Ae H —-——-——⸗——— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und eſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Nückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3. 2. Lesepreis. Bei d ückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurü gabe von mir zurückerſtattet wird. 41 8 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————Bucher: auf Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Nk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Fur beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer jumn Erſatz des Ganzen verp flichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, da das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 2O—j— 2 Kiltabend⸗Geſchichten von A. Hartmann. Kiltabend-Geſchichten von A. Hartmann. Erſtes Bändchen Mit 45 Jlluſtvrationen von F. Walthard. —S— Dern. Verlag von Jent& Reinert. (Platzfirma: Jent u Gaßmann⸗.) Vorwort. In unſern Kalkſteinbrüchen am Jura ſieht ein ge— wöhnliches Auge nichts als Blöcke, aus welchen Brunnen⸗ 3 ſchalen, Stundenweiſer, Thürpfoſten und ähnliche zur Nothdurft des Lebens gehörige Gegenſtände verfertiget werden. Vor dem Auge des Geologen erſchließt ſich aber eine ganz andere Welt. Hier winkt ihm ein Ammons— horn; dort entdeckt er eine urweltliche Schildkröte; unter äſtigen Korallen findet er den zierlich gerippten Seeigel; in jedem Blocke liegt Schnecke an Schnecke, dräͤngt ſich Muſchel an Muſchel. So iſt's mit unſrem Volksleben. Wo der Eine nichts „ als Erdäpfelſäcke und Düngerhaufen zu ſchauen vermag, „ zwiſchen denen zweibeinige Dreſch⸗, Pflüg⸗ und Säe⸗ maſchinen ſich bewegen, da ſieht ein Anderer Geſchichten ſich abſpinnen, nicht minder romantiſch, rührend, ſchreck⸗ oder ſpaßhaft, als je auf den Burgen geſchahen, die jetzt aus ihren hohlen Fenſtern auf das Thal und ſeine Dörfer hernieder ſchauen. Man muß nur den rechten 1 Blick dafür haben. 8 4 8 — ͤII„· ꝛ» G VI Der Boden, auf welchem die vorliegenden ſogenann⸗ ten„Dorfgeſchichten“ gewachſen ſind, iſt der ſonnige Süd⸗ abhang des Juragebirges. Dieſe Seppli und Dursli, dieſe Liſeli und Babeli, gehören alle der Flora des Jura an. Sie wurzeln in warmem lockerem Kalkgrund, wäh⸗ rend Jeremias Gotthelf's Hansjoggeli, Annebäbi, Mädi und Uli nur auf jenem zähen, aber fruchtbaren Letten⸗ boden vorkommen, der ſich um die Molaſſenhügel des „Bernbiets“ abgelagert hat und welcher das Lebens— element des Bernerbauern iſt. Einige dieſer hier geſammelten„Kiltabendgeſchichten“ ſind zur Zeit im Stuttgarter Morgenblatt erſchienen; andere in dem vom landwirthſchaftlichen Verein des Kantons Solothurn herausgegebenen„neuen Bauern⸗ Kalender“. Etliche wurden vollſtändig umgearbeitet. Karlidürſen Joggi's Liſeli iſt neu und erſcheint hier zum erſtenmal. Solothurn im Auguſt 1852. Der Verfaſſer. 1 4 —— Inhalt. Karlidürſen Joggi's Liſeli.(Mit 7 Holzſchnitten.) Der Heuet auf dem Neſſelhof.(Mit 4 Holzſchnitten.) Der Erdäpfelteufel.(Mit 5 Holzſchnitten.) Schweizeriſches Soldatenleben.(Mit 6 Holzſchnitten.) Dursli, der Auswanderer.(Mit 15 Holzſchnitten.) Der Heimathloſe.(Mit 8 Holzſchnitten⸗) — Karlidürſen Joggi's Liſeli*). Siehſt du dort den blauen Leberberg? Siehſt du die ſteilen waldbekrönten Felſen, vergoldet vom Widerſchein der Abendſonne? Steil und zackigt erheben ſich ihre wild zerklüf⸗ teten Gipfel, aber an ihrem Fuße ſiehſt du Felder und Matten in ſanfter Abdachung gegen Mittag ſich neigen. Dort ſteht ein ſtattliches Bauernhaus unter dem Schirm eines weit her⸗ vorragenden Strohdaches und umgeben von einer zahlreichen Leibwache von Birn⸗, Apfel⸗ und Nußbäumen. Der Eigen⸗ thümer dieſes Hauſes heißt Karlidürſen Joggi und iſt unter dem Namen des Bauers an der Sommerhalde in der Gegend wohl bekannt. Nicht jedermann weiß, was es heißt, ein Bauer ſein. Ein Bauer iſt nicht etwa jeder, der mit einer Miſtgabel herumſtolpert oder mit einem Dreſchflegel dreinſchlägt, nicht jeder, der ein Paar Ziegen an den Hecken weidet oder etwa ein Kühlein von Brienz,⸗welches ſich ungefähr ſo zu einer ächten Freiburgerin oder Erlenbacherin verhält, wie ein halb⸗ verhungertes Bettlerſchlämpli zu einer Staatsdame, die drei geſtärkte Unterröcke umgebunden hat. Nein! Was ein Bauer heißen will, hat ſeine vier Pferde und ſeine acht bis zwölf Milchkühe im Stall und bringt Jahr für Jahr ſeine vier⸗ tauſend Garben unter Dach. Was ein Bauer heißt, ſchaut *) Karli iſt des Urgroßvaters, Dürs des Großvaters, Joggi des Vaters Name. 1 3 mit nicht minderem Selbſtgefühl auf einen Tauner oder Geiß⸗ bauer oder etwa auf ſo ein hungriges Schreiberlein aus der Stadt hinunter, als ein Kammerherr mit goldenem Schlüſſel und ſechszehn Ahnen auf gemeines, unbeſterntes und unbeahntes Volk. Dem Bauer an der Sommerhalde wird es alſo nie⸗ mand verdenken, daß er das Liſeli, ſein einziges Kind, nicht dem erſten Beſten, der Kühfladen an den Hoſen herumtrug, an den Kopf warf, ſondern es gleichſam wie ſeinen Augapfel hütete. Eben ſo wenig wird man ſich aber darüber wundern, daß ſämmtliche junge Burſche von ſieben Dörfern in der Runde ſehnſüchtige Blicke auf Liſeli warfen, auf Liſeli mit dem goldi⸗ gen Haar und den blauen Schelmenaugen, auf Liſeli mit dem tannenſchlanken Wuchs und der hellen Glockenſtimme, auf Karli⸗ dürſen Joggi's Liſeli, die einſtige Erbin der Sommerhalde. Schon mehr als einer der keckſten hatte es in hellen und finſtern Nächten pro⸗ biren wollen, an Liſelis Fenſter zu klopfen. Solchen Spaß verſtand aber der Ringgi mit dem nägelbeſchlage⸗ nen Halsband und dem Haifiſch⸗ gebiß, der nahezu ſo groß war, wie ein vierzehntägiges Kalb, keineswegs, ſondern hielt ſo gute Wache, daß der verwegenſte Kiltbube den Verſuch nicht zum zweitenmal wagte:— worin der vierbeinige Wächter von ſeinem Meiſter, deſſen weiße Nachtmütze dann bei der Spalte eines Fenſterladens ſichtbar wurde, durch ein nachdrückliches„gs! gs! pack den Schelmen!“ unterſtützt und aufgemuntert ward. Liſeli hatte längſt keine Mutter mehr; ſie war ihm ſchon im Kindbett geſtorben. Dagegen beſaß es eine Baſe, die in der Stadt wohnte, ein Ellenwaarengeſchäft betrieb und Frau Lämmli hieß. Baſe Lämmli war, was man eine„rangſchirte Frau“ heißt, und hielt Zucht und Ordnung in ihrem Hauſe⸗ Deßhalb wußte der Sommerhaldenbauer nicht viel dagegen —qä 4 einzuwenden, wenn Liſeli von Zeit zu Zeit zur Baſe in der Stadt auf Beſuch ging. Es war an einem Sonntag Nachmittag zwiſchen Oſtern und Pfingſten. Dieß iſt eine Zeit, welche den Einen deßhalb beſonders wohlgefällt, weil dann die Vögel am ſchönſten pfeifen und die Tulipanen und Pfingſtroſen am ſchönſten blühen, den Andern aber, deren Heuſtöcke heruntergefüttert ſind, weil es dann wieder friſches Gras gibt. Da kam den holperigen Weg daher, der zur Sommerhalde hinaufführt, ein Fuhrwerk ge⸗ fahren, wie es die Krämer gebrauchen, welche die Jahrmärkte beſuchen und das allfällig auch noch für einen Pfarrer auf dem Lande dienlich geweſen wäre. Vor dem Fuhrwerk keuchte ein bejahrter, einäugiger Schimmel und drinnen ſaßen zwei Weibs⸗ leute, von denen die dickere Leitſeil und Peitſche führte. Das war die Baſe Lämmli, welche das Liſeli aus der Stadt wieder nach Hauſe brachte. Leichtfüßig ſprang die Junge aus dem grasgrünen Rumpel⸗ kaſten; bei der Aeltern hielt es ſchon ſchwerer.„Der Vetter Jakob ſolle doch ein wenig helfen. Beim Pferd brauche ſich das halten nicht; dem Schimmel und dem Lämmli ſeien die Mucken ſchon längſt vergangen; man wiſſe nicht, welcher jetzt der freinere Tſcholi ſei.“ „Eh nu ſo de, Gottwilche bin-is!“— erwiederte Karli⸗ dürſen Joggi den Gruß und nahm die Baſe in den Arm un⸗ gefähr ſo, wie man einen Sack Erdäpfel anfaßt, wenn man ihn„zgſtötzlige herumlüpfen“*) will.„Aber, mi thüri Gott Seel, ihr werdet alle Jahre wie töller**) und wie hübſcher, Baſe. Ich denke, das nächſte Mal wird man euch mit der Wagenwinde aus dem Fuhrwerk lüpfen müſſen.“ Was wahr iſt, bleibt wahr. Baſe Lämmli war eine Schönheit, welche in die Augen und in's Gewicht fiel. Zudem, daß ſie etwas *) aufrecht von der Stelle heben. **)„toll“— ſtattlich. —— zu zwei Centnern wog, hatte ſie ein Paar Backen, man hätte Schwefelhölzer daran anzünden und Haſelnüſſe darauf auf⸗ klopfen können; ſie trug einen Tſchoppen von meergrünem Seidenzeug nebſt dito Fürtuch, einen Vorſtecker von kirſchrothem Sammet, wozu ſie beiläufig geſagt wenigſtens eine Elle Stoff hatte verwenden müſſen, und darüber eine goldene Kette, woran eine goldene Uhr hing.„Mi thüri Gott Seell ſetzte Joggi bei, wäre mir der Lämmli nicht im Weg und hätte die Sommer⸗ halde in euerm Kramladen Platz oder könntet ihr hier draußen feil haben, ich weiß nicht, was närrſch's ich in meinen alten Tagen noch anfangen würde.“ „Ihr beliebt zu ſpaßen, lachte die Baſe, indem ſie dem Bauer die Hand ſchüttelte. Schaut einmal da das Liſelt an, 6 das gibt noch eine viel hübſchere als ich.“ Und wirklich hätte vielleicht der Eine oder Andere dem Liſeli noch den Vorzug vor der Baſe Lämmli gegeben. Es wog zwar noch lange keine zwei Centner, ſondern kaum viel mehr als einen. Auch war keine Wagenwinde nöthig, es zu Baſe Lämmli's Rumpelkaſten herauszuheben, ſondern es hüpfte ſo leichtfüßig herunter, als ein Eichhörnchen von einem Haſelnußſtrauch. Darum aber war es nicht deſtominder appetitlich anzuſchauen in ſeinem korn⸗ blumenblauen faltigen Jüpplein, in dem gleichfarbigen engan⸗ liegenden Tſchoppen, dem ſchwarzen Vorſtecker von ſchwerer Seide, eingefaßt von zwei Reihen blanker ſilberner Haften, und in dem netten Häubchen mit den flatternden himmelblauen Bändern. Obſchon Baſe Lämmli dem perſönlichen Geſchmack des Sommerhaldenbauers vielleicht beſſer zuſagte, ſo warf er nichtsdeſtoweniger einen Blick auf ſein„Meitſchi“, der deut⸗ lich ausſprach, er finde ſelber, er brauche ſich deſſen nicht zu ſchämen. Draußen war es nicht zu warm und nicht zu kalt und es wehte ein ebenrechtes laues Lüftchen, und die Apfel⸗ und Birnbäume an der Sommerhalde waren im ſchönſten Bluſt, und die Vögel ſangen, daß es eine helle Freude war. Deß⸗ ungeachtet nöthigte Karlidürſen Joggi die Baſe in die Stube hinein. Dem Bauer fehlt es nicht an Gelegenheit, draußen an der Luft zu ſein und auf das Pfeifen der Vögel zu horchen und zu ſchauen, wie das Bluſt ab den Bäumen ſchneit, wenn er von früh bis ſpät mäht, oder hackt, oder zu Acker treibt. Auch verſteht er ſich nicht beſonders auf das, was man in der Stadt die ſchöne Natur heißt. Deßhalb geht er, wenn er ſich's will wohl ſein laſſen, lieber in die Stube hinein; und hat er einen Gaſt, dem er Ehre anthun will, ſo darf ſich der⸗ ſelbe nicht etwa draußen unter einem Schattenbaum in's Gras ausſtrecken, ſondern muß gleichfalls in die Stube auf die ſchmale hölzerne Bank zwiſchen Tiſch und Wand. Zudem ſind auf den rechten Bauerhöfen die Schattenbäume nicht da, daß 7 man darunter faullenzen köͤnne, ſondern ſie ſteben um den Miſt herum, damit die Sonne denſelben nicht verbrenne. Das Lungi, des Sommerhaldenbauers Meiſtermagd, hatte alſo drinnen Alles zum Empfang der Baſe vorbereitet. Auf dem Tiſch war ein ſchönes weißes Tuch mit eingewirkten rothen Streifen ausgebreitet; auch die weißen Teller, mit ſchönen blauen und gelben Kränzen und frommen Sprüchen bemalt, und die „Chacheli“, die beidſeits ihre farbigen Ohren hinausſtreckten,— ſo bequem wenn man zweihändig daraus trinken will, waren bereits an Ort und Stelle, und daneben ganz neu verzinnte runde Blechlöffel und blanke Meſſer mit weißen, rothverzierten beinernen Griffen. Mitten auf dem Tiſch zeigte ſich ein mäch⸗ tiges Stück Käſe mit großen, triefenden Augen; daneben gold⸗ gelber Grasanken und Honigwaben, aber auserleſene, deren Wachs noch faſt weiß war, und aus denen es trof, wie durch⸗ ſichtiges Gold. Lungi hatte ſelbſt die Zuckerbüchſe nicht ver⸗ geſſen, die ſonſt niemals aus dem Kaſten genommen wurde, als wenn Beſuch aus der Stadt da war.„Aber nei!“ rief die Baſe aus, als ſie zwiſchen Tiſch und Wand geklemmt end⸗ lich den Athem wieder gefunden hatte und die Kaffeekanne mit dem glizernden Helme von Meſſingblech, dem keckherausfordern⸗ den langen Schnabel und den drei breitgeſpreizten Beinen vor ſich ſtehen ſah und daneben den Rahmtopf als würdigen Ge⸗ ſpan.„Was doch dem Vetter Jakob einfalle, ihretwegen ſo viel Umſtände und Complimente zu machen?“„Ein grober Bauer von ſeinem Schlag verſtehe es nicht, auf ſolche Redens⸗ arten die anſtändige Antwort zu geben; die Baſe ſolle deßhalb ſeine Grobheit für eine Höflichkeit annehmen, erwiederte Joggi. Juſtement könnte das Liſeli für ihn das Maul brauchen; es ſei in einer guten Schule geweſen, und werde jetzt wohl wiſſen, wie es bei den Stadtleuten Mode ſei, die Worte zu ſetzen.“ „Der Vetter beliebe zu vexieren! Aber ſchade ſei es in der That, daß das Meitſchi nicht länger habe bei ihr bleiben dür⸗- fen, meinte die Baſe. Es habe zwar die beſten Anlagen; aber — —————— 1 I 8 in vierzehn Tagen laſſe ſich nicht alles zwängen. Wie man öppe durch die Gaſſen gehe, ohne an alle Fenſter hinauf zu gaffen,— wie man öppe auf eine anſtändige Weiſe die Jüppe halte, wenn man durch den Pflotſch gehen müſſe, und wie man öppe in der Kirche das Schnupftuch halten ſolle, damit alle vier Zopfen ſchön gleich herabhangen; das hätte Liſeli zwar bald begriffen. Aber ein Pariſöli habe es auch beim heißeſten Sonnenſchein partu nicht tragen wollen. Die andern Töchter hätten ſich allemal faſt geſchämt mit ihm zu gehen. Denn in der Stadt trage Alles Pariſöli, was auch nur halb⸗ wegs etwas Rechtes ſei, von wegen dem Teint.“„Daß es gut recht daran gethan, lachte Joggi. Bei Bauerntöchtern hat es ſich weder zu dengelen noch zu pariſölen, die müſſen ſchon den Sonnenſchein erleiden können im Heuet und in der Erndt.“ „Das werde doch ſein Ernſt nicht ſein, entſetzte ſich Frau Lämmli, das Meitſchi mit Knechten und Mägden auf's Feld ſchicken zu wollen? Es ſolle lieber noch ein Paar Wochen zu ihr in die Stadt kommen; ſie wolle ihm dann einen Studenten für das Franzöſiſche und einen Studenten für das Klavier⸗ ſpielen halten.“ Hierauf gab jedoch der Bauer den trockenen Schlußbeſcheid:„Liſeli ſolle lernen gut zu den Säuen lugen; das trage mehr ab und ſchicke ſich auch beſſer für Karlidürſen Joggi's Tochter. Bekomme ſie einmal einen Mann, wie er ihr einen wünſche, ſo werde der ihr mehr darauf halten, als auf dem Wälſchparlen und dem Klavierlen.“ war ein Glück zu nennen, daß der Tiſch nicht im Boden feſtgerammt war, ſonſt hätte man den Zimmermann holen müſſen; denn Lungi ſchenkte der Baſe ſo fleißig ein und nöthigte ſie mit ſo wirkſamer Beredſamkeit zum Eſſen und Trinken, und der Grasanken, das friſche Roggenbrod, der fette Emmenthalerkäſe und der Wabenhonig waren ſo appetitlich, daß Frau Lämmli's von Natur ſchon ziemlich anſehnliche Poſtur augenſcheinlich dicker und dicker und der Platz zwiſchen Tiſch und Wand enger und enger wurden.„Etwas Luft würde ihr 1bhII 9 1 M' M Adädla wohlthun“, meinte die Baſe, den Schweiß vom Geſichte wiſchend. „So wollten ſie einen Gang durch die Ställe machen“, ſchlug Joggi vor. Dieſer Vorſchlag kam der Baſe zwar nicht ganz gelegen wegen ihren ſaubern weißen Strümpfen und Zeug⸗ ſchuhen. Sie verſtehe ſich beſſer auf Schakona und Merino als auf Füllimähren und Färlimooren, meinte ſie, Aber zu ſehr durfte ſie dem Vetter doch nicht widerreden, denn ſie hatte heute noch ihre beſondern Abſichten mit ihm. Drum faßte ſie in Gottesnamen das Herz in die eine und die Jüppe in die 10 andere Hand und folgte dem Sommerhaldenbauer, dem es allemal bis in den großen Zehen hinunter wohl that, wenn er mit einem guten Freunde ſeine Ställe, ſeinen eigentlichen Bauernſtolz, durchmuſtern konnte.„He, Baſe, iſt das nicht ein Euter, wie eine Melchter? Solche werdet ihr noch nicht dick geſehen haben.“— Aber die Baſe hielt ſich möglichſt an der hintern Wand, da bekanntlich die Kühe nicht in die Penſion geſchickt werden können, um gute Manieren zu lernen und ſich deßhalb zu Zeiten gar zu ungenirt betragen, ohne darauf Rück⸗ ſicht zu nehmen, ob jemand mit einem ſeidenen Fürtuch hinter ihnen ſtehe oder nicht.„Was meint ihr Baſe, fuhr Joggi fort, ohne ſich irre machen zu laſſen,— iſt euch ſchon ein Roth⸗ ſchäck vorgekommen, der ſich beſſer füllt? Und wie hoffahrtig der Schwarzblöſch dort den Stiel nicht trägt!“— Unter dieſen und ähnlichen kurzweiligen Bemerkungen war man bis ganz hinten in den Stall gekommen, wo die Kälber angebunden ſind. „Jetzunder, Baſe, was ſagt ihr zu dieſem Thierlein? und erſt vier Wochen alt! Da müßt ihr aber ſelber greifen, Baſe, ſonſt habt ihr keinen Begriff.“ Mit dieſen Worten langte Joggi nach Frau Lämmli's Arm, um ihr die Hand zu führen, damit ſie ſich doch ſelber von der Vortrefflichkeit ſeiner Manier, Kälber zu mäſten, überzeuge. Aber mit dem Schreckensruf„Pfituſig!“ zog die Baſe den Arm mit dem ſchönen weißen Spitzen⸗ manſchettchen zurück und retirierte möglichſt ſchnell der Stalls⸗ thüre zu. Aergerlich, daß ſein Beſtes ſo mißachtet wurde, trampte ihr der Bauer nach:„Er merke wohl, die Baſe halte ihm auf dem Allem keinen Pfifferling; er hätte bedenken ſollen, daß man Stadtleute nicht in den Stall führen dürfe; das ſchmöcke nicht wohl und ſei gar unproper. Es ſei höchſtens gut genug, daß ſo ein grober Bauer ſeine Freude daran haben möge... Während der Vater mit der Baſe die Stallviſite machte, ging Liſeli zu ſehen, was im Garten ſeine Mayen lebten. Das war eine ſo helle Pracht, wie Alles grünte und blühte, daß 11 das Meitſchi darob aus Luſt und Freude die Hände zuſammen⸗ ſchlug. Von den gelben und rothen Tulipanen hüpfte es zu den duftenden Pfingſtnelken, vom Schneeballenſtrauch zu den Roſenſtöcken, wo bereits da und dort ein zartes rothes Knösp⸗ chen ſeine grüne Hülle geſprengt hatte. Und Baſelnägeli und Reſeda, welche es vor ſeiner Abreiſe nach der Stadt geſäet? Das kroch bürſtendick und grün wie Schnittlauch zum Boden heraus. Hat aber auch das Lungi nicht vergeſſen die Dahlien⸗ wurzeln zu rechter Zeit zu ſetzen? Schau, ſie ſind ſchon fingers⸗ lang gewachſen.„Das haſt du gut gemacht, Lungi! Dafür habe ich dir aber auch aus der Stadt einen Kram gebracht.“ Und unter der Schürze hervor zog Liſeli ein ſeidenes Tuch, wie ſie die hoffährtigen Bauernjungfern über die Ohren zu binden pflegen. Das ſtehe ihm gewiß gut zu ſeinen rothen Backen.„Das wolle es bigoſt meinen, rief das erfreute Lungi. Roth, blau und gelb gehe b'ſunderbar gut zu ſeinem Geſicht.“ Liſeli mußte ihm das Tuch ſogleich umbinden und unter dem Kinn etwas auf der linken Seite eine ſchöne große Maſche machen.„Was haſt da am Finger für ein goldenes Ring⸗ lein?“ Aber Liſeli fuhr raſch mit der Hand unter das Für⸗ tuch und wurde feuerroth.„Darfſt es mir wohl ſagen, wenn du einen Schatz haſt.“„Ach was! Das hat mir die Baſe geſchenkt“, gab Liſeli zum Beſcheid und lief auf und davon hinter das Haus.„Es müſſe doch nachſehen, was ſein weißes Tſchuphuhn mache.“—„Lauf nur! Dir ſteckt ein Tſchuphuhn aus der Stadt im Gringli. Aber ſagſt du mir nichts, ſo ſag ich dir auch nichts.“ Und brummend verfügte ſich Lungi wieder in die Küche. Unterdeſſen hatte ſich Baſe Lämmli von dem Schrecken wieder erholt, der über ſie gekommen war, als ſie das vier⸗ wöchige Milchkalb hätte greifen ſollen. Es war ihr ſogar faſt leid, nicht gegriffen zu haben, ungeachtet der weißen Spitzen⸗ manſchettli.„Der Vetter Jakob ſolle es ihr ja doch nicht nachtragen, daß ſie im Stall ſo dumm gemacht habe. Sie ſei 12 eben nur ein einfältiges Weibsbild, und in der Stadt lerne man nicht mit der Viehwaare umgehen; wenn ſie aber mehr um den Vetter Jakob geweſen wäre, ſo würde ſie ſich gewiß viel beſſer darauf verſtehen. Da ſtecke eben der Fehler, daß man ſich zu wenig ſehe, trotz aller nahen Verwandtſchaft und guten Freundſchaft. Es werde aber hoffentlich ſchon noch beſſer kommen. Sie hätte übrigens noch etwas Wichtiges mit dem Vetter zu reden, und wenn der Vetter nichts dagegen habe, ſo wolle ſie von der Gelegenheit profitieren, dieweil man allein und ungeſtört ſei.“„Nur losgedrückt“, meinte Joggi. „Der Vetter wiſſe wohl, begann Frau Lämmli und ſpielte dazu mit den Fürtuchbändern,— ſie hätte in der Stadt ein ſchönes Gewerb und auch bereits ein Ordentliches zurückgelegt und dazu nur zwei Buben, der Ruedi und der Fritz.“—„Ob vielleicht der Lämmli übel krank ſei? So möchte er ſich beim Wittfraueli empfohlen haben“, neckte der Vetter.„Darum handle es ſich jetzt nicht, fuhr die Baſe fort, nachdem ſie Joggis Spaß mit einem ſanften Ellenbogenſtoß erwiedert hatte. Ihr Fritz ſei dann ganz beſonders ein artiger und ein geſchickter und ein braver. Er hätte ſchon die beſten Partheien machen kön⸗ nen in der Stadt.“„Das wäre ihm recht lieb, ſagte der Sommerhaldenbauer. Er möge es dem Vetter Fritz von Herzen gönnen.“„Der Fritz wolle aber von keiner Parthei mehr etwas wiſſen, ſeitdem er das Liſeli geſehen, und ſie glaube, das Liſeli ſehe den Fritz auch nicht ungern, und ſie müſſe bekennen, ſie hätte auch nichts dagegen, wenn der Fritz und das Liſeli ein Paar würden. Es komme alſo nur noch darauf an, was der Vetter Jakob von der Sache halte.“ Der Bauer nahm ſeine Ulmerpfeife aus dem Mund und legte ſie vor ſich hin auf den Tiſch.„Was er von der Sache halte, das wolle er jetzt grad herausſagen; die Baſe dürfe es ihm aber nicht für ungut nehmen. Schaut einmal, Baſe: Liſeli iſt mein einziges Kind. Die Sommerhalde darf nicht in fremde Hände kommen oder von einem Lehenmannli, dem man das Blut unter den 13 Nägeln hervordrückt, zu Grunde gerichtet werden. Liſeli muß einen Bauer zum Mann bekommen.“ Frau Lämmli war ob den erſten Worten des Vetters gewaltig erſchrocken; jetzt fiel wieder ein Sonnenblick auf ihr Geſicht.„Das iſt's eben, was mein Fritz werden will. Er hat zwar bis jetzt ſtudiert, da der Ruedeli, wie ihr wißt, im Laden hilft. Er ſagt aber, Doktoren gäbe es bald mehr als rothe Hunde und Fürſprecher mehr als Prozeſſe; ein Aemtliſchnapper möge er auch nicht werden— es thäten auf den magerſten Brocken allemal ſchon ein Dutzend hungriger Mäuler paſſen. Das Landleben gefalle ihm vor Allem; was er ſtudiert habe, werde ihm auch als Landwirth zugut kommen und nützlich ſein.“ Mit ſteigendem Mißfallen hatte Karlidürſen Joggi die Erklärung der Baſe angehört. „Wenn ſie fertig ſei, ſo wolle er auch noch ein Wort reden, aber ſein letztes. Er habe geſagt, das Liſeli müſſe einen Bauer zum Mann haben, und dieß ſei ſein Wunſch und Wille; aber lieber noch würde er es dem erſten beſten Federfuchſer aus der Stadt an den Hals werfen und die Sommerhalde einem ſiebenmal verganteten Lehenmannli unter die Finger kommen laſſen, als daß er ſich entſchließen könnte, ſeine Aecker und Matten einem Tochtermann zu hinterlaſſen, der das Bauern in den Büchern ſtudiert habe,— ſo einem Kerli, der vornehm mit der Brille auf der Naſe und der Cigarre im Maul über die Furchen wegſtolpere, aber noch nie keinen Pflug in den Händen hatte, weder je einen Zug mähte oder einen Flegel ſchwang, noch je eine Kuh gemolken oder ein Roß eingeſchirrt hat;— ſo einem der meine, bis jetzt habe keiner etwas ver⸗ ſtanden, die Bauern ſeien alle Ochſen und Eſel und es komme erſt gut, wenn man ſo miſte und ſo ſäe, wie es ein Profeſſor in Deutſchland erfunden, der ſeiner Lebtag noch keinen Miſt⸗ haufen von weitem geſehen hat, als etwa den auf ſeinem Schreibpult;— ſo einem der„pfituſig“ ſchreit, wenn er ein Kalb oder eine Kuh greifen ſoll. Nichts für ungut, Baſe, aber aus der Sache wird nichts. Meinetwegen ſollt ihr Dank 14 haben, für die Unköſten, in welche euch meine Tochter geſetzt hat, als ſie bei euch war; es ſoll nicht wieder geſchehen.“— Dieſer Tabak war der Baſe dann doch zu ſtark.„Es ſei nicht, daß es ſein müſſe. Ihr Fritz ſei auch nicht auf der Gaſſe gefunden worden, und es brauche nicht gerade Karlidürſen Joggi's Liſeli zu ſein. Es gäbe gottlob noch andere anſtän⸗ dige Mädchen zu Stadt und Land. Uebrigens wolle ſie nicht länger überläſtig ſein.“ So ſchied in Zorn und Unfrieden, was erſt noch ſo freundſchaftlich zuſammengekommen war.„Iſt das däwäg, meinte Lungi, welches an der Thürſpalte gelauſcht hatte. Eigentlich ſollte ich dem Liſeli nichts davon ſagen, weil es ſo heimlich that mit ſeinem Ring. Aber ſo ein wüſter Hung, der kein Erbarmen hat, iſt das Lungi dann doch noch nicht.“ Und ſtehenden Fußes ging es dem Mädchen das be⸗ horchte Geſpräch zu erzählen. Unterdeſſen war Baſe Lämmli in ihren Rumpelkaſten eingeſeſſen, ohne Abſchied abgefahren und kutſchierte unter vielfachen Verwünſchungen des Geſchlechts der Muttenſtüpfer im allgemeinen und Vetter Jakob's insbeſon⸗ dere mit ihrem halbblinden Schimmel der Stadt entgegen. Liſeli war ſonſt nicht minder frohen Gemüthes, als der Buchfinken einer, die an den ſchönen Märztagen von den Kirſch⸗ bäumen an der Sommerhalde ihre Lieder in die Lüfte ſchmet⸗ tern. Seit ſeiner Rückkehr aus der Stadt ließ es aber ordent⸗ lich den Kopf hangen und kam nicht ſelten mit verweinten Augen aus irgend einem heimlichen Winkel hervor. Vater Joggi nahm ſich dieß freilich zu Gemüthe, denn Liſeli war dem Aetti feſt genug ans Herz gewachſen. Aber er hatte ſeine eigenen Anſichten über Herzens⸗Angelegenheiten. Er glaubte nämlich, es verhalte ſich mit der Liebe ungefähr wie mit einem tüchtigen Pfnüſel oder mit den Gſüchti, man komme am beſten davon durch ſchwitzen; und an Gelegenheit ſolle es dem Liſeli gewiß nicht fehlen. Er wette ſeine ſchönſte Kuh im Stall gegen ein verlaustes Guſti, bevor man den Ha⸗ ber ſchneide, habe Liſeli die Dummheiten, welche man ihm 15 in der Stadt in den Kopf geſetzt, ſammt und ſonders wieder herausgeſchwitzt.— Liſeli mußte alſo fleißig mit den andern hinaus auf's Feld. Wenn es dann allemal mit dem Rechen oder der Haue auf der Schulter auszog, ſo hatte es freilich den Staat nicht an, den es aus der Stadt mitgebracht. Die Jüppe von blauem Merinos war mit einer rothen von Halb⸗ lein vertauſcht worden, das ſeidene Fürtuch mit einem von blau und weiß geſtrichtem Zwilch; der Tſchoppen ward be⸗ greiflich zu Haus gelaſſen und da ſchauten dann aus dem — 16 ſchwarzen Sammetmieder ein Paar kurze weiße Hemdsärmel und aus den Hemdsärmeln ein Paar runde, ſonnengebräunte Arme. Das Käppchen mit den himmelblauen Seidenbändern hatte ſchließlich einem breiten Strohhut Platz machen müſſen. Aber in dieſem Werktagsanzug war Liſeli um kein Haar häß⸗ licher, als in ſeinem ſchönſten Putze. Dieſer Anſicht war unter andern auch des Holzboden⸗ bauers Michel, der ſchon ſeit langeher ein Auge auf das Mäd⸗ chen geworfen hatte. Der vermaß ſich einmal beim kegeln, er wolle zum Liſeli an der Sommerhalde z'Kilt, und wäre der Ringgi noch einmal ſo biſſig und der Joggi noch einmal ſo pfiffig; worauf ſogar mit den Kameraden noch einige Maaß vom Beſſern gewettet wurden. Holzbodenbauers Michel war keineswegs von den min⸗ deren einer. Sein Vater hatte nicht weniger Roſſe im Stall 1 und Garben in der Scheuer, als der Sommerhaldenbauer; und was Michel ſelber anbetrifft, ſo ſtand derſelbe in bedeuten⸗ dem Rufe auf allen Jahrmärkten und an allen Kirchweihen. — Denn wem er mit ſeiner Pratze einen Wink gab, der ſpürte es nicht nur bis am andern Morgen, und wem er über den Tiſch herüber eine volle Maaßflaſche in's Geſicht warf, der that gut, den Scherer in Verding zu nehmen ſtatt an Tag⸗ lohn. Aber die Liebe betrieb er etwas groblächtig. Als er in einer finſtern Nacht der Sommerhalde zuſchlich, nahm er den Bäri mit; der werde dann dem Ringgi ſchon den Meiſter zeigen. Und als ſich die beiden Hunde hinter dem Hauſe herumbiſſen, nahm er den Augenblick wahr und ſchwang ſich auf die Holzbeige vor Liſeli's Fenſter. Mit dem gebräuch⸗ lichen„bst, bst, Schätzeli, mach auf!“ wurde die Werbung begonnen. Nichts ließ ſich hören.„Mach auf, du Donners⸗ meitſchi! S'iſt's Holzbodenbauers Michel.“ Noch Alles ſtill. „Läßſt mich nicht gutwillig ein, ſo ſchlage ich den Kreuzſtock zuſammen, du Sackermentsmoore!“ Aber bevor er noch mit dem letzten Kraftſpruch fertig war, ging das Fenſter auf— 17 das Mädchen ſtand drinnen— ein Sprung hinein und die Wette wäre gewonnen geweſen. Da kam aber, wie ein Blitz⸗ ſtrahl aus heiterem Himmel, eine Maulſchelle zum offenen Fenſter hinaus gefahren, wie der Michel noch niemals eine erlebt hatte, und bevor er ſich recht beſinnen konnte, lag er drei Schritte von der Holzbeige am Boden. Glücklicherweiſe blieb Alles ſtill, mit Ausnahme des Bäri und Ringgi, die noch 5 immer hinter dem Hauſe ſich balgten. Michel konnte alſo un⸗ bemerkt den Rückzug ergreifen, wobei er überlegte, daß er dem Meitſchi nie zugetraut hätte, eine ſo kräftige Hand zu führen, und daß es ein rechtes Gfell ſei, daß er ihm darüber gekom⸗ men, bevor er Ernſt gemacht. Es wäre doch unkomod, eine Frau mit einem ſo zügigen Arm zu haben. Des Holzboden⸗ bauers Michel hatte näͤmlich nicht gemerkt, daß er nicht etwa vom Liſeli, ſondern vom Lungi begrüßt worden ſei, welches Arme beſaß einem Emmenthaler Käſer zum Trotz und Waden wie ebenrechte Ankenkübel,— vom Lungi, von deſſen Tritten alle Kreuzſtöcke im ganzen Hauſe klirrten, wenn es leiſe die Treppe S hinauf ſchleichen wollte. Hätte der Beſuch der Meiſtermagd auf der Sommerhalde ſelber gegolten, Michel wäre wahr⸗ ſcheinlich weniger unfreundlich empfangen worden. Denn einem —— ——————ℳyVꝛ—ꝛ —— Lungi, das ſeine fünf Fuß fünf Zoll in der Länge und ſeine fünfviertel Ellen über den Rücken mißt, einem Lungi, welches 6 es im Rumpuſſen mit dem ſtämmigſten oberländer Schwinger 4 — aufgenommen hätte, wäre ein Holzbodenbauer trotz ſeiner Groblächtigkeit ein gefundenes Freſſen. Aber eben weil der Michel zu einer Andern wollte, ſo that Lungi deſto lieber, wie die Meiſterstochter es geheißen hatte. 4 Mit dieſem Freier war nun alſo gründlich gebrochen. 6 Dafür ſtellte ſich aber bald ein anderer ein, nämlich der Frie⸗ 3 densrichter ab dem Haberberg. Der Friedensrichter gehörte nicht mehr zu den jüngſten, im Gegentheil; auch war er kein „Chnab“ mehr, ſondern ein„Wittlig“; ferner ſah er nicht aus, wie Milch und Blut, ſondern ſeine Haut hatte die Farbe 2 einer ſeit vierzehn Tagen im Rauch hangenden Speckſeite. Der Friedensrichter ab dem Haberberg that deßhalb einen ſehr wohl überlegten Schritt, als er ſich zuerſt mit dem Vater ins Einverſtändniß zu ſetzen ſuchte, bevor er mit der Tochter an⸗ band. „Es dünkt mich“, fing einmal Joggi an, als er eines Abends auf der Bank neben der Stallthüre ſeine Pfeife rauchte und Liſeli neben ihm den Salat zum Nachteſſen rüſtete,—„es dünkt mich, es wäre jetzt bald Zeit für dich, an's Mannen zu denken.“„Es blange noch lange nicht“, war Liſeli's Antwort. „Man wiſſe, was ſolche Redensarten zu bedeuten hätten, meinte der Vater. Wenn ſich dann ein anſtändiger Hochzeiter herzulaſſe, ſo erfolge ganz anderer Beſcheid. Was ihn anbe⸗ lange, ſo wäre ihm ein Tochtermann, von dem man etwa er⸗ warten könne, daß er die Sommerhalde in Ehren halten würde, keineswegs zuwieder, ſo z. B. der Friedensrichter ab dem Haberberg.“„Was, Vater! der wüſteſt Gritti im ganzen Dorf?“„Frucht mache er, beſchwichtigte Joggi, die ſchwerſte, die nach Bern zu Markt geführt werde, und löſe ſtets vom Mütt einen Franken mehr als die Andern.“„Ein Kauz ſei er, wunderlicher nütze nichts; das wiſſe die ganze Gemeinde.“ ——— 19 „Aber auf den Kühhandel verſtehe ſich Keiner beſſer, und das ſei der„füülſt“, den es gebe.“„So ſolle er ſich eine Frau auf dem Kühmarkt erhandeln“,— verſetzte Liſeli ſchnippiſch. „Halte doch dein ſchlimmes Maul im Zaum, ermahnte der Vater, und bedenke, wie ſchön ſich der Haberberg zur Sommer⸗ halde ſchicken würde. Hätten einmal beide den gleichen Meiſter, es wäre der ſchönſte Hof nicht nur im Kanton, ſondern faſt im ganzen Schwizerländli. Das Herz im Leibe lache einem wenn man nur daran denke.“ Da legte Liſeli das Meſſer, womit es den Salat gerüſtet in den Schooß, ſtellte das Körb⸗ chen zu Boden, nahm den Vater bei beiden Händen und ſchaute ihn mit ſeinen blauen Augen herzhaft an:„So weiſt' was, Aetti! Laſſe das Hochzeit zwiſchen dem Haberberg und der Sommerhalde mira verkünden, ſo bald du willſt, wenn ſie ſich ſo wohl zuſammen ſchicken; nur laß mich dabei aus dem Spiele, denn ich ſchicke mich nicht zum Friedensrichter. Wegen meiner brauchſt dann keinen Kummer mehr zu haben, denn ich gehe in die Stadt und werde Kloſterfrau. Jetzt weiſt's, Aetti.“— Und nahm den Salat ins Fürtuch, ging ohne ein weiteres Wort von dannen und ließ den Joggi in ſchweren Gedanken über der Kinder Ungehorſam und die Vortheile einer Union zwiſchen der Sommerhalde und dem Haberberg auf dem Stallbänklein ſitzen. 7 Noch ſaß er da, als ſchon der Abendſtern über dem Leber⸗ berg ſchimmerte; da kam durch das Zwielicht ein Bürſchlein daher, geradewegs auf Joggi los.„Ob er wohl hier am rechten Ort ſei? Er ſuche Arbeit und möchte auf der Som⸗ merhalde als Knecht dingen.“ Joggi war nicht in der Laune, freundlichen Beſcheid zu geben; er warf kaum einen Blick auf den Geſellen, der doch noch ſauber genug ausſah, in ſo weit als der Reſt von Tageshelle zu ſehen erlaubte,— denn ſein blaues Burgunderhemd ſchien nagelneu und an den Zwilch⸗ hoſen führte er keineswegs eine vollſtändige Muſterkarte von Wagenſchmiere nach, wie es bei dieſem und jenem, der dazu 20 noch glaubt, er ſei ein gewichster Kerl, Mode ſein ſoll. Nichts⸗ deſtoweniger war des Bauers Stimme bei der Frage:„was kannſt?“ allweg noch ſchnauzig genug.„Nicht viel, war die Antwort; deſto beſſer ſollt ihr aber meinen Willen finden, et⸗ was zu lernen.“— Dieſen Beſcheid hatte Joggi von einem Knecht der Arbeit ſuchte, noch niemals erhalten. Sonſt hieß es allemal: im Mähen mag mich Keiner— im Pflughalten will ich's mit jedem aufnehmen— im Dreſchen bin ich der für⸗ nehmſte weit und breit— auf die Roſſe verſtehe ſich nicht leicht Einer, wie ich— was dann das Melken betrifft, ſo bring ich von jeder Kuh wenigſtens einen halben Kübel mehr heraus als jeder Andre. Die unverhoffte Antwort ſtellte den Joggi, er hieß alſo das Bürſchlein nicht ohne weiters ſich zum Teufel ſcheeren, ſondern ließ ſich wundershalb weiter mit ihm ein. „Je minder du kannſt, deſto größeren Lohn wirſt du wollen?“ „Auf großen Lohn komme es ihm gerade nicht an; es ſei ihm mehr darum zu thun, ſeiner Zeit einmal ſagen zu können, er ſei beim Sommerhaldenbauer mit Ehren Knecht geweſen. Das verſchaffe einem einen guten Namen.“— Solche Worte gingen Karlidürſen Joggi wie Honig ein und er beſchloß, es mit dem Bürſchlein auf ein Paar Wochen zu probiren. Als Lungi jetzt zum Eſſen rief, ſo hieß er alſo das neue Knechtlein ebenfalls hinein kommen; er könne am Tiſch unten an ſitzen und dann Nachts beim Ackerbuben liegen. Liſeli kam nicht zum Eſſen. Es habe Kopfweh und ſei zu Bett. Auf dieſe Nachricht be⸗ ſchloß der Vater, vorläufig des Friedensrichters ab dem Haber⸗ berg nicht mehr zu erwähnen, bis Liſeli ſeine Liebe noch beſſer herausgeſchwitzt habe; er wolle noch ſtreuger darauf ſchauen, daß das Meitſchi weniger im Stübli hocken bleibe und mehr mit den Werkleuten auf's Feld hinaus gehe. So zog denn Liſeli Tag für Tag mit Karſt, Haue oder Rechen aus, und Joggi's Schwitzkur ſchien ſich auf's beſte zu erproben. Denn von Tag zu Tag wurden Liſeli's Backen röther und ſeine Grübchen tiefer und ſeine Augen glänzender, 21 und daß letztere noch dann und wann roth und verweint aus⸗ geſehen hätten, davon war ſchon längſt keine Rede mehr. Unterdeſſen lebte auch Joggi beſonders wohl und zwar an ſeinem neuen Knechtlein. Er ſagte zu jedem, der es hören wollte:„Er habe noch niemals einen Knecht angeſtellt, der weniger gekonnt, als der Seppli. Dieß ſei aber gerade das beſte an ihm. Die andern wären darauf verſeſſen geweſen, ihre Manier den Pflug, die Segeſſe oder den Flegel in die Hand zu nehmen für die allerführnehmſte zu halten und mit Schlegel und Weggen hätte man es nicht aus ihnen heraus⸗ gebracht, wenn es auch noch ſo dumm geweſen ſei. Der Seppli habe zwar anfangs nicht einmal recht gewußt, ob man das Futterfaß hinten oder vorn anhänge; er mache aber, wie man ihn heiße und einmal geſagt, ſei genug. Er wolle einen Fünf⸗ liber gegen einen Neuenburger⸗Halbbatzen wetten, der Seppli gäbe einmal einen Meiſterknecht ab, man finde weit und breit keinen beſſern, und wenn er ſo viel Gfell habe als Schick, ſo bringe er es noch weiter. Wer das gedacht hätte, der die elenden, dünnen, weißen Nähjerenhände geſehen, die der Seppli mitgebracht! die ſahen jetzt aber auch ſchon um ein namhaf⸗ tes beſſer aus, braun, rauh und knublig, daß es eine Freude ſei.“— Uebrigens war der Bauer nicht der einzige, welcher an Seppli Gefallen fand. Auch Lungi, die Meiſtermagd auf der Sommerhalde, hatte ein günſtiges Auge auf ihn geworfen. Kaum war Seppli vom Felde heimgekehrt, ſo hieß es,„Seppli, hilf mir auf“, oder„Seppli, trag mir die Säumälchtere“, oder„Seppli, bring mir ein Aerveli Holz in die Küche.“ Und wenn Seppli das Holz in die Küche gebracht hatte, ſo hörte man dann bald Lungi's holde Stimme ſchäckernd und lachend ertönen und zwar ſo laut, daß darob faſt gar die Teller ab dem Geſchirrſchaft herunterfielen. Lungi's Zuneigung war freilich in eine etwas derbe Hülle gekleidet und ſeine Schmeichelworte nicht immer von den zarteſten.„Du Donners⸗ —— 2²2 bub, heſch mer nume drü Chnebeli möge bringe! Biſch z'fuul g'ſi? oder heſch nid meh möge g'arvle? Biſch doch z'leidiſt Bürſchli! Ig wett's mit drei ſöllige unders mal ufnäh, wenn ig nid müeßt förchte, ſi z'Mitz abenangere z'verheie. Oder wei mer's probire, mitenangere z'rumpuſſe?“— War's um's Holz tragen, oder um's Aufhelfen, oder um die Säumälchter zu thun, ſo ſagte Seppli niemals nein; aber in's Rumpuſſen mochte er ſich nicht einlaſſen. Wenn er nach dem Nachteſſen beim Kochherd ſein Pfeifchen anzündete, ſo hatte ihm Lungi ſchon mehr denn einmal halblaut zugeflüſtert:„Sei doch nicht ſo dumm! Du biſt afe wohl groß, für ſo ſchüch z'ſi.“ Dann that er aber, als ob er's nicht verſtehe und ging hinauf in den Gaden und legte ſich zum Ackerbuben. Den hatte er aber darauf dreſſiert, wenigſtens dreimal wöchentlich im Bache Haupt⸗ waſche zu halten. Auf die Erndte hatte ſich Lungi ſchon längſt gefreut. Da wollte es dann dem Seppli ſein Schnittermeitſchi ſein. Karli⸗ dürſen Joggi hielt nämlich ſehr viel darauf, Alles ſo zu machen, wie es ſchon zu Vaters und Großvaters Zeiten Brauch ge⸗ weſen. Deßhalb war es auf der Sommerhalde noch nicht ein⸗ geführt, das Korn mit der Senſe zu mähen, ſondern es wurde noch die Sichel in Ehren gehalten und das Getreide geſchnitten, wie man vor Alters gethan. In langer Reihe ſtellten ſich die Schnitter auf als erſtes Glied der Schlachtordnung, das zweite Glied bildeten die Mädchen, eines ſchräg hinter jedem Schnitter, deren Aufgabe es war, den ſchmalen Streifen zu ſchneiden, der allemal zwiſchen zwei Schnittern ſtehen blieb. Wurden die Garben gebunden, ſo trug jedes Mädchen ſeinem Knaben die zu Büſcheln aufgehäuften Halme zu. Feierabends zog man dann Paarweiſe vom Felde nach Hauſe, was niemals ohne Jubel, Geſang, Schäkern und andre Kurzweil abging. Es war alſo von Lungi keineswegs übel ſpekulirt, als es ſich vor⸗ nahm, Seppli's Schnittermeitſchi zu ſein. In dieſer Abſicht machte es ſich, als es gegen die Erndte ging, ungefähr mit 23 folgender Rede an Joggi:„Es würde ſich jedenfalls nicht ſchicken, daß Liſeli dem erſten beſten Schmutzgüggel aus dem Entlibuch die Büſchel zutrage. Deßhalb wolle es für dießmal lieber ſelber in die Erndte und Liſeli könne dann die Haus⸗ geſchäfte beſorgen und kochen.“ Der Sommerhaldenbauer durch⸗ kreuzte jedoch unvermuthet dieſe Pläne.„Das ſeien Flauſen wegen dem Schicken und Nichtſchicken. Auf dem Felde ſei gerade der ſchicklichſte Platz für Karlidürſen Joggi's Liſeli. Zudem habe das Schwitzen dem Meitſchi ſo wohl zugeſchlagen, daß es eine Sünde wäre, wenn man es die gute Gelegenheit während der Erndte nicht noch profitieren ließe. Mit jedem Schmutzgüggel aus dem Entlibuch möchte er es zwar auch nicht laufen laſſen, man habe Beiſpiele von Exempeln, daß man Läuſe oder gar noch Aergeres von ihnen aufgeleſen habe. Das Liſeli ſolle mit dem Seppli gehen, der ſei ein ſauberes und manierliches Bürſchchen. Lungi aber habe zu Hauſe zu bleiben und für die Schweine und die Leute zu kochen.“ Was half's da dem Lungi die Kannen und Pfannen in der Küche herumzuſchmeißen, daß es klirrte und klingelte, man hätte glauben mögen, es ziehe ein Sennthum am Haus vor⸗ bei? Was half es ihm, daß es in Zorn und Aerger oft kochte, man wußte nicht, ob es den Säuen und den Leuten aus dem gleichen Hafen angerichtet? Was Karlidürſen Joggi ſagte, war geſagt, und es blieb dabei. Tag für Tag zog alſo Liſeli hinaus auf's Feld, von je⸗ nem Morgen, die man die erſte Hand voll Roggen ſchnitt, bis zu jenem Abend, da man die letzte Waizengarbe auf den Wagen lud. Und Abend für Abend, wenn die Schnitterleute paarweiſe ſingend und johlend nach Hauſe kehrten, ging Liſeli voraus, und neben ihm Seppli, Karlidürſen Joggi's erklärter Günſt⸗ ling, der ſchmuck und ſtattlich genug ausſah in den ſauberen Zwilchhoſen, dem weißen Hemde— eine Weſte iſt in der Erndte ein unbrauchbares Ding— und dem breiten Strohhut, der keck auf dem Ohr getragen wurde. —— 24 Endlich kam der große Tag der Sichellöſe, der Tag, an welchem der Bauer nach vollbrachter Sommerarbeit ſeinen Werkleuten eine Freude gönnen muß, wenn er kein Rappen⸗ ſpalter und Linſenzähler heißen will ſein Leben lang. Auf dieſen Tag freuen ſich aber auch die Werkleute vom größten zum kleinſten, er macht ihnen Muth in Wind und Wetter und Sonnenbrand und läßt ſie willig Mühen und Strapatzen er⸗ tragen; denn dieſer Tag eröffnet auch dem Aermſten die Aus⸗ ſicht, doch wenigſtens einmal des Jahrs in Hülle und Fülle zu ſchwimmen und vom Beſten genug bis zum Ueberfluß zu haben.— Aber für die Bäurin oder, in deren Ermanglung, für die Meiſtermagd, iſt es ein Tag der ſtrengſten, mühevollſten Ar⸗ beit. Denn ihr liegt es ob, dafür zu ſorgen, daß der Tiſch nie mit leeren Schüſſeln beſetzt ſei. Schwere Laſten von Fleiſch ſind zu braten, hohe Haufen von Gemüſe zu kochen, ganze Bütten voll Salat ſind zu rüſten und ganze Berge von Küch⸗ lein aller Art müſſen gebacken werden. Würde die ſpendende Hand ermüden oder der Ankenhafen ſich erſchöpfen, ſo lange der letzte Ackerbube noch im Stande iſt, einen Biſſen herunter zu würgen, Ruf und Name des Hauſes wäre für immer und ewig dahin. Triefend von Schweiß und zerlaſſener Butter ſtürmte Lungi in der Küche herum, in welcher, die angenehme Küh⸗ lung der Hundstage zu vermehren, ein Höllenfeuer brannte. Gegen die ihm obliegende Arbeit hätte es eigentlich nicht viel einzuwenden gehabt; denn ihm war nie behaglicher, als wenn es ſo zu ſagen bis über die Knie und Ellenbogen in Mehl, Butter und Eiern herum wadten und kneten konnte,— es war nie beſſern Muthes, als wenn es einen recht guten Vor⸗ wand hatte, wie ein Rheinbube zu fluchen und zu zanken. Heute ging ihm aber weder Donnerwetter noch Sakerment ſo recht von Herzen. Was Lungi wurmte, war, daß Seppli den geküchelten Meyen, welchen altem Brauch gemäß jedes Schnitter⸗ —QO———ꝑ——́ͤ; 25 mädchen ſeinem Knaben an dieſem Tag zu ſchenken hat, von einer Andern erhalten ſollte. Um dieſes Herzeleid kümmerten ſich jedoch die Gäſte, für welche Lungi kochte und ſchwitzte, nicht im geringſten. Ein Heuſtock, der ſchlecht liegt, iſt zwar bald verfüttert, wenn ſich ein Dutzend Erlenbacherkühe daran machen; doch bedarfs immer noch ein Paar Wochen Zeit dazu. Wenn ſich aber hungrige Schnitterleute an einen noch ſo wohl beſetzten Tiſch machen, ſo genügen wenige Minuten, die höch⸗ ſten Berge von Speck und Bohnen, von grünem und dürrem Fleiſch, von Strübli und Hirzehörnli dem Boden eben zu machen, beſonders, wenn Entlibucher dabei ſind. Aber mit Ausdauer und Beharrlichkeit läßt ſich jedes Werk zu Ende füh⸗ ren, ſogar das Füllen des Magens eines Entlibucher⸗Schnit⸗ ters, was jedoch nicht buchſtäblich zu verſtehen iſt, denn wenn zuletzt auch keine Speiſen mehr hineingehen, ſo iſt doch noch immer Platz genug da, um Getränke nachgießen zu können. Den Joggi reute aber an dieſem Tage weder Speiſe noch Trank. Er mochte die Freude ſeinen Werkleuten von Herzen gönnen und je lauter und je luſtiger es an ſeiner Sichellöſe herging, je mehr gegeſſen und getrunken wurde, deſto lieber war es ihm. Denn ſchon Vater und Großvater hätten ge⸗ ſagt, das bringe Glück in's Haus. Als endlich die Mäuler nicht mehr ausſchließlich als Tennsthore zum Einführen von Fleiſch⸗, Küchli⸗ und andern Fudern benutzt wurden, fing man zu ſingen an: „Im Aärgäu ſind zwöu Liäbi, Die hätten-en-angere gärn-gärn-gärn!“ Und als dieß ſchöne neue Lied zu Ende war, zog zuletzt gar Einer ein Klarinet hervor. Spielt Einer einen Tanz auf, ſo fragt das junge Volk wenig danach, ob man in den Hunds⸗ tagen oder in der Faſtnacht ſei. Wenn gleich ihm in der nie⸗ dern, dumpfen Stube ſchon hinter dem Tiſch der Schweiß über die glänzenden Backen trof, ſo mußte dennoch getanzt werden. —————— 4 — — 26 Bald flogen die rothen und die blauen Jüpplein und klapper⸗ ten die genagelten Schuhe, daß es eine helle Freude war. Vor dem Johlen, dem Stampfen und dem Klirren der Gläſer und Scheiben vermochte Keiner mehr, ſein eigen Wort zu verſtehen. Auf der„Kunſt“ ſaß mitten im ärgſten Lärm Karlidürſen Joggi und rauchte vergnügt und nichts Schlimmes ahnend ſei⸗ nen ſilberbeſchlagenen Ulmerkopf. Draußen hinter dem Haus aber war es der Anfang einer ſtillen, hellen Sommernacht. Hoch über den Schneebergen ſtand der Mond und über dem Leberberg verglimmte nach und nach der letzte Schein des Abendroths. Auf den Matten und Stoppeläckern rings umher lag die milde Abendluft; von jedem Halm, unter jedem Blättchen hervor ſchwirrten und zirpten tauſend und aber tauſend kleine Sänger und Pfeifer. Da⸗ zwiſchen ließ ſich aus der Ferne hie und da das Jauchzen heimkehrender verſpäteter Schnitterleute hören; hie und da drang von der Stube her ein ſchriller Pfiff der Klarinete. Hinter dem Hauſe lag ſchon ſeit vielen Jahren her ein gefäll⸗ ter Eichenſtamm; dicht neben demſelben war eine Hollunder⸗ ſtaude aufgewachſen und breitete, groß geworden, ihre Aeſte und Dolden darüber aus. Auf dem Eichſtamm unter dem Hollunderbuſch ſaßen Seppli und Liſeli beieinander. In der rechten Hand hielt Seppli das Liſeli um den Leib; in ſeiner Linken ruhten Liſeli's beide Hände. Ringgi, der von der Sichel⸗ löſe ebenfalls ſeinen reichlichen Theil erhalten, hatte den Kopf auf Liſeli's Schooß gelegt und blickte das Mädchen verwundert und fragend an. Von Zeit zu Zeit ſtieß er mit der kalten feuchten Schnauze an deſſen Arm; aber umſonſt. Liſeli war ſo ſehr in ſein Geſpräch mit Seppli vertieft, daß es des alten Freundes nicht achtete, der ſo gern ein freundliches Wort oder ein ſchmeichelndes Streicheln gehabt hätte. So kam es, daß auch das Lungi nicht bemerkt wurde, welches in bloßen Strümpfen um das Haus geſchlichen kam. Als das Päärchen von ihm erſpäht worden war, ballte es drohend die Fauſt und 27 zog ſich eilig wieder aus dem Mondſchein in den Schatten zurück. 5 S N 6 Es hatte ſich nämlich begeben, daß Lungi nach vollbrach⸗ ter ſaurer Tagesarbeit ſich das Vergnügen hatte gönnen wollen mit dem Seppli einen Tanz zu machen. Es hatte alſo einige Brämi am Geſicht beſeitigt, die fettglänzenden Hände am Für⸗ tuch abgewiſcht und war von der Küche in die Stube hinein⸗ gegangen, wo es jedoch zu ſeinem großen Schrecken und Zorn weder das Knechtlein noch des Meiſters Tochter zu erblicken vermochte. Da loderte die Eiferſucht ſo plötzlich und heftig in ihm auf, wie wenn die Flamme in einen Hafen voll zer⸗ 28 laſſener Butter fährt. Von derſelben getrieben nahm es die Schuhe in die Hand und begann ſeine Entdeckungsrunde um das Haus darum.— Karlidürſen Joggi's vergnügtes Weilen auf der Ofenbank war nun auch nicht mehr von langer Dauer. Lungi kam wie eine angeſchoſſene Wildſau auf ihn los.„Was er da hocke, gaffe und am Lulli ſugge? Er ſolle lieber hinter's Haus und nachſehen, was es dort Neues gebe. Er werde ſich darob verwundern. Es ſelber aber habe ſchon längſt ver⸗ muthet, daß es ſo kommen werde. Hätte man das Liſeli in die Küche gemuſtert und das Lungi in die Erndte geſchickt, ſo wäre es ganz anders gegangen. Dem Meitſchi wäre nie ein⸗ gefallen, Andern wegzufiſchen, was ihnen von Rechtswegen gehörte. Jetzt habe aber Joggi den Dreck und es geſchehe ihm auf die Naſe recht,— warum habe er auf das Lungi nicht hören wollen!“ Ein Glück war's, daß ſo laut klarinetet, gejohlt und geſtampft wurde, ſonſt hätte von allen Gäſten, bis zum Ackerbuben herab, keiner keine Silbe von dieſer Rede verloren, welche Lungi dem Bauer auf der Ofenbank in die Ohren trompetete. So aber verſtand Joggi ſelbſt nur ſo viel davon, daß er ſich bewogen fand, hinter dem Hauſe nachzu⸗ ſehen, was es denn eigentlich gebe. Das war bald erkundet, dann aber wurde kurzer Prozeß gemacht. Das Liſeli jagte er in ſein Stüblein zu Bett, dem Seppli that er kund und zu wiſſen, daß er von morgen an einen andern Meiſter ſuchen könne, und fügte dann noch folgende gute Lehre bei:„die Bauerntöchter wüchſen nicht nur ſo an den Häägen wie die Schlehenbeeren, beſonders jene, welche des Vaters Hof erben könnten. Das ſchiene ihm kummlich, wenn man die Sommer⸗ halde nur ſo an einem kühlen Abend verſtohlener Weiſe er⸗ ſchätzelen könnte. Seppli ſolle zu Gemüthe führen, wer er eigentlich ſei, ein hergelaufenes Knechtlein, von welchem man nicht einmal recht wiſſe, hinter welchem Haag es eigentlich gefunden worden. Gleich und gleich ſchicke ſich gut zuſammen. So ſei es ſchon zu Vaters und Großvaters Zeiten Brauch 29 geweſen, und ſo lange er zu befehlen habe, müſſe es auf der Sommerhalde ſo ſein und ſo bleiben.“ Des andern Tages wurde geſagt, Seppli habe den Ab⸗ ſchied erhalten, weil die Sommerwerke nun beendet ſeien. Im Hauſe herum ſurrte Lungi, wie eine eingeſperrte Hummel und war in der Laune, den Beſenſtumpen, womit es ſonſt die Schweine wuſch, der ganzen Menſchheit um die Köpfe herum⸗ zuſchlagen. Liſeli ließ freilich das Köpfchen hangen, hatte aber keineswegs ſo rothgeweinte Augen, als man hätte glauben mögen; es ging hinter das Haus und ſetzte ſich auf den Eich⸗ ſtamm unter die Hollunderſtaude, wo ihm der Ringgi ſtumme Geſellſchaft leiſtete. Seppli beſorgte ohne viele Worte noch ſeine letzten Geſchäfte in Stall und Scheuer. Was dann den Joggi anbetrifft, ſo ſtopfte ſich derſelbe unmuthig ſeinen Ulmer⸗ kopf, klapperte unmuthig um das Haus herum, wich, wo er konnte, unmuthig dem abgedankten Knechtlein aus und wo er ging und ſtand, wollte es ihn bedünken, es fehle ihm etwas, und wenn er ſich dann beſann, was? ſo ſchien es ihm, es ſei der Seppli.„Wahr bleibe wahr und jedem gehöre das Seine. Ein anſchicklicheres Bürſchlein werde ſchwerlich je wieder auf der Sommerhalde dingen. Hätte der Seppli nur das Liſeli gehen laſſen und ſich mit dem Lungi begnügt, wie es eigent⸗ lich Brauch und Recht geweſen und es ſchon zu Vaters und Großvaters Zeiten vorgekommen ſei, daß der Knecht zur Magd gegangen, wogegen niemand nichts zu ſagen gehabt. Aber leider werde die Welt immer ſchlimmer und Alles wolle oben hinaus; die Knechte gingen zur Meiſterstochter und jeder Lump meine, er könne Rathsherr oder gar Landammann werden. Mira, ſchloß Joggi ſeine Betrachtung, werde Landammann wer will, aber auf der Sommerhalde iſt Karlidürſen Joggi Meiſter. Hat Liſeli den Fritz hinausgeſchwitzt, ſo kann es den Seppli auch hinausſchwitzen. Zuletzt nimmt es dann doch den Friedensrichter ab dem Haberberg. Juſt als der Sommerhaldenbauer mit dieſer innerlichen 30 Rede fertig war, gab der Ringgi Laut und man hörte ein Fuhrwerk den Rain hinauffahren. Als Joggi nachſah, erkannte er ſchon von weitem Baſe Lämmli's halbblinden Schimmel, grasgrünen Rumpelkaſten und kirſchrothen Vorſtecker.„Ob der Deurxel dieſe Blättere auch noch herführen müſſe? Dieß fehle noch zum andern Chyb und Verdruß.“ Aber ein ächter Bauer weiß in jeder Lage den ſchicklichen Brauch und Anſtand zu beobachten und ſeine Laune im Zaume zu halten, manchmal noch beſſer als der pfiffigſte Diplomat. Joggi hieß alſo die Baſe„Gottwilche“, führte den Schimmel in den Stall, und lud den Gaſt ein, in die Stube zu kommen. Hier wurde der Baſe ein Gläschen ſüßen angemachten Schnappſes vorgeſetzt und erſt nachdem ſie gehörig zum Zulangen genöthigt worden war, fand es Joggi am Platz, die ziemlich trockene Frage vor⸗ zulegen:„womit er ſeinem unerwarteten Beſuche behülflich ſein könne?“ „Sie wäre eigentlich wegen dem Liſeli noch einmal ge⸗ kommen, gab die Baſe Beſcheid. Es thäte ihr ſchier leid, den Vetter Jakob ferner zu bemühen, aber ihr Fritz laſſe ihr weder bei Tag noch bei Nacht keine Ruhe. Er habe im Lauf des Sommers die Bauernhandtierung beſtmöglichſt zu lernen geſucht und es wäre ihm keineswegs zuwider, vor dem Vetter ein Examen abzulegen. Vielleicht daß der Vetter ſich dann anders beſinne und günſtigeren Beſcheid ertheile.“ Hätte Frau Lämmli nicht auf ihre Fürtuchbändel hinunter, ſondern dem Bauer ins Geſicht geſchaut, ſo wäre ihr das ſpöttiſche Lächeln nicht ent⸗ gangen, das einen Augenblick um den Mundſpitz ſeiner Ulmer⸗ pfeife ſpielte, ſich jedoch alſobald wieder hinter einer mächtigen Rauchwolke verbarg.„Er halte dafür, lautete ſeine Antwort, das Bauerngewerb könne nicht zwiſchen Pfingſten und Michels⸗ tag gelernt werden, ſondern man müſſe an jenem Tag anfan⸗ gen, wo man in die erſten Hoſen ſchlüpfe; und das Examen laſſe ſich ſeines Erachtens auch nicht nur ſo an einem Sonntag Nachmittag abſpielen, etwa wie wenn man aus der Chriſten⸗ 31 lehre b'hört werde, ſondern man müſſe mit Senſe und Flegel in Feld und Tenn und an einer einzigen Frage habe man zu ſchwitzen von früh, wenn der Güggel zum erſtenmal ſchreie bis Nachts nach Betenläuten. Im Uebrigen dann bleibe es beim früheren Beſcheid.“ Die Baſe ſchwenkte den geſalznen Biſſen mit einem Schluck aus ihrem Gläschen hinunter und entgegnete dann:„wenn es ſich nicht um das Glück der Kin⸗ der handeln würde, ſie hätte ſchon am erſten Korb genug ge⸗ habt; nun laſſe ſie ſich aber nicht ſo leicht abſchüſſeln. Wolle jedoch Vetter Jakob durchaus nichts von ihrem Fritz wiſſen, ſo möge er es demſelben mira ſelber ſagen. Sie wolle ihn mit Erlaubniß hereinrufen, er werde wohl nicht weit abweg ſein.“ „Die Sackerments Zäggen!“ fluchte Joggi, als er einen Augenblick allein war; da kam der Seppli unter die Thüre. „Was willſt? was haſt du hier zu ſuchen? Kann dir jetzt nicht Beſcheid geben; marſch hinaus!“— fuhr der Bauer das Knecht⸗ lein an, das im Sonntagsſtaat, den Strohhut in der Hand in die Stube getreten war. Aber Seppli blieb ſtehen und hinter ihm erſchien Baſe Lämmli und hinter Baſe Lämmli das Liſeli, roth bis in die Haare, aber um das Mäulchen ſpielte ihm ein ſchalkhaftes Lächeln.„Mit Erlaubniß, Vetter Jakob, — ergriff jetzt Frau Lämmli das Wort— ich glaube, ihr ſeht nicht recht und müßt den Spiegel aufſetzen. Das iſt nicht Seppli, der vor euch ſteht, ſondern mein Sohn Fritz.“„Hab' ich mein Examen nicht wohl beſtanden, Meiſter? frug dieſer lachend. Hab' ich's nicht gemacht, die Senſe und den Flegel in der Hand? Hab' ich nicht daran geſchwitzt vom frühen Morgen, da der Güggel zum erſtenmal krähte, bis Abends nach Betenläuten?— Hoffentlich rechnet ihr mich nicht mehr zu denen, welche die Brille auf der Naſe und die Cigarre im Maul über die Furchen ſtolpern. Was ich von der Bauern⸗ handtierung verſtehe, wißt ihr wohl, habe ich nicht aus dem Buche eines deutſchen Profeſſors gelernt, der ſeiner Lebtag noch ——— 32 keinen Miſthaufen geſehen hat, ſondern vom Sommerhalden⸗ bauer ſelber, der tagtäglich einen der größten vor Augen hat.“— So was war dem Joggi noch nie vorgekommen. Es brauchte eine gute Weile, bis er das unerwartete des Falls in ſeinem Kopfe einigermaßen geordnet und verwerchet hatte. Dann ſagte er:„Baſe und Kinder! ihr wollt mich überrumpeln. Das laſſe ich aber nicht gelten und weder Vater noch Groß⸗ vater haben ſich je überrumpeln laſſen, ſondern ſich allemal Alles gehörig überlegt und bedacht. Kommt meinetwegen in acht Tagen und fragt dann wieder nach.“ Acht Tage lang ging nun Joggi dem Pfluge nach und zog Strauchfurchen auf ſeinen Stoppeläckern. Da hatte er Zeit und Gelegenheit genug, ſich die Sache zu überlegen. Der Fritz oder Seppli gefiel ihm gut genug. Er hätte nicht ge⸗ glaubt, meinte er, daß aus einem Städtler noch ſo etwas Rechtes werden könnte. Und während den acht Tagen wollte es ihn mehr als hundertmal bedünken, er könne das Bürſchlein faſt nicht entmangeln. Aber der Friedensrichter mit dem Haber⸗ berg! Ein Haberberg von achtzig Jucharten wiegt ſehr ſchwer auf der Wagſchaale eines Joggi, Scheuer und Stock, Schiff und Geſchirr, Roß und Rind nicht einmal mitgerechnet. Die Baſe wußte aber auch da ein gutes Mittel, dem Vetter Jakob über dieſes Bedenken wegzuhelfen. Sie gab nämlich am andern Sonntag ihrem Fritz einen in aller Form ausgefertigten Kauf⸗ vertrag in die Taſche, laut welchem der Haberberg nicht mehr dem Friedensrichter, ſondern dem Fritz Lämmli gehörte, wofür erſterer bereits in baaren harten Fünflibern ausgewieſen worden war.„Denn der alte Muttenſtüpfer, meinte Mutter Lämmli, ſolle wiſſen, daß ihre Söhne auch nicht auf der Gaſſe aufge⸗ leſen worden ſeien.“ Was ſagte aber das Lungi ſchließlich zu dem Handel? Frau Lämmli hatte ihm ſchon am Tage nach der Sichellöſe einen ſchönen Kram gebracht, beſtehend aus ſcharlachrothem 33 Guttuch zu einer Jüppe, himmelblauem Sammt zu einem Vor⸗ ſtecker und meergrünem Merinos zu Tſchoppen und Fürtuch. So wurde dieſem Feind eine goldene Brücke geſchlagen.— Uebrigens vertraute Lungi jedem, der es hören mochte:„wenn es gewußt hätte, daß Seppli der Fritz ſei, ſo hätte es nie⸗ mals auf ihn ſpekuliert. So einen Charegleisgumper aus der Stadt möchte es z'allerletzt, von welchem man nicht wiſſen könne, ob er einem nicht abeinander breche, wenn man ihn einmal etwa ein wenig ferm in die Finger nehme.“ Als die erſten Kiltblumen auf den feuchten Matten blüh⸗ ten, ſah man eines Morgens eine lange Reihe Sprengwägeli, Scharabänke und Schäslein von der Sommerhalde herunter⸗ fahren, worunter der grasgrüne Rumpelkaſten der Frau Lämmli mit dem einäugigen Schimmel von weitem kenntlich war. Das war der Fritz und des Karlidürſen Joggi's Liſeli, die zur Kirche fuhren. Der Heuet auf dem Neſſelhof. Wer, von den geneigten Leſern, kennt wohl den Blam⸗ perhans und ſein Haus? welcher wüßte zu ſagen, wo der Neſſelhof zu finden, ob änet dem Waſſer oder im Leber⸗ berg, im Gäu, im Thal oder im Niederamt?*) Kommt Einer einmal bei einem recht ſchwarz angerauch⸗ ten Bauernhauſe mit abgeſtandenen Fenſterſcheiben vorbei,— ein Paar moosbewachſene, mit dürrem Geäſte wohlverſehene Bäume ſtehen drum herum, neben demſelben ein dunkelbraunes Güllenbächlein, das die Dorfgaſſe hinabläuft, davor liegen in maleriſcher Unordnung eine Grasbähre mit zerbrochenem Rad, ———— ein Paar Leitern, an denen die halben Seigel mangeln und etliche leere Impkörbe,— ſo kann er keck dem Blamperhans nachfragen. Zehn gegen Eins, er iſt am rechten Ort. *) Die Namen verſchiedener Gegenden des Solothurnerbiets. — 35 Die Finken ſchmetterten rings herum ihr Morgenlied. Schon ſah man hie und da Leute mit der Haue auf der Schulter auf das Feld hinaus ziehen, um die Erdäpfel zu hacken, die bereits ordentlich zum Boden herausguckten. Einige wenige kamen mit Rechen und Gabeln, um ein Paar verſpätete Heuſchochen zu vertheilen, die da und dort an ſchattigen Orten ſtanden; ſonſt waren die Matten alle ſchon kahl geſchoren. Im Neſſelhof aber wars noch ſtumm und ſtill; nur die Viehwaar im Stall, die am leeren Bahren ſtand, ſtieß von Zeit zu Zeit einen ungeduldigen Stoßſeufzer aus. Endlich, als die Sonne ſchon in lachender Freundlichkeit über die Bäume der Hofſtatt hinausguckte, ſtolperte ein Paar polternder Holz⸗ ſchuhe vom Gaden herunter. In den Holzſchuhen ſteckte ein Knechtlein, deſſen Hemd vorfern einmal in die Waſche ge⸗ kommen war; an ſeinen Zwilchhoſen trug er eine Sammlung von Düngerproben aus den Ställen von ſieben Meiſtern herum, bei denen er ſeit vorletzter Weihnacht in Dienſt ge⸗ ſtanden. Aergerlich ſchaute er mit ſeinen verſchlafenen Augen zur Sonne empor, dann ſtolperte er über die zerbrochene Gras⸗ bähre nach dem Futtertenn. Bald aber verkündeten einige Donners⸗Donner und Himmelſakermente, daß noch nicht ein⸗ gegrast ſei; zu gleicher Zeit ſcholl wieder ein hungriges Ge⸗ brüll vom Stalle her, was den Sepp veranlaßte, in ſeinem gerechten Zorn die ungeduldigen Mahner durch ein Paar wohl⸗ angebrachte Rippenſtöße mit dem Gablenſtiel ab und zur Ruhe zu weiſen. Ungefähr zu derſelben Zeit öffnete ſich oben ein Fenſter⸗ lein, und ein Tſchupp*) wurde heraus geſtreckt, in welchen ſich kaum alle Sonntage einmal der Zahn eines Kammes ver⸗ irrte. Dieſer Tſchupp gehörte des Blamperhanſen Gritli: blinzelnd blickte das Mädchen nach der Sonne hinauf, ſperrte dann das Maul weit auf zu einem lauten Gähnen und zog *)„Tſchupp“— ein Kopf mit ungekämmtem Haare. 36 ſich wieder zurück. Hierauf erſchien ein zweiter flaumbeſpickter Tſchupp, der des Blamperhanſen Babi angehörte und machte endlich einem dritten Platz, auf welchen des Blamperhanſen Liſi gerechte Anſprüche zu machen hatte. „Z'Liſi ſöll go z'Morge choche“— ließ ſich eine Stimme von innen hören;„z'Babi cha go“, war Liſis Antwort.„S'iſch hüt am Gritli az'füre“, erwiederte z'Babi. Da ging unten die halbe Küchenthüre auf und es zeigte ſich darin eine Geſtalt, die man aus einer gewiſſen Entfernung für eine alte Ofenkrücke hätte anſehen können, an welche der Hudilumper*) einige ſchmutzige Fetzen zum auslüften aufge⸗ hängt habe, damit ſie ihm ſeine Hütte nicht verſtänken. Von nahem beſehen war es aber die Neſſelhofbäurin in eigener Perſon.„Seid ihr z'Düfels, Meitſchene? Weit-er cho afüre, *)„Hudilumper“— Lumpenſammler. 37 uf d'r Stell oder nit?“ kreiſchte die Bäurin zu ihren Töch⸗ tern herauf. Endlich kam Gritli, welches von ſeinen beiden Schweſtern überwältigt und zur Thür hinaus geſchoben wor⸗ den war, brummelnd heruntergeſchlurpt. Gritli hatte ein blaues Jüppli an, von welchem die Fetzen herunter hingen, wie im ſtrengen Winter die Eiszäpfen von einem alten Stroh⸗ dach; ihr Vorſtecker war ehemals ſammtig geweſen, jetzt hätte man ihn aber mit dem Muelte⸗Chrazer*) bearbeiten müſſen um bis zum Sammt zu gelangen; das Fürtuch hatte ihm im letzten Winter bei einem Schnupfen weſentliche Dienſte gelei⸗ ſtet, war aber ſeither niemals in's Waſſer gekommen. „Wart, du Donners Schlärpli, ich will dich lehren, ſo lang im Neſt zu bleiben!“ Dieß war der Mutter zärtlicher Morgengruß, und wurde mit ein Paar wohl angebrachten Huſchen begleitet, wonach Gritli heulend das Feuer anmachte. Als dann die Erdäpfel zum prägeln in die Pfanne gethan werden ſollten, waren dieſelben nicht etwa nächten geſchält und gerüſtet worden, wie man's in einer ordentlichen Haushaltung allemal nach dem Nachteſſen zu thun gewohnt iſt, ſondern ſie lagen noch in der Stube auf dem Tiſch an einem Haufen. Es wird ſich niemand darüber verwundern, daß jetzt nur ſo g'hürſchig drauf los geſchält wurde und die halbe Rinde daran blieb. Die Teller und Schüſſeln, die man nächten auch nicht abgewaſchen hatte, wiſchte Gritli mit ſeinem glänzigen Fürtuch nur proviſoriſch aus, und ſtellte ſie dann wieder zum z'Morgeneſſen dar. Endlich ſtand die Kanne mit dem Zikori⸗ waſſer, der Milchhafen, die Erdäpfelröſti auf dem Tiſch und die Bäurin ging hin, nach allen vier Winden auszurufen, man ſolle zum Eſſen kommen. Der Sepp, der halb gegrast hatte, warf die Senſe auf die Walmen und ließ mit größter Ge⸗ müthsruhe die hungrige Waar im Stall fortbrüllen. Liſi und *)„Muelte⸗Chrazer“— Werkzeug, womit die Bäcker den Teig aus dem Backtrog kratzen. 38 Babi kamen nun auch zum Vorſchein, aber ungekämmt und ungewaſchen, denn ſie waren wieder in die Federn gelegen. Dursſepp, des Blamperhanſen Aelterer, der geſtern zu faul geweſen war zu Bette zu gehen, kroch hinter dem Vorhang von Fürfüßen, die um den Ofen herum hingen, von dieſer ſeiner gewöhnlichen Lagerſtätte herunter. Der jüngere Bub, Peterſepp, war ſchon früh fiſchen gegangen und fehrte eben jetzt ganz ſtolz mit einem Gropp, den er gefangen, wieder heim. So war das ganze Haus bereits um den Tiſch herum verſammelt, als Blamperhans ſelbſt unter der Stubenthür er⸗ ſchien, mit einer Hand ſeine Hoſen haltend, die ihm bei jedem Schritt über den Bauch hinab zu rutſchen drohten, in der an⸗ dern die ſaftige Maſerpfeife, deren Mundſpitz mit einem Knopf verſehen war, welcher aus einem künſtlich darum herumgewickel⸗ ten Lümpchen beſtand; ſein Haupt bedeckte eine altersgraue Zipfelmütze, deren Zottel, ſteif geworden durch die Unbill der Zeit und die Berührungen der Außenwelt, ganz ſtarr in die Höhe ſchaute. Keinem fiel es ein, dem andern die Zeit zu wünſchen, ſondern mürriſch und brummend ſetzte man ſich zum Mahl. Die Erdäpfel waren bald weg, denn es war zur Zeit, wo der Sack zwei Fünfliber galt und alſo jedes doppelt ſo viel aß, als da ſie noch wohlfeil waren. Nun ſollte das Brod herhalten, aber der Peterſepp ſchoß es über den Tiſch weg, daß er faſt den Milchhafen umgeſchlagen hätte, und Seppli der Knecht ſagte, er ſei kein Hund, um ſo graues Brod zu freſſen. „Freilich ſei er ein ſchmäderfräßiger Hung“ erwiederte die Bäurin, man hätte ja erſt vor drei Wochen gebacken. Der Blamperhans, der ein Freund des Friedens war, gab, um den Streit zu ſchlichten, dem Babi vier Batzen, es ſolle beim Beck einen neubackenen Laib holen. Das war den Leutchen aufge⸗ holfen, das alte Brod wurde in einen Winkel geſchmiſſen und dem linden zugeſprochen, daß bald kein Brösmeli mehr davon zu ſehen war. 1 39 „Wie wäaͤr's, fing der Blamperhans an, als er jetzt Alles ſo guter Laune ſah— wie wär's, wenn man dann öppen einiſt ans Mähen ginge. Er ſei zwar auch nicht fürs preſſiren, es dünke ihn aber, man ſei näume ſchon dureweg dran. Sie könnten doch nach dem Morgeneſſen probiren anzufangen.“ Da verfinſterten ſich aber plötzlich alle Geſichter. Es hau's jetzt nicht, rief vorlaut das Knechtlein, es ſei viel zu trocken.— Er habe Rückenweh, bemerkte der Dursſepp, der auf dem Ofen übernacht geweſen war.— Und ich muß in die Stadt, neue Fiſchangeln zu kaufen, ſagte Peterſepp. „So können wir mira noch warten, bis öppen ein ander⸗ mal, meinte Blamperhans. Die Meitlene können dann mit dem Erdäpfelſetzen fertig machen. S'iſt doch neue jetz denn faſt Zit.“— Da hatte aber der Vater nun erſt im rechten Weſpenneſt geguſelt.„Wenn das Mannevolk zu faul ſei, ſo müſſe dann ihrereins hinaus, ſich abzuhunden, riefen die drei Mädchen aus einem Ton. Daraus werde nichts. Sie möch⸗ ten auch nicht ſo närriſch ſein, und ſchaffen wie d'Hüng, damit die andern auf der faulen Haut liegen könnten. Und über⸗ dieß werde z'Liederligen änen morgen getanzt, und da fiele es ihnen noch lang nicht ein, ſchon zum voraus müde Beine zu machen.“ „Die Meitſchene hätten Recht, bekräftigte die Mutter, es ſei nicht an ihnen, Alles allein zu ſchaffen. Die Buben und der Alt ſollten ſich ins Herz hinein ſchämen. Und wer ihr dann helfen ſollte, das Kraut zu rüſten für z'Mittag, wenn man die Meitlene aufs Feld hinaus ſprenge?“ „Mira denn, ſprach der Blamperhans, ſo kann man die Erdöpfel denn öppe ſpäter ſetzen. Ich habe einmal einen ge⸗ kannt, der hat von einem gehört im Wältſche hinten, der ſie auch erſt nach Johanni geſetzt hat und habe die ſchönſten Erd⸗ apfel bekommen weit und breit. Wer weiß, ob das nicht gegen den Bräſten hilft?“ So wurde alſo weder gemäht, noch Erdäpfel geſegt. Der —— 40 Peterſepp ſchob ſich in die Stadt, Fiſchangeln zu kaufen, der Dursſepp ſtieg auf die Reiti und legte ſich ins Stroh, das Liſi that als ob es Kraut abſchneide und rätſchte über den Gartenhag mit des Nachbars Annemareili, das Gritli ging zur Näherin, die ihm für den Tanz zu Liederligen einen neuen Vorſtecker machen mußte, das Babi ſchlich dem Knecht nach ins Futtertenn, die Mutter fluchte und wetterte in der Küche herum, der Blamperhans aber ſtopfte ſich mit Bedacht ſeinen Maſerkopf, ſchlug mit Bedacht Feuer, ſetzte ſich mit Bedacht auf das Bänklein neben der Stallsthüre und rauchte nun dort eine Pfeife Röllidubak nach der andern. Und ſo oft ihn ein 41 vorübergehender Nachbar frug, ob ihm das Gras in der obern Hofmatt noch nicht reif genug ſei, ſo gab er gelaſſen zur Ant⸗ wort:„er helfe nicht verheuen, der Heuſtock ſei doch nur für den Futterſenn.“— Unterdeſſen war es Mittag, war es Abend geworden. Schon ſtreckten ſich die Schatten der Bäume rieſenlang über die goldgrünen Matten. Ueber allen Bauernhäuſern wirbelten vom z'Nachtkochen her hellblaue Rauchſäulen zum dunkelblauen Himmel empor. Es war Samſtag. Wo eine eigelige*) Frau wohnte, wo ein Meiſter war, der auf Ordnung hielt, da wurde noch aufgeräumt mit möglichſtem Fleiß; die Wagen wurden in den Schopf geſtoßen, die Kirſchenleitern unter das Dach gehängt, die Brühelöcher zugedeckt, vor dem Haus und dem Stalle der Beſen gehandhabt. Von all dem war jedoch auf dem Neſſelhof nichts zu ſehen, ſondern die Grasbähre ohne Rad, die zerbrochene Leiter und die leeren Impkörbe blieben dort liegen, wo ſie bis anher geweſen, und ein Beſen war ein Inſtrument, das man in Blamperhanſens Haus kaum dem Namen nach kannte. Und es wurde Nacht. Bald ſchlief Alles im Dorfe, die Mädchen ausgenommen, welche ihre Chiltknaben erwarteten. Es wollte aber heut Nacht nirgends ein„Hoſcho Eiſi“ er⸗ tönen; nirgends wollte„ein Bänzli auf der Bigi“ erſcheinen. Selbſt das weithin ſchallende Gejohle der Nachtbuben war ver⸗ ſtummt und die Dorfgaſſen, in denen es ſonſt am Samſtag Nachts faſt ſo lebhaft zuging, wie am hellen Mittag, ſchienen des gänzlichen ausgeſtorben. Endlich ſtund der Mond, deſſen eine Backe ſchon ſtark abgeſchwollen war, weit änen im Lu— zernerbiete auf. Da ſah man dann bald aus dieſem, bald aus jenem Hauſe ganz leiſe eine ſchwarze Geſtalt heraus ſchleichen. Immer zahlreicher erſchienen ſie, alle nach einer Richtung hin⸗ ziehend, alle mit langen gefährlich ausſehenden Waffen ver⸗ *)„eigelig“— ſäuberlich. ——᷑—᷑—⸗OCOQ—-————— 42 ſehen. Zuletzt wollte es einen ſelbſt bedünken, als ob man dumpfes Wagengerolle und Pferdegetrampel höre. Aber kein einziger Schrei, kein einziges lautes Wort miſchte ſich in dieſes geheimnißvolle, unheimliche nächtliche Treiben. 3 Was mag das aber wohl ſein auf des Neſſelbauers Hof⸗ matt? Haben ſich dort wohl die Hexen zum Tanze verſammelt? All' die ſchwarzen Geſtalten, die eben noch durch die Dorf⸗ gaſſen ſchlichen, ſind nun dort zuſammen gekommen. Sie ſtellen ſich auf in Reihe und Glied, als ob es Soldaten wären, die in die Schlacht ziehen; dann ſieht es wieder aus, wie eine Reihe rüſtiger Mäder, die Schwaden an Schwaden legen, und hinter ihnen fechten andere ſchwarze Geſtalten, welche die Schwaden zu hohen Walmen zuſammenmachen. Iſt vielleicht dem Dürſt das Jagen verleidet und er will nun einmal wieder die Bauernhandtierung probieren mit ſeinen geſpenſtigen Geſellen? Oder iſt vielleicht dort einſt ein heim⸗ licher Frevel begangen worden, und wer Theil daran hatte, muß ſich nun üben in mitternächtlicher Stunde? Kalt wär's mir und dir über den Rücken gelaufen, hätten wir dem unge⸗ heuren Weſen zugeſchaut. Des Neſſelhöfers Meitſchene hatten lange gewartet und geblangt, ob nicht vielleicht heute Einer ans Gadenfenſterlein klopfen wolle. Beſonders wäre dem Gritli damit gedient ge⸗ weſen, welches gar übel einen Knaben entmangelte, der es morgen mit dem neuen Vorſtecker nach Liederligen zum Tanze geführt hätte. Aber es wollte niemand kommen, ſo daß end⸗ lich die ſanften Töne eines dreifachen geſunden Geſchnarchs verkündeten, die Mädchen ſeien der Sehnſucht ihrer Herzen „ zum Trotz alle drei in die Arme des Schlummers geſunken. Da erſcholl plötzlich durch die tiefe Stille der Nacht lauter 4 und lauter werdend ein dumpfes Geroll und Geraſſel. Gritli fuhr aus dem erſten Schlummer empor: wärs doch vielleicht noch Einer? Mit zwei Sätzen war's am Fenſter und ſteckte den Tſchupp in die Nachtluft hinaus. Aber noch ſchneller, als 43 es ihn hinausgeſtreckt, zog es ihn wieder zuruck und ſtieß einen Schrei des Entſetzens aus, der auch Liſi und Babi aus den Federn lüpfte.„G'ſchauet, g'ſchauet!“ Und wirklich kam den Feldweg entlang ein langer Zug, Wagen an Wagen, hoch⸗ beladen, wie mit ſchwarzen Tüchern behangen, vor jedem vier ſchwarze Roſſe, und bei den Roſſen und auf den Wagen ſchwarze Teufel aus der Hölle, alle mit langen Gabeln be⸗ waffnet. So kam es daher gerollt und geraſſelt geradeswegs dem Neſſelhof zu. Im Todesſchrecken ſteckten die Mädchen die Köpfe unter ihre Dackbetten und harrten der Dinge, die da kommen ſollten. Unten hatte es die Mutter auch gehört. Sie ſtieß den Blamperhans mit dem Ellbogen:„es ſtreichen Schelme um's Haus, meine ſie“.„Es werd' öppe nüt ſy, als öppen ein 44 Chilter, der zu den Meitſchene wolle, und wenn es Schelme wären, ſo ſei dieß dem Polizeier ſeine Sache, warum würde ihn ſonſt die G'meind zahlen, wenn jeder dann noch ſelber den Schelmen nachlaufen ſollte“. Und er legte ſich aufs andere Ohr und ſchnarchte wieder ſein Gſätzlein fort. Aber immer näher kam das Raſſeln und Rollen, bis hinters Haus, dann die Einfahrt hinauf. Dann fing ein kniſtern und raſcheln an oben auf der Bühne, als ob alle Mäuſe des ganzen Kantons dort Kilbe hätten, dazwiſchen keine einzige menſchliche Stimme. Das ging nicht mit rechten Dingen zu!— Der Mutter lief der bittere Angſtſchweiß über alle Glieder. Sie beſann ſich nicht einmal mehr auf den Roſen⸗ kranz vor lauter Schrecken, ſo gerne ſie gebetet hätte. Endlich hörte man wieder Roſſe ſtampfen, Wagen rollen, vom Hauſe fort, weiter und weiter, bis endlich das letzte Geräuſch ſich in der Stille der Nacht verlor, und es der friſchaufathmenden Bäurin vorkam, als habe ſie nur ein böſer, angſthafter Traum geplagt. Wie erſchien da am andern Morgen das Weibervolk mit bleichen Geſichtern am z'Morgeneſſen! Wie wußten ſie da zu berichten von Allem, was ſie geſehen und gehört, Eines mehr und ſchrecklicher als das Andere, ſo daß einem die Haare hätten zu Berg ſtehen mögen, und der Löffel auf dem Wege zum Maul einem ſtecken blieb.„Das ſei gewiß der Dürſt oder das Gäuthier geweſen“, meinte der Peterſepp.— „Es komme, von wegen weil die Leute jetzt ſo ſchlecht und gottlos geworden ſeien und nicht mehr übers Wetter läuteten, wenns donnere, ſagte die Mutter, ſie wolle aber bim Düfel die verflukten Donners Meitſchene ſchon beſſer zum Beten dreſ⸗ ſieren in Zukunft“.— Der Blamperhans aber war der Anſicht, es bedeute erſtens Krieg und zweitens, daß nun die Cholera kommen werde, welche die Leute wegputze als wie die Fleu⸗ gen.„Das ſei aber gleich, es bleiben unſerer noch genug“, meinte er. 45⁵ Doch das Chnechtli mit der Düngerſammlung von den ſieben Meiſtern an den Zwilchhoſen hatte ob alldem keine Silbe verlauten laſſen, ſondern ſchielte nur ſo überzwerch bald nach dem Bauer, bald nach der Bäurin.„Was er eigentlich zu lachen habe auf den Stockzähnen?“ frug endlich die Mei⸗ ſterin.—„Aparti nichts, entgegnete der Seppli, er wäre nur froh, daß heuer der Heuet ſo ring vorübergegangen ſei.“ „Wie ſo?“ meinte der Blamperhans. „He, die Nachtbuben hätten ja nächti die obere Hofmatt im Mondſchein gemäht und dann das Gras grad auf die Wagen geladen und auf die Bühne geführt. Wäre er der Meiſter, er ließe ſich ein Trinkgeld nicht gereuen. Der Heu⸗ ſtock werde wohl nicht deſt' ſchlechter werden, das Gras ſei ja ſchon auf dem Stengel dürr geweſen.“ Auf dem Kirchweg waren heute lauter lachende Geſichter anzutreffen, denn des Blamperhanſen waren nicht dabei; vier Wochen lang aber ſprach kein Menſch im Dorf von was An⸗ derm, als vom luſtigen Nachtbubenſtücklein, vom Heuet auf dem Neſſelhof. Der Erdäpfeltenfel. In einem einſamen Schachen, ich ſage nicht, iſt's an der Aar oder an der Emme, ſteht eine Hütte. Sie iſt hinter Weiden und Erlen halb verkborgen. Junge Erlen und Weiden wach⸗ ſen auf dem halbverfaulten Strohdach, ſonſt ſchiene vielleicht Mond und Sonne durch Löcher und Spalten auf den armſeligen Laubſack herunter, welcher faſt den einzigen Hausrath der einzigen Stube der Schachenhütte ausmacht. Denn der Dachdeck, der die letzte neue Schaube aufs Dach trug, liegt wahrſcheinlich ſchon ſeit zwanzig Jahren im Grab. 47⁷ Soll ich dir die Hütte noch des Weiteren beſchreiben, lieber Leſer? Du biſt gewiß ſchon bei mehr als einer, die ihr glich, vorbeigekommen, wenn bei deinen Gängen über Feld dein Weg dich etwa hinter einem abgelegenen Wald vorbei, oder an den Berg hinauf führte, wo Fuchs und Haas einander gute Nacht ſagen.— Der Inwohner der Schachenhütte hieß Ruedhannes und war früher in Neapel Soldat geweſen, wo die Halbe Wein einen Halbbatzen koſtet. Jetzt taglöhnerte er, wenn er nicht hinter einem halben Schoppen Schnapps ſaß, oder hinter einem Zaun einen Rauſch ausſchlief, oder daheim die Frau prügelte. Das Liſebethli war früher das ſchönſte Mädchen in der ganzen Waſſeramtei geweſen. Aber jetzt— du mein lieber Gott! hat es dir wüſt geböſet. Wo ſind deine rothen Backen geblieben und deine Kappe mit den himmelblauen Mäſcheli? Was haſt du aus deinen runden Armen gemacht, deinem ſammtnen Vorſtecker und deinen ſeidenen Fürtüchern?— Um die Schachenhütte ſchleicht ein bleiches, mageres Ding, dem Hunger und Kummer aus den hohlen Augen ſchauen. Von ſeinem abgeſchoſſenen Jüpplein lampen die Fetzen herunter und daran hangen ein Paar in Lumpen gehüllte hungrige Kinder. Welcher von euch, der vor Jahren einmal mit dem hoffährtigen Liſebethli in Ammannsegg oder Kriegſtetten getanzt hat, ver⸗ möchte des Ruedhannes Frau jetzt wieder zu erkennen? „Nenni, gimmer öppis z'äſſe“, rief der ältere Bub und blickte mit hohlen hungrigen Augen an die Mutter hinauf. „Ig au äſſe“, lallte der jüngere nach.— Sie hätte kein Brod mehr, war der Mutter Antwort.„Su wey mer Härdöpfel“, ſchrien beide aus einem Munde. Sie hätte auch keine mehr. Beide Buben fingen bitterlich zu flennen an. Sie ſollten nicht brieggen, beſchwichtigte die Mutter; der Aetti krame vielleicht Brod, wenn er heim komme, und Erdäpfel würde es dann auch bald geben auf ihrem Erdäpfelplätz.„Chömet, Ching, 48 mir wey go luege, wie ſie ſo chrutig ſy und ſo ſchön blüije.“ Und ein Strahl des Troſtes fuhr dem Liſebethli durch das Herz, und ein Sonnenblick der Freude über das bleiche Ge⸗ ſicht. Denn der Erdäpfelplätz hinter der Hütte am Waldrand, der war Liſebeths einzige Zuverſicht und rechtmäßiger Stolz. Ganz allein, mit Hacke und Karſt, hatte es das wilde Fleck⸗ chen Erde zahm gemacht. Wie oft hatten ſeine Hände ge⸗ blutet von den Brombeerſtauden, die es hatte reuten müſſen? Wie mancher heiße Schweißtropfen war ihm von der Stirn geronnen, bis der Haufen Steine zuſammengeleſen war, der neben dem Acker abſeits lag? Wie manchen Abend hatte ſich Liſebeth hungrig auf ſeinen armſeligen Laubſack gelegt, bis die Setzlinge von eigenen Mund abgeſpart waren? Dafür wuchs und gedieh die kleine Pflanzung aber auch ſo freudig fort. Dunkelgrün, wie Schnittlauch, waren die Stauden und legten ſich breit über die angehäufelte Erde. Dolde an Dolde hingen die weißen, blaßblauen und röthlichen Blüthen mit dem gold⸗ gelben Herz. „Lug, Hansli, wie ſie ge⸗ wachſen ſind ſeit letztem Sonn⸗ tag! gell, Rudeli, wie ſchön Meye ſie hei!“ Und wenn ſie dann erſt reif ſeien, meinte die Mutter, ſo brauchten ſie nie⸗ mals keinen Hunger mehr zu ha⸗ ben, den ganzen Winter nicht, ſondern ſie hätten dann immer Erdäpfels genug.—„Brägleti Härdöpfel, die ſind recht gut“, ſchmunzelte der Hansli.—— „Wenn chöme-mir über? gell, Müetti, hüt wottſch-is choche?“ hielt der kleine Rudeli an.— Sie müßten warten, bis ſie reif ſeien, belehrte die Mutter, was aber der hungrige Magen des 49 Buben nicht recht begreifen wollte. Das Müetti ſolle machen, daß ſie jetzt ſchon reif ſeien! Um die Kinder zu geſchweigen, erzählte ihnen nun Liſe⸗ beth von all den guten Sachen, die es ihnen aus den Erd⸗ äpfeln zubereiten wolle, wenn ſie dann erſt reif wären: Erd⸗ äpfelmöckli, Erdäpfelbry, Erdäpfelröſte, Erdäpfelſuppe.„Dann wollten ſie aber auch Erdäpfel in der Aſche braten, wenn ſie ihre Geiß hüteten“, meinte der Hansli. So kehrten die Mutter und die Buben zwar eben ſo hungrig und nicht minder entblößt von des Lebens Nothdurft, als wie ſie gegangen waren, nach der Schachenhütte zurück, aber viel reicher an Hoffnung, und glücklich in der Ausſicht auf die leckern Erdäpfelmähler, die in etlichen Wochen ihrer warteten. Sie ſetzten ſich auf ein Paar Reiswellen vor die Hüttenthüre, des Vaters zu harren, der ſchon Samſtag früh fortgegangen war,— auf die Arbeit, wie er ſagte, aber jetzt, Sonntag Nachmittags, noch immer nicht heimkehren wollte. War es Liebe, warum Frau und Kinder auf den Vater b'langten? Schwerlich! Denn gewöhnlich waren es Prügel, die er heimkramte ſtatt Lebkuchen und Flüche ſtatt Zuckerkandel. Da verſteckten ſich dann gewöhnlich die Kinder in einem Winkel, und Liſebeth ging ihm, wenn es konnte, aus dem Weg. Aber heute hatte ſie der Gang zum Erdäpfelplätz be⸗ ſonders freudig geſtimmt. Sie glaubten auch, der Vater könnte einmal gut gelaunt nach Hauſe kommen, vielleicht ſogar einen Laib Brod oder einen Batzen Geld mitbringen, daß man etwas zum einbrocken gehabt hätte in den Tropfen Geißmilch zum Nachteſſen— freilich ein Zufall, der ſich noch ſelten ereignet hatte, vielleicht noch nie— aber einmal iſt das erſtemal, meinte Liſebeth. Schon ſchien die Sonne ganz ſchräg durch das goldig⸗ grüne Erlenlaub und die Amſeln pfiffen im Wald ihr Abend⸗ lied. Da tönte plötzlich aus dem Tannendunkel heraus ein 4 50 anderer Geſang; es war das Johlen einer heiſern Stimme, die ſang: „Allewyl Branntewy magri-nit, Zu Ziten-es Chrügli mit Bier; Numen-eis Schätzeli han-i-nit, Zu Zite zwöu, drü oder vier.“ „Das ſei der Vater“, meinte Hansli— dem Liſebeth ging ein Stich durchs Herz. „Ein Löhl, wer das Lied erfunden hat, rief jetzt der Rued⸗ hannes, indem er aus dem Walde heraustrat; Branntewein möge man alleweil.“—„Da weiß ich ein beſſeres, erwie⸗ derte eine andere Stimme aus dem Wald heraus: „Schnapps, Schnapps, Schnapps! Du edeles Getränk, Du biſt und bleibſt von der Natur das köſtlichſte Geſchenk.“ „Das ſei auf ſi Gottſeel wahr“, bekräftigte der Rued⸗ hannes und ließ einen Jauchzer aus, daß es im ganzen Schachen herum an den Waldrändern wiedertönte. Ein Fremder trat hinter ihm aus dem Wald heraus. Das war ein ſeltener Zufall, wenn ſich einmal Einer in den ab⸗ gelegenen Schachen hinunter verirrte,— hie und da etwa der Landjäger, wenn er dem Ruedhannes wegen ein Paar Tann⸗ lein oder jungen Buchen,— im Mondſchein geholt— vor den Präſidenten bieten mußte.— Zwar ſchien der Vater in allerbeſter Laune und der Fremde war kein Landjäger; er trug einen grünen Rock und ein graues Filzhütchen. Aber in ſeinem ſchwefelgelben Geſicht war, der Schnauz abgerechnet, kein rothes Flecklein zu ſehen, und aus ſeinen graugrünen Katzenaugen ſtach es Einen ſchon von weitem, als wie durch Leib und Seele; der konnte nichts Gutes bringen. Dem Liſebeth liefs kalt über den Rücken. Der Hansli duckte ſich hinter die Reiswellen und Rudeli ſuchte flennend hinter das Fürtuch der Mutter ſich zu verſtecken. „Das Liſebeth ſolle den Ankenhafen füre machen, rief der Ruedhannes ſchon von weitem. Er bringe einen fremden 51 Herren zu Gaſt. Mußt uns ein kücheln.“— Das wäre eine Kunſt geweſen für die arme Frau, denn nebſt dem Anken braucht man bekanntlich zum kücheln auch Mehl. Und wie lange war's her, daß in der Schachenhütte weder das Eine noch das Andere geſehen worden war?— Das Blut ſtieg in Liſebeths bleiche Backen.„Es werde wohl ſein Ernſt nicht ſein, ſagte ſie.“—„Laß es gut ſein, ſtichelte der Grünröckler. Er wiſſe wohl, daß die Weiber nur dann gern kücheln, wenn die Mannen aus dem Hauſe ſeien.“—„Sie hätte nichts als ein Paar Tropfen Geißmilch, entgegnete die Frau, und hätte geglaubt, der Mann bringe vielleicht vom Verdienſte heim.“— „Geißmilch begehre er keine“, lachte der Grünröckler und— „ſo ſchlecht als das Liſebeth ihn machen wolle, ſei er denn doch noch nicht, fügte der Ruedhannes bei; er denke auch an Frau und Kind daheim, wenn ihm einmal etwas Gutes über den Weg laufe. Da nimm! mag dir auch ein Paar Schlücke gön⸗ nen; es iſt Erdäpfelgeiſt, vom beſten, er brennt den Rachen hinab wie lebendiges Feuer.“—„Es möge nicht, es ſei's nicht gewohnt“, meinte Liſebeth.—„So ſoll es mira Geiß⸗ milch ſaufen bis es zerplatze; ſo lang er ſo was habe, wolle er ihr ſie nicht vergönnen.“ Und heiſer in den Wald hinein johlend zog der Ruedhannes zwei Flaſchen aus ſeinen Kittel⸗ taſchen hervor. „Sie wollten an die Geſchäfte, mahnte der Grünröckler. Das ſei nicht das letzte, das er heute noch abzuthun gedenke. Wie er ſehe, hätten ſie nicht mehr weit zu laufen; er wolle ſich die Sache nun gleich ein wenig näher beſchauen.“— Und die beiden Mannen wandten ihre Schritte gegen Liſebeths Erd⸗ äpfelplätz, der hinter der Hütte am andern Waldrand lag. In dunkler Angſt folgte ihnen die Frau von weitem. „Sie ſtänden nicht ſo bös“, meinte der Grünröckler und ſtrich ſeinen zündgelben Schnauz.—„Brävere fände er, ſi Gottſeel, im ganzen Kantone keine, bekräftigte der Ruedhannes; 52 es würde einen ſchönen Haufen geben.“—„Fünfzehn Säcke, wenn's gut will“, bemerkte der Fremde. „Der verſtehts“, dachte Liſebeth, das hinter einem Strauch den Reden der Männer zuhorchte. „Dreißig Maaß! fuhr der Grünröckler fort. Willſt du, ſo iſt der Handel geſchloſſen.“—„Vierzig müſſen's ſein“, märtete der Ruedhannes.—„Wir theilen, fünfunddreißig, keinen Tropfen mehr; magſt nicht, ſo laß es bleiben.“—„Aber vom Beſten, wo man ſpürt im Hals, dingte der Säufer noch ein, und die beiden Flaſchen, die er ſchon im Beſitz habe, pärſe als Trinkgeld.“—„Es ſei, ſchlag ein“!— und der Fremde ſtreckte dem Ruedhannes die Hand entgegen, an deren Finger, wie es Liſebeth von weitem dünken wollte, lange Krallen ge⸗ wachſen waren. Da ging der geängſtigten Frau ein plötzliches Licht auf. Um ihre Erdäpfel, die Frucht ihres bittern Schweißes,— um ihre Erdäpfel, ihre und ihrer Kinder einzige Freude und Zu⸗ verſicht,— um ihre Erdäpfel, die noch unausgewachſen und ungeſchält im Boden lagen, ſollte der Handel ergehen. Aber da hab' es auch noch ein Wort dazu zu reden! Und noch be⸗ vor der Ruedhannes hatte einſchlagen können, ſtand es zwiſchen beiden:„die Erdäpfel gehören ihr, die ſie gepflanzt und be⸗ ſorgt, und ſie laſſe ſie nicht um Schnapps verſchachern.“— Aber der Grünröckler grinste ſie höhniſch an:„ihr Mann ſei ihr natürlicher Beiſtand, und könne mit der Sache ſchalten und walten nach ſeinem Belieben. Oder ob ſie vielleicht um Gütertrennung nachſuchen wolle? Es wolle ihn bedünken, es wäre nicht ſtark der Mühe werth.“—„Und ihns bedünk' es, erwiederte Liſebeth, eine arme Frau ausfoppen, trage ſo einem Herrn nicht viel ab. Die Erdäpfel laß es doch nicht ver⸗ kaufen.“— Dem Ruedhannes war es ungelegen, daß die Frau ihm in den Handel gelaufen. Er ſtand da, als ob er das Oel ver⸗ ſchüttet hätte und krazte ſich hinter den Ohren.—„Ob vielleicht —.— das Liſebeth die Hoſen anhabe, meinte der Grünröckler. Es wolle ihm faſt ſcheinen, hier gehe es als wie im Lied: die Frau ſei Meiſter und nicht der Mann.“— Der Fremde hatte dem Ruedhannes bald abgemerkt, wo er chuzlig war.„Das Liſebeth ſolle ſich zäpfen, oder er wiſche ihm Eins hinter die Ohren, daß es wiſſe warum es pläre.“—„Das ſei einmal geſprochen wie ein Mann, ermunterte der Grünröckler. Der Handel ſei alſo abgemacht.“ Aber Liſebeth, um deren Erdäpfel es ging, war nicht ſo leicht abzufertigen:„ſie bitte um tauſend Gottswillen, ihr und 54 den Büblein dieß nicht zu leid zu thun; was ſie dann eſſen ſollten während dem ganzen langen Winter, wenn ſie die Erd⸗ äpfel nicht hätten?“—„Es gelte fünfunddreißig Maaß vom Beſten, flüſterte von der andern Seite der Fremde.“—„Freſſen die Erdäpfel? das ſei gut für die Säue, brüllte der Rued⸗ hannes die Frau an; ſaufen wollen wir ſie, hörſt nicht! Fünf⸗ unddreißig Maaß gibt's und dazu noch zwei Flaſchen z'Trink⸗ geld.“—„Willſt du deine eigenen Kinder verhungern laſſen?“ bat Liſebeth.—„Solcher kleinen Kanaillen geb's noch genug auf der Welt, ob die beiden draufgingen oder nicht, meinte der Grünröckler. Bevor er ſich umſehe, habe der Ruedhannes wieder die Hütte voll ſolcher Schreihälſe,— mehr als ihm lieb ſeien.“— Dem Liſebeth wollten die Haare zu Berg ſtehen bei dieſer Rede, und Angſt und Zorn lösten ihr die Zunge:„Ob er ein rechtſiger Menſch ſei oder ein Udüfel? ob er denn auch ein Herz im Leibe habe? Er ſollte ſich ſchämen, daß ihm das Blut roth würde; aber es bedünke ihns, das Schämen hätte er ſchon längſt verlernt, ſonſt würde er nicht dem Lieberherr⸗ gott ſogar den Sonntag abſtehlen, um arme Weiber und Kin⸗ der um ihre letzten Erdäpfel zu bringen!“— Im Grünröckler kochten Gift und Galle:„der Ruedhannes ſolle ihm das Menſch vom Hals ſchaffen, ſonſt ſei es mit dem Handel aus. Den fünfunddreißig Maaß könne er dann nachſehen und die beiden Flaſchen, die er ſchon habe, müſſe er auch wieder herausgeben. Sollt' es ihm aber blos an Kuraſch fehlen, die Frau zur Ver⸗ nunft zu bringen, ſo werde ein guter Schluck dem Ding ſchon nachhelfen.“— Ruedhannes ließ ſich den Rath nicht zweimal geben, ſondern ſetzte eine der beiden Flaſchen, die er noch im⸗ mer mit ſich herumtrug, an, und that ein Paar lange Züge. „Jetzt wolle er, bym Sakerment, zeigen, wer im Schachen Meiſter ſei“,— worauf er mit Flüchen und Schlägen auf das Liſebeth losfuhr, bis es blutend und heulend ſeinen Erd⸗ äpfelplätz im Stich ließ und der Hütte zuſchwankte. 5⁵5 Jetzt war der Handel bald im Reinen. Den ganzen Er⸗ trag des Aeckerleins ſollte der Grünröckler für ſeine Brennerei erhalten, und dafür die ausbedungene Anzahl Maaße Schnapps beim Abholen der Erdäpfel in die Schachenhütte liefern.— „Komme der Ruedhannes einmal bei ſeiner Brennerei vorbei, die Bekanntſchaft zu erneuern, ſo wolle er ihm dann einen Tropfen einſchenken, wie er ſeiner Lebtag noch keinen getrun⸗ ken. Jetzt könne er ſich nicht mehr länger aufhalten, er habe heute noch manchen Kauf abzuſchließen“, worauf er noch einen Blick über den grünen Acker warf und dann im Wald ver⸗ ſchwand. „Sie ſeien hungrig, riefen die Buben, als der Vater nun allein zur Hütte zurückkehrte: heſch üs nüt g'chromet?“— Liſebeth lag krank auf dem Laubſack. „Freilich habe er etwas gekramt, es ſei gut für den Hun⸗ ger und für den Durſt“,— damit zog er ſeine Flaſchen aus den Kitteltäſchen hervor. Hansli, welchen der Hunger in den Därmen zwickte, griff gierig danach und that einen langen Zug.„Der kann's, lachte der Alte,— er ſchlage dem Vater nach. Nun ſolle es der Rudeli auch probieren.“ Unterdeſſen leerte er die andere Flaſche in gierigen Zügen. Bald lagen Vater und Buben betäubt auf dem Boden der Hütte. Liſebeth hob die Kinder auf und brachte ſie zu Bette, und wälzte ſich dann in troſtloſem Kummer auf ihrem armſeligen Lager. Der Morgen weckte ſie aus ſchweren Träu⸗ men. Hansli und Rudeli lagen noch bleich und ſchwerathmend in tiefem Schlummer. Ruedhannes war ſchon fort. War es einer ihrer böſen Träume geweſen, oder war es wahre Wirk⸗ lichkeit, daß der Vater die Erdäpfel ſchon im Boden dem Grünröckler um Schnapps verkauft. Nein! das konnte, das durfte nicht ſein! Aber mit eigenen Augen mußte es ſich da⸗ von überzeugen, daß ſie noch da ſeien, daß der Grünröckler ſie nicht weggeholt habe übernacht. — Ein Schrei des Entſetzens entfuhr ihm— ſchwarz und ver⸗ dorrt lag der Acker da, geſtern noch ſo friſch und ſchön,— ſchwarz und verdorrt ließen die Stauden ihre Blätter und Stengel hangen, die geſtern noch ſo grün wie Schnittlauch ſtanden,— ſchwarz und verdorrt ſenkten die Blüthendolden, die geſtern noch in ſo ſchönen Farben geprangt, ihre Köpfe. Es war als ob ein Feuer ſie verſengt, als ob ein Froſt ſie getödtet habe. Und über denſelben ſchwebte ein ſtinkender Dunſt. In der Angſt ſeines Herzens riß Liſebeth eine Staude aus dem Boden; Flecken gleich ſchwarzen Brandmalen be⸗ deckten einzelne Knollen, andere waren ſchon ganz ſchwarz und verdorben. Hin, unwiederbringlich, war Liſebeth's letzte Zu⸗ verſicht.— 5⁷ Aber nicht allein in der Schachenhütte war der Jammer los. Land auf und Land ab erhob ſich ein tauſendſtimmiges Wehgeſchrei. Land auf und Land ab war übernacht ein Fluch ausgebrochen über das Brod des Armen, über den Erdäpfel, des Menſchen treuſten Freund, der ihm bis jetzt nie gefehlt hatte, weder in trocknen noch in naſſen Jahren. Land auf und Land ab waren die Erdäpfelfelder ſchwarz und ein ſtinken⸗ der Peſthauch lag darüber. Man ſagt, überall wo die Erdäpfelfelder ſchwarz gewor⸗ den, da ſei der Grünröckler vorbeigegangen und habe ſeine giftigen Blicke darauf geworfen. Und wo es am ſchlimmſten geweſen, das ſei da, wo er ſtehen geblieben, eingekehrt und einen Handel geſchloſſen habe. ——— Schweizeriſches Soldatenleben. Iſt eine rechte Tröckne im Lande, daß die Erdäpfelſtauden die Köpfe hangen laſſen und die Bauern, wenn ſie über die rothen angebrannten Matten wegblicken, troſtlos in den Haaren kratzen, ſo wird eine Bezirksmuſterung ausgeſchrieben. Iſt dann der Muſterungstag gekommen, ſo beginnt es ſchon am frühen Morgen zu gießen als wie aus Spritzkannen und gießt fort und fort bis zum ſpäten Abend, und die Erdäpfelſtauden heben ihre Köpfe in die Höhe und die Bauern reiben freudig die Hände und dängelen ihre Senſen. Aber je ärger es gießt, deſto trockener wird der gemuſterten Mannſchaft, welcher das Waſſer zu den Aermeln hinaus läuft, die Kehle; und iſt ein⸗ mal die Muſterung zu Ende und ſitzen die Leute in den Wirthshäuſern, ſo möchte man glauben, es wolle ein jeder mit dem lieben Herrgott ſelber es aufnehmen, wer beſſer platz⸗ regnen könne. Es genießen alſo nicht nur die welken Erdäpfel⸗ ſtauden und die Bauern mit den trocknen Matten, ſondern insbeſondere auch die Pintenwirthe des Segens der Bezirks⸗ muſterungen. Weit vor dem Städtchen draußen ſteht an der Landſtraße ganz einſam ein Haus und hat den grünen Mayen ausgeſteckt. Die allerletzte zu ſein, dient dieſer Pinte keineswegs zum Schaden— im Gegentheil. Denn, wer im Städtchen war und hat noch einen Ueberreſt von Durſt, der iſt gewiß nicht ſo dumm, die letzte Gelegenheit zu verpaſſen, wo er ihn los werden kann; und wer mit den beſten Vorſätzen in's Städtchen 59 ging, und dieſelben einen ganzen Tag lang hielt und z'öblinz⸗ lige bei allen Häuſern vorbei marſchierte, wo der Herrgott den Arm hinausſtreckt und herein winkt,— deſſen Herz wird weich und ſchwach, wenn er an der allerletzten Pinte vorbei ſoll. Sein Fuß ſtatt gradaus zu ſteuern, ſchwenkt links ab, und dann wird gründlich nachgebeſſert, was man den langen lieben Tag verſäumte. Es wäre gegen Conſigne und Reglement, trüge Einer an einem Muſterungstag noch einen Batzen in der Taſche und ginge vorbei ohne einzukehren, ſei er Dragoner oder Kanonier, Jäger rechts, Jäger links oder vom Centrum, Fourier oder Trommelſchläger. 60 Das Bürſchlein, das draußen mit der Trommel auf dem Rücken und die Hände in den Taſchen Scherm ſtand, mußte ſeinen letzten bereits in Umlauf geſetzt haben, ſonſt wäre es gewiß lieber hineingegangen, von wo her Gläſerklirren, Jubel und Geſang gar einladend tönte, als draußen zunächſt bei der Dachtraufe inwendig im Trocknen und auswendig im Naſſen zu ſtehen. Der Trommler hatte ſchon eine Weile dort ge⸗ wartet und etlichemal den„lieber Auguſtin“ gepfiffen, als auf einem Sprengwägeli, welches ein wohlgenährtes Müllerroß zog, einige Kanoniere daher gefahren kamen und richtig beim Pintlein anhielten.„Ob er da draußen Lebkuchen feil habe?“ neckten ſie den Trommler.„Er habe auf des Müllers Rubi gewartet, der ſei ihm von der letzten Kilbe her noch eine Flaſche ſchuldig.“„So ſolle er mira mit hineinkommen, gab lachend einer der Ankömmlinge zur Antwort, an deſſen Aermel die Wachtmeiſterſchnüre prangten. Von der Flaſche, die er ſchuldig ſei, wiſſe er zwar nichts, aber ſo viel durch des Trummerfriedlis Gurgel zu laufen Platz habe, vermöge er öppe ſchon noch zu bezahlen.“ Die Eintretenden wurden von denen drin⸗ nen mit lautem Jubel begrüßt. Denn des Müllers Rubi aus dem Schwaderloch, der Wachtmeiſter bei den Kanonieren war, ſeine ſechs neue Schweizerfuß zwei Zoll maß und den Düfour auf der Pfeife führte, war bekannt, als Einer bei dem es klingelte, wenn er auf den Hoſenſack ſchlug und in ſeiner Nähe ſaß ſelten Einer im Trocknen. Der Trummerfriedli aber war weit und breit als ein luſtiger Vogel berühmt, der ſich dreimal zu drehen wußte, be⸗ vor ein Anderer nur den Kopf gewendet hatte und ſtets voller Schwänke und luſtiger Ge⸗ ſchichten ſteckte. Von Profeſſion war er ein Sackzeichner, weshalb er in gar viele Häuſer kam und von jedem Kinde mit Namen genannt werden konnte. Am großen 61 Tiſch mitten in der Wirthsſtube ſaß ein ganzer Trupp von Friedlis Kompagnie, dunkelblau und ſcharlachroth und ver⸗ gnügte ſich an etlichen Maaß Siebenundvierziger,— Sonder⸗ bundswein, wie man ihn heißt. In einem Winkel, wo es ordentlich finſter war, ſah man einige Reſerviſten, die noch die hellblauen Hoſen und die breiten Tſchakko führten und ſchämten ſich faſt vor dem Tageslicht, das bis zu ihnen drang. Aber ganz vorn beim Fenſter trieben ein Paar grün und rothe ihr Weſen; das waren Dragoner, reiche Bauern und Wirthsſöhne, die tranken nichts als Zapfenwein, klirrten mit den Schlepp⸗ ſäbeln und ſchauten die Infanteriſten kaum über die Achſel an. Dagegen wollte jeder von ihnen dem Müllerrubi ſein Glas darbringen. Der ſchwenkte in aller Geſchwindigkeit etliche der⸗ ſelben hinunter, worauf er in den Sack langte, eine Hand voll Geld herauszog und daſſelbe auf den Tiſch warf.„Auf einige Flaſchen komme es ihm heute nicht anz da ſie nun aber gerade unter Kameraden beiſammen ſeien, ſo ſolle einmal ausgemacht werden, wer die Wette bezahlen müſſe, auf welche ſich der Trummerfriedli berufen habe. Es handle ſich nämlich darum, wer im Sonderbundskrieg den beſten Schwank aufgeführt habe, ob die Kanoniere oder die Infanteriſten. Die Dragoner ſeien unpartheiiſch, die ſollten entſcheiden.“ Dieſer Vorſchlag fand allgemeinen Beifall, und auch der Trummerfriedli ſagte, er hälfe mitmachen.„So fange an“, meinte der Wachtmeiſter bei den Kanonieren.„Mira wohl, aber dann bitt' ich mir's aus, daß ihr es nicht gar zu genau nehmt; denn wenn man ſo mitten im Eifer nicht gerade das rechte Wort findet., ſo lügt man in der Geſchwindigkeit etwas dazu.“„Das wäre man von einem gewiſſen Friedli gewohnt, erwiederten die An⸗ dern. Er dürfe es nur nicht zu grob machen.“ Da des Müllers Rubi gerade ſeinen Düfour ſtopfte, ſo füllte der Tambour ſeinen Stummel ebenfalls aus des Wacht⸗ meiſters Päcklein, zündete an und leitete ſeine Erzählung mit den Worten ein:„He nu ſo de! Paſſet auf und redet mir nicht hinein, bis die Geſchichte fertig iſt.“ 62 Das war mir eine kurioſe Zeit, Anno ſiebenundvierzig um ven Herbſtmarkt herum. Da war, wie ihr wißt, keiner ſicher, daß er nicht von heute auf morgen ſein halbleinenes Chuttli an den Nagel und den zweifarbigen Rock an den Buckel zu hängen habe. Man lebte wie der Vogel auf dem Aſt. Dabei machte wohl keiner ſo gute Geſchäfte, wie der Rößliwirth in Lürligen. Er wußte wohl, daß die Leute eben ärger auf Neuigkeiten erpicht waren, als die Spatzen auf die frühen Baslerkirſchen. Hatte deshalb zu jeder Stund einige für ſeine Gäſte parat; und gings nicht anders, ſo ſchüttelte er hand⸗ kehrum ein halb Dutzend ſelbſtgemachte aus dem Aermel. Hielt auch zwei Blätter, ein's für die Neuen und ein's für die Alten, in denen jeder leſen konnte, was ihm wohl gefiel. Einige hielten ihm ſogar vor, er habe zwei Geſichter, die er nach Be⸗ lieben aushänge, je nach der Gaſtig. Item, beim Rößli waren früh und ſpät alle Tiſche beſetzt und wer etwas Neues erfahren wollte, durfte ſich's nicht gereuen laſſen, dem pfiffigen Wirth mindeſtens ſechs Kreuzer für einen Schoppen von ſeinem ſauer⸗ ſten zu ſpendieren. Saß alſo mit einem Trupp Kameraden— s'war am andern Sonntag vor Allerheiligen— beim Rößli hinter dem Tiſch. Der rothe Wegknecht führte das große Wort.„Die Jeſuiter, rief er und ſchlug dabei mit der Fauſt auf den Tiſch,— die Jeſuiter dürfe man nicht länger mehr gedulden in der Eidgenoſſenſchaft, ſonſt hätten ſie bald das Volk ganz dumm gemacht; man fange ſchon jetzt ordentlich an, es zu merken. Und der Siegwart wolle uns an Kaiſer und Fran⸗ zoſen verrathen. Bis der am höchſten Galgen hange, komme es nicht gut im Vaterland.“ Im hinterſten Winkel der Gaſtſtube, gleich neben der Thür, ſaß Einer hinter einem Schoppen Rothen, dem es nicht ganz geheuer zu Muthe zu ſein ſchien. Während er mit dem einen Auge hinter der dicken Karfunkelnaſe hervor die Gäſte der Reihe nach verſtohlen muſterte, bewachte er mit dem an⸗ 63 dern die Stubenthüre, als ob er ſich für den Nothfall einen unbehinderten Rückzug ſichern wolle. Als der rothe Wegknecht mit der Fauſt auf den Tiſch ſchlug, hob jener ſchon den einen Fuß zur ſchnellen Flucht. Da er aber hörte, daß ein Anderer widerredete:„was ſie im Bernbiet dazu ſagen würden, wenn die Luzerner und Ländler ihnen ihre Predikanten verjagen wollten? wenn denen da drinnen der Siegwart gut genug zu einem Schultheißen ſei, ſo ſollten ſie ihn ſeinethalb behalten;“— ſo ſetzte er ſich wie⸗ der zurecht und ruckte ſogar aus ſeinem finſtern Winkel hervor. „Der Siegwart, meinte er, ſitze noch feſter auf ſeinem Stuhl, als dieſer und jener, welche er lieber nicht nennen wolle. Und wenn auch der Ochſenbein mit hunderttauſend Mann ge⸗ gen die Länder ziehe, er wette zehn Maaß vom beſten Zwetſchgenwaſſer gegen einen halben Schoppen Ankenmilch, er bringe von ſeiner ganzen Armee kein ganzes Bein mehr nach Haus.“—„Wer er ſei und woher er komme? fuhr ihn da der rothe Wegknecht an. Er ſolle das Maul halten, wenn er nicht Prügel wolle, denn hier ſei man liberal und laſſe ſich nicht von jedem Sonderbündler und Ariſtokraten ausfötzeln.“— Der Fremde hielt es für gerathen, der Stubenthüre wieder um etliche Schuhe näher zu rücken. Da kam der Rößliwirth ganz nah an mich heran und flüſterte mir in's Ohr:„der Mann mit der Karfunkelnaſe ſei der Koch aus dem Kloſter z'nächſt im Luzernerbiet drüben; es ſollten ſich etliche von uns ſeiner annehmen, wenn wir uns einen Spaß machen und auf unrecht⸗ habende Koſten ein Paar Maaß vom Beſſern trinken wollten.“ Der Wirth führte einen Streich im Schilde, den man ihm nicht verderben durfte, wenn man gut Freund mit ihm bleiben wollte. Stieß daher meine beiden Nachbarn mit dem Fuße und ſchrie den Wegknecht an:„er ſolle es nicht probieren, dem fremden Herrn etwas in den Weg zu legen; wir ſeien in einem freien Land, wo jeder reden könne, wie ihm der Schnabel ge⸗ wachſen ſei. Zudem könne der Herr vielleicht wohl recht — 64 haben;— es könne ſein, er verſtehe ſich beſſer darauf, als unſer einer.“—„So meinten ſie's auch“, riefen drei oder vier Kameraden, denen ich mit den Augen gewunken hatte.„Jetzt merke er doch, daß er unter guten Chriſten und nicht unter lauter Ketzern und Freiſchäärlern ſei, ſagte der Kloſterkoch friſch aufathmend, und es würde ihn freuen, mit ſo wohldenken⸗ den Knaben ein Glas Wein im Frieden zu trinken. Der Herr Wirth ſolle nur gleich eine Maaß oder zwei aus dem hintern Faß heraufholen auf ſeine Rechnung.“ Als der rothe Wegknecht hörte, daß es etwas zu trinken gebe, ſo beſchwichtigte ſich ſein Eifer für die gute Sache um ein Merkliches.„So bös ſei es eben vorhin nicht gemeint geweſen“,— und rückte, als der Rößliwirth mit zwei Maaßflaſchen aus dem Keller zurückkam, dem Sonderbündler ſo nah als möglich.„Braucht nicht Angſt zu haben, ſprach der Wirth abſtellend dem Kloſterkoch zu und ſchnitt ein Geſicht, als ob er Vorbeter beim Roſenkranz wäre. Wir alle ſind rechtgläubige katholiſche Chriſten und dieſe Knaben rechnen ſich's zur Ehre an, von einem ſo frommen Mann ein Glas anzunehmen.“ „Ob vielleicht eint oder anderer von uns beim Militär ſei?“ frug der Kloſterkoch, nachdem er eingeſchenkt hatte.„Ja freilich wir Alle“, war die Antwort.„Da würden wir doch nicht mitziehen, wenn es gegen den Sonderbund Krieg gebe? es thäte ihm leid um ſo hübſche brave Knaben.“„Wie ſo?“ frugen wir. Der Kloſterkoch ließ einen recht gottſeligen Blick zuerſt nach der ſchwarzangerauchten Diele der Gaſtſtube und dann über ſeinen rothen Schnabel gleiten, ſtieß einen ſtarken Seufzer aus, trank ein Glas und ſprach endlich mit Nachdruck:„ich ſage euch, Knaben, wer das Unglück hat und die Sünde be⸗ geht und zieht gegen den Sonderbund zu Feld, der hat ſeine Heimat zum letztenmal geſehen.“„Das werde doch öppe nicht ſo gefährlich ſein“, meinte ich.„Er müſſe es beſſer wiſſen, er ſei erſt noch z'Luzern innen geweſen und habe Alles mit eigenen 65⁵ Augen geſehen. Da ſei kein Weg und Steg, wo nicht Pulver darunter ſei, um ganze Bataillone miteinander in die Luft zu ſprengen. Dann ſeien Schanzen mit vielen hundert Kanonen, die der König von Frankreich geſchickt. Hinter jedem Zaune aber ſtünden Ländlerſchützen, von denen jeder auf zwanzig⸗ tauſend Schritte einen Zweiräppler treffe. Von ſolchen Schützen hätte man keinen Begriff bei uns.“„Das müſſe er beſtätigen, rief da der Rößliwirth. Es ſei einmal ſo ein Landlerſcharf⸗ ſchütz bei ihm übernacht geweſen, der habe um einen Schoppen Gigertſchiwaſſer gewettet, ein Loch durch den Mond zu ſchießen und habe richtig gewonnen; man könne das Loch noch jetzt ſehen in hellen Nächten.“„Noch eine Maaß, Herr Wirth, befahl der Kloſterkoch. Dieß ſei aber noch Alles nichts. Erſt geſtern und vorgeſtern ſeien zehntauſend Walliſer über die Schneeberge ge⸗ kommen. Die könnten ihren Kanton unten mit einem großen Stein verſchoppen, wo dann keine Katze mehr hinein komme, und hätten alſo alle ihre Mannſchaſt den Luzernern zu Hülfe geſchickt. Sie verſtünden weder Deutſch noch Wälſch und ſchlügen Alles zu Kreuzſtücken zuſammen ohne Pardon.“ Je mehr der Kloſterkoch in Zug kam, deſto fleißiger ließen wir uns einſchenken und nickten gläubig mit den Köpfen.„Zudem, erzählte der Kloſterkoch weiter, habe es der Siegwart ſchrift⸗ lich von der Muttergottes ſelbſt, daß ſie mit ſammt allen himmliſchen Heerſchaaren, ſeiner gerechten Sache Beiſtand leiſten werde.„Ganz richtig! bekräftigte der Rößliwirth; er habe auch von der Sache gehört. Das Schreiben ſei mit goldenen Buchſtaben auf himmelblaues Seidenpapier geſchrieben geweſen und von einem Engel mit Extrapoſt aus dem Paradies ge⸗ bracht worden.“ Wir Andern mußten uns auf die Lippen beißen, um nicht heraus zu platzen; waren aber Etliche dabei, die den Spaß nicht verſtanden, denen wurde katzangſt und glaubten in allem Ernſt an die Pulverfäſſer unter allen Straßen, an die Ländlerſchützen, welche Löcher in den Mond ſchießen, an die gräulichen Walliſer und auch nicht minder an 5 66 den himmelblauen Brief der heiligen Muttergottes. Unter den Schlotterern war der rothe Wegknecht, der ein Paar Gläſer über den Durſt getrunken hatte, keineswegs der letzte.„Es wäre ihm ſchon recht, nicht dabei zu ſein, wenn es z'Chrieg gehe. Das ſei aber z'Düfels Sach, daß man in's Loch komme, wenn man ſich nicht ſtelle. Und wär's nur für ein Paar Wochen oder Monate, ſo bis gegen den Heuet, ſo wäre es ihm grad gleich. Aber ein oder zwei Jahre und dann noch um das Brod zu kommen, ſei doch zu viel.“„Von einer Kanonenkugel mitten abeinander geſchoſſen zu werden oder auf einem Pulverfaß in den Mond hinauf zu fliegen, ſei noch mehr, meinte der Kloſterkoch. Uebrigens wäre noch ein anderer Aus⸗ weg. Wir ſollten ſammt und ſonders nach Luzern hinein. Es befänden ſich dort ſchon mehr als tauſend aus dem freien Amt und anderswo her; ſie würden in beſondere Bataillone einge⸗ theilt und erhielten den doppelten Prä. Bei den hochwürdigen Vätern Jeſuitern könne man aber Zeicheli bekommen, die jeden, der ſie trage, kugelfeſt machten. So wiſſe man doch beſtimmt, daß einem nichts geſchehen könne.“ Ich glaube, der Schelm hielt uns bereits alle für den Salis⸗Soglio geworben, als der Landjäger in die Gaſtſtube eintrat. „Da treff ich euch ja hübſch beiſammen, rief er, als er uns hinter dem Tiſch erblickte. Dacht's wohl, daß ich mir beim Rößli ein Paar Gänge erſparen könne.“„Wir werden doch nicht vor den Richter müſſen?“ frug Einer.„So ge⸗ fährlich ſei's grad nicht, lautete des Landjägers Antwort. Der Befehl lautete blos: den Haberſack auf den Rücken und das Gewehr in Arm.“„So müſſen wir alſo z'Chrieg?“ riefen wir Alle in einem Athem.„Denk wohl! Die Tagſatzung habe einmal für den Anfang ein Aufgebot von hunderttauſend Mann beſchloſſen; man treffe Staffeten auf allen Straßen an. Er ſelbſt habe einen ganzen Wiſch von Aufgeboten zu beſorgen. Da iſt gleich eins für dich, Trummerfriedli; kannſt deine 67 Schlegel wieder rühren. Für den Rothen da hab ich's auch und für den Peterſepp und den Hansſepp und den Dursſepp. Nehmt nur gleitig und lest ſie euch ſelber aus!“ So mußt' ich alſo die Trommel umhängen und z'Chrieg. Während der Düfour mit zwanzig oder dreißig Batail⸗ lonen auf Freiburg los marſchierte, mußte das unſre die Grenze gegen das Luzernerbiet hüten helfen. In den Grenzdörfern war dazumal ein Gewühl und Gewimmel von Soldaten, daß den Meitſchene darob das Herz im Leibe lachte und die Alten, die uns füttern mußten, in den Haaren kratzten. Da waren Scharfſchützen aus Appenzell, Dragoner aus dem Thurgau, Kanoniere von Bern, Jäger aus dem Baſelbiet und Infanterie aus allen Kantonen, Bataillon an Bataillon; das ſurrte Alles durcheinander, wie in einem Impſtock, der ſtoßen will. Hie da ſprengten ein Paar Grüne vom eidgenöſſiſchen Stab daher, deren karmoſinrothe Aufſchläge, goldene Epauletten und Feder⸗ hüte ſchon von weitem ſchimmerten. Des andern Tages kam dann vielleicht eine lange Wagenreihe gefahren mit Waidlingen, Balken und Laden; das waren die Ponton, wo man braucht, um Brücken zu ſchlagen, oder rollte ein Gehäus, wie ein Ofenhaus auf vier Rädern heran und ein Paar Hellblaue humpelten auf lahmen Biggern daneben her, was man einen Feldſpital nennt. Dann kamen wieder Staffeten geſprengt bald Land auf, bald Land ab, einige mit ſchönen, glänzenden Helmen, andere mit Tſchakkos, man hätte ſie mit Nutzen als Löſcheimer verwenden können. Dazu wurde hier deutſch, dort wälſch ge⸗ flucht; in einer Ecke brannte der Berner ſein Donners⸗Don⸗ ner, der Zürcher ſeinen Strohlhagel los. Und während heute die hoffährtigen Dragoner die Fünfliber mit vollen Händen ungezählt in allen Ecken herum rollen ließen, und jedes Babi und Züſi mit Chamgagner traktiert wurden, ſangen morgen die Appenzellerſchützen bei einem Schoppen Gigertſchiwaſſer ihre luſtigen Lieder, wo einem dabei das Herz noch einmal ſo weit aufging, als geſtern beim Champagner. Aber ſo kunterbunt ——— 8 68 auch Alles durcheinander ſchwirrte, ſo ſpürte man doch, daß man zuſammengehöre, als wären alle aus einem Dorf. Das machte das rothe Armband mit dem weißen Kreuz, welches jeder trug, keiner ſchöner und keiner ſchlechter, der Tambour wie der Obergeneral, der Schneckenwälſche wie der Zürihegel, der welcher einen glitzernden Helm aufhatte, wie jener, dem ein umgekehrter Löſcheimer auf dem Kopf wackelte. K NN X X Hatten auch meiſtentheils gutes Quartier bei den Bauern. Denn es war faſt keiner, der nicht ſelber einen Buben im Kriege hatte. Da langte dann die Mutter, wenn ſie der Einquartierung das Eſſen kochte, noch einmal ſo tief in den Schmalzhafen, als ordinäre, weil ſie vorausſetzte, die Frau, wo ihr Kobi oder Hans im Quartier liege, werd' es auch ſo machen. Mit dem Exerzieren wurden wir nicht ſehr geplagt. So rutſchte man alſo in den Wirthshäuſern und Pinten her⸗ um, ſo weit das Prä langen mochte; wenn dann die Paar Batzen verthan waren, ging ſonſt einen Weg aus, wer nicht den ganzen Tag beim Bauer auf der Kunſt liegen und ſchlafen mochte, und trieb jeder Kurzweil, ſo viel er konnte. b V 69 Strich einmal mit etlichen Kameraden hinten ums Dorf herum. Weis nicht mehr genau ob wir's auf Aepfel, oder Nüſſe, oder Meitſchi abgeſehen hatten. Da begegneten wir einem in einem Kaputrock, der den Kragen hoch über die Oh⸗ ren hinauf gezogen hatte. Vorn aus dem Kragen hinaus, wo er nicht recht zuſammenging, glänzte etwas wie ein Karfunkel⸗ ſtein. Halt, dacht' ich, den Vogel kennſt du am Schnabel; einen ſo ſchön angerauchten Maſer im Geſicht führt kein ande⸗ rer als mein Freund, der Kloſterkoch. Was will der hier um dieſe Zeit?— Der fromme Mann mußte auf krummen We⸗ gen wandeln. Nur Geduld, dacht' ich. Hab ſchon manchen Schlaueren erwiſcht. Wollen einmal ſehen, ob wir dieſem nicht hinter die Schliche kommen. Schickte alſo einen der Kameraden dem Haag nach gegen das Dorf, um dem Koch einen Vorſprung abzugewinnen; der ſollte ſich als Schildwache aufſtellen und ihn anrufen,— wir andern wollten ihm den Rückweg abſchneiden. Geſagt, ge⸗ than.„Werda!“ tönt es plötzlich dem Kloſterkoch entgegen, der ſchon unbemerkt durchgeſchlüpft zu ſein meinte. Eilig machte er rechts um kehrt und wollte den Rückzug ergreifen; aber „wer da“ tönte es ihm nun auch hier entgegen, wo wir uns hinter etlichen Nußbäumen aufgeſtellt hatten.„Gut Freund!“ Und als ob er Feuer unter den Sohlen hätte, wollte er von dannen.„Haltla, Manol rief ich und faßte ihn am Mantel⸗ kragen. Es ſeien etliche da, die Zeicheli kaufen möͤchten.“ „Ich ſolle ihn laſſen ſeines Weges gehen. Er kenne mich nicht und wiſſe nicht, was ich von ihm wolle.“„Dem Trummer⸗ friedli werd' er öppe noch nicht vergeſſen haben; es ſeien ja noch keine drei Wochen, ſeit wir beim Rößliwirth z'Lürligen mit einander getrunken. Der arme Sünder wurde immer bleicher.„Das nächſtemal wollten wir unſere Bekanntſchaft erneuern, meinte er; jetzt preſſiere er heim.“„So ſolle er mir doch anvertrauen, was er im Dorfe auszurichten gehabt, da er nun ſo plöͤtzlich umgekehrt?“„Er werde ſich beim —-y— — ———— 70 Hauptmann beklagen.“„Wir wollten ihn dahin begleiten“, ſagte ich. Dieſer Vorſchlag wollte ihm aber doch nicht gefallen, denn plötzlich fiel er mir zu Füßen und bat um aller Heiligen Willen, wir ſollten ihn laufen laſſen und doch nicht unglücklich machen.„Nicht eher, als bis du gebeichtet haſt, welch Spitz⸗ bubenſtücklein du im Dorfe ausführen wollteſt.“„Er hätte blos zu ſeinem Schatz gewollt; wenn's aber die Herren Soldaten zürnen thäten, ſo wolle er gewiß nie wieder kommen.“ Hatte unterdeſſen den guten Freund etwas ſchärfer in's Auge gefaßt; da wollt' es mich bedünken, als ob er auf der linken Seite gar einen ſonderbar geſchwollenen Fuß habe und konnte doch laufen, als er uns zu entwiſchen meinte, wie ein Hirſch.„Ob er ſich gewirſet habe am Bein oder aber ob er das ſchnelle Laufen nicht vertragen könne? Mir ſchein's, es fehle ihm was am Fußgeſtell.“„Nicht daß er wüßte“— und ſuchte mit dem Zipfel ſeines Mantels das geſchwollene Glied zu verdecken. Da that ich, als falle mir mein Tabakspäckchen zufällig zur Erde, bückte mich, langte aber ſtatt nach dem Päckchen nach des Kloſterkochs verdächtigem Strumpf; das rauſchte nun unter dem Strumpf als wie Papier.„Eine ku⸗ rioſe Manier, ſeine Schriften herumzutragen“, ſagte ich. Der Kloſterkoch, dem's immer unheimlicher zu werden ſchien, pro⸗ birt' es noch einmal, Reißaus zu nehmen, aber zu ſeinem eigenen Schaden. In zwei Minuten war er wieder in unſern Händen. Einer riß ihm den Strumpf vom Fuß und heraus fiel ein dicker Brief.„Der werde wohl für ſeinen Schatz ſein, ſagte ich; ich wolle ihn ohne Trinkgeld beſtellen. Jetzt ſolle ſich aber der Patron von dannen machen, ſo ſchnell es ſein kurirtes Bein vermöge; laſſe er ſich dann noch einmal er⸗ wiſchen, ſo würde er am Aſte des nächſtbeſten Nußbaumes aufgehängt werden, wie ihm von Rechts wegen ſchon jetzt ge⸗ ſchehen ſollte, und wogegen ihm kein einziges ſeiner Zeicheli helfen würde.“ Die Ermahnung, ſich davon zu machen, ließ er ſich nicht zweimal ſagen, ſondern nahm den Finkenſtrich, als dh ob ihn der Hund gebiſſen, ohne ſich einmal die Mühe zu ge⸗ ben, den Strumpf zu binden. Wir andern zogen mit dem dicken Briefe ganz hochmüthig zum Hauptmann von der Wache. Dem ffiel faſt die Cigarre aus den Mund, als er die Adreſſe las. Es ſei ein Schreiben von Siegwart an den Geſandten von Frankreich. Sogleich mußte eine Ordonanz zu Pferde ſitzen und mit unſrem Fang in's Hauptquartier. Wir dünkten uns um einen ganzen Zoll gewachſen, da wir hörten, welche Teufelei wir an's Tageslicht 72 gebracht und es kitzelte uns bis in den großen Zehen hinunter, im nächſten Tagsbefehl unſer Lob vor dem ganzen Bataillon ableſen zu hören. Kam aber anders. Alldieweil wir den Spion nicht auf die Wache gebracht, ſondern gegen die Conſigne hätten laufen laſſen, kam jeder, der beim Spaß mitgeholfen, drei Tage in's Loch, meine Wenigkeit, als der Rädelsführer noch überdieß einen Tag extra darüber, nach dem Sprichwort, das da heißt: der Tambur denkt und der Hauptmann lenkt. Als der Trummerfriedli mit ſeiner Geſchichte zu Ende war, brach die geſammte Mannſchaft in jubelnden Beifall aus. Sogar eint und anderer Dragoner ließ ſich herab, ihm ein Glas darzubringen. In'sbeſondere jedoch freuten ſich die In⸗ fanteriſten und ſtichelten laut genug, bei den Kanonieren wäre dieſer und jener, der ein großes Maul führe, aber der ſei noch nicht gekommen, der dem Friedli ſein Stücklein durch zu thun im Stande ſei. Als das Sticheln nicht bald aufhören wollte, trank Müllers Rubi ſein Glas aus und ſtellte es dann auf den Tiſch ab, daß die andern, die daraufſtanden aus Schrecken in die Lüfte fuhren, worauf er ſagte:„er hätte geglaubt, ſolche Stücklein wären viel zu einfältig, als daß jemand ſeine Freude daran haben könne; aber öppen⸗öppis ſo apartig Merkwürdiges, als ein Chübeliſchläger mitgemacht habe, könne man bei den Kanonieren auch noch erleben.“ „So gieb's los, wenn du was weißt“, mahnte ein Kor⸗ poral von den Dragonern, der daheim von ſechs Pferden das ſchönſte ausleſen konnte, als er zum erſtenmal nach Solothurn zur Inſtruktion einritt— von einem Minderen hätte ſich der Müllerrubi nichts befehlen laſſen— und ſchlug, um an den Tiſchen Ruhe herzuſtellen, mit der eiſernen Säbelſcheide klirrend auf die Bank. — —— 73 Wer noch nie dabei war, wo eine Batterie Zwölfpfünder ausrückte, fing nun alſo der Kanonier⸗Wachtmeiſter, ſeinen Schnauz ſtreichend, an, der hat beim Donner noch gar nichts geſehn. Wenn man nur daran denkt, ſo lacht einem ſchon das Herz im Leibe. Voraus die Trompeter mit ihrem luſtigen Ge⸗ ſchmetter; dann die gewaltigen, glitzernden, blankgeputzten Pfeifen, vor jeder acht ſtampfende ſchnaubende Roſſe; dann die Munitionswagen vollgepfropft mit ſchweren Patronen; ganz hinten die Feldſchmiede. Aber neben dem Zuge daher ſprengend ſtolz zu Roß die Offiziere und Unteroffiziere mit den wehenden Roßhaarbüſchen und den klirrenden Schleppſäbeln; endlich die Mannſchaft, faſt keiner minder meſſend als ſechs Fuß, mit den breiten Scharlachſtreifen auf den dunkelblauen Hoſen und den glitzernden Meſſingſchuppen auf den Schultern, munter einher⸗ ſchreitend neben ihren Stücken. Das iſt ein Schmettern und Klirren, ein Geraſſel und Geſtampfe, ein Glitzern und ein Glänzen, man möchte glauben, der Herrgott ſelber komme mit den himmliſchen Heerſchaaren zum jüngſten Tage anmarſchiert⸗ He, Friedli, das ſieht nach was Anderem aus, als wenn ihr andern gemeinen Infanteriſten mit dem Schießprügel auf dem Buckel daher gepfoſelt kommt! Hatte aber auch Alles gewaltigen Reſpekt vor uns und wo wir einrückten, da vergaßen die Leute die Mäuler zuzu⸗ thun.— Es b'langte uns gewaltig, einmal mit unſern Pfeifen den Sonderbündlern zum Tanz aufzuſpielen. Der Dufour, mein⸗ ten wir, mache uns viel zu viel Fiſeli⸗Fäſeli—, wir ver⸗ ſtanden's halt damals nicht beſſer und glaubten es müſſe jetzt Alles mit einander verſchluckt werden. Das wußten wir wohl, daß wir mit unſern Stücken nur ein wenig drein zu donnern brauchten, um den ganzen Sonderbund ſammt dem Salis⸗ Soglio zum Teufel und ſeiner Großmutter zu jagen. Lagen alſo zu unſerm großen Verdruß in einem Dorfe im Aargäu, zunächſt dem Luzernerbiete. An den Waldrändern 74 jenſeits der Grenze ſahen wir tagtäglich den Luzerner Land⸗ ſturm mit ſeinen Hellebarden, Sempacherſpießen und Fidelis⸗ knitteln herumſchwärmen und auf den Anhöhen ſtanden die feindlichen Vorpoſten. Und wir mußten dem Dinge zuſchauen und durften nicht einmal probieren, ob unſere Amſeln mit den gelben Schnäbeln noch gut bei Stimme ſeien. Damals hatte ich gar einen guten Kameraden bei der Kompagnie. Leider liegt er jetzt bei Gislikon im kühlen Bo⸗ den. Ihm mangelte es zu keiner Stunde an einen luſtigen Einfall und hätten wir ihn ſelbesmal nicht bei uns gehabt, wir wären vor lauter Langeweile und Ungeduld aus der Haut gefahren. Saßen alſo einmal in der Pinte zuſammen, ich, mein Kamerad und etliche andere luſtige Kanoniere und ſuch⸗ ten unſere Ungeduld im Glaſe zu ertränken. Es war dieß aber eigentlich ein ſchlechter Spaß, denn ſelbſt um ſchweres Geld war da kein rechter Tropfen zu bekommen; man war ge⸗ nöthigt durch die Menge zu erſetzen, was an der Güte ab⸗ ging. Waren ungefähr an der fuͤnften oder ſechsten Maaß und ſchauten einander ganz trübſelig an; da ſprang mein Kamerad ganz unverſehens vom Banke auf, ließ einen Jauch⸗ zer, daß die Scheiben klirrten und rief:„wer hilft mitmachen? ich weiß euch einen Streich von den luſtigſten, die noch je ein muntrer Kanonier hat aufgeführt.“ Zum Glück war der Hauptmann grad ausgeritten, ſonſt hätt' er uns wahrſcheinlich einen Strich durch unſre Rechnung gemacht, denn er verſtand keinen Spaß im Dienſt. Der Ober⸗ lieutenant kareſſirte die Wirthstochter und die Unterlieutenante hatten ſelber den größten Jux bei der Sache. So hatten wir alſo freies Spiel und legten ohne uns länger zu ſäumen gleich Hand an's Werk. Vor Allem wurde ein alter Miſtwagen aus dem erſten beſten Schopf herausgezogen; unterdeſſen waren etliche auf einem hölzernen Brunnendünkel ausgegangen. Der Miſtwagen mußte eine Laffette vorſtellen, der Dünkel die Kanone. Ein 75 alter Beſen womit unſre Bäaäurin ſonſt die Schweine wuſch, wurde zum Wiſcher, ein Peitſchenſtiel zum Luntenſtock. Mit unſrem neumodiſchen Stücke zogen wir dann recht laut ſchreiend und lärmend zum Dorf hinaus auf die Anhöhe, von welcher aus die feindlichen Vorpoſten ſichtbar waren. Eben trieb ſich jenſeits der Luzernergrenze wieder ſo ein Haufen Landſtürmer herum, hatten Wachen ausgeſtellt und wollten thun, als ob ſie ordentliche Soldaten wären. Wir, nicht faul, protzten unſern Miſtwagen ab; wer die lauteſte Stimme hatte, mußte komman⸗ dieren; mit dem hölzernen Dünkel wurde mitten in den dich⸗ teſten Landſturmhaufen viſiert und an den Luntenſtock eine brennende Cigarre befeſtigt. ———V—O——— — 76 Mein Landſturm drüben hütete ſich aber ſehr, das los⸗ brennen unſeres gefährlichen Geſchützes abzuwarten, ſondern ſtob auseinander, ſo ſchnell ihn ſeine Beine tragen mochten. Handkehrum war vom ganzen Trupp kein Mann mehr zu er⸗ blicken. Im erſten Schreck hatten aber die Wachen ihre alten roſtigen Gewehre abgeſchoſſen,— nicht lange gings, ſo klänkte im nächſten Dorf die Sturmglocke. Bald knallten auch die Lärmkanonen und als der Abend anbrach, ſahen wir, ſo weit wir ſchauen konnten, die Feuer auf den Hochwachen brennen. Den ganzen Spektakel hatte unſre neumodiſche Kanone ange⸗ richtet. Glücklicherweiſe, daß der Hauptmann in guter Laune nach Hauſe geritten kam. Er hatte nämlich den Befehl erhalten, die Batterie ſolle am nächſten Tage das langweilige Neſt, wo wir ſeit vierzehn Tagen im Quartier lagen, verlaſſen und nach einem andern Punkt der Grenze ziehen, einem luſtigen Städt⸗ chen, wo's hübſche Meitſchi und guten Wein gab. Ließ ſich alſo den Spaß, den wir vollbracht, erzählen, fluchte ein Paar Kreuzſchwerenöther und Himmelhunde dazwiſchen; dann eröffnete er uns, daß wir eigentlich verdient hätten, vor ein Kriegs⸗ gericht geſtellt zu werden, da vielleicht wegen dem verfluchten Lärm unſre ganze Diviſion in Allarm gebracht würde und ſchloß damit, daß er den Wirth anwies, uns etliche Maaß auf des Hauptmanns Rechnung zum Beſten zu geben. Und glaube ſelbſt der Düfour hätte das Lachen nicht überhalten können, wäre ihm das Stücklein zu Ohren gekommen. Nach dieſen Worten erhob ſich des Müllers Rubi von ſeinem Sitz, klopfte ſeinen Düfour aus und ſah ſtolz rings⸗ herum, welche Wirkung ſeine Geſchichte bei den Zuhörern ge⸗ macht habe. Und wirklich ſahen die meiſten mit einem gewiſſen Reſpekt zum Kanonier⸗Wachtmeiſter auf, der mit einem hölzernen ——— 77 Dünkel den ganzen Luzernerlandſturm hatte in's Bockshorn jagen helfen. Selbſt die Landwehrmannen mit den hellblauen Hoſen ſahen mit Bewunderung und Wohlgefallen aus ihrem finſtern Winkel an Rubi's ſechs Fuß hohe Geſtalt empor. „Der Friedli könne noch lange mit ſeiner Trommel im Lande umher kübeln, bis er dazu komme ein ſolches Donnersſtücklein aufzuführen“, rief vorlaut ein Bürſchchen von den Kanonieren, das erſt heuer friſch dazu gekommen war. Der Tambour blinzte nach dem Rubi hin, wahrſcheinlich um zu ſehen, was es etwa erleiden möge und erwiederte dann: „Wahr bleibt wahr! Wenn irgendwo ein Schwank paſſiert, der in den Kalender gehört, ſo iſt's— zehn gegen eins— bei der Artillerie geweſen. Er wiſſe deren Dutzendweis. Da falle ihm z. B. gerade die Zaunſteckenſchlacht ein, wenn man aufgelegt ſei zuzuhören. Doch von der werde der Herr Wachtmeiſter ſelber am beſten erzählen können, da er mit Schein ſelber da⸗ bei geweſen.“—„Was das bedeute, die Zaunſteckenſchlacht? gewiß eine apart luſtige Geſchichte“,— riefen Alle aus einem Munde. Der Rubi aber wurde roth wie ein geſottener Krebs. „Er wolle lieber ſelber damit ausrücken, als den Trummer⸗ friedli die Sache auf ſeine gewohnte Manier verdrehen laſſen, der nicht zu gut wäre, ſelbſt dem Brävſten mit ſeinem ſchlimmen Maul einen Schlötterlig anzuhängen.“ Zufrieden, daß ihm ſeine Rache gelungen ſchenkte ſich Friedli ſein Glas aus des Wachtmeiſters Flaſche voll und dieſer, welchen ſie nun von allen Seiten beſtürmten, begann nach einigem Zögern und Beſinnen wieder wie folgt. Endlich hieß es: jetzt gehts vorwärts gegen Luzern! Vor⸗ ſichtig wurde eingerückt, Jäger voraus und zu beiden Seiten. Man hatte ſich erzählt, die Dörfer würden vom Landſturm vertheidigt Fuß für Fuß und dann angezündet und die ein⸗ 78 rückenden Eidsgenoſſen mit ſammt der Landſtraße in die Luft geſprengt. Als wir aber kamen, da war vom Landſturm kein Mann zu ſehen. Aus allen Fenſtern hingen eidgenöſſiſche Fahnen und die Luzernermeitli brachten uns Wein und Moſt bis zu den Roſſen und Kanonen. Jeder Fleck, wo eine Mine ſein ſollte, war bekannt und hatten ſie unſre Offiziere vom Generalſtab auf ihren Landkarten aufnotiert. Wurden alſo alle⸗ mal die Sappeure vorausgeſchickt, ſie zu zerſtören, fanden aber in den meiſten nicht einmal Pulver, geſchweige denn einen brennenden Schwefelfaden. So rückten wir alſo ohne einen Feind zu ſehen und ohne einen Schuß zu ſchießen voran. Es hieß nun, die Sonderbündler zögen alle ihre Kräfte nach Lu⸗ zern, um dann dort vor der Stadt uns mit einem Schlag in die Pfanne zu hauen. Als die Nacht kam, wurde biwakiert. Unſer Lagerplatz war ein weites Feld, das vor uns ein Tannwald begrenzte. Hinter uns lagen ein Paar Dörfchen. Die Stücke wurden aufgefahren und den Roſſen das Futter vorgeſchüttet. Die Infanteric be⸗ ſetzte die Wachpoſten und ſtellte dann die Gewehre in langen Reihen von Piramiden zuſammen. Sodann wurden die Einen commandiert, Brennholz herzuſchaffen, die Andern Stroh zum Lagern. Bald glitzerten auf dem weiten Feld hunderte von Feuern und das Kochen ging an. Wir hatten zwar den ſtrengen Befehl erhalten, uns mit dem Spatz zu begnügen, den wir auf den Proviantwagen mit uns führten; aber wir waren halt im Krieg. So kam's, daß manchmal Einer, der in einem Bauernhaus Stroh hätte holen ſollen, in der Zerſtreuung ein fettes Schwein mitnahm; und ein Anderer, der zum Brunnen oder Bach nach Waſſer ausgeſchickt worden war, verirrte ſich in des Pfarrherren Keller. Konnten deshalb an unſerm Lagerfeuer nicht einmal die Suppe eſſen, weil der Koch zum nachſchütten einen Keſſel mit Aepfelmoſt erwiſcht hatte, ſtatt des Waſſers. Da gab's noch manchen Spaß ſelbesmal. Auch hörte man Anfangs 79 durch das ganze Lager nichts als lachen und ſingen. Als es aber immer finſtrer wurde und es ganz fein und kalt zu regnen anfing in der dunkeln Novembernacht, ſo ward einer nach dem andern ſtill. Man ließ ſich ans Feuer, ſo nah man konnte, und machte ſich aus dem ſparſamen Stroh ein Neſt. Wo aber Einer eingeſchlafen war, da benutzten gleich ein Paar Andre den Vortheil, und ſtahlen ihm das Stroh unter dem Leibe weg. Da war man keineswegs ſo warm gebettet, als wenn man zwiſchen zwei halbzentnerigen Federbetten beim Schatze liegt. Am beſten hatten es unſre Roſſe, die bis zum Bauch in den ſchönſten Habergarben ſtanden, die wir einem Bauer aus der Scheuer geholt. Wir waren halt eben, wie geſagt, im Krieg. Zuletzt ſchlief dann doch faſt das ganze Lager, mit Aus⸗ nahme der Wachen, die ſchweren Schrittes auf ihren Poſten hin⸗ und hergingen. Plötzlich gibt's Allarm. Die Trommler ſchlagen General. In einem Nu ſteht unſre ganze Brigade unter den Waffen. Der Tag fing kaum zu dämmern an. Ein Paar hundert Schritte vor uns aber ſtand der Feind in unabſehbarer Reihe in Schlachtordnung aufgeſtellt; deutlich zeichneten ſich die ſchwarzen Gewehre gegen den dunkelgrauen Himmel ab. Wäh⸗ rend die Jäger in den Flanken zum auskundſchaften ausbrechen, erhalten ein Paar leichte Stücke Befehl aufzufahren und ab⸗ zuprotzen; einige Granaten werden dem Feinde zugeſchickt, welche aber über deſſen Köpfe weg in den nahen Wald hinein fahren. Nun knallt es dort wieder; wir glauben unſer Feuer erwiedert und bald wären wir in einem förmlichen Gefecht begriffen geweſen. Unterdeſſen war aber der Tag heller ge⸗ worden und nun verwandelte ſich unſer Feind in einen langen Weidhaag, der von hohen Zaunſtecken überragt war. Unſre eignen Granaten, die drüben im Walde platzten, hatten uns glauben gemacht, es werde auf uns geſchoſſen. Dieß iſt die ganze Geſchichte von der Zaunſteckenſchlacht, die Einem jetzt 80 von jedem Kübelſchläger aufgerupft wird. Und ſoll mich der Satan ſtrafen, wenn ein einziger von unſern Zwölfpfündern auch nur eine einzige Sylbe dabei hat verlauten laſſen. Dießmal war die Kehr zu lachen an Friedli und ſeinen Kameraden. Selber die heiterblauen Landwehrmängex ſchüttel⸗ ten ihre Bäuche auf Koſten der Kanoniere. Der Dragoner⸗ Korporal ſagte, das ſei dann doch ein ächtes Gerſauerſtücklein geweſen, mit Kanonen auf einen Weidhaag zu ſchießen.— „Wie mancher Haagſtecken auf dem Platz geblieben ſei?“ neckte Einer.„Ob man auch viele Gefangene gemacht habe?“ ſpottete ein Anderer. Das war doch mehr, als der Kanonier⸗ Wachtmeiſter vertragen konnte.„Ruhig, ſag ich euch, über⸗ brüllte er das Gelächter und Geſchwätz indem er zugleich mit der Säbelſcheide auf den Tiſch ſchlug. Und wer nicht Ruh' haltet, der hats mit mir zu thun und kann ausleſen, ob er lieber zur Thür oder zum Fenſter hinauskutſchieren mag. Was wißt ihr doch von einer Schlacht zu ſagen, wo keiner von euch noch eine Kugel pfeifen hörte.“ Und Rubi ſtand auf und blickte ringsum, wer etwa Luſt habe, mit ſeiner Fauſt Bekanntſchaft zu machen. Aber Alles war ruhig geworden, denn man wußte wohl, daß des Wachtmeiſters Arm von den zügigeren einer ſei. „Bis nit höhn“— beſchwichtigte der Trummerfriedli den erzürnten Kanonier.„Wir wiſſen wohl— du kannſt ja nichts dafür, daß die Haagſtecken keine Sonderbündler waren. Und wären es der Elgger und der Abyberg und der Salis⸗Soglio und der Teufel mit ſammt der Großmutter ſelber geweſen, ihr hättet nicht minder wacker drauf los gepülvert.“—„Das will ich meinen“— erwiederte Rubi, welchen nicht ſowohl des Trommelſchlägers Rede, als der augenſcheinliche Reſpekt, welchen die ganze Geſellſchaft vor ſeinen Fäuſten zu hegen 81 ſchien, einigermaßen beſänftigte—„das will ich meinen,— und haben es auch gezeigt. Keine ſechs Stunden nach dem dum⸗ men Spaß, ſo öffneten dann unſre Goldamſeln ihre Schnäbel in allem Ernſte und pfiffen ihr Lied, daß es tſchäterte.— Hab' ich euch die Zaunſteckenſchlacht erzählen müſſen, ſo will ich euch jetzt auch berichten, wie es in der rechten Schlacht gegangen iſt,— war ja doch von euch Allen damals keiner dabei.“ Auf dieſe Rede des Wachtmeiſters ließen die meiſten ihre Schöppen nnd Flaſchen noch einmal füllen und ſtützten um beſſer hören zu können, ihre Ellbogen auf den Tiſch. „Der Regen der Nacht, begann Rubi, hatte die Nebel zu Boden geſchlagen und gegen Mittag ſchien die Sonne ſo ſchön, als ob es Frühling werden wolle. Langſam rückte unſre Bat— terie der Reuß entlang auf der Landſtraße gegen Gislikon vor. Vor uns und zur Seite links hatten wir es ſchon lange pülvern gehört und glaubten bald, die Sache würde ohne uns aus⸗ gemacht werden. Da kam plötzlich ein Grüner wie's Wetter angeſprengt und brachte dem Hauptmann einen Befehl. Nicht mehr lang, ſo hieß es:„vorwärts im Trab“, und die Batterie mußte links einen Rain hinauf abſchwenken. So ſchnell die Roſſe laufen mochten, ging's über Matten und Aecker voran bis zu einem großen Bauernhauſe, das mitten in einem Obſt⸗ garten ſtand. Dicht neben dem Haus zwiſchen den Birn—, Apfel⸗ und Nußbäumen wurden die Stücke aufgefahren. Zwiſchen den Stämmen durch ſahen wir vor uns in der Richtung der Gislikerbrücke etwas in der Sonne glitzern. Waren grade dran zu ſtudieren, was es ſein möchte, ſo fuhr plötzlich ein weißer Rauch draus hervor— pauf!— die Kugel fuhr über unſern Köpfen durch die Gipfel der Bäume. Da wußten wir woran wir waren. Es ſtand dort eine Schanze der Sonderbündler, die wir ſollten zum Schweigen bringen. Nun ging's friſch an die Arbeit, und ich ſage euch, Knaben, unſre Pfeifen waren gut bei Stimme; ſie donnerten drein, der alte Denzler z'Thun 6 8²2 hätte ſeine helle Freude dran gehabt, wär' er dabei geweſen. Aber auch in der Schanze drüben waren ſie nicht faul. Es ketzerte wie ein Hagelwetter von Kugeln, Granaten und Kar⸗ tätſchen durch die Aeſte zu unſern Häupten. Wäre ich beim Train geweſen und hätte ruhig bei den Roſſen ſtehen müſſen, Gott ſtraf mich, ich glaube faſt es hätte mir ſchier gy'chrüſelet. So aber hatte man nicht der Weil, viel dran zu denken. Zum Glück ging Anfangs Alles zu hoch. Ich war bei Nr. 4, mein Kamerad, der den Streich mit der hölzernen Kanone erſonnen hatte, ſtand bei Nr. 3. Da tſchätert es hinter uns, daß die Fetzen davon fahren. Die Hunde in der Schanze hatten gemerkt, daß ſie zu hoch viſiert und hielten tiefer. Eine Kugel hatte mitten in die Trainpferde geſchlagen. Zwei Roſſe und drei Mann lagen am Boden. Ich hatte kaum Zeit gehabt, mich umzuſehen, ſo kommt eine andere Kugel ge⸗ flogen— ſie fährt meinem guten Kameraden bei Nr. 3 mitten durch die Bruſt.—— Ich ſag' euch, Knaben, es hat mir weh gethan, als ſpürte ich ſie im eigenen Leib. Und noch jetzt, wenn ich denke, wie er dalag auf dem feuchten Gras, erſt noch ſo munter und guter Dinge und dann wie ein ge⸗ ſchoſſenes Thier mit ausgeweideter Bruſt— es ſchnürt mir das Herz als wie mit einem Hälſig zuſammen.“ Des Müllers Rubi ſchwieg. In der Gaſtſtube blieb Alles ſtill, man hätte eine Mücke fliegen gehört. Da ſtand einer der heiterblauen Landwehrmänner auf, dem das Haar ſchon ordentlich grau unter dem breiten Tſchakko hervorſchaute, und ſagte:„Schenkt Alle eure Gläſer voll, Knaben! Es iſt, wie es zu Solothurn im Kaſernenhof auf dem Denkſtein heißt. Rubis guter Kamerad und alle Andern die mit ihm bei Gislikon umkamen, ſind als brave Soldaten geſtorben. Ihnen und jedem braven Soldaten zu Ehren und Andenken, ſei er zu Fuß oder zu Roß, Kanonier oder Dra⸗ goner, Wachtmeiſter oder bloßer Trommelſchläger, werde dieſes Glas gebracht.“ 83 Ernſt und feierlich wurde angeſtoßen. Als der Trummer⸗ friedli mit des Müllers Rubi putſchte, ſagte er:„Wacht⸗ meiſter, du haſt die Wette gewonnen.“„Laß gut ſein, er⸗ wiederte der; ich zahl' die Flaſche. Iſt hoffentlich nicht die letzte, die wir miteinander trinken.“ Dursli, der Auswanderer. Erſtes Kapitel. Warum Dursli den Steinacker verkaufen und auswandern will. Ich heiße der Dursli ab dem Steinacker, weil mein Vater der„Steinackerbauer“ genannt wurde, und der hatte ſeinen Namen wahrſcheinlich deswegen, weil er gewöhnlich mehr Kieſelſteine als Dublonen in den Furchen fand, wann er hinter dem Pfluge ging. Aber doch gehörten zu unſrem Heimweſen ein paar Stücke, auf denen ſchweres Korn und langer Roggen wuchs, und auch ein paar gute Wäſſermatten. Auf dem Hofe ſtand ein Haus, das war auch nicht geſtern oder beute gebaut worden; es ſah ſehr rauchig und rußig aus und hatte ſein breites Strohdach tief über die Ohren heruntergezogen. Aber es ſtand mitten in einem ſchönen Baumgarten voll großer und geſunder Aepfel⸗, Birnen⸗ und Kirſchenbäume, und ſo alt und braun es war, ſchaute es im Sonnenſchein doch noch recht freundlich und anmuthig aus dem Grünen heraus. 85 Der Vater war vor acht Wochen geſtorben; mit der Mutter und den beiden Schwägern hatte ich getheilt und war nun ſelber der Steinackerbauer. Da ſprach ich zur Mutter, die am Ofen ſaß und ſpann— es war früh im März und draußen Schnee und Sturm—„Mutter, ich will fort— nach Amerika.“ Der Mutter brach der Faden ab und ſie rief:„Das wird doch nicht dein Ernſt ſein, Dursli!“ „Doch, Mutter, gab ich ihr zur Antwort. Ihr wißt, aus unſerm Dorfe und aus den nächſten in der Umgegend wan⸗ dern bei vierzig in dieſem Frühjahr aus, und aus dem Bern⸗ biet mehr als hundert. Mutter, ich geh' mit ihnen.“ Da fing die Mutter zu weinen und zu jammern an: „was dann aus ihr werden ſolle und aus dem ſchönen Stein⸗ acker?“ Aber ich blieb feſt und ſagte:„eben der Steinacker iſt's, der mich fortreibt, der Steinacker mit ſeinen zwanzig Jucharten, von denen ich die Hälfte ſchuldig bin,— gerade genug um nicht ſterben, nicht leben zu können. Soll ich ar⸗ beiten wie ein Roß, mich ſchinden und plagen von früh bis ſpät, Jahr aus Jahr ein, um zinſen zu können zu rechter Zeit und genug Erdäpfel zu eſſen, wenn's gut geht?— und in den ſchlimmen Jahren mir die Biſſen vom Munde ſparen, um nur immer zinſen zu können?— und wenn's einmal ein Un⸗ glück gäbe, gar nicht zu wiſſen, wo aus und an, um mir den Weibel vom Haus zu halten? Weiß ich ja doch wie der Vater ſel. oft nöthliche Zeiten hatte, da doch noch alles bei⸗ ſammen war. Oder ſoll ich den Steinacker theilen mit den Schwägern, ſo daß keiner nichts hätte und ein Tauner und Geißbauer werden? Nein, Mutter, ich geh' nach Amerika!“ Aber die Weiber ſind pfiffig und meine Mutter wußte, daß ich in der Nachbarſchaft etwas Liebes habe. Sie pro⸗ bierte es deshalb, mich an dieſem ſchwachen Fleck zu packen. „Das Babeli in der Sandgruben, ſagte ſie, das willſt du 86 dann ſitzen laſſen; das iſt auch nicht ſchön von dir.“ Und als ſie dieſes geſagt hatte, ſchielte ſie verſtohlen nach mir hinüber. Da ſtand ich auf und trat vor ſie hin und ſprach zu ihr: „Nein, das Babeli laß ich nicht ſitzen, und dich auch nicht, Mutter. Ich habe Alles ausgeſonnen, wie es gehen müſſe, als ich an den langen Winterabenden auf der Ofenbank lag und ihr glaubtet ich ſchlafe, oder wenn ich früh im Stall handtierte, oder mit dem Wagen in den Wald fuhr. Der Schwager in der Mühle übernimmt den Steinacker, er hätte ihn ſchon lange gerne gehabt; vom Gelde, das er mir ſchul⸗ dig wird, nehme ich etwa zwei⸗ oder dreihundert Dublonen mit und ziehe mit den Andern, die im nächſten Mai verreiſen wollen. Unterdeſſen ziehſt du in die Mühle hinunter. Aber wenn es ſo iſt, wie ſie ſchreiben und wie ich es ſogar ſchon gedruckt geleſen habe, daß man die Jucharte beſtes Land, zehnt⸗ und bodenzinsfrei, um einen Fünfliber bekommen könne, ſo kaufe ich mir in Amerika um mein Geld einen großen Hof, und übers Jahr, wenn wieder ein Trupp verreist, gehſt du mit ihnen, Mutter, und bringſt mir mein Babeli mit. Das gibt ja dann ein Leben als wie im Himmel.“ Die Mutter ging betrübt zu Bett in ihr Kämmerlein und weinte, bis der Morgen grau durch die Scheiben ſchien. Aber mir träumte, ich ſei ein großer Bauer in Amerika, der Niemandem zu zinſen brauche, und habe ſechs ſchöne Roſſe im Stall. 87 Zweites Kapitel. Die Abreiſe. Es war Mai geworden. Die Auswanderer, denen ich mich anſchließen wollte, hatten ſich verabredet, zu Solothurn beim Sternen zuſammen zu kommen⸗ Es mochten ſo bei dreißig oder vierzig ſein, die mit einander reiſen ſollten: da war der alt⸗ Weibel, der wollte in ein Land ziehen, wo es keine Gemeinde⸗ *räthe gibt, da er mit denen zu Haus Jahr aus und ein Streit und Händel gehabt und dabei ſein halbes Gut verprozediert hatte,— da war der Baſchi⸗ hans und ſeine Frau Marei, die alle Jahre ein Kind bekam, und ein Jahr über das andere Zwillinge, die zählten, die Großmutter mitgerechnet, allein ihrer ſiebenzehn,— da waren der Brönzkaſper und der Schnaps⸗ 4 — b ——— 88 roni, welche ihr Reiſegeld aus dem Gemeindeſeckel erhalten hatten,— da war auch der Schullehrer, dem das Schul⸗ meiſtern verleidet war, und noch mancher war dabei, den ich vergeſſen habe. Die meiſten von uns waren guten Muthes und trugen Meyeli auf den Hüten, als ob es an eine Hochzeit gehe. Die Zeit bis zur Abreiſe vertrieb man ſich mit trinken, ſingen und jauchzen, und es ging in der Gaſtſtube lauter zu als an einem Markttage. Für die Reiſe bis nach Havre an das Meer hatten wir große Leiterwagen, welche ſauber mit Stroh und Tüchern ge⸗ deckt waren, ſo daß unſere Habſeligkeiten vor dem Unwetter geſichert waren und auch die Weiber und Kinder darunter Schirm und Schatten fanden. ſich allein einen Wagen und hatte für drei Roſſe noch ſchwer genug geladen an dürren Schnitzen, Erdäpfeln, Speckſeiten, Pfannen und Kellen; auch hatte die Großmutter nicht vergeſſen, zwei Harniſchplätze mitzunehmen, da ſie einmal gehört, es hätte einer geſchrieben, es ſei in Amerika Land auf Land ab keiner weder zu ſehen, noch zu kaufen. Der alt⸗Weibel, der mit ſei⸗ nen beiden Buben auswanderte, hatte all ſein Werkgeſchirr auf⸗ gepackt, Pflug und Egge, Flegel und Senſe, Gabel und Rechen, zum Erſten, weil ihm die Sachen bei der Steigerung nicht genug gelten wollten,— zum Andern, ſagte er, er habe ge⸗ hört, ſie hätten in Amerika nur ſo neumodiſches Zeug, Pflüge, wo man lüpfen müſſe anſtatt zu drücken, und drücken anſtatt zu lüpfen, und er möge in ſeinen alten Tagen nicht noch ein⸗ mal in die Lehre gehen, und übrigens habe er mit dem alten Pflug immer noch ſchönes Korn bekommen u daß es bei andern Pflügen ſchöneres gebe. 4 und der Brönzkaſper, die in Amerika eine Waſſerbrennerei an⸗ fangen wollten, hatten eine große Strohflaſche voll Kirſchwaſſer mitgenommen, für Muſter, wie ſie ſagten.— Ich ſelbſt war Der Baſchihans brauchte für d nicht er Schn ört, aßsroni nicht mit vielem Gepäck beladen, ſechs Hemden, eine Sonntags⸗ 89 kleidung und eine für die Werktage und zwei Paar neue Schuhe. Mein Geld hatte ich in Dublonen umgewechſelt und in einen Gurt genäht und trug es auf dem Leibe. Und die Stunde kam, die Pferde waren angeſpannt, die Kinder in die Wagen gepackt, das letzte Glas wurde einge⸗ ſchenkt und ausgetrunken. Und als der Zug ſich in Bewegung ſetzte, da gab es einen lauten Jubel und die jungen Leute ſchwenkten jauchzend ihre Hüte;— ging's ja einem neuen beſſern Leben entgegen, einem neuen ſchönern Vaterlande, wo die Fünfliber auf den Straßen herumliegen, wie bei uns die Kieſelſteine und man ſich blos zu bücken braucht, um ſie auf⸗ zuleſen, und wo die Magenwürſte an den Bäumen wachſen, ſagte der Schnapsroni. Mir aber war's ums Herz wie da⸗ mals, da ich als ein kleines Büblein zum erſtenmal von der Mutter fort mit dem Vater auf den Buchſi⸗Märet gehen durfte; eines Theils freute ich mich, einmal in die weite Welt hinaus zu gehen, andern Theils drückte es mich doch faſt Zentnerſchwer;— aber ich ſchämte mich, es merken zu laſſen, und jauchzte, wie die Andern, ins Blaue hinaus. Da kam unſerem Zug ein anderer Zug entgegen; es war in der Bittwoche und mit Kreuz und Fahnen kam ein ganzes Dorf des Weges daher und flehte mit beten und ſingen den Segen des Himmels auf die Felder und Matten hinunter. Dazu läuteten von nah und fern von allen Kirchthürmen die Glocken. Unſer Jauchzen verſtummte. Manches hätte beſſer ſein können in der alten Heimat; aber noch alle Jahre hatte unſer Herrgott auf unſere Felder und Matten regnen laſſen und die Sonne ſcheinen, daß das Gras wuchs und die Saaten reiften. Für uns Auswanderer wuchs nun auf dieſen von des Vaters und Großvaters Schweiß getränkten Aeckern keine Aehre mehr. Der Segen, den die Bittganger vom Himmel herunter riefen, kam denen nicht zu gut, die auf fremder Erde ſich eine neue Heimat ſuchten. Sie ſollten das ſchöne Geläute von St. Urſen nie mehr hören, nie mehr ſehen die glitzernden 90 Schneeberge und den blauen Leberberg. Da fiel Manchem eine Thräne über die Backen, der ſich das Flennen ſchon lunge hatte abgewöhnt. Es war unſer Dorf, das heute mit Kreuz gegangen. Die Mutter und das Babeli waren auch dabei; aber ich ging auf die andere Seite der Straße hinter einen unſerer Wagen, daß man mich nicht ſehen konnte. Da zogen die Kreuzleute vorbei, das Beten und Singen verhallte in der Ferne, und wir fuhren ſtill fürbas gen Baſel. Drittes Kapitel. Wie ein Schulmeiſter in die Neſſeln legt. Von Baſel bis ans Meer iſt ſchon eine weite Reiſe, be⸗ ſonders auf einem Leiterwagen; und langweilig iſt der Weg auch über die weiten Ebenen, durch die unſauberen Dörfer mit ihren Steinhütten, um welche weder ein Gärtchen noch ein Obſtbaum zu ſehen, und es that einem recht im Herzen weh, die magern, halbverhungerten Kühlein anzuſchauen, von denen gewiß keines ſo viel Milch gibt, als bei uns eine rechte Gaiß. Als wir durch die Stadt Paris kamen, ſo wäre der Baſchihans faſt um ſeine ſchönen Schnitze, Hammen und Speckſeiten ge⸗ kommen; die Zollner waren ſchon daran ſie einzuſacken, und ſagten: es ſei verbotene Waare, aber das Marei wehrte ſich drum, wie ein Leu; da kam gerade einer von den Vorgeſetzten dazu und der befahl, daß die Sachen verſiegelt werden ſollten, bis wir wieder zur Stadt hinaus ſeien, und der Baſchihans durfte ſeine Sachen behalten. Unterdeſſen gingen wir in eine Pinte um ein Glas Wein zu trinken, der war roth, dick und für das Geld noch ſchlecht genug, und hatte der Wirth den Schwefel auch nicht geſpart, denn wir haben alle Kopfweh davon bekommen, ausgenommen der Schnappsroni und der Brönzkaſper, und müſſen dieſelben recht ausgepichte Magen haben, weil es ihnen nichts gethan hat. 91 Da kam es eines Tages, daß ich in weiteſter Ferne, dort wo Erde und Himmel zuſammenkommen, einen grauen Streifen entdeckte, der immer breiter und breiter wurde. Einer der Fuhrleute, welche dieſen Weg ſchon mehr denn einmal gemacht hatte, ſagte, das ſei das Meer. Bald erblickten wir auch die Thürme der Stadt Havre und die Spitzen der Maſtbäume von den Schiffen, welche in dem Meerhafen lagen. Wir jun⸗ gen Männer jauchzten, die Kinder jubelten und die Alten rieben ſich freudig die Hände; es dünkte uns, wir ſeien nun ſchon faſt am Ziele. Und doch ſtanden wir jetzt erſt am Rande unſerer alten Heimat; und noch viele hundert Stunden, noch ein weites Meer und wie Manches, wovon uns nicht einmal im Traume ſchwante, lag zwiſchen uns und der neuen Heimat, die wir ſuchten! Als wir durch die Stadt zogen, ſchauten die meiſten Leute theils ſpöttiſch, theils mitleidig unſrem Zuge nach; und ich hörte einen Herrn, der auf der Gaſſe ſtand, zu ſeinem Kame⸗ raden auf hochdeutſch ſagen:„Sieh' da, ſchon wieder neuer Zu⸗ zug dieſer armen Leute, welche ihrem Elend entgegen gehen.“ Dieſes dumme Bedauern machte mich ganz wild und ich hätte mit dem Herrn gern Händel angefangen, denn wir zogen ja unſerem Glücke und beſſeren Tagen entgegen, und nicht dem Elende. Auf der Reiſe, wo man nichts als fremde Geſichter um ſich ſieht, und die Leute welſchen, daß man nichts davon ver⸗ ſteht, da dünkt es einem, jeder, der ſo redet, wie wir es von der Mutter gelernt haben, ſei unſer Freund und iſt uns faſt ſo lieb wie ein Bruder. Und wir beſchloſſen, wir wollten treulich zuſammenhalten während der ganzen Reiſe und keinen im Stich laſſen. Der Schnappsroni und der Brönzkaſper waren zwar ein Paar wüſte Geſellen, ſie hatten die Gutteren mit dem Schnappsmuſter ſchon lange ſelbſt ausgetrunken und ihr Reiſegeld faſt ganz verthan; auch hatten ſie unterwegs manchen lieben Rauſch gehabt und dann Händel angefangen 92 oder ſonſt Unfug getrieben; aber ſie waren ja aus unſrem Dorf, und wenn wir ihnen nicht halfen, wer ſollte ihnen dann helfen? Und wir machten untereinander aus, es wolle jeder etwas beiſteuern, damit die beiden Brüder Liederlich mitkommen könnten übers Meer. Der Schulmeiſter hatte irgendwo im Schneckenwelſchen hinten die Sprache gelernt und wurde nun ausgeſchickt, um die Ueberfahrt über das Meer ſo gut wie möglich zu verdingen. Nicht lange, ſo wurde derſelbe von einem ſchön geputzten Herren angeſprochen:„er wiſſe ihm ein ſchönes, vortreffliches Schiff, es gäbe auf dem ganzen Meere keines, mit dem man ſo ſicher, ſo ſchnell und ſo billig hinüber fahren könne; alle Paſſagiere erhielten zu zwei und zwei ein beſonderes Zimmer, der Kapitän ſei der beſte Menſch von der Welt und die Matroſen die höflichſten Burſche, die er kenne.“ Darauf nahm der Herr, der feine Kleider und ſchwere goldene Ketten anhatte, den Schulmeiſter am Arm und führte ihn in den Hafen, wo viele hundert Schiffe, eins am andern, vor Anker lagen, und zeigte ihm mit dem Finger das allergrößte und ſchönſte davon:„dieſes ſei das Schiff, aber es ſeien gerade nur noch ſo viele Plätze auf demſelben zu haben, als der Schulmeiſter für ſeine Geſell⸗ ſchaft brauche, und wenn man ſie nicht ſogleich beſtelle, ſo würde man gewiß zu ſpät kommen.“ Der Schulmeiſter fragte ihn, mit wem man deshalb reden müſſe, worauf der Herr antwortete:„er habe zwar ſehr viele dringende Geſchäfte und faſt keine Zeit, aber ihm zu lieb, und weil er die Schweizer beſonders gern habe, wolle er ihn zum Schiffskapitän führen.“ Und ſie gingen miteinander durch viele krumme und enge Gäßchen bis zu einer Pinte, da ſaßen ein Paar hinter einer Kanne Branntwein:„der mit dem ſchwarzen Bart ſei der Kapitän.“ Der Schulmeiſter machte die Sache nun mit ihm ins Reine und mußte ihm zehn Fünfliber drauf geben, wofür er einen Schein bekam.„Er ſolle dann morgen im Hafen wieder nachfragen, wann das Schiff abfahre.“ 93 Unterdeſſen hatten wir andern in dem Wirthshauſe, wo wir von den Fuhrleuten hingeführt worden waren, unſere Sachen abgeladen; aber das war ein wüſtes, unſauberes Loch, voll Flöhe und Wanzen, und es war uns allen, wenn wir doch nur ſchon wieder fort wären. 88 W 4 Des andern Tages gingen wir in den Hafen, wo uns der Schulmeiſter das Schiff zeigen ſollte, auf das wir ver⸗ dinget waren. Und er meinte ſich, daß er ſeine Sache ſo gut gemacht und uns um ein Spottgeld ſo gut verdinget habe, und 94 ſagte:„es käme Einem doch wohl, etwas Rechtes gelernt zu haben, und es wäre ſchon Manchen beſſer gegangen, wenn ſie einen Schulmeiſter bei ſich gehabt hätten.“— Da war aber das Schiff nicht mehr an der Stelle, wo es geſtern geweſen war, und wir konnten es nirgends mehr finden. Und als der Schulmeiſter darnach fragte, ſo ſagte uan ihm, es ſei früh am Morgen abgereist; und als er den Schein zeigte, daß er und ſeine Geſellſchaft ſich auf das Schiff verdinget hätten, und daß er zehn Fünfliber darauf gegeben; da lachten ihn die Leute aus und ſagten ihm, er habe ſich von zwei Spitzbuben be⸗ trügen laſſen. Da gingen wir ganz kaput in unſer Wirths⸗ haus zurück und es mochte nicht einmal einer das Maul auf⸗ thun um dem Schulmeiſter den Kopf zu waſchen, wie es ihm eigentlich von Rechts wegen gehört hätte. An unſerem Wege am Hafen ſtanden ganze Truppen von Männern, Weibern und Kindern, in Lumpen gekleidet und halb verhungert, die bettelten auf deutſch um ein Almoſen. Aber der alt⸗Weibel, der nicht gern etwas gab, ohne zu wiſſen warum und wie, der fragte, wer ſie ſeien und woher ſie kämen; da erzählten die Bettler, ſie ſeien arme Auswanderer aus Deutſchland, ſie hätten all' ihr Geld verzehrt und könnten nun weder hinüber nach Amerika, noch zurück nach Hauſe.— Als wir dieſe Worte hörten, da lief es uns ganz eiskalt den Rücken hinauf und wir gingen, ſo ſchnell wir konnten, ins Wirthshaus zurück, um zu berathen, wie man ſich auf ein Schiff verdingen könnte, ohne noch einmal betrogen zu werden. Viertes Kapitel. Das Schiff. Da fiel es dem alt-Weibel ein, daß er einmal im Blatt von Einem geleſen habe, der ſei von der Eidgenoſſenſchaft an⸗ geſtellt; man ſage ihm Herr Conſul. Der werde wohl deswegen da ſein, um den Schweizern, die in dieſe Stadt reiſen, an die 95 Hand zu gehen. Und er ging mit dem Schulmeiſter zu ihm. Das war ein gar freundlicher und geſcheidter Herr, der gab ihnen den Beſcheid, der Schulmeiſter hätte ſich beſſer in Acht nehmen ſollen, und er würde die zehn Fünfliber wohl nicht wieder be⸗ kommen können, wir ſollten ſie in Gottes Namen aus unſerm gemeinſchaftlichen Reiſeſeckel beſtreiten. Dann ſagte er ihnen noch, er wolle ſeinen Schreiber mitſchicken, der müſſe ſie zu einem Schiffsherren führen, der ein braver Mann ſei und dem man trauen könne. Als nun die Mannen abſchaffen wollten, ſo hieß es, es koſte nichts; da wollte der alt⸗Weibel den Herrn Konſul in die nächſte Pinte zu einer Flaſche Wein nöthigen, aber der ſagte, das brauche ſich nicht und wünſchte ihnen glück⸗ liche Reiſe. Jetzt war die Sache bald im Reinen, und ſobald wir das Ueberfahrtsgeld bezahlt hatten, ſo wurden unſere Sachen auf das Schiff abgeholt. Zuvor mußten wir aber noch für unſern Mundproviant ſorgen. Der Baſchihans war kein Narr geweſen, daß er ſich daheim ſo wohl mit Speck und Schnitzen verſehen hatte; es waren zwar am Meerhafen genug Stände und Kaufläden, wo man einkaufen konnte, was man auf dem Schiffe nöthig hatte, aber Alles nur um ein ſchweres Geld; und doch mußten wir daran glauben. Wir verſahen uns alſo mit geſalzenem und geräuchertem Fleiſch, ganz hartgebackenem Brod, Schmalz, Erbſen, weißen Bohnen, Sauerkabis und Erd⸗ äpfeln, von Allem ſo viel, als wir etwa in acht Wochen zu brauchen dachten. Das machte unſeren Reiſeſeckel um ein gutes leichter, hatten wir ja ſogar die Erdäpfel beim Pfund bezahlen müſſen. Der Schnapsroni und der Brönzkaſper hatten ſchon längſt kein Geld mehr und bekamen auch keines, und ließen wir ſie nur um Gotteswillen mitfahren, aber ihre Gutteren brachten fie doch friſch gefüllt auf das Schiff. Und konnten wir zuerſt gar nicht begreifen, wo ſie das Geld dazu herge⸗ nommen, merkten es aber am Ende doch, weil der Kaſper jetzt immer in den Hemdärmeln herum lief, und der Roni beim 96 wärmſten Wetter zugeknöpft war bis an den Hals und auch nicht den kleinſten weißen Fetzen zum Halstuch herausließ, während wir andern einen Stolz darauf ſetzen, unſere ſchö⸗ nen weißen Hemdekragen bis hoch über die Ohren hinauf zu ziehen. Einen beſondern Anſtand hatte noch der alt⸗Weibel mit ſeinen Pflügen, Eggen und B'ſchüttifäſſern. Als dieſelben an⸗ gerückt kamen, ſagte der Packmeiſter:„man ſolle den Grümpel nur friſchweg ins Meer werfen; da der Platz auf dem Schiffe vom Schuh bezahlt werden müſſe, ſo würde die Fracht mehr koſten, als wenn man die Sachen in Amerika neu kaufe, und dann ſeien ſie noch ums halbe beſſer.“ Aber das war dem alt⸗Weibel ein Stich ins Herz:„er habe immer beim fürnehm⸗ ſten Wagner ſchaffen laſſen, den habe, beſonders was die Pflüge anbetreffe, in der ganzen Amtei keiner übertroffen.“ Und zu⸗ letzt wurde er höhn und ſagte,„er habe noch Geld genug, um zu zahlen, was es koſte.“ Und koſtete es ihn wirklich zuletzt mehr, ſeinen Grümpel hinüber zu ſchaffen, als was er und ſeine Buben mit ſammt der Koſt bezahlen mußten. Endlich waren wir und was uns gehörte verſorgt, und es ging für uns ein neues ungewohntes Leben an, das uns Allen ganz wunderbar vorkommen wollte. Nebſt uns waren noch über Hundert, die auswanderten, auf dem Schiffe, meiſtens Schwaben und vom Rheine her; und der ganze Platz, auf dem wir uns aufhalten durften, wenn wir friſche Luft ſchöpfen wollten, war nicht viel größer, als ein mittelmäßiges Tenn. Der Ort aber, der zum Schlafen und zum Aufenthalt beim ſchlechten Wetter beſtimmt war, ſah ungefähr aus wie ein Käskeller, wo an den Wänden Käsladen, einer über dem an⸗ dern angebracht ſind; auf dieſen Käsladen waren die Schlaf⸗ ſtellen, wo man zu zwei und zwei ſich einrichten mußte, ſo gut man konnte und mochte. Und war da Alles durcheinander, Jung und Alt, Mannen und Weiber. Man ſagte dieſem Ort das Zwiſchendeck, und war daſſelbe nicht höher als ein ge⸗ 7 — 97⁷ wöhnlicher Schweinſtall, in welchem keiner von uns Männern, mit Ausnahme des Schulmeiſters, aufrecht ſtehen konnte. Aber wir dankten dennoch Gott, daß es uns nicht gegangen, wie jenen armen Deutſchländern, die geldlos und hülflos nicht vor⸗ wärts konnten und nicht zurück, und auf halbem Wege ver⸗ hungern und verkümmern mußten. Fünftes Kapitel. Dursli lernt, wie man den Fiſchen predigt. 4 M—— 7rbeäJJ0! S 9 A△ „Adies Welt!“ dachte ich, als wir in das blaue Meer hin— aus fuhren, und ſaß oben auf dem Schiffsverdeck auf einem zuſammengerollten Ankerſeile und ſchaute, wie die Bäume am Land immer kleiner wurden. Es ging ein rechter Wind, und unſer Schiff ſchoß wie eine wilde Ente über das Waſſer weg, und die Wellen die hoben es in einem fort hinauf und hin⸗ unter, daß es einem bedünkte, man ſitze die ganze Zeit auf einem Gigampfi; das ging ſo ſchnell, daß man bald den höchſten Thurm der Stadt Havre nicht mehr ſehen konnte. Und ward mir da, als ob ich jetzt erſt recht von der Heimat 7 98 Abſchied nehmen müſſe und vom Babeli und der Mutter. Und als ich aufſchaute, da ſtand der Schulmeiſter neben mir, der war ganz blaß, und hielt ſich am Schiffsgelänber und ſchaute ins Waſſer hinab. Ich fragte ihn, warum er ſo traurig ſei und ob er vielleicht das Heimweh bekomme;— da ſeufzte er und ſagte:„es ſei doch eine ſchöne Sache, ſo in einer großen Schulſtube zu ſitzen und Schule zu halten, und feſten Boden unter den Füßen zu fühlen, der nicht immer hinauf und hinab gehe; er glaube übrigens, er werde krank und ich ſolle ihn doch hinunter auf ſein Bett führen.“ Da nahm ich ihn am Arm und wollte mit ihm die Hühnerleiter hinab, welche in das Zwiſchendeck hinunter führt. Da kam eben das Marei heraufgeklettert, und als es uns ſah, fieng es gar erſchrecklich zu jammern an:„es ſei ihr ſo übel zum Sterben, und es dünke es, das Unterſte wolle obſig kommen; es glaube beſtimmt, es fange an eine gräuliche Krankheit auf dem Schiffe zu re⸗ gieren, es habe unten ſchon mehr als die halben gepackt, und dann ſei nicht einmal ein Doktor da, wo einem helfen könnte, und wie ſie daheim einen gehabt hätten; ſie meine nicht ſo einen Herrendoktor, die verſtünden doch nichts, aber einen, wie der Tſchampelhans, der alle Krankheiten im Waſſer g'ſchaue und ſchon wiſſe, wo es Einem fehle, wenn man ihm nur ein Gütterli in einem Briefe ſchicke.“ Aber wir hatten nicht Zeit, lange auf ihr Jammern zu hören, denn der Schulmeiſter wurde immer bleicher, und ich war froh, als ich ihn auf unſer Lager gebracht hatte,— wir hatten nämlich unſere Betten auf einem gemeinſchaftlichen Käs⸗ laden. Auf der Pritſche, welche gerade unter uns angebracht war, da hausten der Kaſper und der Roni, und ich bemerkte, als ich dem Schulmeiſter ins obere Gemach hinauf half, daß ſie ganz traurig, jeder in einem Winkel, ſaßen, mitten zwiſchen ihnen ihre große Schnapsflaſche. Und als ich ſo neben dem Schulmeiſter ſaß, dem es im liegen ein wenig beſſer geworden war, da hörte ich wie der. Roni zum Kaſper ſagte:„magſt du 99 einen Schluck?“ aber der Kaſper antwortete mit ſchwacher Stimme:„ach nein, der letzte iſt mir noch zu oberſt.“„So hab' ich's auch, ſeufzte der Roni, und doch iſt's ein gutes Waſſer, das brennt den Rachen hinunter, als ob man eine Handvoll Neſſeln durchzöge; aber ich glaube, wir haben nicht mehr lange zu leben“— und die alten Knaben fiengen ganz barmherzig miteinander zu flennen an. Mir ſelbſt wurde es in der dunſtigen Schiffskammer, wo alle möglichen Gerüche einem in die Naſe ſtiegen, ganz wunderlich, und weil der Schulmeiſter nun ruhig war, ſo ſtieg ich ſo ſchnell wie möglich wieder hinauf an die friſche Luft. Aber da kam ich faſt vom Regen uagter die Dachtraufe. Es ſtand da dicht neben einander Alles am Schiffsgeländer, jung und alt, Schweizer und Deutſch⸗ länder, Männer und Weiber, und jeden Augenblick bog ſich einer hinüber und predigte den Fiſchen, die gewiß ſchon lange keinen ſolchen Kolatz mehr gehabt hatten. Dazwiſchen gingen zwei Kerle auf und ab mit brandkohlſchwarzen Geſichtern; das waren Neger aus Afrika und dienten auf dem Schiff als Knechte. Einer hatte einen großen Beſen und der andere einen Kübel voll Waſſer und ſie putzten weg, wo etwas Unreinliches auf das Schiff kam. Aber wenn einer der armen Kranken hinfiel und nicht mehr aufſtehen konnte, ſo nahm ihn einer der 100 Schwarzen bei den Armen und der andere bei den Beinen und trugen ihn fort. Ich war recht erſchrocken und glaubte die Cholera oder die Peſt, Gott behüt uns davor, ſeien aus⸗ gebrochen, aber die Schiffsmatroſen machten ſich nichts daraus und ſchauten lachend zu, und gar die beiden ſchwarzen Teufel verzogen ob dem Elende ihre breiten Mäuler faſt bis an die Ohren. Der Wind kam jetzt noch etwas ſtärker, da fühlte ich, daß es nun mich ſelbſt zu packen anfange. Der kalte Schweiß lief über mich hinunter, und es war mir, als ſollte ſich mein Innerſtes herauskehren; ich hielt mich am Schiffsgeländer und machte— wie die Uebrigen. Aber je luſtiger unſer Schiff auf dem Waſſer herum tanzte, bald hinauf bald hinunter ſchießend, bald hierhin bald dorthin ſich neigend, um ſo übler wurde mir, und ich ſpürte, wie meine Kraft von mir wich und mein Muth von dannen ging. Wir waren nun ſchon ganz weit vom Land, und man ſah daſſelbe nur noch wie einen fernen ſchwachen Nebel. Was hätte ich gegeben, wenn ich wieder dort geweſen wäre und nicht mehr auf dem zitternden, ſchwankenden Schiffe! Ich glaube mein halbes Leben hätt' ich dafür gegeben— der Gurt mit meinen Dublonen hätte mich nicht gereut! Und hätten mich die beiden wüſten Mohren gepackt und über das Verdeck ins Waſſer hinaus geworfen, es wäre mir ganz gleich geweſen und wuͤrde kein Glied dagegen gerührt haben. So ſaß ich an das Ankerſeil gelehnt und hatte die Augen zu, und war mir ſo ſchlecht, daß ich nicht einmal mehr an das Babeli denken mochte. Da klopfte mir einer auf die Achſel und dann ſchüttelte er mich rechtſchaffen, daß ich die Augen aufmachen mußte, ich mochte wollen oder nicht. Es war ein Herr, der hatte ein gar vornehmes Ausſehen und ſchöne Kleider an, aber er ſprach ungefähr unſere Sprache und ſagte:„Ihr ſeid wohl recht krank, guter Freund“?„Ach ja, gab ich zur Antwort, ich werde wohl ſterben müſſen.“ Aber der Herr 101 lächelte:„Das ſei nicht ſo gefährlich, weder für mich noch für die Andern; man heiße das die Seekrankheit, und Keiner bleibe davon verſchont, welcher zum erſten Male auf dem Meere fahre, beſonders wenn daſſelbe ein Bischen unruhig ſei; aber es wäre noch niemand davon geſtorben.“ Darauf hieß er mich aufſtehen und führte mich an einen Platz, nahe am großen Maſtbaum, wo man die Schwankung des Schiffes viel weniger ſpürte; zuletzt holte er gar noch eine Flaſche guten Rothen und gab mir ein Paar Schlücke davon zu trinken. Jetzt wurde mir ſchon wieder viel beſſer und ich bedankte mich, ſo gut ich konnte. Der Herr aber ſagte, das brauche ſich nicht, Einer müſſe dem Andern helfen auf dieſer Welt, beſonders Lands⸗ leute, die in der Fremde zuſammen kommen. Bevor er von mir ging, ſprach er dann noch, es würden jetzt bald warme Nächte kommen, da ſei es viel luſtiger oben auf dem Verdeck, als unten im Bett; es würde ihn freuen, dann einmal ruhig und ungeſtört ein Stündchen mit mir verplaudern zu können. Es nahm mich doch z'Deuxelswunder, warum der Herr, der auf den erſten Platz bezahlt hatte, ſich mit mir unſtudier⸗ tem Bauernknaben abgeben mochte. Deshalb ſuchte ich mich über ihn zu erkundigen, konnte aber nicht viel mehr erfahren, als was er mir ſelbſt geſagt hat: er heiße Herr Schmid, ſtamme aus der Schweiz und habe in Amerika ein großes Ge⸗ ſchäft.— Was er Apartes mit mir wolle, darüber rieth ich hin und her, konnte aber nichts errathen. Sechstes Kapitel. Wie der Dursli Cigarren raucht, wobei ihm der Verſtand ſtill ſteht. Nach ein Paar Tagen wurde das Meer wieder ruhiger. Da war dann die erſchreckliche Krankheit, von der wir Alle ſterben zu müſſen glaubten, bald kuriert, und Einer nach dem Andern kroch ab ſeinem Käsladen die Hühnerleiter hinauf auf 102 das Verdeck. Aber nun zeigte ſich bald eine andere Plage. Während es Allen übel geweſen war, da dachte kein Menſch an's Eſſen und noch weniger an's Kochen; jetzt fuhr plötzlich ein gewaltiger Hunger in die Leute und jedermann wollte nun zuerſt am Kochfeuer ſein, ſo daß man ſich faſt in die Haare kam, und da eine Pfanne ins Feuer geleert und dort eine Schüſſel verſchlagen wurde. Am Beſten kam das Marei dabei weg, das hatte einen großen Hafen mit Schnitz und Speck ob, und ſtand davor, die Fäuſte in die Seiten geſtützt, und ſchaute den Leuten dabei ſo reſolut unter die Naſe, daß kein Menſch es wagte, ihm oder ihrem Hafen etwas zu leid zu thun. Dem Roni und dem Kaſper war's um's Eſſen ganz gleich, ſondern ſie flattierten wieder gutes Muthes ihrer Gutteren, bis der Kaſper auf ſeiner Pritſche liegen blieb und einſchlief. Aber der Roni der kam mit ſeinem Schnapsrauſch auf das Ver⸗ deck und zwirbelte, mir nichts, dir nichts, hinter den großen Maſt auf den erſten Platz hinüber; dort kam er gerade dem Herrn Kapitän in den Wurf, der befahl ihm, hinzugehen wo⸗ her er gekommen; aber der Roni fing jetzt an aufzubegehren: „er ſei ein freier Schweizer und es habe ihm Niemand nichts zu befehlen.“ Da ſagte der Kapitän:„und ich bin ein freier Amerikaner, aber bei mir gehört auf den erſten Platz, wer für den erſten bezahlt, und wer für den zweiten bezahlt, auf den zweiten.“ Und als der Roni noch nicht ruhig ſein wollte, da packten ihn ein Paar Matroſen, ſchütteten zwei oder drei Kübel Meerwaſſer über ihn und thaten ihn dann an den Schatten, bis er ſeinen Rauſch ausgeſchlafen hatte. Und iſt ihm ganz recht geſchehen. Einmal, als es ſchon ganz finſter geworden war, und ſich die Meiſten auf ihre Käsladen zur Ruhe gelegt hatten, ſchaute ich noch über das Verdeck⸗Geländer in das Meer; denn es gefiel mir gar wohl, wie die Wellen in der Dunkelheit ſo flimmerten und leuchteten, ungefähr wie eine Schachtel Zünd⸗ hölzchen, die man im Finſtern aufmacht. Und war dieſes wun⸗ 103 derliche Brennen des Waſſers faſt in jeder ſchönen, ſtillen Nacht zu ſehen. Da ſtand der Herr Schmid, welcher mich von der Seekrankheit kurirt hatte, wieder neben mir und frug mich, ob es mir recht ſei noch ein Bischen aufzubleiben. Darauf ſetzten wir uns auf eine Kiſte, und er zog ein Paar Cigarren hervor und nöthigte mich, auch eine zu nehmen; aber ich wußte nicht recht, auf welcher Seite man ſie ins Maul nehmen ſolle; der Vater ſel. hätte mich hübſch rangſchiert, wenn ich mit Cigarren gekommen wäre; wollte ich rauchen, ſo konnte ich von dem Taback nehmen, der ihm der Liebſte war, und von welchem man um einen Batzen dreimal um den Leib bekam. Item, wir fingen an mit einander zu plaudern, und ich mußte ihm er⸗ zählen, woher ich ſei, wie ich es zu Hauſe gehabt habe und warum ich auswandern wolle. „Aber, guter Freund, frug er auf einmal, wo wollt ihr denn eigentlich hin?“—„Hat der Herr vielleicht von ſeinem ſtarken Rothen ein Glas zu viel getrunken“, dacht' ich und gab zur Antwort, ich meine unſer Schiff fahre nach Amerika. Da ſah ich wohl, obſchon es ziemlich finſter war, daß der Herr Schmid das Lachen nicht recht verbeißen konnte.„Wenn du einen Narren baben willſt, ſo kauf dir einen eiſernen“, dacht' ich, und ſtand auf um zu gehen, aber der Herr legte freundlich ſeine Hand auf meinen Arm und ſprach:„Ihr müßt mir meine Frage nicht in Uebel nehmen, Dursli. Daß ihr nach Amerika wollt, konnte ich errathen, und daß die Vereinigten Staaten von Nordamerika euer Reiſeziel ſind, ließ ſich ebenfalls daraus ſchließen, daß wir auf demſelben Schiffe fahren. Da aber dieſes Land etwa hundertfünfzigmal ſo groß iſt, als die Schweiz, und ungefähr achttauſend Kantone wie Solothurn, darin Platz hätten, ſo war meine Frage, ſcheint mir, doch erlaubt.“— So groß hatte ich es mir freilich nicht vorgeſtellt und eigent⸗ lich auch nie ſo recht darüber nachgeſonnen, wohin ich wolle, ſondern ich hatte gedacht, ich gehe mit den Andern, und das war wahrſcheinlich die Meinung eines jeden von uns geweſen. ——— —õõ—ÿÿ 104 Es waren freilich von Zeit zu Zeit Briefe gekommen von ſol⸗ chen, die in früheren Jahren ausgewandert waren, aber wo dieſe Leute eigentlich zu finden ſeien, ob ſie beieinander wären, und ob wir an denſelben Ort hinwollten oder nicht, davon hatte keiner von uns einen recht deutlichen Begriff. So kam es, daß mir jetzt faſt der Verſtand ein wenig ſtill ſtehen wollte. „Seht Dursli“, fing der Herr wieder an, nachdem er mir dreimal hatte Feuer geben müſſen, und ich allemal wieder hatte löſchen laſſen in den Gedanken,—„es iſt wohl der Mühe werth, darüber ſich zu beſinnen. Oben im Lande wird's im Winter ſo kalt, wie bei euch nicht auf den höchſten Schnee⸗ bergen; unten aber iſt's eine Hitze, daß kein Menſch es er⸗ leiden mag, auf dem Felde zu ſchaffen, als die ſchwarzen Negerſklaven, und würde man jeden, der dort einen Pflug oder eine Hacke anrühren wollte, auch nicht für etwas Beſſeres anſehen, als für einen Sklaven. Am Meere, bei den großen Städten, da iſt das Land ſo theuer, als wie bei euch im Buchiberg; dagegen im Innern des Landes iſt's ſpott wohlfeil, und iſt dort auch an vielen Orten ein ſchöner, milder Himmel, nicht zu warm und nicht zu kalt, und guter, fruchtbarer Boden; aber dort iſt's dann einſam, nichts als Wald und Weide, und wer's nicht erfahren hat, der weiß es nicht, wie's thut, ſtundenweit keinen Nachbarn zu haben, der ſich mit uns freuen, uns tröſten, uns helfen kann im Nothfall.“ Die verfluckte Cigarre war mir ſchon wieder ausgelöſcht, da ſagte der Herr noch, ich hätte jetzt auf dem Schiffe die ſchönſte Zeit, über die Sache nachzudenken, und er wolle mir ein Buch geben, darin ſei ziemlich wahrhaftig beſchrieben, wie es in dem Lande ausſehe, in welches wir zögen, und ich ſolle dieß Buch durchleſen und dann mit meinen Reiſegefährten zu Rathe gehen. Aber bevor wir das Schiff verließen, wollte er mir dann noch Etwas insbeſondere ſagen. 105 Siebentes Kapitel. Kurze Frende, große Noth. Das Wetter war nun gar beſonders ſchön und lieblich geworden, es ging gar kein ſcharfer Wind, ſo daß die Segel oft ganz ſchlaff von den Maſtbäumen hinunter hingen, und dann waren auf dem Meere nicht höhere Wellen zu ſehen, als auf einer Milchgepſe.— Auch beklagte ſich kein Menſch mehr über die Meerkrankheit, ſondern die meiſten waren wieder luſtig und hellauf. Es waren auch zwei aus dem Appenzeller⸗ land auf dem Schiffe, die wußten gar ſchöne und kurzweilige Lieder, und gegen Abend, wenn es nicht mehr ſo gar heiß war, ſo fingen fie dann oft an zu ſingen, da horchte Alles gerne zu, und ſtand allemal bald das ganze Volk, das auf dem Schiffe war, vom erſten Platz und vom zweiten Platz, um die beiden herum.— Einer vom Schwarzwald hatte eine Geige mitgenommen, der ſpielte auch ein paar Mal ein paar Tänze auf, da war ein Leben, als wie an einer Kilbe, und es war eine Freude zu lugen, wie die Matroſen mit den Bernermeitſchene z'ringelum ſprangen, ſo daß deren lange Züpfenſchnüre ärger flatterten, als die Fähnlein oben an den Maſtbäumen. Aber je ſchöner das Wetter wurde und je glätter das Meer, um deſto ſauerer blickte der Kapitän, und um deſto größere Runzeln waren auf ſeiner Stirne zu ſehen. Und zuletzt merkten wir wohl warum, und hätten faſt lieber wieder Sturm gehabt und den Fiſchen gepredigt, denn unſer Schiff wollte gar nicht recht vom Fleck, und war jetzt ſchon die Zeit, da wir in Amerika hätten ſein können. Auf ein paar Tage oder Wochen mehr oder weniger wäre es uns am Ende nicht an⸗ gekommen, denn viel zu verſäumen hatten wir eben nicht, aber es war da ein anderer Haken: wir hatten blos auf acht Wochen Proviant eingekauft, und von den Schwaben und denen aus dem Badiſchen hatten ſich viele gar nur für fünf 106 bis ſechs Wochen verſehen und wir ſchwammen nun ſchon in der ſiebenten Woche zwiſchen Himmel und Waſſer. Zuerſt ge⸗ fiel die Sache dem Einen und dem Andern nicht übel, denn es ließ ſich da mancher gute Handel machen und hätte man in Havre die Erdäpfel noch ſo theuer bezahlen müſſen, man konnte ſie jetzt mit gutem Profit wieder abſetzen, und der Baſchihans verkaufte von ſeinen Schnitzen, man hätte um das Geld in Muth's Laden gleich ſchwer Wybeeri und Roſinli be⸗ kommen. Das ging, ſo lang es ging; zuletzt hatten die armen Leute weder Geld mehr noch Proviant und den Weg zu Baſchihanſens Schnitztrog hatten ſie auch kennen gelernt; ſo kam's, daß, als Marei an einem ſchönen Morgen eine Kocheten hervorholen wollte, die Drucke leer war; das war ein Jam⸗ mer! denn es war für die Frau nichts Geringes, täglich ihre ſiebenzehn Mäuler zu füttern. Dazu kam dann noch ein anderes Herzeleid; die Marei, welche ihr Kleinſtes noch ſäugte, hat ſich nicht genug in Acht genommen, ſondern dem Kinde in Kyb und Verdruß hinein zu trinken gegeben, das iſt davon gar übel krank geworden und in der andern Nacht geſtorben. Am folgenden Tag war die Gräbt; das iſt aber eine kurioſe Gräbt geweſen, und hat mir und den Andern allen einen rechten Stich durchs Herz ge⸗ geben. Nachmittags gegen drei Uhr, als das meiſte Schiffs⸗ volk mit der nothwendigſten Tagesarbeit zu Ende war, fing die Schiffsglocke zu läuten an; da verſammelte ſich Alles was auf dem Schiffe war, die vom erſten und vom zweiten Platz, Matroſen und Schiffsknechte, auf dem Verdeck; dort lag auf einem Brett, in Packtuch eingenäht, das arme todte Kindlein; nun las der Herr Kapitän, da kein Geiſtlicher vorhanden war, aus einem Buch auf engliſch ein Gebet, worauf er mit der Hand ein Zeichen gab, und die kleine Leiche, welcher man ein Paar eiſerne Gewichtſteine an die Füße gehängt hatte, rutſchte über das Brett in das tiefe Meer hinab; das gab ein paar Ringe, wie wenn man einen Stein ins Waſſer wirft, und 107 dann war Alles vorbei. Die Marei heulte wie ein Schloß⸗ hund, und mußten ſie ein Paar Weiber ins Zwiſchendeck hinab auf ihr Bett bringen; der Baſchihans, der es ſonſt keines⸗ wegs für das größte Unglück angeſehen hätte, wenn eins von ſeinen kleinen Freßmäulern ein ſchöner Engel im Himmel ge⸗ worden, der kehrte ſich um, als das arme Hüdeli ins Waſſer plumpste und ſagte, es wolle ihm näume faſt ein wenig g'ſchmuecht werden. Doch das grauſigſte das ſahen ich und ein Paar Andere, aber wir haben's für uns behalten: ſo lange die kleine Leiche auf dem Schiffe lag, zogen uns zwei oder drei große Hapfiſche nach, als ob ſie gewittert hätten, daß ſie einen Fras bekommen ſollten; als dann das todte Kind in's Meer hinab ſank, da ſchoſſen die wüſten Unthiere ſchnell nach in die Tiefe,— ich glaube, es iſt nicht bis auf den Grund hinabgekommen.— Den ganzen Tag war's da recht ſtill auf dem Schiffe, und man hörte nicht einmal viel wegen dem Eſſen zanken und jammern; es dachte wohl ein jeder, ob er auch noch ſo über das Brett ins Meer hinunter rutſchen müſſe, ein Paar Pfundſteine an den Füßen, und das hat Einem den Appetit genommen. Des andern Tages hieß es, der Kapitän habe befohlen, es muſſe jeder, der noch Mundproviant habe, denſelben her⸗ geben und in Zukunft würde gemeinſchaftlich gegeſſen. Das war Manchem nicht recht, daß diejenigen, welche ſich vorge⸗ ſehen hatten, nun ihre Sache hergeben mußten, um die Nach⸗ läſſigen und Unvorſichtigen zu füttern; aber ſo auf einem Schiffe iſt ein Kapitän beſſer Meiſter als ein Kaiſer in ſeinem Reich, und man mußte füremachen, man mochte wollen oder nicht. Und genau überlegt, war's freilich das Klügſte; denn man hätte ja doch keinen können verhungern laſſen, ſonſt wäre es geſchehen, daß ſich die armen Teufel, die nichts mehr zu brechen und zu beißen hatten, mit Gewalt über die vor⸗ handenen Lebensmittel hergemacht, und Alles auf einmal auf⸗ gefreſſen und g'ſchändet hätten. Jetzt bekam jeder ſeine Portion, 108 Einer gleichviel wie der Andere, ſo wie die Soldaten in der Kaſerne ihren Spatz bekommen. Aber noch immer wollte kein günſtiger Wind ſich erheben, noch immer blieben wir faſt auf demſelben Flecke liegen; Tag für Tag wurden die Portionen kleiner. Die größte Plage ſollte aber erſt noch kommen, das Trinkwaſſer ging nämlich zu Ende, und was noch in den Fäſſern ſich befand, war faul und ſtinkend. Dazu brannte die Sonne täglich heißer und heißer. Ach, wie wurden die Ge⸗ ſichter ſo lang, wie hohl die Augen! wie blickten wir ſehn⸗ ſüchtig nach allen Enden, ob nirgends kein Wölkchen ſich zeigen wolle, ein Vorbote andern Wetters;— ob nirgends eine Welle ſich erheben wolle; doch dunkelblau blieb der Himmel, ſpiegel⸗ glatt das Meer. Wüßten das die Mutter und das Babeli, dachte ich, daß ich hier elendiglich umkommen muß vor Hunger und vor Durſt, wie würden ſie weinen und jammern, und ich hätte greinen mögen vor lauter Elend und Heimweh, wie ein Röcklibub. Und wäre mir da oft faſt das Herz in die Hoſen gefallen, wenn nicht der Herr Schmid geweſen wäre, der ſprach mir zu, ich ſolle mich zuſammen nehmen, und wer ein Mann ſein wolle, der müſſe durchführen, was er angefangen, geh' es dann durch dick oder dünn; ich ſolle nur nicht gleich den Muth verlieren, denn ich würde ihn noch manchmal brauchen können. Da nahm ich mich dann wieder zuſammen. Aber ein erſchrecklicher Anblick war es doch und hätte einen Stein erbarmen können, die kranken Kinder, die jammernden Weiber, die abgezehrten, bleichen Geſtalten zu ſehen, welche mit hohlen, hungernden, verzweifelten Blicken über die un⸗ endliche Waſſereinöde hinwegſchauten, als ob ſie noch einmal vor dem Sterben das Land hätten ſehen wollen, von wannen ſie gekommen waren. 109 Achtes Kapitel. Eine böſe halbe Stunde. Endlich war an einem ſchrecklich heißen Mittage, dort wo das Meer und der Himmel zuſammen kommen, ein kleines weißes Wölkchen zu ſehen, das erſte ſeit vielen, vielen Tagen. Das war ein Jubel über das ganze Verdeck, und wir Alle begrüßten es als willkommenen Vorboten eines längſt ge⸗ wünſchten Regens, der uns erfriſchen und tränken, eines Win⸗ des, der uns dem erſehnten Lande zuführen ſollte. Aber war bis jetzt das Geſicht des Kapitäns eben nicht gar aufgeräumt geweſen, ſo ſchaute er jetzt noch um ein gutes finſterer unter ſeinen dicken grauen Augenbrauen hervor. Er ſtellte ſich auf den höchſten Ort des Verdecks und ſchaute auf das kleine weiße Wölkchen, das nach und nach groß und grau wurde, und während deſſen wurde ſein Geſicht immer länger. Jetzt wurden auch die Matroſen unruhig und auf ein Zeichen des Herrn Kapitäns kletterten ſie wie die Katzen an den Maſt⸗ bäumen hinauf und rollten die Segel zuſammen, die man bis jetzt ganz offen hatte herunter hangen laſſen, um ja das kleinſte Lüftchen nicht unbenutzt vorbeiſtreichen zu laſſen. Dann gin⸗ gen ſie zu den beiden Weidligen, welche hinten auf dem Schiffe aufgebunden waren, und lösten ſie ab und rüſteten ſie, daß man ſie leicht in das Waſſer hinablaſſen konnte; dabei fiel keinem einzigen ein, einen Spaß zu machen, oder ein Lied zu pfeifen, oder etwa einem Schwabenmeitli, das ihm im Weg ſtand, ſchnell einen Schmutz zu geben, wie ſie es ſonſt im Brauch hatten, ſondern ſie waren ganz ſtill und kantſam. „Was ſoll das geben?“ ſagte ich zum Schulmeiſter. Da kam der Herr Schmid zu mir, mit dem ich während der langen Meerfahrt ganz gut Freund geworden war, und ſagte:„Nun Dursli, nimm dich zuſammen, du wirſt etwas erleben, woran du deiner Lebtag denken wirſt; wir wollen jetzt ſehen, ob du 110 Kuraſch im Leibe haſt.“— Aber der Herr war ſelbſt um ein gutes Stück bleicher, als ordinäri.„Was ſoll das geben?“ ſagte ich nochmals zum Schulmeiſter. Das kleine weiße Wölk⸗ chen war nun ſo groß geworden, daß es die Sonne verdeckte und den ganzen Himmel überzog, der war jetzt auf der einen Seite ganz dunkelgrau und auf der andern faſt kupferroth, daß es recht grauſig anzuſehen war, und das Meer hatte auch ſeine Farbe verloren und war graugelb, wie trübes abgeſtan⸗ denes Waſſer. Dazu war es ſo dünſtig heiß, daß einem der Schweiß in Bächen über das Geſicht lief, und man kaum den Athem zu ziehen vermochte.„Das wird wohl ein Donner⸗ wetter abſetzen wollen“, ſagte der Schulmeiſter, aber noch hatte er nicht ausgeredet, ſo ging es an, als ob die ganze Hölle auf einmal losgelaſſen würde; der Sturmwind fing an zu heulen, wie wenn man tauſend Poſaunen miteinander blaſen thäte; das Schiff erhielt einen Rippenſtoß, daß es ſich ganz auf die Seite legte und faſt die Spitzen der Maſtbäume ins Meer dümpfelte— ich konnte mich noch ſchnell am Schiffs⸗ geländer halten und der Schulmeiſter an meinen Kittelfecken, ſonſt wären wir alle beide ins Waſſer gepurzelt; links und rechts ſchoſſen nun die Blitze wie feurige Schlangen vom Himmel herab und der Donner brüllte ohne abzuſetzen, daß es mich bedünkte, es wolle mir die Ohren verſprengen; dazu fiel ein Regen, man hätte glauben können, es reiſe Einer einen Mühlibach auf das Schiff herab, und am hellen Mittag war es ſo finſter geworden, daß man kaum von einem Ende des Schiffes zum andern ſehen konnte; da ſah ich die frech⸗ ſten Matroſen zittern und beten, und der alt⸗Weibel hat da⸗ mals eine Wallfahrt nach Hagenthal verſprochen, und hat nicht bedacht, daß er jetzt nach Amerika gehe und Hagenthal mehr als tauſend Stunden auf der andern Seite des Meeres liege. Ich für meinen Theil mußte nur immer darüber ſinnen, wie das gehen müſſe, wenn das Wetter in das Schiff hinein⸗ ſchieße; da hätte man nur ausleſen können: verbrennen oder 111 verſaufen,— und jene, welche auf die kleinen Weidlige ſich hätten retten können, die wären ein wenig ſpäter doch ver⸗ rebelt. Das war eine ſchlimme halbe Stunde, und ich werde daran denken mein Leben lang. Doch ging ſie auch vorüber und der Blitz, der vorn uud hinten und rechts und links ins Waſſer ſchlug, der ſchlug doch nicht in unſer Schiff, und weiß ich nicht, ob es wegen dem alt⸗Weibel war, der nach Hagen⸗ thal verſprochen hatte. Item, es wurde wieder heiterer, und die Donnerſchläge wurden ſchwächer, der Regen und der Sturmwind ließen nach; bald ſchien die Sonne wieder hell und freundlich auf das Verdeck, und wir ſahen die grau⸗ ſchwarzen und kupferrothen Wolken weiter und weiter ziehen, und über dieſelben ſpannte ſich, mit beiden Enden auf dem Meere ſtehend, ein prächtiger Regenbogen. Aber das Beſte was uns das ſchreckliche Gewitter zurückließ, das war ein ebenrechter Wind, der uns nun raſch unſrer neuen Heimat, dem Ende unſrer Mühſal, wie wir glaubten, entgegen führte. Neuntes Kapitel. Die neue Welt. „Land! Land!“ Das hätte ich meiner Lebtag nicht ge⸗ glaubt, daß ein ſo kleines Wörtchen einem ſo viel Freude machen könnte. Da lag es vor uns, das Land jenſeits des Meeres, und wir, die wir über zwölf Wochen auf dem un⸗ ſichern Waſſer herum geſchwommen, wir ſollten nun bald wie⸗ der feſten Boden unter unſren Füßen fühlen! Kein Menſch blieb unten im Zwiſchendeck, und jeder wollte zuerſt wiſſen, wie denn das Amerika eine Gattig habe, für das wir unſre alte Heimat in Stich gelaſſen. Einer bäumelte über des An⸗ dern Achſeln, und alle bohrten ſich faſt die Augen aus. Da kam es denn endlich näher und näher und unſer Schiff fuhr in den Fluß Miſſiſippi hinein, der iſt faſt noch zehnmal ſo breit als der Rhein. Aber, o weh! wo blieben die ſchönen 112 Bauernhöfe, die grünen Matten, die Felder mit dem manns⸗ hohen Korn, die wir erwartet hatten? wir mochten ſchauen, wie wir wollten, wir entdeckten eben nichts anders, als ſum⸗ pfige Inſeln mit Schilfrohr bedeckt und andrem Geſtrüpy, und hie und da ein kleines Fiſcherhüttchen, von Rohr zuſammen⸗ geplätzt, wo man bei uns keinen Hund einquartiert hätte. Item, dachte ich, es kann noch beſſer kommen. Während nun ein Dampſſchiff ſich unſrem Schiffe vorge⸗ ſpannt hatte, um es den Fluß hinauf nach der Stadt Neu⸗ Orleans zu führen, rief mich der Herr Schmid bei Seite. „Paß jetzt recht auf, was ich dir ſagen will, Dursli, fing er an, ich mein's gut mit dir, und möchte dir noch einen guten Rath geben, bevor wir auseinander gehen. Schon auf der Reiſe bis hieher haſt du merken können, daß die meiſten Sachen, von nahem beſehen, nicht halb ſo roſenfarbig ſind, als aus der Ferne. Und doch biſt du jetzt erſt am Anfang deiner neuen Laufbahn, und haſt noch manche bittere Erfah⸗ rung zu machen.“—„Wo hinaus will das wieder?“ dachte ich.—„Der Entſchluß, dein Vaterland zu verlaſſen, fuhr der Herr Schmid fort, könnte dich einſt reuen, dein Glaube, in Amerika ein glücklicheres ſorgenfreieres Leben zu finden, könnte von dir weichen. Aber dann käme wahrſcheinlich deine Reue 113 zu ſpät, dein Geld, das einzige Hülfsmittel, deinen unbeſon⸗ nenen Schritt wieder gut zu machen, wäre dir dann längſt abgeliſtet, abbetrogen und abgelogen.“— Herr Schmid ſchwieg jetzt einen Augenblick ſtill und faßte mich ſcharf ins Auge: „Schau mir ins Geſicht, Dursli, begann er dann wieder. Hältſt du mich für einen ehrlichen Mann?“— Das war nun eine kurioſe Frage; aber es lag etwas ſo Rechtſchaffenes und Wahrhaftiges in ſeiner Stimme und ſeinem Geſicht, daß ich ſagen mußte:„ja, ich traue euch!“—„So gieb mir die Hälfte von dem Gelde, das du bei dir haſt, zu verſorgen; es iſt, wie du mir ſagteſt, ein ſchönes Sümmchen; das ſei dann dein Nothpfennig; es ſoll dir aufgehoben ſein für die Zeit, da dir kein anderes Hülfsmittel mehr übrig geblieben ſein wird; im ſchlimmſten Fall wird es deiner alten Mutter zu gut kommen.“— Ich muß bekennen, daß mir der Vorſchlag etwas ungeſinnet kam, doch ſchien's mir ſelber, ſo ein wohlverwahr⸗ ter Batzen könne mir allerwegen einmal zu gute kommen; auch fiel mir keinen Augenblick ein, an der Ehrlichkeit des Herrn Schmid zu zweifeln,— es blickte etwas ſo Freundſchaft⸗ liches für mich aus ſeinen Augen! und dann— warum hätte ſo ein reicher Herr einen armen Bauernknaben um ſein Bis⸗ chen Geld betrügen ſollen? zudem hat er mir noch einen ſchönen Zins verſprochen. Ich ging alſo ins Zwiſchendeck hinab in einen Winkel, und trennte etwa hundert Dublonen aus meinem Gurt. Es blieb mir immer noch genug, ein ſchön Stück Land zu kaufen, die Jucharte um einen Fünfliber, und dann die Wirthſchaft anzufangen. Wir waren nun gerade im Hafen der großen Stadt Neu⸗ Orleans angelandet, und es ging auf unſerm Schiffe recht drunter und drüber,— wie begreiflich— da jeder gern der erſte am Land geweſen wäre. Da nahm mir der Herr Schmid das Geld nur ſchnell ab und ſagte mir:„in der Stadt habe er ein Büreau, dort ſolle ich ihm nachfragen; unterdeſſen ſolle ich mir den Spruch merken: Trau, ſchau wem!“ 8 114 — worauf er in einen Weidling ſprang und ſich ans Land ru⸗ dern ließ. In Neu⸗Orleans, ſo heißt die Stadt in den Büchern und auf der Landkarte, aber die Leute ſagen ihr ganz anders, faſt wie Niuorliins, da läuft kurioſes Volk von allen Farben auf den Gaſſen herum, Schwarze, Braunr, Gelbe und Weiße. Auch ſind da prächtige Gebäude und ſchöne Wirthshäuſer, faſt wie zu den Dreikönigen in Baſel. Aber wir wußten wohl, was es da für Uerten giebt, und hätten wir, um das zu lernen, nicht nach Amerika zu wandern gebraucht, und wir gingen in ein kleines Wirthshäuschen am Hafen, auf welchem in großen Buchſtaben zu leſen war:„Hier redet man deutſch.“ Es war da nicht recht heimelig;— in der Gaſtſtube ſaßen Einige und hatten die Füße auf den Tiſchen und kauten Tabak und ſpuckten an alle Wände, daß es einen faſt lüpfen wollte; in der Küche hantierten ein Paar ſchwarze Neger, die ſahen ſo ſchmierig aus, als ein Paar Stiefel, die man acht Tage beim Regenwetter an den Fuͤßen gehabt hat. Als man zum Eſſen läutete, wollten wir es uns recht kummlig machen und wieder einmal ordentlich eſſen und uns Zeit dazu laſſen, aber kaum ſaßen wir recht hinter dem Tiſche, ſo hatten die Andern ſchon Alles aufgefreſſen und wiſchten ſich die Mäuler und gingen, und als wir uns beklagten, hieß es, wir hätten es machen ſollen wie die Andern, und zulangen, ſo lange etwas da geweſen, das ſei ſo Landesbrauch. Das kam uns doch gar zu unverſchant vor; aber wir waren doch froh, wenig⸗ ſtens auf feſtem Boden und am Trocknen zu ſein, und zudem hatten wir mit dem Wirth für unſere Koſt um ein ziemlich billiges Geld akkordiert. Auf dem Schiffe hatten wir Zeit genug gefunden, mit⸗ einander abzureden, was wir in Amerika anfangen wollten; ich und der Schulmeiſter hatten das Büchlein, das mir der Herr Schmid verehrt, fleißig geleſen, und wir Alle hatten manche liebe Stunde auf der Landkarte ſtudiert; auch hatten 115 die, welche vorausgegangene Bekannte oder Verwandte in Ame⸗ rika hatten, ihre Briefe wieder hervorgeſucht, und wer ſonſt einmal Etwas gehört, der brachte es ebenfalls vor. Da kamen wir am Ende übereins, den großen Fluß Miſſiſippi hinauf zu fahren bis gegen St. Louis; von dort war es dann nicht weiter als eines Daumens breit, nämlich auf der Landkarte, bis an einen Ort, wo ein ganzer Trupp Schweizer aus unſerer Gegend und auch ein Paar aus unſerem Dorfe viel Land ge⸗ kauft und ſich haushäblich niedergelaſſen hatten. Und waren einige von denen die nach Hauſe ſchrieben, welche nicht genug rühmen konnten, wie das ein ſchönes Land ſei und guter Bo⸗ den, und wie jeder von ihnen ein großes Landgut habe, Hof⸗ wyl ſei im Vergleich ein Taunergütli; auch hätten ſie eine Stadt gegründet, die heiße Neu⸗Wietlisbach, die habe ſo ſchöne breite Gaſſen, wo die Gurzelngaſſe in Solothurn ein heller— dagegen ſei. Wir hatten alſo beſchloſſen, nach Neu⸗Wietlisbach hinauf zu ziehen und dann in der Umgegend Land zu kaufen, jeder ſo viel er möge und vermöge; aber der Schnapsroni und der Brönzkasper die blieben noch immer dabei, in Neu⸗ Wietlisbach eine Waſſerbrennerei anzufangen,„und ſie kennten Einen im alten Wietlisbach, das doch nur ein rechtes Neſt ſei, ſagten ſie, der verdiene ſchwer Geld mit ſeinem Erdäpfel⸗Ra⸗ tafia; das Geſchäft könne alſo gewiß nicht fehlen.“ Es war zwar noch ein ſchöner Weg bis dahin, in unſrem Büchlein hieß es: vierhundert Stunden, aber auf den Dampſſchiffen, von denen faſt alle Tage einige den Fluß hinauf fuhren, konnte man ſich um ein Billiges verdingen. Behntes Kapitel. Trau, ſchau wem. Mein erſtes Geſchäft war nun, bei Herrn Schmid den Schein für mein Geld zu holen und mich für ſeine Gutthaten zu bedanken, und ich verſprach Einem ein Paar Batzen, damit 116 er mir den Weg zeige. Der führte mich nun wohl auf ein Büreau zu einem Herrn Schmid, das war aber nicht der rechte, ſondern eine Art von Doktor, der hat mir mit Gewalt von ſeinen Pulvern und Salben verkaufen wollen; ein Paar Häuſer weiter war wieder ein Herr Schmid, das war aber ein Advokat, und mußte ich, weil ich an ſeine Bureau⸗Thüre geklopft und der Schreiber gerufen hatte: herein!— 7 ½ Btz. für Mühwalt bezahlen;— dann kamen wir zu einem dritten, der handelte mit Baumwolle, war auch nicht der Rechte; ſo lief ich einen halben Tag in der Stadt herum und kam zu mehr denn einem Dutzend Schmide, aber doch nie vor die rechte Schmiede. Der, welcher mein Geld hatte, war nicht zu finden, und am Ende mußte ich unverrichteter Sache und ohne Schein ins Wirthshaus zurück. An den alt⸗Weibel hatte ſich, als derſelbe damit be⸗ ſchäftigt war ſeinen Grüm⸗ pel vom Schiff in das Wirthshaus zu bringen, Einer gemacht, ich weiß nicht, war's ein Deutſch⸗ länder oder ein Wälſcher. Der hatte einen rothen Bart, trug ein graues Hütchen auf der Seite, ein rothes Gilet und ein grünes breites Halstuch, worin er faſt ſein ganzes Geſicht verſtecken konnte und lugte ein wenig überzwärch. Dem Mano hätte ich nicht viel Gutes zugetraut; aber den alt⸗Weibel wußte er bald für ſich einzu⸗ nehmen und hatten die beiden viel Heimliches mit einander zu verhandeln. Eben als ich ganz kaput von meinen vergebenen Gängen zu den Andern zurückkam, da rückte auch der alt⸗ Weibel, in Begleitſchaft ſeines neuen Freundes mit dem rothen 117 Gilet wieder an, mit Freude ſtrahlendem Geſicht, und ſchaute uns Andere alle ſo recht von oben herab an, aber ſagte weiter kein Sterbenswörtchen. Im Wirthshauſe hatte es unterdeſſen wieder ſaubere Neuigkeiten gegeben. Der Brönzkaſper und der Schnapsroni, die ein paar Wochen lang auf dem Schiffe hatten faſten müſſen, ließen ſich, während die Andern ausgegangen waren, auf unſere gemeinſchaftliche Rechnung einen Schoppen Schnaps nach dem Andern geben und ſind richtig wieder einmal voll geworden. Aber beim Brönzkaſper iſt's nicht dabei geblieben. Der iſt auf einmal ganz braungelb im Geſicht geworden und hat zu ſchlottern angefangen, daß die Bank, auf der er lag, faſt umgefallen iſt; dann wurde er wieder ganz krebsroth und es dünkte einem, er glühe vor Hitze, und die Haut ſeiner Lippen wurde dürr und ſchwarz;— dazu ſtöhnte und wimmerte er, daß es einem übel grauste. Als der Wirth dazu kam, wurde er ganz bleich und lief davon, kam aber bald wieder mit zwei Leuten und einer Tragbahre zurück.„Den kranken Mann könne er nicht im Hauſe behalten, ſagte er, der würde ihm alle Gäſte vertreiben.“ Aber der neue Freund des alt⸗ Weibels, der berichtete uns:„das ſei das gelbe Fieber, das regiere jetzt ſtark in der Stadt, und nicht länger als bis mor⸗ gen wäre der Brönzkaſper ſteif und todt; und wenn wir Luſt hätten, zu wiſſen wie's thue, ſo brauchten wir nur ein paar Wochen hier zu bleiben, da würde es Einen von uns nach dem Andern putzen, beſonders weil wir auf dem Schiffe, wie er gehört, nicht eben das beſte Leben gehabt; aber den Kaſper habe es deshalb am erſten gepackt, weil er ein Branntwein⸗ ſäufer geweſen.“ Als wir dieß hörten, machten wir kurioſe Geſichter; und wir wurden bald einig, mit dem nächſten Dampfſchiff den Fluß hinauf zu fahren, denn es hatte eben keiner Luſt, mit dem gelben Fieber nähere Bekanntſchaft zu machen. Ob dem war der Schnapsroni wieder nüchtern ge⸗ worden; der machte große Augen, als ſie ſeinen Kameraden 118 davon trugen, ſagte jedoch kein Wörtlein dazu, ſondern ging ſtill hinten drein. Im Spital hat er dann gefragt, ob er nicht bei ſeinem Kameraden bleiben dürfe, worauf er wirklich bei ihm aushielt bis am andern Morgen, da der Kaſper geſtorben iſt. Ganz ſtill und tugendlich kam er wieder zu uns, als wir eben im Begriff waren, unſere Sachen auf das Dampſſchiff zu bringen, und frug, indem ihm die hellen Thränen die Backen herabliefen, ob wir ihn um Gotteswillen noch weiter mit⸗ nehmen wollten;„wir würden ſehen, ſagte er, er ſei über Nacht ein ganz Anderer geworden, da er geſehen habe, wie es einem Schnapstrinker zu Muthe ſei in ſeinem letzten Sterbens⸗ ſtündchen.“ Zu guter Letzt hatten wir noch einen rechten Häſplig mit unſrem Wirth, als es darum zu thun war, die Rechnung zu be⸗ zahlen. Für die Koſt war eben blos angeſetzt, was wir verdinget hatten, und das war billig genug; aber dazu nicht weniger als zwölf Thaler dafür, daß unſere Habſeligkeiten in einem Schopfe des Wirths auf einem Haufen hatten liegen dürfen. „Darüber hätten wir nicht akkordiert gehabt, ſagte er, er könne fordern ſo viel er wolle, und er habe ſeine Magazine nicht bauen laſſen, damit der erſte Beſte ſeine Sachen umſonſt hineinſtelle.“ Was war da zu thun? Keiner hatte Luſt dem gelben Fieber länger als nöthig abzupaſſen, und wollten wir fort, ſo mußten wir bezahlen. Da merkten wir, daß es auf der ganzen Welt keine ſo ſchlimmen Schelme gebe, wie in Amerika, und es fiel mir der Spruch ein, den mir der Herr Schmid zum Abſchied eingeſchärft: trau, ſchau wem! und hätte ich dieſen Spruch am erſten gegen Hrn. Schmid ſelber brauchen ſollen, der mit meinen ſchönen Dublonen auf und davon gegangen. Das würde ich meiner Lebtag keinem ge⸗ glaubt haben, daß man ein ſo ehrliches Geſicht haben und doch ein ſo arger Spitzbube ſein könne. Und drückten mir meine gelben Vögel, die mir davon geflogen, faſt das Herz ab, aber ſagte nichts davon, ſonſt wär' ich noch ausgelacht worden. 119 Eilftes Kapitel. Neu⸗Wietlisbach. Ich kann nicht ſagen, daß es uns leid gethan hätte, der Stadt Neu⸗Orleans, welche, ſo ſchön ſie iſt, uns doch nur wie ein verd... Schelmen⸗ und Fieberneſt vorkam, den Rücken zu kehren, und es gab mir einen rechten Stich ins Herz, wenn ich an unſere bisherige Reiſebegleitſchaft, die armen Deutſch⸗ länder dachte, welche ihre ganze Baarſchaft für die Fahrt über das Meer aufgebraucht hatten, und nun weder weiterreiſen noch Land kaufen konnten, ſondern in Hunger und Kummer ihre Habſeligkeiten Stück für Stück verhandelnd, abwarten mußten, bis das ſchreckliche Fieber Einen nach dem Andern unter den Boden gebracht. Und ſelbſt das Marei mußte vor Bedauern flennen, obſchon es wohl wußte, daß eben Niemand anders als jene armen Teufel ihm den Schuitztrog geleert hatten. So fuhren wir alſo auf einem mächtigen Dampfſchiff den Miſſiſippi hinauf, welchen man hier den Vater der Flüſſe nennt. Derſelbe iſt wirklich gewaltig breit und ſein Lauf viele hundert Stunden lang; und er muß nicht eben überall ſäuberlich hauſen, denn ſein Waſſer iſt ganz gelb und trüb vom weggeſchwemm⸗ ten Lande, und man ſieht faſt bei jedem Schritt große Bäume mit ſammt den Wurzeln, die der Fluß weggeriſſen und hinab⸗ geflößt hat; und iſt dieß eine ſehr gefahrliche Sache für die Dampfſchiffe, denn dieſe Bäume bleiben dann oft mit den Wurzeln am Boden hangen und ſtrecken die Spitzen ſchräg hinauf, und hat ſich ſchon manches Schiff an einem ſolchen Baume geſpießt, daß es nicht mehr zu retten war. An beiden Ufern des Fluſſes ſahen wir oft recht ſtattliche Herrenhäuſer, die ringsherum von großen Zuckerrohrfeldern umgeben waren, und in dieſen Zuckerrohrfeldern arbeiteten die halbnackten Neger⸗ ſtlaven. Man ſagte uns, jene Landgüter gehörten reichen 120 Pflanzern, von denen jeder oft drei⸗ bis vierhundert Sklaven beſitze, welche für ſie ſchaffen, während ſie ſelbſt den ganzen Tag auf dem Kanapee liegen bleiben, und ſchwarze Jungfern ihnen die Fliegen wehren müſſen. Aber uns nahm es noch mehr Wunder, wie es in Neu⸗Wietlisbach ausſehen möge, und mochten wir alle faſt nicht erwarten, nach unſerer langen, langen Reiſe einmal endlich an den Ort unſerer Beſtimmung zu kommen. Dieß ging jedoch nicht ſo ſchnell und wir konnten von Glück reden als wir nach einer vierzehntägigen Fahrt in der Stadt St. Louis anlangten. Sogleich fragten wir, wie weit wir jetzt noch hätten, und obſchon es auf der Landkarte nur eines Daumens breit ge⸗ weſen, ſo hieß es doch, es wären nun noch zehn gute Stun⸗ den. Der alt⸗Weibel, der während der ganzen Fahrt es hatte merken laſſen, daß er etwas im Schilde führe, was wir nicht wiſſen ſollten, und die halbe Zeit mit ſeinem Buben zu chüſelen hatte, der ſagte nun, er habe hier noch aparte Geſchäfte und er werde dann ſpäter nachkommen. Der Baſchihans mußte für ſeine Leute und Habſeligkeiten erſt noch ein Fuhrwerk be⸗ ſorgen; aber ich und der Schulmeiſter machten uns gleich auf die Beine, nachdem wir Einen genommen, um uns den Weg zu zeigen, und iſt auch der Roni mitgekommen, der ſich ſeit dem elenden Tode ſeines Kameraden recht ordentlich gehalten und keinen Tropfen Schnaps mehr getrunken hatte. Wir waren ganz erſtaunt, als unſer Wegweiſer auf einem Roſſe geritten kam, der lachte uns aber aus, wir ſeien Narren, es nicht eben⸗ falls ſo zu machen, hier zu Lande gehe kein Menſch zu Fuß und wenn's auch nur ein halbes Stündchen weit wäre. So mußten wir uns denn, die wir mehr als drei Monate lang nicht weiter als eine Schiffslänge gegangen und in den Ge⸗ lenken faſt eingeroſtet waren, zuſammen nehmen, um dem Reiter, der uns führte, zu folgen. Wir waren noch nicht ſehr lange zur Stadt hinaus, ſo führte uns unſer Weg in den Wald hinein; das waren Bäume 12¹ ſo hoch und dick, man hätte glauben mögen, ſie ſeien ſeit Er⸗ ſchaffung der Welt da geſtanden; an ihnen hinauf rankten dann wilde Reben bis hoch in den Gipfel und fielen von da wieder herab, um am nächſten Baum von Neuem hinauf zu klettern;— dazwiſchen lagen halbverfaulte Stämme, welche vor Alter zuſammengefallen, und über denſelben wuchs dichtes Geſtrüpp und Dornbüſche mit fingerlangen Stacheln. Durch dieſen dichten Wald führte ein ganz ſchmaler Weg Berg auf und ab, über Bach und Moraſt. Proviant hatten wir mit⸗ genommen, ſonſt wäre es uns ſchlimm gegangen, denn auf dem ganzen Weg trafen wir keine einzige Hütte, keine lebende Seele an, geſchweige denn eine Pinte oder Taväre. Es wollte ſchon bald Abend werden, da kamen wir aus dem dichten Wald auf einen Platz heraus, etwa ſo groß wie zu Solothurn der Waffenplatz; da waren die Waldbäume ein Paar Fuß vom Boden abgehauen worden und nur die todten Stumpen ſchauten noch aus dem Boden heraus; hie und da ſteckten in geraden Reihen ein paar Stangen mit Zahlen daran; auch ſahen wir drei kleine Häuschen, aus übereinander geleg⸗ ten Baumſtämmen errichtet, ungefähr ſo, wie man bei uns die Speicher macht. Jedes hatte ein Brett über der Thüre. Auf dem einen war geſchrieben:„Gaſthof zum Wilhelm Tell“,— auf dem andern:„Advokatie⸗ und Geſchäftsbüreau“,— und auf dem dritten:„Dr. Schlüſſelbart kurirt alle Arten von Krankheiten, verkauft auch Karrenſalbe, Brämenöl, Schuhnägel und andere nothwendige Gegenſtände.“ Zwiſchen den Baum⸗ ſtümpfen grasten ein Paar Kühlein und am Bord des Wal⸗ des wälzte ſich eine zahlreiche Schweine⸗Familie in einer Glunke. — L— ℳ ——— 63 4 8 S Was ſind das für Hätten? frug ich unſern Wegweiſer. — Wir ſind am Ort, war die Antwort; dieß iſt die Stadt Neu⸗Wietlisbach. 123 Zwölftes Kapitel. Wie das Rühmen zu verſtehen iſt, und warum der alt⸗ Weibel zum Prokurator geht. Der Wilhelm Tell war das ſchönſte Haus in Neu⸗Wiet⸗ lisbach, obſchon es blos eine aus Baumſtämmen zuſammen⸗ gefügte Hütte war. Hinein konnte man durch ein herausgeſägtes viereckiges Loch; die Thüre war aus Ruthen geflochten und das Schloß ein hölzerner Riegel. Des Tags diente die Thüre auch als Fenſter; derſelben gegenüber war der Kochherd, über welchem ein geflochtenes und mit Lehm verſtrichenes Kamin⸗ ſchooß den Rauch auffing und zum Dach hinausführte. An den Wänden lagen ein Paar Matrazen und wollene Decken, auf denen übernachteten der Wirth, ſeine Frau und Kinder, ſowie auch die fremden Gäſte, alles ganz ungenirt durchein⸗ ander. Und auch wir legten uns hier, da wir endlich am Ziele unſerer langen, langen Reiſe angelangt waren, mit müden Gliedern und ſturmem Kopfe zur Ruhe nieder. Des andern Tages hat ſich die Nachricht, daß wieder Neue angekommen ſeien, bald in der Nachbarſchaft herum verbreitet, und da iſt's nicht lang gegangen, ſo haben wir im Wilhelm Tell Beſuch vollauf gehabt von alten Bekannten. Das ging nun an ein Händeſchütteln und Fragen, was es in der alten Heimat Neues gegeben habe, und mußten wir über Alles des Weiten und Breiten berichten. Und es bedünkte mich, wenn es ſie ſo ſehr Wunder nehme, ſo wären ſie ringer nicht über's Meer gefahren. Aber am Ende kam das Fragen auch an uns, und hätten wir vor allem gern gewußt, wie es ihnen denn eigentlich gehe; da ſchauten ſie ſich einander an und keiner mochte recht das Maul aufthun. Da ſagte am Ende des Rechendurſen Kobi, der in unſrem Dorfe daheim geweſen war:„wir ſollten mit ihm gehen und ſelbſt ſchauen, er wohne am Nächſten, nur 124 etwa ein halb Stündchen weit.“ Und dünkte uns dieß das Beſte; und war da noch einer, der hieß der Wälſch, und war ein weitläufiger Vetter zum Schulmeiſter, der ging auch mit uns. Der Wirth zum Wilhelm Tell, das war ein Landſchäftler, der hing ſeine Jagdflinte an den Rücken und ſagte, er wolle uns auch ein Stück Weges begleiten. Er möchte ſich gern ein Brötisli ſchießen, ſagte er. So ging es alſo wieder in den Wald hinein auf einem böſen Wege, wo man alle Augenblicke über eine dicke Wurzel ſtolperte. Da kamen wir dann nach einiger Zeit auf einen kleinen Platz, ein Paar Jucharten groß, wo die Bäume zum Theil umgehauen und verbrannt waren, zum Theil aber war nur ein breiter Ring von der Rinde ringsherum abgehauen, und ſo die Bäume getödtet worden, die jetzt dürr und wüſt die blätterloſen Aeſte gegen den Him⸗ mel ſtreckten. Mitten auf dem Platze ſtand eine Hütte, akkurat ſo ſchön wie jene, worin wir übernachtet hatten. Vor der Hütte war ein kleiner Erdäpfelplätz; hinter der Hütte ein Acker mit mannshohem Türkenkorn, zwiſchen dem noch immer die Stöcke der abgehauenen Bäume hervorguckten.„Das iſt nun mein Heimweſen“, ſagte des Rechendurſen Kobi.—„Aber wo ſtecken dann die 200 Jucharten des beſten Landes, von denen du geſchrieben haſt?“ frug ich.„Wir ſtehen mitten darauf, war die Antwort; si'iſt freilich noch mehrſten Theils dicker Wald.“„Da wird's mit den ſchönen breiten Gaſſen von Neu⸗Wietlisbach auch ſo ſein, von denen der Wälſch nicht genug rühmen konnte in ſeinen Briefen, bemerkte der Schul⸗ meiſter; es ſtehen eben Tannen und Eichen daran ſtatt Häuſer, und ſagen Füchſe und Haſen einander„gute Nacht“ an den Straßenecken.“„Haſt du denn die Stangen mit den Numero nicht geſehen, lachte der Wälſch, dort ſollen die Gaſſen hin⸗ kommen, und ſind ſie nicht ſchön grad und breit?“— Da ha⸗ ben wir dann den Mannen unſere Meinung geſagt, von we⸗ gen dem Lügen, und wie ſie ſich ſchämen ſollten, die Leute mit allerlei ſchönen Vorſpiegelungen zum Auswandern zu ver⸗ 125 locken, wenn man es in Amerika nicht beſſer bekomme, als nur ſo. Aber der Wälſch der hat uns nur ausgelacht.„Je⸗ mehr Auswanderer in dieſe Gegend ziehen, ſagte er, jemehr Land gekauft und Wald gereutet wird, deſto höher ſteigt unſer Land im Preiſe, um ſo beſſer können wir die Früchte verkaufen, die darauf wachſen. Wenn wir nun nach Hauſe ſchreiben würden, wie es eigentlich iſt, da käme kein Menſch und die Leute blieben lieber daheim.“„Und würden wir es hoffentlich auch ſo machen, meinte der Wälſch, und rühmen was Zeug halte. Das ſei in der ganzen Welt Brauch, be⸗ ſonders aber hier, daß Jeder vor Allem auf ſeinen eigenen Nutzen ſchaue.“— Da iſt uns dann ein Licht aufgegangen, warum in den mehrſten Briefen aus Amerika ſo erſchrecklich gerühmt wird. Es war Mittag geworden; da hat uns des Rechendurſen Kobi eingeladen, bei ihm zu eſſen; und als wir uns nöthigen ließen, ſagte der Wälſch:„wir brauchten keinen Kummer zu haben; hier zu Land ſitze man zum Tiſch wo's eben ſei.“ Da gingen wir dann hinein, und der Kobi ſagte zu der Frau, ſie ſolle doch recht genug machen. Die machte ein Kaffee, dann knetete ſie ein Paar Handvoll Türkenkornmehl mit Schmalz, und hat den Teig in einem Düpfi gebacken; ſo mache man hier das Brod, ſagte ſie, worauf ſie noch ein großes Stück Speck herunter ſchnitt und am Feuer gebraten hat. Der Kobi hat unterdeſſen ſeine Zeit auch nicht mit Holzſpalten verloren, ſondern nur ſo ein dürres Tannlein zur Thüre hereingeſchleppt und das eine Ende ans Feuer gelegt, während das andere noch weit zur Hütte hinaus lugte. Als wir eben anfangen wollten, kam noch der Landſchäftler, der hatte einen welſchen Güggel geſchoſſen, und iſt auch zu Tiſch geſeſſen, ohne einmal zu fragen. Während dem Eſſen redeten wir darüber, was wir nun zu allererſt anfangen müßten. Da ſagten uns die Mannen: „wir ſollten uns nun einen Platz im Walde ausſuchen, welcher 126 uns am beſten gefalle, wonach wir auf das Landamt müßten, das wäre wie bei uns die Amtſchreiberei, um den Kauf richtig zu machen.“ Und hat uns der Wälſch verſprochen, er wolle dabei unſer Führer ſein, und haben wir dann noch ausgemacht, gleich am folgenden Tage daran zu gehen. Unterdeſſen war der alt⸗Weibel mit ſeinem Buben eben⸗ falls in Neu⸗Wietlisbach angekommen und im Wilbelm Tell eingekehrt, und wir fragten ihn, ob er nicht mitkommen und auch einen Platz ausleſen wolle. Da lachte uns der alte Götti aus und ſagte, dafur hätte er ſchon längſt geſorgt.„Er habe von ſeinem Freunde in Neu⸗Orleans mit dem rothen Gilet, das ſchönſte Stück Land gekauft, das hier in der Nachbarſchaft zu finden ſei; es wäre ſchon Alles richtig.“ Und darauf zog der alt⸗Weibel ſeinen Kauf hervor und einen Plan, und freute ſich, wie er ein ſo gutes Geſchäft gemacht; aber ich ſah, wie der Wälſch und der Landſchäftler, als ſie das Numero auf dem Plan geſehen hatten, einander mit den Augen zuwinkten. „Wenn der Weibel ſein gekauftes Land ſehen wolle, ſagte der Wälſch, ſo könne er auch mitkommen, es liege an unſrem Wege.“ Wir mußten nun wieder in den Wald hinein, durch Dick und Dünn, über Stock und Stauden, und war das keine kleine Sache, denn oft blieb die Haut ſammt den Kleidern an den Dornen hangen. Da kamen wir dann auch mitten in einen Moraſt, wo man über die umgefallenen Baumſtamme gehen mußte, um hindurch zu kommen. Und als wir mitten im Moraſte waren, wo es von dem faulen Waſſer geſtunken hat, daß man es faſt nicht hat erleiden mögen, und die Mucken einen halb umgebracht haben, blieb der Wälſch ſtehen und ſagte:„dieß iſt euer Land, alt⸗Weibel“; der brummelte,„es ſei jetzt keine Zeit zu dummen Späßen, er ſolle machen, daß wir wieder aufs Trockne kämen.“ Aber der Wälſch rief: „ſeht nur das Numero an jenem Baume, es iſt das nämliche, welches auf eurem Plan ſteht. Der gute Freund im rothen⸗ D in ächter Amerifaner s nur e c'* Gilet hat euch eben betrogen, wi im Stande iſt.“ 128 Das war dem alt⸗Weibel zu dick; es wurde ihm g'ſchmuecht und er wäre in den Moraſt hinein gefallen, wenn ihn ſeine Buben nicht gehalten hätten. Und als er wieder ein wenig zu ſich kam, war ſein erſtes Wort:„es wäre doch noch oein Glück, daß in Neu⸗Wietlisbach ein Prokurator wohne; er wolle es jetzt vor dem Richter probiren, und wenn er ſeinen letzten Kreuzer daran ſetzen müßte.“ Dreizehntes Kapitel. Dursli hat einen großen Hof und was er darauf treibt. Es war wieder mitten im dichten Wald. Die eben aufge⸗ gangene Auguſtſonne vermochte kaum hie und dort einen dünnen Strahl zwiſchen den Stämmen und Aeſten der mächtigen Bäume hindurch zu zwängen, als ich den Kopf aus der kleinen Laub⸗ hütte hervorſtreckte, welche wir aus einigen Baumäſten am Fuße einer großen Eiche errichtet hatten. Ueber meinem Kopfe trieben ſich allerlei Vögel in ganzen Schaaren in den Aeſten herum und pfiffen ihr hundertſtimmiges Morgenlied. Etwa zwanzig Schritte vor mir ſah ich ein junges Hirſchkalb weiden; plötz⸗ lich ſpitzte es die Ohren, hob den Kopf, erblickte mich und war in ein Paar Sätzen im Walde verſchwunden. Schnell riß ich das Gewehr, das ich dem Landſchäftler abgekauft hatte, hervor, und pülverte einen Schuß in den Wald hinein, aber der Hirſch war längſt hinter den dicken Stämmen und dem verwachſenen Gebüſch verſteckt und geborgen. Auf meinen Schuß kamen auch der Schulmeiſter und der Roni aus der Laubhütte hervorgekrochen. Als wir uns Alle den Schlaf recht aus den Augen gerieben hatten, ſchauten wir uns ſchweigend an und dann wieder auf die klafterdicken Eichen und Nußbäume, die Linden und Ahorne, die rings um uns herum ſtanden und zwiſchen denen dorniges Ge⸗ ſtrüpp und allerlei Schlinggewächſe dicht ineinander verwach⸗ ſen waren. 129 Wir ſtanden jetzt nämlich mitten auf meinem eigenen Grund und Boden, einem Stücke Land von 160 Jucharten, das ich um circa 200 Neuthaler gekauft und baar bezahlt hatte. Der Roni,— es war ſeit dem jämmerlichen Tode ſeines Kameraden in Neu⸗Orleans kein Tropfen Schnapps mehr über ſeine Lippen gegangen— hatte mich gefragt, ob ich ihn nicht als Knecht bei mir behalten wolle;— dem Schulmeiſter hatte die Reiſe faſt all ſein Geldlein aufgezehrt, ſo daß ihm nicht mehr viel übrig blieb, um Land zu kaufen; auch getraute er ſich nicht recht, da er nicht juſt der chächſte war, für ſich allein ein Bauerngeſchaft in dieſer Wildniß einzurichten. Er hat es daher vorgezogen, vor der Hand ebenfalls zu mir zu kommen. Als ich das Land nach dem Rathe der Nachbaren ausge⸗ leſen und angekauft hatte, ſo ſchafften wir uns ein Paar Aexte, Schaufeln und Reuthauen, einige Säcke Erdäpfel und Türken⸗ korn, ein Paar Pfund Kaffe, eine Speckſeite und ein Milch⸗ chüehli an, und gingen damit in den Wald hinein, mein Bauernweſen anzufangen. Es war nun vor Allem unſer G'ſatz, an der ebenſten, beſtgelegenen Stelle die Bäume zu fällen und die Stauden zu reuten, damit man ein Häuschen hinſtellen und etwas weniges zur Nothdurft anpflanzen könne. Das war aber keine Kleinigkeit, ſondern ich hatte bald das Einſehen, daß es manchen Schweißtropfen koſten würde;— mit Maul⸗ affen feil haben, war's nicht gethan. Ich ſprach daher:„So wollen wir in Gottes Namen dran hin.“ Und ich und der Roni griffen nach unſern Aexten und machten uns gleich an eine der dickſten Eichen, die auf dem Platze ſtanden. Daß die Art nicht recht in die dünnen, ſchmalen Finger des Schul⸗ meiſters hineinpaſſe, dieß zu merken, brauchte keiner kein Hexen⸗ meiſter zu ſein. Ich habe ihn deshalb geheißen, uns unter⸗ deſſen das Morgeneſſen zu kochen. So hat er alſo ein Feuer angezündet, unſer Brienzer⸗Chüehli gemolken, ein Kaffe ge⸗ macht und eine Pfanne voll Erdäpfel geprägelt,—„He! das 9 130 haſt du auch nicht z'Oberdorf im Lehrkurs gelernt?“ meinte der Roni. Und wir ſchlugen und hackten drauf los in das zähe Holz hinein, daß die Späne nach allen Winden davon fuhren, und der Schweiß uns über die Backen herunter lief, als der Schul⸗ meiſter noch nicht einmal die Milch erwellt hatte. Nach dem Kolatz ging der Tanz von neuem an. Unterdeſſen mußte der Schulmeiſter mit dem Gertel die Stauden ein wenig zuſammen hauen. Als es aber bald Mittagszeit war, hat er wieder ſein Amt als Koch verwaltet. Da hat's dann ebenfalls Kaffe ge⸗ geben, dazu hat er auf amerikaniſche Manier Türkenkornbrod gebacken, was er des Rechendurſen Kobi Käthri abgelugt hatte, und ein tüchtig Stück Speck in einem Düpfi gebraten. Das war juſt keine Kindbetterenkoſt, aber grad recht für uns, denn wir hatten gewerket, als wie die Roſſe,— aber unſre Eiche lag einewäg noch nicht am Boden. Dazu hats noch manchen Streich und manchen Tropfen Schweiß gekoſtet. Endlich, die Sonne ſchien ſchon ganz ſchräg durch die Stämme, ſchwankte ſie und krachend und praſſelnd iſt ſie zu Boden gefallen. Der Roni ließ einen Jauchzer aus, mir aber war es keineswegs ums Jubeln. Den ganzen Tag batten wir gearbeitet, daß wir kaum mehr unſre Arme ſpürten, und einen einzigen Baum gefällt. Und all das Land, das ich meines nennen konnte, war dicht beſetzt mit ſolchen Bäumen— tauſende von Stämmen mußten gefällt, tauſende von Stöcken ausgegraben werden, bis ich nur ſo viel Land unter den Pflug nehmen konnte, als da⸗ heim im Steinacker. Was nützten mir meine hundert und ſechzig Jucharten?— Aus all dem ſchönen Holz, das daheim mehr als hunderttauſend Franken werth geweſen wäre, konnte ich feinen Batzen löſen, denn das kauft hier niemand, wenn es nicht am Bord der großen Flüſſe aufgeklaftert iſt, auf denen die Dampfſchiffe fahren. Es wurde mir ganz trümmlig, an die Arbeit zu denken, die wir vor uns hatten, und ganz klein⸗ müthig ſtarrte ich in den Wald hinein, wo es ſchon anfing finſter zu werden. 131 Da klopfte mir einer auf die Achſel und weckte mich aus meinen ſchweren Gedanken. Es war der Landſchäftler, der wieder auf der Jagd geweſen war, und jetzt, die Büchſe auf dem Rücken und ein Paar ſchöne Stücke Hirſchenfleiſch am Gürtel tragend, auf dem Heimweg war. „He, guter Freund, rief er, ſchläfſt du z'gſtänglige oder machſt du Kalender? das trägt hier zu Land wenig ab.“— Da klagte ich ihm meinen Kummer, wie wir einen ganzen Tag gebraucht hätten, einen einzigen Baum zu fällen, und wie es mich bedünke, ich könne da mein Leben lang mit der Art und der Reuthaue drein ſchlagen, bevor ich nur ein kleines Aeckerlein gereutet und ſauber gemacht habe, daß etwas darauf angeſäet werden könnte. Der Landſchäftler lachte mich aber aus und fragte, ob ich denn glaube, in Amerika habe man der Zeit, jede Mutte mit den Fingern zu verbrösmelen, wie ſie es im Emmenthal machten? Da ſei man nicht halb ſo eigelig. Es ſei der Brauch, nur ſo viel Bäume zu fällen und Stöcke auszumachen, als zu einem Hausplatz und etwa noch zu einem Gartchen vonnöthen. Fürs Uebrige mache man kurzen Prozeß. Da wird rings um den Stamm etwa auf Handebreite die Rinde abgeſchält; die Bäume gehen dann drauf, und wenn ſie dürr und mürb ſind, wirft ſie der Wind zu Boden. Zwiſchen den Baumſtämmen fährt man mit einem Pflug, der etwas er⸗ leiden mag, und zwei oder drei Paar Ochſen z'Acher und es kommt nicht darauf an, ob die Furchen grad oder krumm ſind. Ich ſolle mir die Sache bei meinem Nachbarn einmal an⸗ ſehen. Daheim hatte ich geglaubt, ich verſtehe das Bauern aus dem Fundament, aber ich merkte jetzt wohl, daß ich hier noch einmal in die Lehre gehen mußte. Der Schulmeiſter hatte unterdeſſen zu Nacht gekocht, der Baſellandſchäftler ſagte gute Nacht und ging ſeines Weges, und als wir gegeſſen hatten, krochen wir mit müden Gliedern in unſre Laubhütte hinein. 13²2 Vierzehntes Kapitel. Wie man in Amerika Ufrichtig haltet und warum der Schulmeiſter von der Firſt herunter purzelte. Nach drei bis vier Wochen, während welchen von früh bis ſpät die Axt nicht aus den Händen gelegt wurde, hatten wir ein Paar Dutzend Bäume gefällt und ungefähr eine halbe Jucharte gereutet und eben gemacht. Von den gefällten Bäu⸗ men hatten wir die Aeſte abgehauen und verbrannt und die Stämme zur Seite gerollt. Da fragte ich eines Abends des Rechendurſen Kobi, der herübergekommen war, um zu ſehen, wie es uns gehe, ob er keinen guten Zimmermann wüßte? ich dächte es wäre nun Zeit von wegen unſrem Häuslein einen Akkord zu machen.—„Das brauche ſich nicht, ſagte da der Kobi, man mache es hier zu Land anders. Ich ſolle nur morgen früh zu ihm herüber kommen, er wolle mich dann weiſen, wie ichs anzufangen hätte.“— Als er mich des an⸗ dern Tages ſchon bei Zeiten kommen ſah, ſattelte er ſein Roß, und auch für mich hatte er eines geliehen. Nun ritten wir zur nächſten Niederlaſſung hinüber. Da ſtieg der Kobi ab, ging ins Haus und ſprach:„Der Steinacker⸗Dursli laſſe fragen, ob ſie nicht am nächſten Mittwoch als gute Nachbaren zu ihm herüber kommen und ihm helfen wollten, ſein Haus aufzurichten.“ Nun ritten wir wieder weiter bis zum nächſten Anſiedler; dort mußte ich die Einladung dann ſelber vorbringen. So gings den ganzen Tag, bis wir auf etwa zehn bis zwölf Höfen geweſen waren, die in einem Umkreiſe von Stücker vier bis fünf Stunden lagen, was man in Amerika Nachbarſchaft nennt. Die meiſten ſagten dann auch freundlich zu, als hätte ich ſie zu einer Kindstaufe oder einer Hochzeit eingeladen. Wo wir gerade zur Eſſenszeit hinkamen, da hieß man uns mithalten, was wir uns keineswegs zweimal ſagen ließen, ſondern zulangten, wie's eben hier der Brauch iſt. Gegen Abend kamen wir noch nach Neu⸗Wietlisbach, wo wir beim 133 „Wilhelm Tell“ einkehrten. Als der Landſchäftler hörte, um was es ſich handle, holte er ungeheißen ein Fäßchen Brannt⸗ wein, ein Paar Hammen und eine Speckſeite hervor und machte mir die Rechnung dafür. Der Kobi erklärte mir, ich würde dieſe Sachen nöthig haben, um bei der Ufrichtig die Nach⸗ baren zu traktieren, worauf ich Alles hinten auf mein Pferd nahm und getroſt wieder zu meinen Kameraden in den Wald hineinritt. Endlich brach der Morgen des Tages an, an welchem aus der Wildniß, die nun unſre Heimat war, die erſte menſch⸗ liche Wohnung erſtehen ſollte. Und da waren weder Kalk noch Sand, weder Steine noch Ziegel vorhanden, da war kein Stückchen eines abgebundenen Dachſtuhles zu ſehen und nicht einmal der Meyen, der doch bei der mindeſten Ufrichtig oben auf der Firſt aufgeſteckt wird, war bei der Hand. Es nahm uns ſehr Wunder, was aus der Sache werden ſolltez hätten wir es ſelber machen müſſen, wir wären dabei geſtan⸗ den, wie die Ochſen am Berge. Die Sonne guckte noch nicht über die Bäume herüber auf das Plätzchen, das wir gereutet und abgeholzt hatten, da kamen die Mannen, welche ich eingeladen, einer nach dem an⸗ dern auf ihren Gäulen daher geritten, jeder mit einer tüchti⸗ gen Art bewaffnet. Die ſchauten auch nicht aus, als ob ſie hinter dem Ofen aufgewachſen wären, ſondern man ſah ihnen Wind und Wetter und ſchwere Arbeit an den braunen Ge⸗ ſichtern und den ſchwieligen Händen an.— Sie trieben ihre Pferde zum weiden in den Wald hinein, ſchüttelten uns die Hände und ſetzten ſich auf die gefällten Bäume, worauf unſer einziges Glas von Hand zu Hand im Kehr herum und fleißig wieder zum Branntweinfäßchen zurückging, wo der Schul⸗ meiſter ſeinen Poſten hatte. Als wir ſo ungefähr unſer zwanzig beiſammen waren, ſagte der Kobi, der für mich das Wort führte, es dünke ihn, man könnte jetzt anfangen. Da wurde dann zuerſt der Platz 134 abgeſteckt, zwanzig Schuh lang und fünfzehn Schuh breit. Dann grub man an den vier Ecken Stüde ein, die ungefähr einen Schuh aus dem Boden herauslugten. Nun mußten die vier Geſchickteſten, die ſchon am meiſten dabei geweſen waren, ſich an dieſe vier Ecken hinſtellen; die andern wälzten die um⸗ gehauenen Baumſtämme herbei und legten ſie auf den vier Stüden übereinander, ſo wie die Buben ihre Vogelſchläge machen, währenddem die vier Flügelmannen die Enden der Baumſtämme ſo gut als möglich in einanderfügten. 135⁵ Es war noch nicht einmal Mittag, als das Gebäude ſchon faſt zehn Schuh aus dem Boden herausgewachſen war, und man den Trämboden darüberlegen konnte. Jetzt gingen einige daran, eine Thüre und zwei Fenſter aus den Wänden herauszuſägen, die andern hieben nur ſo grobhölzig mit den Aexten die Dachrafen und Latten zurecht, während die dritten einige Stämme, die ſich leicht ſpalten ließen, zu Blöcken ver⸗ ſägten und daraus lange, breite und dicke Schindeln machten. Der Roni und ich, wir halfen bei dieſer Arbeit nach beſten Kräften, obſchon wir uns oft ungeſchickt genug dabei benahmen, weil uns Alles gar fremd und ungewohnt vorkam. Dem Schul⸗ meiſter war wieder das Amt zugefallen, für unſre hülfreichen Gäſte das Mittageſſen zu kochen; und er hatte alle Hände voll zu thun, obſchon es eben kein Kindstaufen-Mahl war, ſondern eben nichts anders als Kaffe, Türkenkornbrod und ge⸗ bratener Speck, nebſt den Hammen vom Landſchäftler. Dabei mußte dann noch das Branntweinfäßchen ſein übriges thun, welchem von Allen fleißig zugeſprochen wurde, ausgenommen vom Roni, der allein keinen Tropfen trank. Und doch war es ein guter Schnapps, aus Türkenkorn gebrannt, was die Amerikaner Wiskey nennen. Den Schulmeiſter aber hatte es gewurmt, daß er allein die Hand nicht anlegen ſollte an unſerm neuen Haus. Er dachte ſich deshalb etwas aus, womit er uns überraſchen wollte, und wobei ihm am Ende noch die Hauptehre des Tages zukommen ſollte. Ganz unvermerkt traf er alle Vorbereitun⸗ gen dazu. Als dann endlich gegen Abend die letzte Schindel auf das Dach genagelt worden war, und die Mannſchaft daran ging, noch den letzten Reſt aus dem Fäßchen zu trinken, holte der Schulmeiſter aus unſerer proviſoriſchen Laubhütte ein Tann⸗ tſchuppli hervor, das er mit ein Paar rothen und weißen Hals⸗ tüchern und Bendeln zierlich ausſtaffirt hatte. Mit dieſem Meyen kletterte er auf das neue Haus hinauf und ſteckte ihn 136 auf den Giebel. Dann ſetzte er ſich rittlings über die Firſt und fing an, einen ſchönen Zimmerſpruch zu halten. Darinnen redetete er zuerſt von der Arche Noah und dann vom Tempel Salomonis und noch von andern ſchönen Gebäuden, neben welchen freilich unſere Hütte bedeutend abgeſtochen hätte. Darauf kam er nach Sachſen, wo die ſchönen Mädel wachſen, und machte einige Anſpielungen auf das Babeli in der Sand⸗ grube, das einſt in dieſes Haus als Meiſterin einziehen ſollte; zuletzt dankte er noch in wohlgeſetzten Worten den Nachbaren für ihre Freundſchaft und gute Hülfe, und war eben im Be⸗ griffe, das Glas, das ihm der Roni hatte herauf langen müſſen, auszutrinken und dann hinter ſich herunterzuwerfen, wie es an jeder ordentlichen Ufrichtig Brauch und Recht iſt, als ihm plötzlich das letzte Wort im Halſe ſtecken blieb. Bleicher als der Tod von Baſel und mit zu Berg geſträubten Haaren, ließ er das Glas aus den Händen fallen, ſtieß einen gellenden Angſtſchrei aus und kugelte mir nichts, dir nichts über das Dach herunter, wobei er wahrſcheinlich den Hals gebrochen hätte, würde ich ihn nicht in meinen Armen auf⸗ gefangen haben. Mit offenen Mäulern ſchauten wir andern dies an und konnten gar nicht begreifen, was dem Schulmeiſter zugeſtoßen ſei— es müſſe ihn der Schlag getroffen haben, meinten wir. „Die Schlangel! die Schlange!“— das waren die erſten Worte, die er endlich hervor brachte, als wir ihm ein Paar Tropfen Branntwein eingeſchüttet hatten. „Jetzt geht mir ein Licht auf“, ſagte der Landſchäftler, worauf er ſich eine Ruthe ſchnitt und mit Hülfe der Andern die Baumſtämme zu unterſuchen begann, aus denen unſer neues Haus aufgebaut worden war. Bald entdeckten ſie in einem derſelben ein ziemliches Loch, aus dem dann, als der Land⸗ ſchäftler ein wenig darin herumgegrübelt hatte, eine Schlange zolldick und Klafterlang herausſchoß. „Das iſt ſie“! rief der Schulmeiſter, und war daran, das 137⁷ Haſenpanier in den Wald hinein zu ergreifen. Aber ein Paar gut angebrachte Ruthenſchläge über den Rücken hatten dem Thiere bald den Garaus gemacht. „Es iſt eine Klapperſchlange, ſagte der Landſchäftler. Deren gibt es genug in dieſen Wäldern.“ Der Schulmeiſter, der ſich nun wieder getraute näher zu kommen, berichtete uns jetzt, was ihm begegnet war: eben wollte er oben auf der Firſt wohlgemuth das Glas anſetzen, als kaum ein Paar Schuh vor ihm durch eine Lucke des Daches die Schlange den Kopf hervorſtreckte, ihn mit ihren grünen Augen anglotzte und zu züngeln anfing.„Ich merkte gleich, was die Beſtie vorhatte, ſetzte er bei, und begab mich auf dem kürzeſten Weg herunter.“ Die Mannen mußten hell auf lachen, als der Schulmeiſter ſein Herabkugeln ab dem Dache ſo bündig erklärte. Darauf ſchüttelten ſie uns noch zum Abſchied die Hände, ſuchten ihre Roſſe im Walde auf und ritten jeder ſeines Weges von dannen. Und wir ſchlugen dieſe Nacht ſchon unſer Lager in dem Hauſe auf, von welchem heute früh noch kein Pfoſten geſtan⸗ den. Zwar blies der Wind durch hundert Löcher, Fugen und Spälte, und es war nun unſere Aufgabe, vor Winter für Thür und Fenſter, für Boden und Diele, für einen Feuerherd und Kamin und für alle jene Nothwendigkeiten und Bequem⸗ lichkeiten zu ſorgen, die ſich daheim von ſelbſt verſtanden, hier in Amerika aber unter Mühſal und Arbeit hergeſchafft oder verfertigt werden mußten. Fünßzehntes Kapitel. Des alt⸗Weibels Prozeß geht an. Eines Tages kam Einer in unſere Einöde geritten und meldete, ich ſei für den folgenden Morgen vor den Präſidenten nach Neu⸗Wietlisbach zum Zeugenverhör vorgeladen. So 138 machte ich mich alſo zu rechter Zeit auf den Weg, und es nahm mich ziemlich Wunder, was ich denn eigentlich reden ſollte. Als ich dann beim Landſchäftler einkehrte, da traf ich dort den alt⸗Weibel an, der diskurierte gar eifrig mit dem Hrn. Schnapper, dem Geſchäftsmann, welcher ſein Bureau in einem der drei Häuſer der Stadt aufgeſchlagen hatte.„He, rief er mir zu, da er mich erblickte, jetzt wird ſich die Sach' erleſen; die Gerechtigkeit geht hier nicht auf der Schneckenpoſt, als wie bei uns daheim. Den Spitzbuben, der mir den ver⸗ fluckten Moraſt für gutes Land verkauft hat, den haben wir nun beim Fecken, und wir wollen ſehen, ob er das Geld nicht wieder füre machen muß, das er mir abgeſtohlen.“— Bei dieſen Worten deutete der alt⸗Weibel mit ſchadenfrohem Lächeln nach dem andern Ende der Stube, wo wirklich derſelbe Mann mit dem rothen Gilet und dem großen grünen Halstuch, wel⸗ chen wir in Neu-Orleans mit dem alt-Weibel hatten herum⸗ laufen ſehen, auf einem Stuhle ſaß. Er hatte ſeine Füße an den Tiſch geſtemmt, wie es in Amerika der Brauch iſt, kaute einen Wiſch Taback und las ganz kaltblütig in der Zeitung. Nach und nach traten noch ein Paar Andere herein, die der alt⸗Weibel nach dem Rath ſeines Geſchäftsmannes als Zeugen hatte vorladen laſſen; er rühmte jedem, wie er nun drauf und dran ſei, ſeinen Prozeß zu gewinnen. Der mit dem rothen Gilet machte keinen Muks, ausgenommen, daß er von Zeit zu Zeit einen recht hinterliſtigen und verächtlichen Blick zu uns herüber warf. Endlich hieß es, die Audienz würde nun an⸗ gehen und die Parteien und Zeugen ſollten vor dem Herrn Präſidenten erſcheinen. Die Audienzſtube war im andern Hauſe, in der Apotheke des Doktor Schlüſſelbart, der nebſt einigen Pulvern und Waſſern für Vieh und Menſchen, auch Schuhnägel, Brämenöl, Karrenſalbe u. dergl. Sachen feil hatte. Der Herr Gerichts⸗ präſident war ein wohlangemäſteter Mann mit einem krummen rothen Schnabel. Er ſaß auf einem leeren Faſſe, hatte ganz 139 ungenirt den Rock ausgezogen und den Hut auf dem Kopf und rauchte Cigarren. Der alt⸗Weibel und wir andern Zeugen ſtellten uns, die Kappe in der Hand, neben die Thüre. End⸗ lich kam auch der Schelmuffski mit dem rothen Gilet, des alt⸗ Weibels Gegenpartei, herein. Der ſah ſich aber nur in der Stube um, wo er komod abſitzen könne; dann nahm er, ohne einmal den Deckel zu lüpfen, in einem Winkel auf einer Kiſte Platz, ſtreckte die Beine über ein Faß und ſtieß einen friſchen Wiſch Kautaback ins Maul, worauf er wieder in der Zeitung zu leſen anfing, als ob es ihn gar nichts anginge. 140 Nachdem der Präſident etwas auf engliſch geparlt und der Schnapper eine lange Rede gehabt hatte, kam endlich die Reihe an uns. Zuerſt brachte der Schreiber eine Bibel, die wir küſſen mußten, zum Zeichen, daß wir nichts als die Wahr⸗ heit reden wollten. Aber der Landſchäftler berichtete uns nach⸗ her, es ſei nicht die Bibel, ſondern blos ein altes Kräuterbuch, das gewöhnlich hiefür gebraucht werde. Dann mußten wir des Breiteren ſagen, wie das Land beſchaffen ſei, welches der Schelmuffski dem alt⸗Weibel verkauft, und gaben wir nach beſtem Wiſſen und Gewiſſen Bericht, es ſei ein verflukter Moraſt, wo einem der Schlamm bis unter die Arme komme, wenn man nicht auf den umgeſtürzten Baumſtämmen herum⸗ ſpringe. Freudig zog der alt-Weibel die Hoſen über den Bauch hinauf, als ſich der Präſident endlich gegen den Schelmuffski wendete.—„Ich habe zum voraus gewonnen, meinte er, das liegt auf der glatten Hand.“ Der Schelmuffski hob aber bei der Anrede des Gerichts⸗ präſidenten kaum den Kopf von ſeiner Zeitung und zwitſcherte ein paar Worte durch die langen Zähne.„Was hat er ge⸗ ſagt“; frug der alt-Weibel.—„Er ſei auf ſeine Verantwor⸗ tung noch nicht vorbereitet“, gab Schnapper zur Antwort.— „Und was folgt daraus“?—„Daß er vor drei Monaten nicht wieder darf vorgeladen werden.“—„Und unterdeſſen“?— „Bleibt die Sache beim Alten.“ Und wirklich reiste der Schelmuffski mit ſeiner Zeitung ohne umzublicken zur Thür hinaus, der Präſident ſtieg ab ſeinem Faſſe, und uns andern wurde gemeldet, wir könnten gehen, woher wir gekommen ſeien. Es kam dem alt⸗Weibel wohl, daß er das Prozedieren ſchon zu Hauſe erfahren hatte; ein anderer hätte vor Kyb und Aerger ein Gallenfieber bekommen, beſonders als der Ge⸗ ſchäftsmann Schnapper noch eine ellenlange Koſtensnote her⸗ vorzog. 141 Dieſes war der An⸗ fang von des alt⸗Wei⸗ bels Prozeß. Und mich wollte bedünken, das Ding würde nicht zum Beſten herauskommen, was der alte Mann zu ſeinem Schaden am Ende auch erfahren Sechszehntes Kapitel. Der Winter im Walde. Der Säyet machte uns nicht viel zu ſchaffen. Denn er⸗ ſtens hatten wir kaum ein kleines Plätzchen vor unſerer Hütte ſauber gereutet, und dann war uns der Rath gegeben worden, es für den Anfang beim Türkenkorn bewenden zu laſſen, wel⸗ ches man erſt im Frühjahr anpflanzt. Wir verwendeten alſo unſere Zeit, die Löcher und Spälte unſerer Hütte ſo gut als möglich mit Sprenzeln und Mieſch zu verſchoppen, und dann zum holzen, um einestheils eine tüchtige Holzbigi für den Winter zu bekommen, anderntheils um Hagſtecken zu machen, was das allernothwendigſte iſt, wenn man von dem Ange⸗ pflanzten auch nur einen Halm erndten will, von wegen den Säuen und dem andern Vieh, das hier Tag und Nacht frei herumläuft. Zum holzen war der Schulmeiſter noch immer nicht ge⸗ ſchickt, mit ſeinen dünnen Gliedlein, und wir brauchten ihn ——— — — ——————— ——,——4— — 142 zum mieſchen und ruthenflechten.— Bald ſollte ich auch die Hülfe meines andern Kameraden entmangeln. An zwei oder drei Morgen war ein Nebel geweſen, daß man ihn hätte mit Löffeln abſtechen köͤnnen. Da klagte eines Abends der Roni, es friere ihn ſo erſchrecklich. Wir machten ein tüchtiges Feuer und er kroch unter ſeine Decke, aber das frieren wollte doch nicht beſſern, und er ſchlotterte ſo heftig, daß er weder Glas noch Löffel zum Munde bringen konnte, als wir ihm etwas Warmes gekocht hatten. Der Roni war mir lieb geworden, ſeit er kein Schnapps⸗ trinker mehr war und in meiner Angſt lief ich nach der Stadt(da hier zu Land drei Häuſer doch eine Stadt heißen) zum Doktor Schlüſſelbart. Der machte nicht viel aus der Sache:„Es ſei das kalte Fieber, das in dieſen feuchten Wäl⸗ dern jeder bekomme, bis er ſich angewöhnt und die Wälder ein wenig dünner geworden— wenn man nicht unterdeſſen ins Gras beiße, was auch nicht viel zu bedeuten habe, da immer noch genug Andere nachkommen thäten. Uebrigens hätte er ein Pulver gegen dieſes Fieber, das in Amerika in keinem Hauſe fehlen dürfe.“ Von nun an ſtellte ſich das Schlottern und Fröſteln beim Roni regelmäßig alle ſieben Tage ein. Oft konnte er es durch des Doktors Pulver bannen, oft auch nicht. Seine Kräfte nahmen aber ab von Tag zu Tag, und er wurde ſo ſchwach, daß er ſich kaum auf den Beinen zu halten ver⸗ mochte, geſchweige denn mit der Axt unſeren Eichen und Nuß⸗ bäumen zu Leibe zu gehen. So ruhte die ſchwere Arbeit auf mir allein. Indeſſen waren die Nächte immer länger, die Tage trüber, die Lüfte rauher geworden. Zuletzt brachte gar ein kalter Wind große Schneeflocken daher, die immer dichter und dichter fielen. Es war eben Winter geworden.— ——„Es iſt doch eine ſchöne Sache um eine warme Kunſt und einen breiten Ofenſitz ringsherum“, fing der Schul⸗ meiſter an, der in ſein Dackbett eingewickelt auf einem Dütſchi hockte und die Kaffeemühle zwiſchen den Beinen hielt. Ich hatte gerade denſelben Gedanken gehabt. Zwar loderte ein mächtiges Feuer auf unſerem Kochherd; aber ein ſchneidend — 144 kalter Wind zog durch hundert Spalten und Löcher in unſere Hütte hinein und pfiff durch die aus Ruthen geflochtene Thüre und durch die Fugen der Fenſter, welche ganz fertig gekauft und nur grobhölzig in die herausgeſägten Löcher eingepaßt worden waren. So kam es, daß man auf der einen Seite verfror, während man auf der andern am Feuer faſt gebraten wurde. Der Roni hatte das Fieber wieder; er lag im Bett und ſchlotterte. Dicht vor unſern Fenſtern ſtand der dunkelgraue, blätter⸗ loſe Wald, der nun ſchon ſeit ein paar Wochen bodenlos und unwegſam uns von allen Menſchen abſchloß und gefangen hielt.— Auf einmal blieb des Schulmeiſters Kaffeemühle ſtille. „Iſt's nicht heute der Weihnachtabend“? rief er. Faſt er⸗ ſchrocken rechneten wir nach; wir hatten wirklich heute den vierundzwanzigſten Chriſtmonat. „Sie ſitzen jetzt daheim beiſammen in der warmen Stube, ſagte ich, die Mutter, die Schweſtern und die Schwäger, denn an dieſem Tage waren wir immer alle beieinander. Die Spinnräder ſchnurren und die Weibſame ſchnädert. Gewiß ſchwatzen ſie hin und her, was der Dursli wohl macht, drüben in Amerika.“—„Nun wirds aber ſchon ein wenig finſter, antwortete der Schulmeiſter, im Dorf unten wird da und dort ein Licht angezündet, daß es ausſieht, als wäre ein Stück vom ſchönen Sternenhimmel auf den Boden herunter gefallen. Da und dort geht ein Nachbar zum andern hinüber z'Stubeten, um ſich mit einem Roſenkranz oder Kartenſpiel die Zeit zu vertreiben bis Mitternacht.“——„Das Babeli iſt wohl auch aus der Sandgrube zur Mutter in die Mühle hinaufgegangen, um zu vernehmen, ob vielleicht ein Brief aus Amerika ge⸗ kommen ſei. Da läßt dann der Schwager eine Maaß Rothen aus dem Wirthshaus kommen und gibt ein Immeli Nüſſe zum Beſten zum ausſpielen und langt das Kartenſpiel hinter dem — 145 Spiegel hervor, das ich ſelbſt an letzter Weihnacht dahinter⸗ geſteckt. Das wird ein Gelächter und einen Spaß geben, wenn alle um den langen Tiſch beiſammen ſitzen. Aber plötzlich ſchallt durch die finſtre ſtille Nacht das feierliche Glockengeläute, das die Nachbaren zur Kirche ruft. Auf den Dorfgaſſen wirds jetzt lebendig; wie Schatten ziehen die Kirchgänger den Häuſern und Häägen entlang; ein Licht nach dem andern löſcht im Dorfe aus,— aber auf dem Hubel, wo die Kirche ſteht, da glänzen die hohen Fenſter heller und heller. Nun ſchweigen die Glocken, in der halbdunkeln Kirche liegt dicht gedrängt die andächtige Menge auf den Knieen. Plötzlich erſchallt das Orgelſpiel und packt alle Herzen und führt ſie zum Himmel hinauf, wo der liebe Gott mit ſeinen Engeln und Heiligen wohnt.“——„Die Orgel hab' ich fern geſchlagen“, ſeufzte der Schulmeiſter.— Bei uns aber brachte der Weihnachtabend weder Glocken⸗ geläute noch Orgelklang, ſondern der Winterwind heulte um unſre Hütte. Weit und breit ſtreckte keine Kirche ihren Thurm gen Himmel; rings um uns war nichts als endloſer Wald und wieder Wald, in welchem kaum hie und da eine elende Hütte ſich verbarg. Zu uns kamen keine Nachbaren z'Stubeten, um durch Geſpräch oder Spiel die langen Abende zu ver⸗ kürzen; da war keine Verwandtſchaft, die freundlich theilnahm an Freud' und Leid. Sondern die wenigen Menſchen, die in dieſer Wildniß lebten, waren ſtundenweit auseinander, und jeder hatte genug an ſich ſelbſt zu denken. Der Roni ſtöhnte unruhig auf ſeinem Krankenlager; da fing gar der Schulmeiſter an zu ſingen: „Herz, mys Herz, warum ſo trurig“? Das wollte mich faſt erwürgen, weshalb ich ſchnell in mein Bett hineinkroch und die Decke über die Ohren zog. Aber die ganze Nacht träumte mir vom ſchönen Heimet, weit änen am Meer. 10 146 Siebenzehntes Kapitel. Wie der Dursli und ſeine Kameraden z'Märet gingen und ſich gern luſtig gemacht hätten.„ Unter der Sonne findet Alles ſein Ende und ſo ging auch der Winter zuletzt vorüber, obſchon er uns erſchrecklich lang bedünkte. Es fiel uns ein ſchwerer Stein ab dem Herzen, als die Tage nach und nach länger wurden, die Sonne den Schnee wegfraß und die Bäume zu drücken anfingen. Und doch war es albez daheim noch tauſendmal luſtiger geweſen, wenn die Schwalbeli den Frühling brachten; wie freute man ſich da, die einen auf die erſte Ygraſig, die andern auf die roſenrothe Bluſt und die dritten auf die ſchönen gelben und veilchenblauen Oſtereier!— Aber uns grünte weder Feld noch Matte, uns blühte weder Hofſtatt noch Garten und kein Menſch dachte daran, uns Oſtereier zu ſieden; ſondern es wartete unſer nur Arbeit, und zwar von der härteſten.— Ein paar Handvoll Fünfliber in den Hoſenſack zu nehmen um z'Märet zu gehen, das war das erſte, was nun zu thun war, als der Weg durch den Wald wieder gangbar geworden. Unſer Bauernweſen anzufangen, brauchten wir nämlich Pflug, Wagen und Geſchirr, zwei Joch Zugochſen, noch eine Milch⸗ kuh und etliche Schweine, ferner noch für ſechs Monate Mund⸗ proviant, denn es ließ ſich nicht darauf rechnen, vorher etwas ab unſerer eigenen Pflanzung unter die Zähne nehmen zu können. Wir zogen alſo eines Morgens alle drei aus, denn es mochte jeder von uns gern wieder einmal unter die Leute gehen, was ſeit acht oder neun Wochen nicht geſchehen war. Zuerſt kehrten wir in Neu⸗Wietlisbach beim Landſchäftler ein, um uns weiſen zu laſſen, wo wir das benöthigte kaufen könn⸗ ten. Der fragte, ob wir geſund und wohl ſeien, und ſchielte dazu auf des Roni's bleiche, hohle Backen. Der hatte, ſeit das beſſere Wetter gekommen, kein Fieber mehr gehabt; aber er war nur noch der halbe Kerl von früher und kaum mehr 147 im Stande, einen hundertvierzigpfündigen Mütt Korn auf einen Speicher zu tragen. Wir hatten es getroffen, daß es gerade wieder Audienz⸗ tag war, und der alt⸗Weibel, der mit ſeinen Buben noch immer beim Landſchäftler in der Uerte lag, hatte ſo viel mit dem Geſchäftsmann Schnapper zu verhandeln, daß er einem kaum Beſcheid geben konnte. Er rief uns nur über den Tiſch weg zu, heute könne es ihm mit ſeinem Handel gar nicht fehlen. Wundershalb liefen wir mit, als die Sitzung anging. Der Präſident mit dem rothen Schnabel ſaß wieder auf ſeinem Faß und der Schnapper hielt wieder einen langen Vortrag, während indeſſen der Schelmuffski in ſeinem Winkel die Zei⸗ tung las und Rauchtaback chätſchte.„Jetzt hab' ich dich“! rief der alt⸗Weibel überlaut, als der Schnapper fertig war. Aber der Schelmuffski wälſchte nur wieder etwas in ſein grünes Halstuch, das er bis zur Naſe hinauf gezogen hatte.—„Er ſagt, er habe ſeine Zeugen noch nicht herbringen können und verlangt dafür noch einmal Termin“, erklärte Schnapper achſel⸗ zuckend. Und ſo war es auch. Der Präſident verfügte drei Monate Aufſchub und der alt⸗Weibel mußte zum zweiten Mal mit langer Naſe abziehen. Zudem war die Koſtensnote des Schnappers diesmal noch etwas länger als die vorige. Aber der alt⸗Weibel ſchwur bei ſeiner theuern Seele, er wolle es zwängen, und wenn es ihn ſeinen letzten Kreuzer koſten ſollte. Seine Buben lugten ſauer genug dazu, es half aber nichts. Wir hatten den Beſcheid erhalten, Pflug, Wagen und Geſchirr in St. Louis zu kaufen, welches die nächſte größere Stadt ſei; dort könnten wir uns dann gleich auch wegen den Ochſen umſehen, um unſere Sachen mit denſelben nach Hauſe zu führen. So machten wir uns denn am nächſten Morgen mit aller Frühe auf den Weg. „Es wird, ſcheint es, juſt Märet ſein, in St. Louis“, ſagte der Roni.—„Nun, dann können wir wieder einmal einen luſtigen Tag haben“, meinte der Schulmeiſter. Es war ———ͤ——— ————— —— 148 jetzt über ein Jahr, daß ich auf keinem Tanzboden mehr ge⸗ weſen, und es dünkte mich, ich möchte wieder einmal probieren, ob meine Beine noch ſo gelenkig ſeien, als da ich zum letzten mal mit dem Babeli z'Kriegſtetten an der Krebskilbe geweſen. „Das tanzen habe er aufgegeben, meinte der Roni, aber er glaube faſt, wieder einmal ein Schoppen guter alter Wein würde ihm wohlthun.“„Er habe, wenn er zu Markt gegangen, immer getrachtet, etwas Nützliches und Lehrreiches zu ſehen, bemerkte der Schulmeiſter, ſo wie z. B. Seiltänzer, oder Zwerge, oder wilde Thiere; da bleibe einem doch etwas da⸗ von und man werde gebildet.“ So machte ein jeder von uns unterwegs den Vorſatz, ſich nach dem langen traurigen Winter wieder einmal recht zu be⸗ luſtigen, und es war uns ſchon, als ſähen wir das Gewühl und Gedräng auf den Gaſſen, und wie überall alte Bekannte ſich grüßend die Hände ſchüttelten,— es war uns, als ſähen wir ſchon die Stände mit den ſchönen Tabackspfeifen und Hals⸗ tüchern, und als hörten wir von allen Ecken her die laute Tanzmuſik und das Klingeln der Flaſchen und Gläſer. Als wir nun endlich nach der Stadt kamen, ſo ſperrten wir Augen und Ohren auf, ſo ſtark wir konnten. Es war zwar genug Volk auf den Gaſſen, aber weder Geige noch Klarinet ließ ſich bören, und als wir fragten, ob es denn nicht Markt ſei, lachte man uns unter die Naſe:„hier könne man kaufen, was man brauche ohne Markt.“ Alſo gingen wir zu einem Wagner, der uns den Wagen und Pflug noch theuer genug anhängte, obgleich wir das halbe abgemärtet hatten. Die Ochſen hingegen waren ziemlich billig, da die junge Vieh⸗ waare hier zu Land faſt umſonſt kann aufgezogen werden; man läßt ſie eben Jahr aus und ein im Wald oder auf der Weide laufen und gibt ihnen nur zu Zeiten ein paar Türkenkorn⸗ Zäpfen zum knoſpeln, um ſie zahm zu machen. Deſto theuerer iſt Alles, was Handarbeit braucht, weil der arbeitenden Hände in dieſem weiten öden Lande noch viel zu wenig; ſo hat ein⸗ 149 mal der Wälſch ein Paar neue Schuhe gegen eine ſchöne Kuh eingetauſcht. Das ließen ſich die Schuhmacher z'Solothurn auch gefallen! Da wir nun endlich unſere Geſchäfte abgethan, ſo hatten wir auch rechtſchaffenen Hunger und Durſt und gingen in die nächſte Pinte. Aber da war nicht einmal ein Stuhl zum ab⸗ ſitzen, ſondern wer kam, nahm ſeine Sache z'gſtänglige, und als wir eine Halbe verlangten, ſo hieß es, hier hätte man keinen Wein, ſondern nur Schnapps, den könne man anmachen mit Mazis, Zimmet, Nägeli oder Musketnuß, Zucker und warmem Waſſer nach Belieben; und da wir eine Suppe, Braten und Salat und etwa ein wenig kalte Paſtete beſtellten, lugten ſie uns an, als ob wir aus dem Monde kämen, und ſagten, es wäre jetzt nicht Eſſenszeit. So haben wir uns bei einem Beck ein Brod und in einem Laden eine Wurſt kaufen müſſen, um nicht mit leerem Magen wieder heim zu gehen. Und haben dann ganz kaput unſre Ochſen vor den Wagen ge⸗ ſpannt und den Pflug aufgeladen, und uns nach unſerer Einöde auf den Weg gemacht, ohne einen einzigen Jauchzer auszu⸗ laſſen, wie es ſonſt bei Marktleuten Fug und Brauch iſt. Achtzehntes Kapitel. Wie die drei Mannen in eine Gefahr kommen und glück⸗ lich gerettet werden. Der Roni führte die Stiere und ich hielt den Pflug. So zogen wir Furchen zwiſchen den Stöcken und den abgeſtorbe⸗ nen Bäumen durch, die wir geringelt hatten, allemall eine ungefähr drei Schuh von der andern, zuerſt von Sonnenmittag gegen Mitternacht, dann übers Kreuz von Aufgang gegen Niedergang. Und hintendrein ging der Schulmeiſter mit einem Kratten voll Türkenkorn und legte überall wo die Furchen ſich durchkreuzten, zwei oder drei Körner in den Boden und ſcharrte mit dem Schuh etwas Erde darüber. — ————— 150 Daheim hat es allemal geheißen: Miſt geht über Liſt; aber in Amerika weiß man nichts hievon, weil der Boden ſonſt maſtig genug iſt; überdieß wird er noch von der Aſche der Sträucher und Baumäſte gedüngt, die man verbrennt, weil ſie einem im Wege ſind. Auch wüßte ich nicht, wo man in Amerika den Miſt hernehmen ſollte, da das Vieh das ganze Jahr auf der Weide iſt.— Wo ein Baum im Wege ſtand, da fuhr der Roni ein wenig hüſt oder hott, und kam eine dicke Wurzel, die der ſchwere Pflug nicht zu zerreißen ver⸗ mochte, lüpfte ich ihn drüber weg. Dieſe neue Manier zu bauern hatte ich des Rechendurſen Kobi abgelugt. Denn hier war mit dem, was man daheim gelernt, wenig anzufangen. Es war erſt im April, aber die Sonne ſtach ſchon ſo heiß, als wie bei uns im Heuet. Deshalb hatten wir im Bach, der uns als Brunnen diente, einen Krug gefüllt, und ihn an den Schatten geſtellt, und wir ermangelten nicht, dem⸗ ſelben fleißig zuzuſprechen. Kam da Einer aus dem Wald heraus gegangen und trug einen Bündel an ſeinem Stecken. Das kam nicht alle Tage vor, daß ſich ein Reiſender zu uns verirrte. Unſere Ochſen blieben ſtehen, ich ließ den Pflug aus der Hand und der Schulmeiſter ſtellte ſeinen Kratten zur Erde.—„Ob wir nicht einen Tropfen zu trinken hätten? frug der Reiſende, er ſei gar erſchrecklich durſtig.“ Der Roni langte ihm den Krug. „Er ſei auch ein Auswanderer, erzählte er uns dann, und ſuche ein Paar gute Bekannte auf, die noch etliche hundert Stunden weiter innen im Walde angeſiedelt ſeien. Wir ſollten uns übrigens nur nicht ſtören laſſen, er wolle unterdeſſen ein wenig im Schatten ruhen.“ Wir gingen alſo wieder ans acherieren, und der Fremde ſchaute uns eine Weile zu. Zuletzt ſtand er wieder auf, ſchüt⸗ telte zum Abſchied jedem recht freundſchaftlich die Hand und ging ſeines Weges von dannen. Kaum war er aber zwanzig Schritte gegangen, ſo kehrte er um und rief den Schulmeiſter 151 auf ein paar Worte abſeits. Er nahm ihn bei der Hand, und wir ſahen, wie er etwas recht Bedauerliches zu erzählen begann;— plötzlich riß der Schulmeiſter ſeine Hand weg, ſprang drei Schritte zurück, als ob ihn eine Schlange gebiſſen hätte und begann den Reiſenden auszuſchimpfen, worauf dieſer faſt flennend in den Wald hineinging und verſchwand. Der Schulmeiſter bengelte ihm noch einen Knebel nach, den er juſt in der Hand hielt.„Was iſt dich angekommen, Schulmeiſter?“ —„Daß Gott erbarm, war die Antwort, nun ſitzen wir ſauber im Pfeffer! Sagt mir da der Kerl, wie er mich bei der Hand hält, er ſei räudig, er habe es auf dem Schiff aufgeleſen und ob ich keine Salbe dawider hätte?“ Ich ließ den Pflug und der Roni die Peitſche fahren vor Schreck. Der Räudige hatte uns ebenfalls die Hand geſchüt⸗ telt, auch hatte er aus unſerem Waſſerkruge getrunken, den ſeither jeder von uns mehr als einmal zum Munde gebracht. Wir mußten alſo alle drei räudig werden, das konnte gar nicht fehlen. Für heute wurde die Arbeit aufgeſteckt und vor allem be⸗ rathen, was nun zu thun ſei. Der Roni meinte, wir ſollten dem Kerl nach, um ihm nach Verdienſt das Fell durchzugerben. Was hätt's uns aber genützt? Wir beſchloſſen demnach einen zum Dr. Schlüſſelbart abzuſenden, um Zeug gegen die unſau⸗ bere Krankheit zu holen.— Kam da juſt wieder ein Mann aus dem Walde gegan⸗ gen. Zwei Fremde an einem Tage, das war uns bis dato noch nie paſſiert. Er trug einen Kaſten auf ſeinem Rücken und ſchritt auf unſre Hütte zu, worauf er ſeinen Kaſten ab⸗ ſtellte und uns meldete, er ſei ein reiſender Apotheker. Ob wir kein Pulver gegen das Fieber kaufen wollten.— Ein Apothe⸗ ker, das war für uns in dieſem Augenblick faſt ſo viel als ein Engel vom Himmel.„Pulver brauchten wir keines, riefen wir alle drei miteinander, aber ob er keine Salbe gegen die Krätze habe?“—„Es thue ihm leid, damit könne er nicht 152 dienen; zwar habe er noch ein kleines Häfeli voll in ſeinem Kaſten, aber es ſei eben ſchon beſtellt.“— Ich hätte für dieſe Salbe meinen letzten Kreuzer hergegeben. Es wurde daher dem Apotheker flattirt und Thaler auf Thaler geboten, bis /er uns endlich das Häfeli um drei Fünfliber abließ, ſeinen Kaſten wieder auf den Buckel nahm und von unſren beſten Wünſchen begleitet fürbaß wanderte. Nun ging das Schmieren an, und wir fanden die Salbe ganz vortrefflich, denn bis zur Stunde iſt keiner von uns räudig geworden. Lange behielten wir dieſe Geſchichte für uns; da hat der Schulmeiſter einmal, als wir im Städtchen etwas auszurichten hatten, einen Schnapps zu viel getrunken, und ſchwatzte die ganze Sache aus, als wie ſo wir faſt alle zuſammen räudig geworden wären, und aber ſodann durch eine höhere Fügung ein reiſender Apotheker gekommen und uns gerettet habe. Der Wälſch, der eben auch im Städtchen war, ſchaute während der Erzählung des Schulmeiſters den Landſchäftler ganz beſonders an. Plötzlich platzten beide heraus, daß es ihnen die Bäuche ſchüttelte. Das ſei nichts Lächerliches, meinte der Schulmeiſter und wollte höhn werden. Da erzählte dann der Vetter Wälſch, der Räudige ſei des Apothekers guter Freund geweſen und ſo ſauber und geſund als ich oder du, und habe nur dergleichen gethan. Der Apotheker habe aber nichts als ein paar Häfen voll Schweineſchmalz in ſeiner Apotheke.„Alle Jahre machten die beiden eine Reiſe in alle neuen Niederlaſſungen der Um⸗ gegend, berichtete der Wälſch. Da marſchiere der eine zwei oder drei Stunden voraus und jage den Leuten die Angſt in den Leib; dann komme der andere hintendrein und verkaufe ſein Schmalz lothweiſe um ſchweres Geld. Und ſind ſie mit ihrer Geſchäftsreiſe fertig, ſo theilen ſie mit einander den Profit.“ Uns bedünkte, ſolche Schelmerei gehe doch faſt über das Bohnenlied, und der Spruch des Herrn Schmid kam mir wie⸗ der zu Sinn: trau, ſchau wem! 153 Neunzehntes Kapitel. Der Schulmeiſter gibt das Kochen auf und ſtrebt nach Höherem. Um unſere Anſiedelung war weit und breit keine Kirche zu ſehen; die nächſte fand ſich in St. Louis, wohin wir gute acht bis zehn Stunden zu laufen hatten. Da reiten dann die geiſtlichen Herren, katholiſche und reformirte, in der Wildniß umher von einer Anſiedelung zur andern, und predigen und halten Gottesdienſt, oft in einer Wirthsſtube, oder in einer Pflanzerhütte, oder auch im Freien unter den Bäumen. Da es aber in Amerika großen Mangel an Geiſtlichen hat, ſo geben ſich dann oft auch andere Leute mit predigen ab.— So hieß es einmal, es würde am nächſten Sonntag einer in Neu⸗Wietlisbach auf deutſch Gottes Wort verkündigen; das war ein ſeltener Fall, denn die meiſten herumreiſenden Prediger konnten nur engliſch. Wir beſchloſſen deßhalb dem Gottesdienſte beizuwohnen. In ganz Neu⸗Wietlisbach war des Doktor Schlüſſelbarts Apotheke, die zugleich bei vorkommender Gelegenheit als Ge⸗ richtsſaal und dem Doktor als Schlaf⸗ und Wohnſtube diente, das größte geſchloſſene Lokal; ſtanden jedoch fünfzehn Perſonen drinn, ſo war es ſo ziemlich angefüllt. Der Prediger hatte deßhalb draußen, wo mit der Zeit der Marktplatz der Stadt ſein ſollte, jetzt aber ſtatt der Häuſer nur noch Baumſtumpen ſtanden, ſeine Kanzel aufgeſchlagen. Von vielen Stunden im Umkreis war Alles was deutſch konnte hergekommen, beſonders das Frauenvolk. Und hatte es der Prediger auch ganz beſonders auf letzteres abgeſehen, und nahmen es ſich viele Weiber ſo ſehr zu Herzen, daß ſie in ein lautes Weinen und Schluchzen ausbrachen. Mir aber wollte das Ding nicht recht gefallen. Er redete mir viel zu viel von der Hölle und vom ewigen Feuer, in welches er alle diejeni⸗ gen herunter donnerte, die nicht aufs Düpflein ſeinen Lehren —— ————— 154 glauben wollten. Und hatte ich viel größern Reſpekt vor unſerm Pfarrer daheim, der allemal ſagte, das Fürnehmſte ſei brav und ehrlich ſein und auf Gott vertrauen; mit dem Uebri⸗ gen werde dann der himmliſche Vater ſchon ein Einſehen thun und mit dem guten Willen fürlieb nehmen. Als es aus war, da wäre es mir faſt Angſt geworden an des Predigers Platz, denn die Weibſame riß ſich um ihn, als wenn ihn jede allein hätte haben wollen, und keine mochte der andern die Ehre gönnen, den ehrwürdigen Herrn zu Gaſt zu halten, und von jeder wurde er aufgefordert, doch ja recht bald wieder in ihrer Gegend zu predigen. Mir aber kam der Mann doch gar ungeiſtlich vor, und dünkte mich, wer's ernſt und redlich meine, brauche die Augen nicht ſo ſchröckelich zu verdrehen und auf die Bruſt zu ſchlagen, als ob er Erbſen dreſchen wollte. Und vernahm ſpäter vom Landſchäftler, das ſei urſprünglich ein Schneider geweſen aus Schwaben, dem die Handtierung mit der Nadel verleidet, und ſich deßhalb auf das Predigen verlegt habe.— Wir gingen alſo wieder heim, um aufs neue Bäume zu ringeln, Wurzeln auszugraben und Hagſtecken zu ſpalten.— Da hatt' es aber unterdeſſen eine ſaubere Geſchichte gegeben: unſere Säue, die frei im Walde herumliefen, hatten im Laufe des Sommers ſchon zweimal Junge geworfen, ſo daß bereits eine ganz artige Heerde beiſammen war. Die Thiere hatten ſich nun unſere Abweſenheit zu Nutzen gemacht und waren, dieweil wir zur Predigt ſaßen, durch die Hagſtecken, womit wir mit großer Mühe unſere Türkenkornpflanzung eingezäumt hatten, eingebrochen. Dort hielten ſie nun ihr Mahl. Faſt die halben Stauden waren umgeriſſen und eine große Zahl halb⸗ reifer Zäpfen gefreſſen. So war alſo ein guter Theil unſeres Wintervorraths zer⸗ ſtört, mancher Schweißtropfen war umſonſt gefloſſen, und wäh⸗ rend mancher ſauren Stunde hatten wir für den St. Niklaus gearbeitet. Auch waren wir nun genöthigt, das, was uns an 155 unſern ſelbſtgepflanzten Lebensmitteln von den Schweinen ge⸗ ſchändet worden, um baares Geld einzukaufen, wobei noch der letzte Reſt meiner Fünfliber draufgehen mußte. In vollem Chyb jagten wir unſere vierbeinigen ungebete⸗ nen Gäſte zur Pflanzung hinaus, wobei manches Himmelſaker⸗ ment und Kreuzdonnerwetter in den Wald hineintönte. Nur der Schulmeiſter blieb dabei ziemlich gleichgültig und ſtaunte in Gedanken vor ſich hin. Er, der ſonſt mehr ſchwatzte, als wir beiden andern zuſammengerechnet, war ſchon auf dem ganzen Rückweg einſilbig nebenhergegangen. Des andern Morgens, als wir den Kaffee einſchenken wollten, lief es ganz hell wie Waſſer aus der Kanne, und als wir den Schulmeiſter, der noch immer unſer Koch war, ver⸗ wundert anſchauten, bemerkte er, er habe wahrſcheinlich ver⸗ geſſen das Pulver hinein zu thun.„Was iſt mit dir, Schul⸗ meiſter? ſagte ich, biſt du nicht recht bei Troſt, oder was fehlt dir ſonſt“? „So will ich denn grad heraus mit euch reden, antwor⸗ tete er. Ich habe mir die Sache heute Nacht überlegt. Hier im Wald iſt kein Bleiben mehr für mich, die Art paßt nicht in meine Hände, und für Kaffee zu mahlen und Türkenkorn⸗ mehl zu knetten, bin ich weder z'Oberdorf im Lehrkurs ge⸗ weſen, noch nach Amerika ausgewandert. Dagegen dünkt mich, ſo gut predigen, als der Mann von geſtern, könnt' ich auch, und weil hier zu Land das Predigen jedem erlaubt iſt, und man dabei, wie's ſcheint, ſein gutes Auskommen hat, ſo hab' ich mir vorgenommen, ein Prediger zu werden. Ihr habt dann ein Maul weniger zu füttern, das euch bei der Arbeit wenig nütze war. Deßhalb nichts für ungut.“ Ob dieſer Neuigkeit blieb uns der Löffel auf dem Wege von der Schüſſel ſtill ſtehen, und wir trauten kaum unſern Ohren. Aber der Schulmeiſter blieb dabei, er wolle ſein Glück mit predigen probiren.— Er ſchnürte alſo ſeinen Bündel und 156 ging mit dem Verſprechen, auf ſeinen Wanderſchaften recht fleißig bei uns einzuſprechen, von dannen. Unſere Einöde war noch einſamer geworden. Fortan tön⸗ ten nur noch zwei menſchliche Stimmen in dem Walde, den ich zu meinem Beſitzthum und meiner Heimat gemacht hatte. Bwanzigſtes Kapitel. Des alt⸗Weibels Prozeß und des Ronis Fieber gehen zu nde. Mehr als ein Jahr war nun ſchon vorüber, ſeit ich in meiner Wildniß den erſten Axthieb geführt hatte. Aber öde und traurig genug ſah es da noch aus. Ein kleines gereute⸗ tes Fleckchen mitten im unendlichen Wald,— eine elende Blockhütte,— ein eingezäuntes Aeckerlein voll angebrannter Baumſtumpen, beſetzt mit geringelten halbverdorrten Bäumen, überwuchert mit kaum zu vertilgendem wilden Geſtrüpp. Was hätte der Vater ſel. geſagt, wäre er zu mir geſtanden und ich hätte ihm ſagen müſſen: Dies iſt nun mein Heimet, für welches ich den Steinacker hingegeben habe mit ſeinen zahmen Aeckern, ſeinen grünen Matten, ſeinen ſtolzen Obſtbäumen und dem Haus, darinnen Vater und Großvater geboren und ge⸗ ſtorben ſind! Aber ſolchen ſchweren Gedanken durfte ich nicht nachhängen, wollte ich bei der harten Arbeit guten Muthes bleiben. Sondern ſchüttelte mich und dachte: es wird ſchon noch beſſer kommen. Der Roni verſah, ſeit der Schulmeiſter von uns gegangen, ———— ————— 3 das Amt eines Kochs und Haushalters, und wäre im Walde 4 oder auf dem Feld nicht mehr viel nütze geweſen, denn anſtatt ſich zu erholen, wurde er alle Tage ſchwächer. Der Land⸗ ſchäftler meinte, das komme daher, weil er keinen Schnapps trinken wolle; bei der harten Arbeit und der feuchten Luft in den Wäldern könne man nicht geſund bleiben, ohne dem Magen bisweilen etwas Warmes zu geben. Aber der Roni hatte ſeit dem Tode des Brönzkaſpers dem Schnapps abgeſchworen;— ——-——— 2 2 2——— 2 8—— 15⁷ er wolle lieber ſterben als ein rechter Kerl, als draufgehen im Rauſch, wie ein unvernünftiges Vieh. Und war der Roni ſeither auch ein Burſche geworden, ſo brav als einer, und war mir ſo lieb, als wär' er mein leiblicher Bruder. Ich war in den Wald gegangen und ſuchte mir junge grade Stämme aus, die ſich leicht ſpalten ließen, um Hag—⸗ ſtecken zu machen. Denn auf nächſtes Frühjahr hofften wir unſer Pflanzland um eine oder zwei Jucharten zu vergrößern, und wäre uns nicht lieb geweſen, die Erndte allemal mit unſeren Säuen zu theilen; die konnten ſich begnügen mit den Eicheln und Nüſſen des Waldes. Da kamen des alt⸗Weibels beide Buben daher gegangen, und jeder trug ein kleines Bündelein an einem Stecken in ein Schnupftuch gebunden. Und frugen, ob ich ſie nicht annehmen wolle als Knechte.—„Ihr wollt doch nicht vom Vater ge⸗ hen“? fragte ich verwundert. Der jüngere fing an zu flen⸗ nen, der ältere aber ſprach:„den Vater haben wir heute ver⸗ graben“.—„Was hat ihm denn gefehlt“? rief ich erſtaunt. —„Der Schlag hat ihn gerührt, weil er den Prozeß ver⸗ loren“.— Ich mochte kaum meinen Ohren trauen.„Iſt nicht möglich! hatte ja der alt⸗Weibel das heiligſte Recht.“—„Iſt doch geſchehen, entgegnete der Bube. Der Schelmuffski brachte, als der letzte Tag angeſetzt war, zwei Mannen mit, weiß nicht woher. Die haben auf das Buch einen Eid geſchworen, das Land, welches der Vater gekauft, ſei vom allerbeſten weit und breit. Und hat darauf der Präſident geſprochen: Der Schelmuffski ſolle ſein Geld behalten und der Vater die Köſten bezahlen. Da hat dann der Aerger dem Vater das Herz ab⸗ gedrückt.“—„Brauchet aber deßhalb doch keine Knechtli zu werden, meinte ich. Ihr könnt ja beſſeres Land kaufen, wie unſer einer gethan. Der Vater hat ein ſchön Bündel Fünf⸗ liber über Meer gebracht, und war ihm noch ein artiger Reſt geblieben, nachdem er dem Schelmuffski den Moraſt ab⸗ gekauft.“—„Die hat der Geſchäftsmann Schnapper einge⸗ 158 ſackt; mußten wir ja ſogar noch unſere Uhren hergeben fürs balbe Geld, um ſeine letzte Rechnung zu bezahlen.“ Das ſollte alſo das Ende ſein von des alt⸗Weibels Pro⸗ zeß: der Vater unter dem Boden und die Söhne auf der Gaſſe!— Die Buben dauerten mich, aber zu mir nehmen konnt' ich ſie nicht. Denn weil die Säue uns einen guten Theil unſeres Türkenkorns geſchändet hatten, ſo mußte meine letzte Baarſchaft drauf verwendet werden, Proviant für den Winter zu kaufen; der konnte reichen für zwei Mäuler, aber nicht für vier.— Mußte alſo des alt⸗Weibels Buben weiter ſchicken, einen Meiſter zu ſuchen, ſo gern ich ſie behalten hätte. Unterdeſſen war es Mittag geworden, wo mir der Roni das Eſſen in den Wald hätte bringen ſollen. Er kam aber nicht. Ich dachte, er habe ſich in der Stunde geirrt und ſchwang die Axt fort und fort mit nüchternem Magen. Am Ende wurde es mir doch zu lang, und ich ging heim, zu ſehen wo es fehle. Leider fand ich da den Roni auf dem Bette liegen, der hatte das Fieber wieder am Hals und ſchlotterte arger als nie. Nun mußt ich alſo ſelber den Koch und noch dazu den Krankenwärter machen. Ich würd's gern gethan baben, bätt' ich nur damit dem Roni helfen können. Es war aber heuer noch ſchlimmer als fern, und des Doktor Schlüſſel⸗ barts Pulver wollten auch nicht mehr anſchlagen. Nach ein paar Tagen fing er gar an abwäg zu reden: er berichtete, als ob er auf dem Meere fahre, heim zu; dann war es, als ob er die Schneeberge wiederſehe und den Leberberg, und dann, als ob er die Dorfgaſſe daheim hinabgehe und mit dieſem und jenem alten Bekannten ſpreche.—„Keinen Schnapps, keinen Schnapps mehr“, ſagte er über bundertmal.„Jetzt bin ich wieder ein rechter Burſche“, fügte er dann bei und ſchaute im Fieber recht vergnügt aus. Vierundzwanzig Stunden ſpäter war er geſtorben. Das hat mir ſelbſt faſt das Herz abgedrückt. Hinter der Hütte hatten wir drei ſchöne, ſchattige Nuß⸗ bäume ſtehen laſſen. Dort hab ich ihm ſein Grab gemacht. 160 Einundzwanzigſtes Kapitel. Wie der Dursli vom Regen unter die Dachtraufe gehen will. Nun war ich alſo ganz mutterſeelenallein. Zuerſt fiel mir ein, des alt⸗Weibels Buben Bericht zu machen; die konnten aber anderswo einen ſchönen Lohn verdienen, und ich hatte ihnen nichts zu geben, denn für mein Land, für die Viehwaar und Pflug, Wagen und anderes nothwendiges Geräthe, und für den Mundproviant hatte ich all' meine ſchönen Dublonen, die mir von der Reiſe übrig geblieben waren, ausſeckeln müſſen bis auf die letzte. Da kam mir der Gedanke, meinem Babeli und der Mut⸗ ter einen Brief zu ſchreiben, ſie ſollten jetzt herüber kommen über das Meer. Schlug mir's aber alſobald wieder aus dem Kopf. Wär' ja die Mutter, wenn ſie auch die Reiſe über⸗ ſtanden hätte, gewiß in den erſten drei Wochen ſchon geſtorben vor lauter Längiziti. Meinem Babeli hatt' ich's aber beſſer verſprochen, als nur ſo. Nichts minderes ſollte aus ihm wer⸗ den, als eine wackere Bäuerin auf einem ſchönen Hofe, die etwas zu regieren und zu rangſchieren fände in vollen Käſten und Trögen, eine Bäuerin, die ſich Sonntags ſehen laſſen dürfte, wenn ſie in ihrem Staat den Kilchweg ginge. Nein! mein Babeli ſollte nicht verſerbeln in der elenden Hütte mitten im Walde. Sollt' ich vielleicht mein Land wieder zu verkaufen ſuchen, um Reiſegeld zu bekommen zur Rückkehr nach Hauſe? Wie würden da die Schwäger über die Achſeln nach mir ſchielen, wenn ich heimkehrte mit leerem Seckel! Wie würden die Bu⸗ ben mit Fingern auf den verlumpten Landſtreicher deuten, der ſo ſtolz auszog und nun als ein Hudel wiederkehrte in ſeine Heimat! Hiefür hielt ſich der Steinackerdursli doch zu gut. Zudem wär's noch eine Frage geweſen, ob mir's einer abge⸗ kauft hätte; denn in Amerika geht's nicht ſo ums Land wie 161 im Emmenthal, wo den reichen Bauern die Fünffränkler in den Trögen grau werden, bis wieder irgendwo ein Riemli feil wird; ſondern es zog hier ſchon mancher fort von Haus und Hof, wenn es ihm anderswo beſſer gefiel, und überließ ſein Feld wieder den Hirſchen des Waldes und ſeine Hütte den Fledermäuſen, Schlangen und Nachtchuzen. Es blieb mir alſo nichts übrig, als allein zu bleiben in meiner Wildniß. Die Axt dünkte mich aber noch einmal ſo ſchwer, und das Holz an den Bäumen, die ich fällen und ſpalten ſollte, noch einmal ſo hart; es ging mir eben Alles nur noch von halbem Herzen, und hatte weder Freud noch Luſt mehr zu der Sache. Ging deßhalb, mehr als gut war, nach Neu⸗Wietlisbach hinüber zum Landſchäftler in den Wilhelm Tell. Da kam mir ſo von ungefähr eine Zeitung in die Fin⸗ ger, die einer auf dem Wirthstiſch hatte liegen laſſen, und wollte aus langer Weile probieren, ob ich in der Wildniß die Buchſtaben nicht vergeſſen habe. Das Blatt war in St. Louis gedruckt worden, und ſtand darin zu leſen, als wie die Nord⸗ amerikaner einen Krieg gegen das Reich Mexiko angefangen hätten und dieſes große Land erobern wollten. Und waren alle diejenigen, welche Luſt und Liebe dazu hätten, aufgefor⸗ dert, als Freiwillige ſich unter die Soldaten dingen zu laſſen. Mexiko war als das ſchönſte Land der Welt beſchrieben und den Freiwilligen Bauernhöfe und Geld und noch allerlei an⸗ deres verſprochen, wenn der Krieg zu Ende ſei. Wie wär's, wenn du z'Chrieg dingen würdeſt? fuhr mir durch den Kopf. Es war ein dunkler, trüber Abend, als ich meiner Hütte zuwanderte; der Winter war zunächſt vor der Thür und ein rauher Wind kündigte den erſten Schnee an, welcher mich für viele Tage, vielleicht für Wochen und Monate einbannen konnte in meine Hütte, die keine lebende Seele mehr mit mir theilte. Und wie öd und einſam kam mir's vor, da ich in die Lücke heraustrat, die ich mit der Art in den Wald gehauen! Meine 11 —— 2——— ————— — — 162 Kühe und Ochſen hatten ſich tiefer in den Wald hinein an die Hilme zurückgezogen; im Gärtchen vor dem Hauſe, deſſen Pflege dem Schulmeiſter obgelegen war, wucherte ſchon wieder Unkraut und Geſtrüpp, das ich ungehindert wachſen ließ;— ringsum war nichts zu hören, als das traurige Rauſchen und Aechzen des Waldes. Ich zündete auf dem Feuerheerde ein Paar dürre Aeſte an, und ſetzte mich auf mein Bett.— Wär ich nur unter den Nußbäumen, wo der Roni liegt, dünkte mich! Hier ſollt' ich alſo langſam verderben, verdorren, hier ſollt' ich mich ſchinden, die Art in der Hand, Jahr aus Jahr ein, und dennoch nicht einmal ſo viel verdienen, um mit Eh⸗ ren wieder heim zu können? Und dann die ſchreckliche Ein⸗ ſamkeit!—— Das Babeli ſollt' ich nimmer wiederſehen und die Mutter, die mich ſo lieb hat!— Nein, hier konnt' ich's keinen Winter mehr aushalten, keine Woche, keinen Tag. Hun⸗ dertmal lieber eine Kugel durch den Leib. So ungefähr ſah's in meinem Gemüthe aus; und ich faßte den ſteifen Vorſatz, am andern Morgen mit dem Früh⸗ ſten Haus und Hof, Kuh und Kalb und die ganze Butik im Stich zu laſſen, den Weg nach St. Louis unter die Füße zu nehmen und unter die freiwilligen Soldaten zu gehen. Dieſe Gedanken beſchäftigten mich ſo ſehr, daß ich die Pferdetritte überhörte, die ſich meiner Hütte näherten und erſt aufmerkſam wurde, als ein Mann tief in ſeinen Mantel ge⸗ hüllt zur Thüre hereintrat und frug, ob er hier etwas War⸗ mes zu eſſen und ein Nachtlager haben könne. Bweiundzwanzigſtes Kapitel. Der unerwartete Beſuch. Hier zu Land verſteht ſich die Gaſtfreundſchaft von ſelbſt und ich machte mich alſo ohne weiters daran, für den ſpäten Reiter und ſein Roß zu ſorgen. Jener ſetzte ſich ans erlöſchende 163 Feuer, und während ich ihm des Roni's Strohſack zurecht⸗ ſchüttelte, probierte er, einen Diskurs mit mir anzufangen; ſchien aber kein Hexenmeiſter im Deutſchen zu ſein, ſondern wälſchte nur ſo halb engliſch, daß man ihn mit Noth verſtehen konnte. „Schon lange hier im Walde? fing er an; oder vielleicht erſt kürzlich über Meer gekommen?— He? Ein glorioſes Le⸗ ben bei uns in Amerika, fuhr er fort, als ich ihm Beſcheid gegeben. Ganz was anderes, als dort drüben, wo man ſich bei jedem Schritt auf den Agertſchenaugen herumtrappet.“— „Könnt' nicht ſagen, daß es mir hier beſſer gefiele“, gab ich zur Antwort.—„So— ſo! meinte der andere. Habt doch eine brave Blockhütte.“—„Daheim war unſer Säuſtall beſſer“, erwiederte ich.—„Ein⸗ oder zweihundert Acker Landes?“ fuhr der Fremde fort.—„Steht aber nichts als Wald und Geſtrüpp darauf“, wendete ich ein.—„Gewiß ſchon eine ſchöne Zahl Ochſen, Kühe und Schweine?“—„Kann aber kein Geld daraus löſen.“—„Doch keine Schulden, ſondern alles frei, ledig und eigen?“—„Was nützt es mir, wenn ich dabei in dieſer Wildniß verſauren und vergrauen muß!— Bin aber am längſten hier geweſen“—, wollte ich beiſetzen, da fiel mir jedoch die Warnung wieder ein: trau', ſchau wem! und ich ſchluckte das Wort wieder hinunter. Zudem war mir der Fremde bereits verdächtig vorgekommen;— was wollte er mit ſeinen hundert Fragen über Dinge, die ihn nichts angingen? auch tönte mir ſeine Stimme halb und halb bekannt im Ohr,— und dann ſuchte er ſein Geſicht immer ſchön im Schatten zu behalten. Deshalb nahm ich einen Arvel dürres Reſp und warf es aufs Feuer. Bald ſchlug eine helle Flamme auf, und es wurde in der Hütte ſo hell, als ob zwanzig Lichter drinn brennen würden. Der Fremde, der meine Abſicht gemerkt hatte, zog, als es plötzlich ſo heiter wurde, ſchnell den Kra⸗ gen ſeines Mantels, in welchen er noch immer eingewickelt 164 war, übers Geſicht. Aufgepaßt! dacht ich, that aber nicht der⸗ gleichen.— „Kommt cuch, ſcheint's, etwas langweilig vor, hier ganz allein im Walde, fing er den Diskurs wieder an. Hättet eine Frau mitbringen ſollen aus der Heimat!“—„Bei uns ſind's die Weiber beſſer gewohnt“, erwiederte ich, indem ich zugleich mit einem Auge nach der Flinte ſchaute, die ich dem Land⸗ ſchäftler abgekauft, ob ſie doch richtig noch an ihrem Nagel hange. Dann machte ich mir etwas mit dem Waſſerkeſſel zu ſchaffen, der ob dem Feuer hing, ſchob die Gluth davon weg und richtete es ſo ein, daß ein brennendes Scheit dem Frem⸗ den gerade auf den Zipfel des Mantels fiel.„Nichts für un⸗ gut“, rief ich, und riß ihm denſelben mit einem kräftigen Ruck von den Schultern. Neugierig blickte ich meinem Gaſte in das nun unverhüllte Geſicht und ſah— den Herrn Schmid, der mir meine Dublonen geſtohlen, vor mir ſitzen! Ich trat betroffen ein Paar Schritte zurück, und überlegte in der Geſchwindigkeit, ob ich nicht einen eben rechten Knittel zur Hand nehmen, und die Sache wegen den Dublonen als ſo warm ins Reine bringen ſolle. Der Herr Schmid ſchaute mir aber ganz gelaſſen ins Geſicht und ſagte lachend auf gut Schweizerdeutſch und mit ſeiner natürlichen Stimme:„Guten Abend, Dursli, weil's doch jetzt mit der Komödie aus iſt.“— „Ob er mir etwa den Zins bringe“, fragte ich.—„Sobald ich ihm die Handſchrift vorweiſe“, gab er zur Antwort.„Siehſt du, Dursli, das iſt eben hier zu Land Brauch, daß Einer den Andern anführt, und wer's am beſten kann, ſteht oben an. Davon wollen wir übrigens ſpäter reden. Sag' mir jetzt wie geht's dir und wie gefällt es dir? mich dünkt, nicht eben zum Beſten!“— Das konnt' ich nicht wohl läugnen.—„Haſt dir's aber nicht ſo vorgeſtellt, als du von Hauſe verreisteſt?“ —„Gewiß nicht!“—„Und würdeſt jetzt dieß und jenes gern leiden und ertragen, da du geſehen haſt, daß es einem ſelbſt in Amerika nicht wöhler wird, ſondern im Gegentheil 2“— Dawider war nicht viel zu ſagen.—„Sieh, Dursli, ſprach da der Herr Schmid weiter, das hab' ich mir alles gleich ge— dacht, als ich dich auf dem Schiffe kennen lernte. Hätt' ich es dir aber damals vorgeſagt, du würdeſt mir bei Leibe nicht geglaubt haben, ſendern die Erſahrung mußte dein Lehrmeiſter — — 4 6 1 ——— 166 ſein. Hätteſt du aber dein Geld alles im Sack behalten, ſo würden dich einestheils deine Unerfahrenheit, anderntheils die Pfiffe der Amerikaner bis zum letzten Batzen ausgeſeckelt ha⸗ ben, und mit Ehren wäreſt du nimmermehr in die Heimat zurückgekehrt. Den Schein für deine Dublonen habe ich dir deshalb nicht gegeben, damit es dir eine Lehre ſei, nicht mehr dem erſten Beſten zu trauen. Jetzt aber, da du deine Lehr⸗ zeit durchgemacht, bring ich dir das Geld mit ſammt dem Zinſe. Willſt du hier bleiben, ſo kommt's dir komod für deine Ein⸗ richtung, haſt du aber Heimweh, ſo bleibt dir übers Reisgeld immer noch ſo viel übrig, um dem Babeli einen hübſchen Kram zu bringen.“ Ich langte dem Herrn Schmid die Hand und ſagte, es thue mir leid, daß ich ihn ein ganzes Jahr lang für einen Schelmen gehalten; den Zins von meinen Dublonen wolle ich nicht, ſondern bedanke mich einewäg z'hunderttauſendmalen, da er es doch ſo gut mit mir gemeint habe. Uebrigens wolle ich keinen halben Tag länger als nöthig in dieſer Wildniß bleiben, ſondern morgen nach St. Louis und mit dem erſten Dampfſchiff nach Neu⸗Orleans hinunter. „Und dann deine Niederlaſſung?“ fragte er.—„Die kann mir meinetwegen geſtohlen werden“, meinte ich.—„Weißt du was? ich kauf' dir ſie ab um das Geld, welches du dafür bezahlt haſt, und geb' dir noch etwas z'Beſt für die Hütte und die Paar gereuteten Jucharten. Dabei kann ich noch im⸗ mer ein gutes Geſchäft machen. Zwei oder drei Tage, ſetzte er dann bei, hab' ich mich noch in St. Louis aufzuhalten. Unterdeſſen könnteſt du deine Viehwaare und Hausrath zu Geld machen und von deinen Gefährten Abſchied nehmen; dann fahren wir miteinander den Miſſiſippi hinunter.“ 167 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Warum der Baſchihans in Amerika bleibt und der Schul⸗ meiſter zu ſeinem Abc« zurückkehrt. Die Viehrüfe ſind in Amerika nicht Brauch; ich mußte alſo meine Kühe und Stiere ſonſt an Mann zu bringen ſuchen, wobei ich ſo wenig Zeit als möglich verlor. Bekam aber nicht viel mehr dafür, als ich einmal dem reiſenden Apotheker für ein Häfeli Schweineſchmalz bezahlt hatte. Da ich mit mir märten ließ wie ein Märet⸗Ind, ſo waren Wagen und Pflug auch bald verhandelt. Nun zählte ich meine Bekannten an den Fingern ab, bei denen ich Abſchied nehmen wollte: von denen aus unſrem Dorf, die mit mir über Meer gefah⸗ ren, war niemand übrig geblieben als des Baſchihanſen. Von denen hatte ich ſeither gar wenig gehört, weil ſie ihr Land etwas abſeits gekauft, und es nahm mich z'Düxels Wunder, wie es ihnen eigentlich gehe und ob ſie nicht auch Luſt hätten, wieder heimzukehren. Nahm alſo den Weg unter die Füße, den Baſchihans und ſeine Leute aufzuſuchen. Von Neu⸗Wietlisbach aus hatte man Stücker zwei bis drei Stunden zu wandern, durch Wald und Moraſt, bis man zu einer ſchleiteren Halde kam, über die ein Bach hinablief. Dieſem Bache nachgehend kam ich endlich zu einer Blockhütte, nicht größer und nicht kleiner, als meine eigene geweſen. Ne⸗ ben der Hütte war ein eingezäuntes Stück Feld, von dem ein Paar Kinder die Ochſen wegjagten, die eine beſondere Kunſt⸗ fertigkeit darin bewieſen, die Hagſtecken mit ihren Hörnern wegzureißen und nicht übel Luſt zeigten, in der grünen Waizen⸗ ſaat zu weiden. Im Walde drüben hört ich Artſchläge, und fand, dem Ton nachgehend, bald den Baſchihans ſelbſt, der mit den älteren Buben Bäume ummachte, während die jün⸗ geren das Reſp zu Haufen trugen und verbrannten. 168 „Hauts es? hauts es? rief ich und langte ihm die Hand. Aber was iſt dir eingefallen, Hans, dein Haus gerade da hinzuſetzen, wo der Wald am dickſten und die Bäume am größten ſind?“—„Da wird wohl der beſte Boden ſein, gab er zur Antwort, wo die Bäume am ſchönſten wachſen.“— „Wirſt aber deiner Lebtag mit reuten nicht fertig“, meinte ich. —„Was ich nicht mache, laß ich den Buben über“, war Baſchihanſens Beſcheid. Unterdeſſen war auch das Marei hergekommen, als es gemerkt, daß ein alter Bekannter um den Weg ſei. Ich ſolle doch ein wenig in die Stube, nöthigte es.“—„Der Hans müſſe dann aber für heute die Art zur Seite ſtellen, ſagte ich, ich hätte ihnen was beſonderes zu berichten.“ So gingen wir alſo hinein in die Hütte, wo es dann freilich nicht ausſah, wie in den Viſitenſtuben der Herrenleute in der Stadt, ſondern lagen den Wänden nach ein Paar Strohſäcke; das waren die Betten von Baſchihanſens. Und in der Mitte waren ein Paar Pfähle in den Boden einge⸗ ſchlagen und ein Paar Laden darauf genagelt; das ſollte einen Tiſch und zwei Bänke vorſtellen. „Ich gehe wieder heim übers Meer“, meldete ich.— „Nicht möglich!“ rief das Marei, und der Baſchihans ſchaute mich ſteif an, ob's mein Ernſt ſei.—„Spaß apart, bekräf⸗ tigte ich, und bin hergekommen, zu vernehmen, ob ihr dasmal auch meine Reiſekameraden abgeben wollt.“— Baſchihans ſchüttelte den Kopf:„für uns iſt keine Umkehr mehr.“— Marei wiſchte ſich mit dem Fürtuch eine Thräne ab der Backe. —„Aber könnt' ich auch, ſprach Baſchihans weiter, ich ginge doch nicht wieder ins Heimet.“— Erſtaunt blickte ich ihn an, und dann in der engen wüſten Hütte umher.„Haſt's doch albez noch beſſer gehabt, als jetzt!“ Der Baſchihans rückte ſeine weiße Zipfelkappe etwas mehr nach hinten und holte ſeinen Athem z'unterſt unten.„Freilich haben wir's jetzt nicht zum Beſten; harte Arbeit den ganzen 169 Tag und Nachts ein hartes G'lieger und jahraus jahrein nicht einmal einen Schoppen, ob dem man ſich ein Stündchen ver⸗ geſſen könnte.“—„Und ſogar nicht einmal Zikori⸗Päckli in den Kaffee, fiel das Marei ein; ſo ein Geſchlämp ohne Chuſt und Kraft, hätte daheim keine Bettelfrau getrunken.“—„Aber um ſo ſchlechter wir's haben, fuhr der Hans in ſeiner Rede fort, um ſo beſſer bekommen's dann die Jungen. Daheim auf dem Taunergütli war's zu eng für ihrer ſiebenzehn, es ging rückwärts von Jahr zu Jahr. Hier aber iſt Platz genug für je mehr je beſſer. Was uns Alten ungewohnt iſt, daran wer⸗ den die Kinder ihre Freude haben, und was uns fehlt, das haben ſie nie gekannt oder vergeſſen. Aber mit jedem Jahr das kommt, und mit jedem Baum der fällt, wird das Erbe, das ſie einſt theilen können, größer werden. Wir bleiben in Amerika!“ „Wo habt ihr doch die Großmutter?“ frug ich, als der Baſchihans, der ſeiner Lebtag noch nie ſo viel hintereinander geredet hatte, endlich ſchwieg.—„Ach, die hat's nicht lange gemacht hier im Walde, gab das Marei Beſcheid. Weiß nicht, ob ſie vom Heimweh geſtorben iſt, oder von der Waſſer⸗ ſucht; aber im Sterben habe ich ihr noch verſprechen müſſen, einen der beiden Harniſchplätze zu ihr ins Grab zu legen; es dünke ſie dann, es liege doch noch ein Stücklein Heimet auf ihrem Todtenbaum, denn jener habe gewiß wahr geredet: in Amerika gebe es keine Harniſchplätze.“— Das hat dem Marei das Herz gerührt, daß es hellauf zu flennen anfing. Wie wir aber ſo im beſten Diskurs begriffen ſind, geht die Thüre auf und ſiehe da— der Schulmeiſter tritt herein. „Gottwilche, Schulmeiſter, wie iſt's dir mit dem Predigen gegangen?“— Seit er meine Hütte verlaſſen, hatte ich ihn nicht wieder geſehen.—„Nicht zum Beſten, war die Antwort, ich hab' es ihnen nicht recht breichen können, habe die Augen nicht genug verdreht und ihnen zu wenig von der Hölle be⸗ richtet.“— Darauf hielt er beim Baſchihans an, ihn den ———— ——— * 3———— —.——————— 170 Winter über fürs Eſſen im Haus zu behalten, er wolle ihm dann die Kinder lehren. Im Sommer aber probiere er's, eine ordentliche Schule zuſammenzubringen, oder gehe um die Kinder in den zerſtreuten Niederlaſſungen zu ſchulen, auf der⸗ Stör herum. Wäreſt auch ringer daheim Schulmeiſter geblieben, dacht ich, mocht's aber nicht ſagen, es hätt' ihm nur das Herz ſchwer gemacht. Endlich nahm ich Abſchied, langte noch jedem die Hand und wünſchte des Baſchihanſen recht viel Glück, Segen und Wohlergehen. Sie aber wünſchten mir eine glückliche Reiſe, und war keines von den Alten, das nicht einen Finger von der Hand gegeben, hätte es mit mir gehen können. Den Kin⸗ dern aber gefiels ganz wohl und ſtrichen im Walde herum, den Ochſen, Kühen und Saäuen nach, als ob ſie wie Halb⸗ wilde darin zur Welt gekommen. Und ich glaube der Baſchi⸗ hans hatte Recht mit ſeinem Troſt: er leide ſich, um der Kinder willen. Als ich des andern Tages nach St. Louis kam, war der Herr Schmid auch ſchon parat und bald führte uns ein ſtatt⸗ liches Dampfſchiff den Fluß hinab. Ich aber konnte mich nicht halten, ſondern that einen Jauchzer, daß es über den breiten Fluß hinübertönte und wiederhallte am waldigen Ufer. Und ging dieſer Jauchzer noch einmal ſo ſehr von Herzen, als damals beim Sternen z'Solothurn, da wir das letzte Glas getrunken. Denn jetzt ging es ja der alten, ſchönen, lieben, unerſetzlichen Heimat zu. Vierundzwanzigſtes Kapitel. Die alte Heimat. Was hätte ich nicht drum gegeben, hätte ich vom Schiff aus, das mich wieder übers Meer zurück trug, nach dem Stein⸗ acker hinüber ſchauen können und nach der Sandgrube!— 171 Es war wieder Altjahrabend— der zweite, ſeit ich über den Bach gegangen. Auf dem Ofenſitz in des Schwagers Mühle ſaß die Mutter. Die Lippen andächtig zum Gebet bewegend, ließ ſie den Roſenkranz durch die Finger gleiten; zuweilen aber hielten Lippen und Finger ſtill und ihre Blicke bohrten ſich durchs Fenſter in die finſtere Nacht, als ob ſie dort etwas ſehen könnten. Dazu liefen ihr große Thränen über die Backen. Aber bald fingen die Lippen wieder an ſich zu bewegen und wieder rollte der braune Roſenkranz durch ihre magern Finger. Die Müllerin war im Stüblein mit den Kindern beſchäftigt, die ſie ins Bett muſterte. Der Müller ſaß drüben im Wirthshaus. Da hoſchte*) es leiſe an der Thür— es war das Babeli, das noch ſo ſpät zur Mutter herüber kam. „Noch immer kein Brief?“ Die Mutter ſchüttelte traurig mit dem Kopf. „Heute hatte ich doch beſtimmt darauf gezählt, da ich den Boten das Dorf hinabgehen ſah.“—„Es kommt keiner mehr, ſeufzte die Mutter; hat's mir ja ſchon mehr als ſieben Nächte von Krebſen geträumt. S'iſt ein Zeichen, daß der Dursli im Meer ertrunken.“—„O nein, Mutter, das kann nicht ſein — meinte das Babeli und verſteckte ſein Geſicht im Fürtuch. Aber er wird in Amerika drinnen eine Andere genommen ha⸗ ben und nicht mehr an uns denken.“ Draußen vor der Mühle wurde der Hund unruhig.„Still, Ringgi“, rief eine bekannte Stimme. Der Ringgi ſchwieg. Aber des Babeli's bleiche Backen waren plötzlich röther ge⸗ worden als eine Klapperroſe. „Er iſt's— er iſt's!“ „Der Dursli, mein liebes Bübeli“— jubelte die Mutter. Und war's wirklich und ſtand vor ihnen braun und mager aber friſch und geſund. *)„hoſchen“ anklopfen. ⸗ · —⸗ 7 ſſſſſn M n” 99 „ — Glag SSflU f Ffl 7 ſſ g jegſ GG — MͥN«ͥᷓ́«́ᷓNN = — X?N N Hatte nicht gedacht, daß ſie mich ſo bald wieder erkennen würden. Die Halbleinb'chleidig, die ich nach Amerifa mit⸗ genommen, war dort an den Dornen hängen geblieben und hatte mich zu Neu⸗Orleans auf amerikaniſch ausſtaffiren müſſen von Kopf zu Fuß; denn als wie ein Hudel mocht' ich doch 173 nicht die Dorfgaſſe hinunter. Aber das Babeli und die Mutter die ſahen nicht blos auf den Halblein——— Was dann weiters geſchah? Habe zwar keinen großen Hof und keine ſechs Roſſe im Stall, bin nicht einmal Steinackerbauer mehr, ſondern bloß ein Lehenmannli. Hoffe aber mit Fleiß, Ordnung und gutem Muth dennoch aufrecht durch's Leben zu kommen und es weiter zu bringen, als drüben in Amerika. Und wem's daheim nicht mehr gefallen will, der ſoll's nur ein Jährchen überm Meer probieren und mit den dicken Eichen und Ahornen im Urwald Bekanntſchaft machen. Das Babeli iſt jetzt meine Frau. Es muß mir zu Zeiten einmal Türkenkornbrod auf amerikaniſche Manier im Düpftf backen. Bekommen wir den erſten Buben, ſo ſoll ich's dem Herrn Schmid ſchreiben. Er hat ſichs ausbedungen, Götti zu ſein.— Der Heimathloſe. Wenn der Föhn über die Schneehalden bläst, dann fah⸗ ren die Lawinen zu Thal; wenn die Märzſonne den blauen Leberberg golden beſcheint, dann ſchütteln die Tannen den Winterreif aus ihren Locken; wenn der Buchfinke zum erſten⸗ mal ſchlägt, ſo iſt's ein Zeichen, daß der Winter geht und der Frühling kommt. Da wird's lebendig auf Feld und Flur; wer einen Winkel Erde ſein eigen nennt, der ſchaufelt und grabt, der pflügt und hackt und freut ſich der künftigen Ernte. — Aber dort, wo weder Pflug noch Hacke hinkommt, in den. Schluchten des Jura, auf dem wilden Steingeröll am Fuße der Alpen, an den waldigen Ufern der Aar und der Emme, der Reuß und der Limmat, und auf dem öden Moor zwiſchen den Seen von Neuenburg, Biel und Murten wohnt ein un⸗ ſtätes Völklein. Es ſäet nicht und erntet nicht, denn keine Handbreit Erde kann es ſein eigen nennen. Bald iſt's hier, bald dort, denn in keinem der hundert Städte und Dörfer, der tauſend Häuſer und Hütten raucht ſein heimiſcher Herd. In einem verborgenen Winkel der Berge feiert es heute wilde Feſte, morgen bettelt es vor den Häuſern der Bauern. Der Graben an der Landſtraße iſt ſeine Wiege, ſein Brautbett das grüne Moos unter dunklem Tannenſchatten. Das Jahr⸗ marktsgewühl iſt das Feld, auf welchem es Ernte hält. Es redet eine Sprache, fremd und unverſtändlich jedem, der nicht zu ihm gehört. Das bürgerliche Geſetz iſt ſein Feind und 175 vor deſſen Vollſtreckern flieht es ſcheu, wie ein gehetztes Wild. Es iſt das Volk der Heimathloſen. Es war im Mäͤrz des theuren Jahres ſiebzehn, an einem der Tage, da ſich der Byswind mit Händen und Füßen ge⸗ gen den Frühling ſperrt, der einrücken möchte mit ſeinem Maienkranz. In einem Schachen, dicht mit allerlei Holz, Ge⸗ ſträuch und Röhricht bewachſen, lag verſteckt unter einer alten Weide am Waſſer ein armes Bettelmenſch, das hatte kind⸗ 5 M ————— 176 bettet auf einem Haufen dürren Laubes, und wollte, verlaſſen von Gott und Welt, das Kind im Fluß ertränken. Da kam gerade über den Kies des Fluſſes daher ein alter Keſſelflicker, und vor ihm her ein Pudelhund mit luſtigen Sprüngen. Da machten das Bettelmenſch und der Keßler einen Handel mit⸗ einander; der Keßler nahm den ſchreienden Wurm, das Bettel⸗ menſch den Pudelhund, damit er ihm mit Künſten, die er könne, an Jahrmärkten und Kirchweihen Geld verdienen helfe. Hätt' es aber das Büblein behalten, ſo wären ſie verhungert alle beide, hätt' es deßhalb lieber im Fluß ertränkt. Aber der Keſſelflicker nahm die Kiſte vom Rücken, worin ſein Werkzeug verwahrt lag, machte aus etlichen alten Lumpen für das Büb⸗ lein ein lindes Bettlein, band es mit Schnüren feſt, deckte ein Tuch darüber und wanderte wieder über den Kies des Fluſſes fürbaß. Als er etliche hundert Schritte gegangen, bog er in den Wald. Die alten Eichen waren noch dürr und kahl, zwiſchen den knorrigen Stämmen wucherten faſt undurchdringlich Brom⸗ beerſtauden und anderes Dorngeſträuch, aus dem da und dort ein grüner Buſch junger Tannen hervorguckte. Kreuz und quer waren breite Gräben gezogen, halb angefüllt mit Schlamm und Moor, in denen ein dichter Wald von hohem Schilf wuchs. Wer die Schliche und Fußſteige, die ſich durch dieſe Wildniß wanden, nicht genau gekannt hätte, dem wäre es niemals gelungen, durch den Wald eine Bahn zu finden; keine zehn Schritte wäre einer gegangen, ohne in den Dornen oder im Sumpfe ſtecken zu bleiben. Aber der alte Keßler mußte hier wohl bewandert ſein, denn er ging ſichern Schrittes mit ſeiner Laſt, bald durch die Büſche ſchlüpfend, bald auf einem Baumſtamm, den der Wind gefällt, einen Graben überſchrei⸗ tend, und achtete kaum darauf, wenn neben ihm eine Wald⸗ ſchnepfe aufflog, oder ein Haſe, aus ſeinem Lager unter den dichten Tannbüſchen aufgeſchreckt, hervorbrach, oder eine Amſel mit gellendem Pfiff quer über den engen Pfad ſchoß. 177 Der Keſſelflicker hieß der alte Lienhard und gehörte zur Bande des Naglerhans, allbekannt Land auf und ab auf den Jahrmärkten und abgelegenen Bauernhöfen, in denen ſie bei ſchlechtem Wetter Nachtlager und Unterſchlupf ſuchte, und wohlvertraut mit allen Schlichen, Wegen und geheimen Ver⸗ ſtecken in Berg und Wald. Am Tage, da Lienhard mit dem Bettelmenſch den Tauſch machte, hatte die Bande ihr Lager bei der Köhlerhütte im Eichholzſchachen aufgeſchlagen, und dahin zielten nun ſeine Schritte. Was man des Naglerhanſen Bande, oder vielmehr kurz⸗ weg„des Naglerhanſen“ nannte, hatte bis da aus ſechs bis 178 ſieben Gliedern beſtanden, je nachdem man Fideli, den Pudel⸗ hund, mitzählte oder nicht. Das Haupt, der Naglerhans ſelbſt, war ein Burſche mit einem Rücken, breit wie eine Stallthüre, und einem Kopf, dick wie ein Kornmaaß, von welch letzterem ein Wald ſtruppiger Borſten nach allen Rich⸗ tungen emporſtarrte. Auf der Landſtraße ſah man ihn ge⸗ wöhnlich in kurzen ſchwarzen Lederhoſen und blauen Strümpfen, auf dem Kopf den ſchwarzen Wollhut und auf dem Rücken ſein Scheerenſchleiferrad tragend. Mocht' es warm oder kalt ſein, ſchneien oder die Sonne ſcheinen, er hatte ſeinen Kittel von flaſchengrünem Sammet ausgezogen und über ſein Rad gehängt. Aus dem Munde hing ihm zu jeder Stunde, bei Tag und bei Nacht, eine kurze Pfeife mit halbverbranntem Ulmerkopf. Die zweite Perſon im Range war das Marey, welches behauptete, einmal von einem wälſchen Pfaffen mit ihrem Hans copulirt worden zu ſein. Marey's ſchon von Natur anſehnliche Poſtur dehnte ſich noch um ein Namhaftes über die natürliche Dicke wegen der vielen Jüppen und Unter⸗ röcke, die ſie einen über den andern angethan hatte, und in welchen eine überaus große Anzahl von Taſchen aller Art an⸗ gebracht waren. All dieſe Röcke hielt ein um den Leib ge⸗ ſchnürter lederner Riemen feſt, an dem auf der Wanderung ein Schmalztopf und ein Milchtopf hingen. Am Arm trug das Weib einen großen Handkorb und meiſt diente noch das auf⸗ geſchürzte Fürtuch als Keller und Speiſekammer für eine Menge Vorräthe aller Art. Der Mutter Ebenbild waren zwei halbgewachſene Mäd⸗ chen, Crescens und Emerenz mit Namen, geboren und aufge⸗ zogen im freien Wald, in friſcher Luft, drall und prall, mit Backen röther als der rötheſte Apfel, und ſchon wohlerfahren in den Künſten, womit man vom allerzäheſten Bauernweib ein Halbdutzend Eier, ein Pfündchen Butter, eine Handvoll Mehl oder einen Topf voll Milch erpreßt. Dann kam der Sepp, ein zehnjähriger Bube, der dem Vater nur darin unähnlich 179 war, daß die Farbe der Borſten ſeines Hauptes vom rußigen Schwarz in ein zündendes Roth umgeſchlagen hatte. Dieſer . hoffnungsvolle Sproſſe machte ſeinen Eltern nur in einem Punkte Verdruß: ſeitdem er einmal im Freienamt in die Trülle geſteckt worden war, hatte er das„Schnurren“*) ein für allemal verſchworen.— Der alte Lienhard gehörte eigentlich nicht zur Familie. Der Naglerhans hatte ihn einmal gebracht, man wußte nicht woher. Seither zog er mit der Bande, war aber ſchweigſam 1— und ging oft für ſich. Seine lange magere Figur ſtak in einem Soldatenrock aus dem ſiebenjährigen Krieg, ſein ſpitzer Kopf in einem dreieckigen Hute, und der Reſt ſeines Kinns, das ihm einſt zu zwei Drittheilen mußte abgeſchoſſen worden 5 ſein, in einer hohen weißen Crahatte. Der Naglerhans er⸗ wies ihm zu allen Zeiten eine gewſſſe rückſichtsvolle Ehrfurcht, und ſelbſt das Marey legte ihm gagenüber ſeiner Zunge einen ungewohnten Zügel an. Man erzuhlte ſich, franzöſiſche Sol⸗ daten, denen geſtohlenes Silberzeug abhanden gekommen, hät⸗ ten einmal den Naglerhans bereits auf der Leiter gehabt, um ihn an einen Baumaſt aufzuhängen; aber Einer habe ſeine Partei ergriffen und ihn laufen laſſen. Viele Jahre ſpäter habe Naglerhans denſelben Soldaten halb verhungert und von ſchlimmem Weh befallen auf der Landſtraße gefunden und zu ſeiner Bande mitgenommen. Schon war die Sonne in ihr gluthrothes Bett hinab⸗ 6 gegangen, und der Byswind hatte ſich gelegt, und da und 1 dort ſah man ein Sternlein aufflackern, wenn man hinauf⸗. ſchaute durch die Zweige der Eichen, und die Amſeln und die Häher in den Sträuchern waren ſtill geworden, und das Marey rührte brummend im Keſſel, der vor der Köhlerhütte auf dem Feuer hing, und der Naglerhans ſchaute ſteif in den Wald *)„Schnurren“(jeniſch) betteln. ——— —.—— ——— y——— 180 hinein, denn der Lienhard war noch nicht im Nachtquartier. „Haben ihn vielleicht die Behringer*) verkappt?**) oder iſt ihm ſonſt ein Unglück zugeſtoßen? Der Sepp ſoll gehen, nach ihm auszuſchauen.“—„Wäre der Alte in der Nähe, der Fideli hätte längſt ſchon ein Zeichen gegeben“, meinte Sepp. Da ließen ſich Schritte hören, die im dürren Laube raſchel⸗ ten, und zugleich das klagende Geſchrei einer Steineule. „Kannſt den Keſſel vom Feuer nehmen, Marey“, rief der Naglerhans und zog wieder mit dem gewohnten Gleichmuth an der engathmenden Ulmer⸗Pfeife. Bald darauf trat der Vermißte mit ſeiner Bürde auf dem Rücken aus dem Gebüſch. Sepp fragte, wo der Pudel ſei, aber ohne ihn einer Ant⸗ wort zu würdigen, trat Lienhard in die Hütte. Von den Augen, die das Marey machte, als der Lien⸗ hard ſeine Keßlerkiſte abſtellte und das Kindlein zu ſchreien anfing, davon wußte man bei der Bande noch nach Jahren zu erzählen.„Hinter welchem Zaun er den Schreihals auf⸗ geleſen? ob er glaube, ſie wolle jetzt wieder von vorn anfan⸗ gen Windeln waſchen und Kindsbrei kochen? So ſchnell ihn ſeine Beine trügen, ſolle er den Balg wieder hinbringen, wo er ihn gefunden, oder ſie wolle ihm ein ander G'ſätzlein ſin⸗ gen“ u. ſ. w. Da begannen des Alten Augen zu rollen, daß man nur noch das Weiße ſah; Marey aber wurde plöͤtzlich mäuschenſtill und drückte ſich bei Seite. Drauf machte Lien⸗ hard, ohne weiter ein Wort zu verlieren, dem Kindlein aus trockenem Moos und alten Lumpen in einem Winkel der Hütte ein Lager und zog dann aus der Keßlerkiſte eine Flaſche mit ſchöner friſcher Milch und tränkte das Büblein. Andern Tags wickelte der Keßler den Wurm in ein altes ausgewaſchenes rothes Schnupftuch, band ihn wieder auf ſeine Kiſte, machte ibm ein Dach aus zwei Weidenruthen, über die er einen *)„Behringer“(jeniſch) Landjäger. **)„Verkappen“, verhaften. 181 Zeuglappen ſpannte, und zog dann den andern nach hinaus in Wind und Wetter. 2 Wo vor vielen tauſend Jahren ein wilder Waldſtrom ſich ſein breites Bett in den Fuß des Berges gefreſſen, da pran⸗ gen jetzt grüne fette Matten, rechts und links von hohen Flü⸗ hen geſchirmt und von einem ſchmalen Bächlein, dem herunter⸗ gekommenen Abkömmling des ſtolzen Bergſtroms durchrieſelt. Am Bache ſteht ein hundertjahrig Bauernhaus, mit einem Strohdach, das auf drei Seiten nahezu bis auf die Erde hin⸗ unter reicht. Unter dem Strohdach ſind die dürren Reiswellen hoch aufgeſpeichert und auf der Bühne liegt der duftende Heuſtock und hoch oben im Giebel die goldenen Garben. Und wäre Einer dem Bauern im Wettergraben ſchlimm geſinnt, ſo dürft' er nur ein Schwefelholz in's tief herunterhaängende Stroh⸗ dach ſtecken; bevor er in drei Sprüngen wieder im Wald wäre, würde ſchon hoch über dem Haus der rothe Hahn mit den Flügeln ſchlagen. Deßhalb war der Bauer im Wetter⸗ graben mit dem Keßlervolk lieber Freund als Feind. „Gelobt ſei Jeſus Chriſt!“ iſt des Naglerhanſen Gruß, denn er hält drauf gut„wahniſch“(katholiſch) zu ſein.„Ob man ihn und ſein Volk über Nacht haben wolle, um Gottes Willen?“ Er ſolle einmal abſtellen und in die Stube kom⸗ men, iſt des Bauern Beſcheid, dem Naglerhans, ohne ſich weiter nöthigen zu laſſen, entſpricht, die Schwelle aber nicht anders überſchreitet, als mit dem Wunſche:„Gott geb' euch Glück in's Haus!“—„Ob der lange Peter oder der Hoppi⸗ klaus ſich kürzlich in der Gegend gezeigt und ihm in's Hand⸗ werk gepfuſcht hätten?“— Nicht, daß er wiſſe, meint der Bauer. So macht ſich denn der Naglerhans gleich ans Werk, ſchwärzt ſich Geſicht und Hände, wie's einem Keßler ziemt, bittet ſich vom Bauern eine alte Pfanne aus, die er auf die Schulter nimmt, und beginnt ſeine Runde in den Höfen und Dörfern der Umgegend, mit hei⸗ ſerer Stimme nach zer⸗ d löchertem Kochgeſchirr, geſpaltenen Schüſſeln und ſtumpfen Meſſern und Scheeren rufend. Unterdeſſen iſt Marey ebenfalls angelangt und macht vor Allem aus des Bauern Strohwellen, die ihr im Ueberfluß preisgegeben ſind, den Ihren auf der Tenne das Nachtlager zurecht. Zuletzt kommt der alte Lienhard gegan⸗ gen, der ſein Bübchen, welches von der Bande nach dem Pudel„Fideli“ genannt wurde, an der Hand führt. Schweig⸗ ſam ſtellt er ſeine Kiſte bei Seite, nimmt das müde Kind auf die Knie und läßt es, ihm die Fliegen wehrend, auf dem Schooße ſchlafen. Des andern Morgens wird nun die Werkſtatt aufgeſchla⸗ gen, bei gutem Wetter vor dem Haus, ſonſt ganz ungenirt in der Stube. Da wird gelöthet, geheftet, gekittet und ge⸗ ſchliffen, daß es eine Art hat, und der Bauer und ſeine Leute können dann ſehen, wo ſie neben den Schleifſteinen, den Glut— pfannen und den übrigen Einrichtungen noch ein Plätzchen finden. Abſeits in einem Winkel ſitzt Lienhard an einer ein⸗ fachen Drehbank und verfertigt Schuhzwecke aus dem harten Holze des Pfaffenkäppchenſtrauchs, das er am Berge geſam⸗ melt hat; Fideli dreht ihm das Rad. Das Weibsvolk iſt den Tag über gewöhnlich auswärts, denn es iſt an ihm, die gefertigte Flickarbeit den Eigenthümern wieder zurückzubrin⸗ gen, daneben aber Pferdehaarſohlen und Schuhzwecke zu ver⸗ kaufen, den Bauerndirnen wahrzuſagen und bei den Bäuerin⸗ nen die neueſten Dorfgeſchichten herumzutragen, wofür die 183 Hinterhäbigſte gern mit offenen Händen ſpendet.— So wirds oft wochenlang beim Bauern im Wettergraben getrieben. Da geſchah, es eines Abends, daß der Naglerhans über Feld war.„Er komme erſt ſpät zurück, man ſolle eſſen ohne ihn.“— Der Bauer und ſeine Leute hatten abgeſpeist, und nun ſetzte ſich das Keßlervolk zu Tiſche. Hatte der Bauer eine Erdäpfelſuppe vor den Magen geſchlagen, ſo dick daß eine Katze darauf hätte übernachten fönnen, ſo trug dagegen Marey Kaffee auf und Milch dazu, faſt wie purer Rahm, und nicht etwa Schwarzbrod, ſondern Weißbrod vom feinſten, und Erdäpfel, die im Schmalze ſchwammen. Kein Wunder, daß den Werkleuten im Wettergraben trotz der Erdäpfelſuppe das Waſſer in den Mund lief. Als alle ſatt waren, da mußte der alte Lienhard ein Soldatenlied anſtimmen, und da er fertig war, riefen des Wettergrabenbauern Buben nach Ge⸗ ſchichten. Es iſt ſchwer zu ſagen, ob Crescens oder Emerenz die ſchönern wußte. Dem einen gefiel die vom Jäger am beſten, der ſieben Frauen gehabt und eine nach der andern an eine hohe Tanne hing, dem andern jene vom übermüthigen Bauernſohn, der ſpät in der Nacht nach Hauſe fahrend mit Wagen und Roſſen den Dürſt verſpottete, drauf aber von dieſem und ſeinen geſpenſtigen Hunden wie ein Wild gejagt wurde, bis der Morgen graute. Der Baurin lief es kalt über den Rücken und ſie meinte, man ſollte lieber noch einen Roſenkranz beten vor Schlafengehen. Damit war dem Marey geholfen.„Sie ſeien auch dabei, und die Leute ſollten es er⸗ fahren, daß ſie weder Heiden noch Zigeuner, ſondern ſo gute Chriſten ſeien wie dieſe und jene.“ Und gleich ſtimmte ſie an und die„Gompis“*) fielen ein, und was ſie etwa in den Worten fehlten, das bemühten ſie ſich durch die Kraft der Stimme wieder gut zu machen. Das tönte in der niedern Stube, daß die Katze aus Angſt zum Fenſter hinaus ſchoß und *)„Gompis“(jeniſch) Mädchen. 2 —é; — —— —— 184 der Ringgi draußen ein ſchwermüthig Wehgeheul anſtimmte. Sobald die Rede auf den Roſenkranz gekommen war, hatte ſich Lienhard hinausgemacht auf ſein Lager von Streu. Noch niemals hatte man ihn in der Kirche oder gar am Tiſch des Herrn geſehen. Einmal habe er bei einer Kapelle vorbei⸗ gemußt, wo eben Meſſe geleſen wurde, da ſoll ein ſchlimmes Weh über ihn gekommen ſein. Der Roſenkranz war gerade im beſten Gang, da ſtürzte der Naglerhans ganz verſtört und außer Athem in die Stube und berichtete in unverſtändlicher Zigeunerſprache ein Langes und ein Breites. Darauf packte die Bande noch in derſelben Nacht ihre Sachen zuſammen und zog hinaus in den finſtern Wald. Es ſoll damals ein Geſetz gemacht worden ſein wider die Heimathloſen und Vaganten, wonach denſelben verboten wurde, künftig in Gebirg und Wald zu hauſen und unſtät zu ſein. Sie ſollten in die Dörfer eingetheilt werden und dort wie andere Leute hacken, pflügen und graben und im Schweiße ihres Angeſichts ihre Erdäpfel bauen. Aber keine andere Hei⸗ math begehrte der Naglerhans, als Berg und Wald; ſein Rücken war gewohnt das ſchwere Schleifrad zu tragen, nicht aber ſich über der Senſe und Hacke zu krümmen. Im Dorfe wäre es ihm eng geweſen, wie dem Waldvogel im Käfig; deßhalb floh er vor dem Geſetz und ging in derſelben Nacht durch den finſtern Wald dahin, wo er glaubte, daß das Geſetz ihn nicht erreichen würde. Im Herbſt, wenn die Jagd aufgeht, wenn die erſten Schüſſe knallen, wenn zum erſtenmal das Geheul der Meute am Berg wiederhallt, da verläßt der Haſe die grünen Klee⸗ felder und die Furchen des Kartoffelackers, wo er geruhig den Sommer zugebracht, und zieht erſchrocken in den dichten Wald oder zu Berg, oder auf's öde Moor, und die ſcheuen Rehe eilen hinauf in die unzugänglichſten Schluchten und ſpitzen die Ohren und ſtrecken lauſchend die Hälſe. Die zweiundzwanzig Schweizerkantone hatten ſich gleichzeitig die Aufgabe geſtellt, 185 ſich die heimathloſe Bevölkerung ihrer Berge, Wälder und Landſtraßen vom Halſe zu ſchaffen, und jeder derſelben war beſtrebt, ſich der Ueberläſtigen auf Koſten der Nachbarn zu entledigen. Hatte irgendwo eine Bande im Graben, oder un⸗ ter dem Schutz der überhängenden Felswand, oder in verlaſſe⸗ ner Köhlerhütte ihr Lagerfeuer angezündet und ihren Keſſel darüber gehängt, ſo kamen unverſehens die Landjäger über ſie und bei Nacht und Nebel, auf einſamen unbegangenen Pfaden wurde ſie über die Kantonsgrenze geführt. Oft mochte es geſchehen, daß Abends in trüber Dämmerung ein hungriger Trupp durch Sturm und Regen auf heimlichen Schleichwegen in den Nachbarkanton hinübergeſchmuggelt wurde, um von der wachſamen Polizei des ſolchermaßen beſchenkten Standes am grauen Morgen naß und nüchtern wieder auf gleichem Pfade auf ſeinen frühern Lagerplatz zurückgebracht zu werden. Zur Zeit, da die Menſchenjagd eben im ſchönſten Zuge war, ging früh bei Tagesanbruch ein Büblein baarhaupt und baarfuß auf dem Wege, der aus dem Niederamt von Erlins⸗ bach bergaufwärts Kienberg zu und von dort nach dem Frick⸗ thal hinüber führt. Ein bleigrauer Nebel hatte ſich über das Thal gelagert. Obererlinsbach aufwärts am Wege, abſeits von den Häuſern, ſteht eine Kapelle. Auf der grauen Kapellen⸗ mauer waren etliche Figuren und Striche mit Rothſtein ge⸗ zeichnet; man hätte ſie für das Werk müßiger Schuljugend halten können. Sobald das Büblein die rothen Zeichen an der Mauer entdeckt hatte, wendete es ſich um und rief in den Nebel hinein dreimal den Guckucksſchrei. Der kleine Geſelle war der Fideli. Schlank und gerade wuchs das Bürſchchen auf in Wald und Wetter; es war flink wie ein Eichhorn und ſeine Wange braun wie die reife Haſelnuß. Bald nachdem Fideli den Guckucksruf hatte ertönen laſſen, ſtreckte der Naglerhans den ſtruppigen Kopf aus der nahen Hecke heraus, ſpähte zuerſt vorſichtig den Weg aufwärts und abwärts, trat endlich mit ganzem Leib hervor und ging auf die Kapelle zu. Als er einen Blick auf die rothen Zeichen an der Wand geworfen, ſteckte er zwei Finger in den Mund und ließ einen gellenden Pfiff erſchallen, welchen der geübteſte Jä⸗ ger für den Schrei eines Hühnerweihs gehalten hätte, worauf da und dort, aus Geſträuch und Buſch und Straßengraben Geſtalten hervortauchten und bald die ganze Bande ſich um ihr Haupt geſammelt hatte. Naglerhans deutete mit dem Stecken auf einen Kreis von Rothſtein mit einem Punkt in der Mitte, den man für das rohe Abbild eines Schleifſteins —— 187 halten konnte. Der Schleifertoni ſei erſt geſtern hier vorbei gekommen und ſeine Bande ſei neun Köpfe ſtark. Beim Maß⸗ holderbaum auf der Schafmatt, dächte er, könnte man ein mehreres über ihn erfahren. Sie wollten trachten ihn einzu⸗ holen; das gebe dann wieder einmal einen luſtigen Tag.— Wohlgemuth und raſchen Schrittes zog die Bande durch Wald und Weide den ſchmalen Pfad, der über den Barmel nach der Schafmatt führt, bergan. Nie iſt es ſchöner auf den Bergen als zur Herbſtzeit, wenn im Thale unten Tage lang bleigrauer Nebel in den Gipfeln der Tannen hängen bleibt, aber oben über die Kuppen und Gipfel die genzianenblaue Pracht des Himmels ſich wölbt.— Beim Maßholderbaum prangten Fels und Wald und Weide im gol⸗ denen Sonnenſtrahl, während unten das Nebelmeer wogte, aus dem weit drüben die glitzernden Schneeberge ihre ſtolzen Häupter ſtreckten.— Aufmerkſam unterſuchte, dort angelangt, Naglerhans Stein, Baum und Buſch. Endlich entdeckte er im Gebüſch einige künſtlich verflochtene Zweige. Es ſei, wie er geſagt; auf dem Keßlerwitteli würden Schleifertonis zu finden ſein. Da es eben auf die Zurzacher Meſſe zugehe, möchten vielleicht noch andere gute Bekannte vorbei kommen; er wolle deßhalb ſein Zeichen auch hinmachen. Er ſuchte ſich am vielfach vernarbten Stamme des Maßholders ein glatt Stück Rinde, nahm das Meſſer zur Hand und ſchnitt erſt die Geſtalt eines Nagels, dann einen Pfeil, die Spitze nach Oſten gerichtet, in dieſelbe ein; das Gefieder des Pfeils wurde ge⸗ nau aus ſieben Einſchnitten gebildet, vier aufwärts und drei abwärts; endlich machte er noch ſenkrecht auf den Pfeilſchaft neun Einſchnitte, unter den Schaft aber deren dreizehn. Der Nagel war des Naglerhanſen Wappen und Wahrzeichen; wo⸗ hin der Pfeil wies, das deutete die Weltgegend, nach welcher er gezogen; die ſieben Striche des Gefieders ſagten, daß ſeine Bande ſieben Köpfe ſtark ſei; aus den Einſchnitten über und unter dem Schaft war zu erkennen, daß des Naglerhanſen 188 nicht früher und nicht ſpäter als am dreizehnten Tage des Herbſtmonats hier geweſen. Dieß konnte jeder vorüberziehende Keßler, Scheerenſchleifer oder Geſchirrhefter mit einem Blick entziffern.— Neben dem Maßholderbaum biegt eine faſt un⸗ bemerkbare Spur rechts ab und ſcheint ſich bald zwiſchen Fel⸗ ſen und wirrem Geſträuch zu verlieren. Dieſe Spur führt nach dem Keßlerwitteli; ihr folgte die ganze Bande mit be⸗ flügelten Schritten. Das Keßlerwitteli, hinter ſchroffen Felſen verſteckt, iſt nur auf ſchwer zu findenden Fußwegen zugänglich. Nur we⸗ nigen iſt der Ort bekannt und von den meiſten dieſer wenigen wird er ſorgfältig gemieden, denn es gehen dort böſe Geiſter um und in der Johannisnacht tanzen daſelbſt die Hexen, wie die Alten ſagen, welche noch am Glauben feſthalten. Es iſt eine kleine, ſanft gegen Süden geneigte Fläche, hinten an eine jähe Fluh gelehnt, links und rechts von dichtem Wald und Strauch geſchirmt, nach vorn vom wild zerklüfteten, faſt ſenk⸗ rechten Abhang des Berges begrenzt. Einige uralte Schirm⸗ tannen ſtehen darauf, hie und dort wuchert duftender Hollun⸗ der und nirgends blüht ſchöner die dunkelblaue Gentiane und die goldgelbe Aurikel. Der laute Jubel wollte kein Ende nehmen, als des Nagler⸗ hanſen unverſehens aus dem Walde traten. Es war aber auch eine ſchöne Geſellſchaft, die ſich hier zuſammengefunden hatte; da waren der Schleifertoni und der Chrättenruodi, beide Naglerhanſens Schwäger, dann der Ringlichaſper und der krumm' Heiri, jeder mit ſeinen Leuten. Unter einer der Schirmtannen brannte das wohlgenährte Lagerfeuer und über demſelben hing ein Keſſel, in welchem Schinken, Speck und Würſte brodelten. Daneben waren einige „Gojen“*) emſig beſchäftigt, allerlei Küchlein in der ziſchen⸗ den Butter zu backen, die ſie dann auf dem grünen Raſen *)„Gojen“, Weiber. ſſſ 1 9 190 hoch aufthürmten. Am Feuer ſtanden Kaffekannen und Milch⸗ töpfe und im Schatten unter dem Geſträuch eine ſchöne Anzahl Schnapsflaſchen. Während die Alten, um das Feuer gelagert, aßen, tranken, ſchwatzten und ihre halbverkohlten Ulmerpfeifen ſchmauchten, ſaßen unter einer andern Tanne der blinde Geiger⸗ lipp und die Hackbrettlieſe und ſpielten ihre beſten Tänze auf, nach denen ein halbdutzend Paare junger Stromer*) und ſchlanker Schickſen**) ſich drehten. Kein fremdes Auge mochte das wilde Völklein hier belauſchen, kein fremdes Ohr es be⸗ horchen. Deßhalb ließ es ſeiner Luſt die Zügel ſchießen.— Flaſche nach Flaſche leerte ſich; immer lauter lachten die Al⸗ ten, die am Feuer ſich ſtreckten, immer raſcher drehten ſich die Jungen im Tanz, und wilder und wilder erklangen Geige und Hackbrett unter dem dunkeln Dach der alten Schirmtanne her⸗ vor. In ihrem üppigen Uebermuth küchelten die Buben und Mädchen Hollunderzweige in der geſchmolzenen Butter, um ſie dann wieder an den Stauden in die Höhe ſchnellen zu laſſen, laut aufjubelnd, wenn des Geigerlipps Führer, der wider⸗ borſtige Semir, lüſtern nach den fetten Biſſen emporſprang.— An der allgemeinen Freude nahm allein der alte Lienhard nicht Theil. Als er ſeinen Hunger geſtillt hatte, ging er in den einſamen Wald. Später konnte man ihn auf einem ho⸗ hen Felskopf erblicken, ſteif und gerade daſtehend, einer ſchil⸗ dernden Schildwache gleich, und unverwandt hinunterſchauend in die grauen Nebel des Thales. Wenn die Sonne hinabſinkt in ihr gluthrothes Bett, da verſtummen ſonſt Schlucht und Wald. Die Amſel hält inne mit ihrem ſchmetternden Lied und ſucht ihr Lager im dunkeln Tannendickicht, der Guckuk ruft nicht mehr und zuletzt ſchwei⸗ gen ſogar die wilden Tauben auf den höchſten Gipfeln. Aber auf dem Keßlerwitteli ſchien der Luſt des Tages eine noch *)„Stromer“, Landſtreicher. **)„Schickſe“, Dirne. 191 wildere Nacht folgen zu ſollen. Schon verſagte dieſem und jenem der Zecher am Feuer die Zunge den Dienſt, und mit wildleuchtenden Augen umſchlangen die tanzenden Burſche ihre Dirnen. Da ließ ſich unverſehens vom Fels herab das durch⸗ dringende, unheimliche Geſchrei der Eule hören. Das iſt der Lienhard! rief Naglerhans und ſprang vom Feuer auf; es müſſe etwas nicht richtig ſein. Plötzlich ſtand der Genannte, der ſich den jähen Fels herab hatte gleiten laſſen, mitten un⸗ ter den Zechenden.„Die Behringer!“ rief er.„Die Behrin⸗ ger!“ und Männer und Weiber rafften in wilder Haſt ihre Pfannen und Keſſel, ihre Geräthe und Habſeligkeiten zuſam⸗ men.„Die Behringer!“ und Geige und Hackbrett verſtumm⸗ ten, und die erſchrockenen Schickſen wanden ſich aus den Ar⸗ men ihrer Geliebten.„Die Behringer!“ und ſchattenähnlich verſchwand das aufgeſcheuchte Völklein, die einen im dornigen Dickicht des Waldes, die andern in den zerriſſenen Klüften der Felſen. Als die Landjäger kamen, fanden ſie von allem nichts mehr, als die verglimmenden Kohlen des Lagerfeuers, etliche abgenagte Schinkenknochen, ein paar leere Schnapsflaſchen und an den Hollunderſtauden die geküchelten Zweige. Am Fuße des Kreuzes ſuchen Zuflucht die Bedrängten. Bei den reichen Klöſtern haben die Bettler, die Heimathloſen, die Wallfahrer ihr Stelldichein. Denn gnädig iſt die Kirche denen, ſo ſich unterwerfen, und offen ihre Hand für die, welche nicht ſehen und doch glauben. Noch ſtehen die Klöſter dort, wo die beſten Matten und ſonnigſten Weinberge ſind; aber nicht mehr ſchallt in den langen Kreuzgängen der feierlich ſchleppende Schritt der Mönche. Weltlich behaarte Geſichter, von grauen Schlapphüten überſchattet, haben ſich in den Zellen eingeniſtet. Um die ſtolzen Mauern, die Jahrbunderte lang unentweiht geſtanden, iſt jetzt ein unruhiges, wühlendes, um⸗ geſtaltendes Getriebe, als ob der Zahn der Zeit ſichtbar daran nagte. 192 Keine zwanzig Jahre ſind es her, da war es anders. Da herrſchte, ſo weit die Kloſterglocke hörbar war, behagliche Feierlichkeit. Mit feierlichem Behagen gingen die Mönche aus und ein, mit feierlichem Behagen führte der Kloſterpächter den Pflug, mit feierlichem Behagen wartete ſelbſt der Bettler und Krüppel vor der Kloſterpforte, denn er war des Biſſens, der ſeine Eßluſt befriedigen würde, gewiß. Nur ſelten verirrte ſich ein Landjäger in den friedfertigen Bezirk, wo nicht die weltliche, ſondern die geiſtliche Polizei regierte, und konnte man ſich derſelben mit dem Beichtzettel ausweiſen, ſo wurde wenig nach Paß und Heimathſchein gefragt. Seit die Heimathloſenjagd angegangen, war Naglerhans nirgends lieber als dort, von wo aus man die Wettinger Kloſterthürme ſehen konnte. Kein Plätzchen war ihm für ſeine Werkſtatt anſtändiger, als jenes hinter der Wettinger Kloſter⸗ kirche. Nirgends wurde wohlgemuther gelöthet, geſchliffen und geheftet. Bei den Frauen der Kloſterpächter hielten Marey und ihre Töchter reiche Ernten an Eiern, Mehl und Butter. Es war faſt wie zur guten alten Zeit. Aber wenn die Kloſter⸗ glocke zur Meſſe, Veſper oder Mette rief, ſo folgten ihr Va⸗ ter, Mutter und Kinder, und war ihnen dann keine Arbeit zu eilig. Und ſie wurden deßhalb vom gnädigen Herrn Abt ſehr wohl gelitten und erfreuten ſich ſeines beſondern Schutzes. Daß der alte Lienhard nie zur Kirche ging, das ſuchten ſie geheim zu halten, und es ging darüber nur unter den Laien⸗ brüdern und Kloſterknechten ein dumpfes Gerücht, das aber noch nicht bis zum Convent gedrungen war. Da geſchah es einmal eines ſchönen Morgens, daß der Lienhard gerade vor der Kloſterkirche vorbeiging, als die Mönche mit der Prozeſ⸗ ſion herausgezogen kamen. Und der, ſo vorausging, ſpritzte rechts und links ſegnend mit dem geweihten Waſſer, und es kam, daß einige Tropfen auf den Alten fielen. Da fing dieſer an gar ſeltſam und ſchauerlich zu ſtöhnen, Schaum trat ihm aus dem Mund, er fiel zu Boden und ſchlug mit Händen und 1 193 Füßen wild um ſich.„Der Beſeſſene!“ raunte einer erſchrocken dem andern zu. Wohl ſprangen ihm etliche Mönche zu Hülfe und thaten das Mögliche, den böſen Feind zu bewältigen. Aber kein Beſegnen und kein Teufel⸗ austreiben wollte nützen. Der Lienhard ſchlug ſchwächer und ſchwächer um ſich und wurde zuletzt ganz ſteif und war todt. Ein Laienbruder will ein ſcheuß⸗ lich haarigtes Thier ihm aus dem Mund haben kriechen ſehen. Erſchrocken und in Aengſten war Fideli dabei geweſen. Als er es begriffen hatte, daß der Lienhard jetzt todt ſei, da war es ihm, als ob Jemand ſein Herz mit einer Zange ab⸗ kneipte, denn der Alte war ihm Vater und Mutter zugleich geweſen, und die andern, däuchte ihm, hielten ihn doch nur für ihren Pudelhund. Und er warf ſich auf den todten ſteifen Mann und begann zu ſchreien, daß es einen Stein erbarmt hätte. Es war aber gerade ein vornehmer Herr im Kloſter zu Gaſt, der ließ ſich beim Nachtiſch die Geſchichte erzählen. Er wurde ordentlich davon gerührt und ſprach, indem er ein Biscuit in ſeinen Burgunder tunkte, das Büblein dürfe kein Strolch und Landſtreicher werden, ſondern ein guter und nütz⸗ licher Staatsbürger; er wolle ſehen, daß für daſſelbe geſorgt werde.— Naglerhanſen packten ob dem Rumor ihre Sachen zuſammen, ſo ſchnell ſie konnten, und machten ſich, um zwei Glieder ärmer geworden, fort. Sie ſollen ſich ſeither nie mehr im Gebiete des Wettinger Kloſter gezeigt haben.— Fi⸗ deli aber wurde von dem vornehmen Herrn bei einem Bauern als Knechtlein verdingt. Dazumal hatte Fideli den Glauben, es gebe zweierlei Sorten Leute in der Welt: die mindere Sorte müſſe fort und fort herum ziehen, Keſſel flicken, Scheeren ſchleifen, Schuh⸗ 13 ——— 194 zwecke aus Pfaffenhütleinholz fabriziren und betteln gehen; die vornehmere Sorte habe ſchöne warme Häuſer, ihr Theil ſeien die Dörfer und Städte, die Aecker und Wieſen, und brauchten ſich vor den Landjägern nicht zu fürchten, müßten aber arbei⸗ ten und allerlei Wiſſenſchaften beſitzen. Und er freute ſich, nun zu den vornehmern gehören zu ſollen, da der Lienhard ja doch todt ſei, und er nahm ſich vor, recht viel zu lernen und zu arbeiten, um auch Aecker und Wieſen zu bekommen und ein ſchönes warmes Haus, darin zu wohnen. Aber ſein erſter Meiſter hieß der Chlais auf der Chlibe⸗ ren, der theilte die Leute ebenfalls in zwei Sorten ein, jedoch auf eine andere Manier. Zu den einen ſeien jene zu zählen, welche übervortheilen, zu der andern die, ſo übervortheilt werden. Und um ja nicht in die zweite Klaſſe zu fallen, that er ſein Möglichſtes, ſich in der erſten zu behaupten auf Koſten eines jeden, der ihm unter die Finger kam. Fideli werkte ein Jahr lang wie ein Roß. Wie freute er ſich auf ſein arm⸗ ſelig Löhnlein von ſechzehn Kronen! Aber als Weihnachten gekommen war, machte ihm der Chlais auf der Chliberen eine lange, lange Rechnung vor: für ein paar Hoſen, die ihm der Schneider geflickt hatte, und für einen Fleck, den ihm der Schuſter auf einen Holzboden geſetzt, ferner für eine Menge zerſchlagener Dreſchflegel, abgewetzter Senſen und abgenützter Stallbeſen, ſo daß zuletzt herauskam, daß Fideli dem Chlais noch ein paar Batzen ſchuldig blieb, die ihm aber dieſer groß⸗ müthig als Trinkgeld ſchenkte. Fideli verſtand ſich blutwenig auf Rechnungen und Gegenrechnungen; das war ein Pfiff, von dem er bei Naglerhanſens niemals gehört hatte. Und der vornehme Herr, der's über ſich genommen, aus Fideli einen guten Staatsbürger zu machen, hatte ſeither nichts mehr von ſich hören laſſen. Das Knechtlein ſuchte ſich deßhalb auf eigene Fauſt einen neuen Meiſter. Das war der Blitzbauer im Donnerloch. Der war be⸗ rühmt weit und breit für ſein Fluchen. Er ging ſelten in's ————O—O;—VVV—V—— —— 195 Wirthshaus, ohne ein paar Köpfe oder doch mindeſtens ein paar Flaſchen zuſammen zu ſchlagen, und hatte die Gewohn⸗ heit, allemal ſeine Knechte zu prügeln, wenn er im Rauſch oder Zorn etwas Ungeſchicktes gemacht hatte. Einmal mußte er ein paar Dublonen Schmerzengeld bezahlen, weil er einem Kameraden, mit dem er eine Flaſche getrunken, im Verlaufe eines freundſchaftlichen Diskurſes das Weinglas ins Auge ge⸗ ſchmiſſen, und ſchlug nun, ſeinen Zorn zu kühlen, dem Knecht⸗ lein die Miſtgabel um die Beine. Da packte Fideli ſein leich⸗ tes Bündelchen auf und ſagte dem Donnerloch Lebewohl. Der dritte Meiſter, bei dem Fideli als Knechtlein ein— ſtand, war der Baptiſtli auf der Rütſchelen. Das war ein Mannli, wie der liebe Tag ſo freundlich und wohlmeinend gegen Jedermann, und hätte keinem Hund ein ſchlimmes Wort geben können. Bei ihm durfte keiner mehr ſchaffen, als er gerade gern wollte, und blieb eine Arbeit am Samſtag Abend halb fertig liegen, ſo ſagte der Baptiſtli, ſie wollten es eben etwa die andere Woche fertig machen. Alle vierzehn Tage wurde wenigſtens einmal geküchelt, und Einzug war ins Haus Tag und Nacht, bei Tag zu der„Gigertſchiwaſſergutteren“ die ſtets parat ſtand für jeden, der wollte; Nachts zu Baßtiſtli's Töchtern, die denen, welche zu ihnen kamen, faſt noch ſeltener etwas abſchlugen, als Baptiſtli ſelber. Es dünkte Fideli, jetzt ſei er einmal am rechten Ort, aber bevor das Jahr zu Ende, kam der Weibel ins Haus und dann der Amtſchreiber und ſchrieb auf. Der Baptiſtli wurde vergeldstagt und fürderhin als„Hudel“ von der Gemeinde gefüttert, es kam ein anderer Bauer auf die Rütſchelen und Fideli war um ſein Löhnlein verfroren. Als Fideli zum vierten Meiſter kam, da war er groß und ſchlank gewachſen wie eine junge Tanne, und ging der Burſche durch's Dorf, ſo guckten ihm die Madchen nach, wenn gleich ſeine Kleider dünn und fadenſcheinig waren und ſein Geſicht gebräunt vom Wetter und der harten Arbeit. 196 Zur ſchönen Sommerszeit, wenn die Pfingſtroſen blühen und ſpäter die feuerrothen Nelken, da zieht an den Feiertagen die Jugend aus, und wo eine Geige erklingt und etwa noch ein Clarinet, da ſammeln ſich die Knaben und Dirnen, um ſich luſtig zu machen und zu freuen der ſchönen Sommerszeit. Wer es hat und vermag, macht Staat. Der reiche Bauern⸗ ſohn ſchlägt auf den Tiſch, daß die großen Maasflaſchen klir⸗ rend zerſpringen und der Wein in breiten Strömen auf die Knie der Gäſte fließt, und wenn ihn ſein Mädchen abmah⸗ nend am Aermel zupft, ſo langt er aus der Hoſentaſche eine Handvoll Thaler und wirft ſie vor ſich auf den Tiſch und ſagt, wo die her ſeien, da fänden ſich noch mehrere, und er vermöge es wohl, ein wenig Wein zu verſchütten. Und die hoffhrtige Müllerstochter, die im Welſchland geweſen, um die Sprache zu lernen, rauſcht einher in ſteifer Seide und prangt blau, grün und roth, wie ein ſtolzer Pfau, und trägt Hand⸗ ſchuhe an den langen, magern Händen. Draußen vor dem Hauſe, aus welchem die Töne der Geige und Clarinete er⸗ ſchallen, ſtehen zu fünfen oder ſechſen beiſammen die Dirnen in groben halbleinenen Jüppen, mit Schürzen und Tſchöppen keineswegs von Seide, ſondern von dünnem, wohlfeilen Zeug. Wie etwa die Seelen des Fegefeuers durch die offene Himmels⸗ thür in die Herrlichkeit des Paradieſes blicken, ſo werfen dieſe armen Seelen in Halbleinjüppen verlangende Blicke zu den Fenſtern des Tanzſaals hinein. Ein Mehreres wird ihnen nicht zu Theil, denn wer möchte ſo ein armſelig Ding, das kaum mehr hat, als das Hemdlein auf dem Leibe und etwa noch ein zweites zum wechſeln, ſo ein Ding, daß weder Gülten, noch Aecker, noch Wäſſermatten beſitzt, nicht einmal einen al— ten, reichen, ledigen Vetter, wer möchte ein ſolches zu Tanz und Weine führen? Fideli ſtand damals auch vor dem Bären auf der Schnabel⸗ weid bei der Kegelbahn, doch nicht etwa um mit den reichen Bauernſöhnen zu kegeln; dazu waren ſeine Taſchen zu leicht. en en 197 Auch ihm war das Loos des Zuſehens beſchieden, aber er ſchaute nicht ſowohl nach den rollenden Kugeln und den fallen⸗ den Kegeln, ſondern ganz anderswo hin. Es war ganz ab⸗ ſeits, wo man kaum noch die Töne der Tanzmuſik hören konnte, ein ſchattig Plätzchen unter einem dunkelgrünen Nußbaum, wo etliche Mädchen ſtunden, unter ihnen eines, ſchlank, mit dun⸗ kelm Haar und großen Augen, ein paar arme dünne Kleid⸗ lein am Leib, doch waren ſie ſauber und jeder Riß geflickt ſo gut als möglich. Nach der ſchlanken, braunen, blaſſen Dirne ſchaute Fideli unverwandt. Nur zuweilen ſchielte er nach dem Tanzſaal hinüber und ſenkte dann die Hand prüfend in die Taſche. Es waren nämlich nicht mehr als drei Batzen darin, knapp genug, die Muſikanten zu bezahlen für drei Tänze. Aber wo das mehrere hernehmen, um nach dem Tanz das Mädchen zum Wein zu führen, wie Brauch und Sitte iſt, und wär's auch nur zu einer Flaſche vom Sauerſten?— Lange ſchwankte der Kampf; ſollt' er oder ſollt' er nicht? Endlich, als ihn bedünkte, das ſchlanke Vroni beim Hühner⸗ hubelbauer wolle mit ſeinen Kamerädinnen aufbrechen, faßte er ſeinen Entſchluß.„Willſt du drei haben mit mir, Vroni?“ —„Das werde wohl ſein Ernſt nicht ſein; ſie ſei gar ein arm's Meitſchi und habe nur ſo ſchlechte Kleidlein an.“ Dazu wurden ihre Wangen roth und fragend blickte ſie dem Fideli in die Augen.„Magſt oder magſt nicht?“ fragte der wieder. —„Wenn es dein Ernſt iſt, ſo mag ich wohl.“ Und ſie gin⸗ gen mit einander, der ſchlanke braune Fideli und das ſchlanke braune Vroneli, und die Geige und die Clarinete ſchien ihnen Engelsmuſik und der Backofendunſt des Tanzſaals Paradieſes⸗ luft, als ſie ſich durch das Gewühl und Gedräng der ſchweiß⸗ triefenden Dirnen und Buͤrſche im Kreiſe drehten. Aber die Bauernſöhne, in deren Taſchen Händevoll Thaler klimperten, und die Müllerstöchter, die im Welſchland geweſen, rümpften die Naſe, daß ſo ein armüthig Pärchen ſich unter ſie gewagt. Und ſie ſtichelten und ſpöttelten, da ſeien auch 198 wieder'mal der Limp und der Lämp zuſammengekommen. Dem Vroni wurde angſt und bang. Als die drei Tänze zu Ende waren, zog ſie ihren Tänzer der Thüre zu.„Du wirſt doch dein Meitſchi nicht trocken wollen laufen laſſen!“ ſpöttelte ein Gali, der beide Hände in der Hoſentaſche und die Pfeife im Maul breit neben der Thüre ſtand.„Oder iſt euch der, den wir trinken, zu ſauer?“ Fideli wurde roth wie Gluth. „Was meinſt?“ lachte ein anderer;„der Bärenwirth auf der Schnabelweid hat keinen, der gut genug wäre für den Keßler⸗ Fideli und die Jungfrau auf dem Hühnerhubel“.—„So vor⸗ nehme Leute wollen mit Butſchiertem abgeſäugt ſein,“ rief ein dritter. Und all die Jungfern mit den ſeidenen Fürtüchern fingen an zu kichern, und all die langen und breiten Löhle, die mit ihren Thalern klimperten, fingen an zu lachen. Fideli war daran, den Nächſten mit der Fauſt zu Boden zu ſchlagen, und der wäre in der erſten Viertelſtunde nicht mehr aufge⸗ ſtanden, aber Vroni zog ihn hinaus. Draußen beſann ſich Fideli noch einmal, ob er nicht vom nahen Holzſtoß einen Knittel nehmen und wieder hinein gehen ſolle. Aber Vroni war, die Schürze vor den Augen, eiligſt auf und davon gegangen. Fideli ſchluckte ſeinen Zorn und ging dem Mädchen nach. Der Gang des Knaben zu ſeinem Mädchen iſt ein heim⸗ licher, beſonders wenn das Mädchen in einem fremden Dorfe wohnt, denn da ſteht hinter jedem Baum, es lauſcht hinter jedem Fenſterladen ein eiferſüchtiger Wächter und Hüter, der ſeiner eigenen Ehre Abbruch gethan glaubt, wenn zu einem der Mädchen des Dorfes ein Burſche aus dem Nachbardorfe kommt. Und wehe einem ſolchen, wenn er ſich erwiſchen läßt! Eine und die andere eingeſchlagene Rippe und ein unfreiwilli⸗ ges Bad im Dorfbrunnen iſt eher als nicht das Loos, das ſeiner harrt. Da gilt es dem dunkeln Schatten der Hecken nachſchleichen, wenn der Mond ſcheint, und leiſe auftreten bei 199 den Häuſern vorbei, damit die Hunde nicht wach werden, und den Athem anhalten, wenn man Samſtag Nachts, da die Nachtbuben jauchzend die Runde machen, hinter dem alten Weidenſtock am Bache ſteht. Dieß war jedoch Fidelis kleinſte Sorge, und wenn auch der Hühnerhubel, wo Vroneli als „Jungfrau“ diente, zwei Stunden weit entfernt war, und wenn auch die Nachtbuben alldort weit und breit als die aller⸗ ſchlimmſten berühmt waren, welche keinen fremden Jäger un⸗ geſtraft in ihr Gehege kommen ließen; ſo oft Fideli zu Vroneli ging, in finſtern und in hellen Nächten, ſo wurde er doch niemals ertappt. Aber nach ſolchen Gängen folgt zuletzt ein anderer Gang, und obgleich einem auf demſelben keine Nacht⸗ buben auflauern, ſo iſt er nichtsdeſtoweniger manchmal der ſchwerſte von allen. Das iſt der Gang zum Pfarrer. Auf die Pfingſtroſen folgen die feuerfarbenen Nelken, und wenn die Nelken abgeblüht haben, fallen dann bald die Bir⸗ nen und Aepfel vom Baum, und dann gehts auch nimmer lang, ſo führt der Wind das falbe Laub davon, aber der Rosmarin bleibt Sommer und Winter grün. Fideli und Vroneli gingen neben einander her und hielten ſich bei der Hand, denn es war tiefe Dämmerung und ein dichter Nebel, den kein Auge zu durchdringen vermochte. Vronelis Herz klopfte bang; Fi⸗ deli gedachte der Hütte im Schachen, wo die vielen Weiden ſtanden. Die gehörte ſeinem letzten Meiſter, der wollte ihm wohl und hatte ihm verſprochen, ihm die Hütte und ein Stück Schachenland in Pacht zu geben um billigen Zins. Dahin wollte er ziehen mit Vroni. Und wegen des Brods, das er dann ſchaffen ſollte für Weib und Kind, war ihm keineswegs bang. Denn bei all ſeinen Meiſtern hatte er ſich gut befliſſen und war deßhalb wohl erfahren in allem Bauernwerk, und jeder hatte ihn gern als Mähder oder zum Garbenbinden oder als Dreſcher. So konnte er zur Sommerszeit ſeinen ſchönen Lohn verdienen. Zur Winterszeit aber wollte er Körbe flechten; dieſe Kunſt verſtand er aus dem Fundament, der alte 200 Lienbard hatte ſie ihn gelehrt, und dicht ſtanden ja die Weiden h um ſeine Hütte. In der Stube hinter der Lampe ſaß der Pfarrer und las eine Zeitung von der vorigen Woche und ſchüttelte dazu be⸗ denklich das Haupt; denn in der Zeitung war zu leſen, wie der Unglaube um ſich greife im lieben Schweizerland, und wie die Kirche gedrückt werde und ihre Diener zu leiden hätten, faſt wie vor alten Zeiten in Rom, da man ſie von wilden Thieren zerreißen ließ. Gutes Muths trat Fideli vor ihn, ſcheu und verlegen ihm folgend das ſchlanke Vroni.„Er ſei geſinnt Hochzeit zu haben nächſte Woche, wenn es dem Herrn Pfarrer nicht ungelegen ſei.“ Bedächtig legte ſich der Pfarrer 201 in ſeinen Stuhl zurück und wiſchte ſeine Brille.„Ob er mit den Schriften verſehen ſei?“—„Das Vroni hätte nichts da⸗ wider, der Herr Pfarrer könne es ſelber fragen, und Schrift⸗ liches ſei weiter nichts von Nöthen.“ Zu dieſer Antwort ſchüt⸗ telte der Pfarrer wie billig den Kopf.„Ob er bedacht habe, daß er kein Bürger ſei, ſondern ein Eingetheilter von des Naglerhanſen Bande?“—„Das wiſſe Vroni wohl, ſie ſei auch nur von Keßlerleuten her und auf dem Hühnerhubel ge⸗ blieben, weil ihre Mutter als Uebernächterin im Tenn auf einer Strohwelle gekindbettet und dann geſtorben ſei.“— Das müſſe er ihm, mit Schein, des Deutlichern auseinanderſetzen, meinte der Pfarrer. Es ſei ein Geſetz, das verbiete einem Eingetheilten das Sakrament zu ertheilen, wenn er ſich nicht zuerſt in ſeiner Gemeinde als Bürger eingekauft, oder eine ausdrückliche Erlaubniß der Gemeinde erhalten habe. Für letz⸗ teres ſei es jedoch unnütz ſich zu bemühen, denn die Bauern ſagen, das Heirathen ſei eine Kummlichkeit, die ſich nicht jeder hergelaufene Lump zu erlauben brauche. „Er wolle das Vroni zu ſeinem ehrlichen Weibe machen,“ drängte Fideli,„und verlange von Niemanden etwas dazu.“ —„Wenn es blos von der Kirche abhinge, ſo wäre es viel⸗ leicht anders, aber die ſei jetzt gar erſchrecklich unter dem Daumen, und wenn ſich ein Pfarrer beigehen ließe, ſo ein Paar ohne Schriften und Erlaubniß zuſammenzugeben, man wäre im Stand ihn von der Pfründe zu jagen oder ihm noch Schlimmeres anzuthun.“ Da half denn weder Bitten noch Flennen noch Aufbegehren.„Sie ſollten ihm nun ab der Haube, denn aus der Hochzeit würde doch nichts, nun und nimmer⸗ mebr!“ So lautete der letzte Beſcheid. Unverrichteter Dinge mußte das Paar wieder hinaus in die finſtere Nacht. Aber der Fideli hatte einmal gehört, daß beim Papſt in Rom über jedes Paar des Prieſters Segen geſprochen werde, ohne daß man ein weiteres nach Schriften frage. Als die Tage wieder länger wurden und der Schnee in den Bergen 202 ſchmolz, zog Fideli mit Vroni über den Gotthard. In der Kirche St. Peter zu Rom wurde über ſie der Segen ge⸗ ſprochen. Darauf kehrten ſie wieder mit durchlaufenen Sohlen in die Heimath zurück. Im ſchönen Monat Mai, wenn die lauen Lüfte durch die Kirſchbäume ziehen, ſchneit es weiße Blüthen. Hoch und höher treibt der Roggen ſeine ſchlanken, ſchwanken Aehren und in goldener Pracht prangt der blühende Lewat. Da kommt über Nacht der Froſt und legt ſich über Feld und Wieſe und ſetzt ſich auf die blüthenbekränzten Bäume. Oder ein eiſiger Wind ſtürzt ſich unverſehens vom Berge und es wirbeln mit den fallenden Blüthen die eiſigen Schneeflocken. Aus iſt's dann mit den ſüßen Kirſchen, nimmer wird ſich die ſchlanke, ſchwanke Aehre mit ſchweren Körnern füllen, und der Lewat, der erſt noch in goldenem Schmucke prangte, hat jetzt ein ſchwarzbraunes Bußkleid angelegt und ſenkt trauernd den Kopf. Das kommt von den drei ſtrengen Rittern her, dem Servaz, Pankraz und Bonifaz, die mit Gewalt des rauhen Jenners Regiment wieder einführen möchten. Deßhalb zieht im ſchönen Monat Mai der fromme Chriſt in feierlicher Prozeſſion, mit Kreuz und Fahne hinaus auf Feld und Flur und bittet zu Gott unter lautem Sang und Klang, daß er behüten möge den Baum im Blüthenſchmuck, des Roggens ſchlanke Aehre, des Lewats goldene Pracht und das junge zarte Gras der Matten. In der Strohhütte im Schachen, wo die vielen Weiden ſtehen, wohnte ein glücklich Paar. Wenn Abends nach Feier⸗ abendläuten Fideli von der Arbeit nach Hauſe kam, ſo konnte er ſchon von weitem ſeines Vroni glockenhelle Stimme ver⸗ nehmen, die nicht minder! fröhlich klang, als der Goldamſel Schmettern im Tannendickicht. Auf dieſes gab dann Fideli Antwort mit einem lauten Jauchzer, der weithin über die Matten und das Waſſer ſcholl und drüben wiederhallte am — 203 grünen Wald. Und wenn dann Fideli zur friſchen Geismilch die Erdäpfelröſte gegeſſen, die ihm Vroni gekocht, ſo mußte er hinaus und ſchauen, was ſie alles geſchafft und ausgerichtet. Da ſchauten ſchon dunkelgrün wie Schnittlauch die Erdäpfel zum Boden heraus, die Vroni gepflanzt, und bereits ſtrebten die Bohnen ſich um die Stangen zu winden, welche ſie ſelbſt mit ſaurer Mühe im Walde gehauen. Vor der Hütte hatte ſich Vroni ein Gärtchen angelegt, wo ſie allerlei Samen von Blumengewächs geſäet, den ſie vom Hühnerhubel mitgebracht, bunt prangenden Mohn, Levkoyen und duftende Reſede. Sollte ein ſchlimmer Froſt oder ein Hagelwetter all der Herrlichkeit ein traurig Ende machen? Das hätte ja Vroni ſchier das Herz abgedrückt. Darum wollte ſie auch mitziehen, wenn der Bitt⸗ gang mit Kreuz und Fahnen zog durch Flur und Feld. Sie wollte zum Himmel flehen um Schutz für all die Sachen, die ſie im Schweiße ihres Angeſichts gepflanzt und gepflegt. Der Fideli ſollte auch mitgehen, ihr zu lieb. Laut und feierlich ruft der Glocken Stimme über's Land weg. Von nah und fern ſtrömt Alt und Jung herbei zur Pro⸗ zeſſion. Beim Kirchlein ordnet ſich der Zug, zuerſt die Buben, die kleinſten voran, dann die ledigen Knaben, ſtolz und keck, hinter dieſen die verheiratheten Männer in bedächtigem Schritt. Dann folgt der Pfarrherr im Schmucke des Kirchenornats; hinter ihm daher trippelnd die ganz kleinen Mädchen, darauf die erwachſenen Jungfrauen in ihrem ſchönſten Staat, zuletzt die ehrbaren Frauen, die jungen voran, und zum Schluſſe die ſteinalten Mütterlein mit den Glockentſchöppen und den langen braunen Roſenkränzen. Was ſoll unter ihnen das Geziſch und Gewiſper und bei den Männern das lauter und lauter werdende Murren?— Abſeits gingen die Frauen, als Vroni ſich unter ſie einſtellen wollte, und wo ſie hinging, da wichen ſie von ihr und ziſchelten und wiſperten. Und da Fideli zu den Mannen ſtand, fuhr ihn einer an:„Was er wolle unter ihnen? Er ſolle zu den 204 ledigen Knaben gehen; aber die würden freilich auch keinen bei ſich dulden wollen, der ein Menſchlein halte in der Schachenhütte.“—„Das ſei kein Menſchlein, ſondern ſein ehrlich Weib.„Wann der Pfarrer von der Kanzel herab ſie verkündet habe?“ höhnte Einer.— An Vroni hatte ſich unter⸗ deſſen eine alte dürre Here gemacht; es war die Bäuerin auf der Chliberen.„Ob ſie glaube, eine ehrbare Frau würde neben ihr laufen im Bittgang, neben ſo einem Ringlimenſch, das Hochzeit gehabt hinter dem erſten beſten Haag?“ Da war's Broni als ob ſie in den Boden verſinken müſſe vor Schaam und Schande. Der Pfarrherr ſchaute ſich verwundert nach der Urſache der Unordnung um, die in ſeinen Reihen eingeriſſen. Nach ihm wandte Vroni hülfeflehend die Blicke. Aber dem Fideli war das Blut in den Kopf geſtiegen:„Ob wohl der Segen zu St. Peter in Rom nicht ſo gut oder noch beſſer ſei als des Dorfpfaffen ſeiner?“ Dieſes unbedachte Wort drang zu des Pfarrherrn Ohr; der durfte eine ſolche Mißachtung ſeiner Würde nicht ungeahndet laſſen, ſondern er verſtieß im heiligen Eifer und mit ſtrafenden Worten die beiden räudigen Schaafe aus ſeiner Heerde, die dann unter lautem Sang und Glockenklang den Bittgang antrat über Feld und Flur.— Bitter grollend ging Fideli, bitterlich weinend Vroni auf Um⸗ wegen ihrer Heimath zu. Es war ſchon längſt dieſem und jenem Bauern, der wer weiß wie viele köſtliche Matten, aber deßhalb um ſo mehr Galle und Verdruß, dazu noch Wald und Aecker, aber ein böſes Weib hatte, das Paar im Schachen ein Dorn im Auge geweſen. Unter ihnen waren der Chlais in der Chliberen und der Blitzbauer im Donnerloch nicht die letzten. Die ſaßen nach dem Bittgang zuſammen in's Wirthshaus; da hätten dem Fideli und dem Vroni die Ohren läuten können bis in die ſpäte Nacht, aber nicht etwa Rühmens halb.„Das habe ehr ein uge gen ten abe 205 man noch niemals erlebt, daß ſo ein Eingetheilter einer gan⸗ zen Gemeinde ungeſtraft eine Naſe drehen dürfe. Was einer noch davon hätte, Bürger zu ſein, wenn es jedem hinter dem Zaun gefundenen Schlingel erlaubt wäre, mir nichts dir nichts Hochzeit zu machen und ein Dutzend Bälge in die Welt zu ſetzen? Die müßten, wenn der Vater zum Lump gerathen, dann doch von der Gemeinde gefüttert werden, und die Bürger⸗ nützung würde ja ſchon ohnedieß immer magerer. Aber da werde noch zu helfen ſein, und ſie wollten es einmal mit dem Keßlerpack probiren, wer zuletzt noch Meiſter bleibe.“ Einmal hatte Fideli einen ſtrengen Tag gehabt. Von früh, da der Morgen kaum zu dämmern begonnen, war er an der Senſe geſtanden, bis ſpät, da der Abend graute; aber einen ſchönen Taglohn hatte er ſich dabei verdient, nebſt Speis und Trank noch einen ganzen halben Gulden. Warum ließ ſich heute Abend Vronis Stimme nicht hören? warum tönte ihr Lied nicht wie ſonſt vom Schachen her? Noch lauter als ſonſt ließ Fideli ſeinen Jauchzer erſchallen, aber keine Antwort. „Vroni, wo biſt du?“ Alles ſtill, die Schachenhütte leer, das Feuer auf dem Herd erloſchen. In der Nähe, am Ufergeſträuch weidete noch ein Bube ſeine Geißen; von ihm konnte der Fideli endlich in Erfahrung bringen, ungefähr um die Mittagszeit ſei der Polizeier gekommen und habe Vroni zur Gemeinde hinaus⸗ geboten, und als ſie ſich geſträubt, habe er Gewalt angewen⸗ det. Dem Fideli ſtieg es innerlich heiß in den Kopf, äußerlich lief es ihm kalt wie Schneewaſſer den Rücken hinunter. Es war dunkle Nacht. Außerhalb der Gemarkung des Dorfes am Straßengraben ſaß Vroni und weinte bitterlich. Wie ein angeſchoſſener Hirſch kam Fideli des Weges daher und ſeine Augen durchforſchten wie zwei glühende Katzenaugen ſpähend die Finſterniß.„Biſt du's, Vroni?“— Sie ſolle ſich aufmachen, ſie wollten heim.—„Sie dürfe nicht,“ ſchluchzte Vroni,„man habe ihr hinausgeboten wie einer ſchlechten Dirne.“—„Ob ſie nicht ſein ehrlich Weib ſei? ob ſie nicht 206 in St. Peter zu Rom den Segen empfangen? Der ſolle ihm kommen, der etwas dawider habe!“ Vroni kehrte mit Fideli zurück in die Schachenhütte. Von dieſem Tag an ging Fideli nie mehr zu den Bauern auf Arbeit, ſondern blieb im Schachen, flocht Körbe und hütete. Nicht lange, ſo kamen eines Morgens zwei Landjäger gegangen.„Wo er das Menſchlein habe, mit dem er hauſe?“ —„Es ſei kein Menſchlein da, und mit ſeiner Frau hätten. ſie nichts zu ſchaffen.“ Und er nahm einen Knittel zur Hand und ſtellte ſich unter die Küchenthüre, wo Vroni hanthierte. „Sie hätten die Ordre, das Weibsbild in ihre Gemeinde zu transportiren; dagegen helfe weder ſperren noch aufbegehren.“ — Fideli ſuchte ſein Hausrecht mit dem Knittel zu vertheidigen, aber die Landjäger zogen vom Leder, ſchlugen ihn nieder und legten ihm Handſchellen an. Während Vroni, die nun bald in's Kindbett kommen ſollte, von dem einen nach dem Hühner⸗ hubel gebracht wurde, führte der andere den Fideli vor den Präſidenten. Dieſer war mit ſeinem Spruche bald im Reinen. Aus dieſem Paragraphen und jenem Artikel war es ihm ein Leichtes heraus zu deduciren, daß Fidelis Ehe eine ungültige, daß Vroni nicht ſeine Frau ſei, daß ihre Kinder uneheliche würden, und daß alſo der Gemeinde, in welche Fideli einge⸗ theilt worden, das unwiderſtreitbare Recht zuſtehe, die Leute auseinander zu treiben.„Ob vielleicht auch im Geſetze ſtehe, daß nur die Bürger ein Herz im Leibe haben dürften, die Eingetheilten aber keines?“ meinte Fideli, half ihm aber nichts. Zur Strafe ſeiner Widerſetzlichkeit gegen die Behörden wurde er dann noch vom Präſidenten in die Gemarkung ſeiner Ge⸗ meinde eingebannt und ihm eröffnet, wenn er den Bann zu brechen wagen ſollte, ſo würden noch ſchärfere Strafen ſeiner warten. Was ſollte Vroni ſchutz⸗ und hülflos beginnen, wenn ſie nun bald in's Kindbett kam? Des andern Tages ſchon hatte er ſeinen Bann gebrochen. Er ward angezeigt und dießmal 207 lautete die Strafe: Drei Wochen in's Loch.— In einem fin⸗ ſtern Gaden auf einem Strohſack hielt Vroni Kindbett. Kein freundlicher Blick ermunterte ſie, kein wohlmeinend Wort ſtärkte ſie; ſie ward getränkt mit Spott und genährt mit Schande, indeß Fideli in ohnmächtiger Wuth an den eiſernen Fenſter⸗ gittern ſeines Gefängniſſes rüttelte. Wenn in finſtern Nächten die Winde und die Wolken unheimlich kämpfen, wenn es hoch oben in den Klüften der Berge ſchauerlich tost, aber unten heiß und brütig kein Blätt⸗ chen ſich regt, da rufen bang die Nachtvögel im Walde und ängſtlich heulen die Hunde. Aber über die Augen der Menſchen lagert ſich ein bleierner Schlaf.„Mach auf, Vroni, mach mir auf!“ Vroni ſaß auf dem harten Strohſack und tränkte ihr Kind und wuſch es mit Thränen.„Mach auf, Vroni! Leg deine Kleider an, du mußt mit mir!“—„Was ſoll ich mit dir? Morgen treiben ſie uns wieder auseinander; ſie ſagen ja ich ſei kein ehrlich Weib und unſer Kind ein unehelicher Balg.“ —„Mach dich fertig, ſag ich dir! Wo ich dich hinführe, dort gelten ihre Geſetze nicht, dort biſt und bleibſt mein ehrlich Weib, und unſere Kinder ſind rechte Kinder, und der Segen, der über uns geſprochen wurde zu St. Peter in Rom, gilt dort als ein beſſerer, als irgend eines Pfarrherrn ſeiner.“ Fideli hatte einen Korb mitgebracht, den band er dem Vroni auf den Rücken und bettete darin ſeinem Kinde, ſo wie ihm ſelbſt einſt gebettet geweſen auf des Lienhards Keßlerkiſte. Was ſonſt ſeine und Vronis Habſeligkeiten waren, das lud er ſich ſelber auf, und nun gings durch die dichte Finſterniß leiſe zum Dorf hinaus. Aber nicht nach der Strohhütte im Schachen, wo die vielen Weiden ſtehen, wandte dießmal Fideli ſeine Schritte. Gleich vor dem Dorf ging er in den Wald, hinter ihm Vroni mit dem Kind; dann aufwärts durch Ge⸗ ſtrüpp und Holz über Fels und Steg, immer dem Berge zu. 208 Der Tag graute eben, als ſie den Gebirgsweg hinanſtiegen, der vom Niederamt in's Frikthal hinüberführt. Obererlinsbach aufwarts, wo die Kapelle ſteht, hemmte er ſeine Schritte. Die Kapellenmauer war friſch getüncht; ein paar Zeichen mit Roth⸗ ſtein waren darauf zu ſehen, ein Nagel, ein Pfeil mit magerem Gefieder, der aufwärts wies. Als Fideli dieſe Zeichen geſehen, ſchritt er mit friſchem Eifer bergan, ihm auf dem Fuße folgend Vroni mit dem Kind. Oben auf dem Berg ſteht der Maß⸗ holderbaum und abſeits davon kommt man auf unwegſamem Pfade zum Keßlerwitteli, wo die böſen Geiſter gehen und die Hexen tanzen in der Johannisnacht. Unter einer uralten Maic S 209 Schirmtanne flackert ein Feuer, über dem ein Keſſel hängt. Ein alt runzlicht Keßlerweib wirthſchaftet daran. An die Schirmtanne gelehnt ſitzt ein Alter mit ſchneeweißem Haar, das ihm borſtig vom Kopfe ſteht. Ein jüngerer mit zünd⸗ rothen Borſten, im übrigen des Alten treues Ebenbild, zündet eben die halbverkohlte Ulmerpfeife am Feuer an. Ueber dem Scheerenſchleiferrad, das bei Seite ſteht, hängt ein Kittel von flaſchengrünem Sammt. „Gelobt ſei Jeſus Chriſt, alter Naglerhans!“ grüßt Fi⸗ deli.„In Ewigkeit,“ erwidert der Alte und hält die Hand über die Augen, um ſchärfer nach dem Ankömmling zu ſchauen, während der Rothborſtige mit mißtrauiſchem Blick nach dem Knittel greift, der am Baume lehnt.—„Kennſt du den Fideli nicht mehr, alter Naglerhans, den der Lienhard einſt um den Pudelhund eingetauſcht? Iſt's dir recht und dem Marey und dem Sepp, ſo nehmt mich wieder in euere Bande auf, und mein Vroni dazu.“ ———— 210 In demſelben Verlage iſt erſchienen und in allen ſoliden Buchhandlungen zu haben: Gedi edichte. von Eduard Döſſekel. Miniatur⸗Ausgabe. geb. Preis fl. 1. 48 fr. Thlr. 1. 6 ngr. geb. in vergoldeten Decken und mit Goldſchnitt fl. 2. 24 fr. Thlr. 1. 15 ngr. durch ſeine in verſchiedenen ſchweizeriſchen Almanachen zer⸗ bekannt, bringt in dieſer Sammlung, mit Aus⸗ nahme einiger Gelegenheitsgedichte, meiſt lyriſche Gedichte: Schilderungen von Naturſchönheiten, heitere Gemälde aus dem Familienleben, Reiſebilder, Liebes⸗ lieder und poetiſche Genrebilder bilden den Inhalt. In allen Gedichten ſpricht ſich die reine poetiſche Seele, der natürliche Schönheitsſinn, die Freude an den Reizen der Narur und die ächt vaterländi⸗ ſche Geſinnung des Verfaſſers aus Der Vers iſt fließend, ohne an die bizarren Künſteleien der neuern Schulen zu ſtoßen. Der Ton des Ganzen erinnert an die jugendkräftige, markige Manier von Gottfried Keller⸗ Antipanperismus oder prinzipielle Organiſation aller Lebensverhältniſſe zu Unterſtützung der Bedürftigen und zu Verminderung menſchlichen Elends. r leidenden Menſchheit gewidmet von Ferd. Fried. Zyro in Vern. Preis fl. 2. 6 kr. Thlr. 1. 6 ngr. Die Armenfrage oder die Sache des Pauperismus iſt unter den bedeutend⸗ ſten Aufgaben der bürgerlichen Geſellſchaft eine der wichtigſten: Der Verfaſſer iſt, wenn durch irgend etwas, ſo gewiß durch ein 25jä hriges Amtsleben, theils als Seelſorger und Armenpfleger, theils als Lehrer der praktiſchen Theologie berechtigt, ein Wort zu dieſer hochwichtigen und ſchwierigen Sache zu reden, und zwar, wie er ſelbſt in dem Vorwort ſagt, frei und offen, ohne Rückſicht auf Menſchenlob und Menſchentadel, einzig ſeiner Anſicht und Ueberzeugung folgend, keiner politiſchen Partei verbunden, unabhängig⸗ Der Verfaſſer, ſtreuten Poeſien ſchon rühmlich Allen Freunden de 8. geh. 25 Bogen. „ Dehrbu des franzöſiſchen Strafprozeſſes von E. H. Höchſter, Dr. jur., Advokat am rheiniſchen Appellationsgerichtshofe zu Cöln und Dozent des franz. Rechts an der Hochſchule zu Vern⸗ gr. 8. geh. 38 ½ Bogen. Preis fl. 5. Thlr. 3. Der berühmte Mittermaier ſagt in den Heidelberger Jahrbüchern Fol⸗ gendes über dieſes ausgezeichnete Werk: „Als beſondere Vorzüge der Schrift erſcheinen uns eine große Klarheit „der Darſtellung, eine gute ſyſtematiſche Anordnung der einzelnen Lehren „und eine feine Zergliederung der geſetzlichen Beſtimmungen, und der durch „die Rechtsübung eingeführten Einrichtungen. Da der Verfaſſer überall auch „die ergangenen Rechtsſprüche des Pariſer, ſowie des Berliner Caſſationshofs „angibt, ſo wird der Werth ſeiner Darſtellung noch erhöht. Der Zweck der „Schrift iſt darauf gerichtet, ebenſo dem angehenden Juriſten eine ſichere „Anleitung für das praktiſche Verfahren zu gewähren, als dem Praktiker eine ſchnelle Ueberſicht der verſchiedenen Streitfragen zu geben. Man muß geſte⸗ „hen, daß der Verfaſſer ſeiner Aufgabe treu geblieben iſt und ſeinen Zweck „erreichen wird. Der Verfaſſer hat in allen dieſen Rückſichten die Materialien „benützt und ſo mit guter Benützung der Aus ſprüche des franzöſiſchen und „des Berliner Caſſationshofs eine ſo tief in die Einzelnheiten des Verfahrens „eingehende Darſtellung gegeben, daß vielleicht kaum eine ahnliche vorgelegt „werden kann; ſo enthält ſeine Schrift gute Erörterungen über Punkte, die „der Code höchſtens andeutet, und welche nur durch den Gerichtsgebrauch „richtig erkannt werden können, z. B. S. 399§ 267 über Sachverſtändige, „S. 409 über das Reſume, S. à12— 22 über Klageſtellung, und zergliedert „mit Feinheit und praktiſchem Sinne höchſt ſchwierige, gewöhnlich anderswo „gar nicht dargeſtellte und im Geſetzbuche übergangene Punkte, z. B.§ 288 „bis 289 über das Berichtigungsverfahren der Wahrſprüche, S. 460 über die „Auslegung ergangener urtheile der Geſchwornen⸗ „Das vorliegende Werk darf daher als ein ſehr brauchbares empfohlen „werden und verdient ſelbſt in einer Ueberſetzung zur Kenntniß der Franzoſen „gebracht zu werden.“ Höchſter's Lehrbuch des franzöſiſchen Strafprozeſſes wird ſomit nicht nur den angehenden Juriſten, ſondern auch dem Pra k⸗ tiker aufs Beſte empfohlen. 212 as ſchweizeriſche Eiſenbahnnetz und ſeine national⸗ökonomiſche, politiſche und ſociale Bedeutung. Dargeſtellt von C. Morel. Mitl ſchweizeriſchen Eiſenbahnkarte. 8. geh. 7 Bog. Preis fl. 1. 12 kr. Thlr.— 21 nugr. Die hochwichtige Frage ſchweizeriſcher Eiſenbahnen wird in dieſer Schrift gründlich und allgemein verſtändlich erörtert; folgendes iſt ihr Inhalt: Ueber Transportmittel im Allgemeinen.— Allgemeiner Nutzen der Eiſenbahnen.— Vortheile der Eiſenbahnen für die Landwirthſchaft. — Vortheile, welche die Eiſenbahnen dem Handel und den Gewerben bringen— Wohlthätiger Einfluß der Eiſenbahnen auf das geiſtige, geſel⸗ lige und nationale Leben des Volkes.— Vortheile, welche die Eiſenbahnen für den Staat und die Staatsverwaltung haben.— Tranſit.— Einige Beiſpiele.— Einfluß der Eiſenbahnen auf die übrigen Verkehrsmittel.— Das Eiſenbahnnetz.— Ueber die allgemeine Ertragsfähiskeit ſchweizeriſcher Eiſenbahnen— Wer ſoll die Bahn bauen? Die dieſem Büchlein zu beſſerm Verſtändniſſe beigegebene ſehr ſchöne und genaue Schweizerkarte enthält die bereits gebauten und im Bau begriffenen nach der Schweiz ausmündenden Eiſenbahn⸗ linien, ferner die von den Experten ſowohl als auch die vom Bunn des⸗ rathe vorgeſchlagenen ſchweizeriſchen Bahnen. Druck von J. Gaßmann, Sohn, in Solothurn. —.— .— —————— ——õ—— WHonu] Co ur& Grey Sortrol Ghart aue Green Vellow Hed Magenta