwas ſo Nachläſſiges und doch auch wieder ſo Königliches, faſt als ſähe ſie ſich im Gemach ganz allein und hätte keinen Blick und keinen Gedanken für die Anderen. Vial ſah zu ſeiner Nachbarin zurück— die Augen umſpannen ihn wie mit goldenen Strahlen, das Lächeln leuchtete ſo ſpöttiſch, ſo herausfordernd, ſo— verheißend? — und er antwortete leiſe und raſch:„Laſſen Sie mich noch leben, Gräfin! Die Inſel der Seligen hat keine Men⸗ ſchen, glaub' ich, ſondern nur— Monumente.“ „Ketzer!“ ſagte ſie mit leichtem Kopfſchütteln.— „Bitte, Vicomte, ſchieben Sie die Brände dort ein wenig zuſammen, ſie flammen nur und wärmen nicht.“— Und als er ſich gehorſam verbeugte und in dem ſchmalen Raume ihr ganz nahe war, fügte ſie flüſternd hinzu— es war wirklich wie das Lispeln des Frühlingswindes im jungen Laube, ſo weich waren dieſe Töne, und ſo ſanft und warm ſtreifte ihr Hauch ſeine Wange—:„Nun wohl, Louis! Bringen Sie doch Leben in dieſen Stein, ſchöner Pygma⸗ lion! Er ſehnt ſich danach.“ Vetter Chriſtian hatte die Steine geſondert und ſchob das Tiſchchen heran. Vial richtete ſich auf, ſein Geſicht glühte, ſeine Augen begegneten flammend denen der Grä⸗ fin. Dann wandte er ſich mit leichter Verbeugung ab und ins Gemach.— Stephanie hatte die herabgelaſſenen Vorhänge des Fenſters zurückgeſchlagen und war in die Niſche getreten, wo ſie, nachläſſig in der Ecke lehnend, ruhig in die dunkle, gleich im! hina Bewegung dohes, etwas es, faſt tte keinen die Augen alen Raume — es war im jungen t und warm ohl, Louis! r Pygma 1, t und ſchoh ſein Geſict nder Gri zung ab und In Hütte und Schloß. 277 ſtürmiſche Nacht und auf den ganz einſamen Hof hinaus⸗ zublicken ſchien. Das Herankommen des jungen Offiziers entlockte ihr keinerlei Bewegung; nur ihre Augen drehten ſich ihm momentan zu und ſtreiften ihn mit einem gleich— gültigen Blick, worauf ſie ſich wieder der Dunkelheit draußen zukehrten. Er ſah das alles wohl, und bei der reichen Beleuch⸗ tung des Gemachs war es ſelbſt hier in der Niſche noch hell genug, um ihn die ſchlanke Geſtalt, den ſchönen Kopf, die kalten Züge des Geſichts vollſtändig, bis ins Einzelne, erkennen zu laſſen. Er ſah das an und mußte ſich be⸗ zwingen, um nicht nach derjenigen zurückzuſchauen, von der er eben kam; der Contraſt war zu groß! Dort das Leben in ſeinem vollſten Reichthum und ſeiner glänzend⸗ ſten Fülle, und hier, wo zu den gleichen Reizen noch die friſcheſte Jugend kam, nichts als— Eis und Schnee! Es wehte ihn erkältend an. „Sie ſehen nach der Brandſtelle, Gräfin?“ fragte er, ſich zuſammennehmend.„Die Gefahr war nicht groß. Aber Sie ſind doch ſehr erſchreckt worden?“ Sie ſah ihn wiederum eben ſo flüchtig und eben ſo gleichgültig an.„Nicht doch, Herr von Vial,“ verſetzte ſie im ruhigſten Tone.„Wir wohnen nach der anderen Seite hinaus, und man hielt es nicht für nöthig, uns von dem Vorfall zu benachrichtigen.“ Er trat gleichfalls in die Niſche und ſtand neben ihr. „Sie ſind kalt, Gräſin, oder zürnen Sie mir?“ fragte er gedämpft. „Weßhalb?“ gab ſie kalt und ohne ſich zu regen zurück. —ͤ— 5. 278 Neuntes Kapitel. „Weßhalb?“ wiederholte er, halb und halb verdroſſen und doch auch wieder ergötzt durch dieſe Weiſe, und er fühlte ſich durch die Kälte ſo gut gereizt, wie durch die Schönheit ſeiner Nachbarin erregt.„Weßhalb, Gräfin? — Sie können es nicht mehr beklagen als ich, daß dieſe Ungehörigkeit überhaupt ſtatt fand, unter der Sie alle hier zu leiden hatten. Und daß wir erſt vorgeſtern zu— rückkehrten und davon erfuhren!“ „Sie waren verreiſ't, Herr Vicomte?“ warf ſie gleich⸗ gültig hin, da ſein Innehalten ein paar Worte von ihr zu erheiſchen ſchien. „Wir waren auf einer Inſpectionsreiſe, Gräfin. Ge⸗ neral Renaud fand bei der Rückkehr von hier die Ordre vor, das Kommando aller Truppen diesſeits der Elbe— doch was rede ich da!“ unterbrach er ſich lebhaft.„Was geht das Sie, was geht das mich an! Genug, Gräfin, ich kam vorgeſtern mit ihm zurück, und anſtatt Sie ſelbſt in S. zu finden, wie Sie uns damals hatten hoffen laſ⸗ ſen, fanden wir ſolche Nachrichten!— Ich habe dieſes Kommando verlangt, ich bin herbeigeflogen und ich habe Rechenſchaft gefordert für das Benehmen dieſer Barbaren, die Sie in dieſer Zeit auf Ihre Gemächer beſchränkten, Gräfin—“* Es war der erſte Blick, der lebhafter aus ihrem ſtol⸗ zen Auge zu ihm hinüber kam und ihn innehalten ließ, und ſie ſprach auch mit erregterem Tone:„Ja wohl, mein Herr, ſo hörte ich. Wer hat Sie aber dazu er⸗ mächtigt?“ Er ſchaute ſie einen Augenblick prüfend an, bevor er mitl fin, ſchict leidig Güte bari ſpra majf zäh In Hütte und Schloß. 279 b verdroſſen mit leichtem Kopfſchütteln entgegnete:„In der That Grä⸗ iſe, und er fin, mein Benehmen muß ſehr tadelnswerth oder unge⸗ ie durch die ſchickt geweſen ſein, oder man muß Sie noch ernſter be⸗ b, Gräfin, leidigt haben, als ich bisher erfuhr, daß Sie Ihre frühere „daß dieſe Güte gegen mich ſo gänzlich—“ er Sie alle„Gleichviel, mein Herr!“ unterbrach ſie ihn auf's raeſtern zu⸗ neue, denn ſie war jetzt wirklich und ſichtbar erregt, ihre Augen blickten zürnend und ihre ganze Haltung war aus rf ſie gleich⸗ der bisherigen Kälte und Nachläſſigkeit herausgetreten. orte un ir„Wer berechtigte Sie zu dieſem Auftreten, frage ich? Iſt es nicht genug, daß wir hier die Ungezogenheiten frecher gräfin. Ge Menſchen erdulden mußten, ſollen wir dieſe Ungezogen⸗ rdie Oddre heiten jetzt auch noch landkundig werden ſehen, und durch der Elbe— Ihre unverlangte Einmiſchung zur Fabel für die Geſell⸗ ſchaft werden?“ Er ſchaute ſie wieder mit einem flüchtigen— oder heißen wir's beſſer: vorſichtigen Blicke prüfend an. Ein Lächeln zuckte blitzgleich durch ſein Geſicht, war aber, zu⸗ mal er mehr im Schatten ſtand, ſelbſt für ſeine Nach⸗ barin ſchwerlich wahrnehmbar, und im nächſten Augenblick ſprach er vollkommen gefaßt und ſogar in einem gewiſſer⸗ maßen verletzt klingenden Tone:„Aber, Gräfin, Sie er⸗ gaft.„Was ig, Gräfin, r Barbaren, eſzrinn zählen mir da etwas von Geſpenſtern, ſcheint mir!“ geon ſh„Geſpenſter?“ verſetzte ſie gereizt.„So glauben Sie, i le daß Ihre Einmiſchung nicht dazu dient, die hier vorge⸗ halle v fallenen Inconvenienzen nur mehr und in größeren Krei⸗ Ja woh, 1 ſen bereden zu laſſen?“ er dazl„Das glaube ich allerdings, Gräfin,“ ſagte er mit leichtem Kopfneigen. — Neuntes Kapitel. „Und wer will jene— verhindern, mit ihren Helden⸗ thaten gegen uns zu prahlen und ſich über die Einmiſchung des Herrn Vicomte von Vial zu moquiren, die zum min⸗ deſten Stoff—“ „Ich, der Vicomte von Vial!“ unterbrach er ſie ſtolz und ſicher, und er war ſchön, wie er ſo ſprach und ſie dabei anblickte, daß ſich ſelbſt ihr hochmüthiges Auge ſenkte. „Auf Vial's Wort, Mademoiſelle,“ ſetzte er in gleichem Tone hinzu,„ich wäre begierig, denjenigen kennen zu ler⸗ nen, der in meinem Reden und Handeln etwas Anderes zu ſuchen wagte, als ich ſelber damit kund zu geben wünſchte.“— Und mit leichtem Achſelzucken und einer ein wenig wegwerfenden Handbewegung ſchloß er:„Dieſe Burſchen da wenigſtens werden mir dazu ſchwerlich Ge⸗ legenheit bieten.“ Sie erwiderte nichts und hob auch nicht die Augen auf. Eine leiſe Befangenheit, die ihr unglaublich reizend ſtand, hatte ſich über ihr ganzes Weſen gebreitet und ließ ihre ſtolzen Züge in ſolcher Sanftmuth und Milde, in ſolcher, man hätte ſagen mögen: jungfräulichen Scheu er⸗ ſcheinen, daß ihre Schönheit erſt dadurch zur vollen Gel— tung gelangte und einen tiefen Eindruck auf den leicht⸗ blütigen Franzoſen machte. „Sie ſind hart gegen mich, Gräfin,“ ſagte er in gänz— lich verändertem Tone und um vieles leiſer.„Wenn Sie wüßten, mit welcher Sehnſucht ich an unſeren damaligen Aufenthalt in dieſem Schloſſe mich erinnerte, wie glücklich mich der Befehl machte, hieher zurückzukehren und das Kommando über die hier vertheilten Truppen zu überneh⸗ men. ich de Genu ein W und i gung neulie Sie deſſe nach hielt Win wele glei ren Helden Anmiſchung e zum mi⸗ er ſie ſtolz ach und ſie luge ſenkte. in gleichem n zu ler⸗ 8s Anderes u geben und einer Dioſ Dieſe verlich Ge⸗ die Augen ſlich reizend t und ließ Milde, in Scheu er⸗ ollen Gel⸗ den leicht er in gunz Wenn Sie damaligen de glücllih und das n9- herne 1 Ub In Hütte und Schloß. 281 men— ſo glücklich, daß der Zorn davor verſchwand, den das Treiben jener Unwürdigen erregte!— Und nun war ich da, ich ſtellte die Ordnung her und bot Ihnen alle Genugthuung, die in meinen Kräften ſtand.— Ich hoffte ein Wort der Zufriedenheit von Ihren Lippen zu hören und in dem freundlichen Blick Ihrer Augen Ihre Beruhi— gung zu erkennen und das— Wohlwollen, das Sie mir neulich—“ Er hielt, wer weiß, ob abſichtlich oder übermannt von der, ſeine Stimme beherrſchenden Bewegung, inne und ließ ſeine dunklen Augen mit einer Art von ſchwermüthi— gem Vorwurf auf ihr ruhen, die noch befangener als vor⸗ hin, geſenkten Blickes und mit leicht gerötheten Wangen neben ihm lehnte und anſcheinend keine Silbe der Erwide⸗ rung auf dieſe Worte und Töne fand, welche ſich ſo weit von dem entfernten, was ihre Umgebung bisher ihr zu bieten gewagt. Erſt nach einer geraumen Weile erhob ſie ihre Augen zu einem halb ſcheuen, halb ein wenig finſtern, flüchtigen Blick auf ſeine erregten Züge, und in⸗ dem ſie ſie wieder unter die langen Wimpern zurückzog, ſagte ſie gedämpft und doch mit hörbar ſpöttiſcher Stimme: „Sie machen aus all dieſen Dingen viel mehr, als ſie deſſen werth ſind, Herr Vicomte. Und dieſes Verlangen nach mir— ah!“ Sie hatte das Köpfchen dem Fenſter zugekehrt und hielt ihre Augen, wie geſagt, unter den langen, goldenen Wimpern verborgen, ſo daß ſie das Lächeln nicht ſah, welches trotz der Betonung ihrer Worte aufs neue blitz— gleich durch ſein Geſicht zuckte. Aber ſeine Antwort ver⸗ 1 Neuntes Kapitel. nahm ſie, ſo leiſe ſie auch war, denn er ſprach ſanft und faſt innig:„Sie ſind hart, wiederhole ich! War ich denn frei? Der Dienſt mit ſeinen Geſchäften endet nie, und dann— Ihre Tante verſteht es, jemand auch wider ſei⸗ nen Willen feſtzuhalten und, was viel ſchlimmer iſt, ihn niemals aus ihren Augen zu laſſen.“ Stephanie wandte leicht den Kopf und ließ einen dunkeln Blick zu den Beiden hinübergleiten, welche vor dem Kamin ihre Partie ſo harmlos wie möglich abzuſpie— len ſchienen.„Ich haſſe ſie!“ ſagte ſie tief aus der Bruſt heraus. „Ihre Tante? Sie träumen!“ meinte er gleichſam verwundernd und kopfſchüttelnd. Sie warf ihm einen finſtern Blick zu.„Nein, ich haſſe ſie!“ murmelte ſie dann.„Sie hat für uns alle nichts als Spott und Hochmuth und herrſcht von ihrem Seſſel aus auf das unerträglichſte.— Auch Sie— neh— men Sie ſich in Acht! Sie ſpielt mit Ihnen und benutzt Sie auf die eine Weiſe, wie uns Uebrigen auf eine andere.“ Er ſchüttelte den Kopf.„Ihr Kopf iſt zu jung und Ihr Herz zu reich und ſchön für ſolche düſtere Vorſtellun⸗ gen und Gefühle,“ flüſterte er innig.„Ihr Reich iſt das der Liebe, und Sie ſind die Herrin alles Glücks und aller Gnade. Theilen Sie niemals aus— Stephanie?“ ſetzte er ſo leiſe hinzu, daß das Wort kaum ihr Ohr traf, wie nahe ſeine Lippen demſelben auch waren. Sie erwiderte nichts, ihre Wangen waren nur noch ein wenig geröthet, und der Blick, der aus den flüchtig ſanft und ch ab bzuſpie f aus der r gleichſam 5 lle ar uns alle von ihrem bie— nel⸗ und benutt auf eine ◻ In Hütte und Schloß. 28 erhobenen Augen zu ihm hinüberſtreifte, war wie abwe⸗ ſend. Er ließ ſeine Linke niedergleiten und gleichſam zu⸗ fällig ihre Finger umfaſſen, die auf dem Fenſterbrette ruh⸗— ten. Sie zitterten ein wenig, dieſe Finger, aber ſie ent⸗ zogen ſich ihm nicht, im Gegentheil meinte er ſogar einen leichten Druck zu ſpüren, und da ſie noch immer ſchwieg, flüſterte er:„Glauben Sie's, daß ich Sie anbete, Köni gin der Herzen? Wann— wann kann ich einmal zu Ihnen reden, von Ihnen, von unſeren— Feinden?“ Es war, als erwachte ſie aus einem tiefen Traume, ſo zuckte ſie zuſammen, ſo raſch und faſt unvorſichtig ent⸗ zog ſie ihm ihre Finger, ſo raſch gleichfalls wechſelte in Tr dem ihn ſtreifenden blauen Auge die Träumerei mit dem ihm gewohnten kalten Stolze. Und dann ſagte ſie auch mit dem gewöhnlichen nachläſſigen Tone:„In der That, Herr Vicomte, dafür, daß wir keine Schwärmer ſind, haben wir, glaub' ich, lange genug in das Dunkel ſehen. Kommen Sie zum Tiſche.“ Sie ſprach das, wie geſagt, ſo durchaus kalt und nachläſſig, daß er bei etwas geringerer Eigenliebe kaum⸗ noch über das, was in ihr vorgegangen, hätte in Zweifel ſein dürfen. Sie ſchien gar nicht auf ihn und ſeine ſie perſönlich betreffenden Worte geachtet zu haben, und da ſie dieſelben verſtand, war ihre Ablehnung hörbar genug. Allein theils legte er es ſich anders aus, theils kam er nicht mehr, wenn er dergleichen auch verſtanden, zum Nachdenken darüber. Denn in dem Augenblicke, als ſie ins volle Licht traten, ward Gräfin Hebe's ſilberhelles Lachen vom Kamin her laut, und ſie ſprach auf Deutſch: 1 1 1 1 1 1 1 1 5 11 1 † 1 284 Neuntes Kapitel. „Ah, Vetter, Ihr glaubt alſo wirklich, daß dieſe Partie noch gewonnen wird? Es ſieht freilich aus, als möchten ſich dieſe armen Würfel verſchwören gegen mich. Aber Ihr wißt wohl, Vetter— meine Finger ſind mächtiger als ſie! Aufgepaßt— ich fange an! Doppelfünf!— Werft beſſer, Vetter Chriſtian, wenn Ihr könnt!“ Vial verſtand von dieſen Worten zu wenig, um ſie beſonders auffällig zu finden. Auch wurde er in dieſem Moment durch den eintretenden Kammerdiener benachrich⸗ tigt, daß draußen eine Ordonnanz mit einer Meldung harre, und ging raſch hinaus. Als er alsbald zurück⸗ kehrte, zeigte ſein Geſicht eine leichte Verſtimmung, und Gräfin Hebe fragte freundlich:„Was gibt's, Herr Vi⸗ comte? Doch nichts Böſes, hoffe ich?“ Er ſtrich die ſchwarzen, lockigen Haare von der Stirn zurück.„Wie Sie's nehmen, Gräfin,“ entgegnete er. „Ein alter Schiffer drunten im Dorfe hatte ſich gegen ſeine Einquartierung gröblich aufgelehnt— man nannte ihn mir zugleich als den ärgſten Schmuggler der ganzen Küſte. Ich wollte ihn einziehen laſſen, aber man meldet mir eben, daß er verſchwunden iſt.“ „Das ſcheint mir kein Grund zum Verdruß!“ be⸗ merkte Comteſſe Hebe lächelnd und ließ die Würfel auf das Brett fallen.„Fünf und drei, Vetter— brillant! — Was ſollte Ihnen der arme Teufel? Heraus bringen Sie nichts, und daß man ihm nichts beweiſen kann, da⸗ für wird er ſchon—“ Ein dumpfer Knall, der die Scheiben der Fenſter klirren machte, ließ ſie wie alle Uebrigen zuſammenfahren man d mächtiger velfü nf u— g, um ſie rin dieſem benachrich⸗ r Meldung dald zurück⸗ gegen nan nannte man meldet druß!“ be⸗ Würfel auf brillant bringen 1 a kann, d In Hütte und Schloß. 285 und unwillkürlich nach dem Fenſter blicken, deſſen Vor⸗ hänge noch von vorhin zurückgeſchlagen waren. Gegen das Dorf zu zeigte der Himmel eine ſcharfe Röthe, auf dem Hofe drunten wurde es laut. Vial eilte hinaus.— Es war allerdings ein zweiter Brand an dieſem Tage, aber er war für das Schloß noch gefahrloſer als der erſte. Karſten Herbart's Haus war bei der Unterſuchung mit einem Dutzend Douaniers und Soldaten, die einem Pulver⸗ vorrathe nahe gekommen ſein mußten, in die Luft geflogen. Die Flammen des Daches und Gebälkes verwehten vor dem Sturm unſchädlich über das kahle Feld hin. Die beiden alten Bewohner waren ſpurlos verſchwun⸗ den. Man hatte kein ſich entfernendes Boot bemerkt— auch ſchien der Sturm zu ſchwer für ein ſo leichtes Fahr⸗ zeug— und auch gegen den Wald hin hatte ſich nie⸗ mand geflüchtet.— Tand und Teute. Herz, laß dich nicht zerſz tt! Gott wird es wohl verwalten, Durch Feindes Liſt und Er iſt der Freiheit Gott. Laß nur den Wüthrich drohen, Dort reicht er nicht hinauf. bricht im heiligen Lohen Ein Doch deine Freiheit auf. Th. Körner. Es war, als ob das Krachen von Karſten Herbart's auffliegendem Hauſe im ganzen Lande vernommen worden wäre, ſo ſchnell hatte ſich die Kunde davon verbreitet und einen ſo jähen und doch nachhaltigen Eindruck brachte ſie hervor. Es war zwar das Wahrſcheinlichſte, daß die Doua⸗ niers, welche zur Unterſuchung des„Schmugglerneſtes“ abgeſchickt waren, während die ihnen beigegebenen Solda⸗ ten den Widerſtand des Beſitzers brechen und ihn verhaf⸗ ten ſollten, einem von dem alten Burſchen aufbewahrten Pulvervorrath zufällig zu nahe gekommen. Denn Einer, den man, wenn auch ſchwer verbrannt, doch noch lebend . Herbart 9 zon worden ien rbreitet und Land und Leute. 287 aus den brennenden Trümmern retten konnte, erzählte, daß ſie Stall und Keller, Boden und Küche vergeblich durchſucht und eben aus der Stube in eine angrenzende kleine Kammer hätten treten wollen, als ſie plötzlich mit den aufſchlagenden Flammen emporgeriſſen wurden. Eine nähere Beobachtung hatte natürlich ar wi ſtatt ſinden können, allein es erſchien den Franzoſen ſchon be⸗ deutſam und verdächtig genug, daß der Schiffer überhaupt nur eine Maſſe Pulver im Hauſe gehabt hatte, die ähn⸗ liche Wirkungen hervorbringen konnte. Sie ſahen auch hieraus wieder, daß der Schmuggel ſich nicht harmlos mit dem zollfreien und heimlichen Einbringen von allerlei ſteuerbaren oder gänzlich verbotenen Waaren beſchäftigte, ſondern daneben— vielleicht ſogar hauptſächlich— ganz anderen, gefährlicheren Zwecken diente, und das Land zu dem Kampfe vorbereitete, den, wie wir von Renaud er⸗ fuhren, ſelbſt die Feinde bereits als unvermeidlich vor ſich ſahen. Da der rauhe alte Mann aber doch Zeit gewonnen zu haben ſchien, ſein werthvollſtes Eigenthum nach und nach auf die Seite zu bringen— man hatte bei der Durchſuchung nur den nothwendigen Hausrath, in der Küche auffällig wenig Geſchirr und gar keine Lebensmittel— Vorräthe gefunden— ſo blieb unerklärlich, weßhalb er gerade eine ſolche Quantität Pulver, die er nicht umſonſt erhalten haben konnte und deren Abſatz ihm einen bedeu⸗ tenden Gewinn bringen mußte, nicht gleichfalls fortgeſchafft hatte. Gefunden, hätte ſie nicht nur den Feinden gedient, ſondern auch den Verdacht gegen ihn zur Gewißheit er⸗ 288 Zehntes Kapitel. hoben; vernichtet, zerſtörte ſie nun zugleich ſeinen Beſitz, an dem er doch, wie man wußte, bisher auf das hart⸗ näckigſte gehangen. Man erfuhr nicht allein die letzte Ant⸗ wort, die ſeine Schweſter auf die Drohung des Grafen gegeben, ſondern auch, daß er nach ſeiner vor einigen Jahren erfolgten Rückkehr dieſen kleinen väterlichen Beſitz dem Gutsherrn mit allen möglichen Mitteln und unver⸗ hältnißmäßigen Koſten abzuringen gewußt und ſeitdem trotz der unausgeſetzten Händel mit der Herrſchaft behalten hatte. Und doch, müſſen wir hinzuſetzen, hielt man den Schiffer für einen wohlhabenden Mann, den man überall anderwärts gern aufgenommen haben würde und der überall anderwärts auf das ruhigſte leben konnte. Im Lande und im Volke, ja, auch bei den Höherge⸗ ſtellten, und ſelbſt hier und da unter den Fremden glaubte und argwöhnte man freilich einen anderen Sachverhalt. Man erfuhr in Nieder⸗Rhoda ſo gut wie überall, wo man ſich für den Fall intereſſirte, daß die Sache nicht ganz ſo glatt abgelaufen war, wie wir ſie von Vial dargeſtellt hörten. Im Gegentheil war es einer der erſten Befehle des neuen Kommandeurs geweſen, den„Burſchen, der es gewagt, ſich gegen die Truppen des Kaiſers aufzulehnen,“ in Haft und Strafe zu nehmen, nachdem man den nächſten Douanenpoſten herbeigerufen und das Dorf nicht nur förmlich beſetzt, ſondern auch gegen Strand und Wald hin Poſten ausgeſtellt, ſo wie Patrouillen abgeſchickt haben würde, denn es war ein Gerücht verbreitet geweſen, daß in dieſer Nacht von irgend einer Seite her, ſei es gegen die Douanen allein, ſei es gegen die Fremden überhaupt, des Grafen vor einigen rlichen Beſit und Unye und unver ft behalten lt man den an ſihorgll man überall de und der n Höherge⸗ rall, wo man e nicht ganz ldargeſtelt Fbl ſten Befehle Land und Leute. 289 etwas unternommen werden ſollte. Und Vial war, wenn auch humaner oder vielmehr polirter als ſeine Vorgänger, doch nicht ganz ſo ſorglos, wie man aus ſeiner Strafrede vielleicht zu folgern berechtigt ſein könnte. Dieſer Verhaftungsverſuch war gänzlich fehlgeſchlagen, hatte ſogar für die damit beauftragten paar Mann noch ſchlimmere Folgen gehabt, als das brutale Auftreten der entflohenen Einquatierung. Die Berſerkerwuth war in Karſten Herbart, den man zwar zum Ausgange bereit, aber noch im Zimmer gefunden, aufs neue und zu einem bei Weitem gewaltigeren Ausbruche gekommen. Wirklich angegriffen, hatte der Mann ſeinen Rieſenkräften vollen Lauf gelaſſen, den führenden Corporal mit dem Kolben ſeiner eigenen, ihm entriſſenen Flinte zu Boden geſchmet⸗ tert, die Flinten der beiden begleitenden Leute wie Rohr⸗ halme zerbrochen und ſie ſelbſt mit lähmendem Entſetzen aus dem Hauſe fliehen laſſen, ihnen die Stücke der Ge⸗ wehre nachſchleudernd. Man war dann— die inzwiſchen angelangten Douaniers und eine größere Zahl Soldaten — förmlich militäriſch gegen das gefährliche Häuschen vor⸗ marſchirt, hatte es umſtellt und endlich vorſichtig betreten — ohne, wie wir ſchon wiſſen, auf neuen Widerftand zu ſtoßen. Denn Karſten Herbart war in der kurzen Zwiſchen⸗ zeit verſchwunden. Von ſeiner alten Schweſter hatten ſchon die zuerſt Erſchienenen und ſo rauh Empfangenen nichts mehr geſehen.— Gleich darauf war dann das Haus mit den meiſten Eingedrungenen in die Luft geflogen. So war der Hergang geweſen, und man glaubte überall an die Abſicht des alten Schiffers, den Feinden Hoefer, Fremdherrſchaft. I. 19 290 Zehntes Kapitel. nicht ſowohl ſeinen an und für ſich unbedeutenden und für dieſelben gänzlich nutzloſen Beſitz zu entziehen, als vielmehr ihnen einen nicht leicht zu vergeſſenden, em⸗ pfindlichen Schlag zu verſetzen, und ihnen auf ſo furcht⸗ bare Weiſe kund zu geben, weſſen ſie ſich zu dem erbit⸗ terten und gereizten, rauhen Volke dieſer Landſtriche zu verſehen hätten, wenn ſie dasſelbe unter dem eiſernen Drucke zu halten verſuchten, der nie fühlbarer geworden als in den letzten Zeiten. Zu einer anderen Zeit und anderwärts, ja, ſelbſt hier noch vor wenigen Wochen, würde man das Geſchehene als die unſinnige That eines unbändigen und thörichten Tollkopfes angeſehen haben, die für ihn ſelber den meiſten Nachtheil mit ſich gebracht, indem ſie ihn ſowohl zum beſitz⸗ und heimatloſen Vaga⸗ bunden als ihm auch einen ferneren Aufenthalt in der Gegend unmöglich machte. Jetzt ſah man darin nicht nur die Rache an den Feinden und eine ernſte Drohung für ſie, ſondern auch eine Art Signal für alle Vaterlands⸗ freunde, daß der„Anfang des Endes“ nahe ſei und der allgemeine Aufſtand nicht lange mehr auf ſich warten laſſen möchte. Und es war ſeltſam genug und mußte ein ernſtes Nachdenken bei Feind und Freund erregen, daß zugleich mit der Nachricht von dem in Nieder⸗Rhoda Geſchehenen ſich die erſte Kunde von Moskau's Brand, von dem be⸗ gonnenen Rückzuge und den entſetzlichen Verluſten der Franzoſen leiſe umherſchleichend zu verbreiten begann. Woher dieſe Kunde kam, das wußte niemand. Sie war eben da und ſchlich umher und erfüllte die Feinde mit ſcheuer Sorge, mit finſterm Haſſe, mit drohender, ge⸗ tenden und ziehen, als ſenden, em⸗ f ſo furcht⸗ dem erbit⸗ indſtriche zu em eiſernen er geworden n Zeit und gen Wochen, That eines ehen haben, ich gebracht, loſen Vaga⸗ chalt in der in nicht nur drohung für Vaterlande⸗ ſei und der varten laſſen ein ernſte⸗ daß zugleich Glhhenn n dem be erluſten de begann. Land und Leute. 291 waltthätiger Härte, und die Patrioten mit unbeſchreiblichen Gefühlen und Hoffnungen. Sie verbargen ſich eben ſo wenig wie die Feinde, daß ein Kampf bevorſtand, in wel⸗ chem es für beide Seiten nur Sieg oder Tod gab. Von den Feinden kam dieſe Kunde nicht, wie die wirklich ſchon ſtatt gefundene Ausbreitung derſelben ihnen auch lange Zeit hindurch gar nicht bekannt wurde. Man barg Hoffnungen und Befürchtungen, Erbitterung und Haß feſter in der Bruſt als je. Die Bulletins und Be⸗ kanntmachungen wußten nur von Siegen und Fortſchritten zu berichten, von der trefflichen Geſundheit des Kaiſers, von dem ausgezeichneten Zuſtande der Armee, von den großen Plänen des Erſteren, von der Unwiderſtehlichkeit der letzteren. Die Privatbriefe, wenn die Feldpoſt über⸗ haupt einmal welche brachte, verkündeten nichts Anderes, alle Grenzen und alle Verkehrswege mit dem Auslande waren feſter verſchloſſen als je, und dennoch erhielten ſich die Gerüchte nicht nur, ſondern wurden immer beſtimmter und ſicherer, breiteten ſich ſtets weiter aus und fanden ihre Beſtätigung auch in dem Verfahren der Behörden und Beſatzungen der Franzoſen ſelber. Die Truppen⸗ märſche, von denen man in dieſen Gegenden ſeit dem Frühling und dem Aufbruche der zur Armee berufenen Theile nichts mehr geſehen hatte, begannen aufs neue. Die bisherigen Beſatzungen, zumeiſt aus Weſtfalen und anderen Rheinbunds⸗Truppen beſtehend, zogen der Armee nach gegen Rußland zu, zum Erſatz der Verluſte. Muni⸗ tion und Kriegs⸗Material aller Art wurde aus den Ma⸗ gazinen fort und den gleichen Weg geführt, während man — 292 Zehntes Kapitel. zugleich raſtlos und mit aller Kraft an der Wiederher⸗ ſtellung neuer Vorräthe arbeitete und an Pferden endlich zuſammen⸗ und forttrieb, was man in dem ſchwer heim⸗ geſuchten Lande nur irgend noch erlangen konnte. Ueberhaupt bekam es das Land nicht leichter, ſondern ſchwerer, als es bisher es gehabt. Den abziehenden Trup⸗ pen folgten andere, Franzoſen oder Italiener, die in den Landſtrichen blieben und nicht, wie bisher ſtets, nur ein paar Städte beſetzt hielten, ſondern augenblicklich auch noch über das ganze Land, zumal über dieſe Küſtenſtriche, vertheilt wur⸗ den und die Laſt der Einquartierung, welche man ſonſt nur bei Durchmärſchen einzelner Theile oder größerer Maſſen zeitweilig empfunden hatte, zu einer dauernden machen zu ſollen ſchienen. Dazu kam, daß man ſich mit den früher anweſenden Rheinbunds⸗Truppen, wenn man vernünftige und humane Leute zwiſchen ihnen traf, ver⸗ möge der beiden Seiten gemeinſamen Sprache doch ver⸗ ſtändigen konnte, während dies den gegenwärtigen Be⸗ ſatzungen gegenüber nur noch den Gebildeten möglich war. Und eine ſolche Verſtändigung wurde für die armen Quar⸗ tiergeber täglich erwünſchter, ja, nothwendiger, weil die Fremden in einer Weiſe auftraten, wie man ſie gerade von den Franzoſen ſelbſt entweder niemals oder nur bei dem erſten Einfalle von 1806 und 1807 kennen ge⸗ lernt hatte. Die Form des Druckes und das ganze Auftreten der Gebieter mochte hier und da polirter und ſo zu ſagen humaner ſein, als wir es von Rheinbunds⸗Truppentheilen erfuhren, auf bevorzugten Plätzen verſchwand derſelbe an⸗ ſchei Gan keine 44 wur. unve Wol quiſ Qud wie Wir in gerit die dem r Wiederher erden endlich ſchwer heim nnte. hter, ſondern henden Trup :, die in den nur ein paar uch noch über vertheilt wur⸗ e man ſonſt der größerer r dauernden man ſich mit wenn man en traf, ver⸗ che doch ver— vürtigen Ve⸗ möglich war⸗ armen Ouar⸗ ger, weil die m ſie gerade det nur be kennen ge Auftreten de o zu ſägen rupperthal ſolbe all derſelbe 1 Land und Leute. 293 ſcheinend ſogar ganz oder zeigte ſich kaum merklich, im Ganzen und Großen aber hatte man an den neuen Gäſten keine beſſeren, ſondern ſchlimmere erhalten. Der Druck wurde unträglicher, die Forderungen unerſchwinglicher von Tag zu Tag; auf dem Lande beſonders war kein Be⸗ ſitzender mehr ſeines Beſitzes, kein Familienvater mehr der unverletzten Ehre und Unſchuld der Seinigen ſicher. Die Wohlhabenderen ruinirte man durch immer größere Re⸗ quiſitionen, die Aermeren brachte man durch alle möglichen Quälereien zur Verzweiflung, ſo daß ſie hier und da, wie wir ſchon Aehnliches vernahmen, trotz des beginnenden Winters immer häufiger aus ihren Häuſern davon und in die Wälder liefen. Jede Widerſetzlichkeit und der geringſte Ungehorſam wurde auf das ſtrengſte beſtraft; die vermehrten und ſtärker beſetzten Douanenpoſten gingen dem Schmuggel, von mobilen Colonnen unterſtützt, immer ſchärfer zu Leibe, gefangene Schmuggler verfielen unwei⸗ gerlich dem Tode, und endlich, was in dieſen Küſtenge⸗ genden am allerhärteſten und grauſamſten traf, nahm man eine große Anzahl der Fiſcherböte fort und ſtellte die ihren Beſitzern zurückgelaſſenen unter eine ſchier unerträgliche und furchtbar peinliche Controle der Douanen. Kurz, das Syſtem, das wir Renaud im Anfange unſerer Erzählung als das vernünftigſte, erwünſchteſte und ſegensreichſte auf⸗ ſtellen und vertheidigen hörten, wurde ſelbſt von den billig Denkenden unter den Fremden nicht mehr angeſtrebt oder auch nur als erwünſcht hingeſtellt. Die Milde war gänz⸗ lich zu Ende, und man hielt offen das ganze Land unter der Herrſchaft der Waffen. 294 Zehntes Kapitel. Die Leſer dieſer Schilderung, welche, ſo übertrieben ſie dieſem und dem erſcheinen mag, dennoch nicht ein Haar breit mehr zur Anſchauung bringt, als was einzelne Theile unſeres Vaterlandes und beſonders die Küſtenſtriche des⸗ ſelben in jener ſchmachvollen Zeit wirklich zu dulden hat⸗ ten,— würden jedoch ſehr irren, wenn ſie aus dem Mit⸗ getheilten ſchließen wollten, daß dieſe Zuſtände in Wirk⸗ lichkeit und im ganzen Lande nun auch eben ſo ſcharf hervorgetreten wären, wie ſie es hier auf dem Papiere und in der Erzählung thun. Es geht damit, wie in allen ähnlichen Fällen. Eine Darſtellung concentrirt ſo zu ſagen alle Farben, alle Lichter und Schatten auf dem engſten und knappſten Raum und vereint zu einem Bilde alle ein⸗ zelnen Züge, die in Wirklichkeit vielleicht weit aus einander liegen, von dem Darſteller einzeln und von zerſtreuten Puncten zuſammengebracht werden müſſen. So groß und weit verbreitet, ja, ſo allgemein der Druck der Fremdherrſchaft in dieſen Monaten dort zu Lande auch war, ſo allgemein er lähmend und zugleich erbitternd empfunden wurde, dennoch bedarf es keiner be⸗ ſonderen Auseinanderſetzung, um die Leſer begreifen zu laſſen, daß er nicht überall in gleich ſchwerer Weiſe zur Ausübung und Anſchauung kam, von allen Betroffenen nicht gleich tief empfunden und noch weniger zur Schau getragen wurde. Es gab, wie wir zum Ueberfluß oben ſchon ausdrücklich angaben, ſelbſt in dieſen Küſtenſtrichen Plätze genug, es gab in den Städten und auf dem flachen Lande Häuſer und Familien im Ueberfluß, wo anſcheinend alles im alten Gange des Friedens und der Ruhe, wo Hübertrieben cht ein Haar nzelne Theile enſtriche des dulden hat ¹s dem Mit de in Wirk ben ſo ſcharf dem Papiere wie in allen ſo zu ſagen dem engſten ilde alle ein⸗ aus einander zerſtreuten llgemein der ten dort zu und zugleic es keiner be⸗ begreifen zu er Weiſe zur Betroffenen r zur Schau berfluß oben güftenſtrihen dem flachen anſcheinen — Ruhe, nd Land und Leute. 295 im Grunde und für gewöhnlich keine beſonderen und ſtö⸗ renden Spuren der allgemeinen Calamität auf den Pfaden des täglichen Lebens und Verkehrs ſichtbar wurden. Da waren nicht nur immer noch manche Anhänger der frem⸗ den Regierung und Vergötterer des Kaiſers, und neben ihnen die zatzlreiche Claſſe der Indifferenten und Feigen, der guten ruhigen Bürger, ſondern auch alle diejenigen, welche reich genug waren, um die gegenwärtigen Zuſtände noch ertragen zu können, und zu ſtolz, um dem Feinde die Unerträglichkeit ſeines Regiments ſo oder ſo zu er⸗ kennen zu geben. Am fühlbarſten wurde alles Schwere dort, wo die neuen Maßregeln den Erwerb des Einen willkürlich ſchmälerten, wie bei den Fiſchern, oder faſt gänzlich vernichteten, wie bei zahlreichen Handeltreibenden, oder wo die Einquartierungslaſt auf die armen Teufel fiel, die kaum ſelber zu leben hatten, und wo endlich, wie auf dem Schauplatz unſerer Erzählung, die Grenze nahe und der Kampf für und gegen den Schmuggel zu allem Uebrigen noch hinzukam. Die Beſitzungen der drei Grafen Rhoda, des Groß⸗ vaters, Sohnes und Enkels, wurden, zumal ſie auf eine weite Strecke hin die Grenze ſelber bildeten, durch alles Mitgetheilte nicht am leichteſten betroffen. Es verſtand ſich im Grunde von ſelbſt, daß die Schmuggler, ſo weit ſie nicht drüben in dem, noch ſeinem alten Fürſtenhauſe unterworfenen Lande daheim waren, ſich zum großen Theil aus den Dörfern recrutirten, welche hier an der Seeküſte entlang und hinter den ausgedehnten Waldungen näher bei einander gelegen waren, als man es ſonſt in dieſen 4 8 296 Zehntes Kapitel. Landſtrichen zu finden pflegt. Man wußte überdies von dem Geiſte des Mißvergnügens und Trotzes, der hier überall die Bewohner erfüllte und beſonders in den eigent⸗ lichen Stranddörfern zuweilen in offener Feindſeligkeit vorzüglich gegen die Douanen zu Tage trat. Man glaubte ſich des alten Grafen zu Nieder⸗Rhoda ſicher, da er bisher immer als einer der entſchiedenſten Anhänger des neuen Regiments aufgetreten war. Man beachtete den Grafen Eugen zu Rhodenfelde wenig, denn er hatte ſich bis vor Kurzem wenigſtens zu leichtlebig, heiter und gleichgültig gegen Feind und Freund gezeigt, als daß man in ihm etwas Anderes geſucht hätte, als einen jungen reichen Mann, der ſein Leben auf ſeine Weiſe genoß und Andere das ihre nach ihrem Willen ge— nießen ließ. Neuerdings wollte zwar Dieſer und Jener eine Veränderung wahrgenommen haben, die den Herrn verdächtig erſcheinen ließ, allein die Beobachtungen hatten es doch nur mit vereinzelt hervortretenden Zügen und anſcheinend unbedeutenden Vorfällen und Aeußerungen zu thun haben können, und andererſeits ſtand Graf Eugen gerade mit ſeiner Einquartierung anſcheinend beſſer als irgend ein Anderer.— Ueber die Geſinnungen des Grafen Eberhard in Drei⸗ heiligen endlich glaubte man zwar am wenigſten in Zwei⸗ fel ſein zu dürfen, allein auch hier war es doch mehr Glauben als Wiſſen. Der Herr war einerſeits ſicher zu klug und vorſichtig, um ſich Blößen zu geben, und anderer⸗ ſeits traute man ihm zu wenig Energie, und in Folge ſeiner Kränklichkeit, ſeines Alters und ſeiner meiſt ſchwer⸗ berdies von 3, der hier den eigent⸗ feeindſeligkeit ieder⸗Khoda ſſchiedenſten war. Man venig, denn leichtlebig, ind gezeigt, hätte, als auf ſeine Wilen ge⸗ und Jener den Herrn gen hatten zügen und rußerungen zraf Eugen beſſer als d in Drei⸗ n in zwei⸗ doch mehr er zu klug anderer⸗ in Folge iſt ſchwel⸗ Land und Leute. 297 müthigen Stimmung auch nicht einmal die Fähigkeit zu, jemals, und ſei es auch nur im Geheimen, vom Reden und Denken zum Handeln überzugehen. Die Geſinnung allein konnte man an ihm nicht wohl ſtrafen, ohne zugleich drei Viertheile aller Bewohner des Landes zu gleicher Strafe heranzuziehen. Und endlich ſchonte man in ihm bisher noch immer den Herrn eines Terrains, deſſen Beo⸗ bachtung und Beherrſchung er durch hunderterlei Mittel und auf unzähligen Wegen den Beamten und Truppen zu erſchweren vermochte. So kam es denn, daß, ſo viel auch die hieſigen Dörf— ler hie und da leiden mochten, in dieſen drei Herrenhäu⸗ ſern außer der Laſt der Einquartierung von einem wirk⸗ lichen Drucke wenig empfunden wurde, zumal ſeit in Nieder⸗Rhoda und Dreiheiligen die erſte Beſatzung durch die von Vial herbeigeführten neuen Mannſchaften abge⸗ löſ't war. Ja, man ſchien nicht nur innerlich zufriedener, ſondern auch äußerlich umgänglicher zu leben, als früher, man kam zu einander; ſelbſt Graf Eberhard zeigte ſich ein paarmal in Nieder⸗Rhoda wenigſtens im Hauſe ſeines Vaters, und auch Sophie Magdalene hatte einmal auf ein paar Minuten vorgeſprochen.— Zu, wenn auch nicht großen, Geſellſchaften vereint, traf ſich die Nachbarſchaft doch zuweilen hier und da. Die Offiziere, die ſich von hüben und drüben kameradſchaftlich beſuchten und überall wenigſtens artig aufgenommen wurden, erhielten den Ver⸗ kehr in Gang, und von der böſen Zeit ließ ſich hier in Wirklichkeit ſo wenig ſpüren, wie von den Sorgen und e 298 Zehntes Kapitel. Befürchtungen der Einen, von den Ahnungen und Hoff⸗ nungen der Anderen. Alles und alle waren ſtill. Sie haben ſich in das Unvermeidliche gefügt! dachte Vial, ich habe mich getäuſcht, als ich hinter ihnen und ihrem Treiben mehr und Anderes ſuchte, als häusliche und Familien⸗Intereſſen! „Man that den Leuten Unrecht,“ ſchrieb er in ſeinen Berichten an Renaud einmal über das andere,„ſie ſind keine Revolutionäre, ſondern haben genug mit ihren eigenen Affairen zu thun, um ſich von allen übrigen zurückzuhalten. Der Graf Eugen iſt vordem Offizier geweſen und hat ſich ausgezeichnet. Er hegt noch gewiſſe Vorurtheile ſeines früheren Standes, und Anſichten, wie ſie in der preußiſchen Armee jener Tage gäng und gäbe waren. Er ſchwärmt für die Königin Louiſe, er findet, daß ſie vom Kaiſer ſchlecht behandelt worden. Er wird in einem großen Kriege vielleicht wieder gegen uns dienen, aber vom In— triguiren hält er ſich fern, er verſteht auch nichts davon. Er iſt Lebemann und jetzt, glaub' ich, in einer Art von unglücklicher Leidenſchaft, durch die er ſich jedoch nur wie ein Cavalier beherrſchen läßt.— „Graf Eberhard iſt ein— zu Zeiten langweiliger— Träumer, der in der Vergangenheit mehr lebt, als in der Gegenwart. Er lebt ſo zu ſagen, mit ſeinen Todten, mit ſeiner Frau, ſeinem Kinde, ſeiner Schweſter, denen er ein treues Andenken bewahrt. Wir haben auch ihm Unrecht gethan, mein General, beſonders in jener Affaire mit dem Jäger, hinter dem unſere Polizei⸗Dummköpfe Gott weiß wen ſuchten. Man ſpricht hier auf das allerruhigſte über en und Hof⸗ ſtill. efügt! dachte r ihnen und als häusliche er in ſeinen re,„ſie ſind ihren eigenen urückzuhalten. und hat ſich rtheile ſeines er preußiſchen Er ſchwärmt vom Kaiſer inem großen ber vom In⸗ nichts davon, iner Art von doch nur wie ngweiliget- t, als in dei Todten, mit denen er ein Unrect zaire mit den fe Gott weij ruhigſte ihe ihm d —‿½ Land und Leute. ihn, und Graf Eberhard lacht uns ſogar aus— etwas, wozu er ein Recht hat, denn wir waren lächerlich.— Sympathieen für uns haben wir bei dem Herrn nicht zu erwarten, allein auch nicht das Gegentheil. Das ſehe ich bei jeder Begegnung beſſer ein, dieſer Charakter iſt nicht verſteckt. Und was mir bei ihm unklar bleibt, erklärt mir Gräfin Hebe auf das bereitwilligſte, die ihren Bruder auf das herzlichſte liebt und— Sie kennen das ja, General! — auf das unbarmherzigſte verſpottet. „Comteſſe Hebe, General!— Wir dürfen uns gra⸗ tuliren, daß dieſe Dame ſo wenig Gelegenheit hatte, ſich auf einem weiteren Schauplatz, in der großen Welt zu bewegen, an höheren Intereſſen Theil zu nehmen und Geſchmack an der Politik und ihren Intriguen zu finden. Es iſt ein Geiſt, wie mir noch keiner begegnete, von einer unendlichen Feinheit und Schärfe, ein Kopf voll von Bos⸗ heit, Heiterkeit, Witz und Perfidie, niemals verlegen um eine neue Wendung, eine neue Intrigue, einen, wenn es ſo verlangt wird, furchtbaren und ſiegreichen Schlag;— eine verlockende und verführende, unwiderſtehliche Circe iſt ſie, und wäre ſie in einem unſerer Salons daheim, wie jetzt zum Glück nur in demjenigen ihres Schloſſes zu Nieder⸗Rhoda, ſo würde ſie bald die gefährlichſte Feindin oder die nützlichſte Freundin Sr. Majeſtät des Kaiſers ſein— ich glaube jedoch, das Letztere, denn ſie iſt nicht blind genug, um nicht Frankreichs Ruhm und Größe freudig anzuerkennen! „Hier hat ſie etwas Anderes zu thun. Es gilt, glaub' ich, die Anerkennung eines Kindes von dem alten Grafen zu erlangen, das ein anderer Bruder, der vor V V 300 Zehntes Kapitel. einigen Jahren fiel, hinterlaſſen hat.— Das iſt auch der Grund ihres geheimnißvollen Verkehrs mit den Grafen Eberhard und Eugen. Ich ſehe das immer klarer, denn ſie hat mich einer Mittheilung gewürdigt und meine ge⸗ legentliche Unterſtützung gewünſcht. Und dieſe Intrigue beherrſcht ſie ſo, daß dieſelbe jedes andere Intereſſe über⸗ täubt. An den Zeit⸗Ereigniſſen, an dem, was ſonſt um ſie her vorgeht, nimmt ſie jetzt gar keinen Theil.— Wir haben uns in niemand mehr geirrt, als in dieſer reizen⸗ den Dame. Aus Langeweile mag ſie nach manchem grei—⸗ fen, was ihr ſonſt fern liegt. Iſt ſie aber mit ihren eige⸗ nen Affairen beſchäftigt, oder weiß man ihr irgend etwas zur Unterhaltung hinzuſchieben, ſo bekümmert ſie ſich um nichts, was uns unbequem werden könnte. Sie begna⸗ digt mich gegenwärtig mit einer Theilnahme, die mir um ſo ſchmeichelhafter iſt, da ſie mir bei einiger Klugheit meinerſeits Gelegenheit gibt, dieſes Herz ganz kennen zu lernen, und zu entdecken, was ſich ſonſt darin regen möchte. „Endlich der Gaſt des Hauſes, der ſogenannte Vetter, General!— Es iſt allerdings mehr hinter ihm, als man nach der erſten Begegnung und nach ſeinem gewöhnlichen Auftreten ſchließen möchte. Es ſteckt ſogar eine gute Por⸗ tion Witz und Bosheit in dieſem— Hofnarren, allein von Politik und von ſogenannten patriotiſchen Beſtre⸗ bungen iſt er fern, wie Unſereiner von den metaphyſiſchen Träumereien dieſer deutſchen Köpfe. Er liebt den Genuß, er ſchätzt ſich ſelbſt, ſeine Abſtammung und ſeinen Stamm, er haßt dieſen Affen von Kammerdiener, er ſchmeichelt oder quält den alten Grafen, um Dieſes oder Jenes von ihm it auch de den Grafen larer, denn d meine ge⸗ eſe Intrigue gtereſſe über⸗ as ſonſt um eil.— Wir dieſer reizen⸗ anchem grei⸗ t ihren eige⸗ rgend etwas ſie ſich um Sie begna⸗ die mir um ger Klugheit kennen zu regen wöchte. unnte Vetter, m, als man gewühnlihen ne gute Por⸗ rren, allein ſchen Beſtre⸗ etaphyſiſchen den Genuß, inen Stamm, meichelt oder nes von ihm Land und Leute. 301 zu erlangen, er neckt ſich mit Comteſſe Hebe und unter— ſtützt ſie, wo er kann. Er iſt unſchädlich. „Nur dieſer Kammerdiener und ſein Herr, der alte Graf, würden mir Sorge einflößen, wäre der Erſtere nicht Franzoſe und nicht nur ohne Anhang in ſeiner Umge⸗ bung, ſondern vielmehr überall verhaßt, und zählte der Letztere weniger Jahre, würde er nicht vor allem durch ſeine Standesvorurtheile beherrſcht. Beide ſind durch die ¹ſchen Dragoner, welche ich ablöſ'te und die, wie ich ſtets von neuem wiederhole, allerdings auf das rückſichts— loſeſte im Schloſſe und der ganzen Gegend hauſtten, tödt⸗ lich verletzt, der Graf iſt noch immer kalt und gemeſſen, und, ich ſage es wieder, wäre er jünger, ſtände er ſeiner Familie und ſeinen Unterthanen, ſeinen Nachbarn näher, ſo würden wir die Folgen jener unbegreiflichen Taktloſig⸗ keit ernſtlich zu empfinden haben. Jetzt iſt es damit etwas Anderes, und ſeine Abneigung kann uns gleichgültig ſein. Er ſtört nicht einmal die Geſelligkeit mehr. „Denn wir ſind heiter, mein General, wir plaudern und tanzen und ich bekomme täglich mehr Reſpect vor der Bildung, der Haltung, dem guten Ton in dieſem Kreiſe. Man kann zuweilen ſich nach Paris verſetzt zu ſehen glauben. Die Kälte freilich und die Schlittenfahrten fehlen uns dort, aber ſie ſind ein pikanter Zug der hieſigen Ge⸗ ſelligkeit und bieten viel Unterhaltung. „Daß wir über dem Vergnügen nicht den Ernſt und Dienſt vergeſſen, glauben Sie wohl, mein General. Sie haben in dem Vorhergehenden die Reſultate meiner Beob⸗ achtungen, die ich niemals ausſetze und für deren Unbe⸗ 302 Zehntes Kapitel. fangenheit und Richtigkeit ich bürgen zu können glaube. — Der Dienſt iſt jetzt leicht. Es iſt ringsum alles ſtill. Sie murren vielleicht innerlich, aber ſie gehorchen, denn ſie fühlen ſich gebändigt, und ſelbſt von jenem Wahnſin⸗ nigen, den Sie damals in der Heide aufſuchten, hört man nichts mehr. Graf Eugen ſagte mir lachend, der ſäße jetzt daheim und hörte nicht mehr die Stimme der Luft⸗ geiſter, ſondern das Schreien ſeiner Enkel, die er nunmehr ſtatt ſeiner Herde zu hüten habe. „Das iſt alles, General. Kommen Sie und ſehen Sie ſelbſt— es iſt hier charmant. Gräfin Hebe trägt mir auf, Ihnen zu melden, daß Sie die Einladung zum Balle nicht ablehnen könnten, ohne ihren ernſtlichſten Zorn zu erregen. Und auch ich, General, bitte Sie, zu kommen. Sie ſehen dann mit Einem Blick alles, was in dieſem Lande von Einfluß und Bedeutung ſein könnte.“—— General Renaud glaubte dieſen Schilderungen wenig— ſtens in Bezug auf die beſchriebenen Perſönlichkeiten, voll⸗ ſtändig, denn er kannte Vial's Beobachtungsgabe und hatte gerade aus dieſer Rückſicht den jungen Mann zu dem Kommando erwählt, das er der Lage der Dinge nach für eines der wichtigſten und zugleich nothwendigſten in dem ganzen ihm untergebenen Bezirke hielt. Ein zweiter Grund war freilich auch die Energie des Offiziers ge⸗ weſen, mit der er, wo es Noth thut, rückſichtslos durchzu⸗ greifen verſtand, und ein dritter endlich die ganze Perſönlich⸗ keit, die beſtechende äußere Erſcheinung, die Gewandtheit und Liebenswürdigkeit, mit einem Worte, die glänzenden geſell⸗ ſchaftlichen Vorzüge ſeines Adjutanten, der nicht allein nnen glaube. m alles ſtll. rchen, denn en Wahnſin n, hört man d, der ſäße ne der Luft⸗ er nunmeht e und ſehen Hebe trägt ladung zum lichſten Zorn zu kommen. s in dieſem te. ungen wenig⸗ hkeiten, vol⸗ sgabe und 1 Mann zu Dinge nac eedigſten in Ein zweite offiziers ge glos durchzl⸗ ze getſönlih vandtheitund eenden geſal „94 allein nicht dl Land und Leute. 303 in Nieder⸗Rhoda, ſondern in der ganzen Gegend wieder gut machen ſollte, was durch den Stellvertreter Renaud's, den General Marbois, bei der Abſendung der Dragoner gefehlt worden war. Gerade dieſe Vorzüge verſtand nie⸗ mand beſſer zu würdigen als Renaud, der ſelber ein ge— wandter und glänzender Geſellſchafter und Mann der großen Welt, Vial's Triumphe auf dieſem Felde in Krei⸗ ſen kennen gelernt hatte, welche damals die erſten der ganzen Welt waren und ſich bei Anerkennung beſonderer Vorzüge oder überhaupt irgend einer Größe ſo ſchwierig wie möglich erwieſen. Die Erfolge ſeines jetzigen Adju⸗ tanten waren damals ſo auffällig geweſen, daß der Kaiſer wieder einmal einſchritt und den bisherigen Günſtling zu einiger Abkühlung in den„rauhen Norden“ ſchickte, eine Heilmethode, die zu jener Zeit öfters in Anwendung kam. Ja, hier und da munkelte man, daß General Renaud ſelber zu ſeinem jetzigen Kommando als ein ähnlicher Patient des Kaiſers gelangt ſei. Aber auch in Bezug auf das, was der Adjutant über den Zuſtand des Landes meldete, hatte der Chef Grund, ihm zu glauben. Alle Berichte ſtimmten darin überein, daß von der bewegten und gereizten Stimmung zu An⸗ fang des Herbſtes, von dem kaum noch verhüllten auf⸗ rühriſchen Treiben jener Tage, das denn endlich die neuen, ſtrengen Maßregeln hervorgerufen, wenig oder nichts mehr zu bemerken ſei, daß man faſt nie mehr auf jene Widerſetz⸗ lichkeiten und offenen Anfeindungen ſtoße, wie ſie vor Kurzem noch zumal den Dienſt der Douanen zu einem beinahe unmöglichen gemacht hatten. Selbſt die Strand⸗ — 3 304 Zehntes Kapitel. dörfer ſchienen ruhig, von Karſten Herbart's That war nicht mehr die Rede und der Mann verſchollen. Von neuen Prophezeiungen des Schäfers hörte man nichts. Es wurde ringsum ſtiller von Tag zu Tag. Die Veränderung war ſehr groß, ſie war ſo groß, daß jemand, der die früheren und jetzigen Zuſtände wirk⸗ lich gekannt und mit einander verglichen hätte und ein wenig mißtrauiſch geweſen wäre, an der Wahrheit deſſen, was jetzt vor Augen war, zu zweifeln berechtigt geweſen ſein dürfte. Bei den Franzoſen gab es jedoch ſolche Miß⸗ trauiſche kaum, und Renaud ſelbſt fand alles ganz natür⸗ lich. Niemand kannte ſo gut wie er die eiſernen Bande, die um das Land geſchlungen waren, niemand kannte wie er den furchtbaren Druck, zu dem er ſie angeſchraubt hielt. Ruhten die Schrauben doch ſo zu ſagen in ſeiner Hand allein.— Sie beugen und fügen ſich, dachte er; ſie mer⸗ ken's, daß uns weder zu widerſtehen noch zu entgehen iſt. Die heißen Köpfe ſind kühl und wach geworden!— Es war der alte Fall, was man wünſcht, das glaubt man, und dieſer Täuſchung entging ſelbſt der hochbefähigte, ein⸗ ſichtige General nicht. Allein, wie der General ſich in dieſen Annahmen täuſchte, ſo irrte er auch großentheils in ſeinem Vertrauen auf die Zuverläſſigkeit von Vial's übrigen Beobachtungen, und auf die ihm erwünſchten perſönlichen Erfolge des ge⸗ wandten und liebenswürdigen Mannes. Ja, wäre der Offizier noch ſo geweſen, wie Renaud ihn kannte, wie auch wir ihn kennen lernten, wie er ſelbſt ſich beurtheilen zu dürfen glaubte, ſo möchte alles nach Wunſch und Berech⸗ 3 That war chollen. Von man nichts war ſo groß, zuſtände wirk Fätte und ein ahrheit deſſen, ctigt geweſen h ſolche Miß⸗ z ganz natür ernen Bande, d kannte wie ſchraubt hielt ſeiner Hand er; ſie mer⸗ wentgehen iſt unden!— Es glaubt man, befähigte, em⸗ en Annahmen eem Verttauen goobachtungen, cfolge des ge der a, wäre Land und Leute. 305 nung weiter gegangen und Vial nicht nur Herr der Si⸗ tuation geblieben ſein, ſondern auch wirklich die Fäden in ſeine Hand bekommen haben, an denen er die Menſchen in ſeiner Umgebung ſich bewegen zu laſſen gedachte. Aber damit war es nichts mehr, ja, es war niemals auch nur ähnlich geweſen, und der Offizier war in den Wochen, welche er jetzt mit Ausnahme einer kurzen Abweſenheit unausgeſetzt in dem Schloſſe verlebt hatte, nach und nach in eine Lage gekommen und in Verhältniſſe gedrängt wor⸗ den, deren Mißlichkeit er ſelber nicht verſtand, von denen General Renaud ſich nichts träumen ließ. Gräfin Hebe war über das Spiel, welches der junge Franzoſe gegen ſie verſuchte, nicht einen Augenblick im Unklaren geweſen und auf das allerbereitwilligſte darauf eingegangen. Ein ſolches Treiben war es, das dieſer wunderbaren Natur am beſten gefiel; ſie fand darin, wie ſie wohl gelegentlich einmal einem Vertrauten bekannte, eine Art Vergütung für die Langeweile ihres ſonſtigen Lebens. Sie nahm ſeine Huldigungen ſo freundlich wie möglich auf und zeigte ſich durch dieſelben bald betrübt, bald beglückt; ſie ſah nur ſeine feurigen oder ſchmachten⸗ den Blicke und ſchien niemals zu bemerken, wenn der Anbeter einmal aus ſeiner Rolle fiel. Sie beobachtete vor allem aber mit dem boshafteſten Entzücken, daß das Spiel zuweilen Wahrheit wurde, daß der Offizier hin und wider dem Zauber ihrer Perſönlichkeit unwillkürlich und auf eine Weiſe unterlag, wie es für der Gräfin Zwecke nicht beſſer, für die des Franzoſen und ſeines Chefs nicht übler ſein konnte. Und noch boshafter wurde ihre Hoefer, Fremdherrſchaft. I. 20 1 306 Zehntes Kapitel. Luſt, wenn ſie weiter ſah, wie der Vicomte ſich dann zu⸗ weilen dieſes unerwünſchten Einfluſſes bewußt wurde und alle möglichen Anſtrengungen machte, ſich ihm zu ent⸗ ziehen und wieder Herr ſeiner ſelbſt und der Situation zu werden.— Es ſpielte eben eine ſolche Scene in dem uns ſchon bekannten behaglichen Familienzimmer. Er ſtand neben dem Blumentiſche und ſchien Blicke und Gedanken nur für diejenige zu haben, welche ihm gegenüber tief in ihrem weichen Seſſel lehnte. Das Füßchen wiegte einmal wie⸗ der auf und ab, die ſchlanken Finger zupften ſpielend die Fäden eines Stückchens Goldſtoffes aus einander; die Augen erhoben ſich von Zeit zu Zeit bald zu einem ſanft lächelnden, bald zu einem glänzend aufſtrahlenden oder gar herausfordernden Blicke. Zuweilen warf ſie auch irgend einen Laut, eine Frage hin, um ſeine Unterhal⸗ tung in Gang zu erhalten, oder ſie ſchaute einmal ins Zimmer, auf die anderen Anweſenden; auf Stephanie, die anſcheinend kalt und theilnahmlos am zweiten Fenſter ſaß und ihre Augen nur ſelten zu einem flüchtigen Blicke von der Stickerei erhob, welche ihre Finger beſchäftigte; auf das ſtille, junge Weſen, das wir noch nie anders als in dieſen ſelben dunkeln und einfachen Gewändern, mit der gleichen ruhig ernſten Miene und den aufmerkſamen und doch ſo ſtillen Augen ſahen; auf Eugen endlich und auf den Vetter, welch Letzterer mit ſeinem fidelſten Grinſen und der unbefangenſten Unverſchämtheit eine Anekdote nach der anderen erzählte, von denen die zweite ſtets noch weniger glaubwürdig war als die erſte, während ſeine ſich dann zu⸗ ßt wurde und ihm zu ent⸗ der Situation dem uns ſchon t ſtand neben anken nur füt tief in ihrem te einmal wie en ſpielend di einander; die u einem ſanft ahlenden oder warf ſie auch ſeine Untethal te einmal ins auf Stephanie wweiten Fenſter lcjigen Vlt er beſchäftigte nie anders als :wändern, mit aufmerkſamen en endlich und delſten Grinſen eine Anekdole veite ſtet⸗ 5 während eine Land und Leute. 307 Blicke dabei mit dem verſchiedenartigſten Ausdrucke durch das Gemach und über die Menſchen hinſpazierten. Denn ſeine Augen trieben dieſe Beſchäftigung ſo zu ſagen auf das behaglichſte und beeilten ſich keineswegs. Comteſſe Hebe ſah das alles und ſie ſah auch, wie der Alte ſich hin und wider mithfeiner ihre Lachluſt reizen— den Vertraulichkeit an die ſchweigſame Stephanie wandte und ein paarmal ſogar eine Art Unterhaltung führte, in⸗ dem er ſich ſelber die Antworten gab, zu denen das Mäd⸗ chen ſich nicht herablaſſen mochte, und ſich darin nicht im entfernteſten durch den ſtolzen oder verächtlichen Zug ſtören ließ, der den ſchönen Mund der Dame umſchwebte. Comteſſe Hebe ſah zurück und mit einem leuchtenden Lächeln zu ihrem Nachbar auf, der ſeit einigen Augen⸗ blicken geſchwiegen und ſeine Augen wieder einmal mit einem lauernden Blicke auf ihrem Geſichte hatte ruhen laſſen, welcher jetzt aber raſch den Ausdruck des Träu⸗ mens annahm. „Ah, Vicomte,“ ſagte ſie,„wäre ich eine Dame für den Tanzſaal, wie ich jetzt nur ein Gegenſtück zu jenem armen, halb verſteinerten Könige des Märchens bin, ſo wüßte ich wohl, wie ich Ihnen für Ihre Bemühungen lohnen möchte!— Das Feſt wird reizend!“— Und in⸗ dem ſich ihr Auge aufs neue zu ihm erhob und ihn nun gleichfalls träumeriſch anlächelte, ſetzte ſie leiſer und im weichſten Tone hinzu:„Ich habe noch niemals ſo glühend gewünſcht, nur eine Stunde einmal ſein und leben und mich freuen zu können, wie alle Welt!“ „Gräfin!“ murmelte er gleichſam gepreßt. 1 308 Zehntes Kapitel. „Ja, glauben Sie's nur, Vicomte,“ fuhr ſie in glei⸗ chem Tone fort,„es iſt ein Schmerz, wenn man ſich ſo gefeſſelt ſieht, wie ich— ein Schmerz, der ſo lange er uns vertraut iſt, doch nie überwunden wird, und niemals ſchärfer hervortritt als dann, wenn man einmal glücklich ſein möchte mit den Glücklichen.— Ah, Vicomte, ich fühle mich noch zuweilen kindiſch jung! Ich konnte meine Ju⸗ gend nicht verwerthen wie ihr Anderen. Das Capital iſt noch da und ſogar geſammelte Zinſen!— Ich möchte— ja, was möchte ich alles! Es muß entzückend ſein, ſo hin— zufliegen mit jemand, der uns theuer iſt, zu lauſchen auf ihn und zu flüſtern zu ihm!— Einſam in der Menge, ungeſtört im Wirbel!— Jetzt—“ und ſie ſchüttelte leicht den Kopf—„jetzt werde ich ſitzen und mit den Müttern der Nachbarſchaft kluge Reden führen, mich über Toilet⸗ ten moquiren und Kammerjungfern verwünſchen, mit ver⸗ geblicher Sehnſucht den Freunden nachblicken, mit denen ich ſo gern froh wäre, gähnen mit Grazie, und endlich mich freuen auf das Souper!— Ein ſchöner Unterhal⸗ tungsſtoff— nicht wahr, Vicomte? Man ſchläft wenig⸗ ſtens ausgezeichnet darauf und wird nicht durch phanta⸗ ſtiſche oder liebliche Bilder in Aufregung erhalten!“ Er beugte ſich und ſuchte die lang herabſchwebende Ranke einer Paſſionsblume in das dichte Netz der übrigen zurückzuſchlingen. Seine Hand bebte dabei.„Gräfin,“ flüſterte er,„Sie ſind grauſam! Sie wiſſen wohl, aber Sie wollen es nicht wiſſen, daß ich niemand ſehe außer Ihnen, daß niemand einen Lohn für mich hat als Sie! — Sie ſind ſchön und fern wie die Sterne am Himmel!“ — ſie in glei⸗ man ſich ſo ſo lange er und niemals mal glücklich nte, ich fühle e meine Ju⸗ s Capital iſt ch möchte— ſein, ſo hin⸗ lauſchen auf der Menge, üttelte leicht den Müttern über Toilet⸗ hen, mit ver⸗ mit denen und endlih ner Unterhal⸗ ſchläft wenig⸗ durch phant— alten!“ ralſchwebende der übrigen 2, 4 ,„Gräfin, n wohl, dbe⸗ id ſehe außer jat als Sit 2„l im Himmel Land und Leute. 309 Ein halb zärtliches, halb träumeriſches Lächeln folgte ihm, da er ſich aufrichtete.„Geduld, mein heißer Kopf!“ ſagte ſie dazu.„Die Sterne kommen zuweilen auf die Erde. Man muß nur die Stunde erwarten!“— Und indem der Ausdruck ihrer Züge wechſelte und ein faſt ſchelmiſcher wurde, fuhr ſie lauter fort:„Ich weiß für Sie und mich ſchon den rechten Lohn, Vicomte. Sie ſind einmal wieder Pygmalion und bringen dort meiner armen Nichte ein wenig Luſt und Leben— iſt es nicht ſchön, eine Knospe erwachen zu ſehen? Und ich laſſe mir von General Renaud erzählen, welchen neuen Sieg wir mit unſerem Feſte feiern. Nicht wahr, Sie haben heute Mor⸗ gen von ihm gehört? Er kommt beſtimmt? Was ſchreibt denn dieſer liebe General? Laſſen Sie mich ein wenig in Ihre Karten ſehen. Sie wiſſen, ich liebe es, wenn ich meinen theuren Papa oder ſonſt jemand von den lieben Meinigen hin und wider durch eine beſondere Nachricht überraſchen kann.“ Wäre Vial wie ſonſt und völlig Herr ſeiner ſelbſt geweſen, ſo hätten ihm die raſchen Uebergänge in Hebe's Weſen ſo gut wie in ihren Worten, vor allem aber dieſe letzte, ungewöhnlich offene und faſt naive Frage nothwen⸗ dig auffallen und reichen Stoff zum Nachdenken geben müſſen. Allein Comteſſe Hebe wußte, was ſie that und wagte. Das Spiel ſchlug dem jungen Manne einmal wieder über dem Kopfe zuſammen; er war in dieſem Augenblicke von ſeiner Gegnerin ſo beherrſcht, daß er alles Andere außer ihr aus den Augen verlor, daß alles, was ſie ſagte, ihm nur des Tones und Blickes wegen 310 Zehntes Kapitel. bemerkenswerth blieb, mit denen ſie es ausſprach. Es gibt Frauen, welche weniger auf die Sinnlichkeit als auf die Phantaſie desjenigen zu wirken wiſſen, den ſie beherr⸗ ſchen wollen. Für Frieden und Selbſtändigkeit eines Kopfes ſind dieſe die gefährlichſten. Und Gräfin Hebe war eine ſolche Frau. Die Antwort auf ihre Frage, die ihm gegenwärtig durchaus unverfänglich erſchien, wurde ihm aber für jetzt erſpart, denn Eugen lachte eben ungewöhnlich heiter, und als Hebe und Vial hinüberſchauten, ſahen ſie auch das junge Mädchen am Tiſche zwar unhörbar, aber ſo herz⸗ lich lachen, daß die Gräfin, den Vetter fixirend, munter hinüberrief:„Nun, Vetter Chriſtian, was gibt's? Laſſen Sie auch uns an Ihren Schnurren Theil nehmen.“ Sein Kopf ſank einmal wieder ſo tief zwiſchen die Schultern, daß die Locken der Perücke aufſtießen, und nähertretend, ſagte er in einer Art von verletztem Tone, indem er dabei bald Hebe, bald Vial, bald einmal die drei Anderen mit einem Blicke ſtreifte, dem er ſichtbar etwas beſonders Ernſtes zu geben wünſchte:„In der That, Couſine, es war etwas durchaus nicht Komiſches, was ich erzählte, und ich weiß nicht, was dieſe jungen Leute da—“ „Wir Alten wollen es gut machen, Vetter,“ fiel Comteſſe Hebe lächelnd ein.„Erzählen Sie!“ „Ich proteſtire, Couſine! Eine Anekdote erzählt ſich ſtets nur ſchlecht zweimal,“ meinte er, zu Hebe und Vial auf's fidelſte hinübergrinſend.„Sie wollen jedoch etwas hören, und ich kann Ihnen dienen. Es iſt etwas Ande⸗ sſprach. Es ckeit als auf en ſie beherr⸗ igkeit eines Gräfin Hebe gegenwärtig aber für jetzt h heiter, und ſie auch das aber ſo herz⸗ tend, munter bt's? Laſſen hhmen.“ zwiſchen die ſtießen, und letztem Tone, Heinmal die n er ſichtbar e.„In der ßt Komiſches, dieſe jungen noch etmas ewas Ane⸗ Land und Leute. 311 res, aber— foi de gentilhomme!— nicht weniger ernſt und ganz beſonders à propos, wie mir erſcheinen will. Wir haben ja auch einen Ball und Eis und Schnee, wie damals, und die zärtlichen Herzen ſterben nicht aus. Nur bemerke ich: franzöſiſch geht es nicht, doch werde ich mich beſtreben, dem Herrn Kommandanten nicht ganz unver⸗ ſtändlich zu bleiben.“— Und indem er ſeine deutſchen Sätze fortan zum Theil in einem, ſchon damals ziemlich veralteten Franzöſiſch wiederholte, erzählte er mit ſich ſtei⸗ gerndem Tone und eben ſo ſich ſteigernden Geſten: „Alſo, ich muß zuerſt bemerken, daß ich vor Zeiten — es ſind vielleicht vierzig Jahre— ein damals noch mir gehörendes Gut im F.ſchen bewohnte und ausneh⸗ mend vergnügt lebte.“ Hier kam die franzöſiſche Wiederholung, eingeleitet und beendigt durch eine zierliche Verbeugung, die von dem ſich in die Lippen beißenden Offizier ſo gut wie mög⸗ lich erwidert wurde. „Eines Tages im Carneval hatten wir am Hofe zu F. eine maskirte Schlittenfahrt mit folgendem großen Ball. Ich hatte mich verſpätet und kam auf dem Schloſſe der Dame, die ich engagirt hatte und abholen mußte, ſo ſpät an, daß wir nur noch rechtzeitig in die Reſidenz gelangen konnten, wenn wir über den großen See fuhren, der uns von ihr trennte und jetzt allerdings mit einer feſten Eis⸗ decke überſpannt war. Ich wußte freilich, daß ein paar offene Stellen vorhanden, allein ich hoffte, ſie leicht ver⸗ meiden zu können, und ſo fuhren wir los. Ich war da⸗ zumal ein Sappermentskerl! —y 312 Zehntes Kapitel. „Es ging prachtvoll auf der ebenen Bahn, die Pferde liefen, der Schlitten flog. Die Vorreiter galopirten ſo ein fünfzig Schritt voraus. Da ſah ich ſie beide links und rechts aus einander ſchwenken.„Aufgepaßt!“ ſchrieen ſie zurück.— Ja, aufgepaßt! Es war ſchon zu ſpät, denn wie wir im Schuß waren, ließ ſich an ein Aufhalten nicht denken. Aber ich war ein Sappermentskerl, ſag' ich! —„Unbeſorgt, meine Gnädige!“ ſage ich zu meiner Nach⸗ barin, faſſe die Zügel feſt in die Linke, befehle dem hin⸗ ten aufſitzenden Reitknecht zwiſchen die Pferde zu hauen, daß ſie in Carriere weiter gehen, reiße mit der Rechten — ich weiß ſelbſt nicht, auf welchen Antrieb, die Uhr heraus und ſehe nach der Zeit, und hinein geht es mit Pferden, Schlitten und Inſaſſen— wir waren als ſpa⸗ niſche Tänzer coſtumirt, meine Herrſchaften!— in das verfluchte Windloch und unter dem Waſſer fort, daß es um uns ſauſ'te. „Aber ich war ein Mann von Courage und Geiſtes⸗ gegenwart,“ fuhr Vetter Chriſtian unerſchütterlich fort und betrachtete ſeine lachenden Zuhörer mit einem majeſtäti⸗ ſchen Ernſt, der von dieſem Geſicht und dieſen Augen ſchon allein genügt hätte, eine unbeſiegliche Heiterkeit her⸗ vorzurufen.—„Ich wußte, wie ſchon geſagt, mehrere ſolche offene Stellen und hatte die Direction zur nächſten genommen und hielt ſie feſt. Und wir ſchoſſen weiter und erreichten ſie; die gehorſamen Pferde erhoben ſich und tra⸗ ten auf's feſte Eis, riſſen uns hinauf und fort. Ich ſah nach der Uhr:„Zwei Minuten unter Waſſer, meine Gnä⸗ dige!“ rief ich und ſteckte ſie ein. Wir waren ſo ſchnell die Pferde glopirten ſo beide links tt!“ ſchrieen ſpät, denn Aufhalten erl, ſag ich! neiner Nach⸗ le dem hin⸗ zu hauen, der Rechten b, die Uhr eht es mit en als ſpa⸗ — in das art, daß es nd Geiſtes⸗ h fort und majeſtäti iſen Augen iterkeit her⸗ t, mehrere ur nächſſten weiter und h und tra⸗ t 30 ſih neine Gnü⸗ wo ſchnel Land und Leute. hingeſchoſſen, daß die Vorreiter noch zurückgeblieben und wir nicht einmal naß wurden. Das Waſſer hatte keine Zeit durch die Kleider zu dringen.“ Er hielt inne und machte gegen die unaufhaltſam lachende Geſellſchaft eine tiefe Rundverbeugung. Als er ſich wieder erhob, ſteckte er die Rechte pathetiſch in die Weſte und ſagte zu Hebe gewendet:„Nun urtheilen Sie ſelbſt, Couſine— wenn Sie auch ſelber lachen, iſt das ſo lächerlich? Und das vorige Stücklein war es noch weniger!“ Sie lachte noch immer, daß ſie keines Wortes mäch⸗ tig war, denn nicht nur die Erzählung ſelbſt, ſondern auch und noch mehr das, was wir den Leſern nicht deut⸗ lich machen können— Ton und Geberde, die ganze Vor⸗ tragsweiſe und die ganze Perſönlichkeit des Alten waren hinreißend geweſen, und es verging eine ganze Weile, bis ſie ſich die Augen trocknete und noch immer lachend ſprach: „Vetter, wo treiben Sie nur alle dieſe verwünſchten Ge⸗ ſchichten auf! Dieſe hab' ich noch nie gehört.— Zwei Mi⸗ nuten unter Waſſer!“— 1 „Ah, Couſine,“ verſetzte er in beleidigtem Tone, und die kleinen grauen Augen blickten zuerſt ſie, dann Vial, dann wieder ſie mit einem nicht wohl näher zu bezeich⸗ nenden, eigenthümlichen Blick an,—„es iſt betrübt für den Erzähler, wenn er ſelber die Pointe ſeiner Mitthei⸗ lung klar machen muß! Nicht wahr, mein Herr Komman⸗ dant?— Meine Kaltblütigkeit, die Zeit zu berechnen— dieſes: Zwei Minuten unter Waſſer!— das iſt dieſe Pointe nicht! Aber wohl iſt es die Geiſtesgegenwart, die 171 9 1 6 1 S 5 b 4 I — ——— 2— 314 Zehntes Kapitel. mich des zweiten Windlochs nicht vergeſſen und es nicht verfehlen ließ. Unter Waſſer kommt Mancher— aber wie⸗ der heraus, das iſt der Witz!— Ich habe ſchon genug ge⸗ kannt, denen das nicht gelungen iſt.“— Er wandte ſich ab.— Comteſſe Hebe ſchüttelte lachend den ſchönen Kopf. „Ah, Vetter, nur nicht zu ſtolz!“ rief ſie ihm nach, der zum Tiſch und mit einer leiſen Frage zu dem jungen Mädchen trat, das ſich noch immer dort auf der gleichen Stelle hielt.—„Es gibt noch mehr kluge Leute!“— Und zu ihrem Nachbar zurückblickend, redete ſie in verändertem Tone und gedämpft:„Nicht wahr, Vicomte, das ſind eigentlich zu große Thorheiten, um darüber zu lachen? Aber was wollen Sie! Wir ſind hier gar ländlich und nicht verwöhnt.— Und nun— Sie wollten mir von euren Siegen erzählen—“ Er zuckte die Achſeln, und man ſah es ſeinem Ge⸗ ſicht und ſeinen Augen an, daß er ſich zwang, auf dieſes Thema gerade einzugehen.„Von Siegen weiß ich leider nichts,“ erwiderte er leiſe.„Renaud iſt ſparſam mit ſei⸗ nen Nachrichten. Doch ſcheinen die Verluſte der Armee groß zu ſein, da immer neue, anderwärts kaum entbehr⸗ liche Truppen nachgezogen werden. So ſoll ich auch die Kompagnieen, die bisher in den anderen Dörfern und bei Ihren Verwandten vertheilt waren, nach S. aufbre⸗ chen laſſen und allein dieſe Küſtendörfer beſetzt halten. Renaud weiß noch nicht, ob und was er mir zum Erſatz ſchicken kann. „Sagen Sie ſelbſt, Gräfin,“ fügte er hinzu, und er war wirklich ernſt geworden,„wie ſoll das enden? Jetzt und es nicht — aber wie⸗ on genug ge⸗ dte ſich ab.— chönen Kopf. hm nach, der dem jungen jder gleichen eute!“— Und verändertem te, das ſind t zu lachen? ländlich und lten mir von z ſeinem Ge⸗ na, auf dieſes viß ih loder rian mi ſi⸗ ge der Armee taum entbeht⸗ lich auch die Dörfern und ih S. aufßre befett halter nr zum btſ⸗ und er hinzu, 2 Jen enden Land und Leute. 3 315 halten wir das Land nieder. Währte es ſchon lange ge⸗ nug, um es auch unbeſetzt ruhig bleiben zu laſſen? Ich ſoll vorſichtig ſein, will Renaud, ich ſoll nichts davon ver⸗ lauten laſſen. Aber mein Gott, den Abmarſch kann ich endlich doch nicht verbergen! Und ſelbſt, wenn ich ihn von hier aus nothdürftig zu erſetzen ſuche— wen täuſcht das? Die Zahl iſt jedermann zugänglich, und daraus weiter zu ſchließen,— wem können wir's verwehren?“ Die Gräfin lächelte ihm zärtlich und zugleich ſtolz zu. „Ah, Vicomte,“ verſetzte ſie,„wer würde gegen die Fran⸗ zoſen etwas zu unternehmen wagen— hier zumal, zwi⸗ ſchen unſeren Bauern, die Gott danken, wenn man ſie in Ruhe ſäen und ernten läßt? Gegen euch— die Sieger der Welt! Die paar Hitzköpfe, die ſich fanden, ſind ab⸗ gekühlt, und im Uebrigen— ſehen Sie ſich doch um! Wo iſt noch Widerſtand? Ihr habt unſere Herzen beſiegt,“ fügte ſie mit einem ſanften Blick hinzu.„Da folgen die Köpfe von ſelber!— Ah!“ brach ſie ab, da in dieſem Augenblick die Thür geöffnet wurde und Graf Hartmuth zwiſchen den zurückgeſchlagenen Vorhängen erſchien, wäh⸗ rend zugleich in einer anderen Thür ſich der Kammerdie⸗ ner zeigte und mit tiefer Verbeugung meldete, daß das Mittagsmahl bereit,—„ah, da iſt mein Papa! Vor⸗ wärts Vicomte, bieten Sie Ihren Arm meiner Nichte. Das arme Kind hat ſo wenig Freude!— Eugen, komm' zu mir, ich möchte doch auch ein bischen von dir haben,“ ſchloß ſie ihre raſch wechſelnde Rede und ließ ſich von dem herbeieilenden Neffen beim Aufſtehen unterſtützen und hing ſich an ſeinen Arm. 316 Zehntes Kapitel.— Land und Leute. Unterdeß war Vial zu Stephanien getreten, die ſeine Aufforderung mit kurzem Nicken annahm, langſam ihre Arbeit fortlegte, langſam ſich erhob und ſeinen Arm nahm, alles mit der Nachläſſigkeit und Kälte, die ſie ſelbſt vor⸗ hin, während der Erzählung des Vetters, kaum einen Augenblick verlaſſen hatte. Das alles währte ſo lange, daß inzwiſchen die Uebrigen ſchon das Gemach verlaſſen hatten. Da mit einem Male zuckte es durch das Geſicht des Mädchens mit einer raſchen und heftigen Bewegung, und ſie murmelte:„Merken Sie denn gar nicht, Vicomte, daß man mit Ihnen ſpielt? Sind Sie denn ganz blind? Sa⸗ gen Sie es gerade heraus— laſſen Sie mich gegen die Tante im Stich?“ Sein Auge ruhte brennend auf ihr, aber es war nur ein einziger Blick, dann zog es wie ein faſt zärtliches Lä⸗ cheln über ſein Geſicht und er flüſterte:„Thörichtes Kind! Begreifen Sie doch, daß ich leider noch mehr zu thun habe, als zu lieben!— Mein Herz für Sie, mein Kopf aber—“ Er brach ab vor der heftigen, faſt zornigen Bewe⸗ gung, die er ſeine ſchöne Begleiterin machen ſah und noch mehr fühlte. Sie betraten jetzt auch gleichfalls den Speiſe⸗ ſaal und ſchloſſen ſich den Uebrigen an. Stephanie ſah hochmüthiger aus, als je. eten, die ſeine langſam ihre en Arm nahm, ſie ſelbſt vor⸗ kaum einen ſo lange, daß aſſen hatten. s Geſicht des ewegung, und Vicomte, daß blind? Sa⸗ iich gegen die res war nur ärtliches L⸗ brichtes Kind! uthun habe, Kopf abet- ernigen Bewe⸗ ſah und noch s den Syeiſe⸗ . 5„5 Ztexhanie ſch ———— —— 3—— —— SOlour& Grey Control Chart 2eds Cyan Green vellow Hed Magenta