—Oꝗʒ -———-— — 2 Leihbibliothek von. Ednard Oftmann in Gießen, 7 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256G. Aeih- und Deſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe 4 hinterlegen, welche bei deſſen Zuruͤckgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ſſe beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— duf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 2„„— 1I— 9„— 1 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren 2 Verkes, ſo iſt der Leſer jumn Erſatz des Ganzen verp flichtet.. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das eiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ————— ꝑ/ deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 2 — Kiltab„ud⸗Geſchichten A. Hartmann. Kiltabend-Geſchichten von A. Hartmann. Zweites Bändchen. Mit 41 Illuſtrationen von F. Walthard und E. Rittmeyer. ———.— Dern. Verlag von Jent& Reinert. (Platzfirma: Jent u. Gaßmann.) Vorwort zum zweiten Zändchen. Beim Erſcheinen des erſten Bändchens dieſer Kilt⸗ abendgeſchichten wurde der Titel derſelben vielfach einer falſchen Auslegung unterworfen. Kilten, ein uraltes mit dem angelſächſiſchen„cvyld“ und dem isländiſchen „cvölld““— Abend— verwandtes Wort, hat die Bedeutung des Aufbleibens bei Lichte, beſon⸗ ders zur Zeit der langen Winterabende. Der ‚„Kilt⸗ braten“ iſt der Feſtbraten, welchen der Handwerks⸗ meiſter den Geſellen ſpendirt, wenn im Herbſt das Arbeiten bei Lichte beginnt;„Kiltblume“(Herbſt⸗ zeitloſe) iſt die Blume, welche ſich zur Zeit der kür⸗ zerwerdenden Tage entfaltet; der Mond„kiltet“, wenn er ſpät niedergeht. Der Ausdruck„chwiltiwerch““ (Abendarbeit) kommt ſchon in einer Urkunde aus dem neunten Jahrhundert vor.—„Kiltabende“ ſind ländliche Soireen, da zur Herbſt⸗ und Win⸗ terszeit Bekannte und Nachbarn ſich um die düſter brennende Ampel verſammeln,— und haben alſo mit dem von Pfarrer Kuhn ſel. in ſeinem„Hoſcho, Eiſi“ beſungenen„Kiltgang“ nichts weiters gemein, als die Etymologie. Ebenſo haben die„Kiltabendge⸗ ſchichten“ nichts mit dem Kiltgang zu ſchaffen. In einigen kritiſchen Beurtheilungen wurde der zu häufige Gebrauch des Dialektes getadelt. Es ſei nur dann erlaubt bei der Volksmundart Worte und Wendungen zu borgen, wenn der Schriftſprache der ſcharfbezeichnende Ausdruck mangle.— Der Verfaſſer möchte dem Dorfgeſchichtenſchreiber überdieß noch da die beliebige Anwendung des Dialektes vindiciren, wo er ſeine Perſonen ſelbſtredend auftreten läßt. Kein Hansjoggi, ſo weit die Aare läuft, hat je zu ſeinem Beſuche geſagt:„ſeien Sie willkommen“, ſondern „Gottwilche by-n-is!“ Die geſchliffene Schriftſprache paßt weder zu Hansjoggis Holzſchuhen und Zipfelkappe, noch zu ſeiner ſchlau-⸗derben Ungeſchlachtheit. Solothurn im Oktober 1854. Der Verfasser. Inhalt. Seite Aenneli von Siebenthal.(Mit 8 Holzſchnitten von F. Walthard.) 1 Peterli, der verlorne Sohn.(Mit 17 Holzſchnitten von E. Rittmeyer.) 49 Der verlaſſene Bau.(Mit 7 Holzſchnitten von E. Rittmeyer.) 152 Der Lumpenkübler und ſein Haus.(Mit 9 Holzſchnitten von F. Walthard))... 183 Aenneli von Siebenthal. er Kurort Weißen⸗ burgimSimmenthal iſt das ſchweizeriſche Nizza. Nicht als ob es am mittelländi⸗ ſchen Meere läge; auch nicht als ob dort ein ewiger Frühling herrſchte und mil⸗ de italieniſche Lüfte wehten; im Gegen⸗ theil, es vergeht daſelbſt kaum ein Monat im Jahr, wo es nicht ſchneit, und der Wind, der da bläst, iſt meiſtens ſehr kühl; eben ſo wenig, als ob zu Weißenburg Orangenbäume und Palmen wüchſen; es gibt da nur Tannen, aber deren — deſto mehr. Was Weißenburg zum ſchweizeriſchen Nizza ſtem⸗ pelt, das iſt die milchlaue Quelle, zu der jene Adamsſöhne pilgern, welche lange Hälſe, eine vornübergebeugte Haltung und eine eingedrückte Bruſt haben, jene Evastöchter mit den 1 2 verdächtigen rothen Röslein auf den Wangenknochen und dem unheimlichen feuchten Feuer in den tiefſitzenden Augen, kurz alle jene huſtenden und hüſtelnden Menſchenkinder, für welche in den Apotheken kein Kräutlein mehr wächst. Einerſeits von Thun her, erſt dem See, dann der Kander und endlich der Simme entlang, am Strettlinger Thurm und am Schloß und Dorfe Wimmis vorbei, durch das pferde⸗ und rindvieh⸗ berühmte Erlenbach, andererſeits vom Genferſee her über Boll und Saanen führen ſchöne Straßen bis in's Dorf Weißen⸗ burg. Von da aber bis nach dem Bad zu gelangen, muß man ſich entweder des bekannten Verkehrsmittels der Apoſtel, oder eines abgeriebenen ledernen Lehnſtuhls, der an zwei Stangen befeſtigt und von zwei ſehnigten Simmenthalern ge⸗ tragen wird, oder eines alten, äußerſt ſtätigen und tückiſchen Maulthiers bedienen. Ich fühlte mich rüſtig genug, dem Beiſpiel der Apoſtel folgend, die eigenen Beine zu gebrauchen. Den Koffer mit meinen Siebenſachen nahm ein Burſche mit krauſem Haar, offener Stirn und lachendem Mund auf ſeine Schultern und ſchritt, als wäre der ganze Plunder nicht ſchwerer als ein leeres Cigarrenkiſtchen, munter vor mir den gähen Fußpfad hinan. Nach einer ſtarken Viertelſtunde mühſeligen Steigens im Zickzack befanden wir uns auf einem Punkt, von welchem man faſt ſenkrecht auf das Dorf Weißenburg hinabſchauen konnte. Der beſchwerlichere Theil des Weges ſei nun ge⸗ macht, ſagte der Führer. Für Leute, deren Athemwerkzeuge der Reparatur bedürftig ſind, iſt die hier angebrachte hölzerne Bank nichts weniger als Luxus. Ich ſetzte mich, um die Rückkehr meines Athems abzuwarten, der ſchon ſeit längerer Zeit ausgegangen war. Indeſſen ſtellte ſich mein Führer auf einen überhangenden Felskopf, der neugierig den Weißen⸗ burgern durch die Schornſteine in die Töpfe guckt, und ließ einen Jauchzer aus„der über das ganze Dorf wegfuhr und jenſeits der Simme an den Bergwänden wiederhallte. —4——p —‿ — — ——— 8 7 „Luſtig, luſtig!“ ſagte ich, ein Geſpräch einzuleiten.— „Wer möchte nicht fröhlich ſein und jauchzen in dieſer ſchönen Sommerszeit?“ gab der muntere Träger zur Antwort.„Zie⸗ hen ja jetzt die Sennen„mit de loba Chüene“, wie's im Liede heißt, auf die hohen Alpen und kommen dafür die fremden Herr⸗ ſchaften in unſere Thäler. Da kommt der Engländer mit den langen Zähnen und den langen Beinen; der zahlt am beſten, will aber grob ſein dürfen für ſein Geld. Da kommt der Franzos, der Papagai, und meint die hübſchen Mädchen in den braunen Häuſern ſeien alle nur für ihn gewachſen, klopft aber zuweilen am unrechten Orte an und kriegt Prügel ſtatt etwas anderem. Schade, was daneben geht! Hätte Geld's genug, der Franzos, iſt aber hinterhäbig wie ein Jude. Da 4 4 kommt dann auch der deutſche Profeſſor, die Brieftaſche in der Hand, welcher alles beſſer gemacht hätte, wäre er nur dabei geweſen, als der Herrgott unſere Thäler modelte, iſt unverſchämt genug für einen, dem's nicht lauter in der Taſche klingelt. Nun, man nimmt einen in den andern und iſt nur froh, wenn unſer Herrgott recht viele kommen läßt. Denn ſeht, Herr, das iſt unſer Brod.“ Ich erwiderte neckend, es wurden alſo hier zu Land die Engländer, Franzoſen und deutſchen Profeſſoren gemolken, wenn die Kühe nach den Bergen getrieben worden.—„Frei⸗ lich“, fuhr mein Träger fort.„Es milkt wer melken kann. Und warum ſollte man nicht? Hat ja der liebe Gott den Iſraeliten, da ſie in der Wüſte irrten, auch Manna geſchickt, und dann fette Wachteln, auf daß ſie ſich davon nähren ſoll⸗ ten. Die Wirthe nehmen freilich den Rahm oben ab; die Führer, welche wälſch können, die Fuhrleute und Schiffer käſen auch noch fett genug. Da bleibt dann dem Burſchen, der nur noch gut genug iſt, einem langbeinigen Engländer ſeine Reiſeapotheke auf den Nieſen oder das Stockhorn nach⸗ zutragen, nicht viel mehr als der Zieger*), und das kleine Mädchen, das mit Alpenroſenſträußern am Wege ſteht, und der Bube, der johlt, wo ein lautes Echo iſt, die müſſen gar mit der Schotte**) vorlieb nehmen. Item, es bekommt am Ende doch jedes ſeinen Tropfen vom Segen, den uns der Herrgott in den Fremden ſchenkt zur ſchönen Sommerszeit.“ Ich dächte, bemerkte ich, den beſten Theil der Ernte nähmen die Grindelwaldner und Meiringer, die von Lauter⸗ brunnen und Interlaken vorweg.—„Leider wohl“, ſagte mein Führer etwas neidiſch.„Es fehlen unſerem Thal die hohen Gießbäche mit den Schulmeiſtern, ſo daran das Alp⸗ *) Zieger— die feſten Theile, welche aus der Milch gewonnen werden, nachdem der Käſe ſchon ausgeſchieden iſt. **) Schotte— Molken. — 5 4₰ horn blaſen, und die Gletſcher mit den Bettelbuben, welches wahrſcheinlich die Gletſcherläuſe ſind, welche die Gelehrten entdeckt haben wollen.“ Nach dieſen Worten wandte ſich der Träger wieder um, einen leuchtenden Blick auf das Dorf, die Weiden, Wälder und Berge zu werfen, und rief dann:„Bin doch am liebſten ein Siebenthaler*), wenn ſchon die Engländer hier nicht ſo gut gerathen als im Bödeli oder im Haslithal. Sind doch im Siebenthal die ſchönſten Alpen. Wo wächst ſüßeres Gras? wo ſtehen mächtigere Tannen? wo kauft man feinere Roſſe und ſchönere Rinder als zu Erlenbach auf dem Markt? wo finden ſich der braunen Häuſer ſo zierliche wie in Latterbach und Oberwyl, in Därſtetten und Boltigen? wo ſieht einer hübſchere Mädchen und flinkere Knaben, als grad im Sieben⸗ thal?— Mag denen von Lauterbrunnen und Grindelwald ihre Engländer wohl gönnen; am liebſten bleibt mir doch das grüne Siebenthal.“ Dieß alles brachte der geſprächige Führer in der weichen ſingenden Mundart der Thäler des Oberlandes vor, welche beinahe lautet wie die Sprache der Minneſänger des zwölf⸗ ten und dreizehnten Jahrhunderts. Ich hätte ihm noch lange mit Vergnügen zugehört, hätte er nicht ſelber zum Aufbruch gemahnt. Von nun an führte der Weg nur allmählig anſteigend den ſteilen Abhang der Schlucht entlang, aus deren Tiefe das wilde Toſen des Buntſchibaches drang, deſſen weißer Schaum durch die Gipfel der Tannen, die tief unter uns ſtanden, zuweilen zu ſehen war. Zu unſerer Rechten erhob ſich mehr als hundert Fuß über unſere Köpfe die Wand der Schlucht, meiſtens dicht bewaldet, zuweilen aber ſo ſenkrecht, daß kein *) Im Munde des Volks heißt es ganz richtig„Siebenthal“ und nicht „Simmenthal“, das Thal der„Siebne“(nicht Simme), welche den Namen erhielt, weil ſie aus ſieben Quellen entſpringt. 6 Baum mehr Wurzel faſſen konnte. An einer ſolchen Stelle ſaß dicht am Rande des Abgrunds hoch über uns ein Mäd⸗ chen in der Simmenthaler Landestracht und weidete etliche Geißen. Der Anblick des Mädchens fuhr meinem Führer in die Glieder. Er blieb ſtehen, ſtieß einen lauten Jauchzer aus und rief hinauf:„Gottwilchen, Aenneli! Wirf mir einen Maien herab an meinen Hut, wenn du mich lieb haſt.“— Ob dieß ſein Schatz ſei? fragte ich.—„Was will ich läug⸗ nen“, war ſeine Antwort,„daß es mir die Hexe mit ihren blitzblauen Augen angethan!“ Den verlangten Strauß warf aber das Mädchen nicht herab, ſondern verſteckte ſich ſcheu hinter die Sträucher und Felſen.„Habe von meinen Kameraden ſchon manches hören müſſen wegen dem Aenneli“, fuhr der Träger fort.„Sie lachen mich aus, daß ich dem Ding nachlaufe, das kaum drei * 7 Geißen im Vermögen hat; auch ſpotten ſie, Aenneli habe rothes Haar; iſt aber nicht wahr, s'iſt braun wie Nußbaum⸗ holz und hat nur ſo einen röthlichen Abglanz, wenn die Sonne darauf ſcheint. Ich könnte unter reicheren und hüb⸗ ſcheren ausleſen, meinen ſie. Aber ſeit ich in die heiterblauen Augen geguckt, welche glänzen wie zwei Leuchtwürmer unter einer Holderſtaude, da mag ich gar keine andere. Und iſt auch das Aenneli in einer der mindeſten der braunen Hütten daheim, die wie Schwalbenneſter an dieſen Bergen kleben, und trägts gleich nur einen dünnen braunen Kittel und hütet die Geißen, ſo iſt doch was beſonderes an ihm. Sähet Ihr das Aenneli einmal oben auf den Flühen ſitzen und ſo in Gedanken über das Thal wegſchauen, Ihr müßtet ſelber fin⸗ den, es ſtecke ein ſo vornehmes Weſen in ihm, daß man meinen möchte, die reichſten Bauerntöchter des Siebenthals, denen an jedem Finger eine fette Alp hängt, wären faſt zu ſchlecht, dem Aenneli als Mägde zu dienen.“ Ich fragte, warum Aenneli den Meien nicht herabgewor⸗ fen habe. Der Burſche erwiederte etwas verlegen, er habe es bei dem Mädchen noch nicht weiter gebracht, als daß es ihn kommen und gehen laſſe, wohl verſtanden, ſo lange die Sonne am Himmel ſtehe. Samſtag Nachts an das Gaden⸗ fenſter zu klopfen, das gehe noch nicht an. Das Aenneli ſei eben nicht wie andere Mädchen. Am liebſten gehe es mit ſeinen Geißen ganz allein, entweder an einſame verborgene Oerter, oder hoch hinauf auf die Flühe, wo man weit über das Thal wegſchauen könne. Dort ſinne es dann den alten Geſchichten des Siebenthals nach von den zerfallenen Burgen und den alten Klöſtern; die wiſſe es alle auswendig, oder wenn es meine ganz allein zu ſein, ſinge es auch zuweilen Lieder nach alten wunderlichen Weiſen. So war ich alſo der Vertraute der Herzensangelegen⸗ heiten meines Führers geworden. Indeſſen gingen wir wieder etwas abwärts, der Wald wurde lichter und es öffnete ſich * 8 die Ausſicht in einen kleinen Keſſel, eine Erweiterung der Schlucht, welche ſich der Buntſchibach ausgefreſſen. Auf einem künſtlich geebneten Platz ſtand dort ein hohes und langes Haus, hell getüncht und mit einer Unzahl von Fenſtern ver⸗ ſehen. Das ſei das neue Bad, ſagte der Träger. Das„neue Bad“ oder„vordere Haus“ wird hier zu Land der Ort genannt, wo diejenigen Brunnengäſte unter⸗ gebracht werden, die von der Quellennymphe von Weißen⸗ burg, oder vielmehr von Herrn Müller, dem Badwirth, be⸗ ſonders begünſtigt ſind. Den Gegenſatz dazu bildet das„alte Bad“ oder„hintere Haus“, welches etwa eine Viertelſtunde weiter hinten in der ſtets mehr ſich verengenden Schlucht liegt. Das vordere Haus kann im hohen Sommer zwiſchen neun und drei Uhr von der Sonne beſchienen werden. Ueber die faſt überhängende Bergwand nach dem„hintern Bad“ zu gucken, präſtirt das Tagesgeſtirn ſelbſt um die Mittagsſtunde nicht.— Wenn die Bewohner des vorderen Bades ihre Köpfe in einem Winkel von fünfundvierzig Graden nach hinten ſen⸗ ken, ſo ſind ſie im Stande zwiſchen bewaldeten Berghalden und ſenkrechten Felſen ein Stück wirklichen Himmels zu ſe⸗ hen; um nach dem Firmament ſchauen zu können, muß man ſich im hintern Bad auf den Rücken legen.— Ins vordere Bad geht nur, wer's vermag; es gibt dort nur Eine Tafel und werden nur appetitliche Gäſte zugelaſſen; im alten Bade gibt es vier verſchiedene Tiſche und wird für die Hablichen, die Halbarmen, die Dreiviertelsarmen und die Ganzarmen viermal beſonders gekocht, und zu den letztern gehören die armen Schwindſüchtigen, welche vom Berner Inſelſpital eine Freikarte für Weißenburg erhalten, was ungefähr ſo viel iſt als ein viſirtes Wanderbuch nach der Ewigkeit. Die Empfehlung des Arztes hatte mir Quartier im vor⸗ dern Haus zugeſichert. Herr Müller empfing mich aber mit der angenehmen Nachricht, daß mein Zimmer ſchon vergeben ſei. Die Gäſte, entſchuldigte er ſich, wären ſo zahlreich ein⸗ † 9 getroffen, daß er genöthigt ſei, ſie wie die Haͤringe überein⸗ ander zu ſchichten; ſeine eigene Familie habe ihre Betten auf dem Dachboden aufſchlagen müſſen. Es bleibe mir alſo nichts übrig, als nach dem hintern Bad zu wandern, wo noch et⸗ welcher vorräthige Platz ſei. Es bedurfte der energiſchſten Proteſtation und eines großen Aufwandes von Ueberredungs⸗ kunſt, um mir endlich einige Kubikfuß Raum in der Zelle eines äußerſt langen und dürren pasteur demissionaire aus dem Waadtland zu verſchaffen. Dieſe Behandlung ärgerte mich um ſo gründlicher, als ich einige Augenblicke ſpäter in Erfahrung brachte, daß noch zwei der ſchönſten Zimmer des Hauſes leer ſtanden. Als ich Herrn Müller darüber zur Rede ſtellte, zuckte er lächelnd die Achſeln und ſagte, es thue ihm gräßlich leid, mich nicht beſſer unterbringen zu können; die quäſtionirlichen Zimmer ſeien aufs feſteſte beſtellt; er erwarte die Herrſchaften von einem Tag zum andern.— Was war da zu thun, als ſich in ſein Schickſal und den langen, dürren, frommen, übrigens äußerſt reinlichen und höflichen waadtlän⸗ diſchen Zimmerkameraden zu ergeben? Wer zu Weißenburg im vordern Bad anlangt, der muß ſich's ſchon gefallen laſſen, etwas weniges Spießruthen zu laufen, wenn er nicht etwa um Eſſenszeit eintrifft. Da ſteht am Wege ein runder Pavillon, wo ſehr emſig geſtickt, ge⸗ ſtrickt, gehäkelt und gehechelt wird, aber nicht Hanf. Da ſind an der Front des Kurhauſes lange grüne Bänke aufgeſtellt, auf denen während eines guten Theils des Tages dem Bade⸗ arzt zum Trotz Cigarren geraucht und der chriſtlichen Nächſten⸗ liebe zum Schaden die Schwachheiten der Mitmenſchen zer⸗ gliedert werden.— Hatte ich dieſe Scylla und Charybdis paſſiren müſſen, ſo ſaß ich, um mich ſchadlos zu halten, nicht ſpäter als des andern Tages ſelber auf einer der grünen Bänke und ſteckte auf Beute lauernd eine Cigarre an. Und ſiehe, es trat ein Zug neuer Ankömmlinge aus dem Wald und bewegte ſich langſam den gewundenen Fußpfad —— 10 herunter, den einzigen Weg, welcher aus der Welt zur Lau⸗ waſſernymphe von Weißenburg führt. Voran ritt auf Herrn Müllers bekanntem alten tückiſchen Mauleſel ein junger blaſſer Mann in gewählter Reiſekleidung und von vornehmem Aus⸗ ſehen. Hinterher kam der braunlederne Tragſeſſel, von zwei keuchenden und ſchwitzenden Trägern geſchleppt, und im Trag— ſeſſel eine Dame von ſtarkem Embonpoint. Neben dem Trag⸗ ſeſſel ging ein reich gallonirter Livree⸗Bedienter, mit allerlei rothen und blauen und grünen Tüchern, Mänteln, Regen⸗ und Sonnenſchirmen belaſtet.„Ah!“ hieß es da auf den grünen Bänken und im Pavillon,„da kommt die Herrſchaft für Nr. 1 und 2. Das müſſen vornehme Leute ſein!“ Ob dem Aufſehen, welches die Ankunft dieſer friſchen, ſo pompös aufziehenden Badegäſte machte, achtete kein Menſch der Leute, welche ein Paar Dutzend Schritte hinter der frem⸗ den Herrſchaft her ebenfalls auf das Bad zugeſteuert kamen. Es war ein altes kleines Männchen in mausgrauem Ueber⸗ rock, das vorſichtig auf ſeinen Stock geſtützt den gähen Rain herunter ſchritt. Neben ihm ging ein halberwachſenes Mäd⸗ chen in äußerſt ſauberer Landestracht und mit zwei goldfar⸗ bigen langen Zöpfen, die ihm unter dem Brienzer Hut her⸗ vor über den Rücken hingen. Die dicke Dame und ihr Livreebedienter, der blaſſe junge Mann, der mausgraue Alte und die kleine Siebenthalerin langten ungefähr zugleich vor der Thüre des Kurhauſes an. Wie war da die ganze löbliche Geſellſchaft im Pavillon und auf den grünen Bänken erſtaunt, als Herr Müller das maus⸗ graue Männchen und ſeine junge Begleiterin mit achtungsvoll⸗ ſter Zuvorkommenheit ohne weitere Bemerkung in die Zimmer Nr. 1 und 2 führte, die vornehme Herrſchaft aber zuerſt ſte— hen ließ und endlich derſelben mit vielem Achſelzucken, Lächeln und unendlichem Leidweſen erklärte, es ſei kein Platz für ſie da. Entweder müßten die Herrſchaften ins Dorf zurück, oder ins hintere Bad, oder aber, bis und ſo lange das eine oder 11 andere Zimmer leer geworden, ſich gefallen laſſen, was mög⸗— lich ſei. Im letzteren Falle wolle er der Madame ein Bett im Geſellſchaftszimmer zurecht machen laſſen; der junge Herr werde vorläufig ſein Lager auf dem Billard aufſchlagen müſſef, wo er eine ganz artige Geſellſchaft von zwei oder drei an⸗ dern Herren finden werde; der Kammerdiener könne ſich im Dorfe einquartieren. Die dicke Dame fragte höchlich erzürnt, wie es denn komme, daß er für die Bauern noch freies Lo— gis gehabt habe? Herr Müller zuckte wieder die Achſeln und gab lächelnd den Beſcheid, Herr J..... habe ſeine Zim⸗ mer ſchon längſt vorausbeſtellt. Auf den grünen Bänken ſaß ein Kurgaſt, welcher zwi⸗ ſchen Wimmis und Zweiſimmen etwas beſſern Beſcheid wußte, als wir andern. Derſelbe ließ ſich dann auch nicht lange bitten, uns den Schlüſſel zu Herrn Müllers Betragen zu ge⸗ ben und uns begreiflich zu machen, warum Vater J..... in Weißenburg vor jedem andern Gaſt, und wäre er ein Prinz geweſen, den Vortritt bekam. Gehe man das Simmen⸗ thal hinauf und hinab, kein ſchöneres Haus finde ſich, als das des Vaters J..... Frage man, wem die ſchönſten Alpen gehören, ſo heiße es: dem Vater J..... Und könnte einer in Vater J...'s Gültenrodel blättern, er würde die meiſten gäng und gäben Namen des Simmenthals darin finden. Man leſe in den Chroniken, es hätte vor Zeiten das mächtige Geſchlecht der Freiherren von Weißenburg im Simmenthal geherrſcht, von der Burgfluh bis über Boltigen hinaus. Die alten Herren von Weißenburg hätten kaum ie im Simmenthal mehr zu bedeuten gehabt, als jetzt der Vater J.. ,obgleich er kein Burggraf ſei, ſondern ein Notar, was ſchon ſein Vater geweſen. In ſeiner Jugend, hörten wir weiter, habe Vater J..... wohl auch ein wenig über den Gantriſch hinweg in die Welt hinaus geſchaut. Und weil nun die große Welt nicht zu ihm kommen wolle, und er nicht mehr in die große Welt hinaus möge, und doch gern mit ——— 12 der Welt auf dem Laufenden bleibe, ſo gehe er allſommerlich nach Weißenburg, um ſich dort am kleinen Müſterchen zu be⸗ trachten, was jetzt in der Welt jenſeits des Gantriſch und Stockhorns neueſte Mode ſei.— Das zweite beſtellte Zimmer war für Vater J.....'s Enkelin Elsbeth, die er ſich zur Kurzweil mitgenommen hatte. — Die Badegeſellſchaft im vordern Haus bildete einen ziem⸗ lich eigenthümlichen Miſchmaſch. Die von Herrn Druey ver⸗ folgten, eidweigernden Paſtoren aus dem Waadtland, zu de⸗ nen auch mein langer Zimmergenoſſe gehörte, waren ſehr zahlreich vertreten. Zu ihnen geſellten ſich einige ſchwindſüch⸗ tige Söhne reicher Wirthe und Müller aus dem„Bernbiet“, welche bei gutem Wetter kegelten, bei ſchlechtem Wetter aber dem edeln„Binockel“ oblagen. Das Berner Stadtpatriziat 13 hatte einige Repräſentantinnen der excluſivſten Sorte geſandt, mit denen man einen Scheffel Salz gegeſſen oder doch min⸗ deſtens etliche Eimer Thee geleert haben mußte, bevor man es wagen durfte, mit ihnen ein Geſpräch über die herrſchende Witterung anzuknüpfen. Baſel war durch einige behäbige Millionäre mit Frauen und Töchtern vertreten, die einige Aehnlichkeit mit gewiſſen Gemälden hatten, an denen man hauptſächlich die ſchönen Goldrahmen bewundert. Ferner war ein ziemlicher Ueberfluß an lang aufgeſchoſſenen Pfarrers⸗ töchtern vorhanden, ſchmal zwiſchen den Schultern, mit lang geſtreckten Hälſen und tief herabhängenden Schmachtlocken. Auch die Oſtſchweiz hatte ihr Contingent von Huſtern ge⸗ ſchickt. Selbſt von den geſegneten Geſtaden des Mittelmeeres, von Marſeille, Trieſt, Smyrna, hatte der Ruf der Quellen⸗ nymphe von Weißenburg gläubige Pilger hergelockt.— Ob⸗ gleich die Mehrzahl der Gäſte der deutſchen Zunge angehörte, ſo wurde doch vorzugsweiſe franzöſiſch geſprochen. Wie hätte man den anweſenden Franzoſen zumuthen dürfen, deutſch zu verſtehen? Die Herrſchaft, welche mit Vater.. angekommen war, führte den Grafentitel und irgend einen unausſprech⸗ baren böhmiſchen Namen Man nannte den jungen Herrn deß⸗ halb und weil unter allen blaſſen und erdfarbenen Geſichtern der Badegeſellſchaft das ſeinige unter dem ſchwarzen Locken⸗ haar hervor am blaſſeſten ausſah, nur den„bleichen Grafen.“ Da in Weißenburg fette, wohlgenährte, rubicunde Geſtalten zu den größten Seltenheiten gehören, ſo hieß die Mutter des bleichen Grafen per se die„dicke Gräfin.“ Wie in andern Bädern, ſo iſt es auch in Weißenburg Hausregel, daß der friſche Ankömmling, ſei er noch ſo vor⸗ nehm oder reich, ſich bei Tiſche untenan ſetzen muß. So kam es, daß unten neben mir Vater J..... und das gold⸗ haarige Elſeli zu ſitzen kamen. Ihnen gegenüber, auf der an⸗ dern Seite des Tiſches, erhielten die dicke Gräfin und der —[˖.O— 14 bleiche Graf ihre Plätze. Anfangs ſchnitt die Gräfin dem „Bauer“, welcher ihr die ſchönſten Zimmer des Hauſes weg⸗ geſchnappt hatte, entſetzlich ſaure Geſichter. Fette Leute ſind jedoch in der Regel gutmüthig und leicht verſöhnt; Vater J.... aber wußte zu leben und hatte ſchon mit gar vielerlei Leuten Umgang gepflogen. Er ſprach ſehr geläufig franzöſiſch und befliß ſich ſogar jener rückſichtsvollen Galan⸗ terie der Herren von der alten Schule. Die Entrüſtung legte ſich und man wurde bald gut Freund mit einander. Die dicke Gräfin hörte mit wachſendem Intereſſe den klugen alten Mann in der ſchwarzſeidenen Zipfelkappe von Land und Leu⸗ ten, von Sitten und Gebräuchen des Simmenthals erzählen. Insbeſondere aber wurde das kleine Elſeli ihr Liebling. El⸗ ſeli konnte zwar noch nicht wälſch wie der Großvater, auch nicht hochdeutſch, ſondern nur ſiebenthaliſch. Aber die Gräfin behauptete, dieß ſei die ſchönſte Sprache, welche ſie je ge— hört; ſo hätten vor ſieben⸗ oder achthundert Jahren die Schloßfräulein auf den Ritterburgen geſprochen; auch hätten dieſelben eben ſolche goldfarbene Zöpfe über den Rücken hän⸗ gen gehabt, wie das Elſeli. Weniger mittheilſam war der bleiche Graf. Man ſah es an den tiefen dunkeln Augenhöhlen, daß, obgleich noch jung, er doch ſchon viel gelebt und geliebt. Er ſchien ſehr blaſirt; um ſeinen Mund ſpielte ein bitterer, ſpöttiſcher Zug, und wenn er ſprach, war es meiſt ein beißender Sarkasmus. Am gewöhnlichen Zeitvertreib des Weißenburger Kurlebens fand er wenig Gefallen. Weder mochte er mit den ſchwind⸗ ſüchtigen Wirths- und Müllersſöhnen kegeln oder binockeln, noch mit den Basler Bankiers oder den ſalbungsvollen waadt⸗ ländiſchen Paſtoren auf und ab wandelnd, an einem langen ſchläfrigen Geſpräche haſpeln; noch mochte er mit den ma⸗ gern Pfarrerstöchtern zwiſchen Steinen und Dornen am Berg herum klettern und Alpenblumen ſuchen. Am liebſten hätte er's jenem pfiffigen Bauersmann aus dem Emmenthal nach⸗ 15 gemacht, der im hintern Bad von früh vier Uhr bis ſpät in die Nacht abwechſelnd Käſe und Schinken aß und Waſſer trank, wobei er es beiläufig auf vierzig bis fünfzig Schoppen täglich brachte, und in weniger denn acht Tagen mit ſeiner Kur fertig wurde. Zu einem ſolchen Experiment muß man freilich einen Emmenthaler Magen haben. Ein alter Praktikus aus der Geſellſchaft gab dem blei— chen Grafen den Rath, ſich nach einem Badſchatz umzuſchauen. Beſſere Zeit und Gelegenheit, Liebe zu ſpinnen, finde ſich kaum, als auf dem Bänklein am toſenden Waſſerfall zu un⸗ terſt im Garten, oder unter dem helldunkeln Tannenſchatten der„Seufzerallee.“ Manchem Geſtändniß habe das Rauſchen des Baches über die Lippen geholfen, und auf den hölzernen Bänken(an denen in den Umgebungen des vordern Hauſes durchaus kein Mangel) ſei ſpielend und tändelnd ſchon man⸗ ches Band geknüpft worden, das ſich unverſehens zu einem unlösbaren Eheknoten geſchürzt.— Es hätte deßhalb ſchon manche fünfundzwanzigjährige Pfarrerstochter das Weißen⸗ burger Waſſer getrunken— ohne Huſten, werde von ſchlimmen Zungen behauptet. Aber der bleiche Graf ſchien durchaus keinen Geſchmack an fünfundzwanzigjährigen Pfarrerstöchtern zu finden, und die renommirteſten Schönheiten des vordern Hauſes nannte er wegwerfend„Buttergeſichter.“ Am liebſten zog er mutter⸗ ſeelenallein, das Skizzenheft unter dem Arm, aus, um ſich, wie er ſagte, irgendwo unter einer Tanne ins trockne Moos oder auf einer hohen Bergweide auf den feinen Grasteppich zu legen, den Wolken und den fliegenden Vögeln zuzuſchauen und die reine linde Luft und den harzigen Duft der Tannen einzuathmen, was ihm beſſer behage, als das Geſchnatter der Gänſe und Gänschen, welche um die Weißenburger Quelle herum ihr Weſen trieben. Täglich lieber ließ die dicke Gräfin ihren Sohn ſeinen einſamen Spaziergängen nachgehen, denn ſie fand, er kehre 16 * täglich munterer nach Hauſe zurück. Sie ſei mit ihm ſchon durch die halbe Welt gereist, ſagte ſie, an alle Heilquellen und überall hin, wo eine geſunde Luft wehen ſoll, nach Montpellier, Nizza, Palermo, ſogar bis nach Madeira; aber ſeine Wangen ſeien ſtets blaſſer, ſeine Augen hohler und ſein Huſten trockener geworden. Erſt hier in der Berg⸗ und Wald⸗ luft von Weißenburg lebe er wieder friſch auf. Sie dürfe ſich nun wieder der freudigen Hoffnung hingeben, den ein⸗ zigen, faſt ſchon aufgegebenen Sohn aufs friſche geſunden und aufblühen zu ſehen.— Der bleiche Graf ſelber ſchien ſich in Weißenburg allmählich beſſer und beſſer zu gefallen. Hans Pöhlen, mein alter Freund, der mir meinen Koffer getragen und ſein Herz entleert hatte, ging täglich bei uns ab und zu. Es war eben ſeine Hantieruung, die Siebenſachen der anlangenden und abgehenden Kurgäſte auf ſeinen ſtarken Schultern vom Dorf ins Bad und vom Bad ins Dorf zu tragen, oder auch irgend einen der Gäſte, welcher ſich weder auf ſeine Füße verlaſſen, noch den Ritt auf dem tückiſchen Maulthier wagen mochte, im ledernen Tragſeſſel ſchleppen zu helfen. In den letzten Tagen aber ſchien es mir, als ſei Hans Pöhlen nicht mehr derſelbe muntere Burſche, welcher mit zwei Centnern auf dem Rücken über alle Berge hätte ſpringen mögen und zu johlen verſtand, wie ſelten einer im luſtigen Siebenthal. Als er eines ſchönen Morgens die Effekten eines abrei⸗ ſenden Kurgaſtes vom Bad nach dem Dorf hinunter tragen mußte, ging ich ihm nach und fragte ihn, wo es fehle.„Ach, Herr“, gab er zur Antwort,„mit dem Aenneli iſt es nun gar aus.“— Das werde ſo gefährlich nicht ſein, meinte ich; Liebe müſſe gezankt haben, um ſo zärtlicher ſei dann hintennach die Verſöhnung.—„'S iſt ſchlimm genug“, erwiederte Hans Pöhlen;„wir beide gehören nicht mehr zu einander.“— Ob man wiſſen dürfe, was vorgefallen ſei, fragte ich.—„O ja, wenn Ihr Geduld habt zuzuhören.“ ſche ſcha See Me Buu ger der mac übe Wo iſt das übe von nac ger Ho kne 17 „Die Berge ſtehen feſt,“ begann Hans Pöhlen mit einem ſchweren Seufzer.„Wie vor tauſend und aber tauſend Jahren ſchaut der Nieſen in's Siebenthal hinein und über den Thuner⸗ See hinaus in die weite Welt. Aber Menſchenwerk und Menſchenſinn ſind veränderlich. Seht, Herr, dort wo der Buntſchibach ſich in die Simme ergießt, auf dem ſteilen Gütſch, gerad ob dem Weißenburger Dorf, ſtand vor Zeiten das Schloß der Freiherrn von Weißenburg. Vor etlichen hundert Jahren mag die Burg mit ihren weißen Thürmen und Mauern ſtolz über das Thal weggeſchaut haben, und die Freiherrn von Weißenburg ſollen gar mächtige Herren geweſen ſein. Jetzt iſt die Burg zerfallen bis auf wenig graues mürbes Gemäuer, das von Brombeeren, Haſelgeſträuch und wilden Holderſtauden überwachſen iſt. Im Siebenthal gibt es längſt keine Freiherrn von Weißenburg mehr.— Jetzt hört, Herr,“ fuhr Hans fort, nachdem er ſich die hellen Schweißtropfen von der Stirne gewiſcht.„Mit dem Aenneli hat es eine beſondere Bewandtniß. Habt Ihr ſchon den langen grauen Altvater geſehen mit dem knochigen, eckigen Geſicht, das ausſieht als wär's ein Stück verwitterter Fluh, das einer ab dem Gantriſch oder Stockhorn heruntergeſchlagen? Er hat ein mühſeliges Geſchäft. In ſeinem hohen Tragkorb ſchleppt er zur Sommerszeit in Flaſchen gefülltes Weißenburger Waſſer vom Brunnen beim hintern Bad in's Dorf hinunter, wo es auf Wagen verladen wird, im Winter trägt er Kohlen. Schweigſam und aufrecht geht der Alte Jahr aus Jahr ein ſchwer beladen an ſeinem langen Stecken den ſteilen Weg. Das iſt Aenneli's Vater und er heißt Peter von Siebenthal.“ „Und dieſer Schwiegervater hat dir zu wenig Batzen?“ unterbrach ich den Träger, der aber verneinend den Kopf ſchüttelte.—„Seht, Herr, ſo ſchlecht des alten Peters Hütte iſt und ſo ſauer er ſich ſein Brod verdienen muß, ſo geht doch die Sage unter den Leuten, Peter von Siebenthal ſei vom Stamm und Blut der alten Freiherrn, die einſt von der — 2 18 Weißenburg herab über das Thal regierten. Und es geht ferner die Sage, die Weißenburg werde einſt wieder aufge⸗ baut werden, und die Sprößlinge der alten Freiherrn, die jetzt in Schmach und Dürftigkeit leben, werden dann wieder auf dem Schloſſe wohnen, reich, angeſehen und voller Freuden. Aber Aenneli von Siebenthal iſt die letzte ihres Geſchlechts.“ „Da iſt wohl Hans Pöhlen dem Freifräulein zu gering,“ warf ich ein.—„Aenneli iſt ſtolz, trotz ſeiner Armüthigkeit, und den erſten beſten läßt's freilich nicht ein, der an ſein Gadenfenſter klopft. Von jeher gings am liebſten allein und trieb ſeine Geißen nach dem Gemäuer der alten Burg, wo es ſtundenlang ſitzt zwiſchen Brombeeren und Haſelſtauden und wegſchaut über das Siebenthal. Zuweilen ſingt es dann auch ein oder anderes Lied, das von den Freiherrn handelt und welches es vom Vater gelernt hat. Wie oft bin ich hinter den Stauden gelegen, mäuschenſtill, und habe den Athem an mich gehalten und gehorcht! Aber ſobald es mich merkte, wars aus mit dem Sang; es ſchwieg ſtill oder trieb gar ſeine Geißen fort an einen verſteckteren Platz. Es wäre aber ſchon noch anders gekommen, und zuletzt hätte mich Aenneli doch noch lieb haben müſſen.“ Hans Pöhlen ſchwieg einige. Augenblicke und ſchlug mit ſeinem eiſenbeſchlagenen Stecken auf den ſteinigten Weg, daß die Funken flogen; dann fuhr er fort:„Jetzt aber ſitzt Aenneli nicht mehr allein, wenn es auf der Burg Geißen hütet, jetzt läßt es ſich nicht mehr ſtören, wenn ſchon einer auf ſeine Lieder horcht. Aber zwiſchen ihm und mir iſt's aus!“ „Alſo ausgeſtochen, armer Hans! Nun, ſprich, wie biſt du dahinter gekommen?“—„Hat man Lieb' im Leib, ſo weiß man nicht, was müde Beine ſind. Machte gerade zum dritten⸗ mal ſchwer bepackt den Weg vom Bad in's Dorf, da hörte ich von der Weißenburg her durch das Rauſchen des Windes in den Bäumen und das Toſen des Buntſchibaches Aennelis Stimme. Schnell verſtecke ich meine Bürde in den Stauden 19 und laufe, ſo geſchwind mich meine Füße tragen, wohin das Herz mich zieht. Um Aenneli nicht zu erſchrecken, ſchleiche ich mich ſo leis als möglich nach dem Gemäuer, verberge mich hinter einen Buſch und höre auf ihr Lied, das bald tief, bald hell tönt, wie wenn man große und kleine Glocken zuſammen⸗ läutet. Nicht lange bin ich hinter den Stauden gelegen, ſo. klettert ein Zweiter zur Burg herauf und ſetzt ſich unter einen alten Holderbaum. Aenneli merkt nichts und ſingt im Fenſter des Schloßthurms, von welchem aus man faſt bis Boltigen hinaufſieht, ihr Lied zu Ende. Jetzt klatſcht der unter dem Holderbaum, als ſäße er in der Komödie. Aenneli ſchreckt auf, in einem Satz ſpringt es vom Thurmfenſter herab und ſucht die Geißen fortzutreiben. Man ſagt, es gebe giftige Schlangen, welche mit ihren Blicken die Vögel von den Bäu⸗ men locken können, daß ſie ihnen gern oder ungern in den offenen Rachen fliegen müſſen. Wie es kam, wüßt' ich nicht zu ſagen, aber Aenneli ging nicht. Nicht lange, ſo ſtand es unter dem Holderbaum und horchte auf das Geplauder des bleichen Grafen, der mit Blicken, die wie Funken aus ſeinen hohlen Augen fuhren, es gebannt hielt, und achtete nicht des böſen Spottes, der auf ſeinen weißen Lefzen ſaß.“ Wir waren indeſſen bis an jene Stelle gekommen, wo der Weg ſich jäh nach dem Dorfe hinab ſenkt und Hans Pöhlen vor noch nicht vielen Tagen die Luſt und Freudigkeit ſeines Gemüths in einem lauten Gejohle über das Dorf weg hatte tönen laſſen. Jetzt blickte er finſter vor ſich hin.— „Ich habe mich fortgeſchlichen wie ein Schelm,“ ſchloß er ſeinen Bericht.„Seither geht der bleiche Graf jeglichen Tag nach der Burg, und Aenneli treibt nicht minder ſeine Geißen hin. Seit ich ſehen mußte, wie Aenneli unter dem alten Holderbaum des bleichen Grafen Kopf auf dem Schooße hielt und ihm die ſchwarzen Locken aus der Stirne ſtrich, bin ich nicht mehr auf die Lauer gegangen. Ich glaube, es hätte ein Unglück geben können.“ ——y— Hans Pöhlen ging mit ſeinem ſchwerbepackten Räf*) und der kaum viel leichteren Bürde ſeines Liebeskummmers traurig nach dem Dorf hinunter. Ich wandte mich rückwärts dem Bade zu. Scheute ich einen Umweg nicht, ſo konnte ich einem Fußpfad folgen, der zuerſt aufwärts nach dem Bergdörfchen Oberweißenburg und dann über ſchöne Matten wieder ab⸗ wärts nach der Schlucht des Buntſchibaches und den Kur⸗ gebäuden führt. An dieſem Weg, im Schatten eines Nuß⸗ haages und etlicher breiter Aepfelbäume ſteht eine einfache hölzerne Bank. Die Kurgäſte nennen ſie die Engländerbank. *)„Räf“ wird ein hölzernes Geſtell genannt, welches an Lederriemen um die Schultern gehängt wird und in Gebirgsgegenden dazu dient, ſchwere Laſten auf dem Rücken zu tragen. 9⸗ 1 21 Von der Engländerbank aus ſieht man ein gut Stück des Simmenthales über Oberwyl hinaus bis gegen Boltigen. Man könnte an den grünen Thalwänden Hunderte und Tauſende von kleinen braunen Hütten und Heugaden zählen. Im fernen Hintergrund ſieht man die hohen Gräte und Hörner, auf deren unwegſamen Höhen die Grenzen der drei Kantone Bern, Waadt und Freiburg zuſammen ſtoßen. Unter dieſen wild zerklüfteten Bergſpitzen macht ſich beſonders bemerklich der„Münch;“ man ſollte meinen, es ſitze dort ein Rieſe in einer Mönchskutte, die Kaputze über den Kopf gezogen und die Hände auf die Knie gelegt. Dieſer anmu⸗ thigen Ausſicht zu lieb wird die Engländerbank von den Weißenburger Gäſten fleißig beſucht, insbeſondere von denen aus den Flachländern, welchen der Anblick einer großartigen Gebirgswelt ein ungewohntes Schauſpiel iſt. Um nicht in meinen eigenen Fußſtapfen zurückzukehren, ſchlug ich dieſen Umweg ein. Auf der Engländerbank traf ich die dicke Gräfin, welche ſich von ihrem blaugelben Be⸗ dienten hatte hinaufſchleppen laſſen. Ihr Liebling, das gold⸗ haarige Elſeli im königsblauen Jüͤpplein und Mieder und dem breiten Brienzer Hut hatte ſie begleitet, und dem Elſeli war der mausgraue Großvater mit der ſchwarzſeidenen Zipfelkappe gefolgt. Die dicke Gräfin war in roſigſter Laune; ein zufriedenes Lächeln ſchwebte auf ihren breiten, fettglän⸗ zenden Zügen.„Wie ſind mir eure ſchönen Berge, eure grünen Thäler, eure duftigen Wälder lieb geworden!“ rief ſie mir ſchon von weitem zu.„Die laue Quelle und die würzige Bergluft wirken Wunder bei meinem Sohn.“ Ein plötzlicher Gedanke ſchien ihr durch den Kopf zu fahren.„Wer ſind die Grundherren dieſes ſchönen Simmen⸗ thals?“ fragte ſie den Vater J....— Er erwiederte, die Aecker und Matten im Thal, zum Theil auch die Alpen gehörten den Bauern in den Dörfern; freilich habe mancher an ſeinem verſchuldeten Gütlein ſchwer genug zu tragen. — 22 Andere Alpen und Sennberge ſeien Eigenthum reicher Berner Herren oder machten einen Theil des Vermögens des großen Berner Inſelſpitals aus.—„Gibt es denn hier zu Lande keine adeligen Grundbeſitzer, welche auf ihren Schlöſſern wohnen, dem edeln Weidwerk obliegen und die ſichtbare Vorſehung ihrer Bauern ſind?“— Solcher Leute, antwortete der Alte, habe ſich das Simmenthal früher auch zu erfreuen gehabt, es ſei aber ſchon etwas lange her. Da ſeien z. B⸗ ganz in der Nähe die Freiherrn von Weißenburg auf ihrem Schloſſe geſeſſen, der letzte ſei aber ſchon um das Jahr 1380 geſtorben. Den beſſern Theil ſeiner Beſitzungen habe Bern geerbt, den Reſt ſeine Schweſterſöhne, die Herrn von Brandis, welchen das obere Land von Boltigen bis nach Saanen unterthan war.—„Mit der tyroler Linie der Brandis,“ bemerkte die Gräfin erfreut,„ſteht unſer Haus in entfernter Verwandtſchaft. Hat die Familie vielleicht noch Beſitzungen in der Nähe?“— Der Bär habe, als er noch jung war, gar einen guten Magen gehabt. Seit vierthalbhundert Jahren wiſſe man auch von den Grafen von Brandis nicht mehr viel im Siebenthal. Nach ihnen hätten die gnädigen Herrn von Bern hier regiert; jetzt aber regiere ſich das Siebenthal als gleichberechtigter Theil der Republik Bern und der ſchwei⸗ zeriſchen Eidgenoſſenſchaft ſelbſt und die Schlöſſer der alten Grafen und Freiherren würden gegenwärtig ausſchließlich von Dohlen und Eulen bewohnt. Die dicke Gräfin ſchien von dieſem Beſcheide einiger⸗ maßen betroffen. Da kam leuchtenden Blickes und leichten Schrittes ihr Sohn aus der Richtung der alten Burg her gegangen. Mit ſichtbarer Genugthuung ließ die Mutter ihre Blicke auf ihm ruhen und ſtreichelte ſeine Wangen, die faſt einen Anflug von Röthe hatten.. „Ich hatte einen Gedanken,“ ſagte die Mutter.„Da dir, mein lieber Sohn, die Luft dieſer Gegend ſo wohl behagt, ſo wäre ich geneigt geweſen, mir in dieſem Thale —————— 28 einen Landſitz oder ein Rittergut zu erwerben. Dieſer gute Mann ſagt mir aber, die alten adeligen Geſchlechter ſeien hier zu Lande alle ausgeſtorben. Da können wir doch nicht unter die Bauern in eine Aelplerhütte ſitzen.“— Der junge Graf ſetzte ſich zu den Füßen der Mutter in's Gras und ſchlang einen Arm um ihre dicke Geſtalt:„Weißt du was, liebe Mutter, ich habe hier zunächſt eine ſchöne Ruine entdeckt, die kaufſt du und läßſt ſie im alten Style wieder aufbauen. S'iſt ja beſtes Genre, alte Burgen und Schlöſſer herzuſtellen. Da ſitzen wir dann zwiſchen den grünen Bergen, athmen den würzigen Duft des Tannenharzes, trinken laues Weißenburger Waſſer, ſo viel uns behagt, und führen ein biederes Ritter⸗ leben, gleich den alten Freiherren von Weißenburg.“— „Doch nur während der Hundstage,“ meinte ſchalkhaft Vater Voll Verwunderung hörte die dicke Gräfin die unver⸗ muthete landjunkerliche Anwandlung des geliebten Sohnes. Mit Freuden ging ſie auf den Gedanken ein. War ſie ja zudem mit den Grafen von Brandis verwandt, welche Schweſterſöhne und Erben des letzten Freiherrn von Weißen⸗ burg geweſen, und alſo die Erwerbung des alten Schloſſes ſo zu ſagen der Rückkauf eines alten Familienguts. Der Vater J.... beſtärkte ſie nachträglich noch durch die Bemerkung, der alte Adel im Siebenthal ſei doch noch nicht völlig ansgeſtorben; es gebe wohl noch jetzt Sprößlinge der Rittergeſchlechter, die einſt in den Hallen der Weißenburg mit denen von Brandis die Humpen geleert. Derer von Gunten, von Allmen, von Ringoldingen ſeien ihm noch genug bekannt. Wenn die Frau Gräfin ihn einmal mit einem Beſuch in ſeinem Hauſe beehren wolle, ſo werde er ſich ein Vergnügen daraus machen, die Namensträger des alten ſiebenthaler Adels der neuen Freifrau von Weißenburg vor⸗ zuſtellen. Nur müſſe er bemerken, daß ſie etwas weniges herunter gekommen ſeien. —— 24 Sichtlich erfreut über dieſe Nachricht, ſagte die dicke n Gräfin ihren Beſuch dem Männlein mit der Zipfelkappe zu, F G welches bei ihr um ein merkliches im Anſehen ſtieg, da der u alte Adel des Landes es nicht zu verſchmähen ſchien, in ſeinem Hauſe einzuſprechen. Freilich, meinte ſie, es müßten T fürchterlich verbauerte Landjunker ſein, dieſe Herren von i Gunten und von Allmen, aber um ſo ehrwürdiger ſei ihr uralter Adel.— d Kein ärgerer Jammer unter den Kurgäſten von Weißen⸗ t burg, als wenn Regen einfällt. Da ziehen die Berge ihre— grauen Nebelkappen tief über die Ohren; von allen Abhängen 1 rieſeln Bächlein herunter und machen die ſchmalen Pfade unwegſam; nicht lange, ſo ſetzen der Nieſen und der Gantriſch 1 ihre Schneeperrücken auf und blaſen mit ihrem kühlen Hauch in's Thal hinab, daß einem mitten in den Hundstagen die Glieder ſchlottern. Im hintern Bad wird's dann gar nie Tag und im vordern kaum halb. Man fängt dann gewöhn⸗— lich damit an, das Geſicht an die Scheiben zu drücken und die ſtrategiſchen Evolutionen der Nebel zu beobachten, welche dieſelben in einer Entfernung von zwanzig Schritten an den Bergwänden ausführen. Aber bald wird man dieſer Studien und ſeines ſtillen Kämmerleins überdrüſſig. Man verſammelt ſich im Geſellſchaftszimmer und Speiſeſaal, klagt ſich gegen⸗ ſeitig ſein Leid und macht beſſere Bekanntſchaft. Schließlich ſchlägt einer eine Kurzweil vor, etwa„blinde Maus“ oder „ſchwarzer Peter.“ Was ſoll man ſonſt? Mütter und Töchter 8 machen das Kinderſpiel mit; alte ernſthafte Perrücken, welche ſonſt kaum je aus ihren Schreibſtuben heraus kommen, als etwa um in den Rathsſaal oder das Gerichtszimmer zu gelangen, machen„Büſſeli mach miau;“ ſalbungsvollen 7¹ Kanzelrednern werden von ſchalkhaften kleinen Händen ver⸗ mittelſt angebrannter Pfröpfe Schnurrbärte gemalt. In Ermangelung des Tageslichts zündet man Kerzen an. Da nimmt dann dem Regen zum Trotz die Fröhlichkeit nach und ——y* 25 nach überhand, das Huſten und Hüſteln wird von lautem Gelächter übertönt, die matteſten Augen fangen an zu leuchten und es röthen ſich die fahlſten Wangen. Wer ſo an einem kühlen Regenabend durch die offene Thür des Geſellſchaftszimmers einen Blick wärfe und ſähe im Kerzenglanz ſo viele Augenpaare leuchten, die in tiefer Höhle ſitzen, und ſähe die dunkelrothen Röslein blühen auf den blaſſen Wangen, und hörte das Gelächter und das trockene Hüſteln— bald das eine, bald das andere lauter — und beobachtete die muthwillige Luſt unter den Leuten, unter denen ſo mancher ſitzt, deſſen Lebensdocht kaum noch wenige Jahre oder Monate zu glimmen hat, dem führe unwillkürlich ein Froſt den Rücken hinunter, und es möchte ihn faſt bedünken, in einem Winkel ſitze in's Leintuch gehüllt der Tod und ſpiele munter auf zu der Luſtbarkeit und wackle behaglich mit dem alten grinſenden Todtenſchädel. Die Geſellſchaft im vordern Haus hatte ſich während der letzten Tage weſentlich verändert. Von den eidweigernden waadtländiſchen Pfarrern war ein guter Theil abgereist und es trafen zu ihrem Erſatz etliche muntere Jungfräulein und junge Herren ein, die trotz ihrer blaſſen Geſichtsfarbe und ihres hektiſchen Körperbaues doch ein friſches Leben unter die Geſellſchaft von Lauwaſſertrinkern brachten. Man wurde äußerſt erfindungsreich in Erſinnung von allerlei Kurzweil, die trüben Tage abzukürzen und die langen Abende auszu⸗ füllen. Zuletzt kam man gar auf den Einfall, ſogenannte lebende Bilder darzuſtellen. Ein an den Geſellſchaftsſaal ſtoßendes Zimmer wurde mittelſt einiger Bretter zum Theater eingerichtet. Dann ſtöberte man das ganze Haus nach den unumgänglichen Requiſiten aus. Die Damen der Geſellſchaft mußten an Tüchern, Mänteln und Bändern hergeben, was irgendwie brauchbar war, nicht minder ihre Armſpangen, Ohrringe und Stecknadeln. Was ſonſt noch nöthig war, wurde durch mehr oder minder kunſtfertige Hände 26 in Papier und Pappdeckel ausgeführt. War dann Alles bereit, ſo ſtellte man ſämmtliche verfügbaren Lichtſtöcke des Hauſes vor dem Theater auf, und jener Theil der Geſellſchaft, der nicht ſelber mitmachte, wurde als nachſichtiges und dank⸗ bares Publikum zugelaſſen. So ſtellte das junge Volk mit Hülfe einiger Bettdecken, Unterröcke, farbiger Tücher und Halspelzchen zur Darſtellung der vorkommenden grauen Bärte die Geſchichte der Hagar, Rebekka am Brunnen, Joſeph in Egypten und andere erbau⸗ liche Hiſtorien vor, zur Unterhaltung der Zuſchauer ſowohl, als ganz vorzüglich zur beſondern Kurzweil und Beluſtigung der Spielenden ſelbſt. Der bleiche Graf hatte anfangs wenig Theil an der Sache genommen und gehörte zu denen, welche ſich am mei⸗ ſten über das Regenwetter ärgerten. Später jedoch, als ein guter Theil des in maleriſchen Gruppen darſtellbaren alten Teſtaments über die improviſirte Bühne gegangen war und man um ferneren Stoff verlegen wurde, erbot ſich der Graf, ſelber ein lebendes Bild zu arrangiren. Der Gegenſtand ſei eine Landesſage, die noch im Munde des Volkes lebe; er bitte ſich nur wenige Tage aus, um die nöthigen Vorberei⸗ tungen zu treffen. Dieſelben wurden ſehr heimlich betrieben. Nur wenige Auserwählte wurden in das Vertrauen gezogen, unter dieſen Elſeli J..... Das ſogenannte Theater wurde allen Uneingeweihten unzugänglich und Boten mit geheimen Auf⸗ trägen vom jungen Grafen nach Thun, man ſagte ſogar nach Bern, abgeſendet. Jedermann war durch dieſe geheimnißvolle Geſchäftigkeit äußerſt geſpannt, insbeſondere da es hieß, es ſei ſogar den Mitwirkenden nicht bekannt, wer die Haupt⸗ figur des Bildes, eine Freifrau von Weißenburg, darſtellen würde, Der bleiche Graf habe ſich vorbehalten, die betref⸗ fende junge Dame erſt am Abend der Vorſtellung einzuführen, und ſich alle indiskreten Fragen verbeten. 27 Endlich kam der erſehnte Abend heran. Die Thüren gegen den Geſellſchaftsſaal wurden aufgemacht und die Zu⸗ ſchauer eingelaſſen. Ein mit Tapeten überhangenes Gerüſt ſtellte den Söller einer alten Ritterburg vor. Im Hinter⸗ grund, mittelſt weniger kecker Pinſelſtriche auf eine Papier⸗ wand hingeworfen, öffnete ſich das Simmenthal mit ſeinen Bergen, Weiden und Tannenwäldern. Unter dem Söller im Vordergrund lag ein alter grauer Ritter erſtochen auf dem Boden, ein junger Ritter in reichen Gewändern, todtenblaß, mit zu Berg geſträubtem Haar, mit verſtörtem Blick nach der Leiche ſtarrend, ſchien im Begriff die Flucht zu ergreifen. Auf dem Altan ſtand in meergrünem Seidenkleid und alter⸗ thümlichem Spitzenkragen eine ſchlanke Frauengeſtalt; ihre Züge, obſchon keineswegs von untadelhafter Schönheit, hatten dennoch etwas räthſelhaft Feſſelndes, in den hellblauen Augen glühte ein faſt unheimliches Feuer, das braune Haar, über welches ein röthlicher Glanz ſchimmerte, war mit einer gol⸗ denen Kette umwunden. Die Hand, an der ein Ring mit rothem Edelſtein blinkte, hatte die Frau heranwinkend nach dem jungen Ritter ausgeſtreckt. Es war eine Geſtalt, wie von Holbein gemalt. Während die Figuren der Gruppe bewegungslos in ihren Stellungen verharrten, wurde zum Verſtändniß des Bildes, folgende, wie es hieß vom bleichen Grafen ſelber nach der Volksſage gedichtete Ballade vorgetragen: Der greiſe Herr Peter von Weißenburg War gar ein mannlicher Held. Nicht fehlte ihm blutiger Schlachten Ruhm, Nicht fehlte ihm Gut noch Geld; Nicht fehlt' es an Land und Leuten ihm Und an einem jungſchönen Weib, Das hatte der greiſe Herr Peter gefreit, Zu letzen den alten Leib. 28 „Und bin ich verhandelt und bin verkauft, „Mein Ehherr ein eiskalter Greis, „Und iſt der Lenz dem Winter vermählt, „Die Roſe dem dürren Reis; „So komm, du jungfeiner Buhle mein „Und hilf mir von meinem Leid. „Und wagſt du die kecke, die blut'ge That „Bas freu'n wir uns deſſ' allbeid'. Das Brieflein ſchickt ſie dem Buhlen zu, Der kam geritten zu Roß. „Willkommen, du feiner Rittersmann, „Willkommen auf meinem Schloß. „Und kommſt du geritten zur Weißenburg, „So will ich dein Wirth nun ſein. „Erlab' dich an meinem Wildpret und Fiſch, „An meinem rothperlenden Wein. „Und haſt du'nen kühnen Jägermuth, „So reiten wir morgen zur Birſch „Im dunklen Tann, in der wilden Schlucht „Da bergen ſich Bär und Hirſch. Kaum graute der Morgen, da weckt den Gemahl Schön Irmgard aus ſeiner Raſt. Bald ritt vom Schloſſe herab zur Jagd Herr Peter mit ſeinem Gaſt. Da ſtand Herrn Peter jungſchönes Weib Auf dem Soller im Morgenſchein; An ihrem Finger wie Gluth und Blut Blinkt ein rother Karfunkelſtein. „Und blinkſt du herüber wie Gluth und Blut „Du Ringlein an ihrer Hand, „So rinne um unſerer Liebe Gluth „Sein Blut auf den gelben Sand.“ Und ſtieß dem Herren von Weißenburg Den Jagdſpieß ſtracks in den Leib. „Glück auf, mein Buhle, du haſt erbirſcht „Ein Schloß und ein jungſchönes Weib.“ 29 Schön Irmgard rief's vom Söller herab. Nicht hört es der junge Fant. Sein Leib erzittert wie Eſpenlaub Und das Haar zu Berg ihm ſtand. Er jagte davon in wilder Flucht, Auf der Stirn des Mörders Mahl— Des alten Herren drei Rüden treu Hinterher durch das Siebenthal. Während des Vortrags der Dichtung konnten ſich die Zuſchauer das Bild mit Muße betrachten; nun aber wurde das Publikum erſucht, auf einige Augenblicke abzutreten. „Schön Irmgard“— ſo hieß die ſchöne Burgfrau— hatte Niemand erkannt. Man erſchöpfte ſich in Vermuthungen. Einige meinten, es möchte eine Kuriſtin des hintern Bades ſein, welche vom bleichen Grafen bewogen worden, incognito die ſchlimme Freifrau darzuſtellen; andere behaupteten, es ſei eine der ruſſiſchen Fürſtinnen, welche ſich ſeit einigen Monaten in Interlaken aufhielten und ſo viel von ſich reden machten. Man hoffte, das Räthſel werde ſich nun löſen, man werde die geheimnißvolle Frau von Weißenburg in der Nähe ſehen, mit ihr ſprechen, ihre Bekanntſchaft machen können. Als aber die Thüre zum Theater wieder aufging, war ſchön Irmgard verſchwunden. Selbſt von den Mitſpielenden wußte Niemand etwas Näheres, als daß die Freifrau in vollſtändigem Anzug vom Grafen aus Elſelis Zimmer geholt worden und gleich nach Beendigung der Vorſtellung ſpurlos verſchwunden ſei.— Mir ſelber ging erſt ein Licht auf, als mir Hans Pöhlen des andern Morgens zuraunte:„Habt Ihr Aenneli geſehen, Herr, geſtern Abend im Narrenkleide?— Warte der bleiche Satan, der ſie hiezu verführte, bis ich ihm einmal an den Kragen kann!“ ſetzte Hans, ſeinem beſondern Gedankengange folgend, leiſe bei. Nach Regen kommt Sonnenſchein. Auch in Weißenburg konnte man endlich wieder blauen Himmel ſehen. An einem der erſten Tage, nachdem ſich das Wetter wieder aufgehellt 30 hatte, war eines Morgens ein Blatt Papier im Trinkſaal angeſchlagen, worauf zu leſen ſtand, daß Abraham Feuz auf der Leiterweid heute Nachmittag Punkt drei Uhr auf dem Seile reiten würde, wozu eine hochachtbare Badegeſellſchaft auf's höflichſte eingeladen ſei. Nach Tiſche fand ſich eine ziemlich zahlreiche Partie zu⸗ ſammen, welche dem Seilritt des Abraham Feuz auf der Leiterweide beiwohnen wollte. Hans Pöhlen ſchritt als Füh⸗ rer voran. Zuerſt gings dem toſenden Buntſchibach entlang bis zum Köhlerplatz hinter dem alten Bad, dann faſt eine halbe Stunde lang am Abhang der Schlucht gäh bergan und endlich über die Höhe weg durch einen Forſt der ſchönſten Edeltannen. Wir ſeien an Ort und Stelle, ſagte endlich Hans Pöhlen. Wenige Schritte vor uns ſenkte ſich eine lothrechte Felswand in die Tiefe, wo vierhundert Fuß unter uns ein Wildbach zwiſchen Felsblöcken ſchäumte. Ebenfalls lothrecht erhob ſich jenſeits des Baches eine zweite Felswand. Auf dem jenſeitigen Rand dieſer ſchwindlichten, ungefähr achtzig Klafter breiten Erdſpalte und etwas höher als die Stelle, wo wir uns gelagert hatten, ſtand ein kleines brau⸗ nes Häuschen auf grüner Alp. Es war die Leiterweid, wo Abraham Feuz und ſeine zahlreiche Familie zu Hauſe waren. Wollten die Bewohner der Leiterweid unter die Leute gehen, zur Kirche, zur Schule oder zu Markt, ſo mußten ſie zum Theil über Leitern den gähen, gefährlichen Weg in die Schlucht hinab und jenſeits wieder hinauf. Einen andern Pfad von der Leiterweid in die bewohnte Welt gab es nicht. Da fiel es dem Abraham Feuz ein, ein langes, ſtarkes Tau über den Abgrund zu ſpannen. Auf das Tau ſetzte er ritt⸗ lings den Gabelaſt einer Hainbuche und befeſtigte an die beiden abwärts gekehrten, etwa fußlangen Zinken der Gabel loſe einen kurzen Strick. Das ſchräg über die gähnende Erdſpalte geſpannte Tau wurde zur luftigen Hanfbahn, der Gabelaſt zur improviſirten Lokomotive, welche pfeilſchnell ———-————————,— 31 darüber weggleiten mußte, und der loſe am Gabelaſt befeſtigte Strick zum ſchwindlichten Sitz. So ſchickte Abraham ſeine- Frau zur Kirche, ſeine Kinder zur Schule und brachte ſelbſt ſein Wildheu über die Schlucht, um es dann ins Thal hinab zu Markt zu tragen. Die Bahn von gedrehtem Hanf, welche er ſich zuerſt bloß zur Erleichterung ſeines Verkehrs mit der Welt errichtet, wurde ſpäter für ihn zu einer bedeutenden Einnahmsquelle. Während der Zeit, da ſich die meiſten Kurgäſte in Weißen⸗ burg befinden, läßt er je zuweilen Tag und Stunde verkün⸗ den, da er und ſeine Familie den gefährlichen Ritt über das Seil unternehmen werden. Bad Weißenburg hat der pikan⸗ ten Zerſtreuungsmittel wenige ſeinen Gäſten zu bieten. Da benutzt man denn in Ermangelung von Roulette und Schau⸗ ſpiel mit Freuden die Gelegenheit, möglicherweiſe ein oder mehrere Menſchenkinder den Hals brechen zu ſehen, und ſchenkt gern dem kecken Seilreiter, der unſer Gemüth mit aufregendem Schauer zu erfüllen wußte, ein paar Batzen. Auch der bleiche Graf war von der Partie und betrach⸗ tete die Vorbereitungen mit lebhaftem Intereſſe. Das lange ſtarke Tau war hüben und drüben an Tannen feſtgebunden, und zwar auf unſerer Seite etwas tiefer als auf der Leiter⸗ weid. Nicht lange hatten wir dießſeits des Abgrunds geharrt, ſo erſchien jenſeits der Aelpler mit ſeiner Familie. Der Gabelaſt, welcher über die ſchiefe Hanfbahn gleiten ſollte, wurde rittlings auf das Tau geſetzt und dann vom Vater ſelbſt mit großer Sorgfalt der Strick, der als Sitz dienen mußte, an die Gabel befeſtigt. Ein krausköpfiger, nußbrauner Bube mit trotzigem Blick ſetzte ſich in die Schlinge, faßte mit der Linken die Gabel, mit der Rechten, deren Haut durch ein Büſchel Heu vor der Reibung geſchützt war, das Tau. Der Vater ließ ihn los, und wie ein Blitz gings am ſchiefen Seil über den Abgrund. Ein Schauer überlief uns, aber in zwei Augenblicken ſtand der Knabe wohlbehalten vor uns. 32 Nach dem Buben machte ein kleines Mädchen die halsbrechende Fahrt; lächelnden Mundes und mit natürlicher Anmuth grüßend langte es an. Zuletzt kam der Vater, in einem Grasbogen eine Ziege vor ſich herſchiebend. Abraham Feuz ward von der Geſellſchaft mit einem lauten Bravoruf empfangen und der Seilreiter wurde von allen mit neugierigen Blicken gemuſtert. Man mochte es ihm leicht anſehen, daß auf der Leiterweid die Biſſen ſchmal zu⸗ gemeſſen wurden; er war klein, knochig und mager; nichts deſto weniger ſchien er von zähem Holz, flink und keck, eine ächte ſiebenthaler Geißennatur. Sein Geſicht war von Wind und Wetter gebräunt wie gebeiztes Nußbaumholz, ſeine Klei— der von ſelbſtgezogener brauner Wolle und ſein Hütchen von braunem Filz; von Kopf zu Fuß alles von Einer Farbe, als wären Hut, Haut und Hoſen aus Einem Stück. Wohlzu⸗ frieden mit unſerer Munificenz erklärte er uns umſtändlich und im Einzelnen ſeine Kunſt. Mit einer Hand müſſe man ſich am Gabelaſt halten, ſonſt würde man aus der Schlinge, in welcher man ſitze, herausgeriſſen werden. Die andere Hand am großen Tau diene als Radſchuh, um die allzugroße Schnelligkeit der Fahrt nach Nothbedarf zu mäßigen, da man ſonſt Gefahr laufe, mit Gewalt an's jenſeitige Bord geſchleu⸗ dert zu werden. Als Abraham Feuz mit ſeiner Erklärung zu Ende war, meinte der bleiche Graf, ein ſolcher Seilritt ſcheine gefährlicher als er in Wirklichkeit ſei; man ſitze ja in der Schlinge ſo ſicher wie auf einem Stuhl; die ganze Kunſt beſtehe in weiter nichts als in einem bischen Muth. Der Seilreiter ſchaute ihn lächelnd aus ſeinen ſchlauen Augen an und einer aus der Geſellſchaft äußerte ſich ſpöttiſch, ſolche Reden ſeien gut führen, wenn man dabei auf feſtem Boden ſtehe. Empſindlich er⸗ wiederte der Graf, er bleibe bei dem, was er geſagt, und um es der Geſellſchaft zu beweiſen, werde er ſelber über das Seil reiten. Dagegen erhob jedoch der braune Aelpler die entſe aus dami der Sch bund Sch geſch ſeine Der dien auch hab der Abr ihm jen ſch wu ich no zu ab 3 me mi 33 entſchiedenſte Einſprache. Das Kunſtſtück ſehe freilich leicht aus von weitem; es habe aber ſchon mehr als Einer, der damit groß thun wollte, ſeinen Vorwitz ſchwer gebüßt; einen, der das Tau nicht feſt genug gehalten, habe die Gewalt des Schwungs an die Tanne geworfen, an der das Seil ange⸗ bunden ſei, einen andern habe mitten auf der Fahrt der Schwindel erfaßt und er ſei in die Tiefe geſtürzt, von den geſchundenen Händen gar nicht zu reden, welche er ſelber und ſeine Kinder zum öftern davontrügen. Half aber alles nichts. Der bleiche Graf bat die Geſellſchaft, ihm als Zeugen zu dienen, daß er ſich keines Werks berühmt, welches er nicht auch auszuführen unternehme; man möge die Gefälligkeit haben, zu warten, bis er den Umweg durch die Schlucht nach der Leiterweid hinüber gemacht. Schließlich mochte auch Abraham Feuz den paar Thalern nicht widerſtehen, welche ihm der Graf für ſeine Beihülfe bot. Es verging faſt ein Stündchen, bis wir ihn auf der jenſeitigen Höhe erſcheinen ſahen. In der äußerſten Spannung ſchauten wir den Vorbereitungen zu, welche drüben gemacht wurden. Die Damen jammerten um das iunge Blut, welches ſich ſo muthwillig in Gefahr begebe; einige Zweifler boten noch Wetten an, der bleiche Graf werde das Wagſtück nicht zu Ende führen. Hans Pöhlen, unſer Führer, ſaß etwas abſeits und blickte finſter und mit lauerndem Auge nach dem Beginnen des Herrleins, das ihm ſein Aenneli abwendig ge⸗ macht, wovon jedoch kaum jemand in der Geſellſchaft außer mir eine Ahnung hatte. Endlich waren auf der Leiterweid die Anſtalten getroffen. Furchtlos ſetzte ſich der bleiche Graf in die Schlinge des Gabelaſtes; der alte Seilreiter ſchob ihm ein tüchtiges Büſchel Heu in die Rechte, welcher bei allzuraſcher Fahrt die Verrich— tung des Bremſens oblag. Noch ein Augenblick, und der Graf flog, während uns allen der Athem ſtockte, über den Abgrund hin. 34 Bis über die Mitte des Taus ging die Fahrt ganz glück⸗ lich von ſtatten. Das Tau konnte wegen ſeiner Länge nicht ſtraff geſpannt ſein; von ſeiner jenſeitigen Befeſtigung an hing es erſt ziemlich ſchief abwärts, gegen den dießſeitigen Rand der Erdſpalte lief es dann wieder etwas aufwärts. Der während der erſten Hälfte der Fahrt erhaltene Schwung mußte den Seilreiter gegen das Ende ſeiner Luftreiſe wieder bergan treiben, ungefähr ſo, wie es auf einer ruſſiſchen Rutſchbahn geſchieht. Wie es ſcheint, hatte der Graf zu Anfang des Ritts mit der Rechten ſtärker als nöthig gebremst, oder es hatte ſich das Tau von den wiederholten Fahrten geſtreckt und hing nun ſchlaffer als ſonſt über dem Abgrund. So kam's, daß alsbald der Ritt langſamer und langſamer wurde, und ungefähr zehn Klafter vom dießſeitigen Rand blieb end⸗ lich der Graf gänzlich ſtecken. Ein Schreckensſchrei entfuhr den Damen. Da hing das junge Herrlein vierhundert Fuß über dem dumpf in der Tiefe toſenden Bach, als Sitz einen dünnen Strick, und konnte nicht vorwärts, nicht rückwärts. Von drüben rief Abraham Feuz, der Herr ſolle ſich mit beiden Händen am Tau aufwärts arbeiten, aber von unſerem Stand⸗ punkt aus war deutlich zu ſehen, wie des Grafen Augen ſich größer und größer öffneten und ſein dunkles Haar ſich zu ſträuben begann. Er hatte genug zu thun, ſich des Schwindels zu erwehren. „Helft, um's Himmels Willen helft!“ rief er.„Helft!“ riefen wir dem Seilreiter nach der Lèiterweid hinüber.„Das Seil iſt ſchon ſeit zwei Jahren an Wind und Wetter; ich traue, es wird das Gewicht von zwei Mannen kaum ertragen; ich habe Frau und Kind,“ rief Abraham Feuz zurück. Jam⸗ mernd hielten ſich die Frauen die Taſchentücher vor die Augen, rathlos ſtanden wir andern am Rand der Schlucht. Da trat, plötzlich entſchloſſen, mit dem Ruf:„Laßt mich machen“! Hans Pöhlen herzu. A Ln 36 Ohne langes Beſinnen raffte er etliche Stricke zu⸗ ſammen, mit welchen die Ziege im Grasbogen feſtgebunden geweſen, warf ſie über das Tau, ſetzte ſich in die Schlinge und rutſchte vorſichtig bis zum Grafen hinunter. Zuvor aber flüſterte er mir noch heimlich in's Ohr:„Ich laß's Aenneli grüßen, falls ich mit dem Gräflein einen Flug in den Bach hinab mache.“— All dieſes war ſo raſch gekommen, daß mir keine Zeit blieb, über den Sinn dieſer Worte nachzudenken. In athemloſer Spannung ſchaute ich gleich den übrigen dem Unterfangen zu. Zwei Schritte vom Grafen hielt Hans Pöhlen ſtill. „Helft, um meiner Mutter willen, helft!“ rief jener.„Schon tanzen die Berge und die Tannen wie Kreiſel um mich herum.“ — Hans Pöhlen zog kalt ſein Meſſer hervor und legte es an das große Tau. Krampfhaft wollte der Graf darnach greifen, aber der Führer rutſchte zurück, bis er ſich aus dem Bereich ſeines Arms befand. Was Hans nun zum Grafen ſprach, das ſagte er ſo leiſe, daß wir es nicht hören konnten. Dieſer erwiederte erſt zornig, dann bittend. Der Führer hielt dabei immerfort das Meſſer am Tau, als ob er es mit einem Ruck entzwei ſchneiden wollte. Endlich erhob der bleiche Graf ſeine Hand, als wie zu einem feierlichen Schwur. Gleich darauf ſteckte Hans Pöhlen das Meſſer ein, nahm ſeine Stricke zur Hand, band mit dem einen den Grafen am Gabelaſt feſt, ſchlang das Ende des andern um deſſen Leib und arbeitete ſich dann, das andere Ende mit ſich nehmend, wieder zum Rand der Schlucht zurück, wo wir ſeiner in banger Erwartung harrten. Sobald er einmal auf feſtem Grunde ſtand, ge⸗ lang es unſern vereinten Kräften mit leichter Mühe, den Grafen vermittelſt des Stricks, deſſen Ende um ſeinen Leib geſchlungen war, am großen Tau zu uns herauf zu ziehen. Als ſich der Graf etwas erholt hatte, traten wir den Rückweg in's Bad an. Das erlebte Abenteuer war unterwegs der ausſchließliche Geſprächsſtoff und jeder Umſtand wurde her gen gin laſſ Bre zur neb M Wo Bei we 37 herausgehoben und beleuchtet. Was er mit ſeinem Meſſer gewollt, als er dem Grafen auf das Tau hinaus zu Hülfe ging? fragte jemand unſern Führer.„Dem Herrn zur Ader laſſen, wenn ihm„g'ſchmuecht“*) worden wäre; das iſt ſo Brauch bei den Bergführern,“ gab Hans Pöhlen kurzweg zur Antwort. Der Graf ging ſtill, ernſt und bläſſer als je nebenher. Pater J..... und Elſeli gehörten zu den erſten, welche Weißenburg verließen; die Heuernte rief den Alten nach Hauſe. Bei ſeiner Abreiſe lud er wiederholt die Gräfin, ihren Sohn und mich, die wir ſeine Tiſchnachbarn waren, ein, ihn, bevor wir das Siebenthal verließen, zu beſuchen. Der Gräfin war die Gefahr, welche ihren Sohn bedroht hatte, in Folge ſeiner dringenden Bitten verſchwiegen worden. Der Graf aber war ſeither wie verwandelt; ſeine Munterkeit war hin, ſeine Spaziergänge im Waldesduft hatten ein Ende. Seinem Lebensretter, dem wackern Hans Pöhlen, ging er, wo er ihn traf, aus dem Wege. Die Kur ſchlage ihm ſchlecht an, die Luft ſei ihm zu rauh in dieſen Bergen, klagte er der Mutter; er wolle fort nach Italien. Des Sohnes Wunſch war der Mutter Wille. Vor der Abreiſe ſollte jedoch noch der Beſuch bei Vater J..... ſtattfinden. Die Gräfin wollte das goldhaarige Elſeli noch einmal ſehen. Zudem mußte mit dem Alten wegen der Weißenburg Rückſprache genommen werden. Es war begreiflich, daß bei bewandten veränderten Umſtänden von Erwerbung der Ruine und deren Wiederauf⸗ bau keine Rede mehr ſein konnte. Die Gräfin lud mich ein, ſie zu begleiten. *) G'ſchmuecht= ohnmächtig. 39 Wer kennt nicht die rothbraunen hölzernen Häuſer des Berner Oberlandes mit ihren flachen, mit Steinen belaſteten Schindeldächern, mit ihren gleich Brabanter Spitzen ausge⸗ ſchnittenen Laubengeländern, mit ihren zierlich geſchnitzten Balkenköpfen und den langen Reihen ihrer in der Sonne glitzernden Fenſter? Wer noch keines an Ort und Stelle geſehen, dem wurde doch gewiß von einem Freund oder einer Freundin ein ſolches ſauber in Baumwolle verpackt von einer Schweizerreiſe als Angedenken heimgebracht. In einem der ſchönen Dörfer des Simmenthals ſtand Pater J....., des Simmenthaler Millionärs, hölzernes Haus. Deſſelben Dach war wie alle andern mit großen Feld⸗ ſteinen beſchwert, aber die Laubengeländer und Balkenköpfe kunſtreicher und geſchmackvoller ausgeſchnitten als die der meiſten andern Häuſer. Auch ſchienen die Fenſter an der mit⸗ täglichen Giebelfront größer und von hellerem Glas. Im übrigen ſah das ganze hölzerne Haus ſo ſauber und nett aus, als wär's ein Rieſenſpielzeug, ſo eben aus der Schachtel ge⸗ hoben. Zwiſchen den Stockwerken der Giebelfront ſah man weißgetünchte Bänder über das rothbraune Holzwerk gezogen, welche, dem Vorübergehenden zur Nachricht und Erbauung, mit zierlich verſchnörkelter Frakturſchrift bemalt waren. Zwi⸗ ſchen den Fenſtern des Erdgeſchoſſes und erſten Stockwerkes ſtand der fromme Spruch: „O lieber Gott, das Haus bewahr' Vor Waſſersnoth und Feuersgefahr! Wer darin gehet aus und ein, Woll' deinem Schutz befohlen ſein.“ Unter den Fenſtern des zweiten Stockwerks war zu leſen: „Chriſten J..... und Roſina Z'wald, ſeine Ehefrau, haben dieß Haus laſſen bauen.“— Unter den Dachkammerfenſtern ſtand der Name des ehrbaren und geſchickten Zimmermeiſters Jakob Dällenbach“, und ganz oben im Giebel ſah man die Jahreszahl 1753. 40 Dem Hausherrn, der uns auf's freundlichſte am Wagen⸗ ſchlag empfing, bemerkte die Gräfin neckend, er halte es mit ſeinem Haus wie mancher Herr von neugebackener Nobleſſe mit ſeinem Adelsbrief und habe daſſelbe um hundert Jahre vordatirt. Offenbar ſeien es noch keine drei Jahre her, ſeit es gebaut worden. Vater J..... erwiederte lächelnd, Chriſten J..... und Roſina Z'wald ſeien ſeine Großeltern geweſen; daß die äußern Wände noch ſo neu ausſehen, komme daher, weil ſie jährlich ein oder zweimal mit warmer Seifenlauge gewaſchen würden, was überall im Siebenthal, wo man noch auf Ordnung und Reinlichkeit halte, Brauch und Uebung ſei.— Den ehrbaren Jakob Dällenbach habe ſein Werk jetzt ſchon um mehr als ein halbes Jahrhundert überdauert.— Es dürfe, fügte der Alte bei, der Meiſter, der ſolch ein hölzernes Haus zu bauen verſtehe, mit Fug und Recht ſeinen Namen darauf ſetzen; zu ſolch beſcheidenem Bau bedürfe es größerer Kunſt als man meinen ſollte. Durchweg werde grünes Holz dazu verwendet, wie es aus dem Walde komme; da müſſe denn jedes Stück ſo zugeſchnitten werden, daß es nach dem Eintrocknen das rechte Maaß behalte, ſonſt würde das Bauwerk ſchon im erſten Jahr aus den Fugen fallen. Wie viel das ſtehende, wie viel das liegende Holz abdorrt, wiſſe ein geſchickter Zimmermeiſter auf den Viertelszoll auszurechnen. Nach dieſer Apologie der Zimmerleute des Simmenthals führte uns Vater J..... die Tréppe hinauf auf die Laube und von dort in ſeine Staatszimmer. Das hatte die dicke Gräfin nicht erwartet: Stühle und Sophas vom köſtlichſten Holz, große Spiegel mit vergoldeten Rahmen, die feinſten Pariſer Tapeten, und ſogar ein koſtbares Clavier. „Sie ſind ja logirt wie ein Prinz,“ meinte die Gräfin. —„Weibereitelkeit!“ lachte Vater J....„Da war keine Ruh und kein Frieden, bis man allerlei Zeug aus der Fremde beſchickt hatte, welches ſich in ein hölzernes Haus hineinſchickt wie eine Fauſt auf ein Auge.“—„Wart nur, Großvater!“ 411 erwiederte Elſeli.„Zu deiner Strafe will ich die Herrſchaften in deine Rauchkammer führen.“ Und griff ohne weiteres die dicke Gräfin am Arm und zog ſie zur Thüre hinaus und die Treppe hinunter. Der Alte folgte uns ſcheltend und lachend in ſein Heiligthum. Hier waren nun freilich weder Sammt noch Seide, weder Pariſer Tapeten noch vergoldete Spiegelrahmen zu ſehen ⸗ Ein dunkles Täfelwerk von Nußbaumholz bekleidete Wände und Decke. Vor einem Tiſch, auf welchem Bücher und Schriften lagen, ſtand ein Lehnſtnhl mit braunem Lederpolſter. An den Wänden ſah man kunſtreich geſchnitzte Schränke und Truhen von Nußbaum⸗ und Eichenholz. In einem Winkel ſurrte eine Schwarzwälderuhr. So war in dieſer Stube alles in die ernſte, braune Simmenthaler Livree gekleidet. Aber durch das weinlaubumrankte Fenſter ſchien die goldene Sonne herein und übergoß die alten Möbeln und die Wände mit warmen behaglichen Farbentönen.—„Jetzt müſſen wir wieder hinauf, ſonſt wird der Großvater höhn“(böſe), mahnte Elſeli, nachdem es uns einige Augenblicke gegönnt hatte, das nieder⸗ ländiſche Stillleben zu betrachten. Oben in den Staatszimmern waren unterdeſſen einige Erfriſchungen aufgetragen worden, Kaffee im feinſten Porzellan, hundertjähriger Saanenkäſe, goldgelbe Butter, Honig und das Simmenthaler Nationalgericht, Kirſchmus, welches aus dem mit einem Zuſatz von fettem Rahm über gelindem Feuer ein⸗ gekochten Saft der kleinen wilden Bergkirſche beſteht. Wer den Kaffee nicht mochte, dem wurde ein vortrefflicher rother Wein eingeſchenkt, welcher vom Wallis her in kleinen Fäſſern entweder auf Saumthieren oder auf dem Rücken der Träger über den Sanetſch gebracht worden war; dazu nach Belieben entweder kräftiges braunes Roggenbrod pder Backwerk vom weißeſten Weizenmehl. Nach dem Abendimbis ſchritt man zu den Geſchäften und es wurde dem Herrn Notar mitgetheilt, daß die Gräfin auf 42 den Ankauf der Weißenburg Verzicht geleiſtet habe. Schließ⸗ lich äußerte die Gräfin ihr herzliches Bedauern, daß ihr nun die Gelegenheit entgehen würde, die Bekanntſchaft des alten Adels der Umgegend zu machen, die Träger der Namen der Burgen und Schlöſſer, welche als Denkmäler alter Ritterzeit von ſo manchem Hügel und Felſen hernieder ſchauen.— Vater J..... lächelte ſchalkhaft in den Bart. Er habe, meinte er, eben einige im Hauſe und mache ſich ein Vergnü⸗ gen daraus, dieſelben der gnädigen Frau vorzuſtellen. Man war in's Freie gegangen und ſaß in der Abend⸗ kühle vor dem Hauſe. Nicht weit von uns dengelte ein Knecht ſeine Senſe, ein zweiter führte auf hochbeladenem Schubkar⸗ ren den Dünger aus dem Stall; eine Magd molk auf einem kleinen Weideplätzchen vor dem Haus zwei Kühe. Der mit der Senſe, fuhr Vater J... zur Gräfin gewendet fort, ſei ein von Allmen, jener mit dem Schubkarren gehöre zum Geſchlecht der von Gunten und das melkende Mäd⸗ chen ſtamme von einer der älteſten Familien des Oberlandes, von den ab Planalp. Es wären ſonſt noch mehrere da, aber der Hans von Ringoldingen ſei eben mit einem Pferde in die Schmiede geritten und der Chriſten ab Egg⸗ len ziehe als Käſer im Sommer mit den Heerden nach den höhern Alpen. Ganz betroffen ſchaute die dicke Gräfin bald den Alten, bald die Knechte und Mägde mit den adeligen Namen an und wußte nicht recht, ob ſie gefoppt werde oder träume. Ihr Erſtaunen brach endlich in den Ausruf aus:„Unmöglich!“ —„Es iſt ſchon ſo,“ beſtätigte unſer Wirth.„Es gab eine Zeit, da ſaßen die Vorfahren dieſer Leute auf ſtolzen Burgen, und unſere Urväter, die Imoberſteg und Z'wald und Tönen u. ſ. w. waren ihre Hörigen und mußten ihnen dienen. Dann kam der Bär mit ſeiner ſchweren Tatze und ſchlug die Bur⸗ gen und die Schlöſſer nieder; wir aber mußten dem Land⸗ vogt dienen ſtatt dem Schloßherrn. Da hat ſich das Rad 75 — ĩ72 41 2—„¾ͤA— 43 wieder etwas gedreht; Michel von Allmen muß mir mein Gras mähen und Mädeli ab Planalp melkt mir meine Kühe; aber die Stimme des Siebenthalers wiegt gleich ſchwer, wie die des Herren von Bern, deſſen Vater einſt als Landvogt zu Wimmis auf dem Schloſſe ſaß. So läuft eben die Welt⸗ geſchichte.“— Die dicke Gräfin ſeufzte:„Hier iſt kein Bo⸗ den, alte Burgen wieder aufzubauen.“ „Seht,“ rief jetzt Vater J.....„Da kommt gar Einer vom allerälteſten Adel, wie die Sage geht, der letzte Sproſſe des freiherrlichen Geſchlechts derer von Weißenburg.“ — Wirklich ſchritt der verwitterte Waſſerträger des hintern Bades mit ſeinem ſchweren Tragkorb und ſeinem langen Stecken des Weges daher.—„Woher, Peter von Sieben⸗ thal?“—„Vom Stockenſee,“ antwortete der Mann,„wo ich für die Herrſchaften im Bad Forellen holte. S'iſt ein ſaures Verdienen!“ fügte er, den Schweiß wiſchend, bei.—„He, Mädeli ab Planalp! hole dem Peter von Siebenthal ein Glas Wein; er ſoll's auf unſere Geſundheit leeren.“ So pikant die Scene an und für ſich war, ſo ſchien doch der dicken Gräfin höchſt unbehaglich dabei zu werden. Auch der bleiche Graf, der ſchweigſam und hüſtelnd den Ausflug mitgemacht hatte, wurde ſeit dem Erſcheinen des Peters von Siebenthal unruhig und drängte fort. Von Gunten und von Allmen ſpannten uns den Wagen ein und nahmen mit Dank das dargereichte Trinkgeld. Die dicke Gräfin und ihr bleicher Sohn hatten von nun an keine Ruhe mehr in Weißenburg. Nach wenigen Tagen reisten ſie ab. Ihre Reiſe ging über Saanen nach Vevey an den Genfer See, von wo ſie dann im Herbſt über den Simplon nach Italien wollten. Vor ſeiner Abreiſe ſchrieb der bleiche Graf folgende Strophen auf die hölzerne Bank beim Waſſerfall: 44 Im tiefen Felſenbette Tost laut der Buntſchibach; Es ächzt der Wind im Walde, Wie aus kranker Bruſt ein leiſes Ach. Es flimmern die Kerzen, es rauſchen Die ſeidnen Gewänder im Saal; Es ſchallen Scherz und Lachen Der fröhlichen Brunnengäſte allzumal. Da färben ſich blaſſe Wangen, Wie Abends der Gletſcher Schnee; Da funkeln feuchte Augen, Wie in dunkler Nacht ein Stern im See. „Ade! Ich reiſe morgen— „Ade, ihr Genoſſen mein! „Wir wollen uns drob nicht grämen; „Es muß doch einmal geſchieden ſein. „Und wenn die Bergroſen blühen „Ueber's Jahr am Gantriſchhorn, „Da finden wir uns ja wieder „An Weißenburgs lauem Waſſerborn. „Und kehren nicht Alle wieder, „Und bleiben drei Sitze leer, „So zeichnet drei Kreuze darüber, „Und tragt's im Herzen nicht allzuſchwer.“ In tiefem Felſenbette Tost laut der Buntſchibach; Es rauſcht der Wind im Walde, Wie todter Lieben leiſes Ach Nicht lange gings, ſo war auch meine Kurzeit abgelau⸗ fen. Mein Gepäck mußte mir Hans Pöhlen in's Dorf hin⸗ untertragen. Ernſthaft ging derſelbe neben mir her. Meine Neugierde trieb mich zu der Frage:„Was haſt du mit dem bleichen Grafen angefangen, da du mit ihm bei der Leiter⸗ weid am Seile hingſt? Ich hatte gefürchtet, du wolleſt ihn 45 in den Abgrund fliegen laſſen, da du mir den Gruß an's Aenneli auftrugſt und dann auf dem Seil dein Meſſer zogſt. Wider Erwarten brachteſt du deinen Nebenbuhler auf feſten Grund; der nun gibt das Mädchen auf und ſchiebt ſich außer Landes. Verſtehe das, wer's kann!“—„Das Gräflein mußte mir's ſchwören, als wir beide an einem Faden zwiſchen Himmel und Erde hingen.“—„Und ſchwur er's nicht?“— „So hätte ich mit meinem Meſſer das Seil durchſchnitten. Ein Wunder, wenn dann noch mehr als eines Fingers lang ganze Knochen von einem von uns beiden gefunden worden wäre unten im Bach.“—„Und mochteſt dem Aenneli ſein Glück nicht gönnen?“—„Sein Glück? Iſt's ein Glück für ein Mäd⸗ chen, von einem hergelaufenen vornehmen Herrn zum Narren gehalten, und wenn ſeine Laune vorbei, ſitzen gelaſſen zu werden? Hier zu Land führt ein ſolches Glück die Mädchen ſchließlich in's Siechenhaus. Dahin ſoll Aenneli nicht!“ Ge⸗ gen das, was Hans Pöhlen da ſagte, war freilich nicht viel Triftiges einzuwenden. So ſchied ich von Weißenburg und erfuhr ein Jahr lang durchaus nichts, weder von der dicken Gräfin und ihrem bleichen Sohne, noch von Hans Pöhlen, Aenneli von Sie⸗ benthal, Vater J.... oder dem blonden Elſeli. Als des andern Sommers die Bergroſen wieder blühten am Gantriſchhorn, zog es mich, der Quellennymphe noch einmal einen kurzen Beſuch abzuſtatten. Es drängte mich die Bekannten aufzuſuchen, mit denen ich am Waſſerfall, auf der Engländerbank und im Pavillon ſo manche trauliche Stunde verplaudert; es drängte mich die Fäden des Romans wieder aufzufinden, welche der bleiche Graf und Aenneli von Siebenthal in einander geſchlungen, und die dann Hans Pöhlen zwiſchen Himmel und Erde hängend zerriſſen hatte; es drängte mich zu erfahren, welchen der Namen, die ich voriges Jahr in meine Brieftaſche geſchrieben, ein Kreuz bei⸗ zuſetzen ſei. 46 Beim Wirthshaus im Dorf Weißenburg harrte wie ehe⸗ dem das alte tückiſche Maulthier auf die ankommenden Bade⸗ gäſte. Dagegen ſah ich mich umſonſt nach meinem Freunde Hans Pöhlen um. Es mangelte zwar nicht an ſehnigten Simmenthalern, mir mein leichtes Gepäck nach dem Bade zu tragen; was wußten dieſe aber von Aenneli mit den„blitz⸗ blauen“ Augen und dem bleichen Grafen? Meine erſte Frage an den Träger, der mit meinem Nachtſack vor mir her den Berg hinan ſchritt, lautete:„Was iſt aus deinem Kamera⸗ den geworden, der ſo hübſch johlen konnte?“—„Hans Pöh⸗ len iſt dieſen Mai nach Amerika.“—„Was hat ihn fortge⸗ trieben aus ſeinem grünen Siebenthal, da ja nach ſeiner Meinung kein ſchönerer Fleck Erde unter der Sonne ſteht?“ —„Das iſt eine dumme Geſchichte,“ erwiderte der Träger. „Wegen einem Mädchen kam es ſo. Hat ſich faſt hinterſinnt, der Hans, weil das Ding nichts von ihm wiſſen mochte. War wohl der Mühe werth! Hat ja kaum den Kittel eigen, den es auf dem Leibe trägt, und fehlt ihm dazu noch im Oberſtübchen.“— Armer Hans Pöhlen! dein Seilritt hat dir alſo doch keine Roſen gebracht. Um das neue Bad herum wimmelte es wie ehedem von ſchmächtigen Männern, ſchmal zwiſchen den Schultern und langen Halſes, von Mädchen und Frauen mit den verdäch⸗ tigen Röslein auf den Backenknochen und dem unheimlichen, feuchten Glanz de Augen: bekannte und unbekannte Geſichter. Vor allem freute es mich, Vater J..... wiederzuſehen, der nach alter Gewohnheit gekommen war, ſich ſeine Muſterkarte aaus der großen Welt zu ſtudiren, aber dießmal allein. Seine G Enkelin, das Elſeli mit dem goldfarbigen Haar, befand ſich zur Vollendung ihrer Erziehung in einer Bildungsanſtalt in Genf. 1 Als Herr Müller nach Tiſch ein paar Minuten frei hatte, mußte er mir Bericht erſtatten. Ein Dutzend Kreuze hatte ich bereits in der Brieftaſche.„Und der bleiche Graf?“ 9 hü 47 Herr Müller zuckte mit den Achſeln:„Auch ein Kreuz! ich hörte, er liege ſeit letztem März in Nizza begraben.“ Indem ich meinen dreizehn Kreuzen in der Brieftaſche nachſann, zog es mich nach dem toſenden Buntſchibach, nach dem Wald, in dem der Wind ſo unheimlich ächzte. Es zog mich dem Bach nach abwärts zum Hügel, wo das Gemäuer der Weißenburg ſteht. Faſt noch dichter als im letzten Jahr wucherten hier Dornen und Geſtrüpp. Endlich entdeckte ich einen kaum bemerkbaren Pfad und ſchlich mich leiſe zu den grauen Trümmern hinan. Am Fuße des weſtlichen Thurmes mit dem Spitzbogenfenſter, deſſen verwittertes Haupt die Ruine überragt, weideten drei Geißen. Die Sonne neigte ſich gegen Abend und überfluthete die Burg, den Wald, das Thal mit ihren goldgelben Strahlen. Ich ſtand hinter einem Strauch verſteckt und ſpähte. Da ſah ich im Spitzbogenfen⸗ ſter des Thurms ein ſonderbares, fremdartiges Weſen er⸗ ſcheinen. Eine ſchlanke Frauengeſtalt war's in meergrünem Seidenkleid und alterthümlichem Spitzkragen; um ihr brau⸗ nes Haar, über welches ein röthlicher Glanz ſchimmerte, war eine goldene Kette gewunden, an ihrer Hand glitzerte ein goldener Ring mit rothem Stein, ihre hellblauen Augen glühten unheimlich wie zwei Leuchtwürmer. Sie ſchaute in's Thal hinab nach der Straße, die von Saanen und vom Genfer See herführt. Wenn ein Reiſewagen daher gefahren kam, färbte ſich ihr Geſicht, ſie erhob die Hand mit dem Ring, als ob ſie ein Zeichen geben wollte. Fuhr dann der Wagen durchs Dorf weiter thalabwärts, ſo ſank ihre Hand und ihre Wangen wurden wieder blaß; aber unbeweglich blieb ſie unter dem Thurmfenſter ſtehen. Durch das dichte Tannengebüſch den Blicken des ſonder⸗ baren Weſens verborgen, genoß ich mit Neugierde und leiſem Grauen des unheimlichen Schauſpiels, von dem ich mich nicht loszureißen vermochte. Als endlich die Sonne untergegangen war und die Nacht hereinbrach, verſchwand die Erſchei⸗ 48 nung am Spitzbogenfenſter.— Bald darauf trieb Aenneli von Siebenthal im braunen Kittel, barfuß, geſenkten Kopfes und mit traurigen Mienen, meiner nicht achtend, ihre Geißen an mir vorüber ihrer Hütte zu. Peterli, der verlorne Sohn. Erſtes Napitel. Bauer oder Herr? ir lenken das Auge des * geehrten und wißbegie⸗ rigen Leſers an einen Ort, welcher eigentlich für die neugierigſten Blicke ein unzu⸗ gängliches Heiligthum ſein ſollte, nämlich hinter die roth und weiß geeckſteinten Vorhänge, welche das breite Ehebett um⸗ geben, in dem der Schnabelbauer bei der Schnabelbäurin unter einem viertelzentnerigen Dakbett liegt. Nicht als ob wir Peterli's Geſchichte ſo gar vom Anfang des Anfangs an zu erzählen anfangen wollten,— etwa vom Ei der Leda an, wie die Gelehrten ſagen würden, welche Leda im Vorbeigehen bemerkt eine Jungfer war, die Eier legte, was heut zu Tag nicht mehr vorkommt, obſchon es noch genug Jungfern gibt zu Stadt und Land, welche Hühner ſind, nämlich Niſthühner, 4 50 aber keine Eier legen. Eine Lebensgeſchichte ſo früh anzu⸗ fangen würde ſich heutzutage nicht ſchicen. Da wo wir be— ginnen wollen, trägt Peterli ſchon ſeine neunzehn bis zwanzig Jahre auf dem Rücken und hinter den roth und weiß geeck⸗ ſteinten Vorhängen des Ehebettes des Schnabelbauers handelt es ſich nur mehr um die künftige Laufbahn auf welcher Peterli, des Ehepaares letztgeborenes Söhnchen, durch's Leben rutſchen ſoll. Er ſei der Meinung, ſprach der Mann, Peterli ſolle werden, was der Vater iſt und der Großvater war,— Schnabelbur.„Sei doch nicht ſo dumm, Hansli, entgegnete die Frau; der Peterli iſt zu etwas Führnehmerem beſtimmt, als ſeiner Lebtage ein Muttenſtüpfer zu bleiben, wie du einer biſt. War er nicht ein gar Geſchickter in der Schule und immer von den Erſten?“ Er glaub's bigoſt wohl, ſchaltete der Schnabelbauer ein:„haſt dem Schulmeiſter allemal faſt eine halbe Sau z'Wurſteten geſchickt.“„Aber ſein herrſcheligs Weſen in allen Stücken!— fuhr die Mutter fort. Iſt ihm nicht das Schaffen ärger zuwider als Purgaz? ißt er je einen geſchwellten Erdäpfel, wenn ich ihm nicht Anken und Käs dazu aufſtelle?“ Ginge es nach ſeinem Sinn, meinte der Schnabelbauer, er hätte den Herrn längſt ſchon aus dem Peterli ausgetrieben und zwar mit dem Munizänner. Mit Einem, dem das Schaffen und die geſchwellten Erdäpfel zu⸗ wieder ſeien, komm's allweg nicht gut.„Das verſtehſt du nicht beſſer, Hansli, widerredete die Bäurin. Peterli gehört nicht in's Dorf zum groben Bauernvolk, ſondern in die Stadt zu den Herrenleuten. Da kann's ihm gar nicht fehlen. Erſt laſſen wir ihn ſtudiren, etwa ein halbes Jahr; dann geht er als Schreiber in eine Amtſchreiberei oder zu einem Fürſprech. Einmal ſo weit, iſt er bald oben aus. Er fängt an Geſchäfte zu machen, verdient Geld wie Laub, bekommt bald einen guten Pfoſten, kauft ſich ein Haus in der Stadt, nimmt eine Frau, aber eine reiche und fürnehme. Dann laß ich den Choli 51 ein, daß es eine Gattig hat. Und bin ich damit fertig, ſo lug ich zum Fenſter hinaus und loſe, wie die Leute unten vorbeigehen und ſagen: das ſchöne Haus gehört z'Schnabel⸗ burs Peterli und die Frau, wo oben-uſe lugt iſch ſis Müetti. Aber du magſch das Gfell im Peterli nume nid gönne; die Paar Batze reue di, wo me no müeßt an ihn wände. Wäge deßi muß jitz das arme Bübli, wo no chönt Rothsherr oder gar Landamme werde, ſiner Läbelang nom Chüeſtall ſtinke und der Melchſtuhl am Hinder umme dräge. Daß du's numme weiſch, Hansli, du biſch dr wüſchtiſt Hung gäge dis Ching, wo hütigs Tags im Kanton umme lauft.“ Im Verlaufe dieſer Rede war der Schnabelbauer im Bette aufgeſeſſen und hatte ruhig zugehört, wodurch die Bäurin ſich veranlaßt ſah ſich zu unterbrechen und zu fragen, was es gäbe? warum er ſich nicht niederlege?„Ob es ihr je ſchon vorgekommen, daß man z'lieglige die Predigt anhöre?“ gab der Schnabelbauer zur Antwort, worauf die Schnabelbäurin ſehr höhn wurde, dem Hansli den Ellenbogen in die Rippen ſtieß, ſich gegen die Wand kehrte und chupte*). Da legte ſich auch Hansli wieder nieder und bald ließ ſich hinter den weiß und roth geeckſteinten Umhängen nichts weiteres mehr hören, als ein geſundes zwiefaches Schnarchen. Es war ſelbesmal um die Zeit, da die Bienen in den Impſtöcken ſich wieder zu rühren anfangen; von da und dort trug ſchon eine ein Paar goldgelbe Höschen heim. Die Ameiſen erwachten auch aus dem Winterſchlaf, kamen an die ſchöne laue Sonne hinaus und ſuchten nach Tannennadeln und Gras⸗ hälmchen, um ſich ihr Sommerhaus zu bauen. Die Bauern aber zogen auf den trockenen Aeckern die erſten Furchen und die Bäurinnen ſäeten in ihren Gärten Zwiebeln und Kraut. *) chupen= ſchmollen. wT M 3 1 Als man des andern Tages am Morgeneffen ſaß, ſagte der Schnabelbauer:„Kannſt heute für mich Pflug halten, Peterli, was man nie probiert, lernt man nie.“„Arm's Bübeli!“ ſeufzte die Mutter. Der geneigte Leſer würde ſich jedoch eine falſche Vorſtellung vom„armen Bübeli“ machen, wenn er ſich darunter etwa ein g'rings, durchſichtigs Bürſchlein dächte, das von einem rechten Zugluft umgeweht werden könnte, und welchem die Dörrſucht bereits aus den hohlen Augen ſchaut. Des Schnabelbauers Jüngſter war im Gegentheil 53 ein langaufgeſchoſſener Bengel mit breiten Pratzen und ſtarken Knochen, der ſich oben über hielt, nicht aus Schwäche, ſondern weil er zu faul war, den Rücken grad zu ſtrecken. Peterli hatte einen Taubenhandel oder irgend ein anderes nicht minder wichtiges Geſchäft vorgehabt, weßhalb er zu den Worten des Vaters ein ſaures Geſicht ſchnitt und ſie keiner Antwort wür⸗ digte. Half aber für heute weder das ſeufzen der Mutter? noch das chupen des Buben, ſondern derſelbe mußte gern oder ungern mit dem Vater nach dem obern Rüttacker, wo Haber geſäet werden ſolltle. Der Choli, mit welchem die Schnabelbäurin in die Stadt fahren wollte, wenn einmal der Peterli ein ſchönes Haus hätte und eine Frau, aber eine reiche und fürnehme,— dieſer 1 ſelbe Choli mußte jetzt vor zwei Stieren her den Pflug ziehen helfen, den Peterli zu ſeinem großen Verdruß ſollte halten lernen, indeß der Vater z'Acher trieb. Es fanden ſich zwar da und dort Steine im obern Rüttacker und zwar nicht grad von den kleinſten; auch ſtieß man zuweilen auf eine Wurzel, weil da und dort noch eine Eiche im Grünhaag ſtand. Sonſt war das Stück Feld, das umgefahren werden ſollte, eben und nicht gar wild und wenn der Schnabelbauer ſelber Pflug gehalten hätte, ſo würde es nach dem Ackern ausgeſehen haben, wie ein Gartenbeet. Heut ward freilich die Arbeit minder ſchön. Der Vater mochte mit ſeinen zwei Stieren und dem Choli noch ſo grade und g'tzlich*) fahren, ſo ſchnitt der Bube eine Furche, bald kaum ſo breit wie eine Rad⸗ felge und handkehrum nicht viel ſchmaler als eine Stallsthüre. Jetzt fuhr der Pflug ganz zy'gſtözlige**) in den Boden hinein und nagelte den Zug auf dem Platze feſt, dann warf es ihn wieder aus der Furche hinaus, daß er wie ein Schlitten über den Acker wegfuhr.„Drück es Bitzli!“ belehrte der Vater,—„jetz lüpf***)— meh hott ume; hüſt e chli“. *) gſatzlich= langſam und gleichmäßig. ⸗) z'gſtötzlige= köpflings. *) lüpfen= heben;— hott= rechts;— hüſt= links. 54 Half aber Alles nichts. Peterli gab zur Antwort:„mach's ſelber, Aetti, wenn dr's nit gut g'nug cha.“ Es war als ob er die Sache mit Fleiß recht ungatlich in die Hände nähme und der Schnabelbauer mußte ſich ordentlich zuſammennehmen, 1 um die Peitſche, womit er den Choli und die Stiere regierte, 1 nicht dem Buben um die Beine zu ſchlagen. Ging Einer am Rüttacker vorbei, ſo ſchaute er eine Weile der Machenſchaft zu und ging dann kopfſchüttelnd ſeines Weges. Der Vater aber übte ſich in Geduld und dachte, es werde vielleicht beſſer kommen nach und nach; ihm habe zwar Niemand zeigen müſſen, wie man Pflug halte,— es ſei ihm ſo zu ſagen ſchon von ſelbſt in den Fingern gelegen. Peterli ſei leider anders ge⸗ natürt— er ſchlage mehr der Mutter nach. Einmal meinte er, jetzt laufs; die Furche war ſchon faſt zehn Schritte weit ſchön grade und ebenrecht tief——— krach! Peterli war mit der Wegetzen unter eine dicke Wurzel gefahren und die Stiere, welche eben herzhaft anzogen, hatten das Geſchirr zerriſſen. Peterli brach darüber in ein ſchadenfrohes Gelächter aus und ſagte:„jetz trieb z'Acher, wenn di'chaſch, Aetti!“ worauf ihm der Vater befahl, den Zug vollends abzunehmen und heimzuführen. Sonſt ſprach der Schnabelbauer heute nichts weiter über die Sache, weder im Guten noch im Schlimmen, ſondern ging ſchweigend ſeinem Geſchäfte nach und ſuchte etwas, was ihm auf dem Magen lag, zu ver⸗ werken. Als er endlich wieder hinter den roth und weiß geeck⸗ ſteinten Umhängen bei der Schnabelbäurin unter dem Dakbett lag, ſagte er:„der Peterli kann dann mira*) ſtudieren.“— „Gell aber, rief die Mutter erfreut aus, du ſiehſt es jetzt ſelbſt ein, daß ſich unſer Peterli nicht hinter den Pflug und 1 in den Stall ſchickt?“„So iſt's, war Hanslis Antwort. Zu einem rechten Bauer iſt Peterli zu dumm; ſo mag er's *) mira= meinethalben. 5 5⁵ alſo mit dem Herrn probieren.“ Und zog die Nachtkappe über die Ohren und kehrte ſich ohne weitern Beſcheid zu er⸗ theilen auf die andere Seite. Die Bäurin aber konnte noch lange, lange nicht einſchlafen. Als ihr endlich die Augen zu⸗ fielen, ſo träumte ſie von dem ſchönen Haus in der Stadt, wo ſie oben zum Fenſter hinausſchaute, da Peterli bereits Rathsherr geworden war und eine reiche und fürnehme Frau bekommen hatte. Aber die Leute, die von der Gaſſe hinauf ſchauten, ſagten nicht:„gſchauet, das iſch z'Peterlis Müetti, d'Schnabelbüüri, wo uſe luegt“—, ſondern ſie gränneten*) ſie aus und riefen:„luegit die Blättere! ſie meint ſie ſyg ne Rathsherrefrau und iſch doch nume z'Schnabelbabi.“— Zweites Rapitel. Peterli geht ſtudieren. Es war alſo eine ausgemachte Sache, daß Peterli ſtu⸗ dieren ſollte. Aber über das„warum“ waren die Anſichten verſchieden. Die Mutter blieb auf dem Satz, er müſſe ſtu— dieren, weil er ein viel zu hübſcher und herrſcheliger ſei, um unter dem groben Bauernvolk zu bleiben.— Peterli dachte im Stillen bei ſich: Es dünke ihn kummlicher in der Stube am Schatten zu ſitzen oder mit der Cigarre im Maul und den Händen in den Hoſenſäcken ſpazieren zu gehen, als da— heim in Wind und Wetter und Sonnenſchein zu mähen, zu hacken oder Pflug zu halten, oder gar vom Morgen früh bis in die Nacht mit dem Pflegel drein zu ſchlagen. Seine An⸗ ſichten vom ſtudieren waren ungefähr ſo klar, wie jene ihres Rothklebs im Stall vom Spaniſchen.— Was der Vater davon hielt, hatte er der Mutter hinter den roth und weiß geeckſteinten Umhängen eröffnet, ſonſt gings Niemanden was an. *) grännen= Geſichter ſchneiden. 56 Was dann das„wie“ anbetrifft, ſo machte dieß der Schnabelbäurin nicht wenig Unruhe. Wie man das ſtudieren angreifen müſſe, davon hatte ſie eigentlich nie einen deutlichen Begriff gehabt. Ob man's angatige wie das Flachshecheln oder wie das Brodbacken, oder wie das Waſchebauchen,— wie ſollte ſie darüber Auskunft wiſſen? Und wenn ſie mit dem Schnabelbauer darüber zu Rath gehen wollte, ſo fertigte ſie dieſer kurz ab:„du haſt den Buben zum Vauer verdorben, lug jetzt ſelber dazu, daß er ein Herr werde.“ In dieſen Nöthen fiel endlich der Schnabelbäurin ein, daß ſie eine Baſe beſitze und die Baſe eine Tochter, welche zu Bern in einer Pinte Kellermagd war. Die Tochter der Baſe hätte einmal, als ſie daheim auf Beſuch geweſen, 1.. zählt, es kämen gar viele Studenten zu ihr in die Pinte; ſeien die ordligſten Leute die man ſehen wolle und däe ten meiſtens Prokurator und Doktor. Sie hätte ſchon manchen gekannt, hatte damals die Tochter der Baſe berichtet, der friſch hinter dem Miſt hervorgekommen,— in einem halben Jahr ſei er dann ſchon ausgelernt geweſen und wäre einer der ſchlimmſten Fürſpreche geworden, oder ſei gar zämefüßlige i d'Regierig ine gumpet*). Es komme eben nur darauf an, wie anſtellig einer ſei, und dann auch, daß er viel in ihre Pinte komme, denn dort lerne man zehnmal mehr, als auf den Schulbänken,— habe ſie oft genug einen Profeſſor ſagen hören, der ſelber alle Tage ſeine Paar Schoppen bei ihnen trinke. Dieſer Profeſſor ſei einer der beſchlagendſten und halte nicht hinter dem Berg. Es dünke ſie, hatte die Tochter der Baſe noch beigefügt, ſie ſei ſelber ſchon halb gelehrt, nur von dem, was ſie allemal beim Gläſerſchwenken auffiſche. Dieſe Reden, welche der Schnabelbäurin eigentlich den erſten Gedanken eingeflößt hatten, daß Peterli ſtudieren müſſe, ſuchte ſie jetzt alle wieder in ihrem Gedächtnißkaſten zuſammen *) gumpen= hüpfen. — 57 und ging ſie noch einmal durch. Schließlich kam ſie zu der Ueberzeugung, Peterli könne nichts Geſcheidteres vornehmen, als nach Bern zu reiſen, in der Pinte, wo das Bäslein Kel⸗ lermagd ſei, einzukehren und ſich vom Bethli, welches beim Gläſerſchwenken ſchon ſelber ein halber Student geworden, fernere Anleitung geben zu laſſen. Hätten andere in einem halben Jahr ausſtudieren können, ſo möchte ſie fragen, warum der Peterli es nicht ebenfalls im Stande wäre.— Zu all⸗ dem ſchüttelte der Schnabelbauer den Kopf und ſagte: mira! So weit war nun alſo die Sache— wenigſtens im Kopfe der Schnabelbäurin— im Blei. Was ihr dann aber faſt nicht mindere Sorge verurſachte, das war die Aufgabe, ihres Peterlis Außenmenſch zum vorhabenden ſtudieren anſtändig auszuſtatten. Vor allem wurden Schneider und Schuhmacher auf die Stör genommen, die Näherin mußte auf Leib und Leben neue Hemden nähen und am nächſten Solothurnermarkt wurde dem Knecht, der mit dem Choli etliche Halbengliſche, nämlich Schweine, zu Markt führen mußte, der Auftrag er⸗ theilt, alles dasjenige, was man nicht zu Haus verfertigen konnte, eiuzukaufen. Keine ſechs Wochen ging's, ſo ſtand Peterli da, ein neuer Menſch. Bei den ſaubergeſalbten und wohlgenagelten Schuhen und den blauen Strümpfen anzufangen, die oberhalb der Waden weiß angelismet waren,— fortzufahren mit den Hoſen vom ſchönſten elben Halblein und der gelb und rothen Weſte mit den blanken Stahlknöpfen,— nicht zu vergeſſen des Kittelchens von braunem Guttuch,— und endlich zu ſchließen mit dem halbellenhohen flächſenen Hemdkragen, ſteif wie eine Laden⸗ wand, dem darum geſchlungenen blau und rothen Seidentuch und der grünen Tellerkappe mit dem rund herum aufgenähten Goldſchnürchen; war Peterli das Muſterbild ländlicher Toi⸗ lettenkunſt und machte dem Geſchmack ſeiner Mutter alle Ehre. Nur ſchade, daß dieſer Geſchmack nicht ganz mit der Mode übereinſtimmte, nach denen die Studenten ſich zu tragen — — — 58 pflegen. In einen ſchön gemalten Trog wurden noch ehr blaue Strümpfe mit weiß angelismeten Knieen, noch mehr Hemden mit hohen ſteifgeſtärkten Krägen, und eine noch ſchönere B'chleidig, für den Sonntag beſtimmt, eingepackt. Damit das„arm Bübeli“ wenigſtens während den erſten Tagen in der Fremde nicht Hunger leide, kamen ferners ein Mäß dürre Birnenſchnitze, ein Dutzend geräucherte Magen⸗ würſte, eine Eierzüpfe und etliche Flaſchen Kirſchwaſſer in den Trog. Der Peterli und der Trog wurden dann an einem ſchö⸗ nen Morgen einem Bauer aus der Nachbarſchaft, welcher Frucht nach Bern zu Markte führte, auf den Wagen gela— den und nach ſeiner Beſtimmung ſpedirt. Beim Abſchied weinte die Mutter ſehr über den Peterli, der jetzt in die weite Welt hinaus müſſe und empfahl ihm noch ausdrücklich ſeine Schnupftücher zu gebrauchen aber nicht zu verlieren und des Abends fleißig den Roſenkranz zu beten. Der Vater ſagte nur:„thu beſſer in der Fremde, als du daheim gethan.“ Als der Wagen abgefahren war, ging er Peterlis Stallhoſen und Stallkittel zu ſuchen; die hing er dann in den Speicher an einen Nagel und ertheilte den ſtrengen Befehl, dieſe Sachen unberührt an ihrem Ort zu belaſſen. Hinter einem Haag, zu äußerſt im Dorf, ſtand ein junges Mädchen. Es war z'Ameieli ab dem Roggenacker. Wie gern hätte es noch zum Abſchied ein gutes Wort, einen freundlichen Blick von Peterli gehabt! Aber für einen der ſtudieren geht und ein Herr werden will, war Ameieli viel zu gering. Als man bei dem Haag vorbeifuhr, wo das Meitſchi ſtand, ſaß Peterli zu oberſt auf dem Fuder Frucht und klepfte und ſchaute in's Blaue, grad wie ein Huhn, wenn's donnert. Ameili war um ſeinen Abſchied betrogen und ſchlich, das Fuͤr⸗ tuch vor den Augen, heim.* Driftes Napitel. Die Verwandlung. Was die Mutterliebe nicht vermag! An Werktagen war ſonſt die Schnabelbäurin kaum weiter von Hauſe weg⸗ zubringen, als bis auf ihren Kabisplätz, an Sonntagen bis — ————— 24 „ 60 zur Kirche. Außerhalb des Gemeindebannes hatte ſie ſeit der Zeit, da Peterli bald hätte jung werden ſollen, Niemand er⸗ blickt. Damals war ſie einmal trotz ihrer Bürde zwei Stun⸗ den weit zu einem Korbmacher gegangen, der in einem ab⸗ gelegenen Schachen wohnte und ſich beinebens mit Wahr⸗ ſagen abgab. Zum Dank für ein ſpendirtes Ankenbälli hatte ihr derſelbe auf das Beſtimmteſte prophezeit, nicht nur daß ſie einen Buben bekommen würde, was dann richtig einge⸗ troffen, ſondern auch daß das Büblein zu etwas ganz Beſon⸗ derem, extra Fürnehmem heranwachſen werde, was jetzt eben auf dem beſten Wege war, ebenfalls einzutreffen. In dieſen letzten 18 Jahren war alſo die Schnabelbäurin gar niemals außerhalb des Gemeindebannes geweſen,— ein Bädlein, wo man ſich alljährlich einmal den Leib waſchen und ſchröpfen laſſen konnte, befand ſich innerhalb deſſelben. Nun treffen wir ſie— es iſt Dienſtag früh— auf einem Sprengwägeli, welches der mehrfach erwähnte Choli hinter ſich herſchleppt, auf der großen Landſtraße nach Bern. Die Langeweile nach dem Peterli hatte, ſeit er zu oberſt auf dem Fruchtwagen fortgefahren war, an ihrem Herzen genagt. Zwei— drei Monate hatte ſie's getragen; länger hielt ſie's nimmer aus. Sie mußte ſich mit eigenen Augen überzeugen, ob das arme Bübeli noch am Leben ſei. Es wurde alſo mit der Baſe, deren Tochter in Bern Kellermagd war, ein Beſuch bei den beiderſeitigen Kindern verabredet. Da der Schnabelbauer weder im Guten noch im Schlimmen zu bewegen war, mit— zukommen, ſo ward die Führung des Choli dem Knecht an⸗ vertraut. Die Tiefenauerbrücke war damals noch nicht fertig, weß⸗ halb man aus dem Solothurnerbiet herkommend, den Aar⸗ gauerſtalden hinunter fuhr. Das Pferd wurde im„Chlö⸗ ſterli“ eingeſtellt und dann zu Fuß in die Stadt Bern ein⸗ gerückt, und zwar über die untere Brücke— über die obere hätte es zwar weniger Schweiß, aber einen Kreuzer Zoll ge⸗ 61 koſtet. Wie ſperrte da das Schnabelbabi die Augen auf! „Aber nei aul! lueg, Baſe, wettigi Hüſer und ſövel Lüt.... und do die ſchöne Chromläde.... und dört die Soldate und ſelb die Gutſche!.... wenn-ig nur den Peterli g'ſäch.....„ Aber Peterli zeigte ſich nirgends. So ging es, da geſtoßen und dort geſchoben, durch das Gedräng der Lauben ſtadtaufwärts bis zum Zeitglockenthurm. Dort angelangt ſahen die Bäurinnen etliche junge Bürſchchen ſtehen, die keine Halstücher anhatten, ſondern den Hemdkragen breit herausgelegt; trugen auch feuerrothe Kappen und rauchten aus klafterlangen Pfeifen, an denen farbige Zotteln hingen, faſt ſo groß wie halbpfündige Chuderhöppli. Babi meinte, ob es etwa lutheriſche Faſtnacht ſei; die Baſe, welche etwas mehr Welterfahrung hatte, äußerte jedoch die Vermuthung, die Bürſchlein wären Rößliſpieler, was um ſo wahrſcheinlicher, da einige lange Sporen anhatten. Aber ein Milchmann, der eben vorüberging, berichtete die Frauen mit Lachen, es ſeien keine Rößliſpieler, ſondern Studenten. „Oeppe nid!“ rief die Schnabelbäurin erſchrocken. Sie hatte auch einmal einen Studenten geſehen und zwar beim Pfarrherrn, wo er um einen Reiſepfennig anhielt. Dieſer Student trug aber eine ſchwarze Tellerkappe, einen langen Kittel bis auf die Waden herab und einen rothen Pariſol; er ſtudierte jedoch auch nicht Landammann, ſondern nur Vi⸗ kari. Nichtsdeſtoweniger war ihr derſelbe immer als das Vorbild eines Studenten vorgeſchwebt, weßhalb ſie dann auch bei der Rede des Milchmannes ihr zweifelndes Erſtaunen nicht unterdrücken mochte. Die Baſe meinte dagegen, es wäre doch möglich und ſie thäten dann am beſten, hier wegen Peterli und Bethli Nachfrage zu halten, ſonſt könnte man zuletzt den ganzen Tag herumlaufen und die Häuſer und Leute angaffen, und käme doch nicht an den rechten Ort. Man faßte ſich alſo ein Herz und ging auf die Burſchen mit den rothen Kappen los.„Schnabelbauers Peterli ſei ihr 62 Bub, ſagte Babi,— und dieſe da wäre Bethli's Mutter, wo beim„Großmogul“ Kellermagd ſei; ſie thäten gern wiſ⸗ ſen, wo man den Buben und das Meitſchi erfragen könnte.“ — Bei dieſen Worten erhob ſich unter den Studenten ein großes Juchheien und Gelächter.„Bringſt dem Peter Schnabel wieder Magenwürſte und Kirſchwaſſer? Bravo, Schnabel⸗ babi— Hurrah— Eviva!“ ſo riefen die Einen.„Und du willſt nachſchauen, ob deinem Töchterlein nichts fehle?“ lach⸗ ten die Andern;„häb nid Chummer, wir thun ihm nichts zu leid.“— Einige des Trupps zeigten ſich ſogleich willig, die Schnabelbäurin zu ihrem Sohne zu geleiten, der wohl noch in den Federn liegen werde, während die Baſe von etlichen Andern zum Bethli beim„Großmogul“ geführt wurde. Als das Schnabelbabi in Begleitſchaft eines halben Dutzend Rothkäppler in Peterli's Stube trat, wußte es nicht recht, ob ihm g'ſchmuecht werden ſolle oder nicht. Da lagen Kleider allerlei Art, bekannte und unbekannte, auf dem Boden herum; darüber etliche umgeworfene Stühle; auf einem an⸗ dern neben dem Bett ſtand ein Waſſerkrug und ein Lichtſtock, deſſen Kerze in letzter Nacht zu löſchen vergeſſen worden,— auf dem Tiſche ein Stiefel und eine lange Pfeife. Der ſchön gemalte Trog ſtand mit geöffnetem Deckel mitten in der Stube und drinnen hatte ſich auf den Hemden mit den hohen ſteifen Krägen ein großer Hund ſein Lager zurecht gemacht, welcher den Eintretenden knurrend die Zähne wies. Im Bette ſelbſt lag— den Kopf zu Füßen und die Füße auf dem Kopfkiſſen— ein ſchlafender Menſch mit ſtrubem Haar und bleichem Geſicht. „Peterli, Peterli! was fehlt dir?“ rief die erſchrockene Mutter. Die Studenten lagerten ſich auf den Tiſch und die vorhandenen Stühle und ſtopften aus Peterli's Tabaksſäckel ihre Pfeifen.„Er iſt übel krank,“ jammerte die Bäurin. „Er hat den Katzenjammer,“ lachten die Studenten. Schna⸗ —— 63 belbabi, welches meinte, dieſes ſei eine gefährliche Krankheit, warf ſich auf das Bett und heulte; aber die Studenten riefen:„Erwache, Peter Schnabel! deine Alte iſt angelangt mit friſchem Vorrath dürrer Birnenſchnitze und vergrauter Neu⸗ thaler—“ und als der Schläfer von dieſem Zuſpruch noch nicht erwachte, tauchte einer einen herumliegenden Federn⸗ bund in den Waſſerkrug und gab Peterli den Segen, worauf dieſer ein Paar rothangelaufene Augen aufzuſchlagen pro⸗ birte und blinzelnd und verwundert ſich umſchaute. „Ob er z'Müetti nümme kenni?“ frug z'Schnabelbabi. „Wo es ihm weh thue? ob er Hoffmannstropfen oder Holder⸗ thee möge? Hoffmannstropfen ſeien b'ſungerbar gut gegen Bauchweh und Holderthee gegen Gliederſucht.....“„Saure Leber!“ unterbrach ſie Peter mit heiſerer Stimme.„Wohl⸗ geſprochen, Peter Schnabel!“ jubelten die Studenten.— „Saure Leber ſei die beſte Arznei für den flotten Studio, ſowohl im Allgemeinen, als insbeſondere im vorliegenden Fall.“ Dann machten ſie untereinander aus, ſie wollten beim Bethli für Peter Schnabel die ſaure Leber beſtellen gehen, der ſich unterdeſſen anziehen und mit der Alten nachkommen ſolle— und der Trupp raſſelte ſingend und lachend die Treppe hinunter. Derweilen hatte ſich Peterli die Augen ausgerieben; die Mutter ließ es ſich nicht nehmen, ihm beim Ankleiden be⸗ hülflich zu ſein.„Aber, Bub!l was heſch mit dine Strümpfe g'macht?“ Peter hatte die neuen blauen Strümpfe mit den weißen Knieen vermittelſt eines kühnen Schnitts der Scheere ſämmtlich in Socken verwandelt:„Ein Student trage nie⸗ mals lange Strümpfe.“„Was iſt's mit deinen Halblein⸗ hoſen?“ Dieſe hatte Peter gegen ein paar andere vertauſcht von dünnem Baumwollenzeug aber blau mit rothen Strichen über's Kreuz und Beinen, weit wie Mehlſäcke.„Und d'Hoſe⸗ träger?“„Sy nümme Gummang“— antwortete Peterli und ſchnürte ſich die Hoſen mit einem wollenen Seil um den 64 Leib, dran zwei fauſtgroße gelb und rothe Zotteln hiengen. Die Weſte habe er verkauft; nur die Philiſter trügen ſolche. Aus dem„Kittel“ von braunem Guttuch hatte ſich Peterli einen Attila ſchneidern laſſen. Schnabelbabi fiel von einem Schrecken in den andern. Ach! auch die ſchöne Tellerkappe 6⁵ mit dem goldenen Schnürchen auf der Nath war irgend einem Kleiderjuden in den Schnappſack gewandert; ihre Stelle ver⸗ trat ein feuerrother Deckel, kaum größer als ein Geißchäsli, darunter das fette, ſchlechtgekämmte Haar halbellenlang her⸗ vor und über den Rockkragen herunterhieng. Die Montur vervollſtändigte eine Brille mit ſimilorigem Geſtell.„Ob er vom vielen ſtudieren böſe Augen bekommen und halb blind geworden ſei?“ frug die Mutter beſorgt.„Nit daß er wüſſi, es ſei bloß Scheibenglas. Wer aber keine Brille trage, der werde grad nur ſo für einen dummen Bauernlümmel gehalten.“ Zuletzt nahm Peter einen dicken Knittel zur Hand, ſteckte ſich eine lange Pfeife in's Geſicht, pfiff dem Hund, der im Troge ſchlief und ging, die Mutter auf die„Kneipe“ zu führen, wo ſie die Baſe und er die ſaure Leber finden ſollte. Schnabel— babi aber vergaß ob ihres Peterlis Verwandlung Maul und Naſe zuzumachen, und es war ihm, als ginge es im Traume. Vierktes Rapitel. Schnabelbabi beim„Großmogul“. Die Schnabelbäurin ſtellte ſich unter dem„Großmogul“ eine Art Küchliwirthſchaft vor, wo man Kaffe, Strübli und Fotzelſchnitten haben könne.„Es rieche hier herum nicht juſt am beſten; ob öppe ne Matte umewäg ſyg, wo me früſch b'ſchüttet heb?“ frug Babi ihren Sohn, als ſie durch die engen Gäßchen gingen, die zum„Großmogul“ führen. Aber man kam über keine Matten, ſondern durch immer enger werdende und immer mehr ſtinkende Gäßchen und zuletzt durch eine niedere Thüre in eine Stube, in welcher ſich mehr Ta⸗ baksdampf als Tageslicht und mehr Bier- und Käſeduft als athembare Luft befand. An den Tiſchen ſaßen meiſtentheils Studenten mit nicht minder kleinen rothen Kappen auf dem 5 66 Kopf und nicht minder großen Quaſten an den Pfeifen, als ſie Peterli führte. Dieſelben ſtreckten ihre Beine weit vor ſich und lagen mit den Ellenbogen breit über den Tiſch, und beſchütteten ihre Gurgeln mit Bier. Bethli hatte alle Hände voll zu thun, ihnen ihre Göhne*), womit ſie b'ſchütteten, nämlich die großen Deckelgläſer, ſtets friſch zu füllen. Seine Alte hatte es in die Küche praktizirt, damit derſelben nicht etwa vor den Gefahren bange werden möchte, welche ein Kel— lermädchen zu beſtehen hat, deſſen Tagewerk es iſt, Studenten mit Bier zu füllen; und iſt in der That nicht zu leugnen, daß mit einem ſolchen nicht grad umgegangen wird, als wie mit einem Lämmli von Mayenanken. Die Schnabelbäurin hätte ebenfalls in die Küche wandern ſollen, dieß gaben aber Peterli's Freunde nicht zu, ſondern ſie mußte ſich an ihren Tiſch ſetzen. Einer ſchlug vor, ſie als Ehrenmitglied ihres Vereines aufzunehmen, was unter großem Jubel von den An— weſenden gutgeheißen wurde. Bethli werde wohl wiſſen, was dieſe Ehre zu bedeuten und es dabei zu thun habe. Da Pe⸗ terli, der ſich in ſeine ſaure Leber vertieft hatte, keine Ein— wendungen machte, ſo ging das B'ſchütten mit Bier nun erſt recht an. Es wurde ein ganzes Fäßchen auf den Tiſch ge⸗ ſtellt und wer leer hatte, hielt ſein Glas nur unter den Hahn. Einer nach dem Andern ſtieß mit Schnabelbabi an, welche Beſcheid thun mußte, zwar nicht in Bier, denn es war nie auf der Univerſität geweſen und trank keines, ſondern in einem delikaten, ferm geſchwefelten Seewein, der beim„Groß⸗ mogul“ unter dem angenommenen Namen„Lacote“ zu zehn Batzen die Maaß verkauft wurde. Zwiſchen durch wurden Lieder geſungen, wovon die Fenſter tſchäterten, und welche Schnabelbabi für wälſch hielt, weil ſie dieſelben nicht ver⸗ ſtand. Zur Abwechslung erzählten die Studenten dann auch von ihrem luſtigen Leben. Die Schnabelbäurin— meinte *) Gohn= Yein Geräthe, womit man Gülle ſchöpft. 67 Einer— ſolle ihrem Peterli das Spätaufſtehen nicht in übel nehmen. Das komme ſo, wenn man bis tief in die Nacht hinein laborire. Laboriren, frug Babi, heiße— mit Schein— ob den Büchern ſtudieren? Die ganze Stube brach ob dieſen Worten in ein wieherndes Gelächter aus, worauf Einer er— klärte, ſtudieren werde hier„ochſen“ genannt, was höchſtens ein„obſkures Kameel“ thun thäte; laboriren dagegen heiße arbeiten, und zwar hauptſächlich in einem einzigen Stoff, nämlich im Bierſtoff. Peter Schnabel, obgleich er erſt ein halbes Semeſter auf der Univerſität ſei, laborire bereits ganz famös.— Ob denn ihr Peterli ſonſt nichts thue, als labo⸗ riren?— Doch freilich! des Sonntags nehme er einen„flot⸗ ten Beſen“ zur Hand und„fege“ damit auf den Tanzplätzen herum.—„Oeppe nid! und gar ame Sundig?“ Daheim habe er allemal faſt gepflännt, wenn er den Stallbeſen nur mit dem kleinen Finger hätte anrühren ſollen. Wiederum erzitterten die Wände von dem Gelächter der Studenten. „Die Narren heißen ein hübſches Meitſchi einen Beſen“— erklärte dießmal das Bethli der verblüfften Baſe ihren Irr⸗ thum. Als das Gelächter ſich wieder gelegt, ſagte ein Stu⸗ dent mit einem großen Schnauz und einer fingerslangen Narbe im Geſicht: Hätte ſich„Fuchs“ Schnabel erſt einige⸗ male„gepaukt“, ſo wäre er ein ganzer Kerl und könne noch einen der erſten Hähne der Univerſität abgeben.— Die Füchſe, die Hahnen und Pauken waren wohl kraus für das Schnabelbabi, aber es mochte nicht wieder ausgelacht werden, und that, als ob es dieſe Redensarten verſtände. Es war im Glauben, Peterli ſolle bei einer türkiſchen Muſik die Pauke ſchlagen. Hätte es gewußt, daß unter„pauken“ das Fechten mit geſchliffenen Degen verſtanden iſt, was vorkommt, wenn die Studenten ſich beim wahren Namen heißen— nämlich dumme Jungen— es hätte das Bübeli noch heute mit nach Hauſe genommen, ſtudieren hin, ſtudieren her. Nach und nach ging es aber vor lauter Ochſen, Kameelen, 68 Füchſen, Hähnen und ähnlichem Gethier der Schnabelbäurin wie ein Mühlrad im Kopf herum. Auch waren der Lärm, der Tabaksdampf und der Seewein nicht am beſten geeignet, ihr die ruhige Ueberlegung zu erleichtern. Nichtsdeſtoweniger fühlte ſie einen innern Drang, das„Laboriren“, die„Beſen“ und das„Paukenſpiel“, womit ſich nach Ausſage ſeiner Freunde Peterli hauptſächlich abgebe, mit Peterli's künftiger glänzender Laufbahn, wovon ſie ſo oft geträumt, in Einklang zu bringen. Schnabelbabi hätte ſich darüber gerne bei Bethli Aufklärung verſchafft; aber daſſelbe ſagte, es habe heute nicht wohl der Weil Rede zu ſtehen,— Babi ſolle ſich lieber an den alten Herrn mit dem grauen Kopf und rothen Geſicht wenden, der am andern Tiſch Etlichen auf Hochdeutſch die Zeitung erkläre. Er ſei der fürnehmſt Profeſſor in der gan⸗ zen Schweiz, der mehr Geiſt im kleinen Finger beſitze, als alle andern zuſammengenommen in ihren Köpfen— den vie— len, den er den Hals hinunterſchütte, nicht einmal mitzu⸗ rechnen. Und nirgends gäbe er es beſſer von ſich, als eben gerade hinterm Schoppen. Auch halte er es nicht mit den Fürnehmen, ſondern mit dem Volke, was er ſchon hundert⸗ mal ſelber geſagt habe. Der würde ihr die Sache dann ſchon erleſen. Schnabelbabi faßte ſich alſo ein Herz, griff nach dem Fürtuchbändel und redete nach einer angemeſſenen Einleitung⸗ den Profeſſor mit dem grauen Kopf und dem rothen Geſicht ungefähr folgendermaßen an: Es wäre ihr lieb, wenn aus ihrem Peterli etwas Rechtes würde, wozu er längſt ſchöne Anlagen gezeigt(wobei es nicht vergaß, von ſeinen Fortſchrit⸗ ten in der Schule und ſeiner Abneigung gegen geſchwellte Erdäpfel Erwähnung zu thun, ohne jedoch etwas von der Wurſteten zu vermelden, die alljährlich dem Schulmeiſter zu Theil geworden war). Lateiniſch, oder wie das wälſche Zeug heiße, habe er zwar nicht gelernt— der Schulmeiſter habe es, glaube ſie, ſelbſt nicht gekonnt. Auch werde er wohl nicht 1 69 gar lange zu Bern bleiben können, von wegen der Alt möge das Geld nicht an ihn wenden. Sie meine aber, ſo bis z'Michelstag werde Peterli wohl geſchickt genug werden, um einen guten Pfoſten von der Regierig zu bekommen. Man ſagt, es habe ſchon Mancher einen ſolchen bekommen, der noch weniger ſtudiert gehabt.— Nun möchte ſie aber noch gern wiſſen, ob das erſtaunliche Biertrinken und das Pauken auch zum Studieren gehörten, oder ob es nur Flauſen ſeien. Sie habe gedacht, ein ſo geſchickter Herr, der zugleich ſo nieder— trächtig*) ſei und ſich nicht ſchäme, mit gemeinen Leuten zu reden, werde ihr die beſte Auskunft geben können.„Uebri⸗ gens nüt für ungut, daß ich ſo grob gſi bi und nähmet mi Grobheit für⸗ne Höflichkeit.“ Der alte Herr mit dem rothen Geſicht lachte erſt, aber nur auf den Stockzähnen, trank einen Schluck und ſagte dann: „Liebe Frau, Euer Sohn ſcheint mir auf dem beſten Wege. Daß er weder von alten Sprachen noch von alten Geſchichten etwas gelernt hat, iſt gerade ſein größtes Glück. Dieſe Sachen verſtopfen uns nur den Geiſt und füllen ihn mit alten Vorurtheilen. Wäre ich Meiſter, ich ließe alle Bücher verbrennen, worin ſteht, was vor uns geſchah, gedacht oder geglaubt wurde. Wüßte Niemand nichts von dieſen Pflänz, ſo ginge es mit der neuen Zeit und den neuen Ideen erſt recht vorwärts, weshalb mir ſolche Schüler, die grad friſch von der Dorfſchule kommen, die liebſten ſind.— Auch dar— über ſollt Ihr Euch nicht beklagen, gute Frau, daß Euer Sohn öfters in der Kneipe als in der Vorleſung ſitzt. Was er bei meinen Herrn Kollegen lernen könnte, iſt doch nur dummes Zeug. Es genügt, wenn Euer Sohn bei mir das Kollegium belegt. Von mir kann er Alles lernen, was nöthig iſt, ein guter Bürger, ein vorurtheilsloſer Denker, ein frei⸗ ſinniger Staatsmann zu werden. Was ich auf dem Katheder *) Niederträchtig= herablaſſend. 70 zu ſagen vergeſſen ſollte, hole ich dann am liebſten beim Schoppen nach. Empfehlet alſo Eurem Sohne, gute Frau, ſich mit meinen andern jungen Freunden nur recht fleißig hier einzufinden. Am Wirthstiſch, bei vollen Gläſern, lernt man für's Leben; in den dumpfen Hörſälen gerathen nur Bücherwürmer und Pedanten.“— Der alte Herr hielt inne, um zu verſchnaufen und ſeinen Schoppen noch einmal füllen zu laſſen. Die Studenten hat⸗ ten ſich um ihn im Kreiſe aufgeſtellt und horchten beifällig ſeiner Rede, die nicht minder an ſie als an die alte Bäurin gerichtet war. Er fuhr folgendermaßen fort: „Gucke ſie einmal, liebe Frau, durch dieſe halbgeöffnete Thüre in jenes Zimmer. Die meiſten, welche dort drinnen ſitzen, waren meine Schüler; jetzt ſind ſie die Erſten im Staat, oder wären doch würdig und geſchickt, es zu werden. Ich aber ſage Euch und Ihr dürft mir's glauben: mehr denn Einer iſt unter ihnen, der wie Euer Sohn hinter dem Miſt⸗ haufen hervor auf die Univerſität kam, und kaum Einer wird ſich in ihrer Mitte finden, der nicht mehr von ſeinem Wiſſen hinter dieſen Tiſchen lernte, als hinter ſeinen Büchern.“ Nach dieſen Worten trank der Herr ſein letztes Glas aus und die Studenten brüllten:„Hoch lebe unſer Herr Profeſſor! Vivat! Hurrah!“— worauf derſelbe freundlich abwinkte und— etwas wacklich zwar und ſchwankend— ſich entfernte. Schnabelbabi hatte zwar wenig von der Rede verſtanden, denn ſie war zumeiſt hochdeutſch. Doch begriff es ſo viel da— von: der Profeſſor habe geſagt, Peterli ſei auf gutem Wege und der werde es wohl am beſten wiſſen, warum wäre er ſonſt Profeſſor? Getröſtet dachte ſie daher— da es unter— deſſen Abend geworden— an den Rückweg. Der Baſe war in der Küche draußen die Zeit minder kurz geworden; um ſo mehr preſſirte auch ſie. Als die Schnabelbäurin die Uerte verlangte, waren es nahe zu ſo viele Franken, als ſie Batzen 71 erwartet hatte. Peterli erklärte ihr aber, daß die ganze Stube voll Studenten einen halben Tag lang die Gurgeln auf Babi's Koſten b'ſchüttet hätten, weil ſie zum Ehrenmitglied ihrer Verbindung aufgenommen worden ſei, worauf ſich die Mutter etwas zu gut halten könne, da dieſe Ehre nicht grad jedem Babi von„Philiſter” widerfahre. Mit ſehr gemiſchten Gefühlen und mit dem ſteifen Vor⸗ ſatz, bei der Erzählung des Erlebten an den Schnabelbauer ſtark hinter dem Berge zu halten, weil ſo ein Muttenſtupfer, der ſeiner Lebtag nie aus den Holzböden herausgekommen, nicht wiſſe und begreife, was in der Welt Mode ſei,— be⸗ wegte ſich Peterli's Mutter endlich wieder den Stalden hin⸗ unter und dem Chlöſterli zu, wo Knecht und Pferd, nämlich der Choli, ihrer warteten. Die Studenten blieben noch lange beim Bier ſitzen, bis ſie endlich brüllend und ſingend nach Hauſe gingen und dazu mit ihren Stöcken an alle Hausthü— ren und Fenſterläden ſchlugen. Dann ſtrich der hoffnungs⸗ volle Peter Schnabel, deſſen Kaſſe von der Bäurin friſch ge⸗ ſpickt worden war, noch in etlichen andern Pinten herum, wo guter Neuenburger und anläßige„Beſen“ zu finden waren— aber nicht Stallbeſen,— was des andern Morgens wieder Katzenjammer und ſaure Leber zur Folge hatte. Fünfles Rapikel. Der Vater und der Sohn. Als der Schnabelbauer auf dem obern Rüttacker den Haber ſchnitt, da hatte der Peterli richtig ausſtudiert. Im ganzen Kanton fand ſich weder Fürſprech noch Oberrichter oder Präſident, über welchen Peterli nicht wenigſtens um eine halbe Kopfslänge wegſchauen zu können glaubte. Beſonders beſchlagen war er aber in der Politik, d. h. in der Gattig, 72 wie regiert werden ſoll.„Das werde jetzt bald beſſer kom⸗ men müſſen,“ verſicherte er. Doch ließ er ſich herab zur Er⸗ langung der nöthigen Geſchäftskenntniß vor der Hand in einer Amtſchreiberei als Schreiber zu dingen, wo er Geldstagsrödel abſchreiben und Steigerungsanweiſungen ausfertigen ſollte, aber ſtatt deſſen meiſtens im Wirthshaus ſaß und Binockel ſpielte. Als ihm der Amtſchreiber nach etlichen Monaten den gelben Abſchied gab, fand er ſich feſt genug von nun an auf eigenen Beinen zu ſtehen. Er zog deshalb eines ſchönen Morgens ſeinen heitergrauen Engländerkittel an, drückte einen Seiden⸗ hut hinten auf den Kopf, ſteckte eine Cigarre in's Maul und ſetzte ſich in ein Chaislein, um zum Alten zu röſſeln, ſich ſchon zum voraus darüber freuend, daß das ganze Dorf zuſammen⸗ laufen und ſich verwundern werde, wie Schnabelbauers Pe⸗ terli ein„famöſer Feger“ geworden ſei. Als Johannes Schnabel und Peter Schnabel einander im Stüblein gegenüber ſaßen, begann letzterer ungefähr mit folgenden Worten die Unterhandlungen: Es wäre nun an der Zeit, ein eigenes Geſchäft anzufangen. Dazu brauche man aber Geld. Der Schnabelbur ſchnätzelte ſich etwas Rollenknaſter, bevor er Antwort ertheilte. Alſo Geld wolle der Herr Sohn, und das ſolle der Alte nun hergeben! Das komme ihm faſt ung'ſinnet. Der Herr Sohn ſolle doch be⸗ denken, wie übelzytig ein Bauer zu Gelde komme. Da müſſe man z'acherfahren, hacken, mähen, dreſchen den langen lieben Tag und verdiene dabei kaum ſeine Paar Batzen. Wenn man z'Bern g'ſtudiert, habe er gemeint, ſo wüchſen einem die Fünfliber im Hoſenſacke nach.—„Nur nicht gefoppt, Vater, erwiederte Schnabel, der Sohn, dem das Blut bereits in den Kopf geſtiegen war. Ich will nichts von Dir geſchenkt, ſondern nur was mir gehört. Mußt nicht glauben, daß ich nichts gelernt z'Bern— das Geſetz kenn ich hindertſi und fürſi, alle Artikel und Paragraphen.“— Ob er öppe ſchon erben wolle? frug Schnabel, der Vater. Er, an ſeinem 73 Platz, wartete noch, bis der Alt unter dem Boden ſei. Oder ob öppe ein Artikel im Gſetz ſei, daß man den Alten nur ſo in den Winkel ſtellen könne, wenn er einem anfangen unko⸗ mod ſei,— und d'Sach näh? Das wäre ihm nagelneu.. Die Mutter küchelte in der Küche dem Peterli zu Ehren und ging nur ſo ab und zu, um ihre Augen an ihm zu wei— den, da er ihr im heitergrauen Engländer und im Seiden⸗ hut ausnehmend wohl gefiel,— viel beſſer, als da er das feuerrothe Geischäsli auf dem Kopfe trug.„Syg doch nit ſo b'häbig, Hansli,“ mahnte die Bäurin im Vorbeigehen. „Nur Geduld, Mutter, ſagte Peterli trotzig. Ich will's ihm ſchon deutlich machen, daß er's begreift.“ Der Schnabelbauer ſchlug bedächtig Feuer, ſeine Pfeife anzuzünden, ſtützte die Ellenbogen auf den Tiſch und frug:„ſu loh g'ſeh.“—„Die Mutter wird dir wohl etwas zugebracht haben— es iſt mir, ich hätte davon tönen hören; oder öppe nit?“ Vater Schna⸗ bel hatte freilich kein Bettlermeitſchi ab der Landſtraße zur Frau genommen, ſondern eine Bauerntochter, konnte alſo nicht widerſprechen.„Wie wär's, wenn ſie Gütertrennung ver⸗ langte nach Paragraph 195 und 206?— Dann könnte ſie ja nach Paragraph 640 ihr Vermögen lebzeitig theilen!“ Als Peterli dies vorgebracht hatte, machte er ein Geſicht, welches ungefähr ſo viel ſagen wollte, als: den Alten habe ich ge⸗ deckelt. Schnabel, der Vater, aber ſchaute ihm ſcharf in die Augen und frug, ob er das aus ſich ſelber erſonnen oder ob ihm's ein Prokurator geſteckt habe? Schnabel, der Sohn, wurde roth und erwiederte:„Wofür hätt ich ſtudiert ein ganzes halbes Jahr, wenn ich das nicht aus mir ſelber wüßte.“ Der Alte ſchüttelte jedoch ungläubig den Kopf und ſagte, er ſolle ſich nicht ſchlimmer machen, als er ſei. Unterdeſſen hatte die Mutter den Kaffe und die Küchli aufgetragen und ſagte: ihres Willens ſolle der Peterli nicht zu kurz kommen. Er ſolle haben, was ihm gehöre.— Da⸗ für werde ſchon geſorgt werden, daß ihm werde, was ihm 74 gehöre; das beſorge in der Regel unſer Herrgott ſelber, meinte der Schnabelbauer. Uebrigens, fügte er dann bei, hätte er nicht Luſt, dem Herrn Sohn, der die Paragraphen ſo gut kenne, beim erſten Prozeß als Lehrfdd zu dienen und es gäbe gewiſſe Fälle, wo ſich ein alter dummer Bauer ſchäme, obſchon es in der Stadt nicht mehr Mode ſei. Er wolle deshalb lieber mit dem Herrn Sohn ausrechnen. Es ſeien ihrer drei Geſchwiſter— die Mutter habe ihm zwölftauſend Pfund zugebracht— macht alſo viertauſend auf einen Theil. Wenn er ſeine Nothpfennige zuſammenleſe, ſo glaube er, den Herrn Sohn grad baar auszahlen zu können.— Peterli er⸗ wiederte mit Trotz, er verlange nichts, als was ihm gehöre von Rechts wegen. Es war eine ſchwere, trübe Luft in der Stube. Selbſt dem Schnabelbabi war unheimlich zu Muthe, ſewohl ihm der Herr Sohn gefiel. Nach einiger Zeit brachte der Vater ein Zwilchſäcklein voll alter Neuthaler:„Da wäre das Geld; er möchte aber eine Quittung dafür. Dann habe er da noch einen andern Bündel. Von heute an habe der Herr Schnar⸗ bel in dieſem Hauſe nichts mehr zu ſuchen, bis zur Stunde wo ſie den alten Schnabelbauer hinaustrügen, ihn unter den Herd zu thun. Dann könne meinetwegen der Herr Schnabel zum theilen kommen, für den Reſt, an den er noch Anſpruch habe. Käme er früher und wollte es noch einmal mit ſeinen Artikeln und Paragraphen Probſevon, ſo bekäme er freilich ſein Erbtheil ganz heraus; das heiße dann aber: des Vaters Fluch.— Komme aber vielleicht einmal vor dieſe Thür Einer, von welchem der Herrgott mit ſeiner Subteihr den„Herren“ vollſtändig abgefummelt,— komme ein ſolcher, doch nicht in Narrenkleidern, ſondern in denſelben Stallhoſen und dem Stallkittel, welche ſich in dieſem Bündel befänden und ſage: Alter, ich bin noch kein ganz ſchlechter Kerl geworden,— was ich dir gethan, thut mir leid, und ich will arbeiten;— dann— nun dann wird der Schnabelbauer bei ſich über⸗ legen, ob er ihn einlaſſen mag.—— Der Kaffee und die Küchli blieben unberührt auf dem Tiſche ſtehen. Peterli ſchrieb trotzig die Quittung, nahm den Sack voll Geld und ſtieg ohne Abſchied ein. Die Mutter trug ihm voll Thränen den andern Bündel mit den Stall⸗ hoſen und dem Zwilchkittel nach. So ſchied der Sohn aus ſeinem Vaterhaus. Erſt wollte es ihm faſt gramſeln um's Herz herum. Aber was taugt beſſer, ein Herz zu g'ſchweigen, 76 als ein Sack voll Geld? So viel hatte er noch nie bei— ſammen geſehen und es bedünkte ihn, man dürfe davon neh— men, ſo viel man wolle, es ginge doch nie zu Ende. Und Einer, der ſo viel Geld habe, ſollte in den Stallhoſen und dem Zwilchkittel vor den Vater gehen und Reu und Leid machen? Nie und nimmermehr! Im trotzigen Uebermuth warf Peterli den Kleiderbündel zum Fuhrwerk hinaus hinter den nächſten beſten Haag und ſprengte pfeifend dem nächſten Wirthshauſe zu. Sechstes Rapitel. Das Geſchäftsbureau. Am andern Samſtag war im Kantonsblatt zu leſen: „Peter Schnabel zeigt hiemit einem geehrten Publi⸗ „kum zu Stadt und Land an, daß er an der Käsgaſſe „Nr. 101 ein Geſchäftsbureau eröffnet hat, und empfiehlt „ſich beſtens für alle einſchlagenden Geſchäfte.“ Hinter dem„Peter Schnabel“ fehlte zwar der Beiſatz „Fürſprech und Notar“. Dieſe beiden Wörtlein ſeinem Na⸗ men beizuſetzen, hätte er aber etliche Jahre länger ſtudieren, etliche Examen beſtehen und etliche tauſend Franken Bürg— ſchaft leiſten müſſen. Das waren dem Peterli begreiflich zu viel Pflänz blos um zwei Worte, beſonders da man auch ohne dieſelben die gleichen Geſchäfte beſorgen und mindeſtens ebenſo große Koſtensnoten machen konnte. Nach dieſer einleitenden Bemerkung ſind wir ſo frei, den geehrten Leſer ohne weitere Förmlichkeit in das Geſchäfts⸗ bureau Nr. 101 an der Käsgaſſe einzuführen. Dort fallen uns vor Allem ein großes ſchwarzangeſtrichenes Schreibpult und eine eiſerne Geldkiſte, darin man kommod z' Viert dreſchen konnte, in die Augen; ferner erblicken wir ein mit Meſſing 77 beſchlagenes Hauptbuch, womit man zur Noth einen Ochſen niederſchlagen könnte, nebſt einem Dutzend kleinerer, mit ver⸗ ſchiedenen Ueberſchriften verſehener Schreibbücher, als:„Be⸗ treibungsrodel“,„Pfandbotrodel“ u. ſ. w., nicht unähnlich den ſinnreich ausgedachten Inſtrumenten, welche man dem neugie⸗ rigen Reiſenden in alten Folterkammern vorweist;— dann große Vorräthe von Papier mit ſchön geſtochenen„Köpfen“, wo zwi⸗ ſchen vielem Kremenzel die Worte„Peter Schnabel, Geſchäfts⸗ mann“ zu leſen ſind;— endlich Federn, Federmeſſer, Siegel— preſſe, Oblaten, Siegellack und nicht weniger als vier Din— tenfäſſer. In dieſer mit allem erforderlichen Rüſtzeug voll— ſtändig verſehenen Marterkammer ſehen wir Peter Schnabel im roth und ſchwarz gewürfelten Schlafrock, einer Mütze mit lang herabhängender blauer Zottel(Peterli ſcheint ein beſon⸗ derer Liebhaber großer Quaſten),— und einer Feder hinter dem Ohr auf und abgehen und an den Nägeln kauen. Denn ſchon ſeit drei Tagen war das Bureau eröffnet und ausge— kündet und noch hatte ſich keine Katze gemeldet. Was wohl fehle? ſinnete er, daß ihm noch Niemand das Zutrauen geſchenkt. Es ſei doch Alles auf's Beſte ein⸗ gerichtet,— ſogar der Wandkalender fehle nicht, wo an jedem Tag das Datum zu leſen.— Horch— es klopft! Vielleicht ein Kunde.——„Herein!“ Unter der Thür erſcheint ein Männchen mit rothem Haar und langem, blauem, abgeſchab⸗ tem Ueberrock, der an einem Beine hinkt und Schreibärmel von Gallerttuch anhat. Das Männchen macht ſein Kompli— ment und meldet:„es heiße Stips, ſei ein Schreiber ſeines Berufes und habe etliche der ſchönſten Anerbietungen ausge— ſchlagen, nur um die Ehre nicht zu verſcherzen, auf dem Bu⸗ reau des Herrn Schnabel zu arbeiten, von deſſen Geiſt und Talenten man bereits im ganzen Kanton herum erzählen höre.“ —————— So verſtändig hatte Peterli ſchon längſt nicht mehr reden hören. Plötz⸗ lich ging ihm ein Licht auf. Das fehlte— ein Schreiber! Wer ſollte Zutrauen zu einem Ge⸗ ſchäftsmann haben, der nichteinmal einen Schrei⸗ ber vermöge?— Zu⸗ gleich mochte ſich in Peter Schnabel das Bewußt—⸗ ſein rühren, daß er zwar auf der Univerſität„knei⸗ pen“ und„pauken“ und auf der Antſchreiberei „binockeln“ gelernt habe, aber in große Verlegen⸗ heit gerathen wäre, hätte K er eine Fauſtpfands⸗ verſchreibung oder eine Uebergabe aufſetzen oder auch nur die einfachſte Betrei⸗ bung beſorgen ſollen. Und ſchließlich mußte ſich nothwen⸗ dig Jemand auf dem Bureau befinden, den man bei böſer Laune kujoniren konnte. Aus allen dieſen guten Gründen und in Berückſichtigung dieſer wichtigen Erwägungen wurde Stips ſogleich und ung'ſchaut als Schreiber angeſtellt. Da ſich im Verlauf des Tages noch immer keine Kund⸗ ſame im Bureau einfand, ſo fand ſich der Prinzipal bewogen, mit ſeinem Schreiber eine Berathung anzuknüpfen über die Frage, wie man es anfangen müſſe, um das Geſchäft in ge⸗ hörigen Glanz zu bringen. Stips, der nur auf dieſe Frage gewartet zu haben ſchien und unterdeſſen ſich die Zeit mit Federnſchneiden vertrieben hatte, erwiederte:„Nichts leichter! 7 7 79 Wir machen nur bekannt, daß hier Geld zu bekommen ſei.“— Es ſei freilich etwas vorhanden, meinte Peter,— ſo zwei bis dreitauſend, aber—„Wir machen zwanzig bis dreißig tauſend draus, lachte der Schreiber pfiffig; im Maul der Leute wird's dann wohl bald zu zwei bis dreimalhunderttau⸗ ſend anſchwellen—— ich will Hans heißen, wenn wir nicht ſchon morgen die Stube voll haben von früh bis in die Nacht.“—„Da wird bald Alles fort ſein,“ bemerkte Schna⸗ bel.„Warum? vom Verſprechen wird Niemand arm, ſag' ich. Wir tagen auf und laſſen die Leute ſich müde laufen. Kommt dann ein Rechter, wie wir ihn brauchen, ſo iſt's was anderes.“„So ein wohl Hinterſetzter mit guten Hypotheken und guten Bürgen,“ meinte der Prinzipal, aber der Schreiber entgegnete:„Im Gegentheil! Was hat man von ſolchen ſogenannten ſoliden Schuldnern? Die Lumperei von Zins — 4 ½, wenn's hoch geht 5 Prozent— wäre wohl der Mühe werth! Das ſind die Wahren, denen das Waſſer ſchon faſt gar in's Maul hineinläuft— man gibt ihnen fünf⸗ zig und ſie müſſen hundert verſchreiben. Nach vier Wochen hebt man die Betreibung an. Steht's gefährlich, ſo iſt man ſtreng,— man braucht ſein Geld,— man hat es anderwärts verſprochen,— keinen Tag kann man ſtündigen Nur aufge⸗ paßt, daß wir den andern Gläubigern zuvorkommen! Es müßte ungeſchickt angegatiget werden, wenn wir dem Mannli nicht noch ſo viel unter den Nägeln hervordrücken könnten, als er uns verſchrieben hat, nebſt Zins und Koſten.“„Da braucht's ein hartes Fell,“ bemerkte Peterli, dem es über den Rücken fröſtelte. Der lahme Schreiber lachte:„Man ge— wöhnt ſich daran. Dann iſt man nicht immer ſo ſtreng— liegt Einer noch nicht im End, ſo hat man Geduld, man wartet zu, man gibt Termin— freilich nicht umſonſt(ein Geſchäftsmann darf gar nichts umſonſt thun), ſondern gegen zwei— drei— vier Franken Stündigungsgeld, je nachdem; verſteht ſich, nie länger, als auf acht Tage. Hat man ſeine 80 paar guten Kunden dieſer Sorte, ſo gibt's ſchon eine hüſche Rente bei wenig Müh und Arbeit. Ewig währt freilich nichts, endlich muß man auch mit ſolchen Schuldnern fertig machen— aber nicht früher als man durchaus muß. Wofür hätte man ein Herz im Leibe?“ Einen ſolchen tiefen Einblick in's Geſchäft hatte Peter Schnabel nicht einmal im Traume gehabt. Es war, als zöge man einen Umhang vor ſeinen Augen weg. Doch hatte er immer noch ſeine Bedenken.„Wäre ſchon gut, entgegnete er dem Schreiber, wenn die Kaſſe keinen Boden hätte.“„Macht man denn nur mit eigenem Geld Geſchäfte? Wo einmal ein Bächlein rinnt, da fließen gleich alle Dachtraufen hin— nur etwas Wind, etwas Dunſt. Da hat Einer ſich ein kleines Kapital vom Mund abgeſpart— wie kann er's wohl recht ſicher und rentabel anwenden? nur her zu uns damit! — Jene alte Köchin, die böſe Sieben, traut der Erſparniß⸗ kaſſe nicht— ihr Löhnlein kommt auch gewandert. Dem Andern ſind vier vom Hundert zu wenig— wir verſprechen fünf und ſeine Sparbüchſe leert ſich in unſere Kaſſe. Ange⸗ nommen wird Alles, zurückbezahlt ſo wenig als möglich. Vollen die Leute ihr Geld wieder oder die Zinſe, ſo heißt's: müßt Geduld haben— böſe Zeiten— nooch nichts einge— gangen. Sie würden's verklopfen, verlieren, vergraben— uns bringt es Zins und Zinſeszins. Wir behalten es alſo in beiderſeitigem Intereſſe.— Hat's dann Einer recht nöthig, thut wüſt, nun dann tritt ein anderer Fall ein— zwar iſt auch noch nichts eingegangen, das Geld kaum vor ein paar Monaten erhältlich, aber man iſt gefällig, man ſchießt vor,— verſteht ſich gegen ein kleines Proviſiönchen. Ich ſage Ihnen, Herr Prinzipal, ſchloß Stips,— Geld in den rechten Hän⸗ den mehrt ſich ſtärker, als die Chüngeli— bis über's Jahr iſt Euere Geldkiſte zu klein.“ Was für ein Genie war ungy'ſinnet in Peter Schnabels Geſchäftsbureau eingekehrt! Peterli wurde darob faſt wirbel⸗ 81 ſinnig. Sein Schreibpult kam ihm vor wie eine Rönnle, an welcher ſein Schreiber den Lirum*) ziehe und unten kämen lauter Dublonen und Fünfliber heraus, die man nur grad mit der Wurfſchaufel in die Geldkiſte zu werfen brauche. Freilich war's ihm dann wieder, als ſei die Rönnle ſchlecht geſalbt und gixe, man hätte glauben mögen, es wäre das Aechzen und Geſtöhn von Leuten, denen man die Fingernägel in den Schraubſtock geſpannt. Und in ſeinem Herzen ſprach eine Stimme: Wer's ſo treibt, wie der Rothe ſagt, iſt ein ſchlechter Kerl und ein Schelm, wie kein ſchlimmerer am Kar⸗ ren zieht. Zuletzt beruhigte er ſich damit, er ſei halt jetzt in der Stadt und der Geſchäftsmann Peter Schnabel und könne mit einem ſo altväteriſchen Gewiſſen, wie ſie bei ihm zu Haus auf dem Schnabelhof noch üblich ſeien, keineswegs auskommen. Es wäre grad ſo, als ob er mit des Vaters weißer Zipfel⸗ kappe auf das Kaffee gehen wollte. Als es gegen Feierabend ging, bat ſich Stips ein paar Batzen aus, um in den gangbarſten Pinten etliche Schoppen zu trinken:„Mit der Anzeige im Kantonsblatt ſei es nicht gethan. Das Geſchäftsbureau Schnabel müſſe auf andere Manier austrompetet werden. Das wolle er jetzt über ſich nehmen und der Herr Prinzipal könne ihm mira die getrun⸗ kenen Schoppen auf Rechnung tragen, wenn ſich nicht ſchon morgen Kundſame genug im Bureau einfinde.“ Siebentes Rapitel. Peterli in Floribus. Der rothe Schreiber Stips hatte nicht zu viel verſprochen. Von Tag zu Tag mehrte ſich der Zulauf zum neuen Ge⸗ *) Lirum= Kurbel. * 82 ſchäftsbureau. Es hatte ſich bald in der ganzen Gegend herum die Sage verbreitet, Peter Schnabel ſei ein hordreicher Bauern⸗ ſohn,— ſein Alter vermöge mindeſtens eine Million, wenn nicht gar zwei, und habe dem Buben für den Anfang ein paarmal hunderttauſend Franken in die Stadt mitgegeben, nur um ſie abzukommen. Das wirkte. Alle böſen Zahler, alle Geldstagsaſpiranten und ausgetriebenen Schuldner fan⸗ den ſich ein und auch mancher behäbige Hauſer und Knauſer brachte ſein Geldlein, weil es hieß, hier bekomme man die höchſten Zinſen, und wer hätte zudem dem Sohn eines Mil⸗ lionärs nicht ein paar lumpige hundert Fränklein anvertraut? In Nr. 101 an der Käsgaſſe wurden von früh bis ſpät Handſchriften gefertigt, Uebergaben geſchrieben, Betreibungen eingetragen, Pfandbote ausgeſtellt und Termine ertheilt— verſteht ſich, nichts umſonſt. Was aber dem Peter Schnabel am allermeiſten gefiel, war der Umſtand, daß er ſeinem Schreiber Alles überlaſſen konnte. Der wußte für Alles Nath, Auskunft und Beſcheid,— er gab Audienz, führte die Bücher, beſorgte die Kaſſe— ein wahrer Edelſtein von einem Schreiber. Das Jammern betriebener Zinsmannen, das Flennen ausgepfändeter Weiber, das Fluchen der mit Stün⸗ digungen gebrandſchatzten und endlich doch zum Geldstag ge⸗ triebenen Schuldner— das Alles zu hören, konnte der Prin⸗ zipal dem abgehärteten Ohre des Schreibers überlaſſen(ſei⸗ nen eigenen hatte er leider noch nicht alle Empfindlichkeit abgewöhnen können). Das Geſchäft ging alſo wie von ſelbſt und Peter Schnabel durfte ſich höheren Dingen widmen. Wenn Peterli hinter dem Abſynth auf dem Kaffee ſaß des Morgens zwiſchen eilf und zwölf(das Frühaufſtehen hatte er ſich ſchon auf der Univerſität abgewöhnt),— oder bei der Taſſe Schwarzen und dem zugehörenden Gläslein Nachmit⸗ tags zwiſchen eins und vier,— oder hinter dem Schoppen Abends zwiſchen ſieben und eilf(von vier bis ſieben wurde ein Weg ausſpaziert), da wurde zwar auch fleißig gebinockelt 83 und geländelt, aber doch nicht immer, ſondern auch politiſirt. Das Kaffee Füſis(es hatte ſeinen Namen, wie ich glaube, nicht aus dem Griechiſchen), wo Peterli Stammgaſt war, wurde als der Verſammlungsplatz der Unzufriedenen betrachtet. Da waren meiſtentheils Handwerksmeiſter anzutreffen, welche merkwürdigerweiſe hindertſi hausten, obſchon ſie von nichts als von Fortſchritt ſprachen und in ihren Geſchäften nicht vorwärts kamen, wiewohl man ſie den ganzen Tag mit dem Zollſtab oder dem grünen Säcklein in allen Gaſſen herum⸗ laufen ſah. Auch fanden ſich einige geweſene Schulmeiſter ein, die im feſten Glauben ſtanden, ſie ſeien von der Vor⸗ ſehung beſtimmt, über etwas mehreres, als über eine bloße Schulſtube zu regieren. Ferners ließen ſich dort etliche bei den letzten Wahlen durchgefallene Beamtete ſehen, welche bei nächſter Gelegenheit dem Vaterland gern wieder ihre Dienſte geweiht hätten. Das war das fruchtbare Feld, wo Peter Schnabel den Samen konnte aufgehen laſſen, den er ſeiner Zeit beim„Großmogul“ geſammelt hatte. Da wurden neue Verfaſſungen entworfen, Wahlliſten aufgeſetzt und die Regie⸗ rung durch die Hechel gezogen, daß die Fetzen davon fuhren. Nicht mit zwei Joch Ochſen hätte man aus Peter Schnabel den Glauben herausgebracht, daß er ein großer Staatsmann und das Kaffee Füſis die Laterne ſei, vorab den Kanton und dann auch die übrige Welt mit ihrem Lichte zu erleuchten. Dem Geſchäftsbureau Schnabel gegenüber wohnte die Wittwe Rieſterli mit ihren drei Töchtern, die ehemals Mad⸗ lung, Gattung und Bethung geheißen hatten, ſich jedoch ſpäter— ohne juſt zu den Wiedertäufern zu gehen, umtaufen ließen und nun Madi, Kitti und Bethſi genannt wurden. Zufälliger und merkwürdigerweiſe mußte es ſich treffen, daß allemal, wenn ſich Peterli auf dem Bureau befand, Madi am Fenſter ſaß und Pantoffeln brodirte,— Kitti Klavier ſpielte und„du weißt nicht wie gut ich dir bin“ ſo ſchmelzend ſang, daß ein B'ſetzigſtein darob hätte lind werden mögen,— 84 Bethſi aber in maleriſcher Stellung vor dem Spiegel ſtand und einen Hut, einen Shawl oder einen neumodiſchen Tſcho⸗ pen probirte.— Das ſeien bigott Jumpfern oder vielmehr „Fräulene“— ſchöner nütze nüt— dachte Peterli und war in neuerer Zeit wieder häufiger im Bureau anzutreffen, zwar nicht am Pult, aber am Fenſter. Eines Tages meldete Stips mit pfiffigem Lächeln, Frau Rieſterli laſſe ein ſchönes Kompliment ausrichten,— ob Herr Schnabel vielleicht die Gefälligkeit haben wolle, heute Abend auf ein Viertelſtündchen ſich hinüber zu bemühen. Peterli zog alſo, da es Abend wurde, ſeine ſchönſten Kleider an(er war, im Vorbeigehen bemerkt, einer der beſten Kunden ſeines Schneiders),— den blauen Frack mit den goldenen Knöpfen, das rothe Halstuch, das gelbe Gilet und die meergrünen Hoſen, hing ſich ſeine durch alle Gaſſen ſchei— nende Uhrkette um und ging über die Straße. Das ſah aber vornehm aus da drüben! Umhänge an den Fenſtern, dünn und leicht wie Spinnhuppen,— ſammetne Stühle,— ein Boden ſo glatt wie ein Zibeliſch*), auf welchem Peterli ſchon beim erſten Schritt faſt über den Haufen gefallen wäre; endlich auf dem runden Tiſch eine Ampel, welche ſo heiter machte, wie am hellen Mittag. So wolle er ſich auch ein⸗ richten, wenn er einmal eine eigene Haushaltung habe, nahm ſich Peterli vor. Frau Rieſterli in einer Kappe mit feuerrothen Maſchen empfing den Eintretenden mit einem tiefen Knix.„Sie habe dem Herrn Schnabel tauſend Exgüſen zu machen; es ſei aber gar ſchenierlich für eine Dame, ſelber auf ein Bureau zu gehen, wo man immer ſo viele Herren antreffe. Herr Schna⸗ bel werde es ihr alſo gewiß nicht in übel nehmen, daß ſie ſo frei geweſen, ihn herüber zu bitten, um ihn über ein kleines Geſchäft zu berathen. Er werde hoffentlich eine Taſſe Thee *) Zibeliſch= Cisfläche, über welche die Jugend zu ſchleifen pflegt. 8⁵ acceptiren und dann könne man über die Sache reden. Un⸗ terdeſſen wolle ſie Herrn Schnabel, wenn er es erlaube, ihren Töchtern präſentiren.— So gut Peterli im Bierkomment bewandert war, ſo hatte er dagegen noch nirgends gelernt, wie man dem vornehmen Weibsvolke Komplimente macht, und je beſſer er hinter dem Wirthstiſche Beſcheid wußte, um ſo weniger hatte er es los, wie man ſich am Theetiſch benimmt. Es begab ſich alſo, daß er die Zuckerſchüſſel ab dem Tiſche ſchlug, ſeinen Thee der Frau Rieſterli auf die Schooß ſchüt⸗ tete und einen Stuhl zu Schanden ritt, da er ſich das gi⸗ gampfen nicht abgewöhnen konnte. Die Frauenzimmer waren aber ſo artig, alle dieſe Ungeſchicklichkeiten keineswegs in Uebel zu nehmen, ſondern ſie gaben ſich die möglichſte Mühe, ihren Gaſt angenehm zu unterhalten. Bethſi ſprach ſehr leb⸗ haft über die Bälle des nächſten Winters und erlaubte ſich die Frage, ob Herr Schnabel gern tanze?— Er könne nicht leugnen, erwiederte Peterli, daß es ihm zuweilen Jux mache, einem flotten Beſen die Junti*) zu ſchütteln.— Kitti ſchwärmte für die ſchöne Natur. Ob es Herrn Schnabel nicht ſchier das Herz gebrochen habe, von den grünen Fluren und den blumigen Wieſen zu ſcheiden? Peterli verſicherte jedoch er ſei immer am liebſten in der Stube hinter dem Tiſche geſeſſen; übrigens hätten ſie daheim auf den Matten wenig Blumen gehabt; der Vater hätte allemal geſagt, das wären die magerſten und habe dann brav beſchüttet, was ein wenig ſtinke.— Da ließ ſich Madi heran und lobte die Freuden des häuslichen Lebens, den ſtillen Genuß, mit der Nadel zu wirken.— Davon verſtehe er nicht viel, meinte Peterli; wenn er ein Loch im Strumpf habe, ſo binde er es allemal mit einem Zwicke zuſammen. *) Junti= Unterrock. Von größerem Intereſſe waren die Mittheilungen der Mama. Es ſei ihr, ſagte ſie, ein Kapital aufgekündet worden, zwar nur eine Kleinigkeit— zehn oder zwölftauſend Pfund oder Kronen; aber als arme, in den Geſchäften wenig be⸗ wanderten Wittfrau getraue ſie ſich doch nicht, das Geld wieder anzulegen, ohne zuerſt den Rath und Beiſtand eines 87 bewanderten Geſchäftsmannes eingeholt zu haben,— beſon— ders da ſie gar ſelten in den Fall komme, da ihre übrigen Kapitalien ſämmtlich ſehr ſolid und an feſten Orten placirt ſeien und ſie auch viel mehr auf den Liegenſchaften halte, da dieſelben Einem mindeſtens nicht fortgetragen werden könnten. — Peter Schnabel that die Ohren weit auf, da von einem Gültrodel die Rede war, in welchem ein Poſten von zwölf— tauſend Pfund oder gar Kronen eine Kleinigkeit hieß, und dann gar noch von Liegenſchaften— und verſprach ſich um das Geſchäft der Frau Rieſterli auf's Eifrigſte anzunehmen. Als er endlich nach Hauſe zurückkehrte— unvermerkt war es ziemlich ſpät geworden—, befand er ſich im dritten Him— mel. Das wäre einmal eine Parthie für ihn. Wie vornehm und wie reich! und überdieß alle drei bis über die Ohren in ihn verſchoſſen— ein Blinder hätte es greifen können. Wenn das z'Schnabelbabi wuüßt, es würde ſich, ſo dick es ſei, drei⸗ mal auf dem Abſatz drehen vor Freude, wenn es nicht grad die Schlurpen anhätte— meinte Peterli.— Hätte er nur gewußt, welche er nehmen wolle. Kitti im grünen Kleide hatte das Gewicht für ſich; ſie wog mehr, als beide andern miteinander und das iſt auch etwas für Einen, der ſolid denkt. Aber dann Madi im blauen Kleide! welcher Peterli hätte dieſen zierlich geringelten Schmachtlocken widerſtehen können? über die Rübe, welche mitten in ihrem langen Schwanenhals, etwas auf der Seite des Herzens, ſtecken ge⸗ blieben war, konnte man um ſo leichter wegſehen, als ſie unter einem blauen Seidenband verſteckt lag. Und nun gar Betſi im roſenrothen Kleide, wie lebhaft, wie zuthunlich; und die Blitze, die aus ihren Augen ſchoſſen— zwar etwas über⸗ zwärch, als Kreuzfeuer aber dafür um ſo wirkſamer!— Am nächſten Sonntag fuhr Peter Schnabel mit der Familie Rieſterli in das nächſte Bad, wo man tanzte, ſpa⸗ zieren.— Des andern Herbſtes war es um neue Wahlen zu thun. 88 Im Kaffee Füſis galt es als eine längſt ausgemachte Sache, daß es jetzt eine andere Ordnung geben ſolle. Es ſei nur billig, daß wieder einmal Neue daran kämen, und mit dem Staatswagen auf eine andere Manier zu kutſchieren probirten. Wie? das wußte man auf dem Kaffee Füſis ſelber noch nicht. Die Hauptſache war, bei den Wahlen ſeine Leute hineinzu⸗ bringen. Aber Wahlen zu machen, das hat ſeine Naſe— dazu braucht es Geld und zwar viel Geld. Ohne Peter Schnabel wären die Herren des Kaffee Füſis wie die Ochſen am Berge geſtanden. Peter Schnabel hatte Geld und mußte füremachen. Dafür ſollte er aber nicht nur in den Kantons⸗ rath kommen, ſondern auch in die Regierung, ſagten ihm die Füſismannen. Daß er grad Landammann werden würde, das hatte man ihm zwar nicht ausdrücklich verſprochen.„Aber warum ſollte ich nicht?“ dachte Peterli.„Sind nicht auch anderswo Männer z'oberſt hinaufgekommen und waren nicht trockner hinter den Ohren als ich. Kenn' ich das Ding etwa nicht? Hab' ich's nicht gelernt, ſo gut wie Einer, z'Bern beim Großmogul? Hab' ich nicht Geld wie Heu? und ziehen nicht die Vornehmſten vor mir den Hut ab?“— Es ver⸗ ſtehe ſich alſo faſt von ſelber, meinte Peterli, daß er ſchon heuer oder doch ſpäteſtens das nächſte Jahr Landammann werde.—„Wie wird die Mutter loſen, wenn ſie es aus der Zeitung leſen hört! Wie wird der Vater Augen machen, wenn ich einmal im ſchwarzen Rock und mit dem Grasbogen auf dem Kopf(ſtatt im Zwilchkittel und den Stallhoſen) zu ihm in's Stüblein trete und ſpreche: Wir, der Landammann, verzeihen dir gnädigſt die an unſerer hohen Perſon verübte Grobheit und geruhen, dich wieder huldvoll mit unſerer kind⸗ lichen Liebe zu beehren.“ So träumte Peter Schnabel, und dieſe Träume zu verwirklichen, da durfte ihn kein Geld ge⸗ reuen. Würde es nicht doppelt und dreifach zurückkommen, wenn man einmal auf dem grünen Seſſel ſäße? Habe der Vater nicht noch die Fülle verſchimmelter Neuthaler im Trog? 89 (Peterli begann allmählig ſelbſt an die Million zu glauben, die ſein Schreiber Stips erlogen.) Und ſchließlich brauche man ja nur den Finger auszuſtrecken, um eine reiche Frau daran zurückzuziehen. Aus dieſen und noch vielen andern Gründen wurde alſo die Kaſſe des Geſchäftsbureau's an der Käsgaſſe Nr. 101, welche der Tauſendkünſtler Stips ſtets friſch zu füllen wußte, man mochte daraus nehmen, ſo viel man wollte, keineswegs geſchont. Büchlein wurden gedruckt, Agenten im Lande her⸗ umgeſchickt und die bei ſo angeſtrengter Arbeit für's Vater⸗ land alleweil trocknen Gurgeln berieſelt, daß es eine Art hatte. Ueberdieß war Schnabels Geſchäftskaſſe für Jeden eine Hülfs⸗ kaſſe, der nach dem Vorzettel zu ſtimmen verſprach, während den Schuldnern, welche ſich vermeſſen ſollten anderweitig über ihre Stimme zu verfügen, mit unnachſichtlicher Abkündung und Betreibung gedroht wurde. Dieſen Zweig der politiſchen Agitation hatte der Schreiber Stips übernommen und ent⸗ wickelte dabei die lobenswertheſte und vielverſprechendſte Thä⸗ tigkeit. Endlich nahte der Tag der Entſcheidung heran. Peterli war voll der zuverſichtlichſten Hoffnung. Schon fühlte er den Druck des Grasbogens auf ſeiner Stirne. Champagner her! Flaſche nach Flaſche knallte und die Scheiben des Saales im Kaffee Füſis erzitterten von den Vivats, welche dem künftigen Landamman Peter Schnabel gebracht wurden, auf deſſen Rechnung begreiflich der Champagner ſchäumte. Achtes Rapitel. Der Roggenacker. Es wird an der Zeit ſein, einen geehrten Leſer auch wieder einmal aus der Stadt in's Grüne hinauszuführen; 90 dießmal aber nicht zum Schnabelbauer, ſondern an einen neuen Ort, nämlich nach dem„Roggenacker“, wo das Ameili daheim iſt. Erinnerſt du dich noch an das Ameili, lieber Leſer, welches hinter dem Haſelnußzaun lauſchte, als Peter Schnabel zum erſten Mal von der Schäube*) ſeiner Mutter weg in die große Welt hinausfuhr hoch oben auf einem Frucht⸗ wagen und mit der Peitſche knallte? Der Herbſtmarkt war vorbei. Auf den Matten blühten die Kiltblumen; drüber lag ein ſilbergrauer Nebel und durch den Nebel von fern und nah tönte das helle Glockengeläute der weidenden Kühe. An einen Kirſchbaum gelehnt, deſſen gelb und roth gefärbte Blätter, eins ums andere, ſich von den Zweigen lösten und dann wirbelnd zur Erde fielen, ſtand Ameili, hütete und ſtrickte. Ameili war keineswegs zu den hofffährtigen Bauernjungfern zu zählen. Seine rothe Halb⸗ leinjüppe zu flicken, hatte es ſchon Stück auf Stück ſetzen müſſen; durch den dünnen, verwaſchenen Tſchopen blies der Herbſtwind ungenirt und ſein Vorſtecker war weder von Sammt noch von Seide. Ameili war auch nicht, wie man zu ſagen pflegt, wie Milch und Blut, ſondern eher bleich als rothmündig und eher mager als ſtark bei Fleiſch— es wußte warum— und galt deshalb im Dorfe keineswegs für eine beſondere Schönheit. Woran dachte wohl Ameili, als es ſo in Gedanken die Stricknadeln in den Fingern ſpielen ließ und den fallenden rothen und gelben Blättern zuſchaute, während die ſeiner Obhut anvertrauten Kühe ganz gemüthlich im Lewat grasten? Vielleicht an den jetzigen Geſchäfts- und künftigen Landam— mann, Herrn Peter Schnabel? Keineswegs, ſondern an Peterli, den Chriſtenlehrknaben. 1 Ameili war nicht des Roggenbauers Tochter. Der Rog⸗ genſepp war ein alter Knab und hatte die Baſe zu ſich ge— *) Schäube= Schürze. ——— 91 nommen ſtatt einer Magd, um an ihr den Lohn zu erſparen. Ameili durfte alſo auf dem Roggenacker keineswegs„Man⸗ ſchettli“ häckeln, ſondern mußte arbeiten, jedoch nicht wie eine Magd, ſondern wie zwei. Dafür hätte der Roggenſepp die Baſe ſpeiſen und kleiden ſollen, was er auch that— aber wie! Doch kehren wir zu Ameili's wachendem Traume zurück, zu den Bildern, die an ſeiner Seele vorüberzogen, dieweil die rothen und gelben Blätter fielen und die hungrigen Kühe von dem zarten Kraute des jungen Lewat's naſchten. Es hat ſich in Gedanken nach jener Zeit zurückverſetzt, da der Roggenbauer das Waislein zu ſich nahm. Es war damals in jenem Alter, da die Jugend zwar der Schule entwachſen, aber noch Chriſtenlehrpflichtig iſt, wo das Herz ſich zu rühren anfängt, die Buben keck eine Cigarre im Munde führen, wenn der Vater und der Pfarrer ſie nicht belauſchen, und den Mädchen beginnt enge zu werden in ih⸗ ren Kinderkleidern.— Auch bei Ameili begann es damals zu ſchwellen und zu knospen, ſein Tſchöplein ward ihm knapper und knapper. Da that der alte Sepp, weil es ſo ſein mußte, ein Einſehen, ſuchte ein uraltes Paar halbleinener Hoſen her⸗ vor, in denen er ſiebzehn Winter lang gemolken hatte, nahm die Näherin auf die Stör und ließ daraus dem Meitſchi einen funkelnagelneuen Tſchopen machen.— Da wird's Sonn⸗ tag. Ameili geht mit dem neuen Tſchopen in die Chriſten— lehre. Doch bereits hat die Näherin das Geheimniß von den Melkhoſen ausgeplaudert. Die Mädchen alle der reichen Bauern, die im Feiertagsſtaat prangen, ſie flüſtern, kichern, rümpfen die Naſen; kaum vermag heut der Pfarrer die junge Heerde im Zaume zu halten. Endlich iſt's aus— man macht ſich auf den Heimweg. Da erzählen die Mädchen das Geheimniß von Roggenbauers verwandelten Hoſen den Buben. Die erheben ein lautes Halloh! Ob das Ameili Schmöck⸗ waſſer an ſeinen neuen Tſchopen geſchüttet, daß er ſo wohl 92 rieche? rufen ſie. Ob der Vetter morgen wieder mit den Beinen durch die Aermel fahren werde, wenn er melken gehe?— Ameili möchte aus Scham in die Erde ſinken; es deckt das Geſicht mit den Händen und weint und will nach Hauſe laufen. Aber die Bengel verſperren ihm den Weg.—— Da erwächst dem geeängſteten Mädchen ein unverhoffter Be⸗ ſchützer:„was ihnen das Meitſchi zu leid gethan?— es könne ja nichts dafür, daß ihm der Roggenbauer keine beſſern Kleidlein gebe,— hätte wahrſcheinlich ſelber lieber ſchönere“ —— und dieſer Zuſpruch wird kräftigſt durch einen umge⸗ kehrten Peitſchenſtiel unterſtützt, der dem neckenden Schwarme um die Köpfe ſaust. Ameili ſchaut auf. Es iſt Schnabel⸗ bauers Peterli, der ſich ſeiner erbarmt hat.— Das war Ameili's wacher Traum. Und wie unzählige Male hatte es ihn ſeit jenem denk⸗ würdigen Sonntage geträumt? Wie oftmals hatte es ſeit⸗ her verſchämt und verſtohlen nach dem langaufgeſchoſſenen, rothmündigen Burſchen geſchielt? War ja Schnabelpeterli der einzige Menſch auf Erden, der ſich je des armen Meit⸗ ſchi's angenommen, der ihm je etwas zu lieb gethan! Kein Wunder, daß es für Ameili allemal ein Feſttag geweſen war, wenn Peterli ihr auf dem Kirchweg begegnet und etwa freund⸗ lich das Zeit gewünſcht hatte. Seit es hinter dem Haſelnußzaun umſonſt auf ein Ab⸗ ſchiedswort gepaßt, war ein neues Leid in ſein Herz einge⸗ zogen. Gedachte aber dennoch jeden Tag des Helfers in der Noth: ein beſſeres Herz habe im ganzen Dorfe keiner und noch weit darum herum, und ſo einen Herzhaften würde man nicht leicht finden, der ſich unbſinnet gleich an ein ganzes Dutzend gewagt habe. Wenn es nur Gottes Wille wäre, daß es ihm auch einmal etwas zu lieb thun könnte! Es wollte für ihn gern durch's Feuer laufen, damit er ſähe und über⸗ zeugt würde, wie gut das Ameili auf dem Roggenacker es mit ihm meine, und dann nicht wieder ſo hochmüthig vorbei⸗ 4 — —— 93 fahre und chlepfe, ohne ihm„leb' wohl“ zu ſagen, wenn es am Wege ſtehe.—— „Was gaffiſch*) wieder, du Donners Sturm?“— Das war ein unfreundliches Erwachen unter dem Kirſch⸗ baum, deſſen bunte Blätter zur Erde wirbelten. Ob es ſtändlings eingeſchlafen ſei, daß es nicht merke, was die Kühe im Lewat ſchändeten?— zankte der Roggen⸗ ſepp, der plötzlich hinter dem Kirſchbaume hervortrat, mit dünner, krächzender Stimme, und ſchoß giftige Blicke aus ſei⸗ nen grauen Aeuglein auf das erſchrockene Mädchen. Das fuhr aus ſeinen Trämen auf und lief, ſo raſch es mochte, der verlaufenen„Waar“ zu wehren. Der Roggenſepp gehörte nicht eben zu den freundlichſten Erſcheinungen, wenn er an ſeinem Stecken humpelnd die Kehr um ſeine Aecker und Matten machte. Er trug dann gewöhnlich ein Paar Beinkleider, welches einſt einer ſeiner Werkleute aus dem Entlibuch auf dem Roggenacker zurückge⸗ laſſen hatte, weil es ihm zum Mitnehmen wohl ſchlecht war, unter den Hoſenträgern ein halbleinenes Aermelleibchen vom Vater ſelig und auf dem Kopf eine Zipfelkappe— Alles Na⸗ turfarbe, nämlich ſo, wie Hoſen, Aermelleibchen und Zipfel— kappe werden, wenn man. ſie vierzig Jahre am Leibe trägt, ohne je einen andern Tropfen dran zu wagen, als Regen⸗ waſſer, ausgenommen beim Bſchütten. Roggenſepps Geſicht war dagegen nicht naturfarben, ſondern gelb mit grau ſchat⸗ tirt und hatte ein Ausſehen, als ſähe man von weitem einen ſchöngefahrenen, vom Biswind ausgetrockneten Acker, Furche an Furche, Runzel an Runzel. Grad fett war der Roggen⸗ bauer auch nicht— gut eſſen war nicht ſeine Sache, ſondern er beſann ſich bei jedem Stücklein Brod, das er für ſich abſchnitt, zweimal, wenn er für das Ameili abſchnitt, aber dreimal. *) Gaffen= Maulafee feil halten. 94 Ob der Roggenbauer reich ſei, darüber wußte niemand genauen Beſcheid. Viel Land, einen großen Hof, beſaß er eben nicht, und ſeine Matten und Aeker waren nicht von den beſten, ſondern dürr, mager und ausgemergelt— grad wie ſeine elenden Paar Kühe, welche ſich im Lewat ausnahms⸗ weiſe einmal einen guten Tag gemacht hatten, während ihre Hüterin ſtändlings wenn nicht ſchlief, doch träumte. Es reute ihn eben jede Gabel voll Futter, die er ſeiner Waar in den Baren geben mußte und jedes Fuder Dünger, das er auf den Acker führen ſollte. Am liebſten hätte er Futter und Dünger in einen großen Trog verſchloſſen. Das Herausgeben war gegen ſeine Natur.— Jammern hörte man den Sepp zur Genüge über die böſen Zeiten; und daß auf dem Roggenacker je einmal Hoffahrt und Staat getrieben worden wäre, der hätte auf Reichthum ſchließen laſſen, konnten Sepps ärgſte Feinde ihm nicht nachreden. Dagegen war unter den Leuten viel Geſchwätz von einem wohlverwahrten Speicher, in welchen Roggenſepp keine fremde Seele, nicht einmal das Ameili einen Fuß ſetzen oder einen Blick werfen ließ. In dieſem Speicher, ſagten einige, ſeien mehr Sachen aufgehäuft, als die drei reichſten Bauern des Kantons zuſammenbringen könnten, Von den Schweinen, die Roggenſepp ſeit vierzig Jahren geſchlachtet, habe er allemal nur eine Speckſeite verbraucht, und die andere im Speicher verwahrt. Schnitztröge fänden ſich dort, wie mittelmäßige Brechhütten*), und Strohflaſchen mit Gigertſchiwaſſer— ſo viele als Tage im Jahr. Die Stücke Zwilch und Halblein ſeien darin übereinandergeſchichtet, wie man Holzſpälten auf— klaftere. Von den verſchimmelten Thalern, welche in alten Strümpfen und geſpaltenen Töpfen da und dort verſteckt ſeien, gar nicht einmal zu reden.— Andere jedoch behaup— teten, es ſei freilich gar vielerlei in Roggenſepps Speicher *) Brechhütte= Häuschen, auf welchem man den Hanf röſtet. 9⁵ aufgehäuft, aber meiſtentheils nur alte durchgelaufene Holz⸗ ſchuhe, ſämmtliche erſt nach vollſtändiger Dienſtunfähigkeit in Ruheſtand verſetzten Kittel, Hoſen, Hüte und Strümpfe vom Vater und Großvater her, zerlöcherte Pfannen, geſpaltene Flaſchen, alte Harniſchplätze und anderes dergleichen mehr, was der Roggenbauer etwa auf ſeinen Gängen über Feld gefunden und unvermerkt unter ſeinen Rockſchößen habe heim tragen können. Dieſe Meinung hatte durchaus nicht alle Wahrſcheinlichkeit wider ſich, da Sepp ſeit vierzig Jahren unverbrüchlich am Grundſatze feſtgehalten hatte, nichts weg⸗ zugeben, was einmal in ſeinem Beſitze war, und alles, ſelbſt das unſcheinbarſte ſich anzueignen, was ſich herrenlos auf ſeinem Wege fand. Der Gemeindeammann ſelber hatte ein⸗ mal von weitem zugeſehen, wie er einen Bündel hinter einem Haag aufhob, wahrſcheinlich Lumpen, die von herumziehendem Keßlervolk zurückgelaſſen worden,— und denſelben nach Hauſe in ſeinen Speicher trug. So viel war gewiß, Sepp hütete den Speicher wie ein Heiligthum und verſchloß ihn vor der Welt vermittelſt eines großen und feſten Vorlegeſchloſſes. Er ſelbſt brachte gewöhn⸗ lich die Sonntag⸗Nachmittage in den geheimnißvollen Räumen zu, wo man ihn dann hin. und her, Trepp' auf, Trepp' ab humpeln, hüſteln und keuchen hörte, als ob er ſchwere Bürden hebe und herumtrage. Des Nachts wurde der Speicher von Spitzi, einem Hündchen von äußerſt häſſiger und biſſiger Ge⸗ müthsart, bewacht. Die kleinen Hunde, behauptete Sepp, ſeien viel wachbarer als die großen und fräßen weniger. Ameili hatte eben die dürren Kühe des Roggenbauers aus dem Lewat getrieben, als ein„Herr“, nämlich einer, der weder Halbleinkittel noch Zwilchhoſen, ſondern einen langen, abgeſchabten dunkelblauen Ueberrock und einen alten Seiden⸗ hut trug, des Weges, der vom nächſten Wirthshaus nach dem Roggenacker führte, daher kam. Als er bei Sepp angelangt war, blieb er ſtehen. Das ſeien einmal ſchöne Thiere, rief —————— —— 96 er aus,— gut gemodelt und füllten ſich brav; allen Zeichen nach müßten es von den beſten Milchkühen ſein weit und breit. Der Roggenbauer lachte bei dieſer Rede heimlich in ſich hinein, theils über die Dummheit des Herrn, welcher die Thiere, von denen die beſte kaum einen halben Kübel voll gab auf einmal, für gute Milchkühe hielt, theils, weil ihn das Rühmen ſeiner„Waar“ denn doch nicht wenig kitzelte, da es ſelten genug geſchah. Ob er nicht die Ehre habe, mit dem Bauer auf dem Roggenacker zu ſprechen? fuhr der„Herr“ im blauen Rocke fort, in welchem wir an den rothen Haaren und dem lahmen Beine den Schreiber Stips erkennen. Sepp griff bei dieſer Frage unwillkührlich an den Hoſenſack, in welchem er die Schweinsblaſe mit ſeiner Baarſchaft verwahrt hielt, wenn er in Geldgeſchäften über Feld ging;— ſo höflich, dachte er, ſei nur einer der einem an den Geldſäckel wolle. Er habe ihm eben einen Beſuch machen wollen, ſprach Stips weiter; es freue ihn um ſo mehr, ihn hier angetroffen zu haben und ſeine Bekanntſchaft zu machen.— Sepp blinzte mit den grauen Aeuglein den Schreiber mißtrauiſch von der Seite an: weder habe er Geld anzulegen, noch brauche er Geld aufzu⸗ brechen, Gott Lob! Auch ſei ihm gerade nichts feil im Stall und was er in's Haus brauche, pflege er nicht bei Muſter⸗ reitern einzukaufen.— Es handle ſich durchaus nicht um ſolche Dinge, beſchwichtete Stips. Ob der Roggenbauer nicht wiſſe, daß morgen Wahltag ſei?— Mit dem neumodiſchen Zeug, entgegnete Sepp, gebe er ſich nicht ab, es trage nichts ein.— Und doch ſollte es allen Gutgeſinnten und insbeſondere dem biedern Landvolk daran gelegen ſein, daß es einmal eine rechte Regierung gebe,— ſprach der Schreiber mit Nachdruck, indem er dem alten Bauer ſeine Doſe darhielt. Sepp that einen tüchtigen Griff— zum nehmen war er niemals zu faul—, ſchnupfte und blinzte dann liſtig zu Stips hinüber: er müſſe, mit Schein für den Schnabelpeterli herumweibeln?— Bei 97 Nennung dieſes Namens wurde Ameili, welches wieder am Kirſchbaum gelehnt ſtand und ſtrickte, ſo roth, wie eines der Blätter, die ſich ob ſeinem Haupte von den Zweigen lösten. Roggenſepp achtete ſich aber deſſen nicht— was wußte er von der Geſchichte mit dem halbleinigen Melkhoſentſchopen und dem umgekehrten Geißelſtecken?— ſondern lachte auf den Stockzähnen in ſich hinein und fuhr fort:„Ja, ja! der Schnabelpeter ſei ein Herr geworden, ſagt man,— und gebe ſich damit ab, des Schnabelbauers Batzen unter die Leute zu bringen. Will,, ſcheint's, jetzt auch noch Rathsherr werden— ſei zBern dafür in der Lehre geweſen! z'Schnabelbabi hat davon gebrichtet im Dorf. Wird eine große Ehre ſein für z'Schnabelbabi, wenn's geſchieht, geht mich aber nichts an.“ Stips hatte ſich unterdeſſen den Roggenbauer genauer in's Auge gefaßt, erwiederte deſſen pfiffiges Blinzeln mit einem nicht minder pfiffigen Grinſen, und bemerkte dann nur noch beiläufig: der Roggenbauer werde doch wohl morgen in's Dorf kommen, einen Schoppen zu trinken; wer zum Rößli gehe, den koſt' es nichts, die Uerte ſei ſchon zum Voraus be⸗ zahlt. Er wolle dann dort noch ein Wort mit ihm reden. Nach dieſer Rede empfahl er ſich,— er habe noch etliche nothwendige Gänge zu machen. Nachdem der Roggenſepp dem Ameili noch einmal ein⸗ geſchärft hatte, die Kühe nicht mehr in den Lewat zu laſſen, ſtekelte er heimzu, bei ſich überlegend: es wäre doch nicht ſo dumm, morgen an die Wahl zu gehen, da man beim Rößli freie Uerte habe. Ameili ſann darüber, wie Peterli nun ein vornehmer Herr geworden. Es wollte ihm aber nicht ge⸗ lingen, ſich denſelben im ſchwarzen Rathsherrnrock vorzuſtellen, ſondern nur im elben Chutli, das er angehabt, als er noch in die Chriſtenlehre ging. —j—. — Neunktes Rapitel. Am Vorabend. Niemals geht's lebhafter zu auf den Landſtraßen,— nicht nur auf jenen die London mit Calcutta verbinden, ſondern ſelbſt diſ denen, die nach Welſchenrohr oder Kienberg führen; — niemals haben die Leuen, Bären, Falken, Adler, Ochſen und ähnliche wilde und zahme Beſtien beſſere Zeiten,— nämlich nicht die, welche in Wäldern oder Ställen zu finden ſind, ſondern jene in den Dörfern, vor denen ein Tannenbaum mit einem Maien ſteht;— zu keiner Zeit weiß ſich der ge⸗ meine Mann größerer Höflichkeit und freigebigerer Bewirthung zu berühmen: als am Vorabende allgemeiner Wahlen. Peter Schnabel hatte ſich, um ſeine Wahl in den Kan⸗ tonsrath zu betreiben, in eigener Perſon nach Sufiwyl in's Rößli begeben. Er wollte dem Suverän imponiren und hatte ſich deßhalb ſchon ſeit etlichen Wochen den Schnauz wachſen laſſen. Ferners bekleidete er ſich mit einem grünen mit Schnü⸗ ren übernäthen Schützenrock, ſchnallte Sporen an ſeine Stiefel, ſchaffte ſich eine Reitpeitſche an und ſetzte ſeine Brille von Scheibenglas auf. Was er zu leiſten im Stande ſei, wolle er den Muttenſtüpfern dann ſchon begreiflich machen; er wette ein Kiſtchen der feinſten Havannah gegen ein halb⸗ batziges Päckchen Dufour, er bringe ſie alle unter den Tiſch, vom Giſten bis zum Letzten. Der geneigte Leſer möge ſich erinnern, daß Peter Schna⸗ bel mit dem Glas in der Hand und mit der langen Quaſten⸗ pfeife im Geſicht ſeine Studien gemacht hatte— nicht im Kolleg, ſondern beim„Großmogul“. Das Glas in der Hand hatte er auch ſeine praktiſche Geſchäftsbildung erworben— nicht in der Schreibſtube, ſondern im Kaffee Füſis. Das Glas in der Hand wollte er ſich nun ſeinen Sitz im Kan⸗ — O 99 tonsrath erobern. Komme er dann noch höher hinauf, ſo wolle er's, bei Gott, probiren, ob ſich beim Becherklang und Rundgeſang, beim Binokel und die Cigarre im Maul nicht ebenſogut oder vielmehr noch beſſer regieren laſſe, als hinter dem Schreibpult und den ſtaubigen Akten. Alles Unheil auf der Welt, habe allemal ſein Profeſſor in Bern geſagt, rühre von den ſogenannten ordentlichen und ſoliden Leuten, von den Pedanten, Philiſtern und Dintenſchleckern her. Die Gaſtſtube beim Rößli war ziemlich angefüllt, wie es ſich am Vorabend der Wahlen geziemt. Man hatte die Frau daheim damit„g'ſchweigen“ können, es wäre Bürgerpflicht, heute einen Schoppen trinken zu gehen. Von Politik, von Wahlkandidaten, von Glaubensbekenntniſſen und dergleichen wurde jedoch wenig verhandelt. Die Mannen mit den langen elben Kitteln und den kurzen, braunen, ſaftigen Pfeifen unter⸗ hielten ſich über intereſſantere Gegenſtände, nämlich über ihre Schweine, ihre Kühe und Kalbeten und über die Fruchtpreiſe in Bern und Baſel, oder ſie fragten einander ob der Hansuli bereits verſäet oder ob der Muttendurs ſchon mit dreſchen angefangen habe?— Als es nach und nach etwas lebhafter wurde, geſchah es, daß einer oder der andere über ein„gſtyff's Chalbeli“ einen Handel abſchloß, oder zwei ſich beredeten, einander bei der nächſten Steigerung nicht abzubieten.— „Sechs Flaſchen vom Beſſern!— Wer trinkt mit mir ein Glas?“ 3» Die Bauern ſchauten einander an.„Der Schnabelpeterli will Kantonsrath werden“— ſagte Hansuli leiſe den. Mutten⸗ durs und Mattendurs nickte. Es ſolle zulangen, wer möge, und anſtoßen, Trnntente Peter Schnabel, und ſchwenkte, um den Leuten von vornherein eine gute. Meinung von ſich beizubringen, ein volles Glas hinunter. Die Bauerſame iſt zwar nicht gleich bereit, mit den Händen danach zu greifen, wenn ihr etwas zu eſſen oder zu ——.— — ——y— ———— * 100 trinken angeboten wird;— es gehört zu den Grundregeln der ländlichen Anſtandslehre, ſich vorerſt dringlich bitten und nö⸗ thigen laſſen. Aber ſchließlich langte doch einer nach dem andern nach den Gläſern, die Peter Schnabel vollgeſchenkt hatte. Der Rößliwirth hatte nämlich von ſeinem bouchirten heraufgeholt, welchen er ſonſt nicht jedem Köbi vorſetzte, und der dann doch um die Wahl etwas beſſer war, als der Twanner, den er, wie er ſich hoch und theuer verſchwor, ſelber in Vivis geholt hatte und den Schoppen zu ſechs Kreuzer alte Währung auszuwirthen pflegte. „Noch ſechs Flaſchen“— befahl Peter Schnabel„und Schmollis,— bei Gott.“ Drauf ſtimmte er einen Rundge⸗ ſang an, wobei einer nach dem andern ſein Glas zu leeren hatte. Peterli, ſeiner Abſicht getreu, ſchenkte die leeren Gläſer fleißig wieder voll, trank aber ſelber einmal mehr als jeder andre. Den Muttenſtüpfern kam's faſt vor, wie in der Co⸗ mödie oder beim Rößliſpiel, aber noch viel luſtiger, da hier der Hanswurſt kein Trinkgeld einzog, ſondern ſelber zu trinken zahlte. Jetzt ſeien die Leute im Saft, dachte Peterli, und ließ eine dritte Flaſchenbatterie in's Feuer rücken, womit er die Schlacht zu entſcheiden gedachte. Wie ſich's nun eigentlich mit den Wahlen verhalte? Die Bauerſame werde doch hof⸗ fentlich ſo viel Aufklärung im Leibe haben, um die alten Quartalzäpfler nicht wieder hinauflüpfen zu helfen, ſondern junge Kräfte, welche den Verſtand und guten Willen Bättin. den alten Wuſt den Bach abzuſchicken. Die Mannen mit den langen elben Kitteln ſHcnten ſich ſchweigend an und lachten auf den Stockzähnen über den Hans Narr mit der Brille, den Sporen und der Reitpeitſche, der ja doch nur der Schnabelpeterli ſei. Zuletzt ergriff der Muttendurs, in jüngern Jahren ein Hauptſpaßmacher, das Wort.„Kaufe ich mir halbverhungerten Faſel, ſo frißt der⸗ ſelbe zweimal ſo viel, als ſtyf angemäſtete Säuli, die ihre 101 Sache bekommen haben; weiß allemal nicht recht, wie genug Tränke auf⸗ und anbringen. Hülf morn die Alten wieder an⸗ ſtellen bei der Regierung und keinen jungen g'fräßigen Faſel.“ — Das war ein glorioſer Witz vom Muttendurs. Am gan⸗ zen langen Wirthstiſch brach als wie auf's Kommando ein Gelächter aus, daß das Weihwaſſerkrüglein neben der Thüre davon zu wackeln begann. Peter Schnabel hatte den ſteifen Vorſatz mitgebracht, die geſammte Wählerſchaft von Sufiwyl unter den Tiſch zu brin— gen; einmal ſo weit, meinte er, wüßten ſie dann ſchon, wen ſie zu wählen hätten. Aber der Menſch denkt und Gott lenkt. Die Bauerſame ſaß noch feſt und kaltblütig genug hinter dem Tiſch, als Peter Schnabel ſchon glühte, wie die Morgenſonne, wenn es Abends Koth geben ſoll. Es war Thatſache, daß Peterli einen Stüber*) hatte, als Mutten⸗ durs und Hansuli erſt recht an's Anfangen dachten. Es kam alſo, daß dem Schnabelpeter bei des Muttendur⸗ ſen Rede das Feuer in's Dach ſtieg: er merke wohl, ſchrie er über den Tiſch weg, die Sufiwyler ſeien die letzten hundert Jahre auch nicht viel weiter gekommen in der Aufklärung, als die Stiere, die ſie vor ihre Miſtbännen ſpannten, und ſie führten Zöpfe, länger und dicker als das größte Wellen⸗ ſeil; ſie ſollten aber nur warten, bis die junge Schule ein⸗ mal am Brette ſei, die werde ihnen dann ſchon über das Hung gehen.— Das war nun freilich keineswegs klug und politiſch geſprochen von einem Wahlkandidaten. Um ſo beſſer hatte der Muttendurs ſeinen Machiavell los, der beim Roß⸗ und Kühhandel ſeine diplomatiſche Schule durchgemacht hatte. Er ſtüpfte alſo den Hansuli mit dem Ellenbogen; dieſer ſchlug auf den Tiſch und rief: er für ſeinen Theil halte es mit dem Herrn Schnabel; der habe ſtudiert und müſſe alſo die Sache wiſſen. Uebrigens ſei's ja überall Sitte, die *) Stüber= Rauſch im erſten Grade. 102 Schweine, wenn ſie ausgemäſtet ſeien, in den Schornſtein zu hängen und an deren Stelle jungen Faſel anzuſtellen,— je gefräßiger, deſto beſſer.— Das ſei geſprochen, wie ein Vaterlandsfreund, triumphirte Peterli, welchem der Hut ſchon ganz ſchief auf dem Kopfe ſaß.„Noch mehr Wein her, bei Gott!“ Es muß Einer dreifach gedreht ſein, der die Bauerſame „änen ummen lüpfen“ will. Peter Schnabel war es nicht einmal einfach. Vielleicht macht der Schreiber Stips ſeine Sache beſſer. Stips hat ſich einen genauen Auszug aus dem Haupt⸗ buch, Betreibungs⸗ und Pfandbotrodel verfertigt. Während der Herr Prinzipal die Matadoren im Wirthshaus abtränkt, geht der Schreiber bei den Schuldenbäuerlein herum und ſchärft ihnen ein, um ſo zuverläſſiger„gut“ zu ſtimmen, als ſie ſonſt ohne Termin und Pardon in's Amtsblatt müßten. Ueberdieß händigt er noch jedem für den morgigen Wahltag ſeinen bereits beſchriebenen und zuſammengefalteten Stimm⸗ zettel ein.—— Als Stips ſpät zum Rößlein zurückkehrte— hell auf, Portugal!— was fand er da? Den Herrn Prinzipal, der mit ſchwerer Zunge die Bauerſame im Bierkomment unter⸗ terrichtete,— die Bauerſame, welche ſich ob dem Treiben des Herrn Prinzipals die Bäuche hielt und ſich fort und fort die Gläſer voll ſchenken ließ, ohne daß es auch nur dem Mindeſten in ihrer Mitte eingefallen wäre, unter den Tiſch zu ſinken. Stips befahl, daß ſogleich angeſpannt werde, und Peter Schnabel wurde halb mit Liſt, halb mit Gewalt in's Fuhrwerk geladen und des Rößliwirths Knecht übergeben, der ihn nach der Stadt zurückführen ſollte. Beim⸗Abſchied kün⸗ dete Peterli, der ſich bereits als Kantonsrath fühlte, der Geſellſchaft an, morgen ſei beim Rößli freie Uerte; er werde Alles bezahlen.— Stips blieb und hielt noch in ſelbiger 103 Nacht mit dem Muttendurs und dem Hansuli eine geheime 85 Konferenz neigter Leſer iſt vielleicht begierig zu wiſſen, was er Ein ge n⸗ der Schnabelbauer zu Peterli's Kandidatur ſagte? Seit Peterli ſein Muttergut herausverlangt hatte und m Schna⸗ er 1 — dann von dannen gefahren war, durfte man vor de Als aber de:. belbauer nicht einmal deſſen Namen ausſprechen. 104 Schnabelbabi von den Baſen im Dorfe erfuhr, daß es ſich darum handle, den Peterli in den Kantonsrath zu wählen, ſo faßte es ſich ein Herz und klopfte eines Nachts hinter den geeckſteinten Umhängen beim Alten an, ob er nicht ſeine Stimme und ſeinen Einfluß für den Sohn verwenden wolle. Aber der Schnabelbauer antwortete kurz:„Was geht's mich an, ob der Geſchäftsmann Peter Schnabel im Rathsherrn⸗ rock herumläuft oder nicht? Ich kennen keinen als den Peterli in der Zwilchb'chleidig und der wird wohl ſchon begraben ſein“— worauf er ſich nach der Wand kehrte. Wäre Babi beſſer beleſen geweſen, ſo hätte es den Alten einen Raben⸗ vater geſcholten; ſo ſagte es aber blos halbleiſe, er ſei der wüſteſt Hung in der ganzen Kilchhöre und habe kein Herz für ſein eigen Fleiſch und Blut. Sie wiſſe ganz beſtimmt, daß ihr Peterli ſchon ein Bein auf dem Rathsherrenſeſſel habe, und nun möge man ihm nicht dazu verhelfen, auch das an— dere hinaufzubringen. Wenn dann aber Peterli Landammann ſei, verſchwur ſich Babi im Stillen, ſo möge mira der Alte brüllen, ſo laut er wolle,— es laſſe den Choli anſpannen und fahre in die Stadt, um dem Bübeli ſein Haus einzu⸗ richten und oben zum Fenſter hinaus zu ſchauen. Für den Wahltag beſtellte es eine Schwefelhölzchen⸗ Frau als Kundſchafterin, welche den Auftrag hatte, mit der erfreulichen Nachricht von Peterli's Wahl auf Windesflügeln, ſo weit es die G'ſüchti in ihren Beinen erlaubten, nach dem Schnabelhof zu eilen, wofür ihr ein halb Pfund Kaffee, ein Ankenbälli und zwei Dutzend ECier als Botenlohn in ein Körbchen bereit gelegt waren. 3 Zehntes Rapitel.. Der Schreiber Stips. Einſtimmig iſt Peter Schnabel gewählt! Der Gritli⸗ verein bringt ihm einen Fackelzug, die Liedertafel ein Ständ⸗ 105 chen. Auf dem Kaffee Füſis wird ein glänzendes Banket veranſtaltet; der Champagner ſchäumt; ein hundertſtimmiges „Hoch“ ertönt dem künftigen Landammann Peter Schnabel. Da ſetzt ſich eine unverſchämte Fliege auf deſſen Naſe und —— Peterli erwacht. Eben läutet es Mittag. Mit Verwunderung ſchaut ſich der Langſchläfer in ſeiner Stube um. Da tauchen nach und nach einige unklare Erinnerungen vom geſtrigen Abend in ſeinem Kopfe auf— an die rauchgeſchwärzte Gaſtſtube beim Rößli in Sufiwyl,— an die lange Tafel voll Bauerſame, die er ſammt und ſonders habe unter den Tiſch bringen wollen,— wie er dann bei einem Haar ſelber darunter ge⸗ kommen und endlich von Stips in ſein Fuhrwerk verpackt worden ſei. Zu fernerem Nachdenken war Peterli durchaus nicht aufgelegt, da es in ſeinem Kopfe wieder einmal rings herumging, wie ein Wagenrad. Streckte ſich alſo noch ein wenig, verfügte ſich dann nach dem Kaffee Füſis, beſtellte ſich eine ſaure Leber und wartete geruhig die Nachricht ſeiner Wahl ab. Fehlen könne es ihm nicht wohl, nachdem er ſich geſtern bei den Bauern ſo famös herausgebiſſen; was etwa noch gemangelt, das werde Stips in's Reine gebracht haben. Verflucht kommod, ſo ein Schreiber, dachte Peterli. Auf dem Kaffee Füſis, einem der politiſchen Hauptquar⸗ tiere, das von ſeinen Stammgäſten den ſtolzen Namen des Kaffee's der Zukunft erhalten hatte, war begreiflich heute große Geſellſchaft, welche da die erſten Nachrichten aus den Wahlbezirken erwarteten. Um das Tiſchchen, an welchem Peter Schnabel die Gewiſſensbiſſe ſeines Magens vermittelſt einer ſauern Leber beſchwichtigte, hatte ſich ein kleiner Hof⸗ ſtaat verſammelt, in Erwartung des Champagners, welchen der Gewählte ohne Zweifel würde fließen laſſen. Denn be⸗ reits hatte ſich unter der Hand die Sage verbreitet, daß fünfundzwanzig Flaſchen, wo nicht gar fünfzig im Hinterhalt lägen, um beim erſten Signal ihre Stöpſel knallen zu laſſen. 106 Endlich ſprengt die erſte Staffete über das Pflaſter— ſie kommt von Sufiwyl! Wer iſt gewählt? Das letzte Leberlein bleibt dem Peterli im Halſe ſtecken. Keineswegs der Geſchäftsmann Schnabel, ſondern—— deſſen Schreiber Stips. Peterli proteſtirt. Ein Mißverſtändniß— ein Irrthum! Wie ſollte der Prinzipal durchgefallen, der obſkure Schreiber aus der Wahlurne hervorgegangen ſein? Da erſcheint das offizielle Wahlbülletin.„Sufiwyl: ge— wählt wurde mit großer Mehrheit Herr Sekretär Stips; einige verlorene Stimmen erhielt Geſchäftsmann Schnabel.“ Adieu Champagner! Wer den Schaden hat, braucht für Spott nicht zu ſor⸗ gen. Peterli's gute Freunde, die ſich in ihren Erwartungen ſo häßlich getäuſcht ſahen, ſuchten ſich nun auf eine andere Weiſe ſchadlos zu halten. Ob er den ſchwarzen Frack ſchon beſtellt habe? riefen ſie ihm zu. Als hätte ihn der Hund gebiſſen ging Peter Schnabel davon und zog ſich in ſeine Schreibſtube zurück. Unheimlich genug blickten ihn hier die Betreibungs- und Pfandbotrödel, die Journale und Hauptbücher an. Was wußte er Beſcheid über dieſe Briefe alle, dieſe Papierſäcke und fliegenden Blätter? Das war ja des Schreibers Sache geweſen. Nun ſolle es aber anders werden, nahm ſich Peterli vor, nachdem es ihm endlich gelungen war, ſich einigermaßen mit dem Gedanken ſeines Mißgeſchicks vertraut zu machen. Die Politik,— dieß ſehe er nun wohl ein,— trage Einem nichts als Galle und Verdruß ein. Er wolle ſich deshalb lieber. ganz auf ſein Geſchäft werfen, fleißig ſein und brav Geld V verdienen. Sei er ein reicher Mann, ſo ſchere er ſich den Teufel darum Kantonsrath zu ſein oder nicht. Peter Schnabel, der dieſen Abend früh und nüchtern zu Bette ging, war des andern Morgens ſchon bei Zeiten wach. 107 Uebernacht hatte er ſich in ſeinen guten Vorſätzen beſtärkt und ging nun ſtatt in's Kaffee Füſis nach ſeiner Schreibſtube. Stips ließ ſich nicht blicken. Dagegen brachte der Poſt⸗ läufer zwei Briefe. Der erſte enthielt die Wahlürte des Rößliwirths von Sufiwyl. Es iſt ſehr unangenehm, durch⸗ gefallen zu ſein, und dann doch bezahlen zu müſſen, was die Wähler getrunken haben. Es traf ſich faſt einen halben Saum für jede Stimme, welche Peterli erhalten hatte. Der zweite Brief war von Peter Schnabels Schreiber, welcher in kurzen Worten meldete, die neue Würde, zu wel⸗ cher ihn das Zutrauen ſeiner Mitbürger erhoben, erlaube ihm nicht mehr, in der bisherigen untergeordneten Stellung zu verharren. Herr Schnabel werde bei eigener Anhand⸗ nahme des Geſchäftes daſſelbe in der wünſchbarſten Ordnung, die Bücher bis auf den letzten Tag eingetragen und den Kaſſabeſtand mit dem Kaſſajournal in Uebereinſtimmung finden. Peter hatte alſo keine Wahl, ſondern mußte aus der Noth eine Tugend machen, ſich ſelber in's Geſchirr legen und ſich in die Geſchäfte einzuſchießen ſuchen. Seine erſte Unterſuchung galt der Geldkiſte. Troſtloſer Einblick! ein öder, weiter Raum, in deſſen finſterſten Winkeln einige lum⸗ pige Münzpäckchen ſich verkrochen hatten. Was war aus all den harten Thalern geworden, die der Schnabelbauer ihm als ſein Muttergut ausbezahlt hatte? Was aus all dem blanken Silber, welches aus den Sparbüchſen der halben Stadt hier zuſammengefloſſen war, wie nach einem Gewitter die Regenbäche in einer ausgefahrenen Dorfgaſſe? Das mußte ſich in Werthſchriften wiederfinden. Peter Schnabel machte ſich daran, ſeine Gülten zu durchmuſtern. — — „ 2e— 55 z— Eine ſaubere Handſchriftenſammlung! Von den Schuld⸗ nern hatten die meiſten bereits zwei Geldstage hinter ſich, etliche ſogar drei. Unter den Bürgen waren der Schnapsrudi und der Lumpenkübler die ſolideſten. Auf ſeiner Entdeckungsreiſe durch die Schreibſtube war dem Peterli der unerwartetſte und überraſchendſte Fund für den Schluß aufgeſpart— ein Häufchen Paäpiere in einem Winkel des Pultes. Vielleicht ein Päckchen Bankſcheine oder ſonſt ein ähnlicher Schatz? Peter Schnabel mochte kaum ſeinen Augen trauen— eins, zwei, drei Betreibungsdoppel 199 für einkaſſirte Zinſe und abgelöste Titel, deren Betrag den Gläubigern abzuliefern— im Drang der Geſchäfte vergeſſen worden war. Davon hatte Stips kein Sterbenswörtchen verlauten laſſen. Und kaum acht Tage noch, ſo waren ſie ausgelaufen,— der Geſchäftsmann Peter Schnabel an der Gant. Zum Glück ſei er noch zu rechter Zeit darüber gekommen, ſagte Peterli zu ſich ſelbſt, nahm, da in der Kaſſe leider Ebbe war, einen Arm voll von ſeinen Hypothekſcheinen und ging, dieſelben bei dem einen oder andern ſeiner Geſchäfts⸗ freunde zu verſilbern. Betroffen kehrte er wieder zurück,— nicht mit Geld, ſondern mit denſelben Handſchriften und Verſchreibungen, mit denen er ausgereist war. Keine einzige hatte er abſetzen können, nicht einmal mit Währſchaft. Wenn ſein Vater, der Schnabelbauer, gut ſtehen wolle,— lautete der Beſcheid,— dann könne er deren bringen, ſo viel er möge, ſie wären dann alle wie baar Geld; dieſe aber ſeien keinen rothen Halbbatzen werth. Die Sache begann bedenklich zu werden. Unruhig ſchritt Peter Schnabel in der öden, unheimlichen Schreibſtube, aus welcher der belebende Geiſt, der rothe Schreiber, ausgezogen war, hinauf und hinunter. Es klopft.—„Herein!—— Was wollt Ihr, Frau?“ Die Frau zupft verlegen an ihrer Schürze. Sie ſollte das Geldlein wieder haben, welches ſie vor einigen Wochen bei Herrn Schnabel an Zins gelegt,— es habe da— mals geheißen, man könne es ſogleich wieder haben, wenn man's brauche, wie bei der Erſparnißkaſſe.— Der Geſchäfts⸗ mann konnte ſich nicht enthalten, einen ſorgenvollen Blick auf die Geldkiſte zu werfen, welche ſchwarz wie ein Sarg im Winkel ſtand. Nicht einmal ſo viel enthielt ſie mehr, die kleine Forderung dieſer Frau zu befriedigen. Aber durfte er ſie abſpeiſen, vertröſten, verſchicken? Das gäbe gleich ein 110 Geſchwätz, welches wie ein Lauffeuer die Stadt durchziehen würde,— bei jedem Brunnen würde man ſich vom halblei⸗ nigen G'ſchäftlimacher erzählen, der nicht einmal lumpige fünfzig Franken auszuzahlen im Stande ſei.—— Wie hätte ſich Peter Schnabel anders herauszuhelfen gewußt, als durch eine Nothlüge?„Der Schreiber habe den Kaſſenſchlüſſel zu ſich geſteckt; die Frau ſolle einen Augenblick warten.“— Viel⸗ leicht, dachte er, kommt indeſſen Jemand der Geld bringt, die Frau wird ausbezahlt und die Sache iſt im Blei. Peterli glaubt noch an ſeinen Stern. Da klopfte es wieder. Es iſt der Füſiswirth; er bringt den Conto für das Getränke, welches bei ihm zu Ehren und auf Rechnung des künftigen, leider nun den Bach hinabge⸗ ſchwommenen Landammanns, vertilgt worden iſt. Es thue ihm unendlich leid, aber die fällig gewordenen Zahlungen 4 bedeutender Weinkäufe—— Herr Schnabel werde entſchul⸗ digen——— Was war anderes zu machen, als die Noth⸗ lüge noch einmal zu gebrauchen. Der Füſiswirth ſetzt ſich auf einen Stuhl, zündet eine Cigarre an und zieht eine Zei⸗ tung aus der Taſche. Zum dritten, zum vierten, zum fünften Mal klopft es. Lauter Leute die Geld wollen. Keiner weicht vom Platz; jeder will auf den Schreiber warten. Peterli fühlt ſich, wie in einem böſen Traum befangen. Der Schweiß läuft ihm über die Stirn; der Athem geht ihm aus. Verzweifelnd blickt er bald nach der Thüre, bald nach der Bureau⸗Uhr. Stunde um Stunde vergeht, aber kein er⸗ löſender Engel will ſich zeigen. Endlich ſchlägt es zwölf. In der Verzweiflung faßt ſich Peter Schnabel ein Herz. Die Leute ſollten nun machen daß ſie fortkämen,— das Maulaffen feil haben trage ihnen doch nichts ein. Wäre der Schreiber mit dem Schluüſſel nicht aus⸗ geblieben, ſie hätten alle längſt ihr Geld. Nachmittags zwei Uhr — 111 ſollten ſie wieder kommen; bis dahin wolle er den Schreiber und den Schlüſſel zur Stelle ſchaffen. Der Geängſtete athmet tief auf, als der letzte der un⸗ willkommenen Kunden die Schreibſtube verlaſſen hat. Er wirft ſich erſchöpft auf einen Stuhl und wiſcht den über— ſtandenen Angſtſchweiß von der Stirne. Da ſieht er, durchs Fenſter ſchauend, auf der Gaſſe eine bekannte Geſtalt auf⸗ tauchen, die ſich nähert. Es iſt der geweſene Schreiber— nun Kantonsrath— Stips, aber nicht mehr im abgeſchabten blauen Ueberrock und den Schreibärmeln von Gallerttuch, ſondern im nagelneuen ſchwarzen Frack. Herablaſſend nickt derſelbe zum Fenſter hinein. Wer auders hat all' das Mißgeſchick, das Schlag auf Schlag über Peterli herein bricht,— all' die Verlegenheiten die ſich über ſeinem Haupte ſammeln, verſchuldet, als dieſer rothe Verräther. Wüthend ſpringt jener auf die Gaſſe und will Stips beim Kragen faſſen, der jedoch einen Schritt zu⸗ rücktritt und verwundert fragt, was es gäbe. Schnabel wirft ihm mit bittern Worten vor, er habe ihn um ſeine Kantons⸗ rathsſtelle geprellt und um ſein Geld gebracht. Da wirft ſich Stips ſtolz in die Bruſt: es werde hoffentlich Geſetze im Lande geben, welche den Bürger und Volksrepräſentanten vor ſolchen Inſulten zu ſchützen vermöchten— Herr Schnabel ſolle bedenken, fügt er achſelzuckend bei, daß es Sache der ſouveränen Wähler ſei, wem ſie ihr Zutrauen ſchenken wollten; was dann das Geſchäft betreffe, ſo habe er daſſelbe in der wünſchbarſten Ordnung zurückgelaſſen; wenn Herr Schnabel kein Geld in der Kaſſe vorgefunden, ſo könne er nichts dafür. Uebrigens, ſchloß Stips, wolle er Hrn. Schnabel ſeinen Un⸗ geſtüm keineswegs hochanrechnen, ſondern im Gegentheil, wenn Hr. Schnabel einmal in den Fall kommen ſollte ſeiner Pro⸗ tektion zu bedürfen, etwa um eine Weibel- oder Landjäger⸗, oder Wegknechtenſtelle zu bekommen, wenn etwa ſein Ge⸗ ſchäftsbureau nicht mehr nach Wunſch laufen ſollte, ſo ſei er zu beſten Dienſten erbötig. Nickte mit vornehm herablaſſen⸗ ——— — — — 112 dem Lächeln, ließ den geweſenen Hrn. Prinzipal verblüfft ſtehen und ging. In die Schreibſtube zurückgekehrt, bemerkte Peterli mit Schrecken, daß es unterdeſſen ſchon halb Eins geworden. Um zwei, daran war nicht zu zweifeln, würden ſeine Gläubiger wieder auf dem Platze ſein. Bis dahin mußte Rath, mußte Geld geſchafft werden. Aber kein Ausweg, nicht die entfernteſte Ausſicht auf Hülfe in der Noth wollte ſich zeigen. Eilſtes Rapitel. Des Geſchäftmanns Ende. Eins! Da öffnet ſich druͤben, jenſeits der Gaſſe ein wohlbe⸗ s Hand wird ſichtbar, die Hand kanntes Läufterlein und Kitti' w V, 9 1 ſ 4 s e 5 A der mittleren der drei Rieſterliſchen Gra⸗ zien. Kitti, welche einſt Gattung hieß, ſpendet, als das ir⸗ diſche Werkzeug der himmliſchen Vorſe⸗ hung, den Spatzen, die rings auf den u Dächern harrten, die Broſämlein des eben Wſ vollendeten Mittags⸗ males. Bei dieſem Anblickfährt ein Licht⸗ ſtrahl der Hoffnung durch Peterlis ver⸗ finſtertes Gemüth. üfft mit Um ger ßte eſte 113 Da drüben iſt Rettung. Hatte ja Mama Rieſterli ſchon zu wiederholten Malen und in den unzweideutigſten Aus⸗ drücken ſich geäußert, ſie würde Herrn Schnabel ohne Beden⸗ ken ſelbſt ihr Koſtbarſtes anvertrauen, und war ja, was Pe⸗ terli jetzt eben von ihr bedurfte, noch lange nicht ihr Koſtbar⸗ ſtes, ſondern höchſtens ein Paar lumpige Rollen Fünffränkler, deren ſie, aus ihrem vornehmen Weſen zu ſchließen, ganze Schienkörbe voll beſaß. Da iſt kein langes Beſinnen. Peter Schnabel wirft ſich in ſeinen Sonntagsrock, ergreift Hut und Stock und eilt über die Gaſſe, um bei den zarten, liebenden Gemüthern da drüben Troſt und Hülfe zu ſuchen. Mama Rieſterli hatte ſich eben zum Nachmittagsſchläfchen in den Winkel des Sopha's zurecht geſetzt. Kitti, welche ge⸗ gen die Spatzen das Werk der Barmherzigkeit ausgeübt, ſaß nun wieder mit ihrer Stickerei am Fenſter, Madi klimperte auf dem Klavier und Bethſi probirte vor dem Spiegel einen neuen Tſchopen. Im Vertrauen auf die Stimme, welche ſeiner Meinung nach in ſämmtlichen Rieſterli'ſchen Herzen für ihn das Wort führte und in Betracht der Dringlichkeit der Lage, fand es Peterli für's Beſte, gleich mit der Thüre in's Haus zu fal— len und die künftige Schwiegermama ohne weitläufige Um⸗ ſchweife um ein Anleihen von ſo vielen Rollen Fünflibern anzuſprechen, als er benöthigt zu ſein glaubte, ſich aus der Klemme zu ziehen.— Während er ſein Anliegen vorbrachte, erlitt Frau Rieſterli's Geſicht eine auffallende Verlängerung; ſie zog ſich in den Winkel des Kanapee's zurück, gleich einer Schnecke, welcher man mit einem Dorn zu nahe gekommen iſt, und erwiederte kühl, ſie habe den Augenblick durchaus kein disponibles Geld; Herr Schnabel ſolle ſchauen, daß ihm anderswoher geholfen werde.— Peterli hatte jedoch zu feſt auf dieſe Hülfe gebaut, als daß er nicht einen zweiten Sturm gewagt hätte. Er ſchilderte in kurzen Worten ſeine gedrängte Lage und ſpielte dann auf das abgekündete Kapital von 8 114 zwölftauſend Pfund oder Kronen an, davon vor Kurzem noch die Rede geweſen, mit der verfänglichen Frage ſchließend, wie es komme, daß ſie ſich beſinne, einem Manne ein paar hun⸗ dert Franken anzuvertrauen, in deſſen Hände ſie das Glück einer ihrer liebenswürdigen Töchter niederzulegen, wie er hoffe, kein Bedenken tragen würde?— eelehe mes filles,“— befahl Knn Rieſterli mit Grandezza.— Ob Herr Schnabel ſich die Illuſion gemacht habe, Uhde Töchter hätten eine ſo ſoignirte Edukation erhalten, um dem erſten beſten ungeleckten Bauerlümmel an den Hals geworfen zu werden, der ſchon auf fünfzig Schritte nach dem Kühſtall ſtinke? Er trumpire ſich ſehr, wenn er meine, Kitti oder Madi oder Bethſi hätten etwa auf ihn gewartet, ſie hätten die brillanteſten Pathieen machen können, da Herr Schnabel noch an der Schäube ſeiner Mutter hing, und es hänge nur von ihnen ab, morgen ſchon unter die Haube zu kommen; es preſſire aber durchaus noch nicht, da ihre Töchter noch zu jung zum Heirathen ſeien. Und einen Schwie⸗ gerſohn, welcher ſo impertinent ſei, Geld von ihr zu entleh— nen, wolle ſie ſchon von vornherein nicht. Sie müſſe ſich deshalb für die Zukunft Herrn Schnabels Beſuche verbitten, da der Umgang mit Leuten von ſo ſchlechten Manieren und gemeinem Ton für ihre Töchter durchaus nicht konvenabel ſei und ſie kompromittiren könnte. Einem brennenden Dornbuſch vergleichbar, rückte hierauf Madame jRieſterli, den rechten Ellenbogen voran, gegen den niedergedonnerten Peterli los, und drängte ihn ohne Kom⸗ plimente der Thüre zu. Im Nebenzimmer hörte man kichern und Madi begann mit ſchmetternder Stimme den„lieber Auguſtin“ anzuſtimmen. Glühend vor Scham und Zorn er— griff Peter Schnabel den Rückzug. Auf der Treppe begeg⸗ nete er dem Kantonsrath Stips, der im ſchwarzen Frack und einen Blumenſtrauß in der Hand zu den Damen Rieſterli 115 hinaufging und mit herablaſſendem Lächeln grüßend an ihm vorübereilte.— Als Peterli den Kopf zur Rieſterli'ſchen Hausthür her⸗ ausſtreckte, erblickte er drüben das Heer der Feinde, welches ſeine Bureauthüre belagerte,— die alte Frau, welche ihre Sparpfennige heraushaben wollte, der Füſiswirth mit der Champagner⸗Rechnung und noch ein Dutzend andere, die alle nicht einmal ſo lange hatten warten mögen, bis es zwei ge— ſchlagen. Was ſollte er nun dieſen Leuten ſagen? Er habe kein Geld und bekomme keins,— er habe ſie angelogen und zum Beſten gehabt!—— Als hätte ihn der Hund gebiſſen, zog er ſich wieder zurück, eilte durch die Hinterthüre nach der andern Straße,— von dort durch öde, einſame Gäßchen zum Thore hinaus, weiter und weiter.—— Es war lange her, ſeit Peter Schnabel zum letzten Mal ſo recht draußen im Freien geweſen war. Seit er in die Stadt gezogen, hatten ihn ſeine Füße kaum je einmal vor das Thor hinausgetragen, ſondern ſelten weiter, als von der Käsgaſſe in's Kaffee Füſis und vom Kaffee Füſis an die Käsgaſſe. Ging's etwa Sonntags oder bei beſonderen An⸗ läſſen auf's Land, ſo ließ man anſpannen und ſchwärmte, aber nicht etwa durch Wald und Fluren, ſondern von einem Wirthshauſe, wo getanzt wurde oder eine gute Flaſche Wein zu bekommen war, in's andere. Kein Wunder, daß es ihm ganz unheimlich und fremd vorkam, ſich plötzlich mitten auf dem einſamen Felde draußen zu finden, über welches ein kühler Herbſtwind blies. Zuletzt ſetzte er ſich an einem Haag auf einen Stein, nahm den Hut ab, ſich vom Wind den glühenden Kopf abkühlen zu laſſen, und ſtützte den Ellen⸗ bogen auf das Knie und auf die Hand das Haupt. Dabei war Peterli ganz beſonders zu Muthe. Er fühlte ein Klo⸗ pfen und Rauſchen im Kopf, als ob eine Hammerſchmiede darin arbeitete, dazu ein Gramſeln und Kräuſeln in der 116 Herzgrube und ein Fröſteln den Rücken hinunter— Aehn⸗ liches hatte er zuweilen geſpürt nach einer durchſchwärmten Nacht, wenn der Neuenburger auf des Wirthes Dachboden oder der Champagner in Vverdon gewachſen war. Dann hatte er allemal den böſen Geiſt mit der bekannten ſauern Leber oder einem marinirten Häringe zu bannen geſucht. Heute aber ſaß der Katzenjammer, wo keine ſaure Leber, kein Häring hinzugelangen vermochte. Hundert Klafter tief hätte Peterli in den Boden ſinken, ſterben, von Allem nichts mehr wiſſen mögen. Aber als er wie ein gehetztes Thier zur Stadt hinaus geflohen, war ihm Einer nach, und als er gleich einem Unſinnigen über das Feld weglief, ſo hatte ſich Jener auf ſeine Schultern ge⸗ ſchwungen. Peterli konnte ihn nicht ſehen und nicht greifen, deſto beſſer fühlte und hörte er den Unſichtbaren. Es war ihm, als ob das Geſpenſt die langen, dürren, kalten Finger um ſeinen Hals geſchlungen hätte und drückte und ſchnürte— als ob es den Mund an ſein Ohr gelegt hätte und flüſterte: „Willſt du jetzt wieder zum Vater gehen? willſt dein Mut⸗ tergut noch einmal holen, das du verlumpt in einem kurzen Jährchen?“ Dem kühlen Wind zum Trotz rann dem Peterli der Schweiß über die Stirne.„Oder willſt du in die Stadt zurück, in's Geſchäftsbureau des Herrn Peter Schnabel? Geh nur! Sie warten dort auf dich,— zehn, zwanzig, dreißig,— Alle, die dir ihren Nothpfennig anvertrauten. Bring ihnen ihr Geld!“ Peter Schnabel hielt ſich die Oh— ren mit beiden Händen zu.„Komm mit,“ gellte die Stimme des Unſichtbaren nur um ſo höhnender,—„komm mit in's Kaffee Fuͤſis,— wir wollen wieder einmal luſtig ſein,— Champagner her!— Du Tropf! kein Glas abgeſtandenes Bier reicht man dir, wenn du nicht zuvor das Geld dafür auf den Tiſch gelegt haſt!— Hörſt du deine alten Freunde auf den Stockzähnen lachen?— ſiehſt du ſie höhnen und foppen?— Und hörſt du es dort kichern hinter den Fenſter⸗ 117 laden? Es iſt Kitti, oder Bethſi, oder Madi;— ſind ſie nicht alle vernarrt in dich? Welche willſt du zur Frau?“ Peterli ſchüttelte ſich wie im Fieber. Aber der Geſelle, der ſich mit den langen, dünnen, kalten Fingern an ſeinem Halſe feſtgekrallt hatte, ließ ſich nicht abſchütteln. „Wie manchen armen Teufel haſt du ausgeſaugt mit Wucherkünſten und zum Lump gemacht für ſein Leben lang? Wie manchen haſt du vergeldstagen und verganten laſſen? Was hat's geholfen? Biſt nun ſelber vergantet und ver⸗ lumpt!“ Der Gequälte war nahe daran, ſich den Schädel am erſten beſten Baume einzurennen; doch der Quälgeiſt war noch nicht fertig. „Kehr dich um, Peterli,“ flüſterte er.„Siehſt du dort die alte Heimath, den ſtattlichen Schnabelhof hinter den grü⸗ nen Bäumen? Aber warum ſteht die Mutter hinter dem Haus und weint? Warum will ſie ſich faſt hinterſinnen, die alte Mutter, die es ſo gut mit dir meinte?— Und ſiehſt du den Vater, wie er grau geworden iſt und wie er traurig ausſchaut?— Wer hat der Mutter die alten Tage verbittert? wer hat Kummer und Schande auf des Vaters graues Haupt gehäuft?— Siehl er blickt dich an— er hebt die Hand,— weißt du, was das bedeutet?“ Dem Peterli ſträubten ſich die Haare zu Berge. Er ſprang von ſeinem Steine auf und rannte davon. Aber nicht nach der Käsgaſſe wandte er ſeine Schritte, nicht nach der Stadt,— auch nicht nach dem Schnabelhof, ſondern nach dem düſtern Wald, nach dem winterlichen Berge. Am nächſten Samſtag ſtand der Geſchäftsmann Peter Schnabel unter den Geldstagern im Amtsblatt oben an. Am ſelben Tage wurde an der Käsgaſſe Nr. 101 eine neue Tafel aufgehängt, auf welcher mit großen goldnen Buchſtaben zu leſen ſtand:„Geſchäftsbureau des Kantonsraths Stips.“ Peterli ſelber war ſpurlos verſchwunden. Einige wollten 2 — — ᷣ-—— 118 wiſſen, er habe ſich ertränkt, Andere behaupteten, er ſei über den Bach nach Amerika. Nachdem dieſe Angelegenheit während vierzehn Tagen Stadtgeſpräch geweſen war, kam wieder etwas Anderes auf'’s Tapet und an Peter Schnabel erinnerte man ſich nur noch dort, wo man durch ihn um ſeine Batzen gekommen war,— und dann noch an zwei andern Orten. Zwölftes Rapitel. Schnabelbabi's geheimes Treiben. Der erſte der Orte, wo man noch an Peter Schnabel dachte, und zwar nach Monaten und Jahren, als er ſonſt überall und ſogar im Kaffee Füſis und bei Frau und Töch⸗ tern Rieſterli längſt verſchollen ſchien, das war hinter den roth und weiß geeckſteinten Vorhängen des ehrwürdigen Schnabel'ſchen Ehebetts. Hinter dieſen Vorhängen war ſeit Peterli's Auszug aus dem Vaterhaus manche naächtliche Stunde verwacht und mancher ſchwere Seufzer ausgeſtoßen worden, und der Ehefrieden zwiſchen dem Schnabelbauer und der Schnabelbäurin hatte manchen harten Stoß erlitten. Der Schnabelbauer hatte ſich ſteif und feſt in den Kopf geſetzt, mit Peterli wäre es ganz anders gekommen, wenn ihn die Mutter weniger am Fürtuch herumgeſchleppt, ſondern mehr in Wind und Wetter hinausgejagt und dann vor Allem nicht ſo viel Lebkuchen geſchoppt hätte, was den Magen ver⸗ derbe, wodurch dann begreiflich auch der geſunde Verſtand zu Schaden komme, welcher bei keiner Speiſe beſſer im Geleiſe bleibe, als bei Erdäpfel und Milch und zur Abwechslung bei Lohner⸗Chosli*). Was dann das Studiren betrifft, ſo *) Aepfel mit Brod gekocht. — 119 wären dieſe Pflänz dem Buben gar nie zu Sinn gekommen, hätte ſie ihm die Mutter nicht aufgeſchwatzt, und von daher rühre eigentlich all das Unglück und die Schande, welche ihn betroffen, und deren Wiederſchein nun auch auf den Schnabelhof zurückfalle. Eine geſchlagenere Frau gäbe es weit und breit nicht, ja kaum hinter dem Berg, wo die Weiber doch ihren Theil bekämen, meinte dagegen das Schnabelbabi. Jetzt ſolle es gar an Allem Schuld ſein, da doch die Sachen ganz anders gekommen wären, wenn der Alte nicht ein Herz, härter als Geißbergerſtein*) im Leibe herumtrüge. Wäre er an die Wahlen gegangen, ſtatt daheim auf dem Stallbänklein hocken zu bleiben und zu chuppen, und hätte ſich etwas weniges in's Geſchirr gelegt, und mit den andern Mannen ein Wort ge⸗ redet,— wer weiß, der Peterli wäre vielleicht jetzt doch Landammann. Und ſeine Fünfliber laſſe der Alte lieber im Trog verſchimmeln, als daß er damit dem Peterli unter die Arme gegriffen und ſeinem eignen Fleiſch und Blut die Schande erſpart hätte, als Geldstager in's Amtsblatt zu kommen; ſondern hätte das arme Bübeli lieber in's Elend wandern laſſen, der ſich, wovor unſer Herrgott uns gnädig behüten wolle, vielleicht gar ſelber ein Leid angethan. War des Schnabelbauers Haut auch hart genug, daß man Feuerteufel auf ſeinen Fingern hätte abbrennen können, ohne daß er etwas Beſonderes dabei verſpürt hätte, ſo dran⸗ gen ihm ſolche Reden dann doch in's Lebendige; und wenn Schnabelbabi ſolchermaßen auspackte, ſo wurde ihm manch— mal dabei innerlich ſo heiß, als ob ſein Herz in einem Topf voll ſiedender Karrenſalbe ſteckte. Und als es darum zu thun war, den Buben vergeldstagen zu laſſen und man ihn frug, ob er für den Sohn zahlen wolle, da arbeitete es gewaltig in ihm; denn ſeines Wiſſens und Beſinnens waren bis jetzt *) Geißbergerſtein= Granit. 2 120 alle Schnäbel vom Großvater und Urgroßvater her ehrenfeſte und aufrechtſtehende Mannen geweſen und keiner kein Lump. Und es wollte ihn beinahe erwürgen, als er die Antwort gab:„Der andern Kinder wegen darf ich nicht und Peterli's wegen mag ich nicht,— es muß nun einmal da durch.“— Wer will es ihm unter dieſen Umſtänden verdenken, daß er ſchließlich dem Schnabelbabi ein für allemal das Maul ver⸗ ſchloß: Geſchehen ſei geſchehen, und wenn es ihn nicht aus Bett und Haus vertreiben wolle in ſeinen alten Tagen, ſo ſolle es ſeine Zunge in Acht haben.— Was half es aber? Durfte Schnabelbabi nicht mehr reden, ſo konnte es ſich doch nicht enthalten, halbe Nächte lang zu ſeufzen, zu ächzen und zu ſchluchzen. Auch noch in einer andern Frage zogen der Bauer und die Bäurin nicht am nämlichen Seil. Die Bäurin meinte, das Schrecklichſte ſei, daß man gar nicht wiſſe, wo Peterli hingekommen ſei und was aus ihm geworden; da ſollte man Himmel und Erde in Bewegung ſetzen und wenn es ſein müßte, ſogar durch den Gemeindeammann an die Regie⸗ rung ſchreiben laſſen, um wo möglich etwas Genaues zu er⸗ fahren. Wer weiß, ob er gar noch am Leben ſei? Wenn es ein Unglück gegeben hätte, ſo wäre das Mindeſte, für ihn zu beten und Seelenmeſſen für ihn leſen zu laſſen; das ſei ja ſchon Chriſten⸗, geſchweige den Elternpflicht.— Aber auch davon wollte der Bauer nichts hören: Ein Leides habe der Bube ſich nicht angethan— er ſei nicht von ſolchem Holz; ſondern ihm wäre das Aarenwaſſer um Allerheiligen herum jedenfalls zu kalt geweſen, hinein zu ſpringen. Das Beſte ſei, nichts von ihm zu ſehen noch zu hören, er käme denn, die Alte wiſſe ſchon wie, und hätte den„Herren“ vollſtändig von ſich abgefegt, was aber ſeines Meinens ſchwer halten und dem Peterli ſchwerlich gelingen werde. Weshalb zu wünſchen, man bleibe auseinander und wiſſe von einander ſo wenig als möglich. ‿1 121 Damit gab ſich aber Schnabelbabi nicht ſo leicht zufrie— den— ein Mutterherz läßt ſich ſelbſt von einem Schnabel⸗ bauer nicht unter dem Daumen halten—, ſondern beſchloß nun auf eigene Fauſt und hinter des Alten Rücken nach dem verlornen Sohne zu forſchen. Der Korbmacher, welcher der Bäurin vor Zeiten prophe⸗ zeit hatte, das Büblein, welches ſie damals unter dem Herzen trug, werde einſt ein vornehmer Herr werden, war leider ſeither geſtorben. Dagegen hatte ſich in der Nähe ein Wunder⸗ doktor aufgethan, deſſen Ruf von Tag zu Tag im Wachſen war. Dieſer Wunderdoktor konnte nicht nur Jedem, der ihm auf einem Papiere einen Auszug aus dem Taufſcheine einſandte, auf's Haar angeben, ob es ihm im Magen, am Herzen oder an der Leber fehle, und welches Zeug man zu nehmen habe, um wieder geſund zu werden; ſondern er ſah in einem Glaſe Waſſer oder gar in der Luft, wo verlorne und geſtohlene Sachen hingekommen, und konnte ſogar über abweſende, tauſend Stunden weit entfernte Menſchen Be⸗ richt geben, wenn man ihm deren Vor⸗ und Zunamen nannte,— nicht zu vergeſſen der unerläßlichen Beigabe an Geld oder Naturalien. An dieſen Wunderdoktor beſchloß Peterli's Mutter ſich zu wen⸗ den, und es wurde in aller Heimlichkeit dieſelbe Schwe⸗ felholzfrau an ihn abgeſchickt, welche ſchon einmal, nämlich an jenem Wahltag, wo Pe⸗ terli hatte Kantonsrath wer⸗ den wollen, der Bäurin als Kurrier gedient hatte. Der 122 Schwefelholzfrau wurde bei ihrem Abgang ein Schinken in's Körbchen gelegt und zwar ein währſchafter, da auf dem Schnabelhof keine minderen als Dreizentnerige geſchlachtet wurden,— um doch ja vom Wunderdoktor ſichern und gün⸗ ſtigen Beſcheid zu erhalten.“ Dieſem Schinken entſprechend lautete dann auch der Be⸗ ſcheid: Peterli befinde ſich jenſeits eines großen Waſſers, habe ſchöne Kleider an, ſei rothmündig und geſund und im Be— griffe eine reiche und vornehme Frau zu heirathen. Das war ein Sonnenblick in das betrübte, umwölkte Mutterherz! * Da begab es ſich, daß bald darauf eine Uebernächterin in's Haus kam, ein Weibsbild aus der Stadt, welches das Gewerbe trieb, für die Leute nach Einſiedeln wallfahren zu gehen. Daſſelbe hatte ſeine gewöhnliche Einkehr bei der Schnabelbäurin und von ihr ſchon mehr als eine bedeutende Beſtellung von Roſenkränzen, an jenem Wallfahrtsort abzu⸗ beten, erhalten und ausgeführt. Kein Wunder, daß Babi der Wallfahrerin ſein volles Herz leerte. Sie habe weiter nichts gegen den Wunderdoktor, ſagte darauf die Wallfahrerin. Würde ſie einmal krank, ſie ginge auch lieber zu dieſem, als zu ſo einem Leutendoktor aus der Stadt, der erſt des wei⸗ ten und des breiten ausfragen müſſe, was der Wunderdoktor Alles im Waſſer oder in der Luft ſehe. Was dann aber das 6. Wahrſagen und Prophezeihen anbeträfe, ſo wüßte ſie viel⸗ 7 leicht noch etwas Beſſeres. Sie kenne eine Frau in der Stadt, gar wohl erfahren im Kartenſchlagen, welche die ge⸗ 6 heimſten Dinge aus ihren Blättern zu leſen vermöge, und was ſie je wahrgeſagt, das ſei allemal auf's Düpflein ein— 1 getroffen. Wenn die Schnabelbäurin etwas Sicheres über ihren Sohn erfahren wolle, ſo werde es jene Frau auf's Haar ſagen können, und wäre Peterli hinter ſieben Mauern* verſteckt oder ſieben Klafter tief unter dem Boden begraben. Sie brauche ſich deshalb durchaus nicht etwa zu ſchämen. Die Kartenlegerin erhalte alle Tage Beſuch von den vor⸗ —ͥ⁴ꝗ 123 nehmſten Rathsherren⸗Frauen mit ſeidenen Röcken und Fe⸗ dern auf dem Hut, zwar nur insgeheim, es wüßte es aber doch die ganze Stadt. Die beſorgte Mutter ließ ſich begreiflich den Gul— den nicht gereuen, welchen die Uebernächterin ſich be⸗ zahlen ließ, um Namens Babi's das Kartenorakel zu befragen, wofür ſie dann auch nach etlichen Tagen ſehr ausführliche Nachrichten über Peterli erhielt, welche war weder auf der Poſt ü noch durch den Telegraphen, —— was wußte man zu jener Zeit von dieſen Stangen mit ——den gläſernen Kappen?— Q☛ꝰ. ſondern auf dem noch viel ſichereren Wege der Karten⸗ blätter eingetroffen waren. Dieſe Nachrichten lauteten etwas anders, als jene des Wunderdoktors. Peterli befinde ſich nicht in Amerika, ſondern in einer großen Stadt, wo ihm eine nahe Gefahr drohe. Es intereſſire ſich jedoch ein junges, ſchönes und reiches Frauenzimmer um ihn. Wenn nicht ein falſcher und boshafter Nebenbuhler die Oberhand gewänne, ſo würde ihm ball ein großes Glück bevorſtehen. So weit die Karten.. 2.— Dem Babi ging 68 dabei wie ein Mühlrad im Kopf herum. Wie wollte es die Enthüllungen der Kartenſchlägerin und jene des Wunderdoktors zuſammenxeimen? War Peterli in Amerika oder anderswo? War er ein reicher Mann oder ein Lump? Was war das für eine Gefahr und für ein Nebenbuhler, die ſich ſo deutlich in Schaufelſieben und im 124 Kreuzbuben geoffenbart und wovon doch der Doktor nichts geſehen und gemerkt hatte? Bald glaubte die Bäurin dieß, bald jenes, je nachdem ihr Gemüth zur Furcht oder zur Hoffnung aufgelegt war. Bald ward die Schwefelholzfrau mit einem Bunde Magenwürſte zum Wunderdoktor abgeſandt, bald das Einſiedlermauſchi mit einem Gulden zur Karten⸗ legerin. So viel ſchien jedenfalls ſicher und feſtgeſtellt, daß Peterli eine reiche, ſchöne und vornehme Frau bekäme oder mindeſtens bekommen ſollte, was das Schnabelbabi eigentlich von jeher gewußt und zur Genüge geſagt hatte: ihm, ſeufzte Babi, wolle aber Niemand und am allermindeſten der Schna⸗ belbauer glauben, der doch vor Gott und der Welt zumeiſt dazu verpflichtet wäre. Was Wunders, wenn unter ſolchen Umſtänden in Haus und Küche nicht immer Alles den gewohnten akkuraten Gang ging, ſondern ſich im Sauerkraut zuweilen ein Harniſchplätz vorfand oder an einer Mehlſuppe das Mehl vergeſſen wor⸗ den war und die Zwiebelnſchweitzi über dem klaren Waſſer ſchwamm. Der Schnabelbauer ſchüttelte darob gar bedenk⸗ lich den Kopf: ob er es noch erleben müſſe, dachte er, daß das Babi in ſeinen alten Tagen den Verſtand verliere? Ueber⸗ flüſſig viel habe es von jeher nicht gehabt. Dieſes wenige könnte ihm unſer Herrgott wohl belaſſen; er hätte doch nicht viel davon, wenn er es auch nehmen würde.— Der Schna⸗ belbauer wußte halt nichts vom geheimen Verkehr mit dem Wunderdoktor und der Kartenlegerin, welcher ſeine Frau faſt wirbelſinnig*) machte, ſonſt hätte er demſelben wohl einen Nagel geſteckt. *) Wirbelſinnig= närriſch. 125 * Dreizehntes Rapitel. Des Roggenbauers Knecht. Welches war der zweite Ort, wo Peterli noch nicht ganz verſchollen war? Der Roggenacker, erräth der geneigte Leſer. Nicht, als ob der Roggenſepp an Peter Schnabel dachte. Er war zwar an jenem Wahltag auch in's Rößli gegangen und hatte gegeſſen und getrunken, wie ſeit Jahren nicht— war's ja Schnabelpeterli, der Narr, welcher bezahlte. Seinen Stimmzettel hatte er jedoch nicht abgegeben, ſondern ein Stück Käſe in denſelben gewickelt und mit heimgenommen. Da er vernahm, daß Schnabelpeterli geldstagen müſſe, hatte er ſich ſchadenfreudig die Hände gerieben und ihn dann ſo ziemlich aus dem Gedächtniß verloren. Auch Ameilis Gedanken weilten nicht bei dem vergelds⸗ tagten Herrn Peter Schnabel. Aber wenn es den langen lieben Tag zähe ſteinige Furchen hackte oder den Dreſchfle⸗ gel ſchwang, oder während den düſtern Winterabenden beim Licht einer kaum glimmenden Ampel am Spinnrad ſaß, oder wenn es die von harter Arbeit ermüdeten Glieder auf ſeinem armſeligen Laubſack ruhen ließ und der Schlaf auf ſeine ſchweren Augenlieder ſich ſetzte,— da trat Peterli, der roth⸗ mündige Chriſtenlehrknabe vor ſein inneres Auge. Ameili, ohne was beſonderes dabei zu denken, freute ſich dieſer Traum— geſtalt, was ihm ja wohl zu gönnen, da ihm außerdem vom Schickſal und dem Roggenbauer blutwenig freudiges zuge meſſen ward. Denn der Roggenbauer wurde mit zunehmendem Alter weder leutſeliger noch freigebiger. Sondern, je weniger ſeine dünnen Beine ihn tragen mochten, um ſo mehr mußte Ameili, die ſeinen ſtrapatziren und je minder Roggenſepp der Arbeit vorzuſtehen im Stande war, um ſo mehr wurde der Baſe aufgeladen, welcher es ja zur Schande gereicht hätte, auf 6 der faulen Haut liegen zu bleiben, da man ſie ſchon ſo man⸗ ches Jahr aus Gutthätigkeit und um Gottes Willen ſpeiſe und kleide— meinte Sepp, den Lohn, welchen er einer Magd hätte bezahlen müſſen, nun aber in der Taſche behalten konnte, mit Stillſchweigen übergehend. Aber die Gliederſucht ſetzte ſich mehr und mehr in des Roggenbauers durchſcheinigen Beinen feſt, ſo daß er zu Zeiten kaum mehr in ſeinen ge— heimnißvollen Speicher hinübzugehen vermochte. Und vier bis fünf Kühe zu beſorgen, einzugraſen, Flachs zu jäten, Erdäpfel zu hacken, Gülle zu ſtoßen und nebenbei noch für die Leute und die Schweine zu kochen, das war ſelber für Ameili wohl viel, obwohl es zur Sommers- und Winterszeit von früh vier Uhr bis Nachts um zehn auf den Beinen war. Zudem gibts bei jedem Bauernweſen gar manches zu heben und zu tragen, wozu Weiberkraft nicht ausreicht. Es mußte ſich der Roggenſepp alſo nach langem Wehren und Sperren doch dazu bequemen, nach einem Knechte auszuſchauen. Das war kein leichtes Geſchäft und nicht ſo bald abge⸗ than. Nicht als ob ihn die Auswahl unter der Menge der ſich Anmeldenden in Verlegenheit geſetzt hätte— im Gegen— theil, es dauerte lange, bis ſich der erſte herbeiließ, auf dem Roggenacker anzufragen. Als ſich dann aber hie und da einer, der Arbeit ſuchte, dahin verlief, ſo fand Sepp, die jungen würden zu viel eſſen, die alten aber zu wenig ſchaffen. Wer aber recht bei Kräften war, der verlangte zu hohen Lohn und wer ſich mit wenigem beſcheiden wollte, von dem argwöhnte Sepp, er würde ſich wohl auf andere Weiſe ſchadlos zu halten wiſſen. Schließlich ward keiner gedingt und Ameili mußte auch fernerhin alleine eingraſen, b'ſchütten, miſten, melken, füttern, hacken, jäten und kochen faſt über ſeine Kräfte, ob⸗ wohl letzteres ſchnell genug abgethan war. Da klopfte eines Tages wieder einer an, der nach Ar⸗ beit ging. Es war um die Zeit, da die Hauptwerke bald angehen ſollten und die Gliederſucht zwickte den Roggenbauer A* 1 1 1 V 9 eben beſonders fühlbar in die Waden. Er ließ daher den Arbeitſucher vor ſich kommen: wer er ſei, wie er heiße und woher er komme? Der Name ſtehe hier in den Papieren; vier Jahre ſei er in Neapel als Soldat geſtanden und habe dann ſeinen ehrlichen Abſchied bekommen; jetzt ſuche er einen Dienſt als Bauernknecht. Der Schnauz und die aufrechte Haltung hatten gleich den gedienten Soldaten verrathen. 128 Sonſt ſah Pauli, ſo hieß der Burſche, nicht aus, als ob er von den ägyptiſchen Fleiſchtöpfen herkäme. Der werde mit Schein nicht gewohnt ſein viermal täglich Geſatteltes*) zu bekommen und zwiſchen den Mahlzeiten Brod genug, wie es allemall die Entlibucher gerne hätten,— dachte der Bauer und frug, wie viel Lohn er fordre? Das wolle er dem Meiſter überlaſſen, der ſolle ihm geben, was er verdiene und hier zu Lande Brauch und Recht ſei.— So ſei er ſeinet⸗ wegen gedingt, ſagte der Roggenbauer und holte aus ſeiner Schweinsblaſe einen beſchnittenen und abgeſchliffenen halben Brabanter hervor, den er dem neuen Knecht als Haftpfennig auf die Hand gab. Dazu ſchaute der Roggenbauer ſo ſeelen⸗ vergnügt aus, wie ſchwerlich je, wenn er jemanden hatte Geld geben müſſen; das kam, weil er bereits bei ſich im reinen war, wie er ſeiner Zeit dem Knecht nicht nur ſein kleines Löhnlein, ſondern ſogar den verſchliffenen halben Brabanter wieder abzwacken wolle, wenn's dann einmal an's abrechnen gehe. Knechte, wie man ſie brauchen könne, ſeien leider Gott heut zu Tage nicht mehr dicht geſäet; der ſcheine aber ein rechter zu ſein,— ſchloß er ſeine beruhigende Betrachtung. Waren nun alſo zu dritt auf dem Roggenacker. Ging aber nicht viel lebhafter zu, als da ſie noch ſelbander geweſen. Pauli war ſtill für ſich und ſprach wenig genug um einen Kreuzer,— gewöhnlich nicht mehr, als die kürzeſte Antwort, auf das, was man ihn fragte Dagegen war er an der Ar⸗ beit von früh bis ſpät, ging weder den Mädchen nach, noch in's Wirthshaus, ſondern wich den Leuten ſcheu aus dem Weg. Ameili verlor auch nicht viel Worte mit ihm und ge— wöhnlich blieb ihre Unterhaltung auf„guten Tag“ und„gute Nacht“ beſchränkt, was um ſo verwunderlicher, da das Mäd⸗ chen nicht viel über einundzwanzig Jahre zählte und Pauli trotz ſeinem ſonnenverbrannten Geſicht und ſeinen magern Backen im Ganzen genommen kein übelgewachſener Burſche war, der ſchön aufrecht einherſchritt und die Füße lüpfte, im *) Geſatteltes= Gemüſe mit Speck. ob er de mit *) zu wie es Bauer dem ie und ſeinet⸗ ſeiner halben fennig ſeelen⸗ Geld reinen leines zanter echnen „Gott er ein ung. Ging weſen. einen twwort, er Ar⸗ „noch 3 dem nd ge⸗ „gute Mäd⸗ Pauli agern urſche te im 129 geraden Gegentheil der rothmündigen Knaben des Dorfes, welche runde Rücken machten, als ob ſie einen zweizentnerigen Sack Kernen auf Weg und Steg auf dem Buckel mit ſich führten,— und ihre Holzböden über die Dorfgaſſe nach ſich ſchleppten, daß man es auf fünfzig Schritt klappern hörte. Auch ſtand der Schnauz dem Pauli durchaus nicht ſchlecht,— man ſah es ihm eben von weitem an, daß er Soldat ge⸗ weſen. Des Roggenbauers neuer Knecht bekam, wie zu ver⸗ muthen, nicht die beſten Tage und erhielt, ſo eingezogen und arbeitſam er war, vom Meiſter wenig freundliche Worte. Er war eben Soldat geweſen und es hielt ihm ſchwer, den gan— zen Tag über die Furche gebückt zu ſein und zu hacken, deſſen Aufgabe es bisher geweſen war, täglich ein Stündchen oder zwei grad und ſteif wie ein Hanfſtengel Wache zu ſtehen und dann abgelöst zu werden. Wenn Pauli dann von Zeit zu Zeit die Hacke ſinken ließ und probirte, ob er den Rücken noch ſtrecken könne, ſo ſtand gleich der alte Sepp hinter ihm und rief mit ſeiner Stimme, die ſo dünn und durchdringend war, daß man ſie in eine Nadel hätte fädeln können, ob er Kalender mache oder ob er meine, die Mutten würden vom bloßen angrännen auseinanderfahren? wenn es ſo kummlich ginge, ſo brauchte er keinen Knecht, ſondern könnte es ſelber. Hatte Pauli den ganzen Tag gehackt, ſo mußte er des Abends dann noch Gabel und Miſtbähre zur Hand nehmen und den Stall in Ordnung bringen und des andern Morgens vor Tag wieder auf den Beinen ſein, um einzugraſen und zu füttern, ſo daß ihm wenig Zeit zur Ruhe blieb; denn die Arbeit ging ihm begreiflich nicht ſo flink von der Hand, als Einem, der ſeiner Lebtage dabei geweſen. Nichts deſto we⸗ niger ſchaffte Pauli unverdroſſen fort, maulte nicht und be⸗ klagte ſich nicht einmal bei den Nachbarsleuten. Des Rog⸗ genbauers Knecht, ſagten dieſelben, müſſe das Guthaben nicht gewohnt ſein oder eine ſchwere Sünde abzubüßen haben, ſonſt 9 —— 130 wäre ihm der Faden der Geduld ſchon in den erſten Tagen abgeriſſen. Hätten die Nachbarsleute ſo recht in Pauli's Herz hin⸗ ein ſehen können, ſo hätten ſie entdeckt, daß etwas ganz Beſonderes und Wunderbares des Roggenſepps Knecht im geduldigen Ausharren auf ſeinem ſchweren Poſten ermunterte, was er weder begreifen und mit ſeinem Verſtande erklären, noch Jemandem anvertrauen mochte. Die alten Wollenſpinnerinnen aus dem Entlibuch und die grauen, verwitterten Sennen, welche ihr halbes Leben auf den einſamen Alpen verweilen, erzählen für ihr Leben gern von den Erdmännlein, aber nicht etwa dem erſten Beſten, ſondern nur Solchen, die den Glauben dazu haben und am allerliebſten den Kindern. Dieſes Volk der Erdmännlein habe ſeine wunderlichen Launen und Eigenheiten; ſo viel es den faulen und unordentlichen Leuten zum Poſſen ſpiele, ſo viel thue es jenen, die fleißig und ordentlich ſeien und ihm nichts in den Weg legten, zu Gefallen. Davon hatte Pauli in ſeinen Kinderjahren die wunderbarſten Geſchichten erzählen hören, ſeither aber längſt wieder aus dem Sinn verloren. Nun drängten ſich ihm jene vergeſſenen Mährchen von den Erdmännlein mit Gewalt wieder auf. Denn mit Schein war er ſelber ein Schützling dieſer kleinen Spuckgeiſter ge⸗ worden. Wie oft kam er ſteif und müde heim und wollte nun noch ſeine Arbeit im Stall verrichten— und ſiehe! Alles war ſauber, fertig und aufgeräumt. Und wie oft ſprang er des Morgens vor Tag aus ſeinem Federbett von Haberſtroh, um einzugraſen und zu füttern,— und ſiehe! im Futtertenn lagen bereits die hohen Walmen von friſchgemähtem Klee und die Kühe ſtanden am vollen Bahren. Daß der Roggenſepp etwa verſteckterweiſe ſeinem Knechte an die Hand gehe, war noch viel unwahrſcheinlicher als die Erdmännlein. Denn wenn ſich Pauli vom frühen Morgen n 131 bis in die ſpäte Nacht geplagt hatte, ſo war der Bauer doch noch nicht zufrieden, und ein Halbblinder hätte es aus ſeinen grünen Katzenaugen herausleſen können, daß er der Meinung war, ſein Knecht verdiene nicht einmal die Paar ungeſchmal⸗ zenen Erdäpfel und die dünne Suppe, womit er ihn fütterte. Und mochte ſich Ameili faſt die Finger abſpinnen zwiſchen dem Kochen und dem Schweinefüttern, ſo hatte es doch nie genug geſponnen, ſo daß Pauli mit dem Mädchen faſt noch mehr Bedauern hatte, als mit ſich ſelber. Die Sache konnte alſo nicht mit rechten Dingen zugehen. Da Pauli kein Erſchrockener war, ſo nahm er ſich vor, den Erdmännlein auf die Spur zu kommen. Er ſchlich ſich des⸗ halb eines Nachts, da Alles zu Bette war, aus ſeinem Ga⸗ den und verſteckte ſich auf die Heubühne in's Stroh an einen Platz, von welchem aus er ſowohl in das Futtertenn hin⸗ unter als auch durch eine Dachlucke in das Freie hinaus ſpähen konnte. Es war um die Zeit, wo der Mond kiltet, wie man zu ſagen pflegt, nämlich nicht vor Mitternacht auf⸗ geht und dann mit ſeiner Sichel ein trübes Dämmerlicht verbreitet. Bis der Mond am Himmel ſchien, blieb begreif⸗ lich Alles ſtill, da die Erdmännlein zu ihrer Arbeit auch etwas ſehen müſſen. Es war nichts zu hören, als die Fröſche, die in einem fernen Weiher Geſangverein hielten, und die Gril⸗ len und Grashüpfer, welche auf allen Matten im Maithau badeten und dazu auf ihren ſchrillen Schwefelpfeifen blieſen. Endlich ſtreckte der Mond ſein Horn über die Berge und ergoß nach und nach einen falben Schein über Felder, Mat⸗ ten und Häuſer, grad hell genug, um jeden Gegenſtand in einer fremdartigen, abentheuerlichen Geſtalt erſcheinen zu laſſen. Plötzlich knarrt's und raſchelt's und kniſtert's und huſcht's. Pauli, zwiſchen den aufgehäuften Strohbündeln verſteckt, hält den Athem an und ſpäht durch die Dachlucke. Eine graue Geſtalt mit Senſe und Rechen bewaffnet, huſcht laut⸗ 13²2 loſen Schrittes am Futtertenn vorbei; ſie bewegt ſich nach dem Kleeacker, über welchem der nächtliche Thau wie ein halbdurchſichtiger Schleier ſchwebt; jetzt ſchwingt ſie die Senſe und es fallen die thauſtrotzenden Mahden; endlich nimmt das Geſpenſt den Rechen zur Hand und recht die Mahden zu Walmen. Da bedünkt es dem Lauſcher, als ob es den Klee in Tücher zuſammenraffe—— richtig! es trägt eine ſchwere Bürde auf dem Kopf, eine andere vor ſich in der Schäube⸗ Es nähert ſich,— es öffnet leiſe das Futtertenn und ent⸗ ledigt ſich da ſeiner Laſt, um behenden Schrittes zum Klee⸗ feld zurückzukehren, ſich dort eine neue Bürde aufzuladen. Das iſt kein Erdmännlein, ſo viel ſieht Pauli dem düſtern Dämmerlicht zum Trotz; denn die Erdmännlein ſind nicht ſo rahn um den Leib und haben weder Fürtücher noch Vor⸗ ſtecker an. Es iſt ein Weibsbild, ſchlank, behend und kräftig. Aber welches Weibsbild würde Pauli, dem abgedankten Nea⸗ politaner, dem armen Bauernknecht, ſolches zu Liebe thun? — Da es ſich nicht um Geſpenſter handelt, faßt Pauli einen raſchen Entſchluß. Er läßt ſich vom Heuboden in's Futter⸗ tenn hinuntergleiten und ſtellt ſich hinter die Thüre, welche die geheimnißvolle Mähderin halb offen gelaſſen hat. Jetzt kommt ſie zum zweitenmal mit ſchwerer Bürde auf dem Kopf und im Fürtuch;— er läßt ſie eintreten, dann faßt er ſie rücklings an beiden Armen. Sie erſchrickt, reißt ſich los und ſchaut ſich um, das falbe Mondlicht leuchtet zur Futtertenns⸗ thüre herein ihr in's Geſicht. „Ameili, haſt du das für mich gethan?— Haſt dir den Schlaf entzogen, um mir die Arbeit abzunehmen?— Wie hab ich das um dich verdient?“ Ameili läßt die Hände ſinken, mit denen es ſein Geſicht verborgen hatte:„Glaubſt du ich ſei halbblind, Peterli, daß ich dich hinter deinem Schnauze nicht hätte erkennen ſollen? Und glaubſt ich hätte vergeſſen, was du einſt für mich gethan zur Chriſtenlehrzeit, da die Dorfbuben mich 133 V 4 i — ͦ— ' — wegen meinem Tſchopen verſpotteten?— Aber recht war's 1 nicht von dir, auf dem Fruchtwagen zu ſitzen und zu klepfen und zu thun, als ſäheſt du mich nicht, da ich hinter dem Hagage ſtand und paßte, als du nach Bern ſtudiren fuhrſt.“ 134 Vierzehntes Rapitel. Peterli lernt arbeiten. Seit dieſer Nacht war der Mai erſt recht eingezogen im Roggenacker. Die Sonne ſchien nicht nur auf die Matten und Felder, ſondern auch auf die Geſichter, nämlich Ameili's und Peterli's, der jetzt Pauli hieß. Wußte ja jetzt Ameili, daß Peterli nun nicht mehr an ihm vorbeifahren würde ohne Gruß,— und wußte Peterli, daß trotz ſeiner ſelbſtverſchul⸗ deten Schmach doch Jemand auf der Welt ſei, der es gut mit ihm meine. Wir haben den geneigten Leſer in Kenntniß zu ſetzen, daß Peter Schnabel nach ſeiner plötzlichen Flucht durch die Hinterthür des Rieſterli'ſchen Hauſes, wie der Schnabelbauer ganz richtig vorausſetzte, nicht in die Aare geſprungen iſt. Auch ging er nicht über den Bach nach Amerika und ward dort in den erſten acht Tagen ein reicher Herr, wie es der Wunderdoktor einem währſchaften Schinken zu lieb in den Wolken geleſen. Sondern er machte, was ſchon viele hun— dert verzogene Mutterſöhnchen vor ihm thaten, die aus Ueber⸗ muth zu Lumpen geriethen,— er nahm Handgeld vom König von Neapel und ging,— dem Kalbfell zu folgen. Um ſich vor Nachforſchungen zu verbergen, hat er dem Werber, der es bei einem hübſchen Burſchen ſo genau nicht nahm, einen falſchen Namen angegeben. Wer Soldat ſein will, der muß vor Allem pariren lernen. Kein Wunder, daß Peter Schnabel im erſten Jahre ſeines Kriegsdienſtes öfter im finſtern Loche ſaß, als in der hellen Sonne ſpazieren ging. Schließlich gewöhnte er ſich dann doch daran, das maulen zu laſſen, ſeine Waffen blank zu putzen, die Uniform zu bürſten und ſich grad zu halten, Bruſt heraus und Bauch herein, wie einem propern Soldaten ge⸗ ziemt. 1 —————= 135 Aber in Neapel drin⸗ nen lernte Peterli noch eine andere Kunſt, und zwar nicht auf dem Exerzierplatz, ſondern vielmehr im Loche, woer ſo manche liebe Stunde am Schatten ſitzen mußte, nämlich nachdenken. Da — h ſinnete er dann nach, und hatte wohl l'der W eil, über ſeine verlornen Jugendjahre, und es wurde ihm deutlich, wie gut er es bekommen, hätte er dem Vater gefolgt und wäre Schnabelbauer geworden, ſtatt Student in Bern, wo er beim Bäslein im Großmogul Kol⸗ leg gehört. Das Nachdenken kam jedoch dem Peterli, wie ſo vielen Andern, da es zu ſpät war. Und als er nach ausgedienten vier Jahren ſeinen Abſchied nahm, brachte er wenig Anderes über den Gotthard zurück, als ſeine geraden und ganzen Glieder und einen umgekehrten Sinn. Denn nun hatte er den ſteifen und feſten Vorſatz gefaßt, dasjenige zu lernen, was ihm der Vater ſchon damals hatte zeigen wollen, als er die erſten Hoſen bekam, und wogegen er ſich damals mit Hän— den und Füßen ſperrte,— nämlich arbeiten. Warum er aber eigentlich beim Roggenbauer als Knecht gedinget habe, ſtatt heim auf den Schnabelhof zu gehen, wo die Mutter noch alle Tage um ihn greine, wie die Leute ſagten?— frug Ameili, da ihm Peterli ſeine Geſchichte er⸗ zählte.— Als er den Vater zum letzten Male geſehen, habe er ihn geheißen nimmer wieder kommen, oder dann als ein ehrlicher Burſche, der arbeiten könne, und in dem Stallkittel und in den Zwilchhoſen, die er ſonſt daheim getragen. Komme er anders und klopfe am Schnabelhof an, ſo habe der Vater mit ſeinem Fluche gedroht.„Jetzt aber,“ fügte Peterli bei,„bin ich verlumpt und vergantet, arbeiten muß — p-—,—— — —— —— æ. —— ᷣ—— — — — 2 — — E 136 ich erſt lernen, und die Zwilchkleider habe ich in läſterlichem Uebermuth hinter den erſten beſten Zaun geworfen. Da könnte der Vater meinen, ich wolle mich von ihm ehrlich kaufen und vergebens füttern laſſen. Lieber aber will ich fremdes Brod eſſen, wenn's noch ſo hart und ſchimmlig iſt, als des Vaters Fluch zu holen. Wenn ich erſt arbeiten ge⸗ lernt und ſo viel erworben habe, meine Schulden zu zahlen, daß ich wieder aufrecht ſtehen darf, wo Andere ſtehen, dann, aber nicht früher, will ich wieder anklopfen auf dem Schna⸗ belhof. Peterli, der nun Pauli hieß, hatte ſich in eine harte Lehre verdingt, wo er manches abbüßen konnte, was er früher im Uebermuthe geſündigt, und es fehlte ihm keines⸗ wegs an Gelegenheit, kennen zu lernen, was es heißt: ſein Brod im Schweiße ſeines Angeſichts verdienen. Mähen hatte er beim Eingraſen lernen müſſen,— kam ihm wohl, daß er's leicht begriff. Denn als die Heuerndte kam und Roggen⸗ ſepp einen Mähder oder zwei anſtellen wollte, da fand ſich keiner, der bei ihm einſtehen mochte; es hatte ſich nämlich die Sage unter ihnen verbreitet, es ſeien ſchon auf dem Roggen⸗ acker drei Entlibucher Hungers geſtorben,— der letzte hätte es juſt bis zur Sichellöſe aushalten können, als aber dann ſtatt des gehofften Geſattelten nebſt Strübli und anderm Guten nichts weiter auf dem Tiſch erſchienen ſei, als was andere Tage auch, nämlich ein uralt-ſteinharter Laib Brod mit einem grauen Bart, deſſen ſich der ehrwürdigſte Wald⸗ bruder nicht zu ſchämen gebraucht hätte,— da habe es dem Entlibucher das Herz abgedrückt. Er gehe noch jetzt um in finſtern Nächten. Der Roggenſepp ſelber war nicht mehr im Stande, die Senſe zu führen, und ſo hätte eigentlich Pe⸗ terli ganz allein den Roggenacker abmähen ſollen, wenn ſich Ameili nicht anerboten hätte. Es wiſſe, ſagte es, mindeſtens eben ſo gut mit der Senſe umzugehen, als ſo ein einfältiger Luzerner Lismer, und ſo gar dicht ſtehe das Gras nicht, daß ———.—— 137 es etwa nicht durchzuhauen vermöchte. Mit letzterem hatte es ſeine Richtigkeit. Des Roggenbauers Matten waren faſt ſo mager als er ſelber, und was darauf wuchs, war leicht zu dörren und bald eingebracht. Denn wo man immer nur nimmt und nichts wiedergibt, da nimmt auch das Nehmen zuletzt ein Ende. Schon früh um drei Uhr ſteckelte der Alte im Haus herum und rief den Knecht und die Baſe wach; oder ob ſie warten wollten, bis ihnen die Sonne aus den Federn zünde, fügte Roggenſepp bei, welche Anſpielung auf Federbetten, wie der Leſer bereits weiß, durchaus nicht buchſtäblich zu ver⸗ ſtehen war. Nüchtern mußten Knecht und Magd in's feuchte Gras hinaus und Mahde an Mahde legen. Um acht Uhr brachte der Bauer ſelber das Morgeneſſen, einen Topf mit abgerahmter Milch und zwei Schnittchen Brod, nicht viel gewichtiger, als jenes, welches einſt jener Domherr dem fech⸗ tenden Handwerksgeſellen zum Fenſter hinauswarf, der hin⸗ aufrief:„Vergelt's Gott, wenn's der Wind nicht nimmt.“ Nach dem Morgeneſſen mähte Peterli fort, bis die Sonne allen Thau aufgetrocknet hatte; Ameili aber mußte worben*) und, wenn es Mittag geläutet hatte, in die Küche gehen. Dort war freilich die Arbeit bald gethan: eine Pfanne voll Kraut, von jenem, mit welchem man auch dem jungen Faſel aufwartet, bevor man mit der Maſt anfängt,— eine ma⸗ gere Schweitze darüber, etliche Erdäpfel und damit Punktum. Nachmittags ging's dann an's aufrechen, an's zetten**) und, wenn die Sonne ſich neigte, mußten noch Wetterſchochen***) gemacht werden. Um vier Uhr wird von einigen Bauern den Werkleuten Wein, von andern nur Moſt gegeben; der Rog⸗ genſepp aber fand, der Wein ſei zu hitzig, der Moſt dagegen zu kältend,— waren ſeine Leute durſtig, ſo konnten ſie ſeinet⸗ *) Worben= das grüne,—*‧“) zetten= das halbgedorrte Gras auf der Wieſe ausbreiten. ***) Wetterſchochen= pyramidenförmige Haufen. 138 wegen zum Brunnen gehen, wenn ſie ſich nicht zu lange da⸗ bei verſäumten. Erſt nachdem der Thau gefallen, durfte Ameili heim, das Nachteſſen zu kochen, und welches Nacht⸗ eſſen? eine dünne, dünne Suppe, welcher zu einer Mehl⸗ ſuppe nichts fehlte, als Mehl und Butter, wofür dann das Waſſer in deſto größerem Ueberfluß aufgegoſſen war. Kein Wunder, daß Peterli ſich dabei der ägyptiſchen Fleiſchtöpfe des Schnabelhofs erinnerte, wo bei ſolchen Gelegenheiten Erdäpfelröſte, gelb wie Gold neben der Kaffeekanne und dem dampfenden Milchtopf ſtand und Mittags unter den Laſten von Bohnen mit Speck, von Aepfelſchnitzen und Knöpfle und an⸗ dern guten Sachen die Tiſche knackten. Wenn Peterli wäh⸗ rend dem Kehren oder Aufrechen von dieſen Herrlichkeiten erzählte, meinte Ameili, ſeines Dafürhaltens könnten es die Heiligen und Engel im Himmel nicht viel beſſer haben; wenn Peterli es nicht ſelber ſagte, ſo vermöchte es kaum zu glau⸗ ben, daß irgendwo auf Erden ſo gut gelebt würde.— Der Heuet war auch auf dem Roggenacker vorübergegan⸗ gen, zwar ohne Entlibucher, ohne Moſt und ohne Speck, aber nichtsdeſtoweniger geſchliffen genug, da zwei dabei wa⸗ ren, die ſich verſtanden und einander in die Hände arbeiteten. Eines Sonntags Nachmittags hatte ſich der Roggenbauer wieder einmal in ſeinen Speicher eingeſchloſſen. Ameili und Peterli ſaßen beiſammen auf dem Bänklein hinter dem Haus und ruhten, wobei Peterli eins rauchte, aber nicht Ha⸗ vannah⸗Cigarren, wie ehedem, ſondern ächten Dufour aus einem Kreuzerpfeifchen, und vom„Großmogul“, von den Töchtern Rieſterli und von dem finſtern Hundeloch in Neapel drinnen erzählte, in welches er ſo oft hatte wandern müſſen, bis er gründlich begriffen, was tenue und Subordination ſei, was auf Deutſch heißt, wenn man ſich grad hält, ſauber gebürſtet iſt und dem Korporal kein ſchlimmes Maul anhängt. Dabei ſchaute ihm Ameili in's magere, braune Geſicht und hatte ein rechtes Erbarmen und dachte bei ſich ſelbſt, es ſei -— 139 doch nicht recht, daß Pauli auf dem Roggenacker fürlieb neh⸗ men müſſe, der es auf dem Schnabelhof ſo gut haben könnte. Er ſolle es nur probiren, ſagte es, der Vater würde ihn ge⸗ wiß nicht von der Thüre weiſen; und wollte der Vater, ſo ließe es doch die Mutter nicht zu. Aber Peterli blieb feſt auf ſeinem Vorſatz: nicht eher wolle er auf den Schnabelhof zurück, als bis er ſich ehrlich gekauft und den Kopf aufrecht tragen dürfe unter den Leuten.— Ob er mit Roggenbauers Löhnlein ſeine alten Schulden zu zahlen gedenke? entgegnete Ameili;— da könnte er ſieben Jahre über den jüngſten Tag hinaus Knecht ſein, er hätte es noch nicht beiſammen. Sähe der Schnabelbauer, wie ſein Peterli wieder ein wackerer Burſche geworden und arbeiten gelernt habe, ſo würde ihn der letzte Thaler nicht gereuen, den er im Troge liegen habe. — Peterli ſchüttelte verneinend den Kopf. Da ſchwieg Ameili; aber es nahm ſich im Stillen vor, von ſich aus auszuforſchen, wie der Schnabelbauer und die Schnabelbäurin geſinnt ſeien, und Peterli's Heimkehr auf eigene Fauſt einzuleiten. Es würde ihm freilich das Herz abdrücken, wenn er wieder von dannen gehe; aber es könne dennoch nicht zulaſſen, daß des Schnabelbauers Sohn ſich auf dem Roggenacker als Knecht abſchinde. Fünfzehntes Napitel. Der Speicher. Zwiſchen dem Heuet und der Erndte kann der Bauer ſeine Glieder ſtrecken. Von früh im März, da der Haber geſäet wird, bis ſpät im Wintermonat, wo man Rüben zieht, hat er keine beſſere Zeit. Freilich ſind die Erdäpfel zu hacken und Rübli zu jäten; das macht aber gewöhnlich das Weibs⸗ volk und dem Mannsvolk bleibt nicht viel anderes zu thun, als Strohbänder zu knüpfen für die Garben, die in Ausſicht 140 ſtehen. Auf dem Roggenacker war's anders. Da mußte Ameili wieder am Spinnrad ſitzen von früh bis ſpät und an Peterli war's, die Hacke zu ſchwingen und im Flachs zu knien, was ihm ſauer genug vorkam. Nun rührten ſich in mond⸗ hellen Nächten die Erdmännlein wieder und Peterli fand an manchem ſchönen Morgen ein gut Stuͤck Flachsfeld gejätet, was am Abend zuvor noch voll Unkraut geſtanden. Aber nicht nur zum Flachsjäten fand Ameili Zeit, ſon⸗ dern es gelang ihm ſogar, einmal unbemerkt nach dem Schna⸗ belhof zu kommen, wegen einem verlaufenen Huhn, ſagte es der Schnabelbäurin, das es nun ſuchen müſſe. Als dann einmal das Geſpräch im Gang war, fand Ameili Gelegen⸗ heit, einzuflechten, daß es vor Zeiten mit dem Schnabelpeterli in die Chriſtenlehr gegangen ſei. Ob er ſchon lange nichts mehr von ſich habe hören laſſen? Dem Schnabelbabi traten bei dieſer Frage gleich die Thränen in die Augen. Von ihm ſelbſt habe ſie freilich keine Nachrichten; der Wunderdoktor in L. habe aber in den Wolken geſehen, daß er ſchöne Kleider anhabe und munter und geſund ſei, was ſie gerne glauben wolle, obſchon die Kartenlegerin in der Stadt ihr etwas an⸗ deren Bericht geſchickt. So viel ſei jedenfalls ausgemacht, daß er bald Hochzeit haben werde, und zwar mit einer Reichen und Vornehmen, wie es ſich für ihren Peterli nicht anders ſchicke.— Da kam der Schnabelbauer aus dem Futtertenn, worauf Babi den Finger auf den Mund legte und nur noch kurz bemerkte, vor dem Alten dürfe man nicht einmal Pe⸗ terli's Namen ausſprechen, wenn man ihn nicht mürriſch ha⸗ ben wolle den ganzen Tag. Ameili brachte alſo nicht viel Tröſtliches von ſeinem ge⸗ heimen Ausflug nach Hauſe zurück. Der Vater wollte von Peterli nichts hören und nichts wiſſen. Die Mutter er⸗ wartete mit Schein, er werde vierſpännig angefahren kommen mit einer reichen und vornehmen Frau. Es fand für gut, 141 dieſe Nachrichten lieber für ſich zu behalten, als Peterli da⸗ mit das Herz ſchwer zu machen. Mittlerweile kam die Erndte, welche auf dem Roggen⸗ acker ebenfalls ohne Entlibucher abgeſpielt werden ſollte, da es im Heuet ja ſo geſchliffen gegangen, meinte Sepp. Der Schweiß trof von Peterli's Stirne auf die Garben herab, die er band. Dabei fielen ihm die vielen Gläſer und Flaſchen ein, die er vor Zeiten ohne Durſt und im Schatten ſitzend die Gurgel hinunter gegoſſen hatte.„Hätte ich jetzt einen Schluck,“ dachte er; aber es war nichts vorhanden, als in einem geſpaltenen Krug etwas laues, abgeſtandenes Waſſer. Die Sonne brannte, man hätte Aepfel daran braten können. Der Acker war groß und Niemand auf demſelben, als Ameili und Peterli; waren auch die Aehren leicht, die Halme kurz und die Garben graſig, ſo zählte man deren doch viele. Jetzt kam gar der Roggenſepp daher gekeucht und ſchrie ſchon aus der Ferne, ob ſie Maulaffen feil hätten miteinander, daß es nicht vom Flecke gehe? ob ſie denn nicht ſähen, daß ein Ge⸗ witter im Anzuge ſei? Wenn ſeine Garben beregnet würden, ſei Niemand Schuld, als das faule Volk, die Vergebensfreſ⸗ ſer, welche nirgends flink ſeien, als hinter dem Tiſch. Er wolle es ihnen aber eintränken,— er ziehe den Schaden dem Pauli am Lohne ab. Die beiden Schnitter hatten ſich bis jetzt gar nicht ein— mal die Zeit genommen, an den Himmel hinaufzuſchauen, ſondern fort und fort Garben gemacht,— Ameili zugetragen, Peterli gebunden. Es ſah wirklich nicht ganz ſauber aus Oberwind's*), ſondern es ſammelte ſich dort ſchwarzes, ver⸗ dächtiges Gewölk, und hinter dem Berg begann es zu knur⸗ ren, als ob daſelbſt ein alter biſſiger Hund an der Kette läge. Rings auf allen Aeckern hatten die Garbenbinder ihre *) Oberwind= Weſtwind. 142 Weſten und die Schnittermädchen ihre Halstücher abgelegt, und wohin man blickte, ging die Arbeit in doppelter Haſt. Hier legte eine lange Reihe von Werkleuten Garbe an Garbe; dort kam ein Burſche, keck auf dem Sattelpferd ſitzend, knal⸗ lend und raſſelnd mit dem leeren Wagen daher geſprengt; da zogen vier ſtarke Roſſe, durch lauten Zuruf angetrieben, ein ſchwergeladenes Fuder dem Dorfe zu. Pauli ſolle eilen, die Kühe anzuſpannen und den Wagen zu bringen, mahnte Ameili; es wolle indeſſen die letzten Gar⸗ ben binden.— Roggenſepp fluchte und ſchimpfte: man ſei verkauft und betrogen, wenn man nicht mehr Alles ſelber machen könne, ſondern ſich auf fremde Leute verlaſſen müſſe. — Hinter dem Berge knurrte es lauter und lauter, und die Sonne war hinter den dunkelgrauen Wolken untergegangen. Jetzt kam Peterli mit dem Wagen gefahren, vor welchem drei magere Kühe geſpannt waren; aber die ſchlechtgenährten Thiere ſtellten ſich ungebärdig und mochten nicht ziehen. Ob 143 man ihm nun noch Wagen und Waar zu Schanden fah⸗ ren wolle, ſchmählte Sepp. Peterli ſtieg als Lader auf den Wagen; Ameili langte die Garben hinauf. Solchermaßen ging's vorwärts, ſo ſchnell es eben konnte und mochte. Bei den Nachbarn links und rechts war man freilich handlicher geweſen; da waren die Garben bereits abgeführt und das Weibsvolk rechte nur noch in aller Geſchwindigkeit die liegen gebliebenen Halme auf und trug dieſelben in den Schürzen den hochbeladenen Wagen nach. Es waren dort halt ihrer mehr bei der Arbeit geweſen, als bloß Knecht und Magd.— Der Roggenbauer zog dieſen Umſtand jedoch nicht in Betracht, ſondern jammerte: die Aehrenleſer fänden immer am meiſten auf ſeinem Acker; er wolle aber Hans heißen, wenn er das Ameili morgen nicht ſchon vor Tage aus dem Neſte jage, daß es dem Aehrenleſerpack zuvorkomme; bringe es ihm bis zum Morgeneſſen nicht mindeſtens ein Mäß heim, ſo habe es ihn beſtohlen und betrogen.— Peterli und Ameili achteten ſich dieſer Reden wenig, ſondern tummelten ſich, daß der Schweiß ihnen von der Stirne auf die Stoppeln trof. Es fuhren aber auch ſchon die feurigen Schlangen durch das dunkle Gewölk, der Donner brummte lauter und lauter und vom Berge her ließ ſich ein dumpfes Toſen vernehmen. Da langte endlich Ameili die letzte Garbe auf den Wagen, und als die erſten ſchweren Tropfen fielen, hatte Peterli be⸗ reits den Bindbaum feſtgereitelt. Noch ein halbes Viertel⸗ ſtündchen und das Fuder wäre geborgen in der Scheune geſtanden. Da gab es unverſehens einen hellen Schein, als ob der ſchwarze Wolkenvorhang von oben bis unten einen Riß be⸗ käme und der Himmel dahinter wie ein Schmiedefeuer glühe. Zugleich geſchah ein furchtbarer Krach, auf welchen ein Raſ⸗ ſeln folgte, wie wenn die Engel ob dem Firmament hundert Fuder großer Kieſelſteine auf einmal ausleeren würden. „Jeſus Maria!“ rief Ameili,—„es hat eingeſchlagen.“ 1⁴44 Den Roggenſepp würde der gewaltige Schlag zu Boden ge⸗ worfen haben, hätte er ſich nicht an der Deichſel halten kön⸗ nen. Als Peterli die vom Blitz geblendeten Augen wieder aufſchlagen konnte, ſah er bereits die ſchwarzgraue Rauchſäule aufſteigen, durch welche eine rothe, ſpitze Flamme züngelte. „Macht, daß ihr heimkommt, S'iſt im Roggenacker!“ rief ih⸗ nen ein Vorbeieilender zu. Peterli ſtellte ſich aufrecht auf's Fuder, von welchem man über die Grünhäge wegſchauen konnte: er meine, es habe bloß den Speicher getroffen,— ſie wollten eilen, das Haus zu retten. Da war's, als ob es Sepp erſt jetzt recht anginge, der ſchrie mit kaum menſchlicher Stimme:„Mein Speicher, mein Speicher brennt!“— warf den Stecken aus den Händen und lief, durch die Angſt plötzlich von der Gliederſucht geheilt, ſo ſchnell er laufen mochte, der Brandſtätte zu. Peterli mußte erſt noch die Kühe ausſpannen und am nächſten beſten Baum feſtbinden. Mit einem hölzernen Speicher macht der Blitz, wenn er einſchlägt, nicht viel Federleſens. So ſchnell der Roggenbauer mit ſeinen alten und Ameili mit ſeinen jungen Beinen liefen, ſtand doch, als ſie dazu kamen, das hölzerne, mit Schindeln gedeckte Gehäuſe ſchon in hellen Flammen. Ein Glück, daß der Speicher biſenhalb*) des alten, mit Stroh gedeckten Wohnhauſes gelegen war; denn der heulende Oberwind be⸗ gann bald mit den glimmenden Schindeln zu feuerwerken, wirbelte ſie hoch in die Lüfte und ließ ſie dann als kniſtern⸗ den Feuerregen wieder zur Erde fallen. Roggenſepp ſtarrte händeringend in die Flammen. Hundert Kronen reuten ihn nicht, jammerte er, hätte das Wetter nur den Speicher ver⸗ ſchont. „Hinein, hinein! Rette, flüchte!“ ſchrie er dann das Ameili an, welches hinter ihm her zur Brandſtätte gelaufen *) Biſenhalb= öſtlich. 143 kam. Etliche Männer ſchlugen die Thüre mit ihren Aexten ein.„Hinein! Suche, wo die Lumpen liegen.“ Ameili gehorchte. Aber ein ſchwarzer, ſtinkender Qualm füllte den innern Raum und ließ kaum die Säcke, die Kiſten, die Bündel erkennen, die hier übereinander geſchichtet lagen und zum Theil ſchon Feuer gefangen hatten. Was retten?— wonach greifen?—— Die Hitze war kaum zu leiden, der Rauch zum erſticken. Ob Ameili's Kopf hingen an einer Stange mancherlei Säcke und Bündel. Das Mädchen riß den erſten beſten herunter und eilte damit zum brennenden Speicher hinaus. Mittlerweile hatte ſich Volk auf der Brandſtätte verſam⸗ melt. Aber da die Leute ſahen, daß das Feuer nur den Speicher ergriffen hatte und dem Wohnhaus keine Gefahr drohe, ſtanden ſie müſſig umher und Keinem fiel es ein, dem heulenden Roggenbauer behülflich zu ſein, ſeine Schätze zu retten. Auf dem alten Geizhals laſtete die Vergeltung. Der niemals einem Menſchen hülfreich geweſen war, der ſtand nun ſelber verlaſſen in ſeiner Noth. „Zeig' her! Was haſt du gerettet?“ Ameili warf den Bündel zur Erde. Es ſei das rechte nicht, ſchrie Roggenſepp.„Suche unter den Lumpen!“— Ameili, von Jugend an gewohnt zu thun, was der alte Vet⸗ ter es hieß, ſprang noch einmal in das flammende Gehäuſe. Aber unter dem Volk, das rings umherſtand, erhob ſich ein lautes Murren. Ob er ein Menſchenleben ſetzen wolle an den alten Plunder, welchen er im Speicher aufgehäuft? Ob er nicht ſehe, daß der Dachſtuhl bald am Einſtürzen ſei?— Da kam in langen Sprüngen Peterli hergerannt. Die Flamme ſchlug ſchon hoch über der Firſt zuſammen. „Mein köſtliches, ſchönes Tuch,— meine Speckſeiten,— meine Strümpfe,— die ſchweren, vollen Strümpfe,— heulte der Roggenbauer. Aus dem Feuer drang ein halberſtickter Schrei.„Das 10 146 Mädchen verbrennt!“— rief es aus dem Volke. Peterli ſprang ohne ſich zweimal zu beſinnen zur Speicherthür und drang durch Rauch und Flammen. „Hundert Kronen, wenn du mir meine Strümpfe bringſt,“ — ſchrie Sepp dem Knechte nach. Zwei— drei lange, bange Augenblicke! Endlich erſchien Peterli wieder unter der Speicherthüre, jedoch nicht mit des Meiſters Strümpfen, ſondern Ameili im Arme tragend. Halb erſtickt, beſinnungslos, mit angebrann⸗ ten Kleidern hatte er es drinnen liegen gefunden. „Hätteſt du nicht den Göhl*) können liegen laſſen und die Strümpfe bringen, die unter den Lumpen verſteckt ſind,“ kreiſchte Roggenſepp, mehr und mehr außer ſich gerathend. „Hole ſie ſelber!“ höhnte das Volk.—„Ja, ja,“ heulte der Alte, daß es Allen, die ihn hörten, durch Mark und Bein drang,„ich muß mir meine ſchönen, glitzernden Strümpfe holen,“— und drang zur Speicherthüre hinein, an deren Pfoſten ſchon die Flamme leckte. Das Feuer kniſterte und krachte in dem dürren Gebälke; der Rauch, welcher zuerſt dicht und ſchwarzbraun ſich kaum über den Boden zu erheben vermocht hatte, wirbelte nun als lichtblaue, halbdurchſichtige Säule hoch in die Luft. „Jeſus Maria!“—— Ein dumpfer Krach,— ein ſprühender Feuerregen,— eine hochauflodernde Flamme!—— Balken, Rafen, Rie⸗ gel,— der ganze hölzerne Speicher war in ſich zuſammen⸗ geſtürzt. Der Roggenbauer lag unter den brennenden Trümmern begraben. *) Göhl= ein Tropf, an dem nichts gelegen. en 147 Sechszehntes Rapitel. Schnabelbabi küchelt. Die Feuersbrunſt auf dem Roggenacker und das ſchauer⸗ — liche Ende des alten Bauers waren in der ganzen Umgegend zum Tagesgeſpräch geworden. Kein Wunder, daß man auch auf dem Schnabelhof davon erzählte. Am Abend des Tages nach dem Brande ſaß Schnabelbabi mit Kaffeemahlen beſchäf⸗ tigt unter der Küchenthür. Der Alte ſtand an den Thür⸗ pfoſten und zog an ſeinem Pfeifchen. Es war Sonntag und die Bäurin zur Kirche geweſen und hatte alſo letztere gar Vieles zu berichten, was ſie gehört und vernommen. So komme es, meinte Babi, wenn man auf ſo ſündliche Weiſe am irdiſchen Grümpel*) hange. Es laufe ihm vom bloßen Drandenken kalt über den Rücken. Als der Platzregen das Feuer löſchte und man die halb verbrannten Balken ausein⸗ ander riß, ſo habe man den Roggenbauer zuſammengeſchrumpft wie eine gedörrte Zwetſche und braun wie Nußholz auf einem Haufen verkohlter Lumpen gefunden. Er ſei kaum mehr ſo ſchwer geweſen, als ein Sack voll Spreu, und ſeine dürren, dünnen Beine hätte die Gluth bis über die Kniee abgeſengt. Als man dann die verkohlten Lumpen mit den Feuerhacken auseinander riß, da habe es darunter geglitzert und geflim⸗ mert und es ſeien zwei dünne, magere Beine zum Vorſchein gekommen, grad wie der Roggenſepp gehabt, aber von löthi⸗ gem Silber. Und ſeien es lauter Fünffränkler geweſen, die der Geizhals in ein Paar alte Strümpfe gepackt und unter einem Haufen Lumpen verſteckt hatte; die waren vom Blitz⸗ ſtrahl oder der großen Hitze der Feuersbrunſt zuſammenge⸗ ſchmolzen. Dieſen Strümpfen zu lieb habe der alte Knabe Gott verſucht und blindlings in den brennenden Speicher ſich geſtürzt. *) Grümpel= Trödel. — 148 1 1 Pl Ph) 1 Als die Bäurin zu Ende erzählt, bemerkte der Schnabel⸗ bauer: hätte Roggenſepp einen Buben gehabt und ihn ſtudi⸗ ren geſchickt, er würde keine Strümpfe voll. Fünfliber aus dem Speicher zu flüchten gehabt haben,—„und wäre um des eitlen Mammons willen nicht elendiglich im Feuer um— gekommen,“ erwiederte die Bäurin und ſeufzte dann:„O Peterli, mein Bübeli!“ welche Herzenserleichterung jedoch Td A. 149 wegen dem Knarren der Kaffeemühle nicht bis zum Ohr des Alten zu dringen vermochte. Das Geſpräch, welches auf dem Wege war, in einen leidigen Eheſtreit auszuarten, wurde durch die Dazwiſchen⸗ kunft eines Fremden unterbrochen, der auf den Schnabelbauer zugeſchritten kam. Er trug ein Paar alte, geflickte Zwilch⸗ hoſen und ein verwachſenes, verwaſchenes Stallkittelchen. Etliche Schritte hinter ihm folgte ein Mädchen in armüthigem, dünnem Jüpplein. Sie ſeien der Knecht und die Jungfrau auf dem Roggen⸗ acker; ob der Schnabelbauer ſie dingen wolle auf Michels⸗ tag?— Er pflege nicht alle Frohnfaſten Knechte und Mägde zu wechſeln, antwortete der Bauer. Aber Babi unter der Küchenthür war aufgefahren, als hätte es ein Geſpenſt geſehen und ſchrie laut auf:„Peterli, das iſt ja mein Peterli!“ Der Schnabelbauer trat einen Schritt zurück.„Wofür kommſt du an dieſe Schwelle?“—„Dir zu ſagen, Vater, daß ich arbeiten kann.“ „Kommſt du als ein Bauer oder als ein verkleideter Herr?“— Den Herrn habe unſer Herrgott längſtens von ihm abgefegt und abgewaſchen. Ob der Vater den Kittel und die Hoſen nicht wieder erkenne, die er ihm in den Herren⸗ ſtand mitgegeben, als ſie im Zorn auseinander geſchieden?— Die Runzeln auf des Schnabelbauers Stirn begannen ſich um's Merken zu glätten. „Du haſt ſie alſo in Ehren gehalten in Glück und Noth?“ —„Leider nein,“ erwiederte Peterli aufrichtig.„Ich habe den Bündel im Uebermuth von mir geworfen. Der Roggen⸗ bauer hat ihn hinter dem Zaun gefunden und in ſeinen Speicher gehängt. Aber Kittel und Hoſen ſind nicht ver⸗ brannt,— ſie allein von Allem, was drinnen war, ſind ge⸗ rettet worden. Und iſt mir dieß ein Zeichen geweſen, daß ich wieder zum Vater ſolle.“ 150 Aber der Vater ſchlug nicht in die dargeſtreckte Hand: „Und kommſt nun, daß ich dich wieder ehrlich kaufe?“—— Mittlerweile ſtand Schnabelbabi mit ausgebreiteten Armen unter der Küchenthüre und wäre ihrem Bübeli längſt am Halſe gelegen, wenn der Alte nicht zwiſcheninnen geſtanden. Des Mädchens, das jüngſt das verlaufene Huhn auf dem Schnabelhof geſucht hatte, achtete es ſich nicht, und auch vom Schnabelbauer wurde Ameili, das abſeits ſtand und am Fürtuchbändel zupfte, keines Blickes gewürdigt. Peterli erwiederte dem Vater:„Du thuſt mir Unrecht. Eher hätte ich vom König in Neapel wieder Handgeld ge⸗ nommen, als einem Bettler gleich an dieſer Thüre die Hand auszuſtrecken. Wenn der Vater nichts dagegen habe und die Mutter, ſo wolle dieß Mädchen ihn ehrlich kaufen und dann würden ſie Mann und Frau. Der Schnabelbauer warf einen ungläubigen Blick auf die ſonnenverbrannte, armüthige Jung⸗ frau vom Roggenacker. Babi konnte nicht umhin, über das dünne, blaue Jüpplein, welches Ameili an ſeinem Leibe trug, die Naſe zu rümpfen. Peterli aber ſagte:„Das iſt jetzt die Bäurin auf dem Roggenacker, des Roggenbauers nächſte Baſe und Erbin. Mit Sepps zwei ſilbernen Beinen will es mich ehrlich kaufen, daß ich wieder aufrecht ſtehen darf, wo Andere ſtehen.“ Babi hatte eine ganz andere Frau für Peterli geträumt, eine viel vornehmere und reichere, als Ameili war. Un⸗ ſchlüſſig blieb es unter der Küchenthüre ſtehen. Da traten dem Mädchen Thränen in die Augen, die es mit dem Zipfel ſeines Fürtuches zu trocknen verſuchte. Es möge ſich nicht eindrängen, wo es unwerth ſei, Mprach es. „Brauchſt deswegen nicht zu glauben, daß ich dich nicht lieb habe,— und die zuſammengeſchmolzenen Fünffränkler ſind ja deine; du haſt ſie verdient, als du mich aus dem Feuer trugſt. Leb wohl und zürn nüt.“—„Nit, nit!“ erwiederte Schnabelbabi.„So wüſte Hüng ſind wir denn doch noch 151 nicht auf dem Schnabelhof und ich ſeh', du biſt ein braves Mädchen. Aber häb denn doch recht ſorg zu mim Bübeli.“ „Du wirſt deine Noth haben mit dem Roggenacker,“ ſagte hierauf der Schnabelbauer zu ſeinem Sohn,—„aber mit Geduld und guter Gülle läßt ſich Vieles zwängen.“ „Und mit friſchem Muth, einer braven Frau und deinem er⸗ fahrenen Rathe, Vater, noch mehr.“—„Deinen wüſten, rothen Schnauz mußt du aber abſchneiden,“ ermahnte noch Schna⸗ belbabi und nöthigte dann Ameili, den Sohn und den Alten in die Stube hinein. Es ſelber ging in die Küche, ſuchte den größten Ankenhafen hervor und ſtellte ſeine größte Pfanne über das Feuer. Und nach einer kleinen Weile konnte Jedermann, der eine währſchafte Naſe beſaß, auf etwelche hundert Schritte im Umkreis riechen, daß auf dem Schnabelhof geküchelt wurde. Frug dann Einer warum, ſo lautete die Antwort: Peterli, der verlorne Sohn, iſt wieder heimgekommen. Der verlaſſene Ban. Um die Sommerſonnenwende des verfloſſenen Jahres machte ich in Geſellſchaft einiger Freunde einen geologiſchen Ausflug nach dem nahen Jura. Das gute Glück oder viel⸗ mehr unſer Führer, der Geologe G., Agaſſiz's langjähriger Mitarbeiter, der das Gebirge wie ſeine Taſche kennt, hatte uns in eine äußerſt intereſſante Schlucht geführt, in welcher ſämmtliche vorkommende Schichtungen zu Tage traten, und die beſonders reich an ſchönen und ſeltenen Petrefakten war. Die leidenſchaftlichen Geologen unter uns hatten alle Hände voll zu thun. Freund G. ſah aus wie der leibhaftige Mer⸗ gelkönig. Hände, Geſicht und Kleider hatte er mit den ver⸗ ſchiedenſten Oxford-, Lias- und andern mehr oder minder ſchmierigen Kalkformationen überſtrichen und neben ihm ſah man einen großen Haufen rſteinerten Auſtern, Krebſen, Schildkröten und ähnlichen in unverſteiner⸗ tem Zuſtande heutzutage bei den Vi ern großer Städte findet. Profeſſor S. war mit Gefahr ſeiner ganzen Glieder zum Bach hinunter geſtiegen, der in der Tiefe der Schlucht zwiſchen heruntergefallenen Felsblöcken brauste, um Belemniten, Echiniten, Griphiten, Criniten und andere ſtein⸗ gewordene Würmer, deren Namen mit den vier genannten Buchſtaben enden, aus dem Geſchiebe zu erleſen. Forſtmann Sch. endlich hämmerte mit der anerkennenswertheſten Energie und Ausdauer an einem koloſſalen Brocken harten Kalks, * 153 welcher ein ungewöhnlich großes Ammonshorn umſchloſſen hielt. Einen ſchneidenden Gegenſatz zu der Emitgkeit dieſer wiſſenſchaftlichen Ameiſen bildete der Mann, der damit be⸗ traut worden war, gegen einen angemeſſenen Taglohn einigen Mundvorrath den Berg hinauf und die von uns zu erobern⸗ den paläontologiſchen Schätze den Berg hinunter zu ſchleppen. Er lagerte behaglich im kühlen Schatten, nahm verſtohlener⸗ weiſe von Zeit zu Zeit aus dem umgehängten Waidſack eine Flaſche und aus der Flaſche einen herzhaften Zug und warf nebenbei ſpöttiſche, von der ſouveränſten Verachtung zeugende Blicke auf die Narren, welche im Schweiße ihres Angeſichts Steine ſuchten, und zwar nicht etwa Goldſteine oder Edel⸗ ſteine, ſondern ganz gemeine Kalkſteine, wie ſie auf allen Straßen und in allen Gräben herumlagen. Dieſer über⸗ legene Geiſt war ein abgedankter Soldat des zweiten päpſt— lichen Schweizerregiments, welcher bei Vicenza im Intereſſe der Italia libera tapfer gegen die Oeſterreicher gefochten, dafür das Bürgerrecht der Stadt Rom geſchenkt erhalten hatte und ſchließlich mit leeren Taſchen nach Hauſe geſchickt worden war. Er wurde von uns abwechſelnd„Held von Vicenza“ und„Bürger von Rom“ angeredet, Was mich ſelbſt betrifft, ſo führte ich ebenfalls einen geologiſchen Hammer bei mir, aber mehr anſtandshalb, als um ihn wirklich zu gebrauchen. Mir war zu Muthe wie in einem Mährchen oder Traume. Unten rauſchte der Bach, oben die Bäume, welche an den jähen Abhängen der Schlucht Wurzel gefaßt hatten; mit jedem Schritt ſtieß mein Fuß auf ſonderbar geſtaltetes Meergethier. Mir war, als wandle ich wirklich in der kühlen Tiefe auf Meeresboden, als ſchlü⸗ gen und rauſchten grüne Meereswellen hoch über meinem Haupt, als ſeien die Vögel, die um mich herflogen, ſchwim⸗ mende Fiſche. Es fehlte nur noch das feuchte Meerweib. Mir wurde zuletzt faſt bange. Das„halb zog ſie ihn, halb 154 ſank er hin und ward nicht mehr geſehn,“ fuhr mir durch den Kopf und ich retirirte inſtinktmäßig an der ſteilen Wand der Schlucht aufwärts, bis ich endlich, am Rande einer der Terraſſen des Gebirges auftauchend, gleichſam das Ufer er⸗ 2 ſ Sin M 11 reicht hatte. Dort lagerte ich mich, die Fernſicht zu ſtudiren, auf dem feinen, weichen Grasteppich der Weide. Gerade vor mir erhob ſich jenſeits der breiten Thäler ohe ANBed Le 155 der Aar und der Emme und hinter einem vierfachen Wall von Vorbergen die Hauptgruppe der hohen Berner Alpen, die Wetterhörner, Schreckhorn, Finſteraarhorn, Eiger, Mönch und Jungfrau, eine Rieſengruppe, deren Umrißlinien die Phantaſie des größten Künſtlers kaum ſo ſchön erſonnen hätte und deren gewaltige Majeſtät das Auge, ſo oft es hinſieht, ſtets auf's Neue zu ſtaunender Bewunderung zwingt. Rechts fiel mein Blick auf die tiefblaue, bizarr ausgeſchnit⸗ tene Kette des Stockhorns. Links ließen ſich der finſtere Pilatus und, zur Seltenheit unverſchleiert, der duftige Gipfel des Rigiberges ſehen. Ganz im Weſten glitzerte der Spiegel des Bielerſees und durch die grüne Niederung dem Jura entlang ſchlängelte ſich die Aar in weiten Krümmungen, wo⸗ bei mir unwillkürlich das Bild einer Silberſchlange einfiel, obgleich ich ganz gut wußte, daß dieſe Spezies nirgends als in einem veralteten Ballet vorkommt, welches mich vor vie⸗ len Jahren einmal bei meinem erſten Ausfluge in die Welt im Münchner Hof⸗ und Nationaltheater entzückt hatte. Durch das Fernrohr, das ich bei mir trug, ließ ſich über waldigen Hügeln die graue Häuſermaſſe unſerer Bundesſtadt Bern und drüber hinaus ein heller Punkt, das verlaſſene Jeſuiten⸗ haus von Freiburg erkennen. Als ich, meinen beſondern Gedanken nachhängend, das Glas vom ehemaligen Jeſuitenpenſionat langſam abwärts ſinken ließ, richtete es ſich zufällig auf einen Gegenſtand, der kaum eine halbe Stunde von meinem Standpunkt entfernt, ziemlich nahe bei dem Ausgang der Schlucht ſich befand, wo meine Freunde ihren geologiſchen Studien und Nachſuchungen oblagen. Es war ein Haus, dem Anſchein nach noch nicht ausgebaut; doch ließ ſich durch das Fernrohr deutlich erken⸗ nen, daß die Ziegel auf dem Dache ſchon ganz braun ge⸗ färbt und zum Theil verwittert und hinunter gefallen waren. Ein begangener Pfad, der zum Hauſe führte, ließ ſich nicht entdecken; der niedere Hügel, auf welchem es ſtand, ſchien 156 mir ganz von wildem Geſtrüpp überwachſen. Ob das Haus ” erſt im Werden oder ſchon im Verderben ſei, war mir ein Räthſel. Faſt wollte mich letzteres bedünken. Wie konnte aber eine ſolche moderne Ruine in dieſer Gegend Platz fin⸗ den, wo jeder Winkel Erde ſeinen Eigenthümer, jede Hütte ihre Ueberfülle von Bewohnern hat?. ' Mit dieſer Frage beſchäftigt, erblickte ich Jemanden, der mir vielleicht das Räthſel löſen konnte. Nicht weit von mir war ein alter Mann damit beſchäftigt Gentianenwurzeln zu 4 —— 157 graben. Es iſt dieß ein armſeliges und mühſames Gewerbe, welches darin beſteht, auf den höhern Bergweiden die flei⸗ ſchige Wurzel der gelben großen Genziane mit einer ſchweren Hacke aus dem zerklüfteten Geſtein herauszuklauben. Aus dieſer Wurzel wird eine Art ſtarken Branntweins von argem Geſchmack und Geruch deſtillirt, der unter dem Namen En⸗ zianen⸗ oder Jenzenenwaſſer bei allen Sennen, Wildheuern und Holzſchlägern der Schweizerberge als Getränk und Arz⸗ nei in hohem Anſehen ſteht. Die Gentianengräber hauſiren mit ihrem gebrannten Waſſer in den Gebirgsdörfern und Sennhütten herum, deßhalb ſind ſie im Lande wohl bekannt und wiſſen faſt über jedes Haus und deſſen Bewohner Be⸗ ſcheid. Dieſes erwägend, beſchloß ich bei dem Alten, der kaum mehr als ein Dutzend Schritte von mir Wurzeln grub, Aus⸗ kunft über den Gegenſtand zu ſuchen, der meine Neugierde rege gemacht hatte. Ich ſtand von meinem Raſenſitz auf und leitete die Bekanntſchaft durch ein freundliches:„gibt's wohl aus?“ und„ſeid nicht zu fleißig,“ ein Nachdem ich dann einige Augenblicke ſeiner Arbeit zugeſchaut, rückte ich mit der Frage heraus, ob er mir wohl über jenes wunderliche Ge⸗ mäuer dort unten Beſcheid geben könne? Der Gentianengräber ſchaute mich, indem er ſich auf ſeine Hacke ſtützte, unter ſeinen grauen Augenbrauen hervor eine Weile ſcharf an und ſagte dann:„Der verlaſſene Bau da drunten iſt unter den Häuſern ungefähr daſſelbe, was unter den Menſchen der ewige Jude. Es iſt aber eine lange Geſchichte, die ſich nicht in zwei Worten erzählen läßt.“Das war gerade genug, meine Neugierde noch mehr zu ſtacheln. Ich zog alſo zwei Cigarren hervor, ſteckte mir eine derſelben an, und fragte meinen neuen Bekannten, ob ich ihm mit der andern dienen könne?—„Mit dem neumodiſchen Zeug wiſſe er nicht viel anzufangen, aber mit Verlaub wolle er das Röllchen ſchneiden und ſich damit eine Pfeife ſtopfen. 158 Er ſei eben heute mit ſeinem Päcklein zu Ende gekommen, und es wäre von hier gar zu weit zum nächſten Krämer, wo man ſich wieder friſchen Vorrath kaufen könne.“ Ich ſagte ihm, er ſolle ſeine Hacke ein wenig bei Seite legen, dieweil er ſeine Pfeife rauche, und mir das Nähere über jenes un⸗ heimliche Gemäuer erzählen. Sei er dann mit ſeiner Ge⸗ ſchichte zu Ende, ſo wolle ich ihm gern ein wenig graben helfen, damit er die verlorene Zeit wieder einbringe. Der Gentianengräber ſchaute lachend auf meine dünnen, magern Hände, die freilich keineswegs darnach ausſahen, als ob ſie beſonders geeignet wären, mit der ſchweren Reuthaue nähere Bekanntſchaft zu machen.„Um des Tabaks willen, den ich ihm geſpendet, wolle er gern meiner Neugierde dienen. Er habe es bereits aufgegeben gehabt, heute noch eine Pfeife zu rauchen; nun habe mich aber der liebe Herrgott des Weges daher geführt. Des Grabens brauche es nicht; es würde doch keinen großen Haufen ausgeben, meinte er.“ „Schaut, Herr,“ fuhr der Wurzelgräber nach einer Pauſe fort, indem er mit der Hand meinen Blicken die Rich⸗ tung angab,„ſchaut, Herr, rechts an jenen zwei Föhren vorbei. Dort könnt Ihr im Thal unten an den Weiden und Erlen erkennen, wo der Bach fließt. Weit unten am Bach ſteht die alte Mühle. Nächſt dabei ward das Haus gezimmert und aufgerichtet, das jetzt da zu unſern Füßen auf dem Brombeerhubel ſteht. Bei der alten Mühle hatte aber der Bau ſeines Bleibens nicht. Er kam in jenes Dorf links drüben, wo die neuen Ziegeldächer ſchimmern; aber auch da konnte er nicht weilen und wurde hier am Berge aufgerichtet, aber nicht ausgebaut, wie Ihr ſehen könnt, Herr. Wird ſeines Bleibens auch da nicht lange ſein, denn wißt, Herr, es liegt ein Fluch darauf.“ „Ein Fluch?“ fragte ich, als der Alte inne hielt. Er warf einen forſchenden Blick auf mich.„Ihr andern ſtudir⸗ ten Leute glaubt nicht an ſolche Dinge,“ antwortete er nach — ⏑☛⏑—— ☛ᷣ—— 159 einer Weile.„Aber wer auf den Bergen Wurzeln gräbt, in verlaſſenen Stadeln oder verborgenen Felshöhlen übernachtet und auf der öden Weide oft wochenlang keiner lebenden Seele begegnet, der hat ſchon gar Vieles geſehen und gehört, was euch Städtern kaum im Traume vorkommt, und weiß, was er davon zu halten hat.“—„Erzählt nur, ich verſpreche Euch Eure Geſchichte auf's Wort zu glauben.“—„Das dürft Ihr auch, und wenn Ihr's wieder erzählt, ſo könnt Ihr Euch meinetwegen auf den alten Gregori berufen.“ „Nun ſchaut aber noch einmal neben den beiden Föhren dort vorbei in's Thal hinab nach der alten Mühle. Müller ſind Schelme, heißt es; iſt aber nicht immer wahr. Es gibt eben auch beiderlei, wie Ihr gleich hören werdet, Herr. Es iſt nun ſchon ziemlich lange her— nichts für ungut, Herr, Ihr ſeid mit Schein damals noch als ein kleiner Engel nackt im Paradies herum gelaufen— da gehörte die Mühle zwei kreuzbraven Leuten, welche mittelſt Fleiß, Ordnung und Sparſamkeit etwas erhaust hatten. Als anno vierzehn und fünfzehn die Kaiſerlichen durch das Land marſchirten Frank⸗ reich zu, da zog ein böſes Fieber in ihrem Gefolge. In der Mühle lagen mehr denn zwanzig im Quartier, kranke und geſunde. Die Kaiſerlichen zogen fürbaß, aber das Fieber blieb. Der Müller und die Müllerin ſind in derſelben näm⸗ lichen Woche beide daran geſtorben. Nebſt der Mühle und einer guten Kundſchaft hinterließen ſie auch noch ein Tſchüp⸗ peli*) Kinder, von denen das größte noch nicht über den Tiſch hinweg zu blicken vermochte.“ „In einem alten Strohhaus nicht weit von der Muͤhle lebte des Müllers Vetter. Er hieß Aloiſi und war ein Mann wie der helle liebe Tag. Es lebte kein Menſch im Dorf, wenigſtens unter den beſſern Bauern und Vorgeſetzten, dem *)„Tſchüppeli“, läßt ſich durch kein ſchriftdeutſches Wort genau wieder⸗ geben, am beſten etwa durch„Häuflein“. 160 er nicht beim Begegnen freundſchaftlich die Hand drückte. Man hätte ihm einen Haberkaſten voll Geld ungezählt anvertrauen können, denn es verging kein Tag, wo er ſich nicht ſeiner Ehrlichkeit rühmte. Auch bei dem Pfarrer ſtand er vortreff⸗ lich in den Papieren, denn er war immer ganz vorn in der Kirche, fehlte bei keinem Bittgang und Keiner ſchlug ſich mit ſolcher Zerknirſchung vor die Bruſt. Als der Gemeinde⸗ ammann den Vetter Aloiſi in Vorſchlag brachte als Vogt für die Waiſenkinder in der Mühle, ſo ſagte Alles, dieß wäre der beſte Einfall, welchen er gehabt, ſeit er Ammann ſei; und als Vetter Aloiſi ſich ausreden wollte, er kenne die Sache nicht genug, er möge ſeinem eigenen Geſchäfte kaum vor⸗ Man auen einer reff⸗ der 161 kommen, auch beſitze er ein viel zu gutes Herz für einen rech⸗ ten Vogt, ſo hielt Alles an, er möchte um Gottes willen und aus Erbarmen für die Kindlein die Sache übernehmen; man wiſſe denn doch ganz beſtimmt, daß die Hüdeli*) gut ver⸗ ſorgt und aufgehoben ſeien und zu ihrer Sache geſchaut werde. „Nach langem Wehren und Sperren ließ ſich endlich der gute Vetter Aloiſi bewegen, der Vogt der Kinder in der Mühle zu werden. Er nahm ſie ſogar zu ſich in's Haus und gab ihnen Erdäpfel und abgerahmte Milch bis genug, und ließ ihnen aus ſeinen alten Kutten und den zerlöcherten Jüp⸗ pen ſeiner Frau Kleider machen. Dabei mußten ſie für ihn auf der Landſtraße Miſt aufheben, im Walde dürres Holz ſammeln und in fremden Gemeinden Aehren leſen. Er thue dieß nicht ſeines Vortheils wegen, ſagte er— behüte Gott! — ſondern bloß um die Kinder ſo früh als möglich zur Ar— beitſamkeit anzuhalten. Wenn ſie darob die Schule verſäum⸗ ten, ſagte er, ſie brauchten keine Gelehrte zu werden, das trage doch nichts ab. Alle Jahre legte Vetter Aloiſi vor⸗ ſchriftsmäßig ſeine Vogtsrechnung ab, was beim Kirchmeyer in der Pinte**) geſchah. Für dieſe Gelegenheit mußte ſich derſelbe mit einem Fäßchen guten Weins verſehen und etwa ein Schweinchen oder ein iunges Schaf abſchlachten. „Zur Rechnungsablage wurde nicht nur der Ammann und der Gemeindeſchreiber beigezogen, ſondern Vetter Aloiſt ging bei den Gemeinderäthen von Haus zu Haus und ſagte jedem insbeſondere, es würde ihn ganz beſonders freuen, wenn er ebenfalls beiwohnen wollte. Es finde in des Kirchmeyers Pinte ſtatt, Abends nach betenläuten. Gewöhnlich fehlte kei⸗ ner, und es wurde brav gegeſſen und noch bräver getrunken, und wo Vetter Aloiſi ein leeres Glas ſtehen ſah, da war er *)„Hüdeli“, etwa Tröpfchen. **)„Pinte“= Schenke, Krug. 11 ——.—— — 162 niemals zu faul, es wieder zu füllen. Der Ammann ſ es wäre ein wahres Glück, daß die armen Waislein un ſo gute Obhut gekommen ſeien, und ſchließlich wurde die Rechnung ungeſchaut gut befunden und genehmigt. Aloiſi er⸗ ſuchte aber in wohlgeſetzter Rede, man möchte ihm doch die Laſt dieſer Vogtſchaft abnehmen; es gehe faſt über ſeine Kräfte nach allem zu ſchauen, und er verſäume darob ſeine eigene Sache. Auch wüchſen ihm die Kinder, ſagte er, ſchier über den Kopf. Begreiflich wurde die Entlaſſung jedoch nicht angenommen, ſondern Aloiſi einſtimmig erſucht, er möchte das gute Werk noch ferner fortſetzen. Was die Uerte*) betrifft, ſo bezahlte ſie Aloiſi dem Kirchmeyer ebenfalls ungeſchaut und ſetzte dieſelbe dann allemal in die nächſte Vogtsrechnung unter „Mühewalt.“ Auf dieſe Art waren dem Aloiſi ſchon viele Rechnungen genehmigt worden, als er eines Tages vor den Gemeinderath trat. Mit der Mühle, trug er vor, wolle es nicht mehr recht laufen. Der Lehenmüller zinſe nicht fleißig, die Koſten für das Gebäude und das Werk würden alle Jahre größer und die Kundſame ſchwinde von Tag zu Tag. Er halte es für das Beſte, die Mühle an eine Steigerung zu bringen. Der Ammann meinte, Aloiſi werde wohl wiſſen, was den Kindern zu Nutz und Frommen diene, und die Ge⸗ meinderäthe waren der Anſicht, die Mühle möge verſteigert werden, ſie hätten nichts dawider.“ Der Wurzelgräber, welchem die Pfeife ausgegangen, un⸗ terbrach ſich einen Augenblick, um Feuer zu ſchlagen.—„Ihr ſeid vielleicht auch ſchon an einer Steigerung geweſen, Herr,“ fuhr er dann fort.„Man weiß wie es da zugeht. Wein muß fließen wie ein Bach und an räßem Käs darf auch kein Mangel ſein. Wer ein Bot*s) thut, bekommt eine Maaß und Käs und Brod dazu. Aber als die Mühle geſteigert wurde— es geſchah in des Kirchmeyers Pinte—, da blieb *)„Uerte“ ü Zeche. **)„Bot“= Angebot. 163 es nicht bei dem alten Brauch. Es trank wer da war, und ohne ſich um die Uerte zu kümmern. Der Amtsſchreiber war ein beſonderer Liebhaber von gebackenen Fiſchen und rothem Neuenburger; Aloiſi hatte deßhalb extra für ein Plättchen ſchöne Forellen geſorgt und dem Kirchmeyer eingeſchärft ein paar Flaſchen vom Rechten aus der Stadt zu beſchicken, es möge koſten was es wolle. Das müſſe dazu helfen, ſagte er, daß die Mühle tüchtig gelte und ſeine Vogtskinder zu ihrer Sache kämen. Dazu half es nun aber freilich nicht. Je mehr getrunken wurde, deſto weniger dachte einer daran zu bieten, ſo ſehr ſich auch der Vogt Mühe gab den Leuten zu⸗ zureden und z. B. jedem, der zur Thüre hereinkam, ſagte, es gebe im ganzen Kanton keine ſchönere Mühle, nur ſchade, daß der Dachſtuhl morſch ſei und neu gemacht werden müſſe, oder: die Mühle wäre eine wahre Goldgrube, wenn nur in trockenen Sommern das Waſſer nicht ausbliebe, weßhalb die Leute anfingen lieber in die obere Mühle zu gehen. „Ruft niederer an,“ rieth der Amtsſchreiber,„damit ein⸗ mal einer biete!“ Es gehe zum öftern ſo bei den Steige⸗ rungen; es wolle eben keiner der Erſte ſein. Aber noch im⸗ mer kein Käufer. Noch niederer! hieß es. Endlich that ein Fremder ein Bot, ein entfernter Vetter von Aloiſis Frau. Da ſagte Aloiſi zum Ammann, ſeine Vogtspflicht gelte ihm höher als Verwandtſchaft; er wolle einmal probiren die Sache hinauf zu treiben. Zwinkte alſo dem Weibel mit dem Auge: fünf Franken mehr. Darauf der andere ebenſo. Hierauf ward vom Aloiſi wieder gewunken, dann wiederum vom Frem⸗ den— ein, zwei Thaler mehr— dann wieder vom Aloiſi. Es ging aber keineswegs ſo ſchnell als ich es Euch jetzt er— zähle, ſondern zwiſchen jedem Bot wurde getrunken, als ob die Welt keinen Boden hätte.„Alſo zum erſten, zum andern— mal,“— rief der Weibel, nachdem man abermals ein halbes Stündchen gewartet hatte. Der Amtsſchreiber hatte ſeine Fiſche gegeſſen.„Wenn Niemand mehr biete, ſo ſolle man's — ᷣo——— 8* —y- 2 — 164 ausgehen laſſen,“ ſagte er;„er preſſire heim.“ Aloiſi hatte das letzte Bot; der fremde Käufer war verſchwunden. Der Herr Amtsſchreiber möge machen wie er's für gut finde, ga⸗ ben die Vorgeſetzten zum Beſcheid, die eben an einem Rams*) ſaßen.„Alſo zum erſten, zum andern und zum dritten Mal,“ rief der Weibel, und Aloiſi hatte ſomit die alte Mühle er⸗ ſtanden mit ſammt dem breiten, klaren Forellenbach, Wäſſer⸗ matten, Aeckern, Wald und allem, was dazu gehörte. „Erſt wollte es der Aloiſi gar nicht glauben, daß ihm das letzte Bot geblieben. Dann fuhr er ſich jammernd in die Haare: eine Vogtmannſchaft ſei doch eine ſchrecklich ſchwere Laſt, und weſſen Herz nicht aus Geisbergerſtein gehauen ſei, müſſe dabei um Hab und Gut kommen. Dann nahm er den Ammann beiſeits, wegen eines der erſteigerten Aecker, der dieſem gar wohl anſtändig war. Schließlich verſchwor er ſich, ſeinen Vogtskindern wolle er durchaus nichts ſchuldig bleiben, das wäre gegen ſein Gewiſſen; ſondern die Mühle, wenn ſie ihm doch einmal auf dem Halſe bleibe, müſſe bei Heller und Pfennig bezahlt werden, und wenn er ſeinen letzten erſparten Kreuzer daran ſetzen ſollte. So ſprach der ehrliche Aloiſi und bezahlte wirklich, aber nicht juſt in klingenden Fünflibern, ſondern mit einem ganzen Wiſche von Schuld⸗ und Hand⸗ ſchriften. Von ihm Währſchaft zu verlangen fiel Niemanden ein, denn dieß wäre doch wohl zu viel Mißtrauen geweſen.“ Ich unterbrach hier den Alten mit der Bemerkung, er wiſſe das zu erzählen, als ob er ſelber dabei geweſen wäre. „Wer ſagt Euch,“ erwiederte er,„daß ich nicht dabei war, Herr? Wer ſagt Euch, daß ich meiner Lebtag ein armer Wurzelgräber war?“ Und mit finſtern Blicken ſchaute er nach jener Gegend hin, wo die alte Mühle ſtand:„Was dann ferner aus dem ehrlichen Aloiſi und den wohlverſorgten Vogts⸗ kindern geworden ſei?“„Das ſollt Ihr jetzt hören, Herr. *)„Rams“= ein gebräuchliches⸗Kartenſpiel. 165 „In des Kirchmeiers Pinte wurde noch manche Vogts⸗ rechnung auf die gewohnte Weiſe vorgelegt und gutgeheißen. Endlich waren die Kinder erwachſen und wollten ihr elter⸗ liches Gut heraus haben. Machten aber große Augen, glaubt mir's, Herr, als die Schlußrechnung kam. Die Schuldſchrif⸗ ten, womit Aloiſi ſeinen Vogtskindern die Mühle abbezahlt hatte, waren im Verlauf der Zeit eine nach der andern in Verluſt gerathen; was konnte der Vogt dafür? Für Koſtgeld, Läufe und Gänge und ſonſtige Verſäumniſſe und Auslagen war eine lange, lange Nechnung aufgeſetzt; wer hätte dem Vogt zumuthen wollen, von der eigenen Sache zuzuſetzen? Am Schluſſe war deutlich ausgerechnet, daß der Reſt des Vermögens der Waiſenkinder und Aloiſis Guthaben genau gegeneinander wettauf gingen Die Kleider, rühmte er ſich, die er ihnen aus ſeinen alten Kutten hätte machen laſſen, und die Wecken, die er ihnen gekramt,*) allemal, wenn er vom Markt gekommen, die habe er gar nicht einmal in Rechnung geſetzt. Die Kinder kamen dann noch einem Advokaten unter die Finger und probirten gegen den Vogt zu procediren; aber Aloiſi war einer von denen, welche ſich auf das Geſetz ver— ſtehen. Was er gethan, hatte die Gemeinde gutgeheißen und genehmigt; er gewann und ſie verſpielten. Die Welt ſei doch heutzutage erſchrecklich verderbt, jammerte Aloiſi, aber ſolch ſchwarzer Undank, wie ſeine Vogtskinder gegen ihn bewieſen, werde ſeiner Strafe nicht entgehen. Und wahrſcheinlich, um dieſe Prophezeihung wahr zu machen, ließ er ſie für die Pro⸗ zeßkoſten zum Geldstag treiben. Vergantet und zerlumpt zogen ſie aus der Gegend. Die Buben dingten zu Krieg und die Mädchen gingen hin, um in der Fremde als Mägde ihr Brod zu finden. Jetzt erſt zog Aloiſi ſelber auf die Mühle, welche er bis dahin dem Lehenmüller gelaſſen hatte, dem er nur den Zins geſteigert.“ *)„Kramen“= zum Geſchenk bringen. 9 —— — 166 Der Genzianengräber hielt inne. Ich fragte ihn, in welchem Zuſammenhang das öde Haus mit ſeiner Erzählung ſtehe?„Hab' Euch's ja geſagt, Herr, es ſei eine lange Ge— ſchichte und laſſe ſich nicht in zwei Worten erzählen. Wird nun aber gleich kommen, was es mit jenem fluchbeladenen Bau für eine Bewandtniß hat.“ Der Alte ſchaute ſich rings⸗ um, als ob unverſehens hinter einem Felſen oder Tannenge⸗ büſch hervor etwas unheimliches und ſchreckhaftes treten könnte. Dann fuhr er mit gedämpfter Stimme in ſeiner Erzählung fort. „Man iſt übernächtig, Herr; es weiß keiner, der ſich ſchlafen legt, ganz beſtimmt, ob er am andern Morgen wieder aufſtehen wird, oder ob ihn nicht der Schlag trifft über Nacht. Es kann einem aber zu Nachtzeiten noch ſchlimmeres zuſtoßen 167 als der Schlag, beſonders jenen, denen Waiſengelder das Gewiſſen drücken. Als Aloiſi zum erſtenmal in der alten Mühle über Nacht geweſen war, da erſchien er am andern Morgen als ein ganz anderer Menſch. Sein Geſicht war ledergelb und ſein Haar grau geworden in Einer Nacht. Man hat ihn ſeither nicht mehr lachen ſehen, keinem hat er ſeither die Hand geſchüttelt, wie es ſonſt ſein Brauch war; er wich den Leuten aus und ſchlich ſeine einſamen Wege, wie der Schatten an der Wand. Auch hätte man ihn, ſobald die Nacht einbrach, mit keinen vier Roſſen in die Mühle hin⸗ eingebracht. Man wollte wiſſen, es ſei ihm in jener Nacht etwas, das weder Fleiſch noch Bein hatte, vor ſein Bett ge— kommen und habe ihm von ſeiner Vogtſchaft vorgerechnet. Man ſprach nicht laut davon, denn Aloiſi war ein Mann, hablicher und angeſehener als je zuvor. Item, in der Mühle ging er nicht zum zweitenmal zu Bett, ſondern quartirte ſich wieder in ſein altes Strohhaus ein. Beim Mahlen hanthirte er nur ſo lange der helle Tag ihm dazu leuchtete. „Aber wer's hat und vermag, weiß ſich zu helfen. Aloiſi ließ einen Maurermeiſter und einen Zimmermeiſter zu ſich beſcheiden, welche ihm den Riß zu einem neuen hoffährtigen Stock*) verfertigen mußten, der zunächſt neben die alte Mühle gebaut werden ſollte. Die Akkorde wurden abgeſchloſſen, Holz und Steine herbeigeführt und der Bau begann. Es war, als ob Aloiſi es kaum erwarten möge, das Haus fertig zu ſehen; er trieb und jagte, als ob es ihm um jeden Sonn⸗ und Feiertag leid thue, der die Arbeit unterbrach. Bei der Aufrichtung wurde nicht geſpart; Wein und Schnaps floßen, *)„Stock“ nennen die Schweizerbauern kleinere, gewöhnlich neben dem großen Bauernhaus ſtehende Wohngebäude, wohin ſich in der Regel die Eltern zurückziehen, wenn die Wirthſchaft von einem der Söhne über⸗ nommen wird; ſonſt jedes Wohnhaus ohne angebaute Wirthſchaftsge⸗ bäude. —ö——— —————— 4 168 als ob Aloiſi die Uerte auf eine Vogtsrechnung ſetzen könnte. Es ging aber doch nicht luſtig dabei zu, ſondern eher wie an einer Gräbt, weil der Zimmergeſelle, der den Spruch hätte halten ſollen, von der Firſt hinunter gefallen und das Bein ge⸗ brochen hatte. Der Stock war noch lange nicht ausgebaut, als ſich Aloiſi ein Stüblein drin einrichten ließ. Er müſſe wiſſen, ob die Müllerknechte während der Nacht auch richtig aufſchütteten, ſagte er, und im neuen Stock könne er's ſo gut hören, als ob er in der Mühle ſelbſt läge. Ließ ſich alſo dort ein Bett zurechtmachen und zog eines kühlen Abends zum ſchlafen hin⸗ über. Während der Nacht wollen die Müllerknechte ſonder⸗ bare Stimmen und dann Aechzen und Geſtöhn in dem neuen Stock gehört haben. Als einer am andern Morgen hinüber⸗ ging, fand er den Aloiſi in ſeinem nenen Bau an einem batzigen Hälſig*) hangen; ſein Geſicht ſei ganz blau geweſen und die Zunge habe er ſpannenweit herausgeſtreckt. Unter den Leuten ging allgemein die Rede, der, welcher dem Aloiſi ſchon einmal etwas vorgerechnet Nachts zwiſchen zwölf und eins, ſei aus der alten Mühle in den neuen Stock auf Be⸗ ſuch herübergekommen und habe mit ſeinem Rechnungsexempel von vorn angefangen; darüber hätte ſich der Müller erhenkt. „Von dem Augenblick an, da man den Aloiſi in ſeinem grauen Müllerrocke am Hälſig hangend gefunden hatte, rührte ſich in dem halb ausgebauten Hauſe weder Hammer noch Hobel noch Maurerkelle mehr. Wer hätte es vollenden und drin wohnen mögen? Da ſtand es lange neben der alten Mühle und ſtarrte mit ſeinen ungeglasten Fenſtern wie aus hohlen Augen in die Welt, und wer daran vorüberging, be⸗ kreuzte ſich. Des Müllers Erben entſchloſſen ſich zuletzt, das öde Gebäu um ganz geringen Preis einem Mann aus einem fremden Dorfe zu verkaufen, der es abbrach und vom Platze führte, um es anderswo wieder aufzurichten. Im Dorfe hielt *)„Hälſig“= Strick, womit man das Vieh anbindet. 169 es jeder für ein Glück, und es war allen, als falle ihnen ein Stein ab dem Herzen, als die Balken und Riegelhölzer, die Bretter und Ziegel auf Wagen geladen und fortgeführt wurden. Denn ſeitdem die Waiſenkinder vergantet worden waren, ſchien das Unglück in die Gemeinde eingezogen zu ſein. Die Engerlinge nahmen über Hand, die Kühe verwar⸗ fen und die Gemeinderäthe kamen zum Geldstag einer nach dem andern.“ Bei dieſen Worten entfuhr dem alten Wurzelgräber ein ſchwerer Seufzer, er ſchwieg und ſchien den alten Zeiten nach⸗ zuſinnen. Um ihn zu wecken, fragte ich, ob denn das Ge⸗ bäude hier am Berg oben wieder aufgerichtet worden ſei? „Nein, Herr,“ erwiederte der Gentianengräber; erſt kam es noch anders. „Schaut jetzt dort links hinüber, Herr, woher die rothen Ziegeldächer ſchimmern. In jenes Dorf wurden Holz und Steine geführt; dort ward das Haus wieder aufgebaut. Der Käufer hatte ſich bei ſeiner theuern Seele verſchworen, den Balken, an welchen der Müller ſeinen Strick feſt geknüpft hatte, nicht wieder zum Bau zu verwenden, ſondern zu ver⸗ holzen und zu verbrennen. Aber der Geizteufel muß ihn ge⸗ ritten haben. Er hätte beſſer gethan ſeinen Schwur zu hal⸗ ten; der Schaden wäre kleiner geweſen. Das Gebäude war kaum aufgerichtet und gedeckt, ſo erhob ſich unverſehens ein ſtarker Sturm; der Wind fuhr unter das hohle Dach und ſtieß das Haus über den Haufen. Hat aber nicht nur den Bau, ſondern auch den Mann über den Haufen geworfen. Am Bauen hat ſich ſchon mancher überlüpft*), und erſt noch mit ſolchem Holz und ſolchen Steinen, wo des Teufels Se— gen darinne ſteckt! Zum Bauen braucht man Geld, und weil keines mehr da war, ſo wurde vorläufig nicht wieder an's Aufrichten gedacht, ſondern zur Noth, was noch gut und ganz *)„Sich überlüpfen“= ſich über ſeine Kräſte anſtrengen. ——— 170 war, aus dem Schutt hervorgezogen, das Holzwerk aufein⸗ ander geſchichtet, die unbeſchädigten Ziegel zuſammengelegt und die Steine auf einen Haufen gebracht. Man hätte den Plunder billig haben können; aber wer hätte ihn kaufen mögen? Wußte ja jetzt keine Seele mehr, an welches Stück Holz Aloiſi ſeinen Hälſig befeſtigt hatte, dran er ſich erhenkt! Kein Span wurde geſtohlen, kein Pfoſten und kein Riegel ward vermißt, ſo ſehr auch die armen Leute im Winter Holz benöthigten. Es konnte ſich's eben jeder an den Fingern abzählen, daß ein ſchwerer Fluch auf dem Dinge lag.“ „Aber hört, Herr,“ unterbrach ſich hier der Genzianen⸗ gräber,„mir ſcheint, Ihr thätet beſſer, dran zu denken unter Schirm zu kommen, als noch länger auf meine Geſchichten zu hören. Denn mit Schein, Herr, ſeht Ihr mir nicht dar⸗ nach aus, als ob ein Gewitter mit Platzregen hier auf offe⸗ ner Weide zu Euern Liebhabereien gehörte.“ Es war in der That ein Gewitter im Anzuge. Schwarz⸗ graue Wolken mit unheimlichem, kupferfarbenem Rande, in dem bereits der Donner leiſe murrte, bedeckten den weſtlichen Himmel und warfen einen dunkeln Schatten auf die Abhänge des Leberbergs und die weite Ebene, durch welche die Aar ſich ſchlängelt, deren Waſſer den Silberglanz verloren hatte und ganz bleigrau und abgeſtanden ausſah. Je düſterer der Anblick des Himmels und der Landſchaft gegen Weſten war, in um ſo helleren, glänzenderen Farben ſtrahlte der Süden und Oſten. Die Schneeberge und Gletſcher, durch die eigene, Gewittern vorangehende Durchſichtigkeit der Luft dem Auge ganz nahe gerückt, glitzerten wie von gediegenem Silber und zeichneten ſich mit den ſchärfſten Umriſſen auf einem grün⸗ lichen Himmel. Die zwiſchenliegenden niederen Berge, die Wälder und Felder übergoß ein grellgelbes Sonnenlicht. Ganz nahe, faſt greifbar erhob ſich im Südoſten der finſtere Pilatus. Meine meteorologiſchen Erfahrungen belehrten mich, daß keine Zeit mehr zu verlieren war, wenn ich mit den ere ich, den 171 Freunden noch vor Ausbruch des Gewitters unter Dach und Fach kommen wollte. So gern ich das Ende der Geſchichte meines neuen Bekannten gehört hätte, ſo durfte ich mich doch keinen Augenblick länger beſinnen, ſeinem gutgemeinten Rathe zu folgen. Mit kurzem Abſchiedsgruß ſtieg ich wieder in die Schlucht hinunter, woher ich gekommen war, indem ich mich von Felsſtufe zu Felsſtufe ſchwang und an den Geſträuchen hielt, die in den Felsſpalten wurzelten. Ich traf meine Freunde ſorglos ſuchend, wühlend und hämmernd.„Aufge⸗ packt, ihr Maulwürfe in urweltlichem Meeresgrund, ſo fern ihr nicht den Beruf fühlt, mit nächſtem euch vom Regenwaſ⸗ ſer ertränken und von dieſen Mergellagern, die ohne Zweifel bald in eine„ſchöne Bewegung“ gerathen werden, zudecken zu laſſen, wo euch in ſpätern Zeiten ein glücklicher Kollege herausſcharren und als äußerſt intereſſante homines diluvii testes und Paradeſtücke in Hugis geologiſchem Kabinet auf⸗ ſtellen wird, um dort einer ſeligen Urſtänd entgegen zu har⸗ ren!“ Auf dieſe meine eindringliche Aufforderung antwortete der Mergelkönig mit einem ziemlich unverſtändlichen Grun⸗ zen, wühlte einen friſchen Felsblock aus der Lehmſchicht, in die er ſich eingebohrt hatte, und begann, ohne fernere Notiz von mir und meinen Reden zu nehmen, denſelben unentwegt mit dem Geologenhammer zu bearbeiten. Die andern waren jedoch weniger begierig, in der engen Bergſchlucht von einem Gewitterregen überfallen zu werden. In aller Haſt raffte jeder die erbeuteten Teufelsfinger, Ammonshörner, Seeſterne und andere ſteingewordene Ungethüme zuſammen und packte, was Platz fand, in den Waidſack des Helden von Vicenza, den Reſt aber in die eignen Taſchen. Nachdem wir Freund G. nochmals zum Rückzug aufgefordert, brachen wir auf und folgten im Eilmarſch dem Laufe des Baches, während ſchon ſchwere Tropfen fielen, in den höheren Schluchten des Ge⸗ birgs der Sturm zu toſen begann und in den ſchwarzgrauen Wolkenſchichten, die nun unſern Zenith erreicht hatten, der Donner bereits ganz tüchtig kanonirte. F — —— ———— 172 Kaum hatten wir die Schlucht verlaſſen, ſo öffnete der Himmel ſeine Schleuſen. Das nächſte Dorf lag wenigſtens eine halbe Stunde abſeits. Da fiel mir das öde Haus auf dem Brombeerhügel ein. Es mußte ſich in unſerer unmittel⸗ baren Nähe befinden; dort konnten wir wenigſtens nothdürf⸗ tigen Schutz vor dem ärgſten Wind und Platzregen finden. Da ſtand es wirklich kaum hundert Schritt vor uns! Ein allgemeines Hurrah begrüßte es und im Sturmſchritt er⸗ klimmten wir den Hügel, hinter uns herkeuchend der Bürger von Rom, beladen wie ein Schiff der Wüſte. Das Gebäude, das wir nach wenigen Minuten erreicht hatten, ſah troſtlos und unheimlich genug aus. Es war nach Landesbrauch aus Fachwerk gebaut; die unverglasten Fenſter, die Thürlöcher ſchauten wie die hohlen Augen aus einem Todtenſchädel. Von innerer Einrichtung war nichts vorhanden und die Mauer⸗ ſteine traten roh und unverputzt zu Tage. Das Holz des Fachwerks und Dachſtuhls war keineswegs neu, ſondern be⸗ reits von der Zeit gebräunt, die Ziegel hatten, wie ich es ſchon durch mein Fernrohr bemerkt, jene dunkle Färbung, welche ſie erhalten, wenn ſie lange den Einflüſſen der Wit⸗ terung ausgeſetzt waren, und einige davon zeigten ſich ſchon mit Moos bewachſen. Zu den offenen Fenſterlucken hinein war Brombeergeſträuch gewachſen, hatte innen Wurzel gefaßt und wucherte üppig im öden Raume. Das erſte, was ich beim Eintritt erblickte, war Gregori, der Gentianengräber, welcher gleich uns hier Obdach geſucht, aber auf einem kür⸗ zern Weg zum verlaſſenen Bau gelangt war, als wir. Unſer dringendſtes Bedürfniß war nun, Schuhe und Kleider zu trocknen. Es wurden deßhalb Späne und Reiſer zuſammengeleſen und bald loderte in Mitten der vier Mauern ein praſſelndes Feuer. Wir wälzten etliche Steinblöcke um daſſelbe, die als Sitze dienen ſollten, lagerten uns in male⸗ riſchen Stellungen und zündeten unſere Cigarren an. Die helle Flamme und das Gefühl unter Dach zu ſein, während 173 draußen der Sturm tobte und der Regen in Strömen fiel, verſetzte uns in die behaglichſte Stimmung, welche uns für den Augenblick nichts anderes vermiſſen ließ, als den Reſt unſeres Mundvorrathes, der in der Verwirrung des eiligen Rückzugs in der Schlucht zurückgelaſſen worden war, und worunter ſich auch einige Flaſchen edlen Veltliner Gewächſes befanden. „Jammerſchade um den Wein!“ klagte der Profeſſor und ſtarrte wehmüthig in das Trinkgefäß von lackirtem Leder, das nutzlos und inhaltsleer in ſeinen Händen ruhte. Der — 2 r 174 Bürger von Rom anwortete mit einem pfiffigen Lächeln, griff nach dem Waidſack, den er ſachte bei Seite gelegt hatte, und langte zu unſer aller Erſtaunen zwei ganz volle und wohl— verſchloſſene Flaſchen daraus hervor. Er habe dafür das große Ammonshorn des Herrn Forſtinſpektors zurückgelaſſen, erläuterte der praktiſche Soldat. Das Horn ſei von Stein und ihm könne in der Schlucht oben jedenfalls nicht ſo leicht etwas paſſiren als ſolchen zerbrechlichen gläſernen Gefäßen. Ueberdieß ſei in letzteren Wein, in erſterem aber keiner. Erſt machte der Forſtmann Miene böſe zu werden, wurde jedoch überſtimmt, indem wir andern dem Einfall des Helden von Vicenza den vollſten Beifall zollten, und gab ſich endlich zu— frieden, als dieſer verſprach, die verſteinerte Schnecke aus der Schlucht hervorzuholen, ſobald das Gewitter nachgelaſſen haben werde. Unterdeſſen hatte ſich bereits der angenehme Schall des Pfropfziehers hören laſſen, und bald ging das ſchwarze Ledergefäß mit perlendem Veltliner im Kreiſe herum, in welchem ſich, wie billig, auch der alte Genzianengräber befand. Draußen krachte der Donner Schlag auf Schlag und grelle, blendende Blitze fuhren an den Fenſterlöchern des öden Gemäuers vorbei, in welchem wir unſer Lager aufge⸗ ſchlagen hatten. Dem Ungewitter zum Trotze war es uns um unſer Feuer herum äußerſt gemüthlich und der gerettete Veltliner verſetzte uns alle in die munterſte Stimmung, mit Ausnahme Gregori's, des Genzianengräbers, der mit bedenk⸗ lichen Blicken einen der Pfoſten und Balken des Gebäudes nach dem andern muſterte.„Ihr ſucht gewiß das Stück Holz, an welchem der ehrliche Aloiſi ſeinen batzigen Strick geknüpft hatte?“ fragte ich ſcherzend den Alten.„Mir ſcheint, Herr,“ erwiederte dieſer,„dieweil unſer Herrgott mit ſolchen feurigen Buchſtaben auf die Wolken ſchreibt, thäte man beſ⸗ ſer, mit gewiſſen Dingen keinen Spaß zu treiben.“—„Was iſt's?“ wollte der Profeſſor hören.„Wißt Ihr etwas Näheres 175 über dieſen verlaſſenen Bau? Daran knüpft ſich gewiß irgend eine intereſſante Legende.“—„Nichts von Legende!“ wider⸗ ſprach der Wurzelgräber;„eine pure, wahre Geſchichte, und nicht von Heiligen, ſondern wüſt und ſchauerlich.“ Ich machte meine Freunde mit dem bekannt, was mir Gregori auf der Bergweide erzählt hatte. Dann bat ich den Alten, da wir uns ſo unvermuthet wieder getroffen, den Schluß ſeiner Geſchichte zum Beſten zu geben und zu berich— ten, was ferner mit den fluchbeladenen Balken, Brettern und Ziegeln vorgegangen ſei, wie es gekommen, daß ſie ſich wieder zu einem Baue gefügt, und warum dieſer Bau ver⸗ laſſen worden, bevor er vollendet war.„Wenn es ſo er⸗ ſchrecklich donnert und blitzt, ſoll man den Teufel nicht an die Wand malen,“ entgegnete der Genzianengräber,„insbe⸗ ſondere wenn man in des Teufels eigenem Neſte ſitzt.“ Es bedurfte unſeres vereinten Beſtürmens, eines zweiten Bechers Veltliner und des Umſtandes, daß der Donner nun ſchon wieder etwas ferner rollte, um den Alten zu vermögen, in ſeiner Erzählung von dem öden Hauſe fortzufahren. „Von Zeit zu Zeit kamen zwei wilde Geſellen in jenes Dorf, wo der Sturmwind den Bau über den Haufen gewor⸗ fen hatte. Man hieß ſie den Jägerdurs und den Jägerrudi und ſie nährten ſich vom Jagd- und Holzfrevel. Eines Ta⸗ ges fragten die Geſellen nach dem Bauholz, welches hier ſo unnützerweiſe in Wind und Wetter verfaule und verwittere. Es ſei nicht richtig damit, ein ſchwerer Fluch laſte darauf, berichtete man ſie. Aber ſie ſpotteten dieſes Beſcheides. Sie glaubten, ſagten ſie, an keinen andern Teufel, als an den im Gütterli*), und mit dem wären ſie zu wohl bekannt, als daß er ihnen etwas Leides thäte, und was derlei gottloſe Reden mehr waren. Wenn man ihnen das Zeug billig ließe, ſo wollten ſie es kaufen. Der Handel wurde geſchloſſen, die *)„Der Teufel im Gütterli“= der Teufel in der Flaſche; doppelſinnig ——— 176 Theile des eingeſtürzten Hauſes auf Wagen geladen und hierher an den Berg hinauf geführt. An dieſem abgelege⸗ nen Ort wollten ſich die Brüder eine Wohnung bauen, wo ſie dann um ſo ungeſtörter ihr Gewerbe des Holzſtehlens und Haſenſchießens zu unerlaubter Zeit ausüben zu können glaub⸗ ten. Bei der Aufrichtung, wo der Schnaps aus ihnen ſprach, ſollen ſie gar läſterlich und vermeſſen geredet haben. Wenn der Aloiſi mit dem Bendel um den Hals und im grauen Müllerrock ihnen etwa einmal um Mitternacht einen Beſuch abſtatten ſollte, ſo wollten ſie ihm dann ganz unverblümt ſagen, daß er ein Eſel geweſen ſei, ſich wie eine Speckſeite an die Luft zu hängen. Mit dem Geld und Gut der Wai— ſenkinder, das er in die Taſche geſteckt, hätte er ſich luſtige Tage machen ſollen; wäre ihm aber das Leben durchaus ver⸗ leidet geweſen, ſo hätte er ſich ja im Gigertſchiwaſſer erträn⸗ ken können, was viel angenehmer ſei. Sie wollten eine Flaſche vom ſchärfſten Enzianengeiſt wetten, meinten die Brüder: hätten ſie dem gehenkten Aloiſi einmal auf ſolche Art tüchtig den Kopf gewaſchen, ſo würde er gewiß nicht wieder kommen, ſondern ſich ſeines dummen Streiches ſchämen wie ein naſſer Pudelhund und hübſch am Orte bleiben, wo man ihn ver— ſcharrt habe. Der und jener hielt ihnen vor, ſie werden einſt dieſe frevlen Worte bereuen und ihr Bau werde ihnen mehr Schaden als Glück bringen. Da lachten die Geſellen und ſagten: es hätten einſt hier oben Zwingherren gehaust und ein luſtig Leben geführt in den alten Zeiten; ſolche Zwingherren, die dem Teufel nichts nachfrügen, wollten ſie auch werden und ſich da eine Burg bauen und regieren über Wild und Wald. Hier dürften ihnen dann weder Landjäger noch Bannwarth etwas anhaben. Der Böſe ſolle ſie holen, wenn ſie nicht bald vornehme Leute würden, vor denen man von weitem ſchon den Hut lüpfe. Kam aber anders, als ſie meinten. Als nach einer ſtürmiſchen Nacht, wo der Dürſt*) *)„Der Dürſt“= der wilde Jäger. 177 im Berge gejagt hatte, ein Geißhirte hier vorbeikam, fand er den Jägerrudi vor der Hausſchwelle todt in ſeinem Blute liegen. Er war durch den Hals geſchoſſen. Der Jägerdurs war verſchwunden, und hat ihn ſeither kein Auge mehr er⸗ blickt. Einige wollten behaupten, er habe den Bruder im Nauſch und Jähzorn erſchoſſen und ſei entflohen. Die meiſten aber hatten einen andern Glauben: es werde wohl der ge⸗ henkte Aloiſi die Hand im Spiele gehabt haben. Den Jä⸗ gerdurs möge man ausſchreiben ſo lange man wolle, der werde wohl ſchon an einen Ort gebracht ſein, wo kein Land— jäger hinkomme, wenigſtens nicht bei Lebzeiten.“ Nicht minder aufmerkſam als wir andern hatte der Bür⸗ ger von Rom Gregori's Erzählung zugehört; insbeſondere ſchien ihn der letzte Theil derſelben anzuziehen. Als der Alte geendet hatte, ſtand jener auf, hielt die Linke an die Hoſen— naht und hob die Rechte zum militäriſchen Gruß.„Erlaubt, meine Herren, daß ich drein rede. Vor etlichen Jahren kam ein Kerl zu unſerm Regiment, der ſchaute ſo finſter aus als wie der Tod von Bpern; es hat ihn Keiner jemals lachen geſehen, doch trank er viel Schnaps, aber ſtets allein, denn es mochte Keiner mit ihm Kameradſchaft halten. Es hieß, er ſei nicht ſauber; wäre er daheim geblieben, man hätte ihn um einen Kopf kürzer gemacht. Unſere Werber nahmen es eben nicht ſo genau, wenn einer ein hübſcher Burſche war. Zum letztenmal ſah ich ihn, als wir bei Vicenza gegen die Oeſterreicher ſtanden; er lag röchelnd in einem Graben und hatte einen Schuß durch den Hals. Man hatte ihn beim Regiment nur den Jägerdurs geheißen.“ „Die Nemeſis!“ rief bedeutungsvoll der Profeſſor. Das Wort war kaum ausgeſprochen, als ein Blitz grell und blen— dend niederfuhr, welchem ganz unmittelbar ein betäubender Donnerſchlag folgte. In dem nämlichen Augenblick ſtürzte das Gemäuer aus einem Fachwerke der fenſterloſen Hinter⸗ wand polternd vor unſere Füße; eine dichte Staubwolke wir— 12 178 belte aus dem Schutt empor. Unſer aller Blicke wandten ſich dahin. Da ſahen wir durch den Staub und die entſtan⸗ dene Mauerlücke eine Geſtalt, fahl und erdfarben, in grauem Rock und grauem Schlapphut. Die Geſtalt hob drohend die Hand gegen uns auf.„Aloiſi!“ rief der Gentianengräber,— „der Gehenkte!“ ſtöhnte der abgedankte Römer. In der 1' 1 4 Meinung, der Blitz habe eingeſchlagen, waren wir von un⸗ ſern Sitzen aufgeſprungen. Jetzt ſtieg die graue Geſpenſter⸗ geſtalt durch die Lücke, die ſich vor ihr geöffnet hatte, herein. 179 Ihre funkelnden Augen ſchienen etwas zu ſuchen. Endlich hafteten ihre Blicke auf dem Kämpfer von Vicenza, ſie ſchritt auf den Entſetzten zu, dem ſich die Haare auf dem Haupte ſträubten. Neben ihm ſtand eine Flaſche, die den Reſt unſers Veltliners enthielt; das Geſpenſt ergriff ſie, ſetzte ſie an den Mund und trank mit langen, gierigen Zügen. Sprachlos, regungslos waren wir in paniſchem Schrecken dageſtanden; plötzlich aber brachen der Profeſſor, der Forſtmann und ich unisono in ein ſchallendes Gelächter aus:—„der Mergel⸗ könig!“ Als die Staubwolke der eingeſtuͤrzten Mauer ſich ver⸗ zogen hatte, zeigte ſich, daß das Geſpenſt wirklich Niemand anders war als unſer Freund G., der dem Gewitter in der Schlucht oben Trotz geboten hatte und ſich nun auf dieſe ſonderbare Weiſe wieder bei uns einführte. Ohne von uns bemerkt worden zu ſein, hatte er ſich ebenfalls beim verlaſ⸗ ſenen Bau eingefunden, war jedoch nicht eingetreten, ſondern hatte ſich an der Außenſeite des Gebäudes mit einem einge⸗ mauerten Stein beſchäftigt, in welchem eine ſeltene Verſtei⸗ nerung eingeſchloſſen war. Das Gemäuer hatte den Strei⸗ chen ſeines Geologenhammers und der Erſchütterung des Donnerſchlags, welcher in nächſter Nähe einen Baum getrof— fen, nicht zu widerſtehen vermocht, ſondern war, mürb wie es war, unverſehens zu unſern Füßen geſtürzt. Bei näherer Betrachtung des Mergelkönigs, der, nach— dem er die Neige unſeres Veltliners ausgetrunken, ſeine Glieder am Feuer ſtreckte, konnte man ohne Mühe zur Ueber⸗ zeugung gelangen, daß man ihn mit großem Unrecht für einen Geiſt gehalten hatte, da doch ein Uebermaß von irdi⸗ ſcher Materie an ihm klebte. Die Füße bis über die Knöchel waren in eine dichte Kruſte ſchwarzgrauen Liasmergels ge⸗ hüllt, auf ſeinen Kleidern zeigten ſich mächtige Ablagerungen von lehmartigen Mineralien und ſein Geſicht war zu einer lebendigen Muſterkarte ſämmtlicher im Regenwaſſer zu einem 180 Brei ſich geſtaltenden Erdarten des Jura geworden. Nichts deſtoweniger betrachteten ihn ſowohl der alte Wurzelgräber als der Neubürger von Rom als ein unheimliches Weſen mit geheimem Grauen. Ohne jedoch davon Notiz zu nehmen, und von ſeinen vielen unorganiſchen Anhängſeln keineswegs unangenehm berührt, begann jetzt Freund G. den Inhalt der unergründlichen Taſchen ſeines grauen Paletots an's Tages⸗ licht zu fördern. Da kam bald das Kieferſtück eines rieſigen Urſauriers zum Vorſchein, bald der Bruchtheil eines Schild⸗ krötenſchildes, dann wieder die armsdicke Kalkröhre eines Polypen, der vor ſo und ſo viel tauſend Jahren ſeine Fang— arme tulpenartig im Urmeere entfaltet hatte; ferner verſtei⸗ nerte Auſterſchaalen, als muthmaßliche Ueberreſte eines de- jeuner à la fourchette der Götter des Chaos; nicht minder gewaltige Zähne vom gräulichen Hai, des Meeres Hyäne, welcher jedoch ſchon ſeit Aeonen keine Zahnſchmerzen mehr geſpürt haben mochte; endlich zur großen Freude und Be⸗ ruhigung des Forſtmanns ſogar das neunpfündige Ammons⸗ horn, welches der Held von Vicenza über Bord geworfen hatte, um den wiſſenſchaftlich weniger intereſſanten, aber praktiſch nützlicheren Veltliner zu retten. Der gewaltige Donnerſchlag, der die Erſcheinung des Mergelkönigs begleitet hatte, war das letzte Abſchiedswort des vorüberziehenden Gewitters geweſen. In der Phyſiog⸗ nomie des Himmels war unterdeſſen wieder eine vollſtändige Veränderung vorgegangen. Ueber den Bielerſee hinaus im Weſten ſchimmerte jetzt die Abendſonne durch dünne Wolken⸗ ſchleier, die wie aus Goldfäden gewoben glitzerten. Ueber die Alpen im Süden war ein dichter, dunkelgrauer Regen⸗ vorhang gezogen, von welchem ein doppelter Regenbogen in den lebendigſten Farben ſich abhob. Im Oſten blitzte es noch aus den ferner und ferner ziehenden dintenſchwarzen Wolken⸗ geſchwadern, und leiſer und leiſer tönte aus der Ferne das unwillige Murren des Donners. Wir warteten nun noch in unſerm Zufluchtsort das völlige Aufhören des Regens ab und 181 ließen unterdeſſen das Feuer luſtig lodern, weniger aus Be⸗ dürfniß, da wir alle, mit Ausnahme des Mergelkönigs, uns längſt wieder gründlich getrocknet hatten, als um durch die flackernde Flamme das unheimliche Gemäuer freundlicher zu erleuchten. Unterdeſſen ging die Sonne unter, Dämmerung trat ein und der Mond, der im erſten Viertel ſtand, blickte zuweilen durch das zerriſſene Gewölk. Der Genzianengräber griff nach ſeiner Hacke. Er helfe nach Hauſe gehen, ſagte er. Ueber⸗ nachten möge er nicht in dem fluchbeladenen Gebäude;— wollte ihm Einer den ſchönſten Sennberg verſprechen, er bliebe keine Stunde länger hier. Auch der Römer drängte zum Aufbruch.„Wir packten alſo unſere geologiſchen Schätze noch einmal zuſammen, ließen die beiden leeren Flaſchen als Gedenkzeichen im öden Hauſe zurück und brachen auf, thal— wärts ſchreitend, während Gregori, der Genzianengräber, bergwärts zog, um ſein nomadiſches Nachtlager in irgend einer Sennhütte auf duftendem Bergheu aufzuſchlagen. Wir waren ſchon etliche hundert Schritte weit gegangen, als der Forſtmann mit dem Ausruf:„Mein Ammonshorn!“ plötzlich ſtehen blieb. Der Kämpfer von Vicenza mußte ſei⸗ nen Waidſack durchſuchen laſſen. Das verwünſchte Ammons⸗ horn war zum zweitenmal liegen geblieben. Augenblicklich konſtituirten wir uns als Kriegsgericht und verurtheilten den päpſtlichen Krieger, zur Strafe für ſeine Nachläſſigkeit, das geologiſche Kabinetsſtück des Forſtmanns ſtehenden Fußes dort zu holen, wo er es hatte liegen laſſen, nämlich im öden Haus neben dem erloſchenen Feuer. Blaß, faſt zitternd, ſchaute der Verurtheilte hinter ſich. Dort oben ſtand der Bau, der ähn⸗ lich dem fluchbeladenen Ahasver nirgends eine bleibende Stätte finden konnte, doppelt unheimlich im blaſſen Schein des Mondes, der bläuliche, zitternde Lichter und grellſchwarze Schlagſchatten auf ſeine Mauern warf.„Nur jetzt nicht!“ rief er in ſeiner Seelenangſt.„Morgen, bei Tage, wenn die Sonne ſcheint, nur jetzt jagt mich nicht in jenes Gemäuer zurück, wo der alte graue 182 Sünder am Stricke baumelt und nickt und der Jägerrudi mit durchſchoſſenem Halſe röchelnd vor der Thürſchwelle liegt!“— „Du fürchteſt dich, Bürger der ewigen Stadt?“ apoſtrophirte ihn der Profeſſor.„Gedenke deiner Heldenthaten bei Vicenza!“ —„Führt mich meinetwegen auf freiem Feld gegen eine öſter⸗ reichiſche Kartätſchenbatterie. Schickt mich nur nicht nach dem öden Haus zurück, ſonſt deſertire ich!“ ſo erwiederte der Römer entſchloſſen. Hinter dem unheimlichen Gemäuer ſtiegen aus dem regengeſättigten Walde weiße Nebel auf von ſonderbarer ge⸗ ſpenſterhafter Geſtalt. Ein unwiderſtehliches Grauſen durch⸗ rieſelte uns alle. Schweigend wandten wir uns um, ſchweigend warf der Soldat den Waidſack wieder über die Schulter, und ſchweigend eilten wir mit verdoppelten Schritten, dem rauhen Fußpfad folgend, thalwärts den Wohnplätzen lebendiger Men⸗ ſchen zu. Der Lumpenkübler und ſein Haus. es Lumpenküblers Haus ſtand nicht mitten im Dorf und konnte nicht jedwede neugierige Greth ausſpähen, was da aus⸗, ein⸗ und vorging. Da⸗ gegen führte die Landſtraße nicht 88 weit davon vor⸗ bei, doch ſo, daß zwiſchen Straße und Haus ein breiter mit dichtem Geſtruͤpp und Waldbäumen bewachſener Graben ſich befand, hinter denen letzteres verſteckt lag. Zur Som⸗ merszeit, wenn Strauch und Baum belaubt ſind, war von der Straße aus keine Spur einer menſchlichen Wohnung ſicht⸗ bar. Im Winter konnte man durch die entlaubten Kronen das moosbewachſene Strohdach erſpähen und die blaue Rauch⸗ ſäule ſehen, die durch eine Dachlücke dringend emporwirbelte. In finſtern Nächten ſchimmerte zuweilen durch Laub und Zweige ein unſicheres flimmerndes Licht herüber, welches der ——— — —— 184 verſpätete Wanderer ebenſogut für den irrenden Geiſt eines Markfälſchers als für ein Zeichen des Daſeins einer menſch⸗ lichen Wohnung halten konnte. Jenſeits des Grabens, da wo jetzt des Lumpenküblers Haus ſtand, hatte ſich eigentlich ehmals der Galgen erhoben, weßhalb der Platz ſo zu ſagen herrenlos war und lange öde und verlaſſen blieb, bis der Held dieſer Geſchichte davon Be⸗ ſitz ergriff und ſeine Reſidenz daſelbſt aufſchlug. Das Ge⸗ bäude war nicht eben ein Palaſt, ſondern eher eine Stroh⸗ hütte zu nennen und von der Schwelle bis zum Giebel kein Stück Holz daran, welches nicht gefrevelt, d. h. bei Mond⸗ ſchein in andrer Leute Wälder geholt worden war, da dieß die liebſte und ſo zu ſagen einzig Beſchäftigung ſeines Er⸗ bauers; denn derſelbe war eher Titularkübler als wirklicher Verfertiger von Waſchzübern, Güllenſtoßern, Schweinemelch⸗ tern und dergleichen. Das Stroh zum Dach hatten ihm die mildherzigen Bauern eines Nachbardorfes geſchenkt, unter der Bedingung, daß er ſich nicht in ihrem Gemeindebann und vor allem nicht in der Nähe ihrer Gemeindewaldung niederlaſſe. Durch den ſtrauch- und waldbewachſenen Graben floß ein ſchmaler Bach. Daran ſehen wir einen ſechs⸗ bis ſieben⸗ jährigen Buben hantiren, mit breiter, viereckigter Stirn, krauſen Locken, großen trotzigen Augen und zerfetzten Hoſen, der eben damit beſchäftigt iſt, ein mit Hülfe eines alten Ta⸗ ſchenmeſſers zurechtgeſchnitztes Räderwerk in Gang zu ſetzen. Es war eine gelungene Arbeit: ein unterſchlächtiges Waſſer⸗ rad, dem die nöthige Triebkraft durch einen mit Schindeln eingefaßten Kanal zugeleitet wurde; daran ein Wellenbaum, der ein ſinnreich erſonnenes und kunſtreich ausgeführtes Ham⸗ merwerk in Bewegung ſetzte. Kein Wunder, daß der Bube mit ſtolzer Luſt ſein endlich luſtig klapperudes Werk be⸗ trachtete. In ſeiner freudigen Betrachtung wurde der Bube durch eine krächzende Stimme geſtört, welche des Lumpenküblers 185 ehelicher Gefährtin, in weiteren und engern Kreiſen unter dem Namen„Kienholzanni“ bekannt, angehörte. Was das wieder einmal für dumme Pflänz*) ſeien? Ob er nicht betteln gehen könne an die Landſtraße und den Kutſchen der fremden Herrſchaften nachſpringen?„Gohſt oder nit, du Donnersbub?“ —„Nein,“— war die trotzige Antwort. Kienholzanni konnte nicht umhin dieſen gerechten Anlaß zur Entleerung ihres Gal⸗ lenſackes zu benutzen, der ſich dann auch in einer Fluth der mannigfaltigſten Scheltworte über den widerſpenſtigen Buben ergoß. Das Weib war noch im beſten Zuge, als auch der Lumpenkübler des Weges daher kam.„Was es wieder ein⸗ mal zu zanken gäbe?“. Kienholzanni erwiederte, der Rudeli ſei dann doch der nichtsnutzigſte Bube im Kanton, ſchnäfle und chosle**) den ganzen Tag, ſtatt ſeine Zeit nützlich an— zuwenden und etwa neben den Kutſchen der reiſenden Eng⸗ länder her radzuſchlagen oder den Roſenkranz zu beten, wo⸗ bei ſich immer ein Paar Kreuzer verdienen ließen.—„Laß mir den Jungen in Ruh, beſchwichtigte der Kübler. Trägt uns ſo mehr ein, als ſechs die unſer wären und gingen auf der Landſtraße betteln. Hab heut wieder ſein Koſtgeld abge⸗ holt für's nächſte Vierteljahr, da ich doch grad in der Stadt war“— fügte er ſchmunzelnd bei. Und zog eine Handvoll Thaler aus der Hoſentaſche, um durch ihren Zauber das noch immer keifende Weib endlich einmal zur Ruhe zu bringen. „Haſt gewiß wieder das halbe Geld verſoffen,“— verſetzte Anni, auf eine andere Fährte überſpringend, worauf jedoch der Kübler im Gefühle ſeiner Unſchuld keine Antwort zu ertheilen geruhte. Aus den wäſſrigen Glasaugen und dem zinoberrothen Geſicht zu ſchließen, war er freilich etwas an— geſtochen,— war ja dieß ſein Normalzuſtand;— doch ſchien ſein Gang auf dem engen verſchlungenen Fußpfad und dem *) Pflänz= Poſſen. **) Schnäflen= ſchnitzeln; choſeln= im Waſſer plätſchern. 186 Baumſtamm, der als Steg über den Bach gelegt war, noch ſicher genug. Ohne ſich durch das Gezänke ſeiner Gemahlin aus ſeiner Gemüthsruhe bringen zu laſſen, ſchritt er ſchmun⸗ zelnd und mit ſeinen Thalern klimpernd des Weges fürbas. Um ſich eine deutliche Vorſtellung von der Außenſeite des Lumpenküblers zu machen, mag ſich der geneigte Leſer eine ſchwarze Gewitterwolke denken, unter welcher die Sonne gluthroth hervorblickt, während eine mit Heerrauch geſchwän⸗ gerte Atmosphäre über dem Horizonte lagert. Die Gewitter⸗ wolke iſt des Küblers ſchwarzer unbeſtimmt geformter und auf dem Ohre ſitzender Wollhut; die Sonne, ſein röthlich ſtrahlendes Angeſicht und die durch Heerrauch verdüſterte Athmosſphäre, deſſen blaue verwaſchene Blouſe. —— noch ahlin nun⸗ das. ſeite Leſer onne wän⸗ ttter⸗ und hlich terte 4 187 Nebſt dem Lumpenkübler und dem Kienholzanni war noch eine dritte Perſon in der Nähe, welche ihre Aufmerk⸗ ſamkeit dem kleinen Mühlenbauer am Bache zuwandte. Nächſt der Landſtraße an den knorrigen Stamm einer alten Eiche ge⸗ lehnt, ſtand ein Herr und betrachtete mit theilnehmend lächeln⸗ der Miene den Buben mit den großen trotzigen Augen. Der Herr mit dem zugeknöpften Ueberrocke, der ganz in den An⸗ blick des ſpielenden Kindes verſunken ſchien, mußte ein Frem— der ſein; denn ein bepackter Reiſewagen hielt, auf ihn war— tend, oben auf der Landſtraße. Bei einer Biegung des ſchmalen gewundenen Fußpfades trafen ihn, der fortwährend regungslos am Stamme der Eiche gelehnt ſtand, zufällig die Blicke des Lumpenküblers, ohne jedoch zugleich die in der Nähe harrende Kutſche zu gewahren. Stutzig werdend hemmte er ſeine Schritte; denn der Lumpenkübler liebte die Lauſcher und Beobachter in der Nähe ſeiner Reſidenz keineswegs, denn ſonſt hätte er ſie nicht dorthin verlegt, wo ehmals das Hochgericht ſtand und wo, wie die Leute ſagten, in mitternächtlicher Stunde lange Ge— ſtalten in weißen Tüchern umgingen und klappernde Gerippe welche die Köpfe ſtatt den Hüten unter dem Arm trugen, ſchauerliche Umzüge hielten.„Was will der dort?“ frug er, als das nachfolgende Anni ihn eingeholt hatte. Es ſei mit Schein Einer, der den Meitſchene nachgehe.„Wollte lieber, ſie lockten dieſe Vögel nicht in's Galgenhölzli. Das gaffen und paſſen und herumſtreichen in meinem Revier lieb' ich nicht.“ Nichts deſto weniger ging der Vater, der eigentlich viel zu gutmüthig war, ſeinen Töchtern einen guten Kunden zu mißgönnen, ziemlich getröſtet wieder fürbas, den fremden Engländer, welchen aller Wahrſcheinlichkeit nach die Reize ſeines Liſi oder ſeines Bethi nach dem Galgenhölzli gelockt hatten, keiner fernern Aufmerkſamkeit würdigend. Ob es wohl ausgegeben habe? frug der Kübler, als das würdige Ehepaar beiſammen in der Stube war.„Schlecht 188 genug“, jammerte Anni;„es bedünkt mich, die Welt werde von einem Samſtag zum andern allemal ein wenig nichts⸗ nutziger und die Herzen der reichen Leute ſeien afangen härter als vierzehntägige Wecken.“ Ob dieſen Klagen packte das Weib aus ſeinem Armkorbe erſt einen ordentlichen Ballen Butter, dann ein pfündiges Stück fetten Käſe, ein Säckchen feines Semmelmehl, weißen Zucker und endlich noch über ein Dutzend Eier aus, was alles es nicht etwa aus dem Erlös von verkauften Schwefelhölzchen oder Kienholz, ſondern aus den Kreuzern oder vielmehr aus den„Santinen“, welche es in der Stadt— von Thür zu Thür die Glocke ziehend— erde hts⸗ ärter das allen chen ein xrlös aus ſe es d— 189 zuſammengebettelt, angekauft hatte. Der Lumpenkübler über⸗ ſchaute geringſchätzig dieſen Proviant und zog dann eine an⸗ ſehnliche Strohflaſche unter ſeiner Blouſe hervor, die er auf das Brett über der Thüre ſtellte, wo in Häuſern, die auf Frömmigkeit halten, der Platz der Bibel und der Gebetbücher iſt. Seine triumphirend lächelnde Miene ſagte ungefähr: was frage ich dieſem groben irdiſchen Plunder nach? der Geiſt iſt der einzig wahre Jakob. Hierauf bemerkte er ſeiner würdigen Hausfrau:„wir werden wohl Gaſtig bekommen, da es heute Markttag iſt.“— Der Lumpenkübler hatte zwar weder Tavernenrecht, noch Pintenſchenkpatent; nichtsdeſtowe⸗ niger waren in ſeiner rußgeſchwärzten Stube um den unrein— lichen dreibeinigen Tiſch zuweilen mehr Gäſte verſammelt, als in vielen Wirthſchaften, deren Beſitzer ein Paar hundert Franken für's Patent bezahlen und ſelbſt ihre beſten Kunden und Stammgäſte ſind. Das Eintreffen der Vorherſagung des Küblers ſchien in der That nicht lange auf ſich warten laſſen zu wollen. Ein einſamer Wanderer bog von der Landſtraße in den waldigen Graben, jenſeits welchem ehemals das verhängnißvolle Ge— rüſte mit den drei Pfeilern ſtand. «Oh la bella vita militare!— «Oggi qui, domani la——» tönte es aus einer etwas heiſern Kehle. Der braune Kala⸗ breſer, das linnene, ehemals weiß geweſene Sommerröckchen, das zerriſſene Schuhwerk und der Torniſter auf dem Rücken ſtimmten gut genug mit dem italieniſchen Liedchen zuſammen, welches der Wanderer wohlgemuth in den grünen Buſch hin— ein ſang. Und wer nicht am röthlichen Bart und den hell⸗ grauen Augen etwelchen Verdacht geſchöpft hätte, würde den Reiſenden ohne Bedenken für ein Kind des Südens, für einen deſertirten Lombarden oder Neapolitaner gehalten haben. Ohne weitere Umſtände, gleich einem Hausfreund und alten Stammgaſte, trat derſelbe in des Lumpenküblers Stube ein, [OQ———— 190 warf den Torniſter auf den Tiſch und ſtellte den Wanderſtab in eine Ecke. „Alleweil hellauf, Poveretti,“— begrüßte der Lumpen⸗ kübler den Ankömmling;— Bene,— parfaitement bien, — very well—» war die Antwort, wobei er zugleich eine als Geldbeutel dienende Schweinsblaſe vorwies, in welcher ſich eine Handvoll Kupfer⸗ und Silbergeld befand.„Schö⸗ ner Wochenverdienſt,— nicht wahr, du alter Waldteufel. Kannſt mancher jungen Tanne die Gurgel abſchneiden und manchem Buchlein Beine machen, bis du ſo viel beiſammen haſt.“—„Fechteſt wieder auf der Profeſſion, oder handelſt mit Bergpflanzen, daß du den Haberſack bei dir haſt?“— Niente— nichts Profeſſion, nichts Pflanzenhändler— das Cyclamen europæum geht ſehr flau, durchaus keine Nachfrage —— Nagelneues Geſchäft! Pompöſes, gloriöſes Geſchäft! Wir ſind Ticinese, ein armer ausgewieſener Ticinese! Geht brillant— bringt Geld wie Heu. Evviva Ticinesi! Evviva Mazzini und Radetzki und Luvini!— War eine famöſe Idee, dieſe Teſſiner⸗Ausweiſung. Jetzt aber gib einen Schnaps her, alter Waldteufel.“— Der Lumpenkübler war eben am Einſchenken und zwar nicht allein dem Gaſte, ſondern zugleich auch ſich ſelbſt, als eine Geſtalt von höchſt ehrwürdigem Ausſehen den Kopf zur Thüre herein ſteckte. Es war ein Kopf mit einer Fülle ſau— ber gekämmter, ob der hohen Stirne ſorgfältig geſcheitelter, ſchneeweißer Haare und langem, wallendem, weißem Bart, — ein ächter Apoſtelkopf, wären die rothe Naſe und die triefenden Augen nicht geweſen.„Iſt es herlaubt zu erein⸗ kommen?“—„Entrez toujours, Apoſtel Petrus,“ gab der erſte Gaſt, welchen der Lumpenkübler mit dem fremdländi⸗ ſchen Namen Poveretti angeredet hatte, zur Antwort, worauf dem Apoſtelkopfe der Leib folgte, ein durchaus nicht apoſtel⸗ mäßig, ſondern in alte Militärhoſen und einen ſehr ſchadhaf⸗ ten ſchwarzen Frack gekleideter Leib, der auf zwei dünnen iſtab pen⸗ dien, eine lſcher jchö⸗ ufel. und mmen delſt 1 das rage jhäft! Geht viva ee, napo zwar als zur ſau⸗ elter, Zart, die rein⸗ der indi⸗ rauf ſtel⸗ dhaf⸗ unen 191 Beinen ſchwankend und unſicher einherging.„Ein petit verre, Err Lumpenkübler! Ick aben ſehr viel Durſt, ick harmer, halter Mann,“ wälſchte der friſche Ankömmling und ſetzte ſich zum ausgewieſenen Teſſiner an den Tiſch.„Gratulire,“ ſagte dieſer.„Biſt Penſionär des Armenvereins geworden! Wie ſchmeckt die Kloſterſuppe?“— Der Alte warf ſich ſtolz in die Bruſt:„Ick bin heine halte Militäre,— heine halte Militäre ißt keine Bettlerſuppe. Der Teufel ole das Harmen⸗ verein,“ und goß voll Unmuth ſeinen Schnaps hinunter. Das ſei nur zu wahr, beſtätigte das Kienholzanni, das in Küche und Stube ab und zu ging,— den Armenverein habe der Teufel aus der Hölle gebracht. Mit ehrlichem Betteln könne man ſich gar nicht mehr durchbringen. Es wiſſe mehr als drei Dutzend Häuſer, wo früher alle Samſtage Kreuzer ausgetheilt worden ſeien,— da heiße es jetzt, wenn man an der Glocke ziehe: Wir geben es dem Armenverein, haltet euch an den Armenpfleger,— da helfe kein Jammern und nöthlich thun. Vom Armenpfleger aber erhalte man, wenn's gut gehe eine Portion Kloſterſuppe. Ob denn die Leute meinten, man trinke nicht auch gern Kaffee und habe zuweilen ein Gelüſte nach einem Stücklein Käs oder einer Wurſt? — Es nehme einen nur Wunder, wo all das Geld hinkomme, welches der Armenverein den armen Leuten abzwacke; es werde wohl nicht mit rechten Dingen zugehen und ein guter Theil davon den Herren an den Fingern kleben bleiben; ſonſt bekäme man mehr, als nur ſo etwa ein oder zwei Brodlaibe in der Woche oder alle Tage ein Tröpflein Milch. Wenn es nicht etliche gute Frauen in der Stadt wüßte, die noch Religion hätten und von dem neuen Zeug nichts wiſſen wollen, es wüßte, ſi Gottſeel, nicht mehr wie's machen. ——„öGelobt ſei Jeſus Chriſt!“— Der neue Gaſt, der mit dieſem frommen Gruße auf den Lippen in die Stube trat, war ein langer, baumſtarker Kerl mit eben ſo verſchla⸗ genen als verwegenen Blicken. Beſſer als ſeine Geſtalt ſtimmte 2* 192 ſeine Kleidung mit der gottſeligen Anrede überein; er trug nämlich einen dunkeln, bis faſt zu den Knöcheln reichenden Rock nebſt abgetragenen ſchwarzen Beinkleidern, wozu freilich die alte Militärmütze wie eine Fauſt auf's Auge paßte. Die drei Schnapstrinker ſtarrten den Eintretenden eine Weile ver⸗ wundert an, worauf zuerſt Poveretti in ein ſchallendes Ge⸗ lächter ausbrach, in welches bald auch der Apoſtelkopf und der Lumpenkübler einſtimmten.„Biſt ein Pfaffe geworden, Meerkrebs?“— frug Poveretti, als ihn das Lachen zu Worte kommen ließ.„Bin eben daran mich bekehren zu laſſen, war die Antwort. Iſt eine plaiſirliche Geſchichte.“— Er ſolle erzählen, rief der ganze Chor.—„Sind jetzt etwa vierzehn Tage, daß ich halb im Duſel, halb im Katzenjammer vor einer Kloſterpforte lag, keine Santine in der Taſche, ge⸗ ſchweige einen Halbbatzen zu einem Schnapſe. Auf einmal finde ich mich im Redzimmer wieder und etliche Nonnen reden mir durch ein Gitter vom Pfad zur Tugend und von der ewigen Seligkeit und laſſen mir dazu gutes Eſſen und Trinken aufſtellen. Iſt nicht ſo ſchlimm, als wie man ſich einbildet, der Weg zur Tugend, dachte ich, und ließ ſie nach Herzens⸗ luſt an mir bekehren. Wurde alſo ein anderer Menſch, nahm den Katechismus zur Hand, ging fleißig zur Veſper und Mette, erhielt angemeſſene Verköſtigung und vom Kloſter⸗ beichtiger ſothanen Rock nebſt Hoſen, worin mir freilich erſt etwas ungewohnt war.“— Er habe es auch ſchon einmal probirt, meinte der„ausgewieſene Teſſiner“— es ſei aber gegen ſeine Natur, lange bei der gleichen Hantirung zu bleiben; zudem würde es in die Länge verteufelt langweilig und man werde zu fett dabei.—„Kömmt einem freilich hart an— den ganzen Tag kein ordentlicher Fluch, kein Karten⸗ ſpiel, kein Schnaps— herumſchleichen geſenkten Kopfes und mit niedergeſchlagenen Augen und Abends mit den Hühnern zur Ruh. Bin deßhalb heut, als die Mette aus war über die Kloſtermauer ausgeflogen.“— 4 trug enden reilich Die ſe ver⸗ 3 Ge⸗ etwa zmmer ſe, ge⸗ einmal reden eu der rinken bildet, erzens⸗ nahm r und loſter⸗ ch erſt einmal i aber ug zü weilig ch hart Larten⸗ s und ühnern r über 193 Es war freilich für den Meerkrebs ein wahres Kinder⸗ ſpiel bei geſchloſſener Kloſterpforte den Umweg über die Mauer zu machen. War er ja in jüngern Jahren einmal als Ga⸗ leerenſträfling und Staatspenſionär ſeiner Majeſtät beider Sicilien ſammt Ketten und Eiſen vom hohen Caſtell in's Meer geſprungen, war tauchend den nachgeſandten Schüſſen entronnen, erreichte nach langem Schwimmen ſicheres Land und entkam endlich, Italien ſeiner ganzen Länge nach als Pilger durchziehend, in die Heimat.—— Die Dunkelheit war längſt eingebrochen. In den Hals einer Flaſche geſteckt brannte auf dem hinkenden Tiſche eine dünne Kerze, neben welche Anni eine dampfende duftende Schüſſel friſch gebackener„Strübli“,„Chneublätzen“,„Hirzen⸗ hörnli“ und„Fotzelſchnitten“*) ſtellte. Da traten des Lum⸗ penküblers zwei hoffnungsvolle Töchter, Bethi und Liſi in die Stube. Sie ſahen, obſchon es Werktag war, ſehr aufgedon⸗ nert aus, trugen hoffährtige Kappen mit vielen farbigen Bän⸗ dern und Blumen, ſammtene Vorſtecker und ſeidene Fürtücher, aber dieß alles keineswegs von erſter Friſche, ſondern zer⸗ knittert und entfärbt; und hätte einer ſeine aufmerkſamen Blicke ſtatt auf die Kappen auf die Schuhe gewendet, ſo würde er nicht eben die erbaulichſten Entdeckungen gemacht haben, da Liſi, welche ihre Sohlen auf den Tanzböden durchgerutſcht, auf den bloßen Strümpfen lief, Bethi aber eine ihrer Zehen durch das Oberleder Luft ſchöpfen ließ. An den Strümpfen waren die Ferſen längſt dahingegangene Beſtandtheile, und würde man eine unparteiiſche Unterſuchung noch weiter, etwa auf die Wullhemmli**) erſtreckt haben, ſo wären die Reſultate ſchwerlich befriedigender ausgefallen. Bethi und Liſi waren heute als an einem Markttag ſchon früh, d. h. ſobald ſie aus den Federn gemocht, nämlich *) Allerlei Backwerk. **) Wullhemmli= Unterrock. 194 Morgens zwiſchen neun und zehn ausgezogen. Wo ſie ſeither geweſen, was ſie vollbracht,— darüber Auskunft zu verlangen fiel weder Vater noch Mutter ein. Wären Liſi oder Bethi oder allebeide erſt am andern Morgen heimgekommen, der Lumpenkübler und das Kienholzanni hätten deßhalb nicht min⸗ der ruhig geſchlafen. Die Meitſchene, ſagten ſie, ſeien alt genug, für ſich ſelbſt zu ſchauen. Heute fand ſich jedoch der Kübler zu einer ausnahmsweiſen Bemerkung veranlaßt:„was es mit dem fremden Herrn ſei, der dieſen Abend im Galgen⸗ hölzli herumgeſtrichen? Die Meitſchene ſollten einandermal ihre Liebſten anderswohin beſtellen.“— Bethi ſagte, das gehe ſie nichts an und ſetzte ſich faul auf die„Kunſt“. Liſi da⸗ gegen, welches heute keinen guten Markt gehabt, meinte, es habe zwar auch keinen beſtellt, aber es wolle doch hinaus⸗ gehen und nachſehen; wenn's ein hübſcher und reicher ſei, wäre es ſchade ihn ſtehen zu laſſen. Liſi war noch nicht lange fort, ſo begann jemand heftig an das loſe lotternde Fenſter zu klopfen.„Es iſt die Wald⸗ greth“— lachte Poveretti, der zunächſt ſaß. Er ſolle die alte Hexe mit einem Stecken vom Hauſe jagen, meinte Bethi. „Warum? erwiederte der nachgemachte Teſſiner. War ja auch einmal ein Ding wie du, die Waldgreth, das in Sammt und Seide an die Jahrmärkte lief und auf keinem Tanzboden fehlte. Kein hoffährtigeres Jüngferchen ging je zum Baſel— thor hinein“—. Die Thür ging auf. und die Waldgreth kam tanzend hinein,— ein altes abgemagertes runzlichtes Weibsbild mit wirrem Blicke, rothen triefenden Augenliedern und Kleidern, die ihm in Fetzen am Leibe hingen. Am Arm trug es einen Korb mit Brodrinden und halb abgenagten Knochen gefüllt. Oben auf lag eine todte Krähe.„Seht den Fund,— ſeht den Braten!“— rief die Waldgreth, ihre Krähe an den Beinen faſſend.„Habe ſie ab einem Scheunenthor geriſſen—— gibt mir eine gute Suppe,— Hexenſuppe,— Bettlerſuppe!—— Verſteh' mich auf Sup⸗ —— tther gen Zethi der min⸗ alt der was lgen⸗ rmal gehe da⸗ „ 8s aus⸗ ſei, eftig zald⸗ e die ethi er ja ummt oden aſel⸗ greth chtes ꝛdern Arm agten Seht reth, inem ,— Sup— 193 pen! Bin ich nicht die beſte Köchin der Stadt geweſen? Hab' ich nicht den Herrſchaften kochen müſſen, das Hochzeits— mal, das Taufemal?— Heiſal jetzt koch' ich Hexenſuppen, Bettlerſuppen!— Muß ja jetzt betteln gehen, fügte die Waldgreth ſich beſinnend bei. Iſt aber kein gutes Gewerbe mehr, ſeitdem die guten alten Kreuzer abgeſchafft—“ und zog bei dieſen Worten eine Handvoll Kupfergeld zwiſchen den Brodrinden und Knochen hervor.„Schaut das neue Geld, das Lumpengeld!— Hab' es bei den Pfaffen erbettelt— ſind lauter Pfaffenrappen, lumpige Pfaffenrappen— heiſa lumpige Rappenpfaffen— Pfaffenrappen“— und tanzte da— zu, mit den Händen die zerfetzte Jüppe ſchüttelnd, um den Tiſch herum. Addadndea M rhtxe Poveretti ſchaute den Sprüngen des alten verrückten Bettelweibs mit ſo innigem Behagen zu, als ſähe er das glänzendſte Ballet, das je im Hoftheater zu Neapel oder in 196 der großen Oper zu Paris aufgeführt wurde, wo er in frühern Jahren als reichbetreßter Lakai in Gaͤngen und Vorhallen ſo manche liebe Stunde müſſig herum gelungert war. Brava, bravissima! Da capo, signora»— und klatſchte dazu mit ſolchem Anſtand, als wären ſeine Hände mit den feinſten buttergelben Glacéhandſchuhen bekleidet. Die Waldgreth aber, nicht gewohnt, ſich in ſo fremdartigen Lauten Beifall geſpendet zu ſehen, ſtellte ſich mit rollenden Augen und flie⸗ genden Haaren vor Poveretti auf, um ihn mit einer Fluth von Schimpfwörtern zu übergießen. Dieſer, etwelchen ſüßen Zwang anwendend, zog die Schöne an ſeine Seite nieder und beſchwichtigte nach und nach ihren Zorn vermittelſt des Reſtes von Brantwein, der ſich noch in ſeinem Glaſe befand. Der Apoſtelkopf hatte ſich unterdeſſen ebenfalls von ſei— nem Aerger über den Armenverein erholt, der„heine halte Militäire“ mit Kloſterſuppe hatte abfüttern wollen. Mit von Schnaps und Begeiſterung glühendem Angeſicht, lebhafter Mimik und ſchallender Stimme ſang er ein franzöſiſches Sol⸗ datenlied, welches mit den Worten ſchloß: vivent la gloire et les amours! Der Apoſtelkopf durfte dieß mit um ſo größe⸗ rem Recht, als er ein Regimentskind, ſein Vater ein Schwei⸗ zerſoldat im Dienſte des Königs von Frankreich, ſeine Mut⸗ ter eine Markedenterin geweſen war. Seine Carriere begann er als kleiner Rataplan; gleich ſeinem Vater trug er dann die Muskete und ward in Folge der glorreichen Julitage abgedankt. Später gerieth er Malern in die Hände, die ſei⸗ nen charakteriſtiſch ſchönen Kopf als Modell benutzten, bis nach und nach ſeine Naſe roth und ſeine Augen triefend wur⸗ den. Die Bettelfuhr brachte ihn in ſeine Heimatgemeinde, der es nun oblag, den Bürger, der weder dort geboren noch von einer Seele gekannt war, deſſen Sprache man nicht ein— mal verſtand, in ſeinen alten hülfloſen Tagen zu ernähren und zu pflegen. Der alte Knabe kam, wie man zu ſagen pflegt, in die„Kehr“, nämlich der Reihe nach von einem Haus 197 in's andere, um in jedem vier Tage lang gefüttert zu wer⸗ den. Sein Lager erhielt er dann gewöhnlich im Stall und beim Eſſen gewährte man ihm gewöhnlich den Vortritt vor dem Haushund, in deſſen hölzernem Becken er mit den Reſten tractirt wurde, welche die andern übrig gelaſſen hatten. Die Bedürfniſſe an Tabak und Schnaps zu befriedigen, war er genöthiget, an die Straße zu ſtehen und den Vorübergehen⸗ den die Hand zu ſtrecken. Nichts deſto weniger ſang er jetzt penkübler unter der Blouſe heimgebracht, die Runde um den dreibeinigen Tiſch. Als der Wirth an ihrem Gewichte ſpürte, daß es nun bald mit ihr zu Ende gehe, wurde es ihm faſt ſchwer um's Herz und gleich einem einzelnen grauen Nebel am unumwölkten Horizont ſtieg ein Gedanke in ſeinem Kopfe auf. Es fange doch an ihn Wunder zu nehmen, ſagte er, wann denn einmal das Theilen anginge, wovon man ſchon ſo lange rede.—„Sobald die armen Teufel keine dummen Teufel mehr ſind, meinte der Meerkrebs. Die armen Teufel —— ———— ————— — 198 haben ſchon längſt das Mehr auf der Welt— ſie brauchten nur zu ſagen: ſo muß es gehen! Aber wo die Batzen fehlen, da fehlen gewöhnlich auch Verſtand und Courage. Wären alle wie ich geſinnt“— dazu leuchteten die Augen des Zög⸗ lings der Kloſterfrauen in wildem Feuer.„Da ſei Gott vor, widerredete Poveretti, daß es einmal dahin käme!“—„Wa⸗ rum nicht? kreiſchte die Waldgreth. Möchte auch einmal in einem ſchönen Hauſe wohnen und Kutſchen fahren und Mägde cujoniren“— Aber der Meerkrebs frug den Teſſiner ſpottend, ob er etwa Geld am Zinſe habe.„Theilen wir, erwiederte dieſer, ſo ſind Alle Lumpen; dann iſt zu viel Konkurrenz. Reiche müſſen auch ſein— ſind unſre Sparbüchſen! Hab ich Durſt, ſo pump' ich einen Reichen an; was wollt' ich thun, wenn keiner mehr was hätte?“—„Wenn das Reich nur nicht wär ſo artherzig“— ſeufzte der Apoſtelkopf.„Kommt Alles drauf an, wie man's angreift. Betteln iſt auch eine Kunſt, wenn man's recht treibt. Bloß ſo die Hand darſtrecken und dazu plären: es Almueſe dr Gotts Wille— pfui! Kein Wunder, wenn einer dabei ſchlechte Geſchäfte macht. Bei dem klopf' ich als Wallfahrer an, der nach Einſiedeln pilgert, bei jenem als Fluͤchtling, der auf den Barrikaden geſtanden; — bald bin ich ein reiſender Handwerksburſche, bald ein Ab⸗ gebrannter, ein Waſſer- oder Hagelbeſchädigter;— heute komm' ich aus dem Spital, morgen wandre ich nach Amerika aus, dann reis' ich wieder von Pfarrhof zu Pfarrhof und von Kloſter zu Kloſter auf der lateiniſchen Zehrung als armer demüthiger Theologe. Will euch nur ein kleines Exempel erzählen. Lagen geſtern unſer etliche gute Kameraden bei⸗ ſammen im Schatten— hätten gern einen Schnaps erwor⸗ ben, beſaß aber keiner einen rothen Kreuzer mehr. Seh' da auf einmal eine meiner Sparbüchſen, einen guten alten Kunden, des Weges daher kommen. Paßt auf, ſag' ich, und ſeid im rechten Augenblick zur Hand— in Zeit einer Viertel⸗ ſtunde ſchaff' ich Rath zum Schnaps.— Thue alſo, als ging 199 ich auf der Straße meines Weges. Plötzlich laſſ' ich mich zu Boden fallen, ſchreie was mir aus der Kehle mag und ſchlage dazu mit Händen und Füßen drein. Da iſt Einer, hat das Weh, denkt mein Kunde, will behülflich ſein und mich aufrichten; ich aber, nicht faul, mache mich ſteif wie ein Scheit, und fechte mit allen Vieren nicht anders, als eine Windmühle. Was fängt der barmherzige Samariter in ſeiner Herzensangſt an? Juſt was ich calculiret hatte!— Ruft meine Kame⸗ raden herbei, ſie ſollten mich nach Chriſtenpflicht in's nächſte Haus hineintragen und wohl beſorgen, und drückt dann noch jedem ein ſchön Trinkgeld in die Hand. Gab nicht nur zu einem Schnaps, ſondern eine pompöſe Ribotte bis tief in die Nacht hinein.“ Dem Streich wurde wie billig ein allgemeiner ſchallender Beifall zu Theil. „Siehſt du, Meerkrebs, dafür muß es Reiche geben auf der Welt.“—„Wäre doch ein Jux einmal ſo recht nach Herzensluſt die Geldprotzen und Schmeerbäuche zauſen zu können, die verſchimmelten Thaler zu vollen Händen auf die Gaſſe hinaus zu werfen und den vollen Weinfäſſern die Bö⸗ den einzuſchlagen, daß man bis zu den Knöcheln darin herum⸗ pflotſchen könnte; dazu müßten über allen Dächern die rothen Flammen zuſammenſchlagen und leuchten, und die zimperliche Weibſame, die jetzt unter ihren Sonnenſchirmen hervor nach unſereinem ſo verächtlich über die Achſel ſchaut, die müßte Tafelmuſik machen mit ihrem Geheul und Gekreiſch.“— Die Waldgreth that einen gellenden Jauchzer bei dieſer Rede— „leuchte, leuchte du rother Hahn,— ſingt uns vor ihr ſeide⸗ nen Püppchen,— fließe du goldgelber Wein dem Bache zu“—— Die alte Hexe unterbrechend ſtimmte Poveretti an: „Ein freies Leben führen wir“— welches Lied ſodann von der ganzen Geſellſchaft im Chor geſungen wurde.— ——— ————ᷓ ———————y— 200 Liſi war längſt mürriſch und unverrichteter Sache heim⸗ gekehrt,— hatte den fremden Engländer nirgends mehr ge⸗ funden. Unterdeſſen war es tiefe Nacht geworden. Das dünne unſchlittlicht beleuchtete mit düſterer röthlicher Flamme das verwogene Verbrechergeſicht des Meerkrebſes, die wallenden weißen Haare des Apoſtelkopfes, die ſchlaue Phyſionomie des Schalkes Poveretti, die irren unheimlichen Züge der verrückten Waldgreth, Kienholzanni's braune Runzeln, das röthlich ſtrah— lende, wie der Wald im Lenze knoſpende Antlitz des Lumpen— küblers,— während Bethi und Liſi, welche ihren zerknitterten Putz noch nicht abgelegt hatten, in dämmerigem Zwielicht auf dem Ofenſitz eingeſchlafen waren. In einem andern Winkel der Stube lag auf bloßem Boden ein einfacher Laubſack. Durch ein ſcheibenloſes Fenſter ſchien der helle Vollmond darauf. Da lag Rudeli ſchlummernd ausgeſtreckt. Blendendweiß erſchien im Mondlicht die breite, wolkenloſe von braunen Locken beſchattete Kinderſtirn. Ein Bild bewußtloſer Unſchuld, künftiger Kraft und geiſtigen Ritter⸗ thums lag der Knabe da unter den Gaunern in der Bettler⸗ ſtube. Das war freilich dem Kinde nicht an der Wiege geſungen worden, daß es einſt neben den Kutſchen fremder Herrſchaften werde das Radſchlagen und auf der Landſtraße Dünger auf⸗ leſen müſſen. Es war der Sprößling eines jungen, glücklichen, im Ueberfluß lebenden Paars. Zwei plötzliche Gewitterſchläge hatten unvermuthet das Gebäude des Glücks dieſer drei Men⸗ ſchen zertrümmert. Der Mann fallirte, die Frau ſtarb. Rudeli's Vater theilte den kleinen Reſt ſeiner Habe in zwei Theile. Mit der einen Hälfte zog er nach Amerika, um ein neues Glück zu ſuchen. Die andere Hälfte vertraute er ſammt dem Kinde ſeinem Geſchäftsfreunde, dem Notar Nehrlich an, dem beſtbeläumdeten Manne der Stadt, mit dem Verſprechen und Vorſatz, alle ſeine Kräfte auf's äußerſte anzuſpannen, um mindeſtens ſo viel zu erwerben, dem Knaben eine ſorgfältige ßem nſter ernd feite, Ein tter⸗ tler⸗ ngen aften auf⸗ chen/ gläge Men⸗ heli's heile. ꝛeues dem dem und um iltige 201 Erziehung zu Theil werden zu laſſen. Seither waren an die Ordres des Notars Nehrlich von Jahr zu Jahr größere Wechſel aus Amerika eingetroffen. Rudeli aber war verkoſt⸗ geldet beim Lumpenkübler im Galgenhölzli.— —— Wenn die Morgenſonne die Gipfel der Wald⸗ bäume vergoldet, da iſt ein munteres Leben los auf den dunkel⸗ grünen Tannen und den goldgrünen Buchen. Die Eichhörnchen jagen ſich knurrend um die alten Stämme und die Nußhäher wiegen ſich auf den Zweigen und krächzen bald wie ein weinendes Kind, bald wie eine miauende Katze oder wie ein hoch in den Lüften kreiſender Weih, 52 Joder ſpotten der Droſſeln, die auf denoberſten Gipf⸗ eln der Tannen x ſitzen und ſingen. Mitten unterEich⸗ hörnchen, Nuß⸗ hähern und Droſ⸗ Sſeln ſaß Nudeli — im Wipfel eines Waldbaumes und johlte und ließ den Morgenwind 8 8 durch ſeine brau⸗ nen Locken und die Löcher ſeines blöden Hemdchens und ſeiner zerriſſe⸗ nen Hoſen ziehen. ., 8* 5 5 XA In der von einer Wildniß von Dornen und Geſtrüpp umwucherten Hütte des Lumpenküblers wachte noch niemand, 202 als Kienholzanni. Der Hausherr ſelber war von Alters her gewohnt, aus Tag Nacht und aus Nacht Tag zu machen, denn ſein Gewerbe, nämlich nicht das Kübeln, ſondern das Freveln, Aief am beſten in mondhellen Nächten. Liſi und Bethi hatten auch noch keinen genügenden Grund gefunden, aus dem Federbett zu ſchlüpfen, da für ſie keineswegs die Morgen⸗ ſtunde, ſondern vielmehr umgekehrt die ſpäte Abendſtunde Gold im Munde führte. Was Kienholzanni heute extra früh aus den Federn ge⸗ trieben hatte, war eigentlich nicht die Sorge um ihren Bohnen⸗ plätz oder ihren Flachs geweſen; denn gleich ihren Töchtern, die nicht ſpannen und nicht ſtrickten und dennoch einhergingen gleich den Lilien des Feldes, ſo folgte auch die Mutter dem ſalomoniſchen Spruch; ſie ſäete nicht und erntete nicht und doch war die rußige Küche im Galgenhölzli in der Regel beſſer beſtellt, als in manchem ſtattlichen Bauernhaus, wo die Bäurin ſich von früh bis ſpät keine Ruhe gönnt ihren Pflanz⸗ plätzen zu liebe und in deſſen geräumigem Schornſteinſchooß die Seiten und Schinken von mindeſtens zwei Dreizentnerigen hangen. Der Grund des Frühaufſtehens beſtand vielmehr in einem Extrakurrier der Lebkuchenfrau beim Thor, der ſchon in frühſter Frühe die dringliche Botſchaft gebracht hatte, der Lumpenkübler ſolle ja nicht fehlen, ſich ſogleich auf den Weg zur Stadt zu machen, um ſich beim Herrn Notar Nehrlich einzufinden, der ihm etwas dringendes mitzutheilen habe. Da nun der Lumpenkübler noch am ausſchlafen ſeines geſtrigen Rauſches war, da Ehegatten keine Geheimniſſe vor einander haben ſollen, da ſich Kienholzanni als das natürliche alter ego des Lumpenküblers betrachtete und insbeſondere da daſſelbe äußerſt neugierig war zu erfahren, was der Herr Notar ſo preſſantes zu berichten habe,— ſo ließ es den Gemahl vor⸗ läufig fortſchnarchen, bereiteteé ſich einen guten Kaffee ſammt *) Eierdätſch= Cierkuchen. her hen, das ethi aus gen⸗ unde ge⸗ nen⸗ tern, en dem und tegel die anz⸗ hooß igen mehr ſchon der Weg rlich Da rigen nder eg0 ſelbe r ſo vor⸗ mt pen⸗ 203 küblers auf den Weg. Vorher aber rief ſie den Rudeli her⸗ bei,— nicht etwa um das Frühſtück mit ihm zu theilen, ſon⸗ dern um ihm ihre Inſtruktionen für den heutigen Tag zu ertheilen. Das Vergebenfreſſen, ſagte Anni, müſſe einmal aufhören; er wäre afe wohl groß, den ganzen Tag zu gvätterle*) und es wäre nun an der Zeit, daß er ſich nützlich mache und etwas verdiente. Er ſolle damit anfangen, auf die Landſtraße zu gehen; komme dann eine Kutſche, ſo ſolle er nachſpringen und nur nicht lugglaſſen**), man möge ihn noch ſo hart anbrüllen, insbeſondere wenn es ein Zweiſpänner oder gar ein Vierſpänner ſei— zuletzt würden die Herrſchaften müd vom bloßen Zulugen, und würfen ein Almoſen heraus, nur um ihn abzukommen. Auch bei Fußgängern, wenn ſie gute Kleider anhätten, könne er es probiren; er ſolle ſagen, der Vater ſei geſtorben, die Mutter krank und daheim hätte er noch ſieben kleine Geſchwiſter, die nichts zu eſſen hätten. Zur Abwechslung könne er auch ſagen, die Geiß ſei ihnen krepirt und ſie hätten keinen Tropfen Milch im Haus— letzteres ſchlage beſonders bei dicken Bauerfrauen, die vom Markte kämen, wohl an. Zwiſchen ein könne er Miſt aufleſen, wel⸗ chen man zwar nicht ſelber brauche, da das betteln mehr ab⸗ trage als das Pflanzen, aber bei den Bauern gegen Gigertſchi⸗ waſſer umtauſchen könne. „Machſt du deine Sache gut“, fuhr Kienholzanni fort,„ſo darfſt du dann bald mit dem Sack ausziehen, bei den reichen Bauern Eier, Erdäpfel und Aepfel zu betteln,— haſt dann das luſtigſte Leben, triffſt viele Kameraden an, bleibſt in den Ställen übernacht und brauchſt nicht heimzukommen, bis der Sack voll iſt. An Markttagen darfſt du dann aber auch in die Stadt und kannſt, wenn es brav Kreuzer giebt, Wecken und Zuckerkandel kaufen.“ *) Gvätterle= ſpielen. **) Lugglaſſen= ſich entmuthigen laſſen. 204 „Stehlen“, ſchloß die Alte,„darfſt nicht, aber wenn du etwas findeſt, ſo nimm's mit und bring's heim; beſonders aber nimm dich vor den Landjägern in Acht.“ Hierauf bekam Rudeli einen alten Kratten und eine hölzerne Schaufel in die Hand und wurde vor die Thüre geſtellt. Kienholzanni aber, in vollſtändiger Geſchäftstoilette, näm⸗ lich einer Jüppe, daran die Fetzen herunterhingen, gleich den Eiszäpfen von einem alten Strochdach, ein verwaſchenes rothes Sacktuch um den Kopf gebunden und den ordonanzmäßigen Bogenkorb am Arm, in welchem der Form wegen einige Büſchel an du nders bekam in die 205 Schwefelhölzchen lagen, machte ſich auf die Sohlen nach der Stadt zu Herrn Notar Nehrlich. Notar Nehrlich war ein ſtrenger Mann. Er hatte eine Glatze, über welche er einige lange, ſafrangelbe, am Hinter⸗ kopf angewachſene Haare zu kämmen pflegte,— ein ziegel— rothes Geſicht, eine ſpitze Naſe, dünne Lippen, eine Schreib⸗ feder hinter dem Ohr und ſah immer ſehr erzürnt über die ſündige Menſchheit aus. Auch nahm er durchaus kein Blatt vor's Maul, ſeine Indignation über einen gefallenen Sünder auszuſprechen, weßhalb er aber auch als der brävſte Mann der Stadt galt. Seine Frau hatte das geiſtliche Departement unter ſich. Sie war ein eifriges Mitglied mehrerer frommen und mildthätigen Schweſterſchaften, kleidete ſich nicht anders als in grau oder braun und durfte keinem Menſchen gerade in’s Geſicht ſchauen. Kienholzanni zählte die Frau Notarin zu ihren beſonderen Gönnerinnen, bei welcher es niemals zu⸗ zuſprechen ermangelte, wenn ſeine„Geſchäfte“ es nach der Stadt führten. Keuchend, ſeufzend und vorübergebückt erſchien es vor ſeiner Gönnerin.„Wie geht's, Anni“?—„Gar erſchröckeli bös“—, war die Antwort. Es könne den Athem ſchier nicht finden und werde täglich ſchwächer; auch habe es heute noch nichts Warmes gehabt,— ſie hätten eben im ganzen Hauſe nichts anderes, als ein Paar alte Brodrinden, die ſie von guten Leuten z'Gottswille bekommen, und ein Tröpflein Geiß⸗ milch für den Rudeli. Der Verdienſt ſei eben gar zu ſchlecht. Er habe umſonſt die ganze Woche Arbeit geſucht und die Meitſchi dürften gar nicht mehr unter die Leute wegen den böſen Kleidli. Seit dem Erdäpfelpräſten wäre es für die armen Leute beſſer, man ſchlüge ſie gleich todt. Es ſei aber eigentlich auch kein Wunder, daß unſer liebe Herrgott einmal das Rauhe herauskehre, die Welt ſei afen gar zu ſchlecht und werde noch täglich ſchlechter. Leider müßten aber die Frommen mit den Gottloſen leiden, ſonſt wäre es(das Kienholzanni) 206 nicht in ſolcher Armüthigkeit und großem Elend.„Laß es nur gut ſein“— erwiederte Frau Nehrlich;„bei der nächſten Kongregation will ich dann wieder ein gutes Wort für dich einlegen für vermehrte Unterſtützung“—, worauf ſie für Anni ein Schüſſelchen Kaffee aus der Küche kommen ließ, wel⸗ ches nun, während es ſein zweites Frühſtück genoß, über Alles getreuen Rapport abſtatten mußte, was es in den Häuſern ſeiner guten Frauen behorcht und erlauſcht hatte. Unterdeſſen harrte Herr Nehrlich in ſeinem geheimen Arbeits⸗ Kabinet, wo er jene Geſchäfte abzuthun pflegte, die nicht in den Mund der Leute kommen durften. Die Nachricht, welche er dem Kienholzanni mitzutheilen hatte, war durchaus keine erfreuliche. Unerwartet, unangemeldet war Rudeli's Vater aus Amerika zurückgekehrt, zwar nicht zum Bleiben, ſondern um ſein Kind zu ſehen, ſich von ſeinem Wohlbefinden und guter Beſorgung zu überzeugen und dann wieder dahin zu gehen, wohin ihn ſeine Geſchäfte riefen. Es bedurfte keiner langen Auseinanderſetzung, um dem Kienholzanni begreiflich zu machen, daß bei bewandten Umſtänden das ſchöne Koſtgeld für Rudeli in ſtarker Gefahr ſtehe, was einen ſehr fühlbaren Ausfall im Einnahmenbüdget des Lumpenküblers zu verur— ſachen drohte. Nicht minder gute Gründe hatte Herr Notar Nehrlich ſelber, den Verluſt des Oberaufſichtsrechts über Rudeli's Erziehung und das Ausbleiben der amerikaniſchen Wechſel zu befürchten. Es handelte ſich alſo für beide um die wichtige und ſchwierige Frage, wie das plötzliche Eintreffen des Amerikaners unſchädlich gemacht und derſelbe, über die Erziehung ſeines Kindes getröſtet, welches, wie dem Vater vom Notar vorläufig eröffnet worden, aus Geſundheitsrück⸗ ſichten einer zuverläßigen Familie auf dem Lande zur Pflege übergeben worden war, möglichſt bald wieder über den Bach geſchickt werden konnte. Nach einer langen und lebhaften Konferenz kehrte der Notar mit bedeutend erheiterter Miene in ſeine Schreibſtube aß es ächſten r dich le für wel⸗ über n den tte. bbeits⸗ icht in welche keine Vater ondern n und hin zu keiner reiflich oſtgeld lbaren verur⸗ Notar über niſchen de um treffen er die Vater ittsrüc⸗ Pflege Bach rte der ibſtube 207 zurück. Des Lumpenküblers würdige Gefährtin jedoch begab ſich in größter Eile, ohne einmal unterwegs an einer einzigen Glocke zu ziehen, auf den Heimweg. Nur der Lebkuchenfrau am Thor ertheilte ſie im Vorbeigehen noch einige wichtige und geheime Aufträge.— Auf der Landſtraße traf Kienholz⸗ anni den Poveretti an, der den Torniſter auf dem Rücken und den Kalabreſer auf dem Ohr im Begriffe ſtand, noch einmal als ausgewieſener Teſſiner auf Reiſen zu gehen. Anni wußte ihn aber zu bewegen, nach dem Galgenhölzli ſeine Schritte zu wenden, wo er zur Ausführung eines ſchwierigen Planes durchaus von Nöthen, da der Lumpenkübler viel zu dumm zu ſolchen Dingen ſei. Gegen Abend deſſelben Tages ſehen wir zwei Männer auf der Landſtraße gehen, welche am Galgenhölzli vorbeiführt. In einem derſelben erkennen wir den Notar mit dem Paar ſaffrangelber Haare. Sein Begleiter iſt kein anderer, als der Fremde, welcher geſtern im Galgenhölzli an der Eiche gelehnt ſtand und dem Rudeli zuſah, der Mühlen baute. Als der Notar von der Straße gegen des Lumpenküblers Haus abbog, ſtutzte der Fremde in ſichtlicher Verwunderung und äußerte dann den Wunſch, dem Knaben und deſſen Pfleg⸗ eltern vorläufig noch unbekannt zu bleiben. Was Herrn Nehrlich betrifft, ſo hellten ſich ſeine erſt noch ziemlich umwölkten Züge um ſo mehr auf, je mehr man ſich dem einſam ſtehenden Hauſe hinter dem Galgenhölzli näherte. Es hatte ſich hier ſeit heute früh eine wunderbare Veränderung zugetragen. Der Wald von Neſſeln, Diſteln und anderem Unkraut, der ſonſt in merkwürdiger Ueppigkeit rings um die Hütte wucherte, war ſtark gelichtet worden. Vor der Fronte des Hauſes, wo geſtern noch jahrealter Unrath aufgehäuft gelegen hatte, ſah man ſogar etwas, das einem Gärtchen glich, nämlich regel⸗ mäßig ſtehende Sträucher und Stauden, welche den Weg zur Hausthüre umſäumten, jedoch weniger der Gartenflora, als der Waldflora anzugehören ſchienen. Das Stück Pflanzland, —— — — — —— 208 welches dem Lumpenkübler zunächſt ſeiner Wohnung ange⸗ wieſen worden war, unter der Bedingung, daß ſeine Frau und Kinder nicht mehr betteln gingen, hatte bis jetzt kein anderes Erzeugniß hervorgebracht, als Hühnerdarm und breiten Wegerich, die jedoch von üppigen Brombeerſtauden verdrängt worden waren, uͤber welches Unterholz bereits junge Tannen nebſt Eichen⸗ und Buchenſämlingen kräftig emporſchoſſen; heute war dort ein reges Leben und es ſchien, als ob dem angehen⸗ den Urwald der Untergang geſchworen ſei. Mit einer ſchweren Reuthaue bewaffnet ging der Lumpenkübler in eigener Perſon unter Schnaufen und Aechzen dem wirren Geſtrüppe zu Leibe, während Liſi und Bethi, da die beiden Herren gegangen kamen, drauf los hackten, als gälte es heute noch die halbe Amtei umzukarſten; etliche große Motthaufen wirbelten da⸗ neben ihre blauen Rauchſäulen in die Höhe. Vor dem Hauſe ſaß Kienholzanni, dießmal in ſeinem beſten Staat und drehte emſig ein Butterfaß. Hinter dem Hauſe hervor klang es hell, wie das Dengeln einer Senſe. Aus dem Geißſtall heraus, der ſeit langem kein anderes lebendes Weſen beherbergt hatte, als zuweilen ein Schwein, aber ein zweibeiniges, nämlich einen oder den andern von des Lumpenküblers Gäſten, der zu viel des edlen Schnapſes zu ſich genommen hatte,— tönte jetzt ſogar ein trauliches„Muh“ und zwar in ſo verſchiedenen Tonarten, daß man daraus auf einen Viehſtand von mindeſtens ſechs Häuptern ſchließen mußte.— Rudeli ſelber, dem eigent⸗ lich der Beſuch der beiden Herren galt, war höchſtens an den großen braunen Augen zu erkennen, denn Anni hatte ihn ſauber gewaſchen und glatt gekämmt und Poveretti, der heute, da es galt einen Schalksſtreich auszuführen, tauſend Hände beſaß, hatte ihm eigenhändig aus einem von Liſi's Tſchöpen ein Wamms und aus einer von Bethi's Schürzen ein Paar Hoſen geſchneidert. Halb hinter einem Baum verſteckt ſchaute der Bube voll Verwunderung auf das ungewohnte Treiben, deſſen Grund er nicht errathen konnte. ange⸗ e Frau st kein breiten drängt rkannen heute gehen⸗ hweren Perſon Leibe, gangen halbe en da⸗ Hauſe drehte z hel, eraus, hatte, einen zu viel te jeßt edenen deſtens eigent⸗ an den te ihn heute, Hände pen ein Hoſen te der deſſen 209 Herr Nehrlich grüßte das Kienholzanni mit einem freund⸗ lichen„guten Abend, Frau Gevatterin“— und fügte dann bei, ob es erlaubt ſei einen Augenblick hier abzuſitzen? Er habe mit dem fremden Herren einen Spatziergang gemacht; ſie ſeien nun müde und wünſchten ein wenig auszuruhen. Der Amerikaner hatte bald den ſcheuen Knaben hinter ſeinem Baumſtamme entdeckt und zog ihn, indem er ihm die Hand reichte, aus ſeinem Verſtecke hervor.„Das iſt ja der kleine Mühlenbauer von geſtern! Sag' mir, mein Kind, wer lehrte dich ſo kunſtreiche Werke zu machen?“—„Der Krättenfritz“, — erwiederte Rudeli.„Ein Nachbar“— erläuterte der No⸗ tar—„nein, ein Schelm“,— widerſprach der Bube.— Der Krättenfritz war ſonſt eigentlich ebenfalls einer der Stammgäſte des Lumpenküblers; gegenwärtig aber lebte er als Staatspenſionär für einige Monate in der Zurückge⸗ zogenheit des Zuchthauſes, weßhalb Herr Nehrlich durch eine Querfrage das Geſpräch von dieſem Thema abzulenken ſuchte. „Iſt vielleicht der Kübelbauer über Feld? Ihr könnt mir glauben, Frau Gevatterin, es thäte mir Leid, hier draußen geweſen zu ſein und dem ehrlichen Bauer von altem Schrot und Korn nicht die Hand geſchüttelt zu haben.“ Ihr Mann ſei auf dem Acker, aber z'nächſt; ein Bauer ſei halt ein geplagter Menſch und werde allweg nie fertig, beſonders im Sommer. Er werde aber wohl bald kommen. Die Herren möchten ſich doch unterdeſſen in die Stube hinein bemühen.— Es wäre ſowohl der neugebackenen Kübelbäurin als dem Notar ſehr erwünſcht geweſen, den Amerikaner in's Haus hinein zu bringen, da es trotz allen angewandten Künſten im Galgen⸗ hölzli dann doch nicht ganz ſo aufgeräumt und proper aus⸗ ſah, wie zum Exempel um ein emmenthaler Bauernhaus. In der Stube hatte man leichtere Arbeit gehabt; der Fuß⸗ boden war— zum erſtenmal ſeit Erbauung des Hauſes— gewiſcht, die Spinngewebe weggeräumt und die Schnapsflaſche hinter einer Bibel in groß Folio aus des Meerkrebſes neu⸗ 14 210 angelegter Bibliothek verſteckt worden. Der Amerikaner be⸗ ſtand jedoch darauf, im Freien zu bleiben. Anni zog ſich in die Küche zurück, den Gäſten ein Kaffee zu bereiten. Dem Lumpenkübler, jetzt Kübelbauer genannt, preſſirte es durchaus nicht mit Feierabend machen, ſondern er ſchwang fort und fort mit großer Emſigkeit ſeine Reuthaue. Die Fremden zu unterhalten mußte alſo Poveretti hinter dem Hauſe hervor, wo er bis jetzt gedengelt, d. h. mit einem Kieſelſtein auf ein Stück altes Eiſen geſchlagen hatte,— da ein Dengelſtock und ein Dengelhammer hier ebenſo ſchwierig aufzutreiben geweſen wären als eine dengelfähige Senſe. Ob dieß der Bauer ſei? frug der Amerikaner.„Nur der Meiſterknecht“—, berichtigte Poveretti, der ſeinen Kalabreſer mit einer Zipfelkappe vertauſcht und mittelſt eines leichten Anflugs von Kühdünger ſich das glaubwürdige Brevet eines Melkers und Stallknechtes ertheilt hatte.„Die Matten und Aecker des Kübelbauers ſind wohl weit auseinander; da kann einer allein nicht wohl zu Allem ſchauen“— fügte er erläu— ternd bei. Aus dem Geißſtall tönte wieder ein„Muh“ im tiefſten Baſſe, dem gleich ein zweites„Muh“ in hohem Tenore folgte, begleitet von etlichen Klängen, welche an das Geläut einer Kühglocke mahnten. Der Notar und der Amerikaner hatten ſich auf einem ſteinernen Sitze niedergelaſſen, der ſich unter einem nächſt der Hütte ſtehen gebliebenen Waldbaum befand. Ein Antiquarius hätte wahrſcheinlich ohne Mühe herausgebracht, daß die Stein⸗ bank ein Bruchſtück des einſt hier geſtandenen jedoch längſt umgeſtürzten Galgens ſei. Der Amerikaner hielt Rudeli bei der Hand und ſchaute ihm forſchend in's Geſicht; dieſer er⸗ wiederte feſt aus ſeinen großen braunen Augen den durch⸗ dringenden Blick. Er ſei groß und ſtark für ſein Alter; aber ob er auch ſchon etwas gelernt?—„Pfeiffen machen aus Weidenholz und Vogelſchläge“— erwiederte der Bube.„Sonſt N 211 nichts?—„Radſchlagen, aber den Kutſchen nach mag ich nicht.“— Was das heißen ſolle? wandte ſich der Amerikaner an den Notar, der unruhig auf dem Galgenpfeiler hin und her rutſchte. Ob der Knabe die Schule nicht beſuche? In dieſem kritiſchen Augenblick trat ein neuer Gaſt hin— zu, der ſtatt des Notars mit ſalbungsvoller Stimme erwie⸗ derte:„aus dem Buche der Natur, welches unſer Herrgott in Wald und Feld aufgeſchlagen hat, läßt ſich am beſten lernen was allein Noth thut.“— „Unſer würdige Herr Pfarrer“, präſentirte Poveretti;— „ein häufiger und ſtets willkommener Gaſt in dieſem Hauſe.“ Poveretti hatte dieſem Pfarrer ſelbſt die Weihe ertheilt, es war nämlich kein anderer als der Meerkrebs, den der an Hülfsmitteln unerſchöpfliche Schalk mittelſt eines Paars alter Schnallenſchuhe und entſprechendem Hut in einen höchſt ge⸗ lungenen Landpaſtor umgewandelt hatte, der nun, um in der Rolle zu bleiben, das Paar grauer verwegener Augen mög⸗ lichſt zu Boden ſchlug und nur wenn er ſich unbemerkt glaubte, einen verſtohlenen lüſternen Blick auf des Fremden ſchwere goldene Uhrkette und deſſen etwas weniges aus der Taſche ragende Brieftaſche warf.— Halb einverſtanden nickte der Amerikaner der Rede des Paſtors Beifall zu, fügte jedoch bei, ein anderer als ein Hinterwäldler müſſe heutzutag auch in gedruckten Büchern leſen können.„Was willſt du denn eigentlich werden, Kleiner, wenn du groß geworden biſt?“— „Ein Herr“— meinte Rudeli, ohne ſich zu beſinnen.„Du magſt wohl nicht arbeiten? Es heißt aber: wer nicht ar⸗ beitet, ſoll auch nicht eſſen.“—„Vater und Mutter arbeiten auch nicht und eſſen doch“.—„Was machen ſie denn?“ frug der Amerikaner geſpannt.„Der Vater geht in den Wald und trinkt Schnaps,— die Mutter“—— 213 Poveretti unterbrach den Buben mit der Meldung: die Bäurin laſſe die Herren zu einem Kaffee einladen, wenn es ihnen nicht zu gering ſei, in ihre ſchlechte Stube einzutreten. „Von Herzen gern“, erwiederte Herr Nehrlich haſtig.„Treten wir ein, wandte er ſich dann an den Amerikaner. Die guten Leute würden es als eine Geringſchätzung betrachten, wenn wir ihre Einladung verſchmähten.“ Der Fremde folgte dem Notar, indem er den dunkellockigen Buben an der Hand führte, ohne Widerrede. Erſt jetzt begann derſelbe ſeine Um⸗ gebung mit ſchärfern Blicken zu muſtern. Als ſie beim Geiß⸗ ſtall vorbeigingen, ſchallte ihnen wiederum Rindergebrüll und Kuhglockengeläute entgegen. Auf dem dreibeinigen Tiſch ſtand dießmal die dampfende Kaffeekanne und der Milchtopf,— das Geſchirr hatte Herr Nehrlich herausgeſchickt, leider aber waren in der Eile die Löffel vergeſſen worden; ſo paßten nun freilich des Lumpen⸗ küblers Paar verroſtete runde Blechlöffel ſchlecht zu den ele⸗ ganten Taſſen des Notars. Neben der Kaffeekanne ſtand eine Schüſſel mit hochaufgeſchichteten dampfenden Strübli, welche Anni zu machen verſtand, der reichſten Bäurin zum Trotz. Der Lumpenkübler war endlich auch eingerückt und wurde dem Amerikaner als einer der angeſehenſten Bauern der Gegend vorgeſtellt; er verhielt ſich aber ſehr zurückhaltend und ſchweigſam und ſchielte bloß zuweilen ſehnſuͤchtig nach dem Brett hinauf, wo hinter der großen Bibel die Schnaps⸗ flaſche verſteckt ſtand. Bethi und Liſi dagegen warfen, mit dem würdigen Herrn Paſtor zur Wette, verlangende Blicke auf des Amerikaners Uhrkette, nicht unterlaſſend durch allerlei kokette Manöver die Aufmerkſamkeit des Fremden auf ſich zu ziehen. Je wortkarger der improviſirte Landwirth ſich erwies, um ſo geſprächiger wurde die Hauswirthin, ſonſt Kienholz⸗ anni genannt, und unterhielt mit großer Zungenfertigkeit ihre Gäſte über Schweine⸗, Hühner⸗ und Kinderzucht, Flachsbau 14* 214 und Milchwirthſchaft, von welch letzterem Zweig des Bauern⸗ weſens ſie mit um ſo größerer Sachkenntniß reden durfte, als ſie ſo eben beſchäftigt geweſen war, das Buttern in dem geliehenen Ankenkübel in Ermanglung von Rahm mit klarem Bachwaſſer zu probiren. Nebſt dem Notar und dem Paſtor nahm auch des„Kübelbauers“ Meiſterknecht lebhaften Antheil am Geſpräch. Der Amerikaner begnügte ſich, aufmerkſam zuzuhören und die Geſellſchaft im Stillen zu beobachten. Da ſteckte unverſehens die Waldgreth den Kopf zur Stube herein. „Juheh, rief ſie,— ſchon wieder Bettlerkilbe! Da wird unſerein wohl auch dabei ſein dürfen?— gehöre ja auch zur Zunft,— nicht wahr Schnapsbrüderlein?“— Kienholzanni machte ſich ſprungfertig, der unberufenen Schwätzerin mit den zehn Nägeln in's Geſicht zu fahren; aber Poveretti winkte ab.„Eine arme Närrin“, belehrte er die Gäſte,„die hier zu⸗ weilen den Gottswillen empfängt. Komm ein andermal Greth“, fügte er bei,„du ſiehſt, es ſind jetzt Herren da.“— „Saubere Herren, die beim Lumpenkübler zu Gaſte ſitzen und an ſeinem Tiſche Bettelſuppen lappen! Lumpenherren, Bettlerherren, Bettlerlumpen, Lumpenbettler,—— alle gleiches Pack, Lumpenpack, Bettlerpack— die Waldgreth gehört auch dazu; macht ihr Platz, ihr Herren Lumpenbettler!— Platz da beim Bettlerſchmaus! Herunter mit der Flaſche, die ſich dort hinter dem ſchwarzen Buche verſteckt,— herunter mit der Schnapsflaſche, Schnapsbrüderlein!“—„Schafft uns die Raſende vom Halſe“,— rief der Notar, blaß wie ein Leintuch. Der Lumpenkübler übernahm die Exekution. Aber zum Schiebfenſter herein ſchrie die Waldgreth:„Haſt die Ofenſtange gemolken, Bettelmutter, Hexenmutter, deinen Anken⸗ kübel zu füllen? oder haſt die Nidle*) oben ab dem Bach *) Nidle= Rahm. — —— 215 genommen?“— Tanzte dann, die Röcke ſchüttelnd, vor der Hütte herum.„Haſt dir einen ſchönen Garten angelegt, Lumpenkübler, ſeit geſtern!— Die Meien hat das Hexen⸗ anni wachſen laſſen übernacht“— und griff nach einer der blühenden Stauden, die ihr wurzellos in den dürren Händen blieb; darüber brach die tolle Greth in ein jubelndes Gelächter aus.„Schaut, ſchaut den Hexengarten!“— und faßte Sträucher und Stauden, eines nach dem andern und riß die wurzelloſen, die nur loſe im Boden ſteckten, aus der Erde. Kienholzanni war nicht länger zu halten. Wüthend ſtürzte es zur Thüre hinaus, die Waldgreth zum Schweigen zu bringen. Ob dieſem Lärm und Geſchrei öffnete ſich der Geißenſtall und der Apoſtelkopf, welchem der Regiſſeur Poveretti bei der heu⸗ tigen Vorſtellung die Geſangpartieen der hinter der Scene ſpielenden Rothblöſche und Schwarzſchecken zugetheilt hatte, ſtreckte vorſichtig ſein weißgelocktes Haupt heraus.——— Ueber all dieſe Enthüllungen war Herr Nehrlich,— vor Schreck und böſem Gewiſſen an Gliedern und Zunge ge⸗ lähmt,— in ſeinen Stuhl zurückgeſunken und ſtotterte etwas von geſunder Waldluft, welche der Arzt dem ſchwächlichen Kinde verordnet habe. Zornfunkelnden Blickes ſtand der Amerikaner vor ihm—„Schurke!“—— Doch ſenkte ſich bald wieder ſein erhobener Arm, ſeine zorngeröthete Stirne entfärbte ſich wieder.„Dem Zuchthaus werden Sie, Herr Notar, und ihre würdigen Helfershelfer doch nicht entrinnen“— und der Amerikaner wandte ihm verächtlich den Rücken, faßte Rudeli bei der Hand und verließ mit dem Knaben des Lumpen⸗ küblers Haus, den Fußpfad einſchlagend, welcher durch's Galgenhölzli nach der Landſtraße führte. Als die Komödie, in welcher Poveretti mit Luſt und Liebe eine Hauptrolle übernommen, ſich tragiſch zu entwickeln begann, hatte der Schalk nichts eiligeres zu thun, als ſich aus dem Staube zu machen, den„Kübelbauer“ und die —— —— —— 216 „Kübelbäurin“ ſammt dem Notar ihrem Schickſal überlaſſend. Auch der Lumpenkübler fand die Stubenluft zu ſchwül und ſuchte, die allgemeine Verwirrung benützend, bei Zeiten das Freie. Liſi und Bethi waren gegangen, ihre zehn Paar Nägel der Mutter zur Verfügung zu ſtellen. Nur der Herr Paſtor, ſonſt Meerkrebs, hatte ausgehalten und unter der Thüre lauernd der Dinge geharrt, die nun vorkommen würden. Als der Amerikaner den Rudeli bei der Hand ergriff, und ſich anſchickte, das Haus zu verlaſſen, machte ſich auch der Meerkrebs, mit langen Schritten dem Galgenhölzli zueilend, davon. Es war ſchon tiefe Dämmerung eingebrochen, als der Vater und ſein Kind den Steg überſchritten, der über den Bach führte. Wäre es heller geweſen, ſo hätten ſie vielleicht eine lange ſchwarze Geſtalt entdeckt, die ſich jenſeits des Stegs hinter dem Stamm einer Eiche zu verbergen ſuchte. Kaum waren die beiden Wanderer an der Eiche vorbei, ſo ſprang der Meerkrebs, einen Knittel ſchwingend, aus ſeinem Verſtecke hervor. Ein kurzer Wortwechſel,— knickende Aeſte,— rauſchendes Laub,— ein dumpfer Schrei und ein ſchwerer Fall. Dann eilige Schritte und endlich tiefe Stille.——— Kurze Zeit nach dieſem Vorfall fuhr ein Mann aus der Schweiz kommend und von einem braungelockten Knaben be⸗ gleitet von Havre nach Amerika ab. Der Meerkrebs war zum großen Leidweſen der Kloſter⸗ frauen, die ſich auf dem beſten Wege wähnten, dem Himmel ein verlorenes Schaf zurückzuführen, ſpurlos verſchwunden. Nicht lange, ſo verließ auch der Lumpenkübler ſammt Familie ſeine Hütte im Galgenhölzli und zog aus der Gegend. Notar Nehrlich galt noch längere Zeit als der brävſte Mann der Stadt, bis er ſchließlich zu männiglicher Verwunderung wegen falſchen Wechſeln in's Zuchthaus kam. ———— 217 Als der Herbſt das Laub entfärbte im Galgenhölzli, klapperte Rudeli's Mühle noch immer nächſt dem Steg am Bach. Von der Landſtraße her tönte eine helle Stimme: «Oggi qui, domani la—— Es war Poveretti, der im dünnen Sommerröckchen und braunen 1 Kalabreſer ſeines Weges fürbas zog. 6 Bei uns iſt erſchienen und kann durch alle ſoliden Buchhandlungen bezogen werden: Riſtabend⸗geſchichteen von A. Hartmann. Erſtes Bändchen. Mit vielen Illuſtrationen von F. Walthard. gr. 8. geh. Preis Fr. 3. 60 Cts.— fl. 1. 48 kr.— Thlr. 1. 3 Ngr. Inhalt: Karlidürſen Joggi's Liſeli.— Der Heuet auf dem Neſſelhof.— Der Erdäpfelteufel.— Schweizeriſches Soldaten⸗ leben.— Dursli, der Auswanderer.— Der Heimatloſe. Die öffentlichen Blätter haben unter anderm folgendes günſtige Urtheil über dieſe Erzählungen gefällt: „Wir fühlen uns wahrhaft glücklich, auf dieſes kerngeſunde Schwei⸗ zerprodukt aufmerkſam zu machen. Das heißt wieder einmal ein Buch, das nicht aus neun andern abgeſchrieben iſt! So rauſcht der Wind durch das Tannen beſetzte Tobel, ſo ſchäumt der Waldbach gegen die Matten hinab, ſo ſchaut das Bauernhaus zwiſchen den Bäumen hervor und duftet das Heu von den Boden, ſo blinken die Fenſter und ſitzen hinter ihnen am eichenen Tiſch die Bewohner beim Abendbrod— ſo iſt die Natur, ſo die Menſchen, wie ſie Alfred Hartmanu mit ſo treffenden Zügen zu zeichnen verſteht.— Wir können nicht anders, als dieſe„Kiltabend⸗Geſchichten“ einem recht großen Publikum angelegentlich zu empfehlen.“ HDie Freidenker in der Religion oder die Repräſentanten der religtbfen Aufklärung n England, Frankreich und Deutſchland. Von Dr. L. Noack. Erſter Theil: Die engliſchen Deiſten. Zweiter Theil: Die franzöſiſchen Freidenker.. (⁸—‿ Jeder Theil iſt einzeln zu haben.. gr. 8. geh. Preis per Theil: Fr. 4. 50 Cts.— fl. 2. 12 kr.— Thlr. 1. 9 Ngr. Inhalt des erſten Theiles: Vorwort.— Einleitung.— Herbert von Cherburg.— Thomas Hobbes.— Charles Blount.— John 4 1 n — Sg—yꝰ——-—-- Locke.— John Toland.— Anthony Collins.— Der Graf von Shaftes⸗ bury.— Woolſton und Annet.— Tindal und Ilive.— Thomas Chubb. — Thomas Morgan.— Vicomte Bolingbrocke— Dodwelle und Hume. Inhalt des zweiten Theiles: Vorwort.— Einleitung.— Jean Bodin.— Peter Bayle.— Bernhard von Mandewille.— Deiſtiſche Plänkler.— Jean Jacques Rouſſeau.— Claude Adrian Helvetius.— Voltaire.— Denis Diderot.— La Mettrie— Holbachs natürliche Ge⸗ ſchichte des Aberglaubens.— Das Syſtem der Natur.— Die Lehren dieſer Repräſentanten der religiöſen Aufklärung ſind aus den Quellen dargeſtellt und rein objektiv und geſchichtlich gehalten, frei von allem Terrorismus und Fanatismus des Partei⸗Intereſſes.— Ein Werk der Art erxiſtirt in unſerer Literatur noch gar nicht. Der dritte Theil: Die dentſche Aufklärung, iſt unter der Preſſe. Spezielle Vathologie und Gherapie der nutzbarſten Hausthiere für Thierärzte und gebildete Landwirthe. Von J. Z. Uychner, Profeſſor der Thierheilkunde in Bern. 2 Theile. 8. geh. 46 Bogen. Preis: Fr. 7. 50 Cts.— fl. 3. 36 kr.— Thlr. 2. 2 2 Ngr. Dieſes Werk iſt das Reſultat eines dreißigjährigen theoretiſchen und praktiſchen Studiums und reiflicher Prüfung; es umfaßt daſſelbe alle ſich in Mittel⸗Europa konzentrirenden innerlichen Krankheiten der nutzbarſten Hansthiere, und ſoll nicht nur dem praktiſchen Thierarzte, ſondern nament⸗ lich auch dem gevildeten Landwirthe ein unentbehrliches ſyſtema⸗ tiſches und praktiſches Handbuch ſein. Frühere, ſchon in mehreren Auf⸗ lagen erſchienene Werke des Verfaſſers(Hippiatrik, Bujatrik u. ſ. w.) haben bereits ſeinen Ruf hinlänglich begründet, ſo daß die gegenwärtige Schrift keiner weitern Empfehlung bedarf. Die Lehre von der Erſcheinung Jeſfn Chriſti unter den Todten. In ihrem Zuſammenhange mit der Lehre von den letzten Dingen. Dargeſtellt von Eduard güder, Pfarrer. gr. 8. geh. 25 Bogen. Preis: Fr. 6.— fl. 3 oder 2 Thlr. Der Verfaſſer iſt ſich bewußt, das dogmengeſchichtliche Material in einem Umfange benutzt zu haben, der an die Vollſtändigkeit gränzt, und in der Behandlung und Geſtaltung deſſelben einen Weg eingeſchlagen zu haben, welcher den Blick in das Weſen des Dogma's am eheſten zu fördern geeignet ſcheint. Er war auch ganz beſonders beſtrebt, und dieß bildet vielleicht den Hauptvorzug ſeiner Schrift, dieſe Lehre von der Er⸗ ſcheinung Chriſti unter den Todten, durchweg und nach allen ihren Mo⸗ menten in ihrer Verflochtenheit mit den ſie umgränzenden Lehren aus der Chriſtologie, Soterologle und Eſchatologie, in ihrem Zuſammenhange mit der ganzen Oekonomie des Heils vorzuführen und zu entwickeln. Die 2 27 engliſchen Präpoſitionen. Ein theoretiſches und praktiſches Hülfsmittel für öffentliche Schulen und zum Privatgebrauche von Dr. M. Weishaupt, Profeſſor der griechiſchen und Lehrer der engliſchen Sprache an der höhern Lehranſtalt in Solothurn. gr 8. geh. Preis: Fr. 1. 50 Ets.— 48 kr. rh.— 15 Ngr. Um richtig Engliſch ſprechen und ſchreiben zu können, muß man Sicherheit im Gebrauche der engliſchen Präpoſitionen haben. Dieſe Sicher⸗ heit erlangt man gewöhnlich nur durch ſorgſames Studium geeigneter Lehrmittel, d. h. durch ſolche Bücher, die dem Lernenden wirklich überall an die Hand gehen und denſelben namentlich für die ſchwierigen Fälle nicht rathlos laſſen. Ein ſolches Werk, das neben der nöthigen Belehrung über die üblichen präpoſitionellen Verbindungen auch noch auf die Gründe aufmerkſam macht, und eine wiſſenſchaftliche Baſis zu geben ſucht, iſt das hier angezeigte.— Sowohl wiſſeenſchaftlich vorbreiteten Leſern als auch ſolchen, deren Beruf keine beſondere Wiſſeenſchaftlichkeit vorausſetzt, wird dieſes Lehrmittel verſtändlich und von großem Nutzeu ſein. Jent& Reinert in Bern. Druck von J. gaßmann, Sohn, in Solothurn. — — ingen. rial in t, und gen zu ſten zu d dieß er Er⸗ n Mo⸗ us der ge mit 1. höhern. man Sicher⸗ neter virklich jerigen öthigen ich auf— geben eiteten ſichkeit u ſein⸗ — Green Vellow Grey Control Chart Hed Magenta 5528 8