Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 1 voun.. Ednard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen.— „ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.— 4— „3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe J binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird b 1i. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 3. für tchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt. Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mr.— pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Im Dorfe Woodſield lebte ein finſterer unverheiratheter Mann, Namens Barak Johnſon, welcher allgemein ſeiner ſtrengen Mora⸗ lität wegen geachtet war, obgleich ihn die Rauhheit ſeiner Sitten bei den Jüngeren und Leichtſinnigen nicht ſehr beliebt machte. Er war aus Cumberland gebürtig und ſprach den rauhen nordiſchen Dialekt, der ſein von Natur rauhes Organ für die in Oſt⸗Eng⸗ land Wohnenden beſonders unangenehm machte. Er hatte früher Handelsgeſchäfte getrieben, doch als er ſpäter ſich einer Gemeinde von Diſſenters anſchloß, deren Meinungen höchſt fanatiſch waren, glaubte er ſich nach und nach berufen, die Fallſtricke und Ver⸗ ſuchungen, welche der Mammon täglich ſeinen Verehrern legt, zu vermeiden, und zog ſich aus dem Geſchäfte zurück. Seine einfa⸗ chen mäßigen Gewohnheiten machten es ihm möglich, von ſeinen kleinen Erſparniſſen bequem zu leben, und er richtete ſich nun ganz nach ſeiner religiöſen Ueberzeugung ein. Einmal in jeder Woche hatte er in ſeinem Hauſe einen Con⸗ ventikel. Er ſteuerte zu allen religiöſen Unternehmungen bei, ver⸗ brachte all' ſeine Zeit in theologiſchen Studien und wurde von Denen, die ſeine Ueberzeugung theilten, als ein außerordentlich frommer Mann geſchätzt. Sein Geiſt war aber demungeachtet mit 1* Bigotterie ſtark verſetzt, wozu keine kleine Doſis geiſtlichen Stolzes kam; und während er auf drei Viertheile der Menſchen als Gefäße des Zorns herabſah, die nur der göttlichen Vernichtung entgegen⸗ reiften, betrachtete er ſich als einen der wenigen Auserwählten, denen die ewige Seligkeit beſtimmt ſei, und hielt es für unmöglich, daß er in dem Zuſtand der Gnade, den er erlangt hatte, ſtrau⸗ cheln oder ſogar fallen könne. Das perſönliche Erſcheinen Barak Johnſon's war nichts weni⸗ ger als einnehmend. Seine dunkle, faſt ſchwarzbraune Geſichts⸗ farbe, ſeine rauhen, ſtark markirten Züge machten ihn geradezu häßlich; ſeine athletiſche und kräftige Geſtalt war plump, ſeine Hal⸗ tung feierlich, aber ganz ungefällig. Seine Gemüthsſtimmung war ſehr reizbar, denn von Natur war er heftig und leidenſchaft⸗ lich, wodurch er in den gefährlichen Tagen ſeiner Jugend in Aus⸗ ſchweifungen gefallen war; doch hatte er in der ſpätern Zeit ſeine verderbten Neigungen ſo glücklich bemeiſtert, daß er ſich zu rühmen pflegte, er habe Satan völlig zu Boden geworfen und werde wohl im Stande ſein, allen ſeinen Schlingen zu entgehen, in welcher Form ſie ihm auch entgegentreten möchten. Das Haus, in welchem Barak Johnſon am Eingange des Dor⸗ fes lebte, hatte ſeine Fronte nicht nach der Straße zu, ſondern ſah in einen hübſchen kleinen Garten, der zu einem benachbarten Hauſe gehörte, und ſeine Fenſter, die namentlich nach dieſem Gar⸗ ten gingen, ſtanden denen des andern Hauſes gegenüber. Als Barak Johnſon ſein Haus gekauft hatte, gehörte das Nachbarhaus einer ſtillen, ernſten Familie, mit der er in freundſchaftlichen Ver⸗ hFältniſſen lebte; einige Jahre ſpäter aber ging es in andere Hände über und wurde an Leute vermiethet, die anders dachten. Barak Johnſon ſah dieſen Wechſel nicht gern. Sein neuer Nachbar war ein Wittwer, der zwei Töchter hatte. Er hieß John Waters und trieb das Geſchäft eines Frauenſchuhmachers, wobei ihm ſeine älteſte Tochter Sara beiſtand, indem ſie die Schuhe ein⸗ 5 faßte und das Hausweſen führte. Phillis, die jüngere, die außer⸗ ordentlich hübſch war und ſich für die Schönſte von Woodfield hielt, trieb das elegantere und einträglichere Geſchäft einer Putz⸗ macherin, welches ſie in Stand ſetzte, ihre übertriebene Putzſucht zu befriedigen. Ihr Betragen zeichnete ſich durch mehr als ge⸗ wöhnliche Koketterie aus; ſie wollte Allen gefallen und pflegte ſich auch zu rühmen:„ſie könne für jeden Tag in der Woche einen andern Liebhaber und für den Sonntag ſogar zwei haben.“ Man kann ſich leicht denken, wie unangenehm eine ſolche Nach⸗ barſchaft für Barak Johnſon war. Schon der Anblick von Phillis in ihrem Sonntagsſtaat war ihm ein Gräuel, und er glaubte, Satan habe ihm eigens dieſe Nachbarſchaft gegeben, um ihn durch die impertinente Neugier, die verliebten Blicke und das kokette Weſen eines ſolchen Mädchens in Verſuchung und Verderben zu führen. Phillis ward nicht weniger von den Sitten und dem Aeußern des finſtern Einſiedlers zurückgeſtoßen, den ſie verächtlich einen„alten ſauertöpfiſchen Puritaner“ nannte, und beſchloß, keine Gelegenheit vorübergehen zu laſſen, um ihn zu quälen. Sobald Barak Johnſon zu Hauſe war, konnte man ſicher ſein, daß Phillis ihren Arbeitstiſch an das Fenſter ihres kleinen Stüb⸗ chens rückte, oder die Blumen im Garten begoß und pflegte, und weit mehr Zeit darauf verwandte, als es Barak nothwendig ſchien. Dann hatte ſie eine amerikaniſche Taube in einem Käfig, der vor der Glasthür hing, die nach dem kleinen Grasplatz ging, und von Zeit zu Zeit beſuchte ſte den hübſchen Gefangenen, um ihn zu liebkoſen und mit ihm zu ſchwätzen, zur unendlichen Qual ihres ascetiſchen Nachbars, der ein unwilliger Zuſchauer aller ihrer Thorheiten war. Er überhäufte Phillis mit dem ſtrengſten Tadel, ſobald ihr Name genannt wurde, und erklärte, wenn er das Haus ſchon gekauft hätte, würde er ſich in einen andern Theil des Dorfes zurückziehen, um den Störungen zu entgehen, mit welchen die eitle und fleiſchlich geſinnte Tochter Belial's ihn ſtündlich heimſuche. ————— ——“ Dieſe Bemerkungen blieben Phillis' Ohren nicht fremd, und im ſtolzen Bewußtſein ihrer Schönheit beſchloß ſie, ihm die Macht ihrer Reize, die er verachtet hatte, fühlen zu laſſen. In dieſer Abſicht fuhr ſie fort, ihn auf jede mögliche Weiſe anzugreifen. Sanct Kevin wurde von der ſchönen Cathleen„mit den Augen des unheiligſten Blau's“ nicht hartnäckiger verfolgt, als Barak Johnſon von ſeiner liebenswürdigen Nachbarin. Er konnte keinen Augenblick ans Fenſter treten, ohne dem ganzen Geſchütz ihrer verführeriſchen Anmuth ausgeſetzt zu ſein. Jede Haube, jeden Hut, den ſie machte, zeigte ſie ihm, ſobald er fertig war, und ſchien ihn um ſeine Meinung darüber zu fragen, indem ſie ihn aufſetzte, ihr ſchönes Geſicht dann zu ſeinen Fenſtern wandte und ihn pantomimiſch fragte, ob ſie ihm ſo gefalle. Blieb ſein Geſicht ernſt und unbeweglich, oder antwortete er auf dieſe Impertinenzen mit Verachtung, ſo pflegte ſie ihren Kopf zu ſchütteln und die Bänder und Spitzen anders zu ordnen, ſetzte ihn dann wieder auf und fragte ihn ſchweigend, ob es jetzt beſſer ſei. Wie wenig auch Barak Johnſon in den Kunſtgriffen weiblicher Koketterie erfahren war, begann er doch nach und nach den Ver⸗ dacht zu hegen, daß ſie dieſes Spiel nur ſeinetwegen trieb, und ſo ſehr ihn auch dieſer Gedanke plagte, ſo wurde ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit doch unwillkürlich durch das Verfahren der ſchönen Putz⸗ macherin gefeſſelt. Es liegt ein eigenthümlicher Zauber für die Augen mancher Männer in weiblicher Handarbeit, und die Be⸗ ſchäftigungen von Phillis Waters waren ſo mannichfach und un⸗ terhaltend, daß Barak Johnſon, der nichts weiter zu thun hatte, wie ſehr er auch die Bänder und Spitzen und ſeltſamen Formen jedes neuen Turban's, jedes Aufſatzes und jedes Hutes, den ſie anfing, mit geiſtlichem Fluche belegte, ſich nicht enthalten konnte, ihre Arbeit, wie ſie durch ihre Hände ging, mit immer wachſen⸗ dem Intereſſe zu beobachten und den Augenblick wirklich herbeizu⸗ ſehnen, bis ſte die Wirkung der vollendeten Arbeit an ſich ſelbſt ————— ————-—— 8 — 7 probiren würde. Bald fing er an ſich zu wundern, wie es mög⸗ lich ſei, daß dieſe ſeltſame Miſchung von Gaze, Bändern und Blumen ihm nichts weniger als abſcheulich erſcheine, ſobald Phil⸗ lis ſie aufprobire. Jetzt verbrachte Barak Johnſon längere Zeit an ſeinem Fenſter und ſtudirte weniger. Er ſah aber die Gefahr nicht ein und würde die Behauptung mit Verachtung zurückgewieſen haben, wenn ihm Jemand geſagt hätte, er ſei auf dem Wege, ein ſolches eitles und weltlichgeſinntes Mädchen, wie Phillis Waters, zu lieben. Der Arme wußte nicht, daß ihn die Eitelkeit nicht weniger be⸗ ſaß, als die junge Schöne, deren Frivolität und Selbſtgefälligkeit er verdammte. In der That, er wurde mehr und mehr von ihren Reizen eingenommen, und ſeine Thorheit ging endlich ſo weit, daß er ſich einbildete, Phillis Waters liebe ihn. Dieſer Gedanke war ſeinem Selbſtgefühl um ſo angenehmer, da er bereits in einem Alter ſtand, in welchem die Männer den unangenehmen Verdacht zu nähren anfangen, die Zeit ſei vorüber, wo ſie hoffen dürften, in den Augen der Jugend und Liebenswürdigkeit angenehm zu er⸗ ſcheinen. Zuweilen bemühte er ſich, durch lange, einſame Spaziergänge dem unmittelbaren Zauber ihrer Reize zu entgehen; das half ihm aber nichts; denn auch auf ſeinen einſamen Spaziergängen be⸗ gegnete er ihr, ſie traf er in den Straßen von Woodfield, er ſah ſie ſogar in der Kapelle, demjenigen Platze, wo er ſie am wenig⸗ ſten zu finden erwartet hätte. Doch jeden Sonntag war ſie dort, ſchöner ausſehend als je, ihre verhängnißvollen Blicke während der Predigt ihm zuwendend und ihre ſchöne Stimme in den Choral miſchend, um ſein Ohr zu feſſeln. Was konnte Barak Johnſon thun? Das Beſte und Sicherſte wäre freilich geweſen, ſich gänzlich aus der gefährlichen Nähe ſei⸗ ner hübſchen Nachbarin zu entfernen; doch dieſer Gedanke war bereits für ihn zu einem zu peinlichen Opfer geworden. Barak Johnſon wurde ſogar ſchon von Eiferſucht ergriffen und empfand alle Qualen dieſes Gefühls, wenn er ſah, daß Phillis mit einem jüngeren Manne, als er, ſprach. Endlich beſchloß er, ihre perſönliche Bekanntſchaft zu machen. Dies that er, indem er ihr an einem finſtern, regnerigen Abend bei ihrer Rückkehr aus der Kapelle ſeinen Regenſchirm und ſeinen Arm anbot. Phillis nahm dieſe Höflichkeit ſehr freundlich auf, betrug ſich ſehr ſchüchtern, hörte mit ſcheinbarer Aufmerkſamkeit auf ſeine Bemerkungen über die Predigt und nahm ſeine Einladung an, am folgenden Abend zum Thee und zu einem Conventikel in ſein Haus zu kommen. Vergeblich ſtellte Sara Waters ihrer Schweſter die Unziemlich⸗ keit eines ſolchen Betragens vor. Phillis ſah den Eindruck, den ſie auf das Herz ihres alten häßlichen Nachbars gemacht hatte, als einen ſchmeichelnden Beweis der Macht ihrer Reize an und war entſchloſſen, zu verſuchen, wie weit ſie ihren Triumph führen könne. Sie gab ihm ſogar Hoffnung auf ihre Hand, wenn er in einigen unweſentlichen Punkten, wie ſie es nannte, von der Strenge ſeiner Grundſätze abweichen könne; und der Ein⸗ fluß, den ſie auf ſein Gemüth gewonnen hatte, war ſo groß, daß der ſtrenge Sectirer, um ſich der jugendlichen Schönheit angenehm zu machen, von ſeiner gottbegeiſterten Ueberzeugung immer mehr und mehr abwich, bis er ſelbſt fand, daß er bereit ſei, in den Abgrund aller weltlichen Thorheiten und Eitelkeiten zurückzuſinken, denen er für immer entſagt zu haben glaubte. An denjenigen Abenden, die er zuvor den Betſtunden geweihet hatte, wußte ihn Phillis zu bereden, lange, einſame Spazier⸗ gänge mit ihr zu machen, oder ſie auf einem Gange in eine be⸗ nachbarte Stadt zu begleiten, wohin ſie entweder eine Arbeit zu tragen hatte, die ſie nothwendig abliefern müſſe, oder wo man von ihr verlange, eine Aenderung an den abgelieferten Arbeiten vor⸗ zunehmen; und obgleich Barak Johnſon ſich heimlich Vorwürfe machte, den heiligen Kampf zu verlaſſen, den er begonnen, konnte — 9 er ſich doch das Vergnügen ihrer Geſellſchaft nicht verſagen, oder ſie unbeſchützt des Abends ausgehen laſſen; weit weniger aber konnte er ſich zu dem Auskunftsmittel verſtehen, mit welchem Phil⸗ lis ihn einſt bedrohte, einem Anderen ſeinen Platz zu überlaſſen. Am Ende waren ſelbſt die Sabbathtage ihm nicht mehr heilig, wenn Phillis ihm vorſchlug, an dieſem heiligen Tage,„dem ein⸗ zigen Tage der Ruhe und Erholung für ſie,“ wie ſie ſagte, eine Luſtpartie mit ihr zu machen. Sara Waters, die vergeblich verſucht hatte, ihre Schweſter von dem grauſamen Spiele zurückzuhalten, das ſie mit demſelben Eifer betrieb, mit welchem eine Katze mit einer gefangenen Maus ſpielt, die wohl ihre Gefahr kennt, aber aus dem unglück⸗ lichen Kreiſe nicht entkommen kann, fragte ſie eines Tages, ob es ihr ernſter Entſchluß ſei, das Weib von Barak Johnſon zu werden. „Sein Weib? warum nicht gar!“ rief das junge Mädchen verächtlich;„lieber ſterben! Ich denke, wenn ich dieſen alten methodiſtiſchen Affen mit ſeinen ewigen Bibelſprüchen und Con⸗ ventikeln und Predigten immer um mich herum haben ſollte, ich müßte wahnſinnig werden.“ „Doch,“ ſagte Sara,„Du haſt ihn dahin gebracht, daß er faſt niemals mehr zu den Conventikeln, ja, Sonntags nicht ein⸗ mal mehr in die Kirche geht.“ „Um ſo beſſer für ihn,“ ſagte Phillis,„er bringt jetzt ſeinen Sonntag weniger als ‚ein Jude und mehr als ein Chriſt zu.“ „Ach Phillis, Phillis, Du treibſt ein gefährliches und grau⸗ ſames Spiel, und ich kann nicht begreifen, aus welchen Gründen Du Dir die Huldigung eines Mannes zu verſchaffen ſuchſt, deſſen Sitten und Gewohnheiten den Deinigen ſo entgegen ſind, und der nie an Dich gedacht haben würde, wenn Du nicht ſelbſt Dich ihm aufgedrungen hätteſt.“ „Nun,“ erwiderte Phillis,„wenn Du ſie wiſſen willſt, ſo 2 10 ſage ich Dir, daß er mich durch ſeine verächtlichen Blicke und Ge⸗ behrden zuerſt dazu aufforderte. Ich beſchloß, ihn dafür zu beſtra⸗ fen, und ich denke, ihn meine Macht erſt recht fühlen zu laſſen, ehe ich von ihm ablaſſe.“ Ihr Wunſch ging nur zu ſehr in Erfüllung. Nicht allein ge⸗ lang es ihr, das bisher unzugängliche Herz des finſtern Fana⸗ tikers zum Sitz der Qual und der Unruhe zu machen, ſie erweckte dadurch auch die ſtürmiſchen Leidenſchaften ſeines natürlichen Cha⸗ rakters wieder, die durch den mächtigen Einfluß der Religion für einige Zeit beruhigt worden waren, jetzt aber, gleich aufgeſchreck⸗ ten Rieſen, ihn wieder beſtürmten und mit Verzweiflung erfüllten. Bisher war er einem ſtarken, gewappneten Manne gleich geweſen, aber er hatte zu ſehr ſeiner eigenen Sicherheit getraut, ein ſtärkerer war über ihn gekommen und hatte ſeine Rüſtung ihm abgeriſſen. Nur zu bald wurde er gewahr, daß er ſein Glück den Händen eines launiſchen Tyrannen übergeben hatte, deſſen Rückſicht für ihn ſehr zweifelhafter Natur war. Er ſtrebte, ſeine Feſſeln abzuſchütteln, aber vergeblich, die Bethörung war zu mächtig. Sein Friede auf Erden war dahin, und der Himmel hatte aufgehört, ihm entgegen⸗ zulächeln, und jetzt trat Eiferſucht, bitterer als der Tod, zu den Qualen der Ungewißheit und den Vorwürfen ſeines eigenen Ge⸗ wiſſens. Ein junger Uhrmacher, Namens William Parry, kam mit ſeiner verwittweten Mutter in das Dorf, eröffnete hier einen kleinen Laden und begann ſein Geſchäft. Da er noch jung war und ein angenehmer Mann, ſo meinten alle Mädchen von Woodfield, er brauche nothwendig eine Frau, und belagerten ſein Herz, indem ſie Ohrringe und andere Kleinigkeiten für weiblichen Putz bei ihm kauften. Phillis beſaß zwar zwei ſchöne goldene Ohrglocken, die den Neid aller ihrer Gefährtinnen erregten, doch ſobald der junge Uhrmacher in das Dorf gekommen war, fand ſie die Glocken alt⸗ modiſch und häßlich und verlor keine Zeit, ſie gegen ein neueres 11 und hübſcheres Paar aus William Parry's Laden auszutauſchen. Ihre Wahl war ſehr ſchwierig, und als ſie ſie endlich getroffen hatte, verlangte ſie von dem jungen Uhrmacher, ſie mit eigener Hand ihr einzumachen. Gern hätte ſie ſich noch mehrere andere Dinge gekauft, doch da alle ihre Erſparniſſe ausgegeben waren, ſo zerbrach ſie ihres Vaters Uhrglas, um einen Vorwand zu haben, den jungen Uhrmacher wieder aufſuchen zu dürfen, und handthierte ſo lang an ihrer Wanduhr herum, bis das Werk geſtört war und der junge Uhrmacher zur Reparatur ins Haus gerufen werden mußte, wo er bald ein täglicher Gaſt wurde. William Parry war ein ſtreng moraliſch denkender, ſtiller junger Mann, der mehr Verſtand und Bildung beſaß, als ſeinem Stande gewöhnlich iſt. Anfangs war er daher auch mehr geneigt, ſich an Sara als an Phillis Waters anzuſchließen, deren Leicht⸗ ſinn und Begier nach allgemeiner Bewunderung er ſehr mißbilligte; doch Sara war etwas älter als er, ein Umſtand, den Phillis be⸗ deutend vergrößerte, und, Dank ihrer Liſt und Koketterie, in der ſie nur zu gut bewandert war, ſie verlockte ihn, nur ihr allein ſeine Huldigung zuzuwenden. Kaum war ſie ihrer Eroberung ſicher, als ſie ihr Betragen gegen Barak Johnſon veränderte und deſſen Aufmerkſamkeit jetzt nicht allein unangenehm, ſondern auch ſehr unpaſſend fand, da William Parry ſeine Mißbilligung gegen Koketterie ſehr rentlich ausgeſprochen hatte. Die fortdauernden Beſuche von William Parry in ſeines Nach⸗ bars Hauſe erklärten Barak Johnſon nur zu genau die Veränderung des unſteten Weſens, dem er ſeine Neigung zugewendet hatte, und er wurde der elendeſte der Männer. Er öffnete ſeine vernachläſſigte Bibel und ſuchte den Frieden in ihr, den er ſonſt darin gefunden hatte, aber ſie war jetzt für ihn nur ein verſchloſſenes Buch, denn ein Schleier lag auf ſeinem Herzen, den weder Hoffnung noch Troſt durchdringen konnte. Er 2* beſuchte die Verſammlung der Frommen, ſeiner früheren Freunde, ſie ſahen ihn aber befremdet an, und er bemerkte, daß ſie ihn als einen Abtrünnigen verwarfen, und er entfloh voll Zorn. Er trat an ſeinen gewohnten Platz in der Kirche, doch mußte er mit Ent⸗ ſetzen ſehen, daß die Welt, deren Beifall ihm ſtets theurer geweſen war, als er ſich ſelbſt hatte geſtehen wollen, ihm ihre Achtung entzog, und ſtatt der Andacht fand er nur bittere Zerſtreuung und brennenden Schmerz. Er kniete in der Einſamkeit ſeiner Kammer nieder zum Gebet, doch ſeine Lippen ſprachen kalte, mechaniſche Worte, an denen ſein Herz keinen Theil hatte. Er ſuchte Phillis Waters, fand aber ſeinen Nebenbuhler bei ihr, und ſie hatte weder Augen noch Ohren für irgend jemand Anderes. Mit zuſammengepreßten Lippen und gefalteter Stirn ſaß er düſter da und beobachtete ſie, bis er es nicht länger aushalten konnte; er eilte nach Haus zurück und machte hier dem Sturm ſeiner Gefühle Luft, der ſein ganzes Weſen erſchütterte. Er glich einem Manne, der Ruhe ſucht und keine findet, und nahm endlich zu dem verderblichen Mittel ſeine Zuflucht, in geiſtigen Getränken Betäubung gegen die Qualen zu ſuchen, die ſein Herz verzehrten— ein Mittel, zu dem ach! nur zu Viele in ähnlichen Umſtänden gegriffen haben, um ihren peinlichen Gedanken zu ent⸗ gehen, das aber, wenn es auch die gewünſchte Hülfe, Vergeſſen⸗ heit des tödtlichen Schmerzes, brachte, nur eine vorübergehende Erleichterung war, die mit der vergrößerten Reizbarkeit, die ſie hervorbringt, theuer erkauft iſt. Auf Barak Johnſon brachte das Trinken den Eindruck hervor, als wenn geſchmolzenes Blei auf eine friſche Wunde oder Feuer in ſeine Adern gegoſſen worden wäre. Die Welt erfuhr von dieſer Neigung nichts, ſeine Freunde ahneten ſie nicht, denn er gab ihr nur in der Einſamkeit ſeines Gemachs und in der Stille ſeiner ruheloſen Nächte nach, um ſich den Schlaf zu verſchaffen, der von ſeinem Kiſſen gewichen war, 13 und während Alle ſich über die unbezähmbare Heftigkeit, die wilden Ausbrüche ſeiner Leidenſchaft, die langen Anfälle düſterer Muth⸗ loſigkeit ſich wunderten, dachte Niemand daran, ſie der wahren Urſache zuzuſchreiben; ſo allgemein war ſeine ſtrenge Enthaltſam⸗ keit und Mäßigkeit bekannt. „Barak Johnſon,“ ſagte der Prediger einer religiöſen Gemeinde, deren Mitglied er war, als ſie eines Sonntags Nachmittags die Kapelle verließen,„Barak Johnſon, Ihr habt Euch in dem ver⸗ floſſenen Jahre ſehr verändert, und Euer Götzenbild iſt im Begriff Euch entriſſen zu werden.“ Johnſon verſuchte die Unruhe und Beſtürzung, die ihm dieſe Worte verurſachten, zu verbergen, doch obgleich er ſchwieg, ſprach doch die natürliche Sprache ſeiner Augen die Frage aus, die ſeine Lippen zu thun ſich weigerten. „Die Verlobung von William Parry und Phillis Waters iſt, wie ich höre, dieſen Morgen verkündigt worden,“ fuhr der Predi⸗ ger fort. Aus Johnſon's Augen ſprühte Feuer bei dieſer Nachricht, und ohne ein einziges Wort zu entgegnen, wandte er ſich wüthend von ſeinem Gefährten und ſtürzte in ſein Haus, in deſſen Nähe dieſe Mittheilung geſchehen war, warf die Thür heftig hinter ſich zu und verriegelte ſie. Als der erſte Sturm ſeines wüthenden Schmerzes vorüber war, erfolgte eine lange Selbſtberathung, und nachdem er wohl eine Stunde lang in ſeinem kleinen Zimmer heftig auf und ab gegangen war, leuchtete ein trügeriſcher Hoffnungsſtrahl durch die finſtere Nacht ſeiner Verzweiflung. Er ergriff eine Feder und ſchrieb einen leidenſchaftlichen Brief an Phillis, worin er ſie bat, ihn noch einmal zu ſehen. Er verſiegelte ihn mit zitternder Hand und ließ ihn von ſeiner Haushälterin forttragen. Nach Verlauf weniger Minuten kehrte ſie mit einer Antwort zurück. Begierig entriß ſie ihr Barak Johnſon. Es war ſein 14 eigener Brief, auf deſſen Rückſeite Phillis mit Bleiſtift die folgen⸗ den Worte geſchrieben hatte: „Da ich in wenig Tagen die Gattin William Parry's „werde, ſo bitte ich Sie, unſere Bekanntſchaft als beendigt „anzuſehen, und bleibe mit den beſten Wünſchen für Ihr „Glück „Ihre ergebene Dienerin „Phillis Waters.“ Johnſon zerdrückte das Papier zornig in ſeiner Hand, warf es zu Boden und trat es mit einem Fluch, der ſeine Haushälterin, die niemals einen ähnlichen Ausdruck von ihm gehört hatte, wahr⸗ haft entſetzte, mit Füßen. Sie wollte ihm im Tone des Vorwurfs oder des Mitgefühls zureden, aber er bedeutete ihr mit einem Blick und einer Gebehrde, die ſie zu augenblicklichem Gehorſam zwangen, ſich zu entfernen, neigte dann ſein Geſicht auf ſeine Kniee und blieb Stunden lang in ſtarrer Verzweiflung ſitzen. Aus dieſer düſtern Niedergeſchlagenheit wurde er durch Phillis und ihres Bräutigams Stimmen, die in heftigem Wortwechſel waren, geweckt. Sie ſtanden im Garten, und Johnſon entdeckte ſogleich, daß der Grund des Zwiſtes aus Phillis' Wunſch kam, am folgenden Tage auf den Jahrmarkt von Scrapeton zu gehen, den William Parry mißbilligte und ihr geradezu ſeine Begleitung verweigerte, als Entſchuldigung anführend, daß ſeine Tante im Sterben läge und er ſie nicht verlaſſen könne und wolle. Phillis erwiderte heftig: „Wenn Du die Geſellſchaft Deiner Tante der meinigen vor⸗ ziehſt, ſo habe ich nichts dagegen; aber ich gedenke auf den Jahr⸗ markt zu gehen, Du magſt mich begleiten oder nicht.“ Ein Strahl finſterer Freude bei dem Schmerz ſeines begünſtig⸗ ten Nebenbuhlers miſchte ſich mit dem wilden Zorn Barak Johnſon's, 15 als nach dem Austauſch mehrerer heftiger Gegenreden Phillis und William in gegenſeitigem Unwillen ſich von einander trennten. Am folgenden Nachmittag ſah er Phillis in feſtlichem Staate aus dem Hauſe treten, und ſie ſah ſo ſchön aus, daß trotz ſeines Unwillens gegen ſie Barak Johnſon ſich nicht enthalten konnte, mit Leidenſchaft auf ſie zu blicken, als ſie an der Gartenthür ſtillſtand, um mit ihrer Schweſter zu ſprechen, welche ihr bis da⸗ hin gefolgt war, ängſtlich das eigenſinnige Mädchen am Arme zurückhielt und rief: „Phillis, liebe Phillis, geh' heute nicht zum Jahrmarkt. Ich habe eine Ahnung, daß Dir ein Unglück zuſtößt, wenn Du es thuſt.“ „Unſinn,“ erwiderte Phillis, ihre ſchönen Locken aus ihrem Geſichte ſchüttelnd,„ich will und muß gehen. Baſe Sophy Coo⸗ per hat mich eingeladen, in ihrem Hauſe zu tanzen; es werden viele hübſche junge Männer da ſein.“ „Was kann das Dich kümmern, da Du im Begriff ſtehſt, einen zu heirathen, den, wenn Du ihn auch nicht liebſt, Du doch lieben ſollteſt, denn er iſt verliebt genug in Dich,“ ſagte Sara mit be⸗ wegter Stimme. „Das dachteſt Du auch von Dir,“ antwortete Phillis,„und doch ſiehſt du, daß Du Dich getäuſcht hatteſt.“ „Wer ſagte Dir, daß ich ſo dachte, Phillis?“ entgegnete Sara, indem ihr Geſicht die Farbe wechſelte,„mir iſt es gewiß niemals über die Lippen gekommen.“ „O, was das betrifft, man iſt nicht blind,“ ſagte Phillis boshaft. Sara wandte ſich weg und brach in Thränen aus, und Phil⸗ lis, ihren grauſamen Scherz bereuend, ſiel ihrer Schweſter um den Hals und bat ſie um Verzeihung für das, was ſie geſagt hatte. „Ich verzeihe Dir gern,“ erwiderte Sara, ihre Thränen trock⸗ nend; doch wirklich, Phillis, Du ſollteſt heute nicht auf den Jahr⸗ markt gehen, ich halte es ſogar für Unrecht, wie Du jetzt mit Parry ſtehſt.“ 16 „Das iſt eben der Grund, warum ich gehen will,“ ſagte Phillis lachend.„Ich will meinen eigenen Willen haben, und wenn ich jetzt nachgebe, werde ich Zeit meines Lebens das Laſt⸗ thier im Hauſe ſein und könnte eben ſo gut den ſauertöpfiſchen alten Methodiſten uns gegenüber heirathen.“ Dieſes Geſpräch ging ſo nahe bei Johnſon's offenen Fenſtern vor, daß er jedes Wort hören mußte, und die verächtliche Anſpie⸗ lung auf ihn, womit Phillis es ſchloß, regte die böſen Leiden⸗ ſchaften in ſeiner Bruſt noch mehr auf, die ſie geweckt hatte. Sie hatte blos zu ihrem Vergnügen, zur Befriedigung ihrer unerſätt⸗ lichen Eitelkeit ſein Herz bis in die innerſten Tiefen erſchüttert, und es ſammelte ſich darin ein Sturm, deſſen furchtbare Macht ſie nicht ahnte, als ſie fröhlich den Weg nach Scrapeton einſchlug, im ſtolzen Bewußtſein ihrer Schönheit die neuen Huldigungen ſchon berechnend, die ſie dort ſinden werde, und ſich heimlich bei dem Gedanken freuend, wie William Parry ſich gekränkt fühlen müſſe, wenn er hören würde, daß ſie wirklich ohne ihn gegangen ſei. Obgleich Barak Johnſon von Phillis Waters jetzt ſo viel geſehen und gehört hatte, daß jeder vernünftige Mann Gott gedankt hätte, nicht mit unauflöslichen Banden an ſie gekettet zu ſein, fühlte er doch den peinlichſten Wunſch, zu erfahren, wann und wie ſie zu⸗ rückkehren würde. Getrieben von dieſer verhängnißvollen Neugier und zum Theil unter dem Einfluß der Trunkenheit, ging er gegen zehn Uhr des Abends auf die Straße hinaus, auf welcher ſie zu⸗ rückkehren mußte. Der Weg von Woodſield nach der Stadt Scrapeton führt durch eine lange einſame Hecke, auf der einen Seite von dem Wald von Borough Park, auf der andern von einer theilweis durchbrochenen Hagedornhecke begrenzt, die damals der Mai mit tauſend Blüthen⸗ kränzen geſchmückt hatte. Die Hecke ſchied den Weg von einem Felde, das den Namen des Mergelgrubenfeldes trug, weil darauf eine mit tiefem Waſſer gefüllte Grube lag, aus welcher man früher große Maſſen Mergel gegraben hatte. Die Grube lag dicht am Wege, von dem ſie nur durch einen rohen Stangenverſchlag getrennt war, und die Straße war hier ſo wenig breit, daß zwei Wagen ſich nur mit Mühe ausweichen konnten. Die ſchroffen Seitenwände der Grube waren im Laufe der Zeit abſchüſſig geworden und hatten ſich mit üppigem Grün bekleidet, indem Erlen und Weidenbüſche und andere Waſſer⸗ bäume darum wuchſen, die jetzt mit reichem Laub bedeckt waren und dem unheimlichen Ort ein maleriſches Anſehen gaben. Nachdem Barak Johnſon die Straße von Woodſield nach Serape⸗ ton dreimal auf⸗ und abgeſchritten war, ohne derjenigen zu be⸗ gegnen, die er zu finden ausgegangen, blieb er hier ſtehen, lehnte ſeinen gigantiſchen Körper gegen eine der alten krummgewachſenen Weiden, die an der Ecke der Grube ſtanden, und ſchaute mit düſterm Blick auf das ſtille, tiefe Waſſer hinab, das in dunklen Umriſſen ſeine Geſtalt widerſpiegelte. Die Mondſcheibe war voll und das ſilberne Blau des Horizonts mit einigen der ſtrahlendſten Geſtirne beſetzt, welche in dem Glanze, womit das Mondlicht die Nacht erleuchtete, allein ſichtbar waren, und jeder dieſer Sterne leuchtete in einem andern Lichte in beſon⸗ derer Schönheit, als wolle er des Apoſtels ſchönes Wort verherr⸗ lichen. Dieſe Stelle der Bibel trat in aller ihrer feierlichen Schönheit mit allen ihren heiligen Verheißungen in das ſturmzerwühlte Ge⸗ müth des einſamen Wanderers, der mit gefalteten Armen und gedankenvoller Stirn daſtand und Rückſprache hielt, nicht mit der Natur oder mit Gott, ſondern mit ſeinem eigenen, getrübten Geiſt. Es war eine ſchöne Sommernacht, die Luft mit tauſend Düf⸗ ten beladen, und auf den Blumen glaͤnzten die Thautropfen im Mondſchein. Alles um ihn her war friſch, kühl, lieblich, Alles athmete Ruhe und Frieden— nur die Seele von Barak Johnſon nicht. Sein Ohr hörte das Lied der Nachtigallen nicht, die in 18 einem Gebüſch in ſeiner Nähe ſangen und welchen andere in dem Walde von Borough antworteten, ſein Ohr lauſchte nur athemlos auf die Töne der Luſt, der Unmäßigkeit, der zügelloſen Ausſchwei⸗ fung, welche aus der menſchenerfüllten Stadt in der Ferne er⸗ klangen, oder von den Gruppen, die vom Jahrmarkte nach Hauſe zogen und mit thörichter Geſchwätzigkeit und rohem Geſchrei die Stille der Nacht unterbrachen. O, wie verwünſcht das kranke Herz ſolche Töne und fühlt den Schmerz immer wilder bei ihrer Wiederholung. Barak Johnſon hörte auf ſie, aber er verwünſchte ſie, wenn ſie in ſeine Nähe kamen, und ſtachelte ſich nach und nach ſelbſt in einen Zuſtand der Aufregung, der an Raſerei grenzte. Mehr als einmal hatte er mit düſterm Blicke die Tiefe des Ab⸗ grundes ermeſſen und gemurmelt. „Wuüͤrde nicht ein Sprung in dieſe Tiefe mich mit einem Male von meiner Qual befreien; ſollte ich in dieſem Waſſer keine Ruhe von meinen Kämpfen finden?“ Er dachte über dieſe Frage nach, und der Gedanke an die Fort⸗ dauer nach dem Tode begann ihm zweifelhaft zu werden, ihm, der ſeit Jahren nur in der Hoffnung auf den Himmel gelebt, für den er den Freuden der Welt und allen Vergnügungen entſagt hatte, weil ſie vergänglich wie der Augenblick und unvergleichlich gering gegen die Seligkeit Derer ſeien, die treu auf die beſſere Welt hoffen. Es war die Stunde der Finſterniß, die Hand des Verſuchers lag auf ihm, und eben als er dem ſündlichen Antriebe nachgeben wollte, der ihm zuflüſterte, ungerufen vor ſeinem Schöpfer zu treten, drang der Laut zorniger Stimmen und herannahender Fuß⸗ tritte an ſein Ohr. Die Nacht ging zu Ende, der untergehende Mond leuchtete nur noch mit bleichem Licht, und die leiſen Zeichen des herannahenden Morgens hatten den öſtlichen Himmel mit grauen und gelben Tinten gefärbt, ein friſcherer Wind erhob ſich, doch kühlte er das 19 Fieber in Barak Johnſon's Blut nicht; denn die Töne, die jetzt an ſein Ohr ſchlugen, drangen wie ein brennender Pfeil in ſein Herz— es waren die Stimmen von Phillis Waters und William Parry. Er horchte auf und erkannte bald, daß ſie in zornigem Geſpräch begriffen waren, und als ſie um einen hervorſpringenden Winkel der Hecke, der ſie bis jetzt ſeinen Blicken entzogen hatte, hervor⸗ traten, zog er ſich in den Schatten einer alten Erle zurück, um ihrem Zanke zuzuhören, der in der That nur die Fortſetzung deſſen war, welcher am vorigen Abend im Garten ſtattgefunden hatte. Barak hörte William Parry ſagen in Entgegnung auf ein bitteres Wort von Phillis: „Deine Schweſter wünſcht niemals an ſolche Orte zu gehen, und nichts könnte ſie vermögen, ſich in ſolche Geſellſchaft zu miſchen.“ „Wenn meine Schweſter Dir beſſer gefällt,“ erwiderte Phil⸗ lis heftig,„ſo nimm ſie doch, es wäre ſchade, wenn ich Euch davon zurückhalten ſollte.“ „Wenn es nicht jetzt zu ſpät wäre, ſo würde ich vielleicht eben ſo denken,“ antwortete Parry ruhig. „O, Herr Parry, es iſt immer noch Zeit zu einer Verände⸗ rung. Wir ſind, Gott ſei Dank, noch nicht verheirathet. Es iſt gut, daß ich Sie habe vollſtändig kennen gelernt, ehe es zu ſpät war. Ich kann Ihnen verſichern, daß, wenn auch Ihnen Ihr Wort nicht leid thut, mir es völlig verhaßt iſt. Und wenn Sie unſer Aufgebot zum zweiten Male von der Kanzel wollen ableſen laſſen, ſo werde ich in der Kirche aufſtehen und mit eigenem Munde es verbieten.“ „In dieſe Verlegenheit will ich Sie nicht bringen, Miß Wa⸗ ters,“ erwiderte der junge Mann;„das Aufgebot iſt zum letzten Male verleſen worden.“ „Da Sie ſo gefällig gegen meine Wünſche in einer Hinſicht 20 ſind, ſo werden Sie es wohl auch in einer andern Hinſicht ſein können und mich jetzt von Ihrer Geſellſchaft befreien,“ ſagte Phil⸗ lis zornig. „Nein, Phillis, ich kann Sie dieſen einſamen Weg in ſo ſpäter Nachtzeit nicht unbeſchützt gehen laſſen,“ entgegnete Wil⸗ liam feſt. „Und ich beſtehe auf Ihrer augenblicklichen Entfernung, Ihre Gegenwart iſt mir verhaßt. Sie kommen nur zu meiner Baſe, um unſer Vergnügen zu ſtören und Ralph Dennis abzuhalten, mich nach Hauſe zu begleiten.“ „Hätten Sie wirklich ſeine Geſellſchaft der meinigen vorgezogen, Phillis?“ fragte William vorwurfsvoll. „Gewiß, ich hätte Ihnen jeden Andern vorgezogen. Es wäre mir gewiß ſchwer geworden, irgend Jemand zu begegnen, den ich ſo durch und durch haſſe; und wenn Sie mich nicht ſogleich ver⸗ laſſen, ſo kehre ich zu der fröhlichen Geſellſchaft zurück, aus der Sie mich ſo ungeſtüm und ganz gegen meinen Willen fortriſſen.“ „Das ſollen Sie nicht,“ ſagte William.„Es iſt ſo ſchon keine anſtändige Zeit für Sie, ſich unterwegs blicken zu laſſen, und mögen Sie es gern ſehen oder nicht, ich werde Sie erſt ſicher bis zu Ihres Vaters Thüre führen, und dort mögen wir uns für immer trennen.“ Die Entgegnung des gekränkten Mädchens war ſo bitter und beleidigend, daß der junge Mann über alles Maß erzürnt, ſich endlich dennoch entfernte und eilig nach Woodfield zuſchritt. „Vielleicht ziehen Sie die Begleitung des„alten ſauertöpfiſchen Methodiſten“ für die kleine Strecke Weges vor?“ ſagte Barak Johnſon, aus ſeinem Verſtecke hervortretend, ſowie der letzte Laut der ſich entfernenden Schritte von William Parry verhallt war. Dieſe Anrede und die Plötzlichkeit ſeiner Erſcheinung erſchreck⸗ ten Phillis ſo, daß ſie aufſchrie, doch ſogleich auch ihren Geiſt wieder ſammelte und in dem ſanfteſten Tone entgegnete: 21 „Wer ſagt Ihnen, daß ich Sie ſo genannt habe, Mr. John⸗ ſon?“ „Deine eigenen Lippen, falſches, undankbares Weib!“ ant⸗ wortete er, und Phillis, die mit Schrecken ſich erinnerte, daß ſie dieſen Ausdruck bei dem Geſpräche mit ihrer Schweſter im Garten gebraucht hatte, änderte ihr Betragen und bemerkte ganz im Geiſte des Angreifers und mit einer Miene der Herausforderung: „Lauſcher hörten noch niemals etwas Gutes von ſich ſelbſt, und wer ſich zu dieſem unehrlichen Gewerbe hergiebt, muß auch hinnehmen, was ihm von der Achtung geſagt wird, in der er bei ſeinen Nachbarn ſteht. Ich aber meines Theils habe ſchon lange vermuthet, daß Sie ein heimlicher Feind von mir ſind und allen meinen Handlungen aufpaſſen.“ „O, Weib, Weib!“ rief Barak Johnſon heftig aus,„ich habe Dich nur zu ſehr geliebt, mehr als meinem Frieden auf Er⸗ den und meiner Hoffnung im Himmel gut war. Ich habe Dir in dem geheimen Tabernakel meines Herzens götzendieneriſche Altäre errichtet, auf denen ich Dir den Weihrauch zum Opfer brachte, der Gott allein gehört. Ich habe die Kreatur des Staubes, den vergänglichen Thon über den Schöpfer geſetzt und bin mit meiner Thorheit beſtraft worden. Uebel, ſehr übel biſt Du mit mir ver⸗ fahren, Phillis Waters, denn Du haſt die tiefe Ruhe einer Seele geſtört, welche ſtegreich die ſtürmiſchen Verſuchungen jugendlicher Leidenſchaften und den ungerechten Mammon von ſich gewieſen hatte. Und was, ich frage Dich, hat mein Verderben Dir genützt?“ Halb zornig und halb erſchreckt über die Heftigkeit ſeines We⸗ ſens ſuchte Phillis ihren Arm von dem ſeinigen loszumachen, während ſie entgegnete: „Es thut mir leid, wenn Sie die Sachen ſo ernſt genommen haben, Mr. Johnſon; Sie konnten aber doch niemals glauben, daß ich Sie heirathen würde?“ „Weshalb ſtrebteſt Du denn Tage, Wochen, Monate lang ſo 22 unermüdlich, meine Ruhe zu untergraben, und ließeſt nicht eher ab, bis Du mich zehnmal mehr zu einem Kinde des Verderbens gemacht hatteſt, als Du ſelbſt biſt? Was hatte ich Dir gethan, wie hatte ich Dich beleidigt, daß Du mir dieſes Leid anthateſt?“ fuhr er leidenſchaftlich fort. „Sie ſprechen ſo ſonderbar, ich weiß wirklich nicht, wie ich Ihnen antworten ſoll!“ ſagte Phillis, ernſtlich beſorgt über die zunehmende Heftigkeit ſeines Weſens. „Du kannſt mir nicht antworten, Du wagſt mir nicht ins Ge⸗ ſicht zu blicken und willſt meinen Vorwürfen entgehen; doch Du kannſt und ſollſt mir nicht entſchlüpfen, Phillis Waters!“ erwi⸗ derte er heftig. „Ich will nicht aufgehalten werden,“ ſagte Phillis zornig,„es iſt ſpät und ich muß nach Hauſe. Durch Quälereien und Vor⸗ würfe werden Sie mich nie dazu bringen, gegen meine Neigung Ihr Weib zu werden.“ „Mein Weib? Phillis Waters!“ rief Barak Johnſon mit höh⸗ niſchem Gelächter.„Ja, einſt war der Gedanke, Dich ſo nennen zu können, die Hoffnung und das Entzücken meines Lebens. Dieſe Zeit iſt dahin, dieſe Hoffnung gleich allen irdiſchen Gedanken, die unſere Herzen von Gott trennen, iſt zu einem Scorpion gewor⸗ den, den ich, Thor und Wahnſinniger, der ich war! in meinem Buſen nährte, bis ich ſeinen Stich fühlte und vergeblich ihn da⸗ raus zu reißen ſuchte. Ich bin ein elender, ein ſehr elender, ein ſtrafbarer Menſch! Aber Du haſt mich dazu gemacht, und wie, wenn das Feuer, das Du angezündet haſt, Dich nun in ſeiner zerſtörenden Wuth verzehren ſollte? Du haſt den Wirbel⸗ wind geſäet und es iſt Zeit, daß Du den Sturm ärnten mußt.“ Phillis zitterte, als ſie bei dem Schein des untergehenden Mondes die wilde Verzerrung in ſeinen Zügen, den wüthenden Blick ſeiner Augen ſah und das halb wahnſinnige, halb hölliſche Gelächter hörte, mit dem er ausrief: .. ö 23 „Mein Weib! Ha! ha! ha! Mein Weib! Nein, Phillis Waters, Du wirſt nie mein Weib, noch das eines andern Mannes ſein.“ „So muß ich mich denn gefaßt machen, als alte Jungfer zu ſterben,“ erwiderte ſie mit ſcheinbarem Leichtſinne, während ein entſetzliches Grauen ihr Herz ergriff. Er blickte ſie mit furchtbarem, wild verzerrtem Blicke an. „Sie können... Sie dürfen.... Sie wollen nicht!“ rief ſie voll Entſetzen, vergeblich nach allen Seiten nach Hülfe aus⸗ ſehend. Sein Auge folgte ihr in allen ihren Richtungen, ſeine rauhe, laute Stimme ſank zu einem heiſeren Geflüſter herab, wäh⸗ rend er ſagte: „Du ſiehſt, wir ſind allein, Phillis Waters! Du biſt in meiner Hand, verlaſſen von Gott und den Menſchen!“ Sie rang mit wahnſinniger Heftigkeit, doch ihr ſchwacher Kör⸗ per war in der Hand eines Rieſen. Seine mörderiſche Fauſt lag an ihrer Kehle, und der halberſtickte Schrei erſtarb auf ihren krampf⸗ haft geſchloſſenen Lippen. Ihre Hand gab machtlos den Griff nach ſeinen Armen auf, ihr Kopf fiel ſchlaff an ſeinen Buſen, und ihr Körper ruhte todt in ſeinen Armen. Der untergehende Mond verſchleierte ſeine Strahlen vor der Scene des Gräuels, doch das düſtere Zwielicht des Morgens reichte hin, dem Mörder die entſetzliche Veränderung wahrnehmen zu laſſen, die in dem Geſichte ſeines Opfers vorgegangen war. Der Todeskampf war vorüber, ſtand aber in lesbaren Zügen in dem krampfhaft verzogenen Geſichte, über das ſich jetzt das Schweigen und die Unbeweglichkeit des Todes gebreitet hatte. Die Thränen hingen noch immer in großen, ſchweren Tropfen an ihren Wangen und an ihren ſchönen Augenlidern; ihre rei⸗ zenden Locken, die während des Todeskampfes ſich unter dem Hute gelöſt hatten, fielen in ungeordneter aber ſchöner Fülle über ihr Geſicht und ihren Buſen. Sie allein waren unverändert, und ihre wundervolle Schönheit bot einen ſonderbaren Contraſt mit 24 dem peinlichen Ausdruck ihrer krampfhaft zuſammengezogenen Lip⸗ pen und ihren weitgeöffneten Augen, deren Sterne die Pein des Todes weit hervor nach oben getrieben hatte. Der Ton von herankommenden Fußtritten verhinderte Barak Johnſon, ſein Werk länger zu betrachten. Die That zu verbergen war ſein nächſtes Ziel, und der tiefe Mergelpfuhl, in deſſen Nähe ſie verübt war, bot die beſte Gelegenheit dar. Er hob die an⸗ muthige und immer noch warme Geſtalt, die jetzt in hülfsloſer Laſt auf einem ſeiner Kniee ruhte, in ſeine kräftigen Arme und ſchleuderte ſie über das Geländer in den Abgrund hinab. Düſter ſah er den Leichnam in den Schooß der tiefen Waſſer verſinken. Doch ehe noch die Bewegung derſelben ganz aufgehört hatte, erſchreckte den Mörder der vorſichtige Fußtritt eines Man⸗ nes auf dem Wege in ſeiner Nähe, und als er ſich entſetzt um⸗ wandte, bemerkte er faſt an ſeinen Ellenbogen einen Menſchen, der zu ihm ſagte: „Doch kein Unfall? Ich hörte etwas hinabfallen.“ Ein Blick beruhigte Barak über die Beſorgniß unmittelbarer Entdeckung, denn er ſah, daß die Augen deſſen, der wahrſchein⸗ lich ein Zeuge der That geweſen, lichtlos waren. Es war ein blinder Bettler, der von dem Jahrmarkte heimkehrte. Vollkommenes Schweigen wäre unter ſolchen Umſtänden Barak Johnſon's beſte Sicherheit geweſen; doch gewöhnlich geht der Schuldige in ſeiner übergroßen Sorgfalt, ſich ſicher zu ſtellen, über das Ziel hinaus. Barak hielt eine Erklärung des Falles für noth⸗ wendig und erwiderte: „Es war ein alter Pfoſten, an den ich mich gelehnt hatte und der ins Waſſer fiel.“ „Ihr müßt ihn hineingeworfen haben, und zwar mit aller Ge⸗ walt, weil es ſo platſchte. Ich hätte aber ſchwören mögen, ein ſchwererer Körper, als einer von dieſen Pfoſten, hätte den Fall veranlaßt,“ bemerkte der Blinde. 2⁵ „Wie könnt Ihr die Schwere dieſer Pfoſten kennen, da Ihr ſie nicht ſehen könnt?“ fragte Johnſon zornig, in welchem die natürliche Reizbarkeit die Oberhand über ſeine Vorſicht bekam. „Braucht man das Augenlicht, um über berührbare Gegen⸗ ſtände zu urtheilen?“ ſagte der Bettler, der ſeinen Stab längs des Geländers hingleiten ließ. „Nehmt Euch in Acht, guter Mann, oder Ihr fallt ſelbſt in das Waſſer!“ rief Johnſon, beunruhigt über dieſes Treiben. „Ohne Furcht, lieber Herr!“ erwiderte der blinde Mann, „die Pfoſten ſtehen alle noch an ihrer Stelle, keiner fehlt. Man braucht die Augen nicht, um eine Unwahrheit zu entdecken.“ Barak Johnſon hatte genug gehört, um ſich zu überzeugen, daß ſein Verbrechen, wenn auch ungeſehen, doch nicht unbearg⸗ wohnt geblieben, und von paniſchem Schrecken ergriffen, floh er von dem Orte hinweg, nicht den geraden Weg, ſondern einen Umweg einſchlagend, der ihn über die Felder näch Woodſield führte. Inzwiſchen hatte Sara Waters die Nacht wachend zugebracht, ängſtlich auf die Rückkehr ihrer leichtſinnigen Schweſter wartend. Bis Mitternacht hatte ihr Vater ihr Geſellſchaft geleiſtet, war aber dann mit den Worten, Phillis werde wohl bei ihrer Baſe über⸗ nachten, zu Bett gegangen. Sara fühlte dieſe Ueberzeugung nicht; ſie wußte, daß William Parry, ſeiner Abneigung ungeachtet, um neun Uhr des Abends nach dem Jahrmarkt gegangen war, in der Abſicht, Phillis zu vermögen, zu anſtändiger Zeit nach Haus zurückzukehren. Daß ihm dies nicht gelungen, war klar; doch ſie war auch überzeugt, daß ihn nichts vermögen würde, die ganze Nacht auszubleiben, und wenn Phillis darauf beſtanden hätte, würde er gewiß zu ihr gekommen ſein, um ſie von ihrer Schweſter Abſicht zu unterrichten. Deshalb wartete ſie immer noch auf ihre Rückkehr. Stunde auf Stunde verging, und Phillis kam nicht. Sara wurde ihrer Arbeit überdrüſſig, legte ſie weg und nahm ein Buch; 26 doch der Inhalt war trocken und ſchwerfällig, und da ſie ihre Auf⸗ merkſamkeit dabei nicht feſthalten konnte, legte ſie es weg, ſchloß die Glasthür auf, die in den kleinen Garten führte und ging an das Geländer, um zu lauſchen. Alles war ſtill im Dorfe, nur in dem Hauſe von William Parry's Mutter ſah ſie ein Licht und erkannte daraus, daß er noch nicht zurückgekehrt war. Die Thurm⸗ uhr ſchug zwei, während ſie noch im Garten ſtand; ſie wunderte ſich über die verlängerte Abweſenheit des Paares, trat wieder in das Haus zurück, putzte das Licht und griff wieder nach dem Buche, um ſich durch Leſen die Zeit zu vertreiben. Der Verſuch führte unwiderſtehliche Schläfrigkeit herbei, und mit dem Buche in der Hand ſank ſie ſchlafend auf den Tiſch. Ihr Schlummer war ſchwer und nicht erquickend; verworrene Bilder des Schreckens umlagerten ſie, und plötzlich ſchrak ſie auf, froſtig, mit einem geheimnißvollen Gefühle des Schreckens in ihrem Gemüthe. Sie fand ſich in tiefer Dunkelheit, denn das Licht war während ihres Schlafes herabge⸗ brannt. Einen Augenblick lang ſchlug ihr Herz ängſtlich, doch bald gewann ſie wieder ihre Ruhe, öffnete die Laden an der Glasthüre und ſah mit Zufriedenheit, daß es bereits Morgen ſei. Aengſtliche Beſorgniß um ihre Schweſter ſchreckte ſie von Neuem auf. Sie ging wieder an das Gartenpförtchen und ſah noch immer das Licht in Mrs. Parry's Zimmer düſter im grauen Licht des Morgens brennen und war feſt überzeugt, daß eine unglückliche Urſache die verlängerte Abweſenheit der beiden jungen Leute veranlaßt haben müſſe. Sie konnte ihre Einſamkeit nicht mehr ertragen, nahm ihren Hut und Shawl und ging eine kleine Strecke auf dem nach Scrapeton führenden Wege hin. Beim Eingange in den Mergelgrubenweg begegnete ſie William Parry allein und ſehr aufgeregt. „Wo iſt Phillis?“ fragte ſie überraſcht. „Fragen Sie mich nicht,“ antwortete er tief bewegt.„Mit Phillis und mir iſt es für immer aus.“ 27 „Wirklich?“ fragte Sara erſchrocken;„aber wo haben Sie ſie verlaſſen?“ „Bei der Mergelgrube,“ entgegnete er. „Dann muß ich ſie in wenig Minuten finden.“ „Ja, wenn ſie nicht auf den Jahrmarkt zurückgegangen iſt, nachdem ich ſie verlaſſen habe.“ „Aber warum haben Sie ſie verlaſſen, William? Gewiß, es war nicht freundlich, bei ſo ſpäter Nachtzeit es zu thun,“ ſagte Sara. „Ich blieb bei ihr, ſo lange ich es aushalten konnte, aber ſie war zu unleidlich. Doch war es wohl Unrecht, ſie zu verlaſſen, und ich will mit Ihnen zurückgehen, Sara, bis wir ſie finden, wenn Sie meinen Arm nehmen wollen.“ „Ihre Begleitung nehme ich gern an, nur Ihren Arm nicht,“ entgegnete Sara, und ſie gingen ſchweigend nebeneinander, bis ſie an die Mergelgrube kamen. „Hier trennten wir uns von einander,“ bemerkte William, „und ſie muß wohl wieder auf den Jahrmarkt gegangen ſein, da wir ihr noch nicht begegnet ſind.“ „Das leichtſinnige Mädchen!“ ſagte Sara.„Ich fürchte es ſelbſt, und da ich einmal ſo weit bin, will ich vollends nach Scrapeton gehen und verſuchen, ſie mit zurückzuführen.“ William Parry fand dieſen Entſchluß ſehr angemeſſen und fuhr fort, Sara zu begleiten, doch, wie bisher, wanderten ſie ſchweigend nebeneinander hin, Jedes ſeinen eigenen peinlichen Empfindungen hingegeben, und ihr Betragen gegeneinander war gezwungen und faſt feindlich. Die Thurmuhr der Stadt ſchlug vier, als ſie in Scrapeton ankamen, welches ein empörendes Bild der verderblichen Wirkung der Jahrmaͤrkte auf die niedern Klaſſen der Geſellſchaft darbot. Einige Nachtſchwärmer waren immer noch munter, als William und Sara im Hauſe von Sophy Cooper ankamen, denn die ſchmale 3* 28 Wohnung konnte nicht dem zehnten Theil der jungen Leute, welche ſich am Abende dort verſammelt hatten, Betten verſchaffen. Das Erſcheinen Sara's und die Rückkehr William's zu ſo un⸗ gewöhnlicher Stunde erregte Erſtaunen und manche bösliche Ver⸗ muthung in der Geſellſchaft; doch als ſie nach Phillis fragten, brachen alle Anweſende in einen Ausruf der Verwunderung aus, und ein junges Mädchen erwiderte in einem Tone ganz beſonderer Muthwilligkeit: „Nun, Sie, Mr. Parry, ſollten darüber die beſte Auskunft geben können, ſie verließ ja mit Ihnen das Haus, und wir Alle ſahen es als ſehr unfreundlich von Ihnen an, daß Sie unſere Luſt ſtörten und zankend und ſcheltend ſie gegen ihren Willen von uns fortriſſen.“ „Und,“ ſagten Andere,„die hübſche Phillis Waters hat eine böſe Ausſicht, was ihr bevorſteht, wenn Sie erſt Ihre Frau iſt, da Sie ihr ſchon jetzt ſo herriſch entgegentreten.“ Ohne dieſe Bemerkungen zu berückſichtigen und Sara's beſorgte Blicke zu beruhigen, nahm William ſeinen Hut, um Phillis in andern Häuſern aufzuſuchen; doch nirgends wollte man ſie geſehen haben, ſeit ſie in ſeiner Geſellſchaft die Stadt verlaſſen hatte. Er wurde jetzt ernſtlich beſorgt, und ſein Geſicht verrieth dieſe Stim⸗ mung deutlich, als er nach langem und natürlich fruchtloſem Nach⸗ fragen nach ihrer Schweſter zu Sara zuruckkehrte. Sara gedachte ihrer Ahnung vom vorigen Tage, daß aus Phillis' Beſuch des Jahrmarkts ein Unglück entſtehen würde. Sie glaubte, es ſei ſchon in Erfüllung gegangen, und die Folgen der ſchlaflos verbrachten Nacht vermehrten nur noch die drückende Unruhe und Beängſtigung ihres Gemüths. Sie drängte William Parry, ſchleunig mit ihr nach Woodſield zuruckzugehen, und als ſie wieder an der Mergelgrube vorüber⸗ gingen, wurden ſie Beide von einer traurigen Empfindung ergriffen, William, weil er hier das junge Mädchen verlaſſen hatte, Sara 29 aber wegen der eigenthümlichen, finſtern Schrecken, mit welchen der düſtere Ort ſie erfüllte. In Woodſield hörte ſie, daß Phillis noch immer nicht angekommen ſei, und William trennte ſich von Sara mit dem Verſprechen, er wolle nicht ruhen, bis er die Mer⸗ gelgrube durchſucht habe, denn dort möchte ihr wohl ein Unglück widerfahren ſein. Barak Johnſon hatte inzwiſchen Alles beobachtet, was in ſeines Nachbars Hauſe vorging, nachdem er in früher Morgenſtunde nach ſeiner eigenen Wohnung zurückgekehrt war. Gegen ſieben Uhr ſah er Sara und William von ihren erfolgloſen Nachforſchungen nach Phillis wiederkehren und erkannte aus ihren blaſſen Geſichtern und ihren beſtürzten Mienen, wie beunruhigt ſie über ihre Abweſenheit ſeien; doch als er von William Parry hörte, daß er die Grube unterſuchen wolle, ergriff ihn die Angſt, die Entdeckung des Leich⸗ nams möchte den Verdacht des Mordes auf ihn wenden, und er dachte nach, ob es nicht vielleicht gut ſei, ſein Opfer daraus zu entfernen und es im Parke von Borough heimlich zu beerdigen. Doch bald verwarf er dieſen Gedanken wieder, da ſeine Ausfüh⸗ rung weit eher zu ſeiner Entdeckung Anlaß geben müſſe, als wenn er den Leichnam in der Grube ließe. „Denn,“ dachte er,„das Waſſer iſt finſter und ſumpfig, die Grube ſehr tief und voller Löcher, und Parry wird wohl nicht ſehr ſorgfältig den Ort unterſuchen, da er keinen eigentlichen Grund hat, zu vermuthen, Phillis ſei dort ermordet worden. Warum vermuthet man nicht, daß das Mädchen von einem der Offtziere des in Scrapeton und der Umgegend ſtehenden Regiments ſich hat entführen laſſen?“ Und er war wirklich böſe auf William Parry, daß ihm dieſer Gedanke nicht eingefallen war. Der Gedanke hatte aber wirklich Sara ſchon beſchäftigt, und nur die Ahnung, die ſie den ganzen vorigen Tag nicht hatte ruhen laſſen, ihrer Schweſter ſtehe bei dem Beſuche des Jahrmarktes 30 ein Unglück bevor, ließ ſie nicht dabei verweilen und brachte ihr die Meinung bei, dieſe Ahnung ſei jetzt in Erfüllung gegangen. Schon wollte Barak Johnſon Sara ſagen, er habe zu früher Morgenſtunde auf dem Wege nach London Phillis mit einem Of⸗ fizier in einer Poſtkutſche geſehen, nur fürchtete er durch die Er⸗ klärung, daß er ſie überhaupt geſehen hätte, den Verdacht auf ſich zu ziehen. Dann dachte er einen Brief an ihren Vater zu ſchrei⸗ ben und dieſen ſo einzurichten, als käme er von einem Herrn, der ſeine Tochter in Schutz genommen hätte; doch auch dieſen Plan verwarf er bei näherer Ueberlegung, und ehe er noch zu einem Entſchluß kommen konnte, wie er Phillis' Freunden den Argwohn an einen Mord nehmen könne, wurde er durch das Getümmel und das Geſchrei einer herandringenden Menge davon abgezogen. Er trat an das Fenſter, welches die Straße von Serapeton nach Woodfield beherrſchte und ſah eine große Menge Menſchen von der Seite der Mergelgrube her ſich dem Dorfe nähern. Er ward bald blaß, bald roth, als die Beſorgniß in ihm erwachte, der Leichnam ſei bereits gefunden, und ſuchte ſeinen fallenden Muth durch den Gedanken zu heben, es ſeien wohl nur die bis zuletzt gebliebenen Jahrmarktsgäſte, die jetzt in Geſellſchaft nach dem Dorfe zurückkehrten. Doch als die Menge näher kam, über⸗ zeugte er ſich, ſowohl aus ihrer Anzahl, als aus der Heftigkeit ihrer Gebehrden, während ſie laut und ernſt über einen Gegen⸗ ſtand ſprachen, der Alle auf gleiche Weiſe gewaltig aufregte, daß etwas Außerordentliches ſie zuſammengeführt haben müſſe, und wurde in dieſer Vermuthung noch beſtärkt, als er ſah, daß aus dem Dorfe eine Menge Menſchen von allen Seiten dem Zuge entgegeneilte. Die Schuld iſt ſtets furchtſam, und als Barak Johnſon die Haltung des Volkes gewahrte und es in das Dorf einlenken ſah, g 9 wurde ſein Athem kürzer, ſeine Kniee ſchlugen hörbar aneinander; aber wie ſteigerte ſich ſeine Pein, als das Getümmel ſich ſeinem 31 Hauſe näherte und er ſah, wie ſechs Männer in der Mitte des Haufens auf einem Thorflügel eine Geſtalt trugen, die, obgleich von einem großen Mantel bedeckt, nur zu deutlich die Umriſſe einer menſchlichen Geſtalt zeigte, während die ſtarre Unbeweglichkeit der Haltung eben ſo, als die ernſt gemeſſenen Schritte der Träger und das Entſetzen, das Staunen und der Schmerz, der ſich auf den Geſichtern der umſtehenden Menge ausdrückte, deutlich darthat, daß es ein Leichnam, der Leichnam eines Gemordeten ſei. Der Zug hielt vor dem Hauſe von Phillis Waters, und wäh⸗ rend die gaffende Menge vor dem Gartenthore ſtehen blieb, wurde die Entſeelte in das Haus getragen. Johnſon ſah nichts mehr, er fiel ohnmächtig auf den Boden nieder. Heftige Schläge an der Thür weckten ihn nach geraumer Zeit aus ſeiner Erſtarrung. Er taumelte auf und wußte nicht, ob er öffnen oder ſich ſchlafend ſtellen ſollte, bis der Lärm immer ärger wurde. Da faßte er wieder Muth, ſo daß er mit kecker Stirn denen entgegentreten konnte, die ihn, wie er glaubte, als den Mörder ergreifen wollten. d Er irrte ſich, es war nur eine Aufforderung, bei der Todten⸗ ſchau, die über die Ermordete gehalten werden ſollte, als Vor⸗ mann der Geſchwornen den Vorſitz zu führen. „Gräßlich, gräßlich!“ dachte Barak Johnſon,„wie kann ich das ertragen!“ Doch ſelbſt in dieſer Förderung lag Stoff genug für ihn, ſich Glück zu wünſchen, denn es gab ihm den unzweifelhaften Beweis, daß noch kein Schatten eines Verdachts auf ihn gefallen ſei, und als er gedachte, wie ſehr ſeine Sicherheit durch die Annahme dieſes Antrags geſteigert werden würde, ſo beſchloß er, es anzunehmen, waffnete ſich mit einer eiſernen Stirn und ging keck dem Furcht⸗ barſten entgegen, was ihn erwarten konnte. Und wirklich erforderte die Aufgabe eine Stirn von Eiſen, um ſich mit den übrigen Geſchwornen zu einigen, den Leichnam 32 ſeines Opfers zu unterſuchen, doch zwang er ſich zur Ruhe, be⸗ ſchaute die kalte Form des einſt ſo wahnſinnig geliebten und grau⸗ ſam gemordeten Weibes mit ſcheinbarer Kaltblütigkeit und hielt Alles von ſich fern, was den Verdacht auf ihn ziehen konnte, beſonders, da er unter den Zeugen den blinden Bettler bemerkte, mit dem er die wenigen Worte nach vollbrachter That gewechſelt hatte.— Man verdankte auch dieſem und beſonders ſeinen dringenden Vorſtellungen, die Grube zu unterſuchen, daß der Leichnam ge⸗ funden worden war. Da ſtand auch der ſchmerzerfüllte Vater und die bleiche, weinende Schweſter des Opfers, die in der erſten Bitterkeit ihres Unglücks herbeigerufen worden waren, Phillis' Leichnam anzuerkennen und Zeugniß zu geben von der Zeit und den Umſtänden, wann und unter welchen ſie nach dem Jahrmarkt gegangen und zurückgekehrt war, um ein ſo furchtbares Schickſal zu erfahren. Denn daß ſie gemordet war, daran konnte kein Zweifel ſein. Aber von wem? Das war eine Frage, die Anfangs Allen räthſel⸗ haft dünkte. Ein Raubmord war es nicht, denn der Leichnam war nicht beraubt, die Ohrglocken und die Ringe, mit denen ſich die Verſchiedene in ihrer Eitelkeit gern geſchmückt hatte, und die Börſe ſelbſt waren unangerührt bei ihr gefunden worden. Da ſtand auch William Parry, deſſen Lage bald ſchlimmer und und unglücklicher, als die aller Andekn ward. Man hatte ihn von dem Sterbebette ſeiner Tante weggeſchleppt, weil ſich leiſe der Verdacht regte, er könne der Mörder von Phillis Waters ſein. Und in der That häuften ſich nach und nach eine Maſſe von außer⸗ ordentlichen Umſtänden gegen ihn zuſammen, wie ſie nur jemals ein Geſchwornengericht zu einer falſchen Meinung führten. Er war zuletzt mit ihr geſehen worden, am Abend vor dem Mord hatte er zornige Worte mit ihr gewechſelt, und auf dem Jahrmarkt ſelbſt hatte er in dem Hauſe ihrer Baſe nach einer ſtürmiſchen 33 Scene das Recht eines verlobten Bräutigams in Anſpruch genom⸗ men, um ſie von dort zu entfernen, und ſeitdem war ſie nicht wieder geſehen worden. Sophy Cooper und ihre Freunde hatten ſich höchlich beleidigt gefühlt über die unverhüllte Verachtung, mit der er die Unterhal⸗ tung betrachtete, deren ſie ſich hingaben, als er zu ihnen kam, und jetzt bot ſich ihnen eine furchtbare Gelegenheit, ihr rachſüch⸗ tiges Gefühl zu befriedigen. Das Zeugniß, das ſie von ſeinem Betragen an jenem ereignißvollen Abend gaben, ließ daher bei den Geſchwornen wenig Zweifel zurück, daß er des Verbrechens ſchuldig ſei, deſſen man ihn anklagte. Der junge Mann, mit welchem Phillis getanzt hatte, als Parry in das Zimmer getreten war, behauptete, er habe zu Sophy Cooper bemerkt, daß er für Phillis es nicht gerathen hielte, in der Gemüthsſtimmung, in welcher William Parry jetzt ſei, mit ihm fortzugehen, denn ſeine Blicke und ſein Betragen und der Ton ſeiner Stimme ſei wüthend und zeigten viel Bosheit. Dieſes Zeugniß wurde von Sophy Cooper und ihren Freundinnen be⸗ ſtätigt und machte auf die Geſchwornen einen großen Eindruck; ſelbſt Sara konnte ſich nicht erwehren, ſich auf die Seite ſeiner Ankläger zu ſtellen und an ſeiner Unſchuld zu zweifeln; denn der aufgeregte Zuſtand, in dem ſie ihn am Eingange des Mergelgru⸗ benwegs faſt zu der Zeit getroffen hatte, in welcher der Mord geſchehen ſein mußte, ließ keine andere Erklärung zu, und ihre Ausſage beſtätigte die übrigen Zeugniſſe auf beſondere Weiſe. Nur ein Umſtand war zu Parry's Gunſten. Der blinde Bettler erklärte ſeine feſte Ueberzeugung, daß er nicht die Perſon ſei, mit der er an der verhängnißvollen Grube geſprochen habe, und als man ihn um den Grund fragte, entgegnete er:„Die Stimme iſt anders.“ Man warf ihm ein, daß ſein Ohr ſich wohl zuweilen irren könnte. 34 „Bis jetzt geſchah es noch nie,“ erwiderte der Blinde,„und ich ſage Euch mit voller Ueberzeugung, daß der Gefangene nicht Derjenige iſt, mit welchem ich geſprochen. Der Gefangene ging auf der Straße nach Scrapeton an mir vorüber. Er ſprach mit einem Mädchen. Sie ſtritten ſich. Es ſchien ein Zank zwiſchen Verliebten zu ſein, und ſie war ſehr beißend in ihren Antworten; doch ſie überholten mich, denn ich, ein blinder Mann, muß lang⸗ ſam und vorſichtig gehen. Bald nachher hörte ich eines Weibes Stimme um Hülfe ſchreien. Ich glaubte, es wäre dieſelbe, und beeilte meine Schritte; doch gerade zuvor, ehe ich den Fleck er⸗ reichte, von dem es ausgegangen war, hörte ich einen ſchweren Fall ins Waſſer und erkannte aus dem Tone, daß ein menſchliches Weſen in tiefes Waſſer geſtürzt ſein müſſe.“ „Wie konntet Ihr ſolch' einen Ton ſo leicht errathen und zu dieſem Schluß kommen?“ fragte der Todtenbeſchauer. „Weil,“ entgegnete der Zeuge,„eine Schweſter von mir einſt von hohem Ufer herab in einen Mühlbach fiel und ertrank, da Niemand zugegen war, als ich, der ihr keine Hülfe geben konnte; und ich werde nie das Gefühl vergeſſen, das mich bei dieſem Tone erfaßte. Es können jetzt faſt vierzig Jahre her ſein, doch immer noch glaube ich ihn zu hören, und wie hätte ich mich täuſchen können, als ich einen ähnlichen Laut wie jenen vernahm? Der Mörder ſagte mir, ein Pfoſten ſei ins Waſſer gefallen; doch ich wußte, daß das falſch war, ehe ich noch die Umzäunung mit meinem Stabe befühlte und ſie ganz feſt und ſicher fand. Seine Stimme war ſonderbar, hart und laut und mit dem nordiſchen Aecent, wie bei einem Grenzer. Die des Gefangenen iſt ſanft und angenehm und er ſpricht ſingend, wie alle die Leute in dieſer Gegend, woran man einen Bewohner von Suffolk über die ganze Welt weg lerkennen kann. Ich bin ganz England durchwandert, und wenn vierzig Leute aus vierzig verſchiedenen Grafſchaften hier wären, wollte ich aus der Sprache eines Jeden die Grafſchaft erkennen, in der er geboren iſt, es müßten denn vornehme Leute ſein, die in die Londoner Schulen gehen und den beſondern Accent ſo ablegen, bis man nicht weiß, wer ſie ſind, oder von wannen ſie kommen.“ Ein kalter Schweiß bedeckte Barak Johnſon's Stirn während des Verhörs des blinden Zeugen, deſſen genaue Beſchreibung ſeiner Stimme jeden Nerv in ſeinem rieſigen Körper vor Entſetzen er⸗ zittern ließ. Doch das Vorurtheil gegen den jungen Mann Wil⸗ liam Parry war bei den Geſchwornen ſo ſtark, daß ſie ihn ein⸗ ſtimmig für den Mörder von Phillis Waters erklärten und ihren Vormann Johnſon beauftragten, das Urtheil„Vorbedachter Mord“ gegen den Unglücklichen auszuſprechen. Einen Augenblick lang ſchrak Barak Johnſon mit Entſetzen vor dem Gedanken zurück, einen Unſchuldigen für ſein Verbrechen büßen zu laſſen. Er verlangte fünf Minuten Bedenkzeit und kämpfte jetzt mit dem Bewußtſein ſeiner Schuld und dem Geiſt des Böſen in ſeiner umnachteten Seele. Endlich kam er zu einem Entſchluß. „Habe ich nicht,“ ſagte er bei ſich ſelbſt,„Gottes Geſetz ſchon zu ſehr überſchritten, als daß meine Verdammniß größer werden ſollte, wenn ich noch ein Verbrechen mehr begehe, zu welchem die Selbſterhaltung mich wider meinen Willen zwingt? Ich bin von Gott verlaſſen und der Macht des Böſen unwiederbringlich heimgegeben; nichts kann mich vor der Verdammniß retten, denn das war meine Beſtimmung von Anfang an.“ So dachte der unglückliche Mann bei ſich ſelbſt und ſprach mit ſeinen eigenen Lippen das Urtheil der Geſchwornen aus, das Wil⸗ liam Parry zum Tode verurtheilte. Bei dem Tone des erſten Wor⸗ tes, welches Barak Johnſon hören ließ, erſchrak der blinde Zeuge und wandte ſeine lichtloſen Augen nach der Stelle, wo er ſtand, mit einem Ausdruck, daß der bewußte Mörder glaubte, er erkenne ihn, trotz der Finſterniß, mit welcher ſein Auge umhüllt ſei, und ſchrie laut auf:„Die Stimme, die Stimme!“ „Von wem?“ fragten die aufgeregten Zuhörer eifrig. Der blinde Zeuge legte ſeinen Stab auf den Arm des Vor⸗ manns der Geſchwornen und erwiderte kurz und nachdrücklich: „Schaut dieſen Mann an.“ „Die Hand des Herrn iſt wider mich!“ rief Barak Johnſon und ſank bewußtlos nieder. Jetzt traten endlich Zeugen auf, welche Umſtände gegen ihn anführten, die man früher nicht beachtet hatte und jetzt, wo der Argwohn auf ihn gelenkt war, eine furchtbare Bedeutung erhielten. Er war auf dem Mergelwege, in der Nähe des Fleckes, wo der Mord begangen worden war, zu verſchiedenen Zeiten und von meh⸗ reren Perſonen während der Nacht lauernd geſehen worden. Sein unberührtes Bett gab die Ueberzeugung, daß er die Nacht nicht geſchlafen hätte, und ſeine Haushälterin hatte ihn erſt in früher Morgenſtunde zurückkommen hören. Endlich fand man auch einige der langen ſchönen Haare von Phillis Waters an den Metall⸗ knöpfen des Rockes, den er an dem Tage getragen, die wahrſchein⸗ lich in dem verzweifelten Kampfe dem unglücklichen Mädchen aus⸗ geriſſen und unbemerkt vom Mörder dort geblieben waren. Barak Johnſon wurde der That völlig überwieſen und erlitt die Strafe ſeines Verbrechens. Er geſtand ſeine Schuld und was ihn dazu getrieben, ohne jedoch ſein Verbrechen zu bereuen, denn er hielt an der Meinung feſt, er ſei von Anfang an von dem Geſchick zum Mörder beſtimmt geweſen und habe nur ausgeführt, was ihm auferlegt worden ſei. Einige Monate nach dieſen traurigen Ereigniſſen heirathete aber William Parry Sara Waters, mit welcher er das häusliche Glück genoß, was er als Gatte ihrer ſchönen, aber herzloſen Schweſter nie würde gekannt haben. Dr. Meyer. Die Conſtantin. Wir führen den Leſer ohne Weiteres in eine Pariſer Schenke in der Straße St. André des Arts, und zwar an einem November⸗ abend des Jahres 1658. Es war etwa ſieben Uhr. In einem niedrigen, verräucherten Zimmer ſaßen drei Edelleute um einen Tiſch, auf dem ſchon manche geleerte Flaſche ſtand. Sie mußten eben einen närriſchen Einfall gehabt haben, denn alle Drei lachten aus vollem Halſe. „Wahrhaftig,“ ſagte der Eine, als der erſte Sturm ihrer lärmenden Fröhlichkeit vorüber war,„es wäre ein köſtlicher Witz!“ „Entzückend! Und wenn's Dir recht iſt, de Jars, ſo bringen wir ihn noch heute Abend zur Ausführung.“ „Abgemacht, Meſſire Jeannin, vorausgeſetzt, daß der Vor⸗ ſchlag meinem allerliebſten Neffen kein zu großes Aergerniß giebt,“ ſagte der Commandeur de Jars und ſtreichelte einem jungen Mann, der neben ihm ſaß, liebkoſend die Wangen. „Ei ſieh da,“ erwiderte der Sparkaſſenſchatzmeiſter Jeannin, „Du ſprichſt da ein Wort aus, das meine Aufmerkſamkeit in An⸗ ſpruch nimmt. Schon einige Monate läuft dieſer Junker von Moranges mit Dir herum und folgt Dir wie Dein Schatten, aber noch nie haſt Du etwas von ſeiner Neffenſchaft erzählt. Wo zum Teufel iſt er denn her? Der Commandeur ſtieß den Junker mit dem Fuße an. Dieſer ſchenkte ſich langſam ſein Glas voll, um nicht antworten zu durfen. zapfen. „Wart,“ fuhr Jeannin fort,„ſoll ich einmal frei herausre⸗ den, wie ich's einſt zu thun gedenke, wenn es Gott gefällt, mich Rechenſchaft ablegen zu laſſen über die verliebten Sünden meines Lebens? Ich glaube Dir kein Wort. Es giebt keine andern Neffen, als Bruders⸗ oder Schweſterſöhne, Deine Schweſter aber iſt Aebtiſſin und Dein Bruder ſtarb kinderlos. Ich ſehe daher nur eine Mög⸗ lichkeit für Dich, auf dieſer Genealogie zu beſtehen, nämlich, wenn Du zugiebſt, daß hierbei die Liebe im Spiele iſt. Hat Dein Bru⸗ der oder gar Deine Schweſter, die Aebtiſſin.... 2* „Keine Verleumdung!“ „Nun, ſo ſage die Wahrheit! Ich laſſe mich von Dir nicht zum Narren halten, und der Henker ſoll mich holen, wenn ich Dir Dein Geheimniß nicht entriſſen habe, bevor ich dies Zimmer verlaſſe. Was Du Andern verbirgſt, das kannſt Du darum doch mir anvertrauen. Mein Beutel und mein Degen ſollen Dir zu Dienſten ſtehen, und Du willſt dabei den Geheimnißvollen ſpielen? Das iſt ſchlecht von Dir! Heraus damit, oder mit unſerer Freund⸗ ſchaft iſts vorbei. Das ſag' ich Dir, habe ich erſt eine Fährte entdeckt, ſo gebe ich ſie nicht ſo leicht wieder auf. Werde ſchon dahinter kommen, und dann ſoll es die ganze Stadt wiſſen. Jeden⸗ falls kommſt Du alſo beſſer weg, eine Ohrenbeichte abzulegen; Du weißt ja, ich bin verſchwiegen wie das Grab.“ „Wie er neugierig iſt!“ ſagte de Jars, ſtützte ſich auf den Ell⸗ bogen und ſtrich die Enden ſeines Schnurrbarts.„Ei, wenn ich mein Geheimniß auf der Dolchſpitze befeſtigte, würdeſt Du auf die Gefahr hin, Dich in die Finger zu ſchneiden, doch verſuchen, es zu löſen?“ 8 „Das kannſt Du mich fragen?“ ſagte der Sparkaſſenſchatzmei⸗ ſter und nahm auf der andern Seite des Tiſches dieſelbe Stellung ein,„mich? Haben die Aerzte nicht immer geſagt, ich ſei zu vollblütig? Es wäre ja eine wahre Wohlthat, mir etwas abzu⸗ Ich habe Alles zu gewinnen, Du Alles zu verlieren, ³⏑— R 39 denn bei Deiner gelben Geſichtsfarbe darf man nicht annehmen, daß Dir ein Aderlaß gut bekommen würde.“ „Alſo ſo weit würdeſt Du gehen? Dich einem Duell ausſetzen, wenn ich Dir verböte, in das einzudringen, was ich verbergen will?“ „Ja, auf Ehre. Und wozu entſcheideſt Du Dich?“ „Mein ſchöner Junge,“ ſagte de Jars zum Junker,„er hat uns feſt, und wir kommen nicht anders los, als wenn wir uns ihm auf Gnade und Ungnade ergeben. Ihr kennt den groben Kerl nicht wie ich; er iſt eigenſinniger, als man glauben ſollte. Man hat ein Mittel, einen Eſel in Bewegung zu ſetzen, der nicht mehr vorwärts will: man zieht ihn am Schwanze. Hat aber der da einmal etwas auf die Hörner bekommen, ſo können ihn alle Teufel der Welt nicht davon abhalten. Und die Klinge führt er meiſterhaft; wir thun daher am klügſten, ihm nachzugeben.“ „Thut, wie ihr wollt,“ ſagte der junge Mann. Ihr kennt mein Geheimniß und wißt, wie viel mir daran gelegen iſt, daß es unentdeckt bleibt.“ „O, Jeannin hat bei all ſeinen Laſtern auch einige Tugenden, und zu dieſen gehört vorzüglich ſeine Verſchwiegenheit; ſie hält ſeiner Neugier die Wage, und nach einer Viertelſtunde würde er ſich todtſchlagen laſſen, ehe er ein Wort verriethe, während er jetzt ſeine Haut zu Markte trägt, um zu erfahren, was man ihm nicht mittheilen will.“. Jeannin nickte bejahend, ſchenkte die Gläſer voll, ſetzte ſeines an den Mund und rief mit triumphirendem Tone: „Ich höre, Commandeur!“ „Nun gut, zunächſt ſollſt Du wiſſen, daß mein Neffe nicht mein Neffe iſt.“ „Und dann?“ „Daß der Name Moranges nicht ſein Name iſt.“ „Und weiter?“ „Ja, ſeinen wahren Namen kann ich Dir nicht nennen!“ I 40 „Warum nicht?“ „Weil ich ihn ſelbſt nicht weiß, und der Junker ſelbſt eben ſo wenig.“ „Welches Mährchen willſt Du mir aufbinden!“ „Die reine Wahrheit. Der Junker kam vor einigen Monaten nach Paris und brachte mir einen Empfehlungsbrief von einem Deutſchen, den ich vor mehreren Jahren kannte. Dieſer bat mich, ihn in meinen Schutz zu nehmen und ihn bei ſeinen Nachfor⸗ ſchungen zu unterſtützen. Du haſt ganz Recht, die Liebe iſt hier im Spiele, aber bis jetzt kennen wir den Herrn Vater noch nicht. Der junge Mann möchte natürlich eine Rolle in der Welt ſpielen und die Schulden, die er zu machen gedenkt, einſt von ſeinem Vater bezahlen laſſen. Darum iſt er denn auf Grund einiger An⸗ deutungen hergekommen, die wir jetzt verfolgen. Du ſiehſt ein, daß dabei die größeſte Vorſicht nöthig iſt. Uebrigens ſind wir bereits auf der Spur, und die betreffende Perſon iſt nichts Ge⸗ ringeres, als ein Großwürdenträger der Kirche. Wenn man aber zu früh Lunte röche, ſo wäre Alles verloren. Alſo reinen Mund gehalten!“ „Sei unbeſorgt,“ ſagte Jeannin.„Das nenn' ich doch in Wahrheit freundſchaftlich reden. Wünſch' Euch guten Erfolg, ſchö⸗ ner Junker von Moranges! Wenn Ihr Geld braucht, bevor der Papa gefunden iſt, ſo ſteht Euch die Sparkaſſe zu Dienſten. Aber wahrhaftig, Jars, Du biſt doch ein Glückskind und ſuchſt Deines Gleichen, was die wunderlichen Abenteuer betrifft. Dieſes ver⸗ ſpricht die ergötzlichſten Verwicklungen, Entdeckungen, die viel Aergerniß geben können, und an Dich wird man ſich dabei, als an die Mittelsperſon, immer zu wenden haben. Glücklicher Kerl! Kaum ſind's einige Monate her, als Dir das Glück wie vom Himmel herabfiel, und eine verliebte Schönheit ſich von Dir aus dem Kloſter Raquette entführen ließ! Aber die zeigſt Du keiner Seele, aus purer Eiferſucht. Oder ſie müßte ſonſt alt, häßlich und voller Runzeln ſein, wie dieſer Schuft, der Mazarin.“ 41 „Ich habe meine guten Gründe,“ ſagte de Jars lächelnd,„ſo zu verfahren. Die Entführung hat Aufſehen gemacht, und die heiligen Herren würden nicht viel Flauſen machen. Eiferſüchtig bin ich gar nicht, denn ſie iſt zum Raſendwerden in mich ver⸗ liebt. Frage nur meinen Neffen.“ „Kennt der ſie denn?“ „Wir haben uns gegenſeitig alle unſere Geheimniſſe mitge⸗ theilt. Glaube mir, meine Schöne iſt allerliebſt anzuſehen und alle Mal ſo viel werth, als die, welche bei Hofe und auf den Bal⸗ cons am Place Royal liebäugeln und mit ihren Fächern kokettiren. Nicht wahr, Moranges?“ „Ganz meine Meinung,“ ſagte der junge Mann und warf de Jars einen ſonderbaren Blick zu.„Ich rath' Euch, Herr Ohm, gut mit ihr umzugehen, oder ich ſpiel' Euch einen argen Streich!“ „Ei ſieh' doch!“ rief Jeannin.„Armer de Jars, ich fürchte, Du wärmſt eine Schlange im Buſen auf! Nimm Dich in Acht vor dieſem.....„vor dieſem Junker Milchbart! Nicht wahr, mein Büͤrſchchen, Ihr lebt im beſten Einverſtändniß mit der Schönen?“ „Nun freilich!“ „Und Du fürchteſt nichts, Commandeur?“ „Nichts.“ „Er hat Recht, nichts zu fürchten. Ich ſtehe für ſie eben ſo ſehr, als für mich ſelbſt, verſteht Ihr? So lange man ſie liebt, liebt ſie wieder, ſo lange man ihr treu iſt, ſo lange bewahrt auch ſie die Treue. Glaubt Ihr, ein Weib, das ſich hat entführen laſſen, könne man dem Entführer ſo ſchnell abſpenſtig machen? Ich kenne ſie, ich habe oft und viel mit ihr allein geſprochen: ein leicht erregter Geiſt, ungemeine Vergnügungsſucht, keine Vorur⸗ theile, wie man ſie bei andern Weibern ſo oft findet, ein präch⸗ tig Mädel, voll Ergebenheit, ohne Falſch und Fehl, aber unge⸗ heuer eiferſüchtig und wenig geneigt, ſich einer Nebenbuhlerin 42 opfern zu laſſen. O, wenn man ſie täuſchte, dahin wäre all' ihre Verſtändigkeit, all' ihre Ruhe, und dann..... Ein Wink mit dem Auge und zugleich mit dem Fuße, den ihm der Commandeur gab, unterbrach dieſe Lobrede, die der Spar⸗ kaſſenſchatzmeiſter mit Erſtaunen und weit aufgeſperrten Augen an⸗ hörte. „Mit welchem Feuer er ſpricht! Nun, ſchöner Junker, was dann?“ „Dann,“ fuhr der junge Mann lächelnd fort,„wenn der Onkel nicht mehr gut mit ihr umgeht, dann werde ich, ſein Neffe, mich bemühen, ſeine Fehler gut zu machen. Er kann mir dann nichts vorwerfen. So lange kann er ganz ruhig ſein; das weiß er ſelbſt recht gut.“ „Ja, ja, und um ihm mein Vertrauen zu zeigen, will ich Moranges heute Abend mitnehmen. Er iſt jung, und es thut ihm Noth, ſich zu bilden. Er ſoll ſehen und hören, wie ein in Liebes⸗ händeln erfahrener Cavalier ſich zu benehmen hat, wenn er eine Ko⸗ kette an der Naſe herumführen will. Das iſt eine Lection, die ihm in Zukunft von Nutzen ſein kann.“ „Alle Wetter,“ ſagte Jeannin,„ich ſollte glauben, das gute Kind würde ſich ſo ſchon ohne Lehrer behelfen können. Doch das iſt ja Deine Sache und geht mich nichts an. Kommen wir auf unſern Plan zurück. Alſo das iſt abgemacht, wir machen uns den Spaß, die Schöne mit gleicher Münze, wie ſie uns, zu bezahlen?“ „Ja, wenn Du willſt.“ „Das kommt mir eben recht; da wird's was zu lachen geben! Ihr wißt doch, Moranges, um was es ſich handelt?“ „Ja, ich weiß.“ „Wer geht zuerſt zu ihr?“ De Jars klopfte mit dem Knopfe ſeines Dolchs auf den Tiſch. „Wein, meine edlen Herren?“ fragte der Wirth. „Nein, Würfel! aber ſchnell!“ 43 „Jeder drei Würfe; das Höchſte gilt. Fange Du an!“ ſagte Jeannin.— „Ich werfe für mich und meinen Neffen.“ Die Würfel rollten über den Tiſch. „Eins und drei.“ „Nun ich. Sechs und fünf.“ „Gieb her. Fünf und zwei.“ „Vier und zwei.“ „Doppelte Eins.“ 2 Doppelſechs.“ „Du haſt die Wahl.“. „Ich gehe hin,“ ſagte Jeannin, ſtand auf und nahm ſeinen Mantel um.„Es iſt jetzt halb acht; um acht bin ich wieder hier. Auf Wiederſehen.“ „Guten Erfolg!“ Er verließ das Weinhaus, ſchlug die Straße Pavée ein und wandte ſich nach der Uferſeite. 1 An der Ecke der Straße Git⸗le⸗Coeur und Hürepoir lag das Hotel, welches Franz I. für die Herzogin von Etampes hatte einrichten laſſen. Jetzt begann es bereits den Zahn der Zeit zu fühlen, und keine Modeſchönheit wollte das Haus der ehemaligen Königsgeliebten bewohnen: das hätte ſich vergeben und einge⸗ ſtehen heißen, daß ihre Reize in der öffentlichen Meinung an Werth ſänken. Mehrere Miether hatten es inne. Wie die Pro⸗ vinzen des alexandriniſchen Reichs, ſo waren die weiten Räum⸗ lichkeiten deſſelben unter Mehrere vertheilt, und es ſtand ſo ſehr in Mißeredit, daß ſich jetzt die Bürgersfrau breitmachen durfte, wo ſich früher der glänzendſte und ſtolzeſte Adel des Königreichs gedrängt hatte. Hier wohnte, faſt ganz vereinſamt und vom Gi⸗ pfel ehemaliger Größe herabgeſtürzt, Angelika Luiſe de Guerchi, weiland Ehrendame Anna's von Oeſtreich. Ihrer galanten Aben⸗ teuer und der Aegerniß wegen, die ihre Liebeshändel gegeben, war 4* 44 ſie vom Hofe verwieſen, nicht gerade, weil ihre Sünden etwa größer geweſen, als die der Andern, ſondern wohl nur, weil ſie weniger Glück oder Schlauheit gehabt hatte. Ihre Liebhaber hat⸗ ten ſie ſtets auf die unverantwortlichſte Weiſe bloßgeſtellt, und ſie verſtand es nicht, genug zu heucheln, obgleich Heuchelei das erſte Erforderniß war, um an einem Hofe leben zu können, bei dem ein Kardinal Liebhaber der Königin war. Unglücklicherweiſe hing ihr Einkommen von ihren Eroberungen, von der Zahl und Be⸗ ſchaffenheit ihrer Anbeter ab. Sie hatte die Ueberreſte ihres Wohl⸗ ſtandes zuſammengerafft, einen Theil ihrer beſten Schmuckſachen veräußert und wartete auf beſſere Zeiten, mit neidiſchem Auge auf die ſtrahlende Welt voll Vergnügen hinblickend, aus der ſie verbannt war. Alle Hoffnung war für ſie noch nicht verloren. Nach einer ſeltſamen und nicht eben zum Vortheil der menſchlichen Natur ſprechenden Regel hat das Laſter ſtets über mehr Mittel des Gelingens zu verfügen, als die Tugend; und eine Buhlerin mag noch ſo ſehr verſchrieen ſein, ſie findet immer noch Jemand, der ſich von ihr täuſchen läßt und ſich dann auf's Wärmſte einer Ehre annimmt, die längſt in Lumpen auseinander gefallen. Man⸗ cher, der ein makelloſes Weib beargwöhnen und die kleinſte Schwäche verdammen würde, wäre ihr auch der muſterhafteſte Wandel vor⸗ hergegangen, bückt ſich tief herab und hebt aus dem Schmutz der Goſſe einen befleckten Namen auf, nimmt ſich ſeiner an, verthei⸗ digt ihn gegen jede Spötterei und verwendet ſein Leben, etwas Unreines wieder glänzend zu machen, woran Jedermanns Finger ein Makel zurückgelaſſen. In den Tagen ihrer Triumphe wurde das Fräulein von Guerchi von de Jars und Jeannin umflattert, und keiner von Beiden durfte lange nach Erhörung ſeufzen. Aber ſo ſchnell ſie bis zu dem Punkte gekommen waren, auf dem nichts mehr zu wünſchen übrig bleibt, eben ſo ſchnell merkten ſie, der Eine, daß man die Anmuth ſeiner Perſon den Doublonen des Schatzmeiſters zum Opfer bringe, der Andere, daß das vortheil⸗ 43 haftere Ausſehen des Commandeurs nicht ohne Erfolg gegen die Reize ſeiner Kaſſe in die Schranken trete. Da es ihnen nur um einen vorübergehenden Liebeshandel zu thun war, ſo folgte durch⸗ aus keine Entzweiung auf dieſe Entdeckung: ſie zogen ſich Beide zu gleicher Zeit zurück, ohne ſich zu beklagen, und beſchloſſen, ſich bei guter Gelegenheit zu rächen. Andere Angelegenheiten von der⸗ ſelben Art hatten ſie ſeitdem in Anſpruch genommen und die Aus⸗ führung ihres löblichen Vorſatzes verzögert. Jeannin hatte ſich an eine weniger leicht zu erobernde Schönheit herangemacht, die erſt nachgab, als er dreißigtauſend Thaler pränumerando gezahlt; de Jars war mit ganzer Seele bei ſeinem Liebeshandel mit dem Zöglinge des Kloſters Raquette und bei den Angelegenheiten des jungen Fremden, den er für ſeinen Neffen ausgab. Fräulein von Guerchi hatte ſeitdem keinen von Beiden wiedergeſehen und dachte auch nicht mehr an ſte. Denn ſie war beſchäftigt, einen gewiſſen Herzog von Vitry in ihren Schlingen zu fangen, der nicht bei Hofe geweſen, als die ſchmähliche Geſchichte zum Ausbruche kam, derentwegen ſie verbannt wurde. Er war ein großer Müßiggänger von fünf bis ſechs und zwanzig Jahren, tapfer wie ſein Degen, leichtgläubig wie ein Greis, zu Ausſchweifungen geneigt. Er war ſtets bereit, Jedem den Handſchuh hinzuwerfen, der ſich er⸗ frecht hätte, die Tugend ſeiner Schönen zu verleumden, und ver⸗ ſchloß ſein Ohr allen übeln Gerüchten, die über ſie in Umlauf waren. Kurz, er war einer der Männer, die zum Troſte für Suünderinnen wie geſchaffen ſind, und wie ſie in unſern Tagen eine abgedankte Tänzerin oder eine ausgediente„Löwin“ nur irgend verlangen kann. Nur eine Eigenſchaft fehlte ihm, die Ledigkeit. Der Herzog hatte eine Frau, die er natürlich, wie es damals Sitte war, vernachläſſigte, die ſich jedoch darüber wahrſcheinlich zu troͤſten und zu entſchädigen wußte. Dennoch war ſie ein unüberſteigliches Hinder⸗ niß; ohne dies hätte Fräulein von Guerchi vielleicht hoffen dürfen, eines Tages noch Herzogin zu werden. Seit drei Wochen jedoch 46 hatte ihr Anbeter ihre Schwelle nicht betreten, auch nichts von ſich hören laſſen. Er war nach der Normandie gereiſt, wo er be⸗ deutende Güter beſaß, und ſeine lange Abweſenheit fing ſie an zu beunruhigen. Was konnte ihn zurückhalten? Eine neue Leiden⸗ ſchaft? Ihre Beſorgniſſe waren um ſo lebhafter, da es bisher zwiſchen ihnen nur bei ſchönen Worten und Liebäugeleien geblie⸗ ben. Der Herzog hatte Angelika Alles angeboten, ſie aber Alles zurückgewieſen. Denn eine zu ſchnelle Niederlage hätte den belei⸗ digenden Gerüchten, welche über ſie in Umlauf waren, nur neue Nahrung gegeben, und ſie wollte ihre Zukunft nicht auch aufs Spiel ſtellen, nachdem ſie die Vergangenheit verſpielt. Aber ſo lange ſie die Tugendhafte ſpielte, ſo lange mußte ſie auch die Un⸗ eigennützige ſpielen, und ſo nahten denn ihre Geldmittel ihrem Ende. Sie hatte die Zeit des zu leiſtenden Widerſtandes nach ihrem Gelde berechnet; die Reiſe und die lange Abweſenheit des Grafen machten ihr einen argen Strich durch dieſe Rechnung. Der verliebte Herzog von Vitry lief mithin einer großen Gefahr in dem Augenblicke entgegen, als de Jars und Jeannin einen neuen Angriff auf die Schöne unternahmen. Sie war eben in ſehr trübe Gedanken verſunken und überlegte mit größeſtem Ernſt, woran die weibliche Tugend doch hänge, als ſie ein Geräuſch und Stimmen im Vorzimmer hörte, die Thür aufging und der Schatzmeiſter eintrat. Da für dieſe, wie für die folgenden Zuſammenkünfte Zeugen nothwendig ſind, müſſen wir den Leſer bitten, uns in einen an⸗ dern Theil deſſelben Gebäudes zu begleiten. Wir haben ſchon erwähnt, daß mehrere Miether daſſelbe inne hatten. Die Zimmer neben denen des Fräuleins von Guerchi be⸗ wohnte Madame Rapally, eine Kaufmannswittwe, die ſich für vierzig Jahre alt ausgab; die ſie kannten, legten zehn dazu; wir wollen, um Niemandem Unrecht zu thun, bei der Mittelzahl, alſo fünfundvierzig, bleiben. Sie war eine kleine kräftige Perſon, eher — — 47 etwas zu dick als zu ſchlank, hatte ſchwarzes Haar, eine ziemlich braune Haut, hervorſtehende, ewig zwinkernde Augen, war leb⸗ haft, beweglich und ſo begehrlich, daß ſie keine Grenze finden konnte, wenn man ihr einmal den Willen that. Jetzt aber war ſie ſanft und ſchmiegſam und unterwarf ſich den Launen eines gewiſſen Herrn, der ihr Herz zu rühren gewußt. Bei ihr wurde ein Seitenſtück zu der Komödie bei Fräulein von Guerchi aufgeführt. Die Wittwe war verliebt wie der gnädige Herr Herzog von Vitry, und der Gegenſtand ihrer Flamme war nicht aufrichtiger von Ge⸗ genliebe beſeelt, als die ehemalige Ehrendame der Königin. Der glückſelige Sterbliche, auf den ſie ihr Auge geworfen, war Ma⸗ giſter Quennebert, Notar in St. Denis. Dieſer ehrenwerthe, noch junge Actenmann, der ein ganz leidliches Aeußere hatte, aber eben nicht in den beſten Umſtänden lebte, ſtellte ſich, als bemerke er die Andeutungen nicht, die ihm mit großer Zuvorkommenheit gemacht wurden. Er behandelte die Wittwe mit einer hochach⸗ tungsvollen Zurückhaltung, von der ſie ihn gern entbunden hätte, und die in ihr mitunter Zweifel an ſeiner Liebe aufſteigen ließen. Allein ſie vermochte es nicht, ſich darüber zu beklagen, und mußte dieſe ihr ſo unangenehme und betrübende Abgemeſſenheit ſchon hin⸗ nehmen. Magiſter Quennebert war ein Mann von Einſicht und Erfahrung und trug ſich mit einem Plane herum, den ihm nur ein durch ſeinen Willen nicht zu überwältigendes Hinderniß auszuführen un⸗ möglich machte. Er mußte Zeit gewinnen, denn er wußte, daß ſeine Freiheit verloren ſei, ſobald er der gefühlvollen Wittwe ein Recht über ſich einräumte. Ein Liebhaber zieht ſich zurück, wenn ſeinen Bitten die Ohren mit übertriebener Strenge verſchloſſen werden; eine Frau dagegen, die immer nur ja oder nein zu ant⸗ worten hat, muß natürlich mehr Geduld beſitzen. Das Einzige, was Magiſter Quennebert beunruhigte, war ein Vetter des verſtor⸗ benen Gatten, der ſich leicht ebenſo um ihre Gunſt hätte bemühen 48 können, als er. Aber ſeine Lage war von der Art, daß er ſich nicht anders benehmen konnte. Um die verlorene Zeit einzubringen und ſeinem Nebenbuhler den Vorrang abzugewinnen, machte er der Wittwe ſchöne Redensarten und ſchmeichelte ihr mit Lobeser⸗ hebungen. Uebrigens durfte er ſich wirklich keine beſonders große Mühe geben. er war geliebt, und ein ſüßer Blick hätte ihm Ver⸗ zeihung für die ärgſte Grobheit ausgewirkt. Eine Stunde vor der Ankunft des Schatzmeiſters war Magiſter Quennebert friſirt, pomadeduftend, kurz, ganz wie ein Herzens⸗ eroberer ausgerüſtet, zur Wittwe Rapally gekommen. Noch ſchmach⸗ tender, als gewöhnlich, ſchien ſie aufgelegt, ihn mit ſo mörderiſchen Liebäugeleien zu verfolgen, daß er, um dieſer Todesart zu entgehen, ſich anſtellte, als verſinke er allmälig in tiefe Schwermuth. Die Wittwe wurde unruhig und fragte ihn: „Was iſt Ihnen denn heute Abend?“ Er ſtand auf; damit war ſchon ein Vortheil gegen den Feind errungen, denn nun konnte er ſich frei bewegen und, je nachdem es ihm zweckmäßig ſchien, vortreten oder zurückweichen. „Was mir iſt?“ fragte er mit einem tiefen Seufzer;„ich könnte Sie täuſchen und irgend einen Vorwand für meine Betrübniß angeben; aber Ihnen gegenüber vermag ich nichts Unwahres zu ſagen.“ „Ja, ich bin beunruhigt, von Sorgen gequält! Gott weiß, wann das enden wird!“ „Aber was iſt es denn?“ fragte die Wittwe und ſtand eben⸗ falls auf. Magiſter Quennebert that drei lange Schritte und befand ſich am entgegengeſetzten Ende des Zimmers. „Warum wollen Sie es wiſſen? Sie vermögen dagegen nichts; es ſind Angelegenheiten, über die ein Mann mit einer Frau nicht zu ſprechen pflegt.“ „Was für eine Angelegenheit denn? Eine Ehrenſache?“ 49 6 JFa... „Großer Gott! Sie wollen ſich ſchlagen?“ rief ſie aus, trat auf ihn zu und ſuchte ſich ſeines Arms zu bemächtigen.„Sie ſich ſchlagen?“ „Wollte der Himmel, es wäre ſo!“ ſagte Quennebert und durchmaß wieder das Zimmer.„Aber ſein Sie unbeſorgt, es handelt ſich um eine Summe Geld, die ich vor einigen Monaten einem Schuft geborgt, der nun damit durchgegangen iſt. Es war ein mir anvertrautes Gut, und in drei Tagen muß ich's wieder⸗ erſtatten. Zweitauſend Franken!“ „Das iſt viel, und in ſo kurzer Zeit nicht leicht aufzutreiben.“ „Ich werde mich an einen Juden wenden müſſen, der mir natürlich das Fell über die Ohren zieht; aber mein guter Ruf geht mir über Alles!“ Madame Rapally ſah ihn mit beſtürzten Blicken an. Magiſter Quennebert ſchien ihre Gedanken zu errathen und ſetzte nach einem Augenblick des Schweigens hinzu: „Es iſt wahr, ich habe ungefähr ein Drittel der Summe liegen,...“ „Nur ein Drittel?“ „Wenn ich Alles aufbiete, bring' ich vielleicht achthundert Livres zuſammen, aber ich will ewig verdammt ſein, wenn ich einen Heller mehr habe.“ „Und wenn Ihnen Jemand die fehlenden zwölfhundert Livres borgte?“ 6 „Bei Gott, ſo würd' ich ſie annehmen!“ rief Quennebert, als könne er noch gar nicht darauf kommen, wer ſein Gläubiger werden würde.„Kennen Sie Jemand, beſte Madame Rapally, der...... Na Die Wittwe nickte bejahend und warf ihm dabei einen leiden⸗ ſchaftglühenden Blick zu. „So nennen Sie mir den Ehrenmann ſchnell; morgen früh 50 ſchon will ich ihm meine Aufwartung machen. O, wie Sie mich ver⸗ binden würden! Und ich wollte Ihnen ſchon gar nichts davon ſagen, aus Furcht, ſie zu betrüben! Nennen Sie mir ſeinen Namen!“ „Sie errathen noch nicht?“ „Wie ſollt' ich ihn wiſſen können?“ „Wie, wenn Sie etwas nachdenken, ſollten Sie nicht auf die Perſon kommen?“ „Nein,“ ſagte Quennibert und ſtellte ſich einfältig. „Nun, haben Sie denn keine Freunde?“ „Einige wohl, das iſt wahr.“ „Sollten dieſelben ſich nicht ein Vergnügen daraus machen, Sie zu verpflichten?“ „Vielleicht! Aber ich habe mich noch an Niemand gewendet.“ „An Niemand?“ „Außer an Sie.“ „Nun ja!“ „Nun ja?... ich fürchte, Sie zu verſtehen, Madame Ra⸗ pally; aber das geht nicht, nein, Sie haben nicht die Abſicht, mich ſo zu demüthigen. Das iſt wohl nur ein Räthſel, das meine natürliche Einfältigkeit zu rathen unmöglich macht. Laſſen Sie mich nicht länger ſchmachten und nennen Sie mir den Namen, auf den ich mich vergeblich beſinne.“ Die Wittwe war eingeſchüchtert durch dies übertriebene Zart⸗ gefühl Magiſter Quennebert's. Sie erröthete, ſchlug die Augen nieder und wagte nicht zu ſprechen. Der Notar blickte ſie eine Weile an. Er fürchtete, zu voreilig in Feuer gerathen zu ſein, und glaubte, eine Ungeſchicklichkeit gut machen zu müſſen. „Sie ſchweigen!“ ſagte er;„alſo war es wohl nur ein Scherz von Ihnen?“ Nur mit furchtſamem Tone getraute ſie ſich zu ſagen: „Nein, ich ſprach im Ernſt; aber Sie haben eine Art, ——O—— 51 die Sachen anzuſehen, die nicht geeignet iſt, einen ſicher zu machen.“ „Wie meinen Sie das?“ „Noch jetzt, Sie können mir's glauben, ſehen Sie aus, als hätte Jemand Sie beleidigt.“ Ein ſanftes Lächeln glättete Quennebert's Antlitz. Dadurch plötzlich ermuthigt, benutzte Madame Rapally den günſtigen Augen⸗ blick, ergriff ſeine Hand und ſagte, ſie ſanft in der ihrigen drückend: „Ich, mein lieber Quennebert, ich will Ihnen die Summe geben.“ Er machte ſich ſanft von ihr los und ſagte mit vieler Würde: „Ich danke Ihnen, Madame, aber ich kann's nicht annehmen.“ „Und warum denn nicht?“ Er fing wieder an, im Zimmer herumzulaufen. Die Wittwe blieb in der Mitte ſtehen und drehte ſich um ſich ſelbſt, um ihm ſtets ihr holdes Antlitz zuzukehren. Dieſe Reitbahnſcene dauerte einige Minuten. Endlich machte Quennebert Halt. „Ich nehm' es Ihnen nicht übel, Madame Rapally; Ihr gutes Herz hat Ihnen den Rath gegeben, mir dieſen Vorſchlag zu machen; aber noch einmal, ich kann's nicht annehmen.“ „Ich kann Sie nicht begreifen! Was hindert Sie denn daran? Wovor ſcheuen Sie ſich?“ 4 „Und wenn auch nur davor, daß Sie glauben könnten, ich hätte Ihnen ſchon mit geheimer Abſicht meine Verlegenheit mit⸗ getheilt.“ 5 „Nun, was wäre denn dabei Schlimmes? Man ſpricht ja doch in keiner andern Abſicht, als um verſtanden zu werden. Sich an jemand Anders zu wenden, hätten Sie ſich nicht geſchämt.“ „Sie glauben alſo, daß ich in der Abſicht hergekommen bin... „Du lieber Himmel! nichts, gar nichts glaube ich, wenn's Ihnen ſo lieb iſt. Ich habe Sie gefragt, ich habe Sie zum Sprechen genöthigt, ich weiß es ja recht gut. Aber wenn Sie 52 mir ein Geheimniß anvertrauen, können Sie mir's verwehren, daß ich Sie beklage, daß ich Antheil an Ihnen nehme? Sollte ich denn vergnügt ſein, als Sie mir Ihre Noth klagten, und wie eine⸗Verrückte anfangen zu lachen? Wie? Ich beleidige Sie, weil ich Ihnen meine Hülfe anbiete? Ein närriſches Zartgefühl!“ „Setzt es Sie in Erſtaunen, daß ich dieſes Zartgefühl hege?“ „Ach, gehen Sie mir doch! Zu denken, ich wolle Sie be⸗ leidigen! Ich halte Sie für den erſten Ehrenmann in der Welt. Wenn mir Jemand ſagte: Magiſter Quennebert hat was Unrechtes gethan, ich antwortete ihm: Sie lügen! Nun, iſt Ihnen das genug?“ „Aber wenn es in der Stadt hieße: Magiſter Quennebert hat von Madame Napally Geld bekommen, wäre das daſſelbe, als wenn es z. B. hieße: Magiſter Quennebert hat vom Kaufmann Robert zwölfhundert Livres entliehen?“ „Da ſehe ich keinen Unterſchied.“ „Aber ich einen ſehr großen.“ „Und welchen denn?“ „Er läßt ſich nicht ſo leicht entwickeln, das geb' ich zu, aber.... „Aber Sie übertreiben ſowohl meine Gefälligkeit, als Ihren Dank. Ich glaube den Grund Ihrer Weigerung zu errathen. Sie ſchämen ſich, ein Geſchenk anzunehmen, nicht wahr?“ „JA. „Ein Geſchenk will ich Ihnen auch gar nicht machen. Sie ſollen die zwölfhundert Livres nur von mir entleihen. Auf wie lange brauchen Sie dieſelben?“ „Wahrhaftig, ich weiß es ſelbſt noch nicht, wann ich im Stande ſein werde, ſie Ihnen wiederzugeben.“ „Nehmen wir denn ein Jahr an und berechnen die Zinſen. Setzen Sie ſich, großes Kind, und ſchreiben Sie Ihren Empfang⸗ ſchein.“. Magiſter Quennebert machte wohl noch einige Winkelzüge, gab —8☛ 53 aber endlich doch nach, von den eindringlichen Bitten der Wittwe erweicht. Natürlich waren alle dieſe ſchönen Bedenklichkeiten nichts als eine Komödie. Er brauchte das Geld ſehr nöthig, nicht um eine von einem Freunde veruntreute Summe zu erſtatten, ſondern um ſeine eignen Gläubiger zu befriedigen, die ſchon die Geduld verloren und ihm mit gerichtlicher Verfolgung drohten. Er war nur in der Abſicht hergekommen, die Großmuth der Frau Rapally zu beſteuern. Das geheuchelte Zartgefühl war nur die Furcht, ſich zu ſehr zu verpflichten; darum ließ er ſich gleichſam erſt Ge⸗ walt anthun, bevor er annahm, was er mit unendlicher Sehnſucht begehrte. Seine Liſt gelang vollkommen, und die Gläubigerin bekam eine noch höhere Meinung von ſeinem edeln Weſen. Der Schuldſchein wurde in beſter Form ausgeſtellt und das Geld ſo⸗ gleich aufgezählt. „Was ich glücklich bin!“ ſagte ſie, während Quennebert noch den Verlegenen, Blöden ſpielte, zugleich aber nach dem Sack voll Thaler, der auf einem Tiſche ſtand, zärtliche Blicke hinwarf. „Wollen Sie etwa noch heute Abend nach St. Denis zurückkehren?“ Der Notar hütete ſich wohl, ja zu ſagen, und hätte es nicht gethan, wenn es auch wirklich ſeine Abſicht geweſen wäre, die Nacht zu Hauſe zuzubringen. Er ſah vorher, daß man ihm ſeine Unvorſichtigkeit vorwerfen und die Gefahren des Weges vorſtellen würde, der in der That nicht ganz ſicher war. Es war nicht un⸗ möglich, daß man ſich ſogar entſchloß, ihm Gaſtfreundſchaft an⸗ zubieten. Und an ein ſo langes Zuſammenſein dachte er nicht im Mindeſten. „Nein,“ ſagte er,„dieſe Nacht bleibe ich bei Magiſter Ter⸗ raſſon in der Straße Poittevin, der mich ſchon erwartet. Ob⸗ gleich er nur wenige Schritte von hier wohnt, veranlaßt mich doch das Geld, Sie früher zu verlaſſen, als ich wohl gewollt hätte.“ „Nun, Sie werden mich nicht vergeſſen!“ „Wie könnt' ich?“ antwortete Quennebert mit vielem Gefühl. 54 „Sie haben mir dieſe Summe aufgenöthigt, aber ich werde nicht wieder froh werden können, bis ich ſte Ihnen wiedergegeben habe. Aber wenn dadurch doch irgend eine uneinigkeit zwiſchen uns ent⸗ ſtände?“ 1 „Ja, wenn Sie nicht zur Verfallszeit zahlen, ſo klag' ich!“ ſagte die Wittwe ſchalkhaft lächelnd. „Nun, ich werde mich danach einrichten.“ „Ich mache von meinen Rechten als Gläubigerin Gebrauch.“ „Sie haben vollkommen Recht.“ Sie drohte ihm mit der Hand und lachte ſehr bedeutſam. „Madame Rapally,“ ſagte der Notar, der dieſe Unterhaltung beendigt wünſchte, weil er in jedem Augenblicke eine verliebte Wendung fürchtete;„fügen Sie noch eine letzte Gefälligkeit zu all' ihrer Güte hinzu.“ „Nun?“ „Dankbarkeit, die man nur vorgiebt, wird dem, der ſie be⸗ zeugt, nicht ſchwer; aber wahre, aufrichtige Dankbarkeit, wie ich ſie empfinde, iſt eine drückende Laſt, das kann ich verſichern. Geben iſt leichter, als nehmen. Verſprechen Sie mir, daß binnen Jahresfriſt hiervon nicht die Rede ſein ſoll, damit wir auch ferner als gute Freunde leben. Ueberlaſſen Sie es mir, mich meiner Verpflichtung zu entledigen, wie es einem Ehrenmanne zukommt. Mehr ſage ich nicht; damit genug über dies Kapitel!“ „Alles ganz wie Sie wollen, Magiſter Quennebert,“ ant⸗ wortete Frau Rapally, und ihr Auge wurde feucht vor geheimer Freude;„es war keineswegs meine Abſicht, Ihnen eine läſtige Ver⸗ pflichtung aufzulegen! Aber wiſſen Sie auch, daß ich jetzt beinahe geneigt bin, an Vorahnungen zu glauben?“ „Wie, Sie werden abergläubig? Und warum denn?“ „Ich habe heute Morgen ein Geldgeſchäft ausgeſchlagen.“ „Ach ſo!“ „Eine geheime Stimme rieth mir, allen Verſuchungen zu 5⁵ widerſtehen und mich nicht von Geld zu entblößen. Denken Sie ſich, eine vornehme Dame, die in dieſem Hotel wohnt, machte mir heute ihre Viſite. Ihre Zimmer ſtoßen an die meinigen.“ „Wie heißt ſie?“ „Fräulein von Guerchi.“ „Und was wollte ſie von Ihnen?“ „Sie wollte mir Juwelen für vierhundert Livres verkaufen, die, ſoviel ich davon verſtehe, gewiß ihre ſechshundert werth ſind. Wenn es mir lieber wäre, ſagte ſie, könne ich ihr auch die Summe auf ihre Steine leihen. Sie muß nicht allzubeſt daran ſein. Von Guerchi, kennen Sie den Namen?“ „Ich glaube, ich habe ihn nennen hören.“ „Man hat mir erzählt, ſie habe einige Abenteuer gehabt, die Aufſehen gemacht; aber Sie wiſſen, die Leute lügen ſo abſcheulich. Seit ſie hier wohnt, lebt ſie ſehr zurückgezogen, und es kommt Niemand zu ihr, als ein ſehr vornehmer Herr, ein Herzog.... wie heißt er nur gleich, Herzog von...., ja, Herzog von Vitry, und ſelbſt der hat ſeit drei Wochen ſchon die Schwelle nicht be⸗ treten. Ich habe aus dieſer langen Abweſenheit und aus ihrem Vorſchlag von heute Morgen geſchloſſen, daß ſie ſich entzweit haben und die Geldnoth fühlbar wird.“ „Sie ſcheinen ja ſehr vertraut zu ſein mit den Angelegenheiten des Fräuleins?“ „Ja, das iſt wahr, und doch hab' ich ſie heute früh zum erſten Male geſprochen.“ „Wer hat Ihnen denn ſo gute Auskunft gegeben?“ „Der Zufall. Das anſtoßende Zimmer und ihre Wohnſtube haben früher nur einen Saal gebildet. Man hat ſie durch eine Tapetenwand getrennt, aber in den beiden Winkeln ſind die Breter ſetwas abgefault, und man kann durch zwei kleine Löcher Alles genau ſehen, was drüben vorgeht, ohne ſelbſt geſehen zu werden. Sind Sie neugierig?“ 56 „Eben ſo ſehr, als Sie, Madame Rapally.“ „Nun, ſo kommen Sie. Vor einigen Minuten wurde an der Hausthüre geklopft und ſie kann jetzt Beſuch haben. Vielleicht iſt ihr Geliebter zurückgekehrt.“ „Das wäre ja allerliebſt, wenn wir eine Vorwurfs⸗ oder Verſöhnungsſcene mit anſehen könnten.“ Obgleich er noch nicht gehen wollte, nahm Magiſter Quenne⸗ bert doch Mantel, Hut und den vielgeliebten Thalerbeutel und folgte der Wittwe, die wie eine Schildkröte und ſo leiſe als mög⸗ lich vor ihm herkroch. Es gelang ihnen, die Thüre zu öffnen, ohne daß ſie zu laut in ihrer Angel knarrte. „Sß!“ lispelte die Wittwe;„hören Sie, man ſpricht!“ Sie zeigte ihm mit dem Finger, wo er ſich hinſtellen müſſe, um zu beobachten, und ſchlich dann mit größeſter Vorſicht nach dem andern Ende des Zimmers. Quennebert, der jetzt nicht be⸗ ſorgte, daß ſie zu ihm zurückkommen könne, winkte ihr zu, das Licht auszulöſchen. Durch die Finſterniß vor jedem verliebten Ueberfall ſicher geſtellt— denn es wäre nicht möglich geweſen, auch nur einen Schritt zu thun, ohne ſich an den Sachen zu ſtoßen und Lärm zu machen— drückte er ſein Geſicht an die Tapetenwand. Ein Loch, ſo groß wie ein Auge, erlaubte ihm Alles zu ſehen, was bei Fräulein von Guerchi vorging. Eben nahm der Schatzmeiſter auf Angelika's Einladung einen Stuhl und ſetzte ſich neben ſie, jedoch in reſpectvoller Entfernung. Beide ſchwiegen und waren, wie es ſchien, etwas verwirrt, ſich einan⸗ der gegenüber zu ſehen. Das Fräulein wußte nicht, welchem Beweggrund ſie den Beſuch ihres ehemaligen Liebhabers zu ver⸗ danken hatte, und dieſer ſtellte ſich ſo bewegt, als ſein Plan es nöthig machte. Magiſter Quennebert hatte Zeit, Beide, beſonders Angelika, aufmerkſam anzuſehen. Gewiß verlangt der Leſer zu wiſſen, was der Notar wahrnahm. Angelika Luiſe de Guerchi war eine Dame von etwa achtund⸗ 57 zwanzig Jahren, groß, brunett und wohlgeſtaltet. Ihre Lebens⸗ art, es iſt wahr, hatte ihre Schönheit etwas angewelkt, die Friſche ihres Geſichts verwiſcht und der natürlichen Anmuth ihrer Formen einen gewiſſen zarten Hauch abgeſtreift; aber doch ſind es gerade ſolche Frauen, die jederzeit gleichſam ein Privilegium haben, den Mann zu feſſeln und zu verführen. Es ſcheint, die Ausſchweifung vernichtet ſelbſt das Gefühl für wahre Schönheit; um ſie zu er⸗ ſetzen und gleichſam neu zu beleben, iſt eine gewiſſe Kühnheit des Blicks, ein herausforderndes Lächeln nothwendig. Dem Genuß jagt ſie nur auf der Fährte des Laſters nach. In dieſer Beziehung hatte Luiſe von Guerchi ein wunderbares, für ſie höchſt glück⸗ liches Doppelweſen. Ihre Züge hatten durchaus nichts hervortre⸗ tend Freches, ihrer Sprache hörte man das Regelloſe ihres bis⸗ herigen Lebens nicht gerade deutlich an, aber ſie übte bei ihrer ſcheinbar großen Ruhe und der ſichern Haltung ihres Weſens einen geheimen unerklärlichen Reiz aus. Wohl manche Frau übertraf ſie an regelmäßiger Schönheit, aber gewiß keine beſaß eine größere und entſchiedenere Anziehungskraft. Uebrigens verdankte ſie einen gewiſſen Nimbus, der ſie umglänzte, lediglich ihren körperlichen Eigenſchaften; denn wo es ſich nicht um Schlauheiten handelte, die gleichſam zu ihrem Gewerbe gehörten, war ihr Geiſt nicht über die Mittelmäßigkeit erhaben. Sie war ſo geſchaffen, daß ſie das Verlangen, welches ſie einflößte, zugleich ſelbſt empfinden mußte, und hatte daher kein Vertheidigungsmittel gegen dringende oder mit Geſchick geleitete Angriffe. Darum mußte auch der Her⸗ zog von Vitry ſo raſend verliebt ſein, wie er es war, nämlich taub, blind, einfältig und ſchwachſinnig in jeder Beziehung, um nicht ſchon zwanzig Mal Gelegenheit zu einem Triumph über ihren Widerſtand gefunden zu haben. Wir haben ſchon erwähnt, wie es mit der Kaſſe der Schönen ſtand und daß ſie an dieſem Tage bereits einige Juwelen zu veräußern geſucht. Jeannin brach das Schweigen zuerſt. 58 „Sie ſind ſicher erſtaunt über meinen Beſuch, reizende Angelika. Aber Sie werden mich wohl entſchuldigen, daß ich ſo unvermuthet vor Sie trete. Ich konnte Paris nicht verlaſſen, ohne Sie zu guter Letzt noch einmal geſehen zu haben.“ „Ich danke Ihnen für dieſe Erinnerung an mich; ich habe das nicht von Ihnen erwartet.“. „Wollen Sie Ihre Strenge gegen mich beibehalten?“ Sie warf ihm einen halb verächtlichen, halb beleidigten Blick zu. „Ich ſehe ein,“ fuhr er fort,„ daß mein Betragen Ihnen auf⸗ fallend geweſen ſein muß. Eine Dame zu verlaſſen, die man liebt, ich wage nicht zu ſagen, von der man geliebt wird,“ ſetzte er ſchüchtern und ſeufzend hinzu,„ſie urplötzlich ohne Erklärung zu verlaſſen, das muß befremden, ich gebe es zu. Aber bedenken Sie, Angelika, ich war ja eiferſüchtig.“ —„Sie?!“ ſagte ſie mit ungläubigem Tone. „Ich that mir Zwang an und verbarg Ihnen ſtets meine Be⸗ fürchtungen. Zwanzigmal kam ich her in der Abſicht, mit Ihnen anzubinden und in Vorwürfe auszubrechen, aber wenn ich dann vor Ihnen ſtand und ſah, wie Sie ſo ſchön ſind, dann vergaß ich wieder Alles und dachte an weiter nichts mehr, als an meine Liebe. Mein Argwohn verſchwand vor einem Lächeln, ein Wort beruhigte mich, ich war wieder glücklich. Wenn ich aber wieder allein war, dann kehrten alle meine Befürchtungen zurück, ich ſah meine Neben⸗ buhler vor Ihnen knieen und wurde von Neuem wüthend. O, Sie haben es niemals geahnt, wie ſehr ich Sie liebte!“ Sie hatte ihn ſprechen laſſen, ohne ihm ins Wort zu fallen, und vielleicht dachte ſie daſſelbe, was Herrn Quennebert einleuchtete, der, hinlänglich erfahren in der Kunſt, Lügen zu drechſeln, zu ſich ſelbſt ſagte: „Der Menſch denkt auch nicht eine Sylbe von dem, was er ſpricht.“ 3 3 Der Schatzmeiſter fuhr fort: —, 59 „Und auch jetzt, Angelika, auch jetzt wollen Sie meinen Wor⸗ ten nicht Glauben ſchenken?“ „Soll ich aufrichtig ſein, Herr Schatzmeiſter? Nein, ich glaube Ihnen nicht.“ „O, Sie meinen wohl, die Zerſtreuungen der großen Welt hätten mich Ihr Bild vergeſſen laſſen, oder daß ich mich bei weni⸗ ger grauſamen Schönheiten getröſtet? Ich habe mich nicht einge⸗ drängt in Ihre Zurückgezogenheit, ich habe Ihre Schritte nicht ausgekundſchaftet, Sie nicht mit unſichtbaren Wächtern umſtellt, die mir vielleicht erzählt hätten:„„Wenn ſie die Welt verließ, welche ſie gekränkt, ſo geſchah das nicht aus verletztem Stolz, nicht auf den Antrieb eines gerechten Stolzes, nicht um durch ihre Ent⸗ fernung die zu beſtrafen, welche ſie verkannt, ſondern ſie hat ſich nur deshalb in der Einſamkeit verborgen, um eine neue Liebe zu verheimlichen.““ Das hab' ich oft gedacht, und doch achtete ich ſtets Ihre Zurückgezogenheit. Und jetzt würde ich Ihnen glauben, wenn Sie mir ſagten: ich liebe Niemand.“ 3 Jeannin, der faſt ſo dick war wie ein Theaterkaſſir machte eine Pauſe, um nach Luft zu ſchnappen, denn er war faſt athem⸗ los geworden bei dieſer hohlen Rede, bei dieſem Miſchmaſch von Gemeinplätzen. Er war ſelbſt mit ſich unzufrieden und verfluchte die Unfruchtbarkeit ſeiner Phantaſie. Er hätte gern einige hoch⸗ trabende Redensarten losgelaſſen und ſtellenweiſe mit Natur und Leidenſchaft geſtikulirt; aber es wollte nichts kommen. Mit ſchmerz⸗ lichem Blick, der ein ſteinernes Herz hätte ſpalten müſſen, ſah er das Fräulein an, aber ſie blieb unbeweglich auf ihrem Stuhl, und noch immer malte ſich derſelbe Unglaube in ihren Zügen. Er mußte ſich ſchon entſchließen, noch einmal das Wort zu nehmen. „Aber das Wort, um das ich Sie bitte, Sie ſprechen es nicht aus. Alſo iſt es doch wahr, was ich gehört habe! Sie lieben ihn!“ Sie konnte eine Bewegung des Erſtaunens nicht unterdrücken. „Alſo von ihm muß man ſprechen, um Sie aus dieſer Gefühl⸗ 5*½ 0 loſigkeit herauszubringen, die mich tödtet! Alſo iſt mein alter Argwohn doch gegründet; ich bin von ihm betrogen! Die Ahnung der Eiferſucht hat mich alſo nicht getäuſcht, als ſie mich veran⸗ laßte, mit dieſem Menſchen zu brechen und die treuloſe Freund⸗ ſchaft von mir zu weiſen, die er mir immer noch anbot! Er iſt wieder hieher zurückgekehrt und ich will ihn ſchon finden. Aber was ſag' ich, zurückgekehrt? Er hat es vielleicht nur vorgegeben, zu verreiſen, um ungeſtraft meiner Verzweiflung und meiner Rache zu trotzen.“ So lange hatte das Fräulein an ſich gehalten. Aber jetzt ver⸗ ſtand ſie nichts mehr von Allem, was er ſagte. Wen meinte er. denn? Den Herzog von Vitry? Anfangs hatte ſie es geglaubt. Aber der Herzog kannte ſie ja erſt einige Monate, ſeit ihrer Ver⸗ bannung vom Hofe. Er konnte unmöglich die Eiferſucht ihres ehemaligen Liebhabers erregt haben; und dann, was bedeuteten die Worte:„Ich habe ſeine Freundſchaft zurückgewieſen;“„er iſt nach Paris zurückgekehrt“ u. ſ. w.? Jeannin errieth ihre Ver⸗ legenheit und wünſchte ſich Glück zu dieſer Taktik, die den Gegner nedenh. einen Schritt aus ſeiner Verſchanzung herauszuwagen. Wirklich, es giebt gewiſſe Frauen, die man in die grauſamſte Ver⸗ legenheit ſetzt, wenn man von ihrer Liebe ſpricht, ohne einen be⸗ ſtimmten Namen zu nennen. Dadurch wirft man ſie ins Ungewiſſe hinaus und läßt ſie gleichſam in der Finſterniß herumtappen. Einer ſolchen ſagen:„Sie haben ihn geliebt,“ heißt ſie zu der Frage nöthigen:„Welchen meinen Sie?“ Fräulein von Guerchi bediente ſich nicht gerade genau deſſelben Ausdrucks, ſondern begnügte ſich, in ihren Vermuthungen verlo⸗ ren, zu antworten: „Ihre Aeußerungen ſetzen mich in Verwunderung und ich be⸗ greife ſie nicht.“ Nun war das Eis gebrochen. Der Schatzmeiſter ſprang auf und ergriff Angelika's Hand. 4 61 „Sie haben den Commandeur de Jars nicht wieder bei ſich geſehen?“ „Den Commandeur de Jars?“ fragte ſie erſtaunt. „Schwören Sie, ſchwören Sie's mir, Angelika, daß Sie ihn nicht lieben.“ „Du lieber Himmel, wer hat's Ihnen denn in den Kopf geſetzt, daß ich an ihn auch nur gedacht habe? Seit länger als vier Monaten habe ich ihn nicht geſehen, und wüßte nicht zu ſagen, ob er noch lebt oder geſtorben iſt. Er iſt von Paris entfernt ge⸗ weſen? ich hör's jetzt zum erſten Male.“ „Mein Vermögen gehört Ihnen, Angelika!“ ſchrie Jeannin. „O wiederholen Sie es mir, daß Sie ihn nicht lieben, daß Sie ihn nie geliebt haben,“ ſetzte er mit langſamem, ſchmachtendem Tone hinzu und ſah ihr mit dem Ausdruik ſchmerzlicher Beſorgniß ins Auge. Seine Abſicht war dabei keineswegs, ſie außer Faſſung zu bringen, er wußte, daß einem Weibe wie Angelika nichts gelegener kommt, als wenn man ihr zu einer Lüge von dieſer Art Veranlaſſung giebt. Und dieſer gewichtigen Frage hatte er ein allmächtiges Zauberwort vorausgeſchickt:„Mein Vermögen gehört Ihnen,“ und die Hoff⸗ nung, welche dieſes Wort in ihr erweckt, war ſchon einen Meineid werth. Kühn und mit ſicherer Stimme antwortete ſie, ohne die Augen niederzuſchlagen: „Ihn? Nie!“ „Ich glaube Ihnen, ich glaube Ihnen,“ ſchrie Jeannin, warf ſich ihr zu Füßen und bedeckte ihre Hand mit Küſſen. Alſo iſt mein altes Glück nicht auf ewig verloren! Hören Sie mich, Angelika; ich verlaſſe Paris; meine Mutter iſt geſtorben und ich kehre nach Spanien zurück. Wollen Sie mich begleiten?“ „Ich? „Lange Zeit hab' ich geſchwankt, ob ich herkommen ſollte oder nicht, denn ich fürchtete, zurückgewieſen zu werden. Morgen reiſe 62 ich ab. Verlaſſen Sie Paris, verlaſſen Sie dieſe Welt, die Sie verleumdet hat und kommen Sie mit mir. Binnen vierzehn Tagen ſind Sie meine Frau.“ „Sie wollen mich täuſchen.“ „Zu Ihren Füßen will ich ſterben, wenn es nicht mein Wunſch iſt! Soll ich mit meinem Blut einen Vertrag unterzeichnen?“ „Stehen Sie auf,“ ſagte ſie ſehr bewegt.„Endlich ein Mann, der mich liebt und mir Genugthuung verſchafft für alle Unbill, die ich ertragen mußte. Ich dank' Ihnen tauſendmal, weniger für das, was Sie für mich thun wollen, als für den Troſt, den Sie meinem Herzen bringen. Und wenn Sie mir jetzt ſagten:„„Ich muß mich von Ihnen trennen,““ die Freude, Ihre Achtung zu beſitzen, würde alles Andere überwiegen. Es wäre eine Erinnerung, die ich ſtets treu in der Seele bewahren würde, wie Ihr Bild, Undankbarer, der Sie mich beſchuldigten, ich täuſchte Sie!“ Der Schatzmeiſter ſchien wie berauſcht von Freude. Er ließ tauſend Uebertreibungen los und wiederholte in den lächerlichſten Hyperbeln, daß er der Glücklichſte der Sterblichen ſei. Fräulein von Guerchi, die ihre Vorſichtsmaßregeln treffen mußte, fragte ihn mit ſchmeichleriſchem Tone: „Wer hat Ihnen nur einen ſolchen Verdacht wegen des Com⸗ mandeurs eingeflößt? Hat er ſeine Bosheit ſo weit getrieben, ſich zu rühmen, daß ich ihn je geliebt?“ „Geſagt hat er mir nie etwas; ich hab's nur gefürchtet.“ Aufs Neue gab ſie ihm Verſicherungen über Verſicherungen. Dies Geſpräch ging eine Weile in ſchmachtendem Tone fort. Man verſicherte ſich tauſendmal die innigſte Liebe und ſchwur ſich eben ſo oft die unverbrüchlichſte Treue. Jeannin beſorgte, die plötzliche Abreiſe möchte ſeiner Geliebten ſtörend ſein, und bot es ihr an, ſie noch um einige Tage zu verſchieben; aber das wollte ſie nicht zugeben, und man kam überein, daß am folgenden Mittage eine Kutſche Angelika abholen und ſie nach einem Ort außerhalb der * 63 Stadt bringen ſo treffen würde. Magiſter Quennebert war nicht ein Wort entgangen; der letzte Vorſchlag des Schatzmeiſters hatte ſeine bisherige Anſicht geändert. „Alle Wetter, ſieht der Kerl doch ganz ſo aus, als wolle er wirklich den dummen Streich begehen und ihr Narr werden! Merk⸗ würdig übrigens, wie durchſichtig einem die Sachen werden, wenn wo ſie mit dem Schatzmeiſter zuſammen⸗ man nicht, dabei interreſſirt iſt! Der Edelmann läßt ſich von einer ſchlauen Dirne betrügen, oder ich müßte mich ſehr irren! Viel⸗ leicht hat meine Wittwe ungefähr dieſelben Gedanken; aber das hindert ſie nicht ihre eigenen Angelegenheiten doch ſchief anzuſehen. So iſt die Welt! Man hat die Wahl zwiſchen zwei Rollen, der des Betrügers und der des Betrogenen. Welche macht Madame Rapally?“ Ein halbunterdrücktes Ziſcheln ließ ſich am andern Ende des Zimmers hören. Aber Magiſter Quennebert ließ, vom Dunkel und dem weiten Zwiſchenraume beſchützt, die Wittwe in ihrem Verſteck murmeln, ſo viel ſie wollte, und guckte wieder in das Zimmer des Fräuleins hinein. Was er ſah, beſtärkte ihn in ſeiner Meinung. Die Dirne ſprang umher, lachte, geſtikulirte und wünſchte ſich Glück zu dieſer unverhofften Gunſt des Schickſals. „Wie, ſo liebt er mich?“ ſagte das Fräulein zu ſich ſelbſt. „Armer Jeannin! und ich habe mir früher kein Gewiſſen daraus gemacht... Prächtig, daß dieſer Schwätzer de Jars ihm nichts geſagt hat! Ja, gewiß, noch morgen müſſen wir abreiſen. Ich darf ihm keine Zeit laſſen, zu erfahren, was er nicht wiſſen ſoll. Aber der Herzog von Vitry....? Wahrlich, er thut mir recht leid, der arme Mann... aber was geht er weg... was läßt er nichts von ſich hören?... und er iſt ja auch verheirathet. O! wenn ich eines Tages doch wieder bei Hofe erſcheinen dürfte!... Guter Gott, wer hätte ſich das träumen laſſen! Ich muß es mir ſo recht klar vor die Seele führen, um nicht zu glauben, 64 daß ich nur träume.... Ja, er war da, ch dieſen Augenblick zu meinen Füßen und ſagte:„Angelika, Sie ſollen meine Frau ſein.“ Nun, er ſoll ſich auch in Zukunft, was ſeine Ehre betrifft, auf mich verlaſſen können. Einen Mann zu verrathen, der mich ſo liebt, der mir ſeinen Namen geben will, es wäre zu ſchändlich! Nie, nie ſoll er mir dieſen Vorwurf machen... lieber wollt' ich... ⸗ Ein wirres Geräuſch unterbrach dies Selbſtgeſpräch. Es hörte ſich bald an wie ein Gelächter, bald wie ein Gezänke zweier Stim⸗ men. Dann ein Schrei und wieder einige Augenblicke völlige Stille. Fräulein von Guerchi wurde unruhig, wußte nicht, was dieſer Lärm in ihrem für gewöhnlich ſo ruhigen Hauſe zu bedeu⸗ ten habe, und trat zur Thür. Dieſe wurde plötzlich heftig aufge⸗ riſſen. Entſetzt taumelte ſie zurück und rief: „Der Commandeur de Jars!“ „ Wahrhaftig,“ ſagte Quennebert hinter ſeiner Tapetenwand, „das iſt ja eine ergötzliche Komödie! Will der Commandeur auch Abbitte thun? Aber was ſeh' ich?....!“ Eben bemerkte er nämlich den jungen Mann, welchen de Jars Junker von Moranges getauft und den der Leſer in der Schenke in der Straße St. André des Arts kennen gelernt hat. Sein An⸗ blick machte auf den Notar einen Eindruck, als wäre er vom Don⸗ ner gerührt. Er ſtand ſtarr und bewegungslos, zitterte am ganzen Leibe und vermochte kaum Athem zu holen. Seine Kniee drohten unter ihm zuſammenzubrechen und wie ein dunkler Schleier über⸗ zog es einen Moment ſein Auge. Doch erholte er ſich und wurde Herr ſeines Erſtaunens und Schrecks. Er trat wieder an die Ta⸗ petenwand, wer ihn aber in dieſem Augenblicke angeredet, hätte gewiß keine Antwort von ihm herausbekommen. Und wenn ihm der Teufel ſelbſt in die Ohren geſchrieen oder ein entblößtes Schwert über ſeinem Nacken gehangen hätte, er wäre nicht von der Stelle gewichen. Bevor noch Fräulein von Guerchi Zeit fand, ſich von ihrem Schreck zu erholen, redete der Commandeur ſie an: — 1 — 65⁵ „Auf Ehre, meine Allerſchönſte, wenn Sie Aebtiſſin wären, könnte es nicht ſchwerer halten bis in ihr Heiligthum vorzudringen. Unten begegnete ich einem Kerl, der mir den Weg vertreten wollte, und dem ich erſt eine derbe Züchtigung zukommen laſſen mußte. Iſt's denn wahr, was ich bei meiner Rückkehr nach Paris gehört? Wollen Sie wirklich Buße thun und in ein Kloſter gehen?“ „Mein Herr,“ antwortete Angelika nicht ohne Würde, meine Pläne mögen ſein welche ſie wollen, gewiß hab' ich gerechte Ur⸗ ſache, über Ihren gewaltſamen Einbruch und Ihren Beſuch zu einer ſolchen Stunde erſtaunt zu ſein.“ „Vor allen Dingen,“ ſagte de Jars und drehte ſich auf den Abſätzen um,„erlauben Sie, daß ich Ihnen meinen Neffen, den Junker von Moranges, vorſtelle.“ „Junker von Moranges!“ ſagte Magiſter Quennebert leiſe, und dieſer Name grub ſich mit unvertilgbaren Zügen in ſein Gedächtniß. „Ein junger Mann,“ fuhr der Commandeur fort,„den ich aus der Fremde mitgebracht habe; wie Sie ſehen, von ſchöner Haltung und gewandtem Weſen. Nun, Du unſchuldiger Jüngling, ſchlage Deine großen, ſchwarzen Augen auf und küſſe der Dame die Hand.“ „Herr Commandeur, verlaſſen Sie mich, ich gebiete es Ihnen, oder ich gebe Befehl, daß.... „Daß wer? Ihre Dienerſchaft? Ich ſag's Ihnen ja, ich hab⸗ Ihren Schuft von Lakaien zerprügelt, daß er jetzt ſchwerlich einen Leuchter halten könnte, um mir herunterzuleuchten. Sie verlaſſen? Wie? So empfangen Sie einen alten Freund? Nehmen Sie Platz, Junker.“ 3 Er trat an das Fräulein heran, ergriff ihre Hand und zog ſie ungeachtet ihres Sträubens auf einen Seſſel an ſeiner Seite nieder. „Nun, mein Kind, wollen wir wieder einmal vernünftig reden. Ich kann's begreifen, daß Sie in Gegenwart eines Unbekannten glauben, ſich verlegen ſtellen zu müſſen über meine Art, mich zu be⸗ nehmen. Aber er weiß Alles, und nichts von Allem, was er hört 66 und ſieht, wird ihn Wunder nehmen. Alſ icht die Spröde ge⸗ ſpielt. Geſtern bin ich angekommen und erſt heute gelang es mir, ihren Zufluchtsort auszukundſchaften. Ich will nicht fragen, was in meiner Abweſenheit vorgefallen iſt; das weiß Gott allein; der ſagt mir aber nichts davon, und Sie würden mich doch mit Lügen abſpeiſen; darum will ich Ihnen dieſe kleine Sünde lieber erſparen. Aber da bin ich wieder, eben ſo luſtig als früher, verliebter als je, und ſehr aufgelegt, meine alte Lebensart wieder anzufangen.“ Die Dirne war durch ſein geräuſchvolles Eintreten, durch die⸗ ſes eiſenfreſſeriſche Auftreten außer Faſſung gebracht und merkte wohl, daß eine angenommene Würde nichts helfen, ſondern ihr vielmehr neue Grobheiten zuziehen würde. Sie ſtellte ſich alſo, als ergebe ſie ſich in ihre unangenehme Lage. Unterdeß betrach⸗ tete Quennebert mit großer Aufmerſamkeit den Junker von Mo⸗ ranges, welcher der Tapetenwand gerade das Geſicht zukehrte. Die elegante Tracht ließ alle Vorzüge ſeiner Geſtalt hervortreten; ſeine glänzend ſchwarzen Haare ſtachen herrlich gegen die zarte Weiße des Geſichts ab, und ſeine großen, langwimperigen Augen hatten einen ſeltſamen, aber reizenden Ausdruck von Kühnheit und Schwäche zugleich; ſeine Lippen waren ſchmal, etwas bleich und zuckten oft von ironiſchem Lächeln. Er ſchien höchſtens achtzehn Jahre alt, und die Natur hatte ſeinem allerliebſten Geſicht bisher das Ab⸗ zeichen ſeines Geſchlechtes verſagt. Auch nicht der leiſeſte Flaum ſproß auf ſeinem Kinne, und nur ein ſchwacher bräunlicher Schat⸗ ten umzog ſeine Oberlippe. Mit ſeiner etwas weibiſchen Schön⸗ heit, ſeinen anmuthigen Formen, ſeinem bald einſchmeichelnden, bald pagenhaft verwegenen Blick ſah er ganz aus, wie ein lie⸗ benswürdiger Taugenichts, der ſo recht geeignet iſt, plötzliche Lei⸗ denſchaften zu erwecken. Während ſein angeblicher Oheim es ſich auf eine etwas rohe Weiſe bequem machte, ſah ihn Quennebert bereits anfangen, mit der Schönen zu kokettiren und ihr manchen 4 verſtohlenen, zärtlich ſchmachtenden Blick zuwerfen. 3 67 „Schönes Kind,“ ſagte der Commandeur,„ſeit ich Sie nicht geſehen, iſt mir ein kleines Vermögen von hunderttauſend Livres zu⸗ gefallen. Eine liebe Tante hat den glücklichen Einfall gehabt, zu ſter⸗ ben und mich zu ihrem alleinigen Erben ernannt, um noch nach ihrem Tode die Verwandten zu ärgern, die ſich bei ihren Lebzeiten viel Mühe mit ihr gegeben. Hunderttauſend Livres ſind eine ganz hübſche Summe, und ich kann damit wenigſtens zwei Jahre ein ganz vergnügliches Leben führen. Wenn's Ihnen Recht iſt, wollen wir zuſammen das Kapitälchen durchbringen.— Wie, Sie ant⸗ worten nicht? Hat vielleicht Jemand Anderes Ihr Herzchen gewon⸗ nen? Donnerwetter, darüber würde ich mich ärgern! und es ſollte mir Leid thun um den unglücklichen glücklichen Sterblichen, dem Sie Ihre Gunſt zugewandt; denn das mögen Sie nur wiſſen, einen Nebenbuhler leid' ich nicht.“ „Herr Commandeur,“ antwortete Angelika,„Sie vergeſſen, daß ich Ihnen niemals ein Recht eingeräumt habe, ſich um meine Handlungen zu bekümmern.“ „Nun, haben wir denn unſer Verhältniß abgebrochen?“ Bei dieſer ſonderbaren Frage machte ſie eine Bewegung des Unwillens. De Jars fuhr fort: „Sind wir nicht das letzte Mal im beſten Einverſtändniſſe von einander geſchieden? Ich weiß wohl, es ſind ſeitdem einige Mo⸗ nate hingegangen, in denen ich mich bei Ihnen nicht habe blicken laſſen; aber ich hab' Ihnen ja die Gründe geſagt: man muß ſich doch wenigſtens ſo viel Zeit nehmen, die Verſtorbenen zu bewei⸗ nen, in deren Rechte man eintritt. Nicht wahr, Sie geben es zu, ich habe einen Nachfolger bei Ihnen?“ Es war dem Fräulein ſchwer geworden, an ſich zu halten, und nur mit unſäglicher Anſtrengung hatte ſie es über ſich ver⸗ mocht, den bittern Kelch bis auf die Hefe zu leeren; länger aber war ſie nicht im Stande, dieſe Demüthigung zu ertragen. Sie 68— warf erſt einen ſchmerzlichen Blick auf den Junker und brach dann in Thränen aus. Mit einer von Seufzern halberſtickten Stimme klagte ſie über das Unglück, ſo behandelt zu werden; ſie verdiene es nicht, daß der Himmel ſie ſo ſchwer dafür ſtrafe, daß ſie der Liebe des Commandeurs nachgegeben. Man hätte ſchwören mögen, daß ſie aufrichtig und aus tiefſter Seele ſpreche. Wäre Magiſter Quennebert nicht Zeuge von der vorigen Scene geweſen, er hätte nicht gewußt, was von der Tugend des Fräuleins zu halten ſei, und ſich vielleicht durch ihre wahrhaft rührenden Klagen bewegen laſſen. Auf den Junker ſchien Angelika's Schmerz einen tiefen Eindruck zu machen, und während ſein Oheim mit langen Schrit⸗ ten im Zimmer umherlief und wie ein Heide fluchte, näherte er ſich ihr allmälig und bezeugte ihr durch Gebehrden, wie ſehr er an ihrem Unglücke theilnehme. Der Notar wußte nicht aus nicht ein und konnte nicht aufs Reine kommen, ob er nur ein zwiſchen de Jars und Jeannin ab⸗ gekartetes Spiel ſehe; das aber wußte er ganz gewiß, daß das Mitleid des Junkers von Moranges, welches er in Seufzern und leidenſchaftlichen Blicken an den Tag legte, nichts ſei, als lauter Heuchelei. Wäre er allein geweſen, ſo hätte er ſchwerlich der Luſt widerſtehen können, ſich köpflings durch die Tapetenwand zu ſtürzen, um dadurch dem Auftritte ſicherlich eine unvermuthete Wendung zu geben und eine furchtbare Wirkung, wie die des Meduſenhauptes, hervorzubringen. Aber die Gegenwart der Wittwe hinderte ihn da⸗ ran; er hätte alle ſeine Hoffnungen auf die Zukunft in den Wind geſchlagen und die Goldquelle, die ſich ihm öffnete, verſtegen ge⸗ macht, blos um das Vergnügen einer ausgezeichneten Theater⸗ überraſchung zu genießen. Vorſicht und Eigennutz hielten ihn feſt hinter ſeiner Couliſſe. Die Thränen des Fräuleins und das Mienenſpiel des Junkers brachten den Commandeur keineswegs zum Schweigen; im Gegen⸗ theil, ſeine üble Laune machte ſich in immer derberen Ausdrücken i d 1 b 69 Luft. Er ließ ſeine Sporen klirren, drückte ſich den Federhut tief ins Geſicht und machte durch ſein hartes Auftreten den Boden des Zimmers erbeben. Plötzlich ſchien er einen ernſten Entſchluß gefaßt zu haben; ſein Geſicht nahm einen andern Ausdruck an, und wurde kalt ſtatt zornig. Mit drohender Ruhe trat er vor Angelika und fragte: „Der Name meines Nebenbuhlers?“ „Sie ſollen ihn nicht erfahren.“ „Seinen Namen will ich wiſſen!“ „Nie, nie! Das iſt doch zu ſchmählich! Ich bin Ihnen keine Rechenſchaft ſchuldig.“ „Nun, ich werde ihn auch ohne Sie erfahren und weiß ſchon, wer ihn mir nennen wird! Glauben Sie, ich werde es zugeben, daß Sie mit mir und meiner Liebe Ihr Spiel treiben? O nein! Früher hab' ich Sie für treu gehalten und mein Ohr allen Ge⸗ rüchten verſchloſſen, die ich für Verleumdungen erklärte. Man kannte meine unſinnige Leidenſchaft für Sie, ich wurde zum Stadt⸗ geſpräch; aber Sie ſtechen mir den Staar! Jetzt ſind meine Augen offen und ich ſehe, wen meine Rache zu verfolgen und zu erreichen hat. Es lebt ein Mann hier, den ich weiland meinen Freund nannte und an deſſen Verrätherei ich nicht glauben mochte; man wollte mir Beweiſe geben, aber ich wies Alles zurück. Aber jetzt will ich ihn aufſuchen, dieſen Mann, will ihm ſagen:„„Sie haben geſtohlen, was mir gehörte, Sie ſind ein Schurke!““ Einer von uns muß ſterben, und wenn der Himmel gerecht iſt, ſo werde ich ihn tödten. O, Madame, Sie fragen mich nicht nach dem Namen dieſes Mannes! Sie wiſſen nur zu gut, von wem ich ſpreche!“. Aus dieſer Drohung merkte ſie endlich, welche Gefahr ihr drohe. Anfangs glaubte ſie, der Beſuch des Commandeurs ſei vielleicht nur eine Falle, um ſie auf die Probe zu ſtellen; aber ſeine Grob⸗ heit, die Gemeinheit ſeiner Vorſchläge, und das Alles in Gegen⸗ 70 wart eines Dritten, brachte ſie von dieſem Gedanken ab. Jetzt, da er drohte, mit dem hinlänglich genau bezeichneten Nebenbuhler Händel zu ſuchen und ihm ein Geheimniß zu verrathen, an deſſen Verborgenbleiben ihr ſo viel gelegen, jetzt verlor das arme Mäd⸗ chen ganz den Kopf. Erſchrocken blickte ſie de Jars an und ſagte mit zitternder Stimme: „Ich weiß nicht, wen Sie meinen.“ „Sie wiſſen es nicht? Ich will den Sparkaſſenſchatzmeiſter Jeannin von Kaſtilien morgen eine Stunde vor unſerm Duell herſchicken, damit er Ihnen Auskunft giebt.“ „Ach, nein, nein, das werden Sie nicht thun!“ rief ſie händeringend. „Ich empfehle mich Ihnen, mein Fräulein.“ „Ich laſſe Sie nicht fort, bevor Sie mir nicht feſt ver⸗ ſprechen..... 4 Sie hielt ihn am Mantel feſt und wandte ſich an den Junker von Moranges: „Sie ſind jung, mein Herr, ich habe Sie nicht beleidigt, übernehmen Sie meine Vertheidigung! Haben Sie Mitleid mit mir und helfen Sie mir ihn erweichen.“ „Lieber Oheim,“ ſagte der Junker mit flehendem Tone;„ſei großmüthig und bringe ein Weib nicht zur Verzweiflung.“ „Vergebliche Bitten!“ erwiderte der Commandeur. „Was wollen Sie, daß ich thun ſoll?“ fuhr Angelika fort; „ſoll ich mich zu abgeſchiedenem Leben verurtheilen, um mich zu beſtrafen? Ich bin bereit! Soll ich ihn nicht mehr wiederſehen? Mein Gott! Laſſen Sie mir wenigſtens Zeit, verſchieben Sie Ihre Rache nur um einen Tag. Morgen Abend, ich ſchwöre es Ihnen, ſollen Sie nichts mehr zu befürchten haben. Ich glaubte, Sie hätten mich vergeſſen, aufgegeben, und wie ſollt' ich auch etwas Anderes denken? Abzureiſen, ohne nur ein Wort zu ſagen, lange fortzubleiben, ohne das Mindeſte von ſich hören zu laſſen.... 71 Und wer ſagt Ihnen denn, daß ich dieſe Trennung nicht beweint habe? daß ich mich nicht bemüht habe, von dieſer Einöde aus, wo die Langeweile mich verzehrte, zu erfahren, welcher Grund Sie von mir entfernt halte? Wußte ich denn davon, daß Sie Paris verlaſſen? O, verſprechen Sie mir, wenn Sie mich lieben, dies Duell aufzugeben, verſprechen Sie mir, den Mann nicht morgen aufzuſuchen!“ Mit dieſer von Thränen und leidenſchaftlichen Blicken unter⸗ ſtützten Beredtſamkeit glaubte das Fräulein Wunder zu wirken. Als ſie um einen Aufſchub von vierundzwanzig Stunden bat und ſchwur, daß nach dieſer Friſt Jeannin für immer ſolle verabſchie⸗ det werden, mußten ſich der Commandeur und der Junker auf die Lippen beißen, um nicht in lautes Lachen auszubrechen. Der Erſtere gewann wieder ſein kaltes Blut, als Angelika, die immer noch vor ihm auf den Knieen lag, ihm die Hände drückte. Er ſah ſie feſt an und ſagte: „Morgen, mein Fräulein, morgen, wenn nicht ſchon heute Abend will ich ihm Alles erzählen und mich dann mit ihm ſchlagen.“ Er ſchob ſie auf die Seite und ging auf die Thüre zu. „Ach, ich Unglückliche!“ rief Angelika. Sie wollte aufſtehen und ihm nacheilen; aber, ſei es, daß ſie wirklich ſo angegriffen war, oder daß ſie die Ohnmacht nur als letztes Mittel anwandte, ſtieß einen herzzerreißenden Schrei aus, und der Junker war genöthigt, ſie in ſeinen Armen aufzufangen. Als de Jars dieſe Laſt in den Armen ſeines Neffen ſah, lachte er wie toll auf und lief ſchnell hinaus. Zwei Minuten darauf trat er in die Schenke der Straße St. André des Arts. „Wie, allein?“ ſagte Jeannin. „Ja, allein.“ „Und was iſt aus dem Junker geworden?“ „Ich ließ ihn allein bei der Schönen, die eben in Ohnmacht fiel.... Köſtlich, ſag' ich Dir! Beſinnungslos in ſeinen Armen.“ —õ—— 72 „Der kleine Kerl iſt im Stande, ihre Lage zu benutzen und mein Nachfolger zu werden.“ „Meinſt Du?. Hal! ha! ha!“ De Jars lachte ſo fürchterlich, daß auch ſein würdiger Freund davon angeſteckt wurde und faſt erſtickte.— Als nach der Entfernung des Commandeurs ein Augenblick des Schweigens eintrat, hörte Magiſter Quennebert die Wittwe am andern Ende des Zimmers wieder etwas ziſcheln, aber er war jetzt weniger als je geneigt, ſich mit ihr zu beſchäftigen. „Alle Wetter,“ dachte er,„die Scene kann noch merkwürdiger werden, als die bisherigen. Ich glaube kaum, daß ſich jemals ein Mann in meiner Lage befunden hat. Die Hand zuckt mir ganz teufelsmäßig, und ſo ſehr mein Vortheil mich hier feſtnagelt, hätt ich doch wüthende Luſt, dieſen Junker von Moranges ganz gehörig zu ohrfeigen! O, wenn ich einen Beweis, ein ſicheres Zeugniß für dieſe ganze Geſchichte haben könnte! Still! Das Fräulein öffnet wieder die Augen!“ Wirklich blickte Angelika mit verwunderten Augen um ſich her und ſtrich ſich mehrmals mit der Hand über die Stirn, als wollte ſie ihre verwirrten Gedanken dadurch in Ordnung bringen. „Er iſt fort!“ rief ſie.„Ach, warum haben Sie ihn nicht zurückgehalten? Sie hätten mich ſollen fallen laſſen und ihn er⸗ greifen.“ „Beruhigen Sie ſich,“ antwortete der Junker.„ Ich will zu meinem Oheim gehen und es ſchon auswirken, daß er Ihnen nichts zu Leide thut. Weinen Sie nur nicht ſo, Ihre Thränen zerreißen mir die Seele. O, wie kann man ſo grauſam ſein, Sie zu be⸗ trüben! Ich würde es nicht über mein Herz bringen können. Ich könnte Sie nicht weinen ſehen, ohne ſogleich entwaffnet dazuſtehen; und mein ganzer Zorn, wenn er auch ein gerechter wäre, würde verſchwinden vor einem einzigen Blick Ihres Auges.“ „Edler, junger Mann!“ ſagte Angelika. ——— —— “ 73 „Welche Einfältigkeit!“ murmelte Magiſter Quennebert.„Ja, laß Dich nur fangen von dem Honig ſeiner Worte!.... Aber wie, zum Satan noch eins, ſoll das Alles enden? Seine hölliſche Majeſtät ſelbſt könnte keine ſolche Intrigue erfinden.“ „Bevor ich Sie für ſchuldig halten könnte,“ fuhr der Junker fort,„müßte ich Beweiſe, unwiderlegliche Beweiſe haben. Und ſelbſt dann, glaube ich, könnte ein Wort von Ihnen mich noch in die größte Ungewißheit verſetzen. Ja, wenn die ganze Welt gegen Sie Zeugniß ablegte, doch würde ich nur Ihnen und nur Ihnen allein Glauben ſchenken. Ich bin noch jung, mein Fräu⸗ lein, ich habe noch nie geliebt...., noch vor wenig Minuten wußte ich nicht, daß nur ein Augenblick nöthig iſt, damit ein Bild, das man vielleicht niemals wieder erblickt, einen Gedanken⸗ blitz durch die Seele zucken laſſe, der unſer ganzes Weſen umwälzt, und ſich auf ewig in unſer Herz einpräge; und doch, wenn eine, meinetwegen mir ganz unbekannte Dame ſich an mich gewandt und gerufen hätte: Ich flehe Ihre Hülfe an, ſchützen Sie, retten Sie mich! ohne mich einen Augenblick zu beſinnen, hätte ich Arm und Schwert ihrem Dienſte geweiht. Und Sie, mein Fräulein, Sie, die Sie ſo ſchön ſind, für die ich freudig in den Tod ginge, was verlangen Sie von mir? Sagen Sie, was ſoll ich thun?“ „Verhindern Sie dies Duell, überhaupt die Zuſammenkunft— zwiſchen Ihrem Oheim und dem Manne, den er genannt hat. Aber ſagen Sie, Sie find nicht im Stande, die Unwahrheit zu ſprechen? Nicht wahr?“. „ Ja, rechne Du nur darauf, einfältige Dirne,“ ſagte Magiſter Quennebert in ſeinem Winkel;„gegen den Cavalier biſt Du nur ein Kind in ſolchen Geſchichten! Wenn Du wüßteſt, mit wem Du zu thun haſt!“ „In Ihrem Alter,“ fuhr Angelika fort,„iſt man nicht im Stande, ſeine Gedanken zu verheimlichen... Das Herz iſt noch nicht verdorben, man hat noch Mitgefühl. Ein abſcheulicher Ge⸗ 6 74 danke fällt mir ein, ein entſetzlicher Argwohn. Ich ſehe eine hölliſche Liſt..., eine Schlinge, in die man mich lachend hineinlocken will. Sagen Sie, iſt dies nicht Alles ein abgekartetes Spiel? Gegen ein armes Mädchen ſo viel Treuloſigkeit...! man macht ſich ein Vergnügen daraus, ihr Herz zu täuſchen und ihr den Kopf zu verdrehen, man berauſcht ihre Citelkeit durch Schmeicheleien, er⸗ heuchelte Huldigungen und Verführung, und nachher macht man ſich über ſie luſtig, verachtet, beſchimpft ſie.... Haben ſie ſich mit einander verabredet? war dieſe Liebe, dieſe Eiferſucht nichts als lauter Lüge?“ „O, mein Fräulein,“ erwiderte der Junker mit dem Ausdruck tiefſter Entrüſtung,„wie können Sie dem menſchlichen Herzen eine ſo große Verderbtheit zutrauen? Ich kenne den Mann nicht, den Sie, wie der Commandeur behauptet, lieben ſollen, aber ge⸗ wiß iſt er Ihrer Liebe würdig und wird ſich zu einer ſolchen Er⸗ bärmlichkeit nicht hergegeben haben. Auch der Commandeur iſt deſſen unfähig, und die Eiferſucht bringt ihn außer ſich und macht ihn wüthend..... Ich bin nicht abhängig von ihm, ich bin mein freier Herr und kann thun und laſſen, was mir beliebt. Ich werde das Duell verhindern und dafür ſorgen, daß der Mann, der Sie liebt und den Sie, ach! ich ſehe es wohl, wieder lieben, in der angenehmen Täuſchung bleibt, die ihn glücklich macht. Sie werden glücklich ſein mit ihm, und ich.... ich werde Sie nie wieder⸗ ſehen... Doch eine ſchöne Erinnerung wird mir bleiben und die Freude, Ihnen einen Dienſt geleiſtet zu haben.“ Angelika ſah ihn mit ihren ſchönen Augen an, und dieſer Blick war ein mehr beredter Dank, als viele Worte. „Gott ſoll mich verdammen,“ dachte Magiſter Quennebert, „die Dirne fängt ſchon an zu liebäugeln! Freilich, wer eben er⸗ trinken will, der greift auch nach einem Strohhalm.“ „Ich verſtehe Sie,“ nahm der Junker noch einmal das Wort, „ich verſtehe dieſe ſtumme Sprache: Sie danken mir in ſeinem 7⁵ Namen; ich gehorche; Sie bitten mich, Sie zu verlaſſen... ja, mein Fräulein, ich gehe und ſollt' es mein Leben koſten; ich werde mich ihrem Zuſammentreffen widerſetzen und es nimmer dazu kommen laſſen, daß ſie ſich Erklärungen geben, die Ihnen verderblich ſein würden. Aber eine Bitte zu guterletzt: darf ich Sie noch ein⸗ mal wiederſehen, bevor ich dieſe Stadt verlaſſe, die ich lieber nie hätte betreten ſollen? In einigen Tagen reiſe ich ab, morgen ſchon, ſobald ich weiß, daß Sie glücklich ſind; aber ſchlagen Sie mir meine Bitte nicht ab. Einmal noch muß ich Ihr Auge auf dem meinen ruhen ſehen, dann will ich abreiſen, dann will ich Sie fliehen für immer. Aber ſollte mir meine Abſicht nicht ge⸗ lingen, obſchon ich mich auf Ehrenwort verpflichte, Alles aufzu⸗ bieten, was in meinen Kräften ſteht, ſollte ich ſcheitern, ſollte den Commandeur ſeine Eiferſucht unempfindlich machen gegen meine Bitten und Thränen und Ihr Geliebter Sie mit Vorwürfen über⸗ häufen und Sie verlaſſen, würden Sie mich auch dann aus Ihrer Nähe verbannen, wenn ich dann zu ſagen wagte: ich liebe Sie?! Antworten Sie, ich flehe!“ „Gehen Sie,“ ſagte ſie,„und verdienen Sie meinen Dank oder meine Liebe.“ 4 Der Junker ergriff ihre Hand und bedeckte ſie mit glühenden Küſſen. „Eine ſolche Unverſchämtheit iſt doch wirklich unglaublich,“ murmelte Quennebert.„Glücklicherweiſe hat das Stück für heute ausgeſpielt, ſonſt würd' ich eine Dummheit begehen. Beim Himmel! das Fräulein läßt ſich nicht im Traume einfallen, wie der Knoten gelöſt werden wird.“ Er wußte das übrigens ſelbſt nicht. Es war wirklich ein Tag der Abenteuer. Im Buch des Schickſals ſtand es geſchrieben, daß Angelika binnen zwei Stunden einen Abriß aller Gefühle, aller Entwicklungen durchmachen ſollte, die im Leben einer„galanten Dame“ vorkommen können, Hoffnung, Furcht, Glück, Demüthi⸗ 6* ———— —— —— eiec⸗= Sie erbleichte und blieb ſtehen, die Augen ſtarr auf die Thür geheftet, die Hände vor ſich geſtreckt, nicht im Stande, einen Schritt vor oder zurück zu thun. Der junge Mann lauſchte, aber er erkannte weder die Stimme des Commandeurs, noch die des Schatzmeiſters. „Seine Stimme!“ dachte Magiſter Quennebert;„ ſollte das etwa ein vierter Liebhaber ſein?“ Das Geräuſch näherte ſich. „Verbergen Sie ſich,“ ſagte Angelika und zeigte dem Junker eine Thür, die in ein der Tapetenwand gegenüberliegendes Zimmer führte;„verbergen Sie ſich dort,... eine geheime Treppe.... Sie können dort heraus.“ „Ich mich verbergen?“ erwiderte Moranges mit großprahleri⸗ ſcher Miene;„ich denke nicht daran, ich bleibe.“ Er hätte den guten Nath doch lieber befolgen ſollen, und hatte ſchon zwei Sekunden darauf alle Urſache, es in petto zu bereuen, nicht ge⸗ hört zu haben, denn er ſah einen großen, jungen kräftigen Mann ein⸗ treten, der höchſt aufgebracht ſchien. Angelika ſtürzte ihm entgegen. „Ach, Sie ſind es, Herr Herzog!“ „Was muß ich eben hören, Angelika?“ ſagte der Herzog von Vitry. Man ſagte mir unten, dieſen Abend ſeien drei Männer zu ihnen gegangen. Nur zwei haben ſich wieder entfernt.... wo iſt der dritte? Ach, ich darf ihn nicht lange ſuchen,“ ſetzte er hin⸗ zu, als er den Junker bemerkte, der in recht guter Haltung daſtand. „Um Gottes Willen,“ rief das Fräulein,„hören Sie mich!“ 77 „Nein, nein, nichts will ich hören! Nicht Sie hab' ich jetzt zu fragen! Wer ſind Sie, mein Herr?“ Selbſt in dieſem kritiſchen Augenblick überwog das zänkiſche, poſſenhafte Weſen des Junkers die Furcht vor der Gefahr, und er antwortete mit unverſchämtem Tone: „Ich bin, was mir zu ſein beliebt, mein Herr, und, bei mei⸗ ner Seele, ich finde es recht ſpaßhaft von Ihnen, mich in dieſem Tone darnach zu fragen.“ Der Graf nahm einen Anlauf vor Wuth und griff nach ſeinem Degen. Angelika wollte ihn zurückhalten.“ „Sie wollen ihn meiner Rache entziehen, Treuloſe!“ ſagte er, einige Schritte zurückweichend, und vertrat die Thür;„vertheidigen Sie Ihr Leben, mein Herr!“ „Und Sie das Ihre!“ Beide zogen blank. Ein doppelter Schrei des Entſetzens ertönte im Zimmer und hinter der Tapetenwand. Angelika und die Wittwe Rapally konn⸗ ten ihren Schreck nicht bemeiſtern, als ſie die Klingen blitzen ſahen. Die Letztere erſchrak ſo ſehr, daß ſie ohnmächtig niederſank. Dieſer Umſtand wahrſcheinlich war es, der dem jungen Manne das Leben rettete, dem beim Anblick des vor Wuth ſchäumenden Gegners, der den Ausgang beſetzt hielt, eine eiſige Kälte durch die Glieder rieſelte. „Was iſt das?“ fragte der Herzog.„Sind hier unſichtbare Feinde verſteckt?“ 2 Ohne daran zu denken, daß er die Thür frei gab, ſprang er nach der Seite, von welcher jener Schrei gekommen war, und unterſuchte mit der Spitze ſeines Degens die Tapetenwand. Der Junker gab ſchnell ſeine prahleriſche Haltung auf und ſprang, wie eine von einer Dogge verfolgte Katze, mit einem Satz von einer Seite des Zimmers bis auf die andere. Aber der Her⸗ zog bemerkte ſeine Flucht dennoch und ſtürzte ihm nach. Beide liefen Gefahr, ſich auf den dunklen Treppen das Genick zu brechen.. Allles dies geſchah in wenig Sekunden mit Blitzesſchnelle. Zwei⸗ mal hinter einander wurde die Hausthür aufgeriſſen und laut zu⸗ geworfen. Die beiden Feinde ſtürzten auf die Straße, einer vor dem andern fliehend. „Großer Gott, welche Begebenheiten!“ ſagte Fräulein von Guerchi.„Es iſt um auf der Stelle vor Schreck den Tod zu be⸗ kommen! Wie wird das jetzt werden und was ſoll ich dem Herzog antworten, wenn er es iſt, der zurückkehrt?“ Plötzlich hört ſie ein ſeltſames Krachen. Angelika erſchrickt und denkt an den Schrei, welchen ſie eben gehört. Ihre Haare, die ſchon in Unordnung gekommen waren, ſträubten ſich empor, als ſie ſah, daß ſich die Geſtalten auf der Tapete bewegten und ſich nach ihr zu neigten, als wären ſie lebendig. Sie ſank auf die Kniee, kniff die Augen zu und bat Gott und alle Heiligen, ſie in ihren gnädigen Schutz zu nehmen. Da ergreift eine kräftige Hand die ihrige und zwingt ſie, aufzuſtehen. Ein unbekannter Mann, der aus der Erde heraufgeſtiegen oder durch die Mauern geſprungen ſein muß, nimmt das einzige Licht, das bei dieſem Wirrwarr nicht ausgegangen, und ſchleppt ſie, die vor Angſt halb todt iſt, in das anſtoßende Zimmer. Dieſer Mann war, wie der Leſer erräth, kein Anderer, als Magiſter Quennebert. Sobald der Junker und der Herzog ver⸗ ſchwunden, lief er zur Wittwe, und als er ſich überzeugt, daß ſie bewußtlos daliege und er ihr am folgenden Tage über den Schluß des Abenteuers ein beliebiges Mährchen aufbinden könne, drängte er mit aller Kraft gegen die Tapetenwand. Sie gab nach und er brach ſich eine Breſche. Er war ſo ſehr darauf erpicht, den Ver⸗ ſchlag zu ſtürmen, das Intereſſe, welches ihn antrieb, war ſo mächtig und beherrſchte ihn ſo ganz und gar, daß er ſogar den Beutel mit den zwölfhundert Franken vergaß. „Wer ſind Sie? Was wollen Sie von mir?“ ſchrie Fräulein von Guerchi, ſich aus Leibeskräften gegen ihn ſträubend. „Ruhig!“ antwortete Quennebert. „Barmherzigkeit, tödten Sie mich nicht!“ „Es fällt mir nicht ein, Sie tödten zu wollen! Aber ſchwei⸗ gen Sie ſtill; ich will nicht, daß Ihr Geſchrei Leute herbeizieht, denn ich muß einige Minuten mit Ihnen allein ſein. Still, zum Henker! Zwingen Sie mich nicht, Gewalt zu gebrauchen! Gehor⸗ chen Sie, und es ſoll Ihnen nichts zu Leide geſchehen!“ „Aber, mein Herr, wer ſind Sie?“ „Weder ein Dieb, noch ein Mörder, und mehr brauchen Sie nicht zu wiſſen, denn alles Uebrige geht Sie nichts an. Haben Sie Papier und Feder bei der Hand?“ „Ja, hier.“ „Gut. Setzen Sie ſich an dieſen Tiſch.“ „Wozu?“ „Setzen Sie ſich und antworten Sie. Der erſte Mann, der dieſen Abend zu Ihnen kam, war Meſſire Jeannin?“ „Meſſire Jeannin von Caſtilien.“ „Sparkaſſenſchatzmeiſter?“ „Ial.* „Gut. Der zweite war der Commandeur de Jars; der junge Mann, welcher ihn begleitete, ſein Neffe, der Junker von Moranges. Der letzte war ein Herzog, nicht wahr?“ 3 „Der Herzog von Vitry.“ „Jetzt ſchreiben Sie nieder, was ich Ihnen dictire.“ Er ſprach langſam. Das Fräulein gehorchte und nahm die Feder. „„Heute,““ ſagte Quennebert,„„heute den 20. Novem⸗ „„ber 1658 habe ich.... „Wie heißen Sie?“ „Angelika Luiſe von Guerchi.“ 80 „Schreiben Sie.“ „„habe ich, Angelika Luiſe von Guerchi, in der Wohnung, „„die ich inne habe, Hotel der Herzogin von Etampes, „„Git⸗-le⸗Coeur und Hürepoirſtraßen⸗Ecke, zuerſt um ſieben „„ein halb Uhr Abends einen Beſuch von Meſſire Jeannin „„von Caſtilien, Sparkaſſenſchatzmeiſter, dann zweitens einen „„Beſuch vom Commandeur de Jars empfangen, der von „„einem jungen Mann, ſeinem Neffen, begleitet war, wel⸗ „„chen er Junker von Moranges nannte; drittens beſuchte „„mich, nachdem der Commandeur de Jars fortgegangen, „„als ich mit dem eben genannten Junker von Moranges „„allein war, der Herzog von Vitry, der den Degen zog „„und den Junker zwang, die Flucht zu ergreifen.““ „Jetzt machen Sie einen Abſatz und ſchreiben mit großen Buch⸗ ſtaben:“ „„Signalement des Junkers von Moranges.““ —„Aber ich habe ihn ja nur einen Augenblick geſehen,“ ſagte Angelika,„und kann mich nicht erinnern..... 4 „Schreiben Sie nur! Ich erinnere mich ſeiner noch ſehr genau, und das genügt.“ „„Größe etwa fünf Fuß.““ „Der Junker,“ unterbrach ſich Quennebert ſelbſt,„der Junker mißt vier Fuß elf Zoll, drei und eine halbe Linie; aber wir brau⸗ chen hier nicht ſo genau zu ſein.“ Angelika ſah ihn mit erſtaunten Blicken an. „Sie kennen ihn alſo?“ fragte ſie. „Ich hab' ihn heute Abend zum erſten Male geſehen, aber ich hab' ein ſehr ſcharfes Augenmaß.“ 1 „„Größe etwa fünf Fuß, Haar ſchwarz, Augen ſchwarz, „„Naſe gekrümmt, Mund groß und ſpöttiſch zuſammenge⸗ „„ kniffen, Stirn hoch, Geſicht oval, Geſichtsfarbe blaß, „„Bart fehlt.““ —.——— 2 81 „Abgeſetzt und wieder mit großer Schrift:“ „„Beſondere Kennzeichen. „„Auf dem Nacken hinter dem rechten Ohr ein Muttermal; „„ein desgleichen aber kleiner an der linken Hand.““ „Sind Sie fertig? So ſchreiben Sie Ihren Namen und Vor⸗ namen herunter.“ „Was wollen Sie damit machen?“ Da ich's Ihnen nicht gleich geſagt habe, muß ich wohl wün⸗ ſchen, daß Sie das nicht wiſſen ſollen; alſo iſt jede Frage der Art überflüſſig. Was das Uebrige anbetrifft,“ ſetzte der Notar hinzu, faltete das Papier und ſteckte es in die Taſche,„ſo mache ich Ihnen das Schweigen durchaus nicht zur Pflicht. Sie können erzählen, wem Sie wollen, daß Sie das Signalement des Junker von Moranges geſchrieben nach dem Dictat eines unbekannten Mannes, der, Sie wiſſen ſelbſt nicht wie, in Ihr Zimmer ge⸗ kommen iſt, durch die Wand, durchs Schlüſſelloch oder durch den Schornſtein, der aber entſchloſſen iſt, einen bequemeren Ausweg zu wählen. Es giebt hier ja wohl eine geheime Treppe? Zeigen Sie ſie mir, denn es iſt mir nichts daran gelegen, wenn mir auch Jemand begegnet.“ Angelika zeigte ihm eine hinter einem Damaſtvorhang verſteckte Thür. Quennebert empfahl ſich höflich. Sie war überzeugt, Sa⸗ tan ſelbſt habe ihr einen Beſuch gemacht. Erſt als ſie am fol⸗ genden Lane das Loch in der Tapetenwand bemerkte, wußte ſie ſich ſeine plötzliche Erſcheinung auf eine natürliche Art zu erklären. Aber ihr Schreck war groß, das Geheimnißvolle ſeines Weſens floͤßte ihr eine ſolche Furcht ein, daß ſie trotz ſeiner Erlaubniß Niemand ihr Abenteuer erzählte und ſich ſelbſt bei ihrer Nachbarin, der Wittwe Rapally, nicht über die Neugierde, ſie zu belauſchen, beklagte. De Jars und Jeannin verließen wir aus vollem Halſe lachend in der Schenke der Straße St. André des Arts. ———— 3 —— 82 „Wie,“ ſagte Jeannin,„Du glaubſt, Angelika hat meinen Vorſchlag ernſt genommen? Geglaubt, wirklich geglaubt, daß ich ſie heirathen will?“ „Ich kann's Dir verſichern. Wäre ſie ſonſt ſo in Angſt ge⸗ rathen? Wäre ſie ohnmächtig geworden, als ich ihr drohte, Dir zu ſagen, daß ich eben dieſelben Rechte auf ſie habe, als Du? Sich heirathen zu laſſen! Freilich, darauf ſind Alle ihres Gelich⸗ ters wie verſeſſen, und Keine kann's begreifen, daß ein Ehren⸗ mann davor erröthen muß, ihr ſeinen Namen zu geben. Hätteſt Du nur jihren Schreck, ihre heißen Thränen geſehen. Wirklich, das Herz hätte einem dabei brechen können, wäre man nicht bei⸗ nahe aufgeplatzt vor Lachen.“ 3 „Es wird ſchon ſpät,“ ſagte Jeannin.„Warten wir noch auf den Junker?“ „Wir wollen ihn holen.“ „Er denkt vielleicht nicht daran, wiederzukommen. Wir wollen einen ſchauderhaften Auftritt anrichten, Verrath und Treuloſigkeit ſchreien und Deinen Neffen herunterhunzen. Komm!“ Sie gingen, Beide etwas erhitzt von dem in reichlichem Maße genoſſenen Wein. Sie fühlten das Bedürfniß, ſich in der friſchen Abendluft zu ergehen, und ſchlugen, ſtatt die Straße Pavée hin⸗ unterzugehen, die Straße St. André des Arts ein, um auf einem Umweg zum Hotel d'Etampes zu gelangen. In demſelben Augenblicke riß der Junker aus, was er nur laufen konnte. Als er aus dem Hotel kam, warf er ſich in die Straße Git⸗le⸗Coeur und verſchwand, als er die Thür zuſchla⸗ gen hörte, in der engen und krummen Straße l'Hirondelle, wo, wie er hoffte, der Herzog Vitry ſeine Fährte verlieren ſollte. Dieſer richtete ſich aber nach dem Geräuſch ſeiner Tritte. Der Junker wandte ſich rechts, bis er an eine eben im Bau begriffene Kirche kam, wo er ſich unter den Gerüſten und aufgehäuften Steinen verſteckte. Zweimal hörte er Vitry dicht vorbeigehen und ——————— 83 machte ſich beide Male auf einen wüthenden Angriff gefaßt. Einige Minuten lang ging ſein Gegner ſuchend hin und her. Dann hoffte er der Gefahr entgehen zu können und wartete nur, bis wieder eine Wolke den Mond überziehen würde, um ſein Verſteck zu ver⸗ laſſen und leiſe in eine der nächſten Gaſſen hineinzuſpringen. Aber plötzlich richtete ſich eine dunkle Geſtalt vor ihm auf und eine drohende Stimme rief:. „Endlich hab' ich Dich, Feigling!“ Die Gefahr gab ihm eine unnatürliche Kraft, einen gewiſſen fieberhaften Muth; ſein Degen kreuzte ſich mit dem ſeines Gegners. Es war ein merkwürdiger Kampf. Die Fechtkunſt half nichts auf einem Boden, wo man bei jedem Schritt ſtrauchelte oder die Glieder ſich an den Steinmaſſen ſtieß. Mehrere Male durch⸗ drang die Klinge des Einen den Mantel des Andern, und mehr⸗ mals riefen ſie:„Stirb, ſtirb!“ Aber immer war der Kämpfer unverwundet und bedrohte den Gegner aufs Neue. Endlich fühlte der Eine ein ſcharfes Eiſen in ſeine Bruſt dringen, ſchrie laut auf, wich einige Schritte zurück und ſtürzte rücklings auf einen großen Stein, auf dem er mit ausgebreiteten Armen bewegungs⸗ los liegen blieb. Der Andere ergriff die Flucht. „Horch, de Jars,“ ſagte Jeannin und blieb ſtehen;„hörſt Du nicht Degengeklirr? Hier ſchlägt man ſich!“ Beide lauſchten. „Ich höre nichts mehr.“ „Still! Dort von der Kirche her....“ „Welch' ein fürchterlicher Schrei!“ Sie eilten nach dem Platze hin. Alles ſtill und einſam. Sie ſehen ſich nach allen Seiten um. „ Ich ſehe keine lebende Seele,“ ſagte Jeannin,„und fürchte ſehr, der arme Teufel, der ſo laut aufſchrie, hat ſein letztes Stoß⸗ gebet gethan!“ 84 „Ich weiß nicht, warum ich ſo zittere,“ ſagte de Jars.„Bei dieſem herzzerreißenden Ton überlief es mich todteskalt. Glaubteſt Du nicht auch die Stimme des Junkers zu erkennen?“ „Der Junker iſt ja bei der Guerchi, und wenn er ſie ſchon ver⸗ laſſen hat, ſo würde er nicht über dieſen Platz gekommen ſein, um wieder zu uns zu ſtoßen. Wollen gehen; Friede dem Gefallenen.“ „Sieh, Jeannin, was liegt da vor uns?“ „Auf dieſem Stein?.... Ein niedergeworfener Mann!“ „Und in ſeinem Blute ſchwimmend!“ rief de Jars, der ſchon zum Verwundeten hingeſprungen war.„Ach, er iſt's doch!.... Sieh, ſeine Augen ſind geſchloſſen, ſeine Hände ſind kalt..... Mein liebes Kind!.... Er hört mich nicht.... Ach, wer kann ihn niedergeſtoßen haben?“ Er ſank auf die Kniee, beugte ſich über den Verwundeten hin und zeigte die heftigſte Verzweiflung. „Faſſe Dich doch,“ ſagte de Jars, den dieſer Ausbruch des Schmerzes bei einem Manne, der an Zweikämpfe gewohnt war und bei mancher ähnlichen Gelegenheit kein ſo tiefes Gefühl gezeigt hatte, in das größeſte Erſtaunen ſetzte.„Die Wunde iſt vielleicht nicht tödtlich. Wir wollen das Blut ſtillen und Hülfe rufen.“ „Nein, nein...“ „Du biſt verrückt!“ „Rufe nicht, um des Himmels Willen! Die Wunde iſt nahe am Herzen.... Dein Taſchentuch, Jeannin, das Blut aufzuhal⸗ ten. Jetzt hilf mir ihn aufheben.“ „Was?... wach' ich, oder träum“ ich?“ ſagte Jeannin, der eben den Junker berührt hatte, der Junker iſt.... „Sei ſtill, ich beſchwöre Dich! Du ſollſt Alles wiſſen, aber nur jetzt geſchwiegen. Dort ſteht Jemand und beobachtet uns.“ Wirklich ſtand wenige Schritte von ihnen ein in einen Mantel eingehüllter Mann. „Was thun Sie da?“ fragte ihn de Jars. „Und Sie, meine Herren?“ antwortete mit feſter Stimme Magiſter Quennebert. „Ihre Neugier könnte Ihnen theuer zu ſtehen kommen, denn wir ſind nicht gewohnt, unſere Handlungen auskundſchaften zu laſſen.“ „Und ich, meine edeln Herren, bin nicht gewohnt, unvorſichtig auf Abenteuer auszugehen. Sie ſind Ihrer Zwei gegen mich, aber— dabei ſchlug er ſeinen Mantel von einander und legte die Hände an zwei Piſtolen, die er im Gürtel trug— dieſe hier ſtellen das Gleichgewicht einigermaßen wieder her. Sie haben eine fälſchliche Meinung von meinen Abſichten; ich will Sie nicht auskundſchaften; lediglich der Zufall hat mich hergeführt, und an dieſem entlegenen Ort, in dieſer ſpäten Stunde, iſt Ihre Lage, wie Sie, meine Herren, ſelbſt eingeſtehen werden, befremdend genug, um die Neugier eines Mannes zu erregen, der eben ſo wenig geneigt iſt, Händel zu ſuchen, als ſich durch Drohungen 1 einſchüchtern zu laſſen.“ „Auch uns,“ antwortete de Jars,„hat der Zufall hierher geführt. Mein Freund und ich gingen über dieſen Platz, als wir ein Geſtöhn hörten; wir traten näher und fanden dieſen jungen Mann, den wir nicht kennen, von einem Degenſtoß durchbohrt.“ Magiſter Quennebert bückte ſich auf den Verwundeten herab, als gerade der Mond ein unbeſtimmtes Licht auf ſein Geſicht warf, ſah ihn an und ſagte: „Ich kenne ihn eben ſo wenig, als Sie. Wenn man uns ſo träfe, könnte man uns leicht für Mörder halten, die ſich beim Leichnam ihres Opfers berathen. Was gedenken Sie zu thun?“ „Ihn zu einem Arzt zu tragen. Es wäre unmenſchlich, ihn hülflos liegen zu laſſen, und ſelbſt, daß wir hier noch ſprechen, iſt ſchon Zeitverluſt.“ „Wohnen Sie in dieſer Gegend?“ „Nein,“ antwortete der Schatzmeiſter. 4 86 „Auch ich nicht, aber ich habe den Namen eines Wundarztes nennen hören, der hier in der Nähe der Straße Hautefeuille wohnt.“ „Ich kenne Einen,“ ſagte de Jars lebhaft,„einen geſchickten Mann.“ „Verfügen Sie über mich!“ „Mit Freuden, denn es iſt ziemlich weit.“ De Jars und Jeannin hoben den Junker auf, faßten ihm unter die Arme und Magiſter Quennebert nahm ihn bei den Füßen. So ſetzten ſie ſich in Bewegung, ſchlichen langſam neben den Häuſern hin und machten erſt vor einem Gebäude hinter dem Stadthauſe Halt. „Wir danken Ihnen, mein Herr,“ ſagte de Jars,„jetzt be⸗ dürfen wir Ihrer Hülfe nicht weiter.“ Augenblicklich ließ Quennebert die Füße des Junkers aufs Pflaſter niederfallen, trat zwei Schritte zurück, riß die Piſtolen aus dem Gürtel und legte den Finger an den Drücker: „Nicht vom Fleck, meine Herren, oder ich ſchieße Sie nieder.“ Obgleich ſie ſo ſchwer beladen waren, griffen ſie doch nach ihren Degen. „Keine Bewegung, keinen Laut, oder ich drücke los.“ Dagegen ließ ſich nichts einwenden, das ſahen ſelbſt die beiden Raufbolde ein. Der tapferſte Mann erbleicht beim Anblicke einer unvermutheten Todesgefahr, und der ſie bedrohte, ſchien ein ent⸗ ſchloſſener Menſch, gar geneigt, ſein Wort zur That werden zu laſſen. Sie mußten gehorchen, oder ſich über den Haufen ſchießen laſſen. „Was wollen Sie denn?“ fragte Jeannin. Ohne ſeine Stellung zu verändern, ſagte Quennebert: „Commandeur de Jars und Sie, Meſſire Jeannin von Caſti⸗ lien, Sparkaſſenſchatzmeiſter— Sie ſehen, daß ich außer dem Vortheil der Waffen auch noch den auf meiner Seite habe, Sie zu kennen— Sie werden den Verwundeten in dies Haus tragen, 5 87 in das ich Ihnen nicht zu folgen Willens bin; aber wenn Sie wieder herauskommen, ſo werden Sie mich noch vor der Thür finden. Sobald Sie ihn dem Arzt übergeben, ſo werden Sie ſich Papier geben laſſen und ſchreiben, behalten Sie das wohl, daß Sie am 20. November 1658 um Mitternacht, von einem Unbe⸗ kannten unterſtützt, in dieſes Haus, das Sie gehörig zu bezeichnen haben, einen jungen Mann gebracht haben, den Sie den Junker von Moranges nennen und den Sie für Ihren Neffen ausgeben...“ „Der er auch wirklich iſt.“ „Meinetwegen.“ „Aber wer hat Ihnen geſagt... 2“ „Unterbrechen Sie mich nicht! Der in einem Degenkampf an demſelben Abend hinter der Kirche St. André des Arts vom Her⸗ zog von Vitry verwundet worden war. „Vom Herzog von Vitry? Woher wiſſen Sie das?“ „Ich weiß es; woher, darauf kommt Nichts an. Nach dieſer Erklärung werden Sie hinzuſetzen, daß genannter Junker von Mo⸗ ranges niemand Anderes iſt, als Joſephine Charlotte Boullenois, die Sie, Commandeur, vor vier Monaten aus dem Kloſter Ra⸗ quette entführt und zu Ihrer Geliebten gemacht haben, und die Sie unter männlicher Kleidung verbergen. Endlich werden Sie mit Ihrem vollſtändigen Namen unterſchreiben.— Nun, bin ich gut unterrichtet?“. De Jars und Jeannin blieben eine Weile ſtumm vor Erſtau⸗ nen. Der Erſtere ſtammelte:— „Werden Sie uns denn nicht ſagen, mein Herr, wer Sie ſind?“ „Der Teufel in höchſteigner Perſon, wenn's Ihnen Spaß macht. Werden Sie thun, was ich verlange? Selbſt wenn Sie annehmen, daß ich ungeſchickt genug bin, um auf zwei Schritte zu fehlen und Sie nicht zu tödten, wollen Sie, daß ich das vor aller Welt von Ihnen mit lauter Stimme verlange, was ich Ihnen — 88 jetzt bei Nacht ins Ohr ſage? Glauben Sie aber ja nicht mit einer falſchen Erklärung abzukommen! Ich kann beim Mondſchein vortrefflich leſen. Laſſen Sie ſich's auch ja nicht einfallen, wenn Sie mir die Erklärung einhändigen, mich überrumpeln zu wollen; Sie werden den Degen in der Scheide tragen, wie jetzt, wenn Sie ſich mir nähern. Wird dieſe Bedingung nicht erfüllt, ſo gebe ich Feuer, und auf den Lärm kommen Leute gelaufen, und morgen würde Ich etwas Anderes als Ihnen heute zu erzählen wiſſen, morgen würde ich die Wahrheit in allen Gaſſen, auf allen Plätzen und ſelbſt unter den Fenſtern des Louvre laut ausſchreien. Ich geb⸗ es zu, für einen beherzten Mann i*ſt es ſehr hart, ſo einer Dro⸗ hung weichen zu müſſen; aber überlegen Sie ſich's, Sie ſind in meiner Gewalt, und man darf ſich nicht ſchämen, ſein Leben zu erkaufen, wenn man nicht im Stande iſt, es zu vertheidigen. Ihre Antwort?“ Trotz all ſeines natürlichen Muthes wandte ſich Jeannin zum Commandeur und ſagte: „Wahrhaftig, ich glaube es iſt am Klügſten, wir geben nach.“ De Jars wollte, bevor er ſich dazu entſchloß, erſt ſehen, ob es nicht möglich ſei, ihren Feind zu täuſchen und unvermuthet anzugreifen; ſeine Hand lag noch am Degengefäß, unbeweglich, aber bereit, blank zu ziehen. „Da kommt Jemand von jener Seite her! Hören Sie?“ „Kriegsliſt!“ antwortete Quennebert;„wenn wirklich etwas zu hören wäre, würde ich mich nicht umſehen, und wenn Ihre Klinge ſich auch nur einen Zoll aus der Scheide rührt, ſo ſind Sie ein Mann des Todes.“ „Nun, ich ergebe mich,“ ſagte de Jars,„aber nicht meinet⸗ wegen, mein Herr, ſondern nur um meines Freundes und dieſer Frau willen. Aber wir könnten wohl ein Unterpfand für Ihr Schweigen verlangen; Sie werden doch nicht dieſe ſchriftliche Erklä⸗ rung dazu anwenden, um uns morgen ins Verderben zu ſtürzen?“ 89 „Noch weiß ich nicht, welchen Gebrauch ich davon machen werde. Entſchließen Sie ſich, meine Herren, ſonſt bringen Sie dem Doctor nur eine Leiche; zu entwiſchen haben Sie nicht die min⸗ deſte Ausſicht.“. Zum erſten Male ließ die Verwundete ein leiſes Stöhnen hören. „Wir müſſen ſie retten!“ ſchrie de Jars.„Ich gehorche.“ „Und ich gebe mein Ehrenwort, daß ich Ihnen dieſe Frau nie ſtreitig machen und Ihre Eroberung nicht ſtören werde. Sorgen Sie, meine Herren, daß man Ihnen öffnet, und bleiben Sie ſo lange Sie wollen; ich bin geduldig. Bitten Sie Gott, daß er ſie geneſen läßt; ich für mein Theil wünſche ihren Tod.“ Sie gingen hinein; Quennebert wickelte ſich wieder in ſeinen Mantel und ging, von Zeit zu Zeit lauſchend, vor dem Hauſe auf und nieder. Nach etwa zwei Stunden kamen der Comman⸗ deur und der Schatzmeiſter zurück und übergaben ihm die verſpro⸗ chene ſchriftliche Erklärung. „Ich fürchte,“ ſagte de Jars,„das wird eine Anzeige fürs Todtenregiſter werden.“ „Der Himmel wolle Sie erhören, Commandeur! Adieu, meine Herren!“ Er entfernte ſich, rückwärts gehend, die Piſtolen in der Hand und zur Vertheidigung bereit, bis er weit genug fort war, um nichts mehr fürchten zu dürfen. Die beiden Edelleute ließen die Köpfe hängen und machten ſich ſchleunigſt davon, beſchämt, von einem Grobian bezwungen zu ſein, und ſehr beſorgt um den Zuſtand der Verwundeten. Den Tag nach dieſen ſeltſamen Auftritten kam es zu Erklä⸗ rungen zwiſchen den verſchiedenen Perſonen, die als Handelnde oder Zuſchauer dabei betheiligt geweſen. Als Magiſter Quenne⸗ bert in ſein Nachtquartier kam, bemerkte er, daß der lebhafte An⸗ theil, den er am Junker von Moranges genommen, ihn ganz die zwölfhundert Livres der Wittwe hatte vergeſſen laſſen. Er brauchte 7 90 das Geld nothwendig und ging wieder zu ihr. Sie hatte ſich noch immer nicht recht von ihrem Schreck erholt. Als ſie aus ihrer Ohnmacht erwacht, hatte ſie die Tapetenwand zertrümmert, das Geld an der Erde zerſtreut gefunden. Aber wie und warum ſollte Quennebert ſie verlaſſen und das Geld vergeſſen haben? Sie verlor ſich in den abenteuerlichſten Vermuthungen und konnte nicht aufs Reine mit ſich kommen; da erſchien Quennebert. Er merkte auf den erſten Blick, daß ſie noch von nichts wußte, und erzählte ihr, er habe in dem intereſſanten Augenblick, als der Herzog die Scene des Junkers mit dem Fräulein unterbrochen, mit ſolcher Spannung gelauſcht, daß er es nicht bemerkt, wie die Tapete ſammt der Breterwand dem Gewichte ſeines Leibes nachgebe⸗ Als der Herzog blank gezogen, ſei er, Quennebert, plötzlich ins Nebenzimmer hineingefallen und habe dadurch einen ſchauderhaften Wirrwarr angerichtet.„Kaum,“ ſagte er,„hatte ich Zeit mich aufzuraffen. Beide, der Herzog und der Junker wollten mir zu Leibe; nur mit genauer Noth entwiſchte ich ihnen, und ſie verfolg⸗ ten mich bis in einen entlegenen Stadttheil, wo ich mich in ein Haus flüchtete. Wieder zu Ihnen kommen konnte ich nicht, denn es war ſchon zu ſpät.“ Während ſo der Notar die Wittwe beruhigte, bot Angelika Alles auf, den Verdacht des Herzogs von Vitry zu beſeitigen. Sie gab vor, man habe ſie unverſehens überfallen. Der Junker von Moranges ſei zu ihr gekommen unter dem Vorwande, ihr Nach⸗ richt vom Herzog zu bringen. Er habe ſie, ſollte er geſagt haben, vor einigen Tagen geſehen; auf eine feine Art habe er ihr dann zu verſtehen gegeben, daß der Herzog ſie vergeſſen und eine neue Er⸗ oberung der Grund ſeines langen Ausbleibens ſei. Obgleich ſein langes Schweigen ihr ein Recht gegeben, ähnlichen Verdacht auf⸗ kommen zu laſſen, habe ſie doch dieſe Einflüſterung unwillig zu⸗ rückgewieſen. Der Junker ſei immer kühner geworden und habe ihr endlich ſeine Liebe erklärt, ſie aber ihm ſogleich befohlen, ſie — 91 zu verlaſſen. Darüber ſei er, der Herzog, hinzugekommen. Sie mußte ſich auch über den Beſuch der beiden andern Männer er⸗ klären, die man Vitry beſchrieben hatte. Da er nichts von ihnen wußte und auch der erſt kürzlich in ihren Dienſt getretene Bediente weder Jeannin, noch de Jars kannte, ſo ſagte ſie, es ſeien wirk⸗ lich zwei Edelleute an demſelben Abend bei ihr erſchienen, hätten es aber verweigert, ihren Namen zu nennen, und um Nachricht uͤber ihn, den Herzog, gebeten; ſie vermuthe, ſie ſeien mit dem Junker im Einverſtändiß geweſen und hätten ſie vielleicht gewalt⸗ ſam entführen wollen; ſie wiſſe jedoch nichts Beſtimmtes von ihnen, was über ihre Abſicht Aufſchluß geben könnte. Ganz gegen ſeine Gewohnheit wollte ſich der Herzog mi ſen Erklärungen nicht recht zufrieden geben. Zu ſeinem Unglüch aber konnte ſich das Fräulein auf ein für ſie günſtiges Gebiet ſtel⸗ len; ſie hatte, und zwar mit dem Vertrauen, welches die Liebe einflößt, die Leute hören müſſen, da ſie von ihm ſprachen, den ſie doch liebte. Von dieſer Lüge hatte ſie nur einen Schritt bis zu den bitterſten Vorwürfen, daß er ſie ſo lange Zeit in der quä⸗ lendſten Unruhe gelaſſen; ſtatt ſich zu vertheidigen, beklagte ſie ſich und beſchuldigte ihn; ja, ſie ſtellte ſich, als glaube ſie, was der Junker ihr erzählt, und meinte, es müſſe doch wohl begründet ſein. Dies gelang ihr ſo gut, daß er, obwohl durchaus keiner Treu⸗ loſigkeit ſchuldig und obgleich er ihr gute Gründe für ſein langes Schweigen angeben konnte, doch bald gezwungen war, ſich zu ent⸗ ſchuldigen, nachdem er zuerſt gedroht, und endlich ganz demüthig zum Verzeihung zu bitten. Kurz, das Ende vom Liede war, daß der Herzog noch verliebter und leichtgläubiger wurde, als zuvor, und ſich, da er ein Unrecht glaubte gut machen zu müſſen, ihr gleichſan an Händen und Füßen gebunden ergab. Zwei Tage ſpäter richtete er ſeiner Holden eine Wohnung in einem andern Gebäude ein. Auch die Wittwe Rapally wollte durchaus nicht länger wohnen 7* 2 92 bleiben und zog in ein Haus an der Brücke St. Michel, welches ihr gehörte. 4 Der Commandeur war ſehr beſorgt um Charlotte Boullenois. Der Arzt hatte nicht für ihre Geneſung ſtehen wollen. Zwar einer wahren, tiefen Liebe war de Jars nicht fähig, aber Charlotte war jung, ſehr ſchön, das Abenteuer mit ihr romantiſch und hatte etwas reizendes Geheimnißvolles. In dieſem Raub, in dieſer Verkleidung, in dieſem heimlichen und doch ſo offenen Beſitz lag etwas ſo Intereſſant⸗Freches, ein ſo kühner Hohn auf die Stimme der öffentlichen Meinung und Sitte, daß der lockere Edelmann ſich unendlich dadurch angezogen fühlte. Der unternehmende, ſelt⸗ ſame Charakter der Schönen, die ſich mit einer gewöhnlichen In⸗ trigue nicht begnügte, die alle Vorurtheile und Bräuche mit Füͤßen getreten und ſich maß⸗ und zügellos in ein ausſchweifendes Leben hineinſtürtzte, dies Gemiſch von Männlichkeit und Weiblichkeit, dieſe leidenſchaftliche buhleriſche Liebe und dabei ihre männlichen Neigungen, ihre Luſt am Reiten, Zechen, Fechten, dieſe excen⸗ triſche Natur, wie man heutzutage ſagen würde: Alles dies er⸗ hielt eine Leidenſchaft in ihm lebendig, die ſonſt in ſeinem ſchon abgeſtumpften Herzen ſchnell erloſchen wäre. Er wollte den Nath Jeannin's, Paris wenigſtens auf einige Wochen zu verlaſſen, nicht befolgen, obgleich auch er fürchtete, der Notar könne ihnen ſchwere Unannehmlichkeiten machen. Der Schatzmeiſter entfernte ſich; er blieb. Jeden Abend ging er zum Arzte, ſtets bis an die Zähne be⸗ waffnet. Achtundvierzig Stunden lang ſchwebte Charlotte in To⸗ desgefahr. Ihre Jugend jedoch und ihr kräftiger Körperbau ließen ſi ſowohl ein heftiges Fieber, als die etwas zweifelhafte Kunſt des Chirurgen Perregaud überſtehen. Wenn de Jars der Einzige war, der ſie im Hauſe beſuchte, ſo war er doch darum nicht der Einzige, der ſich um ihren Zuſtand bekümmerte. Magiſter Quenne⸗ bert machte ſich viel in derſelben Stadtgegend zu thun. Weil er 93 nicht bemerkt zu ſein wünſchte, ließ er ſich von Kundſchaftern Alles hinterbringen. Da er aber von dieſen nicht zubeſt bedient wurde und ſtets dieſelbe Antwort erhielt, daß ſie nichts erfahren hätten, ſo beſchloß er, ſich geradezu an Denjenigen zu wenden, welcher ihm die ſicherſte Auskunft geben konnte. In einer Nacht trat der Commandeur eben aus dem Hauſe Perregaud's. Es ſtand gut, und man hoffte, der Junker— ſo wollen wir Charlotte auch ferner nennen, um die Erzählung nicht zu verwirren— würde bald geneſen ſein. De Jars hatte ſich kaum zwanzig Schritte von der Thür entfernt, als ihm Jemand die Hand auf die Schulter legte. „Verzeihen Sie, Commandeur,“ ſagte Quennebert,„daß ich Sie aufhalte;„ich muß Sie einen Augenblick ſprechen.“ „Ci, ſieh' da, Sie ſind's, mein Herr?“ ſagte der Comman⸗ deur;„geben Sie mir endlich die Gelegenheit, die ich mir lange herbeiwünſche?“ „Ich verſtehe Sie nicht.“ „Diesmal ſind wir uns gleich, und Sie überfallen mich nicht, wie damals, unverhofft und faſt unbewaffnet. Wenn Sie Herz haben, ſo wollen wir unſere Klingen meſſen.“ „Ich mich mit Ihnen ſchlagen? warum denn? Sie haben mich nie beleidigt.“ „Sie ſcherzen, mein Herr. Laſſen Sie mich nicht bereuen, daß ich großmüthiger bin, als Sie. Ich hätte Sie ſchon tödten können, wenn ich gewollt; ich hätte Ihnen die Mündung meiner Piſtole auf die Bruſt ſetzen können und ſagen:„„Ergieb Dich!““ wie Sie neulich.“ „Und was hätte Ihnen das geholfen, Commandeur?“ „Nun, ein Geheimniß zu bewahren, das Sie nicht kennen ſollten.“. „Es hätte Ihnen nichts Schlimmeres begegnen können; denn nach meinem Tode wäre die ſchriftliche Erklärung, welche ich von 94 Ihnen habe, ein lautredender Zeuge geworden. Sie glauben wohl, wenn Sie mich niedergemeuchelt, hätten Sie nur in den Taſchen meines Rocks ſuchen dürfen, um jenes Papier, welches Sie an⸗ klagt, zu finden und zu vernichten? Da haben Sie doch eine zu geringe Meinung von meiner Vorſicht! Ihr vornehmen Herren könnt Alles mit Gewalt durchſetzen, denn das Geſetz ſpricht für Euch; aber wenn ein Mann, der nichts zu bedeuten hat, wenn ein armer Wurm, wie ich, ſich in eine Sache einläßt, in welcher er Grund hat, die Gerechtigkeit zu fürchten, ſo trifft er ſeine Vorſichtsmaßregeln; ihm genügt es nicht, Recht zu haben, er muß ſich auch vor jeder Strafe ſicher ſtellen und alle Vortheile benutzen, welche ihm ſein gutes Recht, ſeine Gewandtheit und 4 ſein Muth geben. Ich möchte nicht gern, daß Sie ſich noch ein⸗ mal demüthigten, und will daher mit Ihnen ins Klare kommen. Ihre Erklärung habe ich bei meinem Notar niedergelegt, und er hat den Auftrag, ſie ſogleich zu veröffentlichen, ſobald er mich auch nur einen einzigen Tag vermißt. Sie ſehen, der Vortheil iſt noch immer auf meiner Seite. Jetzt, da ich Sie hiervon in Kenntniß geſetzt, habe ich durchaus keine Luſt, den Bramarbas zu ſpielen, bin gern geneigt, den Unterſchied unſeres Ranges anzuerkennen, und wenn Sie's verlangen, ſogar die Mütze abzu⸗ nehmen, ſo lange ich mit Ihnen ſpreche.“ „Was wünſchen Sie zu wiſſen, mein Herr?“ „Wie es mit dem Junker von Moranges ſteht.“ „Schlecht, ſehr ſchlecht.“ „Hören Sie, Commandeur, verſtellen Sie ſich nicht, wenn Sie mit mir ſprechen. Gewöhnlich glaubt man das, was man hofft; ich aber wünſche ſo lebhaft, daß es wahr ſein möge, was Sie ſagen, daß ich Ihnen nicht zu glauben wage. Ich habe Sie geſehen, als Sie aus dem Hauſe des Arztes traten, und Ihr Gang, Ihr ganzes Ausſehen paßten durchaus nicht zu einem Mann, welcher eben unangenehme Nachrichten erhalten hat; ich glaubte gerade das Gegentheil zu bemerken. Sie blickten gen Himmel, Sie rieben ſich die Hände und gingen ſo leicht auf den Fußſpitzen: das ſind keine Zeichen des Schmerzes.“ „Sie ſind ein geſchickter Beobachter, mein Herr.“ „Ich ſagte Ihnen ſchon, Commandeur, halbe Sklaven, die der Zufall oder ihr eigener Wille aus dem engen und dunklen Kreiſe ihres armſeligen Daſeins heraustreten läßt, müſſen ſtets die Ohren ſpitzen wie ein Fuchs und ſcharfe Augen haben wie ein Luchs. Hätte ich Ihnen eine ſo kurze Antwort gegeben, ſie hätten auf den bloßen Verdacht hin, daß ich gelogen, Ihren Dienern geſagt, züchtigt mir einmal den Schuft ab. Ich aber bin genö⸗ thigt, Ihnen zu beweiſen, daß Sie mir die Wahrheit nicht ſagen wollten. Jetzt glaube ich alſo ganz beſtimmt, daß der Junker außer Gefahr iſt.“ „Nun, wenn Sie das ſo genau wußten, warum haben Sie mich noch gefragt?“ „Ja,“ antwortete Quennebert,„ich habe es erſt dadurch er⸗ fahren, daß Sie mir das Gegentheil verſicherten.“ „Mein Herr!“ rief de Jars, der dieſe kalte und ſpöttiſche Höflichkeit nur mit großer Ungeduld ertrug. „Laſſen Sie mir Gerechtigkeit widerfahren, Commandeur. Das fällt Ihnen beſchwerlich, aber Sie müſſen doch zugeben, daß ich noch eine milde Hand habe. Sehen Sie, ſchon ſeit acht Tagen habe ich Sie in meiner Gewalt; ſind Sie irgendwie beunruhigt worden? Iſt Ihr Geheimniß verrathen? Nein. Ich bin und bleibe immer derſelbe. Ich geſtehe Ihnen, wie ſehr Sie ſich auch darüber ärgern mögen, es iſt mein Wunſch, daß der Junker an ſeiner Wunde ſterbe. Denn ich habe nicht dieſelben Gründe wie Sie, ihn zu lieben, das wird Ihnen begreiflich ſein, ohne daß ich es weiter auseinander ſetze. Aber ein Wunſch hilft in ſolchen Fällen nichts; er vermag weder ein Fieber zu bewirken noch zu heilen. Ich ſagte Ihnen, daß ich dem Junker ſeinen wahren Namen nicht 96 — wiedergeben will. Vielleicht mache ich Gebrauch von Ihrer Er⸗ klärung, vielleicht auch nicht; aber wenn ich mich genöthigt ſehe, ſie zu veröffentlichen, ſo ſollen Sie es vorher wiſſen; dafür aber ſchwören Sie mir auf Ihr Ehrenwort, nichts zu verheimlichen, und, ob Sie in Paris bleiben oder nicht, mich von Allem zu be⸗ nachrichtigen, was den Junker betrifft. Wird er geſund oder ſtirbt er, ſo melden Sie mir's. Uebrigens ſoll das ein Geheimniß unter uns bleiben, und es iſt unnütz, daß Sie dem vorgeblichen Moranges etwas davon ſagen.“ 1 „Sie ſchwören, mein Herr, mich davon zu benachrichtigen, bevor Sie von meiner Erklärung Gebrauch machen? Was bürgt mir für Ihr Wort?“ „Mein ganzes Benehmen und mein freiwilliges Verſprechen.“ „Ja, Sie glauben nicht lange warten zu dürfen.“ „Da haben Sie Recht; aber wenn ich nicht Wort hielte, ſo würde mir das eben ſo nachtheilig ſein, als Ihnen. Gegen Sie, Commandeur, habe ich durchaus nichts Böſes im Sinne. Sie haben mir kein Gut geraubt, und ich verlange nichts von Ihnen zurück; denn was Ihnen ein Kleinod dünkt, iſt für mich eine Laſt und wird es vielleicht auch für Sie werden. Ich wünſche nur Nachricht zu erhalten, wann Sie des Junkers durch Ihren eigenen oder Gottes Willen ledig werden. Sie haben Hoffnung, daß der Junker durchkommt, nicht wahr?“ „Ja, mein Herr.“ „Verſprechen Sie mir Nachricht zu geben, wenn er dies Haus wohl und geſund verläßt?“ „Ja, ich verſpreche es.“ „Und im entgegengeſetzten Falle werden Sie mich gleichfalls benachrichtigen?“ „Gleichfalls. Aber an wen ſoll ich die Meldung ſchicken?“ „Ich hatte geglaubt, daß Sie ſeit unſerer Unterhaltung wiſſen, wer ich bin, und daß es unnütz ſei, erſt meinen Namen zu nennen; . aber ich habe keinen Grund, ihn zu verheimlichen: Magiſter Quen⸗ nebert, Notar in St. Denis. Ich will Sie nicht länger aufhal⸗ ten, Commandeur; entſchuldigen Sie, daß ſich ein einfacher Bür⸗ ger herausnimmt, einem vornehmen Herrn Befehle zu dictiren. Der Zufall hat mir diesmal wohlgewollt, und in zwanzig andern Fällen ſteht vielleicht der Nachtheil auf meiner Seite.“ De Jars antwortete nicht, grüßte den Notar durch ein leiſes Kopfnicken und entfernte ſich brummend, aufgebracht über die Demüͤ⸗ thigungen, die er geduldig hatte hinnehmen müſſen. „Unverſchämt, wie ein Bedienter, der ſich nicht vor der Peitſche fürchtet,“ ſagte er zu ſich ſelbſt.„Mit welcher Anmaßung der Schurke einen zufälligen Vortheil zu benutzen weiß! er zieht den Hut vor mir und ſetzt mir dabei den Fuß auf den Nacken. O, wenn ich Dich einmal in die Hände bekäme, Herr Tintenkleckſer, Du ſollteſt Dein Lebenlang an das Stündchen denken!“ Jeder hat ſeinen beſondern Ehrenpunkt. De Jars hätte ſich lieber in Stücke hauen laſſen, ehe er das Wort gebrochen, welches er Quennebert vor acht Tagen gegeben. Damals hatte es ihm ſein Leben erkauft, und es nicht zu halten, wäͤre in ſeinen Augen eine Niederträchtigkeit geweſen. Die Verpflichtung aber, welche er jetzt eben übernommen, war ihm nicht ſo heilig; er hatte diesmal kei⸗ ner Drohung nachgegeben, keine ernſtliche Gefahr dadurch vermie⸗ den, und unter ſo bewandten Umſtänden ſeinem Gewiſſen etwas abzuhandeln, wäre ihm keine große Sache geweſen. Gern hätte er eine Gelegenheit und einen günſtigen Ort geſucht, mit dem Notar zuſammenzutreffen, ihn beleidigt und ihn zum Zweikampf gezwungen, und es wäre ihm nicht eingefallen, daß ein Bürger ſiegreich gegen ihn fechten könne; aber durch den Tod deſſelben wäre ſein Geheimniß ja nicht bewahrt; er hätte ſein ganzes Benehmen nur noch ſtraffälliger gemacht, und ungeachtet ſeines hohen Ranges, wagte er es doch nicht, ſich eine neue Ueber⸗ tretung des Geſetzes zu erlauben.— Er kam daher zu dem 98 Schluß, daß er nachgeben und ſeinen Grimm in ſich freſſen müſſe. „Bei Gott,“ ſagte er,„ich weiß, was dem Tölpel ungelegen iſt, und ſollte es mir ſelbſt theuer zu ſtehen kommen, ich will dafür ſorgen, daß er von ſeiner Kette nicht loskommt. Ja, ich hab's! Jetzt will ich ihm aufpaſſen und, ohne daß er es merkt, woher der Schlag kommt, ihn ſo weit bringen, daß er ein ent⸗ blößtes Schwert über ſeinem Haupte blitzen ſieht.“ Er wartete auf eine Gelegenheit, ſeine Rachepläne auszuführen, hielt aber unterdeß Wort und zeigte etwa einen Monat nach dem letzten Zuſammentreffen dem Notar an, daß der Junker von Mo⸗ 1G ranges vollkommen hergeſtellt, das Haus des Chirurgus Perregaud. verlaſſen habe. Was den Junker betrifft, ſo ſchien der üble Aus⸗ gang dieſer Unbeſonnenheit ſeine Sucht nach Abenteuern beſeitigt zu haben. Man hörte nicht mehr von ihm ſprechen; Alle, die ihn gekannt hatten, verloren ihn aus der Erinnerung, ausgenommen das Fräulein Guerchi, die ſeine leidenſchaftlichen Ausdrücke, ſeine ſchönen liebeglänzenden Augen und ſeine feurigen Küſſe treu im Gedächtniſſe behielt. Vergeblich verſuchte ſie ſein Bild aus ihrer Seele zu verbannen. Da der Herzog von Vitry verſicherte, ſeinen Gegner getödtet zu haben, ſo meinte ſie, es ſei keine Untreue, einen Verſtorbenen zu lieben, und bewahrte, obgleich ſie in der Gegenwart recht materiell fortlebte, die ſüßeſten Erinnerungen an den Mann, welchen ſie nicht mehr wiederzuſehen hoffte. Wir bitten jetzt den Leſer um Erlaubniß, einen Zeitraum von mehr als einem Jahre zu überſpringen und eine Perſon von unter⸗ geordneter Bedeutung auf die Scene zu führen, welche nicht länger hinter den Couliſſen bleiben darf. Wir haben erwähnt, daß Quennebert's Liebesverhältniß mit der Wittwe Napally die Eiferſucht eines Vetters ihres verſtorbenen Mannes erregte. Die Liebe dieſes ohne Erhörung Schmachtenden war eben ſo wenig aufrichtig und hatte eben ſo wenig edle Beweg⸗ 99 gründe, als die des Notars. Obgleich ſein Aeußeres ihn eben nicht geeignet machte, viele Herzen zu erobern, ſo glaubte er doch, daß ſeine perſönlichen Vorzüge den Reizen der Wittwe die Waage hielten, und was dieſen Glauben betrifft, durfte man ihm eben keinen großen Vorwurf der Eitelkeit machen. Aber alle ſeine Lieb⸗ äugeleien waren rein umſonſt; das Herz der Madame Napally war zu Gunſten ſeines Nebenbuhlers geſtimmt, und es iſt keine leichte Sache, aus dem Herzen einer Wittwe von 46 Jahren eine eingewurzelte Neigung zu verdrängen, beſonders wenn ſie einfältig genug iſt, zu glauben, ſie flöße dieſelben Gefühle ein, die ſie em⸗ pfindet. Das hatte der arme Drumeau wohl zwanzigmal erfahren müſſen. Alle ſeine wohlüberlegten Erklärungen, der V erdacht, den er ſchlau zu erwecken ſuchte, hatten ihm immer nur ſchnöde Ab⸗ weiſungen und unangenehme Vorwürfe eingetragen. Beharrlich⸗ keit aber war ſeine hervorſtechende Eigenſchaft; er konnte ſich nicht an den Gedanken gewöhnen, daß das Vermögen der Wittwe in andere Hände kommen ſolle, als die ſeinigen, und jeder geſcheiterte Verſuch ſtachelte ihn nur immer mehr an, ſeinen Nebenbuhler aus dem Sattel zu heben. Er lauerte ſtets auf eine Gelegenheit, ihn zu verleumden, und war allmälig aus einem Nebenbuhler ein unver⸗ ſöhnlicher Feind des Notars geworden; ihn auszuſtechen und ab⸗ blitzen zu laſſen, wäre ihm nach einem ſo langen und hartnäckigen Kampfe, nach ſo vielen Niederlagen, ein zu ungenügender Sieg, eine zu geringe Nache geweſen. Quennebert wußte ſehr wohl, mit welchem Eifer der unermüd⸗ liche Drumeau gegen ihn arbeitete; er hätte dies ganze Gewebe von Bosheiten zereißen können und ſich wenig beunruhigen dürfen wegen der Verſuche ſeines Nebenbuhlers, hätte er nur die Vortheile be⸗ nutzen wollen, welche ihm Madame Rapally in die Hände gab. Seine ſchwierige Aufgabe beſtand aber nicht darin, zu ſiegen, ſondern mitten auf dem Wege zum Siege ſtill zu ſtehen und die Hoffnung der Wittwe ſtets zu nähren, ohne ihre Geduld zu ermüden. Mit 100 ſeinem Vermögen ſtand es ſchlecht, und das der Wittwe, von dem er zu wiederholten Malen unter dem Vorwande einer Anleihe ein⸗ zelne Brocken los zu machen wußte, wurde ihm mit jedem Tage mehr nothwendig; dennoch aber wagte er nicht, ſich deſſelben ganz zu bemächtigen und mußte ſo eine Tantalusqual aushalten, da ſeine Gläubiger ihm unbarmherzig zuſetzten; verfloß eine letzte Friſt, die man ihm nach vielen Schwierigkeiten bewilligt, ſo war es um ihn geſchehen, um ſeinen guten Ruf, um ſeine ganze Zukunft. Eines Morgens begab ſich Drumeau zu ſeiner Couſine, bei der er ſeit einem Monat nicht geweſen war, ſo daß Quennebert und die Wittwe glaubten, daß er den Kampf aus Ueberdruß aufge⸗ geben habe. Allein ſein Haß war ingrimmiger als je. Er hatte gewiſſe Spuren verfolgt und ſich ein Beweismittel verſchafft, wel⸗ ches ſeinen Nebenbuhler ſtürzen mußte. Als er eintrat, verrieth ſein Blick eine große innere Zufriedenheit; er hielt in der Hand eine kleine mit einem Bändchen zuſammengebundene Papierrolle. Die Wittwe war allein, ſaß in ihrem großen Sorgſtuhle vor dem Kamine und las vielleicht ſchon zum zwanzigſten Mal einen Brief, den Quennebert geſtern an ſie geſchrieben. Er mußte wohl in ſehr glühenden Ausdrücken abgefaßt ſein, denn die gute Frau ſah ungemein glückſelig aus. Drumeau errieth leicht, von wem das Gekritzel herrühre, und ſtatt daß er darüber zornig wurde, zuckte ein ſpöttiſches Lächeln um ſeine Lippen. 3 „Ah, ſteh' da, Vetter, Du biſt's!“ ſagte die Wittwe, faltete das papierne Kleinod zuſammen und ſteckte es in ihren Buſen. Guten Tag, wir haben uns lange nicht geſehen, ſeit vierzehn Tagen, glaube ich. Biſt Du krank geweſen?“ „Wie, Du haſt meine Abweſenheit bemerkt, liebe Couſine? das iſt ſehr freundlich von Dir, und ich bin eine ſo zarte Auf⸗ merkſamkeit von Dir eben nicht gewohnt. Krank bin ich, Gott ſei Dank, nicht geweſen, aber ich habe beſchloſſen, Dich nicht mehr — — 101 ſo oft zu beläſtigen; dann und wann einen freundſchaftlichen Be⸗ ſuch, wie heute, das iſt Dir ſchon recht, nicht wahr? Was macht denn Dein ſchöner Anbeter, Magiſter Quennebert?“ „Du ſprichſt ja mit ſehr ſpöttiſchem Tone von ihm, Drumeau, haſt Du irgend eine unangenehme Nachricht von ihm erhalten?“ „Nein, Couſine, ich würde untröſtlich ſein, wenn ihm ein Unglück begegnete.“ „Du ſprichſt nicht aufrichtig, denn ich weiß, Du kannſt ihn nicht leiden.“ „Nun ja, offen geſagt, ich habe auch keinen Grund, ihn zu lieben, denn ohne ihn wäre ich vielleicht glücklich, und meine Liebe würde Erhörung gefunden haben; allein man muß ſich ſchon zufrie⸗ den geben, und da er einmal,“ ſetzte er mit einem Seufzer hinzu, „den Vorzug bei Dir erhalten hat, ſo wünſche ich, daß es Dich niemals gereuen möge.“ „Danke für Deine guten Wünſche, Vetter, es freut mich, daß Du ſo wohlwollend geworden biſt. Du mußt mir darum nicht gram ſein, daß ich Dich nicht liebe, was man ſo lieben nennt, denn Du weißt ja, das Herz läßt ſich nicht befehlen.“ „Ich verlange nur Eins.“ „Und das wäre?“ „Ich bin mehr um Dich beſorgt, als um mich ſelbſt. Bei Deiner Glückſeligkeit beſchwöre ich Dich, laſſ' den Actenmacher nicht zu viel Gewalt uber Dich gewinnen. Du wirſt ſagen, daß ich, als abgewieſener Nebenbuhler, ihm ſchaden möchte, aber wenn es wahr iſt, daß er Dich ſo liebt, wie er ſagt, ſo... „Still, ſtill, Du Läſterzunge, willſt Du wieder Deine Ver⸗ leumdungen anfangen? Du ſpielſt ein gemeines Spiel, Drumeau. Ich habe Magiſter Quennebert alle die Lügen, welche Du gegen ihn vorbringſt, verſchwiegen; er würde Dir übel mitſpielen, wenn er darum wüßte, und Du würdeſt in ſeiner Gegenwart wohl in Verlegenheit gerathen, auf Deiuen Anklägereien zu beſtehen.“ 10² „Ganz und gar nicht, das kann ich Dir ſchwören; im Gegen⸗ theil, ich glaube, ich dürfte nur ein Wort ſagen, und er würde am meiſten beſtürzt ſein von uns Dreien. Ja, ich habe mich ab⸗ weiſen, ich habe mich verachten, ich habe mich beleidigen laſſen von Dir; ich bin für einen Verleumder gehalten, wenn ich ſagte: dieſer Wittwenkurſchneider liebt Dich nicht Deiner ſchönen Augen, ſondern Deines Geldkaſtens wegen. Er hält Dich mit ſeinen Ver⸗ ſprechungen hin, aber heirathen... nie...“ „Ei, was Du ſagſt?“ unterbrach ihn Madame Rapally. „Ich ſage, was ich weiß; Du wirſt nimmermehr Madame Quennebert werden.“ „Im Ernſt?“ „Im Ernſt.“ „Die Eiferſucht hat Dir das Bißchen Gehirn verdreht, was Du vom lieben Gott bekommen haſt, Drumeau. Seitdem ich Dich nicht geſehen, Vetter, haben ſich wichtige Dinge zugetragen, und noch heute wollte ich an Dich ſchreiben, um Dich zur Hochzeit einzuladen.“ „Zur Hochzeit?“ „Ja, ich heirathe morgen.“ „Morgen?... Quennebert?...“ ſtammelte Drumeau. „Ja, mit Quennebert,“ wiederholte die Wittwe mit triumphi⸗ render Miene. „Das iſt unmöglich!“ rief Drumeau. „Es iſt ſo ſehr möglich, daß Du es morgen ſehen ſollſt, und. ich erſuche Dich, in Zukunft in ihm nicht mehr einen Nebenbuh⸗ ler, ſondern meinen Ehegatten zu ſehen. Ihn beleidigen, hieße mich ſelbſt beleidigen.“ Der Ton, in welchem ſie ſprach, erlaubte Drumeau nicht länger, an der Wahrheit dieſer Nachricht zu zweifeln; er ließ den Kopf ſinken und ſchwieg einige Augenblicke ſtill. Wie Einer, der erſt reiflich überlegt, bevor er einen Entſchluß faßt, drehte er das Röll⸗ —& AnN 103 chen Papier in den Fingern hin und her und verrieth durch ſeine Gebehrden, wie ungewiß er war, ob er es ihr zu leſen geben ſolle, oder nicht. Endlich ſteckte er es in die Rocktaſche, ſtand auf, trat an ſeine Couſine heran und ſagte: „Ich bitte um Verzeihung; dieſe Heirath giebt der Sache eine andere Wendung. Sobald ſich Quennebert mit Dir trauen läßt, habe ich nicht das Mindeſte mehr gegen ihn. Mein Verdacht war ungerecht, ich muß es zugeben, und ich hoffe, Du wirſt mit Rück⸗ ſicht auf meine Gründe Alles vergeben und vergeſſen. Sei ver⸗ ſichert, Du ſollſt kein unangenehmes Wort mehr von mir hören, und die Zukunft ſoll es Dir beweiſen, wie aufrichtig ich Dir er⸗ geben bin.“ Madame Rapally war zu glücklich, zu feſt überzeugt von Quenneberts Gegenliebe, als daß ſie nicht leicht hätte vergeben ſollen. Mit dem genugthuenden Geſicht und der falſchen Groß⸗ muth einer Frau, die gleichzeitig zwei heftige Leidenſchaften ein⸗ geflößt hat und gutmüthig genug iſt, den mit einem Korbe Ab⸗ gefertigten zu bedauern, reichte ſie Drumeau die Hand. Dieſer ergriff ſie ehrfurchtsvoll und küßte ſie, ſchnitt aber dabei ein heim⸗ tückiſches Geſicht. Sie ſchieden im beſten Einverſtändniß, und es wurde abgemacht, daß Drumeau bei der Trauung zugegen ſein ſolle, welche in einer Kirche hinter dem Stadthauſe ſtattfinden würde. Donnerwetter, dachte Drumeau, als er fortging, bald hätte ich eine ungeheuere Dummheit gethan und ihr voreilig Alles ge⸗ ſagt. Endlich alſo habe ich dieſen Schurken feſt. Er iſt tollkühn genug, ſelbſt in die Falle zu gehen; er ſtürzt ſich in den Abgrund, ohne daß ich nöthig hätte, ihm nachzuhelfen. Am folgenden Tage fand die Trauung ſtatt. Quennebert führte ſeine liebenswürdige zukünftige Lebensgefährtin zum Altare; ſie war wie aus dem Schächtelchen genommen und ſah unter ihrem geſchmackloſen Ausputz ſo häßlich aus, daß der Notar vor Schaam ganz roth wurde. Als ſie in die Kirche traten, wurde gerade ein 104. Sarg, auf welchem ein Degen lag und demi ein einziger vornehm gekleideter Mann folgte, durch dieſelbe Thüre hineingetragen; der Brautzug mußte dem Leichenzuge Platz machen und die Leben⸗ digen an die Seite treten, um die Leiche vorbei zu laſſen. Der leidtragende Mann warf einen Blick auf Quennebert und erbebte unwillkührlich, als hätte ſein Anblick einen unangenehmen Ein⸗ druck auf ihn gemacht. 5 „Welch' ein trauriges Zuſammentreffen,“ murmelte Madame Rapally,„das iſt am Ende von übler Bedeutung!“ „Ich ſtehe fürs Gegentheil,“ erwiderte Quennebert lächelnd. Beide Ceremonien fanden gleichzeitig in zwei an einander ſto⸗ ßenden Capellen ſtatt, und die Grabgeſänge, welche die Wittwe ſo betrübten und ihrem Ohre wie eine Unglücksprophezeihung er⸗ tönten, brachten bei Quennebert gerade die entgegengeſetzte Wir⸗ kung hervor. Sein gewöhnlich ſorgenſchweres Ausſehen machte einer großen Heiterkeit Platz, ſo daß Drumeau und die andern Hochzeitsgäſte, welche nicht in das Geheimniß eingeweiht waren, erſtaunten und am Ende glaubten, er fühle ſich wirklich glücklich, die Reize der Madame Napally rechtmäßig zu beſitzen. Dieſe verlebte einen Tag ſüßer Erwartung. Als endlich der Abend erſchien, zog ſie ſich ins Schlafgemach zurück, aber kaum V 8 . war ſie zwei Minuten darin, als ſie laut aufkreiſchte. Sie hatte eben das Papier gefunden und geleſen, welches Drumeau unbe⸗ merkt auf das Brautbett zu legen gewußt. Der Inhalt war ſo ſchrecklich, daß ſie bewußtlos niederſank. 3 3 Quennebert, der im anſtoßenden Zimmer, ohne gerade zu lä⸗ cheln, über ſein Glück nachdachte, ſprang herbei und hob ſeine Frau auf. Auch er ſchrie laut auf vor Erſtaunen und Zorn, als ſein Blick auf das Papier fiel; aber in welcher Lage er ſich auch befinden mochte, er brauchte niemals lange Zeit, um einen Be⸗ ſchluß zu faſſen. Er legte Madame Quennebert, die noch immer ohnmächtig war, aufs Bett, rief die Magd, befahl ihr, für ihre ——— 105 Gebieterin zu ſorgen, und eilte ſchnell aus dem Hauſe. Eine Stunde ſpäter trat er faſt mit Gewalt und trotz des Widerſtandes der Bedienten in das Zimmer des Commandeurs de Jars, zeigte ihm das verhängnißvolle Papier und ſagte: „Reden Sie offen, Commandeur, haben Sie ſich rächen wol⸗ len für die lange Abhängigkeit, in welcher ich Sie gehalten? Ich glaube es nicht, denn nach dem, was geſchehen iſt, müſſen Sie wiſſen, daß ich nichts mehr zu fürchten habe; aber Sie waren allein in das Geheimniß eingeweiht; haben Sie vielleicht, da Sie nicht mehr thun konnten, ſich dadurch rächen wollen, daß Sie mein künftiges Glück zerſtören, indem Sie die Saat des Miß⸗ trauens und der Zwietracht zwiſchen mich und meine Frau ſtreuen?“ Der Commandeur ſchwur, daß er beim Verrath des Geheim⸗ niſſes nicht im Mindeſten betheiligt ſei. „Nun, wenn Sie es nicht ſind,“ antwortete Quennebert,„ſo kann es nur ein elender Menſch Namens Drumeau ſein, den wahrſcheinlich die Eiferſucht auf die rechte Fährte gebracht hat. Aber er weiß nur die Hälfte, und ich bin weder verliebt noch ein⸗ fältig genug geweſen, um mich in einer Schlinge fangen zu laſſen. Ich habe Ihnen verſprochen, verſchwiegen zu ſein und meine Vor⸗ theile nicht zu mißbrauchen. Ich habe mein Wort gehalten, ſo lange es ohne Gefahr für mich ſelbſt geſchehen konnte, aber Sie werden begreifen, daß ich mich jetzt vertheidigen muß, und daß dies nicht anders geſchehen kann, als wenn ich mich auf Ihr Zeugniß berufe. Alſo verlaſſen Sie Paris noch dieſe Nacht, ſuchen Sie ſich einen ſichern Zufluchtsort, an welchem man Sie nicht finden kann, denn morgen werde ich ſprechen. Wenn ich mit Weiberthränen abkomme, wenn ich weiter nichts zu thun habe, als eine Frau zu beruhigen und zu überzeugen, ſo können Sie wieder⸗ kommen, ohne beunruhigt zu werden. Geht aber dieſer Schlag, wie es nur zu wahrſcheinlich iſt, von der Hand eines abgewieſenen 106 und darüber wüthenden Nebenbuhlers aus, ſo wird es dabei nicht bleiben. Dann würde ſich die Gerechtigkeit darein legen, und ich müßte alle Anſtalten machen, meinen Hals aus der Schlinge zu ziehen, die man ſchon bereit hält.“ „Sie haben Recht, mein Herr,“ antwortete der Commandeur, „ich will es nicht riskiren, vor dem Gerichtshof Ihrer Anklage entgegen zu treten. Wirklich, eine allerliebſte Geſchichte, die mir theuer zu ſtehen kommt! Aber ſo wahr ich lebe, ſie ſoll mich für immer von dem Hange nach Abenteuern heilen. Große Vorberei⸗ tungen darf ich nicht machen, und gedenke, morgen früh Paris ſchon weit hinter mir zu haben.“ Quennebert empfahl ſich ihm und ging nach Hauſe, um ſeine Ariadne zu tröſten. Die Anklage, welche man in Folge dieſer Entdeckung gegen Magiſter Quennebert richten konnte, war ſehr ſchwer, und es handelte ſich um nichts Geringeres, als um ſeinen Kopf; aber er war ruhig, denn er wußte, daß er einen ſicheren Beweis ſeiner Unſchuld beibringen könne. Die platoniſch Liebe Luiſe von Guerchi's zu dem ſchönen Junker von Moranges hatte dem Herzog von Vitry nur ein gei⸗ ſtiges Unrecht gethan. Nachdem ſie ſich mit ihrem Liebhaber ver⸗ ſöhnt und ihm eine genügende Erklärung gegeben, hielt ſie es nicht für nöthig, länger die Grauſame zu ſpielen, und dies zog nach Verlauf eines Jahres Umſtände nach ſich, welche man zu verheimlichen auf Mittel denken mußte. Angelika freilich, die an dieſe Lage gewöhnt ſein mochte, empfand weder Betrübniß, noch Schaam; im Gegentheil, ſie freute ſich des zu erwartenden Bandes, das den Herzog auch für die Zukunft an ſie feſſeln würde. Aber er war feſt überzeugt, eine goldreine Jungfrau verführt zu haben, und konnte ſich nicht tröſten, den guten Ruf ſeiner Geliebten einer ſolchen Gefahr ausgeſetzt zu ſehen. Er fürchtete, der Welt ein Aergerniß zu geben, und zwar ſo ſehr, daß Angelika, um nicht 197 gar zu unbekümmert zu ſcheinen, in ſeine Beſorgniß und Klagen einſtimmen mußte. Eines Abends, kurze Zeit nach der Hochzeit Quennebert's, reiſte das ſchöne Fräulein von Guerchi ins Ausland; in Wahrheit aber fuhr ſie nur rund um Paris herum und kam zu einem Thore herein, wo ſchen der Herzog auf ſie wartete. Man trug ſie in daſſelbe Haus, in welches de Jars ſeinen vorgeblichen Neffen nach dem Duell geſchafft hatte. Das arme Mädchen ſollte ihre verlieb⸗ ten Sünden ſchwer büßen; nachdem ſie 24 Stunden darin ge⸗ weſen, trug man ſie in einem Sarge wieder heraus. Der Leichnam wurde im Palaſt des Prinzen von Condé in einem Keller verſteckt und in ungelöſchtem Kalke aufgezehrt. Einen Tag nach dieſem ſcheußlichen Tode trat der Commandeur de Jars zum zweiten Male in dies Haus, nahm ein Zimmer in Beſchlag und brachte den Junker hinein. Wir müſſen den Leſer in dies Haus einführen; es bildete die Ecke der Straße Tixeranderie und der Straße Des deur Portes. Es hatte durchaus kein äußeres Anſehen, keine Verzierung machte es beſonders bemerklich, nur hingen daran zwei Schilder über⸗ einander; auf dem obern ſtand:„Marie Leroux, verwittwete Con⸗ ſtantin, geſchworne Hebamme,“ auf dem untern:„Claude Perregaud, Chirurgus.“ Dieſe beiden Inſchriften befanden ſich auf der Seite, die nach der Straße Tirxeranderie ging, die nur einige wenige Oeffnungen zeigte, denn die Fenſter gingen nach dem Hofe heraus. Die Wohnung hatte ein unreinliches und ärmliches Anſehen, aber dennoch wurde ſie oft von reichen Perſonen beſucht, und nicht ſelten hielten ganz in der Nähe die ſchönſten Equipagen, auch ſchlichen oft bei Nacht vornehme Damen unter falſchem Namen heimlich hinein und blieben einige Tage darin, während welcher die mörderiſchen Geheimniſſe der nichtswürdigen Kunſt, welche die Conſtantin und Claude Perregaud ausübten, ihnen den Schein von Ehre wiedergab und den Glauben an ihre Tugend herſtellte. Im 8*½ 108 erſten und im zweiten Stock befanden ſich ein Dutzend Zimmer, in welchen dieſe grauenhaften Myſterien vor icc gingen. Das Zimmer, welches als Warte⸗ und Empfangszimmer diente, war höchſt bizarr meublirt und mit einer Menge wunderlicher und un⸗ bekannter Gegenſtände beſetzt. Es war zugleich die Arbeitsſtube des Chirurgus, das Laboratorium eines Apothekers und Alchimy⸗ ſten und die Höhle eines Zauberers. Durch einander ſah man Inſtrumente aller Art, Oefen, Phiolen und Bücher voll der albern⸗ ſten Träumereien, die der menſchliche Geiſt jemals ausgeheckt; ſo zwanzig Foliobände von den Werken des Albertus Maginus, Tho⸗ mas Canterburienſis, Alcindus, Abnerucis, Al Chlitrin u. ſ. w. In den Schränken ſtanden hinter Thüren, die durch den Druck verborgener Federn aufſprangen, Büchſen voll Arzneien von einer leider nur zu zerſtörenden Wirkſamkeit. Schon ſeit mehreren Jah⸗ ren hatten die Conſtantin und Claude Perregaud ſich zu ihrer ver⸗ brecheriſchen Induſtrie vereinigt, und noch nie hatte man ſie beun⸗ ruhigt. Viele Perſonen waren in ihre Geheimniſſe eingeweiht, aber ihr eigenes Intereſſe erheiſchte es wohl, zu ſchweigen; die beiden Schuldigen glaubten, ſie würden immer in ſicherer Strafloſigkeit bleiben. Eines Abends jedoch trat Claude Perregaud mit verſtörtem Ausſehen und bleich in ſein Zimmer; man hatte ihn benachrichtigt, daß die Gerichte gegen ihn und ſeine Genoſſin Verdacht gefaßt. Eine Zeit zuvor hatten die Generalvikare und Beichtväter eine Deputation an den erſten Präſidenten geſchickt und gemeldet, daß binnen einem Jahre ſechshundert Frauen in der Beichte geſtanden, ſie hätten mit Hülfe giftiger Tränke ihre Leibesfrucht abgetödtet. Hierauf hatte ſogleich die Gerechtigkeit ihre Maßregeln, getroffen, und noch in derſelben Nacht ſollte Hausſuchung gehalten werden. Wirklich klopfte man um Mitternacht heftig an die Thür, und man hörte deutlich den Befehl, im Namen des Königs zu öffnen. „Wir können uns noch retten,“ rief der Chirurgus, der plötzlich einen guten Einfall hatte, lief auf das Zimmer, in welchem der 109 vorgebliche Junker lag, und ſagte:„Die Gerichtsdiener kommen. Wenn ſie Ihr Geſchlecht entdecken, ſo ſind wir Beide verloren; laſſen Sie mich nur ſorgen.“ Die Conſtantin ging herunter, und die Hausſuchung begann in den Zimmern des erſten Stockes, während Claude Perregaud einen wenig ſchmerzhaften Schnitt an der rechten Hand des Junkers anbrachte, der eine Hiebwunde vorſtellen ſollte. Die Wundarznei- und Heilkunſt überhaupt waren in dieſer Zeit ſo verwirrt, machten ſich mit ſo viel Vorrichtungen zu ſchaffen und putzten ſich mit ſo viel gelehr⸗ ten Abgeſchmacktheiten heraus, daß die Maſſe von wunderlichen Gegenſtänden, Täfelchen und ſelbſt die Aufſchriften einiger Büchſen, welche man nicht ſchnell auf die Seite bringen konnte, kein Er⸗ ſtaunen erregten. Zum Glück für ſie war der Junker jetzt gerade ihr einziger Pflegebefohlener. Man trat in ſein Zimmer, und die erſten Gegenſtände, welche dem Gerichtsdiener in die Augen fielen, waren die geſpornten Stiefeln und der Degen des Verwundeten. Claude Perregaud würdigte die Eintretenden kaum eines Blickes, gab ein Zeichen, keinen Lärm zu machen, und fuhr fort, die Wunde zu verbinden. Der Anführer ließ ſich vollkommen durch den Schein täuſchen und fragte nach dem Namen des Kranken und nach der Art ſeiner Verwundung. Die Conſtantin antwortete, er ſei der Junker von Moranges, der Neffe des Commandeurs de Jars, er habe eine Ehrenſache ausgemacht und ſein Onkel ihn vor kaum einer Stunde hiehergebracht. Dies wurde zu Protokoll genommen, und man ging, ohne etwas entdeckt zu haben. Alles wäre prächtig gegangen, wenn es ſich um weiter nichts gehandelt hätte, als den Junker von der Wunde am Arm zu hei⸗ len; aber als Perregaud ihm die Wunde beibrachte, hatte die Conſtan⸗ tin ihm ſchon ihr zerſtörendes Mittel beigebracht; ein heftiges Fieber kam zum Ausbruch, und drei Tage ſpäter ſtarb der Junker in den Wochen. Sein Leichenzug war es, den de Jars begleitete und welchen Magiſter Quennebert an ſeinem Hochzeitstage vor der Kirchthür getroffen. » 110 Es kam wirklich ſo, wie es der Notar vorhergeſehen hatte; Madame Quennebert wurde wüthend, ſich getäuſcht zu ſehen, und wollte der Rechtfertigung ihres Mannes nicht glauben. Drumeau verlor keine Zeit und klagte ihn ſchon am folgenden Tage der Bigamie an. Was er am Hochzeitstage auf das Bett gelegt, war nichts Anderes geweſen, als eine Abſchrift von dem Ehecontract zwiſchen Joſephine Charlotte Boullenvis und Quennebert; ein Zu⸗ fall hatte ihn dieſe Entdeckung machen laſſen, und er glaubte nicht, daß ſein Nebenbuhler einen Todtenſchein von ſeiner erſten Frau beibringen könne. Charlotte Boullenois hatte nach zweijähri⸗ ger Ehe auf Trennung von Tiſch und Bett angetragen und Quenne⸗ bert ſich Anfangs widerſetzt. Während des Proceſſes war ſte in das Kloſter Raquette gegangen, wo de Jars einen Liebeshandel mit ihr angeſponnen und ſie ohne große Schwierigkeiten bewegt, ſich entführen zu laſſen. Er hatte ſeine Eroberung unter der männlichen Verkleidung verſteckt, zu der die etwas ſtarke Geſtalt und die Neigung Charlottens vortrefflich paßten. In der erſten Zeit ſtellte Quennebert eifrige Nachſuchungen an, aber vergebens. Allmälig gewöhnte er ſich an dieſe Scheidung und thatſächliche Freiheit, deren er denn auch mit vollen Zügen genoß. Darunter hatte ſein Vermögen gelitten, und als er die Bekanntſchaft der Wittwe Rapally machte, deren Geld ihm wieder auf die Beine helfen konnte, mußte er ihrer Zuvorkommenheit eine große Zu⸗ rückhaltung entgegenſetzen. Endlich kam es ſo weit mit ihm, daß er entweder ins Gefängniß wandern, oder trotz der Gefahr in eine zweite Heirath einwilligen mußte. Sein Glück hatte es ge⸗ wollt, daß der vorgebliche Junker von Moranges in die Hände der Conſtantin fiel. Da ſeine Trauung gerade einen Tag nach dem Tode der Charlotte Boullenois ſtattgefunden hatte, ſo konnte er keine beſonders ernſtlichen Händel mit den Gerichten bekommen. Er zeigte die vom Fräulein von Guerchi ſchriftlich gegebene Aus⸗ ſage vor und ebenſo die des Commandeurs; zugleich ließ er die 111 Leiche des Junkers ausgraben und bewies hierdurch die Wahrheit aller ſeiner Angaben, ſo ſonderbar und unwahrſcheinlich dieſelben auch Anfangs erſchienen. Durch dieſe Entdeckung aber wurde die Aufmerkſamkeit wieder auf Conſtantin und Perregaud gerichtet. Die Gerichte kamen nun endlich auf die Spur, und ein Parlaments⸗ beſchluß verurtheilte ſie zum Galgen. Sie hatten in ihrem nichts⸗ würdigen Geſchäft große Summen aufgehäuft; man entdeckte in den Papieren, welche bei ihnen gefunden wurden, Beweiſe ſo vieler und ſo ſcheußlicher Schandgeſchichten, daß man, um nicht viele hochſtehende Perſonen bloßzuſtellen, es bei der Anklage zwei⸗ maliger Vergiftung bewenden ließ, der Vergiftung des Fräuleins Luiſe Angelika von Guerchi und der Charlotte Boullenois, verh. Quennebert. W. J. * Aus den Denkwürdigkeiten eines Advoraten. John Smith war Eigenthümer eines ſchönen Gutes in Lancaſhire. Er galt für ſehr reich und lebte wie ein Landedelmann. Gegen das Ende des Herbſtes 1772 kam ein Fremder zu ihm. Smith nahm ihn gaſtfreundlich auf. Nachdem der Fremde, deſſene Name und Stand völlig unbekannt waren, in der Nachbarſchaff einige Erfriſchungen zu ſich genommen hatte, begab er ſich in das ihm angewieſene Schlafgemach und bat, man möge ihn am andern Morgen zeitig wecken. Dieſer andere Morgen kam für ihn nicht. Als der Bediente in das Zimmer trat, war er todt und ſein Körper bereits erkaltet. Man fand an ihm nicht die leiſeſte Spur von Gewaltthätigkeit, und ſein Geſicht hatte den ruhigen Ausdruck eines Schlafenden behalten. Die Beſtürzung war allgemein, und es wurde eine ge⸗ richtliche Unterſuchung angeſtellt; aber man konnte weder über ſeine Perſon, noch ſeine Familie irgend eine Nachricht erhalten. Sein Name und ſeine Todesart blieben gleich räthſelhaft; man machte aallerhand Muthmaßungen, aber Alles, was man erfahren konnte, war, daß der Reiſende durch das benachbarte Dorf gekommen war und daß ihn in der ganzen Gegend Niemand kannte. Die ſchnelle Communication, welche die Zeitungen zwiſchen den verſchiedenen Theilen des Staates herbeigeführt haben, dieſes große Geflecht der Oeffentlichkeit, welches gegenwärtig England bedeckt, gab es da⸗ mals noch nicht. Kaum kam eine Zeitung auf zwei Grafſchaften. — 113 Heut zu Tage würde die Nachricht von einem ſolchen Ereigniſſe die drei Königreiche mit Blitzesſchnelligkeit durchfliegen. Im Jahre 1772 war jede Provinz für die andere Ausland. Die königliche Jury verſammelte ſich bei der Leiche, um zu be⸗ rathen, welcher Todesart der Fremde geſtorben ſei. Nichts zeigte von einer Ermordung, Alles ließ im Gegentheile vermuthen, daß ihn der Tod mitten im Schlafe überraſcht habe, und man mußte, wie ſeltſam auch dieſe Todesart war, in das Protocoll die Worte aufnehmen, welche in ſolchen Fällen gebräuchlich ſind:„geſtor⸗ ben durch Heimſuchung Gottes.“ Die Zeit verging, und kein Lichtſtrahl fiel auf den Sarg des Fremden. Das Gerücht ſprach unbeſtimmt von einem Morde, konnte aber keinen Beweis davon geben. Ein undeutlicher, unbeſtimmter, aber allgemeiner Verdacht, beſonders in den untern Claſſen, ſchien auf dem Guts⸗ beſitzer John Smith zu laſten, bei dem der Fremde eingekehrt und geſtorben war. Smith war, obgleich reich, nicht geliebt. Man erinnerte ſich mit einem gewiſſen Vergnügen verſchiedener Umſtände aus ſeiner Jugend, welche einen ungünſtigen Eindruck zurückge⸗ laſſen hatten. Er war ausſchweifend und verſchwenderiſch geweſen, hatte, nachdem er viele Schulden gemacht, England verlaſſen und war erſt nach dem Tode ſeines Vaters zurückgekehrt. Ohne Zweifel konnte man vernünftigerweiſe mit dem letzten, Smith zugeſchriebenen Verbrechen keine der frühern Beſchuldigungen in Verbindung bringen. Er war in ſeiner Jugend nicht bedenklich geweſen wegen der Mittel, ſich Geld zu verſchaffen, deſſen er immer bedurfte. Seit ſeiner Rückkehr hatte er friedlich, wenn nicht ge⸗ ehrt gelebt, aber dieſer unglückliche Umſtand weckte die Erinnerungen der Nachbarn Smith's, die ihn um ſo weniger ſchonten, da ſein Reichthum und ſeine friedliche Lage für ſie ein Gegenſtand des Neides waren. Mitten unter den dumpfen Gerüchten, die von allen Seiten über ihn herfielen, blieb unſer Mann unbeweglich. Zwei Monate darauf kam in dem Flecken ein Mann an, der 114— durch das Gerücht den Tod des Fremden erfahren hatte und den⸗ ſelben, wie er vermuthete, für ſeinen Bruder hielt; er ſuchte ſich ſo viel als möglich Nachrichten und Nachweiſe zu verſchaffen. Das Pferd und die Kleidungsſtücke des Todten befanden ſich noch in den Händen der Juſtiz. Man zeigte ſie ihm, und er erkannte ſie; er war gewiß ſein Bruder. Der Leichnam wurde ausgegraben. Die Fäulniß war noch nicht vollſtändig, und die Identität des Reiſenden mit dem Bruder, welcher geſucht wurde, unbeſtreitbar. Die für John Smith ſo nachtheiligen Gerüchte, Gerüchte, welche 3 lange in der Umgegend zirkulirt hatten, ohne eine beſtimmte Form anzunehmen, vereinten ſich endlich und bildeten eine impoſante Maſſe, welche auch die Aufmerkſamkeit des Georg Thomſon erregte; ſo hieß der lebende Bruder. Die öffentliche Meinung nannte John Smith den Mörder Heinrich Thomſon's. Obgleich dieſe Beſchul⸗ digung ſich auf keinen offenbaren Beweis ſtützte, mußte die Be⸗ hörde ſie doch annehmen, und die beſtimmte Behauptung der ganzen Nachbarſchaft glich gewiſſermaßen den gänzlichen Mangel an gericht⸗ lichen Beweiſen aus. John Smith wurde feſtgenommen und ver⸗ hört, aber es ergab ſich weiter nichts, als was wir erzählt haben. Die Richter zweifelten nicht, daß der Angeklagte freigeſprochen werden würde. Die Nachbarn dagegen meinten, er würde für ſchuldig erklärt werden. Dieſe ſich widerſprechende Ueberzeugung ſtützte ſich auf der einen Seite auf das unfruchtbare Verhör des John Smith und auf der andern auf das allgemeine Uebelwollen 6 gegen den Angeklagten. Der Tag des Prozeſſes kam. Der Präſident war einer jener Männer, die überall, wo ſie erſcheinen, tiefe Spuren zurücklaſſen, Lord. Mansfield. Nie zeichnete größerer Scharfſinn, nie ein ſicherer 1 Tact die Laufbahn eines Richters aus. Selten konnte ſich der Schuldige ſeinem ſcharfen Blicke entziehen, und da man ſeine hohe Rechtſchaffenheit kannte, hatte ſeine Meinung immer das größte Ge⸗ wicht; Richter und Geſchworene ließen ſich von ihm leiten. Dieſer merkwürdige Mann widmete der Unterſuchung dieſer wichtigen Sache viel Zeit und Aufmerkſamkeit. Seine Rede an die große Jury kann für ein Muſter gelten.„Ich rathe Euch,“ ſagte er zu den Geſchworenen,„im Falle Ihr glaubt, der Ange⸗ klagte ſei nicht ſchuldig, die Anklageacte zu verwerfen. Denkt, es könnten einſt neue Beweiſe gegen den Angeklagten vorgebracht werden: wenn Ihr dem Prozeſſe ſeinen Lauf laßt, muß er für immer freigeſprochen werden. Verwerft Ihr dagegen die Anklage⸗ acte, ſo hängt es von Euch ab, in einer beliebigen Zeit den Pro⸗ zeß von Neuem anzufangen, den Beſchuldigten in Anklageſtand zu verſetzen und das Verbrechen zu beſtrafen.“ Das Anſehen des Präſidenten konnte diesmal den Sieg über die Laune der Geſchworenen nicht davontragen. Nach einer ziem⸗ lich ſtürmiſchen Berathung entſchieden ſie ſich dahin, daß der Pro⸗ zeß ſeinen Verlauf haben und die Debatten beginnen ſollten. Dieſe Sache brachte die kleine Stadt in eine ganz beſondere Aufregung. Nach der Rede Lord Mansfield's glaubte man, der Prozeß werde nicht ſtattfinden, nach der Berathung der Geſchworenen aber wen⸗ dete ſich die allgemeine Meinung, und Jedermann war überzeugt, daß man einem wichtigen Beweiſe auf der Spur ſei. Als aber das Gericht verſammelt war, forderte der Advocat der Krone die Abweiſung der Sache, weil, ſagte er, die Unterſuchung noch nicht vollſtändig ſei, und verlangte, ſie ſollte bis zu den Aſſiſen des nächſten Jahres verſchoben werden. Der Advocat des Angeklagten widerſetzte ſich dem heftig,„Ihr hättet Euch,“ ſagte er,„mit Beweiſen waffnen ſollen, um uns zu überführen. Die Verſchiebung der Sache würde meinem Clienten eine lange und grauſame Haft bringen, und da die Anklage der Art iſt, daß der Angeklagte nicht gegen Caution entlaſſen werden kann, ſo erhält er vorher ſchon, er mag ſchuldig oder nicht ſchuldig ſein, eine grauſame Strafe.“ Dieſe Gründe waren unwiderleglich, und Lord Mansfield ver⸗ 116 weigerte deshalb das Hinausſchieben der Sache auf ein Jahr. Nie⸗ mand zweifelte jetzt daran, daß der Beſchuldigte freigeſprochen wer⸗ den würde, denn das Aufſchieben war nur verlangt worden, weil es an legalen Beweiſen fehlte. Dieſe Ungewißheit ſteigerte das Intereſſe noch mehr. Wie wird dies Drama enden? Wie wird man einen Mann verurtheilen können, gegen den keine Beweiſe vorliegen?— Das war der Tert aller Geſpräche, der Gegenſtand aller Unterhaltungen in der Nähe. Nie werde ich das Schauſpiel vergeſſen, das der Gerichtshof und die Zuſchauer gewährten, als die Debatten begannen. Die Richter ſchienen ſelbſt ſo bewegt zu ſein, wie das Publikum. Es war vollkommen ſtill, als Lord Mansfield ſprach: „Führt John Smith herein.“ Der Angeklagte erſchien; ſeine Wangen überflog eine vorüber⸗ gehende flüchtige Röthe in dem Augenblicke, als tauſend aufmerk⸗ ſame Blicke ſich auf ihn hefteten. Er grüßte den Gerichtshof ehr⸗ bietig, ſchlug die Arme übereinander und erwartete ſo den Beginn des Drama's, in dem er die Hauptrolle zu ſpielen hatte. Er konnte vierzig bis funfzig Jahre alt ſein. Seine graulichen Haare verdankten dieſen Silberſchein der Arbeit oder dem Schmerze, den Reiſen oder der Krankheit. Es war ſchwer, ihn nach dem erſten Anblicke zu beurtheilen; er hielt ſich gerade, ſeine Phyſiognomie kündigte Feſtigkeit an, und ſeiner gefurchten Stirn fehlte es nicht an einem gewiſſen Adel. Durch die Kälte und die faſt affectirte Ver⸗ achtung in ſeiner Haltung hindurch erkannte man glühende, heftige Leidenſchaften, einen unbezähmbaren Stolz, vielleicht auch ſchlechte und gefährliche Gedanken. Das Auge, das ſich tief unter den Brauen verbarg, die Stirn, welche ſich in Falten zog, der Mund, der zu⸗ ſammengekniffen war, die Runzeln an den Augen ſchienen an eine ſelten mit edlern Gefühlen vereinigte große Macht der Verſtellung zu erinnern. Im Ganzen war das Reſultat der Unterſuchung ſeiner nicht gewöhnlichen Phyſiognomie ihm keineswegs günſtig. Seitdem — 117 ich die Gedichte Lord Byron's geleſen habe, und beſonders Lara, mußte ich mich unwillkührlich jenes ſeltſamen Mannes erinnern, deſſen edles und hochmüthiges Weſen ſich meiner Erinnerung tief eingedrückt hat. „Sind Sie ſchuldig oder nicht ſchuldig?“ fragte ihn der Se⸗ eretair nach der gewöhnlichen Formel des engliſchen Gerichtsver⸗ fahrens. „Nicht ſchuldig!“ antwortete er, indem er ſich ſeiner ganzen Länge nach emporrichtete und mit den Eiſen an ſeinen Füßen klirrte. Dieſe ſtark betonte Stimme traf mich wie ein Gewiſſensbiß; ich bereute, mich einem nachtheiligen Vorurtheile gegen dieſen Mann hingegeben zu haben, der ſo ſtolz ſeine Unſchuld betheuerte. Als ich dann aufmerkſam den öffentlichen Ankläger anhörte, war ich nebſt allen Anweſenden überzeugt, daß der Angeklagte freigeſprochen werden würde. —„Nie,“ ſagte dieſer Beamte,„„ nie iſt eine dunklere, ver⸗ wickeltere, zweideutigere Sache vorgekommen; nie war es ſchwerer, eine Anklage genau und feſt zu begründen. Mögen die Geſchwo⸗ renen Alles vergeſſen, was ſie vor den Debatten gehört haben, und nur über die Thatſachen urtheilen. Der Gefangene nahm in der Geſellſchaft eine ehrenvolle Stellung ein; ſein Vermögen ſetzt ihn über die gewöhnlichen Verſuche, welche die Armuth in das Ver⸗ brechen ſtürzen. Der Mann, deſſen Tod dem Angeklagten zuge⸗ ſchrieben wird, beſaß beträchtliche Geldſummen und verſchiedene Gegenſtände, deren er beraubt worden iſt; aber nichts beweiſt die Schuld des Angeklagten, bei dem man nichts von den vermißten Summen gefunden hat. Da er dem John Smith völlig unbekannt war, ſo wäre es unſtnnig, wollte man dem Letztern Beweggründe der Rache oder eines perſönlichen Haſſes unterſchieben. Wie alſo das begangene Verbrechen erklären? und auf der andern Seite, wie die ſchrecklichen Vermuthungen zurückweiſen, die gegen John Smith ſtreiten? Die Stimme ſeiner Mitbürger beſchuldigt ihn, ————.— — 1 — 448.. und die Gerechtigkeit hat es für ihre Pflicht gehalten, die That⸗ ſachen einer aufmerkſamen Unterſuchung zu unterziehen. Der ver⸗ ſtorbene Heinrich Thomſon war ein Juwelier aus London, reich, angeſehen und ſtand an der Spitze eines großen Geſchäfts. Seine Verbindungen mit den Geſchäftsleuten und Goldſchmieden in Deutſch⸗ land und Holland waren zahlreich; er hatte London verlaſſen, um ſeine Geſchäftsfreunde einmal aufzuſuchen. Er hatte die Abſicht, in Hull an einem beſtimmten Tage mit einem holländiſchen Kauf⸗ manne zuſammenzutreffen, mit dem er beträchtliche Käufe abzu⸗ ſchließen hatte. Dieſe Zuſammenkunft fand wirklich ſtatt. Ein Juwelier von Hull wird bezeugen, daß er den holländiſchen Kauf⸗ mann in Hull geſehen hat. Ein Gaſtwirth aus demſelben Orte wird Zeugniß ablegen, daß beide Männer bei ihm ſich getroffen haben, und Heinrich Thomſon, als er Hull verließ, eine große Menge Diamanten, gemünztes Gold, Bankzettel und Wechſel bei ſich hatte. „Den Tag nach dieſer Zuſammenkunft hat er das Gaſthaus ver⸗ laſſen, den Weg nach London eingeſchlagen und ſich von der ge⸗ wöhnlichen Straße entfernt, wahrſcheinlich der Diebe wegen, die er zu fürchten hatte, und kam am nächſten Tage bei John Smith an. Statt in dem nahen Dorfe Erfriſchungen einzunehmen, ritt er in einem Zuge fort und hielt nur erſt an dem Thore des An⸗ geklagten an. Der Letztere gewährte ihm die erbetene gaſtliche Aufnahme, und den nächſten Morgen fand man im Bette den kalten Leichnam des Juweliers. Wir kommen aus einer Dun⸗ kelheit zur andern. Es hat eine Vergiftung ſtattgefunden; die Aerzte, welche die Leiche unterſuchten, behaupten es. Aber man hat ſich keines gewöhnlichen Giftes bedient, ſondern einer ganz neuerlichen Entdeckung der Wiſſenſchaft, eines eigenthümlichen Giftes, deſſen Wirkung eben ſo ſchrecklich, als ſchnell und unbe⸗ greiflich iſt. Da der Blutumlauf unter dem Einfluſſe dieſes Giftes mit einemmale unterbrochen wird, ſo zeigt der Leichnam nicht die — — 119 mindeſte Spur von Gewaltthat, und kaum können die Leute der Kunſt die Wirkung der todtbringenden Elemente entdecken. Dieſes Gift hat dem Leben des Juweliers Heinrich Thomſon ein Ende gemacht. Man wird Ihnen die Einzelnheiten vorlegen, welche dieſes beweiſen. Aber welche Perſon hat ihn das Gift trinken laſſen? Wie iſt das Verbrechen vollzogen worden? War es ein Selbſtmord? Nichts iſt unwahrſcheinlicher. Man hat in dem Zimmer des Todten kein Gläschen, kein Gefäß gefunden, welches das Gift enthalten haben könnte. Hat ſich nun der Gefangene einer ſo ſchwarzen That an dem Gaſte ſchuldig gemacht, der ſich ſeinem Schutze anvertrauete und ihn um einen Zufluchtsort bat? „Hier halte ich einen Augenblick an; es iſt meine Pflicht, eine genaue Vorſtellung von der Lage des Angeklagten, von ſeinen Zimmern und von dem Hauſe zu geben, das er bewohnte. Ein Bedienter und eine Haushälterin wohnten bei dem Angeklagten. Der Bediente ſchlief in einem kleinen Außengebäude neben den Ställen. John Smith bewohnte das eine Ende ſeines Hauſes, und das Zimmer der Wirthſchafterin befand ſich an dem entgegen⸗ geſetzten Ende. Der Juwelier Thomſon wurde in ein Zimmer in der Nähe jenes der Wirthſchafterin geführt. In der Nacht, in welcher die That geſchah, ging ein Mann, deſſen Ausſage Ihnen vorgelegt werden wird, früh um drei Uhr vor dem Hauſe Smith's vorbei; er blieb ſtehen, weil er zu ſo ſpäter Stunde noch Licht darin bemerkte, welches aus einem Zimmer in das andere ging. Man bemerkte deutlich, wie Ihnen der Zeuge ſagen wird, den Schatten eines Mannes oder einer Frau, welche das Licht hielt. Dieſer Schatten begab ſich Anfangs von dem Zimmer Smith's nach dem, welches die Wirthſchafterin bewohnte. Dann kamen zwei Perſonen auf einmal aus dem letztern Zimmer und das Licht verſchwand. Einen Augenblick ſpäter zeigten ſich die beiden Schatten von Neuem, und fünf Minuten darauf war wieder Alles finſter. Das Zeugniß der Wirthſchafterin mußte von Wichtigkeit ſein, aber 120 die Frau hatte das Haus Smith's den Tag nach dem Vorfalle verlaſſen, und es war unmöglich ſie aufzufinden. Um vollſtändi⸗ gere Nachrichten zu erhalten, hat man den erwähnten Zeugen, welcher das Licht in den Zimmern Smith's geſehen haben will, an Ort und Stelle geführt, und andere Perſonen ſind im Hauſe mit einem Lichte in der Hand von einer Stube zur andern ge⸗ gangen.. „Der Zeuge ſagte aus, er erinnere ſich vollkommen des Ganges und der Bewegung des Lichtes in der fraglichen Nacht, und die Art, wie man das Licht vor ihm bewege, gliche jener nicht. Oft, ſagte er, ſtellte ſich etwas Breites, wie eine Thür oder ein Schirm, zwiſchen das Licht und das Fenſter, ſo daß die Helle zwar nicht ganz verſchwand, aber doch nur einen ganz ſchwachen Theil davon zu mir gelangen ließ. Ich geſtehe, daß es uns unmöglich gewe⸗ ſen iſt, nachdem wir die Oertlichkeit beſichtigt haben, die Ausſage des Mannes ganz zu verſtehen. Kein Thürflügel, kein Schrank konnte die Wirkung hervorbringen, von welcher der Zeuge ſpricht, und in dem ganzen Hauſe giebt es keinen Schirm. Dieſe von dem Zeugen eidlich beſtärkte Thatſache iſt um ſo ſeltſamer, da das Zimmer, worin Thomſon ſtarb, ganz leer iſt, bis auf ein Bett, das darin ſteht, und nach der Ausſage des Bedienten iſt ſeit länger als einem Jahre kein Geräthe hineingekommen. Noch ein Wort, und ich habe meine Pflicht gethan, und ich überlaſſe der Jury die ihrige. Man hat in dem Hauſe Smith's den geſchliffenen Stöpſel eines kleinen Fläſchchens von ausländiſcher Manufactur gefunden. Kein Geruch, kein Niederſchlag daran laſſen die Beſtimmung er⸗ rathen, es iſt aber gewiß, daß ſich die deutſchen Chemiker ſolcher Fläſchchen bedienen, die mit gleichen Stöpſeln geſchloſſen werden, b und daß ſie darin Eſſenzen ꝛc. aufbewahren, die ſich nicht ver⸗ flüchtigen ſollen.“ Das war ungefähr die Rede des Generaladvocaten. Er fühlte ſelbſt die geringe Bedeutung der Beſchuldigungen, auf die er ſich 121 kaum zu ſtützen wagte. Ich beobachtete genau das Geſicht und die Haltung Smith's; er blieb fortwährend ruhig. Als man von dem geſchliffenen Glasſtöpſel geſprochen hatte, war ein Schatten von Unruhe über ſein Geſicht gezogen, der indeß bald verſchwand. Der Name der verſchwundenen Wirthſchafterin nöthigte ihm ein beſonderes verächtliches Lächeln ab. Die Zeugen ſagten uns nichts Neues. Man bewies, daß der Glasſtöpſel in dem Hauſe Smith's gefunden worden war, aber nicht, daß ihm das dazu gehörige Fläſchchen gehört, und eben ſo wenig, daß es erxiſtirte. Lord Mansfield erhob ſich hierauf und ſagte:„Ich glaube nicht, daß die Beſchuldigungen genügen, um den Beklagten zu einer regel⸗ mäßigen Vertheidigung zu nöthigen. Wenn die Herren Geſchwo⸗ renen derſelben Meinung ſind, wird die Anklage aufgegeben.“ Die Geſchworenen traten zuſammen, ſprachen einen Augenblick mit einander, und der Erſte ſagte dann, man ſei ganz der Mei⸗ nung des Lords Mansfield. Schon ſchrieb der Secretair die Los⸗ ſprechungserklärung, die Advocaten nahmen ihre Papiere zuſammen, und die Neugierigen fingen an, ſich zu entfernen, als der Ange⸗ klagte das Wort nahm. „Ich bin,“ ſagte er,„eines abſcheulichen Verbrechens ange⸗ klagt. Die grauſamſten Beſchuldigungen hat man auf mich ge⸗ häuft. Selbſt wenn ich freigeſprochen werde, bin ich von dem Flecken nicht gereinigt, der auf meinem Namen laſtet. Ein grau⸗ ſamer Verdacht wird immer über dem Manne ſchweben, der aus Mangel an Beweiſen freigeſprochen wurde. Ich will alle Zweifel aufklären, Licht auf das werfen, was in der Sache noch dunkel und zweideutig iſt, und das Zeugniß der einzigen Perſon aufrufen, das den unſeligen Eindruck aufheben kann, welchen die Sache zu⸗ rückgelaſſen hat; die Wirthſchafterin meines Hauſes wird ſich ſtellen, wenn Sie es verlangen, und ich ſelbſt verlange, daß man ſie frage. Ich erbitte es als eine Gnade von Ihnen, Herr Richter(fuhr er fort, ſich an Lord Mansſield wendend), mir zu erlauben, mich an 9 122 die Herren Geſchworenen zu wenden und Ihnen die wirkliche Sach⸗ lage vorzulegen.“ Lord Mansfield weigerte ſich einige Zeit, und nur auf dringen⸗ des Bitten John Smith's und des Advocaten deſſelben erlaubte er ihm, das Wort von Neuem zu ergreifen. —„Meine Herren,“ ſagte Smith,„ich hoffe, daß Sie mich bald für unſchuldig erklären, nicht aus Mangel an Beweiſen, ſondern aus feſter Ueberzeugung. Iſt es bewieſen, daß der Fremde an Gift geſtorben iſt? Und wenn es erwieſen iſt, warum ſchreibt man mir den Gebrauch ſolcher Subſtanzen zu, deren Namen und Verwendung, Gott iſt mein Zeuge! mir völlig unbekannt ſind? Man ſagt, deutſche Chemiker und Apotheker verfertigten ſolche Stoffe; der Verſtorbene iſt in Deutſchland gereiſt, ich habe keinen Fuß dahin geſetzt. Nichts beweiſt, daß Thomſon in dem Augen⸗ blicke, als er zu mir kam, einen einzigen Diamanten, einen ein⸗ zigen Schilling beſaß. Kann er nicht auf dem Wege ausgeplündert worden ſein? Und wer ſagt Ihnen, daß er nicht aus Verzweiflung Hand an ſein Leben legte? Ich bitte Sie, meine Herren, bedenken Sie, daß nichts, was Thomſon angehört hat, in meinem Hauſe gefunden worden iſt, daß man die genaueſten Nachſuchungen an⸗ geſtellt hat und die Anklage ſich auf die unbeſtimmteſten Vermu⸗ thungen ſtützen muß. „Man hat geſagt, es ſei in der Nacht Licht in meinem Hauſe geſehen worden. Das iſt wahr. Ich war unwohl, rief meine Wirthſchafterin und ſagte ihr, ſie ſolle in meiner Stube wieder Feuer anmachen. Die Frau that, was ich ihr hieß; ich habe aber auf dem Gange ſo lange gewartet, bis ſie ſich angekleidet hatte. So erklärt ſich natürlich das Erſcheinen und Verſchwinden des Lichtes von dem der Zeuge geſprochen hat. Ich allein habe die Frau auf⸗ gefordert, bei dem Prozeſſe nicht zu erſcheinen. Sie befindet ſich in dem Hauſe meines Advocaten. Wenn Sie ſich über dieſe Vor⸗ ſicht wundern, ſo ſage ich Ihnen, daß ich Feinde habe, und daß 8 123 ich die Schwäche, die Habſucht dieſer Frau kenne, die ein ver⸗ derbliches Werkzeug in den Händen meiner Gegner werden könnte. Deshalb wollte ich, daß ſie keine Verbindung mit irgend Jemand habe. Jetzt mag ſie ſprechen; ich wünſche, daß ſie rede; ſie wird die Wahrheit deſſen beſtätigen, was ich geſagt habe.“ Dieſe Rede brachte die größte Wirkung hervor. Der Angeklagte hatte ſie mit Ruhe und imponirender Feſtigkeit gehalten. Der Advo⸗ cat Smith's holte die Wirthſchafterin, die etwa 30 bis 35 Jahre alt war und die ein regelmäßiges, aber nicht angenehmes Ge⸗ ſicht hatte. Ihr Zeugniß lautete mit den Angaben ihres Herrn ganz gleich. Sie war von ihm geweckt worden, hatte Feuer an⸗ gezündet und ſich wieder niedergelegt und am andern Morgen von dem Bedienten den plötzlichen Tod des Fremden erfahren. Alle Einzelnheiten, welche ſie berichtete, ſtimmten ſo genau mit der Er⸗ zählung Smith's überein, daß die Unſchuld des Letztern ſonnenklar zu ſein ſchien. Nachdem ſie einmal von den Richtern verhört worden war, nahm ſie auch der Generaladvocat vor. „Befand ſich,“ fragte ſie dieſer,„das Licht nicht, während Sie in dem Zimmer des Herrn Smith waren, auf dem Tiſche in der Mitte?“ —„Ja.“ „Sie ſagen, er ſei krank geweſen und habe(wahrſcheinlich aus einem Schranke) ein Arzneimittel genommen?“ —„Ja, das habe ich geſagt.“ „War dieſer Schrank oder dieſe Commode oder dieſer Secretair, kurz, das Meubel, worin ſich die Arznei befand, ein oder zweimal offen, während Sie in dem Zimmer waren?“ Die Frau antwortete nicht. „Es ſcheint, als wenn Sie mich nicht verſtänden. Ich frage Sie, ob Herr Smith, nachdem er die Arznei aus dem Schranke genommen, die Thür ſchloß oder ſie offen ließ?“ —„Er ſchloß ſie zu.“ 124 „Dann öffnete er ſie wieder, um das Fläſchchen hineinzu⸗ Keliene „Ja.“ „„Wie lange blieb dieſer Schrank offen?“ —„Ungefähr eine Minute.“ „Befindet ſich die Thür des Schrankes, wenn ſie geöffnet wird, gerade zwiſchen dem Tiſche in der Mitte und dem Fenſter?“ —„Genau!“ „Ich beſinne mich nicht gleich, wo, wie Sie ſagten, der Schrank ſich befindet, rechts oder links vom Fenſter?“ —„ Links.“ „Macht die Thür des Schrankes Geräuſch, wenn man Sie aufmacht?“ —„Nein.“ „Sind Sie Ihrer Sache gewiß?“ —„Ganz gewiß.“ „Haben Sie dieſen Schrank geoffnet, oder öffnet in Hert Smith immer ſelbſt?“ —„Herr Smith öffnet ihn ſtets ſelbſt.“ „Den Schlüſſel hatten Sie aber wohl bisweilen in der Hand?“ —„Nie; Herr Smith behält ihn immer bei ſich.“ In dieſem Augenblicke ſah die Frau Smith an. Ich beobach⸗ tete Beide. Von der Stirn des Angeklagten fielen ſchwere Schweiß⸗ tropfen; ſein Geſicht war todtenbleich. Kaum hatte ſie ihn ange⸗ ſehen, ſo ſchrie ſie laut auf und fiel in Ohnmacht. Die Folgen dieſer Antworten ſtellten ſich jetzt erſt ihrem Geiſte vor; ſie hatte die Verurtheilung ihres Herrn ausgeſprochen. Der Generaladvocat hatte die höchſte Wichtigkeit auf einen be⸗ ſondern Umſtand gelegt, der Niemand aufgefallen war. Er hatte ſich gefragt, woher der Schatten kommen konnte, der nach der Ausſage des Bauers das Licht verdeckt hatte, und vermuthet, es gebe in demſelben Zimmer einen Schrank oder dergleichen, deſſen 125⁵ Daſein noch unbekannt ſei und deſſen Thür beim Oeffnen das augen⸗ blickliche Verſchwinden des Lichtes verurſacht habe. Die ſcheinbare Gleichgültigkeit und der nachläſſige Ton dieſer Fragen hatte die Wirthſchafterin irre geführt, und ſie hatte nicht bedacht, daß ihr Herr compromittirt werde, wenn ſie jenen Schrank erwähne. Ihre Ohnmacht hob die Sitzung auf. Die Geſchwornen ſchloſſen ſich in ein beſonderes Zimmer ein, und die Debatten ſollten erſt nach zwei Stunden wieder beginnen. Der Gefangene wurde wieder in das Ge⸗ fängniß geführt. Man gab beſtimmten Befehl, daß die Wirth⸗ ſchafterin Niemanden außer dem Arzte ſpreche. Zwiſchen vier und fünf Uhr nahm Lord Mansfield ſeinen Platz wieder ein. Der Ge⸗ fangene und die Frau wurden vor die Richter gebracht. Der Saal war noch von Neugierigen gefüllt, welche die Entwickelung des Drama's abwarten wollten. „Ich habe Ihnen nur noch einige Fragen vorzulegen,“ ſagte der Generaladvocat zu der Wirthſchafterin.„Sagen Sie die Wahrheit; Ihr Leben hängt davon ab. Kennen Sie dies?“(Und er zeigte ihr den Stöpſel.) —„Ja.“ „Wem gehört dieſer Stöpſel?“ —„Herrn Smith.“ „Wann haben Sie denſelben zum letzten Male geſehen?“ —„In der Nacht, in der Thomſon ſtarb.“ „Sehr wohl.“ In dieſem Augenblicke traten zwei Sherifs mit einem Gerichts⸗ diener ein, der einen großen Teller trug. Auf dieſem lag eine Brieftaſche, eine Uhr, eine kleine Geldeaſſe, drei Säcke Geld, zwei goldene Ketten und ein Fläſchchen, zu dem der erwähnte Stöpſel paßte. Man hatte ſich auf Befehl des Generaladvocaten in das Haus Smith's begeben und zwiſchen den zwei Fenſtern in dem Zimmer deſſelben in der mit Holz belegten Wand ein verborgenes Schränkchen gefunden, worin ſich noch alle Gegenſtände fanden, die 126 dem unglücklichen Reiſenden gehört hatten, und die etwa 50,000 Thlr. werth waren. Das Fläſchchen, das Chemiker unterſuchten, ent⸗ hielt den Ueberreſt eines flüchtigen Giftes. Dieſen Beweiſen gegen⸗ über wagte der Angeklagte nicht, ſich mehr zu vertheidigen, ſon⸗ dern ſchwieg. Es iſt unnöthig, eine Erzählung noch weiter auszudehnen, deren Entwickelung Jedermann vorherſieht, und die ein vielleicht einziges Beiſpiel in den Jahrbüchern der Gerichte bietet, daß ein Angeklagter, der, von dem Gerichte und den Geſchworenen frei⸗ geſprochen, ſelbſt ſeine Verurtheilung herbeigeführt, indem er einen Zeugen zu ſeinen Gunſten aufruft, deſſen Ausſagen das Verbrechen beweiſen und ihn zum Tode führen. Dr. Diezmann. Inhalt des dritten Theils. Barak Johnſon, oder der blinde Zeuge Die Conſtantin....... Aus den Denkwürdigkeiten eines Advocaten. Gedruckt bei E. Polz in Leipzig. Nachtſeiten der Geſellſchaft. Eine Gallerie merkwürdiger Verbrechen und Rechtsfülle. Herausgegeben von Dr. A. Diezmann, Dr. W. Jordan und Dr. L. Meyer. —8— Vierter Theil. Leipzig, 1844. Verlag von Otto Wigand. 8 —— 5 Van Morſen. Wenige Meilen von Kopenhagen, an der Mündung des Sunds, beſaß früher die königliche Familie von Dänemark einen kleinen Landſitz, deſſen Felder von den Wogen der Oſtſee beſpült wurden. Man gelangte nach demſelben auf einem Wege, der erſt durch eine liebliche Landſchaft und dann zwiſchen mäßigen Höhen hinführte. Ein kleiner Baum⸗ und Blumengarten umgab das Haus, aus deſſen Fenſtern man weit hinausblicken konnte auf die Fluthen des Meeres. Ein Thor des Gartens ging nach dem Ufer hinaus. Seit der Regierung Friedrich V., und beſonders ſeit den Bege⸗ benheiten des Jahres 1808, vernachläſſigten die Glieder des könig⸗ lichen Hauſes dieſe einſame Wohnung und zogen ihr das prächtige Schloß Gottorp vor. Ein alter Caſtellan mit ſeiner Familie und ein gleichfalls bejahrter Gärtner waren die einzigen Bewohner. Im Juli des Jahres 18.. trug ſich eine Begebenheit zu, welche den ſtillen Frieden dieſes Ortes ſtörte. Während einer ſchönen Sommernacht ſah man ein Boot, von zwei rüſtigen Ruderern geführt, in der Nähe der ländlichen Woh⸗ nung landen. Ein junger Mann ſprang heraus; unter ſeinem weiten ſchwarzen Mantel bemerkte man zuweilen ein glänzendes Hofkleid. Nachdem er gelandet, flüſterte er den Nuderern einige Worte ins Ohr und eilte dann ſchnell einen Fußſteig in die Höhe, welcher zur Thür des Gartens führte. Dieſelbe öffnete ſich augen⸗ blicklich, als er klopfte, und er trat hinein. Seiner ganzen Haltung, 1* 4 der geheimnißvollen Art ſeiner Ankunft und ſeinem Klopfen, das ihm ſo ſchnell die Thür geöffnet, ſah man es an, daß er häufig hieher kommen müſſe, und die Nacht bisher über ſein Geheimniß ihren verhüllenden Schleier gebreitet hatte. Sobald er eingetreten war, kamen mehrere Soldaten, die in den Hecken und hinter Baumgruppen verſteckt geweſen waren, zum Vorſchein, unterſuchten die Thür, durch welche er gegangen, und verſchwanden dann wieder geräuſchlos. Einige Augenblicke ſpäter ſchimmerte Licht hinter den Fenſtern des Hauſes, welches ſo lange dunkel geweſen war. So verging eine Stunde, während der man weiter nichts ver⸗ nahm, als das ferne Rauſchen der Meereswogen. Nach Verlauf dieſer Zeit hörte man ein neues Geräuſch, und bald ließ ſich deutlich der Hufſchlag zweier Pferde unterſcheiden, welche ſich mit großer Schnelligkeit dem Thor des Hofes näherten. Ein Diener in Livree erſchien; hinter ihm ritt eine Dame in Ama⸗ zonenkleidern; ein langer Schleier umhüllte ſie, ihre Geſtalt hatte etwas Edles, Majeſtätiſches. Der Diener klopfte an das Thor und ſprach einige Worte; ſogleich erſchien der junge Mann, welcher vor einer Stunde angekommen war, und führte die Dame hinein. Er begegnete ihr ſo ehrerbietig, und die Leute des Hauſes zeigten eine ſo große Unterthäͤnigkeit, daß man ſie für eine ſehr hochge⸗ ſtellte Perſon halten mußte. Sobald die Dame eingetreten war, kamen die Soldaten, die unbemerkt Alles geſehen hatten, wieder aus ihrem Verſteck hervor. Der Officier, welcher ſie befehligte, theilte ſie in zwei Abtheilungen und ſchickte die eine Hälfte nach der Seeſeite des Gartens, während eerr mit der andern vor dem Hofthore blieb, um auf Jemand zu warten, ohne deſſen Beiſein er keinen weitern Schritt thun durfte. Dieſer erſchien ſehr bald mit zwei Begleitern, die Beide gleich ihm den ſchwarzen Dienſtrock der Polizei trugen. Er unterhielt ſich leiſe mit dem Officier und ſchickte ſich dann an, in das Haus 5 zu dringen. Man klopfte an das Thor, aber vergebens, Niemand antwortete; endlich rief er:„Aufgemacht, im Namen des Königs!“ und gab einige Augenblicke darauf Befehl, das Thor einzuſchlagen. Als dieſer Befehl eben ausgeführt werden ſollte, wurde von innen geöffnet. Der zuletzt Angekommene trat mit dem Officier und den Sol⸗ daten in den innern Hofraum. Die Diener und Hausbewohner flohen erſchreckt, und da ſie Niemand fanden, der ihnen Rede ſtehen wollte, ſo gingen ſie durch eine Alfee des Parks auf das Haus zu. Der Officier ließ daſſelbe von ſeinen Soldaten um⸗ ſtellen und gab ihnen den Befehl, Niemand herauszulaſſen und auf Jeden zu ſchießen, der einen Verſuch mache, zu entfliehen. Der Mann, welcher den Oberbefehl zu haben ſchien, trat allein in das Haus, in welchem er lange in der Dunkelheit herumtappen mußte. Endlich bemerkte er am Ende eines langen Ganges ein Licht, welches aus der halbgeöffneten Thür eines Zimmers kam, und trat in dies Zimmer hinein. Eine ſchwarzgekleidete Dame ſtand am Fenſter und ſchien ängſtlich nach der See hinauszuſehen. Bei ſeinem Eintritt wurde ſie verwirrt und unruhig. „Koͤnigliche Hoheit,“ ſagte der Eingetretene, der ſie ſogleich erkannte;„ich bin der Geheimerath Baron von S...; ich bin im Namen des Königs, meines Herrn, und auf den Antrag Ihres Gemahls, des Prinzen F.... hergekommen, um Eure königliche Hoheit nach den nähern Umſtänden und Gründen zu befragen, warum Dieſelben hier ſind, und darüber ein Protokoll aufzunehmen. Sie ſind nicht allein hier; vor Ihnen kam ein Mann hierher, um Sie zu erwarten. Sichere Leute, die es bezeugen können, haben ihn in das Haus treten ſehen.“ „Mein Herr,“ antwortete die Prinzeſſin verlegen,„laſſen Sie das Haus und den Park durchſuchen und Sie werden ſehen, wie ungerecht der Verdacht des Prinzen, meines Gemahls, iſt.“ Kaum hatte ſie dieſe Worte ausgeſprochen, als man von der 6 Seeſeite her ein lautes Gewehrfeuer hörte. Der Beamte ſtand erſtaunt und erſchrocken, die Prinzeſſin erbleichte, alle ihre Glieder zuckten krampfhaft zuſammen, und ohne ein Wort hervorbringen zu können, ſank ſie in Ohnmacht. Es war ein Uhr Morgens. Am folgenden Tage verbreiteten ſich trotzdem, daß alle bei dem nächtlichen Ereigniß Betheiligten das ſtrengſte Stillſchweigen be⸗ obachtet hatten, in Kopenhagen die widerſprechendſten Gerüchte. Man erzählte ſich, daß die Prinzeſſin C..... mit einem jungen Kammerherrn der Königin in ſtrafbarer Verbindung geſtanden, und daß ihr Gatte, der ſie ſtets innig geliebt, die ſeinem Namen angethane Schmach an beiden Schuldigen gerächt habe. Dieſe Gerüchte hörten nicht auf, bis es wirklich zu einer gerichtlichen Unterſuchung und im Verfolg derſelben zur Eheſcheidung kam. Wir wollen hier erzählen, was ſich vor und nach dem mitgetheil⸗ ten Ereigniß zugetragen. Die erſten Jahre der Ehe lebte der Prinz mit ſeiner Gemahlin recht glücklich; Beide ſtanden im ſchönſten Lebensalter und ſchienen vollkommen mit einander zufrieden. Die Prinzeſſin wurde bald in Kopenhagen allgemein beliebt, und Jedermann rühmte ihre An⸗ muth und Liebenswürdigkeit. Niemand ließ ſich träumen, daß dieſe, wie es ſchien, vom Schickſal ſo begünſtigte Frau bald ihren Mann und ihre Familie verlaſſen und, fern von dem glanzvollen Leben des Hofes, einen Zufluchtsort werde ſuchen müſſen, um lebenslänglich einen Fehltritt zu bereuen. Der Prinz führte ein ſehr thätiges Leben und mußte ſich häufig von ſeiner jungen Gattin trennen. So machte er, als die Eng⸗ länder Kopenhagen bombardirten und ganz Dänemark einzunehmen drohten, eine lange Reiſe, um perſönlich das Volk zur Verthei⸗ digung aufzuregen. Während ſeiner häufigen Reiſen war der gute Ruf ſeiner Frau nicht ganz unangegriffen geblieben. Man ſprach von mehreren Liebeshändeln, von ihrer Leichtfertigkeit, und be⸗ zeichnete den jungen Baron van Morſen, einen Kammerherrn der w—— 7 Königin⸗Mutter, als ihren Günſtling. Doch wußte man nichts Beſtimmtes, was dieſe Gerüchte beſtätigt hätte. v. Morſen läug⸗ nete ihre Wahrheit auf das Entſchiedenſte und ſuchte durch ein untadelhaftes Betragen und die gewiſſenhafteſte Pflichterfüllung alle Verleumdungen Lügen zu ſtrafen. Er war der Sohn eines hochgeſtellten Officiers, der in ſeinem Dienſt geblieben war; alle ſeine Mußeſtunden wandte er dazu an, ſeine alte Mutter zu beſuchen, deren einzige Stütze er war und die in einem kleinen Dorfe, wenige Meilen von Kopenhagen wohnte. Er galt allgemein für einen wohlgebildeten, ungemein geiſtreichen, edeln und durchaus rechtlichen Mann. Als die Gerüchte dem Prinzen zu Ohren kamen, ſchwur er, ſich zu rächen und das Band, welches die Prinzeſſin an ihn feſſelte, auf ewig zu zerreißen. Er ließ ſie unausgeſetzt beobachten, und ſeine Kundſchafter mußten van Morſen Tag und Nacht im Auge behalten. Schon begann er zu glauben, daß man die Prinzeſſin nur verleumdet habe, als ein Mann, der in ſeinen Dienſten ſtand, ihm die Augen öffnete und ihn die traurige Wahrheit ſehen ließ. Der Graf O...., ſein Oberſtallmeiſter, verſicherte, der Chef der Polizei, der die Verdächtigen zu überwachen habe, ſei in einem vollſtändigen Irrthum befangen und beſitze kein Geſchick, den ihm gegebenen Auftrag auszuführen; van Morſen bleibe, wenn er ſeine Mutter beſuche, jedesmal nur eine oder zwei Stunden bei ihr und begebe ſich von ihr, gewöhnlich zur See, nach einem Landhauſe, in welchem die Prinzeſſin ihn erwarte. Er habe ſich perſönlich davon überzeugt, und man könne bei erſter Gelegenheit die Sache an den Tag bringen. Dieſe ſo entſchiedenen Ausſagen zeigten der Polizei den richtigen Weg, und in jener Nacht verſchaffte man ſich auf die beſchriebene Art vollſtändige Gewißheit. Sobald er nach Kopenhagen zurückgekehrt, erzählte der Geheime⸗ rath S... dem Prinzen den ganzen Hergang und ſtattete auch 8 dem Könige Bericht davon ab. Dieſer berief einen hohen Gerichts⸗ hof zuſammen, deſſen Sitzungen und Beſchlüſſe aber lange Zeit geheim blieben. Als damals die Soldaten, welche die Seeſeite des Parks be⸗ wachen ſollten, an ihrem Poſten ankamen, bemerkten ſie am Strande ein Boot, in welchem zwei Ruderer ſaßen, die auf Jemand zu warten ſchienen. Der Sergeant fragte ſie, woher ſie kämen und wie der Mann heiße, den ſie hergebracht. Sie antworteten, daß ſie ſeinen Namen nicht wüßten; der Unbekannte ſpreche nie mit ihnen, außer wenn er ihnen den ausgemachten Lohn auszahle. Es kam dem Sergeanten verdächtig vor, daß ſie in dieſer ſpäten Stunde ſich an dieſem Orte befänden; da er nichts aus ihnen herausbringen konnte, verhaftete er ſie. Die See fing an, hoch zu gehen; die Matroſen zogen ihr Fahrzeug auf den Strand und folgten den Soldaten, die ſich wieder an der Parkmauer verſteckten, wie der Officier befohlen hatte; nur Einen ließ man beim Boote, es zu bewachen, mit dem Befehle, ſobald etwas vorfalle, zu ſchreien. Als die Prinzeſſin und van Morſen kaum in das Haus getre⸗ ten waren, hörten ſie ſchon an der Hofthür pochen, was ſie ſehr beunruhigte. Ein Beſuch in dieſem Augenblicke ſchien ihnen von uͤbler Vorbedeutung. Voll Angſt lauſchten ſie mit größter Auf⸗ merkſamkeit, und bald hörten ſie die Worte:„Aufgemacht, im Namen des Königs!“ „Wir ſind verloren!“ rief die Prinzeſſin. „Fürchten Sie nichts,“ antwortete der junge Mann;„ich bin über See gekommen, Niemand hat mich eintreten ſehen, und es ſoll mich auch Niemand gehen ſehen;“ ſogleich verſchwand er wieder. Schnell ſprang er über die Seitenmauer des Parks und begab ſich, ohne daß die Soldaten ihn bemerkten, auf einem Umwege nach ſeinem Boote. Er lief ſo heftig zu, daß er den Wachtpoſten an demſelben erſt bemerkte, als er nur noch wenige Schritte von ihm entfernt war. 9 „Wer da!“ ſchrie dieſer und ſpannte den Hahn. Als van Morſen auf ſich anlegen ſah, zog er den Degen und hieb auf den Soldaten ein, der hülfeſchreiend zu Boden ſank. Ohne Zeit zu verlieren, band er die Schaluppe los, ergriff die NRuder und entfernte ſich ſchnell vom Ufer. Auf das Geſchrei des Soldaten war der Sergeant mit ſeiner Truppe ans Ufer geeilt, und ungeachtet der Dunkelheit bemerkten ſie die Schaluppe, die in die hohe See hinausſteuerte. Man fragte die Matroſen, ob ſie die Perſon erkennen könnten, die ſie herge⸗ bracht. Wir ſehen gar nichts, antworteten dieſe. Darauf gaben alle Soldaten Feuer auf das Boot. Als der Geheime Rath S... mit der Prinzeſſin geſprochen hatte, durchſuchte er auf das Genaueſte das Haus und den Park; dem Officier befahl er, die ganze Nacht hindurch da zu bleiben und beſonders das Ufer ſorgfältig bewachen zu laſſen; dann kehrte er zu Wagen nach Kopenhagen zurück, wo er bei Tagesanbruch ankam. Die Prinzeſſin blieb in dem Landhauſe und blickte fort⸗ während, wie Zeugen ſpäter ausſagten, durch das Fenſter nach der Seeſeite. Die Soldaten verließen den Strand nicht; aber da die Nacht ſehr dunkel war und die Wellen ſehr hoch gingen, ſo konnten ſie das Boot nicht lange mit den Augen verfolgen, doch glaubten ſie, — in einer Entfernung von etwa 500 Klaftern ein etwas größeres Fahrzeug zu ſehen, welches zu laviren ſchien und ſich nur ſehr langſam entfernte. Als die Sonne aufging, ſahen ſie nichts mehr, und die See ging noch höher als während der Nacht. Seit dieſer Zeit hörte man nichts mehr von van Morſen; man wußte nicht, was aus ihm geworden. Wäre er von den Schüſſen der Soldaten getödtet geweſen, ſo hätte das Meer ſeine Leiche an den Strand werfen müſſen, war er nur verwundet, ſo konnte ſein Zufluchtsort der Polizei nicht verborgen bleiben. Seine Mutter hatte ihn ſeit zwei Tagen nicht geſehen, und auch ſeine Freunde 4. 2 10 wußten nichts von ihm. Die Nachforſchungen des Gerichtshofes blieben lange Zeit erfolglos, bis endlich ein unvermutheter Um⸗ ſtand die Entdeckung der Wahrheit herbeiführte. Einem Juden in Kopenhagen wurde von Fiſchern ein koſtbarer Anzug, der einem Hofbeamten gehört zu haben ſchien, ein Degen, eine goldene Kette und mehrere Kleinodien zum Kaufe angeboten. Er bat um Bedenkzeit, forderte ſie auf, am folgenden Tage wie⸗ der zu kommen, und benachrichtigte, da er bei näherer Beſichtigung der Kleidungsſtücke Blutflecken zu bemerken glaubte, die Polizei⸗ welche alsbald die Fiſcher verhaftete. Man fragte, wie ſie in den Beſitz dieſer Gegenſtände gekom⸗ men ſeien, gab ihnen zu verſtehen, daß man ſie eines ſchweren Verbrechens verdächtige, und drohte ihnen mit der härteſten Strafe. Sie zögerten lange Zeit, gaben aber doch endlich, von der Furcht bewegt, folgende Auskunft: Als ſie eines Nachts in der Oſtſee fiſchten, ſahen ſie ein Boot auf ſich zukommen, in welchem ein einzelner Mann ſaß, der ſehr ungleichmäßig ruderte. Als er ihnen näher kam, hörte er auf zu rudern und verſuchte um Hülfe zu rufen; aber ſeine Stimme war ſehr ſchwach und ſchien ſich nur ſehr ſchwer aus der Bruſt hervor⸗ zuringen. Sie ruderten heran, ſtiegen in ſein Fahrzeug und ſahen ihn verwundet und ganz mit Blut bedeckt. Obgleich ſie ihn in ihr Fahrzeug nahmen und verbanden, ſo gut es gehen wollte, ſtarb er doch unter den ſchrecklichſten Schmerzen ſchon nach Ver⸗ lauf zweier Stunden. Als er bereits mit dem Tode rang, hatte er ihnen noch gedankt für ihre Bemühungen und ſie bei Allem, was ihnen in der Welt lieb und werth, beſchworen, ſeine Leiche ja ins Meer zu verſenken, daß ſie niemals wieder aufgefiſcht werden könne. Sie möchten für dieſen Dienſt ſeine Kleider und Alles, was er bei ſich trage, behalten. Die Fiſcher hatten ſeinen letzten Willen treu vollſtreckt, ihm die Kleider ausgezogen, die Leiche in ein vor⸗ räthiges Segeltuch gewickelt, an ſeinen Kopf und an ſeine Füße 11 einen ungeheuern Stein gebunden, ein Gebet über ihm geſprochen und ihn dann in die Tiefe verſenkt. Dieſe einfache und natürliche Erzählung genügte den Rich⸗ tern noch nicht. Sie forderten die beiden Matroſen vor und frag⸗ ten, ob ſie die Kleidungsſtücke erkennten. Nach einer genauen Unterſuchung erklärten dieſelben, es ſeien die Kleider des unbe⸗ kannten Mannes, welchen ſie in ihrem Boote nach dem Landhauſe gebracht. Auch mehrere bei Hofe angeſtellte Perſonen erkannten die Kleider für die van Morſen's. Aus dieſen verſchiedenen Zeu⸗ genausſagen ging es unwiderleglich hervor, daß der junge Mann durch die Schüſſe der Soldaten getödtet war. Die Fiſcher gab man frei.. Van Morſen's Tod machte in Kopenhagen den tiefſten Eindruck. Obgleich man ſeine Handlung mißbilligte, konnte man ſich doch nicht enthalten, ſeine bewundernswürdige Verſchwiegenheit zu loben. Niemals hatte er durch ſein Betragen den mindeſten Verdacht gegen eine ſo hochgeſtellte Frau, welche der Liebe zu ihm ihre heiligſten Pflichten geopfert. Stets hatte er dieſe Leidenſchaft, die mancher Andere vielleicht aus Eitelkeit zur Schau getragen hätte, auf dem tiefſten Grunde des Herzens verborgen, und ſein Tod war wie ſein Leben muthig und geheimnißvoll geweſen. Die Prinzeſſin verließ Kopenhagen und ging nach Rom, wo ſie ſehr zurückgezogen und einfach lebte und nur mit Gelehrten und Künſtlern umging. Jeder, der ſie gekannt hat, läßt ihrem trefflichen Herzen und ihrer Liebenswürdigkeit volle Gerechtigkeit widerfahren. Sie iſt erſt im Jahre 1840 geſtorben. W. J. 2* Ali Tebelen, Paſcha von Janina. Dies Jahrhundert hat in ſeinem Beginne die kühnſten Unterneh⸗ mungen, die merkwürdigſten Glückswechſel geſehen. Während der Occident von einem Secondlieutenant bekämpft wurde, der zum Kaiſer geworden und nach Willkür Könige ſchuf und Reiche zer⸗ trümmerte, dann endlich ſelbſt von ſeiner ſchwindelnden Höhe geſtürzt ward, begann der altgewordene Owißent wie eine Leiche ſich aufzulöſen und unter den Händen kühner Abenteuerer zu zer⸗ fallen. Es ſoll hier nicht die Rede ſein von kleinern Empö⸗ rungen, die nur augenblickliche Kaͤmpfe erzeugten und geringe Ver⸗ änderungen zur Folge hatten, ſo wie die Dzezzar⸗Paſcha's, der den Tribut verweigerte, weil er ſich in ſeiner Feſtung Saint⸗Jean⸗ d'Aere für unüberwindlich hielt, oder die Ogru⸗Paſcha's, der ſich hinter den Mauern von Widdin zum Vertheidiger des Janitſcha⸗ riats aufwarf, als Sultan Selim ein regelmäßiges Heer einrichtete; es haben größere Umwälzungen ſtattgefunden, welche das Reich in ſeinen Grundfeſten erſchütterten und ſeinen Umfang verringerten, ſo wie die des Czerni⸗ Georg, der Serbien befreite, Mehemed Ali's, der ſein Paſchalik Aegypten zu einem Königreich erhoben, und end⸗ lich die des Ali Tebelen, Paſcha von Janina, deſſen langer Wider⸗ ſtand der Wiedergeburt Griechenlands vorausgeht und ſie herbeiführt. Sein Wille hat auf dieſe große Bewegung keinen großen Ein⸗ fluß gehabt; er ſah ſie vorher, ohne ſie jedoch zu unterſtützen, und —, 13 ohne daß es ihm ſpäter möglich geweſen wäre, ſie aufzuhalten. Er gehörte nicht zu den Männern, welche ihr Leben an die Durch⸗ führung einer Idee ſetzen, und verfolgte niemals einen andern Plan, als den, eine Macht zu erlangen und zu vergrößern, deren Werkzeug und zugleich letzter Zweck nur er ſelbſt war. Er ſah in der Welt nur ſich, liebte nur ſich und arbeitete für Niemand als für ſich. In ihm lagen die Keime aller Leidenſchaften, und er wandte ſein ganzes langes Leben dazu an, ſie zu entwickeln und zu befriedigen. Damit iſt ſein Charakter ausgeſprochen; ſeine Handlungen waren nichts Anderes, als dieſer Charakter ſelbſt, mit den Verhältniſſen in Verbindung und durch ſie in Thätigkeit ge⸗ ſetzt. Wenige Männer ſind wohl ſo einig mit ſich ſelbſt geweſen und ſtets ſo gefaßt in jeder Lage, als er. Da eine Perſönlichkeit um ſo merkwürdiger iſt, je mehr in ihr die Gedanken und Sitten der Zeit und des Landes, in dem ſie gelebt, zur Darſtellung kom⸗ men, ſo iſt die Geſtalt Ali Paſcha's, wenn nicht eine der hervor⸗ ſtechendſten, ſo doch eine der intereſſanteſten in der Geſchichte unſerer Tage. Schon ſeit der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts war die Türkei der politiſchen Verweſung anheimgefallen, von der ſie ſich jetzt vergeblich zu erholen ſucht und an welcher ſie jeden Tag vor unſern Augen dahinſterben kann. Von einem Ende des RNeiches bis zum andern herrſchte die gräulichſte Unordnung, die vollſtän⸗ digſte Anarchie. Der Stamm der Osmanen ſcheint einzig zur Eroberung tauglich geweſen zu ſein, und ſollte unbrauchbar werden von dem Tage an, da er zu erobern aufhörte. Dieſer Zeitpunkt trat ein, als Sobiesky unter den Mauern Wiens die Chriſtenheit rettete, wie einſt Karl Martell in den Ebenen von Poitiers. Er ſteckte dadurch der Fluth der Muſelmänner ein Ziel und ſagte ihr: „Bis hieher und nicht weiter.“ Die ſtolzen Abkömmlinge Ordo⸗ gruls, die ſich nur zu Gebietern geboren wähnten, ſahen ſich vom Siege verlaſſen und beſchränkten ſich jetzt auf die Tyrannei. 14 Vergeblich rief die Vernunft ihnen zu, daß die Herrſchaft nicht lange in den Händen bleiben kann, welche die Kraft verloren, und daß der Friede Denen neue Arbeiten auferlegt, welche den Sieg verlernt; ſie wollten nichts hören und unterwarfen ſich eben ſo blind dem Schickſal, da es ſie zur Ruhe verurtheilte, als in jener Zeit, da es ſie zur Eroberung antrieb. In ſtolzer Sorg⸗ loſigkeit ſetzten ſte ſich feſt und belaſteten mit ihrer ganzen Schwere die unterjochten Völkerſchaften. Wie ein unverſtändiger Landwirth durch übertriebene, gewaltſame Ausbeutung die Kraft eines frucht⸗ baren Feldes erſchöpft, ſo richteten ſie ihr weites und wohlhaben⸗ des Reich durch empörende Bedrückung zu Grunde. Als unerbitt⸗ liche Sieger und unerſättliche Herren ſchlugen ſie mit der einen Hand die Beſiegten, während ſie mit der andern ihre Sklaven ausplünderten. Je größer auf einer Seite ihre Bedürfniſſe wur⸗ den, deſto ſchneller verſiegten auf der andern ihre Hülfsquellen. Bald ſahen die Unterdrückten ein, daß ſie ſich dem Joch ihrer Unterdrücker, deren Habſucht ſie nicht mehr zu befriedigen ver⸗ mochten, endlich entziehen müßten. Jede Völkerſchaft ſchlug den Weg ein, welcher ihrer Stellung und Eigenthümlichkeit am meiſten zuſagte; die Einen nahmen ihre Zuflucht zur Trägheit, die Andern zur Gewalt. Die Bewohner der Ebenen beugten ſich wie Sträu⸗ cher vor dem Sturme; die Gebirgsvölker ſtanden feſt, wie Felſen gegen einen Sturzbach, und dämmten ihn mit aller Kraft zurück. Dies verſchiedene Verfahren hatte ähnliche Erfolge. Hier hatte die Arbeit aufgehört, dort der Krieg begonnen. Die Habſucht der Räuber ſah ſich vergeblich nach Beute um, in den wüſtliegenden Ebenen, wie in den waffenſtarrenden Bergen, und ſah ſich eben ſo ohnmächtig gegen den Mangel, als gegen den Aufruhr. Die Tyrannei beſaß nur noch eine von Mauern eingeſchloſſene Wüſte. Aber der erhabene Sultan, der Nachfolger des Propheten, der Gebieter über alle Kronen, mußte doch zu eſſen haben, und dazu gebrauchte die hohe Pforte Geld. Ohne es zu wiſſen, ahmte der * 15⁵ türkiſche Divan dem römiſchen Senate nach und bot das ganze Reich feil. Alle Stellen wurden an den Meiſtbietenden verkauft; Paſcha's, Bey's, Kadi's, Miniſter und Beamte jeder Art mußten ihren Poſten vom Herrſcher erkaufen und ſich dann an den Unter⸗ thanen ſchadlos halten. Wie es kein anderes Geſetz gab, als die Gelüſte des Herrn, eben ſo gab es auch keine andere Bürgſchaft, als ſeine Laune. Daher beſtand denn die ganze Verwaltungskunſt darin, ſo viel und ſo ſchnell als möglich zu plündern. Um dies Ziel zu erreichen, ſchickte der Abgeſandte des Sultans ſeinerſeits wieder Abgeſandte aus, die für ihn und ſich ſelbſt Geld eintreiben mußten, ſo daß es im ganzen Reiche drei Klaſſen gab: ſolche, die ſich bemühten, ſo viel als möglich zu erpreſſen, ſolche, die etwas zu retten ſuchten, und ſolche endlich, die ſich um nichts kümmerten, weil ſie nichts zu hoffen und nichts zu verlieren hatten. Eine der am ſchwerſten auszubeutenden Provinzen war Albanien. Die Bewohner waren arm, ſehr entſchloſſen und hatten in ihren Gebirgen eine ſichere Zuflucht. Nur mit großer Mühe vermochten die Paſcha's daſelbſt Gold zuſammenzuſcharren; denn Jedermann vertheidigte ſeine Habe auf das Tapferſte. Alle Albaneſer, ſowohl Muhamedaner als Chriſten, waren tüchtige Krieger. Die Einen ſtammten von den unbezwingbaren Seythen ab, die Andern von den alten Macedoniern, die weiland die Welt beherrſcht; mit die⸗ ſen hatten ſich normanniſche, durch die Kreuzzüge hiehergekommene Abenteurer vermiſcht, und ſo floß in ihren Adern ein wahrhaft kriegeriſches Blut; der Kampf war ihr Element; nur in einem bewaffneten Frieden ruhten ſie zuweilen von ihren Kämpfen aus; denn bald befehdete eine Landſchaft, ein Dorf, ja oft ein Haus das andere, bald lagen ſie ſich in den Haaren mit den Statthal⸗ tern, oder empörten ſich mit dieſen zugleich gegen den Sultan. Jeder Stamm hatte ſeine eigene Militärverfaſſung, jede Familie ihren befeſtigten Platz, jeder Mann ſeine Büchſe auf der Schulter. Gab es nichts Beſſeres zu thun, ſo baute man das Feld an, oder 16 mähete die Saat des Nachbars und ſtahl ihm ſeine Aernte; oder man weidete die Heerden und laucrte dabei auf Gelegenheit, das Vieh von der angrenzenden Weide zu rauben. So ging es her in Epirus, Thesprotien, Theſſalien und Oberalbanien. Unter⸗ albanien war weniger tapfer, und ſo wie in andern Theilen der Türkei, ſo war auch hier der Bewohner des flachen Landes oftmals ein Opfer der Gebirgsbewohner. Im Gebirge war es, wo ſich noch die Erinnerungen an Scander⸗Beg erhalten und wo die Sitten des alten Sparta's eine letzte Zuflucht gefunden hatten. Hier wurde der tapfere Soldat zur Leyer beſungen, und die Väter hielten ihren Kindern das Beiſpiel berühmter Räuber zur Nach⸗ ahmung vor. Man hatte Feſte, die durchaus nicht ohne Beute von Fremden gefeiert werden konnten, und als Hauptleckerbiſſen ſtand ſtets ein geſtohlener Hammel auf der Tafel. Jeder Mann wurde nach Maßgabe ſeiner Liſt und Tapferkeit geſchätzt, und man hatte die beſte Ausſicht, ſich vortheilhaft zu verheirathen, wenn man ſich den Ruf eines tüchtigen Klephten oder Banditen erworben. Dieſe Anarchie nannten die Albanier mit Stolz ihre Freiheit und wachten mit ängſtlicher Sorgfalt über die Aufrechthaltung einer von ihren Ahnen überkommenen Unordnung, welche ſtets dem Tapferſten den erſten Rang zuſicherte. Unter dieſen Menſchen wurde Ali Tebelen geboren, in dieſen Sitten wuchs er auf. Er rühmte ſich, dem Stamm der Eroberer anzugehören und ſeine Herkunft von einer alten anatoliſchen Fa⸗ milie abzuleiten, welche mit dem Heere des Bajazet⸗Ilderim nach Albanien herübergekommen. Es ſteht jedoch feſt und iſt durch die gelehrten Unterſuchungen des Herrn von Bouqueville außer Zweifel geſtellt, daß er von Eingebornen abſtammte und nicht von aſia⸗ tiſchen Aeltern. Seine Vorfahren waren chriſtliche Schypetaren, welche nach dem Einbruche der Türken zum Islam übertraten. Muktar Tebelen, ſein Großvater, blieb bei dem Angriffe der Türken auf Corfu im Jahre 1716. Der Marſchal Schulenburg, 17 welcher die Inſel vertheidigte, ſchlug den Feind mit Verluſt zurück, nahm Muktar auf dem Berge St. Salvador gefangen und ließ ihn ohne Weiteres hängen. Es läßt ſich denken, daß die Erinne⸗ rung an dieſen Mord Ali für die Chriſten eben nicht zu beſt ſtim⸗ men konnte. Muktar hinterließ drei Söhne; zwei derſelben, Salik und Muhamed, waren von einer rechtmäßigen Frau, der dritte von einer Sklavin geboren. Dieſer Letztere, der Jüngſte von ihnen, hieß Veli. Nach dem Geſetz war er eben ſo berechtigt zur Erb⸗ folge, als die Anderen. Die Familie war eine der reichſten in der Stadt Tebelen, deren Namen ſie führte; ſie beſaß 6000 Piaſter Einkünfte. Dies war in einem ſo armen Lande, in welchem alle Lebensmittel ſehr niedrig im Preiſe ſtanden, ſchon ein bedeutendes Vermögen, aber die Tebelen mußten bei ihrem Range als Bey's einen bedeutenden Hofſtaat, eine Menge Pferde, Diener und Be⸗ waffnete halten; es iſt daher begreiflich, daß ihre Einkünfte nicht ausreichten. Es gab ein einfaches Mittel, dieſem Uebelſtande ab⸗ zuhelfen: man mußte die Zahl der Familienmitglieder verringern. Die beiden ältern Brüder, die Gattinnenſöhne, verbanden ſich gegen Veli, den Sklavenſohn, und jagten ihn aus dem väterlichen Hauſe. Dieſer ſah ſich gezwungen, ſein Vaterland zu verlaſſen, und entſchloß ſich, als ein braver Mann, an andern Leuten für die Ungerechtigkeit ſeiner Brüder ſich ſchadlos zu halten. Die Büchſe auf der Schulter, den Natagan im Gürtel, lauerte er an Straßen und brandſchatzte und plünderte Jeden, der ihm in die Hände fiel. Nachdem er dies ſchöne Handwerk einige Jahre getrieben, hatte er ſchon über bedeutende Reichthümer und eine tapfere Bande zu gebieten. Er glaubte, der Augenblick der Rache ſei gekommen, und marſchirte nach Tebelen. Unvermuthet kommt er daſelbſt an, überſchreitet den Fluß Vojuſſa und dringt, ohne Widerſtand zu finden, bis zum väterlichen Hauſe vor. Hier hatten ſeine Brüder, noch zur rechten Zeit benachrichtigt, ſich verſchanzt. Sogleich 18 beginnt er die Belagerung, die nicht lange dauern konnte, ſtürmt die Eingänge und verfolgt ſeine Brüder bis zu einem Gartenhauſe, in dem ſie ihre letzte Zuflucht ſuchten. Er läßt das Gartenhaus umzingeln, wartet, bis ſie ſich gehörig verrammelt haben, und läßt es dann an allen vier Ecken zugleich in Brand ſtecken.„ Seht,“ ſagte er zu ſeiner Umgebung,„man kann mich wahrlich nicht der Nachſucht beſchuldigen; meine Brüder haben mich aus dem väter⸗ lichen Hauſe verjagt, und ich trage Sorge, daß ſie immer hier bleiben.“ Einige Augenblicke darauf war er der einzige Erbe ſeines Vaters und Gebieter von Tebelen. Am Ziele ſeiner Wünſche angelangt, entſagte er dem abenteuerlichen Leben, ließ ſich in der Stadt nieder und wurde ihr erſter Aga. Da er ſchon einen Sohn von einer Sklavin hatte, welche ihm bald einen zweiten und ſpäter noch eine Tochter gebar, ſo durfte er nicht fürchten, ohne Nachkommenſchaft zu ſterben. Da er ſich jedoch hinlänglich reich ſah, um mehrere Frauen unterhalten und noch mehrere Kinder erziehen zu können, beſchloß er, ſein Anſehen durch eine Verbindung mit einer bedeu⸗ tenden Familie des Landes zu befeſtigen, und heirathete Kamko, die Tochter des Bey's von Kaitza. Dieſe Heirath verband ihn mit den erſten Familien der Provinz, unter andern mit Kurd⸗Paſcha, Vezier von Berat, welcher dem berühmten Stamme Scander⸗Begs angehörte. Einige Jahre ſpäter gebar Veli's neue Frau ihm einen Sohn, welchen er Ali nannte, denſelben, von dem dieſe Erzäh⸗ lung handelt, und eine Tochter Chainitza. Veli konnte ſeinen alten Gewohnheiten dennoch nicht ganz entſagen. Obgleich ſein Vermögen es ganz unnöthig machte, ſo fand er doch ſein Ver⸗ gnügen daran, Schafe und Ziegen zu rauben. Dieſe unſchuldige Uebung ſeiner Eigenſchaften fanden die Nachbarn gar nicht nach ihrem Geſchmack, und es kam nicht ſelten zu ernſtlichen Händeln. Der Erfolg war nicht immer auf Seiten des ehemaligen Klephten, und ein Theil von dem, was er ſich im Gebirge zuſammengeraubt, . 19 ging in der Stadt wieder verloren. Das ärgerte ihn, und der Aerger ſchadete ſeiner Geſundheit. Trotz Muhamed ſuchte er ſeinen Troſt im Wein und hatte ſich bald zu Tode geſoffen; er ſtarb im Jahre 1754. Ali, der damals dreizehn Jahre alt, konnte ſich nun der na⸗ türlichen Wildheit ſeines Charakters überlaſſen. Seit ſeiner frü⸗ heſten Jugend hatte er eine ſeltene Aufgewecktheit und Beweglichkeit gezeigt und unterſchied ſich dadurch weſentlich von andern jungen Türken, die zwar ſtolz von Natur ſind, aber durch die Erziehung ein geſetztes Weſen bekommen. Kaum aus dem Harem gekommen, brachte er ſeine Zeit damit zu, die Gebirge zu durchſtreifen, ſich in den Wäldern umherzutummeln, überſprang Abgründe, glitt über den Schnee hin, ſcheute weder Sturm noch Wetter, kurz, er zeigte in jeder Beziehung eine verwegene Rührigkeit. Vielleicht lernte er gerade in dieſen Gefahren jeder Art ſich vor nichts ſcheuen und dadurch Alles überwinden, und vielleicht erweckte die Größe der ihn umgebenden Natur in ſeiner Seele das Verlangen nach eigener Größe, welches bald zur Unerſättlichkeit anwuchs. Ver⸗ geblich ſuchte ſein Vater ſeine wilden Launen zu beruhigen und ſeinen unſteten Geiſt zu einiger Abgemeſſenheit zu bringen; er konnte nichts mit ihm ausrichten. Denn er war eben ſo eigen⸗ ſinnig als ungelehrig, und machte jede Bemühung, jede Vorſichts⸗ maßregel vergeblich. Schloß man ihn ein, ſo ſprengte er die Thür oder ſprang durchs Fenſter; drohte man ihm, ſo ſtellte er ſich folgſam und nachgiebig und verſprach Alles, was man ver⸗ langte, hatte es aber bei der erſten Gelegenheit ſchon wieder ver⸗ geſſen. Er hatte einen beſondern Lehrer, welcher beauftragt war, ihn auf Schritt und Tritt zu beobachten. Jeden Augenblick ent⸗ wiſchte er ihm durch eine neue Liſt und erlaubte ſich ſogar, ihn offen zu mißhandeln, wenn er vor Beſtrafung geſichert zu ſein glaubte. Erſt als der Jüngling heranreifte und ſein Vater be⸗ reits geſtorben war, kam er ſelbſt zum Einſehen und verſtand ſich 20 von ſelbſt dazu, leſen zu lernen, um ſeiner Mutter einen Gefallen zu thun, deren Abgott er war, und die er mit ganzer Seele wie⸗ der liebte. Kamko hatte deßwegen für Ali eine ſo lebhafte Vorliebe, weil ſie in ihm ſich ſelbſt, nicht nur ihr Blut, ſondern auch ihren Charakter erneut ſah. So lange ihr Mann gelebt hatte, den ſie fürchtete, ſchien ſie nur eine gewöhnliche Frau zu ſein; als er aber kaum die Augen geſchloſſen, ließ ſie auch allen heftigen Lei⸗ denſchaften freien Lauf, die ſich in ihrer Seele regten. Selbſt ehrgeizig, kühn und rachſüchtig, pflegte ſie die Keime des Ehr⸗ geizes, der Kühnheit, der Rachſucht, welche ſich bereits mächtig im jungen Ali zu regen begannen.„Mein Sohn,“ ſagte ſie ihm täglich,„wer ſein Erbe nicht zu vertheidigen weiß, der verdient, daß man es ihm raube. Denke daran, daß alles Eigenthum dem Eigenthümer nur ſo lange gehört, als er ſtark genug iſt, es ſich zu bewahren, und daß es Dein iſt, ſobald Du Kraft genug haſt, um Dich deſſelben zu bemächtigen. Der Erfolg rechtfertigt Alles, und wer die Macht dazu hat, dem iſt Alles erlaubt.“ Darum ſagte auch Ali, nachdem er ſeine ſpätere Bedeutung errungen hatte, daß er Alles ſeiner Mutter verdanke.„Meine Mutter,“ ſagte er einſt zum franzöſiſchen Conſul,„hat mich ſoweit gebracht; denn mein Vater hinterließ mir, als er ſtarb, weiter nichts, als eine Wohnung und einige Felder. Ihr verdanke ich zweimal das Daſein, denn ſie hat mich nicht nur zum Menſchen, ſondern auch zum Vezier gemacht, indem ſie durch ihren Rath meine Phantaſie entflammte und mir ſo das Geheimniß meiner Beſtimmurg enthüllte. Seitdem war mir Tebelen nichts Anderes, als der Horſt, von dem ich mich wie ein Adler auf die Beute zu ſtürzen gedachte, die ich in Gedanken bereits mein nannte. Ich dachte an nichts als an Macht, Schätze, Paläſte und Alles, was die Zeit mir entweder ſchon verwirklicht hat, oder was die Zu⸗ kunft mir noch zu verwirklichen verſpricht; denn der Punkt, auf ——,—— 21 dem ich angelangt bin, iſt noch lange nicht das letzte Ziel meiner Hoffnungen.“ Kamko ließ es nicht bei Worten bewenden, ſondern wandte auch alle Mittel an, das Glück ihres vielgeliebten Sohnes zu för⸗ dern und ihm eine bedeutende Macht zu verſchaffen. Zuerſt ſorgte ſie für die Vergiftung der Kinder, welche Veli's Lieblingsſklavin ihm geboren, die noch vor ihm geſtorben war. So in Betreff der innern Familienverhätniſſe beruhigt, wandte ſie alle ihre An⸗ ſtrengungen nach Außen, gab alle Gewohnheiten ihres Geſchlech⸗ tes auf, warf Schleier und Rocken bei Seite und ergriff die Waffen, unter dem Vorwande, die Rechte ihrer Kinder zu ſchü⸗ tzen. Sie vereinigte um ſich alle ehemaligen Parteigänger ihres Mannes, die ſie theils durch Geſchenke, theils dadurch zu gewin⸗ nen wußte, daß ſie ſich ihnen hingab, und brachte es auf dieſe Weiſe allmälig dahin, alle unternehmenden Köpfe und zügelloſen Männer von Toscaria für ſich zu gewinnen. Durch die Hülfe derſelben wurde ſie allmächtig in Tebelen und verfolgte ihre da⸗ ſelbſt wohnenden Feinde auf das Grauſamſte. Allein die Bewohner zweier Nachbarſtädte, Kormorvo und Kar⸗ diki fürchteten, daß das verwegene Weib, unterſtützt von ihrem bereits mannbar gewordenen Sohne, ſeinen Einfluß benutze, um ihre Unabhängigkeit zu gefährden, verbanden ſich heimlich gegen ſie und gaben ſich das Verſprechen, ſie bei der erſten günſtigen Gelegenheit auf die Seite zu ſchaffen. Eines Tages erfuhren ſie, daß Ali an der Spitze ſeiner beſten Soldaten einen weiten Streif⸗ zug unternommen, überſielen, begünſtigt von einer dunkeln Nacht, die Stadt Tebelen, bemächtigten ſich Kamko's nebſt ihrer Tochter Chainitza und führten ſie als Gefangene nach Kardiki fort. An⸗ fänglich wollte man ſie tödten, allein ihre Schönheit rettete ſie: man rächte ſich lieber durch Wolluſt an ihnen, als durch Mord, doch blieben ſie im Gefängniß und nur während der Nacht ver⸗ ließen ſie daſſlbe, um einem Manne in die Arme geführt zu 22 werden, den zuvor das Loos beſtimmt hatte, ſie einige Stunden zu beſitzen. Das dauerte einen Monat; da erbarmte ſich ein Grieche aus Argyro⸗Caſtro, Malikefo, ihres ſchauderhaften Schick⸗ ſals, kaufte ſie für zwanzigtauſend Piaſter los und brachte ſie nach Tebelen zurück. Eben war Ali zurückgekommen. Da traten ſeine Mutter und ſeine Schweſter zu ihm herein, bleich von der Anſtrengung und faſt aufgelöſt vor Wuth über ihre Schändung. Heulend und weinend erzählten ſie ihm Alles.„Mein Sohn!“ rief Kamko, ihn mit flammenden Augen anblickend,„nicht früher wird meine Seele wieder ruhig ſein, als bis Kormorvo und Kardiki, durch Dich vernichtet und vom Erdboden verſchwunden, nicht mehr als ein Denkmal unſerer Entehrung daſtehen.“ Die blutigſte Leidenſchaft kochte in Ali's Buſen auf, als er ihre Erzählung hörte; er verſprach eine der Kränkung angemeſſene Rache und rüſtete ſich mit aller Kraft, um Wort zu halten. Schon längſt hatte er ſich in Stand geſetzt, mit offener Gewalt zu rauben und zu plündern. Seine Streifzüge und die Spar⸗ ſamkeit ſeiner Mutter, welche ſich ſeit der Rückkehr von Kardiki aus dem öffentlichen Leben ganz zurückgezogen und dem Haushalte gewidmet, hatten ihre Schätze aufgehäuft, mit deren Hülfe er in kurzer Zeit eine beträchtliche Bande ausrüſten konnte, um gegen Kormorvo zu Felde zu ziehen. Allein er fand einen lebhaften Widerſtand, verlor einen Theil ſeiner Leute, mußte mit den übri⸗ gen die Flucht ergreifen und machte erſt in Tebelen Halt, wo ihn Kamko aufgebracht empfing, weil ſeine Niederlage die Hoffnungen ihrer Rachſucht getäuſcht hatte. „Geh', Feigling,“ ſagte ſie,„geh' ſpinnen mit den Weibern im Harem, der Rocken paßt beſſer für Dich, als das Schwert!“ Der junge Mann antwortete nichts, aber tief verletzt von dieſen Vorwürfen ging er, um ſeine Demüthigung bei ſeiner alten Freundin, der Gebirgsnatur, zu vergeſſen. Damals ſoll er, dem 23 Glauben des Volkes zufolge, das immer begierig iſt, das Leben ſeiner Helden mit Wundern auszuſchmücken, in einer alten Ruine einen Schatz gefunden haben, mit dem er ſeine Partei wieder auf die Beine brachte. Aber er ſelbſt hat dies Mährchen beſtritten; ſeine gewöhnlichen Mittel, Kampf und Plünderung, waren es, durch die er ſein Vermögen wiederherſtellte. Aus ſeinen ehemaligen Spießgeſellen ſuchte er ſich dreißig Palikaren aus und trat als ihr Bulu⸗Baſchi oder Nottenhauptmann in die Dienſte des Paſcha von Negropont. Bald aber langweilte ihn das beinahe regelmäßige Leben, welches er hier führen mußte; er ging nach Theſſalien, legte ſich dort, ganz wie ſein Vater Veli, auf die Straßenräuberei und kehrte reicher und angeſehener als je nach Tebelen zurück. Von hier aus ſetzte er ſeine räuberiſchen Streifzüge fort, und bald mußte Kurd⸗Paſcha auf den einſtimmigen Hülferuf der ganzen Provinz ſich gegen den jungen Straßentyrannen mit gewappneter Macht aufmachen. Derſelbe wurde geſchlagen und ſammt ſeiner Bande nach Berat, der Hauptſtadt Mittelalbaniens, in die Ge⸗ fangenſchaft abgeführt. Schon freute ſich das ganze Land, endlich von dieſer Geißel befreit zu ſein, und wirklich wurde auch die ganze Räuberbande zum Tode verurtheilt. Allein Ali war nicht der Mann, ſo leicht auf ſein Leben zu verzichten. Während man ſeine Spießgeſellen hängte, warf er ſich dem Paſcha zu Füßen und bat im Namen ſeiner Verwandtſchaft um Gnade, entſchuldigte ſich mit ſeiner Jugend und verſprach, ſich für immer zu beſſern. Als der Paſcha den ſchönen blonden, blauäugigen und ſo beredten Jüngling zu ſeinen Füßen liegen ſah, in deſſen Adern daſſelbe Blut floß, wie in den ſeinigen, wurde er bewegt und begnadigte ihn. Ali kam davon mit einer leichten Gefangenſchaft in dem Palaſte ſeines mächtigen Verwandten, der ihn mit Wohlthaten überhäufte und ſich alle Mühe gab, ihn auf den Weg der Recht⸗ lichkeit zurückzuführen. Wirklich ſchien er gewonnen zu ſein und ſeine frühern Fehler bitter zu bereuen. Der großmüthige Paſcha 24 glaubte an ſeine Bekehrung, ließ ſich von den Bitten Kamko's, die ihn unaufhörlich um die Freilaſſung ihres lieben Sohnes an⸗ flehte, bewegen, und gab ihn nach einigen Jahren frei, bemerkte ihm jedoch dabei, daß er nicht zum zweiten Male auf ſeine Gnade zu hoffen habe, wenn er es ſich noch einmal einfallen laſſe, die öffentliche Ruhe zu ſtören. Ali hielt dieſe Drohung für ernſtlich gemeint und getraute ſich nicht, ihr zuwider zu handeln, ſondern that Alles, was er konnte, um ſich das Wohlwollen des Mannes zu erwerben, deſſen Zorne er ſich nicht noch einmal auszuſetzen wagte. Er hielt nicht nur das gegebene Verſprechen, ruhig zu leben, ſondern brachte auch bald durch ſeine gute Aufführung ſeine frühern Sünden in Vergeſſenheit, wußte ſich Jedermann zu ver⸗ pflichten, und erwarb ſich ſo durch Gefälligkeit viel Freundſchaft und einen zahlreichen Anhang. So nahm er bald eine ehrenvolle Stelle unter den Bey's des Landes ein. Als er das gehörige Alter erreicht, heirathete er die Tochter des Paſcha von Delvino, welcher in Argyro⸗Caſtro reſidirte. Dieſe Ehe ſchien Ali für immer ſeinen frühern ſtürmiſchen Ge⸗ wohnheiten und abenteuerlichen Unternehmungen entreißen zu wollen. Allein die Familie, deren Mitglied er nun geworden, zeigte ihm eben ſo viel gute als böſe Beiſpiele. War Emineh, ſeine Frau, ein Muſter von Tugend, ſo war dagegen ſein Schwiegervater, der Paſcha, ein Inbegriff aller Laſter. Eigennützig, ehrgeizig, wild und auffahrend, ſeinem Muthe vertrauend und beſonders durch ſeine Entfernung von der Hauptſtadt kühn gemacht, fand er ein Vergnügen daran, jedes Recht zu verletzen und jeder Macht Trotz zu bieten. Ali glich dieſem Manne zu ſehr, als daß er ihn nicht hätte ſchnell erkennen ſollen. Bald trat er in ſeine Fußtapfen, wurde ſein Mitſchuldiger und wartete nur auf eine günſtige Gelegenheit, feindlich gegen ihn aufzutreten um ſein Nachfolger zu werden. Dieſe Gelegenheit blieb nicht lange aus. 2⁵ Als der Paſcha Ali ſeine Tochter gab, that er es in der Ab⸗ ſicht, ſich bei den Bey's der Provinz in Gunſt zu ſetzen, um einſt mit ihrer Hülfe ſich zum unabhängigen Fürſten aufzuwerfen. Dies iſt ein Lieblingsplan aller Veziere. Der verſchlagene junge Mann ſtellte ſich, als ginge er auf die Pläne ſeines Schwiegervaters ein, und vernachläſſigte nichts, um ihn recht bald zum offnen Aufruhr zu veranlaſſen. Ein in ruſſiſchen Dienſten ſtehender Abenteurer, Stephano Pickulo, hatte ſoeben in Albanien die Fahne des Kreuzes erhoben und die ganze chriſtliche Bevölkerung der akrokerauniſchen Gebirge zu den Waffen gerufen. Der Divan befahl allen Paſcha's des Nordens, auf der Stelle gegen die Aufrührer zu marſchiren und den Brand der Empörung durch Blut zu löſchen.— Statt den Befehlen des Divans zu gehorchen und zu Kurd⸗Paſcha zu ſtoßen, der ihn zu Hülfe gerufen, gab der Paſcha von Delvino den Anreizungen ſeines Schwiegerſohnes nach, verhinderte durch alle möglichen Mittel die Bewegung der Truppen und unterſtützte die Empörer in ihrem Widerſtand auf das Kräftigſte, ohne jedoch öffent⸗ lich gemeinſame Sache mit ihnen zu machen. Dennoch aber wurden ſie beſiegt und zerſtreut, und ihr Anführer mußte in den Höhlen von Montenegro eine Zuflucht ſuchen. Sobald der Kampf beendigt, wurde der Paſcha, wie Ali vor⸗ hergeſehen, aufgefordert, vor dem Rumeli⸗Valiki, dem oberſten Richter in der europäiſchen Türkei, Rechenſchaft abzulegen. Es hatte ſich der ſchwerſte Verdacht gegen ihn erhoben, und derſelbe, welcher ihm zum Ungehorſam gerathen, hatte eigenhändig die Beweiſe nach Konſtantinopel geſchickt. Der Ausgang des Pro⸗ ceſſes war keinem Zweifel unterworfen; daher beſchloß der Paſcha, welcher noch immer nichts von der Verrätherei ſeines, Schwie⸗ gerſohnes ahnte, die Gewalt nicht aus den Händen zu geben und in ſeiner Statthalterſchaft zu bleiben. Das ſtimmte aber nicht mit Ali's Plan, der ſowohl die Reichthümer, als den Po⸗ 26 ſten ſeines Schwiegervaters zu erben wünſchte. Er machte ihm daher die ſcheinbar weiſeſten Vorſtellungen, wie unnütz und ge⸗ fährlich ein ſolcher Widerſtand ſein würde; ſich nicht rechtfertigen zu wollen, das heiße, ſagte er, ſeine Schuld eingeſtehen und einen Sturm über ſeinem Haupte zuſammenziehen, den nichts be⸗ ſchwoͤren könne. Wenn er ſich dagegen den Befehlen des Rumeli⸗ Valiki unterwerfe, ſo würde es ihm ein Leichtes ſein, die Frei⸗ ſprechung zu erlangen. Um ſeinen treuloſen Rath noch eindring⸗ licher zu machen, ließ Ali zugleich die unſchuldige Emineh ihren Vater beſtürmen, der er ohne Mühe eine große Angſt eingejagt hatte. Beſtegt durch die Gründe ſeines Schwiegerſohnes und die Thränen ſeiner Tochter, willigte der Paſcha ein, ſich nach Mona⸗ ſtir zu begeben, wo man ihn hingerufen. Sogleich wurde er ver⸗ haftet und geköpft. Die Liſt Ali's war gelungen, aber ſein Ehrgeiz und ſeine Hab⸗ ſucht blieben unbefriedigt. Ali, Bey von Argyro⸗Kaſtro, der ſich ſtets dem Sultan ergeben gezeigt, wurde zum Paſcha von Delvino ernannt. Er nahm alle Güter des Verurtheilten für den Sultan in Beſchlag, und ſo war Ali Tebelen um die Früchte ſeines Ver⸗ brechens betrogen. Das war mehr als genug, um ſeinen Haß zu entflammen; er beſchloß, ſich gehörig zu rächen. Noch aber waren die Umſtände nicht günſtig, um einen ſolchen Plan auszuführen. Der Mord des Paſcha's, den der Mörder Anfangs nur für ein Verbrechen gehalten, wurde durch ſeine Folgen zu einem Fehler. Die zahl⸗ reichen Feinde Ali's, die ſich während der Verwaltung des vorigen Paſcha verborgen hatten, weil ſie ſeinen Zorn fürchten mußten, kamen unter dem neuen zum Vorſchein, auf deſſen Unterſtützung ſie mit Recht glaubten hoffen zu dürfen. Ali ſah die Gefahr kommen und fand bald ein Mittel, ihr entgegenzutreten. Zunächſt wußte er ſeinen mächtigſten Gegner in einen treuen Bundesgenoſſen zu verwandeln. Es gelang ihm nämlich, Ali von Argyro⸗Kaſtro, ———,,— 27 der noch keine Gemahlin hatte, mit Chainitza, ſeiner leiblichen Schweſter, zu verheirathen. Durch dieſe Verbindung gewann er dieſelbe Stellung wieder, die er unter dem vorigen Paſcha einge⸗ nommen. Aber das war noch nicht genug. Er mußte ſich ſichern gegen alle die ſchon einmal erfahrenen Wechſelfälle und ſich eine Grundlage zur Macht verſchaffen, die nicht gleich jeder ungünſtige Wind umſtürzen konnte. Bald hatte er ſeinen Plan gefaßt. Er hat dem franzöſiſchen Conſul ſelbſt die näheren Umſtände ſeines Lebens erzählt. „Die Jahre verfloſſen,“ ſagte er,„und meine Stellung wollte ſich durchaus nicht ändern. Es iſt wahr, ich war ein berühmter Parteigänger und hatte mächtige Verbindungen, beſaß aber am Ende doch weder Titel noch Nang. Da ſah ich ein, daß es noth⸗ wendig ſei, mich an dem Ort meiner Geburt feſt niederzulaſſen; denn daſelbſt hatte ich Freunde, die geneigt waren, ihr Schickſal an das meinige zu knüpfen.— Ich war gewohnt, jeden Tag nach einer Jagdpartie im Schatten eines benachbarten Haines auszu⸗ ruhen. Einer meiner Leute gab, hierauf bauend, meinen Feinden die Idee ein, mir daſelbſt aufzulauern, um mich zu ermorden. Ich ſelbſt hatte dieſen Plan erſonnen, und man ging darauf ein. Am feſtgeſetzten Tage begab ich mich an den beſtimmten Ort, be⸗ vor meine Gegner noch da ſein konnten, und ließ eine geknebelte und mit einem Maulkorb verſehene Ziege, der man meine Kleidung umgehängt, im Buſchwerk anbinden, und kehrte auf Umwegen in mein Serail zurück. Bald nachdem ich gegangen, kamen die Ver⸗ ſchwornen und feuerten auf die Ziege, zugleich wollten ſie heran⸗ laufen, um ſich zu vergewiſſern, ob ich auch wirklich todt ſei, aber da wurden ſie plötzlich von einer Abtheilung meiner Leute aufgehalten, welche ich im benachbarten Dickicht aufgeſtellt, und denen ich befohlen hatte, ſogleich nach Tebelen zurückzukehren. Sie rückten in die Stadt ein und ſchrieen freudig: Ali Bey iſt nicht mehr, wir ſind von ihm befreit. Dieſe Nachricht drang auch 3* 28 bis in meinen Harem, und ich hörte, wie ſich das Schluchzen meiner Mutter und meiner Frau mit dem Freudengeſchrei meiner Feinde miſchte. Ich ſah ruhig zu, wie der Lärm größer wurde, und wie ſich dabei alle Gefühle, die des Wohlwollens ſo wie die des Haſſes, offenbarten. Aber als die Einen ſich genug gefreut, die Andern ſich genug betrübt und meine Feinde ihren Verſtand im Wein erſäuft hatten, da trat ich plötzlich hervor. Jetzt kam die Reihe zu triumphiren an meine Freunde, und meine Gegner hatten alle Urſache zu zittern. Ich ſtellte mich an die Spitze meiner Leute, und ehe noch die Sonne wieder aufging, hatte ich alle meine Widerſacher bis auf den Letzten niedergemacht. Ich vertheilte ihre Ländereien, ihre Häuſer und Reichthümer an meine Creaturen und konnte nun die Stadt Tebelen mit vollem Recht mein nennen.“ Ein Anderer würde ſich vielleicht mit einem ſolchen Erfolge begnügt haben; Ali aber betrachtete die Oberherrſchaft über eine Landſchaft nicht als einen Zweck, ſondern nur als ein Mittel, und hatte ſich Tebelens nur bemächtigt, um eine Grundlage für ſeine ferneren Unternehmungen zu haben. Um ſich ſeiner Feinde zu entledigen, hatte er ſich mit Ali von Argyro⸗Kaſtro verbündet; nun er ſie los war, wandte er ſich wieder gegen ihn. Weder ſeine Pläne der Rache, noch ſeine ehrgeizigen Abſichten hatte er vergeſſen. Stets in der Ausführung eben ſo vor⸗ ſichtig, als tollkühn beim Ergreifen eines Plans, hütete er ſich wohl, einen Mann offen anzugreifen, welcher ihn an Macht über⸗ traf, und ſuchte durch Liſt zu erreichen, was er mit Gewalt nicht durchſetzen konnte. Der redliche und vertrauende Charakter ſeines Schwagers verſprach ſeiner Treuloſigkeit einen guten Erfolg. Zuerſt verſuchte er, ſeine Schweſter Chainitza zu verführen, und forderte ſte mehrere Male auf, ihren Gatten zu vergiften. Sie aber wies die Zumuthungen ihres Bruders mit Abſcheu zurück und drohte ihm, Alles bekannt zu machen, wenn er auf ſeinen verbrecheriſchen Abſichten beharre. Ali fürchtete, ſie könne ihre Drohungen ver⸗ — 29 wirklichen, und bat um Verzeihung, ſtellte ſich, als bereue er ſeine Abſicht aufs Tiefſte, und ſprach fortan über ſeinen Schwager nur mit der größten Achtung. Dieſe Rolle wußte er ſo gut durchzu⸗ führen, daß ſich Chainitza betrügen ließ, obgleich ſie ihren Bru⸗ der ſehr wohl kannte. Als er nun ſah, daß er von dieſer Seite her eben ſo wenig zu fürchten, als zu hoffen habe, wandte er ſich auf eine andere. Der Paſcha hatte einen Bruder, Soliman, deſſen Charakter dem Ali's nicht unähnlich war, und in dem der Letztere ſeinen Mann gefunden zu haben glaubte. Er forderte ihn auf, den Paſcha zu tödten, und bot ihm dafür die ungeſchmälerte Erbſchaft und ſogar die Hand Chainitza's an, während er ſich nur das Sangiak vor⸗ behielt, nach dem er ſchon längſt ſtrebte. Soliman nahm dieſe Vor⸗ ſchläge an, und der brudermörderiſche Vertrag wurde abgeſchloſſen. Eines Tages befanden ſie ſich Beide beim Paſcha allein. Soli⸗ man zog ein Piſtol aus ſeinem Gürtel und zerſchmetterte ſeinem Bruder den Kopf. Chalnitza ſtürzt herein und ſieht ihren Gatten als Leiche zwiſchen Bruder und Schwager liegen. Sie will Hülfe rufen, aber man hält ſie feſt und droht ihr mit dem Tode, wenn ſie auch nur einen Laut von ſich gebe. Sie ſteht wie vom Don⸗ ner gerührt. Auf ein Zeichen Ali's hüllt Soliman ſie in einen Schleier und nennt ſie ſeine Gattin. Ali erklärt die Ehe für ab⸗ geſchloſſen und entfernt ſich, damit ſie ganz vollzogen werde. So wurde dieſe ſchreckliche Hochzeit gefeiert, faſt im Augenblick des Verbrechens, neben der noch zuckenden Leiche deſſelben Mannes, der vor wenig Augenblicken noch der Gatte der Braut und der Bruder des Bräutigams geweſen. Die Mörder machten den Tod des Paſcha's bekannt und ſagten, wie das in der Türkei bei ähnlichen Gelegenheiten Mode iſt, ihn habe plötzlich der Schlag gerührt. Aber dennoch erfuhr man bald den wahren Hergang der Sache; ja, die Vermuthungen gingen ſogar über die Wirklichkeit hinaus, und man beſchuldigte Chainitza 7 30 des Verbrechens, bei welchem ſie nur eine Zeugin geweſen. Es iſt wahr, der Schein rechtfertigte dieſen Verdacht; denn die junge Frau hatte ſich in den Armen des zweiten Gatten über den Verluſt des erſten ſchnell getröſtet, und ihr Sohn aus erſter Ehe ſtarb bald eines plötzlichen Todes. Ali wurde noch einmal um die Frucht ſeines blutigen Planes betrogen. Trotz aller Ränke wurde doch nicht er, ſondern ein Bey aus einer der erſten Familien Zapuriens mit dem Sangiak von Delvino bekleidet, aber er ließ darum ſeinen Muth nicht ſinken, benutzte ſeinen ſtets wachſenden Einfluß, um ſich dem neuen Paſcha zu verbinden, und wußte ſich ſo in deſſen Vertrauen einzuſchmei⸗ cheln, daß er ihn bald bei ſich aufnahm und behandelte, wie ſeinen eigenen Sohn. Hier hatte er Gelegenheit, alle Einzelnheiten des Paſchaliks, ſo wie alle Geſchäfte des Paſcha's kennen zu lernen und ſich ſo in den Stand zu ſetzen, daſſelbe zu übernehmen und gehörig zu verwalten, ſobald ſich Gelegenheit fände. Das San⸗ giak von Delvino grenzte an die venetianiſchen Beſitzungen. Selim bemühte ſich, Verbindungen mit den Statthaltern der Republik anzuknüpfen und Handelsverträge mit ihr zu ſchließen. Statt daß dies weiſe Verfahren, welches beiden Grenzländern zum Segen ge⸗ reichte, dem Paſcha Gunſt und Belobungen hätte zuziehen ſollen, machte es ihn bald verdächtig, bei einem Hofe, deſſen einziger politi⸗ ſcher Gedanke war, gegen Alles, was chriſtlich heißt, zu wüthen, deſſen einziges Regierungsmittel Furcht und Schrecken waren. Ali bemerkte zuerſt den Fehler, welchen der Paſcha begangen, und ſah ſchnell, welchen Vortheil er aus demſelben ziehen könne. Bald fand ſich eine erwünſchte Gelegenheit. Selim verkaufte den Venetianern für eine beſtimmte Reihe von Jahren das Recht der Holzung einer Forſt am See Peloda. Sogleich verklagte Ali den Paſcha, daß er die Beſitzungen der hohen Pforte veräußert habe und allmälig die ganze Provinz Delvino den Ungläubigen abzutreten im Sinne habe. In ſeinem verleumderiſchen Bericht bedauerte er es als ein von Mördern umgeben, den Ferman in der Hand, neben der 31 getreuer Unterthan und gläubiger Moslem, einen Mann anzukla⸗ gen, der ſein Wohlthäter geweſen, und wußte ſich ſo zugleich mit dem Vortheile des Verbrechens einen Schein von Tugend zu verſchaffen. Wer in der Türkei mit einer Macht bekleidet iſt, der iſt beinahe ſchon verurtheilt, ſobald er angeklagt wird, und iſt er nicht mäch⸗ tig genug, ſich furchtbar zu machen, ſo iſt er ohne Rettung ver⸗ loren. Ali bekam den Befehl, den Paſcha aus dem Wege zu ſchaffen. Er ſprang vor Freude, als er den Todesferman erhielt, und eilte nach Delwinv, um ſich auf die Beute zu ſtürzen, die man ihm überließ. Der edle Selim ließ ſich nicht träumen, daß derſelbe Mann, den er ſo vielfach verpflichtet, ſein Ankläger und Henker werden könne, empfing ihn liebevoller als je und nahm ihn in ſeinem Palaſte auf. Unter dem gaſtlichen Dach wußte Ali geſchickt alle Vorkehrungen zu dem Verbrechen zu treffen, welches ihn aus ſeiner Dunkelheit ziehen ſollte. Jeden Morgen machte er dem Paſcha ſeine Aufwartung und befeſtete ſich dadurch in ſeinem Ver⸗ trauen. Eines Tages aber ſchützte er Unwohlſein vor und ließ ihn bitten, auf einen Augenblick in ſein Zimmer zu kommen. Die Einladung wurde angenommen, und er verſteckte Meuchelmör⸗ der in einen Schrank. Der Greis kam. Ali erhob ſich von ſeinem Sopha mit dem Ausdruck des Schmerzes, küßte den Saum ſeines Gewandes, nöthigte ihn, Platz zu nehmen, und reichte ihm eigen⸗ händig Pfeife und Kaffee. Aber ſtatt ihm die Taſſe in die bereits ausgeſtreckte Hand zu geben, ließ er ſie fallen, und ſie zerſprang in tauſend Scherben. Dies war das verabredete Zeichen. Die Mörder ſprangen aus ihrem Schlupfwinkel und fielen über Selim her, welcher wie Cäſar mit den Worten niederſank:„Du, mein Sohn, tödteſt mich?“ 4 Die Leibwache Selim's ſtürzte herein, ſah Ali mit Blut bedeckt, 32 Leiche ſtehen. Mit drohender Stimme ſchrie er:„Auf Befehl unſers ruhmvollen Sultans habe ich den Verräther Selim getödtet; ſeht hier den kaiſerlichen Befehl.„ Beim Anblick des Todesfermans fällt Alles auf die Kniee, vor Schrecken erſtarrt; Ali läßt Selim das Haupt abſchneiden und befiehlt, daß der Kadi, die Bey's und die griechiſchen Archonten ſich in dem Palaſt verſammeln, um dem bereits vollſtreckten Urtheil Rechtskraft zu geben. Zitternd ver⸗ ſammelt man ſich, ſtimmt den Fatahat an, den heiligen Geſang, und erklärt im Namen des allgütigen, allbarmherzigen Gottes, des Herrn der Welt, den Mord für geſetzlich. Nachdem man das Vermögen des Ermordeten verſiegelt, ver⸗ ließ der Mörder das Serail und nahm Muſtapha, Selim's Sohn, als Geißel mit ſich, der noch unglücklicher ſein ſollte, als ſein Vater. Wenige Tage darauf ertheilte der Divan Ali Tebelen, um ſeinen Eifer für den Staat und die Religion zu belohnen, das Sangiak Theſſalien, nebſt dem Titel Dervadſchi⸗Paſcha oder Oberwegmei⸗ ſter. Dieſe letzte Würde war ihm unter der Bedingung ertheilt, daß er ein Corps von 4000 Mann aushebe, um das Peneusthal von einer Menge chriſtlicher Häuptlinge zu befreien, die daſelbſt ein größeres Anſehen genoſſen, als die Beamten des Großherrn. Dies benutzte der neue Paſcha, eine zahlreiche Albaneſenbande zu⸗ ſammenzubringen, die zu Allem bereit und ihm vollkommen ergeben war. Mit zwei ſo hohen Würden bekleidet und von einer ſo be⸗ deutenden Streitmacht unterſtützt, begab er ſich nach Trikala, dem Hauptort ſeines Gouvernements, wo er bald einen beträchtlichen Einfluß erlangte. Zunächſt griff er einige bewaffnete Chriſtenſchaaren an, welche die Ebene von Armatolien beunruhigten, ließ Alle niedermachen, deren er habhaft werden konnte, und trieb die Andern in ihre Berge zurück. Zugleich ſchickte er einige Köpfe nach Konſtantino⸗ pel, um den Sultan und den Pöbel zu ergötzen, und Geld an die Miniſter, um ſie für ſich zu gewinnen. So wußte er ſich bei 33 Hofe in Anſehen zu ſetzen, während in einer Provinz der Schrecken vor ſeinem Namen ſo groß wurde, daß Alles zur Ordnung zu⸗ ruͤckkehrte. Seine ſtrenge Juſtiz rechtfertigte die Erwartungen, mit denen man Ali Paſcha in ſein Amt eingeſetzt hatte. Ungeduldig, ſchnell berühmt zu werden, that er ſelbſt alles Mögliche, ſeinen Ruf zu verbreiten, erzählte Jedem ſeine Heldenthaten, bewies ſich höchſt freigiebig gegen alle Beamte, die zu ihm kamen, und zeigte den Reiſenden die Höfe ſeines Palaſtes, welche ringsum mit abge⸗ hauenen Köpfen geſchmückt waren. Was aber ſeine Macht am Feſteſten begründete, das waren die Schätze, welche er durch alle möglichen Mittel aufzuhäufen ſuchte. Niemals mordete er nur aus Vergnügen am Morden; ſeine zahlreichen Schlachtopfer mußten hauptſächlich deshalb ſterben, damit er ſie beerben könne, und meiſtens trafen ſeine Todesurtheile Bey's und andere reiche Leute, nach deren Vermögen ihn gelüſtete. Das Beil war für ihn gleich⸗ ſam ein Prägſtock und der Henker ſein Münzmeiſter. Nachdem er Theſſalien mehrere Jahre ſo regiert hatte, ſah er ſich im Stande, das Sangiak von Janina zu erhandeln, zu wel⸗ chem Epirus und ganz Albanien gehörte, und ihn ſo in den Stand ſetzte, alle ſeine Feinde zu vernichten. Zu dieſem Behufe aber mußte er ſich des bisherigen Paſcha's entledigen. Glücklicherweiſe war dieſer ein ſchwacher, unthätiger Mann, durchaus nicht im Stande, einem ſo gewaltigen Neben⸗ buhler wie Ali zu widerſtehen. Der Letztere hatte bald den Plan entworfen und auszuführen begonnen, durch den er das Ziel ſeiner Wünſche zu erreichen gedachte. Er verſtändigte ſich mit denſelben Armatoliern, die er noch unlängſt ſo grauſam behandelt, verſah ſie mit Waffen und Munition und hetzte ſie gegen das Gebiet, welches er zu befehligen wünſchte. Bald ſprach man daſelbſt von nichts, als von Verwüſtungen und Näͤubereien. Der Paſcha war nicht im Stande, die Einfälle der Gebirgsbewohner zurückzuſchla⸗ 34 gen, und wandte ſeine geringen Streitkräfte dazu an, die Be⸗ völkerung der Ebenen auszupreſſen, welche, zu gleicher Zeit der Plünderung ausgeſetzt und von unerſchwinglichen Abgaben belaſtet, in ihrer Verzweiflung vergeblich ſuchten, ſich Gehör zu verſchaffen. Ali ſchmeichelte ſich, daß der Divan, der gewöhnlich nur nach dem Erfolg urtheilt, da Epirus in troſtloſem Zuſtande war, wäh⸗ rend Theſſalien unter ſeiner Verwaltung blühte, beide Bezirke ver⸗ eint ſeinen Händen anvertrauen würde, als ein eigenthümliches Ereigniß ihn für einen Augenblick in ſeiner Laufbahn ſtörte. Kamko litt ſeit längerer Zeit an einem durch ihre Sittenloſig⸗ keit herbeigeführten Krebsſchaden. Als ſie ihren Tod herannahen ſah, ſchickte ſie Courier über Courier an ihren Sohn, damit er zu ihr kommen ſollte. Er kam zu ſpät und fand nur noch ſeine Schweſter Chainitza, bei einer Leiche weinend. Kamko war vor einer Stunde in den Armen ihrer Tochter geſtorben und hatte in raſender Wuth, die ärgſten Gottesläſterungen ausſtoßend, ihre Kinder bei Strafe ihres Fluches beſchworen, ihren letzten Willen treu zu vollziehen. Ali und Chainitza laſen zuſammen das Teſta⸗ ment. Sie verlangte die Ermordung mehrerer einzelner Perſonen, bezeichnete die Dörfer, die man niederbrennen ſolle, und befahl vor allen Dingen, die Bewohner von Kormorvo und Kardiki, deren Sklavin ſie einſt geweſen, ſobald als möglich niederzumetzeln. Dann rieth ſie ihren Kindern, einig zu bleiben, ihre Soldaten zu bereichern, diejenigen aber für nichts zu achten, deren ſie nicht bedürften, und verordnete ſchließlich, in ihrem Namen einen Pil⸗ ger nach Mecca zu ſchicken und der Ruhe ihrer Seele auf dem Grabe des Propheten ein Opfer darzubringen. Ali und Chainitza reichten ſich die Hände und ſchwuren bei der ſterblichen Hülle ihrer würdigen Mutter, ihren letzten Willen pünktlich zu befolgen. Ihre erſte Sorge war die Pilgerfahrt. Da man weder einen Pilger nach Mecca ſchicken, noch in Medina Geſchenke darbringen darf mit anderem, als rechtmäßig erworbenen Gelde, ſo unter⸗ ſuchten Schweſter und Bruder das Eigenthum ihrer Familie auf das Genaueſte. Nach vielen vergeblichen Unterſuchungen glaubten ſie den rechtmäßigen Theil ihres Vermögens in einer Beſitzung gefunden zu haben, welche etwa funfzehnhundert Francs jährlich eintrug und von ihrem Urältervater herrührte. Als ſie ſich aber nach dem Erwerb dieſes Beſitzthums näher erkundigten, fanden ſie, daß das Kaufgeld einem Chriſten geſtohlen war. Sie mußten alſo den Gedanken an die Pilgerfahrt und an die heilige Opfer⸗ ſpende wieder aufgeben, verſprachen ſich aber, die Rache deſto großartiger ſein zu laſſen, und leiſteten einen Eid, mitleidslos jeden Feind ihrer Familie zu verfolgen und zu vernichten. Das beſte Mittel für Ali, ſich ſelbſt Wort zu halten, beſtand darin, ſeine Vergrößerungspläne wieder aufzunehmen. Er erhielt wirklich das Sangiak von Janina, welches ihm die Pforte unter dem Titel eines Arpaliks(Eroberung) bewilligte. Es war eine alte Sitte der Osmanen, die ihrem kriegeriſchen Geiſte entſprach, Länder oder Städte, welche die Oberherrſchaft des Großherrn nicht anerkannten, demjenigen zu ertheilen, der ſie zu erobern im Stande war; in dieſem Falle befand ſich Janina. Größtentheils von Albaniern bevölkert, zeigte das Land eine ſchwärmeriſche Vorliebe für eine Anarchie, welche man mit dem Namen der Freiheit ſchmückte. Die Bewohner hielten ſich für ſehr unabhängig und frei, wenn ſie ein wildes Leben führen und ſich herumſchlagen konnten, wie es ihnen gefiel. Jeder lebte in ſeiner Verſchanzung und ging nur aus, um an den Kämpfen ſeiner Partei Theil zu nehmen. Die Paſcha's hielt man wie gefangen in einem alten Schloß und jagte ſie fort, wenn es beliebte. Ein einziger Schrei erhob ſich gegen Ali Paſcha, als man ſeine Ernennung erfuhr, und man erklärte einſtimmig, einen Mann nicht in die Stadt einzulaſſen, deſſen Charakter und Macht man gleich ſehr fürchtete.— Er wollte ſeine Streitkräfte nicht in einem offenen Angriff auf eine kriegeriſche Bevölkerung aufs 4 Spiel ſetzen und zog dem kürzeren, aber gefährlichen, einen zwar längeren, dafür aber auch ſicheren Weg vor; er fing an die Dör⸗ fer und Landgüter zu plündern, welche ſeinen einflußreichſten Gegnern gehörten. Dieſe Liſt gelang. Diejenigen, welche An⸗ fangs laut geſchworen hatten, lieber zu ſterben, als ſich dem Ty⸗ rannen zu unterwerfen, ſahen jetzt täglich ihre Güter der Plün⸗ derung ausgeſetzt, fürchteten bald ganz zu Grunde gerichtet zu werden, wenn die Feindſeligkeiten fortdauerten, und beſchloſſen insgeſammt, für deren Einſtellung zu ſorgen. Sie ſchickten heim⸗ lich Boten an Ali und machten ihm das Anerbieten, ihn in Ja⸗ nina einzulaſſen, wenn er ſich verpflichte, das Leben und die Eigenthümer ſeiner neuen Bundesgenoſſen ſicher zu ſtellen. Er verſprach Alles, was man verlangte, und zog während der Nacht in die Stadt ein. Zunächſt begab er ſich zum Kadi und zwang ihn, ſein Beglaubigungsſchreiben als Paſcha einzutragen und be⸗ kannt zu machen. In demſelben Jahre, in welchem er zu dieſer Würde gelangte, nach welcher er ſo lange mit aller Kraft geſtrebt, ſtarb der Sul⸗ tan Abdul⸗Hamid, deſſen beide Söhne, Muſtapha und Mahmud, im alten Serail eingeſperrt wurden. Durch dieſen Regierungs⸗ wechſel aber war für Ali nichts verloren. Der friedliche Selim, der aus ſeinem Gefängniß hervorgeholt wurde, um auf den Thron ſeines Bruders zu ſteigen, beſtätigte den Paſcha von Janina in allen ſeinen Titeln und Würden. Dadurch in ſeiner Stellung befeſtigt, ſuchte Ali ſich dieſelbe auf das Vollſtändigſte zu ſichern. Er war damals 50 Jahre alt und hatte den höchſten Grad geiſtiger Entwicklung erreicht; die Erfahrung war ſeine Lehrerin geweſen, und aus jeder Begebenheit ſeines Lebens hatte er ſich eine Regel gezogen; ſein ungebildeter, aber begabter und ſcharfer Geiſt ließ ihn die Verhältniſſe begreifen, die Urſachen merken, Erfolge vorherſehen, und da kein zartes Ge⸗ fühl ſeine Berechnungen ſtörte und ſein Herz niemals bei den 37 Arbeiten ſeines Verſtandes betheiligt war, ſo hatte er es dahin gebracht, ſich ein Syſtem zu bilden, nach dem er handelte, ohne im Mindeſten von einmal gefaßten Beſchlüſſen abzugehen. Dieſer Mann, der die Geſchichte und Ideen Europa's eben ſo wenig kannte, als ſeine großen Männer, brachte es doch dahin, die Ge⸗ danken eines Machiavell gleichſam zu errathen und zu verwirk⸗ lichen. Bald werden wir ihn ſehen in der Entwicklung ſeiner Groͤße und der Ausübung ſeiner Macht. Er glaubte nicht an Gott, verachtete die Menſchen, liebte Niemand als ſich, dachte an nichts als an ſich, mißtraute ſeiner ganzen Umgebung, war verwegen in ſeinen Plänen, unerſchütterlich in ſeinen Entſchlüſſen, unerbittlich bei ihrer Ausführung, erbarmungslos rachſüchtig, bald frech, bald kriechend, bald heftig, bald geſchmeidig, ſtets ein An⸗ derer, je nach den Umſtänden, und ſelbſt in ſeinem Egoismus ſtreng logiſch, kurz, ein osmaniſcher Cäſaͤr Borgia, das verwirk⸗ lichte Ideal des florentiniſchen Staatsmannes, Machiavell's Fürſt in einer Statthalterſchaft verwahrheitet. Das Alter hatte ihn nichts von ſeiner Kraft und ſeiner Thä⸗ tigkeit verlieren laſſen, und nichts hinderte ihn die Vortheile ſeiner Stellung zu benutzen. Schon beſaß er große Reichthümer, die er noch jeden Tag vermehrte, hielt ſich eine bedeutende Schaar tapferer ergebener Soldaten und vereinigte in ſeiner Hand die Gewalt eines Paſcha von zwei Roßſchweifen, die Gewalt eines Toparchen von Theſſalien und eines Oberwegmeiſters, und ſah ſich zwei Söhne zur Seite ſtehen, Muktar und Veli, die beide ſchon mannbar geworden und in den Grundſätzen ihres Vaters erzo⸗ gen waren. Als er Herr von Janina war, ging ſein erſtes Beſtreben da⸗ hin, die Bey's, welche daſelbſt gleichſam eine Ariſtokratie beklei⸗ deten, deren Haß er kannte und deren geheime Unternehmungen er fürchtete, ganz ohnmächtig zu machen. Er richtete alle zu Grunde, verbannte einen großen Theil und ließ auch einige töd⸗ 38 ten. Mit ihrem Eigenthume bereicherte er die albaneſiſchen Berg⸗ bewohner, welche in ſeinem Solde ſtanden, und die man gewöhn⸗ lich Schypetaren nennt. Ihnen vertraute er die meiſten Stellen an, wußte ihnen jedoch Griechen beizugeſellen, geſchickte, aber verachtete Leute, deren Talent er benutzte, ohne ihren Einfluß fürchten zu dürfen; denn er war zu vorſichtig, als daß er hätte die ganze Macht einer einzigen Kaſte anvertrauen ſollen. Zugleich vernachläſſigte er kein Mittel, ſich beliebt zu machen. Vor den eifrigen Muhamedanern ſtellte er ſich, als ſei er ein begeiſterter Jünger Mahumeds, vor den Bekdaji's, einer Pantheiſtenſecte, ſpielte er den Materialiſten, den Griechen gegenüber endlich war er ein Chriſt und trank mit ihnen auf die Geſundheit der hei⸗ ligen Jungfrau. So wandelbar er auch in Wort und Anſicht ſeinen Untergebenen gegenüber erſchien, ſo genau geregelt war ſein Benehmen gegen die Oberen. Er war der hohen Pforte in jedem Stück willfährig, außer, wenn ſie ſeine perſönliche Gewalt ge⸗ fährdete, bezahlte nicht nur dem Sultan ſeinen Tribut auf das Pünktlichſte und ſchoß ihm zuweilen Gelder vor, ſondern beſtach auch alle einflußreichen Beamten des Miniſteriums. Er wollte niemals Gegner unter denen haben, welche ſeiner Macht hätten ſchaden können, und wußte wohl, daß in einem Staate, in welchem die Willkühr herrſcht, kein Gewiſſen gegen das Geld Stich hält. Nachdem er die Großen in Janina vernichtet, die Menge durch argliſtige Worte getäuſcht und die Aufmerkſamkeit des Di⸗ vans eingeſchläfert hatte, beſchloß er gegen Kormorvo zu ziehen. An den Felſen dieſer Stadt war es ja, wo er in ſeiner Jugend eine ſchmählige Niederlage erlitten; die Krieger dieſer Stadt waren es ja, welche Kamfo und Chainitza dreißig Nächte hindurch zu Umarmungen gezwungen, und der unverſöhnliche Paſcha hatte⸗ einen zwiefachen Ingrimm, eine zwiefache Rache zu befriedigen. Diesmal aber ſah er ſich beſſer vor und nahm den Verrath 39 zu Hülfe. Er unterhandelte mit der Stadt, verſprach Amneſtie, Vergeſſenheit der vergangenen Zeit und Einigen ſelbſt Belohnungen. Die Bewohner waren glücklich, mit einem ſo furchtbaren Feinde Frieden zu ſchließen, und erbaten ſich einen Waffenſtillſtand, um die Bedingungen feſtzuſtellen. Darauf hatte Ali nur gewartet. Kormorvo, das ſich in ſeinem Glauben an den Vertrag ſicherer Ruhe überließ, wurde plötzlich angegriffen und eingenommen. Alle, denen der unerwartete Sturm zur Flucht keine Zeit ließ, kamen entweder in der Nacht unter den Schwertern der Soldaten ums Leben, oder fielen am folgenden Tage den Henkern in die Hände. Mit großer Sorgfalt wurden diejenigen aufgeſucht, welche einſt der Mutter oder der Schweſter Ali's Gewalt angethan; und jeder, den man dieſer That nur beſchuldigte, wurde auf das Gräß⸗ lichſte gefoltert, mit glühenden Zangen geknippen und langſam zwiſchen zwei Feuern zu Tode gemartert. Die Weiber wurden auf offenem Markte ausgepeitſcht und nachher als Sklavinnen verkauft. Dieſe Nachethat, an der alle Bey's der Provinz Theil nehmen mußten, die noch nicht ganz zu Grunde gerichtet waren, trug für den Paſcha alle Früchte eines Sieges; Städte, Landſchaften und ganze Diſtrikte erſchraken und unterwarfen ſich ſeiner Gewalt ohne Schwertſchlag; ſein Name zog vereint mit der Erzählung des Blut⸗ bades, welches bei dieſen wilden Völkerſchaften für eine ruhmvolle That galt, wie das Echo des Donners von Thal zu Thal, von Gebirge zu Gebirge. Ali wollte die Freude an ſeinem Erfolge allgemein machen und gab ſeinem Heere ein herrliches Feſt. Er ſelbſt führte die kriegeriſchen Tänze mit auf, welche ſeine Albaneſen tanzten. Die Beute wurde getheilt, ſowohl Sklaven als Heerden, und die Papigier, welche als die unterſte Claſſe der Schypetaren angeſehen und als der Ausſchuß des Heeres behandelt wurden, nah⸗ men wenigſtens Thüren, Fenſter und Alles, was nicht niet⸗ und nagelfeſt an den Häuſern war, nach ihren akrokerauniſchen Gebir⸗ gen mit. 40 Ibrahim jedoch, Schwiegerſohn und Nachfolger Kurd⸗ Paſcha's, Paſcha von Berat, konnte es nicht gleichgültig mit anſehen, daß ſein ehrgeiziger Nachbar über einen Theil ſeines Sangiaks herge⸗ fallen war. Da die Unterhandlungen keine Genugthuung erlangen konnte, ſo ließ er ein Armeecorps, das aus lauter Muſelmännern beſtand, gegen ihn ausrücken und gab den Befehl über daſſelbe ſeinem Bruder Sopher, Bey von Avlona. Ali hatte ſich's zur Regel gemacht, bald das Kreuz dem Halbmond, bald den Halb⸗ mond dem Kreuze entgegenzuſtellen, und rief die Anführer der chriſt⸗ lichen Bergbewohner zu Hülfe, welche ſogleich an der Spitze ihrer wilden Banden in die Ebene herabkamen. Wie es in Albanien, wo der Krieg nur ein Vorwand zur Räuberei iſt, gewöhnlich zu gehen pflegt, ſo begnügten ſich auch jetzt beide Parteien damit, Doͤrfer anzuſtecken, Heerden zu rauben und die Bauern aufzu⸗ hängen, anſtatt ihren Streit in offener Feldſchlacht zu entſcheiden. Wie es Sitte iſt in dieſem Lande, machten die Frauen die Ver⸗ mittler zwiſchen beiden Parteien, und die ſanfte Emineh über⸗ brachte Ibrahim Paſcha Friedensvorſchläge. Dieſer war zu bequem, als daß er lange an den Kriegsanſtrengungen hätte Gefallen finden können, und nahm mit Freuden einen ziemlich vortheilhaften Frie⸗ den an. Die beiden Familien ſchloßen ein Bündniß, und es wurde ausgemacht, daß Ali's Sohn Multar Ibrahim's älteſte Tochter heirathen und die gemachten Eroberungen als Mitgift behalten ſolle. Man hoffte den Frieden auf lange Zeit wieder hergeſtellt zu haben; aber die Hochzeit, welche den Vertrag beſiegelte, war kaum vorbei, als die Zwietracht zwiſchen den beiden Paſcha's von Neuem wieder ausbrach. Ali, der ſeinem ſchwachen Nachbar bedeutende Zugeſtändniſſe entriſſen, hoffte deren noch mehrere erhalten zu kön⸗ nen; bei Ibrahim aber befanden ſich zwei höchſt einſichtsvolle und charakterfeſte Perſonen, die einen bedeutenden Einfluß auf ihn aus⸗ übten, ſeine Frau Zadeh und ſein Bruder Sopher. Dieſe beſchloß Alli, da ſie ihm im Lichte ſtanden, aus dem Wege zu ſchaffen. 5 8Sͤ= rO—„ 41 In ſeiner Jugend hatte Ali einſt die Tochter Kurd⸗Paſcha's, als ſie bereits mit Ibrahim verheirathet war, zu verführen geſucht. Dieſer aber ertappte ihn, als er gerade die Mauer ſeines Harems erſtieg, und Ali hatte vom Hofe des Paſcha's fliehen müſſen. Jetzt beſchloß er, die Frau, die er früher verführen wollte, ins Unglück zu ſtürzen und dadurch zugleich ſeine gegenwärtigen Zwecke zu er⸗ reichen. Anonyme Briefe, die Ibrahim heimlich übergeben wur⸗ den, benachrichtigten denſelben, daß ihn ſeine Frau vergiften wolle, um dann Ali Paſcha zu heirathen, den ſie niemals aufgehört hätte zu lieben. In einem Lande, wo, wie in der Türkei, eine Frau auf die erſte Anklage hin verurtheilt wird, mußte dies den Tod der unſchuldigen Zadeh herbeiführen; allein Ibrahim war zwar ſchwach, aber dabei vertrauend und großmüthig. Er wandte ſich an ſeine Frau ſelbſt, die ſich leicht zu rechtfertigen wußte und ihn bat, gegen den Verleumder auf ſeiner Hut zu ſein, deſſen Abſicht ſie ſchnell errathen hatte. Dieſer ſchändliche Verſuch ſchlug alſo gänz⸗ lich zur Schande Ali's aus, aber er kümmerte ſich weder um das, was man von ihm ſagen und denken möge, noch ließ er ſich durch einen ſchlechten erſten Erfolg entmuthigen. Er wandte daher alle ſeine Machinationen gegen den Feind, den er bisher noch nicht angegriffen, und er richtete ſte diesmal ſo ein, daß er ſein Ziel nicht verfehlen konnte. Er verſchaffte ſich einen Arzt, welcher ſich verpflichtete, für vierzig Beutel Sepher⸗Bey zu vergiften. Kaum war dieſer abgereiſt, ſo ließ der Paſcha deſſen Frau und Kinder feſtnehmen, um ſie dem Anſchein nach als Geißel für die Treue des Arztes, in Wahrheit aber als ein Pfand für ſeine Verſchwiegenheit nach vollbrachter That zu behalten. Sepher⸗Bey erfuhr dies, glaubte, ein von ſeinem Feinde verfolgter Mann verdiene Vertrauen, und nahm ihn in ſeine Dienſte. Bald wußte der Arzt ſeinem neuen Herrn das Gift beizubringen. Sobald ſich die erſten Zeichen vom Herannahen des Todes zeigten, floh er nach Janina, um ſeine Belohnung dafür zu erhalten. 42 Der Paſcha dankte und befahl ihm, ſich an ſeinen Schatzmei⸗ ſter zu wenden; als er aber aus der Thür ſeines Serails trat, wurde er von Henkern ergriffen und auf der Stelle gehenkt. So hatte Ali mit einem Schlage ſeine Schuld bezahlt, den einzigen zu fürchtenden Zeugen aus dem Wege geräumt und zugleich durch ſeine Beſtrafung Theilnahme an dem Tode Sepher⸗Bey's gezeigt. Da⸗ mit nicht zufrieden, verſuchte er noch die Vergiftung der Frau Ibrahim's Schuld zu geben, und ſagte, ſie ſei eiferſüchtig geweſen auf den Einfluß ihres Schwagers. Dies theilte er Jedem mit, mit dem er ſprach, ſchrieb es ſeinen Creaturen in Konſtantinopel und verbreitete es überall, wo es ihm nützlich ſein konnte, eine Familie zu verſchreien, deren Untergang er wünſchte, um ihre Habe an ſich zu reißen. Er nahm ſogar dieſelbe Schandthat, die er veranlaßt, zu einem Vorwand, und wollte eben, um ſeinen Freund Sepher⸗Bey zu rächen, wie er ſagte, einen neuen Raub⸗ zug unternehmen, als Ibrahim⸗Paſcha ihm zuvorkam und den Bund der thesprotiſchen Chriſten gegen ihn aufbot, an deren Spitze die Sulioten ſtanden, deren Muth und Freiheitsliebe in ganz Al⸗ banien berühmt waren. Als in mehreren Gefechten der Vortheil ſich auf die Seite ſeiner Feinde geneigt hatte, knüpfte Ali Unterhandlungen an und ſchloß endlich mit Ibrahim ein Schutz⸗ und Trutzbündniß. Auch dieſe Verſöhnung wurde, wie die erſte, durch eine Ehe beſiegelt. Als die tugendhafte Emineh ihren Sohn Veli mit Ibrahim's zweiter Tochter verbunden ſah, hoffte ſie, daß die Mißverhältniſſe zwiſchen den beiden Familien nunmehr auf immer beſeitigt ſein würden, und fühlte ſich außerordentlich glücklich. Aber ihre Freude ſollte nicht lange dauern und Todesröcheln noch rinmen die Feſtgeſänge unterbrechen. Die Tochter, welche Chainitza ihrem zweiten Gemahl Soliman geboren, hatte einen gewiſſen Murad, Bey von Kleiſura, gehei⸗ rathet. Dieſer war durch die Bande des Blutes und der Freund⸗ 4 ———— 43 ſchaft mit Ibrahim⸗Paſcha verbunden, ſeit dem Tode Sepher's für Ali ein hauptſächlicher Gegenſtand des Haſſes. Der Grund dieſes Haſſes war Murad's Ergebenheit für Ibrahim, auf den er einen großen Einfluß ausübte und von dem ihn nichts zu trennen ver⸗ mochte. Ali jedoch, der ſtets die Wahrheit unter Scheingründen zu verbergen wußte, gab als Grund ſeiner allgemein bekannten Abneigung gegen dieſen jungen Mann das an, daß er mehrmals in den Reihen ſeiner Feinde geſtanden, nachdem er bereits ſein Neffe geworden. Der gutmüthige Ibrahim wollte die Hochzeit be⸗ nutzen, um den Bey von Kleiſura mit ſeinem Onkel zu verſöhnen, und ernannte ihn zum„Gevatter der Hochzeitskrone.“ Als ſolcher war er verpflichtet, die Tochter des Paſcha von Berat nach Janina und dem jungen Veli⸗Bey in die Arme zu führen. Er wurde von Ali mit dem Scheine des größten Wohlwollens empfangen, und gleich nach ſeiner Ankunft begannen die Feſtlichkeiten. Schon dauerten dieſelben mehrere Tage, da verbreitet ſich plötz⸗ lich die Nachricht, man habe auf Ali geſchoſſen, dieſer ſei nur durch den größten Zufall dem Tode entgangen und der Mörder ſei allen Verfolgern entkommen. Des Palaſtes und der Stadt bemächtigte ſich der größte Schrecken; Jeder zittert, für den Schul⸗ digen gehalten zu werden; Spione bemühen ſich, ihn ausfindig zu machen, erklären aber zuletzt, ihre Nachforſchungen ſeien vergeblich, und man ſchließt daraus auf eine Verſchwörung gegen das Leben des Paſcha's. Dieſer beklagt ſich, von Feinden umſtellt zu ſein, und läßt bekannt machen, daß er von jetzt ab nie mehr als eine Perſon vor ſich laſſen wolle, und man die Waffen ablegen müſſe, bevor man in das Audienzzimmer eintrete. Dies war eine über einem Gewölbe gebaute Stube, in die man nur vermittelſt einer Leiter und durch eine Fallthür hinaufgelangen konnte. Nachdem er mehrere Tage lang in dieſem Taubenſchlage ſeine Hofleute empfangen, läßt er ſeinen Neffen rufen, um ihm die Hochzeitsgeſchenke zu überreichen. Murad glaubt, er habe die 4* „ 44 Gunſt des Paſcha's wieder erlangt, und nimmt freudig die Glück⸗ wünſche ſeiner Freunde an. Zur beſtimmten Stunde begiebt er ſich nach dem Audienzzimmer; die Albaneſen, welche am Fuß der Leiter Wache halten, fordern ihm ſeine Waffen ab; ohne Miß⸗ trauen übergiebt er ſie ihnen und ſteigt hinauf. Kaum aber hat er die Fallthür hinter ſich, ſo zerſchmettert ein Piſtolenſchuß, der aus einem dunkeln Winkel kommt, ſeine Schulter und wirft ihn nieder; er rafft ſich auf und will fliehen, aber Ali ſtürzt aus ſeinem Schlupfwinkel über ihn her, um ihm das Garaus zu machen. Un⸗ geachtet ſeiner Wunde vertheidigt ſich der junge Bey aus Kräften und ſtößt ein ſchreckliches Geſchrei aus; der Paſcha aber reißt, um ſchnell fertig zu werden, ein brennendes Holzſcheit aus dem Kamin, ſchlägt ſeinen Neffen damit ins Geſicht, wirft ihn nieder und er⸗ mordet ihn. Kaum iſt die Schandthat vollbracht, ſo ſchreit er nach Hülfe und ruft die Wache herauf, zeigt ihr die Quetſchungen, die ihm ſein Gegner beigebracht, und das Blut, mit dem er bedeckt iſt, und ſagt, er habe den Miſſethäter mit Gefahr ſeines Lebens getödtet, der ihn ermorden wollen; auf ſeinen Befehl durchſucht man die Kleider des Gemordeten und findet in der Taſche einen Brief, welcher über die vorgebliche Verſchwörung genauere Aus⸗ kunft giebt. Da Murad's Bruder dieſem Briefe zufolge bedeutenden Antheil an der Verſchwörung hatte, ſo bemächtigte man ſich ſeiner und erdroſſelte ihn ohne Weiteres. Dann kehrte die Freude wieder in das Serail zurück; man dankte Gott durch ein Opfer, daß er die große Gefahr abgewandt, und Ali ſetzte Gefangene in Freiheit, um, wie er ſagte, der Vorſehung ſeine Erkenntlichkeit zu beweiſen, welche ihn von einem ſo ſchrecklichen Mordanfall gerettet. Sein Mord wurde durch eine gerichtliche Erklärung des Kadi gerecht⸗ fertigt und ein Trupp Soldaten abgeſchickt, um ſich der Güter der beiden Brüder zu bemächtigen; denn, ſagte der Richterſpruch, es iſt gerecht, daß Ali diejenigen beerbt, welche ihn ermorden wollten. — 45 So war die letzte Familie vernichtet, welche dem Paſcha von Janina im Wege ſtand und ſeinem Einfluß auf den ſchwachen Paſcha von Berat die Wage zu halten vermochte. Dieſer war von ſeinen tapferſten Vertheidigern verlaſſen, ſah ſich der Willkür ſeines Feindes preisgegeben und mußte ſich ruhig in Alles ergeben, was er nicht mehr zu verhindern vermochte. Nur Thränen hatte er bei allen dieſen Verbrechen, welche ihm ſelbſt eine ſchreckliche Zukunft weiſſagten. Emineh trennte ſich, wie man verſichert, ſeit dieſem Tage faſt gänzlich von ihrem mörderiſchen Gatten, zog ſich in ihren Harem zurück und brachte ihr Leben damit zu, ganz wie eine Chriſtin, für die Opfer und den Henker zugleich zu beten. Man fühlt ſich or⸗ dentlich beglückt, mitten in dieſen Blutbegebenheiten wie eine Oaſe in der Wüſte das Bild dieſer zarten und edeln Geſtalt zu erblicken, auf welcher das Auge, ermüdet von ſo viel Scheußlichkeit und Verrätherei, ausruhen kann. Aber Ali hatte in ihr den Schutzengel verloren, der die Hef⸗ tigkeit ſeiner Leidenſchaften wenigſtens in etwas milderte. Anfäng⸗ lich war er betrübt über die Entfernung einer Frau, welche er bisher ausſchließlich geliebt, und gab ſich viele, obwohl vergebliche Mühe, ſich ihr wieder zu nähern; dann aber ſuchte er in einem neuen Laſter einen Erſatz für das verlorene Glück und gab ſich der Sinnenluſt hin; wie er Alles mit übertriebener Gluth ergriff, ſo entzündete ſich bald in ſeinen alten Adern eine fieberhafte Wolluſt, die ihn zu den übertriebenſten Ausſchweifungen veranlaßte. Seine Harems waren auf das Zahlreichſte beſetzt mit Odalisken, aber ſie reichten noch nicht hin, ihn zu befriedigen, und er ſtrich in ver⸗ 8 ſchiedenen Verkleidungen bei Nacht in den Gaſſen, bei Tage in den Häuſern und Tempeln umher, um ſich die ſchönſten jungen Mädchen und Knaben auszuſuchen, die er dann rauben und in ſeinen Harem bringen ließ. Seine Söhne traten in ſeine Fußtapfen und ſchienen ihm jeder 46 auf ſeine Art den Vorzug in der Ausſchweifung ſtreitig machen zu wollen. Muktar, der ältere, hatte ſich vorzugsweiſe dem Trunk ergeben und fand ſelbſt unter den ärgſten Zechern Albaniens keinen würdigen Nebenbuhler. So rühmte er ſich einſt, nach einer ſtar⸗ ken Mahlzeit einen ganzen Eimer Wein ausgetrunken zu haben. In ſeiner Trunkenheit hatte er ſchon mehrere Perſonen umgebracht, unter Andern ſeinen Waffenträger, der einſt ſein Spielgenoſſe und noch bis an ſein Ende ſein vertrauteſter Freund geweſen war. Veli dagegen ahnte etwas vom Marquis von Sade, wie ſein Vater von Machiavell, und fand ſein Vergnügen darin, die Wolluſt mit Grauſamkeit zu würzen. Sein höchſtes Glück beſtand darin, die⸗ ſelben Lippen blutig zu beißen, die er küßte, und den Leib, den er liebkoſte, mit ſeinen Nägeln zu zerfleiſchen. Die Bewohner von Janina haben mit Entſetzen ſo manche Frau in ihren Straßen herumwandeln ſehen, welcher er, nachdem er ſie aus ſeinen Armen entlaſſen, die Naſe oder Ohren hatte abſchneiden laſſen. Daher fürchtete Jeder für Vermögen, Leben und Ehre; die Mütter verfluchten ihre Fruchtbarkeit, die Mädchen ihre Schönheit. Bald aber hatte die Furcht die Verderbniß zu Folge, und die Un⸗ terthanen wurden laſterhaft nach dem Beiſpiel ihrer Gebieter. Das eben wollte Ali, der ein entſittlichtes Volk für bei Weitem leichter zu regieren hielt. Zugleich ließ er keine Gelegenheit unbenutzt, ſeine Macht auch nach Außen zu vergrößern. Im Jahre 1803 erklärte er den Völ⸗ kerſchaften von Suli den Krieg.„Mehrmals hatte er verſucht, ihnen ihre Unabhängigkeit abzukaufen, oder ſie mit Gewalt zu unterjochen, aber immer vergebens. Auch diesmal wurde das Heer, welches er gegen ſie abſchickte, faſt bei jeder Gelegenheit ge⸗ ſchlagen, obgleich es 10,000 Mann ſtark war. Wie gewöhnlich nahm er wieder zum Verrath ſeine Zuflucht und wußte dadurch den Vortheil auf ſeine Seite zu ziehen. Bald wurde es klar, daß die unglücklichen Sulioten ihm über kurz oder lang doch würden unterliegen müſſen. — 47 Die tugendhafte Emineh ſah die Schreckniſſe vorher, welche ihre Niederlage herbeiführen müſſe, und kam, vom Mitleid bewegt, noch einmal aus ihrer Zurückgezogenheit hervor und warf ſich ihrem Mann zu Füßen. Er hebt ſie auf, läßt ſie neben ſich Platz nehmen und fragt ſie nach dem Grunde ihrer Betrübniß. Sie ſpricht von Großmuth, von Güte; er weiß nicht recht, was er denken ſoll, ſcheint aber doch bewegt; endlich nennt ſie die Su⸗ lioten....... Wüthend ſpringt Ali auf und ſchießt ſein Piſtol nach ihr ab. Sie iſt nicht getroffen, doch der Schreck wirft ſie um; ihre Frauen kommen herbei und bringen ſie in ihr Zimmer. Zum erſten Male in ſeinem Leben vielleicht fürchtet Ali, einen Mord begangen zu haben. Es iſt ſeine Frau, es iſt die Mutter ſeiner Kinder, die er niedergeſtreckt hat; dieſer Gedanke peinigt und martert ſeine Seele. Während der Nacht will er Emineh ſehen, klopft an ihr Zimmer und ruft ſie beim Namen. Aber man macht ihm nicht auf, er wird wüthend und ſchlägt die Thüre ein. Bei dieſem Lärm, beim Anblick ihres wuthentbrannten Mannes, glaubt ſie, er ſei gekommen, ſie ganz zu todten, eine eiſige Kälte bemächtigt ſich ihrer Glieder, das Wort erſtirbt auf ihren Lippen, ſie verfällt in gräßliche Krämpfe und ſtirbt jetzt wirklich. So endete Emineh, die Tochter Kapelan⸗Paſcha's, die Gemahlin Ali Tebe⸗ len's, die Mutter Muktar's und Veli's, die ſtets ein ausgezeich⸗ netes Weib geblieben, obſchon ſie nur unter Böſewichtern gelebt. Ihr Tod verurſachte in Albanien allgemeine Trauer und machte ſogar auf die Seele ihres Mörders einen tiefen Eindruck. Das Geſpenſt ſeiner Frau verfolgte ihn bei allen Luſtbarkeiten, in den Sitzungen ſeines Rathes, ſelbſt in ſeinen Träumen; er ſah ſie, er hörte ſie und erwachte oft mit den Worten:„Meine Frau, meine Frau! Sie iſt da, ſie blickt mich an mit drohenden Augen, ſie iſt erzürnt, Rettung, Barmherzigkeit!“ Länger als zehn Jahre wagte er es nicht, allein in einem Zimmer zu ſchlafen. Im Monat December mußten die Sulioten, durch die ewigen A 48 Kämpfe verringert, durch Hungersnoth geſchwächt und durch Ver⸗ rath entmuthigt, mit Ali capituliren. Nach der Uebereinkunft ſollten ſie ſich niederlaſſen dürfen, wo ſie wollten, nur nicht in ihren Gebirgen. Die Unglücklichen theilten ſich in zwei Haufen, und der eine ſchlug die Richtung nach Parga, der andere die nach Preveſa ein. Ali hatte ungeachtet des Vertrages befohlen, beide niederzuhauen. Die Abtheilung, die nach Parga zog, wird unter⸗ wegs von einem zahlreichen Corps überfallen. Sie ſchienen ohne Rettung verloren, aber plötzlich giebt ein guter Inſtinct dieſen Männern, die von der Kriegskunſt nichts verſtehen, die Bewegung ein, welche ſie retten kann; ſte ſchließen ein Quarrée, ſtellen Greiſe, Kinder und Frauen in die Mitte und gewinnen, durch dieſe ausgezeichnete Stellung geſichert, die Stadt Parga im An⸗ geſicht der vergeblich auf ſie gehetzten Mörder. Die andere Abtheilung war nicht eben ſo glücklich. Durch den plötzlichen und unvorhergeſehenen Angriff außer Faſſung gebracht, ergreifen ſie in Unordnung die Flucht nach einem griechiſchen Kloſter Zalongos. Die Thore ſind bald geſtürmt, und die unglücklichen Sulioten werden niedergehauen bis auf den letzten Mann. Die Frauen hatten von der Höhe der Felſen, wo ihre Zelte aufgeſchlagen waren, das ſchauderhafte Blutbad mit angeſehen, welches ihnen ihre Vertheidiger entriſſen. Fortan haben ſie keine andere Zukunft, als die Sklaverei, keine andere Ausſicht, als in die Arme Derer zu wandern, welche ihnen Gatten und Brüder hingemordet. Aber ein heldenmüthiger Entſchluß rettet ſie von der Schmach; ſie geben ſich die Hände, ſtimmen das Lied ihres Volkes an und tanzen eine Runde auf dem breiten Gipfel des Felſens. Am Ende der letzten Strophe ſtoßen ſie einen durchdringenden, langgehaltenen Schrei aus und ſtürzen ſich Alle zugleich ſammt ihren Kindern hinunter in den ſchaudervollen Abgrund. Noch nicht alle Sulioten hatten ihr Vaterland verlaſſen, als Ali Paſcha hinkam. Die noch übrig gebliebenen ließ er gefangen nehmen 49 und nach Janina führen; dieſelben mußten auf eine ſchreckliche Art dazu beitragen, die Feſte zu verherrlichen, welche er ſeiner Armee gab. Jeder Soldat hatte nachzudenken, um neue Martern zu er⸗ ſinnen, und wer die beſte Erfindung machte, hatte die Freude, ſie mit eigner Hand auszuführen. Einige zwangen die Sulioten, ihre eigene Naſe und Ohren, mit Salat zubereitet, aufzueſſen. Einem jungen Manne wurde die Kopfhaut ſo abgezogen, daß ſie ihm auf die Schultern zurück⸗ fiel, und in dieſem Zuſtande zwang man ihn durch fürchterliche Schläge, rund um den Hof des Serails zu gehen. Nachdem der Paſcha ſich über ihn ſatt gelacht, jagte man ihm eine Lanze durch den Leib und warf ihn auf einen Düngerhaufen. Eine große Anzahl von Gefangenen wurden lebendig in Keſſel geſteckt, gekocht und gebraten und dann den Hunden vorgeworfen. Seit dieſer Zeit verſchwand das Kreuz aus den Gebirgen, und das Echo von Suli antwortete nicht mehr den Andachtsgeſängen der Chriſten. Während dieſes Krieges und nur kurze Zeit nach dem Tode Emineh's entwickelte ſich noch ein Trauerſpiel in der Familie des Paſcha's, deſſen verbrecheriſche Thätigkeit nichts zu ermüden ver⸗ mochte. Wir haben ſchon geſagt, daß Vater und Sohn zuſammen ihren Ausſchweifungen nachjagten und dadurch Alles um ſich her eben ſo ſehr verdorben hatten, als ſie ſelbſt verderbt waren. Dieſe Sittenloſigkeit mußte für Alle bittere Früchte tragen. Die Unter⸗ thanen hatten die gräßlichſte Tyrannei zu ertragen, und die Ge⸗ bieter ſahen bald Mißtrauen, Zwietracht und Haß ſich ſogar bei ihnen einſchleichen. Es ſollte ſich ereignen, daß der Vater ſeine Söhne in ihren Lieblingsneigungen verletzte, und dieſe ſich dadurch an ihm rächten, daß ſie ihn am Tage der Gefahr verließen. In Janina wohnte eine Frau, Euphroſine, eine Nichte des Erzbiſchofs, an einen der reichſten griechiſchen Kaufleute verheira⸗ thet, die wegen ihres Geiſtes und ihrer Schönheit ſehr berühmt 50 war. Schon war ſie Mutter zweier Kinder, als Muktar ſich in ſie verliebte und ihr befehlen ließ, in ſeinen Palaſt zu kommen. Die unglückliche Euphroſine konnte ſich's wohl denken, daß ſie nur die Lüſternheit des Paſcha's befriedigen ſolle, und rief ſogleich ihre Familie zuſammen, um ſie um Rath zu fragen, was hier zu thun ſei. Alle ſtimmten darin überein, daß ſie gehorchen müſſe und ihr Mann die Stadt verlaſſen ſolle, um ſein Leben vor der Eifer⸗ ſucht eines ſo ſchrecklichen Nebenbuhlers ſicher zu ſtellen. Euphro⸗ ſine gab ſich Muktar hin. Dieſer wurde durch ihre Schönheit gerührt, empfand bald eine aufrichtige Liebe für ſie und überhäufte ſte mit Geſchenken und Gunſtbezeigungen. So ſtanden die Sachen, als eine wichtige Unternehmung ihn zwang, plötzlich abzureiſen. Kaum war er fort, ſo beſtürmten ſeine Weiber ſeinen Vater, den Paſcha, mit Klagen gegen Euphroſine, die alle ihre Rechte in Beſchlag genommen hatte, und über der ſie vernachläſſigt wur⸗ den. Ali beklagte ſich ſchon längſt über die tolle Verſchwendung ſeiner Söhne und bedauerte das Geld, das ſie verſchleuderten; daher war ihm die Gelegenheit erwünſcht, einen Streich auszu⸗ führen, der ihn zugleich bereichern und gefürchtet machen mußte. Eines Nachts begiebt er ſich, begleitet von ſeiner Leibwache, in das Haus Euphroſinens und tritt, von Fackeln beleuchtet, vor ſie hin. Sie kennt ſeine Grauſamkeit und Habſucht und ſucht die eine zu entwaffnen, indem ſie die andere befriedigt, rafft ihr Gold und ihre Edelſteine zuſammen und legt ſie mit flehendem Blicke ihm zu Füßen. 3 „Es iſt nur mein Eigenthum, was Du mir wiedergiebſt,“ ſagte er und bemächtigte ſich des Dargebotenen,„aber kannſt Du mir Muktar's Herz wiedergeben, welches Du mir entwandt haſt?“ Euphroſine beſchwört ihn bei ſeinen väterlichen Gefühlen, deſſen Liebe ihr ganzes Unglück und jetzt ihr einziges Verbrechen ſei, eine bis jetzt mackelloſe Mutter zu ſchonen; aber ihre Thränen, ihr Schluchzen können den alten Paſcha nicht erweichen: er läßt 51 ſie feſt nehmen, in Ketten legen und, in grobe Leinwand gehuͤllt, ins Gefängniß werfen. Daß die unglückliche Euphroſine ohne Rettung verloren, das war nicht zu bezweifeln, aber man hoffte wenigſtens noch, daß nur ihr Haupt bedroht ſei. Aber Ali gab ſich den Anſchein, als höre er auf den Rath einiger ſtrengen Sittenrichter, welche die gute Zucht wieder herſtellen wollten, und ließ zu gleicher Zeit funf⸗ zehn chriſtliche Frauen verhaften, welche den beſten Familien in Janina angehörten. Ein Wallache, Nikolas Janko, benutzte die Gelegenheit, ihm ſeine Frau, die im achten Monate ſchwanger ging, als Ehebrecherin anzugeben. Die ſechzehn Angeklagten erſchienen zugleich vor dem Richterſtuhle des Veziers und wurden, wie vor⸗ herzuſehen war, ſämmtlich zum Tode verurtheilt. Man brachte ſie in einen Kerker, wo ſie zwei Tage lang g in ſteter Todesangſt ſchmachten mußten. In der dritten Nacht erſt kamen die Henker, um ſie nach dem See z zu führen, in welchem ſie er⸗ ſäuft werden ſollten. Euphroſine ſtarb ſchon unterwegs, und als man ſie in die Fluthen ſtürzte, war ihre Seele ſchon entflohen. Muktar war auf der Rückkehr begriffen, als ein Courier ihm von ſeinem Bruder Veli einen Brief überbrachte mit der Nach⸗ richt des Todes ſeiner Geliebten. Er bricht ihn auf: Euphroſine! ruft er aus und ſchießt auf der Stelle den Boten nieder. Euphro⸗ ſine, das ſei das erſte Racheopfer für Dich! Dann ſchwingt er ſich auf ſein Roß und eilt gen Janina. Seine Leibwache folgt ihm; die Bewohner der Dörfer, durch welche er kommt, fliehen bei ſeiner Ankunft. Ohne Aufenthalt ſetzt er ſeinen Weg fort, ohne ſich nur umzuſehen; ſein Pferd ſtürzt gerade an dem See, in welchem man die Frauen erſäufte. Er nimmt eine Barke und eilt in ſein Serail, um ſeinen Schmerz und ſeine Wuth zu verbergen. Ali war wenig beunruhigt von einem Zorn, der ſich nur in Thränen und Geſchrei Luft machte, und läßt ihm befehlen, auf 52 der Stelle vor ihm zu erſcheinen.„Er wird Dich nicht tödten!“ ſagte Ali mit bitterem Lächeln zu dem mit dieſer Botſchaft Beauftrag⸗ ten. Und wirklich, derſelbe Mann, der einen Augenblick zuvor die wüthendſten Drohungen ausſtieß, läßt ſich durch den Befehl ſeines Vaters einſchüchtern, beruhigt ſich und gehorcht. „Tritt näher, Muktar,“ ſagte der Vezier und reichte ihm ſeine mörderiſche Hand zum Kuſſe,„ich will es vergeſſen, daß Du Dich ſo haſt hinreißen laſſen, Du aber vergiß nie, daß ein Mann wie ich, der ſich aus der öffentlichen Meinung gar nichts macht, Niemand in der weiten Welt fürchtet. Du kannſt jetzt wieder gehen; wenn Deine Truppen ſich ausgeruht haben, ſollſt Du mei⸗ nen weitern Befehl erhalten; geh' und gedenke meiner Worte.“ Muktar zieht ſich zurück, als wenn man ihm einen großen Fehler verziehen habe, und wußte keinen beſſern Troſt, als die Nacht hindurch mit Veli zu ſchwelgen. Aber es ſollte ein Tag kommen, da die beiden Brüder, gleich ſehr von ihrem Vater gekränkt, ſich verſchworen und eine ſchreckliche Rache nahmen. unterdeß fing der Divan an, ſich über die ſtete Vergrößerung des Paſcha's von Janina zu beunruhigen. Man wagte es nicht, einen ſo mächtigen Vaſallen offen anzugreifen, und ſuchte lieber ſeine Gewalt auf Schleichwegen zu vermindern. Unter dem Vor⸗ wande, daß ihm das Alter nicht mehr erlaube, alle Mühſeligkei⸗ ten ſeiner zu ausgedehnten Geſchäfte zu ertragen, nahm man ihm die Verwaltung Theſſaliens, gab jedoch, um ihn glauben zu machen, daß man nicht in feindlicher Abſicht ſo handele, das Sangiak ſeinem Neffen Elmas Bey, dem Sohne Soliman's und Chainitza's. Die Letztere war eben ſo ehrgeizig, als ihr Bruder, und freute ſich außerordentlich, unter dem Namen ihres Sohnes, der ein ſchwacher und ſanfter Mann war und gewohnt, ihr blind zu ge⸗ horchen, die Zügel der Regierung zu führen. Sie bat ihren Bruder um die Erlaubniß, nach Trikala zu gehen, um bei der Ein⸗ 53 ſetzung ihres Sohnes zugegen zu ſein, und zu allgemeiner Ver⸗ wunderung erhielt ſie dieſelbe wirklich. Man konnte es nicht be⸗ greifen, daß Ali willig auf einen Theil ſeiner Macht verzichtete. Er wußte aber ſich ſo geſchickt zu verſtellen, daß ſich jeder täuſchen ließ, und Alles ſprach von ſeiner Großmuth, als er ſeiner Schwe⸗ ſter ſogar ein glänzendes Geleit gab, um ſie nach der Hauptſtadt des Sangiaks zu bringen, welches man ihm zu Gunſten ſeines Neffen genommen hatte. Dieſem ſchickte er ſchriftliche Glückwünſche und reiche Geſchenke, unter Anderm einen prächtigen ſchwarzen Fuchspelz, der mehr als 100,000 Francs gekoſtet hatte, und bat ihn, denſelben anzuziehen, wenn der Geſandte des Sultans ihm den Einſetzungsferman überreiche. Elmas wurde wirklich in Gegenwart ſeiner Mutter und mit dem ſchwarzen Fuchspelz bekleidet zum Paſcha ausgerufen.„Mein Sohn iſt Paſcha!“ rief ſie triumphirend,„ mein Sohn iſt Paſcha! Meine Neffen werden ſich todtärgern!“ Allein ihre ſtolze Freude ſollte nicht von langer Dauer ſein. Schon einige Tage darauf fühlte Elmas eine große Mattigkeit in allen Gliedern, eine un⸗ widerſtehliche Neigung zum Schlafen; krampfhafte Zuckungen und fieberhafter Glanz der Augen verkündeten das Herannahen einer ſchweren Krankheit. Ali's Geſchenk hatte ſeinen Zweck erreicht. Der ſchwarze Fuchspelz war zuvor durch ein pockenkrankes Mäd⸗ chen vergiftet worden und hatte den neuen Paſcha angeſteckt. Er war nicht geimpft und ſtarb in wenigen Tagen. Chainitza kehrte betrübt nach Janina zurück. Sie fand ihren Bruder ſo traurig, daß ſie nicht den mindeſten Argwohn faßte. Unterdeß hatte Ali bereits einen ſeiner Officiere nach Trikala ge⸗ ſchickt, um das Amt ſeines verſtorbenen Neffen zu verwalten, und es wurde ihm leicht, ſeine Wiedereinſetzung in Theſſalien zu er⸗ langen, da die Pforte einſah, daß jeder Verſuch gegen ihn nur neues Unglück herbeiführe. Jetzt erwachte bei Vielen der Verdacht; aber die Stimme der 54 öffentlichen Meinung, welche bereits über die Urſachen ſprach, die Elma's Tod herbeigeführt, wurde übertäubt durch den Donner der Kanonen, welche von den Wällen Janina's dem Lande Epirus verkündeten, daß Ali ein neuer Erbe geboren ſei. Dieſer war Salik Bey, das Kind einer georgiſchen Sklavin. Das Glück, welches zugleich aufmerkſam ſchien, ſeine Verbre⸗ chen mit Erfolg zu krönen und ſeine Wünſche zu erfüllen, hatte ihm noch ein Geſchenk vorbehalten, vorzüglicher als alle bisherigen, nämlich eine ſchöne und liebenswürdige Frau, welche ihm Emineh erſetzen und vergeſſen machen ſollte. Der Divan hatte Ali Paſcha aufgegeben, eine in Theſſalien verſteckte Bande von Falſchmünzern aufzuſpüren und zu vernichten. Ali war entzückt, ſeinen Eifer für den Dienſt des Sultans an den Tag legen zu können, ohne daß es ihm etwas Anderes koſtete, als Blut zu vergießen, ſetzte ſeine Spione in Thätigkeit und be⸗ gab ſich in zahlreicher Begleitung nach dem bald ausfindig ge⸗ machten Orte, dem Dorfe Plichivitza. Am Abend kommt er daſelbſt an, trifft während der Nacht Vorkehrungen, damit Nie⸗ mand entwiſchen könne, und überfällt die Falſchmünzer bei Ta⸗ gesanbruch mit ſeiner ganzen Truppe. Er fand ſie gerade in beſter Arbeit. Sogleich läßt er das Haupt der Bande vor dem Hauſe aufhängen und giebt den Befehl, die ganze Bewohnerſchaft des Dorfes niederzumetzeln. Plötzlich drängt ſich durch ſeine Soldaten ein wunderbar ſchö⸗ nes Mädchen und wirft ſich ihm zu Füßen. Ali iſt erſtaunt und redet ſie an; ſie ſieht ihn an mit einem Blick, in dem ſich Un⸗ ſchuld und zugleich Schrecken malt, ergreift ſeine Hände, benetzt ſie mit Thränen und ſpricht:„Lieber Herr, ich beſchwöre Dich, bitte für meine Mutter und meine Brüder bei dem böſen Vezier Ali um Gnade; ach mein Vater iſt ſchon todt! Sieh' nur, dort hängt er an der Thüre ſeiner Hütte. Wir haben nichts Böſes gethan, wofür wir den Zorn des ſchrecklichen Gebieters verdienten, der 5³⁵ ihn hat tödten laſſen; meine Mutter iſt eine arme Frau, die Nie⸗ mand etwas zu Leide gethan, und wir, wir ſind ſchwache Kinder; beſchütze Du uns!“ Der Paſcha fühlt ſich unwillkührlich bewegt, drückt das un⸗ ſchuldige Kind an ſeine Bruſt und antwortet ihr in ſchmerz⸗ lichem Tone: „Du haſt Dich an den Unrechten gewandt, ich ſelbſt bin dieſer böſe Vezier!“ „O nein, nein, Du biſt mein guter Herr.“ „Nun ſei ruhig, mein Kind und zeige mir Deine Mutter und Deine Brüder, ich will ſie verſchonen; Deine Bitten haben ihr Leben gerettet.“ Außer ſich vor Freude kniet ſie vor ihm nieder, um ſich zu bedanken. Er hebt ſie auf und fragt ſie nach ihrem Namen. „Vafſiliki,“ erwiderte ſie. .„Vaſiliki! Königin! der Name iſt von ſchöner Vorbedeutung. Vaſiliki, von heute an ſoll mein Palaſt Deine Wohnung ſein.“ Zugleich läßt er die Familie zuſammenkommen, die er be⸗ gnadigt hat, und ſchickt ſie unter ſicherer Begleitung nach Janina; zugleich mit ihr das Mädchen, welches ihm dieſe Wohlthat durch eine unbegrenzte Liebe vergelten ſollte. Wir haben alle Züge von der Güte Ali's erſchöpft, ſobald wir die Laune von Erkenntlichkeit angeführt, welche ihm auf der Rück⸗ kehr von dieſer Unternehmung ankam. Ein Sturm zwang ihn, in einem elenden Dorfe Halt zu machen; er fragte nach dem Namen und wurde nachdenkend, als er ihn gehört. Plötzlich fragt er, ob hier nicht eine Frau wohne, welche Nuza heiße; man antwor⸗ tet ihm, daß wirklich eine alte, ſchwache und im tiefſten Elend lebende Frau dieſes Namens hier vorhanden ſei; er befiehlt, ſie vorzuführen. Zitternd erſcheint die arme Frau und wirft ſich vor ihm nieder. Der Paſcha hebt ſie auf und fragt: „Kennſt Du mich?“ 56 „Gnade, mächtiger Vezier,“ antwortet die Unglückliche, die nichts Anderes denkt, als daß man ſte tödten wolle, da ſie nichts weiter zu verlieren hat, als ihr Leben. „Ich ſehe,“ fährt der Paſcha fort,„daß, wenn Du mich auch kennſt, Du mich doch nicht wiedererkennſt.“ Die Alte ſieht ihn verwundert an und begreift ſeine Worte nicht. „Erinnerſt Du Dich wohl,“ fuhr Ali fort,„ daß vor etwa vierzig Jahren ein junger Mann bei Dir Zuflucht ſuchte gegen die ihn verfolgenden Feinde? Ohne ihn nach Namen und Stand zu fragen, verbargſt Du ihn in Deiner Hütte, verbandeſt ſeine Wun⸗ den und theilteſt mit ihm Deine ärmliche Koſt. Dann, als er im Stande war, ſeinen Weg fortzuſetzen, begleiteteſt Du ihn bis üͤber die Schwelle, wünſchteſt ihm eine glückliche Reiſe und ein günſti⸗ ges Schickſal. Deine Wünſche, gute Frau, ſind erhört worden; jener junge Mann hieß Ali Tebelen, und ich war jener junge Mann. Die Alte blieb einen Augenblick verwundert ſtehen, dann ſeg⸗ nete ſie den Paſcha, welcher ihr für ihre noch übrige Lebzeit 15,000 Francs zugeſichert hatte. Aber dieſe beiden guten Handlungen waren nur Blitze, die augenblicklich die grauenhafte Finſterniß ſeiner Seele durchzuckten. Kaum war er nach Janina zurückgekehrt, ſo begann er auch aufs Neue ſeine Tyrannei, ſeine Ränke und Grauſamkeiten. Noch nicht zufrieden mit dem weiten Gebiet, das er zu regieren hatte, benutzte er wieder jede Gelegenheit, um Einfälle der benachbarten Paſcha's zu machen. So ließ er durch ſeine Truppen Phocis, Natolien, Akarnanien beſetzen, das Land verwüſten und die Bewohner decimiren. In derſelben Zeit entriß er Ibrahim Paſcha auch ſeine letzte Tochter, um ſie ſeinem Neffen Aden Bey, dem Sohne der unkeu⸗ ſchen Chainitza, zur Ehe zu geben. Dieſe neue Verbindung mit einer Familie, die ſeine Hand ſchon ſo oft getroffen und beraubt, gab ihm neue Waffen gegen denſelben in die Hand. Während er ſeinen Neffen verheirathete, ſorgte er zugleich für —— 57 die Beförderung ſeiner Söhne. Es gelang ihm durch die Unter⸗ ſtützung des franzöſiſchen Geſandten, dem er ſeine Ergebenheit für den Kaiſer Napoleon weiß gemacht, Veli zum Paſcha von Morea und Muktar zum Paſcha von Lepanto zu machen, dabei hatte er aber keine andere Abſicht, als ſeine eigene Macht zu vergrößern und zu befeſtigen, wählte ſelbſt ihr Gefolge und gab ihnen zu Adjudanten Officiere ſeiner Wahl. Als ſie abreiſten, behielt er als Geißel ihre Frauen, ihre Kinder, ſelbſt ihr Hausgeräthe zu⸗ rück und ſchützte vor, daß man ſich in Kriegszeiten nicht mit ſol⸗ chen Sachen behängen dürfe.— Die Pforte lag damals nämlich im offenen Kriege mit England; auch dieſe Gelegenheit benutzte eer, um ſich Perſonen vom Halſe zu ſchaffen, die ihm mißfielen; unter anderen einen gewiſſen Pacho⸗Bey, der abwechſelnd bald ſein Gegner, bald ſein Werkzeug geweſen war. Dieſen ernannte er zum Secretair ſeines Sohnes Veli, angeblich, um ihm einen Beweis ſeiner Verſöhnung und Gunſt zu geben, in der Wirklich⸗ keit aber, um ſich während ſeiner Abweſenheit des beträchtlichen Vermögens zu bemächtigen, welches er zu Janina beſaß. Dieſer aber ließ ſich nicht täuſchen, und als er abreiſte, kam ſein Groll offen zum Ausbruch.„Er ſchafft mich fort,“ rief er und ballte die Fauſt gegen Ali, der am Fenſter ſeines Palaſtes ſaß;„er ſchafft mich fort, um mich zu berauben; aber ich will mich rächen, was mir immer begegnen ſollte, und ich werde zufrieden ſterben, wenn ich mit meinem Haupte zugleich das dieſes Wütherichs fallen ſehe!“ Während dieſer Zeit hatte Ali mit den Großmächten Europa's geheime Unterhandlungen angeknüpft, um ſich unabhängig zu machen und als Fürſt von Griechenland anerkannt zu werden; allein der Divan bekam hiervon Nachricht durch einige aufgefangene Briefe, die mit ſeinem Siegel verſehen waren. Spggleich ſchickte Selim einen Kapiſchi⸗Baſchi als Bevollmächtigten ab, um die Sache zu unterſuchen und ihm nöthigenfalls den Proceß zu machen. Der Kapiſchi⸗Baſchi legte ihm ſogleich die actenmäßigen Beweiſe 4. 5 58 des Einverſtändniſſes mit den Feinden des Reiches vor. Ali fühlte ſich noch nicht ſtark genug, um die Maske fallen zu laſſen, und vermochte auch nicht, ſo ſprechenden Thatſachen gegenüber zur Lüge ſeine Zuflucht zu nehmen, und beſchloß daher nur Zeit zu gewinnen. „In den Augen Seiner Hoheit,“ ſagte er,„bin ich ſchuldig; das Siegel iſt das meinige, ich muß es anerkennen, aber die Hand⸗ ſchrift iſt nicht die meiner Schreiber; man hat mein Siegel ent⸗ wandt, um mich ſo zu ſtürzen; ich bitte nur um einige Tage, um das Geheimniß zu durchdringen, welches mich vor meinem Herrn und vor allen Muſelmännern ſo bloßſtellt. Möge Gott mich die Beweiſe finden laſſen, die meine Unſchuld an das Licht ſtellen, denn ich bin rein von Fehl wie die Sonne, wenn auch alle Welt mich verleugnet.“ Hierauf ſtellte er ſich, als ſchreite er zu einer geheimen Unter⸗ ſuchung, und benutzte die Zeit, auf Mittel zu denken, welche ihn auf eine geſetzliche Art aus der Verlegenheit ziehen könnten. Nachdem er mehrere Tage lang manchen Beſchluß gefaßt und wieder ver⸗ worfen, zeigte ihm ſein unerſchöpflicher Geiſt den rechten Weg aus dieſer ſchwierigen Lage. Er ließ einen Griechen kommen, deſſen er ſich oft bediente, und redete ihn an: „Ich habe Dich immer geliebt, Du weißt es, und jetzt iſt der Augenblick gekommen, da ich Dein Glück machen will. Von heute ab ſollſt Du mein Sohn, Deine Kinder die meinigen und mein Haus das Deine ſein; als Preis für dieſe Wohlthaten verlange ich von Dir nur einen geringen Dienſt. Der verdammte Kapiſchi⸗ Baſchi, der unlängſt angekommen iſt, hat einige mit meinem Pet⸗ ſchaft unterſiegelte Briefe mitgebracht, durch die man mich beun⸗ ruhigen und mir Geld abpreſſen will; ich habe ſchon zuviel aus⸗ gegeben und will mich diesmal aus der Schlinge ziehen, ohne den Kaſten zu öffnen, ausgenommen natürlich, wenn es für einen ſo guten Diener, wie für Dich, geſchieht. Meine Anſicht iſt da⸗ her, Du mußt, wenn ich Dir es ſagen werde, vor dem Kapiſchi⸗ 59 Baſchi und dem Kadi erklären, daß Du die Briefe geſchrieben haſt, die man mir Schuld giebt, und daß Du Dich ohne meinen Befehl meines Petſchaftes bedient haſt, um ihnen ein öffentliches Anſehen zu geben.“ Der Grieche erbleichte und wollte Einwendungen machen. „Was fürchteſt Du, Lieber,“ fuhr Ali fort;„bin ich nicht ſtets ein gütiger Herr geweſen, Du erwirbſt Dir meinen Dank für immer, und wofür brauchſt Du Dich zu fürchten, wenn ich Dich beſchütze? Vor dem Kapiſchi⸗Baſchi? Der hat ja hier nichts zu ſagen, und ich habe ſchon zwanzig ſeines Gleichen erſäufen laſſen. Aber um Dich ganz ſicher zu machen, ſchwöre ich Dir beim Pro⸗ pheten, bei meinem Haupte und beim Haupte meiner Söhne, daß Dir von dieſem Officier nichts Schlimmes widerfahren ſoll. Halte Dich alſo bereit, auszuführen, was wir eben abgemacht haben, und hüte Dich beſonders, mit irgend Jemand darüber zu ſprechen, damit die Angelegenheit nach unſern Wünſchen abläuft.“ Mehr aus Furcht vor dem Paſcha, dem er im Weigerungsfalle doch nicht entgangen wäre, als durch ſeine Verſprechungen ange⸗ lockt, verpflichtete ſich der Grieche, das verlangte falſche Zeugniß abzulegen. Ali verabſchiedete ihn mit tauſend Verſicherungen ſeines Wohlwollens und ließ dann ſogleich den Kapiſchi⸗Baſchi rufen. „Endlich,“ ſagte er in dem Tone der tiefſten Bewegung; wendlich habe ich die wahrhaft teufliſche Liſt entdeckt, die man gegen mich erſonnen hat; ſie iſt das Werk eines Mannes, den die unverſöhnlichſten Feinde des Reiches angeſtiftet haben, eines ruſſiſchen Agenten. Ich habe ihn in meiner Gewalt und ließ ihn Begnadigung hoffen, falls er vor Gericht Alles geſtände. Laß daher den Kadi und die Richter zuſammenrufen, damit ſie das Geſtändniß des Schuldigen vernehmen und die Wahrheit an den Tag kommt.“ Bald waren die Richter vollzählig beiſammen, und der Grieche trat zitternd hervor. 5* 60 „Kennſt Du dieſe Handſchrift?“ fragte ihn der Kadi. „Ja, es iſt die meinige.“ „Dieſes Siegel?“ „Es iſt das Siegel Ali⸗Paſcha's, meines Herrn.“ „Wie kommt es auf dieſen Brief?“ „Der Paſcha überließ es mir zuweilen, um es unter ſeine Befehle zu drücken.“ „Schon genug, Du kannſt gehen.“ Ali’, der wegen des Erfolgs ſeiner Liſt unruhig war, hatte ſich ſchon nach dem Gerichtsſaal aufgemacht; als er eben in den Hof trat, kam der Grieche aus dem Verhör, warf ſich ihm zu Füßen und ſagte: es ſei Alles nach ſeinen Wünſchen gegangen. „Gut,“ ſagte Ali,„Du ſollſt Deine Belohnung haben,“ wandte ſich um und gab ſeiner Wache ein Zeichen. Dieſe ſiel ſogleich über den Griechen her und hängte ihn im Gerichtshofe auf. Gleich darauf trat der Paſcha vor die Richter und fragte nach dem Er⸗ gebniß ihrer Unterſuchung. Man antwortete ihm durch Beifalls⸗ geſchrei.„Nun,“ ſagte er,„der des Majeſtätsverbrechens Schul⸗ dige iſt nicht mehr, ich habe ihn hängen laſſen, bevor ich noch Eure Entſcheidung wußte.“ Dies wurde ſogleich zu Protokoll genommen, und es wurde Ali⸗Paſcha leicht, den Kapiſchi⸗Baſchi durch ein Geſchenk von funfzig Beuteln zu beſtechen. Zugleich beſtach er die angeſehenſten Mitglieder des Divans, und der Sultan gab der Fürſprache ſeiner Räthe nach und ſchien ihm ſein ganzes Vertrauen wieder zu ſchenken. Aber Ali wußte wohl, daß Selim nicht wirklich an ſeine Un⸗ ſchuld glaubte und nur abwarte, bis er ihn für ſeine Treuloſig⸗ keit beſtrafen könne. Darum beſchloß er, ihm zuvorzukommen, machte gemeinſame Sache mit ſeinen innern und äußern Fein⸗ ine Verſchwörung der mißvergnügten Paſcha's und aller BGeſinnten brach bald darauf aus, und als eines Tages Ali franzöſif ſchen Kanonieren, die der Gouverneur von Illyrien nach . 61 Albanien geſchickt hatte, beim Bombenſchießen zuſah, brachte ihm ein Tartar die Nachricht von der Abſetzung Selim's und der Thron⸗ beſteigung ſeines Neffen Muſtapha. Entzückt ſprang er auf und dankte öffentlich Gott für dieſes Glück. Er hatte bei dieſem Thron⸗ wechſel wirklich gewonnen; aber noch mehr gewann er kurze Zeit darauf durch den Aufſtand, in welchem ſowohl Selim, als Mu⸗ ſtapha umkamen. Mahmud II., der ſich jetzt Osman's Schwert umgürtete, kam in einer ſchwierigen Zeit zur Macht, nach vielen blutigen Unruhen und mitten unter heftigen politiſchen Erſchütterungen; darum hatte er weder die Luſt, noch die Macht, die mächtigſten ſeiner Vaſallen offen anzugreifen. Mit großer Zufriedenheit nahm er die Millionen an, welche ihm Ali gleich bei ſeiner Thronbeſteigung ſchickte, um ſeine Ergebenheit zu zeigen, ließ ihn ſeiner Gnade verſichern und be⸗ ſtätigte ihn und ſeine Söhne in allen Aemtern und Würden. Dieſe glückliche Veränderung trieb den Stolz und die Kühnheit des Paſcha's auf ihren Gipfel, und jetzt, von jeder Beſorgniß befreit, beſchloß er endlich einen Plan auszuführen, der der ſtete Traum ſeines Lebens geweſen. Nachdem er ſich Argyro⸗Kaſtro's bemächtigt hatte, das er ſchon lange belagerte, brach er mit ſeinem ſiegreichen Heere gegen Kardiki auf. Die Belagerten ſahen wohl ein, daß ſie Gnade nicht zu hoffen hatten, und vertheidigten ſich tapfer, mußten aber der Hungersnoth weichen. Nach einem Monat der Belagerung hatte das Volk keine Nah⸗ rung mehr und ſchrie in den Gaſſen, man ſolle ſich ergeben. Die Anführer beſchloſſen, zu capituliren. Ali's Beſchluß in Betreff der unglücklichen Stadt ſtand unwiderruflich feſt, und er unter⸗ ſchrieb alle Bedingungen, welche ihm die Bewohner machten. Ein Vertrag wurde von beiden Theilen unterſchrieben und auf den Koran beſchworen. Dieſem zufolge ſollten die Bey's frei und be⸗ waffnet abziehen und die ganze übrige muſelmänniſche Bevölkerung 62 freundſchaftlich behandelt und in Eigenthum und Freiheit nicht gekränkt werden. Unter dieſen Bedingungen wolle man einen Theil der Stadt von den ſiegreichen Truppen beſetzen laſſen. Als die Soldaten in die Stadt einrückten, gaben ſich Saleh⸗ Bey, einer der Hauptanführer von Kartiki, und ſeine Frau, da ſie das Schickſal ihrer Unvorſicht vorherſahen, eigenhändig den Tod. Ali nahm die 72 Bey's bei ihrer Ankunft in Janina freund⸗ ſchaftlichſt auf, gab ihnen ſein Seeſchloß zur Wohnung und be⸗ wirthete ſie einige Tage auf das Prächtigſte. Bald aber wußte er ihnen die Waffen zu entwenden, ließ ſie feſſeln und in ein Kloſter bringen, das auf einer Inſel lag und jetzt in ein Gefängniß um⸗ gewandelt wurde. Als Grund ihrer Einkerkerung gab er vor, ſie hätten verſucht, ihm zu entwiſchen. Darauf begab er ſich, von zahlreichen Truppen begleitet, angeblich um daſelbſt eine Polizei zu errichten und die Verſprechen zu erfüllen, welche er vorher gegeben, nach Kardiki. Unterwegs blieb er in Libockhovo, wo ſeine Schweſter ſeit dem Tode ihres zweiten Sohnes Aden⸗Bey wohnte. Man erfuhr nicht, was ſie bei dieſer langen Zuſammen⸗ kunft mit einander abgemacht, doch bemerkte man, daß die Thränen Chainitza's, die bis jetzt unaufhörlich gefloſſen, urplötzlich wie durch Zauberei verſiegten, und daß ihre Frauen, die bisher ſtets in Trauer gegangen, Feſtkleider anziehen mußten. Tanz und Gelage dauerten ſelbſt noch fort, als Ali wieder abgezogen war. Sein nächſtes Nachtquartier war Chanteria, ein Schloß auf einem Felſengipfel, von dem aus man die Stadt Kardiki ſehen konnte. Am folgenden Morgen ſchickte er hinüber und ließ den Kardikiern ſagen, ſie ſollten ſich Alle, jedoch ohne Waffen und mit Ausnahme der Frauen, nach Chanteria verfügen, um vom Vezier Ali die Zuſicherung ſeiner Verzeihung zu empfangen. Die Kardikier ahnten ein großes Unglück, auf allen Gaſſen weinte man, in allen Moſcheen flehte man die göttliche Barmher⸗ zigkeit an. In der Stunde der Trennung umarmte man ſich, als 63 gelte es einem Abſchied auf ewig, und 670 entwaffnete Männer brachen nach Chanteria auf. Am Thore trafen ſie eine Truppe Albaneſen, die ſie begleitete und immer größer wurde, je weiter man kam. Bald traten ſie vor Ali⸗Paſcha. Er ſtand umgeben von mehreren Tauſend Soldaten, und dieſe Waffenmacht machte die Furcht der unglücklichen Kardikier nur noch größer, ſie warfen ſich vor ihm nieder und baten ihn um Ver⸗ gebung. Ali genoß einige Augenblicke ſtillſchweigend das Vergnü⸗ gen, ſeine älteſten Feinde vor ſich im Staube liegen zu ſehen. Dann ließ er ſie aufſtehen, nannte ſie ſeine Brüder und Söhne und die Lieblinge ſeines Herzens, ſuchte mehrere alte Bekannte auf, mit denen er ſich vertraulich über ſeine Jugendzeit und ihre gemeinſchaftlichen Spiele unterhielt. Er zeigte auf die jungen Leute und ſagte mit thränenden Augen: „Die Zwietracht hat uns ſo lange Jahre von einander ge⸗ trennt, und unterdeß ſind Kinder, die damals kaum geboren waren, zu Männern geworden. Das hat mich des Vergnügens beraubt, die Söhne meiner Nachbarn, meiner alten Jugendfreunde, er⸗ wachſen zu ſehen und ihnen meine Wohlthätigkeit zu beweiſen, bald aber hoffe ich einzuholen, was unſere traurigen Zwiſtigkeiten mich verſäumen ließen.“ 4 Dann machte er Allen glänzende Verſprechungen und lud ſie zu einem Verſöhnungsmahl in der Nähe ein. Die Kardikier waren in einem Dorfe verſammelt, wo das Mahl ſtattfinden ſollte. Ali begab ſich auch dahin, zweimal ritt er rund herum, allein und ſchweigend, dann hielt er plötzlich vor dem Thore an, das man auf ſeinen Befehl verſchloſſen hatte, gab ſeinen Soldaten ein Zeichen, in das Dorf einzudringen, und rief mit Donnerſtimme:„Macht ſie nieder!“ Die Soldaten ſtehen erſchreckt vor Erſtaunen und Entſetzen; der Paſcha wird wüthend und brüllt noch einmal den Blutbefehl. Da werfen ſie mit Un⸗ willen die Waffen von ſich, vergeblich ſind ſeine Anreden, Schmei⸗ 64 cheleien und Drohungen; ein Theil beharrt in dumpfem Schwei⸗ gen, der andere wagt es, um Gnade zu ſchreien. Da beſiehlt er ihnen, ſich zurückzuziehen, und wendet ſich an die Chriſten, die unter ſeinen Fahnen dienen. „Ihr, meine Tapfern,“ rief er,„ſollt jetzt die Feinde meines Stammes vertilgen; rächt mich, ich will Euch fürſtlich belohnen für dieſen Dienſt.“ Ein dumpfes Gemurmel durchläuft die Reihen; Ali glaubt, man berathe über den Preis des Mordes. „Sagt es nur heraus, Ihr ſollt Alles haben, was Ihr ver⸗ langt,“ ruft er ihnen zu. Da tritt der Anführer hervor, lüftet die Mütze ein Wenig und ſpricht mit feſter Stimme:„Ali⸗Paſcha, Deine Worte beleidigen uns, wir ſind es nicht gewohnt, waffenloſe Gefangene niederzu⸗ ſchlagen. Gieb den Kardikiern ihre Freiheit und ihre Waffen zu⸗ rück, dann wollen wir ſie bekämpfen; wir ſtehen in Deinem Solde als Krieger, aber nicht als Henker.“ Das ganze Bataillon bricht in lauten Beifall aus bei dieſen Worten. Ali hält ſich für verrathen und blickt ungewiß und miß⸗ trauiſch um ſich her. Eben iſt ſeine Furcht im Begriff, die Gnade zu erſetzen, als ein gewiſſer Athanaſius Vaja, ein griechiſcher Schismatiker und Günſtling des Paſcha's, für deſſen Baſtard man ihn hielt, an der Spitze der Juga's hervortritt und ſich er⸗ bietet, das Todesurtheil zu vollſtrecken. Ali giebt ihm ſeinen Bei⸗ fall zu erkennen und jagt ſogleich auf einen benachbarten Hügel, um den Anblick der Schlächterei zu genießen. Eine Stunde lang hörte man Gewehrfeuer; dann war Alles ſtill in dem Khane, deſſen Boden nur noch Leichen bedeckten. Ali⸗Paſcha verbot bei Todesſtrafe, ſie zu begraben. Auf das Thor ließ er folgende Inſchrift in goldnen Buchſtaben ſetzen: Hier wurden Kamko, der Mutter Ali⸗Paſcha's, 600 Kardikier geopfert. Die Mörder fielen nach vollbrachter That über die Stadt her, ———— ſchändeten Frauen und Kinder beiderlei Geſchlechts und trieben ſie dann, wie eine Heerde Vieh, nach Libockhovo. Chainitza erwartete ſie triumphirend. Nach der Einnahme Kormorvo's hatte ſie die Frauen gezwungen, ihre Haare abzu⸗ ſchneiden und ihr daraus eine Matratze zu ſtopfen. Dieſe ließ ſie nackt ausziehen, beſchrieb ihnen mit dem Ausdruck des Entzückens auf das Genaueſte, wie man ihre Väter, Gatten, Brüder und Söhne niedergemetzelt, und als ſie ſich genug ergötzt an ihrem Schmerze, übergab ſie dieſelben ihren Soldaten und munterte je⸗ den durch Wort und Geberde zu der ſchamloſeſten Frechheit auf. Zu guter Letzt ſchlitzte ſie einem armen Weibe, welches ſie für ſchwanger hielt, mit einem Raſirmeſſer den Leib auf. Dann ließ ſie in der ganzen Stadt ausrufen, daß es bei Todesſtrafe verboten ſei, den Frauen oder Kindern aus Kardiki Kleider oder Herberge zu geben; ſie habe ſie verdammt, in den Wäldern herumzuwandern und vor Hunger zu ſterben oder von wilden Thieren zerriſſen zu werden. Natürlich ließ Ali bei ſeiner Rückkunft auch die 72 Geißeln niedermachen; ſeine Rache war vollſtändig befriedigt. Aber während er ſo voll teufliſcher Freude die Ruhe eines Tigers genoß, der ſich am Blute geſättigt, jagte eine drohende Stimme ihn mitten in ſeinem Hauſe den tiefſten Schreck ein. Der Scheik Juſſuf, Commandant der Feſtung Janina, welchen die Muſel⸗ männer wegen ſeiner Frömmigkeit für einen Heiligen anſahen, und der wegen ſeiner Herzensgüte und ſeines tadelloſen Wandels von Jedermann geehrt und geliebt wurde, betrat zum erſten Male die prachtvolle Wohnung des Paſcha's. Die Wache ſieht ihn verwun⸗ dert und unbeweglich an, die Frömmſten werfen ſich vor ihm nieder, die Andern gehen, Ali ſeine Ankunft zu melden; aber Niemand denkt daran, den Greis aufzuhalten, der mit abgemeſſenem ruhigem Schritt durch das geräuſchvolle Serail wandelt. Er tritt ohne Weiteres in das Zimmer. Ali war bei all' ſeiner Gottloſigkeit 66 doch ſehr abergläubig und erſchrickt. Er ſpringt auf und geht dem Scheik entgegen, dem die ganze Schaar ſeiner Höflinge folgt, und empfängt ihn mit der größten Achtung, ja er ergreift ſogar ſeine Hand zum Küſſen. Juſſuf zieht ſie aber zurück und giebt ihm ein Zeichen, ſich zu ſetzen. Der Paſcha gehorcht unwillkürlich und erwartet in ängſtlichem Schweigen, daß er ihm den Grund ſeines Beſuches ſagen ſoll. Dieſer befiehlt ihm, ſeinen Worten die größte Aufmerkſamkeit zu ſchenken, und wirft ihm mit ſo viel Kraft ſeine Ungerechtigkeiten, ſeine Räubereien, ſein treuloſes Weſen und die unzähligen grau⸗ ſamen Handlungen ſeines Lebens vor, daß alle Zuhörer in Thränen ausbrechen. Nur Ali blieb ruhig, jedoch niedergeſchlagen; als aber der Scheik ihm den Tod Emineh's vorwarf, da ſprang er erbleichend auf und rief mit dem Tone des Entſetzens: „O, mein Vater, welchen Namen nennſt Du da! Bete für mich, oder ſtoße mich wenigſtens nicht in den Abgrund der Ver⸗ dammniß durch Deinen Fluch!“ „Ich brauche Dir nicht mehr zu fluchen,“ antwortete Juſſuf; „Deine Schandthaten ſchreien laut genug gegen Dich! Gott hört ſte und wird Dich vor ſich rufen, Dich richten und ewig beſtrafen. Zittere, Deine Stunde iſt nahe!“ Er ſagte kein Wort weiter, warf dem Paſcha einen ſchrecklichen Blick zu und ging. Ali ergriff in ſeinem Entſetzen einen Beutel mit tauſend Goldſtücken, lief ihm nach, bot ſie dem Scheik an und bat ihn, ſeine Drohungen zurückzunehmen. Dieſer aber ſetzte ſeinen Weg fort und klopfte an der Schwelle des Palaſtes den Staub von ſeinen Füßen. Ali kehrte traurig und nachdenkend in ſein Zimmer zurück und brauchte mehrere Tage, um ſich von dem tiefen Eindruck dieſes Auftritts zu erholen. Bald zeigte er aber mehr Schaam über die Unthätigkeit, in welche er ſich durch die Vorwürfe des Greiſes —BNNJN—„„—,— 67 auf einige Tage hatte verſetzen laſſen, als Reue, und fing bei der erſten Gelegenheit ſein altes Leben wieder an. Dieſe Gelegenheit gab ihm die Hochzeit Muſtai's, Paſcha's von Scodra, mit der älteſten Tochter Veli⸗Paſcha's, welche man Prin⸗ zeſſin von Aulis nannte, weil ſie ganze Dorfſchaften dieſer Gegend zur Mitgift bekam. Gleich nach dieſer Verbindung begann Ali Feſtlichkeiten zu begehen, deren Vorbereitungen man ſo geheimniß⸗ voll betrieben hatte, wie die zu einem Meuchelmord. Es ſchien, als habe ſich plötzlich der Abſchaum der ganzen Erde über Janina ergoſſen. Das Volk ſuchte ſein Unglück zu übertäuben und gab ſich einem Taumel hin, durch den es die Freude zu er⸗ ſetzen ſuchte. Tag und Nacht dauerten die Bachanalien; Feuer⸗ werke, Geſänge, Geſchrei, Concerte und das Geheul der wilden Thiere, die man dem Volke vorführte, durchbebten zugleich die Luft; große Bratſpieße voll Fleiſch dampften über mächtigen Kohlenfeuern, und an den Tiſchen im Hofe des Palaſtes ſtrömte der Wein. Rohe Soldaten riſſen die Handwerker aus der Werkſtatt und zwangen ſie durch Geißelhiebe, vergnügt zu ſein; ſchmutzige Zigeuner drangen unter dem Vorwande des Befehls des Veziers in die Privatwoh⸗ nungen und ſtahlen mit der größten Frechheit, was ihnen unter die Hände kam. Ali ſah erfreut, wie ſich der Pöbel dieſen groben Vergnügungen hingab, um ſo mehr, da bei dieſer Gelegenheit zugleich ſeine Habgier befriedigt wurde, denn jeder Gaſt mußte am Thor des Palaſtes ein ſeinem Vermögen angemeſſenes Geſchenk darbringen, und vier Soldaten von der Leibwache paßten auf, daß Niemand dieſe Verpflichtung vergaß. Am neunzehnten Tage endlich wollte Ali den Feſtlichkeiten die Krone aufſetzen und ließ mit unerhörter Pracht die Säle in dem Seeſchloſſe ausſchmücken. 1500 Gäſte nahmen um die Tafel Platz, und der Paſcha erſchien im größten Pomp, umgeben von ſeinen Edelſklaven, wie man im Orient die Höflinge nennt, nahm auf einem erhöhten Seſſel Platz und gab das Zeichen zum Anfang der Feſtlichkeiten. Man ergab 68 ſich allen Laſtern und erlaubte ſich die gemeinſten Zeitvertreibe. Schon war Alles berauſcht, alle Leidenſchaften traten in häßlicher Nacktheit hervor, als plötzlich der Lärm aufhört und die Gäſte erſchreckt einer den andern anſehen. An der Thür des Saales ſteht ein bleicher, verwirrter Mann, ſein Blick iſt verſtört, ſeine Kleider zerriſſen und blutig. Alle ſchrecken zuſammen bei ſeinem Anblick. Er tritt vor den Vezier und überreicht eine Depeſche. Ali bricht ſie auf und lieſt ſie raſch durch; ſeine Lippen zucken, er zieht die Augenbrauen zuſammen, und ſeine Stirn faltet ſich ſchreck⸗ lich; vergeblich verſucht er zu lächeln, ſeine innere Bewegung ver⸗ räth ſich; er läßt durch einen Herold anzeigen, daß ſich Niemand in ſeinem Vergnügen ſtören laſſen ſolle, zieht ſich aber ſelbſt zurück. Seit längerer Zeit ſchon hatte Zobeide, die Frau ſeines Sohnes Veli⸗Paſcha, eine heftige Leidenſchaft in ihm entzündet, die er zu befriedigen ſuchte, als ihr Gemahl abgereiſt war. Sie weiſ't ihn mit Unwillen zurück; er aber nimmt zur Liſt ſeine Zuflucht, läßt ihr einen Schlaftrunk beibringen und thut ihr Gewalt an. Die unglückliche Zobeide merkte nicht früher etwas, als bis ſie fühlte, daß ſie Mutter werde. Da verriethen ihr Aeußerungen ihrer Frauen, welche aus Todesfurcht Mitſchuldige des Veziers geworden waren, dunkle Erinnerungen, und einige andere Anzeichen, daß ſie eine Frucht der Blutſchande unter ihrem Herzen trage. Sie wußte nicht, an wen ſie ſich in ihrer Verzweiflung wenden ſollte, ſchrieb an den Urheber ihrer Schmach und beſchwor ihn, ſogleich in den Harem zu kommen. Zobeide warf ſich ihm zu Füßen und konnte kein Wort vorbringen, ſo war ſie überwältigt von ihrem Schmerze; der Paſcha geſtand ſeine Schuld und entſchuldigte ſich mit der Gewalt ſeiner Leidenſchaft. Er beſchwor ſie, ruhig zu ſein und zu iwagen⸗ und verſprach ihr, die Frucht der Schandthat ver⸗ ſchwinden zu machen. So ſehr ſie bat und ſchluchzte, er gab es nicht auf, die Spur ſeines erſten Verbrechens durch ein noch ſchreck⸗ licheres zweites zu vertilgen. 69 Aber ſchon war das Geheimniß verrathen, und Pacho⸗Bey, der in Janina ſeine Spione hielt, erfuhr die ganze Geſchichte. Er⸗ freut, ſeinen Grimm zu befriedigen, erzählte er Alles dem Sohne Ali's. Veli⸗Paſcha gerieth in die ſchrecklichſte Wuth, ſchwur, ſich zu rächen, und bat Pacho⸗Bey um Hülfe, der ſie ihm auch gern zuſagte. Aber Ali war davon benachrichtigt, und er war nicht der Mann, ſich zuvorkommen zu laſſen. Pacho⸗Bey, den Veli zu ſeinem Schwertträger erhoben, wurde bei hellem Tage von ſechs Soldaten aus Ali's Leibwache angefallen, aber man kam ihm noch zur rechten Zeit zu Hülfe. Fünf der Mörder, die man auf fri⸗ ſcher That ergriff, wurden augenblicklich gehenkt; der ſechſte war es, welcher dem Vezier die Depeſche mit der Nachricht von dem Mißlingen dieſes Unternehmens überbrachte. Als Ali noch auf die Mittel dachte, dieſen Sturm zu beſchwö⸗ ren, benachrichtigte man ihn, daß der Brautkranzgevatter, welchen Muſtai, Paſcha von Scodra, geſchickt, um die ihm beſtimmte Gattin zu holen, ſo eben auf dem Weichbilde von Janina ange⸗ kommen ſei. Es war Juſſuf, der Bey von Tebra, ein alter Feind Ali's. Er hatte mit ſeinen achthundert Reitern ein Lager aufge⸗ ſchlagen und wollte, ſo ſehr man ihn bat, die Stadt nicht be⸗ treten, da er irgend eine Schlinge fürchtete; aber Ali mußte nach⸗ geben, da er ſah, daß der Augenblick noch nicht gekommen ſei, ſich dieſes Gegners zu entledigen, und ſchickte ſeine Enkelin, die Prinzeſſin von Aulis, ins Lager hinaus. Jetzt beſchäftigte ihn nur noch die Sorge, jene widerwärtige Familienangelegenheit in Ordnung zu bringen. Zunächſt ſchaffte er ſeine Mitſchuldigen, die Haremsfrauen auf die Seite, ließ ſie durch Zigeuner in Säcke nähen und in den See werfen. Dann führte er ſelbſt die Voll⸗ ſtrecker in die Keller ſeines Schloſſes und ließ ihnen zur Beloh⸗ nung von ſtummen Negerſklaven den Kopf abſchlagen. Darauf wurde, ohne Zeit zu verlieren, ein Arzt in das Zimmer Zobei⸗ dens geführt, der ihr zum Abortiren eingab, und als er aus dem Zimmer trat, von denſelben Stummen erdroſſelt wurde. Nach⸗ dem er ſich ſo alle Zeugen vom Halſe geſchafft, ſchrieb er ſeinem Sohne Veli, er möge ſeine Frau und ſeine beiden Kinder holen laſſen, damit Zobeidens Unſchuld den Verleumder niederſchmet⸗ tere, der es gewagt, den abſcheulichſten Verdacht gegen ſie zu erwecken. Pacho⸗Bey, der eben ſo mißtrauiſch war gegen die Treuloſig⸗ keit des Vaters, als gegen die Schwäche des Sohnes, hatte ſich zum Glück ſchon aus dem Staube gemacht, als dieſer Brief an⸗ kam. Als Ali dies hörte, ward er wüthend und ſchwur, ſeine Nache ſolle ihn verfolgen bis ans Ende der Welt. Zunächſt aber machte er einen Anſchlag auf Juſſuf, den Bey von Tebra, der ihm neulich bei ſeiner Reiſe nach Janina entgangen. Dieſer war ein wegen ſeines Muthes furchtbarer Gegner, und Ali wagte es nicht, ihn offen anzugreifen; aber auch durch Meuchelmord ihn aus dem Wege zu ſchaffen, war keine leichte Sache, denn alle be⸗ deutenden Männer waren längſt außerordentlich auf ihrer Hut. Dolch und Gift hatte er abgenutzt und mußte etwas Neues er⸗ ſinnen. Janina wimmelte von Abenteurern; Einer derſelben bot dem Paſcha ein Pulver zum Verkauf an, von dem drei Körnchen ge⸗ nügend ſeien, mit gewaltiger Erploſion einen Menſchen zu zer⸗ ſchmettern; es war Knallſilber. Ali wollte aber erſt einen Ver⸗ ſuch machen, bevor er es kaufte. In den Gewölben des Seeſchloſſes war eben ein Mönch ge⸗ ſtorben; an ſeiner Leiche verſuchte Ali das Pulver, der Verſuch gelang, alle Glieder waren zerfetzt und verbrannt. Sogleich wurde er Handels einig, ſchrieb einen Ferman, ſiegelte ihn, wie es Ge⸗ brauch iſt, in eine runde Büchſe ein und ſchickte ihn durch einen Griechen, dem der wahre Zweck ſeiner Sendung nicht einfiel, an Juſſuf⸗Bey. Dieſer öffnet ohne Mißtrauen; die Exploſion kracht los und reißt ihm den Arm weg. Bevor er jedoch an ſeiner 2 71 Wunde ſtarb, ließ er an Muſtai, Paſcha von Scodra ſchreiben, um ihn vor einem ähnlichen Unglück zu warnen. Juſſuf's Brief wurde Muſtai in demſelben Augenblick abge⸗ geben, in dem eine ähnliche Uriaspoſt an ihn abgeſchickt war. Man unterſuchte das Päckchen genau und fand das mörderiſche Pulver. Die Mutter Muſtai's beſchuldigte ihre Schnur, und bald verzehrte ein heftiges Gift die Eingeweide der unglücklichen Ageſchah, die unſchuldiger Weiſe das Werkzeug ihres Großvaters geweſen war. Sie war gerade im ſechſten Monat ihrer Schwan⸗ gerſchaft. Das Geſchick, welches den Verſuch Ali's gegen Muſtay Paſcha vereitelt, tröſtete ihn bald dadurch, daß es ihm eine Gelegenheit bot, das Gebiet von Parga anzugreifen, den einzigen Punkt in Epirus, der ſich bisher ihm entzogen, und nach dem er ein gro⸗ ßes Verlangen trug. Agia, ein von Chriſten bewohnter Markt⸗ flecken, hatte ſich gegen ihn aufgelehnt und mit den Bewohnern von Parga verbündet. Dies nahm der Paſcha zum Vorwande, den Angriff zu beginnen. Seine Truppen, von Muktar angeführt, bemächtigten ſich zuerſt der Stadt Agia, wo ſie nur einige Greiſe zu erwürgen hatten, und marſchirten dann nach Parga, wohin ſich die Aufrührer geflüchtet hatten. Nach einigen Vorpoſtenge⸗ fechten drangen ſie in die Stadt ein, und trotz ihrer muthigen Vertheidigung wären die Einwohner unfehlbar unterlegen, wenn ſie nur auf ſich ſelbſt beſchränkt geweſen. Allein die Burg war von Franzoſen beſetzt, unter deren Schutz ſich Parga freiwillig geſtellt hatte. Die franzöſiſchen Grenadiere machten einen Aus⸗ fall, eilten den Griechen zu Hülfe und griffen die Türken ſo wü⸗ thend an, daß dieſe, nach kurzem Gefechte zerſtreut, die Flucht er⸗ griffen, und vier Bim⸗Baſchi's(d. h. Befehlshaber über tauſend Mann) und eine beträchtliche Zahl von Todten und Verwundeten auf dem Schlachtfelde ließen. Das Geſchwader des Paſcha's war nicht glücklicher als ſein 72² Landheer; es ſegelte aus dem ambraciſchen Golf und näherte ſich, um das Blutbad zu unterſtützen und den Bewohnern von Parga die See abzuſchneiden, der Küſte; denn Ali hatte befohlen, alle mehr als Zwölfjährigen über die Klinge ſpringen zu laſſen. Aber einige Salven aus der Citadelle zerſtreuten die Fahrzeuge, und eine von Pachinoten bemannte Barke verfolgte ſie. Bei dieſer Gelegenheit blieb Athanaſius Makrys, der Admiral des Vezier's. Ali wartete in Preveſa geſpannt auf Nachrichten von ſeiner Unternehmung. Ein Courier, der beim Anfange des Gefechtes abgefertigt war, brachte ihm Orangen, die man in den Gärten von Parga gepflückt. Ali warf ihm ſeine volle Börſe zu, und die Ausrufer mußten den Erfolg ſeiner Waffen verkünden. Seine Freude wurde noch größer, als ein zweiter Bote erſchien mit den Köpfen zweier Franzoſen und ihm anzeigte, daß ſeine Truppen in die Unterſtadt von Parga eingedrungen ſeien. Ohne länger zu warten, ließ er ſein ganzes Gefolge zu Pferde ſteigen, warf ſich in ſeine Kutſche und zog im Triumphe längs der römiſchen Heerſtraße hin, welche nach Nikopolis führt. Couriere über Cou⸗ riere ſandte er ab an ſeine Generale; ſie ſollten die Frauen und Mädchen ſchonen, die er für ſeinen Harem beſtimmt, und ſich nichts von der Beute entgehen laſſen, als ganz in der Nähe von Nikopolis ein dritter Tartar ihm die Nachricht von der Niederlage ſeines Heeres überbrachte. Da war er ſo außer ſich, daß er kaum den Befehl zur Um⸗ kehr zu geben vermochte. Als er ⸗in ſeinen Palaſt zurückkehrte, war er ſo wüthend, daß Alles vor ihm zitterte. Plötzlich ſieht er hinaus aus dem Fenſter auf das blaue Meer und erblickt ſeine Flottille, die eben um das Vorgebirge von Pankrator herumſegelt und mit vollen Segeln in den ambraciſchen Golf einläuft. Dicht am Fuße des Serail wirft ſie Anker, und bald meldet man dem BVezier vom Hauptſchiff aus durch das Sprachrohr den Tod fei⸗ nes Nauarchen Athanaſius Makrys.— 92 ———— „Und Parga?“ ruft Ali. „Möge Allah Euer Leben lang ſein laſſen!— Die Parga⸗ nioten ſind diesmal dem Schlage Eurer Hoheit entkommen.“ „Das Schickſal will es,“ murmelte der Vezier, und ſein Haupt ſank auf die Bruſt. Da das Waffenglück nicht günſtig geweſen, beſchloß Ali, zur Liſt und Verrätherei ſeine Zuflucht zu nehmen; diesmal aber ſuchte er, ſtatt ſeine Gegner durch Geld zu beſtechen, ſie durch Theilung zu ſchwächen. Der franzöſiſche Commandant von Parga, Nikolas Pelerin, hatte ſich eine Zeit lang mit einer Abtheilung Kanoniere in Ja⸗ nina aufgehalten und ſich während dieſer Zeit die Achtung und das Wohlwollen des Paſcha's erworben. An dieſen ſchrieb Ali einen Brief, in dem er ihm dankte, ihm ſeine Freundſchaft er⸗ halten zu haben, und ihn zugleich bat, wichtiger Gründe wegen ihm Parga zu übergeben; den Oberbefehl über die Stadt wolle er ihm ſein Leben lang laſſen. Dieſen Brief wußte er den Be⸗ hörden von Parga in die Hände zu ſpielen, die auch ohne Wei⸗ teres in die Falle gingen und glaubten, ihr Gouverneur, der ſchon früher mit Ali Umgang gehabt, wolle ſie verrathen. Die Folge davon aber ſtimmte nicht mit den Erwartungen Ali's; die Parganioten nahmen die Unterhandlungen wieder auf, die ſie frü⸗ her mit den Engländern angeknüpft hatten, da ſie ihre Freiheit lieber einem chriſtlichen Volke opfern, als unter dem Joche eines muhamedaniſchen Statthalters ſeufzen wollten. Sogleich ſchickten die Engländer einen Parlamentair und forderten den Obriſt Nivel auf, den Platz unter ehrenvollen Bedingungen zu räumen. Der Obriſt ſchlug dies Verlangen rund ab und drohte die Stadt in die Luft zu ſprengen, wenn die Einwohner auch nur die geringſte feindliche Bewegung machten. Aber ſchon einige Tage darauf wurde die Citadelle durch die Verrätherei einer Frau genommen, welche eine Abtheilung Engländer einließ. 4. 6 74 In dieſer Zeit hatte ſich eine allgemeine Bewegung der Grie⸗ chen bemächtigt.— Die Bourbonen waren in Frankreich wieder eingeſetzt, und auf dieſes Ereigniß, welches alle Verhältniſſe Europa's umgeſtaltete, bauten die Griechen tauſend Hoffnungen; beſonders zählten ſie auf den Beiſtand Rußlands. Aber ſchon be⸗ gann England mit eiferſüchtigen Augen auf den ſtets wachſenden Einfluß der letztern Macht hinzuſehen, und ließ ſich beſonders viel an dem unverſehrten Fortbeſtehen des türkiſchen Reiches gelegen ſein, auch wünſchte es, daß die griechiſche Marine, welche mäch⸗ tig zu werden begann, wieder zerſtört würde. Darum näherten ſich ſeine Agenten Ali⸗Paſcha. Dieſer hatte ſich noch immer nicht erholt von ſeiner jüngſten Demüthigung und antwortete auf alle Anträge, die ihm gemacht wurden, immer nur:„Ich will Parga, ich will Parga!“ Man mußte es ihm geben. Die Bewohner von Parga vertrauten auf das Wort, welches ihnen General Kampbell gegeben, als ſie ſich ſeinem Schutze an⸗ vertrauten, daß ſie nämlich das Schickſal der joniſchen Inſeln theilen ſollten, und waren glücklich und dankbar, nach ſo vielen Stürmen einer ſchönen Ruhe zu genießen. Da enttäuſchte ſie ein Brief an den Lord⸗Obercommiſſair, der dem Befehlshaber der Stadt, Boſſet, meldete, daß die unglückliche Stadt den Türken übergeben werden ſolle. Ungeachtet des feierlichen Verſprechens, das man den Parganioten gegeben, hatte der großbritanniſche Ge⸗ ſandte 1817 zu Konſtantinopel einen Vertrag unterzeichnet, dem⸗ zufolge Parga und ſein Gebiet an die ottomaniſche Pforte abge⸗ treten wurde. Bald darauf kam Sir John Cartwright nach Janina, um den Verkauf des Eigenthums der Parganioten zu veranlaſſen und mit ihnen über die Bedingungen ihrer Auswan⸗ derung zu unterhandeln. Noch nie hatte etwas Aehnliches die europäiſche Diplomatie geſchändet. Aber Ali⸗Paſcha hatte die eng⸗ liſchen Agenten zu verblenden gewußt, indem er ſie mit Freund⸗ ſchaftsbezeigungen und Feſtlichkeiten überhäufte. Die Parganioten 1 4 1 0 6 73 beklagten ſich auf das Lauteſte über dieſe Treuloſigkeit.„Man kauft uns unſer Eigenthum ab, aber wollen wir es denn verkaufen? Und wenn man uns auch den vollen Werth bezahlte, kann das Geld uns das Vaterland und die Gräber unſerer Ahnen erſetzen?“ Schmach, ewige Schmach auf dieſes ſelbſtſüchtige Krämervolk, das ſo zu ſpielen gewagt mit dem Leben und mit der Freiheit eines Volkes! Schmach, ewige Schmach für England! Anfangs wollten die Parganioten nicht an die Niederträchtig⸗ keit ihrer Beſchützer glauben, bald aber nahm ihnen der Lord⸗ Obercommiſſair jeden Zweifel und machte bekannt, das Heer des Paſcha ſei bereits aufgebrochen, um ihr Gebiet in Beſitz zu neh⸗ men; ſie hätten es bis ſpäteſtens zum 10. Mai zu verlaſſen. Die Ebenen waren gerade mit reichen Saaten bedeckt, und 80,000 Oelbäume, die man allein auf 200,000 Guineen ſchätzte, hingen ganz voller Früchte; aber das ſchöne Land ſchien nur noch von Geſpenſtern bewohnt, die ihre Hände zum Himmel erhoben, oder im Staube knieten. Unglückſeliges Volk! ſelbſt dieſer Staub iſt nicht mehr Dein! Du darfſt keine Frucht, keine Blume mit⸗ nehmen! Deinen Prieſtern iſt es verboten, die Reliquien und Heiligenbilder mit in die Verbannung zu nehmen. Alles iſt durch den Vertrag der Engländer Eigenthum der Muhamedaner geworden; noch zwei Tage, und Ihr müßt abziehen! Jeder malt ſchweigend ein rothes Kreuz auf ſeine Hausthür, die bald der Feind betreten ſoll. Plötzlich ertönt durch alle Gaſſen ein lauter Schrei: man hat die Türken auf den benachbarten Berghöhen bemerkt. Entſetzt und verzweifelnd kniet das Volk vor der heiligen Jungfrau von Parga, der alten Schutzheiligen ihrer Stadt. Es fällt ihnen plötz⸗ lich ein, daß die Engländer doch etwas vergeſſen haben, an die Türken zu verkaufen: die ſterblichen Reſte Derer, die das Glück gehabt, zeitig genug zu ſterben, um Parga's letzten Tag nicht zu erleben. Sogleich ſtürzt Alles nach den Kirchhöfen, bricht die Gräber auf und reißt die Knochen und halbverweſten Leichen her⸗ 6* .76 aus. Die Oelbaͤume werden gefällt, ein mächtiger Scheiterhaufen errichtet, und die Flamme ſchlägt bald zu den Wolken empor. Eine hohe Begeiſterung bemächkigt ſich des Volks, und Niemand hört auf die Befehle des engliſchen Commandanten. Die Parganioten ſtehen, den Dolch in der Hand, von der rothen Gluth beleuchtet, neben dem Scheiterhaufen, welcher die Gebeine ihrer Väter ver⸗ zehrt, und leiſten einen heiligen Eid, Frauen und Kinder zu er⸗ würgen und dann ſich ſelbſt bis auf den letzten Mann zu ermorden, wenn die Ungläubigen vor der beſtimmten Stunde die Stadt be⸗ treten. Durch dieſe großartige Verzweiflung begeiſtert, improviſirt⸗ ein griechiſcher Dichter, Xenokles, ähnlich einem Jeremias auf den Trümmern Jeruſalems, einen Hymnus, der alle Gefühle des ver⸗ folgten Volkes ausdrückt, und den ſie mit lauter Stimme ſingen, ſo daß ſich im Liede ihr Schmerz majeſtätiſch zu den Wolken erhebt. Die Engländer beſchwören ſie, zu warten, und unterhandeln mit den Muhamedanern, welche, ſelbſt in Schrecken geſetzt, den ver⸗ langten Aufſchub bewilligen. Am folgenden Tage, am 9. Mai 1819, gegen Sonnenuntergang verſchwand die engliſche Fahne von den Zinnen Pargas, und nach einer unter Thränen und Gebet hin⸗ gebrachten Nacht warteten die Chriſten auf das Zeichen zur Abreiſe. Man brachte ſie nach Corfu, wo ſie noch tauſend Ungerechtig⸗ keiten zu erdulden hatten. Unter verſchiedenen Vorwänden machte man ihnen Abzüge von dem Gelde für ihr Eigenthum, und die bittere Noth zwang ſie, das Wenige anzunehmen. Der Statthalter von Janina war am Ziele aller ſeiner Wunſche angelangt und hätte ſich nun in ſeinem feenhaften Seeſchloß der Ruhe und Luſt ergeben können. Aber ſchon laſteten 78 Jahre auf ſeinem Nacken, und er fing an, ſchwach zu werden. Er hatte die blutigſten Träume und floh vergebens aus einem der prächtigen Gemächer in das andere: überallhin verfolgten ihn ſeine Gewiſſens⸗ biſſe; immer und immer wieder trat das Bild Emineh's bleich und geſpenſtiſch vor ſeine Seele und führte einen langen Reigen rache⸗ 77 heiſchender Geſtalten aus der Tiefe herauf. Dann verbarg er ſein Geſicht in den Händen und ſchrie verzweifelt nach Hülfe. Zuweilen aber ſchämte er ſich ſeiner Furcht und verſuchte gleichzeitig den Vor⸗ würfen ſeines Gewiſſens und der Meinung des Volkes zu trotzen und ſich ſeiner Verbrechen zu rühmen. Zuweilen hörte er griechi⸗ ſche Verſe auf der Straße ſingen, deren Ironie gegen ihn gerichtet war; dann ließ er wohl den Sänger zu ſich rufen, befahl ihm, ſein Lied zu wiederholen, klatſchte ihm Beifall und erzählte ihm ſogar neue Züge ſeiner Grauſamkeit.„Mach' darauf auch ein Lied,“ ſagte er,„damit man erfährt, was ich Alles zu thun im Stande bin, und ſieht, wie leicht es mir wird, meine Feinde niederzuſchmettern. Nur das thut mir leid, daß ich nicht noch mehr Böſes ausführen kann.“ Zuweilen ſetzte ihn der Gedanke an das jenſeitige Leben in Schrecken. Er konnte nicht an die Ewigkeit denken, ohne von grauenhaften Bildern gefoltert zu werden; ſo ſchauderte er beſon⸗ ders bei dem Namen Alſirad zuſammen, welcher jene Brücke be⸗ zeichnet, die über den flammenden Abgrund der Hölle weg nach dem Paradieſe führt, und über welche jeder Muſelmann gehen muß, obgleich ſie nur ſo breit iſt wie ein Spinnenfaden. Er hütete ſich jetzt, mit Eblis ſeinen Spott zu treiben, und verſank allmälig in den tiefſten Aberglauben, umgab ſich mit Zeichendeutern, Derwi⸗ ſchen, Propheten und ließ ſich allerlei Talismane in die Kleider nähen, um vor den böſen Geiſtern ſicher zu ſein. Er haßte alle Menſchen, und am liebſten hätte er geſehen, daß Niemand ihn überlebte; beſonders that es ihm leid, nicht alle diejenigen hinſchlachten zu können, welche ſich, wie er wußte, über ſeinen Tod freuen würden. Die ihm noch übrige Zeit benutzte er, noch ſo viel Böſes zu thun, als irgend möglich. So ließ er, ohne einen andern Grund, als ſeinen Haß, Ibrahim⸗Paſcha, dem er ſchon ſo viel zu Leide gethan, und deſſen Sohn feſtnehmen und ſperrte ſie Beide in einen 78 Kerker unter der Haupttreppe des Seeſchloſſes, um jedesmal, wenn er in ſeine Gemächer ging oder ſie verließ, das Vergnügen zu haben, über ihren Köpfen zu gehen. Unaufhörlich erfand er neue Todesſtrafen; denn es war ihm nicht genug, jeden zu tödten, der ihm mißfiel: er wollte auch den Anblick bisher unerhörter Qualen genießen. Bald ließ er einen Diener, der weiter nichts verbrochen, als daß er ſich einige Tage ohne Erlaubniß entfernt, an einen Pfoſten binden und ihn unter den Augen ſeiner Schweſter durch eine blos mit Pulver geladene Kanone erſchießen, damit der Todeskampf etwas länger dauere; bald wieder einen Chriſten, den man beſchuldigt hatte, Mäuſen brennenden Zündſchwamm an die Schwänze gebunden und ſie in die Pulverkammer gelaſſen zu haben, um Janina in die Luft zu ſprengen, in den Käfig ſeines Lieblingstigers werfen, damit dieſer ihn zerfleiſche. Uebrigens war ſeine Verachtung gegen die Menſchen ebenſo groß, als ſein Haß, und einem Europäer, welcher ihm ſeine Grauſamkeit gegen ſeine Unterthanen zum Vorwurf machte, gab er zur Antwort: „Ihr kennt nicht die Menſchen, mit denen ich zu thun habe. Während ein Verurtheilter an einen Baum gehängt wird, ſtiehlt ſein Bruder unter der Menge der Zuſchauer, und wenn ich einen Greis verbrennen laſſe, ſo ſammelt ſein Sohn vielleicht die Aſche, um ſie zu verkaufen; dieſe Canaillen können nur durch Furcht ge⸗ bändigt werden, und ich allein kann mit ihnen fertig werden.“ In jedem Jahre ließ er während des Ramaſanfeſtes eine be⸗ trächtliche Summe Almoſen an arme Frauen ohne Unterſchied der Religion vertheilen, wußte jedoch dieſe Wohlthat in eine abſcheu⸗ liche Beluſtigung zu verwandeln. 1 Err beſaß nämlich in Janina mehrere weit von einander ent⸗ fernte Paläſte; jeden Tag ließ er einen derſelben als Ort der Vertheilung bezeichnen. Wenn dann die Frauen eine oder zwei Stunden, der Sonne oder dem Unwetter ausgeſetzt, gewartet hatten, ließ er bekannt machen, daß die Vertheilung bei einem andern Palaſte am entgegengeſetzten Ende der Stadt vor ſich gehen ſolle. Kamen ſie dort an, ſo konnten ſie von Glück ſagen, wenn ſie nach eben ſo langem Warten nicht zum dritten Male weiter ge⸗ ſchickt wurden. Erſchien endlich die Stunde der Austheilung, ſo trat ein Ikoglan, begleitet von einem Dutzend mit Stöcken be⸗ waffneter Albaneſen, einen großen Geldbeutel voll kleiner Münze in der Hand, aus dem Palaſt, und ſtreute eine Hand voll nach der andern unter der Menge aus. Dann entſtand ein ſchauder⸗ hafter Tumult; die Weiber ſtürzten alle zugleich über das Geld her, ſtießen einander um, geriethen ſich in die Haare, zerfleiſchten ſich und ſchrieen vor Wuth und Schmerz. Sogleich miſchten ſich die Albaneſen unter dem Vorwande, die Ordnung wieder herzu⸗ ſtellen, in den Wirrwarr und ſchlugen wie blind mit ihren Knüt⸗ teln darauf los. Der Paſcha ſaß dabei am Fenſter, ergötzte ſich an dieſem ekelhaften Schauſpiel und klatſchte bei jedem Knüttel⸗ ſchlage ſeinen Beifall. Häufig kam es vor, daß dabei mehrere Weiber erſchlagen wurden. Er hatte für ſich und ſeine Familie einige Kutſchen angeſchafft, und allen Andern war es ſtreng verboten, ſeinem Beiſpiel zu folgen. Um beim Fahren nicht gerüttelt zu werden, hatte er das Pflaſter in Janina und den Nachbarſtädten fortſchaffen laſſen; daher gab es im Sommer einen erſtickenden Staub und im Winter einen entſetzlichen Schmutz. Ali war entzückt, wenn er die Leute ſo recht voll Koth ſah, und ſagte oft, wenn er in ſchlechtem Wetter aus⸗ fuhr, zu den ihn begleitenden Officieren!„Welches Vergnügen, fahren zu können, wenn Ihr reiten müßt: Ihr werdet durchnäßt und beſudelt Euch, während ich ruhig im Wagen ſitze, meine Pfeife rauche und Euch auslache.“ Er konnte es nicht begreifen, daß die europäiſchen Fürſten ihre Unterthanen Theil nehmen laſſen an allen Bequemlichkeiten und 80 Vergnügungen, welche ſie ſelbſt genießen.„Wenn ich ein Theater hätte,“ ſagte er,„ſo ließe ich nur meine Kinder hinein; aber dieſe dummen Chriſtenhunde wiſſen nicht, wie ſie ſich zu benehmen haben.“ Allein ein unerwartetes Ereigniß gab dem Satrapen, wie eine Drohung des Schickſals, eine düſtere Vorbedeutung für ſeine Zu⸗ kunft. Das Unglück kommt ſchaarenweiſe, ſagt ſehr kräftig ein türkiſches Sprichwort; auch Ali⸗Paſcha wurde von einem Unglück betroffen. Eines Morgens wurde er plötzlich vom Scheik Juſſf erweckt, der trotz ſeiner Leibwache bis zu ihm gedrungen war.„Da, lies dieſen Brief,“ ſagte er,„Gott, der die Miſſethäter beſtraft, hat Dein Serail in Tebelen in Flammen aufgehen laſſen, und Dein jüngſter Sohn, Dein vielgeliebter Salik⸗Paſcha ſelbſt hat es angeſteckt.“ Ali ſtieg ſogleich zu Pferde und jagte nach Tebelen. Die Ge⸗ wölbe ſeines Palaſtes fand er unverſehrt, und nichts fehlte an dem Silberzeug, an den Juwelen und den funfzig Millionen Livres in Gold, die er in einem Brunnen verwahrt hatte, über welchem ein großer Thurm gebaut war. Er ließ die Aſche durchſieben, um alles geſchmolzene Gold und Silber zu ekhalten, und zuletzt im ganzen Gebiete ſeines Reichs bekannt machen, Gott habe ihn ſei⸗ nes Hauſes beraubt, er beſitze nichts mehr in ſeinem Geburtsort, und lade alle diejenigen, die ihm wohlwollten, ein, ihm Unter⸗ ſtützungen zukommen zu laſſen.* Frünf Tage lang nahm er ſelbſt die gezwungenen Almoſen an, die man ihm von allen Seiten her brachte. Er ſaß mit Lumpen bedeckt an der Thür ſeines abgebrannten Palaſtes; in der linken Hand eine ſchlechte Pfeife, in der rechten eine alte rothe Mütze, die er den Vorübergehenden hinreichte, um Geſchenke zu empfangen. Nachdem die Bewohner Schätze zuſammengetragen, glaubten ſie ſich mit ihm abgefunden zu haben, aber der Paſcha befahl außer⸗ 81 dem noch, ganz Albanien ſolle auf allgemeine Koſten das Serail in Tebelen wieder herſtellen. Dann kehrte er mit ſeinen Schätzen und einigen Frauen nach Janina zurück, welche ſich aus der Feuers⸗ brunſt gerettet hatten, und die er ſeinen Bekannten verkaufte, da er, wie er ſagte, nicht mehr reich genug ſei, um ſo viel Sklaven halten zu können. Bald darauf beſchloß er, gegen Pacho⸗Bey, ſeinen alten Feind, welcher ſich zum Nazir von Drama geflüchtet hatte und deſſen Günſtling geworden war, einen letzten Schlag auszuführen. Aber der gute Stern Ismael' errettete ihn noch einmal vor den Nach⸗ ſtellungen ſeines Feindes. Auf einer Jagdpartie trat ein Kapiſchi⸗ Baſchi an ihn heran und bat ihm zu ſagen, wo der Nazir ſei, er habe ihm eine wichtige Mittheilung zu machen. Da die Kapiſchi⸗ Baſchi's häufig Ueberbringer ſchlimmer Nachrichten ſind, ſo gab ſich Pacho⸗Bey für dieſen aus. Der Abgeſandte des Sultans erklärte ihm darauf, er überbringe einen auf den Antrag Ali's, des Paſcha's von Janina, ausge⸗ ſtellten Ferman. „Ali's von Tebelen? Der iſt mein Freund. Womit kann ich ihm dienen?“ „Durch Vollſtreckung dieſes Befehls, den der Divan giebt, einem Böſewicht, Pacho⸗Bey, welcher ſich ſeit einiger Zeit in Euren Dienſt eingeſchlichen hat, den Kopf abſchlagen zu laſſen.“ „Das will ich wohl thun, aber er iſt ein Mann, deſſen man ſchwer habhaft wird: tapfer, ſtark, gewandt und verſchlagen. Man muß ihn in eine Falle locken. Er kann jeden Augenblick hier ſein. Ich wünſche, daß Dich Niemand ſieht, und daß Niemand ahnt, wer Du biſt. Geh' nach Drama, welches ja nur zwei Stunden von hier entfernt iſt, und erwarte mich dort; ich werde noch die⸗ ſen Abend zurückkehren. Dein Auftrag iſt ſo gut wie ausgerichtet.“ Der Kapiſchi⸗Baſchi gab ein Zeichen, daß er die Liſt verſtehe, und wandte ſich gen Drama.— Ismael fürchtete, der Nazir, wel⸗ 82 cher ihn noch nicht lange kannte, möchte ihn fahren laſſen, und entfloh in entgegengeſetzter Richtung. Nach einer Stunde begegnete er einem bulgariſchen Mönch; mit dieſem vertauſchte er ſeinen An⸗ zug und gelangte unter dieſer Verkleidung glücklich nach Ober⸗ macedonien, wo er ſich unter einem falſchen Namen in ein Kloſter aufnehmen ließ. Nachdem er ſich der Zuverläſſigkeit der Mönche verſichert, gab er ſich denſelben zu erkennen. Ali ließ den Flüchtling verfolgen, und bald wurde ſein Zufluchts⸗ ort entdeckt. Mittlerweile aber hatte ſich die Unſchuld Pacho⸗Bey's erwieſen, und ſein Feind, der keinen zweiten Todesferman aus⸗ wirken konnte, ſtellte ſich, als überlaſſe er ihn ſeinem Schickſal, um deſto beſſer die neue Hinterliſt verbergen zu können, welche er gegen ihn anſpann. Unter einem Vorwande jagte Ali Athanaſius Vaga, ſeinen Haupt⸗ helfershelfer, aus dem Hauſe und ließ ihm ſogar zum Schein einige Stockſchläge geben. Der Verbannte floh wie ein Verfolgter nach Macedonien und ließ ſich in daſſelbe Kloſter aufnehmen, in welchem Pacho⸗Bey war. Dieſem erzählte der Abt die Ankunft des neuen Flüchtlings, aber Pacho⸗Bey ließ ſich nicht täuſchen. Er errieth, daß Athanaſius gekommen ſei, um ihn zu ermorden, und theilte dann ſeine Ver⸗ muthungen dem Abte mit, der ihm zur Flucht nach Konſtantinopel behülflich war. Hier in der Hauptſtadt zeichnete er ſich bald aus und wußte ſeine bedeutenden Talente geltend zu machen. Er beſchloß, ſich an ſeinem unverſöhnlichen Feinde zu rächen. In dieſem Augenblick ſandte ihn der Himmel einen Freund, einen ätoliſchen Chriſten, Namens Paläopulos, der mit ihm einen Bund ſchloß, welcher das ganze Geſchick der Tebelen'ſchen Dynaſtie umſtoßen ſollte. Paläopulos theilte ſeinem Freunde eine Anklageſchrift mit, welche man im Jahre 1812 dem Divan vorgelegt, und welche damals Ali eine Ungnade zuzog, welcher derſelbe nur durch die großen politi⸗ 83 ſchen Ereigniſſe entging, die die Aufmerkſamkeit der Pforte in An⸗ ſpruch genommen. Der Großherr hatte damals bei den Gräbern ſeiner ruhmreichen Ahnen geſchworen, die Strafe zu vollſtrecken, ſobald es möglich ſei; es handelte ſich jetzt nur darum, ihm dies ins Gedächtniß zurückzurufen. Pacho⸗Bey und ſein Freund ver⸗ faßten eine neue Klageſchrift und erwähnten beſonders, da ſie die Habſucht des Sultans kannten, daß Ali durch ſeine Schandthaten und die Unterſchlagungen, welche er ſich gegen den Staatsſchatz erlaubt, unermeßliche Reichthümer zuſammengerafft habe. Wenn man die Rechnungen ſeiner Verwaltungen, ſagten ſie, unterſuche, ſo würde man mehrere Millionen nachgezahlt bekommen. Zugleich verpflichtete ſich Pacho⸗Bey, auf Gefahr ſeines Kopfes, trotz aller Feſtungen und Heere Ali's, mit 20,000 Mann bis vor Janina zu rücken, ohne einen Schuß Pulver zu verbrauchen. So wohl angelegt dieſe Pläne auch ſchienen, waren ſie doch nicht nach dem Geſchmack der Miniſter Sr. Hoheit, welche jährlich von dem Verklagten bedeutende Summen erhielten. Auch fand man es bequemer, die Schätze Ali's auf dem Wege der Erbſchaft an ſich zu bringen, als ſie erſt durch einen Kriegszug zu erobern. Man ſchenkte daher dem Eifer Pacho⸗Bey's allen möglichen Beifall, gab ihm aber nur ausweichende und zuletzt ganz abſchlägige Antworten. Unterdeß ſtarb Paläopulos, nachdem er noch ſeinen Freunden auf dem Sterbebette den herannahenden Aufſtand Griechenlands prophe⸗ zeit und Pacho⸗Bey aufgemuntert hatte, ſeine Rachepläne zu ver⸗ folgen, da ihm Ali doch endlich unterliegen müſſe. Ali war jetzt in der That ein regierender Fürſt geworden, und nur der Titel fehlte ihm noch. Ihm wurden die ärgſten Schmei⸗ cheleien gemacht, ſogar von chriſtlichen Schriftſtellern. So druckte man in Wien ein Gedicht zu Ehren Ali's, und eine franzöſiſch⸗ griechiſche Grammatik, in der ihm die Titel„Großmächtigſter und Allergnädigſter“ beigelegt waren. Die Hauptſtützen ſeiner Macht waren alle möglichen Abenteuerer, Seeräuber, Falſchmünzer, Rene⸗ 84 gaten und Mörder. Dieſe ſuchte er an ſich zu feſſeln, als die Männer, deren Hülfe er einſt bedürftig ſein könne; denn ſo ſehr ihn das Glück begünſtigte, war er doch nicht blind für das Ge⸗ fährliche ſeiner Stellung.„Ein Vezier,“ ſagte er oft,„iſt ein Mann, der in fürſtlicher Pracht auf einem Pulverfaſſe ſitzt, und der durch ein Fünkchen in die Luft geſprengt werden kann.“ Bald fanden ſeine Feinde eine günſtige Gelegenheit, ihm einen empfindlichen Schlag beizubringen. Veli⸗Paſcha hatte die Auf⸗ lagen in Theſſalien verfünffacht und dabei ſo viel Grauſamkeiten begangen, daß die Bewohner in großer Menge auswanderten. Der Sultan wagte es noch nicht, die Familie Tebelen offen zu beſtrafen; doch aber ſchickte er Veli als Paſcha nach Lepanto, einem ſehr unbedeutenden Poſten, und dieſer mußte gehorchen, ſo unzu⸗ frieden er damit war. Jetzt glaubte Ali, in der Perſon ſeines mächtigſten Sohnes verletzt, ſeine Feinde durch einen Gewaltſtreich erſchrecken zu müſſen, und ſchickte drei Albaneſen nach Konſtanti⸗ nopel, um Pacho⸗Bey zu ermorden. Dieſe ſchoſſen auf ihn, als er eben in die Sophienmoſchee treten wollte, und trafen ihn auch, aber die Wunden waren nicht tödtlich. Sie wurden auf friſcher That ergriffen, und nachdem ſie geſtanden, daß der Paſcha von Janina ſie abgeſchickt habe, vor dem kaiſerlichen Palaſt aufgehängt. Jetzt ſah der Divan endlich ein, daß man Ernſt mit Ali machen müſſe, erklärte ihn für abgeſetzt und ließ ihn durch den Mufti ercommuniciren. Ali vertraute auf ſein Glück und glaubte, er würde ſich auch jetzt aus der Schlinge ziehen können. Aber ſeine beträchtlichen Geſchenke, die er nach Konſtantinopel ſchickte, waren eben ſo un⸗ nütz, als die Bittſchriften, die Niemand zu überreichen wagte, weil der Sultan befohlen, Jedem den Kopf abſchlagen zu laſſen, der ihm von Ali Tebelen zu ſprechen wage. Auch der Lord⸗Obercommiſſär Maitland wollte jetzt, da das Glück ihm den Rücken gewandt, nichts von ihm hören und ließ ihn nicht einmal vor ſich, als Ali ihm ein Bündniß mit England anzutragen kam. Der Sultan ließ ein Geſchwader ausrüſten, welches mit Lan⸗ dungstruppen nach Epirus ſegeln ſollte. Alle benachbarten Paſcha's hatten Befehl, gegen Ali zu marſchiren, der aus dem Verzeichniß der Veziere ausgeſtrichen wurde. Pacho-Bey wurde zum Paſcha von Janina und Delvino ernannt und erhielt den Oberbefehl über das Heer. Trotz aller dieſer Anſtalten waren zwei Monate ſpäter noch nicht zehn Soldaten zuſammengebracht, um nach Albanien zu marſchiren, da der Ramaſan in dieſem Jahre erſt am 10. Juli zu Ende ging. In dieſer Zeit hätte Ali vielleicht dem türkiſchen Reich den Todesſtoß beibringen können, wenn er ſich offen an die Spitze der Empörung geſtellt, die in Griechenland zu gähren be⸗ gann. Schon im Jahre 1808 hatten die Hydrioten ſeinem Sohne Veli, der damals Paſcha von Morea war, angeboten, ihn zu ihrem Fürſten zu machen und mit aller Kraft zu unterſtützen, wenn er die Inſeln des Archipels für unabhängig erklären wolle. Die Moraiten waren Ali's Feinde erſt geworden, als er ihnen abgeſchlagen, ihre Befreiung zu unterſtützen, und würden ſogleich zu ihm getreten ſein, wenn er darin eingewilligt hätte. Er erließ einen Aufruf an alle Waffenfähigen in ganz Albanien, ohne Unterſchied der Religion, und wirklich liefen Chriſten und Muſelmänner, durch die Hoffnung auf beträchtliche Beute und großen Sold, ſeinen Fahnen ſchaarenweiſe zu. Bevor es noch zu Kämpfen kam, richteten ſeine Truppen überall die größten Verwüſtungen an. Als ſich die Griechen darüber in Konſtantinopel beklagten und um Hülfe baten, gab man zur Ant⸗ wort, ſie möchten ſich ſelbſt helfen und gegen den Empörer Ali die Waffen ergreifen. Das ließ man ſich nicht zweimal ſagen, und bald war ganz Hellas unter den Waffen, vom Pindus bis zu den Thermopylen. 86 Ali's Freunde riethen ihm, dieſe Bewegung zu ſeinen Gunſten zu wenden; die Griechen, ſagten ſie, warten nur auf einen An⸗ führer; er ſolle ſich anbieten, den Oberbefehl zu übernehmen. Zwar ſeien ſie gegen ihn erbittert, aber dies Gefühl werde ſich ändern; er dürfe ſie nur hoffen laſſen, daß er zum Chriſtenthum übertreten und ſie befreien wolle. Sogleich verſammelte Ali die bedeutendſten Muſelmänner und Chriſten ſeines Gebiets; die verſchiedenſten Leute ſahen ſich bei ihm vereinigt und waren ſelbſt darüber erſtaunt. Ali ſelbſt ſchämte ſich der Rolle, die er vor ihnen ſpielen mußte, und entſchloß ſich erſt nach langem Zögern, ihnen folgende Anrede zu halten: 3 „Ihr Griechen,“ ſagte er, ſich zuerſt an die Chriſten wendend; „wer meine Handlungsweiſe vorurtheilsfrei unterſuchen will, der wird überall die Beweiſe finden, daß ich Euch ſtets mit Vertrauen und Achtung behandelt habe. Welcher andere Paſcha iſt je ſo mit Euch umgegangen, wie ich? Wer iſt Euren Prieſtern ſo ehrfurchts⸗ voll begegnet, als ich? Ihr nehmt eine Stelle ein in meinem Rath, und ſowohl Polizei als Verwaltung habe ich in Eure Hände ge⸗ geben. Doch ich bin weit entfernt, es ableugnen zu wollen, daß ich den Griechen auch manches Uebel zugefügt; aber dann geſchah es immer nur, weil ich dem treuloſen und grauſamen Befehle der hohen Pforte gehorchen mußte. Ich ſelbſt muß mich in mancher Beziehung verdammen und beklage die Fehler, die meine traurige Stellung mich begehen ließ; aber ich laſſe es nicht bewenden bei der Reue, ſondern habe bereits verſucht, mein Unrecht wieder gut zu machen. So habe ich längſt eine große Anzahl Sulioten in meinen Dienſt gerufen, und die, welche meiner Einladung gefolgt ſind, nehmen die bedeutendſten Stellen ein; Allen, welche geflüchtet waren, habe ich geſchrieben, ſie ſollten zurückkehren, und ſie wer⸗ den meiner Einladung folgen. Bald werden alle Sulioten in dem Lande ihrer Ahnen ſein und mit Euch zugleich unter meinen Fahnen 87 die Osmanen bekämpfen. Ihr Biſchöfe und Prieſter des Propheten Iſſa, ſegnet die chriſtlichen Waffen, ſegnet Eure Kinder! Euch, Ihr Primaſſe, ſei die Sorge anvertraut, Cuer Recht zu vertheidi⸗ gen und die tapfere Nation anzuführen, mit welcher ich mich ver⸗ bünde.“ Dieſe Rede brachte eine ſehr verſchiedene Wirkung hervor. Der Hauptmann der Mirditen, derſelbe, welcher ſich einſt geweigert, die Kardikier zu tödten, erklärte, daß weder er, noch die Schype⸗ taren jemals gegen den Sultan dienen würden. Andere ſchrieen. „Es lebe Ali⸗Paſcha, der Wiederherſteller der Freiheit!“ Trotzdem gelang es ihm doch nur halb, die Bevölkerung für ſich zu gewinnen, und bald begann ſeine Lage bedenklich zu wer⸗ den, da mittlerweile das Heer des Sultans aufgebrochen war und Parga erobert hatte. Bei dieſer Gelegenheit wurde Mehemed, der älteſte Sohn Veli's, Ali's Enkel, gefangen genommen. Bald darauf traf noch ſchlimmere Nachricht ein. Omer Briones, den Ali vor Zeiten einmal ausgeplündert und dem er jetzt den Ober⸗ befehl gegeben hatte, war mit dem ganzen Heere zum Feinde über⸗ gegangen. Jetzt beſchloß er, Janina zu zerſtören, weil die Stadt dem Feinde eine ſichere Zuflucht und Belagerungsmittel für die Citadellen gegeben hätte, in die er ſich zurückziehen wollte. Sein Beſchluß wurde bekannt gemacht, und die Bewohner Janinass be⸗ eilten ſich, von ihrem Hab und Gut ſo viel als möglich in Sicher⸗ heit zu bringen. Aber noch waren ſie lange nicht damit fertig, als Ali den treugebliebenen Albaneſen die Erlaubniß zur Plünde⸗ rung gab. Plötzlich hört man einen furchtbaren Knall, und ein Hagel von Bomben, Granaten und congreviſchen Raketen zerſtört die Häuſer und ſetzt ſie in Brand. Ali ſaß auf der Plattform ſeines Seeſchloſſes, welches gleich einem Vulkane das Feuer aus⸗ ſpie, leitete die Artillerie und gab die Gebäude an, die man in Brand ſtecken ſolle. Noch rauchten Janina's Ruinen, als Pacho⸗Bey ſeinen Ein⸗ 88 zug hielt. Ali vernahm von ſeinen Zinnen das Jubelgeſchrei der Türken, welche ihn als neuen Paſcha begrüßten, ihn, der früher ſein Diener geweſen war. Ingrimm und Verzweiflung zehrten an ſeinem Leben, und ſeine Augen, auf die kein Schlaf herniederſank, floſſen beſtändig von Thränen über. Er wollte keine Nahrung mehr zu ſich nehmen, und ſieben Tage lang ſaß er mit ungekämmtem Bart und in Trauerkleidern auf einer Strohmatte an der Thür ſeines Vorzimmers, ſtreckte bittend ſeinen Soldaten die Hände entgegen und beſchwor ſie, ihn lieber zu tödten, als zu verlaſſen. Dieſe ſtellten ihm vor, daß ihre Sache auf das Innigſte an die ſeine gekettet ſei, da Pacho⸗Bey erklärt, daß alle Anhänger Ali's als Hochverräther mit dem Tode beſtraft werden ſollten. Man machte ihn ferner darauf aufmerkſam, daß die Jahreszeit ſchon vorgerückt ſei, der Feind ſeine Belagerungsartillerie in Konſtan⸗ tinopel vergeſſen und ſie vor Ende Oectober nicht herbeiſchaffen könne. Dann beginne ja die Regenzeit, und ſchwerlich würde die Armee den Winter über in einer ganz zerſtörten Stadt, wo ihr bald die Lebensmittel ausgehen müßten, aushalten können, viel⸗ mehr bald gezwungen ſein, ſich in entfernten Gegenden einzu⸗ quartieren. Dieſe Vorſtellungen, beſonders aber die ſchmeichelnde Beredtſamkeit Vaſiliki's, der ſchönen gefangenen Chriſtin, welche ſeine Gattin geworden, ermuthigten ihn bald wieder. In derſelben Zeit bewies ſeine Schweſter Chainitza einen ſtau⸗ nenswerthen Muth. Trotz aller Warnungen war ſie darauf beſtan⸗ den, in ihrem Schloß Libockhovo zu bleiben. Die ganze Bevöl⸗ kerung der Umgegend, welche ſie unaufhörlich mißhandelte, verlangte ihren Tod, aber Niemand wagte es, ſie anzugreifen, denn in ihrem Aberglauben wähnten ſie, ſie werde beſchützt von dem Geiſt ihrer Mutter, mit welchem ſie geheime Zuſammenkünfte habe. Die drohende Geſtalt Kamko's, ſagte man, ſei mehreren Bewohnern Tebelens erſchienen; man wollte ſie haben wühlen ſehen unter den Gebeinen der 600 Kartikier und gehört haben, daß ſie neue Opfer 89 verlange. Das Verlangen nach Rache hatte einige Männer bewegt, dieſen unbekannten Gefahren Trotz zu bieten, aber zweimal waren ſie von einem ſchwarzgekleideten Reiter aufgehalten, der ihnen verboten, ihre Hand zu beflecken an einem ſo gottesläſterlichen Geſchöpf, deſſen Beſtrafung ſich der Himmel ſelbſt vorbehalten, und beide Male waren ſie wieder umgekehrt. Bald ſchämen ſie ſich ihrer Furcht und verſuchen einen andern Angriff. Diesmal erſcheint der geheimnißvolle Reiter nicht, ihnen den Weg zu vertreten, und ſchon jauchzen ſie freudig auf, ihre Nache endlich befriedigen zu können. Wie Jäger klettern ſie zu dem Schloß empor, um es zu überrumpeln; ſchon ſind ſie an dem äußeren Thore und wollen es eben einſchlagen; aber plötzlich ſpringt es von ſelbſt auf, und Chainitza ſteht dahinter, Piſtolen im Gürtel, eine Büchſe im Arm, aber ohne eine andere Begleitung, als die zweier großer Doggen. „Haltet ein, ihr Verwegenen,“ ruft ſie,„weder mein Leben, noch meine Reichthümer ſollen jemals in Eure Hände gerathen.. Thut Einer von Euch, ohne meine Erlaubniß, auch nur einen Schritt, ſo kracht das Schloß ſammt dem Boden, auf dem Ihr ſteht, in die Luft, denn 10,000 Pfund Pulver, die ich im Augen⸗ blick entzünden kann, liegen in den Kellern. Weicht augenblicklich zurück und ſtört in Zukunft nicht meine Ruhe, denn ich ſage es Euch, ich habe noch andere tödtliche Helfershelfer in meinen Dien⸗ ſten, als das Pulver. Ich mache mir nichts aus dem Leben, ver⸗ geßt das nicht, und wenn ich wollte, Eure Gebirge könnten leicht noch einmal das Grab Eurer Frauen und Kinder ſein.“ Sie ſchweigt, und Alle fliehen entſetzt von dannen. Einige Zeit darauf verbreitete ſich die Peſt im Gebirge. Chainitza hatte angeſteckte Kleider an Zigeuner vertheilt. 5 „Wir ſind von Einem Blut!“ rief Ali ſtolz, als er hiervon hörte, und von dieſem Augenblick an ſchien er ſeinen alten Muth und das Feuer ſeiner Jugend wieder gewonnen zu haben. Als man 4. 7 90 ihm einige Tage ſpäter die Nachricht brachte, daß Muktar und Veli, verführt von den glänzenden Verſprechungen Pacho⸗Bey's, Preveſa und Argyro⸗Kaſtro geräumt, antwortete er kaltblütig:„Das wundert mich gar nicht, denn ich weiß längſt, daß ſte unwürdig ſind, meine Söhne zu heißen, und von jetzt an habe ich keine andern Kinder, keine andere Erben mehr, als die Vertheidiger meiner Sache.“ Als es ſpäter einmal hieß, ſie ſeien enthauptet, ſagte er ruhig:„Das haben ſie verdient, da ſie ihren Vater verriethen; wir wollen nicht mehr von ihnen ſprechen.“ Eine bedeutende Anzahl Sulioten waren zum Heere des Sultans geſtoßen, um zu dem Sturze deſſen mitzuwirken, der einſt ihr Vater⸗ land verwüſtet. Ihr Lager, welches Ali lange Zeit mit ſeinem Feuer verſchonte, wurde eines Tages mit Bomben wie überſäet. Anfangs ſind ſie ſehr erſchrocken, bald aber nehmen ſie wahr, daß keine ein⸗ zige platzt; das ſetzt ſie in deroundernng: ſie unterſuchen ſie und finden ſtatt der Füllung einen hölzernen Cylinder, auf dem geſchrie⸗ ben ſtand:„Oeffnet vorſichtig!“ Ein Brief Ali's war in dem Cylin⸗ der, ein wahres Meiſterſtück von Macchiavellismus. Zunächſt recht⸗ fertigte er ſie, daß ſie die Waffen gegen ihn ergriffen, dann benach⸗ richtete er ſie, daß er ihnen einen Theil der Löhnung überſende, welche ihnen der Verräther Ismael vorenthalte. In den Bomben fänden ſie 6000 Seckel; ſie möchten ihm in der Nacht Jemand zu⸗ ſchicken, mit dem er ſprechen könne, und, wenn ſie auf ſeine Vor⸗ ſchläge eingingen, drei Feuer anzünden. Als Ali das abgemachte Zeichen bemerkte, ſchickte er aus ſeinem Seeſchloß eine Barke, die einen griechiſchen Mönch, das geiſtliche Oberhaupt der Sulioten, zu ihm brachte. Ali empfing ihn auf das Zuvorkommenſte, verſicherte ihn ſeiner Achtung für die griechiſchen Befehlshaber und übergab ihm ein Papier, das derſelbe mit Ent⸗ ſetzen las. Es war eine Depeſche Kaled⸗Efendi's an den Seraskier Ismael, welche Ali aufgefangen hatte und die den Befehl enthielt, alle waffenfähigen Chriſten zu tödten. Die männlichen Kinder, ſagte der Brief, ſollen beſchnitten und zu türkiſchen Soldaten er⸗ „ 91 zogen werden. Dann ſprach er ſich über das Verfahren aus, wel⸗ ches man gegen die Sulioten und überhaupt gegen die griechiſchen Bewohner des Feſtlandes und der Inſeln einzuſchlagen habe. Als Ali bemerkte, welchen Eindruck die Depeſche auf den Moͤnch machte, verſicherte er ihm, ſeine Abſicht ſei, Griechenland wieder ein politiſches Daſein zu geben, machte ihm die vortheilhafteſten Vorſchläge und verlangte nur, daß die Sulioten ihm einige Kin⸗ der ihrer Anführer als Geißeln auslieferten. Dann ließ er den Mönch wieder nach dem Lager zurückbringen. Am folgenden Tage ruhte Ali's Haupt im Schooße Vaſtliki's, als man ihm meldete, daß der Feind gegen die unter den Ruinen von Janina errichteten Verſchanzungen anrücke, die Vorpoſten bereits zurückgeſchlagen ſeien und die Wuth der Angreifenden alle Hinder⸗ niſſe überwinde. Sogleich befiehlt Ali, man ſolle ſich zu einem Ausfall bereit machen, den er ſelbſt anführen wolle. Bald ſinkt die Zugbrücke, und die Belagerten rücken in Maſſen aus. Ali ſtellt ſich auf einen hohen Punkt, ſpäht mit Adlerblicken nach den An⸗ führern der Feinde und ſchießt mit eigener Hand mehrere derſelben nieder. Er beſaß eine vortreffliche Kugelbüͤchſe, die er im Jahre 1806 von Napoleon geſchenkt bekommen, und jeder ſeiner Schüſſe ſtreckte einen Feind nieder. Vor ihm dagegen ſchienen die Kugeln wie behert auszuweichen, obgleich man von allen Seiten her nach ſei⸗ nem Standpunkt ſchoß. Bald gerathen die Truppen des Seraskiers in Unordnung, und er zieht ſich eilig zurück. Unterdeß hatten die Sulioten Abgeſandte an Ismael geſchickt, um demſelben aufrichtig gemeinte Anerbietungen zu machen und ſich die Rückkehr in ihr Vaterland auf geſetzlichem Wege auszuwirken. Da ſie aber der Seraskier mit der größeſten Verachtung behan⸗ delte, entſchloſſen ſte ſich endlich, mit Ali gemeinſchaftliche Sache zu machen. Nur in Betreff der Geißeln ſchwankten ſie noch und verlangten von Ali als Gegengeißel Huſſain⸗Paſcha, ſeinen Enkel. Nachdem Ali viele Schwierigkeiten gemacht, willigte er endlich ein, 7* 92 und der Vertrag wurde abgeſchloſſen. Mitten in der Nacht ver⸗ ließen ſie das Lager und gingen zu Ali über. Ueberall ſah man jetzt die Vorzeichen eines allgemeinen Aufſtandes; man hörte von Wundern, von Erſcheinungen, und alle Muhamedaner wurden von der Idee beunruhigt, daß die letzte Stunde ihrer Herrſchaft über Griechenland gekommen ſei. Zugleich war ein anderer für Ali günſtiger Umſtand eingetreten: man hatte nämlich Ismael⸗Paſcha ab⸗ gerufen und Kurſchid⸗Paſcha den Oberbefehl über das Heer gegeben. Sogleich ſchickte Ali an dieſen einen Botſchafter, um ihn für ſich gün⸗ ſtig zu ſtimmen. Die Sulioten hatten Ali benachrichtigt, daß der Sultan ihnen höchſt vortheilhafte Anerbietungen gemacht, um ſie für ſeinen Dienſt zu gewinnen, und verlangten von ihm dringend die Citadelle Kiapha, welche Suli beherrſchte und die er ſich vorbehalten hatte. Er ant⸗ wortete ihnen, er beabſichtige am 26. Januar früh das Lager Pacho⸗ Bey's anzugreifen, und lud ſie ein, I beſem Angriff Theil zu nehmen. Sie ſollten bei Nacht in das Thal von Janina hinab⸗ ſteigen und eine beſtimmte Stellung einnehmen. Das Wort, woran ſie ſich erkennen wollten, ſei„Fluri.“ Im Fall des Gelingens verſprach er alle ihre Wünſche zu erfüllen. Ali's Brief wurde aufgefangen und fiel Ismael in die Hände, der ſogleich beſchloß, den Feind in ſeinem eigenen Netze zu fangen. Am folgenden Morgen macht Ali einen Ausfall und erobert gleich beim erſten Angriff eine Batterie von ſechs Kanonen. Da reitet ihm der Ober⸗Imam des Heeres entgegen in ſeinem vollen Ornat, auf einem reichgeſchmückten Maulthier ſitzend, und ruft laut den Fluch aus gegen Ali, welchen ſchon der Mufti ausgeſprochen. Ein abergläubiſcher Schreck bemächtigt ſich der muhamedaniſchen An⸗ hänger Ali's, und ſie wären geflohen, wenn nicht ein franzöſiſcher Abenteuerer auf den Imam losgegangen und ihn niedergeworfen hätte. Als dies die Feinde ſahen, glaubten ſie, Ali ſelbſt müſſe gegen ſie kämpfen, und flohen beſtürzt in ihr Lager zurück. 93 Unterdeß hatte ſich Ali Tebelen nach der Seite hin begeben, wo er die Sulioten erwartete, und ſich mitten unter Ruinen aufgeſtellt, um den Anbruch des Tages zu erwarten. Als er auf die Nachricht von der Erſtürmung der Batterie vorrückt, bemerkt er in einiger Entfernung ein Lager, welches er für das der Sulioten hält. Er läßt den Anführer der Mirditen mit 25 Mann vorrücken; dieſer ſchwenkt, als er nahe genug iſt, um gehört zu werden, eine weiße Fahne und ruft: man möge herauskommen und die Parole geben. Ein Officier vom Heere des Sultans tritt hervor und ruft„Fluri.“ Sogleich ſchickt der Anführer der Mirditen an Ali und läßt ihm ſagen, er könne näher kommen; er ſelbſt begiebt ſich mit ſeinen Leuten in das Lager und alle werden niedergehauen. Ali rückt vor, aber vor⸗ ſichtig, da es ihn beunruhigt, jene Abtheilung nicht wiederkommen zu ſehen. Plötzlich hört er rings um ſich her Schlachtgeſang und ein heftiges Gewehrfeuer aus den Weingärten und Gebüſchen; er merkt, daß man ihn in einen Hinterhalt gelockt. Omer⸗Paſcha greift ſeine Vorhut an, welche ſich verrathen glaubt und ſogleich ausreißt. Zu gleicher Zeit ſtürzen die Feinde von den Gebirgen herunter, und bald ſieht er ſich von allen Seiten umzingelt. Er glaubt, ſeine Stunde ſei gekommen, und beſchließt, ſein Leben theuer zu verkaufen. Er läßt Feuer an ſeine Pulverwagen legen; ſie ſpringen in die Luft und richten eine unbeſchreibliche Verwir⸗ rung an, während deren es Ali gelingt, ſich unter die Kanonen ſeines Schloſſes Litharitza zurückzuziehen. Unterdeß hatten die Seinigen die zweite Batterie erobert und griffen das verſchanzte Lager an, in welchem der Seraskier Ismael ihm ſo geſchickt zu widerſtehen wußte, daß ſie die Bewegung hin⸗ ter ihrem Rücken nicht merkten. Ali erräth ſeine Abſicht und ver⸗ ſucht, Omer⸗Paſcha am Vordringen zu hindern. Er muthigt die Flüchtigen auf, die ihn ſchon von Weitem an ſeinem ſcharlach⸗ rothen Dolman, an dem ſchönen Schimmel, den er reitet, und an dem furchtbaren Geſchrei, das er ausſtößt, erkennen. Auf dem 94 Schlachtfelde hatte der merkwürdige Mann ſeine Kraft und Kühn⸗ heit der Jugend erlangt. Wohl zwanzigmal führt er ſeine Soldaten zum Angriff und eben ſo vielmal wird er zurückgeſchlagen. Das Schickſal iſt gegen ihn. Bald ſehen ſich ſeine Soldaten, welche das verſchanzte Lager angreifen, zwiſchen zwei Feuern eingeengt, und er kann ſie nicht befreien. Er ſchäumt vor Wuth, er droht ſich allein mitten in die Feinde zu werfen, aber die Soldaten er⸗ klären, ſie würden ihn feſtnehmen, wenn er ſich noch länger allen Gefahren ausſetzte, wie ein gemeiner Soldat. Er wird von ihnen mit fortgeriſſen in ſein Seeſchloß, ſein ganzes Heer geräth in die vollſtändigſte Verwirrung und ergreift die Flucht. Aber auch durch dieſe Niederlage ließ er ſich nicht entmuthigen und ſetzte noch ganz Griechenland von ſeinem Aſyl aus in Bewegung. Der Aufſtand, den er erregt hatte, ohne ſeine Folgen zu ahnen, verbreitete ſich mit reißender Schnelligkeit, und alle Muſelmänner fingen ſchon an zu zittern, als Kurſchid⸗Paſcha an der Spitze von 25,000 Mann in Janina eintraf. Kaum war ſein Zelt aufge⸗ ſchlagen, als Ali ihn durch 21 Kanonenſchüſſe begrüßen ließ und ihm durch einen Parlamentaire einen glückwünſchenden Brief über⸗ ſchickte. Dieſer ſchlau und einſchmeichelnd geſchriebene Brief mußte auf Kurſchid einen großen Eindruck machen. Ali ſchrieb, nur die unverſchämten Lügen eines ſeiner ehemaligen Diener, Pacho⸗Bey, hätten ihn gezwungen, nicht der Macht des Sultans, vor der er ſein von Sorgen und Jahren gebeugtes Haupt gerne neige, ſondern den treuloſen Ränken ſeiner Räthe Widerſtand zu leiſten; in ſei⸗ nem Unglücke müſſe er ſich noch glücklich ſchätzen, jetzt mit einem Vezier zu thun zu haben, der überall rühmlichſt bekannt ſei. Dann ſetzte er hinzu, daß ſeine ſeltenen Verdienſte freilich nicht gehörig geſchätzt werden könnten von einem Divan, welcher nur nach der Größe der Beſtechungen über Jedermann urtheile. Wie hätte man ſonſt ihn, Kurſchid⸗Paſcha, den Vicekönig von Aegypten, den Beſie⸗ ger der Mamelucken, ohne Grund abrufen können? Warum habe — + 9³ man ihn nach dem unbedeutenden Poſten Salonichi geſchickt? Er habe doch als Großvezier den Frieden in Serbien hergeſtellt. Aber ſtatt ihm die Verwaltung dieſes Königreichs anzuvertranen, ſei er ſchnell nach Aleppo geſandt, um dort einen armſeligen Aufſtand der Emire und Janitſcharen zu unterdrücken, und jetzt müſſe er wieder gegen einen Greis die Waffen ergreifen. Der Seraskier antwortete ihm freundſchaftlich, ließ den mili⸗ tairiſchen Gruß, die 21 Kanonenſchüſſe erwidern, und in ſeinem Lager verbieten, einen furchtloſen und tapferen Mann, wie den Löwen von Tebelen, ferner mit dem Namen eines Excommunieirten zu brandmarken. Zugleich bewilligte er ihm den Titel Vezier und zeigte an, er ſei nur als Friedensſtifter nach Epirus gekommen. Kurſchid's Spione hatten Briefe unterſchlagen, die Alerander Ypſilanti an die Anführer der Griechen in Epirus geſchrieben hatte, und in denen er ſie aufforderte, Ali⸗Paſcha in ſeinem Aufſtande gegen die Pforte zu unterſtützen, ſich aber ſo mit ihm zu ſtellen, daß ſie ſich jeden Augenblick wieder los machen könnten. Beſonders ſoll⸗ ten ſie ihr Augenmerk darauf richten, ſich ſeiner Schätze zu bemächti⸗ gen, die ſich zur Befreiung Griechenlands vortrefflich verwenden ließen. Kurſchid überſchickte Ali dieſe Briefe, und dieſer beſchloß, als er ſie geleſen, ſich ſeinerſeits der Griechen nur zu bedienen, um ſie ſeinen Zwecken zu opfern und, wenn er dieſe erreicht, an ihrer Treuloſigkeit glänzende Rache zu nehmen. Zu gleicher Zeit hörte Ali von der Aufregung der europäiſchen Türkei, von den Hoff⸗ nungen der Chriſten und von dem zu erwartenden Bruch zwiſchen der Pforte und Rußland. Darum ſei, ſagte man, Kurſchid⸗Paſcha bereit, alle Friedensvorſchläge anzunehmen. Sein ganzer Stolz erwachte wieder, denn er bildete ſich ein, daß die Geneigtheit zur Verſöhnung nichts Anderes ſei, als ein Zeichen von Schwäche, und wagte es, dem Seraskier folgende Vorſchläge zu machen: 1) Er wolle die Kriegskoſten und den rückſtändigen Tribut eker 2) Da es des guten Beiſpiels wegen nothwendig ſei, daß 96 rätherei eines Untergebenen gegen ſeinen Obern ſtrenge beſtraft werde, ſolle Pacho⸗Bey, ſein ehemaliger Diener, der allein die Schuld am Aufruhr trage, geköpft werden. 3) Er wolle lebens⸗ länglich, und zwar ohne daß eine Beſtätigung nöthig ſei, das Pa⸗ ſchalik von Janina, die Küſten von Epirus und Akarnanien behal⸗ ten. 4) Alle, die ihm gedient hätten, ſollten vollſtändige Amneſtie erhalten. Wenn dieſe Bedingungen nicht unverändert angenom⸗ men würden, ſo ſei er bereit, ſich tapfer zu vertheidigen. Kurſchid antwortete, daß er erſt in Konſtantinopel anfragen müſſe, jedoch zum Waffenſtillſtand bereit ſei bis zur Rückkunft des Couriers. Kurſchid war eben ſo liſtig, als ſein Gegner, und benutzte die⸗ ſen Waffenſtillſtand, um Nänke gegen ihn anzuſpinnen. Er beſtach einen Officier der Beſatzung, Mehmed⸗Abas, der mit 50 von ſeinen Leuten die vollſtändige Amneſtie und die Erlaubniß erhielt, zu ſei⸗ ner Heimath zurückzukehren. Aber dies Beiſpiel von Milde ſchien 400 Schypetaren verführt zu haben, welche zu gleicher Zeit die Amneſtie und das Geld benutzten, mit welchem Ali ſie verſehen, um zu ſeinen Gunſten die Toxarier und Jaburier aufzuwiegeln, ſo daß die Liſt des Seraskiers gegen ihn ſelbſt ausſchlug. Ali fürchtete ſich gar nicht vor dem Abfall ſeiner Leute, und in der That, konnte ein herzhafter Mann ihn verlaſſen, während er einen beinahe übernatürlichen Muth an den Tag legte? Obgleich bereits 81 Jahre alt und von heftigen Gichtſchmerzen geplagt, ließ ſich der Paſcha doch täglich auf eine der Baſtionen tragen, welche dem Feinde am meiſten ausgeſetzt war. Dort ſaß er, den feindli⸗ chen Batterieen gegenüber, und hörte Jeden, der ihn ſprechen wollte. Die Kugeln pfiffen um ihn her, die Bomben ſauſten über ihn weg, und vom Gekrache der Geſchütze bluteten ſeiner Umgebung die Ohren. Aber er ſaß ruhig und unerſchrocken da und gab ſeine Befehle. Unterdeß erklärten die Griechen überall ihre Unabhängigkeit, d bald ſah ſich der Seraskier Kurſchid von Feinden umgeben. ſe wurde ſehr mißlich, wenn ſich die Belagerung der 97 Schlöſſer in die Länge zog. Er bemächtigte ſich der Inſel, welche mitten im See liegt, ließ Verſchanzungen aufwerfen und ein un⸗ ausgeſetztes Feuer auf die Südſeite des Schloſſes Litharitza eröffnen. Als eine hinlängliche Breſche gelegt war, begann er zu ſtürmen, und ſeine Soldaten thaten Wunder der Tapferkeit. Aber Ali machte, auf einer Sänfte getragen, einen Ausfall und zwang die Belagerer, nach einem Verluſt von 300 Todten ins Lager zurückzukehren. „Der Bär des Pindus lebt noch,“ ließ Ali Kurſchid ſagen;„Du kannſt Deine Todten holen laſſen, um ſie zu begraben; ich gebe ſie ohne Löſegeld frei, was ich immer thun will, ſo oft Du mich wie ein Tapferer angreifſt.“ 3 Als er vom allgemeinen Aufſtande Griechenlands und den Inſeln des Archipels hörte, rief er aus:„Es iſt vorbei! Zwei Männer haben die Türkei ins Verderben geſtürzt!“ Eine weitere Erklärung dieſes prophetiſchen Ausſpruchs hat er nicht gegeben. In dieſer Zeit ſtarb ſeine Schweſter Chainitza, einige Monate ſpäter folgte ihr Ibrahim, Paſcha von Berat, das letzte Opfer, welches ſie von ihrem Bruder erbeten: Ali hatte ihn vergiften laſſen. Ali's Lage wurde indeß immer gefährlicher; da trat der Ra⸗ maſan ein, die Faſtenzeit, in welcher die Türken nicht gern käm⸗ pfen mögen. Es begann eine Art von Waffenſtillſtand; die Wach⸗ ſamkeit im Lager Kurſchid's wurde geringer, und ſein Feind benutzte dies, um Alles zu erfahren, was im Belagerungsheere vorfiel. Er hörte von ſeinen Kundſchaftern, daß der Generalſtab des Seras⸗ kiers, auf den Gottesfrieden rechnend, am Bairamsfeſte die große Moſchee beſuchen wolle, die bisher von allen Kugeln verſchont ge⸗ blieben. Sobald Ali ſicher war, daß alle Anführer des Belagerungs⸗ heeres die Moſchee betreten, ließ er plötzlich aus dreißig Feuer⸗ ſchlünden Kugeln, Bomben und Granaten in ungeheuerer Maſſe gegen den Tempel ſchleudern, der mit entſetzlichem Gepolter zu⸗ ſammenſtürzte und eine Menge Menſchen zerſchmetterte; ein Wind⸗ ſtoß fachte die Gluth an, und bald glich die Moſchee einem bren⸗ — 98 nenden Krater. Hohe Cypreſſenbäume, die rund herum ſtanden, entzündeten ſich von der Gluth und waren gleichſam die Leichen⸗ fackeln für 60 Officiere und 200 Soldaten. „Ali⸗Paſcha iſt noch nicht todt,“ rief der greiſe Paſcha; dieſe Worte flogen von Mund zu Mund und verbreiteten Entſetzen bei Kurſchid's Soldaten. Wenige Tage ſpäter bemerkte Ali in der Ebene die Fahnen des Kreuzes. Die empörten Griechen rückten gegen Kurſchid zu Felde. Ali hätte ſich hierüber freuen ſollen; aber ihm war der Aufſtand, den er ſelber veranlaßt, viel zu weit vorgeſchritten, und er gab Kurſchid im Herzen Recht, als dieſer ihm bei einer Unterhandlung ſagen ließ, er möge nicht vergeſſen, daß auf den Fahnen der Auf⸗ rührer das Zeichen des Kreuzes ſtehe, daß er weiter nichts ſei, als ein Werkzeug in ihren Händen und, falls ſie ſiegen ſollten, un⸗ fehlbar ihr Opfer werden würde. Ali verſtand die Gefahr. Wäre die Pforte mit größerer Einſicht begabt geweſen, ſie hätte Ali verziehen unter der Bedingung, Hellas wieder zu unterwerfen, und es iſt leicht möglich, daß die Griechen einem ſo furchtbaren und in Ränken ſo gewandten Manne unterlegen wären. Kurſchid ſchickte Couriere über Couriere nach Konſtantinopel und verhandelte drei Wochen lang mit Ali, der die Zeit nur benutzte, ſich mit neuen Vorräthen zu verſehen, und das Ultimatum des Sultans zurückwies. Bald darauf aber fiel Kurſchid das Schloß Litharitza in die Hände. Die Beſatzung dieſes Platzes wurde ſchlecht bezahlt, war ermüdet von der langen Belagerung und übergab, gewonnen durch das Geld des Seraskiers, die Schlüſſel der Feſtung und ging ſelbſt zum Feinde über. Jetzt hatte Ali nur noch 600 Soldaten. Er mußte fürchten, daß dieſe Hand voll Menſchen leicht den Muth verlieren und ihn verlaſſen könne, beſonders da ſein Gegner ſich gegen alle Ueberläufer ſo gnädig gezeigt; daſſelbe fürchteten auch die Griechen, denn die ganze Macht Kurſchid's, welche Ali jetzt vor den Schlöſſern von Janina feſſelte, wäre dann ihnen auf den —— —— 99 Hals gekommen. Sie ſchickten ihm daher Hülfsmannſchaft, die er jedoch glaubte nicht annehmen zu dürfen, da er ſich nur für ein Werkzeug in den Händen der Griechen hielt. Ueberall ſah er nur Feinde, die Gelegenheit ſuchten, ſich ſeiner Reichthümer zu bemäch⸗ tigen; ſein Geiz wuchs mit der Gefahr, und ſeit einigen Monaten bezahlte er nicht einmal mehr ſeine Vertheidiger.„Alte Schlan⸗ gen,“ ſagte er,„bleiben immer Schlangen; ich fürchte die Sulioten und ihre Freundſchaft.“ Folgenden Brief ſchrieb er den Griechen: „Meine lieben Söhne! ich erfahre eben, daß Ihr einen Theil Eurer Palikaren gegen unſern Feind Kurſchid ſchicken wollt. Ich benachrichtige Euch hiermit, daß ich in meiner unbezwingbaren Feſtung dieſen aſiatiſchen Paſcha aufs Tiefſte verachte, und daß ich ihm noch mehrere Jahre hindurch die Spitze bieten kann. Den einzigen Dienſt, um den ich Euch bitte, iſt, Arta zu zerſtören und Ismael Pacho⸗Bey, meinen ehemaligen Diener, den wüthen⸗ den Feind, den Urheber alles Uebels und all' des ſchrecklichen Un⸗ glücks, das ſchon ſo lange Zeit auf unſerem unglücklichen Lande laſtet, wo möglich lebendig gefangen zu nehmen. Gebt Euch alle Mühe, dies zu erreichen, denn dadurch rottet Ihr das Uebel mit der Wurzel aus; meine Schätze ſollen Eure Palikaren belohnen, deren Tapferkeit ich mit jedem Tage mehr achten lerne.“ Die Sulioten wurden wüthend hierüber und kehrten in ihre Gebirge zurück. Kurſchid benutzte die unter den Soldaten Ali's laut gewordene Unzufriedenheit und beredete die Schypetaren zum Uebertritt. Sie ſtellten aber zwei Bedingungen: 1) daß Ismael Pacho⸗Bey, ihr perſönlicher Feind, abgeſetzt werde, und 2) daß man das Leben ihres alten Veziers ſchone. Die erſte dieſer Bedingungen wurde treu gehalten. Was die zweite betrifft, ſo mußte Kurſchid den Ueberläufern einen Ferman vorzeigen, demzufolge Ali Tebelen, wenn er ſich unterwerfe, mit ſeinen Söhnen, ſeinem Harem und ſeinen Schätzen nach Kleinaſien gebracht werden ſollte, um daſelbſt bis zum Ende ſeiner Tage in 100 Ruhe zu leben. Sobald dies bekannt wurde, nahm die Deſertion immer mehr überhand, und endlich öffnete die Beſatzung den Be⸗ lagernden die Thore. Man fürchtete aber einen Hinterhalt und rückte nur langſam vor, ſo daß Ali, der ſich längſt auf Alles vor⸗ geſehen, Zeit behielt, einen Ort zu erreichen, welchen er ſeine letzte Zuflucht nannte. Dies war ein verpaliſadirter Thurm vom ſtärkſten Mauerwerk und dicht mit Kanonen beſetzt. Unter demſelben befand ſich eine geräumige natürliche Höhle, in welche er ſeine Kriegsvorräthe, Koſtbarkeiten, Lebensmittel und Schätze geſchafft hatte. Dieſe Höhle war ſeine letzte Verſchanzung, gleichſam ein bei Zeiten beſorgtes Grab. Es beunruhigte ihn daher nur wenig, daß ſein Schloß in die Hand des Feindes gefallen war. Er ließ ihn ruhig das Eingangs⸗ thor beſetzen, die Geißeln befreien, die Baſtionen beſichtigen und die Kanonen zählen; als man ihm aber nahe genug kam, um ihn hören zu können, ließ er Kurſchid durch einen Diener bitten, ihm einen Parlementair zu ſchicken. Der Seraskier ſchickte ſogleich einige angeſehene Leute ſeines Gefolges. Ali empfing ſie als Vezier und lud ſie ein, mit ihm hinunterzugehen. Dort zeigte er ihnen 2000 Fäſſer Pulver, ſeine darüber gehäuften Schätze und eine Menge Koſtbarkeiten, welche nebſt den ihm noch übrigen Lebensmitteln in dieſem Vulkan auf⸗ geſchichtet lagen. Seine Beſatzung beſtand noch aus 50 Mann, welche Alle bereit waren, ſich mit ihm unter den Trümmern zu begraben. Nicht weit von den Pulverfäſſern ſtand ein junger, Ali höchſtergebener Mann, Selim, mit einer brennenden Lunte in der Hand, jeden Augenblick bereit, das Schloß in die Luft zu ſprengen. Ali zog aus ſeinem Gürtel eine Piſtole, als wolle er ins Pulver hineinſchießen. Sogleich ſchrieen Kurſchid's Abgeſandte vor Schreck auf und warfen ſich ihm zu Füßen. Er lächelte und ſagte:„Ich verlange ein blutigeres Todtenopfer; nicht Euch, die Ihr mich wie Freunde beſucht, ſondern Kurſchid, den ich lange Zeit für meinen 101 Freund gehalten habe, ſeine Offtciere, die, welche mich verrathen haben, und ſeine ganze Armee will ich mit mir ins Grab ziehen; dann wird das Opfer würdig ſein meines Ruhmes, dann wird mein Leben ein paſſendes Ende nehmen.“ Die Abgeſandten des Seras⸗ kiers ſahen ſich erſchreckt an, als Ali ihnen noch ſagte, daß nicht nur dieſe Höhle, ſondern auch das ganze Schloß, welches ſie ſo unvorſichtiger Weiſe beſetzt hätten, unterminirt ſei.„Das Leben iſt nichts mehr für mich,“ fuhr Ali fort;„ich hätte es unter den Griechen zubringen können, aber wie konnte ich, ein kraftloſer Greis, mich entſchließen, mit denen auf gleichem Fuße zu leben, deren unbeſchränkter Gebieter ich war. Ich bin in jeder Hinſicht mit dem Leben fertig, nur an diejenigen denke ich noch, die mich umgeben; und dies iſt mein letzter Entſchluß: man bringe mir einen vom Sultan ſelbſt ausgefertigten und unterſiegelten Begna⸗ digungsbrief, und ich will mich unterwerfen.“ Darauf zog er ſeine Uhr und ſagte:„Wenn binnen einer Stunde die Soldaten das Schloß nicht verlaſſen haben, das man ihnen verrätheriſcher Weiſe ausgeliefert hat, ſo lege ich Feuer ans Pulver. Meldet dem Se⸗ raskier, daß, wenn er auch nur eine Minute länger verzieht, er und die Seinigen in die Luft geſprengt werden; 200,000 Pfund Pulver werden vom ganzen Schloſſe auch nicht einen Stein auf dem andern laſſen.“ Kaum waren die Parlementaire in das Lager zurückgekehrt, als auch der Seraskier das Schloß räumen ließ, und ſo machte Ali mit ſeinen 50 Mann eine Armee von 50,000 zittern. Da die Belagerten noch auf lange Zeit Lebensmittel hatten, und Kurſchid einſah, daß er noch ſobald nicht zum Ziel kommen würde, ſchlug er allen Mitgliedern ſeines Generalſtabes vor, ins⸗ geſammt eine Bittſchrift zu unterzeichnen, in welcher man beim Sultan für Ali um Gnade bete. Dieſe Bittſchrift wurde Ali ge⸗ zeigt, und da von ihm in derſelben mit den ſchmeichelhafteſten Aus⸗ drücken geſprochen wurde, war er ſehr erfreut, hoffte Kurſchid und ſeine erſten Officiere durch anſehnliche Geſchenke beſtechen zu können, 10² und athmete nach langer Zeit einmal wieder auf. Allein in der folgenden Nacht hörte er mehrmals Emineh's Stimme ſeinen Namen rufen, woraus er ſchloß, daß ſein Ende nahe ſei. Zwei Nächte nacheinander glaubte er dieſelbe Stimme zu hören, und kein Schlaf kam mehr in ſeine Augen. Einige Tage darauf wurde er von Kurſchid zu einer Zuſammen⸗ kunft eingeladen, die in einem Kiosk auf der Inſel des See's ſtattfinden ſolle. Bei dieſem Vorſchlag wurde Ali einen Augenblick nachdenklich, aber der Parlementaire ſagte ihm, Kurſchid würde nur von zwei Officieren ſeines Generalſtabes begleitet ſein, und er könne vorher den Ort unterſuchen laſſen und eine ſo große Wache mitnehmen, als er wolle. Zugleich möge er ſeinen Pulver⸗ wächter mit der brennenden Lunde in der Citadelle laſſen, das ſei ja die ſtärkſte Bürgſchaft, die man ihm geben könne. Er nahm den Vorſchlag an und begab ſich mit etwa zwanzig von ſeinen Leuten auf die Inſel, ließ auch Vaſiliki ſeine Dia⸗ manten und mehrere Kaſten Gold hinbringen. Zwei Tage ver⸗ gingen, ohne daß der Seraskier ihn beſuchte. Auf ſeine Anfrage entſchuldigte ſich derſelbe mit Unwohlſein und ſchlug ihm vor, diejenigen zu bezeichnen, die er ſtatt ſeiner ſprechen möchte. Dieſe Erlaubniß benutzte Ali, um ſeine alten Waffengenoſſen und ehe⸗ maligen Bekannten zu ſich kommen zu laſſen, die Alle dazu bei⸗ trugen, ihn ſicher zu machen und ihn mit Hoffnung zu erfüllen. Am fünften Februar ſchickte Kurſchid Haſſan⸗Paſcha zu Ali und ließ ihm die frohe Nachricht melden, daß der lang erſehnte Ferman endlich angekommen ſei. Jetzt zieme es ſich wohl, da ihre beiderſeitigen Wünſche erfüllt ſeien, daß Ali, um ſeine Dankbar⸗ keit und Unterwürſigkeit zu bezeigen, Selim befehle, die Lunte auszulöſchen und die Höhle zu verlaſſen. Nur unter dieſer Bedingung dürfe er ihm den Gnadenbrief des Sultans übergeben. Ali war beſtürzt; ihm gingen die Augen auf; er antwortete nicht ohne Verlegenheit: er habe Selim befohlen, nur ſeinen mündlichen —— 103 Befehlen zu gehorchen, und er müſſe ſich ſelbſt ins Schloß begeben. Dieſe Antwort rief viele Einwendungen hervor, und die Schlauheit Ali's rang vergeblich gegen einen ſchon gefaßten Beſchluß. Man erneuerte ihm alle mögliche Betheuerungen und ſchwur ihm beim Koran zu, daß man nichts Uebles gegen ihn beabſichtige. Als er endlich einſah, daß alle ſeine Geſchicklichkeit nicht mehr ausreiche, ſein Schickſal abzuwenden, gab er den Bitten ſeiner Umgebung nach, willigte ein und überreichte dem Abgeſandten Kurſchid's einen Talisman, den er aus ſeinem Buſen zog.„Den dürft Ihr nur Selim zeigen,“ ſagte er,„und der Drache wird zu einem Lamm.“ Und wirklich warf ſich Selim beim Anblick des Talismans nieder, löſchte die Lunte aus und wurde auf der Stelle erdolcht. Die Garniſon räumte den Platz, die Fahnen des Sultans weheten von den Zinnen, und bald wurde auch das Seeſchloß von den Truppen des Seraskiers beſetzt. Es war Mittag. Ali, der ſich auf der Inſel befand, hatte ſeine Täuſchung erkannt; er trank zu wiederholten Malen Kaffee und Waſſer mit Eis, ſah oft nach der Uhr und nahm dann wieder ſein Fernrohr, um noch einmal die Schlöſſer von Janina, den Pindus und die ruhigen Fluthen des See's zu betrachten. Zu⸗ weilen blickte er auf ſeine Waffen und dann funkelten ſeine Augen von dem Feuer eines jugendlichen Muthes. Seine Leibwache ſtand um ihn her und lud die Gewehre, das Auge auf den Landungs⸗ platz der Inſel gerichtet. Seiner Gewohnheit gemäß ſaß der Vezier an der Eingangsthür ſeines Kiosks, um zuerſt den Feind zu er⸗ blicken. Um fünf Uhr näherten ſich einige Kähne der Inſel und bald darauf erſchienen mit finſterer Miene Haſſan⸗Paſcha, Omer⸗ Briones, Mehemed, der Wafefenträger Kurſchid's und mehrere Oberofficiere mit zahlreichem Gefolge. Bei ihrem Anblick ſpringt Ali auf, legt die Hände an die Piſtolen in ſeinem Gürtel und ruſt Haſſan mit donnernder Stimme zu:„Halt, was bringſt Du mir?“ „Den Befehl Sr. Hoheit. Kennſt Du die erhabene Schrift?“ 1⁰⁴ „Ja, ich verehre ſie.“ „Nun wohl, ſo beuge Dich Deinem Schickſal, thue Buße und bete zu Allah, ſeinem Propheten, denn Dein Haupt...“ Ali ließ ſie nicht ausreden.„Mein Haupt,“ ruft er wüthend, „iſt nicht ſo leicht zu haben, wie das eines Sklaven.“ Zugleich ſchießt er Haſſan in den Schenkel und tödtet mit dem andern Piſtol Mehemed; ſeine Leibwache ſtreckt vier Mann nieder. Erſchrocken weichen ſie vom Kiosk zurück. Ali bemerkt, daß ſeine Bruſt eine Wunde bekommen, und brüllt wie ein Stier. Niemand wagt ſeiner Wuth entgegenzutreten, aber von allen Seiten ſchießt man auf den Kiosk. Mehrere Palikaren fallen an ſeiner Seite, er weiß nicht mehr, wohin er ſich wenden ſoll, denn die Angreifer drängen von allen Seiten. Ali wird von einer Kugel in die Seite getrof⸗ fen, von einer andern an der Wirbelſäule. Er ſchwankt, hält ſich ans Fenſter und ſtürzt auf ein Sopha.„Schnell,“ ruft er einem ſei⸗ ner Leute zu,„ſchnell, lauf' zur armen Vaſiliki und ſtich ſie nieder, damit die Unzlückliche nicht von dieſen Ruchloſen geſchändet wird.“ Die Thür öffnet ſich, aller Widerſtand hat aufgehört, die Pa⸗ likaren fliehen durch die Fenſter. Kurſchid⸗Paſcha's Waffenträger tritt mit den Henkern herein; Ali lebte noch.„Möge der gött⸗ lichen Gerechtigkeit genug geſchehen!“ ruft ein Kadi. Die Henker ergreifen den Verurtheilten am Bart, beugen ihn auf eine Treppen⸗ ſtufe herunter und metzeln ihm mit einem ſchartigen krummen Säbel langſam das Haupt vom Rumpf. So endigte Ali⸗Paſcha. Die Nache des Sultans begnügte ſich nicht mit Ali's Haupt, ſondern ſeine ganze Nachkommenſchaft, ſeine Söhne und Enkel, mußten die Schuld des Familienhauptes bezahlen. Als man die Köpfe Mehemed'’s und Selim's, der Söhne Veli's, nach Konſtan⸗ tinopel brachte, wurde der Sultan von ihrer Schönheit gerührt und rief in feiner Dummheit aus:„Schade! Ich hielt ſie für eben ſo alt, als Ali!“— W. J. *△