Leihbibliothek deutſcher,engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduſard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 3 Leih- und LCeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.— —4 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat:„, Mek.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 7 Mk.— Pf. „ 3 4„ 3„„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern dc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe 85 auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bucher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 1 Zwölf Zettel. Von F. W. Hackländer. Erſter Band. Stuttgart. Druck und Verlag von Eduard Hallberger. 1868. Inhalt des erſten Bandes. Seite Erſtes Fapitel............... 1 Zweites Kapitel. 22 4½ Drittes Kapitel............... 52 Viertes Kapitel 74 Fünftes Kapitel.............. 103 Sechstes Kapitel............. 113 Siebentes Kapitel Irſtes Kapitel. Es könnte wohl nicht leicht einen ſtärkeren Gegenſatz geben, als manches der Zimmer eines alten Hauſes, in welchem wir uns gerade befinden, mit dem Aeußern des⸗ ſelben boten. Dieſes Haus, finſter, hoch und ſchmal, zeigte der Straße eine verſchnörkelte Giebelwand, die von einer Wetterfahne gekrönt war, welche ſich indeſſen ſchon lange nicht mehr drehte; die graue Farbe der Vorderſeite dieſes Hauſes war ein Anflug des Alters und dabei noch ſchattirt und ſchraffirt von Regen und Feuchtigkeit aller Art aus überlaufenden Dachrinnen und ſchadhaften Ab⸗ zugsröhren, welche man nicht immer zur rechten Zeit wieder ausgebeſſert hatte. Dieſes Haus war aber wie das häßliche Geſicht eines guten, alten Herrn, der im Innern voll guter Laune, voll Ränken und Schwänken iſt, und dem es ein Vergnügen macht, erſt die Kinder zu erſchrecken und ſie alsdann 1 Hackländer, Zwölf Zettel. I. 2— durch einen rothbackigen Apfel zu verſöhnen, und dieſes geſchah bei dem Hauſe, von dem wir reden, auf die ein⸗ fachſte Art von der Welt; denn obgleich es in der gang⸗ baren Straße, in welcher es ſtand, wie wir eben ſchon bemerkt, nur eine ſchmale Front hatte, ſo war es da⸗ gegen mit ſeiner Tiefe in einen Garten hineingebaut und hatte dort hinaus die ſchönſten, hellſten und luftigſten Räume, beſonders in den oberſten Stockwerken, von wo man nicht nur inen Theil der Stadt überſah, ſondern über die benachbarten Dächer und Schornſteine hinweg in die Umgegend hinein bis dort, wo ſich der Horizont mit ſanft aufſteigenden Bergen ſchloß. Eines dieſer Zimmer war nun weder reich noch wohl⸗ habend eingerichtet; was ihm aber an koſtbaren Tapeten oder werthvollem Geräthe abging, das erſetzte es durch eine außerordentliche Reinlichkeit, durch einen weißge⸗ ſcheuerten Fußboden, ſauber getünchte Wände, hellgeputzte Fenſter, vor denen ſich weiße, einfache Vorhänge befan⸗ den, und ſtimmte ſo vollkommen mit ſeiner Bewohnerin überein, einer alten Frau von vielleicht ſechzig Jahren, welche an einem der beiden Fenſter dieſer Stube ſaß. Sie trug ein Kleid von ſehr verwaſchenem Kattun, das aber trotzdem einen zierlichen, faſt eleganten Anſtrich hatte, ebenſo wie ihre friſchweiße Haube, unter der ein Geſicht hervorleuchtete, dem man ſchon im erſten Augenblicke gut ſein mußte und welches Jedem unbedingtes Vertrauen einflößte. Es waren dieſes feine und kluge Züge von einer ſo hellen, angenehmen Farbe, daß die Falten des Alters, welche man wohl um den Mund bemerkte, nicht im Stande waren, ſcharf oder ſtörend hervorzutreten, und wenn dieſes Alter auch wohl ſichtbar war, ſobald die alte Frau mit geſchloſſenen Lippen vor ſich niederſchaute, ſo verſchwand es doch faſt gänzlich wieder, wenn man beim Sprechen ihre immer noch ſchönen Zähne ſah, und vol⸗ lends dann, wenn ſie ihre hellen, ſchönen, verſtändigen Augen aufſchlug. Es lag etwas unausſprechlich Freund⸗ liches in ihrem Blicke, und wenn ſie auch ohne zu reden nur, wie ſie zuweilen that, von ihrer Arbeit an den Himmel hinaufſchaute, ſo war es gerade, als ſei ihr Ge— ſicht von einem Sonnenſtrahle beleuchtet. Dabei hatte ſie etwas Vornehmes in ihrer Haltung und in allen ihren Bewegungen, was indeſſen zu der faſt ärmlichen Zimmereinrichtung und zu ihrer Beſchäftigung nicht gerade paſſen wollte, denn letztere beſtand darin, daß ſie aus einem neben ihr ſtehenden Korbe feine Wäſche Stück für Stück herausnahm, prüfend gegen das Licht hielt und wo ſie etwas auszubeſſern fand, ſich ſogleich an dieſe Arbeit machte. 4 Ihr gegenüber ſaß eine andere Frau, nicht ſo alt wie die ſo eben geſchilderte, aber älter und vor allen . 4— Dingen unanſehnlicher ausſehend— etwas verwahrlost in ihrer Kleidung, war ſie in ein großes wollenes Um⸗ ſchlagtuch gehüllt und trug eine alte gelbe Haube mit verſchoſſenen Bändern, vor ſi em Schooße hielt ſie einen großen, verſchloſſenen Henkelkorb, an den ſie, während ſie mit der andern Frau ſprach, ihre Rede zu richten ſchien. „Mit der Arbeit ſchien die Kammerjungfer der Gräfin, als ich die Chemiſetten und Krägchen ablieferte, nicht un⸗ zufrieden zu ſein, dann brachte ſie es ihrer Herrſchaft, kam mit dem Geld heraus und bemerkte, die Gräfin habe doch gefunden, daß Alles das nicht ſo gemacht ſei, als 2 wenn es aus Ihrer Hand käme, Madame Reveillot, und da ſehen Sie nun, ob man den Leuten ihre vorgefaßte Meinung nehmen kann— Sie waren ſo gütig, mir einen Theil Ihrer Kundſchaft zu übertragen, wofür ich Ihnen gewiß ſehr dankbar bin— aber was nützt es mich?— die Sachen, welche Sie ſelbſt für ganz ausgezeichnet fanden, ſollen deßhalb nicht gut ſein, weil ſie nicht von Ihnen abgeliefert ſind.“ „Haben Sie der Kammerjungfer nicht geſagt,“ er⸗ wiederte die alte Frau mit einer wohlklingenden Stimme, in welcher aber ein fremdartiger Accent nicht leicht zu verkennen war,„daß ich die Wäſche durchgeſehen und für ſehr gut befunden habe?“ — 2— „Das habe ich ihr allerdings geſagt, ſie meinte aber achſelzuckend, ſie wolle das nicht beſtreiten, doch ſtände Madame Reyeillot in einem ſolchen Anſehen bei der Herr⸗ ſchaft, daß es en nicht in den Sinn käme, an ir⸗ gend etwas, was aus Ihrer Hand komme, eine Ausſtel⸗ lung zu machen— und habe das auch ſelbſt ja ſchon geſehen,“ fuhr ſie fort,„die vornehmſten Damen laſſen ſich von Ihnen bedeuten, und wenn Sie einmal etwas geſagt, ſo iſt es gerade wie ein Evangelium— und mit Recht, Madame Reveillot, mit großem Recht, denn wie Sie kann doch Niemand Andeutungen geben und die koſt⸗ barſten Spitzen, die ſonſt in's Ausland geſchickt wurden, wieder herſtellen.“ ⁵„Das iſt ſchon wahr, meine liebe Frau Sprudel, man hat in ſeiner Jugend etwas gelernt.“ Die alte Frau ſagte das mit einem eigenthümlichen Geſichtsausdruck, worauf ſie nach einem Athemzuge, der wie ein leichter Seufzer klang, fortfuhr,„ja man hat etwas gelernt und man weiß wie man mit Spitzen um⸗ gehen muß, doch da ich nie etwas halb zu thun pflege, ſo will ich's mich auch rechk gern einen Gang koſten laſ⸗ ſen, um Ihnen die Kundſchaft, die ich Ihnen einmal zu⸗ gewieſen habe, zu erhalten. Seien Sie unbeſorgt, es wird ſchon gehen; ich werde in dieſem und auch in den anderen Häuſern, die ich Ihnen übertragen, wiederholen, ——⸗⸗—⸗—⸗⸗⸗ℳ-/;ͦᷣxℳ⸗⸗⸗—C—C—C—:— — 6— daß es mir für andere Arbeiten an Zeit fehlt, ſeit ich mich mit dieſen eigenſinnigen und doch wieder ſo lieben Spitzen eingelaſſen habe— für ein Häuſer muß ich vor der Hand freilich auch noch andere Gegenſtände behalten, ich habe da Rückſichten zu nehmen, doch wenn ich die nicht mehr zu nehmen brauche, ſo werde ich Sie auch da einführen.“ 7759 „Das lohne Ihnen Gott, Madame Neveilet ünd da ich nun Ihre Zeit nicht mehr in Anſpruch nehmen will, ſo wünſche ich Ihnen einen guten Abend— wann darf S„ zügel 2u 9 ℳ meine Tochter zum Bügeln kommen? FA 5 „Laſſen Sie mich einmal nachrechnen— heute iſt der letzte Tag im Jahr, morgen Mittwoch Feiertag— Don⸗ nerstag, Freitag,“ ſagte die alte Frau nachdenkend— „alſo am Samstag.“ M H, M „Es ſoll nicht feh les ſic— ünktlich dä⸗ ſein— ſie iſt ſo dankbar, daß ſie die ſchöne Arbeit lernen darf.“ Damit ging Frau Sprudel fort, und als die alte Frau allein war, ließ ſie ihre Hände mit der Arbeit in den Schooß ſinken und warf einen Blick zum Fenſter hinaus über die Dächer hinweg auf die ſchneebedeckte im Strahl der Nachmittagsſonne glänzende Landſchaft. „Schon wieder ein Jahr vorüber,“ dachte Madame Reveillot,„und iſt es mir doch gerade, als hätten wir daſſelbe erſt geſtern begonnen— wie die Zeit von dannen — 7—= rollt, immer raſcher, je älter man wird— möchten mir nur noch einige dieſer kleinen Jahre vergönnt ſein, nicht für mich, das weiß Gott im Himmel, nur für ihn möchte ich es erleben, daß er ſelbſtſtändig wird, und ich ihn mit Ruhe hier zurücklaſſen kann.“ Lange blickte ſie ſo nachdenkend hinaus, und als ſie endlich ihre Gedanken, die wohl in weite Fernen geeilt waren, die ſich mit Vergangenheit und Zukunft beſchäf⸗ tigt hatten, zurückrief und nun auf ihre Arbeit nieder⸗ ſchaute, that ſie es nicht, um ſie fortzuſetzen, vielmehr warf ſie das kleine Spitzengewebe in das Körbchen, wel— ches neben ihr ſtand und ſagte, ſich erhebend,„nein, es iſt genug für heute— ich brauche mir kein Gewiſſen daraus zu machen, nichts mehr zu thun und kann die paar hellen Stunden noch dazu benützen, einen Ausgang zu machen.“ Sie nahm einen alten Shawl, ſetzte einen Hut auf und nachdem ſie ihrem Dienſtmädchen einige Anordnungen gegeben, verließ ſie das Haus.. Wenn man ſie ſo von Weitem dahin gehen ſah, ohne unterſcheiden zu können, daß der Stoff an ihrem Kleide grob und altmodiſch war, daß ihr Shawl ſchon manches Jahrzehnt erlebt hatte, und daß ihr Hut durchaus nicht mehr den Anforderungen der heutigen Mode entſprochen, ſo hätte man ſie für eine vornehme Dame halten können, denn ſo aufrecht und ſtolz war ihre ganze Haltung, ſo ſicher und ruhig war ihr Gang. Madame Reveillot wandelte durch mehrere Straßen faſt bis an's andere Ende der Stadt in eines der rei⸗ cheren Viertel, wo die Häuſer nicht mehr bürgerlich eng zuſammenſtanden, ſondern mitten in kleineren und größe⸗ ren Gärten, durch dieſe ſich jede zudringliche Nachbarſchaft ferne haltend. Vorne an der Straße waren zierliche Gitter mit ähnlichen Thoren, wohl auch maſſive Mauern mit Eingängen, welche durch Niſchen und Säulen verziert waren und hie und da in der Krönung das Wappen des Beſitzers zeigten. Vor einem der letzteren, an welchem ſich neben dem Klingelzug eine Meſſingplatte befand, auf welchem ein⸗ gravirt war: ‚von Martini und Sohn,, blieb ſie ſtehen, brauchte aber nicht anzuläuten, da ein Lakai, der im Be⸗ griffe war, das Thor zu ſchließen, ſie einließ. „Fräulein von Martini hat mich rufen laſſen, und bitte ich Sie, mich anzumelden.“ „Ich weiß, Madame Reveillot,“ erwiederte der Be⸗ diente freundlich,„kann aber-nicht ſagen, ob das gnädige Fräulein zu ſprechen iſt, jedenfalls aber Madame Fichtner, was wohl in dem Falle auf's Gleiche herauskommt.“ Und darauf wurde die alte Frau der Madame Ficht⸗ ner gemeldet und von dieſer angenommen. 9 Madame Fichtner war die Erzieherin des Fräuleins Anna von Martini und da deren Vater, einer der reich⸗ ſten Bankiers der Stadt, ſchon ſeit Jahren ſeine Frau verloren hatte, und ſich ſeiner vielen und wichtigen Ge⸗ ſchäfte wegen nicht ſehr um den inneren Betrieb des Hausweſens kümmern konnte, ſo war er glücklich darüber, in der guten Erzieherin ſeiner Tochter eine ebenſo vor⸗ treffliche Haushälterin gefunden zu haben, und überließ ihr ziemlich uneingeſchränkt die Leitung deſſelben. Dieſes war beſonders ſeit den letzten beiden Jahren der Fall, ſeit Anna aus der Penſion zurückgekehrt war und nun s ein beinahe ſiebenzehnjähriges Mädchen die Honneurs a des reichen Hauſes zu machen verſtand; denn daß Ma⸗ dame Fichtner bisher die Gäſte aus den vornehmſten Kreiſen der Stadt empfangen mußte, hatte für den ſtolzen Finanzmann beſtändig etwas Unangenehmes gehabt, war aber nicht zu umgehen geweſen, da er ſich aus vielerlei Gründen nicht zu einer zweiten Heirath hatte entſchließen können. Madame Fichtner war ſo freundlich, der alten Frau einen Stuhl anzubieten, ſagte aber, ehe dieſe ſich nieder⸗— ließ,„ich könnte Ihnen ganz gut mittheilen, weßhalb Fräu⸗ lein Anna Sie rufen ließ, doch da ich weiß, daß ſie es vorzieht, mit Ihnen ſelbſt zu verkehren, ſo wollen wir ſie aufſuchen— ſie iſt drunten im großen Gewächshauſe.“ 10— Damit erſuchte die Haushälterin Madame Reveillot ihr zu folgen und führte ſie durch die mit Teppichen be⸗ legten Gänge des großen und prächtigen Hauſes, in wel⸗ chem jeder Raum angenehm erwärmt war und Alles ſo elegant wie möglich, aber ſo ſtill wie in einer Kirche, eine breite Marmortreppe hinab, die mit Pflanzen und Statuen beſetzt war, und Beide traten alsdann, unten angekommen, in ein allerliebſtes, rundes Gemach, deſſen Boden mit feinen indiſchen Matten belegt war und deſſen Möbel wie aus natürlichem Holze zuſammenge⸗ wachſen ſchienen, und von hier in das große Glashaus, von wo ihnen das laute fröhliche Lachen von einem Paar Mädchenſtimmen entgegenſchallte und wo ein kleiner, run⸗ der Raſenplatz, der, auf geſchmackvolle Art mit Palmen, Dracgenen, Lorbeer⸗ und Orangenbüſchen umgeben, einen herrlichen Gegenſatz bildete zu der kahlen, weißbedeckten, winterlichen Landſchaft. Hier ſchlugen zwei junge Damen Ball, und wenn eine der bunten Kugeln vorbeiflog, oder etwas zu hoch an das Glasdach geſchnellt wurde, ſo veranlaßte das zu neckiſchen, ſcherzhaften Bemerkungen, welche jedesmal von dem eben erwähnten luſtigen Lachen begleitet waren, in dem weiten, hohen Raume ein heiteres Echo weckend. Jetzt ging einer der Bälle gänzlich fehl und flog zu den Füßen der Madame Revelllot nieder, welche ihn auf⸗ * hob und der jungen Dame entgegentrug; dieſe nahm ihn mit ihren beiden Händchen und faßte dabei auch zu glei⸗ cher Zeit die Hand der alten Frau, ſie auf ſolche Art herzlich begrüßend, wobei ſie im reinſten Franzöſiſch ihre Freude ausdrückte, daß Madame Reveillot gekommen ſei, um wieder einmal eine ihrer kleinen Launen zu be⸗ friedigen. Als dieſe nun in der gleichen Sprache die freundliche Anrede beantwortete, glänzten ihre Augen noch lebhafter, und die Gewandtheit im Ton und Ausdruck, mit der ſie ſich jetzt ausſprach, ſchien ſich auch ihrem ganzen Weſen mitzutheilen, und als ſie ſich auf das Erſuchen des Fräu⸗ leins von Martini neben dieſem niederließ, that ſie das mit dem Anſtande einer ſehr vornehmen Dame, was ſelbſt Madame Fichtner veranlaßte, dem andern jungen Mädchen die Bemerkung zuzuflüſtern,„es iſt doch etwas Eigenthümliches mit dieſen alten Franzöſinnen; wenn man ſelbſt weiß, daß ſie gewöhnlicher Herkunft ſind, ſo haben „doch manche unter ihnen den allerbeſten Anſtand von der Welt.“ Es war nun allerdings eine Laune, weßhalb Anna von Martini die alte Büglerin zu ſich hatte bitten laſſen, oder machte es ihr vielleicht Vergnügen, aus deren Munde das reine Franzöſiſch der Touraine zu hören, denn das junge Mädchen ſprach wenig und veranlaßte Madame — 1½— 2 2 Reveillot zu Auseinanderſetzungen über Veränderungen an einem koſtbaren Spitzenſchleier und ließ ſich dabei auch noch eine Abhandlung über die herrſchende Mode im All⸗ gemeinen geben, was jene mit der gleichen Sachkenntniß that. Hierbei zog ſie auch Madame Fichtner ſowie ihre Freundin mit in das Geſpräch, und bald ſaßen alle Vier um den kleinen, runden Tiſch, welcher vor der Garten⸗ bank ſtand, im angelegentlichen Geſpräch. Es wurde dieſe lebhafte Unterhaltung indeſſen nach kurzer Zeit unterbrochen durch den Eintritt des Herrn von Martini, Anna's Vater, eines großen, ernſt aus⸗ ſehenden Mannes, deſſen dunkles Haar ſchon ſtark mit Grau gemiſcht war, und deſſen Geſicht man hätte ſchön nennen können, wenn der Blick der Augen nicht beinahe finſter geweſen wäre, und wenn er nicht die Gewohnheit gehabt hätte, die Lippen auf eine unangenehme Art zu⸗ ſammenzuziehen, ja zuweilen eigenthümlich zu bewegen, ſelbſt wenn er nicht ſprach, ſo daß man hätte glauben können, er rede mit ſich ſelber. Die Haushälterin und Madame Reoveilllot erhoben ſiche raſch bei ſeinem Anblick, und die Freundin Anna's hätte das Gleiche gethan, wenn dieſe ſie nicht an der Hand zurückgezogen und halb laut zu ihr geſagt hätte,„bleibe ſitzen, Eliſe, Papa mag es nicht leiden, daß man ſo viel Aufhebens macht, wenn er kommt.“ 4⸗— 13— — „Ah,“ ſagte der Bankier, näher tretend, wobei ein leichtes Lächeln über ſeine Züge flog,„hier ſcheint man in wichtige Berathungen vertieft, worin ich übrigens in keiner Weiſe ſtören will, nur muß ich Frau Fichtner für meine Geſchäfte einen Augenblick in Anſpruch nehmen.— Madame Reveillot,“ wandte er ſich an dieſe,„ich freue mich immer, wenn ich Sie in ſo guter Geſundheit ſehe, und was Ihren Enkel anbelangt, ſo kann ich von ihm in jeder Hinſicht nur das Beſte ſagen.“ „Dafür danke ich Gott und Ihnen,“ erwiederte die alte Frau mit leuchtenden Augen, wobei ſie ihre Hände vor der Bruſt zuſammenfaltete und dazu eine anmuthige Verbeugung machte. „Gewiß, Madame Reveillot, es iſt ſo wie ich Ihnen ſage und würde ich Ihnen im anderen Falle die Wahr⸗ heit eben ſo wenig verſchweigen.“ Nach dieſen Worten entfernte er ſich mit der Haus⸗ hälterin, und als er an ſeiner Tochter vorüberſchritt, nickte er ihr freundlich zu und fuhr mit der Hand leicht über ihr dichtes lockiges Haar. Anna von Martini blickte ihm nach, dann ſagte ſie zu der alten Frau,„wenn Papa ſich ſo ausſpricht, da kann der, den es angeht, zufrieden ſein, und was Herrn Anatole betrifft, ſo ſpricht er, wenn er ſeinen Namen nennt, ſich beſtändig günſtig über ihn aus.“ 14— „Ich kann Ihnen nicht ſagen, wie mich das glück⸗ lich macht, und wie ich den Himmel bitte, daß er ſich ſeiner annehmen möge und ihn auf gutem Wege er⸗ halten.— Es iſt doch keine Indiskretion,“ fuhr ſie nach einer kleinen Pauſe in fragendem Tone fort,„wenn ich ihm ſage, daß Herr von Martini ſeiner lobend er⸗ wähnt hat?“ „Gewiß nicht, Madame Reveillot,“ entgegnete die junge Dame, und ſetzte mit einer ernſten, faſt altklugen Miene hinzu,„Sie dürfen ihm ſogar hinzufügen, daß er, ſo viel ich gehört, vom ganzen Comptoirperſonal, ja ſelbſt hier im Hauſe wohlgelitten iſt, und daß ihn Papa wohl ſchon zum Diner eingeladen haben würde, wenn es bei ihm nicht Regel wäre, dieſes erſt dann zu thun, wenn ein junger Mann zwei Jahre im Hauſe iſt— doch wird das auch kommen, denn ich bin überzeugt, Herr Anatole wird ſich Mühe geben, ſich nicht nur die Zufriedenheit von Papa zu erhalten, ſondern auch die des erſten Buch⸗ halters— was in dieſem Falle noch viel mehr zu be⸗ deuten hat,“ ſetzte ſie lachend hinzu. Die alte Frau konnte ſich nicht enthalten, ihre Hand leicht auf die des jungen Mädchens zu legen und ſie dabei mit einem dankerfüllten Blicke anzuſehen, doch nur einen Augenblick, dann zog ſie dieſelbe raſch zurück und ſagte in einem entſchuldigenden Tone,„verzeihen Sie, Fräulein von Martini, aber was Sie eben ſagten, that meinem Herzen zu wohl.“ „Und ich ſagte es, weil es wahr iſt, und weil ich wußte, daß es Ihnen angenehm ſein würde,“ erwiederte das ſchöne junge Mädchen,„und nun, wenn es Ihnen recht iſt,“ fügte ſie aufſtehend hinzu,„machen wir raſch einen Gang durch den Garten— es iſt nicht ſo kalt und will ein herrlicher Abend werden; ich war noch nicht draußen und möchte doch am letzten Tage des ſcheidenden Jahres noch ein wenig friſche Luft ſchöpfen, ehe der lange Abend kommt— meinſt Du nicht auch, Eliſe?“ Dieſe war ganz der Anſicht ihrer Freundin und eilte, ehe Anna es hindern konnte, in das Haus, um ein paar Mäntel und ein paar jener koketten Pelzmützen zu holen, welche die Schönheit eines friſchen, jungen Geſichtes auf eine ſo wundervolle Art erhöhen. Dann gingen ſie durch das Glashaus in den Garten, während Anna Madame Reveillot fragte,„was machen Sie am heutigen Abend? Sie bleiben gewiß bis zum neuen Jahre auf und ſind recht luſtig? wir gehen auch ſelten vor Mitternacht zu Bett, aber ohne eigentlich ver⸗ gnügt zu ſein: Papa hat an dieſem Abend einige gute Freunde bei ſich und kommt dann um Mitternacht in mein Zimmer, wo wir gegenſeitig unſere Glückwünſche austauſchen— das iſt Alles, und Sie?“ 16— „Es iſt eines unſerer wenigen und wohl unſer liebſtes Feſt,“ entgegnete die alte Frau,„obgleich die Feſtlich⸗ keiten deſſelben ziemlich unbedeutend ſind, Anatole bringt gewöhnlich einen oder zwei ſeiner Bekannten mit, wir plaudern und lachen, und wenn die jungen Leute ver⸗ langen, daß ich ihnen etwas aus meiner Vergangenheit erzählen ſoll, ſo muß ich ihnen an dieſem Abend ihren Willen erfüllen.“ „Sie haben gewiß eine intereſſante Vergangenheit, Madame Reveillot?“ „Wechſelvoll, mein liebes Fräulein— ich ſah ſehr heitere und glückliche und ſehr traurige Tage.“ „Von den erſteren möchte ich auch etwas hören— ach, ich ſtelle mir das bei Ihnen ſo reizend vor: Ihr Zimmer ſo einfach und dadurch ſo gemüthlich und Sie Alle ſo vergnügt und heiter— Sie werden ſich erinnern, daß ich einmal mit Frau Fichtner bei Ihnen war, aber am Tage— Abends wenn das Licht brennt, muß es noch viel heimlicher ſein.“ Madame Reveillot ſah das junge Mädchen freundlich an, doch erwiederte ſie nichts darauf. Sie gingen durch den großen Garten, welcher ſchön und geſchmackvoll angelegt war und in welchem man ſelbſt jetzt während des Winters die ſchaffende Hand des Gärt⸗ ners ſah, dort waren Roſen niedergelegt oder eingebunden, fi — Pfirſichſpaliere mit Matten verwahrt, große Beete voller Frühlingspflanzen mit ſchützendem Tannenreiſach zuge⸗ deckt. Am Ende dieſes Gartens befanden ſich die Stal⸗ lungen, und an dieſe anſtoßend das Comptoirgebäude der Firma„von Martini und Sohn“, einem kleinen Feſtungs⸗ bau nicht unähnlich, denn es beſtand aus ſtarken Qua⸗ dern, die Thüren waren von Eiſen und die Fenſter mit ſoliden Stangengittern verſehen, deren unfreundliches finſteres Ausſehen nach der Gartenſeite nur dadurch ge⸗ mildert wurde, daß ſie ſich hier hinter doppelten Fenſtern verbargen. Das Geſchäftshaus ſtieß mit einer Seite an eine rück⸗ wärts liegende ſchmale Straße, wo das ſämmtliche Per⸗ ſonal mit Ausnahme des erſten Buchhalters ſeinen Ein⸗ gang hatte. „Welch' prächtige Luft,“ ſagte Anna tief aufathmend, „wie wohlthuend und wie die Sonne zum letzten Male in dieſem Jahre ſo freundlich ſcheint— bald wird ſie untergehen und wer weiß, was uns der neue Zeitab⸗ ſchnitt bringen wird,“ ſetzte ſie mit ernſtem Tone hinzu, indem ſie ihre großen, ſchönen Augen auf den glänzenden Himmel richtete. „Für Sie, mein Kind, gewiß nur Schönes und Gu⸗ tes; Sie und Fräulein Eliſe ſind ja in jenem glücklichen . Alter, wo man von zwei mächtigen Kapitalien nach Hackländer, Zwölf Zettel. I. 2 18 Belieben zehren kann, Jugend und Schönheit, und wenn ich dazu Ihren Verſtand und Ihre Herzensgüte rechne, ſo erlaubt Ihnen alles das zuſammen zugleich mit Ihrer geſellſchaftlichen Stellung einen heiteren Blick in die Zu⸗ kunft— doch da iſt Anatole, ich ſehe ihn am Fenſter, er hat mich entdeckt— wenn ich es in Ihrer Geſellſchaft nicht für eine Indiskretion hielte, würde ich ihm einen Gruß zuwinken.“ „Thun Sie das immerhin, Madame Reveillot,“ er⸗ wiederte Anna von Martini lächelnd„dort drinnen. zwiſchen den dicken Mauern beginnt ſchon die Dämme⸗ rung, wo es ſich ſogar der erſte Buchhalter geſtattet, einen Augenblick gedankenvoll den Himmel zu betrachten und wo ſich Herr Anatole ſchon erlauben wird, an die Thüre zu treten, wenn er Sie wirklich erkannt— Sie haben ihm vielleicht etwas zu ſagen, und in dem Falle wollen wir Beide uns zurückziehen.“ „Wenn ich das befürchten müßte, ſo würde ich ihm gar nichts zu ſagen haben, und ſo iſt es auch in der That, obgleich es mich immer freut, wenn ich Ana⸗ tole ſehe und ein freundliches Wort mit ihm wechſeln kann— ah, da iſt er ſchon, er hat mich in der That erkannt.“ Die alte Frau eilte einige Schritte voraus, ging ge⸗ gen die kleine Thür, welche die Vermittlung bildete zwi⸗ 19 ſchen dem Privatgarten des Bankiers und ſeinem Geſchäfts⸗ hauſe und auf deren Schwelle ſich nun ein noch ſehr junger Mann zeigte, welcher augenſcheinlich Luſt zu haben ſchien, das verbotene Gartenterrain zu betreten, und es auch wahrſcheinlich gethan haben würde, wenn er nicht die beiden Damen bemerkt hätte, welche Madame Reveillot in einiger Entfernung folgten; ſo begnügte er ſich aber, die alte Frau mit beiden Händen zu begrüßen und ihr mit leiſer Stimme und einem freundlichen Lächeln auf Franzöſiſch zu ſagen:„Lieber wäre es mir ſchon geweſen, Großmutter, wenn ich Dich auf der andern Seite des Hauſes geſehen hätte, wo ich allenfalls ein Recht habe, zu Dir hinauszutreten; doch thut das auch nichts, ich habe Dich geſehen, was mich immer freut und werde heute Abend ſo pünktlich wie möglich kommen.“ „Bringſt Du einen Bekannten mit?“ „Einen vielleicht, wenn es Dir recht iſt.“ Der junge Mann war anſtändig, ſauber, aber an⸗ ſcheinend etwas dürftig gekleidet, doch war dieſes wohl des dünnen Sommerrocks wegen, den er auf dem Comptoir zu tragen pflegte, und in welchem er ſich jetzt hier trotz der Kälte ſehen ließ. Als ſich die beiden Damen näherten, wollte er ſich zurückziehen, doch begrüßte ihn Anna von Martini auf ſo freundliche Art, daß er nicht anders konnte, als dieſen — 20 Gruß erwiedern, wobei er um Entſchuldigung bat, auch nur den Verſuch gemacht zu haben, die Grenzlinie zu be⸗ treten,„welcher wir Alle,“ ſetzte er mit einem komiſchen Ernſte hinzu,„nur auf ganz außerordentlichen Befehl nahe zu kommen wagen.“ „Einen Befehl in dieſer Richtung habe ich Ihnen allerdings nicht zu geben, Herr Anatole,“ erwiederte die Tochter des Hauſes,„wenn es Ihnen aber Vergnügen macht, hier mit Madame Reveillot zu plaudern, ſo thun Sie das immerhin und ich will die Verantwortung über mich nehmen,“ doch verſicherte die alte Frau, es genüge ihr, ihn einen Augenblick geſehen zu haben, worauf ſie ſich mit einer dankenden Verbeugung gegen ihre junge und ſchöne Begleiterin wandte und dann mit dieſer und Eliſen dem Wohnhauſe wieder zuſchritt. Anatole blieb noch einen Augenblick unter der Thüre des Geſchäftshauſes ſtehen, nicht um den Damen nachzu⸗ blicken, ſondern um an den Himmel hinaufzuſchauen, auf deſſen dunkelndem Grunde gerade über ihm ein hellleuch⸗ tender Stern hervorſprang, ein Stern, der auch Anna von Martini nicht entging, welche, ehe ſie das Glashaus betrat, ſich umwendend, ebenfalls einen letzten Blick in die Höhe warf. Drinnen ſagte ſie zu Madame Reveillot,„den Spitzen⸗ ſchleier werde ich Ihnen ſchicken und bitte nur, mir zwei —. Zeilen ſchreiben zu wollen, ob Sie mir denſelben ſo z ſammenrichten können, wie ich es gewünſcht— ſchreiben Sie mir,“ wiederholte ſie, der alten Frau ihre Hand reichend,„oder es iſt noch einfacher, wenn Sie mir übermorgen durch Herrn Anatole eine Antwort ſagen laſſen.“ Zweites Kapitel. Nach Hauſe zurückgekehrt fand Madame Reveilllot ſchon ihre Lampe angezündet, die weißen Vorhänge vor den Fenſtern herabgelaſſen und den Tiſch vor dem ein⸗ fachen Sopha mit einem weißen Tuche bedeckt, und mit zwei Gedecken belegt, zu welchen ſie jetzt noch ein drittes hinzufügen ließ. Dann gab ſie ihrer alten Magd An⸗ weiſung zu dem einfachen Nachteſſen, und während dieſe ſich damit beſchäftigte, holte ſie aus einem großen Schranke eine Suppenſchüſſel herbei, welche heute Abend den Dienſt einer Bowle für den anzufertigenden Punſch verſehen ſollte, wozu ſie Alles ſelbſt herbeibrachte und richtete, und zwar, obgleich ſie allein war, ſo elegant und zierlich, wie es nur eine vornehme Dame in ausgewählter Geſellſchaft hätte machen können, die vor einer ſilbernen Schale ſtehend ſich von einem reich galonirten Diener Orangen und Zucker reichen läßt. Anatole kam, wie er verſprochen, nicht zu ſpät und brachte ſeinen Freund mit, einen jungen Mann in gleichem 23 ſ Alter von zweiundzwanzig Jahren wie er, Herrn Werder, aus einem anderen Handlungshauſe, der in der Stadt keine Familie hatte und ſich häufig als Gaſt in der be⸗ ſcheidenen Wohnung der Madame Reveillot befand. „Da ſind wir,“ rief Anatole heiter,„doch hat es mich heute einigermaßen Mühe gekoſtet, mein Verſprechen zu halten, nicht als ob es mir in den Sinn gekommen wäre, irgend eine andere Geſellſchaft der Deinigen vor⸗ zuziehen, meine gute Großmama, oder einen andern Punſch dem, der hier in den erſten Anfängen ſchon ſo vortrefflich duftet, aber die Verführung war groß— fragte mich doch ſelbſt der erſte Buchhalter mit ſo aus⸗ drucksvollem Tone, wo ich meine Sylveſternacht zu feiern gedächte, daß ich von dieſer Seite her eine Einladung fürchtete, und Herr von Martini ſogar, als er uns beim Weggehen den guten Anfang eines neuen Jahres wünſchte, betrachtete mich über eine Sekunde lang mit einem Ge⸗ ſichtsausdruck, der faſt an Wohlwollen ſtreifte.“ „Von der Seite hätteſt Du Dich nicht zu beunruhigen brauchen,“ ſagte Herr Werder,„denn der Chef eures Hauſes verbringt ſeine Sylveſter⸗Abende in ſehr würdiger und vornehmer Geſellſchaft: Geheime Kommerzienräthe, die erſten Finanzmänner der Stadt, Bankdirektoren und dgl., und um den runden Tiſch, auf dem ſie ihren Punſch trin⸗ ken, iſt heute Abend manche ſchöne Million verſammelt.“ —C—C— „Aber gewiß nicht mehr Heiterkeit als bei uns, nicht wahr Großmutter? wir wollen ſo luſtig als möglich ſein, und wenn Du von dem aufregenden Getränke dieſes Mal nichts verſchmähſt, wie es ſonſt leider Deine Gewohnheit iſt, ſo haben wir die Hoffnung, daß Du Dich Deiner Schulden erinnerſt.“ „Welcher Schulden, junger Herr, wenn ich fragen darf?“ „Oder Deines Verſprechens, um mich anders auszu⸗ drücken, mir einmal das Ereigniß aus dem Leben meines Vaters zu erzählen, das für mich nicht ohne Intereſſe ſein ſoll; Du haſt ſchon einige Male darauf angeſpielt und wenn ich Dich dabei feſthalten wollte, biſt Du mir immer wieder ausgewichen.“ „Vielleicht ſpäter— wir wollen ſehen.“ „Aber nicht nur als Redensart Du haſt, was da uo betrifft, ſchon öfter geſagt, ſpäter wollen wir ſehen, „ 7„ 4 ν5 3 ‿, 5 7 8 6 3 8, 3„ D 7 5 alſo parole d'honneur, Großmutter, Du erzählſt uns das ſpäter.“ „Nun ja, ich verſpreche es Dir.“ „Das laſſe ich mir gefallen— ah, da kommt Louiſon mit unſerem Nachteſſen.“ Man hätte ſich unter dem Namen Louiſon ein junges Mädchen vorſtellen können, doch wiſſen wir bereits, daß die Magd der Madame Reveilllot eine ältere und ſehr ——— geſetzte Perſon war, eigentlich eine Wäſcherin, gewöhnlich ſehr brummig, aber dem jungen Herrn ſo zugethan, daß ſie bei ſeinen guten und ſchlechten Witzen, welche er über ſie machte, beſtändig das dankbarſte Publikum abgab. So ſchmunzelte ſie auch heute, als er Louiſon geſagt und meinte:„einen ſo hübſchen Namen hätte ich mir vor dreißig Jahren ſchon gefallen laſſen, jetzt aber will ich bei meiner Liſe leben und ſterben— und damit wünſche ich geſegnete Mahlzeit.“ „Danke, Louiſon, aber Du biſt zu beſcheiden“— Anatole wandte ſich an ſeinen Freund,„Du weißt gar nicht,“ ſagte er zu dieſem,„was Louiſon für eine famoſe Perſon iſt; ſie hat dabei geholfen, mich ſo vortrefflich zu verziehen, nicht wahr Großmutter? und dann iſt ſie ein Sonntagskind und kann Geiſter ſehen.“ „Ach gehen Sie doch,“ erwiederte das alte Frauen⸗ zimmer ernſt werdend. „Das wäre wirklich intereſſant,“ meinte Werder,„ich habe noch nie Jemanden kennen lernen, der geſagt, ich habe Geiſter geſehen, ſondern bei dergleichen Geſchichten war die handelnde Perſon immer ein Vetter, ein alter Oheim oder ſonſtige Verwandte, welche einem anderen Verwandten dieſe Geſchichte erzählt.“ „Aber bei Louiſon iſt das etwas Anderes, ſie hat einmal ein Geſpenſt geſehen und ſoll es uns nachher er⸗ 1 b b b b — 26 zählen, wenn ſie will— o wir haben prächtigen Stoff für heute Abend— und dann dieſe guten Kartoffeln Großmutter, Du treibſt Verſchwendung mit uns, denn was Louiſon da aufträgt, riecht ganz genau wie Beef⸗ ſteaks oder Cotelettes.“ „Es ſind Cotelettes, junger Herr, und ich habe mir alle Mühe damit gegeben.“ „Vortrefflich, aber deßhalb ſchenke ich Dir doch Deine Geſchichte nicht, Werder muß ſie hören.“ Madame Reveillot blickte mit innigem Vergnügen auf die beiden jungen Leute, denen es ſo außerordentlich ſchmeckte, beſonders auf ihren Enkel, während ſie ſelbſt faſt gar nichts genoß; nur zuweilen flog ein Schatten über ihre Züge, nachdem Anatole ſie mit einem herzlichen Ausdrucke angeſchaut, und wieder auf ſeinen Teller nie⸗ dergeſehen; dann warf die alte Frau einen Blick auf das Tiſchzeug und auf die kahlen Wände ihrer Wohnung, und träumte wohl wie es anders ſein würde, wenn Anatole bei ihr in einem reichen, eleganten Speiſezimmer ſäße, bedient von Lakaien in der Livrée eines vornehmen Hauſes— hatte doch der junge Mann von der Natur Alles erhalten, um ſich als Mittelpunkt eines ſolchen vor⸗ nehmen Hauſes zu bewegen, waren doch alle ſeine Be⸗ wegungen ſicher und zierlich, ſeine Sprache gewählt, ſeine Manieren die eines feinen Mannes. Und wie wurden 27 dieſe Eigenſchaften unterſtützt von Geiſt und Herzensgüte, ſo vortheilhaft durch ſein Aeußeres hervorgehoben. Seine Geſtalt war vom ſchönſten Ebenmaß, etwas fein gebaut, dabei aber kräftig und gewandt, wobei die intereſſanten Züge ſeines Geſichtes, ohne daß man dieſes gerade hätte ſchön nennen können, ausdrucksvoll und dabei anziehend waren. Von Mutter und Großmutter hatte er den feinen Mund und die großen, glänzenden Augen, von dem Vater, deſſen Miniaturporträt über dem alten Sopha hing, das ſchwarze krauſe Haar. Auch Anatole's Freund, Herr Werder, war ein recht hübſcher junger Mann, aber ſo ganz anders—„o ſo ganz anders,“ konnte Madame Reveillot ſich nicht ent— halten leiſe vor ſich hinzuſprechen. Wenn zwei Dutzend ähnlicher junger Leute bei einander geweſen wären, ſo würde jede aufmerkſame, unparteiiſche Beobachterin nur auf Anatole mit der Frage gezeigt haben,„wer iſt das?“ „Dein Nachteſſen war ganz ausgezeichnet, Groß⸗ mutter, und wenn der Punſch nicht ſchlechter iſt, ſo bin ich mit Dir zufrieden— ah Louiſon, die Geiſterſeherin, ſchmunzelt.“ Nun hatte aber Louiſon eigentlich gar nichts an ſich, was einen ſolchen Namen gerechtfertigt hätte, denn unter Geiſterſehern ſtellt man ſich gewöhnlich Leute mit bleicher * — 28— Geſichtsfarbe, eingefallenen Wangen und einem gewiſſen unheimlichen Blick vor, wogegen die alte Magd ein Ge— ſicht von recht geſundem Ausſehen hatte, mit ſehr beweg⸗ lichen, gutmüthigen, beinahe munteren Augen. Werder mochte etwas Aehnliches denken und durch eine Verkettung von uns unbekannten Ideen mit ſeinen Gedanken in das Haus von Anatole's Prinzipal zurück⸗ gekehrt ſein, wo der würdige Bankier jetzt mit ſo und ſo viel anderen Millionen um den runden Tiſch herum ſaß, genug, er ſagte,„weißt Du wohl, Anatole, daß Herr von Martini die Augen eines Geiſterſehers hat?“ „Das iſt wahr,“ ſagte Madame Reveillot,„und wenn er mit Jemand ſpricht, ſo ſtarrt er auf eine wirklich un⸗ heimliche Art in weite, weite Fernen hinaus, als ſei er beſtändig mit anderen Gedanken beſchäftigt, oder als ſähe er ganz abſonderliche Bilder vor ſich.“ „Gewöhnlich ſchläft er ſehr ſchlecht,“ warf Anatole ein,„und um ſich müde zu machen, pflegt er, wenn wir Alle fort ſind, noch auf ſeinem Privatkabinet im Wohn⸗ hauſe oft bis nach Mitternacht zu arbeiten, daher mag wohl das Abgeſpannte in ſeinen Zügen ſowie der matte Blick ſeinen Grund haben.“ „Ein ſolches Leben wäre meine Leidenſchaft gerade nicht. Wenn ich einmal viel Geld verdient haben werde, wollen wir es recht genießen, nicht wahr, Großmutter?—. 29 Herr von Martini hat eigentlich nicht viel von ſeinem Leben: den ganzen Tag beſchäftigt, immer eilig, immer haſtig von einem Briefe, von einem Buche, von einer Zeitung zur andern eilend, findet er ſelten die Zeit, ſeiner einzigen Tochter mehr als ein flüchtiges Wort zu ſagen— was nützt ihn auf dieſe Weiſe ſein ungeheurer Reichthum?“ „Ja, er muß ſehr reich ſein.“ „So heißt es in der Finanzwelt,“ ſagte Herr Wer⸗ der—„übrigens hat das Haus von Martini und Sohn auch ſeine Kriſen gehabt, freilich noch unter dem alten Herrn, wo es einmal ſehr nahe am Fallen war.“ „Dein Vater und der Veſe Buchhalter ſind bekannt⸗ lich gute Freunde, und ſo ſchweigſam Herr Ringel auch auf dem Comptoir iſt, ſo wird er doch bei einem Glaſe Wein mittheilſam, da könnteſt Du wohl Näheres wiſſen.“ „Aus dieſer Quelle nicht das Geringſte, denn Herr Ringel geht in ſeinen Mittheilungen nur bis zur Grenze, wo die Geſchäftsgeheimniſſe beginnen, und was die an⸗ belangen, könnte man ihn auf einen glühenden Roſt legen, ohne etwas aus ihm herauszubringen. Daß das Haus von Martini und Sohn vor vielleicht zwanzig Jahren einmal ſehr ſchlecht ſtand, wiſſen alle Eingeweihten, und über den Aufſchwung, den es darauf plötzlich genommen, erzählt man ſich die verſchiedenartigſten Geſchichten: nach den 30— Einen ſei dem Hauſe eine bedeutende Erbſchaft zugefallen, nach den Andern ein großer Lotteriegewinnſt, wieder An⸗ dere erzählen, ſie hätten einen Schatz gefunden, denn da⸗ mals wurde das jetzige Wohnhaus gebaut; auch unheim⸗ lichere Geſchichten gingen wohl von Mund zu Mund, ſo daß der jetzige Chef des Hauſes, damals noch ein junger Mann, in Paris von einem verſchwenderiſchen Grafen oder Marquis, ungeheure Summen gewonnen und dieſen alsdann nach einem Wortwechſel im Duell erſchoſſen. An Gläubigen für alle dieſe Geſchichten fehlte es allerdings nicht, ſowie auch an Leuten mit lebhafter Phantaſie, welche ſolche Gerüchte auf ihre Art weiter ausſpannen, denn mein Vater erinnerte ſich noch ganz genau, wie man vor langen Jahren erzählt habe, jener Marquis oder Graf, der in Paris im Zweikampf gefallen, ſei dem Herrn von Martini in einer Nacht, als er allein in ſeinem Kabinette geſeſſen, erſchienen, und ſeit jener Zeit habe der Bankier nie mehr gelacht und ſein Auge jenen ſtarren, feſten, unheimlichen Ausdruck angenommen.“ „Seit wann er zu lachen aufgehört,“ meinte Anatole, „kann ich für meine Perſon nicht ſagen, wohl aber, daß ich ihn nie habe lachen ſehen.“ „Jener Gerede erinnere ich mich auch noch ganz ge⸗ nau,“ ſagte Madame Reveillot,„damals lebte Frau von Martini noch, eine gute, liebenswürdige und ſchöne b Dame; ſie ſtarb bald nachher bei der Geburt ihrer Tochter Anna und hinterließ dieſem Kinde jenen ganzen Schatz von guten Eigenſchaften.“ „O ſie iſt ſchön und gut wie ein Engel,“ rief Ana⸗ tole begeiſtert,„ſie iſt der gute Stern des Hauſes und wird nicht nur ſo angeſehen von den leicht erregbaren Gemüthern, wie ich bin, von Glutköpfen wie der meinige, ſondern auch von alten, geſetzten Männern. Hat doch Fräulein Anna ſogar unſeren erſten Buchhalter einmal zu einer witzigen Bemerkung veranlaßt, als er an einem nebelhaften Herbſttage die junge Dame im Garten ge⸗ wahrte und in ſich hineinbrummte, ‚na Gott ſei Dank, daß heute wenigſtens unſere Sonne ſcheint.“ Die alte Liſe hatte die Suppenſchüſſel mit dem Punſche auf den Tiſch geſetzt, und da ſie ſich ſchon eine Bemerkung erlauben durfte, ſo ſagte ſie, an das Ge⸗ ſpräch anknüpfend,„Fräulein Anna iſt viel zu gut für dieſe ſchlechte Welt, und wie gut ſie iſt, weiß ich am Allerbeſten— iſt doch meiner Schweſter Tochter ſchon drei Jahre bei ihr und wenn die von ihr ſpricht, ſo hebt ſie in einem fort die Hände in die Höhe.“ „Louiſon, das iſt brav von Deiner Nichte,“ rief Anatole,„dafür bekommſt Du auch ein Glas Punſch, und da wir bei dem erſten, welches wir trinken, gerade 3 Prinzipals ge⸗ 10 zufälliger Weiſe über das Haus meine 1 ſprochen, ſo wollen wir es leeren auf ſein Tochter Wohl.“ „———— ſo und wenn Großmutter es erlaubt, und ſeiner ſo erzählſt Du meinem Freunde Werder jetzt Deine Ge⸗ ſpenſtergeſchichte.“ „Ach das iſt gar nicht der Mühe werth— ich er— zähle es nicht gerne, und Madame Reveillot hört es nicht gerne.“ „Was mich anbelangt,“ meinte die alte Frau lächelnd, „ſo macht mir Deine Geſpenſtergeſchichte kein Grauſen mehr, denn ich hörte ſie ſchon zu oft, auch habe ich mir aus meinem Schlafzimmer etwas zu holen, und während der Zeit kannſt Du den jungen Leuten ſchon den Ge⸗ fallen thun.“ Nun liebte es Liſe ſehr, dieſe Geſpenſtergeſchichte preiszugeben, der großen Wirkungen wegen, die ſie ſchon damit hervorgebracht; auch hatte die Erzählung durch ſehr häufiges Wiederholen eine recht anſtändige Rundung erhalten und ließ ſich ſchon anhören; beſonders wenn man die alte Magd dabei betrachtete, wie ſie ſich zur Vorbereitung ihre Schürze um die nackten Arme wickelte und alsdann nach einem tiefen Athemzuge begann: „Alſo die Geſchichte iſt wahr, denn ich habe ſie er— lebt und war ſelbſt mit dabei; freilich iſt es ſchon ein paar Jahre her, und das Haus, wo ſie ſich zutrug, war ein altes Haus, wurde auf den Abbruch verkauft und jetzt ſteht ein neues da. Aber unter dieſem neuen ſieht man noch die Gewölbe des alten, in deren einem wir dazumal waſchen mußten bei der Herrſchaft, wo ich in Dienſten ſtand. Als ich dort eintrat, hatte man mir ge⸗ ſagt, Liſe, Du bleibſt nicht lange da, es iſt noch keine über die erſte Waſch da geblieben; doch habe ich gedacht, will's probiren, waſchen kann ich, fleißig bin ich auch— wir wollen ſchon ſehen. Morgens früh um fünf Uhr habe ich angefangen, die Wäſche zu ſeifen.“ „Weiter, Liſe— weiter!“ „Das gehört Alles dazu— und Nachts um ein Uhr ſollte ich anfangen zu waſchen, da ich aber Abends keinen Schlaf hatte, ſo fing ich ſchon um zehn Uhr an, dachte, da biſt Du ein paar Stunden früher fertig.“ „Sie waren allein in dem Gewölbe?“ frug Herr Werder. „Ganz allein, denn es war eine kleine Haushaltung und alſo auch eine kleine Waſch— an dem Abend ging es mir wie noch nie von der Hand, es war förmlich ein Segen dabei, und als es zwölf Uhr ſchlug, konnte ich ſchon durch meinen Haufen durchſehen.“ „Ah, es ſchlug zwölf Uhr?“ „Mitternacht— jetzt kommt's,“ ſagte Anatole. „Allerdings kam es, junger Herr, und ich will es Hackländer, Zwölf Zettel. I. 3 in meinem Leben nicht vergeſſen.— Wie es kam, kann ich eigentlich nicht ſagen, es kam nicht gegangen, es kam nicht geſchlichen, es muß ſo hereingeweht ſein wie vom Wind, und als ich zufällig einmal aufſchaute, um mir mit dem aufgekrämpelten Aermel die Naſe zu wiſchen, da ſtand es vor mir— keine zwei Schritte entfernt und ſchaute mich an.“ „Und was denn, Liſe.“ „Eine alte Frau in einem altmodiſchen Kleide, wie man es auf Bildern ſieht, und eine weiße Haube hatte ſie auf mit einem weißen Strich und weißen Bändern, aber ihr Geſicht war noch weißer— ſelbſt die Lippen, die gingen ein wenig in's Blaue, aber die Augen— o die werde ich nie vergeſſen, und wenn es jetzt noch d dunkel um mich iſt und mir die Geſchichte einfällt, da ſehe ich nichts wie die zwei leuchtenden Augen.“ „Weiter Liſe, weiter! nimm einen Schluck Punſch, der wird Dir wohlthun.“ „In der Hand hatte die Frau einen Teller, auf dem ſtand ein uraltes Gläschen mit Wein und daneben lag ein Stückchen Kuchen. Ich mußte mich an dem Waſch⸗ zuber halten, um nicht umzufallen, denn die Kniee knickten mir ein; ich dachte mir ſchon, jetzt geht's an's Halsum⸗ drehen, aber das Geſpenſt that mir nichts, es blickte mich eine Zeitlang an, dann ſetzte es den Teller auf den —9 ——nnx 35 0 Nebentiſch, und das Merkwürdigſte dabei war, daß e einen Ton gab, als ſie den Teller niederſetzte, was mich wunderte, denn ſo viel ich gehört hatte, macht Alles, was die Geſpenſter thun, kein Geräuſch. Hierauf drehte ſich die Frau wieder zu mir, ſtellte ſich gerade vor mich an den Zuber und fing an zu waſchen, wobei ſie mich bald mit einem traurigen Blicke anſah, leiſe ſeufzte und dann nach ihrem Teller mit dem Wein und dem Kuchen ſchaute. Da ich ſah, daß ſie mir nichts zu leid that, faßte ich Muth und nahm meine Arbeit wieder auf und ſo wuſchen wir darauf los, das Geſpenſt und ich, viel⸗ leicht eine Stunde lang, dann richtete es ſich auf, zog langſam ſeinen Aermel wieder herab, nahm vom Neben⸗ tiſch ſeinen Teller und trat vor mich hin, wobei es mich mit einem recht kläglichen Blicke anſchaute. Geh' mit Gott, ſagte ich halblaut, und wie ich das geſagt oder gedacht, ſo ſchlug es ein Uhr, und da verſchwand es mit einem langen, langen Seufzer— ich aber hatte mir doch zu viel Stärke zugetraut, daß ich mit dem Geiſt an einem Zuber gewaſchen, denn als ſie nun fort war und Alles vorbei, da fiel ich um wie ein Stück Holz, und als ich wieder zu mir ſelbſt kam, dämmerte bereits der Morgen.“ „A— a— a—ah, Liſe— Sie hatten geſchlafen und geträumt.“ „Hatte ſich'was mit Schlafen,“ erwiederte die alte * Magd in einigermaßen entrüſtetem Tone,„da war von keinem Traume die Rede, junger Herr, denn was ich ge⸗ ſehen, das ſahen vor mir ſchon ſehr viele Mädchen und verließen den Dienſt nach der erſten Waſch, wie ich auch, und das war dumm—o ſo ſehr dumm, denn ich hätte das⸗arme Geſpenſt ebenſo gut erlöſen können, wie die⸗ jenige, welche nach mir kam, und die es vollbrachte, da ſie couragirter war.“ „Und wie machte ſie das?“ „Nun als das Geſpenſt bei ihr am Zuber wuſch und immer nach dem Teller hinüberſchielte, dachte jene, was kann es mir ſchaden, wenn ich den Kuchen und den Wein verſuche und da aß ſie und da trank ſie und da lachte das Geſpenſt hell auf und da ſchlug es ein Uhr und da ſtand das Mädchen ebenſo wie ich allein in dem Ge⸗ wölbe; aber auf dem Tiſche, wo der Teller geſtanden, lag ein Haufen Goldſtücke.“ „Ja, da iſt es allerdings ſchade, daß Du nicht klüger warſt, Liſe.“ „Was wollen Sie, Herr Anatole,“ erwiederte die alte Magd achſelzuckend—„wenn man Unglück haben ſoll, zerbricht man den Finger im Reisbrei, und wenn es Suppe regnet, hat man gewiß keinen Löffel bei ſich, aber das Geſpenſt war von da an erlöst und meine Geſchichte iſt aus.“ „Eine vortreffliche Geſchichte und ſehr moraliſch,“ ſagte Herr Werder— das Geſpenſt war unfehlbar eine hartherzige Frau, welche ihren Dienſtboten nicht ſatt zu eſſen gab und zur Strafe dafür wandeln mußte.“ Madame Reveillot kam jetzt wieder aus ihrem Schlaf⸗ zimmer hervor und trug etwas in ein Papier Einge⸗ wickeltes in der Hand, das ſie vor ſich auf den Tiſch legte. „Was iſt das, Großmama?“ „Ich brauche es, um meine Schulden zu bezahlen.“ „Ah, Du biſt köſtlich— alſo willſt Du Dein Ver⸗ ſprechen erfüllen und uns die gewiſſe Geſchichte erzählen? Du darfſt Dir Glück wünſchen,“ wandte er ſich an ſeinen Freund,„daß Du gerade dabei biſt ſchon oft hat meine Großmutter davon geſprochen, aber noch nicht „Es wäre auch vielleicht beſſer, wenn ich es heute noch nicht thäte— wozu nützt es auch?“ ſprach die alte Frau mehr zu ſich ſelber als zu den beiden jungen Leu⸗ ten,„es iſt gar nichts Beſonderes, nur mir wichtig, weil Dein ſeliger Vater dabei betheiligt war, und daß es mir gerade heute ſo lebhaft in Gedanken liegt, kommt wohl daher, weil es ein Sylveſterabend war wie heute— vor zwanzig Jahren, Kinder, Anatole konnte kaum laufen— wir wohnten in der Stadt, aber nicht hier, in dieſem — —— — 3528— alten Hauſe; meine Tochter, Deine Mutter, war ſchon todt, und Dein guter Vater, der damals auf dem großen Fabriketabliſſement in Tiefenbach, eine Stunde von hier, den franzöſiſchen Briefwechſel beſorgte, blieb an jenem einunddreißigſten Dezember ſo lange aus, daß ich ernſtlich beſorgt um ihn wurde. Endlich kam er, und als ich ihn ſah, erſchrak ich über ſein Ausſehen: ſein Haar klebte ihm an der bleichen Stirne, auf der noch dicke Schweiß⸗ tropfen ſtanden, er athmete mühſam, und nachdem er mich flüchtig begrüßt, ging er in's Schlafzimmer, um ſich die Hände zu waſchen, an denen ich ſchon, als er eintrat, Blutflecken bemerkt hatte.“ „Das iſt ja gräßlich, Großmutter.“ „Mir kam es auch ſo vor, aber nur weil mich die Aufregung Deines guten, braven Vaters dauerte, denn,“ ſetzte ſie mit Stolz hinzu,„wer den— wer Deinen Vater wie ich kannte, und viele Leute kannten und ſchätzten ihn, der würde nur in dem Gedanken erſchrocken ſein, es ſei ihm ſelbſt etwas Furchtbares begegnet, und ſo war es auch, obgleich er gänzlich unverletzt war. Das erzählte er mir, nachdem er an jenem Abende bei der Behörde geweſen und dort die Sache berichtet. „Dein Vater hatte an jenem Abend etwas lange ge⸗ arbeitet, und es war ſchon vollkommen dunkel, als er das Comptoir auf der Fabrik verließ, was ihm indeſſen an & — „* 3 9 ſich gleichgültig war, da er, ein kräftiger Mann, einen guten Stock bei ſich hatte, ihm zudem noch nie et⸗ was Unangenehmes auf der einſamen Landſtraße be⸗ gegnet war. So ſicher wie jetzt war es damals al⸗ lerdings noch nicht und man hörte hie und da von räuberiſchen Anfällen und von böswilligen händelſüchtigen Menſchen. „Die Landſtraße, welche von Tiefenbach hieher zwei⸗ mal ſtark aufwärts und abwärts führte, war ziemlich ver⸗ laſſen, nur als Dein Vater in der Mitte des Weges in der Tiefe angekommen war, ſah er dicht am Chauſſee⸗ graben einen zweiſpännigen Wagen ſtehen, eine Kaleſche, deren Dach vorgeſchlagen war; obgleich die Laternen an derſelben hell brannten, ſo ſah er doch Niemanden in dem Wagen, auch keinen Kutſcher auf dem Bock, wohl aber glaubte er zu bemerken, daß die Zügel von einem im Fahrzeuge Sitzenden gehalten wurden. Es war eine kalte Nacht, und die Thiere ſchüttelten ſich froſtig unter dem ſcharfen Winde, als er zögernd vorüberſchritt. Da er aber keine Veranlaſſung ſah, ſich hier aufzuhalten, ging er langſam den vor ihm liegenden Berg hinauf, wobei er ſich häufig umſchaute. So oft er jedoch ſtehen blieb, be⸗ merkte er die beiden Laternenlichter ruhig auf derſelben Stelle, was ihn am Ende doch bewog, wieder umzu⸗ kehren und ſich die Equipage näher zu betrachten. Die 40 Reiſenden werden eingeſchlafen ſein, dachte er, und wenn man vielleicht die Pferde, die ſo dicht am Straßengraben ſtanden, beim Erwachen plötzlich antrieb, ſo konnte das Gefährt den ziemlich hohen Damm hinabſtürzen. „Unten angekommen, blickte er in die Kaleſche hinein und glaubte, in der Ecke eine Geſtalt zu bemerken, die er mit lauter Stimme anrief— es erfolgte keine Ant⸗ wort und ebenſowenig auf einen zweiten und dritten noch ſtärkeren Ruf wohl aber hoben die Pferde ihre Köpfe und zogen an, weßhalb Dein Vater raſch nach den Zü⸗ geln griff und nicht nur erſtaunt war, daß ihm dieſe in der Hand blieben, ſondern auch mit Entſetzen bemerkte, daß ſich ſeine Finger blutig färbten, ſobald er das Leder anfaßte. Da ſtand er rathlos und verwünſchte ſeine Be⸗ reitwilligkeit, fremden Leuten helfen zu wollen— er mußte die Zügel feſt in der Hand halten, um die Pferde wieder zum Stehen zu bringen. Glücklich war er, in die⸗ ſem Augenblicke das Knallen einer Peitſche zu hören und bei dem ſchwachen Lichte der Sterne einen Frachtwagen zu bemerken, welcher ebenfalls aus der Richtung von Tiefenbach den Berg herabkam. „He, mein Freund!' rief er den Fuhrmann an, der neben den Pferden ging, und bat ihn näher zu kommen, aber ſeine Laterne mitzubringen. „„Der Andere dachte, Dein Vater ſei der Herr der 1 1 — ————— 41 Equipage und ihm irgend ein Unfall begegnet, erſtaunte aber nicht wenig, als er nun das Nähere erfuhr, ſchaute ziemlich mißtrauiſch drein und ſtieß einen lauten Ruf des Schreckens aus, nachdem er mit ſeiner Laterne in den Wagen geleuchtet: drinnen in der Ecke ſaß ein Mann mit tief auf die Bruſt herabgeſenktem Kopfe, deſſen Schädel von einer Kugel zerriſſen war, welche vornen auf der Stirne eingedrungen und wohl den augenblicklichen Tod herbeigeführt hatte.“ „Entſetzlich, Großmutter.“ „Dein Vater und der Fuhrmann wechſelten cfn paar unruhige Blicke und erſt als Dein Vater mit der Ruhe eines guten Gewiſſens ſagte, er ſei ein in der Stadt wohlbekannter Mann und vor einer halben Stunde von dem Fabriketabliſſement in Tiefenthal weggegangen, ver⸗ lor ſich das Mißtrauen in den Zügen des Andern und er erwiederte, ‚hol' der Teufel Ihre Neugierde— es wäre beſſer geweſen, wenn Sie ruhig Ihres Weges ge⸗ gangen wären und mich ebenfalls hätten ziehen laſſen, da können wir auf die unſchuldigſte Art von der Welt in eine ſaubere Geſchichte hineinkommen— was jetzt thun? „Nun auf jeden Fall das Gefährt mit in die Stadt nehmen und bei der Polizei abliefern.“ „Der Fuhrmann kratzte ſich am Kopfe und ſchien — 12— gute Luſt zu haben, das Deinem Vater allein zu über⸗ laſſen, doch da dieſer ihm für die verlorene Zeit eine gute Belohnung verſprach, ſo entſchloß er ſich endlich und fügte ſich den vernünftigen Anordnungen Deines Vaters. „Das Erſte, was ſie nun thaten, war, den Fracht⸗ wagen vor den andern Wagen zu ſtellen und die Pferde des letzteren hinten anzubinden; dann nahm jeder eine Laterne, und nun unterſuchten ſie ſorgfältig, ob ſich rechts und links von der Kaleſche nichts finden laſſe, was in Zuſammenhang zu bringen ſei mit dem Morde des Rei⸗ ſenden. Dabei kam es Deinem Vater vor, als beuge ſich der Fuhrmann einmal ſehr nahe zum Boden hinab und hebe dort etwas auf, doch als er ihn darum be⸗ fragte, ſagte jener ruhig, er habe dort nur einen Stein geſehen, der eine eigenthümliche Form gehabt, und den er deßhalb für etwas Anderes gehalten habe. „Daß hier ein Mord vorlag, daran war nicht zu zweifeln: der Schuß auf jenen Unglücklichen konnte nur auf kurze Entfernung abgefeuert ſein, und zwar von der Seite des Chauſſeegrabens her, neben welchem die Ka⸗ leſche dicht ſtand— auch von unten nach oben, das zeigte die Richtung, welche die Kugel genommen.— Daß der Mann ſelbſt Hand an ſich gelegt habe, war nicht an⸗ zunehmen, denn man fand weder eine Piſtole im Wagen ſelbſt, noch in der Umgébung deſſelben, wohl aber ein dolchartiges Meſſer, deſſen Klinge mit Blut befleckt war, und welches mit der Spitze im Fußboden des Wagens ſtak, gerade ſo als ſei es der Hand des Erſchoſſenen entglitten. Weiter ſuchten ſie nun und fanden nicht nur am Rande des Chauſſeegrabens Blutſpuren, ſondern dieſe ſetzten ſich auch bis zum Wagen fort, deſſen eine Thüre offen ſtand und wo ſie jetzt auf der Polſterung von weißem Tuche deutlich den Abdruck einer blutigen Hand ſahen, als habe ſich dort Jemand aufgeſtützt in dem Augenblicke, als er aus dem Gefährt geſprungen. Die Blutſpuren am Rande des Grabens ſetzten ſich auch in dieſen hinein fort und wurden von den Beiden noch eine Strecke weit in's Feld hinaus verfolgt. „Statt aber dieſen weiter nachzugehen, hielten ſie es für gerathener umzukehren und den Wagen nach der Stadt zu bringen. Dort wurden noch in ſelber Nacht Beamte und andere Leute ausgeſandt, um die Stelle zu beſichtigen, wo Dein — Vater jenen Wagen gefunden, ſowie auch, um jene Spuren durch das Feld ſo weit als mög⸗ lich zu verfolgen. Daß dorthin Jemand geflohen war, erkannte man nicht nur an den verſchiedenartigſten Merk⸗ malen, ſondern man fand auch einige Tauſend Schritte entfernt von dem Orte, wo der Wagen geſtanden, in 2 einem Erlenholze ein abgeſchoſſenes Piſtol, deſſen Kaliber 44 mit der Kugel, welche den Unglücklichen getödtet, genau zuſammenpaßte, ſowie Spuren, daß der flüchtige Mörder ſich hier niedergeſetzt habe, um eine Wunde zu reinigen und zu verbinden, denn hier lagen Büſchel ausgeriſſenen Graſes mit Blut befleckt, ſowie einige kleine Stückchen von einem ſehr feinen Battiſttuche. Damit aber war allen weiteren Nachforſchungen ein Ziel geſetzt, denn hinter dem Erlengebüſch ſtieg das Terrain wieder auf⸗ wärts und hier befand ſich das Bett eines Baches, dem der Flüchtling wahrſcheinlich gefolgt und ſo keine weiteren Spuren hinterlaſſen hatte— ein zerklüftetes, felſiges Terrain; ein ehemaliger, jetzt nicht mehr benutzter, tiefer Steinbruch, aus welchem der obenerwähnte Bach hervor⸗ kam, wurde ebenfalls auf's Genaueſte unterſucht, ohne etwas zu finden. „Für Deinen Vater,“ fuhr Madame Reveillot nach einer Pauſe fort,„war dieſe Geſchichte ebenſo, wie für den armen Fuhrmann von unangenehmen Folgen, denn ich kann und will es Dir nicht leugnen, daß Beide Jahre lang mit einem gewiſſen Mißtrauen betrachtet wurden, welches ſogar dann nicht aufhörte, als man ſah, daß wir nach wie vor in dürftigen Umſtänden lebten— ja ſie hatte zur Folge, daß Dein armer Vater nie im Stande war, hier recht emporzukommen und doch an die Stadt gefeſſelt blieb; denn er ſagte mir oft, ‚gern würde ich bei 45 den veränderten Verhältniſſen nach Frankreich in meine Heimat zurückkehren, und ich wäre überzeugt, dort noch Manches aus den Trümmern meines ehemaligen Vermö⸗ gens retten zu können, aber ſo bin ich der Ehre meines Namens, ſowie der Zukunft meines Kindes ſchuldig, hier zu bleiben, bis ſich irgend eine Aufklärung jener verhäng⸗ nißvollen Geſchichte ergibt.““ „Armer Vater,“ ſagte Anatole. „Aber es fand keine Aufklärung ſtatt— Jahre ver⸗ gingen; die Erzählung jenes Vorfalles lief durch alle Zeitungen, Nachforſchungen wurden im weiteſten Kreiſe gehalten— Alles vergebens. Was man bei jenem Un⸗ glücklichen an baarem Gelde gefunden war unbedeutend, und ſo verkaufte man Wagen und Pferde, um ihn zu beerdigen und die Gerichtskoſten zu bezahlen.“ „Und fand man keine Papiere, keine Briefſchaften, welche Auskunft über ihn hätten geben können?“ „Durchaus nichts— wie ich vorhin ſchon geſagt, blieben die ſorgfältigſten Nachforſchungen, welche die Ge⸗ richte mit einer außerordentlichen Emſigkeit anſtellten, er⸗ folglos— man verbreitete die Beſchreibung der Pferde und des Wagens ſo viel wie möglich durch die Zeitun⸗ gen, und das Einzige, was man erfuhr, war, daß in einem kleinen Städtchen der franzöſiſchen Grenze ein ähn⸗ licher Wagen und ähnliche Pferde zu jener Zeit von 46 einem Manne gekauft worden ſeien. Dabei war es dem Verkäufer aufgefallen, daß jener Mann durchaus nicht gehandelt hatte, ſondern den verlangten Kaufpreis augen⸗ blicklich bezahlt. Ueber das Aeußere des Fremden war der Verkäufer nicht im Stande, Genaues anzugeben: er habe über ſeiner Kleidung einen großen Mantel getragen und auf dem Kopfe einen breitgekrämpten Hut gehabt. Später erfuhr man allerdings noch etwas aus nächſter Nähe, aber es war ſo unbeſtimmt und unzuverläſſig, daß ſelbſt die Gerichte nicht beſonders viel darauf gaben: der Hausknecht des Gaſthofes zur goldenen Glocke hier in der Stadt gab nämlich an, er glaube in dem Wagen ein Gefährt wieder zu erkennen, das vor einigen Monaten ſchon in der Stadt geweſen und deſſen Pferde er habe füttern helfen; zwei Männer, die in dem Wagen ge⸗ weſen, ſeien ausgeſtiegen, hätten ſich auf der Straße eine kleine Erfriſchung geben laſſen und wären dann mit einander fortgegangen, wobei der Eine im weiten Mantel gerade ſo gegangen ſei, wie Jemand, der etwas Schweres bei ſich trage, und der Andere habe im Fort⸗ gehen einen Namen genannt— und welchen Namen, glaubt ihr wohl, Kinder?“ fragte Madame Reveillot, indem ſie die jungen Leute mit einem lächelnden Blicke anſchaute. 4. „Ja wer kann das wiſſen, Großmutter?— fahre 47 Du lieber fort, Deine Erzählung ſpricht uns außerordent⸗ lich an.“ „Nun denn, der Eine hätte den Namen Deines jetzigen Prinzipals, des Herrn von Martini genannt— ich ſage euch das ohne Rückhalt, wie es damals vor langen Jahren in Jedermanns Munde war und wie man es in den Zeitungen gedruckt leſen konnte. Darin lag auch gar nichts Verdächtiges— denn es kam eine Menge Fremder, die mit dem damals ſchon bekannten und rei⸗ chen Bankhauſe Geſchäfte zu machen hatten, was mit den beiden Männern auch der Fall geweſen war; denn Herr von Martini, der jetzige Chef des Hauſes, erklärte auf Befragen, es ſeien an jenem Nachmittage, Ende Novem⸗ ber, an dem es bereits ſtark gedunkelt habe, zwei Fremde auf ſeinem Comptoir geweſen, mit dem Wunſche, Wechſel zu diskontiren, was er aber, da ihm jene Beiden gänz⸗ lich unbekannt geweſen, begreiflicher Weiſe abgelehnt habe.“ „Das iſt ſelbſtredend,“ ſagte Anatole, mit dem Tone eines Geſchäftsmannes, der etwas von der Sache verſteht, „man wagt nicht ſo ſein Geld an unbekannte Leute, ſelbſt wenn die Wechſel echt und unverfänglich ausſehen— konnte aber Herr von Martini oder der vorſichtige Herr Ringel keine genaue Beſchreibung machen von den beiden Fremden?“ „Nur eine ſehr unvollſtändige— man habe an jenem Abend viel zu thun gehabt, die Kaſſe ſei überfüllt, der Hauptkaſſier Unwohlſeins halber nicht da geweſen; auch legte man auf die Ausſagen des Hausknechts von der goldenen Glocke nicht viel Werth, denn er hatte den Wagen doch nicht deutlich genug im Gedächtniß, um ſeine Angaben beſchwören zu können— ich erzähle Dir es nur, mein lieber Anatole, weil ich Dir die geringſten Einzelnheiten, welche mit jener traurigen Angelegenheit allenfalls in Zuſammenhang gebracht werden könnten, nicht vorenthalten will. Und dazu kommt noch etwas anſcheinend Wichtiges, obgleich in ſeinen Folgen auch ohne weiteren Werth—— Jahre waren vergangen, und Dein armer Vater kränkelte ſchon ſo ſehr, daß der Arzt für ihn dem anbrechenden Frühjahre mit gerechter Beſorgniß entgegenſah.— Da,“ fuhr die alte Frau mit bewegter Stimme fort,„brachte die Poſt ein kleines Packet⸗ chen“— Madame Reveillot erhob bei dieſen Worten ihre Hand ein wenig und drückte ſie alsdann ſanft wieder auf das weiße Papier, welches vor ihr auf dem Tiſche lag, eine Bewegung, die ſo bezeichnend war, daß die beiden jungen Leute derſelben mit den Augen folgten. „In dem Packetchen war eine kleine, grüne Brief⸗ taſche mit einem Schreiben jenes Fuhrmanns, der ſeit langer Zeit die Gegend verlaſſen, und von dem man 49 weiter nichts mehr gehört hatte. In dem Briefe ſchrieb er Deinem Vater, er habe an jenem Abende, als ſie Beide die Umgebung des Wagens unterſucht, dieſe Brieftaſche auf dem Boden liegen ſehen, ſie aufgehoben und heimlich zu ſich geſteckt.“ „So hatte ſich mein Vater doch nicht getäuſcht?“ „Gewiß nicht— der Fuhrmann habe die Brieftaſche Abends unterſucht und nichts darin gefunden als ſechs Zettel, auf denen für ihn gänzlich unverſtändliche Worte ſtanden. Gleich anfänglich ſchon hatte er ſie Deinem Vater oder dem Gerichte übergeben wollen, doch hätte ihn falſche Scham, ſowie die Furcht, in einen nicht ganz unverdienten Verdacht zu kommen, davon abgehalten; jetzt aber, wo er im Begriffe ſei, nach Amerika auszu⸗ wandern, habe er ſie nicht mit ſich über das Waſſer neh⸗ men wollen, und ſie zu verbrennen, davon habe ihn eine innere Stimme abgehalten.“ „Es war doch ein ſchlechter Kerl, dieſer Fuhrmann,“ ſagte Anatole entrüſtet,„wer weiß, ob nicht auch andere Papiere in der Brieftaſche waren— Etwas, das Nach⸗ forſchungen über den Ermordeten oder deſſen Mörder möglich gemacht hätte.“ „So dachte auch Dein Vater, doch war er zu krank, um in dieſer Sache weitere Schritte zu thun— er war unglücklich und lebensmüde, und kaum vermochte Hackländer, Zwölf Zettel. I. 4 — 50 ich ihn zu beſtimmen, daß er ſich der Mühe unterzog, die Blätter in der Brieftaſche anzuſehen, aber vergeb⸗ lich, denn die Worte, die auf denſelben ſtanden, konn⸗ ten weder von ihm noch von mir in irgend einen Zu⸗ ſammenhang gebracht werden. Er ſiegelte darauf die grüne Brieftaſche ein und übergab ſie mir mit der Ver⸗ fügung, ſie liegen zu laſſen und ſie Dir alsdann an einem Sylveſterabend einzuhändigen, ſobald Du verſtän⸗ dig genug ſeieſt, um dieſe Begebenheit mit ihren trau⸗ rigen Folgen für Deinen armen Vater zu verſtehen und zu würdigen.— Seinen Willen habe ich nun ſtreng er⸗ füllt und die Brieftaſche, obgleich deren Aufbewahrung mir oft ſehr zwecklos ſchien, doch wie einen koſtbaren Schatz verwahrt.“ „Wofür ich Dir herzlich danke, Großmutter, denn, wenn auch ein ſchmerzliches Andenken, iſt dieſe Brieftaſche mir immer doch eine Erinnerung an meinen guten, lieben Vater— ſie iſt alſo für mich beſtimmt und ich darf ſie jetzt in Verwahrung nehmen?“ „Gewiß, mein Kind, da nimm ſie und betrachte den Inhalt derſelben morgen, übermorgen, wann Du willſt, nur heute wollen wir ſie in ihren Papieren ein- gewickelt laſſen, denn ihr Anblick ruft mir nur zu lebhaft jene traurige, unheilvolle Zeit in's Gedächtniß zurück.“ —— — 51— „Darin haſt Du recht, Großmutter, und um am heutigen feſtlichen Abend jene trüben Erinnerungen zu verwiſchen, wollen wir Deinem vortrefflichen Punſche tüchtig zuſprechen und— horch! Da jetzt draußen ge— rade die Mitternachtsſtunde ſchlägt, ſo trinke ich das Glas auf Dein mir ſo theures Wohlergehen!“ 2 3 Drittes Kapitel. Anatole hatte ein kleines Kämmerchen neben dem Schlaf⸗ zimmer ſeiner Großmutter, wo er uneingeſchränkt ſein eigener Herr war und das ihm, wenn er es mit großen Schritten durchmaß, wie ein ſehr ſchönes Gemach er⸗ ſchien, obgleich er nur wenig Zeit brauchte, um auf der langen Seite von einem Ende zum andern zu kommen; auch hatte es, dem Dache folgend, eine ſchiefe Decke und nur ein einziges, aber ziemlich großes Fenſter, welches einen ausgedehnten Blick gewährte über eine Unmaſſe von Dächern und Schornſteinen mit der dazu gehörigen Por⸗ tion Himmel. Auch war dieſe Kammer mit einer freund⸗ lichen Tapete bekleidet; das Fenſter hatte reinliche, weiße Vorhänge, die Möbel beſtanden in einem guten Bette, einigen Stühlen und in dem Luxus eines obgleich alten, aber. ſehr großen und ſehr bequemen Lehnſeſſels, welcher aber ſchon häufig zu kleinen, zärtlichen Streitigkeiten zwiſchen Großmutter und Enkel Veranlaſſung geweſen war, denn öfters hatte ihn Anatole in die große Wohn- und Ar⸗ 53 beitsſtibe der Madame Reveillot hinübergetragen und eben ſo oft hatte ihn dieſe wieder in die kleine Kammer zurückverſetzt, worauf endlich die Vereinbarung getroffen wurde, die Großmutter habe die Kammer ihres Enkels mit dem Lehnſtuhle als ihr Boudoir anzuſehen, und ſei verpflichtet, davon im Laufe des Tages mindeſtens ein⸗ mal Gebrauch zu machen— ſelbſtverſtändlich, wenn es die Jahreszeit erlaube, denn während des Winters wurde dieſes kleine Schlafzimmer Anatole's nur bei ganz be⸗ ſonderer Veranlaſſung an großen Feſttagen und derglei⸗ chen geheizt, dann war es aber auch von einer unaus⸗ ſprechlichen Behaglichkeit, ſo am heutigen erſten Januar, wo draußen ein klarer blauer Himmel über der weißen, glänzenden Erde leuchtete, wo die Kirchenglocken ſo fröh⸗ lich erklangen, wo der aus den zahlreichen Kaminen auf⸗ ſteigende Rauch vor Freude wie vergoldet ausſah, ſobald er aus dem ſchwarzen, unheimlichen Schlot an das helle Sonnenlicht getreten war. Anatole hatte drüben bei der Großmutter und heute beſonders reichlich gefrühſtückt, auch nochmals ſeine ſchö⸗ nen Wünſche wiederholt, die aus dem Innern ſeines guten Herzens kamen, und es hatte ihn alsdann tief gerührt, als ihn die Großmutter auf die Stirne geküßt und ihm geſagt,„werde in Allem Deinem guten, ſeligen Vater ähnlich, nur glücklicher als er— o würdeſt Du — 54* recht glücklich mein Kind, glücklich, was die Menſchen ſo zu nennen pflegen,“ worauf er lächelnd erwiedert hatte, „mit Vergnügen will ich glücklich werden, aber unter der Bedingung, daß Du das Glück mit mir genießeſt.“ Dann war er in ſeine Kammer zurückgegangen, hatte das mit Papier umwickelte Packetchen von geſtern Abend vorgenommen, ſich in ſeinen Lehnſtuhl geſetzt und alsdann langſam den Umſchlag entfaltet, auch denſelben von allen Seiten betrachtet. Es war das ein altes ſchon vergilbtes Zeitungsblatt, welches er durchflog, ehe er es bei Seite legte, und welches in ſeinen Anzeigen und Notizen aus längſt ver⸗ gangener Zeit rührend zu ihm ſprach, weil er dabei dachte, wie oft der Blick ſeines Vaters wohl auf dieſen Zeilen geruht. Dabei traten die edlen, ernſten Züge. deſſelben ſo lebendig vor ſeine Seele, in ſeiner Erinne⸗ rung wohl unterſtützt durch ein Bildniß deſſelben, wel⸗ ches ihm gegenüber an der Wand hing, und er begriff jetzt die trübe Stimmung, in der er ſich wohl erinnerte, ihn oft geſehen zu haben— nicht allein der harte Kampf mit dem Leben, geſchärft durch die Erinnerung an eine ſchöne, glanzvolle Vergangenheit, ſondern oben⸗ . drein auch noch das Hereinragen jener unheimlichen Ge⸗ ſchichte, welches die wenigen lichten Punkte ſeines trüben Daſeins noch in ſeine Schatten hüllte. — ſo Herr Reveillot, Anatole's Großvater, gehörte zu je— nen Auswanderern, welche in den letzten Jahren des er vergangenen Jahrhunderts nicht nur Frankreich, ihre Heimat, verlaſſen mußten, ſondern oft zu gleicher Zeit großes Vermögen, Familiengüter, ja berühmte Namen, die Jahrhunderte überdauert, um ſich in einer kleinen d deutſchen Provinzialſtadt als Tanzlehrer, Fechtmeiſter, Sprachlehrer kümmerlich ihr Brod zu verdienen. Herr Reveillot hatte das edle Waffenhandwerk ergriffen und war Fechtmeiſter einer deutſchen Hochſchule geweſen, wo⸗ zu gleicher Zeit der Sohn eines anderen Emigranten, Guſtav Fontenay, ärmlich von den wenigen Trümmern ſeines Vermögens lebend, ſeinen Studien oblag, hoffend auf beſſere Zeiten, auf eine Rückkehr nach Frankreich— ein Glück, das ihm aber nicht zu Theil werden ſollte. 86 Guſtav Fontenay beſuchte Herrn Reveillot, lernte deſſen einzige Tochter kennen und heirathete ſie, um die Gat⸗ tin, wie wir früher ſchon bemerkt, wenige Jahre nach der Geburt ſeines Sohnes Anatole wieder zu ver⸗ lieren. . Auch Herr Reveillot ſtarb wenige Jahre nachher, worauf deſſen Wittwe mit ihrem Schwiegerſohn und Enkel nach jener größeren Stadt überſiedelten, wo Herr N Fontenay in einem außerhalb der Stadt bei dem Dorfe Tiefenbach gelegenen Fabrikgeſchäfte eine Anſtellung als 56 Korreſpondent erhielt, mit der er übrigens kaum im Stande war, ſich und die Seinigen anſtändig zu er⸗ nähren. llles das, beſonders der Gedanke an eine glänzende Vergangenheit, deren er ſich aus ſeiner Jugendzeit wohl noch erinnerte, zerſtörte Hoffnungen aller Art, zendlich jener letzte Schlag, wodurch ein Schein von Mißtrauen über ſeinen unbefleckten Namen, über ſein reines Daſein geworſcg wurde, hatte ſeinen ſonſt kräftigen Körper zer⸗ „ſtört, ihn vor der Zeit zu einem alternden mißmuthigen Manne gemacht, und ſo erinnerte ſich Anatole ſeines armen Vaters noch deutlich. So ſah er ihn gerade heute vor ſich, wie er nach ſchlaflos verbrachter Nacht in dieſem ſelben alten Lehnſtuhle ſaß, mit gefalteten Händen das kummervolle Geſicht mit der ſchönen weißen Stirne, umgeben von einſt dunkel ſchwarz geweſenem krauſem Haar, tief auf die Bruſt herabgeſenkt und nur zuweilen wehmüthig auflächelnd, wenn der kleine Knabe ſich an ihn hindrängte und ihm von unten herauf in die Augen ſah, oder wenn Madame Reveillot in ihrer unverwüſtlich guten Laune ihm ein freundliches, hoffnungs⸗ volles Wort des Troſtes ſagte, ihn auf eine beſſere Zeit verwies, die gewiß kommen müſſe, in welcher ſie Alle zu⸗ ſammen noch einmal recht herzlich in der Erinnerung an die trübe Gegenwart lachen würden. 57 Aber es kam nicht ſo; eines Nachts war Herr Fon⸗ tenay geſtorben und Anatole erinnerte ſich deutlich, daß hierauf ein paar traurige, trübe Tage gefolgt ſeien, daß man ihn ſchwarz angezogen, daß eine Menge fremder Leute ſich in der Stube beſchäftigt, und daß er dann an einem kalten, windigen Morgen im Monat März an der Hand eines dem Hauſe befreundeten Mannes mit auf den Kirchhof gegangen, daß er an dem offenen Grabe ſeines Vaters geſtanden ſei, und daß er hier, ſtatt auf die Rede des Geiſtlichen zu hören, einem kleinen Vogel zugelauſcht habe, der ſich ihm gegenüber auf einem noch kahlen Roſenſtrauche niedergelaſſen, in einem fort gezwit⸗ ſchert und ſich dann hoch in die Luft erhoben habe— davon behielt er ſein Leben lang ein ſchönes, tröſtliches Bild. Hierauf hatte Madame Reveillot mit ihrem Enkel die kleine Wohnung bezogen, wo ſie ſich jetzt noch befand, hatte einige Tage in Geräthſchaften aller Art und Klei⸗ dern, Büchern und Papier umhergewirthſchaftet— alles Unnöthige fortgeſchafft und dann ihr Geſchäft begonnen, was für Anatole eine Quelle großen Vergnügens wurde; denn wie wußten die Frauen und Mädchen, welche nun Tage lang in der Wohnſtube beſchäftigt waren, um Wäſche zu bügeln und auszubeſſern, ſo artige Lieder zu ſingen und ſo hübſche Märchen zu erzählen. Und welch' 58— wunderbaren Ruheſitz hatte dabei der Knabe, wenn er aus der Schule nach Hauſe gekommen, beſonders Abends zulauſchen durfte— einen großen Waſchkorb mit einem dicken Bügelteppich, in welchem er ſich behaglich aus⸗ ſtrecke, wozu er ein Stück Brod und einen gebratenen Apfel verzehrte— ferner den eigenthümlichen Duft der friſchen Wäſche, das Klappern und Ziſchen der Bügel⸗ eiſen, vor Allem aber den Blick auf den großen Ofen in der Ecke, vor dem ſich die Liſe befand, glutroth an⸗ geſtrahlt, wenn ſie ihn öffnete und zwiſchen den brennen⸗ den Kohlen und glühenden Bügelſtählen mit einem ge⸗ waltigen Schüreiſen umherrumorte. „So ſieht die Hölle aus,“ ſagte die Magd alsdann, ſich zu dem Knaben rückwärts wendend, doch lachte Ana⸗ tole über dieſe Aeußerungen und brachte ganz andere Bilder mit dem Feuer zuſammen: das waren natürlich die Schmelzöfen draußen in Tiefenbach, die er häufig geſehen, wenn er dazumal den Vater beſuchen durfte— glückſelige Jugenderinnerungen, wo ihm die Arbeiter in der Polirwerkſtatt eine glänzende Pferdekinnkette verehrten, an der er einſtens ſeine Uhr tragen ſollte, und wo ihm andere ein Paar Sporen anfertigten, die ihnĩ aber ziemlich heiß an die Abſätze ſeiner Stiefel angepaßt wurden.— Ja Tiefenbach war ſchön geweſen, beſonders bei Nacht, wenn aus den Kaminen der Hochöfen die rothgelben N 59 Flammen emporſchlugen oder Myriaden von Funken, wenn friſche Holzkohlen nachgeſchüttet wurden. Oder wenn er alsdann wartend in dem Pförtnerſtübchen neben dem Comptoir ſaß, von wo aus er den Vater am Pulte ar⸗ beiten ſah und bemerkte, wie dieſer ihm zuweilen freund⸗ lich mit der Hand winkte und darauf wieder ruhig fort⸗ ſchrieb, bis die große Glocke zu läuten anfing, worauf man ziſchend und pfeifend den Dampf vernahm und der alte Pförtner bedeutſam mit den Schlüſſeln klirrte. Dann verſchwanden drinnen von den Pulten Briefe und Bü⸗ cher, die jüngeren Herren verließen eiligſt das Geſchäfts⸗ lokal, die älteren bedächtig, und gewöhnlich zuletzt kam Herr Fontenay, zog ſeine dunkelbraunen gemsledernen Handſchuhe an und ſagte freundlich zu ſeinem Knaben: «enfin mon enfant— filons!) Dann gingen ſie mit einander fort, er von ſeinem Vater ſorgſam an der Hand geführt über den ſchwarzen mit Kohlen bedeckten Boden, an rauchenden oft noch matt glühenden Schlackenhaufen vorüber, wobei es ihn immer betrübte, wenn er bei den Hochöfen und den Puddlings⸗ werken die armen Leute ſtehen ſah in ihrem rußigen An⸗ zuge, die ſo gar keine Ruh' und Feierſtunde zu haben ſchienen. Vor dem Thore der Fabrik zündete ſich Herr Fontenay eine Cigarre an und dann ſchritten ſie tapfer darauf los, um bald nach Hauſe und zur Großmutter zu kommen.—— Da lag die aufſteigende, ſchwach vom Sternenlicht erhellte Landſtraße vor ihnen, und als Ana⸗ tole ſo weit in ſeinen Träumereien gelangt, ging ein an⸗ deres, düſteres Bild durch ſeine Seele, die Erzählung jener Begebenheit, die er geſtern Abend gehört, mit dem für ihn greifbaren Endpunkte, der kleinen Brieftaſche, welche auf ſeinen Knieen lag. Sie war von grünem Maroquin, innen mit Seide von der gleichen Farbe gefüttert: ſie hatte zwei Taſchen und ein Notizbuch, auf deſſen Blättern aber nicht das Geringſte geſchrieben war, wohl aber fand er in der einen Taſche die loſen Papierblätter, deren Madame Reveillot erwähnt; es waren ihrer ſechs, auf jedem ſtanden mit Tinte geſchriebene Worte, welche aber weder jedes für ſich einen verſtändlichen Sinn hatten, noch unter einander in irgend einem Zuſammenhange ſtanden. Die Brieftaſche gewährte für Anatole in der Erinne⸗ rung an jene That einen faſt unheimlichen Anblick. Der junge Mann legte die Blätter ſorgfältig auf die Seite und begann die Brieftaſche außen und innen auf's Sorg⸗ fältigſte zu unterſuchen: er bog die weichen Decken hin und her, um ſich durch das Gefühl zu überzeugen, daß zwiſchen dem Leder nicht etwas verborgen ſei— um⸗ ſonſt, ein dort befindlicher Gegenſtand müßte ſich durch Anfühlen verrathen haben, ſo fein war das Aeußere und 61 Innere der Brieftaſche gearbeitet. Ebenſo beſchaute und befühlte er auf's Genaueſte die beiden Täſchchen, ja er ging ſo weit, den Seidenſtoff derſelben mit einem Feder⸗ meſſer aufzutrennen, um dort vielleicht etwas zu finden aber umſonſt, und wenn er hierauf nach langer ver⸗ geblicher Unterſuchung die kleine Brieftaſche nachdenklich in ſeinen Händen behielt, ſo begann er doch mehrmals wiederholt ſeine Nachforſchungen, wobei er von der rich⸗ tigen Folgerung geleitet wurde, daß die Brieftaſche ir⸗ gend etwas enthalten müſſe, was ſie dem unglücklichen Eigenthümer werthvoll genug gemacht, um ſie in ſeinen letzten Augenblicken mit Aufbietung ſeiner Kraft weit von ſich wegzuwerfen und ſie ſo ſeinem Mörder zu entziehen. Dabei erfüllte ihn der Gedanke mit Traurigkeit, wie häufig wohl ſein armer Vater die Brieftaſche hin⸗ und hergewandt und die loſen Blätter in derſelben durchforſcht habe. Dieſe nahm er nun wieder vor, und wenn er ſie auch abermals aufmerkſam durchlas, ſo war es ihm doch unmöglich, irgend einen Sinn in den einzelnen Blättern, irgend eine Beziehung unter einander aufzu⸗ finden. „Kein Baum fällt auf den erſten Streich,“ dachte Anatole, nachdem er ſich eine Stunde lang vergeblich Mühe gegeben; auch mahnte ihn die fortſchreitende Zeit 62— an ſeine Pflicht, welche an Sonn- und Feſttagen darin beſtand, Vormittags das Comptoir zu beſuchen und ſich dort zur Verfügung des erſten Buchhalters zu ſtellen, um allenfallſige dringende Korreſpondenzen erledigen und befördern zu helfen. Ehe er ſeine Wohnung verließ, er⸗ kundigte er ſich gewöhnlich bei ſeiner Großmutter, ob ſie nicht irgend einen Auftrag für ihn habe, und als ſie ihm ſagte, er möge einen Augenblick bei Frau Fichtner vor⸗ ſprechen und ihr oder Fräulein von Martini ſelbſt ſagen, ſie hoffe das mit dem Spitzenſchleier nach Wunſch be— ſorgen zu können, ſo hätte ein aufmerkſamer Beſchauer ein leichtes Aufleuchten ſeiner Augen bemerken können. Ob Madame Reveillot eine ſolche aufmerkſame Beobach⸗ terin war, ſind wir nicht im Stande ganz genau anzu⸗ geben, doch ſchaute ſie dem Enkel mit einem Blicke der Befriedigung nach, und als ſie die Thüre hinter ihm ſchloß, ſprach ſie zu ſich ſelber mit halblauter Stimme: „Was wäre am Ende ſo Großes dabei, eine Martini und der Sproſſe des alten Hauſes der Fontenay?“ Der erſte Buchhalter hatte am heutigen Feſttage keine wichtige Korreſpondenz, und wenn er auch an Wochen⸗ tagen außerordentlich wortkarg war, ſo pflegte er dagegen Sonntags hie und da mit den jungen Leuten gerne ein paar Ideen auszutauſchen, hatte aber dabei die eigen⸗ thümliche Manier, ſeine Fragen wie Soll und Haben zu 63 betrachten und in der gewöhnlichen Unterhaltung eine Art von Buchführung einzuflechten. Anatole wünſchte einen guten Morgen und brachte ſeinen Glückwunſch zum neuen Jahre vor.— Der Buch⸗ halter hatte das große Hauptbuch vor ſich aufgeſchlagen, und nachdem er ſeinen Dank ausgeſprochen, nickte er langſam mit dem Kopfe und ſagte:„Ein neues Jahr — iſt das ein guter Wechſel für die Zukunft— oder einer, der nicht eingelöst wird und mit Proteſt zurück⸗ kommt? Doch ich weiß, Ihr Glückwunſch kommt aus einem guten Herzen und in gleichem Werthe erwiedere ich ihn.“ „Heute Morgen gibt es alſo nichts zu thun,“ fuhr er nach einer Pauſe händereibend fort,„was Ihnen wohl lieb iſt, aber noch lieber wäre es Ihnen geweſen, hätten Sie es vorher gewußt?“ „Ich kann Ihnen das kaum zugeben, Herr Buch⸗ halter— ich mache Sonntag Vormittags meinen kleinen Spaziergang, und ob ich meine Schritte hieher oder dort⸗ hin richte, iſt mir am Ende gleichgültig.“ „Und der geſtrige Abend,“ fuhr Jener fort,„haben Sie ihn heiter und vergnügt zugebracht, oder“— buchte er auf die andere Seite—„haben Sie in Ihrer Ju⸗ gend auch ſchon trübe Stunden, die gerade zu ſolcher Zeit ſtärker hervortreten?“ — 1 64 3 „Wer hätte deren nicht, Herr Buchhalter— doch bin ich jung und da läßt man gewöhnlich die ernſten Ge⸗ danken nicht zu ſehr überhandnehmen.“ „Allerdings,“ entgegnete der Andere mit entſprechen⸗ der Handbewegung bald nach links bald nach rechts „Sie ſind jung, alſo wenig Sorgen— ich bin alt, alſo um ſo mehr trübe Erinnerungen— vielleicht, vielleicht auch nicht, man könnte auch ſagen, ich bin alt und habe mich eigentlich nie mit traurigen Gedanken geplagt.— Sie ſind jung und haben ſchon viel Schmerzliches erlebt — à propos, wie befindet ſich Madame Reveillot, Ihre vortreffliche Großmutter?— eine Frau, die ihr Alter auf eine merkwürdige Weiſe trägt.“ „Danke für die Nachfrage, es geht ihr gut, ſie iſt zufrieden und freut ſich, wenn ſie arbeiten kann.“ „Ich habe auch Ihren Vater noch gekannt— das heißt, ſtatt zu ſagen gekannt, ſollte ich eigentlich ſagen geſehen und ein- oder zweimal geſprochen— war ein ausgezeichneter Mann, ein vortrefflicher Korreſpondent, doch etwas zu ernſt und zu vornehm. Wir befanden uns einmal zuſammen in einer kleinen Berathung, er für das Haus Feßler in Tiefenbach, ich für das Haus Mar⸗ tini hier; es betraf eine Eiſenlieferung im Betrag von ungefähr zwanzigtauſend Thalern. Natürlich ſprach Ihr Herr Vater für Feßler, ich für Martini, doch vereinigten in ſ 65 wir uns am Ende zu einem Vergleiche: ſie ſtrichen an ihrer Forderung ein paar tauſend Thaler, und wir legten einige tauſend Thaler zu. Sie haben Ihren Vater wohl kaum mehr gekannt?“ „O doch, Herr Buchhalter ich erinnere mich ſeiner noch recht genau— er war ein großer und immer ſehr ernſter Mann.“ „Sehr ernſt, ſehr ernſt, beſonders in der letzten Zeit ſeines Lebens, hatte auch wohl Urſache dazu durch jene unangenehme Geſchichte, die Sie gewiß erfahren haben.“ Anatole nickte ſchweigend mit dem Kopfe. „Ja, ja, ſo geht's in dieſer böſen Welt,“ ſagte der Buchhalter und ſetzte hinzu, indem er die rechte Hand ausſtreckte,„hier leben Sie ſo korrekt wie möglich, auch nicht einen Schatten ſoll man auf Ihre Handlungen werfen können, Ihr Haben iſt angefüllt mit einem un⸗ ſträflichen Wandel, mit den vortrefflichſten Nachreden Ihrer Freunde und Bekannten,— dort kommt auf ein⸗ mal das Schickſal und kleckſt eine ſolche verfluchte Ge⸗ ſchichte in Ihr Soll hinein, woraus Sie ſich anfänglich nicht viel machen, bis Sie am Ende Ihre Bilanz ziehen und mit Schrecken bemerken, daß die Welt einen tüchti⸗ gen Saldo zu Ihren Laſten eingetragen hat.“ „Ich erfuhr erſt vor kurzer Zeit von dieſer traurigen Hackländer, Zwölf Zettel. I. 5 66— Geſchichte; meine Großmutter glaubte mir bis jetzt ein Geheimniß daraus machen zu ſollen.“ „Und hatte recht— wozu Ihnen das früher ſagen — man hat damals lange Nachforſchungen angeſtellt, man hat nichts entdeckt, man hat ſich den Kopf zerbrochen, und die Einen haben geſagt, es iſt damals ein Mord begangen worden, die Anderen glaubten pfiffiger zu ſein und ſagten, es war das ein ganz kurioſer Selbſtmörder — warum hat er den Schein eines ſolchen von ſich ab— wälzen wollen?— um anſtändig begraben zu werden? — es gibt Leute, die einen Werth darauf legen, Andere, die ſich nichts daraus machen.“ „Man fand aber damals Spuren eines Zweiten, welcher über das Feld entflohen iſt.“ „Man fand Spuren— die im Grunde nichts be⸗ weiſen— allerdings will man eine abgeſchoſſene Piſtole ge⸗ funden haben— Fetzen eines Tuches, was Alles mit dem Manne im Wagen in Zuſammenhang gebracht wurde— pah, ich glaube nicht daran: Blutſpuren findet man häufig, ebenſo Fetzen eines Tuches, die Piſtole kann irgend ein Anderer verloren haben, denn Sie werden mir zugeben, daß in unſerer bevölkerten Gegend bei nicht ſchlechter Poli⸗ zei, bei dem ungeheuren Aufſehen, welches die Sache machte, der Mörder, von den Blutſpuren, Tuchfetzen und der Pi⸗ ſtole verrathen, und nicht unentdeckt geblieben wäre.“ 67 „Glauben Sie das in der That?“ „Gewiß glaube ich das, und damals glaubten es noch viele Leute mit mir.“ „Und doch traf meinen armen Vater ein ſo gräß⸗ licher Verdacht,“ rief Anatole ſchmerzlich aus,„ein Ver⸗ dacht, der ſein Leben vergiftete, ja, der ſeinen Tod be⸗ ſchleunigte!“ „Leider ſind die Menſchen einmal ſo: auf dieſer Seite ſpricht man Gutes von Einem, auf der anderen nur Schlechtes; hier ſteht es deutlich geſchrieben, man habe es mit einem guten und ehrlichen Menſchen zu thun, dort bucht man zuerſt leiſe Zweifel über unſere Ehrlichkeit, und ein ſolcher leiſer Zweifel iſt freſſendes Gift und wird bei günſtiger Behandlung zur gefährlichen Wunde.“ „Sie waren damals ſchon hier, Herr Buchhalter?“ „Schon hier im Hauſe, obgleich damals noch nicht erſter Buchhalter; ich beſorgte die Privatkorreſpondenz des alten Herrn, eines berühmten Beförderers der In⸗ duſtrie, eines Beförderers von Kunſt und Viſſenſchaft, leider aber keines ſo ausgezeichneten Finanzmannes wie der jetzige Chef des Hauſes, das heißt, verbeſſerte er ſich, wobei er einen kleinen Huſten affektirte, der alte Herr, indem er zum Gleichgewicht zwiſchen Soll und Haben den Ankauf eines oft zweifelhaften Fabriketabliſſements buchte oder eines Gemäldes von imaginärem Werthe und einer Statue, die man irgendwo herausgegraben, woge⸗ gen es der junge Herr vorzieht, runde Zahlen gegen runde Zahlen zu ſtellen und ſolidere Kapitalanlagen zu machen.— Doch ſollten wir nicht über ſo etwas reden, und daß ich es thue, beweist Ihnen, welch' großes Ver⸗ trauen ich in Sie ſetze— Sie haben ein offenes, ehr⸗ liches Geſicht, und wenn Sie auch manchmal einen dum— men Streich machen, was bei jungen Leuten immer vor⸗ kommt, ſo ſuchen Sie das nie von ſich ab und auf Andere zu wälzen, ſondern ſtehen für Ihre Fehler ein, und das iſt brav— ich hätte Sie ſchon lange gerne bei einem der kleinen Bücher beſchäftigt, doch wäre das bei Ihren Sprachkenntniſſen und Ihrem zierlichen Style ſchade.“ Obgleich ſich Anatole über dieſes Lob des alten und ſehr ſtrengen Mannes freute, ſo verneigte er ſich doch nur flüchtig und ſagte, um wieder auf die Angelegenheit zurückzukommen, welche heute ſo ſehr alle ſeine Gedanken in Anſpruch nahm,„es war doch ſonderbar, Herr Buch⸗ halter, daß bei dem Ermordeten ſo gar nichts von Pa⸗ pieren aufgefunden wurde, auch nur Unbedeutendes an Baarſchaft.“. „Allerdings war das ſonderbar, ſo gänzlich kahl zu ſein, wenn man mit eigenem Wagen und eigenen Pfer⸗ — 69 den reist— aber was folgt daraus? Daß der Mann ein Selbſtmörder war, wie es auch heute noch meine Anſicht iſt, und dabei ein ganz ſonderbarer Kauz— denn man kutſchirt doch nicht nur ſo ohne alles und jeg⸗ liches Papier, ohne irgend eine Legitimation in der Welt herum.“ „Könnte man nicht auch etwas Anderes annehmen? — verzeihen Sie, wenn ich etwas weitläufig werde, aber ich habe geſtern Nacht und heute Morgen viel, ſehr viel nachgedacht über dieſe Angelegenheit, welche mich durch das traurige Schickſal meines Vaters ſo ſehr in An⸗ ſpruch nimmt— wäre es denn nicht möglich, daß ein Kampf ſtattgefunden zwiſchen dem Mörder und ſeinem Opfer, und daß das Letztere während deſſelben oder nachher etwas Koſtbares, um das es ſich vielleicht ge⸗ handelt, von ſich geworfen, um es dem Anderen zu entziehen?“ Der Buchhalter ſah Anatole mit einem eigenthümlichen Blicke an und ſagte kopfſchüttelnd, nachdem er einige Sekunden nachgedacht—„was könnte das geweſen ſein? Koſtbarkeiten oder eine große Geldſumme wirft man nicht ſo leicht zum Wagen hinaus. „Richtig, es hätte aber etwas Kleineres, Leichteres ſein können, eine Brieftaſche zum Beiſpiel.“ „A— a— a—ah, eine Brieftaſche.“ 70 „In der ſich vielleicht wichtige Papiere befanden.“ Herr Ringel machte abwechſelnd mit ſeinen beiden Händen Bewegungen nach rechts und links, als trage er das Für und Wider irgend eines Gegenſtandes in's Soll und Haben eines imaginären Buches, dann ſagte er: „Ihre Annahme hat keinen Grund, mein lieber Herr Fontenay, denn ſo viel ich mich der Geſchichte erinnere, begaben ſich die Gerichtsperſonen noch in derſelben Nacht an Ort und Stelle, ohne im weiten Umkreiſe etwas Der⸗ artiges zu finden, und ich kann Sie verſichern,“ ſetzte er mit einem Lächeln der Beruhigung hinzu,„dieſe Leute verſtehen ſich auf's Suchen.“ „Sie vergeſſen aber, Herr Buchhalter, daß ſich vor⸗ her ſchon Jemand auf dem Platze befand, ehe das Ge⸗ richt an Ort und Stelle eintraf.“ „Ihr Herr Vater, mein lieber Herr Fontenay, und da dieſer, ſo viel ich mich dunkel erinnere, in den für ihn ſo unangenehmen Verhören angab, er ſelbſt habe mit einer der Laternen rings um den Wagen Alles unter⸗ ſucht, ohne etwas zu finden, ſo können wir uns in dieſer Hinſicht vollkommen beruhigen.“ „Sie werden ſich aber vielleicht erinnern, daß mein Vater nicht allein ſuchte, daß auch jener Fuhrmann ſeiner⸗ ſeits im Umkreiſe des Wagens den Boden auf's Genaueſte beleuchtete und—“ 71 „Und? nun Sie machen mich in der That ſehr neu⸗ gierig.“ „Daß derſelbe,“ ſagte Anatole mit großer Ruhe, aber mit ſehr ſcharfer Betonung ſeiner Worte,„allerdings et⸗ was gefunden hat, was er dem Gerichte nicht angezeigt und von dem auch mein armer Vater erſt nach Jahren und kurz vor ſeinem Tode Nachricht erhielt.“ „Was wäre denn das geweſen?— am Ende doch Koſtbarkeiten oder Geld?“ „Nichts von dem Letzteren, und koſtbar vielleicht nur für den, welcher den richtigen Gebrauch davon zu machen verſteht— es war nur eine kleine Brieftaſche.“ „A— a— a—ah, eine kleine, grüne Brieftaſche.“ Anatole glaubte, er ſelbſt habe vorhin die Farbe dieſer Brieftaſche angegeben und hatte deßhalb kein Arg bei den Worten des Buchhalters, ſondern fuhr elaſſen fort—„ja eine grüne Brieftaſche, welche der Snunamn beim Unterſuchen neben dem Wagen fand, die er, unbe⸗ merkt von meinem Vater, einſteckte und ſie erſt nach Jah⸗ ren, im Begriffe Europa zu verlaſſen, meinem Vater mit einigen Zeilen zuſandte, in welchen er ſein Bedauern ausſprach, damals ſo gehandelt und ſein Gewiſſen ohne irgend einen Nutzen belaſtet zu haben, denn in der Brief⸗ taſche ſei von Geld oder Geldeswerth durchaus nichts zu finden geweſen und weiter nichts als ſechs loſe Zettel, auf denen Worte geſtanden, die für ihn gänzlich ohne Sinn geweſen ſeien.“ „Sechs Zettel ja, ja, ſechs Zettel,“ ſprach der Buchhalter, in tiefe Gedanken verſunken, mehr zu ſich ſelber als zu dem Andern vor ſich hin, und ſetzte dann raſch aufblickend hinzu,„und dieſe kleine, grüne Brief⸗ taſche? „Iſt aus der Verlaſſenſchaft meines Vaters in mei⸗ nen Beſitz übergegangen.“ „Das iſt ſehr, ſehr intereſſant wer hätte geglaubt, daß man nach ſo langen Jahren noch etwas über dieſe Geſchichte erfahren ſollte, was doch eigentlich gar nichts iſt— durchaus nichts, denn was bedeutet eine Brieftaſche mit Zetteln, auf denen unverſtändliche Worte ſtehen?“ Er ſagte dieſes mit einem lauernden Blick und fuhr alsdann fort, indem er wie ganz gleichgültig mit der linken Hand auf dem Hauptbuche trommelte,„für Sie, mein lieber, junger Freund, hat das allerdings in Er⸗ innerung an Ihren Herrn Vater den Werth eines, wenn⸗ gleich traurigen Angedenkens— aber ſonſt werden Sie in der Brieftaſche auch nichts gefunden haben, was Ihnen von irgend welchem Nutzen eiſcheinen kann?“ „So iſt es allerdings, Herr Buchhalter, und doch ſprach ich nicht ohne Abſicht mit Ihnen darüber, denn es wäre mir von Werth, wenn Sie ſich die Zettel einmal à ne anſehen wollten— Ihnen iſt ſchon ſo viel Geſchriebenes durch die Hand gegangen, beſonders bei dem alten Herrn, der, ich weiß es, eine große Autographenſammlung hin⸗ terließ— Sie beſchäftigten ſich damals auch für dieſe traurige, meine Familie ſo tief berührende Geſchichte, daß es vielleicht auch für Sie von Intereſſe iſt, dieſe Zettel einmal zu betrachten.“ „Ganz gewiß— das heißt ganz gelegenheitlich, wenn Ihnen die Brieftaſche wieder einmal unter die Hände kommen ſollte— doch da kommt Georg, wie mir ſcheint, leer von der Poſt zurück, alſo gibt's nichts mehr zu thun, und ich wünſche Ihnen einen vergnügten Feiertag.“ Viertes Kapitel. Da Anatole im Wohnhauſe des Bankiers etwas zu thun hatte, ſo konnte er ſich ſchon erlauben, durch die kleine Thüre und den Garten zu gehen. Als er an das Glas⸗ haus kam, trat er ein, um dort vielleicht einen Bedien⸗ ten zu finden, der ihn bei Frau Fichtner anmelden konnte. Wie angenehm war hier die Luft, wie ſanft durchwärmt, wie wunderbar durchduftet vom Hauch der Pflanzen und Blumen! Dazu plätſcherte das Waſſer des großen Spring⸗ brunnens in die Mitte des Wintergartens und ſchien Un⸗ terredungen zu halten mit den Stimmen geſchwätziger Kanarienvögel und anderer, gefiederter, buntfarbiger Sän⸗ ger fremder Länder, die ein eigenes Drahthaus hatten, jedoch von ſo feinem Gewebe und dabei künſtlich umrankt von Schlingpflanzen, daß man ihren Käfig nicht bemerkte und ſie in dem Wintergarten in völliger Freiheit glaubte. A hin ſchritt, hörte er ſeinen Namen rufen und ſah Fräu⸗ — 5 s der junge Mann durch den mittleren Gang da⸗ lein Anna von Martini mit ihrer Freundin Eliſe, einer 8 entfernten Anverwandten, welche ſchon über ein Jahr im Hauſe war, ſeitwärts unter einer Laube ſitzend, die künſt⸗ lich von Dracaenen ſowie von Lorbeer und Orangen⸗ büſchen gebildet war. „Guten Morgen, Herr Anatole,“ wiederholte die Tochter des Hauſes und ſetzte freundlich hinzu,„wenn Sie es nicht gar zu eilig haben und Ihre Geſchäfte nicht zu wichtig ſind, ſo dürfen Sie uns ſchon einen Augen⸗ blick Geſellſchaft leiſten, worauf er, ſich verbeugend, näher trat und erwiederte,„meine Geſchäfte im Hauſe ſind der Art, daß ich mir ſchon erlauben darf, ſie ohne Mittels⸗ perſonen mit Ihnen ſelbſt, mein Fräulein, zu erledigen.“ „Ah, Sie haben einen Auftrag von Madame Re⸗ veillot an mich?“ „Und ſuchte Frau Fichtner, um mich bei Ihnen mel⸗ den zu laſſen.“ „So trifft ſich das ja ſo viel natürlicher und viel beſſer— wozu den Umweg durch Mittelsperſonen, wenn man direkt verkehren kann?“ „Wofür auch ich dem Zufall ſehr dankbar bin.“ „So ſetzen Sie ſich und laſſen Sie mich die Mit⸗ theilung Ihrer Großmutter hören.“ „Dieſe iſt nur ſehr kurz, mein Fräulein— ſie beauf— tragte mich, Ihnen zu ſagen, daß ſich die Sache mit dem Spitzenſchleier machen ließe; leider bin ich uneingeweiht in die näheren Geheimniſſe und deßhalb nicht im Stande, Ihnen weitere Andeutungen zu geben.“ „Was Sie geſagt, genügt mir vollkommen, und ich danke Ihnen,“ ſprach Anna von Martini, worauf ſie, ſich gegen Eliſe wendend, hinzuſetzte,„ich hatte eine Idee, meinen Spitzenſchleier, den Du kennſt, zu etwas Anderem zu benutzen, denn wozu brauche ich überhaupt einen Schleier, der ja nur zu bräutlichem Schmucke dient.“ „Dieſe Zeit wird aber doch einmal kommen,“ ſagte die Freundin mit einer beſorgten Miene,„und es iſt doch ſchade um das prachtvolle Spitzengewebe.“ „So ſagte auch meine Putzmacherin, und deßhalb wandte ich mich an Madame Reveillot, welche nachzuſehen verſprach, ob man den Schleier ohne Gefahr anders ver⸗ wenden könne— wie ſie kennt das Niemand, und da ſie ſagt, es könne geſchehen, ſo bin ich beruhigtn— Sie ver⸗ ſtehen das nicht, Herr Anatole,“ ſagte ſie zu dem jungen Manne, indem ſie ihr großes, ſchönes Auge mit dem herzgewinnenden Blicke ruhig auf ihn richtete,„Sie ver⸗ ſtehen das nicht, wenn ich ſage, daß Ihre Großmutter eine erſtaunenswerthe Kenntniß von dergleichen Sachen hat, ja ganz außerordentlich, und dabei einen ſolchen Geſchmack, ein ſolches Urtheil, daß man nicht anders glauben kann, als ſie wiſſe aus Erfahrung, was zu einer reichen und gewählten Toilette he „Das kann ich mir nicht denken,“ entgegnete Anatole lächelnd,„denn was ich von der Vergangenheit meiner Großmutter weiß und von ihren Toiletten geſehen habe, iſt nicht der Art, um Ihre Vermuthung, mein Fräulein, zu rechtfertigen.“ „Auch das verſtehen Sie nicht,“ entgegnete Anna von Martini altklug.„Wenn ich mit Madame Reveillot ſpreche, mir deren einfachen Anzug anders denke, wäh⸗ rend ich ihre elegante, gewählte Redeweiſe höre, ſo kann ich mich des Gedankens nicht erwehren, ich habe es mit einer Dame aus den höchſten Kreiſen der Geſellſchaft zu thun.“ „Sie ſind zu freundlich für uns.“ „Das beträfe nur Ihre Großmutter, Herr Anatole,“ ſagte das junge Mädchen in einem ernſten Tone. „Gewiß, mein Fräulein, aber da es meine Groß⸗ mutter betrifft, ſo macht es mich glücklich.“ „Madame Reveillot kam vor langen, langen Jahren aus Frankreich hierher?“ „Aus der Touraine.“ „Und iſt dort noch Jemand von Ihrer Familie?“ „Ich glaube nicht, meine Großmutter ſagt wenig⸗ ſtens ſo.“ „Davon ſollten Sie ſich einmal ſelbſt überzeugen, Herr Anatole— wer weiß, ob Sie dort nicht noch eine 78— große und reiche Verwandtſchaft finden— dieſe Emi⸗ grantengeſchichten ſind wie die Romane, nicht wahr, Eliſe? Wie oft haben wir davon geleſen, daß in Armuth ver⸗ kommene franzöſiſche Sprachlehrer und Fechtmeiſter reiche Grafen und Marquis waren.“ „Zuweilen wohl, mein Fräulein, aber meiſtens in Romanen, um Ihre Worte von ſoeben zu gebrauchen.“ „Aber auch in der Wirklichkeit haben wir genug Bei⸗ ſpiele der Art— würde es Sie nicht freuen, Herr Ana⸗ tole, wenn Sie zufällig nach Frankreich und in der Tou⸗ raine die Entdeckung machten, daß Sie der Nachkomme eines alten, berühmten, vornehmen Geſchlechts wären?“ „Warum nicht,“ erwiederte Anatole freundlich lächelnd, „wenn mir das zur Erreichung irgend eines Zweckes nütz⸗ lich ſein könnte?“ „Ja, ja— ſo mein' ich.“ „Das ſind heitere Luftſchlöſſer, Fräulein von Mar⸗ tini, angeregt durch Ihre Güte für mich, vielleicht hervor⸗ gebracht durch dieſe zauberiſche märchenhafte Umgebung: Palmen, Orangenbüſche, das Murmeln des Springbrun⸗ nens, den Geſang der Vögel, während draußen tiefer Schnee liegt, Alles trägt dazu bei; doch leider iſt es in Wirklichkeit anders, denn ſonſt wüßte ich keinen Grund, warum meine Großmutter, die mich ſo ſehr liebt, mir ein Geheimniß daraus machen ſollte.“ — 79— ———„Ihre Großmutter iſt eine kluge Frau — nicht wahr, Eliſe?“ worauf ſich die entfernte Anver⸗ wandte des Hauſes damit begnügte, ja zu ſagen und zu⸗ ſtimmend mit dem Kopfe zu nicken, in welcher Art ſie meiſtens an der Unterhaltung Theil nahm, ſobald ſie nicht mit ihrer Freundin allein war— jetzt aber ſagte ſie,„da kommt Herr von Martini.“ Der Bankier ſchritt aufrecht, wie es ſeine Gewohnheit war, durch das Glashaus, den Kopf hoch erhoben, mit etwas ſteifem Gange und eckiger Haltung, wobei ſeine langen Arme durch ein etwas ſtarkes Vor⸗ und Zurück⸗ bewegen jeden ſeiner Schritte begleitete. Er war ſich deſſen wohl bewußt und liebte es daher, ſeine beiden Hände auf dem Rücken zu vereinigen oder ſie in die hin⸗ teren Taſchen ſeines Rockes zu verſenken, was ihm in⸗ deſſen heute unmöglich war, da er ein Buch in ſeiner Rechten trug. Obgleich es noch Vormittag, war Herr von Martini doch ſehr ſorgfältig gekleidet und hatte durch die weiße Hals⸗ binde, die er beſtändig trug, ein feierliches Anſehen, wel⸗ cher Ausdruck noch vermehrt wurde durch den tiefen Ernſt, der immer auf ſeinen nicht unſchönen Zügen lag, und der ſich häufig zu einer finſteren Verſchloſſenheit ſteigerte, wenn er, wie er oft zu thun pflegte, ſeine Augen halb ſchloß und ſeine feinen blaſſen Lippen feſt aufeinander preßte. — 80 Für dieſen Ausdruck, der ſtets eine vermehrte üble Laune anzeigte, hatten die jungen, heiteren Commis ein Sturmſignal, einen eigenen Ausdruck: der Barometer iſt gefallen. Heute Morgen aber zeigte das Geſicht des Ban⸗ kiers etwas beſſeres Wetter und ſeine Lippen kräuſelten ſich faſt, als er näher tretend ſagte:„Ah, der junge Fontenay— hat Ihnen vielleicht der Buchhalter einen Auftrag an mich gegeben?“ „Nein, Herr von Martini,“ erwiederte Anatole, der ſich raſch erhoben hatte und ehrerbietig vor ſeinem Chef ſtand,„denn in dieſem Falle würde ich Sie augenblick⸗ lich aufgeſucht haben.“ „Richtig— alſo?“— „Herr Fontenay brachte mir eine Botſchaft, Papa,“ ſprach das junge Mädchen ruhig und unbefangen,„aber nicht von Ihrem erſten Buchhalter, ſondern von Madame Reveillot in wichtigen Toiletteangelegenheiten.“ „Ah, das freut mich, Frau Fichtner ſprach Dir wohl von unſerem nächſten Balle?“ „Nein, Papa, daran dachte ich auch nicht— muß ich es Dir ſagen?“ fragte ſie ſchalkhaft lächelnd. Der Bankier zögerte einen Augenblick mit der Ant⸗ wort und drückte ſeine Lippen aufeinander, ohne daß deßhalb der Barometer ſeines Geſichtes ausnahinsweiſe gefallen wäre, dann ſagte er:„Laß mich einmal etwas 81 von Deinen Toilettegeheimniſſen hören, die doch in dieſer Geſellſchaft nicht ſehr geheim ſein können.“ „Es handelt ſich um meinen ſchönen Spitzenſchleier, das liebe Erbtheil meiner Mutter— ich möchte ihn zu etwas Anderem verwenden, und dazu erbat ich mir den Rath der Madame Reveillot, denn um ihn als Braut⸗ ſchleier benützen zu können, wird wohl noch eine ziemliche Zeit vergehen.“ „Hm!“ machte der Bankier. „Frau Fichtner weiß darum und Du wirſt auch wohl nichts dagegen haben— wenn nicht als Braut, brauche ich ja keinen Spitzenſchleier.“ „Hm!“ wiederholte der Bankier mit einem leichten Kopfſchütteln,„und doch gibt es Gelegenheiten, wo man einen ſolchen brauchen kann— ja, ja, es gibt ſolche Ge— legenheiten, und wenn ich auch gerade keine wüßte, die ſich heute oder morgen darbieten könnte, ſo möchte ich doch bei Dir ein gutes Wort einlegen für die Erhaltung dieſes Brautſchleiers.“ „Aber— Papa!“ „Vielleicht iſt es nur eine Grille von mir,“ fuhr er nach einer Pauſe fort, während welcher der Barometer ein klein wenig gefallen war—„vielleicht— vielleicht die Er⸗ innerung an Deine liebe Mutter, für die ich ihn gekauft, genug,—— wir reden noch darüber— es eilt ja nicht.“ Hackländer, Zwölf Zettel. I. 6 — 82— „Gewiß nicht, Papa, es eilt durchaus nicht.“ Wir müſſen hinzufügen, daß Anatole, nachdem er die Frage ſeines Chefs beantwortet, beſcheiden und weit ge⸗ nug zurückgetreten war, um nichts von den Worten zu hören, welche Herr von Martini mit ſeiner Tochter wechſelte und doch nicht weit genug, daß er nicht ein einziges ver⸗ nommen hätte: das Wort Brautſchleier nämlich, welches ihm auf ſo eigenthümliche Art zu überlegen gab, daß er, über ſich ſelbſt verwundert, einen Augenblick die Hand auf ſein Herz drückte und einen tiefen Athemzug that. Dabei ſchaute er um ſich her und dachte, wie einſam wird es hier ſein, wenn die freundliche Stimme, das helle Lachen jenes lieblichen Mädchens nicht mehr erklingt. „Fontenay!“ rief der Bankier,„bitte, gehen Sie in's Geſchäftslokal hinüber und ſagen Sie Georg, er ſolle ab⸗ ſchließen und meinen Wagen vorfahren laſſen.“ Der junge Mann verbeugte ſich gegen ſeinen Prin⸗ zipal und gegen die beiden jungen Damen und wollte davon eilen, als er ſah, wie Anna von Martini einen Schritt gegen ihn machte und ihm alsdann ſagte:„Ich danke Ihnen für Ihre gütige Beſtellung, richten Sie Madame Reveillot meinen beſten Gruß aus und ſagen Sie ihr, ich erwarte ſie in den nächſten Tagen, um mit ihr nochmals über die Sache zu reden— ich danke Ihnen — guten Tag!“ Sie nickte ihm freundlich zu, doch ſchien der Ausdruck ihres Geſichtes nicht mehr ſo heiter zu ſein, wie kurz vor⸗ her, als ſie ſo unbefangen mit ihm plauderte. Er eilte davon, um ſeinen Auftrag auszurichten. Als der Wagen des Bankiers ſich ein paar Minuten ſpäter raſch der Anfahrt näherte, um Herrn von Mar⸗ tini, der, in ſeinen Pelz gehüllt, in dieſem Augenblicke dort erſchien, aufzunehmen, ſah man zu gleicher Zeit eine andere Equipage durch das Hofthor fahren und gleich darauf neben der Treppe halten, wo der Herr des Hau⸗ ſes ſtand, welcher nicht nur ſeinem Kutſcher einen Wink gegeben, Platz zu machen, ſondern ſich auch die Treppe hinabbewegte, als wolle er ſich an den Schlag des jetzt unten ſtehenden Wagens bemühen. Doch war ſchon der Lakai, der neben dem Kutſcher ſaß, herabgeflogen und öffnete die Wagenthüre, welcher jetzt ein ältlicher, wohl⸗ beleibter Herr mit freundlichem Geſichte entſtieg. „Ah, Herr Graf, Sie kommen mir zuvor und be⸗ ſchämen mich,“ ſagte der Bankier, ſich tief verbeugend, „ich darf mir wohl erlauben, Ihnen zu ſagen, daß ich im Begriffe war, nach Ihrer Wohnung zu fahren.“ „In dieſem Falle iſt es alſo keine Indiskretion, wenn ich Sie zu einer kleinen Beſprechung in Ihr Kabinet be⸗ gleite?“ Der Bankier verbeugte ſich abermals, wobei er einige verbindliche Worte ſprach, dann warf er, indem er den Anderen vorausgehen ließ, raſch einen unruhigen Blick um ſich her, und als er Anatole bemerkte, der quer über den Hof ſchritt, rief er ihn durch einen Wink mit der Hand zu ſich heran. Der junge Mann war mit wenigen Sätzen bei ſeinem Prinzipal, und an ſeiner Seite in das Haus zurückkeh⸗ rend, vernahm er, wie dieſer ihm mit leiſer Stimme ſagte:„Nehmen Sie dieſen Brief, ſuchen Sie den Buch⸗ halter auf und beauftragen Sie ihn in meinem Namen, denſelben ſogleich an ſeine Adreſſe zu beſorgen; ich ſelbſt finde heute keine Zeit mehr dazu— es iſt aber wichtig und dringend.“ Der erſte Buchhalter wohnte ganz in der Nähe und war ein alter Junggeſelle, der ſich in den meiſten Fällen zu Hauſe befand, wenn er nicht auf dem Comptoir be⸗ ſchäftigt war, auch in ſeiner Wohnung das Mittageſſen einnahm; zufälliger Weiſe aber hatte er heute am Neu⸗ jahrstage eine Einladung angenommen, wo, wußte man in der Familie, bei der er wohnte, nicht zu ſagen, doch hatte er hinterlaſſen, daß er gegen vier Uhr unfehlbar wieder zu Hauſe ſein würde. Anatole hatte den Brief in die Taſche geſteckt, ohne die Adreſſe zu beachten, und während er nun zu ſeinem Mittageſſen nach Hauſe ging, dachte er, da Herrn von nan och bar hne hem von Martini an der ſchleunigen und pünktlichen Beſorgung gelegen zu ſein ſchien, ſo ſei es wohl am Beſten, dieſe ſelbſt zu übernehmen, in welcher Anſicht ihn Madame Reveillot beſtärkte, weßhalb er die Adreſſe las: Herr Doktor Narder, Parkſtraße Vierundvierzig.„Eine gute halbe Stunde von hier,“ ſagte Anatole heiter,„habe alſo einen hübſchen Spaziergang und kann ſo das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden.“ „Haſt Du je von einem Doktor Narder gehört?“ fragte die alte Frau, was ihr Enkel nach einigem Be⸗ ſinnen verneinte. Anatole ließ ſich von Madame Reveillot auf die Stirne küſſen, litt es auch geduldig, als dieſe ihm der Kälte wegen noch ein warmes Halstuch umwickelte, welches er aber, vor dem Hauſe angekommen, über die Schulter wieder herabwarf und dann ſeines Weges ging. Dieſer führte ihn quer durch die ganze Stadt, vor eins der⸗ Thore, an dem großen, ſtädtiſchen Parke vor⸗ über, und dann kam er erſt in die Parkſtraße, einen an⸗ ſteigenden, ziemlich breiten Weg, der nur hie und da mit Gebäuden, meiſtens Landhäuſern, beſetzt war. Auf der Höhe des Weges angekommen, las er über einer Hausthüre Nummer Dreiundvierzig, und hier, wo er einen ziemlich weiten Blick hatte, ſah er weiter kein Gebäude an der Straße ſtehen, wohl aber in einiger — 86— Entfernnng ſeitwärts von derſelben ein hohes und ſpitziges Dach zwiſchen den kahlen Aeſten umgebender Bäume her⸗ vorſchauen. Dahin wandte er nun ſeine Schritte, kam an ein Thor, welches durch einen Weg mit jenen ſeitwärts lie⸗ genden Gebäuden korreſpondirte und welches die Aufſchrift trug: Doktor Narder's Privatanſtalt. Anatole folgte dem Wege und befand ſich nach we— nigen Minuten vor einem zweiten, ſehr feſten, eiſernen Gitterthore, mit einer hohen Mauer, welche, wie es ihm ſchien, das Anweſen umgab. Er zog an der Glocke, worauf eine alte Frau aus einem an der Mauer liegen⸗ den kleinen Häuschen hervorkam und ſich, ehe ſie öffnete, nach ſeinem Begehren erkundigte. Als der junge Mann ihr ſeinen Brief gezeigt und den Schreiber deſſelben genannt, ſagte ſie:„Herr Doktor Narder iſt nicht zu Hauſe, wird aber in Kurzem zurück⸗ kehren und iſt es Ihnen vielleicht angenehm, denſelben in ſeinem Sprechzimmer zu erwarten.“ Dann öffnete ſie das Gitterthor und verſchloß es ſorgfältig wieder hinter dem Eingetretenen. Anatole befand ſich nun in einem geräumigen Hofe und ſah vor ſich ein anſehnliches Haus, an deſſen hin— terer Seite ſich die hohen Bäume erhoben, welche er von der Straße geſehen und die wahrſcheinlich zu einem dort — 87 befindlichen Garten gehörten. Eigenthümlich erſchien es ihm, daß die Fenſter des Hauſes ſtark vergittert waren, und daß die alte Frau, welche ihn begleitete, die Thüre, zu welcher ſie ihn eintreten ließ, mit einem ſogenannten Drücker öffnete, den ſie aus der Taſche hervorholte und nachher wieder abzog. Doktor Narder's Sprechzimmer war ein großes, ebenſo behaglich wie freundlich ausſehendes Gemach; überall waren bequeme Sitzgelegenheiten, in einer der breiten Fenſterniſchen— man ſah an derſelben, welch' ſtarke Mauer das Haus hatte— befand ſich eine Gruppe zier— licher Blattpflanzen mit einem Vogelkäfig, in dem ein weißer Kakadu war, der beim Eintritt des Unbekannten ſeinen hochrothen Federbuſch emporſträubte. „Bitte, nehmen Sie Platz,“ ſagte die alte Frau,„der Herr Doktor wird nicht lange auf ſich warten laſſen.“ Anatole ſetzte ſich in einen der Lehnſtühle, dem Fenſter gegenüber und blickte in den ſtillen Hof hinaus.„Welcher Art mag wohl die Anſtalt des Doktor Narder ſein?“ dachte er bei ſich,„irgend ein Fabrikgeſchäft?“— Dazu ſchien ihm did Anlage nicht paſſend, auch war in der Umgegend keine Waſſerkraft und ebenſo fehlte das Wahr⸗ zeichen des bewegenden Dampfes, das hohe Kamin.„Viel⸗ leicht iſt es ein Krankenhaus 2“ und dieſe Annahme ſchien ihm die richtige zu ſein, beſonders jetzt, wo er quer über — 88— den Hof ein paar Männer ſchleichen ſah, Arm in Arm, wobei ſie, ſtatt in gerader Linie zu gehen, an der Mauer vorüberzogen, um dort einen Streifen wärmenden Son⸗ nenſchein zu benützen; ihre Kleidung war etwas uniform: graue wollene Hoſen, eine Jacke von gleicher Farbe, auf dem Kopfe eine warme Kappe, wozu ſie um Schultern und Bruſt einen dicken Plaid geſchlungen hatten. Der eine von ihnen rauchte eine Papiercigarre und ſchien das mit großem Behagen zu thun, denn zuweilen blieb er einen Augenblick ſtehen, ſperrte den Mund weit auf und ließ den Dampf in blauen Ringeln emporſteigen, wobei der Andere ebenfalls ſtehen blieb und mit außerordent⸗ lichem Intereſſe zuzuſchauen ſchien, wie ſich das leichte Gewölk ſo phantaſtiſch verzog in dem glänzenden Son⸗ nenſchein— ja er hatte darüber eine ganz beſondere Freude, zeigte mit der Hand aufwärts, beſchrieb auch wohl mit dem Zeigefinger die Form des Ringes, worauf Beide alsdann ihren Spaziergang im langſamſten Schritt wieder fortſetzten, um, am Ende des Hofes angekommen, wieder umzukehren. „Ja, ja, es iſt ein Krankenhaus,“ dachte der junge Mann,„das ſind ein paar Wiedergeneſene, die wohl nach langem Aufenthalte in dumpfiger Stube ſich recht behaglich des wiedergeſchenkten Lebens freuen“— und ihre Freude war groß und unzweifelhaft, nicht nur über — 89 den ſchönen Tag mit dem glänzenden Sonnenlichte, ſon⸗ dern über weit geringfügigere Dinge. So ſchien jetzt der, welcher nicht rauchte, an der hellbeſchienenen Mauer eine Fliege zu entdecken, denn er wandte ſich dorthin und gab ſich unter ziemlich auffallenden Sprüngen mit beiden Händen die unglaublichſte Mühe, etwas dergleichen an der Wand zu erhaſchen, wobei es Anatole allerdings auffiel, daß er ſeine vergeblichen Bemühungen ſo lange fortſetzte, bis ein dritter Mann, den man vom Fenſter aus bis jetzt allerdings nicht bemerkt, im Hofe erſchien und dem Fliegenfänger einige Worte zurief, worauf dieſer augenblicklich ſtille ſtand, etwas ſcheu auf die Seite blickte und dann ruhig ſeinen Spaziergang mit dem Anderen wieder aufnahm. Anatole hatte übrigens nicht die Zeit, über dieſes et⸗ was eigenthümliche Benehmen nachzudenken, denn er hörte, wie ſich die Zimmerthüre öffnete und ſah einen Herrn eintreten, den er begreiflicher Weiſe für den Doktor Nar⸗ der hielt. Es war dieß eine ziemlich ſonderbare Erſcheinung: ein großer und hagerer Mann in einem grauen, aber bequemen Morgenrocke, von unten bis oben zugeknöpft, deſſen unſcheinbare Farbe etwas belebt wurde durch ein brennend rothes Halstuch, ſowie durch die Zipfel eines gelben Foulards, welches aus den Bruſttaſchen hervorſah. — 90— Er hatte eine ungemein hohe und breite Stirne, weniges und ſchon ergrautes Haar, eine lange ſpitze Naſe, leb⸗ hafte, faſt unruhige Augen und über dem etwas ſchlaffen Munde einen ſorgfältig gekräuſelten Schnurrbart. Seine Züge hatten einen müden und kränklichen Anſtrich, viel⸗ leicht in Folge mühſamer Studien, auch huſtete er zu⸗ weilen dumpf, aber anhaltend. Der Eintretende grüßte den jungen Mann mit einer Neigung des Kopfes und einer freundlichen Handbewe⸗ gung, erſuchte ihn Platz zu behalten, und nahm einen Stuhl, auf den er ſich ihm dicht gegenüber ſetzte, dann legte er ſeine Hände auf die Kniee und betrachtete ihn einige Minuten lang aufmerkſam und ſchweigend. „Sie kommen— ſelbſt hieher— oder haben vielleicht Jemand begleitet?— oder wurden begleitet?— geniren Sie ſich durchaus nicht, mein lieber junger Freund, uns die volle Wahrheit zu ſagen— die Wahrheit ohne Rück⸗ halt— es iſt dieß ein Fall, der häufig genug vorkommt, ein Fall unter vielen Fällen, welcher gerade nicht zu un⸗ angenehmen Konſequenzen führt— wie geſagt, geniren Sie ſich durchaus nicht, wenn auch Ihr Leiden, oder das Leiden Desjenigen, den Sie hieher begleitet, aus den eigenthümlichſten, aus den luſtigſten, aus den allerbizarrſten Gründen entſprungen iſt.“ „Erlauben Sie mir,“ erwiederte der junge Mann mit ges leb⸗ uffen veine viel⸗ zu⸗ einer ewe⸗ einen daun ihn keicht nren uns tück⸗ nt, un⸗ iren das den iſten mit einiger Verwunderung,„ich habe wohl das Vergnügen, Herrn Doktor Narder vor mir zu ſehen?“ Der Andere ſchloß lächelnd ſeine Augen, wiegte ſeinen Kopf einige Male hin und her und ſagte dann, wobei er langſam ſeine dünnen Finger auf Anatole's Handge⸗ lenk legte und den Verſuch machte, deſſen Puls zu füh— len,„erlauben Sie vielmehr, daß ich ein paar Fragen an Sie richte— wir pflegen das gewöhnlich hier ſo zu halten.“ „In meinem Falle doch wohl nicht,“ verſetzte Anatole in erſtauntem Tone, wobei er Miene machte, ſich zu er⸗ heben. „Was iſt ein Fall? mein lieber junger Freund— wie vielerlei Fälle ſind wir berechtigt anzunehmen?“ „Dieſesmal nur einen einzigen,“ entgegnete der An⸗ dere lachend,„ich bin hiehergekommen, um dem Herrn Doktor Narder ein Schreiben zu übergeben.“ „Sehen Sie,“ entgegnete der alte Mann haſtig— „auch ein Fall, der häufig vorkommt; ich erinnere mich aus meiner Praxis eines ähnlichen Falles, eines ver⸗ wickelten traurigen Falles, o ſehr traurig, wo ebenfalls Papiere übergeben wurden, wo ich mich aber genöthigt ſah, den Ueberbringer ebenfalls feſtzuhalten.“ „So wäre es vielleicht beſſer,“ meinte Anatole, nach⸗ dem er ſein Gegenüber mit einem zweifelhaften Blicke be⸗ 92— trachtet,„ich würde mein Schreiben nicht übergeben— doch Scherz bei Seite— es ſcheint nur eine einfache Geſchäftsſache zu ſein, deren Erledigung mir mein Prin⸗ zipal anvertraut, der Name deſſelben wird Ihnen wahr⸗ ſcheinlich bekannt ſein— es iſt der Herr Bankier von Martini.“ Bei der Nennung dieſes Namens zuckten die Finger des Doktors förmlich von dem Handgelenke des jungen Mannes zurück, ſeine Brauen zogen ſich finſter zuſammen, und aus ſeinen grauen, unſteten Augen flog etwas wie ein leuchtender Blitz, dann ſagte er mit leiſer Stimme, „bitte, mit wem habe ich die Ehre zu ſprechen?“ „Mein Name thut durchaus nichts zur Sache— ich bin Commis des Herrn von Martini und von demſelben mit einem Brief an Herrn Doktor Narder beauftragt — erlauben Sie mir, daß ich mich dieſes Auftrages ent⸗ ledige.“ „Alſo doch von ihm— von dieſem Herrn von Mar⸗ tini?“ rief der Andere aus, indem er ſich dieſesmal raſch erhob—„geſtatten Sie, ehe ich den Brief annehme, einen Augenblick über dieſen ganz beſonderen Fall nach⸗ zudenken— es gibt Fälle, die andere Fälle vorausſetzen, und um für alle Fälle gerüſtet zu ſein, muß man jeden Fall ganz beſonders in's Auge faſſen— o ich könnte Ihnen von einem beſonders ſchweren Fall erzählen, der 1 fache vrin⸗ dahr⸗ von nger ngen men, wie ume, ich lben ragt ent⸗ Nar⸗ nſch jme, ach⸗ Ben, den⸗ mte der auf alle Fälle meines Lebens bedeutſam einwirkte, doch gehen wir darüber hinweg— laſſen Sie mich über den ganz beſonderen Fall ein wenig nachdenken.“ Das that er denn auch, aber auf eine ſo eigenthüm⸗ liche Art, daß ihm Anatole mit Verwunderung, ja mit Erſtaunen zublickte: zuerſt ſchritt er mit auf dem Rücken zuſammen gelegten Händen in ungewöhnlich langen Schrit⸗ ten auf und ab, wobei er in einem fort von Fall und Fällen vor ſich hinmurmelte, dann blieb er vor dem Pa⸗ pageikäfig ſtehen, erhob langſam die linke Hand über ſeinen Kopf und machte mit allen fünf Fingern eine Be⸗ wegung, wie der Vogel zu thun pflegt, wenn er ſeinen Federbuſch aufſtellte, was der Kakadu nun in Wirklich⸗ keit that, dann ein ſchrilles Geſchrei erhob und hierauf zornig ſeine Federn ſträubte. „Sie ſehen,“ wandte ſich der Doktor jetzt mit einer eleganten Handbewegung gegen Anatole,„daß dieſes kluge Thier über Herrn von Martini———— ganz meiner Anſicht iſt,“ ſetzte er flüſternd hinzu, indem er ſeine Rechte an den Mund hielt und die Worte leicht in das Ohr des jungen Mannes hauchte. Dieſer zog achſelzuckend ſeinen Brief hervor und ſagte: „Ich als einfacher Ueberbringer eines Schreibens, deſſen Inhalt mir gänzlich unbekannt iſt, bin nicht in der Lage, Anſichten über meinen Prinzipal entgegen zu nehmen.“ 94 „Gut geſagt, Sie ſcheinen mir ein Ehrenmann— ſind alſo in Dienſten des Herrn von Martini?“ „Einer ſeiner jüngſten Commis.“ „Schade, daß Sie nicht ſein älteſter und vertrauteſter ſind, denn in dieſem Falle würde ich Sie um eine Ge⸗ fälligkeit gebeten haben.“ „Befehlen Sie über mich, Herr Doktor; wenn es in meiner Macht ſteht, Ihnen einen Dienſt zu leiſten— einen Dienſt, der ſich mit meiner Stellung in Einklang bringen läßt, ſo bin ich gerne hiezu bereit.“ „In Einklang bringen läßt, das iſt der richtige Fall — natürlich den allein müſſen wir in's Auge faſſen, es läßt ſich aber mit aller Treue und Ergebenheit vereinigen — Sie brauchen nur zu ſehen, mich alsdann wieder zu beſuchen, vor mich hinzutreten, die Hand auf Ihr Herz zu legen und ſehr ausdrucksvoll mit dem Kopfe zu nicken — verſtehen Sie mich?“ „Nicht im Geringſten, um Ihnen die Wahrheit zu ſagen,“ entgegnete der junge Mann, dem es anfing ganz eigenthümlich zu Muthe zu werden bei den ſonderbaren Reden des Herrn Doktor Narder— auch hatte er ſeinen Brief hervorgezogen und wollte ihn den Händen des An⸗ deren übergeben, der ihn aber mit einer entſchiedenen Handbewegung von ſich abwies und ihm dabei ſagte: „Ich kann und werde das nicht eher annehmen, bis Sie 95 mir verſprechen, zu ſehen und mir alsdann mit einem ausdrucksvollen Kopfnicken einzugeſtehen, daß Sie geſehen haben— ein ſehr klarer Fall.“ „Für Sie vielleicht, aber nicht im Geringſten für mich— wo und was ſoll ich ſehen?“ „Laſſen Sie mich meine Gedanken ſammeln,“ entgeg⸗ nete der Andere, drückte hierauf ſeine beiden Hände vor das Geſicht und verharrte ſo in einem minutenlangen Nachdenken, dann ſprach er mit einer ausdrucksloſen, faſt zitternden Stimme und in abgebrochenen Sätzen mit ge⸗ ſchloſſenen Augen wie Jemand, dem es die größte Mühe macht, ſeine Erinnerung zu ſammeln und ihnen Worte zu verleihen: „Das Geſchäftshaus des Herrn von Martini befindet ſich nicht im Hauſe ſelbſt, ſondern am Ende ſeines Gar⸗ tens; durch dieſen Garten werden aber nur beſondere Beſuche eingelaſſen, alles Uebrige kommt von der rückwärts liegenden ſchmalen Straße und tritt durch eine Thüre ein, über welcher in Stein gemeißelt die Buchſtaben ſtehen: v. M.& S.— von Martini und Sohn.“ „So iſt es,“ ſagte Anatole, aufmerkſam werdend. „Ganz beſondere Beſucher aber werden im Geſchäfts⸗ hauſe freundſchaftlich empfangen, um zu wichtigen Unter⸗ redungen einen anderen Ort und eine andere Stunde an⸗ gezeigt zu erhalten.“ „Ja, ja, ſo iſt es.“ „Dieſe beſprechen ſich mit Herrn von Martini in deſſen Privatkabinet, welches ſich im Wohnhauſe befindet.“ „Das kommt allerdings zuweilen vor.“ „Dieſes Privatkabinet iſt im erſten Stocke rechts an der Treppe hinter einem Vorzimmer mit grauen Tapeten, durch welches man in das kleine rothe Gemach kommt.“ Anatale ſchüttelte mit dem Kopfe, worauf der Andere plötzlich ſeine Augen weit öffnete und mit einem finſteren Blicke fragte,„warum verneinen Sie das?“ „Weil es unrichtig iſt.“ „A— a— a— ah unrichtig,“ ſagte der Andere, indem er ſeine Augen mit der Hand bedeckte, doch warf der junge Mann, den die Erzählung des Doktors zu intereſ⸗ ſiren anfing, freundlich ein,„vielleicht war es ſo im alten Hauſe— ja, ja, ich erinnere mich— ich ſah ein kleines Bild von dem früheren Arbeitszimmer des Herrn von Martini, und das war allerdings—“ „Von rother Farbe, hatte auch rothe Möbel; an dem einzigen Fenſter, welches dem Garten und Geſchäftshauſe zugekehrt war, ſtand der einfache Schreibtiſch, davor ein Stuhl mit runder Rücklehne, bezogen mit grünem Saffian.“ „Der Stuhl iſt noch im Gebrauch,“ ſprach Anatole mehr zu ſich ſelber wie zu dem Anderen.— „Neben dem SchreWibtiſch ſtand ein niedriger Fauteuil, ſen 97 in dem ich ſaß, während Herr von Martini eine alte, ſchwere, aus vergoldetem Kupfer beſtehende Kaſſette mit einem ſehr feſten, aber damals geöffneten Schloſſe vor ſich ſtehen hatte.“— „Ich kenne die Kaſſette,“ rief der junge Mann lauter, als es vielleicht in ſeiner Abſicht lag. „Jetzt kommt der Fall, von dem ich reden will: wenn Sie zu den Vertrauten des Hauſes gehören, ſo wird es zuweilen geſchehen, daß man Sie in dieſes Kabinet beruft; Sie werden die Kaſſette von vergoldetem Kupfer auf dem Tiſche ſtehen ſehen— dieſelbe wird vielleicht eines Tages oder Nachts geöffnet ſein— Sie können einen Blick hin⸗ einwerfen und— bemerken vielleicht,“ fuhr er, nachdem er ſcheu um ſich her geſehen, in flüſterndem Tone fort, „in dieſer Kaſſette— eine kleine grüne Brieftaſche.“ „A— a— a—ah,“ machte Anatole im Tone höchſten Erſtaunens. „Das iſt der Fall, von dem ich ſprach,“ ſagte der Andere, und ſetzte geheimnißvoll hinzu, nachdem er ſeine Rechte auf die Schulter des jungen Mannes gelegt,„reden wir nicht darüber, es könnte uns das Leben koſten.“ In dieſem Augenblicke wurde die Zimmerthüre, und dieſes Mal ſehr raſch und lebhaft geöffnet. Herein trat ein Herr in Mantel und Hut, welch' Letzteren er jedoch auf der Schwelle grüßend abnahm und Anatole mit Hackländer, Zwölf Zettel. I. 7 3 — 98— freundlicher Stimme zurief:„Verzeihen Sie mir, daß ich Sie warten ließ; ich war in der Stadt und komme ſo⸗ eben zurück— wie ich ſehe, hat man Ihnen Geſellſchaft geleiſtet, und hoffe ich— daß man Ihnen keine Urſache gegeben hat, ſich über dieſe Geſellſchaft zu beklagen?“ ſetzte er mit einem ernſten Blicke auf den langen Mann mit der grauen Jacke hinzu. Dieſer hatte ſich beim Eintritte des Anderen raſch in eine Ecke des Zimmers zurückgezogen und murmelte, wäh⸗ rend er aufmerkſam ſeine Fingernägel betrachtete:„Wem ich die Ehre meiner Unterhaltung gönne, der hat nie Ur⸗ ſache, ſich darüber zu beklagen.“ „Gewiß nicht, mein Beſter,“ ſagte Doktor Narder in heiterem Tone, denn er war es, der eingetreten, und der ſich nun, ſeinen Mantel raſch abwerfend, dem jungen Mann nüäherte,„gewiß nicht, Herr Morel, Ihre Unter⸗ haltung iſt recht intereſſant, doch werden Sie mir jetzt geſtatten, Sie einen Augenblick abzulöſen— wenn ich nicht irre, hat Konrad draußen nach Ihnen geſehen und möchte Ihnen etwas ſagen.“ Der lange Mann machte noch eine tiefe Verbeugung gegen Anatole und zog ſich mit langſamen Schritten rückwärts gegen die Thüre hin. Dort angekommen, paßte er einen Augenblick ab, wo der Doktor ihm den Rücken zukehrte, um mit einer bezeichnenden Geberde ſeinen ſetzte der h in wäh Wem Ur 99 Zeigefinger an den Mund zu legen, worauf er ver ſchwand. Anatole, der nun vollſtändig mit ſich im Klaren war, mit wem er es zu thun gehabt, war klug genug, den wirklichen Doktor Narder nichts davon merken zu laſſen, und entledigte ſich in kurzen Worten des Auftrags ſeines Prinzipals, ohne es für nöthig zu finden, dabei zu ſagen, daß der Buchhalter, Herr Ringel, der Ueberbringer dieſes Briefes hätte ſein ſollen. Der Arzt der Privat⸗Anſtalt war indeſſen von einer ausgezeichneten Artigkeit, und während er Anatole über den Hof hinüber bis an das Gitterthor begleitete, wieder holte er ihm einige Male, daß er ſich ſehr freue, ſeine Bekanntſchaft gemacht zu haben, die Bekanntſchaft eines jungen Mannes, der, noch ſo jung, doch ſchon das volle Vertrauen ſeines Prinzipals beſitze. Auf dem Heimwege dachte Anatole lebhaft an das, was er geſehen und erfahren. Als er von dem Neben wege wieder auf die Hauptſtraße einbog und hier aber mals die Aufſchrift las, Doktor Narder's Privat⸗Anſtalt, mußte er ſich geſtehen, daß er in der kurzen Zeit, ſeit er ſie zum erſten Male geſehen, um wichtige Erfahrungen reicher geworden war. Daß Doktor Narder einer Privat⸗Irren⸗Anſtalt vor⸗ ſtand, darüber konnte nicht der geringſte Zweifel herrſchen, 100— ebenſowenig, daß er mit einem Kranken deſſelben das lange Geſpräch geführt. Dabei aber hatte der Kranke ſo verſtändige Aeußerungen gethan, daß er anfänglich über den Zuſtand deſſelben in Zweifel bleiben mußte, und hatte zuletzt ſein Intereſſe im höchſten Grade dadurch erregt, daß er ihm Mittheilungen gemacht über einen Gegenſtand, der ihn ſelbſt ſeit geſtern ſo außerordentlich beſchäftigt. Was jener Herr Morel ihm darüber geſagt, konnte kein Phantaſiegebilde'ſein, ſeine Angaben waren zu poſitiv, er kannte das kleine Geſchäftshaus mit dem Eingange von der Straße her ganz genau; erinnerte er ſich doch ſogar der verſchlungenen Buchſtaben über der Thüre, die Ana⸗ tole ſelbſt ſo gleichgültig betrachtet. Aber Jener hatte das Geſchäftslokal in einer früheren Zeit gekannt, denn er ſprach von dem Wohnhauſe, wie es zur Zeit des alten Herrn von Martini und auch noch zur Zeit des jetzigen Chefs des Hauſes geweſen, und nach ſeinen Angaben mußte er damals in ziemlich genauen Beziehungen zu dem jetzigen Prinzipal geſtanden haben, denn ſo wie Anatole die Gewohnheiten im Hauſe kannte, wäre Herr Morel ſchwerlich zur Nachtzeit im Privatkabi⸗ nete des Bankiers geweſen, wenn man ihn nicht als einen Mann des Vertrauens angeſehen hätte, und dort ſah Jener die Kaſſette von vergoldetem Kupfer, die Anatole genau kannte, welche er allerdings häufig, aber niemals 101— A das geöffnet geſehen— ja, wenn er eintrat, wie es ſchon das ſo vorgekommen war, während dieſe geöffnet vor Herrn von über Martini ſtand, ſo hatte dieſer augenblicklich den Deckel der jatte Kaſſette zugedrückt— was dem jungen Mann bis jetzt . niemals auffallend erſchienen war, ihn aber nach der Mit⸗ regt, 9 ünd theilung, die er ſoeben erhalten, nun auf's Lebhafteſte in⸗ 1U, lgt tereſſirte. ken Doch woher kam dieſe Mittheilung?— von einem 1 9 h Unbekannten, der ſich in einer Irren⸗Anſtalt befand— un alſo wenn demſelben auch eine Erinnerung an das Ka⸗ binet des Bankiers geblieben, ſo war es doch ebenſo ogar 8 1. glaublich, daß die grüne Brieftaſche ein Spiel ſeiner Una⸗——. Phantaſie war.— Selbſt zugegeben, daß ſich in der Kaſſette des Herrn von Martini ebenfalls eine grüne eren R fſ— 0.: 88—. . Brieftaſche befand, die Jenen intereſſirte, ſo konnte die⸗ wie 2 9. 2.. 6 ſelbe ja außer allem Zuſammenhange ſtehen mit der grünen dodh. e 9 1 2. S ) Brieftaſche, welche ſich ſeit geſtern in Anatole's Hand uih befand. den Wenn nur der Zeitpunkt, wo Herr Morel im Hauſe ben, des Bankiers geweſen war, nicht mit jenem, an dem ſein nte 9 Vater von jener räthſelhaften Begebenheit betroffen wor⸗ bbi⸗ den, zuſammengefallen wäre,— das alte Haus und der 3 9 4 nen jetzige Herr!— Das gab dem jungen Manne zu denken, ſah beſchäftigte ihn ausſchließlich auf dem Heimwege und ließ ihn endlich zu dem Entſchluſſe kommen, nicht nur die — 102= 8 Brieftaſche nochmal auf's Genaueſte zu unterſuchen, ſon⸗ dern auch dem Buchhalter, Herrn Ringel, in einer ver⸗ traulichen Stunde Mittheilungen zu machen, um den er⸗ fahrenen Mann in dieſer Angelegenheit um Rath zu. bitten. Fünftes Kapitel. Als Anatole am andern Tage zu früher Stunde das Geſchäftslokal betrat und den Buchhalter allein an⸗ weſend fand, wollte er den geſtern gefaßten Entſchluß ausführen, und Herrn Ringel Mittheilungen über die ſelt⸗ ſame Unterredung machen, die er mit Herrn Morel ge⸗ habt, und begann damit, zu erzählen, wie er es für ſeine Pflicht gehalten, den als dringend bezeichneten Auftrag des Herrn Prinzipals ſelbſt auszuführen, da er, der Buch⸗ halter nicht aufzufinden geweſen, ſah aber zu ſeinem größ⸗ ren Erſtaunen, daß dieſe Mittheilung den ſonſt ſo ruhigen Mann in eine früher nie an ihm bemerkte Aufregung verſetzte. „Schlimm, ſchlimm, ſchlimm,“ ſagte er, von ſeinem Buche förmlich in die Höhe fahrend—„wer kann die Behauptung wagen, ach ſei unauffindbar geweſen?— Hatte ich nicht ausdrücklich in meiner Wohnung hinter⸗ laſſen, daß ich um vier Uhr zurückkehren würde— ge⸗ wiß, das hatte ich, und mein Gedächtniß müßte mich voll⸗ — 104— ſtändig trügen, wenn ich nicht obendrein noch der Magd, jener dummen Perſon, geſagt hätte, wo ich auch in der Zwiſchenzeit anzutreffen wäre.— Kann man ſich wohl die geringſte Unregelmäßigkeit erlauben?— Da eſſe ich einmal an einem andern Orte— flugs werde ich ge⸗ ſucht— da bin ich einmal zu meiner gewöhnlichen Zeit nicht zu Hauſe, und gerade da verlangt man nach mir. — Aber Sie hätten nicht ſo voreilig ſein ſollen, junger Mann, Sie hätten mir und auch wahrſcheinlich ſich ſelbſt einen großen Dienſt geleiſtet, wenn Sie den Brief des Prinzipals, wie Ihnen dieſer anbefohlen, in meine Hände übergeben haben würden.“ „Damit hätte ich mir allerdings einen großen Weg erſpart,“ erwiederte Anatole, und ſetzte in ſehr trockenem Tone hinzu,„ich werde mir das für die Zukunft merken — bedauere aber unendlich, daß meine Bereitwilligkeit, dem Herrn Prinzipal und auch Ihnen zu dienen, einen unangenehmen Eindruck auf Sie hervorgebracht hat.“ „Dienen?— richtig dienen?— was iſt richtig die⸗ nen?— Ich will es Ihnen ſagen: ganz genau, ohne weitere Ueberlegung, aber pünktlich auf's Wort das aus⸗ führen, was Einem anbefohlen worden iſt.“ Herr Ringel ſchien ſo aufgeregt und unruhig, daß er ſogar vergaß, in ſeiner gewöhnlichen, von uns früher an⸗ gedeuteten Art zu ſprechen, wogegen er aber bald die 105 linke, bald die rechte Hand von ſich abſtreckte, ſo die ge⸗ wöhnliche Buchung ſeiner Ideen anzeigend, indem er häu⸗ figer die linke Hand bewegte, um vielleicht auszudrücken, daß durch den vorliegenden Fall das Soll des jungen Mannes bedeutend belaſtet' worden ſei. „Sie ſehen das als eine Kleinigkeit an,“ fuhr er fort, „aber es iſt durchaus keine Kleinigkeit; wenn man Sie auch hier im Hauſe mit großer Nachſicht und Milde be⸗ handelt und mit Ihnen zufrieden zu ſein ſcheint, ſo iſt es doch ſchlimm, wenn Sie dadurch zu der Einbildung kommen ſollten, Geſchäfte, die ich für den Chef des Hauſes zu beſorgen habe, könnten von Ihnen eben ſo gut abge⸗ macht werden.“ „Ich habe noch niemals dieſe Anſicht gehabt,“ erwie⸗ derte Anatole ruhig,„und Sie können ſich darauf ver⸗ laſſen, Herr Buchhalter, daß ich in einem ähnlichen Falle ſtreng militäriſch nach Ordre verfahren werde.“ „Das iſt ganz die richtige Anſicht, und bei uns auf dem Comptoir iſt das, was man bei dem zweierlei Tuch Subordination nennt, ebenfalls ſehr nothwendig.“ Anatole hätte früher aus der Unterredung, die er draußen gehabt, vor Herrn Ringel durchaus kein Hehl gemacht; doch ſprach jetzt etwas in ihm dagegen, weßhalb er ſich umwandte, um an ſein Pult und in's Nebenzim⸗ mer zu gehen. — 106— „Herr Fontenay!“ rief ihm der Buchhalter nach,„kom⸗ men Sie noch einen Augenblick daher, wenn ich bitten darf.— Sie wiſſen,“ fuhr er hierauf fort, als der junge Mann zurückgekehrt war,„daß meine Anſichten von Dienſt und Dienen überhaupt etwas ſtrenge ſind, weßhalb es denn auch kam, daß ich mich vorhin eines herben Aus⸗ drucks bediente— ich ſage Ihnen das, weil Sie mir im Uebrigen als ein ganz vortrefflicher junger Mann bekannt ſind und weil ich Ihnen nicht gerne wehe thun möchte für das, was Sie vielleicht ein Bischen irrthümlich vor⸗ hin Dienſteifer genannt.“ Nach dieſen Worten lehnte ſich der Buchhalter mit beiden Armen gemüthlich auf das Pult, wie er ſonſt nur in Feierſtunden gewohnt war und wodurch er anzeigte, daß er einer kleinen Plauderei nicht abgeneigt wäre; auch ſchaute er den Commis ſo freundlich als möglich an, doch fand dieſer, der ein wenig mißtrauiſch geworden war, heute einen eigenthümlich lauernden Zug in dem lächeln⸗ den Geſichte des Buchhalters. „Alſo Sie waren draußen bei unſerem gemüthlichen Doktor Narder?— nicht wahr, ein netter Mann?— ſprachen Sie lange mit ihm?“ „Nur wenige Minuten, Herr Buchhalter— ich mußte eine Viertelſtunde warten, da der Vorſteher dieſer Privat⸗ Anſtalt abweſend war, und als er kam, händigte ich ihm 107 meinen Brief ein, worauf er mir einige freundliche Worte ſagte und mich entließ.“ „Hatten Sie nicht Luſt, ſich dieſe intereſſante Anſtalt zeigen zu laſſen?“ „Wie ſollte ich dazu kommen, da ich heute noch nicht weiß, welche Art von Anſtalt es iſt— die Auf⸗ ſchrift am Wege ſagt: Privat⸗Anſtalt des Doktor Narder, und um weiter habe ich mich nicht bekümmert.“ „Ja, ja, eine Privat⸗Anſtalt— eine ſehr wohlthätige für verwahrloste Leute— wiſſen Sie, verwahrlost hier oben“— er zeigte auf ſeine Stirne—„welche Mittel beſitzen oder für welche von guten Menſchen Mittel be⸗ ſchafft werden, die es ihnen möglich machen, den Schreck⸗ niſſen gewöhnlicher Irren⸗Anſtalten zu entgehen.“ „Ah ſo?“ . „Sie kennen den Wohlthätigkeitsſinn des Herrn von Martini— auch er trägt ſein Scherflein dazu bei, um einem Unglücklichen den Aufenthalt dort zu ermöglichen — das iſt die ganze Geſchichte.“ Anatole verbeugte ſich wie Jemand, welcher eben ſo überzeugt als befriedigt iſt, doch konnte er ſich, als er nun wieder, an ſein Pult zurückgetreten war, einer ganz eigenthümlichen Gedankenfolge nicht erwehren.„Dieſe Privat⸗Anſtalt iſt für Geiſtesſchwache und Irrſinnige, Dok⸗ tor Narder erhält für dieſelben milde Beiträge, auch von — 108— Herrn von Martini, und dabei iſt es doch ſonderbar, daß ſich draußen ein Mann befindet, der gerade mit Herrn von Martini in früheren Jahren in inniger Beziehung geſtanden haben will, der etwas wußte über den Inhalt einer Kaſſette im Privatkabinet des Bankiers.“— Dabei konnte es Anatole nicht vergeſſen, wie forſchend der Buch⸗ halter ihn angeſchaut, als ihm derſelbe vorhin dieſe ver⸗ traulichen Mittheilungen gemacht. Von ſeinem Platze aus konnte Anatole Herrn Ringel ſehen, da die Wand zwiſchen beiden Zimmern zur Hälfte aus Glas beſtand. Der Buchhalter ſchien heute Morgen noch nicht ſo recht in ſeiner Arbeitsſtimmung zu ſein— er hatte Kaſſabuch und Hauptbuch vor ſich, blätterte auch zuweilen in letzterem herum, rückte aber dabei auf ſeinem Stuhle hin und her und blickte manchmal gedankenvoll gen Himmel empor— offenbar überlegte er etwas, ohne zu einem genügenden Endreſultat gelangen zu können. Jetzt fuhr er plötzlich mit ſeinem Kopfe herum und näherte ſein Ohr eilfertig der Mündung eines Sprach⸗ rohres, die ſich neben ſeinem Sitze befand, und deren Leitung in das Wohnhaus und dort in das Kabinet des Herrn von Martini führte.. Hierauf ſchien er eine Frage zu beantworten, und nachdem er abermals das Ohr an die Mündung gelegt, ſchlug er das Hauptbuch zu, verſchloß es in ſein Pult 109— und verließ in Paletot und Hut das Geſchäftslokal, um quer durch den Garten nach dem Vorderhaus zu gehen; dort wurde er von dem Bedienten Georg erwartet und in das Kabinet des Bankiers geleitet. Es war dieſes ein nicht ſehr großes, aber äußerſt elegantes und behaglich eingerichtetes Gemach mit einem hohen Fenſter, welches aus einer einzigen Scheibe beſtand und an welchem quer in's Zimmer hinein der ſehr lange und ſehr breite Schreibtiſch ſtand. Dieſer war einfach mit grünem Tuche bedeckt und auf demſelben ſah man Schreibzeug, mehrarmige Leuchter, Papier und Umſchläge mit dem Wappen des Hauſes in Käſtchen von feinem Holz. Die Miniaturbilder der verſtorbenen Frau des Bankiers, ſowie Anna's von Martini, ferner zierliche Li⸗ neale, Papiermeſſer, Federnhalter von Gold und Elfen⸗ bein. An der Langſeite des Tiſches in der Mitte ſtand eine Kaſſette von vergoldetem Kupfer, der Schreibſtuhl mit runder Lehne war mit grünem Saffian überzogen, und neben demſelben an der Wand unterhalb des großen Fenſters bemerkte man einen kleinen Geld⸗ oder vielmehr Doku⸗ mentenſchrank, deſſen äußerſt ſinnreiches und feſtes Schloß von einem außerordentlich kleinen Schlüſſel geöffnet wer⸗ den konnte.— Gegenüber dem Schreibtiſche ſah man einen Bücherſchrank mit großen, ſchweren Folianten, die ein ſehr geſchäftsmäßiges Ausſehen hatten, ſowie kleine — 110— Fächer, in denen ſich Briefe und andere Papiere befan⸗ den. Ein großer Blumentiſch in der Ecke mit prächtigen und blühenden Pflanzen wirkte bei der einförmigen grauen Sammettapete einigermaßen erheiternd auf das Auge; der Fußboden war mit ſo dicken Teppichen belegt, daß es unmöglich war, die Schritte eines Eintretenden zu hören— wir wollen hierbei nicht von Herrn Ringel re⸗ den, denn dieſer hatte das beſondere Talent, auch ge— wöhnliche Fußböden mit einer katzenartigen Unhörbarkeit zu betreten. Daß aber der Bankier von einem Beſuche nie überraſcht werden konnte, dafür ſorgte Georg im Vor⸗ zimmer, ſowie eine Vorrichtung an der Zimmerthüre, welche beim Oeffnen einen leiſen, klingenden Ton von ſich gab. Herr von Martini hatte Briefe und Papiere vor ſich liegen, ſowie eine Schreibtafel, in welche er mit raſcher Hand Zahlen eingeſchrieben hatte.„Nehmen Sie einen Stuhl,“ ſagte er zu dem Buchhalter,„und ſetzen Sie ſich hier neben mich— bitte auch, ſich Ihres Paletots zu entledigen, denn es handelt ſich um keinen Ausgang — ich habe etwas mit Ihnen zu überlegen und zu be⸗ ſprechen.“ Herr Ringel verbeugte ſich geſchmeichelt und verbeugte. ſich in einem fort, bis er den Stuhl an den Schreibtiſch gerückt und ſich dort niedergelaſſen hatte. fan⸗ igen men uge; daß 111 X₰ Der Bankier war ſchon zu dieſer frühen Morgen⸗ ſtunde in vollſtändiger Toilette: ſchwarzem Rocke, weißer Halsbinde mit hohem und ſo ſteifem Kragen, daß ihm jede Kopfbewegung erſchwert ſchien, weßhalb er in den meiſten Fällen dem, welchen er anſehen oder anreden wollte, auch theilweiſe den Oberkörper zuwandte, was das Ernſte, faſt Unbeholfene ſeiner Erſcheinung noch bedeutend vermehrte. Wenn er indeſſen mit Herrn Ringel oder einem ſeiner ſonſtigen Angeſtellten redete, ſo wandte er ihnen in den meiſten Fällen nicht das Geſicht zu, ſondern pflegte mit unbewegten Zügen gerade vor ſich hin zu ſprechen. „Ich ließ Sie rufen,“ ſagte er zu Herrn Ringel, „um mit Ihnen nochmals über die ſchon erwähnte An⸗ gelegenheit zu reden, die nun zur Reife gekommen zu ſein ſcheint und in den hauptſächlichſten Punkten wahr⸗ ſcheinlich noch heute abgeſchloſſen wird.“ Der Buchhalter verbeugte ſich ſchweigend, denn er wußte allerdings bereits von dieſer Angelegenheit. „Seine Excellenz der Herr Graf Riedberg, Vater, iſt eigens hiehergekommen, um mit mir abzuſchließen— es i*ſt ein wichtiger Schritt, den ich vorhabe, doch von mir gehörig überlegt, und ſoll und muß gethan werden. Hätte mir das Schickſal auch einen Sohn beſcheert, der meinen Kamen fortpflanzen könnte und unſerem Hauſe den Glanz — 112— erhalten, den ich ihm verliehen, ſo würde ich mich damit durchaus nicht ſo beeilen und die Hand meiner Tochter jetzt ſchon vergeben— ſelbſt nicht in Anbetracht dieſer Partie— einer der glänzendſten des Landes—— Sind Sie, was dieſe Partie anbelangt, nicht auch dieſer An— ſicht?“ fragte der Bankier beinahe erſtaunt, als er hörte, wie Herr Ringel leicht hinter der vorgehaltenen Hand huſtete—„reden Sie offen mit mir, ich wünſche es, ich will es.“ „Das werde ich thun wie immer, Herr Prin—, Herr von Martini,“ verbeſſerte ſich der alte Buchhalter, da er ſich erinnerte, daß der Chef des Hauſes dieſe Anrede vorzog,„muß aber vorausſchicken, daß ich ein ganz ge⸗ wöhnlicher Geſchäftsmann bin— ein Geldmenſch, wie man zu ſagen pflegt, dem es den größten Kummer macht, wenn er vielleicht nach ſeinen beſchränkten Be⸗ griffen nicht im Stande iſt, Soll und Haben in Einklang zu bringen.“ „Ah ja, ich verſtehe,“ entgegnete der Bankier, wobei etwas wie ein ſaures Lächeln auf ſeinem Geſichte erſchien, „es widerſtrebt Ihren Gefühlen, gegenüber einem Grafen⸗ titel, gegenüber einem der älteſten und erlauchteſten Häuſer des Reichs eine Million zu buchen— eine Million, die ja meiner Tochter wieder zu gut kommt, denn ſie wird dazu angewandt, die gräflich Riedberg'ſchen Güter ſchuldenfrei amit chter ieſer Sind An⸗ 113 zu machen und ſo der Familie eine beträchtliche Revenüe zu ſichern.“ „Der Familie, ja,— aber welcher Familie? Herr von Martini— Gott wird Ihnen noch lange Jahre ſchenken und Sie noch viel Glück erleben laſſen an Ihrer liebenswürdigen Tochter, Fräulein Anna. Aber das Er⸗ ſtere wollen wir ja auch dem Herrn Grafen wünſchen, und ſo lange derſelbe das Haupt der Familie iſt, werden wir von den glänzenden Revenüen ſehr wenig zu ſehen be⸗ kommen, denn wie Sie beſſer wiſſen als ich, ſind dort viele Kinder vorhanden und war man bei dieſer Familie von jeher gewohnt, weit mehr zu brauchen, als man einnahm.“ „Das hab' ich ſchon einmal von Ihnen gehört.“ „Und muß es wiederholen, da Sie mir gewiſſermaßen die Ehre erzeigen, meine Anſicht hören zu wollen— ja ich muß noch Anderes wiederholen, meine ſchon einmal und ſehr beſtimmt ausgeſprochene Meinung, daß das Geſchäft, ſo glänzend es ausſieht, auch nur dann ein ſo⸗ lides werden kann, wenn Sie ſelbſt die Güter durch Kauf übernehmen, ſämmtliche Schulden tilgen, ſowie der gräf⸗ lichen Familie noch ein paarmal hunderttauſend Thaler hinausbezahlen und das Ganze alsdann als unangreif⸗ bares Eigenthum zum Heiratsgut für Fräulein Anna beſtimmen.“ Hackländer, Zwölf 114= „Hab' ich nicht ſchon einen ähnlichen Vorſchlag ge⸗ macht, der mit Verwunderung, ja mit einem ſehr vor⸗ nehmen Erſtaunen angehört wurde?“ Der alte Buchhalter zuckte mit den Achſeln. „Von Ihrem Standpunkte aus haben Sie allerdings nicht unrecht— mein Gott, ja, ich weiß das wohl,“ ſprach der Bankier mit lauterer Stimme,„aber ich nehme einen anderen ein und will Ihnen denſelben nicht ver⸗ hehlen; ich will mit Ihnen reden vertrauensvoll, wie ich es ſeit langen Jahren gethan und was ich bis jetzt zu bereuen nie Urſache hatte.“ „Auch für die Zukunft nicht, Herr von Martini,“ ſagte der Buchhalter aufblickend, und ſetzte alsdann in eigenthümlich trockenem Tone hinzu,„es weiß wohl Niemand die Geheimniſſe des Hauſes ſo zu bewahren wie ich.“ Ueber die ſonſt unbeweglichen Züge des Bankiers flog ein leichter Schatten, aber er zeigte ſich nur eine Sekunde lang, dann wandte er ſich gegen Herrn Ringel, reichte ihm ſeine Rechte und ſagte:„Wer weiß das beſſer wie ich, mein alter Freund und— Rathgeber.“ Bei dieſen Worten zeigte ſich noch etwas mehr wie ein Schatten auf den Zügen des Buchhalters; er biß die Zähne zuſammen und man ſah um ſeinen Mund ein eigenthümliches Zucken. 115 „Alſo offen und ehrlich geſprochen: Sie wiſſen, daß ich mich ſchon lange nach einem anderen Wirkungskreis ſehne, auch möchte ich meiner Tochter Anna nach der Reſidenz folgen— ich kann nicht leben, ohne ihr gutes, freundliches Geſicht zu ſehen; ich habe den fürchterlichen Gedanken, unglücklich, verloren, verdammt zu ſein, wenn ſie nicht in meiner Nähe iſt, wenn ſie nicht ihren Kopf an meine Schulter lehnt, wenn ſie nicht mit ihrer weichen Hand meine heiße Stirn berührt.“ „Ja, ja, ſie iſt der Schutzgeiſt des Hauſes— auch ich habe oft den Gedanken, daß das Alles nur deßhalb ſo ſchön zuſammenhält, weil der Himmel einen ſolchen Engel nicht mitverderben will— und doch wollen Sie ſie von ſich geben?— Das verſtehe ich nicht recht.“ „Bin ich denn im Stande ſie für immer bei mir zu behalten?“ rief der Andere in einem faſt ſchmerzlichen Tone—„wird nicht eines Tages ihr Herz anfangen zu ſprechen, und ſie mir entriſſen werden, ohne daß ich viel⸗ leicht im Stande bin, ihre Zukunft und die meinige ſo feſt zu ſtellen, wie ich das jetzt zu thun vermag? Aller⸗ dings opfere ich dabei eine Million, habe aber dadurch das Recht erworben, Anna's Zukunft zu beſtimmen, und dieſe wird und muß glänzend ſein: ſie lebt mit ihrem Manne, dem jungen Grafen Riedberg, einer angenehmen Perſönlichkeit in der Reſidenz, und auch ich werde dort f 4 1 — 116— ſein in einem Wirkungskreiſe, den ich lange erſehnt, in einer Stellung, die mir Ehre bringt, und welche ich mit der mächtigen Hülfe des Grafen zu erreichen hoffe.“ Um den Mund des alten Buchhalters ſpielte bei dieſen Worten ein kleines Lächeln, welches aber Jener nicht ſehen konnte, da er den Kopf tief auf die Bruſt herabgeſenkt hielt. „Anna's Herz iſt noch ſo vollkommen frei,“ fuhr der Bankier fort,„als es ein vernünftiger Vater in meiner Lage nur zu wünſchen vermag— der Anſicht ſind Sie doch auch? Ich darf dieſe Frage an Sie richten, da Sie ja als zum Hauſe gehörig betrachtet werden, und da meine Tochter bei ihren kleinen Angelegenheiten oft mehr Vertrauen zu Ihnen zeigt, als zu mir, ihrem Vater.“ „Darüber bin ich ganz Ihrer Anſicht— gewiß,“ ſagte Herr Ringel. „Auch Frau Fichtner ſpricht ſo, und es iſt mir das eine große Beruhigung, und da Anna zu verſtändig iſt, um nicht einzuſehen, in welch' glänzende Stellung ſie eintritt, ſo bin ich ſicher, von dieſer Seite weniger Op⸗ poſition zu finden, als von der Ihrigen, mein alter Freund.“ „Gegen eine ſolche Heirat Oppoſition zu machen, würde ich in meiner Stellung nicht für paſſend halten, aber was ich nochmals betonen muß, das iſt die prekäre 117 Anlage jener Million— ah, eine Million iſt viel Geld, Herr von Martini; dieſelbe zu verdienen hat Ihnen und, ich darf es wohl ſagen, mir viele Mühe gemacht, manche ſchlafloſe Nacht, manche bittere Stunde.“ Der Bankier blickte vor ſich nieder und verharrte ein paar Minuten in tiefem Schweigen, ehe er nach einem langen Seufzer zur Antwort gab,„ja, ſchlafloſer Nächte, bitterer Stunden genug— verſtehen Sie aber, wenn ich Ihnen ſage, daß es mir gerade deßhalb leichter wird, jene Million hinzugeben— mich dadurch vielleicht mit dem Schickſale abzufinden?“ „Ich glaube Sie halb und halb zu verſtehen.“ „Gut— und nun muß ich, den Sinn Ihrer Worte von vorhin wiederholend, noch einmal ſagen, wie viel ich bei allem dem Ihrer Mithülfe verdanke.“ „Ja wohl, ja wohl.“ „Und daß ich bei den Ausſichten, die ſich mir bieten, auch Ihre Zukunft in's Auge gefaßt habe— ſchon öfters bot ich Ihnen an, anderswo eine Kommandite unſeres Hauſes zu gründen— Sie lehnten es ab, Sie wollen von hier nicht fort— gut denn, mein lieber Herr Ringel, Sie ſollen hier bleiben, und, wenn ich mein Ziel in der Reſidenz erreicht habe, hier die bekannte Firma unſeres 4mQNℳ — es als Theilhaber fortführen.“ au Der Buchhalter blickte auf und ſchaute dem Bankier — 118— voll in's Geſicht, ohne gerade in ſeinen Zügen zu große Ueberraſchung und Freude zu verrathen. „Ich erkenne Ihre Güte an,“ ſagte er alsdann,„und geſtehe, daß ein ſolcher Vorſchlag jeden Anderen und mich vielleicht auch vor zehn, zwanzig Jahren zum glücklichen Menſchen gemacht haben würde, daß ich auch heute noch das Chrenvolle einer ſolchen Stellung dankend anerkenne, daß ſie mir aber in meinen Jahren vorkommt wie das Licht der Winterſonne, die ihren vollen Glanz auf uns wirft, ohne uns zu erwärmen. Dabei bitte ich Sie aber, Herr von Martini, ſehen Sie meine Worte nicht als Un⸗ dankbarkeit an, glauben Sie mir, wie ſehr ich Ihre Güte gegen mich zu ſchätzen weiß,— aber wird eine neue, ſo glanzvolle Stellung, die ich hier einnehmen würde, meine geſellſchaftliche Stellung gegenüber der Stadt verändern? — wird es im Stande ſein, einen langen ſchwarzen Schatten verſchwinden zu laſſen, von dem ich mit Schau⸗ dern fühle, daß er meinen Schritten folgt, und den ich oft zu ſehen glaube, wenn ich erſchreckt zuſammenfahrend zuweilen umſchaue?“ „—— Inmmer und immer wieder dieſe trübſeligen Träumereien— was haben denn dieſelben mit Ihrer Stellung in der Stadt zu ſchaffen?“ „Viel, viel,“ erwiederte der alte Buchhalter haſtig, in— dem ſich ſein ſonſt ſo bleiches Geſicht mit einer lebhaften große „und dmich klichen noch kenne, e das f uns aber, 5 Un⸗ Güte te, ſo neine dern! arzen chau⸗ nich 119 Röthe überzog—„es iſt etwas in meiner Atmoſphäre, was die Menſchen vor mir zurückſchreckt. Um noch einmal das Bild von vorhin zu wiederholen, ſo geht es mir in umgekehrter Weiſe wie einem gewiſſen Peter Schlemihl der Mann hatte gar keinen Schatten und mir iſt es gerade zu Muthe, als führe ich deren zwei mit mir herum.“ Er ſchauderte, und dieſe Bewegung ſchien anſteckend zu wirken, denn auch der Bankier zog wie fröſtelnd ſeine Schultern in die Höhe. „Habe ich recht oder unrecht?“ fragte Herr Ringel. — Und bin ich nicht faſt in derſelben Lage?“ entgegnete der Andere nach einer minutenlangen Pauſe„wiſſen Sie nicht eben ſo gut wie ich, daß ſich zwiſchen meine raſtloſen Bemühungen, mich dem, was man die Welt, die Geſellſchaft nennt, zu nähern, ſtets ein gewiſſes, namenloſes, geſpenſterhaftes Etwas drängt, welches jene nicht dazu kommen läßt, mich mit Wärme, mit Wohlwollen, mit Freundſchaft anzunehmen? — Ich bin ein reicher Mann, ich bin, wenn Sie wollen, ein geachteter Mann, ich habe in unſerer Stadt alle Wür⸗ den und Aemter inne gehabt— es iſt allerdings kein Haus in der Stadt, in welchem man ſich nicht eine Ehre daraus machen würde, mich zu empfangen, und doch habe ich dort keine Freunde, keinen vertrauten Kreis— ein 120 unerträglicher Zuſtand, aus dem ich herauskommen will und muß, um in der Reſidenz ein neues und glänzendes Leben zu beginnen.“ „Darf man vielleicht den Wirkungskreis erfahren, den— 2⸗ „Warum nicht?“ unterbrach ihn Herr von Martini raſch—„habe ich doch vor Ihrer erprobten Verſchwie⸗ genheit keine Geheimniſſe— man will mir das Miniſte⸗ rium des Handels übertragen— Graf Riedberg hat für mich gewirkt und die Sache iſt dem Abſchluſſe nahe.“ „Ein ſchönes Amt,— eine ſchöne Stellung— ich wünſche Ihnen von Herzen Glück, und was die Million anbelangt?“— „So bitte ich Sie, vorderhand die Hälfte derſelben, ohne großes Aufſehen in der Handelswelt zu machen, in kürzeſter Zeit aus dem Geſchäfte herauszuziehen, damit ich ſie dem Grafen zur Verfügung ſtellen kann.“ „Nach Ihrer Ernennung?“ fragte Herr Ringel mit einem ſchlauen Blick—„ich werde immerhin eine kleine Zeit brauchen, das Sümmchen in guten Papieren hier auf Ihren Tiſch zu legen.“ Der Bankier gab hierauf keine Antwort, ſondern griff nach ſeinem Bleiſtifte, den er aus der Hand gelegt hatte, was der Buchhalter als ein Zeichen anſah, daß die Un— terredung beendigt ſei, weßhalb er ſich erhob. Nachdem will des ren, lini ſte⸗ 121 er ſich mit einigen Worten verabſchiedet hatte, und ſchon nahe an der Thüre war, ſagte ihm Herr von Martini, ohne übrigens den Kopf nach ihm umzuwenden:„Meinen Brief an den Doktor Narder haben Sie geſtern wohl wie gewöhnlich pünktlich beſorgt— es war die Zahlung, welche ich am erſten des Jahres und zwar immer im Vor⸗ aus zu machen pflege?“ „Das habe ich mir gedacht,“ entgegnete Herr Ringel, aber in ſo langſamem und zögerndem Tone, daß man deutlich erkennen konnte, er überlege bei ſich, ob es räth⸗ lich ſei, einen Nachſatz zu machen, und da ſer nach einigem Kampfe hiezu entſchloſſen ſchien, ſo machte er wieder ein paar Schritte gegen den Chef des Hauſes und ſagte als⸗ dann raſch:„Der Brief iſt allerdings pünktlich beſorgt worden, aber nicht durch mich.“ „Nicht durch Sie?— wie ſoll ich das verſtehen?“ fragte der Bankier, wobei ſich in ſeinen Zügen eine un⸗ angenehme Spannung ausſprach. „Sie gaben dieſes Schreiben dem jungen Fontenay, der mich allerdings aufſuchte, mich aber nicht zu Hauſe fand, da ich zum Eſſen ausgebeten war, und dabei hatte man die Ungeſchicklichkeit, ihm nicht zu ſagen, wo ich zu finden ſei.“ „Nun?— weiter!“ „Sie hatten dem jungen Manne geſagt, das Schreiben — 122— ſei eilig und wichtig, und da er mich nicht fand, ſo glaubte er recht klug zu handeln, indem er es ſelbſt ſo raſch als möglich an ſeine Adreſſe beſorgte.“ „Der Teufel auch!— und das erzählen Sie mir ſo ruhig?“ Der Bankier ſtieß dieſe Worte nicht nur haſtig erregt hervor, ſondern wandte auch dem Buchhalter, auf die Gefahr hin, ſeinen ſteifen Kragen zu zerknittern, haſtig den Kopf zu. „Ich erfuhr es ſelbſt erſt ſoeben, und würde Ihnen ſogleich hievon Mittheilung gemacht haben, doch bei den wichtigeren Angelegenheiten, die Sie mit mir beſprachen—“ „Wichtiger?— kaum.— Es iſt mir das ſehr un⸗ angenehm— wie konnte ich denken, daß Sie nicht zu Hauſe ſeien und daß dieſer junge Mann ſo ohne Wei⸗ teres davon laufen würde, gerade er—— und wie hat er ſich des Auftrags entledigt?— Sie haben ſich das doch auf die umſtändlichſte Weiſe von ihm erzählen laſſen — und war er dabei offen und rückhaltslos wie immer?“ „Ich ließ mir das von ihm erzählen ohne meine Ueberraſchung zu verrathen, und nach dem, was ich er⸗ fuhr, glaube ich nicht, daß irgend ein Grund zur Unruhe vorhanden iſt: der junge Herr Fontenay hat den Brief in die Hände des Doktor Narder ſelbſt übergeben und wußte nicht einmal, in welcher Art von Anſtalt er geweſen.“ „Gerade dieſer Fontenay— Sie ſollten doch heute um geſprächsweiſe zu erfor⸗ oder morgen hinausfahren, — ob das mit ſchen, wie er ſeinen Auftrag ausgerichtet ſeinen eigenen Ausſagen übereinſtimmt— ich halte ihn ehrlich, ja für harmlos wie ein Kind. für offen und Verſuch Und wenn er auch draußen aus Neugierde den gemacht hätte, ſich ein wenig umzuſchauen, ſo würde ihn das bei der Schlauheit Narder's nicht viel genützt haben.“ „Ja, bei ſeiner Schlauheit und ſeiner gerechten Furcht, mir zu mißfallen— hätte ich nur alle Welt ſo in meiner Hand, wie dieſen ehrlichen Arzt.“ „Gewiß, offen und harmlos iſt der junge Fontenay, und in dieſer Hinſicht muß ich einer kleinen Unterredung erwähnen, die ich geſtern Morgen mit ihm hatte und die einen Gegenſtand betraf, deſſen zwiſchen uns Beiden lange keiner Erwähnung geſchah— eines gewiſſen Gegenſtandes nämlich.“ „Sie machen mich neugierig, ſeinem Drehſtuhle gegen Herrn Ringel „ ſagte der Andere, in⸗ dem er ſich in herumwarf—„es betrifft?“ „Eine grüne Brieftaſche, von der oft zwiſchen uns die für immer verloren ſchien und die Freude oder die Rede war, nun auf einmal— ſoll ich ſagen zu meiner zu meinem Entſetzen, zum Vorſchein gekommen iſt.“ Die Züge des Bankiers verfinſterten ſich auf eine er⸗ 124— ſchreckende Art, er preßte heftig die Lippen aufeinander und ballte krampfhaft ſeine Rechte, die auf der Lehne des Seſſels ruhte. „Ringel! Ringel!“ rief er in heftigem Tone,„be⸗ denken Sie auch, was Sie mir da in einem kalten ruhi⸗ gen Tone ſagen— oder werde ich vielleicht einen glück⸗ lichen Nachſatz hören, daß eine Brieftaſche gefunden wor⸗ den iſt, die Aehnlichkeit mit jener gewiſſen hat, aber doch eine andere iſt— ſprechen Sie um Gotteswillen, ſprechen Sie!“ Der alte Buchhalter zuckte mit den Achſeln, indem er entgegnete:„Ich möchte der Sache keinen zu großen Werth beilegen, obgleich ſie allerdings wichtig genug iſt, denn darüber kann kein Zweifel mehr herrſchen, daß es jene Brieftaſche iſt mit den ſechs ergänzenden Papier⸗ zetteln, jene Brieftaſche, das Seitenſtück zu der Mo⸗ rel's.“ Der Bankier knirſchte mit den Zähnen, und ſ Hand erfaßte krampfhaft die Lehne des Seſſels. „Nennen Sie mir dieſen Namen nicht,“ ſtieß er müh⸗ ſam hervor—„und dieſe Brieftaſche?“ eine „Iſt in den Händen des jungen Fontenay, ohne daß derſelbe jedoch eine Ahnung von der bedingungsweiſen Wichtigkeit jener ſechs Zettel hat.“ „Laſſen Sie mich wiſſen, wie ſie in ſeine Hände kam.“ 125— Der Buchhalter erzählte, was er davon wußte. nder ehne„Und glauben Sie, daß der junge Menſch die Wahr⸗ heit ſprach?“ „be⸗„Ich glaube es, ohne jedoch hiefür eine Bürgſchaft uli⸗ übernehmen zu können es ſcheint mir, als habe Ma⸗ lück dame Reveillot die Brieftaſche lange Jahre im Beſitze ge⸗ por⸗ habt, ohne beſonderen Werth darauf zu legen.“ doch„Und mit Recht,“ ſtieß der Bankier zornig heraus— hen„was kann ſie auch für irgend Jemand Anderes einen Werth haben— hätte ſie aber einen nachweislichen, ſo t würde man ihn wahrſcheinlich ſchon geltend gemacht haben — das könnte mich allenfalls beruhigen.“ f.„Endlich hat wohl die alte Frau es für nöthig ge⸗ 2 halten, ihren Enkel vom Vorhandenſein dieſes Gegenſtan⸗ 6 des in Kenntniß zu ſetzen, und ſcheint dieſes erſt in den 1 letzten Tagen geſchehen zu ſein.— Daß übrigens Herr Fontenay großen Werth darauf legt oder vielmehr, daß er irgend ein Geheimniß dahinter vermuthen ſollte, glaube jſ ich, wie ſchon geſagt, nicht annehmen zu dürfen, denn er ſprach mit mir darüber offen und rückhaltslos, wie er immer zu thun pflegt.“ „Hat er Ihnen die Brieftaſche gezeigt 2“ fragte Herr von ß Martini haſtig, wobei ſeine Augen eigenthümlich glänzten. 2 n„Für dieſes Mal nicht,“ entgegnete der Buchhalter in ruhigem Tone. — 126— Die Blicke des Bankiers wandten ſich mit einem Aus⸗ drucke des Unbehagens ab, und als er hierauf ſein Ge⸗ ſicht dem Fenſter zuwandte, war auf ſeinen Zügen eine Spur von Mißtrauen nicht zu verkennen. „Herr Fontenay ſagte mir,“ fuhr Herr Ringel fort, „er habe die Brieftaſche auf's Genaueſte unterſucht, aber nichts Bemerkenswerthes darin gefunden.“ „So iſt es mit den anderen ſechs Blättern ſchon ge⸗ ſcheidteren Leuten ergangen.“. „Nur ſechs Zettel,“ ſagte er,„ſeien darin, doch die Schrift darauf durchaus in keinen richtigen Zuſammen⸗ hang zu bringen.“ „O wenn wir ſie hätten, dieſe Blätter—— und wir müſſen ſie haben— mag es koſten, was es will.“ „Es wird, glaube ich, nicht ſchwer ſein, ſie zu er⸗ halten.“ „Schaffen Sie ſie mir!“ rief der Bankier aufſpringend „ſchaffen Sie ſie mir und ſeien Sie meiner reichſten Erkenntlichkeit gewiß— o ſie ſind ſehr koſtbar für uns, dieſe Blätter.“ „Ich weiß das wohl und hoffe auch, ſie in meine Hände zu bekommen— Herr Fontenay erklärte ſich aus eigenem Antriebe bereit, ſie mir zu zeigen, um meine An⸗ ſicht über die Schriftzüge zu vernehmen.“ „Ah, das iſt ein glückliches Zuſammentreffen— ich ge⸗ h die mmen⸗ und wäll.“ 127 brauche Ihnen keine Vorſicht anzuempfehlen, ich brauche Ihnen nicht zu ſagen, daß Sie dieſer Sache gegen den jungen Mann mit keiner Silbe erwähnen dürfen, daß er Ihnen von ſelbſt wieder kommen muß, Ihnen die Brief⸗ taſche anzubieten dann dann—— wer⸗ den Sie ſie mit der größten Gleichgültigkeit annehmen, mit dem Verſprechen, ſie gelegenheitlich durchzugehen.“ „Gewiß und wenn ich ihm ein paar Tage ſpäter gleichgültig geſagt, auch ich finde durchaus keinen Sinn in den Schriftzügen der Blätter, ſo werde ich ihm den Vorſchlag machen, die Blätter allein für Ihre Autogra⸗ phenſammlung behalten zu dürfen, daß ſie Ihnen in⸗ tereſſant wären im Hinblick auf jene räthſelhafte Be⸗ gebenheit.“ „Ja, ja, machen Sie das, wie Sie wollen, aber ſo vorſichtig als möglich— nur ſchaffen Sie mir dieſe Blätter—— den Gedanken ſo vieler qualvollen Stun⸗ den, den Traum manch' unruhiger Nacht. Wiſſen Sie, was ich von jenen Blättern denke?“ fuhr Herr von Mar⸗ tini nach einer Pauſe fort, während welcher er nahe an den Buchhalter herangetreten und ſeine Hand auf deſſen Schulter gelegt hatte—„daß ſie ſich mit denen, die ich in meinem Beſitze habe, ergänzen und ſo einen Nachweis zu Stande zu bringen vermöchten— der— der— „Der gefährlich oder wenigſtens ſehr unangenehm 128 werden könnte, wenn er von Jemand Anderem hergeſtellt würde.“ „Unangenehm wäre in dieſem Punkte für mich voll⸗ kommen gleichbedeutend mit gefährlich— denken Sie ſich, es träte plötzlich etwas an's Tageslicht, was mit jener Begebenheit, auf der allerdings der Staub langer Jahre ruht, in Zuſammenhang zu bringen wäre— denken Sie, mit welcher Wonne würden ſich Berufene und Unbexu⸗ fene zu Nachforſchungen vereinigen— denken Sie gur, wenn durch irgend einen Zufall dabei mein Name genannt würde— o es kann zu einem Glück von unberechenbarer Tragweite für uns werden, daß die anderen ſechs Blätter zum Vorſchein gekommen ſind, und ich kann Ihnen nicht ſagen, wie froh ich bin, Ihren Rath, den Sie mir zu wiederholten Malen gegeben, nicht befolgt zu haben.“ „Welchen Rath?“ „Den, die andere Brieftaſche, die in meinem Beſitz iſt, mit ihrem Inhalte zu verbrennen— ich ahnte es, und meine Ahnung wird ſich als richtig erweiſen, daß alle zwölf Zettel im Zuſammenhange ſtehen und daß ſie, wenn man ſie bei einander hat, den Nachweis geben, wo meine Urkunde zu finden iſt, ja daß ich dieſelbe durch eben dieſe Blätter wieder zu erlangen vermag.“ „Ich werde das Möglichſte thun, ſie, und wenn auch nur vorübergehend, in meine Hand zu bekommen.“ 129— „Schon das wäre von großer Wichtigkeit, denn ſelbſt eine Abſchrift derſelben würde vielleicht genügen, um einen Sinn herauszubringen— einen Leitfaden zu erhalten, der mich aus der düſteren Nacht meiner Erinnerungen an ein helles, befriedigendes Tageslicht führt.“ „Ich glaube nicht, daß wir uns mit Kopieen zu be⸗ gnügen brauchen— der junge Fontenay wird keinen Anſtand nehmen, die Originale in meine Hände zu geben.“ Herr von Martini trat auf den Buchhalter zu, ergriff deſſen beide Hände, ſchüttelte ſie herzlich und ſagte mit einem ſo unzweifelhaften Blicke des Wohlwollens, daß es unmöglich war, den Hintergrund von Verſtellung daraus zu erkennen—„Thun Sie Ihr Möglichſtes und denken Sie an die Zukunft— künftiger Theilhaber des alten Hauſes Martini.“ „Gewiß, Herr Handelsminiſter,“ lächelte Jener,„und ich zweifle nicht daran, daß ich Ihnen nach wenigen Tagen die Brieftaſche übergeben kann.“ Damit trennten ſich Herr und Diener, doch blieb der Letztere noch unter der Thüre ſtehen und ſagte, ſich um⸗ wendend:„Etwas Geſchäftliches hätte ich beinahe noch vergeſſen— Gebrüder Barrer zeigten mir heute Morgen an, daß der alte Graf Riedberg Wechſel auf ſich ſelbſt, zahlbar bei uns, diskontiren ließ im Betrage von fünf⸗ Hackländer, Zwölf Zettel. I. 9 — 130— malhunderttauſend Thalern, ſomit wäre die halbe Million jetzt ſchon voll aus Ihren Kaſſen gewandert.“ „Nun irgend eine halbe Million— Nur möchte ich nicht hoffen, daß Ihnen für dieſe Großmuth die Zinſen in Sorgen und Kummer bezahlt werden.“ Als hierauf der Buchhalter durch den Garten dem Geſchäftslokale wieder zuſchritt, dachte er:„Dieſe fünf⸗ malhunderttauſend Thaler ſind gerade ſo gut, als wären ſie uns nie anvertraut worden, und in dem Falle brauchten wir eigentlich keine Jagd zu machen auf dieſe lumpigen ſechs Zettel.— Was den jungen harmloſen Menſchen anbelangt, ſo wird es mir ein Leichtes ſein, die Brief⸗ taſche aus ſeinen Händen zu erhalten— ehe ich ſie aber alsdann weiter befördere, wollen wir uns doch eine kleine Sicherheit geben laſſen.“ Der Chef des Hauſes, welcher droben am Fenſter ſtand und Herrn Ringel düſter nachblickte, ſprach zu ſich ſelber:„Iſt die Brieftaſche nicht vielleicht ſchon in ſeinem Beſitze und wird er nicht am Ende Schwierigkeiten machen, um mich in der Hand zu behalten— ſehen wir uns vor.“ Million te ich Zinſen n dem fünf⸗ wären auchten mpigen enſchen Brief⸗ ie aber kleine genſter zu ſich ſeinem igkeiten en wit Sechstes Kapitel. Wir haben ſchon früher angedeutet, daß Madame Reveillot bei ihrer Kundſchaft, hauptſächlich aber bei den Damen derſelben in einem ganz beſonderen Anſehen ſtand, ja in einem ſo außergewöhnlichen, wie es ſich mit der geſellſchaftlichen Rangſtufe, auf der ſie ſich in Betreff ihres kleinen Gewerbes befand, nicht gut in Einklang zu bringen war. Ob dieſes nun daher kam, daß ſie in ihrem Geſchäfte eine Künſtlerin genannt werden konnte, was wirklich der Fall war, oder daß ſie auch über die Grenzen dieſes Geſchäfts hinaus in allen möglichen Dingen einen ebenſo wohlwollenden als verſtändigen Rath zu geben vermochte, die Sache verhielt ſich einmal ſo, und es konnte vorkommen, daß die reichſten Damen der Kauf⸗ mannswelt oder die Frauen vornehmer adeliger Beamten die alte Büglerin unter dem Vorwande eines Geſchäfts zu ſich rufen ließen, um dann wichtigere Dinge mit ihr zu verhandeln, als die Herſtellung einer Spitzengarnitur oder eines uralten Guipürebeſatzes war. Das ſchöne Franzöſiſch, welches Madame Reveillot ſprach, war auch eine Empfehlung weiter für ſie, wobei wir es übrigens nicht verſchweigen können, daß ſich ſelbſt Damen gegenüber der alten Frau dieſer Sprache be— dienten, die weit klüger daran gethan hätten, ihre eigene ſchöne Mutterſprache anzuwenden, als ihr eigenes und das Ohr der Franzöſin mit barbariſch klingenden Phraſen in einem noch barbariſcher klingenden Accente zu beleidigen. Doch war letztere auch hierin, wie in allen Dingen, ein Muſter von Höflichkeit, und wenn ſie gar zu grobe Schnitzer auf die ſanfteſte Art von der Welt verbeſſerte, ſo that ſie das obendrein noch auf eine ſolche Art, als wenn ſie ſelbſt noch in Zweifel ſei, ob ihre eigene korrekte Ausſprache die richtige wäre oder die der Anderen. Durch dieſes Vertrauen, welches ſie überall genoß, war Madame Reveillot im Beſitze einer Menge kleinerer oder größerer Geheimniſſe der betreffenden Häuſer, und wurde ihr Anſehen unglaublich geſteigert, da ſie noch niemals einen Mißbrauch mit dem gemacht, was ſie er— fahren. Daß der Spitzenſchleier Anna's von Martini nicht verändert werden ſollte, hatte ihr die junge Dame ſelbſt in einigen Zeilen geſagt und hinzugefügt, ſie würde ſie in den nächſten Tagen ſehen, weßhalb Madame Reveillot, als ſie nun in der zweiten Woche des neuen Jahres er⸗ ebeillot wobei ſelbſt he be⸗ eigene d das ſen in digen. n/, ein grobe eſſerte, als orrekte enoß⸗ nerer und noch je er⸗ nicht felbſt ſie in eillt, z er⸗ ſucht wurde, zu der Haushälterin zu kommen, nicht anders erwarten konnte, als über dieſen Gegenſtand um Rath gefragt zu werden, deßhalb hatte ſie den koſtbaren Schleier auch mitgebracht, doch befremdete es ſie einigermaßen, als Frau Fichtner, nach deren Wohnzimmer ſie gewieſen wurde, ſie einfach bat, den Schleier auf einen Tiſch in der Ecke zu legen und ſich zu ihr auf das Sopha zu ſetzen. Da⸗ bei ſah die Haushälterin gegen ihre Gewohnheit etwas ernſt aus, und wenn ſie ſich auch nach dem Befinden der Madame Reveillot erkundigte, vom Wetter im Allgemeinen und von der heutigen Kälte insbeſondere ſprach, ſo merkte dieſe kluge Frau doch, daß das nur einleitende Redens⸗ arten waren und Frau Fichtner noch etwas Anderes und Wichtigeres auf dem Herzen hatte. „Sie haben da den Schleier zurückgebracht,“ ſagte ſie endlich,„den Ihnen Anna in der vorigen Woche über⸗ geben— ſie hat ihre Anſicht darüber geändert.“ „Was ich begreiflich finde,“ erwiederte Madame Re⸗ veillot,„ich habe mir dieſe koſtbare Arbeit noch einmal genau angeſehen, und wenn es auch möglich wäre, den Schleier zu etwas Anderem zu verwenden, ſo muß ich doch ſagen, daß ich eigentlich nicht dazu rathen kann— in ſeiner jetzigen Geſtalt iſt er unvergleichlich ſchön, ein wahres Chef d'oeuvre, und müßte bei jeder Aenderung verlieren.“ — 134— „Und dazu kommt noch,“ ſagte Frau Fichtner kopf⸗ nickend,„daß es der Brautſchleier der ſeligen Frau Mar⸗ tini iſt und daß Herr von Martini den Wunſch aus⸗ ſprach, er möge in ſeiner jetzigen Geſtalt verbleiben, um—“ „Das ſchöne Haupt der Tochter in gleicher Eigen⸗ ſchaft zu ſchmücken,“ ergänzte Madame Reveillot mit einem freundlichen, zuſtimmenden Lächeln—„ein Rath, den ich ſelbſt gegeben haben würde, wenn ich es mir nicht zur feſten Richtſchnur gemacht hätte, nie etwas zu ſagen, was als irgend eine Anſpielung genommen werden könnte— doch wie es mich freuen würde, wenn der Schleier auf ſolche Art Verwendung fände, bin ich kaum im Stande, Ihnen auszudrücken.“ Da nun Frau Fichtner hierauf beiſtimmend mit dem Kopfe nickte, ſo wußte Madame Reveillot, um was es ſich handle, nur verwunderte es ſie einigermaßen, daß dieſes Kopfnicken von einem leichten Seufzer begleitet war. „Ah!“ rief ſie nach einer Pauſe,„wie iſt der glück⸗ liche Bräutigam dieſes eben ſo liebenswürdigen als ſchö⸗ nen Mädchens zu beneiden— ich ſah ſie als gänzlich verhüllte, verſchloſſene Knoſpe, ich ſah ſie heranwachſen, und Sie werden ſich erinnern, wie oft ich Ihnen ſagte, das Kind werde ſich zu einer prachtvollen Blüte ent⸗ wicketn— o, ſie hat ein offenes, gutes, ehrliches kopf⸗ Mar⸗ alls⸗ leiben, Ligen⸗ einem en ich ht zur , was te er auf fande, dem daß war. glück⸗ ſch⸗ inzlich chſen⸗ ſagte, ent⸗ rliches und treues Gemüth— ſie muß einen Mann glücklich machen.“ „Gewiß wenn—“ Da Frau Fichtner dieſen Satz nicht vollendete, ſon⸗ dern auf's Neue zu ſeufzen beliebte, ſo fuhr die kluge Franzöſin fort:„Sie wollten ſagen, wenn bei dieſer Partie eine gegenſeitige innige Neigung vorhanden iſt— wer möchte daran zweifeln?— Sie ſind ſo freundlich, meine verehrte Frau Fichtner, mir ein allerliebſtes, deli⸗ kates Geheimniß anzuvertrauen— ich höre das erſte Wort davon, weiß weder Stand noch Namen des Bräutigams, bin aber feſt überzeugt, daß er von Fräulein Anna glühend geliebt wird, denn im anderen Falle würde ein ſo zärt⸗ licher Vater, wie Herr von Martini, ein ſo unabhängiger reicher Mann, nicht an eine Verheiratung ſeiner noch ſo jungen Tochter denken.“ Jetzt ſeufzte Frau Fichtner zum dritten Male und zwar ſo tief und auffallend, daß es durchaus keine In⸗ diskretion war, wenn die alte Büglerin ſie mit einem ſo ſcharf ausgeprägten Erſtaunen betrachtete, daß die Andere gezwungen war, darauf eine genügende Antwort zu geben. „Weiß Gott!“ rief die Haushälterin mit einem Blick gen Himmel aus,„daß kein vernünftiger Menſch anders denken ſollte, wie Sie ſich vorhin ausdrückten, aber weit 136— gefehlt— Sie werden ſehen, Madame Reveillot, welch' unbegrenztes Vertrauen ich in Sie ſetze, denn ich ſage Ihnen, es iſt um die Hände über dem Kopfe zuſammen zu ſchlagen— wir haben eine Verlobte im Haus, die ihren Zukünftigen noch mit keinem Auge geſehen— eine Braut, der die Thränen aus den Augen ſtürzen, ſowie ſie nur an ihren Bräutigam denkt.“ Es war kein erheuchelter Schmerz, welcher aus den Augen der alten Franzöſin ſprach, als ſie nach dieſen Worten, ihre Hände faltend, im Tone tiefen Mitleids ſagte:„Das arme, arme Kind!— Sie ſehen mich überraſcht, erſtaunt und begierig, etwas Näheres zu er⸗ fahren.“ „Wenn ich in den letzten acht Tagen grau geworden wäre, ſo hätte mich ſelbſt das nicht Wunder genommen, denn ich ſollte zuerſt vermitteln— du lieber Gott, als wenn ſich da etwas vermitteln ließe— die Sache wurde von den beiden Vätern, unſerem Herrn und dem Grafen Riedberg, abgemacht— je nachdem man dieſe Sache anſieht, iſt es allerdings eine glänzende Partie.“ „Gräfin zu werden,“ ſagte die alte Büglerin mit einem ſchlauen Lächeln. „Ja, und eine reiche Gräfin durch das Vermögen des Herrn von Martini.“ „welch' G ſege ſammen us, die — eine ſowie us den dieſen ſitleids mnich zul er⸗ vorden nmen, Sache und man zende mit uögen „A— a— a— ah— alſo die andere Seite bringt nur einen großen Familiennamen als Mitgift?“ „Ja, allerdings noch eine hohe Stellung bei Hofe— ſonſt aber tief verſchuldete Güter.“ „Tief verſchuldete Güter——“ ſagte Madame Re⸗ veillot, indem ſie kopfſchüttelnd vor ſich niederblickte— „Güter mit Schlöſſern, über deren Thoren eine Grafen⸗ krone ausgehauen iſt— ah, das reizt.“ „Den Vater allerdings, aber nicht meine arme Anna; wie ich Ihnen ſchon vorhin ſagte, ſollte ich vermitteln— Stellen Sie meiner Tochter vor, ſagte Herr von Mar⸗ tini, welch' glänzende, unabhängige Stellung ſie haben wird und daß ich überzeugt ſei, der junge Graf Riedberg werde ihr gefallen, ſobald ſie deſſen nähere Bekanntſchaft gemacht—— Ich ſagte ihm achſelzuckend, daß das ein ſehr delikater und unangenehmer Auftrag ſei.— Warum unangenehm? fuhr er mich an, Anna wird ſich bedeuten laſſen— auch verlange ich nichts weiter von Ihnen, als ihr die Sache im günſtigſten Lichte darzuſtellen, das kann eine Frau beſſer als ein Mann, ſelbſt wenn dieſer Mann der Vater iſt— ich habe für Anna gewählt, und meine Wahl iſt gut— ich kenne die Welt beſſer als ſie, die noch gänzlich unerfahren in's Leben blickt, und da ſie ganz ohne Erfahrung iſt, ſo wird es auch ihrem Herzen nicht ſchwer werden, den Wunſch ihres Vaters zu ihrem — 138— eigenen Glücke zu erfüllen.— Obgleich ich nun nie daran gezweifelt, daß das Herz des jungen Mädchens noch gänzlich frei ſei, ſo hätte ich doch nicht gedacht, auf einen ſo energiſchen Widerſpruch zu ſtoßen, als es geſchah.“ „Das hätte ich auch nicht gedacht— ich hielt Anna für weich und nachgiebig.“ „Ja, ja, und furchtſam ihrem Vater gegenüber— das hatte ich mir auch gedacht: letzteres iſt aber durchaus nicht der Fall, wenigſtens in dieſer Sache nicht. Sie hörte mich ruhig an, ſie ſagte mir mit einem träume⸗ riſchen Blick: Allerdings glaube ich, daß mein Herz noch frei iſt, aber wie ich gehört habe, ſoll es entzückend ſein, dieſes Herz ſelbſt wählen zu laſſen, und das möchte ich ſo gut erleben wie jede Andere. Sie ſetzte hinzu: Ich danke Ihnen, Frau Fichtner, doch will ich mit meinem Vater ſelbſt reden—“ „Nun—— und da Sie mir vorhin ſagten,“ ſprach Madame Reveillot nach einer Pauſe,„daß eine Braut im Hauſe ſei, eine Braut mit weinenden Augen, ſo ſcheint mir dieſe Unterredung ohne günſtigen Erfolg für unſere arme Anna geweſen zu ſein?“ „So iſt es— Vater und Tochter hatten eine längere Unterredung zuſammen, nach deren Beendigung Anna in mein Zimmer ſtürzte, ſich laut weinend in meine Arme un nie tüdchens gedacht, als es t Anna ber— urchaus t. Sie träume⸗ rz noch nd ſein, chte ich 1 Sc neinem ſpracj aut im ſcheint unſere längere Arme — 139 warf und unter Schluchzen ausrief: Ich habe ihm Alles geſagt, was ich ihm zu ſagen vermochte— ich habe ihn gebeten, mich zu einer ſolchen Verbindung nicht zu zwingen, und er hat mein Flehen, meine Bitten wie die eines thörichten Kindes behandelt— er nimmt das Ganze wie ein Geſchäft, dem ein günſtiger Ausgang nicht fehlen kann er betrachtet meine Weigerung als Eigenſinn und wiederholte mir mehrere Male, welchen Grund kannſt Du haben, Dich dem Willen Deines Vaters nicht fügen zu wollen? Dein Herz iſt frei— ich weiß, daß Du ſelbſt noch keine Wahl getroffen haſt, und nun— doch ſtill, ſie kommt.“ In der That öffnete ſich langſam die Thüre des Nebenzimmers, und Anna von Martini erſchien auf der Schwelle. Sie ſah etwas bleich aus und wollte zurück⸗ treten, als ſie eine Fremde ſah, lächelte aber, ſobald ſie Madame Reveillot erkannt hatte, und eilte auf ſie zu, ihr beide Hände reichend. „Sie waren gewiß ſo freundlich,“ ſagte das junge Mädchen,„mir meinen Schleier zu bringen.“— Dann blickte ſie ihr lange in's Geſicht, betrachtete hierauf Frau Fichtner und ſagte kopfſchüttelnd, während ſich ihre Augen mit Thränen füllten:„Ich verſtehe Ihre ernſten Mienen, Sie wiſſen, wozu der Schleier, das Erbtheil meiner guten Mutter, beſtimmt iſt.“ — 140— „Zürnen Sie mir, liebe Anna,“ ſagte die Haus⸗ hälterin,„daß ich mit Madame Reveillot von der Sache ſprach, die doch nicht lange mehr ein Geheimniß bleiben wird?“ „Gewiß nicht— ſelbſt wenn es ein Geheimniß wäre, das unbekannt bleiben ſollte, ſo würde es gut bei ihr aufgehoben ſein, doch das, was hier bei uns vor⸗ geht, wird ja bald in dem Munde aller Welt ſein— wünſchen Sie mir doch Glück dazu, meine liebe Madame Reveillot.“ „Von Herzen, mein gutes Kind!“ „Nein, nein, nur mit ihrem Verſtande— laſſen Sie das Herz aus dem Spiele. O ich habe von dieſem ſon⸗ derbaren Dinge in den letzten Tagen ſo oft hören müſſen und ſo viel daran gedacht— mein Vater ſchlägt mir eine Heirat vor, er verlangt, ich ſolle gehorſam ſein und hat dafür die triftigſten Gründe: die Partie, welche er für mich arrangirt, iſt ja ſo überaus glänzend, und dann ſagt er, mein Herz ſei vollkommen frei und es könne demſelben ja gleichgültig ſein, ob ich den Grafen Riedberg wähle oder ſonſt irgend Jemand.“ Sie drückte ihre Lippen aufeinander, wie um einen tiefen Schmerz niederzukämpfen, und fuhr dann, gleichſam durch Thränen lächelnd, fort:„Schade, daß man an⸗ nimmt, mein Herz ſei noch frei und daß er das ſo ganz Haus⸗ Sache bleiben heimniß gut bei ss vor⸗ ſin— Nadame en Sie m ſon⸗ müſſen t mir n und lche er d dann könne edberg einen ichſam in an⸗ gann ——— 141 genau weiß, denn ſonſt hätte ich ihm ja ſagen können, ich kann Deinen Wunſch nicht erfüllen, denn ich liebe einen Andern ſchade darum.“ „Doch wollen wir das in dieſem Falle für ein großes Glück anſehen,“ ſagte Madame Reveillot mit ſanfter Stimme,„denn es wäre ſchlimmer geweſen, wenn Sie in Ihrem Herzen eine Neigung trügen, die nicht überein⸗ ſtimmte mit den Wünſchen Ihres Herrn Vaters.“ „Und woher weiß er denn ſo genau, daß mein Herz noch frei iſt— woher wiſſet ihr das ſo genau, die ihr ja ſo ganz meines Vaters Anſicht zu theilen ſcheint?“ Frau Fichtner ſah einigermaßen überraſcht auf das junge Mädchen und dann in die vollkommen ruhig ge⸗ bliebenen Züge der Madame Reveillot. „Sie ſind verſtimmt, mein liebes Fräulein,“ ſagte dieſe,„aufgeregt bitter— wer würde das in Ihrer Lage nicht begreifen?“ „So ſollte ich vielleicht lächeln und glücklich ſein?“ „Vielleicht können Sie es in dem Gedanken, die Wünſche Ihres Herrn Vaters erfüllt zu haben.“ „Und gewiß hat er Alles vorher auf's Genaueſte überlegt,“ bemerkte Frau Fichtner, doch vermied ſie es dabei, das finſter blickende junge Mädchen anzuſehen. „Soll ich Ihnen darin recht geben?“ erwiederte dieſe, „nein, ich will aber nicht, ich habe meinem Vater nicht 142— recht gegeben— ich konnte ihm nicht recht geben, denn hier in meinem Herzen, das, wie er ſagte, noch, gar nicht geſprochen, klang es doch ganz anders, als er ſo in mich hineinredete, und da rief es immer nein! nein! nein!— O,“ fuhr ſie heftig ausbrechend fort,„wie froh bin ich, daß ich endlich einmal vor Zeugen reden darf, ohne fürchten zu müſſen, dabei gegen die Ehrfurcht zu ver⸗ ſtoßen, die ich Anderen ſchuldig bin— ich weiß, ihr Beide liebt mich und meint es gut mit mir, und da ihr es gut mit mir meint, ſo könnt ihr mir nicht im Ernſte den Rath geben, ich ſolle mich ſo ohne Widerſtreben in den Willen meines Vaters fügen— nein, nein, gewiß nicht— ich will mich noch nicht verheiraten, ich will nicht Gräfin von Riedberg werden— ich habe es meinem Vater nicht verſprochen— ich habe ihn ruhig angehört, als er mir ſeine ſogenannten triftigen Gründe entwickelte, und ich habe ihm nicht einmal durch einen Blick eingeſtanden, daß er recht haben könne, als er ſagte, mein Herz ſei ja noch frei und es werde mir nicht ſchwer werden, ſeine vernünftige Wahl gut zu heißen.“ Anna's Augen flammten, während ſie ſo ſprach, und ſie richtete dabei ihre Blicke und Worte faſt ausſchließlich an Frau Fichtner, vielleicht in der Abſicht, ſie dadurch herauszufordern, die Partei des Herrn von Martini zu ergreifen; doch begnügte ſich die Haushälterin mit einem en, denn gar nicht in mich nein!— bin ich, f, ohne zu ber⸗ iß, ihr da ihr Ernſte reben in „gewiß ſill nicht n Vater als er 2, und tanden, ſei ja 5 ſeine h, und ließlich adurch tini zu einem leichten Kopfſchütteln und war herzlich froh, die Szene dadurch für ſich beendigt zu ſehen, daß ſie durch eine an der Thüre erſcheinende Dienerin in das Kabinet des Herrn gerufen wurde. Auch Madame Reveillot wollte ſich erheben, doch legte ihr Anna die Hand auf die Schulter und drückte ſie ſanft auf ihren Sitz nieder.„Sie müſſen noch bei mir blei⸗ ben,“ ſagte ſie,„Sie verſtehen es allein, mich zu be⸗ ruhigen, ja zur vernünftigen Ueberlegung zu bringen; ich will neben Sie ſitzen, wie ich als kleines Kind ſo oft ge⸗ than, und dann reden Sie zu mir aus Ihrem Herzen zu dem meinigen.“ Sie holte einen kleinen Schemel herbei, ſetzte ſich neben die alte Frau, und nachdem ſie ihr eine Zeitlang feſt in die freundlichen Augen geblickt und vielleicht ge⸗ fühlt, wie ſich ihre eigenen dabei verdunkelten, legte ſie ihren Kopf auf den Schooß der alten Frau und weinte bitterlich. Madame Reveillot neigte ſich zu ihr hinab, berührte mit ihren Lippen das weiche Haar des jungen Mädchens und flüſterte ihr gelinde Troſtesworte zu.„Nicht ſo, mein Kind,“ ſagte ſie,„das hat den Anſchein, als wenn wir ein klein wenig verzweifeln wollten, und dazu haben wir doch ganz gewiß keine Urſache— ſeien Sie offen und ehrlich mit mir, liebe Anna— geſtehen Sie mir zu, — 144— daß der Vater nicht ſo unrecht hat und daß das kleine Herzchen hier noch frei iſt— wie wäre es auch anders möglich? Ah im anderen Falle hätten wir das ſchon lange gemerkt, Frau Fichtner und ich— wir ſind ein paar kluge Frauen— allons donc, mon enfant! Richten Sie Ihr Köpfchen auf und ſchauen Sie mich mit Ihren guten Augen und mit einem ganz kleinen Lächeln um die hübſchen Lippen an— ſo— ſo iſt's recht. Und nun will ich Ihnen etwas erzählen von meiner Jugend, was mit der Sache da, die wir gerade verhandeln, einige Aehnlichkeit hat— wollen Sie mich anhören?“ „Gewiß, Madame Reveillot— o ſo gerne; wenn nur alle Welt ſo gut und ſo freundlich mit mir zu reden verſtände wie Sie— es iſt ſchade, daß Sie nicht immer bei mir ſind, oder ich bei Ihnen.“ „Ja, ja, das wäre ein recht hübſches Zuſammenleben,“ lachte die alte Frau. Anna von Martini hatte ihr Haupt emporgehoben, und indem ſie die alte Frau aufmerkſam anblickte, ſchob ſie ihre beiden kleinen Hände in die Rechte derſelben, und es ſchien ihr wohl zu thun, als jene nun die zarten Finger leicht drückte. „Nun erzählen Sie mir aber auch etwas von Ihrer Jugend.“ „Da 150 iſt ſchon recht lange her, und um Alles genau 145— 3 kleine zu wiſſen, müßte ich mich vorher lange beſinnen, doch anders etwas fällt mir gerade ein, was, wie ich ſoeben ſagte, s ſchon Aehnlichkeit mit Ihren jetzigen Verhältniſſen hat, mein ſind ein liebes Fräulein Anna, wenn es nämlich Aehnlichkeiten gibt Richten zwiſchen einer reichen jungen Dame wie Sie, und einem Ihren armen Mädchen, wie ich es war.“ um die„Waren Sie in der That ein armes Mädchen?“ 4 nd nun„Sehr arm, Fräulein Anna— ich hatte nichts als d, was meinen guten und ſehr ſchönen Namen. Da ſagte mir einige mein Vater auch eines Tages: höre Marion, wie wäre es, wenn Du heirateteſt— Dein Herz iſt noch frei, wie wenn ich weiß— ſehen Sie, da kommt ſchon eine Aehnlichkeit,“ — reden unterbrach ſich die alte Büglerin,„und daher wirſt Du keinen Anſtand nehmen, den Herrn Marquis von Reveillot immer zu heiraten.“ leben,“„Wen?“ fragte das junge Mädchen, erſtaunt empor⸗ fahrend. guber, 6„Ach, es war nur ein Scherz von meinem Vater, wie ſoh Sie ſich wohl denken können,“ entgegnete die alte Frau und lächelnd, ohne ſichtbare Verwirrung,„der gute Reveillot urie nämlich, den ich heiraten ſollte, war einige Jahre in Paris geweſen und hatte ſich dort etwas von der Tour⸗ Ihra nüre der damaligen Incroyables der Hauptſtadt angeeig⸗ net. Sie können ſich aber denken, daß das in dem kleinen Landſtädtchen, in deſſen Nähe mein Vater ein unbedeu⸗ genau Hackländer, Zwölf Zettel. I. 10 — 146— tendes Gut bewirthſchaftete, einiges Aufſehen gab, und ſo nannte man den guten Reveillot nur Monsieur le Mar- quis,— ein Scherz, der ihn aber ſpäter beim Ausbruch der Revolution beinahe das Leben gekoſtet hätte und in Folge deſſen wir genöthigt waren, aus unſerem ſchönen Frankreich zu entfliehen, was damals im Allgemeinen nur die Ariſtokratie that.“ „Ich hatte immer gedacht,“ ſagte das junge Mädchen nach einer längeren Pauſe, während welcher ſie aufmerk⸗ ſam die feine, zierliche Hand der alten Frau betrachtete, „auch Sie hätten einer der vornehmen Familien angehört, welche, wie ich ſchon gehört und oft geleſen, in jener ſchrecklichen Zeit zu uns herüberkamen— würden Sie es mir ſagen?“ fragte ſie plötzlich. Madame Reveillot warf einen raſchen, forſchenden Blick auf die Züge Anna's, dann gab ſie zur Antwort: „Warum nicht, mein Kind? Doch dem iſt nicht ſo— es mag wohl ſein, daß der Name Reveillot heute noch — Frankreich vorkommt mit dem vornehmen Range von Grafen und Baronen— doch gehörten wir niemals zu dieſen— ich ſagte Ihnen vorhin ſchon, aus welchem Grunde Herr Reveillot ſein Vaterland verließ, und das iſt die Wahrheit.“ Anna von Martini nickte, ohne aufzublicken, einige Male mit dem Kopfe, dann ſagte ſie:„So, ſo, es hätte 147 , und ſo aber auch anders ſein können— iſt aber im Grunde le Mar- gleichgültig, und Sie werden mir glauben, daß ich Sie Ausbruch deßhalb nicht weniger liebe und verehre.“ und in„Davon bin ich überzeugt— aber hören Sie weiter ſchönen wenn es Sie anſpricht, ich heiratete alſo den ſogenannten inen nur Marquis von Reveillot auf den ganz beſonderen Wunſch meines Vaters, obgleich ich ihn früher gar nicht gekannt 3 und er mir ſo gleichgültig war wie jeder Andere; aber Mädchen rhneck es ging ganz vortrefflich, wir gewöhnten uns nicht nur aufmerk⸗ trchtete aneinander, ſondern nach einigen Jahren liebten wir trachtele, 4 dätt uns und wären vollkommen glücklich geweſen, wenn uns angeholl, I. Pler jene ſchreckliche Zeit nicht gezwungen hätte, unſere Heimat in jene 8. ca del d 1. zu verlaſſen ja, wir mußten förmlich fliehen wie wir gingen und ſtanden und froh ſein, daß wir mit Zurück⸗ laſſung aller unſerer Habe das nackte Leben gerettet. Ich ſchendn... 4 ſhen hatte eine einzige Tochter, die wir abwechſelnd trugen Intwort:.. 3 3 . und ſo viele Tage und Nächte lang die weiten Länder⸗ t ſbe ſtrecken durchwanderten, bis wir jenſeits des Rheines in ut uc Sicherheit waren.“ nge bon„Und dieſe Tochter iſt die Mutter Anatole's?“ mas iu„Ja, mein Kind.— Wir lebten längere Zeit in dem welhem 1 friedlichen Heidelberg, und dort fand ſich Herr Fontenay, und des der aus unſerer Gegend war, zu uns, lernte meine Tochter kennen, gewann ſie lieb und heiratete ſie.— Es war 3 enige. eigenthümlich, wir Eltern hatten uns faſt des Gedankens e5 hütte — 148— entſchlagen, wieder nach Frankreich zurückzukehren, aber um ſo mächtiger war dieſer Drang in dem Herzen der beiden jungen Leute; deßhalb zogen wir auch hierher, nachdem Reveillot, mein guter Mann, geſtorben. Die Fabrik in Tiefenbach nämlich, wo Herr Fontenay, mein Schwiegerſohn, als Korreſpondent eintrat, war die Kom⸗ mandite eines franzöſiſchen Hauſes, und Herr Fontenay hoffte, nachdem er die hieſigen Verhältniſſe kennen gelernt, in einer beſſeren Stellung dorthin überſiedeln zu können — leider erlebte er aber das nicht mehr.“ „Und hat Anatole auch den Drang ſeines Vaters, nach Frankreich zurückzukehren?“ „Ja und nein,“ entgegnete Madame Reveillot—„er möchte gar zu gerne die Touraine ſehen, auch dort wo leben— aber nicht in den beſcheidenen Verhältniſſen, aus denen er wohl ſchwerlich herauskommen wird.— Anatole hat viel von den großartigen Ideen des Herrn Reveillot, ſeines Großvaters— er gleicht ihm auch, und wenn wir einmal zurückkehrten und dort noch von den alten Bekannten träfen, würde Mancher luſtig rufen: Ah, der Herr Marquis iſt wieder gekommen!— Doch ſind das Träume, die ſich wohl niemals erfüllen werden.“ Die alte Frau blickte bei dieſen Worten träumeriſch vor ſich nieder und ihre feinen Lippen umſpielte ein trübes Lächeln. 1, aber zen der hierher, „el 71 dort wo tniſſen, umeriſh 1 trübe⸗ — 149 „Erzählen Sie mir etwas von Anatole's Mutter,“ ſagte das junge Mädchen—„hat er nichts von ihren Eigenſchaften geerbt?“ „Wenig, aber Koſtbares— ihre gute Laune nämlich, ihre unverwüſtliche Heiterkeit, welche ſie nie verließ in den härteſten Kämpfen des Lebens, mit der ſie ihren Mann in den trüben Stunden aufzuheitern wußte, die ſich noch in ihrer letzten Stunde durch ein tröſtliches Wort an uns, die Ueberlebenden, ausſprach, ſowie durch ein freundliches Lächeln um ihre bleichen Lippen.“ „Sie ſtarb ſehr früh— Anatole war noch ein kleines Kind?“ „Erſt wenige Jahre alt.“ „Und Herr Fontenay lebte nachher auch nicht lange mehr?“ „Leider nein, und ſein Wunſch, Frankreich wieder zu ſehen, blieb unerfüllt— ach, es war das für mich eine traurige Zeit, zu ſehen, wie er dahinſiechte unter dem Ein⸗ druck unerfüllter Hoffnungen, unter der Wucht trauriger Ereigniſſe.“ „O ja, ich hörte einmal von einer Begebenheit reden, in die er auf die unſchuldigſte Art von der Welt hineingezogen worden ſei und die ihm viel Kummer bereitet— ich möchte wohl etwas Näheres darüber wiſſen.“ 1 1 150 „Das erzähle ich Ihnen ſpäter einmal, mein liebes Fräulein.“ „Später,“ rief Anna von Martini mit einem tiefen Seufzer aus,„was bedeutet ‚ſpäter' für mich?— Kann ich von ſpäter reden und dabei der lieben Bekannten ge⸗ denken, die jetzt noch um mich ſind?— Sie und Frau Fichtner und Anatole ich werde ſie alle nicht wieder⸗ ſehen—— Bitte, ſagen Sie Anatole nichts von dem, was Sie hier gehört.“ „Gewiß nicht, Fräulein Anna, wie könnte ich ſo Ihr Vertrauen mißbrauchen?“ —-—„Und doch, wenn ich es mir genau überlege, iſt es beſſer, wenn Sie es ihm ſagen— gerade Sie; er wird es doch erfahren: mein Vater ſcheint kein Geheimniß mehr daraus machen zu wollen, und da ich weiß, daß Anatole Antheil an mir nimmt, ſo iſt es mir lieber, wenn er aus Ihrem Munde mein Glück vernimmt, ſagen Sie ihm Alles, Alles, auch wie tief betrübt ich bin, und verſchweigen Sie ihm vor allen Dingen nicht,“ ſetzte ſie mit einem Aufflammen ihrer Augen hinzu,„daß ich durchaus noch nicht entſchloſſen ſei, den Wunſch oder Befehl meines Vaters zu erfüllen— und dazu bin ich auch noch nicht entſchloſſen,“ rief ſie aufſpringend,„nein, nein, gewiß nicht, und wenn Sie ehrlich und gut gegen mich ſein wollen, ſo können Sie mir nicht dazu rathen.“ in liebes em tiefen Kann unten ge nd Frau⸗ wieder chts von h ſo Ihr ir genaun gerade eint kein d da ich des mit ernimmt, trübt ich nrricht, d,„daß ſch oder wbin ich „„nein, ut gegen rathen.- 151 Das that denn auch Madame Reveillot nicht mit di rekten Worten, ſondern ſie ſprach nur im Allgemeinen Begütigendes und lenkte alsdann die Unterredung auf gleichgültige Gegenſtände, wobei ſie das Vergnügen hatte, zu bemerken, daß Anna wieder ruhiger wurde, ja ſelbſt wieder zu lächeln verſuchte, und als nun Frau Fichtner zurückkehrte, empfahl ſie ſich mit dem Verſprechen, baldigſt wieder zu kommen. Die Haushälterin begleitete die alte Frau bis vor die Thüre des Zimmers und ſagte ihr hier noch, Herr von Martini habe in der Unterredung, die ſie ſoeben mit ihm gehabt, ſehr freundlich über ſie geſprochen und die Hoff nung ausgedrückt, Madame Reveillot werde wohl ſo freund lich ſein und ſich mit ihrer Sachkenntniß und ihrem Ge⸗ ſchmacke bei der Zuſammenſtellung der Ausſteuer ſeiner Tochter betheiligen. Madame Reveillot bedankte ſich für dieſes Zutrauen mit einigen Worten, that dieſes aber mit einem eigen thümlichen und fragenden Blick und ſchien durchaus nicht überraſcht zu ſein, als derſelbe von der Haushälterin durch ein bedeutſames Achſelzucken beantwortet wurde. Siebentes Kapitel. Anatole war lange mit ſich zu Rathe gegangen, ob er ſeiner Großmutter von dem Beſuche bei Doktor Narder etwas ſagen ſolle, ſowie von der Bekanntſchaft des Herrn Morel, die er dort gemacht. Wenn er auch einestheils keine Urſache hatte, ihr ein Geheimniß aus dieſem Vor⸗ falle zu machen, ſo hielt ihn anderntheils der Gedanke ab, die alte Frau vielleicht unnöthiger Weiſe zu beun⸗ ruhigen, wenn er ihr von jener räthſelhaften Anſpielung auf eine andere grüne Brieftaſche erzähle, die ſich in den Händen des Herrn von Martini befinden ſolle. Nach langer reiflicher Erwägung vergegenwärtigte er ſich indeſſen die ruhige Klarheit, mit welcher Madame Reveillot Alles in eine vorurtheilsfreie Ueberlegung zu ziehen wußte, und nahm hierauf die erſte Gelegenheit wahr, ihr ſeine Erlebniſſe mit Herrn Morel am Neu— jahrstage ausführlich mitzutheilen, natürlicher Weiſe auch ſeine Unterredung mit Herrn Ringel am darauffolgenden Morgen, wobei er dann ſeinen Entſchluß ausſprach, weder ngen, ob er Nadder des Herrn :1½ inestheils ſen Vor⸗ Gedanke zu beun⸗ pielung hin den arügte et Madame gung zu ſegenheit m Neu⸗ eiſe auch olgenden 1 weder 155 die Brieftaſche noch die darin befindlichen Papiere in deſſen Hände zu geben. Madame Reveillot hatte dem Allem mit ſehr ernſter Miene zugehört und ſagte nun kopfſchüttelnd:„So ſoll alſo dieſe traurige Geſchichte noch immer nicht zur Ruhe kommen, ſo wollen die unheimlichen Geſtalten von damals heute wieder anfangen, ihre dunkeln Schatten auf unſer harmloſes Leben zu werfen, ſo wäre es denn doch am Ende wahr, daß Herr von Martini in irgend einem, wenn auch gewiß unſchuldigen Zuſammenhange mit jener Geſchichte ſtand.— Ich will Dir dabei nicht verſchweigen, daß Dein Vater häufig ähnliche Vermuthungen ausſprach und daß er ſtets ein großes Gewicht gelegt auf die Er⸗ zählung jenes Dieners im Gaſthaus zur goldenen Glocke, eines Vorfalles, der, wie er behauptete, nicht ſorgfältig genug unterſucht worden ſei— auch verließ der Betref⸗ fende die Stadt kurz nach jener Zeit und ſoll, wie man hört, nach Amerika ausgewandert ſein.“ „Sprach ſich mein Vater je darüber aus, in welcher Art er ſich einen Zuſammenhang dachte zwiſchen meinem jetzigen Prinzipal und dem Vorfalle jenes Sylbveſterabends? — Ich bin überzeugt, Großmutter, Du redeſt mit mir ebenſo rückhaltlos darüber, als Du von mir gewiß biſt, daß ich Deine Worte verſchweigen, in meinem Herzen be⸗ graben werde.“ 154 „Dein Vater ſtellte Dieß und Das zuſammen, doch war es eine traurige Zeit, als er das that—o ich ſehe ihn ſo deutlich in meinem Lehnſtuhle vor mir ſitzen, die dunkeln Augen auf die gefalteten Hände richten, die ſchneeweiße Stirn häufig von einer flammenden Röthe übergoſſen, wenn er ſich erſchöpfte in vergeblichen Kom⸗ binationen.“ „Ah, in vergeblichen Kombinationen!“ „Gewiß, denn ein leitender Faden war auch durch jenen Vorfall nicht aufzufinden— an die Betheiligung irgend Jemandes— einen Namen auch nur zu nennen, wäre ſündhaft— bei jener That ſelbſt zu glauben, kam auch Deinem Vater nicht in den Sinn. Es wäre alſo nur nachzuweiſen geweſen, daß die Betreffenden oder einer derſelben vor⸗ oder nachher mit Herrn von Martini in Berührung getreten ſei. Eine ſolche Möglichkeit hat er aber niemals in Abrede gezogen— konnte auch bei ſeinem vielſeitigen Geſchäftsverkehr ganz gut der Fall ſein.“ „Wäre es nur möglich,“ ſagte Anatole nach einem längeren Nachdenken,„den richtigen Beweggrund zu jener That aufzufinden.— Handelte er aus Nache, oder ge⸗ ſchah es, um ſich in den Beſitz eines großen Werthes zu ſetzen?— Warum warf der Ermordete ſeine Brieftaſche aus dem Wagen, was doch anzunehmen iſt?— War in nen, doch dich ſehe izen, die hten, die en Röthe ſen Kom⸗ uch durch theiligung mnennen, ben, dam wäre alſo der einer arüni in t hat er auch bi ih einem zu jenet oder ge⸗ erthes zu rieftaſche War in — 155 jener Brieftaſche irgend ein großer Werth oder vielleicht eine Anweiſung auf einen ſolchen, welche von jenem Fuhr⸗ mann unterſchlagen worden iſt? Oder wäre es am Ende immer noch möglich, die Schrift auf jenen ſechs Zetteln in einen vernünftigen Zuſammenhang zu bringen?“ „Wie oft hat Dein armer Vater das verſucht— wie hat er die Worte derſelben ſtundenlang auf alle erdenk⸗ liche Arten zuſammengeſchrieben, ohne zu irgend einem befriedigenden Ergebniſſe zu gelangen!— Was er damals notirte, habe ich Alles ſorgfältig aufgehoben, und hätte es Dir ſchon neulich übergeben, wenn es mir nicht ſchmerz⸗ lich geweſen wäre, Dich, mein lieber Anatole, ohne Aus⸗ ſicht auf Erfolg mit dem wiederbeginnen zu ſehen, was Dein armer“Vater aus ſeiner erkaltenden Hand gleiten ieß— jetzt aber, da Du ſelbſt einen, wenn gleich ſchwa⸗ chen Faden gefunden zu haben glaubſt, will ich Dir die Notizen Deines Vaters vorlegen.“ Sie holte aus ihrem Schreibtiſche ein Packet Zettel und übergab ſie dem jungen Manne. „Auf dem erſten Papiere hier,“ ſagte ſie,„ſtehen die unverſtändlichen Buchſtaben⸗Zuſammenſtellungen, wie Du ſie ſelbſt in der Brieftaſche geleſen haben wirſt.“ Anatole blickte mit Intereſſe hinein— es war ſo, wie die alte Frau geſagt; er ſah dieſelben allerdings un⸗ verſtändlichen Worte, wie auf den ſechs Zetteln in der — 156— Brieftaſche: mo— ndta— mno— nzlw— ſenſch.— getr; dann blätterte er die anderen Papiere durch, voll⸗ geſchriebene Bogen, an denen er mit tiefer Wehmuth ſah, welch' unglaubliche und vergebliche Mühe ſich ſein Vater gegeben, denn dieſer hatte, trotz oft ſehr ſcharfſinniger Zuſammenſtellungen, doch nichts nur halbwegs Verſtänd⸗ liches herausgebracht, und Anatole gewann aus dieſen zahlloſen fruchtloſen Verſuchen nur die feſte Ueberzeugung, daß auch er in dieſem Siſyphuswerke nicht glücklicher ſein würde. Madame Reveillot blickte zu gleicher Zeit mit ihm in die Papiere und legte jetzt mit einem leichten Druck ihre Rechte auf ſeine Schulter, während ſie mit dem Zeige⸗ finger der Linken auf einen der Zettel zeigte, auf die erſte Silbe mo—. Woher mochte wohl der Gedanke kommen, von dem Beide zu gleicher Zeit erfüllt waren, der Beiden zugleich wie ein erleuchtender Blitz durch den Kopf fuhr, ſo daß Anatole raſch ſein Geſicht der alten Frau zuwandte und Großmutter und Enkel in einem Athem den Namen Morel ausſprachen. Wenn wir ſoeben von einer blitzähnlichen Erleuchtung ſprachen, ſo dürfen wir auch, dieſes Bild verfolgend, hin⸗ zuſetzen, daß Beide ſich nach dieſem plötzlichen Lichtſtrahle in einem um ſo tieferen Dunkel befanden; denn wenn ſenſch.— rh, voll⸗ nuth ſah in Vater ffinniger Verſtänd⸗ 3 dieſen zeugung, cher ſein ihm in ruck ihre n geige⸗ die erſte don dem zugleih ſo daß dte und 1 Morel uchtung d, hin⸗ ſtrahle wenn 1 3 2 auch die Silbe mo durch die andere Silbe rel zu dem ausgeſprochenen Namen ergänzt werden konnte, ſo fehlte doch von da jeder weitere Faden, und Anatole ſah nach ſtundenlanger, fruchtloſer Bemühung, nach dem emſigſten Durchforſchen der Papiere ſeines Vaters, daß alles Uebrige für ihn doch unverſtändliche und unauflösbare Hiero⸗ glyphen blieben. Madame Reveillot entzog ihm endlich mit ſanfter Ge⸗ walt die Papiere, wobei ſie ſagte:„ Ich muß es heute wieder machen, wie ich es damals ſo oft gethan; dieſes Nachgrübeln, dieſes vergebliche Bemühen, einen Sinn her⸗ auszufinden, wo vielleicht gar keiner vorhanden iſt, könnte Deinem raſchen Blute noch gefährlicher werden, als es der hinſterbenden Lebenskraft Deines armen Vaters war — laß uns vorderhand feſthalten, was der Zufall offen⸗ bart, und laß uns hoffen auf ein weiteres Ungefähr— ich möchte ſagen auf ein weiteres glückliches Ungefähr, wenn ich überzeugt wäre, daß die Löſung dieſer Räthſel ein Glück genannt werden könnte— doch wer weiß, was hinter dieſen ſtummen Buchſtaben lauern mag?— Aber nun zu etwas Anderem, um Deine Gedanken von dieſem ich war heute Morgen in eurem Hauſe.“ abzulenken— 4²“ „Ich hörte davon— ſahſt Du Fräulein Ann „Ja, zuerſt aber Frau Fichtner, welche mir Neuig⸗ keiten erzählte.“ — — 158 „O, ein Bischen Neuigkeiten bei der unverwüſtlichen Ruhe in dem Hauſe kann nicht ſchaden— es geht dort immer zu wie in einem Uhrwerke, und auch bei uns auf dem Comptoir— ich glaube, Herr Ringel richtet es immer ſo ein, daß er Mittags genau mit dem letzten Schlage ſein Buch zuklappt, darauf blickt er an den Him⸗ mel empor und ſpitzt den Mund, als wolle er pfeifen, bringt aber nie einen Ton hervor— was gibt es denn da viel Neues?“ „Etwas ganz Außerordentliches, worüber Du Dich wundern wirſt— denke Dir nur, Fräulein Anna wird ſich verheiraten.“ Der junge Mann zuckte förmlich zuſammen, als ihm die Großmutter das ſagte, und ſein Blick, mit dem er ſie betrachtete, war ſo forſchend, ja ſo ängſtlich, daß ſich ein Ausdruck des Erſtaunens deutlich auf den Zügen der alten Frau zeigte; dann aber lächelte er und ſagte:„Das war ein Scherz von Dir, Großmutter— allerdings wird ſich Fräulein Anna einmal verheiraten, aber jetzt ſchon daran zu denken, wäre lächerlich— ſie war ja vor Kur⸗ zem noch ein Kind, erſt ſechzehn Jahre alt.“ „Ja, im vergangenen Sommer; im nächſten Auguſt wird ſie ſiebenzehn.“ „Du haſt einen Scherz gemacht, nicht wahr, Groß⸗ mutter?“ fragte er in dringendem Tone. wüſtlichen geht dort uns auf richtet es m letzten den Him⸗ hfeifen, es denn Du Dich mma wird als ihm mmeer ſie ſich ein der alten Auguſt Groſ⸗ —— 159 „Ich ſcherze durchaus nicht, möchte aber jetzt einen Scherz über Dich ſelbſt machen, da Du das ſo ernſt zu nehmen ſcheinſt ei, Anatole— ein ſo verſtändiger junger Menſch! Was kümmert es denn Dich, ob ſich die Tochter Deines Prinzipals verheiraten wird oder nicht?“ Madame Reveillot, welche eine plötzliche und auf⸗ fallende Veränderung in den Zügen ihres Enkels wohl bemerkte, hätte dieſe Frage lieber nicht gethan, doch ſo erſtaunt ſie auch war über die Entdeckung, welche ſie ſo unverſehens machte, entſchloß ſie ſich doch raſch, den ihr als einzig richtig erſcheinenden Standpunkt einer durchaus Unbefangenen feſtzuhalten. Es war dieſes wohl das ſicherſte Mittel, ihn im Gleichgewicht zu erhalten— „Das heißt,“ fuhr ſie nach einer Pauſe, Bezug nehmend auf ihre letzten Worte, fort,„ich finde es allerdings be⸗ greiflich, daß Du Dich um das Wohl oder Wehe der Tochter des Herrn von Martini, Deines Prinzipals, be⸗ kümmerſt, und in der Richtung brauchſt Du Dich durch⸗ aus nicht zu ſcheuen, Deine Freude an den Tag zu legen; denn wie ich vorhin geſagt, wird ſich Anna von Martini verheiraten und eine glänzende Partie machen.“ „Wirklich, Großmutter, Du ſcherzeſt nicht?“ „Gewiß nicht— ich habe es aus ihrem eigenen Munde.“ „Und wird ſie ſich bald verheiraten?“ 1 1 „So ſcheint es mir.“ „Und eine glänzende Partie machen?“ „Sie wird ſich mit einem jungen Grafen Riedberg vermählen.“ „Den kenne ich nicht,“ ſagte Anatole ſehr kurz und ſehr barſch—„ah, das hätte ich nicht erwartet— weißt Du Deine Neuigkeiten aus ganz ſicherer Quelle?“ „Sie hat ſie mir ſelbſt mitgetheilt.“ „Und freut ſich darüber?“ Dieſe Frage beantwortete Madame Reveillot nicht ſo raſch mit einem entſchloſſenen Ja, als ſie vielleicht ſelbſt gewollt hatte, und die kleine Zögerung ließ ein eigen⸗ thümliches Licht in dem Auge Anatole's aufflammen; auch klang ſeine Stimme nicht mehr ſo erregt, als er nach einer Pauſe ſagte:„Auf dieſe glänzende Partie, wie Du die⸗ ſelbe nannteſt, hat ohne Zweifel Herr von Martini ſpe⸗ kulirt und ſie zu Stande gebracht?“ „Das iſt wohl möglich, aber der Wunſch des Vaters ſcheint der Tochter nicht unangenehm zu ſein, ſie ſprach mit mir ſelbſt darüber in der Art, wie man über ſo et⸗ was zu ſprechen pflegt, nämlich heiter und unbefangen.“ „Ah, heiter und unbefangen.“ „Gewiß, und ſetzte hinzu, es würde ſie recht freuen, wenn ich Dir geſprächsweiſe dieſes glückliche Ereigniß mittheilen wolle.“ Riedberg kurz und — weißt 94 nicht ſo iht ſelbt in eigen⸗ en; auch ach einer Du die⸗ tini ſpe⸗ Vaters e ſprach er ſo et⸗ 1 fangen. freuen, Freigniß 161 „Ein ſehr glückliches Ereigniß— und doch bei alledem,“ fuhr er nach einem minutenlangen Stillſchweigen in heftigem Tone fort,„wirſt Du mir nicht übel nehmen, liebe Großmutter, wenn ich Dir die Ver⸗ ſicherung gebe, daß mir dieſes glückliche Ereigniß recht, recht wehe thut.“ Die alte Frau gab ſich Mühe, ihn jetzt erſt mit auf⸗ fallendem Erſtaunen anzuſehen. „Ja recht wehe,“ fuhr er leidenſchaftlich fort, indem er ſeine rechte Hand zuſammenballte, nachdem er einige Sekunden lang ſeine Lippen unmuthig bewegt,„Du wirſt mich für keinen dummen Egoiſten halten, weil ich das geſagt, und wirſt nicht glauben, daß ich meine Stellung auch nur im Geringſten verkenne, ich, der jüngſte Diener des Hauſes neben ihr, der einzigen Tochter eines Mil⸗ lionärs pah, es wäre das zu lächerlich— aber gib Acht, Großmutter, es wird Allen auf dem Comptoir eben ſo unangenehm ſein wie mir von Herrn Ringel an gefangen bis zum letzten Lehrling.“ „Das klingt ja ganz wunderbar,“ erwiederte Madame Reveillot,„was kümmert euch Alle denn die Tochter eures Prinzipals?“ „Was ſie uns kümmert?— Eigentlich gar nichts, aber daß ſie überhaupt da iſt, das erregt in uns Allen ein wohlthuendes Gefühl— ich weiß nicht, ob ich mich Hackländer, Zwölf Zettel. I. 11 — 162 ſo ausdrücke, daß Du mich verſtehſt— ſie iſt ſo gut, ſo mild, ſo lieb— ſie iſt der Schutzgeiſt des Hauſes— und wenn man das finſtere Geſicht des Herrn von Mar⸗ tini anſchaut, ſeine abſtoßende Art, über Alles zu verhan⸗ deln, ſo kann ich Dir nicht ſagen, wie wunderbar man ſich darauf berührt fühlt, wenn man Fräulein Anna ſieht, wenn man ein freundliches Wort aus ihrem Munde hört — und ich ſpreche und denke nicht allein ſo— gewiß nicht— ſogar der alte Buchhalter, und wenn er einmal hartnäckig zum Fenſter hinausſchaut mit aufgehobener Fe⸗ der, ja ich möchte ſagen, eine Zahl nicht beendigend, die er angefangen, ſo kann man ſicher ſein, daß ſich Fräulein Anna im Garten befindet und daß ſie ihm von Weitem freundlich zunickt.— Aber warum ſiehſt Du mich ſo erſtaunt und ungläubig an, Großmutter?— Haſt Du nicht ſelbſt ſchon Aehnliches geſagt? Haſt Du nicht öfter, wenn Du von dort hieher zurückkehrteſt, ausgerufen: O, das Mädchen iſt ein guter Engel!—— Haſt Du's nicht?“ „Allerdings habe ich das, und wenn Du es von Fräulein Anna von Martini in demſelben Sinne ſagſt, wie ich, ſo finde ich es ganz begreiflich————“ Anatole erhob ſich unter irgend einem Vorwande raſch vom Tiſche, an welchem Beide ihr ſpärliches Nachteſſen eingenommen, und ging auf ſein Zimmer, ohne die Pa⸗ ſo gut, ſo Hauſes— von Mar⸗ zu verhan⸗ erbar man Unna ſieht, dunde hört — gewiß er einmal obener Fe⸗ wigend, die h Fräulein e. Weitem mnich ſo Haſt Du icht öfter usgerufen: 4 Haſt Ss bon nne ſagſ 1 — ande raſch Nachteſſe Pa⸗ 3 die 4 163 piere mitzunehmen, die ihm noch vor Kurzem ſo wichtig erſchienen ja er ſchien dieſelben nicht einmal zu be⸗ achten, als er nach einer Viertelſtunde wieder kam, um der Großmutter eine gute Nacht zu wünſchen. Erſt als ſie ihn auf die Zettel aufmerkſam machte, nahm er ſie mit zerſtreuter Miene zu ſich, nicht, um die ſelben in ſeiner Kammer noch einmal durchzuſehen', ſon⸗ dern um ſie gleichgültig auf den Tiſch fallen zu laſſen, an dem er lange angelehnt ſtehen blieb, in tiefe Gedanken verſunken. Als Anatole am andern Morgen das Comptoir be trat, fühlte er ſich glücklich, eine Menge Geſchäfte vorzu⸗ finden, deren Wichtigkeit ihm kein mechaniſches Arbeiten erlaubte, ſondern ſeinen Geiſt ſo ausſchließlich in Anſpruch 4 nahm, daß ihm einige Stunden raſch und unbemerkt ent⸗ flohen. Darauf wurde er von Herrn Ringel herbeige⸗ rufen, und der alte Buchhalter, der ganz beſonders freund lich und zutraulich war, konnte ſich nicht enthalten, ihm zu ſagen, daß Herr von Martini ſich geſtern äußerſt günſtig über die Beendigung einer wichtigen Korreſpon denz in franzöſiſcher Sprache, welche Anatole geführt, ausgeſprochen, ja daß er geſagt, Herr Fontenay verſpreche ein tüchtiger Geſchäftsmann zu werden-„vielleicht wird er Ihnen daſſelbe gelegenheitlich wiederholen, da Sie ihm und Erledigungen von heute an die wichtigſten Einläufe — 164— zur Beſprechung und Unterſchrift vorlegen ſollen.— Nehmen Sie dort die Mappe unverſchloſſen, wie ſie iſt, und gehen Sie damit hinüber.“ Der junge Mann nahm ſeinen Hut, und erſt, als er in den Garten trat, bemerkte er, daß ein feiner Sprüh⸗ regen fiel, weßhalb er, um die Mappe nicht naß werden zu laſſen, den Weg durch das Glashaus nahm. Er hatte wahrhaftig nicht daran gedacht, dort vielleicht die Tochter ſeines Chefs zu ſehen— ja, wenn er daran gedacht hätte, ſo würde er am heutigen Morgen viel eher eine Begegnung mit ihr vermieden haben. Anna von Martini befand ſich aber mit Eliſe an ihrem gewöhnlichen Platze, in der phantaſtiſchen Laube gegen⸗ über dem Springbrunnem uffd ließ ſich von ihrer jungen Geſellſchafterin aus einem Buche vorleſen; daß ſie an dem heutigen trüben und regneriſchen Tage hier unter den blühenden Blumen, in der Atmoſphäre eines künſt⸗ lichen Frühlings ſich befand, war ſo natürlich, und Ana⸗ tole fand es nicht minder begreiflich, daß ſich auf den etwas bleichen Zügen des jungen Mädchens bei ſeinem Anblicke eine lebhafte Röthe zeigte, denn ſie mußte ja er⸗ warten, daß er ſich die Freiheit nehmen würde, ihr ſeinen ganz ergebenen Glückwunſch darzubringen— hatte ſie doch ſelbſt das freudige Ereigniß des Hauſes ſeiner Groß⸗ mutter mitgetheilt, und wäre es doch unhöflich von ihm ollen.— fie ſie iſt, Sprüh⸗ 3 werden Er hatte e Tochter gedacht eher eine an ihrem e gegen⸗ rjungen ſie an er unter es künſt⸗ ud And⸗ auf den j ſeinem e ja er⸗ r ſeinen alte ſie 8 Groß⸗ von ihm 165 geweſen, deſſelben nicht in geziemender Weiſe zu erwäh⸗ nen vorausgeſetzt, daß ſie durch einen beſonders freundlichen Gruß oder durch ein an ihn gerichtetes Wort ihm die Erlaubniß gab, ſtehen zu bleiben und mit ihr zu reden. „Ob ſie das wohl thun wird?“ dachte er, als er durch die grünen Gebüſche ihr helles Kleid durchleuchten ſah. Dabei fühlte er, wie bei dieſen Gedanken ſein Herz heftiger klopfte, und ging mit raſcheren Schritten als er gewöhnlich zu thun pflegte, und geradeaus blickend, um im anderen Falle mit einem flüchtigen Gruße vorüber zu eilen. „Guten Morgen, Herr Anatole!“ erklang ihre liebe, weiche Stimme, und da mußte er wohl ſtehen bleiben „Sie wollen ſo eilig vorübergehen, werden Sie von Papa erwartet?“ „Ich glaube faſt,“ erwiederte er, nachdem er die bei⸗ den Damen ehrfurchtsvoll begrüßt,„es iſt gleich elf Uhr, um welche Zeit Herrn von Martini die wichtigeren Sachen vorgelegt zu werden pflegen.“ „Das that bis jetzt Herr Werner— iſt Herr Werner krank?“ „Nein, Fräulein Anna— ſondern Herr Ringel be⸗ auftragte heute mich damit.“ „Da muß er für Sie ſehr gut gelaunt geweſen ſein,“ b — 166— entgegnete ſie lächelnd,„was mich recht freut und wozu ich Ihnen Glück wünſche.“ „Damit kommen Sie mir zuvor,“ ſagte der junge Mann mit leiſer Stimme, indem er an den Eingang der Laube trat. „Wie ſo, Herr Anatole?“ „Ich wollte mir erlauben, Ihnen meinen Glückwunſch darzubringen, denn—“ ſprach er mit kaum vernehmlicher Stimme, hielt aber plötzlich mit der Vollendung ſeines Satzes ein, als er bemerkte, auf welch' eigenthümliche, faſt erſchreckende Art ſich die ſchönen Züge des jungen Mäd— chens veränderten— ſie drückte ihre feinen Lippen feſt aufeinander, ſchüttelte heftig mit dem Kopfe und ſagte, ihre rechte Hand wie zur Abwehr aufhebend:„Nein, nein, laſſen Sie das nur— ſpäter— ein anderes Mal — ah, Madame Reveillot hat wahrſcheinlich mit Ihnen geſprochen?“ „Ja, mein Fräulein, ſie ſagte mir von einem höchſt glücklichen Ereigniß, welches Sie betroffen.“ „Ah, in dem Sinne ſprach ſie mit Ihnen und deß⸗ halb wollten Sie mir Glück wünſchen?“ „Aus treu ergebenem Herzen.“ „Ich danke Ihnen— ich danke Ihnen—“ Sie winkte ihm mit der Hand, wie zum Zeichen, daß er ſich ent⸗ fernen ſolle, was er denn auch nach einer tiefen Verbeu⸗ ſeines e, faſt Mäd⸗ en feſt ſagte, Nein, Mal winkte H ent⸗ derbel⸗ gung that; Ausgang gemacht, als rief und er umſchauend ſah, „Herr Anatole, wiederholte Anna von Martini mit lauter Stimme, Sie könnten meiner Kammerjungfer ſagen weiſen: Sie Während ſie ſo ſprach, und ſetzte jetzt, als ſie ſicher war, daß Eliſe ſie nicht mehr mit leiſer Stimme hinzu:„Ich muß Sie hören könnte, nachher nachdem er unterſchrieben, zurück nehmen Sie dieſes Buch und bringen Sie es 167 doch hatte er nur wenige Schritte gegen den er hörte, wie ſie ſeinen Namen wie ſie ihm nacheilte. könnten mir einen Gefallen er- war ſie neben ihm hergegangen einen Augenblick ſprechen Papa fährt aus, und kommt nicht vor zwei Uhr mir nach zwölf Uhr auf mein Zimmer.“ Darauf eilte ſie nach der anzuſehen, und der junge Mann blieb in den ſeltſamſten Gefühlen ein paar Sekunden lang wie angewurzelt ſtehen. Zuerſt hatte er gute Luſt, küſſen, wo ihre kleinen Finger es umfaßten, ſprach er, thörichte Gedanken haben für Fräulein von Martini beſorgt, Beſtellungen Aufträge an meine und jetzt iſt ſie Braut.“ Der Bankier empfing den Kopf aufwerfend:„Wie kann Großmutter und dergleichen freundlich, ſein Geſichtsbarometer ſtand Laube zurück, ohne ihn weiter das Buch an der Stelle zu dann aber man ſo wie oft habe ich ſchon kleine — wie oft ſchon, 1 ihn weder freundlich noch un⸗ wie gewöhnlich auf — — — 168— dem Gefrierpunkte, und der theilnahmloſe Blick dieſer gleichgültigen Augen wehte den jungen Mann wie fröſtelnd an. Nur einmal trat etwas wie Leben in dieſelben, ja es zeigte ſich ſogar etwas wie der Anfang eines ſein ſol⸗ lenden Lächelns um die Lippen, als er fragte:„Was macht Madame Reveillot?“ Doch ſchien er auf dieſe Frage durchaus keine Antwort zu verlangen, denn er ſetzte nach einer Pauſe, die zu kurz war, als daß Anatole hätte antworten können, hinzu:„Eine ſehr rüſtige alte Dame — ſie wird ſich wohl befinden wie immer.“ Da er zu gleicher Zeit mit dem Kopfe nickte, auch das Geſchäftliche beendigt war, ſo ſah ſich Anatole als entlaſſen an und verließ nach einer Verbeugung das Ar⸗ beitskabinet ſeines Chefs. Er ging auf dem Rückwege nicht wieder durch das Glashaus, ſondern machte den Umweg durch den Garten, wobei er ſeine Mappe ſo gut wie möglich vor dem feinen Regen ſchützte. Es war halb zwölf Uhr, als er wieder an ſeinem Pulte ſaß, und hatte alſo noch eine halbe Stunde vor ſich, welche ihm von einer unbegreiflichen Länge ſchien. Obendrein trat auch noch Herr Ringel, ehe dieſer fort⸗ ging, zu ihm heran und ſprach einige gleichgültige Worte, ſo erſchienen ſie ihm wenigſtens im gegenwärtigen Augen⸗ blicke, obgleich der alte Buchhalter von ziemlich Ernſtem dieſer jſtelnd D das rten, einen inem vor hien. fort⸗ orte, — 169 ſprach, denn er warf eine Bemerkung hin über die kleine, grüne Brieftaſche: daß es ihn wohl freuen würde, ſie gelegenheitlich einmal zu ſehen. Hätte Anatole ſie in dieſem Augenblicke zur Hand gehabt, er würde ſie ihm wahrſcheinlich gegeben haben, um ſeiner nur los zu werden. Endlich ging Herr Ringel, und nun verließ auch Anatole das Geſchäftslokal, um ſich dem Hauſe, und auch dieſes Mal wieder durch den Garten, zu nähern. Als er an die Vorderſeite deſſelben kam, blickte er auf den Boden und bemerkte in dem feuchten Sande friſche derſpuren, auch ſagte ihm Georg, der an der Thüre lehnte, Herr von Martini ſei vor einer halben Stunde in eine Bankſitzung gefahren, und Frau Fichtner, ſowie Fräulein Eliſe hätten ſich nach der Stadt begeben, um Einkäufe zu beſorgen. „Ich habe da ein Buch für das gnädige Fräulein,“ ſagte der junge Mann und mußte ſich Gewalt anthun, damit ſeine Stimme ſo friſch und hell erſchien wie ge— wöhnlich. „Soll ich es für Sie beſorgen, Herr Fontenay?“ „Ich danke Ihnen, Georg— ich muß es ſchon ſelbſt der Kammerjungfer bringen und etwas für meine Großmutter erwarten, das man mir mitgeben will.“ Der Bediente öffnete die Thür, und Anatole ſtieg mit — l- —— — 170— einem eigenthümlichen Gefühle im Herzen die Marmor⸗ treppe des ſtillen Hauſes hinauf. Oben wurde er von der Kammerjungfer empfangen, welche ihn auf's Freund⸗ lichſte grüßte und ihm dann voranging in das Zimmer des Fräuleins. Er war hier ſchon oft geweſen; er kannte das blaue Vorzimmer, ſowie den grauen Salon, wo Anna's Flügel ſtand, wo er ſchon häufig ſeine kleinen Aufträge abge⸗ geben, oder welche empfangen hatte. Auch jetzt wollte er hier warten, doch ſagte die Kammerjungfer:„Folgen Sie mir doch, Herr Fontenay— das gnädige Fräulein wird ſogleich in ihr Schreibzimmer kommen.“ Dieſes hatte er noch nicht geſehen, und doch kam es ihm ſo bekannt vor: es war ganz daſſelbe Gemach, wie das Arbeitskabinet des Herrn von Martini, welches auf der Vorderſeite des Hauſes lag, während hier das ein⸗ zige große Fenſter auf den Garten ging, doch bemerkte man durch die rieſenhafte Scheibe beinahe gar nichts von Wind und Regenwetter draußen: beinahe das ganze Glas war auf's Künſtlichſte umſponnen von rankendem Epheu, und unten befand ſich ein kleiner Blumenkorb, welcher die Breite des Fenſters einnahm und mit blühenden Pflanzen, Hyacinthen, Primeln, Veilchen beſetzt war, von denen be⸗ ſonders die erſten einen faſt berauſchenden Duft aus⸗ ſtrömten. Wie drüben bei dem Bankier, ſo ſtan auch armor⸗ er von freund⸗ zimmer merkte s von Gla⸗ Epheu⸗ zer die anzen, en be— aus⸗ auch 171 hier der Schreibtiſch des jungen Mädchens am Fenſter; aber gegenüber demſelben, in einer von der Mauer ge⸗ bildeten Niſche, wo ſich bei dem Herrn von Martini die Schränke mit den großen Divan, mit matter grauer weißen Damaſtbezug Büchern und Akten befanden, war hier ein breiter Seide welche Farbe von dem n und wohlthuend ſich abhob. das lebensgroße Porträt aufmerk⸗ überzogen, der Wände angenehn Ueber dieſem Divan hing der Mutter Anna's, und Anatole betrachtete es um in dem ernſten, etwas leidenden Geſichte die ſam, Züge der Tochter wieder zu finden, als dieſe ſelbſt die Thüre des Nebenzimmers öffnete und raſch eintrat. „Ich danke Ihnen, Herr Anatole, daß Sie Wort ge⸗ halten haben.“ „Hier iſt das Buch, welches zu bringen— paar Minuten ſpäter ge⸗ Sie mir befahlen, Ihnen gleich nach zwölf Uhr ich muß um Ent⸗ ſchuldigung bitten, daß es ſelbſt gewollt, aber es ein worden iſt, als ich es war mir früher zu kommen.“ Ich glaube, daß ich nur ge⸗ von der unmöglich, „Habe ich befohlen?— beten habe, und was die Verſäumniß anbelangt, ja durchaus nich mit Ihnen plaudern, Sie reden, ſo haben wir ts Geſchäftliches vor— ich möchte nur ein nein, plaudern iſt wenig Herr Anatole— nicht das rechte Wort,“ ſetzte ſie plötzlich ſehr ernſt hinzu, indem ſie — 12— ihre Augen mit der kleinen Hand verdeckte—„über Wichtiges möchte ich mit Ihnen reden, mir Ihren Rath erbitten— kommen Sie— ſetzen Sie ſich zu mir.“ Sie ging an den Divan und warf ſich in eine Ecke deſſelben; Anatole nahm einen Stuhl und ſetzte ſich ihr gegenüber. Er wagte es eigentlich jetzt erſt, ſie anzuſehen; ach, wie ſie heute ſo blaß war und d dadurch noch ſchöner, we— nigſtens in ſeinen Augen— war es doch Kummer, der aus ihren Augen ſprach, der ihr Herz bedrückte und den ſie ihm veüuteie vielleicht im Begriffe war Gedanke, der — ein ihn kaum aufathmen ließ vor unbeſchreib⸗ licher Seligkeit, denn er fühlte, ohne es ſich in deutlichen Gedanken klar machen zu können, daß ſchon ihre Abſicht, ihn zum Vertrauten zu nehmen, ein Schritt gegen ihn war, deſſen Folgen er ſich indeſſen nicht auszumalen ver⸗ mochte, da er zu ſehr mit dem Glücke des gegenwärtigen Augenblicks beſchäftigt war und da er ja wußte, daß Anna verlobt ſei. „Sie haben noch gar nichts geſagt,“ ſprach ſie nach einer Pauſe,„ob es Sie freut, daß ich mit Ihnen über ernſte Dinge reden, Sie um Rath fragen will?“ „Darf ich Ihnen wohl erwiedern, daß mich das un— endlich glücklich macht und daß ich ſtolz ſein werde, wenn es mir vielleicht gelänge, Ihnen einen guten Rath zu geben?“ Sie meinen es gut mit mir, Herr Anatole?“ „Können Sie daran zweifeln, Fräulein Ann Gewiß nicht!— Dürfte ich Ihnen nur den Beweis geben, als ein Glück betrachten würde, Alles für Sie (Ecke daß ich es h ihr zu thun— ja daß meine Dankbarkeit für Sie und Ihr Haus es mir leicht werden ließe, ſogar mein Leben für — dr„ 1 Sie zu laſſen. A. ach, E 3 a- 1 le„Sie ſind ein guter Menſch, Herr Anatole,“ ſagte* der ſie in einem altklugen Tone und in einem angenommenen dn Ernſte, der beinahe etwas Komiſches hatte,„und da ich de . das weiß, habe ich Sie auch gebeten, zu mir zu kommen ein.. 1 1 t— ich hätte eben ſo gut Herrn Ringel oder Herrn Wer⸗ reib⸗ 1. 5 ner um Rath fragen können, welche Beide viel älter ſind ſchen..—.—. 5 üt und viel länger im Hauſe, aber ich habe Sie vorge⸗ 8 icht, 3—. 4—. 3 zogen, und das iſt ein Vertrauen, welches Sie gewiß ihn S, ſchätzen werden.“ ver⸗ 6. 4 1. Indem ſie ſo und recht würdevoll mit ihm ſprach, gen.... ce. gen reichte ſie ihm ihre zierliche Rechte und zog ſie nicht zu⸗ 4 daß 4.—. 4 4 du rück, als der junge Mann dieſelbe mit allerdings ſehr 5 lung g 4 5.. 2. 3 reſpektvollen, aber dabei ſehr intenſiven Küſſen bedeckte, 4 uij zwiſchen jedem derſelben ſeinen tiefgefühlten Dank aus⸗ 1 ber ſprechend. Endlich aber war der Dank hervorgeſtammelt, die kleine . 1 un⸗ Hand zog ſich zurück und ſank dann neben ihrer jungen 5 Beſitzerin auf die ſchwellenden Kiſſen des Divans, wo 174 Anatole ſie in der Erinnerung an das eben genoſſene Glück ſchwärmeriſch im Auge behielt. „So hören Sie denn, Herr Anatole,“ rief das junge Mädchen nach einer kurzen Pauſe, ohne weitere Einlei⸗ tung, in einem leidenſchaftlichen Tone aus,„ich bin recht, recht ſehr unglücklich.“ „Wie iſt das möglich?— Meine Großmutter ſagte mir doch, Sie ſeien eine glückliche Braut.“ „Braut werde ich allerdings genannt, aber glücklich kann mich Ihre Frau Großmutter nicht genannt haben, oder ſie hat mich vollkommen mißverſtanden oder miß⸗ verſtehen wollen.“ „Sie ſagte mir, Sie wären ſo freundlich geweſen, ſich meiner zu erinnern, und hätten ſie beauftragt, mich von dem erfreulichen Ereigniſſe, welches Sie betroffen, in Kenntniß zu ſetzen.“ „Hat ſie das wirklich und gerade ſo geſagt?— O dann iſt ſie falſch geweſen, was ich nie, niemals von Madame Reveillot erwartet hätte.“ Als das junge Mädchen dieſes ſagte, wurden ihre Augen feucht— ſie richtete ſich empor, legte ihre Hand auf den Arm Anatole's und fuhr in eindringlichem Tone fort:„Ja, ſie iſt falſch gegen uns geweſen, und mit Ab⸗ ſicht, wie ich mir ganz gut denken kann— o ich hatte das, was ich ihr ſagte, wohl überlegt.“ oſſene junge einlei⸗ recht, ſagte ücklich aben, miß⸗ zeſen, mich dand Lone Ab⸗ jatte 4 175 „Darf ich bitten, Fräulein Anna, es mir jetzt zu wiederholen?“ „Gewiß; allerdings ſagte ich ihr, daß ich Braut die Braut eines mir völlig fremden Mannes — ich ſagte ihr, mein Vater habe das ſo eingeleitet, ſei, aber und, ohne den Willen meines Vaters mit einem be⸗ ſtimmten Nein zu erwiedern, hätte ich auch durch⸗ aus nicht Ja geſagt, weder mit einem Blicke, noch mit einem Worte— hat ſie Ihnen davon nichts zu wiſſen gethan?“ Nicht das Geringſte es iſt mir unbegreiflich.“ O nein, mir iſt es ſehr begreiflich,“ rief Anna von Martini aus und dann drückte ſie ihre beiden Hände vor das Geſicht und weinte bitterlich, was man deutlich ſah an dem krampfhaften Erbeben ihrer feinen Geſtalt. dieſe heftige Bewegung ſo l für ſeine Pflicht hielt, Auch dauerte ange, daß Anatole, unruhig geworden, es den Verſuch zu machen, die kleinen Hände Anna's ſanft von deren Geſicht zu entfernen, was ihm auch glücklicher Weiſe gelang, wobei es ſich aber traf, daß ſie ihre Rechte nicht zurückzog, als er ſie wiederholt an ſeine Lipper drückte, um ſeine tröſtenden Worte durch ein zärtliches Küſſen jedes einzelnen Fingers zu verſchärfen. „O ich weiß, ich weiß,“ rief ſie nun aus,„und ich will Ihnen wahrheitsgetreu wiederholen, was ich ihr ge— — — 176— ſtern geſagt, darauf ſollen Sie mir Ihren Rath geben ——— Ja, mein Vater will, ich ſolle jenen Grafen Riedberg heiraten, für den ich mich durchaus nicht in⸗ tereſſire und den ich ſchon deßhalb nicht nehme, weil man ihn mir aufzwingen will.— O, Sie kennen meinen Vater, Anatole— Sie wiſſen, wie kalt und hart er ſein kann— Sie haben dieſes gewiß ſchon oft ſelbſt erfahren, wiſſen aber eben ſo gut, wie ſchwer es iſt, ihm auf eine Forderung geradezu Nein zu ſagen, wenn er ſeine ernſten Augen auf Einen richtet——— Es gibt Leute,“ unterbrach ſie plötzlich ihren ſchmerzlichen Er⸗ guß,„welche behaupten wollen, ich hätte auch etwas von dem harten Blicke meines Vaters— iſt das wahr, Anatole?— Sehen Sie mich einmal genau an — ganz genau.“ Dieſem Befehle mußte er Folge leiſten und brachte ſeine ſtrahlenden Augen den ihrigen ſo nahe, bis dieſe leicht zu blinzeln aufingen, wobei ſich ein reizendes Lä⸗ cheln um ihre Lippen zeigte und ſie alsdann, ihre Hand auf die Schulter des jungen Mannes legend, ſagte: „So, jetzt betrachten Sie das Bild meiner guten Mutter dort über mir und geſtehen Sie mir, daß ich ganz genau deren ſanften Blick habe.“ Er that das mit einem tiefen Athemzuge und fühlte hierauf den leichten Druck ihrer Finger auf ſeiner Schulter, ) th geben Grafen nicht in⸗ veil man meinen er ſein erfahren, auf eine er ſeine Es gibt hen Er⸗ S etwas iſt das nau an brachte is dieſe des Lä⸗ e Hand ſagte: Mutter genau fühlte culter, 177 worauf er ſich, demſelben nachgebend, wieder auf ſeinen Stuhl niederließ. Sie blickte ihn kopfnickend mit gefalteten Händen an und ſagte nach einem ziemlich langen Schweigen: Ach, er ſprach mit mir ſo beſtimmt und ſo erſchrecklich vernünftig er brachte Gründe vor für eine Heirat zwiſchen mir und jenem Grafen Riedberg, die ſo richtig erſchienen und gegen die ich in der That nichts Ernſtliches zu ſagen ver⸗ mochte, da ſie mich auf's Furchtbarſte überraſchten.“ „Sie erſchrecken mich, Fräulein Anna— welche ver⸗ nünftigen Gründe hätte ihr Herr Vater für ein ſo bar⸗ bariſches Verlangen vorbringen können?“ Ach, Anatole unter anderen einen Grund, den ich n* nicht wagte, ihm zu widerl „Darf man dieſen Grund wiſſen, mein theures, hoch⸗ verehrtes Fräulein?“ Ich kann ihn nicht verſchweigen, denn ſonſt wären Stande, mir einen guten Rath zu er⸗ Sie ja nicht im 33— für ſeine For⸗ theilen der Grund, welche derung anführte, war, mein Herz ſei ja noch vollkommen frei— weßhalb es mir nicht ſchwer fallen würde, ſeine Wahl zu genehmigen.“ „Ein furchtbarer Grund, Fräulein Anna, und ich— fürchte, Ihr Vater hat „Das dachte ich auch,“ erwiederte ſie mit großer Un⸗ if Zettel. I. 12 Hackländer, Zwölf 178— befangenheit,„doch hätte ich damals ſchon gewußt, was ich jetzt ganz genau weiß, ſo würde ich meinem Vater geſagt haben, daß er ſich irre, daß mein Herz nicht mehr frei ſei— daß ich liebe.“ „Ah, Sie lieben?“ rief er faſt erſchrocken. „Ja, mein Freund, ich liebe— mein Herz iſt nicht mehr frei, und ich will wieder geliebt werden — was ſehen Sie mich ſo ſeltſam an, was beun⸗ ruhigt Sie?— Da, Anatole, haben Sie meine Hand, meine beiden Hände, vielleicht kann Sie das be⸗ ruhigen.“ Daß er die kleinen, feinen, roſigen Hände leiden⸗ ſchaftlich ergriff, finden wir begreiflich, auch daß er bei den Verſuchen, ihre kleinen Hände abwechſelnd zu küſſen, vor das junge reizende Mädchen mit den hellen, ſtrahlen⸗ den Augen niederkniete und ſie alsdann mit einer unend⸗ lichen Glückſeligkeit anlächelte. Sie machte ihre kleinen Finger los, legte ſie ihm auf ſein Haupt und ſtrich ihm dann langſam die lockigen Haare aus der Stirne.„Ja, Anatole,“ ſagte ſie als— dann,„ich fühle, wie ich Dich liebe, und weiß auch, daß Du mich wieder liebſt.“ „Anna, Anna, mir ſchwindelt vor all' dem Glück!“ „Das glaube ich wohl, mein lieber Freund, und mir ſchwindelt ebenfalls— warum aber ſollte ich Dir nicht was Vater mehr z it erden beun⸗ meine 179 geſtehen, daß ich Dich liebe, da ich doch fühle, daß es die Wahrheit iſt eine ſchöne, aber dabei ernſte Wahr⸗ heit, ich wünſchte, Alle könnten das hören, welche be⸗ haupten, mein Herz ſei noch frei.“ Wenn er vorhin geſagt, daß es ihm ſchwindle, ſo war das vollkommen richtig: er mußte ſeine Blicke feſt auf ihr heiter lächelndes Geſicht richten und ſich Mühe geben, um ihre Geſtalt, um den Divan, auf welchem ſie ſaß, um die Wände des Gemachs, kurz Alles um ihn her nicht einen tollen Rundtanz beginnen zu laſſen dieſen Ausgang der Unterredung hatte er nicht erwartet, und wenn auch ſein Herz ſtürmiſch und glücklich klopfte, ſo fürchtete er doch, plötzlich aus einer Betäubung zu erwachen und vielleicht mit einem herzlichen Lachen ver⸗ abſchiedet zu werden. Dieſes war aber nicht der Fall, vielmehr blickte ihn das junge Mädchen ein wenig ernſt, ja ſchmollend an und lehnte ſich in den Divan zurück, während ſie ſprach: „Und Sie ſagen nicht einmal, Anatole, ob meine Worte Sie glücklich oder unglücklich gemacht?— Worte, die mir nicht ſo leicht geworden ſind, als Sie es ſich vielleicht vorſtellen mögen Worte, die vielleicht Jahre lang in mir verſchloſſen geblieben wären, die ich vielleicht niemals ausgeſprochen hätte, ohne jenen ernſten Vorfall, die ſie wahr ſind ich Sie aber jetzt vernehmen ließ, weil ½ 180— und die einmal ausgeſprochen, mir zum Schutze dienen werden.“ Er nahm ihre beiden Hände und drückte dieſelben an ſeine Bruſt, dann ſagte er:„Ich bin zu glücklich, Anna, als daß ich es Ihnen auszudrücken vermag— o ſo glücklich, daß ich an dieſes Glück kaum glauben kann.— Wie oft fühlte ich ſchaudernd, daß ich Sie lieben müſſe, und welche Mühe gab ich mir, dieſes Gefühl für Sie in eine ehrfurchtsvolle Anbetung zu verwandeln, in eine Liebe, wie wir ſie einem höheren Weſen zuwenden oder dem Symbol des Unerreichbaren, einem funkelnden Stern — aber jetzt verzeihe mir, wenn ich es auszuſprechen wage, daß auch ich Dich liebe über Alles— unendlich, daß ich jetzt ſterben möchte zu Deinen Füßen.“ Er zog ſie an ſich und ſie ließ das geſchehen, ja ſie beugte ſich ſo weit auf ihn herab, bis ihr liebes Ge— ſicht ſanft mit ſeiner Stirne in Berührung kam, dann hob ſie ſich raſch empor und bedeutete ihm mit einer ruhigen, faſt förmlichen Handbewegung, ſich wieder auf ſeinen Stuhl niederzulaſſen. „In welch' eigenthümlicher, aber hübſchen Lage ſind wir jetzt,“ ſagte ſie nach einer Pauſe, ſchalkhaft lächelnd, „und wie froh bin ich, daß es überſtanden iſt— die ganze vergangene Nacht habe ich daran gedacht und wachte Stunde um Stunde unruhig und kummervoll— jetzt — 181— aber bin ich glücklich und weiß, was ich zu thun habe: ich werde die nächſte Gelegenheit ergreifen, um vor mei⸗ nen Vater hinzutreten und ihm zu ſagen, daß ich neulich zu überraſcht geweſen ſei, um ſo zu erwiedern, wie ich eigentlich gewollt, aber heute hätte ich die Kraft dazu, und dann verſichere ich ihn, wie falſch ſein Grund ge⸗ weſen, da mein Herz nicht mehr frei ſei.— Er wird darüber erſtaunt ſein, er wird ſeinen Zorn nicht verber⸗ gen, er wird mich hart anfahren und mir befehlen, den zu nennen, den ich liebe.— Daß ich das aber nicht thun werde, darauf können Sie ſich verlaſſen, Anatole, wenigſtens ſo lange nicht, als ich nicht mit Gewalt zu einem Bekenntniß gezwungen werde.“ „Dann aber?“ „Dann werde ich unſere Liebe geſtehen— wir wer⸗ den zuſammen leiden und ſpäter vielleicht glücklich ſein, wenn es das Schickſal will.“ Er ſchaute ſie an, gerade nicht betroffen, auch nicht zu ernſt, aber doch mit einer nachdenklichen Miene; gerne hätte er ihr eine beiſtimmende Antwort gegeben, wie ſie aus ſeinem Herzen kam, und doch war er gewiſſermaßen froh darüber, daß ſie ihn nicht zu Worte kommen ließ, ſondern lebhaft fortfuhr:„Vielleicht, wenn ich meinen Vater alles Ernſtes verſichere, daß mein Herz nicht mehr frei iſt, ſo läßt er von ſeinen Planen.“ — 182— „Gewiß nicht; er wird Ihnen nicht glauben.“ „Er wird an meinem Widerſtande, an meinen Bitten, an meinen Thränen ſehen, daß ich die Wahrheit rede.“ „Und wenn ihm dieſe Wahrheit, die Quelle Ihres Widerſtandes, noch ärger erſcheint als der Widerſtand ſelbſt?“ „Das iſt wohl möglich— ich bin ſogar darauf ge⸗ faßt, und werde ihm alsdann mit gewiß überzeugender Wahrheit ſagen, daß ich nicht von Ihnen laſſen will, Anatole.“ „O, Sie ſind edel und hochherzig, Anna; aber was könnte ich ihm auf eine ähnliche Frage zur Antwort geben?“ „Ich hoffe daſſelbe, mein Freund— oder hätten Sie nicht den Muth, ihm Ihre Liebe zu mir zu geſtehen?“ „Ich wünſche, Ihnen zu beweiſen, daß ich zu größe— ren Dingen Muth habe.— Was aber Ihrem Vater aus dem Munde der Tochter als die Stimme eines liebenden Herzens erklingt, würde bei mir als Anmaßung, als Hoch⸗ muth— ja ich muß ein ſchlimmeres Wort gebrauchen— als unverzeihlicher Eigennutz erſcheinen, und in ſolchem Lichte zu ſtehen, wäre mir mehr als ſchmerzlich.“ „Sie ſehen den ſchlimmſten Fall vor ſich, Anatole — ich glaube, wenn ich meinem Vater in feierlichem —— — Schwur die Verſicherung gebe, daß ich bereits liebe, ſo wird er nicht weiter in mich dringen; doch habe ich auch das Andere überlegt und handle gewiß nicht leichtſinnig und ohne Vorbedacht— ich glaube, Sie haben recht, wenn ich Ihren Namen nicht nenne, und es wäre mir ein ſüßes Gefühl, in dem Falle für Sie leiden zu können.“ „Das nicht, Anna— ah, Sie haben mich vollkom⸗ men mißverſtanden.“ „Nein, nein, mein Freund, ich fühle Sie haben— ich habe mir daſſelbe ſchon geſagt und darüber gedacht und geträumt heute Morgen noch lange, lange in der Laube unter meinen Palmen.— Ach, warum iſt Alles das künſtlich gemacht, wie ſo Vieles in unſerem Leben— warum,“ fuhr ſie nach einem ſchwärmeriſchen es, wie recht Blicke fort,„wohnen wir in einem ſo kalten, proſaiſchen Klima, daß wir uns Wälder von duftenden Orangen und zierlichen Palmen nur ſchaffen können, indem wir ſie mit Glaswänden umziehen und von der äußeren kalten, un⸗ freundlichen Luft abſperren, warum ſind es nicht wirk— liche tropiſche Waldungen, welche meine Laube umgeben, und die ſich ausdehnen in üppiger Pracht und Herrlichkeit bis an das Geſtade des blauen unendlichen Meeres?— Ach, Anatole, ich las in den letzten Tagen ein wunder⸗ bares, ein herrliches Buch, das auch Sie gewiß kennen.“ ——— —ᷣ — — 184— „Sollte es vielleicht Paul und Virginie ſein?“ fragte er mit einem eigenthümlichen Blicke. „Ach ja, das iſt es, Anatole— ſchwärmen Sie auch ſo dafür wie ich— iſt es nicht entzückend ſchön?“— O, ich möchte Virginie geweſen ſein, trotz ihres traurigen Endes, und Du, Anatole, mein Paul!“ Er nickte ſchweigend mit dem Kopfe, wobei ſein Herz heftig, aber unter einem ſeltſamen Gefühle ſchlug, unter einem Gefühle der Verwirrung, faſt der Be⸗ täubung. „O wären wir auf einer ſolchen glückſeligen Inſel geboren, mein Anatole— könnte ich Hand in Hand mit Dir durch die Wälder ſchweifen, duftende, glühende Blüten abbrechen, zierliche, wunderbar rankende Schlingpflanzen bewundern— Du würdeſt mein Haar mit Blumen durch⸗ flechten— ich würde für Dich Muſcheln und bunte Steine am Ufer ſuchen, und dann ruhten wir Hand in Hand am Geſtade des leiſe athmenden Meeres— wie ſelig, Paul, würde ich, mein Haupt an Deine Bruſt lehnend, entſchlummern—“ „Es wäre entzückend.“ „Aber Sie ſagen das, Anatole, mit einem durchaus nicht entzückten Ausdruck, Sie ſchauen ſich ſo ängſtlich um— fürchten Sie etwas?“ „Gewiß nicht, Fräulein Anna— woher ſollte mir in 15 ch ——O 185— . Ihrer Gegenwart ein anderes Gefühl kommen, als das der Verehrung für Sie?“ „Und nun rathen Sie mir, Anatole! Habe ich nicht recht, meinem Vater entgegenzutreten und ihm zu ſagen, daß mein Herz nimmer frei iſt, und eher Alles zu thun, als mich ſeinem Willen zu fügen? Und dabei werden und müſſen Sie mir helfen, Anatole— denken Sie an Paul, wie aufopfernd er für Virginie war.“ „Gewiß, Fräulein Anna— aber vorhin ſprachen Sie mit ſo richtigem Gefühl Ihr Bedauern aus, daß es uns nicht vergönnt ſei, in einer ſo reizenden Wildniß zu leben, ſo unbeachtet ſein zu können, nur uns ſelbſt und unſeren Gefühlen Rechenſchaſt gebend über unſere Hand⸗ lungen.“ „Ich verſtehe Sie nicht ganz.“ „Wir leben in einem ziviliſirten Lande— leider, darf ich in dieſem Falle wohl hinzuſetzen— unter ſogenannten geordneten Verhältniſſen, und in einer Umgebung, die uns durchaus keine Gelegenheit gibt, Hand in Hand durch Orangenbüſche, durch Palmenwälder zu wandeln und uns am Geſtade des Meeres niederzulaſſen.“ „Ach, das Alles war ja nur bildlich geſprochen im Bedürfniſſe nach Freiheit und Unabhängigkeit von der Tyrannei meines Vaters, und würden Sie mich in dem Falle hülflos allein laſſen?— O gewiß nicht!— Da⸗ — 186 für kenne ich viel zu gut Ihr edles, treues Herz! Wenn das Schreckliche geſchäͤhe und man mich zwingen wollte, ſo würden Sie es ſein, der mich aufrecht erhält— ge⸗ wiß, Anatole, Du würdeſt mit mir fliehen, Paul mit ſeiner Virginie.“ Als das junge Mädchen ſo ſprach, blickte ſie ihn mit thränenden Augen an, ſie ſchluchzte heftig— und da nun nichts ſo gefährlich iſt, als ein junges, ſchönes Mäd⸗ chen weinen zu ſehen, namentlich, wenn man von dem⸗ ſelben liebend auf's Innigſte angeblickt wird, ſo übte das auch hier eine wahrhaft magnetiſche Kraft auf den jungen Mann aus, und ohne daß es eigentlich in ſeiner Abſicht lag, befand er ſich abermals zu den Füßen Anna's, ihre beiden Hände, die ſie ihm weinend entgegenſtreckte, mit Küſſen bedeckend. Ein Geräuſch an der Zimmerthüre ſchreckte Paul und Virginie zuſammen, und Erſterer hatte ſo viel Geiſtes⸗ gegenwart, um den Stuhl, auf dem er geſeſſen, zwiſchen ſich und das junge Mädchen zu bringen, und ſich ſo das Anſehen eines Abſchiednehmenden zu geben. Obgleich nur die Kammerjungfer eintrat, ſo ſchien doch Anatole ſeine Vorſicht nicht unnöthig geweſen zu ſein, denn er glaubte auf dem Geſichte der Dienerin ein for⸗ ſchendes Lächeln zu bemerken, ſowie einen fragenden Blick auf die noch mit Thränen erfüllten Augen Anna's von — — 187 1* Martini. Sie ſagte:„Ich wollte dem gnädigen Fräulein nur melden, daß ich am Ende der Straße Frau Fichtner mit Fräulein Eliſe bemerkte— dieſelben werden in einigen Minuten hier ſein.“ „Es iſt gut,“ erwiederte das junge Mädchen kopf⸗ nickend,„ich danke Dir.“ Darauf erhob ſie ſich raſch, die Andere verließ das Zimmer, die Thüre hinter ſich in's Schloß ziehend. „Und nun lebe wohl, Anatole, mein guter, lieber Freund, warte das Weitere ab und ſei verſichert, daß ich Alles nach Deinem Rathe machen werde— glaube mir, ich habe Feſtigkeit und Muth, da ich in jeder Hinſicht Deiner Hülfe gewiß ſein kann.“ Nun erinnerte ſich der junge Mann eigentlich nicht ganz genau, ob und worin er ihr ſeinen Rath gegeben, doch zuckten ihm ſo viele widerſtrebende Gefühle durch auch mußte der ſchnell herbeigeführte Kopf und Herz, zu einer be⸗ Abſchied ſo raſch beendigt werden, daß ihm ſonderen Antwort keine Zeit blieb: ſie legte noch einmal ihre kleinen Hände zwiſchen ſeine Finger, drängte ihn nach der Thüre, und im nächſten Augenblicke ſah er ſich Flügel ſtand, er durch— wieder im grauen Salon, wo ihr und eilte die kleine ſchritt gleich darauf ihr Vorzimmer, deren Eingang ihm das Kammermädchen Treppe hinab, 9 und welche von Anna's Zimmern freundlich geöffnet, — 188— direkt in den Wintergarten führte. Von dort hatte er nur wenige Schritte bis zu dem Geſchäftslokale, und ſo erreichte er in Kurzem und ungehindert die ſtill ſchmale Straße, welche an der Rückſeite des Gartens vorbei⸗ führte.