V N .⸗--—- Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ ſe pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von: jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet le wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ſ auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. uI 1 I 9— 11 vI.— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung e der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Der Tag war heiß, die Pferde daher mit Schaum bedeckt und die Reiter ganz beſtäubt; ſie ſchienen von irgend einer wichtigen Unternehmung zurückzukommen. Einer trennte ſich von dem Trupp, ritt an eine alte Frau heran, welche neugierig vor der Thür ihres Hauſes ſtand, und fragte, ob es hier keine Herberge gäbe. Die Frau und einige Kinder, die bei ihr waren, zeigten ihm einen Buchsbaumzweig, der am Ende der einzigen Straße des Dorfes über einer Thüre hing, und ſogleich folgte der ganze Trupp ihrer Weiſung. Jetzt erſt bemerkte man mitten unter den Reitern einen jungen, reich gekleideten und wohl ausſehenden Mann, welcher ein Ge⸗ fangener der Truppe zu ſein ſchien. Dieſe Entdeckung vermehrte die allgemeine Neugierde, und die Bauern folgten den Reitern bis an die Thür der Schenke. Der Wirth trat hervor, ſeine Mütze in der Hand, und fragte nach den Befehlen der unerwarteten Gäſte. Der Anführer fragte ihn in befehlshaberiſchem Tone, ob ſein Neſt groß genug ſei, ihn mit ſammt ſeinen Leuten und Phferden zu beherbergen. Natürlich antwortete der Wirth, Niemand könne den Leuten des Königs 1* 4 beſſeren Wein vorſetzen als er, und in der Nachbarſchaft wurde ſich ſchon genug Stroh und Futter für die Pferde auftreiben laſſen. Der Anführer hörte dieſe Verſicherungen mit einigem Mißtrauen 1* an, gab die zu treffenden Anordnungen und ſtieg vom Pferde, wo⸗ bei er über ſeine Müdigkeit und die verdammte Hitze fluchte. Die andern Reiter drängten ſich um den jungen Mann; einer hielt ihm den Steigbügel und der Anführer ließ ihn höflich zuerſt in die Thür des Gaſthauſes eintreten. Jetzt zweifelten die Dorfbe⸗ wohner nicht länger daran, daß er ein Gefangener von Wichtig⸗ keit ſei, und ließen ihren Vermuthungen freien Spielraum. Die Männer meinten, es müſſe hier wohl ein ſchweres Verbrechen im Spiele ſein, daß man einen ſo vornehmen jungen Herrn zu ver⸗ haften gewagt; die Frauen dagegen ſagten, es ſei unmöglich, daß er mit dieſem ſchönen unſchuldsvollen Geſicht ein Verbrecher wäre. In der Herberge war Alles in Aufruhr; die Kellner liefen bald auf den Speicher, bald in den Keller, der Wirth fluchte und ſchickte die Mägde bei ſeinen Nachbarn umher, und die Wir⸗ thin ſchalt ihre Tochter aus, welche wie feſtgebannt vor der Glas⸗ thür eines Saales ſtand und nach dem ſchönen jungen Mann ſchielte. In dem Hauptzimmer der Schenke ſtanden zwei Tiſche; an den einen ſetzte ſich der Anführer, den andern überließ er den Soldaten, die abwechſelnd auf den Hof gingen, um für ihre Pferde zu ſorgen, die dort in einer Scheuer untergebracht waren; dann wies er dem Gefangenen einen Seſſel ſich gegenüber und klopfte mit ſeinem großen Rohrſtock laut auf den Tiſch. „Iſt das eine Hitze!“ ſtöhnte er vor Ermattung und wiſchte ſich den Schweiß aus dem Geſicht;„verzeihen Sie nur, Herr Marquis, daß ich Ihnen nur ſchlechten Wein vorſetzen kann.“ Der junge Mann lächelte freundlich.„Was den Wein betrifft, Herr Profoß,“ ſagte er,„ſo mag das hingehen; aber das kann ich nicht leugnen, daß jeder Aufenthalt mir höchſt ungelegen kommt, ſo angenehm Ihre werthe Geſellſchaft auch iſt. Ich möchte gern, 3 daß dieſe lächerliche Lage, in der ich mich befinde, bald ein Ende hätte, und wäre am Liebſten ſchon am Ziel, um auf der Stelle ins Reine zu kommen.“ Die Tochter des Hauſes ſtand mit einem zinnernen Kruge, den ſie eben geholt, vor dem Tiſch; bei dieſen Worten ſah ſie den Gefangenen mit einem Blick an, welcher zu ſagen ſchien: ich hab's mir gleich gedacht, daß er unſchuldig iſt. „Aber,“ ſagte der Marquis, das Glas an die Lippen ſetzend, „dieſer Wein iſt gar nicht ſo ſchlecht, als Sie denken, Herr Profoß.“ Dann wandte er ſich zu dem jungen Mädchen, welches nach ſeinen Handſchuhen und nach ſeinem Halskragen ſchielte. „Auf Deine Geſundheit, mein ſchönes Kind!“ „Nun,“ ſagte der Profoß, etwas verwundert über dies unge⸗ zwungene, leichte Weſen des Gefangenen,„ſo werde ich Sie wohl bitten müſſen, mit dieſem Nachtquartier vorlieb zu nehmen.“ „Wiefe ſagte der Marquis,„wir ſollen hier die Nacht bleiben?“ „Bedenken Sie, Herr Marquis,“ ſagte der Profoß,„wir haben noch ſechzehn gehörige Stunden zu machen; unſere Pferde ſind zu Schanden geritten, und ich für meine Perſon muß geſtehen, daß mir die Ruhe ebenſo Noth thut, als meinen Pferden.“ Der Marquis ſchlug auf den Tiſch und ſchien höchſt verdrießlich. Der Profoß dagegen konnte kaum Athem holen, ſtreckte ſeine lang⸗ beſtiefelten Beine vor ſich hin und wiſchte ſich den Schweiß von der Stirn. Er war ein beleibter Mann mit bausbäckigem Geſicht, dem die Anſtrengungen des Reitens beſchwerlicher ſein mußten, als jedem Andern. „Beſter Herr Marquis,“ fuhr er fort,„obgleich Ihre Geſell⸗ ſchaft mir ungemein angenehm iſt, ſo kann ich es doch nicht ver⸗ bergen, daß ich dieſelbe lieber unter günſtigern Umſtänden genießen möchte. Wenn es, wie Sie ſagen, in Ihrer Macht ſteht, ſich⸗ aus den Händen der Gerechtigkeit zu befreien, ſo wünſche ich, es möge recht bald geſchehen; doch nehmen Sie Rückſicht darauf, in welchem Zuſtande wir uns befinden. Ich wenigſtens wäre un⸗ fähig, mich eine Stunde länger im Sattel zu erhalten, und ich denke, auch Sie werden von dieſem Eilmarſch bei dieſer Hitze wohl ermüdet ſein; nicht wahr?“ „Da haben Sie allerdings Recht,“ ſagte der Marquis und ließ, wie ermüdet, ſeine Arme herunterſinken. „Darum wollen wir uns alſo ausruhen, hier zu Abend eſſen, wenn wir etwas bekommen, und morgen früh mit friſcher Kraft weiter reiſen.“ „Nun, meinetwegen,“ antwortete der Marquis;„dann wollen wir aber wenigſtens die 5 Zeit auf eine anſtändige Weiſe zubringen. Ich habe noch zwei Louisd'or; laſſen Sie Ihren Leuten zu trinken efen denn es iſt billig, daß ich ſie bewirthe, da ich es am Ende⸗ doch bin, der ihnen ſo viele Mühe macht.“. Er warf zwei Fünffrankenſtücke auf den Tiſch der Soldaten, die ſogleich im Chor ausriefen: „Es lebe der Herr Marquis!“ Der Profoß ſtand auf, ſtellte Schildwachen und ging dann in die Küche, wo er das beſte Eſſen zu kochen befahl, was man ir⸗ gend auftreiben könne. Die Reiter zogen Würfel aus der Taſche und begannen beim Trinken zu ſpielen. Der Marquis trällerte, in der Stube umhergehend, einen Gaſſenhauer, ſtrich ſich den Schnurrbart und ſah ſich verſtohlen nach allen Seiten um. Da⸗ bei zog er unbemerkt einen Geldbeutel aus ſeiner Hoſentaſche, und als die Tochter vom Hauſe, die viel hin und her lief, an ihm wieder vorbeiging, ſchlang er ihr plötzlich die Arme um den Hals, als wolle er ſie küſſen, drückte ihr zehn Louisd'or in die Hand und flüſterte ihr ins Ohr: „Den Schlüſſel zur Thür meines Zimmers und den Schild⸗ wachen zwei Kannen Wein; Du retteſt mir das Leben.“ Das junge Mädchen ging wieder bis an die Thür zurück, wandte ſich dann mit einem ausdrucksvollen Blick um und nickte 7 ihm ein„Ja“ zu. Der Profoß trat wieder ein, und zwei Stun⸗ den ſpäter war das Abendeſſen angerichtet. Er aß und trank wie ein Mann, dem an einer beſetzten Tafel wohler zu Muthe iſt, als auf dem Sattel; der Marquis vergaß nicht, ihm tüchtig einzu⸗ ſchenken, und da der herannahende Schlummer mit dem kräftigen Wein zugleich auf ihn wirkte, konnte er kaum mehr die Augen offen halten, und ſagte nur noch, zuweilen mächtig gähnend: „Meiner Seel, Herr Marquis, kann's mir nicht denken, daß Sie ein ſo großer Böſewicht ſind, wie die Leute ſagen; Sie ſehen doch aus, wie ein ganz herzensguter Kerl.“ Der Marquis hielt ihn für vollſtändig betrunken und ſchäkerte vergnügt mit der Wirthstochter; doch machte ihm der Satan von Profoß einen argen Strich durch die Rechnung, und rief, als die Stunde zum Schlafengehen kam, ſeinen Sergeanten, gab ihm mit leiſer Stimme Befehle und erklärte dann, er werde die Ehre haben, den Herrn Marquis zu Bette zu geleiten, und nicht eher ſchlafen gehen, bis er ihm dieſen Dienſt erwieſen. Wirklich ließ er drei ſeiner Leute kommen, unterſuchte mit dieſen das für den Gefang⸗ nen beſtimmte Zimmer und wünſchte ihm dann mit tiefen Ver⸗ beugungen eine gute Nacht. Unentkleidet warf ſich der Marquis auf das Bett und lauſchte auf das Ticken einer Uhr, welche ſo eben erſt neun geſchlagen hatte. Noch hörte er die Reiter in den Ställen und auf dem Hofe hin und her gehen. Eine Stunde ſpäter war Alles ſtill. Der Ge⸗ fangene erhob ſich geräuſchlos und ſuchte, mit den Händen taſtend, auf dem Kamin, auf den Meubeln und ſelbſt in ſeinem Bett nach dem Schlüſſel, den er zu finden hoffte, doch fand er ihn nicht. Aber er konnte nicht glauben, daß er ſich geirrt, als er glaubte, das junge Mädchen nehme einen zärtlichen Antheil an ihm, und konnte nicht denken, daß ſie ihn hintergangen. Das Zimmer des Marquis hatte ein Fenſter nach der Straße hin und eine Thür, welche auf einen Balkon hinausführte, deſſen Treppe in die be⸗ ſuchteſten Zimmer des Hauſes hinabging. Dieſer Balkon ging nach dem Hofe hinaus und war ebenſo hoch über dem Boden, als das Fenſter. Der Marquis hatte keinen andern Ausweg, als auf einer von beiden Seiten herunterzuſpringen. Eine ganze Weile dachte er daran und kam eben zu dem Entſchluß, auf die Gaſſe zu ſpringen, in der Gefahr, den Hals zu brechen, als Jemand an die Thür klopfte. Er bebte vor freudigem Schreck und ſagte, indem er die Thür öffnete: „Ich bin gerettet.“ Eine dunkle Geſtalt ſchlich in das Zimmer. Das junge Mäd⸗ chen zitterte an allen Gliedern und konnte kein Wort hervorbringen. „Ich habe auf der Stelle den Tod, wenn man uns überraſcht.“ „Dafür iſt aber auch Dein Glück gemacht, wenn Du mich aus dieſer Gefahr retteſt.“ „Gott iſt mein Zeuge,“ ſagte ſie,„daß ich es von ganzer Seele gern thäte; aber ich bringe eine ſo traurige Nachricht...“ Sie konnte vor Schluchzen nicht weiter ſprechen. Das arme Kind war barfuß gekommen, um kein Geräuſch zu machen, und ſchien vor Kälte mit den Zähnen zu klappern. „Nun, was giebt's denn?“ fragte der Marquis ungeduldig. „Bevor der Profoß ſchlafen ging, hat er meinem Vater alle Schlüſſel aus dem ganzen Hauſe abgefordert und ihn einen heiligen Eid ſchwören laſſen, daß er keine andern habe. Mein Vater hat ſie ihm alle gegeben. Außerdem ſteht an jeder Thür eine Schild⸗ wache; aber ſie ſind alle ſehr ermüdet; einige habe ich ſchnarchen hören; ich habe ihnen noch mehr Wein gegeben, als Sie mir ſagten.“ „Sie werden wohl ſchlafen,“ ſagte der Marquis, ohne in Un⸗ ruhe zu gerathen,„und ich muß es ſchon als ein großes Glück anſehen, daß man mich meines Standes wegen nicht in dieſem Zimmer verriegelt hat.“ „Vom Hofe,“ ſagte das junge Mädchen,„führt ein Steig, *½ 9 auf dem ſie das Eſſen tragen, ins Feld hinaus, und derſelbe iſt nur mit einem ſchwachen Strauchzaun verſchloſſen, aber..“ „Wo iſt mein Pferd?“ „Wahrſcheinlich bei den anderen, unter dem Schauer.“ „So will ich in den Hof ſpringen.“ „Sie brechen ſich den Hals.“ „Deſto beſſer.“ „O, Gott! Herr Marquis, was haben Sie denn gethan?“ ſagte das junge Mädchen mit dem Tone tiefen Schmerzes. „Dummes Zeug! Faſt gar nichts, und doch will man mir ans Leben und an die Ehre. Ich darf keine Zeit verlieren und bin feſt entſchloſſen...“ „Warten Sie noch,“ antwortete das Mädchen und ergriff ſeinen Arm;„links in der Ecke des Hofes liegt ein Haufen Stroh, gerade unter dem Balkon...“ „Deſto beſſer; es macht weniger Lärm und iſt nicht ſo ge⸗ fährlich.“ Er that einen Schritt auf die Thüre zu; das junge Mädchen verſuchte ihn noch einmal aufzuhalten, ohne zu wiſſen, was ſie that; aber er machte ſich von ihr los und öffnete. Der Mond ſchien mit vollem Licht auf den Hof. Er hörte kein Geräuſch, trat bis an das hölzerne Geländer und bemerkte einen Rauchfang, der faſt bis an den Balkon reichte. Das junge Mädchen ſchlug ein Kreuz; der Marquis lauſchte noch einmal, hörte nichts und ſtieg auf das Geländer. Eben wollte er herunterſpringen, als er noch zur rechten Zeit eine grobe Männerſtimme leiſe ſprechen hörte; zwei Reiter waren noch wach, tranken den letzten Reſt einer Kanne Wein und unterhielten ſich dabei in langen Zwiſchenräumen des Schweigens. Der Marquis hielt den Athem an und trat wieder in die Thür ſeines Zimmers. Das Mädchen ſtand noch erwar⸗ tungsvoll auf der Schwelle. „Ich ſagte Ihnen ja, es iſt noch nicht Zeit,“ flüſterte ſie leiſe. „Haſt Du vielleicht ein Meſſer,“ ſagte der Marquis,„daß ich dieſen Schurken in die Gurgel ſtoßen könnte?“ „Warten Sie noch eine Stunde,“ flüſterte das junge Mädchen; „ich beſchwöre Sie, nur noch eine Ansige Stunde, dann ſind ſie Alle eingeſchlafen.“ Die Stimme des jungen Mädchens war ſo ſanft und ſchmei⸗ chelnd, die Arme, die ſie bittend nach ihm ausſtreckte und die ſeine Hand berührte, waren ſo voll und zart, daß der Marquis blieb, und nach einer Stunde ſie ihn bitten mußte, ſich davonzumachen. Der Marquis drückte einen letzten Kuß auf die geſtern noch ſo unſchuldigen Lippen und öffnete dann wieder die Thür. Jetzt war Alles ſtill, nur in weiter Ferne ſchlugen die Hunde an. Er beugte ſich über das Geländer und ſah genau einen Soldaten, der, das Geſicht nach der Erde gewandt, auf Stroh lag. „Ei, wenn ſie aufwachen?“ murmelte das junge Mädchen ängſtlich. „Keinen Falls ſollen ſie mich lebendig haben,“ ſagte der Mar⸗ quis;„ſei ganz ruhig.“ „So leben Sie wohl,“ ſchluchzte das arme Kind leiſe,„und möge der Himmel Sie in ſeinen Schutz nehmen!“ Er ſtieg über das Geländer, ließ ſich langſam an den Händen herunter, ſchwebte, ſich am Rande des Balkons haltend, einen Augenblick in der Luft und fiel dann auf einen Düngerhaufen. Das Mädchen ſah ihn nach dem Schauer eilen, ſchnell ein Pferd losbinden, ſich heraufſchwingen, gegen den Strauchzaun galoppiren, ihn durchbrechen und querfeldein nach der Landſtraße zu jagen. Das arme Kind beugte ſich über die Gallerie herunter und beobachtete ängſtlich den Reiter von der Straßenpolizei, welcher unten auf dem Stroh lag; doch hielt ſie ſich bereit, bei der ge⸗ ringſten Bewegung deſſelben zu verſchwinden. Das Klirren der Sporen auf dem Pflaſter des Hofes und die 41 Huftritte hatten ihn erweckt, er ſprang auf, fürchtete irgend einen Streich und lief in den Schauer. Sein Pferd war fort; der Marquis hatte bei ſeiner eiligen Flucht das erſte beſte genommen, das ihm in die Hände fiel, und gerade das des Soldaten. So⸗ gleich ſchreit er:„Heraus!“ ſeine Cameraden erwachen; man eilt in das Zimmer des Gefangenen, es iſt leer. Auch der Profoß ſteht auf, ganz verdutzt von dem plötzlichen Lärm, und ſieht zu ſeinem Schrecken, daß der Gefangene entwiſcht iſt. Das Mädchen giebt vor, erſt bei dem Lärm aufgeſtanden zu ſein, und ſucht die Anſtalten zur Verfolgung aufzuhalten, indem ſie die Zäume verſteckt und durcheinander wirft und unter dem Vorwand, zu helfen, den Reitern überall in den Weg tritt. Trotzdem aber galoppirte der ganze Trupp eine Viertelſtunde ſpäter die Landſtraße entlang, wobei der Profoß fluchte wie ein Heide. Die am beſten Berittenen gewannen einen Vorſprung, und die Schildwache, welche das Pferd des Marquis hatte und welcher am meiſten daran gelegen ſein mußte, den Gefangenen einzuholen, eilte den Anderen weit voraus; der Nächſte nach ihr war der Sergeant, der gleichfalls ein gutes Pferd hatte, und da man an dem durchbrochenen Strauchzaun geſehen, welche Straße der Flücht⸗ ling eingeſchlagen, bekamen ſie ihn, wenn auch in weiter Ent⸗ fernung, bald zu Geſicht. Mit jedem Augenblicke wurde der Raum zwiſchen dem Marquis und den Verfolgern geringer; denn das Pferd, deſſen er ſich bemächtigt, war gerade das ſchlechteſte in der ganzen Compagnie, und er hatte es gleich Anfangs übermäßig angetrieben. Als er ſich umwandte, ſah er die Soldaten nur noch einen halben Büchſenſchuß hinter ſich: er treibt das Pferd immer heftiger an und zerfleiſcht ihm die Seiten mit den Sporen, bald aber verliert es die Luft und ſtürzt zuſammen. Der Marquis ſinkt mit ihm zugleich in den Staub; allein während er ſich an den Piſtolenhalftern zu halten ſucht, bemerkt er Piſtolen darin. Schnell iſt ſein Entſchluß gefaßt. Er wirft ſich wie ohnmächtig neben dem Pferde hin, eine Piſtole mit geſpanntem Hahn in der Hand. Der erſte Verfolger, welcher das Nacepferd des Marquis ritt und, ſeinem Sergeanten um 200 Schritte voraus war, kommt auf ihn los⸗ geſprengt. Allein bevor er noch Zeit hat, an ſeine Vertheidigung zu denken, ſpringt der Marquis plötzlich auf und ſchießt. Der Reiter ſinkt mit zerſchmettertem Kopf zu Boden; der Marquis ſchwingt ſich, ohne nur den Bügel zu berühren, in den Sattel, giebt ſeinem Renner die Sporen und jagt davon wie der Sturm⸗ wind, während der Sergeant funfzig Schritte hinter ihm wie vom Donner gerührt anhält und kaum begreifen kann, was eben dicht unter ſeinen Augen geſchehen war. Die ganze Truppe kam im Galopp angeſprengt und glaubte, er ſei gefangen; der Profoß ſchrie aus vollem Halſe:„Tödtet ihn nicht!“ Aber man fand nur den Sekgeanten, der bei dem Reiter kniete, welchem der Marquis den Schädel zerſchmettert hatte. Den Marquis hatten ſie aus dem Geſicht verloren; denn er wandte ſich aus Furcht vor weiterer Verfolgung querfeldein und jagte noch eine volle Stunde mit verhängtem Zügel. Als er ſich vor der Straßenpolizei geſichert ſah und gewiß war, von den ſchlechten Pferden derſelben nicht mehr eingeholt zu werden, beſchloß er, Halt zu machen, um ſeinen Renner zu ſchonen. Eben ritt er im Schritt durch einen Hohlweg, als er von fern einen Land⸗ mann kommen ſah. Dieſen fragte er nach dem Wege in die Land⸗ ſchaft Bourbonnais und warf ihm einen Thaler zu. Der Mann nahm den Thaler und ſagte ihm den Weg; aber er wußte wohl kaum, was er ſagte, und ſtarrte den Marquis mit ſeltſamen Blicken an. Der Marquis rief ihm zu, er möge ſeines Weges gehen, aber der Landmann rührte ſich nicht nnd blieb wie feſtgewachſen auf der Seite der Straße ſtehen. Mit drohender Miene tritt der Mar⸗ quis auf ihn zu und fragte, warum er ihn ſo unverſchämt anglotze. „Weil Ihr,“ ſagte der Bauer,„weil Ihr...“ dabei zeigte er auf die Schulter und den Halskragen des Marquis. —— 1—— —, A— 8———: — 13 Der Marquis beſah ſich und bemerkte, daß ſein Wamms und der Kragen mit Blut beſpritzt waren, was, da ſeine Kleider außer⸗ dem in die größeſte Unordnung gerathen und mit Staub bedeckt waren, ein erſchreckendes Ausſehen geben mußte. „Ich weiß ſchon, was das iſt,“ ſagte er;„ich und mein Diener ſind eben von einander getrennt; wir trafen mit betrun⸗ kenen Deutſchen zuſammen und geriethen uns in die Haare; ent⸗ weder hat mich einer verwundet, oder ich habe einem der Kerle, mit welchen ich mich herumgebalgt, etwas Blut abgezapft. Das kommt von ſolchen Geſchichten; übrigens fühle ich keine Schmerzen.“ Dabei that er, als befühle er ſich am ganzen Leibe. „Ich möchte mich aber doch gern reinigen; auch verſchmachte ich beinahe vor Hitze und Durſt, und mein Pferd iſt auch bei der Geſchichte etwas müde geworden. Wißt Ihr vielleicht, wo ich einen Augenblick ausruhen könnte?“ Der Landmann erbot ſich, ihn in ſein eigenes Haus zu führen, welches nur wenige Schritte entfernt lag. Eine Frau und mehrere Kinder, welche bei der Arbeit waren, holten Wein, Waſſer, Obſt und ein großes Stück Schwarzbrod. Der Marquis reinigte ſein Wamms, trank einen Schluck und fragte die Hausbewohner nach verſchiedenen gleichgültigen Sachen. Noch einmal erkundigte er ſich nach den verſchiedenen Wegen, welche ins Bourbonnais'ſche führten, wo er einen Verwandten beſuchen wollte. Der Bauer ſprach bei dieſer Gelegenheit ſeine Verwunderung darüber aus, daß man auf derſelben großen Landſtraße ſolche Auf⸗ tritte haben könne, auf welcher doch in dieſem Augenblick gerade mehrere Abtheilungen der Wegepolizei umherſtreiften.„ Uebrigens,“ ſetzte er hinzu,„ſollen ſie ja ganz kürzlich einen wichtigen Fang gethan haben.“ „Und wen denn?“ fragte der Marquis. „Einen Edelmann, der viel Böſes gethan hat im Lande.“ „Wie, ein Edelmann in den Händen der Gerichte?“ „Allerdings. Und es kann ihm leicht den Kopf koſten.“ „Weiß man nicht, was er gethan hat?“ „Ja, davon kann einem angſt werden; greuliche Geſchichten hat er angegeben, ſeine Rechnung iſt voll, die ganze Provinz iſt gegen ihn empört.“ „Kennt Ihr ihn denn?“ „Nein, das nicht, aber wir haben Alle ſein Signalement.“ Da dieſe Nachrichten nicht viel Tröſtliches für ihn hatten, ging der Marquis, nachdem er noch manche ähnliche Aeußerung gehört, nach ſeinem Pferde, ſtreichelte es mit der Hand, warf den Bauern noch einiges Geld zu und verſchwand bald in der Richtung, welche man ihm angegeben. Der Profoß war noch eine halbe Meile weiter vorgerückt; da er jedoch einſah, daß jede fernere Verfolgung unnütz ſein würde, ſchickte er einen ſeiner Reiter nach dem Bureau der Straßenpolizei, da⸗ mit von dort aus nach allen Seiten der Provinz die nöthigen Befehle geſchickt würden, und kehrte dann mit ſeiner Mannſchaft an den Ort zurück, welchen er am Morgen verlaſſen. Der Marquis hatte Ver⸗ wandte in der Umgegend, und es war nicht unmöglich, daß er noch einmal wiederkam, um ſich bei ihnen zu verbergen. Das ganze Dorf kam dem Trupp neugierig entgegen gelaufen und ließ ſich vom Profoß eine von Flüchen unterbrochene Erzählung vortragen, auf welche Art der Gefangene entwiſcht ſei. Von allen Seiten nahm man den verſchiedenſten Antheil an dieſem Ereigniß, und es regte das ganze Dorf in ſeinen Grundtiefen auf. Der Profoß kehrte in die Herberge zurück, ſchlug mit der Fauſt auf den Tiſch, und ließ das Unglück, was er gehabt, ärgerlich an Jedem aus, der ihm nahe kam. Die Wirthstochter, welche ſo lange die ſchmerz⸗ lichſte Angſt ausgeſtanden, vermochte kaum ihre Freude zu verber⸗ gen. Der Profoß legte ſeine Papiere auf den Tiſch und faltete ſie aus einander, um in ihnen noch mehr Grund zum Schimpfen zu finden. *.——— „Der ärgſte Schuft von der Welt!“ rief er aus,„aber ich hätte mir's doch denken können.“ „Aber er ſah doch ſo ſanft und gut aus?“ ſagte die Wirthin. „Ein vollendeter Böſewicht. Wollt Ihr wiſſen, wie er heißt? es war der Marquis von Saint Maixent.“ „Der Marquis von Saint Mairent!“ ſchrieen Alle mit Entſetzen. „Ja, ganz gewiß,“ ſagte der Profoß,„der Marquis von Saint Mairent, der faſt ſo gut als überführt iſt der Falſchmünzerei und Zauberei, überführt des Verbrechens der Blutſchande...“ „O gerechter Himmel!“ „Ueberführt, ſeine Frau erdroſſelt zu haben, um eine Frau zu heirathen, deren Mann er vorher erdolchen wollte.“ „Guter Gott!“ ſchrieen die Leute und ſchlugen Alle ein Kreuz.“ „Ja, ſeht Ihr, Ihr guten Leutchen?“ rief der Profoß wüthend, „was für ein Vogel den Händen der Polizei entwiſcht iſt!“ Die Wirthstochter verließ das Zimmer, denn ihr war, als müſſe ſie in Ohnmacht ſinken. „Nun,“ ſagte der Wirth,„haben Sie gar keine Hoffnung mehr, ihn wieder zu bekommen?“ „Wenn er den Weg nach dem Bourbonnaisſſchen eingeſchlagen hat, ſo iſt nichts mehr für uns zu machen; denn in jener Ge⸗ gend wohnen Edelleute von ſeiner Familie, die ihn ſchwerlich wür⸗ den fahren laſſen.“ Der Flüchtling war in der That niemand Anderes, als der Marquis von Saint Maixent, den man aller der gräßlichen Ver⸗ brechen angeklagt, welche der Profoß genannt hatte, und der ſich durch ſeine kühne Flucht in den Stand geſetzt ſah, wieder einen thätigen Antheil zu nehmen an den Ereigniſſen, welche wir zu er⸗ zählen gedenken. Vierzehn Tage nach der beſchriebenen Begebenheit zog ein Rei⸗ ter an dem Gitter des Schloſſes Saint Géran vor den Thoren von Moulins heftig die Glocke; es war ſchon ſpät, und die Leute über⸗ 16 eilten ſich nicht mit dem Heffnen. Der Unbekannte ſetzte die Glocke noch einmal kräftig in Bewegung, bis endlich Jemand herbeikam. Der Diener guckte durchs Gitter, und da er in der Dämmerung 1 nooch genug ſah, um zu bemerken, daß der Reiſende ſich in ziem⸗ lich unordentlichem Zuſtande befinde und nicht einmal einen Degen an der Seite trage, ſo fragte er nach ſeinem Begehren. Der Un⸗ bekannte antwortete ohne Umſchweife, er habe mit dem Grafen Saint Goͤran zu ſprechen, er möge ſchnell machen. Der Bediente antwortete, das ſei nicht möglich; und der Andere wurde ärgerlich. 1 „Wer ſind Sie denn?“ fragte der Menſch in der Livree. 1 „Macht der Kerl,“ rief der Reiter aus,„ellenlange Ceremo⸗ nien! Geh', ſage dem Herrn Grafen von Saint Géran, ſein Verwandter, der Marquis von Saint Mairent, wolle ihn augen⸗ blicklich ſprechen.“ Der Bediente entſchuldigte ſich mit vielen Worten, öffnete das Gitter und ging dann vor dem Pferde des Marquis her, rief an⸗ dere Diener, welche den Steigbügel zu halten kamen, und lief ſchnell ins Haus, um die Ankunft des Gaſtes zu melden. Eben wollte man das Abendeſſen auftragen, als der Marquis dem Grafen angemeldet wurde. Sogleich ging er ihm entgegen, umarmte ihn und empfing ihn mit allen Zeichen der Freundſchaft. Er wollte ihn gleich ins Speiſezimmer mitnehmen, um ihn der 1 ganzen Familie vorzuſtellen; allein der Marquis machte ihn auf I den ſchlechten Zuſtand ſeines Anzuges aufmerkſam und bat zugleich um eine kurze Unterhaltung. Der Graf führte ihn in ſein Zim⸗ mer, gab ihm einen vollſtändigen Anzug von ſeinen Kleidern und plauderte mit ſeinem Gaſt, während er ſich umzog. Wahrſchein⸗ lich hatte der Marquis damals in Betreff der auf ihm laſtenden Anklage dem Grafen irgend ein Mährchen aufgebunden; ſo viel iſt gewiß, daß dieſer nicht aufhörte, ſich ſeinem Verwandten höchſt ergeben zu zeigen, und der Marquis von dieſem Augenblick an das Schloß Saint Géran als einen ſichern Zufluchtsort betrachten ——— konnte. Sobald er ſich angezogen, ging er mit dem Grafen in das Speiſezimmer, wo er der Gräfin und den übrigen Mitgliedern der Familie vorgeſtellt wurde. Es iſt jetzt Zeit, die Leſer mit den Perſonen bekannt zu machen, welche ſich im Schloſſe befanden, und einige Umſtände aus frü⸗ herer Zeit zu erzählen, die zur Erklärung der hier zu berichtenden Thatſachen nöthig ſind. Der Marſchall von Saint Géran, welcher aus dem Hauſe La Guiche abſtammte und Gouverneur der Provinz Bourbon war, hatte in erſter Ehe Anna von Tournon geheirathet und mit ihr einen Sohn, Claude von La Guiche, und eine Tochter bekommen, welche den Marquis von Bouillé heirathete. Als ſeine Frau ſtarb, heirathete er Suſanne von Epaules, die gleichfalls die zweite Ehe ſchloß, nachdem ſie früher die Frau des Grafen von Longaunay geweſen, von dem ſie eine Tochter, Suſanne von Longaunay geboren. Der Marſchall und Suſanne von Epaules beſchloſſen, um ihre Kinder erſter Ehe gleich vortheilhaft zu ſtellen, ſie zu verheirathen, und Claude von La Guiche, der Sohn des Marſchalls, wurde der Gemahl Suſanne's von Longaunagy. Dies war der Marquiſe von Bouillé, der jüngſten Tochter des Marſchalls, ſehr verdrießlich. Dieſelbe lebte bei ihrer Schwiegermut⸗ ter und ihre Ehe war eine unglückliche, da ihr bereits ſiebzigjäh⸗ riger Mann ihr viel Grund zu klagen gab. Die Verbindung Claude's und Suſanna's dagegen war ſehr glücklich bis auf den Punkt, daß ſie unfruchtbar blieb. Die junge Gräfin konnte den Gedanken dieſer Unfruchtbarkeit, welche eine alte berühmte Familie hätte ausſterben laſſen, nicht ertragen, that Gelübde, ſtellte Pilgerfahrten an und befragte Doctoren und Quack⸗ ſalber; aber Alles war vergebens. Der Marſchall von Saint Géran ſtarb am 30. December 1632, tiefbetrübt, ſeinen Sohn ohne Nachkommenſchaft zu hinterlaſſen. 7. 2 Dieſer folgte als Graf von Saint Géran ſeinem Vater auch als Gouverneur der Provinz Bourbon. Bald darauf brach die Marquiſe von Bouillé mit dem alten Marquis, ihrem Gatten, ließ ſich von ihm ſcheiden und zog nach dem Schloſſe Saint Géran, erfreut über die unfruchtbare Ehe ihres Bruders, deſſen Vermögen ihr als einziger Erbin zu⸗ fallen mußte. So ſtanden die Sachen, als der Marquis von Saint Mairent im Schloſſe ankam. Er war jung, ſchön und ſehr ver⸗ ſchlagen und gefiel den Frauen ſo ſehr, daß er bald alle für ſich gewonnen hatte, ſogar die alte Marſchallin von Saint Géran, die auch bei ihren Kindern auf dem Schloſſe wohnte. Bald ſah er, daß es ihm leicht ſein würde, ein Verhältniß mit der Marquiſe von Bouillé anzuknüpfen. Das Vermögen des Marquis von Maixent war durch ſein un⸗ geregeltes Leben und ſeine Händel mit den Gerichten faſt ganz drauf gegangen. Die Marquiſe war die vermuthliche Erbin des Grafen, und ihr Mann konnte nicht mehr lange leben. Uebrigens hätte ein ſiebzigjähriger Greis einen Mann wie den Marquis niemals in Verlegenheit ſetzen können. War derſelbe erſt todt, ſo konnte er die Marquiſe heirathen und ſo Herr der anſehnlichſten Güter in der ganzen Provinz werden. Er machte ſich daher viel mit der Marquiſe zu thun, vermied jedoch ſorgfältig Alles, was ihm hätte den leiſeſten Verdacht zu⸗ ziehen können, und es war allerdings nicht ganz leicht, ſich mit ihr zu verſtändigen, ohne ſich den andern Unbetheiligten zu verra⸗ then. Allein die Marquiſe war bald durch das angenehme Aeußere des Herrn von Saint Mairent gewonnen, verſtand ihn ſchnell und ſetzte ſeinen Unternehmungen um ſo weniger Widerſtand entgegen, da ihre erſte unglückliche Ehe ihr Herz für Liebe noch empfänglicher machen mußte. Dennoch fanden ſie nur ſelten Gelegenheit, ſich allein zu ſprechen, da ſich die Gräfin faſt immer, wenn auch ohne Arg, in ihre Unterhaltungen miſchte und der Graf den Marquis -—— 19 oft auf die Jagd mitnahm, tagüber aber die ganze Familie faſt unausgeſetzt zuſammenblieb; ſeine Angelegenheit ging daher dem Marquis etwas zu langſam. Seit zwanzig Jahren hatte die Gräfin die Hoffnung noch nicht aufgegeben, daß ihre Gebete doch endlich erhört werden und ſie ihrem Gatten einen Sohn gebären würde. Sie hatte ſich mit allen möglichen Scharlatanen eingelaſſen, welche damals ſelbſt in vor⸗ nehmen Häuſern Glauben und Zutritt fanden. Allein nichts wollte helfen, und ſie mußte ſich zuletzt doch an den Gedanken gewöhnen, keine Kinder zu bekommen. Auch der Graf, deſſen Zärtlichkeit gegen ſeine Frau jedoch dadurch nicht vermindert wurde, rechnete nicht mehr auf einen Erben und hatte deßhalb ſein Teſtament ge⸗ macht. Die Hoffnungen der Marquiſe waren zur Gewißheit ge⸗ worden, und Saint Maixent, der ſich von dieſer Seite vollkommen ſicher glaubte, verfolgte ſeine Pläne in Betreff der Frau von Bouillé; als gegen das Ende des Novembers 1640 der Graf von Saint Göran plötzlich genöthigt war, eine Reiſe nach Paris zu machen. Die Gräfin konnte den Gedanken einer längern Trennung nicht ertragen und machte den Vorſchlag, mitzureiſen. Der Marquis war entzückt über eine ſo günſtige Gelegenheit, mit Frau von Bouillé im Schloſſe faſt allein zu bleiben, malte ihr die Reiſe nach Paris mit den reizendſten Farben aus und that alles Mög⸗ liche, ſie zu derſelben zu beſtimmen, und auch die Marquiſe ar⸗ beitete ihm hierbei in die Hände. Da die Gräfin ſelbſt große Luſt hatte, erreichten die Beiden ihre Abſicht ohne große Schwierigkeit, und einige Tage darauf reiſten die beiden Eheleute nach der Haupt⸗ ſtadt ab. Jetzt trug der Marquis weiter kein Bedenken, ſeine ganze Leiden⸗ ſchaft ſichtbar werden zu laſſen, und es wurde ihm nicht ſchwer, auch das Herz der Frau von Bouillé zu entflammen; er ſtellte ſich raſend verliebt, und ſie war es wirklich. Das Pärchen machte täglich entfernte Landpartieen, einſame Spaziergänge und brachte 2* oft ganze Tage an entlegenen Orten des Parks oder in verſchloſſenen Zimmern des Schloſſes zu. Natürlich mußte dies bei einer ſo zahlreichen Dienerſchaft ſehr bald allerlei Gerede veranlaſſen, und es dauerte auch nicht lange, als ſchon die verſchiedenſten Gerüchte in Umlauf kamen. Die Marquiſe ſah ſich daher genöthigt, ihre Kammermädchen, die Schweſtern Quinet, für ſich zu gewinnen, was ihr nicht ſchwer fiel, da die Mädchen ihr ſehr ergeben waren. Ferner war im Schloſſe Saint Géran ein großer, hagerer und etwas beſchränkter Menſch, der aber immer noch Verſtand genug hatte, irgend eine ſchlechte Handlung auszuführen, wo nicht gar zu erſinnen. Dieſer hatte den Oberbefehl über die Dienerſchaft. Er war ein einfacher Landmann, welchen der Graf zu ſich genommen, und der allmälig zum Hausmeiſter emporgerückt, weil er ſich am Längſten von Allen im Schloſſe befand, und der Gebieter deſſelben ſich von früheſter Kindheit an ihn gewöhnt hatte. Auf der Reiſe nach Paris wollte der Graf ihn nicht mitnehmen, da er fürchtete, er möge zu den dort nöthigen Dienſten nicht geeignet ſein, und ließ ihn daher als Oberaufſeher ſeiner Dienerſchaft zurück. Dieſen Menſchen nahm der Marquis auf die Seite, forſchte ihn auf das Schlaueſte aus, gab ihm Geld, überredete ihn und machte ihn ſich mit Leib und Seele ergeben. Dieſe verſchiedenen Vertrauten nahmen es auf ſich, das Gerede des Bedientenvolks zu hintertreiben, und von jetzt an konnten die Liebenden ihr Verhältniß ungeſcheut fortſetzen. Als eines Abends der Marquis von Saint Mairent mit der Marquiſe allein zu Tiſche ſaß, wurde die Thorglocke heftig ge⸗ zogen, und es entſtand ein Lärm, welchem ſie Anfangs keine große Aufmerkſamkeit ſchenkten, bis ein Courier, der eben im Galopp von Paris angekommen war und einen Brief des Grafen an den Marquis überbrachte, gemeldet wurde und von der ganzen Diener⸗ ſchaft begleitet in das Zimmer trat. Der Marquis fragte, was das zu bedeuten habe, und wollte durch einen Wink mit der Hand 4 21 alle dieſe Leute hinausſchicken, als der Courier ſagte, es ſei der Wunſch des Herrn Grafen, daß der Brief vor allen ſeinen Leuten laut vorgeleſen würde. Ohne ein Wort zu ſagen, brach der Mar⸗ quis das Schreiben auf, durchlief es ſchnell mit den Augen und las es dann, ohne die mindeſte Bewegung zu zeigen, mit lauter Stimme vor. Der Graf meldete ſeinen lieben Verwandten und ſeinem ganzen Hauſe, daß ſeine Frau Spuren von Schwanger⸗ ſchaft zeige. Gleich nach ihrer Ankunft in Paris habe ſie Ohn⸗ machten gehabt und ſich mehrmals erbrechen müſſen; doch ertrage ſie dieſe Unannehmlichkeiten, welche ihre Fruchtbarkeit anmeldeten, mit Entzücken, da weder die Aerzte, noch ſonſt Jemand den min⸗ deſten Zweifel an ihrem Zuſtande hege. Für ihn ſei dies Ereig⸗ niß, welches alle ſeine Wünſche zu erfüllen verſpreche, ein ſo glück⸗ liches, freudiges, daß er ſchon jetzt wünſche, ſämmtliche Bewohner des Schloſſes möchten ſein Glück theilen; übrigens werde er we⸗ nige Tage nach Ankunft des Briefes ſelber kommen und die Gräfin zu größerer Sicherheit in einer Sänfte nach Hauſe bringen laſſen. Zuletzt befahl er noch, an die Dienerſchaft eine anſehnliche Summe Geldes zu vertheilen. Die Dienerſchaft brach in ein lautes Freudengeſchrei aus, der Marquis und die Marquiſe warfen ſich nur einen Blick zu, aber dieſer Blick drückte alle ihre Beſorgniſſe aus; doch nahmen ſie ſich zuſammen, und der Marquis belobte ſogar die Dienerſchaft wegen ihrer Anhänglichkeit an die Herrſchaft. Als die Beiden wie⸗ der allein waren, ſahen ſie ſich mit ernſthaften Geſichtern an, während unter ihrem Fenſter die Geigen jubelten und ein Feuer⸗ werk abgebrannt wurde. Einige Augenblicke ſchwiegen ſie ſtill; ihr erſter Gedanke war, der Graf und die Gräfin hätten ſich in den ſo gewöhnlichen Anzeigen getäuſcht; man habe ihren Hoff⸗ nungen ſchmeicheln wollen; es ſei unmöglich, daß eine Natur ſich nach zwanzig Jahren ſo verändere, und es würde wohl mit dieſer vorgeblichen Schwangerſchaft nichts ſein. Dieſe Anſicht ſuchten ſie ſich immer glaublicher zu machen und ſich bei derſelben zu beruhigen. Am folgenden Tage gingen ſie Arm in Arm eine einſame Allee des Parks entlang und ſprachen über alle Möglichkeiten ihres Ver⸗ hältniſſes und der Veränderungen, welche die etwaige Geburt eines Erben von Saint Géran herbeiführen könnte. Der Marquis ſtellte der Frau von Bouillé vor, welch' ein ungeheuerer Verluſt ihr be⸗ vorſtehe, wenn die Nachricht des Grafen begründet wäre, und ließ darauf die Bemerkung fallen, daß, wenn die Gräfin auch wirklich ein Kind unter dem Herzen trage, doch daſſelbe noch mancher Fähr⸗ lichkeit ausgeſetzt ſei; es müßte, ſagte er, der Graͤfin kein Unfall begegnen, es müßte ferner die Entbindung glücklich von Statten gehen, und was müſſe ſich nicht noch Alles ereignen, bis es dazu komme. „Das Kind kann ſterben,“ ſagte er endlich. Dann ließ er einige unheilſchwangere Worte fallen, wie wenig an dem Tode eines ſo hinfälligen, verſtandloſen Geſchöpfes gelegen ſei, das, wie er meinte, doch eigentlich weiter nichts ſei, als ein ungeſchicktes Stück Fleiſch, und nur geboren werde, um eine Frau, wie die Marquiſe, zu ruiniren. „Aber wozu ſoll man ſich quälen mit Sorgen,“ brach er un⸗ geduldig ab;„die Gräfin iſt nicht ſchwanger und kann es un⸗ möglich ſein.“ Ein Gärtner, welcher in der Nähe arbeitete, hörte dies Ge⸗ ſpräch; da ſie jedoch ſchnell vorübergingen, hatte er nur einige Worte vernommen, während ihm das Uebrige entging. Einige Tage ſpäter kamen Reiter an und meldeten, daß der Graf und die Gräfin nicht mehr weit entfernt ſeien. Bald darauf ſah man Packwagen und Kutſchen erſcheinen und zuletzt auch die Sänfte der Gräfin, die der Graf von Saint Géran zu Pferde begleitete und während der ganzen Reiſe nicht verlaſſen hatte. Sie wurden wie im Triumph empfangen; alle Landleute verließen die —=v————-Y—— .— — — 23 Arbeit, und die Luft zitterte vom allgemeinen Jubelgeſchrei; die Dienerſchaft lief ihrer Gebieterin entgegen, die älteſten Leute weinten vor Freude, ihren Gebieter ſo beglückt zu ſehen durch die Hoffnung auf einen Erben. Auch der Marquis von Saint Maixent und Frau von Bouillé thaten ihr Möglichſtes, um ſich zu dieſem Tone der Freude mit Gewalt heraufzuſtimmen. Die Marſchallin von Saint Géran, die noch an demſelben Tage auf das Schloß kam, wollte noch immer nicht an die freu⸗ dige Botſchaft glauben und hörte erſt da auf, an dem der Familie widerfahrenen Glück zu zweifeln, als ſie ihrer Schwiegertochter die Hand auf den Leib gelegt und ſich ſo von dem Daſein des heißerſehnten Kindes überzeugt hatte. Der Graf und die Gräfin waren in der Umgegend ſehr beliebt, und überall war man über das unverhoffte Ereigniß ſehr erfreut, beſonders in den zahlreichen Häuſern ihrer Verwandtſchaft. In den erſten Tagen ſchon erſchienen einige zwanzig vornehme Damen, um der Gräfin ihre Theilnahme zu bezeigen, und alle dieſe Damen überzeugten ſich bei verſchie⸗ denen Gelegenheiten, daß das Kind ſich im Mutterleibe bereits zu regen begann; viele legten ſich auch aufs Prophezeien und ſagten, ſie würde einen Knaben gebären. Bald ließ das Anſchwellen ihres Leibes und die gewöhnlichen Vorzeichen keinen Zweifel mehr übrig, und alle Aerzte erklärten ſie einſtimmig für ſchwanger; einen dieſer Aerzte behielt der Graf zwei Monate lang im Hauſe und ſprach mit ihm, wie auch mit dem Marquis von Saint Maixent, daß er die Abſicht habe, nächſtens eine tüchtige Hebamme zu ſich zu nehmen. Die Marſchallin, deren Namen das Kind bekommen ſollte, ließ bereits eine prächtige Wiege, geſtickte Windeln, Häub⸗ chen und Kleiderchen machen. Die Marquiſe verheimlichte ihren Verdruß, ſo gut es gehen wollte, und von alle den durch die Freude verblendeten Perſonen bemerkte Niemand, daß ihre Seele auf Unheil brüte. Der Mar⸗ quis, den ſie täglich ſprach, vermehrte nur noch ihren Groll und 24 ſtachelte ſie unaufhörlich auf, indem er ihr wiederholentlich ſagte, der Graf und die Gräfin ſeien erfreut, daß die Erbſchaft nicht in ihre Hände käme, gab ihr ſogar zu verſtehen, das Kind ſei nicht auf rechtmäßige Weiſe entſtanden. Wie das ſowohl beim Umgang mit Privatperſonen, als auch bei den Diplomaten üblich iſt, be⸗ gann er damit, die Marquiſe ganz allmälig auf ſchlechte Gedanken zu bringen und ihr gleichſam das Verbrechen einzuimpfen. Er fand im Herzen der Frau von Bouillé drei mächtige Verbündete: ihre Leidenſchaft, ihre Habſucht und ihren Haß; bald willigte ſie in Alles ein, was der Marquis von Saint Mairent verlangte. Er hatte einen verſchlagenen, geſchickten Menſchen bei ſich, einen vertrauten Diener, welcher vollkommen zu ſo einem Herrn paßte; dieſen ſchickte er ſehr häufig in der Umgegend von Saint Géran herum. Als der Marquis ſich eines Abends eben niederlegen wollte, kam dieſer Menſch von einem Ausfluge zurück, trat in das Zimmer ſeines Herrn, ſagte ihm, er habe jetzt endlich gefunden, was er ſo lange ſuche, und übergab ihm ein Papier, auf welchem die Namen mehrerer Orte und Perſonen aufgeſchrieben waren. Am folgenden Tage ließ der Marquis in aller Frühe zwei Pferde ſatteln, ſchützte eine wichtige Angelegenheit vor, derent⸗ wegen er nach Hauſe müſſe, bat, ihn beim Grafen zu entſchuldi⸗ gen, wenn er drei oder vier Tage ausbleiben ſollte, und galoppirte dann mit ſeinem Bedienten davon. Die Nacht brachten ſie in einer entlegenen Schenke auf der Straße nach der Auvergne zu, um ſich allen Beobachtungen zu entziehen; dann ſchlugen ſie Seitenwege ein und kamen nach zwei Tagen in einem Marktflecken an, um den ſte in einem weiten Kreiſe rund herumgeritten waren. Hier wohnte in einer Vorſtadt eine Frau, welche Hebammen⸗ geſchäfte verſah und als ſolche in der Umgegend viel zu thun hatte, die jedoch, wie man ſagte, für Leute, die ſie gut bezahlten, ge⸗ * —8 heimnißvolle, ſchändliche Mittel beſaß. Zugleich hatte ſie ſehr ge⸗ ſchickt den Einfluß zu benutzen gewußt, welchen ihre Kunſt ihr bei leichtgläubigen Leuten verſchaffen konnte; ſo heilte ſie unter andern Kröpfe, braute Liebestränke, war unverheiratheten Damen aus vornehmen Häuſern in ihren mütterlichen Verlegenheiten behüflich, wußte alle möglichen Ränke zu ſchmieden und trieb auf dem Lande ſogar die Zauberei. Dabei wußte ſie ſich ſo geſchickt zu benehmen, daß nur diejenigen von ihren verſchiedenen Eigenſchaften und Kün⸗ ſten wußten, welche ſich derſelben bedient hatten, und denen ſelbſt viel daran gelegen ſein mußte, die Sache geheim zu halten. Da ſie nur gegen blankes Geld ihre Dienſte leiſtete, lebte ſie in einer gewiſſen Wohlhabenheit in einem ihr gehörenden Hauſe, welches ſie größerer Bequemlichkeit wegen allein bewohnte. Als Hebamme war ſie ſehr berühmt und genoß die Achtung vieler hochgeſtellten Perſonen. Dieſe Frau hieß Louiſe Goillard. Als ſie eines Abends ſpät allein zu Hauſe war, hörte ſie laut an die Thür klopfen. Gewohnt, in jeder Stunde der Nacht Be⸗ ſuche zu erhalten, nahm ſie ohne Mißtrauen die Lampe und öffnete. Ein bewaffneter Mann, welcher ſehr aufgeregt ſchien, ſprang mit einem Satz in das Zimmer hinein. Der Fremde war niemand Anderes, als der Marquis von Saint Mairxent. „Sein Sie ruhig, gute Frau,“ ſagte der Fremde zu der da⸗ rüber Erſchrockenen,„ſein Sie ruhig, ich bitte Sie darum; denn nicht Sie, ſondern nur ich habe Urſache, bewegt zu ſein. Ich bin kein Verbrecher, und Sie haben nichts von mir zu fürchten; ich komme, Sie um Hülfe zu bitten.“ Er warf ſeinen Mantel ab, ſchnallte den Gurt vom Leibe und ſtellte den Degen in eine Ecke; dann warf er ſich in einen Stuhl. „Erlauben Sie, daß ich mich ein Wenig ausruhe,“ ſagte er. Der Marquis trug Reiſekleider; obgleich er ſich aber noch nicht genannt, ſah doch Louiſe Goillard, daß er kein Räuber ſei, ſon⸗ dern ein junger ſchöner Edelmann, den ihr guter Stern ihr ins Haus geführt. „Entſchuldigen Sie,“ ſagte die Hebamme,„daß ich eine Furcht zeigte, welche ſie beleidigen muß. Sie traten ſo ſchnell herein, daß ich gar nicht Zeit hatte, zu ſehen, wer mir die Ehre ſeines Beſuches ſchenkt. Mein Haus liegt etwas einſam, ich bewohne es allein, und man könnte dieſen Umſtand benutzen, um mich zu berauben, obgleich ich eine arme Frau bin, die nicht erſt Unglück... Die Zeiten ſind ſehr ſchlecht... Sie ſcheinen ſehr erſchöpft, ſoll ich Ihnen etwas Erfriſchendes zu riechen geben?“ „Ich bitte nur um ein Glas Waſſer.“ Louiſe Goillard ging in das anſtoßende Zimmer und brachte Waſſer. Der Marquis benetzte ſich die Lippen und ſagte dann: „Ich komme weit her in einer höchſt wichtigen Angelegenheit; Sie können auf meine Erkenntlichkeit für Ihre Dienſte rechnen;“ dabei zog er einen Geldbeutel aus der Taſche und drehte ihn hin und her. „Zunächſt,“ fuhr er fort,„müſſen Sie mir die tiefſte Ver⸗ ſchwiegenheit ſchwören.“ „Das iſt bei einer Frau von meinem Geſchäft überflüſſig,“ ſagte die Hebamme;„denn Verſchwiegenheit iſt meine erſte Pflicht.“ „Ich muß aber ganz ſicher ſein und verlange einen Eid, daß Sie Niemand in der Welt verrathen, was ich Ihnen anvertrauen will.“ „Nun, ich gebe Ihnen mein Wort, wenn Sie es verlangen; aber ich ſage es noch einmal, es iſt ganz überflüſſig; Sie kennen mich nur noch nicht.“ „Bedenken Sie, daß es ſich um ſehr ernſte Angelegenheiten handelt, daß ich gleichſam meinen Kopf in Ihre Hände lege und daß ich tauſend Mal lieber mein Leben opfern, als dieſes Ge⸗ heimniß verrathen ſehen würde.“ „Aber bedenken Sie auch,“ erwiderte gutmüthig lächelnd die Hebamme,„daß es mir eben ſo ſehr darauf ankommen muß, kein 27 Geheimniß, das man mir anvertraut, verrathen zu ſehen; denn eine unüberlegte Plauderei würde... Sprechen Sie nur.“ „Ich weiß,“ ſagte der Marquis, nachdem er ſie auf dieſe Art ganz beruhigt hatte,„daß Sie eine ſehr geſchickte Frau ſind.“ „Ich wollte, ich wäre es wirklich, um Ihren Dank verdienen zu können.“ „Ich weiß, daß Sie in Ihrer Kunſt ſo weit gekommen ſind, als irgend möglich.“ „Man hat Ihre ergebenſte Dienerin vielleicht zu ſehr gerühmt.“ „Ich weiß ferner, daß Sie es dahin gebracht haben, in die Zukunft ſehen zu können.“ „Was das betrifft, ſo iſt es damit nichts.“ „Aber man hat mir doch geſagt...“ „Man hat Sie getäuſcht.“ „Warum wollen Sie leugnen und ſchon jetzt mir Ihre Dienſte entziehen?“ Louiſe Goillard weigerte ſich lange, denn ſie konnte es nicht begreifen, daß ein ſo vornehmer Mann an Prophezeiungen glaube, die ſie nur dem ungebildeten Volk und reichen Bauern aufzutiſchen wagte; allein der Marquis drang ſo ſehr in ſie, daß ſie zuletzt nicht wußte, was ſie denken ſolle. „Hören Sie mich,“ ſagte er,„es iſt überflüſſig, daß Sie ſich mir gegenüber verſtellen; wir ſpielen ein Spiel, in welchem Sie Tauſend gegen Eins gewinnen. Uebrigens verlange ich durchaus nicht, daß Sie mir umſonſt gefällig ſind.“ Er ſtellte ein Säulchen Gold auf den Tiſch. Die Hebamme gab klein bei, daß ſie zuweilen Verſuche gemacht und aſtrologiſche Rechnungen angeſtellt, um die Zukunft zu entſchleiern, und dies Geſchäft nur zu ihrem Vergnügen getrieben habe. Das Geheim⸗ niß ihrer ſtrafbaren Praris war ſo zum Theil ſchon verrathen. „Nun, wenn das ſo iſt,“ erwiderte der Marquis,„ſo müſſen Sie ſchon wiſſen, in welcher Lage ich mich befinde; daß ich mich durch eine glühende Leidenſchaft verleiten laſſen, die Gaſtfreund⸗ ſchaft eines Edelmanns gemißbraucht und die Tochter deſſelben in ſeinem eignen Hauſe verführt habe. Das arme Mädchen läuft nun Gefahr, durch ihre Schwangerſchaft und die. Entdeckung derſelben Ehre und Leben zu verlieren.“ Die Matrone antwortete, man könne nichts ohne ganz beſon⸗ dere Befragungen des Schickſals von einer Perſon wiſſen, und holte, um den Marquis deſto beſſer hinters Licht zu führen, ein mit ſonderbaren Bildern und Zahlen bemaltes Käſtchen. Sie nahm aus dem Käſtchen mehrere Figuren, ſtellte ſte zuſammen und ſagte, nachdem ſie einige Augenblicke vor ſich hin geſehen hatte, es ſei in der That, wie der Marquis geſagt. Um ihn noch mehr in Schreck zu ſetzen, ſagte ſie, daß er noch manches andere Unglück, größer, als das ihm bevorſtehende, zu erdulden habe, und daß es leicht ſei, dem vorzubeugen, wenn er ſich nur fleißig mit ihr berathen wolle. „Ich fürchte nur ein Unglück,“ antwortete der Marquis,„daß das Mädchen, welches ich liebe, der Schande anheimfällt; giebt es denn kein Mittel, den gewöhnlichen Folgen einer Schwanger⸗ ſchaft und Entbindung vorzubeugen?“ „Ich kenne keines,“ ſagte die Matrone.. „Es iſt dem Fräulein gelungen, ihre Schwangerſchaft zu ver⸗ heimlichen, und ſie könnte vielleicht ganz im Stillen ihr Wochen⸗ bett überſtehen.“ „Dabei würde ihr Leben gefährdet, und ich mag mit einer ſo mißlichen Sache nichts zu thun haben.“ „Ich ſollte meinen,“ fuhr der Marquis fort,„daß eine Nie⸗ derkunft durch ein Mittel ganz ſchmerzlos vorübergehen könnte.“ „Ich kenne kein Mittel, und wenn ich eins wüßte, würde ich mich fürchten, daſſelbe anzuwenden.“ „Sie täuſchen mich, Sie kennen dies Mittel und haben es bei Jemand angewandt, den ich Ihnen nennen könnte.“ 29 „Wer wagt es, mich ſo zu verleumden? Ich richte mich ſtets nach den Vorſchriften der mediciniſchen Facultät; denn das möge Gott verhüten, daß ich mich verdammen und vielleicht gar aus Frankreich jagen ließe.“ „Sie wollen mich alſo umkommen laſſen vor Verzweiflung? Wenn ich im Stande wäre, von Ihren Geheimniſſen einen ſchlech⸗ ten Gebrauch zu machen, ſo hätte ich es ſchon gekonnt. Ich be⸗ ſchwöre Sie und bitte Sie, mir zu ſagen, was die Geburts⸗ ſchmerzen verringert. Verlangen Sie noch mehr Geld? Da nehmen Sie.“ „Nun, wir wollen ſehen,“ ſagte die Matrone,„es giebt viel⸗ leicht ein Mittel, das ich erfunden zu haben glaube, deſſen ich mich aber noch nie bedient habe.“ „Wenn Sie es noch nie angewandt haben, ſo iſt es am Ende gefährlich und ſetzt das Leben aufs Spiel.“ „Wenn ich ſage nie, ſo meine ich damit, daß ich es nur ein⸗ mal und zwar mit dem beſten Erfolg angewandt habe; Sie können ganz unbeſorgt ſein.“ „O!“ rief der Marquis,„dann würde ich Ihnen auf ewig verpflichtet ſein. Allein, wie wäre es, wenn man der Niederkunft ſelbſt vorbeugen und ſchon jetzt die Anzeichen der Schwangerſchaft vertreiben könnte?“ „Um Gotteswillen, mein Herr! Das iſt ja ein ſchweres Ver⸗ brechen.“ „Ach!“ rief der Marquis,„lieber will ich ſchon mich ſelber eines theuern Kindes berauben, eines Unterpfandes unſerer Liebe, als einem Unglücklichen das Leben gegeben haben, der am Ende gar ſeine Mutter tödtet.“ „Ich bitte Sie um Alles in der Welt, lieber Herr, ſchon daran zu denken, iſt eine ſchreckliche Sünde. Aber was rede ich, ſoll ich zwei Perſonen und vielleicht gar eine ganze Familie zu Grunde richten?“ „Ich flehe Sie an, beſte Frau, reißen Sie mich aus dieſer ſchrecklichen Noth!“ Der Marquis bedeckte ſein Geſicht mit den Händen. „Ihre Verzweiflung bewegt mein Herz; aber bedenken Sie, daß das, was Sie von mir verlangen, mir leicht ans Leben gehen kann, daß die Todesſtrafe...“ „Ach, was ſprechen Sie von Todesſtrafe; muß ich nicht ſelbſt daran denken, daß Alles geheim bleibt?“ „Nun, ich könnte vielleicht... Aber in dieſem Falle müßten Sie mir Sicherheit verſchaffen gegen die Confiscation meines Ver⸗ möogens und mir behülflich ſein, das Land zu verlaſſen.“ „O, wenn's weiter nichts iſt! Mein halbes Vermögen ſoll„ Ihnen gehören.“ Mit dieſen Worten warf er den ganzen Geld⸗ beutel auf den Tiſch. 8 „Nun, in dieſem Falle will ich, um Ihnen aus der Noth zu helfen, einen Trank nebſt Vorſchrift geben, welcher jene Dame augenblicklich von ihrer Laſt befreit; aber ſte muß ſehr vorſichtig ſein und pünktlich alle Regeln befolgen, welche ich Ihnen angeben werde. Nur in ſo verzweifelten Fällen, wie dieſer, wage ich es...“ Sie holte ein Fläſchchen aus ihrem Schrank, reichte es ihm und ſagte:„Dieſer Saft hat noch nie ſeine Wirkung verfehlt.“ „Dank, Dank, beſte Frau! Sie retten uns Ehre und Leben. Aber nun ſagen Sie mir auch, wie man ſich des Trankes bedient.“ „Die Kranke muß,“ ſagte die Hebamme,„am erſten Tage einen Löffel voll nehmen, am zweiten zwei, am dritten aber...“ „Das behalte ich nicht; ich bitte, ſchreiben Sie es mir lieber in meine Brieftaſche.“ Die Hebamme ſchwankte noch einen Augenblick; allein als die Brieftaſche ſich öffnete, fiel ein Schein von 500 Francs heraus, den der Marquis ihr hinreichte. 3 „Nehmen Sie ihn,“ ſagte er,„da er einmal herausgefallen i*ſt, lohnt es nicht der Mühe, ihn wieder hineinzuſtecken.“ — —— 31 Dies letzte Geſchenk beſeitigte alle Bedenken, und ſogleich ſchrieb ſie alle Vorſchriften in die Brieftaſche des Marquis. Der Marquis ſteckte das Fläſchchen ein und nahm die Brief⸗ taſche, um zu ſehen, ob das ganze Recept darin ſtehe, und wandte ſich dann mit teufliſchem Lächeln wieder zur Hebamme: „Jetzt habe ich Euch feſt, mein Schätzchen.“ „Was wollen Sie damit ſagen?“ fragte die Hebamme verwundert. „Ich will damit ſagen, daß Ihr eine ſchändliche Hexe und eine elende Giftmiſcherin ſeid; ich will damit ſagen, daß ich ein Beweis⸗ mittel für Eure Verbrechen habe, und daß Ihr mir entweder blind⸗ lings gehorchen, oder auf dem Scheiterhaufen ſterben müßt.“ „Gnade, Gnade!“ rief die Matrone und ſank vor ihm auf die Kniee. „Ob Ihr begnadigt werdet oder nicht, darüber habe ich jetzt allein zu verfügen.“ „Was verlangen Sie denn von mir? Ich bin ja zu Allem bereit.“ „Jetzt kommt an mich die Reihe, Euch meine Geheimniſſe mit⸗ zutheilen; nur werde ich mich hüten, ſie aufzuſchreiben.“ „Sprechen Sie, gnädiger Herr.“ „So ſetzen Sie ſich und hören Sie zu.“ Die Hebamme ſtand auf und nahm einen Stuhl. „Ich ſehe, Sie verſtehen mich jetzt,“ ſagte der Marquis;„auf der einen Seite das Gefängniß, die Folter und der Scheiterhaufen; auf der andern dreimal ſo viel Geld und ein gutes Auskommen zeitlebens.“ Die Augen der Hebamme fingen jetzt wieder an freudig zu leuch⸗ ten; ſie dankte ihm mit einem freudigen Kopfnicken und einem Ausdruck, als wollte ſie ſagen: jetzt bin ich Cuer mit Leib und Seele. 1A „In einem Schloß, welches dreißig Stunden von hier entfernt liegt,“ ſagte der Marquis und heftete einen forſchenden Blick auf die Augen der Hebamme,„iſt eine vornehme Dame ſeit mehreren Monaten ſchwanger; die Geburt dieſes Kindes iſt mir unangenehm. Euch ſoll die Entbindung aufgetragen werden. Ich werde Alles angeben, was zu thun iſt, und Ihr werdet Alles thun, was ich angebe. Zunächſt müſſen wir noch dieſe Nacht abreiſen, meine Pferde ſtehen wenige Schritte von hier. Ich bringe Euch an einen Ort, wo Ihr auf meine Befehle zu warten habt; ſobald es Zeit iſt, ſollt Ihr benachrichtigt werden. Es ſoll Euch an nichts feh⸗ len, und auf Geld ſoll es mir nicht ankommen.“ „Ich bin bereit,“ ſagte die Hebamme. „Ihr wollt mir in jedem Stück gehorſam ſein?“ „Ja, ich ſchwöre es.“ „So wollen wir gleich abreiſen.“ Sie bat nur um ſo viel Zeit, etwas Wäſche mitzunehmen, ver⸗ wahrte ihre Arzneien ſorgfältig, verriegelte und verſchloß Alles und verließ dann mit dem Marquis das Haus. Eine Viertelſtunde ſpäter galoppirte ſie an der Seite des Marquis in die Nacht hin⸗ aus, ohne zu wiſſen, wohin. In drei Tagen war der Marquis wieder nach Saint Géran zurückgekehrt, wo er die Familie des Grafen ebenſo wieder fand, wie er ſie verlaſſen, nämlich Wochen, Tage und Stunden zählend, die noch bis zur Niederkunft der Gräfin verfließen mußten. Er entſchuldigte ſich, daß er ſo plötzlich abgereiſt, und erzählte, als er bei Tiſche von ſeiner Reiſe ſprach, daß ein Ereigniß in der ganzen Gegend, wo er geweſen, viel Aufſehen gemacht habe. Eine vornehme Dame war plötzlich von den heftigſten Geburtsſchmerzen ergriffen worden und kein Arzt hatte ihr zu helfen gewußt; als ſie ſchon zu ſterben gedacht, ließ man eine bei den Landleuten ſehr bekannte Hebamme kommen, welche bisher noch in kein vornehmes Haus gerufen war. Dieſe Frau war mit großer Beſcheidenheit und Mißtrauen gegen ſich ſelbſt aufgetreten; als ſie aber kaum einige Anordnungen getroffen, hatten die Schmerzen der Kranken 8 — 33 wie durch Zauberei aufgehört, dieſelbe ſich außerordentlich wohl befunden, und nach einer Stunde war ſie glücklich von einem Kna⸗ ben entbunden. Nach der Entbindung jedoch ſtellte ſich ein hitziges Fieber ein und brachte die junge Mutter noch einmal an den Rand des Grabes. Die Aerzte vermochten wieder nichts auszu⸗ richten, und man wandte ſich noch einmal an die Hebamme. In drei Wochen war die Kranke vollkommen wieder hergeſtellt, und das hatte der Hebamme bald einen ſo großen Ruf verſchafft, daß man in jener Gegend jetzt überall von der geſchickten Frau ſpreche. Bei dem Zuſtande der Gräfin war dieſe Erzählung der ganzen Familie natürlich höchſt intereſſant. Die Marſchällin meinte, man habe oft unrecht, die anſpruchsloſen Dorfgelehrten zu verſpotten, da ſie oft durch ihre Erfahrung und ihren geſunden Sinn hinter Geheimniſſe kämen, welche die Doctoren oft mit aller ihrer Ge⸗ lehrſamkeit nicht zu enträthſeln vermöchten. Der Graf rief, dieſe Frau müſſe er im Hauſe haben, es koſte was es wolle; dann ſprach man wieder von etwas Anderem, und der Marquis war am mei⸗ ſten bemüht, dem Geſpräche eine andere Wendung zu geben, da es ihm genügte, die Gedanken ſeiner Verwandten in beſtimmter Richtung erregt zu haben. Nach dem Eſſen redete der Graf ihn an: „Sie ſprachen eben von einer geſchickten Hebamme; könnte ich dieſelbe nicht hier haben?“ „Ich glaube,“ antwortete der Marquis,„die Wahl wäre gut, und ſchwerlich dürfte in der Umgegend eine geſchicktere Frau zu finden ſein.“ „Ich habe große Luſt, ſie gleich jetzt kommen zu laſſen und ſie bis zur vollſtändigen Geneſung der Kranken bei mir zu behal⸗ ten. Wiſſen Sie, wo ſie zu finden iſt?“ „Sie wohnt auf einem Dorfe; doch weiß ich nicht, in welchem.“ „Wiſſen Sie wenigſtens ihren Namen?“ „Ich kann mich nicht recht auf denſelben beſinnen; Louiſe 7. 3 Boyard, glaube ich, oder Polliard, ich weiß es nicht mehr genau.“ „Wie, Sie haben nicht einmal den Namen behalten?“ „Ich hörte die Erzählung und weiter nichts. Wer kann alle Namen behalten.“ „Haben Sie denn nicht gleich an die Gräfin gedacht?“ „Jene Gegend iſt ſo weit entfernt. Es fiel mir nicht ein, daß Sie die Frau ſo weit herholen könnten, und dann glaubte ich auch, Sie hätten ſich auch ſchon nach einer andern Hebamme um⸗ geſehen.“ „Wie finden wir ſie aber auf?“ „O, das ſoll nicht ſchwer fallen; mein Bedienter iſt in der Gegend bekannt und ſoll ſie aufſuchen, wenn es Ihnen recht iſt.“ „Wenn es mir recht iſt! Gleich ſoll er abreiſen.“ Noch an demſelben Abend bekam der Bediente den Auftrag. Man kann ſich denken, daß er nicht weit zu reiſen hatte, um die zu finden, die er holen ſollte; trotzdem aber blieb er drei Tage aus, und nach Verlauf derſelben wurde Louiſe Goillard im Schloſſe aufgenommen. Sie war eine Frau von einfachem, ernſtem Ausſehen, die ſich zunächſt das allgemeine Vertrauen zu erwerben ſuchte. Die ſchänd⸗ lichen Pläne des Marquis und der Frau von Bouillé ſchienen da⸗ her einen vollſtändigen Erfolg haben zu wollen. Ein Zufall hätte ſie leicht überflüſſig machen und durch ein großes Unglück ein größen⸗. 4 res Verbrechen abwenden können. Die Gräfin verwickelte ſich mit den Füßen in einen Teppich, als ſie eben in ihr Zimmer treten wollte, und fiel ſchwerfällig zu Boden; doch hatte dies weiter keine Folgen und gab nur den Nachbarn Gelegenheit, ihre Theilnahme zu bezeigen. Dies geſchah gegen Ende des ſiebenten Monats. Endlich nahte der Augenblick der Entbindung, zu dem ſchon längſt Alles vorbereitet war. Der Marquis hatte die Zeit gut benutzt, um der Frau von Bouillé alle Gewiſſensvorwürfe auszu⸗ * hr le 3⁵ reden; oft hatte er auch heimlich mit Louiſe Goillard geſprochen und ihr ſeine Anweiſungen mitgetheilt; doch ſah er ein, daß er vor allen Dingen Baulieu, den Haushofmeiſter, für ſich zu gewinnen ſuchen müſſe. Baulieu hatte ſchon im vorigen Jahre mit ihm auf ver⸗ traulichem Fuße geſtanden; eine bedeutende Summe Geld und ſchöne Verſprechungen gewannen ihn ganz. Der Elende trug kein Be⸗ denken, ſich in ein Complott gegen den Gebieter einzulaſſen, wel⸗ chem er Alles verdankte. Die Marquiſe ihrerſeits, welche Saint Maixent täglich anfeuerte, wußte für den ſchändlichen Plan die beiden Quinets zu gewinnen, ſo daß die arme gräfliche Familie rings von Verrätherei umgarnt war. Am 16. Auguſt 1641 wurde die Gräfin von Saint Géran, als ſie eben in der Schloßcapelle die Meſſe hörte, von Geburtswehen ergriffen. Man trug ſie ſogleich in ihr Zimmer, die weibliche Dienerſchaft eilte herbei, und die Marſchällin machte ihr ſelbſt das Haar zurecht, wie es gewöhnlich bei Wöchnerinnen geſchieht, da ſie lange Zeit nicht gekämmt werden dürfen. Die Schmerzen wurden immer heftiger, und der Graf weinte bei dem Gewimmer ſeiner Frau wie ein Kind. Mehrere Perſonen waren zugegen, ſo unter anderen die beiden Töchter, welche die Marſchällin in zweiter Ehe geboren, und von denen die eine, die jetzt 16 Jahre alt war, ſpäter den Herzog von Ventadour heirathete. Sie wollten zugegen ſein bei der Niederkunft, welche einem ſo vornehmen, dem Ausſterben nahen Geſchlecht einen neuen Sproſſen gab. Außerdem waren noch zugegen Frau von Saligny, die Schweſter des verſtorbenen Marſchalls von Saint Géran, der Mar⸗ quis von Saint Maixent und die Marquiſe von Bouillé. Die Hebamme beſorgte faſt Alles allein, und man gehorchte ſelbſt ihren leiſeſten Andeutungen. Die Gräfin ſprach kein Wort mehr und unterbrach das ängſtliche Schweigen nur durch ihr ſchmerz⸗ liches Stöhnen. Frau von Bouillé, die ſich beſonders viel mit der Pflege der Kranken zu thun machte, meinte, die zahlreiche * Geſellſchaft ſei der Gräfin nicht zuträglich, nahm einen befehls⸗ haberiſchen Ton an und ſagte, es müßten Alle hinausgehen, und Niemand als die zu ihrer Pflege nothwendigen Perſonen dürften bei der Kranken bleiben. Selbſt die beiden Kammerzofen der Gräfin mußten herausgehen. Nur die Marquiſe von Bouillé, die Heb⸗ amme und die Schweſtern Quinet blieben im Krankenzimmer, ſo daß ſich die Gräfin in den Händen ihrer ärgſten Feinde befand. Es war ſieben Uhr Abends; die Gräfin lag faſt bewußtlos da. Der Graf und die Marſchällin ließen ſich alle Augenblicke nach ihrem Befinden erkundigen. Keiner von der Dienerſchaft durfte je⸗ doch in das Zimmer eintreten; man antwortete ihnen durch die Thür, daß Alles gut ſtehe, und es nicht mehr lange dauern werde, bis die heißeſten Wünſche des Grafen erfüllt ſein würden. Drei Stunden ſpäter erklärte die Hebamme, daß die Gräfin die Entbindung nicht überleben könne, wenn man ihr nicht einige Augenblicke Ruhe verſchaffe, und gab ihr einige Löffel voll Arznei, nach der die Gräfin in einen ſo feſten Schlaf ſank, daß ſie wie todt ausſah, und die jüngſte Quinet wirklich glaubte, man habe ſie vergiftet, bis Frau von Bouillé ſie beruhigte. Unterdeß lief der Marquis von Saint Maixrent unruhig im Schloſſe hin und her, von jener Todesangſt befallen, die faſt Jeder empfindet, wenn er im Begriff iſt, ein ſchweres Verbrechen zu begehen. Die Marſchällin ſah ſich bei ihrem vorgerückten Alter genö⸗ thigt, etwas zu ruhen; der Graf wachte, ſchrecklich ermüdet, in einem Zimmer, neben dem, in welchem man zu vernichten ſuchte, was er Liebſtes auf der Welt hatte. Die Gräfin gebar, ohne aus ihrem Todesſchlafe zu erwachen, einen Knaben, der, ohne daß ſeine Mutter ihn vertheidigen konnte, unmittelbar aus ihrem Leibe in die Hände ſeiner Feinde ſiel. Die Thür ging auf und der Haushofmeiſter Baulieu trat herein. Die Hebamme war unter einem Vorwande mit dem Kinde in —.. 37 einen dunkeln Winkel gegangen. Baulieu bemerkte eine ihrer Be⸗ wegungen, ſprang ſchnell auf ſie zu und ſiel ihr in den Arm; die Elende wollte dem Knaben eben ihre Finger in den weichen Schä⸗ del drücken. Der Haushofmeiſter entriß ihr das arme Kind noch zur rechten Zeit, allein zeitlebens hat daſſelbe die Spuren der Finger am Kopfe behalten. 1 Vielleicht konnte ſich die Marquiſe von Bouillé nicht entſchlie⸗ ßen, ein ſo ſchweres Verbrechen zuzulaſſen. Andere haben, viel⸗ leicht mit größerem Recht, gemeint, daß der Hofmeiſter es auf Be⸗ fehl des Marquis von Saint Mairent verhindert, der vermuthlich aus Mißtrauen gegen die Verſprechungen der Frau von Bouillé, nach dem Tode ihres Gemahls ihn zu heirathen, das Kind leben laſſen wollte, um durch die Drohung, es zum Vorſchein zu brin⸗ gen, ſie zum Worthalten zu nöthigen. Andere Gründe können einen Menſchen von ſeinem Schlage nicht füglich bewogen haben, ſich mit ſolcher Sorgfalt ſeines Opfers anzunehmen. Baulieu ließ das Kind einwindeln, legte es in einen Korb, nahm es unter ſeinen Mantel und kehrte mit ſeiner Beute zum Marquis zurück. Sie beriethen ſich eine Weile mit einander, dann ging der Haushofmeiſter durch eine niedrige Thür, welche in die Gräben des Schloſſes führte, erſtieg eine Terraſſe und gelangte über einen Steg in den Park, zu deſſen Thoren er die Schlüſſel bei ſich führte. Dann beſtieg er ein Ragepferd und jagte davon. An demſelben Tage kam er eine Meile von Saint Géran durch das Dorf Gerochles, wo er das Kind von der Frau eines Hand⸗ ſchuhmachers ſäugen ließ. Ebenſo verfuhr er gegen Abend in einem andern Dorfe und reiſte ſo nach der Auvergne. Unterwegs traf er, als ſein Pferd ſchon ſehr ermüdet war und das Kind die Bewe⸗ gung beim Reiten nicht länger aushalten zu können ſchien, auf einen Kärrner aus der Stadt Aigueperce, der nach Riom fuhr. Er wurde mit demſelben einig, band das Pferd an den Wagen und ſtieg, das Kind im Arme, auf das Fuhrwerk. Das Kind wurde in Descoutoux von Gabriele Moinot genährt, der man einen Monat voraus bezahlte, ſie behielt es jedoch nur ſieben oder acht Tage, weil man ihr den Vater und die Mutter nicht nennen, auch den Ort nicht angeben wollte, wo ihr Säug⸗ ling her ſei. Durch dieſe Frau wurde es weiter bekannt, und es wollte ſich keine andere Amme für das Kind finden. Der Schlaf der Gräfin dauerte bis zum Tagesanbruch. Als ſie erwachte, fühlte ſie ſich zwar ſchwach und ſah ſich voll Blut, bemerkte aber doch an der großen Erleichterung ihres Leibes, daß ſte von ihrer Laſt befreit ſei. Ihre erſten Worte waren:„Wo iſt mein Kind?“ Die Hebamme antwortete ihr, während die beiden Mädchen ſich abwendeten, um ihre Schaamröthe zu verbergen, mit großer Kaltblütigkeit, ſie ſei gar nicht niedergekommen. Die Grä⸗ fin behauptete das Gegentheil, und da ſie ſehr aufgebracht zu ſein ſchien, bemühte ſich die Hebamme ſie zu beruhigen, verſicherte, daß die Geburt nicht mehr lange ausbleiben könne und aus allen Anzeigen, die man während der Nacht wahrgenommm, zu ſchließen ſei, daß ſie einen Knaben zur Welt bringen werde. Dies Verſprechen beruhigte den Grafen und die Marſchällin, blieb jedoch erfolglos bei der Gräfin, welche feſt darauf beſtand, ſchon geboren zu haben. An demſelben Morgen begegnete ein in dem Schloſſe dienendes Mädchen einer Frau, welche mit einem Päckchen unter dem Arm in den Schloßgraben hinunterſtieg. Sie erkannte die Hebamme, fragte, was ſie trüge und wo ſie ſo früh hinwolle. Die Hebamme antwortete: ſie ſei ſehr neugierig; was ſie unter dem Arme trage, ſei nichts. Allein das Mädchen that, als nehme ſie dieſe Ant⸗ wort übel und zupfte, bevor die Hebamme ſie daran hindern konnte, einen Zipfel des Päckchens heraus und ſah, daß blutige Wäſche darin war. „Die gnädige Frau iſt alſo niedergekommen?“ fragte ſie die Hebamme. „Nein,“ erwiderte dieſe lebhaft,„was fällt Dir ein?“ 39 Die Ausſage dieſes Mädchens wurde ſpäter eines der wichtigſten Zeugniſſe. Am folgenden Tage wurde die Gräfin noch aufgebrachter und verlangte unter Thränen und Geſchrei, man ſolle ihr wenigſtens ſagen, was aus ihrem Kinde geworden. Die Hebamme erwiderte kaltblütig: der Vollmond habe ſich der Niederkunft widerſetzt, man müſſe auf abnehmendes Licht warten, dann würde die Geburt leicht vor ſich gehen. Die Leidenſchaftlichkeit kranker Leute pflegt ſelten großes Ver⸗ trauen einzuflößen; dennoch aber würde die Gräfin alle Welt über⸗ zeugt haben, hätte die Marſchällin nicht erzählt, ſie erinnere ſich, daß ſie während einer ihrer Schwangerſchaften am Ende des neuen Monats alle Vorzeichen der Niederkunft an ſich geſehen und doch erſt ſechs Wochen ſpäter geboren habe. Der Marquis und Frau von Bouillé vernachläſſigten nichts, um die Gemüther zu beruhigen; allein die Gräfin widerſprach un⸗ aufhörlich, und Alle wurden ſehr unruhig über ihren fortwähren⸗ den Zorn. Die Matrone, die nicht mehr wußte, wie ſie Zeit ge⸗ winnen ſolle und bei dieſer unerſchütterlichen Ueberzeugung der Frau von Saint Géran alle Hoffnung verlor, kam auf den Ge⸗ danken ſie umzubringen, ſagte: das Kind habe bereits alle mög⸗ lichen Anſtrengungen gemacht, um zur Welt zu kommen, und werde ohne Zweifel durch eigenthümliche Umſtände, welche ſie näher an⸗ gab, im Mutterleibe zurückgehalten; ſie müſſe ſich einige Leibesbe⸗ wegung machen, um es zu befreien. Die Gräfin wollte dieſer Verordnung nicht nachkommen; allein der Graf, die Marſchällin und die ganze Familie baten ſo inſtändig, daß ſie nachgeben mußte. Man ſetzte ſie in eine Kutſche und fuhr ſie einen ganzen Tag über Sturzäcker und über Gräben ſpazieren. Sie wurde ſo zu⸗ ſammengerüttelt, daß ſie den Athem verlor, und nur ihr beſonders ſtarker Korperbau ließ ſie trotz des krankhaften Zuſtandes dieſe Fol⸗ ter überſtehen. Dieß war noch nicht genug, die Hebamme gab 40 ihr gewaltſame Mittel ein, um ihre Milch verſiegen zu machen, aber ſie überſtand alle Mordverſuche und wurde langſam wieder hergeſtellt. In Paris lebte ein Waffenſchmied, welcher ſich rühmte, durch einen ſeiner Brüder mit einem vornehmen Hauſe in Verbindung zu ſtehen, und der die Tochter eines Schauſpielers, Marie Pigoreau, zur Frau hatte. Dieſer Mann ſtarb in Dürftigkeit und hinterließ eine Wittwe mit zwei Kindern. Der Ruf der Pigoreau war eben nicht der beſte, und Niemand wußte, wovon ſie lebte. Eine Zeit⸗ lang war ſie abweſend; bald darauf beſuchte ſie ein dicht in ſeinen Mantel verhüllter unbekannter Mann zu wiederholten Malen; ſeit⸗ dem nahm ihr Wohlſtand ſichtbar zu; man bemerkte bei ihr werth⸗ volle Kleidungsſtücke, beſonders ausgezeichnet feine Windeln, und erfuhr endlich, daß ſie ein fremdes Kind erziehe. In derſelben Zeit hatte ſie 2000 Livres in Verwahrung gegeben und wenige Tage nach ihrer Rückkehr war ſie mit dem Kinde nach der St. Johan⸗ neskirche gegangen, um es taufen zu laſſen. Das Kind lebte und wuchs groß unter dem Namen Heinrich und galt, bis es zwei und ein halb Jahr alt war, für einen jüngern Sohn der Pigoreau. Entweder hatte ſie nach der Zeit die 2000 Livres aufgebraucht, oder ſie war nur ſo lange verpflichtet geweſen, das⸗ ſelbe zu erziehen, kurz, ſie beſchloß, ſich den Jungen vom Halſe zu ſchaffen. Man hatte dieſe Frau ſagen hören, ihr erſter Sohn mache ihr wenig Sorgen, weil das Glück des zweiten ſo geſichert ſei, und als man ihr vorſtellte, daß ſie doch lieber den zweiten behalten möge, wenn ſie ſich doch ſchon von einem von Beiden trennen müſſe, antwortete ſie, das hinge nicht von ihr ab, dieſer habe einen reichen Verwandten zum Pathen, der nur mit ihm zu thun haben wolle. Von dieſem Verwandten ſprach ſie oft und ſagte, er ſei Haushofmeiſter bei einer vornehmen Familie.. Eines Morgens meldete der Schweizer des Hotels Saint Géran 41 Baulieu, daß eine Frau mit einem Kinde ihn ſprechen wolle. Baulieu war wirklich der Bruder des Waffenſchmieds und der Pathe des zweiten Sohnes der Pigoreau. Man wird leicht err er der Unbekannte war, welcher ihr das vornehme und der es öfter bei ſeiner Amme beſuchte. Die Pi mit ihm eine lange Unterredung, nach welcher der Haushofmeiſten offenbar ſehr bewegt das Kind nahm und der Amme ſagte, ſie moͤchte einige Schritte vom Hotel entfernt an einer beſtimmten Stelle auf Antwort warten. Baulieu's Frau fing an zu lärmen vor Unwillen, als er ihr dieſen Familienzuwachs brachte; doch gelang es ihm, ſie zu be⸗ ruhigen, indem er ihr vorſtellte, wie ſchwer das Kind ſeiner Schwä⸗ gerin fallen müſſe, wie leicht ihnen dagegen in einem Hauſe, wie dem des Grafen, ein ſolches gutes Werk ſei. Dann ging er zu ſeiner Herrſchaft und bat um die Erlaubniß, das Kind in ihrem Hauſe zu erziehen. In ſeine wohlbegründete Angſt miſchte ſich ein Gefühl von Reue, welches ihm ſelbſt die Angſt ſeines Gewiſſens in Etwas erleichterte. Anfangs widerſetzten ſich der Graf und die Gräfin ſeinem Vor⸗ haben und meinten, da er ſchon fünf Kinder habe, ſolle er ſich nicht dieſe neue Laſt auf den Hals laden. Aber er bat ſie ſo in⸗ ſtändig, daß ſie in ſein Verlangen einwilligten. Die Graͤfin wollte das Kind ſehen und befahl, da ſie eben nach Moulins reiſen wollte, daſſelbe in den Wagen ihrer Kammerfrauen zu geben. Als man es brachte, rief ſie aus: „Welch' ein ſchönes Kind!“ Der Knabe hatte blondes Lockenhaar, große blaue Augen und ſehr regelmäßige Züge. Sie liebkoſte ihn auf das Zärtlichſte, und auch das Kind ſchien gleich beſonders zu ihr hingezogen. „Ich will es lieber in meinen Wagen nehmen!“ rief ſie Bau⸗ igoreau hat lieu zu. Als ſie im Schloß Saint Géran angekommen, wurde ihre 42 Zärtlichkeit für Heinrich mit jedem Augenblicke größer. Oft ſah ſie ihn traurig an, drückte ihn dann ans Herz und behielt ihn off in den Armen. Auch der Graf theilte dieſe Zärtlichkeit 's vorgeblichen Neffen. Er wurde faſt an Kindesſtatt d ganz erzogen wie ein Sohn vornehmer Aeltern. alte Marquis von Bouillé längſt geſtorben, hatten 9 dö Narquis von Saint Maixent und Frau von Bouillé nicht geheirathet. Sie ſchienen dieſen Plan ganz aufgegeben zu haben. Bei der Marquiſe waren wahrſcheinlich gewiſſe Bedenk⸗ lichkeiten Schuld, und der Marquis mochte ſeine ausgelaſſene Lebensart nicht aufgeben. Man glaubt, daß Verpflichtungen anderer Art und beſonders beträchtliche Summen ihn für den Wortbruch entſchädigten. Er durchſtrich um eeſe Zeit das Land und machte dem Fräu⸗ lein Jacqueline de la Garde den Hof, deren Liebe er gewonnen und die er ſo weit gebracht hatte, daß ſie ihre Schwangerſchaft nicht mehr verheimlichen konnte. Der Marquis bot ihr den Bei⸗ ſtand einer Matrone an, welche die Wöchnerinnen ſchmerzlos ent⸗ binde und hierin ſchon vielfache Erfahrungen gemacht habe. Gegen dies Fräulein hatte ſich Saint Maixent mehrmals gerühmt, daß den Sohn eines Provinzialgouverneurs, den Enkel eines Mar⸗ ſchalls von Frankreich, habe entführen laſſen; zugleich erwähnte er, daß die Marquiſe von Bouillé ihm ihr Vermögen verdanke. Lange Zeit hatte der Marquis Frau von Bouillé nicht geſehen; die gemeinſchaftliche Gefahr rief ſie wieder zuſammen. Mit Schrecken erfuhren Beide, daß Heinrich in Saint Goran ſei, beriethen ſich über dieſen Gegenſtand, und der Marquis beſchloß, die Gefahr ſchnell aus dem Wege zu ſchaffen. Doch wagte er nichts Auf⸗ fälliges gegen das Kind zu unternehmen, was jetzt auch ſchwer gehalten hätte, da manche Umſtände von ſeinem Lebenswandel be⸗ kannt geworden waren und die Familie Saint Géran ihn nicht mehr beſonders warm aufnahm. Baulieu, der täglich ein Zeuge 43 von der Zärtlichkeit war, welche der Graf und die Gräfin dem kleinen Heinrich bezeigten, war hundertmal nahe daran, ſich zu verrathen und Alles zu geſtehen; denn ſein Herz wur wiſſensbiſſen zerfleiſcht. Es entſchlüpften ihm Aeuße er glaubte, ohne Gefahr laut werden laſſen zu di ſo viele Jahre ſeit dem Verbrechen verfloſſen. Bal Leben und die Ehre der Frau Marquiſe von Bouille Händen, bald wieder, daß der Graf und die Gräfin me hätten, Heinrich zu lieben, als ſie ſelbſt glaubten. Eines Tages legte er einem Geiſtlichen die Gewiſſensfrage vor: Ob ein Mann, der bei der Unterſchlagung eines Kindes behülflich geweſen, ſeine Schuld wieder gut mache, wenn er es den Aeltern wiedergäbe, ohne es ihnen zu erkennen zu geben? We weiß nicht, was der Geiſtliche ihm antwortete, allein allem Anſchein nach mußte es nichts Beruhigendes geweſen ſein. Als ein Steuerbeamter aus Moulins ihm Glück wünſchte zu einem Neffen, den ſeine Herr⸗ ſchaft mit ſo viel Gunſtbezeigungen überhäufte, antwortete er, ſie hätten auch Grund, ihn zu lieben, da er ſie ſehr nahe anginge. Dieſe Aeußerungen hörten andere Perſonen, als die, welchen ſie lieb ſein mußten. Eines Tages kam ein fremder Weinhändler zu Baulieu und bot ihm ein Faß ſpaniſchen Wein zum Kauf an; zur Probe ließ er ihm ein kleines Fläſchchen. Denſelben Abend wurde der Haushofmeiſter ſehr krank, ſo daß man ihn in ſein Bett bringen mußte und er ſich unter ſchrecklichen Schmerzen herumwand. Ein einziger Gedanke beherrſchte ihn, wenn ihn die Schmerzen etwas zur Beſinnung kommen ließen; mehrmals äußerte er, er möchte den Graf und die Gräfin eines ſchweren Betruges wegen, den er ſich habe zu Schulden kommen laſſen, um Verzeihung bitten. Die ſein Bett Umſtehenden meinten, es würde wohl nicht ſo viel zu bedeuten haben, er ſolle ſich ſeine letzten Augenblicke nicht ver⸗ bittern; allein er bat ſo dringend, daß man ſeinen Wunſch dem Grafen melden mußte. Der Graf glaubte, es handele ſich um irgend einen kleinen Betrug, um eine bei deniänfin udterſchladihe Sune⸗ fürchtete, igen, und ließ ihm ſagen, er wolle r zu ihm olle ruhig ſterben, ihm ſei vergeben. Baulieu nahm ß ins Grab mit. Lind war damals ſieben Jahre alt; der Graf und die wannen es täglich mehr lieb. Er bekam Unterricht im Tanzen und in der Fechtkunſt, mußte ein Pagenkleid anlegen und ſeinen Aeltern als Edelknabe dienen. Sicher hätte der Marquis ſeine Schändlichkeiten bald durch ein neues Verbrechen vermehrt, wäre nicht die Gerechtigkeit endlich auf mehrere andere ve begangene Scheußlichkeiten aufmerkſam geworden. Er wurde verhaftet, als er eines Tages gerade auf der Straße mit einem Bedienten der Familie Saint Géran ſprach, und in die Conciergerie abgeführt. Um dieſe Zeit gingen in der Provinz Bourbon verſchiedene Gerüchte über den Zuſammenhang der oben erwähnten CEreigniſſe um und kamen auch dem Grafen und der Gräfin zu Ohren, und ſie erneuerten dabei nur ihren alten Schmerz, ohne ſie der Wahr⸗ heit auf die Spur zu führen. Der Graf reiſte in das Bad Vichy; die Gräfin und Frau von Bouillé begleiteten ihn; der Zufall wollte es, daß ſie dort Louiſe Goillard, die Hebamme, trafen. Während ihres dortigen Aufenthaltes beſuchte dieſelbe öfters Frau von Bouillé. Eines Tages trat plötzlich die Gräfin in ihr Zimmer und überraſchte die beiden Frauen bei einem geheimnißvollen Geſpräch; Beide ſchwie⸗ gen augenblicklich ſtill und ſchienen etwas außer Faſſung gebracht; die Gräfin fragte, ohne jedoch etwas zu argwöhnen, welches der Gegenſtand ihrer Unterhaltung geweſen ſei. „Ach, es war nichts!“ ſagte die Marquiſe. 4⁵ „Was habt Ihr denn?“ fragte die Gräfin noch einmal mit verwundertem Tone, da ſie ihre Schwägerin erröthen ſah. Die Marquiſe konnte jetzt einer Antwort nicht ausweichen und wurde noch verlegener. „Frau Goillard freut ſich, daß mein Bruder ſie nicht un⸗ freundlich empfangen hat.“ „Warum?“ fragte die Gräfin und wandte ſich an die Heb⸗ amme;„weshalb fürchteten Sie, daß mein Mann Sie unfreund⸗ lich empfangen würde?“ „Ich beſorgte,“ antwortete Louiſe Goillard ſehr ungeſchickt, wer würde gegen mich eingenommen ſein wegen der Umſtände, die ſich zutrugen, als wir glaubten, daß Sie niederkommen ſollten.“ Die Dunkelheit dieſer Worte und die Verwirrung der beiden Frauen machten die Gräfin aufmerkſam; doch ſuchte ſie ihre Ge⸗ danken zu verbergen und brach das Geſpräch ab; allein ihre Be⸗ wegung war der Marquiſe nicht entgangen. Dieſe ließ ſchon am folgenden Tage anſpannen und kehrte auf ihr Landgut Lavoine zurück; dieſe Ungeſchicklichkeit beſtärkte den Verdacht. Der erſte Gedanke der Gräfin war, Louiſe Goillard verhaften zu laſſen; doch ſah ſie ein, daß man in einer ſo ernſten Ange⸗ legenheit keinen leichtſinnigen Schritt thun dürfe, und berieth ſich erſt mit dem Grafen und der Marſchällin. Ohne Aufſehen zu machen, ließ man die Hebamme kommen, um ſie unvermuthet ins Verhör zu nehmen. Mehrmals widerſprach ſich dieſelbe und ver⸗ wickelte ſich in Unwahrheiten. Ihre Faſſungsloſigkeit bewies zur Genüge, daß ſie ſich ſchuldig fühle. Man übergab ſie dem Ge⸗ richt, und der Graf von Saint Géran reichte bei dem Vicemarſchall zu Moulins ſeine Klage ein. Schon im erſten Verhör geſtand die Hebamme, daß wirklich eine Geburt ſtattgefunden; doch behauptete ſie, die Gräfin habe ein todtgebornes Töchterchen zur Welt gebracht, welches ſie unter einem Stein dicht an der Scheune von Saint Goran verſcharrt. 46 Der Richter, ein Arzt und ein Chirurgus unterſuchten die be⸗ ſchriebene Stelle und mehrere andere in der Nähe; allein man fand weder den Stein, noch den Leichnam, noch irgend eine an⸗ dere Spur. Im zweiten Verhör verſicherte Louiſe Goillard, die Gräfin ſei nicht niedergekommen; im dritten, ſie habe ein Mondkalb geboren; im vierten, ſie habe einen Knaben zur Welt gebracht, welchen Baulieu in einem Korbe weggetragen; im fünften behauptete ſie, man habe ihr das Geſtändniß von der Niederkunft der Gräfin nur mit Gewalt ausgepreßt.— Keine ihrer Ausſagen beſchuldigte weder Frau von Bouillé, noch den Marquis von Saint Maixent. Kaum aber war ſie unter Schloß und Riegel, als ſie ihren Sohn Guillemin zur Marquiſe ſandte, um ihr die einfache Nach⸗ richt zu bringen, daß man ſie verhaftet; ſogleich ſchickte die Mar⸗ quiſe ihren Hofcavalier, Herrn von Foreſterie, an den Oberrichter, einen Todtfeind des Grafen, der ihr ſeinen Rath geben ſollte, wie ſie, ohne ſich perſönlich zu betheiligen, der Hebamme zu Hülfe kommen könne. Derſelbe ſchlug vor, das ganze Verfahren rück⸗ gängig zu machen und einen Befehl auszuwirken, der die fernere Inſtruction des Proceſſes aufhebe. Es gelang der Marquiſe durch bedeutende Beſtechungen, dieſen Befehl auszuwirken. La Foreſterie ſollte dann nach Rinet gehen, wo die Schweſtern Quinet wohnten, um ſich durch Geld ihres Schweigens zu ver⸗ ſichern. Als nämlich die Aeltere den Dienſt der Marquiſe verlaſſen, hatte ſte ihr, im Vertrauen auf ihre Mitwiſſenſchaft, mit der Fauſt gedroht und geſagt, es ſolle ſie ſchon gereuen, ſie aus ihrem Dienſt gejagt zu haben; ſie wolle Alles ſagen, ſollte ſie auch ge⸗ henkt werden. Später hatten die Mädchen die Marquiſe bitten laſſen, ſte wieder in ihren Dienſt zu nehmen; Frau von Bouillé ſah ſich genöthigt, ihnen zu willfahren; die Jüngere behielt ſie als 5 47 Kammerzofe und die Aeltere verheirathete ſie an ihren Haus⸗ hofmeiſter. Alllein La Foreſterie, der ſo hinter arge Geheimniſſe kam, wurde es überdrüſſig, im Dienſt dieſer Gebieterin zu ſtehen, und verließ ihr Haus. Die Marquiſe ſagte ihm beim Abſchied, wenn er auch nur ein Wort verrathe von dem, was er von den Quinet' gehört, ſo ſolle ihn Delisles, ihr Haushofmeiſter, mit hundert Dolch⸗ ſtößen durchbohren. Sie glaubte ſich jetzt hinreichend geſichert durch ihre Vorſichts⸗ maßregeln, aber ein gewiſſer Prudent Berger, ein Page des Mar⸗ quis von Saint Mairent, ein Vertrauter ſeines Herrn, der den⸗ ſelben oft in der Conciergerie beſuchte, verbreitete einiges Licht über die geheimnißvolle Angelegenheit. Sein Herr hatte ihm alle Einzelnheiten der Entbindung und des Kinderraubes erzählt. „Es wundert mich, gnädiger Herr,“ ſagte bei dieſer Gelegen⸗ heit der Page,„daß Sie Ihr ſchon ſo vielfach belaſtetes Gewiſſen nicht wenigſtens in dieſer Angelegenheit erleichtern.“ „Es iſt auch meine Abſicht,“ antwortete der Marquis,„das Kind ſeinem Vater wiederzugeben; ein Capuziner hat es mir be⸗ fohlen, als ich ihm beichtete, den Enkel eines Marſchalls von Frankreich und Sohn eines Provinzial⸗Gouverneurs geraubt und auf die Seite gebracht zu haben.“ Der Marquis durfte ſein Gefängniß von Zeit zu Zeit auf ſein Ehrenwort, wiederzukommen, verlaſſen. Wem es bekannt iſt, wie ſehr die damaligen Edelleute, ſelbſt wenn ſie Verbrecher waren, auf ihr Chrenwort hielten, den wird dies nicht Wunder nehmen. Der Marquis führte ſeinen Pagen zu einem Kinde, das etwa ſieben Jahre alt ſein mochte, blonde Locken und blaue Augen hatte. „Sieh' Dir dies Kind genau an,“ ſagte er,„damit Du es wieder erkennſt, wenn es darauf ankommt. Dies iſt der Sohn des Grafen von Saint Géran.“ Dies kam den Gerichten zu Ohren, die jetzt endlich beſtimmte Beweiſe in Händen zu haben glaubten; man ſchickte eiligſt Beamte nach der Conciergerie, die jedoch nicht zum Marquis gelaſſen wur⸗ den, da er krank war und eben eine Unterredung mit einem Pfarrer hatte, der ihm die letzte Oelung geben ſollte. Sie wollten eben wieder fortgehen, als der Pfarrer heraustrat und rief, man ſolle eiligſt gewiſſe Perſonen herbeiholen, denen der Kranke ein Geheim⸗ niß zu entdecken habe; er ſei in hoffnungsloſem Zuſtande, denn er habe ſich ſelbſt vergiftet. 3 Man eilte in das Zimmer des Marquis. Er wand ſich vor Schmerzen in ſeinem Bett herum und heulte wie ein wildes Thier⸗ „Ruft den Grafen... die Gräfin von Saint Géran... ſie ſollen ſchnell machen.“ Die Beamten traten an ihn heran und baten ihn, Ihnen ſein Geheimniß anzuvertrauen, allein der Marquis bekam wieder Zuckun⸗ gen, und als er ſich etwas erholte, rief er immer wieder nur: „Die Gräſin ſoll kommen... ſie muß mir vergeben... ich will Alles bekennen,... ich will geſtehen...“ Er ſchrie laut auf und war todt. Das Schickſal ſchien jeden Mund ſchließen zu wollen, der die Wahrheit hätte geſtehen können. Doch bildete das Geſtändniß, welches er auf ſeinem Todtenbett gemacht, daß er dem Grafen von Saint Géran etwas Wichtiges zu entdecken habe, und die Er⸗ klärungen des Pfarrers ein gewichtiges Zeugniß. Jener Kärrner, 84 2 die verſchiedenen Ammen und Bedienten wurden vorgeladen; die ganze Reiſe, die das Kind gemacht und was ſich auf derſelben zugetragen, kurz, alle Ereigniſſe ſeit der Entbindung bis zur An⸗ kunft Heinrich's im Dorfe Descoutoux wurden genau feſtgeſtellt, und dies Alles zuſammen brachte die Wahrheit faſt unzweifelhaft an den Tag. Auch die Marquiſe von Bouillé wurde vorgeladen, doch ver⸗ wendete ſich für ſie der Graf von Saint Géran ſelbſt, da er es nicht über ſein Herz bringen konnte, die leibliche Schweſter der 8* 49 Schande preiszugeben. Sie ſtarb bald darauf und bewahrte ihr Geheimniß bis zum letzten Augenblick. Der Nichter von Moulins ſprach endlich ein Urtheil, welches die Hebamme für überführt erklärte, das Kind der Gräfin von Saint Géran unterſchlagen zu haben, und ſie zur Tortur und zum Galgen verdammte. Die Hehamme appellirte gegen dies Ur⸗ theil und wurde in die Conciergerie gebracht; jetzt zweifelten der Graf und die Gräfin nicht länger, daß der Page ihr Sohn ſei, zogen ihm die Livree aus und nannten ihn vorläufig einen Grafen von Palice. 4 Um dieſe Zeit meldete ein gewiſſer Sequeville der Gräfin, daß er eine für ſie wichtige Entdeckung gemacht habe; im Jahre 1642 ſei ein Kind in der Kirche St. Jean en Greve getauft, und eine Frau, Namens Marie Pigoreau, ſei dabei hauptſächlich betheiligt geweſen. Man ſtellte Nachforſchungen an und entdeckte, daß jenes Kind eine Zeit lang im Dorfe Torcy erzogen war. Der Graf er⸗ langte eine Vollmacht, vor dem Richter von Torcy eine Unter⸗ ſuchung anzuſtellen, und traf alle Anſtalten, ſich auch den klein⸗ ſten Lichtſtrahl von Wahrheit nicht entgehen zu laſſen. Bei dieſer Gelegenheit äußerte eine der Schweſtern Quinet in Gegenwart mehrerer Zeugen, der Graf ſuche in der Ferne, was er ganz nahe habe. Dadurch kam die Wahrheit immer glänzender an den Tag. Das Kind wurde in Gegenwart mehrerer Gerichtsbeamten den verſchiedenen Ammen und den Zeugen aus Torcy vorgeſtellt; Alle erkannten den Knaben wieder, theils an der Spur, welche die Finger der Hebamme auf ſeinem Schädel zurückgelaſſen, theils an ſeinen ſchönen blauen Augen und blonden Haaren. Jene unver⸗ löſchliche Spur des von der Hebamme beabſichtigten Verbrechens war der Hauptbeweis; zudem verſicherten die Zeugen, daß die Pigoreau, wenn ſie in Begleitung eines vornehmen Mannes das Kind beſucht, jedesmal geſagt habe, es ſei der Sohn eines vor⸗ nehmen Herrn und ſie hoffe, durch ihn einſt noch ihr Glück zu machen. 50 Der Pathe des Kindes, Paul Marnion, genannt der Klingſäckel⸗ träger, der Gewürzkrämer Raguinet, durch welchen jene 2000 Livr. bezogen waren, die Magd der Pigoreau, welche ihre Gebieterin ſagen gehört, daß der Graf verpflichtet ſei, das Kind anzunehmen, und mehrere Zeugen, we e ausſagten, daß die Pigoreau oft ge⸗ äußert, Heinrich ſei von guter Herkunft, als daß es ſich für ihn ſchicke, Pagenkleider zu 7, lieferten Alle überzeugende und keinen Zweifel übriglaſſende Beweiſe. Ferner erkannte Prudent Berger, der Page des Marquis, ſowohl die Pigoreau, als auch das Kind wieder, welches er bei ihr geſehen und deſſen Geſchichte ihm Saint Mairent erzählt. Die Wittwe des Herzogs von Ventadour, eine Tochter der Marſchällin von Saint Géran, die ſie in zweiter Ehe geboren, und die Gräfin Dulet, eine Tochter der Marquiſe von Bouillé, denen der junge Graf eine reiche Erbſchaft entzogen, waren ſehr aufgebracht über dieſe Entdeckungen und beſchloſſen, einen Proceß anzuſträngen. Die Pigoreau, welche vom Gerichtshofe unter po⸗ lizeiliche Aufſicht geſtellt war und ſich darüber ſehr ärgerte, ſüchte dieſe beiden Damen auf und wurde bald mit ihnen einig. Bald darauf begann dieſer neue, ſo berühmt gewordene Proceß, welcher lange Zeit die Aufmerkſamkeit von ganz Frankreich erregt hat und an jenen vor Salomo geführten erinnerte, in welchem ein Kind von zwei Müttern in Anſpruch genommen wurde. Wir können uns auf alle Weitläufigkeiten deſſelben nicht ein⸗ laſſen; es wird dem Leſer genügen, zu hören, daß diesmal das gute Recht triumphirte und, trotz der mannigfachen Intriguen, Heinrich als rechtmäßiger Sohn des Grafen und der Gräfin von Saint Géran anerkannt wurde. Die Hebamme und die Pigoreau wurden gehängt. 5 9 Niſida. Wenn unſere Leſer, veranlaßt durch das italieniſche Sprichwort daß man Neapel ſehen muß, ehe man ſtirbt, uns fragen, welches der günſtigſte Augenblick iſt, die Zauberſtadt zu beſuchen, ſo geben wir ihnen den denu einem ſchönen Sommertage am Molo zu landen, wenn gerade eine feierliche Proceſſion die Kathedrale ver⸗ läßt; denn dann hat man die beſte Gelegenheit, das Weſen des Volkes kennen zu lernen, deſſen Seele noch poetiſch genug iſt, um an ſein Glück zu glauben. Die ganze Stadt ſchmückt ſich wie eine Braut an ihrem Hochzeitstage, die etwas dunkeln Marmorwände der Häuſer verſchwinden hinter prächtigen Teppichen und Blumen⸗ guirlanden; die Reichen tragen ihre blendende Pracht zur Schau und die Armen putzen ſich wenigſtens mit ihren Lumpen. Alles ſcheint freundlicher Glanz und ſüße Harmonie zu ſein. Man glaubt das Summen eines ungeheuren Bienenſchwarms zu vernehmen, wenn das tauſendfältige Jauchzen über die Freuden des Feſttages erſchallt. Von allen Thürmen läuten die Glocken und die Militär⸗ muſik ſpielt dazu ihre rauſchenden Märſche, während zugleich die Sorbetverkäufer und Paſtetenhändler mit lauter Stimme ihre Waa⸗ ren anpreiſen. Es bilden ſich Gruppen, Einer tritt an den Andern heran und Alles ſpricht mit den lebhafteſten Geſticulationen. Ueberall hat man Gelegenheit, ſchöne ſchwarze Mädchenaugen zu ſehen, male⸗ riſche Stellungen zu bewundern und das Gebehrdenſpiel einer dem Volke angebornen Beredtſamkeit zu bemerken. Alles iſt wie berauſcht, 4* der ganzen Stadt hat ſich ein unbeſchreiblicher Zauber bemäͤchtigt. Dann ſcheinen ſich Erde und Himmel zu küſſen, und man denkt, wenn hier der Tod ſeine Macht verlöre, könnten die Neapolitaner ſich unmöglich nach einem andern Paradieſe ſehnen. Unſere Erzählung beginnt mit einem dieſer prächtigen Schau⸗ ſpiele. Am Tage der Empfängniß Mariä im Jahre 1825 war das Lavapflaſter der Straße Forcella mit beſonderer Sorgfalt gerei⸗ nigt und glich faſt einer großartigen Moſaik; die in ſtolzer Hal⸗ tung aufgeſtellten prachtvoll geſchmückten Truppen bildeten einen doppelten lebendigen Zaun. Alle Balkone, alle Terraſſen und Fen⸗ ſter, alle während der Nacht errichteten Gallerien waren dicht mit Zuſchauern beſetzt, und die ganze Stadt glich einem großen Theater. Den von den Soldaten offen gelaſſenen nahm die in die verſchiedenſten und lebhafteſten Farben gekleidete Menge ein, welche, wie ein Strom zwiſchen ſeinem Damm, ſo zwiſchen den Soldaten und den Häuſern dahin wogten. Jeder ſuchte ſeinen Platz zu be⸗ wahren und hätte vielleicht ſein halbes Leben auf die Proceſſion gewartet, ohne die mindeſte Ungeduld zu zeigen. Gegen Mittag endlich hörte man einen Kanonenſchuß, dem ein allgemeiner Schrei der Freude wie ein Echo antwortete. Er war das Zeichen, daß die Proceſſion die Schwelle der Kirche über⸗ ſchritten. Sogleich fegte eine Abtheilung Dragoner das Volk aus der Mitte der Straße; die Reihen der Fußſoldaten thaten ihre Schleuſen auf und ließen die Vertriebenen hindurch, ſo daß bald der Weg ganz frei war und man höchſtens hier und da einen er⸗ ſchreckten, vom Volke verjagten und von den Soldaten mit den Füßen geſtoßenen Hund eiligſt die Flucht ergreifen ſah. Der Zug kam aus der Straße Vesco Vato. An der Spitze deſſelben ſtanden die Genoſſenſchaften der Kaufleute und Handwer⸗ kerzünfte, alle ſchwarz gekleidet, kurze Hoſen an und weiße Schär⸗ pen mit ſilbernen Troddeln um den Leib. Da das Ausſehen die⸗ 5* ſer Herren für die Menge er ben nichts Ergötzliches hatte, begannen u N E☛ 0& 53 die Zuſchauer bald zu ziſcheln und zu pfeifen, während die Geiſt⸗ reichſten auf die beleibteſten oder ſchmächtigſten der Spießbürger ihre Witze machten. Zuletzt erlaubten ſich die kühnſten Lazzaronis ſogar, zwiſchen den Beinen der Soldaten hindurch zu kriechen, um das von den Fackeln herunterträufelnde Wachs aufzuſammeln. Nach den Handwerkern kamen die Mönchsorden, von den Domi⸗ nicanern bis zu den Karthäuſern, von den Carmelitern bis zu den Capuzinern. Sie bewegten ſich langſam vorwärts mit abgemeſſenem Schritt, die Augen niedergeſchlagen, die Hände auf der Bruſt ge⸗ kreuzt. Unter ihnen ſah man manches runde und von Wein gerö⸗ thete Geſicht mit ſtrotzenden Bausbacken und rundem gekadertem Kinn, manchen herkuliſchen Kopf auf einem Stiernacken, aber auch manches von Leiden und Bußübungen abgehärmte bleiche Geſicht mit tiefliegenden unheimlichen Augen, manches lebendige Geſpenſt; kurz, die Licht⸗ und die Schattenſeite des Mönchslebens trat gleich ſehr vor den Blick des Zuſchauers. In dieſem Augenblick benutzten Nunziata und Gelſomina, zwei reizende Mädchen, die Galanterie eines alten Unterofficiers und ſtreckten ihre Köpfe zwiſchen den vorderſten Reihen der Soldaten hervor. „Sieh', da iſt der Vater Bruno,“ ſagte Gelſomina;„guten Tag, Vater Bruno.“ „Still, Couſine, bei der Proceſſion ſpricht man nicht.“ „Das wäre noch netter, er iſt ja mein Beichtvater. Ich kann doch wohl meinem Beichtvater guten Tag ſagen?“ „Haltet den Mund, ihr Schwätzerinnen.“ „Wer ſpricht da?“ „O ſieh' doch, dort iſt der Frater Cucuzza.“ „Wo, wo iſt er? Wo iſt er?“ „Dort geht er.“ „Sieh', wie er ſich in den Bart lacht. Iſt der unverſchämt!“ „Du lieber Himmel, ei wenn wir davon träumen.“ 54 1 Während die beiden Couſinen unendlich viele Bemerkungen uüber die Capuziner, über ihre Bärte und über das Käppchen von ſo manchem Canonicus machten, kamen von der andern Seite der Straße die Feroci, um durch Kolbenſtöße die unterbrochene Ord⸗ nung wieder herzuſtellen. 5 „Beim heiligen Blut meines Schutzheiligen,“ rief eine Sten⸗ torſtimme,„wenn ich Dich zwiſchen Daumen und Zeigefinger be⸗ komme, will ich Dir für die übrige Zeit Deines Lebens die Taille zurechtſetzen.“ „Mit wem haſt Du da etwas vor, Genaro?“ „Ach mit dem verdammten Buckligen, der mir ſchon ſeit einer Stunde auf dem Rücken herumkrabbelt, als wenn er mich durch⸗ ſichtig machen wollte.“ „Das iſt eine Schändlichkeit!“ ſchrie der Bucklige mit ſchmerz⸗ lichem Tone;„ſeit geſtern Abend bin ich hier und habe unter freiem Himmel auf dem Pflaſter geſchlafen, um mir meinen Platz zu bewahren, und nun kommt dieſer nichtsnutzige Rieſe von Kerl und pflanzt ſich vor mir hin, wie ein Obelisk.“ Der Bucklige log wie ein Jude, aber die Maſſe der Umſtehen⸗ den erhob ſich einſtimmig gegen den Obelisk. Er ragte über die Andern hervor, und die Mehrzahl der Menſchen beſteht bekanntlich immer aus Zwergen, wenn auch nicht gerade in körperlicher Beziehung. „Obelisk, herunter von deiner Grundlage!“ „Werft ihn von ſeinem Piedeſtal!“ 3 „Stoßt ihm den Hut vom Kopf!“ „Nein, lieber den Kopf vom Rumpf!“ „Bringt ihn zum Sitzen!“ „Nein, legt ihn lieber hin!“* Die immer größer werdende Neugierde, welche ſich in Schmäh⸗ worten Luft machte, bewies, daß das eigentliche Schauſpiel immer näher komme. Wirklich gingen jetzt die Domcapitel vorbei: die Pfarrer, Biſchöfe, Pagen, Kammerherren, die Edelleute, welche 3 7 zum Hofe gehörten, und zuletzt der König ſelbſt, welcher baar⸗ haupt und eine Wachskerze in der Hand unmittelbar hinter der prächtigen Bildſäule der heiligen Jungfrau einherging. Der Contraſt war überraſchend; nach den glatzköpfigen Mönchen und den bleichen Novizen ſah man junge von Silber und Gold glänzende Officiere mit trotzig gekräuſelten Schnurrbärten, welche nach allen Fenſtern, in denen man Damen bemerkte, Flammen⸗ blicke emporſendeten, der Proceſſion nur ſehr zerſtreut folgten und die heiligen Geſänge oftmals durch einzelne, ziemlich ungläubige Redensarten unterbrachen. „Haben Sie bemerkt, lieber Doria, mit welcher äffiſchen Grazie die alte Marquiſe von Acquaſparta ihr Himbeereis ſchlürft?“ „Ihre Naſe iſt noch röther als das Himbeereis, aber wer iſt der ſchöne Pfau, der vor ihr ein Rad ſchlägt?“ „Der Cyrenäer.“ „Den Namen habe ich im goldenen Buch nicht geleſen.“ „Und doch iſt es gerade dieſer Name, der dem armen Marquis hilft ſein Kreuz tragen.“ Die gottesläſterliche Anſpielung des Officiers wurde übertäubt durch ein allgemeines Flüſtern der Bewunderung, welches plötzlich durch die ganze Menge ging, und Aller Blicke richteten ſich auf eines der jungen Mädchen, welche vor der heiligen Madonna Blu⸗ men ſtreuten. Es war in der That ein entzückend ſchönes Geſchöpf. Ihr Haupt war umglänzt vom Sonnenlicht, und da hinter ihr bläuliche Weihrauchwolken dampften, ſah ſie aus wie Raphael' ſir⸗ tiniſche Madonna. Ihre faſt ſammetſchwarzen Haare ſanken in langen Locken auf die Schultern herab, ihre Stirn war weiß wie Alabaſter, ihre Augenbrauen wölbten ſich edel nach den Schläfen hin, deren Haut durch die durchſchimmernden Adern eine leiſe bläu⸗ liche Färbung bekamen; ihre Augenlider hatte ſie niedergeſchlagen, doch bemerkte man zuweilen ihre von andächtigem Feuer glänzen⸗ den dunkelſchwarzen Augen; die grade, reizend geformte Naſe gab 56 ihrem Geſicht jenen Ausdruck der antiken claſſiſchen Schönheit, welche mit jedem Tage mehr von der Erde verſchwindet. Ein hei⸗ teres, ruhevolles Lächeln, ein Lächeln, das gleichſam ſchon aus⸗ gegangen iſt von der Seele und noch nicht ganz angekommen beim Munde, ſchwebte um ihre Lippen und gab ihr einen Ausdruck un⸗ 5 beſchreiblicher Sanftmuth, den Schein rührender, unſchuldiger Glück⸗ ſeligkeit. Ihr blendend weißer Hals wölbte ſich anmuthig von der Bruſt empor und trug das Haupt mit einer Anmuth, wie etwa der Stengel eine von leiſen Lüftchen bewegte ſchöne Blüthe trägt. Ein Jäckchen von rothem Sammet mit goldenen Bienen geſtickt umſchloß ihre ſchlanke Taille, und ein goldener Gürtel hielt die Falten eines ſchneeweißen Kleides von durchſichtigem Stoff zuſam⸗ men, welcher in ſchönem Wurf herabfiel wie die Gewänder, in welche die byzantiniſchen Maler ihre Engel hüllen. Mit Recht konnte man ſagen, ihre Schönheit hatte etwas Wunderbares. Seit Men⸗ ſchengedenken hatte man nichts Aehnliches geſehen. Zu denen, welche ſie am aufmerkſamſten betrachteten, gehörte der Prinz von Brancaleone, einer der vornehmſten jungen Edelleute des ganzen Königreichs. Er war ſchön, reich und tapfer, und ſein Don Juan⸗Regiſter zählte, als er fünfundzwanzig Jahre alt war, mehr Eroberungen, als das aller ſeiner Zeitgenoſſen. Die jungen Damen ſprachen ſchreckliche Dinge von ihm und beteten ihn im Stillen dabei an; die Tugendhaften beſchränkten ſich darauf, ihn zu meiden, ſo durchaus unmöglich ſchien es, ihm zu widerſtehen. 1 Seine Altersgenoſſen dagegen nahmen ſich ihn zum Muſter, denn ſeine Triumphe hinderten manchen Miltiades ruhig zu ſchlafen. Um mit einem Wort eine Vorſtellung von ihm zu geben, darf man nur ſagen, daß, was die Verführungskünſte betrifft, der Teufel alle Anlagen und Vollkommenheiten in ihm vereinigt zu haben ſchien. Seines hohen Ranges wegen war ihm die Gunſt zu Theil gewor⸗ den, einen der ſechs vergoldeten Stäbe zu tragen, auf welchen der prachtvolle Baldachin ruhte, unter dem die Statuͤe der heiligen Jungfrau getragen wurde. Als die Proceſſion ſich wieder in Be⸗ wegung ſetzte, warf Eligy von Brancaleone einen Seitenblick auf einen kleinen, faſt wie ein Krebs rothen Mann, der dicht neben ihm ging und in möglichſt feierlicher Haltung den Hut ſeiner Excel⸗ lenz trug. Derſelbe war ein über und über mit Treſſen beſetzter Bedienter des Prinzen; wir müſſen um Erlaubniß bitten, in wenig Worten das Leben deſſelben zu erzählen: Die Aeltern Trespolo's waren arme Leute und trieben das Räu⸗ berhandwerk; dies war der Grund, warum er frühzeitig eine Waiſe wurde. Sobald er ſich frei ſah, faßte er das Leben vom ſocialen Standpunkte auf. Wenn man einem Weiſen des Alterthums glau⸗ ben darf, ſo ſind wir Alle in der Welt, um irgend eine Aufgabe zu löſen; was Trespolo anbetrifft, ſo wünſchte er zu leben, ohne etwas zu thun zu haben: dies war ſeine Aufgabe. Er war der Reihe nach Glöckner, Taſchenſpieler, Apothekerburſche und Fremden⸗ führer, doch alle dieſe Geſchäfte wurden ihm bald zum Ekel. Das Betteln war ſeiner Meinung nach zu beſchwerlich, und das Stehlen und Rauben ſchien ihm noch weit mühſamer, als das Leben eines ehrlichen Mannes, daher entſchloß er ſich, einen rein beſchaulichen Lebenswandel zu führen. Die liebſte Stellung war ihm die wage⸗ rechte Lage, und nichts machte ihm mehr Vergnügen, als auf dem Rücken zu liegen und zuzuſehen, wie die Sterne am Himmel ſo ruhig hingehen. Unglücklicherweiſe kam es bei dieſem beſchaulichen Lebenswandel eines Tages dahin, daß der brave Mann ſchon glaubte, Hungers ſterben zu müſſen, was ſehr ſchade geweſen ware, denn ſchon begann er ſich zu gewöhnen, gar nichts mehr zu eſſen. Wahrſcheinlich war er von jeher dazu beſtimmt, in unſerer Ge⸗ ſchichte eine Rolle zu ſpielen, und um mir, der ich ſie ſchreibe, keinen Schabernack anzuthun, ſchickte ihm der liebe Herrgott, der auch für uns Schriftſteller ſorgt, nicht etwa einen Engel— der 58 Kerl war's nicht werth— ſondern einen Hund Brancaleone's zur Hülfe. Das edle Thier witterte den Philoſophen und begann mitleidig zu knurren; ein Geknurr, welches ſeinen Collegen, den Hunden auf dem St. Bernard, Ehre gemacht haben würde. Der Prinz, welcher ſehr vergnügt von der Jagd zurückkehrte, da er an dieſem Tage das doppelte Glück gehabt, erſtlich einen Wolf zu ſchießen und zweitens ſich eine verliebte Gräfin vom Halſe zu ſchaffen, hatte das ſonderbare Gelüſt, irgend ein gutes Werk zu vollbringen. Er trat an den Lumpenkerl heran, der ſchon einer Leiche ähnlich ſah, ſtieß den Fleiſchklumpen mit dem Fuße an und befahl dann ſeinen Leuten, da man noch einige Lebensſpuren an ihm bemerkte, ihn mitzunehmen. Seit dieſem Tage ſah Trespolo das Glück ſich allmälich ver⸗ wirklichen, von welchem er oftmals geträumt hatte. Er war etwas mehr als Bedienter und etwas weniger als Hausverwalter; denn er wurde der Vertraute ſeines Herrn, welcher ſeine Talente auf das Beſte zu benutzen wußte. Denn Trespolo war liſtig wie ein Teufel und konnte faſt ſo gut betrügen, als eine Frau. Der Prinz, welcher als ein außerordentlicher Mann ahnete, daß jedes Genie von Natur faul iſt, verlangte von ihm weiter nichts, als dann und wann einen guten Rath; wenn es dagegen darauf ankam, Leute, die ihn ägerten, zu prügeln, ſo übernahm er das ſelbſt, und in der That leiſtete er in dieſer Beziehung mehr, als zwei Andere. Da jedoch hienieden nichts vollkommen iſt, ſo hatte auch Tres⸗ polo mitten in dieſem ergötzlichen Leben manchen ſchweren Augen⸗ blick; von Zeit zu Zeit gerieth er in heftige Furcht, was ſeinem Herrn freilich viel Spaß machte, ihm dagegen ſein Glück verbit⸗ terte; dann ſtammelte er unzuſammenhängende Worte, wollte faſt erſticken vor Seufzen und verlor plötzlich den Appetit: oft nämlich fürchtete er für das Heil ſeiner armen Seele und hatte Angſt, vom Teufel geholt zu werden. Die Sache hing ganz einfach zuſammen: erſtlich fürchtete er ſich vor Allem, dann aber hatte man ihm oft 59 genug vorgepredigt, daß der Teufel diejenigen nicht einen Augen⸗ blick in Ruhe laſſe, welche ſo ungeſchickt wären, ihm in die Klauen zu fahren. Als der Prinz, nachdem er das junge, ſchöne Mädchen mit der wilden Raubgier eines Geiers, der bereit iſt, auf ſeine Beute herun⸗ terzuſchießen, angeſehen und ſich zu ſeinem geheimen Rath und Bedienten hinwandte, um ihn anzureden, war gerade einer jener Augenblicke eingetreten, in welchen ſich Trespolo der tiefſten Reue und Seelenangſt überließ. Der arme Diener merkte die entſetzliche Abſicht ſeines Gebieters, und da er nicht der Mitſchuldige ſein wollte bei einer gottesläſterlichen Unterhaltung, ſperrte er die Augen weit auf und ſah mit verzücktem Blicke gen Himmel. Der Prinz huſtete, ſtieß mit dem Fuß auf den Boden, machte mit ſeinem Degen eine Bewegung, als wolle er ihm eins auf die Waden verſetzen, ohne daß es ihm möglich war, die Aufmerkſamkeit ſeines Dieners zu erregen; ſo ſehr ſchien dieſer in ſeine himmliſchen Gedanken vertieft. Brancaleone hätte ihm das Genick brechen mögen; allein er hielt den Stab des Baldachins, und außerdem war ja der König in der Nähe. Endlich näherten ſie ſich der Kirche Santa⸗Chiara, der Be⸗ gräbnißſtätte der neapolitaniſchen Monarchen, in deren Kloſter auch⸗ manche Prinzeſſin, das Diadem mit einem Nonnenſchleier vertau⸗ ſchend, ſich lebendig begraben hat. Die Nonnen, die Novizen und die Aebtiſſin ſahen, verborgen hinter ihren Fenſtervorhängen der Proceſſion zu und ſtreuten von Zeit zu Zeit Blumen herunter. Ein Sträußchen fiel dicht vor den Füßen des Prinzen von Branca⸗ leone zu Boden. „Trespolo,“ ſagte der Prinz ſo laut, daß der Diener jetzt un⸗ möglich ausweichen konnte,„hebe mir den Blumenſtrauß auf, er kommt von der Schweſter Thereſe,“ fügte er mit leiſer Stimme hinzu;„die Treue iſt nirgends auf Erden mehr heimiſch als im Kloſter.“ 60 Trespolo hob das Straͤußchen auf und trat mit der Miene eines Mannes, welchen man eben erwürgen will, an ſeinen Herrn heran. „Wer iſt das Mädchen?“ fragte dieſer mit gebieteriſchem Tone. „Welches Mädchen?“ ſtammelte der Diener. „Zum Teufel! Die, welche dort vor uns geht.“ „Ich kenne ſie nicht, Ew. Gnaden.“ „Noch heute Abend wirſt Du mir genügende Auskunft über ſie geben.“ „Dann werde ich etwas weit gehen müſſen.“ „Du kennſt ſie alſo doch, verdammter Schurke! Ich habe nicht übel Luſt, Dich wie einen Hund aufhängen zu laſſen.“ „Haben Sie Mitleid, gnädiger Herr, denken Sie an das Heil Ihrer Seele und an die ewige Seligkeit.“ „Ich rathe Dir, lieber an Dein Erdenleben zu denken. Wie heißt ſie?“ „Sie heißt Niſida und iſt das ſchönſte Mädchen auf der Inſel gleichen Namens, die Unſchuld ſelbſt. Ihr Vater iſt nur ein armer Fiſcher; aber ich kann Ew. Excellenz verſichern, daß man ihn auf ſeiner Inſel hochachtet, wie einen König.“ „Wahrhaftig?“ antwortete ironiſch lächelnd der Prinz,„ich muß zu meiner Schande geſtehen, daß ich die Inſel Niſida noch nie beſucht habe. Du wirſt morgen für mich eine Barke bereit halten, und dann wollen wir ſehen, ob...“ 5 Er ſchwieg plötzlich, denn der König ſah ihn an. Sogleich ſtimmte er wieder, ſo laut er konnte, in das Kirchenlied ein und ſang mit begeiſtertem Tone: „Genitori genitoque laus et jubilatio!““ „Amen,“ antwortete der Diener mit heller Stimme. Niſida, die vielgeliebte Tochter des Fiſchers Salomo, war in der That die ſchönſte Blume der kleinen Inſel, deren Namen ſie trug. Dieſe Inſel iſt der reizendſte Ort, den es geben kann. 61 Gleichſam ein Blumenkorb, der mitten in der klaren durchſich⸗ tigen Fluth des Golfs ſchwimmt, ein Hügel, der dicht bewachſen iſt mit Orangen und Lorbeerroſen und auf deſſen Gipfel ſich ein Schloß von weißem Marmor erhebt, welches gleich einer Waſſer⸗ lilie aus grünen Blättern hervorzuſteigen ſcheint. Rund umher breitet ſich das entzückend ſchöne Amphitheater des Golfs von Neapel aus, dieſe Perle der Schöpfung, dieſer ſchönſte Punkt vielleicht auf der ganzen Erde. Dort ſieht man Neapel, die wollüſtige Sirene, nachläſſig hingelagert am wogenbeſpülten Geſtade, dort Portici, Caſtellamare, Sorrento, Orte, deren Namen allein ſchon tauſend Gedanken in der Seele erwecken und den Geiſt mit all' der Poeſie und Liebe berauſchen, welche hier Jahrtauſende hindurch heimiſch geweſen ſind; dort liegt Pauſilippo, Bajä, Puzzuoli und jene wei⸗ ten Gefilde, in welchen die Alten von ihrem Elyſium träumten, die geheiligten einſamen Plätze, die man noch bevölkert glauben möchte von den Menſchen der Vorzeit, Orte, an denen die Erde unter jedem Schritt ertönt wie ein leeres Grab einer großen Ver⸗ gangenheit. Die Hütte Salomo's erhob ſich auf dem Theile der Inſel, welcher abgewandt von der Hauptſtadt nach den fernen weißen Kreidefelſen von Capri hinblickt. Sie gewährte einen einfachen, aber heitern Anblick; die Mauern waren verdeckt von ſmaragd⸗ grünem Epheu und weißen Glockenblümchen; im Erdgeſchoß befand ſich ein ziemlich großes Zimmer, in welchem die Männer ſchliefen und die Familie ihre Mahlzeit hielt, im erſten Stock das jung⸗ fräuliche Zimmer Niſida's, ein reizender, ſchattiger und heimlicher Aufenthalt, nur durch ein Fenſter erleuchtet, welches nach dem Golf hinausging; über dieſem Zimmer war das platte italieniſche Dach mit ſeinen vier von Weinreben umrankten Geländerſäulen, ſeiner Weinlaube und der breiten, mit Moos und wilden Blumen bedeckten Bruſtwehr. Eine niedrige Weißdornhecke zog um das Eigenthum des Fiſchers eine Art von Verſchanzung und verthei⸗ 8 62 digte daſſelbe beſſer, als es tiefe Gräben und Mauern mit Zinnen gethan haben würden. Die verwegenſten Raufbolde der Inſel hatten ſich lieber dicht vor der Wohnung des Pfarrers, oder gar in der Kirche ſelbſt geprügelt, als vor dem kleinen Hofe Salomo's, der übrigens der Sammelplatz für alle Inſelbewohner war. Jeden Abend kamen genau um dieſelbe Stunde die Nachbarinnen hin, um bei Vater Salomo ihre wollenen Mützen zu ſtricken und dabei zu plaudern, und während die Mütter mit großem Ernſte ſchwatz⸗ ten, ſpielten auf dem Naſen die halbnackten kleinen Kinder der⸗ ſelben. So verſammelte man ſich täglich vor dem Hauſe des Fiſchers; es war dies eine unwillkürliche, durch die Gewohnheit feſtgeſtellte Ehrenbezeigung, die man ihm erwies und von der es Niemand einſiel, ſich Rechenſchaft ablegen zu wollen. Der Einfluß, welchen der alte Salomo über ſeines Gleichen ausübte, hatte ſich auf eine ſo einfache und natürliche Weiſe ver⸗ mehrt, daß Niemand etwas dagegen einzuwenden wußte. Ganz unmerklich wurde ſeine Macht von Tag zu Tag größer, und erſt da wurde man ſie gewahr, als Jedermann von derſelben Vortheil genoß, ſo wie man das Wachsthum ſchöner Bäume erſt dann be⸗ merkt, wenn man anfängt in ihrem Schatten zu ruhen. Entſtand auf der Inſel irgend ein Streit, ſo unterwarfen ſich die Gegner gewiß lieber dem ſchiedsrichterlichen Urtheile Salomo's, als daß ſie ſich vor Gericht verklagten: er wußte ſtets beide Parteien zu befriedigen. Ferner wußte er beſſere Arzneien zu verſchreiben, als irgend ein Arzt, denn es war ſehr ſelten, daß nicht er ſelbſt oder Eins von ſeiner Familie ſchon einmal an demſelben Uebel gelitten, um deſſen Heilung man ihn anging, und da ſich mithin ſeine ärztliche Kunſt auf eigene Erfahrungen ſtützte, erzielte er gewöhn⸗ lich die beſten Erfolge; auch hatte er nicht wie die gewöhnlichen Aerzte den Wunſch, die Krankheiten in die Länge zu ziehen. Seit einer Reihe von Jahren war die Vermittelung des Fiſchers die einzige auf der Inſel als gültig anerkannte Formalität, durch 63 welche man die Unverletzlichkeit eines Vertrages ſicherte. Beide Parteien gaben Salomo die Hand, und dann war Alles feſt abge⸗ macht; denn lieber hätte man ſich während eines Ausbruchs in den Krater des Veſuvs geſtürzt, als ein ſo feierlich gegebenes Verſprechen gebrochen. In jener Zeit, in welche unſere Geſchichte fällt, lebte Niemand auf der ganzen Inſel, der nicht ſchon die edle Großmuth des Fiſchers erfahren hätte, und er übte ſeine Wohlthaten noch dazu, ohne daß man ihn erſt darum bat. Da es unter der kleinen Bevölkerung Niſida's einmal Gebrauch war, die Mußeſtunden vor dem Häuschen des alten Salomo zuzubringen, ſo durfte er nur mit langſamem Schritt, ſein Lieblingsliedchen pfeifend, unter den verſchiedenen Gruppen umherwandeln, um die körperlichen und Seelenleiden ſeiner Landsleute kennen zu lernen⸗ Hatte er etwas der Art in Erfahrung gebracht, ſo konnte man ſicher ſein, daß noch an demſelben Abend er ſelbſt oder ſeine Toch⸗ ter mit geheimnißvoller Miene da erſchien, wo es galt, einem Nothleidenden durch eine Wohlthat aufzuhelfen, oder Balſam auf eine Wunde zu träufeln; kurz, er vereinigte Alles in ſich, was dazu gehört, der leidenden Menſchheit beizuſpringen, er war ein Mann des Geſetzes, ein Arzt, ein Notar, und alle Gelehrten hätten vor der patriarchaliſchen Gutherzigkeit des Fiſchers erröthen müſſen. Selbſt der Pfarrer hatte ihm in vieler Beziehung den erſten Platz einräumen müſſen. Den Tag nach jener Proceſſion ſaß Salomo ſeiner Gewohnheit gemäß auf der ſteinernen Bank vor ſeiner Hausthür, die Beine gekreuzt und die Hände ſorglos in den Schoos gelegt Beim erſten Anblick hätte man ihn höchſtens für ſechszigjährig gehalten, obgleich er in der That ein Achtziger war. Noch hatte er alle ſeine Zähne; ſte waren weiß wie Elfenbein, reihten ſich an einander wie eine Schnur Perlen, und er hatte wirklich Urſache, auf dieſelben ſtolz zu ſein. Seine ruhige, heitere Stirn, umgeben von ſchneeweißen Haaren, hatte die Feſtigkeit und Glätte des Marmors; noch zeigte 64 ſich keine Runzel in ſeinen Augenwinkeln und noch verrieth das helle Feuer ſeines blauen Auges eine Friſche der Seele und eine ewige Jugend, wie ſie die Mythologie den Göttern beilegt. Mit verzeihlichem Stolz zeigte er oft ſeine kräftigen nackten Arme und den muskelvollen herkuliſchen Nacken. Noch nie hatte irgend ein finſterer Gedanke oder ein ſchlimmes Vorurtheil, noch nie hatte irgend ein Gewiſſensbiß die Ruhe dieſes friedlichen Daſeins geſtört. Er hatte in ſeiner Umgebung keine Thräne fließen ſehen, welche er ſich nicht zu trocknen bemüht, und obgleich er arm war, hatte er es verſtanden, eine Wohlthätigkeit zu üben, welche alle Könige der Erde mit ihrem Golde nicht bezahlen können; er war unge⸗ lehrt, hatte aber zu Seinesgleichen die Sprache geſprochen, welche dieſelben allein verſtehen konnten, die Sprache des Herzens. Nur ein einziger bitterer Tropfen war in dieſe unverſiegliche Quelle des Glücks gefallen, nur ein einziges Wölkchen von Kummer hatte den ewig heitern Himmel ſeines Lebens getrübt: der Tod ſeiner Frau, die er noch immer nicht vergeſſen. Seine ganze Seele wandte ſich zu Niſida, deren Geburt den Tod ihrer Mutter veranlaßt; dieſe liebte er mit jener ſchwärmeri⸗ ſchen Liebe, welche Greiſe gewöhnlich für ihr jüngſtes Kind hegen. In dieſem Augenblick betrachtete er ſie gerade mit dem Ausdrucke des innigſten Entzückens und ſah beglückt zu, wie ſie ſich mit den ſpielenden Kindern zu ſchaffen machte und ſie dann und wann liebreich ermahnte, ſich bei ihren Spielen etwas in Acht zu nehmen und nicht zu viel Lärm zu machen, und wie ſie ſich dann wieder neben den Müttern auf dem Raſen niederließ, um an ihren Ge⸗ ſprächen beſcheiden Theil zu nehmen. Niſida war wo möglich noch ſchöner als geſtern, denn das Weihrauchgewölk, welches ſie wäh⸗ rend der Proceſſion einhüllte, hatte ſie gleichſam mit jener myſti⸗ ſchen Poeſie umgeben, welche das Auge des Bewunderers in züchtige Schranken hält und es zwingt, den Blick niederzuſchlagen. Heute war ſie wieder eine rein irdiſche Evastochter geworden, ohne jedoch * 65 etwas von ihrem Reize zu verlieren. Sie trug eine einfache Klei⸗ dung, wie gewöhnlich an Werkeltagen, und unterſchied ſich von ihren Nachbarinnen nur durch die glänzende Weiße ihrer Haut und durch ihre wunderbare Schönheit. Ihre ſchönen ſchwarzen Haare waren heute in einen Zopf geflochten, in einen Knoten zuſammen⸗ gewickelt und mit jenem kleinen ſilbernen Pfeil durchſtochen, welcher erſt kürzlich allgemein Mode geworden iſt, nachdem die ſchönen Pariſerinnen ſich ſeiner bemächtigt, die gleichſam das Recht der Eroberung über die Moden aller Länder ausüben. Niſida wurde von ihren jungen Freundinnen hoch verehrt, und die Aelteren liebten ſie alle wie ihr eigenes Kind; ſie war der Stolz der ganzen Inſel. So allgemein war die Anſicht, daß ſie gleich⸗ ſam ein höheres Weſen ſei, und ſo groß die allgemeine Hochach⸗ tung, daß jeder Verwegene, der den Abſtand zwiſchen ſich und dem ſchönen Mädchen vergeſſen und hochfahrende Abſichten ver⸗ rathen hätte, ſicherlich bei allen ſeinen Cameraden zum Geſpötte geworden wäre. Die geſchickteſten Tarantella⸗Tänzer wurden in Gegenwart der Tochter Salomo's verlegen und wagten nicht, ſie aufzufordern. Nur ſelten unternahmen es einige Sänger und Improviſatoren aus Amalfi oder Sorrento, angezogen von der überraſchenden Schönheit dieſes himmliſchen Geſchöpfes, leiſe von ihrer Liebe zu ſeufzen, indem ſie ihre Gefühle in die zarteſten Bilder und Anſpielungen einkleideten. Aber faſt nie brachten ſie ihr Lied bis zu Ende; bei jedem Geräuſch unterbrachen ſie ſich plötzlich, warfen Triangel und Mandoline von ſich und eilten da⸗ von wie verſcheuchte Nachtigallen. Nur Einer beſaß Muth oder Leidenſchaft genug, ſich über allen Spott hinwegzuſetzen: es war Baſtiano, der geſchickteſte Taucher auf der ganzen Küſte. Auch er ſang zuweilen ein Lied, aber ſtets mit ernſter, tiefer Stimme; ſein Geſang hatte etwas Finſteres, und alle ſeine Melodien verriethen eine trauernde Seele. Er be⸗ gleitete ſich mit keinem Inſtrument und hörte nie auf, ohne ſeinen 66 Geſang zu Ende zu bringen. Heute war er noch ernſter als ge⸗ wöhnlich; er ſtand wie feſtgezaubert auf einem ſchroffen Felſen an der See und blickte mit verächtlichem Lächeln auf die Frauen herab, die ihn aus der Nähe betrachteten. Eben ſank die Sonne wie eine glühende Kugel in das glänzendroth beſtrahlte Meer und warf ihre Abſchiedsſtrahlen gerade auf die ernſten Züge ſeines Geſichts. Der Abendwind kräuſelte leicht die Wellen und bewegte einen blühen⸗ den Roſenſtrauch hin und her, der dicht an ſeinen Füßen ſtand. Vertieft in trübe Gedanken, ſang er in der wohltönenden Sprache ſeines Landes folgende traurige Worte: „Wie das Auge der Liebe, wie der Abendſtern glänzteſt Du „hinaus in die Nacht, Fenſter des lieben Mädchens, und jetzt biſt „Du ſo dunkel! Arme Schweſter, Du biſt krank.“ „Thränen im Blick neigt ſich ihre Mutter zu mir hin: Dein „Schweſterlein ſchläft den langen Schlaf im kühlen Schooß der „Erde.“ „Warum wareſt Du nicht bei ihr, Mutter, als ſie ſie ſchloß „die lieben freundlichen Augen? Warum drückteſt Du nicht auf „die bleichen Lippen, welche der Liebe entgegenblühten, wie die „Roſe der Sonne, als ſie zitterten im Tode, den letzten Kuß, „o Mutter! um ihre Seele zu empfangen?“ „Sie hat geweint, bis ſie ſtarb; denn Du warſt nicht da, um „ihre Thränen zu trocknen.“ „Wo biſt Du? o Schweſter! O, ſag' es mir dant. „Wir ſetzten auf Dein jungfräulich Haupt den Kranz von „Orangenblüthen. Wir breiteten über Dich den ſchneeweißen Schleier „und legten Dich in die letzte Wiege, und ſchwarze Männer ſchau⸗ „kelten die Wiege auf ihren Schultern, bis wir ſie ſenkten in der „Erde kühlen Schooß.“ „Wo biſt Du? o Schweſter! Denn ich will zu Dir.“ „Es ſtiegen zwei Engel vom Himmel und liehen Dir ihren „Fittig.“ 67 „Wo biſt Du? o Schweſter! Ich will zu Dir.“ „Dort droben glänzet der Stern der Liebe: Dein Auge iſt der „Stern der Liebe, dort throneſt Du auf lichtem Thron, und die „Sterne des Himmels ſehe ich glänzen als Diamanten in Deinem „Haar.“ „Reich' mir die Hand, o Schweſter! Reich' mir die Hand „herab von Deiner Höhe; denn ich will hinauf zu Dir.“ Als er die letzten Worte ſeines ſchwermuthsvollen Liedes ge⸗ ſungen, ſprang er von der Spitze des Felſens hinunter ins Meer, als hätte er wirklich zu ſeiner Schweſter gewollt. Niſida und die andern Frauen ſchrieen auf vor Schreck, denn der Taucher blieb mehrere Minuten unter der Oberfläche des Waſſers. „Seid doch nicht wunderlich,“ rief ein junger Mann, der plötzlich unter den Frauen ſtand, ohne daß ihn Jemand hatte kommen ſehen.„Wovor fürchtet Ihr Euch denn? Ihr wißt doch, daß Baſtiano immer ſeinen Scherz mit Euch treibt? Seid ganz unbeſorgt, denn eher erſaufen alle Fiſche im ganzen mittelländi⸗ ſchen Meere, ehe Baſtiano ein Unglück begegnet; das Waſſer iſt ja ſein Element.— Guten Tag, Schweſter, guten Tag, lieber Vater!“ Der junge Fiſcher drückte Niſida einen Kuß auf die Stirn, trat dann an ſeinen Vater heran, neigte vor ihm ſein männlich ſchönes Haupt, nahm die Mütze ab und küßte ihm mit Ehrfurcht die Hand. Jeden Abend kam er ſo, den Vater um ſeinen Segen zu bitten, bevor er in die See ging, wo er oft die ganze Nacht hindurch in ſeiner Barke fiſchte. „Der Himmel ſegne Dich, mein lieber Gabriel,“ ſagte der Greis zärtlich und legte langſam die Hand auf das ſchwarze Locken⸗ haar des Sohnes, während eine Thräne der Rührung ihm an der Wimper hing. Dann ſtand er mit feierlicher Miene auf, wandte ſich an die 5* 68 ihn umgebenden Gruppen und ſprach mit würdevoller, ſanfter Stimme: „Nun geht nach Hauſe, meine Kinder, es iſt Zeit, die Jungen an die Arbeit, die Alten ins Bett.“ Nachdem Niſida ihren Vater noch einmal zärtlich umarmt, ging ſie in ihr Zimmer hinauf, goß Oel in die Lampe, welche Tag und Nacht vor dem Bilde der heiligen Jungfrau brannte, und legte ſich dann, die Jasminzweige, welche duftende Vorhänge bildeten, auseinanderbiegend, ins Fenſter, um auf das Meer hinaus zu ſchauen, und ſchien in eine ſanfte tiefe Träumerei verſunken zu ſein. Um dieſelbe Stunde landete auf der entgegengeſetzten Seite der Inſel eine von zwei ſchweigenden Ruderern geführte Barke. Die Nacht war allmälig eingebrochen. Zuerſt ſtieg ein kleiner Mann mit großer Vorſicht heraus und reichte einem Andern höchſt ehrer⸗ bietig die Hand, welcher jedoch die ſchwache Stütze verſchmähte und mit einem Satze ans Land ſprang. „Nun, Du Schuft, findeſt Du mich nach Deinem Geſchmack?“ „Der gnädige Herr ſind in jedem Stück vollkommen.“ „Nun, das denk ich auch. Um die Verwandlung recht täu⸗ ſchend zu machen, habe ich den abgetragenſten Anzug gewählt, der je in der Kleiderbude eines Juden gehangen.“ „Der gnädige Herr ſehen gerade ſo aus, wie ein heidniſcher Gott, der auf verliebte Abenteuer auszieht. Jupiter hat ſeine Blitze in die Scheide und Apollo ſeine Sonnenſtrahlen in die Taſche geſteckt.“ „Seht mir doch den Mythologen! Vor allen Dingen verbiete ich Dir, mich gnädiger Herr zu nennen.“ „Zu befehlen, gnädiger Herr.“ „Wenn die Erkundigungen, welche ich heute habe einziehen laſſen, wahr ſind, ſo muß das Haus auf der entgegengeſetzten Seite der Inſel liegen, in der entlegenſten und einſamſten Gegend derſelben. 69 Geh' indeß voraus und bekümmere Dich um mich weiter nicht, denn ich weiß meine Rolle zur Genüge auswendig.“ Der junge Prinz von Brancaleone, den der Leſer trotz der Dunkelheit erkannt haben wird, ſchritt ſo leiſe als möglich auf das Haus des Fiſchers zu, ging einige Male am Ufer hin und her und wartete, den anzugreifenden Platz oberflächlich unterſuchend, ruhig auf den Aufgang des Mondes, der die Scene beleuchten ſollte, welche er veranſtaltet hatte. Er durfte nicht lange warten, denn allmälig verſchwanden die Schatten, und bald war das kleine Haus Salomo's wie überſilbert vom Lichte der Nacht. Jetzt trat er mit ſchüchternem Schritt näher, blickte, wie bittend, nach dem Fenſter empor und ſeufzte ſo laut auf, als er irgend konnte. Das junge Mädchen wurde dadurch plötzlich aus ihren Träu⸗ mereien aufgeſchreckt und wollte eben die Fenſter zuwerfen. „Halt, reizende Niſida,“ rief der Prinz, wie ein Mann, welcher ſich von einer unwiderſtehlichen Leidenſchaft hinreißen läßt. „Was wünſchen Sie von mir, lieber Herr?“ rief das Mädchen, höchlichſt erſtaunt, ſich bei ihrem Namen nennen zu hören. „Ich will Dich anbeten, wie man die heilige Jungfrau an⸗ betet, und Dich empfänglich machen für meine Seufzer.“ Niſida ſah ihn ſtarr an und fragte nach kurzer Ueberlegung, wie von einem geheimen Gedanken getrieben: „Seid Ihr ein Landsmann oder ein Fremdling?“ Ohne zu zaudern antwortete der Prinz: „Mein Fuß hat dieſe Inſel betreten, als die Sonne gerade Abſchied nahm von der Erde, als ſie ihr den Scheidebrief ſchrieb, ihren Strahl wie eine Feder in den Schatten tauchend, wie in ein Tintenfaß.“ „Wer ſeid Ihr denn?“ fragte Niſida wieder, die von dieſer ſonderbaren Rede keine Sylbe verſtand. „Ach! ich bin nichts, als ein armer Student, aber ich kann noch ein größerer Dichter werden, als Taſſo, deſſen Verſe Du 70 öfters von einem jungen Fiſcher ſingen hörſt, wenn er ins Meer hinausfährt und ſeine rührenden Melodien wie ein letztes Lebe⸗ wohl zum Echo des Geſtades herübertönen läßt.“ „Ich weiß nicht, ob ich Unrecht thue, daß ich mit Euch ſpreche,“ ſagte ſie und erröthete dabei;„aber ich will wenigſtens offen ſein: Ich bin das reichſte Mädchen auf der ganzen Inſel.“ „Dein Vater wird ſich erbitten laſſen,“ erwiderte der vorgeb⸗ liche Dichter mit leidenſchaftlichem Ton;„ein Wort von Dir, Du Licht meiner Augen, Du Göttin meines Herzens, und ich will Tag und Nacht ſonder Ruhe und Raſt arbeiten, um mich würdig zu machen, das köſtlichſte Kleinod der Welt mein zu nennen, und aus einem armen unangeſehenen Mann kann leicht ein reicher und mächtiger Herr werden.“ „Ich höre ſchon zulange ein Geſpräch an, welches einem jungen Mädchen nicht zu hören geziemt; erlaubt, Signor, daß ich das Fenſter ſchließe.“ „Habe Mitleid mit mir, Du grauſame Schönheit; was habe ich Dir gethan, daß Du mich mit tödtlichem Schmerz in der Seele allein laſſen willſt? Du weißt nicht, daß ich ſeit mehreren Monaten Dich wie Dein Schatten verfolge, daß ich jede Nacht um dieſes Haus ſchweife und meine Seufzer erſticke, um Dich nicht zu ſtören in Deinem friedlichen Schlafe. Du fürchteſt vielleicht, Dich beim erſten Anblick erweichen zu laſſen von einem Unglücklichen, welcher Dich anbetet. Julia war doch auch ſchön und jung, aber ſie ließ ſich nicht ſo lange bitten, ehe ſie Romeo erhörte.“ Niſida ſah mit träumeriſchem Blick auf den ſchönen jungen Mann hinunter, der mit ſo weicher einſchmeichelnder Stimme zu ſprechen wußte, und zog ſich dann, ohne zu antworten, zurück. Der Prinz mußte ſich ſehr zuſammennehmen, um nicht in lautes Lachen auszubrechen, und kehrte, ſehr zufrieden mit ſeinem erſten Auftreten, an den Ort zurück, wo er ſeinen Bedienten zurückge⸗ laſſen. Trespolo hatte eine Flaſche Lacrimä⸗Chriſti geleert, die &——— N η̈⏑ο̈— —— ⏑—O — 71 er auf alle Fälle mitgenommen, dann ſich eine Weile umgeſehen, um ſich eine Stelle zu wählen, wo das Gras recht dicht und weich ſei. Hier hatte er ſich in der beliebten wagerechten Stellung niedergelegt und war ſanft entſchlafen, mit den erhabenen Worten auf den Lippen: „Ach, wenn Adam nicht geſündigt hätte, wäre die größeſte Tugend, wie damals im Paradieſe, noch heutigen Tages die Faul⸗ heit.“— Niſida konnte die ganze Nacht hindurch kein Auge ſchließen. Seine plötzliche Erſcheinung, ſein ſonderbarer Anzug, ſeine ſelt⸗ ſame Sprache hatten in der Tiefe ihres Herzens ein dunkles, ihr bisher unbekanntes Gefühl erweckt. Sie ſtand damals gerade in der Blüthezeit des Lebens, und es war an der Zeit, daß ſich auch bei ihr die geſchlechtliche Neigung offenbarte. Niſida gehörte nicht zu jenen ſchwächlichen, furchtſamen Naturen, welche entweder das Leiden halb geknickt, oder eine tyranniſche Erziehung gebeugt hat. Alles, was ſie bisher umgeben, hatte dazu beigetragen, ihr ein ruhiges heiteres Glück zu bereiten; ihre zarte unſchuldvolle Seele hatte ſich in einer Luft entfaltet, welche gleichſam geſchwängert war von dem ſüßen Duft des Friedens. Nicht ihre Kälte war daran ſchuld, daß ſie bisher noch nicht geliebt, ſondern die große Schüchternheit der Inſelbewohner, denn die blinde Ehrfurcht, welche man für den alten Fiſcher hegte, hatte auch ſeine Tochter mit einer Schranke der Hochachtung und Unterwürſigkeit umgeben, welche Niemand zu überſchreiten wagte. Durch Fleiß und Sparſamkeit hatte ſich Salomo einen gewiſſen Reichthum verſchafft, und dieſer war ein Grund mehr, die meiſtens armen Fiſcher zurückzuſchrecken. Es hatte ſich bisher noch Niemand um Niſida beworben, weil Niemand ſie zu verdienen glaubte. Der einzige Anbeter, welcher es gewagt hätte, ihr ſeine Leidenſchaft ſichtbar werden zu laſſen, war Baſtiano, der beſte und liebſte Freund Gabriel's, aber Ba⸗ ſtiano gefiel ihr nicht. So hatte ſie ſich im Vertrauen auf ihre Schönheit und durch jene geheimnißvolle Hoffnung, welche die Jugend niemals verläßt, aufrecht erhalten, an den Gedanken ge⸗ wöhnt, noch zu warten, wie etwa die Tochter eines Königs, deren Bräutigam aus einem entfernten Lande ankommen ſoll. Am Tage der Empfängniß Mariä hatte ſie zum erſten Male in ihrem Leben die Inſel verlaſſen, da ſie das Loos getroffen, die Proceſſion mitzumachen. Allein in Verlegenheit geſetzt durch eine für ſie ſo neue Rolle, erröthend und verwirrt durch die Aufmerk⸗ ſamkeit aller Zuſchauer, hatte ſie kaum gewagt, die Augen auf⸗ zuſchlagen, und die Eindruͤcke der Stadt waren an ihr wie ein Traum vorübergegangen, welcher kaum eine ſchwache Erinnerung hinterläßt. Als ſie den jungen ſchönen Mann erblickte, deſſen Haltung ſo edel, deſſen Weſen ſo frei erſchien und grell gegen die linkiſche Schüchternheit ihrer andern Anbeter abſtach, fühlte ſie ſich von einer unerklärlichen Regung ergriffen, und ohne Zweifel hätte ſie geglaubt, der ihr vom Schickſal beſtimmte Mann ſei erſchienen, wenn nicht die ärmliche Tracht deſſelben ſie etwas unangenehm überraſcht. Dennoch aber hörte ſie ihm länger zu, als gut ge⸗ weſen wäre, und als ſie ſich aus dem Fenſter zurückzog, war ihre Bruſt wie beklemmt, ihre Wangen glühten und ihr Herz ſchlug heftiger, als jemals. Das arme Mädchen wäre auf der Stelle vor Schreck geſtorben, hätte ſie die Wahrheit ahnen konnen. „Wenn es meinem Vater nicht recht iſt, daß ich ihn heirathe,“ dachte ſie, zum erſten Male in ihrem Leben von einem Gewiſſens⸗ biß beunruhigt,„ſo würde es unrecht von mir geweſen ſein, mit ihm zu ſprechen. Aber er iſt doch ſo ſchön.“ Darauf knieete ſie nieder vor dem Bilde der heiligen Jungfrau, die ihre einzige Vertraute war, da ſie ihre Mutter niemals ge⸗ kannt, und verſuchte es, ihr die Bewegung ihrer Seele auszu⸗ ſchütten; doch konnte ſie diesmal mit ihrem Gebete gar nicht recht fertig werden. Die Gedanken verwirrten ſich in ihrem Haupte 73 und ſie überraſchte ſich ſelbſt bei ſonderbaren Worten, die ſie gar nicht hatte ausſprechen wollen; doch faßte ſie den heilſamen Ent⸗ ſchluß, Alles ihrem Vater anzuvertrauen. „Wie konnte ich,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt mit vorwurfsvollem Ton,„auch nur einen Augenblick an der Zärtlichkeit meines Vaters zweifeln? Gut, wenn er mir verbietet, mit ihm zu ſprechen, ſo würde das auch heilſam für mich ſein; übrigens fällt mir ein, daß ich ihn jetzt ja zum erſten Male geſehen habe, und daß es doch eigentlich ſehr verwegen von ihm war, mich anzureden. Faſt hätte ich Luſt, mich über ihn luſtig zu machen. Mit welcher Sicherheit er ſeine Poſſen ſprach und wie lächerlich er mit den Augen ſpielte! Aber ſie waren doch ſo ſchön, dieſe Augen, und ſein Mund, und ſeine Stirn, und ſeine Locken; er glaubt gewiß nicht, daß ich ſeine ſchönen weißen Hände bemerkt habe, als er ſie wie ein Narr zum Himmel erhob, und wie unvernünftig am Ufer hin und her lief. Potztauſend, läßt er mich doch gar nicht einſchlafen! Warum mir nur die Geſtalt des jungen Menſchen noch immer ſo vor der Seele ſteht? Ich will ihn nicht mehr ſehen!“ rief ſie und zog ſich mit kindiſchem Zorn das Deckbett über ihr ſchönes Geſicht. Dann fing ſie an, im Stillen zu lachen über den ſchlechten Anzug ihres Lieb⸗ habers und dachte darüber nach, was wohl ihre Freundinnen zu ihm ſagen würden. Plötzlich krauſte ſie ernſthaft die Stirn, denn ein ſchmerzlicher Gedanke war in ihrer Seele aufgetaucht, bei dem ſie einen Augenblick am ganzen Leibe zitterte.„Ei, wie wär' es, wenn ihm eine Andere beſſer geftele, als ich? Die Mannsleute haben ſo ſchlechten Geſchmack..! Wie warm es iſt! ich glaube, ich kann dieſe ganze Nacht nicht ſchlafen.“ Sie richtete ſich wieder in ihrem Bette auf und fuhr bis zum Morgen fort, Selbſtgeſpräche zu halten, welche wir jedoch dem Leſer erſparen wollen. Kaum drang der erſte Strahl des Tages durch die Jasminzweige vor ihrem Fenſter und malte lichte goldene Flecken auf die gegenüberſtehende Wand, als ſie ſchnell aufſprang, 74 ſich eiligſt ankleidete und herunterlief, um ihrem Vater den Mor⸗ gengruß zu bringen. Der Greis bemerkte augenblicklich an ihrem etwas ermatteten Ausſehen, daß ſie nicht gut geſchlafen, ſtrich ihr mit dem Ausdruck ſorglicher Zärtlichkeit die ſchwarzen Haare aus dem Geſicht und ſprach: „Was iſt Dir, mein Kind? Haſt Du ſchlecht geſchlafen?“ „Ich habe gar nicht geſchlafen,“ erwiderte Niſida lächelnd,„und befinde mich ganz wohl; aber ich habe Dir ein Geſtändniß abzulegen.“ „Nur ſchnell damit heraus, denn ich bin ſchon ſehr ungeduldig⸗“ „Ich habe vielleicht einen Fehler begangen, aber Du mußt mir im Voraus verſprechen, mich nicht auszuſchelten.“ „O, Du weißt nur zu gut, daß ich Dir verzeihe,“ ſagte der Greis und liebkoſete ſie,„ich werde doch heute nicht anfangen, den Strengen zu ſpielen?“ „Ein junger Mann, der nicht auf dieſer Inſel wohnt, und deſſen Namen ich nicht weiß, hat mich geſtern Abend angeredet, als ich im Fenſter lag und auf das Meer hinausſah.“ .„Was hatte er Dir denn ſo Nothwendiges zu ſagen, meine liebe Niſida?“ „Er hat mich gebeten, zu ſeinen Gunſten mit Dir zu ſprechen.“ „Nun, und was kann ich für ihn thun?“ „Mir befehlen, daß ich ihn heirathe.“ „Und Du würdeſt mir wohl gern gehorchen?“ „Ich glaube, ja,“ ſagte das junge Mädchen mit reizender Un⸗ ſchuld.„Uebrigens ſollſt Du ſelbſt ſehen, was am beſten iſt; ich wollte nur mit Dir davon ſprechen, bevor ich ihn kennen lernte, um nicht eine Unterhaltung zu verlängern, welche Dir hätte miß⸗ fallen können. Aber ein Hinderniß ſcheint vorhanden zu ſein. 7 „Du weißt, daß es für mich kein Hinderniß giebt, wenn es darauf ankommt, meine Tochter glücklich zu machen.“ „Er iſt arm, lieber Vater.“ „Nun wohl, das iſt ein Grund mehr für mich, ihn zu lieben. — — 73 Arbeit findet hier ein Jeder, und an meinem Tiſch hat wohl noch ein zweiter Sohn Platz. Er iſt jung, hat zwei Arme und wird ſchon etwas leiſten können. Gewiß verſteht er doch irgend ein Gewerbe?“ „Er iſt ein Dichter.“ „Schadet auch nichts; ſage ihm nur, er ſoll kommen, um mit mir zu ſprechen, und wenn er ein tüchtiger Burſche iſt, ſo verſpreche ich Dir, liebes Kind, alles Mögliche zu thun, um Dich recht bald glücklich zu machen.“ Niſida umarmte ihren Vater mit Entzücken, war den ganzen Tag außer ſich vor Freude und konnte gar nicht den Abend erwar⸗ ten, um dem jungen Manne die herrliche Nachricht zu geben. Man kann ſich denken, daß ſich Eligy von Brancaleone von der Groß⸗ muth des Fiſchers wenig geſchmeichelt fühlte; doch als ein vollen⸗ deter Verführer ſtellte er ſich ganz entzückt, um ſeine angefangene Rolle nicht aufzugeben, ſank auf die Kniee und declamirte eine lange pathetiſche Rede in Verſen, die an den Stern der Liebe, die Venus, gerichtet war. Dann wandte er ſich an das Mädchen und ſagte, er wolle ſogleich an ſeinen Vater ſchreiben, damit der⸗ ſelbe herkomme und in aller Form für ihn um Niſida's Hand an⸗ halte. Zugleich bat er um die Erlaubniß, ſich bis zu dieſem Tage weder dem Vater Salomo, noch ſonſt Jemand auf der Inſel zu zeigen, und ſchützte als Grund dieſer Schüchternheit vor, er ſchäme ſich ſeiner abgetragenen Kleider und wolle warten, bis ihm ſein Vater einen vollſtändigen nagelneuen Bräutigamsanzug mitbringe. Während die Unglückliche mit erſchreckender Sorgloſigkeit an dem Rande des Abgrundes einherging, hatte ſich Trespolo, den Befehlen ſeines Gebieters gemäß, als ein aus Jeruſalem zurück⸗ gekehrter Pilger niedergelaſſen. Er ſpielte dieſe Rolle vortrefflich, brachte fortwährend Bibelſtellen an, die er als ehemaliger Küſter gelernt, vertheilte Amulette, Splitter von wahrem Kreuz Chriſti und Milch aus der Bruſt der heiligen Jungfrau; mit dieſen nie⸗ 76 mals bei ihm ausgehenden Schätzen ſtillte er den frommen Heiß⸗ hunger der guten Leutchen auf der Inſel. Seine Reliquien galten um ſo mehr für echt, da er ſie nicht verkaufte, ſondern verſchenkte, ſeine Armuth wie ein Heiliger ertrug und den Gläubigen dankend die angebotenen Almoſen zurückgab. Aus Achtung jedoch vor der erprobten Tugend Salomo's hatte er eingewilligt, vom Brote des Fiſchers zu eſſen, und beſuchte ihn regelmäßig beim Abendbrot. Seine Enthaltſamkeit ſetzte Jedermann in Verwunderung; eine Brotkruſte in Waſſer getaucht, einige Nüſſe oder Feigen genügten, dem heiligen Mann ſein Leben zu friſten, das heißt eigentlich, ihn vor dem Hungertode zu ſchützen. Niſida freute ſich ſehr über ſeine Neiſebeſchreibung und hörte ihm mit beſonders großer Aufmerk⸗ ſamkeit zu, wenn er ihr Prophezeiungen über ihr künftiges Leben gab. Leider kam er immer nur Abends in das Haus des Fiſchers, denn den übrigen Theil des Tages verbrachte er mit Bußübungen und Gebeten; eigentlich jedoch tröſtete er ſich während dieſer Zeit auf eine andere Art, indem er ſich ſchadlos hielt für die zur Schau getragene Mäßigkeit, ſich betrank wie ein Türke und ſchnarchte wie ein Bär. Am Morgen des ſiebenten Tages, ſeitdem der Prinz der Tochter des Fiſchers jenes Verſprechen gegeben, trat er in das Zimmer ſeines Bedienten, rüttelte ihn heftig zuſammen und ſchrie ihm in die Ohren: „Willſt Du wohl heraus, verfluchtes Murmelthier!“ Trespolv rieb ſich erſchrocken die Augen. Die in ihren Särgen friedlich ruhenden Toden werden ſich am jüngſten Tage nicht ſo ärgern, als Trespolo, wenn die Poſaune des Erzengels ſie aus ihrem Schlafe erweckt. Mit ſchläferigem, aber doch furchtſamem Geſicht richtete er ſich auf und rief erſchrocken: „Was giebt's denn, Ew. Excellenz?“ „Ich laſſe Dir bei lebendigem Leibe das Fell üiber die Ohren ziehen, wenn Du die ſchändliche Gewohnheit nicht ablegſt, zwan⸗ zig Stunden jeden Tag zu ſchlafen.“ V „Ich ſchlief nicht, Excellenz,“ rief der Bediente mit großer Frechheit.„Ich dachte nur nach...“ „Höre zu,“ ſagte der Prinz mit ernſtem Tone;„Du biſt ja wohl eine zeitlang Apothekergehülfe geweſen?“ „Ja, gnädiger Herr, aber ich habe dieſen Stand aufgegeben, weil mein Principal ſo grauſam war, mich die Arzeneien in Mör⸗ ſern zerſtoßen zu laſſen, wobei mir die Arme immer ſchauderhaft müde wurden.“ „Hier habe ich eine Flaſche mit Opium...“ „Barmherzigkeit!“ rief Trespolo und ſank auf die Kniee. „Steh' auf, Dummkopf, und höre aufmerkſam, was ich Dir zu ſagen habe. Niſida, die kleine Närrin, verlangt durchaus, daß ich mit ihrem Vater rede; ich habe ihr eingebildet, daß ich noch heute abreiſe, um meine Papiere zu holen. Jetzt iſt keine Zeit mehr zu verlieren. Du biſt ja ſehr bekannt beim Fiſcher, gieße dieſe Flüſſigkeit in den Wein der Leute; wenn Du aber mehr hin⸗ einthuſt, als nöthig iſt, um einen tiefen Schlaf zu erzeugen, ſo wirſt Du gehängt. Dann wirſt Du mir für dieſe Nacht eine gute Leiter beſorgen, und in meiner Barke, in der Du Numa und Bonarour findeſt, auf mich warten. Zum Entkommen brauche ich Dich nicht, denn ich habe meinen Dolch aus Kampo⸗Baſſo bei mir.“ „Aber, gnädiger Herr,“ ſtammelte Trespolo, wie vom Donner gerührt. „Keine Weitläufigkeiten gemacht,“ rief der Prinz und ſtampfte ungeduldig mit dem Fuß,„oder, bei dem Tode meines Vaters, ich will Dir Deine Bedenklichkeiten austreiben.“ Darauf wandte er ſich ſchnell um und ging davon, feſt über⸗ zeugt, daß Trespolo ſich hüten würde, einen ſeiner Befehle zu vernachläſſigen. Der unglückliche Trespolo erfüllte die Anmuthungen ſeines Herrn, denn die Furcht überwand bei ihm alles Andere. An die⸗ ſem Abend ging es in dem Hauſe des Fiſchers zum Verzweifeln traurig zu, und der falſche Pilger ſuchte vergeblich das Geſpräch durch eine erzwungene Luſtigkeit anzuregen. Niſida's Gedanken waren beſchäftigt mit der Abreiſe ihres Geliebten, und Salomo, welcher die Betrübniß ſeiner Tochter unbewußt theilte, hatte kaum einige Tropfen Wein genoſſen, und auch dieſe nur, um den wie⸗ derholten Bitten ſeines Gaſtes nachzugeben. Gabriel war ſchon am Morgen in Baſtiano's Geſellſchaft nach Sorrento abgereiſt, von wo er erſt nach einigen Tagen zurückkehren ſollte, und dieſe Abweſenheit vermehrte noch die Schwermuth des Greiſes. Als Trespolo gegangen war, fühlte ſich der Fiſcher ſo ermüdet, daß er ſich ſogleich ſchlafen legte. Niſida ließ ihre Arme ermattet herab⸗ hängen, und ihr Haupt konnte ſie kaum aufrecht erhalten; ihr Herz war voll banger Ahnungen und kaum fühlte ſie noch Kraft genug bis in ihr Zimmer hinaufzugehen. Nachdem ſie noch maſchinen⸗ mäßig ihre Lampe mit Oel verſehen, ſank ſie bleich und ſtarr wie eine Leiche über ihr Bett. Eben brach ein heftiger Sturm aus, einer dieſer gewaltigen Stürme, welche man nur in den ſüdlichen Gegenden erlebt, wo das angehäufte Gewölk plötzlich von einan⸗ der platzt, Ströme von Regen und Hagel heruntergießt und faſt eine neue Sündfluth befürchten läßt. Das Rollen des Donners kam immer näher und brach ſich mit tauſendfältigem Echo an den Bergen, welche den Meerbuſen von Neapel umſchließen. Der ſonſt ſo ruhige, glatte Golf, in dem man das Bild der Inſel wie in einem Spiegel ſah, wurde plötzlich dunkel. Die Wogen wälzten ſich wüthend empor und drängten ſich ſchäumend gegen das Geſtade der Inſel, das von ihren gewaltigen Stößen erbebte. Die muthigſten Fiſcher hatten ihre Nachen aufs Land gezogen und ſuchten, in ihre Hütten eingeſchloſſen, Frauen und Kinder zu beruhigen.. Mitten in der Finſterniß des Meeres erglänzte, wie ein Stern, die Lampe Niſida's vor dem Muttergottesbilde. Zwei Boote, ohne Steuer, ohne Segel, tanzten, von den Flu⸗ —— 79 then hin⸗ und hergeſchleudert und von den ſchäumenden Wellen gepeitſcht, wie Nußſchalen über dem Abgrund. Zwei Männer ſtan⸗ den darin mit nackten Armen und nackter Bruſt, die Haare im Winde flatternd. Sie hielten ſich bei der Hand, um die beiden Boote zuſammenzuhalten und trotzten dem Sturm mit ſtolzem zu⸗ verſichtlichen Blick. „Ich bitte Dich noch einmal,“ rief der Eine,„laß mich los, Du ſollſt ſehen, Gabriel, daß ich mit meinen beiden zerbrochenen Rudern doch noch vor Tagesanbruch La Torre erreiche!“ „Du biſt wunderlich, Baſtiano, ſeit heute Morgen iſt es uns unmöglich geweſen, nur bis Vico zu kommen, obgleich wir immer am Ufer hinfuhren, und Du willſt nach La Torre. Gegen dieſen gewaltigen Orkan richteſt Du mit all' Deiner Kraft und Geſchick lichkeit nichts aus.“ „Das iſt das erſte Mal, daß Du Dich weigerſt, mich zu be⸗ gleiten.“ „Nun ja, lieber Baſtiano, ich weiß nicht, wie es kommt, aber es zieht mich heute mit unwiderſtehlicher Macht zur Inſel zurück. Der Himmel hat die Winde entfeſſelt, um mich wider Willen zurückzufüh⸗ ren, und ich will es Dir nur geſtehen, wenn Du mich auch für när⸗ riſch hältſt; ich ſehe in dieſem ganz gewöhnlichen und natürlichen Sturm einen höhern Fingerzeig, der mich nach Hauſe zurückruft. Siehſt Du dort die Lampe ſchimmern?“ „O, ich kenne ſie,“ ſagte Baſtiano ſeufzend. „Sie wurde vor dem Bilde der heiligen Jungfrau an demſel⸗ ben Tage angezündet, als meine Schweſter zur Welt kam, und be⸗ reits achtzehn Jahre hindurch brennt ſie Tag und Nacht. Meine Mutter hat es ſo gewünſcht, als ſie ſtarb. Du glaubſt gar nicht, lieber Baſtiano, wie viel traurige Gedanken dieſer letzte Wille mei⸗ ner Mutter, an den mich die Lampe ſo oft erinnert, in meiner Seele erweckt. Meine arme Mutter ließ mich an ihr Sterbebett treten und erzählte mir eine ſchreckliche Geſchichte, ein grauſiges 80 Geheimniß, das wie ein Bleigewicht auf meiner Seele laſtet, und das ich bisher noch keinem Freunde habe anvertrauen mögen, ſo ſehr mich das erleichtert hätte. Als ſie ihre Erzählung beendigt, wollte ſie meine eben geborne Schweſter ſehen und umarmen; dann zündete ſie ſelbſt mit zitternder und bereits kalter Hand die Lampe an.„„Vergiß nie,““ dies waren ihre letzten Worte,„„vergiß nie, Gabriel, daß Deine Schweſter der Madonna geweiht iſt; ſo lange dies Licht vor dem heiligen Bilde der Jungfrau glänzt, iſt Deine Schweſter in keiner Gefahr.““ Jetzt wirſt Du begreifen, warum, wenn wir Beide bei Nacht durch den Golf rudern, ich niemals die Augen von dieſer Lampe abwende. Ich habe einen unerſchütter⸗ lichen Glauben daran, daß die Seele meiner Schweſter in demſel⸗ ben Augenblick zum Himmel emporfliegt, in welchem jenes Licht⸗ cchen erliſcht.“ „Nun wohl!“ rief Baſtiano plötzlich und verrieth durch den ſeltſamen Ton ſeiner Stimme die Bewegung ſeines Herzens;„wenn Du lieber nach Hauſe zurückwillſt, ſo gehe ich allein nach La Torre.“ „Lebe wohl,“ ſagte Gabriel und ließ die Hand ſeines Freun⸗ des los, ohne jedoch die Augen von dem Fenſter abzuwenden, nach welchem es ihn heute beſonders mächtig hinzog, er wußte ſelbſt nicht warum. Baſtiano verſchwand und Niſida's Bruder näherte ſich, vom Gange der Wellen unterſtützt, immermehr dem Ufer. Plötzlich ſchrie er laut auf, daß es ſelbſt das Toben des Sturmes übertönte. Der Stern war erloſchen; man hatte die Lampe ausgeblaſen. „Meine Schweſter iſt todt!“ ſchrie Gabriel, ſtürzte ſich ins Meer und theilte mit gewaltiger Kraft und Schnelligkeit die ſchäu⸗ menden Wogen. Der Sturm war noch heftiger geworden; lange Blitze durchzuck⸗ ten die finſteren Wolken und erleuchteten auf Augenblicke alle Ge⸗ genſtände mit ihrem falben Lichte. Der Fiſcher bemerkte eine Leiter 81 an dem Hauſe ſeines Vaters und war mit drei Sätzen oben im Zimmer. Als der Prinz in dies kleine, keuſche Heiligthum eintrat fühlte er ſich ſonderbar bewegt. Das ruhige, ſanfte Antlitz der heiligen Jungfrau, welche das ſchlafende Mädchen zu bewachen ſchien, die⸗ ſer Duft der Unſchuld, welcher rings um das jungfräuliche Lager verbreitet war; dieſe Lampe endlich, die wie ein guter Geiſt die Schlummernde beſchützte, Alles dies bewegte den Verführer auf eine ihm bisher gänzlich unbekannte Art. Er ärgerte ſich über ſeine„lächerliche Schüchternheit“, wie er es nannte, löſchte das Licht aus und trat eben an das Bett heran. Plötzlich ſtürzte Gabriel über ihn her, wie ein grimmiger Tiger. Brancaleone zog ſchnell und kühn einen langen Dolch mit dün⸗ ner gerinnter Klinge verſehen, nachdem er ſich mit einer ſeltenen Geſchicklichkeit aus den Händen des Fiſchers losgewunden; aber Gabriel lachte verächtlich, riß ihm die Waffe aus der Hand, brach ſie auf ſeinem Knie entzwei, warf ihn dann drei Schritte von ſich zu Boden und beugte ſich über ſeine arme Schweſter hin, um ſie beim flüchtigen Lichte des nächſten Blitzes anzuſehen. „Todt!“ ſchrie er verzweifelt die Hände ringend,„todt, todt!“ Er konnte kein anderes Wort hervorbringen, ſo ſehr übermannte ihn ſeine Wuth und ſein Schmerz. Seine Haare, die das Un⸗ wetter ihm auf die Backen hatte fallen laſſen, richteten ſich auf wie Borſten, eine eiſige Kälte rieſelte durch das Mark ſeiner Knochen, und er fühlte gleichſam, wie ſeine Seele nach innen ins Herz hineinweinte. Der Prinz jedoch, den ſeine bewundernswürdige Kaltblütigkeit auch nicht einen Augenblick verließ, hatte ſich indeß blutend vom Boden erhoben. Bleich und zitternd vor Wuth taſtete er umher nach einer Waffe, um ſich zu rächen. Gabriel ſprang wieder auf ihn zu, packte ihn wie mit eiſerner Fauſt beim Nacken und ſchleppte ihn in das Schlafzimmer des Greiſes. 7. 6 8²2 „Vater, Vater!“ rief er mit herzzereißender Stimme,„hier iſt der Böſewicht, welcher Niſida ermordet hat!“ Der Greis hatte nur wenige Tropfen von dem Schlaftrunk ge⸗ noſſen und wachte ſogleich auf bei dieſem Schrei, der tief in ſei⸗ ner Seele widerhallte, ſprang empor, warf die Decken ab und eilte mit jener Schnelligkeit, welche beſonders den Müttern im Augenblick der Gefahr eigenthümlich iſt, in das Zimmer ſeiner Toch⸗ ter hinauf, machte Licht an, kniete neben ihrem Bette nieder und unterſuchte mit fürchterlicher Angſt, ob der Puls ſeines theuren Kindes noch ſchlage und ihre Bruſt ſich athmend hebe. Alles dies trug ſich ſchneller zu, als wir es erzählen können. Brancaleone hatte ſich aus den Händen des Fiſchers noch einmal losgemacht, nahm plötzlich ſeinen ganzen fürſtlichen Stolz an und ſprach mit großer Sicherheit: „Du wirſt mich nicht tödten, ohne mich zuvor zu hören.“ Gabriel wollte ihn mit blutigen Schmähungen überhäufen; allein er konnte kein Wort hervorbringen und brach in Thränen aus. „Deine Schweſter iſt nicht todt,“ ſagte der Prinz mit kalter Würde;„ſie iſt nur eingeſchlafen. Du kannſt Dich ſelbſt davon überzeugen. Ich verpflichte mich auf mein Ehrenwort, hier zu bleiben, bis Du zurückkommſt.“ Dieſe Worte ſprach er mit einem Tone der Wahrheit, der den Fiſcher überraſchte. Er ſah einen unerwarteten Hoffnungsſchimmer und bekam die Sprache wieder. Den Fremden mit einem Blick voll Haß und Mißtrauen meſſend, murmelte er mit dumpfer Stimme: „Bilde Du Dir nur nicht ein, mir entwiſchen zu können.“ Dann ging er in das Zimmer ſeiner Schweſter hinauf, trat an den Greis heran und fragte zitternd: „Nun, wie ſteht's, mein Vater?“ Salomo ſtieß ihn ſanft mit der Hand zurück, winkte ihm zu, er möge ſchweigen, und ſprach dann mit leiſer Stimme: „Sie iſt weder todt, noch vergiftet. Man hat ihr wahrſchein⸗ 83 lich in ſchändlicher Abſicht einen Schlaftrunk eingegeben. Sie athmet ganz regelmäßig und wird ſchon aus dieſem Zuſtande wieder erwachen.“ In Betreff des Lebens ſeiner Schweſter beruhigt, ging Gabriel wieder in das Erdgeſchoß des Hauſes hinab, wo er den Verführer zurückgelaſſen hatte. Er ſah finſter und ernſt aus; diesmal wollte er nicht über den Mörder herfallen, ſondern nur Aufklärung haben über ein ſchändliches, verrätheriſches Geheimniß und dann Rache nehmen für die verletzte Ehre ſeines Hauſes. Der Regen hatte aufgehört und zwiſchen den Wolken brach der Mond hervor, ſo daß das Zimmer halb erleuchtet war. Der Fiſcher zog ſeine durchnäßten Kleider zurecht, ſtrich ſich die Haare aus dem Geſicht, trat an den Fremden heran, der ihn ruhig erwartete, maß ihn mit einem ſtolzen Blick und ſagte: „Jetzt ſollt Ihr mir erklären, wie Ihr in dies Haus gekom⸗ men ſeid.“ „Ich geſtehe,“ ſagte der Prinz mit großer Ruhe und Unver⸗ ſchämtheit,„daß der Schein gegen mich ſpricht, es iſt das gewöhn⸗ liche Schickſal der Liebhaber, für Diebe gehalten zu werden. Allein, obgleich ich nicht das Glück habe, Euch bekannt zu ſein, bin ich doch der Bräutigam der ſchönen Niſida, und zwar, wohlverſtanden, mit Einwilligung Eures Vaters. Leider ſind meine Aeltern ſo grau⸗ ſam geweſen, mir ihre Einwilligung zu verweigern, und ſo habe ich mich von der Liebe zu einem Fehler verleiten laſſen, gegen den ein junger Mann, wie Ihr, nachſichtig ſein muß. Es war weiter nichts, als ein einfacher Entführungsverſuch mit den beſten Ab⸗ ſichten von der Welt; das kann ich beſchwören und bin bereit, Alles wieder gut zu machen, wenn es Euch recht iſt, mir als Bruder zur Verſöhnung die Hand zu reichen.“ „Ein ſchändlicher Verräther biſt Du!“ ſagte Gabriel, deſſen Geſicht vor Unwillen zu glühen begann, als er mit ſo unverſchäm⸗ ter Leichtfertigkeit von ſeiner Schweſter ſprechen hörte.„Wir 6* 84 Fiſcher,“ ſagte er,„rächen uns auf eine andere Art, als Ihr Städter es thun mögt. Haſt Du Dir eingebildet, Unglück und Schmach in unſer Haus bringen und Meuchelmörder bezahlen zu können, die ſich an den Tiſch eines Greiſes ſchleichen, um ſeine Tochter zu vergiften; haſt Du Dir eingebildet, wie ein Räuber bei Nacht in das Zimmer meiner Schweſter ſchleichen zu dürfen und dann damit abzukommen, daß Du das ſchönſte Weib des Königreichs heiratheſt?“ Der Prinz machte eine ungeduldige Bewegung. „Ruhig,“ fuhr Gabriel fort,„ich könnte Dich zermalmen wie Deinen Dolch, aber ich habe Mitleid mit Dir. Ich bemerke eben, daß Du mit Deinen zarten Händchen nichts anzufangen weißt, weder um Dich zu vertheidigen, noch um zu arbeiten. Ich fange an, Alles zu merken. Du haſt Dich nur gerühmt, Herrchen, ein Fiſcher zu ſein, Du haſt die Armuth geſtohlen, Du haſt Dich mit dieſen alten Kleidern ausgeputzt; aber Du biſt ihrer nicht werth.“ Er blickte mit tiefſter Verachtung auf den Prinzen, trat dann an einen Wandſchrank und zog eine Art und eine Flinte heraus. „Das ſind alle Waffen,“ ſagte er,„die wir im Hauſe haben, wähle.“ Ein Blitz der Freude zuckte über die Stirn des Prinzen, der bis jetzt ſeine Wuth hatte verbergen müſſen; begierig griff er nach der Flinte, trat drei Schritte zurück und ſprach, indem er eine ſtolze Haltung annahm: „Du hätteſt mir die Waffe gleich Anfangs geben ſollen, denn dann durfte ich nicht erſt Deine dummen Redensarten anhoren. Dank, junger Mann! Einer meiner Bedienten wird Dir die Flinte wieder zuſtellen; hier, für Deine Mühe.“ Er warf ihm ſeine Börſe zu, die ſchwer und klirrend vor den Füßen des Fiſchers zur Erde fiel. .„Ich habe Euch die Flinte gegeben, damit Ihr Euch mit mir ſchlagt!“ rief Gabriel, der ganz erſtaunt daſtand.. 8⁵ „Du biſt ein Narr, Jungchen!“ ſagte der Prinz und wollte gehen. „Alſo Ihr wollt Euch nicht mit mir ſchlagen?“ ſagte Gabriel mit entſchloſſenem Ton. „Ich habe Dir ja ſchon geſagt, daß ich mich mit Dir nicht ſchlagen kann.“ „Und warum nicht?“ „Weil Gott es ſo gewollt hat, weil Du geboren biſt, um im Staube zu kriechen, und ich, um Dich mit Füßen zu treten; weil alles Blut, das ich auf dieſer ganzen Inſel vergießen könnte, noch nicht einen Tropfen von dem meinigen aufwöge; weil das Leben von tauſend elenden Kerlen, wie Du, nicht ſo viel werth iſt, als eine Stunde des meinigen; weil Du, wenn ich Dir meinen Namen nenne, vor mir niederknieen würdeſt; weil Du weiter nichts biſt, als ein armſeliger Fiſcher und ich der Prinz von Brancaleone.“ Bei dieſem Namen, den der junge Herr ihm ins Geſicht warf, um ihn gleichſam wie mit einem Blitzſtrahl zu treffen, fuhr der Fiſcher auf wie ein verwundeter Löwe. Er athmete hoch auf, als wenn er eine ſchwere Laſt vom Buſen abgewälzt, die lange Zeit auf ihm gelegen. „Biſt Du endlich in meinen Händen, gnädiger Herr? Eine blutige Schuld iſt zwiſchen dem armen Fiſcher und dem mächtigen Prinzen vorhanden, und Du ſollſt für Dich und Deinen Vater bezahlen. Wir wollen unſere Rechnung in Richtigkeit bringen!“ rief er und ſchwang die Art um das Haupt des Prinzen, der auf ihn anlegte.„O, Du biſt etwas zu eilig geweſen in der Wahl, denn die Flinte iſt nicht geladen.“ Der Prinz erbleichte. „Ein ſchreckliches Geheimniß,“ fuhr Gabriel fort,„waltet zwiſchen unſern beiden Familien, ein Geheimniß, das meine Mutter mir anvertraute, als ſie ſchon mit einem Fuß im Grabe ſtand, und das ſelbſt mein Vater nicht weiß. Bisher hat es Niemand 86 in der Welt erfahren; Du kannſt es wiſſen, denn Du ſollſt bald ſterben.. 1 Er ſchleppte ihn mit ſich in den Hof. „Weißt Du, warum meine Schweſter, welche Du entehren wollteſt, der heiligen Jungfrau geweiht iſt? Weil Dein Dir ähn⸗ licher Vater meine Mutter entehren wollte, denn in Deinem ver⸗ fluchten Hauſe iſt die Nichtswürdigkeit erblich. Du weißt es nicht, welche langſame und ſchreckliche Qualen meine arme Mutter er⸗ duldet hat, Qualen, die ihr das Herz brachen und ſie ſchon frühe in die Grube brachten, Qualen, welche ihre Engelſeele nur dem Sohne anvertraute, als ihre letzte Stunde erſchien, und auch da nur in der Abſicht, mir die Bewachung der Schweſter anzuver⸗ trauen.“ Bei dieſen Worten wiſchte ſich der Fiſcher eine heiße Thräne aus den Augen. „Eines Tages,“ fuhr er fort,„als wir noch nicht geboren waren, landete in einer prächtigen Barke eine vornehme ausgeputzte Frau und wünſchte meine Mutter zu ſehen, die damals eben ſo jung und ſchön war, als heute meine Niſida. Sie konnte ſie nicht genug bewundern und tadelte das blinde Geſchick, daß es dieſen ſchönen Diamant auf einer unbekannten Inſel verborgen habe. Sie überhäufte meine Mutter mit Lobſprüchen, Schmeicheleien und Geſchenken und bat endlich ihre Aeltern um die Erlaubniß, ſie als ihre Geſellſchafterin mit ſich zu nehmen. Die armen Leute waren ſchwach genug, nachzugeben, da ſie glaubten, eine ſo vornehme Dame müſſe ihr Kind glücklich machen. Jene Frau war Deine Mutter, und weißt Du, warum ſie das unſchuldige Mädchen holen kam? Weil Deine Mutter einen Geliebten hatte und ſich durch dieſes ſchändliche Mittel die Nachſicht des Prinzen ſichern wollte.“ „Schweig, Elender!“ „O, Du mußt mich bis zu Ende hören, Ercellenz. In den erſten Tagen nahm man ſich meiner armen Mutter mit der zärt⸗ 87 lichſten Sorgfalt an, die Prinzeſſin konnte ſich keinen Augenblick von ihr trennen; ſie nannte ſie mit den liebſten Namen, ſchenkte ihr die ſchönſten Kleider, die koſtbarſten Schmuckſachen, und die Bedienten mußten ſie ganz wie eine Tochter ihrer Herrſchaft be⸗ handeln. Als daher ihre Verwandten ſie beſuchten, um zu ſehen, wie es ihr gehe, ſchien ſie ihnen ſo glücklich zu ſein, daß ſie die Prinzeſſin wie einen vom Himmel herabgekommenen Engel ſegneten. Der Prinz faßte für meine Mutter eine beſondere Neigung und mit jedem Tage wurde ſein Betragen zutraulicher, ſeine Liebkoſungen offener. Zuletzt verreiſte die Prinzeſſin auf einige Tage und that, als bedauere ſie es, ihr liebes Kind, wie ſie meine Mutter nannte, nicht mitnehmen zu können. Jetzt kannte die Zudringlichkeit des Prinzen keine Grenzen mehr, er trat offen mit ſeinen ſchändlichen Abſichten vor und bot dem armen Mädchen prächtige Perlenhals⸗ bänder und einen Juwelenſchmuck an für ihre Unſchuld, als ſie ſich aber weigerte, da wurde ſeine glühende Leidenſchaft zur Wuth. Er ließ die Unglückliche in ein Verließ werfen, in das kaum ein ſchwacher Strahl des Tageslichts hinabdrang. Jeden Morgen er⸗ ſchien ein häßlicher Kerkermeiſter, welcher ihr ein Stück Schwarz⸗ brot brachte und ihr wiederholentlich ſagte, es hänge ganz von ihr ab, das ſchönſte Leben zu führen, wenn ſie nur die Geliebte des Prinzen werden wolle. Dieſe Qual dauerte zwei Jahre, wäh⸗ rend welcher die Prinzeſſin eine weite Reiſe ins Ausland machte. Natürlich glaubten die Aeltern meiner Mutter, ihr Kind ſei noch immer glücklich bei ihrer hohen Gönnerin. Wahrſcheinlich hatte die Prinzeſſin bei ihrer Rückkehr wieder für manchen Fehltritt um Verzeihung zu bitten; ſie warf ihm ſeine Ungeſchicklichkeit vor, ließ meine Mutter aus dem Kerker ziehen und ſtellte ſich ſehr unwillig über die harte Behandlung, ja, ſie zwang ſich ſelbſt zu Thränen, und es gelang ihr, das arme Opfer ſo vollſtändig zu betrügen, daß ſie es ihr noch dankte. „Eines Abends— ich bin bald zu Ende, gnädigſter Herr, 88 werde mir nicht ungeduldig— eines Abends wollte die Prinzeſſin mit ihrer Geſellſchafterin allein eſſen; es wurden die ſeltenſten Früchte, die ausgeſuchteſten Gerichte, die herrlichſten Weine auf⸗ getragen, und meine arme Mutter, die nicht nur körperlich, ſondern auch geiſtig durch die langen Entbehrungen geſchwächt war, über⸗ ließ ſich unvorſichtiger Weiſe einer krankhaften Fröhlichkeit; man goß ihr teufliſche Getränke ein, denn auch das ſcheint in Eurer Familie erblich. Meine Mutter fühlte ſich ſehr aufgeregt, ihre Augen hatten einen fieberhaften Glanz, ihre Wangen glühten; jetzt gerade trat der Prinz herein... aber, Excellenz, es geſchehen zuweilen Wunder, um die Armen zu retten!.... meine Mutter flüchtete wie eine aufgeſcheuchte Taube in die Arme der Prinzeſſin, welche ſie lächelnd von ſich wies. Die Arme wußte nicht, was ſie thun ſollte, zitterte am ganzen Leibe, brach in Thränen aus und knieete ſich hin mitten in der Behauſung der Unzucht. Es war gerade der Tag der heiligen Anna; plötzlich erbebte das ganze Haus, die Mauern borſten, und Angſtgeſchrei ertönte von der Straße her⸗ auf. Meine Mutter war gerettet. Es war jenes Erdbeben, welches halb Neapel zerſtörte und von dem Du wohl wiſſen wirſt, gnädiger Herr, da Euer voriger Palaſt nicht mehr bewohnbar iſt.“ „Wo ſoll das hinaus?“ rief Brancaleone ſchrecklich bewegt. „Ich will weiter nichts, als Dir beweiſen, daß Du Dich mit mir ſchlagen mußt, Excellenz,“ ſagte Gabriel und reichte ihm eine Patrone.„Jetzt, gnädiger Herr, bete zu Gott um Verzeihung Deiner Sünden, denn ich ſage Dir, Du ſtirbſt von meiner Hand. Es giebt eine Vergeltung!“ Der Prinz unterſuchte aufmerkſam Pulver und Kugel, ſah nach, ob die Flinte in gutem Zuſtande ſei, lud und legte an; aber ſei es, daß die Erzählung des Fiſchers ihn zu ſehr bewegt, ſei es, daß der Regen den Boden geglättet, kurz, als er mit dem linken Fuß vortrat, um deſto ſicherer zu zielen, verlor er das Gleichge⸗ wicht, ſank auf ein Knie und der Schuß fuhr in die Luft. 89 „Dieſer Schuß gilt nicht,“ rief Gabriel ſogleich und reichte ihm eine zweite Patrone. Bei dem Knall erſchien Salomo am Fenſter, blieb aber, da er ſogleich bemerkte, was hier vorging, ein müßiger Zuſchauer. Eligy ſtieß einen ſchrecklichen Fluch aus und lud ſeine Waffe noch einmal; allein ihn verwirrte die ruhige Haltung des jungen Mannes, der unbeweglich vor ihm ſtand, und der Anblick des Greiſes, welcher gleichſam den Himmel anzuflehen ſchien, daß er die Unſchuld ſiegen laſſe; ſeine Füße ſchwankten, ſeine Hände zitterten und er fühlte eine tödtliche Kälte in den Adern; doch ſuchte er ſeine Bewegung zu beherrſchen und zielte noch einmal. Die Kugel pfiff dicht am Ohre des Fiſchers vorbei und fuhr in den Stamm einer Pappel. Jetzt ergriff der Prinz mit dem Muthe der Verzweiflung ſeine Waffe beim Lauf und ging auf den Gegner los, aber Gabriel ſprang mit ſeiner Art auf ihn zu und ſchmetterte mit einem Schlage den Kolben vom Gewehr; doch zauderte er noch, einen vertheidi⸗ gungsloſen Mann zu tödten, als zwei bewaffnete Diener ſichtbar wurden. Gabriel ſah ſie nicht kommen; aber als ſie ihn eben von hinten feſtnehmen wollten, ſchrie Salomo laut auf und ſprang ſeinem Sohne zu Hülfe. „Hierher, Numa, hierher, Bonarour, macht die Schufte nie⸗ der, denn ſie wollen mich ermorden.“ „Du lügſt, Prinz von Brancaleone!“ rief Gabriel und ſpaltete ihm mit einem Hiebe ſeiner Art den Schädel. Als die beiden Bravo's ihren Gebieter, zu deſſen Vertheidigung ſie herbeieilten, todt zuſammenſinken ſahen, ergriffen ſie die Flucht. Salomo und ſein Sohn gingen in das Zimmer Niſida's hinauf. Eben war ſie aus dhern ſlrren Schlafe erwacht; ein leichter Schweiß perlte auf ihrer Stirn und langſam öffnete ſie ihre ſchö⸗ nen Augen. „Warum ſiehſt Du mich ſo an, lieber Vater?“ ſagte ſie, noch immer etwas verwirrt, und ſtrich ſich mit der Hand über die Stirn. 90 Der Greis umarmte ſie zärtlich. „Du haſt eben eine große Gefahr überſtanden, meine arme Niſida; ſtehe auf und danke der heiligen Madonna.“ Noch waren Vater, Sohn und Tochter nicht vom Dankgebete aufgeſtanden, als ein Waffengeräuſch im Hofe ertönte, das Haus von Soldaten umringt wurde und ein Gensdarmen⸗Officier an Gabriel herantrat, um ihn zu verhaften. „Im Namen des Geſetzes! ich verhafte Euch, denn Ihr habt ſoeben an Sr. Ercellenz, dem durchlauchtigen Herrn und Prinzen von Brancaleone einen Meuchelmord begangen.“ Niſida erſchrak, erbleichte und ſtand unbeweglich da, wie eine Marmorſtatue. Gabriel bereitete ſich zur Gegenwehr; aber ſein Vater gab ihm einen Wink, ſich ruhig zu verhalten. „Signor,“ wandte ſich der Greis an den Officier,„mein Sohn hat den Prinzen im rechtmäßigen Zweikampfe getödtet, denn der Letztere hat ſich in dieſer Nacht bewaffnet in unſer Haus ge⸗ ſchlichen. Hier ſehen Sie die Beweiſe: die gegen jenes Fenſter gelehnte Leiter und hier ein zerbrochener Dolch mit dem Wappen des Hauſes Brancaleone. Uebrigens weigern wir uns nicht, Ihnen zu folgen.“ Die letzten Worte des Fiſchers wurden übertönt von dem Geſchrei: „Nieder mit den Sbirren! nieder mit den Gensdarmen!“ Die ganze Inſel war unter den Waffen, und die Fiſcher hätten ſich lieber bis auf den letzten Mann in Stücke hauen laſſen, als zugegeben, daß man Salomo oder ſeinem Sohne auch nur ein Haar krümme. Der Greis erſchien vor der Schwelle ſeiner Thür und beruhigte durch einen einzigen Wink den Zorn des Volkes. „Ich danke Euch, meine Kinder; aber man muß das Geſetz achten. Ich werde allein die Unſchuld meines Sohnes vor Gericht zu vertheidigen wiſſen.“ A 91 Noch vor drei Monaten ſaß der alte Fiſcher mit Niſida gleich⸗ ſam ſtrahlend von Glück vor ſeiner Thür, wie ein König auf der ſteinernen Bank thronend, und ſegnete ſeine beiden Kinder. Jetzt iſt Alles verändert in dem Daſein dieſes weiland ſo glücklichen und beneideten Mannes. Das freundliche Häuschen, welches an der See ſtand, wie ein Schwan am Ufer des durchſichtigen Teiches, iſt jetzt traurig und verlaſſen. Auf dem kleinen Hofe, auf dem ſich noch kürzlich Gruppen vergnügter Menſchen jeden Abend ver⸗ ſammelten, herrſcht jetzt das Schweigen des Grabes, und kein menſchlicher Laut unterbricht die düſtere Stille dieſer Einſamkeit. Nur die Meereswoge ſcheint klagend zu rauſchen, wenn ſie an dies Geſtade ſchlägt.. Gabriel iſt verurtheilt. Die Nachricht vom Tode des jungen ſchönen und von aller Welt angebeteten Prinzen von Brancaleone brachte nicht nur den neapolitaniſchen Adel, ſondern auch die ganze Bevölkerung in Aufruhr. Alle Welt beweinte ihn, und ein ein⸗ ſtimmiges Rachegeſchrei erhob ſich gegen den Mörder, und die Ge⸗ rechtigkeit war diesmal erſchreckend ſchnell. Die Richter zeigten übrigens die reinſte Unparteilichkeit, und es trifft ſie kein Vorwurf, der nicht gleichzeitig die Geſetze träfe. Der Schein war zu ſehr gegen den armen Fiſcher. Trespolo, bei dem die Furcht alle Gewiſſensbiſſe beſeitigte und der als Vertrauter des Prinzen zuerſt verhört wurde, erklärte mit kaltblütiger Unverſchämtheit, ſein Gebieter habe ſich auf einige Tage den Zudringlichkeiten einer jungen Dame entziehen wollen, deren Liebe ihm langweilig geworden war; er habe ihn, nebſt drei an⸗ dern Bedienten auf die Inſel begleitet und, um den Fiſchern das Incognito ſeiner Excellenz nicht zu verrathen, ſich als Pilger ver⸗ kleidet. Zwei Feldwächter, welche ſich zufällig im Augenblick des Ver⸗ brechens auf einem Hügel befunden, beſtätigten durch ihr Zeugniß die Angaben des Dieners. Hinter einer Hecke verſteckt, hatten ſie 9²2 Gabriel auf den Prinzen losſtürzen geſehen und deutlich gehört, wie dieſer Letztere um Hülfe gegen den Mörder ſchrie. Alle Zeugen, ſelbſt diejenigen, die auf Verlangen des Angeklagten herbeigeholt waren, verſchlimmerten nur ſeine Lage durch ihre Ausſagen, ſo gern ſie ihm hätten behülflich ſein mögen. Die Unterſuchung er⸗ gab daher, daß der Prinz ſich auf einige Tage nach der Inſel Niſida zurückgezogen habe, um daſelbſt zu ſiſchen, was von jeher ſeine Lieblingsbeſchäftigung geweſen ſei.(Man bewies durch meh⸗ rere Zeugenausſagen, daß der Prinz regelmäßig alle zwei Jahre zugegen geweſen war, wenn auf ſeinem Landgute bei Palermo Thunfiſche gefangen wurden.) Wahrſcheinlich habe Gabriel ihn erkannt, da er wenige Tage vorher bei der Proceſſion zugegen ge⸗ weſen, und den Gedanken gefaßt, ihn zu ermorden. Am Tage vor der Unglücksnacht war Gabriel abweſend, ſein Vater und ſeine Schweſter aber ganz beſonders aufgeregt geweſen. Gegen Abend hatte der Prinz ſeine Diener verabſchiedet und war allein ausge⸗ gangen, um, ſeiner Gewohnheit gemäß, einen Spaziergang am Geſtade zu machen. Ueberraſcht vom Sturm und unbekannt mit den Fußſteigen der Inſel, war er um das Haus des Fiſchers her⸗ umgeirrt, um eine Zuflucht zu ſuchen, und jetzt hatte ſich Gabriel, ermuthigt durch die Finſterniß und das Brüllen des Sturmes, welches das Geſchrei ſeines Opfers übertäͤuben mußte, entſchloſſen, das Verbrechen auszuführen. Zweimal hatte er auf ihn geſchoſſen, ohne ihn treffen zu können, und ihm dann mit der Art den Schädel geſpalten. In dem Augenblicke, als er mit Salomo's Hülfe den Leichnam habe ins Meer werfen wollen, ſeien die Diener des Prinzen erſchienen; da wären die Beiden denn in das Zimmer Niſida's gegangen, hätten jenes abgeſchmackte Mährchen erſonnen und ſich vor dem Bilde der heiligen Jungfrau hingeknieet, um die Gerechtigkeit zu täuſchen. Alle Umſtände, welche Salomo zu Gunſten ſeines Sohnes anführte, ſprachen gegen ihn: die am Fenſter Niſida's gefundene Leiter gehörte dem Fiſcher, der Dolch, 8 —— 0 8&— B 93 welchen der Prinz ſtets bei ſich trug, war ihm offenbar erſt nach ſeinem Tode fortgenommen, und Gabriel hatte ihn zerbrochen, um die Spuren ſeines Verbrechens ſoviel als möglich zu verwiſchen. Auf das Zeugniß Baſtiano's gab man gar nichts, obgleich er, um zu zeigen, daß die Tödtung unmöglich vorher bedacht ſein könne, verſicherte, daß ſich der Angeklagte erſt in dem Augenblick von ihm getrennt habe, als der Sturm auf der Inſel zum Ausbruch ge⸗ kommen: erſtlich war der Taucher bekannt als Gabriel's beſter Freund und glühendſter Liebhaber ſeiner Schweſter, zweitens hatte man ihn in derſelben Stunde, in welcher er noch in der Nähe Niſida's geweſen zu ſein behauptete, bei La Torre landen ſehen. Was die Liebe des Prinzen zu dem armen Fiſchermädchen betrifft, ſo zuckten die Richter über dieſe Erfindung mit verächtlichem Lä⸗ cheln die Schultern und fanden beſonders den langen Widerſtand der Dirne und die Mittel unglaublich, welche der Prinz ſollte an⸗ gewendet haben, um Niſida's Tugend zu beſtegen. Eligy von Brancaleone war ſo jung, war ſo ſchön und ſo einnehmend, zu⸗ gleich aber bei allen ſeinen Erfolgen ſo geduldig, daß man ihm höchſtens dann Gewaltthätigkeit zugetraut hätte, wenn es für ihn darauf angekommen wäre, ſich eine ſeiner Geliebten vom Halſe zu ſchaffen. Ein ſehr ſchweres Zeugniß gegen Gabriel war der Um⸗ ſtand, daß man unter dem Bette des Fiſchers einen goldgefüllten Beutel mit Brancaleone's Wappen gefunden. Der Greis ließ ſich durch dieſes Gerüſt von Lügen nicht ent⸗ muthigen. Nachdem er die theuere Beredtſamkeit der Advocaten mit Geld aufgewogen, übernahm er es ſelbſt, ſeinen Sohn zu ver⸗ theidigen und ſprach mit einer ſolchen leidenſchaftlichen Wahrheit, daß alle Zuhörer bewegt wurden und drei Richter ein freiſprechen⸗ des Urtheil abgaben; allein die Mehrzahl war gegen ihn und das Todesurtheil wurde ausgeſprochen.. Die Nachricht verbreitete ſich ſogleich auf der ganzen Inſel und machte alle Bewohner troſtlos. Die Fiſcher, welche ſich beim erſten 94 Auftreten der Gewalt in Maſſe erhoben hatten, um die Sache ihres Cameraden zu vertheidigen, beugten, ohne zu murren, den Nacken vor der Allmacht des Geſetzes, und ſelbſt Salomo hielt den Dolch⸗ ſtich, welcher ſeine Seele durchbohrte, aus, ohne ſich zu beklagen. Nicht ein Seufzer rang ſich hervor aus ſeiner Bruſt, nicht eine Thräne benetzte ſein Auge, denn die Wunde ſeines Herzens blu⸗ tete nicht. Seit dem Tage der Verhaftung ſeines Sohnes hatte er Alles verkauft, was er beſaß, bis auf das kleine ſilberne Kreuz, das ſeine Frau ihm ſterbend vermacht, bis auf das Perlenhalsband, das er ſtets mit einem gewiſſen Stolz um Niſida's Hals geſehen, von dem es an Weiße übertroffen wurde. Die Goldſtücke, welche er aus dem Verkauf dieſer Gegenſtände gelöſt, hatte er in ſeine wol⸗ lene Mütze genäht und war nach der Hauptſtadt gezogen, wo er nichts aß, als die Biſſen Brot, welche ihm das Mitleid zukom⸗ men ließ, und wo er entweder auf den Stufen der Kirchentreppen oder auf der Schwelle der Beamten ſchlief. Wenn man den Heldenmuth des unglücklichen Vaters wahrhaft würdigen will, ſo muß man den ganzen Umfang ſeines Unglücks bedenken. Der bevorſtehende Tod ſeines Sohnes war nicht der ein⸗ zige Schmerz, den das Herz des achtzigjährigen Greiſes zu tragen hatte; obgleich durch das Alter gebeugt, ſah er doch mit ruhigem Muth dem Augenblick entgegen, in dem ſein Sohn ihm voran ins Grab gehen ſollte. Was ihn am meiſten quälte, war der Ge⸗ danke an die Schande, welche ſeinen Namen traf. Das erſte Schaffot, welches auf der Inſel errichtet wurde, es war für Ga⸗ briel, und dieſe ſchmachvolle Strafe brandmarkte die ganze Bevölke⸗ rung, indem ſie zunächſt ihm das Siegel der Ehrloſigkeit auf die Stirn drückte. Wie gern hätte der Greis es jetzt geſehen, daß ſein Sohn ſich in Gefahren geſtürzt, vor welchen ſein väterliches Herz früher erbebte. Jetzt war Alles verloren: ein langes Leben voll Arbeit und Mühſal, ein unbefleckter Ruf, der ſich ſelbſt uͤber den Golf hinaus, bis in ferne Gegenden verbreitet, und die von 9³ mehreren Geſchlechtern auf einander vererbte faſt abgöttiſche Ver⸗ ehrung, welche er genoſſen. Alles dies hatte nur dazu gedient, einen um ſo tieferen Abgrund auszuhöhlen, in den der Fiſcher von ſeiner Höhe des Glückes fallen ſollte. Die Täuſchung, dieſer Hei⸗ ligenſchein, war verſchwunden; man wagte nicht mehr den Unglück⸗ lichen zu vertheidigen, man beklagte ihn nur. Salomo ſah, daß der Name ſeines Sohnes bald nur mit Abſcheu ausgeſprochen wer⸗ den und Niſida bei aller Welt nur die Schweſter eines Verur⸗ theilten heißen würde. Selbſt Baſtiano wandte weinend ſein Haupt ab. Da Salomo ſich dennoch nicht beugen ließ und ſelbſt, als alle Hoffnung verſchwunden war, noch ruhig zu lächeln vermochte, glaubte man, eine fixe Idee habe ſich ſeiner bemächtigt, und in der Stadt meinte Alles, der Greis habe den Verſtand verloren. Gabriel ſah am letzten Tage ſeines Lebens die Sonne mit ru⸗ higer Heiterkeit aufgehen. Er hatte ruhig geſchlafen und fühlte ſich ordentlich glücklich, als er erwachte. Auf ſeinem Strohlager zitterte ein freundlicher Sonnenſtrahl, der durch das vergitterte offene Fenſter ſeines Kerkers fiel, und ein friſcher Herbſtwind wehte hinein und ſpielte mit ſeinen langen Locken. Als der Gefangen⸗ wärter, welcher ihn immer mit Menſchenfreundlichkeit behandelt hatte, ihn ſo glücklich ſah, trug er Bedenken, ihm den Beſuch des Pfarrers zu melden, denn er fürchtete, den armen Gefangenen aus ſeinen ſüßen Träumereien zu reißen; allein Gabriel hörte die Nachricht mit Freuden und unterhielt ſich zwei Stunden lang auf das Lebhafteſte mit dem Prieſter. Als dieſer mit weinenden Augen aus dem Gefängniß trat, erzählte er überall, er habe noch nie im Leben eine ſchönere, reinere und mit mehr Muth in ihr Schick⸗ ſal ergebene Seele geſehen. 3 Noch immer war der junge Fiſcher heiter geſtimmt, als ſeine Schweſter zu ihm hereintrat. Seit jenem Tage, an dem ſie bei der Verhaftung ihres Bruders ohnmächtig geworden, war ſte bei einer Tante geweſen und hatte, ſich alles Unglück ſchuldgebend, 96 fortwährend vor ihrer Schutzheiligen weinend auf den Knieen ge⸗ legen. Als der Augenblick erſchien, in dem fie ihren Bruder zum letzten Mal umarmen ſollte, erhob ſie ſich mit dem Muthe einer Heiligen, ſuchte die Spuren ihrer Thränen zu verbergen, flocht ihre ſchönen ſchwarzen Haare und zog ihr ſchönſtes weißes Kleid an. Das unglückliche Mädchen verſuchte, ihren Schmerz mit einer himmliſchen Liſt zu verbergen. Sie war ſtark genug, zu lächeln. Als Gabriel ihr ſchrecklich bleiches Geſicht ſah, wollte es ihm das Herz abdrücken, und eine düſtere Wolke bedeckte ſeine Stirn; er wollte ihr entgegen eilen, allein die Kette feſſelte ihn an die Mauer des Gefängniſſes. Er ſank zurück und wäre hingeſtürzt, wenn Niſida nicht auf ihn zugeſprungen und ihn in ihren Armen auf⸗ gefangen hätte. Sie verſicherte ihm, ihr ſei wohl, und ſprach, um ihn nicht an ſeine traurige Lage zu erinnern, mit großer Geläu⸗ ſigkeit von tauſend Dingen, von ihrer Tante, vom ſchönen Wetter und der Madonna. Dann ſchwieg ſie plötzlich, über ihre eigenen Worte und über das Schweigen ihres Bruders erſchreckt, und blickte, als wollte ſie ihn bezaubern, ihm ſo liebevoll ſie konnte mit ihren ſchönen Augen ins Geſicht. Durch die Anſtrengung rö⸗ theten ſich allmälig ihre etwas eingefallenen Wangen; Gabriel ließ ſich durch die übermenſchlichen Anſtrengungen ſeiner Schweſter täu⸗ ſchen und freute ſich, daß ſie Alles ſo kräftig überſtanden. Als hätte ſie ſeine Gedanken errathen, ergriff ſie ihn bei der Hand und flüſterte ihm leiſe ins Ohr: „Glücklicher Weiſe iſt der Vater ſeit zwei Tagen nicht auf der Inſel; er hat mir ſagen laſſen, daß er noch in der Stadt bleiben muß. Mit uns iſt das etwas Anderes, wir ſind noch jung, wir haben Muth.“ Dabei zitterte die Arme wie Espenlaub. „Was ſoll aus Dir werden, meine arme Niſida!“ rief Gabriel ſchluchzend. „Ich bete zur Madonna, hat ſie mich nicht geſchützt?“ Sie erſchrak über ihre eigenen Worte, welche das Schickſal ſo 97 ſchrecklich Lügen geſtraft. Einen Augenblick darauf fuhr ſie, ihren Bruder ſanft anblickend, mit ſeelenvollem Tone wieder fort: „Ja, ſie beſchützt uns doch, noch dieſe Nacht iſt ſie mir er⸗ ſchienen, ſie hielt ihr Kindlein im Arme und ſah mich an mit müt⸗ terlicher Zärtlichkeit. Sie will uns zu Heiligen machen, denn ſie liebt uns, und um Heilige zu werden, müſſen wir dulden.“ „Bete für mich, liebe Schweſter; aber verlaß dieſen traurigen Ort, welcher Deine Feſtigkeit am Ende doch erſchüttern möchte, vielleicht auch die meinige. Lebe wohl, liebe Schweſter...“ da⸗ mit küßte er ſie auf die Stirn. Das arme Mͤdchen ſammelte alle Kraft zu dieſem ſchwerſten Augen⸗ blick; ſie ging mit feſtem Schritt. Auf der Schwelle wandte ſie ſich noch einmal um und winkte ihm mit der Hand Lebewohl. Als ſie aber in den Gang hinaustrat, rang ſich ein lauter Seufzer aus ihrer Bruſt. Gabriel hörte ihn und glaubte, ſein Herz müſſe brechen. Gegen Mittag trat Salomo ins Gefängniß. Mehrere Augen⸗ blicke ſtand er ſtill, ganz verſunken in das Anſchauen ſeines Sohnes, deſſen Schönheit ihn überraſchte. Das dreimonatliche Gefängniß hatte ſeine von der Sonne gebräunte Haut wieder gebleicht; ſeine Haare waren gewachſen und fielen in langen ſchwarzen Locken bis auf die Schultern herab; ſeine Augen ruhten glänzend von Zärt⸗ lichkeit auf dem Geſicht ſeines Vaters. Niemals war dieſer Kopf ſchöner geweſen, als jetzt, da er bald fallen ſollte. „Ach, lieber Sohn,“ ſagte der Greis,„alle Hoffnung iſt ver⸗ loren, Du mußt ſterben.“ 4 „Ich weiß es,“ antwortete Gabriel mit dem Tone zärtlichen Vorwurfs,„aber dies iſt es nicht, was mich jetzt beunruhigt. Aber warum willſt auch Du mir noch dieſen Schmerz machen? Ich hatte gehofft... Warum biſt Du nicht in der Stadt geblieben?“ „In der Stadt,“ ſagte der Greis,„ſind ſie herzlos. Ich habe mich dem König, ich habe mich aller Welt zu Füßen geworfen. Keine Gnade, keine Barmherzigkeit.“ 7. 8 7 98 „Der Tod hat für mich nichts Schreckliches, ich ſah ihm ja täglich auf dem Meer ins Auge; nur das quält mich, daß Du darunter leiden mußt.“ „Glaube nicht, Gabriel, daß mein einziger Schmerz der iſt, Dich ſterben zu ſehen! Ein viel ſchlimmerer quält meine Seele, ich bin ſtark, ich bin ein Mann und doch bin ich Schuld an Dei⸗ nem Tode: ich hätte den Prinzen tödten ſollen, denn in unſerm Lande werden Greiſe eben ſo wenig, als Kinder zum Tode ver⸗ urtheilt. Ich bin ſchon achtzig Jahre durch und mich hätte man begnadigt; man hat es mir geſagt, als ich mit Thränen um Deine Be⸗ gnadigung bat. Vergieb mir, Gabriel, ich kannte das Geſetz nicht.“ „Aber, lieber Vater, was ſprichſt Du? Tauſendmal hätte ich mein Leben für einen Tag des Deinigen hingegeben. Da Du Kraft genug haſt, in meiner letzten Stunde zugegen zu ſein, ſo fürchte nichts, Du ſollſt mich nicht erbleichen ſehen; Dein Sohn wird ſich ſeines Vaters würdig zeigen.“ „Ja, aber ſterben, ſterben und einen ſolchen Tod, der die arme Schweſter der Schande übergiebt!“ Dieſe Worte warfen in Gabriel's Seele ein ſchreckliches Licht; zum erſten Male dachte er an das Schmachvolle ſeines Todes, an die rohe Menge und das Schaffot, an die Hand des Henkers, die den Verdammten beim Schopf ergreift, und an die rothen Bluts⸗ tropfen, die wie unauslöſchliche Flecken das ſchneeweiße Kleid ſeiner Schweſter beflecken würden. „O, hätte ich eine Waffe!“ rief Gabriel und blickte mit feuer⸗ ſprühendem Auge um ſich her. „Die Waffe iſt da,“ entgegnete der Vater und legte die Hand auf den Handgriff eines Dolches, den er in ſeinem Buſen verborgen. „Ja, tödte Du mich, Vater,“ ſagte Gabriel leiſe,„Dir darf ich's geſtehen, daß mir graut vor der Hand des Henkers. Meine Niſida! meine arme Niſida! Ich habe ſie geſehen, ſie war eben hier, ſchön und zart wie* Schmerzens⸗Madonna; ſie lächelte, 12 — 99 um mir die Qual ihrer Seele zu verbergen. Sie war glücklich, das arme Mädchen, Dich fern zu wiſſen. O tödte Du mich, der Tod von Deiner Hand wird mir ſüß ſein; Du haſt mir das Leben gegeben, nimm Du es mir auch wieder. Bedenke Niſida's Glück! O zaudere nicht, es wäre eine Feigheit von uns Beiden; ſie iſt ja meine Schweſter und Deine Tochter.“ Er hielt ſeine entblößte Bruſt hin. Der Vater erhob die Hand mit dem Dolch; aber ein Krampf bemächtigte ſich aller ſeiner Glieder, ein Strom von Thränen trat aus ſeinen Augen, die blinkende Waffe ſiel ihm aus der Hand, und ſchluchzend ſank er ſeinem Sohne in die Arme. „Armer Vater!“ ſagte Gabriel,„das hätte ich mir denken können. Gieb mir den Dolch und wende Dich ab, ich bin jung und mein Arm zittert nicht.“ „Nein, nein,“ ſagte Salomo mit feierlichem Tone,„als Selbſt⸗ moͤrder darfſt Du nicht ſterben, ich will ſchon meine Kraft zuſam⸗ mennehmen. Noch haben wir auch Zeit.“ Der arme Vater ſetzte ſich auf das Lager und nahm das Haupt ſeines Sohnes auf den Schooß. Eine ganze Weile ſaß er ſo, ſpielte mit ſeinen weichen Locken und ſprach mit ihm wie in den Tagen des Glückes. Plötzlich hörte man Schritte im Gange und ein lautes Klopfen an der Thür. Die verhängnißvolle Stunde war erſchienen. Schon ſtimmten die Prieſter den Leichengeſang an, der Henker hielt ſich bereit und vor der Thür des Gefängniſſes harrte eine unzählige Menge, als plötzlich Salomo, der Fiſcher, mit flam⸗ menden Blicken, das Haupt wie von einem Heiligenſchein umglänzt, auf der Schwelle erſchien. Der Greis richtete ſich hoch auf und zeigte in der Rechten einen blutigen Dolch. „Das Opfer iſt vollbracht!“ rief er mit erhabener Stimme: „kein Engel erſchien, um Abraham's Hand aufzuhalten.“ Die Menge trug ihn im Triumphzuge davon. Ar. W. J. 7* Ein Inſtizmord in Frankreich. Am 4. Floréal des Jahres IV. der Republik(23. April 1796), ſaßen vier junge Männer in der Rue des Boucheries in Paris bei einem glänzenden Frühſtück, das ihnen von Herrn Guesno gegeben ward, zu Ehren ſeines Freundes Leſurques, der vor Kur⸗ zem in der Hauptſtadt angekommen war, um ſich daſelbſt mit ſei⸗ ner Familie niederzulaſſen. „Ja, mein lieber Guesno,“ ſagte Leſurques,„ich habe unſere gute alte Stadt Douai für immer verlaſſen, oder wenn auch nicht für immer, wenigſtens doch ſo lange, bis ich die Erziehung meiner Kinder in Paris vollendet habe. Ich bin jetzt 33 Jahre alt, habe meine Pflichten gegen mein Vaterland abgetragen, denn ich diente, nicht ohne Auszeichnung, in dem Regimente von Auvergne, bin ſpäter glücklich genug geweſen, als Bureauchef meines Diſtricts meinen Mitbürgern von einigem Nutzen zu ſein, und beſttze jetzt, Dank dem väterlichen Erbe und der Mitgift meiner Frau, eine Rente von 15,000 Francs. Mein Ehrgeiz iſt geſtillt, fortan will ich meinen Kindern leben. Ich habe auf der Rue Montmartre eine hübſche Wohnung gemiethet, die ich mir nach meinem Ge⸗ ſchmack einzurichten gedenke und wo ich auch Sie bald empfangen zu können hoffe.“ „Gut ausgedacht,“ bemerkte einer der Gäſte, der bis dieſen Augenblick ein tiefes Stillſchweigen beobachtet hatte,„aber wer vermag in Zeiten, wie die unſrigen, ſicher auf morgen zu rechne 1 5 —— — 101 Ich wünſche von Herzen, daß Ihre Pläne in Erfüllung gehen mögen: Sie werden dann der glücklichſte Mann in der Republik ſein. Seit den letzten fünf oder ſechs Jahren iſt es noch keinem Bürger gelungen, wie hoch oder niedrig er auch geſtellt war, vor⸗ auszuſagen, was ihn in den nächſten acht Tagen treffen möchte.“ Dieſe Worte wurden in einem Tone bitterer Entmuthigung ge⸗ ſprochen, der ſeltſam mit der überladenen Pracht des Anzuges und dem trefflichen Appetit des Sprechers contraſtirte, den er beim Frühſtück gezeigt hatte. Dieſer, ein junger Mann, hätte für ſehr hübſch gelten können, wenn ſeine dunklen Augen und die buſchi⸗ gen Augenbrauen ſeinem Geſichte nicht einen Ausdruck von Wild⸗ heit und Hinterliſt gegeben, der noch dadurch vermehrt ward, daß er es vermied, diejenigen, mit denen er ſprach, offen anzuſehen. Sein Name war Couriol, und ſeine Gegenwart bei dieſem Früh⸗ ſtück nur zufällig, da er zu Herrn Richard, der, ein Freund des Herrn Guesno, ebenfalls an dem heiteren Mahle Antheil nahm, gerade in dem Augenblicke zum Abſchluß eines Geſchäfts kam, als die kleine Geſellſchaft ſich niederſetzen wollte und von ihm aufge⸗ fordert ward, ohne Umſtände ſich ihnen anzuſchließen. Einige Tage nach dieſer Feier der Ankunft des Herrn Leſurques verbreitete ſich plötzlich in Paris das Gerücht, daß die Lyoner Poſt in dem Walde von Senart, nicht weit von Lieurſaint, von meh⸗ reren Männern zu Pferde angegriffen, der Poſtillon nebſt dem Schaffner ermordet und von dem Poſtwagen 75,000 Francs ent⸗ wendet worden ſeien. Dieſes faſt vor den Thoren von Paris ver⸗ übte Verbrechen erregte natürlich den allgemeinſten Unwillen, und die Juſtizbehörden beeilten ſich, den Thätern auf die Spur zu kommen und ſie einzufangen; und bei genaueren Nachforſchungen erfuhr man ungefähr folgende nähere Umſtände. Am 8. Floréal waren vier Männer zu der Barriere von Cha⸗ renton hinausgeritten, die zwar unter lautem Geſpräch und Ge⸗ b läͤchter ihres Weges gezogen, aber ſämmtlich unter ihren Kleidern „ —, ⁴—õ—— Waffen verborgen getragen hatten, die durch das jeweilige Klirren verrathen worden waren, wenn die Pferde zuweilen einen falſchen Tritt thaten. Zwiſchen zwölf und ein Uhr deſſelben Tages hatte man vier Reiter, die jene eben beſchriebenen geweſen zu ſein ſchie⸗ nen, in dem Dorfe Mongeron auf der Straße nach Melun ge⸗ ſehen, wo ſie in der Poſt zu Mittag gegeſſen hatten, worauf ſie um drei Uhr von Mongeron aufgebrochen waren und den Weg nach dem Walde von Senart eingeſchlagen hatten. In Lieurſaint hatten ſie halten müſſen, da das Pferd des einen Reiters ein Huf⸗ eiſen verloren und einem andern das Kettchen geriſſen war, mit dem man in jener Zeit die Sporen an den Fuß befeſtigte. Dieſer Letztere war am Eingang des Dorfes bei einer Limonadenhänd⸗ lerin, Madame Chaͤtelain, abgeſtiegen, hatte ſich hier Kaffee geben laſſen und zugleich um eine Nadel gebeten, um ſich ſeinen Sporn wieder feſtzumachen. Als aber Madame Chätelain ſah, wie lin⸗ kiſch er ſich dabei anſtellte, hatte ſie eine Dienerin, Namens Groſ⸗ ſetéte, gerufen und ihr befohlen, dem Herrn zu helfen. Die drei andern Reiter waren in einem von einem gewiſſen Champeaur ge⸗ haltenen Gaſthof abgeſtiegen, wo ſie ſich Wein geben ließen, wäh⸗ rend der Wirth ſelbſt den Reiſenden, deſſen Pferd ein Eiſen ver⸗ loren, zum Schmied Motteau begleitete. Als dies geſchehen war, trafen ſich alle vier Reiter bei Madame Chäͤtelain, wo ſie bis halb acht Uhr Abends Billard ſpielten und dann, nachdem ſie noch ein Glas Wein bei Champeaur getrunken, auf der Straße nach Melun weiter ritten. Als der Wirth ſie fortreiten geſehen und wieder in ſeine Stube zurückkehrte, bemerkte er, daß ein Säbel auf dem Tiſche liegen gelaſſen worden war. Er ſchickte damit einen Stalljungen nach, der ſie aber nicht mehr einholen konnte. Eine Stunde nachher aber kam der Reiter, der an ſeinen Sporen etwas ausgebeſſert hatte, im vollen Galopp zurück, nahm den Säbel an ſich und eilte dann im ſchärfſten Trabe ſeinen Gefährten nach. Zu gleicher Zeit wurde angezeigt, daß am 9. Floréal 3 108 gegen fünf Uhr des Morgens vier mit Schaum bedeckte Pferde zu dem Pferdeverleiher Muiron, von zwei Männern, Bernard und 24 Couriol, die ſie am vorigen Tage gemiethet hatten, wieder zu⸗ rückgebracht worden waren; ein fünftes Pferd, das man als eines der am Poſtwagen geſpannten erkannte, fand ſich in der Gegend des Palais royal frei umher irrend, woraus man ſchloß, daß auch der einzige an dem Tag des Verbrechens auf der Poſt nach Lyon eingeſchriebene Paſſagier Theil an der Unthat genommen haben müſſe. Bernard, welcher ſich noch in Paris befand, ward ſogleich verhaftet, Couriol aber, der ſich nach Chäteau⸗Thierry zu einem gewiſſen Bruer begeben hatte, wurde dort gefänglich eingezogen und mit ihm Bruer und Guesno, welcher ſich Geſchäfte halber bei dieſem zufällig befand. Die beiden Letztgenannten bewieſen aber ſo vollſtändig, daß ſie an dem genannten Tage ihre Wohnung nicht verlaſſen hatten, daß ſie gleich nach ihrer Ankunft in Paris wieder freigelaſſen wurden, und der Friedensrichter Daubenton, welcher den Inſtructionsproceß führte, Guesno, deſſen Papiere bei ſeiner Verhaftung mit Beſchlag belegt worden waren, benachrich⸗ tigte, er könne am andern Morgen dieſelben wieder bei ihm abholen. Guesno, der ſo ſchnell als möglich dieſe unangenehme Ange⸗ 3 legenheit beſeitigen wollte, machte ſich früöh am andern Tage auf den Weg nach dem Centralbureau. Unterwegs traf er Leſurques, dem er mittheilte, wohin er gehen wollte, und den er zugleich bat, ihn dahin zu begleiten. Leſurques nahm die Einladung an; als ſie aber in dem Centralbureau ankamen, war der Friedensrichter noch nicht eingetroffen und ſie mußten im Vorzimmer warten. KHiier fanden ſich nach einiger Zeit auch mehrere Zeugen ein, die 24 aus Mongeron und Lieurſaint zur Vernehmung geholt worden waren. Inzwiſchen war der Friedensrichter durch eine andere Thür in ſein Arbinetscabinet getreten und eifrig beſchäftigt, die Documente über den ſchwebenden Proceß zu prüfen und zu leſen, als ein Ppolizeibeamter ihn benachrichtigte, daß unter den im Vorzimmer — A . 104 wartenden Zeugen ſich auch zwei Frauen befänden, die Frau San⸗ ton, im Dienſte des Schenkwirths Evrard in Mongeron, und das Mädchen Groſſetéte, im Dienſte der Limonadenhändlerin Chaͤtelain in Lieurſaint, welche auf die beſtimmteſte Weiſe verſicherten, daß eben jetzt zwei der Mörder im Vorzimmer des Centralbureau's gegenwärtig ſeien. Auf dieſe wichtige Nachricht ließ der Richter Daubenton die beiden Zeugen vor ſich bringen, ſie ſelbſt nochmals über ihre Ausſagen zu befragen. Sie verſicherten hoch und theuer, daß von einer Täuſchung ihrerſeits nicht die Rede ſein könne, die eine Zeugin hätte die beiden Männer in Lieurſaint bei Madame Chä⸗ telain Billard ſpielen ſehen, die andere ſie in Mongeron ſelbſt bedient. Darauf befahl Daubenton, die Herren Guesno und Leſurques zu ihm zu führen und befragte ſie über den Grund ihres Hierſeins, worauf er ſie wieder abtreten ließ. Auch jetzt noch be⸗ harrten die beiden Weiber bei ihrer früheren Ausſage, und der Richter nahm ſie in Eid, ſchrieb ihre Anklage nieder und ließ die beiden Männer in Verhaft bringen. Die Unterſuchung wurde jetzt ſehr eifrig betrieben, Guesno und Leſurques auch mit andern Zeugen aus Mongeron und Lieur⸗ ſaint confrontirt, und Alle erkannten in ihnen die an jenem Tage in der Schenke und bei Madame Chäͤtelain abgeſtiegenen Reiter, ja Champeaux und ſeine Frau wollten ſogar in Leſurques den⸗ jenigen erkennen, welchem die Kette vom Sporn geſprungen ſei, worin mehrere Andere einſtimmten. Wäͤhrend das Verhör dieſen für Leſurques unglücklichen Ver⸗ lauf nahm, hatte dieſer folgenden Brief an einen ſeiner Freunde 4 geſchrieben, der aber von den Gerichten aufgefangen und zu den Acten gelegt wurde: „Mein theurer Freund. Seit meiner Ankunft in Paris habe „ich nur mit Widerwärtigkeiten zu kämpfen und jetzt ſcheint mein „trauriges Verhängniß mich erdrücken zu wollen. Sie kennen — 10⁵ „mich— Sie wiſſen, daß ich unfähig bin, mich mit einem Ver⸗ „brechen zu belaſten— und doch hat man mich des ſchändlichſten „Verbrechens angeklagt. Der bloße Gedanke daran macht mich „ſchaudern. Ich bin in der Unterſuchung wegen des Raubmordes „der Lyoner Poſt verwickelt worden. Drei Weiber und zwei Män⸗ „ner, die ich nicht kenne, deren Wohnort mir unbekannt iſt(denn „Sie wiſſen ja, daß ich Paris noch nicht verlaſſen habe), haben „die Unverſchämtheit zu ſchwören, daß ſie mich erkennen, daß ich „der erſte der vier Reiter geweſen, welche in ihren Häuſern ab⸗ „geſtiegen ſeien. Sie wiſſen, daß ich ſeit meiner Ankunft in „Paris kein Pferd beſtiegen habe. Sie können ſich die Wichtig⸗ „keit der Anklage denken, wenn ich Ihnen ſage, daß ſie zu nichts „Geringerem als meiner Ermordung durch die Hände der Juſtiz „führen muß. Ich fordere Sie daher auf, in Ihrem Gedächtniß „die Beweiſe aufzuſuchen, daß ich an jenem Tage, wo der Mord „geſchah(ich glaube, es war der 7. oder 8. Floréal) Paris nicht „verlaſſen habe, damit ich dieſe ſchändlichen Verleumder überfüh⸗ „ren und zur gerechten Strafe ziehen kann.“ In einer Nachſchrift waren mehrere Perſonen namhaft gemacht, mit denen er an jenem Tage theils in Geſchäften, theils in freund⸗ ſchaftlichem Verkehr zuſammen war. Nach Beendigung des Inſtructionsverfahrens wurden die Herren Guesno, Leſuraues, Couriol, Bernard, Richard und Bruer vor die Aſſiſen geſtellt; die drei Erſten als Urheber oder Mitgehülfen des Raubmordes, Bernard, weil er die Pferde dazu geliefert, Richard, weil er Couriol in ſeinem Hauſe verborgen, und deſſen Geliebte, Madelaine Breban, weil ſie einen Theil des geſtohlenen Guts angenommen und verhehlt, und Bruer, weil er Couriol in Chateau⸗Thierry aufgenommen hatte. Hier bewies Guesno nochmals vollſtändig ſeine Unſchuld; auch Bruer wies die Anklage ſiegreich von ſich. Leſurques hatte funf⸗ zehn Zeugen— lauter achtbare Männer— herbeigerufen, die 106 daſſelbe thun ſollten; er ſelbſt zeigte eine Ruhe und ein Vertrauen, die für ihn einen ſehr günſtigen Eindruck machten. Ein reicher Juwelier Legrand ſagte aus, Leſurques habe den Morgen des Tages, an welchem der Mord verübt ward, mit ihm zugebracht; Aldenof, ein anderer Juwelier, Hilaire Ledru und Chausfré, ſie hätten mit ihm an jenem Tage zu Mittag gegeſſen und ſeien dann mit ihm nach ſeiner Wohnung gegangen. Ein Maler Beudart ſagte ebenfalls, daß er zu dieſem Mittageſſen eingeladen geweſen ſei, doch da er an demſelben Tage den Dienſt bei der National⸗ garde gehabt hätte, ſo habe er es ausſchlagen müſſen, ſei aber noch denſelben Abend zu Leſurques gekommen und erſt von ihm gegangen, als er zu Bett gegangen ſei. Zum Beweis ſeiner Aus⸗ ſage zeigte er ſeinen Commandierzettel vor, der den Datum des 8. Floréal trug. Endlich bezeugten auch die Arbeiter, welche Leſurques bei der Einrichtung ſeiner Wohnung beſchäftigte, daß ſte ihn zu verſchiedenen Zeiten am 8. und 9. Floréal geſehen hätten. Alle dieſe Zeugniſſe ließen keinen Zweifel an Leſurques' Un⸗ ſchuld, das Gericht ſtand im Begriff, ihn freizuſprechen, als der Juwelier Legrand ſich noch einmal erhob und bemerkte, an dem⸗ ſelben Tage, da er mit Leſurques zuſammengeweſen wäre, hätte er vor dem Mittageſſen noch einen Juwelenaustauſch mit dem Zeugen Aldenof gemacht und zum Beweis, daß er die Wahrheit ſage, möge das Gericht ſein Rechnungsbuch holen laſſen, worin dieſer Tauſch verzeichnet ſei. Das Buch ward geholt, aber als man die fragliche Stelle aufſchlägt, erkennt man ſogleich, daß der Austauſch am 9. geſchehen und dieſe Zahl ſchlecht ausradirt und an ihrer Stelle eine 8 geſetzt iſt. Lautes Murren des Unwillens und Erſtaunens erfüllt den Saal, der vorſitzende Richter verlangt von Legrand eine Erklärung dieſes Betruges, und da dieſer ſchweigt, befiehlt er ihn zu verhaften. Bleich und zitternd bekannte er jetzt, daß er nicht ganz gewiß ſei, 107 ob er Leſurques am 8. Floréal geſehen, daß er aber, um ſeinen Freund, von deſſen Unſchuld er überzeugt ſei, zu retten, das Zeug⸗ niß abgelegt und zu größerer Beglaubigung deſſelben jene Aende⸗ rung in ſeinem Hauptbuche gemacht hätte. Dieſe Ausſage veränderte Leſurques Lage völlig. Die Nichter und Geſchworenen ſahen auch die andern Zeugenausſagen als un⸗ wahr und verdächtig an, und als die Letztern ſich zur Fällung ihres Spruches aus dem Gerichtsſaale entfernten, ſah Leſurques, daß ſeine Sache verloren ſei. Während dieſer kurzen Zeit bat Madelaine Breban, Couriol's Maitreſſe, das Gericht um Gehör, und als ihr daſſelbe zugeſtanden ward, erklärte ſie, Leſurques ſei unſchuldig, doch ſeine auffallende Aehnlichkeit mit einem der wirk⸗ lichen Mörder, Namens Dubosq, verführe die Zeugen, ihn des Mordes zu bezüchtigen. Dieſe Erklärung wurde aber kaum be⸗ achtet. Kurz darauf kehrten die Geſchworenen zurück, und nach ihrem Verdiet wurden Couriol, Leſurques und Bernard zum Tode, Richard zu vierundzwanzigjährigem Gefängniß verurtheilt, Guesno und Bruer losgeſprochen. Als dieſes Urtheil veröffentlicht war, ſtand Leſurques auf und ſagte ſeinen Richtern:„Ich bin unſchuldig des Verbrechens, deſſen ich angeklagt werde. O, Bürger, wenn es gräßlich iſt, auf der Heerſtraße zu morden, ſo iſt es nicht weniger ſo, wenn das Ge⸗ ſetz mordet.“ Couriol erhob ſich und erklärte:„Ich bin ſchul⸗ dig— ich geſtehe es; doch Leſurques iſt unſchuldig und Bernard nahm keinen Theil an der That.“ Dieſe Erklärung wiederholte er zu vier Malen, und als er in ſein Gefängniß zurückgeführt ward, ſchrieb er dem Richter einen Brief voll Reue und Schmerz über ſein Verbrechen und verſicherte darin nochmals feierlich, daß er Leſurques nie gekannt, ſondern jenen Raubmord mit Vidal, Roſſt, Durochet und Dubosg verübt habe.„Die unglückliche Aehnlichkeit Leſurques' mit Dubosg hat die Zeugen getäuſcht.“ Auch Madelaine Breban wiederholte ihre Verſicherung der Unſchuld 108 Leſurques' und brachte Zeugen herbei, welche verſicherten, ſie habe das noch vor Beginn des Verhöres geſagt.: Dieſe Umſtände machten doch einigen Eindruck auf die Richter, Zweifel wurden wenigſtens in ihnen erregt und ſie eilten, dem Directorium dieſen beſondern Fall zur Beurtheilung vorzulegen und um Verhaltungsmaßregeln zu bitten. Zu jener Zeit war in Frankreich das Recht der Begnadigung aufgehoben; die Directoren konnten daher nichts thun, als den Rechtsfall dem geſetzgebenden Corps zur Einſicht zu überſchicken, und überzeugt, wie ſie von der Unſchuld Leſurques' waren, ſchloſſen ſie ihre Note an den Rath der Fünfhundert mit den Worten:„Muß Leſurques auf dem Schaffot ſterben, weil er einem Schurken ähnlich ſieht?“ Der Rath der Fünfhundert aber war der Meinung, jede Formalität ſei hier dem Geſetz gemäß beobachtet worden und kein Grund vorhanden, das Urtheil zu ändern. Leſurques trug ſein unglückliches Schickſal mit Ruhe und Er⸗ gebenheit. Am Tage ſeiner Hinrichtung ſchrieb er folgende Zeilen an ſeine Frau:„Liebſte Freundin, dem Schickſal können wir nicht entgehen, ich werde es mit Muth ertragen. Ich ſchicke Dir eine Locke meines Haares; wenn unſere Kinder werden erwachſen ſein, ſo theile ſie unter ſie, es iſt die einzige Erbſchaft, die ich ihnen hinterlaſſen kann.“ In den Zeitungen aber ließ er folgen⸗ den Aufruf an Dubosg abdrucken:„Du, an deſſen Statt ich im Begriff ſtehe, zu ſterben, begnüge Dich mit dem Opfer meines Lebens. Sollteſt Du je vor Gericht geſtellt werden, erinnere Dich meiner mit Schmach bedeckten Kinder, meines verzweifelnden Wei⸗ bes und verlängere ihr Unglück nicht.“ Am 10. März 1797 fand die Hinrichtung ſtatt. Beide, Le⸗ ſurques wie Couriol, blieben bei ihren Ausſagen bis zum letzten Augenblicke ihres Lebens. Allgemein klagte man die Geſchworenen und die Richter an, einen Unſchuldigen ermordet zu haben, und Mehrere von dieſen wurden von Gewiſſensbiſſen gequält. Der 109 Friedensrichter Daubenton aber, welcher die Unterſuchung geleitet hatte, nahm ſich feſt vor, nichts zu unterlaſſen, was zur Aufklaͤ⸗ rung dieſes merkwürdigen Rechtsfalles führen könne. Zwei Jahre waren verfloſſen, als Daubenton vernahm, daß ein gewiſſer Durochet wegen eines verübten Raubes eingefangen worden ſei. Der Name erinnerte ihn an den unglücklichen Le⸗ ſurques und an die Ausſage Couriol's, nach welcher Durochet unter dem falſchen Namen Laborde ſich auf der Lyoner Poſt habe einſchreiben laſſen und der Mörder des Poſtſchaffners geworden ſei. Er wandte ſich daher ſogleich an die Directoren der Poſt mit der Anfrage, ob nicht mehrere Perſonen vorhanden ſeien, welche da⸗ mals den Laborde geſehen hätten und mit Durochet confrontirt werden könnten. Es fanden ſich deren in der That und dieſe er⸗ kannten in dem Verhafteten wirklich jenen Laborde. Nachdem der Angeklagte wegen des verübten Raubes von den Gerichten zu funf⸗ zehn Jahren Galeerenſtrafe verurtheilt war, erbat ſich Daubenton die Erlaubniß, ihn ſprechen zu dürfen. Die Erlaubniß wurde gegeben und die Beſprechung fand in einem Wirthshauſe des Dor⸗ fes Grosbois ſtatt. Der Gefangene, welcher von vier Gensdar⸗ men begleitet war, verlangte etwas zu eſſen, da er am vergangenen Tage nichts genoſſen hatte, und als Daubenton ihm den Gegen⸗ ſtand ſeiner Nachforſchung bezeichnet hatte, ein Geſpräch mit ihm, unter vier Augen. Daubenton ließ, nachdem das Frühſtück gebracht worden war, die Begleitung abtreten, doch ſo, daß er ſie ſogleich rufen konnte, wenn der Verbrecher Hand an ihn zu legen Miene machen würde. Bei dem aufgetragenen Frühſtück befand ſich nur ein Meſſer, das Daubenton aufnahm und ſich damit ein weich geſottenes Ei auf⸗ brach. Durochet ſah ihn eine Weile feſt an und ſagte dann: „Herr Richter, Sie fürchten ſich!“ „Fürchten?“ fragte dieſer ruhig,„und wen?“ „Mich!“ entgegnete Durochet. 110 „Thorheit!“ rief Daubenton, während er ſich mit ſeinem Ei beſchäftigte. „Und doch,“ fuhr jener mit ſpöttiſchem Lächeln fort.„Sie bewaffnen ſich mit einem Meſſer.“ „Bah,“ ſagte Daubenton, indem er ihm das Meſſer hinreichte. „Schneiden Sie mir ein Stück Brot ab und ſagen Sie mir, was Sie mir in Bezug auf den Mord auf der Lyoner Poſt mitzuthei⸗ len haben.“ Muth und Entſchloſſenheit machen ſtets Eindruck auch auf das roheſte Gemüth. Mit Lebhaftigkeit hatte der Verbrecher das Meſ⸗ ſer ergriffen, die ruhige Haltung des Richters entwaffnete ihn. Er legte es wieder nieder und ſagte mit ſinkender Stimme:„Vous ôtes un brave, citoyen!“—„ Ich bin ein verlorener Mann,“ fuhr er nach einer Weile fort.„Mit mir iſt es aus, Sie ſollen Alles wiſſen.“ 1 Und jetzt geſtand er Daubenton nicht allein ſeinen Antheil an jenem Raubmord, ſondern wiederholte auch die Verſicherung Cou⸗ riol’'s, daß Dubosg ihr Mitſchuldiger, Leſurques aber nie von ihnen gekannt geweſen ſei. Dieſes Geſtändniß legte er ſpäter auch vor dem Gerichte ab. Vier Jahre nach Leſurques' Tode wurde endlich auch Dubosq eingefangen, und jetzt kam die Unſchuld des Hingerichteten völlig an den Tag. Dubosg ſagte, er habe an jenem Tage eine Perücke von Flachs getragen, und als man ihm eine ſolche aufgeſetzt und ihn den früheren Zeugen aus Mongeron und Lieurſaint vorge⸗ ſtellt hatte, erklärten dieſe einſtimmig, daß er der Mann ſei, den ſie an jenem Tage geſehen hätten. Auch Vidal und Roſſt wur⸗ den ergriffen, geſtanden ihre Theilnahme an jenem Morde und er⸗ litten die ihnen gebührende Strafe. Leſurques war unſchuldig, aber obgleich Daubenton und meh⸗ rere der bedeutendſten Rechtsgelehrten Frankreichs ſich zu verſchie⸗ denen Zeiten ſehr eifrig bemüht haben, eine feierliche Caſſation 111 des gegen Leſurques gefällten Urtheils zu erwirken, iſt es ihnen noch jetzt nicht gelungen. Erſt nach der Julirevolution erhielt ſeine Wittwe einen Theil des confiscirten Vermögens ihres Mannes wieder, nachdem ſie ihre Beſchwerde vor die Kammern gebracht hatte, wobei ſie namentlich durch die Deputirten des Norddeparte⸗ ments kräftig unterſtützt ward. Madame Leſurques iſt jetzt geſtor⸗ ben, aber der Sohn und die Tochter Leſurques', welche noch leben, haben am Sterbebette ihrer Mutter gelobt, nicht eher zu ruhen, bis die durch die Nachläſſigkeit des Gerichts auf den Namen ihres Vaters gelegte Schmach wieder entfernt iſt. Dr. Meyer. Gedruckt bei E. Polz in Leipzig. Inhalt des ſechſten und ſiebenten Theils. Sechſter Theil. Seite Der Pfarrer Chambard............ 3 Die Marquiſe von Brinvilliers.......... 36 Eugen Aram........... 74 Eine Mordthat in Rußland......... 90 Siebenter Theil. 3 1 Die Grafin von Saint Géran.......... 3 Rifda................. 51 Ein Juſtizmord in Franterich Nachtſeiten der Geſellſchaft. Eine Gallerie merkwürdiger Verbrechen und Rechtsfölle. Herausgegeben von Dr. A. Diezmann, Dr. W. Jordan und Dr. L. Meyer. —8— Achtier Theil. Leipzig, 1844. Verlag von Otto Wigand. Urban Grandier. Sonntag den 26. November 1631 herrſchte in dem kleinen Städt⸗ chen Loudun eine große Aufregung; man erwartete Jemand, der ſeit einiger Zeit die Einwohner vielfach beſchäftigt hatte, und es war den Leuten, die vor den Hausthüren einzelne Gruppen bilde⸗ ten, leicht anzuſehen, ob ſie dem, den ſie erwarteten und der ſich ſelbſt zuvor angemeldet hatte, als Freunde oder Feinde entgegen⸗ ſahen. Gegen neun Uhr hörte man von allen Seiten den Ruf: „Da iſt er! da iſt er!“ Jetzt gingen die Einen in ihre Stuben und verſchloſſen Thür und Fenſter, als wenn ein Feind des Landes einziehe, während die Andern alle Eingänge und Oeffnungen ihres Hauſes angelweit aufſperrten, als wollten ſie die Freude einlaſſen. Einige Augenblicke ſpäter wich der Lärm und die Verwirrung, welche die Nachricht der erwarteten Perſon bewirkt, dem tiefen Schweigen der Neugierde. Bald darauf ſah man einen jungen Mann von etwa 32 Jah⸗ ren, vortheilhaftem ebenmäßigem Wuchs, edler Haltung und voll⸗ kommen ſchönem, wenn auch etwas ſtolzem Geſicht, mit einem Lorbeerzweig in der Hand, durch die Straßen einherſchreiten. Er trug die geiſtliche Kleidung und ſah, obgleich er mehrere Meilen zu Fuß gegangen, doch ausnehmend zierlich und ſauber aus. Die Augen gen Himmel gewandt und mit ſchöner Stimme Gott ein Loblied ſingend, wandelte er mit langſamen feierlichen Schritten durch die Straßen, welche nach der Kirche auf den Markt führten, 1* 4 ohne ſich auch nur einmal umzuſehen, oder ſich mit einem Wort oder einem Zeichen zu Jemand hinzuwenden, obgleich die ganze Menge, die ſich hinter ihm anſchloß, ſingend mit ihm ging, und obgleich unter den Sängerinnen— denn wir haben vergeſſen zu ſagen, daß die Menge hauptſächlich aus Frauen beſtand— die ſchönſten Mädchen von Loudun befanden. Der, welchem dieſer Aufzug galt, kam ſo bis zur Vorhalle der Kirche. Dort kniete er auf der unterſten Stufe nieder und ſprach ein leiſes Gebet. Dann ſtand er wieder auf und berührte mit dem Lorbeerzweig die Thür der Kirche, welche ſogleich wie durch Zauberei aufſprang und der Menge die Chöre erblicken ließ, die wie an den Hauptfeſten geſchmückt und erleuchtet waren. Der Ankömmling ſchritt bis zum Altar, legte den Lorbeerzweig auf das Tabernakel, zog ſich ein ſchneeweißes Gewand an, warf die Stola um und begann eine Meſſe zu leſen, welche mit einem Te Deum ſchloß. Dieſer Mann, welcher zu ſeinem eigenen Triumph eine Dank⸗ ceremonie anſtellte, wie ſie die Könige bei ihren Triumphen lieben, war der Prieſter Urban Grandier, welchen erſt Tags zuvor Es⸗ coublau de Sourdis, der Erzbiſchof von Bordeaur, freigeſprochen von einer Anklage, deretwegen er früher vom Official verurtheilt war, drei Monate lang alle Freitage Waſſer und Brot zu eſſen, fünf Monate lang in Poitiers und ſein Lebenlang in Loudun keine geiſtliche Handlung verrichten zu dürfen. Urban Grandier war geboren in Rovera und hatte den Unterricht ſeines Vaters Peter und ſeines Onkels Claude Grandier genoſſen, die ſich mit Aſtrologie und Alchymie beſchäftigten. In ſeinem zwölften Jahre gab man ihn in das Jeſuitencollegium zu Bordeaur, wo ſeine Lehrer bald ſein großes Talent zur Erlernung der Sprachen und ſeine Anlagen zum Redner bemerkten. Man gab ihm daher gründ⸗ lichen Unterricht im Lateiniſchen und Griechiſchen und übte ihn im Predigen. Da ſie bald großen Gefallen an einem Zögling fanden, der ihnen Ehre machte, verſchafften ſie ihm, ſobald ſein ——õ 5 Alter die Uebernahme eines geiſtlichen Amtes erlaubte, die Pfarrei zu Loudun, zu deren Beſetzung ſie das Recht hatten, einen ihrer Schüler vorzuſchlagen. Wenige Monate nach ſeiner Einſetzung wurde ihm auch, Dank ſeinen Beſchützern, eine Pfründe in dem Bezirke Sainte Croir verſchafft. Man wird ſich denken können, daß die Verleihung zweier Stellen an einen ſo jungen Mann, der nicht einmal aus derſelben Pro⸗ vinz herſtammte und daher fremde Rechte und Privilegien zu beein⸗ trächtigen ſchien, in dem kleinen Städtchen Loudun viel Aufſehen machte und ihm den Neid der andern Geiſtlichen zuzog. Dieſer übrigens hatte vielfache Urſache, ſich gegen ihn zu wenden. Urban war, wie wir ſchon oben erwähnten, von vollkommener Schön⸗ heit. Der Unterricht ſeines Vaters hatte ihn frühzeitig in die Wiſſenſchaften eingeweiht und ihm den Schlüſſel zu ſo manchem gegeben, was für die Menge ein Geheimniß bleiben mußte, was er dagegen mit der größten Leichtigkeit begriff. Dazu hatten ihn die Studien, welche er im Jeſuitencollegium gemacht, über eine Menge von Vorurtheilen erhoben, welche dem Pöbel heilig ſind und gegen die er ſeine Verachtung offen aus⸗ ſprach; dazu kam ſeine Beredtſamkeit, welche faſt alle Zuhörer zu ihm hin⸗ und von den andern Geiſtlichen fortgezogen hatte, beſon⸗ ders von den Bettelmönchen, welche bis dahin in Loudun als Prediger den erſten Rang behaupteten. Das war mehr als genug, um Neid und zuletzt auch Haß zu erregen. Man weiß, wie boshaft klatſchſüchtig die Einwohner kleiner Städte ſind und wie leicht der große Haufe überhaupt gegen Alles aufgebracht wird, was ihn übertrifft und beherrſcht. Urban war, nach ſeinen Eigenſchaften zu ſchließen, für einen größeren Schau⸗ platz geſchaffen; er ſah ſich eingeengt und fand innerhalb der Mauern einer kleinen Stadt keinen Raum, ſich zu bewegen, ſo daß Alles, was in Paris gedient haben würde, ihn zu einem berühmten Mann zu machen, in Loudun nur dazu beitragen mußte, ihn zuletzt zu ſtürzen. 6 anglücklicher Weiſe war Urban's Charakter nicht von der Art, ihm Verzeihung für ſein Genie auszuwirken; er mußte im Gegen⸗ theil noch den Haß vermehren, welchen ſeine Vorzüge einflößten. Gegen ſeine Freunde war er ſanft und gefällig, gegen ſeine Geg⸗ ner aber ſpöttiſch kalt und hochfahrend. Hatte er einmal einen Entſchluß gefaßt, ſo beharrte er auf demſelben unerſchütterlich; auf ſeine amtliche Stellung hielt er viel und vertheidigte ſie wie eine Eroberung; wo es auf ſeinen Vortheil ankam, ließ er ſich nichts abhandeln, und hatte er das Recht für ſich, ſo wies er Angriffe und Beleidigungen mit einer ſo großen Schärfe zurück, daß er ſich ſeine augenblicklichen Gegner zu unverſöhnlichen Fein⸗ den für das ganze Leben machte. Das erſte Beiſpiel von dieſer Unbeugſamkeit gab er im Jahre 1620 bei Gelegenheit eines Proceſſes, welchen er bald nach ſeiner Einſetzung ins Amt gegen einen andern Prieſter, Namens Meunier, gewann, und deſſen Endurtheil er mit ſolcher Strenge in Ausfüh⸗ rung bringen ließ, daß ſein Gegner einen ewigen Groll im Her⸗ zen bewahrte, welcher bei jeder Gelegenheit zum Ausbruch kam. Ein zweiter Proceß, welchen er gegen das Domcapitel in Sainte Croir zu führen hatte wegen eines Hauſes, das ihm dies Capitel ſtreitig machte, und den er, wie den erſten, gewann, gab ihm Gelegenheit, zu zeigen, wie ſtreng er auf ſeinem Recht beſtehe. Unglücklicher Weiſe war der Bevollmächtigte des Capitels, der in dieſer Erzählung eine große Rolle ſpielen wird, ein Canonicus im Bezirk Sainte Croix und Vorſteher des Kloſters der Urſulinerinnen, ein leidenſchaftlicher, ehrgeiziger und rachſüchtiger Mann, zu wenig begabt, um jemals eine hohe Stellung zu erreichen, trotzdem viel zu hochfahrend, um ſich mit der untergeordneten Stellung, die er einnahm, zufrieden zu geben. Eben ſo heuchleriſch, als Urban offen, ſtrebte er überall, in den Geruch der Frömmigkeit zu kommen, und nahm zu dieſem Behuf den ascetiſchen Ton eines Einſiedlers und das ſtrenge Weſen eines Heiligen an. Da er überdies in den 7 Vermögensverhältniſſen der Geiſtlichkeit viel Beſcheid wußte, be⸗ trachtete er es als eine perſönliche Demüthigung, einen Proceß verloren zu haben, deſſen Führung er übernommen und für den er beinahe gebürgt. Als daher Urban gewonnen und den errungenen Vortheil mit eben ſo unerbittlicher Strenge geltend machte, als damals gegen Meunier, erwarb er ſich in Mignon einen zweiten nicht nur mehr erbitterten, ſondern auch furchtbareren Feind, als den Erſten. In Folge dieſes Proceſſes gerieth ein gewiſſer Barot, Mignon’'s Onkel und natürlich auf der Seite deſſelben ſtehend, mit Urban in Streit; da derſelbe ein höchſt gewöhnlicher Menſch war, durfte Urban, um ihn in ſeiner ganzen Nichtigkeit bloszuſtellen, nur einige wenige jener verächtlichen Antworten gleichſam von ſeiner Höhe auf ihn herunterwerfen, welche wie ein glühendes Eiſen einen unvertilgbaren Eindruck machen. Aber dieſer einfältige Menſch war ſehr reich, hatte keine Kinder, wohl aber in Loudun ſehr aus⸗ gebreitete Verwandtſchaft, von welcher ihm auf das Eifrigſte der Hof gemacht wurde, wie das gewöhnlich geſchieht, wo eine Erb⸗ ſchaft zu erwarten iſt. Natürlich machte daher die Verhöhnung Barot's eine Menge von Perſonen, die ſich in den Streit miſchten, Urban abfällig und vermehrte die Zahl ſeiner Feinde. Um dieſelbe Zeit trug ſich ein ernſteres Ereigniß zu. Zu Urban's eifrigſten Beichtkindern gehörte die Tochter des königlichen Procu⸗ rators Trinquant, welcher auch ein Verwandter Mignon's war, ein junges, reizendes Mädchen. Dies junge Mädchen verftel in einen Zuſtand von Mattigkeit, ſo daß ſie das Zimmer hüten mußte. Während dieſer Krankheit übernahm es eine ihrer Freundinnen, Martha Pelletier, ſie zu pflegen, die allen Geſellſchaften entſagte und ihre Ergebenheit ſo weit trieb, ſich mit ihrer Freundin ein⸗ zuſchließen. Als aber Julie Trinquant geheilt war und wieder ausging, erfuhr man, daß unterdeß Martha Pelletier mit einem Kinde niedergekommen ſei, das bereits die Taufe erhalten und einer 8 Amme übergeben ſei. Die Leute meinten aber, die wirkliche Mutter ſei nicht die, welche ſich gemeldet habe, ſondern Martha Pelletier habe ihren guten Ruf um baares Geld an ihre Freundin über⸗ laſſen. Was den Vater betraf, war man noch weniger in Zweifel und bezeichnete allgemein Urban Grandier als denſelben. Als Trinquant von den Gerüchten hörte, welche gegen ſeine Tochter im Umlauf waren, ließ er als königlicher Procurator Mar⸗ tha Pelletier verhaften und ins Gefängniß führen. Man nahm ſie ihres Kindes wegen ins Verhör; ſie behauptete, die Mutter deſſelben zu ſein, und erbot ſich, es auch zu erziehen; Trinquant mußte ſte wieder freigeben, ohne daß dieſer Mißbrauch ſeiner Amts⸗ gewalt einen andern Erfolg gehabt hätte, als die Angelegenheit nur noch ärgerlicher zu machen und die öffentliche Stimme in der Ueberzeugung, welche ſie ſich einmal gebildet, noch mehr zu beſtärken. Bisher war jeder Angriff, den man auf Urban Grandier ge⸗ macht, abgeſchlagen, aber jeder ſeiner Siege vermehrte nur die Zahl ſeiner Feinde, welche bald ſo groß ward, daß jeder Andere, als Urban, erſchrocken wäre und ſich entweder ſie zu verſöhnen, oder ſich bei Zeiten gegen ihre Rache zu ſichern geſucht hätte. Urban aber ſchritt in dem ſtolzen Gefühl ſeiner Kraft, vielleicht auch in dem Bewußtſein ſeiner Unſchuld, unerſchüttert auf dem Wege weiter, welchen er bisher verfolgt, und verachtete ſelbſt die Rathſchläge ſeiner ergebenſten Freunde. Bisher waren die gegen ihn gerichteten Angriffe von einzelnen Perſonen ausgegangen; dies hielten ſeine Feinde für die Urſache, derentwegen ihre Pläne geſcheitert, und beſchloſſen jetzt, ſich zu vereinigen, um ihn ſicher zu zerſchmettern. Es fand daher bei Barot eine Verſammlung ſtatt, zu welcher ſich Meunier, Trinquant und Mignon, mit dieſem Letztern noch ein gewiſſer Menau, ein⸗ fand, ein königlicher Advocat und Mignon's genauer Freund. Doch hatte er noch einen andern Grund zu ſeiner Feindſchaft gegen Urban, 9 als ſeine Freundſchaft für Mignon: er war in eine Frau verliebt, bei welcher er durchaus nichts ausrichten konnte, und bildete ſich ein, daß ihre Leidenſchaft für Urban der Grund ſei, warum ſie gegen ihn ſich ſo gleichgültig und verächtlich zeige. Der Zweck dieſer Verſammlung war kein anderer, als den gemeinſchaftlichen Feind aus dem Gebiet von Loudun zu vertreiben. Allein Urban hatte ein ſo abgemeſſenes Betragen, daß man ihm wirklich weiter nichts vorwerfen zu können ſchien, als höch⸗ ſtens, daß er ſich gern in Geſellſchaft von Frauen befinde, welche ihrerſeits ihm, dem jungen, ſchönen und beredten Geiſtlichen, na⸗ türlich den Vorzug vor allen Andern gaben. Da dieſer Vorzug es gerade war, der ſchon manchen Vater und Gatten gekränkt, ſo hielt man dies für die einzige verwundbare Stelle an Urban's Weſen und beſchloß, den Angriff von dieſer Seite her zu machen. Wirklich begannen ſchon einen Tag nach dieſem Beſchluß alle die unbeſtimmten Gerüchte, welche ſich ſeit längerer Zeit verbreitet, einen größern Halt und größere Wahrſcheinlichkeit zu gewinnen. Man ſprach davon, ohne jedoch einen Namen zu nennen, daß ein junges Mädchen in der Stadt ſeine eigentliche Geliebte ſei, wenn er ihr auch ſehr häufig untreu werde. Bald erzählte man, dieſe junge Perſon habe Gewiſſensbiſſe gefühlt und Grandier ſie nur durch eine Entweihung des Sacramentes beruhigen können, näm⸗ lich dadurch, daß er ſelbſt ſich während der Nacht mit ihr getraut habe. Je abgeſchmackter die Gerüchte waren, deſto mehr Glauben fanden ſie, und bald zweifelte in ganz Loudun Niemand mehr, daß es ſich wirklich ſo verhalte; trotzdem aber konnte man, was in einer ſo kleinen Stadt Allen unbegreiflich ſein mußte, durchaus den Namen des Frauenzimmers nicht nennen, welches ſich nicht ge⸗ ſcheut haben ſollte, einen(katholiſchen) Geiſtlichen zu heirathen. Wie groß auch die Seelenſtärke war, welche Grandier beſaß, er konnte es unmöglich verkennen, wie der Grund und Boden gleichſam unter ihm ſchwankte; er fühlte es wohl, daß die Ver⸗ 10 leumdung gleich einer Schlange ihn leiſe umſchleiche, und ſich an ihm emporringele, und verbarg es ſich nicht, daß ſie bald ihr giftiges Haupt erheben und einen Kampf auf Leben und Tod mit ihm be⸗ ginnen werde; allein nach ſeinen Grundſätzen hätte es einem Ein⸗ geſtändniß ſeiner Schuld gleich geſehen, wenn er auch nur einen Schritt rückwärts gethan; vielleicht war es auch ſchon zu ſpät, zurückzuweichen: er ging alſo unverwandt, unbeugſam, ſpöttiſch und ſtolz immer und immer nur vorwärts. Zu denen, welche die beleidigenden Gerüchte über Urban am Eifrigſten verbreitet, gehörte ein gewiſſer Duthibaut, ein in der Provinz angeſehener Mann und in der kleinen Stadt als ein geiſt⸗ voller Mann berühmt und bei jeder Gelegenheit als das allge⸗ meine Orakel angeſehen. Urban hörte, daß dieſer Mann eines Tages bei dem Marquis von Bellay ſich einige ſcharfe Aeußerungen über ihn erlaubt, und als er einmal, mit ſeinem Prieſtergewande bekleidet, gerade in die Kirche gehen wollte, begegnete er ihm in der Vorhalle. Mit ſeinem gewöhnlichen ſtolzen und verächtlichen Ton warf er ihm ſeine Verleumdungen vor. Duthibaut, den ſein Reichthum und ſeine Ueberlegenheit gegen die gewöhnlichen ſpieß⸗ bürgerlichen Kleinſtädter gewöhnt hatte, Alles ungeſtraft ſagen und thun zu dürfen, konnte dieſe öffentliche Zurechtweiſung nicht er⸗ tragen und ſchlug Urban mit ſeinem Rohrſtock. Die hierdurch Urban gebotene Gelegenheit, ſich an ſeinen Fein⸗ den zu rächen, war zu lockend, als daß er ſie nicht hätte nutzen ſollen. Da er jedoch ganz richtig ſchloß, daß er nicht Recht be⸗ kommen würde, wenn er ſich an die nächſte Landesbehörde wende, obgleich in ſeinem Falle die Ehrfurcht gegen die Religion verletzt war, ſo zog er es vor, ſich perſönlich an den König, Ludwig XIII., zu wenden, der ſein Geſuch günſtig aufnahm und dem Parlament befahl, Duthibaut den Proceß zu machen, und die Verſpottung eines mit den Prieſterkleidern angethanen Dieners der Kirche ſtreng zu beſtrafen. 11 Jetzt meinten die Feinde Urban's, es ſei keine Zeit zu verlieren, und benutzten ſeine Abweſenheit, um eine Klage gegen ihn anzu⸗ ſträngen. Zwei nichtswürdige Menſchen, Cherbonneau und Buy⸗ rean, gaben ſich dazu her, Grandier beim Official in Poitiers anzuſchwärzen, und beſchuldigten ihn, Frauen und Madchen ver⸗ führt zu haben, ſagten, er ſei ein gottloſer, unheiliger Menſch, und behaupteten ſogar, er ſpreche ſtatt des Breviers immer nur einen ſchändlichen, unzüchtigen Vers. Der Official nahm die Klage an und wählte Louis Chauvot, einen Civilrichter, und zwei Erz⸗ prieſter zu Richtern, ſo daß zu derſelben Zeit, als Urban in Paris gegen Duthibaut proceſſirte, man zu Loudun über ihn zu Ge⸗ richt ſaß. Trinquant trat als Zeuge auf und veranlaßte noch mehrere andere Beſchuldigungen. Diejenigen Angaben, welche nicht laute⸗ ten, wie Urban's Feinde es wünſchten, wurden verfälſcht und aus⸗ gelaſſen. Das aufgenommene Protokoll, welches ſehr ſchwere Be⸗ ſchuldigungen enthielt, ſchickte man an den Biſchof von Poitiers, in deſſen Nähe Urban's Feinde einflußreiche Freunde hatten; dazu kam, daß der Biſchof einen perſönlichen Groll gegen Urban hegte, weil er es ſich in einem dringenden Falle herausgenommen, von einem ehelichen Aufgebot zu dispenſiren. Sogleich wurde denn ohne Weiteres der Befehl gegeben, ihn zu verhaften. Grandier befand ſich gerade in Paris, als dies geſchah und war beim Parlament mit ſeiner Klage gegen Duthibaut beſchäftigt, als dieſer, der den Verhaftsbefehl früher erhalten, als Urban etwas da⸗ von gehört, ſich erſt durch eine Schilderung des unzüchtigen Lebens⸗ wandels des Pfarrers vertheidigte und dann, um ſeine Behauptung zu unterſtützen, das Actenſtück vorlegte, welches er in Händen hatte. Das Parlament wußte nicht, was es davon halten ſolle und be⸗ fahl, daß Grandier, bevor ihm Recht geſprochen werden könnte, ſich erſt gegen ſeinen Biſchof und gegen die erhobenen ſchweren Anklagen zu rechtfertigen habe. Sogleich kehrte Urban nach Loudun zurück, erkundigte ſich daflbſt nach ſeinen Angelegenheiten und reiſte bald darauf weiter nach Poitiers, um ſich vor dem Biſchof zu vertheidigen. Gleich nach ſeiner Ankunft daſelbſt wurde er ver⸗ haftet und in das Gefängniß geworfen. Dies geſchah am 15. November. Das Gefängniß war kalt und feucht; dennoch konnte Urban es nicht auswirken, daß man ihn in ein anderes brächte, und ſah daran bald, daß ſeine Feinde mächtiger ſeien, als er geglaubt; doch beſchloß er, in Geduld aus⸗ zuharren. Zwei Monate blieb er im Kerker, ſo daß ſelbſt ſeine beſten Freunde ihn ſchon verloren gaben, Duthibaut über den Proceß ſpottete, den er jetzt ſchon auf immer los zu ſein glaubte, und Barot bereits einem Verwandten vorſchlug, Urban's Nach⸗ folger zu werden. Der Proceß wurde auf gemeinſchaftliche Koſten geführt und die Reichen mußten für die Armen bezahlen; denn da die Verhöre in Poitiers ſtattfanden und die Zeugen in Loudun wohnten, waren die Koſten der Reiſe nicht gering; aber das Verlangen nach Rache überwog diesmal den Geiz. Jeder wurde nach ſeinem Vermögen abgeſchätzt und bezahlte ſeinen Antheil. Binnen zwei Monaten waren die Zeugenverhöre beendigt. Allein ſo ſehr man ſich bemüht, die Sache für den Verklagten ſo ſchlimm zu drehen, als möglich, ſo war doch der Hauptanklage⸗ punkt gar nicht bewieſen; man beſchuldigte Urban, Frauen und Mädchen verführt zu haben, aber man nannte weder die Frauen noch die Mädchen, konnte auch Niemand auftreiben, der ſich in dieſer Beziehung über eine von Urban erlittene Unbill zu beklagen gehabt hätte. Alles beruhte nur auf Gerüchten und faſt nichts auf einer Thatſache, kurz, es war einer der ſeltſamſten Proceſſe, die man jemals erlebt. Nichtsdeſtoweniger wurde am 3. Januar 1630 das Urtheil ge⸗ ſprochen, welches wir ſchon oben mitgetheilt haben. Gegen dieſen Urtheilsſpruch appellirten beide Parteien: Grandier an den Erz⸗ 13 biſchof von Bordeaur und ſeine Gegner an das Paͤrlement von Paris; die letztere Appellation trug auf eine ſchwerere Beſtrafung Grandier's an, denn man gedachte, ſeinen Stolz zu beugen. Grandier aber beſaß eine Kraft in ſich, welche mit dem Angriff wuchs; er trat allem Ungemach kühn entgegen, und während er ſeine Appellation beim Erzbiſchof von Bordeaur perſönlich betrieb, ließ er ſich beim Parlement in Paris durch einen geſchickten Ad⸗ vocaten vertheidigen. Das Parlement übergab jedoch, da es un⸗ möglich war, eine ſo große Menge Zeugen nach Paris zu beſcheiden, die Einleitung der Unterſuchung dem Criminalgericht von Poitiers. Es wurde ein neues Verhör angeſtellt, das aber, da man diesmal mit Unparteilichkeit verfuhr, nicht zu Gunſten der Kläger ausfiel; denn es fanden ſich Widerſprüche zwiſchen den verſchiedenen Zeugen⸗ ausſagen; die Andern geſtanden ohne Weiteres, daß man ſie be⸗ ſtochen, noch Andere endlich, daß man ihre Ausſagen verfälſcht habe. Zu dieſen Letztern gehörte ein Prieſter Méhin und ein ge⸗ wiſſer Ismael Bouliau, derſelbe, welchen Trinquant zum Nach⸗ folger Grandier's vorgeſchlagen. Dem gegenüber vermochten die bisherigen Anklagen nicht Stich zu halten, und Grandier wurde vorläufig freigeſprochen mit der Bemerkung, daß er noch vor dem Erzbiſchof von Bordeaur zu erſcheinen habe, durch den ihm voll⸗ ſtändiges Recht werden ſolle. Grandier benutzte einen Beſuch des Prälaten in der Abtei Sainpouin les Marmes, um ſich ihm vor⸗ zuſtellen und ſeine Gunſt zu gewinnen. Seine Feinde, die ſchon durch den Ausgang des Proceſſes in Poitiers entmuthigt waren, vertheidigten ſich kaum, und nach einer nochmaligen Unterſuchung, welche die Unſchuld des Angeklagten in das hellſte Licht ſtellte, ſprach der Erzbiſchof ein vollſtändig freiſprechendes Urtheil aus. Bei dieſer Gelegenheit gewann der Erzbiſchof Urban lieb und gab ihm den freundſchaftlichen Rath, lieber eine andere Stelle anzunehmen und eine Stadt zu verlaſſen, deren Bewohner ſo feindlich gegen ihn geſinnt ſchienen. Allein es lag nicht in Urban's — Charakter, in der Art von ſeinem Recht etwas zu vergeben, und er erklärte, an dem Ort bleiben zu wollen, an den er berufen ſei, beſonders da er jetzt außer der Stütze ſeines Gewiſſens noch die Gunſt ſeines Vorgeſetzten auf ſeiner Seite habe. Dagegen konnte der Erzbiſchof nichts weiter einwenden; doch rieth er ihm, als hätte er geahnt, daß der Ehrgeiz und Stolz ihn einſt noch ſtürzen würde, ſich in ſeinem Amt fein beſcheidentlich aufzuführen, wie es die heiligen Beſtimmungen und canoniſchen Geſetze geböten. Wir haben ſchon geſehen, wie wenig Urban dieſen Rath befolgte, und wie er gleich, nachdem er ſeinen Proceß gewonnen, triumphi⸗ rend in Loudun einzog. Selbſt ſeine beſten Freunde waren mit dieſem anmaßenden Auf⸗ zuge unzufrieden; Urban aber ließ ſich durch ſie keinesweges von den Plänen abbringen, die er einmal gefaßt, und anſtatt dem Haß ſeiner Feinde Zeit zu laſſen, damit er ſich beruhige und all⸗ mälig erlöſche, nahm er ſeinen Proceß gegen Duthibaut mit dem größeſten Eifer wieder auf und wußte es dahin zu bringen, daß derſelbe ihm mit entblößtem Haupte öffentlich Abbitte thun, eine bedeutende Geldſtrafe und die Koſten des Proceſſes bezahlen mußte. Kaum war dieſer eine Gegner gedemüthigt, als er ſich ſogleich gegen die andern wandte, unermüdlicher in der Verfolgung ſeines Rechts, als ſeine Feinde es in ihren Racheplänen geweſen waren. Nach dem Urtheil des Erzbiſchofs durfte er von ſeinen Anklägern Schadenerſatz beanſpruchen, und er erklärte denn auch öffentlich, er würde eben ſo weit gehen in der Verfolgung ſeines Rechts, als ſeine Gegner in ihren Beleidigungen gegangen. Umſonſt ſtellten ihm ſeine Freunde vor, wie gefährlich es ſein müſſe, die ſchon Beſiegten bis zur Verzweiflung zu treiben. Urban antwortete, er ſei bereit, alle Verfolgungen zu erdulden, die ſeine Gegner nur irgend erdenken konnten; aber ſo lange er das Recht auf ſeiner Seite habe, werde man ihn vergeblich in Furcht zu ſetzen ſuchen. Als Grandier's Gegner erfuhren, daß er es auf einen verzweifel⸗ 15 ten Kampf wolle ankommen laſſen, hielten ſie eine neue Zuſammen⸗ kunft in dem Dorfe Pindardane, in einem Hauſe, welches Trin⸗ quant gehörte. Schon hatte Mignon die Fäden einer neuen In⸗ trigue angeſponnen; er ſetzte den Andern ſeinen Plan auseinander, und derſelbe wurde einſtimmig angenommen. Wir werden den⸗ ſelben im Verlaufe dieſer Erzählung kennen lernen. Wir haben ſchon erwähnt, daß der Canonicus Mignon Vor⸗ ſteher eines Urſulinerinnenkloſters war. Der Orden dieſer Nonnen war damals noch neu, denn erſt im Jahre 1614 wurde das erſte Kloſter deſſelben in Paris gegründet, und das in Loudun erſt im Jahre 1626, alſo etwa fünf Jahre vor der Zeit, in welcher dieſe Erzählung ſpielt. Dieſe junge Nonnengemeinſchaft war trotzdem, daß viele vornehmen Geſchlechtern entſproſſene Damen in dieſelbe eintraten, ſo arm, daß ſie ſich in einem Privathauſe einmiethen mußte. Dieſes Haus hatte man ihnen für einen ſehr niedrigen Miethzins überlaſſen, weil man in der Stadt glaubte, daß es in demſelben ſpuke und Geiſter darin ihr Weſen trieben. Der Eigen⸗ thümer deſſelben hielt die heiligen Nonnen mit ihren Gebeten für das beſte Geſpenſtergift, und wirklich waren die ſpukenden Geiſter binnen Jahresfriſt gänzlich verſchwunden, was den Nuf der keuſchen Jungfrauen bedeutend vermehrte. Der erſte Vorſteher des Hauſes war ein Bruder des Eigenthümers, gleichfalls ein Geiſtlicher. Dieſer ſtarb nach einem Jahre. Für die jüngern Bewohnerinnen des Hauſes war ſein Tod eine erwünſchte Gelegenheit, ſich einige Zerſtreuung zu machen. Sie beſchloſſen, die Geiſter wiederhervor⸗ zurufen, die man längſt in den Abgrund der Hölle zurückgebannt glaubte. Bald darauf ließen ſich auf dem Dach des Hauſes ſon⸗ derbare Töne, Klagen und Seufzer hören; bald wagten ſich Ge⸗ ſpenſter bis in die Vorrathskammern und Dachſtuben, wo ſie ihre Gegenwart durch Kettengeraſſel bekundeten, und zuletzt wurden ſie ſo unverſchämt, daß ſie ſelbſt in die Schlafzimmer eindrangen, den keuſchen Nonnen die Kleider ſtahlen und die Zudecke vom Bett zogen. Darüber gerieth man im Kloſter in ein ſo großes Entſetzen, daß die Aebtiſſin die verſtändigſten Nonnen zuſammenberief und ſie um ihren Rath befragte. Man war einſtimmig der Meinung, man müſſe an die Stelle des verſtorbenen Vorſtehers wo möglich einen noch frömmern Mann wählen, und die Meiſten dachten an Urban Grandier. Sei es, weil er wirklich in dem Rufe großer Frömmigkeit ſtand, ſei es, daß auch mancher andere Grund die heiligen Schweſtern auf ihn verfallen ließ. Man machte ihm Vor⸗ ſchläge; er antwortete jedoch, daß er ſchon zwei Aemter auszufüllen habe und ihm nicht Zeit genug übrig bleibe, um getreulich die ſchoͤne Heerde bewachen zu können, bei der man ihm die Hirten⸗ ſtelle anbiete; man möchte ſich an einen würdigern und weniger beanſpruchten Mann wenden. Dieſe Antwort verletzte, wie man ſich denken kann, das Ge⸗ müth der frommen Schweſterſchaft, deren Augen jetzt auf Mignon fielen. Dieſer war zwar ärgerlich, daß die Wahl erſt jetzt, nach⸗ dem Urban Grandier die angebotene Stelle ausgeſchlagen, auf ihn gefallen, nahm ſie aber dennoch an. Was die Geiſter betrifft, ſo verordnete er ſogleich ein dreitägiges Faſten, um ſie zu vertreiben, dem er jedoch wohlweislich eine all⸗ gemeine Beichte vorhergehen ließ. Durch die Fragen, die er an die Mädchen richtete, entdeckte er bald die Wahrheit. Diejenigen, welche die Rolle der Geiſter ſpielten, klagten ſich ſelbſt deswegen an und nannten als Mitſchuldige eine junge Novize von etwa ſiebzehn Jahren, Namens Marie Aubin. Dieſe geſtand die Wahr⸗ heit und erzählte, daß ſie bei Nacht aufſtehe und die Thür des Schlafzimmers aufſchließe; die Furchtſamſten unter den Schweſtern verſchlöſſen dieſelbe jeden Abend auf das Sorgfältigſte von innen, aber dies hindere natürlich die Geiſter nicht, dennoch hineinzu⸗ kommen. Unter dem Vorwand, ſie nicht dem Zorn der Superiorin ausſetzen zu wollen, die ſicher den Zuſammenhang errathen würde, wenn der Geiſterſpuk gerade vom Tage der Beichte an, wie abge⸗ ſchnitten, aufhoͤre, erlaubte ihnen Mignon, die nächtlichen Zoten noch zuweilen von Zeit zu Zeit zu wiederholen, gebot ihnen jedoch, ſie allmälig immer ſeltener werden zu laſſen. Dann ging er zur Superiorin und ſagte zu derſelben, er habe die Gedanken der ganzen Schweſterſchaft ſo rein und keuſch befunden, daß er hoffe, durch ſeine Gebete das Kloſter recht bald von ſeinen nächtlichen Gäſten zu befreien. Es kam ganz, wie er geſagt, und der Ruf des heiligen Mannes, der für die Befreiung der frommen Urſulinerinnen durch ſeine Ge⸗ bete ſo erfolgreich geſorgt, wurde dadurch bedeutend vergrößert. Alles war mithin im Kloſter ruhig, als ſich die Ereigniſſe zu⸗ trugen, die wir erzählt haben, und Mignon, Duthibaut, Menuau, Meuniers und Barot ſich gegen Grandier verſchworen. Der Er⸗ folg ihrer Verſchwörung war ein ſeltſames Gerücht, welches ſich einige Zeit darauf in ganz Loudun verbreitete; es hieß, die Ge⸗ ſpenſter, welche der fromme Vorſteher verbannt, ſeien unſichtbar und ungreiflich zurückgekehrt, und mehrere Nonnen hätten theils durch ihre Worte, theils durch ihre Handlungen augenſcheinliche Zeichen von Beſeſſenheit gegeben. Man ſprach über dieſe Gerüchte mit Mignon, und anſtatt ſie zu widerlegen, ſchlug dieſer die Augen zum Himmel empor und ſagte, Gottes Barmherzigkeit und Macht ſei zwar unendlich groß, aber auch Satan ſei geſchickt und ver⸗ ſchlagen, beſonders wenn die Magie, dieſe Afterwiſſenſchaft der Menſchen, ihm in die Hände arbeite. Er könne die Gerüchte zwar nicht für ganz grundlos erklären, aber von echter, vollſtän⸗ diger Beſeſſenheit liege noch kein ſicherer Beweis vor; man müſſe warten, bis mit der Zeit die Wahrheit an den Tag komme. Man kann ſich denken, welchen Eindruck ſolche Antworten auf Köpfe machen mußten, welche ſchon geneigt waren, die ſeltſamſten, wunderbarſten Dinge zu glauben. Einige Monate lang ließ Mignon dieſen Gerüchten freien Spielraum, ohne ihnen weitere Nahrung zu geben. Endlich aber ging er zum Pfarrer der Jakobskirche in 8. 2 Chinon und ſagte ihm, es ſei jetzt im Kloſter der Urſulinerinnen ſo weit gekommen, daß er nicht mehr allein die Verantwortlichkeit für das Seelenheil der armen Nonnen auf ſich nehmen könne, und bat ihn, mit ihm zu gehen und den frommen Schweſtern einen Beſuch zu machen. Dieſer Pfarrer, Peter Barré, war ganz der Mann, wie Mignon ihn brauchte; ein melancholiſcher, zu Ver⸗ zückungen und Viſionen geneigter Menſch, bereit, Alles zu unter⸗ nehmen, was ſeinen Ruf der Bußfertigkeit und Frömmigkeit er⸗ höhen konnte. Er beſchloß, den verlangten Beſuch mit der groͤß⸗ ten Feierlichkeit zu machen, und begab ſich an der Spitze ſeiner Pfarrkinder zu Fuß nach Loudun. Während die Gläubigen in die Kirche ſtrömten und Gott an⸗ flehten, die Geiſterbeſchwörungen recht wirkſam ſein zu laſſen, gingen Mignon und Barré ins Kloſter und blieben ſechs Stunden lang bei den Nonnen. Nach Verlauf dieſer Zeit trat Barré wieder heraus und ſagte ſeinen Pfarrkindern, ſie möchten allein nach Chinon zurückkehren, er bleibe in Loudun, um dem ehrwürdigen Vorſteher der Urſulinerinnen bei ſeinem heiligen Werke zu helfen; dann empfahl er ihnen, früh und ſpät mit aller Inbrunſt zu beten, damit die ſchwer beeinträchtigte Sache Gottes über die Argliſt des Teufels ſiege. Hiedurch wurde die allgemeine Neugierde nur noch mehr auf⸗ geſtachelt; man ſagte, nicht nur eine oder zwei Nonnen, ſondern das ganze Kloſter ſei beſeſſen, und als den Schwarzkünſtler, der ſite behert, wagte man ganz offen Urban Grandier zu nennen, den der Teufel durch ſeinen Stolz wie mit einem Strick an ſich ge⸗ zogen, welchem er ſeine Seele unter der Bedingung verkauft, ihn zum klügſten Menſchen auf der ganzen Erde zu machen. In der That waren Urban's Kenntniſſe im Verhältniß zu denen der Ein⸗ wohner von Loudun ſo bedeutend, daß ſehr Viele dieſem Gerücht ohne Weiteres glaubten. Einige Andere zuckten verächtlich die Achſeln, als ſie dieſe Abgeſchmacktheiten vernahmen, und trieben — 19 ihren Spott mit dieſen albernen Geſchichten, von denen ſie bisher nur die lächerliche Seite ſahen. Zehn oder zwölf Tage lang wiederholten Mignon und Barré ihre Beſuche bei den Nonnen, und jedesmal blieben ſie wenigſtens vier bis ſechs Stunden, oft auch den ganzen Tag bei denſelben. Dann endlich ſchrieben ſie an mehrere Geiſtliche und Gerichtsbeamte und luden ſie ein, in das Kloſter zu kommen, um zwei vom böſen Geiſte beſeſſene Nonnen zu ſehen und Zeugen zu ſein von den faſt unglaublichen Wirkungen der Beſeſſenheit. Als die Eingeladenen in das Kloſter traten, kam ihnen Mignon entgegen und erzählte, daß die Nonnen ſeit vierzehn Tagen von Geſpenſtern und ſchauder⸗ . haften Erſcheinungen geplagt ſeien und die Superiorin und zwei andere Nonnen ſichtlich von böſen Geiſtern beſeſſen wären. Er und Barré habe dieſe böſen Geiſter zwar ausgetrieben, in der Sonntagsnacht aber hätten ſie ſich ſowohl bei der Superiorin Johanna von Belſield, als bei einer Laienſchweſter Johanna Du⸗ magnour wieder eingefunden und ſie von Neuem geplagt. Da habe er während der Beſchwörung entdeckt, daß dies durch einen neuen Vertrag mit dem Teufel geſchehen, durch einen Vertrag, deſſen Zeichen und Symbol ein Roſenſträußchen ſei, wie das Zeichen und Symbol des früheren Vertrages drei ſchwarze Dornen geweſen. Während der erſten Beſeſſenheit hätten ſich die böſen Geiſter durchaus nicht nennen wollen, gezwungen jedoch durch Beſchwörungen, habe derſelbe, der ſich jetzt von Neuem der Su⸗ periorin bemächtigt, ſich nennen müſſen; derſelbe ſei Aſtaroth, einer der hartnäckigſten Feinde des wahren Gottes; der andere, welcher die Laienſchweſter beſeſſen habe, ſei ein weniger vornehmer Teufel und heiße Sabuton.„Unglücklicher Weiſe,“ ſagte Mignon, „ſchlafen in dieſem Augenblick die Beſeſſenen; meine Herren, ich muß Sie daher bitten, ſpäter wiederzukommen.“ Eben wollten ſich die Beamten entfernen, als ein Mann kam und anzeigte, daß die Beſeſſenen eben wieder geplagt würden. Sogleich ging man in 2*½ 20 das Schlafzimmer, in dem ſieben niedrige Betten ſtanden, von denen jedoch nur zwei beſetzt waren; das eine von der Superiorin, das andere von der Laienſchweſter. Um das Bett der Erſteren ſtanden mehrere Nonnen, Mathurin Rouſſeau, ein Prieſter und Canonicus aus Saint Croix, und Mannouri, der Stadtchi⸗ rurgus. Kaum ſtanden die beiden Beamten in der Nähe des Bettes, als die Superiorin heftige Zuckungen und ſonderbare Krämpfe bekam und quäkte wie ein Ferkel. Mit der größeſten Verwunderung ſahen die beiden Beamten ihr zu, aber ihr Erſtaunen ſtieg noch, als ſie ſich erſt ganz zuſammenzog in ihrem Bett und dann plötz⸗ lich im Hemde herausſprang, und zwar mit ſo teufliſchen Gri⸗ maſſen, daß, wenn ſie an ihre Beſeſſenheit auch gerade nicht glaubten, ſie doch die Kunſt bewunderten, mit welcher ſie geſpielt wurde. Mignon ſagte darauf dem Amtmann, obgleich die Supe⸗ riorin nie ein Wort Lateiniſch gewußt, ſo werde ſie doch, wenn ſie es verlangten, in dieſer Sprache ihre Fragen beantworten. Die Beamten erwiderten, ſie ſeien gekommen, um ſich in Betreff der Beſeſſenheit eine Ueberzeugung zu verſchaffen, er möge, als der Beſchwörer, ihnen alle nur möglichen Beweiſe geben. Mignon trat an das Bett der Superiorin, befahl das tiefſte Schweigen, ſteckte ihr zwei Finger in den Mund, ſprach die üblichen Beſchwö⸗ rungsformeln und legte ihr folgende Fragen vor: „Propter quam causam ingressus es in corpus hujus vir- ginis?“(Warum biſt Du in dieſe Jungfrau gefahren?) „Causa animositatis.“(Aus Wuth.) „Per quod pactum?“(urch welchen Vertrag) „Per flores.“(Durch Blumen.) „Quales?(Welche Blumen?) „Rosas.“(Roſen.) „Quis misit?“(Wer hat Dich geſchickt?) Als dieſe Frage an ſie gerichtet wurde, zauderte ſie mit der 21 Antwort, öffnete zweimal den Mund, antwortete aber erſt das dritte Mal mit ſchwacher Stimme: „Urbanus.“ „Dic cognomen?“(Wie heißt er mit Zunamen?) Sie zauderte wieder und antwortete nur wie gezwungen: „Grandier.“ „Die qualitatem.“(Renne ſeinen Stand.) „Sacerdos.“(Prieſter.) „Cujus ecclesiae?“(Bei welcher Kirche?) „Saneti Petri.“(Bei der Kirche des heiligen Peter.) „Quae persona attulit flores?“(Wer hat die Blumen gebracht?) „Diabolica.“(Eine teufliſche Perſon.) Kaum hatte ſie dies letzte Wort ausgeſprochen, als die Be⸗ ſeſſene wieder zur Beſinnung kam, betete und etwas Brot zu eſſen verſuchte, welches man ihr anbot; ſie warf es jedoch gleich wieder von ſich und ſagte, ſie könne es nicht herunterbringen, weil es zu trocken ſei. Darauf brachte man ihr verſchiedene flüſſige Spei⸗ ſen, von denen ſie aß, jedoch nur ſehr wenig, da ſich die Krämpfe jeden Augenblick wiederholten. Als der Amtmann und der Civilrichter ſahen, daß die Seene zu Ende geſpielt ſei, traten ſie in eine Fenſterniſche und beſprachen ſich leiſe mit einander. Sogleich folgte ihnen Mignon, welcher fürchtete, ſie ſeien noch nicht genugſam erbaut, und machte ſie darauf aufmerkſam, daß dieſe Geſchichte einige Aehnlichkeit habe mit den Schwarzkünſtlereien Gaufredi's, der einige Jahre zuvor hingerichtet war. Durch dieſe Aeußerung verrieth er ſeine Abſicht auf eine ſo grobe und ungeſchickte Weiſe, daß weder der Civil⸗ richter, noch der Amtmann ihn einer Antwort würdigten und nur der Erſtere einige Minuten ſpäter den Beſchwörer fragte, warum er nicht die Urſache dieſes unverſöhnlichen Haſſes durch die Be⸗ ſeſſene erforſcht habe. Mignon entſchuldigte ſich damit, daß es ihm nicht frei ſtehe, bloße Fragen der Neugierde zu thun. Der 22 Civilrichter wollte ihm eben etwas härter zu Leibe gehen, als ihn die Laienſchweſter aus der Verlegenheit riß, welche jetzt gleichfalls Zuckungen bekam. Sogleich traten die beiden Beamten an ihr Bett und forderten den Beſchworer auf, ihr dieſelben Fragen vor⸗ zulegen. Allein Mignon konnte fragen ſoviel er wollte, es war ihm nicht möglich, eine andere Antwort von ihr herauszubringen, als die Worte:„Die Andere, die Andere.“ Mignon erklärte dieſe Weigernng dadurch, daß ſie nur von einem untergeordneten Teufel beſeſſen ſei, der den Beſchwörer an Aſtaroth, ſeinen Vorgeſetzten, weiſe. Eine andere Antwort als dieſe vermochten die Beamten von ihm nicht zu erlangen; ſie nahmen alſo über Alles, was ſie ge⸗ ſehen und gehört, ein Protokoll auf, ohne ihre eigenen Anſichten darin auszuſprechen. Anders aber ging es in der Stadt, in der ſich nur Wenige ſo umſichtig und vernünftig zeigten, als die bei⸗ den Beamten: die Mucker glaubten, die Scheinheiligen thaten, als glaubten ſie; die weltlich Geſinnten, deren Zahl allerdings nicht ganz gering war, ſahen die Geſchichte von den beſeſſenen Nonnen von allen Seiten an und ſprachen dann ganz offen ihren Unglauben aus. Sie waren erſtaunt und allerdings nicht ohne Grund, daß die Teufel, die man für einige Zeit ausgetrieben, ſich der Beſeſſenen ſo ſchnell wieder bemächtigt, wunderten ſich, daß der Teufel der Laienſchweſter nicht Lateiniſch ſprechen konnte, und fanden es beſonders verdächtig, daß Mignon in Betreff jenes Haſſes das Verhör des Teufels nicht hatte fortſetzen wollen:„Trotz all' ſeiner Bildung,“ meinten ſie,„wird der dumme Teufel mit ſeinem Latein wahrſcheinlich ſchon zu Ende geweſen ſein.“ Uebri⸗ gens wußte man auch, daß einige Zeit vorher die Feinde Urban's ſich in Pnisdardane verſammelt hatten, auch fand man es ſehr verdächtig, daß Mignon ſo ſchnell vom Prieſter Gaufredi geſpro⸗ chen; endlich hätte man gewünſcht, daß andere Mönche als die Karmeliter, welche Grund hatten, gegen Urban empfindlich zu ſein, die Beſeſſenen beobachtet und der Beſchwörung beigewohnt 8 8 23 hätten.— Alles dies, man muß es zugeben, war ſehr ver⸗ dächtig. Am folgenden Tage, den 12. October, hörten der Amtmann und der Civilrichter, daß die Beſchwörungen wieder losgingen, ohne daß man ſie dazu gerufen, und begaben ſich jetzt in Beglei⸗ tung des Canonicus Rouſſeau und ihres Gerichtsſchreibers aus freiem Antrieb nach dem Kloſter, ließen ſogleich Mignon vor ſich kommen und bedeuteten ihn, daß dieſe Sache von ſo großer Wich⸗ tigkeit ſei, daß man in derſelben keinenfalls ohne Vorwiſſen der Behörden fernere Schritte thun dürfe; man müßte zu jeder Be⸗ ſchwörungsſcene ſie herbeirufen. Zugleich gaben ſie Mignon zu verſtehen, daß bei ſeiner Stellung als Vorſteher der Schweſter⸗ ſchaft und bei ſeinem bekannten Haß gegen Grandier ein ſchwerer Verdacht auf ihn fallen müſſe; es werde ihm daher wohl ſelbſt lieb ſein, wenn in Zukunft andere von der Obrigkeit gewählte Beſchwörer das von ihm ſo heilig begonnene Werk fortſetzten. Mignon erwiderte, er wolle ſich dem nicht widerſetzen, daß ſie bei allen Beſchwörungen zugegen ſeien, dafür könne er aber nicht ſtehen, daß die Teufel einem Andern, als ihm oder Barré, ant⸗ worten würden. In demſelben Augenblick trat Barré, noch bleicher und finſterer ausſehend als ſonſt, hervor und ſagte den Beamten, wie ein Mann, der beſtimmt darauf rechne, daß man ihm glauben würde: vor ihrer Ankunft hätten ſich außerordentliche Dinge zu⸗ getragen; die Superiorin habe nicht mehr nur einen, ſondern ſieben Teufel im Leibe, deren Oberhaupt Aſtaroth ſei. Grandier habe den zwiſchen ihm und dem Satan abgeſchloſſenen Vertrag unter dem Symbol eines Roſenſträußchens einem gewiſſen Johann Pivart und dieſer denſelben wieder einem Mädchen gegeben, das über die Mauern des Kloſtergartens geflogen ſei und die Roſen hineingelegt habe; dies ſei geſchehen in der Nacht von Sonnabend auf Sonntag, zwei Stunden nach Mitternacht. Dies ſeien die eignen Ausdrücke der Superiorin; obgleich ſie jedoch Johann Pi⸗ VRVRRMN 24 vart genannt, ſo habe ſie ſich doch hartnäckig geweigert, das Mädchen zu bezeichnen. Auf die Frage, was denn dieſer Pivart ſei? habe ſie geantwortet.„Pauper magus“(ein armer Heren⸗ meiſter) und ſpäter:„magicianus et civis«(Herenmeiſter und Bürger). Die beiden Beamten hörten dieſe Erzählung mit dem Ernſte an, welcher ihrer Würde geziemte, und erklärten Mignon und Barré, in das Zimmer der Beſeſſenen gehen zu wollen, um ſich mit eigenen Augen von den wunderbaren Geſchichten zu überzeugen. Die beiden Beſchwörer widerſetzten ſich dieſer Abſicht keineswegs, nur ſagten ſie, die Teufel würden heute wohl ſchon müde ſein und wahrſcheinlich nicht mehr antworten wollen. Wirklich ſchienen die beiden Kranken etwas ruhiger geworden zu ſein, als die Beam⸗ ten eintraten, was Mignon benutzte, um eine Meſſe zu leſen, welche der Amtmann und der Cioilrichter andächtig mit anhörten. Während der heiligen Handlung wagten die Teufel nicht einmal zu mucken; als die Monſtranz erhoben wurde, glaubte man, ſie würden einige Zeichen des Unwillens von ſich geben, aber Alles blieb vollkommen ruhig, außer daß die Laienſchweſter ein Zittern an Händen und Füßen bekam. Dies war das Einzige, was den Beamten im Protokoll bemerkenswerth ſchien; doch verſprachen Barré und Mignon, daß, wenn ſie gegen drei Uhr Nachmittags wiederkommen wollten, die Teufel ſich wohl ſchon erholt haben und aller Wahrſcheinlichkeit nach eine zweite Vorſtellung geben würden. Da die Richter über die Sache ins Klare kommen wollten, kehrten ſie zur beſtimmten Stunde, von einigen anderen Herren begleitet, ins Kloſter zurück und fanden das Zimmer angefüllt von Neugierigen. Die Beſchwörer hatten ſich nicht geirrt, die Teufel waren in beſter Arbeit. Wie immer, war die Superiorin am meiſten geplagt, natürlich auch ſchon deswegen, weil ſte nach ihrem eigenen Geſtändniß ſieben Teufel im Leibe hatte; ſie lag in den furchtbarſten Zuckungen, ſchlug mit den Fäuſten um ſich, wie eine Raſende, und der Schaum ſtand ihr auf den Lippen. Ein ſolcher Zuſtand konnte nicht lange dauern, ohne ihre Geſundheit zu gefährden; Barré fragte daher den Teufel, wann er zum Teufel fahren werde.„Cras mane““ (morgen früh) antwortete er. Der Beſchwörer wollte jetzt wiſſen, warum er nicht lieber gleich ausfahre, worauf die Superiorin zuerſt murmelte:„Pactum,“ dann„sacerdos“ und endlich„„finis“ oder „finit,“ denn die ihr am nächſten Stehenden konnten das Wort nicht deutlich verſtehen; wahrſcheinlich fürchtete ſich der Teufel, Sprachfehler zu machen, und murmelte daher nur zwiſchen den Zähnen der Nonne. Das hieß ſehr ungenügende Auskunft geben. Die Richter befah⸗ len denn auch das Verhör fortzuſetzen; allein die Teufel hatten Alles geſagt, was ſie wußten, und wollten kein Wort mehr von ſich geben, ſo ſehr man ſich bemühte, ihr Schweigen durch die allermächtigſten Beſchwörungsformeln zu brechen. Man legte ſogar die Monſtranz auf den Kopf der Superiorin und ſprach dazu Ge⸗ bete und Litaneien; aber Alles war umſonſt. Barré befahl darauf der Superiorin, zu ſagen, daß ſie ihr Herz und ihre Seele in Gottes Hände lege, was ſie ohne Schwierigkeiten that; als er aber verlangte, ſie ſolle Gott auch ihren Leib befehlen, gab der Teufel, der ſie beſeſſen hielt, durch neue Zuckungen zu verſtehen, daß er ſeine Wohnung nicht ohne Widerſtand verlaſſen wolle. Trotzdem, daß der Teufel dagegen ſich hartnäckig weigerte, befahl ſie doch endlich Gott ihren Leib, und kaum hatte ſie dieſe Worte ausge⸗ ſprochen, als ſie auch augenblicklich ihr gewöhnliches Geſicht an⸗ nahm und lächelnd zu Barré ſagte, jetzt habe ſie keinen Teufel mehr im Leibe. Der Civilrichter fragte ſte darauf, ob ſie ſich der Fragen noch erinnere, welche man ihr vorgelegt, und der Antworten, welche ſie gegeben. Sie antwortete, ſie erinnere ſich an nichts mehr; als 26 ſie jedoch etwas Nahrung zu ſich genommen, erzählte ſie den Um⸗ ſtehenden, daß ſie ſich noch genau darauf beſinnen könne, wie man ſie zum erſten Male behert habe; ſie habe gerade gegen zehn Uhr Abends im Bette gelegen, als ſie in Gegenwart mehrerer Nonnen gefühlt, daß ein unſichtbares Weſen ihre Hand ergreife, ſie öͤffne und etwas hineindrücke; in demſelben Augenblick hätte ſie einen Schmerz wie von drei Stecknadelſtichen empfunden und aufgeſchrieen. Die herbeigeſprungenen Nonnen hätten in ihrer Hand drei ſchwarze Dornen gefunden, von denen jeder ihr eine kleine Wunde beigebracht. Gerade als ſie dies eben geſprochen, bekam die Laienſchweſter einige Convulſionen, die wie gerufen ſchienen, um alle zudring⸗ lichen Fragen zu vermeiden. Barré begann wieder ſeine Gebete und Beſchwörungen, aber kaum hatte er einige Worte geſprochen, als ſich ein lautes Geſchrei unter den Umſtehenden erhob. Jemand hatte eine ſchwarze Katze aus dem Kamin ſpringen ſehen, und Niemand zweifelte, daß das der leibhaftige Teufel geweſen ſei. Sogleich verfolgte man ſie und brachte das arme Thier auf das Bett der Superiorin, wo Barré ſeine heiligen Sprüche darüber ſprach und ihm das Kreuz aufs Kreuz ſchlug. Während dieſer feierlichen Scene trat die Pförtnerin herein und erkannte in dem Teufel ihren Leibkater, den ſie ſogleich in Beſchlag nahm, damit ihm kein Unglück begegne. 4 Die Verſammlung wollte auseinander gehen, und da Barré einſah, daß dies letzte Ereigniß die ganze Geſchichte mit den Be⸗ ſeſſenen leicht lächerlich machen könne, beſchloß er noch, um die Gemüther wieder in eine feierliche Stimmung zu verſetzen, die Blumen zu verbrennen, die der Satan der zweiten Hererei benutzt, und warf einen Strauß ſchon verwelkter weißer Roſen ins Feuer, die aber zum Erſtaunen aller Anweſenden wie ganz gewöhnliche Roſen verbrannten, ohne daß es gedonnert oder ein beſonders peſti⸗ lenzialiſcher Geſtank ſich im Zimmer verbreitet hätte. Barré ver⸗ ſprach jedoch, am folgenden Tage ſollten ganz ungewöhnliche *½ —— — — 27 Wunder geſchehen; der Teufel würde dann deutlicher ſprechen, als je, und beim Ausfahren aus dem Leibe der Aebtiſſin ſo unzweifel⸗ hafte Beweiſe für ihre Beſeſſenheit geben, daß Jeder überzeugt ſein würde; dann würde er auch den Namen jenes Mädchens nennen, welches die Roſen gebracht. Hierauf kehrten Alle nach Hauſe zurück. Noch an demſelben Abend ging Grandier zum Amtmann. An⸗ fangs hatte er über die Beſchwörungsgeſchichten gelacht, denn das Mäͤhrchen ſchien ihm ſo ſchlecht erfunden, die Beſchuldigung ſo grob, daß er ſich nicht weiter beunruhigte. Als er aber ſah, wel⸗ ches Anſehen die Sache gewann und mit welch' einem glühenden Haß ſeine Feinde gegen ihn arbeiteten, trat das von Mignon an⸗ geführte Beiſpiel des Prieſters Gaufredi vor ſeine Seele, und er beſchloß ſeinen Widerſachern entgegenzutreten. Er kam, um eine Klage anzuſträngen, die ſich darauf gründete, daß Mignon in Gegenwart des Civilrichters, des Amtmanns und einer Menge anderer Perſonen durch die vorgeblich Beſeſſenen ihn als den An⸗ ſtifter der Zauberei habe nennen laſſen; dies ſei ein grober Betrug und eine Verleumdung ſeiner Ehre. Er bat den Amtmann, die vorgeblich beſeſſenen Nonnen unter Aufſicht zu ſtellen und ſie allein zu verhören. Sollte ſich wirklich eine Spur von Beſeſſenheit bei denſelben finden, ſo möchte er andere, als rechtliche Männer be⸗ kannte Geiſtliche mit der Beſchwörung beauftragen, da Mignon und ſeine Anhänger als ſeine Feinde verdächtig ſein müßten. Zu⸗ gleich erſuchte er den Amtmann, Alles genau zu Protokoll zu neh⸗ men, was ſich bei den Beſchwörungen ereignen würde. Am folgenden Tage begaben ſich der Amtmann und Civilrichter nebſt anderen Beamten gegen acht Uhr Morgens in das Kloſter. Die erſte Thür war offen, die zweite aber verſchloſſen. Einige Augenblicke darauf öffnete ihnen Mignon, führte ſie in das Sprachzimmer und bat ſie, ſpäter wiederzukommen, da die Nonnen ſich jetzt zur Commu⸗ nion anſchickten, und ſagte, daß er ſie rufen laſſen werde. Die Beamten benachrichtigten ihn von der Klage Urban's und gingen. 28 Da die Zeit verſtrich, ohne daß Mignon Wort hielt, traten ſie etwa eine Stunde ſpäter in die Capelle, wo die Beſchwörung heute ſtattfinden ſolle. Allein Mignon und Barré erſchienen und ſagten, daß es ihnen gelungen ſei, die Teufel auszutreiben; dabei hätten ſich große Wunder ereignet, welche ſie ſorgfältig zu Pro⸗ tokoll genommen. Doch hätten ſie es nicht zweckmäßig gefunden, bei der Beſchwörung Jemand anders zugegen ſein zu laſſen. Der Amtmann bemerkte ihnen, daß dies Verfahren ungeſetzlich ſei und ſie in den Verdacht der Lüge und Verleumdung bringe, da die Superiorin Grandier öffentlich angeklagt habe, mithin dieſe An⸗ klage auch öffentlich hätte beſtätigen müſſen. Es ſei ein ſeltſames Betragen, Beamte zuerſt einzuladen und dann wieder förtzuſchicken; er werde dies zu Protokoll nehmen und ſie hätten ſich die übeln Folgen ſelbſt zuzuſchreiben. Mignon erwiderte, daß er und Barré keinen andern Zweck gehabt, als die Austreibung der böſen Gei⸗ ſter. Dieſe ſei gelungen, und das gereiche der heiligen katholiſchen Kirche ſehr zum Nutzen, beſonders da ſie ihre Gewalt über die Teufel zu benutzen und binnen acht Tagen ein Ereigniß herbeizu⸗ führen gedächten, welches die Zauberei Urban Grandier's an den Tag bringen würde. 4 Die Beamten nahmen Alles zu Protokoll und unterzeichneten daſſelbe, ausgenommen der Criminalrichter, der erklärte, er glaube Alles, was die Beſchwörer geſagt, und wolle die Zweifel, welche unter den Weltlichen leider ſchon zu ſehr überhand genommen, nicht noch durch ſeine Unterſchrift vermehren. Noch an demſelben Tage ließ der Amtmann Urban heimlich ſagen, daß der Criminalrichter ſich geweigert, das Protokoll zu unterſchreiben. Mit dieſer Nachricht zugleich erhielt er eine andere, daß die Partei ſeiner Gegner einen neuen Bundesgenoſſen erwor⸗ ben, einen Herrn René Mamin von Silly, den Commandanten der Stadt. Dieſer Edelmann ſtand ſowohl wegen ſeiner Reich⸗ thümer, als wegen ſeines Amtes in großem Anſehen und zählte 29 unter anderen auch den Cardinalherzog zu ſeinen Freunden. Die Verſchwörung begann alſo einen beunruhigenden Charakter anzu⸗ nehmen, und Grandier durfte nicht länger müßig zuſehen. Er reiſte nach Poitiers, um mit dem Biſchof zu ſprechen; allein dieſer vermuthete ſeinen Beſuch und hatte bereits ſeinem Hausmanne Befehl gegeben, ihn nicht vorzulaſſen. Er ließ ihm ſagen, er möchte ſich nur an die königlichen Richter wenden, er, der Biſchof, wolle wünſchen, daß ihm ſein Recht geſchehe, Urban kehrte nach Loudun zurück und ſtellte ſich unter den Schutz der weltlichen Gerichte, denen er zugleich eine Klage gegen ſeine Feinde und Verleumder anſträngte. Mignon jedoch wollte das Recht der weltlichen Behörden durchaus nicht anerkennen, da er und Grandier als Prieſter vor den Biſchof gehörten. Seit dem Tage der Austreibung der böſen Geiſter war im Kloſter Alles ruhig geblieben, allein Urban wußte wohl, daß dieſe Ruhe nur ein Waffenſtillſtand ſei, um neue Rollen einzuſtudiren. Am 22. November wurde René Manouri, der Kloſterchirurg, ge⸗ ſchickt, um einen ſeiner Collegen, Caspar Joubert, zu Beſichtigung der ſchon wieder Beſeſſenen zu holen. Diesmal hatte ſich Manouri an den unrechten Mann gewandt, denn Joubert, ein Feind aller Betrügerei, ging gerades Weges zum Amtmann und fragte, ob man ihn auf ſeinen Befehl gerufen. Der Amtmann benachrichtigte ſogleich Grandier und ließ auf deſſen Wunſch Mignon und Barré den Befehl geben, wenn ſie nicht ſtrenger Strafe unterliegen woll⸗ ten, nie ohne Beiſein von Beamten und gewiſſen Aerzten die Be⸗ ſchwörungen vorzunehmen. Mignon und Barré erwiderten, daß ſie in dieſer Angelegenheit die Gerichtsbarkeit des Amtmanns nicht anerkennen könnten, beſonders da ſie bereits den Biſchof von Poi⸗ tiers von Allem in Kenntniß geſetzt und ihn gebeten hätten, ent⸗ weder ſelbſt zu kommen, oder andere Beſchwörer zu ihrer Unter⸗ ſtützung zu ſchicken. Nur dem Erzbiſchof komme es zu, über That⸗ ſachen zu urtheilen, welche die weltlichen und ungläubigen Seelen für 30 Betrug anſähen. Uebrigens hätten ſie gar nichts dagegen, wenn der Amtmann mit andern Beamten und Aerzten hinkäme, falls der Biſchof es geſtatte; die Nonnen würden ihnen die Thüren des Kloſters entweder öffnen oder nicht, je nachdem es ihnen beliebe. Am folgenden Tage verſuchte der Amtmann auf Grandier's drin⸗ gendes Verlangen, hineinzukommen, aber vergebens. Darauf ver⸗ ordnete er, die Superiorin und die andern beſeſſenen Nonnen ſollten in ein bürgerliches Haus gebracht und daſelbſt beaufſichtigt werden. Die Superiorin weigerte ſich jedoch auf das Hartnäckigſte und be⸗ rief ſich auf ihr Gelübde, demzufolge ſie das Kloſter nicht verlaſſen durfte ohne Erlaubniß des Biſchofs. Am folgenden Tage ſollten wieder die Beſchwörungen ſtattfinden. Der Amtmann begab ſich alſo mit vier Aerzten in die Kloſterkirche, wo man ihnen einen Platz in der Nähe des Altars anwies. Bald nach ihrer Ankunft trug man die Superiorin in ihrem Bett herbei, und Barré ſprach ſogleich eine Meſſe. Solange dieſelbe dauerte, hatte die Superiorin heftige Krämpfe und verdrehte die Augen dermaßen, daß man nur das Weiße ſehen konnte. Nach der Meſſe trat Barré an ſie heran, um ihr das Abendmahl zu geben und die Geiſter auszutreiben; die Monſtranz in den Händen haltend, ſagte er zu ihr: „„Adora deum tuum, creatorem tuum.“(Bete an Gott Deinen Schöpfer.) Die Superiorin that eine Weile, als ſei es ihr ſehr ſchwer, und ſprach dann: „Adoro te.“(Ich bete Dich an.) „Quem adoras?“(Wen beteſt Du an?) „Jesus Christus,“ antwortete die Superiorin, welche nicht wußte, daß das Verbum adoro den Accuſativ regiert. Bei dieſem Schnitzer, den kaum ein Sextaner gemacht haben würde, lachten viele der Anweſenden laut auf, und Jemand rief: „Der Teufel ſcheint von der lateiniſchen Declination nicht viel los zu haben.“ —,— —— —— 31 Barré bemerkte ſogleich den ſchlechten Eindruck, welchen der Nominativ gemacht, und fragte: „Quis est iste, quem adoras?“ und hoffte, die Beſeſſene würde wieder antworten: Jesus Christus; allein er irrte ſich; ſie antwortete: „Jesu Christe.“ Bei dieſem zweiten Schnitzer wurde das Lachen noch lauter, und mehrere der Umſtehenden riefen: „Welch' ein elendes Latein!“ Barré that, als höre er nicht und fragte, wie der Teufel heiße, der ſich ihrer bemächtigt habe. Die arme Superiorin war durch den übeln Erfolg der vorigen Antwort in Verwirrung gerathen und antworte erſt nach einer ganzen Weile mit ſchwacher, furcht⸗ ſamer Stimme: 3 „Asmothi,“ ohne dem Namen eine lateiniſche Endung zu geben. Darauf erkundigte ſich der Geiſterbanner nach der Zahl der Teufel, welche ſie beſeſſen hielten, auf welche Frage ſie ſehr ge⸗ läufig antwortete: 3 „ Sex.“* Darauf forderte der Amtmann Barré auf, den Teufel zu fragen, wie viel Cameraden er mit ſich habe. Dieſe Frage hatte man vor⸗ hergeſehen, und die Nonne antwortete, ohne zu ſtocken: „Quinque,“ was Asmothi wieder in etwas beſſere Meinung brachte. Als der Amtmann aber die Superiorin aufforderte, daſſelbe, was ſie lateiniſch geſagt, griechiſch zu ſagen, wußte ſie gar nichts zu antworten, und als man die Beſchwörung noch einmal wieder⸗ holte, kam ſie ſogleich zu ſich. Darauf brachte man eine kleine Nonne zum Vorſchein, welche zum erſten Male auftrat. Dieſe rief zweimal Grandier's Namen und rief dann den Umſtehenden zu: „Ihr Alle, wie Ihr da ſeid, thut nichts Vernünftiges.“ Da man bald ſah, daß bei dieſ nichts zu holen ſei, ließ man 3² ſie ſchnell wieder fortbringen und ſtatt ihrer die Laienſchweſter Clara vorführen. Anfangs ſeufzte und ſtöhnte ſie, bald darauf aber fing auch ſie an zu lachen und rief: „Grandier, Grandier! er muß auf dem Markte zu verkaufen ſein.“ Sogleich erklärte Barré, dieſe Worte bewieſen aufs Klarſte, daß ſie beſeſſen ſei, und trat ans Bett, ſie zu beſchwören; allein Clara zeigte ſich widerſpenſtig, ſtreckte ihm die Zunge aus, ſpie ihm nach dem Geſicht, nahm eine unanſtändige Stellung an und ſprach ein ſehr gemeines, jedoch nicht lateiniſches Wort aus, das keiner Er⸗ klärung bedurfte. Darauf beſchwor ſie der Teufelsbanner, den Namen des Dä⸗ mons zu nennen, der in ihr ſtecke. Sie antwortete: „Grandier.“ „Quo pacto ingressus est Daemon?“(Nach welchem Ver⸗ trage iſt der Teufel in Dich gefahren?) „Duplex,“(zwiefach) antwortete Schweſter Clara. Dieſe Scheu vor dem Ablativ, wo er durchaus ſtehen mußte, erregte ein neues Gelächter und bewies, daß der Teufel der Schwe⸗ ſter Clara im Lateiniſchen eben ſo ſchlecht bewandert war, als der Teufel der Superiorin. Barré fürchtete, die Teufel könnten irgend eine neue Dummheit begehen, hob die Sitzung auf und verſchob ſie auf einen andern Tag. Bei der nächſten Sitzung unterbrach der Amtmann Barré und ſagte, die Superiorin ſolle von einigen Beamten befragt werden. Wenn ſie dann auf drei oder vier Fragen richtig antworte, ſo wolle er und ſeine Begleiter an ihre Beſeſſenheit glauben und darüber ein ſchriftliches Zeugniß ausſtellen. Barré nahm dies zwar an, aber in demſelben Augenblick kam die Superiorin zur Beſinnung, und da es ſchon ſpät war, ging Alles wieder nach Hauſe⸗ Bei der nächſten Beſchwörung war zufällig ein Schotte zugegen. Auf Wunſch des Amtmanns erſuchte dieſer den Teufel, etwas auf 33 ſchottiſch zu beantworten. Barré ſchien dadurch nicht in Verlegen⸗ heit geſetzt und ſagte, er wolle dem Teufel die verlangte Antwort ſchon geben laſſen, wenn Gott es nur erlaubte, und gab dem Teufel den Befehl, auf ſchottiſch zu antworten; allein er wollte nicht, und erſt nach dreimaligem Fragen erwiderte er: „Nimia curiositas.“(Zu große Neugierde.) Und als Barré noch einmal fragte, gab er zur Antwort: „Deus non volo.“(Gott will ich nicht.) Diesmal hatte ſich der arme Teufel in der Conjugation geirrt und, ſtatt der dritten Perſon, die erſte geſetzt. Ein Schuldirector, der zugegen war, ſchlug Barré vor, er möchte ſeine Teufel zu ihm nach Serta in die Schule ſchicken; allein Barré ſagte, ohne aus der Faſſung zu kommen, die unheilige Neugierde ſei wirklich ſo groß, daß er es dem Teufel gar nicht verdenken könne, wenn er ihm nicht antworte. „Aber,“ antwortete der Civilrichter,„Sie müſſen es doch wiſſen, und wenn Sie es nicht wiſſen, ſo können Sie es aus dem Ritual lernen, welches Sie in der Hand haben, daß die Fähigkeit, fremde und unbekannte Sprachen zu ſprechen, wie auch die Fähigkeit, weitentfernte Sachen zu ſehen, die Kennzeichen der Beſeſſenheit ſind.“ „O,“ antwortete Barré,„er will ſie nur nicht ſprechen! er weiß aber auch Ihre Sünden, und wenn's Ihnen recht iſt, ſo will ich ihm ſogleich befehlen, ſie zu nennen.“ „Soll mir viel Vergnügen machen,“ antwortete der Civilrichter. Barré trat zur Nonne, um ſie über die Sünden des Civil⸗ richters auszufragen. Allein der Amtmann hinderte ihn daran und machte ihm das Unſchickliche einer ſolchen Beſprechung be⸗ merklich. Die Umſtehenden wollten aber durchaus wiſſen, ob der Teufel fremde Sprachen verſtünde, und der Amtmann ſchlug Barré, ſtatt der ſchottiſchen, die hebräiſche Sprache vor, mit der ja, als mit 8. 3 34 der älteſten aller Sprachen, der Teufel, wenn er ſie nicht vergeſſen habe, jedenfalls vertraut ſein müſſe. Dieſer Vorſchlag wurde von allen Seiten ſo beifällig aufgenommen, daß Barré die Beſeſſene auffordern mußte, das hebräiſche Wort für Waſſer auszuſprechen. Das arme Mädchen hatte ſchon Noth genug gehabt, die wenigen lateiniſchen Worte, die man ihr eingetrichtert, herauszubringen, und rief jetzt, ſich mit ſichtlicher Ungeduld umwendend: „Zu arg! ich will nichts mehr ſagen.“ Die ihr zunächſt Stehenden hörten dieſe Worte und wieder⸗ holten ſie laut; um den übeln Eindruck zu beſchwichtigen, rief ein Karmelitermönch, ſie habe nicht geſagt: Zu arg, ſondern: Zakar, was auf Hebräiſch bedeute: ich habe Waſſer ausgegoſſen. Man verſpottete ihn aber einſtimmig, und ſelbſt ſein Prior trat an ihn heran und machte ihm öffentlich Vorwürfe für ſeine Lüge. Um allen Streit kurz abzuſchneiden, fiel die Beſeſſene in Krämpfe, und da man ſchon wußte, daß dieſe das Ende des Auftritts anmelde⸗ ten, entfernte man ſich, mit lautem Gelächter über einen Teufel, der weder Schottiſch noch Hebräiſch verſtehe und im Lateiniſchen ſo ſexrtanermäßige Schnitzer mache. Der Amtmann kam den Betrügern bald ſo ſehr auf die Ferſen, daß die Nonnen erklärten, weder in ſeiner noch der Beamten Bei⸗ ſein ſich zu den Beſchwörungen hergeben zu wollen; ſo oft ſolche Zeugen da wären, würden ſie gar nicht antworten. Als Grandier von dieſer Unverſchämtheit hörte, daß der einzige Mann, auf deſſen Unparteilichkeit er ſich verlaſſen konnte, von den Beſchwörungsſcenen ausgeſchloſſen ſei, trug er darauf an, die Nonnen endlich unter Aufſicht zu ſtellen. Mit Gewalt und auf ſeinen eignen Kopf wagte der Amtmann dies nicht zu thun, ſon⸗ dern ſchrieb an den Gencralprocurator und den Biſchof von Poitiers und ſchickte ihnen die aufgenommenen Protokolle, mit der Bitte, ſie möchten dem ſchändlichen Gaukelſpiele doch endlich ein Ende machen; allein der Generalprocurator ſchrieb, die Sache ſei eine 3 3³ rein geiſtliche und gehe ihn 5 nichts an. Der Biſchof ant⸗ wortete gar nicht; wohl aber ernannte er auf den Antrag Mignon's und ſeiner Freunde mehrere Geiſtliche zu Gehülfen Barré's bei den Teufelsbeſchwörungen; die von ihm gewählten Geiſtlichen waren nahe Verwandte von Grandier's Feinden. 4 Auch bei Hofe hatten die Erzählungen von den beſeſſenen Nonnen in Loudun Aufſehen gemacht, und die Königin ſchickte ihren Al⸗ moſenier, um ſich von dem Stande der Dinge unterrichten zu laſſen. Der Amtmann und der Civilrichter fürchteten, dieſer vom Hofe Ab⸗ geſandte möchte ſich beſtechen laſſen und in ſeinem Bericht ihre Protokolle als unrichtig darſtellen. Daher begaben ſie ſich am 1. December, dem Tage, an welchem die Beſchwörungen in Gegen⸗ wart der neuen Commiſſäre wieder beginnen ſollten, nach dem Kloſter, obgleich die Nonnen erklärt hatten, ſie nicht einlaſſen zu wollen. Sie mußten lange klopfen, ehe endlich eine Nonne kam, die ihnen zwar die Thür öffnete, zugleich aber bedeutete, daß man ſie nicht hereinlaſſen wolle, weil ſie ihnen verdächtig ſeien und die Beſeſſenheit für Betrügerei erklärt hätten. Der Amtmann ließ Barré rufen und beſchwerte ſich bei ihm über das Betragen der Nonnen. Barré er⸗ klärte, er habe nichts gegen ihre Anweſenheit einzuwenden, doch nicht er, ſondern die Nonnen hätten hier zu befehlen. „Wir wollen Sie erſuchen,“ ſagte der Amtmann,„dem ver⸗ geblichen Teufel einige im Ritual vorgeſchriebene Fragen vorzule⸗ gen, und Sie werden ſich hoffentlich nicht weigern, dies in Gegen⸗ wart des Almoſeniers der Königin zu thun, denn dadurch würde jeder Verdacht von Betrug ſchnell beſeitigt.“ „Ich werde thun, was mir beliebt, und nicht, was Sie be⸗ fehlen,“ antwortete der Teufelsbanner mit großer Unverſchämtheit. „Ich weiß, was meine Pflicht gebietet.“ Da die Beamten vergeblich Einlaß begehrten, begnügten ſie ſich mit dem Befehl, daß den Beſeſſenen keine Frage vorgelegt werde, die irgend Jemand an ſeiner Ehre kränke; drohten, das 3* 36 man widrigenfalls gegen ſie, als gegen Aufrührer und Ruheſtörer, einſchreiten werde, und entfernten ſich dann. Auf den Rath der beiden Beamten ſchrieb Grandier an den Erzbiſchof von Bordeaur, der ihm ſchon einmal aus der Gefahr ge⸗ holfen, und fügte eine Abſchrift der aufgenommenen Protokolle bei. Der würdige Prälat hielt die Sache für ſehr ernſt und gefährlich, beſchloß daher, Grandier perſönlich zu Hülfe zu kommen, Man kann ſich denken, daß die Ankunft des Erzbiſchofs den Teufelsbannern wie ein Donnerſchlag kam. Er ſchickte ſogleich ſeinen Leibarzt, um die Beſeſſenen in Augenſchein zu nehmen und ihren Geſundheitszuſtand zu unterſuchen. Mignon empfing den⸗ ſelben hochachtungsvoll, ſprach ihm jedoch ſein Bedauern aus, daß er nicht einen Tag früher gekommen ſei, da es geſtern gerade ſeinen und Barré's Beſchwörungen gelungen ſei, die Beſeſſenen zu befreien; doch führte er ihn zur Superiorin und der Schweſter Clara, welche der Arzt ſo wohl fand, als wären ſie nie krank geweſen. Der Betrug lag klar am Tage, und der Erzbiſchof ſelbſt glaubte, dieſe ſchändlichen Verfolgungen würden endlich für immer aufge⸗ hört haben. Grandier aber kannte ſeine Feinde beſſer und ſagte, daß die Gegenwart des würdigen Prälaten die Teufel zwar in die Flucht geſchlagen, daß ſie aber nach ſeiner Abreiſe gewiß bald zu⸗ rückkehren würden, und ſeine Unſchuld doch zuletzt den Ränken ſeiner wüthenden und argliſtigen Feinde unterliegen müſſe, wenn er nicht Barré, Mignon und deren Anhängern ſtrenge verbiete, die vorgeblich Beſeſſenen unter ihrer alleinigen Aufſicht zu behalten. Der Erzbiſchof gab wirklich einen Befehl, daß nur beſtimmte Per⸗ ſonen, die er namentlich anführte, in Zukunft die Beſchwörungen leiten ſollten. Natürlich hörte die Beſeſſenheit jetzt wie abgeſchnitten auf, und bald dachte Niemand mehr daran. Dennoch aber forderte der Erzbiſchof Grandier noch einmal auf, eine andere Stelle an⸗ zunehmen; dieſer aber antwortete, er würde die Pfarrei in Loudun 37 4 unter keinen Umſtänden aufgeben, ſelbſt wenn man ihm ein Bis⸗ thum anböte. Die ganze Tenfelsangeltgenheit war den Nonnen höchſt nach⸗ theilig geweſen, und ſtatt ihnen, wie Mignon verſprochen, Be⸗ rühmtheit und reiche Spenden einzutragen, hatte ſie ihnen nur öffentliche Schande und eine Verringerung ihrer Einkünfte zuge⸗ zogen; denn die Aeltern, welche ihnen früher ihre Töchter ge⸗ ſchickt, um ſie zu erziehen, nahmen dieſelben eiligſt aus dem Klo⸗ ſter, und mit den Zöglingen verloren ſie ihre letzten Hülfsquellen. Mignon mußte ſich ruhig verhalten, obgleich ſein innerer Grimm ihn beinahe verzehrte. Doch gab er ſeine Rachepläne nicht auf, ſondern wartete, wie ein Raubthier in ſeinem Verſteck, die Augen unaufhörlich lauernd auf Grandier gerichtet, auf eine andere Ge⸗ legenheit, hervorzuſtürzen und die ihm zweimal entwiſchte Beute zu zerfleiſchen. Grandier's Unſtern ließ bald eine ſolche Gelegen⸗ heit erſcheinen. Damals ſtand Richelieu auf dem Gipfel ſeiner Macht und führte ſeine, für das ganze Land allerdings heilſamen Zerſtörungspläne aus, indem er die Schlöſſer des mächtigen Adels niederreißen ließ, wo er nicht die Köpfe der Beſitzer fällen konnte, das Wort John Knor's befolgend: wenn man die Neſter ausnimmt, fliegen die Raben davon. Eines dieſes Neſter war das Schloß Loudun, und Richelieu hatte Befehl gegeben, daſſelbe niederzu⸗ reißen. Derjenige, welcher mit dieſem Auftrage nach Loudun kam, war einer jener Männer, wie ſie 150 Jahre früher Ludwig XI. gefun⸗ den, um die Feudalherrſchaft zu vernichten, und wie ſie 150 Jahre ſpäter Robespierre finden ſollte, um der Ariſtokratie den Todesſtoß zu verſetzen; denn jeder Holzfäller braucht eine Art, jeder Mäher eine Sichel: Richelieu war der Gedanke, Laubardemont das Werk⸗ zeug für dieſen Gedanken. Laubardemont kam im Auguſt 1633 nach Loudun und wandte ſich ſeines Auftrages wegen an Memin von Silly, den Stadt⸗ 38 commandanten, einen alten Freund des Cardinals, welchen Barré und Mignon für ſich gewonnen hätten. Memin ſah in der Reiſe des Herrn von Laubardemont einen Fingerzeig des Schickſals, die Fingerzeig Sache triumphiren zu laſſen, auf deren Seite auch er ſtand, und die man ſchon als verloren aufgegeben; er ſtellte ihm Mignon und alle ſeine Genoſſen vor, die ſämmtlich zuvorkommend von ihm empfangen wurden. Da die Superiorin eine Verwandte des mäch⸗ tigen Nathes war, ſo ſchilderten ſie ihm mit Uebertreibung die Schmach, welche der Befehl des Erzbiſchofs ihr angethan und die auf ihre ganze Familie zurückfalle, ſo daß es ſich zwiſchen Laubar⸗ demont und den Verſchwornen bald nur noch darum handelte, den Cardinalherzog für ihre Rachepläne zu gewinnen. Das Mittel hierzu war bald ausfindig gemacht. Unter den Frauen der Königin⸗Mutter, Maria von Medicis, befand ſich eine gewiſſe Hammon, welche bei der Fürſtin ſehr be⸗ liebt war. Dieſelbe war in Loudun geboren und hatte daſelbſt den größten Theil ihrer Jugendzeit verlebt. Grandier, welcher ihr Beichtvater geweſen, kannte ſie genau und hatte die Geſellſchaft der geiſtreichen Frau ſehr gern gehabt. Als die Miniſter einmal in Ungnade gefallen waren, hatte man eine beißende, geiſtvolle Satyre gegen dieſelben, und beſonders gegen den Cardinalherzog, veröffentlicht, und dieſe Schrift wurde der Hammon zugeſchrieben, welche natürlich den Haß Maria's von Medicis gegen ihren Feind theilte, und die der Schutz ihrer hohen Gönnerin vor der Rache des Cardinals ſichergeſtellt, obgleich dieſer ſeinen Groll noch nicht vergeſſen. Die Verſchwornen hatten den argliſtigen Einfall, jene Satyre Grandier zuzuſchreiben, welcher von der Hammon alle Einzelnheiten des häuslichen Lebens des Cardinals erfahren habe; glaubte der Miniſter an dieſe Verleumdung, ſo konnten die Ver⸗ ſchwornen ruhig ſein, denn dann war Grandier unwiderruflich verloren. Nachdem man hierüber einig geworden, führte man Herrn ... * ——— 39 3 von Laubardemont ins Kloſter zuwo die Teufel, da ſie merkten, welche hochgeſtellte Perſon ihre Gegenwart wünſche, ſich unter⸗ thänigſt beeilten, ſogleich wieder zu erſcheinen: die Nonnen hatten die prächtigſten Krämpfe, und Herr von Laubardemont kehrte voll⸗ kommen überzeugt nach Paris zurück.. Beim erſten Wort, welches der Staatsrath dem Cardinal von Urban Grandier ſprach, bemerkte er ſogleich, daß er und die Ver⸗ ſchworenen nicht nöthig gehabt, jenes Mährchen auszuhecken, und daß er nur den Namen des verhaßten Prieſters hätte nennen dür⸗ fen, um den Miniſter in den nöthigen Zorn zu verſetzen. Der Cardinalherzog war früher Prior in Couſſey geweſen und hatte daſelbſt mit Grandier einen Streit um den Vorrang gehabt, in welchem er unterlegen; dieſe Beleidigung ſtand in den Blutregiſtern des Miniſters verzeichnet, und Laubardemont fand ihn ſogleich eben ſo bereit, Grandier zu ſtürzen, als er ſelbſt es war. Richelieu ſtellte, die Ausſagen der beſeſſenen Nonnen zum Vor⸗ wand benutzend, einen Verhaftsbefehl gegen Grandier auf. Lau⸗ bardemont kehrte nach Loudun zurück und gab Wilhelm Aubin von Lagrange, dem Stadtprofoß, den Befehl, ſich morgen in aller Frühe Grandier's zu bemächtigen. Dieſer ließ jedoch Grandier von dem ihn bedrohenden Unheil bei Zeiten benachrichtigen. Gran⸗ dier dankte ihm für ſeinen Edelmuth, antwortete aber mit ſeiner gewöhnlichen Feſtigkeit, er vertraue ſeiner Unſchuld, ſeinem guten Rechte und ſei entſchloſſen, Alles abzuwarten, was über ihn er⸗ gehen könne. Er blieb in ſeiner Wohnung, und ſein Bruder, welcher bei ihm wohnte, hat verſichert, daß er in dieſer Nacht eben ſo ruhig geſchlafen, wie gewöhnlich. Am folgenden Tage ſtand er um ſechs Uhr auf, nahm ſein Brevier und ging nach der Kirche, um die Frühmette zu halten. Kaum aber war er aus der Thür getreten, als Lagrange ihn in Gegenwart Memin's, Mignonss und ſeiner anderen Feinde, welche ſich verſammelt hatten, um dies Schau⸗ ** 40 ſpiel zu genießen, im Namen des Königs verhaftete. Er wurde nach dem Schloß Angres abgeführt, ſeine Sachen ſämmtlich ver⸗ ſiegelt. Bei der Hausſuchung jedoch, die man in ſeiner Wohnung anſtellte, fand man nichts, was ihn hätte verdächtigen können, ausgenommen etwa eine Abhandlung gegen die Eheloſigkeit der Prieſter und zwei von fremder Hand geſchriebene Liebesgedichte. Während Grandier gefangen ſaß, nahm die Beſeſſenheit der Nonnen auf eine erſtaunliche Weiſe zu, und bald hatten nicht mehr nur die Superiorin und die Schweſter Clara ein halb Dutzend Teufel im Leibe, ſondern neun Nonnen an der Zahl wurden vom Satan geritten. Der Biſchof von Poitiers triumphirte jetzt über den Erzbiſchof von Bordeaux, der gegen einen vom Cardinalherzog ſelbſt aus⸗ gegangenen Befehl nichts ausrichten konnte. Er ſchickte die von dem Letztern zum Teufelsbannen beſtimmten Geiſtlichen wieder fort und ſendete an ihrer Stelle den Franziskaner Lactantius, der ſchon bei der erſten Verurtheilung Grandier's mit zu Gericht geſeſſen, und außer dieſem einen ſeiner Domlehrer. Dieſe beiden Mönche gaben ſich gar keine Mühe, zu verheimlichen, welcher Partei ſie angehörten, und nahmen ihre Wohnung ohne Weiteres bei einem der ärgſten Gegner Grandier's. Schon am folgenden Tage be⸗ gannen ſie wieder ihre Beſchwörungen. Bei den erſten Worten bemerkte der Pater Lactantius, daß die Aebtiſſin wenig Lateiniſch könne, und befahl ihr, franzöſiſch zu antworten. Da Jemand ſo kühn war, hiegegen einzuwenden, daß der Teufel nach dem Ritual alle Sprachen der Welt verſtehe, ſowohl die lebenden, als die todten, und daher in derſelben antworten müſſe, in welcher man ihn frage, erklärte der Pater, dieſer Teufel hätte es ſich im Ver⸗ trage ausgemacht, nur franzöſiſch zu antworten, und übrigens gebe es auch Teufel, die ſo dumm und unwiſſend ſeien, wie das Rindvieh. Die Aerzte, welche bei den Beſchwörungen zugegen waren, hatte man auch ſo ausgeſucht, wie man ſie brauchte. Der 41 eine war ein Barbier, der bisher noch Niemand curirt, als einen Pudel, welchen er dadurch v Läuſen befreite, daß er ihn er⸗ ſäufte; ein anderer war ein Gewürzkrämer, der keine anderen ärzt⸗ lichen Functionen verrichtete, als daß er zuweilen ſeinen Kunden Verſtopfungs⸗ und Abführungsmittel verkaufte; Beide waren ſehr fromm und, worauf es ankam, mit Grandier's Feinden verwandt. Sie erklärten ganz einfach, daß Alles, was ſie geſehen, lauter übernatürliche Dinge ſeien und weit über den Horizont ihrer me⸗ diciniſchen Kenntniſſe hinausgingen. Als der Pater Lactantius die Superiorin fragte, in welcher Geſtalt ihr der Teufel in den Leib gefahren ſei, antwortete ſie, er ſei zugleich ein Kater, ein Mops, ein Hirſch und ein Ziegen⸗ bock geweſen. „Quoties?“ fragte der Teufelsbanner. „Ja, den Tag habe ich nicht recht im Gedaͤchtniß behalten,“ ſagte die Superiorin. Die gute Nonne hatte quoties für quando genommen; wahr⸗ ſcheinlich um ſich dieſes Irrthums wegen zu rächen, erklärte die Superiorin an demſelben Tage, daß Grandier fünf Zeichen am Leibe habe, die ihm der Teufel beigebracht, er habe nur daran Gefühl und ſei nur daran verwundbar. Sogleich befahl man Manouri, dem Gewürzkrämer und dem Barbier, zu dieſem Behufe eine Unterſuchung anzuſtellen, damit es ſich zeige, daß die Superiorin die reine Wahrheit geſagt. Manouri ließ Grandier nackend ausziehen, von ſeinem Collegen am ganzen Leibe raſiren und ihn dann mit verbundenen Augen auf einen Tiſch legen. Aber der Teufel hatte ſich ſchon wieder geirrt: Grandier hatte nur zwei Zeichen, eins auf dem Schulter⸗ blatt und das andere auf der Lende. Jetzt fand einer der niederträchtigſten Auftritte ſtatt. Manouri hielt eine Federſonde in der Hand, deren Nadel man nach Be⸗ lieben in ſich ſelbſt zurücktreten laſſen konnte; an allen den Stellen, 42 wo Grandier's Körper nach der Ausſage der Superiorin unempfind⸗ lich und unverwundbar ſein ſollte, drückte er die Feder los und ließ die Nadel in ihre Scheide zurücktreten, ſo daß es ganz ſo ausſah, als wenn ſie ins Fleiſch eindränge; natürlich empfand Grandier nicht den mindeſten Schmerz, an den Stellen aber, die als verwundbar bezeichnet waren, ließ er die Nadel draußen und ſtieß ſie mehr als zolltief in das Fleiſch; das kam Grandier natür⸗ lich ſo unvermuthet, daß er laut aufſchrie. Als Manouri von dem Maal auf dem Rücken an das auf der Lende kam und die Sonde wieder ihrer ganzen Länge nach hineinſtieß, blieb Grandier ganz ſtill und ließ nichts Anderes von ſich hören, als ein Gebet für ſeine Henker. Herr von Laubardemont war bei dieſem Auf⸗ tritt zugegen.. Am folgenden Tage wurde die Superiorin mit ſo gewaltigen V Beſchwörungsformeln angeredet, daß der Teufel es nicht länger ausſtehen konnte und geſtehen mußte, daß Grandier nicht fünf, ſondern zwei Zeichen auf dem Leibe hätte, und zum großen Er⸗ ſtaunen der Menge wußte er jetzt genau die Stellen zu bezeichnen, 3 an welchen ſie ſich befänden. Unglücklicher Weiſe verwiſchte der Satan die gute Meinung, welche dieſe Genauigkeit veranlaßt. Als man ihn nämlich fragte, warum er nicht am vorigen Sonnabend habe reden wollen, antwortete er, an jenem Tage ſei er nicht in Loudun geweſen, da er den ganzen Vormittag beſchäftigt geweſen, die Seele des Parlamentsprocurators La Prouſt in die Hölle ab⸗ 4 zuführen und ſie in ſeiner Garküche für die Satansgroßmutter zum Frühſtück braten zu laſſen. Dieſe Antwort ſchien einigen weltlich geſinnten Leuten ſo unglaublich, daß ſie ſich die Mühe gaben, das Verzeichniß der an jenem Sonnabend Verſtorbenen nachzuſehen, wobei ſie natürlich fanden, daß nicht nur kein Parla⸗ mentsprocurator La Prouſt, ſondern überhaupt kein Mann dieſes Namens geſtorben ſei. Da dieſe beiden Irrthümer die Zahl der Ungläubigen vermehrte, 43 kündigte man zum 4. Mai eine der intereſſanteſten Sitzungen an, deren Programm in der That höchſt geeignet war, die allgemeine Neugierde aufzuſtacheln. Asmothi hatte verſprochen, die Superiorin zwei Fuß hoch aufzuheben, und Cazers und Zerberus hatten ſich dem Beiſpiel ihres Oberhauptes getreu verpflichtet, daſſelbe mit zwei andern Nonnen zu leiſten; ein vierter Teufel endlich, ein Herr Beherit, war noch weiter gegangen, hatte allen Reſpect vor Herrn von Laubardemont aus den Augen geſetzt und verſprochen das Käppchen des Herrn Staatsraths ihm vom Kopfe zu heben und, ſo lange ein Miſerere dauere, in der Luft ſchwebend zu er⸗ halten; außerdem machten die Teufelsbanner bekannt, daß ſechs der kräftigſten Männer nicht im Stande ſein würden, die ſchwächſte Nonne feſt zu halten und ſie in ihren Zuckungen zu hindern. Man kann ſich denken, daß dieſe Verſprechungen eine Menge neugieriger Zuſchauer in die Kirche lockten. Man machte den Anfang mit der Superiorin, und der Pater Lactantius forderte Asmothi auf, ſein Verſprechen zu halten und die Beſeſſene von ihrem Lager emporzuſchnellen. Sogleich machte die Superiorin zwei oder drei Sprünge von ihrer Matratze empor und ſchien ſich wirklich einen Augenblick in der Luft ſchwebend zu erhalten; allein einer der Zuſchauer hob ihr das Kleid auf, ſo daß man bemerkte, daß ſie ſich auf die Fußſpitze ſtütze, alſo durchaus auf keine wun⸗ derbare Art, wenn auch ſehr geſchickt in der Luft ſchwebe; das Gelächter brach natürlich von allen Seiten los und dadurch wur⸗ den Eazers und Zerberus ſo eingeſchüchtert, daß man nicht ein⸗ mal eine Antwort aus ihnen herausbringen konnte. Jetzt nahm man zu Beherit ſeine Zuflucht, welcher ſich bereit erklärte, das Käppchen des Herrn von Laubardemont aufzuheben und dies Wun⸗ der geſchehen zu laſſen, bevor noch eine Viertelſtunde vergehe. Da man heute für die Teufelsbannereien, welche gewöhnlich des Morgens ſtattfanden, den Nachmittag beſtimmt hatte und jetzt bereits die der Täuſchung ſo günſtige Finſterniß hereinzubrechen 44 ſchien, ſo kamen mehrere unglaͤubige Zuſchauer auf den Gedanken, Beherit habe nur deshalb um einen viertelſtündigen Aufſchub ge⸗ beten, um erſt beim Kerzenſchein ſein Werk zu beginnen, welcher die Zauberei ſo ſehr erleichtert. Dieſelben bemerkten auch, daß Herr von Laubardemont etwas entfernt von den Anderen ſaß und ſein Stuhl gerade unter einem Schlußpunkt der Kirchenwölbung ſtand, in welcher ſich ein Loch für das Glockenſeil befand. Sie gingen aus der Kirche, ſtiegen auf den Thurm und verbargen ſich im Glockenſtuhl, wo ſie bald einen Mann erſcheinen ſahen, welcher ſich an der Stelle des Lochs zu thun machte. Spogleich fielen ſie über ihn her und nahmen ihm eine lange aus einzelnen Pferde⸗ haaren zuſammengeknüpfte Schnur fort, an deren einem Ende ſich ein kleiner Angelhaken befand; ſo kam es, daß das Käppchen des Herrn von Laubardemont, obgleich er ſelbſt, die Teufelsbanner und die ganze Verſammlung glaubten, es jeden Augenblick em⸗ porſchweben zu ſehen, ſitzen blieb, was dem Pater Lactantius höchſt unangenehm war. Er dachte nur an eine Verzögerung, nicht an ein Hinderniß, und forderte Beherit drei⸗ oder viermal auf, ſein gegebenes Verſprechen zu halten, das der arme Teufel natürlich brechen mußte. Dieſe Sitzung war eine durchaus unglückliche: nichts hatte gelingen wollen und noch nie waren die Teufel ſo ſchrecklich un⸗ geſchickt geweſen. Des letzten Stückes der Darſtellung aber glaub⸗ ten die Beſchwörer gewiß zu ſein und ließen zwei Karmeliter und zwei Kapuziner, ſechs Männer von herkuliſchem Ausſehen aus der verſammelten Menge ausſuchen und in das Nonnenchor bringen. Diesmal zeigte der Teufel, daß, wenn er auch nicht geſchickt ſei, er doch wenigſtens Kraft beſitze; denn obgleich ſechs Männer ſie auf ihrer Matratze feſtzuhalten ſuchten, gerieth doch die Supe⸗ riorin bei den erſten Beſchwörungsformeln in ſo heftige Krämpfe, daß ſie ſich aus den Händen derſelben losmachte und dabei ſogar einen rieſigen Kerl zu Boden warf. Dies Stück wurde dreimal 4⁵ wiederholt und gelang alle drei Mal, ſo daß der ſchon ſehr er⸗ ſchuͤtterte Glaube wenigſtens in Etwas wieder hergeſtellt wurde. Allein ein Arzt aus Saumur, Namens Dunkan, argwohnte, daß irgend welche Gevatterſchaft dahinter ſtecken möge, trat in das Chor, befahl den ſechs Männern, fortzugehen und verſprach ſeines Unglaubens wegen öffentlich Abbitte zu thun, wenn es ihm nicht gelänge, die Superiorin allein feſt zu halten. Herr von Laubar⸗ demont nannte ihn einen ungläubigen, gottloſen Menſchen und wollte nichts von dem neuen Verſuch wiſſen. Allein der Mann war ſeiner Rechtſchaffenheit wegen ſo ſehr geachtet, daß in der Verſammlung ein lautes Murren entſtand und die Teufelsbanner ſich genöthigt ſahen, ihm ſeinen Willen zu laſſen. Man ſchickte die ſechs unter den Fackelträgern ausgeſuchten Kerle fort, aber nicht durch die Kirche, ſondern durch die Thür der Sakriſtei, und ließ Dunkan an das Bett der Superiorin treten. Er faßte ſie an der Handwurzel und ſobald er ſich verſichert, daß er ſie feſt genug halte, forderte er die Beſchwörer auf, anzufangen. Der Pater Lactantius ſprach die heiligen Worte und die Supe⸗ riorin gerieth in Zuckungen; diesmal aber ſchien Dunkan allein mehr Kraft zu haben, als ſeine ſechs Vorgänger zuſammen: denn die Superiorin konnte ſich winden, um ſich ſchlagen und ſtram⸗ peln, ſoviel ſie wollte, ihr Arm blieb doch, wie in einer Zange, feſt in der Hand Dunkan's, bis ſie endlich erſchöpft zurückſank und ausrief: „Ich kann nicht mehr, ich kann nicht mehr, er hält mich feſt!“ „Laſſen Sie ihr doch den Arm los!“ ſchrie der Pater Lactantius voller Wuth;„denn wie ſollen die Convulſionen ſtattfinden, wenn Sie ſie feſthalten?“ „Nun, wenn es ein Dämon iſt, der ſie beſeſſen hält,“ ant⸗ wortete Dunkan mit lauter Stimme,„ſo muß er ſtärker ſein als ich, da das Ritual es als ein Zeichen der Beſeſſenheit nennt, daß die Kräfte weit über das Alter, über das Geſchlecht und über die Natur hinaus ſind.“ 46 „Unrichtig geſchloſſen,“ erwiderte ihm Lactantius mit großer Bitterkeit;„ein Dämon außerhalb des Leibes iſt allerdings ſtärker als Sie, wenn er aber in einem ſo ſchwachen Körper ſteckt, wie dieſer iſt, ſo kann er unmöglich eben ſo ſtark ſein als Sie, denn die naturgemäßen Bewegungen und Handlungen müſſen dem Kör⸗ per, welchen er beſeſſen hält, angemeſſen ſein.“ „Schon genug, ſchon genug,“ ſagte Herr von Laubardemont, „wir ſind nicht hergekommen, um mit Philoſophen zu disputiren, ſondern um Chriſten zu erbauen.“ Bei dieſen Worten ſtand er unter großem Lärm von ſeinem Stuhle auf und die ganze Verſammlung entfernte ſich in großer Unordnung, nicht, als wenn ſie aus einer Kirche, ſondern aus einem Theater komme. Dieſe ſo ſchlecht abgelaufene Sitzung hatte zur Folge, daß mehrere Tage hindurch nichts Merkwürdiges vorfiel, weshalb eine große Menge von Edelleuten und angeſehenen Perſonen, die, in der Erwartung, höchſt wunderbare Dinge zu ſehen, nach Loudun gekommen waren, wieder abreiſten, da ſie ſahen, daß man nur ein elendes Gaukelſpiel trieb. Man beſchloß daher, um dieſen ſo ungünſtigen Eindruck wieder zu verwiſchen, irgend ein großes Ereigniß ſtattfinden zu laſſen, welches die Neugierde wieder erwecke und den erlöſchenden Glauben neu anfache. Zu dieſem Behuf machte Pater Lactantius bekannt, daß am 20. Mai drei von den ſieben Teufeln, welche die Superiorin beſeſſen hielten, ausfahren und drei Wunden auf ihrer linken Seite und eben ſo viele Löcher in ihrem Hemde und ihren Kleidern machen würden; dabei ſollten die Hände der Superiorin ihr auf den Rücken gebunden werden. Als der feſtgeſetzte Tag erſchien, lud man die Aerzte ein, an die Superiorin heranzutreten, ihre Seite und ihre Kleider zu unterſuchen. Da ſich unter dieſen auch Dunkan befand, den man, ungeachtet des Haſſes, welchen man gegen ihn hegte und deſſen Folgen er gewiß gefühlt haben würde, hätte ihn nicht der Mar⸗ 47 ſchall von Brezé in ſeinen beſondern Schutz genommen, ſo war es nicht möglich, die Zuſchauer zu betrügen. Die Aerzte unter⸗ ſuchten die Superiorin und erklärten, daß ſie weder eine Wunde, noch ein Loch in den Kleidern, noch auch irgend ein ſcharfes Inſtrument in den Falten ihrer Röcke gefunden hätten. Hierauf fragte der Pater Lactantius ſie in franzöſiſcher Sprache zwei Stun⸗ den lang; dann ging er zu den Beſchwörungen über. Jetzt trat Dunkan hervor und ſagte, es ſei nun Zeit, der Superiorin die Hände auf den Rücken zu binden, wie man verſprochen, um allen Verdacht von Täuſchung und Betrug zu entfernen. Der Pater Lactantius erkannte dieſe Forderung als recht an, wandte jedoch ein, es ſeien viele Leute zugegen, welche noch nicht die Krämpfe der Beſeſſenen geſehen hätten, und es ſei daher billig, daß man die Superiorin erſt beſchwöre, bevor ſie gebunden werde. Nach⸗ dem die Krämpfe einige Minuten gedauert, ſtreckte ſich die Nonne wie ohnmächtig aus, ſiel mit dem Geſicht nach unten auf ihr Lager zurück, wandte ſich dann etwas auf die linke Seite, blieb einige Augenblicke ſo liegen und ſtieß dann einen leichten Schrei aus, dem ein Geſtöhn folgte. Sogleich traten die Aerzte an ſie heran, und Dunkan, welcher ſah, daß ſie die rechte Hand von der linken Seite zurückzog, ergriff ſie am Arm und bemerkte, daß ihre Fingerſpitzen voll Blut waren; zugleich ſah er, daß die Klei⸗ der und das Hemde an drei Stellen durchlöchert waren; ebenſo fand man an drei Stellen leichte Wunden, welche aber kaum die Haut durchdrangen. Diesmal war die Betrügerei ſo grob, daß ſelbſt Laubardemont ſich zu ſchämen ſchien und den Aerzten nicht geſtattete, ihren zu Protokoll genommenen Ausſagen auch ein Urtheil über die Inſtru⸗ mente zuzufügen, mit denen der Superiorin die Wunden beige⸗ bracht ſeien; trotzdem aber nahm er die Austreibung der drei Dämonen durch drei Wunden zu Protokoll, und dies Protokoll wurde mit der unverſchämteſten Frechheit gegen Grandier vorgebracht. 48 Vom Mai bis zum Juni trug ſich nichts Merkwürdiges zu, als daß die Superiorin einmal einen fingerlangen Federkiel aus⸗ brach. Ohne Zweifel war es dies neue große Wunder, was den Biſchof von Poitiers beſtimmte, ſich nach Loudun zu begeben; nicht, um, wie er ſagte, ſich von der Wahrheit der Beſeſſenheit zu überzeugen, ſondern um die noch Zweifelnden zum Glauben zu bringen und die Zauberſchulen zu entdecken, welche Urban Grandier eingerichtet habe. Jetzt begann man dem Volke bekannt zu machen, daß es an die Beſeſſenheit glauben müſſe, weil der König, der Cardinalherzog und der Biſchof daran glaubten, und man nicht mehr zweifeln könne, ohne ſich eines Majeſtätsverbrechens ſchuldig zu machen und ſich als ein Genoſſe Grandier's der blutigen Gerechtigkeit Laubardemont’s auszuſetzen. Am 2. Juli wurde folgender Befehl an die Straßenecken geklebt: „Es wird hiermit Jedermann ausdrücklich verboten, weß Stan⸗ „des und weß Alters er auch ſei, etwas Uebles und Nachtheiliges „gegen die Nonnen und andere von böſen Geiſtern beſeſſene Per⸗ „ſonen in Loudun, deren Beſchwörer und Gehülfen zu ſprechen. „Wer dem zuwider handelt, verfällt in eine Strafe von 10,000 Livres „und nach Befinden der Richter in körperliche Züchtigung.“ Dieſe Bekanntmachung wirkte auf die Weltlichgeſinnten mit einer wahren Allmacht, und wenn ſie jetzt auch an nichts mehr glaub⸗ ten, ſo wagten ſie doch nicht, ihren Unglauben zu geſtehen. Allein jetzt begann ſich bei den Nonnen Reue zu zeigen, und als Pater Lactantius eines Tages wieder ſeine Beſchwörungen begonnen hatte, erhob ſich Schweſter Clara weinend aus ihrem Bett, wandte ſich, um von Allen recht verſtanden zu werden, an die Zuſchauer, nahm den Himmel zum Zeugen, daß ſie diesmal die Wahrheit ſage, und geſtand, daß Alles, was ſie bisher gegen den unglücklichen Gran⸗ dier ausgeſagt, Betrug und Verleumdung geweſen und ihr nur von dem Franziskaner Mignon und den Karmelitern eingegeben 49 ſei. Allein der Pater Lactantius ließ ſich dadurch nicht einſchüch⸗ tern und antwortete der Schweſter Clara, was ſie ſage, ſei nur ein liſtiger Verſuch, welchen der böſe Geiſt mache, um ſeinen Gebieter Grandier zu retten; darauf verlangte ſie, unter Aufſicht geſtellt und andern Geiſtlichen übergeben zu werden, als denen, welche ihr Seelenheil geopfert und ſie verführt hätten, gegen einen Unſchuldigen falſches Zeugniß abzulegen. Allein der Biſchof von Poitiers und Herr von Laubardemont lachten nur über dieſen Pfiff des Teufels und befahlen, ſie ſogleich in das Kloſter zurückzuführen. Als Schweſter Clara dieſen Befehl hörte, ſprang ſte aus dem Chor heraus, um aus der Kirche zu entfliehen, und beſchwor die Zu⸗ ſchauer, ihr zu Hülfe zu kommen und ſie von der ewigen Ver⸗ dammniß zu retten. Allein Niemand wagte, ihr einen Schritt entgegenzukommen; ſo groß war die Wirkung jenes Befehls. Man ergriff ſie wieder und führte ſie trotz ihres Geſchreies in das Kloſter zurück, um ſie nicht mehr herauszulaſſen. Am folgenden Tage trug ſich etwas noch Seltſameres zu; wäh⸗ rend Herr von Laubardemont eine Nonne verhörte, ging die Su⸗ periorin barfüßig, im Hemde und einen Strick um den Hals in den Hof und blieb, trotzdem, daß ein entſetzliches Unwetter draußen wüthete, zwei Stunden auf den Knieen liegen, ohne den Regen, die Blitze und den Donner zu ſcheuen, und wartete, bis Herr von Laubardemont und die andern Richter herauskämen. Endlich öff⸗ nete ſich die Thür des Sprachzimmers; der königliche Commiſſär erſchien, und vor ihm knieend, erklärte hierauf die Superiorin, ſie fühle keine Kraft mehr, die fürchterliche Rolle weiter zu ſpielen, die man ihr auferlegt, und erkläre hiermit vor Gott und Menſchen, daß Urban Grandier unſchuldig ſei, und daß der ganze Haß, den ſie und die andern Kloſterſchweſtern gegen den Angeklagten hegten, keinen andern Grund habe, als das unbefriedigte fleiſchliche Ver⸗ langen, welches Grandier's Schönheit ihnen eingeflößt. Herr von Laubardemont drohte ihr mit ſeinem ganzen Zorn, allein ſie ant⸗ 8. 4 50 wortete, bitterlich weinend, ſie fürchte weiter nichts mehr, als die Folgen ihrer Sünde; denn ſo groß auch die Barmherzigkeit Gottes ſei, wage ſie doch nicht auf Vergebung ihres zu großen Verbrechens zu hoffen. Herr von Laubardemont rief, der Teufel ſei es ſelbſt, der ſo aus ihr ſpräche; allein ſie erwiderte, es habe ſie nie ein anderer Teufel beſeſſen, als der Teufel der Rachſucht. Mit dieſen Worten ging ſie langſam und weinend in den Garten, band den Strick, welchen ſie um den Hals hatte, an einen Baum⸗ aſt und hängte ſich auf; allein die Nonnen kamen noch zur rechten Zeit herbeigelaufen, um ſie zu retten. Noch an demſelben Tage wurde der Befehl gegeben, ſie eben ſo, wie die Schweſter Clara, in ſtrengſter Haft zu halten. Es war nicht mehr möglich, die Beſchwörungen fortzuſetzen, da leicht auch die andern Nonnen dem Beiſpiel der Superiorin und der Schweſter Clara hätten folgen können, und dann wäre Alles verloren geweſen; und war Urban Grandier nicht bereits zur Genüge überführt? Man erklärte alſo die Inſtruction des Pro⸗ ceſſes für genügend, und die Richter beſchloſſen, zum Urtheil zu ſchreiten. Urban Grandier hatte ſich überzeugt, daß ſein Untergang be⸗ ſchloſſen ſei, da die Sache bereits ſo weit vorgeſchritten und zur Oeffentlichkeit gekommen war, daß entweder er als Schwarzkünſtler und Herxenmeiſter verdammt, oder ein Abgeſandter des Königs, ein Biſchof, ein ganzes Nonnenkloſter, mehrere Mönche verſchiedener Orden, hochgeſtellte Nichter und angeſehene Laien als Verleumder beſtraft werden mußten. Dieſe Ueberzeugung jedoch vermehrte nur ſeine Ergebung in ſein Schickſal, ohne ihn zu entmuthigen; und da er es für ſeine Pflicht hielt, ſein Leben und ſeine Ehre bis zum letzten Hauch zu vertheidigen, übergab er den Richtern noch eine ausgezeichnet geſchriebene und klare Vertheidigungsſchrift, die aber natürlich keine Wirkung hatte.. Er wurde am 18. Auguſt, als des Verbrechens der Zauberei 1 51 und eines Vertrages mit dem Teufel, demzufolge böſe Geiſter in die Nonnen gefahren, überführt, verurtheilt, barfuß und barhaupt, einen Strick um den Hals und eine brennende Fackel in der Hand, vor der St. Petrikirche Abbitte zu thun und dann auf dem Markt von Sainte Croir lebendig verbrannt zu werden. An demſelben Morgen, an dem das Urtheil geſprochen war, begab ſich Herr von Laubardemont mit einem Chirurgus, Francois Fourneau, in das Gefängniß Grandier's. Ehe er in das Zimmer deſſelben trat, hörte er den Verurtheilten ſagen: „Was willſt Du von mir, ſchändlicher Henker? Willſt Du mich tödten? Ich bin bereit, zu ſterben.“ Dieſe Worte waren an den Chirurgus Manouri gerichtet. Der neuangekommene Chirurgus erhielt den Auftrag, Grandier am ganzen Körper zu raſtren und auch nicht ein Härchen an ihm zu laſſen. Dies Verfahren beobachtete man bei allen wegen Hererei Verurtheilten, um dem Teufel keine Zuflucht übrig zu laſſen; denn man glaubte, wenn auch nur ein Härchen am Leibe bleibe, könne der Böſe denſelben umempfindlich machen gegen alle Schmerzen der Tortur. Hieraus ſah Grandier, daß ſein Urtheil geſprochen ſei. Fourneau grüßte ihn und wollte das ihm aufgetragene Geſchäft eben beginnen, als ein gerade gegenwärtiger Richter bemerkte, daß es nicht genüge, den Leib des Verurtheilten zu raſiren, man müſſe ihm auch die Nägel ausreißen, damit der Teufel ſich nicht in die Hornſubſtanz derſelben flüchten könne. Grandier ſah dieſen Mann mit einem unbeſchreiblichen, mitleidigen Blick an und reichte Four⸗ neau die Hände hin; dieſer aber ſtieß ſie ſanft zurück und ſagte, er würde das nicht thun, und wenn er auch vom Cardinalherzog ſelbſt den Befehl dazu bekäme; zugleich bat er ihn um Verzeihung, daß er ihn am ganzen Leibe ſcheeren müſſe. Grandier war ſeit langer Zeit nur an Unmenſchlichkeiten gewöhnt und wandte ſich da⸗ her mit hellen Thränen in den Augen zu dem Chirurgus und ſagte: * * 52 „Sie alſo ſind endlich ein Menſch, der Mitleid mit mir hat.“ „O,“ erwiderte Fourneau,„wenn Sie nur die Leute alle ſehen und hören könnten, was ſie denken!“ Bei der Tortur übernahmen Laubardemont und Lactantius ſelbſt das Amt der Henker und trieben ihm, mit gräßlicher Luſt an ſeiner Qual, die Keile zwiſchen die in Breter geſpannten Beine. Doch konnten ſie ihn nicht dazu bringen, ein Verbrechen einzugeſtehen, das er nicht begangen, obgleich er vor Schmerz viermal ohnmächtig wurde und ſchon beim ſiebenten Keile das Mark aus den zerquetſch⸗ ten Knochen durch die Haut hervordrang. Als Grandier, an einen Pfahl gebunden, auf dem Scheiter⸗ haufen ſtand, kam ein Schwarm Tauben geflogen und umfatterte den Verurtheilten; eine, ſo weiß wie Schnee und ohne den klein⸗ ſten Flecken, ſetzte ſich auf die Spitze des Pfahles. Die Freunde des Teufelsbanners riefen, das ſei eine Schaar von Teufeln, welche kämen, um ihren Gebieter abzuholen; viele Andere aber meinten, die Teufel pflegten nicht in dieſer Geſtalt zu erſcheinen. Die Tauben kimen vielmehr, die Unſchuld deſſen zu bezeugen, der die menſch⸗ liche Gerechtigkeit vergeblich angefleht. Um dieſen Glauben zu widerlegen, behauptete ein Mönch, er hätte eine große Bremſe das Haupt Urban Grandier's umſummen geſehen, und da Beelze⸗ bub auf Hebräiſch nichts Anderes bedeute, als der Gott der Fliegen, ſo ſei es klar, daß der Satan ſelbſt die Geſtalt eines ſeiner Unter⸗ thanen angenommen habe, um die Seele des Zauberers zu ent⸗ führen. Als Grandier angebunden war und der Henker, den einer ſeiner Freunde beſtochen, ihm den Strick um den Hals gelegt, mit dem er ihn erdroſſeln wollte, verjagten die heiligen Väter durch ihre Beſchwörungsformeln die böſen Geiſter der Umgegend aus Erde, Luft und Holz, und fragten dann den Verurtheilten, ob er nicht zu guter Letzt noch ſeine Verbrechen bekennen wolle. Doch Urban erwiderte, er habe nichts weiter zu ſagen und hoffe, noch heute 53 im Paradieſe zu ſein. Darauf wurde er aufgefordert, zu ſprechen, wenn er dem Volke noch etwas zu ſagen habe. Dies paßte jedoch nicht in den Kram der Teufelsbanner; ſie kannten die Beredtſamkeit und den Muth Grandier's, und ein hart⸗ näckiges Leugnen im Augenblick des Todes hätte ihrem Anſehen geſchadet; als er daher eben den Mund öffnete, goſſen ſie ihm eine ſo große Menge Weihwaſſer ins Geſicht, daß er den Athem verlor, und als er einige Secunden ſpäter ſich wieder erholte, gab ihm einer der Mönche einen langen Kuß, um ſeine Worte zu er⸗ ſticken. Grandier merkte ſeine Abſicht und ſagte, ſo laut, daß alle Umſtehenden es hörten: „Das war ein rechter Judaskuß.“ Darüber ergrimmten die Moͤnche ſo ſehr, daß einer ihn drei⸗ mal mit dem Crueifix ins Geſicht ſchlug, daß das Blut kam. Der Vater Lactantius nahm eine Strohfackel, tauchte ſie in das Theerfaß, zündete ſie an und ſchlug ſie ihm ins Geſicht. Zugleich entzündete er, ohne den Befehl abzuwarten, das auf einer Ecke des Scheiterhaufens ſtehende Theerfaß und warf es um. Der Henker ſprang herbei, um den Verurtheilten zu erwürgen. Er kam nicht gleich damit zurecht und das Feuer griff immer ſchneller um ſich. „Ich kann nicht dafür,“ ſagte der Henker,„die heiligen Väter haben Knoten in den Strick gemacht.“ „Pater Lactantius,“ rief Grandier,„iſt das chriſtliche Liebe?“ Er verſuchte ſich ſelbſt zu erdroſſeln, doch entweder war es ihm nicht möglich, oder er dachte, es ſei ihm nicht erlaubt, ſich ſelbſt zu ermorden; mit gefalteten Händen rief er laut. „Deus meus, ad te vigilo, miserere mei.“ Die Flammen ſchlugen über ihm zuſammen. Die Tauben flogen davon und ſchienen in den Wolken zu verſchwinden. W. J. Die deutſche Prinzeſſin. Obſchon dieſe merkwürdige Frauensperſon einer Veranlaſſung we⸗ gen, die ſpäter erzählt werden wird, unter dem Titel„die deutſche Prinzeſſin“ bekannt wurde, war ſte doch nichts weniger als dies, ſondern zu Canterbury, wo ihr Vater als Chorſänger ſein Brot verdiente, geboren. Da ihr eine lebhafte und flüchtige Sinnesart von der Natur mitgegeben worden, begann ſie in früher Jugend ſich in die NRomane, die damals Mode waren, wie Parismus und Parismanus, Don Belliani von Griechenland, Amadis von Gal⸗ lien, Caſſandra und Cleopatra, zu vertiefen, und brachte es da⸗ hin, daß ſie ſich bald für Alles hielt, wofür ſie ſich halten wollte, ſelbſt für eine Prinzeſſin. Ihre Heirath ſtimmte jedoch ganz und gar nicht zu dem hohen Flug ihrer Gedanken, denn ſie vermählte ſich mit einem Schuh⸗ machergeſellen. Sie blieb bei ihm, bis ſie zwei Kinder geboren hatte, welche jedoch beide ſehr bald ſtarben. Da der ehrliche Schuh⸗ macher außer Stande war, das nöthige Geld für die verſchwen⸗ deriſche Frau herbeizuſchaffen, ſo verließ ſie ihn, um ihr Glück anderswo zu ſuchen.— Einer Frau von ihrer Geſtalt, Schönheit und Gewandtheit war es leicht, ſich einen anderen Gemahl zu verſchaffen. Sie ging nach Dover und heirathete einen Wundarzt, wurde zu Maidſtone wegen Doppelehe vor Gericht geſtellt, bewirkte aber durch irgend eine Liſt ihre Freiſprechung. 55 Sie ſchiffte ſich nach Holland ein, reiſte nach Köln, und da ſie eine beträchtliche Summe Geldes hatte, kehrte ſie ſtets in den beſten Gaſthöfen ein und ſpielte eine bedeutende Rolle. Von Köln reiſte ſie nach Spaa, wo ein alter Herr, der in der Nähe bedeu⸗ tende Güter beſaß, ſich um ſie bewarb. Mit Hülfe der Wirthin führte ſie dieſen Handel mit großer Gewandtheit durch. Der alte Herr ſchenkte ihr einigen Schmuck und eine goldene Kette mit Me⸗ daille, die er wegen einer tapferen That unter Tilly gegen Guſtav Adolph von Schweden erhalten hatte. Endlich drang er mit dem ganzen Feuer eines jungen Liebhabers in ſie, ihm ihre Hand zu reichen, und da ſie nicht länger zu widerſtehen vermochte, willigte ſie ein, ihn in drei Tagen glücklich zu machen. Inzwiſchen gab er ihr überflüſſig Geld und erſuchte ſie, für die bevorſtehende Ver⸗ mählung anzuſchaffen, was ihr nur immer beliebte. Die Prin⸗ zeſſin hielt nun dafür, daß es hohe Zeit ſei, der Sache ein Ende zu machen, und theilte der Wirthin, um unentdeckt fortzukommen, ihre Abſicht mit. Da dieſe alte Perſon von den Geſchenken, welche unſere Heldin von ihrem kindiſchen Liebhaber bekommen, einen reichlichen Antheil erhalten hatte, beförderte ſie in der Hoffnung, ihn noch etwas mehr zu plündern, ihre Flucht. Unſere Heldin bat ſie, ihr einen Sitz in einer Kutſche zu miethen, die eine an⸗ dere Straße als die nach Köln fuhr, weil ſie nicht wünſchte, daß ihr Liebhaber im Stande ſein ſollte, den Weg, den ſie nehmen wolle, ausfindig zu machen. Als die dienſtfertige Alte fort war, brach die Prinzeſſin die Kiſte auf, worin jene ihren Antheil an der Beute, ſo wie ihr eigenes Geld aufbewahrte. Sie nahm Alles mit, reiſte nach Utrecht, von da nach Amſterdam, verkaufte hier die Kette und einige Juwelen, ging nach Rotterdam und ſchiffte ſich nach Eng⸗ land ein. Sie langte zu London im März 1663 bei früher Tageszeit an und fand nirgends ein Haus offen, als eine Schenke neben der Boͤrſe, wo ſie auf folgende Weiſe zu ihrer fürſtlichen Würde kam. 2 56 Sie traf hier nämlich mehrere Herren, die, wie ſie bald bemerkte, reichlich mit Geld verſehen waren und ſie etwas derb anredeten und behandelten. Da fing ſie bitterlich zu weinen an und rief, daß es ſehr hart ſei, einer ſolchen Begegnung ausgeſetzt zu ſein, da ſie von fürſtlicher Geburt wäre. Sie erzählte eine lange Ge⸗ ſchichte von ihrer Abkunft und ihrem Vater, dem unmittelbaren Reichsfürſten Heinrich von Wolfsburg, und wie er ſie, weil ſie ſich gegen ſeinen Willen mit einem Herrn von Hofe vermählte, nicht nur verſtoßen, ſondern auch den Tod ihres Gatten auf ver⸗ rätheriſche Weiſe verurſacht habe. Alle Anweſenden fühlten ſich von Mitleid gerührt, denn ſie er⸗ zählte ihre Geſchichte mit ſolcher Einfachheit und ſo ohne alle Affectation, daß Niemand an deren Wahrhaftigkeit zweifelte. Die Herren ſchoſſen für ſie alles Geld zuſammen, das ſie bei ſich hat⸗ ten, und verſprachen, mit noch mehr wieder zu kommen. Sie hielten Wort, und ſeit der Zeit blieb der Abenteuerin der Name „die deutſche Prinzeſſin.“ Der Wirth, welcher wußte, daß ſie von dem Continente kam, und bei ihr viele Koſtbarkeiten und Geld ſah, wurde dadurch von der Wahrheit ihrer Geſchichte mehr als je überzeugt. Ihre Durch⸗ laucht erzählte ihm, daß ſie dies Alles der Mildthätigkeit der be⸗ nachbarten Fürſten verdanke, welche ihre Lage kannten und mit ihr Mitleid fühlten.„Indeſſen durfte es keiner wagen,“ fuhr ſie fort,„dies oder den Ort, wo ich mich befinde, meinem Vater wiſſen zu laſſen, denn da er um ſo viel mächtiger iſt, als ſie, hätte er ſie ſicher mit Krieg überzogen.“ King, ſo hieß der Wirth, theilte dies Alles ſeinem Schwager John Carleton mit, und dieſer verliebte ſich in die vermeintliche Prinzeſſin und wagte es, ſich um ſie zu bewerben. Sie ſtellte ſich Anfangs über eine ſolche Verwegenheit entrüſtet, da er aber immer dringender wurde, entſchloß ſie ſich endlich doch, von ihrem hohen Range herunter zu ſteigen und die Hand eines gemeinen Sterb⸗ 57 lichen anzunehmen. Der arme Carleton hielt ſich für den glück⸗ lichſten aller Menſchen, und hochgeehrt durch die Verbindung mit einer ſo liebenswürdigen Prinzeſſin, die zwar weniger, als von einer ſo hohen Perſon zu erwarten ſtand, aber doch für ihn noch immer genug beſaß. Da erhielt plötzlich King ein Schreiben, worin ihm gemeldet wurde, daß die Frauensperſon, die in ſeinem Hauſe wohne und mit ſeinem Schwager vermählt ſei, eine gemeine Betrügerin wäre, die bereits zwei Männer zu gleicher Zeit gehabt und alles Geld, was ſie konnte, mit ſich genommen hätte. Der Schreiber, hieß es weiter, behaupte nicht mehr, als was vor Gericht ſtreng bewieſen werden könne. Die Folge war, daß ſie wegen Polygamie ange⸗ klagt, aber aus Mangel an Beweiſen freigeſprochen wurde. Dann wurde ſie Schauſpielerin und machte volle Häuſer, weil die Menſchen aus Neugierde, eine ſo abenteuerliche Frau zu ſehen, in Schaaren herbeiſtrömten. Sie erſchien gewöhnlich in ſolchen Nollen, welche ihrer bisherigen Lebensweiſe angemeſſen waren, und erhielt darin außerordentlichen Beifall. Was ihren Ruf insbe⸗ ſondere vergrößerte, war ein Schauſpiel, das eigends für ſie ge⸗ ſchrieben worden war und den Titel:„die deutſche Prinzeſſin“ führte. Indeſſen war ſie von zu unbeſtändiger und unruhiger Gemüths⸗ art, um lange beim Theater zu bleiben. Sie verließ es aber nicht eher, als bis ſie verſchiedene Anbeter an ſich gezogen hatte. Ihre Geſchichte war wohl bekannt, und ſowohl deswegen, als wegen ihres anmuthigen Benehmens kam ſie viel in Geſellſchaft. Sie war leicht zugänglich, unter Menſchen aber benahm ſie ſich mit affectirter Gleichgültigkeit. Beſonders gab es zwei junge Stutzer, welche mehr Geld in ihren Börſen als Verſtand im Kopfe hatten und dieſes Mangels wegen um ſo mehr ihren Witz und ihre Laune bewunderten. Sie ermuthigte ihre Bewerbungen, bis ſie ungefähr dreihundert Pfund 4 58 erhalten hatte; als ſie aber bemerkte, daß ihre Gelder beinahe er⸗ ſchöpft waren, verabſchiedete ſie Beide, indem ſie ihr Erſtaunen über die Unverſchämtheit ausdrückte, einer Prinzeſſin von Liebe vorzureden. Ihr nächſter Liebhaber war ein reicher Fünfziger, welcher zwar ihre Lebensgeſchichte genau kannte, aber doch einige hundert Pfund jährlich miſſen wollte, wenn ſie ſich bequemen würde, mit ihm zu leben. Um dieſen Zweck zu erlangen, machte er ihr einige koſt⸗ bare Geſchenke, die ſie mit ſcheinbarem Widerſtreben annahm. Endlich wohnten ſie wirklich wie Mann und Frau zuſammen, und die Prinzeſſin wußte ſich ſo in ſeine Launen zu ſchicken, daß er ihr beſtändig Geſchenke machte, die ſie ſtets erſt nach vielem Weigern ann hm, weil er ihr dadurch zu große Verpflichtungen auflege. So fuhr ſie fort, bis der alte Geck eines Abends betrunken heim⸗ kam, was ſie für die beſte Gelegenheit hielt, ſich aus dem Staube zu machen. Kaum war er eingeſchlafen, ſo durchſuchte ſie ſeine Taſchen, nahm daraus eine Anweiſung auf hundert Pfund und einiges baare Geld, öffnete die Schränke und bemächtigte ſich aller werthvollen Artikel, die ſich darin befanden. Dann präſentirte ſie die Anweiſung, und da der Bezogene ſie kannte, zahlte er ihr ohne Anſtand das Geld aus. Nachdem ſie dergeſtalt ihren alten Liebhaber ausgeplündert hatte, miethete ſie eine anſtändige Wohnung und gab ſich für eine Erbin aus, die mehrere tauſend Pfund beſäße, und deren Vater ihr noch zweimal mehr mitgeben könnte. Da ſie aber einen Widerwillen gegen die Perſon hege, welche ſie nach dem Wunſche ihres Vaters heirathen ſollte, habe ſie deſſen Haus verlaſſen und wünſche unent⸗ deckt zu bleiben. Sie ließ ſich von Zeit zu Zeit Briefe ſenden, die alle dieſe Punkte beſtätigten. Dieſe lagen auf ihrem Pulte um⸗ her, ſo daß die Wirthin ſie leſen konnte und dadurch in dem Glau⸗ ben an die Wahrhaftigkeit obigen Vorgebens beſtärkt wurde. Dieſe Frau hatte einen reichen, jungen Neffen, der ſie kennen 59 lernte, ſich in ſie verliebte und ihr, um ihre Gunſt zu gewinnen, eine goldene Uhr zum Geſchenk machte, die ſie nur mit harter Mühe anzunehmen bewogen werden konnte. Der verliebte Thor ſah ſich ſchon am Ziele ſeiner Wünſche, und Beide ſchwelgten bereits im Vorgenuſſe künftiger Seligkeit, als mit einem Male ein Träger an der Thür klopfte und einen Brief brachte. Kaum hatte ſie ihn geleſen, ſo rief ſie aus:„ Ich bin verloren!“ und ſtellte ſich, als ob ſie in Ohnmacht ſänke. Niechfläſchchen wurden angewendet, und ihr Liebhaber fühlte das höchſte Entzücken, als ſie die Augen wieder aufſchlug. Nachdem ſie ſich erholt hatte, reichte ſie ihm den Brief und ſagte:„Da Sie meine Angelegen⸗ heiten kennen, ſo will ich Ihnen auch aus dieſer kein Geheimniß machen; leſen Sie daher den Brief und ermeſſen Sie die Weöße meiner Betrübniß!“ Der junge Mann las, wie folgt: „Theuerſte Freundin! „Ich habe oft die Feder zur Hand genommen, um Dir zu „ſchreiben, ſie aber eben ſo oft wieder niedergelegt, weil ich mich „fürchtete, Dir noch mehr Leiden zu bereiten, als Dich ohnehin „ſchon getroffen haben. Da Dich jedoch, was ſich zutrug, per⸗ „ſönlich ſo nahe angeht, darf ich Dir nicht länger das verheim⸗ „lichen, was ich Dir mitzutheilen zittere, die Folgen davon mögen „ſein, welche ſie wollen. „Wiſſe denn, daß Dein Dich ſo zärtlich liebender Bruder ge⸗ „ſtorben iſt. Ich weiß, wie ſehr Dein Herz an ihm hing, allein „ich bitte Dich um Deiner ſelbſt willen, Dich in die Wege der „Vorſicht zu ſchicken, welche über uns in ihrer Weisheit verfügt „und Alles zum Beſten lenkt. Ich könnte noch einen anderen Troſt⸗ „grund anführen, der bei einer minder liebevollen Schweſter von „einigem Gewicht wäre, ich weiß aber, daß Deine edle Seele „über Habgier weit erhaben iſt. Indeſſen muß ich Dir doch mel⸗ „den, daß er Dir Alles, was er beſaß, vermacht hat, und daß „das Beſitzthum Deines Vaters, welches jährlich zweihundert Pfund 60 „einbringt, keiner anderen Perſon als Dir zufallen kann, da Du „jetzt ſein einziges Kind biſt. „Was ich Dir weiter zu melden habe, iſt ebenfalls eine ſchlimme „Neuigkeit. Dein gehaßter Liebhaber hat, beſonders ſeit Deines „Bruders Tod, ſo ſehr in Deinen Vater gedrungen, daß der alte „Herr den Entſchluß gefaßt hat, ihm, ſo wie er Deinen Aufent⸗ „halt in Erfahrung gebracht haben wird, Deine Hand zu geben, „und daß er Dir nur unter dieſer Bedingung Deinen bisherigen „Ungehorſam, wie er es nennt, verzeihen wolle. So lange Dein „Bruder lebte, bemühte er ſich unausgeſetzt, das Herz Deines „Vaters milder gegen Dich zu ſtimmen, und noch in der vorigen „Woche hatten wir Hoffnung, er würde Dir die freie Wahl Dei⸗ „nes zukünftigen Gatten geſtatten, wenn Du nur heimkehren wollteſt. „Jetzt giebt es aber keinen Anwalt mehr, der für Dich ſpräche, „und Dein Vater ſagt, daß er, da Du nun ſeine einzige Erbin „biſt, mehr als je auf ſeinen Kopf beſtehen müſſe. „Wäͤhrend ich dies ſchreibe, überraſcht mich die Nachricht, daß „Dein Vater und Bräutigam ſich zu einer Reiſe nach London an⸗ „ſchicken, wo ſie Dich, wie ſie ſagen, ausfindig zu machen wiſſen. „Ob dies ein bloßer Vorwand iſt, oder wer ihnen Deinen gegen⸗ „wärtigen Aufenthalt verrathen kann, iſt mir gleich unbekannt. „Um das Schlimmſte zu vermeiden, ſo überlege, ob Du Deine „alte Abneigung überwinden und Dich in den Willen Deines „Vaters fügen kannſt: biſt Du das nicht im Stande, ſo wirſt Du „gut thun, Deine Wohnung zu ändern. Mehr kann ich darüber „nicht ſchreiben, denn es kommt mir nicht zu, Dir in einer ſo „ſchwierigen Angelegenheit zu rathen. Dein eignes Herz muß Dich „leiten, denn von dem Entſchluß, den Du faſſeſt, hängt das Glück „oder Unglück Deines ganzen zukünftigen Lebens ab. Ich bitte „Gott, daß er Alles zum Beſten lenke, und bin Deine treue Freundin „S. E.*. Ihr junger Liebhaber ſah nun gar wohl die Urſache ihrer Be⸗ n 61 ſtürzung ein, und während er bloß Liebe und Ergebenheit zu ſein ſchien, verlor er dabei ſein Intereſſe nichts weniger als aus den Augen. Er rieth ihr, ihren gegenwärtigen Aufenthalt ſogleich zu verlaſſen, und bot ihr ſeine eigene Wohnung an, die ſehr elegant eingerichtet wäre. Sie nahm das Anerbieten dankbar an und verfügte ſich mit ihrem Dienſtmädchen, welches in alle ihre Ge⸗ heimniſſe eingeweiht war, ohne Verzug in die Wohnung ihres Geliebten. Hier gingen die beiden Frauenzimmer, da ſie beſchloſſen hatten, ſich am nächſten Morgen aus dem Staube zu machen, nicht zu Bette, ſondern legten ſich angekleidet hin. Als Alles im Hauſe ſtill geworden war, brach ſie den Schrank ihres Liebhabers auf und nahm hundert Pfund und andere Koſtbarkeiten mit. Es würde den Raum, den wir in dieſem Werke einer einzelnen Biographie geſtatten können, weit überſteigen, wenn wir alle ihre zahlreichen und verſchiedenartigen Abenteuer aufzählen wollten. Ehe ſie ihre Habſucht ganz unbefriedigt ließ, ſtahl ſie ſelbſt die geringſten Artikel, und wenn keine Uhr, kein Ring oder ſonſtige Koſtbarkeit zu erhaſchen war, genügte ihr ein Tuch, ein Hemd oder ein anderes Kleidungsſtück. Einſt trat ſie mit ihrem vorgeblichen Dienſtmädchen in den Laden eines Seidenhändlers und erhandelte ein Stück Seide für ſechs Pfund Sterling. Sie zog ihre Boͤrſe, um zu bezahlen, und fand, daß ſie nur einige große goldene Schaumünzen bei ſich habe, von denen ſie ſich unmoͤglich trennen könne. Der artige Kaufmann ließ ihr das Stück Seide und gab ihr einen Ladendiener mit, um das Geld in Empfang zu nehmen. In der Nähe der königlichen Borſe gebot ſie dem Kutſcher zu halten, und ſtieg unter dem Vor⸗ wande, Bänder zu kaufen, die zur Seide paßten, mit dem Mäd⸗ chen, welche das Stück mitnahm, aus. Der junge Mann wartete lange in der Kutſche, bis er den Streich einſah, der ihm geſpielt worden, und voll Beſchämung heimkehrte, um ſeinem Herrn den Verluſt anzukündigen. Ein anderes Mal verfügte ſie ſich zu einem franzöſiſchen Sei⸗ denweber in Spitalfields und kaufte Waaren im Betrage von vier⸗ zig Pfund. Er verfügte ſich mit ihr in ihre Wohnung, um die Bezahlung in Empfang zu nehmen. Sie erſuchte ihn, die Rech⸗ nung über das Ganze zu ſchreiben, weil die Hälfte der Waaren einer Dame, die das nächſte Zimmer bewohne, gehöre. Der Fran⸗ zoſe ſetzte ſich mit vielem Ceremoniell an den Tiſch, um die Rech⸗ nung zu ſchreiben, während ſie mit den Waaren unter dem Vor⸗ wande, ſie ihrer Nichte zu zeigen, in das anſtoßende Gemach ging. Bei einer Flaſche Wein, welche Madame dem Franzoſen vorgeſetzt hatte, verging bald eine halbe Stunde. Endlich riß ihm der Faden der Geduld doch, er rief die Hausbewohner herauf und fragte nach der Dame, die mit ihm gekommen wäre und geſagt habe, ſie wolle bloß in das nächſte Zimmer gehen. Dieſe antworteten auf die Frage des Franzoſen zu ſeiner nicht geringen Beſtürzung, daß ſie weggegangen wäre und aller Wahrſcheinlichkeit nach nicht wieder kommen würde. Um ſeine Wuth zu beſänftigen und ihn zu über⸗ zeugen, daß ſie keinen Theil an dem ihm geſpielten Betruge hätten, führten ſie ihn in das nächſte Zimmer und zeigten ihm, daß der eigentliche Eingang zu demſelben über eine Hintertreppe wäre; auch fügten ſie hinzu, daß die Betrügerin die Wohnung nur auf einen Monat gemiethet und bezahlt habe, daß dieſe Zeit verfloſſen ſei und ſie nicht wüßten, wo ſie hingegangen wäre. Nun miethete ſie ſich in dem Hauſe eines Schneiders ein. Da nichts natürlicher war, als daß eine ſo großmüthige Dame das Wohl der Familie, bei der ſie wohnte, zu befördern ſuchte, ſo ließ ſie von dem Schneider aus den Stoffen, die ſie geſtohlen hatte, Kleider machen. Ueberzeugt, daß er eine reiche Einmietherin be⸗ kommen habe, ging er voll Freude an die Arbeit. Sie ſagte ihm, daß ſie an einem beſtimmten Tage zahlreiche Gäſte haben werde; der Schneider ließ daher alle ſeine Geſellen an den Kleidern arbei⸗ ten, ſo daß ſie bis zu dieſem Tag fertig wurden. Inzwiſchen gab 63 unſere Abenteuerin der Hauswirthin eine Guinee, um das Nöthige einzukaufen, und verſprach, den Reſt am folgenden Tage zu bezah⸗ len. Der Tag kam, die Gäſte ſtellten ſich ein, ein köſtliches Mahl wurde aufgetiſcht, viel Wein getrunken. Jeder hatte von dem Letzteren das gehörige Maß im Leibe, insbeſondere der Schneider, der dem Glaſe ſo oft zuſprach, daß ſein Weib ihn in das Schlaf⸗ gemach führen mußte. Sie und ihre ganze Geſellſchaft entfernten ſich Eines nach dem Andern, und jedes trug einen Becher, ein Salzfaß, ein Meſſer oder eine Gabel von Silber fort, während das Mädchen unter ſämmtlichen Kleidern aufräumte. Auf der Straße ſetzte ſich die fürſtliche Frau mit ihrer verſchmitzten Creatur in eine Kutſche, und die Uebrigen zerſtreuten ſich nach allen Rich⸗ tungen, ohne jemals entdeckt zu werden. So brachte eine luſtige Nacht dem armen fleißigen Schneider einen traurigen Morgen. Die Abenteuer unſerer liſtigen Prinzeſſin nahmen noch ſtets an Zahl wie an Umfang zu. Einſt kleidete ſie ſich in tiefe Trauer, miethete eine angemeſſene Wohnung, ſandte nach einem Anwalt und erzählte ihm, daß ſie durch den Tod ihres Vaters die einzige Erbin eines bedeutenden Vermögens geworden ſei, daß ſie aber das Unglück habe, mit einem ausſchweifenden und verſchwenderi⸗ ſchen Mann vermählt zu ſein, der ſich daſſelbe zueignen wolle. Dabei brach ſie, um dem jungen Anwalt noch mehr Theilnahme einzuflößen, in einen Strom von Klagen und Thränen aus. Wäh⸗ rend aber der Anwalt ſein Geſicht in die gebührenden Falten legte und mit großer Gelehrſamkeit und Beredtſamkeit über ihren Fall ſprach, kam ein Mädchen in die Stube gerannt und rief: „8O, meine Gebieterin, wir ſind verloren, mein Herr iſt unten und hat nach Ihnen gefragt; er flucht und will herauf, und ich fürchte, daß die Hausleute ihn nicht zurückhalten können; er iſt in ſchrecklicher Wuth.“ „O Himmel!“ rief Madame aus;„was ſoll ich thun?“ „Wie ſo?“ fragte der Rechtsgelehrte. 64 „Ich meine,“ verſetzte ſie,„was ich mit Ihnen anfangen ſoll? Wie ſoll ich Ihre Anweſenheit vor ihm rechtfertigen? Ich wage ihm nicht zu ſagen, warum und weswegen Sie hier ſind, denn das würde Alles verderben; auch iſt er, leider, im höchſten Grade argwöhniſch und eiferſüchtig. Ich bitte Sie daher, treten Sie einſtweilen in dieſen dunklen Alkoven, bis ich ſeiner wieder los geworden bin.“ Der verdutzte Anwalt ließ ſich dies nicht zweimal ſagen. Der Alkoven wurde hinter ihm geſchloſſen und die Vorhänge zugezogen, worauf ſie ihrem Gemahl, der laut Einlaß forderte, die Thür öffnete. So wie er eintrat, begann er zu ſchimpfen und zu fluchen. „O Du ſauberes Geſchöpf! Ich höre, Du haſt einen Mann hier, ein ſchöner Gefährte für eine arme, unſchuldige Frau, die ſich immer über meine harte Behandlung beklagt! Wo iſt der Schurke, daß ich ihm den Garaus mache? So iſt es alſo mit Deiner Sitt⸗ ſamkeit, Deiner Tugend beſchaffen? Du biſt des Todes!“ Mit dieſen Worten rannte er zum Alkoven, riß wüthend die Thür auf und entdeckte den jungen Mann, der, wiewohl unſchul⸗ dig, von Schamröthe übergoſſen war und an allen Gliedern zitterte. Der Gemahl zog ſeinen Degen, und der Tod ſchwebte vor den Augen des Anwalts. Madame warf ſich aber dazwiſchen und ſchien bereit, lieber ſelbſt zu ſterben, als mit dem Blute eines Unſchuldigen ihr Gemach beflecken zu laſſen. Zum Glück kam ihr ein Freund ihres Gemahls zu Hülfe, faßte ſeinen Arm und ſuchte ihm den Degen zu entwinden. Um ſich zu entſchuldigen, erzählte der Anwalt offen die Ver⸗ anlaſſung ſeines Hierſeins. Das war aber Alles umſonſt. Der beleidigte Gatte ſagte, dies wäre eine Erdichtung, um ſeine Schel⸗ merei zu beſchönigen, und nichts als ſein Blut könne die ihm an⸗ gethane Schmach abwaſchen. Endlich wurde die Sache dem Aus⸗ ſpruche des wohlwollenden Fremden überlaſſen, welcher der Frau geholfen hatte, den Anwalt zu beſchützen. Fünfhundert Pfund wurden als angemeſſene Entſchädigung vorgeſchlagen, waren aber bei weitem mehr, als der Anwalt aufbringen konnte. Mit Schwie⸗ rigkeit ließen ſie ſich endlich bewegen, mit hundert Pfund zufrieden zu ſein, denn der Anwalt wollte lieber eine Einbuße an Geld, als an Ruf leiden, wie dies geſchehen wäre, wenn die Geſchichte be⸗ kannt geworden ſein würde. Er ſchickte daher an einen Freund und ließ um dieſe Summe bitten; die Bundesgenoſſen unterſuchten jedoch den Zettel vorher genau, um ſich zu überzeugen, daß er nicht an einen Conſtable gerichtet ſei. Das Geld kam, und der Anwalt erhielt ſeine Freiheit wieder und konnte ſich nach Muße darüber ärgern, daß er, ſtatt ein gutes Honorar zu empfangen, hundert Pfund ausgegeben hatte, um einige Minuten in einem ſchlechten, dumpfen Alkoven zuzubringen. Er tröſtete ſich jedoch mit der Hoffnung, die liebenswürdige Frau bald zur verdienten Ehre erhöht zu ſehen. Der Wunſch des Anwalts ging in wenigen Jahren in Erfüllung. Nicht lange nach dem eben erzählten Abenteuer wurde ſie feſtge⸗ nommen, angeklagt, einen ſilbernen Becher geſtohlen zu haben, und nach Newaate geſandt. Sie wurde vor Gericht geſtellt und zur Deportation nach Jamaica verurtheilt; dort blieb ſie jedoch nur zwei Jahre, kehrte dann nach England zurück und trat hier in dem Charakter einer reichen Erbin auf. Die Folge dieſer Liſt war eine baldige Heirath mit einem reichen Apotheker, den ſie jedoch um dreihundert Pfund beſtahl und ihn nach Muße die Frage löſen ließ, ob der Verluſt des Geldes oder ſeiner Frau das größte Un⸗ glück wäre. Madame miethete ſich in ein Haus ein, welches, außer der Wirthin und einem Uhrmacher, nur ſie und ihre treue Gehülfin als Dienſtmädchen bewohnten. Sie benahm ſich ſo, daß man ſie für eine anſtändige und rechtſchaffene Frau halten mußte, lud eines Tages die Wirthin und den Uhrmacher ein, mit ihr in das Schau⸗ ſpielhaus zu gehen, und gab ihnen die erforderlichen Billete. Sie nahmen die Einladung an, und das Mädchen blieb allein zurück, 8. 5 um das Haus zu bewachen. Während der Abweſenheit ihrer übri⸗ gen Hausgenoſſen erbrach ſie die Schlöſſer, ſtahl zweihundert Pfund, dreißig Uhren und verfügte ſich mit der Beute nach dem von Madame bezeichneten Platze. Nach Beendigung des Schauſpiels führte ſie ihre Gäſte in eine Schenke, um ſie zu bewirthen, und nahm eine günſtige Gelegenheit wahr, zu entwiſchen. Zufällig traf es ſich, daß ein Brauer, Namens Freeman, um 200 Pfund Sterling beſtohlen und ein Häſcher entſendet worden war, um die berüchtigſten Gaunerherbergen und Schlupfwinkel zu durchſuchen. Auf einem gewiſſen Lancaſter ruhte der Hauptver⸗ dacht, und während man in einem Hauſe nach ihm ſuchte, entdeckte man Madame in einem Gemache. Der Häſcher ſah auf dem Tiſche zwei Briefe liegen und fing an, ſie zu leſen. Madame war über dieſe Frechheit außerordentlich entrüſtet, und in dem Zanke, der entſtand, hatte er Gelegenheit, ihre Geſichtszüge genauer zu prü⸗ fen, erkannte ſie und nahm ſowohl ihre Briefe, als ſie mit ſich. Vor Gericht wurde ſie gefragt, ob ſie die Frauensperſon ſei, welche gewöhnlich den Namen Marie Carleton führte. Da ſie bejahend antwortete, verlangte der Gerichtshof Rechenſchaft, warum ſie aus der Verbannung nach Jamaica vor Ablauf ihrer Strafzeit zurückgekehrt ſei. Sie brachte einige ungenügende Entſchuldigungen vor und gab ſich, da ſie ſah, daß dieſelben nichts halfen, für ſchwanger aus. Sie wurde von Matronen, die das Gegentheil fanden, unterſucht und in Gemäßheit des früheren Urtheils zum Tode verdammt. Während ihrer Gefangenſchaft wurde ſie von Vielen beſucht, welche die Neugierde hinführte, um zu ſehen, wie eine ſo merk⸗ würdige Perſon ſich in einer ſolchen Lage benehme; und auch mehrere Geiſtliche erboten ſich, ſie zum Tode vorzubereiten. Sie erklärte, daß ſie Katholikin wäre, bereute ihre Verbrechen und ſagte, daß ſie, wenn ſie ihr Leben wieder von vorne anfangen könnte, den Pfad der Redlichkeit und Tugend einſchlagen würde. —— 8———„ 875 8 8G 8u8uͤ——— Q( ⁸⏑— —— 67 Am Tage ihrer Hinrichtung ſchien ſie heiterer als gewöhnlich, nahm das Gemälde ihres zweiten Gatten in die Hand und zum Richtplatze mit. Sie ſchien in Andacht verſunken zu ſein, und als die Armenſünderglocke der Kirche zum heiligen Grabe tönte, hörte man ſie einige fromme Ausrufungen thun. Einer Freundin, die mit ihr zum Hinrichtungsplatze fuhr, ſchenkte ſie zum Andenken zwei kathöliſche Andachtsbücher, dann redete ſie die Menge an, geſtand, daß ſie ein ſehr eitles Weib geweſen ſei, ſprach die Hoff⸗ nung aus, daß ihr Schickſal andere vor Irrwegen bewahren werde, und ſagte, daß ſie, wiewohl die Welt ſie verdamme, doch viel zu ihren Gunſten vorbringen könnte. Sie wurde im Jahre 1672, achtunddreißig Jahre alt, hingerichtet. 5* Amerixkaniſche Nache. Im Jahre 1821 lebte in Kentucky ein junges Mädchen von acht⸗ barer Familie, die ſich durch ihren hohen Verſtand, durch ihre Liebe zu der Literatur, ihre männliche Unerſchrockenheit und engel⸗ gleiche Schönheit den Ruf einer Corinna erworben hatte. Man erwähnte die Lieder der Anna Cook mit eben ſo großem Enthu⸗ ſiasmus, als die Züge von ihrem Muthe. Sie war zu gleicher Zeit ein geiſtreiches Weib und ein muthvoller Mann. Ein Kentuckier, deſſen Ruf nicht geringer war, als jener der Anna Cook, der Oberſt Sharp nämlich, der Generalanwalt, der glänzendſte Redner in der geſetzgebenden Verſammlung zu Frank⸗ fort, bewarb ſich um ihre Hand, und als ſein Antrag angenommen war, benutzte er ihn, um das vertrauende Mädchen in die ſchänd⸗ lichſte Schlinge zu verlocken, welche die Verführung jemals geſtellt hat. Dann entfernte er ſich und überließ ſein Opfer allen Ver⸗ wünſchungen einer öffentlichen Meinung, die in ihrem Tadel um ſo mehr unerbittlicher war, je freigebiger ſie vorher mit ihren Lobeserhebungen geweſen. Das Publicum iſt ein Feind, der die Maske abnimmt, ſobald ſich das Unglück einfindet, und ſich un⸗ barmherzig an denen rächt, welchen er ſchmeichelte. Anna Cook erfuhr es. Die Welt ſtieß ſie aus, ſie ſchwur dagegen der Welt Haß und zog ſich mit ihrer alten Mutter und einigen alten Dienern in ein einzeln ſtehendes einſames Landhaus zurück. Die Sache machte großes Aufſehen. Ein Mann, der Nachkomme einer alten franzöſiſchen Familie, Beauchamp, fühlte ſich beſonders tief davon ergriffen. Beauchamp hatte dabei nur einen Gedanken, nämlich das Opfer Sharp's zu ſehen und kennen zu lernen. Welche Geduld er hatte, welche 69 Mühe er anwendete, um zu dieſem Zwecke zu gelangen, läßt ſich unmöglich beſchreiben. Er brauchte Monate, um Eingang durch jene von dem Haß vertheidigte, von dem Schmerz gehütete Thüre u finden. Aber Beauchamp beharrte feſt auf ſeinem Vorſatze, wie nna Cook auf dem ihrigen. Endlich, und zwar in Folge der Vermittelung einer ihrer Schweſtern, wurde er als Freund und Nachbar in das Haus aufgenommen, das weder Freundſchaft noch Nachbarſchaft mehr um ſich hatte. Beauchamp liebte Miß Anna Cook. Als er es wagte, ihr ſeine Gefühle zu geſtehen, wendete ſie ſich langſam nach ihm um, ſah ihn an und ſagte: „Beauchamp, ich werde niemals das Weib eines Mannes wer⸗ den, es müßte denn ein Mann mit dem Kopfe des Oberſten Sharp vor mich treten und um meine Hand werben.“ 1 Beauchamp antwortete Anfangs nichts, einige Augenblicke darauf aber faßte er ſie an dem Arme und ſagte: „Anna, ich bin der Mann, den Sie ſuchen.“ Wenige Tage darauf reiſete Beauchamp ab und begab ſich nach Frankfort, wo Sharp wohnte. „Ich kam gegen Abend an,“ ſagte er,„und traf den Ober⸗ ſten bald. Er kam mir auf das Herzlichſte entgegen. Ich nahm ſeinen Arm, ſagte zu ihm, ich ſei ausdrücklich zu ihm gekommen, um von Geſchäften mit ihm zu ſprechen, und erſuchte ihn, einen Gang mit mir zu machen. Wir gingen am Fluſſe hinab bis über die Stadt hinaus. Es wurde Nacht, wir waren an einem ganz einſamen Orte und hörten die verſchiedenen Glocken der Stadt, welche zu dem Abendeſſen riefen. Da blieb ich mit einem Male ſtehen und fragte den Oberſten ohne weitere Vorrede, ob er ſich der letzten Worte erinnere, die Miß Anna Cook zu ihm geſagt habe. Er wurde leichenblaß und unbeweglich wie eine Bildſäule.“ „Oberſt Sharp,“ ſagte ich zu ihm,„als Sie Miß Anna ver⸗ ließen, prophezeiete ſie Ihnen, der Himmel würde zu ihrer Rache einen Mann finden. Ich bin dieſer Mann. Ich komme, von ihr 70 geſandt, um Sie zu ermorden. Wollen Sie ſich vertheidigen? Hier ſind zwei Dolche. Sie hat mir geſagt, Sie wären eine Memme und wiürden ſich nicht als Mann vertheidigen. Werden Sie es thun?— Ja oder nein? Antworten Sie, oder ich ſtoße Sie nieder.“ „Lieber Freund,“ entgegnete er,„ich kann mich wegen der Miß Anna nicht ſchlagen. Ich habe mich ſo ſchwer gegen ſie ver⸗ gangen, daß, wenn ſie einen Bruder gehabt hätte und er wäre zu mir gekommen, ich mich lieber würde haben umbringen laſſen, als daß ich ein neues Verbrechen gegen ſie und die Ihrigen begangen..“ Dieſen Gründen fügte er noch tauſend feige Bitten hinzu, unter die ſich noch feigere Thränen miſchten, endlich bot er ſich auf ſo jämmerliche Weiſe dem Stoße Beauchamp's dar, daß dieſer den Arm gegen einen ſolchen Gegner nicht erheben konnte. Dieſe Art der Vertheidigung hatte er nicht vorhergeſehen und ſein Muth verließ ihn vor dieſer Schwäche, wie er einen Andern vor Uner⸗ ſchrockenheit verlaſſen haben würde. Er entließ alſo Sharp auf ſchimpfliche Weiſe, indem er ihm jedoch erklärte, die Feigheit würde für ihn keineswegs immer ein ſicherer Schild ſein, er werde viel⸗ mehr früher oder ſpäter doch ermordet werden. Von Allem, was Sharp in ſeiner Angſt vorgebracht hatte, um ſich zu retten, hatte nur etwas auf Beauchamp Eindruck gemacht. „Sie haben kein Recht, die Vertheidigung der Miß Anna zu übernehmen,“ hatte der Oberſt zu ihm geſagt,„weil Sie weder ihr Verwandter, noch ihr Mann ſind... Soll ich glauben, daß Sie ihr Geliebter ſind?..“ Beauchamp fand, daß in dieſen Worten allerdings Wahrheit lag. Er geſtand es der Anna Cook und ſie willigte ein, ihn zu heirathen, damit, wenn er ihr Mann ſei, er auch das Recht er⸗ halte, ihr rechtmäßiger Rächer zu ſein. Die Unbeugſame ging jedoch nur mit Widerſtreben von ihren erſten Vorſätzen ab, und ehe ihre Ehe vollzogen wurde, faßte ſie den Entſchluß, mit eigener Hand 71 den Mann zu ermorden, der, ihren Gedanken nach, nicht auf der Welt ſein durfte, wenn ſie ihre Vergangenheit und ihre Zukunft einem Andern übergab. Der Oberſt Sharp befand ſich damals in Bowling Green, nicht weit von ihr; ſie ſchrieb an ihn, um ihn um eine Zuſammenkunft zu erſuchen, die ſie mit einer Gewandt⸗ heit rechtfertigte, welche nicht die geringſte Merkwürdigkeit dieſes ſchrecklichen Charakters iſt. Sharp beſtimmte die Zuſammenkunft. Die hocherfreute Anna Cook hörte nicht auf, ſich im Piſtolenſchießen zu üben, und ſie hatte, wie Beauchamp ſagte, eine entſetzliche Geſchicklichkeit in dieſer Kunſt erlangt, als der Oberſt Sharp die Gegend verließ und ſo ſich zur Zuſammenkunft nicht einfand. Anna Cook und Beauchamp verheiratheten ſich im Sommer 1824. Die Trauungsceremonie war für dieſe beiden Verſchworenen nur eine Weihe ihres Mordplans, aber alle Bemühungen Beauchamp's, den Aufenthalt Sharp' zu ermitteln, blieben lange vergeblich⸗ Seine mit falſchem Namen unterzeichneten Briefe, ſeine Schritte, ſeine Liſt, Alles ſcheiterte bis zu der Zeit, wo die Wahlen be⸗ gannen. Der Oberſt Sharp ſtand in dem Staate Kentucky an der Spitze der demokratiſchen Partei und war die feſteſte Stütze des Candidaten dieſer Partei am Sitze der Regierung, auch trat er ſelbſt bei den Wahlen auf. Beauchamp konnte ihn da am ſicherſten treffen. Er nahm ſich vor, ihn nicht zu verfehlen. Zu⸗ gleich ergriff er die beſten Maßregeln, um nach dem Morde der Verhaftung, oder nach dieſer der Ueberführung zu entgehen. Die beiden Gatten begannen dabei ihre Abſicht zu erkennen zu geben, in den Staat Miſſouri auszuwandern. Beauchamp machte eine Reiſe, um ſich andere Kleidungsſtücke zu verſchaffen. Er verkaufte eine Beſitzungen, ſchaffte Pferde und einen Wagen an, wählte Reiſegefährten, beſtimmte den Tag des Aufbruchs und richtete es ſo ein, daß ein gegen ihn anhängiger Proceß während dieſer Zeit vor dem Gericht zu Frankfort wieder aufgenommen wurde. Auch . * 72 ſorgte er dafür, daß ihm die Nachricht davon durch ſeinen Advo⸗ caten, ſeinen unwillkürlichen Mitſchuldigen, in dem Augenblicke mitgetheilt wurde, als ſeine Freunde und Verwandten bei ihm waren, um Abſchied von ihm zu nehmen. Seine Reiſe nach Frankfort war deshalb für Alle und in Gegenwart Aller erklärt, und dieſer wohlangelegte Plan erſchien als ein läſtiger Aufenthalt. Einige Tage vorher hatte Beauchamp erfahren, der Oberſt Sharp, der in einer Meeting wegen ſeiner Handlungsweiſe gegen Anna Cook heftig angegriffen worden, ſei ehrlos genug geweſen, ſich dadurch zu rechtfertigen zu ſuchen, daß er gegen einige Perſonen erklärte, Miß Anna Cook habe ihn hintergangen, er beſitze ſichere Beweiſe davon und ein Zeugniß von einer Hebamme. Dieſe letztere Schlechtigkeit, der von der Hebamme ſogleich widerſprochen wurde, hätte an ſich hingereicht, die Rachſucht mit Feuerzügen in dem Herzen Beauchamp's einzugraben. Er hatte ſich vorgenommen, die Wahlen zu Ende gehen zu laſſen, bevor er Sharp ermorde. Wenn die Gegenpartei den Sieg erhielt, ſo hoffte er, der Gou⸗ verneur, der ihn kannte, würde ſein Recht geltend machen, ihn zu begnadigen, im Fall er verhaftet würde; blieben dagegen die Demokraten Sieger, ſo hoffte er, dieſe Partei würde die Ermor⸗ dung ihres Führers den politiſchen Feinden deſſelben zuſchreiben und ſie zu einer Parteiſache machen. Der Verdacht mußte deshalb von ihm, Beauchamp, ſich abwenden. Die Richtigkeit dieſer An⸗ ſicht wurde durch den Erfolg beſtätigt. Beauchamp kam gegen Abend in Frankfort an, ließ ſich in dem Gaſthauſe, in welchem er abſtieg, zu eſſen geben, ſchloß ſich dann in ſeinem Zimmer ein und verkleidete ſich vom Kopf bis zu den Füßen. Auf der Reiſe durch Tenneſſee, ſagte er, hatte ich am Fuße eines Baumes den alten Hut eines Negers bemerkt, der in der Nähe arbeitete. Ich nahm den Hut und legte einen Dollar dafür hin. Außerdem hatte ich eine Maske von ſchwarzer Seide, die mir Abends genau das Ausſehen eines Negers gab, ſo gut hatte meine Frau ſie gearbeitet und meinem Geſicht angepaßt. Als Fußbekleidung nahm ich nur zwei Paar wollene Strümpfe, um meine Füße auf der Flucht zu ſchützen und zu verhindern, daß man die Richtung, die ich eingeſchlagen, durch das Geräuſch meiner Tritte bemerke, wenn ich verfolgt werden ſollte. Zu gleicher Zeit packte ich meine Kleidungsſtücke zuſammen und trug ſie an einen Verſteck am Fluſſe, um ſie wieder anzulegen, wenn die That voll⸗ bracht ſein würde. Ich verließ das Gaſthaus, ohne daß mich Jemand ſah oder hörte. Bei mir hatte ich ein großes Fleiſcher⸗ meſſer, das meine Frau ſelbſt vor mehreren Monaten gewetzt hatte, damit es Niemand für eines erkenne, das mir gehört. Als ich vor dem Manſion⸗Houſe vorüberging, ſah ich den Oberſten Sharp in dem Saale. Ich wußte, daß er ſich hier ge⸗ wohnlich einfand, und beſchloß zu warten, bis er nach Hauſe zu⸗ rückkehre. Ich trieb mich deshalb in der Nähe umher. Endlich kam er, aber in Begleitung ſeines Bruders. Ich wartete, bis dieſer ſich entfernt haben würde. Der Mond ſchien nicht, aber es war ſo hell, daß man wohl das Geſicht eines Freundes erkennen konnte. Ich zog mein Meſſer, trat an die Thür und klopfte dreimal. „Wer iſt da?“ fragte der Oberſt Sharp von weitem. „Corington,“ antwortete ich, indem ich die Stimme dieſes Mannes, eines Freundes des Oberſten, nachahmte. Ich hörte dieſen bald kommen und bemerkte, daß er ohne Licht erſchien. Als er die Thür öffnete, ergriff ich ihn mit der linken Hand wie mit einer Eiſenfauſt. Er wollte zurück, ſuchte ſich los⸗ zumachen und ſagte:— „Welcher Corington ſind Sie?“ „John Corington.“ „Ich kenne Sie nicht.“ „Kommen Sie an das Licht, damit Sie mich erkennen.“ Ich zog ihn an die Thür, riß da die Maske ab und ſah ihm in das Geſicht. 74 „Großer Gott!“ rief er mit Schrecken,„er iſt es!“ Bei dem Verſuche, ſeinen Arm aus meinen Händen loszu⸗ machen, ſiel er auf die Kniee. Ich ließ ſeinen Arm los, faßte ihn an der Kehle und ſagte, während ich ihm das Meſſer in das Herz ſtieß: „Stirb, Elender!“ In dem Augenblicke, als ich die Waffe zurückzog, richtete er ſich wieder auf die Kniee auf, ſuchte mich mit ſeinen Armen zu umſchlingen und ſagte: „Gnade, Herr Beauchamp.“ Ich ſchlug ihn mit der linken Hand in das Geſicht und er ſank der ganzen Länge nach an den Boden. Da ich Licht kommen ſah, ſo entfernte ich mich einige Schritte und legte meine Maske wieder vor. Dann kehrte ich wieder an die Thüre zurück, um zu hören, ob er noch reden könnte. Seine Frau fragte ihn in Thränen, aber er antwortete ihr nicht. Bald kam auch der Dr. Sharp, ſein Bruder, und er rief ſogleich: „Großer Gott! das hat Beauchamp gethan; ich habe es immer erwartet.“ Die ganze Stadt kam bald in Aufruhr und das Haus füllte ſtch mit Menſchen. Ich blieb in der Nähe, um zu hören, was man ſagte. Ich ging ſelbſt ſo nahe an das Haus, um durch ein Fenſter hineinſehen zu können; Miſtreß Sharp bemerkte mich und rief den Anweſenden zu, ſie habe eben den Mörder geſehen. Man fing an, mich zu verfolgen; aber ich brachte ſie bald auf falſche Spur, ging längs des Fluſſes hinunter, zog meine gewöhnlichen Kleidungsſtücke wieder an, packte meinen Negeranzug mit dem blutigen Meſſer zuſammen, band einen Stein daran und warf Alles in das Waſſer. Als ich wieder in die Stadt kam, ging ich von Neuem an dem Hauſe des Oberſten Sharp vorüber, um zu hören, was man darin ſpreche. Aber es war Alles wieder ſtill geworden. Ich kehrte nun in mein Gaſthaus zurück, zog da meine ——— —--— 7³ Schuhe aus und ſchlich auf Händen und Füßen, wie eine Katze, ſo leiſe, daß Niemand meinen Tritt hören konnte, in mein Zimmer hinauf. Ich wuſch mir die Hände und legte mich mit der Er⸗ wartung nieder, am andern Tage verhaftet zu werden. Aber meine Freude war ſo groß und meine Ergebung in den Willen Gottes ſo vollkommen, nachdem ich die ſo lange vorbedachte That vollbracht, daß ich nach fünf Minuten einſchlief und am andern Morgen nur bei dem Geräuſche erwachte, das die Dienſtleute im Hauſe machten. Zufällig war der Wirth ein Verwandter des Oberſten Sharp. Durch meinen Namen und die Muthmaßung des Bruders des Oberſten aufmerkſam gemacht, kam er eilig in mein Zimmer her⸗ auf. Ich grüßte ihn ſehr artig. „Wiſſen Sie,“ ſagte er zu mir,„wer den Oberſten Sharp dieſe Nacht ermordet hat?“ Ich ſtellte mich ſehr erſtaunt und ſagte: „Iſt es möglich? Wie? der Oberſt Sharp...“ „Iſt todt,“ vollendete er. „Und wie hat man ihn umgebracht?.. in einem Zweikampfe?“ „Man hat ihn ermordet.“ Er wollte fortgehen. „Bleiben Sie noch einen Augenblick und erzählen Sie mir die ſchreckliche Geſchichte ausführlicher.“ „Ich kann Ihnen nicht mehr ſagen,“ antwortete er und ging. Die Art, wie er in mein Zimmer getreten, war mir nicht eben angenehm geweſen, aber ich ſah wohl, daß ſein Verdacht, als er fortging, durch die unveränderte Miene, die ich bewahrt hatte, ſo ziemlich zerſtreut worden war. Ich ging in das Gaſtzimmer hin⸗ unter, frühſtückte, plauderte liebenswürdig mit der Frau vom Hauſe und fragte ſie, ob man Verdacht wegen des Mörders habe. Dann beſchäftigte ich mich mit den Angelegenheiten, die meine Aufmerk⸗ ſamkeit erforderten. Als ich wieder in das Gaſthaus kam, hatte ich ein neues Ver⸗ hör von dem Wirthe zu beſtehen. „Herr Beauchamp,“ fragte er,„was ſind Sie?“ „Advocat.“ „Sagten Sie nicht, Sie wohnten in der Grafſchaft Simpſon? 6 „Allerdings.“ „Sind Sie verheirathet?“ „ Ja.“ „Welche Dame heiratheten Sie, Herr Beauchamp?“ „Miß Anna Cook, Herr Wirth.“ Ich ſah, wie bei dieſen Worten ſein ſchon duͤſteres Geſicht ſich noch mehr verdüſterte. Ich hatte wohl errathen, daß dies die Hauptſache ſei, die er wiſſen wollte, aber ich hatte auf ſeine neu⸗ gierigen Fragen mit der größten Unbefangenheit geantwortet, als wäre es ein ganz natürliches Geſpräch. Ich erzählte ſelbſt, daß ich wieder aufbrechen wollte, und verließ Frankfort ohne weitern Vorfall. Zwei oder drei Meilen von der Stadt bemerkte ich, daß ich in meinem Zimmer im Wirthshauſe mein Taſchentuch zurückgelaſſen hatte, erinnerte mich, daß ſich vom Naſenbluten Blut daran be⸗ fand, und dachte ſogleich an die Folgerungen, die man aus dieſer Entdeckung ziehen würde. Ich war verſucht, umzukehren, um dieſes Taſchentuch zu holen, aber ich bedachte, daß dies die Auf⸗ merkſamkeit erſt erregen würde, wenn es noch nicht geſchehen ſei; ich ſetzte alſo meinen Weg fort. Am Abende des vierten Tages kam ich zu Hauſe an. Meine Rückkehr hatte ſich nicht um eine Viertelſtunde länger verzögert, als ich ſie meiner Frau vorherbeſtimmt hatte. Sie ging auf dem Wege ſpazieren, auf dem ich ankommen mußte, und befand ſich in großer Spannung. Solhald ich ſie in der Ferne allein kommen ſah, winkte ich zum Siegeszeichen mit einer kleinen Fahne. Sie eilte mir entgegen und warf ſich vor mir nieder. Sie vergoß einen Strom von Thränen und dankte dem Himmel, der ſie endlich für alle die Noth gerächt habe, die ein Verräther über ſie und ihre 77 — Familie gebracht. Sie umſchlang mit ihren Händen meine Kniee und flehte den Segen ihres Vaters und ihrer verſtorbenen Geſchwiſter auf mich herab, die ſie bat, ſich im Himmel bei dem göttlichen Rich⸗ ter zu verwenden und mich vor jeder Strafe für die That, die ich vollbracht, zu bewahren. Dann ſtand ſie in Thränen auf und fragte: „Biſt Du geſund und wohl, lieber Mann?“ Ich verſicherte ſie, daß ich nun über Alles erhaben ſei, was Menſchen mir thun könnten, da der, welcher ſie beleidigt, endlich durch mich geſtraft worden. Doch glaube ich, daß man mich ver⸗ folgen würde und daß ich die watchmen noch in dieſer Nacht an⸗ kommen zu ſehen erwarte. Anfangs waren wir entſchloſſen, uns zu vertheidigen und im Nothfalle die Vereinigten Staaten zu ver⸗ laſſen; am andern Tage entſchloß ich mich aber, lieber zu ſterben, als mein Vaterland zu verlaſſen. Es gab ja nicht den geringſten Beweis gegen mich, und ich nahm mir daher vor, alle möglichen Nachforſchungen ruhig zu ertragen. Beauchamp wurde wirklich bald verhaftet. Er übergab ſich den Dienern der Gerechtigkeit ohne Schwierigkeit, unter der Bedingung jedoch, daß man ihm ſeinen Dolch laſſe und ihm auf ſein Ehren⸗ wort erlaube, frei mit ihnen zu reiſen. Nachdem dieſe Bedingungen angenommen waren, nahm er ſeine Gäſte herzlich auf. Nach dem Frühſtücke erzählte man ihm, man habe das Maß von den Schuhen des Mörders genommen, der durch den Garten entflohen ſei, in dem man ſeine Fußtapfen gefunden habe. Darauf forderten ſie ihn artig auf, ſeine Schuhe meſſen zu laſſen. Dies gefiel mir ſehr, ſagte Beauchamp, weil ich die Ueber⸗ zeugung hatte, daß die Fußtapfen im Garten die meinigen nicht waren; aber wie erſchrak ich, als ich ſah, daß mein Schuh dem Maße pollkommen entſprach!„Es iſt richtig,“ ſagten die Leute mit einer Freude, die nicht eben artig war. Da ſie mich aber verſicherten, daß man die Fußtapfen ſorgfältig bewahrt habe, ſo verließ ich mich mit Vertrauen auf eine genauere Prüfung. Er brach mit ſeinen Begleitern auf. Dieſe hatten das Taſchen⸗ tuch bei ſich, welches Beauchamp in dem Gaſthauſe zu Frankfort vergeſſen, aber ſie zeigten es ihm erſt unterwegs, indem ſie ihm ſagten, man habe daſſelbe vor der Thüre des Oberſten Sharp ge⸗ funden. Dieſe Ungenauigkeit überraſchte Beauchamp; noch mehr aber wunderte er ſich, als er erfuhr, die Familie Sharp und das Gericht von Kentucky würden Beweiſe gegen den Mörder liefern, und der Beſitzer ſeines Taſchentuches habe geſchworen, daſſelbe vor der Treppe des Oberſten Sharp gefunden zu haben. Da das Taſchentuch wirklich das meinige war, ſagte er, ſo erkannte ich, wie gefährlich es für mich ſein würde, wenn meine Nachbarn daſſelbe für das meinige erkennen ſollten, zumal nach dem falſchen Schwure desjenigen, welcher es dem Gerichte über⸗ geben hatte. Ich dachte deshalb über ein Mittel nach, in Beſitz dieſes Tuches zu kommen. Meine Begleiter tranken gern. Am zweiten Tage der Reiſe blieben wir in einem Gaſthauſe, um da die Nacht zuzubringen. Wir aßen zu Abend; dann ſprach man von dem Schlafengehen. In dem Zimmer befanden ſich nur zwei Betten, eines für mich, das andere für die meiner Wächter, die ruhen ſollten, während die andern wachten. Ich unterhielt an dieſem Abend die Leute mit einer Menge Anekdoten und Scherze, damit ſie ſpäter, aber dann deſto ſchneller und tiefer ſchliefen. Nach dem Eſſen hatte ich ſie aufgefordert, mir jenes Taſchentuch zu zeigen. Sie gaben es mir, und ich dankte laut dem Himmel, daß dieſes wichtige Stück gefunden worden ſei. Ich ſagte, dieſes Taſchentuch würde mich retten, weil es auf die Spur des wahren Mörders leiten könnte, und ich erſuchte daher die Männer, indem ich es zurückgab, daſſelbe ja recht wohl zu verwahren. Ich gab Acht, welcher es nahm und einſteckte. Gegen dieſen war ich höchſt zuvorkommend, und da er erſt der Dritte war, der ſchlafen ſollte, ſo forderte ich ihn auf, vorher mein Bett mit mir zu theilen. Er nahm dies willig an, und ich ſah, wie er ſeinen Rock, in deſſen Taſche ſich das Tuch befand, auf einen Stuhl am Bett legte. Ehe ich zu Bette ging, ging ich in dem Zimmer auf und ab, und als ich an dem Stuhle vorbeikam, nahm ich den Rock weg und warf ihn auf das Bett; dann ſchickte ich mich an, mich niederzu⸗ legen. Ich beklagte mich über die Kälte, ſagte, man möge mir meinen Mantel geben, und bat, daß man das Feuer beſſer unter⸗ halte. Dabei breitete ich meinen Mantel auf das Bett und auf den Rock, den ich darauf geworfen, wobei ich das Taſchentuch aus der Taſche zog. Ich beklagte mich von Neuem über Froſt, um einen Vorwand zu haben, das Feuer anzuſchüren. Einer meiner Wächter ſtand an dem Kamine, mit dem Rücken nach dem Feuer zu. Ich ſetzte mich auf eine hölzerne Bank neben ihn. Zwei andere meiner Begleiter wachten ebenfalls, einer aber hatte ſo viel getrunken, daß er unwillkürlich auf dem Stuhle nickte. Ich benutzte den Augenblick, als der dritte wegſah, um das Taſchen⸗ tuch, das ich in meine Beinkleider geſteckt hatte, zu nehmen, in das Feuer zu werfen und ein großes Stück Holz darauf zu legen. Es war in einem Augenblicke verbrannt. Später, als das Taſchentuch ſich nirgends fand, ließ Beauchamp ſeine Wächter lange und überall ſuchen, um auch die ſtärkſte Ge⸗ duld zu ermüden, und endlich beſchuldigte er ſie, dieſes Tuch ver⸗ nichtet zu haben, weil es ein Beweis ſeiner Unſchuld ſein könnte. Im Anfange ging Alles, wie er vorhergeſehen hatte. Die De⸗ mokraten ſchrieen, die Ermordung Sharp's ſei eine politiſche Rache, der Oberſt ſei das Opfer ſeiner Hingebung für das Intereſſe des Volkes geworden. Die Familie des Oberſten, beſonders ſein Bruder, theilte dieſe Meinung nicht, aber die Eitelkeit beſiegte in ihnen ſelbſt die Rachſucht, und ſie ließen deshalb lieber glauben, das Haupt der Familie ſei als Opfer einer heiligen Sache gefallen, als zu ge⸗ ſtehen, daß er die Strafe für ein gemeines Verbrechen erlitten habe. Die Whigs wieſen indeß die Beſchuldigung zurück, welche ihre 80 Gegner auf ſie wälzen wollten; es lag in ihrem Intereſſe, darzu⸗ thun, daß das Verbrechen eine perſönliche Rache ſei; ſie muſterten deshalb das Leben des Oberſten und erinnerten namentlich an die Verführungsgeſchichte, die ihrer Meinung nach ihm wohl eine ſolche Strafe hatte zuziehen können. Ihre Vertheidigungsgründe waren eben ſo viele Beſchuldigungen für Beauchamp, der ſelbſt Whig war und auf die Unterſtützung dieſer Partei gerechnet hatte. Bei dieſem erbitterten Kampfe entgegengeſetzter Leidenſchaften war die Familie des Oberſten genöthigt, wieder auf Beauchamp zurück⸗ zukommen; ſie ſuchte aber den Privathaß des Gatten Anna Cooks unter politiſchem Haſſe zu verſtecken. Man erkaufte falſche Zeugen, und Beauchamp wurde durch die Ausſagen derſelben überwieſen, aus politiſchem Haſſe dem Oberſten Sharp nach dem Leben ge⸗ trachtet zu haben. Der ganze Proceß war ein unermeßlicher Haufen von falſchen Schwüren und richterlicher Unverſchämtheit. Trotzdem würde Beauchamp wahrſcheinlich dieſem Lügengewebe entgangen ſein, wenn nicht ein Verräther, der ſich für⸗ſeinen Freund ausgab, der Frau deſſelben ein Billet zu entlocken gewußt hätte, welches das Verderben des Angeklagten wurde. Als Beauchamp verurtheilt war, erhob er ſich und ſagte zu ſeinen Richtern: „Sie haben die größte Ungerechtigkeit begangen, die unter dem Himmel geſchehen kann; Ihr Urtheil iſt nichts als ein Gewebe von Irrthümern, wie die Ausſagen meiner Ankläger nichts als Lügen waren; gleichwohl bin ich der Mörder. Ich verlange indeß, daß meine Hinrichtung verſchoben werde, bis ich mein Geſtändniß nie⸗ dergeſchrieben und darin gezeigt habe, wie ein Verbrecher unge⸗ recht verurtheilt werden und als Märtyrer der Geſetze der Menſchen fallen kann, während er nur vor denen Gottes ſchuldig iſt.“ Die öffentliche Meinung wurde durch dieſe Erklärung ſo auf⸗ geregt und die Neugierde Aller ſo geſpannt, daß der Gouverneur von Kentucky das Geſuch Beauchamp's nicht zu verwerfen wagte. 81 Sein„Geſtändniß“ erſchien im Juli 1826, und niemals hat ein Buch in Amerika gleich großes Aufſehen gemacht. Unmittelbar nach der Verurtheilung Beauchamp's bat die Frau deſſelben, mit ihm ſein Gefängniß theilen zu dürfen. Entſchloſſen, mit ihm zu ſterben, der für ſie ſterben ſollte, zeigte ſie ihm, als ſie in ſeinem Kerker erſchien, Gift und einen Dolch. Nachdem dieſes merkwürdige Weib in einem Gedichte, das durch Kraft und hohe Poeſie ausgezeichnet iſt, von der Welt Abſchied genommen hatte, theilte ſie mit Beauchamp das Giſt; ſie ſtellten ſchriftlich die Bitte, daß man ſie Beide in einen Sarg lege, dann beteten ſie und erwarteten umſchlungen den Tod. Zweimal täuſchte er ihre Erwartung, zweimal ſtumpfte das Gift an der Kraft dieſer Naturen ab, die ſtärker waren, als daſſelbe. Da ſtand Anna Cook von ihrem Schmerzenslager auf, nahm den Dolch und reichte ihn ihrem Manne, der ſich zuerſt den Stoß verſetzte. Kaum war der Stahl in den Buſen deſſelben gedrungen, ſo riß ihn Anna Cook mit Be⸗ geiſterung heraus und gab ſich ſelbſt die Todeswunde. Die Stunde der Hinrichtung nahete. Der Ker Beauchamp im Blute ſchwimmend, aber noch lebend. ihn auf das Schaffot zu bringen. Ehe er aber daſſelbe beſtieg, verlangte er, man möge ihn noch einmal ſeine Frau ſehen laſſen. Man führte ihn zu ihr; er ergriff ihre Hand, überzeugte ſich, ob ihr Herz noch ſchlage, und ſagte: „Lebe wohl, Du Kind des Unglücks! Jetzt biſt Du vor den böſen Zungen ſicher. Für Dich habe ich gelebt, für Dich ſterbe ich. Auf Wiederſehen!“ Er küßte ſie und wurde auf das Schaffot getragen, wo er mit einer Ruhe ſtarb, welche die Anweſenden⸗ mit kaltem Schauer erfüllte. Seein alter Vater bat, man möge ihm den Leichnam des Sohnes und Anna Cook's überlaſſen, und er legte Beide, nach ihrem letzten Wunſche, in einen Sarg.* Dr. Diezmann. 8. 6 Eine Betrügerei im Großen. Es machte vor einiger Zeit eine Betrügerei im Großen gewaltiges Aufſehen; das bekannte engliſche Journal„The Times“ machte zuerſt darauf aufmerkſam, und ein gewiſſer Bogle, den das Jour⸗ nal als Mitſchuldigen bezeichnet hatte, verklagte daſſelbe, weil er hoffte, ſein Ankläger werde nicht im Stande ſein, Beweiſe beizu⸗ bringen; aber das Journal wendete gegen 20,000 Thlr. auf, um die Beweiſe herbeizuſchaffen, und die Jury, welche in der Sache zu ſprechen hatte, erkannte dem Herrn Bogle eine Entſchädigung von— einem Pfennig zu. Die he ſelbſt, welche die Times mit ſo großen Koſten auf⸗ klärte, und wie ſie der Vertheidiger des Journals vorlegte, iſt folgende: Der Zweck des Complottes war, die angeſehenſten Bankiers in ganz Europa um eine Summe von etwa 7 Millionen Thalern zu betrügen. Nach dem Gelingen des Unternehmens wollten die Fälſcher auf verſchiedenen Wegen entweichen und in Amerika, in Aegypten und Indien von dem Ertrage ihres Verbrechens gemäch⸗ lich leben. Der Betrug ſollte durch falſche Crediteircularbriefe vollbracht werden. Die Leſer kennen dieſe Papiere, welche für die Reiſenden ſo bequem ſind. Es ſind Wechſel, die ein Bankier auf alle ſeine Handelsfreunde zieht, deren Namen und Wohnorte am Nande des Wechſels verzeichnet ſtehen. Mit einem ſolchen Papier —= kann man ſich zu allen Geſchäftsfreunden eines Bankiers begeben 83 und von ihnen Geld erlangen bis zum Betrage der in dem Wechſel angegebenen Summe. So kann ein Reiſender, der London mit einem Circulare verläßt, das ihm einen Credit von 3000 Thlrn. bewilligt, Geld nach ſeinem Belieben in Brüſſel oder Konſtanti⸗ nopel, in St. Petersburg oder Rom erheben, bis die Summe von 3000 Thlrn. erſchöpft iſt, welche auf dem Papiere ſteht, auf dem auch die verſchiedenen Zahlungen verzeichnet werden. Das Londo⸗ ner Haus, deſſen Papiere bei dieſer Gelegenheit nachgemacht wur⸗ den, iſt das Haus Glyn, Halifax, Mills u. Comp. Man weiß nicht, wann der Hauptſchuldige zuerſt auf dieſen Gedanken kam, nur ſo viel iſt gewiß, daß die Mittel zur Aus⸗ führung in Florenz zu Ende des Jahres 1839 beſprochen wurden. In einer ſolchen Stadt, wie die Hauptſtadt Toscana's, einer Stadt der Feſte und Vergnügungen, findet man immer Perſonen von zweideutigem Charakter; es läßt ſich aber behaupten, daß 1839 in dem ganzen Staate des Großherzogs keine gefährlicheren Menſchen⸗ lebten, als der Marquis von Bourbel und Cunnin ſvrham von Gartmore. Von der Familie des Erſtern ngfa wenig. Er ſelbſt ſagt, ſie ſei wie die der Barras ſo alt wie die Felſen der Provence; vielleicht iſt dies aber eine der Behauptungen, welche einer ſo fruchtbaren Phantaſie wie der ſeinigen nicht ſchwer werden. Wir glauben indeß, daß die Bourbels kleine Edelleute in der Normandie waren, und man verſichert uns, der Großvater des jetzigen Marquis habe während der franzöſiſchen Emigration eine Subalternſtelle in Calcutta bekleidet. Gewiß iſt, daß der Name Bourbel ſich weder in dem„Dictionnaire des origines de maisons nobles ou anoblies du royaume de France“ von Lainé, noch in der„Liste des ci-devant nobles“ findet, die. Garnery 1791 herausgab. Wie dem nun auch ſein möge, der Herr von Bourbel trat mit nicht gewöhnlichen Vorzügen in das Leben ein und wurde ſehr jung der Geſandtſchaft des achtbaren Herrn Hyde de⸗Neuville in Liſſabon beigegeben. Wir wiſſen nicht, wie lange der Herr 6* de Bourbel in Portugal blieb, gewiß iſt aber, daß er daſſelbe auf Befehl des Herrn Hyde de Neuville verlaſſen mußte. Er befand ſich ſodann bei der franzöſiſchen Geſandtſchaft in Dänemark, aber nicht lange. Da er das Unglück gehabt hatte, einen Gegner im Duell zu tödten, ſo verließ er Kopenhagen bald, um nicht wieder dahin zurückzukehren. Dieſes Duell, welches dem Herrn Haide das Leben koſtete, machte großes Aufſehen und gab dem Herrn von Bourbel den Ruf eines Spielers, Raufboldes und Roués. Er ſah ſich deshalb ge⸗ nöthigt, die diplomatiſche Laufbahn zu verlaſſen, und wurde der geheimen Polizei beigegeben, der er wegen ſeines gefälligen, liebens⸗ würdigen Benehmens und wegen ſeiner Kenntniß der fremden Spra⸗ chen und verſchiedenen Länder Europa's große Dienſte leiſten konnte. Er ſprach vier Sprachen eben ſo geläufig als das Franzöſiſche; er war viel gereiſt und wußte gefälliger als irgend Jemand zu plau⸗ dern und zu erzählen. Er liebte die Künſte als echter Kenner. Er zeichnete mit Talent und malte ſelbſt in Oel beſſer als bloßer Dilettant; i hohem Grade aber beſaß er das Talent, geiſtreiche Carricaturen zu entwerfen. Mit bewundernswürdiger Geſchicklich⸗ keit ritt, tanzte, focht und ſchoß er. Für einen ſolchen Mann mußte die Galanterie eine ernſte Lebensbeſchäftigung ſein, und die chronique scandaleuse von Paris erzählt denn auch wirklich von ihm eine Menge Geſchichten, welche weder dem Geſchmacke, noch der Moralität des Marquis Chre machen. Im Jahre 1832 ver⸗ heirathete er ſich mit einer reichen Engländerin; da aber damals der Aufenthalt in Paris für ihn einigermaßen gefährlich geworden war, ſo brachte er, wie man glaubt, die Jahre 1833 und 1834 in England zu. In dem letztern Jahre begab er ſich mit ſeiner Frau, die damals Mutter zweier Kinder war, nach Florenz, wo er bis 1838 blieb. Um dieſe Zeit zog er ſich in ein Landhaus bei Livorno zurück. Es iſt nicht nöthig, hier zu ſagen, was der Herr von Bourbel als Ehemann that; es genügt die Erwähnung, daß er in Florenz ſeine Zeit in Intriguen und Ausſchweifungen hin⸗ brachte und für einen angenehmen vollkommenen Taugenichts galt. Im Anfange des Jahres 1838 entfloh er mit dem Kammer⸗ mädchen ſeiner Frau von Florenz und verließ die Frau von Bourbel im letzten Monate ihrer Schwangerſchaft. Die vielfache Untreue ihres Mannes, ſeine nicht eben ehrenvolle Lebensweiſe und die Verachtung, die er ſich zugezogen, hatten auf die Frau von Bourbel ſchon längſt einen tiefen Eindruck gemacht; die letzte ſchlechte Hand⸗ lung verſetzte ihr einen Streich, von dem ſie ſich nicht wieder er⸗ holte. Sie ſtarb im Frühjahre 1838 im Wochenbette. Dieſer Vorfall hatte das Publicum ſo gegen Bourbel erbittert, daß er ſich mit ſeiner Familie in die Villa Micati, bei Livorno, zurück⸗ ziehen mußte. Er erhielt indeſſen in ſeiner Zurückgezogenheit den Beſuch eines durch ſeine Talente ebenfalls ausgezeichneten Mannes, Cunningham Graham aus Gartmore in Schottland, der wegen Schulden und ſchlechter Aufführung ſein Vaterland hatte fliehen müſſen. Cunningham Graham, aus der alten und reichen Familie Gart⸗ more, hatte nicht nur den Namen ſeiner Ahnen entehrt, ſondern auch das große Erbe verſchwendet, das ihm zugefallen war. Um ſich ſeinen Gläubigern zu entziehen, verließ er 1828 Schottland und begab ſich zuerſt nach Brüſſel. Dort blieb er nicht lange, denn 1829 war er in Tours. Im Jahre 1832 oder 1833 ließ er ſich in Florenz nieder mit ſeiner Frau, der Mutter Bogle's, die er geheirathet und von der er zwei Töchter und einen Sohn hatte. Er beſaß in Hinſicht auf Kunſtwerke vortrefflichen Geſchmack, hatte viel geleſen und durch Uebung ſich ein bereits außerordentliches Gedächtniß erworben. Als geſchickter Drechsler und Mechanicus verfertigte er ſich ſelbſt die Werkzeuge, mit denen er bewunderns⸗ würdige Copien der ſeltenſten Kupferſtiche von Rafael Morghen und der Meiſterwerke Domenichino's und Guido Reni's lieferte. Wann er mit Bourbel bekannt wurde, wiſſen wir nicht, wahr⸗ 86 ſcheinlich aber bald nach der Ankunft des Letzteren in Florenz. Graham war nicht lange in Florenz, als ſein Stiefſohn, Allan George Bogle, welcher die Times wegen Verleumdung verklagte, auch dahin kam. Dieſer iſt in Glasgow geboren. Sein Vater, den der Handel mit den Antillen bereichert hatte, ſtarb jung, hin⸗ terließ eine Wittwe, welche Graham's Frau wurde, und Bogle trat frühzeitig in die königliche Marine ein, wo er bis zum Lieute⸗ nant ſtieg. Seit einigen Jahren ſtand er auf halbem Sold. Um das Jahr 1834 arbeitete er auf den Rath ſeines Stieſvaters in dem Bankierhauſe Johnſons in Florenz, und bald nach dem Ban⸗ kerotte dieſes Hauſes im December 1837 machte er Geſchäfte für eigene Rechnung. Schon im folgenden Monate trat er mit den Herren Kerrick und Maccarthy in Compagnie, die am 11. Mai 1840 in Folge der ſchlimmen Sache, in die er verwickelt war, aufgelöſt wurde. Während des ganzen Jahres 1838 verband ſich de Bourbel täg⸗ lich inniger mit Graham. Dieſer, der ganz beſondere Anlagen für die mathematiſchen Wiſſenſchaften beſaß, wußte, wie man ſagt, die Chancen des Spieles ſehr geſchickt zu berechnen, und Bourbel bedurfte, als Spieler von Profeſſion, fortwährend ſeines Raths. Man darf ſich deshalb nicht wundern, daß ſie bald unzertrennlich wurden; ihre Leidenſchaften, ihre Beſchäftigungen, ihre Grundſätze und Neigungen waren ganz ähnlich, und von ihnen ging der Plan aus, ſich mit einem Male auf Koſten des Publicums durch einen verzweifelten Verſuch zu bereichern. Die Zerſtreuung Graham's in der Geſellſchaft und ſein nachdenkliches Weſen wurde 1839 von vielen Perſonen in Florenz bemerkt. Einige waren neugierig genug, die Veranlaſſung davon erforſchen zu wollen, aber man erfuhr bloß, daß er faſt alle ſeine Tage mit Bourbel zubrächte, und daß ſie ſich in einem Atelier einſchlöſſen, in welchem Graham mit großen Koſten eine Maſchine gebaut habe, welche, wie man ſagte, Kupfer⸗ ſtiche copiren, aber hauptſächlich dazu dienen ſollte, Unterſchrif⸗ ten mit außerordentlicher Treue nachzuahmen. 87 Der Stiefſohn Graham's war um dieſe Zeit in ſeinem Bankier⸗ geſchäfte beſchäftigt, das in Folge des Anſehens eines ſeiner Com⸗ pagnons bald ſich ziemlich ausdehnte und glücklich war. Er ſelbſt lebte ruhig in Florenz, und ob man gleich wußte, daß ſein Stief⸗ vater Schottland aus nicht eben ehrenvollen Gründen hatte ver⸗ laſſen müſſen, und daß der Sohn deſſelben, Alexander Graham (der ſpäter ebenfalls eine Rolle bei dem Unternehmen ſpielte), ein ausſchweifender junger Menſch war, ſo gab doch das Benehmen des Herrn Bogle ſelbſt keine Veranlaſſung zu einem für ihn nach⸗ theiligen Argwohne. Auch iſt es ſchwer zu ermitteln, wann er in den von ſeinem Stieſvater und Bourbel angelegten Plan einge⸗ weiht wurde; wahrſcheinlich vertraute man ihm das Geheimniß im März 1839 an. In den erſten Tagen dieſes Monats wurde Bourbel als Aſſocié des Hauſes, der mit einer kleinen Summe betheiligt 8 ſei, vorgeſtellt. Die andern Aſſocié's hatten ihn bis dahin nur wenig gekannt. Bourbel hatte dabei die Abſicht, durch das Haus ſelbſt die falſchen Wechſel in Umlauf zu bringen und ſich zu glei⸗ cher Zeit durch Bogle, der die Schlüſſel zur Caſſe hatte, einen echten Creditbrief von dem Hauſe Glyn, Halifar u. Comp. zu verſchaffen, den Graham nachmachen ſollte. Bogle lieferte ihn wirklich. Sobald Bourbel dieſen Brief erhalten hatte und ſich nach zahl⸗ reichen Verſuchen überzeugte, daß die Unterſchrift jenes Hauſes mit der größten Genauigkeit nachgemacht werden könnte, begab er ſich nach London, um ſich die noch nöthigen Mittel zu verſchaffen. In London traf Bourbel einen ehemaligen Freund in der Per⸗ 1 ſon eines jungen Franzoſen, der viele Verbindungen beſaß und ſich Graf von Caſtel nannte. Man glaubt indeß, daß dies nicht ſein wahrer Name, er vielmehr der Sohn eines der 1815 von Napo⸗ leon ernannten Senatoren ſei. Es wurde Bourbel nicht ſchwer, ſich der Mitwirkung eines Mannes zu verſichern, der an das wechſelreiche Leben eines Spielers gewöhnt war, und Caſtel trat in das Complott ein. ——-— 88 Nachdem die Mittel, Unterſchriften mit täuſchender Aehnlichkeit nachzumachen, herbeigeſchafft waren, kam es den Schuldigen haupt⸗ ſächlich darauf an, ſich eine hinreichende Menge von dem Papiere zu verſchaffen, deſſen ſich die Herren Glyn u. Comp. zu ihren Creditbriefen bedienen, und dies war nur in England zu finden. Bourbel wendete ſich zuerſt an einen ſehr bekannten Fabrikanten, der den Antrag erſt ausſchlug, ſpäter aber, als man ihn beredet hatte, das Papier ſolle bloß zur Illuſtration eines pittoresken Wer⸗ kes dienen, ſeine Einwilligung gab, ſo viel Papier der Art zu liefern, als man von ihm verlangte. Dann mußte ein echter Cre⸗ ditbrief herbeigeſchafft werden, um denſelben zu copiren. Demzu⸗ folge übergab v. Bourbel am 7. Januar 1840 ſeinem Freunde Caſtel eine Summe von 150 Pf. St., und dieſer begab ſich zu den Herren Glyn u. Comp., um ſich einen Creditbrief zu erbitten, den der jüngere Halifaxr unterzeichnete. Nachdem man nun einen echten Brief und das nöthige Papier hatte, brauchte man nur noch einen Kupferſtecher. Bourbel wendete ſich an einen gewiſſen Guil⸗ hem, bei dem er die Kupferplatte beſtellte, während er den trockenen Stempel durch Palmer fertigen ließ. Perry, Ireland genannt, der ſpäter in Antwerpen verhaftet wurde, lebte armſelig von ſeiner Arbeit als Drucker; Bourbel verſchaffte ihm eine kleine Preſſe, auf welcher in Bourbel's Hauſe die Platte abgezogen wurde. Dieſe Abdrücke ſchickte man mit großer Vorſicht an Graham in Florenz, der, ohne Zweifel mit Beihülfe ſeiner Mitſchuldigen, durch die von ihm erfundene Maſchine die Unterſchrift des Hauſes Glhn u. Comp. nachmachte. Die falſchen Papiere waren fertig und mit einem Talente ge⸗ macht, welches den Schuldigen jede Hoffnung verſprach; es fehlte nun nur noch an Leuten, welche dieſelben gleichzeitig in den vor⸗ züglichſten Städten Europa's präſentirten, denn das Complott konnte nur dann wirklich gelingen, wenn die Bankiers überrumpelt wür⸗ den, ehe ſie Zeit hätten, nach England zu ſchreiben, um Avis⸗ 89 briefe zu verlangen, oder ſich unter einander über die große Zahl der Tratten von dem Hauſe Glyn u. Comp. zu beſprechen, die gleichzeitig erſchienen. Es unternahmen die Wechſel zu präſentiren: 1) v. Caſtel; 2) Marie Roſalie Desjardins, die Mätreſſe Caſtel's, welche den Namen einer Gräfin von Vandec annehmen ſollte; 3) Friedr. Pipe, unter dem Namen Dr. Coulſon, der Bourbel in einem Spielhauſe kennen gelernt; 4) Charlotte Anna Pipe, angeblich die Frau des Vorigen, als Frau von Lenoy; 5) Alexander Graham, als Robert Nicholſon; 6) Charles Gerard de Paindray, als Graf von Paindray; 7) Thomas W. Perry, genannt Ireland, der kein Franzöſiſch ſprach und deshalb der Frau Pipe's beigegeben wurde. Als zu Ende des Monats März Alles bereit war, reiſten v. Bourbel, Perry und die Pipe von London nach Calais ab, wo ſie am 28. März 1840 ankamen. Von da begaben ſie ſich nach Oſtende, um ſich dem de Caſtel und deſſen Maitreſſe Desjardins anzuſchließen, bei denen ſich ein junges Mädchen und Friedr. Pipe befand. Am 1. April reiſte die ganze Geſellſchaft bis auf Bourbel und die Pipe nach Aachen ab, wo ſie Alerander Graham unter dem Namen Robert Nicholſon erwartete. Sie ſtiegen in dem Hotel Bellevue ab, machten da großen Aufwand und blieben bis zum 19. April, da am nächſtfolgenden Tage die Operationen gleichzeitig in Belgien, am Rhein und in Italien beginnen ſollten. Wie es ſcheint, hatten ſich die drei Häupter bei der Vertheilung der Rollen vorbehalten, die Fäden zu leiten, aber ſich von der Sorge fern gehalten, die Wechſel ſelbſt zu präſentiren. Bourbel begab ſich, nachdem er in Oſtende die ſubalternen Acteurs unter die Leitung des de Caſtel geſtellt, mit Pipe nach Paris und von da nach Nizza, wo er eine Zuſammenkunft mit Graham dem Aeltern hatte. Die Verbündeten ſahen einander zum erſten Male wieder ſeit der Fabrication der falſchen Papiere, und ein Brief, der durch 90 einen franzöſiſchen Inſtructionsrichter mit Beſchlag belegt wurde, zeigt, daß Graham bei dieſer Gelegenheit dem Herrn de Bourbel viele Complimente wegen ſeiner Klugheit machte und ihm die Ver⸗ ſicherung gab, die Wechſel wären vollkommen treu und es würde unmöglich ſein, dieſelben zurückzuweiſen. Von Nizza aus ſchrieb Bourbel auch unter dem 14. April an den jüngern Graham einen ebenfalls aufgefundenen Brief, in welchem er ſeinen Mitſchuldigen ermahnt, kräftig zu handeln. Am 15. April reiſete Bourbel nach Florenz ab. Am 20., an welchem Tage die Operationen beginnen ſollten, begab er ſich zu dem Hauſe Bogle, Kerrich u. Comp. und blieb über zwei Stunden lang mit Bogle in dem Cabinet deſſelben eingeſchloſſen. Herr Kerrich, der mit Bogle zu ſprechen hatte, erſchien zweimal an der Thüre und fand ſie verſchloſſen, was ſeine Verwunderung erregte. Kurze Zeit darauf erſchien v. Paindray mit einem der falſchen Briefe, auf welchen er 5000 Fres. verlangte. Herr Bogle, dem der Brief gezeigt wurde, übergab ihn dem Herrn Kerrich, welcher ihn genau betrachtete und ihn für einen guten und authentiſchen Wechſel über 50,000 Frcs. auf die Ordre des Inhabers erkannte. Er bezahlte ſelbſt in Gold die Summe dem angeblichen Grafen von Paindray aus.. S. Am 22. fand Herr Kerrich, als er nach zehn Uhr in das Comptoir kam, dort den Grafen in ſehr lebhaftem Wortwechſel mit Bogle und Carty. Der Graf wollte durchaus das empfangene Gold zu⸗ rückgeben und zwar aus folgendem Grunde. Am Tage vorher war er zu einem Kaufmanne Philipſon gegangen und hatte ſich auf ſeinen Creditbrief Geld geben laſſen wollen. Er hatte dieſem den Brief in den Händen gelaſſen, Abends aber ihn von Philipſon zurück⸗ erhalten mit Aeußerungen, daß er denſelben für unecht halte. „Zuerſt,“ ſagte der Graf zornig,„glaubte ich, es ſei beſſer, auf die Reden eines ſolchen Menſchen gar nicht zu achten; bei reiferem Nachdenken fühlte ich aber doch, daß es eine delicate Sache ſei, “ 2— 91 und ich mag von Niemandem Geld auf einen Wechſel genommen haben, der für falſch gehalten wird, und wäre es auch nur von einem Philipſon. Hier ſind Ihre 5000 Francs; haben Sie die Güte, an Ihre Correſpondenten darüber zu ſchreiben; ich werde auf Sicht auf das Haus Glyn u. Comp. ziehen.“ Das Beharren des Grafen, ſein ſicheres Benehmen und ſeine beſtimmten Reden überzeugten die Bankiers; ſie nahmen gegen ihren Willen das Geld zurück und ſchrieben auf den Wechſel:„Zahlung annullirt nach dem Willen des Inhabers.“ Das war ein Meiſterſtreich. Allerdings hatte er Philipſon nicht betrügen können; dadurch aber, daß er die 5000 Fres. zurückgab, ſteigerte er ſeinen moraliſchen Credit und der Wechſel erhielt durch die darauf geſchriebenen Worte etwas Authentiſches. Man wundert ſich vielleicht, daß Einer der Schuldigen das Haus ſeines Mit⸗ ſchuldigen zum Opfer erwählt; die Erklärung iſt jedoch nicht ſchwer zu finden. Der Antheil Bogle's an der Beute betrug nach der Ausſage Perry's 20 pCt. und der Gewinn von den ſeinem Hauſe entnommenen 5000 Francs mußte deshalb größer ſein, als ſein Verluſt als Compagnon des Hauſes. Paindray reiſete am 22., nachdem er dieſen Beweis von ſeinem Zartgefühle gegeben und ohne Zweifel über die Leichtgläubigkeit der Menſchen gelacht hatte, mit der Poſt nach Bologna ab. Am 23. präſentirte er bei Londi und Rocandelli einen Wechſel, auf den 8675 Franes erhob, und am 25. ließ er ſich in Venedig bei den Gebr. Dubois noch 1000 Franes zahlen. Von Venedig ging er mit dem Dampfboote nach Trieſt, wo er am 29. von Richard Routh 39,300 Franes erhielt. Herr Routh wurde von dem Be⸗ nehmen des angeblichen Grafen ſo bezaubert, daß er ihn Abends zu ſich in ſeine Loge im Theater und dann zum Abendeſſen einlud. Dafür ließ ihm Paindray ſeinen Wagen zurück, als er ſich nach Griechenland und Aegypten einſchiffte, und erſuchte ihn, denſelben zu gebrauchen, bis er zurückkäme. Man hat ihn nie wieder geſehen. Wenden wir uns nun zu den Thaten der andern Schuldigen, deren Operationen nach der Verabredung auf allen Punkten gleich⸗ zeitig begannen. Am 21. April präſentirte Friedr. Pipe als Dr. Coul⸗ ſon in Genua dem Hauſe Gibbs u. Comp. Creditbriefe, auf die er ſich 37,000 Frcs. in Gold zahlen ließ, womit er Kunſtgegen⸗ ſtände kaufen wollte. Den Tag darauf präſentirte er in Turin bei Nigra u. Sohn einen andern Brief, auf welchen er 15,000 Fres. erhob. Am 23. war er mit Graham dem Aeltern in Mailand und nahm von Paſtrun, Girod u. Comp. 20,000 Fres.; eine gleiche Summe erhielten ſie zu Parma von dem Hauſe Louis Laurent u. Comp. Von Parma begaben ſie ſich nach Rom über Livorno, wo ſie eine Zuſammenkunft mit Bourbel hatten, um die bereits gemachte Beute mit ihm zu theilen. Am 28. übergab Bourbel wirklich ſeinem Bankier in Florenz 1700 Nopoleonsd'or. An demſelben Tage ließ ſich Coulſon bei Lemagurier eine Summe von 5000 Frs. auszahlen. Am nächſten Tage kam er wieder und verlangte noch 32,500 Fres. Lemagurier ſchien zu zögern, denn es war das erſte Mal, daß er einen Wechſel von dem Hauſe Glyn u. Comp. erhielt. Dieſe Zögerung brachte Coulſon ungemein auf. Sein Vater, ſagte er, habe ihn hierher geſchickt, um Gemälde zu kaufen, die man ihm in Auftrag gegeben, und wenn er das Geld nicht erhielte, würde er auch die 5000 Francs zurückgeben, nach England zurückkehren, die Herren Glyn u. Comp. verklagen und von denſelben Erſtattung ſeiner Reiſekoſten und Entſchädigung für den Zeitverluſt verlangen. Lemagurier erholte ſich, als er dieſen Unwillen ſah, Raths bei dem engliſchen Conſul und bei einer andern Perſon, und hatte das Unglück, zu zahlen. Seitdem hat man von den beiden Spitzbuben nichts wieder gehört. Am Rhein machten die Fälſcher ebenfalls gute Geſchäfte. Die Gräfin von Vendoe(die Mätreſſe des de Caſtel) wendete ſich, nach⸗* dem ſie Aachen verlaſſen hatte, nach Cöln, wo ſie ſich von dem Hauſe Oppenheim u. Comp. 12,500 Fres. auszahlen ließ. Man 93 hegte keinen Argwohn, denn ſie reiſete mit Ertrapoſt, begleitet von einem kleinen Mädchen, das ſie für ihre Tochter ausgab, und ſchickte immer einen Courier voraus. Von Cöln reiſete ſie nach Coblenz, wo ſie von den Herren Deinhard u. Jordan 12,500 Fres. verlangte, welche Summe jene Herren bezahlten, nachdem ſie den Creditbrief zwanzig Perſonen gezeigt hatten, um ſich von der Echt⸗ heit deſſelben zu überzeugen. Am 24. präſentirte ſie bei den Herren Jogel, Koch u. Comp. einen andern Creditbrief von 20,000 Franes, worauf ſie ſich 13,000 Fr. bezahlen ließ. In Mainz entnahm ſie ferner 12,500 Fr. von Humann u. Mappes Sohn, worauf ſie ſich nach Paris wen⸗ dete, wo man ihre Spur verloren hat. Wenden wir uns nun zu den Operationen der Schuldigen in Belgien. Am 20. April reiſete de Caſtel mit Perry von Aachen ab und begab ſich nach Lüttich. Hier präſentirte Perry bei Nagel⸗ macher u. Cerſontaine einen Creditbrief von 20,000 Franes und verlangte darauf 14,000 Franes, was man ihm Anfangs abſchlug, da ſein Paß nicht in Ordnung war. Er kam indeß den andern Tag wieder und erhielt 2500 Franes, wovon ihm Caſtel 500 für ſeine Mühe gab. Von da reiſeten ſte nach Brüſſel, wo ſie bei Engler u. Comp. 18,500 Francs nahmen, von denen de Caſtel ſeinem Mitſchuldigen 7500 überließ. Am 23. waren ſie in Gent, und Perry präſentirte bei Meulemaſter u. Sohn jenen Creditbrief, auf welchen er in Lüttich bereits 2500 Frcs. erhoben hatte, aber jene Bankiers weigerten ſich, ihm etwas zu geben, indem ſie verſicherten, ſie hätten von dem Hauſe Glyn u. Comp. keinen Avis erhalten. Am Abende deſſelben Tages war Perry in Antwerpen und prä⸗ ſentirte bei den Herren Agié und Sohn den Creditbrief, auf den er in Brüſſel ſchon 18,500 Fres. erhalten hatte. Herr Agié fand es jedoch ſeltſam, daß ein Mann von dem Ausſehen Perry's Geld bedürfen ſollte, nachdem er erſt vor wenigen Tagen von den Herren Engler u. Comp. eine ſo anſehnliche Summe erhalten hatte; er 94 beſchönigte ſeine Weigerung, zu zahlen, mit der Angabe, er habe keinen Avisbrief erhalten. Im Grunde aber hielt er den Credit⸗ brief für falſch. Er theilte ſofort ſeinen Verdacht den Herren Engler u. Comp. mit, welche augenblicklich die nöthigen Schritte thaten, um Perry verhaften zu laſſen. Er wurde auch wirklich in Geſellſchaft der Frau Pipe am Sonnabend früh, den 25. April, am Bord des Dampfbootes verhaftet, das eben nach London ab⸗ gehen wollte. Den Tag vorher hatte Alerander Graham bei einem Bankier in Aachen eine Summe von 3500 Fres. erhoben. Die Sache machte in den Zeitungen großen Lärm, und die Schuldigen, die auf dieſem Wege bei Zeiten benachrichtigt wurden, konnten entkommen, ohne daß es möglich geweſen wäre, ſie zu verhaften. Nur Perry und die Frau Pipe's wurden deshalb vor Gericht geſtellt und auf beſtimmte Zeit zu Zwangsarbeit verurtheilt. Aus den Geſtändniſſen, die ſie machten, ſo wie aus den Briefen de Bourbel'’ und de Caſtel's, welche die franzöſiſche Polizei in Beſchlag nahm, konnte man das ganze Complott erkennen, das den verſchiedenen Häuſern 267,500 Franes koſtete, und das, ohne die glückliche Ungeſchicklichkeit Perry's, 25 Mill. hätte koſten können, denn auf ſo hoch beliefen ſich die von Bourbel und Cunningham Graham angefertigten falſchen Papiere. 1 8 Dr. Diezmann. Eine Giftmiſcherin. Die Brinvilliers wurde vor Gericht geſtellt, verurtheilt und hin⸗ gerichtet; man ſchlug ihr den Kopf ab, verbrannte ihren Körper und ſtreute die Aſche in den Wind. Wir kennen eine Frau, die eben ſo viel gethan hat als jene, die vor gar nicht langer Zeit in der eleganteſten Geſellſchaft von Paris lebte, weder ihre Geſtänd⸗ niſſe, noch ihre Memoiren geſchrieben hat, deren Geſchichte uns aber von mehreren Perſonen erzählt worden iſt. Mad. T. war eigentlich weder ſchön noch hübſch, aber doch eine reizende Frau; ſie hatte blaue Augen, ſchwarzes Haar, einen blaſſen Teint und jenen allgemeinen Ausdruck im Geſicht, in dem Gange und in der Haltung, den man intereſſant zu nennen pflegt. Sie kleidete ſich vollkommen modiſch und ſehr geſchmackvoll. Ob ſie gleich die Tochter des Bedienten eines Unterpräfecten war, ſo hatte doch ihr Benehmen und ganzes Weſen etwas Ausgezeichnetes. In Geſellſchaft, wie unter vier Augen, ſprach ſie wenig, langſam und traurig; ihre Stimme hatte etwas Näſelndes, brachte aber trotzdem einen wunderbaren Eindruck hervor. Ihre von langen Wimpern verſchleierten Augen, aus denen kein Funke von Koketterie blitzte, hatten auf Alle, die ihr nahten, eine unwiderſtehliche zauberiſche Wirkung. Sobald ſie ſich irgendwo befand, beſchäftigte man ſich bloß mit ihr, ohne daß ſie ſich mit den Leuten zu be⸗ ſchäftigen ſchien; man fühlte ſich hingezogen, ſie zu lieben, zu beklagen, ehe man wußte, daß ſie nichts beſaß, was die Lieb oder das Bedauern hätte rechtfertigen können.— Mit einem Advocaten verheirathet, deſſen Name, beiläufig ge⸗ ſagt, ein ſehr lächerlicher war, Mutter zweier Kinder, verließ ſie 1832 die kleine Stadt, in welcher ſie wohnte, um ſich nach Paris zu begeben und da wegen eines ihrer Kinder ärztliche Hülfe zu ſuchen. Sie nahm ihre W Bohnung in einer Heilanſtalt und lernte da einen Fremden kennen, einen kleinen ſchwarzen Braſilianer mit ſataniſchem Geſicht, in den ſie ſich ſofort verliebte. Der Braſilianer reiſte nach Italien, wohin ihn Geſchäfte riefen, und während der Zeit, die ſeine Abweſenheit dauern ſollte, kehrte Mad. T. zu ihrem Gatten zurück. Kaum waren einige Wochen vergangen, als der Mann aus der Welt ſchied; auch der Vater und die Mutter der Mad. T. ſtarben kurz darauf.— Als Mad. T. und der Braſilianer einander in Paris wieder⸗ ſahen und das Wort Che ausgeſprochen wurde, erklärte der Fremde rund heraus, er würde niemals eine Wittwe mit Kindern heira⸗ then,— ein ſchreckliches Wort, das nur zu wohl verſtanden wurde. Mad. T. nahm ſich eine andere Wohnung, und ihre beiden Söhne waren in derſelben Straße in Penſion. Einige Tage vor der Prüfung wurde der Aeltere unter dem Vorwande einer leichten Unpäßlichkeit zu der Mutter beſchieden, damit ſie ihn ſelbſt pfle⸗ gen könnte; man legte ihm Blutigel hinter die Ohren und er ſtarb plötzlich mit allen Symptomen einer Gehirncongeſtion. Bei dem zweiten ging es eben ſo; die Leidenſchaften kennen die Geduld nicht. Mad. T. hatte zwiſchen den beiden Acten dieſes ſchrecklichen Drama's nur ſo viel Zeit vergehen laſſen, um die Wahrſcheinlich⸗ keit bis zu einem gewiſſen Punkte zu retten. Immer wollte die troſtloſe, in Thränen ſchwimmende Mutter, man ſolle den Leichnam ihrer Kinder öffnen, um ſich von der Urſache ihres Todes zu über⸗ zeugen. Immer wendete ſie eine beſondere Sorgfalt darauf, ihr letztes Aſyl zu ſchmücken. Immer behielt ſie die Porträts ihrer Kinder in ihrem Zimmer vor ihren Augen. „Geſtehen Sie,“ ſagte man unaufhörlich,„die arme Mad. T. 4 4 — hat großes Unglück. Ihre ganze Familie wird ihr entriſſen, alle Weſen, die ihr theuer ſind, ſinken nach einander in das Grab. Welches grauſame Schickſal!“ Mad. T. hatte noch ein anderes Unglück; obgleich nun frei, ohne Gatten, ohne Kinder, ohne irgend ein Band, heirathete ſie doch der Braſiliancr nicht, der ſich vielleicht der unvorſichtig ge⸗ ſprochenen Worte erinnerte, und die Wittwe ohne Kinder erſchreckte ihn vielleicht noch mehr, als die Familienmutter. Man mußte ſich wohl bedenken, was man von dieſer Frau ſprach, die Alles hörte und Nichts vergaß. Unter ihren Anbetern befand ſich ein reicher verheiratheter Mann, Herr R. Dieſem ent⸗ ſchlüpften einmal im Scherze die Worte:„Wenn ich Wittwer wäre, heirathete ich die Mad. T.“„Wenn ich Wittwer wäre!“ welche Unvorſichtigkeit. Der Zufall gab der Mad. T. die Gelegenheit, mit Mad. R. bekannt zu werden, von welcher Zeit an Beide ge⸗ genſeitig fortwährend Beſuche, Liebkoſungen und Geſchenke tauſch⸗ ten. Eines Tages fühlte ſich Mad. R. etwas unwohl; ihre Freundin wollte ſie ſelbſt pflegen. Bevor der Arzt kam, reichte ſie ihr ein Glas Zuckerwaſſer; auch gab ſie ihr ein Bonbon für den Magen. Eine Viertelſtunde ſpäter war Mad. R. nicht mehr; der Arzt und der Gatte, die herbeieilten, fanden ſie todt mit ſchwarzen Flecken an den Nägeln, wie bei den beiden Söhnen der Mad. T. Dieſe Bemerkung machte ein gemeinſchaftlicher Freund der beiden Frauen, ein Spanier, der ſpäter, wie wir ſehen werden, dieſelbe Erſchei⸗ nung wieder bemerkte. Während des vertraulichen Lebens der Mad. T. und R. waren der Letzteren mehrere werthvolle Gegenſtände abhanden gekommen, namentlich zwei Diamantringe; bei ihrem Tode verſchwanden 10,000 Fres. in Gold, die ſie in einem Bureau verwahrt hatte. Der Diebereien wegen wurde ein Dienſtmädchen fortgeſchickt; denn man war weit entfernt, die wahre Urheberin zu muthmaßen. In den erſten Augenblicken des Schmerzes wohnte Herr R. unn ſine ier 3. 7 8 98 jungen Schweſter bei Mad. T., die nicht minder untröſtlich zu ſein ſchien. Die ganz beſondere Pflege, die ſie dem Gatten ihrer verſtorbenen Freundin ſchenkte, ſollte dieſen gewiß an ſeinen Aus⸗ ſpruch erinnern:„Wenn ich Wittwer wäre c.“ Aber es war vergebens; Herr R. ſchien nur für die Liebenswürdigkeit und Tugend ſeiner Frau ein Gedächtniß zu haben. Ohne beſtimmt zu erklären, daß er ſich nicht wieder eae ichen würde, klagte und trauerte er meiſt allein. Mad. T. hatte Unglück darin, wie in Allem. Oft zögerten Bewerber in dem letzten Augenblicke noch und traten wieder zurück; einige nicht ohne guten Grund. Er⸗ wähnen wir ein Beiſpiel von zehn. Eines Tages erſchien einer ihrer Freunde als Brautwerber bei ihr und bat ſie um ihre Hand für einen Mann, der ſie ſchon lange liebe. 1 „Nur Eins wundert mich,“ antwortete Mad. T. im ſchmei⸗ chelndſten Tone und indem ſie ein Geſtändniß unter der Form eines Vorwurfs zu verbergen ſuchte,„nämlich daß man Aufträge für Andere beſorgt, wenn man für ſich ſelbſt ſprechen könnte.“ „ Wie, Madame, es wäre wahr? Ich bete Sie an, Sie wiſſen es, aber ich wagte nicht, nach einem ſolchen Glücke zu ſtreben.“ „Und warum nicht?“ 4 „Jetzt darf ich es Ihnen nicht ſagen.“. Kurz, ſie wurden Beide noch dieſelbe Stunde einig. Aus verſchiedenen Gründen wünſchte Mad. T., ihre Verbindung möchte in England gefeiert werden, und einige Tage vor der Reiſe über den Kanal drückte ſie, wegen des doch immer zweifelhaften Aus⸗ ganges einer Seefahrt, den Wunſch aus, es möchte ein Teſtament, in welchem die Verlobten einander gegenſeitig ihr geſammtes Ver⸗ mögen vermachten, vor einem Notar unterzeichnet werden. Friedrich, ſo hieß der Bräutigam, ſah kein Hinderniß, das der Erfüllung dieſes Wunſches entgegenſtehen könnte; nach der Erklärung der 8 Nar. T. war ihr Vermögen ſo ziemlich gleich; Jedes beſaß un⸗ 99 gefähr 300,000 Francs. Das doppelte Teſtament wurde abgefaßt und bei einem Notar niedergelegt; dann begab man ſich von Calais nach Dover, von Dover nach London, und nun ſollten die letzten Formalitäten vollzogen werden. Friedrich fühlte noch immer ein gewiſſes Unwohlſein in Folge der ſtürmiſchen Ueberfahrt; ſeine Reiſegefährtin ſuchte ihn davon zu befreien, indem ſie ihm eigenhändig mehrere magenſtärkende Mittel bereitete, unter andern auch ein Stück Zucker gab, das ſie in eine gewiſſe Flüſſigkeit tauchte. Als Friedrich aber dieſen Zucker an den Mund brachte, fand er mit Verwunderung einen höchſt unangenehmen Geſchmack und er warf das Stück deshalb ſogleich in das Feuer. Mad. T. fuhr auf und äußerte großen Verdruß darüber. „Wie?“ ſagte ſie zu Friedrich,„Du mißtraueſt mir? Warum wirfſt Du weg, was ich Dir gebe? Was fürchteſt Du? Was ver⸗ mutheſt Du?“ Friedrich antwortete, er fürchte und vermuthe nichts, aber das Stück Zucker ſei ihm ſchlecht vorgekommen und deshalb habe er es weggeworfen, ohne etwas Anderes dabei zu denken, als es ſo ſchnell als möglich los zu werden; was denn auch die Wahrheit eaber nicht, daß das Geſicht ſeiner Braut, das vorn, die aus ihren flammenden Augen ſprachen, gebracht hatten, bei denen er ſich nicht gern aufhielt.— er Tag verging, ohne daß etwas anderes Beunruhigendes vorgekommen wäre; die Zimmer der beiden Brautleute ſtießen an einander, und Friedrich hörte in der Nacht ganz deutlich Mad. T. mit halb erſtickter ängſtlicher Stimme rufen: „Du mich verrathen!.. Du mich anzeigen! Und warum? Habe ich Dir nicht Gutes genug gethan? Was haſt Du gegen mich? Gnade! Gnade! Ich bitte darum!“ Offenbar ſtörte ein peinlicher Traum den Schlaf der Mad. T.; 1. 100 ein ſchrecklicher Alp drückte ihre Bruſt; man braucht ſich nichts vorzuwerfen zu haben und kann doch im Schlafe reden. Aber dieſer Traum, dieſes Schlafreden, dieſes Alpdrücken, verbunden mit dem kleinen ärztlichen Verſuche am Morgen, beunruhigten das Gemüth Friedrich's ganz ungewöhnlich und brachten ihn endlich auf den feſten Entſchluß, ſeinen Heirathsplan nicht weiter fortzu⸗ ſetzen. Demzufolge ſchützte er gleich den nächſten Morgen wichtige Geſchäfte vor, die ihn ſogleich wieder nach Paris zurückriefen. Ehe er das Packetboot beſtieg, ſagte er zu Mad. T.: „Du haſt vorige Nacht ſchlecht geſchlafen, geſchrieen, im Schlafe geſprochen.“ „ Wirklich? Und was habe ich geſagt?“ „Ich weiß es nicht— albernes Zeug.“ Mad. T. verſtand und ſprach kein Wort weiter von ihren Träumen oder von der Heirath. Merkwürdig iſt auch, daß Friedrich immer ihr Freund geblieben iſt und nach der Vernichtung ſeines Teſtaments mehrmals bei ihr aß. Die Entwickelung naht, und welche Entwickelung? Die Ro⸗ manendichter entſchuldigen ſich meiſt, daß ihre Dramen ſchlecht endigen, oder ſie bringen dieſelben gar nicht zu Ende, indem ſie ſagen, die Wirklichkeit bringe niemals ein vollſtändig abgeſchloſſenes 4 Ende hervor. Wir ſind damit einverſtanden und behaupten über⸗ dies, daß, wenn man in einem Romane oder Bühnenſtücke die Entwickelung fände, welche wir erzählen wollen, dieſelbe einſtim⸗ mig für lächerlich, abſurd, unmöglich erklärt werden würde. Mad. T. führte in Paris eine Lebensweiſe, die nicht gerade prächtig war, 4 aber ohne 20,000 Francs jährlich nicht erhalten werden kann; ſie hatte eine kleine, mit geſchmackvollem Lurus decorirte und meublirte Wohnung inne. Jedermann hielt ſie für reich; man wußte, daß ſte ihren Mann oder vielmehr ihre Kinder beerbt hatte, und von Zeit zu Zeit machte ſie Reiſen, um, wie ſie ſagte, die Erbſchafts⸗ ſache auszugleichen. Bei der Rückfahrt auf einer dieſer Reiſen, 101 welche die letzte ſein ſollte, befand ſie ſich in dem Coupé des Poſt⸗ wagens neben einer andern Reiſenden, deren Täſchchen hundert Thaler in Gold und ein Portefeuille mit Wechſeln auf verſchiedene Bankiers enthielt. So oft die Reiſende ausſtieg, empfahl ſie ihr Täſchchen dem Conducteur, der ihr natürlich antwortete:„Madame, dafür ſorgen Sie ſelbſt; die Taſche iſt nicht declarirt und geht mich alſo nichts an.“ Bei der Ankunft in Paris und bei dem Ausſteigen ſuchte die Reiſende ihr Täſchchen; es war verloren, geſtohlen, und es ent⸗ ſtand natürlich große Unruhe; aus übergroßer Vorſicht wurden alle Reiſenden durchſucht, ausgenommen die ſchöne Dame im Coupé, die man doch unmöglich einer ſolchen Prüfung unterwerfen konnte, die ihrer Reiſegefährtin bei dem Suchen behülflich war, ſich mit Bedauern von ihr trennte, aber nicht auf immer, und dieſelbe um die Erlaubniß bat, ſich nach ihrem Befinden und Abenteuer erkundigen zu dürfen. Am zweiten Tage begab ſich Mad. T. wirklich zu ihrer neuen Freundin; der Mann derſelben war zugegen und das Geſpräch ging bald auf die Reiſeereigniſſe über, auf den Verluſt des Reiſe⸗ täſchchens und deſſen Inhalt. „Sie können denken,“ ſagte Herr L.,„daß mir der Verluſt des Geldes nicht das Unangenehmſte iſt; die Summe iſt nicht be⸗ deutend, wohl aber iſt es die der Wechſel, die dem Diebe doch nichts nützen werden, da ich meine Maßregeln bereits getroffen habe; ich werde aber lange warten müſſen, ehe ich den Betrag dieſer Wechſel einziehen kann.“ Dann ſprach man von anderen Dingen. Mad. T. beſchäftigte ſich viel mit einem hübſchen kleinen Mädchen, das um ſie ſpielte. Beim Abſchied wurde ein baldiger neuer Beſuch verabredet. Am andern Morgen früh kam ein Brief durch die Poſt an Herrn L.; der Portier brachte und übergab ihn dem hübſchen Kinde, das ihn ſelbſt zu ſeinem Vater tragen wollte und dieſem bei dem Ueber⸗ 1 85 eine Verheirathung herbeizuführen. Dieſe Hoffnung ſchwand, und 102 reichen ſagte:„Der Brief riecht doch gerade wie die Dame geſtern.“ Mad. T. brauchte viel Parfüms; ſie gehörte zu den Perſonen, die ſchlecht riechen, weil ſie zu gut riechen. Sie lebte in einer ſo ſtark parfümirten Atmoſphäre, daß man in derſelben kaum zu leben vermochte. Der Ausſpruch des Kindes fiel dem Vater auf; er erbrach den Brief, und was fand er darin?— alle Wechſel und Papiere, die ſeine Frau verloren hatte. Augenblicklich fiel ihm ein, was er zu Mad. T. geſtern geſagt hatte; jedenfalls war es ein merkwürdiges Zuſammentreffen: geſtern die Anzeige über die Nutzloſigkeit des Diebſtahls und heute die Rückgabe. Herr L., der vor Allem ein Geſchäftsmann war, glaubte die Sache der Juſtiz anzeigen zu müſſen, und die Juſtiz ſah ein, daß ſie ein Geheimniß aufzuklären habe. Der Beamte, welcher ſich zu Mad. T. begab, ging mit großer Mäßigung und Zurückhaltung zu Werke; er befragte ſie über den Diebſtahl, ohne jedoch ſehr in ſie zu dringen; er wünſchte zu wiſſen, wovon ſie lebe, und Mad. T. antwortete, ſie habe ein Einkommen von 25,000 Francs von Gütern, die da und da lägen. Der Beamte fragte nicht weiter, entfernte ſich und kündigte der Mad. T. an, daß man Erkundigungen einziehen würde. Mad. T. ſchien ſich weder zu wundern, noch zu erſchrecken; man brauchte vier Tage, um die Erkundigungen zu erlangen, Mad. T. wußte dies genau. In dieſen vier Tagen ſetzte ſie ihr gewöhn⸗ liches Leben fort, machte und empfing Beſuche, beſchäftigte ſich mit der Toilette, parfümirte ſich und verſäumte ſelbſt nichts, um nun änderte ſie ihren Plan. Am dritten Tage ging ſie ſpät von einer Freundin fort und ließ ihre Boa, ihren Muff, ihr geſticktes Taſchentuch und ihre goldene Kette bei derſelben, um, wie ſie ſagte, den Dieben kein Lockmittel zu bieten. Zu Hauſe ſchenkte ſie ihrem Kammermädchen das Kleid, welches ſie trug, da ſie, wie 103 ſie ſagte, daſſelbe nicht mehr tragen wolle. Sie ſchrieb elf Briefe und empfahl, dieſelben frühzeitig auszutragen, namentlich den an Friedrich, mit welchem ſie die Reiſe nach England gemacht hatte. Bei einem andern Briefe befand ſich ein kleines Käſtchen, das zwei Diamantringe enthielt und für die Schweſter des Spaniers beſtimmt war, der auch einen Brief erhielt; alle dieſe Briefe be⸗ riefen die Adreſſaten zu einer Zuſammenkunft. Zur beſtimmten Stunde kam man an; Mad. T. war noch nicht aufgeſtanden, ſie hatte ſelbſt noch uee geanne. Das Kammer⸗ mädchen wollte zu ihrer Herrin hineingehen, da ſie aber einen unerwarteten Widerſtand an der Thür fand, klopfte und rief ſie, ohne Antwort zu erhalten. Die Anweſenden erſchraken; man rief den Polizeicommiſſär und ließ die Thüre aufbrechen; Mad. T. lag ruhig auf ihrem Bett und ſchien zu ſchlafen. Neben ihr ſtand ein Glas und ein leeres Fläſchchen, von dem die Etikette abgekratzt war. Mad. T. ſchlief wirklich, aber den ewigen Schlaf. Ob⸗ gleich erſt 29 Jahre alt, hatte ſie zu ſterben gewußt; ſie hatte ſich ſelbſt gerichtet, verurtheilt und hingerichtet. Alle Anweſenden ſchwiegen; nur der Spanier, der an das Bett der Todten trat, ergriff eine Hand derſelben, betrachtete die Nägel und bemerkte ſchwarze Flecken daran. Kurze Zeit darauf gab ſich ein Apotheker ſelbſt an und erklärte, daß er der Mad. T. mehrmals gewiſſe Subſtanzen gegeben habe, die ſie zu chemiſchen Verſuchen habe brauchen wollen. Mad. T beſaß nichts, weder Güter, noch Häuſer, noch Renten; mehrere Jahre lang hatte ſie Alle getäuſcht; ſie heuchelte Tugend, Freund⸗ ſchaft, Liebe und Vermögen. Dr. Diezmann. Gedruckt bei E. Polz in Leipzig. Inhalt des achten Theils. Urban Grandier Die deutſche Prinzeſſin Amerikaniſche Rache......... Eine Betrügerei im Großen. Eine Giftmiſcherin.. 4 V 4 ee †2