1 Leih- und Ceſebedingungen. J 1. offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 87 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.— 4 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 3,(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zuruckgabe von mir zurückerſtattet wird. betes Avonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 3 für Wschentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: anf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mtr. 50 Pf. 4 Wi— Pf. II 1— u u— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Meierorbrle een de die⸗ der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, w ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — * ——— 1 2 Nachtſeiten der Geſellſchaft.* Eine Gallerie merkwürdiger Verbrechen und Rechtsfüllo. Herausgegeben von Dr. A. Diezmann, Dr. W. Jordan und Dr. L. Meyer. —”— Fünfter Thel. Leipzig, 1844. Verlag von Otto Wigand. Dernes. An einem Septembernachmittag des Jahres 1751 kamen etwa zwanzig Kinder mit einem Geſchrei und Gelärme, wie wenn ein Volk Rebhühner auffliegt, aus der Schule in Chartres. Die Freude war bei der kleinen losgelaſſenen Bande doppelt groß; ein unbe⸗ deutender Zufall hatte den Lehrer gezwungen, die Schule eine halbe Stunde früher zu ſchließen, als gewöhnlich, und außerdem ließ man ſie diesmal allein nach Hauſe laufen, weil ihr gewöhnlicher Begleiter gleichfalls bei der Verwirrung betheiligt war, die jener Zufall unter dem Lehrerperſonal veranlaßt. Dreißig oder vierzig Minuten gewonnen, und dazu eine ganz unerwartete, unbewachte Freiheit! Nichts zu fürchten von dem ſchwarzen Corporal im Pfaf⸗ fenrock! Welche Glückſeligkeit! Jeder hatte ſich feierlich und unter Androhung der ſtrengſten Strafe verpflichten müſſen, geradewegs ins älterliche Haus zurückzukehren; aber die Luft war ſo rein und der Himmel lachte ſie rings ſo freudig an. Die Schule, oder vielmehr der Käfig, aus dem der wilde Schwarm eben entflogen, lag an dem äußerſten Ende einer Vorſtadt, und man hatte nur wenige Schritte bis zu einem Gehölz, durch das ein Bach floß und hinter welchem ein hüglichtes Stück Land lag, das die Eintönigkeit einer weiten fruchtbaren Ebene angenehm unterbrach. Wie hätten ſie da gehorchen und nicht der Luſt, ins Weite zu fliegen, nachgeben ſollen? Der Duft der Wieſen, Blumen und Kräuter berauſchte ſelbſt die Vernünftigſten von ihnen und verlockte ſogar die Furchtſamſten. 1²* 4½. 4 4 Man beſchloß, das Vertrauen der ehrwürdigen Jeſuitenväter zu mißbrauchen, und wenn es auch am folgenden Tage bei etwaiger Entdeckung des verbotenen Streifzugs eine bittere Züchtigung ſetzen ſollte. Ein Haufen freigelaſſener Sperlinge hätte nicht mit größerer Ausgelaſſenheit in das kleine Gehölz hineinflattern können. Sie waren Alle ſo ziemlich gleich alt; der Aelteſte zählte neun Jahre. Rock und Weſte wurden abgezogen, Büchertaſchen, Schreibehefte, Vocabelbücher und Katechismen auf den Raſen gelegt. Während dieſer kleine Haufe von Blondköpfen und rothbackigen Geſichtern lärmend berieth, was man ſpielen ſolle, ſchlich einer der kleinen Jungen, der an der allgemeinen Luſtigkeit keinen Theil genommen, und der ſich nur wider Willen hatte mitreißen laſſen, hinter das Gebüſch, benutzte einen Augenblick, in dem er ſich nicht bemerkt glaubte, und lief ſo ſchnell davon, als er konnte. Einer ſeiner Cameraden ſah ihn und rief:„Seht! ſeht! dort läuft Anton weg!“ 3 Zwei der ſchnellfüßigſten Jungen ſchickten ſich ſogleich an, den Fliehenden zu verfolgen, und obgleich er einen Vorſprung hatte, holten ſie ihn bald ein, nahmen ihn beim Kragen und ſchleppten ihn wieder zurück. „Wo wollteſt Du hin?“ fragte man ihn. „Ich wollte nach Hauſe zu meinen Couſinen,“ antwortete der Junge,„das iſt doch wohl nichts Schlimmes.“ „Du biſt ein Klageſack, ein ſchändlicher Petzer,“ ſagte einer der Schüler zu ihm und hielt ihm die Fauſt vors Geſicht,„Du wollteſt uns angeben gehen.“ „Du weißt, Peter,“ antwortete Anton,„daß ich niemals lüge.“ „Du? noch dieſen Morgen haſt Du geſagt, ich hätte Dir das Buch fortgenommen, das Du verloren haſt. Du wollteſt Dich rächen und mir Prügel verſchaffen, weil ich Dir geſtern eins gewinkt, und Du viel zu haſenfüßig biſt, mir eins wieder zu winken.“ 5 Anton ſchlug die Augen zum Himmel empor, kreuzte die Arme auf der Bruſt und ſagte:„Das iſt nicht wahr, lieber Buttel, Du weißt ja, man muß alle Beleidigungen vergeben.“ „Seht, ſeht ihn an, ſtellt er ſich doch gerade, als wenn er betet,“ ſagten ſeine Cameraden, ſchimpften ihn gehörig herunter und gaben ihm manchen Puff. Peter Buttel, der einen großen Einfluß auf die Andern ausübte, ließ die Feindſeligkeiten endlich aufhören. „Siehſt Du, Anton, Du haſt ein ſchlechtes Herz, das wiſſen wir ſchon. Du biſt heimtückiſch und ein Heuchler, das muß anders werden; zieh' den Rock aus, wir wollen uns prügeln, und wenn Du willſt, ſo prügeln wir uns alle Tage, dieſen ganzen Monat bis zu Ende.“. Dieſer Vorſchlag wurde ſehr beifällig aufgenommen. Peter ſtreifte die Hemdärmel zurück und ſchickte ſich an, zu thun, wie er geſprochen. Der Ausforderer war ein Junge von lebhaftem, ſtolzem Aus⸗ ſehen, von biegſamem, kräftigem Gliederbau, und Alles an ihm ließ darauf ſchließen, daß er einſt ein ſchöner, kraftvoller Mann werden würde. Der Andere dagegen war klein, mager und hatte ein bleiches, krankes Ausſehen; es ſchien, als hätte man ihn um⸗ blaſen können; ſeine dünnen Arme und Beine hingen wie Spinnen⸗ füße an ſeinem Leibe, ſeine Haare waren röthlichblond, und unter ſeiner Haut ſchien gar kein Blut umzulaufen. Das Gefühl ſeiner Schwäche machte ihn furchtſam und gab ſeinen Augen eine un⸗ ruhige Beweglichkett. Aus ſeinem Geſicht allein hätte man nicht ſehen können, welchem Geſchlecht er angehöre. Wenn man dies gebrechliche Weſen einmal anſah, ſo konnte man den Blick nicht gleich wieder von ihm abwenden. Wäre er ſtärker geweſen, ſo würde er für ſeine Cameraden ein Gegenſtand der Furcht geweſen ſein und ſo den Einfluß ausgeübt haben, den Peter Buttel ſeiner Luſtigkeit und ſeiner unermüdlichen Beweglichkeit bei allen Spielen verdankte; denn dieſe zerbrechliche Hülle verbarg eine ungewöhn⸗ ———— 6 liche Willenskraft und ein außerordentliches Talent zur Heuchelei. Ein dunkles Gefühl ſchaarte die Schüler um Peter, den ſie zu ihrem Anführer erkoren; ebenſo entfernte ſie ein dunkles Gefühl von Anton, der einen unangenehmen Eindruck auf ſie machte, wie etwa der Anblick einer Kröte oder eines andern ekelhaften Thieres. Sie hüteten ſich, mit ihm in Berührung zu kommen, und wenn es geſchah, ſo thaten ſie es nur, um ihm ihre körperliche Ueber⸗ legenheit fühlen zu laſſen. Niemals miſchte er ſich freiwillig in ihre Spiele, und nur ſelten bewegte ein Lächeln ſeine dünnen, farbloſen Lippen. Aber dies Lächeln hatte trotz ſeines zarten Al⸗ ters ſchon etwas Unheimliches. „Nun, willſt Du?“ fragte Peter noch einmal. Anton blickte ſchnell um ſich her, es gab kein Mittel, zu ent⸗ wiſchen; eine doppelte Reihe von Schülern umgab ihn. Den Vorſchlag annehmen oder zurückweiſen, war gleich ſchlimm für ihn. Denn wie er ſich auch entſchied, für Krieg oder Frieden, immer lief er Gefahr, gehörig abgeprügelt zu werden. Obgleich ihm das Herz heftig ſchlug, bemerkte man doch auf ſeinem bleichen Geſicht keine Spur von Aufregung. Bei einer unverhofften Ge⸗ fahr hätte er vielleicht aufgeſchrieen, aber er hatte Zeit gehabt, ſich zu ſammeln und ſich hinter ſeiner Heuchelei zu verſchanzen. Sobald er nur lügen und betrügen konnte, wurde er wieder muthig, und wenn einmal der Inſtinkt der Schlauheit in ihm erwachte, ſo beherrſchte er jedes andere Gefühl. Statt auf dieſe zweite Ausforderung zu antworten, kniete er vor Peter hin und ſagte: „Ou biſt der Stärkere!“ Dieſe Unterwürfigkeit entwaffnete den Zorn ſeines Gegners. „ Steh' auf,“ ſagte er,„wenn Du Dich nicht vertheidigen willſt, ſo werde ich Dich nicht anrühren.“ „Peter,“ fuhr Anton fort, ohne ſeine Stellung zu verlaſſen, „ich verſichere Dir bei Gott und der heiligen Jungfrau Maria, daß ich nicht petzen gehen wollte. Ich wollte nur zu meinen Cou⸗ 7 ſinen zurückgehen und meine Lection lernen; denn Du weißt, ich habe einen ſchweren Kopf.“ Peter reichte ihm die Hand und hob ihn auf. „Nun, willſt Du ein ordentlicher Junge ſein, Anton, und mitſpielen?“ „Ja.“ „Nun gut, dann wollen wir Alles vergeſſen.“ „Welches Spiel ſpielen wir denn?“ fragte Anton und zog ſich den Rock aus. „Räuber und Soldaten!“ rief einer ſeiner Cameraden. „Das iſt nett!“ ſagte Peter Buttel und theilte die Schaar in zwei Haufen: zehn Straßenräuber, die er befehligte, und zehn Sol⸗ daten, die ſie verfolgen ſollten. Anton gehörte zu den Letztern. Die Räuber brachen ſich Dolche und Flinten von den Bäumen und liefen dann aus dem Gehölz hervor, um ſich hinter den Hügeln zu verſtecken. Man hatte abgemacht, daß der Krieg ganz ernſtlich ſein und jeder Gefangene ſogleich gerichtet werden ſolle. Die Räuber theilten ſich in einzelne Haufen zu Zweien und Dreien und legten ſich in den Schluchten auf die Lauer, und einige Mi⸗ nuten darauf ſetzten ſich auch die Häſcher in Bewegung; es gab Zuſammentreffen, Ueberraſchungen und Scharmützel, aber als es zum Handgemenge kam, vereinigten ſich die Leute Peter Buttel's, die er geſchickt vertheilt hatte, auf ſeinen Pfiff auf einem Punkte, und die Häſcher mußten ſich zurückziehen. Bald darauf aber war dies Signal nicht mehr zu hören, und die Räuber begannen in ihrem Verſteck unruhig zu werden. Peter hatte es in ſeinem Muth auf ſich genommen, ganz allein einen gefährlichen Engpaß zu vertheidigen. Während er ihnen die Spitze böte, ſollte die Hälfte ſeiner Leute, die er auf dem linken Flügel in den Hinterhalt gelegt, den Hügel umgehen und, ſobald ſeine Pfeife ertoͤne, herbeieilen. Die andere Hälfte, welche er gleich⸗ falls in einiger Entfernung aufgeſtellt, ſollte daſſelbe Manöver 8 von oben her ausführen. Die Häſcher würden, wenn ſie in dieſe Schlinge gegangen wären, von vorn und von hinten zugleich ange⸗ griffen, ſich ſogleich haben ergeben müſſen. Aber der Zufall, der ſo oft das Geſchick der Schlachten entſcheidet, vereitelte dieſe geſchickte Kriegsliſt. Peter bemerkte nicht, daß die Häſcher einen andern Weg eingeſchlagen hatten, als den, welchen ſie ſeiner Vermuthung zufolge machen mußten. Unvermuthet fielen ſie von hinten uber ihn her, und ehe er noch Zeit hatte, ſeine Pfeife hervorzuziehen, banden ſie ihm ein Schnupftuch um den Mund und knebelten ihm die Hände. Sechs blieben auf dem Schlachtfelde, um die ihres Hauptmanns beraubte Bande zu zerſtreuen, die vier Andern führ⸗ ten den Gefangenen in das Gehölz zurück. Nach der Abmachung wurde Peter Buttel von den in einen Gerichtshof verwandelten Häſchern gerichtet, und da er jede Vertheidigung verſchmähte, dauerte ſein Proceß nicht lange. Einſtimmig wurde erkannt, daß er gehängt werden ſolle, und auf das Verlangen des Räuberhaupt⸗ manns ſelbſt das Urtheil ſogleich vollſtreckt. Er ſelbſt bezeichnete einen Baum, an den man ihn hängen könne. „Aber Peter,“ ſagte einer der Richter,„wie willſt Du das denn machen?“ „Was Du dumm biſt,“ antwortete der Verurtheilte;„ich will gehangen ſein, um Euch zum Lachen zu machen, Du ſollſt es ſchon ſehen. Darauf knüpfte er mehrere Bücherriemen zuſammen, legte Hefte, Lexikon und Katechismen auf einen Haufen, ſtieg auf dieſe ſchwankende Unterlage und band, auf den Fußſpitzen ſtehend, den Strick an einen Baumaſt, ſteckte ſeinen Hals in die Schlinge und ſchnitt Geſichter, wie ein wirklich Gehängter. Alle lachten laut und der Gehangene am Lauteſten. Drei Häſcher gingen zu ihren Cameraden zurück, um ſie zu dieſem ergötzlichen Schauſpiel herbeizurufen. Nur einer, der zu ermüdet war, blieb bei dem armen Sünder zurück. Nun, beſter Herr Scharfrichter,“ ſagte Peter, und ſteckte die 9 Zunge heraus;„liegen die Bücher auch feſt? Mir ſcheint, ſie be⸗ wegen ſich.“ „Nein,“ antwortete Anton,„ſie liegen ganz feſt, fürchte Dich nicht, Peter.“ „Der tauſend, wenn ſie umfielen, wäre der Strick am Ende nicht lang genug.“ „Meinſt Du wirklich?“ Ein ſchrecklicher Gedanke zuckte wie ein Blitz durch das Haupt des Knaben. Die junge Hyäne witterte zum erſten Male Blut. Anton maß mit dem Auge die Höhe der Grundlage, auf der Peter ſtand, und die Länge des Seils vom Aſt bis an ſeinen Hals. Der Abend war ſchon angebrochen, und nur noch wenige bleiche Lichtſtreifen fielen in das Gehölz hinein. Anton ſtand ſchweigend und unbeweglich und lauſchte, ob irgend etwas in der Nähe zu hören ſei. Es müßte für einen Moraliſten im höchſten Grad intereſſant ſein, es zu belauſchen, wie ſich in den Falten des Menſchenherzens der erſte Gedanke des Verbrechens entwickelt, wie dieſe giftige Saat allmälig emporwächſt und alle anderen Gefühle erſtickt; es müßte höchſt lehrreich ſein, dieſem Kampf des Guten und Böſen, ſo ſchwach das erſtere auch oft ſein mag, aufmerkſam zuzuſehen. So weit das menſchliche Urtheil ausreicht, ſo lange der Wille zwiſchen Gut und Böſe wählen darf, ſo lange darf man Niemand anklagen, als den Schuldigen ſelbſt, und ſo lange hat die größeſte Miſſethat keine anderen Quellen, als die in der Bruſt des Urhebers. Es war eine menſchliche That, es waren Leidenſchaften, die man hätte bändigen können, die weder den Geiſt verwirren, noch auch das Gewiſſen in Betreff der Strafbarkeit zweifelhaft ſein laſſen. Wie aber ſoll man bei einem Kinde die plötzliche Erſcheinung des Mord⸗ gedankens begreifen, ohne an ein blindes Vorherbeſtimmen des Schickſals zu glauben? „Hörſt Du ſie kommen?“ fragte Peter Buttel. 10 „Ich höre nichts,“ antwortete Anton. Seine Lippen zuckten, und ein Zittern bemächtigte ſich ſeiner Glieder. „Mir fängt es an langweilig zu werden, daß ich todt bin, ich will lieber auferſtehen und den Anderen nachlaufen.“ „Wenn Du Dich rührſt, ſo fallen die Bücher um; warte, ich will ſie halten.“ Er knieete nieder, nahm alle ſeine Kräfte zuſammen und ſtieß gegen den Bücherhaufen, daß er umfiel. Peter griff ſich mit den Händen nach dem Halſe. „Was machſt Du da?“ rief er ſchon mit halberſtickter Stimme. Anton ſchlug die Arme untereinander und ſagte:„Ich räche mich.“ Der Strick war etwa eine Hand breit zu kurz, ſo daß Peter Buttel die Erde nicht berührte. Die Schwere ſeines Körpers hatte in dem Augenblick, als er den Stützpunkt verlor, den Zweig etwas gebogen, er war aber ſogleich zurückgeſchnellt und das arme Kind machte vergebliche Anſtrengungen ſich zu retten. Die Schlinge zog ſich immer feſter zuſammen, die Beine zappelten, die Arme ſuchten, nach allen Seiten herumtaſtend, nach einem Haltepunkt; bald aber wurden die Bewegungen langſamer, die Glieder ſtarr, und die Arme ſanken unbeweglich herunter; nur der Leichnam ſchwankte noch hin und her. Jetzt begann Anton nach Hülfe zu ſchreien. Als ſeine Came⸗ raden ankamen, weinte er ſchrecklich und riß ſich die Haare aus. Er ſchluchzte ſo laut und ſeine Verzweiflung war ſo groß, daß er ſich kaum verſtändlich machen konnte, als er erzählte, wie die Bücher unter Peter Buttel zuſammengebrochen und er vergebens verſucht, ihn in den Armen aufzuhalten. Dieſer Knabe, der ſchon in ſeinem dritten Jahre verwaiſt war, Anfangs von einem Verwandten erzogen, und als dieſer ihn eines Diebſtahls wegen wegjagte, von ſeiner Couſine aufgenommen wurde, die er ſchon oft durch ſeine frühe Verderbtheit entſetzt ———— — 11 hatte, dieſes bleiche hinfällige Weſen war beſtimmt, ein unver⸗ beſſerlicher Dieb, ein vollendeter Heuchler, ein kaltblütiger Mörder zu werden, kurz, die Unſterblichkeit des Verbrechens zu erlangen, und in die Reihe der ſcheußlichſten Ungeheuer zu treten, über welche die Menſchheit zu erröthen hat. Er hieß Anton Franz Derues. Zwanzig Jahre waren ſeit dem erzählten, traurigen und ge⸗ heimnißvollen Ereigniß, das damals Niemand zu ergründen ge⸗ wußt, verfloſſen, als an einem Juniabend vier Perſonen in einem beſcheiden meublirten Zimmer des dritten Stocks eines Hauſes in der Straße Saint Victor zuſammen ſaßen. Die Ge⸗ ſellſchaft beſtand aus drei Frauen und einem Geiſtlichen, welcher ſich zu der Bewohnerin dieſes Hauſes in Koſt gegeben hatte; die beiden Andern waren Nachbarinnen. Sie kamen häufig zuſam⸗ men, um Karten zu ſpielen, und ſaßen auch jetzt um einen Spiel⸗ tiſch. Allein obgleich es bald zehn Uhr war, hatten ſie die Karten noch nicht berührt. Man ſprach leiſe, und irgend eine geheim⸗ nißvolle Angelegenheit ſchien heute die gewohnte Heiterkeit verbannt zu haben. Jemand klopfte an die Thüre, ohne daß man vorher auf den knarrenden Stufen der baufälligen Treppe etwas gehört hätte. Eine weiche Stimme bat um Einlaß. Die Bewohnerin des Zimmers, Frau Legrand, ſtand auf und ließ einen Mann von etwa 26 Jahren eintreten. Bei ſeinem An⸗ blick wechſelten die vier Bekannten einen Blick des Einverſtänd⸗ niſſes, welcher dem eben Eingetretenen nicht entging, obſchon er that, als hätte er ihn nicht bemerkt. Er verneigte ſich erſt vor den drei Frauen und dann mit der Miene der größeſten Hochach⸗ tung vor dem Abbé, der zu wiederholten Malen grüßte. Durch Zeichen bat er um Verzeihung, daß er ſtöre, trat dann an Frau Legrand heran, huſtete mehrere Male und ſagte mit ſchwacher, gleichſam ſchmerzlicher Stimme: 12 „Verzeihen Sie, meine verehrten Damen, daß ich zu dieſer Stunde und in dieſer Kleidung eintrete. Aber ich bin krank und muß mich ſehr in Acht nehmen.“ Der Anzug dieſes Mannes war wirklich auffallend. Er trug einen langen Schlafrock von geblümtem Zeuge; auf dem Kopfe trug er eine Schlafmütze, die oben überſiel und auf der Spitze eine Troddel hatte; ſein ganzes Ausſehen ſtimmte ſehr wohl mit dem, was er vorhin von ſeiner Kränklichkeit geſagt. Er war nicht volle fünf Fuß groß, alle ſeine Glieder waren ſchwach gebaut, ſein Geſicht länglich, hager und bleich. So ausſtaffirt, unauf⸗ hörlich huſtend, mit den Füßen am Boden hinſchlurrend, als hätte er keine Kraft mehr ſie aufzuheben, in einer Hand ein bren⸗ nendes Licht, in der andern ein Ei, ſah er wirklich aus wie eine Carricatur. Trotz dem aber hatte Niemand bei ſeinem Anblick Luſt zu lachen. In dem unaufhörlichen Zwinkern ſeiner fahlen Augen⸗ lieder, hinter denen ſich zwei kleine, tiefliegende, unheimlich glän⸗ zende Augen verſteckten, lag etwas von der Eule, die das Licht ſcheut; im ganzen Schnitt ſeines Geſichts, in der Krümmung ſeiner Naſe, in dem häufigen unwillkürlichen Zucken ſeiner dün⸗ nen zuſammengepreßten Lippen etwas Kriechendes und doch zu⸗ gleich Verwegenes, etwas Liſtiges und doch zugleich Offenes. Noch aber giebt es keine Wiſſenſchaft, die uns das menſchliche Geſicht genau verſtehen lehrt, und wenn nicht ein beſonderer Umſtand die vier Perſonen dazu angeregt, ſo hätten ſie dieſe Bemerkungen ſchwerlich gemacht und ſich wie gewöhnlich von dem geſchickten Komödianten täuſchen laſſen, der ein Meiſter in der Verſtellungs⸗ kunſt war. Nachdem er einen Augenblick geſchwiegen, als hätte er ihnen Zeit laſſen wollen, dieſe Bemerkungen zu machen, fuhr er fort: „Ich komme, Sie um eine Gefälligkeit zu bitten.“ „Was wünſchen Sie, Derues?“ fragte Frau Legrand. Ein heftiger Huſten, welcher ſeine Bruſt zu zerreißen ſchien, 13 hinderte ihn Anfangs zu antworten; als derſelbe etwas voruͤber war, ſagte er mit traurigem Lächeln zum Abbé: „Bei meinem Zuſtande ſollte ich eigentlich Sie, mein Vater, um Ihren Segen und Ihre Vermittelung bei Gott bitten, auf daß er mir meine Sünden vergebe: aber Jeder hängt am Leben, und ſo leicht läßt man die Hoffnung nicht fahren; übrigens habe ich's für unrecht gehalten, die Mittel zu vernachläſſigen, welche das Daſein verlängern können; denn unſere Erdenwallfahrt iſt ja doch nur eine Zeit der Prüfung, und je härter die Prüfung iſt, und je länger ſie währt, deſto größer wird auch der Lohn in einer beſſern Welt ſein. Wir müſſen ſtets bei dem, was uns be⸗ gegnet, denken, wie die Jungfrau Maria dem Engel antwortete, als er ihr das Geheimniß der Fleiſchwerdung Gottes offenbarte: Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geſchehe, wie Du ge⸗ ſagt haſt.“ „Ihr habt Recht,“ ſagte der Abbé und heftete einen ſtrengen, forſchenden Blick auf ihn, den er ruhig aushielt;„Gott beſtraft und belohnt; denn wer die Menſchen auch täuſchen kann, vermag doch ihn nicht zu täuſchen; denn wie der Prophet ſagt: Herr, Du biſt gerecht und Dein Wort iſt wahr.“ Sogleich erwiderte Derues:„Er ſagt auch: Die Furcht des Herrn iſt rein und bleibet ewiglich. Die Rechte des Herrn ſind wahrhaftig alleſammt gerecht.“ Dieſer Kampf mit Bibelſtellen hätte vielleicht Stunden lang dauern können, ohne daß Derues ſeine Munition verſchoſſen, wenn der Abbé damit fortgefahren wäre. Dieſe Art von Unterhaltung, dieſe ernſten und ſtrengen Worte eines ſo lächerlich ausſtaffirten Menſchen klangen wie eine Gottes⸗ läſterung, wie eine verletzende und zugleich komiſche Entweihung des Heiligen. Er errieth dieſen Eindruck und fuhr fort: „Da bin ich, meine beſte Madame Legrand, ſchrecklich weit abgekommen von dem, um was ich Sie bitten wollte. Ich habe mich früh niedergelegt, da ich ſehr leidend bin, konnte aber nicht ſchlafen. Ich habe kein Feuer bei mir, möchten Sie wohl ſo gut ſein, mir etwas Warmbier zu machen?“ „Hätte das nicht Ihre Magd thun können?“ fragte Frau Legrand. „Ich habe ihr heute Abend erlaubt, auszugehen, und ſie iſt noch nicht zurückgekehrt, obgleich es ſchon ſpät iſt. Wenn ich Feuer hätte, würde ich Ihnen gar nicht beſchwerlich gefallen ſein, aber ſo ſpät mag ich nicht gern welches anmachen, denn ich fürchte, es könnte mir etwas begegnen, und ein Unglück kommt ſo ſchnell.“ „Schon gut,“ antwortete Frau Legrand,„gehen Sie nur ruhig in ihr Zimmer, mein Mädchen ſoll Ihnen bringen, was Sie wünſchen.“ Derues dankte, verbeugte ſich und wollte gehen; Frau Legrand aber hielt ihn noch einen Augenblick auf. „In acht Tagen, Derues,“ ſagte ſie,„müſſen Sie mir die Hälfte der 1200 Livres bezahlen, die Sie mir ſchulden für die von mir übernommene Handlung.“ „So bald ſchon?“ „Ja freilich, ich brauche nöthig Geld. Haben Sie denn den Termin vergeſſen?“ „Ach Gott, ſeitdem wir unſern Contract geſchloſſem, habe ich ihn noch nicht einmal geleſen; ich glaubte, der Termin ſei noch nicht ſo nahe, es iſt ein Irrthum meines ſchlechten Gedächtniſſes. Aber ich will ſchon ſehen, daß ich Ihnen gerecht werde, obgleich es mit dem Handel ſehr ſchlecht geht und ich binnen drei Tagen an mehrere Perſonen mehr als 1500 Livres zu zahlen habe.“ Er grüßte wieder und ging, wie es ſchien ganz erſchöpft von den Anſtrengungen einer ſo langen Unterhaltung. Als die Vier wieder allein waren, rief der Abbé: „Dieſer Menſch iſt gewiß ein Schuft, möge Gott ihm ſeine Heuchelei vergeben! Aber wie konnten wir uns ſo lange von ihm täuſchen laſſen?“ 15 „Aber ſind Sie auch gewiß?“ fragte eine der Damen,„daß das ſeine Richtigkeit hat, was Sie uns erzählten?“ „Ich will die 79 Louisdor, die man mir geſtohlen hat, nicht einmal erwähnen, obgleich ich nur Ihnen und in ſeiner Gegen⸗ wart geſagt habe, daß ich dieſe Summe beſaß, und obgleich er an dieſem Tage während meiner Abweſenheit in meine Wohnung gekommen iſt. Der Diebſtahl iſt eine niederträchtige Handlung, aber die Verleumdung iſt eben ſo niederträchtig. Ja, Madame Legrand, überall hat er das Gerücht ausgeſprengt, daß Sie, ſeine ehemalige Gebieterin und Wohlthäterin, ihn in fleiſchliche Ver⸗ ſuchung geführt hätten. In dieſer ganzen Stadtgegend ſpricht man davon, und bald iſt es vielleicht allgemein bekannt. Wir haben uns ſo vollſtändig von ihm täuſchen laſſen, wir haben ihn ſo kräftig unterſtützt, ihm den Ruf eines Ehrenmannes zu erwerben, daß wir unſer eigenes Werk jetzt nicht mehr rückgängig machen können. Wahrſcheinlich würde man weder Ihnen, noch mir glau⸗ ben, wenn wir ihn des Diebſtahls und der Verleumdung beſchul⸗ digten. Sein Sie auf Ihrer Hut, er hat dieſe Geruüchte ſicher nicht ohne Grund ausgeſtreut; jetzt, da ihm die Augen aufge⸗ gangen ſind, ſein Sie mißtrauiſch gegen ihn.“ „Ja,“ erwiderte Frau Legrand,„ſchon vor drei Jahren hat mein Schwager mir dies geſagt; ich beſinne mich noch genau auf die Worte, welche er einſt gegen meine Schweſter äußerte:„„Das Geſchäft eines Apothekers gefällt mir ſchon deswegen recht gut, weil es einem Mittel an die Hand giebt, ſich an Feinden zu rächen und Jeden durch ein Tränkchen auf die Seite zu ſchaffen, den man nicht leiden kann.““ Ich habe auf keinen Rath gehört und ſelbſt den Widerwillen überwunden, den er mir beim erſten Anblick ein⸗ flößte; ich ließ mich von ihm einnehmen und fürchte jetzt ſehr, ich habe Urſache, es zu bereuen. Aber Sie kennen ihn ja eben ſo gut als ich. Wer hätte nicht an ſeine aufrichtige Frömmig⸗ keit glauben ſollen? wer möchte nicht noch jetzt an ſie glauben? 16 Trotz dem, was Sie mir geſagt, kann ich mir's noch immer nicht recht denken, daß ich ernſtlichen Grund zur Furcht haben ſoll; denn eine ſolche Verderbtheit wäre ja ganz unbegreiflich.“ Sie ſprachen noch einige Zeit über dieſen Gegenſtand und trennten ſich erſt, als die Nacht ſchon ſehr vorgerückt war. Am folgenden Morgen war vor dem Magazine Derues in der Straße Saint Victor eine große Menſchenmenge verſammelt. Man ſchrie durcheinander, man fragte, ohne die Antwort abzuwarten, gab Antworten, die auf die Fragen nicht paßten, kurz, es war ein wirrer Lärm, ein Geplapper ohne Ordnung. Hier ſtanden Gruppen, die einem Redner in Hemdärmeln zuhörten, dort riefen Andere:„Armer Mann! armer Gevatter Derues! Lieber Gott, was wird er nun anfangen? jetzt iſt er doch total ruinirt; nun, man muß hoffen, daß ſeine Gläubiger ihm Zeit laſſen.“ All⸗ dieſen Lärm übertönte eine Stimme, die, ſcharf und durchdringend, wie das Miauen einer Katze, ſich beklagte und ſchluchzend das ſchreckliche Unglück erzählte, welches ſich in der vergangenen Nacht zugetragen. Gegen drei Uhr morgens waren die Bewohner der Straße Saint Victor durch Feuerlärm aufgeſchreckt worden. Das Feuer war in Derues Gewölbe zum Ausbruch gekommen; man hatte es gedämpft und das Haus vor dem vollſtändigen Untergange bewahrt. Alle Waaren jedoch hatte es verzehrt oder verdorben. Derues erlitt einen beträchtlichen Verluſt, den er nicht geringer als auf 9000 Livres anſchlug. Durch welchen unglücklichen Zu⸗ fall war das Feuer zum Ausbruch gekommen? er konnte es nicht begreifen. Er erzählte von ſeinem geſtrigen Abendbeſuch bei Frau Legrand. Bleich, entſtellt und ſich kaum aufrecht erhaltend rief er: „Ich überlebe es nicht; ein armer kranker Mann, wie ich, und jetzt noch zu Grunde gerichtet!“ Eine heiſere Stimme unterbrach ihn in ſeinen Jeremiaden, und die Aufmerkſamkeit der Menge wurde durch eine Frau in Anſpruch genommen, welche gedruckte Papiere in der Hand hielt und ſich mit Gewalt bis zur Thür des Ladens einen Weg gebahnt hatte. „Hier habe ich,“ rief ſie,„den Urtheilsſpruch des Parlements gegen Johann Robert Vaſſel, der des betrügeriſchen Bankerotts angeklagt und überführt iſt.“ Derues blickte auf und erkannte eine Zettelträgerin, die oft bei ihm anſprach, um ein Glas Branntwein zu trinken, und mit welcher er vor einem Monat in Folge einer Betrügerei, auf der ſie ihn ertappt, und für die ſie ihn in ihrer gemeinen Sprache mit Vorwürfen überhäufte, einen heftigen Streit gehabt hatte. Seitdem hatte er ſie nicht wieder geſehen. Das Volk, welches den Gewürzkrämer hoch verehrte, glaubte, ſie wolle eine Anſpie⸗ lung auf Derues Unglück machen, und eben war man im Begriff, ſie dafür zu züchtigen; aber ſie ſtemmte eine Hand in ihre Seite, hielt ſich durch eine drohende Bewegung der andern Jeden vom Leibe, der ihr zu nahe kommen wollte, und rief:„Was? Ihr glaubt an die Narrenspoſſen, die er Euch einreden will? Ja, es iſt wahr, dieſe Nacht iſt Feuer in ſeinem Keller ausgekommen, und ſeine Gläubiger werden dumm genug ſein, nicht auf Bezah⸗ lung zu dringen. Aber wißt. Ihr auch, daß er gar nichts ver⸗ loren hat?“ „Sein ganzes Waarenlager,“ ſchrie man von allen Seiten, „mehr als 9000 Livres werth; glaubt die alte Hexe, daß das Oel und der Branntwein nicht brennt? Sie könnte es wohl wiſſen, denn ſie ſäuft genug; wenn man ein Licht an ihren Leib hielte, er würde anbrennen.“ „Möglich!“ rief die Zettelträgerin und focht wieder mit den Armen um ſich herum;„aber unterſtehe ſich einer, es zu pro⸗ biren. Es iſt ganz klar, daß der Kerl ein Schuft iſt; drei Nächte hindurch hat er Alles aus ſeinem Keller herausgeſchleppt und nichts darin gelaſſen, als leere Fäſſer und Schubkaſten ohne Waaren. Zum Teufel, auch ich habe die Mährchen wie alle Welt ſo hin⸗ 2 5 18 genommen, wie er ſie auftiſcht, aber dieſen Morgen habe ich die Wahrheit erfahren. Ich ſage Euch, er hat ſeinen Schnaps durch Michel Lambourne, einen Altflicker in der Straße Parchemenerie, fortſchaffen laſſen; er hat mir's ja ſelbſt geſagt.“ „Ich habe dies Weib vor einem Monat aus meinem Laden ge⸗ jagt, weil ſie mich beſtahl,“ ſagte Derues. Ungeachtet dieſer gegen die Klägerin gerichteten Beſchuldigung waͤre die Stimmung der Menge durch ihre Erklärung doch vielleicht verändert und das Mitleid abgekühlt worden, wenn nicht ein großer Mann aus der Reihe getreten, die Zettelträgerin am Arm gefaßt und geſagt hätte: „Halt's Maul, Du Läſterzunge.“ Dieſer Mann war von Derues Rechtlichkeit zu ſehr überzeugt; ſte war für ihn zu einem Glaubensartikel geworden und an ihr zu zweifeln, hieß ihn beleidigen. „Lieber Freund,“ ſagte er zu Derues,„wir wiſſen, was wir von Euch zu halten haben, denn ich kenne Euch. Schickt morgen zu mir, ich will Euch ſo viel Waaren, als Ihr braucht, und auf ſo lange Zeit, als Ihr wollt, auf Credit geben. Nun, Du alte Schachtel, was ſagſt Du dazu?“ „Was ich dazu ſage? daß Du eben ſo einfältig biſt, als die Andern. Gott befohlen, Gevatter Derues! Fahre nur ſo fort, mein Junge, ſo werde ich eines Tages auch Deine Verurtheilung zum Verkauf herumtragen.“ Sie machte ſich Platz, ſchwenkte ihre Arme wie Windmühlen⸗ flügel und ging davon, alle Augenblicke ausrufend:„Hier der Urtheilsſpruch des Parlements gegen Johann Robert Vaſſel, der des betrügeriſchen Bankerotts angeklagt und überführt iſt.“ Dieſe Anklage war von einer zu niedrigen Perſon ausgegangen, um den guten Ruf Derues zu erſchüttern. So grimmig er auch augenblicklich auf ſie war, ſo vergaß er ſie doch bald, da ſeine Nachbarn und das ganze Stadtviertel ihm wiederholt die innigſte 19 Theilnahme an ſeinem vorgeblichen Unglück bezeugte. Er verlor die Zettelträgerin aus dem Gedächtniß, ſonſt hätte ſie ihre Schwatz⸗ haftigkeit mit dem Leben bezahlen müſſen. Dennoch aber hatte dieſes Weib in ihrer Trunkenheit ein prophetiſches Wort geſprochen und dies war das Sandkorn, über welches er einſt fallen ſollte. „Alle Leidenſchaften,“ ſagte La Bruyère,„ſind Lügnerinnen; ſie verſtellen ſich, ſo gut ſie können, vor fremden Augen, und ſuchen ſich ſogar vor ſich ſelbſt zu verbergen. Es giebt kein Laſter, das nicht einer Tugend ähnlich ſähe und aus dieſem Scheine Vortheil zöge.“ Das ganze Leben Derues iſt ein Beweis für die Wahrheit dieſer Bemerkung. Er war habſüchtig und trieb Giftmiſcherei. Aber eine geheuchelte Frömmigkeit war das Mitttel, durch welche er ſeine Schlachtopfer täuſchte, ſie in ſeine Schlingen lockte und in der Stille erwürgte. Seine ſchreckliche Berühmtheit hat erſt im Jahre 1777 begonnen, als er den Doppelmord an Madame Lamotte und ihrem Sohne be⸗ ging, und bei ſeinem Namen erinnert man ſich nicht, wie bei dem anderer großer Verbrecher, an eine lange Reihe von Schandthaten; aber wenn man dieſe verſteckte und gemeine Perſönlichkeit genauer unterſucht, ſo findet man einen Schmutzflecken an jeder Stelle. Niemand vielleicht hat ihn übertroffen oder iſt ihm auch nur gleich⸗ gekommen in der Verſtellungskunſt, der Heuchelei und bodenloſeſten Verderbtheit. Derues ſtarb ſchon in ſeinem 32. Jahre, aber jeder Augenblick ſeines Lebens gehörte dem Laſter, und dieſes Leben, das glücklicherweiſe kurz war und ein angemeſſenes Ende nahm, iſt ein Gewebe verbrecheriſcher Gedanken und Thaten; das Böſe war ſein Lebenselement; er trug niemals Bedenken, er hatte niemals Gewiſſensbiſſe; ohne Raſt und Ruh' mußte er lügen, ſtehlen und vergiften. Dann und wann erhebt ſich der Argwohn gegen ihn, und unbeſtimmte Gerüchte werden über ihn verbreitet, aber er weiß durch neue Betrügereien, durch neue Täuſchungen die Vergangen⸗ *. 20 heit zu verſtecken und vergeſſen zu machen und die drohende Strafe noch einmal zu beſchwören. Als er endlich in die Hände der Ge⸗ rechtigkeit fällt, ſchützt ihn eine Zeit lang ſein Ruf und wendet das gezückte Schwert noch auf einige Tage von ihm ab. Die Heuchelei iſt ihm ſo ſehr zur andern Natur geworden, daß er ſelbſt dann, als er bereits unwiderruflich verurtheilt iſt und keine Hoffnung mehr hat, und obgleich er weiß, daß ſich Niemand mehr von ihm täuſchen läßt, noch ausruft:„O, mein Heiland, jetzt werde ich leiden, wie Du!“ Erſt bei den Flammen ſeines Scheiter⸗ haufens erhellt ſich die Finſterniß ſeines Lebens, entrollt ſich dies Gewebe von Blutthaten, und richten ſich ſeine andern Opfer, die im Schatten verſchwunden und vergeſſen waren, wie Geſpenſter auf, gleichfam zu einem Leichenzuge des Giftmiſchers. Wir wollen nur in kurzen Zügen ſeine Kindheit beſchreiben, welche durch ſeinen ſo viel Aufſehen erregenden Tod verdunkelt und in den Hintergrund geſtellt iſt. Dieſe Zeilen ſind aber nicht ge⸗ ſchrieben, um ein Verbrechen berühmt zu machen. Man macht heutzutage die menſchliche Verderbniß zu einem Gegenſtande der Neugierde. Dies iſt nicht unſere Abſicht; man darf die altgewor⸗ dene und vielfach abgeſtumpfte Geſellſchaft nicht wie Kinder behan⸗ deln; für ſie paſſen weder Schonung noch Vorſicht, und es iſt ſehr zweckmäßig, daß man Auge und Finger auf die Eiterbeulen hinlenkt, welche am Leibe der Menſchheit zehren. Warum ſollte man nicht ſagen, was man weiß? Warum ſollte man ſich fürch⸗ ten, den Abgrund zu ergründen, in den Jedermann hinunterblickt, um die entlarvte Verderbtheit ans Tageslicht zu ziehen? Die aus⸗ geprägteſten Geſtalten des Guten und des Böſen ſind, vom allge⸗ meinen Standpunkte aus betrachtet, gleich ſehr nothwendig. Man glaube übrigens ja nicht, daß es unſere Abſicht iſt, Grauen einzuflößen; denn ſonſt hätten wir aus den Jahrbüchern des Ver⸗ brechens eine großartigere und noch mehr berüchtigte Geſtalt her⸗ vorgehoben. Es giebt Verbrechen, welche Muth, welche eine gewiſſe geiſtige Größe und eine Art von falſchem Hervismus verlangen; es giebt Verbrechen, welche die regelmäßige und geſetzliche Kraft der Geſellſchaft im Schach halten, und welche man nicht ganz ohne Bewunderung betrachten kann. Hier wird der Leſer nichts von alledem finden, auch keine Spur von Muth, ſondern nur eine ſchmählige Habſucht, welche ihre Probeverſuche damit macht, der Armuth ihre Heller zu ſtehlen; eine kleinliche gemeine Bosheit, die keinen offenen Angriff wagt, ſondern nur in der Finſterniß mordet und ſich vor aller Welt nur die Betrügereien eines ſchurkiſchen Kaufmannes und eines nichtsnutzigen Wucherers erlaubt. Seine Lebensgeſchichte iſt die eines ekelhaften Ungeziefers, welches in Schluchten und Klüften umherkriecht und jeden Pfad mit ſeinem giftigen Geifer beſpritzt. Das iſt der Charakter eines Mannes, deſſen Leben wir hier erzählen wollen, in dem ſich die Idee des Verbrechens auf das Vollkommenſte verkörpert, und der ſelbſt die grauenhafteſten Erfin⸗ dungen der Dichter und Romanſchreiber übertroffen hat. An und für ſich unwichtige Umſtände, Thatſachen, welche man bei einem Anderen nur kindiſch finden würde, erhalten bei ihm durch das, was ihnen vorhergegangen oder gefolgt, eine ſchwere Bedeutſamkeit und können darum nicht mehr mit Stillſchweigen übergangen wer⸗ den. Der Schriftſteller hat ſie als die Spuren des Entwicklungs⸗ ganges der gefallenen Seele zu ſammeln und aufzubewahren. Er muß an ihnen die Stufen zu zählen wiſſen, die der Verbrecher nach und nach beſtiegen hat.. Wir ſahen Derues erſte That, ſeinen Mord in früheſter Kind⸗ heit, wir fanden ihn zwanzig Jahre ſpäter wieder als einen Brand⸗ ſtifter und betrügeriſchen Bankeroteur. Was that er in der Zwi⸗ ſchenzeit? Mit welchen Schurkereien und Verbrechen hat er den Raum von zwanzig Jahren ausgefüllt? Kehren wir noch einmal zu ſeiner Kindheit zurück. Die Verwandten, welche ihn erziehen wollten, jagten ihn fort wegen ſeines unüberwindlichen Hanges zum Diebſtahl. Man erzählt einen Zug, der ſeine Frechheit und unverbeſſerliche Schlechtigkeit beweiſt. Eines Tages ertappen ihn ſeine Vettern, als er Geld ſtahl, und züchtigten ihn derb ab. Nachdem ſie ihn genug geprügelt und losgelaſſen hatten, entwiſchte er ihren Händen ſpottend und rief, anſtatt Reue zu zeigen und um Verzeihung zu bitten, ganz gefühllos gegen die empfangenen Schläge ſeinen außer Athem gekommenen Züchtigern zu: „Aha, ſeht Ihr, Ihr ſeid müde und ich bin's nicht.“ Die Verwandten verzweifelten daran, ſeinen ſchlechten Charakter zu überwinden, und ſchickten ihn, um ihn loszuwerden, nach Chartres, wo zwei Couſinen aus Mitleiden einwilligten, ihn bei ſich aufzunehmen. Sie waren einfache, fromme Mädchen und hoff⸗ ten, ihr gutes Beiſpiel und die Vorſchriften der Religion würden auf ihren jungen Verwandten einen glücklichen Einfluß ausüben; allein der Erfolg war ihren Erwartungen gerave entgegengeſetzt. Derues lernte bei ihnen nur zu trügen, zu heucheln und ſich mit dem Scheine eines guten Menſchen auszuputzen. Dies war die einzige Frucht, welche er aus ihrer Erziehung mitnahm. Auch hier wurde er häufig für wiederholten Diebſtahl gezüch⸗ tigt; da er die übertriebene Sparſamkeit ſeiner Couſinen kannte, verſpottete er ſie oft, wenn ſie ein Röhrchen auf ſeinem Rücken zerſchlugen, und ſagte:„Das freut mich, das koſtet Euch wieder zwei Pfennige.“ Die Geduld ſeiner Wohlthäterinnen wurde endlich müde; er mußte ihr Haus verlaſſen und zu einem Klempner in Chartres in die Lehre gehen. Der Meiſter ſtarb und eine Eiſenhändlerin der⸗ ſelben Stadt nahm ihn als Ladenburſchen in Dienſt, und dann end⸗ lich ging er zu einem auch mit Arzneien handelnden Gewürzkrämer⸗ So lange hatte er, obgleich bereits funfzehn Jahre alt, noch keine Vorliebe für irgend einen Stand gezeigt; aber er mußte ſich jetzt doch zu einem beſtimmten Geſchäft entſchließen, da ſein Erbtheil nur die mäßige Summe von 3500 Livres betrug. Der 23 Aufenthalt bei ſeinem letzten Herrn offenbarte ihm ſeinen Beruf. Unaufhörlich umgeben mit wohlthuenden und ſchädlichen Arznei⸗ mitteln, witterte der künftige Giftmiſcher das Gift. Wahrſcheinlich hätte er ſich in Chartres niedergelaſſen, aber wiederholte Diebſtähle zwangen ihn, die Stadt zu verlaſſen. Da das Apothekergeſchäft die beſten Ausſichten darbot, auch ſeinem Geſchmack zuſagte, ſo gab ihn ſeine Familie zu einem Apotheker nach Paris in der Straße Comteſſe⸗d'Artois. Im Jahre 1760 kam Derues nach Paris. Dies war ein neuer Schauplatz für ihn, auf dem er noch nicht bekannt war und auf dem er ſich ganz behaglich fühlte. Kein Verdacht laſtete auf ihm, und mitten unter dem Geräuſch und Gewühl dieſer ungeheuren Behauſung aller Laſter war es ihm leicht möglich, ſich durch Heu⸗ chelei den Ruf eines Ehrenmannes zu erwerben. Sein Herr hatte die Abſicht, wenn ſeine Lehrzeit um ſei, ihn bei ſeiner Schwägerin, einer Gewürzkrämerin in der Straße St. Victor, unterzubringen, empfahl ihr den jungen Mann, lobte ſeinen Eifer und meinte, ſeine Kenntniſſe würden ihr bei ihrem Geſchäft von Nutzen ſein. Dieſe Frau war ſeit mehreren Jahren verwittwet. Sein Herr wußte freilich nichts von den Unterſchleifen, die ſich Derues erlaubt und die er geſchickt auf Andere zu ſchieben gewußt. Eines Tages aber vergaß er ſeine Vorſicht und gewöhnliche Heuchelei und unter⸗ fing ſich, der Frau ſeines Principals jenen Vorſchlag zu machen, welchen wir vorhin ſchon erwähnt haben. Sie erſchrak, befahl ihm zu ſchweigen, und drohte, ihn durch ihren Mann fortjagen zu laſſen. Er merkte wohl, daß er jetzt doppelt ſo ſchlau heucheln müſſe, um dieſen ungünſtigen Eindruck zu verwiſchen. Die Schwä⸗ gerin ſeines Principals war ſehr für ihn eingenommen, aber er hatte es ſich auch etwas koſten laſſen, ihr Vertrauen zu gewinnen. Täglich bot er ihr ſeine Dienſte an und jeden Abend trug er ihr in einem Korbe die Waaren hin, welche ſie gebrauchte. Es war ein erbarmungswürdiger Anblick, den ſo ſchwach gebauten jungen Mann 24 keuchend und ſchweißtriefend die ſchwerſten Laſten ſchleppen zu ſehen, die er nur aus Dienſtfertigkeit trug, ohne jemals eine Belohnung anzunehmen. Die arme Wittwe, nach deren Habe ihn ſchon ge⸗ lüſtete, ließ ſich vollſtändig von ihm täuſchen, verſchmähte den Rath ihres Schwagers und hörte nur auf die allgemeinen Lob⸗ ſprüche ihrer Nachbarn, welche das Benehmen Derues und ſeine lebhafte Theilnahme für ſie rührte; er hatte häufig Gelegenheit, von ihr zu ſprechen, und that es nie, ohne eine unbegrenzte Ergebenheit an den Tag zu legen. Solche Aeußerungen wurden der guten Frau hinterbracht und ſie verließ ſich um ſo mehr darauf, daß ſie aufrichtig gemeint ſeien, da nur der Zufall ſie ihr zu Ohren brachte, und es ihr nicht einfallen konnte, ſie für ſchlau vorher bedacht und liſtig berechnet zu halten. Derues trieb die Täuſchung ſo weit als möglich; doch wußte er zur rechten Zeit innezuhalten, ehe ſeine Heuchelei verdächtig werden konnte. Da er ſtets mit dem Gedanken beſchäftigt war, zu täuſchen oder zu ſchaden, ſo konnte ihn nichts überraſchen, und wie manches Inſect ſich in eine Puppe einſpinnt, ſo wußte er ſich in ein Gewebe von Lügen einzuhüllen, das man erſt hätte durch⸗ dringen und zerreißen müſſen, um zu ſeinen wahren Gedanken zu gelangen. Der Unſtern dieſer Frau, einer Mutter von vier Kindern, wollte es, daß ſie ihn als Ladendiener bei ſich aufnahm; es ge⸗ ſchah im Jahre 1767. Derues wußte bei ſeiner neuen Principalin einen glänzenden Anfang zu machen. Im ganzen Stadtviertel St. Victor ſprach man nur von ſeiner muſterhaften Frömmigkeit. Um ſich dieſen Heiligen⸗ ſchein zu bewahren, ließ er es ſeine erſte Sorge ſein, die Wittwe zu bitten, ihm einen Beichtvater vorzuſchlagen. Sie wies ihn an den ihres verſtorbenen Mannes, den Pater Cartault, einen Mönch vom Karmeliterorden. Dieſer war bald erſtaunt über die fromme Demuth ſeines Beichtkindes und ging niemals beim Laden vorüber, ohne einzuſprechen und Frau Legrand Glück zu wünſchen, daß ſie einen ſo ausgezeichneten jungen Mann für ſich gewonnen, der ſicherlich den Segen des Himmels auf ihr Haus herabziehen werde. Derues ſtellte ſich ſehr beſcheiden und erröthete dabei; ja oft that er, als bemerke er nicht, daß Pater Cartault komme, nahm irgend ein Geſchäft außer dem Hauſe zum Vorwand und ließ ſeinem leichtgläubigen Lobredner das Feld allein. Aber der Pater Cartault ſchien Derues viel zu nachſichtig; er fürchte, ſagte er, daß ſeine übertriebene Milde ihm ſeine Sünden zu leicht vergebe, und er wage nicht, ſich zu begnügen mit einer Abſolution, welche man ihm niemals verweigere. Das Jahr war noch nicht um, als er einen zweiten Beichtvater ſuchte, den Pater Denys, einen Franziskaner. Er zog Beide zu Rath und legte bald dem Einen, bald dem Andern die Zweifel ſeines Gewiſſens vor. Jede Buße ſchien ihm zu leicht, und er erhöhte die Strenge der Beichtväter durch fortwährende Selbſtkaſteiungen. Tartuffe ſelbſt hätte ſich für beſiegt erklären müſſen. So trug er zwei Schweißtücher mit Reliquien unſerer lieben Frau von Chantall und eine Medaille des heiligen Franziskus von Sales. Oft gab er ſich ſelbſt Geißelhiebe. Seine Principalin erzählte unter Anderm, daß er ſie gebeten, einen Kirchenſitz in der Pfarrei St. Nicolas zu miethen, damit er an ſeinen Freitagen deſto beſſer die Meſſe hören könne. Er hatte ihr ſogar eine kleine Summe, die Frucht ſeiner Erſparniß, übergeben, um die Hälfte der Koſten zu tragen; eine ganze Faſtenzeit hindurch hatte er auf Stroh geſchlafen, und es ward ihm leicht, dies durch die Magd der Frau Legrand pekannt werden zu laſſen. Anfangs that er, als wolle er es ihr verheimlichen wie eine ſchlechte Handlung, traf halbe Vorſichtsmaßregeln, um ſie nicht in ſein Zimmer kommen zu laſſen, und verbot ihr, als ſie es doch erfuhr, davon zu ſpre⸗ chen, ſo daß ſie natürlich erſt rechte Luſt bekam, ihre Entdeckung bekannt zu machen. Ein ſolcher Beweis von Frömmigkeit, gepaart mit ſo verdienſtlicher Verſchwiegenheit, mußte die gute Meinung, welche man von ihm hatte, bedeutend verſtärken. — 26 Kein Tag verging, ohne daß er einen Zug von Scheinheilig⸗ keit zum Beſten gab. Eine ſeiner Schweſtern, Novize im Nonnen⸗ kloſter der Verkündigung Mariä, ſollte während des Oſterfeſtes ihre Gelübde ablegen. Derues bat ſeine Gebieterin um Erlaubniß, dieſer Ceremonie beiwohnen zu dürfen, und beſchloß, am Char⸗ freitag zu Fuß nach dem Kloſter hinzureiſen. Als er von Frau Legrand Abſchied nahm, war der Laden voll Menſchen, und Alle erkundigten ſich nach dem Zweck ſeiner Reiſe. Seine Principalin forderte ihn auf, etwas zu eſſen und ein Glas Liqueur zu trinken (Wein trank er niemals), bevor er abreiſe. „Was denken Sie, Madame,“ rief er;„eſſen an einem Tage wie dieſer, an welchem der Heiland gelitten hat? Nur ein Stück Brot will ich mitnehmen, und auch dies nicht eher anrühren, bis ich in meiner Nachtherberge bin, denn ich gedenke die Reiſe nüch⸗ tern zu machen.“ Das war aber noch nicht genug für ihn; er lauerte nur auf eine Gelegenheit, um ſich einen eben ſo großen Ruf der Recht⸗ ſchaffenheit zu erwerben. Der Zufall bot ihm eine ſolche, und er ergriff ſie ohne Bedenken, obgleich die Anklage, welche er vor hatte, ein Glied ſeiner eigenen Familie treffen ſollte. Einer ſeiner Brüder, ein Schenkwirth in Chartres, beſuchte ihn. Derues gab vor, er wolle ihn die Merkwürdigkeiten von Paris ſehen laſſen, und bat ſeine Principalin um Erlaubniß, ihn einige Tage bei ſich aufzunehmen. Den Tag vor der Abreiſe ſeines Bruders bricht Derues das Schloß ſeines Felleiſens auf, wirft Alles herum, was darin iſt, wuhlt in ſeinen Kleidern herum und findet zwei neue baumwollene Mützen. Auf ſeinen Ruf kommen mehrere Leute herauf; in dieſem Augenblick kehrt ſein Bruder zurück. Er nennt ihn einen ſchändlichen Dieb und beſchuldigt ihn, Tags zu⸗ vor im Comptoir der Frau Legrand Geld entwendet zu haben, um ſich die beiden Mützen zu kaufen. Sein Bruder vertheidigt ſich und betheuert ſeine Unſchuld. Er iſt über dieſe unbegreifliche — — 27 Schlechtigkeit empört und will zur Vergeltung eben einige Stück⸗ chen aus Anton's Kindheit erzählen, aber dieſer zwingt ihn zum Stillſchweigen und giebt ſein Ehrenwort, daß er geſtern zu einer beſtimmten Stunde ihn ins Comptoir treten und heimlich Geld entwenden geſehen habe. Der Andere weiß nicht, was er zu einer ſo unverſchämten Lüge ſagen ſoll, wird verwirrt, ſtammelt einige Worte zu ſeiner Vertheidigung und wird aus dem Hauſe gejagt. Um ſeiner Schändlichkeit die Krone aufzuſetzen, nöthigt Derues ſeine Principalin, von ihm das geſtohlene Geld zum Erſatz an⸗ zunehmen. Ihn koſtete dieſer Spaß 3 Livres und 12 Sous, aber der Zins für dies Geld war die errungene Straſloſigkeit für ſeine eigenen Diebſtähle. Noch denſelben Abend warf er ſich zum Gebet auf die Kniee und bat Gott um Verzeihung für ſeinen Bruder. Jede Liſt gelang ihm und brachte ihn dem Ziele näher, welches er ſich vorgeſteckt. Es fiel Niemand in dem ganzen Stadtviertel ein, das Wort dieſes heiligen Mannes zu bezweifeln. Sein ein⸗ ſchmeichelndes Betragen und ſeine gewinnende Art zu ſprechen, richtete ſich ganz nach den Leuten, mit denen er zu thun hatte. Er wußte in jeden Ton einzugehen und keine Anſicht zu verletzen. Streng war er nur gegen ſich ſelbſt, den Neigungen aller Andern wußte er zu ſchmeicheln. Er hatte Umgang mit vielen Familien, und ſeine ernſthafte, geſetzte und ſentenzenreiche Unterhaltung wurde gern gehört. Mit welcher theologiſchen Gewandtheit er mit Bibel⸗ ſtellen um ſich zu werfen wußte, haben wir ſchon geſehen. Wenn er im Laden mit Leuten vom Volk zu thun hatte, ſo zeigte er ſich vollkommen vertraut mit ihrer Ausdrucksweiſe und ſprach platt, wie die Frauen der Halle, deren Sprache er ſich während ſeiner Lehrlingszeit in der Straße Artois angeeignet hatte. Er ging mit Jedermann vertraut um, und daher nannte man ihn gewöhnlich Ge⸗ vatter Derues. Wie er ſelbſt geſtanden, verſtand er es ganz und gar, in den Charakter der verſchiedenen Perſonen einzugehen, die ihm nahten. 28 Aber die Prophezeiung des Pater Cartault wollte durchaus nicht in Erfüllung gehen und der Segen des Himmels ſich auf das Haus der Frau Legrand nicht herablaſſen. Unaufhörlich traten Un⸗ fälle ein, die Derues Eifer und Pflichttreue weder vermeiden, noch gut machen konnte. Er begnügte ſich aber nicht mit einer zur Schau getragenen müßigen Scheinheiligkeit, und die ſchändlichſten ſeiner Betrügereien waren keineswegs diejenigen, welche er ſich bei hellem Tage erlaubte. Derues wachte jede Nacht; ſein ſelt⸗ ſamer, wie es ſchien keinem der gewöhnlichen Geſetze des Baues unterworfener Körper, fühlte das Bedürfniß des Schlafes gar nicht. Er tappte mit der Geſchicklichkeit eines vollendeten Diebes umher, brach Thüren und Schlöſſer, Keller und Waarenlager auf und begab ſich in fremde Stadtviertel, um ſeine Beute zu ver⸗ kaufen. Man begreift es kaum, wie ſeine Kräfte zu den Anſtren⸗ gungen eines gleichſam doppelten Daſeins ausreichten. Er war kaum mannbar geworden, und noch dazu hatte die Kunſt ſeiner trägen Entwickelung der Natur nachhelfen müſſen*). Aber er lebte *) Man hat behauptet, Derues ſei ein Hermaphrodit geweſen. Soviel ſteht feſt, daß die Merkmale ſeines Geſchlechts erſt im 22. Jahre, und zwar nur durch eine Operation, bei ihm zum Vorſchein kamen. Sollte dieſe Erſcheinung nicht vielleicht eine theilweiſe Erklärung geben für ſeine ganz unglaubliche Verderbt⸗ heit? Dies wäre eine intereſſante phyſiologiſche Frage, deren Be⸗ antwortung man von der Wiſſenſchaft zu verlangen hat. Er ſtand in vieler Beziehung außerhalb der körperlichen Entwickelungsgeſetze. Ihm waren Gefühle, ihm war ein Verlangen, eine Leidenſchaft, wenn man will, gänzlich unbekannt, welche ſich ſonſt bei allen Erwachſenen finden, und der Raum, den dieſe in der Seele ge⸗ wöhnlicher Menſchen einnehmen, war bei ihm ganz und gar ſeinen bösartigen Trieben überlaſſen, welche ohne Gegengewicht und ohne Zerſtreuung ununterbrochen und darum allmächtig auf ihn einwir⸗ ken mußten. Hieraus erklärt ſich vielleicht der gänzliche Mangel an Reue, dieſe unverbeſſerliche Heuchelei, welche ſich ſelbſt da noch nicht verleugnet, als ſie Niemand mehr täuſchen kann. — — 29 nur für das Böſe, und ſo zu ſagen das Genie zum Böſen war es, was bei ihm die fehlende Körperkraft erſetzte. Seine einzige Lei⸗ denſchaft war eine ſinnloſe Liebe zum Gelde, und dieſe brachte ihn ſtets wieder auf den Punkt zurück, von dem er ausgegangen war, auf das Verbrechen. Er verbarg ſeine zuſammengeſtohlenen Schätze in Löchern der Mauern oder verſcharrte ſie mit Hülfe ſeiner Krallen in den Boden des Kellers. Wie ein reißendes Thier ein blutiges Stück Fleiſch in ſeine Höhle ſchleppt, ſo ſchleppte er Schätze zuſammen, und oft lag er bei dem unbeſtimmten Licht einer Diebeslaterne anbetend auf den Knieen vor ſeinen Reichthuüͤ⸗ mern; das Auge funkelte ihm dabei vor wilder Freude, und ſein Mund öffnete ſich mit einem Lächeln, das dem Grinzen der Hyäne glich, wenn er ſich an dem Anblick des Goldes weidete, es zählte und küßte. Dieſe beſtändigen Entwendungen brachten die Wittwe Legrand in eine üble Lage und richteten allmälig ihren ganzen Wohlſtand zu Grunde. Sie hatte keine Ahnung von der geheimen Urſache, und Derues ſchob die Schuld ſtets auf die andern Ladendiener, die darum auch ſehr häufig gewechſelt wurden. Bald war ein Krug Oel, bald eine Maß Branntwein ausgegoſſen oder verdor⸗ ben. Er meinte, dieſe Unfälle rührten von der ungeheuren Menge Natten her, von denen das Haus und der Keller wimmelten. Endlich konnte Madame Legrand ihren Verpflichtungen nicht mehr nachkommen und trat ihm im Jahre 1770 ihren Handel ab. Er war damals 25 ½ Jahr alt; dem Contract zufolge, den ſie mit einander machten und doppelt ausfertigen ließen, verpflichtete ſich Derues, ihr 1200 Livres zu zahlen und ſie umſonſt bei ſich woh⸗ nen zu laſſen, ſo lange noch der alte Miethscontract dauere, wel⸗ cher erſt nach neun Jahren abgelaufen war. Die arme Frau hatte, um ein Falliſſement zu vermeiden, die Waaren, welche ſie noch in ihrem Lager hatte, an ihre Gläubiger abtreten müſſen. De⸗ rues wußte ſich mit denſelben zu einigen und ſie um einen billigen Preis wieder an ſich zu bringen. 30 Der erſte Schritt war gethan; jetzt konnte er unter dem S hutze ſeines erſchlichenen guten Rufes ſich ungeſtraft bereichern. Einer ſeiner Onkel, ein Mehlhändler in Chartres, pflegte alle ſechs Wochen nach Paris zu kommen, um mit ſeinen Geſchäftsfreunden abzurechnen. Dieſem wurden 1200 Francs geſtohlen. Mit ſeinem Neffen ging er zum Commiſſair, um auf eine Nachſuchung anzu⸗ tragen. Es ergab ſich, daß der obere Deckel der Kommode abge⸗ löſt worden war, eben ſo wie bei dem Diebſtahl der 79 Louisdor, welche dem Abbé weggekommen waren. Aber ſein Onkel war ſehr bemüht, den guten Ruf ſeines Neffen nicht zu ſchänden. Er trieb ſeine verwandtſchaftliche Zuneigung ſo weit, daß er für Derues Bürg⸗ ſchaft leiſtete, als derſelbe einer Schuld wegen gefangen geſetzt wer⸗ den ſollte. Derues bezahlte nicht, als die Verfallsfriſt erſchien, ließ ſich verklagen und der Gläubiger mußte ſich an den Bürgen halten. Er ſcheute kein Mittel, und wenn es auch noch ſo unver⸗ ſchämt war, um ſich fremdes Gut anzueignen. So ſchickte ihm ein Materialhändler aus der Provinz 1000 Pfund Honig, um ſie auf ſeine Rechnung zu verkaufen. Zwei oder drei Monate ver⸗ gehen; der Kaufmann bittet um Nachricht. Derues antwortet, es ſei ihm noch nicht möglich geweſen, die Waare vortheilhaft los⸗ zuſchlagen. Einige Monate ſpäter gab er auf dieſelbe Frage die⸗ ſelbe Antwort. Endlich nach einem Jahre kommt der Kaufmann zu Derues, unterſucht ſeine Fäſſer und findet, daß 500 Pfund fehlen. Er verlangt Entſchädigung, aber Derues behauptet, nicht mehr erhalten zu haben, und der Kaufmann aus der Provinz konnte nicht zu ſeinem Eigenthum kommen, da ean Sendung ohne Titel und Vertrag, nur auf Treu und Glauben gemacht. Es genügte ihm noch nicht, ſein Glück aus den Vermögens⸗ trümmern der Madame Legrand gebaut zu haben, ihn gelüſtete noch nach dem Biſſen Brod, den er ihr hatte laſſen müſſen. Einige Tage nach dem Brande ſeines Kellers, der ihm die Gelegenheit zu einem zweiten Bankerott gegeben, forderte die enttäuſchte Frau, 31 die auf ſein Gewinſel nun nicht mehr hörte, das Geld, welches er ihr noch ſchuldig war. Derues ſtellt ſich, als ſuche er ſein Eremplar des Contracts. Er kann es nicht finden.„Geben Sie mir den Ihrigen, Madame Legrand,“ ſagte er,„damit wir die Zahlung hineinſchreiben, hier iſt das Geld.“ Frau Legrand öffnet ihre Brieftaſche und nimmt das Papier heraus; Derues nimmt es ihr aus der Hand und zerreißt es. „Jetzt,“ rief er aus,„ſind Sie bezahlt, ich bin Ihnen nichts mehr ſchuldig, ich bin jederzeit bereit es vor Gericht zu beſchwö⸗ ren, und man wird mir ſchon glauben!“ „Unglückſeliger!“ ſagte ſie,„möge Gott Deiner Seele ver⸗ geben, Dein Leib kommt ſicher an den Galgen!“ Frau Legrand beklagte ſich bei vielen Leuten und erzählte die⸗ ſen ſchändlichen Schurkenſtreich. Aber Derues hatte ſchon vorge⸗ arbeitet und den Vortheil über ſie erlangt; die Verleumdung, welche er ausgeſtreut, trug ihre Früchte. Man ſagte, ſeine ehe⸗ malige Principalin habe ihn lügneriſch verleumden wollen, weil er ihren verliebten Wünſchen nicht genügt. Obgleich ſie ſehr dürf⸗ tig geworden war, verließ ſie doch das Haus, in welchem ſie um⸗ ſonſt wohnte; denn ſie zog das traurigſte Schickſal und das küm⸗ merlichſte Leben der Qual vor, mit ihrem Verderber unter einem Dache zu wohnen. 4 Wir könnten noch viele andere Züge von ſeiner Schlechtigkeit anführen, aber man darf nicht glauben, daß Derues, nachdem er mit einem Morde begonnen, Rückſchritte gemacht und beim Dieb⸗ ſtahl ſtehen geblieben ſei. Zwei betrügeriſche Bankerotte wären einem Andern genug geweſen, für ihn war das aber nur ein Zeitvertreib. Der gute Ruf des Heuchlers hatte ſich auch außerhalb Paris verbreitet. Ein junger Mann aus der Provinz, welcher ſich in der Hauptſtadt als Materialhändler niederzulaſſen wünſchte, wurde an Derues gewieſen, der ihm ſchon die nöthigen Fingerzeige geben werde, und deſſen Rathe er treu folgen ſolle. Der junge Mann 32 kommt zu Derues, giebt ihm 8000 Livres zum Aufbewahren und bittet ihn, er möge ihm ein Geſchäft ſuchen helfen. Ihn Geld erblicken laſſen, hieß ihn zum Verbrechen reizen, und die Worte der Hexen, welche Macbeth zuriefen, du ſollſt König ſein, konn— ten die Seele des Ehrgeizigen nicht heftiger aufſtacheln, als der Anblick des Geldes, das die Habſucht Derues erregte. Er nahm die 8000 Livres, um ſie nie mehr herauszugeben, vergrub ſie neben ſeinen andern geraubten Schätzen und ſchwur ſich ſelbſt, ſie zu behalten. Mehrere Tage vergingen. Eines Nachmittags kommt Derues mit ſehr vergnügter Miene, die man ſelten bei ihm bemerkte, nach Hauſe zurück. „Bringen Sie für mich eine gute Nachricht, oder haben Sie für ſich ein vortheilhaftes Geſchäft abgeſchloſſen?“ fragte der junge Mann. „Mein Freund,“ antwortete Derues,„das Glück lächelt mir, und ich könnte mich leicht bereichern. Aber ich habe Ihnen ver⸗ ſprochen behülflich zu ſein, ihre Aeltern haben ihr Vertrauen auf mich geſetzt, und ich muß es rechtfertigen. Ich habe heute einen Laden gefunden, der zu verkaufen iſt. Der Handel wäre ausge⸗ zeichnet, für 12,000 Livres können Sie ihn haben. Gern würde ich Ihnen das fehlende Geld borgen, wenn ich's hätte, aber ſchreiben Sie an Ihren Vater und bitten Sie ihn inſtändigſt, daß er eine ſo ſchöne Gelegenheit nicht unbenutzt vorübergehen läßt. Er wird mir es ſpäter Dank wiſſen.“ Durch die Bitten ihres Sohnes bewegt, ſchickten die Aeltern 4000 Livres nach und erſuchten Derues, den Kauf zu beſchleunigen. Drei Wochen ſpäter kommt der Vater beſorgt nach Paris, um zu ſehen, wie es mit ſeinem Sohne ſtehe, von dem er keine Nach⸗ richt erhalten. Derues empfängt ihn ſehr erſtaunt;„er habe ge⸗ glaubt,“ ſagte er,„der junge Mann ſei längſt heimgekehrt. Er habe ihm eines Tages geſagt, daß der Vater nicht wünſche, daß er ſich in Paris niederlaſſe, weil ſich in der Provinz eine vor⸗ O₰— 0— 231 —— 33 theilhafte Heirath gefunden habe. Der junge Mann ſei mit den 12,000 Livres wieder abgereiſt.“ Ueber das Geld zeigte Derues einen Empfangſchein vor. Eines Abends ſpät war Derues mit ſeinem Gaſte, der über einen Druck im Kopfe und Leibſchmerzen klagte, ausgegangen. Wo waren ſie geweſen? Man weiß es nicht. Aber am folgen⸗ den Tage war Derues kurz vor Sonnenaufgang allein nach Hauſe gekommen und hatte ſehr ermattet und entſtellt ausgeſehen. Seit⸗ dem hörte man nicht mehr von dem jungen Manne ſprechen. Einen ſeiner Lehrlinge tadelte er fortwährend und beſchuldigte ihn unaufhörlich, er ſei nachläſſig, verliere ſeine Zeit und brauche dazu drei Stunden, wozu eine Viertelſtunde genüge. Als er den Vater deſſelben, einen Pariſer Bürger, überzeugt, daß ſein Sohn trotz ſeiner Unſchuldsbetheuerungen ein Taugenichts ſei, kam er eines Tages ganz außer ſich zu dieſem Manne.„Ihr Sohn,“ ſagte er,„iſt mir geſtern entlaufen und hat 600 Livres geſtohlen. Nur er wußte, wo ich das Geld hingelegt, mit dem ich noch heute einen Wechſel bezahlen wollte.“ Er drohte bei der Polizei zu klagen und die Sache bei den Gerichten anhängig zu machen, und ruhte nicht eher, als bis er die angeblich geſtohlene Summe erhalten hatte. Den Abend vorher war er mit ſeinem Lehrling ausgegangen und den andern Morgen allein zurückgekehrt. Allein der Schleier, welcher die Wahrheit verhüllte, wurde mit jedem Tage durchſichtiger. Drei Bankerotte hatten ſeinen Ruf geſchwächt und man begann auf die Klagen und Beſchuldigungen zu hören, welche man bisher für boshafte Mährchen gehalten hatte. Ein neuer mißlungener Verſuch, zu betrügen, nöthigte ihn endlich, in eine andere Ge⸗ gend der Stadt zu ziehen. Er hatte ein dem ſeinigen benachbartes Haus gekauft, um es zu vermiethen, deſſen Gewölbe ſeit ſteben oder acht Jahren ein Weinhändler inne hatte. Von dieſem verlangte er, wenn er wohnen 5. 3 —— 34 bleiben wolle, 600 Livres Aufſchlag. Obgleich dieſe Summe dem Weinhändler übertrieben ſchien, ſo hielt er es doch nach reiflicher Ueberlegung für beſſer, zu zahlen, als auszuziehen. Beſonders da er bereits gute Geſchäfte gemacht und ſein Haus in Aufſchwung gebracht hatte. Bald aber gab ihm eine ärgere Betrügerei Ge⸗ legenheit, ſich zu rächen. Er hatte einen jungen Mann in Penſion, einen Sohn achtbarer Aeltern, der das Geſchäft zu erlernen wünſchte; dieſer ging eines Tages zu Derues, um einige Einkäufe zu machen, und während man ihm das Verlangte verabreichte, kritzelte er in Gedanken auf ein Blatt Papier, das auf der Tonbank lag, ſeinen Namen und ließ das Papier liegen, ohne dabei etwas Schlim⸗ mes zu denken. Derues wußte, daß der junge Mann reich ſei, und ſchrieb auf das mit ſeiner Namensunterſchrift verſehene Papier einen Wechſel über 2000 Livres, an ſeinen Bruder zahl⸗ bar durch die Vormundſchaft des unterzeichneten. Dieſer Wechſel kommt in den Handel und wird am Verfalltage dem Kaufmann eingehändigt. Dieſer iſt ganz erſtaunt, ruft ſeinen Penſionair und zeigt ihm das Papier mit ſeiner Unterſchrift. Der junge Mann weiß nicht, was er zu dieſem Wechſel ſagen ſoll. Dennoch aber kann er nicht leugnen, daß die Unterſchrift von ſeiner Hand herrührt. Man unterſucht ihn genauer und erkennt endlich die Hand Derues. Der Weinhändler läßt Derues zu ſich bitten, und er kommt auch; man verſchließt das Zimmer und zeigt ihm den Wechſel; er geſteht, daß er von ſeiner Hand geſchrieben iſt, und verſucht allerlei Ausflüchte zu machen, um ſich zu rechtfertigen. Aber der Weinhändler läßt ſich nicht bethören und droht ihm, den Wechſel den Gerichten zu übergeben. Da fängt Derues an zu weinen, bittet flehentlich, fällt ihm zu Füßen, geſteht ſeine Schuld ein und bittet um Gnade. Unter der Bedingung, daß er die 600 Livres Aufſchlag auf die Miethe nachlaſſe, willigt der Kauf⸗ mann endlich ein, den Wechſel vor ſeinen Augen zu zerreißen, und ließ es dabei bewenden. In dieſer Zeit heirathete er Marie Luiſe Nicolas, die Tochter eines Sattlers aus Melun. Das erſte Gefühl, was ſich in uns regt, wenn wir an dieſe Ehe denken, muß es nicht ein tiefes Mitleid für das junge Mädchen ſein, das ihr Geſchick an das dieſes Ungeheuers kettete? Welche gräßliche Zukunft tritt uns vor Augen! Die Jugend und Unſchuld verpeſtet durch den Gifthauch des Mordes, die Seelenreinheit ver⸗ bunden mit der Heuchelei, die Tugend mit dem Verbrechen! Alle dieſe Bilder, dieſe Contraſte empören uns, und man iſt geneigt, ein ſolches Schickſal zu beklagen; aber wir dürfen uns nicht über⸗ eilen. Derues Frau iſt zwar nicht überführt worden, an dem letzten Verbrechen ihres Mannes thätigen Antheil genommen zu haben; aber ihr ganzes Leben zeigt keine Spur von Leiden und Widerſtreben gegen ſeine Verbrechen. Was ſie betrifft, ſind die Beweiſe nicht unzweideutig, aber die öffentliche Stimme hat auch ſie verurtheilt. Er gab im Jahre 1773 ſein Geſchäft auf, zog aus der Straße St. Victor nach der Straße Deur Boules und übernahm fortan allerlei Commiſſionen, was ihm ſehr viel Gewinn bringen mußte, da er ſeinem Aeußern nach und in ſeinen Sitten Jeder⸗ mann ein muſterhafter Menſch zu ſein ſchien. Wenigſtens wußte man ihm keinen Fehler nachzuſagen. Es war ihm um ſo leichter, die Leute zu täuſchen, da er wirklich von den Laſtern frei war, welche am häufigſten Familien unglücklich machen: nämlich vom Spiel, vom Wein und Ausſchweifungen. Bisher hatte er nur eine Leidenſchaft gehabt: die Geldgier. Eine andere, der Ehrgeiz, begann ſich jetzt zu entwickeln. Er kaufte ſich Häuſer und Ländereien, und wenn der Zahlungstag erſchien, ſo ließ er ſich verklagen. Da er im Bankerottmachen viel Erfahrung beſaß, ſo übernahm er es oft, der⸗ gleichen Geſchäfte abzumachen und dem Betruge den Schein red⸗ lichen Unglücks zu geben. Wenn dieſer Menſch nicht mit Gift zu thun hatte, ſo wühlten ſeine Hände wenigſtens in dem Unrath 3* 36 gemeiner geſellſchaftlicher Verhältniſſe. Es war, als könne er nur in einer verpeſteten Luft athmen und leben. Seine Frau, die ihm ſchon eine Tochter geboren, gebar ihm im Jahre 1774 auch einen Knaben. Derues ließ es ſich ſehr angelegen ſein, hochgeſtellte Perſonen zu Pathen zu bitten. Aber trotzdem, daß er vornehme Bekanntſchaften anzuknüpfen ſuchte, mußte er ſich zuweilen den Beſuch der Gerichtsdiener ge⸗ fallen laſſen, die, wenn er wegen Nichtzahlung ſchuldiger Gelder verklagt war, ihn auszupfänden kamen. Er behandelte ſie mit der größten Unverſchämtheit und empfing ſie mit Schimpfreden, ſobald ſie in ſeine Thüre traten. Dadurch waren mehrmals die Nachbarn auf ihn aufmerkſam gemacht, und ſo wurde er eben nicht zu ſeinem Vortheil bekannt. Sein Hauswirth, der dieſes ewigen Lärms über⸗ drüſſig wurde und es ſatt hatte, ſtets durch gerichtliche Klagen den Miethzins einzutreiben, kündigte ihm die Wohnung. Derues zog nach der Straße Beaubourg, wo er unter dem Namen Cyrano Derues de Bury das Commiſſionsgeſchäft fortſetzte. Endlich bot ſich ihm eine Gelegenheit dar, unſterblich zu werden. Bis jetzt hatte er nur, wie es der Zufall mit ſich brachte, gewirkt; von jetzt ab aber ſetzt er ſeine ganze hölliſche Geiſteskraft in Be⸗ wegung, vereinigt alle Anſtrengungen auf einen Punkt, erſinnt ſein Meiſterſtück von Verderbtheit und führt es auch aus. Zwei Jahre hindurch wendet er ſeine ganze Pfiffigkeit, ſeine Betrugs⸗ und Giftmiſcherkünſte an, um das Netz zu ſpinnen, welches eine ganze Familie umſchlingen ſoll. Aber es war beſtimmt, daß er ſich ſelbſt darin fangen und vergeblich verſuchen ſollte, ſich aus den Maſchen loszuringen. Unmittelbar von der oberſten Stufe des Verbrechens trat ſein Fuß auf die unterſte des Schaffots. Eine Viertelmeile von Villeneuve ſtand im Jahre 1775 ein ſchönes Haus, das mit der einen Fronte auf die Yonne hinaus⸗ ſahe, mit der andern nach einem Garten und Park hinausging, welche zu der adlichen Herrſchaft Buiſſon⸗Souef gehörten. Dies 37 war ein bedeutendes Beſitzthum in wunderſchöner Lage, welches einträgliche Ländereien, ſchöne Wäldchen und mehrere anmuthige Bäche in ſeinem Umkreiſe vereinigte. Das Aeußere des Hauſes jedoch und der Garten war nicht überall gleich ſorgfältig gehalten, und man merkte, daß die Vermögensumſtände des Beſitzers nicht die beſten ſein müßten. Seit einem Jahre waren alle Ausbeſſe⸗ rungen faſt nur am Hauſe und in der nächſten Umgebung vorge⸗ nommen. Hier und da ſah man halbzerbröckelte Mauern, die den Einſturz drohten. Eine ungeheuere Menge Epheu wucherte an den Bäumen empor, ſo daß ſie faſt unter der Laſt erſticken mußten, und in dem entlegenſten Theile des Parks waren alle Gänge ſo dicht mit Brombeerſtrauch bewachſen, daß es faſt unmöglich war, hindurchzudringen. Aber auch dieſe Unordnung hatte ihre Reize, und in jener Zeit, in welcher die Kunſt des Gärtners hauptſäch⸗ lich darin beſtand, die Bäume nach der Schnur zu ziehen und die Natur in die Zwangsjacke einer kalten einförmigen Symmetrie zu zwängen, ruhte das Auge mit Vergnügen auf dieſem gleichſam in Unordnung gerathenen Haarwuchs der Bäume, auf dieſen Wäſſern, die ſich einen andern Weg gebahnt und der Gefangenſchaft ent⸗ ſprungen waren. Auf der Stromſeite des Hauſes befand ſich eine breite Terraſſe. Auf dieſer ſpazierten drei Männer herum, zwei Geiſtliche und der Eigenthümer von Buiſſon⸗Souef, Herr Saint Fauſt de Lamotte. Einer der Geiſtlichen war der Bfarrer von Villeneuf, der andere ein Camaldulenſermönch, der zum Pfarrer einer Religionsange⸗ legenheit wegen auf einige Tage zum Beſuch gekommen war. Mit der Unterhaltung der drei Herren wollte es nicht recht vorwärts gehen. Herr von Lamotte ſtand von Zeit zu Zeit ſtill, hielt ſich die Hand vor die Augen, um nicht von der Sonne geblendet zu wer⸗ den, deren Strahlen vom Waſſer zurückgeſpiegelt wurden, und ſah, ob nicht ein neuer Gegenſtand am Horizont erſcheine. Dann fuhr er mit einer Bewegung, die ſeine Ungeduld und Unruhe verrieth, — * ÿ— — —— — 38 wieder fort, auf und nieder zu gehen. Eben ertönte die Schloß⸗ glocke. „Schon ſechs Uhr,“ rief er,„ich glaube, ſie kommen heute gar nicht.“ „Warum denn alle Hoffnung aufgeben?“ ſagte der Pfar⸗ rer;„Ihr Diener iſt ihnen vorausgegangen, und wir können jeden Augenblick den Kahn erſcheinen ſehen, auf dem ſie zurück⸗ kehren.“ „Wenn wir nur, ehrwürdiger Vater,“ erwiderte Herr v. Lamotte, „ſchon in der Jahreszeit wären, da die Tage länger werden; in einer Stunde tritt die Dämmerung ein, und dann werden ſie es nicht wagen, ſich dem Fluß anzuvertrauen.“ „Nun und wenn auch, Sie dürfen nur etwas Geduld haben; zwei Stunden von hier können ſie in aller Ruhe über Nacht bleiben und morgen früh hier ſein.“ 4 „Mein Bruder hat Recht,“ verſetzte der Mönch,„ſein Sie nur ruhig.“ „Ja, Sie wiſſen alle Beide nicht aus Erfahrung, wie einem Mann in meiner Lage zu Muthe iſt.“ „O glauben Sie das ja nicht,“ antwortete der Pfarrer;„wenn uns unſer heiliges Amt auch zur Eheloſigkeit verpflichtet, ſo können wir doch eine Liebe verſtehen, wie die Ihrige, die ich ja ſelbſt, wie Sie wiſſen, vor dreizehn Jahren eingeſegnet habe.“ „Sie erinnern mich vielleicht nicht ohne Abſicht an meine Hochzeit. Ich will es zugeben, daß die Nächſtenliebe Sie jene andere Liebe verſtehen läßt, welche Sie nie gekannt, aber ich glaube wirklich, es muß Ihnen ſehr wunderbar vorkommen, daß ein Mann in meinem Alter ſich von einer ſolchen Geringfügigkeit beunruhigen läßt, als wenn er noch ein Jüngling wäre. Aber ich weiß es ſelbſt nicht, ſeit einiger Zeit habe ich Ahnungen und fange an, abergläubiſch zu werden.“ Wieder ſtand er ſtill und blickte über den Fluß hinaus. Als X 39 er nichts ſah, trat er wieder zwiſchen die beiden Geiſtlichen und ging mit ihnen auf und ab. „Ja,“ ſagte er,„ich habe Vorgefühle, deren ich mich nicht entwehren kann; ich bin noch nicht ſo bejahrt, daß das Alter meine Sinne geſchwächt und mich zu einem Träumer gemacht haben könnte; ich weiß es ſelbſt nicht recht, wovor ich mich fürchte; allein jede Trennung iſt mir ſchrecklich; iſt das nicht ſeltſam? Früher habe ich meine Frau auf ganze Monate verlaſſen. Sie war da⸗ mals noch jung und mein Sohn lag in der Wiege. Ich liebte ſie auf das Leidenſchaftlichſte und konnte doch ganz heiter verreiſen. Warum iſt mir das jetzt nicht mehr möglich? Warum beunruhigt mich eine einfache Geſchäftsreiſe nach Paris und ein wenige Stunden längeres Ausbleiben in ſo hohem Grade? Sie erinnern ſich wohl noch, Herr Pfarrer,“ fuhr er nach kurzem Schweigen fort,„wie reizend Marie an unſerm Hochzeitstage war? Wie glänzte ihr Geſicht von Friſche und Seelenreinheit! Und die äußeren Zeichen haben mich auch nicht betrogen: ſie iſt wirklich die reinſte, treueſte Seele von der Welt. Das iſt es, was ich jetzt an ihr liebe; denn wir ſchmachten und ſeufzen zwar nicht mehr nach einander, aber doch iſt die jetzige Liebe mehr werth, als jene erſte: ſie hat ja auch jene in ſich vermöge der Erinnerung, und dabei iſt ſie ſo ruhig und vertrauend, wie die Freundſchaft. Es iſt doch merk⸗ würdig, daß ſie noch nicht kommen, es muß ihnen durchaus ein Unglück zugeſtoßen ſein. Wenn ich ſie nicht noch heute Abend wie⸗ derſehe— und ich fange bereits an, es aufzugeben— ſo reiſe ich morgen früh ab. „Du lieber Himmel,“ ſagte der Mönch,„Sie müſſen, als Sie erſt zwanzig Jahre zaͤhlten, eine gehörige Portion Ungeduld gehabt haben und auffahrend geweſen ſein wie Salpeter, um eine ſo große Lebhaftigkeit bis jetzt bewahren zu können. Aber haben Sie Geduld und beruhigen Sie ſich, Sie geben es ja ſelbſt zu, daß es nur eine Verzögerung um wenige Stunden iſt.“ 4 40 „Ja, wenn nur mein Sohn nicht mit wäre, deſſen Geſund⸗ heit ſo ſchwächlich iſt! Wir haben nur ihn noch, er allein iſt uns übrig geblieben von den drei Kindern, und das wiſſen Sie ſchwer⸗ lich, mit welch' einer innigen Liebe Vater und Mutter, wenn ſie altern, an dem einzigen theuren Haupte hängen. Wenn ich Eduard verlöre, ſo wäre das mein ſicherer Tod.“ „Nun, ſo muß ſeine Gegenwart in Paris wohl ſehr noth⸗ wendig geweſen ſein, daß Sie ihn mitreiſen ließen.“ „Das nicht; meine Frau iſt hingereiſt, um eine Anleihe ab⸗ 4 zuſchließen, die ich machen muß, um die an meinem Landgute nöthigen Verbeſſerungen vornehmen zu können.“ „Warum haben Sie ihn mitreiſen laſſen?“ „Ich hätte ihn auch lieber hier behalten, aber die Mutter wollte ihn mitnehmen. Es iſt uns Beiden gleich ſchwer, uns von ihm zu trennen, und es fehlte nicht viel daran, ſo wäre es zu einem Streit über dieſen Punkt gekommen; ich mußte nachgeben.“ „Nun, es gab doch ein Mittel, ſie alle Drei zu befriedigen; warum machten Sie die Reiſe nicht Alle zuſammen?“ „Der Herr Pfarrer kann es Ihnen ſagen, wie ich vierzehn Tage auf meinem Sorgſtuhle wie angenagelt geſeſſen, ganz im Stillen wie ein Heide geflucht und meine Jugendſünden verwünſcht habe... „Verzeihen Sie, ehrwürdiger Vater, ich wollte mich eben des⸗ halb ſelbſt anklagen, weil ich die Gicht habe, und vergaß ganz, daß ich nicht allein hier bin, und daß ſie eben ſo wenig das Alter des Weiſen, als das des Hofmannes verſchont.“ Ein friſcher Luftzug, der gewöhnlich dem Sonnenuntergang kurz vorhergeht, rauſchte in den Blättern. Große Schatten glit⸗ ten über die Yonne und ſtreckten ſich weiter hinaus über die Ebene; die leichtgekräuſelte Fluth ſpiegelte nur noch undeutlich die Gegen⸗ ſtände am Ufer und die Wolken des Himmels. Die drei Spaziergänger ſtanden an einem Ende der Terraſſe — 41 ſtill, und ihre Blicke ſchweiften in die bereits umdunkelte Ferne⸗ Ein ſchwarzer Punkt, den ſie eben mitten im Strome bemerkt, wurde genauer bemerkbar, als er an einer lichteren Stelle vorbei⸗ kam, wo die Ufer des Stromes niedriger waren. Es ſchien ein- Kahn zu ſein. Bald darauf verlor er ſich wieder und verſchwamm mit der Fluth in Eins. Etwas ſpäter jedoch ſah man deutlich ein Fahrzeug und konnte ſogar auf dem Ufer das Pferd bemerken, welches daſſelbe gegen den Strom treidelte. Bald kam der Kahn näher; man bemerkte ein in der Luft geſchwenktes Taſchentuch, und Herr von Lamotte rief freudig aus:„Sie ſind es! ja ſie ſind es! Können Sie ſie ſehen, Herr Pfarrer? Ich erkenne meinen Sohn; er winkt mir zu, die Mutter ſteht neben ihm; aber iſt da nicht noch Jemand?... Sehen Sie doch hin, es ſcheint ein Mann zu ſein.“ „In der That,“ erwiderte der Pfarrer;„wenn meine ſchlech⸗ ten Augen mich nicht täuſchen, ſo ſehe ich Jemand am Steuer ſitzen; man ſollte glauben, es iſt ein Kind.“ „Wahrſcheinlich hat Jemand aus der Nachbarſchaft die Ge⸗ legenheit benutzt, um bequem nach Hauſe zu kommen.“ Unterdeß näherte ſich das Fahrzeug ſehr ſchnell, und man hörte bereits das Knallen der Peitſche, mit der der Bediente ſeinen Gaul zu größerer Eile antrieb. Endlich landeten ſie, etwa fünf⸗ zig Schritte von der Terraſſe, und Frau von Lamotte nebſt ihrem Sohne und dem Unbekannten, der ſie begleitete, ſtiegen aus. Herr von Lamotte, war ihnen entgegengegangen; bevor er noch an die Gitterthür kam, kam ihm ſchon ſein Sohn entgegen und fiel ihm um den Hals. „Nun biſt Du wohl, Eduard?“ „Geſund wie ein Fiſch im Waſſer.“ „Und die Mutter?“ „Ebenſo, ſie folgt mir auf dem Fuße; obgleich ſie ſich ebenſo ſehnt, Dich zu umarmen, als ich, ſo mußt Du ihr doch die 42 Hälfte des Weges entgegengehen, denn ſie kann nicht ſo ſchnell laufen.“ „Ihr habt Jemand mitgebracht?“ „Ja, einen Herrn aus Paris, Herrn Derues; Mama wird Dir Alles erzählen; ſiehe, da iſt ſie ſchon. Der Pfarrer und der andere Geiſtliche kamen gerade dazu, als ſich das Ehepaar in den Armen lag. Obgleich ſie ihr vierzigſtes Jahr erreicht, ſo rechtfertigte doch noch jetzt ihre Schönheit die Lobſprüche ihres Mannes. Eine in dieſem Alter angenehme Fülle hatte ihr die Friſche und Weichheit der Haut bewahrt; ihr Lächeln war noch voll Anmuth; ihre großen blauen Augen hatten etwas Gewinnendes, Sanftes, und aus ihnen ſtrahlte eine ausnehmende Herzensgüte. Neben dieſer angenehmen milden Geſtat erſchien die des angekommenen Fremden wahrhaft abſchreckend und Herr von Lamotte vermochte auch nicht einen Ausdruck unangenehmer Ueberraſchung zurückzuhalten, als er dieſe ſchmächtige, gemein⸗ ausſehende Geſtalt, dieſen Halbmenſchen gewahr wurde, der ſich wie ein Bettler in ſcheuer Entfernung hielt. Sein Erſtaunen vermehrte ſich noch, als ſein Sohn ihm die Hand gab und ſagte: „Kommen Sie, lieber Freund, wir wollen meinen Aeltern folgen.“ Frau von Lamotte betrachtete ihrerſeits den Mönch mit Aufmerk⸗ ſamkeit, da ſie ihn nicht kannte. Ein Wort genügte, ihr ſeine Anweſenheit zu erklären. Sie nahm den Arm ihres Gatten und weigerte ſich, während ſie gingen, mit ſchalkhaftem Lächeln auf ſeine Fragen zu antworten und ſeine Neugierde zu befriedigen. Peter Stephan Saint Fauſt von Lamotte, Stallmeiſter des Königs, Herr von Grange⸗Flandre⸗Valberfond, hatte im Jahre 1760 Marie Franziska Perrier geheirathet. Ihr Vermögen hatte einen größern Namen und Schein, als es verdiente. Damit ſoll nicht geſagt ſein, daß die beiden Eheleute ſich Vorwürfe zu machen ———( 28 43 gehaht, und ihre Einkünfte etwa ihrer Verſchwendungsluſt nicht genügt hätten; im Gegentheil, in jener Zeit der Sittenverderb⸗ niß waren ſie eine ſeltene Ausnahme, ein ſchönes Beiſpiel von Treue, häuslicher Tugend und gegenſeitigem Vertrauen. Marie Franziska war ſchön genug, um mit Glanz in der Welt auftreten zu können; aber ſie hatte mit Freuden darauf verzichtet, um ſich ganz der doppelten Pflichterfüllung einer Gattin und Mutter zu widmen. Das einzige wahrhaft Unangenehme, was ſie erlebt, war der Verluſt zweier, ſchon im zarten Alter geſtorbener Kinder. Eduard, der Aelteſte, war glücklich über die ſchwierige Zeit der Kindheit und der erſten Jugend hinausgekommen, obgleich er bei ſeiner Geburt einen ſehr ſchwächlichen Körperbau zeigte; er war jetzt gegen vierzehn Jahre alt; ſein ſanftes, etwas mädchenhaftes Geſicht, ſeine blauen Augen und das ſanfte Lächeln machten ihn ſeiner Mutter täuſchend ähnlich. Die Zärtlichkeit ſeines Vaters übertrieb wohl die Gefahren, welche ihm drohen ſollten; in ſeinen Augen war die geringſte Unpäßlichkeit ſchon eine Krankheit. Auch ſeine Frau theilte dieſe übertriebene Beſorgniß, und daher kam es, daß Eduard's Erziehung etwas vernachläſſigt war. Er war in Buiſſon⸗Souef aufgewachſen, und man hatte ihn in unbe⸗ ſchränkter Freiheit vom Morgen bis zum Abend wie ein Hirſch⸗ kalb herumſpringen laſſen, damit er ſeine Glieder ſtärke und ſchmeidige. Obgleich 14 Jahre alt, beſaß er doch noch in jeder Beziehung die naive Unſchuld und Unwiſſenheit eines acht⸗ oder zehnjährigen Kindes. Beſonders der Umſtand hatte dazu beigetragen die Vermögens⸗ umſtände des Herrn von Lamotte in Unordnung zu bringen, daß er genöthigt war, bei Hofe zu erſcheinen und den Aufwand zu machen, der ſeiner Stellung zukam. Seit mehreren Jahren lebte eer in Buiſſon⸗Souef in faſt vollſtändiger Abgeſchloſſenheit. Allein ungeachtet dieſer etwas ſpät in ſeine Angelegenheiten gebrachten Ordnung ſchmolz ſein Vermögen doch immer mehr zuſammen, das 4 44 Landgut Buiſſon⸗Souef machte beträchtliche Bewirthſchaftungs⸗ und Unterhaltungskoſten und verſchlang einen großen Theil ſeiner Einkünfte, ohne dafür die gehörige Frucht zu tragen. Er hatte immer gezögert, es zu verkaufen, weil zu viele ſeiner ſchönſten Er⸗ innerungen ſich an daſſelbe knüpften. Hier hatte er ſeine Frau kennen gelernt, geliebt und geheirathet; hier hatten ſie die ſchön⸗ ſten Tage ihrer Jugend verlebt und Beide wünſchten hier auch zu altern. So ſtand es mit der Familie, in welche Derues, vom Zufall begünſtigt, ſich einzuſchleichen Gelegenheit fand. Er hatte den unangenehmen Eindruck wohl bemerkt, den ſeine Perſönlichkeit auf Herrn von Lamotte gemacht; aber er war ſchon daran gewöhüt, beim erſten Anblick einen geheimen Widerwillen zu erregen, und das war eines ſeiner größten Talente, dieſen Widerwillen zu bekämpfen und allmälig zu verwiſchen. Die Mittel, welche er zu dieſem Zweck anwandte, waren verſchieden, je nach den Perſonen, die er zu täuſchen wünſchte. Sogleich ſah er ein, daß bei einem Manne, wie Herr v. Lamotte, deſſen Geſicht und ganzes Weſen eine große Bekanntſchaft mit der Welt, feines Gefühl und Geiſt ausdrückten, eine grobe Heuchelei ihm leichter ſchaden, als nutzen könne; zugleich aber mußte er auf die beiden Geiſtlichen Rückſicht nehmen, die ihn ihrerſeits gleichfalls beobachteten. Um ſich nicht bloßzugeben, nahm er die allereinfachſte und ausdrucksloſeſte Miene an, da er wohl wußte, daß ſich früher oder ſpäter Jemand finden würde, um ihn in der Meinung ſeiner Beobachter wieder zu heben. Er durfte nicht lange darauf warten. Als ſie in den Saal traten, forderte Frau von Lamotte ihn und die beiden Andern auf, Platz zu nehmen. Derues verbeugte ſich, ohne zu antworten. Darauf folgte ein augenblickliches Schweigen, während deſſen ſich Eduard und ſeine Mutter lächelnd anſahen. Endlich nahm Frau von Lamotte das Wort: „Du ſcheinſt mir erſtaunt zu ſein, lieber Mann, daß ich dieſen Herrn mitgebracht; wenn Du aber erfährſt, was er für uns gethan hat, ſo wirſt Du mir danken, daß ich ihn beſtimmt habe, mit her zu kommen.“ „Erlauben Sie,“ unterbrach ſie Derues,„erlauben Sie, mein Herr, daß ich es ſelbſt ſage. Die Dankbarkeit, welche die gnädige Frau mir ſchuldig zu ſein glaubt, läßt ſie einen Dienſt übertrieben groß darſtellen, den ihr jeder Andere an meiner Stelle ebenſo würde geleiſtet haben.“ 4 „Nein, mein Herr, laſſen Sie mich ſprechen.“* „Ja, laſſen Sie Mama ſprechen,“ ſagte Eduard. „Nun, was habt Ihr denn, was iſt Euch denn begegnet?“ fragte Herr von Lamotte. „Sie machen mich ſehr verlegen,“ antwortete Derues,„aber ich muß Ihnen gehorchen, gnädige Frau.“ „Ja,“ erwiderte Frau von Lamotte,„bleiben Sie nur auf dem Wunderſtuhl ſitzen, ich befehle es Ihnen. Denke Dir, lieber Mann, heute vor ſechs Tagen iſt uns, Eduard und mir, etwas begegnet, was leicht hätte die ernſthafteſten Folgen haben können.“ „Und Du haſt mir nichts davon geſchrieben, Marie?“ „Du hätteſt Dich nur unnöthiger Weiſe geängſtigt. Ich hatte in einer der lebhafteſten Gegenden von Paris zu thun und ließ mich in einer Portchaiſe tragen; Eduard ging neben mir. Als wir durch die Straße Beaubourg kommen, gerathen wir plötzlich in eine lärmende und ſtreitende Volksmenge. Wagen ſperrten die Straße und die Pferde einer Kutſche gingen, von dem Wirrwarr erſchreckt, trotz der Anſtrengungen des Kutſchers, durch. Ich wollte aus dem Trageſeſſel herausſpringen, aber in demſelben Augenblicke wurden meine Träger umgeworfen und ich fiel; es iſt wirklich ein Wunder, daß ich mit heiler Haut davon gekommen bin. Man zog mich ohnmächtig unter den Pferden hervor und trug mich in das Haus, vor welchem ſich das unangenehme Ereigniß zugetragen. Dort war ich in einem Waarenlager den Blicken der neugierigen Menge entzogen und erholte mich bald, da dieſer Herr, welcher in jenem Hauſe wohnt, mir hülfreichen Beiſtand leiſtete. Aber das iſt noch nicht Alles. Ich war nicht im Stande zu gehen, als ich zum Bewußtſein gekommen war; der Schreck, die Gefahr, der ich ausgeſetzt geweſen, mein Fall hatten mir alle Glieder wie zer⸗ ſchlagen. Ich mußte den Bitten dieſes Herrn nachgeben, der ſich erbot, mir eine andere Sänfte zu holen, und mich bat, ſo lange in ſeiner Wohnung bei ſeiner Frau zu bleiben, welche mich mit rührender Sorgfalt pflegte.“ „Mein Herr,“ ſagte Herr von Lamotte aufſtehend und wollte ihm ſeinen Dank bezeugen; aber ſeine Frau hielt ihn noch zurück. „Warte doch; ich bin noch nicht zu Ende,“ ſagte ſie. Nach einer Stunde kehrte er zurück. Ich befand mich ſchon weit wohler; bevor ich aber ſein Haus verließ, war ich ſo unüberlegt, zu äußern, daß man mich in der allgemeinen Verwirrung beſtohlen. Man hatte mir nämlich die Diamanten im Ohrgehänge, die ich von meiner Mutter bekommen, fortgenommen. Du kannſt Dir gar nicht denken, welche Mühe er ſich gab, den Dieb zu entdecken; wie oft er auf die Polizei gelaufen und mich in Verlegenheit ge⸗ ſetzt hat..“ Obgleich Herr von Lamotte noch nicht wußte, welcher andere Grund, als die bloße Dankbarkeit, ſeine Frau veranlaßt, den Fremden mitzubringen, ſo ſtand er doch auf, trat auf ihn zu, reichte ihm die Hand und ſagte: „Jetzt iſt es mir begreiflich, warum mein Sohn ſo freundlich gegen Sie iſt. Sie thun unrecht, Herr Derues, das Verdienſt Ihrer guten That ſchmälern und ſich meinem Dank entziehen zu wollen.“ „Herr Derues?“ fragte der Mönch.„ „Wie, Du weißt ſchon den Namen des Herrn?“ fragte lebhaft Frau von Lamotte. „Eduard hat ihn mir ſchon geſagt.“ —— — — 47 Jetzt wandte ſich der Mönch an Derues. „Sie wohnen in der Straße Beaubourg und ſind Herr Derues, ehemaliger Materialhändler?“ „Der bin ich.“ „Nun, wenn Sie eines Bürgen bedürften, ſo kann ich Ihnen einer ſein. Der Zufall, gnädige Frau, hat Ihnen die Bekannt⸗ ſchaft eines Mannes verſchafft, deſſen Frömmigkeit und ehrenhaftes Weſen in dem beſten Rufe ſteht. Er wird es mir geſtatten, daß ich in Ihr Lob einſtimme.“ „Ich weiß in der That nicht, wodurch ich mich werth gemacht haben ſollte...“ „Ich bin der Bruder Marchois vom Camaldulenſerorden, alſo muß ich Sie wohl kennen.“ Jetzt erzählte der Mönch dem Pfarrer und Herrn und Frau von Lamottte, daß die Brüderſchaft, zu der er gehöre, ihm ihr Ver⸗ trauen geſchenkt und ihn beauftragt, für ihre Rechnung die Arbei⸗ ten zu verkaufen, welche ſie in ihren Einſiedeleien anfertigten. Ohne daß man daran dachte, ihn zu unterbrechen, erzählte Mar⸗ chois eine große Menge bisher unbekannter guter Handlungen, die Derues ausgeübt, und Alle hörten ihm gern und mit Bewun⸗ derung zu. Derues nahm dieſen Weihrauch mit einem Schein von aufrichtiger Demuth und Beſcheidenheit hin, welcher ſelbſt den geſchickteſten Phyſiognomen getäuſcht haben würde. Als der Mönch ſeine ſchwungreiche Rede beendigt, war es auch ſchon Nacht geworden, und die beiden Geiſtlichen mußten eilen, ins Pfarrhaus zuruͤckzukehren. Für Derues wurde ein eigens Zimmer in Bereitſchaft geſetzt. „Morgen,“ ſagte Frau von Lamotte zu ihm,„morgen können Sie mit meinem Manne über die Angelegenheit ſprechen, welche Sie hieher führt, und wenn nicht morgen, ſo einen andern Tag, denn ich bitte, ſein Sie hier ganz wie zu Hauſe; je länger Sie hier bleiben, deſto lieber ſoll es uns ſein.“ — 48 Man wünſchte einander eine gute Nacht. Derues konnte kein Auge zumachen; allerlei verbrecheriſche Ge⸗ danken umſchwärmten in buntem Gewirr ſeinen Geiſt. Daß er ſo zufällig mit Frau von Lamotte zuſammengetroffen, daß ferner der Kloſterbruder ganz wie gerufen dageweſen, um ſeinen Charakter in das günſtigſte Licht zu ſtellen: Beides ſchien ihm ein geheimer Fingerzeig, den er nicht vernachläſſigen dürfe. Schon witterte er die Fährte eines neuen Wildes für ſich, und ahnte irgend eine Schandthat, die er werde vollbringen müſſen, die er ſich jedoch nicht beſtimmt anzugeben wußte. So viel aber war klar, es gab hier zu rauben, zu ſtehlen und Blutvergießen; das Mordgenie hielt ihn wach und regte ſeine Seele auf, wie bei Andern vielleicht Ge⸗ wiſſensbiſſe den Schlummer verjagt hätten. Unterdeß war Frau von Lamotte mit ihrem Manne allein und fragte:. „Nun, was denkſt Du von meinem Schützling oder vielmehr Beſchützer, den der Himmel mir geſandt hat?“ „Man muß geſtehen, daß das Ausſehen eines Menſchen oft ſehr trügeriſch iſt; dieſen hätte ich auf ſein Geſicht hin hängen laſſen.“ „Ja, es iſt wahr, er iſt von der Natur eben nicht begünſtigt, und ich habe ihm auch ſeines Geſichts wegen ein Compliment ge⸗ macht, das einfältig genug war und mir ſelbſt daher ſehr leid that. Als ich wieder zum Bewußtſein kam und ihn in einem noch viel einfachern und nachläſſigern Anzug, als der, den er jetzt anhat, neben mir ſtehen ſah...“ „Da haſt Du Dich wohl gefürchtet?“ „Das gerade nicht, aber ich glaubte, er ſei ein Mann aus der unterſten Volksclaſſe, irgend ein armer Teufel, der nur einen Tag um den andern zu eſſen hat, und mein erſter Dank, daß ich ihm ein Goldſtück anbot.“ „Natürlich ſchlug er es aus.“ „Nein, er nahm es an für die Armen ſeines Kirchſpiels und ind 49 ſagte mir zugleich ſeinen Namen Cyrano Derues de Bury, und daß ihm das Magazin ſammt allen Waaren gehöre, er auch hier im Hauſe ſeine Wohnung habe. Ich entſchuldigte mich, ſo gut ich konnte, aber er meinte, er wünſche ſich Glück zu meinem Irr⸗ thume, da er ihm Gelegenheit biete, einige Unglückliche zu unter⸗ ſtützen. Ich war gerührt und bat ihn, zu dieſem Behufe noch ein zweites Goldſtück anzunehmen.“ 8 „Daran thateſt Du ſicherlich ganz Recht, meine Liebe, aber was hat Dich bewogen, ihn nach Buiſſon mitzunehmen? Bei meiner erſten Reiſe nach Paris hätte ich ihn beſucht und ihm für ſeine Freundlichkeit gedankt und bis dahin wäre ein Brief genug geweſen. Hat er die Gefälligkeit ſo weit getrieben, Dir ſeine Be⸗ gleitung anzubieten?“ „Ich glaube, Du kannſt noch immer nicht den erſten Eindruck loswerden, den er auf Dich gemacht hat; ſei einmal aufrichtig, habe ich nicht Recht?“. „Nun, wahrhaftig!“ rief Herr von Lamotte,„es iſt doch ein wahres Unglück für einen Ehrenmann, mit ſolch' einer Fratze auf die Welt gekommen zu ſein, er ſollte den Himmel bitten, ihm ein anderes Geſicht zu ſchenken.“ „Immer Deine Vorurtheile! Der arme Mann kann doch nicht dafür, daß er ſo ausſieht.“ „Du ſprachſt ja auch von Geſchäften, die wir mit einander abzumachen hätten; worin beſtehen dieſelben?“ „Ich glaube, er wird uns zu dem Gelde helfen können, das wir ſuchen.“. „Wer hat ihm denn geſagt, daß ich welches brauche?“ „Nun, ich.“ „Nun, wahrhaftig, ſieht's doch gerade ſo aus, als wäre er unſer beſter Hausfreund.— Wie biſt Du denn darauf ge⸗ kommen?“ „Ich hätte es Dir ſchon geſagt, wenn Du mich nicht unter⸗ . 4 ——— ẽõ⁰ 50 brochen. Laſſ' mich Alles der Reihe nach erzählen. Den Tag nach meinem Unfall ging ich gegen Mittag mit Eduard zu ihm, um ihm noch einmal meinen Dank auszuſprechen. Seine Frau empfing mich und ſagte mir, ihr Mann ſei ausgegangen, um ſich in mei⸗ nem Gaſthauſe nach unſerem Befinden zu erkundigen und zugleich des geſtrigen Diebſtahls wegen neue Anſtalten zu treffen. Dieſe Frau, die ſehr einfach und von gewöhnlichem Geiſte zu ſein ſcheint, bat mich Platz zu nehmen und auf ihren Mann zu warten; ich that es, um ſie nicht zu kränken. Erſt nach zwei Stunden kam Herr Derues zurück. Nachdem er mich begrüßt und ſich höchſt angelegentlich nach meinem Befinden erkundigt, ließ er zugleich ſeine beiden Kinder, zwei allerliebſte Geſchöpfe, bringen und lieb⸗ koſte ſie auf das Zärtlichſte. Anfangs ſprachen wir von allerlei gleichgültigen Gegenſtänden, dann bot er mir ſeine Dienſte an, ſtellte ſich ganz zu meiner Verfügung und ſagte, ich möchte mich durchaus nicht ſcheuen, ſeine Zeit und Thätigkeit in Anſpruch zu nehmen. Ich theilte ihm den Zweck unſerer Reiſe mit und er⸗ zählte, wie ich meinem Ziel noch um keinen Schritt näher gekommen ſei; denn von allen Perſonen, mit denen ich geſprochen, hatte mir noch Niemand eine befriedigende Antwort gegeben. Er machte mir Hoffnung und brachte mir in der That ſchon am folgenden Tage Nachricht, daß er ſich an einen Kapitaliſten gewandt, mit ihm aber nicht habe einig werden können, da er ihm keine genauere Auskunft über unſere näheren Verhältniſſe habe geben können. Ich hielt es daher für das Zweckmäßigſte, ihn hieher mitzubringen, damit Ihr Euch mit einander verſtändigen könnt. Als ich ihm den Vorſchlag machte, mitzureiſen, wollte er ihn nicht annehmen, und erſt als ich und Eduard ihn dringend baten, gab er nach. Nun weißt Du, lieber Mann, die ganze Geſchichte, und wie ich mit Herrn Derues Bekanntſchaft gemacht. Ich hoffe, Du wirſt nicht finden, daß ich zu leichtſinnig verfahren bin.“ „Nun gut, morgen will ich mit ihm reden, und jedenfalls 8—— 8—— verſpreche ich Dir, ihm ein gutes Geſicht zu machen, denn ich darf die Gefälligkeit nicht vergeſſen, welche er Dir erwieſen hat.“ Derues beſaß eine ſo große Gewandtheit, jede Maske vorzu⸗ nehmen und jede Rolle zu ſpielen, daß es nicht ſchwer wurde, Herrn von Lamotte von ſeinem Vorurtheil abzubringen, und um ſich beim Vater einzuſchmeicheln, bediente er ſich der Freundſchaft des Sohnes. Man kann nicht beſtimmen, ob er in dieſer Zeit ſchon das Verbrechen überlegte, welches er ſpäter zur Ausführung brachte, und es iſt kaum wahrſcheinlich, daß er den Plan zu demſelben ſchon ſo lange vorher ausgebrütet hat; aber ſoviel iſt klar, daß jetzt die erſte Idee in ihm aufkam, von welcher ihn fortan nichts mehr abbringen konnte. Welchen Pfad er einſchlagen ſollte, um das ferne Ziel ſeiner Habſucht zu erreichen, wußte er noch nicht; aber er hatte zu ſich ſelbſt geſagt: Dies Vermögen muß mein werden; und dieſer Ausſpruch war ein Todesurtheil für die gegenwärtigen Beſitzer. Man weiß nichts Genaues über den erſten Aufenthalt Derues in Buiſſon⸗Souef; als er eben abreiſte, beſaß er das Vertrauen der ganzen Familie, und Herr und Frau von Lamotte knüpften einen Briefwechſel mit ihm an. So konnte er ſein Fälſchertalent üben und die Schrift der unglücklichen Frau ſo täuſchend nachzu⸗ ahmen lernen, daß ſelbſt ihr Mann ſich dadurch betrügen ließ. Obgleich jedoch bereits einige Monate verfloſſen waren, wollte ſich keine der Hoffnungen verwirklichen, welche Derues abſichtlich an⸗ geregt. Stets ſtand man auf dem Punkte, eine Anleihe abzu⸗ ſchließen, und ſtets trat irgend ein unvermuthetes Hinderniß ein, das alle Hoffnungen wieder rückgängig machte. Derues wußte ſich bei dieſen vergeblichen Geſchäften ſo gewandt und ſchlau zu be⸗ nehmen, daß man ihn der vergeblichen Mühe wegen, welche er ſich gab, beklagte, anſtatt Verdacht gegen ihn zu faſſen. Die Geldverlegenheit des Herrn von Lamotte nahm zu, und bald war der Verkauf von Bouiſſon⸗Souef nicht mehr zu vermeiden. Derues 4* 52 trat als Käufer auf und kaufte das Landgut wirklich in einer Auction aus freier Hand am 22. December 1775. Es wurde zwiſchen beiden Theilen abgemacht, daß der Preis, welcher 130,000 Livres betrug, erſt im Jahre 1776 ausgezahlt werden ſollte. Dieſer Auf⸗ ſchub war Derues nothwendig, wie er ſagte, um die Kapitalien einzuziehen, über die er zu verfügen habe. Dies war ein wich⸗ tiger Erwerb; aber er behauptete, den Kauf nur aus Freundſchaft gegen Herrn von Lamotte abgeſchloſſen zu haben, um deſſen übeln Vermögensumſtänden endlich ein Ende zu machen. In der feſt⸗ geſetzten Zeit jedoch, in der Mitte des Jahres 1776, war er nicht im Stande, zu zahlen. Es iſt wohl klar, daß er nie die Abſicht gehabt, aber es iſt eine bemerkenswerthe Eigenthümlichkeit, die wir in dieſer grauenhaften Lebensgeſchichte nicht übergehen dürfen, daß Derues einen ſeltſamen Geiz, eine alle ſeine Handlungen be⸗ herrſchende Leidenſchaft für das Geld beſaß, die ihn oft ſogar alle Vorſicht aus den Augen ſetzen ließ. Obgleich drei Bankerotte, beſtändige Räubereien und Diebſtähle und der Wucher ihn berei⸗ chert hatten, ſo war doch das Geld, welches er zuſammengeſcharrt, ganz unſichtbar. Der Erwerb deſſelben koſtet ihm nichts, aber hat ſeine Hand es einmal berührt, ſo kann ſie es unmöglich wieder loslaſſen; lieber ſetzt er ſich der Gefahr aus, um den Ruf der Rechtſchaffenheit zu kommen, als daß er einen Theil ſeiner Reich⸗ thümer herausgiebt. Nach dem Bericht glaubwürdiger Männer glaubten die Zeitgenoſſen dieſes Ungeheuers, daß er ſeine Schätze verſcharrt und ſelbſt ſeiner Frau den Ort verſchwiegen habe. Es iſt vielleicht nur ein ungegründetes Gerücht, vielleicht aber auch die Wahrheit, die nicht vollkommen ans Tageslicht gekommen iſt; wenigſtens ſpricht dafür die Wahrſcheinlichkeit. Wer weiß, ob nicht vielleicht ein Theil ſeines Geldes ſpäter entdeckt und die Grundlage irgend eines Vermögens geworden iſt, deſſen Quelle unbekannt blieb. Derues ließ ſich von ſeinen Gläubigern gerichtlich verfolgen, obgleich ihm viel daran liegen mußte, nicht den Verdacht des Herrn von Lamotte zu erwecken. Damals aber waren die gewöhn⸗ lichen Proceſſe nicht öffentlich und blieben beinahe ein Geheimniß der Beamten und ſtreitenden Parteien. Um ſich dem leiblichen Zwange und der Haft zu entziehen, mit der man ihn bedrohte, flüchtete er mit ſeiner Familie nach Buiſſon⸗Souef und blieb da⸗ ſelbſt von Pfingſten bis Ende November; nachdem er dieſe ganze Zeit hindurch gaſtfreundlich aufgenommen war, kehrte er nach Paris zurück, unter dem Vorwande, eine Erbſchaft zu heben, welche ihn in den Stand ſetzen ſollte, die in dem Kaufcontract abgemachte Summe zu bezahlen. Dieſe vorgebliche Erbſchaft war das Vermögen eines Verwand⸗ ten ſeiner Frau, des Herrn von Despeignes⸗Dupleſſis, der in ſeinem Schloß nahe bei Beauvais wohnte. Man hatte Derues ſehr ſtark im Verdacht, daß er der Mörder dieſes Mannes geweſen. Er hat ſich in dieſer Beziehung nie ausſprechen dürfen, da er dieſer That wegen nicht vor Gericht gezogen iſt. In einer Nacht, ſagt man, ſeien drei vermummte Männer in das Schloß des Herrn Despeignes⸗Dupleſſis eingedrungen und hätten ihn mit Meſſer⸗ ſtichen niedergemacht. Nach der Mordthat ſeien ſie an einen be⸗ ſtimmten Ort gegangen, wo ſie von dem, der ſie zu dieſer That gekauft, das Geld erhalten und mit ihm zuſammen zur Nacht ge⸗ geſſen. Man meint, bei dieſer Gelegenheit habe ſie der Anſtifter des Mordes vergiftet. Derues hatte Herrn von Lamotte ſo beſtimmte Verſprechungen gegeben, daß er nicht mehr ausweichen konnte und entweder die Zahlung leiſten, oder den Kauf rückgängig machen mußte. Es ent⸗ ſpann ſich ein neuer Briefwechſel zwiſchen Gläubiger und Schuldner, und die Briefe waren von beiden Seiten voller Freundſchaft und Vertrauen. Endlich willigte Herr von Lamotte, welcher wichtiger Angelegenheiten wegen, die ſeine Gegenwart erheiſchten, Buiſſon nicht verlaſſen durfte, in eine zweite Reiſe ſeiner Frau ein und ließ 54 ſie mit Eduard nach Paris fahren. Zu ihrem Unglück meldete er dem Mörder die Ankunft ſeiner Frau und ſeines Sohnes. Wir ſind ſchnell hinweggegangen über die Zeit zwiſchen dem erſten Beſuch Derues bei Herrn von Lamotte und dem Augenblicke, in welchem die Schlachtopfer in die Falle gingen. Jetzt eilt das blutige Drama ſeiner Entwickelung zu; die Ereigniſſe häufen und drängen ſich, der Knoten iſt geſchürzt und ſeine Löſung beginnt. Wir werden ſehen, wie Derues wie ein unermüdlicher Proteus Namen, Kleidung und Sprache zu wechſeln und alle möglichen Geſtalten anzunehmen; wie er von einem Ende Frankreichs bis zum andern ſeine Schlingen zu ſtellen und Lügen auszuſtreuen weiß, endlich aber nach unglaublichen Anſtrengungen, nach Be⸗ rechnungen von ſtaunenswerthem Scharfſinn und nachdem er eine faſt unglaubliche Thätigkeit entwickelt, gegen einen Leichnam ſtößt und dadurch geſtürzt wird. Der Brief des Herrn von Lamotte kam am 14. December früh Morgens nach Paris. An demſelben Tage begiebt ſich ein unbekannter Mann in das Gaſthaus, in welchem Frau von Lamotte mit ihrem Sohne das erſte Mal logirt hat; er erkundigt ſich, wieviel Zimmer leer ſind, und belegt vier derſelben für einen gewiſſen Dumoulin, der an dem nämlichen Morgen von Bordeaux nach Paris gekommen, aber nur durchgereiſt ſei und einige Meilen von der Hauptſtadt Ver⸗ wandte treffen werde, die er mit zurücknehmen wolle. Ein Theil der Miethe wird voraus bezahlt und ausdrücklich abgemacht, daß man bis zur Rückkehr des Herrn Dumoulin keins der gemietheten Zimmer vergeben dürfe, da er jeden Tag mit ſeiner Familie er⸗ ſcheinen könne. Derſelbe Mann begiebt ſich noch in mehrere andere Häuſer, in denen meublirte Zimmer zu vermiethen ſind, und be⸗ legt die freiſtehenden bald für einen Fremden, den er erwartet, bald für einen Freund, den er bei ſich nicht unterbringen kann. Um drei Uhr war der Greveplatz von Menſchen bedeckt, und n ——— 9 55 Tauſende von Köpfen blickten aus den Fenſtern der Häuſer. Es ſollte ein Vatermörder hingerichtet werden, und da das Verbrechen unter ſehr erſchwerenden Umſtänden und mit gräßlicher Grauſam⸗ keit begangen war, ſo traf den Miſſethäter die härteſte Todesſtrafe. Er war bereits auf das Rad geflochten; ein furchtbares Schweigen herrſchte unter der auf dies Schauſpiel begierigen Menge. Schon dreimal hatte man das dumpfe Krachen des Rades gehört, welches die Glieder des Verurtheilten zermalmte, und der Miſſethäter ſtieß einen lauten Schrei aus, bei dem alle Umſtehenden vor Schreck zuſammenſchauderten. Nur Einer, der trotz all' ſeiner Anſtren⸗ gungen ſich keinen Weg über den Platz und durch die Menge zu bahnen vermocht, ſtand unbewegt da, blickte verächtlich nach dem armen Sünder hin und ſagte zu ſich ſelbſt: „Der dumme Tropf! Er hat Niemand täuſchen können!“ Einige Augenblicke darauf erhoben ſich die Flammen des Schei⸗ terhaufens. Es entſtand eine große Bewegung unter der Menge, es gelang jenem Manne, ſich durchzudrängen und in eine Straße zu gelangen, welche nach dem Platze auslief. Der Himmel war bedeckt, und kaum fiel ein bleiches Halblicht in das dunkle Gäßchen, das eben ſo ekelhaft war, als ſein Name, und ſich noch vor wenigen Jahren wie eine große Schlange durch jenes ſchmutzige Stadtviertel hinwand. Jetzt war daſſelbe faſt ganz verlaſſen, da der Reiz des Mordfeſtes Alles angezogen. Der Mann, welcher eben vom Hinrichtungsplatze kam, ging langſam und las aufmerkſam alle an den Thüren hängende Täfelchen; vor dem Hauſe Nr. 73 blieb er ſtehen. Hier ſaß in der Thür eines Ladens eine dicke Frau und ſtrickte, über der Thür ſtand in großer gelber Schrift: Wittwe Maſſon. Er prüfte dieſe Frau und ſagte: „In dieſem Hauſe iſt ja wohl ein Keller zu vermiethen?“ „Ja, Bürger,“ antwortete die Frau. „Kann ich den Eigenthümer ſprechen?“ „Ich ſelbſt bin die Eigenthümerin.“ 56 „Zeigen Sie mir den Keller; ich bin ein Weinhändler aus der Provinz, muß oft in Geſchäften nach Paris kommen und ſuche einen Keller zu einer Niederlage für die mir in Commiſſion gegebenen Waaren.“ Sie gingen zuſammen in den Keller hinunter. Nachdem er ihn genau unterſucht und ſich überzeugt hatte, daß er für Weine von der beſten Gattung, die er hineinbringen wolle, nicht zu feucht ſei, beſprach er ſich über den Miethzins, bezahlte einen Theil des⸗ ſelben voraus und ließ ſich in das Miethbuch der Wittwe Maſſon unter dem Namen Ducoudray einſchreiben. Wir dürfen es wohl nicht erſt ſagen, daß dieſer Mann kein Anderer war, als Derues. Als er Abends nach Hauſe kam, meldete ihm ſeine Frau, daß man eine große Kiſte für ihn gebracht habe. „Gut,“ ſagte er,„der Tiſchler, bei dem ich ſie beſtellt, iſt ein Mann von Wort;“ darauf aß er Abendbrot und liebkoſte ſeine Kinder. Am folgenden Tage, einem Sonntage, ging er zur Erbauung aller Frommen in der Nachbarſchaft zum Abendmahl. Montag den 16. empfing er und ſeine Frau Frau von Lamotte und Eduard, die eben aus dem Perſonenwagen von Montereau geſtiegen waren. „Mein Mann hat Ihnen doch geſchrieben?“ fragte Frau von Lamotte. „ Ja, gnädige Frau, vor zwei Tagen, und ich habe meine Zimmer für Sie in Bereitſchaft ſetzen laſſen.“ „Wie, hat mein Mann Sie nicht gebeten, die Zimmer für mich zu beſtellen, welche ich ſchon bei meiner letzten Anweſenheit im Hotel de France bewohnte?“ „In ſeinem Briefe ſteht nichts davon, und ſollten Sie noch dieſe Abſicht haben, ſo hoffe ich, Sie werden ſie aufgeben. Ent⸗ ziehen Sie mir nicht das Vergnügen, die Gaſtfreundſchaft zu er⸗ 57 widern, welche Sie mir ſo lange bewieſen haben. Ihr Zimmer und auch das für Ihren lieben Sohn ſteht bereit, und ich bin überzeugt,“ ſetzte er hinzu, Eduard's Hand ergreifend,„wenn Sie ihn um ſeinen Nath fragen, ſo wird er Ihnen rathen, nir⸗ gends anders, als bei mir zu bleiben.“ „Nun freilich!“ ſagte der junge Mann,„und ich begreife nicht, warum gute Freunde mit einander Umſtände machen ſollen.“ War es ein Zufall, war es ein geheimes Vorgefühl, oder dachte ſie vielleicht daran, daß ſie über Geldangelegenheiten zu ſprechen hatten, Frau von Lamotte nahm ſein Anerbieten nicht an. Da er ein Geſchäft hatte, das keinen Aufſchub erleiden konnte, ſo ſagte er ſeiner Frau, Mutter und Sohn nach dem Hotel de France zu führen, und nannte noch zwei andere im Stadtviertel, wenn ſie im erſten kein Zimmer finden ſollten. Zwei Stunden ſpäter kehrte Frau von Lamotte mit ihrem Sohne nach der Straße Beaubourg zu Derues zurück. Sein Haus lag der Straße des Ménétriers gegenüber und iſt erſt in neueſter Zeit niedergeriſſen, um eine Verbindung mit der Straße Rambuteau herzuſtellen. Im Jahre 1776 war es eins der ſchönſten Häuſer in der Straße Beaubourg, und man mußte ſchon wohlhabend ſein, um darin wohnen zu können, da die Miethen hoch waren. Ein breites, gewölbtes Thor führte zu einem Gange, welcher auf ſeinem entgegengeſetzten Ende in einen kleinen Hof auslief, in welchem ſich daſſelbe Magazin befand, in das man Frau von Lamotte hin⸗ einbrachte, als ſie ohnmächtig war. Auf der rechten Seite dieſes Eingangs befand ſich die Treppe und im erſten Stock wohnte Derues. Das erſte Zimmer, deſſen Fenſter auf den Hof hinaus⸗ ging, diente als Speiſeſaal und führte, wie es damals Sitte war bei Handeltreibenden, in einen einfach meublirten Saal; rechts von dieſem befand ſich ein geräumiges Kabinet, das als Biblio⸗ thek⸗ oder Schlafzimmer dienen konnte; links führte eine Flügel⸗ thür in das Schlafzimmer Derues und ſeiner Frau. Dies war 58 für Frau von Lamotte beſtimmt. Derues Frau ſollte mit ihr zu⸗ ſammen in dem Alkoven, er ſelbſt in dem Saal, und Eduard in dem erwähnten Kabinet ſchlafen. In den erſten Tagen nach ihrer Ankunft trug ſich nichts Bemerkenswerthes zu. Uebrigens war Madame Lamotte nicht blos darum nach Paris gekommen, um den Verkauf zu beendigen. Ihr Sohn war funfzehn Jahre alt, und nachdem ſie lange gezaudert, hatten die Aeltern beſchloſſen, ihn in Penſion zu geben und endlich einmal ordentlich unterrichten zu laſſen. Derues nahm es auf ſich, einen fähigen Lehrer zu finden, der beſonders das religiöſe Gefühl des jungen Mannes zu pflegen verſtehe, das der Pfarrer in Buiſſon und auch ſeine eigenen Er⸗ mahnungen erweckt hatten. Zu dieſen Angelegenheiten kamen noch einige alte Schulden, die Frau von Lamotte einzucaſſiren hatte, und damit ging einige Zeit hin. Man könnte glauben, daß De⸗ rues, ſchon auf dem Sprunge, ſein Verbrechen zu vollführen, es ſo lange aufgeſchoben als möglich, wenn ſein Charakter eine ſolche Annahme zugabe. Man darf ihm die Ehre gar nicht anthun, bei ihm an Gewiſſensbiſſe und eine Regung des Mitleids zu denken. Es geht aus allen Umſtänden, die bekannt geworden, hervor, daß er an den beiden Unglücklichen ſein Gift verſucht hat; denn kaum wohnten ſie bei ihm, als ſie ſich auch Beide über eine große Schwäche des Magens beklagten, ein Uebel, welches ihnen ſo lange gänzlich unbekannt geweſen war. Während er ſo die Lebens⸗ kraft ihres Körpers auf eine ſchauerliche Probe ſtellte, gab er ſich zugleich den Anſchein, als ſei er ſehr bemüht, ihre Leiden zu mildern. Obgleich Frau von Lamotte ſichtlich ſchwächer wurde, behielt ſie doch volles Vertrauen zu ihm und dachte nicht daran, einen Arzt rufen zu laſſen, und verbarg ſelbſt ihrem Manne den Zuſtand ihrer Geſundheit. Alle Briefe von ihr ſprachen nur von der Zuvorkommenheit und Sorgfalt, mit der Derues und ſeine Frau ihr begegne. Am 15. Januar 1777 wurde Eduard in eine Penſion gebracht. ———* 59 Seine Mutter ſollte ihn nicht mehr wiederſehen. Noch einmal ging ſie aus, um die Vollmacht ihres Mannes einem Procurator, der in der Straße Paon wohnte, zu übergeben. Als ſie zurück⸗ kehrte, war ſie ſo ſchwach und ermattet, daß ſie ſich niederlegen und mehrere Tage lang das Bett hüten mußte. Am 29. Januar war die unglückliche Frau aufgeſtanden und hatte ſich ans Fenſter geſetzt. Ihre Blicke ſchweiften die Straße des Ménétriers hin⸗ unter, die in dieſem Augenblick ganz leer war. Welche trüben Gedanken mögen ſie in dieſem Augenblick beſchäftigt haben! Alles um ſie her war ſo düſter, ſchweigſam und kalt; Alles machte einen ſchmerzlichen Eindruck auf ihre Seele und erregte in ihr eine un⸗ willkürliche Furcht. Um die Trauergedanken zu umgehen, welche ihren Geiſt umlagerten, eilte ſie auf den Flügeln der Erinnerung zurück zu den heiterſten Tagen ihrer Jugend und zu dem Feſt ihrer Hochzeit. Sie rief die Zeit vor ihre Seele zurück, in welcher, während Herr von Lamotte nothwendige Reiſen zu machen hatte, ſie mit ihrem Sohne, der damals noch klein war, in den ſchattigen und kühlen Baumgängen umherwandelte, oder, wenn der Abend hereinbrach, ſich auf eine Bank niederließ, um den Duft der Blumen einzuathmen, dem Gemurmel des Bachs und dem leiſen Geflüſter der Abendlüfte im Laube zu lauſchen. Dann fiel ſie plötzlich wieder aus dieſen ſchönen Träumen in die Wirklichkeit zurück und wollte nach ihrem Manne und ihrem Sohne rufen. Sie war ſo ſehr in ihre Gedanken verſunken, daß ſie nicht gewahr geworden, daß die Nacht bereits hereingebrochen, und auch nichts hörte, als die Thür aufging. Sie erbebte, als das Licht einer Kerze plötzlich die Finſter⸗ niß erhellte. Als ſie ſich umſah, trat Derues lächelnd zu ihr heran. Sie gab ſich Mühe, die Thränen zurückzudrängen, die an ihren Wim⸗ pern glänzend hingen, und wieder einen andern Ausdruck anzunehmen. „Ich komme Ihnen wohl ungelegen? ich wollte Sie nur um eine Gefälligkeit bitten.“ „Was wünſchen Sie, Herr Derues?“ antwortete ſie. 60 „Erlauben Sie mir wohl, eine etwas große Kiſte in dies Zimmer zu ſtellen? Ich will einige koſtbare Waaren hineinpacken, die man mir anvertraut hat und die ſich in dieſem Schranke be⸗ finden. Aber ich fürchte, Ihnen damit unbequem zu ſein.“ „Ich wohne ja bei Ihnen, und ich müßte fürchten, Ihnen und Ihrem ganzen Hauſe beſchwerlich zu fallen. Laſſen Sie nur die Kiſte hereinbringen und verfügen Sie über dies Zimmer, als wenn ich nicht darin wäre. Ich weiß es ja, daß Sie mich gern bei ſich ſehen; doch aber möchte ich Ihnen alle dieſe Unbequem⸗ lichkeiten erſparen und lieber bald nach Buiſſon zurückkehren dürfen. Geſtern habe ich einen Brief von meinem Manne erhalten, in welchem...“ „Wir wollen ſogleich darüber ſprechen, wenn es Ihnen beliebt,“ antwortete Derues;„ich will meinem Dienſtmädchen nur ſagen, daß ſte mir die Kiſte hereintragen hilft. Bis jetzt habe ich immer noch gezögert, um Ihnen keine Umſtände zu machen; aber ich muß die Sachen binnen drei Tagen abſenden.“ Er ging hinaus und kehrte einige Minuten ſpäter mit dem Dienſtmädchen und der Kiſte zurück, die dicht am Fuße des Bettes vor den Schrank hingeſtellt wurde. Die Arme! es war ihr Sarg. Das Dienſtmädchen ging heraus, und er half Frau von La⸗ motte an das Kamin rücken, in welchem er das Feuer anſchürte. Er ſetzte ſich ihr gegenüber, und bei dem zitternden Lichte einer zwiſchen ihnen auf einem kleinen Tiſche ſtehenden Kerze konnte er ſich ſo recht nach Herzensluſt weiden an den Spuren, welche das Gift in ihrem abgefallenen Geſicht hervorgebracht hatte. „Ich habe heute Ihren Sohn geſprochen,“ ſagte er.„Er hat mir geklagt, daß Sie ſich gar nicht um ihn kümmern und er Sie in zwölf Tagen nicht zu ſehen bekommen hat; daß Sie unwohl ſind, weiß er nicht, denn ich habe es ihm verſchwiegen. Der liebe junge Menſch, er liebt Sie ſo!“ 61 „Ach, ich möchte ihn auch gern ſehen! ſehen Sie, lieber Freund, ich weiß nicht, welche trübe Ahnungen ſich meiner bemächtigen; aber mir iſt, als ſtünde mir ein großes Unglück bevor, und noch jetzt eben, als Sie hereintraten, beſchäftigten mich Todesgedanken. Woher kommt dieſe Mattigkeit und Schwäche? Ich glaube nicht, daß es ein vorübergehendes Unwohlſein iſt. Sein Sie einmal auf⸗ richeig gegen mich, ſehe ich nicht ſchrecklich entſtellt aus? Glauben Sie nicht, daß mein Mann, wenn er mich ſo wiedererblickte, heftig erſchrecken würde?“ „Sie thun unrecht, ſich ſo zu beunruhigen,“ antwortete De⸗ rues;„aber das iſt nun einmal Ihr Fehler. Waren Sie nicht vor einem Jahre höchlichſt beſorgt um die Geſundheit Eduard's, obgleich er nicht im Entfernteſten daran dachte, krank zu ſein? Ich bin nicht ſo leicht zu beunruhigen. Mein früheres Gewerbe, in dem ich zugleich Apothekergeſchäfte verſah, hat mir einige me⸗ dieiniſche Kenntniſſe erworben. Schon oft bin ich um Rath gefragt worden und habe Kranke behandelt, die ſich ſchon aufgaben; aber ich kann Sie verſichern, daß ich noch nie einen beſſern und ſtär⸗ kern Körperbau geſehen habe, als den Ihrigen. Beruhigen Sie ſich und plagen Sie ſich nicht mit Grillen. Der größte Feind der Krankheit iſt die Ruhe der Seele, und wenn Ihre Niederge⸗ ſchlagenheit nur aufhört, ſo werden auch die Kräfte bald wieder⸗ kehren.“ „Gebe der Himmel, daß Sie Recht haben! aber ich fühle, wie ſie mit jedem Tage abnehmen.“ „Wir haben jetzt aber noch mancherlei zu beſprechen. Der Notar aus Beauvais hat mir geſchrieben, daß die Hinderniſſe, die ihm bisher nicht erlaubten, die Erbſchaft des Verwandten meiner Frau, des Herrn Dupleſſis, mir zu übergeben, größten⸗ theils gehoben ſind. Mir ſtehen 100,000 Livres zur Verfügung, das heißt eigentlich Ihnen, und binnen vier Wochen kann ich Ihnen meine ganze Schuld abzahlen. Sie fordern mich auf, ganz 62 aufrichtig zu ſein,“ ſetzte er in dem Tone eines leiſen ironiſchen Vorwurfs hinzu,„ſein Sie es ſelbſt einmal: geſtehen Sie nur, daß Sie und Ihr Mann Beſorgniſſe hatten, und die Aufſchubs⸗ friſten, um welche ich Sie bitten mußte, Ihnen von ſchlechter Vorbedeutung zu ſein ſchienen?“ „Ja, es iſt wahr,“ antwortete ſie;„aber Ihre Rechtlichkeit haben wir niemals bezweifelt.“ „Daran haben Sie auch ganz Recht gethan; man iſt nicht immer im Stande, ſeine Vorſätze auch auszuführen, denn die Ereigniſſe können uns einen Strich durch die Rechnung machen; aber was uns eigen und ganz zugehört, das iſt die Abſicht, recht zu handeln, die Redlichkeit, und ich kann wohl ſagen, daß ich wiſſentlich noch keiner Seele Unrecht gethan habe. Es macht mich ſehr glücklich, daß ich jetzt endlich meinen Verpflichtungen gegen Sie genügen kann. Ich hoffe feſt darauf, Sie werden, wenn ich Eigenthümer von Buiſſon⸗Souef bin, nicht glauben, es verlaſſen zu müſſen.“ „Sie ſind ſehr freundlich; ich komme wohl zuweilen wieder hin; denn alle ſchönen Erinnerungen meines Lebens knüpfen ſich an die⸗ ſen Ort. Was meinen Sie, wird es nöthig ſein, daß ich Sie nach Beauvais begleite?“ „Warum ſollten Sie nicht? Dieſe Reiſe würde Sie zerſtreuen.“ Sie ſah ihn mit betrübtem Lächeln an: „Ja, aber ich bin nicht im Stande, ſie zu unternehmen.“ „Beſonders wenn Sie ſich einbilden, nicht die Kraft zu haben; haben Sie Vertrauen zu mir?“ „Unbegrenztes Vertrauen! Das wiſſen Sie ja.“ „Nun wohl, ſo laſſen Sie mich für Ihre Geſundheit ſorgen. Noch heute Abend will ich Ihnen eine Arznei bereiten, die Sie morgen früh einnehmen können, und ſobald Sie dieſelbe gebraucht, kann ich genau das Ende dieſes Uebels beſtimmen, welches Sie ſo ſehr beunruhigt. Binnen zwei Tagen hole ich Eduard aus ſeiner 63 Penſion, um das Feſt Ihrer Geneſung mitzufeiern, und ſpäteſtens den erſten Februar reiſen wir ab. Sie ſind erſtaunt? Nun, Sie ſollen ſchon ſehen, daß ich ein guter Arzt bin und vielleicht ge⸗ ſchickter, als ſo Mancher, der für einen Gelehrten gilt, blos weil er ein Diplom erhalten hat.“ „So will ich mich Ihren Händen anvertrauen, Herr Doctor.“ „Denken Sie an das, was ich Ihnen geſagt habe: Den er⸗ ſten Februar ſollen Sie dies Haus verlaſſen.“ „Können Sie, um meine Heilung zu beginnen, mir vielleicht dieſe Nacht ſchon Schlaf verſchaffen?“ „O, nichts iſt leichter, als das! Ich will Ihnen ſogleich meine Frau ſchicken, die Ihnen einen Trank geben ſoll. Sie verſprechen mir, ihn zu trinken?“ „Ich will Ihre Verordnungen treu befolgen. Gute Nacht, mein Freund!“ „Gute Nacht! und faſſen Sie nur Muth.“ Er verneigte ſich und ließ ſie allein. Den übrigen Theil des Abends wandte er dazu an, den ſaubern Trank zu brauen. Am folgenden Tage, ungefähr zwei Stunden, nachdem Frau von Lamotte ihn eingenommen, kam das Dienſt⸗ mädchen, die ihr denſelben eingegeben, Derues melden, daß die Kranke feſtſchlafe und ganz laut ſchnarche, und fragte ihn, ob ſie ſie aufwecken ſolle. Er ging ſogleich in das Schlafzimmer, trat ans Bett und ſchlug die Vorhänge auseinander. Bald erkannte er, daß das vorgebliche Schnarchen nichts Anderes ſei, als das Todesröcheln. Sein Dienſtmädchen erhielt den Befehl, einen Brief auf das Land zu beſorgen und erſt am folgenden Montage, den 3. Februar, zurückzukehren. Auch ſeine Frau ſchickte er fort unter einem Vorwande, der nicht bekannt geworden iſt, und blieb ſo allein bei ſeinem Opfer. Sicher hätte dieſer gräßliche Anblick ſelbſt die Seele des ver⸗ ſtockteſen Böſewichts bewegt und in Schrecken geſetzt. Der ge⸗ 64 übteſte Mörder, der blutdürſtigſte Unmenſch hätte ſein Inneres ſich empören gefühlt, wenn auch nicht vor Mitleid, ſo doch vor eklem Grauen, bei dieſen langen, unſäglichen und überflüſſigen Qualen. Er aber ſaß, wie ein Arzt, kaltblütig auf dem Rande des Bettes, als hätte er durchaus kein Bewußtſein von Gut und Böſe. Von Zeit zu Zeit zählte er den Pulsſchlag und beobachtete die wie glaſig gewordenen Augen, welche wild umrollten und bereits halb erloſchen waren. Ohne ſich zu grauen ſah er die Nacht herein⸗ brechen, welche dieſe gräßliche Scene noch grauenhafter machte. Das tiefſte Schweigen herrſchte im ganzen Hauſe; die Straße war verlaſſen, und man hörte weiter nichts, als den halbgefrornen Regen, der die Fenſterſcheiben peitſchte, und zuweilen das Sauſen des Windes, der ſich im Kamin verfing und von Zeit zu Zeit die Aſche aufblies. Nur eine einzige, hinter den Vorhängen ſtehende Kerze erleuchtete dieſe ſchauerliche Scene, und das Flackern des Lichts warf einen unheimlichen Widerſchein auf die Wände des Alkovens und ließ zitternde Schatten auf ihnen herumtanzen. Der Wind ließ nach und der Regen hörte auf. In dieſem Augenblick der Stille wurde erſt leiſe, dann heftiger an die Thüre des Zimmers geklopft. Schnell ließ Derues die Hand der Ster⸗ benden los und lauſchte aufmerkſam. Man klopfte wieder. Er erbleichte. Er warf der Frau von Lamotte ein Tuch über das Geſicht, zog die Vorhänge des Schlafkabinets zuſammen und ging nach der Thüre. „Wer iſt da?“ fragte er. „Machen Sie auf, Herr Derues,“ antwortete eine Stimme, aan welcher er eine Frau aus Chartres erkannte, für welche er Geſchäfte abzumachen hatte, und die ihm einige Documente über⸗ geben, damit er ſie verſilbere. Dieſe Frau hatte Verdacht gegen Derues gefaßt und war, da ſie ſchon am folgenden Morgen von Paris abreiſen wollte, zu ihm gekommen, um ihre Papiere zu⸗ rückzufordern. „Machen Sie auf!“ rief ſie noch einmal;„erkennen Sie mich denn nicht an der Stimme?“ „Es thut mir leid, Ihnen nicht aufmachen zu können, mein Dienſtmädchen iſt ausgegangen, hat die Thür verſchloſſen und den Schlüſſel mitgenommen.“ „Machen Sie auf, ſage ich Ihnen!“ rief die Frau;„ich muß Sie durchaus gleich ſprechen.“ „Kommen Sie morgen früh wieder.“ „Ich reiſe ſchon morgen ab und will noch heute meine Docu⸗ mente wieder haben.“ Er weigerte ſich immer noch; aber ſie rief in ſehr feſtem und beſtimmtem Tone: „Nun, ich werde ſchon hereinkommen, der Portier ſagte mir erſt, es ſei Niemand zu Hauſe, aber als ich durch die Straße des Mänétriers kam, hatte ich Licht am Fenſter Ihres Zimmers geſehen und beſtand darauf, zu Ihnen zu gehen. Mein Bruder hat mich begleitet und wartet unten; wenn Sie nicht gleich auf⸗ machen, ſo rufe ich ihn zu Hülfe.“ „Nun ſo kommen Sie herein,“ ſagte Derues und öffnete, „Ihre Documente liegen im Saale, warten Sie nur auf mich, ich bringe Sie Ihnen gleich.“ Die Frau ſah ihn an, ergriff ſeine Hand und ſagte: „Was iſt Ihnen denn, Sie ſehen ſo bleich aus?“ „Ach nichts, nichts, warten Sie nur hier.“ Sie ließ aber ſeinen Arm nicht los und trat mit ihm wider ſeinen Willen in den Saal. Augenſcheinlich ſehr verwirrt, ſuchte er unter einer Menge Pa⸗ pieren herum, welche auf einem Tiſche lagen. „Da ſind ſie,“ ſagte er,„und nun gehen Sie.“ „Wahrhaftig,“ ſagte die Frau, die Documente unterſuchend, „ich habe Sie noch nie ſo bereitwillig geſehen, zurückzugeben, was 5. 5 V b V V 7 66 Ihnen nicht gehört; aber halten Sie doch das Licht feſt, Ihre Hand zittert ſo ſehr, daß ich gar nicht leſen kann.“ Das tiefſte Schweigen herrſchte im Zimmer; plötzlich wurde es unterbrochen durch einen Schmerzensſchrei und ein anhaltendes Geſtöhn, das aus dem benachbarten Zimmer herübertönte. „Was iſt das?“ ſchrie die Frau,„das klang ja gerade, als wenn Jemand ſtirbt!“. Das Bewußtſein der Gefahr brachte Derues wieder ganz zu ſich ſelbſt. „Erſchrecken Sie nicht, es iſt meine Frau, die heute einen heftigen Fieberanfall bekommen hat und jetzt in Raſerei gefallen iſt. Darum habe ich auch dem Portier befohlen, Niemand heraufzulaſſen.“ Das Geſtöhne im anſtoßenden Zimmer hörte noch immer nicht auf. Ergriffen von einer Angſt, die ſie ſich nicht erklären, aber auch nicht überwinden konnte, verließ die Frau eilig das Zimmer und lief ſo ſchnell als möglich die Treppe hinunter. Derues ver⸗ ſchloß die Thür und trat wieder in das Schlafzimmer. Wenn das Leben im Erlöſchen iſt, nimmt die Natur noch einmal alle ihre Kräfte zuſammen. Die unglückliche Frau von Lamotte wand ſich unter ihrem Leichentuche wie ein Wurm; der gräßliche Schmerz, welcher ihre Eingeweide zerriß, hatte ihr eine krampfhafte Kraft gegeben, und laute, aber unartikulirte Töne drangen über ihre heftig zitternden Lippen. Derues drückte ſie auf das Bett zurück und ſie fiel mit dem Haupt auf die Kiſſen. Ihr ganzer Leib zuckte; ſie ſchlug mit den Händen um ſich und zerriß das Betttuch. Sie klappte und knirrſchte mit den Zähnen, und biß ſich in das gelöſt um ihr Geſicht und ihre nackten Schultern fallende und in ihren Mund hängende Haar. „Waſſer! Waſſer!“ ſchrie ſie, und einige Augenblicke darauf: „Eduard... mein Mann... Eduard!... biſt Du's?“ Mit letzter Kraft richtete ſie ſich noch einmal auf, ergriff den Arm ihres Vergifters und ſchrie wieder:„Ach Eduard!..“ —O—᷑—᷑—ÿ—xO:————— 67 Dann brach ſie wie eine lebloſe Maſſe zuſammen und riß Derues bei ihrem Falle mit um. Er wollte ſich aufrichten, aber die Hand der Sterbenden hatte ſich wie eine Zange vor Schmerz um ihn gekrallt und hielt ihn feſt. Ihre eiſigen Finger ſchienen wie von Stahl und ließen ſich nicht öffnen, als hätte das Opfer den Henker gepackt, um ihn gleichſam lebendig zu feſſeln an den Gegenſtand ſeines Verbrechens. Endlich gelang es ihm, ſich von ihr loszumachen. Er legte die Hand aufs Herz und ſagte: „Gott ſei Dank, damit wären wir fertig! Sie hat ſich lange genug beſonnen. Wie viel Uhr iſt's denn? Schon neun! Zwölf Stunden hat ſie ſich gewehrt gegen den Tod!“ Die Glieder waren noch nicht ganz erkaltet, als er ſich ſchon über ſie hermachte, ihr die Füße zurecht legte, ihre Hände über der Bruſt kreuzte und den Leichnam in die Kiſte ſchloß; dann machte er das Bett zurecht, zog ſich aus, legte ſich hinein und ſchlief ſanft und ruhig ein. Am folgenden Tage, den I. Februar, an dem, wie er es vor⸗ hergeſagt, Frau von Lamotte ſein Haus verlaſſen ſollte, ließ er den Kaſten auf einen Handwagen laden und ihn gegen zehn Uhr Morgens zu einem bekannten Tiſchler, Namens Mouchi, in der Nähe des Louvre bringen. Die beiden Leute, die er dazu genom⸗ men hatte, waren aus entlegenen Gegenden der Stadt geholt und kannten einander nicht. Er bezahlte ſie reichlich und gab jedem eine Flaſche Wein. Beide ſind für immer verſchwunden. Derues bat die Frau des Tiſchlers, ſie möchte ihm erlauben, die Kiſte in ihrer Werkſtatt ſtehen zu laſſen, er habe etwas zu Hauſe vergeſſen, was noch hineinkommen ſolle, und werde ſie nach drei Stunden abholen laſſen; aber ſtatt weniger Stunden ließ er ſie zwet Tage lang dort ſtehen. Aus welchem Grunde, hat man nicht erfahren; vielleicht darf man annehmen, daß er exſt ein Grab graben laſſen wollte, wahrſcheinlich in einem Gewölbe, welches unter der Kel⸗ 5* 68 lertreppe in dem Hauſe der Straße la Mortellerie lag. Dieſer Aufſchub ſollte ihm verderblich werden und ein unvermuthetes Ereigniß herbeiführen, das ihn ſtürzen mußte. Er allein wußte um die Gefahr, die ihn bedrohte, und ſeine Kaltblütigkeit verließ ihn nicht einen Augenblick. Als er am dritten Tage neben dem Handwagen herging, auf welchem die Kiſte ſtand, hielt ihn Jemand dicht vor Saint Germain⸗ 'Auxerrois auf. Es war ein Gläubiger von ihm, der ſich einen Verhaftsbefehl ausgewirkt hatte. Er machte Derues heftige Vor⸗ würfe und ſchalt ihn in derben und beleidigenden Ausdrücken aus, daß er ihm nicht Wort gehalten. Derues verſuchte alles Mög⸗ liche, um ihn zu verſöhnen, allein er ließ ſich nicht zum Schweigen bringen, und ſchon hatte eine Menge von Neugierigen einen Kreis um die Beiden geſchloſſen. „Wann werden Sie mich endlich bezahlen?“ ſchrie der Gläu⸗ biger,„hier habe ich einen Verhaftsbefehl; was iſt denn in dieſer Kiſte? Wahrſcheinlich koſtbare Sachen, die Sie auf die Seite bringen, um ſich noch einmal über alle meine Maßregeln luſtig zu machen, wie vor zwei Jahren.“ Ein kalter Schauder rieſelte Derues durch alle Glieder; er er⸗ ſchöpfte ſich in Betheuerungen, aber der Mann war außer ſich und ſchrie, zu der Menge gewandt, noch viel lauter als erſt. „Ich kenne Dich; alle Deine Grimaſſen, Deine Narrenspoſſen und Dein Kreuzſchlagen ſollen Dir diesmal nichts helfen! Geld will ich haben, und da ich weiß, was man von Deinen Verſpre⸗ chungen zu halten hat, ſo will ich mich ſelbſt bezahlt machen. Schnell geſagt, Schurke, was in dem Kaſten iſt! Oder mach' ihn lieber auf, ſonſt laß ich ſogleich den Polizeicommiſſair holen.“ Schon ergriff die Menge Partei, ſowohl für den Gläubiger, als für den Schuldner, und es wäre vielleicht zu ernſthaften Hän⸗ deln gekommen, wenn nicht das Auftreten einer neuen Perſon die NX 69 allgemeine Aufmerkſamkeit auf ſich gezogen hätte. Eine Stimme, welche den ganzen Lärm übertönte, bewirkte, daß ſich wenigſtens zwanzig Köpfe nach der Seite hinwandten, von der ſie kam. Es war ein gemeines Weib, welches laut ſchrie: „Kauft die ſchreckliche Geſchichte des Leroi de Valine, der in ſeinem ſechszehnten Jahre zum Tode verurtheilt wurde, weil er ſeine ganze Familie vergiftet hat.“ Immerfort ihre Waare ausrufend, drängte ſich das Weib, vor Trunkenheit taumelnd, durch die Menge und wußte ſich mittelſt einiger rechts und links ausgetheilten Fauſtſchläge bis zu Derues durchzuſchlagen. „Ei, ſieh' da,“ ſagte ſie, nachdem ſie ihn vom Kopf bis zu den Füßen angeſehen,„biſt Du's, Gevatter Derues? Schaunt's, da ſitze mer ja in de Tinte, wie dazumal, wo Du Feuer angepäſert haſt in Deiner Bude!“ Er erkannte die Zettelträgerin, die ihn ſchon vor einigen Jah⸗ ren vor ſeiner eigenen Hausthür heruntergemacht und die er ſeit⸗ dem nicht wieder geſehen hatte. „Ja, ja,“ fuhr ſie fort,„guck mich nur an mit die kleene Katzenogen. Wird er gewiß ſagen, er kennt mich nicht!“ „Mein Herr,“ ſagte Derues zu ſeinem Gläubiger,„Sie ſehen, welchen Beſchimpfungen Sie mich ausſetzen; ich kenne dies Weib nicht, das mich ſo beleidigt.“ „Du? Du kennſt mer nich? Haſt doch geſagt, ich hätt' Der was geſtohlen. Aber zum Glück ſind de Mannifey's als ehrliche Leut' in Paris bekannt, und Du....“ „Mein Herr,“ unterbrach ſie Derues,„dieſe Kiſte enthält theu⸗ ren Wein, den ich zu verkaufen habe; morgen bekomme ich Geld und werde Ihnen dann gleich bezahlen, was ich ſchuldig bin. Aber man wartet auf mich; halten Sie mich um des Himmels willen nicht auf, denn Sie rauben mir dadurch das Mittel, Ihnen gerecht zu werden.“ 70 „Glaubt'm nich, beſter Herr,“ ſagte die Zettelträgerin,„wenn's blos uf's Lügen ankömmt, wird er nich ſo giftig.“ „Mein Herr, ich will mich eidlich verpflichten, morgen zu be⸗ zahlen, und Sie werden doch wohl dem Worte eines Ehrenmannes mehr Glauben ſchenken, als dem Geplapper eines betrunkenen Weibes?“ Der Gläubiger war noch unſchlüſſig, als Jemand zu Gunſten Derues das Wort nahm. Es war der Tiſchler Mouchi, der ſich nach dem Grund dieſer Streiterei erkundigt hatte. „Zum Teufel,“ rief er,„laſſen Sie mir den Herrn los, die Kiſte kommt aus meiner Werkſtatt, und ich weiß es, daß Wein darin iſt, da er es vor zwei Tagen meiner Frau geſagt hat.“ „Bürgt Ihr für mich, lieber Mann!“ ſagte Derues. „Freilich will ich für Sie bürgen; ich müßte Sie nicht zehn Jahre kennen, wenn ich Sie in der Verlegenheit laſſen und nicht für Sie gut ſtehen ſollte. Donnerwetter, greift man ſo ehrliche Leute auf der Straße auf? Sie, mein Herr, können ſeinen Wor⸗ ten glauben, wie ich ſelbſt.“ Man ſprach noch eine Weile hin und her, und endlich durfte der Mann, welcher den Wagen zog, ſich wieder in Bewegung ſetzen. Die Zettelträgerin wollte ihn noch einmal aufhalten, aber Mouchi gab ihr einen verſtändlichen Wink und brachte ſie dadurch zum Schweigen. 8 „Papperlapa,“ ſagte ſie,„was geht's mich an, laß Er ſein Geſöff verkaufen, wenn Er kann, ich will niſcht davon uf de Lippen nehmen. Findt er ſchon zum zweiten Male Enen, der gut ſagt; der Lump muß heren können und Einfaltspinſel aus der Erde wachſen laſſen, wenn er ſe braucht! Und Du weeßt doch, Gevatter Derues, daß ich noch von Dir enes ſchönen Tages de Papiere verkofen were? Jetzt allewele: „Kauft die ſchreckliche Geſchichte des Leroi de Valine, der in ſeinem ſechszehnten Jahre zum Tode verurtheilt wurde, weil er ſeine ganze Familie vergiftet hat.“ Während ſie das Volk durch ihre Grimaſſen und abſonderlichen Geſticulationen unterhielt, und Mouchi noch immer laut zu ſeinen Gunſten predigte, konnte Derues ſich entfernen. Mehrmals wäre er auf dem langen Wege bis zur Straße la Mortellerie beinahe ohnmächtig umgeſunken und mußte öfter ſtille ſtehen, um auszu⸗ ruhen. So lange die Gefahr ihn bedroht, hatte er Selbſtbeherr⸗ ſchung genug gehabt, ihr die Stirn zu bieten; aber jetzt ergriff ihn der Schwindel, wenn er an den Abgrund dachte, welcher einen Augenblick lang unter ſeinen Füßen gegähnt hatte. Jetzt waren aber weitere Vorſichtsmaßregeln nothwendig. Man hatte in Gegenwart des Mannes, welcher den Wagen zog, ſeinen wahren Namen genannt, und die Eigenthümerin des Kellers, die Wittwe Maſſon, kannte ihn unter dem Namen Ducoudray. Er eilte daher voraus, ließ ſich die Schlüſſel geben, und ſo wurde die Kiſte in den Keller gebracht, ohne daß irgend eine ungelegene Frage ihn hätte verrathen können. Nur war der Träger erſtaunt, daß dieſer vorgebliche Wein, der unmittelbar verkauft werden ſollte, hieher gebracht wurde, und fragte, ob man nicht ſeiner Dienſte bedürfen werde, um ihn wieder wo anders hinzubringen. Derues antwortete, daß er noch denſelben Tag wo anders hinkommen ſolle. Dieſe Frage und der ärgerliche Auftritt, deſſen Zeuge dieſer Mann geweſen, veranlaßte Derues, ihn zu verabſchieden, ohne ihm das unter der Treppe gemachte Grab zu zeigen. Er verſuchte allein, den Kaſten bis an das Loch zu ſchleppen, aber obgleich er alle ſeine Kraft zuſammennahm, war ihm die Laſt dennoch viel zu ſchwer und er vermochte ſie nicht von der Stelle zu rühren. Er fluchte entſetzlich auf ſich ſelbſt, als er ſeine Schwäche gewahr wurde und ſah, daß er dennoch einen Fremden, vielleicht ſeinen Angeber, in dies Leichengewölbe holen müſſe, in dem bis jetzt noch nichts von ſeinem Verbrechen zu merken war. Kaum einer Gefahr ent⸗ 72 gangen, befand er ſich ſchon wieder in einer zweiten, und ſchon begann er mit ſeiner eigenen Miſſethat zu ringen. Er maß die Länge der Grube; ſie war nicht ausreichend. Derues ging wieder an den Ort, von wo er ſich den Arbeiter geholt, der angefangen hatte, das Grab zu machen, aber er konnte ihn nicht wiederfinden, da er ihn nur einmal geſehen hatte und ſeinen Namen nicht wußte. Zwei Tage lang ſuchte er vergebens; als er am dritten Tage zu der Stunde, an welcher die Arbeiter ſich verſammeln, über einen Quai ging, trat ein Maurer, der es ihm wohl anſah, daß er Je⸗ mand ſuche, an ihn heran und fragte, was er zu befehlen habe. Derues ſah ihn aufmerkſam an und glaubte in ſeinen Zügen die Spur großer Einfältigkeit zu bemerken. „Willſt Du auf eine leichte Art einen Thaler verdienen?“ fragte er ihn. „Schöne Frage, Bürger,“ antwortete der Maurer,„es ſteht ſo ſchlecht mit der Arbeit, daß ich noch heut' Abend Paris ver⸗ laſſen und aufs Land gehen will.“ „Nun gut, ſo nimm Dein Handwerkszeug, eine Hacke und eine Schaufel, und folge mir.“ Sie gingen Beide in den Keller, und er befahl ihm, die Grube länger und 5 ½ Fuß tief zu machen. Während der Maurer die Erde herauswarf, ſaß Derues auf der Sargkiſte und las. Nach⸗ dem die Arbeit halb gethan, hielt er einen Augenblick an, um Athem zu holen, ſtützte ſich auf ſein Grabſcheit und fragte, wozu er eine ſo tiefe Grube machen laſſe. Derues, der dieſer Frage vielleicht entgegengeſehen hatte, antwortete auf der Stelle, ohne aus der Faſſung zu kommen: „Ich will Wein in Flaſchen, der in dieſer Kiſte iſt, vergraben.“ „Wein?“ antwortete der Andere;„ ſpaßt doch nicht, Bürger! Ihr wollt Euch wohl über mich luſtig machen, weil ich ausſehe wie ein einfältiger Tropf? Ich habe niemals davon gehört, daß man den Wein auf dieſe Art verbeſſert.“ 1 „Aus welchem Lande biſt Du denn?“ „Aus Alengon.“ „Aha, ein Aepfelweintrinker; Du biſt alſo in der Normandie erzogen? So lerne denn von mir Jean Baptiſte Decoudray, Wein⸗ bauer aus Tours und langjährigem Weinhändler, daß junger Wein, den man nur ein Jahr lang ſo vergräbt, alle guten Eigenſchaften des alten Weines annimmt.“ „Mag ſein,“ ſagte der Maurer und nahm wieder ſein Grab⸗ ſcheit,„aber es kommt mir doch ſonderbar vor.“ Als er mit ſeiner Arbeit fertig war, bat ihn Derues, ihm die Kiſte etwas näher an die Grube ziehen zu helfen, damit er weni⸗ ger Mühe habe, die Flaſchen herauszunehmen und gehörig aufzu⸗ ſtellen. Der Maurer war gern dazu bereit, als er aber die Kiſte bewegte, ſchauderte er zurück vor dem Geſtanke, der ihm entgegen⸗ duftete, und ſchwur, daß das, was in der Kiſte ſei, zu abſcheulich röche, als daß es Wein ſein könne. Derues wollte ihn glauben machen, daß der Verweſungsgeruch aus der Cloake komme, die unter dieſem Keller hingehe und deren Röhre er ihm zeigte. Da⸗ mit ſchien der Maurer ſich zufrieden zu geben und legte wieder Hand an die Kiſte. Da aber der Geſtank ihm wieder den Athem benahm, erklärte er rund heraus, daß er Derues Auftrag nicht ausrichten wolle, da in der Kiſte durchaus eine verweſende Leiche liegen müſſe. Er drohte Leute zu rufen, wenn er nicht einwillige, ſie zu öffnen. Jetzt warf ſich Derues vor ihm auf die Kniee nieder und ge⸗ ſtand, daß der Leichnam einer Frau darin liege, die ſich zu ſeinem Unglück bei ihm einquartirt und an einer unbekannten Krankheit plötzlich geſtorben ſei. Aus Furcht, ſich dem Verdacht des Mor⸗ des auszuſetzen, habe er beſchloſſen, ihren Tod zu verheimlichen und ſie in dieſem Keller zu begraben. Der Maurer war erſchrocken über dies Geſtändniß und wußte nicht, ob er ſeinen Worten glauben dürfe. Derues lag weinend 74 und ſchluchzend vor ihm, zerſchlug ſich die Bruſt, raufte ſich die Haare aus, rief Gott und alle Heiligen zu Zeugen ſeiner Unſchuld an und zeigte das Buch, in dem er geleſen, während der Arbei⸗ ter das Grab grub; es waren die ſieben Bußpſalmen. „Was ich unglücklich bin!“ rief er aus.„Ich kann's ver⸗ ſichern, dieſe Frau iſt bei mir geſtorben, ſo plötzlich geſtorben, daß ich keinen Arzt holen konnte. Ich war allein, man hätte mich verfolgt, eingekerkert, man hätte mich vielleicht für ein Verbrechen verurtheilt, welches ich nicht begangen habe. Richtet mich nicht zu Grunde! Ihr verlaßt ja Paris noch dieſen Abend und Euch kann nichts geſchehen, denn Niemand ſoll erfahren, daß ich Euch gerufen, wenn wirklich dieſe unglückſelige Geſchichte an den Tag kommen ſollte. Ich kenne ja Euren Namen nicht, will ihn auch nicht wiſſen und ſage Euch den meinigen: ich heiße Decoudray. Ich gebe mich ganz in Eure Hände, aber habt Mitleid mit mir, und wenn auch nicht meinetwegen, ſo doch um meiner Frau willen und meiner beiden Kinder! Ich bin ja die einzige Stütze dieſer beiden armen Würmer!“ Als er ſah, daß der Mann erweicht ſei, öffnete er die Kiſte: „Da ſeht ſelbſt die Leiche der Frau; ſie trägt kein Zeichen eines gewaltſamen Todes. Großer Gott!“ rief er aus und rang mit dem Ausdruck der heftigſten Verzweiflung die Hände,„großer Gott! der Du deutlich leſen kannſt in den Herzen der Menſchen und der Du meine Unſchuld kennſt, kannſt Du nicht ein Wunder thun, um den Gerechten zu erretten? Kannſt Du nicht dieſem Leichnam befeh⸗ len, daß er Zeugniß für mich ablegt?“ 3 Der Maurer ließ ſich durch dieſen Wortſchwall bethören, konnte ſeine Thränen nicht zurückhalten und verſprach zu ſchweigen, über⸗ zeugt, daß Derues nicht ſchuldig ſei und daß nur der Schein gegen ihn ſpreche. Uebrigens vernachläſſigte Derues diesmal auch nicht das beſte Ueberredungsmittel: er gab ihm zwei Louisd'or, und Beide verſcharrten die Leiche der Frau von Lamotte. —O—O—·—ñ-— 7⁵ So ſonderbar dieſe Thatſache erſcheinen mag, die man fuͤr will⸗ kürlich erfunden halten könnte, ſo iſt ſie doch unzweifelhaft feſtge⸗ ſtellt, denn Derues ſelbſt hat ſie im Verhoͤre geſtanden und auch die Lüge erwähnt, durch die er den Maurer getäuſcht. Er glaubte, dieſer Mann habe ihn angegeben, aber er irrte ſich; dieſer Mit⸗ wiſſer des Verbrechens, der wohl zuerſt die Gerichte hätte auf die Spur führen können, iſt niemals aufgetreten, und ohne das Ge⸗ ſtändniß Derues wäre nichts von ihm bekannt geworden. Kaum war ſeine erſte Miſſethat vollbracht, als er ſich auch ſchon ein neues Opfer erſehen hatte. Schon am folgenden Tage bezahlte er ſeinen Gläubiger; dann verdoppelte er ſeine Anſtrengungen, um recht fromm zu erſcheinen; zugleich prüfte er mit verſtohlenen Blicken alle Perſonen, mit denen er zuſammenkam, und lauerte auf jedem Geſicht, ob es nicht eine flüchtige Spur von Mißtrauen zeigte. Aber Niemand zieht ſich von ihm zurück, Niemand zeigt mit dem Finger auf ihn oder flüſtert ſeinem Nachbar etwas ins Ohr, wenn er ihn erblickt; überall bemerkte er denſelben Ausdruck des Wohl⸗ wollens. Es hat ſich nichts für ihn verändert. Der Verdacht iſt über ſeinem Haupte hingegangen, ohne daran zu haften. Er faßte daher wieder Zuverſicht und ging von Neuem ans Werk. Hätte er es auch jetzt gewollt, jetzt durfte er nicht mehr die Hände in den Schooß legen, ſondern mußte dieſem grauſamen Geſetze gehor⸗ chen, welches dem Verbrechen gebietet, die Spur einer Blutthat durch friſches Blut zu verwaſchen, und erheiſcht die anklagenden Stimmen, welche aus den Gräbern nach Rache ſchreien, durch wiederholte Mordthaten zu erſticken. Der junge Eduard von Lamotte, welcher ſeine Mutter ebenſo zärtlich liebte, als ſie ihn geliebt, beunruhigte ſich darüber, daß ſie ihn nicht beſuche, und wunderte ſich über dieſe plötzliche Gleich⸗ gültigkeit. Derues ſchrieb ihm folgenden Brief: „Endlich, mein lieber junger Freund, kann ich Ihnen eine an⸗ „genehme Nachricht mittheilen, aber Sie dürfen Ihrer verehrten 76 2 „Mutter nicht ſagen, daß ich ihr Geheimniß verrathen habe; ſie „würde mir ſonſt zürnen; denn ſie hat Ihnen eine Ueberraſchung „zugedacht, und nur die verſchiedenen Geſchäfte und Schritte, „die ſie in dieſer wichtigen Angelegenheit gethan, ſind die Ur⸗ „ſachen ihres langen Ausbleibens. Sie ſollten eigentlich vor dem „II. oder 12. dieſes Monats nichts erfahren, aber da Alles glück⸗ „lich beendigt iſt, kann ich's nicht über mein Herz bringen, Sie „einen Augenblick länger in Ungewißheit zu laſſen; aber verſpre⸗ „chen Sie mir ja, ſich recht erſtaunt zu ſtellen. Ihre Mutter, „die nur für Sie lebt, geht damit um, Ihnen das größeſte Ge⸗ „ſchenk zu machen, das Einem in Ihrem Alter irgend zu Theil „werden kann: dies Geſchenk iſt die Freiheit. Ja, mein junger „Freund, wir haben zu bemerken geglaubt, daß Sie zum Stu⸗ „dium keine beſonders große Luſt fühlen, und dies Leben unter „der Aufſicht der Lehrer und zwiſchen den harten Schulbänken we⸗ „der zu Ihrer Eigenthümlichkeit paßt, noch Ihrer Geſundheit zu⸗ „träglich iſt. Ich will Ihnen damit keinen Vorwurf machen. Jeder „Menſch wird mit einer beſtimmten und entſchiedenen Neigung ge⸗ „boren, und es iſt das einzige Mittel zum guten Fortkommen in „der Welt und zum Glück, daß man ſeinem Gefühle Folge leiſtet. „Ihre Mutter und ich, wir haben über dieſen Gegenſtand lange „Berathungen gehalten und uns oft mit Ihrer Zukunft beſchäftigt. „Endlich iſt ſie zu einem Entſchluß gekommen. Seit zehn Tagen „befindet ſie ſich in Verſailles und ſucht Ihnen eine Pagenſtelle aus⸗ „zuwirken. Das iſt das ganze Geheimniß, das iſt der einzige Grund, „warum ſie ſo lange nicht zu Ihnen gekommen iſt, und da ſie in „der feſten Ueberzeugung lebt, daß Sie auf ihren Plan mit Freu⸗ „den eingehen werden, wollte ſie ſich das Vergnügen vorbehalten, „Ihnen die angenehme Mittheilung ſelbſt zu machen. Aber ich „ſage es Ihnen noch einmal, wenn Sie ſie wiederſehen, was ſehr „bald geſchehen wird, ſo laſſen Sie ſich nichts merken, daß ich „das Geheimniß ausgeplaudert, ſondern ſtellen Sie ſich ja recht ———-— —.—— 77 „überraſcht. Es iſt wahr, ich berede Sie da zu einer Lüge, aber „zu einer ſehr unſchuldigen, welcher die gute Abſicht alles Sünd⸗ „hafte benimmt; denn Gott wolle uns davor bewahren, daß uns „jemals eine ernſte auf dem Geviſſen laſtet. Sie werden alſo „jetzt von den Stunden und ſtrengen Vorſchriften Ihrer Lehrer „frei werden, und ſtatt des einförmigen Lebens im Collegium er⸗ „wartet Sie die Freiheit, die Vergnügungen der vornehmen Welt „und des Hofes. Ich kann nicht leugnen, daß ich ein wenig be⸗ „ſorgt bin, und will offen eingeſtehen, daß ich Anfangs gegen „dieſen Plan geweſen bin. Ich habe Ihre Mutter gebeten, zuvor „Alles reiflich zu überlegen und zu bedenken, daß Sie mitten „unter dieſen ungewohnten Verhältniſſen leicht Gefahr laufen könn⸗ „ten, um die ſchönen Gefühle der Gottesfurcht zu kommen, die „man Ihnen eingeflößt hat, und die ich während meines Aufent⸗ „haltes in Buiſſon⸗Souef ſo glücklich geweſen bin noch mehr zu „entfalten. Noch gedenke ich mit Rührung an Ihre Inbrunſt, an „den andächtigen Aufſchwung Ihrer Seele zum Schöpfer, als Sie „zum erſten Male dem Tiſche des Herrn nahten, und ich, neben „Ihnen knieend, Sie beneidete um dieſe Lauterkeit des Herzens, „um dieſe Unſchuld der Seele, welche Ihren Augen einen himm⸗ „liſchen Glanz verlieh, und Gott bat, mir einſt, wenn meine „Tugend vor ſeinem Richterſtuhle nicht ausreiche, die Liebe anzu⸗ „rechnen, für welche ich Ihren Geiſt entzündet habe. Ihre Fröm⸗ „migkeit, Eduard, iſt mein Werk, und ich vertheidigte Sie gegen „den Plan Ihrer Mutter, aber ſie antwortete mir, der Menſch „ſei, welchen Lebenspfad er einſchlage, ſtets freier Herr ſeiner „guten und böſen Handlungen; und da ich kein Recht über Sie „habe, da meine Freundſchaft mir höchſtens erlaubt, Ihnen mit „gutem Rathe an die Hand zu gehen, ſo mußte ich nachgeben. „Fühlen Sie ſich zu dieſer neuen Laufbahn berufen, ſo mögen „Sie dieſelbe in Gottes Namen einſchlagen.“ „Meine Geſchäfte ſind ſo zahlreich, daß ich in dieſer Woche 78 „auch nicht einen Augenblick Zeit habe, Sie zu beſuchen; denn „ich muß u. A. hunderttauſend Livres von verſchiedenen Leuten „eintreiben, um den größern Theil des Preiſes für Buiſſon zu „bezahlen.“ „Wenden Sie dieſe Zeit zum Nachdenken an und ſchreiben Sie „mir ausführlich, was Sie von dieſem Plane halten. Sollten Sie „wie ich einige Bedenklichkeiten haben, ſo theilen Sie dieſelben „Ihrer Mutter offenherzig mit, die doch nichts Anderes will, als „Ihr Glück. Sprechen Sie ſich frei und offenherzig gegen mich „aus. Es iſt abgemacht, daß ich Sie am 11. d. M. aus Ihrer „Penſion abholen ſoll, um Sie nach Verſailles zu begleiten, wo „Ihre Mutter mit offenen Armen auf Sie warten wird. Leben „Sie wohl, mein junger Freund, und ſchreiben Sie mir bald. „Ihr Vater weiß noch nichts; man wird ihn erſt dann um ſeine „Einwilligung bitten, wenn Sie bereits die Ihrige gegeben haben. Ihr aufrichtiger Freund Derues.“ Die Antwort auf dieſen Brief ließ nicht lange auf ſich warten; ſie war ganz ſo, wie Derues ſie gewünſcht hatte: der junge Mann willigte mit Freuden ein. Dieſes Antwortſchreiben war für den Mörder ein Rechtfertigungsmittel, das er ſich aufbewahrte, ein Beweisſtück, das bei vorkommender Gelegenheit dazu dienen konnte, die Gegenwart mit der Vergangenheit zu verknüpfen. Am I1I. Februar Morgens, dem Faſtnachtsdienſtag holte er den jungen v. Lamotte aus ſeiner Penſton und ſagte dem Lehrer, daß er den Auftrag von ſeiner Mutter habe, ihn nach Verſailles zu führen; aber er führte ihn zuerſt in ſein Haus und gab vor, einen Brief von Frau von Lamotte erhalten zu haben, in dem ſie ihn gebeten, erſt am folgenden Tage zu kommen. Er reiſte alſo am Aſchermittwoch ab, nachdem er Eduard zum Frühſtücke Cho⸗ colade vorgeſetzt. In Verſailles ſtiegen ſie im Gaſthofe zur Lilie ab; hier aber nahm die Unpäßlichkeit, die der junge Menſch ſchon — — 79 unterwegs gefühlt, einen ernſthaftern Charakter an. Er bekam heftiges Erbrechen; der Gaſtwirth, welcher kleine Kinder hatte, glaubte die Anzeigen der Kinderpocken zu erkennen, die damals in Verſailles ſchrecklich wütheten, wollte ſie nicht aufnehmen und gab vor, er habe keine Zimmer frei. Ein Anderer, als Derues, hätte ſich vielleicht aus der Faſſung bringen laſſen, aber er wußte jedes neue Hinderniß durch vermehrte Kühnheit, Thätigkeit und uner⸗ ſchöpfliche Hülfsmittel zu beſiegen. Er ließ Eduard in einem ganz von den übrigen Theilen des Hauſes abgeſonderten Zimmer des Erdgeſchoſſes und ging aus, um eine Wohnung zu ſuchen. Nach⸗ dem er lange vergeblich in der ganzen Stadt umhergelaufen, fand er endlich an der Ecke der Straße Saint Honoré und de Orangerie bei einem Böttchermeiſter ein meublirtes Zimmer, welches er unter dem Namen Beaupré um 30 Sous den Tag für ſich und ſeinen Neffen miethete, der, wie er ſagte, plötzlich unwohl geworden ſei. Um ſpäteren Fragen vorzubeugen, erzählte er dem Böttcher in wenigen Worten, er ſei Arzt und ſeine Reiſe nach Verſailles habe den Zweck, den jungen Mann in einem Bureau unterzubringen; in wenigen Tagen müſſe ſeine Mutter ankommen, um mit ihm vereint bei einflußreichen Hofperſonen, an die er Empfehlungs⸗ briefe habe, die nöthigen Schritte zu thun. Als er dem Böttcher dieſes Mährchen mit dem Tone der Wahrheit, den er allen ſeinen Lügen zu geben wußte, erzählt hatte, kehrte er zum Junker von Lamotte zurück. Dieſer war ſchon ſo matt, daß er ſich kaum bis zum Hauſe des Böttchermeiſters Martin ſchleppen konnte und gleich bei ſeiner Ankunft daſelbſt das Bewußtſein verlor. Derues bat, man möge ihn mit ſeinem Neffen allein laſſen und nur die Arze⸗ neien zubereiten, zu denen er die Stoffe hergab.. Sei es, daß die Jugendkraft zu gewaltig mit dem Gifte rang, ſei es, daß Derues ſich die teufliſche Luſt aufſparen wollte, ſein Opfer recht lange zu quälen: der junge Menſch mußte bis zum vierten Tage mit dem Tode ringen. Als das Uebel unaufhörlich 80⁰ zunahm, ließ er durch die Frau des Böttchermeiſters eine Arznein holen, die er ſelbſt zubereitete und ihm eingab. Sogleich erfolg⸗ ten die heftigſten Schmerzen, und auf Eduard's Geſchrei kam der Böttcher mit ſeiner Frau ins Zimmer geſtürzt. Sie ſtellten De⸗ rues vor, daß es nothwendig ſek, einen andern Arzt zu rufen, um ſich mit ihm zu berathen. Allein dieſem Vorſchlag widerſetzte er ſich auf das Beſtimmteſte und ſagte, der, den man rufe, ſei vielleicht ein unwiſſender Menſch, der nichts verſtehe. Er liebe ſeinen Neffen viel zu ſehr, als daß er ihn nicht ſelbſt behandeln und pflegen ſolle. „Ich kenne ſeine Krankheit,“ ſagte er, ſeine Augen zum Him⸗ mel aufhebend,„und man muß es eher verheimlichen, als geſte⸗ hen. Armes Kind, das ich ſo liebe wie mein eigenes, wenn Gott, von meinen Bitten gerührt, mir die Gnade erweiſt, daß ich Dich rette, ſo ſoll Dein ganzes Leben kaum hinreichen, um ihn zu prei⸗ ſen und ihm zu danken.“ Als Frau Martin ihn fragte, von welcher Art denn die Krank⸗ heit ſei, antwortete er mit verſchämter, ſcheinheiliger Miene: „Fragen Sie mich nicht darnach, liebe Frau, Sie dürfen nicht einmal den Namen des Uebels hören.“ Ein ander Mal bezeugte ihm Martin ſeine Verwunderung, die Mutter des jungen Menſchen noch nicht geſehen zu haben, die, wie er geſagt, ihn doch in Verſailles habe treffen wollen? Er fragte ihn, ob ſie wiſſe, daß er hier bei ihm wohne, und ob er wünſche, daß man dahin ſchicke, wo ſie bei ihrer Ankunft abſtei⸗ gen werde, um ſie zu benachrichtigen. „Seine Mutter!“ ſagte Derues und warf einen Blick voll Mitleid auf Eduard, der bleich und bewußtlos auf ſeinem Bette ausgeſtreckt lag,„ſeine Mutter! Er ruft unaufhörlich nach ihr. O, mein Herr, es giebt Familien, die ſo recht zum Unglück be⸗ ſtimmt ſcheinen! Meine dringenden Bitten haben ſie bewogen, herzukommen, aber denkt ſie noch an ihr Verſprechen?... Zwingen 81 „Sie mich nicht, Ihnen noch mehr zu ſagen, es wäre mir zu pein⸗ lich, eine Mutter in Gegenwart ihres Sohnes zu beſchuldigen, daß ſie ihre Pflicht vergeſſen.... Es giebt Geheimniſſe, die nicht verlauten dürfen.... Unglückſelige Frau!“ Eduard bewegte ſich, ſtreckte die Arme in die Luft und rief: „Meine Mutter!... O meine Mutter!...“ Derues ſprang ans Bett und nahm die Hände des armen Jüng⸗ lings in die ſeinigen, als wollte er ſie aufwärmen. „Meine Mutter!...“ rief er wieder,„warum habe ich ſie noch nicht zu ſehen bekommen? ſie wartete ja auf mich.“ „Du ſollſt ſie bald wiederſehen, beruhige Dich nur, mein Sohn.“ „Eben kam es mir vor, als wenn ſie ſchon geſtorben wäre.“ „Geſtorben!...“ rief Derues,„verſcheuche doch dieſe Trauer⸗ gedanken aus Deiner Seele. Das Fieber umgaukelt Dich mit ſolchen Schreckenserſcheinungen.“ „Nein, ach nein, ich hörte eben eine geheimnißvolle Stimme die mir zurief:„„Deine Mutter iſt todt!““... Und dann ſah⸗ ich eine blaſſe, entſtellte Leiche... Sie war es! Ich habe ſie gleich erkannt! Ach, ſie ſah' ſo aus, als hätte ſie viel Schmerzen erdulden müſſen!“ „Liebes Kind, Deine Mutter iſt nicht todt! Mein Gott, mit welchen grauſen Bildern Du Deine Seele abquälſt! Du ſollſt ſie bald wiederſehen; ſie iſt ſchon gekommen! Nicht wahr, Ma⸗ dame?“ wandte er ſich an den Böttcher und ſeine Frau, die Beide neben dem Bette ſtanden, und winkte ihnen zu, ihn bei dieſer wohlgemeinten Nothlüge zu unterſtützen,„nicht wahr, ſie iſt ſchon gekommen, ſie iſt an ſein Bett getreten und hat ihn umarmt, wäh⸗ rend er ſchlief, und wird bald wiederkommen?“ „Ja wohl, junger Herr,“ ſagte Frau Martin und trocknete ſich die Augen;„ſie hat uns, mich und meinen Mann, dringend gebeten, Ihrem Oheim beizuſtehen und Sie pflegen zu helfen.“ 5. 6 82 „Der junge Menſch fuhr auf, ſah mit verwirrten Blicken um ſich her und fragte: „Meinem Oheim?. „Laſſen Sie mich allein mit ihm,“ ſagte Derues den Beiden leiſe ins Ohr,„ich fürchte, ſein Anfall wiederholt ſich. Ich will ihm einen Trank eingeben, welcher ihm etwas Ruhe und Schlaf verſchaffen wird.“ „So leben Sie wohl,“ ſagte Frau Martin;„Gott wolle Sie ſegnen für die treue Pflege, die ſie dem armen jungen Manne widmen.“ Freitag Abend ſchien der Kranke durch heftiges Erbrechen be⸗ deutend wohler geworden zu ſein. Er hatte das Gift faſt ganz von ſich gegeben und verbrachte die Nacht ziemlich ruhig. Aber Sonnabends früh ſchickte Derues die kleine Tochter des Böttchers nach einer neuen Arznei, die er, wie die erſte, ſelbſt zubereitete. Der Tag war ſchrecklich; als er gegen ſechs Uhr Abends ſein Opfer dem Tode nahe ſah, öffnete er ein Wandfenſterchen, welches nach dem Verkaufsladen ging, rief den Böttcher und bat ihn, ſchnell einen Prieſter zu holen. Als dieſer erſchien, fand er Derues in Thränen zerfließend vor dem Bette des Sterbenden auf den Knieen liegend. Es wurden zwei brennende Wachskerzen und zwiſchen denſelben das Weihwaſſer auf den Tiſch geſtellt; es begann eine Scene, die auf einer Seite eine gräuliche, gottesläſterliche Fratze und Ver⸗ zerrung des den Menſchen Heiligen, auf der andern eine fromme, milde Ceremonie war. Der Böttcher und ſeine Frau knieeten, die Augen voll Thränen, in der Mitte des Zimmers und flüſterten Alles, was ſie noch von Gebeten auswendig wußten, leiſe vor ſich hin. Derues trat ſeinen Platz dem Prieſter ab; da der Kranke aber auf die Fragen deſſelben keine Antwort gab, ging er wieder ans Bett, neigte ſich über Eduard hin und ermahnte ihn, ſich zum Tode vorzubereiten. —— 8— — 7n⁵5 ☛——— 83 „Liebes Kind,“ ſagte er,„faſſe Muth; die Leiden, welche Du hienieden erduldeſt, werden Dir droben im Himmel vergolten; Gott wird ſie in der Waggſchaale ſeiner unbegrenzten Barmher⸗ zigkeit wägen. Vernimm die Worte ſeines heiligen Dieners, ſchütte ihm Deine Sünden aus und bitte ihn um Verzeihung für Deine Fehltritte.“ „Ich halt es nicht mehr aus, es thut zu ſchrecklich weh'!“ ſchrie Eduard„Waſſer, Waſſer, das Feuer auszulöſchen, das mich verzehrt!“ Sein ganzer Leib fing an, in heftigen Krämpfen zuſammen⸗ zuzucken, bald darauf trat eine völlige Erſchlaffung aller Glie⸗ der ein, und das Todesröcheln begann. Derues warf ſich wieder auf die Knice und ſprach mit tiefer, vom Schmerz bewegter Stimme: „Schicke Dich an, theuer erkaufte Chriſtenſeele, dieſe Welt zu verlaſſen im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des hei⸗ ligen Geiſtes!“ Noch einmal fuhr der Jüngling von ſeinem Schmerzenslager empor und ſchlug mit Händen und Füßen krampfhaft um ſich. Derues fuhr fort: „Möge, wenn Du ſcheideſt vom Leibe, der Pfad Dir offen ſtehen zum heiligen Berge Zion, zum himmliſchen Jeruſalem und möoge ſich vor Dir aufthun die Thür zu der großen Verſammlung der Heiligen und zur unſichtbaren Kirche im Himmel.“ „Meine Mutter!... Meine Mutter!...“ ſchrie Eduard. „Moͤge Gottes Macht ſich erheben,“ ſprach Derues weiter, „und alle Mächte der Finſterniß in die Flucht ſchlagen; möchten die böſen Geiſter, die die Lüfte durchſchwärmen, vor Dir entweichen und es nimmer wagen, ein Lämmlein anzutaſten, das erlöſt und wiedererkauft iſt durch das theure Blut unſers Herrn und Heilandes Jeſu Chriſti.“ „Amen,“ ſagte der Prieſter. 6* 84 „Amen, Amen,“ wiederholten Martin und ſeine Frau. Einen Augenblick war Alles ſtill, und man hörte nichts, als das Schluchzen Derues. Der Prieſter bekreuzte ſich wieder und ſprach: „Zu Dir, Du einiger Sohn des lebendigen Gottes, zu Dir flehen wir, Du wolleſt durch das Verdienſt Deiner heiligen Leiden, durch Dein Kreuz und Deinen Tod Deinen Knecht von den Qualen der Hölle befreien und ihn an den ſeligen Ort führen, an den Du den Räuber führteſt, der mit Dir zugleich ans Kreuz geſchlagen ward, Du, der Du wahr und wahrhaftig Gott biſt und lebſt und herrſcheſt in Einigkeit mit dem Vater und dem heiligen Geiſte.“ „Amen!“ riefen die Umſtehenden. 3 Jetzt nahm wieder Derues das Wort, und mit ſeiner Stimme miſchte ſich einige Male das Keuchen und Röcheln, welches aus der Bruſt des Sterbenden hervordrang: „Die ganze Erde war gehüllt in Nacht bis zur neunten Stunde, und die Sonne war verfinſtert.“ „Mein Gott, mein Gott! was habe ich Dir denn gethan, daß Du mich ſo gräßlich marterſt?“ wimmerte der Sterbende. „Und um die neunte Stunde ſchrie Jeſus laut und ſprach: Eli, Eli, lamah aſabthani? das iſt: Mein Gott, mein Gott! warum haſt Du mich verlaſſen?“ „Ich ſterbe! Waſſer, Waſſer!“ Frau Martin ſtand auf, hielt ihn etwas empor und gab ihm einige Löffel voll Mediein. Mit langſamer Stimme fuhr Derues fort: „Darnach, als Jeſus wußte, daß ſchon Alles vollbracht war, daß die Schrift erfüllet würde, ſpricht er: mich dürſtet. Da ſtand ein Gefäß voll Eſſig. Sie aber fülleten einen Schwamm mit Eſſig und legten ihn auf einen Yſop und hielten es ihm dar zum Munde. Da nun Jeſus den Eſſig genommen hatte, ſprach er: es iſt voll⸗ bracht! neigte das Haupt und verſchied.“ 8⁵ Die Lippen des Sterbenden zuckten noch eine Weile, ohne je⸗ doch ein Wort hervorbringen zu können. Das letzte Zittern der Glieder legte ſich und ſein Kopf fiel ſchlaff auf die Bruſt. „Herr, wolle nicht Gericht halten über Deinen Knecht,“ ſagte der Prieſter. „Denn kein lebender Menſch wird rein befunden vor Deinen Augen,“ ſtimmte Derues ein. „Laß nicht die Seelen Derer, die Dich preiſen, eine Beute der wilden Thiere werden,“ „Und vergiß nicht auf immer Deine Leidtragenden.“ „Wir befehlen,“ ſagten Beide zuſammen,„die Seele Deines Knechts in Deine Hände, o Herr! damit ſie Dir und in Deinem Lichte lebe, wenn ſie dieſe Welt verläßt; Deine unbegrenzte Barm⸗ herzigkeit flehen wir an, ihm zu vergeben die Sünden, welche die menſchliche Schwachheit ihn begehen ließ. Darum bitten und flehen wir Dich. Amen.“ Darauf ſprengte Jeder etwas Weihwaſſer auf die Leiche. Als der Prieſter ſich, von Frau Martin begleitet, zurückgezogen hatte, ſagte Derues zum Böttcher: „Der arme junge Menſch iſt geſtorben ohne den Troſt, ſeine Mutter vorher umarmt zu haben. Sie war ſein letzter Gedanke! Jetzt bleibt mir nur noch eine Sorge, eine traurige Pflicht zu er⸗ füllen, die mir mein armer Neffe auferlegt hat. Vor einigen Stunden, als er ſah, daß er wohl ſterben müſſe, bat er mich um den letzten Freundſchaftsdienſt: ſein Begräbniß ſelbſt zu beſorgen und nicht fremden Händen anzuvertrauen.“ In Gegenwart des Böttchers kleidete er die Leiche an und legte ſte in den bald herbeigeſchafften Sarg. Während er damit be⸗ ſchäftigt war, ſagte er: „Ach, ich werde das liebe Kind ewig beweinen! O, daß die Ausſchweifungen ihn auf den Kirchhof bringen mußten! Wenn er mir nur nicht viel zu ſpät davon geſagt hätte! Mein Neffe war 86 nämlich von der Venerie angeſteckt, und nur dieſe, nicht zur rechten Zeit behandelte, vernachläſſigte Krankheit hat ſeinen Tod herbeige⸗ führt. Böſe Beiſpiele haben ihn ins Verderben geſtürzt, denn ſeine Mutter führt ein ſündhaftes Leben. Gott möge ihr gnädig ſein!“ Nachdem er die Leiche eingeſargt, warf er einige Päckchen ins Feuer, die er in den Taſchen des Verſtorbenen gefunden zu haben vorgab, und die, wie er ſagte, um ſeine Lüge recht wahrſchein⸗ lich zu machen, Arzneien gegen jene abſcheuliche Krankheit ent⸗ hielten. Die ganze Nacht brachte er bei ſeinem Opfer zu, wie damals bei der Leiche der Frau von Lamotte. 4 Am folgenden Tage, einem Sonntage, ſchickte er den Böttcher nach der Pfarrei St. Louis, um einen einfachen Leichenzug zu be⸗ ſtellen, und ließ durch ihn zugleich den Verſtorbenen unter dem Namen Beaupré, gebürtig aus Commercy in Lothringen, ins Todtenregiſter einſchreiben. In die Kirche gehen und dem Begräb⸗ niß beiwohnen wollte er nicht, da, wie er vorgab, ſeine Seele zu bewegt und ergriffen ſei, als daß ſie noch dieſe ſchmerzliche Scene überſtehen könnte. Als der Böttcher vom Kirchhof zurück⸗ kam, fand er ihn noch im Gebet. Derues ſchenkte ihm die Hinter⸗ laſſenſchaft des Verſtorbenen, gab ihm Geld zur Vertheilung an die Armen des Kirchſpiels und zu Meſſen, die er der abgeſchiednen Seele leſen laſſen ſollte. Abends kehrte er nach Paris zurück und fand mehrere Bekannte bei ſich, die ſeine Frau eingeladen hatte. Er gab vor, aus Chartres zurückzukommen, wo er Geſchäfte gehabt. Jeder bemerkte, daß er zufriedner ausſah, als jemals. Während des Abendeſſens ſang er mehrere Lieder. Nach dieſen beiden Gräuelthaten blieb Derues keineswegs un⸗ thätig. Wenn der Mörder in ihm ausruhte, dann kam der Räuber und Dieb wieder zum Vorſchein. Seine grenzenloſe Habgier ließ ihn die vielen Unkoſten bitter bereuen, welche ihm der Mord und die Begräbniſſe der Frau von Lamotte und ihres Sohnes gemacht hatten und er trachtete nach einer Entſchädigung. Schon zwei Tage nach ſeiner Rückkehr aus Verſailles hatte er die Frechheit, zum Beſitzer der Penſionsanſtalt hinzugehen, in welcher Eduard geweſen. Er ſagt, er habe einen Brief von der Mutter des Letz⸗ tern erhalten; ſie wolle ihren Sohn bei ſich behalten und habe ihm den Auftrag gegeben, die Wäſche und Kleider deſſelben in Empfang zu nehmen. Die Frau des Penſionsbeſitzers antwortet, das ſei unmöglich richtig, denn Herr v. Lamotte müßte doch von dem Beſchluß ſeiner Frau wiſſen, und derſelbe habe noch geſtern geſchrieben und Wild aus Buiſſon⸗Souef hergeſchickt. Im Briefe empfehle er ihnen, ſeinen Sohn recht ſorgſam zu pflegen. „Wenn das, was Sie behaupten,“ ſagte die Frau,„wahr iſt, ſo haben Sie wahrſcheinlich der Frau von Lamotte den Rath ge⸗ geben, ihren Sohn von uns fortzunehmen; aber ich will ſogleich nach Buiſſon ſchreiben.“ „Thun Sie das ja nicht, mein Herr,“ ſagte Derues zu ihrem Manne,„denn es iſt in der That leicht möglich, daß Herr von Lamotte nicht davon unterrichtet iſt; ich weiß, daß ſeine Frau ihn nicht immer zu Rathe zieht. Sie befindet ſich in Verſailles, wo⸗ hin ich auch Eduard gebracht habe, und ich will ihr von Ihrer abſchläglichen Antwort Nachricht geben.“ Um ſich Strafloſigkeit für die bisherigen Verbrechen zu ſichern, hatte Derues auch den Tod des Herrn von Lamotte beſchloſſen; vor der Ausführung dieſer letzten Schandthat wollte er jedoch einen Beweis für den zwiſchen ihm und der Frau v. Lamotte geb. Perrier vorgeblich abgeſchloſſenen Contraet in Händen haben. Er durfte nicht warten mit der Beſitzergreifung von Buiſſon, bis der letzte Sproſſe dieſer Familie aus der Welt verſchwunden. Die Vorſicht rieth ihm, ſich durch ein von dieſer Dame freiwillig ausgegangnes Actenſtück Sicherheit zu verſchaffen. Am 27. Febr. geht er in die 88 Straße Paon zu dem Bevollmächtigten der Frau v. Lamotte und erſucht dieſen, vorgeblich im Auftrag der Letztern, ausgerüſtet mit allen Verführungskünſten einer hinterliſtigen Sprache, um die Voll⸗ macht des Herrn von Lamotte. Er komme, ſagte er, um ihm 100,000 Livres auf Abſchlag des Kaufpreiſes zu zahlen; ſie ſeien bei einem Notar niedergelegt; der ganze Kauf ſei privatim abge⸗ ſchloſſen. Der Bevollmächtigte iſt erſtaunt, daß eine ſo wichtige Angelegenheit ohne ſein Wiſſen und Beiſein abgeſchloſſen iſt, er⸗ klärt, daß er die Vollmacht nur Herrn oder Frau von Lamotte eigenhändig übergeben wolle, und fragt, warum ſie nicht ſelbſt gekommen ſei, um ſie zu holen. Derues antwortet, daß ſie in Verſailles ſei, wohin er ihr das Actenſtück ſchicken ſolle, und macht wiederholte Verſuche, zu ſeinem Ziel zu gelangen, die aber alle an der Feſtigkeit des Bevollmächtigten ſcheitern. Derues geht und ſagt, er werde ihn bald zwingen, die Vollmacht herauszugeben. Wirklich läßt er noch an demſelben Tage eine Beſchwerdeſchrift mit ſeinem eignen Namen Cyrano Derues de Bury ausfertigen, welche er abſchickt. In dieſer ſetzt er auseinander, welche Abmachungen er mit Frau von Lamotte, die von Seiten ihres Mannes bevoll⸗ mächtigt ſei, getroffen habe, und bat, die genannte ſchriftliche Vollmacht ihm mit Gewalt zu verſchaffen. Man bewilligt ſein Geſuch, aber der Bevollmächtigte erklärt wieder auf das Beſtimm⸗ teſte, er werde ſeine Vollmacht nur Herrn oder Frau v. Lamotte perſönlich abgeben, man müßte es ihm denn ausdrücklich anders befehlen. Obgleich Derues unverſchämter Weiſe noch einmal per⸗ ſönlich bittet, ihm mit Gewalt ſein Recht zu verſchaffen, wird die Angelegenheit dennoch vertagt. Dieſe beiden vergeblichen Verſuche hätten ihn verdächtigen kön⸗ nen, wären ſie in Buiſſon⸗Souef bekannt geworden. Aber Alles ſchien ſich zu Gunſten des Verbrechers verſchworen zu haben; weder die Frau aus der Penſionsanſtalt, noch der Bevollmächtigte dach⸗ 4 4 ten daran, an Herrn von Lamotte zu ſchreiben. Dieſer hegte noch — — 89 keinen Verdacht, wurde aber von andern Beſorgniſſen gequält und mußte Krankheits halber zu Hauſe bleiben. In unſern Tagen ſind die Entfernungen zuſammengeſchwunden, und eine Reiſe von Villeneuve nach Paris macht man in einigen Stunden ab. So war es aber noch nicht im Jahre 1777; damals brauchte man einen halben Tag, um von der Hauptſtadt nach Verſailles zu kommen, und ein Weg von zehn Meilen erheiſchte mindeſtens zwei Tage und eine Nacht und war mit Verzögerungen und Hinderniſſen aller Art verknüpft. Die Schwierigkeiten des Fortkommens, die in der ſchlechten Jahreszeit noch viel größer ſind, und ein heftiger Anfall von Gicht machen es erklärlich, daß Herr v. Lamotte von Mitte December bis Ende Februar von ſeiner Frau ferngeblieben, obgleich er, wie wir ſehen, ein ſo ängſtliches Gemüth hatte. Er hatte auch Briefe von ihr empfangen, die ihn beruhigen mußten. Die erſten waren in einfacher Herzlichkeit ge⸗ ſchrieben, in den folgenden aber glaubte er eine allmälige Ver⸗ änderung zu bemerken. Sie ſchienen ihm mehr vom Verſtande, als vom Herzen dictirt; der Styl derſelben hatte nur den Anſchein der Natürlichkeit, und oft kamen Zärtlichkeitsverſicherungen von der Art vor, wie ſie zwiſchen Eheleuten, die ſich aufrichtig lieben, aber es ſich nicht zu ſagen haben, weil ſie es wiſſen, nicht vor⸗ zukommen pflegen. Herr von Lamotte ſuchte ſich dieſe Sonderbar⸗ keiten zu erklären; aber ſo ſehr er ſich bemühte, ſich zu überreden, daß er ſich irre, ſo konnte er doch die unangenehmen Gedanken nicht los werden, auch ſeine gewohnte Ruhe nicht wiederfinden. Da er ſich ſeiner Schwäche beinahe ſchämte, hatte er ſeine Be⸗ fürchtungen Niemand mitgetheilt. Als er eines Morgens nahe dem Kaminfeuer im Sorgenſtuhl ſaß, trat der Pfarrer herein und wunderte ſich, ihn ſo niederge⸗ ſchlagen, bleich und traurig zu finden. „Was fehlt Ihnen?“ fragte er,„haben Sie dieſe Nacht Schmer⸗ zen gehabt, oder haben Sie ſchlechte Nachrichten aus Paris?“ 90 „Nein, ſeit acht Tagen kein Wort; das iſt doch merkwürdig, nicht wahr?“ „Ich hoffe immer noch, daß dieſer Kauf nicht zu Stande kommen wird, denn er zieht ſich ſchon viel zu lange hin, und ungeachtet der Mittheilung, die Ihre Frau Ihnen vor einem Mo⸗ nat machte, halte ich Derues doch nicht für ſo begütert, als er ſich ausgiebt. Wiſſen Sie auch, daß man ſagt, daß der Verwandte der Madame Derues, den ſie beerbt haben, der Herr Duplaignes⸗ Dupleſſis, ermordet ſei?“ „Woher wiſſen Sie das?“ „Das Gerücht hat ſich im Lande verbreitet, und ich habe es von einem Manne erfahren, der unlängſt aus Beauvais gekommen iſt.“ „Weiß man den Mörder?“ „Es ſcheint, die Gerichte haben nichts erforſchen können.“ Herr v. Lamotte ließ den Kopf auf die Bruſt fallen und ſaß ſchmerz⸗ lich träumend da, als hätte dieſe Mittheilung ihn perſönlich betroffen. „Offen geſagt, ich bin der Meinung, ſie bleiben Herr von Buiſſon⸗Souef; es wäre mir auch gar zu ſchmerzlich, wenn ich einen andern Namen, als den Ihrigen, auf den Kirchenſtuhl in Villeneuve müßte ſetzen laſſen.“ „Die Angelegenheit muß in wenigen Tagen zum Abſchluß kommen, und will oder kann Herr Derues nicht, ſo wird ſich ein anderer Käufer finden. Woher glauben Sie, daß er kein Geld hat?“ „Nun, wenn man Geld hat, bezahlt man ſeine Schulden, oder man iſt ein Schurke, und Gott bewahre mich, an ſeiner Rechtlich⸗ keit zu zweifeln.“ 1 „Was wiſſen Sie denn von ihm?“ „Sie erinnern ſich wohl an den Camaldulenſermönch, der mich im vergangenen Frühjahr beſuchte und gerade da war, als Ihre Frau mit Eduard und Derues ankam; er hat mir geſchrie⸗ ben, daß Derues ihrem Kloſter ſeit längerer Zeit 800 Livres ſchuldig iſt und daß man keinen Sous von ihm herausbringen kann.“ — 91 „Ja,“ ſagte Herr von Lamotte,„ich hätte vielleicht kluͤger gethan, mich durch ſeine ſchönen Verſprechungen nicht verleiten zu laſſen; der Menſch hat Honig auf den Lippen, und wenn man ihn einmal anhört, ſo iſt es rein unmöglich, ihm etwas abzu⸗ ſchlagen. Aber ich hätte doch lieber mit einem Andern zu thun.“ „Iſt es das, was Sie ſo quält und Ihnen ein ſo bekümmer⸗ tes Ausſehen giebt?“ „Das und noch etwas Anderes.“ „Was denn?“ „Ich ſchäme mich faſt, es zu geſtehen; ich werde furchtſam und abergläubiſch, wie ein altes Weib; antworten Sie mir ein⸗ mal, ohne ſich zu ſahn über mich luſtig zu machen, glauben Sie an Träume?“ „Einen Hufenfußß,“ antwortete der Pfarrer lächelnd,„muß man nie fragen, ob er Furcht hat, denn man giebt ihm dadurch Gelegenheit zu lügen; er wird Nein ſagen und doch Ja denken.“ „Sind Sie denn in dieſem Falle der Haſenfuß?“ „Ein wenig; ich glaube nicht gerade an Ammenmährchen, an die günſtige oder verderbliche Vorbedeutung dieſes oder jenes Ge⸗ genſtandes, der uns im Traume erſcheint, allein....“ Man hörte Schritte; ein Diener erſchien und meldete die An⸗ kunft des Herrn Derues Bei dieſem Namen ſchrak Herr von Lamotte unwillkürlich zu⸗ ſammen, bald jedoch überwand er dieſen Eindruck und ging ihm entgegen.„Bleiben Sie hier,“ ſagte er zum Pfarrer,„wir haben ſicherlich einander nichts zu ſagen, was Sie nicht auch hören könnten.“ Derues trat in den Saal und nahm nach den gewöhnlichen Begrüßungen Herrn von Lamotte gegenüber Platz. „Sie haben mich wohl nicht erwartet, und ich bitte um Ver⸗ zeihung, daß ich ſo unerwartet komme.“ „Was macht meine Frau?“ fragte ungeduldig Herr von Lamotte. 92 „Sie hat ſich nie wohler befunden, und auch Ihr Sohn erfreut ſich der beſten Geſundheit.“ „Warum ſind Sie allein gekommen, warum hat Sie Marie nicht begleitet, ſie iſt ja ſchon ſechs Wochen fort?“ „Sie hat die Geſchäfte noch nicht abgemacht, welche Sie ihr aufgetragen. Ich muß geſtehen, daß ich einige Schuld daran trage; allein man kann die Geſchäfte nicht ſo ſchnell zu Ende bringen, als man ſelbſt es gern möchte. Gewiß hat ſie Ihnen ſchon geſchrieben, daß endlich zwiſchen uns Alles im Reinen iſt. Wir haben einen neuen Privatverkauf abgeſchloſſen, welcher die früͤheren Abmachungen aufhebt, und ich habe bereits 100,000 Lipres an ſie ausgezahlt.“ „Ich begreife nicht,“ ſagte Herr von Lamotte,„was meine Frau veranlaſſen konnte, mir zu verſchweigen...“ „Wie, Sie wiſſen noch nichts?“ „Nein, kein Wort. So eben noch drückte ich dem Herrn Pfarrer meine Verwunderung aus über dies lange Schweigen.“ „Frau von Lamotte wollte Ihnen doch ſchreiben, und ich weiß nicht, was ſie daran verhindert hat.“ 8 „Wann haben Sie ſie verlaſſen?“ „Ach, ſchon vor mehreren Tagen, denn ich komme nicht von Paris, ſondern von Chartres; ich glaubte, Sie wüßten ſchon Alles.“ Herr von Lamotte ſchwieg einige Augenblicke ſtill, dann ſah er Derues ſcharf ins Auge und ſagte mit bewegter Stimme: „Sie ſind Gatte und Vater; bei der Liebe zu Ihrer Frau und Ihren Kindern beſchwöre ich Sie; ich fürchte, es iſt meiner Frau irgend ein Unglück geſchehen, und Sie wollen es mir nur ver⸗ heimlichen.“ Derues Geſicht drückte das allernatürlichſte Erſtaunen aus. „Wie können Sie nur auf ſolche Gedanken kommen?“ ſagte er und warf zugleich einen Blick auf den Pfarrer, um ſich zu ver⸗ gewiſſern, ob dies Gefühl des Mißtrauens Herrn von Lamotte 93 eigenthümlich angehöre, oder ihm von Anderen eingeflößt ſei. Sein Auge bewegte ſich ſo ſchnell, daß die beiden Andern dieſen Blick gar nicht bemerkten. Wie alle Betrüger ſtets auf ihrer Hut ſein müſſen, verſtand auch Derues bis zu einem bewundernswuͤrdigen Grade, Alles zu bemerken, ohne hinzuſehen. Es ſchien ihm, daß er es vorläufig nur mit einem grundloſen Argwohn zu thun habe, und wartete daher, bis man mehr in ihn dringen würde. „Ich weiß nicht,“ ſagte er,„was ſich während meiner Ab⸗ weſenheit zugetragen hat; ſprechen Sie ſich näher aus, ich bitte Sie, mein beſter Herr von Lamotte, denn auch ich fange an, be⸗ ſorgt zu werden.“ „Ich bitte Sie, ſagen Sie mir die Wahrheit, erklären Sie mir dies Schweigen, dieſen über alles Erwarten langen Aufent⸗ halt in Paris; Sie haben mit meiner Frau vor einigen Tagen unſere Sache abgemacht; ich will gleich morgen Jemand nach Paris ſchicken.“ „Lieber Gott, kann denn nur ein Unfall an dieſer Verzögerung Schuld ſein? Ich ſehe,“ fuhr er mit der verlegenen Miene eines Mannes fort, den man zwingt, ein Geheimniß zu ſagen;„ich ſehe wohl, ich muß ſagen, was man mir unter dem Siegel der Verſchwiegenheit anvertraut hat, um Sie zu beruhigen.“ Darauf erzählte er Herrn von Lamotte, daß ſeine Frau wirk⸗ lich nicht mehr in Paris ſei, ſondern ſich in Verſailles befinde, um dort eine eben ſo ehrenvolle, als gewinnbringende Stelle für ihn auszuwirken, wahrſcheinlich habe ſie ihm dieſen Schritt nur verſchwiegen, um ihn deſto angenehmer zu überraſchen. Zugleich erwähnte er, daß ſie Eduard aus der Penſion genommen und ihm eine Stelle unter den königlichen Pagen zu verſchaffen ſuche; um ſeine Ausſage zu beſtätigen, zog er den Brief aus der Brieftaſche, in dem Eduard ihm auf jenen geantwortet hatte, welchen wir oben mittheilten. Alles dies ſagte er ſo einfach natürlich und mit ſo treuherzi⸗ * 94 gem Tone, daß auch der Pfarrer überzeugt wurdes für Herrn von Lamotte hatte der Plan, welchen er ſeiner Frau unterlegte, nichts Unwahrſcheinliches; Derues hatte erfahren, daß ſchon früher zwiſchen den Eheleuten die Rede geweſen, Eduard dieſe Laufbahn einſchlagen zu laſſen. Obſchon er keinen ernſthaften Einwand zu machen wußte, ſo ſchwanden dennoch dieſe Befürchtungen keines⸗ wegs, obgleich er äußerlich ſich mit dieſer Erklärung zufrieden ſtellte. Der Pfarrer nahm das Wort: „Ihre Nachrichten ſind ſehr geeignet, unſere trüben Gedanken zu verſcheuchen. Eben noch, kurz bevor man Sie anmeldete, theilte mir Herr von Lamotte ſeine Befürchtungen mit; auch ich war verwundert und wußte ihm nichts einzuwenden. Noch nie iſt ein Beſuch ſo erwünſcht geweſen, als der Ihrige. Sie ſehen,“ wandte er ſich an Herrn von Lamotte,„wie ſich Ihre Befürch⸗ tungen in nichts auflöſten. Was ſagten Sie doch gleich, als Herr Derues eintrat?... Ja, ich beſinne mich, wir wollten eben an⸗ fangen, über Träume zu ſprechen, und Sie fragten, ob ich an die Bedeutſamkeit derſelben glaube.“ Herr von Lamotte, der in ſeinem Sorgenſtuhl in tiefes Nach⸗ denken verſunken ſchien, erbebte, erhob wieder den Kopf und ſah Derues aufmerkſam an; dieſer aber hatte Zeit gehabt, den Ein⸗ druck zu bemerken, welchen die Worte des Pfarrers gemacht, und ließ ſich durchaus nicht in ſeiner Ruhe ſtören. „Ja,“ ſagte Herr von Lamotte,„das war's, was ich Sie gerade fragen wollte.“ „Und ich wollte Ihnen antworten, daß es gewiſſe geheimniß⸗ volle Anzeigen giebt, welche die Seele früher gewahren kann, als der Leib; ſeltſame Offenbarungen, die ſich allmälig mit der Wirklichkeit verknüpfen, von der ſie gewiſſermaßen nur die Ver⸗ läufer ſind.“ „Was halten Sie davon, Herr Derues?“ „Ich habe darüber gar keine Anſicht und überlaſſe es gelehrten 9⁵ Leuten, darüber zu ſtreiten. Ob es etwas zu bedeuten habe, oder nicht, ich weiß es nicht, und gebe mir auch keine Mühe, ſolche Dinge zu erforſchen, welche über unſeren Geſichtskreis hinausgehen.“ „Ja,“ ſagte der Pfarrer,„man muß ſie aber doch zugeben.“ „Ohne ſie jedoch begreifen und erklären zu können, gerade wie ſo viele ewige Wahrheiten; ich halte mich an jene Vorſchrift des Buches von der Nachahmung Jeſu Chriſti: Hüte Dich, mein Sohn, über Dinge zu grübeln, die zu hoch ſind für Deine Einſicht.“ „Auch ich bin demüthig und grüble nicht; denn wie viele Wunder trägt nicht unſere Seele in ihrem Bewußtſein, die wir doch weder ſehen, noch berühren können; aber ich wiederhole es, daß ſich oft Dinge zutragen, die man nicht leugnen kann.“ Derues hörte aufmerkſam und mit geſpitzten Ohren zu; ohne zu wiſſen warum, fürchtete er, ſich in dieſe Unterhaltung ver⸗ wickeln zu laſſen, und beobachtete Herrn von Lamotte, der ſeinen Blick nie von ihm abwandte. „Ich will Ihnen,“ ſagte der Pfarrer,„etwas mittheilen, das mir ſelbſt begegnet iſt. Ich war zwanzig Jahre alt; meine Mutter wohnte in der Umgegend von Tours, und ich befand mich im Sommer zu Montpellier. Nachdem ich mehrere Jahre von ihr getrennt geweſen, bekam ich die Erlaubniß, ſie zu beſuchen, ſchrieb es ihr, und ich erhielt eine Antwort, in welcher ſie mir ihre Zärtlichkeit und Freude ausdrückte; auch mein Bruder und meine Schweſter wurden davon benachrichtigt; die ganze Familie ſollte ſich wie zu einem Feſt verſammeln. Mit fröhlichem Herzen machte ich mich auf den Weg; meine Ungeduld war ſo groß, daß ich eines Abends in einem Wirthshauſe, fünf Meilen vor Tours, wo ich mein Abendbrot aß, beſchloß, die ganze Nacht hindurch zu wandern. Eine Stunde nach Sonnenaufgang ſah ich ſchon die Schornſteine rauchen in dem Dorfe, in welchem man mich er⸗ wartete. Ich eilte ſo ſchnell ich konnte, um noch einige Augen⸗ blicke früher bei den Meinigen zu ſein. Noch nie hatte ich mich 96 heiterer und glücklicher gefühlt; rings um mich her ſah ich nur lachende Bilder; als ich eben um eine Ecke biege, ſehe ich einen Bauer, einen alten Bekannten von mir, ſtehen. Plötzlich zieht ſich ein dunkler Schleier vor mein Geſicht; ein Trauergedanke überfiel mich, und ich ſagte zu dem Manne, der noch keine Sylbe geſprochen hatte:„Nicht wahr, meine Mutter iſt geſtorben? Ich weiß es ganz gewiß.““ „Noch heute Vormittag wird ſie begraben,“ ſagte er. „Woher kam dieſe Offenbarung? Ich hatte Niemand geſehen, Niemand geſprochen, und eine Minute vorher hatte ich noch keine Ahnung.“ Derues drückte durch eine Gebehrde ſein Erſtaunen aus; Herr von Lamotte legte ſich ſchnell die Hände vors Geſicht und ſagte zum Pfarrer: „Ihre Ahnungen haben ſich bewährt, aber die meinigen ſind glͤcklicherweiſe grundlos; aber hören Sie ſie an und ſagen Sie ſelbſt, ob ich bei der Unruhe, welche mich ſo ſchon erfüllte, nicht erſchrecken und irgend ein trauriges Ereigniß fürchten mußte.“ Er heftete ſeinen Blick wieder auf Derues und ſprach: „Geſtern gegen Mitternacht war es mir endlich gelungen, ein⸗ zuſchlummern, aber dieſer jeden Augenblick unterbrochene Schlaf war mehr ermattend, als erquickend. Rings um mich her hörte ich einen Lärm und ſah blendende Lichterſcheinungen, dann wurde wieder Alles ſtill und finſter. Mehrmals ſchien es mir, als weinte Jemand neben meinem Bette und als riefen aus der Dunkelheit hervor klingende Stimmen meinen Namen. Ich breitete die Arme aus und konnte nichts erfaſſen und wehrte mich gegen geſpenſtige Geſtalten, die ich zu ſehen glaubte, die aber doch nicht da waren. Da ergriff eine eiskalte Hand die meinige und zog mich ſchnell mit ſich fort. In einem dunklen feuchten Gewölbe lag eine Frau blutig und leblos ausgeſtreckt, und dieſe Frau,— es war die meinige; zugleich hörte ich ein Geſtöhne; ich wandte mich um und ſah einen ——˖˖⏑Q⏑——— 97 Mann, der meinen Sohn erdolchte. Ich ſchrie laut auf und er⸗ wachte, wie gebadet in kaltem Schweiß und noch keuchend vor Angſt über dieſe Erſcheinung; ich mußte aufſtehen, laut mit mir ſprechen und mich überzeugen, daß ich nur geträumt; ich verſuchte wieder zu ſchlafen, aber dieſelben Schreckensbilder bemächtigten ſich meiner; immer ſah ich dieſen Mann mit zwei bluttriefenden Dolchen, immer hörte ich das Klaggeſtöhne ſeiner beiden Opfer. Als der Tag an⸗ brach, war ich wie zerſchlagen, und Sie, Herr Pfarrer, haben noch heute morgen ſehen können, welchen Eindruck dieſe Nacht auf mich gemacht hat.“ Während dieſer Erzählung kam Derues auch nicht einen Augen⸗ blick aus ſeiner Ruhe, und ſelbſt der geſchickteſte Phyſiognomiker hätte auf ſeinem Geſicht keinen andern Ausdruck finden können, als den ungläubiger Neugierde. „Die Geſchichte des Herrn Pfarrers,“ ſagte er,„hat mich über⸗ raſcht, Ihre aber regt alle meine früheren Zweifel wieder an, und weniger als jemals wage ich es, mir ein Urtheil in dieſer ſchwe⸗ ren Traumfrage zu erlauben, da das zweite Beiſpiel das erſte wie⸗ der aufhebt.“ „In der That,“ ſagte der Pfarrer,„aus den beiden vorlie⸗ genden Fällen, die ſich widerſprechen, iſt es unmöglich, einen Schluß zu ziehen, und wir thun daher am beſten, einen weniger traurigen Gegenſtand der Unterhaltung zu wählen.“ „Herr Derues,“ fragte darauf Herr von Lamotte,„wollen wir vielleicht, wenn Sie von der Reiſe nicht zu ſehr ermüdet ſind, die Arbeiten anſehen, welche ich habe ausführen laſſen? Denn Sie haben jetzt zu beſtimmen, und bald werde ich hier nur noch Ihr Gaſt ſein.“ „Wie ich ſo lange der Ihrige. Ich hoffe, Sie werden mir oft Gelegenheit geben, Gaſtfreundſchaft auszuüben. Aber Sie ſind un⸗ wohl und die Luft iſt kalt; thun Sie ſich meinetwegen keinen Zwang an und bleiben Sie lieber mit dem Herrn Pfarrer hier am Feuer. 98 Ich bin, Gott ſei Dank, noch kräftig genug, will daher den Park allein in Augenſchein nehmen und Ihnen meine Meinung ſagen; wir haben ja Zeit, denn mit Ihrer Erlaubniß denke ich einige Tage hier zu bleiben.“ „Ich rechne darauf.“ Er ging hinaus, das Herz voll Unruhe über dieſen Argwohn, den Herr von Lamotte gefaßt, und über die Art, wie er ihn unauf⸗ hörlich beobachtet hatte, während er ſprach. Mit langen Schritten lief er im Park auf und ab. „Ich habe die Sache am Ende doch nicht recht gemacht und zu viel Zeit verloren; aus Furcht, nicht Alles vorher bedenken zu können, habe ich thörichter Weiſe gezaudert; aber wie ſollte ich auch darauf kommen, daß dieſer gute, einfältige und leichtgläubige Mann auf den Einfall gerathen würde, Mißtrauen zu faſſen? Welch' ein ſonderbarer Traum! Waͤr' ich nicht auf meiner Hut geweſen, ich hätte mich leicht fangen laſſen. Friſch ans Werk, man muß ihm dieſe Gedanken benehmen.“. Er blieb ſtehen, dachte einige Augenblicke nach und ging ins Haus zurück. Als er vorhin kaum den Saal verlaſſen, neigte ſich Herr von Lamotte zum Pfarrer und flüſterte ihm ins Ohr: „Nicht wahr, er hat nicht die mindeſte Bewegung gezeigt?“ „Nein, nicht die mindeſte.“ „Er hat nicht gebebt, als ich von dem Manne mit den zwei Dolchen ſprach?“ „Nein; aber laſſen Sie doch dieſe Gedanken fahren! Sie ſehen doch, daß Sie ſich irren.“ „Ich habe noch nicht Alles geſagt; der Mörder, den ich im Traume ſah, war Niemand anders als Derues. Ich weiß eben ſo gut als Sie, daß das Alles nur eine Täuſchung war; auch ich habe geſehen, wie ruhig er blieb; aber ich kann mir nicht helfen, der abſcheuliche Traum verfolgt mich unaufhörlich... Hören Sie 99 nicht auf mich, erlauben Sie nicht, daß ich hiervon ſpreche, ſagen Sie, daß ich mich ſchäme und über mich erröthe.“ Während Derues in Buiſſon⸗Souef verweilte, erhielt Herr von Lamotte von ſeiner Frau mehrere Briefe, die theils von Paris, theils von Verſailles aus geſchrieben waren. Sie benachrichtigte ihn in denſelben, daß ſie und ihr Sohn ſich der beſten Geſundheit zu erfreuen hätten. Die Schrift war ſo täuſchend nachgeahmt, daß auch nicht der leiſeſte Zweifel aufkommen konnte; dennoch aber wuchs ſein Verdacht mit jedem Tage, und er theilte ihn dem Pfarrer mit. Trotz der dringenden Bitten Derues, welcher ihn einlud, mit nach Paris zu kommen, blieb er feſt und gab ihm eine abſchlägliche Antwort. Dieſer war erſchrocken über die Kälte, mit der man ihm entgegentrat, verließ Buiſſon⸗Souef und erklärte ſeine Abſicht, das Gut erſt im Frühjahre übernehmen zu wollen. Seine Kränklichkeit hielt Herrn von Lamotte wider ſeinen Willen zurück, bis ein neuer unerklärlicher Umſtand ihn zu dem Entſchluß brachte, nach Paris zu reiſen, um endlich das Geheimniß aufzu⸗ decken, in welches das Schickſal ſeiner Frau und ſeines Sohnes gehüllt war. Er hatte einen Brief ohne Unterſchrift von unbe⸗ kannter Hand erhalten, der in verſteckten Andeutungen die Ehre der Frau von Lamotte angriff und zu verſtehen gab, daß ſie ihre ehelichen Pflichten aus den Augen geſetzt habe, und daß dies auch der wahre Grund ihrer langen Abweſenheit ſei. Er glaubte dieſer anonymen Verdächtigung nicht, allein das Geſchick zweier ihm theuren Weſen ſchien ihm doch ſo beſorgnißerregend, daß er nicht länger zauderte und nach Paris abreiſte. Sein Entſchluß, Derues nicht zu begleiten, hatte ihm das Leben gerettet, denn in Buiſſon⸗Souef konnte derſelbe ſeine letzte Schand⸗ that nicht zur Ausführung bringen; nur in Paris konnte er ſein Opfer verſchwinden laſſen, ohne Rechenſchaft geben zu dürfen. Gezwungen, ſeine Beute fahren zu laſſen, beſchloß er, dieſelbe in ein Labyrinth zu verwickeln, in welchem ſie bald den Pfad der 7* 100 Wahrheit verlieren müſſe. Schon hatte er, da er ſich Alles im Voraus berechnet, zur Verleumdung ſeine Zuflucht genommen und die freche Lüge vorbereitet, welche ihn rechtfertigen ſollte, falls eine Anklage gegen ihn erhoben würde. Er hatte gehofft, Herr von Lamotte würde ſich ihm vertheidigungslos ergeben, aber eine genaue Betrachtung ſeiner ganzen Lage, die offenbare Unmöglichkeit, eine unvermeidlich gewordene Erklärung noch weiter hinauszuſchieben, brachten ihn auf den Gedanken, ein ganz neues Gewebe von Trug und Bosheit anzuzetteln, und die hölliſche Liſt, deren er ſich zu bedienen beſchloß, war ſo fein erſonnen, daß ſie mit allem menſch⸗ lichen Scharfſinn ihr Spiel treiben ſollte. Herr v. Lamotte kam in den erſten Tagen des März nach Paris. Der Zufall wollte es, daß er in der Straße La Mortellerie und zwar in einem Haufe ſeine Wohnung nehmen ſollte, welches in der Nähe jenes Kellers war, in dem ſeine Frau begraben lag. Er ging zu Derues und gedachte ihn zu überraſchen und zum Reden zu zwingen; aber er war nicht zu Hauſe. Seine Frau konnte ihm nicht ſagen, wo er ſich befände, ſei es, daß ſie in ſein Geheimniß eingeweiht war, ſei es, daß ſie wirklich von dem Aufenthaltsort ihres Mannes nichts wußte. Er gebe ihr, ſagte ſie, niemals Rechenſchaft über das, was er treibe, und Herr von Lamotte hätte ja während ihres Aufenthalts in Buiſſon bemerken können, daß ſie ihn niemals ausfrage und ſich in allen Stücken ſeinem Willen unterwerfe; er ſei abgereiſt, ohne ihr mitzutheilen, wohin. Sie gab zu, daß Frau von Lamotte ſechs Wochen lang in ihrem Hauſe gewohnt, ſie wiſſe aber nur, daß ſie dann nach Verſailles gegangen ſei und habe ſeitdem nichts von ihr gehört. Alle Fragen, Bitten und Drohungen des Herrn von Lamotte konnten ihr keine andere Antwort entlocken. Er lief zu dem Bevollmäch⸗ tigten in der Straße Paon und zu dem Beſitzer der Penſionsan⸗ ſtalt; dieſelbe Ungewißheit, dieſelben vergeblichen Fragen. Seine Frau und ſein Sohn waren nach Verſailles abgereiſt; aber hier 101 riß der Faden ab, der ihn zu weitern Nachforſchungen hätte führen können. Er ging nach Verſailles; aber Niemand konnte ihm dort Auskunft geben; der Name Lamotte war daſelbſt ganz unbekannt. Er kehrte nach Paris zurück, fragte die Bewohner des Stadtvier⸗ tels, erkundigte ſich beim Eigenthümer des Hotel de France, wo ſeine Frau bei ihrer erſten Anweſenheit in Paris logirt hatte, und als Alles vergeblich blieb, wandte er ſich endlich an die Gerichte. Jetzt hörte er auf zu klagen; es wurde ihm gerathen, das tiefſte Stillſchweigen zu beobachten, und man wartete auf die Ruckkehr Derues. Dieſer hatte, nachdem er vergeblich verſucht, die Befürchtungen des Herrn von Lamotte einzuſchläfern, vollkommen eingeſehen, daß keine Zeit mehr zu verlieren ſei, und daß der vorgebliche, am 12. Februar abgeſchloſſene Privatvertrag nicht genügen würde, über Franziska Perrier, verheirathete Lamotte Auskunft zu geben. Die Zeit, welche der unglückliche Gatte mit vergeblichen Nachforſchungen verbracht, hatte er folgendermaßen angewandt. Am 12. Februar war eine dicht in ihren Mantel verhüllte Frau Namens Thereſe in das Arbeitszimmer des Magiſter N... Notars in Lyon, getreten. Sie hatte erklärt, ſie heiße Marie Franziska Perrier und ſei die Gemahlin des Herrn Saint Fauſt de Lamotte, was Gütergemeinſchaft betreffe, von ihm geſchieden. Sie hatte eine Vollmacht aufſetzen laſſen, durch welche ſie ihrem Manne die 30,000 Livres übermachte, die von dem Kaufpreis für das Land⸗ gut Buiſſon⸗Souef bei Villeneuve noch rückſtändig ſeien. Die Vollmacht war unterzeichnet von Frau von Lamotte, dem Notar und einem ſeiner Collegen. Dieſe Frau war niemand Anderes, als Derues ſelbſt. Wenn man ſich erinnert, daß er in Buiſſon erſt am 28. Febr. angekommen und daſelbſt einige Tage geblieben war, ſo wird man es ſchwer begreiflich finden, wie er in dieſer Zeit eine ſo lange Reiſe, wie die von Paris bis Lyon, ſo ſchnell gemacht hatte. Die Furcht gab ihm Flügel. Wir werden ſogleich 10⁰² ſehen, welchen Vortheil er hieraus zu ziehen gedachte, und welch' ein Meiſterſtück von Liſt und lügneriſcher Schlauheit, welchen Ro⸗ man er ſich ausgedacht hatte. Als er in Paris ankam, fand er bei ſich eine Vorladung vor den Generallieutenant der Polizei. Er war darauf gefaßt und er⸗ ſchien voller Zuverſicht, bereit, auf alle Fragen Rede zu ſtehen. Auch Herr von Lamotte war dabei zugegen. Man nahm ein Ver⸗ hör in aller Form vor: Zuerſt fragte ihn der Beamte, warum er Paris verlaſſen habe. „Mein Herr,“ ſagte Derues,„ich brauche nichts zu verheim⸗ lichen, und keine meiner Handlungen ſcheut das Tageslicht; bevor ich aber eine Erklärung gebe, wünſche ich zu wiſſen, weshalb und in welcher Angelegenheit ich hier bin. Mein Stand als anſäſſiger Bürger giebt mir ein Recht zu dieſer Frage. Haben Sie daher die Güte, mich zu belehren, welches die Urſache iſt, derentwegen Sie mich vorgeladen haben; iſt es eine Angelegenheit, die mich perſönlich betrifft, oder ſoll ich nur Auskunft geben über etwas, wovon ich vielleicht Kenntniß haben könnte?“ „Sie kennen dieſen Herrn und es kann Ihnen daher nicht zweifelhaft ſein, was man von Ihnen zu wiſſen begehrt?“ „Ich weiß es aber dennoch durchaus nicht.“ „Antworten Sie zunächſt auf meine erſte Frage: warum hatten Sie Paris verlaſſen? wo ſind Sie geweſen?“ „Ich habe eine Geſchäftsreiſe gemacht.“ „Welches waren dieſe Geſchäfte?“ „Ich werde nicht mehr ſagen.“ „Hüten Sie ſich. Es laſtet ein ſchwerer Verdacht auf Ihnen, und Ihr Schweigen wird nicht dazu dienen, Sie zu rechtfer⸗ tigen.“ Derues ließ das Haupt ſinken mit dem Ausdruck entſchloſſenen Verzichtens. „Unglücklicher!“ rief Herr von Lamotte, der in dieſer Stellung 103 das Geſtändniß eines Verbrechens ſah;„Unglücklicher! was haben Sie mit meiner Frau und meinem Sohne gemacht?“ „Ihr Sohn!...“ ſagte Derues langſam und gab ſeiner Stimme einen ſeltſamen Ton, dann ſchlug er wieder die Augen nieder. Der verhörende Beamte erſtaunte über den Ausdruck ſeines Geſichts und über dieſe halbe Antwort, welche ein Geheimniß ver⸗ bergen und die Aufmerkſamkeit dadurch abſichtlich ablenken zu wollen ſchien, daß ſie die Neugierde reizte. Er hätte Derues vielleicht in dem Augenblick in den Weg treten können, als er Winkelzüge zu machen ſuchte, und ihn zwingen, in allen ſeinen Antworten ſo beſtimmt und unzweideutig zu ſein, als es Herr von Lamotte in ſeinen Fragen war; allein er glaubte, gerade die unerwarteten, dringenden und leidenſchaftlichen Fragen des Letztern würden eher, als ein planvolles ruhiges Verhör ihn aus der Faſſung bringen und ſeine wahrſcheinlich vorbereitete Vertheidigung vergeſſen laſſen. Er änderte ſeinen Plan und behielt ſich für den Augenblick nur die Rolle eines Beobachters vor, und ſo begann ein Kampf zwi⸗ ſchen zwei gleich gewandten Gegnern. „Ich verlange von Ihnen zu wiſſen, was aus den Beiden ge⸗ worden iſt,“ ſagte Herr von Lamotte;„ich war in Verſailles, wo ſie nach Ihrer Verſicherung ſein ſollten.“ „Ich habe Ihnen die reine Wahrheit geſagt, mein Herr.“ „Aber Niemand hat ſie dort geſehen, Niemand kennt ſie einmal. Hier geht ihre Spur verloren. Mein Herr Beamter, dieſer Mann muß antworten, er muß ſagen, was aus meiner Frau und meinem Sohne geworden iſt.“ „Ich entſchuldige Ihre Beſorgniſſe und begreife Ihren Schmerz; aber warum wenden Sie ſich gerade an mich? warum glauben Sie, daß gerade ich wiſſen muß, was ihnen begegnet iſt?“ „Weil ich ſie Ihnen anvertraut habe.“ „Ja, als Ihrem Freunde, ich gebe es zu. Es iſt wahr, daß 104 ich im Monat December vorigen Jahres durch einen Brief von Ihnen von der Ankunft Ihrer Frau und Ihres Sohnes benach⸗ richtigt wurde: ich habe ſte bei mir aufgenommen und die Gaſt⸗ freundſchaft erwidert, welche ich in Ihrem Hauſe gefunden. Ihren Sohn ſah ich oft, Ihre Frau täglich, bis ſie mich verließ und nach Verſailles ging. Später brachte ich Eduard zu ſeiner Mutter, die eine Stelle für ihn auszuwirken ſuchte. Alles das habe ich Ihnen ſchon geſagt und ich wiederhole es, weil es die lautere Wahrheit iſt. Sie haben mir geglaubt; warum wollen Sie jetzt meinen Worten nicht trauen? erzähle ich denn etwas ſo Seltſames und Unbegreifliches? Wenn Ihre Frau und Ihr Sohn verſchwun⸗ den ſind, bin ich dafür verantwortlich? Haben Sie mir Ihr Recht über dieſelben abgetreten? Und, mein Herr, auf welche Art ver⸗ langen Sie jetzt Rechenſchaft von mir? Betrachten Sie mich als den Freund, der Ihnen hätte ſeine Theilnahme bezeugen und in Ihren Nachforſchungen beiſtehen können? Wollen Sie mir etwa Ihren Schmerz ausſchütten, oder einen guten Rath und Troſt bei mir holen? Nein, Sie haben mich angeklagt: nun wohlan, ich, ich weigere mich, Ihnen, mein Herr, Rede zu ſtehen; denn man klagt einen Ehrenmann nicht an ohne Beweiſe, und unbegründete oder eingebildete Befürchtungen genügen nicht, um einen flecken⸗ loſen Ruf zu verdächtigen. Mein Herr,“ fuhr er fort und wandte ſich an den Beamten,„ich glaube, Sie werden meine Mäßigung zu würdigen wiſſen und mir erlauben, mich zu entfernen. Erhebt man Beſchuldigungen gegen mich, ſo bin ich ſtets der Mann, der bereit iſt, ſich zu vertheidigen und ſie in ihrer Nichtigkeit bloszuſtellen. Ich bleibe in Paris, denn ich habe jetzt keine Geſchäfte mehr, die meine Anweſenheit an andern Orten er⸗ heiſchten.“ Dieſe letzten Worte ſprach er mit der offenbaren Abſicht, ſie recht bemerken zu laſſen. Dies entging dem Beamten nicht. „Was wollen Sie damit ſagen?“ fragte er. „Weiter nichts, als was in meinen Worten liegt. Kann ich mich entfernen?“ 5 „Nein, bleiben Sie. Sie geben alſo vor, nicht zu verſtehen...“ „Was ich wirklich nicht verſtehe; weil man nur in verſteckten Andeutungen ſpricht,“ Herr von Lamotte ſtand auf und rief: „In verſteckten Andeutungen! Soll ich noch deutlicher ſprechen, um Sie zu einer Antwort zu zwingen? Meine Frau und mein Sohn ſind verſchwunden. Was Sie ſagen, daß ſie nach Verſailles gegangen ſind, iſt nicht wahr; Sie haben mich zu Hauſe in Buiſſon⸗Souef getäuſcht, ſo wie Sie mich jetzt täuſchen und wie Sie auch das Gericht täuſchen möchten, indem Sie neue Lügen auftiſchen. Wo ſind ſie? was haben Sie mit ihnen gemacht? Ich fürchte Alles, was ein Vater und Gatte nur fürchten kann. Ich bin gefaßt auf jedes Unglück, ſelbſt auf das ſchrecklichſte, und ich beſchuldige Sie geradezu ihres Todes. Genügt Ihnen das, mein Herr? oder werden Sie noch jetzt ſagen, daß ich in verſteckten An⸗ deutungen ſpreche?“ Derues wandte ſich zu dem Beamten: „Genügt das, um mich ſchuldig erſcheinen zu laſſen, wenn ich keine genügende Auskunft gebe?“ „Freilich, das konnten Sie ſich längſt denken.“ „Alſo, mein Herr,“ ſagte er zu Herrn von Lamotte,„Sie be⸗ ſtehen auf dieſer gehäſſigen Anklage?“ „Ja, ich beſtehe auf ihr.“ „Sie haben alſo unſere Freundſchaft zerriſſen, Sie haben alle Bande zerriſſen, und ich ſtehe in Ihren Augen da als ein Nichts⸗ würdiger, als ein Mörder? Und Sie wollen mich zu Grunde rich⸗ ten, wenn ich auf dem Schweigen beharre?“ „Ja. 1 „Bedenken Sie ſich erſt, mein Herr, noch iſt es Zeit. Ich will es vergeſſen, daß Sie ſich von Ihrem Schmerze hinreißen 106 ließen, mich zu beſchimpfen, denn Ihr Leiden iſt groß genug, ohne daß meine Vorwürfe noch dazu kommen. Aber Sie wollen, daß ich ſpreche, Sie verlangen es durchaus?“ „Ja, ich verlange es.“ „Nun wohlan, Sie ſollen Ihren Willen haben.“ Er ſah Herrn von Lamotte an, als wollte er ſagen: Du thuſt mir leid! dann begann er mit einem Seußzer: „Herr Polizeilieutenant, jetzt bin ich bereit zu antworten, haben Sie die Güte, mein Verhör zu beginnen. Es war Derues gelungen, ein günſtiges Feld für ſeine Lügen zu gewinnen. Hätte er gleich Anfangs den ſeltſamen Roman zum Beſten gegeben, den er ſich erſonnen, ſo wäre die Unwahrſchein⸗ lichkeit ſeiner Erzählung ſelbſt dem Kurzſichtigſten aufgefallen, und man hätte jedem Satze die Nothwendigkeit angeſehen, ſich zu recht⸗ fertigen, koſte es, was es wolle, gehe es, wie es wolle. Dies war aber anders geworden von dem Augenblicke an, als er Wi⸗ derſtand leiſtete. Dieſe Weigerung, zu ſprechen, in dem Munde eines Mannes, der dadurch ſeine perſönliche Sicherheit gefährdete, hatte einen Anſchein von Großmuth, mußte nothwendig die Neu⸗ gier erregen und den Beamten auf geheimnißvolle und ſeltſame Geſtändniſſe vorbereiten. Dies war es eben, was Derues wollte; mit Ruhe und Feſtigkeit erwartete er jetzt die erſte Frage. Der Beamte fragte ihn zum zweiten Male: „Warum hatten Sie Paris verlaſſen?“ „Ich habe darauf ſchon geantwortet, daß wichtige Geſchäfte meine Entfernung nothwendig machten.“ „Aber Sie weigerten ſich, zu ſagen, welche Geſchäfte dies waren; weigern Sie ſich noch?“ „In dieſem Augenblick, ja; aber ich werde mich bald darüber erklären.“ „Wo waren Sie und woher kommen Sie?“ „Ich war in Lyon und komme von dort.“ 107 „Was hat Sie dorthin gerufen?“ „Das werde ich ſpäter ſagen.“ „Im December vergangenen Jahres kam Frau von Lamotte nach Paris, nicht wahr?“ „Ja.“ „Beide haben bei Ihnen gewohnt?“ „Ich habe keinen Grund es zu verheimlichen. „Ihre anfängliche Abſicht aber und die des Herrn von Lamotte war es nicht, ein Zimmer in Ihrem Hauſe zur Wohnung anzu⸗ nehmen?“ „Das hat ſeine Richtigkeit. Wir hatten wichtige Geſchäfte mit einander abzumachen, und Frau von Lamotte beſorgte, wie ſie mir ſpäter ſelbſt geſagt hat, es könnten ihres Geldes wegen vielleicht kleine Uneinigkeiten zwiſchen uns entſtehen; wenigſtens gab ſie die⸗ ſen Grund an. Sie hatte Unrecht, wie der Erfolg gelehrt hat, da ich beabſichtigte, Zahlung zu leiſten, und ſie auch wirklich gelei⸗ ſtet habe. Aber vielleicht hatte ſie noch einen andern Grund, den ſie nicht mittheilen wollte.“ „Ja das Mißtrauen, welches ihr dieſer Menſch einflößte!“ rief Herr von Lamotte. Derues blickte ihn mit betrübtem Lächeln an. „Laſſen Sie es jetzt gut ſein, mein Herr,“ ſagte der Beamte, „und unterbrechen Sie uns nicht;“ dann wandte er ſich wieder an Derues: „Einen andern Grund? Und welchen meinen Sie?“ „Vielleicht den Wunſch, unbeſchränkter zu ſein und bei ſich zu ſehen, wen ſie wollte.“ „Wie?“ „Das iſt nur eine Vermuthung von mir, auf der ich nicht beſtehen will.“ „Aber in dieſer Vermuthung ſcheint ein beleidigender Zweifel an der Ehre der Frau von Lamotte verſteckt zu liegen?“ — 6 2 108 „Nein, ach nein,“ antwortete Derues nach kurzem Schweigen. Dieſe Andeutung ſchien dem Fragenden ſonderbar. Er beſchloß, ihn immer weiter zu treiben und zu zwingen, dieſe verleumde⸗ riſchen halben Ausſagen aufzugeben, hinter denen er ſich gleichſam verſteckte, befahl Herrn von Lamotte, durch ein Zeichen, ſtillzu⸗ ſchweigen, und fuhr fort, in ſeinen Gegner zu dringen, ohne zu bemerken, daß er ſich durch die ſchlaue Taktik des Angeklagten überliſten laſſe, der ihn immer mehr anreizte, indem er ſelbſt zu⸗ rückwich, und daß er ihm mit jeder Minute Zeit einen bedeuten⸗ den Vortheil einräume. „Nun, welche Gründe Frau von Lamotte auch gehabt haben mag, ſie iſt doch zu Ihnen gezogen. Wie haben Sie ſie dazu beſtimmt?“ „Meine Frau führte ſie zuerſt nach dem Höôtel de France und dann nach mehreren andern Gaſthöfen; ich habe weiter nichts ge⸗ than, als ſie gebeten, wie ein Freund nur bitten kann; denn ich hatte keineswegs die Abſicht, ſie wider ihren Willen bei mir zu behalten. Als ich nach Hauſe zurückkehrte, war ich erſtaunt, ſie mit ihrem Sohne bei mir zu ſehen. Sie hatte nirgends ein Zim⸗ mer gefunden und darum mein Anerbieten angenommen.“ 1 „An welchem Tage geſchah das?“ „Am 16. December v. J., an einem Montage.“ „An welchem Tage hat ſie Ihr Haus verlaſſen?“ „Den 1. Februar.“ „Der Portier erinnert ſich aber nicht, daß er ſie an dieſem Tage hat ausgehen ſehen?“ „Das iſt möglich. Frau von Lamotte ging und kam, wie es ihre Geſchäfte mit ſich brachten; man kannte ſie ſchon und war auf ſie nicht aufmerkſamer, als auf die andern Hausbewohner.“ „Derſelbe Mann verſichert, zu wiſſen, daß ſie einige Tage vor⸗ her krank geweſen ſei und das Zimmer habe hüten müſſen. „Ja. Sie litt an einer kleinen Unpäßlichkeit, die ſo unbedeu⸗ 109 tend war, daß es nicht nöthig ſchien, einen Arzt zu rufen. Sie ſchien ſehr beunruhigt und mit düſtern Gedanken beſchäftigt zu ſein; ich glaube, dieſer Zuſtand ihrer Seele hat auf ihre Geſundheit Einfluß gehabt.“ „Haben Sie ſie nach Verſailles begleitet?“ „Nein, aber ich bin ſpäter mit ihr daſelbſt zuſammen geweſen.“ „Welchen Beweis können Sie für ihren Aufenthalt in jener Stadt beibringen?“ „Keinen; ausgenommen einen Brief, welchen ſie mir von dort aus geſchrieben hat.“ „Sie haben Herrn von Lamotte geſagt, daß ſie daſelbſt Schritte gethan, um ihrem Sohne eine Pagenſtelle zu verſchaffen; aber Nie⸗ mand hat ihn dort geſehen, Niemand ihrer dort erwähnen hören?“ „Ich habe es geſagt, weil ſie es gegen mich geäußert.“ „Wo wohnte ſie?“ „Das weiß ich nicht.“ „Was, ſie ſchrieb Ihnen, Sie beſuchten ſie, und Sie hätten ihre Wohnung nicht gewußt?“ „Nein.“ „Das iſt nicht möglich!“ „Es möchte wohl Manches unmöglich erſcheinen, wenn ich es ſagte, was dennoch wahr iſt.“ „Sprechen Sie ſich deutlicher aus.“ „Ich habe nur einen Brief von Frau von Lamotte erhalten, in dem ſie mir ihre Pläne in Betreff Eduard's mittheilte und mich bat, ihr ihren Sohn an einem beſtimmten Tage zuzuſchicken. Ich theilte Eduard ihre Abſichten mit, und da ich nicht ſelbſt in die Penſionsanſtalt gehen konnte, ſchrieb ich an ihn, um zu wiſſen, ob es ihm Recht ſein würde, ſeine Studien aufzugeben und eine Pagenſtelle anzunehmen. Als ich unlängſt in Buiſſon⸗Souef war, zeigte ich Herrn von Lamotte noch die Antwort des jungen Mannes. Hier iſt ſie.“ 110 Er gab dem Beamten einen Brief. Dieſer las ihn durch und reichte ihn dann Herrn von Lamotte: „Erkennen Sie die Handſchrift Ihres Sohnes?⸗ „Ja, mein Herr.“ „Sie haben alſo den jungen Eduard nach Verſailles gebracht?“ Ja.“ „An welchem Tage?“ „Am II. Februar, am Faſtnachtsdienſtag; dies iſt das einzige Mal, daß ich in Verſailles geweſen bin. Man könnte das Gegen⸗ theil glauben, denn es iſt möglich, daß ich irgendwo geäußert, ich hätte Frau von Lamotte nach ihrer Abreiſe noch öfter geſehen, ſei von allen ihren Unternehmungen unterrichtet, und daſſelbe Ver⸗ trauen, dieſelbe Freundſchaft beſtände noch zwiſchen uns. Wenn ich das geſagt habe, ſo habe ich eine Unwahrheit geſprochen und bin dem Grundſatz meines ganzen Lebens, einer ſtrengen Aufrich⸗ tigkeit und Wahrheitsliebe, untreu geworden.“ Dieſes Selbſtlob ſchien auf den Beamten keinen guͤnſtigen Ein⸗ druck zu machen. Derues bemerkte es und ſagte, um denſelben wieder zu verwiſchen: „Dann erſt wird man mein ganzes Betragen zu würdigen wiſſen, wenn man es durch und durch kennt. Ich hatte den Brief der Frau von Lamotte falſch verſtanden; ſie bat mich, ihr den Sohn zu bringen, und ich glaubte, ſie würde es mir Dank wiſſen, wenn ich ihn nicht allein reiſen ließe, und ſo begleitete ich ihn. Gegen Mittag kamen wir in Verſailles an und bemerkten gleich, nachdem wir vom Wagen geſtiegen waren, vor dem Gitter des Schloſſes Frau von Lamotte. Zu meiner großen Verwunderung ſah ich, daß ihr meine Gegenwart nicht lieb ſei; ſie war nicht allein...“ Hier brach er ab. Obgleich er augenſcheinlich eben den intereſ⸗ ſanteſten Punkt ſeiner Erzählung berührte. „Fahren Sie fort!“ ſagte der Beamte;„warum ſchweigen Sie mit einem Male?“ —— 111 „Was ich zu ſagen habe, iſt ſo peinlich; nicht für mich, der ich mich rechtfertigen ſoll, wohl aber für Andere, ſo daß ich noch Anſtand nehme.“ „Sprechen Sie.“ „Fragen Sie mich lieber.“ „Gut. Was trug ſich bei dieſem Zuſammentreffen zu?“ Er ſchien ſich einen Augenblick zuſammennehmen zu müſſen und ſprach dann wie Einer, der ſich nur ſchwer dazu entſchloſſen hat, nichts zu verbergen: „Frau von Lamotte war nicht allein; ein Mann begleitete ſie, den ich nicht kannte, den ich weder in Buiſſon⸗Souef, noch in Paris, noch ſeit der Zeit wieder geſehen habe. Erlauben Sie mir alle Einzelnheiten genau anzugeben. Das Ausſehen dieſes Mannes überraſchte mich Anfangs durch eine ſeltſame Aehnlichkeit; im erſten Augenblick ſchien er mich nicht zu bemerken, und ich hatte Muße, ihn zu betrachten. Seine Haltung verrieth einen Mann aus den höchſten Claſſen der Geſellſchaft, und ſeinem Anzuge nach ſchien er mir reich zu ſein. Als er Eduard ſah, ſagte er zu Frau von Lamotte: „„Alſo das iſt er?““ „Darauf umarmte er ihn zärtlich. Dies und die Freude, die er gar nicht zu verbergen ſuchte, ſetzte mich in Erſtaunen, und ich ſah Frau von Lamotte an. Sie ſagte ſehr trocken: „„Sie, Herr Derues, glaubte ich nicht zu ſehen, denn ich habe Sie nicht gebeten, meinen Sohn zu begleiten.““ „Eduard war eben ſo erſtaunt, als ich. Der Fremde ſah mich ſtolz und etwas ärgerlich an, da er aber wahrnahm, daß ich durch⸗ aus nicht die Augen vor ihm niederſchlug, wurde er etwas freund⸗ licher, und Frau von Lamotte ſtellte ihn mir als den Mann vor, welcher an Eduard's Wohlergehen ſo lebhaften Antheil nehme.“ „Das iſt ein ganzes Gewebe von Lügen!“ rief Herr von Lamotte. „Laſſen Sie mich ausſprechen,“ antwortete Derues;„Ihre 112 Zweifel ſind mir begreiflich, und ich will Sie durchaus nicht zwingen, meinen Worten zu glauben; aber Sie haben mich ge⸗ zwungen, die Wahrheit zu ſagen, und ich ſage ſie frei heraus. Man wird nachher die beiden Anklagen in die Waagſchale legen und ſehen, welche die gewichtigſte iſt. Der gute Ruf eines Ehren⸗ mannes iſt etwas eben ſo Ernſtes und Heiliges, als der Ruf einer Frau, und ich habe nie ſagen hören, daß die Tugend des Erſteren gebrechlicher ſei, als die der Zweiten.“ Herr von Lamotte gerieth außer ſich über dieſe Behauptung und vermochte ſeine Ungeduld und Empörung nicht länger zu be⸗ meiſtern. „Jetzt,“ rief er,„wird mir ein anonymer Brief, welchen ich empfangen, und der ehrenrührige Verdacht, welchen derſelbe gegen meine Frau hegte, erklärlich; er ſollte dieſe niederträchtige Be⸗ hauptung wahrſcheinlich machen. Das Alles ſind unverſchämte, nichtswürdige Lügen, und es iſt leicht möglich, daß er ſelbſt dieſen Brief geſchrieben hat.“ „Ich weiß gar nichts von dem Briefe,“ ſagte er, ohne im Mindeſten ſeine Ruhe zu verlieren.„Die Erklärung, welche Sie in dieſem Umſtand zu finden meinen, gedenke ich mit einer That⸗ ſache in Verbindung zu bringen, von der ich eben ſprechen wollte; ich wußte nicht, daß man Sie insgeheim benachrichtigt; erſt durch Sie erfahre ich's, und ich kann es vollkommen begreifen, daß man Ihnen einen ſolchen Brief geſchrieben. Derſelbe hätte Ihnen ein Grund mehr ſein ſollen, nicht gleich über Betrügerei zu ſchreien.“ Während er ſo ſprach, brütete ſein Gehirn über einem neuen Knäuel von Lügen, die durch dieſe Unterbrechung nöthig geworden waren; aber kein Zug ſeines Geſichts verrieth ſeine Gedanken; in ſeinem ganzen Ausſehen lag etwas Natürliches und Würdevolles. Da er recht gut ſah, daß der Polizeibeamte trotz ſeines Scharf⸗ ſinns, trotz ſeiner Gewohnheit, in Schurkengeſichtern zu leſen, noch keinem ſeiner Schliche auf die Spur gekommen ſei, und daß — 7 —— er in dem Labyrinth dieſer langen Erzählung, in welcher er ſelbſt ſich mit großer Leichtigkeit bewegte, den Faden verlor, ſo fuhr er mit großer Zuverſicht fort: „Sie wiſſen, daß ich länger als ein Jahr, nachdem ich die Bekanntſchaft des Herrn von Lamotte gemacht, ein Recht hatte, ſeine Freundſchaft für eben ſo aufrichtig, als die meinige zu halten. Als Freund durfte ich den Verdacht, der ſich meiner bemächtigte, nicht ſo hingehen laſſen; ich konnte mein Erſtaunen nicht verber⸗ gen. Frau von Lamotte bemerkte es und errieth an meinen Blicken, daß die Erklärung, die ſie mir glaublich zu machen verſucht hatte, mich nicht zufrieden ſtellte. Sie wechſelte mit ihrem Begleiter, welcher noch immer Eduard an der Hand hielt, einen Blick des Einverſtändniſſs. Das Wetter war kalt, aber ſchön, und ſie ſchlug eine Promenade in den Park vor. Ich gab ihr den Arm, und der Fremde ging einige Schritte vor uns mit Eduard. Wir führten eine kurze Unterhaltung, die ſich meinem Gedächtniß ge⸗ treu eingeprägt hat.“ „„Warum ſind Sie mitgekommen?““ fragte ſie. „Ich antwortete nichts, ſondern ſah ſie nur mit einem ſtrengen Blick an, der ſie nur in Verlegenheit ſetzen ſollte.„„Sie hätten es mir ſchreiben ſollen,““ antwortete ich,„„daß Ihnen meine Gegenwart unlieb ſein werde.““ Sie war ganz außer Faſſung gebracht und rief: „„Ich bin verloren. Ich ſehe wohl, Sie haben Alles errathen und werden es meinem Manne ſagen. O, wie unglücklich ich bin! Ein einziger Fehltritt laſtet ewig auf dem Leben einer Frau! Hören Sie mich, Derues, und haben Sie Erbarmen; dieſen Mann, den Sie vor uns ſehen, ſeinen Namen ſage ich Ihnen nicht, ich habe ihn einſt geliebt, ich ſollte ſeine Frau werden, und hätte auch nie einen Andern zum Gemahl gehabt, hätte er nicht Frankreich verlaſſen müſſen.““ Herr von Lamotte erbebte und wurde bleich. 5 . 114 „Was iſt Ihnen, mein Herr?“ fragte der Polizeibeamte. „O, der Elende mißbraucht alle Geheimniſſe, die er während einer langen Freundſchaft erlauſcht hat; glauben Sie ihm nicht, mein Herr!“ Derues fuhr fort: „Frau von Lamotte ſagte ferner:„„Vor ſechszehn Jahren, als er ſich noch immer verbergen mußte und noch immer geächtet war, habe ich ihn wiedergeſehen; jetzt iſt er unter einem fremden Namen wiedergekommen; er hat es verlangt, daß ich Eduard kommen ließe, aber ich werde ihm ſchon entgehen. Um einen Vorwand für mein Hierſein zu haben, habe ich das Mährchen von dem baldigen Eintritt meines Sohnes in den Pagendienſt erſonnen. O, ſtrafen Sie mich nicht Lügen, retten Sie mich lieber; denn vor Kurzem begegnete uns ein Freund des Herrn von Lamotte, und ich fürchte, derſelbe hat Verdacht gefaßt. Sagen Sie, Sie hätten mich mehrmals geſehen, und daß Sie Eduard aus freien Stücken mitgebracht. Ich will ſo bald als möglich nach Buiſſon zurückkehren, aber reiſen Sie zuvor hin und beruhigen Sie meinen Mann. Ihnen vertraue ich mich an, Herr Derues, in Ihre Hände lege ich Ehre und Leben! Sie können mich verderben, aber Sie können mich auch retten. Ich bin ſchuldig, aber nicht verdorben; denn täglich beweine ich meinen Fehltritt und habe ihn ſchon ſchmerzlich gebüßt.““ 3 Er konnte dieſe abſcheuliche Verleumdung nicht ausſprechen, ohne daß Herr von Lamotte ihn mehrmals unterbrach. Dennoch aber mußte ſich dieſer ſelbſt geſtehen, daß die Hand der Marie Perrier wirklich früher einem Manne verſprochen geweſen war, der einer ſchlimmen Angelegenheit wegen in die Verbannung gehen mußte, und welchen er bisher todt geglaubt. Dieſe Entdeckung aus dem Munde Derues, der nur zu gute Gründe hatte, zu lügen, konnte ihm nicht genügen, ihn von ſeiner Schmach zu überzeugen und die Gefühle des Vaters und Gatten zu erſticken. Aber Derues 115 ſprach nicht bloß für ihn. Was Herrn von Lamotte unmöglich ſchien, konnte dem kaltblütigern und durch keine Leidenſchaft ge⸗ trübten Urtheil des Beamten weniger unwahrſcheinlich vorkommen. „Ich hatte Unrecht,“ fuhr Derues fort,„daß ich mich durch ihre Thränen rühren ließ, an ihre Reue glaubte und nach Buiſſon reiſte. Aber ich verſprach ihr dieſen Dienſt auch nur unter einer Bedingung. Frau von Lamotte mußte mir geloben, daß ſie bald nach Paris zurückkehren wolle, daß ihr Sohn nie die Wahrheit erfahren und ſie die noch übrige Zeit ihres Lebens der Buße und einer unbegrenzten Liebe zu ihrem Manne widmen werde. Sie bat mich, ſie zu verlaſſen, und ſagte, ſie würde mir nach Paris ſchreiben und ihre Ankunft vorher melden. Dies iſt der Hergang der Sache; jetzt wiſſen Sie, warum ich in Buiſſon war und da⸗ ſelbſt Lügen glaublich gemacht habe. Mit einem Wort konnte ich ein Glück zerſtören, welches ſiebenzehn Jahre gedauert; und das wollte ich nicht, denn ich fürchtete, es einſt bereuen zu müſſen. Auch heute habe ich mich geweigert, ſo ſehr der Schein wider mich war, das Geheimniß aufzudecken, und gethan, was in meinen Kräften ſtand, um eine Täuſchung länger dauern zu laſſen, deren Aufhören, wie ich wohl weiß, ſo ſchrecklich ſchmerzhaft ſein muß.“ Dieſes ungemein ſcharfſinnige Mährchen hatte er mit einfachem, überzeugendem Ton und mit einer Miene von Unſchuld vorgetra⸗ gen, die wohl geeignet war, ihm Glauben zu verſchaffen, oder doch wenigſtens den Polizeibeamten ſehr zweifelhaft zu machen. Mit gewohnter Liſt hatte er eine dem Zuhörer völlig angemeſſene Sprache geführt: jede Grimaſſe, jedes Zurſchautragen von Fröm⸗ migkeit und das Anführen von Bibelſtellen, mit welchen er ſo verſchwenderiſch um ſich her warf, wenn er es mit minder auf⸗ geklärten Köpfen zu thun hatte, abſichtlich vermieden, um keinen Verdacht zu erregen. Ja, er hatte die Kunſt, zu täuſchen, ſo weit getrieben, daß er ſelbſt die mit ſeinem Weſen ſo innig ver⸗ wachſene Scheinheiligkeit vollkommen abzulegen vermochte. Ohne 8* 116 alle Ziererei hatte er alle Thatſachen ſcharf und beſtimmt ange⸗ geben. War die von ihm erhobene unerwartete Beſchuldigung auch durch nichts bewieſen, ſo lag die Thatſache, welche ſie be⸗ hauptete, doch im Bereich der Möglichkeit, und ſchien nicht ſo ganz unwahrſcheinlich. Der Beamte ließ ſich die Erklärung noch einmal geben, vermochte ihn jedoch nicht in Widerſprüche zu brin⸗ gen, noch ihn im Mindeſten zu verwirren. Während des Verhörs ſah er Derues unaufhörlich ſcharf ins Geſicht, allein dieſe zwie⸗ fache Probe vermehrte nur ſeine eigene Verlegenheit. Doch blieb er bei ſeiner ſtrengen ungläubigen Haltung und ſeine Stimme be⸗ hielt ihre befehlshaberiſche und drohende Feſtigkeit. „Sie geben zu,“ ſagte er,„in Lyon geweſen zu ſein?“ „Ja, mein Herr.“. „Beim Anfang des Verhöres ſagten Sie, Sie würden ſich ſpäter über die Beweggründe zu dieſer Reiſe ausſprechen.“ „Ich bin dazu bereit, denn dieſe Reiſe ſteht im Zuſammenhang mit den Thatſachen, welche ich ſo eben angegeben; ſie iſt eine Folge derſelben.“ „Reden Sie.“ „Ich bitte noch einmal um die Erlaubniß, nichts mit Still⸗ ſchweigen zu übergehen. Ich empfing keine Briefe aus Verſailles und fürchtete, Herr von Lamotte würde ſich beunruhigen und nach Paris kommen. Gebunden durch das Verſprechen, das ich ſeiner Frau gegeben, allen Verdacht von ihr zu entfernen, ſeine Befürch⸗ tungen zu beſeitigen und, damit ich's nur offen geſtehe, auch des⸗ halb, weil ich überlegte, wie wichtig es für mich ſein müſſe, ihn von unſerm neuen Vertrage und der Bezahlung der 100,000 Livres...“ „Dieſe Bezahlung iſt gewiß nie geſchehen,“ ſagte Herr von La⸗ motte,„ich verlange Beweiſe.“ „Sie ſollen dieſelben bald zu ſehen bekommen,“ antwortete Derues.„Ich reiſte alſo nach Buiſſon, wie ich ſchon ſagte; bei meiner Rückkehr fand ich einen Brief von Frau von Lamotte vor, 1 117 der an demſelben Morgen angekommen war und das Poſtzeichen „Paris“ trug. Ich wunderte mich, daß ſie mir ſchrieb, obgleich ſie in derſelben Stadt war, aber mein Erſtaunen wurde noch größer, als ich den Brief öffnete. Ich habe ihn nicht bei mir, aber wenn ich auch die einzelnen Ausdrücke nicht angeben kann, ſo iſt mir der Hauptinhalt derſelben doch treu im Gedächtniß geblieben; auf Verlangen werde ich ihn vorlegen. Frau von Lamotte befand ſich mit ihrem Sohn und jenem Manne, deſſen Namen ich nicht weiß und von dem ich in Gegenwart meines Herrn Klägers nur ungern ſpreche, in Lyon und hatte den Brief Jemand übergeben, der nach Paris reiſte. Dieſer, Namens Marquis, meldete mir in eini⸗ gen dazu geſchriebenen Zeilen, daß er auf der Stelle weiter reiſen müſſe und keine Zeit habe, den Brief anders als durch die Stadt⸗ poſt an mich zu befördern. Im Briefe ſagte Frau von Lamotte, ſie hätte jenem Manne nach Lyon folgen müſſen; ſie bat mich, ihr von ihrem Manne und ſonſtigen Angelegenheiten Nachricht zu geben, dachte aber an ihre Rückkehr auch nicht mit einer Sylbe. Dieſe heimliche Abreiſe beunruhigte mich. Ich hatte keinen andern Be⸗ weistitel in Händen, als einen Privatcontract, der die Bezahlung von 100,000 Livres ausbedang und unſere erſten Abmachungen änderte, und dies war kein genügender Ausweis, was ich durch die Weigerung eines geſetzeskundigen Mannes erfuhr, der mir die Vollmacht des Herrn von Lamotte nicht übergeben wollte. Ich überlegte, wie viel Unannehmlichkeiten und Verlegenheiten jeder Art dieſe Flucht, welche geheim bleiben ſolle, für mich herbeifüh⸗ ren könnte, und ohne zu ſchreiben und Jemand was zu ſagen, reiſte ich nach Lyon. Ich war ohne alle näheren Nachrichten und wußte nicht, ob Frau von Lamotte nicht am Ende wieder, wie in Verſailles, ihren Namen geändert; aber der Zufall wollte es, daß ich ihr ſchon am Tage meiner Ankunft begegnete. Sie war allein. Sie begann wieder, ſich über ihr Schickſal zu beklagen, und ſagte, ſie ſei ſehr unglücklich; ſie habe jenem Manne nach Lyon folgen „ ——— 118 müſſen, werde ſich aber bald von ihm frei machen und nach Paris zurückkehren. In ihren Worten lag jedoch eine Verlegenheit, die mich überraſchte. Ich ſagte ihr, ich würde ſie nicht früher ver⸗ laſſen, als bis ich von ihr eine ſchriftliche Beſcheinigung unſerer letzten Abmachungen erhalten hätte. Anfangs weigerte ſie ſich und meinte, das ſei unnöthig, da ſie bald nach Paris zurückkehre. Aber ich beſtand auf meinem Verlangen.„„Ich habe mich ſchon genug blosgeſtellt,““ ſagte ich,„„indem ich Herrn von Lamotte verſicherte, Sie ſeien in Verſailles und ſuchten dort eine Stelle für Ihren Sohn auszuwirken. Derſelbe Mann, der Sie gezwungen hat, ihm nach Lyon zu folgen, derſelbe kann Sie auch noch weiter entfüh⸗ ren, und am Ende verſchwinden Sie mir eines Tages aus Frank⸗ reich, ohne Nachricht von ſich zu geben, ohne einen ſchriftlichen Beweis Ihres Treuebruchs zurückzulaſſen; und wenn dann alle dieſe Lügen entdeckt würden, ſo hielte man mich für Ihren Mit⸗ ſchuldigen.““ Ich ſagte ihr ferner, daß man mich ihres Verſchwin⸗ dens wegen leicht zur Rechenſchaft ziehen könnte, da ſie in Paris unglücklicherweiſe bei mir gewohnt, und mir den Auftrag gegeben, ihren Sohn aus der Penſionsanſtalt abzuholen. Endlich erklärte ich, ich würde ſogleich gerichtliche Hülfe in Anſpruch nehmen, wenn ſie nicht im Guten nachgebe und mir einen ſchriftlichen Veweis aus⸗ fertige. Dieſe Feſtigkeit ſchien ihren Entſchluß zu ändern.„„Beſter Herr Derues,““ ſagte ſie,„„ich bitte Sie um Verzeihung für alle die Unannehmlichkeiten, welche ich Ihnen verurſache; morgen aber ſollen Sie meine Erklärung haben; finden Sie ſich nur morgen wieder auf dem Platze ein, auf dem wir uns heute begegneten.““ Ich muß geſtehen, ich wollte ſie nicht gleich loslaſſen.„„O,““ rief ſie und ergriff meine Hand,„„ſein Sie nicht argwöhniſch, ich werde Sie nicht täuſchen! Ich ſchwöre, morgen um vier Uhr hieher zu kommen. Es iſt genug, daß ich mich und vielleicht auch meinen Sohn uuglücklich gemacht habe; ich will nicht auch Sie noch in mein trauriges Schickſal verwickeln. Sie haben Recht, dieſe Er⸗ 119 klärung iſt Ihnen nothwendig und ich will ſie Ihnen geben; aber laſſen Sie ſich nicht ſehen, denn ſonſt wäre ich vielleicht nicht Herrin meiner ſelbſt und könnte nicht handeln, wie meine Pflicht es ver⸗ langt; alſo morgen, ich ſchwöre es Ihnen noch einmal.““ Sie ging. Am folgenden Tage, den 12. März, ſtellte ich mich pünktlich an dem verabredeten Orte ein, und wenige Augenblicke nach mir kam auch Frau von Lamotte. Sie übergab mir eine Vollmacht, welche ihren Mann berechtigte, die rückſtändigen 30,000 Livres fuͤr den Kaufpreis von Buiſſon⸗Souef in Empfang zu nehmen. Ich wollte ihr wieder Vorwürfe machen über ihren Lebenswandel; ſie hörte mir ſchweigend zu, als wenn meine Worte ſie lebhaft ergriffen. Wir gingen neben einander her; ſie bat mich, einen Augenblick zu warten, und ging in ein Haus, in welchem ſie vorgab, zu thun zu haben. Ich wartete länger als eine Stunde; endlich aber be⸗ merkte ich, daß daſſelbe, wie ſo viele andere in Lyon, einen doppelten Ausgang hatte, ſah ein, daß Frau von Lamotte mir entwiſcht ſei und ich vergeblich warten würde. Da ich nicht wußte, ob es wie⸗ der möglich ſein würde, ſie wieder aufzufinden, mich auch über⸗ zeugt hatte, daß alle Vorſtellungen vergeblich wären, kehrte ich nach Paris zurück, entſchloſſen, vorläufig noch nichts zu ſagen und die Wahrheit ſo lange als möglich zu verheimlichen. Ich glaubte nicht, daß ich ſchon ſo bald würde in die Nothwendigkeit verſetzt ſein, mich zu vertheidigen, und hoffte, wenn ich durchaus ſprechen müßte, es als Freund thun zu können und nicht als Angeklagter. Das iſt Alles, was ich zu ſagen habe. Ich bedauere, daß dieſe Rechtfertigung, welche mir ſo leicht war, für einen Andern ſo ſchmerzlich ſein muß, und Sie ſind Zeuge, wie ich mich angeſtrengt habe, womöglich zu ſchweigen.“ Herr von Lamotte hatte dieſen zweiten Theil von Derues Er⸗ zählung mit weniger ſtürmiſchem Unwillen angehört, nicht weil ſie ihm wahrſcheinlicher vorkam, ſondern weil er, wie vom Donner gerührt, vor der Ungeheuerlichkeit dieſes Betruges zurückſchreckte und 120 ganz entſetzt war über die Höllentiefe dieſer Heuchelei. Sein Herz empörte ſich gegen den Gedanken des Ehebruchs, deſſen man ſeine Frau beſchuldigte; zugleich aber, während er ſeine geheimen Ahnungen Geſtätigt ſah, fühlte er ſich ganz außer Faſſung gebracht und außer Stande, dieſen Abgrund von Bosheit zu durchſchauen. Er war bleich geworden, athmete hoch auf, und heiße Thränen liefen ihm über die Wangen, kurz er ſah ganz ſo aus, wie der Schuldige hätte ausſehen ſollen. Er wollte ſprechen, aber die Stimme ver⸗ ſagte ihm; noch einmal wollte er Derues einen Verräther und Meuchelmörder nennen, aber er mußte ſchweigen und den Blick voll ſchmerzlichen Mitleids ertragen, welchen dieſer auf ihn heftete. Der Beamte war ruhiger und mehr Herr ſeiner ſelbſt; obgleich auch ganz gefangen in dieſem Netze ſo geſchickt verwebter Lügen; dennoch glaubte er ihm noch einige Fragen vorlegen zu müſſen. „Wie haben Sie ſich die 100,000 Livres verſchafft, welche Sie behaupten an Frau von Lamotte ausgezahlt zu haben?“ „Ich habe mehrere Jahre durch Handel getrieben und mir dabei einiges Vermögen erworben.“ „Sie haben aber doch mehrmals die beſtimmten Zahlungster⸗ mine nicht eingehalten, ſo daß Herr von Lamotte beſorgt wurde? Dies war ja wohl der Hauptgrund, weshalb ſeine Frau nach Paris kam?“ „Man kann ſich in augenblicklichen Verlegenheiten befinden, die ſich ſpäter beſeitigen laſſen.“ „Sie behaupten, eine Vollmacht in Händen zu haben, welche Frau von Lamotte Ihnen in Lyon übergeben, damit Sie dieſelbe ihrem Gemahl einhändigten?“ „Hier iſt ſie.“ Der Polizeibeamte ſah ſie einige Zeit genau an, und ſchrieb ſich den Namen des Notars auf, durch den ſie ausgeſtellt war. „Sie können jetzt gehen.“ „Wie?“ rief Herr von Lamotte. 121 4 Derues blieb ſtehen. Der Beamte gab ihm ein Zeichen, er könne gehen, ſagte ihm jedoch, er dürfe Paris nicht verlaſſen. „Dieſer Menſch,“ ſagte Herr von Lamotte, als ſie allein waren, „iſt aber dennoch ſchuldig; meine Frau hat mich gewiß nicht ge⸗ täuſcht. Sie, die Tugend ſelbſt, ſollte ihre ehelichen Pflichten ver⸗ geſſen? O, ſein Sie überzeugt, dieſe niederträchtigen Verleum⸗ dungen ſind nur erfunden, um vielleicht ein doppeltes Verbrechen zu verbergen; auf den Knieen flehe ich Sie an, mir Gerechtigkeit zu verſchaffen!“ „Stehen Sie auf, mein Herr. Dies war nur eine erſte Probe und ich kann es nicht leugnen, ſie iſt zu ſeinem Vortheil ausge⸗ fallen. Es fällt der Faſſungskraft ſchwer, einen ſolchen Betrug zu begreifen; während er ſprach, habe ich ihn unaufhörlich ange⸗ ſehen, allein ich konnte in ſeiner Sprache und ſeinem Geſicht nicht den mindeſten Widerſpruch entdecken; iſt er ſchuldig, ſo iſt dieſer Menſch der vollendetſte Heuchler, der jemals gelebt hat. Aber ich will nichts verſäumen. Wenn man einen Schuldigen frei läßt, ſo ſchläfert oft die Hoffnung auf vollkommene Strafloſigkeit die Vor⸗ ſicht ein, und mir iſt ſchon Mancher vorgekommen, der ſich ſelbſt verrieth, wenn er glaubte, nichts mehr fürchten zu dürfen. Sein Sie ruhig, mein Herr, und rechnen Sie auf die menſchliche Ge⸗ rechtigkeit.“ Einige Tage verſtrichen und Derues glaubte ſich außer Gefahr; aber alle ſeine Handlungen und Schritte wurden aufmerkſam be⸗ wacht, ſo jedoch, daß er nichts argwöhnen konnte. Ein unter ſeinen Kollegen als ungemein thätig und ſchlau berühmter Polizei⸗ commiſſair, Namens Mutel, wurde beauftragt, Erkundigungen einzuziehen und alle Fährten auszuſpüren. Alle ſeine Spürhunde wurden in Thätigkeit geſetzt und mußten Paris durchſtreifen. Man konnte nichts entdecken, was ſich unmittelbar auf Frau von Lamotte und ihren Sohn bezog; aber bald erfuhr der Polizeicommiſſair, daß Derues in der Straße Saint Victor dreimal fallirt, daß er 122 oft von ſeinen zahlreichen Gläubigern verfolgt und mehrmals nahe daran geweſen ſei, eingeſteckt zu werden, weil er nicht bezahlen konnte. Er erfuhr auch, daß man ihn 1771 öffentlich beſchuldigt, in ſeinem Keller Feuer angelegt zu haben. Er berichtete über alle Umſtände und begab ſich dann zu Derues; aber die Hausſuchung blieb ohne Erfolg. Derues Frau antwortete, ſie wiſſe von gar nichts, und die Poliziſten mußten ſich unverrichteter Sache zurück⸗ ziehen, nachdem ſie vergeblich das ganze Haus durchſucht. Derues war nicht zu Hauſe; als er zurückkam, fand er eine neue Vorla⸗ dung vor den Generallieutnant der Polizei. Sein erſter Erfolg hatte ihn kühn gemacht. Mit großer Zu⸗ verſicht tritt er, begleitet von ſeinem Geſchäftsführer, vor den Beamten und beklagt ſich laut, daß man während ſeiner Abweſen⸗ heit Hausſuchung gehalten habe. Er ſtellt ſich empört über das Verfahren des Herrn von Lamotte und trägt darauf an, daß der⸗ ſelbe für einen Verleumder erklärt und wegen der Angriffe auf ſeinen guten Ruf zum Schadenerſatz verurtheilt werde. Diesmal aber richtet er mit ſeiner Kühnheit und Unverſchämtheit nichts mehr aus, denn mit leichter Mühe überführt ihn der Beamte der Lüge. Er behauptet, die 100,000 Livres mit eignem Gelde be⸗ zahlt zu haben, aber man hält ihm ſeinen dreimaligen Bankrott, die Verfolgungen ſeiner Gläubiger und mehrere Erkenntniſſe vor, welche ihn als nichtzahlungsfähigen Schuldner zum Gefängniß verurtheilten. Sogleich ändert er ſeinen Plan und ſagt, er habe das Geld von einem Advocaten Duclos geliehen. Allein ungeachtet aller ſeiner Betheuerungen und Einwendungen ließ ihn der Polizei⸗ beamte nach dem Fort l'Cveque abführen, mit dem Befehl, ihn in einen einſamen Kerker zu führen. Noch wußte man nichts; dumpfe Gerüchte, Vermuthungen, die ſich von einem Laden zum andern weiterſprachen, fingen an im Volke umzugehen, ſelbſt in den vornehmen Klaſſen. Es iſt in der That wunderbar, welch' ein unfehlbares Gefühl in den Maſſen erwacht, „—-—————————. ſobald ein grobes Verbrechen begangen iſt und das Gewiſſen des Volks in Bewegung ſetzt. Bevor man noch den dunkeln Schleier gelüftet hat, in welchen die Miſſethat ſich hüllt, und wenn Alles noch in tiefer Finſterniß verborgen liegt, dann ſummt bereits die Stimme des Volks wie ein ſchwärmender Bienenſtock um das Ge⸗ heimniß herum, und während die Gerichte zaudern, haftet die Neugierde feſt auf dem Verbrechen, läßt es nicht mehr los und erräth es ſelbſt in der tiefſten Dunkelheit. So ging es, als die Nachricht von Derues Verhaftung hekannt wurde; überall unter⸗ hielt man ſich von ſeiner Angelegenheit, obgleich bisher nur un⸗ vollſtändige Anzeigen und mangelhafte Berichte vorlagen, und es damals eine wahre Oeffentlichkeit noch nicht gab. Der Roman, welchen er zu ſeiner Rechtfertigung erfunden hatte und der zugleich mit den Klagen des Herrn von Lamotte von Mund zu Munde ging, fand keinen Glauben. Dagegen ergriff man mit Begierde jedes Gerücht, welches gegen ihn ſprach. Noch war keine Spur des Verbrechens entdeckt, aber man ahnte eine gräßliche Schandthat. Derues ſaß nicht ohne Furcht in ſeinem Kerker, doch verließen ihn ſeine Geiſtesgegenwart und ſeine Verſtellungskunſt nicht. Jeden Tag ſchwur er, er habe die reine Wahrheit ausgeſagt. Sein letzter Betrug jedoch ſprach laut gegen ihn. Man entdeckte, daß die Ver⸗ ſchreibung über 100,000 Livres, welche er Duclos gegeben, nur eine Scheinverſchreibung war und Duclos ſie durch eine Gegen⸗ verſchreibung mit demſelben Datum null und nichtig gemacht hatte. Ein anderer Umſtand, der ihm zum Vortheil gereichen ſollte, ver⸗ größerte den Verdacht. Den 8. April erhielt der Bevollmächtigte des Herrn von Lamotte angeblich von Seiten ſeiner Frau Wechſel über 70,000 Livres; es befremdete, daß dieſe Wechſel, die mit der Stadtpoſt ankamen, auf dem Couvert des Briefes nicht angegeben und von keiner Nachricht begleitet waren. Man faßt Verdacht gegen Derues Frau, die man bis jetzt in Ruhe gelaſſen hatte. Es ergab ſich bald aus dem Poſtzeichen, in welchem Bureau der ——— 124 Brief abgegeben war, und der Poſtſchreiber wußte das Signale⸗ ment des Dienſtmädchens anzugeben, welches die Wechſel gebracht und frankirt hatte, und dies Signalement paßt vollkommen auf das Dienſtmädchen Derues. Letzteres wird vorgeladen und geſteht endlich nach langem Zaudern, ſie habe es auf den Befehl ihrer Gebieterin gethan. Sogleich wird Derues Frau gefangengenom⸗ men und nach dem Fort l'Eveque abgeführt. Ihren Mann brachte man nach Grande Chatelet. Nach einigen Verhören geſtand ſie endlich, ſie habe die Wechſel an den Bevollmächtigten des Herrn von Lamotte abgeſchickt, und ſie habe dieſelben von ihrem Manne in der ſchmutzigen Wäſche erhalten. Dies waren aller⸗ dings ſchwere Verdachtsgründe, und hätte Derues ſich den Blicken der Menge gezeigt, welche mit wachſender Angſt der Entwickelung dieſes Proceſſes zuſah, ſo hätten tauſend Arme augenblicklich das Amt des Henkers übernommen; für die Gerichte aber lag noch eine weite Kluft zwiſchen dieſen Anzeigen und dem Beweiſe eines Mordes. Derues behielt ſeine Faſſung und ſagte täglich, Frau von Lamotte und ihr Sohn ſeien am Leben und würden bald erſcheinen, ihn zu rechtfertigen. Weder durch Liſt, noch durch Drohungen konnte man ihn dahin bringen, ſich in Widerſprüche zu verwickeln, und ſelbſt die feſteſten Ueberzeugungen wurden durch ſeine Zuverſicht erſchüttert. Eine neue Verlegenheit vermehrte die Ungewißheit der Richter. Es war Jemand heimlich mit der Poſt nach Lyon abgereiſt, von deſſen Rückkehr man ſich etwas Entſcheidendes verſprach. Eines Morgens wurde Derues aus ſeinem Kerker geholt und in ein Zim⸗ mer der Conciergerie gebracht. Die Fragen, welche er an ſeine Führer richtete, blieben unbeantwortet. Dieſes Schweigen veran⸗ laßte ihn, auf ſeiner Hut zu ſein, und er beſchloß, was auch ge⸗ ſchehe, ſeinen Gleichmuth zu bewahren. Als er eintrat, fand er den Polizeicommiſſair Mutel und mehrere andere Perſonen. Das Zimmer war ſehr dunkel und man hatte mehrere Kerzen angeſteckt, V V 492 ——— ——88☛☛ von denen eine gerade ſo ſtand, daß ſie ihm ins Geſicht ſchien. Man befahl ihm, nach einer beſtimmten Seite des Zimmers hin⸗ zuſehen. Eine Thür öffnete ſich und ein Mann trat herein. Derues ſah ihn gleichgiltig an, und da er bemerkte, daß dieſer Mann ihn mit aufmerkſamen Blicken muſtere, ſo grüßte er ihn, wie man wohl einen Unbekannten grüßt, deſſen Neugierde man ſich nicht erklären kann. Auf ſeinem Geſicht war auch nicht die leiſeſte Spur von Be⸗ wegung wahrzunehmen, und hätte man ihm die Hand aufs Herz gelegt, man hätte es nicht ſtärker ſchlagen gefühlt; und dennoch konnte dieſer Mann ihn verderben. Der Polizeicommiſſair Mutel trat an den neu dazu Gekomme⸗ nen heran und flüſterte ihm ins Ohr: „Erkennen Sie ihn wieder?“ „Nein.“ „Haben Sie die Güte, einen Augenblick herauszugehen; wir werden Sie bald wieder bitten, hereinzutreten.“ Dieſer Mann war der Notar aus Lyon, bei welchem Derues in Frauenkleidern und unter dem Namen Marie Franziska Perrier, verheirathete Lamotte, jene Vollmacht unterzeichnet hatte. Man brachte Frauenkleider und befahl ihm, ſie anzuziehen, was er mit großer Bereitwilligkeit und, wie es ſchien, ſehr ver⸗ gnügt that. Während man ihm half, ſich verkleiden, lachte er, ſtreichelte ſich ſelbſt das Kinn und fing an, ſchön zu thun. Ja, er trieb die Frechheit ſo weit, um einen Spiegel zu bitten. „Ich möchte gar zu gern wiſſen,“ ſagte er,„ wie mir dieſer Anzug läßt, und ob ich wohl darin Eroberungen machen könnte.“ Der Notar trat wieder ein; man ließ Derues auf⸗ und abgehen, ſich an einen Tiſch ſetzen, ſchreiben, kurz, Alles thun, wovon man vermuthete, daß er es im Geſchäftszimmer des Notars gethan oder geſprochen haben könnte. Der Notar war Anfangs unſchlüſſig, 126 dann aber wollte er nichts bezeugen, da er einſah, von wie großem Gewicht ſeine Erklärung ſein müſſe; zuletzt erklärte er beſtimmt, dies ſei nicht die Perſon, welche bei ihm geweſen. „Es thut mir leid, mein Herr,“ ſagte Derues,„ daß man Ihnen dieſer lächerlichen Komödie wegen Unbequemlichkeiten ge⸗ macht hat; aber rechnen Sie es mir nicht an, und bitten Sie den Himmel, daß ſich Diejenigen aufklären, welche mich anklagen; ich, der ich unſchuldig bin, und der ich weiß, daß meine Unſchuld bald an den Tag kommt, ich vergebe ihnen ſchon jetzt.“ Obgleich damals das Verfahren der Gerichte viel ſchneller war, als in unſerer Zeit, und weniger Vorſichtsmaßregeln das Leben des Angeklagten in Schutz nahmen, ſo war es doch unmöglich, ihn ohne einen Beweis des Verbrechens zu verurtheilen. Das wußte er, und wartete in ſeinem Gefängniſſe geduldig auf den Augenblick, in dem er über die ſein Leben bedrohende Anklage triumphiren würde. Schon hatte ſich das Wetter von ſeinem Haupte verzogen; die furchtbarſten Proben waren überſtanden, die Verhöre wurden immer ſeltener und er hatte keine Ueberraſchungen zu fürchten. Die Klagen des Herrn von Lamotte bewegten die Herzen der Richter, allein ſeine Ueberzeugung genügte nicht, um die ihrige zu begründen; man beklagte ihn, ohne ihn jedoch rächen zu können. Auch in der öffentlichen Meinung hatte der Verklagte einige Vortheile errungen. Viele von denen, die ſeine Scheinheiligkeit getäuſcht, und die anfänglich geſchwiegen, weil ein zu ſchwerer Verdacht auf ihm laſtete, kamen auf andere Gedanken. Alle Mucker und Betſchweſtern, Alle, die ein Gewerbe daraus machten, in den Kirchen niederzuknieen, ſich vor aller Welt zu bekreuzen und die Finger in Weihwaſſer zu tauchen, ſchrieen über Verfolgung und Märtyrerthum, und wenig fehlte daran, ſo hätte man ihn zu einem Heiligen geſtempelt, den Gott beſtimmt, in einem Kerker ſein Glück zu machen. Daraus entſtanden Zänkereien und Streitigkeiten, und 127 dieſer zu voreilige Proceß, dieſe Anklage, die nichts auszurichten vermochte, fuhr fort, alle Köpfe zu erhitzen. Von allen Stadtgegenden von Paris, in welchen man die An⸗ gelegenheit Derues beſprach, war keine ſo bewegt, als die Umge⸗ bung des Greveplatzes, und von allen Straßen in der Nähe des⸗ ſelben war die Straße la Mortellerie diejenige, in welcher die zahlreichſten Gruppen zuſammentraten, um dieſen Mord zu beſpre⸗ chen, nicht etwa weil ein dunkler Inſtinkt die Menge in die Nähe dos Orts getrieben, wo das Opfer des Verbrechens begraben lag, ſondern weil hier die Aufmerkſamkeit durch einen traurigen Anblick täglich neu erregt wurde. Man ſah oft einen Mann vorbeigehen, der vom Schmerze beinahe aufgerieben, todtenbleich und mit Augen, deren Glanz durch ewiges Weinen erloſchen, ſich kaum noch hin⸗ zuſchleppen vermochte: es war Herr von Lamotte, der, wie wir ſagten, in der Straße la Mortellerie wohnte, und wie ein Ge⸗ ſpenſt um ein Grab herumzuirren ſchien. Wenn er vorbei ging, trat jeder auf die Seite und nahm den Hut ab; jeder hatte Ehr⸗ furcht vor dieſem großen Unglück, und erſt wenn er verſchwunden war, traten die Gruppen wieder zuſammen. Am 17. April gegen vier Uhr Nachmittags waren etwa zwan⸗ zig Leute vor der Thüre eines Ladens verſammelt. Eine dicke Frau ſtand, wie ein Redner auf der Rednerbühne, auf der ober⸗ ſten Stufe und erzählte vielleicht ſchon zum hundertſten Male, was ſie wußte, oder vielmehr, was ſie nicht wußte. Alles ſpitzte die Ohren, ſperrte die Mäuler auf und ließ ſich von einem geheimen Schauder überrieſeln, mit einer ſolchen Gluth von Unwillen wußte die Wuſt Maſſon, die ſich noch in ihrem 60. Jahre auf, die Redekunſt gelegt, ihre Erzählung vorzutragen. Plötzlich ſchwiegen ſie Alle ſtill und traten auseinander: man ſah Herrn von Lamotte kommen. „Iſt etwas Neues geſchehen?“ wagte ihn einer der Zuhörer zu fragen. G Er ſchüttelte traurig den Kopf, ohne antworten zu können, und ging weiter. „Das alſo iſt Herr von Lamotte?“ fragte ein altes unrein⸗ liches und ſchmieriges Weib, unter deren Mütze mehrere Büſchel graues Haar hervorkamen;„das alſo iſt Herr von Lamotte?“ „Lieber Himmel,“ ſagte eine Nachbarin,„kennt Ihr ihn denn noch nicht? Man ſieht ihn ja täglich.“ „Verzeihen Sie, meine Dame, ich bin nicht aus dieſer Stadt⸗ gegend, und ohne daß ich Sie dadurch beleidigen will, die Straße iſt juſt nicht ſo ſchön, daß man aus Neugierde drinn ſpaziren geht, nicht gerade, weil Sie drinn wohnen, aber weil der Schmutz zu arg iſt.“ „Nun, Madame iſt wohl gewohnt, in einer Kutſche zu fahren?“ „Das würde Euch, meine Kleene, auf'ne Viertelſtunde beſſer bekommen als mir. Dürft Euch dann auch keine Schuhe kaufen, um Euch die Füße nicht durchzulaufen.“ Man machte ſich bereit, ihr auf den Leib zu rücken. „Halt enen Ogenblick, ick will Niemand nichts thun, bin nicht reich,'s iſt aber keine Schande und ich brauche juſt nicht zu ſteh⸗ len, wenn ich nen Schnapps trinken will. Verſtehſt mich, nicht wahr, Du dicke Mama? Enen Doppelten, aber er muß jut ſind, für die alte Mannifretten. Und wenn's ſchöne Prinzeßchen mittrinken will, braucht's nur zu ſagen, ich bezahl's ſchon.“ Das Beiſpiel der alten Zettelträgerin war anſteckend, und ſtatt nur zwei Gläſer einzuſchenken, brauchte die Wittwe Maſſon eine ganze Bouteille. „So recht,“ rief die alte Mannifrett,„hab' doch immer gute Einfälle!“ „Thut mir auch ſehr Noth,“ ſagte die Wittwe Maſſon. „Wie, klagt Ihr auch über ſchlechte Geſchäfte, Ihr?“ „Ach laſſen wir das, es iſt en Jammer!“ „Ja, gar keene Geſchäfte mehr; ſchreit man ſich heiſer den 129 janzen Dag, um vier Iroſchen zu proftiren. Weeß Gott, was draus werden ſoll; aber Ihr habt doch'nen janz hübſchen Laden?“ „Ach, was will das ſagen, wenn man ein Haus auf dem Halſe hat. Die alten Miether ziehen aus und die neuen kommen nicht wieder. Ich glaube, der Teufel hat dabei ſeine Hand im Spiel. Im erſten Stock wohnte ein ordentlicher Mann, der zieht aus; im dritten eine ganz anſtändige und ſo ſchöne ruhige Wirth⸗ ſchaft, blos daß der Mann bei Nacht und etliche Mal bei Tage ſeine Frau prügelte, daß man kein Auge zuthun konnte; auch aus⸗ gezogen. Ich hänge Täfelchen aus, man ſieht ſie nicht einmal an. Endlich, vor einigen Monaten, Mitte December, als die letzte⸗ Hinrichtung war....“ „Den 15.,“ ſagte die Zettelträgerin,„das weeß ich genau, denn das iſt mein Handwerk, ich hab'n ausgeſchrieen.“. „Gut, alſo den 15.,“ fuhr die Wittwe Maſſon fort,„habe ich einen Keller an einen Weinhändler vermiethet, der mir für ein Vierteljahr vorausbezahlte, weil ich ihm auf ſein Geſicht auch nicht einen Pfifferling geborgt hätte. Ein kleiner Kerl, ſo groß, mit Katzenaugen, die mir gar nicht gefielen. Aber er hat mich bezahlt, und da war nichts einzuwenden. Jetzt rückt der zweite Zahlungs⸗ tag mit Macht heran, und mein Miether läßt noch immer nichts von ſich hören.“.— „Haben Sie ihn ſeitdem nicht wieder geſehen?“ „O ja, zwei⸗, nein doch, dreimal. Das erſte Mal kam er mit einem Handwagen und einem Arbeitsmann und brachte einen großen Kaſten in den Keller, in dem, wie er ſagte, Wein in Flaſchen ſein ſollte... Doch nein, er war ſchon einmal früher mit einem Arbeitsmann hier geweſen, glaub' ich... Meiner Treu, weiß nicht mehr recht, ob es das erſte oder das zweite Mal war, aber darauf kommt es am Ende nicht an. Soviel weiß ich, daß Wein in Flaſchen in der Kiſte ſein ſollte. Zum letzten Male brachte er einen Maurer mit; ſie müſſen ſich im Keller gehörig in 5. 9 130 den Haaren gelegen haben, denn ich hörte, wie ſie ſchrieen. Er ging und nahm den Schlüſſel mit; ſeitdem habe ich weder von ihm noch von ſeinem Wein etwas zu ſehen bekommen. Aber ich habe noch einen Schlüſſel vom Keller und bin hineingegangen: die Ratzen müſſen Wein und Kiſte aufgefreſſen haben, denn es iſt nicht ſo viel wie Schwarz unter dem Nagel übrig geblieben. Und doch weiß ich genau, was ich geſehen habe: es ware eine große, gewaltige, ganz neue und mit dicken Stricken umbundene Kiſte.“ „An welchem Tage war das?“ fragte die Zettelträgerin. „An welchem Tage? Wart' mal, es war.... wann war' doch gleich.... Ich kann mich nicht recht darauf beſinnen.“ „Ja, ich auch nicht... Was ſich meine Gedanken verwirren! Na, n Gläschen, dem Gedächtniß uf de Bene zhelfen.“ Das Mittel ſchien Anfangs nichts helfen zu wollen; das Ge⸗ dächtniß wollte noch immer nicht zu Dienſten ſtehen. Alle waren, wie man ſich denken kann, ſehr aufmerkſam. Die Zettelträge⸗ rin rief: „Als wenn ich rein vernagelt bin!... und ich muß mich drauf beſinnen!“„ Sie ſuchte in den Taſchen ihres Kleides und zog mehrere zu⸗ ſammengerollte und beſchmutzte Stückchen Papier heraus. Während ſie eins nach dem andern aufwickelte, fragte ſie: „Es war ein großer Kaſten, nicht wahr?“ „Ja.. „Ganz neu?“ „Ganz neu.“ 5 „Und beſchnürt?“ „Ja, ich ſeh' ihn noch ganz deutlich vor mir ſtehen.“ „Ich auch.... zum Henker, wann war's! Nu weiß ich's! 's war juſtement den Tag, wo ich die Geſchichte von Leroi de Va⸗ lines ausſchrie, den 1. Februar.“ „Ja, einen Sonnabend, denn den Tag darauf war es Sonntag.“ —.—— 8 131 6. 3 4 Ganz richtig, aufs Haar! Sonnabend den 1. Februar. Jetzt kenne ich die Kiſte. Bin Eurem Weinhändler am Louyre begegnet; 's war ihm nicht zu Muth wie einem Bräut'gam; ein Gläubiger wollte ihm ſeine Kiſte, ſeinen Wein und ſeine ganze Bude fort⸗ nehmen⸗ Nicht wahr, ein ganz kleiner Kerl, eine wahre Mißge⸗ burt? Mit rothen Haaren und'ner ſcheinheiligen Miene?“ „Ganz recht.“ „Und verſtellen kann er ſich zum Todtärgern. Glaub's wohl, daß er ſeinen Zins nicht zahlen kann; ein wahrer Bettler iſt er, der Feuer angelegt in ſeiner Bude; der mir nen Vierundzwanziger vor der Naſe wegſtibiezt und nachher ſagt: ich hab' ihn beſtehlen wollen. Welches Glück, daß ich hierher kommen mußte! Prächtig, prächtig, jetzt giebt's was zu lachen! Will Dir jetzt'ne niedliche Geſchichte auf'n Hals packen, und Du ſollſt mir ſchon geſtehen, wo Dein Wein hingeflogen iſt, Gevatter Derues!“ „Derues?“ ſchrien gleichzeitig zwanzig Stimmen;„Derues, der im Gefängniß ſitzt?“ „Der Lamotten⸗Darues?“ „Der ſeine Frau umgebracht hat und ſeinen Sohn?“ „Der Schuft, Kinder, der mich beſchuldigt, daß ich geſtohlen habe, eine ganz gemeine Beſtie.“ „Schade nur,“ ſagte die Wittwe Maſſon,„daß er's doch nicht iſt, mein Weknhändler heißt Ducoudray; da ſteht ſein Name in meinem Regiſter.“ „Sapperlott Pdas klingt nicht wie Derues,“ ſagte die Zettel⸗ trägerin,„das ärgert mich; möchte dem Schuft gar zu gern was anflicken. Hab' ihm prophezeit, daß ich noch ſein Papier verkaufen werde... Wenn's dazu kommt, tractire ich die ganze Geſellſchaft.“ In der frohen Hoffnung, daß ſie Gelegenheit finden werde, ihr Verſprechen zu erfüllen, leerten ſie noch eine Flaſche Branntwein und plapperten lange hin und her, bis ſich die Schaar endlich zerſtreute. 9* 132 Des Abends war die Straße la Mortellerie wieder ſtill wie gewöhnlich. Allein einige Stunden nach der beſchriebenen Scene waren die Bewohner erſtaunt, die Gaſſe an beiden Enden von un⸗ bekannten Männern beſetzt zu ſehen, während Andere die ganze Nacht hindurch auf und nieder liefen wie ein Wachtpoſten. Am folgenden Morgen hielt ein von Polizeibeamten begleiteter Wagen vor der Thür der Wittwe Maſſon. Ein Commiſſär ſtieg aus und ging in ein benachbartes Haus, aus dem er eine Vier⸗ telſtunde darauf in Begleitung des Herrn von Lamotte wieder her⸗ austrat. Er verlangte von der Wittwe Maſſon den Schlüſſel eines Kellers, welcher in der Mitte des vorigen Jahres an einen ge⸗ wiſſen Ducoudray vermiethet geweſen, und ließ ſich mit Herrn von Lamotte und einem ſeiner Leute hinunterführen. Der Wagen vor der Thür der Wittwe Maſſon, die Erſcheinung des Polizeicommiſſärs Mutel, die Geſpräche vom vorigen Abend hatten alle Köpfe aufgeregt, doch durften ſich die Bewohner der Straße nicht mit einander darüber beſprechen, weil man ihnen aufs Strengſte befohlen, in ihren Häuſern zu bleiben. Die er⸗ wartungsvollen Geſichter an jedem Fenſter gewährten einen eigen⸗ thümlichen Anblick; Niemand wußte recht, was dieſe geheimniß⸗ vollen Anſtalten zu bedeuten hätten, und die geſammte Einwohner⸗ ſchaft der Straße la Mortellerie befand ſich in der ängſtlichſten Spannung. Niemand konnte Anfangs diejenigen ſehen, welche mit dem Polizeicommiſſär im Wagen gekommen waren; drei Maͤnner waren in demſelben zurückgeblieben, und zwar zwei als die Wäch⸗ ter des dritten. Als der Wagen in die Straße Mortellerie einge⸗ bogen, hatte der Letztere ſich nach dem verſchloſſenen Fenſter zu neigen geſucht und gefragt: „Wie heißt dieſe Straße?“ Als man ihm ſeine Frage beantwortet, ſagte er: „Dieſe Straße habe ich bis jetzt noch gar nicht gekannt und bin noch nie durch dieſelbe gegangen; warum hat man mich hierher gebracht?“ 133 Als man ihm nicht antwortete, nahm er wieder ſeine gleichgül⸗ tige Miene an, und als der Wagen anhielt, als er Herrn von Lamotte in das Haus der Wittwe Maſſon eintreten ſah, zeigte er nicht die mindeſte Bewegung. Der Commiſſär erſchien an der Thür und befahl Derues in den Keller zu bringen. Am Abend vorher hatten Polizeiagenten die Erzählung der Zettelträgerin mit angehört und ſogleich ihre Oberen von Allem benachrichtigt. Auf der Stelle wurden Anſtalten getroffen, daß Niemand in die Straße hinein oder herauskommen konnte, ohne aufs Strengſte beaufſichtigt zu werden; man glaubte dem Verbrechen auf der Fährte zu ſein; aber der Verbrecher konnte Mitſchuldige haben, die vielleicht die Spur ſeiner Schandthat ver⸗ nichtet hätten, wenn ſie von den Anſtalten der Polizei hörten. Zwei Männer nahmen Derues beim Arm, ein dritter ging mit einer Fackel voran. Der Commiſſär folgte mit mehreren Andern, die gleichfalls Fackeln trugen und Hacken und Spaten bei ſich hatten. Der ganze Aufzug hatte etwas Schauerliches. Dieſe dunkeln feuch⸗ ten Gewölbe, durch ein flackerndes, düſteres Licht erleuchtet, dieſe ernſten und finſtern Geſichter, dieſer Mann mit dem bleichen, aber feſt entſchloſſenen Geſicht, das Alles ſah aus wie eine geſpenſtiſche Erſcheinung, wie ein Zug von Geiſtern der Finſterniß, den man im Traume erblickt; dennoch war Alles reine Wirklichkeit. Als das Licht in das finſtere Gewölbe hineinfiel, da ſchien es, als wenn endlich die Sonne der Wahrheit die dichte Nacht des Ver⸗ brechens durchbräche, und man glaubte eine Stimme aus den Grä⸗ bern zu vernehmen, als Herr von Lamotte beim Anblick des Mör⸗ ders ausrief: „Elender! Hier haſt Du meine Frau und meinen Sohn er⸗ mordet!“ Derues ſah ihn mit Ruhe an und ſprach: „Ich bitte Sie, läſtern Sie nicht noch, nachdem Sie mich unglücklich gemacht. Ständen Sie an meiner Stelle und ich an „ 134 der Ihrigen, ich würde Mitleid empfinden und eine gewiſſe Achtung vor einem ſo großen Unglück. Was will man von mir? Was ſoll ich hier? Warum hat man mich hieher geführt?“ Er wußte nicht, was ſich geſtern zugetragen, und fand in ſei⸗ nem Gedächtniß niemand Anders, als den Maurer, der ihm ge⸗ holfen, die Leiche zu vergraben. Er merkte wohl, daß er verloren ſei, aber ſeine Kühnheit verließ ihn nicht. „Man hat Sie hieher geführt, um Sie zunächſt dieſer Frau gegenüber zu ſtellen,“ antwortete ihm Mutel und ließ die Wittwe Maſſon vor ihn treten. „Ich kenne ſie nicht,“ ſagte er. „Aber ich kenne Euch ſehr gut. Ihr ſeid es, der unter dem Namen Ducoudray dieſen Keller gemiethet hat.“ Derues zuckte die Achſeln und ſprach mit bitterm Tone: „Möge man einen Menſchen auf die Folter ſpannen, wenn er ſtrafbar iſt, ich fände es begreiflich; wenn man aber, um die Rolle eines Anklägers bis zum Ende durchzuführen, wenn man Jemand, um ihn eines Verbrechens zu überführen, hundert Meilen weit falſche Zeugen herholt, die vor der Wahrheit wie vernichtet da⸗ ſtehen, wenn man den Pöbel aufhetzt, wenn man einem Unſchul⸗ digen falſche Geſichter und allerlei Namen unterſchiebt, um irgend eine Geberde des Unwillens und Erſtaunens zu ſeinem Nachtheile zu deuten: ſo iſt das himmelſchreiend und überſchreitet bei Weitem das Recht, welches Gott den Menſchen gegeben, einander zu rich⸗ ten! Ich kenne dieſe Frau nicht, und was ſie auch ſagen, was ſie auch thun mag, ich werde keine Antwort weiter geben.“ An dieſem Entſchluß ſcheiterte die ganze Geſchicklichkeit und alle Drohungen des Polizeicommiſſärs. Die Wittwe Maſſon konnte wiederholen und beſchwören, ſoviel ſie wollte, daß ſie ihn erkenne, daß er unter dem Namen Ducoudray zu ihr gekommen und Wein in Flaſchen in den Keller gebracht habe— Derues ſtand unbeweg⸗ lich, mit untergeſchlagenen Armen, als ſei er blind und taub. —— —— Man hatte an die Mauern geklopft, den Zuſtand der Ziegel und an mehreren Stellen auch den Boden unterſucht, ohne das Ge⸗ ringſte zu entdecken. Sollte man wieder gehen, ohne das Min⸗ deſte herausgebracht zu haben? Schon hatte der Polizeicommiſſär ſeinen Leuten das Zeichen dazu gegeben, als der, welcher vorhin mit Herrn von Lamotte im Keller geblieben war und aus der Dunkelheit heraus Derues aufmerkſam beobachtet hatte, als er in den Keller kam, hervortrat, mit dem Finger auf die Höhlung unter der Treppe zeigte und ſagte:„Sucht einmal hier nach. Er blickte unwillkürlich nach dieſer Seite; dies war die einzige Be⸗ wegung, die ich bei ihm wahrgenommen. Ich lauerte ihm auf, nur ich konnte ihn ſehen, und er ſah mich nicht; er iſt ein ſchlauer Fuchs, aber denkt doch nicht immer an Alles, und mich ſoll der Teufel holen, wenn ich ſeinen Bau nicht ausgewittert habe.“ „Verfluchter Kerl,“ dachte Derues,„ſchon eine Stunde lang hält er mich in den Krallen und macht ſich ein Vergnügen daraus, meinen Todeskampf in die Länge zu ziehen! O, daran hätte ich doch denken können! Ich habe meinen Mann gefunden. Aber wenn auch, Ihr ſollt nichts auf meinem Geſicht leſen und eben ſo wenig auf den Ueberbleibſeln von Fleiſch, die Ihr ausſcharrt; die Würmer und das Gift werden hoffentlich nichts, als einen unkenntlichen Leichnam für Euch übrig gelaſſen haben.“ Ein Eiſenſtab, welchen man in die Erde trieb, ſtieß in einer Tiefe von vier Fuß auf Widerſtand. Sogleich machten ſich zwei Männer an die Arbeit und gruben emſig. Aller Blicke hefteten ſich auf die Grube, die mit jeder Schaufel voll Erde größer wurde. Herr von Lamotte fühlte ſeine Kräfte ſchwinden und ſein Schmerz nahm alle Anweſenden in Anſpruch, außer Derues. Alles war todtenſtill. Da ſtießen plötzlich die Hacken auf ein Stück Holz, und man hörte einen dumpfen Ton, bei dem Alle erbebten. Die Kiſte kommt zum Vorſchein; man hebt ſie heraus, öffnet ſie und erblickt einen weiblichen, mit einem Hemde bekleideten Leichnam, 136 auf dem Kopfe eine roth und weiße Nachtmütze, das Geſicht gegen die Erde gekehrt. Man dreht den Leichnam um, und Herr von La⸗ motte erkennt ſeine Frau, die noch nicht ganz entſtellt war. Das Entſetzen hatte Alle ſo tief ergriffen, daß Niemand ein Wort hervorzubringen, oder auch nur außzuſchreien vermochte. Derues, der eifrig beſchäftigt war, auf ein Rettungsmittel zu ſinnen, hatte nicht bemerkt, daß auf den Befehl des Commiſſärs Jemand den Keller verlaſſen, bevor man noch angefangen zu gra⸗ ben. Alle waren zurückgewichen und hatten ſich ſowohl von der Leiche, als vom Mörder entfernt, der allein auf ſeinem Platze ſtehen geblieben war und jetzt ein Gebet ſprach. Dieſe ſtumme Schreckensſcene bekam durch das blutrothe Licht der Fackeln etwas noch Grauenhafteres. Derues erbebte und wandte ſich um, als er hinter ſich einen Schrei des Schreckens vernahm. Er erblickte ſeine Frau. Der Polizeicommiſſär faßte ſie mit einer Hand, nahm in die andere eine Fackel und zwang ſie, ſich über den Leichnam hin zu beugen. „Da liegt Frau von Lamotte!“ rief er. „Ja, ja, ich erkenne ſie!“ rief ſie entſetzt und ſank ohnmäch⸗ tig nieder. Die beiden Gefangenen wurden getrennt ins Gefängniß zurück⸗ gebracht. Das Volk verfolgte den Wagen, in welchem Derues ſaß, ſtieß laute Verwünſchungen gegen ihn aus und rief ihm nach: „Verfluchter Mörder! Niederträchtiger Giftmiſcher!“ Er verhielt ſich dabei ruhig; nur als man ihn ins Gefängniß zurückbrachte, ſagte er: „O, daß ich ſo den Kopf verlieren mußte, als Frau von La⸗ motte ſtarb, und ihren Tod und ihr Begräbniß zu verheimlichen geſucht habe! Dies iſt der einzige Fehler, den ich begangen habe. Im Uebrigen bin ich ganz unſchuldig und ergebe mich als ein Chriſt in die ſtrengen Beſchlüſſe der Vorſehung.“ Dies war die einzige Möglichkeit, die er noch hatte, ſich zu 3 137 vertheidigen. Er ſchlug dieſen Weg ein, ohne eine andere Hoff⸗ nung, als die, er würde durch einen größern Aufwand von Heu⸗ chelei und Scheinheiligkeit die Richter doch vielleicht noch täuſchen können. Allein dies ganze Gerüſt von Lügen, das er ſo mühſam aufgerichtet, war in ſeiner Grundlage erſchüttert und ſollte jetzt unter ihm zuſammenbrechen. Jeder Augenblick führte neue Ent⸗ deckungen herbei. Er gab zu, daß Frau von Lamotte plötzlich bei ihm geſtorben und er aus Furcht vor Verdacht ſie heimlich be⸗ graben habe. Die Aerzte jedoch, welche die Leiche ſeeirten, er⸗ klärten, ſie ſei mit ätzendem Queckſilberſublimat und Opium ver⸗ giftet. Die vorgebliche Bezahlung wurde zu einem gemeinen Raube, zu der That eines Fälſchers. Außerdem erhob ſich eine andere Frage, die er nicht zu beantworten vermochte, wie ein drohendes Geſpenſt gegen ihn. Man benutzte ſein eignes Geſtändniß als Waffe, um ihn zu bekämpfen. Warum hatte er den jungen La⸗ motte nach Verſailles gebracht, da er wußte, daß derſelbe dort ſeine Mutter nicht vorfinden könne? Was war aus demſelben ge⸗ worden? Was hatte er aus ihm gemacht? Da die Gerechtigkeit ihm einmal auf der Spur war, ſo wurde bald der Böttcher ent⸗ deckt, bei welchem er am 23. April gewohnt. Auf Grund einer Erlaubniß des Parlements grub man die unter dem Namen Beaupré begrabene Leiche aus; der Böttcher erkannte ſie an einem Hemde, welches er hergegeben, um den jungen Mann darin zu begraben. Derues war, überführt und geſtand, daß der junge Menſch wirklich an den Folgen der Venerie geſtorben ſei. Allein die Aerzte be⸗ ſtätigten auch jetzt wieder, daß er durch ätzendes Sublimat und Opium vergiftet ſei. Allen dieſen Beweiſen ſtellte er eine erheu⸗ chelte Ergebung in ſein Schickſal entgegen und beweinte unauf⸗ hörlich das Unglück Eduard's, den er wie ſeinen eignen Sohn geliebt habe.„Ach,“ ſagte er,„jede Nacht erſcheint mir das arme Kind. Was aber meinen Schmerz mildert, iſt, daß er nicht ohne die Tröſtungen der Religion geſtorben iſt. Gott ſieht mir ins 138 —— Herz und kennt meine Unſchuld; er wird die Richter auffklären und meine Ehre wiederherſtellen.“ Man wußte genug, und Derues wurde zur Strafe der Folter und des Rades verurtheiit. In den Gerichtsſitzungen hatte Derues ſeine Zuverſicht und Ruhe nicht einen Augenblick verloren. Länger als drei Viertel⸗ ſtunden ſprach er vor dem Parlement, und ſeine Vertheidigungs⸗ rede zeichnete ſich durch die Geiſtesgegenwart aus, mit der er je⸗ den Umſtand zu benutzen wußte, welcher irgend im Stande war, noch einen Zweifel bei den Richtern aufkommen zu laſſen. Ob⸗ gleich von allen Seiten überführt, betheuerte er immer noch ſeine Unſchuld an der Vergiftung. Von Gewiſſensbiſſen bemerkte man bei ihm keine Spur, und. auch der Gedanke an die Hinrichtung ſchien ihn nicht zu erſchrecken. Eben ſo ſtark an Willenskraft, als ſchwach am Körper, wollte er wie ein Märtyrer ſeiner Reli⸗ gion, der Heuchelei, getroſt in den Tod gehen. Der Gott, welchen er in ſeinen letzten Stunden verherrlichte, war die Lüge. Den 6. Mai ſieben Uhr morgens las man ihm ſein Urtheil vor. Er hörte es ruhig an und ſagte: „Ein ſo ſtrenges Urtheil habe ich nicht erwartet.“ Einige Stunden nachher waren die Folterwerkzeuge in Be⸗ reitſchaft geſetzt. Man gab ihm zu verſtehen, daß dieſer Theil der Strafe ihm erlaſſen werden ſolle, wenn er alle ſeine Ver⸗ brechen geſtehe und ſeine Mitſchuldigen nennen wolle. Er ant⸗ wortete: „Ich habe nichts weiter zu ſagen; ich weiß, welche ſchreckliche Strafe mich erwartet und daß ich noch heute ſterben ſoll, aber zu geſtehen habe ich nichts.“ Ohne Widerſtand ließ er ſich die Knie und Schenkel zuſammen⸗ binden und ertrug die Folter mit vielem Muth. Einmal nur, als der Schmerz zu heftig wurde, rief er aus: „Verfluchtes Geld, wohin haſt du mich gebracht!“ —— 139 Man glaubte, die Qual würde endlich ſeine Entſchloſſenheit beſtegen, und der Beamte, welcher zugegen war, ſagte zu ihm: „Unglücklicher! geſtehe doch Deine Verbrechen, denn ſterben mußt Du ja doch.“ Er gewann ſeine ganze Feſtigkeit wieder und ſagte: „Ich weiß es ſehr wohl, daß ich vielleicht keine drei Stunden mehr zu leben habe.“ Sein ſchwacher Körperbau ließ fürchten, daß er die äußerſten Grade der Tortur nicht überleben würde, und man befahl dem Folterknecht, aufzuhören, band ihn los, legte ihn auf eine Ma⸗ tratze und gab ihm ein Glas Wein, von dem er aber nur wenige Tropfen trank. Dann nahm er das Abendmahl. Um die Mittags⸗ zeit brachte man ihm Suppe und gekochtes Fleiſch, das er mit vielem Appetit verzehrte. Er fragte den Gefangnenwärter, ob man ihm nichts weiter auftragen werde, und ließ ſich noch eine Schüſſel Gemüſe bringen, die er mit ſo viel Geſchmack verzehrte, daß man hätte denken ſollen, dies letzte Mahl gänge nicht ſeiner Todes⸗, ſondern ſeiner Befreiungsſtunde vorher. Endlich ſchlug es drei Uhr. Paris bot in dieſem Augenblick nach dem Bericht glaubwürdi⸗ ger Perſonen einen ſeltſamen Anblick dar, der Allen, die damals gelebt, unvergeßlich geblieben iſt. Der ungeheuere Ameiſenhaufen war bis in die tiefſten Tiefen aufgeregt. War es Abſicht oder Zufall, es wurde an demſelben Tage auf der Ebene von Grenelle zu Ehren eines deutſchen Fürſten ein glänzendes Feſt gefeiert, bei dem der ganze Hof zugegen war. Mehr als eine vornehme Dame hatte es ſich leid thun laſſen, nicht an den rührenden Scenen des andern Feſtes Theil nehmen zu können, welches man dem Pöbel und den Bürgern überließ. Der übrige Theil der Stadt war verlaſſen, die Häuſer geſchloſſen, die Straßen ſtill und einſam. Ein Fremder, der plötzlich in dieſe Einſamkeit verſetzt wäre, hätte glauben können, daß während der Nacht ein Würgengel umge⸗ gangen und von all' dem beweglichen Leben des geſtrigen Tages 140 nichts übrig gelaſſen, als ein unbewohntes Labyrinth von Straßen. Ein dunkelgrauer Himmel hing über der menſchenleeren Stadt, und in dem düſtern Gewölk zuckten die Blitze hin und her, und dem fernen Rollen des Donners antworteten die Kanonenſalven, welche man beim königlichen Feſt abfeuerte. Auf der einen Seite ſah man gleichſam die Natur in ihrer ſchrecklichen Majeſtät, auf der andern das Königthum mit ſeiner übermüthigen Pracht, welches bald von der ſchwindelnden Höhe in den Abgrund hinunterſtürzen ſollte. Ueberall wo der Leichenzug des noch Lebendigen vorbeikommen ſollte, drängten ſich Tauſende von Menſchen; ein Meer von Häup⸗ tern ſah man wogen, wie die Aehren eines Kornfeldes. Die alten, für ſchweres Geld vermietheten Häuſer zitterten unter der Menge der neugierigen Zuſchauer. Alle Fenſterkreuze waren ausgehoben, um das Auge nicht zu behindern. Mit feſtem Schritte ſtieg Derues die Stufen der Treppe des Gerichtshauſes herunter; er hatte das Armenſünderhemde an und trug auf dem Rücken und auf der Bruſt ein Täfelchen mit der Aufſchrift:„Vorſätzlicher Giftmiſcher.“ Als er heraus⸗ trat, bemerkte er das Crucifix in der Nähe der Thür und rief jene Worte:„O Menſchenſohn, jetzt ſoll ich alſo leiden gleich Dir!“ Er ſtieg in den Karren und ließ ſeine Blicke rechts und links über die verſammelte Menge hinſchweifen. Während der Fahrt grüßte und erkannte er mehrere ſeiner alten Bekannten und rief unter andern der Frau ſeines einſtigen Lehrherrn mit lauter Stimme: Lebewohl zu. Dieſe Frau verſichert, ſie hätte nie vorher ein ſo freundliches Geſicht von ihm geſehen. Als er vor die Kirche Notredame ankam, ſtieg er allein von dem Karren, nahm eine zwei Pfund ſchwere brennende Wachskerze und that knieend, baar⸗ haupt und baarfuß Abbitte. Dann ſtieg er wieder in den Karren, von der Menge, welcher er ganz gefühllos vorkam, mit Schmã⸗ hungen und Schimpfreden überhäuft. Nur eine Stimme, die den ———— V 2 1as. e 3V 141 Lärm zu überſchreien verſuchte, bewegte ihn, ſich umzuſehen; es war die der Zettelträgerin, welche ſeine Geſchichte ausbot und ſich darin von Zeit zu Zeit ſelbſt unterbrach, um ihm zuzurufen: „Na, armer Gevatter Derues, huckſt Du endlich auf'm Staats⸗ wagen? Ja, ja, murmele nur Deine Gebete und glotze den lie⸗ ben Herrgott an, Deinen Grimaſſen glaubt Niemand mehr. Siehſte, Du Schuft, das haſt Du davon, weil Du mir geſagt, ich habe Dich beſtohlen. Hab' Dir's ja geſagt, daß ich auch Dein Papier noch verkaufen werde!“ Als er am Fuße des Schaffots ankam, blickte er um ſich und hörte ein Gemurmel der Ungeduld durch die Menge rauſchen. Er lächelte, und um die Menſchen zu guter Letzt noch einmal zu be⸗ trügen, bat er, man möge ihn noch einmal ins Stadthaus führen. Man hoffte, er würde endlich Geſtändniſſe machen, und bewilligte ihm dieſe Bitte. Allein er beſtand darauf, ſeine Unſchuld an der Vergiftung zu betheuern. Dort traf er noch mit ſeiner Frau zu⸗ ſammen, welche bei ſeinem Anblick ganz ohnmächtig wurde und länger als eine Viertelſtunde kein Wort hervorbringen konnte. Er gab ihr die zärtlichſten Namen und ſtellte ſich tief betrübt, ſie in dieſem traurigen Zuſtand zu ſehen. Man hat die letzten Worte aufbewahrt, welche er zu ihr ſprach. „Theures Weib,“ ſagte er,„Deiner Sorgfalt empfehle ich meine geliebten Kinder; erziehe ſie zu gottesfürchtigen Menſchen. Begieb Dich nach Chartres und beſuche Se. Hochwürden, den Herrn Biſchof, dem ich, bevor ich meinen letzten Gang antrete, noch meinen letzten Gruß ſende, da er ſtets mild und wohlwollend gegen mich geweſen iſt. Ich glaube, ſeine Achtung für mich wird noch groß genug ſein, um Dir und meinen Kindern ſeinen Bei⸗ ſtand zuzuwenden.“ Cs war bereits ſieben Uhr Abends geworden und das Volk be⸗ gann über dieſe lange Verzögerung zu murren. Endlich erſchien der Verurtheilte wieder. Nachdem er den Händen des Scharfrichters über⸗ 142 geben war, zog er ſich ſelbſt die Kleider aus, küßte demuͤthig das Todesinſtrument und das Crucifir. Dann legte er ſich ſelbſt auf das Andreaskreuz,(ſo nennt man die hölzerne Unterlage, auf welche der Miſſethäter feſtgebunden wird, wenn er gerädert werden ſoll; es iſt an den Stellen, wo das Rad die Glieder zerſchmettern ſoll, hohl,) und bat mit ſanftem Lächeln, man möge ſeine Qual ſo kurz als möglich ſein laſſen. Sobald man ihm das Geſicht verbunden, wurde das Zeichen gegeben. Man glaubte, wenige Schläge würden genügen, dieſen hinfälligen, ſchwächlichen Men⸗ ſchen zu tödten; aber er hatte ein eben ſo zähes Leben wie die Giftſchlangen, die man auch in kleine Stücke zerſchmettern muß, um ſie zu tödten. Man mußte ihm den Gnadenſtoß geben. Während man ihn räderte, und das dumpfe Krachen ſeiner zerknickten Glieder über den Greveplatz ertönte, klatſchte das Volk fröhlich in die Hände. Am folgenden Tage kaufte es Splitter von ſeinen Knochen und lief damit in die Lotteriebüreaus, überzeugt, daß dieſe koſtbaren Reliquien dem, der ſie beſäße, das Glück un⸗ terthan machten. Derues Frau wurde im Jahre 1779 zu lebenslänglicher Haft verurtheilt. Bei den Gefängnißmetzeleien der Revolution kam ſie als eines der erſten Opfer ums Leben. W. J. Inhalt des vierten und fünften Theils. Vierter Theil. Pan Morſen............... 3 Ali Tebelen, Paſcha von Janina......... 12 Fünfter Theil. Derles............... 3 Gedruckt bei E. Polz in Leipzig. T Nachtſeiten der Geſellſchaft. Eine Gallerie merkwürdiger Verbrechen und Rechtsfülle. Herausgegeben von Dr. A. Diezmann, Dr. W. Jordan und Dr. L. Meyer. — s— Sechſter Thei l. . Leipzig, 1844. f Verlag von Otto Wigand. — Der Pfarrer Chambard. Das Pfarrhaus in Croix Daurade, einem kleinen Dorfe bei Tou⸗ louſe, wurde im Jahre 1700 von Peter Cöleſtin Chambard bewohnt, der nach den Begriffen ſeiner Zeit ein heiliger Mann war, in jeder Zeit für einen braven Mann gegolten haben würde, alle erforder⸗ lichen Eigenſchaften beſaß, um ſeine Beichtkinder auf dem Wege des Heiles zu leiten, in ſeiner Gemeinde geliebt und geachtet wurde, häusliche Streitigkeiten ſchlichtete, in ſchwierigen Fällen Rath er⸗ theilte und an allen Familienfeſten Antheil nehmen mußte. Er war mit einem Wort„ein guter Hirt“ in der beſten Bedeutung des Wortes. Das Einzige, was man an dem Pfarrer Chambard auszuſetzen hatte, war eine gewiſſe Geiſtesſchwäche, die er nicht zu bemeiſtern vermochte und die ihn leicht der Furcht zugänglich machte. Wenn man ihn in der Nacht an das Bett eines Sterbenden rief, ließ er immer den Boten lange warten, ehe er mit demſelben fortging, und wenn er ſein Amt verrichtet hatte und der Tag war noch nicht angebrochen, ließ er ſich nach ſeiner Wohnung begleiten. Wir erwähnen dies, um eine Vorſtellung von ſeiner Furchtſamkeit zu geben, die man die Folge einer Krankheit in ſeiner Jugend nannte, nach welcher er lange ſchwächlich und kränklich geblieben war, weshalb er auch nicht in die Armee treten konnte, für die er eigent⸗ lich beſtimmt geweſen war, ſondern ſich der Kirche widmen mußte. Peter Cöleſtin Chambard wurde alſo zum Geiſtlichen ordinirt 1* 4 und zum großen Glück für ſeine Gemeinde zum Pfarrer in Croir Daurade ernannt, wo er zur Zeit, als unſere Erzählung beginnt, ſieben⸗ bis achtundzwanzig Jahre gewohnt hatte, ohne daß ſein Todfeind irgend eine Beſchuldigung gegen ihn hätte aufbringen können. Die alte Marie, die nach ihrem Belieben die innern Angelegen⸗ heiten im Pfarrhauſe zu Croir Daurade leitete, behauptete freilich, in Uebereinſtimmung mit dem, was wir ſchon geſagt haben, der würdige Pfarrer denke bei jeder Gelegenheit zuerſt an ſich; aber dieſer Beſchuldigung wurde durch ſeine allbekannte Mildthätigkeit der größte Theil ihrer Bedeutung genommen. Wenn es ihm ferner auch an der nöthigen Energie gebrach, wenn er zu leicht den Kirchenvorſtehern in Angelegenheiten der Kirche nachgab, ſich zu leicht durch die Furcht vor den Mächtigen und durch die Stimme ſtarker Lungen bewegen ließ, ſo antwortete der gute Pfarrer auf dieſe Vorwürfe:„Ein heiliger Bernhard freilich bin ich nicht.“ Und wirklich, wenn der Pfarrer Chambard auch die ſtarke Seele der Geiſtlichen nicht beſaß, welche Nero und Diocletian trotzten, ſo wußte man ihm dieſe Schwäche Dank, da ſie eine Bürgſchaft war, daß er weder ſeine moraliſche Macht, noch ſein weltliches Anſehen jemals mißbrauchen werde. Eines Tages nun, am 26. April, trat die alte Marie, welche alle Vorrechte einer Haushälterin beſaß, früher als gewöhnlich in das Schlafzimmer des Pfarrers, zog die Bettvorhänge geräuſchvoll zurück und ſagte: „Sie müſſen aufſtehen, Herr Pfarrer; hören Sie? Man läutet das Angelus.“ „Und warum ſollte ich ſo früh aufſtehen, Marie?“ fragte der Pfarrer in einem Tone, welcher bewies, daß er keines eswegs geneigt ſei, Widerſtand zu leiſten, welcher Grund auch für dieſes Wecken angegeben werden würde. „ Weil Sie in die Stadt gehen müſſen, Sie wiſſen es ja.“ —— 5 „Ich ſoll in die Stadt gehen? Meinſt Du, Marie?“ „Allerdings. Haben Sie nicht bei dem Erzbiſchof Geſchäfte?“ „Richtig, Marie; aber erſt Mittags; es hat alſo keine Eile.“ „Warum zu Mittag und nicht zu einer andern Zeit? Was gethan iſt, iſt gethan; gehen Sie alſo immer, Herr Pfarrer. Brechen Sie hübſch früh auf, beſuchen Sie Ihre Freunde und beeilen Sie ſich mit der Rückkunft nicht.“ „Ich werde nach meiner Meſſe gehen.“ „Nein; leſen Sie Ihre Meſſe in der Kathedrale.“ „So erwarte mich um ein Uhr Nachmittags.“ „Wenn Sie einmal in Toulouſe ſind, ſo benutzen Sie doch die Gelegenheit und beſuchen Sie den Abbé Mariotte, der Sie immer einladet, ohne daß Sie Folge leiſten.“ „Du willſt den Tag für Dich haben, nicht wahr, Marie? Ich ſehe es ſchon.“ „Und wenn es ſo wäre? Habe ich nicht alle Tage ſo viel zu ſchaffen, daß mir wohl auch einmal ein freier Tag zu gönnen wäre?“ „Nun ja, gute Marie, ich tadele Dich auch nicht darum.... Erwarte mich erſt um fünf Uhr.“ „Sie brauchen vor ſieben Uhr nicht wieder hier zu ſein. Warum wollten Sie früher kommen?“ „Habe ich um ſieben Uhr etwas Beſonderes vor?“ fragte der Pfarrer, dem gewöhnlich ſeine Tagesarbeit von der Haushälterin vorgerechnet wurde. „Sie ſollen bei der Familie Siadourx zu Abend eſſen.“ „Der Vater iſt ja abweſend.“ 3 „Er kommt dieſen Abend zurück.“ „Wer hat Dir das geſagt?“ „Man hat es Ihnen mitgetheilt, als ſie Ihnen den Brief ſchickten, den ſie geſtern von dem Vater erhielten.“ Ddite alte Haushälterin reichte dem Pfarrer die beiden Briefe 6 offen, was bewies, daß die Procura, welche der Pfarrer der Haus⸗ hälterin anvertraut hatte, ſich auch auf die Briefe erſtreckte. Der Pfarrer nahm den Brief, den Saturnin Siadour an ſeine Kinder geſchrieben hatte, und las laut: „Lieben Kinder, wenn Ihr dieſe Zeilen erhaltet, werde ich von „Narbonne nach Caſtelnaudary abgereiſet ſein, wo Einer meiner „Jugendfreunde wohnt. Ich denke zwei Tage bei ihm zu bleiben, „um etwas auszuruhen, werde mich dann wieder auf den Weg „machen und alſo unfehlbar Dienſtag den 26. Abends zu Hauſe „eintreffen. „Sobald Ihr den Brief erhalten habt, wird Eins von Euch „ſogleich nach Toulouſe gehen, um meiner Schweſter Mirailhe zu „ſagen, ich wünſchte ſie bei meiner Ankunft in Croix Daurade zu „finden, um ihr die Nachrichten über das frühere Verhalten Can⸗ „tagrel's mitzutheilen, die ich eingezogen habe. Sie ſind ſo, wie „ich es hoffte und fürchtete. „Um das Reſultat meiner Reiſe zu feiern, werdet Ihr den „Herrn Pfarrer bitten, den Dienſtag Abend bei uns zu eſſen. „Ladet auch meine Cameraden Delguy und Lantagre ein, denn „wir haben ohne Verzug zwölf Fäſſer Oel an das Haus Delmar „und ſechs an das Haus Pierreleau abzuliefern. „Wer von Euch nach Toulouſe geht, muß die Straße der „Schwarzen Büßenden vermeiden, in welcher Cantagrel wohnt, „damit dieſer ihn nicht erkenne, etwas merke und ihm zu Eurer „Tante folge, von der er meine Reiſe nach Narbonne erfahren „könnte, von der er nichts wiſſen darf. „Alſo Dienſtag Abends. „Euer Vater, der Euch herzlich küßt, „Saturnin Sigdour.“ Dieſer Brief, den Marie als letzten Grund aufgeſpart, um den Pfarrer zu überzeugen, daß ſeine Rückkehr nach Croixr Daurade vor ſieben Uhr eine übereilte ſein würde, bewirkte vollkommen, 7 was er bewirken ſollte. Der gute Pfarrer liebte ſeine Nachbarn, die Familie Siadoux, ſehr und hatte den verſtorbenen Mirailhe genau gekannt, der bei Lebzeiten Trödler in Toulouſe geweſen war. Die Wittwe deſſelben, welche das Geſchäft fortſetzte, war eine noch recht hübſche Frau von vierzig Jahren, und da man überdies wußte, daß ſie ein Vermögen von etwa 60,000 Franes beſaß, drängten ſich immer viele Bewerber um ſie. Zu dieſen gehörte auch Cantagrel. Dieſer Cantagrel, deſſen Name mit einer gewiſſen Aengſtlichkeit in dem Briefe Saturnins erwähnt iſt, war einer der bekannteſten Metzger in Toulouſe und hatte ſich durch ſeine rieſenhafte Leibes⸗ ſtärke einen großen Ruf, namentlich unter ſeinen Handwerksgenoſſen, erworben. Nicht ſelten hatte er bei den Stiergefechten den wüthen⸗ den Stier, der ihn verfolgte, feſten Fußes erwartet, ihn an den Hörnern ergriffen, niedergeworfen und feſtgehalten, während ihm ſein Gehülfe das glühende Eiſen mit dem Namenszuge ſeines Herrn aufbrannte. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß ſich nie ein Stier, der einen Schlag von ihm erhalten, wieder aufgerichtet hatte, und daß nie ein zweiter Schlag nöthig geweſen war. Ueber⸗ dies erzählte man, er habe, als er eines Tages ſich in den Py⸗ renäen auf der Jagd befunden, Mann gegen Mann mit einer Bärin gerungen und ſich mit ſeiner ſchrecklichen Gegnerin in einen Abgrund hinabgeſtürzt. Beiden hätten unvermeidlich bei dieſem Kampfe ums Leben kommen müſſen, da ſie über 120. Fuß hoch heruntergeſtürzt waren; das Glück wollte aber, daß der Bär nach unten zu liegen kam, an einem Felſen zerſchlagen wurde, aber ſeinen Gegner ſchützte. Cantagrel war ganz betäubt zehn Schritte von dem Thiere hingerollt, ſeine Freunde aber wurden von einem Hirten, der den Kampf mit angeſehen hatte, an Ort und Stelle geführt, und ſie begegneten ihm, als er eben, den todten Feind auf dem Rücken, wieder emporkletterte. Er hatte nur einen Biß in der Wange davongetragen, und die Narße davon, die geblieben 8 war, zeigte er mit Stolz als Ehrenzeichen ſeiner Stärke und ſeines Muthes. Aus dieſem Grunde war denn auch Cantagrel, trotz manchen Gerüchten über ſein früheres Leben, allgemein geachtet. Als Sa⸗ turnin Siadoux, der den Fleiſcher nicht gern zum Schwager haben mochte, in Toulouſe ſich nach demſelben erkundigte, erhielt er nur unbeſtimmte Auskunft über die Sache, die er genau zu ermitteln wünſchte. Man wußte es nicht, man hatte nur davon reden hören, aber man konnte es nicht behaupten; mit ſolchen Vorfichtsbemer⸗ kungen begleiteten Alle ihre Erzählungen, da ſie Alle fürchteten, die Rieſenkraft kennen zu lernen, die Cantagrel bis dahin nur gegen die Bären und Ochſen angewendet hatte. Der Pfarrer Chambard hatte deshalb Saturnin Siadour den Rath gegeben, in Narbonne, wo Cantagrel früher gewohnt hatte, die Erkun⸗ digungen einzuziehen, die er ſich in Toulouſe nicht verſchaffen konnte und die namentlich Licht über eine frühere Heirath des Metzgers mit einem Mädchen jener Stadt verbreiten ſollten. Wenn man den umlaufenden Gerüchten glauben durfte, lebte dieſe erſte Frau noch, wenn ſie auch aus Gründen, die man nicht kannte, über die Verbindung mit dem ſchwieg, welcher ſich mit der Wittwe Mirailhe verheirathen wollte. Die Gerüchte waren indeß, wie erwähnt, ſo unbeſtimmt, daß ſie den Betheiligten nur als Ver⸗ leumdungen zu Ohren kamen. Die Rückkehr Saturnins mußte alle Zweifel darüber löſen, und der gute Pfarrer Chambard ſagte ſich, wenn er auch der Eitelkeit nicht ſehr zugänglich war, mit einer gewiſſen Selbſtzufriedenheit, die Familie hahe es ſeinem Rathe zu danken, daß ſie die Wahr⸗ heit erfahren. Es hatte ihn kein Gefühl des Uebelwollens veranlaßt, ſeinem Freunde dieſen Rath zu geben, denn er kannte Cantagrel gar nicht. Diesmal aber nahm er ſich vor, Cantagrel wenigſtens von Anſehen kennen zu lernen. Das war ſehr leicht; der Laden des — 9 Metzgers befand ſich, wie Saturnin Siadour geſagt hatte, in der Straße der Schwarzen Büßenden, und nach dem wohlbekannten Signalement ſeiner Perſon konnte es nicht ſchwer ſein, ihn unter ſeinen Geſellen und Kunden zu erkennen. Der Pfarrer machte ſich alſo auf den Weg, mit dem feſten Vorſatze, auf dem Wege zu dem Abbé Mariotte durch die Straße der Schwarzen Büßenden zu gehen. Croix Daurade liegt kaum drei Viertelſtunden von Toulouſe; der Pfarrer legte die geringe Entfernung bald zurück, während er in ſeinem Brevier las. Am Thore der Stadt ſchlug er ſein Buch zu und ſchritt nach der Wohnung des Abbé Mariotte. Es mochte etwa acht Uhr früh ſein. Der würdige Pfarrer hatte ſeine Abſicht nicht vergeſſen, durch die Straße der Schwarzen Büßenden zu gehen, er machte deshalb einen kleinen Umweg und trat in die genannte Straße. Etwa in der Mitte derſelben befand ſich der Laden des Metzgers, aber Can⸗ tagrel war nicht darin. Ein Metzgerburſche von etwa dreißig Jahren vertrat die Stelle des Meiſters. Die Abweſenheit Canta⸗ grel's war ſo natürlich, daß der würdige Pfarrer ſich weiter nichts dabei dachte. J, ℳ 4 Am Ende der Straße begann die, in welcher der Abbé Mariotte wohnte. Der Abbé war auch zu Hauſe, er wollte aber eben aus⸗ gehen, denn in Blagnac erwartete ihn ein Freund, der auf dem Sterbebette lag. Der Pfarrer von Croir Daurade erſchien dem⸗ nach wie gerufen, nicht um mit ſeinem Freunde zu frühſtücken, ſondern um für denſelben die Meſſe in der Metropolitankirche zu St. Stephan zu leſen. Nach der Meſſe ſollte der Pfarrer Cham⸗ bard ſein Frühſtück in der Wohnung des Abbé Mariotte bereit finden, und die Haushälterin deſſelben war in der ganzen Stadt als ausgezeichnete Kochkünſtlerin berühmt. Um das Mittagseſſen brauchte der Pfarrer auch nicht beſorgt zu ſein, denn in jedem Hauſe, wo er erſchienen, würde man ihn mit Freuden aufge⸗ 10 nommen haben; vielleicht behielten ihn auch der Herr Groß⸗Vicar oder der Herr Biſchof, bei dem er Geſchäfte hatte, zur Tafel. Auf dem Wege zur St. Stephanskirche ging der Pfarrer zum zweiten Male durch die Straße der Schwarzen Büßenden und er warf wiederum einen forſchenden Blick in den Metzgerladen Can⸗ tagrels hinein. Der Metzger war aber noch immer abweſend. Der Pfarrer ſetzte ſeinen Weg zur Kirche ruhig fort. Nach Beendigung der Meſſe trat der Pfarrer Chambard wieder in die Sakriſtei und er fing eben an, das Prieſtergewand abzu⸗ legen, als ein Kirchendiener ihn fragte, ob der Abbé Mariotte da ſei. „Nein,“ antwortete Chambard,„er iſt in Blagnac und hat mich erſucht, die Meſſe für ihn zu leſen; was will man von ihm?“ „Es wartet im Beichtſtuhle ein Mann auf ihn, der mich er ſucht hat, ihm dies anzuzeigen und zu bitten, ihn nicht lange warten zu laſſen; er ſcheint große Eile zu haben.“ „So antworten Sie ihm, der Abbé Mariotte ſei nicht da, ich könne aber ſeine Stelle vertreten; wolle er aber warten, ſo werde der Abbé dieſen Abend zurück ſein.“ Den nächſten Augenblick kam der Kirchendiener wieder, um dem Pfarrer Chambard zu ſagen, der Mann warte auf ihn. Der Pfarrer begab ſich in den Beichtſtuhl, der ſich, wie ge⸗ wöhnlich, in dem dunkelſten Theile der Kirche befand. Der Mann, der ihn hatte rufen laſſen, erwartete ihn auf den Knieen. Das Geſicht aber konnte Chambard nicht ſehen, da der Beichtende ihm den Rücken zukehrte und das Geſicht mit beiden Händen bedeckt hielt. Der Pfarrer ſetzte ſich in dem Beichtſtuhle nieder. Die Beichte begann.. Eine Viertelſtunde nachher wurde die Thüre des Beichtſtuhles wieder geöffnet und der Mann Gottes erſchien bleich, kaum im Stande, ſich auf den Beinen zu erhalten. Der Beichtende hatte ſich mit einem Schrei der Verzweiflung geflüchtet, als ihm der Pfarrer Chambard die Abſolution verweigert. —————— 11 Der gute Pfarrer ſtand einen Augenblick unbeweglich da und hielt ſich an einen Pfeiler der Kirche, als wenn er fühlte, daß ſeine Füße ihn nicht aufrecht zu erhalten vermöchten; dann wandte er ſich, wankend wie ein Betrunkener, ohne wieder in die Sakriſtei zu gehen, ohne von irgend Jemand Abſchied zu nehmen, nach einer Seitenthür der Kirche, ſchlüpfte durch die ödeſten Straßen, verließ die Stadt eilig und vergaß das Frühſtück bei dem Abbé Mariotte, ſeinen Beſuch im erzbiſchöflichen Palaſte und die Geſchäfte, welche ihn nach Toulouſe geführt hatten. Sobald er ſich auf dem Wege nach Croix Daurade befand, be⸗ ſchleunigte der Pfarrer ſeine Schritte noch mehr, und ſeine Ge⸗ danken beſchäftigten ihn ſo ganz und gar, daß er vor dem Kreuze am Eingange des Dorfes vorüberſchritt, ohne ſein Haupt vor dem Chriſtusbilde zu entblößen, und ſchweißtriefend in ſeinem Hauſe ankam, wo die alte Marie ſich am Nichtsthun ergötzte. Mitten in dem Zimmer blieb er unbeweglich ſtehen und ſuchte ſein Taſchen⸗ tuch, um den Schweiß von der Stirn zu wiſchen; er hatte es ver⸗ loren. Er wollte zu ſeinem Brevier greifen, um ſeine ängſtliche Unruhe zu verbergen, aber er hatte es in der Sakriſtei in Toulouſe liegen laſſen. Alles an ihm verrieth, daß ihm etwas ganz Unge⸗ wöhnliches begegnet ſein müſſe. Er blieb unbeweglich und ſtumm, nur die Augen dreheten ſich in den Höhlen herum und ſeine Kniee ſchlugen zitternd aneinander; gleichwohl ſetzte er ſich nicht nieder. Marie ſchob einen Seſſel hinter ihn, und es war hohe Zeit, denn der arme Pfarrer ſank rücklings nieder. „Herr Jeſus!“ rief Marie, indem ſie zurücktrat;„was iſt Ihnen begegnet, Herr Pfarrer?“ „Was mir begegnet iſt?“ fragte der Pfarrer erſchrocken;„was mir begegnet iſt? Gott ſei Dank, nichts.“ „Aber Sie ſehen ja ganz verſtört aus. Ich habe Sie noch nie ſo geſehen.“ „Du irrſt Dich, gute Marie; ich ſehe aus, wiengewöhnlich.“ 12 „Und warum kommen Sie ſo bald wieder? Ich wette, Sie haben noch nicht gegeſſen.“ „Doch, doch, Marie; ich glaube, ich habe.“ Der gute Pfarrer bemerkte, daß er eine ſchändliche Lüge ſage, wenn er geradezu behaupte, er habe gefrühſtückt. „Sie haben nicht gefrühſtückt, Herr Pfarrer.“ „Nun— nein, Marie?“ „Sie haben alſo Hunger?“ „Nein, Marie, ich habe keinen Hunger, gar keinen Hunger.“ „Sie können aber doch auch nicht warten bis zum Abend⸗ eſſen?“ „Ich werde auch Abends nicht eſſen.“ „Sie haben jetzt nicht gegeſſen und wollen auch Abends nicht eſſen? Herr Pfarrer, was ſoll denn das bedeuten? Zu Abend müſſen Sie ſchon eſſen; Sie gehen ja zu Siadour.“ Bei dieſem Namen ſtieß der Pfarrer einen halb unterdrückten Schrei aus und, als wäre ein Damm in ihm geborſten, zwei Ströme lange unterdrückter Thränen rannen über die eingefallenen bleichen Wangen des alten Mannes. Da erkannte Marie, die von Herzen gut, wenn auch etwas despotiſch war, wie es die Haushälterin eines Pfarrers ſein muß, daß ihr Herr an einem heftigen Schmerze leide, den er in ſeinem Herzen verſchließen müſſe; daß er alſo Einſamkeit und Nuhe be⸗ dürfe, dieſe beiden Vertrauten der Schmerzen der Menſchen. Sie entfernte ſich demnach, ohne ein Wort zu ſagen, aber nicht, ohne tauſenderlei zu vermuthen. Eine halbe Stunde nachher war es ihr unmöglich, länger zu warten, und ſie ging alſo, mit einer Taſſe warmer Milch in der Hand, wieder in das Zimmer hinein. Der Pfarrer kniete vor einem Erueifix und betete; er ſah ſie nicht eintreten und betete weiter. Marie blieb, mit der Taſſe in der Hand, an der Thüre ſtehen; als aber im nächſten Augenblicke . 13 der arme Pfarrer ſeinen Kopf mit einem tiefen Seufzer auf das Betpult fallen ließ, fühlte ſie wohl, ob es ihr gleich ſehr zu Herzen ging) daß ſie in einen ſo großen Schmerz ſich noch nicht einmiſchen dürfe; ſie ſetzte alſo die Taſſe Milch auf das Betpult und entfernte ſich auf den Fußſpitzen, ſo daß der Pfarrer weder ihre Ankunft, noch ihr Fortgehen bemerkte. „ Einige Schritte davon gewährte das Haus der Familie Siadour einen ganz verſchiedenen Anblick. Es herrſchte in demſelben in Folge des Gewinnes von einem bedeutenden Oelhandel und dem Ertrage von etwa hundert Ackern Landes ein bedeutender Wohlſtand, und dieſer Wohlſtand unter⸗ hielt die Freude. An dieſem Tage war die Heiterkeit beſonders groß. Der Anordnung des Familienhauptes zufolge traf man An⸗ ſtalten zu einem Feſtmahl. Die Wittwe Mirailhe war angekommen, und die Familie des Saturnin Siadoux, die aus drei Söhnen und zwei Töchtern beſtand, überhäufte dieſelbe mit Liebkoſungen. Man lachte, ſang und küßte, und Alles mit der den ſüdlichen Naturen eignen ausgelaſſenen Freude. Allerdings ſprach die Wittwe Mirailhe unter ihren Neffen und Nichten, die ſie wie ihre eigenen Kinder liebte, weder von ihrem verſtorbenen Manne, noch von andern, die ihn zu erſetzen wünſchten; im Gegentheil, ſie äußerte ihre Abſicht, nachdem ſie ihren Trödelkram in Toulouſe verkauft haben würde, nach Croir Daurade zu den Ihrigen zu ziehen, was natürlich von ihren drei Neffen und zwei Nichten mit großer Freude aufgenommen wurde, da die Hoffnung auf eine hübſche Erbſchaft die Liebe zu der Tante noch um Vieles erhöhete. In Toulouſe freilich, bei den Galanterien Cantagrel's, ſchwankte das Herz der Wittwe un⸗ entſchloſſen hin und her, und es gab ſogar Augenblicke, in denen ſie verſucht war, eine zweite Ehe einzugehen. In Croix D Daurade dagegen entwichen dieſe ſchlimmen Gedanken vor dem guten Geiſte r Familie. Die gute Tante ließ ſich alſo von den lieben Neffen und Nichten hätſcheln, und ſo verging die Zeit ſchnell. 14 Der Abend kam heran, und Saturnin Siadour, der ſeine Rück⸗ kehr für den Nachmittag angekündigt hatte, war noch nicht einge⸗ troffen. Alle fühlten bereits jene unbeſtimmte Unruhe, welche die Verzögerung immer begleitet, als Delguy und Lantagre den An⸗ fang der Beſorgniß in einfache Ungeduld umwandelten. Sie er⸗ zählten, es habe, wie ſie gehört, am Tage vorher zwiſchen Mont⸗ giscar und Villefranche ein heftiges Gewitter ſtattgefunden, und man ſchloß natürlich daraus, daß die verdorbenen Wege und an⸗ geſchwollenen Bäche Saturnin Siadour genöthigt haben würden, in Caſtelnaudary oder in Montgiscar bei einem Vetter zu bleiben. Dieſe Annahme ſchien durch den Umſtand beſtätigt zu werden, daß das Gewitter, welches am Abend vorher in einer Entfernung von zwanzig Meilen gewüthet haben ſollte, in dieſem Augenblicke ſich bis Toulouſe auszubreiten ſchien. Der Wind hatte ſich erhoben, der Himmel war mit Wolken bedeckt und der Regen fiel in Strömen herunter. Es wurde ſehr finſter, und man hoffte alſo nicht mehr auf die Ankunft Saturnin's. „Aber warum iſt der Pfarrer Chambard nicht gekommen?“ „Marie hat mir geſagt, er ſei heute früh nach Toulouſe ge⸗ gangen,“ antwortete Joſephine Siadour auf dieſe Frage ihrer Tante, „und vielleicht iſt er noch nicht zurückgekehrt.“ „Er iſt da,“ ſiel Conſtanze, die andere Tochter ein,„ich ſah ihn gegen vier Uhr Nachmittags nach der Kirche gehen, und er iſt vielleicht krank geworden, denn er ſah leichenblaß aus.“ „Wer? der Pfarrer?“ bemerkte Johann Siadour, der in die⸗ ſem Augenblicke hereinkam;„er iſt nicht krank, denn als ich dem Vater entgegenging, ſah ich ihn auf dem Gottesacker. Was er da machte, weiß ich freilich nicht; er ſaß unter dem Kreuze und ſchien zu beten.“ „Ich,“ fiel Ludwig ein,„habe ihn vor dem Dorfe ohne Hut, trotz dem Regen, geſehen, und da ich nicht begreifen konnte, warum er baarhäuptig ſei, trat ich zu ihm, um ihn zu fragen; 15 aber er bemerkte mich und trat hinter eine Hecke, als wollte er mir ausweichen. Da ich den Leuten nicht nachlaufe, die mir aus⸗ weichen, ſo ließ ich ihn gehen.“ „Das iſt ſeltſam,“ meinte die Wittwe Mirailhe, welche den guten Pfarrer Chambard ſehr verehrte.„Thomas,“ ſagte ſie zu dem älteſten der Brüder,„Du ſollteſt zu ihm gehen und ihn holen.“ „Recht gern,“ antwortete der junge Mann, der auch ſofort ſeinen Hut nahm und hinausging. Auf dem halben Wege begegnete er der alten Marie, die er im Schein der Laterne erkannte. „Was denkt denn der Herr Pfarrer?“ redete er ſie an;„wir erwarten ihn um ſieben Uhr, und jetzt iſt es ſchon acht Uhr.“ „Iſt Ihr Vater angekommen?“ fragte Marie. „Nein, und wir erwarten ihn auf heute nicht mehr, wohl aber den Herrn Pfarrer.“ „Da werden Sie die Rechnung ohne den Wirth machen, wie man zu ſagen pflegt, Herr Thomas, denn ich weiß nicht, was dem armen Herrn Pfarrer ſeit heute früh fehlt. Er hat mir jetzt aufgetragen, ihn bei Ihnen zu entſchuldigen, und ich war auf dem Wege, meinen Auftrag auszurichten.“ „Er kommt alſo nicht?“ fragte Thomas;„wegen des ſchlechten Wetters? Und wenn ich ihn tragen ſollte...“ „Gemach, mein Sohn,“ ſagte Marie mit der Vertraulichkeit, die auf dem Dorfe gewöhnlich iſt;„ich rathe Ihnen, laſſen Sie den Herrn Pfarrer heute in Ruhe; ich glaube nicht, daß er zur Freude geſtimmt iſt.“ „Sollte er krank ſein?“ „Nein, aber ich weiß nicht, was er in Toulouſe erfahren haben mag⸗ Ich weiß nur, daß er ganz verſtört aus der Stadt zurück⸗ gekommen iſt, und daß er ſeit ſeiner Rückkehr unaufhörlich weint, jammert und betet.“ „Das wäre ein Grund mehr, ihn zu holen, um ihn zu zer⸗ ſtreuen; er wird bei uns luſtige Leute finden, und die Tante Mi⸗ railhe, die geſchworen hat, ſich nicht an den Tiſch zu ſetzen, wenn ſie ihren guten Freund Chambard nicht zur Rechten hätte. Ich gehe alſo zu ihm, Marie, und er muß mir folgen, er mag wollen oder nicht.“ „So kommt,“ entgegnete Marie kopfſchüttelnd,„aber ich zweifle, ob er ſich beſtimmen laſſen wird, mitzugehen.“ Beide gingen nach dem Pfarrhauſe und gelangten geräuſchlos hinein. Hinter Marien trat Thomas Siadour in das Zimmer des Pfarrers Chambard. Er ſaß in ſeinem großen Lehnſtuhle und hatte den Kopf auf die Bruſt geſenkt, die beiden Hände auf die Kniee gelegt. Er ſah das Licht der Laterne und glaubte, Marie komme allein zurück, blieb alſo ruhig ſitzen. „Herr Pfarrer,“ ſagte Marie,„da iſt Siadour.“ „Welcher Siadoux?“ ſagte der Pfarrer erbebend. „Ich, Thomas,“ antwortete der junge Mann. „Ach Gott! Was wollen Sie von mir, Thomas?“ ſagte der Geiſtliche, indem er ihn mit ſtieren Blicken anſah. „Ich wollte Ihnen nur ſagen, daß Sie ſich verſpätigt haben, Herr Pfarrer, und da wir ohne Sie das Eſſen nicht anfangen mochten, ſo bin ich gekommen, Sie zu holen.“ „Gehen Sie wieder heim, mein Sohn,“ ſagte der Pfarrer in tiefer Trauer,„und entſchuldigen Sie mich bei Ihrer Familie; ich habe mir vorgenommen, heute Abend nicht auszugehen.“ „Aber, Herr Pfarrer,“ entgegnete Thomas,„ich frage Sie, was ſoll ohne Sie aus uns werden? Schon fehlt uns der Vater, und Sie wollen auch nicht kommen? zwei leere Plätze am Tiſche, und noch dazu zwei Ehrenplätze? Das geht nicht, Herr Pfarrer. Sollen wir alle Freude und allen Appetit dabei einbüßen? Und überdies wiſſen Sie, daß meine Tante Mirailhe nur durch Sie ſieht, nur durch Sie hört, und daß nur Sie dieſelbe auf die 17 Nachricht vorbereiten können, welche ihr mein Vater bringen wird; denn ich vermuthe, was mein Vater ſagen will,— Cantagrel iſt verheirathet, ich wette darauf.“ „Mein armer Sohn! Mein armer Sohn!“ murmelte der Pfarrer. „Warum armer Sohn?“ fragte Thomas;„was wollen Sie da⸗ mit ſagen?“ „Das will ſagen, daß es beſſer ſei, ich bleibe hier, Thomas, als daß ich Euch durch meine Gegenwart die Freude verderbe.“ „Sie werden uns die Freude nicht verderben, im Gegentheil, wir wollen Sie aufheitern; wir ſind, Gott ſei Dank, die Mehrzahl.“ „Geh, guter Thomas, geh.“ „Herr Pfarrer, ich habe verſprochen, Sie mitzubringen; ich bitte Sie alſo im Namen Aller, im Namen meines Vaters, den Sie erſetzen ſollen, und der, wenn er da wäre, Sie ſchon zum Kommen beſtimmen würde.“ Der Geiſtliche ſeufzete tief und ſchmerzlich. „Faſſen Sie Muth, Herr Pfarrer! Sie wiſſen Andere in Noth ſo gut zu tröſten, geben Sie ein Beiſpiel und raffen Sie ſich auf.“ Der junge Mann faßte gleichzeitig den alten Geiſtlichen am Arm und zog ihn empor. „Sie wollen es durchaus?“ ſagte der Pfarrer Chambard, der einer Bitte eben ſo wenig, als einem Befehl, zu widerſtehen vermochte. „Ob ich es will! Ich will es nicht blos, ich verlange es im Namen Ihrer alten Freundſchaft gegen meinen Vater. Sie kennen Saturnin Siadour ſchon eine ſchöne Zeit, nicht wahr?“ fuhr der junge Mann lachend fort. „Vor vierundzwanzig Jahren habe ich zum erſten Male bei ihm, dem armen Saturnin, gegeſſen!“ Der Pfarrer ſprach dieſe Worte in ſo ſchmerzlichem Tone, daß der junge Mann einen Schauer durch ſeine Adern rieſeln fühlte. 18 „Nun, Herr Pfarrer,“ ſagte er, indem er ihm den Hut in die Hand gab, den der arme, alte Mann ſuchte, ohne ihn zu fin⸗ den,„es wird Zeit, daß ich Sie fortführe, denn, der Teufel ſoll mich holen! ich glaube, Sie ſtecken mich mit Ihrer Traurig⸗ keit an.“ Marie warf unterdeß dem Pfarrer den Mantel über die Achſeln, und da ihre Laterne noch brannte, ging ſie voraus, um zu leuchten. Chambard folgte, auf den Arm des jungen Mannes geſtützt. Nach wenigen Minuten kam man in das Haus der Familie Siadoux, wo die Ankunft des Geiſtlichen mit einem allgemeinen Hurrah gefeiert wurde.— „Kommen Sie! Kommen Sie!“ riefen Alle zu gleicher Zeit; „der Braten verbrennt. Zu Tiſche! Zu Tiſche!“ Der gute Pfarrer ſtrengte ſich an, erwiderte dieſen Empfang mit einem Lächeln und ſetzte ſich an dem ihm beſtimmten Platze nie⸗ der, während der Platz Saturnin's ihm gegenüber leer blieb. Obgleich nun aber der gute Pfarrer zu ſolcher Geſellſchaft ge⸗ wöhnlich eine milde Heiterkeit und eine väterliche Liebe mitbrachte, blieb er diesmal zu Aller Verwunderung kalt wie Marmor. Man ſah es ihm an, daß er ſich bemühete zu lachen und zu ſcherzen, aber die Worte erſtarben ihm auf den Lippen. So oft ſich drau⸗ ßen ein Geräuſch hören ließ und Jemand an das Fenſter trat, um zu ſehen, ob Vater Saturnin ankomme, ſchüttelte der Pfarrer, wie in einem unwiderſtehlichen Gefühl, das Haupt und ſeuf⸗ zete tief. Das Geſpräch, das man ſorglos und heiter zu halten verſucht hatte, wendete ſich ewig auf den abweſenden Reiſenden. Man fragte ſich, wo er wohl in dieſem Augenblicke ſein und was er thun möge. Was er dachte, wußte man gewiß; er dachte, daß ſeine Kinder und Freunde verſammelt wären und auf ihn warteten, und er grämte ſich gewiß, daß er nicht unter ihnen ſein konnte. Allen dieſen Reden, welche die Kindesliebe und die Freund⸗ 19 ſchaft eingaben, blieb der Geiſtliche fremd, den ein Gedanke zu beſchäftigen, eine Erinnerung völlig niederzudrücken ſchien. Un⸗ terdeß brach das Gewitter los, das drohend heraufgezogen war. Man hörte den Regen heftig an die Fenſter ſchlagen, und der Wind heulte und klagte wie eine Seele im Fegefeuer, die Gebete ver⸗ langt, und von Zeit zu Zeit ließ ein Blitz, der einem ſchrecklichen Donnerſchlag vorherging, das Licht der Lampen erbleichen. Die Leute hatten den Pfarrer nicht aufgeheitert, wie es Tho⸗ mas verſprochen, im Gegentheil, die Traurigkeit Chambard's war auf alle Anweſenden übergegangen. Die Unterhaltung gerieth allmälig ins Stocken. Man ſprach nur bisweilen noch leiſe; man aß nicht mehr und trank kaum. Die ſchweren ſüdlichen Weine ſchienen, ſtatt zur Freude aufzuregen, vielmehr in naroktiſche Getränke umgewandelt zu ſein und die am Tiſche Sitzenden in noch trübere Melancholie zu ſtürzen. Man fühlte, man ahnete, daß ein Unglück in der Luft ſchwebe und jeden Augenblick auf die Familie herabſtürzen könne, wie ein Geier auf ſeine Beute. Plötzlich hörte man draußen einmal ſtark anpochen, und der Schlag reichte hin, das ganze Haus zu erſchrecken. Die Verſammelten ſahen einander an und Aller Augen richte⸗ ten ſich auf den Geiſtlichen. Er war bleich wie eine Leiche; auf ſeiner Stirn ſtand ein kal⸗ ter Schweiß und ſeine Zähne ſchlugen klappernd auf einander. Die Thüre des Speiſezimmers wurde geöffnet, und Alle ſtanden auf, erſchrocken vor dem Beſuche, den ſie erhalten würden, ob⸗ gleich ſie noch nicht wußten, welcher Beſuch es ſei. Man ſah Beamte aus der Stadt, Soldaten und Gerichtsdiener eintreten, dann folgte eine von vier Männern getragene Bahre. Auf der Bahre lag ein Leichnam, deſſen Geſtalt man unter einem blutgefleckten Tuche erkannte. Thomas errieth, was man von ihm verlangte. Ohne ein Wort zu ſagen, ohne eine Frage zu thun, trat er, während ſein Haar ſich vor Grauen emporrichtete, an die Bahre und hob langſam das Tuch empor, das den Leichnam bedeckte. Ein einziger gleicher Schrei der Verzweiflung rang ſich aus der Bruſt aller Anweſenden los. Der Leichnam war der des Va⸗ ters Saturnin. Man hatte ihn dieſſeits Villefranche, in ſeinem Blute ſchwim⸗ mend, von elf Meſſerſtichen durchbohrt, am Ufer des Lers gefun⸗ den, in den der Mörder ihn ohne Zweifel hatte werfen wollen, ohne ſeine Abſicht ausführen zu können. Dann ſah man mit Erſtaunen den Pfarrer Chambard, ſtatt zu bleiben, wie es ſeine Pflicht war, um der Familie die Trö⸗ ſtungen der Freundſchaft und der Religion zu gewähren, von ſei⸗ nem Stuhle aufſtehen, durch die halboffene Thüre ſchlüpfen und, ohne ein Wort zu ſagen, verſchwinden. Zwölf Stunden waren ſeit dem erzählten Ereigniß vergangen und auf die Verzweiflung, auf das laute Jammern des erſten Augen⸗ blicks war jener dumpfe, kiefe Schmerz gefolgt, der nur bisweilen einen halberſtickten Seufzer entſchlüpfen und eine ſtumme Thräne fallen läßt. Der Leichnam des Vaters Siadoux lag auf einem Bette, das man in einem Zimmer im Erdgeſchoß aufgeſchlagen und wo ſich allmälig Jedermann aus dem Dorfe eingefunden hatte. Zwei gelbe Wachskerzen, die bei der Leiche brannten, eine zu Häupten, eine zu Füßen derſelben, verbreiteten ihr bleiches, fla⸗ ckerndes Licht inmitten eines neblichen Tages. Die Frauen hatten ſich zurückgezogen, und nur Johann und Ludwig, die beiden jüng⸗ ſten Söhne des Verſtorbenen, ſaßen unbeweglich und ſtumm wa⸗ chend einander gegenüber an einem großen Kamine, in welchem die letzten Ueberreſte des Feuers verglommen. Won Zeit zu Zeit ſtand Einer der jungen Männer auf, tußte 21 das weiße Haar ſeines Vaters und ſetzte ſich dann weinend wie⸗ er nieder. Beide waren traurig, und von Zeit zu Zeit verrieth ein fin⸗ ſterer, drohender Ausdruck in ihrem Geſicht die Gedanken, die ihr Herz bewegten. Seit ſie da ſaßen und das war ſeit fünf bis ſechs Stunden, hatten ſie nur die Worte gewechſelt: „Weißt Du wo Bruder Thomas iſt?“ hatte Johann gefragt. „Nein,“ hatte Ludwig geantwortet. Beide waren dann in ein Schweigen verſunken, das Jeden er⸗ ſchreckt haben würde, der dieſe heftigen Jünglinge kannte. Plötzlich wurde die Thüre geöffnet und Thomas erſchien auf der Schwelle. Beide Brüder hatten gleichzeitig emporgeſehen, um ihn zu fragen, woher er komme; aber ſie bemerkten auf ſeinem Geſichte einen ſo ungewöhnlichen Ausdruck, daß ſie ihren ältern Bruder nicht zu fragen wagten und warteten. Thomas legte an der Thüre ſeinen Mantel ab, trat langſam an den Leichnam, entblößte ſein Haupt, küßte den todten Vater auf die Stirn, ſtellte ſich dann zwiſchen ſeine beiden Brüder, ſetzte den Hut wieder auf und ſchlug die Arme auf der Bruſt über⸗ einander. „Was denkſt Du, Johann?“ fragte er. „Ich denke den Tod meines Vaters zu rächen,“ antwortete der Jüngling. „Und Du, Ludwig?“ „Ich auch,“ antwortete dieſer. „Aber,“ fuhr Johann fort,„wer kann der Mörder ſein?“ „Er hatte Niemand etwas zu Leide gethan,“ ſetzte Ludwig hinzu. „Und doch iſt es aus Rache geſchehen,“ ſprach Johann weiter. „Woher weißt Du, daß es aus Rache geſchehen iſt?“ fragte Thomas. „Ja, Du warſt ſchon fort,“ ſagte Ludwig,„als man ſeine 22 Kleidungsſtücke unterſuchte; wir haben in ſeinen Taſchen ſeine& dene Uhr und Geld gefunden.“ 4 „Du ſiehſt alſo, Bruder, daß er aus Rache ermordet worden iſt,“ ſagte Johann. „Der niederträchtige Mörder!“ rief Ludwig aus. „Ja wohl niederträchtig!“ ſeufzete Johann. „Ich habe einen Eid geſchworen,“ ſprach Ludwig. „Ich auch,“ entgegnete Johann. „Welchen?“ „Den Mörder zu ermitteln, und müßte ich mein Leben lang ſuchen, um ihn dem Henker zu überliefern.“ „Daſſelbe habe ich geſchworen, Bruder“ „Wollt Ihr den Mörder kennen?“ fragte Thomas, indem er eine Hand auf die Achſel jedes ſeiner Brüder legte. „Ja!“ riefen Beide aus, indem ſie aufſprangen. „Es kommt nur auf Euch an, ſeinen Namen zu erfahren,“ ſagte Thomas. „Du kennſt ihn?“ fragten die beiden Brüder. „Nein, aber ich kenne einen Mann, der ihn kennt.“ „Wer iſt der Mann?“ fragten gleichzeitig Ludwig und Johann. „Der Pfarrer Chambard,“ antwortete Thomas. „Der Pfarrer Chambard? Erkläre Dich deutlicher.“ „Hört mich an und gedenkt an das, was Ihr geſehen und ge⸗ hört habt.“ „Sprich!“ „Geſtern früh ging der Pfarrer ruhig und vergnügt nach Tou⸗ louſe.“ „Ja,“ ſagte Johann,„ich begegnete ihm; er las in ſeinem Brevier und unterbrach ſich, um mich zu fragen, ob das Geklap⸗ per der Mühle in Saint Grace mich noch immer im Schlafe ſtöre.“ „Ich verſtehe,“ ſagte Ludwig,„er meint Margarethen.“ „Nichtig.“ 8 23 „Er ſollte den ganzen Tag in Toulouſe bleiben,“ fuhr Thomas fort,„da ihn ſeine Haushälterin erſt um ſechs Uhr erwartete.“ „Nun?“ „Mittags kam er blaß und verſtört an, ſchloß ſich ein, ſtöhnte, weinte und betete; um fünf Uhr kniete er auf dem Gottesacker; um ſechs Uhr ging er ohne Hut, trotz Wind und Regen daher; um ſieben Uhr wollte er nicht zu uns kommen, ob er es gleich verſprochen hatte; um acht Uhr mußte ich zu ihm gehen und ihn faſt mit Gewalt herholen; während des Eſſens war er traurig und zerſtreut; endlich, als man um elf Uhr den Leichnam unſers Va⸗ ters brachte, als er wußte, daß die ganze Familie ſeiner Tröſtun⸗ gen bedurfte, handelte er gegen ſeine Pflicht als Freund und Prie⸗ ſter, indem er fortging, ohne ein Wort zu ſagen, und ſeitdem...“ „Es iſt wahr,“ ſagte Johann,„er iſt nicht wiedergekommen.“ „Sollte er der Mitſchuldige des Mörders ſein?“ fragte Ludwig. „Nein, aber er kennt ihn.“ „Du glaubſt es?“ „Ich bin überzeugt davon.“ „Was ſoll geſchehen?“ „Es giebt einen Menſchen, der den Mörder meines Vaters kennt, und Du, Johann, fragſt, was geſchehen ſoll?“ rief Tho⸗ mas aus. „Er muß den Namen des Niederträchtigen nennen,“ ſiel Lud⸗ wig ein. „Ja, Du verſtehſt es;“ ſagte Thomas, indem er ihm die Hand reichte. „So wollen wir ſogleich zu dem Pfarrer gehen;“ meinte Johann. „Still!“ rief Thomas aus;„wir werden nichts erfahren, wenn wir es nicht recht anfangen.“ „Du biſt der Aelteſte, Bruder, ſag' an, was Du meinſt.“ „Vor allen Dingen wollen wir bei dem Leichname unſeres Vaters ſchwören, ſeinen Tod durch alle möglichen Mittel zu rächen.“ 24 Die drei Brüder traten an den Leichnam, legten ihre Hände in einander, ſtützten ſie ſo auf die Stirn des unglücklichen Alten und ſprachen den ſchrecklichen Schwur aus, die Rache zu vollbrin⸗ gen, die ſie für eine heilige Pflicht hielten. „Nun,“ ſagte Thomas,„wollen wir den Abend abwarten.“ Die drei Jünglinge blieben, gleichſam um ſich in dem gefaßten Beſchluſſe zu ſtärken, in dem Zimmer, in welchem der Leichnam ihres Vaters lag, und ließen ſich das Eſſen dahin bringen. Als es Abend geworden war, küßten ſie ihre Schweſtern und ihre Tante, die ſich etwas beruhiget hatten und nun von Neuem in Thränen und Schluchzen ausbrachen. Die drei jungen Männer ſahen finſter aus, aber ſie vergoſſen keine Thräne und ſeufzten nicht. „Armer Vater! Armer Vater!“ riefen die beiden jungen Mäd⸗ chen aus,„und wir konnten von ihm nicht Abſchied nehmen!“ „Und daß wir ſeinen Mörder nicht kennen!“ ſetzte die Wittwe Mirailhe mit einer drohenden Geberde hinzu. „Darüber beruhigen Sie ſich, Tante,“ ſagte Thomas;„wir ſind auf der Spur, ihn zu entdecken, und wir werden ſeinen Namen erfahren.“ „Ich gäbe die Hälfte meines Vermögens darum, wenn ich wüßte, wer meinen armen Bruder umgebracht hat,“ ſagte die Wittwe. „Ich, ich gäbe die Hälfte meines Lebens,“ ſagten die beiden Schweſtern. „Bleibt ruhig hier,“ ſagte Thomas;„hört Ihr Lärm, ſo küm⸗ mert Euch nicht darum, wir machen ihn; hört Ihr Schreien, ſo ſagt, immerhin, die drei Brüder ſind bei der Arbeit. Betet für unſern Vater, aber rührt Euch nicht, und morgen, ich ſchwöre es Euch, werden wir Alles wiſſen.“ „Ach Gott! Ach Gott!“ riefen die jungen Mädchen aus;„was wollt Ihr thun?“ „Geht,“ ſagte die Wittwe Mirailhe,„es iſt eine Pflicht der 25 Kinder, ihren Vater zu rächen.“ Dann nahm ſie die beiden Mäd⸗ chen an ſich und ſagte:„Schließt uns ein, wenn Ihr an uns zweifelt.“ Die Jünglinge küßten von Neuem ihre Schweſtern und ihre Tante, dann gingen ſie hinaus und ſchloſſen die Thür zu. Thomas ſteckte den Schlüſſel in die Taſche. „Nun,“ ſagte er,„holt den Pfarrer und ſagt ihm, die Töch⸗ ter und die Schweſter des Verſtorbenen wunderten ſich, ihn nicht zu ſehen, und ſehnten ſich nach ſeinem Troſte. Statt ihn zu den Schweſtern zu führen, bringt ihn hier herein, ich werde auf Euch warten.“ Thomas ging wieder in das Zimmer, in welchem der Leichnam lag. Ludwig und Johann begaben ſich in das Pfarrhaus. Der Pfarrer war allein, denn die alte Marie machte Beſuche in der Nachbarſchaft. Als er die beiden Brüder bemerkte, zuckte er zuſammen. „Herr Pfarrer,“ ſagten ſie,„wie Sie wiſſen, wird unſer armer Vater erſt morgen begraben; wir haben uns vorgenommen, bei ihm zu wachen, aber dann bleiben freilich die Frauenzimmer allein und ſchutzlos; ſie rechneten auf Sie, Herr Pfarrer.“ „Ich komme, meine Kinder, ich komme,“ antwortete der Geiſt⸗ liche, der wie ein Espenlaub zitterte, aber wohl fühlte, daß er vor allen ſeine Pflichten zu erfüllen habe und der armen Familie ſeine Troſtworte noch ſchuldig ſei. Er zog eilig ſein Prieſtergewand an, um ſeinen Worten durch daſſelbe eine größere Macht zu geben, nahm ein kleines Crueifir und folgte ſeinen Führern. Die Straßen des Dorfes waren bereits öde und es begegnete ihnen Niemand. Statt den Pfarrer zu den Frauenzimmern zu führen, ließen ihn die beiden Brüder, der Verabredung gemäß, in das Leichen⸗ zimmer treten. Als der Geiſtliche den Leichnam zwiſchen den zwei Kerzen liegen 26 und Thomas an dem Kamine ſtehen ſah, in welchem ein Keſſel mit Oel kochte, wollte der Pfarrer zurücktreten, Johann und Lud⸗ wig aber, die ihm folgten, trieben ihn weiter und verſchloſſen hin⸗ ter ihm die Thüre. Der Geiſtliche ſah einen der drei Brüder nach dem andern an; alle drei waren bleich, aber entſchloſſen, und er errieth, daß etwas Schreckliches geſchehen ſollte. Er wollte ſprechen, aber das Wort erſtarb ihm auf den Lippen. „Herr Pfarrer,“ ſagte Thomas mit imponirender Ruhe,„Sie waren der Freund unſeres Vaters; Sie gaben ihm dem Rath, nach Narbonne zu reiſen, und unſer Vater hat alſo den Tod gefunden, weil er Ihren Rath befolgte.“ „Großer Gott, lieben Kinder!“ rief der Pfarrer aus;„iſt es mög⸗ lich, daß Ihr mich für das Geſchehene verantwortlich machen wollt?“ „Nein, Herr Pfarrer, nein. Wir vertreten hier die göttliche Gerechtigkeit, und Sie können ruhig ſein, wir werden gerecht und billig ſein wie ſie.“ „Was alſo wollet Ihr von mir?“ „Hören Sie mich an. Sie wiſſen, wie zärtlich unſer Vater ſeine Kinder liebte, und Sie zweifeln gewiß auch nicht, daß Jeder von uns ſein Leben für den Vater hingegeben haben würde.“ „Ja, ja, ihr ſeid gute Söhne, fromme Kinder, ich weiß es.“ „Nun, Herr Pfarrer, als gute Söhne und fromme Kinder haben wir geſchworen, den Urheber des Verbrechens zu ermitteln, und da Sie ihn kennen, ſo erſuchen wir Sie, uns ſeinen Namen zu nennen.“ „Ich Euch den Mörder nennen? Ich kenne ihn nicht.“ „Keine Lüge!“ „Ich betheuere es!“ „Keinen Meineid! „Mein Gott, mein Gott!“ rief der Geiſtliche aus,„was ver⸗ langt Ihr von mir?“ ——Mℳ—V 27 „Die Wahrheit, und bedenkt, daß wir feſt entſchloſſen ſind, ſie zu finden.“ „Was bringt Euch auf die Vermuthung... 2“ „Herr Pfarrer, Sie waren geſtern in Toulouſe.“ „Sg. „Sie ſtiegen bei dem Abbé Mariotte ab, der Sie erſuchte, die Meſſe für ihn zu leſen.“ „Ja.“ „Sie haben dieſe Meſſe in der Metropolitankirche geleſen?“ „Allerdings; ich hatte das Recht dazu.“ „Das beſtreiten wir auch nicht; aber nach der Meſſe und wäh⸗ rend Sie ſich in der Sacriſtei auskleideten, zeigte Ihnen der Kir⸗ chendiener an, es warte in dem Beichtſtuhle ein Mann auf Sie.“ „Großer Gott!“ rief der Pfarrer aus. „Wie hieß dieſer Mann?“ fragte Thomas. „Warum wollet Ihr ſeinen Namen kennen?“ „Weil dieſer Mann der Mörder unſeres Vaters iſt,“ antwortete Thomas. „Kinder, Kinder!“ rief der Pfarrer mit ſteigender Angſt aus, „wißt Ihr wohl, was Ihr da von mir verlangt?“ „Ja,“ antworteten die drei Brüder gleichzeitig. „Das Beichtgeheimniß.“ „Ja.“* „Die Enthüllung des Beichtgeheimniſſes iſt uns verboten.“ „Sie werden uns dennoch den Namen dieſes Mannes nennen, Herr Pfarrer, und Alles mittheilen, was Sie von dem Morde wiſſen, denn, wer er auch ſein möge, er muß von Henkershand ſterben.“ „Nie,“ ſprach der Pfarrer,„nie!“ „Herr Pfarrer,“ ſagte Thomas,„wir müſſen Alles wiſſen und ſollten wir Gewalt brauchen.“ „Ach, mein Gott, mein Gott!“ rief der Pfarrer aus, indem 28* er das Crucifix küßte, das er in der Hand hielt,„ſtärke meinen Muth, damit ich nicht weiche von dem Pfade der Pflicht.“ „Herr Pfarrer,“ fuhr Thomas fort, indem er die Hand nach dem Kamine ausſtreckte,„ſehen Sie dieſen Keſſel mit dem kochen⸗ den Oele? Wir können Ihre Füße da hinein ſtecken.“ „Zu Hülfe!“ rief der Geiſtliche;„zu Hülfe!“ „Rufen Sie ſo viel Sie wollen,“ unterbrach ihn Thomas; „zwiſchen dem Fenſter und dem Laden befindet ſich eine Matratze, Niemand kann Sie hören.“ „Da ich Niemanden habe, ſo ſtehe Du mir bei, mein Gott!“ „Gott kann es nicht verdammen, wenn Kinder ihren Vater rächen,“ ſagte Thomas;„reden Sie!“ „Macht mit mir, was Ihr wollt,“ ſagte der Geiſtliche;„ich werde nicht antworten.“ Thomas winkte ſeinen Brüdern Johann und Ludwig, welche den Keſſel nahmen, ihn herunterhoben und zwiſchen den Kamin und den Leichnam ſtellten. Zu gleicher Zeit ergriff Thomas, als wenn er gefühlt hätte, er würde nebſt ſeinen Brüdern Kraft brauchen zu dem Auftritte, der bevorſtand, das Tuch, welches ſeinen Vater bedeckte, und ſchleuderte es weit weg von dem Bette, ſo daß der Leichnam enthüllt dalag und mit den bläulichen Lippen ſeiner elf Wunden um Nache ſchrie. „Bedenken Sie,“ ſagte Thomas,„der Tod kommt langſam; „es waren, wie Sie hier ſehen, elf Meſſerſtiche nöthig, um die Seele aus dieſem armen Körper zu treiben, und doch hatte der Mörder Eile, während wir Zeit haben.“ „Mein Gott! Mein Gott!“ wiederholte der Geiſtliche knieend, „gieb mir Kraft, das Märtyrerthum zu ertragen.“ Aber das Gebet war vergeblich; die Jünglinge kannten den ſchwachen furchtſamen Charakter des Pfarrers und wußten im vor⸗ aus, daß er nicht die Kraft haben würde, die Qual zu ertragen, oder vielleicht hofften ſie es auch nur. 29 „Wollen Sie uns den Namen des Mörders nennen?“ fragte Thomas. Der Pfarrer antwortete nicht, ſondern drückte das Crueifix feſter auf ſeine Lippen und betete. „Auf, Brüder!“ rief da Thomas;„im Namen unſeres Vaters, thut, was wir beſchloſſen haben.“ Die beiden Jünglinge ergriffen den Pfarrer und hoven ihn empor. Er ſtieß einen entſetzlichen Schrei aus. „Gnade!“ rief er;„ich will Alles ſagen.“ „Den Namen, den Namen,“ fiel Thomas ein,„vor Allem den Namen.“ „Cantagrel,“ antwortete der Pfarrer leiſe. „Gut,“ ſprach Thomas,„ich ahnete es, wollte aber keinen Unſchuldigen beſchuldigen. Laßt den Herrn Pfarrer wieder los.“ Die beiden Brüder ſetzten den Geiſtlichen wieder nieder, aber er konnte ſich nicht aufrecht erhalten und ſank in ſich zuſammen, als wenn ſeine Beine zerbrochen wären. „Nun das Weitere,“ gebot Thomas;„er darf nicht leugnen können.“ Der Pfarrer, der, nachdem er einmal den Namen genannt, keinen Grund mehr hatte, das Uebrige zu verheimlichen, antwor⸗ tete:„Der Mörder war durch Ihre Tante Mirailhe von der Reiſe Ihres Vaters nach Narbonne benachrichtigt worden, ahnte den Zweck derſelben und lauerte Ihrem Vater bei der Furt im Lers auf.“ „Dann?“ „In dem Augenblicke, als Siadoux den Berg herunterkam, fiel er über ihn her und ſtürzte ihn durch den erſten Meſſerſtich von dem Pferde herunter, wenn er ihn damit auch nur leicht verwundete.“ „Armer Vater!“ murmelten Johann und Ludwig. „Weiter! Weiter!“ ſprach Thomas. „Er richtete ſich empor, und nun gab ihm Cantagrel den zwei⸗ ten Stoß!“ ——— 30 „Der Elende!“ riefen die beiden Brüder aus. „Weiter!“ ſprach Thomas.. „Da ihn aber Saturnin am Kragen gepackt hatte, ſo ſtürzten Beide nieder und im Ringen gab ihm der Metzger die neun andern Stiche.“ „Vater, Du ſollſt gerächt werden,“ ſagten die beiden Jünglinge. „Weiter!“ ſprach Thomas. „Nachdem er ſich überzeugt hatte, daß Saturnin Siadour todt ſei, ſchleppte er ihn nach dem Fluſſe zu, um ihn in das Waſſer zu werfen. In dieſem Augenblicke erſchienen aber Maulthiertreiber, und er hatte nur ſo viel Zeit, ſich mit dem Leichname hinter einem Boote zu verbergen, das man an das Ufer gezogen hatte. Die Maulthiertreiber ſahen ihn nicht und zogen durch den Fluß; aber als ſie hinüber waren, verlor Cantagrel den Kopf, ließ den Leich⸗ nam liegen, wo er lag, ſchwang ſich auf das Pferd, ritt durch den Fluß und trieb das Pferd zum ſchnellſten Laufe an; als er fühlte, daß es ſtürzen wollte, zog er es in ein Wäldchen, ließ es dort und kehrte zu Fuße nach Toulouſe zurück. Aber nachdem die Rache vollbracht war, konnte der Verbrecher die Gewiſſenspein nicht er⸗ tragen; er eilte in die Kirche, verlangte einen Geiſtlichen, um zu beichten, und das Unglück wollte, daß ich gerade da war.“ „Haben Sie ihm die Abſolution ertheilt?“ fragten die beiden jüngern Brüder mit drohender Geberde. „Nein, Kinder,“ antwortete der Pfarrer kaum vernehmlich; „aber Gott iſt ein milder Richter; möge er ihm das Verbrechen verzeihen können, das er begangen hak, ſowie Euch das, zu wel⸗ chem Ihr mich genöthigt habt.“ Bei dieſen Worten ſank der Pfarrer in Ohnmacht. Als er wie⸗ der zu ſich kam, befand er ſich in ſeinem Hauſe und die alte Haus⸗ hälterin war um ihn beſchäftiget. Die drei Jünglinge ſahen einander mit ſchrecklichem Lächeln an; ſie wußten Alles, was ſie wiſſen wollten. V 88— X— — Stricke. 31 Die beiden jüngern fragten den ältern: „Was thun wir nun, Thomas?“ „Bleibt hier,“ antwortete er,„ich gehe zu den Frauenzimmern.“ Einen Augenblick nachher kam er wieder mit einem Briefchen in der Hand. Die Schweſtern und die Tante folgten ihm. Er winkte ſeinen Brüdern und ging mit ihnen hinaus. „Brüder,“ ſagte Johann, als ſie ſich draußen auf der Straße befanden und ſahen, daß Thomas den Weg nach Toulouſe ein⸗ ſchlug,„nehmen wir keine Waffen mit?“ „Gott bewahre uns!“ ſagte Thomas. „Und warum?“ „Weil wir ihn ermorden könnten, wenn wir ihn treffen, und weil er von Henkershand ſterben muß. Nur Stricke!“ „Er hat Recht,“ ſagten die beiden andern Brüder. Sie klopften an der Thüre eines Seilers an und kauften neue Dann ſetzten ſie die Wanderung nach Toulouſe fort, wo ſie um zehn Uhr ankamen. Sie traten in die Stadt hinein, ohne er⸗ kannt zu werden, gelangten auf den St. Georgs⸗Platz und durch den Schlüſſel, den ihnen die Tante Mirailhe gegeben hatte, in das Haus derſelben, ohne die Magd zu wecken. Da ſie die Oert⸗ lichkeit genau kannten, ſo gingen ſie ohne Weiteres in das Zimmer ihrer Tante hinauf. Dieſes Zimmer hatte drei Thüren. Sie unterſuchten ſorgfältig alle Eingänge und warteten ſo den Anbruch des Tages ab. Bei dem erſten Sonnenblicke ſtellte Thomas jeden ſeiner Brüder hinter eine der Nebenthüren und ging in die Kammer der Magd hinauf, die ſich eben ankleidete. 1 „Katharina,“ ſagte er zu dem Mädchen, das ihn verblüfft an⸗ ſah,„ich bin dieſe Nacht mit meiner Tante Mirailhe angekommen, ohne daß wir Dich wecken wollten.“ „Herr Jeſus! Herr Thomas, iſt es wahr, was die Leute ſagen?“ 32 „Und was ſagen die Leute?“ „Saturnin Siadour, Ihr Vater, ſei am Lers von Räubern ermordet worden.“ „Leider iſt es wahr, Katharina.“ „Und kennt man den Mörder?“ „Man meint, es ſei ein Maulthiertreiber geweſen.“ „Ach Gott! Ach Gott! welches Unglück!“ „Meine Tante meint nun mit Recht, ſie müſſe ſich in dieſen Umſtänden an ihre Freunde wenden. Da nun Cantagrel Einer ihrer beſten Freunde iſt, ſo erſucht ſie ihn, ſogleich zu ihr zu kommen; ſie wartet in ihrem Schlafzimmer auf ihn; die Arme iſt ſo angegriffen worden, daß ſie krank iſt. Ich ſelbſt kehre ſogleich wieder nach Croix Daurade zurück, wo meine Familie mich er⸗ wartet. Leb' wohl, Katharina, denn Du wirſt mich nicht mehr hier finden. Da trage den Brief meiner Tante zu Cantagrel.“ Die Magd kleidete ſich vollends an und lief zu dem Metzger, waͤhrend Thomas wieder in das Zimmer ſeiner Tante ging. Eine Viertelſtunde nachher hörte man Tritte auf der Treppe; ſte näherten ſich der Thüre; es wurde dreimal an dieſelbe geklopft und auf das Wort:„Herein!“ trat der Metzger Cantagrel herein. „ Hier bin ich,“ ſagte eine ſchwache Stimme in dem Bette, an welchem die Vorhänge zuſammengezogen waren. Cantagrel trat nichts ahnend hinzu; in dem Augenblicke aber, als er die Hand an die Bettvorhänge legte, um ſie auseinander⸗ zu ziehen, packten ihn ein Paar kräftige Arme und eine Männer⸗ ſtimme rief: „Hierher, Brüder!“ Die beiden jungen Leute traten aus ihren Verſtecken hervor und fielen über Cantagrel her. Es war Zeit. Der Metzger hatte Thomas ſogleich auf das Bett niedergeworfen, und wäre derſelbe allein geweſen, würde er ſich bald freigemacht haben. Jetzt aber griffen alle Drei den Rieſen 33 mit einer um ſo ſchrecklichern Wuth an, da Keiner ein Wort ſprach. Cantagrel ſeinerſeits, der die Urſache des Ueberfalls errieth und wohl fühlte, daß es ſich bei ihm um Leben und Tod handele, bot ſeine ganze Rieſenkraft auf, die ihm die Natur gegeben hatte. Der Kampf war ein fürchterlicher. Eine Viertelſtunde lang rollten die vier Männer wie eine unförmliche bewegliche Maſſe ein⸗ her, richteten ſich auf, fielen wieder nieder, um ſich von Neuem aufzurichten und wiederum niederzufallen. Endlich wurden dieſe Bewegungen langſamer und die Gruppe blieb einen Augenblick ruhig liegen. Dann richteten ſich die drei Brüder auf, ſchüttelten den Kopf und ſtießen ein Siegesgeſchrei aus; denn der Metzger lag zu zu ihren Füßen, gebunden mit den Stricken, die ſie mitgebracht hatten. Dann blieb Thomas allein bei Cantagrel; Ludwig und Johann verſchwanden, um bald darauf mit einer Trage wiederzukommen. Auf dieſe legten ſie den Metzger, banden ihn darauf mit Stricken feſt und trugen ihn hinunter. Es war Markttag, und man kann ſich denken, welches Aufſehen dieſe ſeltſame Erſcheinung machte.. Ludwig und Thomas trugen die Bahre. Thomas ſchritt voraus. Ihre Geſichter waren zerkratzt und blutend und ihre Kleidungsſtücke zerriſſen. Cantagrel hatte ſich vertheidigt wie ein Löwe. Unter andern Umſtänden würde man die drei jungen Männer vielleicht gefragt haben; aber das Unglück, das ihren Vater be⸗ troffen hatte, war bereits bekannt, und man ließ ſie gehen, denn das Volk hat meiſt eine hohe Chrfurcht vor großem Unglück. Uebri⸗ gens war Cantagrel, den Jedermann erkannt hatte, nicht geknebelt, und dennoch rief er nicht um Hülfe. Auch errieth man, daß die drei Brüder ſich zu dem Criminal⸗ richter begaben. Sie hatten es alſo mit der Juſtiz zu thun, und man begnügte ſich, ihnen zu folgen. Der Criminalrichter ſah den ſeltſamen Zug von Weitem kommen und ließ die Thür öffnen, da er ahnte, daß man ihn ſuche 6. 3 34 Die drei Brüder traten ein, und hinter ihnen drängten ſich ſo viele Neugierige nach, als der Saal faſſen konnte. Thomas winkte und ſeine Brüder ſetzten die Trage nieder. „Wer iſt dieſer Mann?“ fragte der Richter. „Der Metzger Stephan Cantagrel, der Mörder des Saturnin Siadour, unſers Vaters,“ antwortete Thomas. 3 Aber was geſchehen mußte, geſchah. Cantagrel, der wohl wußte, daß er von Niemandem geſehen worden war und daß er ſein Verbrechen nur einem Geiſtlichen im Beichtſtuhle geſtanden habe, leugnete hartnäckig. Die drei Jünglinge, die vor das Gericht beſchieden wurden, mußten erklären, von wem ſie die Angabe erhalten und wie ſie dieſelbe ſich verſchafft hatten. Da ſie die Ueberzeugung hegten, als gute Söhne gehandelt zu haben, als ſie ſich bemüheten, ihren Vater zu rächen, ſo erzählten ſie Alles und rühmten ſich faſt ihrer verbrecheriſchen That; das Gericht aber erklärte, es könne das nicht beachten, was durch ein Sacrilegium erlangt worden ſei, müſſe vielmehr dies beſtrafen im Intereſſe der Religion. Das Parlament verordnete die Einſperrung nicht blos des Mörders, ſondern auch der Ankläger, der Söhne des Ermordeten, und des Prieſters, der ſich hatte einſchüchtern laſſen. Die Unterſuchung ergab, auch abgeſehen von der Ausſage des Pfarrers, Gewißheit genug. Ein Auge ſieht immer den Mord, wie dunkel auch die Nacht, wie öde auch der Ort ſein mag, wo er begangen wird. Maulthiertreiber erkannten in Cantagrel den Mann, den ſie den Berg hatten herabkommen ſehen; Fiſcher hatten ihn durch den Fluß reiten und Bauern ihn auf einem Pferde hinjagen ſehen, das jeden Augenblick zuſammenſtürzen zu müſſen geſchienen hatte. Der Verdacht war ſchwer, und der Metzger wurde zum Rade ver⸗ urtheilt. 3⁵ Der Pfarrer von Croix Daurade ſeinerſeits wurde, weil er das offenbart hatte, was ihm im Beichtſtuhle anvertraut worden war, verurtheilt, lebendig verbrannt zu werden, nachdem ihm die Glieder zerbrochen worden. Die drei Söhne Siadour ſollten gehenkt werden, weil ſie durch Drohungen und Gewaltthat dem Pfarrer das Beichtgeheimniß ent⸗ riſſen hatten. Dieſes ſchreckliche Urtel wurde zum Theil vollzogen. Der Metzger wurde gerädert, und der Henker erhielt die Weiſung, ohne Erbar⸗ men mit ihm zu verfahren. Alle Verwendungen zu Gunſten des Pfarrers bewirkten weiter nichts, als die Beſtimmung, daß der Nachrichter ihm einen Todes⸗ ſtoß geben ſolle, bevor er den Körper in die Flammen würfe. Die drei Brüder, die nur aus Liebe zu ihrem Vater gefehlt hatten, fanden in Toulouſe ſo große und allgemeine Theilnahme, daß man ihnen die Mittel gewährte, aus dem Gefängniß zu ent⸗ fliehen, und ſie kamen über die Grenze, ohne verfolgt zu werden; auch erlaubte ihnen der König nach zwanzig Jahren, in ihr Vater⸗ land zurückzukehren. Dr. Diezmann. 3* Die Marguiſe von Brinvilliers. An einem ſchönen Herbſtabend des Jahres 1665 hatte ſich in Paris eine beträchtliche Menſchenmenge auf dem Pont⸗Neuf verſammelt. Der Gegenſtand, welcher die Neugierde erregte, war eine feſtver⸗ ſchloſſene Kutſche, die ein Gefreiter zu öffnen ſuchte, während vier Sergeanten die Pferde und beſonders den Kutſcher hielten, der trotz aller Befehle durchaus ſein Geſpann wieder in Galopp zu ſetzen ſuchte. Dieſer Kampf dauerte ſchon eine Weile, als der eine Wagenſchlag plötzlich aufgeriſſen wurde und ein junger Offi⸗ ceier in der Uniform eines Cavallerie⸗Capitains herausſprang. Augenblicklich warf er den Schlag hinter ſich wieder zu; dennoch aber hatten die Umſtehenden ſo viel Zeit, auf dem Hinterſitze des Wagens eine dicht in ihren Mantel verhüllte und verſchleierte Dame zu bemerken, die, nach all den Vorſichtsmaßregeln zu ſchließen, welche ſie getroffen, wohl ſehr eifrig wünſchen mußte, unbekannt zu bleiben. „Mein Herr,“ ſagte der junge Mann und wandte ſich mit be⸗ fehlshaberiſchem Weſen an den Gefreiten,„wenn Sie keinen Miß⸗ griff gemacht haben, ſo vermuthe ich wenigſtens, daß Ihre Auf⸗ träge ſich nur auf mich erſtrecken. Ich fordere Sie auf, mir erſtlich die Vollmacht zu zeigen, auf Grund deren Sie meinen Wagen angehalten, und zweitens, da ich nicht mehr darin ſitze, Ihren Leuten zu befehlen, daß ſie den Kutſcher und die Pferde loslaſſen.“ „Zunächſt,“ antwortete der Gefreite, ohne ſich durch den hoch⸗ 37 fahrenden Ton einſchüchtern zu laſſen, und gab den Sergeanten ein Zeichen, weder den Kutſcher noch die Pferde loszulaſſen, zunächſt ſein Sie ſo gut, mir auf meine Fragen zu antworten.“ „Ich höre,“ ſagte der junge Mann, der ſich ſichtlich Gewalt anthat, ſeine Kaltblütigkeit zu bewahren. „Sie ſind doch der Chevalier Gaudin de Sainte Croix?“ „Der bin ich.“ „Hauptmann im Regiment de Tracy?“ „Ja, mein Herr.“ „So verhafte ich Sie im Namen des Königs.“ „Und mit welchem Recht?“ „Auf Grund dieſes Verhaftsbefehls.“ „Der Chevalier warf ſchnell einen Blick auf das Papier, wel⸗ ches ihm der Gefreite vorhielt, erkannte ſogleich die Unterſchrift des Polizeiminiſters und ſchien ſich jetzt nur noch um die Frau zu kümmern, welche im Wagen geblieben war; ſogleich ſtellte er wieder das ſchon vorhin ausgeſprochene Verlangen. „Nun wohl, mein Herr,“ ſagte er zum Gefreiten;„aber auf dieſem Verhaftsbefehl ſteht nur mein Name und ich muß es wie⸗ derholen, ich kann es durchaus nicht zugeben, daß Sie die Dame, mit der ich gefahren bin, der öffentlichen Neugierde ausſetzen; ich erſuche Sie, geben Sie auf der Stelle den Sergeanten den Be⸗ fehl, die Kutſche weiter fahren zu laſſen, und führen Sie mich dann, wohin Sie wollen, ich bin bereit, Ihnen zu folgen.“ Dies ſchien dem Gefreiten ein billiges Verlangen und er gab ſeinen Leuten den Befehl, den Kutſcher und die Pferde loszulaſſen. Dieſe ſchienen nur auf dieſen Augenblick gewartet zu haben, eilten ſogleich durch die Menge, welche vor ihnen auseinander wich, und jagten mit der Dame, für welche der Verhaftete ſo beſorgt ſchien, im Galopp davon. Sainte Croir ſeinerſeits leiſtete, wie er verſprochen, weiter keinen Widerſtand und folgte ſeinem Führer durch die Menge, deren 38 ganze Aufmerkſamfeit ſich auf ihn gelenkt hatte. In einer Ecke des Quai de l' Horloge ſtand eine Droſchke; dieſe wurde ſogleich an⸗ gerufen und der Verhaftete ſtieg mit derſelben hochfahrenden und verächtlichen Haltung hinein, die er während der ganzen eben be⸗ ſchriebenen Scene beobachtet hatte. Der Gefreite ſetzte ſich neben ihn, zwei Sergeanten ſtiegen hinten auf, und die beiden andern zogen ſich, wahrſcheinlich auf Grund eines vorher erhaltenen Be⸗ fehls, zurück, nachdem ſie dem Kutſcher vorher zugerufen:„Nach der Baſtille!“ Jetzt möge der Leſer uns erlauben, ihn genauer mit der Perſon bekannt zu machen, welche wir zuerſt haben auftreten laſſen. Der Chevalier Gaudin de Sainte Croix war, wie die Einen ſagten, der natürliche Sohn einer hochgeſtellten Perſon; Andere dagegen behaupteten, er ſei von armen Aeltern geboren, habe ſeine niedrige Geburt und das einer ſolchen geziemende Leben nicht er⸗ tragen können und eine äußerlich glänzende, aber mit Schande ver⸗ bundene Stellung vorgezogen und ſich für das ausgegeben, was er nicht ſei. Weiter wußte man nichts Genaues von ihm, als daß er in Montauban geboren ſei und jetzt eine Hauptmanns⸗ ſtelle im Regimente de Tracy inne habe. In der Zeit, in welcher dieſe Erzählung beginnt, d. h. gegen das Ende des Jahres 1665 mochte Sainte Croir achtundzwanzig oder dreißig Jahre zählen. Er war ein ſchöner, wohlausſehender und geiſtvoller junger Mann, eben ſo brav als Officier, als luſtig bei jedem Gelage. Andern Vergnügen zu machen, war ſeine größte Luſt, und ſein geſchmeidiger Charakter wußte ebenſo gut und gern auf irgend einen frommen Plan, als auf eine Luſtpartie einzu⸗ gehen; ſein Herz fing leicht Feuer, und dann war er eiferſüchtig bis zur Wuth, hätte ſeine Liebe auch einer Buhlerin gegolten. Seine Freigebigkeit war fürſtlich, obgleich man von ſeinen Ein⸗ künften nie etwas gehört hatte; beleidigt fühlte er ſich ſehr leicht, wie alle Diejenigen, welche eine zweifelhafte Stellung einneh⸗ V V V 39 men und ſtets glauben, daß Jeder auf ihre Geburt anſpielen und ſie kränken wolle. In die Lage, in welcher wir ihn eben ſahen, war er auf fol⸗ gende Art gekommen. Im Jahre 1660 hatte Sainte Croir bei der Armee die Bekannt⸗ ſchaft des Marquis von Brinvilliers gemacht, der Feldzeugmeiſter im Regiment Normandie war. Ihr faſt gleiches Alter, ihre Lauf⸗ bahn, welche ſie faſt auf demſelben Wege neben einander gehen ließ, ihre Vorzüge und Fehler, die ſehr ähnlich waren, hatten die Bekanntſchaft bald in eine innige Freundſchaft verwandelt, und der Marquis von Brinoilliers ſtellte ihn nach ſeiner Rückkehr von der Armee ſeiner Frau vor und ließ ihn bei ſich wohnen. Dies innige Verhältniß hatte die gewöhnlichen Folgen. Die Frau Marquiſe von Brinvilliers war damals kaum achtundzwanzig Jahre alt; im Jahre 1651 hatte ſie den Marquis von Brinvilliers geheirathet, welcher 30,000 Livres Einkünfte hatte, und dem ſie außer der Hoffnung auf ihr Erbtheil 100,000 Livres zugebracht hatte. Sie hieß Marie Magdalene, hatte zwei Brüder und eine Schweſter, und ihr Vater, Herr von Dreur d'Aubray, war Civil⸗ richter beim Pariſer Stadtgericht. In dem Alter von achtundzwanzig Jahren ſtand die Schönheit der Marquiſe von Brinvilliers gerade in ihrer vollſten Blüthe; ihr Wuchs war klein, aber vollkommen ebenmäßig, ihr länglich⸗ rundes Geſicht war reizend ſchön, und ihre Züge, die um ſo regel⸗ mäßiger erſchienen, da ſie nie durch eine innere Bewegung ver⸗ ändert wurden, glichen der einer Bildſäule, welche man durch Zauberkraft belebt, und Jeder war verſucht, dieſe kalte und grau⸗ ſame Gleichgültigkeit für den Abglanz der innern Heiterkeit einer reinen Seele zu halten, während ſie in der That nichts Anderes war, als eine Larve zur Verbergung aller Gewiſſensbiſſe. Sainte Croir und die Marquiſe geſielen ſich auf den erſten Blick und waren bald Liebhaber und Geliebte. Der Marquis ſetzte die⸗ 40 ſem Verhältniß kein eiferſüchtiges Hinderniß entgegen; ſei es, daß er die Ehemannsphiloſophie beſaß, ohne welche damals Niemand auf guten Ton Anſpruch machen konnte, ſei es, daß die Vergnü⸗ gungen, denen er ſich ſelbſt hingab, ihm keine Muße ließen, um das zu bemerken, was dicht unter ſeinen Augen vorging; er lebte ſein verſchwenderiſches Leben fort, das ſchon einen guten Theil ſeines Vermögens gekoſtet hatte. Bald ſtand es mit ſeinen Ein⸗ künften ſo verwickelt, daß die Marquiſe, welche ihn nicht mehr liebte und in der erſten Gluth einer neuen Liebe eine noch größere Freiheit verlangte, auf Scheidung antrug und dieſelbe wirklich durchſetzte. Seitdem verließ ſie das Haus ihres Mannes, nahm weiter gar keine Rückſichten und erſchien überall ganz öffentlich an der Seite Sainte Croir's. Dies Verhältniß, das übrigens durch das Beiſpiel der hochge⸗ ſtellteſten Perſonen gerechtfertigt wurde, machte auf den Marquis von Brinvilliers keinen Eindruck. Ohne ſich um ſeine Frau zu kümmern, fuhr er fröhlich fort, ſein Vermögen durchzubringen. Der Vater der Marquiſe aber, Herr von Dreux d'Aubray, war nicht eben ſo gleichgültig; denn er hatte die Gewiſſenhaftigkeit des alten ehemaligen Adels beibehalten. Das regelloſe Leben ſeiner Tochter ärgerte ihn; er fürchtete, es würde von demſelben ein Ma⸗ kel auf ſeinen guten Ruf zurückfallen, und wußte einen Verhafts⸗ befehl auszuwirken, der ihn berechtigte, Sainte Croix zu verhaften, wo er ihn auch träfe. Wir ſahen, wie derſelbe zur Ausführung gebracht wurde, gerade als Sainte Croix mit der Marquiſe von Brinvilliers im Wagen ſaß. Man wird jetzt begreifen, welche Gewalt ſich Sainte Croix bei ſeinem Charakter anthun mußte, um ſich nicht vom Zorn hinrei⸗ ßen zu laſſen, als er ſich ſo auf offener Straße angegriffen ſah; obgleich er daher während der Fahrt keine Sylbe ſprach, ſo war es doch zu bemerken, daß ein furchtbares Ungewitter ſich in ſeiner Seele zuſammenzog und bald zum Ausbruch kommen werde. Den⸗ 41 noch wußte er dieſelbe äußere Ruhe und ſcheinbare Gleichgültigkeit zu bewahren, die er bis jetzt gezeigt; nicht nur als ſich die Thüren vor ihm aufthaten und hinter ihm ſich wieder ſchloſſen, die dem Eintretenden ſchon ſo oft gleich den Pforten der Hölle rathen, alle Hoffnung draußen zu laſſen, ſondern auch da noch, als er die gewöhnlichen Fragen beantworten mußte, welche der Gouver⸗ neur ihm vorlegte. Seine Stimme blieb unbewegt, und ohne mit der Hand zu zittern, ſchrieb er ſeinen Namen in das Gefangenen⸗ regiſter, welches man ihm vorlegte. Gleich darauf forderte ein Kerkermeiſter, dem der Gouverneur ſeine Befehle gegeben, den Ge⸗ fangenen auf, ihm zu folgen, und nachdem ſie durch mehrere kalte und feuchte Gänge geſchritten, zu denen wohl ſtellenweiſe das Licht, nirgends aber die friſche Luft Zutritt fand, öffnete er eine Thür, die ſich, ſobald Sainte Croir eingetreten war, hinter ihm verſchloß. Beim Knarren der Riegel wandte Sainte Croix ſich um: der Kerkermeiſter hatte ihn ohne Licht gelaſſen; nur das Licht des Mon⸗ des, welches durch die Gitterſtäbe eines acht bis zehn Fuß über dem Boden befindlichen Fenſters hineinfiel, erhellte einen kleinen Theil des Zimmers und beleuchtete gerade ein elendes Bett; der übrige Theil des Kerkers war ganz finſter. Einen Augenblick blieb der Gefangene ſtehen und lauſchte; als das Hallen der Tritte ſich in der Ferne verlor, und er beſtimmt wußte, allein zu ſein, warf er ſich, auf einer Stufe von Wuth angelangt, in der das Herz ſich Luft machen oder brechen muß, mit einem Gebrüll über das Lager hin, das mehr einer wilden Beſtie als einem Menſchen anzugehören ſchien, verfluchte die Menſchen, die ihn mitten aus ſeinem luſtigen Leben herausgeriſſen hatten, um ihn in einen Kerker zu werfen, und ſtieß Verwünſchungen aus gegen Gott, weil er ſie nicht daran hindere; den Teufel aber rief er zu Hülfe und hätte ſich ihm gleich verſchreiben mögen, wenn er ihm Rache und Freiheit verſchafft. Kaum hatte er dieſe Worte geſprochen, ſo ſchien es, als habe 42 ſich auf ſeinen Ruf die Erde aufgethan, und ein abgezehrter blei⸗ cher Mann mit langen Haaren und in ſchwarzem Wamms trat mit langſamem Schritt in die vom Mondlicht beſchienene Stelle und näherte ſich dem Bette, über welches ſich Saint Croir ge⸗ worfen. So muthig der Gefangene auch war, dieſe Erſcheinung entſprach ſeinen Worten zu ſehr, als daß er, ein Kind der Zeit, welche noch an Hexerei und ſchwarze Kunſt glaubte, auch nur einen Augen⸗ blick hätte zweifeln ſollen, daß der böſe Feind, der den Menſchen unaufhörlich umkreiſt, ſeinen Ruf wirklich gehört habe und auf denſelben erſchienen ſei. Er erhob ſich vom Bett und griff un⸗ willkührlich nach der linken Seite, wo ſich vor Kurzem noch der Griff ſeines Degens befunden hatte. Bei jedem Schritt, den das ſeltſame geheimnißvolle Weſen ihm näher kam, fühlte er, wie ſeine Haare ſich heftiger ſträubten und ein kalter Schweiß aus ſeiner Stirn hervorbrach. Endlich ſtand die Erſcheinung ſtill, und ſowohl das Geſpenſt als der Gefangene ſchwiegen, einander anſtarrend, eine Weile ſtill. Das geheimnißvolle Weſen nahm zuerſt das Wort und ſprach mit dumpfer Stimme: „Junger Menſch, Du haſt die Hölle angerufen um Hülfe, Dich an den Menſchen zu rächen, die Dich geächtet, und gegen Gott zu ringen, der Dich verläßt. Dieſe Hülfe biete ich Dir an; haſt Du den Muth, ſie anzunehmen?“ „Erſt ſage mir,“ ſagte Sainte Croix,„wer Du biſt.“ „Was brauchſt Du zu wiſſen, wer ich bin,“ antwortete der Unbekannte,„wenn ich in dem Augenblick erſcheine, in dem Du rufſt, und Dir anbiete, was Du verlangſt?“ „Schadet nichts,“ antwortete Sainte Croix, der immer noch glaubte, mit einem übermenſchlichen Weſen es zu thun zu haben; „wenn man einen ſolchen Vertrag ſchließt, will man doch wiſſen, mit wem man zu thun hat?“ ͤc—-——— gen n; der Du och en; en, 43 „Nun wohl, Du ſollſt es wiſſen, wenn Du es durchaus willſt, ich bin der Italiener Exili.“ Sainte Croix fühlte einen neuen Schauder kalt durch ſeine Adern rieſeln; denn an die Stelle einer Höllenerſcheinung war jetzt eine ſchreckliche Wirklichkeit getreten; der Name, welchen er eben gehört, hatte damals eine furchtbare Berühmtheit, nicht nur in Frankreich, ſondern auch in ganz Italien. Mehrerer Vergiftungen verdächtigt, die ihm nicht bewieſen werden konnten, war Exili aus Rom ver⸗ jagt und nach Paris gekommen, wo er bald die Aufmerkſamkeit der Behörden ebenſo ſehr auf ſich zog, als in ſeinem Vaterlande; aber auch hier vermochte man den Schüler René's und der Toffana ebenſo wenig zu überführen, als in. Rom. Obgleich aber keine Beweiſe vorlagen, ſo war doch die moraliſche Ueberzeugung ſo groß, daß man kein Bedenken trug, ihn ins Gefängniß zu werfen. Es wurde ein Verhaftsbefehl ausgefertigt und Exili in die Ba⸗ ſtille gebracht. Etwa ſechs Monate mochte er ſich daſelbſt befinden, als man auch Sainte Croix hineinbrachte. Da die Zahl der Ge⸗ fangenen damals bedeutend war und man wenig Platz hatte, ließ der Gouverneur ſeinen neuen Gaſt in das Zimmer des Alten bringen, ohne ſich einfallen zu laſſen, daß er dadurch zwei Höllengeiſter mit einander paarte. Jetzt wird der Leſer Alles verſtehen. Sainte Croir hatte, da der Kerkermeiſter ihn ohne Licht gelaſſen, ſeinen angehenden Ca⸗ meraden nicht bemerkt. Exili ſah aus ſeinen Verwünſchungen, welchen Haſſes er fähig ſei, und ergriff die Gelegenheit, ſich einen ergebenen und mächtigen Schüler heran zu bilden, der, wenn er frei komme, auch ihm die Kerkerthüren öffnen könne, oder wenn er ſelbſt Zeitlebens gefangen bleiben ſolle, ihn doch an der Menſch⸗ heit zu rächen vermöge. Sainte Croir's Widerwille gegen ſeinen Zellencameraden dauerte nicht lange, und der Lehrer fand an ihm einen würdigen Schü⸗ ler. Derſelbe war mit ſeinem ſeltſamen, aus Gutem und Böſem 44 zuſammengeſetzten Charakter, mit ſeinem Gemiſch von Vorzügen und Fehlern, von Laſtern und Tugenden, auf dem Punkt ange⸗ langt, wo ein Princip das andere überwältigen mußte. Wäre ihm jetzt ein edler Menſch begegnet, er wäre vielleicht ſelbſt für die übrige Zeit ſeines Lebens ein makelloſer Charakter geworden; aber er gerieth einem Teufel in die Hände und wurde ſelber ein Teufel. Exili war kein gemeiner Vergifter, ſondern ein Giftkünſtler, wie die Medici's und die Borgia's. Für ihn war der Mord zu einer Kunſt geworden, und er hatte ihn feſten und beſtimmten Re⸗ geln unterworfen; ſo war er dahin gelangt, daß nicht mehr die Habſucht ihn zum Verbrechen veranlaßte, ſondern ein unwider⸗ ſtehliches Verlangen, Verſuche zu machen.„Das Schaffen hat Gott ſich ſelber, der rein göttlichen Macht, vorbehalten; das Zer⸗ ſtören hat er der Macht des Menſchen überlaſſen, und nur im Zerſtören vermag der Menſch gegen Gott in die Schranken zu treten.“ Das war die Philoſophie, das war der Stolz Erili's, des finſtern und bleichen Alchymiſten der Vernichtung, der es An⸗ dern überließ, das Räthſel des Lebens zu ſuchen, und dem es gelungen war, das Geheimniß des Todes zu finden. Sainte Croir ſchwankte einige Zeit, zuletzt aber ließ er ſich be⸗ reden von der Argliſt ſeines Genoſſen, der es den Franzoſen zum „Vorwurf machte, ſelbſt bei dem Verbrechen auf Treue und Glauben zu halten. Er ſtellte ihm vor, wie ihre Rache faſt immer auf ſie ſelber zurückfalle und ſie ihrem Feinde unterliegen laſſe, während ſie doch ihn überleben und mit höhniſchem Lächeln ſeinem Tode zuſehen könnten. Er pries ihm, im Gegenſatze zu dieſer gemeinen Mord⸗ art, welche in Frankreich dem Mörder oft einen ſchrecklichern Tod zuziehe, als der ſeines Opfers geweſen, die ſlorentiniſche Liſt mit ihrem lächelnden Munde und ihrem unverſöhnlichen Gift. Er nannte ihm die Pulver und Säfte, die theils das Leben ſo lang⸗ ſam aufzehren, daß der Kranke unter ewigen Klagen hinſtechen 4⁵ muß, bis er ſtirbt, theils ſo ſchnell und gewaltig wirken, wie der Blitz, ohne dem, der von ihnen betroffen iſt, Zeit zu einem Todes⸗ ſchrei zu laſſen. Allmälig fand Sainte Croir Geſchmack an dieſem ſchrecklichen Spiel, welches das Leben Aller einem Einzigen in die Hände giebt, und als er nach Verlauf eines Jahres die Baſtille verließ, war der Zögling faſt eben ſo weit in der hölliſchen Kunſt vorgeſchritten, als ſein Meiſter. Sainte Croix kehrte in die Geſellſchaft zurück, die ihn eine Weile verbannt hatte, um ein Geheimniß reicher, mit dem er Alles vergelten konnte. Bald darauf wurde auch Exili, man weiß nicht auf weſſen Veranlaſſung, frei gegeben und ſuchte Sainte Croix auf, welcher ihm durch ſeinen Intendanten Martin Brouille ein Zim⸗ mer miethen ließ. Dies Zimmer lag in der Sackgaſſe der Pferde⸗ händler am Platz Maubert in dem Hauſe einer Frau Brunet. Es iſt nicht bekannt, ob die Marquiſe von Brinvilliers Ge⸗ legenheit gehabt hat, Sainte Croix während ſeines Aufenthalts in der Baſtille zu ſehen; ſoviel aber ſteht feſt, daß nach ſeiner Be⸗ freiung die beiden Liebenden verliebter waren, als je. Die Erfahrung hatte ſie jedoch gelehrt, was ſie zu befürchten hätten, und ſo be⸗ ſchloſſen ſie, ſo bald als möglich von Sainte Croix's neuen Er⸗ fahrungen Gebrauch zu machen, und Herr von Aubray wurde von ſeiner eignen Tochter zum erſten Opfer auserſehen. So ent⸗ ledigte ſie ſich eines ſtrengen und ihrem Vergnügen hinderlichen Aufſehers und verbeſſerte zugleich durch die Erbſchaft ihr von ihrem Manne faſt ganz durchgebrachtes Vermögen. Da jedoch ein ſolcher Schlag, wie der von ihr beabſichtigte, entſcheidend ſein mußte, ſo wollte die Marquiſe das Gift Sainte Croixr's zuvor an jemand Anderem verſuchen, bevor ſie es ihrem Vater beibrachte. Zu dieſem Behufe gab ſie eines Tages ihrer Kammerzofe Franziska Rouſſel, die nach dem Frühſtücke zu ihr hereintrat, Schinkenſchnitte und eingemachte Johannisbeeren. Das Mädchen aß ohne Argwohn, fühlte ſich aber faſt augenblicklich un⸗ 46 wohl, empfand Leibſchneiden und einen Schmerz am Herzen, als wenn man es mit Stecknadeln ſtäche. Doch ſtarb ſie davon nicht und die Marquiſe ſah, daß das Gift ſtärker ſein müſſe, gab es Sainte Croir zurück und ließ ſich einige Tage darauf ein anderes von ihm bringen. Bald erſchien die Zeit, es anzuwenden. Herr von Aubray wollte einige Mußetage in ſeinem Schloß Offemont zubringen, und die Marquiſe von Brinvilliers bot ſich an, ihn zu begleiten. Ihr Vater glaubte, ſie habe das Verhältniß mit Sainte Croix gänzlich abgebrochen, und nahm ihr Anerbieten mit Freuden an. Offemont war ein Ort, der zu Ausführung eines Verbrechens ſo recht geeignet ſchien. Es lag mitten in einem Walde, drei oder vier Meilen von Compieègne entfernt, und es war zu erwarten, daß alle Hülfe zu ſpät kommen müſſe, wenn das Gift erſt ange⸗ fangen, zu wirken. 3 Herr von Aubray reiſte mit ſeiner Tochter und einem einzigen Bedienten ab, und noch nie hatte die Marquiſe ſich mit ſolcher Sorgfalt ihres Vaters angenommen, als während dieſer Reiſe. Auch er war ganz beſonders herzlich gegen ſeine Tochter, da er glaubte, ſie bereue ihre frühern Fehltritte und werde ſich beſſern. Jetzt kam ihr dieſe ſchreckliche Unbeweglichkeit ihres Geſichts zu ſtatten, die wir ſchon oben erwähnt haben; ſte war auaufhörlich in der Nähe des Vaters, ſchlief in einem Zimmer, welches an ſein Schlafzimmer ſtieß, ſaß mit ihm zu Tiſche, ſorgte für alle ſeine Bequemlichkeiten und überhäufte ihn mit Liebkoſungen und Ge⸗ fälligkeiten; ja ſie gab es nicht einmal zu, daß ihn jemand Anderes bediene, und dabei wußte ſie, trotz ihrer niederträchtigen Anſchläge, ſtets ein lächelndes offenes Geſicht zu machen, auf dem ſelbſt ein argwöhniſches Auge nichts als Zärtlichkeit und kindliche Liebe be⸗ merken konnte. Mit dieſer regungsloſen Larve vermochte ſie es, ihm eines Abends eine vergiftete Brühe vorzuſetzen. Herr von Aubray nahm ſie aus ihren Händen, ſie ſah ihn das Getränk — 47 an den Mund ſetzen und verfolgte die tödtliche Flüſſigkeit mit ihren Augen gleichſam bis in den Magen, jedoch nicht die kleinſte Be⸗ wegung verrieth auf ihrem marmornen Geſicht die Angſt, welche in ihrem Buſen toben mußte. Als Herr von Aubray Alles aus⸗ getrunken hatte und die Taſſe wieder auf den Teller ſetzte, welchen ſie ihm ohne zu zittern hinhielt, ging ſie in ihr Zimmer zurück und lauſchte. Die Wirkungen des Tranks ſtellten ſich ſehr bald ein; die Marquiſe hörte ihren Vater mehrmals klagen und bald darauf ängſtlich ſtöhnen; als er endlich den Schmerzen nicht mehr widerſtehen konnte, rief er mit lauter Stimme nach ſeiner Tochter. Die Marquiſe trat ein. Diesmal aber trug ihr Geſicht den Ausdruck ſo lebhafter Be⸗ ſorgniß, daß Herr von Aubray ſelbſt ſie über ſeinen Zuſtand be⸗ ruhigen mußte. Er glaubte, nur von einer kleinen Unpäßlichkeit befallen zu ſein, und erlaubte nicht, daß man einen Arzt zu ihm bemühe. Doch bekam er ein ſo heftiges Erbrechen und einen ſo unerträglichen Schmerz im Magen, daß er den Bitten ſeiner Tochter nachgab und nach ärztlichem Beiſtand zu ſchicken befahl. Gegen acht Uhr morgens kam ein Arzt an, ſchon war aber Alles wieder verſchwunden, was ihn auf die rechte Spur hätte führen können. Der Doctor ſah in dem, was ihm Herr von Aubray erzählte, nur die Soymptme eines verdorbenen Magens, behandelte ihn demgemäß und entfernte ſich wieder. Den ganzen Tag wich die Marquiſe nicht von ſeiner Seite, und als die Nacht kam, ließ ſie ihr Bett in ſein Zimmer ſchaffen und erklärte, daß ſie allein bei ihm wachen wolle. So konnte ſie die Entwickelung der durch ſie hervorgebrachten Krankheit mit anſehen und den Kampf beobachten, welchen Tod und Leben mit einander kämpften. Am andern Tage kam der Doctor zurück; Herr von Aubray befand ſich ſchlechter; das Erbrechen hatte zwar aufgehört, aber die Magenſchmerzen waren heftiger und in ſeinen Eingeweiden fühlte er eine beunruhigende Gluth. Der Arzt verordnete eine Be⸗ 48 handlung, welche die Rückkehr nach Paris nothwendig machte. Allein er war ſchon ſo ſchwach, daß er zweifelhaft war, ob er ſich nicht lieber bloß nach Compiègne bringen laſſen ſolle; die Marquiſe jedoch beſtand ſo ſehr darauf, daß er auf das Sorgfältigſte und von den geſchickteſten Aerzten behandelt werden müſſe, daß er ſich endlich entſchloß, nach Paris zurückzukehren. Er machte die Fahrt in ſeinem Wagen liegend, den Kopf auf die Schulter ſeiner Tochter geſtützt. Keinen Augenblick ſiel ſie aus der Rolle, ſondern blieb auf der ganzen Reiſe dieſelbe, bis zur Ankunft in Paris. Alles war gegangen, wie die Marquiſe es ge⸗ wünſcht; der Schauplatz des Trauerſpiels hatte ſich geändert. Der Arzt, welcher die erſten Symptome des Uebels geſehen, ſollte den Todeskampf nicht ſehen, und kein Auge hätte aus dem Verlauf des Uebels die Urſache deſſelben errathen können; der leitende Faden war mitten entzwei geriſſen und die beiden Hälften zu weit von einander entfernt, als daß es möglich ſcheinen konnte, ſie wieder zuſammen zu knüpfen. Ungeachtet der eifrigſten Sorgfalt, mit der man ihn behandelte, wurde Herr von Aubray von Stunde zu Stunde ſchlechter. Die Marquiſe blieb ihrem Plan getreu und verließ ihn keinen Augen⸗ blick, bis er nach viertägigem Todeskampf in den Armen ſeiner Tochter ſtarb. Bevor er die Augen ſchloß, gab er der Mörderin noch ſeinen väterlichen Segen. Jetzt brach der Schmerz der Marquiſe ſo heftig aus und machte ſich in ſo lautem und anhaltendem Schluchzen Luft, daß ihre Ge⸗ ſchwiſter neben ihr als kalte Menſchen erſchienen; da Niemand den mindeſten Argwohn hegte, wurde der Leichnam keiner Beſichtigung unterworfen, und das Grab ſchloß ſich, ohne daß auch nur eine Spur von Verdacht an ihr gehaftet hätte. Allein die Marquiſe hatte doch nur zur Hälfte ihr Ziel erreicht; ihre Freiheit war jetzt freilich unbeſchränkt, aber die Erbſchaft fiel nicht ſo glänzend aus, als ſie gehofft hatte. Der größere Theil —,——„——„—,,——4— ——B9—— ——-——,—— ———— 49 der Güter fiel nebſt der Stelle ihrem ältern und ihrem jüngern Bruder zu, welcher Letztere Parlamentsrath war; mithin hatte ſich die Vermögenslage der Marquiſe nur unbedeutend verbeſſert. Sainte Croir führte unterdeß ein luſtiges und üppiges Leben; obgleich Niemand von ſeinem Vermögen etwas wußte, hatte er doch einen Intendanten, Namens Martin, drei Bediente, Georg, Lapierre und Lachauſſée, Pferde und Wagen und außerdem für ſeine nächtlichen Beſuche zwei Sänftenträger. Da er übrigens jung und ſchön war, fragte man nicht viel danach, womit er dieſen Aufwand beſtreite, denn man war es damals allzu gewohnt, daß wohlausſehende junge Herren es ſich an nichts fehlen ließen, und von Sainte Croix ſagte man, er habe den Stein der Weiſen ge⸗ funden. Er ſtand mit mehreren theils durch ihren Adel, theils durch ihr Vermögen angeſehenen Perſonen in freundſchaftlichem Verhältniß; unter den Letztern muß beſonders Reich von Penautier, Oberſchatz⸗ meiſter von Languedoc, erwähnt werden, ein Millionär, einer von den Menſchen, denen Alles glückt und die mittels ihres Geldes Geſetze geben zu können ſcheinen, wie ſie wollen, ſelbſt der Natur. Reich von Penautier ſtand in Geſchäftsverbindung mit einem gewiſſen Alibert, ſeinem erſten Geſchäftsführer; dieſer ſtirbt plötz⸗ lich an einem Schlagfluß, was Penautier früher erfährt, als die Familie des Verſtorbenen. Die Contracte zwiſchen Penautier und ſeinem Compagnon verſchwinden, ohne daß man weiß, auf welche Art, und Alibert's Frau und Kinder ſind an den Bettelſtab gebracht. Der Schwager Alibert's, ein Herr von Madelaine, hat einen unbeſtimmten Verdacht und will über die näheren Umſtände der Todesart ſeines Verwandten ins Reine kommen. Er ſtellt Nach⸗ forſchungen an; kaum hat er ſie aber begonnen, als auch er plötz⸗ lich ſtirbt. In einem Punkt jedoch ſchien das Glück ſeinen Günſtling ver⸗ 6. 4 50 laſſen zu haben. Penautier hatte große Luſt, Nachfolger des Herrn von Menevilette zu werden, welcher Generaleinnehmer der geiſtli⸗ chen Abgaben war, da dieſer Poſten faſt 60,000 Livres eintrug. Da er wußte, daß Herr von Menevilette zu Gunſten Peter Han⸗ nivels., Herrn von Saint Laurent, ſeine Stelle niederlegen wollte, that er alle möglichen Schritte, ſeine Gunſt zu erkaufen; aber von den Herren von der Geiſtlichkeit unterſtützt, erhielt Herr von Saint Laurent die genannte Nachfolge ganz umſonſt, was bisher noch nie geſchehen war. Penautier bot ihm darauf 40,000 Thaler, wenn er mit ihm die Stelle gemeinſchaftlich übernehmen wolle, allein Saint Laurent ging auf dies Anerbieten nicht ein. Ihre Verhält⸗ niſſe wurden deshalb jedoch nicht abgebrochen, und ſie fuhren fort, mit einander umzugehen; übrigens galt Penautier für einen vom Schickſal ſo ſehr begünſtigten Mann, daß man glaubte, er werde die ſehr gewünſchte Stelle doch erhalten. Diejenigen, welche an die geheimen Künſte der Alchymie nicht glauben wollten, meinten, Penau⸗ tier ſtände mit Sainte Croir in Verbindung. Als die Trauerzeit um war, gewann das Verhältniß zwiſchen der Marquiſe und Sainte Croix wieder die vormalige Oeffentlichkeit, und bald ließen ihre Brüder, die Herren von Aubray, durch ihre Schwe⸗ ſter, welche in einem Karmeliterkloſter lebte, ihr Vorſtellungen machen, woraus ſie ſah, daß ihr Vater ihren Brüdern die Aufſicht über ihren Lebenswandel übergeben hatte. So war das erſte Verbrechen der Marquiſe faſt unnütz geweſen; ſie wollte ſich der Aufſicht ihres Vaters enkledigen und ſein Vermögen erben, aber dies Vermögen war nur theilweiſe in ihre Hände gekommen, und mit dem, was ſie geerbt, hatte ſie kaum ihre Schulden bezahlt. Nun begannen noch die alten Vorwürfe wieder, und zwar von Seiten ihrer Brü⸗ der, von denen der eine kraft ſeines Amts als Civilrichter ſie noch einmal von ihrem Geliebten trennen konnte. Dem mußte vorgebeugt werden. Lachauſſée verließ den Dienſt Sainte Croixr's und trat drei Monate ſpäter durch Vermittelung der 51 Marquiſe in den des Parlamentsraths, welcher mit ſeinem Bruder, dem Civilrichter, zuſammenwohnte. Diesmal durfte kein ſo ſchnell tödtliches Gift gebraucht werden, als das, welches Herrn von Aubray in die andere Welt ſpedirt hatte; denn es hätte Verdacht erregt, wenn der Tod in einer Familie ſo ſchnell aufgeräumt hätte. Man begann wieder Verſuche zu machen; aber nicht an Thieren, denn die anatomiſchen Unterſchiede, welche zwiſchen den verſchiedenen Organismen ſtattfinden, hätten ihre Wiſſenſchaft täuſchen können: ſondern wie das erſte Mal, an Menſchen; man experimentirte in anima vili. Die Marquiſe war als eine fromme, wohlthätige Frau bekannt, und ſelten wandte ſich die Armuth an ſie, ohne Hülfe zu finden, ja ſie machte es ſogar wie jene Nonnen, welche ſich der Kranken⸗ pflege widmen, beſuchte oft die Hoſpitäler und ſchickte Wein und Arzenei hin. Man fand es daher ganz in der Ordnung, als ſie wieder einmal im Hotel-Dieu erſchien und für die Geneſenden Kuchen und eingemachte Sachen mitbrachte; wie immer, wurden ihre Gaben mit Dank angenommen. Einen Monat ſpäter ging ſie wieder in das Hoſpital und er⸗ kundigte ſich nach einigen Kranken, an deren Ergehen ſie lebhaft Theil nehme. Bald nach ihrem vorigen Beſuche hatten ſie einen Ruckfall bekommen, die Krankheit einen ganz anderen Charakter an⸗ genommen und ſich viel ſchwerer gezeigt. Eine unheilbare Abzehrung, welche ſie auf eine befremdende Art hinwelken ließ, hatte ſie lang⸗ ſam dem Tode in die Arme geführt, und die Aerzte, welche ſie fragte, wußten nichts Anderes zu ſagen, als daß ihre Krankheit ihnen durchaus unbekannt ſei und allen Erfahrungen ihrer Wiſſen⸗ ſchaft Hohn ſpreche. Vierzehn Tage ſpäter kam ſie wieder; einige waren ſchon ge⸗ ſtorben, andere lebten noch, lagen jedoch in einem bejammerns⸗ werthen Zuſtande danieder, gleich lebendigen Skeletten, denen wei⸗ ter nichts geblieben, als Stimme, Geſicht und Adern. 2 5² Nach zwei Monaten waren alle geſtorben, und die Wiſſenſchaft war bei der Leichenſchau eben ſo blind geblieben, als ſie bei der Behandlung der Krankheit rathlos geweſen. Solche Verſuche waren ſehr ermuthigend, und Lachauſſée erhielt bald darauf den Auftrag, zur Ausführung des ihm Befohlenen zu ſchreiten. Als eines Tages der Cioilrichter klingelte und Lachauſſée, der, wie wir geſagt haben, dem Parlamentsrath diente, eintrat, um nach ſeinen Befehlen zu fragen, fand er ihn mit ſeinem Schreiber bei der Arbeit und erhielt den Auftrag, ein Glas Waſſer mit Wein zu bringen. Bald darauf erſchien der Bediente mit dem Verlangten. Der Civilrichter ſetzte das Glas an die Lippen, aber beim erſten Schluck ſtieß er es zurück und rief: „Was haſt Du mir da gebracht, Du Schuft, ich glaube, Du willſt mich vergiften.“ Darauf reichte er das Glas dem Secretär und ſagte: „Unterſuchen Sie doch einmal, was darin iſt.“ Der Secretär nahm einen Theelöffel voll und brachte die Flüſ⸗ ſigkeit an ſeine Naſe und an den Mund: ſie hatte den Geruch und die Schärfe des Vitriols. Unterdeß trat Lachauſſée an den Secretär heran und ſagte: er wiſſe ſchon, was es ſei; ein Kam⸗ merdiener des Parlamentsrathes habe heute früh Medicin genom⸗ men, und er habe ohne Zweifel das Glas gebracht, deſſen ſein Camerad ſich bedient; er nahm das Glas dem Secretär aus den Händen, that, als ſetze er es an die Lippen und ſagte: es ſei der⸗ ſelbe Geruch, den die Mediein gehabt; darauf goß er die Flüſſig⸗ keit in den Kamin. Da der Civilrichter zu wenig untergeſchluckt, als daß ihn das Gift hätte beläſtigen können, vergaß er dieſen Umſtand bald, und von dem Verdacht, der ihm gleichſam inſtinetmäßig vor die Seele getreten, blieb keine Spur zurück. Als Sainte Croir und die V I —44— 53 Marquiſe ſahen, daß ihr Verſuch diesmal fehl geſchlagen, beſchloſſen ſie, ein anderes Mittel anzuwenden, ſollten ſie auch zugleich mehrere Perſonen mit in ihr Mordnetz hineinziehen. Drei Monate vergingen, ohne daß ihnen die Gelegenheit gün⸗ ſtig war; da endlich reiſte in den erſten Apriltagen des Jahres 1670 der Civilrichter mit ſeinem Bruder auf ſein Landgut Villequoy, um daſelbſt die Oſterfeiertage zu verleben; Lachauſſée begleitete ſeinen Herrn, nachdem er kurz vor der Abreiſe neue geheime Aufträge erhalten. Schon am folgenden Tage, nachdem ſie auf das Land gereiſt, wurde eine Taubenpaſtete aufgetragen. Sieben Perſonen, die von derſelben gegeſſen, wurde nach der Mahlzeit unwohl, drei Andere dagegen, die dieſelbe nicht berührt, blieben vollkommen geſund. Zu denen, auf welche das Gift beſonders wirkte, gehörten der Civilrichter, der Parlamentsrath und ein Landedelmann. Zuerſt be⸗ kam der Civilrichter Erbrechen; ſei es, weil er am meiſten gegeſſen, oder weil ihn die geringe Quantität von Gift, die ſein Körper ſchon bei jenem mißlungenen Verſuch aufgenommen, ihn ſchon etwas geſchwächt hatte; zwei Stunden ſpäter ging es dem Parla⸗ mentsrath ebenſo; die übrigen empfanden mehrere Tage lang hef⸗ tige Magenſchmerzen, allein Anfangs flößte ihr Zuſtand nicht die⸗ ſelben Beſorgniſſe ein, wie der der beiden Brüder. Auch diesmal konnten die Aerzte nichts ausrichten. Am 12. April, alſo fünf Tage nach der Vergiftung, kehrten die Brüder nach Paris zurück, Beide ſo verändert, daß man glauben mußte, ſie hätten eben eine lange und ſchwere Krankheit überſtanden. Frau von Brin⸗ villiers befand ſich damals auf dem Lande, von welchem ſie, ſo lange die Krankheit ihrer Brüder dauerte, nicht zurückkehrte. Als er zum erſten Male die Aerzte befragte, war ſchon alle Hoffnung verloren. Es zeigten ſich die Symptome deſſelben Uebels, an welchem Herr von Aubray, der Vater, geſtorben war. Man 54 hielt daſſelbe für eine unbekannte erbliche Krankheit und gab den Patienten verloren. Wirklich wurde ſein Zuſtand immer ſchlimmer; er hatte eine unüberwindliche Abneigung gegen alles Fleiſch und das Erbrechen hörte nicht auf. In den drei letzten Tagen ſeines Lebens klagte er, einen brennenden Heerd in der Bruſt zu fühlen, und die innere Gluth, die ihn verzehrte, ſchien gleichſam aus den Augen herauszu⸗ ſchlagen, dem einzigen Theil am Körper, der noch Leben zeigte, als er beinahe ſchon eine Leiche war. Er ſtarb erſt am 17. Juni. Das Gift hatte ſomit zweiundſiebenzig Tage gebraucht, um ſeine Aufgabe zu erfüllen. Schon begann der erſte Keim des Verdachts ſich zu entwickeln; die Leiche des Oberrichters wurde geöffnet, und man fand den Magen und den Zwölffingerdarm geſchwärzt und in Stücke zerfallend, die Leber zerfreſſen und verbrannt. Man erkannte, daß Gift hier ge⸗ wirkt haben müſſe; da jedoch gewiſſe krankhafte Abſonderungen von Flüſſigkeiten zu bemerken waren, wagte man nicht mit Beſtimmtheit zu behaupten, daß der Civilrichter eines unnatürlichen Todes geſtor⸗ ben ſei: er wurde daher begraben, ohne daß man eine weitere Unterſuchung anſtellte. Bachot, der Arzt des Parlamentsrathes, hatte beſonders darum auf die Oeffnung der Leiche gedrungen, um ſein Verfahren bei der Behandlung des Bruders des Verſtorbenen nach den Ergeb⸗ niſſen der Section einzurichten, da dieſer an derſelben Krankheit zu leiden ſchien. Er hoffte im Tode die Waffen zur Vertheidigung des Lebens zu finden. Der Parlamentsrath hatte ein hitziges Fie⸗ ber und wurde unaufhörlich von unglaublich heftigen geiſtigen Beängſtigungen und Krämpfen geplagt. In keiner Körperlage konnte er länger als einige Minuten aushalten. Das Bett war ihm eine Folterbank, und dennoch ſehnte er ſich ſogleich wieder in daſſelbe zurück, ſobald er es verlaſſen hatte, um wenigſtens in ſei⸗ nen Schmerzen einige Abwechslung zu haben. Nach drei Monaten ſtarb er. Magen, Zwölffingerdarm und Leber fand man in dem⸗ ſelben Zuſtande, wie bei ſeinem Bruder; außerdem war ſein Körper auch äußerlich brandig geworden, was, wie die Aerzte behaupteten, ein unzweideutiges Zeichen von Vergiftung ſei, obgleich bei einem verdorbenen Zuſtande der Säfte zuweilen dieſelbe Erſcheinung vor⸗ komme. Auf Lachauſſée fiel der Verdacht ſo ganz und gar nicht, daß der Verſtorbene ihm ſogar für ſeine geleiſteten guten Dienſte ein Vermächtniß von hundert Thalern ausſetzte; von Saint Ervir und der Marquiſe erhielt er tauſend Francs. So viel Unglück in einer Familie ſetzte nicht nur manche Her⸗ zen in Trauer, ſondern flößte auch ein gewiſſes Entſetzen ein. Der Tod iſt doch nur blind, ſagte man, und hat keinen Haß; warum hat er es denn ſo wüthend darauf angelegt, Alles zu vernichten, was denſelben Namen führt? Dennoch ahnte Niemand die Schul⸗ digen; die Marquiſe legte Trauer an um ihre Brüder, Sainte Croix fuhr fort in ſeiner unſinnigen Verſchwendung, und Alles ging wieder den alten Gang. In dieſer Zeit hatte Sainte Croixr mit Herrn von Saint Lau⸗ rent Bekanntſchaft gemacht, demſelben, deſſen Stelle Penautier ſo ſehnlich, aber vergeblich gewünſcht, und ein inniges Verhältniß mit ihm angeknüpft. Obgleich Herr Penautier unterdeß ſeinen Schwie⸗ gervater, Herrn Leſecq beerbt, der geſtorben war, als man es nicht im Mindeſten vermuthete, und ihm außer der zweiten Ein⸗ nehmerſtelle in Languedoe ſehr beträchtliche Summen hinterlaſſen, hörte er doch nicht auf, nach dem Poſten bei der geiſtlichen Steuer⸗ partie zu trachten. Auch hier wollte der Zufall ihm wohl: einige Tage, nachdem er von Sainte Croir einen neuen Bedienten, Georg, erhalten, wurde Herr von Saint Laurent krank und litt an demſelben Uebel, an welchem die Aubray's, Vater und Söhne, geſtorben waren, nur daß es bei ihm viel heftiger war und ihm ſchon binnen vierundzwanzig Stunden unter den gräßlichſten Schmer⸗ zen den Garaus machte. An demſelben Tage noch kam ein Be⸗ 36 amter des oberſten Gerichtshofes in ſein Haus, ließ ſich alle be⸗ ſonderen Umſtände der Krankheit und der Todesart ſeines Freundes erzählen und ſagte, als man ihm darüber berichtet, zum Notar Sainfray in Gegenwart der Dienerſchaft, man müſſe die Leiche öffnen. Eine Stunde ſpäter war Georg verſchwunden, ohne Je⸗ mand etwas zu ſagen und ohne vorher ſeinen Lohn zu verlangen. Dadurch wuchs der Verdacht, doch blieb er auch diesmal noch un⸗ beſtimmt. Die Leichenſchau zeigte allgemeine Erſcheinungen, die nicht bei Vergiftungen allein vorkommen; nur waren die Einge⸗ weide, die das Gift nicht die Zeit gehabt hatte, zu verbrennen, wie bei den Aubray's, voll röthlicher Flecken, die wie Flohſtiche ausſahen. Im Juni des Jahres 1669 erhielt Penautier die Stelle des verſtorbenen Herrn von Saint Laurent. Die Wittwe des Letzteren hatte jedoch Verdacht gefaßt, und die⸗ ſer war durch die Flucht Georgs beinahe zur Gewißheit geworden. Noch ein Umſtand beſtärkte ſie in ihren Vermuthungen und machte dieſelben zu ihrer Ueberzeugung. Ein Abbé, der zu den Freun⸗ den des Verſtorbenen gehörte und um das Verſchwinden Georgs wußte, begegnete demſelben einige Tage ſpäter in der Straße des Macons, nahe der Sorbonne. Beide gingen auf derſelben Seite und ein Fuder Heu verſperrte gerade einen Augenblick den Weg. Georg blickt auf, bemerkt den Abbé, erkennt in ihm einen Freund ſeines ehemaligen Gebieters und kriecht ſchnell, trotz der Gefahr, von den Rädern zermalmt zu werden, unter dem Wagen durch, um auf die andere Seite zu kommen und den Augen eines Man⸗ nes auszuweichen, deſſen bloßer Anblick ihn an ſein Verbrechen er⸗ innert und ihn die Beſtrafung fürchten läßt. Frau von Saint Laurent ſträngte eine Klage gegen Georg an, aber er war trotz aller Nachſuchungen nicht wieder ausfindig zu machen. 3 Dieſe vielfachen plötzlichen Todesfälle machten in Paris Auf⸗ ſehen und die Stadt fing an, in Schrecken zu gerathen. Sainte Croir, der immer noch den eleganten, luſtigen Cavalier ſpielte, vernahm in den Geſellſchaften allerlei Gerüchte, die ihn beunru⸗ higen mußten. Noch zwar fiel auf ihn nicht der mindeſte Ver⸗ dacht; aber Vorſicht war nicht überflüſſig: er beſchloß daher, ſich eine Stellung zu verſchaffen, die ihn jeder Urſache zur Furcht über⸗ hebe. Ein Amt beim Könige ſollte eben offen werden, welches hunderttauſend Thaler koſtete. Wie geſagt, Sainte Croix hatte ſcheinbar kein Vermögen, aber dennoch verbreitete ſich das Gerücht, er werde die Stelle kaufen. Er wandte ſich an Belleguiſe, die ihm das Geld von Penau⸗ tier auswirken ſollte. Dieſer aber machte einige Schwierigkeiten, da die Summe etwas zu groß war und der Millionär Sainte Croix's Hülfe nicht mehr bedurfte, da er bereits alle Erbſchaften gemacht, auf welche er irgend rechnen durfte. Er verſuchte daher, ihn von dem Plane, die Stelle zu kaufen, wieder abzubringen. Allein Sainte Croir ſchrieb ihm darauf folgenden Brief durch Belleguiſe: „Ich begreife es nicht, Theuerſter, daß ich Ihnen noch neue „Ermahnungen zukommen laſſen muß, um Sie zu einer ſo ſchö⸗ „nen Unternehmung zu beſtimmen, die, wie Sie wiſſen, für uns „ſo ungemein wichtig iſt und uns Beiden Ruhe für unſere ganze „übrige Lebenszeit verſchaffen kann! Meine Anſicht von der Sache „iſt, daß der Teufel dreinſchlagen ſoll, wenn Sie nicht vernünftig „ſind. Ich erſuche Sie, Theuerſter, ſein Sie vernünftig und ge⸗ „hen Sie ein auf meinen Vorſchlag, ſo widerhaarig er Ihnen „iſt; nehmen Sie ihn ſo ſchief und krumm wie möglich und Sie „werden doch finden müſſen, daß Sie mir auf der Stelle die „Genugthuung zu geben haben, daß Ihre eigene Sicherheit ein „Hauptgrund meiner Idee iſt, da alle unſere Vortheile auf dieſem „einen Punkt zuſammentreffen. Alſo, Theuerſter, helfen Sie mir „ja, ich bitte ſehr dringend; ſein Sie überzeugt, ich werde ſtets 58 „erkenntlich ſein, und vergeſſen Sie nicht, daß Sie noch nie etwas „gethan, was mir und Ihnen ſo angenehm ſein muß, wie das, „was ich Ihnen zu thun vorgeſchlagen. Kannſt Du noch heute „Nachmittag kommen, ſo werde ich zu Hauſe oder in der Nach⸗ „barſchaft ſein(an dem bekannten Orte) oder ich warte morgen „auf Dich, oder, je nach Deiner Antwort, ſuche Dich ſelbſt „auf. Stets von ganzem Herzen der Deinige.“ Sainte Croir's Wohnung befand ſich in der Bernardinerſtraße und der Ort in der Nachbarſchaft, wo er Belleguiſe erwarten wollte, war das Zimmer, welches er angeblich für ſeinen Intendanten bei der Wittwe Bounet in der Sackgaſſe beim Platze Maubert gemie⸗ thet hatte. In dieſem Zimmer und beim Apotheker Glazer machte Sainte Croix ſeine Verſuche; allein das Gift war vermöge einer Gerech⸗ tigkeit der Natur denen ſelbſt verderblich, die es zubereiteten. Der Apother wurde krank und ſtarb; Martin bekam fürchterliches Er⸗ brechen, das ihn gleichfalls auf's Sterbebette niederwarf, und auch Sainte Croir fühlte ſich, ohne recht zu wiſſen warum, ſo unwohl, daß er vor Schwäche nicht mehr ausgehen konnte. Er ließ ſich einen Deſtillirofen von Glazer auf ſein Zimmer bringen, um, ſo leidend er war, ſeine Verſuche fortzuſetzen und ſeine Er⸗ fahrungen zu bereichern. Er ſann nämlich ſchon lange auf ein Gift von ſo großer Fein⸗ heit und Kraft, daß die bloße Einathmung ſeines Duftes augen⸗ blicklich tödte. Er hatte von der vergifteten Serviette gehört, deren Berührung den jungen Dauphin, den Bruder Karl VII. getödtet, und noch nicht beſonders alte Ueberlieferungen erinnerten ihn an die Handſchuhe der Johanne Albret; dieſe Geheimniſſe waren verloren gegangen und Sainte Crvir hoffte ſie wieder zu entdecken. Jetzt aber trug ſich eine von allen Betheiligten unerwartete Be⸗ gebenheit zu. Gerade als Sainte Croix, über ſeinen Tiegel hinge⸗ neigt, das verderbenbringende Präparat den höchſten Grad von 59 Schärfe erreichen ſah, fiel ihm die gläſerne Larve vom Geſicht, die er ſtets vor hatte, um ſich vor den tödlichen Ausdünſtungen zu ſchützen, und er ſtürzte ſogleich zuſammen, wie vom Blitze ns vermißte ihn ſeine Frau und immers. Da Niemand ihr antwor⸗ tete, ſie auch wußte, d Mann mit geheimnißvollen und licht⸗ ſcheuen Beſchäftigungen ich abgebe, fürchtete ſie, es ſei ihm ein Unglück begegnet, und rief die Dienerſchaft zu Hülfe, welche ſo⸗ gleich die Thür einſchlug und Sainte Croix neben ſeinem Schmelz⸗ tiegel todt ausgeſtreckt fand; die gläſerne Maske lag zerſchlagen am Boden. Es war unmöglich, dieſen plötzlichen und ſo eigenthümlichen Tod zu verheimlichen, da die Dienerſchaft die Leiche geſehen hatte. Sainte Croix's Hinterlaſſenſchaft wurde von der Polizei verſiegelt, nachdem ſeine Frau nur die Tiegel und die gläſerne Maske auf die Seite geſchafft hatte. Dies Ereigniß wurde bald in ganz Paris ruchbar, da Sainte Croir ſehr bekannt war und der Umſtand, daß er ſich eine Hofſtelle kaufen wollte, ſeinen Namen noch mehr verbreitet hatte. Lachauſſée erfuhr als einer der Erſten den Tod ſeines Herrn und machte ſo⸗ gleich Einwendungen gegen die Verſiegelung ſeiner Hinterlaſſen⸗ ſchaft.„Er habe,“ ſagte er,„ſteben Jahre lang in den Dienſten des Verſtorbenen geſtanden und vor zwei Jahren demſelben 200 Pi⸗ ſtolen und 100 harte Thaler in Verwahrung gegeben, die man nebſt einer Beſcheinigung, daß die Summe ihm gehöre, in dem Zim⸗ mer Sainte Croixy's finden müſſe. Er fordere dieſe Summe zurück.“ Sobald die Marquiſe, welcher alle Geheimniſſe jenes Zimmers bekannt waren, von dieſem Ereigniß hörte, eilte ſie zu dem Com⸗ miſſär und verlangte ihn zu ſprechen, obgleich es ſchon zehn Uhr Abends war. Der Commiſſär ſchlief ſchon, und ſo dringend ſie bat, mußte ſie doch unverrichteter Sache wieder abziehen. Sie wollte * 60 hauptſächlich ein Käſtchen uneröffnet wieder haben, welches ſich in Sainte Croir's Zimmer befand. Am folgenden Morgen ſchickte ſie einen Mann zum Commiſſär, welcher demſelben 50 Louisdor bot, wenn er ihr das Käſtchen einhändigen wo Aber der Commiſſär antwortete, das Käſtchen befinde ſich n verſiegelten hen; wenn man die Siegel löſe, werde man es öffnen, und wenn der Inhalt deſſelben ihr gehöre, ihr ihn unverkürzt wieder geben. Dieſe Antwort traf die Marquiſe wie ein Donnerſchlag. Sie hatte jetzt keine Zeit zu verlieren und reiſte noch denſelben Abend nach Lüttich ab, wo ſie am dritten Tage ankam und in einem Kloſter Unterkommen ſuchte. Als man am 8. Auguſt zur Löſung der Siegel ſchreiten wollte, erſchien ein Bevollmächtigter der Marquiſe und gab folgenden Vor⸗ behalt zu Protokoll „Wenn ſich in jenem Käſtchen eine Verſchreibung über 30,000 Livres mit ihrer Unterſchrift finde, ſo ſei dies ein Document, wel⸗ ches man ihr abgeliſtet, und das ſie, falls die Unterſchrift wirk⸗ lich echt ſei, doch fuͤr null und nichtig erkläre. Darauf ſchritt man zur Oeffnung des Zimmers und legte zuerſt die Papiere in Ordnung. Dabei fiel ein kleines Röllchen herun⸗ ter, auf welchem geſchrieben ſtand: Meine Beichte. Da man Sainte Croix noch für einen Chrenmann hielt, beſchloß man, dieſe Papiere nicht zu leſen, und Sainte Croir's Beichte wurde verbrannt. Gleich darauf ſchritt man zur Oeffnung des Käſtchens, welches Frau von Brinoilliers zurückverlangt; denn gerade durch ihr eifri⸗ ges Beſtreben, daſſelbe wieder zu bekommen, hatte ſte die allge⸗ meine Neugier erregt. Obenauf lag in demſelben ein Blättchen Papier, auf welchem unter der Ueberſchrift: Mein Teſtament Folgendes ſtand: „Ich bitte Jeden, in deſſen Hände dies Käſtchen kommt, das⸗ ſelbe der Frau Marquiſe von Brinvilliers eigenhändig abzugeben, 5 61 da Alles, was ſich in demſelben befindet, nur ihr gehört und überdies Niemand nutzen kann. Falls ſie aber früher ſterben ſollte als ich, es une tzu verbrennen. Wer dem zuwiderhandelt, auf deſſen Gewiſſt ch die Schuld alles daraus entſtehen⸗ den mhent dies i zter Wille. Paris den 25. Mai 167 4 8 Sainte Croix.“ Am Nande ſeanden noch folgende Worte; „Ein Päckchen iſt an Herrn von Penautier adreſſirt und ſoll demſelben übergeben werden.“ Natürlich wurde Vitturc die Neugierde nur noch mehr erregt, und man war weit davon entfernt, den Vorſchriften des Verſtor⸗ benen nachzukommen. Zunächſt fand man ein mit acht verſchiedenen Siegeln verſe⸗ henes Päckchen, auf dem ſtand: „Nach meinem Tode zu verbrennen, da der Inhalt Niemand etwas angeht.“ In demſelben lagen zwei andere Päckchen mit Sublimat. In einem andern, eben ſo beſchriebenen, fand man eine halbe Unze Sublimat, zwei und eine halbe Unze römiſches Vitriol und gepülvert zubereitetes Vitriol. Außerdem war in dem Käſtchen eine ziemlich große Flaſche, etwa einen Schoppen haltend und angefüllt mit einer waſſerklaren Flüſſigkeit; in einem andern Fläſchchen fand man ein halb Nößel waſſerklare Flüſſigkeit, auf deren Boden ein weißlicher Niederſchlag bemerkbar war; kurz, eine Menge ſchäͤd⸗ licher Stoffe, und es wurde jetzt ſchon Allen klar, daß Sainte Croir Giftmiſcherei getrieben. Außer dieſen giftigen Subſtanzen lagen in dem Käſtchen noch 34 Briefe von Frau von Brinvilliers, ein Röllchen mit 27 Zetteln, überſchrieben:„Merkw ürdige Geheimniſſe, und endlich zwei Verſchreibungen, die eine über 30,000 Francs von der Marquiſe, die andere von Penautier über 10,000. Das Datum der Erſtern ſtimmte mit der Todeszeit des Herrn von Aubray, des Vaters, das der Letztern mit dem Todes⸗ tage des Herrn von Saint Laure. Man ſieht, Sainte Croir hatte verſchiedene Sätze und ließ ſich den Vatermord theurer bezahlen, als den gewöhnlichen Mord.. Er vermachte alſo ſeine Gifte ſeine unde und ſeiner Ge⸗ liebten, mithin mußten die ſch ö een Verbrechen ihm wohl noch nicht genügen, und e an och in Zukunft und nach ſeinem Tode auszuübenden mitſchuldig ſein wollen. Zunächſt ließ man die verſchiedenen vorgefundenen Subſtanzen chemiſch analyſiren und an Thieren verſuch Folgenden Bericht machte der Apotheker Guy Simon. „Dieſes künſtliche Gift entzieht ſich allen Unterſuchungen, denen man es unterwirft; es iſt ſo verſteckt, daß man es nicht erkennen kann; ſo fein, daß es der Kunſt entſchlüpft, und ſo unmerklich wirkend, daß die Aerzte ihm nicht auf die Spur kommen können. Alle bisherigen Erfahrungen, welche man über Gifte gemacht hat, werden von dieſem Gift widerlegt. Das gewöhnliche Gift geht im Waſſer unter, dieſes ſchwimmt; vom gewöhnlichen Gift werden im Feuer die unſchädlichen Stoffe verzehrt, ſo daß nur das aller⸗ ſchärfſte übrig bleibt: das Gift Sainte Croix's aber verflüchtigt ſich im Feuer und läßt einen ganz unſchuldigen Stoff zurück; in Thieren verbrennt das gewöhnliche Gift die Eingeweide und verdirbt alle Theile, die es berührt; bei Anwendung dieſes Giftes aber ſcheint das getödtete Thier in allen ſeinen Theilen unverletzt und geſund; während es im Körper eine Quelle des Todes fließen läßt, iſt es dooch ſo ſchlau eingerichtet, daß das Bild und die Zeichen des Lebens übrig bleiben Ich habe einen Truthahn, eine Taube, einen Hund und noch einige andere Thiere mit den Flüſſigkeiten aus den beiden Fläſchchen vergiftet, und als ich ſie nach ihrem Tode öffnete, nichts Bemerkenswerthes gefunden, als etwas Blut⸗ waſſer im Herzbeutel. Eine Katze, die ich mit einem von den gefundenen weißen Pülverchen vergiftete, hatte eine halbe Stunde 63 lang heftiges Erbrechen und ſtarb am folgenden Tage, als ich ſie jedoch öffnete, war nirgends eine Spur von Gift zu finden.“ Man dachte jetzt wieder an die vielen plötzlichen und uner⸗ warteten Todesfälle und ſetzte mit denſelben die beiden Verſchrei⸗ bungen der Marquiſe und Penautier's in Verbindung, welche Blut⸗ preiſe zu ſein ſchienen. Die Eine war aber abweſend und der Andere zu mächtig und reich, als daß man hätte wagen ſollen, ihn ohne Beweiſe zu verhaften. Zunächſt hielt man ſich daher an Lachauſſée. In ſeinem Schreiben hatte derſelbe geſagt, er ſtehe ſeit ſieben Jahren in Sainte Croir's Dienſt, mithin betrachtete er die Zeit, die er in dem Hauſe der Aubray's zugebracht hatte, nicht als eine Unterbrechung; den Beutel hatte man genau an der Stelle gefunden, die er angegeben. Lachauſſée mußte alſo im Zimmer bekannt ſein; war er im Zimmer bekannt, ſo mußte er auch um das Käſtchen wiſſen; wußte er um das Käſtchen, ſo konnte er nicht unſchul⸗ dig ſein. 4 Dies genügte, ihn verdächtig zu machen, und die Wittwe des Civilrichters d'Aubray gab ſogleich eine Klage gegen ihn ein, auf Grund deren er verhaftet wurde. Im Augenblick der Verhaftung hatte er Gift bei ſich. Die Sache kam vor das Pariſer Stadtge⸗ gericht. Lachauſſée leugnete auf das Hartnäckigſte, und da die Richter glaubten, daß noch nicht genug Beweiſe gegen ihn vor⸗ lägen, verurtheilten ſie ihn zur vorbereitenden Tortur. Man hatte nämlich zwei Arten von Tortur, die vorbereitende und die ſoge⸗ nannte vorhergehende. Die erſtere fand ſtatt, wenn die Richter noch nicht mit ſich einig waren und ſich durch die Geſtändniſſe des Schuldigen ſelbſt Ueberzeugung verſchaffen wollten; die zweite da⸗ gegen fand nach geſprochenem Urtheil ſtatt und hatte zum Zweck, das Geſtändniß der Mitſchuldigen zu erzwingen. Es kam oft vor, daß der Beſtrafte in der erſten die gräßlich⸗ ſten Schmerzen überſtand, in der Hoffnung, dadurch ſein Leben 64 zu retten, während er in der zweiten, indem ihm durch das Ur⸗ theil ſchon alle Hoffnung abgeſchnitten war, nur ſelten der Folter zu widerſtehen ſuchte. Die Wittwe des Civilrichters appellirte gegen dies Urtheil, welches dem Schuldigen das Leben ließ und ihn frei ſprach, wenn er Kraft genug beſaß, die Schmerzen auszuhalten und nichts zu geſtehen. Auf Grund dieſer Appellation wurde La⸗ chauſſée, als des Giftmordes am Civilrichter dAubray überwieſen, verurtheilt, bei lebendigem Leibe gerädert zu werden und auf dem Rade langſam zu ſterben, nachdem er zuvor die ordentliche und außerordentliche Tortur ausgehalten. Zugleich wurde die Marquiſe von Brinvilliers in contumaciam verurtheilt, enthauptet zu werden. Zunächſt mußte Lachauſſée die ſogenannte Tortur der ſpaniſchen Stiefeln aushalten, d. h. man ſchnurte ihm jedes Bein zwiſchen zwei Breter, preßte dann beide Beine durch zwei eiſerne Ringe eng zuſammen und trieb dann zwiſchen die beiden mittelſten Breter Keile hinein; die ordentliche Tortur beſtimmte vier, die außeror⸗ dentliche acht Keile. Beim dritten Keile erklärte Lachauſſée, er ſei bereit zu ſprechen, und ſogleich ließ man ihn los. Er geſtand, er ſei ſchuldig. Sainte Croixr habe ihm geſagt, Frau von Brinvilliers habe ihm das Gift gegeben, um ihre Brüder zu vergiften. Er habe in das Glas des Cioilrichters ein bräunliches Waſſer, in die Taubenpaſtete eine waſſerklare Flüſſigkeit gießen müſſen, wofür Sainte Croix ihm 100 Piſtolen gegeben und verſprochen, ihn immer bei ſich zu be⸗ halten. Von denſelben Flüſſigkeiten habe ihm Saint Croix ſehr oft gegeben. Lachauſſée wurde am 24. März auf dem Greveplatze gerädert. Exili, der Urheber alles Uebels, war verſchwunden, und Nie⸗ mand hatte wieder etwas von ihm gehört. Die Marquiſe von Brinvilliers befand ſich noch immer in Lüttich, und obgleich in ein Kloſter zurückgezogen, hatte ſie doch auf einen der allerweltlichſten Genüſſe des Lebens nicht verzichtet. So heiß 65 ſie Sainte Croix geliebt, ſie wußte ſich doch bald zu tröſten und gab demſelben einen Nachfolger, Namens Theria, von welchem je⸗ doch weiter nichts, als der Name bekannt geworden iſt. Man beſchloß, ſie aus dem Verſteck, in welchem ſie ſich ſicher glaubte, herauszulocken, um ſie für alle Schändlichkeiten zur Rechenſchaft zu ziehen. Einer der geſchickteſten Polizeibeamten, Desprais, übernahm es, dieſe ſchwierige Aufgabe zu löſen. Er war ein ſchöner Mann von etwa 36 Jahren, an dem nichts den Poliziſten verrieth, der jedes Kleid mit derſelben Gewandtheit zu tragen und alle Stufen der verſchiedenen geſellſchaftlichen Stellun⸗ gen, vom Lump bis zum vornehmſten Herrn, auszufüllen wußte. Er war der Mann, wie man ihn brauchte, und man nahm ſein Anerbieten an. Begleitet von mehreren Häſchern und mit einem Brief des Königs an den Rath verſehen, in welchem Ludwig XIV. die Auslieferung der Schuldigen verlangte, reiſte er nach Lüttich. Doch wagte er nicht, mit Gewalt in das Kloſter einzudringen; denn die Marquiſe konnte Wind bekommen haben und ſich in einem der Kloſterverſtecke befinden, zu denen der Zugang nur den Obern bekannt iſt; dann aber hätte, in einer ſo bigotten Stadt, wie Lüttich, eine Gewaltmaßregel im Kloſter leicht einen Auflauf ver⸗ anlaſſen und der Giftmiſcherin Gelegenheit geben können, zu ent⸗ wiſchen. Er kleidete ſich daher als Abt und ließ ſich im Kloſter bei der Marquiſe als ein Landsmann von ihr melden, der aus Rom komme und nicht durch Lüttich habe reiſen wollen, ohne einer durch ihre Schönheit und ihr Unglück ſo berühmten Frau ſeine Aufwartung zu machen. Desprais wußte ſich ganz wie ein Herr vom Adel zu betragen, zu ſchmeicheln wie ein Höfling und war bei Damen verwegen, wie ein Musketier. Schon in der erſten Unterhaltung zeigte er ſo viel Geiſt und liebenswürdige Zudring⸗ lichkeit, daß es ihm leichter wurde, als er gehofft, die Erlaubniß zu einer zweiten zu erhalten. Schon am folgenden Tage beſuchte er ſie wieder; das konnte 6. 5 66 der Marquiſe nur ſchmeichelhaft ſein, und ſie nahm ihn auch noch zuvorkommender an, als am erſten Tage. Da ſie ſeit bald einem Jahre jeden Umgang mit gebildeten Leuten entbehrt hatte, war ihr Desprais um ſo erwünſchter. Leider mußte der liebenswürdige Abbé Lüttich binnen wenigen Tagen wieder verlaſſen; allein dies machte ihn um ſo ungeſtümer, und er erbat die Erlaubniß zu einem Beſuche am folgenden Tage, als wenn es ſich um ein verliebtes Stelldichein handle. Desprais war pünktlich, und auch die Mar⸗ quiſe erwartete ihn mit Ungeduld; allein oft wurde ihre Unter⸗ haltung gerade in den Augenblicken geſtört, wenn ſie eben recht innig werden wollte; wahrſcheinlich hatte Desprais es ſchon ſo eingerichtet. Er bat die Marquiſe, ihm eine Zuſammenkunft außer⸗ halb der Stadt, an einem abgelegenen Orte der Promenade zu bewilligen, worauf die Marquiſe auch bald einging. Noch der⸗ ſelbe Abend wurde zum Stelldichein beſtimmt. Der Abend, welchen Beide mit gleicher Ungeduld, wenngleich in ſehr verſchiedener Abſicht, erwarteten, erſchien endlich, und Beide ſtellten ſich pünktlich am abgemachten Orte ein. Desprais bot ihr den Arm; ſobald er aber ihre Hand in der ſeinigen fühlte, gab er ſeinen Leuten ein Zeichen. Sie brachen aus ihrem Verſteck hervor und nahmen die Marquiſe gefangen. Gleich darauf eilte Desprais in das Kloſter zurück, zeigte ſeine von dem Rathe der Stadt ausgeſtellten Vollmachten vor und ließ ſich das Zimmer der Marquiſe öffnen. Unter ihrem Bett fand er ein Käſtchen, das er ſogleich an ſich nahm und verſiegelte. Dann ging er zu ſeinen Leuten zurück und gab Befehl zum Aufbruch. Als ſie das Käſtchen in Desprais Händen ſah, war ſie einen Augen⸗ blick wie vom Donner gerührt; als ſie ſich vom erſten Schreck erholt, forderte ſie ein Papier zurück, welches ihre Beichte enthielt. Des⸗ prais ſchlug es ihr natürlich ab. Unterwegs verſuchte ſie, eine Stecknadel unterzuſchlucken, um ſich zu tödten; allein es wurde bemerkt, und man bewachte ſie jetzt mit verdoppelter Aufmerkſamkeit. 67 Beim Abendeſſen biß ſie, da man ihr weder Meſſer noch Gabel hingelegt, ein Stück aus ihrem Trinkglaſe, um es zu verſchlucken; allein ein Häſcher bemerkte es und zwang ſie, die Scherbe wieder auszuſpeien. Bei dieſer Gelegenheit verſprach ſie ihm, ſie wolle ihn glücklich machen, wenn er ſie befreie. Er fragte ſie, wie er das anzufangen habe. Die Marquiſe meinte, er ſolle Desprais den Hals abſchneiden. Das ginge nicht, meinte er, ſonſt aber ſtünde er ihr in jedem Stück zu Dienſten. Sie bat ihn darauf um Feder und Papier und ſchrieb folgendes Billet: „Mein lieber Theria! Ich bin Desprais in die Hände gefallen, „der mich von Lüttich nach Paris ſchleppt; eile, mich von ihm „zu befreien.“ Der Häſcher nahm den Brief, verſprach ihr, ihn zu beſorgen und gab ihn Desprais. Am folgenden Tage ſchrieb ſie einen zweiten, in dem ſie ihm meldete, daß ihre Wache nur aus acht Perſonen beſtehe, mit denen vier oder fünf entſchloſſene Männer leicht fertig werden könnten; ſie rechne feſt darauf, daß er ſie mit Gewalt befreien werde. Als ſie durchaus keine Antwort bekam, auch keinen Erfolg wahrnahm, richtete ſie noch ein drittes Schreiben an Theria und beſchwor ihn bei ſeiner Seligkeit, wenn er nicht tapfer genug ſei, ſie zu befreien, nur einige von den Pferden todt⸗ zuſchießen und in der Verwirrung, welche dies hervorbringen müſſe, ſich des Käſtchens zu bemächtigen und es zu verbrennen; ſonſt ſei ſie verloren. Obgleich Theria keinen dieſer drei Briefe erhielt, da ſie alle Desprais übergeben waren, fand er ſich doch aus eignem Antriebe in Maſtricht ein, wo die Marquiſe durchkommen mußte, und ver⸗ ſuchte, die Häſcher zu beſtechen, indem er ihnen 10,000 Livres bot. Allein ſie waren ganz unbeſtechlich. In Rocroy kam dem Zuge der Gerichtsrath Paliau entgegen, den das Parlement abgeſchickt, um die Marquiſe ins Verhör zu nehmen, bevor ſie es vermuthe und Zeit habe, ihre Antworten zu — 8 68 überlegen. Er öſſnete ſogleich das Käſtchen und fand in demſelben unter Anderem ein Papier mit der Ueberſchrift: Meine Beichte. Dieſe Beichte war ein merkwürdiger Beweis, wie groß das Verlangen iſt, welches Verbrecher fühlen, ihre Miſſethaten Jemand auszuſchütten. Schon Sainte Croir hatte eine Beichte geſchrieben, die man verbrannt, und die Marquiſe hatte dieſelbe Unporſichtig⸗ keit begangen. Ihre Bekenntniſſe waren in ſieben Artikel getheilt, fingen an:„Ich bekenne Gott und Dir, mein Vater!“ und ent⸗ hielten ein vollſtändiges Bekenntniß aller Verbrechen, welche ſie begangen. Im erſten Artikel geſtand ſie, eine Brandſtifterin zu ſein; im zweiten, ſchon im ſiebenten Jahre ihre Jungfrauſchaft ver⸗ loren zu haben; im dritten, ihren Vater,— im vierten, ihre beiden Brüder vergiftet zu haben; im fünften, die Vergiftung ihrer Schweſter, der Carmeliter⸗ nonne, verſucht zu haben. In den beiden andern Artikeln geſtand ſie ſo unglaubliche und ekelhafte Ausſchweifungen, daß wir ſie nicht niederzuſchreiben wagen. Ddieſe Frau hatte etwas von der Locuſta und zugleich von der Meſſalina.. Paliau begann ſogleich das Verhör. Allein die Marquiſe leug⸗ nete auf das Hartnäckigſte und gab keine andere Antwort, als daß ſie ſich nicht darauf beſinne, oder nichts davon wiſſe. Sie wurde nach Paris in die Conciergerie gebracht; aber auch hier war nichts aus ihr herauszubringen. Die Zeugenausſagen waren jedoch von allen Seiten ſo beſtimmt und belaſtend, daß an ihrer Verurtheilung nicht zu zweifeln war, obgleich ein damals berühmter Advocat, Nivelle, ihr eine glän⸗ zende Vertheidigungsrede hielt. Bevor jedoch ihr Urtheil geſprochen wurde, ſchickte man ihr einen Geiſtlichen und Doctor der Sorbonne, Namens Pirot, zu, 69 der bald eine merkwürdige Gewalt über ſie auszuüben wußte. Er ſetzte den ſtarken Geiſt des merkwürdigen Weibes durch ſeinen reli⸗ giöſen Unſinn, durch die Vorſpiegelung der furchtbaren Höllenſtra⸗ fen und der paradieſiſchen Freuden im Himmel theils in Schrecken, theils in Rührung, ſo daß ſie eine ganz Andere wurde und ſanft wie ein Lamm mit ſich umgehen ließ. Jetzt geſtand ſie alle ihre Verbrechen und war nur noch bemüht, für ihr künftiges Seelen⸗ heil zu ſorgen. Eine merkwürdige Frage, welche ſie während ihrer Unterhal⸗ tungen über religiöſe Gegenſtände an den Doctor richtete, können wir nicht unerwähnt laſſen. „Sie haben mir geſtern,“ ſagte ſie,„große Hoffnung gemacht auf die Barmherzigkeit Gottes; natürlich aber wage ich nicht, zu denken, daß ich ſelig werden kann, ohne zuvor im Fegefeuer ge⸗ weſen zu ſein; denn mein Verbrechen iſt zu ſchrecklich, als daß ich unter einer andern Bedingung Verzeihung erhalten könnte; wenn meine Gottesfurcht auch noch ſo groß wäre, würde ich doch keinen Anſpruch darauf machen, in den Himmel aufgenommen zu werden, ohne durch das Feuer zu gehen, das mich von meinem Makel rei⸗ nigen ſoll, und ohne zuvor die Strafen zu erdulden, die ich für meine Sünden verdient habe; aber ich habe ſagen hören, daß die Flammen des Fegefeuers, in welchem die Seelen doch nur eine Zeit lang brennen, in allen Stücken den Flammen der Hölle gleich⸗ kommen, in denen die Verdammten die ganze Ewigkeit hindurch braten. Ich bitte Sie, mir zu ſagen, wie eine Seele, die ſich im Augenblick der Trennung von ihrem Leibe im Fegefeuer be⸗ findet, ſich davon überzeugen kann, daß ſie nicht in der Hölle iſt, und woran ſie zu erkennen vermag, daß das Feuer, in welchem ſie brennt, ohne zu verbrennen, eines Tages aufhören wird? Denn die Qual, welche ſie aushält, iſt ja doch ganz die nämliche, wie die der Verdammten, und die Flammen dieſelben, wie die Höllen⸗ flammen? Das möchte ich gern wiſſen, um in dieſem ſchrecklichen 70 Augenblick nicht zweifeln zu dürfen, ſondern augeüblicklich erfahren zu können, ob ich zu hoffen oder zu verzweifeln habe.“ Sie wurde verurtheilt, vor der Hauptthür der Kirche von Paris Abbitte zu thun, und zwar in einem Karren, barfuß, einen Strick um den Hals und eine zwei Pfund ſchwere Wachsfackel in den Händen dahin geführt, und dann auf dem Greveplatze enthauptet zu werden, nachdem ſie zuvor die ordentliche und außerordentliche Tortur überſtanden. Als man ihr das Urtheil vorgeleſen, trat der Scharfrichter, dem ſie von jetzt an gehörte, an ſie heran. Ohne ein Wort zu ſagen, ſah ſie ihn mit einem aufmerkſamen Blick vom Kopf bis zu den Füßen an und reichte ihm die Hände zum Binden. Man führte ſie in das Folterzimmer. Mit feſtem Blick ſah ſie alle dieſe Mordin⸗ ſtrumente an, welche ſchon ſo Manchem die Glieder ausgereckt und ſo manchen Schmerzensſchrei entlockt. Als ſie vier Eimer Waſſer bemerkte, die man für ſie zurechtgeſtellt, fragte ſie den Protokoll⸗ führer lächelnd: „Dieſe Menge Waſſer iſt wohl hergebracht, um mich darin zu erſäufen, denn bei meinem Körperbau werden Sie doch hoffentlich nicht beabſichtigen, mich ſo viel trinken zu laſſen?“ Der Scharfrichter fing ſtillſchweigend an, ſie zu entkleiden, nahm ihr den Mantel ab und allmälig auch die andern Kleider, ſelbſt das Hemde, bis ſie ſplitternackt vor ihm ſtand, und ließ ſie dann ſich auf die Marterbank zur Tortur erſten Grades niederſetzen, die etwa zwei Fuß hoch war. Man fragte ſie jetzt von Neuem nach ihren Mitſchuldigen, nach den Beſtandtheilen ihres Giftes und nach dem Gegengift deſſelben. „Ich habe ſchon erklärt,“ ſagte ſie,„daß ich von alledem nichts weiß, und wenn Ihr mir nicht glauben wollt, ſo habt Ihr meinen Leib in Eurer Gewalt und könnt ihn foltern.“ Der Protokollführer gab dem Scharfrichter das Zeichen zum Beginn.. Dieſer band zunächſt die Füße der Marquiſe an zwei vor ihr befindliche eiſerne Ringe, die nebeneinander an der Diele befeſtigt waren. Dann bog er ihren Leib rückwärts über die Bank und befeſtigte die Hände an zwei Ringen, die etwa drei Fuß von ein⸗ ander entfernt in der Mauer angebracht waren. So waren Kopf und Füße am Boden, während der Leib, durch die Bank unter⸗ ſtützt, einen Halbkreis beſchrieb. Jetzt drehte der Scharfrichter eine Kurbel zweimal herum, welche die Füße, die von den Ringen etwa einen Fuß abſtanden, zwang, ſich denſelben etwa um ſechs Zoll zu nähern. Aber ſo ſehr man ſie peinigte, rief ſie doch nur: „Mein Gott, mein Gott, man martert mich todt, und ich habe doch die reine Wahrheit geſagt!“ Darauf wurde ihr Waſſer eingefüllt, was auf folgende Art ge⸗ ſchah. Für die Tortur erſten Grades hatte der Scharfrichter vier Eimer, jeden zu 2 ⅞ Kannen, zur Tortur zweiten Grades acht ſolche Eimer voll Waſſer, die der Gefolterte austrinken mußte. Der Scharfrichter hatte ein langes Horn, in welches er das Waſſer füllte, und dies ſteckte er dem Verurtheilten in den Mund. Oft biß der Letztere die Zähne zuſammen, um ſoviel als möglich dieſer Qual zu widerſtehen; dann drückte ihm der Scharfrichter mit Dau⸗ men und Zeigefinger die Naſe zu, wodurch er gezwungen wurde, den Mund zu öffnen, um Athem zu holen. Dieſen Augenblick benutzte denn der Scharfrichter, ſein Horn hineinzuſtecken. Die Tortur erſten Grades hatte ſie bald überſtanden und be⸗ reits die Hälfte des Waſſers hinuntergeſchluckt, welches ihr genug geſchienen, um ſich darin zu erſäufen. Es ging jetzt zur Tortur zweiten Grades. Sie wurde über eine 3 ½ Fuß hohe Bank ge⸗ ſpannt und ihre Glieder gezwungen, ſich noch mehr auszurecken. Ihre eignen Sehnen ſchnitten ſich ins Fleiſch, daß das Blut von Händen und Füßen herunterlief, und alle ihre Glieder praſſelten. Aber auch jetzt war nichts aus ihr herauszubringen. Man füllte ihr noch die übrigen vier Eimer Waſſer ein, ohne eine andere Antwort herausbringen zu können, und ließ ſie dann los. Als man ſie nach dem Schaffot führte und ſie die neugierige Menge vor der Thür ſah, da runzelte ſie die Stirn, kniff die Augenbrauen zuſammen und ſah mit flammenden Blicken um ſich. Ihr Ausſehen in dieſem Augenblick war ſchrecklich, und der Maler Lebrun, der gerade in ihrer Nähe war, entſetzte ſich über dies Geſicht ſo ſehr, daß er in der Nacht nicht ſchlafen konnte und es Tage lang vor Augen behielt, bis er jenes Bild zeichnete, das im Louvre neben einem Tigerkopf hängt, mit dem es in den allgemeinen Umriſſen viel Aehnlichkeit hat. Der Doctor Pirot begleitete ſie bis aufs Schaffot und betete mit ihr zuſammen ein langes Gebet. Kaum hatte die Marquiſe das letzte Wort deſſelben geſprochen, als der Doctor einen dumpfen Ton hörte, wie wenn ein Hackmeſſer auf Fleiſch ſchlägt; der Henker hatte das Schwert ſo ſchnell geſchwungen, daß er es nicht einmal blitzen geſehen; ſeine Haare ſträubten ſich und der kalte Schweiß trat ihm auf die Stirn; denn er glaubte, der Scharfrichter habe nicht ordentlich getroffen und werde noch einen zweiten Hieb führen müſſen. Allein dieſe Furcht dauerte nicht lange, denn faſt in dem⸗ ſelben Augenblick neigte ſich der Kopf ſeitwärts, ſank auf die Schulter und fiel dann dröhnend auf die Planken des Schaffots. Im Jahre 1814 ließ Herr von Offemont, Beſitzer des Schloſſes, in welchem die Marquiſe von Brinvilliers ihren Vater vergiftet, bei der Annäherung der Verbündeten mehrere Höhlungen in der Mauer machen, um darin das Silberzeug und andere Koſtbarkeiten vor dem Feind zu verbergen. Bei dieſer Gelegenheit entdeckte man ein bis dahin gänzlich unbekanntes kleines Zimmer, in welchem man einen Schmelzofen, Tiegel, chemiſche Inſtrumente, mehrere ſorgfältig verſiegelte Phiolen mit einer unbekannten Flüſſigkeit und vier Päckchen mit Pulvern von verſchiedener Farbe fand. Statt aber dieſe Stoffe einer wiſſenſchaftlichen Unterſuchung zu unter⸗ werfen, trug man Sorge, Alles auf die Seite zu ſchaffen und zu zerſtören; und ſo iſt auch dieſe ſeltſame und ſicherlich letzte Gele⸗ genheit, die Zuſammenſetzung der Gifte Sainte Croix's und der Marquiſe von Brinvilliers kennen zu lernen, unbenutzt vorüber⸗ gegangen. Eugen Aram. Die Lebensbeſchreibung dieſes Mannes iſt in der neueren Zeit ſo ſehr verbreitet worden, und die Umſtände des Mordes, welchen er beging, ſo allgemein bekannt*), daß es kaum nöthig wäre, ſie hier zu wiederholen, wenn man uns, inſofern wir einen ſo be⸗ rüchtigten Namen übergingen, nicht mit Recht der Auslaſſung beſchuldigen könnte. Wir werden daher ſeine Geſchichte geben und mit dem Bericht über ſeine Herkunft und früheres Leben beginnen, welchen er für die beiden Gentlemen, die ihn auf ſeinen Wunſch vor Gericht begleiteten, aufgeſetzt hatte.B „Ich bin zu Ramshill, einem kleinen Städtchen im Netherdale, im Jahre 1704 geboren. Meine mütterlichen Verwandten waren ſeit vielen Menſchenaltern in dieſem Thale angeſeſſen und wohl⸗ geachtet; mein Vater ſtammte aus der Grafſchaft Nottingham, war ein Gärtner und ein eben ſo geſchickter Botaniker als Zeichner. Er diente dem ſehr ehrwürdigen Biſchof von London, Dr. Campton, zu deſſen großer Zufriedenheit, weswegen dieſer ihn Sir Edward Blackett zu Newby empfahl, wo mein Vater dreißig Jahre mit großer Auszeichnung das Gartenweſen leitete. Nach dem Tode des Baronets trat er in die Dienſte Sir John Ingilby's auf Ripley, *) In Deutſchland namentlich durch mehrere Ueberſetzungen von 3 Bulwer's Roman, Eugen Aram. Bulwer hat dieſen Stoff rein als Dichter behandelt, denn ſein Eugen Aram iſt keineswegs jener der Wirklichkeit. Anm. des Ueberſ. 3 7⁵ wo er ſtarb, während ſeines Lebens geachtet, nach ſeinem Tode bedauert. Unſere Vorfahren waren im Lande eben ſo alt als an⸗ geſehen und von urſprünglich brittiſchem Stamme. Ihr Zuname rührt von einer Beſitzung her, denn ſie waren früher Herren der Stadt Haram oder Aram am ſüdlichen Ufer des Tees und erſcheinen in den Urkunden der Abtei St. Maria in York als ſehr frühe und angeſehene Wohlthäter derſelben. Mehrere Jahrhunderte nachher ſtedelten ſte ſich unter der Lehenshoheit der Lords Mowbray in der Grafſchaft Nottingham zu Haram oder Aram Park an und beſaßen zur Zeit der Regierung Eduard's III. nicht weniger als drei Ritter⸗ lehen. Ihre Ländereien kamen, ich weiß nicht, durch Kauf oder Ehe, an die Lords Lerington. So lange die Arams in dieſer Grafſchaft lebten, bekleideten mehrere von ihnen die Würde eines Oberſheriffs, und einer war Profeſſor der Gottesgelahrtheit zu Orford, wenn ich nicht irre, und ſtarb zu York. Der Letzte der Hauptlinie dieſes Geſchlechts war Thomas Aram, Esq. und Com⸗ miſſär des Salzamtes unter der Königin Anna. Er war mit einer der Miterbinnen Sir John Conningsby's, von North Mimmes, in der Grafſchaft Hertford vermählt. Sein Sitz und Eigenthum war zu Wild, in der Nähe von Shenley, in der Grafſchaft Hert⸗ ford, wo ich ihn beſucht und wo er auch ohne Nachkommen ſtarb. „Noch als kleines Kind kam ich mit meiner Mutter nach Skelton bei Newby und von da nach Bondgate, in der Nähe von Ripon, wo mein Vater eine kleine Beſitzung gekauft hatte. Hier ging ich kurze Zeit in die Schule und lernte im Teſtamente ein wenig leſen, und dies war Alles, bis ich ſpäter durch den ehrwürdigen Herrn Alcock von Burnſal mehr lernte. „In meinem vierzehnten Jahre ging ich zu meinem Vater nach Newby, wo wir bis zum Tode des Sir Edward Blackett blieben. Hier zeigte ſich meine Neigung für literariſche Beſchäftigung zuerſt, denn obſchon ich auch ſonſt einen ungewöhnlichen Hang für Ein⸗ ſamkeit und Bücher hatte, fand ich doch erſt hier die erwunſchte 76 Muße und Gelegenheit. Vorzüglich ſtudirte ich damals Mathe⸗ matik; was ich erlernte, weiß ich nicht, das aber iſt gewiß, daß mein Fleiß anhaltend und unermüdlich war. Ich fand da in meines Vaters Bibliothek, welche Bücher aus allen Zweigen der Wiſſen⸗ ſchaft enthielt, Kerſey's Algebra, Leybourn's mathematiſchen Cur⸗ ſus, Ward's Leitfaden der Mathematik, Harris' Algebra und noch viele andere; da ich mich aber mit den genannten Werken am meiſten beſchäftigte, ſind ſie auch meinem Geiſte am beſten gegen⸗ wärtig. Ich konnte damals quadratiſche Gleichungen löſen. Nach⸗ dem wir Newby verlaſſen hatten, ſetzte ich dieſelben Studien in Bondgate fort, wiederholte alle, und ich glaube nicht ohne Erfolg. „In meinem ſechszehnten Jahre wurde ich nach London geſen⸗ det und kam nach vorgängiger Prüfung als Buchhalter in das Comptoir Chriſtopher Blackett's. Hier bekam ich nach zwei Jahren die Pocken, welche mich übel zurichteten. Ich kehrte heim, und da ich nun mehr Zeit und auch mehr Bücher hatte, erneuerte ich nicht nur meine mathematiſchen Studien, ſondern wendete mich zu andern mit vielem Fleiße, ja mit Gier. Die Reize der Poeſie, Geſchichte und Alterthumskunde machten mich blind gegen die Schönheiten der Zahlen, deren Anwendung und Eigenſchaften mich nicht kümmerten, außer gelegentlich, wenn ich lehrte. „Ich übte zum erſten Male dieſes Amt in meinem heimiſchen Netherdale, wohin ich an eine Schule berufen wurde, und wo ich mich auch zu meinem Unglück vermählte. Das ſchlechte Benehmen der Frau, die ich dort heirathete, hat mir dieſen Proceß, dieſes Gefängniß, dieſe Schande, dieſes Todesurtheil zugezogen. „Während der Zeit meines daſigen Aufenthaltes fühlte ich immer mehr die Mängel meiner Bildung und meine Unkenntniß der ge⸗ lehrten Sprachen, und von einer unbezwinglichen Wißbegier ge⸗ trieben, machte ich mich emſig an das Studium derſelben; nament⸗ lich wählte ich in der Grammatik Lilly zum Führer, welchen ich auswendig lernte. Ihn jeden Tag zu wiederholen, war unmöglich, 77 ſo lange ich Schule hielt; ich theilte ihn daher in Abtheilungen, auf welche Weiſe ich ihn dreimal in jeder Woche wiederholte, und dies übte ich Jahre lang. „Dann lernte ich Camden's griechiſche Grammatik auswendig und wiederholte ſie auf ähnliche Weiſe aus dem Gedächtniſſe. Mit dieſen Kenntniſſen ausgerüſtet, machte ich mich an die lateiniſchen Claſſiker, deren Schönheiten meine Mühe und Anſtrengung tau⸗ ſendfach vergalten. Anfangs brachte ich über einigen Zeilen einen ganzen Tag zu und ging bei meinen mühevollen Studien von keinem Satze weg, bis ich ihn gänzlich verſtand, oder wenigſtens ihn verſtanden zu haben glaubte. „Nachdem ich alle lateiniſchen Claſſiker, Dichter wie Proſaiker, durchgenommen hatte, las ich das neue Teſtament in griechiſcher Sprache, wobei ich zuerſt jedes Wort analyſirte; dann wagte ich mich an Heſiod, Homer, Herodot, Thucydides und an alle grie⸗ chiſchen Tragiker. Zwar war dies eine mühevolle Arbeit, doch kam mir dabei meine vorher erworbene Kenntniß der Geſchichte zu ſtatten, ohne welche ich viele Stellen durchaus nicht hätte verſtehen können. „In Mitte dieſer Studien überraſchte mich ein berittener Bote, der mir ein Schreiben von meinem Freunde, William Norton Eſg. zu Knaresborough, brachte, worin mich dieſer dahin einlud; ich ging im Jahre 1734 hin und wurde, wie ich glaube, gut auf⸗ genommen und werthgeſchätzt. Nicht zufrieden mit meinen bisher erworbenen Kenntniſſen, legte ich mich nun mit unermüdlichem Fleiß auf die Erlernung der hebräiſchen Sprache. Ich beſaß Bur⸗ torff's Grammatik, allein da mir dieſe nicht deutlich und ausführ⸗ lich genug ſchien, verſchaffte ich mir neun bis zehn andere Gram⸗ matiken; von denen die eine die Auslaſſungen der anderen ergänzte, was für mich von großem Nutzen war. Dann kaufte ich mir eine Bibel in der Urſprache, las den ganzen Pentateuch und hatte die Abſicht, die ganze Bibel durchzunehmen, es fehlte mir aber an Zeit zur Ausführung dieſes Vorſatzes. „Im April 1744, ich glaube am 18., ging ich wieder nach London und lehrte für den ehrwürdigen Herrn Painblanc die la⸗ teiniſche Sprache, wofür er mir einen Gehalt gab und franzöſiſch lehrte. Der ſchwierigſte Theil dieſer Sprache war für mich die Pronunciation, denn ich hatte nie zuvor ein Wort franzöſiſch ge⸗ hört. Durch unermüdlichen Fleiß bezwang ich auch dieſe Schwie⸗ rigkeit und wurde bald in ziemlich hohem Grade dieſer Sprache kundig. Ich blieb in dieſer meiner neuen Stellung ungefähr zwei Jahre. „Einige Zeit nachher ging ich nach Hays als Schreibmeiſter und diente einer Frau von Stande; dann lebte ich im Hauſe eines würdigen Geiſtlichen gegen vier Jahre. Ich bekleidete hierauf mehrere ähnliche Stellen und benutzte jede Gelegenheit, um meine Kenntniſſe zu vermehren. Dann ſchrieb ich Parlementsacten für das Kanzleigericht ab und ging nachher an die Freiſchule zu Lynn. „Von meinem Weggange von Knaresborough bis jetzt iſt eine lange Zeit vergangen, die ich mit dem Studium der Geſchichte, Archäologie, Heraldik und Botanik ausfüllte; die letzte Wiſſen⸗ ſchaft unterhielt mich, der Mannigfaltigkeit der Natur wegen, ſehr angenehm. Ich kannte die Werke Tournefort's, Ray's, Miller's, Linné's u. ſ. w. genau. Ich beſuchte häufig den botaniſchen Gar⸗ ten zu Chelſea und ſtrich auf den Feldern herum, bis mir kaum eine Pflanze, weder eine heimiſche noch eine exotiſche, mehr un⸗ bekannt war. Außerdem wagte ich mich an das Chaldäiſche und Arabiſche und ſchaffte mir zu dem Ende Erpenius, Chappelow und andere Werke an; das Chaldäiſche fand ich wegen ſeiner Verwandt⸗ ſchaft mit dem Hebräiſchen ziemlich leicht; im Arabiſchen aber habe ich aus Mangel an Zeit nie große Fortſchritte machen können. „Dann erforſchte ich das Celtiſche, ſo weit als möglich, in allen ſeinen Dialekten, begann zu ſammeln und ſtellte Vergleichungen zwiſchen dieſer Sprache und dem Engliſchen, Lateiniſchen, Grie⸗ chiſchen und Hebräiſchen an. Ich verglich dreitauſend Worte und fand eine ſo ſtaunenswerthe Verwandtſchaft, daß ſie meine kühn⸗ ſten Hoffnungen überſtieg, und ich den Entſchluß faßte, ein ver⸗ gleichendes Lerikon dieſer Sprachen zu verfaſſen, welches die Wurzeln zahlloſer Wörter in unſerer Sprache enthielte: dies oder etwas Aehnliches war auch die Abſicht eines gelehrten Geiſtlichen in Schottland; aber das Unternehmen blieb unausgeführt, denn er ſtarb zu früh, und was mich betrifft, ſo ſind die meiſten meiner Bücher und Schriften verloren gegangen.“ Dies iſt die Erzählung, welche Eugen Aram über ſein Thun und Laſſen bis zur Verübung jenes Verbrechens gegeben hat, welches die Verwünſchung der Welt und die äußerſte Strafe des Geſetzes über ihn brachte. Von allen Verbrechen, die der Menſch begehen kann, ſcheint keines die Allmacht ſo ſehr zu beleidigen, wie der Mord, und es iſt, als ob der Allgerechte dieſes furchtbare Verbrechen ſich beſonders aufzudecken beſtrebe, gleichſam um die Menſchen zu warnen und ihnen zu zeigen, daß Felſen ſie nicht verbergen und keine Entfernung ſie gegen die unvermeidlichen Fol⸗ gen der Verletzung eines Geſetzes, das die Natur gegeben und der Menſch bekräftigt hat, ſichern könne. Die außerordentliche Art, wie dieſe Mordthat entdeckt wurde, iſt eine der vielen Fälle der Dazwiſchenkunft des Allerhöchſten. Daniel Clark war zu Knaresborough geboren, ſtammte von ehrbaren Aeltern und trieb in dieſer Stadt das Gewerbe eines Schuhmachers. Im Januar des Jahres 1744 oder 45 vermählte er ſich und wurde dadurch Eigenthümer eines Vermögens von 200 bis 300 Pfund. Er ſtand zu dieſer Zeit in Knaresborough in gutem Credit, und man hat Grund, zu glauben, daß Eugen Aram und ein gewiſſer Houſeman, ein Flachshändler, einen Plan ent⸗ worfen hatten, um verſchiedene Kaufleute um eine beträchtliche Menge Waaren und Silberzeug zu prellen. Zur Ausführung wählten ſie Clark, als das dazu tauglichſte Werkzeug, weil er einen guten Ruf genoß und erſt kürzlich durch die oberwähnte Heirath 80 Vermögen erhalten hatte. Clark ging daher mehrere Tage hin⸗ durch zu verſchiedenen Kaufleuten in der Stadt, und in der Vor⸗ ausſetzung, daß er als ein Neuvermählter Tuch, Tiſch⸗ und Bett⸗ zeug brauchte, erhielt er große Quantitäten bereitwillig auf Borg. Dann ging er zu mehreren Gaſtwirthen und anderen Perſonen, borgte von dem einen ſilbernen Krug, von jenem einen ſilbernen Becher, anführend, daß er dieſen Abend ein Gelage gebe, und um dies wahrſcheinlich zu machen, kaufte er von den Wirthen, von denen er die Gefäße geliehen hatte, Bier und andere Getränke, um ſeine angeblichen Gäſte zu bewirthen. Es zeigten ſich jedoch ſchon denſelben Abend einige verdächtige Umſtände, und am nächſten Morgen verbreitete ſich das Gerücht, daß Clark ſich auf und davon gemacht habe: in der That fand man ihn, als nach ihm geſucht wurde, nirgends. Man forſchte dann emſig nach den Waaren und Gefäßen und fand endlich einen Theil der erſteren in Houſeman's Haus und einen anderen in Aram's Garten vergraben: da man aber das Silber nirgends fand, war die Vermuthung ſehr natürlich, daß Clark ſich damit aus dem Staube gemacht habe. Es wurde ſogleich nach ihm ge⸗ forſcht, man beſchrieb ſeine Perſon in allen Zeitungen, aber Alles umſonſt. 5 Da der Verdacht entſtand, daß Aram ſein Mitſchuldiger ſei, wurde ein Proceß wegen einer Schuld deſſelben an Herrn Norton eingeleitet, um ihn ſo lange in Knaresborough zu halten, bis man vom Friedensrichter einen Verhaftsbefehl gegen ihn erhalten konnte. Zum Erſtaunen Aller zahlte er aber das Geld nicht nur ſogleich, ſondern löſte auch zu derſelben Zeit eine Hypothek, die auf ſeinem Hauſe zu Bondgate ſtand, ein. Bald darauf verließ Aram die Stadt, und man hörte nichts wieder von ihm, als bis im Monat Juni 1758, wo der Mord Clarks ihm zur Laſt gelegt und er zu Lynn feſtgenommen wurde. Ueber dreizehn Jahre nach Clark's Tode trug es ſich zu, daß 81 ein Arbeiter, der an einem Platze, genannt Thiſtle⸗hill(Diſtel⸗ berg), nach Kalkſteinen grub und ungefähr in der Tiefe einer halben Elle auf das Armbein und das kleine Schenkelbein eines menſchlichen Skeletts ſtieß. Aus Neugierde entfernte er ſorgfältig die Erde und fand alle Gebeine in gutem Zuſtande. Als ſich das Gerücht davon in der Stadt verbreitete, gab es zu dem Argwohn Anlaß, daß Daniel Clark an dieſem Platze ermordet ſein mochte, denn ſeit ſechszig Jahren hatte man in der Stadt und Umgegend keine einzige Perſon vermißt. Der Coroner wurde davon in Kennt⸗ niß geſetzt und eine Jury zuſammenberufen. Eugen Aram's Gattin, die ſchon vordem manche Winke hatte fallen laſſen, wurde zuerſt verhört. Aus ihrer Ausſage ging her⸗ vor, daß Clark ſchon vor dem 8. Februar 1744 ein vertrauter Bekannter Aram's geweſen ſei, und daß er ſowohl mit ihm, als mit Houſeman häufig verkehrte. Gegen 2 Uhr des Morgens, am S. Februar 1744, kamen Aram, Clark und Houſeman in des Erſteren Haus, gingen in das obere Zimmer und blieben ungefähr eine Stunde beiſammen. Dann gingen ſie zuſammen fort, und da Clark der Letzte war, bemerkte ſie, daß er einen Sack auf dem Rücken trug. Um 4 Uhr kamen Aram und Houſeman zurück, aber ohne ihren Gefährten. „Wo iſt Clark?“ fragte ſie, ihr Mann aber antwortete nur mit einem wüthenden Blicke und hieß ſie zu Bette gehen, deſſen ſie ſich aber mit der Bemerkung weigerte:„ſie fürchte, er habe ein Unrecht begangen.“ Aram ging dann mit dem Lichte die Treppe hinunter, und da ſie neugierig war, zu erfahren, was er thun würde, ſchlich ſie bis zur Treppe nach und hörte Houſeman ſagen: „Sie kommt; wenn ſie kommt, wird ſie plaudern.“ „Was kann das einfältige Ding ſagen?“ erwiderte Aram,„ſie weiß nichts. Ich werde die Thüre ſchließen.“ „Das wird nichts helfen,“ verſetzte Houſeman,„wenn ſie auch 8² diesmal nicht dahinter kommt, wird ſie es doch ein anderes Mal.“ „Kindiſch, kindiſch!“ antwortete ihm Aram,„ wir wollen ihr ſchmeicheln, bis ſie ruhiger geworden, und dann—“ „Was?“ fragte Houſeman finſter. „Sie erſchießen,“ flüſterte Aram,„ ſie erſchießen.“ Frau Aram hörte dieſes Zweigeſpräch; es flößte ihr ſolches Ent⸗ ſetzen ein, daß ſie ſich ruhig verhielt. Um ſieben Uhr deſſelben Morgens verließen Beide das Haus, worauf ſie ſogleich hinunter⸗ ging und bemerkte, daß Feuer angemacht, die Aſche aber ſorg⸗ fältig entfernt worden ſei. Sie unterſuchte dann die Miſtgrube und fand friſche Aſche und unter derſelben verſchiedene Stücke Leinwand und Tuch, die offenbar einem Anzug angehört hatten. Als ſie wieder in das Haus zurückkam, ſah ſie ein Tuch liegen, das ſie vor Kurzem Houſeman geliehen hatte, und entdeckte darin eine Blutſpur von der Größe eines Shillings. Houſeman kehrte bald zurück, worauf ſie ihn beſchuldigte, etwas Schreckliches an Clark verübt zu haben; er ſagte aber, daß er von nichts etwas wiſſe, und nannte ſie eine Närrin, die nicht wiſſe, was ſie ſpreche. Sie ſagte zuletzt aus, daß ſie aus allen dieſen Umſtänden in ihrem Gewiſſen überzeugt wäre, daß Daniel Clark von Houſeman und Eugen Aram am 8. Februar 1744 ermordet worden ſei. Auch andere Zeugen wurden vernommen und ſagten aus, Houſeman und Eugen Aram wären die letzten Perſonen geweſen, die man in der Nacht vom 7. auf den 8. Februar, nach welchem er vermißt wurde, geſehen habe. Als Houſeman, welcher anweſend war, dieſe Ausſagen hörte, wurde er unruhig, zeigte alle Zeichen der Schuld, zitterte, wurde blaß und konnte nicht deutlich ſprechen. Wenige Menſchen, welche eine Blutſchuld auf ſich geladen haben, ſind ſtark genug, um ſie zu verbergen: durch irgend einen Umſtand wird ihre Schuld entdeckt, ein Blick, ein Traum, ja häufig, wie in dieſem Falle, verräth ſie ihre eigene treuloſe Zunge und wird — — 83 zum unfreiwilligen Werkzeug, das zuletzt den ſchwarzen Verbrecher, der ſeines Nebenmenſchen Blut vergoſſen hat, zur Strafe bringt. Als das Skelett enthüllt wurde, ergriff Houſeman eines der Ge⸗ beine und ließ die folgende höchſt unvorſichtige Aeußerung fallen: „Dies ſind eben ſo wenig Daniel Clark's Gebeine, als es die meinigen ſind.“ „Was!“ bemerkte der Coroner ſogleich,„was! wie könnt Ihr mit ſolcher Gewißheit behaupten, daß dies nicht Daniel Clark's Gebeine ſind?“ „Weil ich einen Zeugen bringen kann,“ verſetzte Houſeman in ſichtlicher Verwirrung,„einen Zeugen, welcher Daniel Clark zwei Tage, nachdem er vermißt wurde, auf der Straße geſehen hat.“ Der genannte Zeuge wurde ſogleich vorgefordert und ſagte aus, daß er Clark nach dem achten Februar niemals geſehen habe; ein Freund jedoch(und nur dies habe er damals geſagt) hätte ihm erzählt, daß er einem Menſchen begegnet wäre, der Clark ſehr ähnlich geſehen; es habe aber gerade geſchneit und der Mann habe den Mantelkragen über den Kopf gehabt, ſo daß er durchaus nicht behaupten könne, wer es geweſen ſei. Dieſe Ausſage erſchien nichts weniger als genügend, ſondern verſtärkte vielmehr den Ver⸗ dacht gegen Houſeman; es wurde daher ein Verhaftsbefehl gegen ihn erlaſſen und er vor William Thornton Eſq. gebracht, der ihn verhörte. Hier geſtand er die Thatſache, daß er in der in Frage ſtehenden Nacht bei Clark geweſen, weil er dieſem zwanzig Pfund geliehen hätte und ſie zur ſelben Zeit dringend brauchte. Er führte ferner an, daß Clark ihn gebeten habe, den Werth in Waaren anzunehmen; dies habe er gethan und nothwendig müſ⸗ ſen mehrmals zwiſchen beiden Häuſern hin⸗ und hergehen, um die Waaren heimzuſchaffen. Als er damit fertig geweſen, habe er Clark in Aram's Haus mit dieſem und einem Unbekannten ver⸗ laſſen. Aram, Clark und der Fremde wären unmittelbar daraus gleichfalls von dem Hauſe weggegangen. Sie hätten die Richtung 6* 84 über den Marktplatz eingeſchlagen, was er beim Schein des Mondes bemerkt, ſie aber dann aus den Augen verloren habe. Er ſtellte feierlich in Abrede, daß er an jenem Morgen, wie Aram's Gattin ausgeſagt, mit ihm in deſſen Haus gekommen wäre; auch ſei er dort nicht Aram's, ſondern Clark's wegen geweſen, um von ihm die Note zu erhalten. Gefragt, ob er dieſe Ausſage unterzeichnen wolle, ſagte er, daß er dies zu verſchieben wünſche, weil er noch etwas hinzuzu⸗ fügen haben könnte. Der Friedensrichter ließ ihn dann in das York Caſtell ſperren, wo er den Wunſch ausſprach, eine ausführ⸗ lichere Ausſage zu thun, wieder vor William Thornton gebracht wurde und vor dieſem bekannte:— daß Daniel Clark von Eugen, vormals in Knaresborough ſeßhaft, einem Schulmeiſter, ermordet worden ſei, und zwar, wie er glaube, am Freitag den 8. Februar 1744; daß Eugen Aram und Daniel Clark an dieſem Tage früh am Morgen in Aram's Hauſe geweſen; daß er(Houſe⸗ man) etwas vor ihnen das Haus verlaſſen habe, und daß ſie ihn zurückriefen und ihn erſuchten, ſie eine Strecke zu begleiten; er ſei darauf mit ihnen nach einem Platze gegangen, genannt St. Roberts Höhle, in der Nähe der Grimble Brücke, wo die zwei Erſteren anhielten, da habe er geſehen, wie Aram den Clark mehrere Male über Bruſt und Kopf ſchlug, auch habe er den Letzteren fallen geſehen, als wäre er todt; darauf ſei er wegge⸗ gangen und habe ſie verlaſſen; ob Aram ſich einer Waffe bediente, um Clark zu tödten, wiſſe er nicht, eben ſo wenig wiſſe er, was Aram mit dem Körper nachher that, doch glaube er, dieſer habe ihn am Eingang der Höhle gelaſſen; denn wie er Aram dies thun geſehen, ſei er, damit ihm nicht Gleiches widerfahre, ſo ſchnell als möglich nach dem Ende der Brücke gelaufen, dort habe er zurückgeblickt und geſehen, wie Aram aus der Höhle kam und etwas in der Hand trug, was es aber geweſen, habe er nicht unterſcheiden können; darauf ſei er eiligſt nach der Stadt zurück⸗ — gekehrt, ohne wieder zu Aram zu ſtoßen und ohne ihn zu ſehen, bis am nächſten Tag, von welcher Zeit an er nie wieder mit ihm geſprochen habe. Später geſtand er jedoch, daß Clark's Leiche in der St. Roberts Höhle begraben worden ſei; er wiſſe gewiß, daß ſie ſich dort be⸗ fände, nur wünſche er, man möge ſie dort laſſen, bis Aram zur Haft gebracht worden ſein würde. Er ſetzte ferner hinzu, daß die Leiche in der Windung am Eingange der Höhle mit dem Kopfe rechts liege. Geeignete Perſonen wurden ſogleich abgeſendet, um in der St. Roberts Höhle nachzuſuchen, wo man wirklich ein menſchliches Skelett fand, deſſen Schädel rechts lag, ſo wie Houſeman es an⸗ gegeben hatte. Darauf wurde ſogleich ein Verhaftsbefehl gegen Aram erlaſſen, den man endlich zu Lynn fand, wo er an einer „ Schule angeſtellt war. Er geſtand vor dem Friedensrichter, daß er Clark wohl gekannt habe, und zwar, ſo viel er ſich erinnere, bis zum 8. Februar 1744; doch läugnete er gänzlich jede Theil⸗ nahme an dem Betrug, deſſen Clark zur Zeit ſeines Ver ſchwindens beſchuldigt worden war. Er erklärte, daß er nichts von dem Morde wiſſe und daß die Angaben ſeines Weibes durchaus falſch wären: aber auch er weigerte ſich ſo wie Houſeman, das Verhör ſogleich zu unterzeichnen, damit nichts ausbleibe, was ihm ſpäter beifallen könnte. Als er auf das Caſtell geführt wurde, wünſchte er, wieder vor dem Richter gebracht zu werden, und geſtand, daß er in ſeinem Hauſe geweſen wäre, wie Houſeman und Clark in daſſelbe mit einigem Silberzeug kamen, um welches Clark ſeine Nachbarn ge⸗ prellt hatte. Jener ſei dabei ſehr thätig geweſen, und die Angabe, daß er hingekommen ſei, um eine Quittung oder ſonſt etwas zu unterzeichnen, ſei durchaus falſch. Alles Leder, welches Clark zuſammengebracht hatte, ſei unter Flachs in Houſeman's Hauſe verborgen geweſen, um es nach und nach, und ohne Verdacht zu erregen, zu verkaufen. Das Silberzeug ſei in der St. Roberts — — —— 86 Höhle flach gehämmert worden. Als es vier Uhr des Morgens geworden, wären ſie der Meinung geweſen, daß Clark ſich nun nicht mehr mit Sicherheit auf den Weg machen könne, und ſie ſeien übereingekommen, daß er hier bis zum folgenden Abend warten ſolle; das habe er auch gethan und ſei den ganzen fol⸗ genden Tag da geblieben. Um ſeine Flucht zu erleichtern, wären Beide nach der Höhle, Houſeman aber allein hineingegangen; er hätte außen gewacht, damit Niemand ſie überraſche. Plötzlich habe er in Geräuſch gehört und Houſeman ſei an der Mündung der Höhle erſchienen und habe geſagt, daß Clark fort wäre. Houſeman habe einen Sack mit Silbergeſchirr bei ſich gehabt und vorgegeben, er habe es von Clark gekauft, weil Geld leichter fort⸗ zubringen ſei. Dann wären ſie nach Houſeman’s Haus gegangen und hätten dort das Silber verborgen, während er des feſten Glaubens geweſen, Clark wäre entwiſcht. Er hätte ſpäter von Clark nie wieder etwas gehört und wäre ſehr überraſcht, daß man Verdacht habe, er ſei ermordet worden, und daß man ihn(Aram) für den Thäter halte. Trotz dieſer Ueberraſchung wurde er jedoch, nachdem er ſeine Ausſage unterzeichnet hatte, mit ſeinem Genoſſen in das York ell eingeſperrt, um dort der Aſſiſen zu harren. Am 3. Auguſt 1759 wurden Beide vor Gericht geſtellt. Houſe⸗ man wurde auf die vorhergegangene Ausſage hier angeklagt, los⸗ geſprochen und als Zeuge gegen Aram zugelaſſen, der hierauf an⸗ geklagt wurde. Houſeman ſagte vor Gericht gegen Aram daſſelbe aus, was er bereits in ſeinem eigenen Bekenntniſſe geſagt hatte. Auch andere Zeugen wurden vorgefordert, welche in Betreff der Waaren, die man in Aram's Garten gefunden, ausſagten und beſtätigten, Aram habe gewußt, daß Clark 200 Pfund beſitze und daß man Beide am Abend des 7. Februar miteinander geſehen habe. Dann wurde der Schädel aufgedeckt; auf der linken Seite war ein Bruch, der ſeiner Natur nach nur durch ein ſtumpfes Werkzeug hervorgebracht worden ſein konnte. Der Schädel war ““— 87 ferner gegen innen zu eingeſchlagen. Endlich bekräftigte der Wund⸗ arzt, daß der natürliche Gang der Verweſung keinen ſolchen Bruch hervorbringen konnte; daß es auch kein neuer, durch Spaten oder Art hervorgebrachter Bruch ſei, ſondern daß er vor mehreren Jahren beigebracht worden zu ſein ſcheine. Die Vertheidigungsrede, welche Eugen Aram ablas, war ein Beweis, daß er ungewöhnliche und wohlausgebildete Talente be⸗ ſitze. Sie war gelehrt und bündig und in manchen Stellen er⸗ haben und feuerig. Er ſuchte zu beweiſen, daß man aus dem Verſchwinden einer Perſon durchaus nicht deren Tod folgenn könne; daß ſich in Einſiedeleien, wie die St. Roberts Höhle es geweſen, häufig die Gebeine ihrer früheren Bewohner finden, was eine authentiſche Thatſache wäre; daß daher der Schluß, daß die ge⸗ fundenen Gebeine einem ſolchen Einſiedler oder einem in einer Schlacht gefallenen Krieger angehörten, eben ſo vernünftig ſei, als er ungeduldig erwarte, daß man dieſen Schluß ziehen würde. Nichts deſto weniger wurde er ſchuldig erklärt und zum Strange verurtheilt. An dem Tage nach ſeiner Verurtheilung geſtand er den beiden Herren, die ihn vor Gericht begleitet hatten, daß das Urtheil ge⸗ recht ſei und daß er Clark wirklich ermordet haben Iir ſagte ihnen ferner, daß er lange Argwohn gehabt habe, Clark unterhalte einen unerlaubten Umgang mit ſeiner Frau, und daß er zur Zeit, als er den Mord beging, überzeugt geweſen wäre, er handele recht, daß er aber nachher anderer Meinung geworden ſei*). Man war allgemein der Meinung, daß in Folge ſeines Ver⸗ ſprechens, an dem Hinrichtungstage alle Umſtände vor dem Morde *) Es ward allgemein und zwar aus guten Gruͤnden geglaubt, daß Aram ſich des ganzen Geldes, das Clark mit ſeiner Gattin erheirathet hatte, bemächtigt habe, und es gab Umſtände genug, um es zu beweiſen; man hielt dies jedoch für unnöthig, da die anderweitigen Beweiſe hinreichten. 88 umſtändlich zu geſtehen, das Ganze an das Tageslicht kommen würde; indeſſen verhinderte er jede weitere Enthüllung, indem er den Verſuch machte, ſich das Leben zu nehmen. Als man ihn, während er auf ſeinem Lager lag, rief, um ihm die Ketten ab⸗ zunehmen, weigerte er ſich, dies geſchehen zu laſſen, indem er ſehr ſchwach wäre. Da entdeckte man, daß er ſich am Arme eine ſchwere Wunde beigebracht hatte, aus welcher das Blut in Strö⸗ men floß. Er hatte nämlich früher ein Raſirmeſſer in dem Armen⸗ ſünderkerker zu verbergen gewußt. Durch ſchnelle Hülfe wurde er jedoch wieder zu ſich gebracht und, obſchon durch den Blutverluſt außerſt geſchwächt, nach dem Galgen von York gefahren. Als er dort angekommen war, fragte man ihn, ob er noch etwas zu ſagen habe; er aber antwortete.„Nein!“ Dann wurde er hin gerichtet und nach dem Knaresboroughwalde geſchafft, um dort, dem Urtheile gemäß, in Ketten aufgehangen zu werden. Daß Clark von Eugen Aram ermordet wurde, iſt außer allem Zweifel, da wir ſein Geſtändniß beſitzen; ob er aber den Mord aus dem Grunde, den er ſelbſt anführte, begangen habe, kann mit Recht ſehr bezweifelt werden. Die ängſtliche Sorge Aller, ſelbſt der laſterhafteſten Menſchen, ein nicht gar zu ſchwarzes An⸗ gedenken zu hinterlaſſen, mag ihn veranlaßt haben, ſeinem Ver⸗ brechen jenen lindernden Beweggrund unterzuſchieben. Ob das Begehen eines Mordes durch ein Unrecht, wie Aram es erlitten zu haben vorgab, gerechtfertigt werden kann, bleibe der Entſchei⸗ dung der Caſuiſten überlaſſen; das aber iſt gewiß, daß dieſe ſchreck⸗ liche That durch einen vorſätzlichen und ſchändlichen Angriff auf Tugend und guten Ruf einer ſchuldloſen und arbeitſamen Frau, die er ſtets mit der abſcheulichſten Barbarei behandelt hatte, nicht entſchuldigt werden kann. Daß Eugen Aram mit Houſeman und Clark bei ihrer Betrügerei in Knaresborough verbündet war, un⸗ terliegt keinem Zweifel, und noch viel weniger, daß er ſein un⸗ glückliches Schlachtopfer nach dem Morde beraubte; daß kein in — 89 nachdem er ihn erſchlagen hat, auch noch plündert, braucht man nur anzuführen, um es einzuſehen: da mithin Eugen Aram's Anklage gegen ſeine Frau nicht haltbar iſt, hat er durch dieſe 4 elende Verleumdung außer dem Morde eine doppelte Schmach auf ſein Andenken gehäuft. Trotz dieſer Thatſachen und der Schlüſſe, die jeder denkende Leſer daraus unvermeidlich ziehen muß, hat man doch für gut gefunden, Eugen Aram zum Helden eines mit Begierde geleſenen Romans zu machen; ja man hat es verſucht, den gerechten Ab⸗ ſcheu vor einem Menſchen, wie Aram, in ein ſentimentales Mit⸗ leid mit einem ſanften Gelehrten zu verwandeln, der aus philo⸗ ſophiſchen Grundſätzen ſeinen Freund erſchlägt und ſich ſein Eigen⸗ thum zueignet, bloß wiſſenſchaftlicher Zwecke wegen und um die intellectuellen Fortſchritte der Welt zu befördern*). *) Ein in moraliſcher Beziehung ſehr ſtrenges, aber wie uns ſcheint, gerechtes Urtheil über den in anderer Rückſicht ausgezeich⸗ neten Roman, Eugen Aram, des berühmten Bulwer. Anmerk. des Ueberſ. ſeiner Gattenehre gekränkter Mann den Verführer ſeiner Frau, Eine Mordthat in Ünßland. Am 4. März des Jahres 1837 wurde ein ſchreckliches Verbrechen in der Stadt Schitomir begangen, erzählt die Gazette des Tri- bunaux. Ein Arzt, der Dr. Schmiedel, der vor Tagesanbruch zu einem Kranken gerufen wurde, ging zu Fuße durch die Iytomirſtraße, weil in dieſem Stadttheile keine Wagen fahren können, als er mit einem Male an ein Hinderniß ſtieß, das ihm im Wege lag und das er im Dunkel nicht erkennen konnte; er verlor das Gleichge⸗ wicht und fiel. Bei dem Falle fühlte der Arzt, daß der Gegen⸗ ſtand, an den er geſtoßen hatte, unter dem Drucke nachgab und noch einen gewiſſen Grad von Wärme hatte. Er ſuchte durch Taſten zu ermitteln, was es wohl ſein könnte, und gelangte bald zu der Ueberzeugung, daß es der Körper eines Ermordeten ſei⸗ Er rief ſogleich um Hülfe, verlangte Licht, ließ den Polizeidirector, Baron Zabieline, rufen und erkannte mit dieſem, daß der Korper tiefe Spuren von ſechsunddreißig Meſſerſtichen und überdies an dem Halſe eine von Blut unterlaufene Stelle zeige, welche einen Ver⸗ ſuch des Erwürgens zu beweiſen ſchien. Die hinzugerufenen Zeu⸗ gen erkannten in dem Opfer dieſer Mordthat den Moſes Abraha⸗ mowitſch, den Lehrer der Kinder des Kiszka Iſaakvwitſch. Kiszka, deſſen Diener auf dieſe Weiſe ermordet war, war ein angeſehener Mann, nicht bloß wegen ſeines Vermögens, ſondern auch wegen der öffentlichen Aemter, die er bekleidete. Bei dem polniſchen Aufſtande im Jahre 1831 war er ein Spion der Ruſſen b V 91 geweſen, ſeitdem hatte er als Belohnung das Amt eines Contre⸗ bandangebers erhalten. Seit mehreren Jahren verwittwet und Vater von vier Kindern, zwei Söhnen und zwei Töchtern, hatte er den Entſchluß gefaßt, ſich nicht wieder zu verheirathen, und man ver⸗ muthete mit Grund, daß er, obgleich ein Jude, in einem Liebes⸗ verhältniſſe mit einer ſeiner Dienerinnen, Omelanka, ſtehe, einem jungen ſchönen Mädchen von neunzehn Jahren, das ſich zur grie⸗ chiſch⸗ruſſiſchen Kirche bekannte. Sobald der Mord des Moſes Abrahamvwitſch bekannt wurde, erhob ſich ein Anklageruf in Schitomir gegen Kiszka, und der Poli⸗ zeidirector wurde gewiſſermaßen genöthiget, ſich in das Haus des⸗ ſelben zu begeben. Bei ſeiner Ankunft lag der Jude im Bette. Die Züge ſeines Geſichts drückten bei dem Anblick der Polizei, ob er ſich gleich ſtellte, als erwache er erſt, Entſetzen aus. Er wurde aufgefordert, aufzuſtehen, und man fand zur allgemeinen Verwun⸗ derung, daß er voͤllig angekleidet war, ſelbſt die Stiefeln anhatte, daß er ſich alſo bei der Ankunft der Polizei erſt in das Bett ver⸗ ſteckt haben mußte. An ſeinem Hemde und an einigen andern Theilen ſeiner Kleidung fand man Blutſpuren, die erſt kürzlich in dieſelben gekommen zu ſein ſchienen. In dieſem Augenblicke und noch ehe der Polizeidirector eine einzige Frage an den Kiszka hatte thun können, erhob ſich ein ge⸗ waltiges Geſchrei, dem derbe Schläge und das dumpfe Geräuſch von Widerſtand folgten. Das wüthende Volk ſchlug die Thüren ein, drang in das Haus und in das Zimmer des Juden, ergriff denſelben und überhäufte ihn mit Drohungen und Verwünſchungen. Kiszka hatte ſich allerdings ſeit langer Zeit ſchon bei den Leu⸗ ten verhaßt gemacht, theils wegen der Beſchaffenheit ſeines Amtes, theils wegen der Strenge, mit welcher er daſſelbe ausübte. Schito⸗ mir und Berdyczew, die beiden reichſten und wichtigſten Städte Volhyniens, von denen die letztere unter 48,000 Einwohnern 10,000 Juden zählt, keine andere Induſtrie und keinen anderen Erwerbszweig hat, als das Schmuggeln, ſahen in dem„Angeber“ keineswegs einen geſetzlichen Beamten, der den Geſetzen Achtung verſchaffe und die Intereſſen der Regierung durch rechtmäßige Mittel vertheidige, ſondern einen Verfolger, einen erbitterten Feind, und man kann ſich alſo denken, mit welcher geheimen Freude das Volk das Gerücht aufnahm, das ſich gegen Kiszka ſchnell verbreitete. Nachdem man ihn aus den Händen des Volkes befreit und in das Polizeigebäude gebracht hatte, ſtellte man Kiszka dem blutigen und entſtellten Ermordeten gegenüber. In derſelben Zeit wurden die Kinder und Diener des Angeklagten verhaftet. Die vier Kinder waren bereits in dem Hauſe des Oberrabbinen untergebracht wor⸗ den; Omelanka, welche man die Concubine Kiszka's nannte, konnte, trotz allen Nachforſchungen, nicht ermittelt werden. Der Oberrabbiner, der eben ſo ſehr wie die Behörde die Wahr⸗ heit der Sache zu ergründen wünſchte, fragte die Kinder Kiszka's über das, was vor dem Verſchwinden und der Ermordung ihres Lehrers im Hauſe geſchehen ſei. Der jüngſte Knabe, Baruch, der erſt zwölf Jahre alt war, erzählte, ſein Vater habe ſich am Abend heftig mit Moſes gezankt, der erſchrockene Lehrer habe das Haus verlaſſen wollen, ſei aber von ſeinem Herrn zurückgehalten und in ein Zimmer geſtoßen worden, deſſen Schlüſſel er zu ſich geſteckt habe. In der Nacht, ſetzte Baruch hinzu, hätte man Klagetöne in dem Hauſe gehört. Die anderen Kinder, welche nach einander befragt wurden, geſtanden, als ſie hörten, daß ihr Bruder zum Theil ſchon die Wahrheit geſagt hatte, die Richtigkeit der von ihm angegebenen Thatſachen ein. Die ältere der Mädchen, Rachel, die faſt ſechszehn Jahre alt war, geſtand ſelbſt, daß Moſes ihre Un⸗ erfahrenheit und ſein Anſehen als Lehrer gemißbraucht und ſie ver⸗ führt habe; ſie erklärte ſodann, daß Omelanka, die ihrerſeits in Moſes verliebt geweſen ſei, denſelben aber nicht zur Gegenliebe habe vermögen können, den Haß ihres Vaters(Kiszkas) gegen den Lehrer gereizt habe, und daß, wenn ihr Vater ein Verbrechen — — — 93 begangen, daſſelbe nur den Anreizungen dieſes Mädchens zuzuſchrei⸗ ben ſei, die dazu gerathen und daran Theil genommen haben würde. So ſtanden die Sachen, und man wartete in ängſtlicher Span⸗ nung auf die Reſultate der Unterſuchung, als Abends zu Aller großer Verwunderung und inmitten einer ungewöhnlichen Ent⸗ wicklung von bewaffneter Macht, ein Diener des Gerichts, dem Trompeter vorausgingen und den Soldaten umgaben, die Straßen von Schitomir durchzog, auf den Plätzen und an den Straßen⸗ ecken ſtehen blieb und mit lauter Stimme folgende Bekanntma⸗ chung ablas: „Der Polizeidirector erklärt nach einer mit der größten Sorg⸗ „falt angeſtellten Unterſuchung und durch zahlreiche Zeugenausſagen „überzeugt, daß die Urheberin des an der Perſon des Juden Moſes „Abrahamowitſch begangenen Mordes die Magd Omelanka iſt, „welche nach dem Verbrechen verſchwunden iſt, die man vergebens „ausfindig zu machen geſucht hat, und die aller Wahrſcheinlich⸗ „keit nach unter der Laſt ihrer Gewiſſensbiſſe den Tod gefunden „hat, indem ſie ſich in den Fluß ſtürzte, daß d demnach der Jude „Kiszka Iſaakvwitſch unſchuldig an dem begangenen Morde und „deshalb in Freiheit geſetzt worden iſt.“ Der Diener des Gerichts forderte nach Ableſung dieſer Bekannt⸗ machung im Namen des Polizeidirectors die Einwohner von Schi⸗ tomir auf, ſich jeder Beſchuldigung und jeder Beleidigung gegen den Juden Kiszka zu enthalten. Der Sihmugglerangeber hielt es für gerathen, als er die Frei⸗ heit wieder erhalten hatte und ehe er das Polizeigebäude verließ, ſechs ſtarke Bauern aus der Ukraine in Dienſt zu nehmen, die er mit ſtarken Knotenſtöcken bewaffnete und unter deren Bedeckung er ſich nach Hauſe begab, wo er ſie als Wachen aufſtellte. Den ganzen Abend und einen Theil der Nacht hindurch bilde⸗ ten ſich zahlreiche Verſammlungen vor dem Hauſe Kiszka's und in der Nähe, Niemand aber wagte, in die Wohnung deſſelben ein⸗ 94 zudringen. Am andern Tage erneuerten ſich dieſe Volksgruppen, die bis zu fünf⸗ oder ſechstauſend Perſonen, meiſt Juden, anſchwol⸗ len und einen furchtbaren Charakter annahmen. Die Zöglinge der von den Carmelitern gehaltenen Schule gaben das Signal zum Angriffe, indem ſie die Fenſter Kiszka's einwarfen; fünfzig Andere beſetzten das Polizeigebäude und die mit Stöcken bewaffnete Menge füllte die Zugänge. Der Baron Zabieline, ein alter und tapferer Soldat, trat allein und unbewaffnet aus dem Hauſe den erſten Gruppen entgegen und verſuchte ſte anzureden, wurde aber von einem Steinhagel empfan⸗ gen und verwundet. Er begab ſich in das Polizeigebäude zurück und befahl hier, das Militair gegen das Volk anrücken zu laſſen. In weniger als einer halben Stunde war die ganze Volks⸗ menge zerſtreut. Die in Folge dieſer Vorfälle angeſtellte Unterſuchung dauerte faſt drei Jahre und endigte damit, daß die Stadt, welche der Schauplatz der Unruhen geweſen war, Strafe zahlen mußte. Der Jude Kiszka wurde verſetzt. Der Mord des Moſes blieb auf dieſe Weiſe ungeſtraft, weil man die beſchuldigte Omelanka nicht aus⸗ findig zu machen vermochte. Obgleich beruhiget, daß ihm das Volk nichts mehr anhaben könne, behielt doch Kiszka ſeine Leibwache, die ſechs kräftigen Bauern aus der Ukraine, bei. Unter dieſen rohen Menſchen be⸗ fand ſich ein gewiſſer Matwey Hodowezek, welcher ſich das Ver⸗ trauen ſeines Herrn in hohem Grade zu erwerben gewußt hatte. Matwey hatte keinen andern Fehler, als die Trunkſucht, der er aber auch im höchſten Grade huldigte. Am 10. November des Jahres 1840 nun war Matwey auch betrunken und wurde von ſeinem Herrn deshalb geſcholten, ſogar bedroht; der rohe Menſch gerieth darüber in den heftigſten Zorn, ſchlug Kiszka in das Geſicht, mißhandelte ihn auf alle Weiſe und knebelte ihn endlich mit Hülfe ſeiner Cameraden. Dann begab er — ſich nach einem verborgenen Keller, öffnete die kleine Thür deſſel⸗ ben, nachdem er ſeinem Herrn den Schlüſſel dazu aus der Taſche genommen hatte, obgleich derſelbe bald drohete, bald flehentlich und unter Thränen bat, davon abzuſtehen, und ließ ein Weib heraus oder vielmehr ein Geſpenſt, das bei dem Anblicke des hellen Sonnenlichtes, nach Einathmung der reinen und belebenden Luft ohnmächtig niederſank, während die Bauern in abergläubiſchem Schrecken ſich bekreuzigten und die Mutter Gottes und den heiligen Nicolaus anriefen. Ein Arzt, der endlich herbeigerufen wurde, brachte die Ohnmächtige bald wieder zur Beſinnung, und die Po⸗ lizei fand ſich ein, um Kiszka zum zweiten Male, zugleich aber auch jenes Weib zu verhaften, welches die ſo lange vermißte Ome⸗ lanka war. Dieſe ſagte dann Folgendes aus: „Die Armuth, in welcher ich mich befand, nöthigte mich bei Kiszka zu bleiben, deſſen Magd ich war und der mich mit ſeiner Liebe verfolgte. Unterdeß kam Moſes als Lehrer in das Haus. Er war der ſchönſte junge Mann, den ich jemals geſehen, und ich empfand für ihn bald die glühendſte Leidenſchaft. Kiszka wurde eiferſüchtig. Als Moſes eines Tages das älteſte der Kinder Kiszka's leicht geſtraft hattte, ſchmähete ihn dieſer und wollte ihn ſogar ſchlagen; der Lehrer erklärte darauf, er würde das Haus verlaſſen und nie wieder in demſelben erſcheinen. Kiszka, der eine unge⸗ meine Kraft beſitzt, ergriff ihn, hob ihn auf und trug ihn fort, um ihn in einem dunkeln kleinen Kämmerchen neben der Schlaf⸗ kammer einzuſchließen. In der Nacht ſchloß er die Schlafkammer zu, forderte mich auf, aufzuſtehen und zu ſehen, was er thun würde. Er nahm ein Meſſer, ging in das Kämmerchen, in wel⸗ chem ſich Moſes befand, und ſchloß die Thüre hinter ſich zu, da er wohl wußte, daß man durch ein Fenſterchen hineinſehen konnte. 1 Er ergriff Moſes, warf ihn zu Boden, knieete ihm auf die Bruſt und verſetzte ihm viele Stiche mit dem Meſſer. „Von Entſetzen ergriffen, ſchrie ich, aber Niemand kam zu 96 Hülfe. Als Moſes todt war, warf ihn Kiszka durch das Fenſter hinaus auf die Straße; dann kam er wieder zu mir und trug mich in den Keller. Hier warf er mich zu Boden und ließ das Meſſer neben mir liegen, mit welchem er Moſes ermordet hatte. In der Nacht brachte er mir einige Nahrungsmittel und ſo regelmäßig jede Nacht, auch ſorgte er für ein Bett im Keller. Später führte er mich in der Nacht heraus, damit ich einen Spaziergang mache; aber er war da von dem Bauer Hodowezek begleitet. Dieſer Mann ſagte eines Tages zu mir:„„ Unglückliche, Du wirſt verurtheilt werden; Du biſt eine Chriſtin und weiſeſt die Liebe eines Juden nicht zurück.““ Reue erfüllte da mein Herz. Kiszka wurde dadurch gereizt und drohete mich zu ermorden. Dann ließ er mich in der Nacht nicht mehr umhergehen, brachte mir nur alle drei Tage Lebensmittel und gab mir ſtatt des Bettes eine Schütte Stroh.“ Hodpowezek geſtand in dem Verhöre, der Jude habe ihm ver⸗ trauet, er habe eine ſehr vornehme Dame in ſeiner Verwahrung, welche ſich vor den Nachforſchungen der Regierung verberge.„Das,“ ſagte der Bauer,„iſt es allein, was mich verhinderte, die⸗Sache der Behörde anzuzeigen. Als ich aber erfuhr, jene vornehme Dame ſei nichts als eine Magd, entdeckte ich bei der erſten Gelegenheit, die ich ergreifen konnte, Alles.“ Ein ſo beſtimmtes Zeugniß reichte hin, den Juden Kiszka zu verderben. Der Präſident, welcher die Unterſuchung leitete und der Beſtechung unzugänglich war, welche der Jude verſuchte, nö⸗ thigte ihn endlich, ſeine Verbrechen zu geſtehen, und derſelbe wurde verurtheilt, hundert und einen Knutenhieb zu erhalten und dann auf Lebenszeit in die Bergwerke geſchickt zu werden. Die Strafe wurde an ihm vollzogen. Dr. Diezmann. Gedruckt bei E. Polz in Leipzig. —22 — —— * — —————