Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher L Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. Leih- und Aeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek.*r Bibliothek ſteht pfangnahme und Rückgabe der Bucher jeden Tag von 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines jedem Tag 5 Pf. bezahlr angenommen. (aution. Unbekannte Perſonen müſſen, b Buches, eine dem Werthe deſſelben hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgab wird. 1. Abonnement. Literatur 256. Em rgens zur Mo geliehenen Buches wird von Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den ei Entgegennahme entſprchende Summe e von mir zuruückerſtattet Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt— für wöchentlich 2 Bücher: 4 ⁴ Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf 1 r 50 50 Sf 4. 1 3. 2—„ 3„ ] 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuri uckſendung „ der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen „ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlorene und — defecte Büch er(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ledenpre werden Iſt das zerriſſene, beſchmutzte ver⸗ lorene te Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verp flichtet Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird daß das Weiterverleihen 7 beſonders dar rauf aufmerkſam gemacht 8 W der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem D ejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen auch dafür zu ſtehen haben NN———— Zwölf Zettel. Von F. W. Hackländer. Zweiter Band. Stuttgart. Druck und Verlag von Eduard Hallberger. 1868. Inhalt des zweiten Bandes. Seite Erſtes Kapitel............. 1 Zweites Kapitel............. 37 ¼ Driltes Kapitel............. 65 Viertes Kapitel............. 37 Fünftes Kapitel............. 112 Sechstes Kapitel............ 172 Siebentes Kapitel. Frſtes Kapitel. natole ging in höchſt aufgeregter Stimmung, aber mit widerſtreitenden Gefühlen ſeines Weges. Als er vor einer Stunde durch den Garten des Bankiers gegangen war, hatte er ſich viel glücklicher gefühlt, obgleich ihm etwas widerfahren war, das er nicht erwartet und von dem ihn der tauſendſte Theil zum ſeligſten Menſchen ge⸗ macht haben würde— ja der tauſendſte Theil hätte ihn glücklich gemacht, aber das Ganze, was er erlebt, erſchien ihm jetzt ſchon nach dem Verlauf weniger Minuten ſo unglaublich, ſo phantaſtiſch, daß es ihm vorkam wie ein wilder Traum, der uns des Entzückenden ſo viel vor⸗ gaukelt, daß wir ſchon während der Dauer deſſelben ein kaltes, nüchternes Erwachen fürchten. Anna von Martini, die einzige Tochter ſeines Chefs, des reichſten Bankiers des Landes, liebte ihn—— und hatte ihm das und noch mehr unverholen geſagt, ohne Vorbereitung, ohne ihn, wie es doch ſo natürlich geweſen Hackländer, Zwölf Zettel. II. 1 wäre, demüthig und ſchüchtern um ſie werben zu laͤſſen. — Oder hatte ſie es vielleicht ſchon lange bemerkt und auch verſtanden, wenn er ſie, wie wohl oft ge⸗ ſchehen, ſinnend mit ſeinen großen, dunkeln Augen an⸗ geſchaut hatte, wenn er es ihr durchaus nicht verhehlte, daß ein kleiner Auftrag, den ſie ihm gab, ihn ſo glücklich gemacht, wobei er ihr allerdings mit ſchüchternen Worten geſagt, wie er jede Minute daran gedacht, wie das, was ſie ihm befohlen, wohl am Beſten auszuführen ſei? So liebte ſie ihn denn wirkl lich, glühend, aufopfernd, wie man ſich nur die erſte Liebe eines jungen Mädchens denken konnte— ah faſt zu glühend, faſt zu aufopfernd — der Gedanke verwirrte ſeinen Sinn, erregte in ihm ein ſchwindelhaftes Gefühl von Glück, das überwältigend geweſen wäre, wenn nicht ein anderer Gedanke, der ihn ſchon in ihrer Gegenwart fröſtelnd durchſchlichen,(taltes Waſſer auf ſein glühendes Herz gegoſſen hätte— der Gedanke nämlich, daß ſie mit Phantaſie und L Leddenſchaft Paul und Virginie geleſen— ja vor Kurzem geleſen— heute geleſen oder ſich von Fräulein Eliſe habe vorleſen laſſen. Denn das Buch, welches dieſe in der Hand hielt, als er heute Morgen den Wintergarten betrat, konnte nichts Anderes geweſen ſein, als das berühmte Werk von Bernardin de Saint⸗Pierre. Dieſe kühle Idee gewann nach und nach die Ober⸗ — 2 —) * hand, und wenn es ihn auch ſchmerzlich berührte, daß er geglaubt hatte, dem Himmel nahe zu ſein, weil ihn der luſtige Ballon ſeiner Wünſche und die glühende Phan⸗ taſie eines jungen Mädchens ein wenig über die Alltäg⸗ lichkeit erhoben, und weil er noch jung und völlig unver⸗ dorben war, um das richtige Gefühl zu haben, wie un⸗ ſäglich erbärmlich es von ihm ſein würde, das unter dem Eindruck einer romantiſchen Geſchichte lebhafter ſchlagende Herz Anna's auch nur im Geringſten zu mißbrauchen, ſo fand er es edel und groß, dem ſchönen, jungen Mäd⸗ chen allerdings ſeine treuen und hingebenden Dienſte zu leiſten, aber nur in der Eigenſchaft eines Freundes, ja, indem er ſich bemühen wollte, ſie mit ſanfter Hand vom Abgrunde zurückzuziehen, dem ſie in ihrer reizenden Sorg⸗ loſigkeit zugeſtrebt. Er kam ſich erhaben vor in dieſem Gedanken, beſon⸗ ders da er fühlte, daß er Anna von Martini in der That und aufrichtig liebe— tugendhaft in ſeiner Ent⸗ ſagung, wenn er daran dachte, wie er ſpäter, vielleicht nach Jahren vor ſie hintreten würde und ihr ſagen: ſo habe ich an Ihnen gehandelt, Anna, obgleich ich Sie glühend liebte, aber mit ruhigem Sinn, daß es ſchändlich geweſen wäre, Ihre Jugend und Unerfahrenheit zu be⸗ nützen. An dieſe Gedankenfolge reihte ſich eine andere, die 4.— ihn, wie er ſich ſelbſt ſchon zu ſagen erlauben durfte, in den Augen des ſchönen, geliebten Mädchens bedeutend über das Niveau der Alltäglichkeit heben mußte: der Ge⸗ danke an ſeinen Chef nämlich, der, indem er ſeiner Tochter Hand vergab, gewiß für das Wohlſein ſeines Kindes be ſorgt geweſen war.— Entſagen iſt groß und ſchön, und in dem Alter von Anatole Fontenay entſagt man zu⸗ weilen mit einer wahren Leidenſchaft, weil man häufig die Folgen der Entſagung nicht kennt, oder weil man für dieſe Tugend auf eine ausgiebige Belohnung hofft. — Und Anatole wollte nicht nur entſagen, ſondern er hatte ſich auch feſt vorgenommen, das junge, geliebte Mädchen auf den richtigen Weg zurückzubringen, ſie zur Gräfin von Riedberg machen zu helfen, und wenn auch ſein Herz darüber brechen würde.— Glückliche Zeit der Jugend, wo man noch an gebrochene Herzen glaubt, ſowie an einen Balſam, um ſie wieder zuſammen zu heilen! Trotzdem Anatole nach dieſen Gedanken in ziemlicher Ruhe und Faſſung das Zimmer ſeiner Großmutter be⸗ trat, ſo ſah er doch etwas bleich aus, zeigte nichts von ſeiner gewöhnlichen Heiterkeit und gab oft ſo verwirrte Antworten, daß Madame Reveillot wohl berechtigt war, ihn zu fragen, womit er denn heute ſo ausnehmend be⸗ ſchäftigt ſei. — — n Daß er dieſe Frage nicht der Wahrheit gemäß be⸗ antwortete, verſteht ſich wohl von ſelbſt, denn er glaubte mit richtigem Gefühl, kein Recht dazu zu haben, das Geheimniß von der Liebe Anna's Jemanden mitzutheilen. Glücklicher Weiſe aber fiel ihm bei der Frage der alten Frau die grüne Brieftaſche ein, weßhalb er unmuthig ſagte, er gerathe dadurch in eine ſchiefe Stellung zu ſei— nem unmittelbaren Vorgeſetzten, Herrn Ringel. „So hat er wieder darnach gefragt?“ „Nicht gerade direkt, doch in einer leiſen Anſpielung, und ich ſehe ſchon, daß ich in den nächſten Tagen in den Fall kommen werde, ihm auf ſein Verlangen die Zettel zu ſehen, einfach ja oder nein ſagen zu müſſen.“ „Was aber genau überlegt ſein will.“ „Gewiß, Großmutter, und darüber möchte ich vor allen Dingen Deinen Rath hören.“ „Der iſt nicht ſo leicht, mein Sohn; nach dem, was Du mir von jenem ſonderbaren Koſtgänger des Herrn Doktor Narder erzählt, habe ich ſtundenlang die ganze Angelegenheit an meinem Geiſte vorübergeführt; dabei iſt mir auch Manches von früher her wieder eingefallen, was ich vergeſſen hatte, Aeußerungen Deines Vaters, ſowie guter Freunde deſſelben, von denen die meiſten im Laufe der Zeit geſtorben oder von hier fortgezogen ſind— kurz, ich bin zu dem ganz gewiß richtigen Ergebniß gelangt, — 6 daß außer unſerer grünen Brieftaſche noch eine andere ähnliche vorhanden iſt, gleichfalls mit ſechs, auf eben ſo unverſtändliche Art beſchriebenen Zetteln, und daß dieſe Papierſtreifen ſich auf irgend eine Art ergänzen.“ „Das iſt auch meine Anſicht, Großmutter— gewiß, ſo iſt es.“ „Was aus dieſer Ergänzung entſtehen wird, darüber bin ich freilich im Unklaren, jedenfalls aber etwas, was für Herrn von Martini, der im Beſitz der anderen Brief taſche ſein ſoll, ſicherlich von größtem Intereſſe iſt.“ „Dabei erhebt ſich nun eine andere und noch wich⸗ tigere Frage, die nämlich, auf welche Art mein Prinzipal in den Beſitz der Brieftaſche gelangt iſt, wenn dieſelbe ſich wirklich in der kleinen Kaſſette befindet— oder iſt nicht vielleicht anzunehmen, daß das Vorhandenſein der⸗ ſelben eine fire Idee jenes armen Morel iſt? Denn der Aufenthalt, wo ſich derſelbe befindet, gibt uns wohl das Recht, an fixe Ideen zu glauben.“ „Gewiß; aber andererſeits liegt gewöhnlich dergleichen Ideen ſolch' unglücklicher Menſchen irgend etwas Wahres zu Grunde, und da Du mir ſelbſt geſagt, der alte Buch⸗ halter, den ich in alle Geheimniſſe ſeines Herrn einge⸗ weiht glaube, habe Dich mit außerordentlichem Intereſſe angehört, als Du ihm von der grünen Brieftaſche erzähl⸗ teſt, ſo ſpricht das für die Ausſage des Herrn Morel.“ —-— 7 „Dabei fällt mir noch bei,“ warf Anatole lebhaft ein,„daß, als ich zum erſten Male von der Brieftaſche ſprach, Herr Ringel, ohne daß ich etwas davon geſagt, der grünen Farbe derſelben erwähnte.“ 4 „Das iſt ſehr wichtig, außerordentlich wichtig,“ rief Madame Reveillot,„ſuche Dich ganz genau zu erinnern, wie ſeine Worte lauteten.“ „Warte einmal, Großmutter,“ verſetzte Anatole, in⸗ dem er die Hand an die Stirne legte—„ja, ja, ſo iſt es: ich erzählte ihm, daß der Fuhrmann, der ſich mit meinem Vater bei dem Wagen zuſammengefunden, etwas 4 vom Boden aufgehoben, was er dem Gerichte nicht an⸗ gezeigt, und wovon auch mein armer Vater erſt nach Jahren und kurz vor ſeinem Tode Nachricht erhalten habe — eine kleine Brieftaſche nämlich— und darauf rief er im Tone der Ueberraſchung aus: A-= a= a-=ch, eine kleine, grüne Brieftaſche.“ „Biſt Du ganz ſicher, lieber Anatole, daß Du vorher nichts von der Farbe der Brieftaſche erwähnteſt?“ „O, ſo ſicher, als daß jetzt der Tag ſcheint.“ „Das iſt eine große Entdeckung, Anatole— das iſt eine Entdeckung, die mich zittern läßt, eine Entdeckung, die uns beweist, daß jener arme Morel recht hat und daß Herr von Martini oder der Buchhalter, aber ich glaube der Erſtere, wirklich im Beſitze der anderen grünen Brief⸗ 8 taſche iſt— ob er dieſelbe aber in direktem Zuſammen hange mit jener ſchauerlichen Begebenheit erhalten hat, 2 oder durch Vermittlung jenes Herrn Morel, vielleicht ſo gar in Folge eines zweiten Verbrechens, darüber kann uns Gott allein Aufklärung verſchaffen, wenn er es für gut findet.“ „Aber wir können nachforſchen, Großmutter, und wir müſſen nachforſchen— ſollte man nicht vor allen Dingen an jenen Herrn Morel zu kommen ſuchen?“ „Das wird wohl unmöglich ſein— Du darfſt es ſicherlich als eine der ſeltſamſten Fügungen betrachten, daß Dir ein Zufall jenen Brief an den Doktor Narder in die Hände führte, daß dieſes gerade an einem Feier⸗ tage geſchah, wo Doktor Narder abweſend war, und daß Du deßhalb Gelegenheit hatteſt, jenen Unglücklichen zu ſehen. Auch wurden wohl gegen Dich keine ſcharfen Vor⸗ ſichtsmaßregeln angewandt, da Du, wie die alte Pfört⸗ nerin von Dir ſelbſt erfuhr, aus einem ſo befreundeten Hauſe, wie das Deines Prinzipals, kamſt— doch kannſt Du mir glauben, denn ich weiß es, das Grab hält ſeine Opfer nicht feſter und abgeſchloſſener von der übrigen Welt als dieſer Doktor Narder ſeine Pflege⸗ befohlenen— arme Leute! Ich erkundigte mich dar⸗ nach und habe Manches darüber gehört— ja, wenn dieſer Morel Verwandte hätte, die ihn reklamiren — — 9— könnten— aber wer weiß, wer er iſt, woher er ſtammt?“ „Du ſagteſt vorhin, Du hätteſt Dich nach jener Privat⸗Anſtalt erkundigt— vielleicht bei Jemanden, der den Doktor Narder perſönlich kennt?“ „Nicht bei Jemanden, dem er perſönlich bekannt iſt, der aber die Anſtalt im Allgemeinen kennt.“ „Durch den Du auf den Doktor wirken könnteſt?“ „In dieſem Falle nicht; ja, wenn es ſich darum han— delte, Jemanden dort unterzubringen, für den gut bezahlt würde, ſo meint Herr Planchin, das würde keine Schwie⸗ rigkeiten haben.“ „Ah, Herr Planchin, der Freund meines Groß⸗ vaters?“ „Er iſt ein ſehr alter Herr geworden und geht ſelten mehr aus; ich beſuche ihn zuweilen, und bleibe ſo in Verbindung mit einigen Leuten, die es gut mit uns meinen.“ „Der Buchhalter ſprach, wie ich Dir ſchon ſagte, heute Morgen, aber ganz wie zufällig, von der kleinen Brieftaſche, ſo daß ich im Stande war, ihm eine eben ſo unbeſtimmte Antwort zu geben, doch bin ich überzeugt, er wird ſich in den nächſten Tagen mit einer direkteren Frage an mich wenden— und was, meinſt Du, Groß⸗ mutter, ſoll ich ihm in dieſem Falle für eine Antwort — 10— geben? Ich kann mich bereitwillig zeigen, die Brieftaſche d mitzubringen— ich kann dieſes Verſprechen zwei⸗, drei⸗, auch viermal vergeſſen, dann aber muß ich ihm eine be⸗ 4 ſtimmte Antwort ertheilen.“— „Sollte er es nicht vielleicht merken, daß Du ihm die Brieftaſche nicht zeigen willſt, wenn Du Dein Verſprechen einigemale vergeſſen haſt?“ „Das glaube ich nicht, wenn ihm wirklich viel daran liegt, Einſicht in jene Blätter zu erhalten, und wenn dieſes der Fall iſt, ſo ſind ihm oder Herrn von Martini dieſe Notizen ſo wichtig, daß er nicht nachlaſſen wird, bis er ſie in ſeinen Händen hat.“ „ und ſie ihm geradezu abſchlagen, kannſt Du auch wohl nicht.“ „Nur in dem Falle, daß ich überhaupt Luſt hätte, das Geſchäft des Herrn von Martini zu verlaſſen,“ gab Anatole achſelzuckend zur Erwiederung,„und das wird wohl früher oder ſpäter einmal geſchehen müſſen, denn ehrlich geſagt, Großmutter, möchte ich nicht mein Leben hier in dieſer kleinen Stadt verbringen, ich möchte die V Welt ſehen, namentlich das ſchöne Frankreich, von dem Du mir ſo viel erzählſt.“ 9 Die alte Frau nickte mit dem Kopfe, dann warf ſie einen forſchenden Blick auf ihren Enkel und ſagte:„Bis jetzt ſprachſt Du noch niemals ſo, doch verſtehe ich Dich — 11— vollkommen, und wollen wir ſpäter darüber reden, laß uns aber jetzt noch bei der wichtigeren Sache bleiben.“ „Recht gerne, Großmutter, und ich glaube, es iſt das Beſte, wenn ich dem Buchhalter in den nächſten Tagen unaufgefordert ſage, es ſei eigenthümlich, ich hätte nach der Brieftaſche geſehen, um ſie ihm zu zeigen, könne ſie aber nicht wiederfinden.“ Madame Reveillot dachte ein paar Minuten nach, dann erwiederte ſie:„Obgleich das eine Nothlüge wäre, iſt ſie mir doch nicht ganz recht, indeß ſehe ich auch keinen andern Weg, und jedenfalls erführen wir durch ein ver⸗ ändertes Betragen des Herrn Ringel, vielleicht auch des Herrn von Martini, welchen Werth ſie auf die Erlangung der Brieftaſche legen, und darnach hätten wir uns zu richten.“ „Ja, Großmutter, darnach hätten wir uns zu richten, aber ich fürchte, dieſe Geſchichte wird ſchuld daran ſein, daß ich nicht zu lange mehr in dem Hauſe bleibe.“ „Vorhin ſagteſt Du ſchon Aehnliches, Anatole, und ſo vortheilhaft ich Deine Stellung auch halte, ſo habe ich Dich doch viel zu lieb, um ein Wort darüber zu verlieren, wenn Du mir in Wahrheit erklären zu müſſen glaubſt, ein anderer Wirkungskreis ſei für Dich angenehmer, noth⸗ wendiger.“ Bei dieſen Worten glitt derſelbe forſchende Blick aus den Augen der klugen alten Frau über die Züge ihres Enkels. Anatole hatte den Blick auf ſeine Serviette geheftet, welche er ſich bemühte, zu einer kunſtvollen Pyramide zu⸗ ſammen zu drehen.——„Abgeſehen von dem, was wir eben beſprachen,“ ſagte er,„ſo muß ich Dir wirklich geſtehen, daß ſchon öfter die Luſt in mir erwachte, ein⸗ mal jene Gegenden zu ſehen, wo Du ſo glücklich gelebt und wo mein Vater und meine Mutter geboren wurden, das heißt, in Deiner Geſellſchaft, denn Du mußt mir Alles erklären und mich an alle die Orte führen, die da — mals von Intereſſe für Dich waren und welche Dir heute in der Erinnerung noch theuer ſind.“ „Das wäre ſehr, ſehr ſchön.“ „Wenn ich aber immer und ewig hier auf dem Comp⸗ toir bleibe, ſo komme ich nicht dazu— ich muß auf einen großen Handelsplatz, von wo aus ich Reiſen machen kann. Sieh' mich an, Großmutter, Du hältſt mich doch für fähig, ein ſehr anſtändiges Kaufmannshaus würdig zu vertreten?“ „Gewiß, mein Kind— das reichſte und vornehmſte.“ „Und was meine Sprachkenntniſſe anbelangt, ſo darf von mir ſagen, u0 ich darüber ſchon etwas Lobenswerthe iſt es mir doch gleichviel, ob ich Deutſch, Franzöſiſch oder Engliſch ſpreche oder ſchreibe.“ „Iad, ja.“ „Was meinen Chef anbelangt und meine Stellung im Hauſe, ſo kann ich mich darüber allerdings nicht be⸗ klagen, aber——“ „Was für ein Aber?“ „Siehſt Du, Großmutter, die Geſchichte, in die mein Vater ſo traurig verwickelt war— die grüne Brieftaſche, die wieder auf eine ſo räthſelhafte Art mit Herrn von Martini zuſammenhängt— Alles das wirft einen ſchwar⸗ zen Schatten über Verhältniſſe, die mir früher ſo werth, ſo angenehm, ſo unendlich lieb erſchienen.“ „Ja, ja, das iſt begreiflich, doch kann ſich das auf die unverdächtigſte Art auflöſen.“ „Doch bleiben die Erinnerungen daran, und das, was meinem armen Vater im Zuſammenhange mit jenen Vor⸗ fällen widerfahren, wird nie mehr aus meinem Gedächt⸗ niſſe ſchwinden— ich habe früher nicht ſo daran gedacht, aber ſeit Kurzem fühle ich den ſehnlichſten Wunſch, in die Welt hinaus zu ziehen.“ „Seit Kurzem erſt?“ „Ja, erſt ſeit wenigen Tagen.“ „A a— a- ah?!“ 2 Madame Reveillot blickte Anatole abermals forſchend an, wobei ein leiſes Lächeln um ihre Züge ſpielte. Vielleicht errieth er ihre Gedanken, ohne Luſt zu . — 14 haben, das einzugeſtehen, denn er ſagte, ſich erhebend und einen Gang durch das Zimmer machend:„Ja, Groß⸗ mutter, ich würde mir nichts mehr daraus machen, dieſe 5 mir ſo lieb gewordenen Räume zu verlaſſen— natürlich 6 mit Dir— und ein wenig nach Frankreich zu gehen, ¹ nach der ſchönen Touraine, immer mit Dir, wohlver⸗ 4 ſtanden.“ Er trat hinter die alte Frau, umfaßte ſie leicht mit ſeinen Armen und drückte ſeine Wangen an ihr Geſicht: „Du haſt mir immer geſagt,“ fuhr er nach einer kleinen Pauſe fort,„ich ſehe meinem Großvater ſo ähnlich, denke Dir nun den Spaß, wenn wir in das kleine Städtchen A kämen, wo Du gelebt hatteſt, und die alten Leute riefen: Voilà Monsieur le Marquis de Reveillot!“ „Wie ſo, Monsieur le Marquis de Reveillot?“ fragte die alte Frau, erſtaunt aufblickend. „Nun, haſt Du mir nicht neulich im Scherze erzählt,. man hätte Deinen Mann, meinen Großvater, in ſeiner Jugend ſo genannt?“ 3„Ah ſo.“ 4 „Und dann ſchau' mich an, Großmutter,“ ſagte er, ſich hoch aufrichtend, mit einem heitern Lächeln,„würde ich meinem Großvater, der ein ſchöner Mann geweſen iſt, 1 nicht alle Ehre machen, ſelbſt wenn er ein wirklicher Marquis de Reveillot geweſen wäre?“ „Das iſt nicht zu läugnen,“ entgegnete die alte Frau mit einem ſtolzen Aufleuchten ihrer Augen, nachdem ſie ihren Enkel von oben bis unten betrachtet. „Ah, und wie mich das freuen würde, wenn Du mir das Haus zeigteſt, wo Du gelebt— wirſt Du es wieder finden? Lag es in der Nähe der Kirche oder viel⸗ leicht am Marktplatze?“ „Nein, nein,“ erwiederte Madame Reveillot, mit ge⸗ falteten Händen vor ſich niederblickend,„es lag eine kleine Viertelſtunde vor der Stadt.“ „Alſo ein Bauernhof?— Auch gut.“ „Es lag auf einer kleinen Anhöhe, umgeben von ur⸗ alten ſchönen Bäumen.“ „Prächtig, ich liebe die alten Bäume und die ſchönen Ausſichten— man hat doch eine ſchöne Ausſicht von dort oben?“ „Gewiß, eine ſehr ſchöne Ausſicht.“ „Siehſt Du, liebe Großmutter, mein Plan iſt ge⸗ macht; wir kommen dorthin— ich habe mir natürlich inzwiſchen viel Geld erworben, wir bauen ſtatt des kleinen Bauernhauſes ein hübſches Haus mitten zwiſchen die alten Bäume, von denen mir keiner verletzt werden darf, und führen da oben ein Leben wie Gott in Frankreich—— Doch jetzt,“ fuhr er lachend fort, nachdem er auf ſeine Uhr geblickt,„iſt die Zeit verfloſſen, in der es mir ver⸗ N8 — 16— gönnt war, Luftſchlöſſer zu bauen, und ich muß von der Anhöhe, wo die ſchönen uralten Bäume ſtehen, wieder in die Wirklichkeit hinabſteigen; doch haben mich dieſe Phan⸗ taſieen recht erheitert, und wenn Du mir jetzt noch einen dicken Kuß gibſt, ſo ziehe ich vergnügt von dannen, die Zeit herbeiwünſchend, wo unſere Träumereien Wahrheit werden ſollen. Allons enfants de la patrie, Le jour de gloire est arrivé! Good day, my dear grand-mother!“— Was aber Anatole in Betreff der Brieftaſche vorher⸗ geſehen, geſchah am nächſten Sonntag, an welchem der junge Fontenay den Poſtdienſt hatte und ſich deßhalb mit dem Herrn Ringel allein auf dem Comptoir be⸗ fand; die Geſchäfte waren in Kurzem erledigt und ein paar Briefe beantwortet, welche der Buchhalter per procura für das Haus unterzeichnete. Er that dieſes nur in Ausnahmsfällen, und ein ſolcher war heute, denn Herr von Martini befand ſich auf einer kleinen Reiſe, von der er erſt am folgenden Abende zurückkehren wollte. „Wenn wir vorausgeſehen hätten,“ ſagte Herr Ringel, „daß die Briefkapſel ſo wenig enthielte, ſo würde ich Sie nicht herbemüht haben, doch haben Sie ja immer noch den Nachmittag und Abend für ſich.— Was treiben Sie gewöhnlich an Sonn⸗ und Feiertagen, mein lieber Herr Fontenay?“ „Nicht viel Beſonderes— ich mache mit einigen Freunden einen Spaziergang und gehe Abends vielleicht in's Theater, wenn ein Stück gegeben wird, für welches ich eine Vorliebe habe.“ „Glückliche Jugend!“ bemerkte der Buchhalter kopf⸗ nickend,„die noch an Spaziergängen und Komödien in ihren Freiſtunden Vergnügen findet— Unſereiner, dem den ganzen Tag die Geſchäfte durch den Kopf ſauſen, möchte ſich, wenn er einmal nichts zu thun hat, lieber in eine Ecke des Sophas ſetzen und gar nichts denken— aber das geht auch nicht, wenn man einmal ſo einen Ruhepunkt hat, ſo kommen gleich alte Bekannte und klopfen an.“ „Ein Geſpräch mit gleichgeſinnten Freunden liebe ich auch.“ „Ja das Anklopfen meiner Bekannten war nur bild⸗ lich zu verſtehen, mein lieber Herr Fontenay— unter dieſen alten Bekannten verſtehe ich meine Gedanken, und das ſind denn auch zuweilen Freunde, die nicht immer Angenehmes zu verhandeln haben.— Wer lange gelebt hat, wie ich, zu dem treten auch zuweilen Erinnerungen ernſterer Art— ſo weiß ich nicht, wie es kam, daß heute Morgen, während ich allein auf meinem Zimmer ſaß und Hackländer, Zwölf Zettel. II. 2 —. 18 die Sonntagsglocken läuteten, jener Neujahrstag ſo klar in mir wurde— der Neujahrstag, von dem auch Sie mir erzählten und an welchem damals, vor langen Jah⸗ ren, die ganze Stadt in Aufregung war über jene un⸗ glaubliche Begebenheit.“ „Ach ja,“ machte Anatole. „Welcher auch in Ihr Leben einen Schatten warf, oder vielmehr in das Ihres Vaters— ein braver Mann, Ihr Vater— ich erinnere mich ſeiner noch ganz genau. — Ach,“ ſagte Herr Ringel, indem er anfing, mit den Händen ſeine gewöhnlichen Bewegungen nach rechts und nach links zu machen,„da liegt in Ihrer glücklichen Jugend unſer Leben vor uns wie ein neues Hauptbuch, da fangen wir es an mit Gott und tragen Soll und Haben ein, wie es uns das Schickſal verleiht: da buchen wir Freude und Leid einander gegenüber und tragen gute Freunde, werthe Bekannte als gewichtige Kapitalien ein; ehe wir uns verſehen, macht der Tod einen Strich darunter, und wir ſind genöthigt, irgend einen Conto abzuſchließen, in⸗ dem wir den Saldo der Freundſchaft in einem langen Wechſel auf die Ewigkeit notiren.— Ich habe ſchon manche Bilanz der Art geſchloſſen, doch wozu ſoll ich Ihren heiteren Sonntagsmorgen mit ſo ernſten Bildern anfüllen— ja, was wollt' ich doch vorhin ſagen?“ Anatole ſprach zu ſich ſelber:„Das kann ich mir „ 10 wohl denken,“ blickte aber mit einem Ausdruck der Er⸗ wartung in das Geſicht des Herrn Ringel. „Richtig,“ ſagte dieſer—„ich dachte an jene Ge⸗ ſchichte und an Ihren Vater, und da fiel mir ein, daß Sie mir neulich etwas erzählten, was damit im Zuſam— menhange ſtand— war es nicht eine Brieftaſche?“ „Davon ſprach ich allerdings vor einigen Tagen,“ entgegnete der junge Mann mit großer Unbefangenheit, „und mit dieſer Brieftaſche iſt es mir ganz eigenthümlich ergangen.“ „Wie ſo?“ fragte der alte Buchhalter mit einer Haſt, welche er dadurch wieder zu verbergen ſuchte, daß er im nächſten Augenblicke mit einer ziemlich gleichgültigen Miene zum Fenſter hinausſah. „Ich erzählte Ihnen, daß ich die Brieftaſche von meiner Großmutter erhalten, daß ich ſie aufmerkſam durch⸗ ſucht, aber nur einige Zettel darin gefunden hätte, die mit Worten beſchrieben ſeien, die von mir in keinen Zu⸗ ſammenhang zu bringen wären.“ „Ja, ja, das ſagten Sie mir, intereſſirten mich da⸗ durch für dieſe Zettel und wünſchten in Betreff der un⸗ verſtändlichen Worte meinen Rath, wenn ich dieſe Zettel einmal geſehen.“ „Es lag auch in meiner feſten Abſicht, ſie Ihnen mitzubringen— ich legte die Brieftaſche zu anderen Pa⸗ — 20— pieren und denken Sie nur, als ich heute Morgen dar⸗ nach ſuchte, kann ich ſie nicht wiederfinden!“ „Was, die kleine, grüne Brieftaſche hat ſich ver⸗ loren?“ „Die Brieftaſche nicht,“ antwortete Anatole mit ziem⸗ licher Ueberlegung,„das wäre zu auffallend, aber die Zettel müſſen ſich unter andere Papiere verſchoben haben.“ „Das iſt ja ganz eigenthümlich.“ „Natürlicher Weiſe werde ich Alles nochmals auf's Genaueſte durchſuchen, denn die Sache iſt mir inſofern unangenehm, als es mich gefreut hätte, Ihre Meinung darüber zu vernehmen.“ Der alte Buchhalter nickte mit dem Kopfe und warf unter ſeinen buſchigen Augenbrauen hervor einen forſchen⸗ den Blick auf den jungen Mann, einen etwas finſteren Blick, obgleich trotz deſſelben der gemüthliche Zug um ſeine Lippen nicht verſchwand. „Ei, ei,“ ſagte er in langſamem, gezogenem Tone, „das iſt recht ſchade— ich würde mich gefreut haben, jene Zettel zu ſehen, und auch Herr von Martini hätte ſich dafür intereſſirt—“ „Ich werde mein Möglichſtes thun, um ſie wieder zu finden— ſollte mir dieſes aber nicht gelingen, ſo muß ich mich eben mit dem Gedanken tröſten, daß die Zettel doch eigentlich von keinem großen Werthe waren.“ ver⸗ „Vielleicht————“ „Die Begebenheit, auf welche ſie ſich allenfalls hätten beziehen können, liegt ja ſchon ſo weit hinter uns, daß im Grunde Niemand mehr Intereſſe dafür hat, dieſe alte Geſchichte wieder aufzufriſchen— für meinen armen Vater hätte es allenfalls von Wichtigkeit ſein können, irgend einen Lichtſchein, eine Aufklärung zu erhalten, denn Sie wiſſen es ſelbſt, unter welch' unwürdigem Verdacht er bis an ſeinen Tod gelitten.“ „Es könnten auch Andere ſein, die Intereſſe daran haben.“ „Aber dieſe Andere intereſſiren mich nicht,“ ſagte Anatole in gleichgültigem Tone, ſetzte aber gleich darauf raſch hinzu,„abgeſehen von Ihnen, Herr Buchhalter, Sie haben ſich ja auch dafür intereſſirt, aber aus einem ganz anderen Grunde.“ „Ja, ja, és war eine kleine Neugierde, angeregt durch Ihre Erzählung.“ „Hoffentlich finde ich die Zettel wieder, und dazu werde ich nichts unverſucht laſſen.“ „Und damit wünſche ich Ihnen einen recht vergnügten Sonntag,“ ſprach Herr Ringel in heiterem Tone, wobei er einen Blick auf die Uhr des Comptoirs warf und hin⸗ zuſetzte,„es iſt gleich Mittag und auch ich werde nach Hauſe gehen.“ Der junge Fontenay verließ zuerſt das kleine Haus und wollte ſeinen Weg durch die kleine hintere Straße nehmen, als er draußen den Diener Georg ſah, der ihn erwartete und ihm ſagte, das gnädige Fräulein wünſche ihn einen Augenblick im Gewächshaus zu ſprechen, um ihm einen Auftrag zu geben, worauf er ſeine Schritte dorthin richtete. Der Buchhalter hatte recht geſchäftig gethan, ſeine Bücher einzuſchließen und ſeinen Ueberrock anzuziehen, ſo lange der Andere noch im Zimmer war. Als aber Ana⸗ 9 3 tole daſſelbe verlaſſen hatte, ſetzte er ſich wie ermattet auf den Stuhl nieder, welcher in der Nähe des Pultes ſtand und den er nur in Ausnahmsfällen benützte, da er ſeine Einträge in die Geſchäftsbücher ſtehend zu machen pflegte: er ſchaute dem jungen Manne nach, wie er durch, den Garten dahinſchritt, und ſagte nun plötzlich in einem ganz anderen Tone, als in dem, welchen er bis jetzt ange⸗ ſchlagen:„Ei, ei, mein Bürſchlein, Du haſt alſo die Zettel aus der Brieftaſche verloren— ſchau, ſchau, wel⸗ cher Dämon hat Dir den Rath dazu gegeben?—— —— Sollte es möglich ſein, daß er ſie in der That verloren, daß er ſie als unnütz unter andere Papiere warf— unglaublich, denn dieſer Fontenay iſt ein prak⸗ tiſcher junger Menſch von großer Ordnungsliebe— ver⸗ flucht, wenn er hier wirklich praktiſch ſein wollte—— 44 23— —— Doch was denke ich da,“ fuhr er nach einem längeren Nachſinnen fort, während welchem er wie me— chaniſch ſeine Hände bald nach rechts, bald nach links ausgeſtreckt hatte—„praktiſch!— Was iſt in dieſem Falle praktiſch?— Mißtrauiſch wäre praktiſch, und wo⸗ her ſollte er mißtrauiſch geworden ſein— undenkbar— es ſind vielleicht vierzehn Tage her, daß er mir die Ge⸗ ſchichte erzählte, und wenn ich mich nicht irre, ſprachen wir ja noch vor ein paar Tagen— ja, ja, ganz recht, vor ein paar Tagen, als ich ihn zur Unterſchrift in das Kabinet des Herrn von Martini ſandte— was könnte ſeit jener Zeit vorgefallen ſein?— Georg erzählte mir geſtern, als ich ihm ſeinen Lohn recht vollwichtig wie ge⸗ wöhnlich ausbezahlte, Herr Fontenay habe neulich eine Unterredung mit dem jungen Fräulein in deren Schreib⸗ zimmer gehabt, welche ein wenig länger gedauert hätte, als Unterredungen zu dauern pflegten, in welchen man Aufträge ertheile— ſollte dabei?—— Lächerlicher Gedanke— was weiß das junge Mädchen von dieſen Geſchichten— und doch?—— er hätte ja bei ihr eben ſo gut, wie bei mir, von der kleinen, grünen Brieftaſche erzählen und ſie ihm darauf ſagen können, ſie habe eine ähnliche in der Kaſſette von Papa geſehen— das wäre möglich, aber nicht wahrſcheinlich—“ Er legte den Kopf in die Hand und fuhr erſt nach — 24— einem längeren Stillſchweigen mit ſich ſelbſt redend fort: „Es iſt das nicht wohl anzunehmen: ſeit Jahren ſchon verwahrt er auf meinen Rath die Brieftaſche in ſeinem eiſernen Geldſchranke, wo ſie auch unbedingt beſſer auf⸗ gehoben iſt, und vor jener Zeit wäre es doch ein merk⸗ würdiges Zuſammentreffen geweſen, wenn das junge Mädchen zufällig in das Kabinet gekommen, in die offene Kaſſette geblickt und unter anderen Papieren die kleine Brieftaſche entdeckt hätte———— doch wozu das Nachgrübeln— der Teufel finde einen richtigen Ge⸗ danken! Das Einzige, was ich thun kann, iſt, noch ein paar Tage abzuwarten, ob er die Zettel wieder findet, und dann erſt mit dem da drüben zu reden— er liebt zu ſehr die extremen Maßregeln, und die Sache muß ruhig und ſanft angefaßt werden— wohl überlegt— ——— b ol“ rief er nach einer langen Pauſe in ſchmerzlichem Tone aus,„hätte ich damals mit mehr Ueberlegung gehandelt!“ Anatole war in das Glashaus getreten und brauchte nicht lange zu ſuchen, um Anna von Martini mit ihrer Freundin in der Palmenlaube zu finden. Es war hier wie immer entzückend ſchön; die Sonne vergoldete das Glasdach und glänzte auf den Spitzen der ewig grünen Bäume; der Springbrunnen murmelte laut und rauſchte, die kleinen Singvögel ließen ihre luſtigen Weiſen erſchallen Kö her ah — 25— — alles das war wie ein wunderbares Märchen, in wel— chem Anna von Martini als eine kleine, reizende Fee erſchien. Wie ſchön ſie heute Morgen war: von ihren Wangen war alle Bläſſe verſchwunden, ihre Augen leuchteten, und ſie ſtreckte dem Eintretenden ſo ohne Zwang und mit einem ſo heiteren Lächeln ihre kleine Hand entgegen, daß ſich dieſer Gewalt anthun mußte, um nicht ſeine edeln, tugendhaften Vorſätze zu vergeſſen und um nicht durch einen innigen Kuß auf dieſe kleine Hand auszudrücken, daß er wohl eingedenk ſei der Unterredung von geſtern. Glücklicher Weiſe wurde er in dieſem Beſtreben unter⸗ ſtützt durch den Anblick des Buches, welches vor Anna's Freundin auf dem Tiſche lag, deſſen Titel„Paul und Virginie“ er deutlich leſen konnte, und ſo war er denn im Stande, ſeine Lippen auf die feine, zierliche Hand des jungen Mädchens ſo ehrfurchtsvoll, ſo anſtändig kühl zu drücken, als habe er es mit Frau Fichtner oder mit ſonſt einer Dame von gleichem Alter zu thun. „Sie haben befohlen, Fräulein von Martini,“ ſagte er. Ein Schatten überflog ihre Züge, ja ſie warf ihr Köpfchen etwas in die Höhe, um gleich darauf wieder ſo herzlich zu lächeln, daß man deutlich ihre weißen Zähne ſah; fiel ihr doch in dieſem Augenblicke ein, daß eine 26 Dritte gegenwärtig war, und mußte ſie Anatole eigentlich dankbar dafür ſein, daß er mit keiner Miene, mit keiner Sylbe anders war, als es der unbedeutende Diener ge⸗ genüber der einzigen Tochter des Millionärs, ſeines Chefs, ſein mußte. . Aber ihre Hand hätte er doch ſo küſſen können, wie er es neulich gethan, dachte ſie im nächſten Augenblicke, plötzlich wieder ernſt werdend, und ſagte nach dieſen Ge⸗ danken in einem zu dieſem Ernſte paſſenden Tone:„ Ich habe mich nur nach dem Befinden Ihrer Großmutter er⸗ kundigen wollen— ich hatte Madame Reveillot geſtern ſchon erwartet und fürchtete, ſie ſei vielleicht krank ge⸗ worden.“ „Sie wird untröſtlich ſein, wenn ich ihr ſage, daß Sie ſie vergeblich erwartet— ich begreife nicht, daß ſie es vergeſſen konnte, hieher zu kommen.“— Zu gerne hätte er mit einem innigen Blick auf das ſchöne Mädchen hinzugeſetzt:„Ich hätte das gewiß nicht ver⸗ geſſen,“ doch hütete er ſich wohl, ſo aus ſeiner Rolle zu fallen, und fügte ſtatt deſſen mit einer geziemen⸗ den Verbeugung hinzu:„Ich werde nicht verfehlen, die Worte des gnädigen Fräuleins Madame Reveillot zu wiederholen.“ „Sie waren auf dem Comptoir?“ „Ja, Fräulein von Martini.“ einem kehren ich S wand △. Fran irger deut ch ich 2, „So haben Sie nicht einmal einen Sonntag frei?— Das iſt wohl recht hart?“ „Es iſt ja nur die Beſchäftigung einer kleinen Mor⸗ genſtunde— oft iſt auch gar nichts zu thun, auch wechsle ich mit einem meiner Kollegen ab.“ „Und was haben Sie jetzt vor?“ „Nichts Beſonderes— ich pflege an Sonntagen auf einem ziemlich großen Umwege nach Hauſe zurück zu kehren.“ 3 „Alſo halte ich Sie von nichts Wichtigerem ab, wenn ich Sie bitte, ſich einen Augenblick zu uns zu ſetzen?“ „Gewiß nicht.“ Er nahm einen Stuhl und ließ ſich gegenüber dem jungen Mädchen nieder. „Wiſſen Sie wohl,“ ſagte dieſes,„daß ich ſchon lange den Wunſch hatte, Sie einmal vorleſen zu hören, das heißt in franzöſiſcher Sprache?— Herr Fontenay,“ wandte ſie ſich gegen Eliſe,„ſpricht ein ausgezeichnetes Franzöſiſch— da iſt unſere Geſchichte— leſen Sie uns irgend eine Stelle.“ „Paul und Virginie?“ fragte Anatole mit einem be⸗ deutungsvollen Blicke—„mit großem Vergnügen werde ich Ihren Wunſch erfüllen; bitte aber, mir zu ſagen, wo ich anfangen ſoll.“ „Ach, das iſt gleichviel— wir haben dieſe reizende — 28— Geſchichte ſchon mehrere Male durchgeleſen— ich ſchwärme dafür— fangen Sie an, wo Sie wollen— das heißt eigentlich nicht, wo Sie wollen: nehmen Sie das Buch, „ſchlagen ſie es auf's Gerathewohl auf und fangen Sie oben auf der rechten Seite an zu leſen.“ Sie lehnte ſich in ihren Stuhl zurück und ſah ihn unter den langſam niederfallenden Wimpern mit einem leuchtenden Blicke an. Da Anatole den berühmten Roman ebenfalls genau kannte, ſo hütete er ſich wohl, das Buch zufällig in der erſten Hälfte oder in der Mitte aufzuſchlagen, um eine jener Szenen zu vermeiden, wo das glücklich liebende Paar durch die Wälder zieht, wo er Beeren für ſie ſam⸗ melt, und ſie ihm zum Danke dafür einen duftenden Zweig um das lockige Haar windet; er bog die Blätter gegen das Ende des Bandes auseinander und las als⸗ dann, nachdem er ſich anmuthig vor den beiden jungen Mädchen verbeugt hatte. „Ach, das haben Sie recht ſchlecht getroffen,“ rief Anna unmuthig,„das iſt ja vom Ende der Geſchichte und ich hätte lieber etwas vom Anfange gehört— warum gerade vom Ende?“ „Der Zufall hat es ſo gewollt;“ entgegnete er mit ernſter Stimme,„jeder Anfang hat ſein Ende, und es iſt zuweilen recht gut, dieſes ein wenig in's Auge zu faſſen, — ſoll lächelnd Orakel Wieder den V ſo gel meiner tole et E als ſi von J Regen das! blck lichen daß 3 1 fragt — 29 faſſen, ehe man ſich zu ſehr in den Anfang vertieft— — ſoll ich weiter leſen?“ „Nein, nein, da nicht— wir wollen das Spiel des Zufalls noch einmal verſuchen.“ „Man ſollte das nicht thun,“ ſagte der junge Mann lächelnd,„nicht wahr, Fräulein Eliſe?— Wenn das Orakel einmal geſprochen, ſoll man es nicht zu einer Wiederholung zwingen wollen.“ „So ſagt man,“ meinte die Freundin Anna's. „Wie Sie Alles gleich ſo ernſt nehmen,“ warf dieſe ein.—„Gut denn, Ihr ſollt recht behalten; wenn man den Verſuch nicht mit demſelben Buche wiederholen darf, ſo gehe und hole ein anderes franzöſiſches Werk aus meiner Bibliothek— ich will aber, daß uns Herr Ana⸗ tole etwas Freundliches vorliest.“ Eliſe erhob ſich und ging raſch dem Hauſe zu, und als ſie den Wintergarten verlaſſen hatte, ſtreckte Anna von Martini dem jungen Manne ihre beiden Hände ent⸗ gegen und ſagte mit einem glücklichen Lachen:„Habe ich das nicht recht gemacht? O, ich mußte Sie einen Augen⸗ blick allein ſehen, Anatole, ich mußte Ihnen einen herz⸗ lichen guten Morgen wünſchen— ich mußte Ihnen ſagen, daß ich geſtern Morgen mit meinem Vater geſprochen.“ „Ah⸗ Sie ſprachen ſchon mit Herrn von Martini?“ fragte er in einem Tone unangenehmer Ueberraſchung. 30 „Schon?— Das Wort thut mir wehe und auch der Blick, mit dem Sie das ſagen.“ „Ich fürchtete in Gedanken für Sie Herr von Martini kann ſo ernſt und heftig ſein.“ „Ja, das kann er, und als ich mit ihm ſprach, fiel mir der gleiche Gedanke ſo auf's Herz, daß ich ihm un⸗ möglich Alles ſagen konnte, was ich mir vorgenommen.“ Der junge Fontenay athmete freier auf und konnte ſich nicht enthalten, ein ganz leiſes„Gott ſei Dank“ zu ſagen. „Ich ſagte ihm, ich hätte mir das, was er mit mir geſprochen, überlegt— ich hätte allerdings geglaubt, mein Herz ſei noch vollkommen frei, aber— ſetzte ich hinzu— und als ich das that, ſchaute er mich mit einem jener harten Blicke an, die mir ſchon als Kind Angſt eingeflößt, und ſetzte ſcharf und trocken hinzu: Aber? Was ſoll das Aber? Du willſt mir wohl ſagen, daß Deine Blumen, Deine Muſik, Deine Vögel und derglei⸗ chen einen Platz in Deinem Herzen ausgefüllt haben, und dagegen habe ich nichts einzuwenden, ſonſt— ſetzte er hinzu, indem er mich forſchend betrachtete— wüßte ich in der That nicht, womit Dein Herz angefüllt ſein könnte — ich hoffe nicht, daß Frau Fichtner Dir erlaubt, Ro⸗ mane zu leſen— ich werde mich darnach erkundigen.— Das ärgerte mich, daß er mich noch wie ein kleines — 31 Mädchen von zwölf Jahren auch in dieſer Richtung unter die Aufſicht der Frau Fichtner ſtellen wollte, und ich bin doch ſchon über ſechzehn Jahre alt, und ich antwortete in einem ärgerlichen Tone, ich glaube ganz allein ſelbſt zu wiſſen, was ich leſen darf oder nicht, und das zu leſen, was man ſo Romane nennt, war nie meine Leiden⸗ ſchaft— ich beſchäftige mich gerne mit Länder⸗ und Völkerkunde oder übe mich in fremden Sprachen, und deßhalb leſe ich gerade jetzt Paul und Virginie.“ „Was ſagte darauf Ihr Herr Vater?“ „Er lächelte ſo eigenthümlich, daß es mich faſt ver⸗ droß. Ah, ſagte er, Du lieſeſt Paul und Virginie, wahrſcheinlich mit Deiner Freundin Eliſe, und was Eine von euch nicht weiß, erklärt ihr die Andere. Dabei ſitzt ihr wohl drunten in der Palmenlaube und träumt, ſelbſt auf einer ſtillen Inſel zu ſein; die Eine von euch bildet ſich ein, Virginie vorzuſtellen, die Andere Monſieur Paul. — Leſet dieſe kleine Geſchichte nur ruhig bis an's Ende, und Du wirſt dann einſehen lernen, daß wie im Roman, ſo im wirklichen Leben der liebe Gott ſtets dafür beſorgt iſt, daß die Bäume nicht in den Himmel wachſen.— War das nicht abſcheulich?“ „Es war etwas hart, aber doch lag auch Wahres darin.“ „Wie ſo, Herr Anatole?“ 32.— Der kluge Verfaſſer des Buches mochte, als er „D demſelben das traurige Ende gab, wohl überzeugt ſein, daß die Verhältniſſe der beiden jungen Leute ſo ver⸗ ſchieden waren, daß eine Vereinigung doch wohl nicht zu ihrem Glücke geführt hätte— ſie war die Tochter vornehmer Eltern, welche ihre Hand einem Manne von Stand beſtimmten— er dagegen war ein unbedeutender Menſch.“ „Pfui! Anatole, ich weiß, wo hinaus Sie wollen, und es thut mir entſetzlich weh— ach, ſo weh.“ Sie legte ihre kleine Hand vor die Augen, als ob ſie weinen wollte, blickte aber gleich darauf raſch in die Höhe und ſagte in heiterem Tone:„Gehen Sie, Sie wollen mich nur necken, aber das iſt nicht recht von Ihnen— Alles hat ſeine Zeit, und ich kann Sie verſichern, Anatole, wir haben keine Urſache, mit ſo ernſten, wichtigen Dingen unſern Spaß zu treiben.— Wiſſen Sie wohl, daß Papa nach der Reſidenz gereist iſt, um dort mit dem Grafen Riedberg Alles in Ordnung zu bringen?— Ach, Ana⸗ tole, ich ſchaudere, wenn ich daran denke, und zürne auf mich ſelbſt, daß ich neulich nicht den Muth hatte, rück⸗ ſichtslos Alles meinem Vater zu geſtehen— doch ſobald er zurückkommt, werde ich den erſten Augenblick er⸗ greifen.“ „Um wahrſcheinlich die gleiche Antwort zu erhalten. — Herr von Martini iſt gewiß überzeugt, daß Ihr Herz noch frei iſt.“ „Sie ſagen das in einem Tone, als wenn Sie der gleichen Anſicht wären, Anatole— haben Sie denn Alles vergeſſen, was ich Ihnen vorgeſtern geſagt, oder iſt es vielleicht unwahr, was Sie mir darauf er⸗ wiederten?“ Sie ſah ihn bei dieſen Worten mit einem innigen Blicke an und erſchien dabei ſo lieblich, ſo reizend, daß er hätte von Stein ſein müſſen, um das zu ſagen, was er gegen ſein eigenes Gefühl beabſichtigte— nein, un⸗ möglich. Er neigte ſich gegen ſie, er wollte ſchon ihre kleinen Hände ergreifen, um ſie mit heißen Küſſen zu bedecken, er wollte ihr in geflügelten Worten ſagen, daß er ſie mit aller Kraft, mit aller ⸗Glut einer erſten Liebe an⸗ bete, daß ſie über ihn und ſein Leben befehlen ſolle, daß er bereit ſei, Alles für ſie zu thun— da vernahm er glücklicher Weiſe die Schritte der zurückkehrenden Freun⸗ din, welche der Tochter des Hauſes einen Band von La⸗ fontaine's Fabeln überreichte. Anna von Martini drückte unmuthig die Lippen aufeinander, und rief, als ſie einen Blick auf den Titel des Buches geworfen, mit dem Ausdrucke hef⸗ tigen Zornes:„Nun, das muß ich Dir geſtehen, Hackländer, Zwölf Zettel. 1I. 3 34.— Eliſe, etwas Langweiligeres, ja Abgeſchmackteres hätteſt Du nicht bringen können, und wie lange Du deßhalb ausgeblieben biſt— ich habe wahrhaftig gedacht, Du wäreſt ſelbſt nach der Leihbibliothek gegangen.“ „Es iſt nicht leicht, etwas paſſendes Franzöſiſches zu finden,“ ſagte die Freundin in einem demüthigen Tone. „Das nennt ſie paſſend— Lafontaine's Fabeln— frage doch Herrn Fontenay, ob er uns daraus Et⸗ was vorleſen will?— Nein, frage ihn lieber nicht, er könnte am Ende aus Artigkeit Ja ſagen, und ich wüßte in der That nicht, was ich jetzt unlieber hören möchte, als eines dieſer abgedroſchenen Dinger.— Haſt Du Frau Fichtner nicht geſehen?“ „O ja, ſie war im Speiſezimmer,“ ſagte die Freun⸗ din, und ſetzte raſch hinzu:„ſoll ich ſie rufen?“ Gerne hätte Anna von Martini Ja geſagt, um die Ueberläſtige noch für einen Augenblick zu entfernen, und ſie würde es auch gethan haben, wenn nur das geringſte Zucken in den Blicken des jungen Mannes als Zuſtimmung hätte erſcheinen können, doch ſchaute der⸗ ſelbe an einer der ſchlanken Palmen in die Höhe, weß⸗ halb Anna ſagte:„Nein, ich danke, ich werde ſelbſt nach ihr ſehen.“. Sie erhob ſich raſch, Anatole die Hand zum Abſchied 35b— reichend, wodurch ſie ihm nebenbei auch Veranlaſſung gab, an ihre Seite zu kommen und mit ihr den breiten Gang des Gewächshauſes hinabzugehen, während die Freundin langſam die Bücher auf dem Tiſche zuſammen⸗ raffte, dieſen wieder zurechtrückte, die Stühle gerade ſtellte und auf dieſe Art diskreter Weiſe weit genug zu⸗ rückblieb. „Ach, Anatole,“ ſagte Anna von Martini leiſe zu ihrem Begleiter,„ich bin ſo aufgeregt, was man mir ge⸗ wiß nicht übel nehmen kann— muß ſich nicht in Kurzem mein Geſchick entſcheiden— was ſoll ich thun, wenn mein Vater hart und unerbittlich bleibt?— Wenn auch Du mich verließeſt, ſo hätte ich Niemand auf der Welt, der mir rathet und hilft!“ Es wäre nun eine überflüſſige Grauſamkeit geweſen, wenn er ihr hierauf eine vernünftig kalte Antwort ge⸗ geben hätte; auch war er ja in ſeinem Innern feſt ent⸗ ſchloſſen, ihr Alles, was er konnte, zum Opfer zu bringen, ihr in jeder Beziehung nach ſeinem beſten Ge⸗ wiſſen zu rathen, weßhalb er ihr denn auch erwiederte: „Wie ſollte ich Sie je verlaſſen— das glauben Sie ſelbſt nicht— o im Ernſte ſind Sie von meiner An⸗ hänglichkeit und Treue überzeugt.“ „Kann ich das ſein, Anatole?“ „Gewiß, Anna, gewiß.“ „Gott ſei Dank!“ Leider hatte er ſeine Blicke nicht ſo in ſeiner Ge⸗ walt wie ſeine Worte, und als die Beiden nach einem langen innigen Austauſch derſelben nun von einander ſchieden, thaten ſie es in dem ſeligen Gefühl gegen⸗ ſeitiger Liebe. Zweites Kapitel. Wie Herr von Martini Alles pünktlich zu thun pflegte, ſo war er auch pünktlich zur beſtimmten Zeit von ſeiner kleinen Reiſe wieder nach Hauſe zurückgekehrt. Er war in der Reſidenz geweſen, hatte dort nicht nur mit dem Grafen Riedberg, Vater, konferirt, ſondern er hatte dem⸗ ſelben auch eine Summe von zweimalhunderttauſend Tha⸗ lern als vorläufige Zahlung angewieſen, welcher der er⸗ lauchte Graf ziemlich benöthigt geweſen zu ſein ſchien, weßhalb er dem Bankier in den wärmſten Worten gedankt und ihn in den herzlichſten Ausdrücken, ſeiner innigſten Freundſchaft verſichert hatte. Nicht gerade ganz ſo zuvorkommend und liebenswür⸗ dig hatte ſich der künftige Schwiegerſohn, der junge Graf Riedberg, ein glänzender Reiteroffizier, benommen. Doch mochte es wohl ſeine Gewohnheit ſein, Alles, was nicht gerade hochgeboren war, oder keine königliche Hoheit oder mindeſtens Durchlaucht vor ſeinem Namen hatte, von oben herab anzuſehen, und eigentlich nichts Böſes dahinter ſtecken. — 38— Man muß das dieſen jungen Leuten, den vielver⸗ ſprechenden Trägern der Zukunft, der vergoldeten Jugend, die ja viel älter iſt als ſie ſcheint, nicht übel nehmen, denn ſie lebt in einem Jahre wenigſtens ein Dezennium — für ſie gibt es ſelten etwas Neues, etwas Ueber⸗ raſchendes, ja Außergewöhnliches, und deßhalb iſt es ſo begreiflich, daß man einem ganz gewöhnlichen Kaufmann, einem Neugeadelten, ſelbſt wenn er ſeiner Tochter eine Million Mitgift zuſagt, nachläſſig den Zeigefinger der rechten Hand bietet und ſich nach ein paar gleichgültigen Worten abwendet, um einem Ebenbürtigen zu ſagen: „Famoſe Schneebahn heute— werden auf Ehre eine ſuperbe Fahrt haben.“ Daran dachte der Bankier, als er nun wieder in ſei⸗ nem Kabinete ſaß und die Zahlung, von der wir vorhin geſprochen, in ſein geheimes Buch eintrug. Georg meldete den Herrn Ringel, und der alte Buch⸗ halter trat ein, um zu berichten, was in den verfloſſenen Tagen während der Abweſenheit des Prinzipals im Ge⸗ ſchäfte vorgefallen. Es war das nicht viel Bedeutendes: gewöhnliche Ein⸗ läufe, gewöhnliche Korreſpondenzen, und als er geendigt, ſprach der Bankier über ſeine Reiſe und welch' liebens⸗ würdige Aufnahme er im Hauſe des Grafen Riedberg gefunden— daß der Chef des Hauſes dort mit der Ab⸗ faſſung des Chekontraktes ſich beſchäftigte und daß, was ſeine eigenen Ausſichten anbelange, dieſelben auf dem beſten Wege wären, in Erfüllung zu gehen.„Ja,“ ſagte er, ſich die Hände reibend,„dafür haben wir nun einen guten Theil unſeres Lebens gearbeitet, und wenn ich auch, wie Sie wiſſen, nicht daran denke, mich zur Ruhe zu ſetzen, ſo iſt es mir doch ſehr erwünſcht, hier einen voll⸗ kommenen Abſchluß machen zu können. Ich hatte ſchon daran gedacht, mein Wohnhaus hier zu verkaufen, doch müßte man dann ein neues Lokal für das Geſchäft er⸗ werben, und ſo will ich es vorderhand beim Alten be⸗ laſſen. Obgleich ich, aufrichtig geſagt, nicht daran denke, je wieder dauernd hieher zurückzukehren—— gewiß, trübe Erinnerungen werden mich dann erſt verlaſſen, wenn ich das Geſchäftshaus da drüben nicht mehr vor Augen habe, wenn ich die Straßen nicht mehr ſehe, durch die ich ſo oft gewandert bin, in ängſtlicher Spannung auf das Geſpräch der Vorübergehenden lauſchend———— es ſind jetzt zwanzig Jahre verſtrichen- eine lange, bange Zeit.“ 3 Der Buchhalter machte eine raſche Bewegung, welche aber dem Bankier entging, da er vor ſich nieder⸗ ſtarrte. „Habe ich Ihnen ſchon geſagt,“ fuhr Herr von Martini nach einer ziemlich langen Pauſe tiefen Nach⸗ 4 — 40— denkens fort,„daß am Abende vor meiner Abreiſe Doktor Narder bei mir⸗war?“ „Nein, Sie ſagten mir nichts davon, doch wird er Ihnen mitgetheilt haben, daß ich einige Male draußen war, zweimal ohne ihn zu treffen, das dritte Mal aber ſprach ich mit ihm.“ Der Bankier nickte mit dem Kopfe.—„Ich ließ mir von ihm erzählen,“ ſagte er hierauf,„daß der junge Fontenay am erſten Neujahrstage bei ihm war— er lobte deſſen ruhiges, geſetztes, beſcheidenes Betragen, und ich hatte keine Urſache, ihm zu verſchweigen, daß dieſer junge Mann einer meiner Gehülfen ſei, dem ich Vertrauen ſchenken könne.“ „Das iſt Alles recht gut— aber—“ Der Andere unterbrach den Buchhalter mit einer Handbewegung und fuhr fort:„Fontenay mußte einen Augenblick auf den Doktor warten, wie er Ihnen ja auch mitgetheilt, und dann habe er das Schreiben übergeben, ohne ſich eine Bemerkung zu erlauben, und ſei nach einigen gewechſelten Reden wieder gegangen, ohne Neu⸗ gierde zu verrathen.“ „Ganz richtig, unterdeſſen aber—“ „Gleich, lieber Herr Ringel— gleich— darauf theilte mir Doktor Narder etwas Wichtigeres mit, was auch für Sie nicht ohne Intereſſe ſein wird; wir wiſſen, daß dieſer — 41— Morel ſchon ſeit letztem Herbſt kränkelt, und jetzt hat ſich bei ihm ein Bruſtleiden entwickelt, das, wie der Arzt meint, einen ziemlich raſchen Verlauf nehmen wird: er ſprach von März, April, und ich muß Ihnen ſchon ge⸗ ſtehen, daß, wenn wir ſo glücklich wären, es bald zu er— leben, daß das Grab dieſen letzten Zeugen aufnimmt, ich meine neue Laufbahn mit noch größerer Genugthuung beginnen würde.“ „Das Grab deckt allerdings Manches zu, aber es gibt auch Zeugniſſe, welche über daſſelbe hinausreichen.“ Der Bankier blickte in die Höhe mit einem unange— nehmen Ausdruck in den Zügen.„Ach ja,“ ſagte er, „ich weiß, was Sie meinen, doch hoffe ich, daß Sie mir in dieſer Richtung keine verdrießlichen Mittheilungen zu machen haben.“ „Verdrießlich gerade nicht, aber auch durchaus keine genügenden— der junge Fontenay gibt nämlich vor, die Zettel aus der kleinen grünen Brieftaſche zwiſchen andere Papiere gebracht und verloren zu haben.“ „Gibt vor?— Woraus ſchließen Sie, daß dieſes nur ein Vorgeben iſt?— In dieſem Falle müßte er ja auf die Wichtigkeit der Papierſtreifen aufmerkfam gemacht worden ſein.“ „Das halte ich auch für möglich.“ „Von wem?“ fragte raſch auffahrend Herr von Martini. Der alte Buchhalter zuckte mit den Achſeln.—„Dar⸗ über bin ich allerdings noch im Unklaren, aber Sie wer⸗ den mir zugeben, daß die Angabe, jene Zettel ſeien ver⸗ loren gegangen, im Gegenſatz zu der Bereitwilligkeit Fontenay's vor wenigen Tagen, ſie mir zu zeigen, auf⸗ fallend iſt.“ „Dieſe Bereitwilligkeit bezeigte er Ihnen noch vor einigen Tagen?“ fragte der Bankier, ſich nachdrücklich die Stirne reibend—„vor wie vielen Tagen ungefähr?“ „Es mögen vier Tage ſein— ganz richtig, es war vergangenen Freitag, alſo ſind es vier Tage.“ Herr von Martini hatte kopfſchüttelnd vor ſich nieder⸗ geblickt, dann aufwärtsſchauend den Bleiſtift, welchen er in der Hand hielt, langſam zwiſchen ſeine Lippen ge⸗ bohrt, darauf erhob er ſich und blieb mit aufgeſtützter Hand an dem Tiſche ſtehen, während er durch die große Scheibe hindurch über den Garten hinüber nach dem Ge⸗ ſchäftslokale blickte. Dieſes Alles dauerte mehrere Mi⸗ nuten, während welcher er ausſchließlich mit wichtigen Gedanken beſchäftigt zu ſein ſchien———— End⸗ lich wandte er ſich herum und ſagte in einem barſchen, unmuthigen Tone:„So oder ſo, der Sache muß ein Ende gemacht werden— verflucht ſei jener elende Kerl, der die Brieftaſche damals entwandte, um nachher nichts Ge⸗ ſcheidteres damit anfangen zu können, als ſie reumüthig jenem Dummkopf von Fontenay zu überſenden— ich hätte ſie jenem Kerl hundertfach mit Gold aufgewogen —— und hohb' der Teufel die Gewiſſenhaftigkeit eines alten Weibes, welches dieſe Brieftaſche aus altem Krame hervorſtöbern mußte, um ſie in die Hände eines jungen, unerfahrenen Menſchen zu legen, der nun Gott weiß wel⸗ chen Fund gethan zu haben glaubt.“ „Bei ſeiner erſten Mittheilung legte er, wie ich ſchon ſagte, nur inſoferne Werth auf jene Zettel, als ſie ge⸗ wiſſermaßen ein Erbe ſeines Vaters waren— und jetzt erſt—“ „Ja, ja, ich habe Sie auf's Genaueſte verſtanden,“ unterbrach ihn etwas raſch der Bankier—„jetzt auf ein⸗ mal nehmen Sie an, er finde die Blätter wichtig genug, um ſie Ihnen zu verheimlichen.“ „Das habe ich allerdings angenommen, doch kann ich mich irren— vielleicht ſind die Blätter in Wirklihkeit verloren gegangen.“ „Für eine Zeit lang vielleicht, für ein paar Jahre, aber auf einmal erſcheinen ſie uns wieder unheimlich, ge— ſpenſterhaft, wie gewiſſe rothe Flecken, von denen man ſagt, daß ſie mit keinem Kalke, keiner Farbe zuzudecken ſind.“. Der alte Buchhalter zuckte faſt unmerklich zuſammen, was jedoch Herr von Martini ebenſowenig wie den vor⸗ — 44— wurfsvollen Blick deſſelben gewahrte, da er zum Fenſter hinausſchaute. „Nein, nein,“ fuhr der Bankier nach einer Pauſe fort, „wie ich Ihnen eben ſagte, der Sache muß ein Ende gemacht werden— glauben Sie, wenn ich den jungen Menſchen kommen ließe, wenn ich ihm geradezu ſagte, ich nehme ein ſo lebhaftes Intereſſe an jenem Gegenſtande, daß ich ihn erſuche, mir die Brieftaſche mit den Zetteln vom Hauſe zu holen, er würde ſich weigern?— was halten Sie davon?“ „Ehe ich antworte, erlauben Sie mir eine Be⸗ merkung: Sie werden ſich erinnern, Herr von Mar⸗ tini, daß Sie es waren, der mir nach meiner erſten Mittheilung vor einigen Tagen ausdrücklich befahl, die Sache ſo zu behandeln, wie ich gethan, den jungen Menſchen nämlich durchaus kein Intereſſe merken zu laſſen, ſondern ihn mit der größten Gleichgültigkeit zu veranlaſſen, mir die Zettel ganz gelegenheitlich zu zeigen.“ „Ich weiß, wo Sie hinaus wollen: Sie glauben, damals würde er mir die Brieftaſche übergeben haben, wenn ich ihm geradezu auf den Leib gegangen wäre.“ „Gewiß.“ „Und heute würde er ſich weigern.“ „Weil er mir geſagt, er habe die Zettel verloren— —õ 45— . und weil er vielleicht, Gott weiß durch welchen Zufall, etwas von der Wichtigkeit derſelben erfahren.“ „Wichtigkeit?— für ihn doch nicht?— vielleicht für uns, die wir im Beſitze der ergänzenden Zettel ſind— o, dieſe garſtige Geſchichte, die mich ſchon ſo viele Stun⸗ den bei Tage und bei Nacht gekoſtet,— glauben Sie wohl, Ringel, daß es mir jetzt noch begegnet, ſie vor mich hinzulegen, um einen Sinn herauszubringen— ich muß ſie alsdann mit Gewalt zuſammenraffen, ſie tief unter andere Papiere vergraben und doppelt verſchließen—— —— ich glaube, die Begierde, jenes Räthſel zu löſen, könnte mich noch zum Koſtgänger des Doktor Narder machen, und davor möge mich der Himmel bewahren.— Deßhalb aber,“ fuhr er nach einem augenblicklichen Still⸗ ſchweigen fort,„müſſen wir einen energiſchen Verſuch machen, dieſe Sache zu beendigen.— Ich glaube, Sie haben recht; wenn ich ihn jetzt kommen ließe, würde er mir dieſelbe Antwort wie Ihnen geben—=—= deßhalb wollen wir anders handeln, etwas gewaltſam allerdings, aber zum letzten Male, wie ich hoffe.“ Der Bankier warf einen eigenthümlichen Blick auf ſeinen Buchhalter, und als er bemerkte, daß dieſer plötz⸗ lich erbleicht war und ihn verwirrt anſchaute, ſetzte er hinzu:„Nicht ſo, nicht ſo, Ringel— halten Sie mich keiner ſchlimmen That fähig— jetzt nicht mehr, ſeit jener — 46— Zeit ſind zwanzig Jahre verfloſſen, und unſer Blut iſt viel ruhiger geworden.“ „Aber gewaltſam wollen Sie doch handeln?“ „Ja, beim Teufel, weil ich muß— aber eine Hand⸗ lung der Gewalt, bei der eigentlich Niemand zu Schaden kommen ſoll— im Gegentheil, die den Betreffenden viel— leicht noch zum Nutzen gereichen kann.“ Herr Ringel blickte fragend auf den Chef des Hauſes, welcher nun, nachdem er ſeinen Entſchluß gefaßt, mit großen Schritten in ſeinem Kabinete auf und ab ging, prüfend, überlegend. „Ja, ja, ſo kann es gehen,“ ſagte er, jetzt wieder an das Fenſter tretend und den ſchweren Deckel der kleinen Geldkiſte in's Schloß werfend, wodurch ein ſo lautes, knirſchendes Geräuſch entſtand, daß daſſelbe jenen Ton, welchen die Thüre gab, wenn ſie geöffnet wurde, ſo voll⸗ kommen zudeckte, daß Keiner der beiden Anweſenden ſich umwandte, als die Zimmerthüre ſich geräuſchlos auf ihren fein gearbeiteten Angeln drehte. Hiezu kam noch, daß der Bankier Herrn Ringel am Arme nahm, ihn dicht zu ſich an's Fenſter zog und ihm ſagte:„Gehen Sie hin⸗ über und ſenden Sie mir den jungen Fontenay hieher, dann ſagen Sie Georg, daß er einſpannen ſoll, und machen Sie ſich bereit, mich zu begleiten.“ In der halb geöffneten Thüre ſtand Anna von Mar⸗ — tini, welche, als ſie den Buchhalter bemerkte, im Begriffe war, ſich wieder zurückzuziehen, aber aufmerkſam ſtehen blieb, als ſie Anatole's Namen nennen hörte. „Haben Sie mich verſtanden?“ fragte der Bankier. „Gewiß, Herr von Martini, ich werde Alles thun,“ entgegnete der Buchhalter mit einem ſeltſamen Klange der Stimme,„doch mit allem Reſpekte nicht eher, als bis Sie mir geſagt haben, was ſie mit dem jungen Menſchen vorhaben.“ „Glauben Sie vielleicht, ich wolle ihn ermorden und hätte hier geheime Fallthüren, um den Leichnam ver⸗ ſchwinden zu laſſen?— Sie ſind kindiſch in Ihrem Alter, mein guter Ringel.“ „Gott halte ſolche Gedanken ferne von mir— aber—“ „Auch darin, mein theurer Mitſchuldiger, ſo viel als möglich Halbpart.“ Er reichte ihm ſeine Rechte, welche Jener zuerſt zö⸗ gernd, dann aber haſtig mit ſeinen beiden Händen ergriff und hierauf erwiederte:„Ihr Wort von vorhin, der Ausdruck: gewaltſam! hat mich erſchreckt.“ „Gewaltſam, ja, nur ohne ſchlimme Folgen— Sie ſenden mir Herrn Fontenay hieher, ich übertrage ihm einen wichtigen Auszug aus meinem Geheimbuche, und daß ich ihn für die Dauer dieſer Arbeit hier einſchließe, wird er nicht unbegreiflich finden———— während wir Beide einen Beſuch bei Madame Reveillot machen.“ Der Buchhalter bewegte ſich, als wolle er ſich um⸗ wenden, worauf Anna von Martini raſch zurücktrat und die Thüre geräuſchlos hinter ſich zurückzog. Sie eilte in ihr Zimmer, warf ſich auf ihren Divan und bedeckte das Geſicht mit beiden Händen.— Was hatte ſie vernom⸗ men?— was ſollte mit Anatole geſchehen?— warum ſollte er in das Kabinet ihres Vaters eingeſchloſſen wer⸗ den?— warum wollte derſelbe einen Beſuch bei Ma⸗ dame Reveillot machen?— was bedeutete das Wort: ge⸗ waltſam?— war ihm verrathen worden, was ſich zwiſchen ihr und Anatole begeben?— hatte ihr Kammermädchen gelauſcht und geplaudert?— hatte Frau Fichtner etwas erfahren und es für ihre Pflicht gehalten, Herrn von Martini Alles zu ſagen?—— und Anatole ſollte dar— unter leiden, mit ihm ſollte vielleicht etwas Fürchterliches geſchehen?— während ſie ferne von ihm war, ſollte er für ſie dulden?— allein dulden?—„Nie! nie!“ rief ſie entſchloſſen aus.„Ich bin überzeugt, Anatole liebt mich innig und wahr, wie Paul ſeine Virginie liebte, und würde wie jener den Tod in den Wellen ſuchen, um wenigſtens ſterbend mit der Geliebten vereinigt zu ſein— ja, das würde er thun, und ich ſollte weniger Muth und Kraft haben, ihm meine Liebe und Treue zu beweiſen?———— ⸗ 4„ 8 — 49— aus der Stirne, ſie eilte in das Vorzimmer, wo ſie lau⸗ ſchend ſtehen blieb, bis ſie ihres Vaters Schritte vernom⸗ men hatte, als ſich dieſer aus ſeinem Kabinete nach ſeinem Ankleidezimmer begab, um dort Hut und Paletot zu holen; ſie bebte bei dem Gedanken, er möchte die Thüre des Kabinets hinter ſich abgeſchloſſen haben, und athmete ent⸗ zückt auf, als ſie fand, daß dieſe nur angelehnt war. Raſch trat ſie hinein und ſchlüpfte hinter den ſchweren Vorhang, welcher vor dem Bücherſtänder herabhing, und dann eine Ecke benützend, welche derſelbe mit der Wand bildete, zwängte ſie ihren feinen Körper ſo feſt dort hinein, daß ſogar ein aufmerkſamer Beſchauer keine Ahnung davon haben konnte, daß ſich dort Jemand verborgen halte. Sie wagte kaum zu athmen, als ſie nun auf's Neue wieder Schritte vernahm und die Stimme ihres Vaters erkannte, welcher zu Herrn Fontenay ſagte:„Ich habe da eine kleine Arbeit, durch welche ich Ihnen mein volles Vertrauen beweiſe: ich brauche augenblicklich einen Aus— zug aus dieſem alten Konzeptbuche, die Bedingungen der Staatsanleihe vor zehn Jahren betreffend, bei welcher unſer Haus betheiligt war. Sie werden begreifen, daß ich dieſelben nicht in's Geſchäftslokal hinübergeben mag, und erſuche Sie deßhalb, hier an meinem Tiſche Platz Hackländer, Zwölf Zettel. II. 4 — 50— zu nehmen und die Auszüge in der Art zu machen, wie ich ſie hier auf dem Papiere vorgeſchrieben habe— bitte, nachzuſehen, ob ich deutlich genug geweſen bin.“ „Gewiß, Herr von Martini, und ich glaube nicht, daß ich fehlen werde,“ hörte das junge Mädchen jetzt Anatole ſagen. „So fangen Sie ſogleich an, und bitte ich, dabei nicht über eine Maßregel zu erſtaunen, die ich hier für noth⸗ wendig halte,“ hörte man den Bankier mit freundlicher Stimme ſagen,„die nämlich, Sie hier einzuſchließen, bis ich vielleicht nach Verlauf einer Stunde zurückkehre, um Sie aus Ihrem Gefängniſſe zu erlöſen und Ihre Arbeit alsdann in Empfang zu nehmen— alſo bis nachher!“ Hierauf vernahm Anna von Martini, wie die Thüre hinter ihrem Vater in's Schloß fiel, wie der Schlüſſel zweimal herumgedreht wurde, wobei jeder Ton der ein⸗ ſpringenden Feder ihr leichtbegreiflicher Weiſe ein eigen⸗ thümliches Gefühl verurſachte. Der Bankier fuhr mit ſeinem Buchhalter zu Madame Reveillot und war ſo glücklich, die alte Frau zu Hauſe zu finden. Sie ſaß an ihrem Fenſter mit dem Aus⸗ beſſern von feinen Spitzen beſchäftigt und war nicht wenig überraſcht, als ſie auf ihr lautes Herein die Eintreten⸗ den erkannte. 51 S, à0, H Herr von Martini, eine unverhoffte Ehre ſagte ſie, raſch aufſtehend und den Beiden enrgengehend „welch' wichtiger Vorfall verſchafft mir das Glück, Sie bei mir zu ſehen?“ Sie rückte zwei Stühle herbei, und nachdem der Bankier ſich nach dem Befinden der alten Frau erkundigt, auch verſichert, daß er mit Anatole im Allgemeinen wohl zufrieden ſei, wobei ſich Herr Ringel nicht enthalten konnte, zuſtimmend mit dem Kopfe zu nicken, fuhr er fort:„Ich bin allerdings ſo außerordentlich beſchäftigt, meine werthe Madame Reveillot, daß nur eine wichtige Veranlaſſung mich zu einem freundſchaftlichen Beſuche bringen kann, den ich Ihnen im anderen Falle ſonſt häufiger abſtatten würde, denn ich plaudere gerne mit Ihnen— Sie ſcheinen mich zu verſtehen, wie ich aus Ihrem beiſtimmenden Lä⸗ cheln erſehe.“ „Gewiß, Herr von Martini, und wenn ich mir er⸗ laube, Ihnen meinen tiefgefühlten und herzlichen Dank zu ſagen, ſo glaube ich damit anzuzeigen, daß ich viel— leicht eine Idee habe von der wichtigen Veranlaſſung, welche Sie zu mir führt.“ Der Bankier nickte mit dem Kopfe.—„Darum han— delt es ſich allerdings und hauptſächlich— Sie haben alſo erfahren, wahrſcheinlich von Frau Fichtner, daß ich meine Tochter zu verheiraten gedenke und daß ich geſonnen — 52 bin, die Anfertigung der Ausſteuer in Ihre kundige Hand zu legen.“ „Ich betrachte dieſes als ein Vertrauen, dem ich mich beſtreben werde, alle mögliche Ehre zu machen.“ „Die Details werden Sie mir wahrſcheinlich erlaſſen,“ meinte Herr von Martini lächelnd,„Frau Fichtner hat darüber meine Andeutungen und können Sie mit ihr in Berathung treten— für das Ganze habe ich eine Summe von zwanzigtauſend Thalern beſtimmt.“ „Eine ganz enorme Summe,“ konnte Madame Re⸗ veillot ſich nicht enthalten zu ſagen. „Wogegen Sie bedenken müſſen, daß es ſich neben der ſpeziellen Einrichtung für die Perſon meiner Tochter um Bett⸗ und Tiſchzeug für ein vornehmes, großes, gräf⸗ liches Haus handelt.“ Madame Reveillot verbeugte ſich ſchweigend. „Das Zeichen für das Letztere der Ausſteuer und, wenn meine Tochter will, für das Ganze ſoll ein einfaches A ſein— Anna, mit der Grafenkrone darüber— es iſt das zu gleicher Zeit eine Artigkeit gegen den künftigen Ge⸗ mahl meiner Tochter, den Grafen Auguſt von Riedberg.“ Die alte Frau lächelte ſtill vor ſich hin, denn es kam ihr ein eigenthümlicher Gedanke: Anna und Auguſt oder Anna und Anatole— nur was im letzteren Falle die Grafenkrone anbelangte—— 23 — 53— „Dabei wünſche ich,“ fuhr Herr von Martini fort, „und habe es auch Frau Fichtner zu erkennen gegeben, daß alle Anſchaffungen von Ihnen gemacht werden ſollen — Sie haben einfach die betreffenden Rechnungen mit Ihrer Namensunterſchrift zu verſehen und auf die Kaſſe zu ſchicken— die größeren Poſten nämlich: was kleinere Geſchichten anbelangt für Nähtereien, Stickereien und der⸗ gleichen, ſo erlaube ich mir, Ihnen hier zweitauſend Thaler zu behändigen, über deren Verwendung Sie vielleicht ſo freundlich ſein werden, mir beim Abſchluß des Ganzen eine kleine Ueberſicht zu geben.“ „So viel Geld, Herr von Martini?— Ich möchte nicht ſo viel Geld bei mir im Hauſe haben— wenn ich Sie erſuchen dürfte, könnte man es bei den kleinen Poſten ebenſo machen, wie bei den großen.“ Der Bankier hatte eine Brieftaſche herausgezogen, vier Billets zu fünfhundert Thaler herausgenommen und antwortete nun, dieſe zwiſchen den Fingern haltend: „Das wäre für Sie und für uns zu umſtändlich, meine liebe Madame Reveillot.— Laſſen Sie dieſe kleine Summe,“ ſetzte er freundlich lächelnd hinzu,„durch Ihren Enkel, Herrn Fontenay, verwalten— was Sie im Augen— blicke nicht gebrauchen oder nicht im Hauſe behalten wollen, kann er ja für ſeine eigene Rechnung bei der Handkaſſe deponiren. Und damit,“ ſchloß er aufſtehend und die vier Bankbillets der alten Frau mit einer Ver⸗ beugung übergebend,„wären unſere Geſchäfte abgemacht und ich habe nur noch hinzuzufügen, daß ich die größt⸗ möglichſte Beſchleunigung des Ihnen ertheilten Auftrages wünſche.“ Er reichte der alten Frau zwei Finger ſeiner Hand und wandte ſich zum Fortgehen, blieb aber dann plötzlich wieder ſtehen und ſagte in heiterem Tone:„Ei, da hätte ich beinahe etwas vergeſſen, um was ich Sie bitten wollte — eigentlich iſt Herr Ringel der Bittſteller und befinden wir uns nur zufällig auf dieſem gemeinſchaftlichen Wege.“ „Sie ſind zu gütig,“ wandte ſich der alte Buchhalter an ſeinen Prinzipal,„dieſe kleine, unbedeutende Sache bei Madame Reveillot zu befürworten— ich bin über⸗ zeugt, daß ſie meine direkte Bitte nicht abgeſchlagen hätte. — Herr Anatole nämlich,“ ſagte Herr Ringel ſo unbe⸗ fangen als möglich,„ſprach mit mir von einer kleinen grünen Brieftaſche, welche ihm aus dem Nachlaß ſeines Vaters von Ihnen übergeben worden ſei— ſo iſt es doch, nicht wahr?“ „Allerdings iſt es ſo,“ entgegnete die Frau, wobei ſie kaum im Stande war, ihre Ueberraſchung, ja ihre Beſtürzung zu verbergen,„doch ſagte mir mein Enkel vor einigen Tagen, er habe dieſe Brieftaſche auf eine unbe⸗ greifliche Art verloren.“ 1 — 559— „Verzeihen Sie, meine liebe Madame Reveillot, die Brieftaſche ſelbſt nicht, wohl aber die ſechs Zettel, welche ſich in derſelben befanden— das erzählte Herr Fon⸗ tenay vor ein paar Tagen; heute Morgen aber, ſoeben verſicherte er mich, die Zettel glücklich wiedergefunden zu haben— er ſagte das im Beiſein des Herrn von Martini.“ „Ja, ja, gewiß, und fügte, wenn ich mich nicht irre, hinzu, er habe die Zettel wieder in die Brieftaſche hinein⸗ gelegt, oder befänden ſie ſich bei ſeinen Papieren— das weiß ich nicht mehr ganz genau.“ „Er wollte ſie uns heute Nachmittag zur Anſicht mit⸗ bringen.“ „Da ich ihm aber ſagte,“ warf der Bankier in gleich⸗ gültigem Tone ein,„daß ich mit Ihnen, Madame Re⸗ veillot, etwas Wichtiges heute Morgen zu verhandeln habe, ſo hielt er es für das Beſte, daß ich mir die Brieftaſche von Ihnen zeigen ließe— wenn Sie alſo ſo freundlich ſein wollen—“ Die Großmutter Anatole's blickte zweifelnd bald auf den Bankier, bald auf den Buchhalter.—„Könnte es wohl möglich ſein,“ dachte ſie,„daß zwei ſolche Herren ſich herbeiließen, ein falſches Spiel mit mir zu treiben, mir von der Bereitwilligkeit meines Enkels zu ſprechen, hier förmlich in ſeinem Auftrage zu erſcheinen—— — 36 wenn er in der That von nichts wüßte?— Wer weiß, was ihn umgeſtimmt?——“ Herr Ringel mochte etwas von dieſen Gedanken er⸗ rathen, denn er ſagte, halb gegen ſeinen Prinzipal ge⸗ wandt:„Es wäre doch beſſer geweſen, wenn wir Herrn Fontenay mit uns genommen hätten; es ſcheint mir, un⸗ ſere verehrte Madame Reveillot zaudert, uns dieſes Ver⸗ trauen zu ſchenken.“ „Das wohl nicht— aber—“ „Ich bin überzeugt,“ ſagte der Bankier mit großer Entſchiedenheit,„daß Madame Reveillot ſich nicht be⸗ ſinnen wird, unſeren Wunſch zu erfüllen, das heißt, ich hoffe das, um Sie nicht zu einem vergeblichen Gange bemüht zu haben— ſollte aber Madame Reveillot den⸗ noch das mündliche Zeugniß Ihres Herrn Enkels gegen uns wünſchen“— er ſagte das mit einem ſehr aus⸗ drucksvollen Tone—„ſo wäre es das Beſte, mein lieber Ringel, ich bliebe als eine Art Pfand hier zurück, und Si uns bei Madame gehörig legitimire“— er machte Miene, e gingen, um den jungen Mann zu holen, damit er ſich wieder niederzuſetzen. Ehe noch die alte Frau hierauf etwas zu erwiedern im Stande war, ſagte der Buchhalter mit einem ſehr be⸗ zeichnenden Schütteln des Kopfes:„Madame Reveillot wird einen ſolchen Gedanken nicht haben, und um ſo — weniger, als es ſich ja nicht darum handelt, die bewußte kleine Brieftaſche mit uns zu nehmen, ſondern da dieſelbe ja nur eingeſehen werden ſoll und deren Inhalt ver— glichen mit dem Inhalte dieſer anderen, ganz ähnlichen Brieftaſche.“ Bei dieſen Worten zog er die andere aus ſeiner Rock— taſche hervor und hielt ſie mit einer ſo entſchiedenen Be⸗ wegung der alten Frau entgegen, als wollte er ſie in deren Hände legen, doch wich ſie unwillkürlich einen Schritt zurück und ihre Züge überflog ein tiefer, ſchmerzlicher Schatten— ſie erinnerte ſich ſo lebhaft jener für ſie ſo traurigen Zeit— es war ihr gerade, als ſchlöſſe ſich am heutigen Tage der geheimnißvolle Kreis, welcher an jenem Sylveſterabend begann, und es war ihr, als müſſe etwas Unheimliches geſchehen, wenn die beiden kleinen, grünen Brieftaſchen jetzt plötzlich in einer Hand vereinigt würden. Doch nur ein paar Sekunden dachte ſie ſo, dann fühlte ſie lebhaft ihre Neugierde erregt, um zu erfahren, was der Inhalt dieſer Brieftaſche ſei, und da ſie auch beruhigt war durch die Verſicherung des alten Buchhalters, man wolle ja nur den Inhalt der anderen Brieftaſche betrach⸗ ten, ſo ſagte ſie raſch entſchloſſen:„Gut denn, Herr von Martini, ich will überzeugt ſein, daß mein Enkel wünſcht, ich ſolle Sie den Inhalt der kleinen, grünen Brieftaſche, ein theures Erbtheil ſeines armen Vaters, 58 durchſehen laſſen, ich will deßhalb weiter keine Schwierig keit machen, doch verlange ich als Gegenleiſtung den In⸗ halt dieſer Brieftaſche betrachten zu dürfen, ja noch mehr, ich fordere die Erlaubniß, mir aus dem Inhalte derſelben ſchriftlich notiren zu dürfen, was mir gut dünkt.“ Hätte Madame Reveillot in dieſem Augenblicke nicht den für ſie ſo intereſſanten Gegenſtand in der Hand des alten Buchhalters in’'s Auge gefaßt, ſo würde ſie bemerkt haben, daß ein triumphirendes Lächeln über die Züge des Herrn Ringel glitt, während Herr von Martini ſagte: „Dieſe Forderung iſt vollkommen gerechtfertigt, und ſehe ich durchaus nichts Verfängliches darin. Betrachten Sie doch die Sache wie ſie iſt,“ ſetzte er mit einem gut⸗ müthigen, harmloſen Tone hinzu,„ich bin feſt überzeugt, daß eben ſo wenig wie der Inhalt dieſer Brieftaſche der Inhalt jener Brieftaſche in Ihrem Beſitze von irngend wel⸗ cher Wichtigkeit iſt, wogegen ich Ihnen nicht verſchweigen will, daß es Herrn Ringel und auch mich auf’s Höchſte intereſſirte, als wir vor einiger Zeie erfuhren, exiſtire noch eine, dieſer ganz ähnliche Brieftaſche ein Fattum. das ich geahnt, ohne deſſen gewiß zu ſein.“ „Und woher kommen Sie auf dieſe Vermuthung, Herr von Martini?“ fragte die alte Frau, indem ſie mit ihren großen Augen den Bankier forſchend, aber ohne irgend welchen Ausdruck des Argwohns zu verrathen, anblickte. 59 „Auf die einfachſte Art von der Welt,“ erwiederte der Gefragte mit der größten Ruhe,„dieſe Brieftaſche hier gehört zu einem Kaſſadepoſitum und wurde ſeiner Zeit wichtigen Papieren beigelegt, mit dem ausdrücklichen Verlangen, das Haus von Martini und Sohn möge durch ſeine ausgebreiteten Bekanntſchaften Alles thun, um Auf⸗ klärung zu erlangen über eine Notiz, die hier auf der erſten Seite des Taſchenbuches ſteht.“ „Und darf man den Inhalt dieſer Notiz wiſſen?“ „Warum nicht, es ſoll in dieſer ganzen Angelegenheit vor Ihnen nichis geheimnißvoll betrieben werden— wir wollen ehrlich und offen handeln.“ Er nahm die Brieftaſche aus der Hand des Buch⸗ halters und las aus derſelben:„Es könnte der Fall eintreten, daß durch Raub, Diebſtahl oder durch einen plötzlichen Tod dieſes Taſchenbuch in fremde Hände käme, und habe ich im Hinblick auf die beiden erſteren Fälle hier unten meinen ausführlichen Namen hingeſetzt, ſowie die Adreſſe, untet der ich aufzufinden bin, hinzufügend, daß ich Demjenigen, der mir dieſes Buch nebſt ſeinem Inhalte unverletzt zurückbringt, die Summe von tauſend Thalern ausbezahlen werde.— Was nun den letzten Fall, den eines plötzlichen Todes anbelangt, ſo drängt mich mein Gewiſſen zu der Erklärung, daß der Inhalt dieſer einen Brieftaſche für Jeden werthlos iſt, aber vom — 60— höchſten Werthe für den, der eine zweite Brieftaſche mit dem ganz gleichen Inhalte beſitzt.“ Madame Reveillot hatte ſchweigend zugehört, ohne ir⸗ gend ein Zeichen von Ueberraſchung zu geben, denn im Grunde genommen hatte ſie nichts Neues erfahren; ſie wußte ja bereits eben ſo gut, daß zwei gleiche Brieftaſchen exiſtirten, als daß die Zuſammenfügung der betreffenden Zettel irgend ein wichtiges Geheimniß zu Tage bringen würde, und da nun die fehlenden Zettel ihr jetzt vor Augen gebracht werden ſollten, ſo war ſie keine Sekunde mehr unentſchloſſen, Anatole's kleine Brieftaſche zu holen. „Vertrauen um Vertrauen,“ ſagte ſie, als der Bankier geendigt—„es könnte ſich jedoch um Wichtiges handeln — mit welchem Namen iſt die Notiz, die Sie mir eben vorlaſen, unterzeichnet?“ „Mit dem Namen Morel.“ Die alte Frau blickte auch dieſes Mal ſo gleichgültig als möglich, da ihr auch dieſer Name bekannt war,„und die Adreſſe?“ fragte ſie weiter. 4— „Das iſt das Seltſame,“ entgegnete der Bankier, „die Adreſſe ſcheint abſichtlich verwiſcht und unleſerlich ge⸗ macht worden zu ſein— wie Sie, ſo hoffe ich, gleich ſelbſt ſehen werden.“ Er machte bei dieſen Worten eine leichte Verbeugung, welche von Madame Reveillot mit einem vornehmen Kopf⸗ — 61 nicken erwiedert wurde, dann ging ſie und holte aus dem Zimmer ihres Enkels die kleine grüne Brieftaſche. Sie legte ſie in die Hand des Buchhalters und empfing dafür die andere, wobei ſie als eine kluge Frau handelte, indem ſie die Herren erſuchte, an ihrem Tiſche Platz zu nehmen. Dabei war ſie ſo erregt, daß ſie es erſt nach einem tiefen Athemzuge über ſich vermochte, das kleine Buch zu öffnen, die Notiz auf der erſten Seite noch einmal durchzuleſen und dann mit leicht zitternden Händen ſechs Zetkel aus der Taſche herauszunehmen. Der Uebereinkunft gemäß hatte ſie das Recht, die⸗ ſelben abzuſchreiben, zu welchem Zwecke ſie Bleiſtift und Papier mitgebracht hatte, doch flimmerte es ihr ſo vor den Augen, daß ſie dieſe mehrere Sekunden lang mit der Hand bedecken mußte, ehe ſie mit dem Schreiben beginnen konnte. Dann aber kämpfte ſie mit gewaltiger Anſtrengung ihre Aufregung nieder und ſchrieb mit feſter Hand; was aber auf dieſen ſechs Zetteln ſtand, war für ſie eben ſo unverſtändlich als jene Worte, die ſie hundertmal von den anderen abgeleſen hatte— ſie lauteten: ab— rege— wari— mem— bal— ren. Während die alte Frau dieſes notirte, gebrauchte ſie die Vorſicht, ihr Gegenüber, den alten Buchhalter, nicht aus den Augen zu laſſen, doch verfuhr dieſer ſo offen und ehrlich als möglich— er legte die ſechs Zettel breit 62— vor ſich hin und notirte die Worte auf denſelben in ſein Taſchenbuch, wobei er zuweilen lächelnd mit dem Kopfe ſchüttelte und ſchließlich zu Herrn von Martini ſagte: „Ich kann mir nicht helfen, aber mich will der Gedanke nicht verlaſſen, als haben wir es hier mit einer und noch dazu ziemlich groben Myſtifikation zu thun, als ſei dieſer Herr Morel ein Mann, der das in einer luſtigen Stunde niedergeſchrieben hat, um ſich über den ehrlichen Finder der Brieftaſche luſtig zu machen.“ „So ſahen Sie dieſen Herrn Morel nie?“ „Nie in meinem Leben,“ gab der Bankier zur Ant⸗ wort,„das Depoſitum, zu dem dieſe Brieftaſche gehört, kam durch die dritte, vierte Hand an uns, und ſtellten wir nicht einmal Nachforſchungen nach jenem Herrn Morel an, erſtens weil wir die Adreſſe deſſelben nicht wußten und dann— weil die zweite Brieftaſche bis jetzt noch nicht zum Vorſchein gekommen war.“ „Schade,“ meinte der Buchhalter,„daß dieſer Morel auf die eigenthümliche Idee gerieth, ſeine Adreſſe wieder zu vernichten, denn im anderen Falle würden wir— Madame Reveillot und ich, als ehrliche Finder auf die Belohnung von tauſend Thalern Anſpruch machen können — es iſt das gerade keine Kleinigkeit, und wenn es Ma⸗ dame Reveillot genehm iſt, ſo forſche ich unter der Hand ein wenig nach.“ „Ich möchte wohl wiſſen, wie lange die Brieftaſche ſchon in Ihrem Beſitze iſt?“ bemerkte die alte Frau, und ſo einfach dieſe Frage auch war, ſo warf doch der Buch— halter einen Blick auf den Prinzipal, indem er ſagte, „wie lange mag das wohl her ſein? ich denke acht bis zehn Jahre um es genau zu wiſſen, müſſen wir zu Hauſe nachſehen.“ 2 „Es iſt das wahrſcheinlich von keinem Intereſſe,“ meinte Herr von Martini,„denn ich kann mir nicht den⸗ ken, daß Ihre Nachforſchungen von irgend einem Erfolge gekrönt ſein werden wenn dieſes aber doch der Fall wäre,“ wandte er ſich verbindlich lächelnd an die alte Frau,„ſo würde ſich Herr Ringel gewiß ein Vergnügen daraus machen, Ihnen ſeinen Lohn als Finder abzu⸗ treten— wenn Sie nämlich geneigt wären, für die aus⸗ geſetzten tauſend Thaler Ihre Brieftaſche durch uns dem aufgefundenen Herrn Morel zuſtellen zu laſſen.“ „Gewiß, ein ſehr gutes Geſchäft, Herr von Martini,“ erwiederte Madame Reveillot mit einem beiſtimmenden Lächeln,„und ich bin überzeugt, daß Anatole das gewiß nicht von der Hand weiſen wird.“ „Darüber läßt ſich noch reden,“ gab der Bankier zur Antwort, indem er aufſtand. Auch Herr Ringel erhob ſich, nachdem er durch eine Handbewegung der alten Frau ihre ſechs vergilbten Zettel, 64— 4 die er auf dem Tiſche liegen ließ, wieder überliefert und aus ihrer Hand ſeine Brieftaſche zurückerhalten hatte. „Und nun meinen beſten Dank,“ ſagte Herr von Martini,„und bitte ich Sie wiederholt, die Ausſteuer meiner Tochter ſo viel als möglich zu beſchleunigen.“ Wieder reichte er ihr zwei Finger ſeiner rechten Hand, welche ſie mit einer geziemenden Verbeugung empfing, worauf die beiden Herren unter einem kordialen Gruße des Buchhalters das Zimmer verließen. Drittes Kapitel. Wir müſſen den geneigten Leſer im Intereſſe unſerer Geſchichte erſuchen, mit uns die eben vergangene Stunde, aber in ganz anderer Umgebung noch einmal durchzu⸗ leben. Der junge Fontenay hatte ſich, nachdem Herr von Martini ſein Arbeitskabinet verlaſſen, an den Schreibtiſch ſeines Prinzipals geſetzt und legte nun das Konzeptbuch aufgeſchlagen neben ſich hin. Während er Papier und Feder nahm, dachte er bei ſich,„es iſt doch eine eigen— thümliche Grille, mich da einzuſchließen, um dieſe gewiß an ſich nicht ſehr wichtigen Auszüge zu machen— nun man muß das behandeln, wie die Laune eines vornehmen Herrn: car tel est son bon plaisir.“ Er fing an zu ſchreiben, raſch und flüchtig, wie er zu thun gewohnt war, nur zuweilen inne haltend, um, ein paar Sätze des vor ihm aufgeſchlagenen Briefes überfliegend, ſie in einige bezeichnende Worte zuſammen⸗ zufaſſen. Hackländer, Zwölf Zettel. II. 5 66 Jetzt blickte er um ſich her, denn es kam ihm vor, als befänden ſich Mäuſe im Zimmer— es war ihm, als hätte er dort hinter dem Vorhang etwas raſcheln hören ja, ganz richtig, jetzt wieder, und wenn das Mäuſe waren, ſo mußten ſie von einer ganz außerordent⸗ lichen Größe ſein— bewegte ſich doch ſichtbar der Vor⸗ hang dabei— das ging nicht mit rechten Dingen zu— ſollte ſich am Ende hier ein Dieb eingeſchlichen haben? Anatole ſprang raſch entſchloſſen in die Höhe— doch wenn jetzt wirklich zwiſchen den Falten des Vor⸗ hanges das wilde Geſicht eines Räubers erſchienen wäre, ſo hätte ihn das nicht mehr überraſchen können, als er nun in die lieblichen, aber verlegen erſcheinenden Züge Anna's blickte. „Mein Gott, Fräulein von Martini, Sie hier?— welch' ſeltſames Zuſammentreffen, welcher Zufall.“ „Weder ein Zufall noch ein ſeltſames Zuſammen⸗ treffen,“ gab ſie zur Antwort und ſetzte hinzu, während eine leichte Röthe auf ihrem Geſichte erſchien,„ich bin mit voller Ueberlegung hier, und daß ich da bin, dafür ſollten Sie mir dankbar ſein, ſtatt mich ſo ernſt und faſt böſe anzuſehen.“ „Sie haben ſich doch nicht abſichtlich hier einſchließen laſſen— Sie wußten wohl nicht, daß das geſchehen würde?“ — 67— „O ja, ich wußte es, und ließ mich abſichtlich hier einſchließen.“ O, Sie hätten das nicht thun ſollen— bedenken 7,—⸗ Sie, wenn Ihr Herr Vater zurückkehrt, wenn er uns hier zuſammenfindet— welche Ausrede hätten Sie?“ „Auf eine Ausrede brauche ich nicht zu denken— ich will Ihnen die Wahrheit ſagen und doch nicht ganz die Wahrheit; ich würde ihm ſagen, daß wir uns lieben, Anatole, würde mir dadurch eine weitläufige peinliche Erklärung erſparen und ihm auf dieſe Art praktiſch be⸗ weiſen, daß mein Herz nicht mehr frei iſt,— zürnen Sie mir über dieſen Entſchluß— o wenn Sie das thun, ſo habe ich mich in Ihnen geirrt und bin dann erſt recht unglücklich.“ Sie war langſam näher getreten— ſie lehnte jetzt an den Schreibtiſch und blickte dem jungen Mann lächelnd und mit dem Ausdrucke inniger Zärtlichkeit in die Augen, dann fuhr ſie fort:„O, es ſchmerzt mich, daß ich an Ihren Blicken ſehen muß, wie ſehr Sie überraſcht ſind, wie wenig Freude Ihnen meine unerwartete Erſcheinung macht, und doch bin ich ja nur ganz allein Ihretwegen hier— ja,⸗ fuhr ſie fort, indem ſie den Kopf ſtolz empor warf,„ver⸗ geſſen Sie, was ich vorhin geſprochen und glauben Sie vielmehr die Wahrheit, die ich Ihnen jetzt ſagen will, ich ließ mich hier einſchließen, um Sie zu warnen.“ 68 „Mich warnen?— was könnte mir denn Unange⸗ nehmes geſchehen?“ „Das weiß ich nicht—— ich befand mich vorhin dort an der Zimmerthüre— weiß Gott, ich hatte nicht. die Abſicht, zu lauſchen, aber mein Vater befand ſich mit Herrn Ringel in einem ſo tiefen und wie mir ſchien wichtigen Geſpräch, daß Keiner von Beiden den hellen Ton vernahm, den die Vorrichtung an der Thüre ver⸗ urſacht, wenn man ſie öffnet— mein Vater ſprach von Ihnen.“ „Von mir?“ „Ja von Ihnen, Anatole, und was er ſagte, war ſo geheimnißvoll, und obgleich im Zuſammenhange für mich unverſtändlich, vernahm ich doch einzelne Worte, die mich ſchaudern ließen— mein Vater ſagte, Herr Ningel ſolle Sie hieherſenden, um einen Auszug aus dieſem Buche zu machen.“ „Womit ich beſchäftigt bin.“ „Dabei wolle er Sie einſchließen und dann in einer ernſten Angelegenheit mit dem Buchhalter Madame Re⸗ veillot einen Beſuch abſtatten.“ „Meiner Großmutter?— Da iſt allerdings ſeltſam r — doch was kann man von der alten Frau wollen?“ „Das, glaube ich, fragte auch der Buchhalter und ſetzte hinzu, er wolle wiſſen, ob man mit Ihnen etwas — 69— Gewaltſames vorhabe— wie mich das erſchreckte, brauche ich Ihnen wohl nicht zu ſagen, und um Sie zu warnen, ja um Ihnen im Nothfalle helfend zur Seite zu ſtehen, deßhalb ſchlich ich mich hier in's Kabinet und ließ mich — mit Ihnen einſchließen.“ Er blickte ſie nach dieſen Worten mit einem raſchen Aufleuchten ſeiner ſchönen Augen an; er hätte ſo gern ihre kleinen Hände genommen, um ihr einen herzlichen Dank zu ſagen, doch fühlte er ſich eigenthümlich bewegt durch ihre Worte, ja peinlich berührt durch das, was ſie für ihn gethan.— Was ſein Chef mit ihm vorhatte, kümmerte ihn im Grunde nicht viel— was konnte auch Gefährliches dahinter verborgen ſein? man ſchließt Nie⸗ manden am hellen Tage in ſein Arbeitszimmer ein, wenn man mit ihm Böſes vorhat aber was konnte er bei Madame Reveillot wollen? Die Blicke des jungen Mädchens waren ſtarr auf ihn geheftet, als wollten ſie in den ſeinigen leſen, und als er nun nachdenkend ſeine Augen tief in die ihrigen verſenkte und ſie ihn darauf mit leiſer Stimme fragte,„glauben Sie, Anatole, daß man uns vor ein paar Tagen belauſcht hat?“ da ſchüttelte er leicht mit dem Kopfe und ſagte mit voller Ueberzeugung,„fürchten Sie das nicht, Fräulein Anna, in dieſem Falle, glaube ich, würde Herr von Martini viel⸗ leicht ſtreng, aber offen mit mir geſprochen haben.“ ——— — 70— „Ich bin anderer Anſicht, vielleicht iſt er zu Madame Reveillot gegangen, um— um— o wenn das wäre, würde es mich glücklich machen.“ „Zu Madame Reveillot gegangen—— allerdings—“ rief der junge Mann mit lauterer Stimme, indem ihm plötzlich ein beunruhigender Gedanke durch den Kopf fuhr ——„um ſich nach meiner kleinen, grünen Brieftaſche zu erkundigen, deren Inhalt ich verloren, wie ich dem Buchhalter geſagt.“ „Ich verſtehe Sie nicht, Anatole,“ erwiederte ſie ihm in beſorgtem Tone, da ſie ſeine gewaltſame Aufregung bemerkte. „Ja, ja, das könnte ſein— man will ſich in Beſitz der gewiſſen Zettel ſetzen, was ich nicht verhindern kann, da ich hier eingeſchloſſen bin—— a— a— a—ah, dieſes Verfahren iſt etwas gewaltſam und beweist mir, welch' großen Werth man auf den Inhalt der Brieftaſche legt.“ Das junge Mädchen ſah ihn zweifelhaft an und ſchüttelte leicht mit dem Kopfe, worauf ſie ihre Hand weich auf ſeinen Arm legte und in ſanftem Tone fragte, „was beſchäftigt Sie dergeſtalt, Anatole?— darf ich es nicht wiſſen?— haben Sie denn gar kein Vertrauen zu mir?“ „O Anna, zu wem hätte ich mehr Vertrauen als zu Ihnen, die mir ſo vertrauensvoll entgegengekommen iſt e 1 n „ — 71— — zu Ihnen, Anna, die ich verehre, wie eine Schweſter liebe— doch was ſoll ich Ihnen ſagen? eine Anklage ausſprechen gegen Jemanden, der Ihnen theuer iſt, ehe ſich dieſe Anklage als gerechtfertigt zeigt?— nein, nein, ich kann mich täuſchen— es kann ja eine ganz unver⸗ fängliche Urſache ſein, weßhalb mich Ihr Herr Vater hier eingeſchloſſen hat oder weßhalb er zu meiner Großmutter gegangen iſt.“ „Aber Sie ſprachen vorhin von einer kleinen Brief⸗ taſche, die oder deren Inhalt Sie verloren— waren es Briefe, Anatole? warum ſind ſie Ihnen ſo theuer?“ „O ſie ſind mir nicht ſo theuer als das, was ich aus Ihrer Frage herausfühle— laſſen Sie mich heute darüber ſchweigen— es kommt gewiß eine Zeit, wo ich Ihnen Alles ſagen werde, wo ich Ihnen Alles anver⸗ trauen will— Alles— Alles.“ „Und ich vertraue Ihnen jetzt ſchon ſo vollkommen,“ ſagte ſie mit innigem Blick, indem ſie ihre kleine Hand in die des jungen Mannes legte. Er athmete ſchwer auf, und ſo leicht und ehrfurchts⸗ voll auch die Bewegung ſeiner Lippen war, als er ſein Geſicht auf ihre Hand niederbeugte, ſo war es doch im⸗ merhin ein Kuß, welcher das junge Mädchen elektriſch durchzuckte und er fühlte, wie ihre feinen Finger leicht die ſeinigen drückten. /„Ah⸗ meine Arbeit, Fräulein Anna,“ rief er, in⸗ dem er ſich raſch aufrichtete und zu einem gleichgültigen Lächeln zwang—„Ihr Vater iſt ſtrenge und ich möchte um nichts in der Welt heute meine Pflicht gegen ihn verſäumen.“ „Und ich werde mit ihm reden,“ ſagte ſie in ent⸗ ſchloſſenem Tone,„heute noch, nachher, wenn er zurück⸗ kehrt, hier auf dieſer Stelle.“ Er blickte ſie faſt erſchrocken an, und als ſie ihre Augen mit einem fragenden Ausdrucke gegen ihn wandte, ſchüttelte er mit dem Kopfe und ſagte feſt und entſchieden: „Nein, Fräulein Anna, das dürfen Sie nicht— Sie dürfen Ihrem Vater nicht ſo entgegentreten, heute nicht, ohne Ausſicht auf jeden Erfolg— Ihr Vater iſt mit Anderem, Ernſterem beſchäftigt, er würde Ihre Erklärung wie den Scherz eines thörichten Kindes behandeln— er würde und müßte für mich beleidigende Worte haben, die ich in meiner jetzigen Gemüthsſtimmung, bei den Gedan⸗ ken, die mich beſtürmen, noch weniger als ſonſt ertragen könnte.— Ich danke Ihnen, Fräulein Anna, für den Antheil, den Sie an mir genommen, und was Sie dadurch für mich gewagt, werde ich Ihnen niemals vergeſſen— aber jetzt folgen Sie mir, wie eine jüngere Schweſter dem älteren Bruder— laſſen Sie uns bei einander ſitzen wie ein paar harml oſe Kinder.“ „Wie Paul und Virginie im dichten Walde— Hand in Hand.“ „Beinahe ſo, Fräulein Anna, und laſſen Sie uns das Ende geduldig erwarten, ich will aber unterdeſſen meine Arbeit wieder aufnehmen.“ „Und ich will Ihnen zuſchauen und Liebes und Gutes denken.“ Sie thaten ſo: Anatole vertiefte ſich mit gewaltiger Anſtrengung in ſeine Arbeit, und das junge Mädchen hatte ein Blatt Papier und Bleiſtift genommen, vermit⸗ telſt welches ſie einen Palmenwald zeichnete, in deſſen Schatten ein liebendes Paar ſaß, und das Ganze voll⸗ endete ſie durch ein zierlich verſchlungenes doppeltes A. Zuweilen blickte ſie von dieſer Arbeit auf und fragte mit dem ſanfteſten Tone ihen Stimme:„Wie geht es Ihnen, Anatole?“ worauf er ihr zur Antwort gab,„ich danke Ihnen, Fräulein N wie ſollte es mir nicht gut gehen, doch iſt hier mehr zu thun, als ich gedacht,“ dann blickte ſie von ihrer fertigen Zeichnung an die Zimmerdecke empor und hatte einen gar hübſchen Traum, indem ſie dachte, wie angenehm es ſein würde, wenn ſie häufig ſo bei Anatole, ſelbſt ſchweigend ſitzen könnte. — Da hörte man draußen vor dem Hauſe den zu⸗ rückkehrenden Wagen des Herrn von Martini anfah⸗ ren, und das dumpfe Rollen der Räder zerriß mit 74— einem Male die Träume dieſes für ſie ſo behaglichen Stilllebens. Anatole ſprang haſtig in die Höhe und ſeine Blicke fragten, was nun zu thun ſei. „Soll ich bei Ihnen bleiben, hier auf meinem Stuhle?“ flüſterte ſie raſch und ängſtlich, doch war es ihr ſelbſt nicht recht ernſt mit dieſer Frage, und ehe der junge Mann ihr nur eine Antwort geben konnte, fühlte er den leichten Druck ihrer Hand auf ſeiner Schulter und dann war ſie verſchwunden hinter dem Vorhange, welcher in gänzlich unverdächtigen Falten vor ihrer ſchlanken Ge⸗ ſtalt herabfiel. Eine Minute ſpäter wurde der Schlüſſel im Schloſſe herumgedreht und Herr von Martini trat freundlich grü⸗ ßend ein:„Ah, mein Gefangener,“ fragte er in heiterem Tone, iſt Ihnen die Zeit nicht lange geworden?“ „Durchaus nicht, Herr von Martini,“ erwiederte Anatole ſich gewaltſam zuſammennehmend,„doch muß ich Ihnen geſtehen, daß ich die mir aufgetragene Arbeit noch nicht vollſtändig beendigt habe.“ „Thut nichts— Sie können heute Nachmittag wieder daran gehen— es iſt zwölf Uhr vorüber und Sie wer⸗ den wahrſcheinlich zu Hauſe von Ihrer Suppe erwartet — ach Sie ſind fleißig geweſen— ich danke Ihnen.“ Der junge Fontenay war nur im Snande, dieſen 75— Dank mit einer ſtummen Verbeugung zu erwiedern, doch ſo ſehr es ihn auch drängte nach Hauſe zu kommen, ſo näherte er ſich doch nur zögernd der Thüre in einer kaum zu unterdrückenden Aufregung, wobei er es aber nicht ein— mal wagte, ſeine Blicke gegen den Vorhang zu richten.— War es nicht feige von ihm, ſo das Zimmer zu verlaſſen, und doch, wenn er blieb, wenn er durch ein Wort, durch eine Bewegung verrieth, was in ihm vorging, mußte er Anna auf's Furchtbarſte kompromittiren! Durfte er ſich wohl unterſtehen, auf dieſe Art ein Einverſtändniß mit dem jungen Mädchen zu verrathen? Denn was der Vater im ſchlimmen Falle der Entdeckung vielleicht als kindiſche Neugierde anſehen konnte, würde ſich ihm ſo als ein weit ſträflicheres Verhältniß mit ihm, dem jüngſten Diener des Hauſes, darſtellen. In der Nähe aber wollte er bleiben, ſo ſehr es ihn auch drängte, nach dem, was er erfahren, Aufklärungen von Madame Reveillot zu erhalten. Er verließ das Kabinet nach einer ſtummen Ver⸗ beugung, und begab ſich in den Wintergarten, wo er ſich unter den widerſtrebendſten Gefühlen auf eine Bank niederwarf. Herr Ringel war hinter dem Bankier eingetreten und ſagte, dem jungen Manne nachblickend:„Fontenay erſchien mir nicht ſo heiter wie gewöhnlich, hat es ihn vielleicht verdroſſen, daß er hier eingeſperrt war?— oder?“ „Laſſen wir dieſe Oder und alle Grübeleien, auch habe ich durchaus nichts Auffallendes an ihm bemerkt— vielleicht wenn er heute Nachmittag zu uns zurückkehrt, wird er ein anderes Geſicht machen und in dieſem Falle t werden Sie ihn wie verabredet in Ihr Zimmer nehmen, Alles wie eine Eingebung behandeln, die mir zufällig ge⸗ kommen, und ihm ſagen, wenn er eine zufriedenſtellende Erklärung von mir wünſche, ſo ſei ich bereit, ihm dieſelbe zu geben— und jetzt noch einen Augenblick zu unſerem Geſchäfte, das für heute raſch erledigt ſein wird.“ Nach dieſen Worten zog er ſeine kleine grüne Brief⸗ taſche aus dem Ueberrocke hervor, ließ ſie aber mit der Hand niederſinken und ſagte, nach der Thüre blickend: „Es iſt mir doch unangenehm, daß dieſer junge Mann in ſeinem Rechte iſt, wenn er mir vielleicht eine pikante Bemerkung macht, und ich traue ihm das ſchon zu bei ſeinem aufſprudelnden franzöſiſchen Temperamente— es wäre mir ſchon recht, wenn er zur Revanche irgend ein Unrecht gegen mich begangen oder wenn er ſeine Arbeit hier nachläſſig behandelt hätte—— pah, auch darüber kommen wir hinweg, und dann Ende gut, Alles gut— ——— hier iſt alſo die koſtbare Abſchrift der ſechs Zettel, nach der wir uns jahrelang geſehnt— Sie haben ſie doch extra für ſich notirt, damit Jeder von uns den Verſuch machen kann, die richtige Zuſammenſtellung zu finden?“ „Gewiß habe ich das gethan,“ entgegnete Herr Ringel und ſetzte mit einem eigenthümlichen Lächeln hinzu,„ich möchte es nur mit anſehen, wie ſich Madame Reveillot und auch Herr Fontenay jetzt die unglaublichſte Mühe geben, auch aus ihren Zetteln einen Sinn herauszufinden es war das kein ſchlechter Gedanke, der alten Frau falſche Notizen vorzulegen— während wir die echten von ihr bekamen.“ Wären die Beiden nicht ſo ſehr mit dem Gegenſtande ihrer Beſprechung beſchäftigt geweſen, ſo hätten ſie eine allerdings unbedeutende Bewegung des ſchweren Vor⸗ hanges in der Ecke bemerken müſſen. „Ich mache mir kein Gewiſſen daraus,“ ſagte der Bankier,„da die anderen ſechs Zettel in meinem Beſitze ſind und ich ſie eher verbrannt, als in fremde Hände gegeben hätte— ſo wäre der Madame Reveillot eine Ergänzung der ihrigen doch niemals möglich geweſen, freilich wäre es auch für uns beſſer, wenn wir die an⸗ deren echten Zettel hätten erlangen können.“ „Beſſer allerdings— aber nicht unbedingt nothwendig — ich getraue mir, da ich die echten als Vorbild habe, die anderen genau mit der Handſchrift zu ergänzen— 78— vergilbtes Papier findet ſich leicht und einige Tinten⸗ proben genügen.“ „Gut, vorerſt aber wollen wir uns mit der Zuſam⸗ menſtellung beſchäftigen, und ich bin ſehr begierig zu ſehen, mein lieber Ringel, wer von uns mehr Scharfſinn oder Glück hat?“ 4„Wobei es ein außerordentlicher Spaß wäre,“ meinte der alte Buchhalter, indem er ſich zum Abſchied lächelnd verbeugte,„wenn bei der Zuſammenſtellung doch kein rich⸗ tiger Sinn herauszubringen wäre.“ „Glauben Sie in der That?“ „Das will ich gerade nicht behaupten, aber wenn ich mir Herrn Morel vergegenwärtige, ſo halte ich ihn immer noch für ſchlau genug, durch ein liſtiges Manöver, durch ein Herumführen auf falſcher Fährte die Spuren der echten gänzlich verwiſcht zu haben.“ „Nun wir wollen ſehen.“ Der Buchhalter hatte das Gemach verlaſſen, und Herr von Martini ſtand vor ſeinem Arbeitstiſche, den Hut auf dem Kopfe, im Ueberrocke, gerade ſo wie er aus dem Wagen geſtiegen war— er hatte die kleine, grüne Brieftaſche in der Hand und betrachtete mit dem Ausdrucke der Befriedigung die ſechs Zettel einen nach dem anderen, dann die Kopieen der anderen Brieftaſche, und es war ihm gerade, als müßte ſich beim erſten J 79 Anſchauen die richtige Zuſammenſtellung von ſelbſt er⸗ geben, doch war dieſes nicht ſo leicht, was er dann auch einſah und das kleine Buch langſam ſchloß. Hätte er in dieſem Augenblicke aufgeſehen, ſo würden ſeine Blicke den glänzenden Augen ſeiner Tochter begegnet ſein, die durch einen Spalt neben dem Vorhang nach ihm ſchaute. Er war ſchon im Begriffe, das kleine Buch in die weiten Taſchen ſeines Ueberrockes gleiten zu laſſen, als er ſich zu beſinnen ſchien, daß er dieſes Kleidungsſtück noch nicht abgelegt habe, weßhalb er die Hand wieder erhob, die kleine Brieftaſche auf den Tiſch legte und raſch das Kabinet verließ, um im Nebenzimmer ſich ſeines Ueberrockes und Hutes zu entledigen. Kaum war er verſchwunden, als Anna ihr Verſteck verließ, bleich, erregt, mit feſt zuſammengedrückten Lippen, kaum zu athmen wagend. Ihre Blicke flogen über den Tiſch, und als ſie dort ſah, was ſie geſucht, nahm ſie das kleine, grüne Buch raſch in die Hand, hob es in die Höhe, wobei ſie in haſtig ausgeſprochenen Worten zu ſich ſelber ſprach:„Das iſt es, was ſie ihm genommen, deß⸗ halb gingen ſie zu Madame Reveillot— o mein Vater, mein Vater— es iſt meine Schuldigkeit, wieder gut zu machen, was Du verbrochen.“ Sie flog nach der Thüre, ſie öffnete dieſelbe und ſtand — 80— wie feſtgebannt— Herrn von Martini gegenüber, der ſie mit einem verwunderungsvollen Blicke betrachtete; doch verwandelte ſich dieſer Blick auf eine ſchreckensvolle Art, als er jetzt in ihrer Hand die kleine, grüne Brieftaſche bemerkte— er faßte ſeine Tochter am Arme, er zog ſie in's Zimmer zurück und, nachdem er die Thüre ſorgfältig hinter ſich zugemacht, ſtellte er ſich vor ſie hin und be⸗ trachtete ſie einen Augenblick ſch hweigend mit übereinander geſchlagenen Armen. „Was ſoll das bedeuten?“ frug er alsdann mit rauhem Tone—„he? mein Fräulein?— hat Dir dieſe kleine Brieftaſche als ſolche gefallen oder erhielt ſie durch irgend etwas Anderes in Deinen Augen einen eingebildeten Werth?“ Anna'’s Züge waren mit einer furchtbaren Bläſſe über⸗ zogen, ſie athmete mühſam, und es dauerte faſt eine volle Minute, ehe ſie ihrem Vater antwortete— nicht als ob ſie hiezu nicht früher im Stande geweſen wäre, aber ſie wollte nichts Unüberlegtes ſagen, ſie wollte ſich vorher ſammeln und dann mit ihrer Antwort die Sachlage ſo klar als möglich bezeichnen. „Nun?“ fragte er ungeduldig. „Ich nahm dieſe Brieftaſche,“ ſagte das junge Mäd⸗ chen,„weil ich zufällig erfuhr, daß der Inhalt derſelben Jemanden— erlaſſen Sie mir das richtige Wort, mein — 21— Vater— daß der Inhalt auf unrechtmäßige Weiſe in Ihre Hände kam und daß dieſer Inhalt das größte Intereſſe hat für eine Perſon, die meinem Herzen theuer iſt.“ 8„Ah, Du meinſt wohl Madame Reveillot?“ fragte der Bankier mit einem forſchenden Blicke. „Nein,“ rief ſie in entſchloſſenem Tone—„ich meinte nicht Madame Reveillot— ich dachte an Ana⸗ tole Fontenay, für den dieſe Papiere von größter Wichtigkeit ſind, und er iſt es, der meinem Herzen nahe ſteht.“ „A— a-— a-— ah,“ rief Herr von Martini zurück⸗ fahrend, wobei ſich ſeine helle Stirne mit einer dunkeln 7 Röthe überzog,„Du läſſeſt mich da zwei ſaubere Ent⸗ deckungen auf einmal machen.“ „Ja und ich werde dieſe Dir gemachte Mittheilung nie verläugnen und werde ſie, wenn es ſein muß, vor aller Welt wiederholen.“ Sie machte eine raſche Bewegung, um das Zim— mer zu verlaſſen, doch faßte ſie ihr Vater mit feſtem Griffe an der Hand, um ſich des Taſchenbuchs zu be⸗ mächtigen. „Thörichtes Geſchöpf,“ ſagte er in kaltem Tone,„wer hat dieſe romanhaften Ideen in Deinem Kopfe entwickelt? — was muß ich an Dir erleben?— ſprich, erkläre mir, Hackländer, Zwölf Zettel. II. 6 — d1 — — — 82— welch' verderblichen Einflüſterungen habe ich dieſen ärger⸗ lichen Auftritt zu verdanken?“ „Keinen Einflüſterungen,“ erwiederte ſie mit großer Faſſung.—„Du haſt mich in der letzten Zeit bei einer wichtigen Veranlaſſung, wohl bei der wichtigſten meines ganzen Lebens, wie ein willenloſes Kind behandelt, und ich geſtehe es, ich hatte nicht den Muth, Dir bei der erſten derartigen Unterredung entgegenzutreten, Dir zu ſagen, daß Du mich falſch beurtheilt, daß mein Herz nicht mehr frei ſei.“ „Ei ſieh' doch,“ gab er in einem faſt ſpöttiſchen Tone zur Antwort,„dieſe wichtige Erkenntniß Deines eigenen Herzens kam Dir erſt nach reiflicher Ueberlegung — glaubſt Du vielleicht, die feſt gefaßten Entſchlüſſe Deines Vaters erſchüttern zu können, wenn Du jetzt vor ihn hintrittſt, um ihm zu ſagen, ich kann Deinen Willen nicht erfüllen, denn ich fühle mit einem Male, daß mein Herz nicht mehr frei iſt?—— Und für wen ſchlägt dieſes Herz? ah, das Fräulein hat einen Gegenſtand erkoren, der ſchon aus geziemender Ehrfurcht, abgeſehen von allem Anderen nicht nein ſagen würde, wenn man ihn früge, ob er mit der kindiſchen Liebe der Tochter ſeines Prinzipals einverſtanden ſei:— keine ſchlechten Anſichten von euch!— ſaubere Ausſichten für mich! —— Doch wollen wir dieſe Angelegenheit vom rich⸗ — tigen Standpunkt aus behandeln,“ ſagte er, ver⸗ ächtlich die Achſeln zuckend,„und möchte ich mir zu dieſem Zwecke die Beantwortung der Frage ausbitten, ob Herr Fontenay in Deinen Roman eingeweiht wor⸗ den iſt?“ „Auf eine ſolche Frage, ſo geſtellt, vermag ich Dir keine Antwort zu geben,“ erwiederte das junge Mädchen in einem ſanfteren Tone als bisher dabei drückte ſie die gefalteten Hände gegen ihre Bruſt und ſprach nai einer Pauſe:„Ich liebe Anatole und er liebt mich.“ Der Bankier hatte mit einer raſchen Bewegung die Brieftaſche auf den Tiſch geworfen und ging nun mit haſtigen Schritten ein paar Minuten lang in dem Ka⸗ binete auf und ab, wobei er ſich zuweilen plötzlich gegen Anna wandte, dann aber heftige Worte, die ihm auf der Zunge lagen, gewaltſam zurückdrängend. Jetzt blieb er wieder am Tiſche ſtehen, ſtrich ſich mit der Hand über das Geſicht und ſagie alsdann ruhig und! kalt:„Ueber Deine kindiſchen, thörichten Erklärungen, deren Werth ich zu würdigen weiß, hätte ich faſt das Wichtigere vergeſſen.— Du ſagteſt vorhin, der Inhalt jener Brieftaſche ſei für Jemanden von großem Werthe?“ „Ja, für⸗Anatole, den ich über Alles liebe und von — 84— dem ich niemals laſſen werde,“ entgegnete ſie entſchloſſen, faſt trotzig.— „Bleibe bei dem, was ich Dich frage— woher weißt Du etwas über den Inhalt dieſes Buches?“ „Von Dir ſelbſt.“ Mh„Ah, das iſt zu ſtark,“ fuhr er auf;„ſeit wann wäre ich ſo thöricht geweſen, vor Dir über wichtige Angelegen⸗ heiten zu reden?“ „Vor einer halben Stunde— mit Herrn Ringel.“ „So haſt Du uns belauſcht?“ rief er in einem er⸗ ſchreckend heftigen Tone. „Ja, aber ohne es zu wollen.“ „Wo warſt Du?— an der Thüre?“ „Ich habe noch nie an einer Thüre gelauſcht,“ ver⸗ ſetzte ſie ihm mit einer verächtlichen Miene,„ich mußte hören, was Du ſagteſt, denn ich konnte mich nicht ent⸗ fernen, ohne von Dir geſehen zu werden und dadurch Jemand Anderes zu kompromittiren.“ Er legte ſeine Hand feſt auf den Tiſch, als ſuche er einen Stützpunkt, um ſich im Gleichgewicht zu erhalten; denn was ihm aus den Worten Anna's klar geworden, hatte ihn auf's Tiefſte erſchüttert. „Und wo warſt Du?“ fragte er mit bebender Stimme. „Dort hinter jenem Vorhange.“ „Wie lange warſt Du dort?“ „Seit Du vor einer Stunde dieſes Kabinet verließeſt und Anatole und mich hier eingeſchloſſen.“ 7„A— a— a— ah, verflucht!“ rief er mit den Zähnen knirſchend, und während ſeine Augen Blitze ſprühten, griffen ſeine Arme zuckend auf dem Tiſche umher und faßten einen wuchtigen Briefbeſchwerer, den er hoch in der Hand gegen das Mädchen ſchwang. Sie erbleichte furchtbar, blieb aber ruhig und gefaßt vor ihm ſtehen, ihn mit ihren großen, klaren Augen an⸗ blickend, nicht herausfordernd, aber auch nicht demüthig. Er that einen tiefen Athemzug und ließ die erhobene Rechte raſch niederfallen, wobei ſich ſeine Finger öffneten und der ſchwere Stein polternd auf den Boden nieder⸗ ſtürzte. Dieſes Geräuſch ſchien ihn wieder vollſtändig zu ſich zu bringen; er ſank auf den Stuhl nieder, der vor dem Schreibtiſch ſtand, und indem er ſeiner Tochter haſtig zu⸗ rief:„Fort! fort! verlaß mich!“ zeigte er mit einer ſo heftigen und zugleich abwehrenden Handbewegung nach der Thüre, daß Anna nicht anders konnte, als dieſem Befehle Folge leiſten. Dann brach er in ſich zuſammen, und erſt nach län— gerer Zeit, während welcher er raſch und ſtoßweiſe ath⸗ mete, hatte er wieder ſeine völlige Faſſung erlangt und — 36— ſprach zu ſich ſelber:„Die Vergeltung iſt ziemlich raſch gekommen; hatte ich doch vorhin geſagt, es wäre mir nicht unlieb, wenn dieſer junge Mann ein kleines Unrecht gegen mich begangen hätte— ein kleines wohl, aber kein ſo ungeheures.“ — 87— Viertes Kapitel. Erſt nachdem Anna das Kabinet ihres Vaters ver⸗ laſſen hatte, fühlte ſie die ganze furchtbare Schwere des eben erlebten Auftrittes: ihre Kniee wankten, ſie fühlte es vor ihren Augen flimmern, und als ſie ihre Hand gegen die Augen erhob, rannen dicke Thränentropfen über ihre Finger. Sie eilte die Treppe hinab, ſie durchſchritt raſch den Wintergarten und erſchrak heftig, als plötzlich Anatole vor ihr ſtand. „Was iſt geſchehen, Fräulein Anna?— um des Himmels willen, was iſt geſchehen?“ Unter Schluchzen erzählte ſie ihm nun den ganzen Hergang und die Unterredung mit allen ihren Einzeln⸗ heiten, welche ſie mit ihrem Vater gehabt, und als er hierauf raſch entſchloſſen zu Herrn von Martini eilen wollte, um ihm mit offenem Auge und freier Stirne ent⸗ gegen zu treten, beſchwor ſie ihn unter Thränen, dieſes nicht zu thun, da er in ſeinem Zorne zu Allem fähig ſein würde.„Gehen Sie nach Hauſe, Anatole,“ bat ſie dringend,„überlegen Sie mit Madame Reveillot, fragen Sie ſie um Rath, ob Sie heute noch hieher zurückkehren ſollen morgen aber will ich Sie ſehen oder von Ihnen hören.“ Er eilte davon, die Bruſt ſo voll von allem dem, was er erfahren, daß er nicht einmal zum Abſchied ihre Hand ergriffen hatte, nicht einmal ein Wort des Dankes zu ihr geſprochen und ſie ſah ihm mit einem traurigen Blicke nach Als Anatole nach kurzer Zeit in das Zimmer ſeiner Großmutter trat, als ſie in ſeine verſtörten Züge blickte und nicht anders glauben konnte, als Herr von Mar⸗ tini ſelbſt oder der Buchhalter habe ihn von dem in Kenntniß geſetzt, was hier vorgegangen, trat ſie raſch auf ihn zu, nahm ſeinen Kopf zwiſchen ihre beiden Hände, küßte ihn herzlich auf die Stirne und ſagte in freundlichem tröſtenden Tone:„Laß es gut ſein,. mein Kind es iſt beſſer Unrecht leiden, als Unrecht thun, und ihnen kann das nimmermehr zum Segen ge⸗ reichen.“ „Aber Du ahnteſt wohl nicht, Großmutter, auf welche Art ſie Dein Vertrauen gemißbraucht haben?“ Sie ſchaute ihn mit großen Augen an, dann erwie⸗ derte ſie:„Alles weiß ich; ſie haben mir vorgeſpiegelt, — 89— Du hätteſt Deine Einwilligung dazu gegeben, den Inhalt Deiner Brieftaſche durchſehen zu dürfen.“ „Und weiter?“ „Sie kopirten die Notizen auf Deinen Zetteln, wäh⸗ rend ſie mir das Gleiche von den ihrigen zu thun er⸗ laubten.“ „Richtig, richtig,“ rief er mit einem unnatürlichen Lachen,„nur mit dem kleinen Unterſchiede, daß ſie unſere echten Zettel abſchrieben, während die, welche ſie Dich kopiren ließen, falſche, von Herrn Ringel nachgemachte waren.“ «Ah, les scélérats!) Anatole ſetzte ſich an den Tiſch, ſtützte den Kopf in die Hand und ſagte:„Laß mich wenigſtens ſehen, was Du aufgeſchrieben haſt— lächerliche Sylben,“ fuhr er fort, nachdem er das Papier, welches ihm Madame Re⸗ veillot darbot, lange betrachtet hatte;„auch ohne, daß ich es beinahe aus ihrem eigenen Munde weiß, daß ſie uns betrogen haben, würde ich es gleich daran ſehen, daß hier die Sylbe fehlt, welche den Namen Morel ergänzen könnte, und daß der Name Morel in dieſer Notiz vorkommt, da⸗ für möchte ich meine Hand in's Feuer ſtrecken.“ „Auch ich bin dieſer Anſicht nach dem, was Du über Deine Unterredung damals mitgetheilt haſt, und wurde darin noch beſtärkt aus einer Notiz in der Brieftaſche — 90— des Herrn von Martini, aus der ich deutlich entnahm, daß jenes Taſchenbuch einſtens dem Herrn Morel ge⸗ hörte.“ „Ah, das iſt wichtig, und das verſchwiegen ſie Dir nicht?“ „Sie würden es wahrſcheinlich gethan haben, wenn ich ſie nicht genöthigt hätte, als Gegenleiſtung ihre Brief⸗ taſche in meine Hand zu geben.“ „Die mit den falſchen Zetteln?“ „Allerdings, aber es iſt mir dadurch zur Gewißheit geworden, daß Morel um dieſes Geheimniß weiß und daß er deßhalb als Irrſinniger feſtgehalten wird.“ „Nun, etwas dergleichen iſt er ſchon— daran iſt nicht zu zweifeln, obgleich ich ihn wieder klar genug bei Verſtand glaube, um bei einer geſchickten Behandlung mittheilſam zu werden— er ſchien Zutrauen zu mir ge⸗ faßt zu haben— könnte ich ihm nur auf irgend eine Art beikommen.“ „Dieſes wird ſehr ſchwierig ſein, beſonders da man jetzt ſchon Mißtrauen in uns gefaßt hat— ich glaube nicht, mein lieber Anatole, daß Herr von Martini noch einmal ein Schreiben an Doktor Narder in Deine Hände geben würde, und hat er den Doktor obendrein wahr⸗ ſcheinlich ſchon ſo über Dich inſtruirt, daß dieſer Dich bei einem Beſuche, den Du auf eigene Fauſt aus⸗ — 91— führen wollteſt, kaum bis in ſein Arbeitszimmer ge⸗ langen ließe.“ Der junge Mann nickte mit dem Kopfe. „Ich ſprach neulich mit unſerem Freunde, Herrn Planchin, natürlich im gleichgültigſten Tone, über den Doktor Narder und ſeine Anſtalt— ich glaube, ich habe Dir das ſchon erzählt.“ „Ja, ja; Du ſagteſt mir davon.“ „Neulich nun, wo ich Herrn Planchin zufällig wieder⸗ ſah, nahm er dieſes Geſpräch wieder auf und ſagte: Ich hatte Gelegenheit, noch etwas Näheres zu erfahren über jene Anſtalt des Doktor Narder und— nicht viel Gutes. Wenn dieſer Herr nicht ſo außerordentlich ſchlau und vorſichtig wäre, ſo würde er ſchon häufig mit der Polizei und den Gerichten in Verwicklungen gerathen ſein; ſeine Anſtalt iſt ein Aſyl, ein Schutzort für Kranke, wobei es aber häufig vorkommen ſoll, daß die Anver⸗ wandten dieſer Kranken durch Herrn Doktor Narder's Penſionat gegen gerechte Anſprüche derſelben geſchützt werden, wofür dieſe allerdings ſchöne Summen bezahlen müſſen.““ „Alſo eine Art Gefängniß ohne Rechts⸗ und Urtheils⸗ ſpruch, bei dem die Begnadigung auf eine oder die an⸗ dere Art von dem bezahlten Willen des Herrn Doktor Narder abhängt— wer weiß, Großmutter,“ ſagte Ana⸗ tole lebhaft,„ob jener Morel nicht auch auf ähnliche Weiſe dort gefangen ſitzt?“ „Ich habe mir das nie anders gedacht— ſeit Du mir von ihm geſagt.“ „O, es iſt klar wie der Tag— er allein weiß um das Geheimniß dieſer Zettel, ein Geheimniß, welches für meinen geehrten Chef wohl ſo unangenehmer Art iſt, daß er Alles anwendet, um daſſelbe verborgen zu halten, was ihm wahrſcheinlich ſeit langen Jahren gelungen iſt. Schließlich braucht dieſer arme Morel nur noch zu ſterben— und es hat allen Anſchein, daß er den. Sommer nicht mehr erlebt— und Alles wäre für Herrn von Martini in Ordnung— halt! da kommt mir noch ein Gedanke,“ ſetzte er haſtig hinzu—„jene— haben ſich heute in den Beſitz dieſes Geheimniſſes geſetzt, wel⸗ ches allein noch in dem vielleicht etwas mangelhaften Gedächtniß jenes Unglücklichen lebt— das er ihnen wohl abſichtlich vorenthielt— wäre es nun nicht denkbar, daß ſie jetzt, wo ſie ihn nicht mehr gebrauchen, den Ver⸗ ſuch machten, ſich ſeiner zu entledigen?“ „Anatole— wer wird ſolche Gedanken hegen?“ „Warum nicht, Großmutter; dieſer Morel ſteht ihnen jetzt im Wege und bleibt ihnen lebend immer gefährlich; könnte er nicht in einem lichten Augenblicke Jemanden ſein Geheimniß anvertrauen?— ja, hat er nicht ſchon bei mir den Anfang dazu gemacht?———— Und dieſes Geheimniß, iſt es nicht für uns ſo wichtig?“ ſagte er ſchmerzlich bewegt,„nicht in vielleicht eigennütziger Art, wie es für jene iſt— nein, wenn ich Kenntniß davon erhalten könnte, ſo wäre es ja nur, um vor den Augen der Welt das Andenken meines Vaters wieder glänzend herzuſtellen, und das iſt unſere Schuldigkeit, und um dazu zu gelangen, müſſen wir alle Mittel anwenden, er⸗ laubte und unerlaubte.“ „Und wird es ein Mittel geben, wodurch wir zu einem günſtigen Ziel gelangen?“ „Ich kenne keines— aber es wird uns einfallen, Dir wird es einfallen, Großmutter, Dir mit Deinem ſcharfen Verſtande— o, wir müſſen einen Weg finden, um unſern Zweck zu erreichen, welcher ſo klar vor Augen liegt, wir müſſen es zu ergründen ſuchen, auf welche Art jener Morel mit den beiden Brieftaſchen und mit Jenen im Zuſammenhang ſteht.“ Die alte Frau legte ſanft ihre Hand auf die Schulter ihres heftig erregten Enkels. „Ja, laß uns das überlegen,“ ſagte ſie nach einer Pauſe,„aber zu einem glänzenden Reſultate gelangen wir nicht im erſten ſtürmiſchen Anlaufe. Du haſt vorhin von meiner Klugheit geſprochen— wenn ich wirklich welche habe, ſo will ich ſie zu ruhiger Ueberlegung an⸗ — 94— wenden, und wenn es auch vielleccht ſchwierig iſt, ſo iſt es doch nicht unmöglich, auf eine unverdächtige Art zu jenem Herrn Morel zu dringen, und gerade die Schwie⸗ rigkeit, die ſich vor uns erhebt, ſoll unſeren Muth und unſere Ausdauer reizen— doch jetzt genug von dieſer Sache, laß die Falten von Deiner Stirne verſchwinden und ſprechen wir von etwas Anderem.“ Bei etwas Anderem nun, wovon Anatole bereitwillig mit ſeiner Großmutter ſprach, war er nicht ſo ganz rück⸗ haltlos und offenherzig, wie er ſonſt zu ſein pflegte, aller⸗ dings erwähnte er leichthin einer Unterredung, die er mit der Tochter ſeines Prinzipals gehabt, er erzählte auch dabei, wie das ſchöne junge Mädchen einen gewiſſermaßen herzlichen Antheil an ihm zu nehmen ſchien, und warf dann wie im Scherz die Bemerkung hin:„Ich muß Dir ſchon geſtehen, Großmutter, daß es mir eigentlich ganz recht iſt, wenn Anna von Martini durch eine Heirat unſer Haus verläßt— denke Dir nur das Unglück, wenn ich mich in ſie verliebt hätte.“ „Ich würde allerdings darin ein Unglück ſehen,“ gab Madame Reveillot ruhig zur Antwort,„doch noch ein viel größeres, wenn das junge Mädchen auch Dir in dieſem Falle ihre Zuneigung zuwenden würde.“ „Wie ſo, Großmutter?“ „Nun weil ich Dich im anderen Falle für verſtändig - 95— genug hielte, eine ſo thörichte Leidenſchaft mit aller Ge⸗ walt zu unterdrücken.“ „Ja, oder das Haus zu verlaſſen,“ ſagte er halb⸗ laut.———„Was meinſt Du, Großmutter,“ fuhr er nach einem augenblicklichen Stillſchweigen, wie um dieſes Geſprächsthema zu ändern, fort,„ſoll ich heute Nachmittag wieder auf das Comptoir gehen und gerade ſo thun, als ſei nichts vorgefallen, oder hältſt Du es für beſſer, wenn ich morgen früh mit einem ſehr ernſten Ge⸗ ſichte vor Herrn Ringel hintrete?“ „Ich muß Dir unbedingt zu Erſterem rathen; in Anbetracht des Zieles, welches wir erreichen wollen, müſſen wir uns bemühen, der Geſchichte mit der Brieftaſche durch⸗ aus keine Wichtigkeit beizulegen— meine Anſicht iſt, Du gehſt wie gewöhnlich auf Dein Comptoir, Du ſprichſt, wenn ſich die Gelegenheit bietet, unbefangen mit Herrn Ringel und, wie Du bisher immer gethan, ehrfurchtsvoll mit Deinem Prinzipal, und Du erwähnſt nichts von dem, was hier geſchehen, bis man für gut findet, das Geſpräch darauf zu bringen— dann—“ „Halt, Großmutter!“ ſagte Anatole mit einem ſchlauen Blicke,„laß mich hören, ob ich vollkommen in Deine Ab⸗ ſichten eingedrungen bin?— in dem Falle würde ich Herrn Ringel oder Herrn von Martini zur Antwort ge⸗ ben, es ſei eine Verſäumniß von mir, ihnen die Brief⸗ — 96— taſche mit den ſechs Zetteln— die Letzteren hätte ich geſtern zufällig wieder gefunden— nicht ſogleich über⸗ bracht zu haben.— Imn gleichgültigem Tone würde ich hinzuſetzen, ich hielte die ganze Geſchichte für den Scherz eines müßigen Kopfes und ſei überzeugt, daß auch mit den Notizen, die ich von Dir erhalten, die ihrigen in keinen vernünftigen Zuſammenhang gebracht werden können.“ „Ganz vortrefflich,“ ſagte Madame Reveillot,„und da ich unterdeſſen heute Nachmittag Zeit zur Ueberlegung habe, ſo hoffe ich Dir heute Abend eine genügende Mit⸗ theilung machen zu können.“. Darauf hielten Beide ihr einfaches Mahl, dann ging Anatole auf ſein Comptoir und ergriff dort eine paſſende Gelegenheit, um ſich ſo unbefangen wie möglich an das Pult des alten Buchhalters zu begeben. Dieſer befand ſich aber augenſcheinlich in einiger Verlegenheit, und obgleich er bei der Annäherung des jungen Fontenay mit einem ſehr wichtigen Eintrag in die Bücher beſchäftigt zu ſein ſchien, ſo entging es dem Erſteren doch nicht, daß Herr Ringel zuweilen mit der Schnelligkeit des Gedankens einen Blick auf ſein Geſicht warf. Da aber die Züge Anatole's nicht nur gänzlich unbefangen, ſondern auch freundlich wie im⸗ mer erſchienen, ſo legte der Andere endlich die Feder nieder, um Anatole ſeine volle Aufmerkſamkeit zuzuwenden: das Geſchäftliche zwiſchen Beiden war in einigen Minuten abgethan und dann fragte der alte Buchhalter mit einem unbefangen ſein ſollenden aber in der That etwas ver⸗ legenen Blick:„Nun, Herr Fontenay?“ Anatole gab zur Antwort:„Nun, Herr Buchhalter,“ und ſetzte nach einer abſichtlichen Pauſe lächelnd hinzu: „Sie haben ſich da viel unnöthige Mühe gegeben?“ „Hm— hm, wie man's nimmt— wie man's nimmt. — Sehen Sie, mein lieber Herr Fontenay,“— hier huſtete er verlegen hinter der vorgehaltenen Hand,„Ma⸗ dame Reveillot, Ihre verehrte Großmutter, wird Ihnen klar gemacht haben, wie ſich alles das begeben— nicht wahr, vollkommen klar?“ „Gewiß, Herr Buchhalter, vollkommen klar, und deß⸗ halb ſagte ich vorhin, Sie hätten ſich viele unnöthige Mühe gegeben— ich fand nämlich dieſe unbedeutenden Papiere geſtern Abend und vergaß, ſie Ihnen heute Morgen mitzubringen.“ Bei dieſen Worten ſah der junge Mann ſo unbefangen aus, daß der alte Buchhalter unſichtbar und unhörbar einen tiefen Athemzug der Befriedigung that, worauf ihn ein ſo angenehmes Gefühl der Beruhigung überſchlich, daß die häufig auf- und abſteigenden Wagſchalen ſeiner Ge⸗ danken nach und nach wieder in's Gleichgewicht kamen, was er dadurch ſichtbar werden ließ, daß er, wie er nur Hackländer, Zwölf Zettel. II. 7 — b t — d bei ruhiger Gemüthsſtimmung zu thun pflegte, bald die rechte, bald die linke Hand von ſich abſtreckte— Soll er in den Beſitz der koſtbaren Notizen gelangt war, in die andere die Harmloſigkeit dieſes jungen Menſchen— ‚unnöthige Mühe, ſagten Sie vorhin; ei, ganz richtig, ich glaube auch in der That, daß es ganz unnöthige Mühe geweſen iſt— es war eine Grille, eine Laune, dieſe Zettel einmal durchzuſehen; das habe ich denn ge⸗ than, und ehrlich geſagt, nichts Geſcheidtes darin ge⸗ funden.“ „Auch in der Zuſammenſetzung mit Ihren Zetteln nichts?“ fragte Anatole in einem ſo offenen, rückhalts⸗ loſen Tone, daß die Spur von Mißtrauen, welche auf den Zügen des alten Mannes raſch erſchien, eben ſo ſchnell wieder verſchwand. 7„Ab auf unſeren Zetteln— auf meinen Zetteln— natürlich Madame Reveillot hat Ihnen davon erzählt— natürlich— ich vergaß damals das zu thun, oder hätte ich Ihnen doch etwas davon geſagt?“ „Genau kann ich mich nicht erinnern, doch iſt es mir, als hätten Sie in der That früher einmal von einer grünen Brieftaſche geſprochen.“ „Hm,— nun es kann wohl ſein———— ja, mein lieber Herr Fontenay, Sie haben ganz recht, es iſt 2 99— eine ſolche Verwirrung in dieſen Notizen, daß alle ſieben Weiſen Griechenlands vergeblich einen Sinn darin ſuchen würden— ich habe es auch bei Seite gelegt.“ „Das Geſcheidteſte, was man wohl thun kann ich warf heute einen flüchtigen Blick in das, was meine Großmutter aufgeſchrieben und bin nun ganz Ihrer Anſicht, Herr Buchhalter— ich mache mich an⸗ heiſchig, Zettel und Brieftaſche zu verſpeiſen, wenn Erſtere zu einem vernünftigen Satze zuſammenzuſtellen ſind.“ Der Buchhalter lächelte pfiffig und dachte bei ſich, das glaube ich Dir auf's Wort, mein harmloſer, junger Menſch. Dann ſagte er nach einer Pauſe, während welcher er ihn mit einem ganz beſonders ausdrucksvollen Blicke betrachtete, indem er ſeinen Mund zutraulich dem Ohre des jungen Mannes näherte:„Wie Vieles bleibt über⸗ haupt in dieſer Welt uns unverſtändlich und unbegreif⸗ lich—— Sie wiſſen, mein lieber Herr Fon⸗ tenay, daß ich Sie ſchätze und großes Vertrauen zu Ihnen habe.“ Anatole ſah ihn fragend an und ſeine Mienen zeigten den Ausdruck des Erſtaunens, als er nun bemerkte, wie Herr Ringel mit dem Daumen der rechten Hand über ſeine Schulter nach dem Wohnhauſe des Bankiers wies und dazu in einer höchſt verſchlagenen Manier, die man * 100 ſonſt nicht an ihm gewohnt war, ſein linkes Auge zukniff wiſſen Sie ſchon? O jck, Herr Ringel,“ entgegnete Anatole,„ich erfuhr es vor einigen Tagen, daß Fräulein Anna Braut iſt Das auch, das auch, aber es iſt nicht das, was ich meinte,“ fuhr der Buchhalter mit einem ſo ſcharfen und forſchenden Blick auf das Geſicht des Anderen fort, daß es dieſen hätte aufmerkſam machen müſſen, wenn er nicht zufällig dorthin geſehen hätte, wohin der alte Buchhalter mit ſeinen Fingern gezeigt. 3 Dann verſtehe ich Sie nicht, Herr Ringel. Glaub' es wohl, hängt aber damit zuſammen dem A folgt das B im Leben wie im Alphabet, und was ich Ihnen jetzt anvertrauen will, hängt mit der Braut ſchaft zuſammen anvertrauen iſt das richtige Wort, und Sie koͤnnen daraus ermeſſen, wie hoch ich Ihre guten Eigenſchaften ſchätze, mein lieber Herr Fontenay.“ Derſelbe forſchende Blick traf bei dieſen Worten die Züge Anatole's, welcher in dieſem Augenblicke eine außer⸗ gewoͤhnliche Aufmerkſamkeit zeigte. Sie waren ja Vormittags im Kabinet des Herrn von Martini?“ Gewiß, und wurde dort eingeſchloſſen was Sie ſa ganz genau wiſſen. — 101— „Sahen Sie vielleicht vorher zufällig Fräulein Anna?“ „Vorher?“ dachte Anatole—„darauf kann ich mit gutem Gewiſſen nein ſagen,“ und er antwortete alſo im Tone der Wahrheit„nein“. „Ich ſah das Fräulein, nachdem Sie das Haus ver⸗ laſſen, und wenn ſie mir auch ein Bischen erregt er⸗ ſchien, ſo bot ſie mir doch in gewöhnlicher Weiſe einen guten Tag, ja ſie ſagte auf Wiederſehen, Herr Ringel, was darin ſeinen Gtund hatte, weil ich ſchon ſeit langer Zeit Mittwochs, wie heute gleich nach dem Mittageſſen, zum Prinzipal zu gehen pflege, und dann meiſtens im Eßzimmer zu einer Taſſe Kaffee eingeladen werde. Als ich nun, ehe ich hieher kam, dorthin ging, empfing mich Frau Fichtner mit der Nachricht, Herr von Martini ſei plötzlich verreist und habe Fräulein Anna mitge⸗ nommen.“ UV.„Ah, das iſt ja wohl unmöglich— ohne irgend eine Vorbereitung.“ „Pah, mein lieber Herr Fontenay— bei dieſen vor⸗ nehmen und reichen Leuten iſt Alles möglich: man läßt anſpannen und was man nicht mitnehmen kann, läßt man nachſenden— aber wie ich ſehe, hat Sie das nicht minder überraſcht als vorhin mich ſelber— gewiß, mein junger Freund, es hat Sie ganz außerordentlich über⸗ — 102 raſcht, denn Sie machen ja ein Geſicht, als ſähen Sie Geſpenſter vor ſich.“ Anatole faßte ſich, ſo gut ihm das möglich war, doch bebte ſeine Stimme immerhin ein wenig, als er zur Ant— wort gab:„Ueberraſcht allerdings, doch nicht ſo ſehr, wie Sie glauben, Herr Ringel— ich kann mich nicht rühmen, Herr Buchhalter, im Hauſe des Prinzipals ſo zu ſtehen, um von dergleichen Ereigniſſen vorher in Kenntniß geſetzt zu werden.“ „Ja, ja, möglich— wahrſcheinlich'— aber Madame Reveillot, Ihre Großmutter, welche gerade jetzt mit drüben einen ſtarken Verkehr hat, hätte doch etwas davon wiſſen und es Ihnen vielleicht mittheilen können.“ Anatole hatte ſich indeſſen ſoweit geſammelt, daß er mit einem Lächeln auf den Lippen zur Antwort geben konnte:„Ich ſah ſie heute Mittag nur kurze Zeit, viel⸗ leicht daß ſie mir heute Abend etwas darüber erzählt, und will ich alsdann gewiß nicht ermangeln, es Ihnen morgen früh mitzutheilen.“ „Ganz gelegenheitlich— ganz gelegenheitlich— es intereſſirt mich nur inſoferne, als es mir auffallend war, daß der Prinzipal gerade jetzt, wo er mit Wich⸗ tigem beſchäftigt iſt, ſo plötzlich ſeine Reiſe unternimmt und ſich in dieſer Jahreszeit von Fräulein Anna begleiten läßt.“ — 103— „Wohin er gegangen iſt, wiſſen Sie nicht?“ fragte Anatole im gleichgültigſten Tone, der ihm möglich war. „Nein, ſein eigener Kutſcher hat ihn auf die Poſt⸗ ſtation nach Bergheim gebracht, wo ſich bekanntlich vier Landſtraßen kreuzen— an ſich iſt die Sache am Ende nicht wichtig,“ ſchloß Herr Ringel, indem er ſein großes Buch öffnete,„und ich habe Ihnen nur zeigen wollen, mein lieber Herr Fontenay, welches Vertrauen ich in Sie ſetze, daß ich mit Ihnen, einem ſo jungen Manne, über Sachen ſprach' welche nicht unſere Comptoirgeſchäfte betreffen— ich hoffe, mich in Ihnen nicht getäuſcht zu haben.“ Anna mit ihrem Vater fort— ſo plötzlich abgereist! Wie unbehaglich, wie ſchmerzlich war ihm dieſer Ge— danke, wenn er auch weit entfernt war, Luftſchlöſſer zu bauen auf die Leidenſchaft dieſes jungen Mädchens für ihn, wenn er ſich auch ſelbſt geſtehen konnte, nichts ge⸗ than zu haben, was ihn verhindert hätte, dem Vater Anna's mit gutem Gewiſſen entgegenzutreten— ja wenn er ſich auch ſagen durfte, daß er dieſe glühende Zunei⸗ gung, welche ihn in anderen Verhältniſſen überaus glück⸗ lich gemacht haben würde, ſo aufgenommen, ja derſelben ſo entgegengetreten war, wie er als Mann von Ehre und Gewiſſen zu thun verpflichtet geweſen, ſo konnte er doch nicht wiſſen, wie weit Anna dem Vater gegenüber in 104 ihrer Leidenſchaftlichkeit egangen, in welchen Farben ſie ihr Verhältniß zu ihm, welches eigentlich gar kein Ver⸗ hältniß war, ausgemalt, und wie er nun in Folge deſſen Herrn von Martini als pflichtvergeſſener, leichtſinniger, eitler, junger Menſch erſcheinen mußte— wenn jener nicht Schlimmeres von ihm dachte. Es geſchah ihm heute zum erſten Male, daß er einen Auszug falſch abſchloß und daß er in einem Briefe ganz andere Dinge ſagte, als er eigentlich wollte. Noch nie hatte er ſich ſo nach dem Schluſſe Comptoirſtunden geſehnt, wie heute, und faſt noch nie hatte es ſo viel zu thun gegeben, wie an dieſem Tage, und ſo war es ſchon acht Uhr geworden, als er in das Zimmer ſeiner Groß⸗ mutter trat. Anatole hatte ſich vorgenommen, der Abreiſe Anna's nur in gleichgültigem Tone vorübergehend zu erwähnen, um zu ſehen, welchen Eindruck ſie auf Madame Reveillot machen würde. Dieſer Eindruck war nun kein bedeuten⸗ der, was aber daran zu liegen ſchien, daß die alte Frau mit anderen, für ſie wichtigeren Gedanken beſchäftigt war: ſie hatte Beſuche gemacht, wie Anatole an ihrer Kleidung ſehen konnte. „Herr von Martini,“ warf ſie leicht hin,„hat es von jeher geliebt, nicht viel über Dinge zu reden, die er ſich auszuführen vorgenommen, er wird mit ſeiner — 105— Tochter irgend einen Verwandtan beſuchen, was ich bei der bevorſtehenden Heirat derſelben ganz begreiflich finde.“ „Ja, ja, man kann das begreiflich finden, aber ſelbſt Herr Ringel war erſtaunt über dieſe plötzliche Ab⸗ reiſe.“ „Herr Ringel wird auch nur das erfahren, was ſein Prinzipal ihm mitzutheilen für gut findet, das heißt, was die Privatverhältniſſe anbelangt, wogegen ſie allerdings in geſchäftlicher Behan ſo feſt zuſammen hängen mö⸗ gen, daß Einer ohne den Andern gar nicht gedacht wer⸗ den kann. Dieſer Gedanke iſt mir, als Du fortwarſt, beſtändig im Kopfe herumgegangen, und ich hatte mir ſchon vorgenommen, den Vater Deines Freundes Werder zu beſuchen, welcher beſonders in früheren Jahren mit Herrn Ringel verkehrte— vielleicht, dachte ich, im Laufe der Unterhaltung Dieſes oder Jenes zu erfahren, was uns bei jener Angelegenheit, die mein ganzes Denken ein⸗ nimmt, von Nutzen ſein könnte, doch fürchtete ich auch wieder durch Nachforſchungen Verdacht zu erregen und unterließ deßhalb dieſen Beſuch.“ „Vielleicht hätte das doch nicht ſchaden können, denn ſo viel ich neulich von meinem Freunde Werder erfahren, ſteht deſſen Vater mit dem Buchhalter ſeit einiger Zeit in einem ziemlich geſpannten Verhältniſſe.“ — 106— „Das bleibt uns immer noch, doch habe ich einen anderen Plan gefaßt, und der iſt ſo eigenthümlich, ja ſo — ich, daß Du ihn Deiner alten Großmutter kaum zutrauen wirſt.“ „Warum nicht?“ ſagte Anatole lächeln?d—„o Du biſt voller Phantaſie, und was Deine Ideen an— belangt, ſo findet ſie ja Jedermann praktiſch und ori⸗ ginell.“ „Du wirſt einſehen, Anatole, daß es für uns das Wichtigſte iſt, wenigſtens den 2G zu machen, mit jenem Herrn Morel in Verbindung zu treten.“ „Gewiß, aber es hat die allergrößten Schwierigkeiten — auch ich dachte ſchon daran, unter irgend einem Vor⸗ wande noch einmal die Privat⸗Anſtalt in der Parkſtraße zu beſuchen— wer weiß, ob mir das Glück nicht günſtig wäre, Herrn Morel wieder zu ſehen?““ Madame Reoveillbot ſchüttelte leicht ihren Kopf, dann ſagte ſie,„nein, nein, davon verſpreche ich mir nicht viel — jener Doktor iſt mir als ungemein vorſichtig, als ſchlau und verſchlagen geſchildert worden; Dein Beſuch ohne einen ihm einleuchtenden Vorwand müßte ihm ver⸗ dächtig erſcheinen— Du biſt ihm jetzt bekannt als Diener des Hauſes Martini, er würde Deines Beſuches dort nicht nnerwähnt laſſen, und nach dem, was heute bei uns hier vorgefallen, würde der arme Morel, wenn das nicht jetzt 107 ſchon geſchieht, doch gewiß künftig, unter ſiebenfachen Schlöſſern gehalten.“ „Du haſt recht— es geht allerdings nicht.“ „Von meinem Plane dagegen wirſt Du entzückt ſein,“ fuhr Madame Reveillot mit einem Aufleuchten ihrer ſchö⸗ nen Augen fort;„dabei werde ich ganz allein handeln, und ich will doch einmal ſehen, ob eine Kunſt, die ich in meiner Jugend oft geübt, für die man mir ein großes Talent zuſprach, bei mir noch vorhanden iſt.“ „Welche Kunſt, Großmutter?— ich bin ganz er⸗ ſtaunt,— ich habe Dich immer für ſehr talentvoll ge⸗ halten, aber von einer Kunſt, die Du früher ausgeübt, haſt Du mir niemals das Geringſte mitgetheilt.“ „Ja, ja,“ erwiederte Madame Reveillot, träumeriſch vor ſich niederblickend,„ich habe Dir davon noch nichts geſagt, wie von Manchem, was Du vielleicht ſpäter doch noch erfahren wirſt— jene Kunſt nun, die ich in meiner Jugend ausgeübt zu meinem und anderer Leute Ver⸗ gnügen im Kreiſe heiterer Geſpielinnen, war die Schau⸗ ſpielkunſt.“ „Ei, ei, Großmutter,“ ſagte Anatole, laut und herz⸗ lich lachend,„Du warſt eine Schauſpielerin?“ „Nicht eigentlich das, was man ſo nennt— wir hatten ein— wir hatten ein Liebhabertheater.“ „In einem ſo kleinen Städtchen?“ — 108— V„Ah, in Frankreich, Anatole,“ erwiederte Madame Reveillot mit großer Wichtigkeit,„da liebt man es ſehr, ein wenig Komödie zu ſpielen— haſt Du nie gehört, daß alle Franzoſen und Franzöſinnen mehr oder minder geborene Schauſpieler oder Schauſpielerinnen ſind? und darauf gründet ſich mein Plan: ich will nämlich dem Herrn Doktor Narder eine Komödie vorſpielen, die ihm als die ernſteſte Wahrheit erſcheinen ſoll.“ „Erkläre Dich doch deutlicher.“ 4 „Laß mir mein Geheimniß, 8 wird das unſerer Sache nur nützen— aber um meinen Plan ausführen zu können, muß ich Dich auf einige Tage verlaſſen, es können auch möglicherweiſe einige Wochen daraus werden. — Louiſon wird auf's Beſte für Deine Bedürfniſſe ſorgen.“ „Ohne daß ich weiß, wohin Du gehſt?“ fragte Ana⸗ tole mit einiger Aengſtlichkeit—„nein, nein, Großmutter, das dulde ich nicht, es könnte Dir etwas Unangenehmes zuſtoßen, und ich wäre nicht im Stande, zu Deiner Hülfe herbeizueilen.“ „Auch daran habe ich gedacht; für alle Fälle aber nimm dieſes Schreiben, verſprich mir jedoch, es nicht eher zu leſen, als an dem auf dem Umſchlage bezeichneten Tage— hoffentlich bin ich aber früher zurück und als⸗ dann denke ich, daß wir über den Inhalt dieſes Schrei⸗ — — 109— bens ſowie meine unterdeſſen erlebten Abenteuer recht hexzlich lachen werden.“ 4 76„Ah⸗ Großmutter, Du hältſt mich für ein Kind, oder Du mißtrauſt mir.“ „Keines von Beiden, mein lieber Anatole— ich will nur, daß Du Dich ſo unbefangen wie bisher Deiner Um⸗ gebung zeigſt; dieſe Unbefangenheit aber würde ich Dir nehmen, wenn ich Dir jetzt ſchon etwas von dem Plane mittheilte; ich mache eine kleine Reiſe, das muß Dir für heute genügen, und daſſelbe darfſt Du Anderen ſagen, doch nur in dem Falle, daß nach mir gefragt wird.— Doch wer ſollte nach mir fragen, vielleicht Fräulein Anna würde es gethan haben, und deßhalb bin ich erfreut dar— über, daß ſie mit ihrem Vater verreist iſt.“ „Großmutter, Großmutter!“ ſagte Anatole, indem er ſcherzhaft drohend ſeinen Zeigefinger emporhob,„vielleicht weißt Du etwas Näheres über jene Reiſe, und die Dei⸗ nige hängt damit zuſammen— doch nein, nein,“ ſagte er, plötzlich wieder ernſt werdend,„ich ließ mich da zu einer heiteren Aeußerung hinreißen und habe doch gar keine Urſache dazu— Du blickſt mich ſo ernſthaft an, oder hätte ich am Ende doch recht gehabt mit dem, was ich im Scherze geſagt: wüßteſt Du vielleicht, was Herrn von Martini zu dieſer plötzlichen Reiſe veran⸗ laßt?“ — 1 10— Laß jetzt alle Nachforſchungen, Anatole, wenigſtens ſo lange, bis Du welche für dringend nothwendig hältſt — es könnten vielleicht Umſtände eintreten, aus denen Du das erſiehſt, dann gehe zu Herrn Planchin, theile ihm das Nöthige mit, worauf er Dir den beſten Rath geben wird.“ „Alſo Herr Planchin iſt in Dein Geheimniß einge⸗ weiht?“ „So weit als ich es für nöthig hielt— wenigſtens kennt er das Ziel meiner Reiſe, und da Du weißt, welch' braver Mann er iſt, ſo wird es auch für Dich eine Be⸗ ruhigung ſein.“ „Und könnte ich dieſe Reiſe nicht für Dich beſorgen?“ „Für dieſes Mal nicht; auch darfſt Du nicht außer Augen laſſen, daß es auffallen müßte, wenn Du gerade jetzt um einen Urlaub nachſuchteſt.“ „Nun denn— ſo will ich nicht weiter fragans aber bleibe mir nicht zu lange aus, und wenn es Dir möglich iſt, gib mir recht bald Nachricht von Dir.“ „Durch Herrn Alamin vielleicht, und wird er Dich alsdann aufſuchen „So ſoll ich nicht in einigen Tagen zu ihm hin⸗ gehen?“ „Nein, nur in dem Falle, daß etwas ganz außeror⸗ dentlich Wichtiges geſchähe.“ 111 Nach' dieſen Worten trat die alte Frau vor Ana tole hin und hielt mit ſanfter Gewalt ſeinen Kopf, den er heftig zu ſchütteln begonnen, mit beiden Händen feſt, dann küßte ſie ihn auf die Stirne und ſagte ihm gute Nacht. ——— — — — ——:—.— Fünftes Kapitel. Vor dem Thore der Privat⸗Anſtalt des Doktor Nar⸗ der hielt ein einfacher Wagen, dem zwei Perſonen ent⸗ ſtiegen, ein alter Mann und eine alte Frau. Erſterer war mit einer wohlhabenden Sorgfalt angezogen, die zweite auch ſauber und anſtändig, doch beſtanden ihre Kleider aus ziemlich groben Stoffen und waren von dem Schnitte, wie ſie auf dem Lande getragen wurden. Der alte Mann ließ die Frau vorausgehen, nachdem das Thor geöffnet worden war, worauf ſich die Pfört⸗ nerin anſchloß und die Beiden nach dem Zimmer des Arztes begleitete. Dieſes betrat aber der alte Herr allein, während die Frau von der Pförtnerin in ein kleines Ne⸗ benzimmer geführt wurde, wo ſie ſich in mitleidiger Weiſe bemühte, dieſelbe zu unterhalten, was ihr aber nicht recht gelingen wollte, denn die alte Bäuerin nickte nur zuweilen mit dem Kopfe, lächelte hie und da ein wenig, und ihre ganze Antwort, die ſie ohne beſonderen Sinn auf die betreffende Frage von ſich gab, beſtand in den Worten: — △. „Wenn Ihr recht krank ſeid, ſoll es mich freuen, denn dann weiß ich auch, warum ich da bin.“ Unterdeſſen war der alte Herr bei dem Doktor Nar⸗ der eingetreten, der ihn wie einen guten Bekannten em— pfing, ihm beide Hände entgegenſtreckte und deſſen Hand mit einem kordialen Ausdrucke ſchüttelte. ſp„Ah, Herr Günther,“ ſagte er,„ich freue mich, Sie wiederzuſehen, und habe unterdeſſen Alles auf's Beſte be⸗ ſorgt, die arme Perſon, welche Sie mir ſo dringend an⸗ empfahlen und für welche Sie ſo reichlich im Voraus be⸗ zahlten, bekommt ein ruhiges, nettes Stübchen nach dem Garten hinaus, und was die Beſchäftigung für ſie an⸗ belangt, ſo werde ich in Kurzem für ſie zu thun haben wie nennt man ſie? das heißt mit welchem Namen hört ſie ſich gern nennen?“ „Sagen Sie Frau Gertrud, das iſt ihr am Liebſten.“ „Nehmen Sie Platz, Herr Günther, wenn ich bitten darf,“ ſagte der freundliche Arzt,„ich möchte die Notizen, welche Sie mir neulich über die Kranke gaben, noch ein— mal raſch mit Ihnen durchgehen, ehe wir ſie ſelbſt ſehen — bitte, ſetzen Sie ſich.“ „Mit Vergnügen, Herr Doktor.“ Der Arzt hatte ſich dicht vor Herrn Günther eben⸗ falls auf einen Stuhl niedergelaſſen, blickte ihm mit einem herzlichen Ausdrucke in die Augen, wobei er ſeine Hände Hackländer, Zwölf Zettel. II. 8 —.114 auf die Kniee niederſtützte, zuweilen aber die Rechte er⸗ hob, um mit dem Zeigefinger derſelben auf eine ſanfte Art den Arm ſowie das Knie des Andern zu berühren. „Frau Gertrud iſt alſo mit Ihnen verwandt?“ „Ja, ſehr weitläufig, aber trotzdem nehme ich einen ſo innigen Antheil an ihr, als wenn ſie meine Schweſter wäre.“ „Ich begreife das vollkommen, denn Sie ſagten mir neulich ſchon, ſie hätte im Verlaufe langer Jahre Ihrem Hausweſen auf das Aufopferndſte vorgeſtanden und dabei Ihre kranke Frau auf's Zärtlichſte gepflegt.“ „Letzteres auf wirklich rührende Art, und iſt die Er⸗ innerung daran um ſo ſchmerzlicher, da gerade in dieſer Krankenpflege der Anfang von dem Leiden der armen Frau Gertrud zu liegen ſcheint.“ „Eigenthümlich— aber derlei Fälle ſind mir ſchon vorgekommen— es iſt die mildeſte Art von Wahnſinn, und deßhalb hoffe ich auch auf baldige und gründliche Heilung— und die Symptome derſelben zeigten ſich gleich nach dem Tode Ihrer Frau?“ „Kurze Zeit nachher, doch ſchrieben wir anfänglich die Verſchloſſenheit Gertrud's, ihr ſichtbares Leiden, ihr Zurückziehen von aller Geſellſchaft dem tiefen Schmerze um die Verſtorbene zu, welche ſie wie eine Schweſter ge⸗ liebt. Dabei war ees uns nur auffallend, daß Gertrud, 2 115— welche für alles Uebrige höchſt gleichgültig war, bald mich, bald meine Kinder, bald Knechte und Mägde auf die angelegentlichſte Art fragte, ob wir uns auch recht wohl fühlten, ob wir über unſere Geſundheit zu klagen hätten, wobei aber ſeltſamer Weiſe ihre ſtille Gleichgültig⸗ keit in förmliche Traurigkeit überging, ſo bald wir ſie verſicherten, daß wir uns ganz vortrefflich befänden. Da erkrankte mein älteſter Enkel an den Maſern, der Arzt, welcher gerufen wurde, erklärte die Sache für ungefähr⸗ lich, verordnete aber ſorgfältige Pflege, und nun hätten Sie ſehen ſollen, wie ſich von dem Augenblicke an der Zu⸗ ſtand der armen Gertrud mit einem Male änderte: ſie wurde vergnügt, ja heiter, und widmete ſich dem kleinen Kranken mit einer Sorgfalt, die über alle Beſchreibung geht; nicht nur den Tag über, ſondern auch viele Nächte hindurch ſaß ſie an ſeinem Bettchen, und wenn wir ſie darauf aufmerkſam machten, ihrer eigenen Geſundheit zu ſchonen, ſo ſagte ſie: ‚Das iſt ja gerade meine Geſund⸗ heit, wenn ich Jemanden pflegen kann.““ „Eine eigenthümliche Idee— aber wie geſagt, der⸗ gleichen iſt mir in meiner großen und langjährigen Praxis ſchon vorgekommen.“ „Und ſie hatte recht, die arme Gertrud; die Krank⸗ heit Anderer war ihre Geſundheit, und ſo lange ſie Je⸗ manden zu pflegen hatte, war ſie den Umſtänden nach 116— heiter und vergnügt, umgänglich, mittheilſam, ohne jede fire Idee. Glücklicher Weiſe aber für uns kamen in meinem Hauſe in den letzten Jahren wenige Krankheiten vor, und ſo verſchlimmerte ſich denn der Zuſtand der armen Frau auf eine für uns ſo beunruhigende Art, daß ich es für meine Pflicht hielt, die Hülfe eines ſo ausge⸗ zeichneten Arztes in Anſpruch zu nehmen.“ „Ein Vertrauen, das ich hoffentlich rechtfertigen werde, — allerdings ſind die ſogenannten fixen Ideen oft hart⸗ näckiger und auch ſchwieriger zu behandeln, als der laute Wahnſinn— doch nach dem, was ich ſo eben geſagt, werde ich die Kur Ihrer Anverwandten mit der beſten Hoffnung beginnen— weiß ſie ſchon, wo ſie ſich hier befindet?“ „Ja und nein— ſie weiß, daß Sie ein Arzt ſind und daß Sie einem Krankenhauſe vorſtehen— man hat ihr geſagt, Sie hätten ſich an mich gewandt, um für einen ſchwer Kranken in der Perſon meiner Anverwandten eine ausgezeichnete Wärterin zu erhalten, da Sie gehört hätten, wie vortrefflich Frau Gertrud Leidende zu behan⸗ deln verſtände.“ Doktor Narder nickte mit dem Kopfe, als er ſagte: *„Wir wollen in dieſer Richtung mit ihr vorgehen, wo⸗ bei ich indeſſen nicht ermangeln werde, durch freund⸗ lichen, vernünftigen Zuſpruch mildernd auf ihre fixe 117 Idee einzuwirken; einen Kranken habe ich auch für ſie.“ „Doch keinen, welcher ihrer körperlichen Geſundheit ſchaden könnte?“ „Unbeſorgt, es iſt das ein alter gutmüthiger Narr, der, ohne für ſeine Umgebung im Geringſten unangenehm zu ſein, am unaufhaltſamſten Nachlaß der Kräfte leidet, es iſt ein Mann von gutem Stande und guter Er⸗ ziehung, der zuweilen ſogar recht unterhaltend ſein kann, zuweilen etwas aufgeregt, wenn er anfängt, über ſeine Vergangenheit zu phantaſiren, dabei aber gutmüthig wie ein Kind.“ „Wir hätten es nicht beſſer treffen können,“ ſagte Herr Günther,„und ich danke Ihnen von Herzen für Ihre freundliche Bereitwilligkeit— halten Sie Zei⸗ tungen?“ „O ja, einige Tagesblätter.“ „So bitte ich, ſie dieſe hie und da leſen laſſen zu wollen; ſie iſt daran gewöhnt, und wenn ſie ſich auch mit Politik nicht abgibt, ſo ſtudirt ſie mit einer ängſt⸗ lichen Gewiſſenhaftigkeit die Anzeigen; ja, ſie macht ſich zuweilen Notizen, und es könnte ſogar der Fall ein⸗ treten, daß ſie irgend eine Anzeige beantwortete, und würde es mich freuen, wenn Sie mir dann das, was ſie aufſchreibt, ganz gelegenheitlich zukommen laſſen 118 würden— ganz gelegenheitlich, da es doch ohne allen Werth iſt.“ „Gewiß, mein lieber Herr Günther— ich halte es für meine Pflicht, dieſen kleinen, unſchuldigen Launen meiner Kranken auf's Bereitwilligſte nachzukommen, und werde auch nicht ermangeln, Ihnen alles das pünktlich mitzutheilen, was Frau Gertrud in dieſer oder ähnlicher Richtung aufſchreiben ſollte.“ „Wofür ich Ihnen ſehr dankbar bin, verehrter Herr Doktor.— Und ſomit hätte ich mich denn meiner aller⸗ dings etwas traurigen Pflicht entledigt und gehe ziemlich beruhigt von dannen, da ich überzeugt bin, die arme Kranke in der vortrefflichſten Pflege zu laſſen.“. Der Doktor ergriff mit ſeinen beiden Händen die Rechte des Herrn Günther und ſagte:„Was menſchliche Hülfe und ärztliche Kunſt vermag, ſoll nicht unverſucht bleiben,“ worauf er mit einem Augenaufſchlag gen Him⸗ mel hinzuſetzte:„Das Uebrige müſſen wir der allerhöchſten Gnade anheimſtellen.“ Er fuhr mit dem Daumen der linken Hand an das entſprechende Auge, als wolle er dort eine hervorquellende Thräne zurückdrücken, ohne daß es den Anſchein hätte, als habe er irgend eine Abſicht, ſie zu zeigen. „Und nun erlaſſen Sie es mir wohl,“ ſagte Herr Günther nach einer großen Pauſe,„Abſchied von meiner — 119— armen Verwandten zu nehmen— ich möchte ſie und mich nicht unnöthiger Weiſe aufregen.“ „Darum möchte auch ich als Arzt ganz beſonders gebeten haben,— Frau Gertrud iſt in den beſten Hän⸗ den, und ich hoffe ſehr, Ihnen in kurzer Zeit günſtige Nachrichten über ſie zukommen laſſen zu können.“ Herr Günther verließ Zimmer und Haus, und der Doktor, deſſen Begleitung er dringend abgelehnt hatte, ſah ihm händereibend durch das Fenſter nach, worauf er zu ſich ſelber ſprach:„Das iſt ein höchſt angenehmer und fetter Kunde, und wir wollen ſchon Sorge dafür tragen, daß er mir die Kranke auf einige Jährchen über⸗ laſſen muß;“ hierauf pfiff er einige Takte einer lu⸗ ſtigen Weiſe, wobei er auf die Thüre des Nebenzimmers zuging und dieſe mit einem ernſten und würdevollen Ge⸗ ſichtsausdrucke öffnete. Dort ſaß Frau Gertrud bei der Pförtnerin, und Beide ſchienen ſich nicht beſonders unterhalten zu haben, und während Letztere das Zimmer nun verließ, flüſterte ſie im Vorbeigehen dem Arzte zu:„Sehr einſylbig und theil⸗ nahmlos.“ „Ah, meine liebe Frau,“ ſagte Doktor Narder,„freue mich ſehr, Ihre Bekanntſchaft zu machen.“ Die Kranke wandte langſam den Kopf herum und ſchaute ihn mit ſchläfrigen, herabgeſunkenen Lidern ziem⸗ 120 lich lange an, ehe ſie antwortete:„Wenn Ihr recht krank ſeid, ſoll es mich freuen, denn dann weiß ich auch, war⸗ um ich da bin.“ Hierauf ſeufzte ſie ein klein wenig und blickte alsdann vor ſich nieder, wobei ſie emſig die Bän⸗ der ihrer Schürze glatt ſtrich. „Was mich betrifft, ſo bin ich gerade nicht krank, meine liebe Frau, doch habe ich Jemanden in meinem Hauſe, der ſich freuen wird, wenn Sie ihm Ihre vor⸗ treffliche Pflege angedeihen laſſen wollen— ich bin der Arzt hier und habe Sie als Krankenwärterin in's Haus genommen.“ „Ach ja, Herr Doktor, deßhalb bin ich gekommen, und je eher wir anfangen, deſto lieber iſt es mir.“ „Zuerſt aber müſſen Sie ein wenig ausruhen, und ich will Ihnen das Zimmer zeigen, wo Sie wohnen wer⸗ den— iſt Ihnen das recht?“ „Mir iſt Alles recht.“ Darauf führte ſie der Doktor die Treppe hinauf über einen langen Korridor mit vielen Thüren, hinter denen man zuweilen einen eigenthümlichen Geſang, auch ein ſonderbares Lachen hörte. Da die alte Frau dem Arzte folgte, ſo konnte dieſer nicht ſehen, daß ſie zuweilen ſcheu um ſich her blickte, auch wohl zuſammenfuhr, wenn Ge⸗ ſang oder Lachen gar zu laut durch die verſchloſſenen Thüren ertönte. 121 „So, da ſind wir— nicht wahr, ein recht artiges Stübchen?“ „Iſt der Kranke hier?“ fragte die alte Frau, und ſetzte hinzu, nachdem der Doktor dieſes verneinte:„Das iſt recht ſchade.“ „Vor allen Dingen ruhen Sie ein wenig aus, und dann wollen wir heute Abend oder morgen früh ſehen, daß wir Ihnen zu thun geben— dort iſt Ihr Koffer und in der Ecke ein Schrank für Ihre Kleider— ſo, nun machen Sie ſich's bequem, und wenn Sie irgend etwas bedürfen, ſo haben Sie da eine Klingel, die Sie nur anzuziehen brauchen— alſo bis nachher, meine liebe Frau Gertrud.“ Sie gab keine Antwort und blieb mit zuſammenge⸗ falteten Händen mitten in der Stube ſtehen, wobei ſie leicht zuſammenſchauerte, vielleicht beim Anblicke des kah⸗ len, einfachen, ſpitalartigen Stübchens, wahrſcheinlich aber auch, da ſie draußen vor der Thüre das langſame Zu⸗ ſchieben eines Riegels vernahm, wodurch der vorſichtige Arzt ſie hier einſchloß. So ſtand ſie eine ziemlich lange Zeit unbeweglich, nicht aus Abſicht, ſondern bedrückt durch die Umgebung, dann ging ſie, überwältigt von ihren Empfindungen, lang⸗ ſam nach ihrem Koffer, ſetzte ſich darauf und vergrub ihr Geſicht in beide Hände, wobei ſie nicht wußte, daß alle — 122 ihre Bewegungen von dem Arzte durch eine kleine Spalte in der Thüre beobachtet wurden, und daß derſelbe mit ſeinen Beobachtungen zufrieden war, was er dadurch ausdrückte, daß er nun auf den Zehen ſchleichend die Zimmerthüre händereibend verließ. Es war ſo ſtill und einförmig in dieſem Hauſe, daß Frau Gertrud nach einiger Zeit ſich förmlich darnach ſehnte, irgend ein Geräuſch zu hören, ſelbſt jenes un⸗ heimliche Lachen oder Singen. Sie trat an das Fenſter, welches mit ſtarken Eiſengittern verwahrt war, und blickte in die winterliche Landſchaft hinaus: dort lag vor ihr der kleine Garten des Hauſes mit den kahlen Aeſten ſeiner Bäume, der Boden bedeckt mit feuchtem, braunem, ver welktem Laube; von der Stadt konnte ſie nichts ſehen, da ſie ſich in der dieſer abgekehrten Seite befand. Es dämmerte bereits, als eine Dienerin mit der Frage eintrat, ob ſie zum Nachteſſen in den Speiſeſaal kommen wolle, oder ob ſie es vorziehe, hier oben zu bleiben. Sie wünſchte das Letztere, wobei ſie hinzuſetzte, daß ſie aber bereit ſei, augenblicklich hinabzugehen, wenn drunten ein Kranker ihre Hülfe in Anſpruch nehmen wolle. Die Dienerin verſicherte ſie indeſſen, daß dieſes nicht der Fall wäre, weßhalb Frau Gertrud oben blieb; ſie aß etwas von der Suppe, die man ihr ſpäter brachte, und legte ſich alsdann in das ſchmale und harte Bett; doch konnte ſie lange nicht einſchlafen, und als ſie ſo wachend lag, hörte ſie leiſe Schritte auf dem Gange vor ihrem Zimmer und bemerkte hierauf, wie Jemand vor ihrer Thüre allerdings ſehr geräuſchlos ſtehen blieb, wie ſich alsdann eine kleine Spalte in derſelben öffnete und we⸗ nige Sekunden darauf wieder ſchloß. Am andern Morgen war das Erſte, was Frau Ger⸗ trud that, dieſe Thüre zu unterſuchen, und ſie fand in derſelben eine kleine Oeffnung, welche von außen ver⸗ mittelſt eines Schiebers verſchloſſen war, eine Entdeckung, welche gemacht zu haben ſie ſehr zu erfreuen ſchien, da ſie überzeugt war, daß ſie von Zeit zu Zeit beobachtet würde. „Nachdem ſie das Fenſter trotz der kalten Morgenluft hatte, ſchritt ſie eine Weile in dem kleinen Zim⸗ Nr auf und ab, dann ſchloß ſie ihren Koffer auf und fing an, ihre Kleidungsſtücke auszupacken, um einen Theil derſelben mit der größten Pünktlichkeit in dem Schranke aufzuhängen, einen Anzug aber von dunkel geſtreiftem Kattunzeuge hing ſie über einen der Stühle, nahm dann 1 ein Kiſſen vom Fußende des Bettes, ſowie eine der bei⸗ den wollenen Decken, welche ſich dort befanden, wickelte beide zu einer langen Rolle zuſammen und umkleidete dieſe dann mit dem eben erwähnten dunkeln Anzuge, den ſie hierauf ſorgfältig in's Bett legte und bis unter die 190 1 1 Arme zudeckte eine Haube mit breiten Strichen voll endete das Ganze, welches ſich jetzt ſo täuſchend ausnahm, daß man in einiger Entfernung darauf hätte ſchwören können, es liege eine Perſon mit abgewendetem Geſichte im Bette. 5 Frau Gertrud ſetzte ſich nun vor daſſelbe, nachdem ſie ihren Nachttiſch mit einem Glaſe voll Waſſer, mit einer Zuckerdoſe und einem Löffel, ſowie mit einem Fläſch chen, angefüllt mit einer dunkelrothen Flüſſigkeit, welches ſie Alles ihrem Koffer entnahm, bedeckt hatte. In der Hand hielt ſie ein weißes Taſchentuch, mit dem ſie häufig nicht vorhandene Fliegen von dem Geſichte eines einge— bildeten Kranken abzuwehren ſchien. So ſaß ſie lange und geduldig, ohne ſich mit etwas Anderem, als ihrem Amte zu befaſſen. Nur als die Dienerin mit dem Frühſtück eintrat, erſuchte ſie ſie mit aufgehobenen Händen, ja recht leiſe aufzutreten, und um Gottes willen die Ruhe der Leidenden hier im Bette nicht zu ſtören. Eine Stunde ſpäter trat auch der Doktor Narder ein, und obgleich er ſchon von der Dienerin in Kenntniß ge⸗ ſetzt war von der Beſchäftigung der Frau Gertrud, ſo blieb er doch einigermaßen überraſcht auf der Schwelle ſtehen, als er ſah, wie angelegentlich ſich die arme Per— ſon über ihre Kranke niederbeugte, wie ſie ihr das Kopf 14 5 gerr*. 0*. kiſſen rückte und ihr alsdann, ohne ſich durch den Eintritt des Arztes ſtören zu laſſen, mit dem Löffel Waſſer ein— zuflößen ſich beſtrebte. 7„Ah, guten Morgen, Frau Gertrud— wie haben Sie geſchlafen?— wie geht es Ihnen?“ „Von mir wollen wir nicht reden,“ gab ſie flüſternd mit einer abwehrenden Handbewegung zur Antwort,„aber hier meiner Kranken geht es ſehr ſchlecht.“ „Ei, ei, da müſſen wir wohl ein Bischen nach⸗ ſehen.“ „Fühlen Sie ihr den Puls— ſie hat ſchrecklich Fieber und es hat ſich während der Nacht von Stunde zu Stunde vermehrt.“ „So müſſen Sie wohl fortwährend bei ihr wachen?“ „Sie wollte es durchaus nicht leiden und zwang mich faſt mit Gewalt, daß ich mich auf den Boden legen mußte und ſchlafen.“ „Auf den nackten Fußboden?“ ſagte der Arzt, indem er den Zeigefinger in die Höhe hob,—„das ſollen Sie* nicht thun, das dürfen Sie nicht A ah, es iſt ja ab⸗ — ſcheulich kalt hier,“ ſprach er fröſtelnd,—„und kein Wunder,“ ſetzte er mit einem Blick auf das geöffnete Fenſter hinzu,„was der tauſend, Frau Gertrud, haben Sie es hier zu warm gefunden?“ „Ich nicht, aber die Kranke, ſie klagte ſo über Hitze; — 126 — glauben Sie nicht, daß ihr die angenehme Kühle gut thut?“ „Gewiß nicht, Frau Gertrud,“ verſetzte der Arzt, in⸗ dem er raſch das Fenſter ſchloß;„das ſollten Sie aber ſelbſt wiſſen, eine ſo erfahrene Krankenwärterin— Sie dürfen mir in keinem Krankenzimmer wieder die Fenſter öffnen— haben Sie mich verſtanden?“ „Vollkommen und will Ihren Befehlen auch darin ſtreng Folge leiſten— hätte ſie nur ein Wort geſagt,“ fuhr Frau Gertrud in einem traurigen Tone fort,„daß es ihr zu kalt ſei; aber ſeit mehreren Stunden ſchon ſpricht ſie gar nichts mehr, und das macht mich ſo beſorgt— ſehen Sie doch einmal genau nach ihr— ich bitte dar— um, Herr Doktor— ſie klagt nicht mehr, ſie ſeufzt nicht mehr, es wäre ſchrecklich, wenn ſie todt wäre.“ Doktor Narder that, als wenn er die Puppe unter⸗ ſuchte, worauf er erwiederte:„So ſchlimm iſt's noch nicht, doch müſſen wir ſehr ſorgfältig mit ihr ſein, und wenn es Ihnen recht iſt, ſo komme ich im Laufe des heutigen Tages öfters, um nach ihr zu ſehen.“ „Darum bitte ich, kommen Sie recht häufig, ich werde es an Sorgfalt für die Kranke nicht fehlen laſſen.“ „Doch müſſen Sie dabei auch an ſich ſelber denken, was Sie aber nicht thun, denn ich ſehe, Sie haben Ihr Frühſtück noch gar nicht angerührt 6 Frau Ger⸗ — trud, das geht nicht, und wenn es Herr Günther wüßte, würde er recht böſe werden.“ „Ja, ja, ich will frühſtücken.“ „Thun Sie das, und ich werde Vormittags noch ein⸗ mal nach Ihrer Kranken ſehen.“ Das that auch Doktor Narder und fand Alles wie am Morgen, nur mit dem Unterſchiede, daß ihn Frau Gertrud verſicherte, die Kranke befände ſich auffallend beſſer. Merkwürdiger Weiſe machte dieſe Beſſerung ſo raſche Fortſchritte, daß, als der Arzt am folgenden Morgen in das Zimmer trat, er Frau Gertrud heftig auf- und ab⸗ gehend fand, mit den Händen geſtikulirend und unver⸗ ſtändliche Worte mit ſich ſelbſt redend— ein Blick auf das Bett überzeugte ihn, daß die Gliederpuppe verſchwun⸗ den, und er begriff ſogleich, welche Aenderung in der fixen Idee ſeiner Kranken dadurch eingetreten war. „Gut, daß Sie kommen,“ rief ſie ihm in einem wei⸗ nerlichen Tone entgegen,„ich habe Sie ſchon lange er⸗ wartet, um Ihnen zu ſagen, daß ich nicht mehr hier bleiben will— was ſind das für Kranke in Ihrem Hauſe,“ fuhr ſie in einem ſo heftigen Tone fort, wie er an der ſanften Frau bis jetzt nicht gewohnt war,— „was ſind das für Kranke in Ihrem Hauſe, in dieſer Stunde wollen ſie ſterben und in der andern laufen — 128— ſie davon— aber warum habe ich ſie auch ſo gut verpflegt!“ „Da muß ja eine merkwürdige Kriſis eingetreten ſein,“ lächelte der Arzt—„um welche Zeit war es wohl, Frau Gertrud?“ „Allerdings eine merkwürdige Kriſis— wann wird es geweſen ſein?— gegen drei Uhr heute Morgen— wiſſen Sie aber, was es war?— man hat mich zum Beſten gehabt.“ 20„»Ah, meine liebe Frau Gertrud— wer könnte das ſagen?“ „Wer? Die Kranke ſelbſt; gegen drei Uhr richtete ſie ſich auf einmal in die Höhe und ſagte: ‚Das iſt Alles dummes Zeug— ich bin ja niemals krank geweſen, und man hat ſeinen Spaß mit Ihnen getrieben.— ‚War⸗ um?“ frug ich.— Weil man weiß, daß Sie gar keine Krankenwärterin ſind.— Und was bin ich denn?⸗ Darauf ſagte ſie ein ſchreckliches Wort, welches ich nicht zu wiederholen wage, ſtand auf und ging lachend durch jene Thüre.“ Damit zeigte Frau Gertrud auf den Klei⸗ derſchrank. „So, da hinaus nahm ſie ihren Weg?— ah, das iſt in der That ſonderbar.“ „Freilich iſt es ſonderbar, aber auch ich will jetzt hinausgehen— nach Hauſe— denn ich habe hier 429— nichts mehr zu thun— wirkliche Kranke gibt es nicht bei Ihnen, und darum will auch ich nicht mehr länger bei Ihnen bleiben.“ „Wer wird aber ſo heftig ſein,“ ſprach Doktor Nar⸗ der begütigend,„eine kluge Frau wie Sie ſollte doch ein⸗ ſehen, daß das Alles mit Abſicht geſchah— Herr Günther ſagte allerdings, Sie ſeien eine vortreffliche Kranken— pflegerin, doch hielt ich es für meine Pflicht, mich durch den Augenſchein davon zu überzeugen— nun bin ich überzeugt und ſehe es ein, welch' ausgezeichnete Dienſte Sie mir zu leiſten im Stande ſind.“ Unter den herabgeſunkenen Augenlidern der alten Frau leuchtete es aber kaum merklich hervor, und ſie ver⸗ ſetzte in einem etwas erregten Tone:„Hm, wenn Sie das wirklich einſehen, dann will ich meinetwegen noch bleiben, um Ihnen gefällig zu ſein, wenn ich aber wieder zu einem Kranken komme, welcher den andern Tag auf⸗ ſteht und mich auslacht, ſo bleibe ich keinen Augenblick mehr hier im Hauſe.“ „Das wird bei dem Kranken, zu welchem ich Sie nun führen will, wohl nicht der Fall ſein,“ gab Doktor Narder in einem eigenthümlichen Tone zur Antwort: „wenn er auch hie und da lachen ſollte, ſo hat das alsdann einen ganz anderen Grund— morgen wollen wir ihn beſuchen; denken Sie jetzt nicht mehr an die Hackländer, Zwölf Zettel. II. 9 130 Andere, die ſo undankbar war, Sie ſo plötzlich zu verlaſſen.—— Frau Gertrud lag lange ſchlaflos, als nun die Nacht wieder gekommen war: ſie dachte daran, wer wohl der Kranke ſein möge, bei dem ſie morgen ihr Amt antreten ſolle und ob— ſie dachte ferner, ob jener Kranke wohl freundlich gegen ſie ſein würde, auch mittheilſam, und wenn dieſes der Fall wäre— Endlich entſchlief ſie, und als ihr die Dienerin am andern Morgen das Frühſtück brachte und bemerkte, wie die Kranke heute ſo verſtändig am Fenſter ſaß mit einem kleinen Bündel, welches an ihrem Arme hing, ſo ſagte ſie:„Das iſt recht, Frau Gertrud, der Herr Doktor wird ungefähr in einer Stunde kommen und Sie hin⸗ unterführen.“ Darauf ſchüttelte jene den Kopf und erwiederte: „Eine Stunde iſt lang, und wenn der Kranke ſo lange ohne Pflege bleibt, ſo wird ihm das nicht gut thun.“ „Unbeſorgt,“ lachte das Dienſtmädchen,„der iſt des Alleinſeins gewöhnt, und es iſt noch die große Frage, ob er ſich darüber freuen wird, eine Krankenwärterin zu bekommen.“ Frau Gertrud hätte gern um eine Bedeutung dieſer Worte gefragt, doch wagte ſie es nicht, ſondern lächelte nur ein klein wenig und meinte:„Jeder, den ich noch — 131— gepflegt, hat ſich wohl dabei befunden, und ſo hoffe ich auch, ſoll es bei meinem Kranken der Fall ſein.“ Als ſie nun wieder allein war, ſtand ſie langſam von ihrem Stuhle auf, legte ihr Bündel dahin, wo ſie bis jetzt geſeſſen und ſchlenderte anſcheinend gleichgültig und gedankenlos im Zimmer auf und ab, wobei ſie es aber nicht unterließ, ſo oft ſie ſich gegen die Thüre wandte, dorthin zu ſchauen. Endlich glaubte ſie zu ſehen, daß der Spalt in derſelben ſich leiſe öffnete und nach Verlauf einer halben Minute eben ſo leiſe wieder ſchloß. Hierauf ſchritt ſie noch einige Male auf und ab, ging dann an ihren Kleiderſchrank, nahm aus ihrer Taſche eine Scheere, vermittelſt welcher ſie das Futter in einem ihrer Röcke auftrennte und eine kleine grüne Brieftaſche hervorzog, die ſie alsdann ſorgfältig unter ihrem Halstuche verbarg. Dann wartete ſie geduldig, bis Doktor Narder erſchien, welcher ſie nun hinunter in ſein Zimmer führte und ſie erſuchte, da es unterdeſſen Mittag geworden war, mit ihm zu ſpeiſen. Frau Gertrud that das ſo unbefangen und ſchien dabei ſo wenig erregt, ja in ſo gemüthlicher Stimmung, daß der Arzt mit ihr ganz unbefangen plauderte, allerdings nicht ohne Abſicht, denn er brachte das Geſpräch auf den Kranken, deſſen Pflege er ihr anvertrauen wolle, und gab ihr in Betreff deſſelben einige kleine Verhaltungsregeln. „Der alte Herr,“ ſagte er,„iſt meiſtens finſter und abſtoßend, ohne es aber böſe zu meinen; wenn er barſch mit Ihnen redet, ſo ſeien Sie doppelt freundlich gegen ihn; wenn er über ſeinen Zuſtand klagt, ſo verſichern Sie ihn, Sie wüßten ganz gewiß, daß ſein Leiden nur vorüber⸗ gehend ſei und daß das kommende Frühjahr ihm unfehl⸗ bar Linderung bringen müſſe, vielleicht iſt dieſes auch ſchon früher der Fall haben Sie mich wohl verſtan⸗ den?“ ſetzte der Doktor raſch fragend hinzu, wobei er einen forſchenden Blick auf die alte Frau warf. Dieſe hatte ihn nun allerdings vollkommen verſtanden, doch bebte ſietbei dem Gedanken, dieſes Verſtändniß auch nur durch eine Miene zu verrathen bei dem eigenthüm⸗ lichen Blicke, den ihr Gegenüber auf ſie geworfen; deß⸗ halb ſagte ſie mit einem ſtillen Lächeln:„So wird er alſo im Frühjahr wieder geſund und kann alſo dieſes Haus verlaſſen?— o, bei meiner Pflege wird das noch bälder geſchehen.“ „Ja, ja, das iſt wohl möglich,“ entgegnete der An⸗ dere mit einem rohen Lachen,„und je eher ſeine Leiden vorüber ſind, deſto bälder verläßt er das Haus— noch Eines aber möchte ich Ihnen ſagen und hoffe, daß Sie mich verſtehen.“ „O, ich verſtehe Alles.“ „Das ſoll mir lieb ſein, denn wenn Sie mich nicht verſtänden, oder wenn Sie vergäßen, was ich Ihnen jetzt ſage, ſo müßte ich Jemanden Anders die Pflege dieſes Kranken übertragen: es könnte nämlich kommen, daß er Ihnen allerlei fabelhafte Geſchichten aus ſeinem früheren Leben erzählen wollte, daß er anfinge, von vergangenen Zeiten zu ſprechen— Sie begreifen doch, was ich damit ſagen will?“ „Gewiß, gewiß,“ ſagte Frau Gertrud eifrig,„gerade ſo, als wie meine Schwägerin, wenn ſie in den Nächten, wo ich an ihrem Bette ſaß, mir erzählte von den Per⸗ ſonen, die ſie gekannt, von Allem, was ſie gethan, als ſie noch jung geweſen.“ „Gerade ſo— und wenn er ſo etwas reden will, da ſchauen ſie nach der Thüre und ſagen: ich glaube, er kommt— mehr nicht— haben Sie mich ver⸗ ſtanden?“ „Gewiß, gewiß, ich ſage nur: ich glaube er kommt.“ „Gut, jetzt wollen wir gehen— er hat um dieſe Zeit ſeine beſte Stunde, und wenn ich bei Ihnen bin, wird er Sie auch nicht unfreundlich empfangen.“ Während ſie im Erdgeſchoß in den anderen Theil des Hauſes gingen, fühlte Frau Gertrud ihr Herz hef⸗ tiger ſchlagen, ſo wie daß ihr Gang nicht ganz ſo feſt und aufrecht war, als er ſonſt wohl zu ſein pflegte, ja ein paar Mal war ſie gezwungen, einen tiefen —. 134 Athemzug zu thun und alsdann die Wand des Ganges, durch welchen ſie ſchritten, leicht mit ihren Fingern zu berühren. Jetzt öffnete der Doktor eine Thüre, und Frau Ger⸗ trud ſah ein ziemlich großes Zimmer vor ſich, welches auch mit einigen Bequemlichkeiten ausgeſtattet war; we⸗ nigſtens hatte es ein Bett mit Vorhängen, vor demſelben ein kleines Stückchen Teppich, ein altes Sopha, ſowie einen großen Lehnſtuhl, welcher am Fenſter in einem Strahle der Sonne ſtand und in welchem ſich der Kranke tief zuſammengekauert befand; er hatte einen grauen Plaid über ſeine tern geworfen, ſtützte den Kopf in die Hand und blickte mit ſeinen matten Augen an den glän⸗ zenden Winterhimmel empor. A⁴„Ah, guten Tag, mein lieber Herr Morel, ich hoffe daß Sie wohl geſpeist haben!“ Frau Gertrud bebte zuſammen bei Nennung dieſes Namens, und es war gut, daß ſie hinter dem Pucken des Arztes an der Thüre ſtand, ſonſt hätte er trotz der Ge⸗ walt, mit der ſie ſich zuſammennahm, eifeumlkürliches Zucken um ihre Mundwinkel entdecken müſſen. Doktor Narder mußte ſeine Frage von vorhin wieder⸗ holen, ehe ihm der Kranke in verdrießlichem Tone zur Antwort gab:„öUnd ich ſetze den Fall, ich hätte ganz beſonders ſchlecht geſpeist, würden Sie dieſen Fall hier . 4 6 5 —-— 135— im Hauſe außergewöhnlich finden?— Laſſen Sie mich mit Ihrer Frage in Ruhe, Sie unterbrechen mich in meinen ſchönſten Phantaſieen.“ „Und woran dachten Sie, Herr Morel?“ fragte der Arzt, indem er der Frau Gertrud pantomimiſch einen Wink gegeben, der Kranke befinde ſich heute in keiner be⸗ ſonders guten Laune. „Ich ſetzte den Fall, ich könnte fliegen— haben Sie ſich mit dieſem Falle ſchon beſchäftigt?“ „O ja, ein Fall beim Fliegen iſt ein ſehr mögliches Ding.“ 1 „Ich flöge alſo empor, immer höher d höher, und ſchaute mir die Welt ein wenig von oben an, wie ſie jetzt ausſieht; denn es iſt lange, lange her, daß ich ſie nicht mehr geſehen habe, weil— weil—“ „Nun, weil Sie krank ſind— ſobald Sie geſund ſein wenden, mache ich mir ſelbſt das Vergnügen, Sie hinaus zu führen.* „Nehnien Sie in der That an, dieſer Fall könne je⸗ mals eintenn* fragte der Kranke in einem traurigen Tone, und da er bei dieſen Worten langſam ſeinen Kopf herumwandte, bemerkte er Frau Gertrud an der Thüre ſtehen, worauf er ſich mit ſtarren Augen bemühte, auf⸗ recht zu ſitzen, und dann mit ſeinem Haupte eine ſteife Verbeugung mkete. 9. 0 2* — 136— „Dieſe Dame wird mir verzeihen, daß ich ſie nicht früher geſehen— iſt das ein Beſuch, der mir gilt?“ „Ja, mein lieber Herr Morel,“ ſagte heiter der Arzt, „wenn es Ihnen nämlich Vergnügen machen ſollte, mit dieſer Dame hie und da ein wenig zu plaudern.“ Der Kranke verſuchte von ſeinem Seſſel aufzuſtehen, da ihm dieſes aber beſchwerlich wurde, ſo eilte Frau Ger⸗ trud auf einen Wink des Arztes herbei und ſtellte ſich neben Herrn Morel, wobei ſie ihn mit einer Neigung des Kopfes und einer freundlichen Miene begrüßte. Doktor Narder hatte ſich inzwiſchen zurückgezogen und war an's Fälſſter getreten, nachdem er dem Kranken, der ſich wieder in ſeinen Stuhl zurückgelehnt hatte, mit einer Handbewegung die Fremde als Frau Gertrud vor⸗ geſtellt.. Dieſe konnte kaum ihre Bewegung verbergen, jetzt unter ſo eigenthümlichen Umſtänden jenem Manne gegen⸗ über zu ſtehen, mit dem ſie ſich in ihren Gedanken ſo vielfach, ſo tief und ſo ernſtlich beſchäftigt, welcher, in dieſem Fall allerdings unſchuldig, ſo tief in ihr Fami⸗ lienleben eingegriffen. Sie hob langſam ihre Augenlider empor und ſchaute ihn mit einem vollen Blicke ihrer großen, glänzenden Augen an— lag vielleicht etwas von der tiefen Bewegung, welche ihr Herz durchbebte, in dieſem Blicke und fühlte er ſich davon magnetiſch berührt? Ge⸗ — 137= nug, die finſteren Falten ſeines Geſichtes lösten ſich weich, faſt freundlich auf, und nachdem er ſie lange und auf⸗ merkſam betrachtet, ſagte er:„Madame, Ihr Erſcheinen iſt ein Fall, der mir Freude macht.“ „Sehen Sie, das habe ich gedacht,“ rief Doktor Narder vom Fenſter herüber,„und wenn ich Ihnen nun ſage, daß Frau Gertrud, welche hier im Hauſe wohnt, Sie, wenn es Ihnen recht iſt, häufig beſuchen und mit Ihnen plaudern wird, ſo werden Sie mich wohl nicht mehr anklagen können, daß ich Ihnen nur Unfreundliches erzeige.“ „Der ſpricht zwiſchen Alles hinein,“ ſagte Herr Morel zu der alten Frau, indem er unmuthig ſeine Achſeln zuckte,„aber was er ſpricht, iſt ihm gleichgültig, und ſo ſoll es auch für uns ſein— darf ich Ihnen einen Stuhl holen, Madame?“ Doktor Narder hatte ſchon einen herbeigetragen, und als ſich Frau Gertrud vor den Kranken hinſetzte, empfahl er ſich, wobei er ſagte:„Wenn Sie etwas brauchen ſoll⸗ ten, ſo iſt dort die Klingel.“ Der Kranke hatte ſeinen Kopf gegen den Abgehenden gewandt, und erſt als ſich die Thüre hinter demſelben geſchloſſen, wandte er ſich mit den Worten an die alte Frau:„Alſo Sie ſind auch ſo unglücklich, in dieſem Hauſe ſein zu müſſen?“ — 138— „Iſt denn das ein ſo großes Unglück?“ „Für Sie vielleicht nicht, wenn Sie, wie er vorhin andeutete, nur einen Beſuch hier machen; wenn man aber Abends einen Riegel vor Ihre Zimmerthüre ſchiebt, oder wenn die alte Hexe draußen Ihnen zurückwinkt, ſobald Sie ſich dem großen Thore nähern, ſo iſt das ſehr, ſehr traurig, und alsdann wird es Sie Mühe koſten, hier fröhlich zu. ſein— ſind Sie in dem Falle?“ „Ja, ich bin in dem Falle, und wenn ich auch die Gegenwart mit vorgeſchobenen Riegeln und verſchloſſenen Thüren etwas drückend finde, ſo denke ich frohen Muthes an die Zukunftz“ „„Ah, Madame,“ rief er mit einem eigenthümlichen Lachen—„Sie haben noch eine Zukunft vor ſich, die Ihnen angenehm erſcheint— wiſſen Sie, was Ihre Zukunft iſt, nachdem Sie das Haus verlaſſen?— Da ſchauen Sie hin, ich will Ihnen den Fall troſtlos klar machen— ſchauen Sie hin, dort unten können Sie es ſehen, weil im gegenwärtigen Augenblicke die Bäume ſchwarz und kahl ſind, wie mein armes Gehirn und mein kranker Körper— ein leichter Windſtoß, und er bricht zuſammen— ja, welchen Fall wollte ich Ihnen doch erklären?“ fuhr er nach einer Pauſe fort, in welcher er ſehr ſchwach und ſehr hohl gehuſtet 23„ab. richtig, da unten— ſehen Sie, da glänzt es und blinkt und leuchtet: — S — 13 weiße Kreuze und auch goldene— da unten iſt man ſehr ruhig und ſtill— da iſt meine Zukunft und auch die Ihrige.“ 3 „Das iſt wohl jedes Menſchen Zukunft, Herr Morel,“ ſagte ſie mit ſanfter Stimme. „Allerdings, aber nur mit dem kleinen Unterſchiede,“ entgegnete er ihr leidenſchaftlich,„daß wir aus dieſem— Narrenhauſe direkt ohne Zwiſchenſtation dahin gebracht werden— o, und ich hatte auf ſo viele ſchöne Zwiſchen⸗ ſtationen gerechnet— ich dachte, das iſt Alles vorüber⸗ gehend, als man mich vor ſo und ſo viel Jahren hierher brachte!“ „So iſt das ſchon lange her?“ „O lange— ſehr lange— viele Jahre, und da⸗ mals fühlte ich mich faſt glücklich in der Stille und Ein⸗ ſamkeit, die mich hier umgab— nach einem wilden und vielbewegten Leben.“ Er war nach dieſen Worten tief in ſeinen Seſſel zu⸗ rückgeſunken, und Frau Gertrud, welche ſchon einige Male einen beſorgten Blick nach der Thüre geworfen hatte, um zu ſehen, ob ſich in dieſer nicht auch eine kleine verdäch⸗ tige Spalte zeigen würde, beugte ſich über den Kranken, rückte ihm das Kiſſen zurecht, auf dem er ſein unruhiges Haupt bald rechts, bald links drehte, und ſagte ihm mit ihrer ſanften, wohlklingenden Stimme:„Reden Sie nicht 140— ſo viel, mein lieber Herr Morel, es thut Ihnen das nicht gut— Sie müſſen Ihre Kräfte ſchonen, wenn Sie bald wieder geſund werden wollen.“. Ueber ſeine Züge zuckte es ſchmerzlich, und erſt nach⸗ dem er ſie lange mit einem ſtarren Blicke angeſchaut, antwortete er ihr:„Sie erwähnten da eines Falles, der mir zu denken gibt— geſund werden, Hoffnung ha⸗ ben, das liegt weit hinter uns, deßhalb laſſen Sie mich reden— vielleicht daß meine Reden Ihnen oder ſonſt Jemanden von Nutzen ſein können; doch weiß ich nicht, es liegt in Ihrem Weſen etwas, das mich zum Reden auffordert, und wenn ich Ihre Augen betrachte, ſo iſt es gerade, als ſagten ſie zu mir, ſprich nur, was Du auf dem Herzen haſt— ich werde gewiß keinen Miß⸗ brauch von dem machen, was Du mir mittheilſt.— Uebrigens,“ fuhr er mit einem ſcheuen Lächeln flüſternd fort, indem er unruhig um ſich her blickte,„muß man ſich hier im Hauſe ſehr in Acht nehmen mit dem, was man ſpricht, ſonſt drohen ſie mit Gefängniß, mit Ketten und Banden, und ſie drohen nicht nur, ſondern ſie ſchla⸗ gen auch zu, und das iſt ſehr traurig.“ „Gut, ſo wollen wir ſpäter wieder plaudern, wenn es Ihnen recht iſt, aber jetzt halten Sie ſich ein wenig ruhig— wollen Sie nicht den Verſuch machen, ein wenig zu ſchlummern— es ſchlummert ſich ſo leicht in der Dämmerung wie jetzt, wenn die Sonne eben unterge⸗ gangen iſt— oder wollen Sie vielleicht etwas trinken?“ fragte ſie, als ſie bemerkte, daß er auf eine eigenthüm⸗ liche Art ſeine Lippen bewegte. „Meinetwegen ja— geben Sie mir etwas Waſſer.“ Als er getrunken, ſagte er:„Sie meinten vorhin, es ſchlafe ſich in der Dämmerung angenehmer, als in tiefer Nacht— ich habe das auch ſchon empfunden— o, die Nacht hat etwas Grauenhaftes— ſie ſchleicht ſo müde und langſam über uns hin und thut gar nichts, um die wilden Gedanken zu beſänftigen, die uns quälen und plagen.“ „Sie müſſen zu ſchlafen verſuchen.“ „Verſuchen Sie es einmal, wenn Sie nicht können ja, wenn zuweilen ein freundliches Auge nach mir ſähe oder wenn ich an einem leichten Schritte hören würde, daß Jemand ſich zuweilen meinem Lager nahe, um die ſchwarzen hohnlachenden Kobolde zu verjagen, welche rechts und links an meinem Kopfkiſſen ſitzen und mir von ſo ſchrecklichen Fällen erzählen—— ich glaube, dann würde auch ich ſchlafen können.“ „Wenn es Ihnen recht iſt, ſo werde ich Ihnen ein⸗ mal ein paar Nächte Geſellſchaft leiſten, denn ich bin eine Krankenwärterin und will dieſes Amt recht gerne bei Ihnen verſehen.“ :142 Der Kranke blickte ſie längere Zeit zweifelhaft an, dann bedeckte er ſeine Augen mit den langen, mageren Händen und ſagte hierauf mit einem ſeltſamen Lächeln: „Der Fall iſt ſonderbar und wohl noch niemals dage⸗ weſen— eine vornehme Dame wie Euer Gnaden oder haben Sie irgend einer Schuld wegen das Gelübde gethan, arme Kranke zu pflegen?“ „Das iſt Beides nicht der Fall,“ gab ſie freundlich lächelnd zur Antwort,„ich bin im gleichen Falle, wie Sie, auch vor meine Thüre ſchiebt man Abends einen Riegel, auch für mich iſt das große Hofthor geſchloſſen.“ 32„Ah, in dem Falle wäre es mir angenehm und— 1 ich— fühle auch, wie— wohlthätig Ihre Nähe auf mich einwirkt— ſanft— wie— die Dämmerung— ſanft— wie——“ Er war entſchlummert, und als kurze Zeit darauf Doktor Narder eintrat, freute er ſich über dieſes Reſultat, wobei er ſagte:„Herr Günther hat recht, Sie ſcheinen mir eine vortreffliche Krankenwärterin zu ſein, doch will ich Sie für heute nicht weiter anſtrengen— er ſchläft jetzt einige Stunden, und die Ruhe, die er ſich dadurch ſelbſt gönnt, haben wir für die Nacht gewonnen.“ „Und die Nacht werde ich bei ihm wachen ſollen?“ fragte ſie in gleichgültigem Tone;„o, ich thue das gerne, ich ſchlafe überhaupt nicht viel.“ „Heute nicht, meine liebe Frau Gertrud; ich darf Sie nicht zu ſehr anſtrengen, um mir Ihre koſtbare Hülfer für längere Zeit zu erhalten, aber ein anderes Mal— ein anderes Mal.“ Es vergingen aber drei lange, qualvolle Tage für Frau Gertrud, ehe dieſes Verſprechen zur Wirklichkeit wurde.— Wohl hatte ſie im Laufe dieſer Tage viele Stunden bei dem Kranken zugebracht und während der⸗ ſelben ſein Vertrauen ſo ſehr gewonnen, daß er ſchon mehrere Male angefangen hatte, ihr Mittheilungen aus ſeinem früheren Leben zu machen, doch war ſie über dieſes Beginnen jedesmal erſchrocken, da ſie nicht wußte, ob ſie vor Lauſchern ſicher ſei. Worüber ſie ſich bei ſeinen Reden in den letzten Tagen am Meiſten wundern mußte, war der vernünftige Zuſammenhang derſelben, und dieſes ſchien auch dem Doktor Narder aufgefallen zu ſein, denn er hatte ihn ſchon mehrmals vor der Frau Gertrud kopf⸗ ſchüttelnd betrachtet und alsdann im Weggehen zu einer der Dienerinnen des Hauſes, die zuweilen mit ihm kamen und gingen, geſagt:„Morel gefällt mir nicht, es bereitet ſich bei ihm etwas vor.“ Heute wiederholte der Arzt dieſes, wenn auch mit anderen Worten, und ſetzte hinzu: „Ich werde dieſe Nacht die Alte da bei ihm wachen laſſen; ſie verſteht ihn vortrefflich zu behandeln, doch müſſen auch Sie in der Nähe bleiben; Sie können ſich ein Lager — 144— auf dem Sopha machen, um mich gleich zu benach⸗ richtigen, wenn ſich etwas Außerordentliches begeben wird.“ Frau Gertrud hatte während des heutigen Nachmit⸗ tags mehrere Stunden bei dem Kranken zugebracht, und als ſie ihm verſprochen, daß ſie heute Nacht bei ihm wachen werde, hatte ſich der Ausdruck der Freude wie eine Verklärung über ſeine ſonſt ſo finſteren Züge gela⸗ gert.„Das iſt gut,“ hatte er geſagt,„und ich werde alsdann vortrefflich ſchlafen.“ Später wurde er zu Bett gebracht, und es mochte gegen zehn Uhr Abends ſein, als die Krankenwärterin ihren Dienſt antrat; die Andere war noch im Hauſer beſchäftigt und hatte geſagt, ſie würde erſt ſpäter kommen. Als Frau Gertrud in das Zimmer des Herrn Morel trat und ſich an ſein Bett ſetzte, lag dieſer da mit ge⸗ ſchloſſenen Augen, als ob er ſchliefe, was ihr angenehm war, denn ſie befand ſich in einer ſo gewaltſam aufge⸗ regten Gemüthsſtimmung, daß ſie ſich glücklich fühlte, ihre Ruhe hier in dem vom Schein der Nachtlampe dämmerig erhellten Zimmer, beim Anblick des Friedens, der auf den Zügen des kranken Mannes lag, allmälig wieder ge⸗ winnen zu können; und doch war es wieder der Ausdruck dieſer Züge, welcher ſie auf's Neue beunruhigte: er hatter — 145— ſich in den letzten Tagen ſehr verändert, der arme Herr Morel; er war kaum im Stande geweſen, ſich von ſeinem Lehnſtuhle zu erheben und an's Fenſter oder an den Tiſch zu ſchleppen; ſein Athem, wenn auch nicht mehr wie früher von heftigen Huſtenanfällen unterbrochen, war ſchwach und unſicher geworden, und ſeine Stimme, die vor einigen Tagen noch ziemlich kräftig tönte, beſtand jetzt zuweilen nur aus einem faſt unverſtändlichen Flü⸗ ſtern; wie leicht konnte ſein nur noch ſchwach flackerndes Lebenslicht plötzlich auslöſchen, ohne daß er Zeit gefun⸗ den, irgend eine für Frau Gertrud werthvolle Mittheilung zu machen! Sie beugte ſich über den Kranken, horchte ängſtlich auf deſſen ſchwache Athemzüge, und wenn ſie ihm auch ein ſanftes Ende gewünſcht hätte, ſo zitterte ſie doch anderntheils wieder bei dem Gedanken, er könnte, ohne wieder zu erwachen, ruhig, wie er dalag, in die Ewig⸗ keit hinüberſchlummern— war der Gedanke frevelhaft, ſo bat ſie in der nächſten Sekunde mit gefalteten Händen den Himmel dafür um Verzeihung, ohne aber im Stande zu ſein, ſich des ſträflichen Gedankens zu entſchlagen, da ihr in dieſem Augenblicke das Bild eines anderen und geliebteren Leidenden zu deutlich vorſchwebte. Jetzt erwachte Herr Morel, und als er das helle Auge der Krankenwärterin beſorgt auf ſich gerichtet ſah, Hackländer, Zwölf Zettel. II 10 — 146— lächelte er freundlich und ſagte mit verſtändlicher Stimme: „Da hab' ich gut geſchlummert und nicht unangenehm geträumt— ich möchte Ihnen gerne dieſen Traum mit⸗ theilen— er war aus meinem früheſten Leben, aber er würde doch für Sie unverſtändlich bleiben, wenn Sie das Spätere nicht wüßten—— und das Spätere— — das Spätere will ſo ſchwer von meiner Zunge, und es iſt auch ſo unnöthig, daß ich es ſage, jetzt am Schluſſe meines Lebens, und ich fühle, daß ſich mein Leben bald ſchließt— ja, ich ſchaudere nicht davor, weder vor dem Tode ſelbſt, noch vor dem, was es nachher geben kann, denn wenn meine Leiden hier auf Erden nicht als genü⸗ gende Strafe angeſehen werden, ſo mag kommen, was will— meine Schuld iſt groß und ſchwer genug, um Alles ohne Murren hinzunehmen— o ich würde Ihnen das gerne mittheilen, aber es gab einmal eine Zeit, wo ich einen Freund hatte, gegen den ich mich durch einen furchtbaren Eid band, und er ſich gegen mich, daß wir mit Niemanden über unſere Vergangenheit reden ſollten — ſelbſt wenn Einer von uns Beiden geſtorben wäre ——— und der Andere iſt geſtorben,“ ſetzte er ſchau⸗ dernd hinzu—„ſo verklauſulirt, daß ihn ein Geiſtlicher nicht zu löſen im Stande iſt, und nur dann ſollte er null und nichtig für den Einen ſein, wenn ihn der An⸗ dere wiſſentlich oder unwiſſentlich gebrochen— aber der 147 konnte ihn nicht brechen,“ ſagte er mit leiſer, ſchmerzlich bewegter Stimme,„denn der Tod trat plötzlich, ſo ſchreck⸗ lich an ihn heran— o, er war nicht mehr im Stande, zu plaudern, auch wenn er gewollt hätte.“ Es durchbebte die alte Frau bei den Worten des Kranken bis in das Tiefinnerſte ihrer Seele— ſie war im Begriffe, ſcheu ihre Hand zurückzuziehen, welche der⸗ ſelbe, wie er oft zu thun pflegte, leicht mit ſeinen ma⸗ geren Fingern berührte; denn er, der dort vor ihr lag, Morel, wie er ſich nannte, war der Mörder jenes Un⸗ glücklichen, den ihr Schwiegerſohn vor langen, langen Jahren Nachts in ſeinem Wagen auf der Heerſtraße todt gefunden. „Nein— er— konnte— nichts— mehr— plau— dern—, und ich wagte es nicht, dieſes zu thun, und wage es heute noch nicht— o, ich hatte ſchon oft den Gedanken, es doch zu thun, aber die Furcht hielt mich ab, nicht die Furcht vor zeitlicher Strafe, ſondern die Furcht vor ihm— das Entſetzen, wenn er mir wieder erſcheinen würde, blutig, mit erloſchenen Augen, nur die Lippen bewegend— aber für mich verſtändlich, auch wenn er kein Wort hervorbrächte—— nicht genug, daß Du mich ermordet haſt, Du haſt mich auch ver⸗ rathen.“ Heftig warf der Kranke den Kopf herum; er wühlte 148— ſein Geſicht tief in die Kiſſen, und es dauerte lange, ehe er ſich nach einem tiefen, ſchmerzlichen Seufzer wieder gegen die alte Frau wandte:„Vergeſſen Sie, was ich geſprochen, denn auch das iſt ſchon Verrath an ihm— er würde ſo nicht an mir gehandelt haben— er war ein guter und getreuer Freund— ich allein war das von Habſucht verblendete Ungeheuer— wenn er auch damals ſein Meſſer zog, er würde es nicht gegen mich gebraucht haben, und wenn ich ihn gefehlt hätte, würde er mich nicht verrathen haben— ja, wenn das Schreckliche nicht ſo raſch gekommen wäre, wenn er noch Zeit gehabt hätte, mich zu verrathen, würde er doch nicht geſprochen haben.“ Frau Gertrud hatte ſich in ihren Stuhl zurückgelehnt, es war ihr entſetzlich, in die leuchtenden Augen des Un⸗ glücklichen zu ſchauen, ſeine verzerrten Geſichtszüge ſehen zu müſſen. Mit großer Anſtrengung hatte er lebhaft, ja wild geſprochen, dabei mühſam und haſtig Athem ho⸗ lend, zuletzt noch mit dem ſichtbaren Zeichen der Er⸗ ſchöpfung— ſo angegriffen, daß, als nun ſein Kopf tief in die Kiſſen zurückſank, er kaum verſtändlich murmelte: „Er würde doch nicht geſprochen haben.“ ————„ÄEr nicht— aber der allmächtige Gott, der zugegen war, konnte Anderes für ihn ſprechen laſſen, das Rauſchen des Nachtwindes in den dürren Aeſten der Bäume an der Landſtraße—“* 4 149 A a a ah, ſtöhnte er. „Den Schimmer der leuchtenden Wagenlaternen, das Schütteln der frierenden Pferde.“ „A— a— a— ah!“ wiederholte der Kranke mit einem ſchmerzlichen Aufſchrei, indem er ſich mit faſt übermenſch⸗ licher Anſtrengung im Bette aufrichtete und die alte Frau mit einem gläſernen, entſetzten Blicke anſtarrte—„wer biſt Du, der Du an meinem Bette ſitzeſt und aus der Vergangenheit ſo ſchreckliche Bilder vor meine Seele bringſt?— Biſt Du gekommen, um mein elendes Daſein im finſteren Kerker, in Ketten und Banden endigen zu laſſen?— Was weißt Du von meiner Vergangenheit? — Es ſind das Alles undeutliche, weſenloſe Schatten, die Du heraufbeſchwörſt— er konnte nicht mehr plaudern und würde es auch nie gethan haben— was könnte ſonſt gegen ihn und mich zeugen?—— O, wenn Du etwas Genaues weißt,“ fuhr er, die gefalteten Hände flehend gegen ſie erhoben, fort,„wenn Du mir ein glaub⸗ würdiges Zeugniß bringen kannſt, daß Du mehr weißt, als ein Sterblicher wiſſen kann, ſo ſage es, um aller Barmherzigkeit willen, ſage es.“ Sie hatte langſam eine kleine, grüne Brieftaſche her⸗ vorgezogen, die ſie ihm entgegenhielt und deren Anblick furchtbar auf ihn einwirkte: ſein Geſicht verlängerte ſich auf eine ſchreckensvolle Art, ſein Kinn hing für einige Sekunden ſchlaff herunter und bebte, während er in fra⸗ gendem Tone mühſam die Worte hervorſtieß:„Iſt das meine Brieftaſche?“ „Nein, es iſt die des Andern— die Ihre iſt, wie Sie ſelbſt wiſſen, im Beſitze des Herrn von Martini.“ „Ja, ja,“ ſtöhnte er ſchmerzlich, ſie iſt in ſeinem Beſitze, und Du weißt Alles.“ Er war wie vernichtet zurückgeſunken, und als Frau Gertrud nun hörte, wie er den Athem mit einem eigen⸗ thümlichen Geräuſche an ſich zog, ſo ſprang ſie auf und beugte ſich erſchrocken über ihn, doch ſchien er ihren Blick zu verſtehen und ſchüttelte leicht mit dem Kopfe, wobei er hervorhauchte:„Noch nicht— noch nicht, ich werde noch Zeit zum Sprechen haben—— und ich darf ſprechen, ohne meinen Eid zu brechen, da Du Alles weißt.“ Frau Gertrud hatte die Hände gefaltet und flehte um Erhaltung dieſes verlöſchenden Lebens, ſowie auch um Verzeihung ihrer Selbſtſucht, denn warum ſie bat, war ja nicht für ſie, ſondern um das Andenken an Anatole's Vater glänzend wieder herſtellen zu können vor den Augen der verläumderiſchen Welt. Ein paar lange Minuten vergingen für ſie auf dieſe Art, dann gab der Kranke wieder ein Lebenszeichen von ſich, und zwar auf eine eigenthümliche Weiſe, durch ein 151— heiſeres, kaum vernehmbares Lachen.„Ha, ha, ha,“ machte er,„allerdings hat er meine Brieftaſche, aber der kluge Mann machte ſich den Fall nicht klar, daß ein Narr am Ende geſcheidter ſein könnte als ein Weiſer———“ Er wandte ſich gegen die alte Frau, und während er mühſam ſein Haupt auf die rechte Hand ſtützte, blickte er mit lebhaftem Auge nach ihr hin und ſprach alsdann: „Hören Sie mich an und verſtehen Sie wohl, was ich Ihnen ſagen will; wenn meine Worte auch nicht immer im Zuſammenhange zu ſtehen ſcheinen, ſo ſind ſie es in Wahrheit doch, und eine Lücke werden Sie ſchon ergänzen — Sie ſind eine ſo kluge, umſichtige Frau, denn ich verſtehe jetzt auch Ihren Fall ſo genau wie meinen eige⸗ nen: auch Ihrer hat er ſich freundſchaftlich angenommen, um Ihnen mit guter Manier die kleine, grüne Brieftaſche zu nehmen, das heißt, um dieſe ſelbſt war es ihm nicht zu thun, aber um den Inhalt derſelben— ja, dieſer Inhalt— ha, ha, ha!“ Darauf lachte er wieder das heiſere, krächzende Lachen, und als dieſes in einen furchtbaren Huſtenanfall über⸗ ging, ſank er abermals in die Kiſſen zurück und lag ſo lange Zeit ohne alle ſichtbare Bewegung, daß die er⸗ ſchreckte Frau, welche ihr Ohr an ſeine Lippen hielt, kaum durch den leiſen, beinahe unhörbaren Athem errathen konnte, daß er noch am Leben ſei. — 4152— Jetzt trat auch die Dienerin des Hauſes ein und näherte ſich auf einen Wink der Frau Gertrud dem Bette, befühlte den Puls des Kranken und ſagte alsdann auf einen fragenden Blick der alten Frau:„Er iſt allerdings ſehr ſchwach, der arme Herr Morel, aber ich brauche den Herrn Doktor deßhalb doch nicht zu rufen, der Kranke wird wieder ruhig einſchlafen— wollen Sie ſich ein wenig niederlegen, ſoll ich Sie vielleicht ablöſen?“ Die alte Frau gab auf dieſe Frage eine ſo vernünf⸗ tige und zufriedenſtellende Antwort, daß die Andere lä⸗ chelnd fortfuhr:„Mit Ihnen iſt man vortrefflich ver⸗ ſehen, Frau Gertrud, und ich möchte wohl, daß der Herr Doktor Sie beſtändig als Krankenwärterin behielte.— Wenn Sie alſo nicht müde ſind, ſo bleiben Sie ruhig hier am Bette ſitzen— Sie wiſſen ja, was Sie zu thun haben— unſereines, das den ganzen Tag, von Mor⸗ gens in der Früh bis ſpät in die Nacht treppauf und treppab laufen muß, iſt froh, wenn es ſich Abends ein wenig hinlegen kann, doch will ich deßhalb Ihre Güte nicht mißbrauchen, und wenn Sie ſelbſt ein wenig ruhen wollen, ſo wecken Sie mich— auch in dem anderen Falle, Sie wiſſen ja, was ich meine.“ Frau Gertrud nickte ſtumm mit dem Kopfe. „Der Doktor meinte, es würden vorher Beängſtigungen eintreten, und dann ſei es immer noch Zeit, ihn zu rufen, ich aber für meinen Theil glaube micht, daß es ſo raſch geht— er war einige Male ſchon ſo weit draußen wie heute Nacht.“ Da ſaß nun die alte Frau wieder am Bette des Kranken, nachdem es ſich die Dienerin des Hauſes auf dem Sopha bequem gemacht und auch gleich darauf feſt eingeſchlafen war, wie ihre tiefen, regelmäßigen Athem⸗ züge deutlich anzeigten. Im Uebrigen herrſchte eine tiefe Stille um das Haus und im Zimmer; das Nachtlicht auf einem Seitentiſchchen verbreitete eine zweifelhafte Helle und flackerte nur zuweilen und kniſternd etwas auf. Endlich wandte Herr Morel langſam den Kopf gegen ſeine Krankenwärterin und öffnete die Augen. „Heute Nachmittag,“ begann er,„als ich die Sonne ſo glänzend untergehen ſah, hatte ich wieder einige Hoff⸗ nung— ſie kommt ja auch morgen früh wieder und bringt uns neues, friſches Tageslicht— warum, dachte ich, kann auch für mich nicht noch einmal eine neue, glück⸗ liche Zeit anbrechen?“ „Gewiß, Herr Morel, wir wollen darauf hoffen.“ „Ich nicht mehr,“ hauchte er kaum hörbar,„ich weiß das ganz genau, ſeit ich Sie geſehen, ſeit Sie mir von der kleinen, grünen Brieftaſche geſprochen.“ „Es ſollte mir leid thun, wenn meine Reden Sie traurig geſtimmt hätten.“ 1⁵⁴ „Traurig nicht, das ſchwöre ich Ihnen; doch war ich überzeugt, daß ich meine letzte Lebensaufgabe, jenes Ge⸗ heimniß betreffend, zu erfüllen im Stande wäre, und dann erſt ſterben würde— es hätten darüber vielleicht noch Jahre vergehen können, wenn Sie mir nicht er⸗ ſchienen wären— gut, ich kann ſie alſo jetzt erfüllen und dann—— wie Gott will.— Schläft die da drüben?“ „Sie ſchläft feſt.“. „So neigen Sie ſich zu mir herab, ich muß ſehr leiſe reden, um nicht durch meinen Huſten unterbrochen zu werden—— falten Sie Ihre Hände, wie ich es thue, und wenn Ihnen das, womit ich beginne, gar zu ent⸗ ſetzlich vorkommt, wenn Sie glauben, daß es nicht einiger⸗ maßen geſühnt und abgebüßt iſt durch jahrelange, namen⸗ loſe Leiden— Leiden des Körpers und des Geiſtes— ſo verlaſſen Sie mich mit einem Schrei des Abſcheues!“ „Ich werde Sie nicht verlaſſen,“ verſetzte die alte Frau mit feſter Stimme,„bin ich doch gekommen, um Ihnen Troſt und Beruhigung zu geben.“ ————„Er war mein Freund, mein lang⸗ jähriger Gefährte, er war mit mir aus derſelben Stadt — er— er— näher brauche ich Ihnen denſelben wohl nicht zu bezeichnen— er, den ich ermordet, Sie wiſſen, wo und warum.“ Nachdem er dieſe Worte heftig herausgeſtoßen, drückte er ſeine gefalteten, mageren Hände vor die Augen, und als er ſie alsdann wieder herabfallen ließ, tropften ihm dicke Thränen über die eingefallenen Wangen herab. „Er war gutmüthiger, heiterer, beſſer als ich, er war leichtſinniger im Erwerben und Ausgeben, während ich verſchloſſener, härter, berechnender war.— Um Ihnen im Einzelnen zu erzählen, wie wir unſer Geld verdienten, dazu fehlt mir die Zeit— und der Athem,“ ſetzte er mit einem traurigen Lächeln hinzu,„doch war die Art nicht die ehrlicher und anſtändiger Leute.— Ohne Diebe und Räuber zu ſein, trieben wir ein viel ſchlimmeres Handwerk: wir waren Spieler von Profeſſion, dabei falſche Spieler, und wenn jene auf der Landſtraße arbeiten, ihr Opfer mit einem einzigen Dolchſtoße zur Ruhe bringen, ſo ſind ſie großmüthiger als wir waren, die wir unſere Leute oft durch ein langes, jammervolles Leben hindurch mit Nadelſtichen peinigten, wobei das Ende aber doch meiſtens das gleiche war.— Wir verdienten viel Geld, wir hatten eine halbe Million bei einander, als uns Um⸗ ſtände nöthigten, nicht nur den Schauplatz unſerer Tha⸗ ten zu wechſeln, ſondern eine Zeitlang ganz von dem⸗ ſelben zu verſchwinden, um uns und dieſelben vergeſſen zu laſſen. Wir machten hundert Meilen, um in einer Stadt, wo wir niemals geweſen waren, bei einem — 156 Bankier, der uns nicht kennen konnte, unſer Geld an⸗ zulegen.“ „Die Stadt iſt dieſelbe, in der wir leben, jener Bankier iſt Herr von Martini.“ „Ja, ſo iſt es.— Erkundigungen ſagten von Vater und Sohn, ſie ſeien umſichtige Geſchäftsleute, die ſich nicht viel mit Nachfragen aufhalten würden, wenn man ihnen eine große Summe zu mäßigen Zinſen anvertraue.— — Das thaten wir; wir erhielten darüber unſern Schuld⸗ ſchein, den wir, da Keiner von uns dem Andern traute, bei einem Notar in Wien deponirten, welcher uns darüber eine Empfangsbeſcheinigung ausſtellte, dieſelbe in zwölf Zettel verſchnitt, wovon ich und der Andere je ſechs er⸗ hielt, die Jeder von uns in einer kleinen, grünen Brief⸗ taſche verwahrte. Gemäß der Quittung des Notars fand die Ausfolgung des Schuldſcheins nur ſtatt, wenn ihm alle zwölf Zettel zu gleicher Zeit vorgelegt würden. Nach⸗ gemacht von dem Einen oder Anderen konnten die Zettel nicht werden, da ſie von dem vorſichtigen Notar, den wir für ſeine Mühe reichlich belohnten, mit geheimen Zeichen verſehen worden waren, nachdem Jeder von uns ſie im Zuſammenhange geleſen. „Wir kehrten darauf hierher zurück, um bei dem Bantier Martini für unſere weitere Reiſe eine kleinere Summe zu erheben, die wir neben dem großen Kapital 157 bei demſelben deponirten———— als es ſich be— gab— als es geſchah———— daß mich der Teufel verſuchte und mir den Rath gab, mich in den Beſitz der anderen Brieftaſche mit den ergänzenden ſechs Zetteln zu ſetzen.— Daß ich ihn tödten wollte, daran dachte ich damals nicht; er trug das Taſchenbuch in ſeiner Bruſt⸗ taſche, und da er an jenem unheilvollen Abende feſt zu ſchlafen ſchien, ſo machte ich den Verſuch, ihn zu berau⸗ ben; doch erwachte er, faßte mich mit der einen Hand, zog mit der andern ſein Meſſer und ſtieß damit ſo heftig nach mir, daß ich kaum Zeit hatte, mich leicht verwundet ſeiner Fauſt zu entreißen und aus dem Wagen zu ſpringen — mir flog das Blut zu Kopfe, meine Pulſe jagten wie im Fieber, ich war vernichtet, ſo von ihm auf der That ertappt worden zu ſein, die uns nicht nur auseinander reißen, ſondern auch mich um mein Geld bringen mußte, denn ich hörte, wie er mir zurief: ‚Darauf haſt Du es abgeſehen, habgieriger, ſchlechter Kerl!— Nun gut, ich will Dich ſtrafen womit Du geſündigt, und vor Deinen Augen jene koſtbaren Zettel zerreißen und vernichten.“ ————„Da ſchnappte ich mühſam nach Athem — da wußte ich nicht mehr, was ich that— da krachte ein Schuß, da warf ich mich, getrieben von Habſucht und dabei wie gelähmt von Entſetzen, zu raſchem Handeln gegen ihn, um ihm die Brieftaſche zu entreißen— ich fand ſie nicht mehr, ich ſah ſie nimmer in ſeiner erſtar⸗ renden Hand, wo ich ſie noch vor wenigen Minuten ge⸗ ſehen— ich raufte mir die Haare vor Wuth und Ver⸗ zweiflung, ich ſuchte im Wagen zu ſeinen Füßen und auf ſeinem Sitze— ich fand ſie nicht— ich war im Begriffe, eine der Wagenlaternen zu nehmen, da hörte ich plötzlich von der Stadt her, in deren Nähe wir uns ſchon befanden, den Ton eines Poſthornes hell durch die ſtille Nacht klingen. „Dieſer Ton packte mich ſo furchtbar und gewaltig, übergoß mich ſo mit Schauern von Furcht und Entſetzen, daß ich vom Wagen herabſprang und querfeldein entfloh. —— Und dabei mußte ich immer rückwärts blicken, unwillkürlich wie durch Zauber, und ſah den Schimmer unſerer Wagenlaternen und war dabei immer des Augen⸗ blicks gewärtig, daß ſie ſich von der Straße ab gegen mich wenden würden— mich verfolgen ſterhafte Irrlichter. „Und ſo floh ich fort und fort, nachdem ich ein wenig ausgeruht und meine Wunde verbunden, immer rückwärts blickend, und fühlte endlich, wie der Boden unter meinen Füßen wich und ich tief, tief hinabſtürzte.—— Das war aber jener Fall, der darauf immer und immer wie⸗ der in meinen wirren Reden erſchien, der⸗ mich peinigte im Wachen, ſowie im fieberhaften Schlaf, jener Fall, bei zwei geſpen⸗ — 159— dem ſich mein Leben umwandte, zurückwandte, der Er⸗ kenntniß zu, gewiſſermaßen der Kindlichkeit— das war ein ſchauerlicher Fall. Als ich darauf wieder zur Be⸗ ſinnung kam und an meinem Kopfe das herabſtrömende Blut fühlte und es an meinen Fingern bemerkte, da glaubte ich anfänglich, es ſei das ſeinige geweſen, und wäre ſchaudernd auf's Neue geflohen, wenn ich nicht den Schmerz an meinem Kopfe gefühlt hätte und das Schwanken meiner faſt zuſammenbrechenden Kniee. So ſchleppte ich mich fort die ganze Nacht und den anderen Tag auf's Gerathewohl, immer gerade aus.— Ein Schäfer verkaufte mir etwas Brod und einen Schluck Branntwein, und ein Köhler, den ich im Walde fand, war mein Samariter: er wuſch mir meine Wunden aus, legte Balſam darauf und gab mir ſeinen alten Mantel. Daß er dafür meine guten Oberkleider nahm und das Bischen Geld, das ich noch hatte, redlich mit mir theilte, kam uns Beiden zu ſtatten, denn die armſeligen Lumpen, in welchen ich bei ihm wohnte, ſicherten mich vor Ent⸗ deckung—— vor Entdeckung der Welt gegenüber, denn der Köhler, der nach Monaten einmal ein ſchmieriges Zeitungsblatt mit nach Hauſe brachte und mir Alles daraus vorlas, ſah mich dabei mit einem eigenthümlichen Blicke an, doch machte ich mir nicht viel daraus, denn all' mein Denken und Fühlen war wie mit einem dichten —. 160— Nebel bedeckt: ich wandelte wie im Traume und nur zu⸗ weilen dämmerte es ein wenig vor meinem Geiſte. „Aus dieſer Dämmerung wurde aber nach und nach wieder ein grauer Lebenstag, und nachdem ich meinen Gaſtfreund verlaſſen und nach langer mühevoller Irr⸗ fahrt ein Aſyl gefunden hatte, wo ich durch Arbeiten der verſchiedenſten Art mein Leben friſtete, da blitzte es zu⸗ weilen wieder klar durch meinen Geiſt, und damit kehrte mir auch die deutliche Erinnerung an meine Vergangen⸗ heit zurück und zugleich die Begierde, wenigſtens den Ver⸗ ſuch zu machen, von meinem Vermögen noch etwas zu retten.— Warum ſollte ich es auch in den Händen jenes Bankiers laſſen, der doch noch weniger Anrecht als ich darauf hatte? Ich entſchloß mich, an ihn zu ſchrei⸗ ben und ihm annehmbare Vorſchläge zu machen.— Ich hätte mir denken können, daß er mir darauf keine Ant⸗ wort geben würde; dabei erfuhr ich, daß er ein reicher und vornehmer Mann geworden ſei— mit unſerem Gelde, daß er große Geſchäfte mache, die ihm Geld und Ehre einbrächten— Alles mit unſerem Gelde, und da entſchloß ich mich, ihn aufzuſuchen, möge auch für mich entſtehen, was daraus wolle.“ Das Alles erzählte der Kranke, aber nicht in dem Zuſammenhange, wie wir es da niederſchreiben: zuweilen ſchwieg er beängſtigend lange und lag da mit geſchloſſenen Augen, dann zuckte er zuſammen— eine Röthe überflog ſeine bleichen Züge und er ſtieß hierauf die Worte mit einer ängſtlichen Haſt hervor. Oftmals hatte ſich Frau Gertrud ängſtlich über ihn gebeugt, hatte ihm Lippen und Stirne mit Waſſer und Wein befeuchtet und man⸗ chen Satz aus dem Zucken ſeines Mundes ergänzt. Wie gerne hätte ſie ihn durch eine Frage nach dem Inhalte jener Zettel unterbrochen, doch wagte ſie nicht, ſeine lang⸗ ſam dahinſchleichende Rede durch eine Bemerkung zu ſtören oder zu unterbrechen— mußte ſie doch fürchten, daß die Aufregung, welche auf eine ſolche Frage folgen konnte, ſeine Lippen auf immer verſiegelte— ſie befand ſich in einer namenloſen Spannung, und während ſie auf das Geflüſter des Kranken lauſchte, horchte ſie beſtändig auf die tiefen Athemzüge der Schlafenden—— eine Unter⸗ brechung hätte ſie um die Frucht dieſer mühevollen und ſchrecklichen letzten Tage bringen können. „Nach langen Jahren ſah ich ihn endlich wieder,“ fuhr der Kranke fort;„Herr von Martini, Sohn, der jetzige Chef des reichen Bankhauſes, erkannte mich augen⸗ blicklich wieder, doch war ſein Erkennen weit davon, ein freudiges zu ſein— ſeine Hand faßte nach der Klingel, die auf ſeinem Schreibtiſche ſtand, neben einer vergoldeten Kaſſette, und er ſtarrte mich lange an, faſt unfähig, ein Hackländer, Zwölf Zettel. II 11 — 162 Wort zu reden: ſein Geſicht war bleich und zerſtört, und er hatte ganz das Anſehen eines nicht minder ſchweren Verbrechers, als ich ſelber war; doch hatte er ja keinen Mord begangen und war vor der Welt ein unbeſcholtener, höchſt achtbarer Mann, vor dem ein armer Landſtreicher ſtand, über deſſen Haupt das Richtſchwert an einem Fa⸗ den ſchwebte— und dieſer Landſtreicher, heruntergekom⸗ men, in ärmlicher Kleidung, verlangte von dem geachteten Bankier die Zurückgabe von Hunderttauſenden— lächer⸗ liche Forderung! Und ſo mochte Jener es auch anſehen, denn es zeigte ſich etwas wie Humor um ſeine feſt ver⸗ ſchloſſenen Lippen, als er fragte: ‚Wollen Sie vor allen Dingen die Güte haben, ſich vor mir zu legitimiren, wer Sie eigentlich ſind?— Ich ſollte mich legitimiren, ich, der ich mit Mühe und Noth ein armſeliges Wanderpa⸗ pier aufgetrieben hatte, mit dem ich unter einem fremden Namen reiste.— Ja,“' ſagte er hierauf achſelzuckend, wenn Sie mir nicht einmal zu beweiſen vermögen, daß Sie wirklich jener Herr ſind, der vor langen Jahren ein Depoſitum bei mir machte, jener Herr Morel, ſo bedaure ich ſehr, mit Ihnen in dieſer Angelegenheit nicht weiter verkehren zu können.— Da ſtand ich vor ihm und nagte an meinen Nägeln— daß er mich erkannt, wußte ich ja eben ſo genau, als daß er ein Schurke war, der mich nicht nur um die Frucht jahrelanger Mühen, ſondern auch —————— um die Frucht jenes entſetzlichen Mordes bringen wollte. Und als ich das bedachte, fühlte ich langſam den Nebel wieder aufſteigen, und ich war im Begriff, über ihn her⸗ zufallen und ihn zu erdroſſeln, doch beſann ich mich eines Beſſeren, eines Anderen,“ ſagte er, ſchwer athmend. „Ohne mich durch ſcheinbar gleichgültige Blicke irre machen zu laſſen, nahm ich mir einen Stuhl, ſetzte mich neben ſeinen Schreibpult und erwiederte ihm, indem ich meine Arme übereinander ſchlug: Ich will Ihnen eine lehrreiche Geſchichte erzählen— rufen Sie nicht Ihre Leute, ſetzte ich lachend hinzu, denn Sie würden mich nur nöthigen, dieſe Geſchichte einigen Ohren weiter kund zu thun, und ob Ihnen das angenehm wäre, weiß ich nicht— eine Geſchichte, welche damit beginnt, daß vor ſo und ſo viel Jahren zwei Leute, ich und der Andere, bei dem Ban⸗ kierhauſe Martini und Sohn erſchienen und dort eine Summe von fünfmalhunderttauſend Thalern deponirten, wofür wir einen rechtsgültigen Schein erhielten, welcher ſicher aufgehoben iſt.— ‚Möglich,“ ſagte er hierauf mit aſchfahlen Wangen, ‚und wenn ein ſolcher echter und rechtsgültiger Schein dem Hauſe Märtini und Sohn von einer Perſon, die ſich als rechtmäßiger Beſitzer auszu⸗ weiſen vermag, vorgezeigt würde, ſo würde daſſelbe nicht ermangeln, ſeine Verbindlichkeiten zu erfüllen— ſo aber muß ich Ihre Angabe wie ein Märchen behandeln, wie — 164— eine Verläumdung, wie den Verſuch einer Erpreſſung, und müßte dagegen den Schutz der Geſetze anrufen. „Da waren es wieder jene Nebel, welche mich tückiſch umwanden und unter deren Einfluſſe ich ihm einen Theil der Vergangenheit mittheilte, wobei ich ihm ſagte, daß e ja nicht in meiner Abſicht liege, jene ganze Summe zu erheben, daß ich ja nur ſo viel haben wolle, um die Le⸗ bensjahre, welche mir noch geblieben ſeien, nicht darben zu müſſen— daß er ſelbſt eine ihm beliebige Summe für das Ganze beſtimmen möge.— „Wieder lächelte er ſtill und dieſes Mal viel freier und ungezwungener, als er mir erwiederte: ‚Wo iſt der Schein, von dem Sie vorhin ſprachen— der Schein?* — Ja, der Schein, wenn ich ihn nur hätte.— Es lief mir wie im Kopfe herum, daß ich jenen Schein nicht hatte und nicht beibringen konnte, und um ihm das klar zu machen, um ihn zu erweichen, erzählte ich ihm dieſes und das aus unſeren vergangenen Tagen der Wahrheit gemäß— doch was ich ihm erzählte, wußte ich ſelbſt nicht, es war mir, als ſpräche immer ein Dritter da⸗ zwiſchen und horchten wir Beide zu, der Bankier und ich, zuerſt aufmerkſam, dann angſtvoll, dann entſetzt, und end⸗ lich, als ich nach einem langen Athemzuge wieder ich ſelbſt geworden und die Stimme des Dritten verſchwunden war, da hielt Herr von Martini meine kleine, grüne Brieftaſche, 165— die ich ihm gegeben, in der Hand, legte ſie darauf in die vergoldete Kaſſette und ſchloß dieſe ſorgfältig zu.— „Das iſt eine ſchreckliche Geſchichte,“ ſagte der Bankier in weichem, mitfühlendem Tone; z‚ich bedauere Sie auf⸗ richtig, Herr Morel, und Sie werden ſehen, daß Sie ſich in mir nicht getäuſcht haben, da Sie mir Ihr Vertrauen ſchenkten— vor allen Dingen aber müſſen wir Sie vor Nachforſchungen ſicher ſtellen, die unbedingt ſtattfinden würden, wenn man, ſelbſt nachdem die verhängnißvolle Angelegenheit jahrelang geruht, Ihre Anweſenheit ent⸗ decken würde— vertrauen Sie mir deßhalb ganz und überlaſſen Sie ſich meiner Sorgfalt.“— Darauf befahl er ſeinen Wagen und brachte mich an einen Ort, wo ich, wie er ſagte, vor allen Nachforſchungen ſicher ſein würde.— „Und darin hatte er recht,“ fuhr der Kranke nach einer langen Pauſe fort, während es in ſeinem Geſichte heftig gezuckt und während ſeine Hände auf der Bettdecke bald hier, bald dort krampfhaft herumgeſucht—„an dem Orte, wohin er mich gebracht— hier im Irrenhauſe— war ich vor allen Nachforſchungen ſicher.“ „Entſetzlich— entſetzlich!“ ————„Was wollte ich mehr?— Hat er ſich doch für mich als einen wohlwollenden Freund be⸗ wieſen, der Herr von Martini,“ ſprach der Kranke mit einem Lächeln, welches furchtbar erſchien um ſeinen ein⸗ — 166— gefallenen Mund, auf dieſen bleichen Zügen, welche an⸗ fingen, eine eigenthümliche Erſtarrung zu zeigen,—„hat er mir doch beſtens mein Geld aufgehoben— hat mich nicht hungern und frieren laſſen— nicht dem Gerichte ausgeliefert, und wird ſorgen für mein anſtändiges Be⸗ gräbniß———— Und alles das für ein ungeheures Vermögen— das er mir— geſtohlen.—— ——„Aber, glücklicher Gedanke damals— ehe ich zu ihm kam in der Abſicht, wenn es ſein müßte, von der Brieftaſche mit den ſechs Zetteln mit ihm zu reden — glücklicher Gedanke— von mir— die Zettel, welche ich ihm überließ in meiner grünen Brieftaſche, waren falſch — die echten— ſind— hier—r—r— r.“ Frau Gertrud ſprang erſchrocken in die Höhe, als ſie ein eigenthümliches, nicht zu verkennendes Geräuſch in der Bruſt des Kranken hörte, mit dem er das Work„hier“ beſchloß. Dabei ſah ſie, wie ſeine Arme emporzuckten und er mit den Fingern haſtig den langen, magern Hals be⸗ taſtete, wobei ein Ausdruck unbeſchreiblicher Angſt auf ſeinen Zügen lag— aber nur ein paar Sekunden lang, dann ſchien er zu lächeln, freundlich, glückſelig, ſeine Arme ſanken ſchlaff herab— er ſtreckte ſich lang aus— und war den Mühen und Leiden dieſer Erde, den fortwäh⸗ renden Kämpfen derſelben entrückt. Nachdem Frau Gertrud knieend vor dem Lager des 16/ʃ Todten ein flehendes Gebet geſprochen, weckte ſie die Dienerin des Hauſes, und als dieſe an das Bett getreten war und einen Blick auf den Entſchlafenen geworfen, beeilte ſie ſich, den Herrn Doktor Narder herbeizuholen. Dieſer kam alsbald und ſchien nicht beſonders über⸗ raſcht von dem ſchnellen Ende ſeines Pflegbefohlenen— er rieb ſich achſelzuckend die Hände, ſagte:„Das war zu erwarten,“ und wenn wir dabei etwas aus ſeinen Ge⸗ danken verrathen dürfen, ſo war es das angenehme Ge⸗ fühl, für den armen Morel noch ein ganzes Jahr im Voraus bezahlt worden zu ſein. „Und wie waren ſeine letzten Augenblicke?“ wandte er ſich gegen die beiden Frauen, worauf die Dienerin raſch das Wort ergriff und ſagte:„So ſanft und ruhig, daß ſein Ende ohne irgend welche Aufregung eintrat, ja daß es vielleicht von uns überſehen worden wäre, wenn Frau Gertrud nicht mit ſo außerordentlicher Aufmerkſam⸗ keit an ſeinem Bette geſeſſen, während ich mich für einen Augenblick zurückgezogen.“ „Und ſprach er noch irgend etwas von Bedeutung?“ „Durchaus nichts,“ verſicherte die Dienerin des Hauſes eben ſo raſch, als ſie vorhin das Wort genommen,„er ſprach nicht und er klagte nicht, nicht wahr, Frau Ger⸗ trud?“ „Nein, er klagte nicht,“ ſagte dieſe und ſetzte mit — 168— einem ernſten Blicke auf den Entſchlafenen hinzu:„Das Scheiden iſt ihm leicht geworden.“ „Ließ er nichts mehr von ſeinen Phantaſieen hören?“ fragte der Doktor ſeine Dienerin.. „Nicht das Geringſte.“ „Deſto beſſer— als ich ihn heute ſo außerordentlich vernünftig fand, fürchtete ich, ſein Verſtand würde am Schluſſe ſeines Lebens noch einmal in voller Klarheit auf⸗ flackern.— Nun, ich danke Ihnen, Frau Gertrud, für die ſorgfältige Pflege, welche Sie dem Kranken angedeihen ließen, und wollen wir nun ſehen, was ſich in den nächſten Tagen weiter für Sie thun läßt— vorderhand wollen wir Sie aber auf Ihr Zimmer geleiten laſſen, und hoffe ich, daß Sie auf Ihre Anſtrengungen gut ſchlafen werden.“ Das war nun gerade nicht der Fall, denn das, was die alte Frau heute Nacht gehört, beſchäftigte zu lebhaft ihren Geiſt. Und dabei hatte ſie nun den einzigen heißen und dringenden Wunſch, Herr Günther möge bald, recht bald nach ihr ſehen, denn jetzt, da ihr Zweck hier erreicht war, indem es ihr möglich geweſen, jene Be— gebenheit und die Brieftaſche mit ihrem räthſelhaften In⸗ halte mit Herrn von Martini in richtigen Zuſammenhang zu bringen, jetzt graute es ihr vor dem Hauſe mit dem unheimlichen Lachen und Singen ſeiner Bewohner, und — 169— ſo feſt ihr Muth, ſo ſtark ihr Geiſt auch war, ſo konnte ſie doch nicht anders, als es für möglich halten, daß jenes unheimliche Singen und Lachen, daß die ſtarren Blicke der Bewohner dieſes Hauſes, daß deren blödſinniges Lä⸗ cheln anſteckend auf ſie zu wirken vermöchte und auf dieſe Weiſe dem Doktor Narder Gelegenheit geben, ſie für lange Zeit da zu behalten. Doch verging noch ein ganzer Tag und eine ſchlaf⸗ loſe Nacht, ehe der alte Freund, Herr Günther, erſchien. Obgleich dieſer Frau Gertrud nur im Beiſein des Arztes in deſſen Zimmer ſah, ſo genügte doch ein bezeichnender Blick der alten Frau, um ihn zu der Erklärung zu ver⸗ anlaſſen, daß er gekommen ſei, um Frau Gertrud, wenn auch nur für einige Zeit, wieder mit ſich zu nehmen. „Leider,“ ſagte er, zu dem Arzte gewandt,„habe ich in meiner Familie abermals einen Krankheitsfall zu beklagen, wo mir die Hülfe meiner Anverwandten von großem Werthe iſt.“ Doktor Narder ſchien dieſes auch ganz in der Ord⸗ nung zu finden und verſicherte, daß er ſtets bereit ſein werde, eine ſo vortreffliche Krankenwärterin wieder bei ſich aufzunehmen. So nahmen ſie denn Abſchied von einander, und wir müſſen hinzufügen, daß Frau Gertrud oben in ihrem Zimmer mit vor Haſt und Unruhe zitternden Fingern ihre — 170— Kleider und den kleinen Koffer packte, der alsdann von einem Knecht des Hauſes nach dem vor der Anſtalt har⸗ renden Wagen des Herrn Günther gebracht wurde. Am Thore bei der alten Pförtnerin gab es noch einen kleinen Aufenthalt, nicht, als ob dieſe Anſtand genommen hätte, die Penſionärin weniger Tage ungehindert ziehen zu laſſen— war ſie doch ſchon davon unterrichtet, daß der Doktor ſie für einige Zeit entließ— doch ſagte ſie, als ſie aus ihrem kleinen Häuschen heraustrat:„Der arme Herr Morel, den Sie ſo gut gepflegt, Frau Ger⸗ trud, wird heute Nachmittag begraben werden— hier habe ich Einiges von ſeiner Hinterlaſſenſchaft— freilich nichts Werthvolles, und wenn Sie etwas davon haben wollen, ſo überlaſſe ich es Ihnen billig.“ Damit öffnete die alte Pförtnerin die Zimmerthüre und zeigte auf dem Tiſche ausgebreitet einen Haufen alter Kleider; doch ſchüttelte Herr Günther nachdrückliich mit dem Kopfe und war nicht wenig überraſcht, als er Frau Gertrud raſch eintreten ſah, um den unſcheinbaren Haus⸗ rock des Kranken zu erhandeln.—— Als ſie hierauf im Wagen ſaß, fragte er im Tone des Erſtaunens:„Was wollen Sie denn damit machen, meine verehrteſte Madame Reveillot?“ „Ich weiß es ſelbſt nicht,“ gab ſie zur Antwort,„doch als mir die Pförtnerin den Antrag ſtellte, ſo ſagte mir — 171= eine innere Stimme, etwas zu nehmen und gerade dieſes Stück da zu wählen.“ „Möge es Ihnen Glück bringen, oder Ihnen wenig⸗ ſtens eine angenehme Erinnerung ſein an einige, abe gewiß ſehr unangenehme Tage.“ „Das waren ſie allerdings, aber hoffentlich frucht⸗ bringend für die Zukunft.“ Sechstes Kapitel. Wie groß war die Freude Anatole's, als er am Mittage des heutigen Tages wie gewöhnlich nach Hauſe zurückkehrend durch Verrath der alten Liſe erfuhr, daß die Großmutter zurückgekehrt ſei. Liſe ſtand an der Treppe, ihren jungen Herrn heimlich erwartend, und als ſie ihn zur Hausthüre hereintreten ſah, beugte ſie ſich auf eine ſo erſchreckende Art über das Geländer und machte dabei ſo ſeltſame eckige Bewegungen mit ihren langen Armen, daß Anatole im erſten Augenblicke glaubte, er habe hier einen Selbſtmordverſuch vor ſich, und erſt, als die alte Magd mit unterdrückter und dadurch heiſerer Stimme und mit vor Anſtrengung dunkelroth werdendem Geſichte ihm zuflüſterte— eigentlich klang dieſes Flüſtern wie ein tiefes Grunzen oder Brüllen—:„Sie iſt da, ſie iſt wieder da— o Gott, ſie iſt zurückgekommen,“ da ahnte er die Wahrheit, war mit ein paar Sprüngen oben, fiel der alten Frau um den Hals und bezeugte ſeine Freude in einer faſt kindiſchen Ausgelaſſenheit. 173.— Ach, er hatte ſich auch ſo einſam während ihrer Ab⸗ weſenheit gefühlt, einſam hier und einſam dort, denn weder unter den Palmen des Gewächshauſes hatte er Anna ſeitdem geſehen, noch war das junge Mädchen, wie ſie ſo gerne zu thun pflegte, kreuz und quer durch den kleinen Garten geſchritten, hie und da die kahlen Zweige der Gebüſche betrachtend, ob denn noch nirgendwo die Knoſpen aufzubrechen anfangen wollten— ach und auch im Hauſe hatte er nicht mehr ihre friſche Stimme gehört, wenn er in das Kabinet des Herrn von Martini gerufen wurde, bei welcher Gelegenheit er der lieblichen Anna ſonſt ſo häufig auf der Treppe zu begegnen pflegte— ſie war verſchwunden— ſie blieb verſchwunden, und wenn er darüber, natürlich auf weiten Umwegen, Herrn Ringel ausholen wollte, ſo pflegte dieſer die Achſeln zu zucken, die Unterlippe vorzuſchieben und zu ſagen, indem er bald die linke, bald die rechte Hand von ſich abſtreckte: „Was wollen Sie, mein lieber Freund— hier haben wir vorausſichtlich eine Heirat, die natürlich eine Aende⸗ rung ſämmtlicher Verhältniſſe bedingt: Fräulein Anna wird Gräfin Riedberg werden, und begreiflicher Weiſe will ſie, wie auch ihre zukünftige Familie, ſich gegenſeitig vorher noch ein wenig kennen lernen.“ „Alſo iſt ſie bei dieſen Riedberg's?“ „Es ſcheint mir ſo, doch wiſſen Sie, es gibt Dinge, =— über welche der Herr Prinzipal ſich nicht auszulaſſen pflegt.“ „Leider, leider.“ Auch Madame Fichtner wußte nicht mehr oder wollte wenigſtens nicht ſagen, was ſie wußte, und was Anng's Geſpielin, Eliſe, anbelangte, ſo war dieſe verſchwunden wie jene. Die alte Haushälterin that allerdings nicht ſo ver— ſchloſſen wie der Buchhalter, gab auch das Faktum, Anna könne bei der Familie Riederg ſein, nicht unbe⸗ dingt zu.„Wer weiß,“ ſagte ſie achſelzuckend,„was es gegeben hat zwiſchen Vater und Tochter— Herr von Martini läßt nicht mit ſich ſpaßen, und ob er Urſache hat, ſeine Tochter bis zu deren Verheiratung in ſorgfäl⸗ tigem Gewahrſam zu halten, das müſſen Sie ſelbſt am Beſten wiſſen.“ Allerdings wußte er das am Beſten, und wenn auch der Schein gegen ihn ſprach, wenn auch Herr von Martini das vollkommenſte Recht zur ſchleunigen Entfer⸗ nung Anna's zu haben glaubte, ſo wußte Anatole doch, daß dieſes nicht der Fall war, leider— leider— leider ————— ja leider, und wenn er jetzt an die jüngſte Vergangenheit dachte, ſo hätte er ſich ſelbſt beim Kopf nehmen können, wenn er ſich der lächerlichen Groß⸗ thuerei erinnerte, mit der er dem jungen, ihn ſo herzlich 175 liebenden Mädchen Vernunft gepredigt, um ſo mehr, als er jetzt, wo ſie ferne war, deutlich fühlte, daß er nicht anders konnte, als dieſe Liebe glühend zu erwiedern Paul und Virginie! Wie oft hatte er in den letzten Tagen das Buch durchflogen, um an jenen Stellen zu verweilen, wo Paul klagend durch die Wäl der eilt. Und dabei war ſein Schickſal eigentlich noch viel trauriger, als das jenes jungen Inſulaners; jener durfte doch immer noch hoffen auf eine endliche Vereinigung mit der Geliebten, bis das unerbittliche Geſchick einen ſchwarzen Strich durch dieſe glückſeligen Phantaſieen machte, ihm aber dabei einen vollgültigen Wechſel auf die Wiedervereinigung mit der Geliebten in einem glück lichen Jenſeits ausſtellte. Ja, der arme Anatole ver mochte ſich nicht einmal an einer ähnlichen Hoffnung auf zurichten; der Himmel ſchien noch nicht die Abſicht zu haben, die liebe Anna durch einen Schiffbruch zu ſich zu nehmen, ſondern hatte beſchloſſen, ſie zur Gräfin Ried berg zu machen, ein viel troſtloſeres Ende ſeiner Hoff nung, als das große Meer mit ſeinen todbringenden Wellen, welche indeſſen ja noch ſo viel Gefühl gehabt, um die arme Virginie der Erde zurückzugeben, und ihr eine ſanfte Ruheſtätte gönnten unter rauſchenden Blättern und duftenden Blumen, welche Paul mit ſeinen Thränen 176— begießen durfte— ja, auch dieſe Hoffnung war für ihn verſchwunden. Ueber alles dieſes ſprach er mit Madame Reveillot, nachdem ihm dieſe il hre Erlebniſſe der letzten Tage mit⸗ getheilt hatte. Wenn Anatole dieſes auch ziemlich ver⸗ blümt und nicht im richtigen Zuſ ammenhange that, ſo war doch immer noch deut lich genug, daß Madame Re⸗ veillot Alles beſtätigt fand, was ſie früher vermuthet— zu ihrem Schrecken können wir gerade nicht ſ zeigte ſich nichts dergleichen auf vielmehr den Kopf d agen, auch ihren Zügen, ſie nahm es jungen Menſchen lächelnd zwiſchen ihre beiden Hände, drückte einen Kuß auf ſ Haar und ſagte: tigen Roman ein krauſes „Du erzählſt mir da einen kleinen, ar⸗ „zu dem ſchwerlich eine genügende Entwick⸗ lung zu finden ſein wird; doch wollen wir noch immer nicht daran verzweifeln, da es ſcheint, Sonne des Glückes wieder anfangen, zu erhellen als wolle die unſern Lebenspfad iſt es nicht ein faſt unbegreifliches Glück, daß es mir vergönnt war, den letzten Stunden des armen Herrn Morel beizuwohnen, und haben wir dadurch um auf Herrn von Martini eine leichte Einwirkung ausüben zu können?“ „Das möchte ich nicht gerne,“ ſagte Anatole kopf⸗ ſchüttelnd„ich glaube, daß ich Dich recht verſtanden habe?“ ſetzte er fragend hinzu. nicht Genügendes erfahren, 1— „Vielleicht; doch verſtehe mich auch jetzt und laß mich meine Angelegenheiten ſo viel als möglich ſelbſt zu Ende bringen— hat man etwas von meiner Abweſenheit er⸗ fahren?“ „Ich glaube nicht— Frau Fichtner war einmal da, um nach Dir zu ſehen; als man,ihr aber ſagte, Du ſeieſt ausgegangen, verſprach ſie wiederzukommen, was ſie aber bis jetzt nicht gethan; auch laſſe ich mich im Wohnhauſe meines Prinzipals ſo wenig als möglich ſehen, was Du wohl begreiflich finden wirſt, Großmutter.“ „Allerdings finde ich das begreiflich,“ erwiederte Madame Reveillot und verſank darauf in tiefes Nach⸗ ſinnen. Wir müſſen hier in unſerer Geſchichte um eine kleine Zeit zurückgehen bis zu dem Morgen nach dem Geſpräch des Bankiers mit ſeinem Buchhalter, nach welchem ſich Beide getrennt hatten, um jeder für ſich eine Probe zu machen mit der Zuſammenſtellung der bewußten zwölf Zettel. „Nun?“ rief Herr von Martini ſeinem Buchhalter entgegen, und zwar in einem erwartungsvollen Tone, der aber nicht beſonders freundlich klang. Herr Ringel näherte ſich mit einem zweifelhaften Lä⸗ cheln, und während er ſeine Zettel aus der Taſche zog, ſagte er:„Wollen Sie mir nicht lieber zuerſt Ihre Mit⸗ Hackländer, Zwoölf Zettel. II. 12 178— theilung machen? Ich möchte Ihnen, wie in Allem, ſo auch darin den Vorrang laſſen.“ „Wozu ich keinen Grund ſehe— im Gegentheil, ich bin überzeugt, daß Sie meine Neugierde begreiflich finden.“ Der alte Buchhalter zuckte die Achſeln und faltete einen großen Bogen Papier auseinander, welcher eng be⸗ ſchrieben war und den er ſeinem Chef mit einem ſonder⸗ baren Lächeln vorlegte worauf dieſer lebhaft zu leſen be— gann, bald darauf aber haſtig zurückfahrend ſagte:„Der Teufel auch, Ringel, wollen Sie mich zum Beſten haben? Das ſind ja Hieroglyphen oder Gott weiß welche bar⸗ bariſche Sprache— haben Sie nichts Geſcheidteres her⸗ ausgebracht?“ „Ich nicht, aber Sie gewiß, Herr Prinzipal.“ 4 Ueber die Züge des Bankiers flog etwas wie eine leichte Verlegenheit, ehe er zur Antwort gab:„Was mich anbelangt, ſo muß ich Ihnen offenherzig geſtehen, daß ich geſtern den Kopf ſo voll anderer Geſchichten hatte, daß ich nicht im Stande war, mich auch nur eine Stunde lang ausſchließlich mit dieſer allerdings wichtigen Ange— legenheit zu befaſſen— Sie dagegen ſind ſehr fleißig geweſen, das muß ich Ihnen geſtehen.“ „Ja,“ entgegnete Herr Ringel in ſehr trockenem Tone, „ich habe dieſe verwünſchten Zettel, wie ſie da ſtehen, auf le, uf 179— hundert verſchiedene Arten geſtellt, ohne irgend einen ver⸗ nünftigen Sinn darin zu finden.———— Nun, um ehrlich gegen Sie zu ſein, mir iſt es auch nicht beſſer ergangen.“ „Das habe ich mir gedacht,“ verſetzte der alte Buch⸗ halter in ruhigem Tone. „Sie ſagen das in einem ganz verfluchten Phlegma,“ brauste der Bankier auf,„und ohne irgend einen geheimen Gedanken, den Sie gewiß haben, beizufügen.“ „Welchen, Herr von Martini?“ „Daß wir ausgingen, um zu ſcheeren, und ſelbſt geſchoren nach Hauſe gekommen ſind— die alte pfif⸗ fige Franzöſin hat uns in unſerer eigenen Falle ge⸗ fangen.“ „Möglich, aber nicht wahrſcheinlich— nach reiflichem Ueberlegen, woran ich es während der ganzen vergangenen Nacht nicht fehlen ließ, iſt mir der Gedanke gekommen, als habe Herr Morel ſelbſt mit dieſen Zetteln eine Fabel erfunden, um Gelder, welche dem Anderen gehörten, an ſi ch zu ziehen.“ Bei dieſen Worten leuchtete es ſeltſam in den Augen des Bankiers, dann ſtützte er den Kopf in die Hand und antwortete erſt nach einem langen Stillſchweigen:„Das iſt ein vernünftiger und glücklicher Gedanke— ich wüßte nicht, was ich darum gäbe, wenn er der richtige wäre, — 1180— denn in dieſem Falle hätten wir mit Umſicht und Klug⸗ heit gehandelt, ganz im Intereſſe—“ Bei dieſen Worten zeigte ſich ein eigenthümliches Lä⸗ cheln auf dem Geſichte des alten Buchhalters. „Ganz im Intereſſe jenes Anderen— des rechtmä⸗ ßigen Beſitzers des mir anvertrauten Kapitals.“ „Eines Todten— Gott habe ihn ſelig.“ Herr von Martini erhob ſich nach einem tiefen Athem⸗ zuge, trat nun an's Fenſter und blickte lange in den Garten hinaus. Als er ſich hierauf wieder umwandte, reichte er dem alten Buchhalter ſeine beiden Hände und ſagte:„Bleiben wir bei Ihrem Gedanken, mein lieber Ringel— erzeigen Sie mir die Liebe und wiederholen Sie mir denſelben — mit voller Ueberzeugung— Sie wiſſen, wie viel ich von jeher auf Ihre gewiſſenhaften Kombinationen hielt — o, möchten ſich dieſelben auch dieſes Mal als richtig bewähren.“ „Dazu ſage ich Amen!“ „Morel anbelangend,“ fuhr Herr von Martini fort, nachdem er einige Male im Zimmer auf und ab gegangen war,„ſo ſchreibt mir geſtern Doktor Narder, daß er alle Urſache habe, zu glauben, daß es raſch mit ihm zu Ende gehe— Gott gebe es,“ ſetzte er tief aufathmend hinzu —„iſt dieſer ſchwarze Schatten einmal verſchwunden, ſo 181 finde ich neue Kraft und neuen Muth in mir, um raſcher vorwärts zu gehen— ich werde alsdann, wie ich Ihnen ſchon öfter geſagt, die Stadt verlaſſen und es Ihnen frei ſtellen, das Geſchäft hier als ein eigenes oder als Kom⸗ mandite fortzuführen.“ — Und der ſchwarze Schatten, welcher Herrn von Martini ſo beunruhigte, war nach wenigen Tagen verſchwunden— Doktor Narder hatte den Tod des armen Herrn Morel gemeldet mit den denſelben be⸗ gleitenden Umſtänden, ſo weit er glaubte, daß ſie für Herrn von Martini wichtig ſeien, ſo unter Anderem, daß Niemand bei ſeinem Hinſcheiden geweſen ſei, als eine alte, halb wahnſinnige Krankenwärterin, die aber den armen Morel mit großer Liebe und Sorgfalt gepflegt. Das Wenige, was von ſeiner Hinterlaſſenſchaft nicht ganz ohne Werth geſchienen ſei, wäre von ihm, dem Doktor, ver⸗ ſiegelt worden und ſtände natürlicher Weiſe zur Verfü gung des Herrn von Martini, der ſich ja eine Reihe von Jahren auf ſo uneigennützige und wahrhaft chriſtliche Art des Unglücklichen angenommen, eine edle That, ſchloß der Arzt der Privatkrankenanſtalt, die gewiß im großen Buche des Himmels vollgültig und zinſenbringend eingetragen worden ſei. Als auch Herr Ringel dieſen Brief geleſen und ihn mit einem bedeutſamen Kopfnicken wieder auf den Tiſch gelegt, konnte er ſich nicht enthalten, mit ſeinen beiden Händen die uns bekannten Bewegungen zu machen, ohne ſelbſtverſtändlich ſeinen Gedanken Worte zu leihen— den Gedanken: Soll Morel: zehn Jahre liebevoller Pflege von Seite des Herrn Doktor Narder, einſchließlich eines ärm⸗ lichen, aber anſtändigen Begräbniſſes— Haben: fünf⸗ malhunderttauſend Thaler nebſt Zinſen— Vortrag zu ſeinen Gunſten ungeheuer— ungeheuer— o— o— o— oh!“ Wenn wir aus dem reichen und eleganten, angenehm durchwärmten Zimmer des reichen Bankiers den geneigten Leſer nun an einen Ort von ganz entgegengeſetztem Aus⸗ ſehen führen müſſen, ſo thun wir dieſes nur im In⸗ tereſſe der Wahrheit unſerer Geſchichte und weil wir ſehr viel auf Kontraſte halten im Leben wie in der Er⸗ zählung. Das Gemach, in dem wir uns jetzt befinden, verdient kaum den Namen eines ſolchen, es iſt vielmehr ein Mit⸗ telding zwiſchen einem Souterrain und Keller, und da wir es beleuchtet vom zweifelhaften Scheine einer trüben Oellampe ſehen, ſo iſt der eben angedeutete Kontraſt um ſo ſchärfer, und der Ort, wo wir uns befinden, kommt uns beinahe troſtlos vor. Er befindet ſich unter dem Hauſe, welches Madame ame — 183— Reveillot bewohnt, und wird von Zeit zu Zeit als Waſch⸗ küche benutzt. Es iſt ein maſſives, finſteres Gewölbe, in der Mitte von einem dicken Pfeiler getragen, hat in der Ecke einen Herd mit einem großen kupfernen Keſſel und zwei vergitterte Oeffnungen, welche am Tage einiges Licht einlaſſen, Abends aber nur den Schall von Fußtritten der Vorüberwandelnden. Da es aber ſchon ziemlich ſpät in der Nacht iſt, ſo hört man auch davon nichts mehr, und das einzige Geräuſch, das man jetzt hier vernimmt, iſt der melancholiſche Klang, womit ein ſchwerer Waſſer⸗ tropfen um den andern durch die Dachrinne, da es ge⸗ rade Thauwetter iſt, in eine Ciſterne fällt, aus der das Waſſer zum Waſchen genommen wird. Bei dem trüben Scheine der Lampe, von der wir vorhin ſprachen, ſaß Liſe neben dem Waſſerkeſſel, aus dem leichte Dämpfe aufſtiegen; ſie war hier noch ſo ſpät mit einer Arbeit beſchäftigt, weil ſie vorher die Hausgeſchäfte vollendet und weil ſie Alles, was mit der Waſchküche zu⸗ ſammenhing, am Liebſten in den erſten Stunden der Nacht zu thun pflegte. Neben ihr auf einem Schemel ſtand die Lampe und auf den Knieen hatte Liſe einen alten Rock, den ſie von Madame Reveillot zum Geſchenk erhalten und den ſie im Begriffe war zu zertrennen, bevor ſie ihn zum Waſchen in das heiße Waſſer ſteckte. Liſe war eine phantaſiereiche Perſon mit ſehr leb⸗ ———ͦ—ÿ—ͦ—ꝛ’ñ˖::nn—n——— 184— haften Gedanken, ja mit einem Talent zum wachen Träu⸗ men, welches ſich wahrſcheinlich in den vielen Stunden, wo ſie nächtlicher Weile einſam am Waſchzuber geſtanden, ausgebildet hatte, und ſo war denn der Rock auf ihren Knieen nicht nur ein ganz gewöhnliches Kleidungsſtück aus Zeug und Unterfutter, ſondern als Mitzeuge jener Stunden, von denen Madame Reveillot Anatole erzählt und wovon Liſe viel erlauſcht, ergänzte ſie bei ſeinem Anblicke manche Lücken, die für ſie in jener Erzählung ent⸗ ſtanden waren— ſie ſah das Krankenzimmer vor ſich, wie es die Frau beſchrieben, und wenn ſie über die Be⸗ ſchreibung, welche dieſelbe von Herrn Morel gemacht, nach⸗ dachte, ſo mußte er gerade ſo ausgeſehen haben, wie der verſtorbene Poſtſekretär Stocker, der im zweiten Stock⸗ werke des Hauſes gewohnt— ein alter Junggeſelle, bei deſſen letzter Toilette Liſe behülflich geweſen war— eben ſo lang und eben ſo mager— auch die Form des Rockes ſprach dafür— ach, der arme Herr Stocker war ſo freundlich und redſelig geweſen, und wenn er Abends nach Hauſe kam und außen auf der Straße an der Waſchküche vorüberging, ſo pflegte er immer etwas hart aufzutreten, laut zu huſten, ja zuweilen guten Abend herabzurufen— guten Abend!— und das hallte als⸗ dann in dieſem Gewölbe ſo wieder, als ſei der verſtor⸗ bene Poſtſekretär mit einem klingenden Organ begabt ge⸗ ————;—Q⏑—B——— — 185— weſen, obgleich er in Wahrheit nur eine dünne heiſere Stimme gehabt. Liſe hatte den Aermel herausgetrennt und beſchäftigte ſich nun mit dem Kragen. Der arme Stocker, dachte ſie, iſt eben ſo einſam und allein geſtorben, wie der da, das heißt einſam und allein, was ſeine Verwandten anbelangt, denn die kamen erſt ſpäter, um die Erbſchaft anzutreten. Liſe dachte ſo leb⸗ haft an ihn, daß, wenn jetzt Jemand zufällig auf der Straße gute Nacht geſagt hätte, ſie in den Tod erſchrocken wäre; aber nichts unterbrach die tiefe Stille ringsumher, ſie hatte den Kragen aufgetrennt, und als ſie das Unter⸗ futter auseinander gezogen, ſagte ſie halblaut zu ſich ſelber:„Was hat der Schneider, der das gemacht, wohl für einen Gedanken gehabt, als er die kleinen Zettel hier hinein legte?“ Sie nahm einen derſel— ben, brachte ihn näher zur Lampe, da ſie ſah, daß er beſchrieben war, aber was darauf ſtand, konnte ſie nicht verſtehen; es waren wohl Buchſtaben, die ſie ent⸗ ziffern konnte, aber ſie hatten keinen Sinn für ſie — ſechs kleine Zettel waren es, auf allen ſtand, wie auf dem erſten, etwas ganz Unverſtändliches ge⸗ ſchrieben. „Dummes Zeug,“ dachte Liſe,„da hat ſich irgend ein Schneiderlehrling das Vergnügen gemacht, ſo was — 186— aufzuſchreiben und in den Kragen zu nähen— ja dazu haben dieſe Schlingel immer Zeit.“ Sie öffnete die Thüre des Herdes, um die Zettel in die Glut des praſſelnden Holzes zu werfen— da hielt ſie plötzlich inne, denn es war ihr gerade, als ſagte Je⸗ mand hinter ihrem Rücken in einem warnenden Tone: bſt! bſt!. „Dummes Zeug!“ wiederholte Liſe, aber dieſes Mal ohne Bezug auf den Schneiderlehrling, doch in weniger ſicherem Tone als vorher, und während ſie dabei wieder die Hand der geöffneten Herdthüre näherte, blickte ſie ſcheu um ſich her und murmelte,„das Holz, wenn es feucht iſt und brennen ſoll, ziſcht oft ſo eigenthümlich— ich habe das oft gehört.“ Schon waren die Zettel nahe an der Glut, da— nein, das war keine Täuſchung— ging Jemand vor dem Hauſe, nahe am Gewölbe vorüber, und es war ganz derſelbe Schritt, wie der des verſtorbenen Herrn Stocker; auch huſtete es, gerechter Gott! gerade ſo wie der ehemalige Poſtſekretär zu huſten pflegte —— wenn es jetzt von draußen hereingeklungen hätte: guten Abend! ſo wäre Liſe vor Schrecken ſicher geſtorben. Beides aber geſchah glücklicher Weiſe nicht, doch öff⸗ neten ſich bei dem geſpenſterhaften Huſten draußen die — 182— Finger ihrer Hand, und die ſechs Zettel fielen auf den Boden. Obgleich wir hier geſtehen müſſen, daß Liſe gute Ner⸗ ven hatte, auch gegen Geſpenſterfurcht abgehärtet war— nicht als ob ſie daran nicht geglaubt hätte, ſondern weil ſie überzeugt war, daß Geiſter und dergleichen einem ar⸗ men Weibsbilde wie ſie nichts zu Leide thun würden— ſo war doch für heute Nacht ihr ruhiger Gleichmuth da⸗ hin; ſie ertappte ſich ſelbſt darauf, daß ſie auf die Straße hinaushorchte, und ſich zuweilen ſcheu umſah; auch ver⸗ richtete ſie mit einer Haſt, die ihr ſonſt nicht eigen war, das Geſchäft des Anbrühens des alten Rockes, wobei nicht einmal ihr Leiblied: Freudvoll und Leidvoll, Gedanken ſind frei, ihre frühere Heiterkeit zurückzubringen vermochte, und be⸗ ging zuletzt die Verſchwendung, das Feuer unter dem Keſſel mit Waſſer zu löſchen, worauf ſie durch das weite, ſtille, nächtlich finſtere Haus mit langſamen, vorſichtigen Schritten in ihre Dachkammer hinaufſtieg. Am anderen Morgen, als das helle Sonnenlicht die Schatten der Nacht, die Klänge unheimlicher Fußtritte, geſpenſterhaftes Räuſpern und dergleichen mehr ver⸗ drängt hatte, lächelte Liſe über ſich ſelber, und als ſie den Kaffe in das Zimmer trug, erzählte ſie — 188— der Madame Reveillot ihre Abenteuer der vergange⸗ nen Nacht und erſtaunte dabei nicht wenig, daß die ſonſt ſo ruhige Frau haſtig emporſprang und mit der Lebhaftigkeit eines jungen Mädchens die Treppen hinabeilte. Ar ————— ᷣ—O⏑O⸗:-ͤ—— — 189— Siebentes Kapitel. Madame Reveillot und Anatole waren in jeder Be⸗ ziehung glücklicher als Herr von Martini und der Buch⸗ halter: der junge Fontenay hatte die ſechs Zettel ſeiner grünen Brieftaſche vor ſich auf dem Tiſche ausgebreitet und die anderen, welche die Großmutter mit bebenden Fingern neben dem Herde aufgeleſen, darunter gelegt. Wir wiſſen, daß auf den Erſteren die Sylbe ſtand: mo— ndta— mno— nzlw— ſenſch— getr— und die ergänzenden trugen die Buchſtaben: relu— kerde— tärbri— iendie— einun— ennt—; ein kleines Ge⸗ duldſpiel für unſere geehrten Leſer und Leſerinnen, waren dieſe zwölf Zettel ein großes Geduldſpiel für die Betref⸗ fenden, welche nur in dem Namen: morel einen kleinen Anhaltspunkt hatten, und welche lange Zeit brauchten, ehe die Zettel ſo vor ihnen lagen, wie wir ſie oben an⸗ gegeben, und dabei mußte noch obendrein ein glücklicher Zufall ihre Hand leiten, und er war ſo freundlich, dieſes zu thun. — 490— Wenn auch Anatole nicht gerade hundert verſchiedene Zuſammenſtellungen machte, wie der Buchhalter Herr Ringel, ſo ſchob er doch die Zetkel unzählige Male neben einander, bis er endlich mit einem lauten Ausruf der Freude ſein Werk vollendet ſah und mit entzückten Blicken von den zwölf Zetteln las: „Morel und Taker dem Notar Brinzl, Wien dieſen Schein ungetrennt.“ Klarer wie dieſe Zuſammenſtellung konnte nichts ſein. Morel und der unglückliche Taker, welche dem Bankier von Martini ihr Vermögen gegen einen vollgültigen Schuldſchein übergeben, hatten dieſe Quittung bei einem Notar Namens Brinzl in Wien hinterlegt, und da Keiner dem Andern traute, durch Vertheilung der Zettel, welche der Notar unter Hinzufügung nur ihm bekannter Geheim⸗ zeichen ſelbſt beſorgt, es ſo eingerichtet, daß weder Morel ohne Taker, noch Taker ohne Morel im Stande war, den Schuldſchein des Bankiers zurückzuerhalten und ſo das Kapital bei demſelben zu erheben. Die alte Frau blickte mit gefalteten Händen ihren Enkel ſprachlos an:„Welche Entdeckung!— welch' wun⸗ derbare Entdeckung!“ „Ja, wunderbar in der That, Großmutter— die glücklich gefundene Auflöſung eines Lebensräthſels— und dabei wieder traurig für mich, für uns Alle.“ ————— — 191— „O hätte Dein Vater dieſe Auflöſung gefunden.“ „Dazu ſage ich aus vollem Herzen Amen!“ erwie— derte Anatole—„vielleicht wäre alsdann Alles, Alles anders gekommen, oder,“ ſetzte er mit leiſer Stimme hin⸗ zu,„hätte ich den Namen Martini, wenn er vor mir genannt worden wäre, nie anders als mit einem gerechten Abſcheu vernommen, während jetzt— o das iſt ſehr, ſehr traurig.“ „Mein armes Kind,“ ſagte Madame Reveillot, wobei ſie ihre Hand auf das Haupt Anatole's legte,„Ruhe und Faſſung,— laß es mich nicht erleben,“ fügte ſie in bit— tendem Tone bei,„daß dieſe unglückliche Geſchichte, welche das Leben Deines Vaters vergiftet, auch in Dein ſonnen⸗ helles Daſein einen ſchwarzen Schatten wirft— ſei ver⸗ ſtändig, Anatole, und wenn Alles ſo iſt, wie es hier den Anſchein hat, ſo bleiben Dir immerhin noch zwei Wege: der Sieg über eine Leidenſchaft, die vielleicht nicht mehr als eine Leidenſchaft iſt, oder der Gedanke, daß Anna ja doch in keiner Weiſe verantwortlich gemacht werden kann für das, was ihr Vater gethan.“ „Gewiß, Großmutter— aber die Welt.“ „Die Welt?— was weiß die Welt von unſerem Geheimniß?“ „Wie lange kann es das bleiben?— bin ich es nicht dem Andenken meines Vaters ſchuldig, Alles zu veröffent⸗ :192 lichen und ſo den letzten Flecken von ſeinem Gedächtniſſe wegzuwaſchen?“ Die alte Frau blickte ihren Enkel kopfſchüttelnd an, und es dauerte eine kleine Weile, ehe ſie ſagte:„Ich hatte mir nicht gedacht, daß Du auf ſolche Art die Ent⸗ deckung Deines Geheimniſſes benützen wollteſt, und ſo viel ich Deinen Vater gekannt, iſt es mir nicht zweifelhaft, welche Meinung ſein edles Herz in dieſer Richtung aus⸗ geſprochen hätte.— Denk' an Dich ſelber, Anatole— denke an Deine Kindheit zurück!— wie oft haſt Du mir kummervoll erzählt, wenn hie und da andere Knaben Deines Alters Dich auffallend gemieden— ich nahm jene allerdings nie in Schutz, verſchwieg Dir aber den wahren Grund und ſagte, das ſei einmal in der Welt ſo, arme Kinder würden zurückgeſetzt und müßten deßhalb nur um ſo verträglicher und fleißiger ſein.“ „Ja, ſo ſagteſt Du, Großmutter,“ erwiederte der junge Mann mit einem finſteren Blick,„jetzt aber ſehe ich das anders an— und deßhalb—“ „Willſt Du ein ſchmerzliches Unrecht, welches Dir in Deiner Jugend ſo weh gethan, nun auf das ebenſo un⸗ ſchuldige Haupt der armen Anna herabrufen— geh', geh', mein Kind— es iſt nicht einmal eine Leidenſchaft, welche Du für die Tochter des Herrn von Martini fühlſt, ſtniſſe es war nur eine Eitelkeit, Dich von der Tochter Deines reichen Prinzipals geliebt zu wiſſen.“ d an,„O nein, Großmutter— o nein, bei Gott, darin „Ich thuſt Du mir unrecht— könnteſt Du in mein Herz ſehen Ent⸗— könnteſt Du mit mir fühlen, wie es von den wider⸗ viel ſtrebendſten Empfindungen hieher und dorthin geriſſen Ahaft, wird.“ qus⸗„Ob ich mir das denken kann, Anatole,“ erwiederte 1 Madame Reveillot in ſanftem Tone,„doch ſieh' mir in's. Du Auge— offen und ehrlich, wie Du es ſo oft gethan, 4 ndere wann Du mich um einen Rath gefragt, oder wann ich 2 Dir freiwillig einen ſolchen gegeben, und dann beantworte 2. mir— haſt Du es je bereut, mir gefolgt zu haben?— un Du ſchweigſt?— und dieſes Schweigen berechtigt mich, n gegen Dich die Bitte auszuſprechen, mich in dieſer Ange⸗ 2 legenheit nach meinem Ermeſſen für uns Beide handeln iige zu laſſen, Dich wenigſtens meiner Ueberlegung anzuver⸗ trauen—— gib mir das Verſprechen, keinen Schritt ung zu thun, den wir nicht vorher ſorgfältig überlegt— ver⸗ di ſprich mir das, Anatole.“ Sie reichte ihm die Hand über den Tiſch hinüber und ir in nach einigem Widerſtreben legte er die ſeinige hinein— ui„und nun,“ fuhr die alte Frau in heiterem Tone fort, geh,„den Kopf aufrecht und die ſchönſten Hoffnungen gefaßt ſchaft 1 Angeſichts dieſes koſtbaren Dokuments.“— Hackländer, Zwölf Zettel. II. & — 194— Der junge Fontenay begab ſich nach dem Hauſe ſeines Prinzipals und betrat das Geſchäftsgebäude durch die hintere kleine Straße. Er hatte ſich etwas verſpätet, doch da er faſt von Allen der Pünktlichſte war, ſo achtete Niemand darauf, und Herr Ringel, der ihm einige ein⸗ gelaufene Schreiben zur Beantwortung an den Pult brachte, war wie in der letzten Zeit gewöhnlich von einer außerordentlichen Freundlichkeit: er lehnte behaglich an das Pult und fragte, nachdem er ein paar unbedeutende Ta⸗ gesneuigkeiten verhandelt:„Kamen Sie durch den Garten, Herr Fontenay?“ „Nein, Herr Buchhalter, ich thue das nur in ſolchen Fällen, wo mich irgend ein Auftrag in die Wohnung des Herrn von Martini ruft— hat Ihre Frage einen Grund?“ fügte er nicht ohne Abſicht hinzu. „Ja und nein, in dem Falle Sie nämlich durch den Garten gegangen wären, würden Sie vor dem Hauſe den Reiſewagen des Prinzipals geſehen haben.“ „So will Herr von Martini verreiſen?“ „Ich hätte mich beſtimmter ausdrücken ſollen, den Reiſewagen ſtaubig und beſchmutzt, wie er vielleicht. vor einer Stunde mit Fräulein Anna angekommen iſt.“ 9„ A— a= q=ah.“ 1„ 1„Ja— a— a-—ah, das wird nun für die Stadt kein M— ſeines ch die Pult meiner an das d Ta⸗ zarten, 195 Geheimniß mehr ſein und wird kein gelindes Aufſehen errgen.“ „Ich verſtehe Sie nicht vollſtändig, Herr Ringel.“ „Nun, die Heirat mit dem jungen Grafen Riedberg — ein koſtbarer Schwiegerſohn— meinen Sie nicht auch, Herr Fontenay?— ſehen Sie mich nicht ſo fragend an, Sie gehören ja auch mit zu den Vertrauten des Hauſes, und nicht nur Herr von Martini hält große Stücke auf Sie, ſondern auch noch ein anderer Mann, mein lieber, junger Freund, der Ihnen das in Kurzem beweiſen zu können hofft— mein Name iſt Ringel.“— Anna zurückgekehrt— der Gedanke erfüllte ſo ganz das Herz des jungen Mannes, daß ihm die räthſelhaften Worte des alten Buchhalters doppelt unverſtändlich blie⸗ ben.— Anna zurückgekehrt, auf dem Punkte ſich zu ver⸗ heiraten— für ihn gänzlich verloren zu ſein— und ſie liebte ihn— ja ſie liebte ihn, und auch er liebte ſie ſo heftig und ungeſtüm, wie man nur in ſeinem Alter zu lieben vermag— und war ſie für ihn verloren? mußte ſie für ihn verloren ſein? hatte er nicht das Mittel in der Hand, um vor Herrn von Martini hinzutreten und ihm zu ſagen————. Doch nein, nein! pfuil Anatole, ſich eine Braut zu erringen, indem man dem Vater die Piſtole auf die Bruſt ſetzt— wollte er vor Herrn von Martini hintreten, ſo konnte er dieſes nur 1 4 6 196— thun, um ihm zu ſagen: Auge um Auge, Zahn um Zahn—„ich bin nur gekommen, um Ihnen anzuzeigen, daß ich der Stadt und dem Lande Aufklärung geben will über eine dunkle Geſchichte, die ſich vor langen Jahren begeben, und dieſes einmal ausgeſprochen, muß ich Wort halten, denn ich müßte mich ſonſt ſelbſt ver⸗ achten, wollte ich mir mein Geheimniß abkaufen laſſen, — ſelbſt um die Hand ſeiner Tochter.“ Und doch fühlte er wohl, wie ſchwer es ihm werden würde, ja wie unmöglich, ſo zu handeln, und wenn er ſeine wilden, faſt verzweiflungsvollen Gedanken lange Zeit raſtlos in ſeinem Gehirne hin⸗ und hergeworfen, um als⸗ dann dem gewöhnlichen Laufe der Dinge nach wieder Augenblicke der Ruhe, Stunden geiſtiger Abſpannung zu haben, ſo trat ihm in ſolchen das Bild ſeiner guten Großmutter entgegen, ihn anblickend mit den ſchönen, hellen Augen, und während ein reizendes Lächeln um ihren Mund ſpielte, hörte er ſie ſagen: beruhige Dich und vertraue meiner Ueberlegung— vielleicht auch dem Zufall ein wenig— dieſem ſo verachteten und doch ſo ſtarken Lenker unſerer Geſchicke. Ja, Anna war wieder zu Hauſe— Anatole ſah ſie nicht, aber einer ſeiner Kollegen hatte ſie geſehen: Herr von Martini hatte geſchäftshalber einen von den jungen Leuten zu ſich rufen laſſen, und es wäre Fontenay's hhn um uzeigen, jgeben langen „ muß iſt ver⸗ laſſen, werden benn er ge Zeit imn als⸗ wieder ung zu guten hönen, In um e Dich h dem och ſo — 197= Pflicht geweſen, hinüber zu gehen, doch bat er Herrn Ringel, ihn durch einen Anderen zu erſetzen, der nun, da er zurückkam, erzählte, er ſei durch den Wintergarten gegangen und habe dort Fräulein von Martini in der Laube ſitzen ſehen; daß ſie beim Geräuſch des Kommen⸗ den haſtig emporgefahren ſei und mit ihren glänzenden Augen durch die Zweige geſpäht, konnte er nicht erzählen, denn er hatte nichts davon bemerkt, vielmehr ſaß die junge Dame da im Leſen vertieft und hatte ſeinen ehr⸗ furchtsvollen Gruß mit einem leichten, ſtolzen Kopfnicken erwiedert. Anatole mußte ſich gewaltſam bezwingen, um ſich ſelbſt nicht untreu zu werden, und dadurch wurde ihm* der heutige Tag ſo unbeſchreiblich lang, ſo peinlich und qualvoll wie nie, und als er endlich das Comptoir ver— laſſen konnte, that er es tief bewegt, haſtig ohne umzu⸗ ſchauen. Er fühlte ſich jetzt wieder ruhiger, als er zu Hauſe bei der guten, alten Frau ſaß, und als ſie ihm nun wirklich mit ihrem reizenden Lächeln ſagte, nachdem er ihr offen und ehrlich ſeinen Seelenzuſtand enthüllt:„Be⸗ ruhige Dich und vertraue meiner Ueberlegung— viel⸗ leicht auch dem Zufalle ein wenig— dieſem ſo verach⸗ teten und doch ſo ſtarken Lenker unſerer Geſchicke.“ Ja, dem Zufall dieſer gewaltigen Macht, welche viel⸗ 1 1 —. 198— leicht an dem heutigen Abend daran ſchuld war, daß Anna von Martini, nachdem dieſe junge Dame ſtunden⸗ lang mit Anzeichen des Mißmuths und der Unruhe in ihrem Zimmer auf⸗ und abgegangen war, jetzt eine Sticke⸗ rei nehmend und ſie gleich darauf wieder wegwerfend, dann ein Album, ein Buch auf gleiche Weiſe behandelnd, der Frau Fichtner einen Vorſchlag machte, worüber dieſer würdigen Haushälterin vor Ueberraſchung und Schrecken die Haare zu Berg ſtiegen, den Vorſchlag nämlich, ſie zur Wohnung der Madame Reveillot zu begleiten, und wobei ſie nicht einmal die Ausrede gebrauchte, als wolle ſie dieſe Frau über ihre Ausſteuer befragen, ſondern einfach, aber mit dem hartnäckigen Eigenſinn eines ver⸗ zogenen Kindes erklärte, ſie müſſe Herrn Anatole ſehen und ſprechen. „Aber der Papa?— was wird Herr von Martini dazu ſagen?“ „Der Papa hat mich nicht gefragt, als er mich zu jener alten Dame gebracht, wo ich mich ſo gründlich ge⸗ langweilt— er hat mich nicht gefragt, ob ich die Frau des Grafen Riedberg werden wolle.“ „Aber der Papa hat ein Recht, über Sie zu beſtimmen.“ „Gewiß, aber ich thue dagegen kein Unrecht, wenn ich unter Ihrer Aufſicht, meine liebe Frau Fichtner, einen Beſuch bei Madame Reveillot mache.“ 199 „daß„Um Herrn Anatole zu ſehen?— es kann das Ihr unden Ernſt nicht ſein.“ ühe in„Mein vollkommener Ernſt, und wenn Sie ſich wei⸗ Stice gern, mich zu begleiten, ſo—“ efend,„Gerechter Gott, ſo könnten Sie am Ende gar die deln, Abſicht haben, allein zu gehen?“ 1 dieſer„Mit meiner Kammerjungfer, und ich weiß nicht, ob reken Sie das für anſtändiger halten— wollen Sie vielleicht, , ſe daß ich Ihnen mein Wort darauf gebe?“ nnd Frau Fichtner wehrte mit beiden Händen von ſich le ab, dann faltete ſie ihre Finger ineinander und ging— 6 kopfſchüttelnd und mit tiefbetrübtem Geſichte im Zimmer udem auf und ab. Sie kannte ihre junge Pflegebefohlene bel viel zu genau, um nicht zu wiſſen, daß dieſe ihr ſche Wort gehalten und im Nothfalle mit der Kammer⸗ .. jungfer den abendlichen Spaziergang gemacht haben 1 artin würde. „Ich könnte auch Eliſe mitnehmen,“ ſagte Anna von ch zu Martini, mit großer Seelenruhe nach der Haushälterin i ge⸗ hinblickend. Jran— „Oder wenn Ihnen meine Kammerjungfer lieber iſt, nen. ſo ſprechen Sie ſich deutlicher aus.“ wenn„O— o— o— oh, der Papa wird es erfahren und es wird fürchterlich werden.“ 200— „Ich glaube nicht, daß der Papa davon erfährt, und wenn er es erfährt, mache ich mir auch nichts daraus.“ Der Zufall, von dem wir vorhin geſprochen, hat ſich ſchon eingemiſcht in unſere wahrhaftige Geſchichte, und müſſen wir ihn für Manches verantwortlich machen, was wir nicht auf unſer eigenes Gewiſſen nehmen können, denn wenn Anatole ſich heute Morgen nicht zufälliger Weiſe geweigert hätte, durch den Wintergarten zu gehen, ſo würde das junge Mädchen wahrſcheinlich nicht auf die Idee gekommen ſein, Madame Reveillot zu beſuchen, und wenn Frau Fichtner zufälliger Weiſe daran gedacht hätte, die Nothlüge zu gebrauchen, ſie wiſſe ganz beſtimmt, daß Herr Anatole am heutigen Abend einer Einladung des alten Buchhalters Folge geleiſtet, und wenn ſpäter Herr von Martini nicht zufälliger Weiſe, ſtatt direkt in ſeine Geſellſchaft zu gehen, nach ſeiner Tochter gefragt hätte und nicht dadurch der Gedanke in ihm aufgeſtiegen wäre, vorher noch eine kleine Angelegenheit zu beſorgen, wozu ihm der Abend zufälliger Weiſe paſſend erſchien, ſo würde die oben erwähnte geheimnißvolle Macht nicht im Stande geweſen ſein, einen Schluß unſerer Geſchichte herbeizu⸗ führen, der wohl das Gemüth unſerer Leſer zu erſchüttern vermag.— Die kleine Geſellſchaft, welche ſich beim Scheine der Lampe um den Tiſch der Madame Reveillot zuſammen⸗ — 201= t, und gefunden hatte, war ſo heiter, ſo glücklich und zufrieden, ral.“ wie es nur ein Kreis von guten harmloſen Menſchen ct fſih ſein kann, die beim Drohen großer Gefahren und Stürme und für den gegenwärtigen Augenblick eine freundliche Zu⸗ „was fluchtsſtätte gefunden haben. önnen, Man hatte von der Vergangenheit geſprochen, von älliger der Gegenwart und von der Zukunft, und wenn, was gehen, letztere betraf, Frau Fichtner achſelzuckend und ſeufzend uf die von unabänderlichen Beſchlüſſen und nicht zu überwälti⸗ „und genden Hinderniſſen redete, ſo klang das in Anna's Her⸗ zen wieder wie das Rollen des fernen Donners, wie das hätte, „daß Pfeifen des Sturmvogels, dann ſchob ſie leicht ihre feinen des Finger in die Hände Anatole's, und wenn ſie ſie von Herr denſelben warm bedeckt fühlte, ſchloß ſie mit einem an⸗ ſeine 1 muthigen Lächeln die Augen, und dann trat ein Bild hätt wunderbar tropiſcher Landſchaft vor ihre Seele, und ſie lüre, war Virginie, die ſich mit Paul, Herz an Herz geſchmiegt, wofu unter breiten, ſchützenden Blättern vor dem herabflutenden uüdde Regen verbarg. nde Madame Reveillot hätte man den ernſten, ruhigen 1 Steuermann der Unterhaltung nennen können, denn ſo 34 oft ſich dieſelbe allzu ſehr in tiefem Schmerz oder in b trügeriſchen Hoffnungen verlor, ſo brachte ſie den Kurs des Schiffleins immer wieder in das gehörige Gleich⸗ dr 1 gewicht. Anna hatte keine Entſchuldigung annehmen wollen, daß der junge Fontenay heute ſo abſichtlich und bösartig den Wintergarten und auch ſie vermieden, und erſt als Anatole mit lebhaften Farben die letzten Tage ausmalte, die er ſo ganz, ganz allein verbracht, und als er darin ſeine Sehnſucht durchſchimmern ließ, verzieh ſie ihm voll— kommen und ganz rückhaltlos, wobei ſie ihren Kopf ſo innig an ſeine Schultern ſchmiegte, daß Frau Fichtner nicht anders konnte, als erſchrocken an die Zimmerdecke emporzublicken und dann nach der Stubenthüre, die— wer beſchreibt ihr Entſetzen, weit geöffnet war und unter welcher Herr von Martini ſtand, einen Unheil verkün⸗ denden Ausdruck auf ſeinem finſter zuſammengezogenen Geſichte. Wer in dieſem Augenblicke eine Maus geweſen wäre — war doch ſelbſt Madame Reveillot, die nicht leicht aus der Faſſung zu bringen war, im erſten Augenblick ſo überraſcht, daß ſie ein paar Sekunden brauchte, ehe ſie im Stande war, ſich zu erheben und dem Eintretenden entgegen zu gehen. „Ich mache Ihnen mein Kompliment,“ ſagte Herr von Martini in einem ſeltſamen Tone„über Ihre Ge⸗ ſchicklichkit, gewiſſe Dinge zu arrangiren.“ Die alte Frau zuckte ein wenig zuſammen, doch er⸗ hob ſie ſich gleich darauf wieder mit der ihr angebornen wollen, ösartig erſt als smalte, darin mvoll⸗ opf ſo ichtner erdecke die— wäre ſt aus ic ſo he ſie enden — 203— vornehmen Würde und erwiederte in ruhigem Tone— „gewiſſe Dinge, Herr von Martini, ſind leicht zu ar⸗ rangiren, wenn Verhältniſſe ſo trefflich vorgearbeitet haben.“ „Ich möchte Sie gerne nicht verſtehen, Madame.“ „Und doch möchte ich bitten, Herr von Martini, mir zu dem Verſtändniſſe eine Viertelſtunde gönnen zu wollen— wenn auch nicht gerade hier in dieſem Zimmer.“ „Und nachher?“ entgegnete er aufbrauſend. „Werde ich mich mit keinem Worte mehr entſchuldi⸗ gen, wenn Sie es nochmals für nothwendig finden ſoll— ten, meine Geſchicklichkeit im Arrangiren gewiſſer Dinge zu beloben.“ Herr von Martini warf einen langen, finſteren Blick auf die Perſonen, die jetzt ſtumm am Tiſche ſtanden, und man ſah an dem Zucken ſeiner Mundwinkel, wie gewaltig er ſich bezwang, nicht heftig zu werden; doch er beſiegte ſich ſelbſt und entgegnete der alten Frau:„Sie wollen in Räthſel umwandeln, was doch leider ſo klar vor mir liegt— doch gleichviel, ſo wenig ich Ihrer Geſchicklichkeit Lob ſpenden werde, ſo wenig wird irgend etwas im Stande ſein, meine gefaßten Entſchlüſſe zu erſchüttern und mir verwehren, zu ſtrafen, wo ich das Recht dazu habe.— Was Sie betrifft, Herr Fontenay,“ fuhr er in .204— ſchärferem Tone fort— doch ließ ihn Madame Reveillot ſeinen Satz nicht vollenden, ſondern ſie trat dicht vor ihn hin, und während ſie ihn feſt anblickte, legte ſie ihre Hand auf ſeinen Arm, und in einem Tone, der ſo be⸗ ſtimmt, ja ſo gebieteriſch erklang, daß Herr von Martini ſie erſtaunt anblickte, ſagte ſie:„Mein Enkel wird ſich auf ſein Zimmer begeben, ſo lange Sie ſo freundlich ſein werden, mir die gewünſchte Viertel lſtunde zu gewähren und darum bitte ich dringend, Herr von Martini— ich, eine alte Frau, die Sie ſeit langen Jahren gekannt, welche Sie jederzeit mit einer achtungsvollen Freundlich⸗ keit behandelt haben, was ſie auch verdient, und dieſe alte Frau, welche ſchon viel in der Welt erfahren, möchte, ehe Sie hier ſtrafend— rächend auftreten, einige Worte mit Ihnen reden über eine längſt vergangene Zeit, welche unſere Gegenwart beſchäftigt und in die Zukunft hineinragt.“ Lag etwas im Tone oder im Blick der alten Frau, oder in beiden zugleich, während ſie die letzten Worte ſprach, was den Bankier veranlaßte, zum Zeichen ſeiner Gewährung ihrer Bitte ſtumm mit dem Kopfe zu nicken, worauf er ihr in das Nebenzimmer folgte? Dort bot ihm Madame Reveillot einen Sitz und ließ ſich ihm gegenüber nieder. Herr von Martini zog ſeine Uhr hervor und ſagte in teveillot vor ihn ſie ihre ſo be⸗ Nartini rd ſich ch ſein vähren — ich, dieſe nöchte, Worte Zeit, lkunft Frau, Worte ſeiner iicken, einem förmlichen, ſehr kalten Tone:„Sie haben mich um eine Viertelſtunde gebeten, Madame meine Zeit iſt immer ſehr koſtbar, heute Abend aber unerſetzlich.“ Die alte Frau verbeugte ſich, wobei ſie mit einem anmuthigen Lächeln ſagte:„Ich werde mich bemühen, das, was ich Ihnen mitzutheilen habe, in den Zeitraum von fünfzehn Minuten hineinzudrängen, allerdings eine kurze Zeit für eine Geſchichte von zwanzig Jahren.“ „Von zwanzig Jahren?“ „Laſſen Sie mich nachrechnen— ja ſogar noch mehr; am vergangenen erſten Januar waren es gerade zweiund⸗ zwanzig Jahre, als hier etwas geſchah— was—“ „Für Sie vielleicht intereſſant iſt, für mich aber wahr⸗ ſcheinlich nicht.“ „Wer weiß, vielleicht mehr noch als intereſſant, etwas, das, wie ich ſchon vorhin bemerkte, unſere Gegenwart beſchäftigt und vielleicht noch weit in die Zukunft hinein⸗ ragt.“ „Zur Sache denn, wenn ich bitten darf.“ „Sollten Sie ſich vielleicht nicht erinnern, daß an dem angegebenen Tage, der Nacht vielmehr, die Stadt durch ein ſchreckensvolles Ereigniß in Aufregung verſetzt wurde durch einen räthſelhaften Mord, beſonders räthſel⸗ haft dadurch, daß man nicht wußte, von wem und an wem er verübt wurde?“ ——y— — 206— 22, l. die alte Geſchichte— ich erinnere mich dunkel derſelben. 4 „Und auch wohl, wie traurig ſie in die Vergangen⸗ heit meiner Familie eingriff.“ „Leider, doch ſind das jetzt über zwanzig Jahre, Madame Reveillot, und ich begreife nicht, wie jene Sache heute noch Ihre Gegenwart oder ſogar Ihre Zukunft zu beläſtigen vermag.“ „Zu beläſtigen habe ich auch nicht geſagt, doch zieht ſich durch die mehrerwähnten zwanzig Jahre ein dunkler Faden, der wohl im Stande ſein könnte, auch noch An⸗ dere als mich und meine Familie zu beläſtigen.“ „Meine liebe Madame Reveillot,“ erwiederte der Bankier mit einem kalten Lächeln— es war das erſte Mal am heutigen Abend, daß er ein ähnliches Beiwort vor den Namen der alten Frau ſetzte, was er ſonſt nie zu unterlaſſen pflegte,„meine liebe Madame Reveillot, ſollte mich dieſe Geſchichte intereſſiren können?— mich,“ fuhr er mit einem Blick auf das Nebenzimmer fort, „der gerade jetzt ganz andere und wichtigere Sachen im Kopfe hat?“ „Ich möchte faſt behaupten, daß ſie Sie in hohem Grade intereſſiren wird, und wenn nicht, ſo wollen Sie, ein Mann von Wort, mir doch gewiß nicht die einmal bewilligte Viertelſtunde abkürzen?“ h dunkel gangen⸗ ch zieht dunkler ch An⸗ te der z erſte eiwort iſt nie — 204. Er verbeugte ſich ſchweigend. „Ich ſprach von einem dunkeln Faden, der jene Zeit mit heute verbindet; das war begreiflicher Weiſe nur bild— lich geſprochen, und ich wollte damit ſagen, es beſtehe irgend etwas, das uns, die wir dabei betheiligt waren, in einer gewiſſen Verbindung mit jener Begebenheit er⸗ hielt.“ Das uns betonte Madame Reveillot ganz beſonders und mit einem eigenthümlichen Lächeln, doch konnte Herr von Martini es auf die Familie der alten Frau aus⸗ ſchließlich beziehen, was er auch natürlicher Weiſe that und in einem völlig ungezwungenen Tone antwortete: „Welcher Zuſammenhang kann ſtattfinden? Stadtgeſpräche, Traditionen, vielleicht irgend ein kluger Nachgrübler des neuen Pitaval, wo die Geſchichte ja des Breiteren zu leſen war.“ „Nein, nein, Poſitiveres, Herr von Martini, wie Sie ſelbſt ganz genau wiſſen.“ ſo?“ ſagte er wie Jemand, der ſich plötzlich erinnert, indem er lächelnd den Kopf ſchüttelte, es iſt mir jetzt ganz klar, wo Sie hinaus wollen— Sie erzeigten dem Geſchäftsmann vor einiger Zeit in Betreff der kleinen Brieftaſche, die in Ihren Händen iſt, eine an ſich unbe⸗ deutende Gefälligkeit, und wollen jetzt dafür mit dem — ᷓ — 208— Vater Abrechnung halten— es wäre das kein ganz ſchlechtes Geſchäft, meine verehrte Madame Reveillot.“ „Abrechnung?— vielleicht Herr von Martini,“ ſagte die alte Frau mit großem Ernſt,„aber nicht in der Weiſe, wie Sie ſich ſo eben ausdrückten— ja es handelt ſich in der That um jene kleine, grüne Brieftaſche, viel⸗ mehr um beide, die mit ihrem Inhalte in einer Hand vereinigt von ſo großer Wichtigkeit ſein ſollen— Sie ſagten das ſelbſt— erinnern Sie ſich?“ „Und wann hätte ich das geſagt?“ „Nun vor einigen Tagen in dem Zimmer, welches wir ſoeben verließen, im Beiſein Ihres Buchhalters.“ „Ach ja, richtig.“ „Sie hatten erfahren, daß ſich im Beſitze meines En⸗ kels die zweite grüne Brieftaſche befand, das Erbtheil ſeines armen Vaters, ein an ſich unbedeutender Gegen⸗ ſtand, welche mein Schwiegerſohn an jenem denkwürdigen Sy veſterabend mit nach Hauſe brachte— ich ſagte vor⸗ hin ein unbedeutender Gegenſtand, der aber durch eine eigenthümliche Verkettung von Zeit und Umſtänden zu einer außerordentlichen Wichtigkeit gelangt iſt.“ Herr von Martini zuckte die Achſeln unter einem Lä⸗ cheln, als wolle er ſein Bedauern ausdrücken über die lebhafte Phantaſie dieſer alten Frau, welche ſich nun auf einmal mit einer Sache beſchäftigt, die für ihn und die kein ganz veillot.“ ini,“ ſagte cht in der es handelt aſche, biel⸗ iner Hand en— Sie r, welches alters.“ neines En⸗ Erbtheil er Gegen⸗ twürdigen ſagte vol⸗ durch eine tänden zu einem Lä⸗ über die Hnun auf n und die 209— ganze Welt abgethan— fertig war, dann ſagte er:„Auch ich glaubte einmal an etwas Wichtiges, welches aus der Zuſammenſtellung jener Zettel ſich entwickeln könnte, nund aber bin ich überzeugt, mich geirrt zu haben.“ „Und ich,“ ſagte die alte Frau mit großer Lebhaf⸗ tigkeit,„bin dagegen überzeugt, auf der richtigen Spur zu ſein.“ Der Bankier zuckte abermals die Achſeln, doch war ſein Lächeln dabei nicht mehr ſo ungezwungen wie eben: es lag etwas ſo Sicheres, ja man konnte ſagen ſo Triumphirendes in den klaren Augen der Madame Re⸗ veillot, daß er unwillkürlich fühlte, wie das, was ſie zu ſagen hatte, für ihn an ganz beſonderem Intereſſe zu⸗ nehmen werde. „Sie bemühten ſich,“ fuhr jene fort,„aus den zwölf Zetteln— es waren deren doch zwölf?— irgend etwas zuſammenzuſtellen— irgend eine Notiz zu erhalten, die, wie Sie damals ſelbſt ſagten, von Wichtigkeit ſein würde.“ „Ja, ja, ich ſagte damals ſo,“ erwiederte der Andere in gleichgültigem Tone,„bin aber jetzt eines Beſſeren überzeugt.“ „Eines Beſſeren?“ rief die alte Frau,„ſagen Sie lieber, Sie hätten ſich überzeugt, daß aus Ihren zwölf Zetteln, wie Sie ſie auch zuſammenſtellen mochten, durch⸗ Hackländer, Zwölf Zettel. II. 14 210— aus kein vernünftiger Sinn herauszubringen war— wollen Sie vielleicht die Güte haben, mir das zuzuge⸗ ſtehen?“ ————„Warum nicht,“ gab der Bankier nach einer kleinen Pauſe zur Antwort,„weil das Ganze eine Spielerei war, weil nie ein vernünftiger Zuſammenhang zwiſchen dieſen Zetteln beſtanden hat.“ „Nein, Herr von Martini, das iſt nicht die Urſache.“ „Und welche denn, wenn ich fragen darf?“ „Weil Sie— im Beſitze der falſchen Zettel ſind.“ Dieſe Worte, ſo einfach ſie klangen, erregten mit einem Male die volle, ungetheilte Aufmerkſamkeit des Bankiers; er fuhr empor, und ſeine finſter zuſammengezogenen Mie⸗ nen drückten das größte Intereſſe aus: ſeine Blicke wur⸗ zelten in denen der Madame Reveillot—„nach Ihren Worten zu urtheilen gäbe es alſo echte Zettel?“ „Allerdings.“ „Und wo befänden ſich dieſelben?“ „In meinem Beſitze.“ „Der Teufel auch,“ rief Herr von Martini, indem er aufſprang—„es wäre das keine Kleinigkeit, wenn Sie die Wahrheit ſprächen.“ „Alſo geſtehen Sie ein Intereſſe zu, das Sie an den echten Zetteln nehmen?“ „Wenn dieſe vorhanden wären— allerdings.“ war— 3 zuzuge⸗ glier nach Urſache.“ el ſind. 4 nit einem Zankiers; gen Mie⸗ cke wur⸗ h Ihren „Sie ſind vorhanden, darauf können Sie ſich ver⸗ laſſen, und um Ihnen das zu ſagen, erbat ich mir eine Viertelſtunde Gehör bei Ihnen.“ „Nur um mir das zu ſagen?— In dieſer Sache, ſo wichtig ſie mir vielleicht ſein kann, ſehe ich immer noch keinen Zuſammenhang mit— mit— der Aufführung meiner Tochter, mit den lächerlichen Hoffnungen, welche Sie auf eine kindiſche Leidenſchaft derſelben zu bauen ſcheinen.“ „Ein Zuſammenhang wäre vielleicht doch vorhanden,“ erwiederte Madame Reveillot mit großer Milde,„doch bin ich nicht die Frau, die etwas mit Gewalt zu er⸗ zwingen wünſchte, was nur dann Segen bringt, wenn es freiwillig gegeben wird.“ „Pah,“ ſagte der Bankier, nachdem er einen Gang durch das Zimmer gemacht, ſich darauf wieder auf ſeinen Stuhl niedergelaſſen hatte und einen Augenblick ſeine Hand vor das Geſicht gedrückt,„Sie ſind eine viel zu praktiſche und verſtändige Frau, um im Ernſte einen ſolch' lächerlichen Gedanken zu faſſen— aber erlauben Sie mir eine Frage,“ ſetzte er mit lauerndem Blicke hinzu—„würden Sie der Welt den Beweis lie⸗ fern können, daß die Zettel in Ihren Händen die echten ſind?“ „Der Welt? ich glaube, es wäre das nicht unmög⸗ lich, Ihnen ſelbſt aber dieſen Beweis zu liefern, iſt das Leichteſte, was es geben kann.“ „Sie ſprechen da mit einer Sicherheit,“ entgegnete Herr von Martini, nachdem er einen tiefen Athemzug gethan,„die— die zum Mindeſten anzeigt, daß man Sie auf eine feine Art hinter's Licht geführt hat,“— er ſetzte in Gedanken hinzu,„die Todten reden nicht mehr, und wer hat Morel gekannt?“ „Ich möchte Ihrem Unglauben gerne zu Hülfe kom⸗ men, doch fürchte ich, Ihre Zeit zu ſehr in Anſpruch zu nehmen— die bewilligte Viertelſtunde iſt längſt ver⸗ ſtrichen.“ „Reden Sie immerhin,“ verſetzte er in einem unge⸗ duldigen Tone,„ich wünſche es, ich bitte ſogar darum.“⸗ „In dem Falle,“ entgegnete die alte Frau mit einer verbindlichen Verbeugung,„müſſen Sie mir ſchon eine ganz kleine Erzählung geſtatten, und obgleich ich wieder weit ausholen muß bis zu jenem gewiſſen Sylveſterabend, ja noch bis vor denſelben, ſo will ich mich der größten Kürze befleißigen.“ Die Worte der alten Frau:„bis vor den gewiſſen Sylveſterabend“ machten offenbar einen höchſt unange⸗ nehmen Eindruck auf den Bankier; wenn er ſich auch bemühte, die Ruhe ſeines Geſichtes feſtzuhalten, ſo ſtieg doch gerade von dieſer Anſtrengung eine leichte Röthe iſt das tgegnete themzug aß man zſt ver⸗ 1 unge⸗ arum.“ t einer wieder rabend, größten - 213— in ſein Geſicht, die indeſſen eben ſo raſch wieder ver— ſchwand, doch ſchloß er ſeine Augen ein wenig und drückte ſeine Lippen feſt auf einander: er hatte ſich vorgenommen, durch nichts, was in der Erzählung der alten Frau vor⸗ kommen ſollte, ſich ein Zeichen des Erſtaunens abnöthigen zu laſſen. „Vor jener Zeit,“ ſagte Madame Reveillot,„— wie lange vorher weiß ich nicht ganz genau— erſchienen zwei Männer bei einem hieſigen Bankier, um dort die Summe von fünfmalhunderttauſend Thalern zu deponiren. Sie thaten das gegen einfachen Schuldſchein, den aber Keiner dem Anderen überlaſſen wollte, weßhalb ſie zu dem Auskunftsmittel griffen, dieſen Schuldſchein bei einem Notar niederzulegen, und dieſes auf eine ſo ſinnreiche Art thaten, daß es Keinem der beiden Männer allein möglich war, ihn wieder zu erlangen, es ſei denn, daß der Eine von dem Andern hiezu beauftragt worden wäre,— die Quittung des Notars wurde zu dieſem Behufe in zwölf Stücke geſchnitten, von denen Jeder ſechs erhielt, und das— iſt der Urſprung der in Rede ſtehenden zwölf Zettel.“* Herr von Martini zeigte nur durch einen etwas tie⸗ feren Athemzug ſein allenfallſiges Intereſſe. „Wer alſo dieſe zwölf echten Zettel dem Notar vor⸗ legte, erhielt die Quittung des Bankierhauſes und damit 214 das hinterlegte Kapital von fünfmalhunderttauſend Tha⸗ lern nebſt Zinſen. Um ſie nun zu erhaltem, beging der Eine der beiden Männer an dem Anderen jenen gräß⸗ lichen Mord in der Sylveſternacht.———— Der Mörder entfloh, und nachdem er einen ſchweren Fall in einen Steinbruch hinab gethan, wo er ſtundenlang beſin⸗ nungslos liegen blieb, fand er Aufnahme bei einem Köh⸗ ler, hielt ſich dort eine Zeitlang verborgen und entkam alsdann unter allerlei Verkleidungen in ſeine Heimat, wo er ärmlich und kränklich ſein Daſein friſtete, denn von jenem Sturze war ſein Geiſt getrübt und erſt nach Jah⸗ ren gelangte er wieder zur vollen Beſinnung, um ſich auch der Vergangenheit zu erinnern und Schritte bei jenem Bankier zu thun, um wenigſtens einen kleinen Theil des demſelben anvertrauten Geldes zurück zu er⸗ halten.“ Ein tiefer Athemzug ſchwellte die Bruſt des Bankiers, doch lächelte er, wie man zu lächeln pflegt beim An⸗ hören einer Geſpenſtergeſchichte, welcher man keinen Glauben ſchenken will, die uns aber tief im Innerſten erſchüttert. „Der Mörder führte ſeinen Vorſatz aus und erſchien vor dem Bankier, wurde auch von dieſem wieder erkannt, obgleich jener ſich ſehr verändert hatte. Der Bankier ent⸗ färbte ſich, als er die lange, bleiche Geſtalt vor ſich er⸗ nd Tha⸗ ging der en gräß⸗ — Der Fall in i beſin⸗ em Köh⸗ entkam mat, wo enn von ach Jah⸗ um ſich kleinen zu er⸗ im An⸗ keinen nnerſten erſchien erkannt, ler ent⸗ ich a⸗ ſcheinen ſah, und ſeine Lippen zuckten, als der Andere wenigſtens einen Theil ſeines Geldes zurückverlangte, ein Kapital, mit dem der Bankier jahrelang gearbeitet, mit dem er ſich zum reichen und angeſehenen Mann empor— gearbeitet.“ Die Geſpenſtergeſchichte ſchien für Herrn von Mar⸗ tini ſo beängſtigend zu werden, daß er langſam ſein Ta⸗ ſchentuch hervorzog, ſeine feuchte Stirne damit abwiſchte, um alsdann wieder mit halbgeſchloſſenen Augen wie vorher und mit feſt aufeinander gepreßten Lippen nur etwas ſchwerer athmend den aufmerkſamen Zuhörer zu machen. „Der Bankier,“ fuhr die alte Frau in ruhigem Tone fort,„obgleich er den Anderen ſehr wohl erkannt, ver⸗ langte ſeinen Schuldſchein vorgelegt zu erhalten, was man ſehr begreiflich finden wird, ein Verlangen, welches der Andere aber eben ſo begreiflicher Weiſe nicht erfüllen konnte. Soweit wäre Alles in Ordnung geweſen, und der Bankier, der, wie ich oben ſagte, ſeinen Klienten er⸗ kannte, zahlte ihm ohne Widerſtreben eine bedeutende Summe aus, um ihn der Armuth zu entreißen und in Beſitz ſeines Schuldſcheins zu kommen— ich wollte ſa⸗ gen,“ verbeſſerte ſich die alte Frau mit einem eigenthüm⸗ lichen Lächeln,„ſo hätte er handeln können, aber ſtatt deſſen wußte er eine gewiſſe grüne Brieftaſche an ſich zu bringen, worin ſich aber leider nicht mehr die echten Zettel befanden.“. Hier zuckte der Bankier zuſammen, und man hörte, wie er hinter den feſt verſchloſſenen Lippen mit den Zähnen knirſchte. „Er brachte die Brieftaſche an ſich, halb mit Gewalt, halb mit Ueberredung und dann— verlangen Sie den Schluß meiner Erzählung zu hören?“ fragte Madame Reveillot. „Immerhin,“ brachte der Bankier mühſam und tonlos hervor,„ein Schluß muß ſein, er iſt wie die gültige Unterſchrift am Ende einer Urkunde.“ Die Augen der alten Frau glänzten im Ausdrucke tiefen Mitleids, als ſie in die erdfahlen Züge ihres Ge⸗ genübers blickte und als ſie ſah, wie Herr von Mar⸗ tini mühſam und ſchwer athmete und wie er auf ſeinem Stuhle ſchwankte; ſie wäre vielleicht nicht im Stande ge— weſen, ihre Geſchichte zu beendigen, wie ſie ſich vorge⸗ nommen, wenn jener nicht trotz alledem mit einer über⸗ menſchlichen Anſtrengung den Ausdruck kalter Ruhe, ja ein leichtes Lächeln um ſeine Züge beibehalten hätte. ————„und als ſich der Bankier ſo in den Beſitz der Brieftaſche geſetzt, ſorgte er auf ſeine Art für den Anderen— Herr von Martini brachte Herrn Morel in die Privat⸗Irren⸗Anſtalt des Herrn Doktor Narder, Parkſtraße Nummer vierundvierzig, wo der Unglückliche vor Kurzem geſtorben iſt.“ hörte,„—= it den Jetzt endlich wich das Lächeln vom Geſichte des Ban— kiers, doch immerhin noch nicht die Ruhe aus ſeinen zewalt 4 Zügen— er brachte langſam ſein T Taſchentuch an ſeine die den Lippen, huſtete leicht und erhob ſich alsdann mühſam, b radame indem er ſagte:„Dürfte ich Sie vielleicht um einen 4 Tropfen Waſſer bitten, Madame Reveillot?“ Dann tonlos 4 trat er mit ſchwankenden Schritten an das Fenſter, lehnte gültige ſich an die Brüſtung deſſelben und ſtarrte in die Nacht 4 hinaus. drucke Lange, lange ſtarrte er hinaus, und Madame Re⸗ 3 Ge⸗ veillot, welche ein Glas Waſſer geholt hatte, mußte leicht Mar⸗ ſeinen Arm berühren, um ſich bemerklich zu machen, wor— einem auf er aus dem Glaſe trank, ſich dann umwandte, und de ge⸗ aufrecht, wie er immer zu thun pflegte, die Hände auf vrge⸗ dem Rücken zuſammengelegt, im Zimmer hin und her über⸗ ging. 4 f„Reden wir nicht mehr darüber, Madame Reveillot,“ ſagte er hierauf in bebendem Tone, vor der alten Frau, lnr welche ihm mit gefalteten Händen nachgeblickt, ſtehen . bleibend,—„hier wenigſtens nicht, ich bin zu ſchwach, t in zu erſchüttert, um das Wenige zu ſagen, was ich allen⸗ falls zu meiner Vertheidigung ſagen könnte—— ſparen 218— wir uns das auf, bis ich meinen Richtern gegenüberſtehen werde.“ „Gott helfe mir!“ rief die alte Frau erſchrocken, „wenn ich ſo etwas durch meine Eröffnungen zu Wege gebracht,— ah, das kann Ihr Ernſt nicht ſein— denken Sie an Ihre Stellung in der Welt, denken Sie an Ihre Tochter.“ „Mein Kind!— mein einziges Kind!— meine Anna!“ ſtieß er in wilder, verzweiflungsvoller Bewegung hervor, und zum erſten Male während der ganzen Un⸗ terredung wich die kalte Ruhe aus ſeinem Geſichte, und Thränen glänzten in ſeinem Auge—„meine Anna, mein Kind! Laſſen Sie mich zu ihr— ſie wird mich begleiten, wenn ich dahinten laſſe Glück und Reichthum, — ſie wird ſich ihres Vaters nicht ſchämen, ſelbſt wenn ſie Alles weiß, ſie wird Worte der Liebe, des Troſtes für mich haben.“ Er ſank auf den Stuhl nieder und verbarg ſein Ge⸗ ſicht in beide Hände. Die alte Frau näherte ſich ihm, und als ſie ihre warme Hand auf ſeine kalten Finger legte, ließ er ſeine Arme langſam herabſinken und blickte ſie an. Es lag eine Hoheit, eine Würde und zu gleicher Zeit eine ſo wohlthuende Ruhe auf ihrem edlen Geſichte, in ihren hellen, ſchönen Augen, daß Herr von Martini, als — eerſtehen hrocken, 1 Wege denken an Ihre meine wegung en ÜUn⸗ e, und Anna, d mich hthum, t wenn Troſtes in Ge⸗ ſie ihm ſagte:„Wollen Sie mir eine Bitte erfüllen?“ ohne Bedenken ein entſchloſſenes Ja zur Antwort gab. „Geben Sie mir Ihr Wort darauf?“ „Ich gebe es Ihnen.“ „Als Mann und als Vater?“ „Als Mann und als Vater.“ „So bitte ich, ſo verlange ich, daß dieſer Stunde, daß dieſer Unterredung nie mehr gedacht werde, weder hier noch anderswo.“ „Das iſt unmöglich,“ fuhr er empor. „Ich habe Ihr Wort darauf, und um Ihnen zu be⸗ weiſen, wie überlegt, wie ernſt meine Bitte war, ſind hier jene verhängnißvollen zwölf Zettel— die echten, Herr von Martini, ich ſchwöre es Ihnen— die ich Ihnen hiemit zu jedem beliebigen Gebrauche übergebe— Ihre Schuld lebt jetzt nur noch in Ihnen fort, die Zeu⸗ gen derſelben ſind in Ihren Händen— Morel iſt todt —— wozu bedarf es in dieſer Angelegenheit irdiſcher Richter, da Sie ohne ſolche im Stande ſind, durch gute Handlungen Verzeihung zu erlangen— da es Ihnen nicht ſchwer werden kann, ein begangenes Unrecht wieder gut zu machen?“ „Ein Unrecht an Ihrer Familie— ein Unrecht an dem Vater Anatole's?“ „Indem Sie einen Schatten verwiſchen, der immer — 220— noch herüber ſpielt in das Leben dieſes braven, wackeren jungen Mannes.“ „Wie danke ich Ihnen für dieſen Urtheilsſpruch!“ rief er mit leuchtendem Blicke. „Und um Ihnen die Ausführung zu erleichtern,“ ſagte die alte Frau mit einem anmuthigen Lächeln,„bitte ich Sie, einen Blick in dieſe Papiere zu werfen.“ Sie ging an ihren Schreibtiſch und zog eine kleine Mappe hervor, welche ſie geöffnet in die Hände des Ban⸗ kiers legte. Er warf einen Blick hinein, erhob ſich donn raſch, 32 ergriff die Hand der alten Frau und ſagte tief bewegt, indem er ſie ehrfurchtsvoll an ſeine Lippen drückte: „Frau Marquiſe von Reveillot, gehen wir zu unſeren Kindern.“ wackeren ſpruch!“ ichtern,“ n,„bitte ee kleine ees Ban⸗ n raſch, bewegt, V drückt: unſeren Oanes Pic