Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſi ſiſcher Literatur Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und LCeſebedingungen 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothet ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonpement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— auf 1 Monat: 1 Mk. Pf. 1 Mr 50 Pf. 2 Mr. Pf 3 2— 3 1 4—„ Auswärtige Avonnenten haben für Hin⸗ und Zuruckſendung ucher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen 6 Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und defecte Buͤcher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 1 Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bucher nicht ſtattfinden darf, indem ejenigen, welche die ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. do ſl ——— Das Schloss Montillo. Roman in zwei Theilen. 1 (Frei nach dem Engliſchen.) ——— Bon F. T. HNadats. ——— 4 Erſter Theil⸗ ————— Biſt du irgend was? Biſt du ein Gott, ein Engel oder Teufel, 2 Der ſtarren macht mein Blut, das Haar mir ſtraͤubt? Gib Rede, was du biſt. 1 Julins Caͤſar. Leipzig, 1824. Im Induſtrie⸗Comptoir. ———————— Inhalt des erſten Theils. Erſtes Kapitel. Der Unbekannte,— die Helden der Geſchichte,— Almira— die Verſchleierte,— und die Feuersbrunſt. S. 3. Zweites Kapitel. Der Kahn,— Wind und Wolken,— Donner und Blitz,— die Ruinen, der Dolch,— die Erſcheinung im Hohlwege — der Nachtwandler und— das Portrait.— S. 23. Drittes Kapitel. Der Leibarzt des Kaiſers von China,— der Wirth,— der Son⸗ derling,— das Syſtem der Cabala,— die Prophezeiung — der geſpenſtiſche Soldat,— die Wanderung um Mit⸗ ternacht,— das Gaſtmahl im Walde und— das Zweigeſpraͤch. S. 44. Viertes Kapitel. Rettung in der Noth,— das gothiſche Gebaͤude,— Padillas kurze Biographie,— der Traum— der alte Gonzalez— die Gemaͤldegallerie und— die Erzählung. S. 69. Fuͤnftes Kapitel. Fortſetzung der Erzaͤhlung— und die geheimnißvolle Stimme. S. 96. Sechstes Kapitel. Die Lieblingsgrotte,— das wandernde Licht,— das beweg⸗ liche Bild,— der Meuchelmoͤrder,— Uebereilung und Verfolgung,— die große Halle,— die Erſcheinung im Mondenlicht,— das Nachtlager auf der Wendeltreppe,— das Traumbild und— der Kirchhof. S. 113. IV Siebentes Kapitel. Angſt und Schrecken,— hoͤchſt unerwartet,— der Streit,— die Ohnmacht,— der Lichtſtrahl,— geheime Unterredung,— das wandelnde Meteor,— die Kapelle,— die Famtlliengruft, — und der Sarg. S. 137. Achtes Kapitel. Das Liebesgeſtaͤndniß,— der ſchwarze und der weiſe Ritter,— Geſchichte des weſtlichen Schloßfluͤgels,— die Einladung,— die Geſtalt aus dem Grabe,— und der Abſchied. S. 168. Neuntes Kapitel. Abentheuer auf der Reiſe,— der Eſel und das Maulthier,— * Die Naͤuberhoͤhle,— das Gaſthaus im Walde,— die Fen⸗ ſterkanonade,— der Dom zu Calatrava,— der Vermummte,— die Blutstropfen und— die Warnung. S. 190. Neuntes Kapitel b. Neues Abentheuer,— das Complot,— der Ueberfall,— der Piſtolenſchuß, die Gaͤrten zu Aranjuez,— der Unſichtbare— und die Flammenſchrift. S. 219. Zehntes Kapitel. Ein Beſuch aus der Geiſterwelt,— der Todtenfall,— der Brief,— Raolos Reiſe— und deren Folgen. S. 243. Elftes Kapitel. Kloſterleben. S. 278. ———ꝛ—:—— ᷣ Das s Schloß Montillo. tbare— 5 Erſter Theil Erſtes Kapitel. Der Unbekannte,— die Helden der Geſchichte,— Almira, die Verſchleierte, und— die Feuersbrunſt. Kaum waren die letzten Strahlen der ewig glaͤn⸗ zenden Sonnenblume im heitern Blau des Him⸗ mels vergluͤht, als rauſchende Muſiktoͤne aus dem Pallaſte des Herzogs von Alkantara zur Ver⸗ herrlichung ſeines Geburtstages in die dunklen Luͤfte klangen. Alle bedeutenden Perſonten von ganz Madrid waren zu dem Feſte geladen, das in dem hoͤchſten Geiſte der kaſtilianiſchen Prachtlie⸗ be und Gaſtfreiheit ſo glänzend gefeiert wurde, daß man noch nie etwas Aehnliches zu Ma⸗ drid geſehen hatte. Die Nacht war ſo freundlich und mild, wie ſie es in dem ſuͤßen Wechſel des Fruͤhlings mit dem Sommer nur immer ſeyn konnte. Sanft we⸗ hende Winde durchſtrichen den Park und trieben die wuͤrzigſten Wohlgeruͤche durch das feine Flor⸗ 1* 4 gitter, das die Gartenhalle gleich leichtem Nebel umgab, in der die Taͤnzer in bunten Kreiſen, wie auf Windesfirtigen, dahin flogen. Die koſt⸗ barſten Geſchmeide erglaͤnzten im Flammenlichte unzaͤhliger Kerzen, waͤhrend die herrlichſten vene⸗ tianiſchen Glaswaͤnde ihre Strahlen tauſendfach vervielfaͤltigten und die mannichfachſten Gruppen wiederſtrahlten, die ſich unaufhoͤrlich im bunten Gewuͤhle herumtrieben, und gleich magiſchen Bil— dern dahinſchwanden. Eben hatte der Jubel gegen die Mitte des Feſtes den hoͤchſten Gipfel erreicht und laͤrmende Muſiktoͤne ſich rauſchend durch den Saal verbrei⸗ tet, als ein Fremder ein wunderſchoͤnes Maͤdchen, deren Beſcheidenheit die forſchenden Blicke der zahlreichen Geſellſchaft nur ſehr ungern zu ertra— gen ſchien, am Arme fuͤhrend in den Saal trat. Duͤſterer Ernſt lag auf der Miene dieſes Mannes, der in einem Alter von ſechszig Jahren zu ſeyn ſchien, die verworrenſten Leidenſchaften und Ge⸗ fuͤhle verzerrten ſeine Geſichtszuͤge, und mit wild⸗ rollenden Augen blickte er umher, waͤhrend ihm ſelbſt der Ort der Freude mit aller ſeiner Pracht nicht das geringſte Laͤcheln abgewinnen konnte. Noch hatte er nicht die Haͤlfte des Saales durchſchritten, ſo ruheten ſchon die Blicke der gan⸗ zen de au gen der e los Kaur derte de b. halte Frew ſeine Arm von gleich welch ſcho ſchuͦ gleit auf lich jett dru⸗ 5 zen Verſammlung mit der geſpannteſten Neugier⸗ de auf ihm, als er jetzt auch zufaͤllig an den jun⸗ gen Marquis Albertt de Denia voruͤberging, der eben mit ſeinem Freunde, dem Marquis de los Velos im eifrigen Geſpraͤche begriffen war. Kaum hatte ihn Denia aber erblickt, ſo ſchau⸗ derte dieſer auch ſchon fuͤrchterlich zuſammen, wur⸗ de bleich und konnte ſich nur mit Muͤhe aufrecht halten.— Ohne jedoch die ploͤtzliche Veraͤnderung ſeines Freundes zu bemerken, wendete de los Velos ſeine Blicke nach dem engelſchoͤnen Maͤdchen am Arme jenes raͤthſelhaften Fremden, und wurde von ihren Reizen ſo ſehr uͤberraſcht, daß er gleichſam unwillkuͤhrlich in die Worte:„Himmel! welch reizendes Geſchoͤpf!“— ausbrach.; Noch hatte er aber nicht geendet, als die ſchoͤne Fremde ihren Voile zuruͤck ſchlug, einen ſchuͤchternen Blick uͤber die Verſammlung dahin gleiten ließ, waͤhrend ihre Augen einige Minuten auf den beiden Freunden ruhten, wobey ſich ploͤtz⸗ lich ſichtbare Verlegenheit auf ihrem Antlitz zeigte. Unendlich uͤberraſcht rief de los Velos jetzt neuerdings:„Gott im Himmel! Welch' aus⸗ drucksvolles Geſicht, welch himmliſches Auge!— 6 verbunden mit jenem bezaubernden Laͤcheln, als ihre Blicke auf mich gerichtet waren?“ „Wovon ich wenigſtens nichts bemerkte!“— verſetzte Denia mit geſaßter Miene.„ Nichts be⸗ merkte?— Bey Gott! Du biſt entweder eifer⸗ füchtig, oder warſt blind!“— lachte de los Velos. madfe alle Faͤlle werde ich mich aber um die Gunſt dieſes Engels bewerben.“— „So wiſſe denn, daß ſie laͤngſt ſchon ver⸗ ſagt iſt!“— entgegnete Denia mit ruhigem⸗ Tone. „Wie! verſagt?“ ſchrie Antonio mit Be⸗ ſtuͤrzung.„Sage mir doch um des Himmels willen! an wen? und angenblicklich will ich ihn heraus⸗ fordern!“— „Ich fuͤrchte, Deine Willfaͤhigkeit, fuͤr die Dame zu ſechten, wird ſchlechten Lohn erndten—“ laͤchelte Denia.„Glaube mir, Dein Nebe nbuh⸗ ler iſt Dir weit uͤberlegen, ſeine Anſpruͤche ſind ſo gewichtig, daß ſich ihnen keine Gewalt der Er— de widerſetzen kann.“— „Wie? Du kennſt die Verhaͤltniſſe dieſes En⸗ gels— kennſt meinen Nebenbuhler!“— ſchrie Antonio.„Oh, ſo mache mich doch um des Himmels willen mit ihr bekannt, und nenne mir ihren Namen!“— —— er r⸗ e m 7 „Weder das Eine no s Andere iſt mir erlaubt. Nichts befremdet mich uͤbrigens mehr, als jenen muͤr⸗ riſchen Fremden, deſſen Aeußeres ſchon hinreichend iſt, alles um ſich her zu verduͤſtern, an dieſem Orte der Freude zu finden. Geh' Antonio! ſuche Dir einige luſtige Gefaͤhrten, und vergiß bei ih⸗ nen Deine Liebe und jenes Fremdlings, den Du heute gewiß zum erſten und letzten Male ſahſt. Wiſſe denn, daß Don Tevaro Padilla, jener auffallende Fremde, ſeine Tochter fuͤr das Kloſter beſtimmte. „Was der muͤrriſche Sonderling gewiß nicht ausfuͤhren ſoll;“— meinte Antonio—„ſo⸗ bald ich dem Maͤdchen meine Hand ſammt meinem Range, meinen Titeln und Guͤtern antrage. 4 „Freund!“ verſetzte Denia mit einem tie⸗ ſen Athemzuge,—„wuͤrdeſt Du jenen fuͤrchter⸗ lichen Fremden, deſſen ſtoͤrriſche Miene bloß der kleinſte dunkle Wiederſchein ſeines ſchwarzen Her⸗ zens iſt, an deſſen Gewiſſen ein ſchreckliches Ver⸗ brechen unaufhoͤrlich nagt,— naͤher kennen, ſo waͤre ich verſichert, Du koͤnnteſt ſelbſt nicht die geringſte Hoffnung hegen.““ „Verbrechen! ſun⸗ Du?“— ſchrie de los Velos.„Oh, ich beſchwoͤre Dich bei unſerer Freundſchaft, mir die Geſchichte jenes raͤthſelhaften 8 Sonderlings zu eroͤffnen, deſſen Perſon mich un— begreiflich intereſſirt. Nenne mir den Namen je— nes Verbrechens.“— „So gern ich Deinen Wunſch erfuͤllen moͤch⸗ te“— verſetzte Denia—„ſo mußt Du ſelbſt geſtehen, daß hier gewiß der Ort nicht iſt, Dir ein Verbrechan zu eroͤffnen, welches die Seele je— nes Mannes mit geſpenſtiſchem Zagen erfuͤllt, ſei— nen innern Frieden in quaͤlende Unruhe verwan— delt, und ihm die Furchen des Unmuths auf die Stirne graͤbt. Ueberhaupt wuͤrde ich Dir durch die Bekanntſchaft mit jenem Menſchen einen ſchlech⸗ ten Dienſt erzeigen; haſt Du aber trotz meinen Worten noch immer Luſt, dieſen raͤthſelhaften Sterblichen naͤher kennen zu lernen, ſo verſuche ſelbſt Dein Gluͤck.“— Kaum hatte er jetzt geendet, ſo ſprang er ploͤtzlich im groͤßten Unmuthe empor und verließ ſo ſchnell als moͤglich den Saal, ohne ſich um Antonio ferner zu bekuͤmmern,der voll Zwei⸗ fel und Beſtuͤrzung zuruͤckblieb. Denias Wor⸗ te hatten ſeine Neugierde auf den hoͤchſten Grad geſpannt, und erregten den ſehnſuͤchtigſten Wunſch in ſeinem Innern, mit dem ſonderbaren Alten und der bluͤhenden Jungfrau in genaue Beruͤhrung zu kommen. — nen j Unter zurͤc kannt ſchaffe mit d hat mit d kalter nicht, an d wolle chenſe wiede freun wurd nach achte den W —— — —— — 2 9 Marquis de los Velos wear einer von je⸗ nen jungen feurigen Maͤnnern, die ſich in ihren Unternehmungen nicht leicht durch irgendetwas zuruͤck halten laſſen. Feſt entſchloſſen, ſich die Be⸗ kanntſchaft des intereſſanten Unbekannten zu ver— ſchaffen, draͤngte er ſich jetzt an Don Padilla mit dem Ausdruck der groͤßten Achtung, und er— bat ſich in den gewaͤhlteſten Worten die Ehre, mit der jungen Dame tanzen zu duͤrfen; doch mit kalter Miene verſetzte Padilla:„Sie tanzt nicht, Senor!“— „Uund doch beſuchtet Ihr dieſen Ort, ohne an dem allgemeinen Vergnuͤgen Theil nehmen zu wollen!“— „Wofuͤr ich Euch— Senor! wohl keine Re— chenſchaft ſchuldig bin, wie ich hoffe!“— er— wiederte Padilla mit barſcher Stimme. Obgleich Antonio durch Tevaros un⸗ freundliche Antworten nicht wenig verſchuͤchtert wurde, ſo ſchoß er doch die zaͤrtlichſten Blicke nach der Dame, die ein tiefes Schweigen beob⸗ achtete, ohne es zu wagen, ihre Augen vom Bo— den zu erheben. Erſt nach einer Pauſe verſuchte Antonio das Geſpraͤch von Neuem anzubinden, und fragte mit halb ſchwankender Stimme: „Wohnt Ihr zu Madrid? Senor!“— Mit 2 K ₰ 10 der finſterſten Miene erwiederte Padilla; aber: „Wahrlich Ihr ſeyd ſehr neugierig, junger Mann. Wiſſet Ihr, wer ich bin?“— „Noch bin ich nicht ſo glncklich;“— ver⸗ ſetzte Antonio mit leiſer Stimme.„ Aufrichtig geſtanden— wuͤnſchte ich wohl zu wiſſen—“ „Was ich Euch nicht zu ſagen Willens bin“— fiel ihm Padilla mit geſteigertem Un⸗ willen in die Rede. Voll Aerger uͤber die fehlgeſchlagene Hoffnung blickte Antonio jetzt in das zuruͤckſchreckende Ge⸗ ſicht des muͤrriſchen Sonderlings, und wollte ſich beſchaͤmt zuruͤckziehen, da fielen ſeine Blicke aber ploͤtzlich auf die ſchdne Unbekannte. Kaum glaub⸗ te er ſichtbares Mißvergnuͤgen, und ſchmachtende Trauer uͤber die Unart ihres Vaters auf ihrem himmliſchen Antlitze zu bemerken; ſo blieb er aber wie eingewurzelt am alten Platze ſtehen, unde ſag⸗ te mit zudringlicher Hoͤflichkeit:„Verzeiht, Se⸗ nor! da ich Euch hier fremd glaubte, wollte ich meine Dienſte anbieten, und wuͤrde mich gluͤcklich geſchaͤtzt haben, Euch bey Hofe einzufuͤhren.“ „Und wer ſagte Euch, daß ich dort erſchei— nen will. Mich duͤnkt, Ihr ſeyd ungemein Vorei⸗ lig!“— verſetzte Padilla mit vom Zorne kreiſchender Stimme, und warf, das Geſicht weg⸗ 9 9 den v de G rionen — 11 einen ſo fuͤrchterlich ſtrengen Blick auf⸗ das Geſpraͤch fort⸗ wendend, Antonio, daß jeder Verſuch, zuſetzen, vergeblich war. Beſchaͤmt und verlegen verbeugte ſich de los Velos endlich gegen die Dame und begab ſich auf die entgegengeſetzte Seite des Saales, waͤh— rend die ſonderbarſten Gedanken und Ideen uͤber den verſchloſſenen Ernſt des Vaters und die mil⸗ de Guͤte der rionettenſpiel an ſeinem Tochter wie ein wanderndes Ma⸗ innern Auge voruͤberzo⸗ gen. Lange ſaß Antonio noch in Gedanken ſchoͤne Un⸗ bekannte wenigſtens mit ſeinen Blicken zu beglei⸗ vertieft, bis er endlich empor ſah, die ten. Leider! war ſie aber ſammt dem muͤrriſchen Greis ploͤtzlich aus dem Saale verſchwunden. Voll Mißmuth und Furcht, die herrliche Engelsgeſtalt nicht wieder zu ſehen, eilte er, ſo ſchnell ihn ſei⸗ ne Fuͤße trugen, nach der Whiee elchen 2 ſie — nen der Gaͤſte mit der Frage: genommen haͤtten? losſtuͤrzte. „Gegen die Mitte des Parks“— veeſſetzte der Gefragke waͤhrend Anronio, ohne auf die weitern Umſtaͤnde zu hoͤren, mit gieriger Eile nach dem Garten rannte. Mit haſtigen Schritten eilte er nach dem be⸗ eichneten Orte und bemerkte beim ſchwachen Mond⸗ wo er auf ei⸗ ——.[—— 12 denſchimmer wirklich eine weibliche Geſtalt in der Ferne, die er dem Aeußern nach fuͤr ſeine ſchoͤne Unbekannte hielt, obſchon ſie jetzt einen Schleyer trug, der bis an den Boden reichte. Zitternd vor Wonne eilte er auf ſie zu und ſprach:„Bei Gott— Donna! das Gluͤck erweiſet mir eine Gunſt, die ich von ſeinen Haͤnden nimmer zu er⸗ langen hoffte. Schon glaubte ich mich jeder Ge— legenheit beraubt, Euch wieder zu ſehen, und bin nun ſo gluͤcklich, Euch wenigſtens auf einige Augen⸗ blicke ohne Zeugen ſprechen zu koͤnnen.“— „Ihr ſeyd ungemein verbindlich, Senor!“— ſagte die Dame. „Welchem Manne waͤre es moͤglich, bei Eu— ren Reizen— ſchoͤne Donna! gleichguͤltig zu blei— ben. O, waͤrve es mir doch vergoͤnnt, die Reize, die nun ein laͤſtiger Schleyer verdeckt, noch ein⸗ mal zu bewundern, bevor ſie ſich in die traurige Stille des Kloſters begraben.“— „Des Kloſters?“— ſchrie die Fremde. „Wahrlich, Senor, Ihr ſeyd im Irrthume. Noch nie kam mir der Gedanke, mich in die Mauern jenes verdienſtloſen Kerkers lebendig zu begra⸗ ben.“ „Und verbergt Eure Reize dennoch hinter je⸗ nem neidiſchen Voile!“— erwiederte Antonio. —— laͤngſt unbek auch ſam fuͤrch Vutt Zeitv du ſ des? nach blaſſe uͤber den der Kopf gen holt tͤmr 13 „Weil ihr Maͤnner mit euren Artigkeiten nie freigebiger ſend, als wenn uns ein Schleyer vor eurer Neugierde verbirgt. Glaubt mir— Senor! die Schoͤnheit iſt nur dann am maͤchtig— ſten, wenn ſie bloß geahnet wird;“— verſetzte die Verſchleyerte und ſchlug den Voile zuruͤck. Kaum hatte Antonio aber das abgezehrte, laͤngſt verbluͤhte, haͤßliche Geſicht einer ihm ganz unbekannten alten Dame erblickt, ſo taumelte er auch ſchon einige Schritte zuruͤck, und ſchrie gleich— ſam unwillkuͤhrlich:„Gott im Himmel! welch' fuͤrchterliche Fratzenlarve!“— waͤhrend er vor Wuth uͤber den ſchrecklichen Irrthum und ſeinen Zeitverluſt nach dem Dunkel des Gartens ſtuͤrzte. Zu ſehr verſtimmt, um an dem rauſchenden Laͤrm des Tanzſaales Behagen zu finden, ſchlenderte er nach dem abgelegenſten Theile des Parkes. Der blaſſe Mond ſtreute ſeinen glaͤnzenden Schimmer uͤber die bunten Beeten, kein Luͤftchen rauſchte in den Zweigen, und unterbrach die heilige Ruhe der Natur. Laͤngſt hatten die Voͤgel ſchon die Koͤpfe zwiſchen die Fluͤgel geſenkt, tiefes Schwei⸗ gen herrſchte ringsumher, als er ploͤtzlich wieder⸗ holtes Angſtgeſchrei vernahm und verwirrtes Ge⸗ tuͤmmel erſcholl. 1 14 Neugierig wendete er ſich jetzt nach der Ge⸗ gend, aus der das Geſchrei ertoͤnte, und erblickte den Tanzſaal in Flammen. Blitzesſchnell eilte er nach dem Saale, wo er ſaͤmmtliche Gaͤſte in der groͤßten Verwirrung fand. Mit unnennbarer Kraft riß er einen der Fenſterfluͤgel, der bis auf den Boden reichte, aus ſeinen Fugen und ſtuͤrzte in den Saal; fand die Gefahr aber nicht halb ſo groß, als er gedacht hatte. Gluͤcklich genug hatte die Flamme bloß einige hoͤlzerne Waͤnde nebſt ei— nem Theile des Florgitters ergriffen. Kaum in den Saal gedrungen, war der Mar⸗ quis von Denia der erſte, der ihm in die Au— gen fiel, und unendlich uͤberraſcht durch die aber— malige Gegenwart ſeines Freundes, den er ſchon laͤngſt entfernt glaubte, wollte er ſich eben durch das Gedraͤnge zu ihm hinarbeiten, als er die ſchoͤne Fremde, die er noch vor Kurzem vergeblich im Garten geſucht hatte, auf einem Sopha ohn— maͤchtig hingeſtreckt ſah. Mit Rieſenkraft draͤngte er ſich augenblicklich zu dem Maͤdchen, deren Sinne von dem heftigen Schrecken gaͤnzlich betaͤubt waren, und faßte ſie ſo ſchnell als moͤglich in die Arme, um mit der ſuͤßen Buͤrde freien Durchzug nach dem Andgan⸗ ge zu gewinnen. Leider! war es ihm aber un— moͤgli nen. Zuſta Still endlie durch wund 15 moͤglich, ſich einen Weg durch den Tumult zu bah⸗ nen. Mohrere Frauen befanden ſich in gleichem Zuſtande, waͤhrend Antonio zum peinlichſten Stillſtande gezwungen wurde, bis ihm Denia endlich zu Huͤlfe eilte, und die Beſinnungsloſe durch ſeinen Beiſtand nach den Garten gebracht wurde. Hier kaum angelangt, ſchlug ſie die Augen auf, blickte mit der ſanfteſten Miene nach Al— bert de Denia und ſagte mit einem Tone voll der zarteſten Weichheit:„Wie? Senor! Ihr ſeyd mein Retter, dem ich ſo viel zu danken ha⸗ be.— Oh, ſprecht um des Himmelswillen! wo iſt mein Vater?“— „Beruhigt Euch, Almiral“— verſetzte Albert.„Don Padilla war nicht zugegen, als ſich das Ungluͤck ereignete. Doch wie koͤmmt es, daß Ihr noch in Madrid ſeyd, da ich Euch ſchon viele Meilen von hier entfernt glaubte?— Still und zuruͤckgezogen ſaß de los Velos noch immer neben an, und blickte voll Sehnſucht in Almirens Auge. Kaum hatte er aber die vertraulichen Worte ſeines Freundes vernommen, ſo erwachte ploͤtzlich fuͤrchterliche Eiferſucht in ſei⸗ nem Buſen. Mit dem bitterſten Tone ſagte er: „Ihr ſeyd, ſo wie es ſcheint, ſehr wohl bekannt mit Donna Almira?“ Erſt jetzt bemerkte das ſchoͤne Maͤdchen An⸗ tonios Gegenwart und liſpelte:„Wie? Se⸗ nor! Iſt dieſer Herr Euer Freund? 44 „Je nachdem er ſich betraͤgt!“— erwieder⸗ te Denia.„Ihr ſeht in ihm den Marquis Antonio de los Velos, einen Menſchen, der gewoͤhnlich ſehr leidenſchaftlich und auch jetzt auf mich ungehalten iſt, weil ich das Gluͤck mit ihm theile, euch dem Tumulte entriſſen zu haben, da er ſeit der Bekanntſchaft mit einer ihm unbekann⸗ ten Dame den rechten Gebrauch ſeines Verſtandes verlor.“ —„Haltet ein, Albert!“— ſchrie An⸗ tonio ungeduldig.„Das heißt den Spott uͤber die Maaßen treiben!“— und fuhr in dem zaͤrt⸗ lichſten Tone von der Welt gegen Almira ge⸗ wendet fort:„Da ich ſo gluͤcklich war, Euch, ſchoͤ⸗ ne Donna, wieder zu ſehen, waͤhrend mir jede Hoffnung hiezu ſchon laͤngſt entſchwunden war, ſo werdet Ihr doch gewiß nicht grauſamer als das Schickſal ſelbſt ſeyn, und mir eroͤffnen, wo und wann ich mich nach dem Befinden Eurer Geſund⸗ heit erkundigen darf.“ chen weite oͤffne ter i ne. 74 nnt 17 „Obgleich ich mich bereits von dem ploͤtzli⸗ chen Schrecken ſo hergeſtellt fuͤhle, daß ich keine weiteren Folgen befuͤrchte, will ich Euch gerne er— oͤffnen, daß ich gegenwaͤrtig ſammt meinem Va⸗ ter in dem Pallaſte des Grafen Potenza woh⸗ ne.“— verſetzte Almira mit leiſer Stimme. Zufaͤllig ſah Antonio jetzt nach dem Salon, wo noch vor Kurzem tauſende von Lichtern brann⸗ ten, und nun ein einziges ſeinen ſparſamen Schim⸗ mer verbreitete, waͤhrend ringsum tiefe Ruhe herrſchte.„Ah, welch ſchrecklicher Contraſt bie⸗ 174 tet der jetzige Augenblich ſagte er mit einem Seufzer.„Noch iſt es kaum eine Stunde, und das Ganze war eine Scene der glaͤnzendſten Ver⸗ ſchwendung, der laͤrmendſten Freude. Keine See⸗ le weiſſagte ſich den Vorfall, der alles in Ver⸗ wirrung und Angſt ſtuͤrzte. So geht es aber auch im wirklichen Leben. Nur zu oft erfreuen wir uns der nahen Gefahr unbewußt am Rande des fuͤrchterlichſten Abgrundes.“— Unwillkuͤhrlich ſchauderte Almira bei An⸗ tonios Worten zuſammen. Ein tiefer Seufßer beſtaͤtigte die Wahrheit des Geſagten, waͤhrend ſie um ſich blickte, und zu ihrem Schrecken be⸗ merkte, daß Marquis de Denia waͤhrend des Geſpraͤchs verſchwunden war. Kaum hatte Au⸗ I. Theil. 2 — 18. tonio aber Alberts Abweſenheit wahrgenom⸗ men, ſo ergriff er Almirens Hand und liſpelte: „Sollte es wirklich wahr ſeyn, Donna! daß Ihr entſchloſſen waͤret, die Welt, die Ihr kaum ken⸗ in der Bluͤthe Eurer Jugend ſchon zu verlaſſen, um Euch hinter Kloſtermauern zu ver⸗ ſchließen?“— „Und ſollte Euch dieſe Wahl wirklich be⸗ fremden?“— antwortete Almira. nen lerntet, „Ich ken⸗ ne die Welt nur ſehr wenig und habe doch aus dieſem Wenigen die Fluͤchtigkeit des menſchlichen Gluͤckes nur zu ſehr erfahren.“ „Wie? Auch Ihr kennt die Sorge ſchon?“ — verſetzte Antonio und druͤckte einen leiſen Kuß auf des Maͤdchens Schwanenhand, als Pa⸗ dilla ploͤtzlich mit dem hoͤchſten Ausdrucke des Zorns vor dem erſchrockenen Paͤrchen ſtand. „Augenblicklich folge mir, Almiral“— ſchrie er mit barſchem Tone, ergriff die Hand des zitternden Maͤdchens, und eilte mit unbeſchreibli⸗ cher Haſt hinweg, ohne Antonio der geringſten Aufmerkſamkeit zu wuͤrdigen.— Laͤngſt hatte die Geſellſchaft den Garten ver⸗ laſſen, in dem jetzt tiefe Stille herrſchte. Auch Antonio that endlich daſſelbe mit Vorſatze, dem feſten ſobald der Sonnenwagen am folgenden Tage ſeinen Näthſ alten fordern blos a ſchob, greifli an un in de ver⸗ Auch Auch feſten genden 19 Tage hinter den Bergen heraef lenken wuͤrde, ſeinen Freund zu beſuchen, und uͤber ſo manches Raͤthſelhafte, das er uͤber den Charakter des alten Padilla geaͤußert hatte, Aufklaͤrung zu fordern. Obgleich er den groͤßten Theil davon blos auf Denias ſonderbare Gemuͤthsſtimmung ſchob, die von allen ſeinen Freunden als unbe⸗ greiflich erkannt wurde, da er zu gewiſſen Zeiten an unheilbarem Tiefſinne litt, waͤhrend er ſich in dem darauffolgenden Augenblicke ausgelaſſen froͤhlich zeigte; ſo konnte er doch kaum den naͤch⸗ ſten Morgen erwarten. Mit den ſonderbarſten Gedanken beſchaͤftiget, ging er jetzt durch die oͤden und menſchenleeren Straßen der Reſidenz, als er ploͤtzlich zwei ver⸗ huͤllte Maͤnner bemerkte, die in einem Winkel ſtanden, ſehr eifrig zuſammen ſprachen, und mit ſichtbarer Angſt ſcheu und ſorgfaͤltig umherblickten, waͤhrend ſich ihnen ein Dritter nahte. Kaum hat⸗ ten ſie jetzt wenige Worte gewechſelt, ſo eilten ſie mit ſchnellen Schritten auf Antonio zu, der nicht im Geringſten zweifelte, daß es Raͤuber waͤ⸗ ren, und ſie mit der Hand an dem Degengriff erwartete. „Folgt mir, Antonio de los Velos!— wiſperte einer der Vermummten mit leiſer Stimme. 2* — 20 „Warum und wohin?“— ſchrie Anto⸗ nio. „Wohin es mir geſaͤllt!“— erwiederte ein Zweiter der Fremden mit rauher Stimme und griff nach Antonios Arm. „Keinen Schritt von der Stelle!“— bruͤll⸗ te Antonio, indem er den Degen aus der Scheide zog. „Hal ha! ha!“— ſchrie der Dritte mit lautem Gelaͤchter.„Wahrlich Ihr ſeyd ein Mann von Eiſen!“— und augenblicklich erkannte An⸗ tonio die Stimme des Marquis Alberts de Denia. „Wie? Albert! Du biſt es!“— rief der Ueberraſchte—„in das Geheimniß der Nacht gehuͤllt;— und wer ſind Deine Begleiter?“ Dein Diener und der Meinige“— er— „D wiederte der Marquis.„Als ich Dich zum erſten Mal im Gartenſaagle verließ, ſchickte ich ſie auf die Spur nach Padillas Wohnung, da ich nicht hoffen konnte“, ſie ſpaͤterhin ſo zufaͤllig zu erfah⸗ ren. Willſt Du mir uͤbrigens nach meinem Palla⸗ ſte folgen, ſo ſollſt Du Dinge erfahren, die Dir den Schlaf dieſer Nacht leicht aufwiegen duͤrf⸗ ten.“— entfen in di ren nio, „8a ſchen feler jedes uner Anto⸗ derte ein me und — bruͤll⸗ aus der nitte mit in Mann nte An— erts de rief der er? dacht er!“ el⸗ um etſten h ſie auf 21 Kaum in Denias Wohnung angelangt, entfernte er die Bedienten, fuͤhrte ſeinen Freund in die innerſten Gemaͤcher und verſchloß die Thuͤ⸗ ren der Zimmer mit der groͤßten Sorgfalt. „Was ſoll dieſe Vorſicht!“ fragte Anto⸗ nio, indem er wunderbar uͤberraſcht umherblickte. „Faſt glaube ich, du willſt mir einen verraͤtheri⸗ ſchen Anſchlag eroͤffnen.“— „Keineswegs!“ erwiederte Albert mit feierlicher Miene.„Doch iſt die Sache nicht fuͤr jedes Ohr. Die Geheimniſſe des Schickſals ſind unerforſchlich; denn leider! werden wir nie erfah— ren, wo der Keim verborgener Thaten ruht.“ „Biſt du von Sinnen!“— verſetzte An⸗ tonio, indem er ſeinen Freund mit Erſtaunen anblickte.„Was ſollen dieſe Worte? Wie haͤn⸗ gen ſie mit AlmirensSchickſal zuſammen?“— Noch hatte Antonio nicht geendet, ſo brummte die Uhr des nahen Thurms die zwoͤlfte Stunde. Mit der feierlichſten Miene erhob ſich Albert ploͤtzlich vom Stuhle, und ſprach mit gemeſſenen Worten:„Antonio de los Velos, verſprecht mir bei der fuͤrchterlichen Stunde der Mitternacht, mein Geheimniß, das ich Euch eroͤff⸗ ne, zu verſchweigen. Schwoͤrt mir, es mit Euch in die Grube zu nehmen!“— — 22 „Wie ſoll ich Eure Worte deuten? Bei Gott! Ihr habt Euch ſeit wenig Minuten fuͤrchterlich geaͤndert!“— verſetzte Antonio mit ungewiſ⸗ ſer Stimme. „So bin ich ſtets“— verſicherte Al— bert—„wenn ich mich nicht verſtelle. Freſ⸗ ſendes Gift trage ich im Herzen, das mir mit grauſamer Haſt jeden Freudenbecher entreißt, fuͤhre ich ihn zum Munde. Einſt hatte ich mei⸗ nen Freund, den vertrauten meiner Seele; durch das traurigſte Geſchick habe ich ihn verloren, ſo erſetzt denn Ihr jetzt ſeine Stelle. Wollt Ihr mir daher unverbruͤchliches Schweigen geloben?“ „Da ich Euch keiner niedrigen Handlung ſchuldig weiß, auch ſelbſt niemals ein ſolcher Ver— dacht in meiner Seele ruhte; ſo ſchwoͤre ich bei der heiligen Meſſe, die mir vertrauten Geheimniſ— ſe ohne Eure Einwilligung niemandem zu entdek— ken!“— verſetzte Antonio mit der geſpannte⸗ ſten Neugierde. „So ſeyd denn gefaßt, Dinge zu hoͤren, die Euren Glauben uͤberſteigen werden, und erinnert Euch dabei, daß es Marquis Albert de De⸗ nia iſt, der ſie Euch eroͤffnet.— Na im mit lo, traut ſpaͤte und pflich wan Geſe lang imm Freu herr des terlich ngewiſ⸗ Al⸗ Freſ⸗ 3 mir treißt, h mei⸗ durch 1, ſo Ihr mniſ⸗ entdek⸗ annte⸗ 23 Zweites Kapikel. Der Kahn,— Wind und Wolken,— Donner und Blitz,— die Ruinen,— der Dolch,— die Erſchei⸗ nung im Hohlwege,— der Nachtwandler und— das Portrait.— Nach einer bedeutenden Pauſe, in der er ſpaͤhend im Zimmer umherblickte, begann Albert endlich mit feierlicher Stimme:„Fernando de Coel⸗ lo, Euer Vetter, war, wie Ihr wißt, mein ver⸗ trauteſter Freund ſeit der fruͤheſten Jugend. In ſpaͤtern Jahren dienten wir beyde in der Armee, und trennten uns nur dann, wenn uns Dienſt⸗ pflichten oder die noͤthigſten Beſuche unſerer Ver⸗ wandten hierzu beſtimmten. Kammeradſchaft in Gefahren, abentheuerliche Streiche und Abwechs⸗ lung des Soldatenlebens machten uns einander immer werther, und erzeigten allmaͤhlig jene Freundſchaft, welche gleich der Liebe, ſpielend heranwaͤchſt, und die innigſte Uebereinſtimmung des Eemuͤthes erzeugt.“ 24 „Die Muſe des Lagers gab uns Gelegen⸗ heit die Geſchichte der Vorzeit zu ſtudiren, bis wir endlich befehligt wurden, einige Horden von Aufruͤhrern in der Provinz zu zuͤchtigen, und un⸗ ſer Standquartier zu Granada erhielten. Die Schoͤnheit dieſos unbeſchreiblich reizenden Landes, ſammt der unermeßlichen Ausſicht von dem Ge⸗ birge Sierra Nevada, die den Anblick der uͤppigſten Vegetation mit ewigem Schnee verei⸗ nigt darbietet, brachte uns zu haͤufigen Ausfluͤ⸗ gen ſelbſt nach den entfernteren Gegenden. Nicht ſelten erkletterten wir die benachbarten Anhoͤhen und vergnuͤgten unſere Sinne in der Betrachtung des unendlichen Reichthums der Natur. Huͤgel mit Reben und Oliven bedeckt, Thaͤler voll Myr⸗ then, Thymian und Lavendel nebſt Saffranfeldern mit ihren zahlreichen Goldblumen ergoͤtzten das Freudetrunkene Auge, waͤhrend das mittellaͤndiſche Meer den Horizont mit ſeinen blaͤulichten Wellen begrenzte, uͤber welche ſegelnde Schiffe gleich dun⸗ keln Punkten auf glaͤnzender Oberflaͤche dahin glitten.“— „Unſere Dienſtpflichten auf dem Schloſſe Alhambra waren kaum gewoͤhnliche Garniſons⸗ verrichtungen, und gaben uns daher Gelegenheit, ungehindert der Lieblingsneigung des Herumſchwaͤr⸗ mens na wir unſe jenſeits kruͤmmte vor eine den, d Schatte ligſten, gen Ufe ſern Fu wechſelſ an den „ Gegend die Th nes El ge pin as me grauſa naten terlich ſchlag Kinde gen⸗ bis von iheit, 25 mens nachzuhaͤngen. Eines Nachmittags richteten wir unſern Weg nach einer betraͤchtlichen Weite jenſeits der Stadt und ergoͤtzten uns an den ge⸗ kruͤmmten Geſtaden des Darro, als wir ploͤtzlich vor einem Waͤldchen großer Kaſtanienbaͤume ſtan⸗ den, das wir noch nie bemerkt hatten. Kuͤhler Schatten winkte uns zur Ruhe und voll der ſee— ligſten Gefuͤhle ließen wir uns auf dem abhaͤngi⸗ gen Ufer nieder. Klare Wellen rauſchten vor un— ſern Fuͤßen hin und wieder, waͤhrend wir uns wechſelſeitig die luſtigſten Abentheuer erzaͤhlten, an denen es dem Soldaten wohl nie gebricht.— „Zufaͤllig richteten wir unſere Blicke nach der Gegend, die uns zur Reuten lag, und erblickten die Thuͤrme zertruͤmmerter Gebaͤude, die uns je— nes Elend mit wahren Freskofarben vor das Au⸗ ge pinſelten, das die Mauren hier erlitten hatten, ſ als man ſie aus ihrem Mutterlande durch ienes grauſame Ed kt vertrieb, wodurch in wenig Mo⸗ naten die ganze Provinz ein Schaublatz des fuͤrch⸗ terlichſten Jammers wurde, wo Raub und Todt⸗ ſchlag herumwuͤthete, Gatten von ihren Weibern, Kinder von ihren Aeltern geriſſen, kurz alle Ban⸗ de des Staates, der Menſchheit getrennt, und mehr als 900,000 Ungluͤckliche nach Afrikas Sandwuͤſten getrieben wurden.“— 26 „Mit maͤchtiger Allgewalt ruͤckte der Abend ſchon heran, waͤhrend wir unſern Unwillen uͤber jene Graͤuelſcenen gegenſeitig aͤußerten, als wir ploͤtzlich ein kleines Boot ohne Fuͤhrer auf dem Strom herabſchwimmen und von den ſchwellen⸗ den Fluthen jenes Ufer herangetragen ſahen, wo wir ſaßen.“ „„Wahrlich, ein feines Abentheuer fuͤr irrende Ritter!““— ſagte Fernando, als er das Boot auf uns zuſchwimmen ſah.„„Wer weiß, welch' fuͤrchterlicher Zauberer uns dieſes behexte Schiff⸗ chen ſendet, um uns nach einem ſchrecklichen Schloſſe zu fuͤhren, wo eine reizende Dame un⸗ ſeres Armes bedarf, ſich ans der Gewalt eines tauſendkoͤpfigen Drachen zu befreien!““— „„Wohlan! Herr Ritter!““ verſetzte ich laͤ— chelnd uͤber den launichten Einfall.„„Wenn Ihr Muth genug habt, den Gefahren dieſes Aben⸗ theuers Trotz zu bieten, ſo fordere ich Euch denn hiermit auf, mich zu begleiten!““— und ſprang in das Boot.“ „„Euer Gefaͤhrte auf Leben und Tod!““— ſchrie Fernando mit komiſchem Pathos, und folgte mir.“ „Unter ſchaͤckerndem Muthwillen ſtießen wir vom Lande, und befanden uns bald auf der Mitte des Stro ſonderbar ein ſchm verſehen, haben. fahren, eine Flaſ niſchem? verzehrte Luft und Jubelnd herrlichr als wir riſche 9 unſer K. fortſchw ſe beklei 61 na da mer dun wollten. Kahn des An, man an I 7„2 Legen d des Stroms. Das Schiffchen, das wir auf die ſonderbarſte Art in Beſitz genommen hatten, war ein ſchmaler Luſtkahn mit einem einzigen Ruder verſehen, und ſchien ſich vom Ufer losgeriſſen zu haben. Kaum waren wir eine kleine Strecke ge⸗ fahren, ſo bemerkte ich im Kaſten des Schiffes eine Flaſche vortrefflichen Branntweins, nebſt italie⸗ niſchem Backwerke, das wir unter tauſend Scherzen verzehrten, da wir moderne Ritter nicht blos von Luft und Liebe leben wollten, wie die der Vorzeit. Jubelnd ſetzten wir unſere Fahrt fort, und ließen herrlichromantiſche Bilder an uns voruͤberſtreichen, als wir in der Entfernung ploͤtzlich mehrere mau⸗ riſche Pallaͤſte und Schloͤſſer erblickten, waͤhrend unſer Kahn ungehindert zwiſchen dunklen Klippen fortſchwamm, deren Haupt mit ewiggruͤnem Moo⸗ ſe bekleidet war.“— „Laͤngſt hatten wir die Thuͤrme von Gre— nada ſchon aus den Augen verloren, als es im— mer dunkler wurde, und wir endlich zuruͤckkehren wollten. Nur mit vieler Muͤhe konnten wir den Kahn wenden, und erfuhren dabey im Schweiße des Angeſichts die Wahrheit des Spruͤchleins, daß man am leichteſten mit dem Strom ſchwimme.““ „Waͤhrend wir uns mit dem einen Ruder gegen den Andrang der Wellen kaum vertheidigen 28 konnten, hatte die Sonne in majeſtaͤtiſcher Pracht untergetaucht. Rabenſchwarze Wolken, deren aͤu⸗ ßerſter Rand nur fparſam von den rothen Strah⸗ len des untergegangenen Weltlichts durchdrungen und mit Purpur geſaͤumt waren, zogen aus dem fernen Ocean gewitterſchwer herauf, Waͤlder und Berge gluͤhten im letzten Daͤmmerſchein und huͤll— ten ſich ploͤtzlich in ſchweigende Finſterniß, waͤh⸗ rend rauſchende Winde die Wellen auf und nie⸗ dertrieben, und zwei ſo unerfahrene Schiffer, wie wir waren, in nicht wenig Angſt verſetzten.“— „Ploͤtzlich fiel jetzt der Regen in ſchweren Tropfen auf die Oberflaͤche des Waſſers. Soviel Muͤhe wir uns auch gaben dem Ufer zu nahen, war es bei dem fuͤrchterlich brauſenden Strome, der uns unaufhaltſam forttrieb, doch vollkommen unmoͤglich. Mit Blitzesſchnelle fuhren wir ſchon eine halbe Stunde unter tauſend Aengſten Strom⸗ abwaͤrts, als wir endlich durch das Dunkel der Nacht die Ruinen eines mauriſchen Schloſſes be⸗ merkten, das am Rande des Ufers bis ins Waſ⸗ ſer reichte, deſſen anſehnlich runder Thurm von dem Zahn der Zeit noch ziemlich verſchont zu ſeyn ſchien, waͤhrend die andern Theile des Gebaͤudes einen ungeheuren Schutthaufen bildeten, die ei— nen betraͤchtlichen Raum am Boden bedeckten. Mit unnennb lich an fuͤrchter ſchüͤtzen gann ie her fuh ſern Ka nende herabw Zugor vollſta Aus v ſchon; die au griffen Aufen, 2 wollen aus d ſchloſ ich al denn und— bleibt 29 unnennbarer Muͤhe brachten wir das Schiff end⸗ lich an das Gebaͤude, in dem wir uns gegen die fuͤrchterliche Wuth der brauſenden Elemente zu ſchuͤtzen dachten.“ „„Wahrlich! nichts fehlt uns mehr““— be⸗ gann ich, waͤhrend Fernando am Ufer hin und her fuhr, einen Ort zu finden, an dem wir un⸗ ſern Kahn befeſtigen konnten;—„„als eine bren⸗ nende Fackel, die uns aus einer Ritze des Thurms herabwinkte, ein ſchuͤtzender Drache, und eine Zugbruͤcke, um das Schauerliche des Abentheuers vollſtaͤndig zu machen. Doch Spaß bei Seite! Aus vollem Herzensgrunde wuͤnſchte ich dieſe Nacht ſchon uͤberſtanden zu haben. Das Gebaͤude traͤgt die auffallendſten Spuren von gewaltthaͤtigen An⸗ griffen, und gewiß ſind ſeine Schlupfwinkel der Aufenthalt liederlichen Geſindels.““— „„Gegen das wir unſere Schwerter fuͤhren wollen!““— verſetzte Fernando, waͤhrend wir aus dem Schiffe ſprangen,—„„da ich feſt ent⸗ ſchloſſen bin, ein Abentheuer zu vollenden, zu dem ich auf ſo ſonderbarem Wege geleitet worden bin; denn obgleich wir der Zauberer ſpotten, Magie und Zeichendeuterey fuͤr Hirngeſpinnſte halten, ſo bleibt es doch unſtreitig, daß es Geheimniſſe un⸗ 30 ter der Sonne gibt, die wir uns nicht erklaͤren koͤnnen.“ „Kaum hatte Fernando geendet, ſo ſtan⸗ den wir vor dem Thurm des Schloſſes, der ſich wie von Feuer und Rauch geſchwaͤrzt rieſenhaft in das Dunkel der Nacht erhob, als ploͤtzlich fuͤrchterlich zuckende Blitze ihr Schwefellicht dar⸗ auf hinwarfen. Mit Schauder ſtiegen wir endlich ein Dutzend in den Felſen gehauene Stufen hin⸗ an, und entdeckten vom Schein der Blitze gelei⸗ tet einen kleinen Vorhof, aus welchem eine nie⸗ dere Thuͤre nach dem Thurm fuͤhrte. Dichte Fin⸗ ſterniß umhuͤllte uns, als wir eintraten. Arm in Arm mit vorgehaltenen Schwertern ſchlichen wir vorwaͤrts, bei jedem Schritte gefaßt, in einen Abgrund zu ſtuͤrzen, oder am Boden auszuglei⸗ ten, bis wir endlich in einen ſchmalen Gang traten, und uns an einer engen Treppe befanden, die nach den obern Gemaͤchern zu fuͤhren ſchien. Nach augenblicklichem Stillſtand und einigem Be⸗ denken wagten wir die Treppe ſo behutſam als moͤglich zu betreten. Vorſichtig um mich hergrei⸗ fend ſchritt ich aufwaͤrts, als ich mich ploͤtzlich am Arme ergriffen fuͤhlte, waͤhrend mir Fer⸗ nando mit leiſer Stimme die Worte:„„Him⸗ mell hoͤrte ren ziſchte. , T ſoll das!“ chen, der packt war, können.“ „„ nando, u keine Stim vernahm i der wie a „Na nicht das melnden d auf Rechr dings ein fanden un ner Oeffun zu ſehen 31 mel! hoͤrteſt Du kein Geraͤuſch?““— in die Oh⸗ ren ziſchte.“ „„Tod und Teufel!““— ſchrie ich—,„was ſoll das?““— und ſuchte meinen Arm loszuma— chen, der nach meiner Einbildung weit feſter ge⸗ packt war, als ihn zehn Menſchen haͤtten halten koͤnnen.“ „„Beruhige Dich doch!““— verſetzte Fer— nando, und ließ mich los.„„Hoͤrteſt Du denn keine Stimme? Horch! horch!““— und wirklich vernahm ich jetzt einen hohlen, murrmelnden Ton, der wie aus der Tieſe herauf toͤnte.“— „Nach einer bedeutenden Pauſe, in der wir nicht das Geringſte vernahmen, ſelbſt jenen murr⸗ melnden Ton unſerer Einbildungskraft und Angſt auf Rechnung ſchrieben, wagten wir es neuer— dings einige Stufen hoͤher zu ſteigen, und be— fanden uns durch eine ploͤtzliche Wendung an ei⸗ ner Oeffnung, durch welche wir in eine Kammer zu ſehen glaubten. Mit der moͤglichſten Stille traten wir endlich hinein, waͤhrend der Donner mit ſeiner fuͤrchterlichſten Allgewalt uͤber uns roll— te, daß ſelbſt das Gebaͤude bis auf den Grund erbebte.“— „Der Blitz, deſſen Wiederſchein durch die kleinen Fenſterchen flammte, ließ uns zwar auf — 32 einige Minuten unſere Umgebung erkennen, und deutlich bemerken, daß die Kammer außer einer zertruͤmmerten Bank, einer alten Lanze und einem mauriſchen Turban ohne Einrichtung war, bald ſtanden wir aber wieder in zehnfache Finſterniß eingehuͤllt.“ 1 „Auf unſere Schwerter geſtuͤtzt, ließen wir uns auf die Bank nieder, horchten begierig nach jedem Laut, als ſtuͤnden wir vor einem feindli⸗ chen Lager, und wirklich glaubten wir die ſeltſam— ſten Stimmen in dem Geraͤuſch des Windes zu hoͤren, der mit raſendem Gebrauſe durch die oͤden Mauern heulte, und pfeifend durch die Ritzen der Waͤnde ſtrich, waͤhrend ſich der Himmel in dik— ken Regenſchauren ergoß. Ein feuriger Blitz⸗ ſtrahl, der das ganze Gebaͤude zu verzehren ſchien, und von den darauf folgenden Blitzen ſchnell ge⸗ nug unterſtuͤtzt wurde, machte, daß wir endlich alles, was uns umgab, genau ausnehmen konn⸗ ten. „„Gott im Himmel!““ wiſperte mir Fer⸗ nando jetzt plötzlich in das Ohr—„„Welch 8 7 7 fuͤrchterliche Geſtalt ſitzt in jenem Winkel dort auf dem Boden!““ und eben wollte ich mei⸗ ne Blic ke nach dem bezeichneten Orte wenden, als uns der ſchwe 69 ſten Bli niſſen jen vollkomm wollte m als uns hen. 5 zen ſchli Bewegu buͤckte i ſterniß als mich Gekrache ſchien, gewicht A d ſegen, nem Bi nem led 33 als uns das ſchwindende Licht der Blitze mit der ſchwaͤrzeſten Finſterniß umgab.“ „Obgleich wir mit Ungeduld auf den naͤch⸗ ſten Blitzſtrahl warteten, uns von den Geheim⸗ niſſen jenes Winkels zu uͤberzeugen, war es doch vollkommen fruchtlos. Kein einziger Wetterſchein wollte mehr erfolgen, und nichts blieb zu thun, als uns der Geſtalt in dunkler Finſterniß zu na⸗ hen. Mit leiſen Schritten und zitternden Her⸗ zen ſchlichen wir uͤber dem Boden, der bei jeder Bewegung unter unſeren Fuͤßen knarrte. Eben buͤckte ich mich nieder, die Geſtalt, ſo viel es Fin⸗ ſterniß und Angſt erlaubten, naͤher zu betrachten, als mich ein Donnerſchlag, der mit entſetzlichem Gekrache uͤber das Dach herunter zu ſchlagen ſchien, ſo ſchrecklich betaͤubte, daß ich das Gleich— gewicht verlor und auf die Geſtalt hinſtuͤrzte.“ „Gluͤcklich genug kam ich ziemlich weich zu liegen, und bemerkte bald, daß ich mich auf ei— nem Buͤndel Kleidungsſtuͤcke befand, der mit ei⸗ nem ledernen Riemen zuſammen gefaßt war. 7* „Kaum hatte ich mich ausgerichtet, ſo ergriff Fernando das Buͤndel, trug es in die Mitte der Kammer, ſchnitt den Riemen mit dem Schwer⸗ te entzwei, und ſchuͤttelte es aus, wobei etwas I. Theil. 3 34 Gewichtiges zur Erde fiel, und auf eine gewiſſe Entſernung an dem Boden hinrollte.“— „Nicht wenig uͤberraſcht durch jenen Fund, beſtaͤtigte ſich mein Glaube nur allzuſehr, daß dieſer Schutthaufen der Aufenthalt von Raͤubern waͤre, waͤhrend Fernando auf etwas Hartes trat, das am Boden lag, ſich darnach buͤckte und endlich einen Dolch ohne Scheide fand, den er durch die Finger zog, um aus ſeiner Rauheit zu bemerken, daß er ſehr verroſtet ſeyn muͤſſe.“ „„Oh gewiß!““ ſagte ich mit einem ſo tiefen Athemzug, den man weit eher einen Seufzer nen⸗ nen ſollte—„„Oh gewiß iſt er von raͤuberiſchen Haͤnden in das Blut der Unſchuld getaucht.““ „Waͤhrend wir noch die fuͤrchterlichſten Be— trachtungen uͤber unſere Lage machten, und bei jedem Windſtoße Fußtritte oder Stimmen zu hoͤ— ren glaubten, war es endlich Mitternacht voruͤber. Der Sturm hatte ſich ausgetobt, und die Blitze leuchteten in horizontaler Ferne, als ich mich end— lich unſers Schiffchens erinnerte. Nicht ohne Grund fuͤrchtete ich, daß es der Sturm an dem Felſen zertruͤmmert haben wuͤrde, und unwillkuͤhr— lich erhob ſich jetzt herber Kummer wegen unſerer Zuruͤckkunft nach Grenada in meinem In⸗ nern.“ T do.„ brachte 3 bate trieb? „ Tone, „„ He ben, u daß es che ei „ ſen!“ zertren, Geſhr noch n „ ten Er „„die fürchte rufen. 19 vor ei merade plätz 2 F 993 „„Sey ohne Sorge!““ erwiederte Fernan⸗ do.„„Glaube mir, dieſelbe Macht, die uns hieher brachte, wird uns auch zuruͤckfuͤhren.““— „„Meinſt Du wirklich, daß uns eine unſicht— bare Gewalt in die Ruines dieſes Schloſſes trieb?““— fragte ich mit gedaͤmpfter Stimme.“ „„So iſt es!““ verſetzte er mit ſo ernſtem Tone, den ich noch nie an ihm bemerkt hatte. „„Habe auch die triftigſten Urſachen es zu glau⸗ ben, Urſachen, die auch Dich uͤberzeugen wuͤrden, daß es geiſtige Weſen gibt, die auf uns Sterbli— che einzuwirken vermoͤgen.““— „„Jene Urſachen wuͤnſchte ich wohl zu wiſ— ſen!““ ſagte ich.„„JFuͤnf Jahre bin ich Dein un— zertrennlicher Gefaͤhrte, habe Muͤhe, Sorgen und Gefahren mit Dir getheilt, und doch haſt Du noch nie etwas dergleichen geaͤußert.““— „„Weil ich ſtets bemuͤht bin, jene ſonderba— ren Ereigniſſe zu vergeſſen,““ erwiederte er,— „„die mir die Schrecken der heutigen Nacht mit fuͤrchterlicher Allgewalt in das Gedaͤchtniß zuruͤck rufen.““— „„Du mußt Dich erinnern, daß ich heute vor einem Jahre muͤndig wurde und meinen Ka⸗ meraden damals ein Feſt geben wollte, als ich ploͤtzlich Befehl erhielt, mit meinem kleinen Corps 3* 36 auf Fourage zu ziehen. Unſere Straße fuͤhrte durch einen Hohlweg, der ganz mit Korkbaͤumen uͤberwachſen und ſo dunkel war, daß es darin daͤmmerte wie des Abends. Da ich nicht Anfuͤh⸗ rer der Truppe war, ſo blieb ich zuruͤck auf Ma⸗ rodeurs und Ausreißer ein wachſames Auge zu haben. Erſt als alle vorbei waren, folgte ich lang⸗ ſamen Ganges hinterher, kaum war ich aber ei— nige Schritte vorwaͤrts gegangen, als ich den Schall von Tritten hinter mir vernahm. Neu— gierig blickte ich zuruͤck, und ſah einen lahmen Soldaten aus der Ferne auf mich zuhinken, waͤh— rend er in der naͤchſten Minute ſchon vor mir ſtand.““ „„Da ich ihn unter den andern Soldaten fruͤher nicht bemerkt hatte, ſchrie ich, durch ſein ſchnelles Herankommen nicht wenig uͤberraſcht: Warum bleibſt Du ſo weit zuruͤck? Was iſt Dir begegnet?““ „„Fernando de Coellol!““— erwiederte er mit ſchauerlichem Tone, der mir durch Mark und Bein drang,—„„ich habe einen toͤdtlichen Schlag bekommen, nur Ihr allein koͤnnt mich retten.““ „„Wie iſt das moͤglich?““ ſagte ich er— ſtaunt.—„„Wo wurdet Ihr verwundet?““ * ℳ/ könnt n wollt— „ kein Ar / muͤßt e lonn. Und ge gen. uͤber ein ge⸗ 7 erwiede nie in meine nande Walt, wir, himmi Erdel 7„ toll. 7 Ding ſſeiin 37 „„Tief! tief! in der Bruſt!— Ihr allein koͤnnt mich heilen!— verſprecht mir, daß Ihr es wollt— aͤchzte er.““ „„Ihr irrt Euch““— verſetzte ich.„„Da ich kein Arzt bin, ſo iſt es unmoͤglich.““— „„und doch koͤnnt Ihr es allein! Ja Ihr muͤßt es mir verſprechen, Fernando de Coel⸗ 1o““— liſpelte er.„„Heute iſt Euer Geburtstag und gewiß werdet Ihr es mir nicht abſchla— gen.““— „„Wer ſeyd Ihr?““— ſchrie ich erſtaunt uͤber die Zuͤdringlichkeit eines Menſchen der wie ein gemeiner Soldat gekleidet war.““ „„Wer ich bin hat, nichts zu bedeuten!““ erwiederte er mit ſteigendem Tone.„„Ihr werdet nie in meine Lage kommen; denn zahireich ſind meine Leiden und tief meinen Wunden. Ihr Fer⸗ nando de Coello ſeyd der Einzige auf der Welt, der mich wieder heilen kann. Verſprecht mir, daß Ihr es wollt, ſchwoͤrt es mir bei den himmliſchen Kreiſen,— bei dem Eingeweide der Erde!““ „„Sonderbar! Faſt glaube ich Ihr ſeyd toll! verſetzte ich mit aufgebrachter Miene.““ „„Keineswegs!““— ſprach er.„„Jedes Ding um mich iſt ſonderbar, ſo ſonderbar, wie das 38 Grab; doch merkt Euch wohl, das dunkle ver⸗ worrene und ewig ſchreckliche Schickſal bruͤtet uͤber Euch, wenn Ihr mir nicht Euer Verſprechen gebt. Das Gluͤck Eures Hauſes haͤngt von der Ent— ſcheidung dieſes Augenblicks ab. Gebt daher Euer Wort oder ſterbt!““ „„Unmoͤglich kann ich Dir beſchreiben, wie ſeltſam mir bei den Worten des Soldaten zu Muthe war, deſſen Stimme mich tief erſchuͤtter⸗ te.— In der feſten Meinung, daß in dem Ver— ſprechen einen Verwundeten beizuſtehen nichts Be⸗ ſonderes laͤge, verſprach ich es.““ „„Kaum hatte ich aber ausgeredet, ſo ſchrie er dreimal im Ausbruch der exaltirteſten Freude: „„ So ſeyd Ihr denn der Meinige!““ und reichte mir ſeine Hand, bei deren Beruͤhrung mir das Blut in den Adern ſtockte; und eiſiger Schauer mein Gebein durchdrang. Erſt jetzt uͤberzeugte ich mich, daß ich mit keinem Lebenden zu thun hatte; ſeine Hand war ſo feucht und kalt wie die des Todes.““ „„Aengſtlich ſpaͤhte ich nach meinen Leuten, die ich nur noch in der Ferne erblickte, als jener ſonderbare Soldat vor meinen Augen ploͤtzlich ver⸗ ſchwunden war. Faſt athemlos, bleich und ent⸗ ſtellt kam ich endlich bei der Truppe an, ohne daß ich ſonderba mein V 5 — ſchrie hatte, immer 0 7₰ die da moͤglich, eine Ge jedem S entgegel „ wandler herum, entfernt unſere das rät ſichtig immer der zi ſcht un „ 39 daß ich bis zu dem jetzigen Augenblicke außer den ſonderbaren Schickſalen dieſer Nacht noch auf mein Verſprechen erinnert wurde.“““ „„Himmel! was ſoll das? Wer naht ſich?“ — ſchrie ich halblaut, als Fernando kaum geendet hatte, und wirklich hoͤrten wir Fußtritte, die uns immer naͤher kamen.“ „In der hoͤchſten Spannung uͤber die Dinge, die da kommen ſollten, ſaßen wir ſo ſtill als moͤglich, und wagten es kaum zu athmen, als eine Geſtalt leiſe die Treppe heraufſtieg, und bei jedem Schritte lauſchend an uns voruͤber nach der entgegengeſetzten Thuͤre ging.“— „Die ſonderbarſten Gedanken uͤber den Nacht⸗ wandler trieben ſich noch lange in unſern Sinnen herum, als die erſte Morgendaͤmmerung endlich die entfernten Berge lichtete. Allgemach ſewand auch unſere Furcht und bald trieb uns die Neugierde das raͤthſelhafte Schloß naͤher zu beſehen. Vor⸗ ſichtig umherblickend ſtiegen wir die Wendeltreppe immer hoͤher hinauf, und ſahen uns endlich auf der Zinne des Thurms, deren himmliſche Aus⸗ ſicht uns freudig uͤberraſchte.“ „Die kuͤhle Luft des Morgens ſtreifte uͤber die neu auflebenden Pflanzen, deren buntes Far⸗ benkleid ſich durch den Regen der vergangenen 40 Nacht mit friſchen Reizen ausbreitete. Blumen und Bluͤthen oͤffneten ſich dem herannahenden jun⸗ gen Tage, waͤhrend das heitere Firmament im feurigſten Glanze der ſich erhebenden Sonne flammte. In weitere Ferne erblickten wir endlich die Thuͤrme von Grenada, leider! aber auch unſer Boot in Truͤmmern an dem Felſen herum— ſchwimmen, an dem wir gelandet hatten.“ „Uns uͤber die Art des Ruͤckzuges beſpre⸗ chend ſtiegen wir endlich abwaͤrts, und traten, abermals in jene wohlbekannte Kammer. Schon aus der Ferne ſahen wir ein kleines Portrait auf dem Boden liegen, und kaum hatte es Fernan⸗ do aufgehoben, ſo ſchrie er auch ſchon:„„Him⸗ mel! welch' bewunderungswuͤrdiges Antlitz, welch' himmliſcher Ausdruck! welch' liebliche Weichheit! — Oh! wöoͤßte ich das Original dieſes herrlichen Gemaͤhldes aufzufinden. 4˙— „Durch meines Freundes ploͤtzliches Entzuͤk⸗ ken bewogen, blickte ich nach dem Gemaͤhlde und ſah ein Maͤdchengeſicht in mauriſche Tracht ge⸗ huͤllt. „Gewiß auch eines jener grauſamen Opfer des fuͤrchterlichen Edikts.““— „„Oh ſchweige! ſchweige!““— veerſetzte „„Deine Worte toͤdten mich. Betrachte die⸗ ſen himm cheln und „ besgluth fand eine befleckter „8 vollen A enthalt, ſchien, a laſſen, Schritt nicht jen 1 6 uͤber die Buut be te durch verſchwu „l fanden Gemäͤch pfer 41 ſen himmliſchen Mund, dieſes unnachahmliche Laͤ⸗ cheln und verſtumme! Arie⸗ „Laͤchelnd uͤber Fernandos ploͤtzliche Lie⸗ besgluth oͤffnete ich das vorgefundene Buͤndel, und fand einen Pack an verſchiedenen Orten mit Blut befleckter mauriſcher Kleider.“ „Fuͤrchterlich aufgeſchreckt durch jenen graͤuel⸗ vollen Anblick, wollte ich den ſchauerlichen Auf⸗ enthalt, der bei Tag noch weit ſchrecklicher zu ſeyn ſchien, als bei Nacht, ſo ſchnell als moͤglich ver— laſſen, waͤhrend Fernando verſicherte, keinen Schritt aus dem Schloſſe zu weichen, bevor er nicht jenen Nachtwandler aufgefunden habe.“ „„Oh gewiß kann er uns Auskunft geben aͤber dieſes goͤttliche Gemaͤhlde ſammt jenem mit Blut befleckten Gewande—““ ſchrie er und eil⸗ te durch die Thuͤre, in der die naͤchtliche Geſtalt verſchwunden war.“ „Unwillkuͤhrlich folgte ich ihm. Bald be⸗ fanden wir uns am Eingange zu einer Reihe von Gemaͤchern, deren Thuͤren faſt allgemein verbrannt waren, und uns uͤberall freien Durchzug gewaͤhr⸗ ten.“ „Ohne Beſchwerde ſtiegen wir endlich in ein oberes Stockwerk, das aus drei Zimmern beſtand. Mit argwoͤhniſcher Sorgfalt ſpaͤhten wir rings 42 umher, konnten aber nicht die geringſte Spur ei— nes lebenden Weſens erblicken, und waren ſchon auf dem Punkte unſere Nachforſchungen aufzuhe⸗ ben, als Fernando ploͤtzlich die Spur menſch⸗ licher Tritte auf dem Boden bemerkte.“ „Freudig folgten wir ihnen, die in eine nahe Kammer fuͤhrten, dort aber ploͤtzlich verſchwan⸗ den. Trotz aller Anſtrengung war es uns nicht moͤglich, weder die geringſte verborgene Oeffnung in den Waͤnden, noch eine heimliche Fallthuͤre am Boden zu bemerken.“— „Ermuͤdet durch fruchtloſe Bemuͤhungen gin—⸗ gen wir endlich in unſere erſte Kammer, dann in den Hof hinab, waͤhrend wir die vorgefundenen Kleider mit uns nahmen und jeden kleinen Um— ſtand ſorgfaͤltig unterſuchten, der uns haͤtte Auf— ſchluß geben koͤnnen.“— „Mit den ſonderbarſten Gefuͤhlen wandelten wir uͤber die weit umfaſſende Maſſe von Truͤm— mern, die auf die einſtmalige Groͤße und praͤchti— ge Structur des Gebaͤudes deuteten, was uns au⸗ genſcheinlich machte, daß nur die außerordentliche Feſtigkeit den noch uͤbrig gebliebenen Theil von der Wuth des verzehrenden Elements geſchuͤtzt hatte.“ — „ Erſt ten Verſuch decken, ke Gedanken zuruͤck, wo nem Schlo den, daß nes mauri die Familie nach Phi⸗ Auſtäͤhrer eine van⸗ icht in am „Erſt nach noch manchem fruchtlos gemach⸗ ten Verſuche, jenen naͤchtlichen Wanderer zu ent— decken, kehrten wir mit den verſchiedenartigſten Gedanken beſchaͤftigt zu Fuße nach Grenada zuruͤck, wo wir uns auf das ſorgfaͤltigſte nach je— nem Schloſſe erkundigten, und nur ſo viel erfuh— ren, daß es in fruͤhern Zeiten der Aufenthalt ei⸗ nes mauriſchen Prinzen geweſen ſey, dann auf die Familie Ferendez uͤberging, bis es endlich nach Philipps Edikt als ein Zufluchtsort der Aufruͤhrer niedergebrannt wurde.“ ——- Drittes Kapitel. Der Leibarzt des Kaiſers von China,— der Wirth, — der Sonderling,— das Syſtem der Kahala,— die Prophezeyung,— der geſpenſtiſche Soldat,— die Wanderung um Mitternacht,— das Gaſtmahl im Walde und— das Zweigeſpraͤch. ————— „ Taͤglich, ſtuͤndlich wurde Fernando von dem Portraite jener Unbekannten mehr angezogen, und lief alle Kirchen, oͤffentliche Beluſtigungsorte, ja ſelbſt die gewoͤhnlichſten Spaziergaͤnge des gemei— nen Publikums mit einer Haſt und Sehnſucht auf und nieder, die von ſeiner heftigen Liebe die ſprechendſten Beweiſe lieferte. Lelder! ſchwand ihm endlich aber jede Hoffnung, das lebende Ori— ginal ſeines Gemäldes zu erforſchen, waͤhrend er ſich mit dem verliebteſten Wahnſinn uͤber die grauſame Eigenheit ſeines Geſchicks beklagte.“ „Eben ſaß er eines Tages wieder in tiefe Schwermuth verſunken, als wir ploͤtzlich Ordre erhielten Grenada zu verlaſſen, um nach einem langweilige Proving? zuſchlagen. „Jufe den Hof Wahrſager und ander herumziehe dere Ding in jeder C „Ur Bauern lächerlichen neimittel auf einer waͤrts ſch beluſtigent Kaiſers v 1„1 ach eine nando Menſchen dieſen G halten„d Dinge v 45 langweiligen Marſche von einigen Tagen in der Provinz Andaluſien unſer Standquartier auf⸗ zuſchlagen.“ „Zufaͤllig traten wir hier eines Abends in den Hof einer Dorfherberge und fanden einen Wahrſager, einen jener Leute, die, mit Amuleten und andern Zaubermitteln behangen, im Lande herumziehen, dem Landvolke Liebestraͤnke und an— dere Dinge verſchreiben, eigentlich aber eine Peſt in jeder Geſellſchaft ſind, wo man ſie duldet.“— „Umgeben mit einer gaffenden Menge von Bauern und Mauleſeltreibern, die ſich an ſeinen laͤcherlichen Bocksſpruͤngen ergoͤtzten, und ſeine Arz⸗ neimittel mit Begierde erhandelten, ſtand er auf einer hohen Tonne, waͤhrend wir laͤchelnd ſeit⸗ waͤrts ſchlichen, uns uͤber die Einfalt des Poͤbels beluſtigend, der ihn fuͤr den erſten Leibarzt des Kaiſers von China hielt.“— „„Wie iſt es nur moͤglich““— ſagte ich nach einem kurzen Ueberblick der Scene zu Fer⸗ nando—„„daß die bLeichtglaͤubigkeit dieſer Menſchen ſo plump benutzt werden kann, daß ſie dieſen Gaukler fuͤr einen wunderthaͤtigen Mann halten, der fuͤr einen Maravedi die ungereimteſten Dinge vorſpiegelt.““— 3 3 46 „Noch hatte ich aber die ſehr leiſe geſpro— chenen Worte nicht geendet, als er ſich ploͤtzlich nach uns wendete, und mit durchdringendem Blicke er⸗ wiederte:„„Senors! Die Geheimniſſe, deren ich Herr bin, hat noch niemand vor mir beſeſſen und wird auch niemand nach mir ergruͤnden. Nur zu gut weiß ich, was auch Ihr zu wiſſen wuͤnſcht!“— „Koeum hatte Fernando die Rede des Quackſalbers vernommen, ſo bezog er ſie augen⸗ blicklich auf ſich, die doch gewiß nichts anders als die gewoͤhnliche Formel jenes Gauners zu ſeyn ſchien. Leider! hieß ihn ſeine Gemuͤthsſtimmung jetzt aber nach jedem Dinge haſchen, das myſte— rioͤſen Anſtrich beſaß.„„Komm in die Wirths⸗ ſtube—““ ſagte der Ueberraſchte zu mir— „„ſobald ſich der Poͤbel zertheilt hat, will ich den Wundermann an unſeren Tiſch ziehen.““— „„Um uns wahrſcheinlich unſer Gluͤck pro— phezeien zu laſſen,““— lachte ich.“ „„Mag dem ſeyn, wie ihm woille!““ verſetzte er mit ſolchem Ernſte, daß ich in lautes Lachen ausbrach, waͤhrend wir in die Gaſtſtube traten, wo uns der Wirth ein dickes, ſchwarz⸗ braunes Maͤnnchen mit bausbackichtem Geſicht und kleinen Ferkelaugen, aus denen alle moͤgliche Schel⸗ mereien hervorblickten, mit tiefen Buͤcklingen entgegen kundigte. „/ ſetzte ich vor Demn ten Sie mich ſch ſchlecht w Punderd hinter ſic ſſe ſich ausgepluͤ kann, w ſchlecht brüͤllende wiederte daß ihm dſſch zu dnd ſole Lrurlier iſt. N verſehen kommen entgegen trat, und ſich um unſer Begehren er— kundigte.“ „„Wein und gutes Abendbrod!““— ver⸗ ſetzte ich im munteren Tone, doch faſt kriechend vor Demuth erwiederte er:„„ Ach, Senors, koͤnn⸗ ten Sie nur ahnen, wie unendlich ungluͤcklich ich mich ſchaͤtze, Ihnen ſagen zu muͤſſen, daß ich ſehr ſchlecht verſehen bin. Gewoͤhnlich bringen dieſe Wunderdoktoren einen ſolchen Schwall von Leuten hinter ſich her, daß gleich alles aufgezehrt iſt, wo ſie ſich niederlaſſen. Auch mich haben ſie rein ausgepluͤndert.““ „„Wißt Ihr, daß es Euch uͤbel bekommen kann, wenn Ihr die Offiziere des Koͤnigs ſo ſchlecht bedient!““— ſchrie Fernando mit bruͤllendem Tone.“ „„Ach erbarmt Euch, Senors!““— er— wiederte der Wirth mit einem ſo tiefen Buͤckling, daß ihm das wohlanſehnliche Haupt faſt auf den Tiſch zu liegen kam—„„Oh ich weiß gewiß, daß ſolche excellente, galante und liebenswuͤrdige Cavaliers dort nichts verlangen koͤnnen, wo nichts iſt. Waͤre ich mit dem Beſten, Vortrefflichſten verſehen, ſo ſollte gewiß niemand herzlicher will⸗ kommen ſeyn als ſolche Herren.““— 48 141 „„Augenblicklich geht von hinnen ſchrie ich mit barſcher Stimme.„„Verſchafft fuͤr baare Bezahlung das Verlangte und ladet uns jenen Wahrſager zu Gaſte.““—„Kaum hat⸗ te er vernommen, daß wir bezahlen wollten, ſo eilte er auch ſchon unter noch weit tiefern Buͤcklin— gen als zuvor mit den Worten:„„Seyn ſie oh⸗ ne Sorge— Senors! Sollen herrlich bedient werden; denn aufrichtig geſtanden, finden Sie in meinem Hauſe die herrlichſte Kuͤche von ganz Spanien!““— aus dem Zimmer.“— „Noch hatten wir uns uͤber die Fragen, die wir jenem Schwarzkuͤnſtler vorlegen wollten, nicht vollkommen beſprochen, ſo kam der Wirth ſchon wieder in die Stube, und hielt einige Flaſchen mit den Worten:„„Hole mich dieſer und jener, das iſt der herrlichſte Wein von ganz Spa⸗ nien,““— gegen das Licht;„„er iſt ſo klar und rein wie das hellſte Brunnenwaſſer, dabei ſo gei⸗ ſtig wie die wahre Lebenseſſenz““— und ſchnitt die luſtigſten Geſten.““ „Laͤchelnd uͤber den ſonderbaren Kauz, deſ⸗ ſen Humor von der Caſtilianiſchen Steifheit und ernſten Zuruͤckhaltung ſo ſehr abwich, unterhielten wir uns kurze Zeit mit ihm, und hatten von ſei⸗ ner gelaͤufigen Zunge ſchon die herrlichſten Scenen 1 der Chro als plötz ſo ſtolz ausgehun Nachtlage und doch ſchien er machen, platze fuͤ „N Benehme Gaſte g Sprüng uns leiſe „„ nern,9 fahren, ſch jäͤhr um dort ja viel( ſein Be her, wi „„„ nando 11„ nor1 1 Thal 49 der Chronique scandaleuse des Dorfes erfahren, als ploͤtzlich ein alter, ſauertoͤpfiſcher Edelmann, ſo ſtolz wie ein Baſſa, und ſo grimmig wie ein ausgehungerter Wolf, in die Stube trat, ein Nachtlager zu verlangen. Ueberall herumblickend, und doch mit niemandem ein Wort ſprechend, ſchien er ſich aus der Welt eben ſo wenig etwas zu machen, wie der Miſſethaͤter, den man zum Richt⸗ platze fuͤhrt.“— „Neugierig gemacht durch ſein ſonderbares Benehmen winkten wir dem Wirth, der dem neuen Gaſte gleich beim Eintritte mit den poſſirlichſten Spruͤngen entgegen geeilt war, und erkundigten uns leiſe nach dem Fremden.“ „„Leider! konnte ich von ſeinen Die— nern,““— verſetzte er,—„„nicht mehr er⸗ fahren, als daß er ein Großer Spaniens ſey, der ſich jaͤhrlich ein Mal nach Grenada begebe, um dort fuͤr ſeine Suͤnden Buße zu thun. Ja, ja viel Gutes mag wohl nicht an ihm ſeyn, denn ſein Blick ſtarrt ſo fuͤrchterlich und unſtaͤtt um— her, wie der eines Moͤrders.““— „„Eines Moͤrders?““— verſetzte Fer— nando unyillkuͤhrlich erſchuͤttert. 9 „„Nu, nu, entſetzt Euch nur nicht, Se— nor!““— erwiederte er.„„ Der Menſch iſt I. Theil. 4 50 nur ſelten das, was er ſcheint, ſonſt koͤnnte man von uns allen vielleicht eben nicht viel Gutes— wo nicht daſſelbe erwarten.““— „„Elender Schwaͤtzer!““— ſchrie ich mit Unmuth uͤber ſeine Aeußerung.„„Wahrlich Ihr ſeyd ſehr vorlaut in Euern Meinungen.““— „„Nicht mehr, als ich wuͤnſchte, daß es auch andere mit mir waͤren.““— erwiederte er.„„Ach, du lieber Himmel! warum haͤtte ich denn ſonſt einen Gaſthof gemiethet, und meinen Geburtsort in Frankreich verlaſſen, wo ich mich mit der herr⸗ lichſten Kopfarbeit, mit Haarſchneiden und Bart⸗ ſcheeren beſchaͤftigte, wenn ich nicht Freiheit und Menſchenwechſel liebte. Glaubt mir, ein Gaſthof hat weit mehr Freiheit als ein Pallaſt. Man thut darln, was man will, koͤmmt, wenn es ei⸗ nem gefaͤllt, geht wieder, je nachdem man es gut findet, ſieht alle Gattungen von Menſchen; der Witz hat hier Gelegenheit ſich zu zeigen, und der Beſcheidene verliert ſeine Schuͤchternheit.““— „„So ſcheint es!““— ſchrie Fernando mit Ungeduld uͤber den Zudringlichen.„„Wenn Ihr noch etwas Schuͤchternheit beſitzt, ſo macht Gebrauch davon und verlaßt uns.““— Ohne ſich dadurch aber beirren zu laſſen, fuhr er ganz „ gelaſſen fort.„„Seht, Senor! Es gibt eigent⸗ lich eine Die wal „„ ich mit ſorgt da — erwi vertreibt dem Mi⸗ Vohheb er will. Thor — ſo Leibarzt augenop . Näͤgelbe „ Humor groͤßten Vunder Tiſche der ſei der We anfange ſen zu Iweiſt an Naͤgelbeſchneider des großen Moguls 51 lich eine wahre Beſcheidenheit und eine falſche. Die wahre Beſcheidenheit beſteht— 775 „„Werdet nicht unverſchaͤmt!““ ich mit donnernder Stimme.„„Geht und be⸗ t 77277— . — ſchrie ſorgt das Abendbro „„Soll fertig ſeyn, bevor Ihr es denkt!““ — erwiederte er.„„Glaubt mir, das Geſpraͤch vertreibt die Zeit, auch hat in einem Gaſthofe, dem Mittelpunkt der Freude, Froͤhlichkeit und des Wohhebens, jedermann das Recht zu reden, was er will. Zeremonien und Hoͤflichkeiten ſind zum Thor hinausgewieſen— doch— was ſehe ich? — ſo eben kommt Seine Herrlichkeit, der erſte Leibarzt ſeiner chineſiſchen Majeſtaͤt, des Huͤhner— augenoperateurs des Chans der Tatarei und der 1744⸗— „Unmoͤglich konnten wir uns enthalten, den Humor des Wirths zu belaͤcheln, der mit der groͤßten Schnelligkeit hin und her lief, als der Wunderdoctor jetzt ſtumm und finſter an unſerem Tiſche ſaß, und die aufgetragenen Speiſen mit der feierlichſten Miene verzehrte. Bald erhoͤhte der Wein unſere Lebensgeiſter und eben wollte ich anfangen, den Charlatan uͤber ſein geheimes Wiſ⸗ ſen zu ſchrauben, als er anhob:„„Alle Eure Zweifel habe ich vernommen, Senors! und bin 4* 52 nun bereit ſie zu loͤſen. Vor allem verſchafft mir 7771 drei brennende Kerzen.— „Kaum hatte der Wirth die Stube verlaſſen, die Lichter zu holen, ſo ſagte der Wahrſager: „„Schickt doch dieſen Menſchen fort. Gerne will ich ihn mit einigen gewoͤhnlichen Taſchenſpie⸗ lerſtuͤckchen abfertigen, doch ſorgt dann ſeiner los 77 74 zu werden. Wie iſt Euer Nahme?““— fragte „„W Fernando.“ „„Almanſor.““— verſetzte der Doctor. „„Mein Vaterland iſt Arabien, wo man al⸗ lein die wahren Kenntniſſe der Cabala erlangen kann. Obgleich die meiſten Menſchen glauben, daß die Magie den Geſetzen der Natur zuwider, ſolglich un⸗ moͤglich ſey, und daher auch keinen Glauben ver⸗ diene, ſo muͤßt Ihr doch ſelbſt geſtehen, daß je⸗ der Zufall im menſchlichen Leben eine Art von Zauberei iſt, weil wir die Urſachen nicht kennen, die ihn herbeifuͤhrt. Jeden, der eine Hand voll Schießpulver nehmen und daſſelbe vor einem Haufen wilder Indianer anzuͤnden wollte, wuͤrden ſie fuͤr einen Genoſſen des Teufels halten, und ſo ſteht auch die uͤbrige gebildete Welt auf der Stu⸗ fe der Wildheit, wenn von dem hoͤhern Syſtem der Cab Zuſamm „1 Lichtern ſor miͦ andern ſtallenes ter auf Phiole genblick unterſte ſtein, rie, un Minute allſoglei Baum ter und ner dr verſchw verdorr 4/ war de i / meine ſchreie ir 53 der Cabala, der Magie und uͤber den geheimen Zuſammenhang der Naturkraͤfte die Rede iſt. 47— „Ploͤtzlich trat der Wirth jetzt mit den drei Lichtern herein und bald unterhielt uns Alman— ſor mit den ergoͤtzlichſten Experimenten. Unter andern holte er aus ſeinem Reiſekoffer ein kry⸗ ſtallenes Becken, ſtellte es zwiſchen die drei Lich⸗ ter auf den Tiſch, und goß aus einer großen Phiole eine ſtark riechende Eſſenz hinein, die au⸗ genblicklich verſchiedene Schichten bildete. Die unterſte ſah aus wie Granit, ober ihm lag Sand⸗ ſtein, dann Lehm nebſt einer ſchleimichten Mate— rie, und zu oberſt endlich Waſſer. Nach einigen Minuten goß er ein anderes Elixir hinein und allſogleich wuchs aus dem Becken ein metallener Baum heraus, der nach und nach Zweige, Blaͤt⸗ ter und Bluͤthen bekam. Einige Tropfen aus ei⸗ ner dritten Phiole machte, daß die Bluͤthen verſchwanden, die Blaͤtter abfielen und der Baum verdorrte.“ „So überraſchend dieſes Eyperiment auch war, ſo ſchien es mir doch inner den Grenzen der menſchlichen Faſſungskraft zu liegen; hatte meine Begriffe von den Kenntniſſen des Markt⸗ ſchreiers aber um ein Bedeutendes erhoͤht.“ „Nachdem wir den Wirth endlich entfernt hatten, bat ich ihn, uns ein Proͤbchen der Wahr⸗ ſagerkunſt zu geben, und nach wenigen Minuten, in denen er mich mit durchdringenden Blicken be⸗ obachtet hatte, begann er:„„So wißt denn, daß Ihr binnen einem Zeitraum von drei Mona⸗ ten Neuigkeiten erfahren werdet, die Ihr Euch nicht wuͤnſcht, und dasjenige empfangen ſollt, was ille Menſchen wuͤnſchen.““— „„Und was ſoll mir begegnen?““ fragte rnando mit der geſpannteſten Miene.“ „„Zeigt mir die Flaͤche Eurer linken Hand““— erwiederte er, und kaum hatte er ſie erblickt, ſo ſagte er mit dumpfer Stimme: „„Noch lange werdet Ihr herumreiſen, ohne ir⸗ gend wo Ruhe zu finden, werdet in Gefahr kom— men, gewaltſam zu ſterben, und tragt jetzt ein Geheimniß in Euerm Buſen, das all' Eure Ge— danken beſchaͤftiget, doch nehmet Euch vor ſeinen Folgen wohl in Acht!““ „Nicht wenig uͤberraſcht durch Almanſors letzte Worte ſah mich Fernando betroffen an, indem er nach einer kleinen Pauſe jenes Portrait, das er ſtets bei ſich trug, aus dem Buſen zog, und es dem Wundermanne mit der Fragen „„Koͤnnt Ihr mir ſagen, ob das herrliche Ori⸗ x ginal die Augen hi „T maͤlde, ſchweigen berraſchu ſten Aff wechſelte rollenden jetzt die kKeeiſchen dilde dieſe L. den, un des M. durchen Dieſe— nun er daͤmme blaß, unbarn vielen züruͤck nen S dus A des ge 55 ginal dieſes Gemaͤldes noch lebt?““— vor die Augen hielt.“ „Mit gleichguͤltiger Miene nahm er das Ge— maͤlde, doch kaum ſtarrte er es einige Augenblicke ſchweigend an, ſo zeigte ſich unbeſchreibliche Ue⸗ berraſchung auf ſeinem Geſichte. Die ſchrecklich⸗ ſten Affecte von Wuth, Verzweiflung und Angſt wechſelten in ſeinen Zuͤgen, waͤhrend er mit wild⸗ rollenden Augen um ſich blickte. Ploͤtzlich ſtieß er jetzt die graͤßlichſten Toͤne aus, und ſchrie mit kreiſchender Stimme:„„Wie ſeyd Ihr zu dem Bilde gekommen, Senor? Ja kalt, kalt ſind nun dieſe Lippen, die einſt wie Fruͤhlingsblumen bluͤh⸗ uen, und ſich wie Roſen oͤffneten, die den Thau des Morgens einſaugen. Laͤngſt hat die Zeit ihre Furchen auf dieſe himmliſche Stirne gedruͤckt. Dieſe Augen einſt ſo klar, wie die Sonne, ſind nun erloſchen, wie der Abendſtern, der durch daͤmmernden Nebel blinkt, dieſe Wangen ſind nun blaß, hohl und entſtellt. Oh Zeit! du wildes unbarmherziges Ungeheuer! was haſt du von ſo vielen Reizen, von ſo vielen Liebenswuͤrdigkeiten zuruͤckgelaſſen?— Nur Schlachtopfer fuͤttern dei⸗ nen Stolz, und deine Macht.— Oh ihr Kinder des Augenblicks, was ſeyd ihr? Ihr Erſcheinungen des Zwielichts, wo iſt euer Ziel?—“ „Waͤhrend der ganzen Rede taumelte er mit großen Schritten und wahnſinnigen Blicken auf und nieder, plötzlich hielt er endlich inne, ſtampf⸗ te wuͤthend auf die Erde, faßte ſich wie im To— deskrampf beim Kopfe, warf das Portrait auf den Tiſch und ſtuͤrzte mit graͤßlich verzogenem Ge⸗ ſichte aus der Stube.“— „„Gott! was war das?““— ſchrie Fer⸗ nando, durch des Doctors ſonderbares Benehmen auf das Hoͤchſte uͤberraſcht.“ „„Ein Komoͤdienſpiel!““— erwiederte ich, —„„deſſen Totaleffect auf unſere Leichtglaͤubig⸗ keit berechnet iſt.““— „„Wie? Du haͤlſt jenen wunderbaren Mann fuͤr einen Gauner?““— ſtaunte Fernando. „„und doch enthuͤllte er uns die Zukunft, ſchien ſogar mein Geheimniß zu wiſſen.““— „„ Und wer koͤnnte das nicht?““— lachte ich.„„Auf dem erſten Anblick Deiner Miene ſteht man, daß tobender Schmerz an Deinem Herzen nagt.— Eben ſo gut will ich ſeine Pro⸗ phezeiungen erklaͤren. Neuigkeiten ſollte ich er⸗ ſahren, die ich nicht wuͤnſche, und dasjenige em⸗ pfangen, was alle Menſchen wuͤnſchen. Ei! wie fein! Als ob das vielleicht ein Wunder waͤre, wenn ich von einem Todtenfall von meiner ſehr 1 ausgebreit gewiß nie ginal me⸗ ſtorben ſe welch' füͤ nem Geſ N „V ſeinem f geſtorbene der es g re ware ne zu v erwiedert trat, un der Wel geworden „1 erkundig Lesanbru ſet ſiy gen unf bis wir bit auf 9„ abgemat 57 ausgebreiteten Familie hoͤren ſollte, was ich doch gewiß nicht wuͤnſche.““— „„Doch wie konnte er wiſſen, ob das Ori— ginal meines Gemaͤldes noch lebe oder laͤngſt ge— ſtorben ſey.““— meinte Fernando.„„Und welch' fuͤrchterlicher Schrecken zeigte ſich auf ſei— nem Geſichte, als er es erblickte.““ „Vermuthlich wußte er, der ein Meiſter in ſeinem Handwerk iſt, aus der Manier, der ab— geſtorbenen Farbe, und dem Coſtuͤme die Zeit, in der es gemahlt wurde, zu errathen. Alles ande⸗ re waren Grimaſſen und Theaterfurien, die Sin—⸗ ne zu verwirren, Aberglaube zu erzwecken!““— erwiederte ich eben, als der Wirth in die Stube trat, und uns verſtaͤndigte, daß dem erſden Arzte der Welt, jenem Wundermanne, ploͤtzlich uͤbel geworden ſey.“ „Als wir uns des andern Morgens nach ihn erkundigten, erfuhren wir, daß er ſchon vor Ta— gesanbruch mit der groͤßten Aengſtlichkeit abgerei— ſet ſey. Auch wir ſetzten noch an demſelben Mor— gen unſere Reiſe mit der Mannſchaft weiter fort, bis wir endlich in Toloſa ankamen, wo wir bis auf weiteren Befehl blieben.“— „„Durch den Marſch und die Hitze bitter abgemattet, kamen wir erſt ſpaͤt nach dem Orte un⸗ 58 ſerer Beſtimmung, an dem fuͤr unſere Bequem⸗ lichkeit auf das Beſte geſorgt war. Ich und Fer⸗ nando erhielten abgeſonderte Betten in einer Kam⸗ mer, und kaum hatten wir unſere Dienſtpflichten erfuͤllt, ſo lagen wir auch ſchon in der ſuͤßen Hoff⸗ nung einer herrlichen Nachtruhe, die dem Solda— ten auf dem Marſche nur ſehr ſelten zu Theil wird, auf dem Lager, wo uns Morpheus bald genug mit ſeinen ſchoͤnſten Mohnbluͤthen um— wand.“ „Ungefaͤhr um Mitternacht wurde ich aber durch ein heftiges Druͤcken auf meiner Bruſt be— unruhigt, welches ſo ſtark war, daß ich faſt nicht athmen konnte, und kaum hatte ich meine Augen aufgeſchlagen, ſo gewahrte ich bei dem matten Schein der Lampe, die in dem Zimmer brannte, die Geſtalt eines Mannes uͤber mich gebogen; deſſen linke Hand ſich mit fuͤrchterlicher Gewalt auf meine Bruſt preßte.“ „Kaum ſah die Geſtalt, daß ich erwacht ſey, ſo ſprach ſie mit dumpfem Tone:„„Steht auf, Marquis de Denia, und folgt mir!““— „„Nicht ich bin der Marquis von De⸗ nia““— erwiederte ich;„„denn noch lebt 7777 mein Vater. J ꝝꝙ* „„Wißt iſt. Stel lich ohne „Se dem Mun fuhr ich mit gebre von mir „ wortete e kam. 2 die Zeit. „C Glieder, und beic daß er Seine 9 Geſiht wilkähre Hohlwer nennbar Vaters ſm die und ſein ſen.* 59 „„Mit nichten!““— verſetzte der Fremde. „„Wißt denn, daß er heute Morgens geſtorben iſt. Stehet daher auf, und folgt mir augenblick— lich ohne Laͤrm.““ „Schrecklich uͤberraſcht durch dieſe Worte aus dem Munde einer mir ganz unbekannten Perſon, fuhr ich maſchinenmaͤßig in die Hoͤhe und ſprach mit gebrochener Stimme:„„Was verlangt Ihr von mir zu dieſer ungewoͤhnlichen Stunde?““— „„Gewiß nicht ungewoͤhnlicher,““— ant— wortete er,„„als das Geſchaͤft, weswegen ich kam. Beeilet Euch, Marquis! ſonſt verſchwindet die Zeit. Seht mich an und folgt mir.““— „Einiger Schauer rieſelte mir durch alle Glieder, als ich ihn jetzt erſt genauer erblickte, und beim duͤſtern Schein des Nachtlichtes ſah, daß er wie ein gemeiner Soldat gekleidet war. Seine Augen ruhten ſtarr auf mir, waͤhrend ſein Geſicht ſo bleich ausſah, wie das des Todes. Un⸗ willkuͤhrlich kam mir die Erſcheinung aus jenem Hohlweg ins Gedaͤchtniß, und obgleich ſich un— nennbare Scheu gegen den Todesboten meines Vaters in mir erhob, ſo fuͤhlte ich doch gleich— ſam die ſchreckliche Nothwendigkeit, ihm gehorchen und ſeinen Schritten ſtillſchweigend folgen zu muͤſ⸗ ſen.— 60 „Mit unhoͤrbarem Fußtritt ſchwebte er bis zum Hausthor, das ſich auf einen Wink ſeiner Hand von ſelbſt oͤffnete, und eben ſo wieder zu⸗ fiel. Ohne ſich umzuſehen oder ein Wort zu ſpre⸗ chen, fuͤhrte er mich durch die Stadt, bis wir uns auf der Bruͤcke am Ende derſelben befan⸗ den.“ „Mit Anſtrengung aller meiner Kraͤfte wagte ich es, zu fragen, wohin und zu welchem Ende er mich herumfuͤhre; doch die einzige Antwort, die ich von ihm erhalten konnte, beſtand in den Wor⸗ ten:„„Folgt mir, Marquis von Denial““ — die er mit einem ſo ungewoͤhnlichen Anklang der Stimme ſprach, daß ich nicht Muth genug beſaß, die Frage zu wiederholen.“ „Im angeſtrengten Fortſchreiten gingen wir uͤber verſchiedene Seitenwege und mehrere Bruͤk⸗ ken, bis ich mich ſo ſehr erſchoͤpft fuͤhlte, daß ich nicht wußte, wie ich ſchnell genug nachfolgen ſoll⸗ te, als wir durch ein Dickicht, das ſich laͤngs dem Ufer eines Fluſſes hinzog, auf einem hohen Damm kamen, der mit dichten, undurchdringli⸗ chen Baͤumen bewachſen war, die den Strom uͤberſchatteten, deſſen ſchwarze Wellen ſich mit ſchauerlichem Getoͤſe am ufer brachen. Kein Weg ſchien von dieſem ſchrecklichen Orte weiter zu fuͤh⸗ ren, und uns, als ſtanden.“ „M gähnenden lage. Al mir jetzt zuruͤck, haſten La von aller „A ſaßte ich und ſchre von der das hier eine Ott wollt.“, „) er. ν Andenken Cuer Fr weiter, O „ Ang er vähtend warts t 61 ren, und gaͤnzliche Finſterniß herrſchte rings um uns, als wir am Rande einer graͤßlichen Tiefe ſtanden.“ „Mit unnennbarer Angſt blickte ich in den gaͤhnenden Abgrund und ſchauderte uͤber meine Lage. Alle die Maͤhrchen meiner Kindheit traten mir jetzt mit einem Male wieder in's Gedaͤchtniß zuruͤck, die ſich in meiner gegenwaͤrtigen zweifel— haften Lage verwirklicht zu haben ſchienen, da ich von aller menſchlichen Huͤlfe entfernt war.“ „Angetrieben von der Groͤße der Gefahr faßte ich endlich einen entſcheidenden Entſchluß und ſchrie:„„Keinen Schritt weiche ich mehr von der Stelle. Eroͤffnet mir Euer Vorhaben, das hier eben ſo gut ausgefuͤhrt werden kann als eine Strecke weiter. Sprecht, was Ihr von mir wollt.““ „„Merkt Euch dieſen Platz!—““ verſetzte er.„„Ihr und die Zeit ſollt daran ein ewiges Andenken haben. Fernando de Coello iſt Euer Freund, ſo wie der meinige. Kommt daher weiter, denn bald ſind wir am Ziele.““— „Ohne ſich ferner um mich zu bekuͤmmern ging er nach einem dichtern Theil des Waldes, waͤhrend meine Fuͤße Wider meinem Willen vor⸗ waͤrts traten. Nach ungefaͤhr funfzig Schritten 62 kamen wir zu einem kleinen Kreiſe von Baͤumen, der von dichtem Geſtrippe umgeben war.“ „So viel ich in der Dunkelheit der Nacht bemerken konnte, ſchien mir hier einer der ſchick— lichſten Schlupfwinkel zu ſeyn, aus welchem Raͤu— ber dem einſamen Reiſenden ohne Gefahr auf⸗ lauern koͤnnten. Durch den Erfolg meiner letzten Rede ermuthiget blieb ich abermals ſtehen, und fragte meinen geheimnißvollen Fuͤhrer mit feſter Stimme, warum er mich hieher gefuͤhrt habe.“ „„Steigt auf jenen Baum““— erwieder— te er—„„verbergt Euch unter ſeinen Aeſten und wartet eine Weile; ſchweigt aber zu allem, was Ihr auch immer hoͤren moͤgt, wenn Euch Euer Leben lieb iſt.““— „„und was ſoll ich hören?““— verſetzte ich, mit zweifelhafter Miene.“ „„Erfahren, daß meine Worte kein Scherz ſind.—““ ſchrie er mit ſtrengem Tone.„„Be⸗ ruͤhrt mich, und uͤberzeugt Euch, ob das Grab einer Luͤge faͤhig iſt.““— „Zitternd ſtreckte ich meine Hand nach der Seinigen, die ſo ſtarr und kalt war, wie Eis.“ „Schweigend deutete er jetzt abermals auf den Baum, den ich ſcheu und furchtſam beſtieg. Kaum hatte ich aber die erſten Aeſte erreicht, von wo aus ie ich nach verſchwun „O mich ſo ken, und prieſenen naͤchſten? können. noch vor ich den zu Tol einem T ſen Daſ fuͤr toll „ N nem Po ſich Ton Iwei N llangen, unter m ruhig Daſeyn „8 ſuchend, rend d 63 wo aus ich nicht geſehen zu werden glaubte, als ich nach meinem Begleiter herabblickte, der ploͤtzlich verſchwunden war.“ „Dadurch nicht wenig erſchuͤttert, ſuchte ich mich ſo viel als moͤglich in meine Lage zu ſchik— ken, und bedachte, daß wir trotz unſerer hochge— prieſenen Weisheit nicht einmal die Thaten der naͤchſten Augenblicke unſeres Lebens voraus beſtimmen koͤnnen. Gewiß haͤtte ich einen Menſchen, der mir noch vor einigen Stunden geſagt haben wuͤrde, daß ich den Reſt der Nacht, die ich in meinem Bette zu Toloſa ſo herrlich zu verſchlafen dachte, auf einem Baum im Walde zubringen ſollte, von deſ⸗ ſen Daſeyn ich auch nicht das Geringſte wußte, fuͤr toll erklaͤrt, und doch war es ſo.“— „Noch keine Viertelſtunde hatte ich auf mei— nem Poſten in tauſend Aengſten zugebracht, als ſich Toͤne hoͤren ließen, und Fußtritte nahten. Zwei Maͤnner, deren Stimmen rauh und widrig klangen, kamen endlich herbei und lagerten ſich unter mir auf dem Graſe, waͤhrend ich mich ſo ruhig als moͤglich verhielt und aus Furcht, mein Daſeyn zu verrathen, kaum zu denken wagte.“ „Mit einem langen Degen vorſichtig umher— ſuchend, ging der eine nach den Gebuͤſchen, waͤh⸗ rend der andere eine Blendlaterne hinter einem 3 —— ———O—O——— — 64 ſchwarzen Mantel hervorzog, ſie auf die Erde ſtell⸗ te, neben ihr ein ſchmutziges Tuch ausbreitete, und Brod und Kaͤſe aus einer Taſche von Zie⸗ genfell nahm, die er auftiſchte 74 „Bald ſaßen beide beifammen, und aßen ſo begierig, als ob ſie ſeit drei Tagen nichts zu ſich genommen haͤtten. Erſt nach einer langen Pauſe begann der Eine:„„Iſt das ein Lumpenleben, fuͤr ein Paar ſolcher Kerls, wie wir ſind!— Wer haͤtte gedacht, daß es uns fuͤr geleiſtete Dien— ſte noch ſo ſchlecht gehen ſollte, ſeit man uns nicht mehr braucht.““ „„Laß es gut ſeyn, Jaques wiederte der Andere.„„Bald ſoll er's bereuen. ¹ 7777 er⸗ Abgenommen ſollen ſie ihm werden, jene erborg⸗ ten Ehren; das Geheimniß, deſſen wir in Beſitz ſind, ſoll ihm fruͤh genug den Garaus machen, wobei das mauriſche Schloß—““ „„Ja wohl koͤnnte jenes Schloß ſo manches erzaͤhlen—““ fiel Jaques ein.„„Gluͤcklich genug liegen jene Scenen aber tief in unſerm In⸗ nern begraben, und kein Luͤftchen ſoll fruͤher da⸗ von ſchwatzen, als bis es Zeit ſeyn wird. Waͤre ich meines Verdachts nur gewiß, ſo ſollte ihn mein Degen uͤber die Spanne Zeit wohl bald nach dem Jenſeits geſchickt haben.““ 0 leider! Aufenth „, erwiedern jene zwe ter ſiche nicht de wit hat mir, d zum S dann de Fürſten 2 das Ge ſet, al fürchter war, jetigen nem A Schurt matten har wu 65 „„Du weißt gewiß, daß ich nicht feige bin, leider! iſt jene Kammer aber der ſchrecklichſte Aufenthalt fuͤr mich,““— „„Waͤre ich nur mit Dir geweſen,““— erwiederte Jaques„„und gewiß haͤtten wir jene zwei Reiſenden, die das naͤchtliche Ungewit⸗ ter ſicher weit mehr verſchuͤchtert hatte, als Dich, nicht dem einzigen uͤberzeugenden Beweis, den wir hatten, mit ſich fortnehmen ſollen. Glaube mir, der Dolch allein waͤre genug geweſen, ihn zum Schweigen zu bringen, und leben haͤtten wir dann koͤnnen— leben, ſage ich Dir, wie die Fuͤrſten.““— „Kaum traute ich meinen Ohren, wie ich das Geſpraͤch vernahm. Nichts ſchien mir gewiſ⸗ ſer, als daß einer der beiden Gauner in jenem fuͤrchterlichen Schloſſe an uns voruͤbergeſchlichen war, und geſtehe aufrichtig, daß ich in meiner jetzigen Lage nicht wenig zitterte. Mit zuruͤckgehalte⸗ nem Athem lauſchte ich auf die Worte dieſer Schurken, deren abſchreckende Geſichtszuͤge bei dem matten Schein der Laterne nur zur Haͤlfte ſicht⸗ bar wurden.“ „„So wie ich hoͤre““— begann Lopez, der zweite der Gauner, nach einer Pauſe auf's Neue—„„beſucht der alte Ritter jene Ruine I. Theil. 5 66 wieder regelmaͤßig, als ob er den Schaden, den er geſtiftet, ſehen, oder die Todten beſuchen woll⸗ te 77747 „ Glaubſt Du denn wirklich,““— er— wiederte Jaques,—„„daß ihn unſchuldig ver⸗ goſſenes Blut zur Reue bringt? Oh keineswegs! Ruhig ſchlaͤft er an dem Orte ſeines Verbrechens. Kein Geiſt beunruhigt ſeinen Schlummer, doch unſer Anblick ſoll ihm ſchrecklicher ſeyn als der Tod, da er uns laͤngſt geborgen glaubte. 7774 „„Und doch— verſetzte Lopez„„ha⸗ be ich ganz andere Geſchichten gehoͤrt. Jeder Bauer kann Dir von ſeinem Murrſinn erzaäͤhlen, mit dem er ſowohl Toͤchter als Unterthanen ty⸗ ranniſirt. Sogar verſchiedene unheimliche Geſtal— 1111 ten will man geſehen haben. „„Schweig Lopezl““— ſchrie Jaques jetzt.„„Beim Himmel! Du wirſt zum alten Weibe.— Geſtalten geſehen! ha! ha! ha!““ „„und doch werde ich die Scene jener Nacht nicht ſo leicht vergeſſen,““— verſetzte er.„„Mit Lowenmuth ſuchte er ſich zu vertheidigen, waͤh⸗ rend der Wind ſo fuͤrchterlich um uns her pfiff, als wollte er ſein letztes Roͤcheln allen Weltgegen⸗ den offenbaren, und ſein Grablied heulen.““— 4 Plaliche „ mer gen b ereiten rend m ten, da 989 „ te eine Ä' er „„CEewiß traͤumte er die er ploͤtzlich antreten mußte.““— erwiederte Jaques.—„„Iſt doch ein wahrer Hoͤllen⸗ hund, dieſer alte Padilla! der ſich von zweiten Frau eben ſo leicht losgemacht ſcheint, wie von der erſten. Ohl gewiß wuͤrde g treu gedient haben, wie — ₰ ihm niemand haͤtte er uns nicht ſo niedertraͤchtig das Unſrige 7741 „„Was ihn gewiß reuen ſoll!““— ver⸗ 0 7 ρ 2„ CA.. ſetzte Lopez.„„Glaube mir, koͤnnen wir unſer Plaͤnchen hr ſo iſt unſer Gluͤck fuͤr im— Ich habe die Weiber geſehen, es ſind ein Paar ganz nette Figuͤrchen; Gewiß wil⸗ t Padilla in unſer Begehren, wenn er ſei⸗ 777474 Neffe, der vor Kur⸗ zem muͤndig gewordene Fernando de Coello, Den wir w vohl bald die 5. z Ep Aſlo 1e. 77 44 bereiten wollen. 1 4—2„. rend mich Zorn und ten, daß i Schurke „Kaum Barkr ich aber noch geendet, ſo druͤck⸗ te einer der Gauner auch ſchon ein Piſtol nach EF* 2 —— — —— 1 1 68 dem Baume ab, auf dem ich ſaß, daß die Kugel ſchwirrend durch die Zweige pfiff, ohne mich je⸗ doch getroffen zu haben. Nicht wenig erſchrak ich jetzt uͤber meine Voreiligkeit, leider! war es nun aber zu ſpaͤt, daruͤber nachzudenken. Nit dem Schwerte in der Fauſt ſprang ich vom Baum her⸗ ab. Mein Gewicht ſtuͤrzte den einen der Schur⸗ ken, auf den ich fiel, zur Erde, und augenblick⸗ lich bohrte ich ihm das Schwert durch den Leib⸗ Noch hatte ich es aber nicht wieder herausgezogen, als ich von dem andern Gauner einige Dolchſtiche und einen ſo gewaltigen Schlag auf das Haupt erhielt, daß ich ſinnlos zu Boden ſtuͤrzte.“ Rettun Pad alte zäh Viertes Kapitel. Rettung in der Noth,— das gothiſche Gebaͤude,— Padillas kurze Biographie,— der Traum,— der alte Gonzalez, die Gemaͤldegallerie, und die Er⸗ zählung. „Längſt war die Sonne ſchon heraufgeſtiegen, als ich meine Beſinnung wieder erhielt. Mit der groͤßten Anſtrengung verſuchte ich es aufzuſtehen, war aber durch den haͤufigen Blutverluſt ſo ge⸗ ſchwaͤcht, daß ich nur mit den aͤußerſten Schmer— zen und der groͤßten Muͤhe von dem Leichnam des Meuchelmoͤrders wegkriechen konnte, der mit geronnenem Blute ganz uͤberdeckt war.“ „Schwach und kraftlos ſaß ich auf einem kleinen Huͤgel im Angeſicht des todten Koͤrpers, und fuͤhlte mich ſo matt, daß ich alle Augenblik⸗ ke vergehen zu muͤſſen glaubte. Kein lebendes Weſen, das mir in meiner elenden Lage haͤtte bei— ſpringen koͤnnen, ließ ſich in der ganzen Gegend blicken, und meine Stimme war zu ſchwach, —— ——— ——— ——— — —— —— 70 als daß mein Huͤlferufen haͤtte in der Ferne ge⸗ hoͤrt werden koͤnnen. Nichts ſchien mir daher ſo ſicher, als hier, fern von aller menſchlichen Huͤlfe, meinen gewiſſen Tod erwarten zu muͤſſen, wor⸗ uͤber ich, aufrichtig geſtanden, nicht im mindeſten mißmuthig war, wie man es von einem jungen Manne wohl haͤtte erwarten koͤnnen, der noch die bluͤhendſten Ausſichten hatte.“ „Lange lehnte ich ſchon mit dem Kopfe an einem hohlen Baumſtamme in dumpfes Dahinbruͤ— ten verſunken, und ſah dem Tode gleich einem willkommenen Gaſte entgegen, als ich ploͤtlich durch ein leiſes Geraͤuſch in den Blaͤttern aufge⸗ ſchreckt wurde, und ein kleiner Hund bellend auf mich zu kam, dem zwei Frauen folgten, die mir wie ſchuͤtzende Engel erſchienen.“ „Kaum hatten ſie aber die ſchreckliche Scene erblickt, ſo ſtießen ſie einen Schrei aus und woll⸗ ten entfliehen, waͤhrend ich ſie mit der groͤßten Anſtrengung meiner Sprachorgane in den ſlehend⸗ ſten Worten um ihren Beiſtand bat.“ ., 7774 „„Heilige Mutter!— ſagte eine von ihnen, indem ſie ihre Begleiterin naͤher zog.— „„Wie ſeyd Ihr in dieſe ſchreckliche Lage gera⸗ then, und wer iſt dieſer Mann, der vor Euc „Ahenl⸗ 1 2 777477 erſchlagen liegt m mich in uͤberfiel. bin, un zurͤckbli nach ihn 7F* te eine lerer Hi funfzehn „„ und Nacht legt!⁰³ 7 Dirgi dete ſic len,— außer wir hel / ich wut nöglich eitler neine, 71 „„Ein Raͤuber““— erwiederte ich„„der mich in Gemeinſchaft mit ſeinem Spießgeſellen uͤberfiel.— Vernehmt ferner, das ich Offizier bin, und von Toloſa kam, wo mir mein Freund zuruͤckblieb. Wollt Ihr wohl die Guͤte haben, nach ihm zu ſchicken?““— „„Wo denkt Ihr hin, Senor!““ verſetz⸗ te eine der Damen.„„Ihr beduͤrft weit ſchnel⸗ lerer Huͤlfe. Wißt Ihr nicht, daß von hier aus funfzehn Meilen bis nach Toloſa ſind.““— „„Funfzehn Meilen!““— ſchrie ich,— „„und doch habe ich den Weg in der vorigen Nacht erſt in einer halben Stunde zuruͤckge⸗ legt!““— „„Armer Ungluͤcklicher!““— erwiederte Virginia, eine der beiden Frauen, und wen⸗ dete ſich zu threr Begleiterin.„„Laß uns ei⸗ len, Almiral ſo wie es ſcheint, iſt er bereits außer ſich, und ſtirbt am Ende noch fruͤher, als wir helfen koͤnnen.““— „Blitzſchnell eilten ſie jetzt hinweg, ohne daß ich wußte, was ich denken ſollte, und wie es moͤglich war, eine Strecke von funfzehn Meilen in einter halben Stunde zuruͤckzulegen, in ſo ferne meine Sinne nicht verblendet waren.“ „Ungefaͤhr in einer Viertelſtunde kamen ſte mit mehreren Dienern zuruͤck, die mich, nach ei⸗ nem ſtaͤrkenden Trank, den ich aus Virginiens ſchoͤnen Haͤnden erhielt, welcher mein Zuſtand ziem⸗ lich nahe zu gehen ſchien, auf eine Saͤnfte leg⸗ ten, und mit vieler Muͤhe durch dichtes Geſtripp brachten, bis wir endlich in die Mitte des Wal⸗ des bei einem gothiſchen Gebaͤude von anſehnlicher Pracht anlangten, deſſen graue Thuͤrme mit der wallenden Landſchaft auffallend kontraſtirten, und den Spitzen der Sierra Morena zu trotzen ſchienen, die im Hintergrunde emporragten⸗“ „Erſt, nachdem man mir ein Zimmer ange⸗ wieſen, einen alten grauen Diener zur Pflege beigegeben hatte, und ich durch zu mir genomme⸗ ne Nahrung und Ruhe betraͤchtlich geſtaͤrkt war, konnte ich mich bei jenem Alten nach dem Namen des Schloſſes, in dem ich mich befand, nach deſ⸗ ſen Eigenthuͤmer, der mich ſo menſchenfreundlich aufgenommen hatte, erkundigen.“ „„Das Schloß, in dem Ihr Euch beſin⸗ det, heißt Montillo und Seine Exzellenz nen⸗ nen ſich Don Padilla;““— erwiederte er.“ Wi. 14— „„Wie? Don Padillas Schloß ſchrie ich erſtaunt. 5„71 ungewiſſe tig nicht danken k gute Auf 7 te ich mi 1 lieb iſt! te er ſch lichen D es iſt o durch ſprechen rend de angeneh dillas „„So iſt es!““— verſetzte der Diener mit ungewiſſer Miene.„„Obgleich er ſich gegenwaͤr⸗ tig nicht hier befindet, wofuͤr Ihr dem Himmel danken koͤnnt, denn gewiß wuͤrdet Ihr keine ſo gute Aufnahme gefunden haben.““ „„Und wann erwartet Ihr ihn?““— frag— te ich mit dem ſonderbarſten Gefuͤhle.“ „„Auf jeden Fall fruͤher, als es uns allen. lieb iſt!““— erwiederte er.„„Vielleicht duͤrf— te er ſchon in vierzehn Tagen von ſeiner gewoͤhn⸗ lichen Reiſe aus Grenada zuruͤckkehren. Oh! es iſt wahrlich Jammer Schade, daß Ihr gerade durch einen ſo ungluͤcklichen Zufall bei uns ein⸗ ſprechen mußtet; denn ſonſt wuͤrdet Ihr hier waͤh⸗ rend der Abweſenheit Seiner Exzellenz gewiß die angenehmſten Tage in der Geſellſchaft von Pa— dillas liebenswuͤrdigen Toͤchtern verlebt haben.““ „„Iſt er wirklich ſo melancholiſch?““— verſetzte ich.“ „„Melancholiſch?— Toll! ſage ich Euch, — ganz fuͤrchterlich toll iſt er zu Zeiten,“— ſchrie der Alte,—„„und dann wehe dem armen Miguel, wenn er ihm in den Weg koͤmmt. Wie bei einem Leichenbegaͤngniſſe muͤſſen wir im Schloſſe herumſchleichen, ausgenommen Seine Exzellenz befehlen etwas; dann muͤſſen wir aber —— —— — ——— ———— 4— —— 74 auch wie der Blitz umhereilen, und, ehe er die Hand wendet, wieder zuruͤck ſeyn.— Oh, und ſieht er nur Einen von uns lachen, ſo befaͤllt ihn ſo wuͤthender Zorn, daß man glauben ſollte, er waͤre beſtohlen worden.““ „„Was hat ihn in dieſen Seelenzuſtand ge⸗ bracht?““— fragte ich.“ „„Das mag der liebe Himmel wiſſen!““ — erwiederte er.„„Nach meiner Meinung iſt das der unnatuͤrlichſte, unertraͤglichſte Humor von der Welt, wozu dieſes alte finſtere Gebaͤude gewiß nicht wenig beitragen mag, von deſſen gewundenen Stie⸗ gen, finſtern einſamen Kammern, duͤſtern Kellern und naͤchtlichen Erſcheinungen man Dinge erzaͤhlt, daß ſich die Haare empor ſtraͤuben. Da iſt auch der alte Gonzalez, der ſo manches zu ſagen wuͤßte; leider! iſt der Kerl aber ſo ſtumm wie ein Fiſch, und will man ihn uͤber etwas ausholen, ſo brummt er, und raͤuſpert ſich eine Stunde lang, bis er endlich mit einem Achſelzucken oder Kopf⸗ nicken endet.““— „„Habt Ihr wirklich jemals Erſcheinungen geſehen, von denen Ihr ſo eben ſpracht?““— fragte ich mit geſpannter Neugierde.“ „„Das zwar nicht,““— erwiederte er— „„wohl aber genug Toͤne und Laute gehoͤrt, die mir ders laſſer ſes, der und jeden wagen, ſeln der 9 nes Verl nahen wu „ di leins plagt wern 11 fragte 111 „„ ohglei ſich auch wollte. Frquen Irauen v. Gericht dährend du wiſer das Blut in den Adern ſtarren machten. Beſon⸗ ders laſſen ſich in dem oͤſtlichen Fluͤgel des Schloſ⸗ ſes, der ſchon ſeit zwanzig Jahren verſchloſſen und jedem von uns verboten iſt, ſich hinein zu wagen, ſo haͤufig klirrende Schwerter und Raſ⸗ ſeln der Ruͤſtungen hoͤren, daß ſich auch ohne je⸗ nes Verbot bei angelweiten Thuͤren niemand nahen wuͤrde, als allenfalls unſere beiden Fraͤu⸗ leins, die von der Neugierde ganz gewaltig ge— plagt werden.““ „Iſt Don Padilla verheirathet?““ — fragte ich neuerdings.“ „,„„ Jetzt zwar nicht,“⸗ — verſetzte er,— „„obgleich er es ſchon zwei Mal war, und ſich auch zum dritten Male in der Ehe verſuchen wollte. Donna Iſabella fand's aber nicht fuͤr gut, es nach dem, was mit ſeinen anderen Frauen vorging, darauf ankommen zu laſſen.— Geruͤchte ſind freilich meiſtens Luͤgner, leider! laſ— — en ſich aber die graͤulichſten Dinge vermuthen.— Ja, ja, der alte Gonzalez koͤnnte wohl ſo manches ſagen, der iſt aber ſo zuruͤckhaltend und ſtumm wie mein Herr, und ſitzt oft Stundenlang, ohne zu einem Menſchenkind ein Wort zu reden, waͤhrend ich doch Vieles darum geben wollte, das zu wiſſen, was er weiß.““— 76 „So gerne ich noch manches von dem ge⸗ ſchwaͤtzigen Alten erfahren haͤtte, ſo verſank ich dennoch wieder bei einem Anfall von Schwaͤ⸗ che in einen ſo tiefen Schlaf, daß ich erſt nach mehreren Stunden wieder aufwachte.“ „Kaum oͤffnete ich die Augen, ſo ſtand Fer⸗ nando mit einem Wundarzte vor meinem Bette, der mir nach der Unterſuchung meiner Wunden eroͤffnete, daß ich vielleicht in einigen Tagen ſchon das Zimmer wuͤrde verlaſſen koͤnnen.“— „„Deſto beſſer!““ verſetzte Fern ando— „„da Deine Gegenwart in Madrid ſo bald als moͤglich noͤthig iſt.““— „„Haſt auch Du ſchon davon gehoͤrt?“— fragte ich erſtaunt; doch eben ſo uͤberraſcht erwie⸗ derte er mit forſchenden Blicken:„„Gehoͤrt?— Von was?““— „„Von meines Vaters Tode!“““— ver⸗ ſetzte ich.„„Oh fuͤrchte nicht, mich durch zu vor⸗ eilige Entdeckung zu erſchuͤttern. Schon ſeit der vorigen Nacht weiß ich jene Schauerpoſt.“ 4 „„Wie iſt das moͤglich!““ ſchrie er mit dem Ausdrucke des groͤßten Erſtaunens.„„Nur wenige Minuten vor meiner Abreiſe aus Toloſa brachte mir ein Courier die Nachricht ſeines To⸗ 77 77 des.— „B Diener, ich ihm te, aus d wunderba theilte.“ gann er, Schickſal auffallene ten zu gerer T ohne m Erbe ſei gewuͤnſe um ihn wie ich ſich bei nes plo er ſch zeit zu des S „ nu mit ſter, d Erdücc 5 77 „Bald hatte Fernando ſowohl den alten Diener, als den Arzt unter dem Vorwande, daß ich ihm Familienangelegenheiten mitzutheilen haͤt— te, aus dem Zimmer entfernt, worauf ich ihm die wunderbaren Ereigniſſe der verfloſſenen Nacht mit⸗ theilte.“ „„Das mag der Himmel wiſſen!““— be⸗ gann er,— warum gerade wir zwei vom 7777 Schickſale auserſehen ſind, die ſonderbarſten und auffallendſten Dinge in Padillas Angelegenhei⸗ ten zu erfahren. Zwar iſt er meiner Mutter juͤn⸗ gerer Bruder, und ich bin, ſo bald ſeine Toͤchter ohne maͤnnliche Nachfolger ſterben, der einzige Erbe ſeiner Guͤter, habe es aber gewiß noch nicht gewuͤnſcht, da ich mich uͤberhaupt nur ſehr wenig um ihn bekuͤmmerte. Seine erſte Frau ſtarb, ſo wie ich glaube an einer Unverdaulichkeit, die ſie ſich bei einem Gaſtmahle zugezogen haben ſoll, ei⸗ nes ploͤtzlichen Todes, und bald darauf verehlichte er ſich noch vor Beendigung der geſetzlichen Trauer⸗ zeit zum zweiten Male mit Emira, der Tochter des Stadthalters von Lima.““ „„Gott im Himmel!“— ſchrie ich— „„mit meiner Mutter Schweſter. Eine Schwe⸗ ſter, die ſie ſammt ihrem erſten Gatten bei einem Erdbeben zu Grunde gegangen glaubte, worauf —— ——— ——— 78 ſich meine Mutter, als die aͤltere, nach Spanien begab, und meinen Vater ehelichte. Doch wie war es moͤglich, daß ſie in Spanien unbekannt blieb? ⸗ „„Nichts leichter als dießſß!““— erwieder⸗ te Fernando,„„da Padilla ſein einſames Schloß faſt nie verließ. Mein Vater ſtarb weni— ge Monate nach ſeiner Heirath mit Padillas Schweſter und meine Mutter in der Stunde mei⸗ ner Geburt. Der Fuͤrſorge der Vormuͤnder uͤber⸗ laſſen wurde ich auf dem Schloſſe Deines Varers, des Marquis de los Velos erzogen, ohne mich viel um meine Verwandten zu bekuͤmmern. Auch mit Padilla war meine Bekanntſchaft nur ſehr unbeſtimmt. Ich wußte bloß, daß er kurz nach meiner Mutter Tode, als er all' das Sei⸗ nige durchgebracht hatte, in den mißlichſten Ver⸗ haͤltniſſen im Lande herumſtrich, bis er ploͤtzlich in den weſtlichen Colonien Spaniens auf eine unbekannte Weiſe ſein Gluͤck gemacht haben ſoll, und nach ſeiner Zuruͤckkunft aller Verbindungen mit ſeinen Verwandten entſagte, theils aus Ra— che, weil ſie ihn waͤhrend ſeiner Ausſchweifungen nicht nur genug unterſtuͤtzt hatten, theils aus menſchenſcheuer Zuruͤckhaltung, die ihm, wie man ſagte, das Leben zur unertraͤglichen Qual machte. In jenen vertrieb, Grana ihm eine — Doch wunderba nete. „ trieben ſt de und Endlich und rufe te ich it Varte: iſt weit nen Pau in meine Sich m ſchrie er lich fiel ich erbli ren Ort ſeinen I 71„ der Sch ₰ℳ In jenem Zeitraum, als Philipp die Mauren vertrieb, nahm er endlich eine zweite Frau aus Granada, die zwoͤlf Monate ſpaͤter ſtarb, und ihm eine Tochter, Donna Almira, zuraͤckließ. — Doch hoͤre nun auch, was mir ſeit Deinem wunderbaren Verſchwinden aus Toloſa begeg— nete.““— „„Kaum hatte ich einige Zeit geruht, ſo trieben ſich die unzuſammenhaͤngendſten Gegenſtaͤn⸗ de und Traumbilder in meinem ai umher. Endlich daͤuchte mir, die Geſtalt des verwundeten Soldaten ſtuͤnde mit zorniger Geberde vor mir, und rufe mich beim Namen. In Kurzem glaub⸗ te ich ihn immer deutlicher zu ſehen, und die Worte:— Wache auf, Fernando, Dein Freund iſt weit von hier— zu hoͤren. Nach einer klei⸗ nen Pauſe fuhr er fort:— Wiſſe denn, daß er in meinem Dienſte iſt, faͤllt er, ſo raͤche ihn.— Sieh mich an, und merke Dir, was Du ſiehſt— ſchrie er endlich mit lauter Stimme. Augenblick⸗ lich fiel ihm jetzt ſeine Uniform vom Leibe, und ich erblickte ihn in mauriſcher Tracht, an mehre⸗ ren Orten mit Blut befleckt, das unmittelbar aus ſeinen Wunden herauszutropfen ſchien.““ „„Mit Entſetzen wendete ich meine Augen von der Schreckgeſtalt, und wurde ſo heftig bewegt, ——— —— ————— 80 daß ich unter Angſtſchweiß aus meinem Traum er⸗ wachte, mit einem lauten Schrei von meinem Bette emporfuhr, und auf das Deinige loßſtuͤrz⸗ te?⸗⸗⸗ „„unmoͤglich kann ich Dir meinen Schrek⸗ ken beſchreiben, als ich es leer fand. Die War⸗ nung der Erſcheinung meines Traumes ſchien mir nun von Bedeutung zu ſeyn, und augenblicklich ſtieß ich ein ſo fuͤrchtekliches Geſchrei aus, daß das ganze Haus allarmirt wurde.““ Nachdem ich jeden Winkel des Gebaͤudes 7717 vergeblich durchſucht hatte, ſchickte ich mehrere Leute nach allen Umgebungen, Deinem ſonderba⸗ ren Verſchwinden auf die Spur zu kommen, konn⸗ te aber noch immer nicht begreifen, wie Du aus dem Hauſe gekommen ſeyn ſollteſt, da doch alle Thuͤren feſt verſchloſſen waren. Erſt durch die Ankunft Deines Boten wurde ich endlich beru⸗ higt, ſehe aber nun nur zu deutlich, daß wir beide in die ſeltſamſten und wichtigſten Ereigniſſe verflochten ſind. 4— „„Leider iſt es nur zu gewiß,“— ver⸗ ſetzte ich.„„„ Sicher weicht die Natur aber nicht um einer Kleinigkeit willen von ihrer Bahn ab, und waͤre ich nur im mindeſten aberglaͤubiſch, ſo wuͤrde ich Almanſorn jetzt fuͤr einen Zauberer halten. Seelen d Vorfäͤlle wiß iſt ben, eil heruͤber zu treibe ein men heiten d 1 la der ſon iſ nun doch chen An 91 dem Zu te ich u „L ſchoͤnen gen wir halten. Es kann zwar moͤglich ſeyn, daß es den Seelen der Verſtorbenen erlaubt iſt, bei wichtigen Vorfaͤllen unter den Lebenden zu erſcheinen, ge⸗ wiß iſt aber keinem Sterblichen die Macht gege⸗ ben, eine abgeſchiedene Seele aus dem Jenſeits heruͤber zu rufen, um ein gottloſes Spiel dar zu treiben. Eben ſo unwahrſcheinlich iſt es, d ein menſchliches Weſen Herr uͤber die Begeben⸗ heiten der Zukunft ſeyn koͤnne.““— „„Faſt bin ich der Meinung, daß Padil— la der Moͤrder einer fuͤr uns intereſſanten Per⸗ ſon iſt;““— erwiederte Fernando,— „doch wie koͤnnen wir den Beweis einer ſol⸗ chen Anklage herſtellen?“““— „„Leider! Muͤſſen wir es der Zukunft und dem Zufalle der Dinge Aberlaſſen!““— verſetz— te ich und verſank in duͤſteres Nachdenken.“— „Die Sorgfalt meines Freundes und der ſchoͤnen Schweſtern ſtellte mich binnen wenigen Ta— gen wirklich ſo weit her, daß ich in meinem Zim⸗ mer auf und abgehen konnte. Obgleich aber die Wunden meines Koͤrpers ſo ziemlich zu heilen be— gannen, ſo fuͤhlte ich doch, daß Virginens Reize mein Herz ſo gefaͤhrlich verwundet hatten, daß ich ſobald nicht davon geneſen wuͤrde. Auch Fernando verſicherte mich, daß er nicht ohne I. Theil. 6 82 Grund glaube, in der Zuneigung meiner Couſine Almira bedeutende Fortſchritte gemacht zu ha⸗ ben.“ „„Wozu ich Dir vom Herzen Gluͤck wuͤn⸗ ſche,““— erwiederte ich,—„„da es doch weit kluͤger iſt, als immer und ewig an jenem Por⸗ trait zu haͤngen.““— „„Glaube mir,““— verſetzte er,—„„„ Ein⸗ bildung thut doch immer das Beſte bei Liebesſa⸗ chen, und gewiß werde ich nicht eher wahrhaftig lieben koͤnnen, bis ich ein Weſen finde, das die⸗ ſem reizenden Gemaͤlde gleicht.““— „Sehnſuchtsvoll zog er das Bild jetzt aus dem Buſen, und hing mit trunkenen Blicken dar⸗ an.„„Zwar finde ich wohl in dem Umriſſe ei⸗ ne kleine Aehnlichkeit mit Almiren;““— be⸗ gann er nach einer Pauſe,—„„leider iſt ſie aber bei weitem kein ſo vollendetes Geſchoͤpf.““— „Noch waͤhrend er ſprach, trat der alte Gonzalez in das Zimmer, ohne daß, wir ihn bemerkten. Ploͤtzlich fielen ſeine Augen auf das Gemaͤlde und läͤchelnd ſtrich er ſich die altergrauen Silberhaare zuruͤck.“ „„Ach, Senor!““— ſagte er,—„„ wie gluͤcklich ſeyd Ihr, das Bild Eurer Dame am Herzen tragen zu koͤnnen. Wollt Ihr wohl ei⸗ nen alt habe n geſehen be betr thut es ſccht zu „ nand neres e 83 nen alten Mann mit dieſem Anblick ergoͤtzen. Ich habe manche Schoͤnheit ſchon bluͤhen und welken geſehen, und bin zwar, was den Punkt der Lie⸗ be betrifft, jetzt ſelbſt ſchon verwelkt; trotz dem thut es mir aber doch noch wohl, ein ſchoͤnes Ge⸗ ſicht zu erblicken.“— „„So ſieh denn her!““— laͤchelte Fer— nando,—„„und ſage, ob Du je etwas Schoͤ⸗ neres geſehen haſt.““ „Gierig griff der Alte nach dem Bilde, und ſah es ſtarr und bewegungslos an, waͤhrend ihm Thraͤnen aus den Augen fielen.“ „„Was ſoll das?““— ſchrie Fernando uͤberraſcht.„„Warum weinſt Du?““ „„Oh vergebt mir!““— erweederte er. „„Vergebt einem alten Manne, der oft wunder⸗ liche Einbildungen hat. Dieſes Bild fuͤhrt mir Zeiten ins Gedaͤchtniß— Zeiten! ach!— die ſchon lange vorbei ſind.— Ohl! ich koͤnnte Euch ein Bild in unſerer Gemaͤldegallerie zeigen, das dem Eurigen zum Sprechen gleicht; das Bild der Mutter Donna Almirens, das ihr ſehr aͤhnlich gehalten wurde. Lebt dieſe Donna noch? Se⸗ nor!““— „„Leider weiß ich es nicht!““ verſetzte Fernando.„„Du haſt meine Neugierde aber 6* —— —— —— — —— — —— — 84 ſo ſehr gereizt, daß ich die Gemaͤldegallerie wohl zu ſehen wuͤnſchte; denn nur zu oft nimmt man wunderbaren Antheil im menſchlichen Leben an Kleinigkeiten.““— „„An Kleinigkeiten?““ e derte der Alte kopfſchuͤttelnd.“ „„So iſt's!““— antwortete Fernando. „„Haͤltſt Du es fuͤr eine Sache von Bedeutung mir Eure Gemaͤldeſammlung zu zeigen? Ich ha⸗ be meine Muhme nie lebend geſehen, und moͤchte doch wenigſtens ihr Bild betrachten.““— „„Eure Muhme!““— erwiederte Gon⸗ zalez mit ſichtbarem Erſtaunen;„„Donna Zidana Euere Muhme?— heiliger Vater, iſt das moͤglich!— Ja, ja! nun will ich Euch nach der Gallerie fuͤhren. Folgt mir ſo leiſe als moͤg— lich durch jene Hinterthuͤr, vermeidet aber jedes Geraͤuſch; denn unſere Hausleute ſind ſo neugie⸗ rig nach allem, was ihnen auffaͤllt, daß ſelbſt das Mindeſte ihre Aufmerkſamkeit erregt.““— „So gerne ich mitgegangen waͤre, fuͤrchtete ich doch, daß mir die Bewegung uͤbel bekommen moͤchte, und mußte daher das Vergnuͤgen aufge⸗ ben, Fernando zu begleiten. Erſt nachdem ihm Gonzalez durch viele dunkle, gewundene Gaͤnge gefuͤhrt hatte, traten ſie in einen großen Saal, der ſeh ziert w an wel Perſon der Er der Ge bedeckt „ jetzt ne Gemäͤl Seit tragen den V erſte( — lei ihrer Fern „ ſchnell mals ſollſt geſtor 8 err gewat 85 der ſehr koſtbar nach altſpaniſchem Geſchmacke ver⸗ ziert war. Alte Tapeten bekleideten die Waͤnde, an welchen eine lange Reihe Gemaͤlde hing von Perſonen, die ſchon laͤngſt in den Eingeweiden der Erde moderten, bis endlich am oberſten Ende der Gallerie zwei mit ſchwarzſeidenen Vorhaͤngen bedeckte Bilder in vergoldeten Rahmen prangten.“ „Sich vorſichtig umſehend trat Gonzalez jetzt naͤher und ſprach:„„Hier, Senor! ſind die Gemaͤlde von Seiner Exzellenz beiden Frauen. Seit ſie todt ſind, kann er ihren Anblick nicht er— tragen. Seht,““— fuhr er fort, waͤhrend er den Vorhang wegzog,—„„das iſt Padillas erſte Gattin. Wahrlich! eine ſehr ſchoͤne Frau! — leider ſtarb ſie aber ploͤtzlich, in der Bluͤthe ihrer Jahre.““ „„Habt Ihr ſie gekannt?““— verſetzte Fern ando.“ „„Nein, Senor! Sie ſtarb ſchnell, ſehr ſchnell;““— erwiederte der Alte.„„Ich war da— mals noch nicht im Schloſſe;— ſo wie ich hoͤrte, ſoll ſie ploͤtzlich an den Folgen eines Nachtmahles geſtorben ſeyn.““ „„ Und glaubt Ihr es?““— wiſperte Fernaud o.„„Glaubt ja nicht, daß ich aus gewoͤhnlicher Neugierde frage. Gruͤnde liegen —ᷓ- — 86 — — ——— 1——— ———— hiezu in meinem Innern begraben, die jene Fra⸗ ge gewiß entſchuldigen.““— „„Ach, Senor!““— verſetzte Gonzalez mit bedeutender Miene,—„„leider! duͤrfen wir unſeren Sinnen in dieſer Welt nicht trauen. Bej Dingen, die wir nicht erweiſen koͤnnen, iſt es am Beſten, zu hoͤren, zu ſehen und zu ſchwei⸗ gen.““— „„Mohrere Unſtaͤnde, die einzeln betrachtet nichts bedeuten, koͤnnen zuſammengereiht einen kraͤftigen Beweis verſchaffen. Einen Beweis, der unwiderlegbar ſeyn duͤrfte,““— erwiederte Fer⸗ nando.“ „„Dann wuͤrde die ewige Gerechtigkeit her⸗ geſtellt, der Beleidigte geraͤcht weien!““— ver— ſetzte der Alte mit zum Himmel gewendetem Blick.“ „„Und die Moͤrder ihren Lohn empfangen!““ ſchrie Fernando.“ „Glaubt Ihr denn wirklich, Senor!““— liſpelte Gonzalez, indem er ſich furchtſam um⸗ ſah,—„„daß Euch irgend etwas zu ſolchem Verdachte Anlaß geben koͤnnte?““ „„Geruͤchte, die uͤber dem oͤſtlichen Theil dieſes Schloſſes verbreitet ſind, Padillas Nie⸗ dergeſchlagenheit! und— dieſer Dolch!!““— ſchrie Fernando, indem er die roſtige Spitze je— nes in Dolches ſeinem „„ „„bie aus R n, ſchreckli te Fer Alten d „ wieder Donne eben; Donne weiß i ſcch hi Kamm ſeine nien ſchon dazu ſeine als e lüpy bei n 87 nes in dem mauriſchen Schloſſe vorgefundenen Dolches dem Gonzalez entgegen hielt, der bei ſeinem Anblick fuͤrchterlich zuſammen ſchauderte.“ „„Gerechter Gott!““— ſchrie der Alte— „„wie ſeyd Ihr zu dieſer Waffe gekommen, die aus Neuſpanien zu ſeyn ſcheint.“— „„Trauſt Du mir nun, da ich Dir eine ſo ſchreckliche Beglaubigung vorhlelt?— verſetz⸗ te Fernando, indem er krampfhaft nach des Alten duͤrrer Knochenhand griff. 4 „„und was ſoll ich Euch ſagen?““— er⸗ wiederte Gonzalez. Leider! weiß ich von Donna Emirens Tode nichts gewiſſes; denn eben zu der Zeit lebte ich mit meiner Herrſchaft Donna Zidana in Granada. Nur ſo viel weiß ich von meiner Schweſter Thereſe, die ſich hier im Schloſſe bei Donna Emira als Kammermaͤdchen befand, daß Don Padilla ſeine Gattin ſeit der Zuruͤckkunft aus Neuſpa⸗ nien ſehr hart und eiferſuͤchtig behandelte, ob⸗ ſchon er, der Himmel weiß es!— nie Urſache dazu gehabt haben ſoll. Mit jedem Tage wurden ſeine eiferſuͤchtigen Grillen immer unertraͤglicher, als endlich jene Zeit heranruͤckte, in der Phi⸗ lipp die Mauren aus Spanien vertrieb, wo⸗ bei Padilla oft Wochen lang abweſend war, — —— — 88 ohne, daß man wußte, wo er ſich aufhielt. Ploͤtz⸗ lich kehrte er einmal bei der Nacht in der herr⸗ lichſten Laune zuruͤck, und uͤberaſchte ſeine Ge— mahlin durch die Bitte ein kleines Mahl veran⸗ ſtalten zu laſſen, und mit ihm zu ſpeiſen. Von meiner Schweſter allein bedient, ſaß ſie ſeelen— vergnuͤgt an Padillas Seite, der, wie es ſchien, in der beſten Laune war: Wie es ſchien, ſagte ich, Senor! weil ich dieſen ploͤtzlichen Wech⸗ ſel nicht fuͤr natuͤrlich halten kann; da es nicht moͤglich iſt, in einer Stunde boͤſe und gut zu ſeyn.— Gleich nach der Mahlzeit fuͤhlte ſich Emira aber ploͤtzlich krank. Don Padilla be⸗ hauptete, ſie haͤtte ihrem Appetite zu viel gethan— dem ſey nun, wie ihm wolle— ſie ſtarb noch dieſelbe Nacht.— Doch— Horcht! Senor!— horcht!— hoͤret Ihr nichts?““ „„Was ſollten wir hoͤren?““— erwieder— te Fernando.“ „„Das mag der liebe Himmel wiſſen!““— ſagte Gonzalez lauſchend.„„ Lange Zeit nach dem Tode unſerer Frau ließen ſich noch immer die ſeltſamſten, unerklaͤrbarſten Stimmen und Toͤ— ne hoͤren.““ „„Erhob ſich kein Verdacht uͤber Emi⸗ rens ſchnellen Tod?““— ſagte Fernando. „„ Wurd tet?““ „ „„ Dieſ ſehr beur ihren eig — hoͤrt ausgeſtell gen, wer hatte. eingelade dilla Leichnan den waͤ war, j Schweſt ſo plötz ſchwer d dimmer Degrab 89 „„Wurde keine Unterſuchung daruͤber eingelei⸗ tet?““— „„Leider nicht!““— verſetzte der Alte. „„Dieſer Theil Spaniens war damals zu ſehr beunruhigt; die meiſten Bewohner hatten mit ihren eigenen Angelegenheiten zu ſchaffen, doch, — hoͤrt weiter. Donna Emira wurde oͤffentlich ausgeſtellt; ich koͤnnte Euch die Bahre noch zei⸗ gen, wenn ich die Schluͤſſel zu gewiſſen Zimmern haͤtte. Mehrere benachbarte Einwohner wurden eingeladen, die Verſtorbene zu ſehen und Don Pa—⸗ dilla gab ſich alle Muͤhe zu erweiſen, daß der Leichnam durch den Tod ſehr wenig entſtellt wor⸗ den waͤre, obgleich das alles nicht hinreichend war, jeden Argwohn zu unterdruͤcken. Meine Schweſter bezeugte den meiſten Schmerz uͤber den ſo ploͤtzlichen Tod ihrer Frau, und konnte nur ſchwer von der Leiche, die endlich in ein anderes Zimmer gebracht wurde, wo ſie bis zum Tage des Begraͤbniſſes liegen blieb, entfernt werden.““ „„Don Padilla nahm die Schluͤſſel der Zimmer, wo ſeine Gemahlin gewohnt hatte, zu ſich, und geſtattete nicht, daß das geringſte darin beruͤhrt wurde. Am vierten Tage Abends wurde der Sarg endlich in Gegenwart ſaͤmmtlicher Haus⸗ bedienten verſchloſſen, die alle mit thraͤnenden Au⸗ 90 gen der guten Frau Lebewohl ſagten. Schon war die Daͤmmerung ſtark herangeruͤckt, als er in den Gewoͤlben der Capelle, die zum Schloſſe gehoͤrte, beigeſetzt wurde. Don Padilla war dabei zu⸗ gegen, und begab ſich nach vollbrachter Ceremo⸗ nie mit ſichtbarer Unruhe in ſeine Zimmer zuruͤck, waͤhrend ſich der alte Pedro, der damals Haus⸗ hofmeiſter und ſeiner verſtorbenen Herrſchaft ſehr ergeben war, feſt einbildete, daß ſie nicht todt ſey, ſondern nur von Don Padilla einen Schlaftrunk erhalten haͤtte. Drei auf einan der folgende Naͤchte bewachte er den Eingang zur Ca⸗ pelle, da aber alles ruhig blieb, glaubte er von ihrem Tode uͤberzeugt zu ſeyn und zog wieder ab. „„Bald ereignete ſich aber ein Umſtand, der mir ganz unbegreiflich iſt, und, wie ich fuͤrchte, wahrſcheinlich nicht eher aufgeklaͤrt werden wird, als an dem Tage, wo alle ſchaͤndlichen Thaten ans Tageslicht kommen ſollen.““— „„Meine Schweſter, die uͤber den Verluſt ihrer Frau untroͤſtlich war, hatte nirgends Naſt noch Ruhe, und wankte von einem Zimmer in das andere, mit zur Erde geſenktem Kopfe, als wollte ſie die verlohrene Ruhe ſuchen. Zufaͤllig kam ſie auch vor die Gemaͤcher der Verſtorbenen. Sie wuß Zimmern offnen, „„ erfuͤlle ſ ne war es erſchi ſie kaum kuͤhrliche ſeyn wuͤ Rfuͤhlt, Endlich Emira in zſ reſe w die Gef den Fäf difrr ſt ihre Ge erſtarrt Deweg ſe ſich und fie 7) Don ung, n war n den hoͤrte, ei zu⸗ eremo⸗ üruͤck, Haus⸗ t ſehr t todt einen nander ur Ca⸗ er von wieder d, der uͤrchte/ wird, Thaten Verluſt 3 Naſt mer in / dls ufäͤllig ebenen⸗ 91 Sie wußte, daß ſich Don Padilla in ſeinen Zimmern befand, verſuchte die aͤußere Thuͤre zu oͤffnen, und wirklich ging ſie auf.“— „„Traurige Stille des einſamen Gemaches erfuͤllte ſie mit aberglaͤubiſcher Furcht. Die Son⸗ ne war ſchon vor geraumer Zeit untergegangen, es erſchien daher alles nur halb ſichtbar, ſo daß ſie kaum wagte weiter zu gehen, und von unwill⸗ kuͤhrlichem Schauer ergriffen beinahe umgekehrt ſeyn wuͤrde, haͤtte ſie nicht einen geheimen Drang gefuͤhlt, der ſie bewog, vorwaͤrts zu ſchreiten. Endlich kam ſie auch an das kleine Gemach, wo Emira in Abweſenheit ihres Gemahls zu ſchla⸗ fen pflegte. Die Thuͤre ſtand halb offen, The⸗ reſe wagte es ſie ganz aufzuſtoßen, und erblickte die Geſtalt ihrer verſtorbenen Frau, knieend zu den Fuͤßen eines kleinen Tiſches, worauf ein Cru⸗ zifix ſtand. Ihre Lippen ſchienen ſich zu bewegen, ihre Geſichtszuͤge waren blaͤſſer als der Tod. Wie erſtarrt blieb ſie ſtehen, der Schreck hatte ihr Bewegung und Sprache geraubt, ploͤtzlich fuͤhlte ſie ſich aber von Jemandem ruͤckwaͤrts ergriſſen, und fiel daruͤber bewußtlos zur Erde.““— „„Dieſer Jemand war ſonſt niemand als Don Padilla, der ſie ſelbſt in das Vorzimmer trug, und den Hausleuten befahl, ſie zu Bette 92 zu bringen. Nachdem ſie wieder zu ſich kam, fand ſie ſich in ihrem Zimmer, wo ich ihr zur Seite ſaß, der ich erſt an demſelben Abende in dem Schloſſe angekommen war, um ſie nach Gra⸗ nada zu holen.““ „„Sobald ſie ihrer Sinne wieder maͤchtig geworden, erzaͤhlte ſie mir die Umſtaͤnde, die mir ſo ſonderbar ſchienen, daß ich nicht wußte, was ich davon denken ſollte, beſonders, wenn ich die Ungewißheit des Zwielichts und ihren beunruhig⸗ ten Gemuͤthszuſtand erwog. Da ich Thereſe endlich verließ, wendete ich mich an die uͤbrigen Diener des Hauſes, die der Verſtorbenen alle mit ganzer Seele ergeben waren, und bat ſie gehei⸗ me Nachforſchungen zu machen.— Thereſe ſchlief allein;— als ich aber des Morgens nach ihrem Zimmer kam, fand ich es leer, und habe ſeit dieſer Stunde nichts mehr von ihr gehoͤrt.““ „„Wahrlich, ſonderbar!““— verſetzte Fer— nando, indem er den alten Gonzalez ſcharf in's Auge faßte.„„Was denkt Ihr davon?““— „„Ach Senor!““— erwiederte er ſein Haupt ſchuͤttelnd,—„„was laͤßt ſich in einem ſolchen Falle wohl denken? Wahrſcheinlich wurde ſie von Don Padilla bei Seite geſchafft, der ihr im Ausplaudern eines Geheimniſſes zuvor kommen t allein ang ¹ Begräbnif verſetzte gen, glan in dieſer 4 mit einer verrieth Betrug. „— ſchöpf. 114 „„ nus 12 „ Vahl nem Por Miene. la? 7 der Alte „„ todt? kam, r zur de in Gra⸗ achtig e mir was ich die ruhig⸗ ereſe lbrigen ſe mit gehei⸗ ereſe z nach 8 habe rt. 51 eFer⸗ ſchatf „1,— er ſein einem wurde der / zuvor 93³ kommen wollte, das ſchon laͤngſt nicht mehr ihr allein angehoͤrte.““— „„Und doch hattet Ihr Alle Emirens Begraͤbniſſe mit eigenen Augen beigewohnt;““— verſetzte Fernando.„„Die Wahrheit zu ſa— gen, glaube ich faſt, daß ſich Deine Schweſter in dieſer Sache betrog.““ „„Moͤglich!““— erwiederte der alte Mann mit einer Miene, die nur zu ſehr ſeinen Zweifel verrieth,—„„daß ſie verloren ging, iſt aber kein Betrug.— Dem ſey nun, wie ihm wolle, laßt uns jetzt zu dem zweiten Portraite gehen, bevor die Sonne ganz hinter die Berge ſinkt. Hier Don Fernando ſeht Ihr das reizende Ge⸗ ſchöpf.““— „„Ja, bei Gott! reizend wie eine Ve⸗ nus!““— ſchrie Fernando uͤberraſcht. „„Wahrlich die genaueſte Aehnlichkeit mit mei⸗ nem Portraite.— Himmel! welch herrlich ſchoͤne Miene.— Wie lange lebte ſie mit Don Padil⸗ la?““— „„Nur zwei Jahre, Senor!““ verſetzte der Alte,„„dann ging ſie fuͤr uns verloren.““ „„Verloren? ſagt Ihr. Iſt ſie nicht todt?“⸗— 94 „„Ich fuͤrchte, daß ſie es iſt;““— ant— wortete Gonzalez, ſich eine Thraͤne aus den Au⸗ gen wiſchend.—„„Leider weiß aber niemand, 77 74 auf welche Art.— „„Oh, ſo eroͤffnet mir denn ihre Geſchichte, die mir aus beſondern Gruͤnden merkwuͤrdig iſt, wie Ihr aus dem Portraite ſeht, das ich bei mir trage“— ſchrie Fernando.“ „„Erlaubt, Senor! daß ich Euch zur Ge⸗ duld verweiſe,““— erwiederte der Alte.„„Durch zu langes Verweilen an dieſem Orte wuͤrde ich die Aufmerkſamkeit unſerer Hausleute nur zu ſehr erwecken. Erwartet mich heute Nachts um zwoͤlf Uhr auf euerm Zimmer, waͤhrend alles der Ruhe pflegt, will ich ſie Euch erzaͤhlen.““— „Als Fernando Donna Zidanens Bild⸗ niß, das, von den Strahlen der untergehenden Sonne beſchienen, in den lebhafteſten Farben gluͤh⸗ te, genau betrachtet hatte, kehrte er zu mir zuruͤck, um mich mit dieſer langen Unterredung bekannt zu machen und Muthmaßungen daruͤber anzu⸗ ſtellen. Thereſens plötzliches Verſchwinden druͤckte das Siegel auf Emirens Tod, leider! mangelte es uns aber noch immer an dem Ende eines Fadens, der den verwickelten Knaͤuel haͤtte loͤſen koͤn de immer „J verſunken muſikaliſ das Fen uͤberſah, waͤhrend die zu ohne G Padil dem an Bald d den In zu uns Dunkel unterſch ant⸗ en Au⸗ mmand, hichte, ig iſt, ei mir zurüc, bekannt anzu⸗ winden leidet! n Ende el hätte 95 loͤſen koͤnnen, der nur dazu diente, unſere Neugier⸗ de immer mehr zu reizen.“— „Noch waren wir in duͤſtere Betrachtungen verſunken, als uns leiſe Abendluͤftchen ploͤtzlich muſikaliſche Toͤne zutrugen. Fernando oͤffnete das Fenſter, aus welchem man den Schloßgarten uͤberſah, der jetzt im Daͤmmerſchein eingehuͤllt war, waͤhrend wir nach der lieblichen Weiſe lauſchten, die zu einem Minnelied geſungen wurde. Nicht ohne Grund glaubten wir, daß die Saͤngerinnen Padillas beide Toͤchter ſeyn wuͤrden, die ſich in dem angenehmen Schatten der Baͤume zerſtreuten. Bald darauf erſchienen auch wirklich beide, mit den Inſtrumenten in den Haͤnden, und gruͤßten zu uns herauf; leider! erlaubte uns das neidiſche Dunkel aber nicht, ihre Geſichtszuͤge deutlich zu unterſcheiden. Fuͤnftes Kapitel. Fortſetzung der Erzaͤhlung und— die geheimnißvolle Stimme. „ Mit Sehnſucht warteten wir der Mitternachts⸗ ſtunde, und hoͤrten endlich um die feſtgeſetzte Zeit einen leiſen Schlag an unſerer Stubenthuͤre. Kaum hatten wir ſie geoͤffnet, ſo trat der alte Gonza⸗ lez vorſichtig umherblickend in das Zimmer.“ „Schweigend ſtellte er nach abgeſchloſſener Thuͤre eine Flaſche Wein nebſt einigen Glaͤſern auf den Tiſch, winkte uns mit feierlicher Miene Platz zu nehmen, und begann mit leiſer Stimme:— „„Donna Zidana war von mauriſcher Ab⸗ kunft, wie Ihr aus dem Namen ſeht, heirathete ſehr fruͤhzeitig den Grafen Ferendez, dem ſie eine Tochter gebar, und lebte mit ihrem Gemahl in der groͤßten Eintracht auf ihrem Schloſſe an den Ufern des Darro.““ „„Liegt dieſes Schloß jetzt nicht in Truͤm⸗ mern?““— unterbrach ich den Alten, und blick⸗ te mit bedeutender Miene nach Fernando. 71 1 — 6 la weiß ren wat Einer d welchem rauſchte Seiten füngern fen Fel ſtiges ſelbſt. und P die glaͤ Auf al beweiſe ter vie den Ge ich nich Jere lipps Verwaꝛ riß.“ ßvolle Platz — er Ab⸗ rathete 97 „„So iſt's,““— erwiederte der alte Mann. —„„Wohl weiß ich es,— auch Don Padil⸗ la weiß es nur zu gut— Noch vor zwanzig Jah⸗ ren war es das praͤchtigſte Gebaͤude des Landes. Einer der groͤßten Saͤle beſtand aus Marmor, in welchem kuͤhlende Springbrunnen durch die Luft rauſchten, und verſchwenderiſche Pracht auf allen Seiten herrſchte. Don Padilla war in ſeinen juͤngern Jahren der vertrauteteſte Freund des Gra⸗ fen Ferendez, da jener damals ein eben ſo lu— ſtiges und ausſchweifendes Leben fuͤhrte, als er ſelbſt. Kaum hatte ſich Ferendez verehelicht, und Padilla ſeine Gattin erblickt, ſo tobte auch die gluͤhendſte Leidenſchaft fuͤr ſie in ſeinem Buſen. Auf alle moͤgliche Art ſuchte er ihr ſeine Liebe zu beweiſen. Ob er aber von Donna Zidana un⸗ ter vier Augen ſeinen Korb erhielt, oder nach den Geſetzen einer weiſern Vorſicht handelte, weiß ich nicht; genug, er ließ ſich in dem Schloſſe des Ferendez bald nur ſeltener vh bis Phi⸗ lipps Edikt ploͤtzlich alle freundſchaft und N Verwandſchaftsverhaͤltniſſe mit einem Male zer⸗ riß 777— „„Alle mauriſchen Familien wurden verwie⸗ ſen oder an den Bettelſtab gebracht. Nichts als Jammer und Elend war im ganzen Lande, als I. Theil. 5 7 98 Graf Ferendez ſeine Vaſallen mit dem auch Vorſatze endlich verſammelte, der Armee des Koͤ⸗ nigs Widerſtand zu leiſten. Bald drohte ihm und ſeinem Hauſe aber gewiſſer und fuͤrchterlicher Un— tergang. Trotz dem wollte er ſeiner Religion nicht entſagen, und erwartete mit ſtandhafter Er— 7774 gebung den herannahenden Sturm. „„In dieſer ungewiſſen Lage kam Don Pa—⸗ dilla einſt um Mitternacht blos von zwey Sol⸗ daten begleitet bei uns an, und blieb mit dem Grafen lange in einem Zimmer verſchloſſen, der noch in derſelben Nacht mit einer bedeutenden An⸗ zahl von Edelſteinen verſehen als gemeiner Sol— dat gekleidet im Sicherheitsgeleite jener beiden Soldaten nach dem Schloſſe Montillo entfloh, das ihm Padilla fuͤr ſo lange Zeit zum Schutz⸗ orte angetragen hatte, bis ſich eine Gelegenheit finden wuͤrde, nach dem Verkauf ſeiner Guͤter nach Afrika zu ſeinen Bruͤdern fluͤchten zu koͤn— nen. Donna Zidana und ihre Tochter ſollten ſich ſo lange insgeheim in Granada aufhalten, bis ſie ihm endlich nachfolgen koͤnnten. Leider! kam mein ungluͤcklicher Herr aber nicht auf dem Schloſ⸗ ſe an, da er auf dem Wege hieher ermordet wurde, ob bei einem zufaͤlligen Scharmuͤtzel mit einer koͤniglichen — Streif Haͤnde / als G nen A Gemͤt ten ſel Cuern terliche 71 Gon gefuͤh ge fa 7 ſchein „ S man Herrn wurde gefun / te ge ren. Un⸗ igion Er⸗ 99 Streifparthei, oder— durch Meuchelmoͤrders Haͤnde, mag der Himmel wiſſen.““—— „Ploͤtzlich ſchlug die Glocke jetzt zwoͤlf Uhr, als Gonzalez einhielt, ſich eine Thraͤne von ſei— nen Wangen zu trocknen und die Unruhe ſeines ßemuͤths zu ſtillen.„„Habt Ihr jene Solda⸗ ten ſelbſt geſehen, deren Schutz Don Padilla Euern Herrn uͤbergab?““— ſchrie ich mit fuͤrch⸗ terlichen Muthmaßungen.“ „„Nicht ſo eigentlich,““— erwiederte Gonzalez,„„da ſie ſo vorſichtig bei uns ein⸗ gefuͤhrt wurden, daß ich ſie nur obenhin in's Au— ge faſſen konnte.““ „„Sind dieſe Leute nicht wieder zum Vor⸗ ſchein gekommen?““— fragte Fernando. „„So viel ich weiß,““— verſetzte er,—,„hat man ſie ſpaͤter eben ſo wenig geſehen, als meinen Herrn. Nur das Soldatenkleid, das dieſer trug, wurde unweit des Schloſſes zerriſſen und blutig gefunden.““ „Kaum hatte Gonzalez dieſe letzten Wor⸗ te geſprochen, als wir alle vor Schrecken auffuh⸗ ren. Dieſelbe Glocke, die Mitternacht ſchon ein⸗ mal verkuͤndigt hatte, ſchlug jetzt abermals zwoͤlf Uhr!“ 7* 100 Himmel! was ſoll das?““— ſchrie 7 7 Fernando.“ Ach, Senor!““— erwiederte der Alte „„gewiß iſt das eine uͤbernatuͤrliche „1„ duͤſter,— Aufforderung. Leider! kommen ſolche Wahrzei⸗ chen nur zu haͤufig, um die Erinnerung gleich⸗ ſam zu erwecken, und zu verhindern, daß boͤſe Thaten in Vergeſſenheit gerathen.— Don Pa⸗ dilla ſelbſt begleitete meine Frau ſammt ihrer Tochter nach Granada, wo er ſie verließ, und mir den Auftrag gab, alles, was ſich leicht weg⸗ tragen ließe, zu ſichern, und zu meinem Herrn auf das Schloß zu bringen, den ich auch redlich befolgte. Kaum war ich aber auf Montillo angekommen, ſo erfuhr ich zu meinem groͤßten Erſtaunen die Nachricht von dem Tode der Don⸗ na Emira und meines Herrn, worauf auch das Verſchwinden meiner Schweſter unmittelbar er⸗ folgte. Waͤre mein ganzes Leben nicht eine Reihe von Ungluͤcksfaͤllen geweſen, ich wuͤrde ſicher un⸗ ter ſo vielen Laſten zu Boden gedruͤckt worden ſeyn; unwiderſtehlich keimte Verdacht gegen Pa⸗ dilla in meinem Buſen empor, waͤhrend mir die Klugheit gebot, ihn in die tiefſte Hoͤhle mei— ner Bruſt zu verſchließen. Mit ſchwerem Herzen beobachtete ich die finſtern Augen Padillas, und g Herrn ken ab „ als ich Gang nahm, Yon⸗, Neugic haben ſte vo⸗ nen fit Hüle ternden nem? an mi verfol — Gang Mien 7 der E d de her. 101 und glaubte in denſelben das Schickſal meines Herrn zu leſen, leider! durfte ich dieſen Gedan— ken aber mir kaum ſelbſt geſtehen.““ „„Noch war ich nicht lange im Schloſſe, als ich eines Abends, da ich durch einen finſteren Gang ging, den Schall mehrerer Stimmen ver⸗ nahm, die wie im Zorne gegen einander ſtritten. Neugierig lauſchte ich, vernahm den Ton eines Flehenden, nebſt den Drohungen einer zweiten Perſon, und konnte nur mit Muͤhe bemerken, daß der Bittende eine wichtige Entdeckung gemacht haben muͤſſe. Nach einer halben Stunde gingen ſte von einander und ſchnell druͤckte ich mich in ei⸗ nen finſtern Winkel, um nicht geſehen zu werden. Ploͤtzlich ſtuͤrzte Pedro mit blaſſen Lippen, ſchlot⸗ ternden Knien und wildrollenden Augen aus ei— nem Zimmer und eilte mit ſo ſchnellen Schritten an mir vorbei, als ob er von einer Erſcheinung verfolgt wuͤrde.““ 1 „„Noch hatte er aber nicht das Ende des Ganges erreicht, als Padilla mit grimmiger Miene und funkelnden Augen heraustrat.““ „„Pedrol““— ſchrie er mit donnern⸗ der Stimme, bei welcher der Arme faſt zur Er⸗ de geſunken waͤre.—„„Augenblicklich komm hier⸗ her! Haͤtte ich Dich in Peru, Schurke! ich 102 wollte Dich zu Staub zermalmen. Noch dieſe Nacht wirſt du mit einem Begleiter zu Deinen Verwandten nach Murcia gehen, laſſe Dich nie wieder vor meinen Augen ſehen, wenn Du nicht willſt, daß ich Dich augenblicklich in das Reich der Todten ſende.““— „„Ohne Pedros Flehen zu erhoͤren, der heilig verſprach, daß ihn ſein Mund nie verra⸗ then werde, ging Padilla jetzt nach dem Zim— mer zuruͤck, deſſen Thuͤre er mit ſolcher Gewalt hinter ſich zuwarf, daß der ganze Gang wider⸗ hallte, waͤhrend ſich Pedro voll Beſtuͤrzung ent⸗ fernte, und ich ſeinem Beiſpiele mit der moͤglich⸗ ſten Behutſamkeit folgte.““ „„Nicht ohne Grund ſchrieb ich Don Pa⸗ dillas Zorn Pedros Verdachte zu, nach wel⸗ chem dieſer den Eingang zur Capelle bewacht hat— te. Dem ſey nun, wie ihm wolle, Pedro ver⸗ ließ das Schloß noch in derſelben Nacht, und wurde nie mehr geſehen.““„ „„Am naͤchſten Morgen rief mich Don Pa⸗ dilla zu ſich in das Zimmer und ſprach: Du haſt meinem ungluͤcklichen Freunde lange redlich edien und ſollſt durch ſeinen Tod nichts ver⸗ 9. loren haben, wenn Du mir eben ſo treu biſt, wie Du es ihm geweſen. Mein alter Haushofmeiſter hat mie Murc ich, eh 77 er mit mit da dieſe inen nie nicht geich 103 hat mich vergangene Nacht verlaſſen, um ſich nach 7417 Mureia zu ſeinen Verwandten zu begeben „„Zu ſeinen Verwandten?““— murmelte 7174774 ich, ehe ich mich noch voͤllig gefaßt hatte. „„Ja zu ſeinen Verwandten,— wiederholte er mit zuverſichtlicher Stimme, indem er mich mit durchdringenden Blicken anſah.— Glaubſt Du nicht ehrlicher Gonzalez, daß es ein gu— tes Ding, fuͤr Dich waͤre, in Deinen alten Ta⸗ gen zu Deinen Freunden zuruͤckkehren zu koͤnnen. Wenn Du mir redlich und treu dienſt, ſo will ich auf dieſelbe Art fuͤr Dich ſorgen.““ „„Der Himmel ſey davor, dachte ich, und ſagte, daß ich mich von dem Dienſte bei meiner 7777 Frau noch nicht als entlaſſen anſaͤhe „„Ich auch nicht, erwiederte er mit ſonder⸗ barem Laͤcheln.— Deines Herrn ſchoͤne s Schloß iſt durch die koͤniglichen Truppen zerſtoͤrt, Deine Frau wird ſich daher fuͤr die Zukunft in Mon⸗ tillo aufhalten, wo ich ſie mit meinem Leben vertheidigen will. In zwey Tagen gehe ich nach Granada, Donna Zidana zu holen, gebe Dir daher den Auftrag, die Zimmer meiner verſtorbe⸗ nen Gattin auf das Beſte zu ihrem Empfange 7777 vorzubereiten.— —— O—— —— ——— 10⁴ „„Mit ſchwerem Herzen trat ich meinen Dienſt an, und ward durch den Auftrag, Don⸗ na Emira's Zimmer aufzuraͤumen, nicht wenig bgleich ich damals noch keine Ah— nung hatte, daß es Don Padilla bei meiner Ehe bringen wuͤrde. Nur zu gut benutzte er ſeine Macht, wandte Bitten und Dro⸗ hungen an, bis ſie endlich der Vorſtellung, daß ſie, nun von dem Nothwendigſten entbloͤßt, ſo— wohl ſich als ihr Kind dem Mangel preis gebe, mit Widerwillen nachgab, und in Kurzem ſah ich mich genoͤthiget zur Feier dieſer ungluͤcklichen Ver⸗ bindung die glaͤnzendſten Anſtalten zu treffen.“— „„ Ungefaͤhr nach einer Woche kam Donna Zidana hier an. Tiefe Melancholie lag auf ih⸗ rem Geſichte, waͤhrend ihr der Gram uͤber den verlorenen Gatten das Herz zu brechen ſchien. Mit thraͤnenden Augen verſchloß ſie ſich in die fuͤr ſie zubereiteten Zimmer, ihrem Schmerze freien Lauf zu laſſen, als Don Padilla die Hochzeits⸗ zuberei ungen auf das dringendſte beſchleunigte, und eine unbeſchreibliche Anzahl der bedeutendſten Perſonen zu ſeiner Vermaͤhlung einlud.“ „„Endlich kam der Schreckenstag heran. Unbeſchreibliche Feuergluth beleuchtete in den ge⸗ waͤhlteſten Zeichnungen das Aeußere des Schloſ⸗ ſes, ta len, die Muſikern war wei tief betr zen Fede Don P zum Ta hauptete lich zu und blie Geſellſc dere M. etbauten zn de ren. hutte ſ die bun Dact alen S wiß nie neinen Don⸗ wenig Ah⸗ neiner n gut Dro⸗ daß 105 ſes, tauſende von Lichtern brannten in den Saͤ— len, die lange Galerie war mit den geſchickteſten Muſikern beſetzt, und kaum rauſchte der erſte Ton durch die Halle, ſo flog die glaͤnzende Geſellſchaft auch ſchon in den zierlichſten Gruppen uͤber den ſpiegelglatten Boden dahin. Donna Zidana war weiß gekleidet, trug als Erinnerung an ihren tief betrauerten Gatten einen Kopfputz von ſchwar⸗ zen Federn, und war trotz aller Muͤhe, die ſich Don Padilla gab, ihr gefaͤllig zu ſeyn, nicht zum Tanzen zu bewegen. Schwerer Gram be— hauptete ſelbſt bei der groͤßten Anſtrengung, froͤh— lich zu ſcheinen, die Oberhand auf ihren Mienen und blieb nur zu ſehr ſichtbar.““— „„Erſt gegen Mitternacht verfuͤgte ſich die Geſellſchaft nach dem gothiſchen Speiſeſaale. Meh— rere Muſiker ſaßen hier auf einem eigends hierzu erbauten Geruͤſte, ſammt allen jenen von uns, die zur Bedienung der Gaͤſte nicht nothwendig wa⸗ ren. Eine bedeutende Anzahl von Hausoffizieren hatte ſich in ihrer eigenthuͤmlichen Liverey unter die bunte Geſellſchaft gemiſcht, und trug zur Pracht des Ganzen nicht wenig bei. Kurz, von allen Seiten herrſchte der lauteſte Jubel, da ge⸗ wiß niemand darauf dachte, auf welche ſchreckliche —— Art die herrſchende Freude verſcheucht werder ſollte.““ „„Die gewaͤhlteſten Geruͤchte prangten auf der Tafel, die herrlichſten Weine ſchaͤumten in den Bechern und die lieblichſten Weiſen der Mu— ſiker widerhallten an dem Schnitzwerke des gothi⸗ ſchen Saales, als die große Glocke des Schloſſes Ein Uhr ſchlug.““— Ploͤtzlich wurde ein fuͤrchterlicher Schrei 8 durch das ganze Gebaͤude gehoͤrt, und jedes Ohr 7777 mit unbeſchreiblicher Furcht erfuͤllt. Er glich dem letzten Athemzuge eines Sterbenden, von einem ſauſenden Windſtoß begleitet. Die Geſellſchaft er— ſtarrte, einer ſah den andern mit ſtiller Beſtuͤr⸗ zung an, die flammenden Kerzen auf der Tafel und an den Waͤnden verloͤſchten ploͤtzlich, und aus einer Scene voll Glanz und Pracht entſtand die tiefſte Finſterniß und allgemeines Wehklagen, als die Muſik auf einmal verſtummte, die Ge⸗ ſellſchaft voll banger Ahnung mit der groͤßten Un— ordnung durch alle Thuͤren aus der Halle ſtuͤrzte, und einige Damen ohnmaͤchtig zuſammen ſan⸗ ken.* 3 „„Es war unmoͤglich, irgend eine Perſon in dieſer allgemeinen Verwirrung zu unterſcheiden. Ich ſelbſt verbarg mich in den erſten Regungen der Fur⸗ wenigen der Don im Spei ausſtuͤrze erſolgte Lichter e verloſche Nor. der ſchre⸗ 777 rende Zidan trug da aus de feurigen untergel ne Fra waͤh rend Knr Jurcht 7 Geſpen let. G ohne hne, d . Lich — „d verden n auf ten in Mu⸗ gothi⸗ hloſſes intſtand klagen, erſon in heiden egungen 107 der Furcht hinter einer haͤngenden Tapete. In wenigen Minuten war, außer Don Padilla, der Donna Zidana und mir, kein Menſch mehr im Speiſeſaale. Das verwirrte Getoͤſe der hin⸗ ausſtuͤrzenden Menge verlor ſich allmaͤhlig und es erſolgte eine Todtenſtille. Ploͤtzlich fingen die Lichter eben ſo wieder zu brennen an, wie ſie verloſchen waren,— leider! ſtellte ſich jetzt aber der ſchrecklichſte Gegenſtand unſern Augen dar.“— „„Die Geſtalt des ermordeten Grafen Fe⸗ rendez ſtand an der Spitze des Tiſches, Donna Zidana und Padilla wild anglotzend. Er trug das Soldatenkleid, das er bei ſeiner Flucht aus dem Schloſſe anhatte, und warf einen ſo feurigen Blick um ſich, gleich dem Strahl der untergehenden Sonne. Augenblicklich verlor mei⸗ ne Frau die Beſinnung und ſank zu Boden, waͤhrend Padillas blutloſe Wangen von ſeiner Furcht zeugten.““ „„Kennſt Du mich?““— begann das Geſpenſt nach einer ſchauerlichen Pauſe mit hoh— ler Grabesſtimme. Padillas Lippen zitterten, ohne, daß er eine Antwort zu geben fahig war.— „Sieh!“— ſprach die Erſcheinung wieder, —„das Werk Deiner Hand!— doch nicht lan⸗ ——— — —— —,.— 108 ge ſollſt Du die Frucht Deiner Schandthat ge⸗ nießen!*— Nie erhob ich meinen Arm gegen Dich.““ 7777 — ſtotterte Padilla. Wie kannſt Du mich jetzt noch betruͤgen 7774 /— wollen?““— verſetzte das Geſpenſt mit erzuͤrn⸗ ter Miene,—„„da ich Deine Gedanken wie Deine Thaten weiß?““— „„Ploͤtzlich ſchien ſich Padilla jetzt in et⸗ was gefaßt zu haben, und ſchrie mit erwachendem Trotze:„„Hinweg mit Dir! Deine Drohungen ſind Schatten, wie Du ſelbſt!““ „„Mit fuͤrchterlich erzuͤrnter Miene und drohender Geberde erhob das Geſpenſt ſeine Hand, derſelbe fuͤrchterliche Schrei ertoͤnte durch den Saal, die Lichter erloͤſchten wieder, als Ferendez's Geiſt verſchwunden war.““ „„Der Ausdruck fuͤrchterlicher Leidenſchaft auf Don Padillas Geſicht, der, das Kinn in die hohle Hand geſtuͤtzt, auf den Fleck hinſtarrte, wo das Geſpenſt ſtand, waͤhrend Donna Zida⸗ na bewußtlos und unbeachtet am Boden lag, mach⸗ te mich in meinem Hinterhalte ſchrecklich erbe⸗ ben. „„Nach kurzem Nachdenken fuhr Don Padilla jetzt ploͤtzlich in die Hoͤhe und ſtuͤrzte ſelbſt eir moͤglich benutzen zu ſehr ging, au ſammen daß jem 71 „biſt D mel!“ ſchleppt 2 zalez er Don lich ſchl Tone du Uhr.— ge Aug⸗ ie ſich Hand hat ge⸗ ich. u0 etruͤgen erzuͤrn⸗ ten wie in et⸗ hendem hhungen e und — H and, n Saal, △ ndez 109 ſtuͤrzte einen Becher voll Wein, den er ſich ſelbſt einſchenkte, haſtig hinab. So ſchnell wie moͤglich wollte ich dieſe Gelegenheit zur Flucht benutzen, leiden! war er aber durch den Schreck zu ſehr aufgeregt, und auf alles, was um ihn vor— ging, aufmerkſam. Er hoͤrte mich, ſchauderte zu⸗ ſammen, kehrte ſich aber ſchnell um, und ſah, daß jemand an den Waͤnden fortſchlich,““ „„Ha!“ ſchrie er ſein Schwert ziehend— „biſt Du kein Schatten, ſo gnade Dir der Him⸗ mel!“ eilte mir nach, ergriff mich beim Halſe, und ſchleppte mich, das Schwert zuckend, zuruͤck.“— „Mit ſcheuer Miene blickte der alte Gon⸗ zalez nach dieſen Worten um ſich, als fuͤrchtete er Don Padilla hinter ſich zu ſehen, und ploͤtz⸗ lich ſchlug die Schloßglocke; die mit traurigem Tone durch das faſt leere Gebaͤude drang, Ein Uhr.— Schauerliche Stille herrſchte auf eini— ge Augenblicke in unſerm Zimmer, Furcht ſpiegel— te ſich auf allen unſern Mienen, und das Glas zur Hand nehmend fuhr Gonzalez endlich fort.“— „„Unter herzerſchuͤtterndem Flehen bat ich um mein Leben, als Padilla nach kurzem Ue⸗ berlegen endlich das Schwert ſenkte und ſprach: — Hoͤre mich, Schurke! das iſt die einzige Be⸗ dingung, unter welcher Du jetzt am Leben bleibſt. 110 Behalte, was Du ſahſt in Deinem Innern ver⸗ borgen, und unterſtehe Dich kaum daran zu den⸗ ken. Hoͤre ich jemals, daß Du daruͤber nachgruͤ⸗ belſt, ſo ſoll Dich noch an demſelben Tage mei⸗ ne fuͤrchterlichſte Rathe ereilen.““— „Der Du auch nicht entgehen wirſt!“— ſchrie jetzt eine Stimme, die uns alle in Erſtau⸗ nen und Verwirrung brachte.“ 244477 „„Hilf Himmel! was ſoll das bedeuten verſetzte Gonzalez leichenblaß und zitternd. „„Wer kann uns gehoͤrt haben?““— Mit moͤglichſter Faſſung eilte er zur Thuͤr, oͤffnete ſie, und ſtuͤrzte mit dem Lichte in der Hand auf den Corridor hinaus, konnte aber niemand ſehen, ja nicht einmal Fußtritte vernehmen.“ „„Welche Zimmer grenzen an dos Unſri⸗ ge?— fragte ich nicht wenig uͤberraſcht. „„Gewiß haͤlt ſich dort jemand verborgen““— „„Sicher nicht,““ verſetzte der Alte fuͤrch⸗ terlich beſtuͤrzt.„„Jenſeits dieſer Mauer, an der das Rittergemaͤlde haͤngt, ſind die Zimmer des oͤſt⸗ lichen Fluͤgels, in die ſich niemand wagt, auch nicht hineinkommen koͤnnte, da ſie feſt verſchloſ⸗ ſen ſind; und in jene Zimmer zur linken kann 7774 man nur durch dieſes hier gelangen.— q „9. Mann dem Ab⸗ 7ℳ terliche fort,„ daß Do wurde, ſeine d der beur Otraßen n, na nie rer fein kaum h er ſie 6 rn ver⸗ zu den⸗ jachgrüͤ⸗ 111 „Nur mit Muͤhe konnten wir den alten Mann bewegen weiter zu erzaͤhlen, der nach je⸗ dem Abſatz einhielt, um zu lauſchen.“ „„Kaum hatte Don Padilla ſeine fuͤrch⸗ terliche Drohung geendet,““— fuhr Gonzalez fort,„„ſo befahl er mir ihm Huͤlfe zu leiſten, daß Donna Zidana nach ihrem Zimmer gebracht wurde, und ſchwur, daß ihm die geſammte Hoͤlle ſeine Beute nicht entreißen ſollte, viel weniger der beunruhigte Geiſt eines Mannes, der durch Straßenraͤuber gefallen ſey.““— „„Von dieſer Zeit an kam Donna Zida⸗ na nie mehr recht zu ſich. Padilla wurde ih⸗ rer feindlichen Zuruͤckhaltung bald uͤberdruͤßig, und kaum hatte ſie ihm Almira geboren, ſo begann er ſie eben ſo ſehr zu haſſen, als er ſie fruͤher liebte.“ „Und was wurde aus der Tochter des Gra⸗ fen Ferendez?““— fragte Fernando.“ „„Nur zu bald fand Padilla Mitteel, ſie nach Granada zu ſchicken;““— verſetzte Gonzalez,—„„und obgleich es allgemein hieß, daß ſie dort ganz vortrefflich verſorgt ſey, verlauteten nach Zidanas Tode doch bald ge⸗ nug ſo ungewiſſe Nachrichten uͤber ihr Leben, bis man endlich von ihrem Tode ſprach. Wie das 112 aber zugegangen ſeyn mag, wird die ewige Vor⸗ ſicht nur allein— oder Don Padilla wiſ⸗ ſen. 7777— „Noch hatte der Alte nicht geendet, als jene geheimnißvolle Stimme, die wir ſchon ein— mal vernommen hatten, abermals in die Worte: „„Du ſollſt nicht unbelohnt bleiben, Gonza⸗ lez!“““ ausbrach und uns in fuͤrchterliche Be⸗ ſtuͤrzung verſetzte.“ „Mit allem Eifer ſuchten wir das Geheim⸗ niß zu erforſchen, betaſteten die Waͤnde, um zu ſehen, ob ſie vielleicht hohl waͤren, und unterſuch⸗ ten jeven Ort, an dem ſich jemand verbergen konn⸗ te, fanden aber nicht die mindeſte Spur eines menſchlichen Weſens. Dadurch nicht wenig erſchuͤttert hatten wir alle Muͤhe, des Gonzalez's Unruhe durch das Verſprechen zu beſaͤnftigen, daß wir ihn bei allem, was auch immer erfolgen ſollte, mit unſern Leben ſchuͤtzen wuͤrden.“ „„Wenigſtens habe ich doch den Troſt,““ — verſetzte er,—„„daß meine Abſichten gerecht ſind, und glaube, daß der Himmel dem Schul⸗ . digen nicht immer die Oberhand laſſen wird. „„Tugend und rechtlicher Vorſatz, 2— er⸗ wiederte ich,—„„ſollen uns mitten in der Ge⸗ fahr be Gonza he. 744 lez's unglaub klar w. ler in weſen nebſt de There ſchon ten fuͤr Glaube wint, des de fuͤr ein ne Erf ſter che . des R. de verf Age olenfa was 6 d fahr beruhigen. Gehe nun zu Bette, guter Gonzalez, Deine Jahre beduͤrfen der Ru⸗ he. 71„⸗— „Noch lange ſprachen wir nach Gonza⸗ lez's Entfernung uͤber die ſonderbare, und faſt unglaubliche Geſchichte, aus der uns nur ſo viel klar wurde, daß Don Padilla ein Schauſpie⸗ ler in der Tragoͤdie des Grafen Ferendez ge⸗ weſen war. Leider! blieb uns Emira's Tod nebſt dem ploͤtzlichen Verſchwinden Pedro's und Thereſens aber noch immer unerklaͤrbar. Ob⸗ ſchon wir ein Uebermaaß menſchlicher Leidenſchaf— ten fuͤr moͤglich erachteten, ſo wurpe doch unſer Glaube wankend gemacht, und die Sinne ver⸗ wirrt, wenn wir uns an den wandelnden Geiſt des Ferendezerinnerten, und wuͤrden das Ganze fuͤr eine Chimaͤre erklaͤrt haben, haͤtte unſere eige⸗ ne Erfahrung nicht alle Grundſeaͤtze einer freigei⸗ ſter'ſchen Erziehung umgeſtuͤrzt.“— „Am folgenden Tage wurde der Leichnam des Raͤubers Lopez an demſelben Orte in die Er⸗ de verſcharrt, wo ich ihn erſtochen hatte. Einige Tage hindurch ward er oͤffentlich ſehen gelaſſen, um allenfalls von Leuten, die ihn gekannt hatten, et⸗ was naͤheres zu erfahren, es meldete ſich aber I. Theil. 8 — —— O[(—— —— — 114 Niemand; auch hoͤrten wir nichts mehr von ſei— nem Begleiter, der ſeinen Zufluchtsort ſo gut zu waͤhlen wußte, daß er nach der unvollkommenen Beſchreibung, die ich von ihm geben konnte, ganz unerforſcht blieb.“— Sechstes Kapitel. Die Lieblingsgrotte,— das wandelnde Licht,— das bewegliche Bild,— der Meuchelmoͤrder,— Ueber⸗ eilung und Verfolgung,— die große Halle,— die Erſcheinung im Mondenlicht,— das Nachtlager auf der Wendeltreppe,— das Traumbild— und der Kirchhof. „Am fuͤnften Tage meines Aufenthaltes im Schloſ⸗ ſe Montillo, war ich bereits ſo weit geneſen, daß ich es Abends wagte, in Geſellſchaft Fer⸗ nandos und der beiden liebenswuͤrdigen Toͤchter des Hauſes einen Spaziergang nach dem Garten zu machen, wobei die Damen nicht wenig Ver⸗ gnuͤgen fanden, uns die Schoͤnheiten dieſes nied⸗ lichen Ortes zu zeigen.“ „Eine bedeutende Anzahl auslaͤndiſcher Ge⸗ waͤchſe, Blumen von Mexiko, Storchſchnaͤbel aus Perſien, Seltenheiten aus Peru, und duftende Stauden aus Arabien erfuͤllten die Luft mit den wuͤrzigſten Wohlgeruͤchen. Ein kla⸗ rer Bach ſchlaͤngelte ſich durch den Park und lud 8* 116 mit murmelndem Tone an den mit Immergruͤn bekleideten Ufern zu behaglicher Ruhe ein. Am Ende eines Hains von Citronen und Pomeranzen⸗ baͤumen prangte eine marmorne Grotte, deren Eingang mit einem Geflechte von gelbem Rohr bedeckt war, das Roſen und Jasmin umgaben, waͤhrend deren Waͤnde die ſchoͤnſten Gemaͤlde zier⸗ ten, und Polſter von karmoſinfarbenem Sammet dem muͤden Wanderer freundlich entgegen wink— ten. „„Seht, Senors!““— begann jetzt Al⸗ mira,—„„hier iſt unſer Lieblingsplaͤtzchen. Wie findet Ihr unſere Wahl?““— „„Oh gewiß kann es nichts Reizenderes geben!— verſetzte ich.—„„Hier zur Rech⸗ ten prangen Floras herrlichſte Schoͤnheiten, Blu⸗ men mit Stauden und Fruͤchten vermiſcht; zur Linken erheben die Gebirge Morena ihre eiſigen Kulmen in die Wolken, und die Thuͤrme des Schloſſes ragen uͤber den dichten Wald empor; das ſchoͤnſte Werk der Natur ſind aber unſtreitig nur die reizenden Nymphen, die dieſe Grotte be⸗ wohnen.““ 8 „„ Wahrlich, Ihr ſeyd ſehr artig, Senor!““ verſetzte Almira mit lachender Miene, indem Virginia den Blick zu Boden ſchlug;— undo plaͤzch 74 in de ren I Feente Ferr 1 den, Nie Gem⸗ Leide Leute binde K kann ſeyn. „ſ ger re c 1 jene ergruͤn Am anzen⸗ deren Nohr gaben, e zier⸗ ammet wink⸗ t Al⸗ itzchen. nderes Rech⸗ Blu⸗ ; zur eiſigen ie des mpor, ſtreitig tte be⸗ 117 „„doch was meint Ihr zu unſerm Lieblings⸗ plaͤtzchen, Couſine?““— „„Daß Geſang und Muſik, wie wir ſie in der vergangenen Nacht von einigen unſichtba— ren Weſen gehoͤrt hatten, dieſen Ort zu einem Feentempel umwandeln wuͤrden,““— erwiederte Fernando.“ „„Auch darin koͤnnt' Ihr befriedigt wer⸗ den,““— laͤchelte Almira mit verbindlicher Niene.„„Wollt Ihr wohl die Ballade jenes Gemaͤldes hoͤren, das dort am Eingange haͤngt? Leider! gehoͤrt ſie aber nur fuͤr melancholiſche Leute.“— „„Oh, dann wuͤrdet Ihr mich doppelt ver⸗ binden!““ verſetzte Fernando.“ „„Seyd Ihr denn wirklich melancholiſch?““ — fragte Virginia.„„Faſt glaube ich, es kann niemand außer unſerm Schloſſe traurig ſeyn. 4 „„und warum, Muͤhmchen!““ verſetzte ich; „„ſollten die Bewohner dieſes Schloſſes trauri— ger ſeyn als andere. Glaubt mir, es giebt ſchwe— re Herzen unter froͤhlichen Geſichtern!““ „„Wohl! Wohl!““— rief Almira,— „„daran zweifeln wir nicht; doch vernehmt jetzt jene alte Geſchichte, die wir von einem herumzie⸗ 118 henden Balladenſaͤnger lernten, der ſie einem ſchottiſchen Gefangenen zu Carthagena ver⸗ dankt;““— und bald hoͤrten wir eine alte Sa⸗ ge, die eben ſo zart gedacht als einfach und ruͤh— rend, mit Almirens unendlicher Stimmenrein⸗ heit vorgetragen, einen ſolchen Eindruck auf uns machte, daß ſie noch der Inhalt unſers Geſprächs war, als die Sonne ſchon ihre letzten Strahlen ausſandte, und die ſtille Nacht uns uͤberraſchte.“ „In unendliche Wonne auſfgeloͤſt ſaß ich an Virginiens Seite, und bedachte, daß wir ſicher nicht viele ſolche Tage mehr verleben, es auch kaum wahrſcheinlich ſey, daß wir uns nach unſerer Trennung in dieſem Leben wieder ſehen wuͤrden. Ein leiſer Seufzer ſtahl ſich mir bei dieſem Gedanken aus der gepreßten Bruſt, wobei mich Virginia mit einem ſo vielſprechenden Blick anſah, der mir gewiß mehr ſagte, als es alle Sprachen des Erdbodens im Stande geweſen lch theure Couſine!““ liſpelte ich, ſie bei r der Hand faſſend,—„wie ſchoͤn waͤren die Freuden dieſes Abends, koͤnnten ſie von Dauer ſeyn. Leider! fuͤhle ich aber, daß ich mich nur zu bald werde trennen muͤſſen, da es mir nicht unbekannt iſt, in welcher Gemuͤthsſtimmung ſich Euer T moͤglich Erde zäͤrnen haben verwu mit C 1 ſagte noch der i ſo da nem ff uns präͤchs trahlen 77 hte. ich an aß wir n, es z nach ſehen nir bei wobei henden als es eweſen 119 Euer Vater befindet. Gewiß wird es uns un— moͤglich ſeyn, nach ſeiner Zuruͤckkunft noch laͤnger hier zu weilen.““ „„Wohl wahr,““ erwiederte ſie mit zur Erde geſchlagenen Augen.„ Gewiß wuͤrde er zuͤrnen, daß wir Euch in's Schloß aufgenommen haben, haͤtte er Euch aber ſo blaß, blutend und verwundet geſehen, ſo muͤßte auch er Mitleid mit Euch gehabt haben.““— „„Dank, tauſend Dank! edles Maͤdchen;““ ſagte ich jetzt mit einer Empfindung, deren ich noch nie faͤhig war. Zitternd lag meine Hand in der ihrigen. Obgleich ſie mir keine Antwort gab, ſo dachte ich mir das holde Geſchoͤpf doch in je— nem Augenblick als meine Gattin, und faßte den feſten Entſchluß, ſie mir in jedem Falle zu erwer⸗ ben.“— „Auch Almira ſuchte Fernando durch tauſend unſchuldige Kuͤnſte zu einem Geſpraͤch zu bringen; er beſaß aber zu viele Weltkenntniß, um ihre Abſicht nicht errathen zu koͤnnen, und wollte einer Neigung nicht entgegen kommen, die er nimmer erwiedern konnte.“ „Der Eindruck, den die Reize der Donna Zidana, die er im Portrait beſaß, auf ihn ge⸗ macht hatten, ließ ihn fuͤr alle anderen unem⸗ 120 pfaͤnglich, obſchon er zu Zeiten uͤber das Laͤcherli⸗ che der Sache mit mir ſelbſt uͤbereinſtimmte.“— „Kaum waren wir nach dem Schloſſe zuruͤckgekehrt, ſo erhielt ich Depeſchen von un— ſern Truppen aus Toloſa, die ich durch Fer— nando beantworten ließ, nebſt einem Privat⸗ ſchreiben meiner Mutter, das ein ausfuͤhrliches Detail der letzten Krankheit meines Vaters, ſeine ſehnlichen Wuͤnſche nach meiner Gegenwart, und manche dringende Angelegenheit enthielt, die mei⸗ ne ſchleunige Ruͤckkehr nach Madrid erforderte.“ „Nicht wenig erſchuͤttert durch den traurigen Inhalt uͤberließ ich mich einer Reihe der unange— nehmſten Vorſtellungen, die meinen Geiſt ſo ſehr verduͤſterten, daß mein Gehirn das Vehikel tau— ſend widriger Einbildungen wurde.“ „Eben ſtieg der Mond langſam uͤber die dunklen Waͤlder hervor, und warf ſeine Strah— len durch das Fenſter herein, als ich mich endlich aus meinem Stuhle erhob, den feierlichen An— blick zu genießen, der die Natur in allgemeinen Schlummer wiegte. Die ſchwaͤrzlichen Umriſſe, die die ganze Landſchaft vor mir verbargen, er⸗ fuͤllten mich mit bangem Grauen, und entwickel⸗ ten in mir fantaſtiſche Bilder, waͤhrend ich in weiter Entfernung ein kleines Lichtchen erblickte, verunſ Laſt ei von m 4 daß e der d Zeit j gegral unterd wohl gen m raubte Deute tenma nach, heunr der N hatte unbet daͤcherli⸗ e.“— chloſſ 9 on un⸗ Fer⸗ Privat⸗ hrliches „ſeine und te mei⸗ exte.“ aurigen mange⸗ o ſehr el tau⸗ er die Strah⸗ endlich en An⸗ meinen 121 das hin und her flackerte, und ſich endlich dem Schloſſe zu naͤhern ſchien.“ „Mit Muͤhe glaubte ich die Geſtalt eines Mannes wahrzunehmen, deſſen Geſichtszuͤge durch den Schein des Lichts, das er trug, ſcheuslich verunſtaltet wurden, und deſſen Leib ſich unter der Laſt eines andern Koͤrpers kruͤmmte, der ebenfalls von menſchlicher Form zu ſeyn ſchien.“ „Unwillkuͤhrlich entſtand der Gedanke in mir, daß es der Meuchelmoͤrder Jaques ſeyn koͤnne, der dem todten Koͤrper ſeines Genoſſen zu einer Zeit fortſchaffe, in der er ihn mit Sicherheit aus— gegraben hatte.“ „Selbſt bei dem entfernten Anblicke jenes Nenſchen konnte ich meine Beſorgniß nicht ganz unterdruͤcken, deſſen blutiges Gewerbe ich nur zu wohl kannte, und bewachte jede ſeiner Bewegun⸗ gen mit moͤglichſter Aufmerkſamkeit. Leider! be⸗ raubte mich die zu große Entfernung aber aller Deutlichkeit, bis ich ihn endlich hinter der Gar— tenmauer verlor, gegen die er, dem Anſcheine nach, ſeinen Weg nahm, wodurch ich um ſo mehr beunruhigt wurde, da ich nicht wußte, ob ich von der Rache dieſes Boͤſewichts nichts zu fuͤrchten hatte, dem mein Aufenthalt in dem Schloſſe nicht unbekannt ſeyn konnte.“ —.——— — ————.— 122 „Tauſend Ideen durchkreuzten mein Gehirn, bis ich endlich in dem Gedanken Beruhigung fand, daß dieſelbe Macht, die mich bisher beſchuͤtzt hat⸗ te, auch in der Folge uͤber mich wachen werde.“ „Der ſanfte Abendwind, der uͤber die Wipfel der Baͤume rauſchte, verſetzte mich bald in ſo be⸗ hagliche Laune, daß ich mit Wonne den erfriſchen⸗ den Duft einſog, der durch das geoͤffnete Fenſter uͤber mich hinwehte. Getroͤſtet betrachtete ich die wenigen Sterne, die am Firmamente flimmerten und ſprach:„Oh, wie praͤchtig iſt die Schoͤpfung! Welten rollen uͤber Welten, himmliſche Muſik be⸗ gleitet ihren Lauf; und was iſt der Menſch? der kleine unbedeutende Menſch in der Mitte aller die⸗ ſer Groͤßen der Schoͤpfung!“ „Voll ſchwindelnder Ideen zog ich mich end⸗ lich vom Fenſter zuruͤck und ſank auf einen Stuhl. Kein Laut ließ ſich im ganzen Schloſſe vernehmen, und auch ich blieb ſchweigend ſitzen, ohne eine Neigung zum Schlafe zu fuͤhlen. Es ſchien, als ob ich Vergnuͤgen an meiner traurigen Stimmung haͤtte, da ſchlug es zwoͤlf Uhr; die fuͤrchterlichen Schlaͤge ertoͤnten durch das ganze Schloß. „Ein einzelner Strahl des Mondlichtes fiel auf ein altes Gemaͤlde, das ran der gegenuͤberſte⸗ henden Wand in dem dunklen Zimmer vor mir aufgen zelnen einer trug e glaubt 7„„ ganz Gehirn, g fand, tzt hat⸗ erde.“ Wipfel ſo be⸗ friſchen⸗ Fenſter ich die nmerten zopfung! duſik be⸗ 91 der aller die⸗ nich end— nStuhl⸗ enehmen, hne eine zien, als immung üterlichen ichtes fel nuͤberſte⸗ vor mit 123 aufgemacht war, und ein Turnier, vor einer ein— zelnen Dame abgehalten, vorſtellte, die ſich auf einer Gallerie befand. Einer der Streitenden trug eine ſchwarze, der andere eine weiße Ruͤſtung. Der ſchwarze Ritter hatte die Lanze in dem Koͤr— per ſeines Gegners gebohrt, aus welchem das Blut uͤber das weiße Pferd herabtraͤufelte. Das Licht des Mondes beleuchtete die Farben nur ſchwach, als ich zuruͤckgelehnt mit feſten Blicken den Koͤr— per des fallenden Ritters betrachtete, und ploͤtz— lich eine leiſe Bewegung des Bildes zu bemerken glaubte.“ „Wirklich zog ſich der weiße Ritter jetzt auch ganz ſachte zuruͤck. Mit Staunen und Angſt ſah ich, daß das Gemaͤlde in der Mitte auseinander geſchoben wurde, und erblickte einen Mann, der hinter demſelben ſtand.“ „Vorſichtig ſpaͤhte er in's Zimmer herein, waͤhrend ſein Geſicht boshaftes Laͤcheln uͤberzog, deſſen Scheuslichkeit durch den blutrothen Schein einer Lampe die er in ſeiner linken Hand hielt, erhoͤht wurde, und ſeine Rechte einen Dolch hielt, an welchem ich mir einbildete Spuren von Blut zu ſehen.“ „Unwillkuͤhrlich ſtraͤubte ſich mir das Haar auf dem Haupte, das Blut fror mir in den Adern 124 zu Eis, da ich die ſchreckliche Erſcheinung zu Ge⸗ ſichte bekam, die ihren forſchenden Blick auf das Bett hinwarf, welches an der entgegengeſetzten Seite des Zimmers ſtand, und ſie daher hinderte, mich, der ich im Schatten ſaß, zu bemerken.“ „Nach kurzem Lauſchen wagte es jener Fuͤrch⸗ terliche ſo vorſichtig als moͤglich in das Zimmer zu ſteigen, mit horchender Geberde gegen das Bet⸗ te vorwaͤrts zu ſchreiten; und noch ſtand er keine Minute uͤber daſſelbe gebeugt, als ſich mit teufli— ſchem Laͤcheln und funkelnden Augen ſein Arm erhob, um den Dolch in das Herz ſeines ver⸗ meintlichen Todesopfers zu ſtoßen.“ „Der Anblick augenſcheinlicher Gefahr, der ich gluͤcklich entgangen, wirkte aber ſo gewaltig auf mich, daß ich unwillkuͤhrlich einen lauten Schrei ausſtieß, indem ich haſtig emporſprang, und nach meinem Schwerte haſchte, das ich im Nu gezogen hatte. Waͤre ich behutſamer verfah⸗ ren, ſo haͤtte ich meinen Gegner ohne Widerſtand todt zu meinen Fuͤßen ſtrecken koͤnnen, da er blos mit einem Dolche bewaffnet war. Aufgeſchreckt aber durch den Schrei, den ich machte, wandte er ſich mit Blitzesſchnelle nach mir, that einen ſo ſchnellen und geſchickten Sprung bei Seite, daß er meinem Hiebe gluͤcklich genug entkam, und eil⸗ te ohn nung „ men C mer it Schnel völlig geholt te aus ſterniß chelma als ſe ſtand welche endlich vorhal er mi folgte in we leider, lich er waren. 1 chen, zu Ge⸗ nuf das eſetzten inderte, . Fuͤrch⸗ zimmer as Bet⸗ er keine 1 teufli⸗ n Arm nes ver⸗ jr, der gewaltig lauten rſprang⸗ ich im verfah⸗ nerſtnd er blos iſchrect wandte einen b daß und di⸗ 125 te ohne einen zweiten zu erwarten, durch die Oeff⸗ nung des Bildes.“ „Wuͤthend ſtuͤrzte ich ihm durch den gehei⸗ men Eingang nach, indem er, die Lampe noch im— mer in der Hand tragend, mit unglaublicher Schnelligkeit fortlief. Ungeachtet ich noch nicht voͤllig hergeſtellt war, ſo wuͤrde ich ihn doch ein⸗ geholt haben, haͤtte er nicht auf einmal die Leuch⸗ te ausgeloͤſcht, und ſo alles um ſich her in Fin⸗ ſterniß geſetzt.“ „Ohne zu bedenken, daß fuͤr dieſen Meu⸗ chelmoͤrder nun gewiß nichts leichter ſeyn wuͤrde, als ſeine Gelegenheit im Finſtern zu benuͤtzen, ſtand ich ſtill, und horchte, um zu entſcheiden, welche Richtung ſeine Tritte nahmen, bis ich ihn endlich, mein Schwert mit ausgeſtrecktem Arme vorhaltend, und links und rechts ausparirend, daß er mich nicht umgehen konnte, von Neuem ver— folgte.“ „Plo3ͤtzlich kam ich jetzt in eine große Halle, in welche der Mond ſein ſchwaches Licht warf; leider! konnte ich meine Umgebung aber nicht deut— lich erkennen; da die Fenſter von gemahltem Glaſe waren.“ „Ich mußte daher nun wieder Stillſtand ma⸗ chen, da ich den Schall ſeiner Kußtritte verlohren 126 hatte; Nicht ohne Grund fuͤrchtete ich, daß ſich der Schurke hier in irgend einem Winkel ver⸗ borgen halte, um mich jaͤh zu uͤberfallen, ohne, daß ich im Stande waͤre, den Todesſtreich abzu— wenden.“— „Obendrein lag dieſe Halle von meinem Zim⸗ mer auch ſchon betraͤchtlich entfernt. Nur zu gut fuͤhlte ich daher, nachdem die erſte Hitze vorbei war, die Gefahr meiner Lage im vollen Maaße; da ich mich an einem Orte von aller Huͤlfe ver— laſſen befand, der mir ganz fremd war, und ei⸗ nen Feind in der Naͤhe wußte, deſſen ſchwarzes Vorhaben ich nur zu ſicher kannte, der auch nicht im Geringſten uͤber die Mittel verlegen ſeyn moch⸗ te, ſeinen Zweck zu erreichen.“ „Das Kluͤgſte ſchien mir in dieſer ſchreckli— chen Lage, mich nach meinem Zimmer zuruͤck zu begeben, und eben wollte ich dieſen Entſchluß in Ausfuͤhrung bringen, als ich plötzlich den Schat— ten jenes Mannes an der Wand zu ſehen glaub⸗ te. Wie wuͤthend ſtuͤrzte ich darauf los, leider! entwiſchte er meinen Streichen aber wiederum, und entfloh durch eine gegen uͤber ſtehende Thuͤ— re. Ich zweifelte jetzt nicht ihn einzuholen, und verfolgte ihn von Neuem bis ſich ſeine Fußtritte in de verhal ſchon als i moͤgli gewaͤn gegne geweſ entſch hatte durq nicht der o aus zuruͤ des ſchlo daß nen daß ſich kel ver⸗ , ohne, ih abzu⸗ im Zim⸗ zu gut vorbei Maaße; ſſe ver⸗ lſe und ei⸗ hwarzes ch nicht „6⸗ n woch- ſchreckli⸗ jruͤck zu hluß in Schat⸗ 1 glaub⸗ 127 in der Entfernung abermahls verloren und leiſe verhallten.“ „Laͤngſt war ſelbſt der letzte Mondſtrahl ſchon verſchwunden, tiefe Finſterniß umgab mich, als ich meinen Ruͤckweg endlich ſo vorſichtig als moͤglich antrat, waͤhrend ich mit jedem Schritte gewaͤrtig war, der Spitze eines Dolches zu b gegnen; denn nichts waͤre meinem Gegner leichter geweſen, als mich ſo zu uͤberfallen.“ „Trotz aller Vorſicht konnte ich aber nicht e⸗ entſcheiden ob ich den rechten Weg eingeſchlagen hatte. Als ich mich ſchon durch mehrere Zimmer durchfand, in der Abſicht zur großen Halle zu— ruͤck zu kommen, ſtieß ich ploͤtzlich auf eine Wen⸗ deltreppe, die ich meiner Erinnerung nach fruͤher nicht bemerkt hatte. Sicher glaubte ich jetzt an der oͤſtlichen Seite des Schloſſes zu ſeyn, von wo aus ich durch die groͤßeren Gallerien gewiß nicht zuruͤck konnte, da die Thuͤren, die dieſen Theil des Gebaͤudes von dem uͤbrigen trennten, ſtets ver⸗ ſchloſſen waren, und wurde dadurch ſo verwirrt, daß ich mich unmoͤglich mehr auf den Weg beſin⸗ nen konnte, der mich hieher brachte.“ „ Unter ſolchen Umſtaͤnden ſchien mir die Wahl des Weges gleichguͤltig, ich ſtieg daher die Treßpe hinab, und ſtieß in einem langen finſteren 128 Marmorgang auf mehrere Thuͤren, die zu einer Reihe von Zimmern fuͤhrten, und ſaͤmmtlich ver— ſchloſſen waren.“ „Nach langem Herumirren kam ich endlich zu einer, die halb offen ſtand. Ohne zu beden⸗ ken, daß ſie mich doch nicht nach dem bewohnten Theile des Schloſſes fuͤhren koͤnnte, wagte ich mich hinein, wurde aber bald durch eine entgegen⸗ geſetzte Thuͤre aufgehalten, in deren Schloß der Schluͤſſel ſtack. Ich oͤffnete ſie; die Angeln knarr— ten vor Roſt und Staub, der ſich geſammelt hat⸗ te, und wie in Stroͤmen dampfte mir fauler Ge⸗ ruch entgegen. Erſt nach einigem Zoͤgern wagte ich es einzutreten, und befand mich in einem klei⸗ nen Zimmer, deſſen Waͤnde ich rings herum mit meinem Schwerte abreichen konnte.“ „Langſam vorwaͤrtsſchreitend betrat ich aber⸗ mals eine Reihe von Zimmer, indem ich nach der Strecke, die ich bereits durchwandelt hatte, auf die Groͤße des oͤſtlichen Fluͤgels ſchloß, und dachte, daß mich jene Thuͤre, vor der ich ploͤtzlich ſtand, nach der Lage des Gebaͤudes zu ſchließen, in den Garten bringen muͤſſe.““ „Immer wahrſcheinlicher wurde mir der Ge⸗ danke, daß jener Meuchelmoͤrder, den ich fuͤr Ja⸗ ques hielt, durch den Garten und dieſe Thuͤren V tach i Feſt en bald al te und nem an niß me ſchreckli ( „ Polken liegende das Gi die ent hen han des B meine( „ und wa zu, da ganzen G 711 ſen Ka zu mir einer h ver⸗ endlich beden⸗ ohnten te ich gegen⸗ oß der knarr⸗ t hat⸗ er Ge⸗ wagte n klei⸗ n mit auf die dachte, ſtand/ in den 50; er Ge⸗ „Fa⸗ ür Ja Thuͤren 129 nach meinem Zimmer gedrungen ſeyn koͤnne.— Feſt entſchloſſen, dieſen Fluͤgel des Schloſſes ſo bald als moͤglich zu verlaſſen, oͤffnete ich die Thuͤ⸗ re und befand mich, ſtatt in dem Garten, in ei⸗ nem andern Zimmer. Leider! war die Erkennt⸗ niß meines Irrthums aber von einer noch weit ſchrecklichern Empfindung begleitet.“ „Der Mond hatte ſich eben aus dunklen Wolken hervorgeſchwungen, beſchien die vor mir liegenden Gegenſtaͤnde in voller Klarheit durch das Gitterfenſter, und mit Schaudern erblickte ich die entſetzlichſte Erſcheinung, die ich jemals geſe— hen hatte, eine Erſcheinung, die mir den Kreislauf des Blutes mit eiſiger Erſtarrung hemmte, und meine Seele mit Schrecken erfuͤllte.“ „Fuͤrchterlich erſchuͤttert prallte ich zuruͤck, und warf die Thuͤre mit ſo krampfhafter Heftigkeit zu, daß das Echo des donnernden Schalls im ganzen Gebaͤude wiederhallte.“ „Noch lange Zeit ſtand ich in dem grauſam— ſten Kampfe der Erwartung, bis ich endlich wieder zu mir gekommen, die Thuͤre neuerdings zu oͤff⸗ nen verſuchte, um gewiß zu ſeyn, daß ich mich nicht getaͤuſcht hatte, und um meinem Gemuͤthe nicht eine Vorſtellung eingepraͤgt zu laſſen, die I. Theil. 9 130 mir als die ſchrecklichſte und abſcheulichſte in der pfangen menſchlichen Natur vorkam.“ feit.”" „Alle meine Bemuͤhungen blieben aber frucht⸗ b 2 los; die Thuͤre war ploͤtzlich feſt verſchloſſen. Lei⸗ Hlaubte der! aber uͤberzeugte mich ein lauter Schrei von als ich innen, daß hier an keine Taͤuſchung zu denken markte ſey.“ gehuͤlt „Mit unſichern Tritten ſchwankte ich endlich ider ſo durch die lange Zimmerreihe zuruͤck. Die mannig⸗ t. N faltigen Anſtrengungen, denen ich ausgeſetzt war, gien, machten mich ſo außerordentlich muͤde, und das zes un entſetzliche Ding, das meine Augen geſehen hat⸗ ſt, ten, erſchoͤpfte meine Kraͤfte ſo ſehr, daß ich, nach 4 ſo dem ich bis auf die Haͤlfte der Stiege gekommen liehe war, mich genoͤthigt fuͤhlte, in einem Anfall der„ Erſchlaffung auf den Stufen nieder zu laſſen.“— nachzuf „Nicht lange mochte ich noch geſeſſen ſeyn,)e als ich matt und erſchoͤpft in einen unruhigen und uch verwirrten Schlaf gerieth. Mir traͤumte, ich ſey den in dem Bette meines Zimmers, wo mich jemand u ſo ſehr beim Arme zoͤge, daß ich erwachte, und* Virginien vor mir erblickte.“ 4. „„Folgt mir, Albert,““— ſagte ſie lchelnd, b 4 —„„meine Schweſter hat bereits das Geluͤbde wn gethan, und auch ich gehe, den Schleyer zu em⸗ aſe endlich nannig⸗ tt war, ind das en hat⸗ , nach kommen fall der 77— en⸗ en ſeyn, gen und ich ſey ſemand d 6, un lachelnd/ Gellbde pfangen, kommt und ſeyd Zeuge der Feierlich⸗ keit.““— „Sehr betruͤbt uͤber eine ſolche Aufforderung glaubte ich jetzt ploͤtzlich in die Hoͤhe zu fahren, als ich an meiner andern Seite eine Perſon be— merkte, die ſo ſorgfaͤltig in lange ſchwarze Kleider gehuͤllt war, daß ich weder Geſtalt noch Zuͤge, oder ſonſt einen menſchlichen Umriß erkennen konn— te. Mit fragenden Blicken ſah ich auf Virgi⸗ nien, ſie aber laͤchelte voll unausſprechlichen Rei⸗ zes und ſagte:„„Forſchet nicht nach jener Ge— ſtalt, und folgt mir! doch huͤtet Euch umzuſehen, in ſo ferne Euch an Euerm Leben und an meiner Liebe etwas liegt.““ „Endlich glaubte ich ihr mit groͤßter Eile nachzufolgen; wie es aber bei den ſchnellen Ue— bergaͤngen wohl zu gehen pflegt, denen wir bei Traͤumen gewoͤhnlich ausgeſetzt ſind, ſo befand ich mich auf einmal in einem Kirchhof an Virgi⸗ niens Seite, und fuͤhlte ein heftiges Verlangen mich umzuſehen, ob uns die dunkle Geſtalt ge⸗ folgt ſey. Virginiens Worte hielten mich aber davon zuruͤckl,,„Hier, Albert!““— ſagte ſie mit feierlichem Tone,—„„iſt mein Grab!““ und ſtieg ploͤtzlich in die Luft auf, wobei ich mich ebenfalls gehoben fuͤhlte, ohne daß ich wußte, 9* 132 wie das zuging, da ich nicht das Geringſte dazu beitrug.“ „Virginiens Kleider, die von weißer Far⸗ be waren, ſchienen ſich nun zu entfalten, und auf ein Betraͤchtliches in die Luft hinaus zu verlaͤn— gern, als ich auf ihrem Haupte einen Kranz von funkelnden Diamanten bemerkte. Das weite Ge⸗ woͤlbe des Himmels verwandelte ſich in dunkles Blau, die Erde verkleinerte ſich, die Sterne nah⸗ men an Praͤcht und Glanz zu, und glichen eben ſo vielen Sonnen.“ „Ich fuͤhlte mich uͤber die Schoͤnheiten, wel⸗ che mich umgaben, ſo ſehr entzuͤckt, daß ich alle Furcht verlor. Das dunkle Weſen,— dachte ich, kann uns nach dieſem Orte unmoͤglich gefolgt ſeyn, blickte des Verbotes, das ich empfangen hatte, vergeſſend, zuruͤck und ſah mit unbeſchreib⸗ lichem Schrecken die Geſtalt eines Knochenmanns, der wie im ewigen Feuer ergluͤhte, waͤhrend ihn ſeine ſchwarzen Kleider gleich Wolken umgaben, und im Winde fuatterten.“ „Ploͤtzlich glaubte ich zu fallen, ſuchte mich an Virginiens Kleidern zu drhalten, und riß ſie mit mir herab. Lauter Donner erſcholl rings um mich, die ſtrahlenden Sonnen wurden ſo ſchwarz wie die Nacht, waͤhrend ich viele tauſend Meilen tief zu verlor, „ Traum ſtreckte te mich virklich ber mi lichter 1 voͤllige lich, Otiege te dazu zer Far⸗ nd auf verlaͤn⸗ az von ite Ge⸗ dunkles e nah⸗ en eben en, wel⸗ ich alle hte ich, gefolgt pfangen eſchreib⸗ manns, end ihn mgaben, gte mich und tiß ngs um ſchwatz Meilen 133 tief zur Erde ſtuͤrzte, wo ich mein Bewußtſeyn verlor, und mich todt glaubte.“— „Kaum war ich aus dieſem ſonderbaren Traume erwacht, welches bald darauf geſchah, ſo ſtreckte ich meine Haͤnde zweifelnd empor, befuͤhl— te mich an allen Theilen, um zu wiſſen, ob ich wirklich noch lebe, und fand meinen ganzen Koͤr⸗ per mit kaltem Schweiße bedeckt, den jetzt hell lichter Tag beleuchtete.“ „Nach geraumer Zeit erſt erhielt ich den voͤlligen Gebrauch meiner Sinne wieder, ſah end⸗ lich, daß ich waͤhrend meines Schlafes uͤber die Stiege herabgerollt war, und ſchrieb jetzt den Donner, den ich gehoͤrt hatte, den Gecoͤſe des Falles zu.“ „Meine Kraft war uͤbrigens aber ſo erſchoͤpft, daß ich kaum ſtehen konnte, und eben wollte ich mit aller Anſtrengung die Treppe hinauf ſteigen, als ich uͤber mir Geraͤuſch hoͤrte. Mechaniſch blick⸗ te ich in die Hoͤhe und ſah Fernando am ober⸗ ſten Ende der Stiege, deſſen Miene Verwunde⸗ rung und Ueberraſchung ausdruͤckte.“ „„Ach, Fernando!““ ſagte ich,—„„ge⸗ wiß denkſt Du nicht, daß ich Zeuge der ſchreck⸗ lichſten Scene war, und einen Traum traͤumte, 134 der meine ganze Seele erſchuͤtterte, doch— wie kam es, daß Du mich hier aufſuchteſt?““— „„Zufaͤllig trat ich nach meinem heutigen Morgenſpaziergange in Dein Zimmer,““ derte er,—„„und wurde dadurch nicht wenig be⸗ fremdet, es leer zu finden. Kaum bemerkte ich aber die Oeffnung in dem Gemaͤlde, ſo ſchloß ich, daß Dir der geheimnißvolle Schreyer der vorigen Nacht einen Beſuch gemacht haͤtte, wobei Du ihn ent⸗ deckteſt.““ „„Nicht ohne Grund begann ich jetzt uͤble Dinge zu ahnen. Der Weg, den Du genommen zu haben ſchienſt, lag vor mir offen, ich riß da⸗ her Deine Piſtolen von der Wand, und ſtieg je— de Hand mit einer derſelben bewaffnet durch das Bild nach dem Gange.“ „„Lange tappte ich durch finſtere und ſchma⸗ le Wendungen, bis ich ploͤtzlich hinter einem Thronſeſſel hervorkam, deſſen Vorhaͤnge und Tape⸗ ten den geheimen Ausgang verbargen, der mich in eine große altmodiſche Halle brachte, deren Fenſter mit gemahltem Glaſe verſehen waren. In der Mitte der Halle ſtand ein großer Tiſch, um welchen ſich mehrere Stuͤhle in groͤßter Unordnung befanden; Taſſen und Becher mit Staub bedeckt lagen auf der Tafel als ſichtbare Ueberreſte eines d — erwie⸗ — wie 7 eutigen erwie⸗ enig be⸗ ich aber h, daß n Nacht hn ent⸗ tzt uͤble nommen riß da⸗ ſtieg je⸗ irch das ſcima einem nd Tape⸗ er mich deren ſ ren. In ſch, um ordnung b bedeckt aics ſte eints 135 Mahles. Mit ſcheuer Miene erinnerte ich mich daher der wunderbaren Stoͤrung von Padillas und Zidanas Brautnacht.““ „„Mit einem Male bemerkte ich eine kleine Thuͤre an der entgegengeſetzten Seite geoͤffnet, und kam durch ſie nach mehreren Zimmern, in denen die Einrichtung mit Staub und Spinnengeweben aͤberzogen war, bis ich endlich dieſe Stiege er⸗ reichte, wo ich jetzt zu meiner Freude erfahre, daß ſich meine Furcht, die ich Deinetwegen hatte, nicht ganz verwirklichte.““ „Faſt eine halbe Stunde brauchte es, bis wir durch die Gemaͤcher unſern Ruͤckzug geendet hatten. Auch Fernando hatte uͤber die Perſon, die ſo heimlich in mein Gemach gekommen war, keine andere Meinung, als daß es Ja ques ſey, der einen geheimen Eingang zu dieſem verlaſſe⸗ nen Theile des Schloſſes wußte, wo er auch am ſicherſten den Nachſorſchungen entging, die man ſeinetwegen machte. Sein Entſchluß, mich zu morden, mochte theils aus Rache fuͤr den Tod ſeines Genoſſen, theils aus Furcht fuͤr ſich ſelbſt nach dem, was ich aus ſeinem Munde hoͤrte, her⸗ ruͤhren, und obgleich ich dieſe naͤchtliche Erſchei⸗ nung im Schloſſe bekannt machen wollte, um ge hoͤrige Nachforſchungen in jenem Theile des Ge⸗ — 4 ¹ 4 1 1 1 8 4 6 . h AA 9 111 1 44 1 1 7 —— baͤudes zu veranlaſſen, ſo hielt es Fernando doch fuͤr kluͤger, hieruͤber zu ſchweigen, und uns fuͤr alle Faͤlle vorzuſehen, wenn Bosheit und Schurkerey einen neuen Verſuch gegen uns wagen ſollten. Selbſt Gonzalezen, deſſen Furcht vor Padillas Rache grenzenlos war, wollten wir uͤber die wahre Beſchaffenheit jener unerklaͤrbaren Stimme in Ungewihheit laſſen, und beſchloſſen die Folgen der naͤchſten Nacht wohl bewaffnet zu erwarten.“— rando d uns it und wagen ht vor en wir arbaren hloffen fnet zu 137 Siebentes Kapitel. Angſt und Schrecken,— Hoͤchſt unerwartet,— der Streit,— die Ohnmacht,— der Lichtſtrahl,— geheime Unterredung,— das wandelnde Meteor,— die Kapelle,— die Familiengruft— und der Sarg. „ Nachdem ich einige Erfriſchungen zu mir ge— nommen hatte, legte ich mich zu Bette, die Gaͤh⸗ rung meiner Lebensgeiſter zu ſtillen, und wo moͤg— lich ſowohl die entſetzliche Erſcheinung in jener Kammer, als die Phantome meines Traumes, die mich beunruhigten, zu vergeſſen.“ „Erſt gegen Mittag erwachte ich neu geſtaͤrkt, und verſuchte es das Erſtemal im Speiſezimmer meine Aufwartung zu machen. Leider! konnte ich der Unruhe aber nicht los werden, die in mir wohnte. Virginiens Gegenwart ſchien ſie nur noch zu vermehren, da mir ihre Blicke und Bewe⸗ gungen alle Augenblicke die Erſcheinungen meines Schlummers zuruͤck riefen.“ „Unter kleinen Zerſtreuungen mit Muſik und Geſang verſtrich der Nachmittag, der uns mit ſei⸗ 138 ner unendlichen Hitze belaͤſtigte. Um ſich etwas kuͤhler zu machen, hatte Fernando ſeinen Rock auf der Bruſt eben aufgeknoͤpft, als Almira jenes Gemaͤlde bemerkte, daß er noch immer bei ſich trug“ „„Ha, ha! Couſin!““— ſchrie ſie mit froͤhlichem Lachen,—„„„ ſo muß man denn hin⸗ ter Euere Geheimniſſe kommen. Gewiß iſt das ein Portrait eures Liebchens. Wollt Ihr wohl erlauben, Euere Wahl zu bewundern?““ „Unmoͤglich konnte ſich Fernando wei⸗ gern, ihr das Bild zu zeigen, kaum hatte ſie es aber erblickt, als ſie auch ſchon ausrief:„„Heili⸗ ge Jungfrau! wie kommt Ihr dazu, das Bild meiner Mutter am Buſen zu tragen? Habt Ihr ſie jemals geſehen!“ 24 „„Erſt ſeit kurzer Zeit,“— erwiederte Fernando,—„„weiß ich von der Aehnlichkeit, und habe es lange blos zur Zierde getragen; — doch wie iſt es moͤglich, daß Ihr ſie erkennen konntet, da Ihr, ſo wie ich hoͤrte, noch ein Kind waret, als ſie ſtarb.““ „„Leider! iſt das nur zu wahr!“— antwortete ſie mit einem Seufzer.„„ Obſchon wir Kinder zweyer Muͤtter ſind, ſo genoſſen wie doch keine die Annehmlichkeit muͤtterlicher Liebe. 4 ch etwas nen Rock Almira nmer bei ſie mit enn hin⸗ iſt das ihr wohl do wei⸗ tte ſie es „„Heili⸗ das Bild zabt Ihr erwiederte hnüichkeit getragen; erkennen ein Kind (401— Obſchon ſſen wie oſſen her liebe 139 Selbſt ihr Tod iſt in ſolches Dunkel gehuͤllt, daß wir davon nichts weiter wiſſen, als was uns i re Portraits zu erkennen geben. Ja, Ihr 15) die Gallerie unſerer Tamiſtengemalde ſehen d9s ich Euch zeigen will, um die Aehnlichkeit 8 6 chen zu koͤnnen.““ 13 „„Wo denkſt Du hin!““— verſetzte Vir⸗ ginia.„„Haſt Du ſchon vergeſſen, daß unſe Vater verbot, ohne ihn dieſen Ort zu behuchen⸗ 3 bald er zuruͤckkehrt, ſoll er unſere neuxet Freudide ſelbſt nach der Gallerie begleiten, und ihnen die Geſchichte erzaͤhlen.““ „„Wird er das auch?““— verſetzte Fer— nando, indem ſeine Augen mit bedeutenden Blik⸗ ken auf mir ruhten.“, „„Oh gewiß!““ erwiederte Almira d Doch warum ſollten wir nicht auch in Geſel⸗ ſchaft unſers Vetters die Bilder beſehen.““ 5 „Ohne die Beweggruͤnde ihrer Schweſter zu hoͤren, ſchickte ſie nach Gonzalez, die T 1 zu oͤffnen.“ zi . zeeha di ſihen im Voraus befuͤrchtet hat⸗ 1, Bnde. 3 er alte Mann war mit dem Auf— , bt zufrieden und ſprach:„„Wißt Ihr nicht ſchone Damen, daß Seine Exzellenz miß⸗ vergnuͤgt ſeyn werden, wenn er es erfahren ſele 7 140 und gewiß koͤnnen jene Herrn auch nicht verlan— gen, daß ihre Neugierde zu irgend einem Ver⸗ druß Anlaß gebe.““ „„Schweig doch, alter Grillenfaͤnge — ſchrie Almira.„„Wie ſollte der ſo viele Meilen entfernte Vater erfahren, daß wir gerade jetzt dort aus und ein gegangen ſind.““ „„Ach Donna!““ verſetzte Gonzalez.— „„Glaubt mir, viele Handlungen, die noch ge⸗ heimer geſchahen, ſind bekannt geworden.““ „So herzlich Gonzalezens Warnung aber auch gemeint war, ſo uͤberſtimmte ihn Al— mira doch endlich durch einen ſolchen Wortſchwall, daß er ihr die Schluͤſſel mit der Verſicherung uͤbergab, ſie auf keinem Falle zu begleiten, und bald ſtanden wir vor Em iras Bildniß.“ „Noch hatten wir uns aber keine Viertel— ſtunde in der Gallerie aufgehalten, als ſich das große Schloßthor öffnete, und Gonzalez mit unbeſchreiblicher Haſt hereinſtuͤrzte, um mit ſchwan⸗ kender Stimme zu ſchreien:„„Begebt Euch um des Himmelswillen nach dem Speiſezimmer.““ „Nicht wenig uͤberraſcht durch das aͤngſtliche Benehmen des Alten erkundigten wir uns nach der Urſache ſeiner Beſtuͤrzung, konnten aber außer den Worten:„„Ach! es iſt um uns geſchehen durch 4 rI““ den un nichts „ gen i waͤhre wir ih ausge ruͤck, üͤberra ken, genbr gini komm woran ſee v ergrif faht, verlan⸗ m Ver⸗ er!““ ſo viele gerade ch ge⸗ 1ℳ arnung n Al⸗ ſchhwall, herung und Vviertel⸗ ch das 63 mit ſchwan⸗ uch um 11 glllche ich der er den durch 141 den unvorhergeſehenſten Zufall von der Welt!“ nichts Naͤheres erfahren. „Obſchon wir keinen Grund wußten, ſo gin⸗ gen wir doch blindlings nach dem Speiſeſaale, waͤhrend er die Thuͤre verſchloß. Kaum hatten wir ihn aber erreicht, ſo fuhr Almira, die vor⸗ ausgeeilt war, auch ſchon mit einem Schrey zu⸗ ruͤck, und bald darauf wurden wir nicht wenig uͤberraſcht— Don Padilla vor uns zu erbli⸗ cken, der mit fuͤrchterlich zuſammengezogenen Au— genbraunen auf und nieder ſchritt.“ „Nach einer kleinen Pauſe hatte ſich Vir— ginia endlich ſo weit gefaßt, daß ſie ihn bewill— kommte, er wuͤrdigte ſie aber keines Blickes, worauf ihr der Muth ploͤtzlich ſo ſehr ſank, daß ſie von Furcht gelaͤhmt meinen Arm als Stuͤtze ergriff. Auch Almira war nicht viel beſſer ge— faßt, ſie ſtammelte etwas von Ueberraſchung uͤber ſeine unvermuthete Ruͤckkunft, erhielt aber eben— falls keine Antwort, wodurch wir uns ſaͤmmtlich einige Augenblicke in der unangenehmſten Lage befanden.“ „Erſt nach einer bedeutenden Pauſe war es mir moͤglich das Wort zu ergreifen. Mit ziem— lich ungewiſſer Stimme begann ich:„„Verzeiht, Don Padilla! Ihr ſeyd vielleicht eben ſo uͤber— 142 raſcht, unerwartete Gaͤſte in Euerm Schloſſe zu finden, als dieſe Damen es uͤber Eure unver⸗ hoffte Ruͤckkunft ſind; da ihnen dadurch die Ge⸗ legenheit entging, beſſere Vorkehrungen zu Euerm Empfange zu treffen. Uebrigens kann ich Euch verſichern, daß der Eingriff in Eure haͤuslichen Rechte nicht von gewoͤhnlichen Urſachen herkam, und ich wuͤrde wuͤnſchen—“ „Ploͤtzlich blieb er jetzt mir gegenuͤber ſtehen, und richtete ſeine eindringenden Blicke auf mich, waͤhrend ich fortfuhr:„„Ja ich wuͤrde wuͤnſchen, daß mir die Verbindlichkeit, die mir Eure Fami⸗ lie in Eurer Abweſenheit auflegte, das Mittel an die Hand gaͤbe, mich in Zukunft um Eure Be⸗ kanntſchaft genauer bewerben zu duͤrfen.““ „„Und wer ſeyd Ihr?““— fragte er mit veraͤchtlicher Miene.“ „„Wer ich auch immer ſeyn mag, verſetzte ich kalt,—„ ſo habe ich doch das Recht zu ſagen: Don Padillal ich weiß, wer Ihr ſeyd.“ „„Wenn Ihr denn gar ſo gut wiſſet, wer ich bin, ſo ſeyd ſo gefaͤllig, mir's zu ſagen!““ — erwiederte er mit häͤmiſchem Laͤcheln.“— „„Ob wohl ich ihm ſchon einige Schurken und Moͤrder an den Hals werfen wollte, ſo hat⸗ 4 7744 te ich ich mit Vater ner Ach digen mir zu „ te P. dem er wohl reizten blicken genwo ts wit kennen me de die R 7 mit g fuͤchti 2„ T meine Unſin un nen bei ſſe zu unver⸗ je Ge⸗ Euerm Euch klichen erkam, ſtehen, fmich, nſchen, Fami⸗ tttel al re Be⸗ er mit -44— ich das ſ, we , wer 7!““ A — churken ſo hal⸗ 143 te ich mich doch bald genug wieder ſo gefaßt, daß ich mit einer Verbeugung verſetzen konnte:„„Der Vater dieſer Damen, folglich der Gegenſtand mei⸗ ner Achtung, in ſo ferne ich mich ſtets der ſchul— digen Dankbarkeit erinnern werde, die ſie von mir zu fordern haben.““ „„und wer iſt jener Fremde?““— frag— te Padilla wieder mit finſterer Miene, in⸗ dem er auf Fernando zeigte, der ſich nicht ſo wohl zu maͤßigen wußte, wie ich. Im aufge⸗ reiztem Zorne einem voͤlligen Bruche entgegen blickend erwiederte er mit feſtem Tone:„„Ge— genwaͤrtig bin ich Euch zwar noch ein Fremdling, es wird aber ein Tag kommen, an dem Ihr mich kennen lernen ſollt. Der Mann, der die Stim⸗ me der Blutsfreundſchaft nicht achtet, wird auch die Rechte der Gaſtfreiheit hintanſetzen!““ „„Ha!““— ſchrie Padilla, indem er mit Wuth auf den Boden ſtampfte, und ein fluͤchtiges Roth ſeine entſtellten Zuͤge belebte. „„Was wollt Ihr mit dieſen Worten? Bin ich durch meine eigenen Leute verrathen? Verrathen durch einen Unſinnigen, einen Abentheurer! Huͤlfe! Huͤlfe!““ — und machte ploͤtzlich mit gezogenem Schwerte ei⸗ nen Ausfall auf Fernando. Virginia fiel bei dem Anblicke dieſer ſchrecklichen Scene in 144 Ohnmacht, Almira ſtieß einen lauten Schrei aus, und fing den linken Arm ihres Vaters auf, waͤhrend ich die Streitenden zu trennen ſuchte, die einander mit durchbohrenden Blicken anſahen.“ „Mit einem Male ſtuͤrzten die Domeſtiken von ihres Herrn Geſchrei aufgeſchreckt, in das Zimmer, da ſie aber alle unbewaffnet waren, ſo hielt ich ſie mit meinem Schwerte zuruͤck, indeß ihnen Padilla, wie raſend, und außer ſich vor Zorn befahl, Fernando zu ergreifen.“ „„Don Padilla!““— ſchrie ich,— „„Ihr muͤßt geſtehen, daß dieſes ein ſchaͤndli⸗ ches Verfahren mit Leuten Eures Gleichen iſt, und Ihr Fernando de Coello, maͤßigt Euern Zorn!““ „„Wie? Fernando de Coello?““— verſetzte Padilla betroffen.“ „„So iſt's!““— erwiederte ich.„„ Er⸗ kennt denn Euern Neſſen, den Sohn Eue⸗ rer Schweſter Iſabella. Sicher kann es Eue⸗ re Abſicht nicht geweſen ſeyn, ihn bei ſeinem er⸗ ſten Beſuche ſo zu empfangen.““ „Nach wenig Augenblicken befahl Padilla den Domeſtiken ſich zu entfernen, und warf ſich duͤſter auf einen Stuhl nieder. Fern ando mach⸗ te es eben ſo, ſteckte ſeine Klinge in die Schei⸗ 8 de un über Fern ken b fahl ſtagte um n welche men gemel Meu⸗ Dad Sche war, iußer worde nen durch weckt erlau⸗ ter d ich 1. Schrei ers auf, hte, die neſtiken in das en, ſo indeß ſich vor , chaͤndli⸗ ſt, und Euern 74774— 145 de und ſpielte verlegen am Gefaͤße, als Padilla uͤber wichtige Dinge zu bruͤten ſchien, und bald Fernando, bald mich mit abwechſelnden Blik⸗ ken betrachtete.“ „Sobald ſich Virginia erholt hatte, be⸗ fahl er auch ſeinen Toͤchtern ſich zu entfernen; fragte mich dann mit gefaͤlligerem Tone ſowohl um meinen Stand und Nahmen, als auch auf welche Art ich zu dem Ungluͤck im Walde gekom⸗ men ſey, das ihm ſeine Bedienten nur fluͤchtig gemeldet hatten.“ „Nicht ohne Grund glaubte ich, daß der Neuchelmoͤrder Jaques in Correſpondenz mit Padilla geſtanden ſey, in welchem Falle der Schein gaͤnzlicher Unwiſſenheit eben ſo gefaͤhrlich war, als der zu genauen Mitwiſſenſchaft. Ich aͤußerte daher, von der Nacht im Walde uͤberraſcht worden zu ſeyn, und der ſichern Ruhe wegen ei— nen Baum erklettert zu haben, als ich ploͤtzlich durch den Laut einiger Stimmen unter mir er⸗ weckt wurde.“ „„Und was habt Ihr von jenem Geſpraͤche erlauſcht?““— fragte Padilla mit geſpann— ter Miene.“ „„Eben als ich erwachte““— erwiederte ich—„„hoͤrte ich eine rauhe Stimme ſagen: 10 4 46 „„Ich beſtehe darauf, er ſoll nicht laͤnger le⸗ ben!““— Augenblicklich antwortete eine zweite Stimme:„„Auch ich bin Deiner Meinung Ja⸗ ques. Warum ſollen wir unſer Brot in Un⸗ thaͤtigkeit verzehren. Don, Padilla muß ſter⸗ ben!““—„„Ja hier an dieſem Orte ſoll es ſeyn!““ verſetzte die erſte Stimme.„„Mancher begiebt ſich auf eine Reiſe, von der er nicht mehr zuruͤckkehrt!““—„„Nein!““— erwiederte die zweite Stimme darauf,—„„nicht hier, ſondern weiter oben in der Hoͤhle, wo die Baͤu⸗ me uͤber das Waſſer herabhaͤngen. Du kennſt doch wohl den Platz, Jaques?““— „Die verſchiedenartigſten Gemuͤthszuſtaͤnde, als Zittern, Angſt und Wuth, aͤußerten ſich auf Padillas Geſicht waͤhrend meiner Rede; ploͤtz⸗ lich fuhr er endlich, die Hand an's Schwert ge— legt, mit vor Zorn funkelnden Augen in die Hoͤ⸗ he, faßte ſich aber ſo ſchnell als moͤglich, und bat mich mit gemaͤßigtem Tone fortzufahren.“ „Bald verlor ich die Geduld uͤber das Ge⸗ ſchwaͤtz jener Schurken““— begann ich wie— der—„„ſprang auf ſie herab, und durch⸗ bohrte einen davon mit meinem Schwerte, waͤh⸗ rend der Andere meinen Fall benutzte, mich meuch⸗ lings zu verwunden.— Euere Toͤchter retteten — mich kann etſta Och⸗ lich, ſehen Die beſte theu ken laſſe nger le⸗ e zweite ng Ja— in Un⸗ duß ſter⸗ ſoll es Mancher ht mehr wiederte ht hier, u kennſt zuſtaͤnde, ſich auf e; ploͤ hſwert ge⸗ die Hi⸗ ch, und hren.“ das Gi⸗ ic wie⸗ d durch⸗ wäͤh⸗ uch⸗ eten e, me 147 mich des andern Morgens vom Tode, und ich kann Euch nun den ſchuldigen Dank perſoͤnlich erſtatten, fuͤr den Schutz, den ich in Euerm Schloſſe fand.““ „Nach einigem Nachdenken fragte er ploͤtz⸗ lich, ob ich die Geſichter der beiden Fremden ge⸗ ſehen haͤtte, und mich iher erinnern koͤnnte. Die Dunkelheit des Waldes gab mir aber den beſten Grund die Frage zu verneinen.“ „Nicht unzufrieden mit dieſer Antwort, be— theuerte er jetzt mit Heftigkeit, daß er den Schur⸗ ken aufſuchen, und am naͤchſten Baume haͤngen laſſen wolle.„„Ach! haͤttet Ihr ſie beide um⸗ gebracht, Marquis!““ ſchrie er—„„und ich wuͤrde Euer ewiger Freund geworden ſeyn,““ — was ich ihm recht gerne glaubte, da kein Zweifel blieb, daß er vor den Folgen der Un— dankbarkeit bebte, wozu er ſelbſt das Beyſpiel ge⸗ geben hatte.“— „Nach langem, duͤſtern Schweigen ſagte er wieder:„„So wie ich hoͤrte, ſeyd Ihr nicht des Willens nach Euerer Geneſung in dieſem Thei⸗ le des Landes noch laͤnger zu verweilen, da ich unterwegs in Toloſa zum Ueberfluß noch ver⸗ nahm, daß die Truppen ſich marſchfertig hal⸗ ten. ⸗— 10* 148 „Nur zu gut verſtand ich dieſen Wink und Der Tod meines Vaters erheiſcht meine Gegenwart vor allen Dingen zu Ma— antwortete:„„ drid, die neuen Wuͤrden, die ich dort zu er⸗ langen hoffe, werden mich wahrſcheinlich bewegen, meinem gefaͤhrlichen Stande auf immer zu entſa⸗ gen 41— „„Wie es ſcheint,““— verſetzte Padilla mit ſpoͤttiſchem Tone,—„„ſo wart Ihr bis jetzt nur Soldat aus Nothwendigkeit. Ja, ja, es iſt doch ein gar zu gefaͤhrlicher Stand!““ „Nur mit Muͤhe konnte ich meine Antwort maͤßigen.—„„So iſt es;““— erwiederte ich. „„Vernehmt aber, daß jene Nothwendigkeit anders war, als der Ruf der Ehre und der nichts Pflicht fuͤr mein Vaterland. Gewiß ſehr maͤchti⸗ ge Beweggruͤnde, Don Padillal““ „„ Wohl!„,— ſchrie Fernando, ſein Haupt aus dem wachenden Schlummer erhebend, in den er gefallen war;—„„Jleider! koͤnnen ſie aber nicht von Jedem gefuͤhlt werden!““— und ſchoß dabei einen wuͤthenden Blick auf Padilla, der ihn verſtand, ohne ihn zu beantworten.“ „Um dem Ausbruche des Zorns, der wieder aufzuflammen drohte, zuvor zu kommen, brach ich ſo ſchnell als moͤglich in Lobeserhebungen uͤber — nk und rheiſcht Ma⸗ zu er⸗ wegen, entſa⸗ Antwort erte ic. ndigkeit und der maͤchti⸗ b, ſein thebend/ nnen ſi — und adillo, 7 1. rach ich in über 1 149 die Lage des Schloſſes und die Schoͤnheit ſeiner Umgebungen aus, wobey Padilla gerade ſo auf meine Worte hoͤrte, wie ein Menſch, deſſen Geiſt abweſend iſt.“ „„Ihr ſcheint mit der Lage nicht ſehr zu— frieden zu ſeyn,“— verſetzte Fernando,— „„woran Ihr auch nicht ganz unrecht habt, da habe ich zum Beyſpiel ein Schloß an den Ufern des Darro geſehen, das viel romantiſcher und zu weit tiefſinnigeren Betrachtungen geeignet waͤ⸗ re.— „Ploͤtzlich wollte Padilla jetzt das Zimmer verlaſſen; beſann ſich aber eben ſo ſchnell wieder, und entſchuldigte ſich gegen mich mit der Aeuße⸗ rung, daß er einige Befehle zu geben, kurz meh⸗ rere nothwendige Anordnungen zu treffen haͤtte.“ „Kaum hatte er uns jetzt verlaſſen, ſo uͤber— ließ ſich Fernando dem Ausbruche ſeines gan⸗ zen Zorns, und beſtand darauf, ohne noch eine einzige Nacht im Schloſſe zu ſchlafen, nach To— loſa zuruͤck zu kehren.“ „„Beruͤckſichtige doch, um des Himmels⸗ willen! die Mannigfaltigkeit unſerer Verhaͤltniſſe, und Du wirſt ſehen, daß uns Leidenſchaft nur ſehr nachtheilig werden kann,““— erwiederte ich. „„Don Padilla iſt ein Mann von ſo bedeu—⸗ tendem Anſehen und Einfluß, daß wir ohne die unwiderlegbarſten Beweiſe nirgends gegen ihn Recht erhalten wuͤrden. Laß uns daher unſer Ee⸗ heimniß in die eigene Bruſt verſchließen, bis end⸗ lich Zeit und Gelegenheit erſcheinen, das Vergel⸗ tungsrecht ausuͤben zu koͤnnen. Bedenke uͤbrigens auch, daß ich Virginien unendlich liebe, und daß Don Padilla ihr Vater iſt.““— „„Wohl hab' ich das erwogen!““— ver— ſetzte er.—„„Erwaͤge Du aber ebenfalls, daß ich die heiligſten Verpflichtungen auf mir habe— Verpflichtungen, die ich nicht brechen kann. Be⸗ denke ferner, daß dieſes Schloß ein Geheimniß bewahrt, deſſen Ofſenbarung Padillas ganze Gewalt in einem Augenblicke uͤber den Haufen ſtuͤrzt.““— „„Juͤhre mir dieſe ſchreckliche Erinnerung doch um des Himmelswillen nicht wieder ins Ge— daͤchtniß!““ ſchrie ich.„„Die Erſcheinung in jenem vom Monde beſchienenen Zimmer empoͤrt mein Gefuͤhl. Feſt entſchloſſen bin ich uͤbrigens in dieſer Nacht noch zu entſcheiden, ob meine Vermuthungen gegruͤndet waren, oder ob die Dun⸗ kelheit und der Schrecken des Angenblicks mir fal⸗ ſche Bilder vorſpiegelten.“ 7 hne die en ihn ſer Ee⸗ dis end⸗ Vergel⸗ brigens 8, und — ver⸗ 3, daß habe— n. Ve⸗ heimnib gauze Haufen innerung „ 16 ins Ge⸗ nung in empoͤtt jotigens b meine Dun⸗ fa l⸗ die mir 151 „„Wobei ich Dich begleiten will!““— verſetzte Fern ando,—„„da es eine uns bei⸗ den gleich wichtige Sache iſt. Nichts ſoll uns abhalten zugleich wirkſam zu ſeyn. Um aber allen Verdacht zu zerſtreuen, wollen wir uns jeder einzeln auf unſer Zimmer begeben. Mit dem Schlage zwoͤlf Uhr werde ich Dich abho⸗ len 4— „Kaum hatte ich noch Zeit meinen Beyfall uͤber den Vorſchlag zu aͤußern, als Gonzalez, unter dem Vorwande, den Tiſch zu raͤumen, her⸗ eintrat.„„Ach! wie ſehr war ich beſorgt, Se⸗ nors.““ ſagte er„„Mir ahnete gleich nichts Gu— tes, als die Damen den Schluͤſſel verlangten. Ich konnte zwar nicht ſagen, warum, habe aber oft wunderliche Vorbedeutungen. So eben hat Seine Exzellenz erfahren, daß Ihr alle in der Gemaͤl⸗ dengallerie geweſen ſeyd, da er den Vorhang von dem Bilde weggezogen fand, und eilte in grim⸗ miger Wuth zu den jungen Damen, ſie ſo derb auszuſchelten, daß ſie ſich jetzt die Augen aus dem Kopfe weinen wollen. Auch ich habe ſchon mei⸗ nen Theil empfangen, bin aber alt und zaͤh, und habe ſchon manchen Sturm uͤber mich hintoben laſſen.““ 152 „„LTroͤſte Dich, Gonzalez!⸗— ver⸗ ſetzte ich.„„Die Zeit wird ſeltſame Dinge mit ſich bringen. Bald muͤſſen wir das Schloß ver⸗ laſſen; vielleicht Morgen ſchon; ſey daher auf Deine weiblichen Herrſchaften aufmerkſam. Wenn ſie oder Du, aus was immer fuͤr Urſachen, Ge⸗ walt erleiden muͤßten, ſo ſchicke einen Boten nach meinem Pallaſte zu Madrid, und augen⸗ blicklich will ich Dir mit einer Schaar Reiterei zu Huͤlfe eilen, dieſes alte Gebaͤude bis auf den Grund zu zerſtoͤren.““ „Ziemlich beruhigt verließ Gonzalez das Zimmer. Obgleich wir noch lange auf Padil— has Zuruͤckkunft harrten, ſo ſahen wir ihn die⸗ ſen Abend doch nicht mehr, da er ganz in Ge— ſchaͤften vertieft ſchien. Eben ſo war keine ſeiner Toͤchter zu ſehen, was uns argwoͤhnen ließ, daß ſie Befehl haͤtten, ihre Zimmer zu huͤten. So fruͤhzeitig als moͤglich begab ich mich in das mei⸗ nige, wo ich alles zu unſerm Vorhaben bereit hielt. Ich lud meine Piſtolen und verfah eine Lampe mit Oehl. Wichtige Anordnungen zu mei⸗ ner am ſolgenden Tage vorhabenden Abreiſe hiel— ten mich munter, bis die feierliche Stunde der Mitternacht endlich heran ruͤckte, und Fernan⸗ do ſo wohl bewaffnet erſchien, daß wir nicht Ur⸗ 1 — ſache h G Jagu Dadi fuͤr d terne beiſe z hen es deffnu ſam v halle henen gen a ich d dehme dauſcht dicht nichts — ver⸗ nge mit loß ver⸗ zher auf Wenn en, Ge⸗ Boten 153 ſache hatten, uns vor einem Zuſammentreffen mit Jaques zu fuͤrchten, ſelbſt wenn er auch von Padilla⸗ unterſtuͤtzt werden ſollte. Voll Muth fuͤr die gerechte Sache zuͤndeten wir unſere La⸗ terne an.“ „Bald drehten wir das bewegliche Gemaͤlde leiſe zuruͤck, das ſich in eine Niſche abwand, ſcho⸗ ben es wieder hervor, als wir uns beide in der Oeffnung befanden, und gingen ſtill und behut⸗ ſam vorwaͤrts, bis wir endlich in der gothiſchen Halle ankamen, wo die Ueberreſte des unterbro⸗ chenen Mahles zu ſehen waren.“ „Eben wollte ich die Hand nach den Vorhaͤn⸗ gen ausſtrecken, die den Thronſeſſel umgaben, als ich den hohlen Schall entfernter Tritte zu ver— nehmen glaubte. Mit zuruͤckgehaltenem Athem lauſchten wir einige Augenblicke, konnten aber nichts mehr hoͤren.“ „Mit Recht beſorgte ich, daß uns das Licht verrathen moͤchte, denn obſchon wir fuͤr unſere Perſon nichts befuͤrchteten, ſo wußten wir doch nicht, wie wir uns gegen Don Padilla uͤber die erlaubte Freiheit entſchuldigen ſollten, die uns ſelbſt einen Mangel der Delikateſſe vorauszuſez⸗ zen ſchien. Der Beweggrund war aber von ſo beſonderer Art, daß er außer dem gewoͤhnlichen Laufe der Dinge lag. Nach der gewoͤhnlichen Art zu handeln war hier nicht rathſam; die Noth⸗ wendigkeit, der wir unterworfen waren, erſchien daher in unſern Augen als zureichende Entſchul⸗ digung.“ „Mit Vorſicht zog ich den Vorhang zu— ruͤck, und blickte in den Gang; alles blieb aber oͤde und ſtill. Mit leiſen Diebesſchritten, von denen der Hall nur ſehr ſchwach gehoͤrt wurde, wagten wir uns endlich weiter, waͤhrend uns das Licht die Geſtalt unſerer Koͤrper in verlaͤngerten Schatten an der Wand zeigte. 21 „Mit unwillkuͤhrlichem Herzklopfen wir jetzt die Wendeltreppe hinab, uͤber welche ich gefallen war, und gingen weiter, bis wir an die Thuͤre jenes Gemaches gelangten, wo ich einen ſo heftigen Anfall des Schreckens erlitten hatte. — Der Schluͤſſel ſteckte nicht mehr im Schloſſe; daß jemand ſeit meiner Ab⸗ und eine Verſiche⸗ ſtiegen ein klarer Beweis, weſenheit hier geweſen war, rung mehr, daß mich meine Sinne nicht getaͤuſcht hatten.“ „Nach einem momentanen Stillſtande ſuchten wir mit Gewalt einzudringen, die ſtarke Thuͤre widerſtand aber allen Bemuͤhungen, die wir dar⸗ auf anwenden durften, ohne uns der Gefahr aus⸗ 3 zuſetzen den.” ten, züruͤck jene d ſin ſi vorwaͤ dn C inma komm hen Art e Noth⸗ erſchien Eutſchul⸗ ng zu⸗ lieb aber n, von wurde, uns das laͤngerten ſtiegen velche ich einer Ab⸗ Verſiche⸗ getäuſh be ſuchten che Thuͤre wir dat⸗ ffahr aus: zuſetzen, durch das Getoͤſe verrathen zu wer⸗ den.“ „Noch hatten wir nicht uͤberlegt, ob wir umkehren, und einen andern Eingang aufſuchen ſollten, als ein ſchwacher Lichtſtrahl ſeitwaͤrts durch: die Zimmer fiel, und uns eine entfernte, enge Wendung der Stiege entdeckte, die den Eingang zu einer Reihe unbekannter Gemaͤcher zuoͤfftete.“ „Da uns die Lichter leicht verrathen konn⸗ ten, bat ich Fernando mit beiden Lampen hier zuruͤck zu bleiben, waͤhrend ich es wagen wollte jene Nebentreppe zu beſteigen, um zu ſehen, wo⸗ hin ſie fuͤhre, und ging ſo vorſichtig als moͤglich vorwaͤrts. Das Licht ſchien nur kurze Zeit auf den Eingang der Stiege, dann verſchwand es auf einmal, als wenn die Thuͤre des Zimmers, aus dem es kam, verſchloſſen worden waͤre. Nach⸗ dem ich ungefaͤhr zwanzig Schritte vorwaͤrts ge— kommen war, drang ein entfernter Ton von Stim⸗ men in mein Ohr, die aber ſo undeutlich waren, daß ich keinen einzigen Satz vollkommen verneh— men konnte.“ „Lauſchend ſtand ich ſtille, als ſich nach we— nigen Augenblicken eine Thuͤre zu meiner Rech⸗ ten oͤffnete, woraus ein Lichtſtrom in die Gallerie ſiel, in der ich mich hinter einen Pfeiler verbor⸗ 156 gen hatte. Gleichſam um zu ſehen, ob keine Hor⸗ cher in der Naͤhe waͤren, blickte eine Perſon aus der Oeffnung und verſchwand wieder ohne die Thuͤre zu ſchließen. Erſt nach einigen Augenblicken wag— te ich es mich zu naͤhern, und irat ſo nahe, daß ich Don Padillas Stimme nebſt dem rauhen Ton einer zweyten Perſon vernahm, die ſo leiſe ſprach, daß ich alle Muͤhe hatte, ihre Rede zu verſtehen.“ „„Haſt Du aber auch recht gehoͤrt,““ ſag⸗ te Padilla,—„„daß ſie der alte Geck mit jenen Luͤgen unterhielt, die von abergläubiſchen Narren uͤber dieſen Theil des Schloſſes verbrei⸗ tet ſind?“ „„Oh nur zu wohl!““— veerſetzte die zweite Stimme.„„ Eben ſo gut vernahm ich, daß er jener ſeltſamen Erſcheinung des Grafen Ferendez in Euerer Hochzeitsnacht erwaͤhnte, woruͤber ſie dann ihre Gloſſen machten, und bin verſichert, daß der Marquis hier weit mehr er— 7774 fuhr, als damals, wie er auf dem Baume ſaß. „„Wofuͤr man Euch die Zungen aus dem Rachen ſchneiden ſollte!““— ſchrie Padilla. „„Uebrigens ſoll er mir ſeine Neugierde theuer bezahlen!““ 1/ Gauner, gaque ſol er Atbeit n 1 dacht ſch 1„ν „Glal it i ſunden, ſyn. keine Hor⸗ erſon aus ken wag⸗ ahe, daß m rauhen e ſo lelſ Rede zu 74ʃʃ 2 vu ſig Geck mit läubiſchen 5 verbrei⸗ ſebte die enahm ich, Grafen erwaͤhnte, und bin t mehr er⸗ z'uu ne ſiß“ aus dem padills * theuer ⸗ „„Ja, ja! das ſoll er.““— verſetzte der Gauner, der ohne Zweifel kein anderer war als Jaques.„„Bekomme ich ihn zur Hand, ſo ſoll er noch fruͤh genug erfahren, wie man reine Arbeit macht.““ „„Glaubſt Du wirklich, daß er bereits Ver⸗ dacht ſchoͤpfte?““— ſchrie Padilla. „„Nur zu gewiß!““— verſetzte Jaques. „„Glaube faſt noch mehr als bloßer Verdacht! Haͤtt' ich ihn in jener Nacht nur ſchlafend ge⸗ funden, ſo wuͤrde er gewiß auf immer verſtummt ſeyn.⸗ „Ich ſchauderte bei dieſen Worten nicht we— nig uͤber die nahe Gefahr, der ich entgangen war; und konnte das Emporkeimen einer aͤngſtlichen Empfindung nicht unterdruͤcken, da ich bedachte, welch einen unverſoͤhnlichen Feind ich mir hier gemacht hatte.“ „„Hoͤrt, Padilla!““ begann Jaques jetzt auf's Neue.„„Da habe ich ein herrliches Plaͤnchen. Ladet ſie ein, noch einige Tage hier zu bleiben, worin ſie gewiß nichts Arges vermu⸗ then werden. Vitelleicht gelingt mir ſo ein klei— ner Stoß, und uͤberhaupt gibt es hier ja noch ſo mancherley Wege, einen Gaſt zur Ruhe zu brin⸗ gen.““ 1 el““ — ſchrie Pa⸗ „„ die gibt Bei meiner Treu e dilla mit erhoͤhter Stimme,— es!““— und brach dabei in ein boshaft trium⸗ Doch laß uns jetzt — phirendes Gelaͤchter aus. gehen, unſere nothwendige Pflicht zu verrichten. Hier iſt der Schluͤſſel!““— „Obgleich ich nicht wußte, was fuͤr eine Pflicht Padilla meinte, ſo glaubte ich doch, daß ſie vielleicht Bezug auf jenes vom Monde wenn es nicht finſtern Feſt ent— beſchtenene Zimmer haben koͤnne, noch andere verborgene Dinge in den Mauern dieſes alten Gebaͤudes gab. ſchloſſen Zeuge dieſer Verrichtung zu ſeyn, ſchlich ich mich uͤber die Stiege zuruͤck, die ſie paſſiren mußten, um in jenes Zimmer zu kommen, und wollte mit Fernando einen Standpunkt waͤh— len, von wo aus wir uns als unbemerkte Zuſe⸗ her von jenen ſchrecklichen Dingen uͤberzeugen koͤnnten. „Kaum war ich aber uͤber die Treppe hin⸗ ab, als ich nicht wenig aͤberraſcht wurde, Fer⸗ nando nicht zu finden. Die eine Lampe brann⸗ te zwar noch auf dem Boden. Er und die andere Leuchte waren aber verſchwunden.“ „Nur zu ſicher wußte ich, daß etwas ſehr Wichtiges vorgefallen ſeyn mußte, da er ohne ledeuten terlaſſen lungen, ner zut ſich.” 35 Ungedu nietig, Und ar llls iner ſh es meine rophe ie Pa⸗ die gibt t trium⸗ uns jetzt errichten. fuͤr eine ich doch, Monde es nicht miinſtern Feſt ent⸗ , ſchlich e paſſiten een, und nkt wih⸗ erkte zuſt⸗ ſberzeugen 159 bedeutenden Beweggrund ſeinen Poſten gewiß nicht verlaſſen hatte. Daß er bei mir nicht vorbei ge⸗ gangen, war ich ſicher, und daß er in ſein Zim⸗ mer zuruͤckgekehrt ſey, war eben ſo unwahrſchein⸗ lich.“ „Ich erwartete ihn daher mit der groͤßten Ungeduld und Sorgſamkeit, jeden Augenblick ge⸗ waͤrtig, Jaques und Padilla mir gegenuͤber und an einem Orte zu ſehen, wo ſie mit mir alles vornehmen konnten, ohne ſich der Gefahr einer Entdeckung auszuſetzen. Unmoͤglich durfte ich es wagen nach Fernando zu rufen, da mir meine Einbildungskraft die ſchrecklichſten Dinge prophetiſch vormahlte.“ „Ploͤtzlich ſchlug die alte Glocke des Schloſ⸗ ſes jetzt Ein Uhr, deren zitternder Schall ſich in meinen Ohren zu dehnen ſchien. Kaum war er aber verklungen, als ein helles Licht aus einer Thuͤre zu meiner Linken herausfiel, und mir den Glauben verurſachte, daß Fernando zuruͤck⸗ kehre.“ „Neugierig zu erfahren, was ihn bewogen habe, dieſen Weg in meiner Abweſenheit einzu⸗ ſchlagen, ging ich ihm einige Schritte entgegen, erſtaunte aber nicht wenig eine Erſcheinung zu ſe— hen, die eben ſo einzig in ihrer Art, als unbe— 160 greiflich war. Das Licht, deſſen Strahlen ſich auf dem langen und finſtern Gange brachen, be— wegte ſich vorwaͤrts, ohne daß ich eines Traͤgers gewahr wurde, hatte die Geſtalt eines wandeln— den Meteors, und erhielt ſich, leicht und klar in die Hoͤhe flimmernd, einen Schuh ober dem Pfla⸗ ſter, ohne durch einen Luftzug verweht zu wer⸗ den.“ „Voll Erwartung uͤber die Dinge, die da kommen ſollten, ſtand ich in einiger Entfernung dieſes weißagende Anzeichen betrachtend, und war⸗ tete nicht lange vergebens.“ „Eine hohe hagere Figur in einen langen Mantel gehuͤllt, das Haupt ganz vermummt, trat mit feierlichen Schritten heraus. Die Arme la⸗ gen gekreuzt auf der Bruſt; nur ein unmerklicher Umriß bezeichnete unter dem dichten Gewande die Aehnlichkeit mit einer menſchlichen Geſtalt, waͤh— rend ich fuͤrchterlich zuſammenſchauderte, da mir dieſes Phantom den dunklen Vermummten in's Gedaͤchtniß zuruͤckfuͤhrte, den ich im Traume nicht weit von dem Orte, wo ich jetzt ſtand, geſehen hatte. Die Geſtalt ſchien Padillan zu glei⸗ chen, und ich wuͤrde ſie auch dafuͤr gehalten ha⸗ ben, haͤtte mich nicht jenes unnatuͤrliche Licht, das vor ihr herging, ſo verwirrt gemacht, daß ich nicht ſorech tete.“ derbar dem die S hatte ſch, mit d delnd hatte luge dew Stir Ung nkor ſcei Nac und mal A. T ¹ ahlen ſich hen, be⸗ Traͤgers wandeln⸗ klar in em Pfla⸗ t zu wer⸗ die da atfernung und war⸗ n langen imt, trat Arme la⸗ nerklicher 161 nicht im Stande war, mich zu ruͤhren, oder zu ſprechen, und mit Zagen den Ausgang erwar⸗ tete.“ „In tiefſinniger Haltung nahte ſich die ſon— derbare Erſcheinung bis auf einige Schritte von dem Platze, wo ich ſtand, luͤftete dann feierlich die Bedeckung, womit ſie das Haupt eingehuͤllt hatte, und ſtreckte den einen Arm ſo weit von ſich, daß ich dazwiſchen das Kleid eines Soldaten mit Blut befleckt ausnehmen konnte.“ „Nur zu ſicher ſchien es, daß ich den wan⸗ delnden Geiſt des Grafen Ferendez vor mir hatte. Sein Geſicht war blaß und blutlos, ſein Auge wild und ohne Glanz, ſeine Lippen ohne Bewegung. Der Tod ſchien ihm auf der gelben Stirne zu liegen, als er jetzt an mir vorbei ging, und nach der Thuͤre zuruͤckzeigte, aus der er gekommen war. „Einmal nur hatte ich dieſe fuͤrchterliche Er⸗ ſcheinung geſehen, und zwar in jener bedeutenden Nacht, in der ſie mir den Tod meines Vaters an⸗ kuͤndigte. Der undeutliche Eindruck, den ich da⸗ mals empfing, hatte ſich jetzt aber mit dem ge⸗ genwaͤrtigen vereiniget, und in mir eine unaus⸗ loͤſchliche Erinnerung zuruͤckgelaſſen. Erſt als das Phantom den Weg zur Stiege angetreten hatte, I. Theil. 11 162 bekam ich Muth, den Platz, wo ich ſtand, zu verlaſſen.“ „Ich zweifelte nicht, daß die Bewegung der Geſtalt gegen die Thuͤre hin, Fernando betref⸗ fe, obgleich es mir ſchien, daß, nach dem, was ich in jenem vom Monde beſchienenen Zimmer ge⸗ ſehen hatte, Don Padillo und Jaques nicht die einzigen Bewohner dieſes verrufenen Schloß⸗ fluͤgels ſeyen. Mit Furcht und Schaudern beeil⸗ te ich mich endlich meinen Freund aufzuſuchen.“ „Die Thuͤre, durch welche ich eintrat, er⸗ oͤffnete einen gewundenen Gang, deſſen Waͤnde ſehr verſchieden von irgend einem andern Theile des Schloſſes, den ich bisher geſehen hatte, mit Schnitzwerk geziert und gewoͤlbt waren. Nach ſeiner Feſtigkeit zu urtheilen, fuͤrchtete ich, daß er mich in die Keller und Gewoͤlbe fuͤhren moͤchte, die ſich unter dem Schloſſe befanden. Bald wur⸗ den meine Beſorgniſſe aber gemaͤßigt, als ich durch eine kleine Thuͤre drey Stufen abwaͤrts in eine Kapelle kam, wo alles um mich her den deutli⸗ chen Beweis lieferte, daß ſie ſchon ſehr lange nicht mehr benutzt wurde.“ „Ich hielt meine Lampe vor, um mich durch die undurchdringliche Finſterniß zu finden. Ewig geheiligte Stille ſchien hier zu wohnen, und ver⸗ - ſehte Scha chen, Otim leider lenden ich fü NMal falli ſchre then neng hen, agte O e. elft. dm di nd, zu ung der o betref⸗ m, was mmer ge⸗ es nicht Schloß⸗ en beeil⸗ uchen.“ rat, er⸗ Vaͤnde en Theile tte, mit Nach ih, dah n moͤchte zald wut⸗ ich durch in eine 163 ſetzte mich in ehrerbietigen Schauer. Lange Schatten ſchienen laͤngſt den Waͤnden hin zu ſtrei— chen, als ſie meine Lampe beſchien. Mit lauter Stimme rief ich endlich Fernandos Namen, leider! ließ ſich aber außer dem ſchwach widerhal⸗ lenden Echo nicht das Geringſte hoͤren, woruͤber ich fuͤrchterlich beunruhigt wurde, da ich nicht ein Mal eine Vermuthung hegte, welch' ein Ungluͤcks⸗ fall ihn getroffen haben konnte.“ „Mit einer Ehrfurcht, die ich unmoͤglich be⸗ ſchreiben kann, blickte ich umher. Die Zierra⸗ then an den Waͤnden waren mit Staub und Spin⸗ nengeweben bedeckt, Kruzifixe und Lampen zerbro⸗ chen, und uralte Trophaͤen militaͤriſcher Siege ragten mit ihren zerſtuͤckten Ueberreſten in die Luft. Ehrerbietig nahte ich mich dem Altare, auf dem ich noch ein kleines, ganz mit Staub uͤber⸗ decktes Kruzifix fand, hielt meine Lampe hinzu, um die Arbeit genauer zu betrachten und entdeckte auf der Seite eine eiſerne Thuͤre, die, wie ich glaubte, der Eingang zur Familiengruft war.“ „Nichts ſchien mir daher gewiſſer, als daß Fernando jenem ſchrecklichen Phantome an die— ſem Ort nachgefolgt, und dort bei ſo vielen fuͤrch⸗ terlichen Gegenſtaͤnden vom Schrecken uͤbermannt wurde.“ 11* 164 „Ich geſtehe, daß auch ich bei dem Gedan⸗ ken, dieſen dunklen und fuͤrchterlichen Abgrund zu beſuchen, nicht wenig Furcht hatte, nur der Drang der Freundſchaft ließ mich meinen Wider⸗ willen unterdruͤcken. Mit aller Vorſicht ſicherte ich meine Lampe vor dem Verloͤſchen, und wagte es, den morſchen Steig zu betreten, der ſeine Schad⸗ haftigkeit unter meinen Fuͤßen zu erkennen gab. Das Licht diente faſt nur dazu, mir die Dunkel⸗ keit ſichtbar zu machen, und ich bemerkte mit Ent⸗ ſetzen, daß die Flamme mit jedem Augenblicke ſchwaͤcher brannte, bis ſie wie ein Sternchen flim⸗ merte, endlich ganz verloſch, und mich dichte Fin⸗ ſterniß umgab. 4 „Mit kreiſchender Stimme rief ich abermals Fernandos Nahmen, erhielt aber keine Ant⸗ wort, nur die hohlen Gewoͤlbe verbreiteten meine Stimme auf eine Weite, die mir ihre Ausdehnung ahnen ließ. Aengſtlich ſtreckte ich meine Haͤnde aus, und traf auf die Ecke eines Sarges, der von der Beruͤhrung in morſche Stuͤcke zerfiel. Ungemein erſchuͤttert, wandte ich mich mit dem feſten Vorſatze von dieſen vermoderten Truͤm⸗ mern, einen Ort zu verlaſſen, wo die Luft ſo dumpf war, daß ich kaum athmen konnte, und nun, „ Gedan⸗ Abgrund nur der en Wider⸗ certe ich wagte es, ne Schad⸗ nen gab. Dunkel⸗ mit Ent⸗ lugenblicke chen flim⸗ ichte Fin⸗ abermals keine Ant⸗ ten meine edehniſg ne Haͤnde ges/ der 3 zerſil⸗ mit dem n Truͤm⸗ e vt ſo d nte, Un 165 wo Haufen von Leichnamen in ſchrecklicher Ord⸗ nung aufgereiht waren.“ „In meiner Haſt ſtieß ich auf etwas, das am Boden lag, und ſiel. Erſt nachdem ich mich halbwegs gefaßt hatte, unterſuchte ich, was es war und erkannte einen menſchlichen Koͤrper. Mit unnennbarem Beben befuͤhlten meine Finger das Geſicht, worin ich Spuren von Waͤrme zu fin⸗ den glaubte, und eine fuͤrchterliche Ahnung ſtieg in mir empor.“— „Ach! gewiß iſt es Fernando! Hauͤlfe! Huͤlfe!“— ſchrie ich mit verzweiflungsvoller Stimme. Die Beklemmung, die ich in dieſem Au⸗ genblicke fuͤhlte, kann ich Dir unmoͤglich beſchrei⸗ ben. Es war ein Anfall von wuͤthender Ver⸗ zweiflung. Ohne die Gefahr zu bedenken, die mir ſelbſt drohte, ſchleppte ich den Koͤrper uͤber die Stiege hinauf, und kam gluͤcklich in der Kapelle an. „In wilder Haſt riß ich ihm die Kleider auf, und legte meine Hand an die Stelle des Herzens. Ein ſchwacher Puls war alles, was ich unterſchtled. Mit Rieſenkraft hob ich den Koͤrper auf meine Schulter, und lief, zu ſehr bewegt, um auf Nebendinge zu achten, durch alle Zimmer trotz der undurchdringlichen Finſterniß. Scharf 100 zog die Luft durch die große Halle; ich ſetzte ihn daher auf einen Stuhl und rieb ihm ſo lange Bruſt und Schlaͤfe, bis er endlich anfing Athem zu holen, und ſo nach und nach zur Beſinnung kam. Leider! blieb ſeine Erinnerung aber noch immer ver⸗ wirrt. Mit ſtarren Augen ſchrie er:„„Siehſt Du die fuͤrchterliche Erſcheinung? Nimm ſie weg, mein theuerer Albert! Rette mich! Rette mich!““ „In unendlicher Angſt brachte ich ihn mit moͤglichſter Anſtrengung in mein Zimmer zuruͤck, wo ich ihn auf das Bett legte, und nachdenkend uͤber die vielen unerklaͤrbaren Ereigniſſe, die uns innerhalb weniger Monden vorgekommen waren, an ſeiner Seite ſitzen blieb.“— „Alles erſchien mir wie ein Traum. Wel⸗ cher Menſch außer uns,— dachte ich,— hat wohl ſchon ein ſo ſonderbares Abentheuer beſtan⸗ den, ein Abentheuer, das ſo verwickelt, ſo ge⸗ heimnißvoll, und furchtbar iſt, daß ich zuweilen verſucht wurde, an meinem Daſeyn zu zweifeln; oder alle Traͤume des romanhaften Aberglaubens fuͤr wahr zu erkennen. Oh gewiß iſt der Mord das graͤulichſte Verbrechen, das ein Menſch an dem Andern begeht, da weder er noch die ganze vereinigte Menſchheit dem Beleidigten mehr Er⸗ ſatz leiſten koͤnnen.“ 167 ſt ih„Es iſt eine alte S ſo lange daß die oſdenden O age unſerer Vorfahren, ing Athem durch Gewait ihr de eiſter un Perſonen, die nung kam. her irren, bis Wende gnüne e ſo lange um⸗ mmer ur, demeihter Stelt erhalre de lunchezead iß an „„Siehſt zuch Carigepſtangt⸗ in 2 laube hat ſich n ſie weg, den niedrigen Klaſſen d 1 Tage noch unter emich!““ Und warum 15 b olkes erhalten.— ihn mit eiſet ats de ute ens ſeyn?— Sind wir 5 ri wegener als ſie?“ 8 er ſind wir bloß ver⸗ nachdenkend die uns en waren, um. Wel⸗ „ hat ger beſtan⸗ ſt, ſo ge⸗ ch zuweilen zweifeln; bens berglal der Mord Menſch p die ganze mchi CN an ——————nʒ—O—— —————— Achtes Kapitel. Das Liebesgeſtaͤndniß,— der ſchwarze und der weiße Ritter,— Geſchichte des weſtlichen Schloßfluͤgels, — die Einladung,— die Geſtalt aus dem Grabe,— und der Abſchied. „ Waͤhrend ich ſo an der Seite meines Freun⸗ des in duͤſteres Nachſinnen vertieft ſaß, fing es an hinter den Bergen zu tagen. Leichtes mit Gold und Silberſtreifen geraͤndetes Gewoͤlke ver⸗ breitete ſich uͤber dem Horizont, aͤtheriſche Blaͤue belebte in Oſten die Landſchaft, und die finſtern Morenagebirge gewannen auf einmal ein ſo freund⸗ liches Ausſehen, daß ich mich von der Bewachung meines Freundes erhob, der in einen ſanften Schlummer gefallen war, ein Fenſter oͤffnete, und in gierigen Zuͤgen die friſche Morgenluft einhauch— te, die mir gleichſam neues Leben zuwehte.“ „Die Schoͤnheit des unter mir liegenden Gartens, geſchmuͤckt mit einem Ueberfluſſe der bunteſten Blumem, lud mich ein, ſeine Annehm⸗ ſchkeiter nenſtich der ver — ſer befe iie, u ich abe ich ein tiefe ſtüͤh Sind ben ngen edau der weiße oßfluͤgels hrabe,— 3 Freun⸗ fing es htes mit olke ver⸗ e Blaͤue finſtern — freund⸗ ewachung ſanften ete, und einhauch⸗ 4 e. ſiegenden uſſe der Annehm⸗ 169 lichkeiten zu genießen, ehe ſie der brennende Son⸗ nenſtich verzehrte, und das friſche Gruͤn der Blaͤt⸗ ter verſengte.“ „Das bewegliche Gemaͤlde mit einem Meſ⸗ ſer befeſtigend, ſchlich ich leiſe durch die Galle— rie, und ging in den Garten hinab; kaum war ich aber nach dem Erdgeſchoſſe gekommen, als ich eine halb geoͤffnete Thuͤre bemerkte, woraus tiefe Seufzer toͤnten.“— „Wer,— dachte ich,— kann ſchon ſo fruͤh Urſache haben, ſeinem Schmerz nachzuhaͤngen. Sind denn die niedrigen Staͤnde der Menſchen eben ſo ſehr dem Grame ausgeſetzt, der ihre ge⸗ ringen Freuden verbittert, wie wir!— Aehnliche Gedanken, die in mir fluͤchtig erwachten, beweg— ten mich einige Schritte naͤher zu treten, wurde aber nicht wenig uͤberraſcht, Virginien bereits wach und allein ſitzend vor mir zu ſehen. Sie war ſo ſehr fuͤr den Gegenſtand ihrer Betrach⸗ tung eingenommen, daß ich ſchon einige Minuten vor ihr ſtand, bis ſie ihre Augen nach mir auf⸗ ſchlug.“ „Gluͤhendes Erroͤthen, unnennbare Verwir⸗ rung und elektriſcher Schrecken uͤber meine ploͤtzli⸗ che Gegenwart machten ſie fuͤr den erſten Augen⸗ blick unfaͤhig zu reden.“ =——-—— ———— — A „„Wahrhaftig, theures Muͤhmchen!““— ſtotterte ich ebenfalls verlegen—„„dieſer Zufall uͤberſteigt meine kuͤhnſten Hoffnungen. Der heu—⸗ tige Tag wird uns wahrſcheinlich viele Meilen weit trennen, ohne daß ich weiß, ob ich Euch werde jemals wieder ſehen koͤnnen!““ „„Leider! hat noch niemand die Folgen des naͤchſten Augenblicks ergruͤndet. Doch warum ſoll⸗ tet Ihr verlangen, mich wieder zu ſehen?““— verſetzte ſie mit zu Boden geſenkten Augen.“ „„Könnt Ihr wirklich ſo kalt und grau⸗ ſam fragen?““— erwiederte ich, ihre Hand er⸗ greifend.„„Kann es Euch unbekannt ſeyn, daß Ihr mir waͤhrend der Pflege meiner Krankheit einen Schmerz einfloͤßtet, der nur durch Euch ſelbſt geheilt werden kann! Sagt mir daher,— theuerſte Virginial ob ich jemals eine Er⸗ wiederung meiner Neigung zu hoffen habe.““— „Wie zur Feuerlilie verwandelt erhob ſie nach einer Pauſe die Augen halb und antwortete mit der lieblichſten Verwirrung von der Welt: „„Ich weiß nicht, Marquis, ob ich recht handle, Euern Worten zu trauen. Ich kenne das Beneh⸗ men der Welt zu wenig, habe aber gehoͤrt, daß in den feinern Zirkeln nie ſo gedacht wird, wie man ſpricht.““ „ gelebt, meine derſtre die kle herzer dirg Taaut ſe h Fried onne ſten hende en! 746— ieſer Zufall Der heu⸗ lle Meilen Hich Euch Folgen des varum ſoll n?“He- gen. 4 und grau⸗ Hand er⸗ ſeyn, daß Krankheit urch Euch daher,— eine Er⸗ abe.“ 1 erhob ſi antwortete der Welt: ht handle s Beneh⸗ da hört, wie vird, 171 „„Auch ich habe in dieſen Zirkeln wenig gelebt,““— verſetzte ich.—„„Das Lager war meine Schule, der Donner des Krieges meine Zerſtreuung, da wir im Felde nicht Zeit hatten, die kleinen Kuͤnſte zu uͤben, womit Suͤßlinge die Herzen der Schoͤnen beſtricken. Oh! glaubt mir, Virginial Ihr ſelbſt koͤnnt nicht offner reden. Traut daher immerhin meinen Worten und laßt ſie hoͤren, jene himmliſche Laute, die mir den Frieden der Seele nur allein wieder verſchaffen koͤnnen.““ „Erſt nach langem Bemuͤhen und den fuͤße⸗ ſten Schmeichelworten konnte ich dem purpurgluͤ⸗ henden Maͤdchen das Geſtaͤndniß der Gegenliebe, das ihr mit leiſen Toͤnen uͤber die zitternden Lip⸗ pen ſchwebte, entlocken, und fuͤhlte mich dadurch in die Sphaͤren des Seraphs erhoben.“ „Nach wenig ſuͤßen Minuten, die wir unter den reizendſten Bekenntniſſen zubrachten, die das weſentliche Vergnuͤgen der echten, reinen Liebe enthalten, und unmoͤglich mit Worten gemahlt werden koͤnnen, ſprach ich wieder mit Bedauern von der Nothwendigkeit, das Schloß bald ver⸗ laſſen zu muͤſſen, und ging dann auf Don Pa⸗ tillas Ruͤckkehr uͤber.„„Ach! wie iſt es moͤg— lich,““— ſagte ich,—„„daß er Perſonen 172 mit ſolcher Rohheit behandeln kann, die gewiß den gerechteſten Anſpruch auf ſeine Achtung haben? Kennt Ihr wohl einen Beweggrund dieſes ſeltſa⸗ men Betragens?““ „„Leider! kann ich keinen Grund dafuͤr an— geben,““— antwortete ſie.„„Es gab, ſo wie man mir ſagte, eine Zeit, wo er Munterkeit ge⸗ nug beſaß; ſeit ihn ſein Gluͤck aber immer hoͤher hob, kurz ſeit dem Tode meiner Mutter, der ſich ereignete, als ich noch kaum denken konnte, nahm die Rauhigkeit und Strenge ſeines Betragens ſo ſehr uͤber Hand, daß er ſie ſelbſt in ſeinen heite— ren Stunden nicht verliert. Gewoͤhnlich koͤmmt er jetzt von ſeiner Reiſe nach Granada noch viel uͤbler geſtimmt zuruͤck. Sowohl meine Schwe⸗ ſter als ich ſuchen dann ſeine Gegenwart ſtets auf einige Tage zu meiden, bis ſich ſeine Launen etwas gemildert haben.““ „„ Und ſtieg nie Verdacht in Eurer Seele gegen ihn empor?““ fragte ich mit geſpannter Miene.“— „„Heilige Jungfrau!““— rief ſie,— „„welcher Verdacht?““ „„Gewiß liegt hier ein Geheimniß begraben, oder ſonſt eine ungewoͤhnliche Urſache;““ ver⸗ — ſehte ie nada? „ guis!“ ichen diſchah farb . gini dages die gewiß ng haben! eſes ſeltſa⸗ dafuͤr an⸗ , ſo wie terkeit ge⸗ ner hoͤher „der ſich inte, nahm tragens ſo nen heite ich kömmt ada noch ne Schwe⸗ wart ſteto ne Launen lrer Seele geſpannter — f ſie, ſetzte ich.„„Wen oder was ſucht er in Gra⸗ nada? Habt Ihr Verwandte dort?““ „„Wahrlich, Ihr fragt ſonderbar, Mar⸗ quis!““ erwiederte ſie.“ „„Weil ich gegruͤndeten Verdacht habe;““ — antwortete ich.„„Eure Mutter ſtarb ſchnell! Ihr Kammermaͤdchen Thereſe wurde ſeit der Leichenbegaͤngnißnacht nicht mehr geſehen!— Was geſchah mit Donna Zidana? Wie oder wann ſtarb ſie?““ „„Ich erinnere mich,““— verſetzte Vir— gini g,—„„daß uns der alte Gonzalez eines Tages erzaͤhlte, wie ſie auf einem Boote im Fluſſe Darro ertrank, und zwar durch die Schuld eines betrunkenen Knechtes, der ſie fuͤhrte.— Doch was hat dieſes alles mit Eurer ploͤtzlichen Abreiſe zu thun?““ „„Wollte der Himmel!““— ſchrie ich— „„daß es damit nichts zu thun haͤtte. Ach Virginial ich fuͤrchte, daß hier nicht Alles ſo iſt, wie es ſeyn ſoll. Warum ſteht der oͤſtliche Fluͤgel dieſes Schloſſes ſo ganz verlaſſen?““ „„Ach! wenn das die Urſache Eures Ver⸗ dachtes iſt,““— erwiederte ſie laͤchelnd,„„ſo kann ich ſie leicht beſeitigen. Wiſſet denn, daß es in jenem Theile unſers Hauſes ſpuckt. Habt 174 Ihr das große Bild mit dem ſchwarzen und wei⸗ ßen Ritter noch nicht bemerkt? Wiſſet Ihr, was es bedeutet?““—. „„Wohl weiß ich, was es bedeutet!““ verſetzte ich erſtaunt.„„Oh es hat einen ſehr wichtigen Zweck, und auch Ihr wiſſet um das Geheimniß?““ „„Was Ihr nur immer von beſondern Ge⸗ heimniſſen redet!““— erwiederte ſie.„„Es iſt nur ſo viel ziemlich bekannt, daß jene Ritter in dieſem verlaſſenen Theile des Schloſſes herum⸗ ſpuken. Es waren zwey Bruͤder, die ſich in laͤngſt vergangenen Zeiten in die Beſitzerin dieſes Schloſ⸗ ſes verliebten, die zugleich ihre einzige Schweſter war. Sie lebte nach dem Tode ihrer Aeltern mit ihnen allein, hieß Seraphine, und wurde fuͤr die erſte Schoͤnheit des Landes gehalten. Jeder Ritter, der ſich um ihre Hand bewarb, ſah ſich gezwungen, mit einem ihrer Bruͤder eine Lanze zu brechen, die in allen Gefechten beſtaͤndig Sieger blieben, bis ſie durch dieſes ſonderbare Benehmen endlich alle Freier aus dem Schloſſe verſcheuch⸗ ten. „„Da es den beiden Bruͤdern an auswaͤr⸗ tigen Gegnern mangelte, trieb ſie die Eiferſucht endlich an, ſich ſelbſt wechſelſeitig zu befehden, da helde i phine iberein ines v Kampfl ſoſe ur natätlie ſſe wa ſwar⸗ ide tenzte hlepy ſläch und wei⸗ Ihr, was deutet!““ einen ſehr um das dern Ge⸗ 8.„ Es ene Ritter ſes herumn⸗ Hin längſt ſes Schloſ⸗ Schweſter feltern mit wurde fuͤr 1 Jeder ſah ſich e Lanze zu ieg Sitger Benehmen verſcheuch⸗ n auswir⸗ eiferſuch fahden, de 175 beide in verbrecheriſcher Leidenſchaft fuͤr Sera⸗ phinen ergluͤhten, bis ſie endlich mit einander uͤberein kamen, ihre Anſpruͤche nach dem Ausgange eines vorgeſchlagenen Zweykampfes zu entſcheiden. Kampfbegierig beſtiegen ſie die Pferde im Schloß⸗ hofe und zwangen ihre Schweſter Zeuge des un⸗ natuͤrlichen Streites zu ſeyn. Nach langem Kam⸗ pfe ward der weiße Ritter verwundet, hob den ſchwarzen aber dafuͤr aus dem Sattel, woruͤber beide in eine Wuth geriethen, die an Wahnſinn grenzte. Wuͤthend ergriffen ſie ihre Schweſter, ſchleppten ſie nach der großen gothiſchen Halle im oͤſtlichen Fluͤgel des Schloſſes, wo ſie den Zwiſt mit dem Schwerte endigen wollten. Seraphi⸗ ne ſuchte ſie aus einander zu bringen, leider! war es aber vergebens. Sie kaͤmpften mit der Wuth gereizter Loͤwen; und waren nicht eher zu beruhigen, als bis ſie ſo viele Wunden bekamen, daß ſie mit Todeszuckungen auf den Boden hin⸗ ſanken. Seraphine gerieth bei dieſem Anblick in Verzweiflung und ſank, ſich mit einem Dolch das Herz durchbohrend, auf die Leichen ihrer Bruͤder hin.““— „„Seit dieſer Stunde iſt es in dem oͤſtli⸗ chen Fluͤgel des Schloſſes nicht geheuer. Zu ver— ſchiedenen Zeiten wird das Getͤſe der fechtenden 176 Nitter gehoͤrt; von deren Graͤuelthat noch gegen⸗ waͤrtig Blutſpuren auf dem Boden zu ſehen ſind.“— „„Und glaubt Ihr wirklich an dieſes Maͤhr⸗ chen?““— ſchrie ich.„„Habt Ihr ſelbſt et⸗ was davon geſehen oder gehoͤrt?““— „„Obgleich ich ſelbſt nie etwas ſah, u⸗ antwortete ſie,—„„ſo habe ich doch zu Zeiten ſeufzen, und die ſonderbarſten Stimmen vernom⸗ men, daß mir dabei ganz wunderbar zu Muthe ward;— und warum ſollte ich an der Wahrheit dieſer Geſchichte zweifeln?““— „„Weil manches dabei ſehr unwahrſcheinlich iſt, theuerſtes Muͤhmchen 1“ erwiederte ich.„„Es iſt kaum zwanzig Jahre, ſeit dieſer Theil des Schloſſes nicht mehr bewohnt wird. Eure Mut⸗ ter Emira wohnte ſelbſt lange Zeit darinn. Wenn er alſo den Beſuchen jener geſpenſtiſchen Ritter ausgeſetzt geweſen waͤre, ſo, daͤchte ich, wuͤrde ſie ihn ſelbſt gerne verlaſſen haben?““— „Nur mit Ungeduld hatte Virginia dieſe Bemerkung angehoͤrt, und verſetzte mit der Miene zuverſichtlicher Widerlegung:„„„ Oh Senor! nichts iſt leichter zu erklaͤren. Da ſich mein Vater nach ſeiner Ruͤckkunft aus Peru dieſes Schloß zum Wohnſitze waͤhlte, fand er daſſelbe verſperrt, er hielt di ſcherzha tufenen dadurch war er bald ber Veraͤnde ihrem n doh de dort zu weiß, o bin wel wenn ic enander „Un daß kein ter jema mochte Lunr N gegen⸗ ſehen Maͤhr⸗ elöſt et⸗ 4— Zeiten vernom⸗ Muthe gahrheit ſcheinlih 4E eil des e Mub⸗ darinn⸗ nſtiſchen hte ich, „49— ia dieſe r Miene rlrichts tir nac 3 um. oß 1 t errt, 4 177 hielt die ganze vorerwaͤhnte Geſchichte fuͤr ein ſcherzhaftes Maͤhrchen, und bezog gerade jene ver⸗ rufenen Gemaͤcher in der Abſicht, ſeinen Hausleuten dadurch Muth einzufloͤßen. Deſſen ungeachtet war er aber nie beſonders damit zufrieden, und bald bemerkten ſeine Diener aus ſeiner ploͤtzlichen Veraͤnderung, daß er die unnatuͤrlichen Bruͤder in ihrem naͤchtlichen Zweikampfe geſehen haben muͤſſe. Trotz dem beſtand er aber auch dann noch darauf dort zu wohnen, als meine Mutter ſtarb. Wer weiß, ob ihr nicht die Furcht den Tod zuzog; ich bin wenigſtens gewiß, daß ſie mich toͤdten wuͤrde, wenn ich drei Verſtorbene vor mir ſaͤhe, die ſich einander in Stuͤcke zerhauen.““— „Und doch bleibt es noch immer auffallend, daß keiner der Diener des Hauſes die beiden Rit⸗ ter jemals vor ſich ſah;“ erwiederte ich.„Wie mochte es uͤbrigens wohl zugegangen ſeyn, daß Euer Vater, der ſchon ſeit vier Jahren mit jenen Geiſtern in Eintracht lebte, dieſe Seite des Schloſſes ſo ploͤtzlich verließ?“— „„Das mag der Himmel wiſſen!““— ver⸗ ſetzte Virginia—„„So viel kann ich Euch aber verſichern, daß es gewiß eine ſehr ernſte Sache ſeyn muß. Zur Hochzeitsfeierlichkeit mit Donna Zidana hatte mein Vater jene Halle I. The il. 12 178 aufraͤumen und auf die glaͤnzendſte Art beleuchten laſſen. Alle Gaͤſte hatten bereits ihre Plaͤtze ein⸗ genommen, und der naͤchtliche Schmaus begann, als einer der verſtorbenen Ritter in einen langen Mantel gehuͤllt, der die Farbe ſeiner Ruͤſtung hatte, in die Halle trat. Die Glocke ſchlug Ein Uhr, waͤhrend alle Gaͤſte mit Entſetzen emporfuhren und in der groͤßten Verwirrung davon eilten. Da alle Fremden ihre Flucht auf verſchiedenen Wegen angetreten hatten, kurz niemand als die ohnmaͤchtig auf dem Boden geſunkene Donna Zidana und Don Padilla zuruͤck blieben, nahm ſich mein Vater den Muth, um die Urſache des unerwarteten Beſuchs zu fragen, und lud den Geiſt zugleich ein, an ſeinem Feſte Theil zu nehmen.““ „„Ploͤtzlich aber furchte der ſchwarze Ritter uͤber dieſe vertrauliche Einladung die Stirne, und zeigte, ſeinen ſchwarzen Mantel oͤffnend, eine zer— ſpaltete Ruͤſtung nebſt ſeinen mit Wunden bedeckten Leib. Fliehe!— ſchrie er in einem Tone, wie wenn Lanzen zerſplittern, dieſe Halle gehoͤrt mir! Augen⸗ blicklich wird ſich mein Bruder nahen. Wiſſe denn, dieſer oͤſtliche Fluͤgel des Schloſſes iſt unſer, und wer immer fortan darin wohnt, muß ihn uns ſtreitig machen.— Kaum hatte er geendet, ſo ließ er ſeinen Mantel zur Erde fallen, indem er den einen und m natüͤrl Mahl mit d Halle. ( / des V Wende geben bewur leugn ſchuld nig w ten“ ihrer Aberg ders Rahe Läben hatte daß harer ſnd und zuuchten ze ein⸗ egann, langen hatte, Uhr, en und Da Wegen nachtig a und h mein varteten ich ein, Rittu ſe, und ine zet⸗ gedeckten zie wenn Augen, Viſſe unſer, ihn uns „ſo lieh 4 den 179 einen Arm herausfordernd an das Schwert legte, und mit dem andern auf die Thuͤre zeigte. Wie natuͤrlich ließ mein Vater einen ſolchen Gaſt das Mahl ohne Widerſpruch, und eilte, ſeine Braut mit den Haͤnden aufraffend, aus der gothiſchen Halle.““ „Ich konnte mich nicht enthalteu das Gemiſch des Wahren und Falſchen nebſt der ſpitzfindigen Wendung, welche Padilla einer Thatſache ge— geben hatte, die vor ſo vielen Zeugen geſchah, zu bewundern. Daß er aber die Hauptſache darin leugnete, ſchien mir allein ſchon hinreichend, ihn fuͤr ſchuldig zu erklaͤren. Es that mir daher nicht we⸗ nig wehe, zu ſehen, daß Virginia jenem Maͤhr⸗ chen ſo viele Aufmerkſamkeit ſchenkte, was bei ihrer einſamen Lebensweiſe an einem Orte, wo der Aberglaube ſeine ganze Macht uͤbt, faſt nicht an— ders ſeyn konnte, da jede wunderbare Erzaͤhlung Reize beſitzt, die in den geſchaͤftigeren Scenen des Lebens verloren gehen.“ „„Virginial““ begann ich, als ſie geendet hatte,—„„ich habe wichtige Gruͤnde zu wuͤnſchen, daß Ihr nicht zu viel Vertrauen in die wunder⸗ baren Geruͤchte der Bedienten ſetzet. Gewoͤhnlich ſind dieſe Leute mit den Thatſachen unbekannt, und bilden aus unzuverlaͤſſigen Nachrichten und 12* 180 halb gehoͤrten Aeußerungen ein Ganzes, das den geſunden Menſchenverſtand empoͤrt, doch laſſet uns nun die Ritter ihre Lanzen in Ruhe brechen, um auf fuͤr uns unendlich wichtigere Dinge zu kom— men. Waͤre es wohl moͤglich, mit Euch einen ge— heimen Briefwechſel zu eroͤffnen, durch welchen ich Euch von meinen Plaͤnen, Abentheuern und ſonſti⸗ gen Unternehmungen Nachricht geben koͤnnte?““— „„Wo denkt Ihr hin, Senor!““— verſetzte ſie mit feſtem Tone.„„Nie kann ich mit Euch ohne den Willen meines Vaters in Korreſpondenz treten!““—. „„und doch giebt es oft Faͤlle, in welchen es nothwendig iſt, die ſtrengen Vorſchriften des kind⸗ lichen Gehorſams bei Seite zu ſetzen! 4 erwie⸗ derte ich.„„Gewiß waͤre jene Korreſpondenz zu entſchuldigen, wenn zum Beiſpiel ein Vater der Neigung ſeiner Tochter einer Grille oder eigen⸗ nuͤtziger Abſichten wegen blos Gewalt anthun wuͤr⸗ de, ohne es der Muͤhe werth zu finden, die Ver⸗ dienſte und Anſpruͤche des Bewerbers zu unterſu⸗ chen.“— „„Mit Bedauern habe ich Euch zugehoͤrt, 244 antwortete ſie,—„„da ich die gute Meinung, die ich von Euch habe, nicht gerne aͤndern moͤchte. Doch was ſoll ich davon denken, daß Ihr mich ſchon machen nicht zu han tigen D „ Lirgi laſſen Ihr m aufopfe „, — erl die La lanernd genwar ſchwie 75 Geiſte wunde ſo wer Gnüge ſett das den ſet uns en, um u kom⸗ nen ge⸗ hen ich ſonſti⸗ 744,— verſette t Euch pondenz ſchen es es kind⸗ erwie⸗ denz 30 ater der — eigel⸗ un wͤ⸗ je Ver⸗ terſu⸗ un .„ 714 ört, deinung, moͤchte. 181 ſchon ſo fruͤhe von meiner Pflicht abwendig zu machen ſucht. Wahrhaftig! das kann und will ich nicht Erſt dann iſt es Zeit nach Eurem Wunſche zu handeln, wenn mein Vater zu jenen gewaltthaͤ— tigen Mitteln wirklich ſchreiten ſollte.““ „„So muß ich denn von Euch ſcheiden, theuere Virginia,““— verſetzte ich,„„muß Euch ver⸗ laſſen ohne Ausſicht einer gewiſſen Hoffnung. Wollt Ihr mein ganzes Gluͤck dem Willen Eures Vaters aufopfern?““ „„Wie Ihr nun wieder redet, Marquis!““ — erwiederte ſie etwas unwillig.„„Glaubt mir, die Lage, in der wir uns jetzt befinden, iſt keines⸗ wegs ſo beſchaffen, wie Ihr Euch vorſtellt? Mein Vater iſt zwar melancholiſch im Uebermaß, aber Zeit und Eure Verdienſte—““ „Ploͤtzlich machte ſie jetzt eine Pauſe, ſich er⸗ innernd, daß ſie vielleicht mehr ſprach, als ihr ge⸗ genwaͤrtiger Zuſtand erlaubte. Sie erroͤthete und ſchwieg.“ „Ich konnte nicht umhin das Zartgefuͤhl ihres Geiſtes und die Feſtigkeit ihres Charakters zu be⸗ wundern, der durch die Sophismen der Welt noch ſo wenig verdorben war. Obſchon ich mit Ver⸗ gnuͤgen den Vorſchlag eines Briefwechſels durchge⸗ ſetzt hatte, ſo wurde meine Achtung, die ich fuͤr ſie 182 hegte, durch die abſchlaͤgige Antwort doch nicht we— nig vermehrt.“ „Nach dem wir uns noch tauſend wechſelſeiti⸗ ge Verſprechen ewiger Liebe und Treue gegeben hatten, kehrte ich von den verſchiedenartigſten Ge⸗ danken beſtuͤrmt nach meinem Zimmer zuruͤck, von denen mich erſt Fernandos Erwachen befreite.“ „Kaum hatte er die Augen geoͤffnet, ſo erkun⸗ digte er ſich, ob ich ſchon Befehle zu unſerer Ab⸗ reiſe gegeben haͤtte, da er durchaus entſchloſſen ſey, keine Nacht mehr auf dem Schloſſe zu bleiben.“ „Da auch ich nichts ſehnlicher wuͤnſchte, als das fuͤrchterliche Schloß noch heute zu verlaſſen, ſo gab ich unſeren Bedienten den Auftrag, ſo ſchnell als moͤglich nach Toloſa zu gehen, uns Maulthiere zur Reiſe uͤber die Gebirge zu beſtellen, und obgleich mich Fernando nur auf der erſten Tagsreiſe begleiten wollte, da ſeine Verhaͤltniſſe bei der Armee keine laͤngere Abweſenheit mehr ge⸗ ſtatteten, ſo hoffte ich doch noch einige Tage Zu⸗ gabe von ihm zu erlangen.“ „Don Padilla ſtand ſehr ſpaͤt auf, und bezeigte hierauf das Verlangen, mit uns zu fruͤ⸗ ſtuͤcken, wobei er ein ſo herablaſſendes Betragen annahm, als es einem Manne von ſeiner Gemuͤths⸗ lage nur immer moͤglich war. Mit verſtellter Freund gung! und be chen l wuͤnſch die ih terten. 11 Fern den u dilla durch wurde davon muß 9 ſen, d hillic kannte 7 Blick ger h da w ſen üt we⸗ eſeiti⸗ ꝛgeben Ge⸗ , von eite.“ erkun⸗ r Ab⸗ loſſen en.“ , als laſſen, g/ ſo „ uns ſellen, erſten ltniſſe hr ge⸗ ge Zu⸗ und 1 1 frͦ⸗ tragen nuͤths⸗ ſtellter 183 Freundlichkeit brachte er eine fluͤchtige Entſchuldi⸗ gung uͤber die Art ſeines erſten Empfanges vor, und bat uns zur Genugthuung noch einige Wo⸗ chen bei ihm zu bleiben, da er nichts ſo ſehr wuͤnſche, als ein Paar Freunde um ſich zu haben, die ihm die Einſamkeit ſeines Aufenthaltes erhei⸗ terten.“ „„Spart Euch alle Muͤhe!““— erwiederte Fernando mit feſtem Tone.„„Noch heute wer⸗ den wir Euch verlaſſen!““— wobei Don Pa— dillas Miene nur zu deutlich zeigte, daß ihm da⸗ durch ein Querſtrich in ſeine Entwuͤrfe gemacht wurde. Vergebens bemuͤhte er ſich, die Spuren davon in ſeinem Geſichte zu vertilgen, und ich muß geſtehen, daß ich nahe daran war, zu vergeſ⸗ ſen, daß Virginia ſeine Tochter ſey, da ich die hoͤlliſche Abſicht ſeiner Einladung nur zu gut kannte.“ „„Seht, Senor!““— verſetzte ich mit einem Blicke, der in ſeine Seele dringen ſollte,—„„laͤn⸗ ger hier zu bleiben, wuͤrde uns nur undienlich ſeyn, da wir in Euerm Schloſſe des Nachts nicht ſchla⸗ ſen koͤnnen.“ „„Wie kommt das?““— erwiederte er. „„Der Schuldloſe, heißt es, kann doch an je⸗ dem Orte ſchlafen!““ 184 „„Und koͤnnt Ihr es auch?““ antwortete ich, wobei er ſichtbar in Zorn gerieth, ſich aber zu ver⸗ rathen fuͤrchtete, und ich mich— meine Unvorſich⸗ tigkeit verdammend— ſogleich bemuͤhete, einer Entſcheidung auszuweichen, die eben ſo unklug als gefaͤhrlich eingeleitet war.“ „„Geht Ihr von hier gerade nach Madrid oder nach Toloſa?““ fragte Padilla nach einer Pauſe. Kaum hatte ich ihm aber eroͤffnet, daß ich gerades Wegs uͤber die Gebirge reiſen wuͤrde, ſo machte er einige ooerflaͤchliche Bemer⸗ kungen uͤber die Gefahr dieſer Gegenden, die durch Banditen unſicher gemacht wuͤrden.“ „„Was das betrifft““— erwiederte ich—„„ſo habe ich ſehr wenig Furcht. Obgleich ich nur mit einem Diener reiſe, der ſo wie ich mit Hieb⸗ und Schießgewehren verſehen iſt, fuͤrchte ich doch keine Gefahr. Raolo iſt an meiner Seite in manchem heißen Gefechte geſtanden, und wird einzelnen Gaunern in der Sierra Morena gewiß nicht den Ruͤcken kehren.““ „„Was ſich leicht denken laͤßt,““— ſagte Padilla verbluͤfft.„„Es freut mich uͤbrigens, daß Ihr einen Begleiter habt, auf den Ihr bauen koͤnnt. Leider! wurden aber wirklich in jenen Schlupfwinkeln Leute ermordet, Marquis, die— die— um Eu ⁷H*/ der wur ſeits der det.— „ T warf n entwed zu vert quis! hat, uͤ „ derne dn Un 2„ — vet do un Don varo tete ich, zu ver⸗ vorſiche einer lug als adrid a nach roͤffnet, reiſen Bemer⸗ n, die „vſo rur mit b⸗ und h keine anchem nzelnen ß nicht ſagts rigens, — hauen jenen — die 185 die— verſteht mich recht— ich ſage dieſes nur um Euch zu warnen.““ „„Oh ja!““— verſetzte Fernando.„„Lei⸗ der wurden aber auch Leute an andern Orten dies⸗ ſeits der Gebirge von Sierra Morena ermor⸗ det.— Nicht wahr, Marquis?““— „Don Padilla ſntutzte augenſcheinlich, und warf wuͤthende Blicke um ſich, antwortete aber, entweder um ſeinen Zorn, oder ſeine Betroffenheit zu verbergen, mit Lachen:„„Ei ſeht doch, Mar⸗ quis! faſt glaube ich, daß Euer Freund die Abſicht hat, uͤber Eure Heldenthat im Walde zu witzeln.““ „„Nennt ihr das Mord, Senor!““ ſchrie Fernando.„„Ich haͤtte gedacht, Ihr wuͤßtet den Unterſchied wohl beſſer anzugeben.““ „„Zu was ſoll der uͤberfluͤßige Wortkram?““ — verſetzte ich beſaͤnftigend.„„Kommt, Fernan⸗ do, und laßt uns den Damen Lebewohl ſagen, was Don Padilla gewiß erlauben wird.““ „„Woran ich zweifle,““— antwortete Te⸗ varo mit ſeiner gewoͤhnlichen hochmuͤthigen Kaͤlte, —„„da ſie ſehr beſchaͤftigt ſind.““ „„Mit Dingen, die gewiß nicht ſo dringend ſeyn koͤnnen,““— verſetzte ich,—„„daß ſie ſie nicht auf wenige Augenblicke bei Seite legen duͤrften, um ſich von ihren Vettern zu beurlauben, da es 2, 186 obendrein noch zweifelhaft iſt, ob ich ſie je wieder ſehen werde, und Ihnen daher meinen Dank fuͤr die mir erwieſene huͤlfreiche Pflege ſchuldig bleiben muͤßte.“— „„Den ich von Herzen gern ſelbſt ausrichten werde,““ ſagte er.„„Folglich iſt kein Grund mehr vorhanden, dieſe Ceremonien in die Laͤnge zu ziehen, da ich nichts mehr haſſe als das Abſchied⸗ nehmen.““ „„Ausgenommen Ihr koͤnnt Euch dadurch von unwillkommenen Gaͤſten befreien!““ verſetzte Fer⸗ nando,„„dann aber, Senor, iſt es gewiß die an⸗ genehmſte Verrichtung des Lebens.““ „„Ich geſtehe,““— antwortete Padilla verdrießlich,—„„daß ich heute in dieſem Falle bin.““ „„Da biſt du nun ſchoͤn angekommen, Freund Feknandol““ verſetzte ich mit lachender Miene. Warum mußt du deiner Laune aber auch immer fveien Zuͤgel geben.— Doch, laßt uns nun ernſt⸗ haft ſeyn, Don Padilla! Sollte Euch der Zu⸗ fall jemals nach Madrid bringen, ſo werdet Ihr in meinem Pallaſte gewiß die herzlichſte Aufnahme finden. Ich hoffe, daß es nicht lange anſtehen ſoll, Euch bei mir zu ſehen, damit ich mich ſo⸗ bald als moͤglich meiner Verbindlichkeit wenigſtens un The⸗ V nicht wie verfuͤgt. 25 düͤſtern. Fiden. und ma wenn er „K ſeine A heit an mein 2 wein f. baüte.“ „J gen wie ich der aber d legenhe reden, du vem d er hne drid hätte e wieder dank fuͤr bleiben srichten Grund aͤnge zu öſchied⸗ arch von te Fer⸗ die an⸗ adilla m Falle Freund Miene⸗ immer n ernſ der Zu⸗ det Ihr ufnahme anſtehen mich ſo ſtens nnigſtend 187 zum Theil entledigen kann, da wir Menſchen leider! nicht wiſſen, was der naͤchſte Augenblick uͤber uns verfuͤgt.““ „„Nichts iſt gewiſſer!““ antwortete Tevaro duͤſtern.„„Das Leben haͤngt an feingeſponnenen Faͤden. Ihr ſeyd ein junger Mann, Marquis! und mancher ſtarb in Euern Jahren, beſonders wenn er Soldat iſt.““— „Kaum hatte er geendet, ſo bemerkte ich, daß ſeine Augen, mit fein verſtecktem Hohn und Bos— heit auf mir und Fernando ruhten, wodurch mein Verdacht mit voller Staͤrke erwachte, und mein Herz im Buſen von gerechtem Rachgefuͤhl er⸗ bebte.“ „Nach langer unangenehmer Unterredung gin⸗ gen wir endlich auseinander. Augenblicklich machte ich den Verſuch, die Damen zu ſprechen, leider! aber ohne Erfolg. Nur mit Muͤhe konnte ich Ge⸗ legenheit finden, mit Gongalez einige Worte zu reden, die die Abſicht hatten, ihn meines Schutzes zu verſichern, und das Verſprechen abzunoͤthigen, daß er— im Falle den Damen durch unvorgeſe⸗ hene Faͤlle Gefahr drohe, einen Boten nach Ma⸗ drid ſchicke, wobei er keinen Aufwand zu ſparen haͤtte.“ 188 „In den unangenehmſten Betrachtungen verfloß der Vormittag. Endlich erzaͤhlte mir Fernando die uͤbernatuͤrlichen Vorfaͤlle der vergangenen Nacht. Wie ich geargwohnt hatte, war er der Erſcheinung geſolgt, die ihm im Vorbeigehen zuwinkte.“ „„Nur mit aͤußerſtem Widerwillen““— be⸗ gann er—„„trat ich in die Kapelle, waͤhrend mich unwiderſtehlicher Drang bewog, in das ſchau⸗ erliche Grabgewoͤlbe hinab zu ſteigen. Das Ge⸗ ſpenſt ging ſchweigend unter den Saͤrgen herum, und ſchien die Abſicht zu haben, mich in ein Laby— rinth von Gewoͤlben zu fuͤhren, das unter dem Schloſſe, in mannichfacher Verzweigung hinlief. Ploͤtzlich kehrte ich meine Augen ein wenig zur Linken, ſah einen Schein aus der Erde hervor⸗ daͤmmern, und ein Weib in ſeltſamer Tracht, wie aus einem offenen Grabe heraufſteigen, deren ent⸗ ſtellte Zuͤge und Kleidung mich unwillkuͤhrlich an die Furien erinnerten. Kaum ſah ſie mich aber, ſo gab ſie einen ſo kreiſchenden Ton von ſich, daß er durch alle Waͤnde der unterirdiſchen Behauſung wie⸗ derhallte, und meine Seele fuͤrchterlich erſchuͤtterte. Augenblicklich ſank ſie wieder in das Grab zuruͤck, und ließ mich in gaͤnzlicher Finſterniß, da mir die Lampe bei dem Anblick der unerwarteten Erſchei⸗ nung aus der zitternden Hand geſunken, auf dem Boden mich du ſehr ane terdruͤck „N unſerer 3 Fähre Geſpraͤe machte wobei wiſſen hne ten zu eßen ſchn hen da zem ſo verfloß nando n Nacht. ſcheinung .7 1— be⸗ waͤhrend s ſchaus Das Ge⸗ herum, in Labh⸗ ter dem hinlief enig zur hervor⸗ ht, wie ren ent⸗ elich an aber, ſo 189 Boden fort gerollt und verloſchen war, worauf ich mich durch heftige Gemuͤthsunruhe und dicke Luft ſo ſehr angegriffen fuͤhlte, daß ich aus gaͤnzlicher Un— I.“ terdruͤckung meiner Lebensgeiſter zur Erde fie— „Mit Sehnſucht erwarteten wir die Ruͤckkehr unſerer Diener, die endlich mit Maulthieren und 3 JFuͤhrern ankamen, uns zu begleiten. Um jedes Geſpraͤch mit Padillas Toͤchtern zu vereiteln, machte er uns jetzt neuerdings eine Aufwartung, wobei er unſere Begleiter zaͤhlte, um, wie es ſchien, wiſſen zu wollen, wie wir alle ausgeruͤſtet waren. Ohne uns dadurch aber in unſerm Vorhaben beir⸗ ren zu laſſen, beſtiegen wir die Thiere, und ver⸗ ließen endlich unter Tevaros boshafteſten Wuͤn⸗ ſchen fuͤr unſere Sicherheit und unſer Wohlerge⸗ hen das Schloß Montillo, worin wir ſeit Kur⸗ zem ſo viel Merkwuͤrdiges erfahren hatten.“— —— Neuntes Kapitkel. Abentheuer auf der Reiſe,— Der Eſel und das Maulthier,— die Raͤuberhoͤhle, das Gaſthaus im Walde, die Fenſterkanonade,— der Dom zu Cala⸗ trava,— der Vermummte,— die Blutstropfen und— die Warnung. „Der naͤchſte Weg fuͤhrte durch den Wald, deſſen dichte Aeſte uns den Anblick des Schloſſes ſchnell entzogen. In Kurzem bewog uns die Neugierde vom Pferde zu ſteigen, und den Fuͤhrern zu be⸗ fehlen, uns bei einer Kruͤmmung des Weges zu erwarten, waͤhrend wir den Fußſteig neben dem Fluſſe einſchlugen, wo wir jede Bucht mit fluͤchti— gen Blicken betrachteten, bis unſere Aufmerkſamkeit endlich immer reger wurde, als wir uns dem Orte nahten, an den mich der Geiſt des Grafen Ferendez gefuͤhrt hatte.“ „Auf ganz eigene Art lag dieſer Ort in ewig dunkle Verborgenheit gehuͤllt, und wurde mit uͤber⸗ haͤngenden und dicht verwachſenen Korkbaumzwei⸗ on bed der unt „N auf jene nando er Spr ſähe, Beobac ſes gen weſen wegbre vernich keit ſe „ als wi fanden die mi ter un in ein drange und k ausge ſehen „ endlie woſ und das ſthaus im zu Cala⸗ tstropfen d, deſſen e ſchnel deugierde zu be⸗ geges zu ben dem t fuͤcht rkſomkeit uns dem 3 Grafen in ewig mit uͤber aumzwel⸗ 191 gen bedeckt, die ſich bis an den Fluß hinab ſenkten, der unter dieſer Woͤlbung ohne Geraͤuſch fortrann.“ „Nach kurzem Verweilen gelangten wir auch auf jenen Platz, wo Lopez begraben lag. Fer⸗ nando, der damals zugegen war, bemerkte, daß ter Spuren von friſch gegrabener Erde vor ſich ſaͤhe, und augenblicklich erinnerte ich mich meiner Beobachtung, die ich aus dem Fenſter des Schloſ⸗ ſes gemacht hatte, daß es nehmlich Gaques ge⸗ weſen ſey, der den Leichnam ſeines Spiesgeſellens wegbrachte, um dadurch jedes Beweismittel zu vernichten, das in der Folge vielleicht von Wichtig— keit ſeyn koͤnnte.“ „Kaum hatten wir die Seitenſtraße zuruͤckgelegt, als wir unſere Maulthiere ſchon in Bereitſchaft fanden, worauf wir uns einer Provinz nahten, die mit jedem Schritte unfruchtbarer wurde. Hin⸗ ter uns den Silberſtrom Quadalquivir, der in einer ungeheuern Entfernung noch ſichtbar blieb, drangen wir immer mehr gegen die Gebirge vor, und kamen auf Felder, die dem Sonnenbrande ſo ausgeſetzt waren, daß kein Grashalm darauf zu ſehen war.“ „Nach einer bedeutenden Strecke langten wir endlich neuerdings in romantiſchen Thaͤlern an, wo ſich das lebhafteſte Gruͤn im bunden Gemiſche —————— —— —— — — 192 mit einer Reihe freundlicher Doͤrfer und herrlicher Olivenwaͤldchen vor unſern Augen ausbreitete. Das majeſtaͤtiſche Schloß Montillo lag bereits nur mehr wie ein dunkler Flecken im Walde, bald entſchwand es aber gaͤnzlich unſern Blicken.“ „Erſt beim Einbruche der Nacht erreichten wir einige zerſtreute Huͤtten, die uns eine ſchlechte Be⸗ wirthung verſprachen. Die Einwohner beſtanden vorzuͤglich aus Zigeunern und Hirten, die ihre Heer⸗ den auf den Gebirgen weideten, oͤder ſonſt ein rau⸗ hes laͤndliches Leben fuͤhrten.“ „Zwar waren ſie bereit, das Wenige, was ſie hatten, mit uns zu theilen, trotz dem mußten wir uns aber doch ſammt unſern Maulthieren bequemen, in einer langen Scheune unterzukommen, die eben nichts Angenehmes an ſich hatte. Es iſt gut,— dachte ich,— daß Soldaten nicht ſchwer zu befrie⸗ digen ſind, wie oft wuͤrden ſie ſonſt, und beſon⸗ ders an ſolchen Orten, wo ſelbſt das Geld nicht vermoͤgend iſt, die erſten Nothwendigkeiten des Lebens aufzutreiben, die bitterſten Erfahrungen machen.“ „Schon ſehr fruͤh brachen wir des andern Morgens auf, damit wir Nachmittags der Ruhe pflegen koͤnnten. Die Hitze des vergangenen Tages hatte mir ſo viele Unnannehmlichkeiten verurſacht, daß ich dings Stimm ſchied, mir ſe machte. ließ ich den, u „T kinen mir ſte Almit ſtarren ſc we Dülken auszche trautige erblict „7 von de neues un ſ ſchwen lende wäͤhrer Alles 1. 2 2 herrlicher lsbreitete. i bereits alde, bald n.“ chten wir echte Ve⸗ beſtanden hre Heer⸗ ein rau⸗ „was ſie ißten wir equemen, die eben gut,— u beftie⸗ id beſon⸗ eld nicht iten des ahrungen andern del Ruhe n Tages rurſacht 193 daß ich ſogar in meinem verwundeten Arm neuer⸗ dings wieder Schmerzen empfand. Mit trauriger Stimmung nahm ich jetzt von Fernando Ab⸗ ſchied, der meinem Herzen ſo nahe ging, daß ich mir ſelbſt uͤber meine Schwachheit Vorwuͤrfe machte. Meinen Hut tief in die Augen gedruͤckt, ließ ich meinem Maulthiern endlich den Zuͤgel ſchie⸗ ßen, und trappte in tiefen Gedanken weiter.“ „Die Schoͤnheit des Morgens hatte leider! keinen Reiz fuͤr meine verwoͤhnten Augen, die mir ſtets den Schloßgarten mit Virginien und Almiren voeſſpiegelten, indeſſen ich jetzt, außer ſtarren Felſenklippen und unfruchtbaren Bergen, die ſich weit umher breiteten, ihre Gipfel bis in die Wolken thuͤrmten, und nur hie und da durch einen ausgehoͤhlten Stamm oder magern Korkbaum ihre traurige Leere unterbrachen, nicht das Geringſte erblickte.“ „Ach! wie ſehr verſchieden war dieſe Gegend von den fruchtbaren Gefilden Granadas, wo ein neues Paradies ins Leben getreten zu ſeyn ſchien, wo jede Pflanze, jede Frucht, jede Blume in ver⸗ ſchwenderiſchem Ueberfluſſe zu ſehen war, und kuͤh⸗ lende Ströme durch blumichte Wieſen rauſchten, waͤhrend ſich hier Gebirge auf Gebirge haͤuften. Alles umher ſchien ausgetrocknet und unfruchtbar. I. Theil. 13 194 Außer einigen abgelebten Olivenbaͤumen und Berg⸗ thymian waren dem ſpaͤhenden Auge keine Fruͤchte, keine Blumen und keine Pflanzungen ſichtbar. Keine kuͤhlenden Stroͤme, deren Ufer Violen be⸗ kleiden, erheiterten hier die Scene, ſondern trau⸗ rige Stille erfuͤllte die Seele des Wanderers mit ſchrecklich-erhabenem Grauen.“ „Schon hatte die Sonne ihren halben Lauf vollendet, als wir uns zwiſchen einem Haufen zer⸗ brochener Felsſtuͤcke niederſetzten, die ſo zerſtreut umherlagen, daß ſie zur Charakteriſtik dieſer wilden Gegend nicht wenig beitrugen. Oh!l es war eine aͤußerſt mahleriſche Anlage! Nichts fehlte mehr als eine Horde Banditen, die entweder gerade im Begriffe war, ihre Beute zu theilen, oder aus dem Hinterhalte auf Reiſende und Maulthiertreiber, die eben Kaͤſe und Knoblauch verzehrten, hervor ſtuͤrz⸗ te, um ſie dem Pinſel eines Meiſters wuͤrdig zu machen.“ „Nach der kaͤrglichſten Mahlzeit von der Welt leerten wir noch zwei Flaſchen Malagawein, die auf den Geiſt meiner Begleiter ſo vortheilhaft wirkten, daß ich mir wuͤnſchte, eben ſo froh und zufrieden ſeyn zu koͤnnen, als das breite Laͤcheln ihrer Geſichter anzeigte. Was ihnen jetzt nur im— mer vorkam, wurde fuͤr ſie ein Gegenſtand des . Ocherze fruchtba⸗ ſen wur nachdem bergleich „di uf ihr lieder undern onzten. „U ches ſieſer L dagnuͦ und ie tergang „2 legen d Lahtie t, mi ch in Ann.“ „E nüͤde w im die end t d Berg⸗ Fruͤchte, ſichtbar. olen be— en trau⸗ rers wit en Lauf ufen zer⸗ zerſtrent r wilden war eine te mehr erade im aus dem iber, die or ſtuͤtz⸗ ürdig z0 der Welt . die ein, die theilhaft 45 G2 und froh un „Licheln .L nur Wim⸗ kand des 193 Scherzens, ſelbſt die dunklen Gebirge und die un⸗ fruchtbaren Gipfel der Pyramiden⸗foͤrmigen Fel⸗ ſen wurden mit laͤcherlichen Namen belegt, je nachdem ihnen Witz und Einbildungskraft eine Vergleichung eingab.“ „Die reine Luft wirkte in Kurzem ſo energiſch auf ihre Lebensgeiſter, daß einige die luſtigſten Lieder anſtimmten, waͤhrend Raolo und die andern in den poſſierlichſten Spruͤngen umher tanzten.“ „Ungeachtet meiner traurigen Stimmung konnte ich es nicht vermeiden, daß ſich die frohe Laune dieſer Leute auch in mein Gemuͤth ſchlich, die die Vergnuͤgungen ihres Mutterlandes nachahmten, und die Beſchwerden der Reiſe in der Erinnerung vergangener Gluͤckſeligkeit vergaßen.“ „Wie abſtechend war hingegen ihre Froͤhlichkeit gegen die freudenleere Scene, die uns umgab. Wahrlich, ein Beweis mehr, daß der Menſch faͤhig iſt, mitten in der Gefahr vergnuͤgt zu ſeyn, und ſich in einer unergiebigen Wuͤſtenei gluͤcklich fuͤhlen kann.“ „Erſt nachdem ſie des Singens und Tanzens muͤde waren, legten ſie ſich auf die harten Felſen, um die Erholung des Schlafes zu genießen, waͤh⸗ tend meine Gedanken zu Verginien hinuͤber 13* 196— ſchweiften.— Oh! ohne Zweifel— dachte ich— ſind die niedrigen Staͤnde des Lebens nicht ſo ſehr dem Kummer unterworfen, als die hoͤheren. Was fuͤr unbedeutende Sorgen unterbrechen wohl den Schlummer dieſer Maulthiertreiber hier auf dem Gipfel der Gebirge von Sierra Morena, waͤh⸗ rend ich, auf den ſie mit Neid ſehen, mich unend⸗ lich ungluͤcklicher fuͤhle. Doch woher entſtehet der Unterſchied?— Sind unſere Leiden und Freuden gleich abgewogen?— oder erzeugt der gebildetere Geiſt in ſich mehr eingebildete Uebel?“— „Unter tauſend aͤhnlichen Betrachtungen ver⸗ ſchwand die Zeit, bis endlich die Stunde zur Fort⸗ ſetzung der Reiſe herannahte, und wir unſerer rau⸗ hen Herberge nicht ohne Theilnahme Lebewohl ſagten.“ „Neu geſtaͤrkt zogen wir uͤber die ſteinigte Gebirgsſtraße fort, bald auf engen Pfaden kletternd, oder uͤber zaͤhe Abſaͤtze hinabgleitend; bald neben dem Rande eines Abgrundes hinſchreitend, wo der kleinſte Fehltritt lebensgefaͤhrlich war, oder vorſich⸗ tig enge und finſtere Hohlwege durchziehend, wo aus jeder Vertiefung eine Bande Straßenraͤuber hervor kommen konnte, die uns ſchon in der Ein⸗ bildung herauszuſtuͤrzen ſchienen.“ „Gegen Abend wurde der Wind ploͤtzlich ſchaͤr⸗ fa. deren u Belaub Wolken die für ſo ſchr weit w 1 ontwor Kolke ich fuͤ nicht „, ſtagte dergſi 7 Theil kein— Es b. ſchreit mel ü thun Man wird Der te ich— t ſo ſehr n. Was vohl den auf dem na, waͤh⸗ h unend⸗ ſtehet der MFreuden ebildetere gen ver⸗ zur Fort⸗ ſerer rau⸗ Lebewohl ſteinigte kletternd⸗ ald nebet , wo der e vorſch⸗ gend, wo henrͤube der Ein⸗ iih ſchir 197 fer. Eiſig blies er uͤber die Gipfel der Berge, deren unfruchtbare Scheitel uns aus Mangel der Belaubung keinen Schutz verliehen. Schwere Wolken ſtiegen am Horizonte auf und vergroͤßerten die fuͤrchterliche Dunkelheit der kommenden Nacht ſo ſehr, daß ich nicht ohne Unruhe fragte, wie weit wir noch bis zur naͤchſten Herberge haͤtten.“ „„Gewiß nicht weniger als vier Stunden;“— antwortete einer der Maulthiertreiber.„„Dieſe Wolken machen die Wege aber leider! ſo finſter, daß ich fuͤrchte, Senor, wir werden vor Mitternacht nicht dort anlangen.““ „„Weißt Du kein näheres Obdach?““— fragte ich.„„Eine Ziegenhuͤtte, oder ſonſt etwas dergleichen, wo wir uͤber Nacht bleiben koͤnnten?““ „„Nein Senor,““ antwortete er.„„Dieſey Theil des Gebirges iſt ſo unfruchtbar, daß hier kein Jahr altes Boͤckchen Futter finden wuͤrde. Es bleibt uns daher nichts uͤbrig, als vorwaͤrts zu ſchreiten, und geduldig abzuwarten, was der Him⸗ mel uͤber uns verfuͤgen wird.““ „„Was auch unbedingt das Kluͤgſte iſt, was wir thun koͤnnen!““— verſetzte Raolo.„„ Der Mann, der ſich vor kuͤnftigen Gefahren fuͤrchtet, wird ihnen bei ihrer Gegenwart nie widerſtehen. Der Soldat muß uͤberhaupt jedem Wetter und 198 jeder Beſchwerde trotzen, damit er die Bequemlich⸗ keit verlerne, ſo wie ſich der Menſch zuerſt uͤber das Gluͤck erheben muß, um deſſen Mißgunſt be⸗ lachen zu koͤnnen.““ „„Warlich, Dein Muth gefaͤllt mir, Raolo!““ — erwiederte ich—„„doch geſetzt, wir wuͤrden jetzt von einem Haufen Raͤuber angefallen?““ „„Schweigt doch, um des Himmels willen!““ — ſchrie einer der Maulthiertreiber,„„und ſetzt keine ſolchen Dinge voraus, Senor! Was wuͤrde dann aus uns werden? Ich habe in meinem Leben nie eine Luſt zu fechten gehabt, und jetzt in dieſem Augenblicke noch weniger als jemals. Ueber⸗ haupt erzaͤhlt man ſich die ſchauerlichſten Dinge von dieſen Gebirgen, daß ſich einem die Haare auf dem Kopfe ſtraͤuben. Seht nur, dort an der Ecke jenes Felſens ſteht ein Kreuz, wo einſt ein Reiſender umgebracht wurde;““— fuhr er, ſich kreuzend und ein andaͤchtiges Stoßgebetchen mur⸗ melnd, fort.„„Ach! und in voriger Zeit war es faſt ganz unmoͤglich uͤber die Gebirge zu reiſen; da ſtanden Euch die Kreuze an einigen Orten ſo dicht, daß Ihr geglaubt haͤttet, man haͤtte ſie hier angepflanzt.““— „Immer mehr huͤllte uns die Nacht jetzt in ihr ſchauerliches Dunkel, als ſich der Himmel ploͤtlich mit ſch wieder kein 0 das na 711 von it Weſt der ſe man kein equemlich⸗ gerſt uͤber gunſt be⸗ golol““ uͤrden jetze n meinem d jett in . Ueber⸗ n Dinge die Haakt et an der einſt ein eer, ſih hen mut' zeit war au reiſen; 199 mit ſchweren Regentropfen entlud, und ich mich wieder erkundigte, ob meine Fuͤhrer noch immer kein Obdach wuͤßten, das doch wenigſtens ſo wie das nachmittaͤgige beſchaffen waͤre.“ „„Nicht das Geringſte,““— verſetzte einer von ihnen.„„Moͤchte auch um alles in der Welt nicht in dieſe Schluͤnde hinabſteigen, die bei der jetzigen Dunkelheit ſo bodenlos ausſehen, daß man glauben muͤßte, einen Ort zu betreten, wo an 2 kein Wiederkommen zu denken iſt.““ „Mit einem Male wurde es jetzt ſo finſter, daß wir die naͤchſten Dinge um uns nicht mehr erkennen konnten, ein Umſtand, der uns gewiß nicht die angenehmſten Ausſichten eroͤffnete. Der Regen ergoß ſich mit fuͤrchterlichem Gebrauſe, und machte die Wege ſo gefaͤhrlich, daß wir beſorgten, bei Aufſuchung eines Obdaches von der gera⸗ den Straße abzuweichen, und entweder in einen Abgrund zu ſtuͤrzen, oder den Weg ganz zu ver⸗ lieren. Selbſt die Maulthiertreiber konnten ihre Furcht nicht verbergen, bis endlich der Muthigſte von ihnen begann:„„Es iſt doch eine eigene Sache um die Angſt! Glaubte man doch, daß wir alle ſtumm geboren waͤren, ſo ſtill ziehen wir vorwaͤrts, und doch iſt das Geſpraͤch das beſte Mittel gegen die Furcht. Wenn Ihr daher erlaubt, 200 Senor! ſo will ich Euch eine Geſchichte erzaͤhlen, die ſich einſt auf dieſem Gebirge zutrug.““— „Kaum hatte ich ihm die Erlaubniß gegeben, ſo ritten ſeine Begleiter naͤher heran, um kein Wort zu verlieren, Martin raͤuſperte ſich einige Male und begann.“— „„Vor vielen, vielen Jahren mußte ein armer Reiſender, der auf einem elenden, ausgehungerten Eſel ſaß, ohne einen einzigen Begleiter zu haben, uͤber dieſe Gebirge. Mehrere Tage ritt er ſchon, bis er ſich dem Gipfel des Berges naͤherte, und um Mitternacht am Fuße eines ungeheuern großen Kreuzes ankam, das zum Andenken einer in fruͤheren Zeiten hier veruͤbten Mordthat aufgerichtet war.““ „„Nicht wenig erſtaunte er aber, hier ein Maulthier zu finden, das geſattelt und gezaͤumt mit dem Leitzaum an das Kreuz gebunden war, ohne daß er einen Eigenthuͤmer des Thleres bemerkte.““ „„Neugierig hielt er ſeinen Eſel an, ſah um⸗ her, konnte aber niemanden erblicken. Sonder⸗ bar!— ſagte er zu ſich ſelbſt,— das Maulthier konnte ja doch nicht ohne Menſchenhaͤnde hier an⸗ gebunden werden; und wer bindet es dann un⸗ ter ſo vielen tauſend Plaͤtzen in der Welt gerade an ein Kreuz?— Ziemlich lange blieb er in Betrachtungen, was ein Maulthier an einem ſol⸗ chn O dachte daß en geben ſ ſterben Menſch kluͤger gelten wohnt „, mit ſe ſieg land üer theuers deſtt ſett, Otraß das 7 mit d vuͤthe und Kein wedi chen erzählen, 1 gegeben, um kein h einigt n armer ungerten haben, r ſchon, te, und großen fruͤheren war.““ Naulthie gior an: hier un⸗ tade dann elt ge * in eb d 1 inem ſe 201 chen Orte ohne Herrn thun ſollte, ſtehen, und dachte— es iſt doch wahrhaftig herzlich Schade, daß ein ſo ſchoͤnes Thier dem Unwetter preis ge⸗ geben ſeyn ſollte; wie leicht kann es auch Hungers ſterben oder durch irgend einen unvernuͤnftigen Menſchen weggefuͤhrt werden. Waͤre es nicht weit kluͤger, wenn ich daſſelbe jetzt fuͤr meinen ausgemer⸗ gelten Eſel austauſchte, der das Elend mehr ge⸗ wohnt iſt, als dieſes herrliche Thier.““ „„Sobald er dieſen Punkt der Menſchlichkeit mit ſeinem Gewiſſen nur etwas ausgeglichen hatte, ſtieg er ab, loͤſte den Zaum vom Kreuze, und band den ſeines Eſels an die Stelle. Hoch erfreut uͤber den Tauſch und die Seltſamkeit des Aben⸗ theuers ſchwang er ſich auf den Ruͤcken ſeines neuen Beſitzthums, er hatte ſich aber nicht ſobald feſtge⸗ ſetzt, als es mit ihm fort galloppirte, und auf der Straße Saͤtze machte, als wollte es ſeinem Reiter das Genik brechen.““ „„Vergebens bemuͤhte ſich der Reiſende, das Thier mit dem Zaume zu baͤndigen; es ſprang immer wuͤthender herum, ſetzte uͤber Stock und Stauden und ſtuͤrzte ſich in die erſchrecklichſten Abgruͤnde. Kein Menſch haͤtte dem armen Kerl einen Mara⸗ wedi fuͤr ſein Leben mehr gegeben, und ſeine Kno⸗ chen wurden ſo derb durchgeruͤttelt, daß ſie in der 202 Haut wie in einem Gurkenſacke klapperten.— Doch nun kommen wir zu dem traurigſten Theile der Geſchichte!““ „„Wohl gut!““ verſetzte Raolo mit Lachen.“ „„Das Maulthier brauſte mit heftigen Saͤtzen durch dick und duͤnn,““— fuhr Martin fort,— „„bis es in triefenden Schweiß gerieth, ging auf ſchmalem Pfade neben einer jaͤhen Tiefe weiter, und ſprang dann wieder graͤßliche Anhoͤhn auf und nieder, bis der Reiſende von Furcht und Muͤdig⸗ keit faſt todt war.““ „„Laß den Helden der Geſchichte doch um des Himmels willen ſchneller reiſen!““— ſchrie Ra— olo ungeduldig.“ „„Wo denkt ihr hin! Iſt ja doch kein Vo⸗ gel!““— verſetzte Martin im ernſthaften Tone. „„Wie der Wind galloppirte er noch eine bedeu⸗ tende Strecke, bis ſein Maulthier bei einer ſchma⸗ len, wild ausſehenden Hoͤhle, deren Eingang Dorngebuͤſch verdeckte, ploͤtzlich ſtill ſtand. Dem armen Reiſenden gefiel die Anſicht dieſes Loches aber nicht im Geringſten. Er begann ſein Thier aus allen Kraͤften zu ſpornen, um es vom Flech zu bringen; leider! war aber alles vergebens. Es ſtand wie in die Erde gewurzelt. Endlich ſtieg er ab und verſuchte es, daſſelbe beim Zaum vorwaͤrts zufuͤh den T ploͤtz daß d gab. auf d Schn ſende verſen von die l wit ſallt lich erten.— en Theile Lachen. en Saͤtzen mfort,— ging auf weiter, mauf und Muͤdig⸗ h um des chrie Ra⸗ 6 Loches ˙9 wu Thier n Hlech vom d. dlich ſtie vorwaͤls 203 zufuͤhren, das Thier ſtemmte ſeine Fuͤße aber gegen den Vordergrund, und blieb unbeweglich, bis es ploͤtzlich, da er wieder aufſtieg, ſo laut wieherte, daß das Echo den Schall von allen Felſen wieder gab. Mit einem Mahle begann ſich der Boden, uf dem es ſtand zu bewegen, und mit ſolcher Schnelligkeit abwaͤrts zu ſinken, daß ſich der Rei— ſende ſchnell wie der Blitz in eine unterirdiſche Hoͤhle verſetzt fand, wo drei Raͤuber mit Schnurrbaͤrten von einem Ohre zum andern, und langen Degen, die bis zur Erde reichten, auf ihn losſtuͤrzten. „„Ha! ungluͤcklicher Hund!““— ſchrien ſie mit einer Donnerſtimme,—„„keine Minute 77 77 ſollſt Du laͤnger leben, wenn Du nicht augenblick— lich geſtehſt, wo Du Dein Geld haſt!““ „„Ach! um Sankt Dominiks Willen!— bat der Reiſende mit flehendem Tone— ſchenkt mir das Leben, da Ihr durch meinen Tod doch nichts bekommen wuͤrdet. Nicht einen Marawedi hab ich bei mir. Mein ganzer Reichthum befand ſich auf meinem Eſel, Dublonen und Thaler. Kaum ſaß ich aber auf dem Ruͤcken dieſer teufli⸗ ſchen Beſtie, und wollt' ihn heruͤber nehmen, ſo eilte ſie ſo ſchnell davon, daß ich mein ganzes Habe zuruͤcklaſſen mußte.—““ „„Gott Gnade Dir, wenn Du nicht die Wahr⸗ ———— 204 heit ſprichſt!““— ſchrien die Diebe, und ſchlepp⸗ ten den armen Ungluͤcklichen in eine lange Kammer, die ſich in der Hoͤhle befand, wo er unter ſeinen Fuͤßen viele tauſend Millionen Schaͤdelbeine und duͤrre Knochen von Reiſenden ſpuͤrte, die alle auf aͤhnliche Weiſe aus der Welt gegangen waren.— Erſt nachdem ſich die Diebe ſchon eine ziemliche Weile entfernt hatten, um ihre Beute zu holen, fing er an zu uͤberlegen, wie nutzlos es fuͤr ihn waͤre, ſeine Zeit mit Betrachtungen uͤber Todten⸗ ſchaͤdel hinzubringen, und das um ſo mehr, da er kein Einſiedler ſey. Raſch ergriff er daher ein maͤchtiges Schenkelbein, und verſuchte damit die Thuͤre ſeines Kerkers zu erbrechen.— Es ge— lang.““— „„Ein vortreffliches Mahl von Fleiſch und Wein ſtand in der neuen Abtheilung der Hoͤhle auf einem Tiſche und da er ſich lieber auf fremde Koſten ſaͤttigen als Hungers ſterben wollte, ſo griff er ohne Umſtände zu. Der Wein machte ihn in kurzen ſo hellſehend, daß er ein Kleid, welches ei⸗ nem der Raͤuber gehoͤrte, bemerkte. Da er von Natur aus den Wechſel liebte, ſo zog er es augen⸗ blicklich an, bewunderte ſein fuͤrchterliches Ausſehen, nahm ein paar Piſtolen nebſt einem Degen zu ſich, und begann ſich vor der Ruͤckkehr der Diebe nicht fuͤrc beſſer ſ Da das tben ſo ts mit Schber dann u 9 inem! kenoͤth tes zu tis er ſch g „4 üͤben di Aut, d dert ha wir 1 wahte Und d chen „ der A Gaſt ſchlag d ſchlepp⸗ Kammer, ter ſeinen biine und t alle auf gren.— ziemlicht zu holen, für ihn r Todten⸗ ihr, da er daher ein damit die .Es ge⸗ eiſch und der Hoͤhle uf fremde „ ſo niif he ihn in welches 4 da er voh es augen, Ausſehen, en zu ſch du8e nic 205 zu fuͤrchten. Bald bedachte er aber, daß es doch beſſer ſeyn wuͤrde, ſie ihrem Schickſale zu uͤberlaſſen. Da das Maulthier den Weg hinaus ohne Zweifel eben ſo gut wiſſen mußte, als herein, ſo belud er es mit einigen gewichtigen Geldſaͤcken, daß die Schwere ſein Feuer daͤmpfen moͤchte, beſtieg es ſo dann und ſpornte es.““ „„Augenblicklich ſchritt das Maulthier nach einem langen finſteren Gange, wo ſich der Reiſende genoͤthigt ſah, ſeine Bruſt an den Hals des Thie⸗ res zu druͤcken, um nicht ſeinen eigenen zu brechen, bis er endlich dämmerndes Tageslicht bemerkte und ſich gluͤcklich gerettet ſah.““— „Kaum hatte Martin geendet, ſo brachen wir uͤber die Einfalt dieſes Kerls in lautes Gelaͤchter aus, die uns wenigſtens fuͤr den Augenblick verhin⸗ dert hatte, viel uͤber unſere Lage nachzudenken; da wir wirklich bis auf die Haut durchnaͤßt wurden, waͤhrend uns der Wind ganz unbarmherzig anfiel, und die Maulthiere faſt keinen ſichern Schritt ma⸗ chen konnten.“ „Noch eine betraͤchtliche Strecke hatten wir nach der Aeußerung der Fuͤhrer zu reiten, bis wir zum Gaſthofe kamen, wo uns dann erſt noch die nieder— ſchlagende Ausſicht des Mangels an aller Bequem⸗ 206 lichkeit erwartete; ein Umſtand, der durch ganz Spanien nur zu haͤufig vorkoͤmmt.“ „„Hole mich dieſer oder jener!““— ſchrie Raolo nach einer Weile, in der wir ſchweigend vorwaͤrts trappten,—„„wenn ich nicht glaube, daß der Gaſthof davon gelaufen iſt, wie das Maul⸗ thier jenes Reiſenden. Oh! und welch reizende Ausſicht muͤßten wir hier von der Spitze des Ge— birges haben, wenn uns die Dunkelheit nicht uͤberall im Wege ſtuͤnde,““— fuhr er fort. „„So laͤßt ſich aber nur hie und da ein Baum⸗ ſtamm erkennen, der ſeine duͤrren Aeſte in die Luft hinaus ſtreckt, gleich einem Rieſen, der des Nachts Reiſende haſcht, und ſie verzehrt.““— „„Glaube mir, ſo iſt es unendlich erhabe⸗ ner!““— verſetzte ich.„„Kannſt Du Dir jetzt doch einbilden, was Du willſt, und es nach Deinem Geſchmacke ausmahlen.““ Oh beatissimo nuestra Senora!⁴ 77 77 ſchrie Martin jetzt ploͤtzlich.„„Da iſt erl da iſt er! 7777— „„Wer iſt da?““ fragte ich, nicht ohne Angſt um mich blickend.“ „„Der Gaſthof! Der Gaſthof!““— ver⸗ ſetzte er.„„Oh beatissimo nuestra Senora! Nun werden wir im Trockenen ſchlafen, und koͤn⸗ un den lic quaͤl - ν ⁸ Raolo. einem G „ er fuundi nicht das Ach nun und den „W Lchimn angeneh ber B dm al Naulhi bald an „T treibet ſchien Vol Un derte ne lihielte „T dach 8 deer gi arch ganz — ſchrie hweigend tglaube, s Maul⸗ reizende des Ge⸗ it nicht nen den Sturm verhoͤhnen, der uns jetzt ſo ſchreck⸗ lich quaͤlte““ „„ Biſt Du toll geworden!““— erwiebderte Raolo.„„Sehe ich doch noch keine Spur von einem Gaſthofe. Wo iſt er denn?““ „„ Dort, dort rechts vor uns!““— ſchrie er frendig in die Haͤnde klatſchend.„„Seht Ihr nicht das kleine Lichtchen aus dem Fenſter blitzen. Ach nun werden wir ein herrliches Leben fuͤhren, und den beſten Aqua vitae bekommen!““ „Wirklich bemerkte ich nun den ſchwachen Schimmer einer Laterne, die uns aber eben kein angenehmes Willkommen verſprach. Da ein trok⸗ kener Boden dem ungeſtuͤmen Wetter aber auf je— dem Falle vorzuziehen war, ſo ſpornten wir unſere Maulthiere mit aller Gewalt und befanden uns bald am Thore.“ „Mit lauter Stimme rieſen die Maulthier— treiber nach Meiſter Polo; dem Wirthe Polo ſchien außer dem Sturme aber nichts zu hoͤren. Voll Unwillen ſtieg Martin jetzt ab, und don⸗ nerte mit dem Stiel ſeiner Peitſche an das Thor, erhielt aber keine Antwort.“ „Wie wuͤthend warf er endlich mit Steinen nach Thuͤren und Fenſtern, daß letztere in Truͤm⸗ mer gingen, jedoch noch immer ohne Erſolg.“ 208 „„Nein!““— ſchrie er jetzt voll Zorn, „„wenn das die Bewirthung iſt, die ich mir ver⸗ ſprochen habe, ſo kehre ich gewiß niemals mehr hier ein, wenn ich uͤber die Gebirge reiſe!““ „„Wo willſt Du dann Unterkommen fin⸗ den?““— verſetzte ich.„„Haben wir doch ſeit heute Morgen ſonſt nichts geſehen, das einem Hauſe aͤhnlich ſah.““ „„Wohl wahr!““— erwiederte er.„„So geht es aber, wenn der Menſch durch und durch naß iſt, Hunger und Durſt leidet, und obendrein friert, da nimmt ersſeine Worte nicht ſo genau. Uebrigens iſt der Wirth doch gewiß der gefuͤhlloſeſte Kerl, der nur zu gut zu wiſſen ſcheint, daß Hoͤf⸗ lichkeit ein uͤberfluͤſſiges Ding iſt, wenn man von ihm allein abhaͤngt. Doch haltet, Senor! jetzt hab' ich's. Wenn er nicht um unſertwillen aufſtehen mag, ſo laſſet doch ſehen, was er fuͤr ſeine eigene Sache thun will!““— und aungenblicklich ſchrie er mit fuͤrchterlich laͤrmender Stimme:„„Feuer! Feuer!““ „Das Mittel hatte auch wirklich den bezweck⸗ ten Erfolg. Polo oͤffnete das Fenſter voller Eile, um zu erfahren, was es gebe, und wo das Feuer waͤre; da er aber alles ruhig fand, zog er ſich wie⸗ 1 ich, der uͤbe gen mun ( 7Fℳ ſchrie J Drophet G 4 Ihr nich zunde ic wir uns tnir wit villigſte einen ſo zu ſchen offuet h haben, nen k „J Feuet Spetks nagete ſes, d ſicket, D 7 DT 1. d' voll Zorn, h mir ver⸗ nals mehr „1 6- umen fin⸗ ir doch ſeit nem Halſe „„So und durch obendrein ſo genaul efühloſeſi daß Hoß mman von jetz hab aufſechen eine eigent klich ſchit 209 der uͤber die Stoͤrung ſeiner Ruhe Verwuͤnſchun⸗ gen murmelnd, zuruͤck.“ „„Da her geſchaut, Meiſter Polo!“— ſchrie Martin.„„Bei allen heiligen Apoſteln, Propheten, Evangeliſten und Maͤrtyrern, wenn Ihr nicht herabkommt, und das Thor oͤffnet, ſo zuͤnde ich Euch das Dach uͤber dem Kopfe an, daß wir uns trocknen koͤnnen, ſo wie wir ſind!““ „Dieſe Drohung hatte dem Wirth. endlich ſo ſehr angegriffen, daß er wie der Blitz herbei eilte, das Thor zu oͤffnen, und kaum hatte er erfahren, wer wir waͤren, ſo fuͤhrte er uns mit der dienſt⸗ willigſten Miene in ein elendes Zimmer, welches einen ſo ſchmuzigen Boden hatte, daß wir eine Pfuͤtze zu ſehen glaubten. Am unterſten Ende ſtand ein offner Heerd, ohne einen Funken Feuer auf ſich zu haben, der dieſen unbehaglichen Ort haͤtte erwaͤr⸗ men koͤnnen.“ „Mit vieler Muͤhe ward endlich ein kleines Feuer angebracht, und ein Stuͤck ranzichten Specks und Oel zubereitet, womit ſich die kleine magere Figur eines kaum halb ausgezogenen Wei⸗ bes, das lebendige Bild der Duͤrftigkeit und Haͤß⸗ lichkeit, beſchaͤftigte.“ „Der Hunger wuͤrzte uns jenes ekelhafte Ge⸗ richt, das man uns vorſetzte, uͤbrigens ganz vor⸗ I. Theil. 14 210 trefflich, waͤhrend einige Glaͤſer Aqua vitae, ſo herrlich und unverfaͤlſcht, wie ihn die Schleichhaͤnd⸗ ler, die dieſen Strich der Gebirge durchwandeln, hier abſetzen— alle Beſchwerden der Reiſe aus un— ſerem Gedaͤchtniſſe verbannten.“ „Da ich ſeit mehreren Naͤchten faſt nicht ge⸗ ſchlafen hatte, ſo war ich ſo matt, daß ich mich nach einem Plaͤtzchen ſehnte, wo ich meine muͤden Glieder hinſtrecken konnte. Auf dem Boden war dazu keine Moͤglichkeit; denn ich haͤtte mein Lager eben ſo wohl unter Schweinen nehmen moͤgen. Nach einer kurzen Unterhandlung ließ endlich ſich die Wirthin bewegen, mir ihr eigenes Beit abzu⸗ treten, da ſie ſelbſt die Nacht hindurch wachen wollte. Ich glaube aber, daß unter allen ſchmuzi⸗ gen Plaͤtzen, die ich jemals ſah, dieſer der haͤß⸗ lichſte war. Es beſtand aus leinenen Fetzen, die ſo unrein ausſahen, daß es ſchien, als waͤren ſie ſeit ihrer Entſtehung nicht gewaſchen worden. Ge— wiß war es von meiner Seite kein Wunder, wenn ich ungeachtet meiner Muͤdigkeit keinen Gebrauch davon machte.“ „Mit aller Eile wurden daher ein paar große Koͤrbe umgeſtuͤrzt, quer daruͤber Baumaͤſte gelegt, und das Ganze mit einigen Strohmatten uͤberdeckt, damit ich wenigſtens uͤber dem pfuͤtzichten Boden nhoͤht dem 5 erſang n T 44 im na ire J Nacht ſrav reiber Goir fuhre dages vͤrdi vitae, ſo ſchleichhaͤnd⸗ rchwandeln, iſſe aus un⸗ ſt nicht ge⸗ aß ich mich ſine muͤden Boden war mein Lager nen moͤgen. endlich ſich Beut abzu⸗ Irch wachen len ſchmußi er der häß Fetzen/ die 3 waͤren ſe orden. G. nder, wente en Gebrauch paar groß äͤſte gela en überdec 1 hten Bo 211 erhoͤht lag. Mein Felleiſen ſtatt des Kiſſens unter dem Kopfe, und mit einer Strohmatte bedeckt, verſank ich endlich in den ſuͤßeſten Schlummer um— von Virginien zu traͤumen.“ „Kaum blickte das Feuerauge der Schoͤpfung am naͤchſten Morgen nach der Erde, als wir un⸗ ſere Reiſe fortſetzten, und gegen Einbruch der Nacht, ohne ein einziges Abentheuer, zu Cala⸗ trava ankamen. Ich entließ hier die Maulthier⸗ treiber, um einen Tag von den Beſchwerden der Gebirgsreiſe auszuruhen, und miethete mir eine Fuhre nach Toledo, waͤhrend ich den Reſt des Tages damit zubrachte, die Stadt und ihre Merk⸗ wuͤrdigkeiten zu beſehen.“ „Seit drei Stunden hatte ich die Gaſſen und Straßen der Stadt durchſtreift, als ich Abends vor die große Kirche kam, die ein ſeltenes Werk der Baukunſt iſt. Das Volk eilte zur Veſper her⸗ bei, und auch ich miſchte mich unter das Gewuͤhl. Eine große Anzahl Fackeln waren wie bei einem Feſte zwiſchen einer Reihe praͤchtiger Saͤulen an⸗ gezuͤndet, durch die ich in das Innere der Kirche kam.“ „Ich hatte kaum einige Minuten meinen Platz eingenommen, als ſich mir ein Fremder naͤherte, und ſich dicht an meine Seite niederließ. Er war 14* 1 1 G —— r — ——— 212 um den Kopf ſo ſehr vermummt, daß ſeine Zuͤge dadurch verdunkelt wurden, uͤbrigens ſchien er ganz in Andacht verſunken. Nicht ohne Theilnahme be⸗ merkte ich, daß er ſich von Zeit zu Zeit eine Thraͤne aus den Augen wiſchte, und zweiſelte keineswegs, daß ein ſchweres Leiden, oder ſonſt eine unredliche Handlung ſein Gemuͤth belaͤſtige. In Kurzem hatte er mein Mitleid ſo ſehr erweckt, daß ich ihn mit dem feſten Willen, ihm zu helfen, wenn es in meiner Macht ſtaͤnde, anſprechen wollte, da uns die Vor⸗ ſehung zu dieſem Entzwecke vielleicht hier auf ei— nem Platz zuſammen gefuͤhrt hatte.“ „Ploͤtzlich ging die Muſik jetzt aus einem himm⸗ liſch ſanften Andante in einen großen Chor uͤber, der meine Aufmerkſamkeit ſo ſehr anzog, daß mein Nachbar verſchwunden war, als ich mich endlich nach ihm umſah.“ „Nach einer Weile ſtand ich auf, ging lang⸗ ſam gegen den Vordertheil der Kirche, und be— ſchaͤftigte mich mit Betrachtungen der mannigfalti⸗ gen Bildſaͤulen und Zierrathen als Ueberreſte go⸗ thiſcher Bildnerei, die bei dem Scheine der Fak— keln ein ehrwuͤrdiges Ausſehn gewannen, und in mir das wehmuͤthige Gefuͤhl der Vergaͤnglichkeit al⸗ ler menſchlichen Dinge erweckten, waͤhrend Andacht, durch den feierlichen Klang der Orgel aufgeregt, wuͤthe din Alswe „ 1ls ei Entſch ts ſch ſenſte 7„C ten lberei ſeine Zuͤge en er ganz mahme be⸗ ine Thraͤne keineswegs, unredliche rzem hatte h ihn mit in meiner z die Vor⸗ hier auf ei⸗ nem himn⸗ Chor uͤber, daß mei nich endlich ging lang⸗ e, und be⸗ nannigfallü 22 Al berreſte 99 a, und in ? jalichkeit al 5. ot nd Andac) Rauixerc 142 13 das Verlangen nach wuͤnſchenswuͤrdigeren Guͤtern einfloͤßte.“ „Mit einem Mahle wurde ich aber ſonderbar uͤberraſcht, als ich den Fremden, der meine Neu— gierde ſo ſehr auf ſich gezogen hatte, in einem dunklen Theile der Kirche an eine Saͤule gelehnt fand. Er ſchien ſo ſehr mit ſeinen Gedanken be— ſchaͤftiget, daß er keinen Voruͤbergehenden bemerkte.“ „So gerne ich ihn angeſprochen haͤtte, konnte ich es nicht wagen, ohne vielleicht fuͤr einen unbe⸗ rufenen Stoͤrer gehalten zu werden, da es Augen⸗ blicke der Andacht, eine kummervolle Lage des Ge⸗ muͤths giebt, die keine Theilnahme dulden, ſelbſt den zaͤrtlichſten Anerbietungen der Freundſchaft ausweichen.“ „Schon kehrte ich mich zur Haͤlfte von ihm ab, als eine Bewegung, die der Fremde machte, meinen Entſchluß beſtimmte, ihn anzureden.„„So wie es ſcheint, waͤhlt Ihr Euch abſichtlich den abgele— genſten Theil dieſes Gebaͤudes;““— begann ich.— „„Gewiß iſt es kein Zweifel, daß er am richtig— ſten mit dem Gegenſtande Eurer Beirachtungen uͤbereinſtimmt.“ „„So iſt es;““— erwiederte er.„„Glaubt nir, Marquis! Melancholie bruͤtet am liebſten im Schatten des Zwielichts.““ 214 „„Wie?““ rief ich erſtaunt.„„Kennt Ihr mich?“““ „„So gut wie mich ſelbſt kenn ich Euch, Marquis de Denial““— antwortete er, ſeinen Zeigefinger als ein Zeichen des Schweigens auf den Mund legend. Eben ſo gut kenne ich auch Eure Geheimniſſe, da ich in dem Schloſſe Mon⸗ tillo nicht unbekannt bin,““— fuhr er fort, und ſtieß dabei einen ſo tiefen Seufzer aus, daß es mir eiskalt uͤber den Ruͤcken lief. Ungemein erſtaunt heftete ich meine Augen auf ihn, leider ließ mich die Dunkelheit aber nichts Deutliches ſehen.“ „„So wiſſet Ihr wohl auch die Geheimniſſſe je⸗ nes Schrecken-Zimmers?““ fragte ich.„„Wiſſet um jenes““— Ploͤtzlich fiel mir ein Blutstropfen aus der Naſe auf die Oberflaͤche meiner Hand, da ich ſie eben in der Bewegung meiner Rede vorſtreckte. Dadurch uͤberraſcht machte ich eine Pauſe, waͤh⸗ rend der Fremde, oder wer er ſonſt nur immer war, mit gieriger Haſt auf die Fortſetzung der Frage hoffte. Kaum hatte ich die Lippen aber wieder geoͤffnet, um von jenen ſchrecklichen Dingen zu ſprechen, als mich ein zweiter Tropfen in Ver⸗ wirrung ſetzte. Noch immer hielt ich es fuͤr blos zufaͤllig, fing daher wieder an:„„Wiſſet Ihr 779, „„Kennt ich Euch, vortete er, Schweigens ne ich auch oſſe Mon⸗ zr er fort, aus, daß Ungemein ihn, leider Deutliches eimniſſe je⸗ Wiſſet „ lutstropfen „ zand, da ic vorſtrecli waͤh⸗ mer er zuſe, nur im ſſetung d Lippen aber hen Diga fen in Ve es fuͤr lla r.4 Ihl Piſſet J) 215 auch um jenes““— und ploͤtzlich fiel ein dritter Tropfen auf meine Hand, wobei ſich meine Lippen mit ſchweigendem Grauen ſchloſſen.“ „Sicher, dachte ich, iſt dieſes eine Warnung, jener ſchrecklichen Geheimniſſe nicht zu erwaͤhnen, und blickte mit ſcheuer Miene nach dem Fremden.“ „„Nur zu gut weiß ich alle Geheimniſſe je⸗ nes Ortes;““— begann er nach einer Pauſe.„„doch von welchem wollet Ihr beſonders reden?““ „„Wenn es ſo iſt,““— verſetzte ich,—„„dann wiſſet Ihr auch, warum ich ſchweige, da dieſe Dinge ſo ſchrecklich ſind, um davon zu ſprechen. Doch wer ſeyd Ihr, der Ihr dieſe unwuͤnſchenswuͤrdige Kenntniß beſitzet.““— „„Wer ich bin,““— erwiederte er—„„koͤnnt Ihr nie erfahren; da Euch meine Bekanntſchaft das Leben koſten wuͤrde. Merkt Euch uͤbrigens genau, was ich ſage, und befolgt meinen Rath. Schreckliche Folgen werdet Ihr erleben, wenn Ihr ihn nicht genau vollzieht. Noch in dieſer Nacht muͤßt Ihr abreiſen, keineswegs aber mit der Ge⸗ legenheit, die Ihr beſtellt habt. Padilla hat Euch eine ſeiner Creaturen auf die Ferſe geſandt, die Euch nachſtellt. Bis um Mitternacht wird ſie hier eintreffen. Nehmt daher jene Kutſche, die Ihr in Eurem Gaſthofe finden werdet, miethet ſie 216 und verlaßt Calatrava binnen einer Stunde, wenn Euch Euer Leben lieb iſt.““— „„Und warum dieſe Eile?““ fragte ich. „„Befolgt meine Warnung, ohne um die Ur⸗ ſache zu fragen. Es giebt Dinge unter der Sonne, von denen ſich Eure Philoſophie nichts traͤumen laͤßt,““— verſetzte er mit nachdruͤcklichem Tone, und entſchwand ſo ſchnell im Finſtern, daß ich ihn zwiſchen den Saͤulen im naͤchſten Augenblicke verlor.“ „Geraume Zeit ſtand ich in verwirrten Gedan⸗ ken. Der Vorfall war ſonderbar und unbegreiflich. Von dem wenigen, was ich von ſeinem Geſichte ſah, konnte ich mich ſeiner Perſon nicht erinnern; und ſeine Worte jagten mir eine ſolche Beaͤngſtigung ein, die nur durch das Geheimnißvolle eines uͤber⸗ natuͤrlichen Geſchaͤftstraͤgers erzeugt werden kann.“ „Die Seltſamkeit dieſes Abentheuers in Ge⸗ danken erwaͤgend, ging ich endlich nach dem Gaſt⸗ hofe, und ſchauderte ungeachtet der Vorherſagung maͤchtig zuruͤck, als ich einen Wagen erblickte, der gerade in dieſem Augenblicke im Hofe ſtand, waͤh— rend der Poſtillion ſeine Maulthiere abzaͤumte und friſches Futter begehrte.“ „„Haſt Du Paſſagiere?““ fragte ich— „„„und woher kommſt Du?““ er Sonne, etraͤumen em Tone, daß ich lugenblicke en Gedan⸗ begreiflih eſichte ſah, nern; und angſtigung ines uͤber⸗ en kant“ 3 in Ge⸗ dem Gaß⸗ rherſagung lckte, der and, wäh⸗ zumte und zte ich 217 „„Mit einem Herrn von Stande, der nicht eine Stunde lang in Calatrava blieb, gerade von Toledoz““— antwortete er.„„Er befahl mir nach dieſem Gaſthofe her zu fahren, wo ich einen Paſſagier finden wuͤrde, der mit mir zuruͤck⸗ faͤhrt, leider iſt hier aber alles mit Wagen ver— ſehen.““ „„„Kennſt Du die Perſon, die Du hieher brachteſt?““ fragte ich. „„Nein!““— erwiederte er.„„Habe ſein Geſicht nicht einmal ſehen koͤnnen, da er wie ein Kranker in einen langen Mantel gehuͤllt war.““ „„Dann iſt alles in Ordnung,““— verſetzte ich.„„Wiſſe denn, daß ich derjenige bin, den er fuͤr Dich beſtimmte. Mache Dich bereit, in einer Stunde reiſen wir.““ „Augenblicklich rief ich nach Raolo, befahl ihm ſchnell zu packen, die Piſtolen doppelt zu la⸗ den, und ſeine Saͤbel aus der Bagage zu nehmen, wobei er nicht wenig Verwunderung und Unwillen durch ſein Zoͤgern ausdruͤckte. Gewiß wuͤrde er auch nicht ſo ſchnell fertig geworden ſeyn, wenn nicht ich ihn allenthalben angetrieben haͤtte.“— „Nach einem kurzen Mahle brachte mir Ra— olo meine Piſtolen, und ſteckte die ſeinigen in den Guͤrtel.„„Alles iſt fertig, Senor!““ ſagte 218 er.„„Auch iſt die Nacht ſehr ſchoͤn und heiter; kurz es iſt das herrlichſte Wetter zum Reiſen. Wenn auch der Mond nicht ſcheint, ſo giebt es doch eine Menge Sterne, wornach Ihr ſonſt ſo gerne ſaht, wenn wir im Felde lagen. Viele Naͤchte““— „„Ja, ja, Raolo,““— ſagte ich ungedul⸗ dig„„viele Naͤchte ſind wir dort gelegen, jetzt haben wir aber andere Geſchaͤfte.““— „In wenig Augenblicken beſtieg der Poſtillion ſein Maulthier, und nahm mit einem Schluͤckchen Aqua vitae ſeinen Abſchied von der Stadt. Ra— olo ſaß auf einem Pferde, das er gemiethet hatte, und ich ſtieg in die Kutſche, die mit wuͤthender Eile dahin rollte“— „Die in wein nich m duilte, ſcheden ſindan Nomme 68 whe, aushun Süimd um 6 Daei in dan fahren ind heiter; m Reiſen. gieht es r ſonſt ſo en. Viele c ungedul⸗ egen, jett Poſtillion Schluͤkchen tadt. Ra⸗ thet hatte, wuͤthender Neuntes Kapitel. Neues Abentheuer,— das Complott,— der Ueber⸗ fall,— der Piſtolenſchuß,— die Gaͤrten zu Aran⸗ juez,— der uUnſichtbare— und die Flammenſchrift. „ Die unbeſchreiblichſte Gedankenfluth trieb ſich in meinem Gehirne auf und nieder, waͤhrend ich mich mit den verſchiedenartigſten Vermuthungen quaͤlte, die aber leider alle zuſammen nichts Ent⸗ ſcheidendes hervorbrachten. Das Ungewoͤhnliche des ſonderbaren Vorfalles machte mich wunderbar be⸗ klommen.“ „Die Nacht war ſchoͤn und klar, ich verſuchte daher, raſch dahin rollend, die entfernteſten Sterne auszunehmen, empfand aber bald, daß meine Stimmung jetzt durchaus nicht von der Art war, um Geſchmack an Dingen außer mir zu finden. Drei Stunden war ich ſchon mit moͤglichſter Eile, in dumpfes Dahinbruͤten verſunken, vorwaͤrts ge⸗ fahren, als ich durch Raolo's Zuruf ploͤtzlich — — — 220 aufgeſchreckt wurde, der mir berichtete, daß ſich uns zwei Maͤnner zu Pferde naͤherten, weshalb es gut waͤre, ſich auf das Uebelſte gefaßt zu halten.“ „„Sind deine Piſtolen bereitet?““ fragte ich mit lauter Stimme.“ „„ Seyd ohne Sorge, Senor““ verſetzte er, „„die ſind in dem herrlichſten Stande von der Welt. Ich habe obendrein noch ein ſo wachſames Auge, daß man uns gewiß nicht uͤberrumpeln ſoll.⸗⸗ „Es dauerte nicht lange, als auch ich den Hufſchlag der Pferde vernahm und zwei Maͤnner von ſehr verdaͤchtigem Ausſehen an uns vorbei zo— gen. Mit forſchenden Blicken beaͤugelten ſie den Wagen, ritten aber weiter, ohne uns ein Hinder⸗ niß in den Weg zu legen. Wahrſcheinlich, dachte ich, werden ſie unſer auf einem ſchmalen Theile der Straße, oder in irgend einem dunklen Hohl⸗ wege warten, wo wir den Tritt ihrer Pferde nicht voraus hoͤren koͤnnen. Noch waren wir aber nicht zehn Schritte gefahren, als Raolo an den Schlag des Wagens kam, und verlangte, daß ich dem Kutſcher auf einige Minnten Stillſtand befehlen ſollte.“ ⸗ „„ hi mir, ſchen nas kraut 6G Hand ), das g nach nicht. e, daß ſich , weshalb gefaßt zu wachſames berrumpeln ich ich den di Maͤnner vorbei zo⸗ ten ſie den tin Hinder⸗ lich, dacht alen Theile kilen Hohle erde nicht aber nicht de Schlag ich dem „ 1 befehlen 221 „„Glaubt mir, Senor,““— begann er— „„hinter dem Kerl ſteckt nichts Gutes. Es war mir, als haͤtte ich einige vertrauliche Winke, zwi— ſchen ihm und jenen fremden Kumpanen bemerkt.““ „„Wie?““ waͤre es moͤglich?““ erwiederte ich—„„Ldoch was iſt zu thun?““ „„Was Ihr nur immer wollt, Senor!““— verſetzte er.„„Uebrigens hielt ich es fuͤr Pflicht Euch meinen Argwohn mitzutheilen. Leiht mir doch Euer Pulverhorn; das ſchnelle Reiten, oder was ſonſt Urſache ſeyn mag, hat mir das Zuͤnd⸗ kraut von der Piſtole verſchlagen, die ich in der Hand halte.““ „„Nur durch die groͤßte Nachlaͤſſigkeit konnte das geſchehen;““— antwortete ich, waͤhrend ich nach meiner Pulverflaſche ſuchte, die aber leider nicht zu finden war.„„Laſſet es gut ſeyn, Senor!““ verſetzte Raolo, als er ſah, daß ich mich ver⸗ geblich bemuͤhte, und fragte den Poſtillion, ob er Pulver bei ſich haͤtte. Muͤrriſch antwortete er aber, daß er ſo feuergefaͤhrlichen Stoff nie mit ſich fuͤhre.“ „„Hat noch immer keine Noth!““— ſchrie ich.„„Nimm die Haͤlfte des Zuͤndkrautes aus der andern Piſtole.““ 222 „Augenblicklich zog ſie Raolo aus der Half⸗ ter, verſetzte aber mit bedenklicher Miene:„„Beim heiligen Petrus! die iſt eben ſo.““ „„Uunmoͤglich!““ erwiederte ich, uͤber einen Gedanken, der ploͤtzlich in mir aufſtieg, ſtutzend. „„und doch hatteſt Du die Piſtolen geladen, ehe wir abreiſeten?““ „„So iſt's!““— ſchrie er,„„jede mit zwei Kugeln, worauf ich ſie in der Kuͤche niederlegte, und in den Hof hinab ging, weil ich nach dem Pferde ſehen mußte, welches ich gemiethet hatte. Als ich zuruͤck kam, lagen ſie noch unverruͤckt auf dem naͤmlichen Platze.““ „„Himmel, welche Ahnung!““— rief ich, „„wie kann man ſo unvorſichtig handeln. Sieh doch nach, ob ſie geladen ſind.““ „Auch ich unterſuchte zu gleicher Zeit die Mei⸗ nigen, gerieth aber in nicht geringe Beſtuͤrzung, als ich ſie nicht nur ohne Kugeln, ſondern ganz mit Aſche vollgeſtopft fand.“ „„Ja bei Gott, wir ſind verrathen!““ ſagte „„Gewiß wird unſer Leben das Opfer Theuer genug will ich leiſe. Deiner Unvorſichtigkeit werden. ich es aber verkaufen!““ „Mit fuͤrchterlicher Wuth ſprang ich aus dem Wagen und fiel mit gezuͤcktem Saͤbel uͤber den Poſtill Ou bi bliklich ſtirbſt! „1 mit we der zu din wüͤ 1„ ic. don de Dir d „2 Daxen dn d bekann nen eir Diene kamen miethe von d kiit a raß lat te in der errich gder Half⸗ G 1 Beim uͤber einen , ſtutzend. in geladen, de mit zwe niederlegte/ nach dem ethet hatte. verruͤckt auf jrief ich, eln. Sich t die Nei⸗ kuͤrzung⸗ dls ganz mit 2 u' ſagte das Oyfer 1 Mgnng ul h aus den (uͤber d Poſtillion her.„„Schurke!““— rief ich,„„auch Du biſt im Complotte jener Gauner!— Augen— blicklich bekenne, wer Dich beſtochen hat, oder Du ſtirbſt!““ „„Ach Senor, habt erbarmen,““ flehete er mit weinerlicher Stimme.„„Ich habe ſechs Kin— der zu verſorgen, welche ohne mich Hungers ſter⸗ ben wuͤrden!““ „„Darum alſo Raͤuber und Moͤrder!““ ſchrie ich.„„Augenblicklich bekenne, Schurke, was Du von dem teufliſchen Anſchlage weißt, oder ich haue Dir das Fleiſch von den Knochen!““— „Mit ſchrecklicher Zornesglut riß ich ihn vom Wagen herab, und wuͤrde ihn wahrſcheinlich auf der Stelle getoͤdtet haben, haͤtte er nicht knieend bekannt, daß Nachmittags zwei Maͤnner, von de— nen einer einem Edelmanne und der Andere ſeinem Diener glich, nach dem Gaſthofe zu Calatrava kamen, und ihn wie zu einer Reiſe nach Toledo mietheten. Kaum waren ſie aber ein paar Meilen von der Stadt entfernt, als ſie ihm eine Kleinig⸗ keit an Gelde ſchenkten, und auf der Toledo⸗ ſtraße wieder umkehren hießen. Wieder zu Ca— latrava angelangt, ſtieg einer jener Fremden in dem Gaſthofe, wo ich mich befand ab, und un— terrichtete ihn in Allem, was er zu ſagen hatte, 224 6 waͤhrend der Andere allein nach der Stadt zuruͤck⸗ gekehrt ſey. Eben ſo bekannte er, daß, als Raolo die Piſtolen geladen hatte, das Pferd abſichtlich in den Hof gebracht wurde, um ihn hinab zu locken, indeſſen der Diener des Fremden die Piſto⸗ len in aller Eile entlud, da wir nach der Aeußerung jenes Unbekannten, laut eines koͤniglichen Befehles, auf der Straße verhaftet werden ſollten, und dieſe Vorſicht blos deswegen gebraucht wuͤrde, um bei allenfaͤlligem Widerſtande alles Blutvergießen 77 zu vermeiden. „Auf mein neuerliches Drohen, den Poſtillion ohne alle Gnade niederzuhauen, ſobald er nur das Geringſte von dem, was er wiſſe, verſchweigen wuͤrde, geſtand er noch, daß ihm jene Fremden befohlen haͤtten, ſobald ſie auf der Straße an uns voruͤ⸗ ber reiten wuͤrden, und ſich noch Alles in altem Stande befaͤnde, zweimal mit der Peitſche zu klatſchen, im entgegengeſetzten Falle jedoch ſich zu raͤuſpern, auf keinem Fall aber ſich in unſeren Streit zu miſchen, der vielleicht auf einem gewiſſen engen Wege entſtehen duͤrfte.“ „„Nun, Senor,““ ſprach er,„„wiſſet Ihr aber auch alles dasjenige, was ich ſelbſt weiß. Alle Maͤrtyrer moͤgen mich verdammen, wenn mir et⸗ vas n Barm inem auer Stadt zuruͤck , als Raolo ed abſichtlich hn hinab zu en die Piſto⸗ er Aeußerung zen Befehles, ſolltn, und wuͤrde, um Plurvergiehen en Poſtillion d er nur das veigen wuͤde, 9 F, KTop den beſohlen 1 n uns vori⸗ les in altem tſche zu ſich zu ſedoch ſich 5 ren Pel in unſe h in 225 was mehr bekannt iſt; ſchenkt mir daher um Gottes Barmherzigkeit Willen das Bischen Leben, das einem ſo armen Teufel, wie ich bin, ohnehin blut⸗ ſauer gemacht wird.““ „„Was fuͤr eine Art von Menſch war der⸗ jenige, den Du fuͤr den Herrn hieltſt?““ ſchrie ich mit Ungeduld.“ „„Ein finſterer, ſtrengausſehender und hagerer Nann,““ verſetzte der Poſtillion,„„der einem Inquiſitor ſo aͤhnlich ſah, wie ein Tropſen Waſ, ſer dem Andern. Ich glaubte auch wirklich, daß er dieſem heiligen Amte zugehoͤre.““ „Dieſe Beſchreibung beſtaͤtigte meine Vermu⸗ thung, daß der Fremde Niemand ſonſt als Don Padilla geweſen ſey. Obgleich ich Jaques nie recht deutlich geſehen hatte, ſo zweifelte ich doch keineswegs, daß er Padillas Begleiter war, der nach des Poſtillions Beſchreibung ein Kerl ſeyn ſollte, den die fuͤrchterlichſte Bosheit aus den Augen blickte.“ „Nach kurzem Ueberlegen, was in dieſer ge⸗ fäͤhrlichen Lage zu thun ſey, zog ich meinen Schar⸗ lachmantel aus, und noͤthigte den Poſtillion, mit ihm Platz wechſelnd, denſelben umzuhaͤngen. Nachdem ich das Maulthier beſtiegen hatte, beſahl ich Raolo, dicht hinter dem Wagen nachzureiten, I. Theil. 15 ———— 226 und beim erſten Anlaſſe mit dem Saͤbel in der Fauſt herbeizueilen.“ „Von den mannichfaltigſten Empfindungen be⸗ ſtuͤrmt, trieb ich die Maulthiere zur moͤglichſten Eile an. Das Abentheuer in der Kirche war mir jetzt auf einmal geloͤſet, denn ich konnte nicht mehr zweifeln, daß jener geheimnißvolle Fremde Ja⸗ ques geweſen ſey, der mir in einiger Entfernung gefolgt war, um mich mit Huͤlfe meiner eigenen Leichtglaͤubigkeit ſeiner Gewalt zu uͤberliefern. Zwar erſchienen mir die Blutstropfen noch immer als Anzeichen der Gefahr, die mir bevor ſtand; leider hatte ich ſie damals aber ganz unrichtig ausgelegt. Meine Beſorgniß fuͤr Fernando's Sicherheit verdoppelte ſich jetzt neuerdings und verſetzte mich in die qualvoöllſte Unruhe, denn gewiß wendete Padilla eben ſo gut Alles an, den Mitwiſſer des Geheimniſſes zu verderben, wie er auch mich aus der Welt zu ſchaffen trachtete.““ „In kurzer Zeit fuͤhrte uns die Straße in einen Hohlweg hinab, deſſen beide Seiten hohe, mit Buſchwerk bewachſene Klippen bildeten. Kein Laut ruͤhrte ſich, der uns das Daſeyn eines menſch⸗ lichen Weſens haͤtte verrathen koͤnnen, und obgleich mir an dieſem grauenvollen Orte ziemlich unheim⸗ lich zu Muthe war, fuhr ich doch ſo geſchwinde, Zaͤbel in de indungen be⸗ r moͤglichſte rche war mi te nicht meh Fremde Ja r Entſernun einer eigene tefern. Zwe⸗ h inmer a ſtand; leide tig ausgeleg ss Sicherhe vetſezte mi twiß wende den Mitwiſt er auch mi 1 ie Straße Geiten hoh K ildeten. ſd eines men und obgläü nlch unhin ſo gechuid 227 als ich konnte, und peitſchte die Thiere mit moͤg⸗ lichſter Schnelligkeit gerade in den dunkelſten Theil des Hohlweges hinein, ohne ein Zeichen der Furcht von mir zu geben.“ „Bald befanden wir uns in der Mitte des Paſſes, und glaubten ſchon der Gefahr entgangen zu ſeyn, als eine Piſtole aus den Gebuͤſchen ober uns in den Wagen hinein abgefeuert wurde.“ „Eben trieb ich die Maulthiere aufs Neue an, als, wahrſcheinlich aus Zorn, daß der Poſtillion ihr Signal nicht beantwortete, ein Schuß nach mir ſiel, der aber nicht mich, ſondern eines der Maulthiere verwundete, welches ſich ſchmerzvoll in die Hoͤhe baͤumte und kaum zu baͤndigen war, waͤh⸗ rend einen Augenblick ſpaͤter ein Carabiner in den Wagen abgeſchoſſen wurde, und ein lauter Schrei des armen Poſtillions ſie vermuthlich glauben machte, daß ſie ihre Abſicht erreicht haͤtten.“ „Nicht ohne Grund urtheilte ich nach der An⸗ zahl der Schuͤſſe, daß ſie ihr erſtes Feuer bereits vergeben haͤtten, befahl daher Raolo, abzuſteigen, und mir mit dem Saͤbel in der Fauſt nachzufolgen.“ „So ſchnell als moͤglich kletterten wir uͤber die ſtei⸗ len Anhoͤhen, und kamen wohlbehalten in das Dickicht, ohne von zwei oder drei Piſtolenſchuͤſſen Schaden zu leiden, die in der Runde um uns fie⸗ 15* 228 len. Da wir aber endlich den Gipfel des Felſens erreicht hatten, fanden wir keinen Widerſtand mehr, konnten auch in der Dunkelheit der Nacht keinen Feind erkennen, obgleich wir lange Zeit herum⸗ ſuchten, und nicht begriffen, wie ſich unſere Geg⸗ ner ſo ſchleunig und mit ſo unmerklicher Stille gefluͤchtet haben konnten.“ „Erſt nach vielen fruchtloſen Nachforſchungen kehrten wir nach der Straße zuruͤck, wo wir aber leider! unſeren Wagen nicht mehr fanden. Ein in unſerer Lage gewiß ſehr unangenehmer Umſtand. Meine ganze Bagage und alle meine Briefe be⸗ fanden ſich darauf. Gluͤcklicher Weiſe aber war keine Zeile von Fernando, die auf unſer Geheimniß Bezug hatte, noch ſonſt ein Document, welches Padillen Licht uͤber unſere Geſinnungen geben konnte, im Falle er mit dem Wagen entflohen waͤre.“ „Einige hundert Schritte in der Entfernung fanden wir Raolo's Pferd, das wir Beide be⸗ ſtiegen, und ſo ganz gemaͤchlich weiter kamen, in⸗ deſſen ſich Raolo uͤber die Zaghaftigkeit des Fein⸗ des beluſtigte, und den millitaͤriſchen Streich, den wir ihm geſpielt hatten, ganz vortrefflich nannte.“ „Langſam trabten wir vorwaͤrts, ohne der min⸗ deſten Spur des Wagens zu begegnen. Erſt ge⸗ des Felſens erſtand mehr, Nacht keinen Zeit herum⸗ unſere Geg⸗ liher Stille cforſchungen wo wir aber anden. Ein ner Umſiand. Biieſe be⸗ ber war keine Geheimniß welches ben int, ungen ge en entfohen Entfernung ir Beide be⸗ kamen, in teit des Fein⸗ Streich/ d ſcch nannte. hne der niu „. Erſt 9 229 gen Tagesanbruch kamen wir bei einer kleinen Schaͤferhuͤtte an, die an der Straße ſtand. Kaum aber ſah uns der Eigenthuͤmer jener Huͤtte, als er auf uns zuging, und ſich mit erſichtlicher Be⸗ wegung erkundigte, ob wir diejenigen waͤren, die unter Weges ausgeraubt worden waͤren.“ „Durch dieſe Frage nicht wenig uͤberraſcht, verſetzte ich,„„daß wir zwar angefallen worden ſeyen, jedoch, wie ich glaubte, nicht von gewoͤhn⸗ lichen Raͤubern; auch erkundigte ich mich, auf welche Art er von dem Ueberfalle verſtaͤndiget wer⸗ den ſey.“ „Vor zwei Stunden,““— begann er— „„ hoͤrte ich ploͤtzlich mit aller Gewalt an meine Hausthuͤre pochen. Es war noch finſter und ich im Aufſtehen begriffen, da wir Landleute unſer Tagewerk, des Spruͤchleins:„Morgenſtund hat Gold im Munde“ eingedenk, gewoͤhnlich zeitlich beginnen. Um nun zu ſehen, was es gaͤbe, eilte ich mit der Laterne nach der Thuͤre und fand zwei ſeltſam vermummte Maͤnner, die mir befahlen, das Licht auszuloͤſchen, und ihnen zu folgen, wofern ich nicht augenblicklich des Todes ſeyn wollte. Wie natuͤrlich, konnte ich nichts anderes thun, als ge⸗ horchen. Nach einer kurzen Strecke, die ich in der Geſellſchaft jener Beiden zuruͤcklegte, bemerkte 230 ich einen Wagen, der auf der Straße ſtand.—„n. 8 Hier, ſagte endlich einer der Vermummten, die auf ausſa dem ganzen Wege ſonſt kein Wort ſprachen, nimm hatten dieſe Buͤndel und Koffer, und uͤbergieb ſie den uße naͤchſten Reiſenden die bei Dir voruͤberziehen; es r? iſt ihr Eigenthum.““ wonji „„Da ich fuͤrchtete, auf dieſe oder jene Weiſe m fuͤr einen Theilnehmer am Raabe gehalten zu wer⸗ 1 den, wußte ich nicht, was ich thun ſollte. Wie⸗ in, derholte Drohungen bewogen mich aber endlich fl b zur Annahme der Sachen. Nachdem ich alles auf hult den Boden gebracht hatte, faßte ich einen Kof⸗ dn fer mit den Haͤnden auf, um ihn nach meiner e Huͤtte zu ſchaffen; als ich aber nach den andern in Sachen zuruͤck kam, war der Wagen mit den bei⸗ hor, den Maͤnnern nebſt der Perſon, die darin ſaß, Erii verſchwunden. Zwei von den Buͤndeln, welche ſie ſ df aus der Kutſche geworfen hatten, waren mit geron⸗ Kär nenem Blute befleckt. Uebrigens kann ich nur noch drüͤh verſichern, daß blos Gewalt mich bewegen konnte, die die Guͤter anzunehmen.““ wilt „„Allerdings bin ich der unter Weges Ange⸗ fallene, dem dieſe Sachen gehoͤren,““— verſetzte wi ich;„„doch, koͤnnet Ihr mir jene beiden Maͤn⸗ ſinn ner nicht naͤher beſchreiben?““(ben „„Leider! war es zu dunkel,““ erwiederte er, uſ e ſtand.— ten, die auf 231 „„nur ſo viel kann ich ſagen, daß ſie ſehr zornig ausſahen, fluchten und ſchwuren, daß ſie ſich geirrt haͤtten. Auch hoͤrte ich Einen von ihnen ſagen, daß es das Beſte ſeyn wuͤrde zu fliehen, indeſſen der Andere unverſtaͤndliche Laute murmelte, wo⸗ von ich nur das Wort:„Leichnam“ verſtehen konnte.““ „Daß mir dieſer Bericht nicht unangenehm war, kannſt du eicht denken; da mir kein Zwei⸗ fel blieb, daß der Poſtillion, den man fuͤr mich hielt, nach den Blutflecken auf der Bagage und den Worten der beiden Maͤnner, das Opfer ſei⸗ ner eigenen Falſchheit und Hinterliſt wurde, wie denn gewoͤhnlich, wenn auch nicht immer ſo ſicht⸗ bar, jeder Schurkenſtreich auf das Haupt ſeines Erfinders zuruͤckfaͤllt. Auch war der Landmann ein ſo offenherziger und gaſtlicher Mann, daß wir in Kurzem ziemlich beruhigt bei einem laͤndlichen Fruͤhſtuͤck in ſeiner Huͤtte ſaßen, welches uns auf die Anſtrengungen der vergangenen Nacht ſehr willkommen war.“ „Bald befand ich mich weit aufgeraͤumter als gewoͤhnlich. Die Landſchaft hatte von den Fen⸗ ſtern aus ein herrliches Ausſehen, da die lieblichen Ebenen Granada's wieder vor mir ausgebreitet zu ſeyn ſchienen. Sanft aufſchwellende Huͤgel un⸗ 232 terbrachen die mit Getraide bewachſene Ebene; mannichfaltiger Wachsthum ergoͤtzte das Auge mit dem bundeſten Farbenwechſel. Es war Herbſt; der Anblick gereifter Fruͤchte erfuͤllte das Herz des Landmanns mit Freude. Der Natur reiche Schaͤtze waren fuͤr ihre Kinder mit ſegenreicher Milde aus⸗ geſtreut; es mangelte daher auch nicht das Ge⸗ ringſte, um Gluͤckſeligkeit uͤber den Schauplatz himm⸗ liſcher Guͤte zu verbreiten.“ „Nach wenig Ruheſtunden ſchickte ich Raolo nach Toledo, ein Fuhrwerk zu beſorgen, waͤhrend ich mich den vergnuͤgteſten Gedanken und Plaͤnen uͤberließ, zu denen mich der Anblick dieſer ſchoͤnen Provinz verleitete. Indeſſen meine Augen auf den vor mir liegenden Regionen umherſchweiften; ſtah⸗ len ſich die zaͤrtlichſten Erinnerungen an Virgi⸗ nien in mein Herz;— leider! ſchienen mir aber die hohen Gebirge, die mich von ihr trennten, ein Schranken, der uns hinderte, jemals wieder zu⸗ ſammen zu kommen!“— „Immer tiefer und tiefer verlor ich mich in jenem unendlichen Gedankenmeere, bis Raolo end⸗ lich mit einem Wagen zuruͤckkehrte. Er hatte dem unſrigen auf der Straße nachgeforſcht, aber nichts in Erfahrung gebracht. Ich zweiſelte daher auch nicht, daß Jaques und Don Padilla, ehe hſene Ebene; das Auge mit war Herbſt; das Herz des reiche Schäͤtzt er Milde aus⸗ icht das Ge⸗ auplatz himm⸗ eich Raolo gen, waͤhrend und Planen dieſer ſchoͤnen cugen auf den niſen; ſuh mn Virgi⸗ nn mit abet trennten, ein z wiedet zu 233 ſie noch durch den Anbruch des Tages verrathen werden konnten, einen Seitenweg nach einem nahe gelegenen Walde genommen haͤtten, wo ſie ſich des Poſtillions entledigen, ihn begraben und bei Nacht entfliehen konnten.“ „Kaum in Toledo angekommen ſetzte ich meine Reiſe, ziemlich ungeduldig, mein vaͤterliches Haus, von dem ich zwei Jahre abweſend war, wieder zu betreten, ſo ſchnell als moͤglich fort. Mit inniger Freude empfing mich meine Mutter, auf deren Bitten ich den Dienſt in der Armee aufzugeben, und ein Mitglied der buͤrgerlichen Geſellſchaft zu werden beſchloß. Sowohl mein Vermögen, als alle jene damit verbundenen Vor⸗ theile und Ehren waren ſo bedeutend, daß mir, wie es ſchien, nur noch ein Wunſch zur Erfuͤllung meines vollſtaͤndigen Gluͤckes uͤbrig blieb, ohne welchen aber auch alle uͤbrigen Gluͤcksguͤter nur halben Werth beſaßen. Auch von Fernando empfing ich endlich unter meinen militaͤriſchen De⸗ peſchen einige Briefe, die mich uͤber die Sicherheit ſeines Lebens beruhigten. Er ſprach von ſeiner guten Geſundheit und beruͤhrte unſere Geheimniſſe; die ihn nicht ruhen ließen, nur oberflaͤchlich: waͤh⸗ rend er ziemlich unwillig ſchien, ſich vor den Fol⸗ gen einer hieruͤber ausfuͤhrlichen Korreſpondenz 234 ſcheuen zu muͤſſen, und ich muß geſtehen, daß ich ſeine wahre Meinung nur aus dunklen, zweideu⸗ tigen Stellen errathen konnte.“ „Trotz all' meinem Reichthume und Gluͤcksguͤtern hatte ich mich aber nur zu bald uͤberzeugt, daß ich ohne Virginien nicht leben konnte, und entſchloß mich daher endlich, durch einen meiner Freunde, den Padilla vorzuͤglich achtete, um ihre Hand zu werben. Ich machte Vorſchlaͤge, die ein Fuͤrſt nicht verworfen haͤtte, er aber ver⸗ warf alle meine Antraͤge mit entſcheidender Verach⸗ tung und betheuerte bei allem, was heilig ſey, daß er ſeine Tochter eher an einen Baum im Walde aufhaͤngen wollte, als ſie einem Manne geben, den er mit der unverſoͤhnlichſten Bitterkeit haſſe.“ „Leicht genug konnte ich die Furcht ahnen, die ſein Gemuͤth beſchwerte, da er recht wohl wußte, daß es mir nur um einen uͤberzeugenden Beweis zu thun war, um ihn aus allen ſeinen Beſitzungen vertreiben zu koͤnnen. Eben ſo wenig war es mir unbekannt, daß es ihn mitten unter ſeinen Reich— thuͤmern ſchmerzte, bloß Maͤdchen erzeugt zu haben, die ſein Vermoͤgen, wenn ſie heiratheten, in an⸗ dere Haͤuſer uͤbertruͤgen, und ſeinen Namen damit auf immer verloͤſchen wuͤrden. Der Wunſch eines mannt ſimm einzuf en, daß ich 1, zweideu⸗ zlucksguͤtern zeugt, daß nnte, und nen meiner htete, um Vorſchlaͤg, aber ver⸗ der Verach⸗ heillig ſey, Baum im m Manne Bitterkeit ahnen, die ohl wußte, en Bewei Peſibungen ar es nit nen Reic z haben, in an⸗ m damit en, mel nſch dins 235 maͤnnlichen Erben, nebſt dem Hange zur Wolluſt, hatten ihn ſeit Donna Zidana's Tode ſchon zu verſchiedenen Zeiten bewogen, mehreren Damen ſeine Hand anzubieten, die abſchlaͤgigen Antworten, die er aber allenthalben erhielt, trugen nicht wenig zu ſeiner menſchenfeindlichen Gemuͤthsſtimmung bei.“ „Fernando's letzten Brief erhielt ich bei⸗ nahe vor einem Jahre, und erſah daraus, daß er auf hoͤheren Befehl ſein Regiment verlaſſen und zu einem andern uͤbertreten mußte, welches be⸗ ſtimmt war, ſich nach Ceuta in der Barbarei einzuſchiffen. Dringend bat er mich, ſeiner ein⸗ gedenk zu bleiben, und ihn ſeines ungluͤcklichen Verhaͤltniſſes wegen zu bedauern.“ „Seit dieſer Zeit habe ich verſchiedene Wege eingeſchlagen, um zu erfahren, ob er noch lebe; leider aber ohne Erfolg. Alles, was ich erforſchen konnte, war, daß er bei einem Ausfalle gegen die Mauren verſchwunden, und wahrſcheinlich in Gefangenſchaft gerathen ſey. Im dumpfen Dahin⸗ bruͤten und unter tauſend Verwuͤnſchungen meines widrigen Schickſales, verlebte ich einige Zeit, ohne daß ich durch uͤbernatuͤrlich ſcheinende Dinge, oder neuerliche ſonderbare Erſcheinungen in meiner Ruhe geſtoͤrt worden waͤre, als ich eines Tages die Gaͤrten zu Aranjuez beſuchte und einen Vor⸗ 236 fall der ſonderbarſten und unbegreiflichſten Art er⸗ lebte.“ „Hinabſehend in den vor mir hinfließenden Tajo, deſſen Wellen ſich unaufhoͤrlich forttrieben, lag ich auf einem Raſenbette. Meine Phanthaſie ſchweifte bald nach Ceuta, wo ich meinen Freund wußte, deſſen fernere Schickſale unbekannt waren, bald malte ſie mir Virginien nebſt dem Vergnuͤgen vor, das ich empfinden wuͤrde, wenn ſie mir an dieſem romantiſchen Orte zur Seite ſaͤße, oder mit mir durch den duftenden Schatten der Pom⸗ meranzenhaine und Myrten-Alleen hinwandelte. Ich mochte beinahe eine Stunde mit ſolchen Ge— danken zugebracht haben, als ich ploͤtzlich eine Stimme Namen drei Mal rein und deutlich ausſprechen hoͤrte!“— „Sonderbar aufgeſchreckt ſah ich umher, zu entdecken, was es waͤre; konnte aber keine einzige Perſon im Garten, noch weniger in meiner Naͤhe wahrnehmen.“ „Verwundert meinen fragte ich, was man von mir wolle, als jetzt eine helle, ſanfte Stimme, die kaum. einige Schritte von mir entfernt zu ſeyn ſchien, erwiederte:“„„Wiſſe denn, Marquis Albert de Denia, du mußt ſterben!““ „Gewaltig begann mir das Herz im Leibe bei dieſen Worten dcht zu Unſicht ränſch beinen llicke holung begrͤl ken e heete hſten Art er, hinfließenden forttrieben, e Phanthaſtt einen Freund kannt waren, mergnuͤgen ſie mir an ſaͤße, oder n der Pom⸗ hinwandelte ſolchen Ge⸗ goötlich eine frein. und umher, zu keine einzige neiner Nahe an von mir w, pie kaum ſeyn ſchien ne Albar bebidiſ 237 Worten zu pochen. Ich hatte kaum Kraft genug, auf⸗ recht zu ſtehen, viel weniger eine Erklaͤrung von dem Unſichtbaren zu verlangen. Nicht das leiſeſte Ge⸗ raͤuſch hoͤrte ich in den Straͤuchern; vermochte keinen Menſchen zu ſehen, und dennoch ſchien mir die Stimme ſo nahe, daß ich au ihrer Wirklichkeit unmoͤglich zweifeln konnte.“ „Fuͤrchterlich geaͤngſtigt, war ich in jedem Augen⸗ blicke gewaͤrtig, daß meine Ohren mit der Wieder⸗ holung jenes ſchrecklichen Orakelſpruches neuerdings begruͤßt, oder meine Augen auf irgend ein Schrek⸗ ken erregendes Phantom treffen wuͤrden; es naͤ⸗ herte ſich mir aber außer dem Winde, der durch die Blaͤtter ſaͤuſelte, kein Laut und kein Schatten.“ „Obgleich ich mich bemuͤhte, mir die ganze Prophezeihung aus dem Sinne zu raͤſonniren, und ſie als eine voruͤbergehende Taͤuſchung der erhitzten Phantaſie zu erklaͤren, ſo grub ſich der Eindruck davon doch ſo tief in meine erſchuͤtterte Seele, daß die ganze Kraft meines Geiſtes nicht hin⸗ reichend war, ihn auszuloͤſchen. Du weißt, daß die Gaͤrten von Aranjuez auf der Mitte des Tajoſtromes eine Inſel bilden, wo es außer Standesperſonen jedermann verboten iſt, ohne Er⸗ laubniß der Gärtner zu landen. Ich erkundigte mich daher, ob ein Fremder Einlaß begehrt haͤtte, 238 ſeit mehreren Stunden hatten ſie aber außer mir iſe Niemanden geſehen. Zu welchem Ende wuͤrde ſich Spre alſo Jemand die Muͤhe genommen haben, mir„ einen luſtigen Streich zu ſpielen? An noch zwei Ade auf einander folgenden Tagen beſuchte ich denſelben i Platz, hatte mich taͤglich ſo gut wie das erſte w Mal uͤberzeugt, daß kein menſchliches Weſen in duer meiner Naͤhe war, und hoͤrte dennoch dieſelben in, weiſſagenden Worte, deren Folgen ſo maͤchtig wa- und ren, daß ich mir einbildete zu fuͤhlen, wie meine heite Geſundheit langſam abnehme, und meine Geiſtes⸗ ihn 3 kraͤfte dahin ſchwaͤnden.“ den .. 6— 8 „Um mir die druͤckende Angſt, welche mich an g von dieſer Zeit an quaͤlte, vom Halſe zu ſchaffen, dete beſuchte ich raſtlos alle oͤffentlichen Verſammlungs⸗ dnt oͤrter, in der Abſicht, Zerſtreuung zu finden; leider! ſat aber vergebens! Wo ich nur immer ging und 8 * ſtand, klangen mir die Worte: Marquis Albert de Denia, du mußt ſterben!— in die Ohren, b deſp und verbitterten mir jeden vergnuͤgten Augenblick.“ V deſſe 9 „Durch reifliches Nachdenken ſuchte ich mich ean endlich auf beſſere Gedanken zu bringen, und me meinte, daß zu dem Orakelſpruche gewiß kein hoͤ⸗ bben herer Einfluß noͤthig war. Die Zeitbeſtimmung, s wann ich ſterben muͤßte, waͤre das Einzige ge⸗ ſelt weſen, wobei ſich mehr als menſchliches Wiſſen er⸗ ar außer mi de wuͤrde ſch haben, nit An noch zwei ich denſelben vie das erſte es Weſen in och dieſelben maͤchtig war „wie meine eine Geiſtet⸗ welche mich . zu ſchaffen, erſammlungs⸗ derl nden; leidet = BS —— ingen, kein h 3 3 Einzige 9 Willen u 239 wieſen haͤtte, ſo aber ſagte der geheimnißvolle Sprecher uͤber dieſen Punct nicht das Gerinſte.“ „In tiefe Melancholie verſunken, nahm ich zu den Wiſſenſchaften meine Zuflucht; und da mich religioͤſe Verrichtungen damals am meiſten befriedig⸗ ten, ſo nahm ich ſie auch am haͤufigſten vor. Die Feuerlichkeit der Kirchenceremonien zog mich ſo ſehr an, daß ich alle meine Gedanken dahin richtete, und mir ſelbſt unbewußt jeden Geſchmack an den heiteren Freuden des Lebens verlor. Maͤchtig ſehnte ich mich nach einem Freunde, um ihm meine Lei⸗ den klagen zu koͤnnen, wobei mir die Erinnerung an Fernando wie eingewurzelt in der Seele haf⸗ tete. Nichts ſchien mir gewiſſer, als daß er in eine Falle gerathen waͤre, die ihm Padilla ge— legt hatte, und doch war es mir unmoͤglich, ſeinen Tod zu raͤchen.“ „Eben war ich eines Sonntags Abends zur Veſper gegangen, als man ein Begraͤbntßlied ſang, deſſen wehmuͤthiger Klageton meine Seele mit den traurigſten Ideen erfuͤllte. So, dachte ich mir, an eine Saͤule gelehnt, wird man auch ſingen, eben ſo werden die Trauertoͤne an den Waͤnden verhallen, wenn ich kalt auf der Bahre liege. Die⸗ ſelben Feierlichkeiten werden meinen entſeelten Koͤr⸗ per zur Grube begleiten, wo ich vermodern, und — —— —— —— 2⁴0 mich endlich wieder mit dem Urelemente vereinigen werde. Was wird dann mit jenem gewiſſen Etwas geſchehen, welches jetzt in mir denkt und iſt?— wo wird es hinkommen?“ In unbeſchreiblichen Tiefſinn verloren, ging ich nach Hauſe und begab mich nach einem kurzen Mahle zu Bette. Durch innere Leiden nur zu ſehr abgemattet, beſtreute mich Morpheus mit ſeinen ſchoͤnſten Mohnbluͤthen, als ich um Mitter⸗ nacht durch einen ſchweren Seufzer erweckt wurde, der von einer Perſon, die neben mir ſtand, herzu⸗ kommen ſchien. Ich ſtutzte und fragte, wer mich beunruhige, erhielt aber keine Antwort. Schon glaubte ich getraͤumt zu haben, und begann wieder einzuſchlafen. Kaum hatte ich aber meine Augen geſchloſſen, als ein noch ſchwererer Seufzer an mein Ohr ſchlug. Erſchrocken fuhr ich neuerdings im Bette empor, blickte umher, lauſchte und hoͤrte jetzt dieſelbe Stimme, die ich in den Gaͤrten zu Aranjuez gehoͤrt hatte, die ungluͤcklichen Worte ausſprechen: Wiſſe, Marquis Albert de Denia, du mußt ſterben!“ „Mit dieſen Roͤcheln ſank ich ins Bett zuruͤck, in der feſten Ueberzeugung, daß der naͤchſte Augen⸗ blick mein letzter ſeyn muͤßteg und wirklich ſchien es mir bereits, als wenn ich die Zuckungen end⸗ licher wagte mit dieſele Shri bunte ſer E gewe geben erwa daß Ohne liche nte vereinigen eewiſſen Etwas t und iſt!— erloren, ging einem kurzen eiden nur zu rpheus mit h um Mitter⸗ erweckt wurde, ſtand, herzu gte, wer mich wort. begann wieder meine Augen r Seufzer an ich neuerdings hte und hoͤrte en Garten z cklichen Worte bde Den a 6 Bett zurüc nachſte Auga wirklich ſce ackungen 7 241 licher Aufloͤſung fuͤhlte. Nach einiger Zeit erſt wagte ich es, meine Augen zu oͤffnen, und erblickte mit Entſetzen an der gegenuͤberſtehenden Wand dieſelben fuͤrchterlichen Worte mit flammender Schrift in einer Einfaſſung von Todtenkoͤpfen in buntem Farbenfeuer. Wie leblos ſtierte ich nach die⸗ ſer Erſcheinung, und gewiß waͤre es kein Wunder geweſen, wenn ich ſogleich meinen Geiſt aufge⸗ geben haͤtte.“ „Lange lag ich ohne alle Empfindung, endlich erwachte ich, leider! aber mit dem Bewußtſein, daß ich bald auf immer entſchlummert ſeyn wuͤrde⸗ Ohne Aufſchub entſchloß ich mich, alle meine zeit⸗ lichen Angelegenheiten in Ordnung zu bringen, und ſchickte augenblicklich nach einem Notar. Nicht wenig wunderten ſich meine Freunde uͤber mein auffallendes Benehmen und nur zu gut merkte ich, daß ſie meinten, es ſey in meinem Kopfe nicht ganz richtig. Ich war aber zu ſehr in mich ge⸗ kehrt, und uͤber das, was mir begegnet war, viel zu aͤngſtlich und zuruͤckhaltend, um Jemanden zu verſtaͤndigen.— Oh, es iſt wunderbar, welche Macht die Einbildungskraft uͤber den Menſchen beſitzt. Perſonen, welche behaupten, wir haͤtten keine Seelen, weil der Koͤrper auf keine geiſtige Subſtanz Einfluß haben kann, moͤgen eben ſo gut I. Thell. 16 242 behaupten, wir haͤtten keine Koͤrper, weil es dem Gemuͤthe, das doch geiſtiger Art iſt, ſonſt nicht moͤglich ſeyn wuͤrde, auf eine koͤrperliche Zuſam⸗ menſetzung zu wirken.“ „Unter vielen Thraͤnen ſchrieb ich einen langen Abſchiedsbrief an Virginien, den ich Raolo einhaͤndigte, und ihn verantwortlich machte, den⸗ ſelben nach meinem Tode an Ort und Stelle zu bringen. Selbſt meine Mutter beklagte ſchon mit voͤlliger Gewißheit den Tod ihres Sohnes, eben ſo hielten mich auch meine Freunde ſchon fuͤr ver⸗ loren. Unter unnennbarer Abſpannung aller meiner Kraͤfte verſchloß ich mich gaͤnzlich innerhalb der Mauern meines Palaſtes, waͤhrend meine Ge⸗ muͤthsſtimmung immer mehr und mehr bis zu dem Grade des ſtillen Wahnſinnes ſank.“— weil es dem , ſonſt nicht rliche Zuſam⸗ einen langen ich Raolo machte, den⸗ nd Stelle zu te ſchon mit ehnes, eben chon fuͤt ver⸗ aller meiner alb der 8 nnerh meine Ge⸗ tbis zu dem — Zehntes Kapitel. Ein Beſuch aus der Geiſterwelt,— der Todtenfall,— der Brief,— Raolo's Reiſe— und deren Folgen. „Einer der beruͤhmteſten Aerzte behandelte mich, aber auch er war nicht im Stande, meine Schwer⸗ muth zu heilen. Faſt taͤglich, ſtuͤndlich ward ich ſchwaͤcher, bis ich nach ungefaͤhr einem Monate das Bett huͤten mußte, indeſſen ſich mein Unter⸗ gang mit ſchnellen Schritten zu nahen ſchien. Tag und Nacht war Raolo bei mir und bemuͤhte ſich, mich ſowohl durch gutgemeinte Troſtesworte als beſonders mit Geſpraͤchen uͤber Virginien zu zerſtreuen, die nach ſeiner Behauptung die halbe Urſache meiner Krankheit ſeyn ſollte. Er ſtrengte ſich moͤglichſt an, um meine Erwartungen auf ih⸗ ren Beſitz wenigſtens fuͤr die Zukunft zu beleben, doch was helfen Vernunftgruͤnde, wenn die Seele verſtimmt iſt?“ „Mit unbeſchreiblicher Gewalt zerſtoͤrte das boͤsartigſte Fieber meine Geiſteskraͤfte und erſchoͤpfte 16* 244 die Quellen meines Lebens. Immerwaͤhrender bren⸗ nender Durſt, den keine Arznei zu ſtillen ver⸗ mochte, quaͤlte mich, wodurch ich mich wie auf der Folter befand, und in Kurzem zum Gerippe ab⸗ zehrte. Mit dem ſehnſuͤchtigſten Verlangen ſeufzte ich nach dem Tode, als dem einzigen Befreier von dem Elende, das weder durch Nahrung noch Arz⸗ neien gelindert werden konnte.“ „Laͤngſt ſchien der Stoff meines Lebens ſchon aufgezehrt zu ſeyn, als ich in einer Nacht von Polſtern geſtuͤtzt im Bette lag, ohne mehr einer einzigen Bewegung faͤhig zu ſeyn, und daher mit dumpfſinniger Gleichguͤltigkeit meiner gaͤnzlichen Aufloͤſung entgegen ſah. Raolo ſaß neben mir auf einem Stuhle und erwartete mit ſchmerzen⸗ voller Miene den Augenblick, der ihn auf immer ſeines Herrn berauben ſollte.“ „Meine Mutter hatte ſich auf eine Ecke des Bettes geſetzt. Unertraͤgliche Hitze quaͤlte mich, nichts wuͤnſchte ich daher ſo ſehnlich, als ſie durch irgend einen erquickenden Trank zu verbannen, lei⸗ der hatte ich aber nicht Kraft genug, meine Zunge zu ruͤhren, die mir wie ausgedoͤrrt am Gaumen klebte. Ploͤtzlich ward jetzt die Mitternachtsſtunde durch Madrids Glocken verkuͤndigt; das tiefſte Schweigen herrſchte um mich.“ aͤhrender bren⸗ u ſtillen ver⸗ h wie auf der Gerippe al⸗ rlangen ſeufftt Befreier von ung noch Ar Lebens ſchon er Nacht von ne mehr einer und dahet mi ter gaͤnzlichen aß neben mit nit ſchmeben n auf immer iine Ecke des guaͤlte mich als ſie durch erbannen, ke⸗ meine Zunge b am Gaumem ernachtsſtnde 8 dos tiefte 1 245 „Sowohl meiner Mutter als Raolo's Athem⸗ zuͤge bewieſen, daß ſie ſchliefen, was mich, der ich von ihrer Aufmerkſamkeit ſo ſehr uͤberzeugt war, nicht wenig wunderte, als ich jetzt unbe— ſchreibliche Schwaͤche fuͤhlte. Mit aller Muͤhe be⸗ ſtrebte ich mich meine Augen aufzuſchlagen, um wenigſtens noch die letzten Blicke auf meine vielge⸗ liebte Mutter zu richten, die mich ſtets mit der aͤußerſten Nachſicht behandelt hatte, ehe ich ſie auf immer fuͤr alle irdiſchen Dinge verſchloß.“ „Endlich gelang es. Mit jeder Minute brohte die duͤſter brennende Nachtlampe zu verloͤſchen, und kaum hatte ich die Augen geoͤffnet, als ich eine weiß gekleidete Geſtalt in ſeltſamer Tracht zu den Fuͤßen meines Bettes in einem Stuhle ſitzen ſah. Obgleich ich nicht mit Beſtimmtheit angeben kann, ob es Taͤuſchung oder Wirklichkeit war, ſo erkannte ich die ehrwuͤrdigen Zuͤge meines verſtorbe⸗ nen Vaters doch bald genug klar und deutlich in dem Geſichte jener Erſcheinung.“ „Ohne daß die Furcht ihre deſpotiſche Gewalt uͤber mich verhaͤngt hatte, blickte ich mit einer Miſchung von Vergnuͤgen, Verwunderung und Schmerz nach dem geliebten Gegenſtande. Der gelbe Reif des Todes lag auf ſeinem Geſichte, ſtarr und glanzlos richteten ſich ſeine laͤngſt vergluͤhten 246 Augen nach mir. Nach einer kleinen Pauſe ſtreckte er ſeine Haͤnde gegen mich, waͤhrend ſein Geſicht mattes Laͤcheln uͤberzog, und ſprach mit hohler Stimme:„„Wiſſe denn, Albert, mein Sohn, daß Du mir noch lange nicht folgen, kurz, jetzt nicht ſterben wirſt.““— Kaum hatte er geendet, ſo wies er mit der rechten Hand auf einen Seiten⸗ tiſch, wo ich einige Fruͤchte bemerkte; erhob ſeine Augen endlich mit der Wuͤrde religioͤſer Ergebenheit gegen den Himmel, kehrte ſich ſchweigend um, und verließ das Zimmer in abgemeſſenen Schritten.“ „Kaum war er verſchwunden, ſo fuͤhlte ich unausſprechliche Zufriedenheit. Die Worte, die er geſprochen hatte, floͤßten mir gleich dem Licht⸗ ſtrahl, der auf den Grund des ſturmbewegten Mee⸗ res faͤllt, Friede und Hoffnung ein. Nur zu oft beſchaͤftigte ich mich ſeit dieſer Zeit mit der Frage, ob jene Erſcheinung Wirklichkeit war. Das Fieber hatte meine Lebensgeiſter in Aufruhr gebracht, eben ſo gut konnte das Ganze daher nur ein fluͤchtiges Bild geweſen ſeyn, das ſich in meinem erhitzten Gehirne herum trieb. Bald nach dieſer Erſcheinung fand ich mich aber ploͤtzlich ſo geſtaͤrkt, daß ich Raolo wecken und nach den Fruͤchten verlangen konnte.“ „Noch hatte ich einen der Granataͤpfel nicht Pauſe frreckte ſein Geſicht mit hohler mein Sohn, „ kurz, jetzt te er geendet, einen Seiten⸗ erhob ſeine Ergebenheit end um, und ritten.“ 6 dem Licht⸗ zwegten Met⸗ Nur zu oft w. heinun ⸗Erſcheinung kt daß ſch 1!// en verlangen atoyfel ni 247 ganz genoſſen, als mich der brennende Durſt ver⸗ ließ, und neues Leben durch meinen Koͤrper ſtroͤmte. Eine bedeutende Schwere ſchien aus meinem Kopfe zu entweichen; ich dachte klar und heiter. In Kurzem erhielt ich meine Geſundheit wieder, und trat daher wieder in das Gewuͤhl des Lebens, wo mich ſo herzliche Gluͤckswuͤnſche empfingen, als wenn ich aus dem Reiche der Todten zuruͤck ge⸗ kommen waͤre.“ „Wirklich befand ſich mein Gemuͤth jetzt im Stande vollkommener Seelenruhe, die mich bald genug wieder Geſchmack an der Welt und ihren Zerſtreuungen finden ließ. Schon lange ſollte ich nach dem Auftrage meines verſtorbenen Vaters ſein Landhaus an den Ufern des Tajo ausbeſſern laſſen, wo er ſonſt gewoͤhnlich die Herbſtmonate zugebracht hatte. An dieſem Platze hoffte ich jetzt das an⸗ genehmſte Leben zu finden, und ſchickte daher Raolo nach Arbeitsleuten, die einen Fluͤgel des Gebaͤudes, der ſich lange ſchon in uͤblem Stande befand, herſtellen ſollten. Vieles Vergnuͤgen ver⸗ ſprach ich mir außer jenen Bauten auch noch in Anlegung neuer Plaͤne, nach welchen ich die be⸗ traͤchtlichen Gaͤrten, die das Landhaus umgaben, verſchoͤnern wollte.“ „Waͤhrend ich aber in voller Thaͤtigkeit Entwuͤrfe 248 zu einem kuͤnftigen ruhigen Leben bildete, entſtand durch den ploͤtzlichen Tod meiner Mutter ein aber⸗ maliger Kummer in meinem Innern. Sie ſtarb nach einer vier und zwanzigſtuͤndigen Krankheit, und wirklich ſchien mir nichts gewiſſer, als daß irgend ein ſchadenfroher Geiſt in meinem Hauſe umhergehe, der Vergnuͤgen darin finde, mich aus einer Noth in die andere zu bringen. Eben war ich eines Abends von ihrem Grabe zuruͤckgekehrt, und ſaß noch in meiner Bibliothek, als mir ein Diener einen Brief uͤberreichte, den ein Bote von meinem alten Verwalter auf dem Lande ſo eben gebracht hatte. Unnennbares Staunen ergriff mich aber, als ich folgenden Inhalt las: „„Hochverehrter, theuerſter Herr!““ „„Faſt bin ich aus Furcht geſtorben, uͤber den ſchrecklichen Vorfall, der ſich geſtern bei uns ereignete. Raolo kam vor einiger Zeit hier an, miethete auf Euren Befehl eine Anzahl Arbeitsleute, die den weſtlichen Theil des Landhauſes einriſſen und in kurzer Zeit ziemlich weit kamen; doch du lieber Himmel! wer kann voraus ſagen, was in dieſer Welt geſchieht? Noch die letzte Nacht gin— gen wir alle wohlbehalten ſchlafen und dieſen Mor⸗ gen— doch Eure Excellenz erlauben, daß ich meinen Bericht nach der Ordnung erſtatte. Kaum lagen wir dete, entſtand tter ein aber⸗ Oie ſtarb n Krankheit, ſer, als daß geinem Hauſe de, mich aus Eben war zurückgekeht, als mir ein en ein Bote em Lande ſo aumen ergriff ao! 77—77 orben, üͤber tern bei uns zeit hier an, Arbeitsleute, eluriſſen doch du ſes p 11 gas in en, wWgö „Nacht gin⸗ dieſen Mot⸗ ſich meinen 9 m lagen wit vergangene Nacht kurze Zeit im Bette, ſo erhob ſich ein Wind, der bald zum voͤlligen Sturme heran⸗ wuchs, waͤhrend kein Woͤlkchen am Firmamente zu ſe⸗ hen war. Da ich in jedem Augenblick erwartete, daß das Haus uͤber mir zuſammenſtuͤrzen wuͤrde, ſprang ich aus dem Bette, als das ganze Gebaͤude jelzt wie von einem Erdbeben erſchuͤttert umherſchwankte. Wie natuͤrlich zog ich die Laͤrmglocke, um die Leute im Hauſe zu verſammeln, die einſtimmig erwarteten, daß kein Stein auf dem andern bleiben wuͤrde, als wir auf einmal ein ſo entſetzliches Krachen vernah⸗ men, wie wenn nicht allein das Haus, ſondern die ganze Welt in Stuͤcke zerſplittert waͤre. Die Hauslente erhuben dabet kein geringes Geſchrei. Nach einer Stunde wurde der Wind endlich ruhi⸗ ger, und erſt jetzt konnte ich es wagen, nach den Folgen zu ſehen, die der Sturm angerichtet hatte. Leider fand ich den ganzen weſtlichen Fluͤgel zu Boden geworfen; zwei Arbeitsleute wurden von den Ruinen begraben; Raolo iſt nirgends zu finden. Mit groͤßter Beſorgniß warte ich daher auf Eure Excellenz perſoͤnliche Ankunft oder allen⸗ fallig noͤthigen Befehle.““— „Leicht kannſt Du Dir denken, welchen Ein⸗ druck dieſer Brlef auf mich machte. Raolo's Ungluͤck, durch das mir faſt mehr ein Freund als 250 ein Diener geraubt wurde, betruͤbte mich nicht we— nig.„„Bei Gott!„„Lſchrie ich, im erſten An— falle meines Schreckens,„„ich weiß nicht, wodurch ich mir dieſe Verfolgung auf den Hals gezogen habe, wofern Don Padilla nicht mit dem Teufel im Bunde ſteht!““ und obgleich dieſe Mei— nung ohne fruͤheres Nachdenken in mir entſtand, ſo fuͤhrte ſie mich doch zu einer langen Reihe von Vermuthungen. Die Gegenſtaͤnde, die ich im Schloſſe Montillo, beſonders in jenem Zimmer, welches ich ſo zufaͤllig entdeckte, geſehen hatte, ſchienen dieſem Verdachte alle Wahrſcheinlichkeit zu geben. Nur noch eine Kleinigkeit fehlte, ſo waͤre ich in meine vorige Krankheit zuruͤck gefallen.“ „Ernſtlich ſehnte ich mich nach einem Freunde, dem ich meine Gedanken mittheilen konnte. Alle meine Bekannten waren aber entweder zu ſehr mit ihren eigenen Angelegenheiten beſchaͤftiget, oder hatten des tiefen Sinnes zu wenig, um mit mir ein Geheimniß von dieſer Art zu theilen. Oh wie ſchwer iſt es in dieſer Welt einen Freund zu finden; da Jedermann beſorgt iſt, ſich den Schein von dem zu geben, was er nicht iſt, und Sitten und Character vor das Auge ſeines Nebenmenſchen hinpinſelt, die gewoͤhnlich ſo weit von der Wirk⸗ lichkeit entfernt liegen.“ en u Kie ten 1' mich nicht we⸗ im erſten Ar⸗ nicht, wodurc Hals gezogen nicht mit dem eich dieſe Me⸗ mir entſtand, gen Reihe von die ich in jenem Zimmet geſehen hatte cheinlihkeit 1 te, ſo waͤl ehlte, 0 , 4 Vebenmenſche er Wilt⸗ von d 251 „Schon am naͤchſten Morgen eilte ich, die Zer⸗ ſtörung meines Hauſes mit eigenen Augen zu ſe⸗ hen und fand alles in der groͤßten Verwirrung. Wie wenn Ungluͤcksgeiſter Kurzweile getrieben haͤt— ten, lagen Schutt und Steine vom Winde weit umher geſtreut. Mit aller Eile ließ ich die groͤ— ßeren Haufen wegraͤumen, um wo moͤglich Raolo zu finden. Das Unbegreiflichſte bei der ganzen Sache war aber, daß auch nicht die kleinſte Spur von ihm zu ſehen war, und faſt wurde ich verſucht, der Sage der Hausleute zu glauben, welche be— haupteten, daß ihn der Teufel in einem Wirbel— winde davon gefuͤhrt habe.“ „Faſt ſchon drei Wochen war ich auf dem Landhauſe, um das Noͤthige zu verordnen, als ich von Deiner Zuruͤckkunft aus Portugal hoͤrte. Der Ruf, den Dir Dein kuͤhnes Benehmen dort erwarb, beſtimmte mich endlich, Deinen Umgang zu ſuchen. Die Begebenheiten der letzten Nacht haben mich aber viel fruͤher zu Deinem Vertrau— ten gemacht, als es die Vorſicht ſonſt geſtattet ha— ben wuͤrde.“ „Nicht wenig wurde ich uͤbrigens uͤberraſcht, als ich am vergangenen Abend ſo zufaͤllig erfuhr, daß ſich Don Padilla und ſeine Tochter Al⸗ mira in Madrid befaͤnden. Wie nachtheilig 252 Dir eine Einfuͤhrung in Don Padilla's Haus durch mich geweſen waͤre, magſt Du nun ſelbſt be⸗ urtheilen; ich ſchlug daher gewiß einen ſicheren Weg hiezu ein, da ich unter ſeiner Dienerſchaft Nachfrage hielt.“ „Leider! konnte ich uͤber Almirens Kloſter⸗ beſtimmung aber nicht mehr erfahren, als daß es vermuthlich wieder eine Grille der menſchenſcheuen Gemuͤthsſtimmung des Alten ſey. Erkenne daher die Lage, in der ich mich beſinde; leihe mir Dei⸗ nen Rath und ſchenke mir Dein Herz. Wo moͤg⸗ lich wollen wir Don Padilla zugleich attaquiren. Beſitz der Schoͤnheit und das Bewußtſeyn einer guten That ſoll unſer Lohn ſeyn!“—— Kaum hatte der Marquis Albert de De⸗ nia ſeine Erzaͤhlung geſchloſſen, ſo ſchrie de los Velos auch ſchon:„Hier haſt Du meine Hand! ewig der Deinige auf Leben und Tod! Ja gewiß, die beiden Maͤdchen vor unwuͤrdiger Behandlung zu ſchuͤtzen und Don Padilla der Gerechtigkeit auszuliefern, iſt eine Pflicht, die wir dem allgemeinen Beſten der Menſchheit ſchuldig ſind. Nur an uns liegt es, die wir Reichthum und Macht beſitzen, als Werkzeuge gerechter Wie⸗ dervergeltung aufzutreten; den Schwachen zu ſchüͦ ndilla's Haus u nun ſelbſt be einen ſicheren ꝛer Dienerſchaß 82 jrens Kloſter en, als daß 6 men Erkent. nſchenſcheuen 253 ſchuͤtzen, die Leiden der Unſchuldigen zu raͤchen und den Schuldigen zu beſtrafen!“ „Wahrlich Schade!“ erwiederte Denia, uͤber den heroiſchen Eifer ſeines Freundes laͤchelnd, „daß Du nicht in einem der vergangenen Jahrhun⸗ derte, oder noch fruͤher lebteſt. Gewiß wuͤrdeſt Du jetzt ſogleich einen munteren Renner beſteigen, und im glaͤnzenden Waffenſchmuck davon eilen, um Damen zu befreien oder mit Rieſen zu fechten.“ „Und warum ſollte es nicht auch heut zu Tage geſchehen koͤnnen?“ ſchrie Antonio,„ſind denn die Verfeinerungen der neuern Welt blos darum eingefuͤhrt worden, um uns edler Handlungen zu uͤberheben. Waͤre Virginia meine Geliebte ge⸗ weſen, ſo wuͤrde ich ſie laͤngſt ſchon mit dem De— gen in der Fauſt aus Montillo entfuͤhrt haben.“ „Bedenke, Antonio,“ verſetzte Denia, „daß es ihr Vater geweſen waͤre, mit dem Du es zu thun gehabt haͤtteſt. O Du kennſt dieſen Mann noch nicht. Das mindeſte Verſehen bei n Jusfuͤhrung eines ſolchen Planes wuͤrde Vir⸗ ginien ewiges Gefaͤngniß, als die ſichere Folge ſeiner Rachſucht, bereitet haben, da ich vom Gra⸗— iin Potenza ohnehin gehoͤrt habe, daß er mit Almiren eine aͤhnliche Abſicht hat. Leider! liegen die wahren Beweggruͤnde ſeines Verfahrens 254 aber zu tief in ſeiner Bruſt begraben, als daß ſie ſelbſt den Augen der Freundſchaft ſichtbar wer⸗ den koͤnnten.“ Durch dieſe Aeußerung in nicht geringe Be⸗ ſorgniß geſetzt, beſprach ſich de los Velos noh lange mit ſeinem Freunde uͤber die Mittel, wie ſie jenes Vorhaben vereiteln wollten. Erſt als die Sonne ſchon hoch am Horizonte ſtand, ſchiede ſie mit dem Verſprechen, bis zum Abende Plaͤne zu entwerſen, die ſie um ſo ſicherer zum Ziele fuͤhren muͤßten, je kluͤger ſie ausgedacht werden ſollten. Waͤhrend der Marquis de Denia nach ſeinem Garten ging, um die Moͤglicheit einer Zuſammenkunſt mit Almiren auszuſinnen, begah ſich Antonio nach Hauſe. Mangel an Ruhe in der vergangenen Nacht machte Denia zu jeden Geſchaͤfte unaufgelegt; er ſetzte ſich daher in eine Laube von Immergruͤn, einem Springbrunnen, ge⸗ genuͤber, deſſen Plaͤtſchern ihn munter erhielt, und beſchloß, dem Grafen Potenza, nach der Zeit der gewoͤhnlichen Mittagsruhe, ſeine Aufwartung zu machen, um ihn in ſeiner Liebesangelegenheit um Rath zu fragen. Antonios Liebe zu Almiren freute ihn um ſo mehr, da ſie zum doppelten Bande ſuͤt die neu errichtete Freundſchaft wurde, und eine raben, als doh fft ſichtbar thet ht geringe Be 3 Velos toc ie Mittel, wi tten. Exſt ab ſand, ſchiche tbende Pläne m ziele fühten werden ſollten. Denia mc eit einen öglichk ingbrunnen, gis ter ethielt⸗ und nach der 30 ine Aufwartug ahlt teargelchen 7 1 fteute i er— n Bande tel 3 nd tde/ 1 255 Kette gleichſam bildete, durch welche jener mit ſeinem eigenen Vortheile zuſammen hing. Waͤre auch kein anderer Gewinn außer dem Vergnuͤgen der Vertrau⸗ lichkeit daraus hervorgegangen, ſo war doch dieſer allein ſchon fuͤr einen Mann unſchaͤtzbar, der ſo wie Denia in einem Schwalle ſeltſamer Ereig⸗ niſſe verwickelt lag, die ihn als Opfer eines un⸗ verſoͤhnlichen Verfolgungsgeiſtes zu bezeichnen ſchie⸗ nen, den er weder vorausſehen, noch von ſich ab⸗ wenden konnte. Lange ſaß er ſchon, in Zweifel und Muth⸗ maßungen vertieft, was wohl Don Padilla be⸗ wogen haben mochte, eine ſo weite Reiſe zu un⸗ ternehmen, als er ploͤtzlich durch haſtige Schritte, die ſich ihm naͤherten, aufgeſchreckt wurde. Neu— Jierig blickte er auf und fuhr dabei wie aus einem n tiefen Schlafe empor, da er Raolo, in Reiſe— kleidern, die ſo mit Staub bedeckt waren, als waͤre er unmittelbar von einer weiten Wanderung juruͤck gekommen, vor ſich ſah.„Himmel! wo⸗ her kommſt Du?“ ſchrie der Marquis. „Scheint es faſt, als ob Du den Staub meines Schloſſes noch auf Dir truͤgeſt!“ „So eben komme ich von einer weiten Reiſe iuruͤck,“ verſetzte Raolo mit niedergeſchlagenem 4— 2⁵6 Tone.„Leider! waͤre es aber viel beſſer gewe⸗ 1 4 ſen, wenn ich ſie unterlaſſen haͤtte.“ viſe „Wo in aller Welt biſt Du geweſen?“Enn ſchrie der Marquis mit zunehmender Ueberra⸗ h ſchung.„Seht Senor!“ antwortete er, un „es iſt Koͤpfen, wie der meinige einer iſt, iht nicht gegeben, die Folgen von Unternehmungen zu ine uͤberlegen, da doch ſelbſt weiſere Menſchen fehlen. Mo— Gewiß ſollte ein gemeiner Soldat niemals ohne ſatte 1 hoͤheren Befehl handeln; da dachte ich die Be⸗ onj ſatzung durch Ueberfall zu ſchlagen, hatte mich fam aber ganz ſchaͤndlich verrechnet; verzeiht daher, und en nehmt den Willen fuͤr die That!“ Jht „Welche Ahnung!“ erwiederte Denia, „Du warſt doch nicht auf dem Schloſſe Mon⸗ hen tillo?“ 4 „Bei Gott, Senor, Ihr ſeyd ſchon auf dem Uun rechten Wege,“ verſetzte Raolo mit demuͤthigem drt Tone.„Gewiß beſinnet Ihr Euch noch, daß rard mir aufgetragen wurde, das Landhaus ausbeſſern hn zu laſſen, und alles herbei zu ſchaffen, bis Ihr an lce kommen wuͤrdet; da dachte ich aber ſo bei mit ſelbſt, daß eine Frau doch unumgaͤnglich nothwen⸗ in diger waͤre. Welche konnte da ſo willkommen ſeyn, hel als jene Einzige, die Ihr ſchon laͤngſt gewaͤhlt hattet, und ſo“— ſite 1. iel beſſer gelbe⸗ . Du geweeſen!“ nender Ueberrn⸗ antwortete er, nige einer it, ternehmungen zu Menſchen fehlan. t niemals ohne bte ich die Bo⸗ hatte mich md tzeiht daher, ul derte Denit, Mol' Schloſſe er d d ſchon auf de wit demühige d euch noch, usbeſſe 257 „Und was ſo?“ ſchrie der Marquis, nicht wiſſend, ob er lachen oder ſich zuͤrnen ſollte.„Zur ache Kerl!“— „Verlegen drehte Raolo denn Hut in der Hand und begann endlich wieder:„Seht Senor, da ich wußte, daß Ihr ſchon zu verſchiedenen Zei— ten Briefe an den alten Gonzalez im Schloſſe Montillo geſandt, und keine Antwort erhalten hattet, ſo dachte ich, daß Eure ganze Krankheit von der Sehnſucht nach Donna Virginien her⸗ ſtamme, und nahm mir daher vor, ſie zu entfuͤh⸗ ren und nach Eurem Landhauſe zu bringen, da Ihr es am wenigſten vermuthen wuͤrdet.“ „Sicher kam ich in den kleinen Flecken an, der ungefähr eine Meile weit vom Schloſſe ent— fernt liegt, wo ich es fuͤr das Beſte hielt, mein Quartier aufzuſchlagen. Nu— nu— ich hatte dort auch ſo eine— kleine Bekanntſchaft, und ward in der Huͤtte des ehrlichen Perez ſowohl von ihm, als ſeinen beiden Toͤchtern herzlich be⸗ willkommt!“— „Gewiß haben Dich dieſe zwei Toͤchter um deinen Verſtand gebracht;“— ſagte der M arquis wi läͤchelnd. „Nein, Senor, das hoffe ich nicht,“ erwie⸗ derte R„ 1 erte Raolo.„Jch habe auch wahrlich ſo wenig, I. Theil. 17 1 258 daß es gewiß jammerſchade waͤre, dieſes Bischen eines Weibes wegen zu verlieren.— Wie natuͤr⸗ lich, fragte ich gleich nach der erſten Verwunderung, wie es auf dem Schloſſe gehe.“ „Alles im Alten, wie ich glaube?— Die Damen noch immer nicht verheirathet?“— „„Noch immer nicht,““ verſetzte Percz. „„Laͤßt ſie der alte Brummer doch Niemanden ſehen. Schon oft dachte ich mir, wenn ich ſo ein großer hoher Herr waͤre, wie ich da Sturm lau— fen wollte, uͤber die Mauern des Schloſſes, um dieſe lieblichen Dinger herauszukriegen. Bei Gott, ich kann mir die Galle des alten Padilla nicht ſchön genug denken; ordentlich wohl ums Herz muß es einem werden, hat man dem alten Quäl⸗ teufel einen recht derben Poſſen geſpielt.— Seht, da iſt zum Beiſpiel meine Tochter Martha, die wohl manchmal mit Eßwaaren nach dem Schloſſe geht. Erſt unlaͤngſt hatte ſie mit den Damen im Schloßgarten Blumen gepfluͤckt und erzählte mir bei ihrer Nachhauſekunſt, daß die beiden Fraͤu⸗ leins ſo tief geſeufzt, und ſo blaß ausgeſehen haͤt⸗ ten, daß mir ſelbſt ganz ſonderbar zu Muthe ward.““ „Kaum hatte ich dieſe Worte vernommen, ſo war mein Plan auch ſchon gemacht; wie natuͤr⸗ dieſes Bischen — Wie natuͤr Verwunderung, nube?— Die 6t erſette Pereh och Niemanden venn ich ſo ein da Sturm lau⸗ Schloſſes, um Bei S di Nartha,! gloſſt 6 dem Sch Damel t und erzihll zit den Fräͤl je beiden F ( zät ausgeſehen Muthe rbar zu 8 men, om 9 wie Hoil vern ht; 259 lich ſollte Perezen's Tochter Virginien ei⸗ nige Zeilen, die ihr uͤber die Urſache meines Hier⸗ ſeyns naͤhere Auskunft gaben, heimlich uͤberbringen. Mit leichter Muͤhe wollte ich dann die zerfallene Mauer an der Flußſeite erklettern und mich in je⸗ ner Lieblingsgrotte verbergen, bis der Zeitpunkt her⸗ an gekommen waͤre, wo ich alle Mittel zu unſerer Flucht mit Donna Virginien verabreden konnte. Zwar machte Perez anfaͤnglich Einwen— dungen, bald vertrieb ich ihn aber alle ſeine Be⸗ denklichkeiten durch einige Dublonen, die nach der Meinung der Studenten von Toledo die kuͤhnſte Figur in der Rhetorik waͤren. Mit grinſendem Lacheln erzaͤhlte er mie zugleich, daß ſich Don Pa⸗ dilla neuerdings eine junge Frau gewaͤhlt habe.“ „Was ſagſt Du?“ ſchrie der Marjquis, „Don Padilla waͤre abermals verehelicht?“ „Ach nein, Senor,“ ver ſetzte Raolo.„Wißt ja wohl, daß zwiſchen dem Willen und der Aus⸗ fuͤhrung ein himmelweiter Unterſchied iſt. Eben war er bereit, ſeine Braut zum Altar zu fuͤhren, als ein Fremder anlangte, deſſen wilde Miene einen ſo ſchrecklichen Eindruck auf Padilla machte, daß er leichenblaß zu Boden ſank, wodurch das ganze Schloß in allgemeine Verwirrung gebracht wurde, und die Trauung unterblieb. Niemand wußte, wer 47 —— 260 der Fremde war, der ſich nicht laͤnger als eine halbe Stunde in Padilla's Schloſſe befand. Mit ſtummer Miene beſtieg er endlich ſein Pferd und eilte wie der Sturmwind von hinnen. Wer er nun aber ſeyn mochte, blieb leider unerforſcht; ſo viel iſt aber gewiß, daß er Don Padilla durch ſein Erſcheinen um die Braut brachte.“— „Vier Tage hielt ich mich als Bauer verkleidet bei Perez auf, ohne daß ich es wagte, die Huͤtte zu verlaſſen, in der es ſo finſter war, daß kaum einer des andern Naſe erkennen konnte. Erſt als der Tag kam, an dem die kleine Martha aufs Schloß ging, gab ich ihr einen Zettel, worauf ſtand, wer ich ſey, und wo ich die Damen erwar⸗ ten wolle,“ „In Kurzem hatte Martha ihre Rolle auf⸗ gefaßt, und ſplelte ſie auch ganz allerliebſt. Die Damen wußten ſich vor Freude kaum zu faſſen, als ſie ſo unerwartet Nachricht von dem ſchoͤnen Marquis erhielten, denn ſo werdet Ihr ſtets von ihnen genannt: obgleich ſie ſich nicht entſchließen konnten, mir eine Zuſammenkunft zu geſtatten. So wie ich die Weiber aber kenne, haͤtte ich doch mein ganzes Habe und mich ſelbſt obendrein gegen einen einzigen Marawedi verwettet, daß ſich Eine von V inger als eine chloſſe befand. ich ſein Pfetd hinnen. Wer ter unerforſcht; on Padilla lt brachte.“— zauer verkleidtt unte. Erſt 1 Nartha auß zetl, woral Damen erwal⸗ hre Rolle duh lerliebſt um zu faſſm n demm ſchonet Jhr ſiet 3n„ ht entſchlie — 5 geſttten · ih doch 4½ vol 261 ihnen, wo nicht gar beide zur beſtimmten Zeit ein⸗ finden wuͤrden.“ „Sobald es dunkel ward, ſtahl ich mich daher auf Nebenwegen bis an die alte« Gartenmauer, wo das Schloß an dem Fluß grenzt. Leider! fand ich aber mehr Schwierigkeiten bei Ueberſteigung derſel⸗ ben, als ich gedacht hatte. Nur durch ein Wage⸗ ſtuͤck kam ich in den Garten. So gut als moͤglich mit Haͤnden und Fuͤßen um mich her ſuchend, ſchlich ich auf finſteren Wegen vorwaͤrts und erreichte end⸗ lich nach unzaͤhligem Straucheln die Lieblingsgrotte. Obſchon ich nicht wußte, auf welche Art, ſo ahnete mir doch die Moͤglichkeit, daß Padilla Ver dacht geſchoͤpft haben koͤnnte, und lauſchte lange mit zit⸗ terndem Herzen. Es iſt nun einmal ſo, wenn man mit gewiſſen Dingen zu thun hat, ſo erſchrickt man vor ſeinem eigenen Schatten.“ „Oh nur zu wahr, Raolo,“ ſchrie der Mar— quis,„und daher koͤmmt es auch, daß Schurken und Gauner gewoͤhnlich ſeige ſind.— Doch weiter!⸗— „Scheu und furchtſam,“ fuhr Raolo fort, „verbarg ich mich unter Roſenſtraͤuchern und war⸗ tete, bis die Glocke 12 ſchlug. Fuͤrchterlich wieder⸗ hallten die ſchweren Schlaͤge in dem alten Schloſſe. Wahrlich! weit lieber möͤchte ich auf Vorpoſten 262 ſtehen, als mich jemals wieder in einer ſolchen Lage befinden. Mit einem Male erinnerte ich mich jetzt all' der fuͤrchterlichen Hiſtorien, die von dieſem Schloſſe in der Umgegend erzaͤhlt werden, und wuͤnſchte mir, ſchon wieder mit heiler Haut davon zu ſeyn.“ „Laͤngſt ſchon war der Schlag halb Eins vor— uͤber, und noch ließen ſich keine der Damen ſehen. Nichts ſchien mir gewiſſer, als daß ſie ihre Neu— gierde aufgegeben haͤtten; doch verdroß es mich nicht wenig, daß ich eine ſo weite Reiſe vergebens ge⸗ macht, und wie ein Knabe zuruͤck kehren ſollte, der vergeſſen hatte, was man ihm auszurichten befahl. Eben wollte ich auf allen Vieren den Ruͤckzug an— treten, als ich von der Ferne ein leiſes Kniſtern im Sande vernahm und mit der ſuͤßeſten Stimme von der Welt Raolo! Raolol rufen hoͤrte.“ „Da bin ich! Donna, ſchrie ich, kroch ſo eilig als moͤglich aus meinem Hinterhalte her⸗ vor und war mit einem Satze auf dem Wege, wo ich ploͤtzlich Almiren vor mir fand.“ „„Geſchwind! geſchwind!““— fluͤſterte ſie— „„ſage, was bringt Dich hieher? wie geht es Deinem Herrn? Haſt wohl etwas Neues von Fernando mitgebracht! Sprich doch um des Himmels willen geſchwind! Nicht einen Augen⸗ ner ſolchen Lage te ich mich ſetzt die von dieſem werden, und ler Haut davon halb Eins vor r Damen ſehen. ß ſie ihre Neu⸗ oß es mich nicht e vergebens gen hren ſollte, der hten befahle Nüͤckgug aue leiſes Kniſtern ſen Stimtue ,4 74 kufen hoͤtten gris ich, kroch rle 263 blick lang kann ich mich bei Dir aufhalten. Vir⸗ ginia hat den Zettel, den Du uns ſchickteſt, ver⸗ loren. Leider wiſſen wir nicht, wo er hin kam, daher 7777 war ſie auch viel zu aͤngſtlich, ſich hieher zu wagen. „So vernehmt denn in Kurzem,“ verſetzte ich,„daß ſich mein Herr ein neues Haus baut; da hab' ich mich denn fortgeſtohlen, um zu verſu⸗ chen, ob ich nicht eine Frau ſtehlen koͤnnte, die das Regiment darin fuͤhrt; da ein Haus ohne ei⸗ ner Frau, wie Ihr wißt, ſo viel wie gar nichts gilt.“ „Laͤchelnd erwiederte ſie, ob das wirklich mein Ernſt ſey? Warum Ihr nicht ſelbſt gekommen waͤret? und machte gerade wie alle uͤbrigen Frauen⸗ zimmer noch tauſend Fragen, die ich leider! nicht beantworten konnte.“ „Erſt nachdem ſie eine kleine Pauſe machte, ergriff ich die Gelegenheit, ihr zu verſichern, daß ich in der folgenden Nacht ein Boot am Fluſſe und eine Leiter an der Gartenmauer bereit halten wuͤrde, wenn ſie anders Muth genug haͤtte, ſich und Virginien Eurem Schutze zu uͤbergeben.“ 77 „„Wie gerne wuͤrde ich mit Dir gehen, erwiederte ſie,—„„koͤnnte ich nur Virginien bereden, ein Gleiches zu thun. Leider! wird ſie es aber um keinen Preis in der Welt wagen, ob⸗ 264 ſchon ſie dieſes oͤden und traurigen Gebaͤudes eben ſo ſatt iſt, als ich es bin.““ „„Biſt Du das?““ ſchrie jetzt eine rauhe Stimme.„„Ja bei den Tiefen der Hoͤlle, ich ſchwoͤre es, Du ſollſt nicht lange mehr darin blei⸗ ben!⸗⸗— „,„Gott im Himmel! mein Vater!““— ſchrie jetzt Almira und ſank zur Erde. Ohne ſich aber um ſie zu bekuͤmmern, zog Padilla ſein Schwert, und ſtuͤrzte auf mich los. Da ich außer einem Dolche keine bei mir trug, ſo hielt ich es fuͤr das Kluͤgſte in der Flucht mein Heil zu ſuchen. Mit Bithetſahnal ſprang ich uͤber einen Buſch von Immergruͤn; in raſender Wuth wollte mir Padilla nach, ſiel aber uͤber Almiren, die zwiſchen uns lag und ließ mir auf dieſe Weiſe Zeit, gluͤcklich zu entkommen.“ „Mit foreirten Schritten eilte ich zu Perez zuruͤck, der ſich uͤber den Erfolg meiner Unterneh⸗ mung nicht wenig betruͤbte. Martha benetzte ihre ſchoͤnen Augen mit Thraͤnen, und ich war nahe daran, mir das Bischen Gehirn aus meinem Kopfe zu ſchlagen. Zum Gluͤcke erinnerte ich mich aber, daß ich ohnehin ſo wenig habe, und beſann mich eines Beſſern. Wie der Fuchs um den Huͤhnerſtall, ſchlich ich des andern Tages im Walde umher; Gebaͤudes eben der Hoͤlle, ich nehr darin blei⸗ 1— Pater! r Erde. Ohne Padilla ſein Da ich außer trug, ſo hielt K.1 1 zt mein Heil zu ich uͤber einen Zuth wollte el Wnl) 6. t Almiren, d „ ii jeſe Weiſe Sei, meil ch aber⸗ ich mich a 4 beſann mich 15 p— erſtall 2 n Huͤhl gaalbe umhtr; 265 konnte aber keinen einzigen Menſchen aus dem Schloſſe zu ſehen bekommen.“ „Erſt am zweiten Morgen ſah ich einen von den Dienern laͤngs des Weges mit einem Fiſcher⸗ netze an den Fluß gehen.— Holla Kammerad! — ſchrie ich— ſeyd Ihr vom Schloſſe?— „„Wahrſcheinlich,““ erwiederte er mit wichtiger Miene,„„bleibt mir mit der Kammeradſchaft aber immerhin vom Leibe.““— Hoho! ant⸗ wortete ich— die hat wol ſchon manch' groͤßerer Mann geſucht. Wie geht es doch all' den alten Kerls auf dem Schloſſe, dem Martin, Gonza⸗ lez und Hugo; was machen die Juͤngfergen? Waren bei meiner Treue recht herzige Dingerchen darunter!“ „„ Wahrlich, ſehr vertraulich;““— murmelte er, indem er mich ſeitwaͤrts anglotzte, trotz dem hatte ich ihn aber durch einige Schlucke Aqua vitae, den ich bei mir trug, bald ſo weit herum, daß ich in Kurzem erfuhr, daß Padilla nach wenigen Tagen eine Reiſe nach Madrid antreten wuͤrde, um die jetzt etwas unpaͤßliche Almira in ein Kloſter zu bringen, mit deſſen Vorſteherin er beſonders gut bekannt ſeyn ſoll.“ „Kaum kam mir dieſe Kunde zu Ohren, ſo eilte ich auch ſchon nach Toloſa und legte mich 266 in Hinterhalt, da ich es fuͤr ſehr wahrſcheinlich hielt, daß die Reiſe nach Madrid nur ein Vorwand ſey, um den Ort, wohin er Almiren wirklich bringen wollte, nicht bekannt werden zu laſſen. Mehrere Tage befand ich mich ſchon in Toloſa, als Padilla wohlbewaffnet und beritten anlangte. Mit aͤngſtlicher Sorgfalt folgte ich ihm in einiger Entfernung, und wuͤrde faſt mit ihm zugleich hier angekommen ſeyn, haͤtte mein Pferd nicht durch einen unvorſichtigen Tritt das Bein gebrochen, ſo daß ich es zuruͤcklaſſen und den Reſt des Weges zu Fuße machen mußte.“ Obgleich der Marquis beim Schluſſe der Erzaͤhlung ſo ziemlich mißvergnuͤgt war, ſo konnte er doch nicht umhin, den Eifer ſeines Raolo zu bewundern, und ließ es fuͤr dieſes Mahl genug ſeyn, ihn zu warnen, in Zukunft auch nicht einen Schritt ohne ſein Wiſſen zu thun.“ Wie natuͤrlich unterließ Denia jetzt den Be⸗ ſuch beim Grafen Potenza, da er beſorgen muß⸗ te, Don Padilla dort anzutreffen. Weit zu⸗ traͤglicher ſchien es ihm, daß ſich Antonio durch Potenza's Huͤlfe mit Don Padilla bekannt machen ſollte, ohne jedoch ſeine Bekanntſchaft mit ihm zu erwäͤhnen. Obſchon es ſein ſehnlichſter Wunſch war, ſich bei r wahrſcheinlich zur ein Vorwand miren wirklich erden zu laſſen. on in Toloſa, eritten anlangte. ihm in einiger hm zugleich hier ferd nicht durch in gebrochen, ſo Reſt des Weges 6 d n Schluſſe der war, ſo konnte rines Raolo 1 ſts Mahl geul . inen auchRnicht din B3 „zat den M 1 jeßt d 267 Almiren uͤber Virginiens Schiickſal zu erkun⸗ digen, ſo konnte er doch kein Mittel auffinden, eine Unterredung zu bewerkſtelligen, da er auch nicht im geringſten zweifelte, daß ſie von ihrem Vater mit unablaͤſſiger Sorgfalt bewacht wuͤrde. In duͤſteres Nachdenken verſunken, ſaß er noch in ſei— nem Zimmer, als Antonio eintrat, und einen Spaziergang nach dem Prado*) vorſchlug; wozu ſich Albert um ſo williger bequemte, da er Al⸗ miren mit der Familie des Grafen dort zu ſehen hoffte. Darin hatte er ſich aber ganz gewaltig verrechner. Erſt nach langem Suchen ſah er Don Padilla mit dem Grafen Potenza allein aus der Entfernung heran nahen. Auf einmal fuhr ihm ein Gedanke durch den Kopf, den er auch ſo ſchnell als moͤglich auszufuͤh— ren trachtete.—„Tritt ihnen in den Weg,“ ſprach Denia mit einer Haſt zu Antonio, als ob er das ganze Weltall zu gewinen haͤtte,„Du kennſt den Grafen, lade ſie daher zu einem Spa⸗ ziergange ein und ſuche ſie wenigſtens eine Stunde lang aufzuhalten. Wie auf Windesſittigen will ich in der Zwiſchenzeit- nach ſeinem Palaſte eilen; oh vielleicht gelingt es mir auf dieſe Art mit Al⸗ miren einige Worte zu ſprechen!“ *) Alleen, von denen Madrid durihſchnitten iſt, Kaum hatte Denia geendet, als ihm Antonio den beſten Erfolg wuͤnſchte, und bei der naͤchſten Wendung der Allee, auf den Grafen Potenza und Don Padilla zuging. Lange hielt er ſich im Geſpraͤch blos an den Erſteren, waͤhrend er Letz⸗ teren mit hoͤflicher Zuruͤckhaltung behandelte. Ploͤt— lich bemerkte er jetzt eine Dame, deren Geſtalt und Benehmen Almiren aͤhnlich ſahen; er fragte ſo— gleich den Grafen um ſeine Meinung und bemerkte laut, ſo daß es Padilla hoͤren konnte, daß dieſe Dame aus der Ferne die erſtaunlichſte Aehnlichkeit mit einer Anderen haͤtte, die er am vergangenen Abende beim Herzoge von Alcantara geſehen habe.„So wie ich glaube,“ fuhr er zu Padilla gewendet fort—„nanntet Ihr ſie, Tochter?“ „Was ich nicht wuͤßte,“ verſetzte Padilla mit ſpitzem Tone.„Es muͤßte nur ſeyn, daß Ihr, Marquis, ein beſſeres Gedaͤchtniß haͤttet als ich ſelbſt.““ „Das koͤmmt wohl daher“— erwiederte An⸗ tonio, ſich verbeugend—„weil man ſich deſſen, wofuͤr man ſich intereſſirt, gerne erinnert. Gewiß wuͤrde ich das Verlangen geaͤußert haben, mit Ihr naͤher bekannt zu werden, waͤre ſie nicht Eure Tochter!“— „Und warum nicht, da ſie es iſt?“ fragte ihm Antonio bei der ih nfen Potenz ne hielt er 1 hrend er Let⸗ andelte. Plob⸗ ren Geſtalt und n; er fragte ſo⸗ g und bemerkt 6 dieſ onnte, daß dieſe Aehnlichkei um vergangenel ntara geſehen Padille ,77 „Cocter! dilla mit 269 Potenza erſtaunt;„was habt Ihr gegen ſie als Don Padilla's Tochter einzuwenden?“ „Gewiß nicht das Geringſte,“ verſetzte de los Velos;„deſto mehr ſcheint aber Don Padilla gegen mich einzuwenden.“ „Denkt doch keine ſolchen Dinge,“ erwiederte Potenza.„Kommt, Don Padilla, und laſſet mich Euch den Marquis de los Velos als Euren kuͤnftigen Schwiegerſohn vorſtellen.“ „Nimmermehr; murmelte Padilla froſtig. „Warum ſolltet Ihr dem Gluͤcke Eurer Toch⸗ ter, ſobald es eine anſtaͤndige Verſorgung gilt, und ſich ein edler Mann um ihre Liebe bewirbt, ent⸗ gegen ſeyn?“ fragte Potenza mit ruhigem Tone. „Ich wuͤrde keinen Anſtand nehmen, Antonio mit meiner Familie zu verbinden; ungluͤcklicher⸗ weiſe befindet ſich aber in meinem Hauſe keine an⸗ nehmbare Parthie.“ „Gebt Euch keine Muͤhe, mich zu uͤberreden,“ ſchrie Padilla.„Saht Ihr je, daß ich meinen Willen aͤnderte, wenn ich mir etwas vorgenommen hatte? Almirens Kl loſterbeſtimmung iſt eine laͤngſt beſchloſſene Sache.“ Noch lange ſprach Potenza uͤber de los Velos Liebe zu Almiren, leider! wurde Pa⸗ dilla aber immer muͤrriſcher, bis der Graſ zu arg⸗ 84 un, daß er gewiß einen ſehr wichti⸗ n)ebegs d Grund haben muͤſſe, jenen Antrag lu. aunendn, der in keiner Hinſicht zu ſo beſti zaideine ddene Herzen nahm Antonio di zuſchied und war nicht wenig hnesans 1 r zu vernehmen, der ohne degee. Pallaſte anlangte. Unvorzuͤglich hauts D des eee Schweſter, monenhe ahhigrie Auhsaße eune zute. anfe Hocherroͤthend ze d hnrgeßitn Beſuch hatte ſie doch noch e deſeehanet genug, dem Marquis d9 Geiſtesg aninte anzudeuten, ſich aller befandere ne thalten, die er allenfalls in Wucſh Piagen 8 ten zerhaltrun an ſie rütten maͤchre Du 8 ren die erſten Daſüchskom patmente ot⸗ Pasr ,u erach Denia Almirens Sciickſale 3 auene e 4 eue jammerſchade,“ ſagte uhaiheeig i1.uus—„daß Almira von dende, den alten Eigenſinn, fuͤr das Klo⸗ eſtimmt wird?“ Arie de 8„ig nur fuͤr jammerſchade,“ 2 ddren u NRarquis, mit zaͤrtlichem Frer Geut denn d eine unverzeihliche Grauſamkeit! e Gottheit ſeyn, das derſtreitet Leben wol la's Vil „So zeſehte: und verlie merkt hab guis we volte, Kaum ſcon zu ſeit ſit eine eini an Luch dech nun Unvorſich ſprecht, So le Almi wan wien ſe Luch nun abe Nandor ehr wichtis den Antrag hinſicht zu io endlich Denia's Anſtand in uͤglich hatte tha, ſeine Almiren, cherroͤthend doch noch / durch uls ade, 1 ſagte mira u ir das 8 ſchrie andern ſond „ eann d ib kan 271 Gottheit mit einem Geluͤbde nicht wohl gedient ſeyn, das den heiligſten Geſetzen der Natur wi— derſtreitet; und mit meinem Blute, mit meinem Leben wollte ich jedes Mittel erkaufen, das Padil⸗ la's Willen aͤndern wuͤrde.“ „So begehrt ſie denn zu Eurer Gemahlin;“ verſetzte Donna Bertha nitt laͤchelnder Miene und verließ das Zimmer, da ſie ohne Zweifel be⸗ merkt haben mochte, daß Almira mit dem Mar⸗ quis weit beſſer bekannt war, als jene haben wollte, daß man es wiſſen ſollte. Kaum hatte ſie ſich entfernt, ſo lag er auch ſchon zu ihren Fuͤßen und ſchrie:„Gott ſey ge— dankt, reizendes Muͤhmchen! dieſer Zufall uͤber— ſteigt ſelbſt meine kuͤhnſten Hoffnungen. Nicht eine einzige Frage wagte ich in vergangener Nacht an Euch zu ſtellen, aus Furcht verathen zu werden, doch nun ſprecht, was war die Folge von Raol's Unvorſichtigkeit? Wie lebt Virginie? oh ſprecht, ſprecht, erinnert ſie ſich meiner noch?“ „So ſchmerzlich es auch iſt,“— verſetz— te Almira—„ſich deren zu erinnern, die man wieder zu ſehen keine Hoffnung hat; ſo kann ſie Euch doch noch immer nicht vergeſſen; ſagt mir nun aber auch Marquis, was macht Fer⸗ nando? Was iſt mit ihm geſchehen?“ — 272 „Leider! weiß ich das nicht,“ erwiederte Denia.„Mehrere Monate ſind es ſchon, daß ich keine Nachricht von ihm erhielt; habe nun aber einen andern Freund, der mir eben ſo theuer iſt, und auch Euern Reizen Gerechtigkeit wiederfahren laͤßt. Gebt ihm daher die Stelle meines verlornen Freundes auch in Eurem Herzen, da Ihr ohnehin wißt, daß Euch Fernando das nicht war, was Ihr gewuͤnſcht haͤttet, daß er Euch waͤre.“ „Bedenkt“— verſetzte Almira mit hochge⸗ faͤrbten Wangen und einem leiſen Seufzer, der ſich ihr aus dem Buſen ſtahl—„daß ich zu einem Stande verdammt bin, der jedes ſolche Verhaͤlt⸗ niß verbietet. Obgleich ich fuͤhle, daß ich mich zu dieſem Stande gewiß am wenigſten eigne, ſo werde ich doch das Moͤglichſte thun, mich in die ſo ſtrenge Disciplin eines Kloſters zu fuͤgen, wie das der Dominikaner⸗Nonnen iſt.““ „Ja bei Gott!“— ſchrie Albert,—„Don Padilla iſt mir halb grauſam. Sollte es denn aber kein Mittel geben, Euch Eurem Geſchicke zu entreißen?“ „Beim Himmel, nein!“— erwiederte Almira; „mein Vater hat die Ausfuͤhrung dieſer Beſtim⸗ mung mit dem fuͤrchterlichſten Eide beſchworen. Auch iſt ſein Gemuͤth, inſofern es moͤglich iſt, noch viel zittert fuͤ ner Abwe „So lig iſt,. ich ſie mit nach einer Hand ergt aſet Eu⸗ belos, Vort aus V vas er 9. halte l i bewegt dringen, u V Uando?. Kann ite der N ihr die e bte, nicht „ Oh c,„da Zkeit beh uß mir drig 60 leit „„ Glau 1 5 Theil. erwiederte hon, daß nun aber theuet iſt ederfahren verlornen r ohnehin war, was 2. l 6 nit hochge⸗ er, der ſch zu einem 1 Verhaͤlt⸗ h mich zu ſo werde 6 ſtrenge 2 e das der 273 noch viel ernſter geworden; ſelbſt meine Schweſter zittert fuͤr ihr Leben, und Gott weiß, was in mei⸗ ner Abweſenheit noch mit ihr geſchehen wird.“— „So ſchwoͤre ich denn bei Allem, was mir hei⸗ lig iſt,“— ſchrie Albert rachegluͤhend,—„daß ich ſie mit meinem Leben beſchuͤtzen will!“— Erſt nach einer kleinen Pauſe, fuhr er, Almirens Hand ergreifend, mit gemaͤßigterem Tone fort:„Oh laſſet Euch meinen Freund, Atonio de los Velos, eben ſo empfohlen ſeyn. Ein ei zziges Wort aus Eurem Munde, und er liegt mit Allem, was er beſitzt und vermag, zu Euren Fuͤßen.“ „Haltet ein,“— erwiederte Almir a, ſchmerz⸗ lich bewegt;„welches Opfer wuͤrde ich nicht gern bringen, um ein groͤßeres zu vermeiden, doch Fer⸗ nando“— „Kann nie der Eurige werden,“— antwor⸗ tete der Marquis ſchnell,—„und gewiß koͤnnet Ihr die Hand eines Mannes, ſelbſt wenn er noch lebte, nicht wuͤnſchen, der kein Herz fuͤr Euch hat.“ „Oh ich weiß,“ rief ſie jetzt etwas empfind⸗ lich,„daß mich Fernando ſtets mit Gleichguͤl⸗ igkeit behandelte, und ſehe nun nur zu deutlich, daß mir außer dem verhaßten Schleier nichts übrig bleibt!“— „Glaubt mir,“ ſagte der Marquis laͤchelnd, I. Theil. 18 274 „daß ein junger ſchoͤner Mann mit reichlichen Ein⸗ kuͤnften dem Roſenkranze und Nonnenſchleier gewiß in jedem Falle vorzuziehen iſt. Hoffentlich wird Euch die Zeit davon wohl uͤberzeugen. Uebrigens, wenn es auch wirklich dahin kommen ſollte, ſo bleibt Euch doch bis zum Aeußerſten eine Jahrlange Bedenkzeit; und ich moͤchte faſt glauben, ſchoͤnes Mauͤmchen, daß, da ſich in zwoͤlf Monaten weit groͤ ßere Dinge ereignen koͤnnen, auch Ihr Euch eines Beſſeren beſinnen werdet.“ Kaum hatte er geendet, ſo trat Donna Bertha in das Zimmer, und fragte mit ſchalkhaftem Laͤcheln: Ob Almira noch immer darauf beſtehe, Nonne zu werden? „Beinahe fuͤrchte ich, daß es ſo kommen wird,“— verſetzte Albert,—„ woferne Ihr ſie nicht uͤberreden koͤnnet, daß der Pallaſt eines jun— gen Edelmannes weit angenehmer als ein Kloſter ſey.“ Nach einigen aͤhnlichen Geſpraͤchen verließ der Marquis des Grafen Pallaſt, die Empfindungs⸗ gabe ſeines Freundes bewundernd, mittelſt welcher es ihm gelang, die ungebetenen Gaͤſte ſo lange entfernt zu halten. Kaum war er aber einige Mi⸗ nuten fort, als der Graf mit Don Padilla vom Spatziergange zuruͤck kam. N V „Vel Potenz Fenſter be Liebhaber ich aber n „CGib ſchrie Do ſolchen 1 magſt alſe eben.“ „Waͤl ich wohl „Sol unſere G etwiedert d ſern m „9h! on dieſe Gräfi zn em danſ ekehr dargun „Und aß er es ieſn A hlichen Ein⸗ gleier gewiß en weit gro Euch eines a Berthe tem Lächeln: Nonm the, er komme ſo 2„ ues itll †einen) dlaſt eln Kloſt 6 d verlieh empſindunh tteſt we ſee ſo l r einige gadil n P „Vernehmt denn, ſchoͤne Donna!“ begann Dotenza, waͤhrend ſich Don Padilla am Fenſter beſchaͤftigte,—„daß wir ſo eben mit einem Liebhaber von Euch zu thun hatten; leider weiß ich aber nicht, wie wir die Sache behandeln ſollen!“ „Gib Dir deswegen nicht die geringſte Muͤhe,“ ſchrie Donna B Bertha;„haben wir doch einen ſolchen Anbeter bei uns im Zimmer gehabt; Du magſt alſo dem Deinigen immerhin den Abſchied geben.“ „Waͤre es moͤglich?“ laͤchelte der Graf.„Darf ich wohl wiſſen, wer es war?“ „Sobald alles in Ordnung iſt, wollen wir unſere Geheimniſſe gegen einander austauſchen,“ erwiederte des Grafen Schweſter;„doch— in ſo fern mir Almira erlaubt“— „Oh! ſchweigt doch um des Himmels Willen von dieſer Sache,“ fluͤſterte Almira bebend der Graͤfin zu, waͤhrend ſie ſcheu und furchtſam nach dem Fenſter blickte, wo Don Padtlla in ſich gekehrt ſtand.„Ich verſichere Euch, naß der Marquis gewiß keiner meiner Anbeter iſt.“ „Und doch kann ich in ſeinem Namen eroͤffnen, zaß er es iſt,“— erwiederte der Graf.„Noch dieſen Abend, ſagte er mir, wie unendlich er Euch 71 18 29 276 liebe; auch bat er vor Kurzem erſt Euren Vater Euch ke ) kei um ſeinen Segen.“ „Wahrlich Du biſt ſonderbar,“— lachte Donna Bertha.„ Schwerlich wirſt Du mich aͤberreden, daß mir Augen und Ohren fehlen. Nur wenige Minuten ſind es, daß uns der Mar⸗ quis de Denia verließ.“ „Wie?“ ſchrie Don Padilla jetzt mit fuͤrchterlicher Wuth,„der Marquis de Denia hat es gewagt— doch, wie koͤmmſt Du dazu, Al⸗ beſſer. ſeider! es wagen Mitte dlützlich; laune. des Aben die Geſel done ſei mira? Haſt Du vergeſſen, welchen Abſcheu— hr Nov welchen unausloͤſchlichen Haß ich gegen jenen Men⸗ ſchen habe! Tod und Verderben! muß ich denn dieſen Elenden auf allen meinen Wegen finden?— Doch, verzeiht mir Graf,“ ſagte er jetzt gegen Po— tenza gewendet,“ daß mich der Zorn das Schickliche einen Augenblick vergeſſen ließ;— aber— Gehor⸗ ſam will und muß ich haben; noch dieſe Nacht wirſt Du Dich, Almira, fuͤr das Kloſter berei⸗ ten!“— Sonderbar uͤberraſcht ſtanden Potenza und ſeine Schweſter bei Padilla's Worten. Erſt nachdem ſie ſich etwas gefaßt hatten, wollte Donna Bertha das Geſagte fuͤr Scherz erklaͤren; mit rollenden Augen erwiederte Padilla aber:„Gebt Luren Vater ſt Du nich ren fehlen. der Mar⸗ a jett mit de Denia du daz, Ab Abſcheu— jenen Men⸗ nuß ich denn finden?— t gegen Po⸗ s Schicklich er— Gehol dieſe Nach Kloſter bert tenza d Totten⸗ wollte ekläten; 1 1 aber:7 6 Don 277 Euch keine Muͤhe, Donna. Laͤngſt weiß ich das beſſer. Dieſer Elende koͤmmt mir uͤberall entgegen; leider! iſt es aber mein eigener Fehler, daß er es wagen darf, mit mir zu kurzweiln.“ Mitten in dieſen Ausruſungen beſann er ſich ploͤtzlich und gerieth in ſeine gewoͤhnliche truͤbe Laune. Ein duͤſteres Schweigen hielt den Reſt des Abends uͤber ſeine Zunge gefeſſelt; nur als er die Geſellſchaft verließ, deutete er mit ſtrengem Tone ſeiner Tochter an, daß ſie am naͤchſten Tage ihr Noviziat unwiderruflich zu beginnen habe.— 21 Eilftes Kapitel. Kloſterleben.— Nar zu gut kannte aͤdilla die geln des Kloſters der Dominikan be d zic deren Vorſteherin er ſeine Tochter mit unin deue ſenſten Befehle uͤbergab, ſie weder un nann 1 den ſprechen, noch einen Beienwehſel 95 13, laſſen. Agatha behandelte ihre Niarg— wirklich in eben dem ahe, aia a ui6 wa 1 war, da ſie ſo wie mir kir Vres deber⸗ aus den Armen der Tlni, ra Geliebten geriſſen, und in dieſe d en n Nentee eingekerkert wurde. Anſtatt Ahee ihren eigenen Leiden die Sihme ien a ves bemitleiden, hatte das lranrig⸗ meih vrin ſie einſt erlitt, in ihr unausoͤſchbarki niedag alle jene erzeugt, die ſich umssten⸗ i ſhs Auf ein gluͤcklicheres Loos zu aher. d de h ru Theil wurde. Die Strenge, mi Gewalt, dervergel Gluͤck beu Mitt in ihrer; ach den och wei Gallerien die mlizi ekfuͤllen, in der T Nicht werth, lang. d ſchveſten offn und ſih, das Neinhei war hier wie ihre den nagt nüͤthern lhätige I vetden und Reu Däſeh, rengen Re⸗ Nonnen, dem gemeſ⸗ inem Frem⸗ troͤfnen benen auch behandel der Blüth gelt, ihre⸗ eudenleeren aber na anderer al, welce Haß Jeg Anſorie jihr ſü „ il er ſe 279 Gewalt ausuͤbte, betrachtete ſie als gerechte Wie⸗ dervergeltung, deren ſie ſich nun gegen das boshafte Gluͤck bedienen durfte. Mit namenloſen Schmerzen ſaß Almira daher in ihrer Zelle und blickte mit thraͤnenvollen Augen nach den engen finſtern Kloſtergaͤngen, die ihr noch weit einſamer ſchienen, als jene gothiſchen Gallerien des Schloſſes Montillo, indeſſen ſie die religioͤſen Sinnbilder mit weit knechtiſcher Furcht erfuͤllten, als die Denkmaͤler kriegeriſcher Groͤße in der Waffenkammer ihres Vaters. Nichts blieb ihr in dieſer Lage ſo wuͤnſchens— werth, als der Genuß freundſchaftlicher Mitthei⸗ lung. Vergebens ſuchte ſie aber unter ihren Mit⸗ ſchweſtern nur eine einzige zu finden, die eben ſo offen und redlich waͤre wie ſie, kurz ein Herz be— ſaͤße, das ihr Vertrauen mit jener himmliſchen Reinheit weiblicher Zaͤrtlichkeit bewahrte. Leider! war hier aber jede kalt und zuruͤckſchreckend, ſo wie ihre ganze Umgebung. Laͤngſt begangene Suͤn⸗ den nagten mit zerſtoͤrender Gewalt an den Ge⸗ muͤthern der meiſten Nonnen, da ſie durch keine thaͤtige Beſchaͤftigung oder Zerſtreuung abgehalten werden konnten, daruͤber nachzudenken. Betruͤbniß und Reue ſolterten jene und verbitterten ihnen das Daſeyn, die ſich freiwillig dieſem Stande gewidmet —— 280 hatten, ihre verfehlte Wahl nun aber zu ſpaͤt ein⸗ ſahen, da es nur ſehr Wenigen gelang, aus dem Kelche wahrhaft religioͤſer Begeiſterung zu ſchluͤrfen, wodurch es ihnen moͤglich wurde, mit Gleichmuth' auf den froͤhlichen Weltgeiſt herabzuſehen, der mit ihrer Lebensweiſe ſo ſehr contraſtirte. So oft es daher thunlich war, verſchloß ſich Almira in ihre Zelle, beklagte die Haͤrte ihres Looſes, und ſtieß faſt taͤglich zu den Fuͤßen des Alta— res die ſehnlichſten Wuͤnſche aus, daß es Fernan⸗ den, oder doch wenigſtens dem Marquis gelingen moͤchte, ſie zu befreien. Selbſt die religioͤſen Uebungen gewaͤhrten ihr bald nur mehr voruͤbergehende Erleichterung und konnteu vor der fuͤrchterlichſten Schwermuth bewahren, bis ſie endlich von jener unnatuͤrlichen Gleichguͤltigkeit fuͤr al les um ſich her ergriffen wurde, die mit dem Ekel verwandt iſt, der aus Unmaͤßigkeit oder Ueberladung entſteht. Erſt nach langem ſorgſamen Pruͤfen fand ſie un⸗ ter den Koſtgaͤngerinnen des Kloſters ein Maͤdchen, mit Namen Seraphine, das durch ſeine unſchul⸗ digen Geſpraͤche und munteren Anmerkungen ihre Aufmerkſamkeit anzog. Obgleich ihre ſechszehn Le— bensjahre keine unbedingte Vertraulichkeit geſtatteten⸗ ſo konnt terhaltun Hand lich den. aber ein das Bild gat uͤbe Schweſe Eichenba umher, Helligth ſchien d Adanken Biſtipy erquicken al einen Rumni G Oo ſoh, ſo o ewig und blei dern mi Dewehn noch vor in Kar ſie de u ſpaͤt ein⸗ , aus dem u ſchluͤrfen, Gleichmuth n, der mit rſchloß ſi haͤrte ihres n des Alta⸗ Fernan⸗ 281 ſo konnte ſie doch wenigſtens Vergnuͤgen und Un⸗ terhaltung gewaͤhren. Hand in Hand durchſtrichen ſie daher gewoͤhn⸗ lich den Kloſtergarten mit einander; leider! war es aber ein Garten, in dem ſie bei jedem Schritte an das Bild des Todes erinnert wurden, oder wohl gar uͤber vermoderte Graͤber laͤngſt verſtorbener Schweſtern hinweg ſteigen mußten. Cypreſſen und Eichenbaͤume warfen ihren duͤſtern Schatten rings umher, keine bunde Blume vegetirte in dieſem Heiligthume, kurz, wohin das Auge nur traf, ſchien die Natur mit ewigem Trauern uͤber Todes⸗ gedanken zu bruͤten. Finſterniß verbreitendes Geſtripp rankte von allen Seiten empor, um den erquickenden Sonnenſtrahlen gleichſam den Eingang an einen Ort zu verwehren, wo mißverſtandene Froͤmmigkeit ihren Wohnſitz aufgeſchlagen hatte. So melancholiſch es aber auch im Garten aus— ſah, ſo war er dem Innern des Kloſtergebaͤudes, wo ewige Nacht ihre duͤſteren Schatten verbreitete und bleiche abgezehrte Geſtalten in langen Gewaͤn— dern mit ſchwarzen Schleiern und Guͤrteln gleich Bewohnern der Geiſterwelt unherwankten, den— noch vorzuziehen. Mit Erſtaunen bemerkte Almira in Kurzem, daß ſelbſt an dieſem vorgeblichen Wohn⸗ ſitze der Seelenruhe, wo jede Stimme des Herzens 283 in Schlummer gewiegt ſeyn ſollte, Uneinigkeit und Zwietracht ihre raſende Gewalt uͤbten. Seit mehreren Monaten ſchon war die Aeb⸗ tiſſin bettlaͤgerig; taͤglich und ſtuͤndlich erwartete man ihr Dahinſcheiden, wobei faſt jede der aͤlteſten Schweſtern in der ſuͤßen Hoffnung lebte, die ge⸗ wiſſe Nachfolgerin in ihrem Amte zu werden. Mit jeder Minute erhob ſich daher grenzenloſer Parteigeiſt immer mehr, und erzeugte ſo viele ſchlau und geheim angeſponnene Cabalen, die ſelbſt dem erfahrenſten Diplomaten Ehre gemacht haben wuͤrden. Unmoͤglich konnte ſich Seraphine hie⸗ bei enthalten, mit jugendlichem Leichtſinne uͤber die Thorheit und kleinliche Ehrſucht jener Weiber zu witzeln, die im hohen Alter noch ſo begierig nach den fluͤchtigen Reizen der Ehre haſchten, da es doch weit wahrſcheinlicher war, daß ſich jeder von ihnen, ſtatt der gewuͤnſchten Befoͤrderung, das Grab nur zu bald eroͤffnen duͤrfte. „Oh gewiß muß in dem Beſitze der oberſten Gewalt doch etwas ſehr Reizendes liegen,“ meinte Almira eines Tages, als ſich Seraphine eben wieder mit froͤhlicher Laune uͤber das Sehnen, Hoffen und Cabalenſpielen der Nonnen beluſtigte. „Unmoͤglich wuͤrden ſonſt jene alten froſtigen Wei⸗ ber ſo ſehr darnach ſtreben. O wie ſehnlich wuͤnſch⸗ te auch ſeyn, die den als umgeben ſeyn.( beſitzen, reich zun rings u Auge le tigkeit Einſam im ent, für alle lich wa lleseedr lan, Erſprig ſamkeit aber n zens zu lebers oiltig horen war, d nichts Leben V Uneinigkeit renzenloſer e ſo viele je ſolbſt . die ſel acht haben hine hie⸗ 7 ze uͤber die Weiber zu gierig nach en, da es jeder von jeder as Gra. das G er oberſten ,9 meinte / eraphine „eehnen, 6 Sehne beluſigt Wei- ttigen We ich wuͤnſch⸗ 283 te auch ich mir Koͤnigin einer blumichten Inſel zu ſeyn, die durch hohe Mauern geſchuͤtzt ſowohl Fein⸗ den als Wellen trotzte. Alles, was mich dann umgeben wuͤrde, muͤßte froher und friedlicher Art ſeyn. Schoͤne Palaͤſte und Gaͤrten moͤchte ich dann beſitzen, und Muſik und Tanz ſollten mein Koͤnig— reich zum Paradieſe umſchaffen. Thaͤtigkeit muͤßte rings um mich herrſchen, Zufriedenheit aus jedem Auge leuchten, denn leider! iſt Mangel an Thaͤ⸗ tigkeit die einzige Urſache, die das Vergnuͤgen der Einſamkeit in unſeren Mauern untergraͤbt, welche im entgegengeſetzten Falle ein unſchaͤtzbares Aſyl fuͤr alle jene ſeyn wuͤrden, die entweder ungluͤck⸗ lich waren, alle ihre Freunde verloren haben, oder Ueberdruß im Genuße des Lebens fanden!“— Lange bemuͤhte ſich Almira durch dergleichen Geſpraͤche mit Seraphinen die Laſt der Ein⸗ ſamkeit ertraͤglicher zu machen; ſelten gelang es ihr aber nur auf Augenblicke, die Sehnſucht ihres Her⸗ zens zu ſtillen. Taͤglich erhielt ſie immer mehr Ueberzeugung, daß ſie Fernanden gaͤnglich gleich⸗ guͤltig war, da er ſchon ſo lange nichts von ſich hoͤren ließ. Was ſie aber am meiſten klraͤnkte, war, daß ſie auch vom Marquis de los Velos nichts vernahm, der ſie nach ſeinem eigenen Vor⸗ geben doch ſo heiß und innig liebte, nun aber ſchon 284 viele Tage und Wochen entſchwunden waren, ohne daß er einen einzigen Beſuch gethan oder ſonſt nur das geringſte Merkmal der Erinnerung von ſich gegeben haͤtte. Leider wußte das arme einge⸗ kerkerte Maͤdchen nicht, wie viel ſruchtloſe Verſuche Antonio ſchon unternommen hatte, um Zutritt bei ihr zu erlangen. Der Gedanke, ſo treuloſer Weiſe von ihm vergeſſen worden zu ſeyn, erzeugte daher auch bald das erſchaffende Gefuͤhl der Hoff— nungsloſigkeit in ihrer Seele. Auch Seraphine, die bis zu dem Tode ihrer Aeltern in dem uͤppigſten Glanze und Ueberfluſſe des Weltlebens erzogen wurde, fand ſich durch den auffallenden Unterſchied ihrer jetzigen Lage in Kur⸗ zem eben ſo ſehr angegriffen. Unwillkuͤhrlich ſog ihr Gemuͤth den kalten ſtrengen Geiſt der Reli— gioͤſitaͤt mit Aberglauben verbunden ein; ihr leb⸗ haftes Temperament verlor ſeine Spannkraft; ihre Phantaſie erſtickte unter dem Wuſte verwirrender Hirngeſpinſte, und alle ihre Gedanken wurden vom Zeitlichen abgewendet. Selbſt Almirens freund⸗ ſchaftlichen Geſpraͤche ſchienen ihr in der Laͤnge be⸗ ſchwerlich zu fallen, da ihr gleich einer mißmuthi⸗ gen Verſtimmung des Gefuͤhls nichts mehr Ver⸗ gnuͤgen gewaͤhren konnte, was nicht in den trau⸗ rigen Gang ihrer gewoͤhnlichen Gedanken ſtimmte. Scheu u abgelegen wurde! Michen in Kloſ kaum me der dru immer n duß ſee meht wi die trau Sel der glät Flhunſ ſelten n lendet z Vnttun rerwelt ten kon aren, ohne oder ſonſt gerung von arme einge⸗ ſe Verſuche um Zutritt ſ treuloſer n, erzeugte lder Hoff Tode ihrer Ueberfuuſt durch den ge iln Kuk⸗ fährlich ſe⸗ j der Reli⸗ ihr leb⸗ nkraft; ihe verwirrende vurden vol us freund er Länge h - mißmulh 3„Vel mehr 2 den ttal n ſtimmmte 285 Scheu und ſchuͤchtern irrte ſie oft Tage lang in den abgelegenſten Theilen des Gartens herum und wurde bald ſo veraͤndert, daß das lebensfrohe Maͤdchen nach einem dreimonatlichen Aufenthalte im Kloſter, ſowohl an der Seele als am Leibe kaum mehr zu erkennen war. Taͤglich unterlag ſie der druͤckenden Gewalt melancholiſcher Andaͤchtelei immer mehr, bis ihre Geſundheit ſo ſehr abnahm, daß ſie zum innigen Bedauern Almirens nur mehr wie ein Schatten aus der Geiſterwelt durch die trauervollen Kloſtergaͤnge dahin wankte. Selbſt Almirens haͤufige Verſuche, ſie mit der glaͤnzenden Ausſicht nach dem Feenlande der Zukunft zu troͤſten, blieben ohne Erfolg. Nicht ſelten entſagte ſie ſelbſt dem Schlafe, um mit lie— bender Zaͤrtlichkeit ihrer jungen Freundin gehoͤrige Wartung zu leiſten, die gleich der Blume jetzt verwelkte, bevor ſie ihre Reize noch gehoͤrig entfal⸗ ten konnte. Es iſt faſt unmoͤglich, laͤngere Zeit in der Ge⸗ ſellſchaft eines Menſchen zu ſeyn, ohne ſich unwill— kuͤhrlich ſeine Sitten und Manieren anzueignen. Auch Almira fand bei der ſteten Gewohnheit, Seraphinens einzige Freundin zu ſeyn, ihre Gedanken bald ſo befangen und auf die ernſten Geheimniße der Religion hingezogen, die, mit der 286 taͤglichen Lectuͤre verbunden, dahin zielten, das Herz mit Gleichguͤltigkeit fuͤr das Leben zu erfuͤl⸗ len, daß ſie faſt unmerklich uͤber die Grenze hin⸗ weg gefuͤhrt wurde, die ihr den Gedanken, durch die Annahme jenes ſchaudervollen Schleiers von der Welt auf ewig getrennt zu werden, noch vor Kurzem unertraͤglich machte. Eifrig verlegte ſie ſich jetzt auf den Dienſt der Kirche und fuͤgte ſich bald mit weniger Abneigung in ihr Loos. Es gab ſogar Zeiten, in denen ſie es fuͤr leicht hielt, ohne beſonderen Widerwillen den Eitelkeiten des fluͤchtigen Lebens auf ewig ent⸗ ſagen zu koͤnnen, ſobald Seraphine ihre im⸗ merwaͤhrende Begleiterin und Freundin bleiben wuͤrde. Leider! blieb dazu aber nur ſehr wenig Hoffnung. Nie tauchte die Sonne am Horizonte empor, ohne ein neuer Zeuge von Seraphi⸗ nens erhoͤhter Schwaͤchlichkeit zu ſeyn. Mit Ruhe ſah das arme Maͤdchen ihrer heran— nahenden Aufloͤſung entgegen, waͤhrend Almira mit thraͤnenfeuchten Augen an ihrem Lager ſaß. „Glaubt mir, theure Freundin,“ begann ſie mit leiſem Tone,„daß wir uns uͤber kurz oder lang wiederſehen werden; warum weinet Ihr alſo? Gewiß erinnert Ihr Euch noch der Spiele Eurer Kindheit, an denen Ihr einſt mit ganzer Liebe hingt; Jtrennen als nich det. G. dieſe I der zuk Mit in dem ſchlimm duſgabe bei dieß merxte: Ohne E Nreund Eiſan dich i derſtan Obo ſtundle troſtlo loſer 3 des ent Sluth ihr, d deriche Funhe „noch vor Dienſt der Abneigung in denen ſie Widerwillen uf ewig ent⸗ ne ihre im— din bleiben ſehr wenig m Horizonte Seraphie n. ihrer heran⸗ nire nd Almi Lager ſah⸗ ſie mn gann ſie un 6„ oder lalg L rz 4 Chr alſo Ihi „le Eull Spiele C Lieht gauzer 287 hingt; dachtet Ihr damals nicht, Euch nie davon trennen zu koͤnnen? Und doch verwarft Ihr ſie als nichtswuͤrdige Kleinigkeiten, da Ihr groͤßer wur⸗ det. Gerade ſo gewoͤhnt ſich die Seele auch daran, dieſe Welt zu verachten, jemehr ſie die Kenntniß der zukuͤnftigen erlangt. Mit einem Male ruͤckte der Zeitpunkt heran, in dem ſich Serphinens Zuſtand ſo ſehr ver⸗ ſchlimmerte, daß ſelbſt die Aerzte alle Hoffnung aufgaben. Mit wildem Schmerz ſank Almira bei dieſer Nachricht in ihrer Zelle nieder und jam⸗ merte:„O ſchrecklicher, unbarmherziger Tod! Ohne Schonung zerreißeſt du alle Bande der Liebe, Freundſchaft und des Familienlebens. Du ernſter Geſandter der Ewigkeit, keine Beſtechung kann dich in deinen Entſchluͤſſen aufhalten, kein Wi— derſtand deinen Angriff abwenden.“ Obgleich man Seraphinens Hinſcheiden faſt ſtuͤndlich erwartete, ſo war Almira doch ganz troſtlos, da es endlich wirklich erfolgte. Mit grenzen⸗ loſer Verzweiflung warf ſie ſich uͤber den Koͤrper des entſeelten Maͤdchens und bedeckte ihn mit einer Fluth von Thraͤnen. Faſt unglaublich ſchien es ihr, daß ohne gewaltſamen Umſturz der unabaͤn⸗ derlichen Naturgeſetze Seraphine, das noch vor Kurzem lebensfrohe Maͤdchen, nun ploͤtzlich des 288 Todes Beute werden ſollte. muth lauſchte ſie, ob ſich die kalten Lippen nicht mehr oͤffneten, um von ihnen wenigſtens noch ei⸗ nige Worte lang gewohnter Zaͤrtlichkeit zu hoͤren. Erſt nach langem Jammer verſank ſie gleichſam in ſtarre Geiſtesabweſenheit; ihre Seele huͤllte ſich in den Schleier der Troſtloſigkeit, und machte ſie bald fuͤr jeden Lebensreiz kalt und unempfindlich. Seit wenig Tagen war Valedia, eine junge Dame aus einer der angeſehenſten Familien Ma⸗ drids, als Koſtgaͤngerin in das Kloſter aufgenom⸗ men worden, durch deren puͤtzlichen Entſchluß, ſich dem Dienſte der Kirche zu widmen, all' ihre Verwandten in nicht geringe Verwunderung geſetzt wurden. Munterkeit, Witz und Laune, die aus ihrem ganzen Benehmen hervorſahen, kontraſtirten ſo auffallend mit ihrem jetzigen Stande, daß man lange nicht begreifen konnte, was ſie zu dieſem ſonderbaren Schritte gebracht haben mochte. Mit ſchmerzlicher Weh⸗ Kaum hatte ſie Almirens Schmerz uͤber den Verluſt ihrer Freundin wahrgenommen, ſo hegte ſie das ernſteſte Verlangen, ihr die Verblichene erſetzen zu koͤnnen. Obgleich ſich Valedia an⸗ fangs von Almiren noch entfernt hielt, die Hei⸗ ligkeit des erſten Schmerzes nicht unaufgefordert V zu ſtoͤren, ſo ſpann ſich doch in Kurzem wechſel⸗ ſeitige Himm dem ten, ei phin, rzlicher Weh Lippen nicht tens noch ei⸗ it zu hoͤren. ſie gleichſam ile huͤlte ſc d machte ſi nempfindlich , eine junge milien Ma⸗ er aufgenom⸗ n Entſchluß, en, all' ihre derung geſebt ne, die aus kontraſtirten de, daß man ſe zu dieſem mochte. nerz uͤbet del en, ſo hegle 4 Verblichen 4 ledia all die H forde ech ielt/ lnaufge irzem 1 289 ſeitige Zunei uneigt Himmel ung zwiſchen Beiden an. W l geſan. Si dem Augenb ide ſchien ſie Almtre ie vom licke beigegebe n gerade in ten, einer Freundi geben, wo ſie eine phinen 4 unff am meiſten bedur ner Vertrau⸗ is Begraͤbniß d rfte, da Sera— Tode auf die praͤ en vierten Tag nach i In la ie praͤchtigſte Weiſe gefei ch ihrem 2 nge weiße Gewaͤ ert wur den Boden reich iße Gewaͤnder, ſchwar de. ich 9 Pze; zogen die No hende Schleier und Gedrt„bis an nnen in ſti el geklei die von un aac in ſtiller Trauer nach d vrele def⸗ zaͤh 1 ch der Ki glaͤnzendſte bele baren Fackeln und Kei r Kirche, Deune war der Alt euchtet wurde. Mit fchi zen auf das ar verhuͤ 4 varzen Tuͤcher dem Boden d verhuͤlt, die Grabg 30 Tuͤchern enn Voden der Kirch ewoͤlbe unter indeſſen die N Kirche von allen Seiter unter ten gedfe Geſichtern d ovizen mit vom Gram geoͤffnet, phinens dn offenen Sarg trug am entſtellten ens Bei rg igen, 1 In d heichlater ein— ind Sera⸗ er feierlichſt Trauerlied ſang ichſten Sti 9. als der Sarg a fudes Stimmung reihte ſich 6 uf d K 2 h fets beder den Boden jetzt, tende Anzahl Moͤnc geſtellt wurde, eine den Stufen des 2 uche zu beiden Seiten „ 3 die Seelenmeſſe tares, Augenblicklich b uf feierliche O zur Ruhe der Verſtorb egann rgeltoͤ. korbene Kirche, bi geltoͤne rauſchten ploͤtzlich n und Sti, bis alle Verſammelt zlich durch die imme einfi en endli. infie lich m Schluß fielen. Ungemein it heller ß des letzten Ch erhaben war der großen Gebaͤ ores. 3 2 ebaͤud edes Thei es ſchienen die Toͤne heilchen des Toͤne zu durchdri hdrin⸗ gen. D a vergaß. I. Theil. 5 Almira in dem Gedank en ewi⸗ 19 — ————— —— — 290 ger Glorie, die ihr dadurch eingefloͤßt wurden, alle Unannehmlichkeiten, die ſie noch vor Kurzem be⸗ unruhigten. Mit heiliger Andacht uͤberließ ſie ſich den Schwingen ihrer Einbildungskraft, die ſie un⸗ gehindert durch das geſtirnte Firmament in die Ge⸗ ſellſchaft himmliſcher Weſen trugen. Als die Orgeltoͤne allmaͤlig verklangen, die weite Kirche immer ſtiller wurde; kam Almira erſt nach und nach aus ihrer uͤberſpannten Ge⸗ muͤthsſtimmung zuruͤck, fuͤhlte ſich dadurch aber in den Stand geſetzt, dem Schluſſe des feierlichen Begraͤbniſſes mit Ruhe beiwohnen zu koͤnnen. Unter leiſen dumpfen Toͤnen ſtiegen die Verſam⸗ melten jetzt in das unterirdiſche Gewoͤlbe hinab, wo ihnen endlich in der Tiefe der Graͤber der Laut der Orgel ganz verhallte. Nur zur Haͤlfte durchſchimmerte der matte Fak⸗ kelſchein das Dunkel und zeigte eine lange Reihe modernder mit Staub bedeckter Saͤrge; zaͤhe Feuch⸗ tigkeit triefte von den gewoͤlbten Waͤnden herab. Aengſtliche Blicke warfen die Nonnen in dem Orte der Ruhe umher, gleich als ob ſie von dem Ge⸗ danken an die Stunde erbebten, wo auch ſie die Zahl jener ſtummen Bewohner hier vermehren und bis zur endlichen Zerſtoͤrung aller irdiſchen Dinge bleiben wuͤrden. Mit thräͤnenvollen Blicken kehrte der Zug der Nonn zur e Facke ahnli ſchich reichte zum? des C rinnen ſſe es anſtan derlor Cben liche moni überſ wurden, alle Kurzem be⸗ erließ ſie ſich „die ſie un⸗ tt in die Ge⸗ langen, die m Almira pannten Ge⸗ dadurch aber es feierlichen zu können. die Verſam⸗ voͤlbe hineb, her der Lalt e matte gab⸗ lange Raihe 96, Feuch⸗ zühe de erab⸗ nden in dem Oie G 6 ſie di auch ſ ren 1 ind emeh ſcchen D aua d0 der 30 291 Nonnen endlich zuruͤck, als Seraphinens Sarg zur ewigen Ruhe beigeſetzt war, die Schatten der Fackel an den Waͤnden hinſtrichen und Geſpenſtern aͤhnlich uͤber die Saͤrge wankten. Schweigend ſchlich ſich jede nach ihrer Zelle. Auch Almira reichte ihrer neuen Freundin die zitternde Rechte zum Abſchiede und ſtellte ihre Lampe zu den Fuͤßen des Cruzifixes, da das Stundenglas eben im Ver⸗ rinnen war. Mit laͤngſt geuͤbter Hand wendete ſie es, ſetzte ſich, den jetzt verrinnenden Sand anſtarrend, auf den gegenuͤberſtehenden Stuhl und verlor ſich in tauſend melancholiſche Gedanken. Eben ſiel das letzte Sandkorn, als ſie leiſe feier— liche Toͤne vernahm, die die Stille der Nacht har⸗ moniſch durchdrangen, und wie auf dem Zuge vor⸗ uͤberſaͤuſelnder Luͤfte zu ſchweben ſchienen. Lange wußte ſie nicht, ob jene Klaͤnge das Werk ihrer Einbildung oder der Nachhall jener Trauer⸗ choͤre waͤren, die ihr noch immer in den Ohren toͤnten. Bald uͤberzeugte ſie ſich aber, daß es ganz ſicher wirkliche Toͤne waren, die wie eine Geiſterſymphonie in der Luft erklangen. Sehnſuͤch⸗ tig lauſchte ſie nach den himmliſchen Melodien, als ſie jetzt allmaͤlig in einander verſchmolzen und ſo leiſe verſchollen, daß ſie mit aller Anſtrengung nichts mehr vernehmen konnte, und ploͤtzlich rief nun eine ſanfte Stimme klar und deutlich ihren 19* — 292 Namen. Sonderbar uͤberraſcht fuhr ſie in die Hoͤhe und oͤffnete die Thuͤr nach dem Corridor, ſah aber auch nicht das Geringſte von der Anweſenheit eines menſchlichen Weſens. Mit kaltem Schauer warf ſie die Thuͤre in das Schloß und ſtuͤrzte in heftiger Bewegung vor dem Cruzifixe nieder; da rief dieſelbe Stimme nur zu vernehmlich abermals: Almira!— Scheu und furchtſam blickte ſie umher, als die Lampe vor dem Crujzifixe verloͤſchte. Tiefe Finſterniß herrſchte jetzt in ihrer Zelle, und die himmliſchen Toͤne erklangen wieder ſo ſuͤß und goͤtt— lich, daß ſich Almirens Furcht endlich in das innigſte Seelenvergnuͤgen verwandelte. Mit einem Male daͤmmerte jetzt ein ſchwacher Licht⸗ ſtrahl im Gemache, der bis zum hellſchimmernden Glanz uͤberging und eine Geſtalt von hinreihender Schoͤnheit und Sanftmuth allmaͤlig zeigte. Ein weit gefaltetes Gewand, azurfarbig und weiß, welches vom ſanften Windeshauch aufgeblaͤht flatterte, und mit Sternchen, gleich eben ſo vielen Edelſteinen funkelnd, beſetzt war, umgab die Geſtalt, auf de— ren Haupte ſich eine goldene Krone, gleich ſtrah⸗ lendem Feuer, durch das wallende Haar flocht. Erſt nach geraumer Zeit erinnerte ſich Almira der Zuͤge ihrer verſtorbenen Freundin, die ihr jetzt unendlich ſchoͤner in dem Anhauche himnmliſcher Vollkommenheit erſchienen. Unfaͤhig die Zunge zu ngen, der Ver phine „Döͤße in Aem ns ke daher; auf im lich Vorten ſanft v aüleih de dan mer de T dwen raund ſchaude auf ſo ſie in die prrider, ſah Anweſenheit m Schauer ſtuͤrzte in nieder; da abermals: e ſie umher, chte. Tiefe e, und die iß und gott⸗ lich in das wachet licht⸗ bimmernden inreißender „, Ein weit ſſ hes iß, welch atterte/ cdelſteinen alt, auf de ſerah und gleich ar ſlocht⸗ „ Almit rie ihr ſt A himmliſch ie Zunge 1 293 regen, ſtarrte ſie nach der Erſcheinung, eine Thraͤne der Verklaͤrung ſchwamm ihr im Auge, als Sera— phine endlich mit himmliſchem Laͤcheln begann: „Troͤſte Dich, Almira, bald werden wir Arm in Arm in jenen herrlichen Raͤumen ſchweben, wo uns kein Tod mehr trennen ſoll. Bereite Dich daher; ehe ſich der neunte Tag endet, biſt Du auf immer hinweg.“ Laͤchelnd zerfloß die Erſcheinung nach dieſen Worten in Luft; wiederum floͤtete die Muſik ſanft verhallende Toͤne; die blendenden Strahlen erbleichten, und nach wenigen Minuten brannte die Lampe wie zuvor, waͤhrend die Harmonie im⸗ mer leiſer verklang. Obgleich ſich Almira ſeit Seraphinens Tode nichts ſehnlicher wuͤnſchte, als der geliebten Freundin ſo ſchnell als moͤglich folgen zu koͤnnen, ſchauderte ſie jetzt doch maͤchtig zuſammen, als ſie auf ſo ſonderbare Weiſe vernahm, daß ſie die Welt mit all' ihren ungebuͤßten Fehlern und eitlen Wuͤn⸗ ſchen ſobald verlaſſen ſollte. Beinahe drei Monate, die ihr eben ſo viele Jahre ſchienen, hatte ſie in den duͤſtern Kloſtermauern verlebt, ohne einen Brief von ihrer Schweſter oder einen Beſuch von ihrem Vater, zu erhalten und wußte nicht einmal, ob ſich ſetzterer noch in Madrid befaͤnde. Jemehr ſie daher uͤber die Vorherſagung ihres Schickſales nach⸗ 294 dachte, deſto weniger konnte ſie den Inhalt begrei⸗ fen. Weder fuͤr den Zufall noch fuͤr den Verfall ihrer Geſundheit ſchien ihr die genannte Zeit hin⸗ reichend. Welcher unvorhergeſehene Zufall konnte ſich hinter den ſicheren Kloſtermauern auch ereignen, und obgleich ſie es manchmal verſuchte, den buch⸗ ſtaͤblichen Sinn der Worte:„biſt Du auf immer hinweg!“ zu deuten; ſo konnte ſie doch nicht im geringſten ahnen, auf welche Art es moͤglich ſey, ſie aus dem Kloſter zu befreien. Laͤngſt hatte die Sonne den neuen Morgen ſchon begruͤßt, als ſich Almira noch immer mit den verſchiedenartigſten Gedanken beſchaͤftigte, wor— in ſie durch Valedia's Eintritt erſt unterbrochen wurde, deren Zuneigung fuͤr Almiren ſich mit jedem Augenblicke zu vermehren ſchien. Auch jetzt ließ ſie in dem wechſelsweiſe muntern und ernſten Geſpraͤche Winke fallen, wie ſehr ſie ihre Vertraute zu ſeyn wuͤnſchte. „Meint Ihr nicht, Almira,“ begann ſie ploͤtz⸗ lich,—„daß ich das ſonderbarſte Schickſal habe. Gewiß werdet Ihr Euch uͤber meine eigene Wahl, in dieſen duͤſteren Mauern leben zu wollen, nicht wenig wundern, ſobald ich Euch ſage, daß ſie mir der verhaßteſte Ort ſind, den ich kenne.“ „Wirklich ſonderbar,“ verſetzte Almira,— „aber auch mir ſchien er anfangs der ſchrecklichſte nhalt begrei⸗ den Verfall tee Zeit hin⸗ zufall konnte uch ereignen, e, den buch⸗ u auf immet poch nicht im moͤglich ſe zuen Morgen inmer mit aͤftigte, wor⸗ unterbrochen ren ſch mi Auch jeht 295 Kerker, bis mich die Gewohnheit damit endlich ſo weit ausſoͤhnte, daß ich nun ſogar die Moͤglichkeit fuͤhle, hier fuͤr immer leben zu koͤnnen. Zwar ſchweifen meine Gedanken nicht ſelten zu Virginien, mei⸗ ner Schweſter, und den unſchuldigen Freuden mei⸗ nes fruͤheren Lebens zuruͤck; allein auch das wird ſich geben. Doch wie kam es, daß Ihr freiwillig das Kloſter waͤhltet, da Euch weit gluͤcklichere Verhaͤltniſſe erwarteten?“— „So wißt denn,“— laͤchelte Valedia,„daß ich dieſe einſamen Gemaͤcher nur aus Liebe zu Euch betrat, deren grauſame Verhaͤltniße mir aus de los Velos, meines Vetters Munde, nur zu gut bekannt ſind. Eben ſo gut kenne ich den Mar⸗ quis de Denia, und weiß, auf welche Art er Euch kennen lernte.“ „Iſt es moͤglich?“ rief Almira.„O gewiß kennt ihr auch Denia's Freund, Fernando de Coello?“= Tief ſeufzend und mit ernſter Miene, als wollte ſie ihr innerſtes durchſchauen, blickte Valedia bei dieſer Frage in Almirens Augen. „Ja, Almira,“— begann ſie nach einer Pauſe.—„Mit voller Zuverſicht glaube ich, Euch trauen zu duͤrfen. Keine Freundſchaft kann ohne Vertrauen beſtehen, und oögleich nur Liebe ge⸗ woͤhnlich die groͤßte Anhaͤnglichkeit erzeugt, ſo koͤn⸗ 295 nen doch auch in Ermanglung derſelben aus dem Bewußtſeyn wechſelſeitiger Hochachtung die theil⸗ nehmendſten Geſinnungen erbluͤhen.“ „Wie ſoll ich Euch verſtehen?“ ſagte Al— mira.—„So will ich mich denn naͤher erklaͤren;“ antwortete Valedia geheimnißvoll, indem ſie naͤher ruͤckte und ihre Hand vertraulich auf Almira's Schultern legte.„Ihr habt geliebt, Theure Freun⸗ din;— auch ich habe es; leider! iſt aber der Gegenſtand unſerer Wahl fuͤr uns Beide auf in— mer verloren.“ „Wie, Fernando waͤre todt?“ ſchrie Al⸗ mira; doch ohne eine Antwort zu geben, ſank Valedia ihrer Freundin, in bittere Thränen aus⸗ brechend, ſchweigend in die Arme. Erſt nach ei— ner langen Pauſe ſchrie Almira:„ So habe ich denn keinen Grund mehr, mich ins Leben, oder in die Welt zuruͤck zu wuͤnſchen, und will mit Euch den Schleier nehmen.“ „Und doch habt Ihr noch einen Grund, um auf ein beſſeres Loos Anſpruch machen zu duͤrfen!“— verſetzte Valedia.„Der Marquis de los Velos liebt Euch von ganzer Seele; er iſt ein gebildeter junger Mann, mit einem ſo einnehmen⸗ den Aeußeren und bedeutenden Anſehen begabt, daß er nur bei ſehr wenigen unſeres Geſchlechtes abge⸗ wieſen werden wuͤrde. Ich weiß, Almira, daß Eure Li der ant der Ih 6 3¹ Jh. en aus dem die theil⸗ ſagte Ab⸗ erklaͤren;“ em ſie naͤher Almira's heure Freun. ſt aber der eide auf ine ſchrie A⸗ ſank aus⸗ geben, hränen Erſt nach kl⸗ Grund/ um „ duͤtfen!— de 1⁰4 „c iſt a Heinnehmen daf is begabt lechtes 109, 1 mira⸗ 1 297 Eure Liebe zu Fernando, aus Mangel an je⸗ der andern Bekanntſchaft in der Einſamkeit, in der Ihr lebtet, immer inniger wurde; bedenkt ferner, daß er Eure Geſellſchaft nur wenige Tage genoß, waͤhrend er die Jahre ſeiner Jugend ganz mit mir verlebte. Antonio's Vater war ſein Erzieher, ſein Wohlthaͤter nach dem Tode ſeiner Eltern, und ich muß ſagen, daß ich ihn ſchon ſo lange liebte, als ich nur zuruͤck denken kann. Be— dentt uͤbrigens, daß Euch de los Velos aus Eurer jetzigen Haft befreien, in Madrids glaͤn— zendſte Zirkel einfuͤhren und Euch zur Gebieterin ſeines Herzens, kurz all' ſeines Thuns und Laſſens niachen will. Entweder muͤßtet Ihr mehr oder weuiger als ein Weib ſeyn, wenn es Euch unter ſolchen Umſtaͤnden in den Sinn kaͤme, ſeine Hand auszuſchlagen.“ 9 ſchweigt, ſchweigt!“ ſchrie Almira rükt faſt thraͤnenden Augen.„Bedenkt die Pflichten⸗ ſu 3 dnan Vater ſchuldig bin. Wollte ich die— rt ohne ſeinen Willen aſſe 3 ich eines ſchrecklichen Ereheen ae dien 4 wue Vhine h gewaͤrtig „Fragt Euch ſelbſt,“— erwiederte Valedia,— 5* dieſer gefuͤrchteten Gewalt nicht auch ihrs ww Raht hide ſun⸗ unmasſdi kann ein Vater . eigenes Kind blos aus Muth⸗ 298 willen, Grillenfaͤngerei oder Bosheit auf ewig ein⸗ 4 e A wenn zukerkern oder zu vernichten. Es iſt die unerlaͤß— ſen —. 5 1 lichſte Pflicht der Selbſterhaltung, einem ſolchen 4 Mißbrauch der Gewalt, wenn Bitten und Vor— l67 nes an ſtellungen vergeblich ſeyn ſollten, zu entfliehen!“— ar Obgleich Seraphinens Geſellſchaft den e. 3 Drang von Almira's Herzen nicht wenig ge⸗ ſß maͤßigt hatte, ſo wirkten dergleichen Geſpraͤche doch ſad ſehr vortheilhaft auf ſie, da ihr Gemuͤth viel na⸗ Sur tuͤrlichen Hang zur Froͤhlichkeit beſaß. Kaum be⸗ ur merkte die ſchlaue Valedia, welche zu gleicher g Zeit die Abſicht hegte, ihrem Vetter Antonio Aji gefaͤllig zu ſeyn und ihr ſelbſt eine Nebenbuhlerin lübes unſchaͤdlich zu machen, im Falle, wie ſie wuͤnſchte, aiss Fernando irgend einmal wieder zuruͤckkehren ſollte, d dieſe guͤnſtige Veraͤnderung, ſo malte ſie Almiren 1 3 all' die herrlichen Lebensfreuden, die ihrer im Kreiſe, von Antonio's Familie warteten, mit den uͤppige vii ſten Farben und erweckte in ihr bald das ſehnſuͤch⸗ ir tige Verlangen nach all' der Gluͤckſeligkeit. Zufaͤl⸗ ſe 1 lig wurde Valedia jetzt an das Sprachgitter ge⸗ olle rufen(eine Freiheit, die Almiren gaͤnzlich ver— 4 ſagt war); und kehrte in Kurzem mit einem Briefe ref? zuruͤck, den ſie aus dem Buſen zog und laͤchelnd„V ihrer Freundin uͤberreichte. V in. „Nur mit Muͤhe konnte ich dieſes Briefchens da aus Antonio's Hand habhaft werden,“— ſagte uß ſie mit munterem Tone.„Waͤre ich von unſerer alten, neugierigen Aebtiſſin dabei ertappt worden, ſeyn ſo haͤtte ich gewiß nie mehr an das Sprachgitter dnh 4 gehen duͤrfen. Weiſet ihn alſo ja nicht zuruͤck, nind 299 zduf ewig eine wenn ich nicht glauben ſoll, daß Ihr kein Frauen⸗ die unelähe zimmer ſeyd.“ einem ſolchen„Ach! wie kann ich die Schrift eines Man⸗ n und Vor⸗ nes annehmen,“ verſetzte Almira, waͤhrend ſie mit tfiehen!“— einem Gemiſch von Furcht und zaͤrtlicher Neugierde ellſhaſt den das Siegel betrachtete,„eines Mannes,“ ſetzte ſie ht wenig ge⸗ hinzu,„fuͤr den ich ſonſt nichts als Achtung fuͤhle.“ eſpraͤche doch„Laſſet doch dies um des Himmels willen ſeine nuͤth viel na Sorge ſeyn!“— lachte Valedia.„Erbrecher Kaum bee nur immerhin das zauberiſche Siegel und leſet den 9 zu gleicher Inhalt der magiſchen Rolle.“ Antonie Voll der ſuͤßeſten Schmeichelworte und tauſend Rebenbuhlern Liebesſchwuͤren, die auch noch heut zu Tage man⸗ ſie wuͤnſchte ches Maͤdchen ſo ſehr verwirren, daß es Ehre und Pflicht vergißt, war Antonio's Brief. Auch auf Almiren wirkten dieſe Zeilen mit ſichtbarem Erfolg. Bald bedachte ſie, daß Fernando ihre Neigung nie erwiedert habe, er ſchien ihr daher fuͤr ſie auf jeden Fall verloren; und lange blieb ſie unſchluͤſſig, welche Antwort ſie Antonio ſchicken ſollte. „Um alles in der Welt, nur keine abſchlaͤgige,“— rief Valedia, als ſie Almirens Zweifel merkte. zcheln„Wie leicht,“ fuhr ſie ſchaͤkernd fort,„koͤnnte es ihm dann in den Sinn kommen, meine Hand zu Friefchm begehren, und dann waͤre es fuͤr Euch auf immer zu ſpaͤt.“ en, unſer„O mit Freude wuͤrde ich Zeuge Eures Gluͤckes ac 7 ar 7 2 6.-. h von vorde ſeyn,“ antwortete Almira.„Wuͤßte ich nur, ayt Won G. 4 1 tapyl zalte udaß Ihr die geringſte Neigung zu ihm hegtet, ſo wuͤrde ich ihm zur Stunde noch die entſcheidendſte 300 Abweiſung ſchicken. Obgleich ich mich mit Sehn— ſucht nach den froͤhlichen Scenen des Weltlebens zuruͤck wuͤnſche, ſo fuͤhle ich doch ein ſolches Ge⸗ miſch von Gleichguͤltigkeit und Kaͤlte dagegen in mir, daß ich nur mit Gewalt einen entſcheidenden Schritt zu thun vermag. Faſt moͤchte ich mich ei⸗ nem Schiffchen vergleichen, das auf einem Strome ohne Segel und Ruder ſchwimmt, und bei zuruͤck⸗ kehrender Fluth mit gleichem Widerwillen von der Gewalt des aͤußeren Anfalles fortgeriſſen wird.“ „Glaubt mir, Almira,— erwiederte Va— ledia,„Ihr denkt uͤber manche Dinge viel zu ſcharf nach, um gluͤcklich zu ſeyn. Leider iſt es in die⸗ ſem Leben nothwendig, daß wir weder Gluͤck noch Ungluͤck, Vergnuͤgen oder Schmerz zu ſehr achten, und doch muß ich geſtehen, daß es ſehr ſchwer iſt, ſtets die Mittelſtraße zu finden, die uns, wenn wir anders ſanft durchs Leben gleiten wollen, un⸗ entbehrlich iſt. So wie ich ſehe, ſeyd Ihr viel zu ſehr exaltirt, um Antonio's Brief beantworten zu koͤnnen. Beruhiget daher Euer Inneres und antwortet ihm, wenn Ihr mehr Muſe habt. Sagt ihm dann aber auch Alles, wie Ihr denkt und fuͤhlt, und laſſet jene hoͤhere Macht getroſt walten, die alles durchſchaut und regiert.“— Ende des erſten Theils. iich mit Sehn⸗ des Weltlebens— ein ſolches Ge⸗ lte dagegen in mentſcheidenden hte ich mich ein — einem Strome und bei zurücke— rwillen von dir 23] 2 E„ eiſſen wir erwiederte V dder Glüͤck noc zu ſehr 39ie es ſehr ſch vemn die uns, 1' ten wollen, ui ahr viel 0 §& 0 J9* rief heantwortt rey Control Chart Green vellow- Hed Magenta Grey 3